Se deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Lite ratur Eduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe; Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruͤckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 5 lin. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für ncpehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: euf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf. 4 Net.—— Pf. 3. 5 ansArtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuri ickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 2 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Levenprei⸗ erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer. un Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Nusf eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. J. W. Hackländer's er ke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. 1 Zweiundfünfzigſter Band. —— Stuttgart. Verlag von A. Kröner. 1873. Oruck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. Künſtlerroman. Erſter Band. J. Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. ℳs iſt ein ſonniger Frühlingstag, der Himmel tiefblau und faſt ganz klar, wobei die einzelnen leichten Wölkchen, die hingehaucht im Aether ſchwimmen, wie eine angenehme Unterbrechung deſſelben, wie eine wohlthuende Verzierung erſcheinen. Was wir unter dieſem heiter lächelnden, von Sonnenſtrahlen durchblitzten, weiten, glänzen⸗ den Gewölbe von der jungfräulich blühenden Erde ſehen, innerhalb unſeres engen Horizontes nämlich, zeigt uns dieſelbe als ein luſtiges Spiegelbild— ja, wahrhaftig, und je mehr beide ſich anlachen, deſto vergnügter und glückſeliger wird ihr Ausſehen, es ſcheint eine wechſelſeitige Steigerung Statt zu finden. Dabei ſchielt die Sonne unausſprechlich neugierig durch die dichten Zweige benachbarter Parkbäume, wo es ihr nur möglich iſt, und auch ihre Strahlen ſcheinen behaglich zu lächeln wie Himmel und Erde— ja, wenn wir den Dreien eine Zeitlang unbefangen zuſchauen und ſo deutlich ſehen, wie ihre Heiterkeit zuzunehmen ſcheint, erwarten wir, die Betheiligten in einem der nächſten Augenblicke in ein ungeheures Lachen der Glückſeligkeit ausbrechen zu hören, in das aber auch wir und gewiß auch Du, geneigter Leſer, aus vollem Herzen mit einſtimmen würdeſt, wenn Du um Dich ſiehſt und es zu fühlen vermagſt, wie wunderbar ſchön dieſer Frühlingsmorgen iſt. Erſtes Kapitel. Rings um uns her hat die Natur Laubmaſſen und Blüthen mit der Verſchwendung ausgebreitet, die wir allerdings an ihr ge⸗ wohnt find, die aber doch wieder in jedem Frühjahre auf's Neue unſer freudiges und gerechtes Erſtaunen erregen. Und mit welch' wunderbarem Geſchick und welch' unnachahmlicher Grazie iſt das alles arrangirt, trotz der Millionen Blätter eines einzigen Baumes doch nirgends eines Ueberladung, nirgends eine ungefällige Form! Und wie maleriſch iſt dafür geſorgt, daß das im Frühjahre etwas einförmige, helle Grün durch farbige Blüthen angenehm unter⸗ brochen und gemildert wird, und in dieſer Unterbrechung wieder welcher Reichthum: die ſtolze Kaſtanie mit ihren Blüthenkerzen, einem Weihnachtsbaume zu vergleichen, ſich langſam bewegend im Morgenwinde und alsdann Milliarden weißer Blätter von ſich ſtreuend; die luftige Kirſche mit weißen Sternen beſäet; der Birn⸗ baum mit aufſtrebenden Zweigen, lichtgrün und ſchneeweiß gemiſcht; der ſanfte Apfelbaum in jungfräulich bräutlicher Demuth mit niederhängenden Zweigen, roſig angeſtrahlt, wie erröthend vor ſeiner eigenen Pracht— und dazu das luſtige Volk der kleinen Ge⸗ ſträuche und Gebüſche mit ſammtartigen, ſaftig grünen Blättern, mit Blüthen in den verſchiedenſten Farben betupft, und ihren hei⸗ teren, bunt gefiederten Bewohnern: wie behende ſchlüpfen die Vögel hindurch, halten dann plötzlich ſtill auf einem ihnen paſſend dünken⸗ den Zweige, um ihre luſtige Weiſe in den, Tag hinein zu ſingen unnd um vielleicht irgend einem benachbarten Freunde ein Zeichen zu geben. Dabei ſind ſie immer ſo eilig und ſcheu, und es iſt ſo, als hätten ſie beſtändig vergeſſen, hier oder da eine wichtige Mit⸗ theilung zu machen oder etwas Liegengelaſſenes nachzuholen. Unabhängiger, freier, poetiſcher erſcheint uns die Lerche, die, unbekümmert um das, was ſie auf der Erde zurückläßt, wirbelnd und ſchmetternd gen Himmel ſteigt, immer höher, immer höher und dabei immer toller jubilirend, einer befreiten Seele zu ver⸗ gleichen, die glücklich darüber iſt, dieſe arme Erde verlaſſen zu Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 9 dürfen; auch Schmetterlinge wagen ſich ſchon hervor: dort flattert ein frühzeitiger Citronenfalter um den gefährlichen Weißdorn herum— ach, und auch die Frühlingsjagd beginnt ſchon, denn da ſehe ich einen kleinen Knaben, der ſich raſch von der Hand ſeiner Wärterin losreißt, um dem Schmetterlinge nachzueilen; dem Bru⸗ der folgt raſch die wenig ältere, aber ſchon viel verſtändigere kleine Schweſter. Dieſer eilt dann wieder die Wärterin nach, und der Wärterin, einem geſunden, ebenfalls frühlingsartig ausſehenden Dienſtmädchen, bemüht ſich ein lebendiger Huſar nachzukommen, der hier auf der etwas entfernten Promenade ganz zufällig mit ihr zuſammengetroffen. Ja, wir befinden uns in einer kleinen Entfernung von einer reichen Provinzſtadt, die noch in manchen Theilen, ja, in ihrer ganzen Phyſiognomie das Anſehen einer Miniatur⸗Reſidenz bei⸗ behalten, was ſie ehemals war; wir ſind an der Grenze eines großen und ſchönen Parkes, in deſſen Mitte ein herrſchaftliches Jagdſchloß ſich befindet. Dort, obgleich ziemlich weit entfernt, ſehen wir ſeine weißen Mauern zwiſchen den hohen Stämmen alter Bäume unter dichten Laubmaſſen hindurchſchimmern, welche es umſtehen. Von der Stadt hören wir nur ein einförmiges, leichtes Summen und hier und da den Klang einer Glocke. Gerade vor uns hören 3 Bäume und Sträucher mit Einem Male wie abgeſchnitten auf, dort fließt tiefer, als wir uns hier befinden, der ſchiffbare Fluß; ſeinen Waſſerſpiegel können wir nicht ſehen, und ein ſo eben vor⸗ überfahrender Dampfer macht auf uns eine recht komiſche Wirkung, denn da der Schiffskörper für uns unſichtbar iſt, ſo ſcheint uns der ſchwarze Kamin mit dem lang hinausquellenden Dampfe am Ufer ſpazieren zu gehen. 3 An den kleinen Weg, auf dem wir wandeln, ſtoßen rechts und links Gärten, große und, kleine, hier parkartig angelegt, dort noch wenig verſchieden von dem hinten anſtoßenden Kraut⸗ und Kartoffel⸗ felde. Eben ſo verſchiedenartig als die Anpflanzung dieſer Grund⸗ Hackländer's Werke. 52. Bb. 828 Erſtes Kapitel. ſtücke ſind auch die Einzäunungen derſelben, und wechſeln Bretter⸗ zäune mit ſchönen Gittern und mit zuſammengewachſenen Gehegen ab. Der Pfad, auf dem wir gehen, iſt ein ziemlich kunſtloſer Weg, kaum eine Fahrbahn zu nennen; dafür läuft er aber auch nicht ſteif und gerade, ſondern in einer angenehmen Schlangenlinie, iſt auch nicht chauſſirt, hat deßhalb keine ſtarren Grenzpfähle, keine ſtaubigen Steinhaufen, noch verhängnißvolle Straßengräben, ſondern iſt anmuthig begrenzt von grünen Sträuchern, ſprießendem Graſe, namentlich aber von duftigen Veilchenbüſchen. Ach, und dieſe riechen heute Morgen ſo himmliſch gut, daß ſie uns nicht nur die Gegen⸗ wart verſüßen, ſondern uns auch anmuthige Bilder der Vergangen⸗ heit hervorzaubern, wo wir unter den ſchiedenſten Verhält⸗ niſſen ſelbſt Veilchen pflückten oder welche ge henkt erhielten! Noch eine kleine Biegung des Weges, und wir ſind am Ziele unſeres heutigen Morgenſpazierganges. Ja, wir haben heute ein Ziel, geneigter Leſer, und wenn wir es auch häuſig lieben, uns zwanglos in der freien Natur zu bewegen, bald rechts, bald links abzuſchweifen ohne Zweck und Abſicht, thun wir doch nur alſo, wenn wir allein ſind, und würden es nicht wagen, Dich ohne aus⸗ drückliche Erlaubniß ſo mit uns in der Irre herumzuführen. Viel⸗ leicht iſt Dir ſchon das Wenige, das wir Dir zugemuthet haben, zu viel, und können wir deßhalb zu unſerer Entſchuldigung nur ſagen, daß wir doch mit unſerer Geſchichte irgendwo anfangen mußten und daß wir es für paſſend gehalten, dieſes unter Sonnen⸗ ſchein, friſchen Lauben, Blüthen und Blumen zu thun, als in einer zumpfigen Stube. Ein beſcheidenes Gitterthor, deſſen Einfaſſung aus einem paar alter, irgendwo aufgefundener Säulen beſteht, die mit Vaſen aus gebranntem Thone und von eleganter Form gekrönt ſind, läßt uns in einen kleinen Garten treten, der eben ſo wie die ganze Umgebung von grünen Blättern und Blüthen ſtrotzt. Er iſt übrigens mit wenig Kunſt angelegt: die Mitte nimmt ein halbrunder Raſenplatz ein, 3 8 * Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 11 um den rechts und links breite Sandwege nach dem hinteren Theile des Gartens führen, wo ſich ein ziemlich einfaches Gebäude aus köthlichen Backſteinen erhebt. Dieſes Gebäude hat eine eben ſo eigenthümliche Form, daß wir ihm gleich anſehen, es ſei zu einem ganz beſonderen Zwecke erbaut. Nach dem Garten zu hat es nur oben im Knieſtocke des Daches ein paar ſchmale Fenſter, und würde deßhalb die uns zugekehrte Form ſehr roh und kahl ausſehen, wenn ſich nicht an die Mauer deſſelben unten ein Gewächshaus anlehnte, durch deſſen Scheiben wir die zierlichen Blätter fremder Pflanzen erblicken. Was uns auf dieſer Südſeite des Hauſes allein verräth, daß eine künſtleriſche Hand thätig war, iſt der ziemlich hohe und breite Eingang in dieſes Gebäude, denn auch hier, wie draußen am Gitterthore, ſehen wir ein paar cannelirte Säulenüberreſte, verwandt mit Capitälen, die, obgleich ſehr zerſtört, immer noch ihre ehemalige zierliche Form verrathen. Oben über dem Eingange iſt ein altes Marmorrelief eingemauert, das Haupt der Meduſe vor⸗ ſtellend, und alles dieſes, Säulen, Capitäle und Relief, ſind an⸗ ſcheinend auf ungezwungene Art mit Epheu umrankt, der aber in ſeiner geſchickten Anordnung eine helfende Hand verräth. Neben der Thür lehnt eine griechiſche Amphore, ein Gefäß, welches in wunderbar eleganter Geſtalt unſer Auge entzückt und die es uns ſo begreiflich macht, daß ein zweiter Epheu es ebenfalls liebend um⸗ ſchlingt. Von oben iſt die röthliche, einförmige Mauer des Gebäudes gemildert durch eine Flagge mit den bunten Farben des Künſtler⸗ wappens: roth und weiß und drei ſilbernen Balken im blauen Felde. Es iſt dies das Atelier eines Malers, vor dem wir ſtehen und wir werden gewiß nicht unterlaſſen, den geneigten Leſer hinein zu führen; doch müſſen wir uns vorher noch einen für unſere wahr⸗ haftige Geſchichte nothwendigen kleinen Aufenthalt in dem kleinen Garten geſtatten. Der breite Sandweg, der den Raſenplatz umſchließt, letzterer mit zierlichen Roſenbäumchen beſetzt, iſt auf ſeiner äußeren Seite 12 Erſtes Kapitel. von Gebüſch umgrenzt, welches die Enge des nicht bedeutenden Gartens verdeckt und welches, in die Ecken zurücktretend, dort ein paar kleine Lauben bildet. Eine derſelben nimmt unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch; ſie iſt die größere, und während in der andern nur ein paar Garten⸗ ſtühle ſtehen, bemerken wir hier einen ziemlich großen ovalen Tiſch vor einer Steinbank von antiker Form und mit zierlichen Seſſeln von natürliches Holz vorſtellendem Eiſenguß. Auf dem Tiſche ſteht an einer Seite deſſelben ein Glas mit duftigen Maiblumen, da⸗ neben liegen ein Paar zuſammengerollte Herrenhandſchuhe und ein geöffnetes Skizzenbuch mit darauf liegendem Bleiſtifte; eine kaum angerauchte Cigarre ſcheint der Beſitzer dieſer Gegenſtände, als er fortging, vergeſſen zu haben. An dem andern Ende des Tiſches ſitzt ein junges Mädchen, wir hätten bald geſagt eine junge Dame, dooch würden wir mit dieſem Ausdruck den geneigten Leſer irre ge⸗ führt haben, obgleich er, nach dem Aeußeren zu urtheilen, gerecht⸗ fertigt geweſen wäre. Dieſes junge Mädchen gehörte der dienenden Klaſſe an, ſie war ein Gemiſch zwiſchen Kammerjungfer und Gou⸗ vernante und wußte ihren runden Hut mit grünem Schleier, ſowie ihre ſchwarzſeidene Mantille ſo vortheilhaft zu tragen, daß, wie ſchon vorhin bemerkt, ein Irrthum höchſt verzeihlich geweſen wäre. Sie hatte den Hut neben ſich auf die Bank gelegt, auch ihre Hand⸗ ſchuhe abgeſtreift und war beſchäftigt, einen Haufen wohlriechenden Waldmeiſters von unreinen Blättchen und allenfallſigen halb auf⸗ gegangenen Blüthen zu ſäubern und in eine Porcellanterrine zu werfen, bei welcher Beſchäftigung ſie einen Zuſchauer hatte in dem Gärtner des Hauſes, der ihr gegenüber am Eingange der Laube an einem Baume lehnte, während er ſeine beiden Hände auf ein Grabſcheit ſtützte.. Der Gärtner war ein Mann an den vierzig Jahren, eine ge⸗ ſund ausſehende Perſönlichkeit mit heiteren Zügen, die das roth⸗ braune Colorit der Leute dieſes Gewerbes hatte. Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 13 „Wenn der Herr ſehen könnte,“ ſagte er lächelnd nach einer Pauſe,„wie Mamſell Eliſe es ſo zierlich verſteht, den Waldmeiſter auszuſuchen, ſo würde er mir dieſes Geſchäft nicht mehr übertragen, davon bin ich feſt überzeugt.“ „In dem Falle,“ gab die Gouvernante etwas ſchnippiſch zur Antwort,„würde der Herr wenig Maitrank zu koſten bekommen, denn Ihr wißt ſehr gut, Meiſter Andreas, daß Unſereines zu ſo was keine Zeit hat; du lieber Gott, ich mache mir faſt eine Sünde daraus, hier zu ſitzen und Eure Arbeit zu thun, während die 1 e Margarethe allein da drinnen iſt.“ 3 „Allein?“ fragte faſt erſtaunt der Gärtner;„na, da muß ich bitten, es iſt da drinnen eine recht hübſche Geſellſchaft bei einander, und vor allen Dingen Fräulein Margarethens Papa, da kann man doch bei Gott nicht ſagen, daß ſie allein ſei.“ Die Gouvernante warf ihre Oberlippe etwas verächtlich in die Höhe und ſagte hierauf:„Allerdings iſt da drinnen im Atelier eine hübſche Geſellſchaft“— ſie betonie das Eigenſchaftswort mehr als gerade nothwendig war—„da iſt zum Beiſpiel der Herr..... 4 „Na, Mamſell Eliſe,“ gab der Gärtner in einem Tone zur Antwort, der zwiſchen Vorwurf und Frage die Mitte hielt. „Der Herr,“ fuhr die Andere fort,„der nun allerdings ein⸗ mal hier ſeine Beſchäftigung hat, obgleich es die ganze Welt, gelinde geſagt, ſonderbar finden muß, daß er ſich ein Atelier erbaut hat eine halbe Stunde von der Stadt und ſeinem Wohnhauſe enifernt.“ „Weil die ganze Welt nichts davon verſteht,“ verſetzte der Gärtner mit großer Entſchloſſenheit, indem er das Grabſcheit vor ſich in den Boden ſtieß;„der Herr braucht für ſeine großen Bilder ein Atelier, für das man im Hofe bei unſerem Wohnhauſe keinen Platz und kein Licht gefunden hätte— was braucht er nicht alles für Modelle, für die man doch Platz nothwendig hat!“ Bei dem Worte Modelle rümpfte die Kammerjungfer verächt⸗ lich ihre Naſe. Erſtes Kapitel. „Hatten wir doch im vergangenen Herbſte,“ fuhr Andreas achſelzuckend fort,„tagelang ein Geſchütz mit Beſpannung im Ate⸗ lier, natürlich nur mit zwei Pferden, und wie oft brauchen wir da drinnen Reiter mit Sattel und Zaum— wo wollten wir denn dergleichen Zeug in der Stadt unterbringen? Und wenn das je möglich wäre,“ ſetzte er mit einem komiſch ernſten Geſichtsausdrucke hinzu,„denken Sie doch nur an die Umſtände, die es gibt, Mam⸗ ſell Eliſe, an das Geraſſel, an das Gepolter und— an die Nerven!“ „Geraſſel und Gepolter würden wir bei den Modellen des Herrn durchaus nicht ſcheuen, aber die anderen, die kein Geraſſel und Gepolter machen— doch reden wir nicht davon, ein anſtän⸗ diges Mädchen darf darüber nicht ſprechen.“ 4 „Darin haben Sie ganz und gar Unrecht: was bei uns vor⸗ kommt, darüber kann ein Mädchen reden, und wenn ſie ſo anſtän⸗ dig iſt wie eine Prinzeſſin— leider Gottes, daß man nicht im Stande iſt, Euch da drinnen eine andere Meinung beizubringen!“ „Allerdings, das ſeid Ihr nicht im Stande, ein ſolcher Ver⸗ ſuch wäre ſehr überflüſſig; doch müßt Ihr uns die Gerechtigkeit widerfahren laſſen,“ ſetzte ſie mit einem anmuthig ſein ſollenden Lächeln hinzu,„daß wir Euch ſehr wenig hier außen beläſtigen, und hätte es der Herr nicht ausdrücklich befohlen, ja, ſehr aus⸗ drücklich, die kleine Margarethe ſollte heute Morgen zu ihm ge⸗ bracht werden, ſo würde es Madame ganz gewiß nicht eingefallen ſein, ihr Kind gerade hieher zu ſchicken.“ „Hm, gerade hieher? Hm, und dem armen, kleinen Mädchen mit ſeiner ſchwächlichen Geſundheit thäte es ſo ausnehmend gut, wenn es ſich hier in der freien Gottesluft herumtummeln könnte, oder wenn es da drinnen ſpielen dürfte mit den ſchönen Spiel⸗ ſachen, die wir hier für es haben.“ „Lieber Meiſter Andreas,“ erwiederte die Kammerjungfer mit großer Würde und Weisheit,„das ſind Sachen, über die wir beide Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. wohl nicht zu entſcheiden haben. Was mich anbelangt,“ fuhr ſie mit einer excentriſchen Handbewegung fort,„ſo behaupte ich, Ma⸗ dame hat Recht, zehn Mal Recht, hundert Mal Recht!“ „Und was mich betrifft,“ gab der Gärtner zur Antwort, wo⸗ bei er, ihre Handbewegung parodirend, ſein Grabſcheit ſchwang, „ſo ſage ich, mein Herr hat Recht, zehn Mal Recht, hundert Mal Recht— aber nichts für ungut, darum keene Feendſchaft nich, wie ſie in Berlin ſagen, wo ich glorios meine Zeit gedient!“ Die Kammerjungfer hatte ihre Augen und ihre Finger in den duftigen Waldmeiſter vertieft und ſagte nach einer längeren Pauſe, mehr wie zu ſich ſelber, als um es dem Andern mitzutheilen: „Es iſt eigentlich recht traurig, daß es ſo iſt; mir könnte es ſchon recht ſein, wenn es anders wäre, wenn Madame häufig hieher käme und ihre Freude hätte an den ſchönen Bildern, die der Herr malt— ach, wie ſchade,“ ſetzte ſie mit einem ſchwärmeriſchen Blicke gen Himmel hinzu,„ſo große Kunſt, ſo ein wunderbares Talent und ſo wenig innere und äußere Haltung!“ „Was Sie da ſagen, Jungfer Eliſe,“ erwiederte der Gärtner in ärgerlichem Tone,„könnte mich erzürnen, nicht gerade, weil Sie es ſagen, ſondern weil ich Sie kenne als das lebendige Echo unſerer Madame, und weil es traurig iſt, daß es ſo iſt— glauben Sie nicht, daß es auch den Herrn tief kränken muß, wenn die ganze Stadt und alle Fremden daher laufen, um eines ſeiner neuen Bilder zu ſehen, und man von Madame hören muß, wie ich's mit eigenen Ohren vernommen, ſie thäte das Bild noch gar nicht kennen?“— Dies letztere ſagte er in einer ſo komiſch geſpreizten Haltung und dabei in ſo ſcharfem Tone, daß man annehmen mußte, er copire und komme dem Originale ziemlich nahe, denn ein kurzes, aber ſchnell unterdrücktes Lächeln überfuhr die Züge der Kammer⸗ jungfer. „Mich freut es nur, daß Ihr uns vermißt,“ ſagte ſie,„und zur Belohnung dafür will ich Euch anvertrauen, Meiſter Andre⸗ 16 Erſtes Kapitel. daß Ihr in Kurzem einen Beſuch von Madame zu erwarten habt; ich ſage das Euch eigentlich,“ fuhr ſie vertraulicher fort,„um Euch einen Wink zu geben, daß man hier nichts findet, was man nicht finden ſoll.“ Der Gärtner machte eine ſehr ungeduldige Bewegung mit ſeinem Grabſcheit; doch ließ ſich die Kammerjungfer nicht in ihrer Rede ſtören, ſondern ſprach mit großer Ruhe weiter: „Seine Hoheit der Prinz Heinrich iſt hier und wird das Atelier des Herrn in Begleitung von Madame beſuchen— ſeid alſo klug und anſtändig!“ „Ja, ich werde ſo klug ſein,“ entgegnete ihr verdrießlich der Gärtner,„und darüber gar nichts reden, denn ſonſt wäre es mög⸗ lich, daß der Herr den Garten zuſchlöſſe, denn Beſuche wie die Seiner Hoheit ſind nicht das, was wir ſehnlich wünſchen; und um auf Ihre Aeußerung„anſtändig“ zurückzukommen, ſo kann ich Sie ver⸗ ſichern, daß, wenn unſer Atelier von Glas wäre und mitten auf dem Marktplatze ſtände, ſo müßte die ganze Bevölkerung eine Freude daran haben, wie es bei uns zugeht. Etwas möchte ich nur wiſſen, wer Euch da drinnen alle die vertrackten, dummen Ideen in den Kopf ſetzt— der arme Herr! Ich bin nur ein geringer Gärtner, aber wenn ich denken müßte, daß alle meine Schritte ſo mit Miß⸗ trauen betrachtet würden, ich thäte der Welt ein Ende laufen.“ „Und ließet Eure Frau ſitzen, wenn Ihr eine hättet.“ „Ja, wenn ich eine hätte— doch ſo weit ſind wir noch lange nicht,“ ſetzte er mit einem Seußzer der Erleichterung hinzu;„dann brauchte ich wahrſcheinlich niemals mehr zu ſagen: Gott ſtraf' mich!“ Die Kammerjungfer begnügte ſich, ihre Achſeln zu zucken und in einem mitleidigen Tone zu erwiedern:„Schade iſt's doch um Euch, Andreas, daß Ihr hier außen ſo verwildert, aber wie iſt das anders möglich!“ Nach dieſen Worten ſummte ſie eine wehmüthige Melodie vor ſich hin, und Meiſter Andreas, alſo verabſchiedet, begann mit großer Energie ſein Grabſcheit zu handhaben, indem er einen Haufen Kies in dem breiten Wege vertheilte. Dazu ſangen an dieſem wunderbaren Frühlingsmorgen die Vögel ihre lieblichſten Weiſen, Schmetterlinge flatterten von Blüthe zu Blüthe, und emſige Ameiſen, ſowie glänzende Käfer gingen eifrig ihren Tagesgeſchäften nach. Wir, geneigter Leſer, wollen die Schwelle des Ateliers über⸗ ſchreiten, von der uns ein gaſtliches„Salve“ entgegenleuchtet, und kommen auf einen Vorplatz, der im Hintergrunde eine Treppe hat, die in ein paar kleine Zimmer des Dachſtockwerkes führt, welche der Hausherr einigen talentvollen, dürftigen Schülern unentgeldlich einzuräumen pflegte, um ſie ſo in ihren Studien zu unterſtützen. Links vom Eingange führt von dieſem Vorplatze eine Thüre in das vorhin erwähnte Gewächshaus, wo zwiſchen Palmen und Baumfarn ein kleiner Waſſerſtrahl emporſpringt, deſſen Wände mit exotiſchen, wuchernden Schlingpflanzen bedeckt ſind, ein ſaftig grünes Enſemble, das auch im Winter auf das von der Leinwand und den bunten Farben ermüdete Auge ſo wohlthätig und kräftigend ein⸗ wirkt. Von den Wänden dieſes Vorplatzes in braunrother Farbe hoben ſich kleine Statuetten, die Meiſterwerke Peter Viſcher's von Nürnberg, auf einer Seite Trophäen, die aus Waffen der heutigen Zeit: Säbeln, Piſtolen, Infanterie⸗Gewehren, Büchſen mit Hau⸗ Bayonnetten, Carabinern und Lanzen gebildet waren; in einer Ecke auf dem Fußboden befanden ſich Trommeln, Keſſelpauken, ein paar alte Trompeten neben dem richtigen Modelle eines kleinen Feldge⸗ ſchützes; die ganze Hinterwand dieſes Vorgemaches war mit einem großen Gobelin verhängt, den wir leiſe emporheben, um in das Atelier ſelbſt zu gelangen. Was die Größe dieſes weiten und ſchönen Raumes anbelangt, ſo hatte Meiſter Andreas allerdings Recht, daß ſich ein ſolcher Platz ſchwerlich im Hofe eines ſtädtiſchen Wohnhauſes gewinnen laſſe, und · Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 17 Erſtes Kapitel. es genügt wohl, um ſich von der Ausdehnung deſſelben einen richtigen Begriff zu machen, wenn wir beſtätigen, daß die Verſiche⸗ rung des Gärtners, hier habe ſchon ein Feldgeſchütz, allerdings mit nur zwei Pferden Beſpannung, Modell geſtanden, ſeine vollkommene Richtigkeit hatte. Das Atelier war auch in ſeiner Höhe der Aus⸗ dehnung entſprechend und hatte nur eine einzige, aber koloſſale Fenſteröffnung an der Nordſeite, die ſich nach Belieben verkleinern ließ und deren Licht man durch vorgezogene blaue und graue Vor⸗ hänge dämpfen oder ſpannen konnte. Die Wände hatten eine dunkle Schieferfarbe und waren trotz ihrer Höhe und Breite ſo mit Gegenſtänden aller Art bedeckt, daß gerade die Manigfaltigkeit der⸗ ſelben dieſe Wände ſelbſt und ſo auch das Gemach auf den erſten Blick nicht ſo groß erſcheinen ließ, wie es in der That war. Hier ſah man Trophäen von alten und ſeltenen Waffen kunſtreich oder vielmehr künſtleriſch geordnet, indem eine gar zu ſtrenge Symmetrie vermieden war oder, wo eine ſolche doch vielleicht unbewußt ent⸗ ſtand, gemildert wurde durch eine alte, ziemlich willkürlich herab⸗ hangende Fahne und durch leichte Drapirung buntfarbiger Schärpen, Shawls oder hellleuchtender Mäntel und Kopftücher orientaliſcher Völkerſchaften. Dort eine andere Wand war für Gypsabgüſſe der verſchiedenſten Arten und Zeiten beſtimmt: neben einem herrlichen Torſo oder einem antiken Kopfe ſah man wohlgeformte Arme und Beine oder ſonſtige Glieder des menſchlichen Körpers, allerdings winzig und faſt unſchön erſcheinend gegen die koloſſalen, edlen Formen des Alterthums, während daneben wieder Köpfe verſchiedener Thiere aus der Wand hervorragten; auf einer anderen Seite ſah man Farbenſkizzen und Köpfe in Kreidemanier, Portraits von Be⸗ kannten oder Studien zu irgend einem Bilde. Das Meublement des Ateliers beſtand durchweg aus altem Geräthe der beſten Re⸗ naiſſancezeit, und jedes Stück war nach Material und Arbeit aus⸗ gezeichnet zu nennen. Da ſah man ungeheure, kunſtreich aus Holz geſchnitzte Schränke, die jedes andere Zimmer über Gebühr ausge⸗ Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 19 füllt haben würden, hier aber ganz an ihrem Platze ſchienen. Auf denſelben bemerkte man eine Sammlung von intereſſanten großen Krügen und Gefäſſen aus Thon und Glas, während feinere Ar⸗ beiten aus letzteren Stoffen, ſowie aus Bronze und edleren Metallen auf wohlerhaltenen uralten Etagèren von den zierlichſten Formen aufgereiht ſtanden. An der hinteren Wand, gegenüber dem Gobelin, unter dem wir hineingeſchlüpft ſind, befand ſich ein rother Divan und vor demſelben ein mächtiger Eichenholztiſch mit ſchweren ge⸗ drehten Füßen, um welchen Seſſel ſtanden mit hohen, reich ge⸗ ſchnitzten Rücklehnen, deren Polſterung mit gepreßtem Leder oder altem dickem Sammt überzogen war. Auch ſonſt überall in dem reichen Gemache fehlte es nicht an den mannigfaltigſten Sitzgelegen⸗ heiten: breite Armſeſſel, kleine, zierliche Tabourets und über ein⸗ ander gehäufte orientaliſche Kiſſen. Was aber dieſem ganzen Raume ein ſo wohlthuendes Gefühl der Behaglichkeit gab und ihm die kalten Formen einer Kunſt⸗ ſammlung oder Ausſtellung benahm, war die ungeſuchte und doch maleriſche Unordnung, in der eine Menge anderer Gegenſtände ſo herumlagen oder herumſtanden, daß man überzeugt war, ſie ſeien gebraucht und eben erſt aus der Hand gelegt worden: ſo auf dem Tiſche Albums mit Zeichnungen und Skizzenbücher in den mannig⸗ faltigſten Größen, oder große Bände alter, prächtiger Werke; da⸗ neben ſeltene Waffen und geſchnitzte Kiſtchen, deren halb zuge⸗ ſchobener Deckel ihren Inhalt ſehen ließ: Zeichnungsmaterial, Pa⸗ piere, Cigarren; reiche alte Stoffe in Damaſt und Sammt von den lebhafteſten Farben lagen nachläſſig über die hohe Lehne irgend eines Stuhles geworfen, und zwiſchen ihren Falten hervor ſah man vielleicht den reichen, kunſtvoll gearbeiteten Griff und Korb einer Toledoklinge. Links von dem breiten, rothen Divan befand ſich ein geräumiger Kamin, deſſen Oeffnung ſo hoch war, daß ein Mann mit dem Hute auf dem Kopfe darin ſtehen konnte. Die trotzig ausſehenden Feuerhunde, welche im Winter das brennende Holz 20 Erſtes Kapitel. trugen, ſchienen ſich in ihrem jetzigen Nichtsthun förmlich zu lang⸗ weilen und wie das warme Wetter verhöhnend ihre langen Zungen verächtlich herauszuſtrecken. Neben dem Kamine ſtand ein Schirm von gepreßtem und vergoldetem Leder, hinter den wir uns einen Blick erlauben, uns aber darauf gern wieder freundlicheren Gegen⸗ ſtänden zuwenden wollen: da befand ſich nämlich ein Skelett und neben demſelben das lebensgroße Bildniß eines ſchönen, nackten Mäd⸗ chens, jedes mit einem einzigen kurzen Worte als Aufſchrift:„Einſt“ und„ZJetzt“. Gegenüber dem Fenſter, im beſten Lichte, war ein großes Bild auf zwei Staffeleien aufgeſtellt, vor dem der Herr des Ate⸗ liers mit Malen beſchäftigt war. Es war dies ein großer und ſtarker Mann, vielleicht in der Mitte der dreißiger Jahre, mit einem angenehmen, ausdrucksvollen Kopfe, dichtem, dunkelm, aber kurzge⸗ ſchnittenem Haupthaare, mit einem vollen Barte, der auf eine nicht unangenehme Art ins Röthliche ſpielte. Er trug einen Morgenrock von hellbraunem Sammt, der etwas abgenützt war und hier und da Farbenſpuren zeigte, während die übrige Kleidung des Künſtlers ganz beſonders ſorgfältig war. Neben dem Bilde, ebenfalls in vollem Lichte, ſtand ein junges Mädchen von vollendeter, edler und wohl⸗ thuender Schönheit. Ihre vielleicht etwas zu ſchlanke Geſtalt war in ein einfaches graues Gewand gehüllt, welches bis zu ihrem Halſe reichte, über den ein dunkelvioletter Sammtſtoff maleriſch drappirt herabhing. Unter ihrer Bruſt wurde derſelbe feſtgehalten von ihrer feinen, weißen Hand, die hier zum Vorſchein kam, wäh⸗ rend ſie ungefähr drei Viertel ihres ausdrucksvollen Profils dem Maler zuwandte. Das Mädchen mochte etwas über zwanzig Jahre alt ſein, war aber offenbar erſt im Aufblühen begriffen; man hätte glauben ſollen, ihre Entwickelung ſei vielleicht durch einen allzu zarten Körperbau oder durch Krankheit in den Kinderjahren zurück⸗ gehalten worden, und darauf ſchien auch das marmorbleiche Colorit ihres edlen Geſichtes hinzudeuten. Ihre großen, dunkeln Augen unter Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 21 hochgeſchwungenen Brauen waren von einem ſammtartigen Schimmer. Sie hatte ihre feinen Lippen etwas geöffnet, unter denen blendend weiße Zähne hervorblitzten. Vor dieſer intereſſanten jugendlichen Erſcheinung, ſie aufmerk⸗ ſam betrachtend, ſaß auf einem kleinen Polſter am Boden ein Mäd⸗ chen von vielleicht neun Jahren, ſehr zartem, ſchmächtigem, ja faſt kränklichem Ausſehen. Es hatte ein blaſſes, eingefallenes Geſicht⸗ chen, aber mit einnehmenden Zügen, zu welchen die auffallend hellen und glänzenden Augen nicht ganz paſſend erſchienen, wenig⸗ ſtens auf eine geiſtige Erregtheit deuteten, und die mit den müden Bewegungen ſeines Körpers durchaus nicht harmonirten; es hatte ſeine kleinen Hände über den Knieen gefaltet und blickte angelegent⸗ lich in das ſchöne Geſicht der jungen Dame, welche ihm, ſowie der Maler ſeinen Blick von ihr ab und auf das Bild wandte, zuweilen mit Hand und Auge freundlich zuwinkte, worauf das kleine Mäd⸗ chen eifrig mit ſeinem Kopfe nickte. Neben dem Herrn des Ateliers, etwas zur Seite, doch ſo, daß er die junge Dame ebenfalls im Auge hatte, ſtand ein anderer Künſtler, ein ſehr junger Mann von neunzehn oder zwanzig Jahren, eine ſchöne, ſchlanke Figur mit einem ausdrucksvollen, jugendlich ſchönen Geſichte, das aber in ein paar ſchwachen, wenn auch durch⸗ aus nicht unangenehmen Zügen den Engländer verrieth, krauſem, hellblondem Haupthaare und eben ſolchem vollen, wenn auch noch ſehr weichem Barte. Die elegante Geſtalt des letzeren wurde noch durch ſeinen Anzug hervorgehoben, der aus einem etwas phan⸗ taſtiſchen Ueberwurfe von feinem, ſchwarzen Sammt beſtand, aus dem ein blendend weißer, breit umgeſchlagener Halskragen hervor⸗ ſchaute, der von einem gelbſeidenen Tuche zuſammengehalten war, ſowie die aufgeſchlitzten, weiten Aermel auch hier die tadelloſe Wäſche ſehen ließen. In der linken Hand hielt er ein Skizzenbuch ſo unge⸗ zwungen und anmuthig, daß er hierin, wie mit ſeiner ganzen ſchö⸗ nen Geſtalt, irgend welchem Anderen zum Modell hätte dienen können. 22 Erſtes Kapitel. An der Wand, unterhalb des ſchräg eingeſetzten großen Fenſters, bemerken wir, ſich behaglich auf einem bequemen Lehnſtuhle dehnend, einen anderen jungen Mann im ſorgfältigſten Morgen⸗Anzuge, einen glänzend neuen Hut auf dem Kopfe, Ueberrock und Bein⸗ kleider nach dem neueſten Schnitte, feinen, hellen Handſchuhen von kuhrother Farbe und zierlichen Lackſtiefeln, an denen ſich kleine ſil⸗ berne Sporen befanden. In der rechten Hand hatte er einen jener Spazierſtöcke von vielleicht zwei Fuß Länge mit goldenem Knopfe, deren eigentliche Beſtimmung ihrer Kürze halber wohl für alle praktiſchen Menſchen ein unerklärliches Räthſel bleiben wird. Er hatte ein Glas in's rechte Auge geklemmt, das er durch Oeffnen deſſelben fallen ließ, um es alsdann, wie durch einen Wurf, mit einer unnachahmlichen Grazie wieder aufzufangen und an ſeinem Platze zu befeſtigen, wobei er jedes Mal eine köſtliche Grimaſſe ſchnitt. 4 Etwas ſeitwärts von dieſem Gaſte befand ſich noch ein an⸗ derer Beſucher des Ateliers von ganz verſchiedenem Aeußern: es war dieß ein älterer Mann von über vierzig Jahren, der einen oben etwas zugeſpitzten braunen Hut auf dem Kopfe trug, unter dem ſtruppiges, grau und ſchwarz gemiſchtes Haar hervorſah, wäh⸗ rend in dem ebenfalls vollen, aber nicht ſehr ſorgfältig gehaltenen Barte von einem Gemiſch beider Farben nicht gut die Rede mehr ſein konnte, ſondern hier das Grau ſtark vorherrſchend war. Sein Anzug war ziemlich nachläſſig und zeigte hier und da in nicht ganz ver⸗ wiſchten Farbflecken ſeine Beſchäftigung. Er ſaß ſo, daß er das Bild, mit welchem der Herr des Ateliers beſchäftigt war, betrachten konnte. Rechts von dem Eingange, zu dem wir hereingekommen ſind, waren noch ein paar junge Künſtler mit Zeichnen und Malen be⸗ ſchäftigt, doch hatten ſie ſich durch einen rieſigen, quer vorſchobenen Carton ein eigenes, kleines Atelier geſchaffen, hinter dem hervor man auch zuweilen ein leiſes Plaudern oder halb unterdrücktes Auflachen hörte. Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 23 „Nun, was ſagſt Du zu meinem violetten Sammtmantel?“ wandte ſich der Herr des Ateliers, der Maler Roderich Olfers, an den Mann mit dem ſpitzen, braunen Hute, während er etwas zurück⸗ trat und ſein Bild überſchaute.„Du mußt zugeben, Walter, daß die ſanften Töne des Violetts das grelle Unterkleid wohlthätig dämpfen.“ „Allerdings,“ erwiederte der Gefragte, nachdem er ziemlich lange auf die Antwort hatte warten laſſen, in einem knurrenden Tone;„hätteſt Du aber das Unterkleid minder grell gemacht, ſo wäre es doch noch beſſer geweſen. Kann man eine ſchönere Zu⸗ ſammenſtimmung finden, als das anmuthige Grau des Kleides, welches Donna Conchitta trägt, mit Deinem violetten Sammt⸗ mantel? Ich werde mir dieſe Zuſammenſtellung merken und hätte große Luſt, ſie bei meiner heiligen Cäcilie anzuwenden.— Was meinen Sie, Lytton?“ Dieſe Frage galt dem jungen Manne mit der Sammtblouſe, der aufſchauend ſagte:„Es iſt ja bekannt, welch feinen Sinn Donna Conchitta für Farben hat; ich wünſchte nur, ſie würde darin meine Lehrmeiſterin.“ Er ſagte dieß mit einem faſt ſchwärmeriſchen Tone, während er mit der feinen Hand träumeriſch durch den blonden Schnurrbart ſtrich. 3 „Es iſt dies nicht mein Verdienſt,“ entgegnete das junge Mäd⸗ chen in gutem Deutſch, das ſie aber, da ſie eine Spanierin war, mit einem etwas fremd klingenden Accente ausſprach;„es hätte ja den Augen des Meiſters weh thun müſſen, wenn ich in einem hell⸗ farbigen Kleide gekommen wäre.“. „Siehſt Du, auch Conchitta gibt mir Recht, wenn ich Dein grelles Unterkleid verwerfe,“ meinte der ältere Mann mit dem grauen Barte. 4 2 „Verzeihen Sie, Herr Walter, nicht ſo ganz,“ verſetzte das junge Mädchen beſcheiden;„für eine Fürſtin, die der Meiſter malt, paßt zu violett wohl ein helles, mit reicher Stickerei beſetztes Unter⸗ 24 Erſtes Kapitel. gewand, womit ich aber nicht dienen konnte,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu. „Für Deine heilige Cäcilie,“ ſagte Roderich, während er ruhig fortmalte,„werden die beiden Farben in der That ganz paſſen; aber vergiß nicht, daß die Geſchichte, nach der wir uns nun einmal be⸗ quemen müſſen, von der Prinzeſſin Anna ausdrücklich erzählt: ſie liebte farbige und prächtige Gewänder und war wie zum größten Feſte geſchmückt, als ſie an die Leiche ihres ermorderten Liebhabers trat.“ „Da hätte ich der Geſchichte etwas Gewalt angethan und ge⸗ rade durch ein graues Untergewand ſymboliſch ihre ſpäteren, trüben Tage bezeichnet; aber's iſt traurig, daß ſelbſt Leute wie Du von unſern wälſchen Nachbarn die grellen Farben nachahmen! Es iſt wahr, was ich ſchon ſo oft geſagt und was ich, wenn auch als Prediger in der Wüſte, in die Welt hinausſchreien möchte: die deutſche Kunſt iſt todt!“ Er nahm ſeinen Hut vom Kopfe, zog ein roth carrirtes Schnupfluch aus der Taſche und fuhr ſich damit über ſeine hohe Stirne. Lytton lächelte und Olfers ſagte zu Walter:„Obgleich es noch früh am Tage iſt, ſo würde man mit Dir doch nicht fertig, wenn wir uns auf dieſes Thema einließen.“ „Damit bin ich kurz, aber ſehr ungenügend abgefertigt,“ knurrte der Andere.„Beweist mir, daß die alte, ſchöne deutſche Kunſt, wo es noch Leute gab, die im Stande waren, einen ver⸗ nünftigen Heiligen zu malen, posito einen Heiligen, der zur An⸗ dacht begeiſtert, nicht todt ſei; nehmt doch einmal ſolche moderne heilige Geſichter, ſtellt euch davor und pfeift für euch ſelber einen luſtigen Walzer— glaubt ihr nicht mit einiger Phantaſie zu ſehen, wie es in den kräftigen, lebensfriſchen Geſichtern irgend einer hei⸗ ligen Katharina oder Eliſabeth anfängt, ſchelmiſch aufzuleuchten, oder wie ein wohlgenährter, ausgefreſſener Altvater oder Apoſtel ſein langes Gewand aufhebt und Luſt hat, nach eurer Melodie zu tanzen?— Ah, ſie iſt todt, die deutſche Kunſt!“ Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 25 „Was meinen Sie zu dieſen Anſichten, Baron?“ wandte ſich Olfers an den jungen, eleganten Mann, der auf dieſe Frage, wahr⸗ ſcheinlich aus Verlegenheit, ſein Glas fallen ließ, um es gleich dar⸗ auf wieder einzufädeln, wobei er mit vieler Geiſtesgegenwart ſagte: „Darüber ſoll ich meine Anſicht hören laſſen, ich, ein armer Laie, ein kleiner Verehrer der großen Kunſt, und vor Euch? Bei Rubens, werde mich ſchon hüten! Uebrigens weiß ja Herr Walter, was ich denke von jenen nach ſeinen Begriffen wunderbar gemalten Heiligen⸗ bildern, die mich froſtig und kalt laſſen, ja, ehrlich geſagt, mich langweilen wie die Sandfluren bei Jüterbogk: Ich bin für das Lebendige, für das Warme und Blühende in der Kunſt.“ Der Baron richtete bei dieſen Worten ſein Augenglas auf die junge Spanierin, die ihn indeſſen mit ihrem ruhigen Blicke ſo theilnahmlos anſchaute, als ſei ſeine ganze elegante Erſcheinung nur ein Nebelflecken oder ein Kohlenſtrich auf der Wand. „Gerade Ihr,“ fuhr Walter in eifrigem Tone fort,„und be⸗ ſonders Du, Roderich, Ihr hättet Euch mit Erfolg gegen die Ver⸗ flachung der deutſchen Kunſt anſtemmen ſollen und müſſen, aber auch Ihr huldigt dem Geſchmacke der Zeit und denkt, je bunter, je beſſer!“ „Du biſt hart gegen uns, Deine Mitgenoſſen,“ gab Roderich lächelnd zur Antwort;„aber nun bitte ich Dich, beendige endlich einmal Deine heilige Cäcilie, damit Du wenigſtens durch Deine eigenen Werke die Worte Lügen ſtrafſt und uns dadurch vielleicht zur Nacheiferung aufforderſt.— So, Sennorita,“ wandte er ſich an das junge Mädchen,„ruhen Sie aus, Sie werden müde ſein.“ Die ſchöne Spanierin dankte mit einer freundlichen Neigung des Kopfes; ehe ſie aber ihre Stellung veränderte, ſchaute ſie mit einem liebenswürdigen, fragenden Blicke nach Lytton, der aber haſtig ſagte:„Bitte auf mich gar keine Rückſicht zu nehmen, verehrte Sen⸗ nora, ich benutze ja durch die gütige Erlaubniß meines Freundes nur die angenehme Gelegenheit, Ihr herrliches Profil zeichnen zu Hackländer's Werke. 52. Bo. 3 26 Erſtes Kapitel. dürfen— ſchau' her, Roderich, biſt Du mit meiner Skizze zu⸗ frieden?“ „Sie iſt ſehr hübſch,“ ſagte der Gefragte, nachdem er das Blatt eine Zeit lang betrachtet;„und da haſt Du ja auch mein kleines, liebes Mädchen ſkizzirt! Das gibt ein reizendes Blatt, wür⸗ dig der ſchönſten Sammlung— ſehen Sie, Conchitta!“ 4 „O, Herr Lytton hat, wie immer, übertrieben,“ ſagte beſcheiden das junge Mädchen, als ſie näher getreten war, nachdem ſie ihren ſchweren Sammtmantel ſorgfältig abgelegt;„aber Margarethe iſt vortrefflich gelungen— darf ich's ihr zeigen?“ Nach bereitwilligſt ertheilter Erlaubniß nahm ſie raſch das Skizzenbuch, kauerte damit neben der Kleinen nieder und hielt ihr die Zeichnung mit der linken Hand vor, während ſie mit dem rechten Arme ihren Hals umſchlang und dabei ihr Köpfchen an die Bruſt drückte. Roderich ſchien im Anſchauen ſeines Bildes verſunken zu ſein; in Wahrheit aber ſchweiften ſeine Augen daran vorbei und ruhten mit einem eigenthümlichen Ausdrucke auf der rührend ſchönen Gruppe zu ſeinen Füßen. Das kleine Mädchen ſchmiegte ſich feſt an Conchitta, und wenn es auch im erſten Augenblicke die Zeich⸗ nung flüchtig beirachtet hatte, ſo hafteten doch gleich darauf ihre leuchtenden Augen auf dem guten Geſichte der jungen Spanierin, die ihr nun das blonde Haar ſtreichelte und alsdann fragte:„Freut es Dich nicht, was Herr Lytton gezeichnet?“ „O ja,“ gab die Kleine zur Antwort,„weil auch Du darauf biſt und ich Dich gern habe, weil Du mich gern haſt!“ „Wenn Du lieb biſt, wie Du ja immer zu ſein pflegſt,“ fuhr Conchitta mit leiſer Stimme fort,„ſo will ich verſuchen, wenn es Herr Lytton erlaubt, Dir eine kleine Copie davon zu machen; die kannſt Du alsdann zu meinem Andenken aufheben.“ „Verſprichſt Du mir das, um auch Wort zu halten?“ fragte das Mädchen mit einem eigenthümlichen, faſt ſchelmiſchen Lächeln, Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 27 welches ſich aber faſt traurig auf dem bleichen Geſichte aus⸗ nahm. „Gewiß, Margarethe; habe ich Dir je etwas verſprochen und meine Zuſage nicht gehalten?“ „Ja, das haſt Du, Conchitta.“ „Nun, was denn?“ fragte dieſe, in der That erſtaunt.„Dar⸗ auf wäre ich begierig, denn ich pflege ſonſt meine Verſprechen zu halten!“ „Du haſt mir eine Geſchichte verſprochen und haſt geſagt, wenn Du wieder ins Atelier kämeſt, würdeſt Du ſie mir erzählen, eine Geſchichte worin ein Bube vorkomme, ſo alt wie ich, und eine Katze mit einer Halsbinde.“ 4 „Ah,“ ſagte Lytton lachend, der ganz dicht an die Beiden herangetreten war und, wie es ſchien, mit Wohlgefallen auf das faſt überreiche ſchwarze, weiche und glänzende Haar des jungen Mädchens blickte—„ein Knabe und eine Katze mit einer Hals⸗ binde, das ſind ſchon ſo pikante Beſtandtheile zu einer Geſchichte, daß ich wirklich ſelbſt darauf begierig wäre!“ „Papa, Du weißt, daß Conchitta ſie mir verſprochen hat— nicht wahr?“ 3 Roderich, der nach einem Blicke auf ſein Bild die Palette wieder ergriffen hatte, um noch ein paar Striche zu thun, und nun Farbe und Malſtock wieder niederlegte, ſagte mit einem freundlichen Blicke auf die Beiden:„Allerdings, Sennorita, verſprachen Sie es ihr, und da auch ich der Anſicht Lytton's bin, daß wir nach Ihrem Pro⸗ gramme etwas Außerordentliches zu erwarten haben, ſo ſollten Sie Ihr Verſprechen erfüllen und uns die Geſchichte zum Beſten geben.“ „Ja, ja, jetzt erinnere ich mich. Aber das iſt eine Geſchichte nur für Kinder; ſie würde Ihnen wenig Vergnügen machen.“ „Was mich anbelangt,“ meinte Lytton,„ſo habe ich ein ſo kindliches Gemüth, daß mich die Geſchichte außerordentlich an⸗ ſprechen wird.“. Erſtes Kapitel. „Und mich,“ ſetzte Roderich hinzu,„würde es recht ſehr freuen, zu ſehen, wie ſich Margarethe bei dieſer Erzählung amuſirt, und überdies möchte ich zur Abwechslung eine halbe Stunde an dem Harniſch eines der Trabanten malen, und während deſſen ruhen Sie aus und erzählen mit Bequemlichkeit.“„† Der junge Elegant hatte ſich von ſeinem Sitze erhoben und trat mit einer tänzelnden Bewegung vor das junge Mädchen hin, wobei er ſo graziös wie möglich ſeinen Hut abnahm und ſagte: „Sie werden mir erlauben, daß ich meine Bitte mit denen meiner Freunde vereinige.— O, es iſt etwas Köſtliches,“ rief er enthu⸗ ſiaſtiſch aus,„um ſo ein Atelierleben, die reizendſten Bilder ent⸗ ſtehen zu ſehen, diſtinguirte Fremde kennen zu lernen, geiſtreich zu converſiren und allerliebſte Geſchichtchen zu hören— erlauben Sie, mein Fräulein, daß ich Ihnen zum voraus die Hand küſſe!“ Da er ſich mit einer ausgeſuchten Bewegung und ſo tief gegen Conchitta hinabneigte, daß ſie wohl fürchten mußte, er werde im 4 nächſten Augenblicke vor ihr knieen, ſo reichte ſie ihm, um dies zu verhüten, ihre kleine Hand, die er einen Augenblick an ſeine Lippen drückte und dann mit einem Ah! der Befriedigung wieder in die Höhe ſchnellte. Lytton hatte ſich achſelzuckend abgewandt und brummte eiwas in den Bart von fader Zudringlichkeit, was der Baron übrigens nicht hörte, oder wenn er es vernahm, hatte er ein ſo glückliches Temperament, dergleichen Dinge nicht auf ſich zu beziehen. „Gern will ich dem Wunſche meiner kleinen Freundin will⸗ fahren,“ ſagte Conchitta mit einem ihr eigenen, wunderbar reizen⸗ den Lächeln, wobei ſich ihr an ſich ſchon auffallend kleiner Mund 2 aufs lieblichſte zuſammenzog,„und wenn ich auch auf die Nachſicht des Meiſters rechne, ſowie auf die Ihrige, Herr Lytton, ſo iſt doch Herr Walter meiſtens ſo ernſt geſtimmt, daß ich eine förmliche Angſt habe, vor ihm etwas ſo Unbedeutendes, was eigentlich nur für meine kleine Margarethe beſtimmt iſt, Preis zu geben.“ Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 29 „Unbeſorgt,“ gab Walter mit einem weniger brummigen und gereizten Tone zur Antwort;„was die Anderen vertragen können, daran ſterbe ich auch nicht. Ueberhaupt will ich Niemanden mit meinen Anſichten beſchwerlich fallen, und wenn ich ſage, die deutſche Kunſt iſt todt, ſo kann man es mir glauben oder bleiben laſſen. Uebrigens wäre ich Dir ſehr dankbar, Roderich, wenn Du mir einen Cognac gäbeſt und mir erlaubteſt, meine Pfeife zu rauchen. Sennora Conchitta wird als Spanierin ein wenig Tabaksdampf nicht ſcheuen, beſonders da ich dafür mit chriſtlicher Geduld ihre Geſchichte anhören werde.“ „Gewiß, Herr Walter, geniren Sie ſich gar nicht! Aber ich ſehe,“ fuhr ſie, ſich lebhaft umſchauend, fort,„es raucht ja Nie⸗ mand— warum denn nicht?“ „Weil wir gehofft haben, Sie würden uns durch ein gutes Beiſpiel Erlaubniß hierzu geben,“ ſagte der Engländer. „Nein, nein,“ erwiederte Conchitta,„fangen Sie immerhin an: vielleicht macht mir Mercedes ſpäter ein Cigarrito.“ „Der Cognac iſt an dem Dir bekannten Platze,“ ſprach Rode⸗ rich, während er aus einer der Ecken des Gemaches zurückkam, wo er einen Harniſch geholt, den er ſo vor ſein Bild aufſtellte, um ſpäter danach malen zu können;„wenn Du aber,“ fuhr er während dieſer Vorbereitung fort,„noch etwas warten willſt, ſo bekommſt Du einen guten Maitrank, wozu ich den Baron eingeladen. Der⸗ ſelbe hat nämlich die Behauptung aufgeſtellt, wir hier am Rheine wüßten mit der Zubereitung dieſes unſeres Lieblings⸗ und National⸗ getränkes nicht beſonders umzugehen.“ 3 „Pardon! Das habe ich gerade nicht geſagt; ich bin nur der Anſicht, daß der bei uns in Berlin gezogene und rationell cultivirte Waldmeiſter aromatiſcher iſt....“ „Als der in den ſchönen, dichten, rheiniſchen Wäldern?“ lachte Lytton.„O, Baron, warum können Sie ſich dieſe entſetzliche Liebe* zu Ihrer Sandheimath nicht abgewöhnen?“ 30 Erſtes Kapitel. „Danke,“ gab Walter kurz zur Antwort,„ein Cognac des Morgens iſt mir zuträglicher; wenn ich vor Tiſch ohne denſelben einen Tropfen Wein trinke, ſo ſauſt es mir den ganzen Tag im Kopfe herum.“ Damit ging er nach dem ihm wohlbekannten Schranke und zog unterwegs eine kurze, irdene, ſchwarz gerauchte Pfeife aus der Taſche, die er ſich mit ſyriſchem Tabak füllte, der auf einem Nebentiſchchen in einem irdenen Gefäſſe ſtand. Nachdem er einen Schluck Cognac genommen, brannte er ſeinen Pfeifen⸗ ſtummel an und ging behaglich, aber tüchtig dampfend, mit weiten Schritten, die Hände in den beiden Hoſentaſchen, durch das Atelier, wobei er in der Nähe des die Thür vertretenden Gobelins auf einen jungen Mann ſtieß, der eben eintrat. Es war dies eine kurze, gedrungene Perſönlichkeit, ſorgfältig gekleidet, einen hellgrauen Cylinder auf dem Kopfe, den er im Atelier abnahm und unter welchem ſich nun ein wahrer Wald von dichten, krauſen, braunen, etwas röthlich ſchimmernden Haaren zeigte. „Guten Morgen, Kohlenmüller!“ ſagte Walter und wandte ſich darauf vor dem Ankommenden dicht auf dem Abſatze herum, um ſeinen Spaziergang fortzuſetzen. „Ah, bon jour, Waſſermüller!“ rief Lytton, als er des Ein⸗ tretenden anſichtig wurde, und Roderich ſetzte, freundlich mit dem Kopfe nickend, hinzu:„Wie geht's, Bergmüller?“ „Danke euch, nicht ſchlecht,“ erwiederte der Angeredete heiter; „ich komme ſoeben von der permanenten Ausſtellung, wo Schüller zwei famoſe Zeichnungen von mir verkauft hat!“ „Ah, die beiden, die ſchon ziemlich lange dort hängen— die eine iſt Waſſer mit Nebel,“ ſagte Olfers,„und....“ „Die andere iſt Nebel mit Waſſer!“ brummte Walter, indem eer von der andern Seite des Ateliers wieder zurückkam—„in Summa, Nebelmüller, Du biſt ein glücklicher Kerl, daß Du Deine Kohlenzeichnungen am Ende doch alle verkaufſt! Aber unter uns Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 31 kann ich Dir ſagen, daß ich geſtern die beiden betreffenden nicht ſchlecht empfohlen habe: es war in der Permanenten ſo viel herum⸗ gaffendes und, wie mir ſchien, kaufluſtiges Volk, wo ich mir denn einen Stuhl nahm, mich vor Deine Zeichnungen hinſetzte und mir den Spaß machte, ſie mit lauter Stimme als ein paar ausgezeichnete Meiſterwerke darzuſtellen.“ „Nun, wenn Du das nur im Spaß gethan,“ gab der kleine, dicke Künſtler, mit einem, wenn auch freundlichen Geſichte, doch bezeichnenden Achſelzucken zur Antwort,„ſo muß ich Dir ſagen, daß Dein Spaß mir gerade keinen Spaß macht; doch ſei's darum, ich werde Dir Gleiches mit Gleichem vergelten und es eben ſo machen, wenn Deine heilige Cäcilie einmal lange genug in der Permanenten gehangen hat.“ „Da wird ſie nie hängen,“ gab der mit dem zugeſpitzten Hute zur Antwort, wobei er, ſeinen Spazirgang fortſetzend, mit großen Schritten ruhig an dem Anderen vorüberging;„ich arbeite nur auf Beſtellung, merke Dir das.“ Der Baron hatte der Begrüßung des Angekommenen mit ſo vielerlei Namen, ſowie dem kurzen Zwiegeſpräche mit großen Augen zugehorcht und wandte ſich jetzt fragend an Roderich, der aber auch ohne das die Beiden mit einander bekannt gemacht hätte:„Herr Maler Bergmüller, bekannt durch ſchöne Kohlen⸗ zeichnungen.“ „In denen viel Waſſer vorkommt,“ ſagte Lytton, dem Heran⸗ tretenden freundlich die Hand reichend. „Und viel Nebel,“ ſetzte Walter hinzu,„den dieſer undankbare Kerl ſo fein und durchſichtig macht, daß man erſtaunt ſein muß, wie er es mit einem ſo widerhaarigen Material, wie die Kohle, zu Stande bringt.“ „Herr Baron Hund vom Höllenſteine,“ ſtellte der Herr des Ateliers dieſen vor. „Ja, undankbar biſt Du,“ fuhr der alte Maler fort,„daß Erſtes Kapitel. Du meine heilige Cäcilie mit der Permanenten zuſammenbringſt; ſie müßte ſich ja vor Entſetzen überſchlagen, wenn ſie in ſo eine Farbenſchachtel hineinkäme.“ „Warum bin ich undankbar?“ fragte Bergmüller. „Weil Du mir ſo etwas geſagt und Du doch weißt, wie ſehr ich Dich und Deine Zeichnungen ſchätze. Ach, es iſt für ein Auge wie das meinige ſo wohlthuend, bei dem Schwarz und Weiß auf Deinem grauen Papier ausruhen zu können, wenn man die Augen voll Zinnober und Schweinfurter Grün hat!“ „Da kommt unſer Maitrank!“ rief Roderich und ſetzte mit einem Blicke auf Andreas, der die Bowle hereinbrachte, hinzu:„Ich hoffe, daß heute nichts daran verſäumt iſt; wir haben hier einen Kenner, vor dem ich gern mit Ehren beſtehen möchte— wollen Sie vielleicht ſo gut ſein, Conchitta, und die Gläſer füllen? Andreas wird Ihnen Alles auf den Tiſch ſtellen.“ „Gewiß, Meiſter, und Margarethe wird mir helfen.“ Damit gingen beide nach der Ecke des Gemaches, wo der Gärtner die Bowle auf einen Tiſch geſtellt hatte, Gläſer dazu ſowie einen großen, hölzernen, zierlich gearbeiteten Löffel. „Nun?“ fragte der Herr des Ateliers, nachdem die Anweſen⸗ den, außer Walter, und ebenfalls die jungen Leute hinter dem Carton, die auf den Ruf Olfer's zum Vorſchein gekommen, mit vollen Gläſern verſehen worden waren und der Baron einen prü⸗ fenden Schluck gethan. „Ich muß geſtehen, dieſer Maitrank iſt ganz vortrefflich— das Höchſte, was ich zu ſeinem Lobe ſagen kann, iſt, daß ich bei uns in Berlin nie einen beſſeren getrunken.“ „Damit ſind wir zufrieden,“ rief Olfers lachend,„denn zu begehren, daß die arme Provinzſtadt etwas voraus haben ſolle vor der Hauptſtadt der Intelligenz und des feinſten Geſchmackes, wäre ein unſinniges Verlangen!“ „Haben Sie auch an Ihre Schweſter gedacht?“ fragte NRoderich — 53 Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. mit leiſer Stimme das junge Mädchen, welches ſich, das kleine Mädchen an der Hand, dicht neben den Meiſter hingeſtellt hatte und bewundernd ſein Bild anſchaute. „Gewiß, gewiß, und ich danke für ſie; Andreas war ſo freund⸗ lich, an Mercedes zu denken.“ „Finden Sie, Bergmüller, daß die Kräuter genug gezogen haben?“ „Für meinen Geſchmack wäre ich dafür, mit dem zweiten halben Glaſe noch eine kleine halbe Stunde zu warten.“ „Thun wir das,“ ſtimmte auch Roderich ein:„während ich an meinem Harniſch male, ruht Sennora Conchitta aus und erzählt ihre Geſchichte.“ Der galante Baron hatte raſch einen Seſſel herbeigeſchleppt, welchen er der jungen Spanierin anbot, die ſich darauf niederließ und ſich dann, wie ſie mit liebenswürdiger Freundlichkeit ſagte, ſo ſetzte, daß Lytion mit ſeiner Zeichnung ihres Profils fort⸗ fahren konnte. Auch das kleine Mädchen nahm ſeinen Platz wie vorhin ein, und Andreas reichte auf den Ruf ſeines Herrn Cigarren umher. „Warte mit dem Feuer, bis Conchitta ihre Papier⸗Cigarre anzündet!“ 3 „Wie kann ich das, wenn ich erzählen ſoll?“ „O, vortrefflich, und es macht ſich reizend! Es iſt auch nicht das erſte Mal, daß Sie liebenswürdig mit uns plauderten, während Ihre Hand die Cigarre hält.“ 8 „Es iſt nicht lieb von Ihnen, Herr Lytton, daß Sie mich an eine kleine Schwäche erinnern, die ich aber leider zugeſtehen muß. — Mercedes,“ rief ſie ihrer Schweſter zu,„ſei ſo gut, mir meine kleine Taſche zu geben!“ Nachdem die ältere Schweſter Conchitta's das Verlangte ge⸗ bracht und ſich wieder auf ihren Sitz zurückgezogen, nahm die junge Spanierin aus einem Etui Papier und etwas feinen, geſchnittenen 34 Erſtes Kapitel. Tabak und rollte ihr Cigarrito mit ſolcher Geſchicklichkeit und An⸗ muth zwiſchen den feinen Fingern, daß der Baron erklärte, vor Freude außer ſich zu ſein, und auf Ehre verſicherte, ſelbſt in Berlin nie etwas Reizenderes geſehen zu haben. Auch Walter, der ſich gerade eine Pfeife ſtopfte, mochte etwas Aehnliches denken, wenigſtens betrachtete er mit einem eigenthümlichen Lächeln ſeinen ziemlich unſaubern Pfeifenſtummel. Nun brannten auch die anderen Ci⸗ garren; Roderich hatte Palette und Malſtock ergriffen, Lytton fing wieder an zu zeichnen, der Baron hatte ſich ſo geſetzt, daß er voll in das Geſicht Conchitta's ſah, und die jungen Leute, zu denen ſich Bergmüller geſellt, ihren Carton ſo geſchoben, daß ſie jetzt vollſtändig mit zur Geſellſchaft gehörten und in aller Gemüth⸗ lichkeit der Geſchichte lauſchen konnten.— Dann erzählte die junge Spanierin, wobei ſie aber ausſchließlich ihre Worte an das kleine Mädchen richtete: „Spanien, wo ich geboren,“ ſagte ſie,„iſt ein wunderſchönes Land, meine gute Margarethe, mit ſehr langen Sommermonaten, wo es in Einem fort grünt und blüht, beſonders die Orangenbäume, die noch dazu das wunderbare Angenehme haben, daß ihre Blüthen zu derſelben Zeit ſo gut riechen, während man ihre Früchte ge⸗ nießen kann. Ach, und die Nächte dort ſind ſo lind und angenehm: da ſpaziert man in dem ſanft glänzenden Mondſcheine und ruht aus unter dichten Lorbeerbüſchen, während man murmelnde Spring⸗ brunnen hört und von fern her durch die ſtille Nacht reizende Zitherklänge ertönen!“ Mercedes hatte in ihrem Winkel die ſpaniſche Mandoline er⸗ griffen, die neben ihrem Sitze lehnte, und ließ jetzt unverhofft, aber ſo richtig einfallend und ſo paſſend zu dem weichen Tone, mit dem ihre jüngere Schweſter erzählte, ein paar raſche Accorde durch das hohe Gemach hallen, daß es die Zuhörer offenbar in eine ge⸗ hobene Stimmung verſetzte. Lytton hatte bei den erſten Worten, welche Conchitta ſprach, „ Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 35⁵ ſeine Hand mit dem Skizzenbuche niederſinken laſſen und war nur noch Zuhörer, während Roderich hier und da ſein Bild leicht mit dem Pinſel berührte. »Ventecico murmurador« intonirte das junge Mädchen zum Spiele ihrer Schweſter und fuhr dann heiter lächelnd fort:„So ſingt man in Spanien Abends auf der Straße, und wer ſo ſingt oder zuhören darf, wenn Andere ſingen, iſt glücklich— ach ja, Spanien, wo ich geboren, iſt ſchön!“ „Auch dahin will ich einmal reiſen,“ ſagte das kleine Mädchen in ſehr beſtimmtem Tone, wobei es zu ſeinem Vater aufblickte; es liebte es überhaupt, in ſeiner Phantaſie fremde Länder zu beſuchen.. „Dort in Spanien,“ fuhr Conchitta fort,„ſind große, ſchöne Städte, wo viele Menſchen bei einander wohnen. Da das aber manchem Reichen und Vornehmen unbehaglich erſcheint, ſo haben ſie ſich auf ihren Ländereien prächtige Schlöſſer erbaut, wo ſie einen großen Theil des Jahres leben. Da aber in dieſer Welt nichts von ewiger Dauer iſt und Menſchen vergehen wie Blumen und Blüthen, ganze Geſchlechter entſtehen und wieder ausſterben, ſo kommt es in Spanien wie auch anderswo häufig vor, daß die Be⸗ ſitzer ſolcher prächtigen Schlöſſer ſterben und verderben oder auch ſonſt keine Freude mehr haben an ihren ländlichen Beſitzungen, und dieſe nun öde und verlaſſen ſind. In der Nähe der Stadt, wo wir lebten, war auch ſo ein altes, prächtiges, aber verlaſſenes Schloß, mitten in einem See gelegen, ein mächtiges, viereckiges Gebäude mit großen Thürmen an den Ecken; wenn ich ſage, verlaſſen, ſo meine ich damit, daß die Herrſchaft, der es gehörte, ſich nicht mehr darum zu bekümmern ſchien und lange, lange Jahre hindurch Keiner von ihnen mehr einen Fuß geſetzt hatte nach Caſtillo de Mon⸗ texey.... „Monterey?“ fragte Olfers mit einigem Erſtaunen—„das iſt ja einer ihrer eigenen Familiennamen?“ 36 Erſtes Kapitel. „Allerdings, wir ſind mit jenem Hauſe verwandt,“ erwiederte Conchitta in gleichgültigem Tone und fuhr dann in ihrer Erzäh⸗ lung fort:„Nicht als ob die Familie ausgeſtorben oder ſonſt ver⸗ dorben wäre, im Gegentheil, ſie war reicher als jemals und hatte 82 Paläſte zu Madrid und Sevilla. Was ſie aber veranlaßte, das Schloß nicht mehr zu beſuchen, war eine Begebenheit, die ich Dir mittheilen will, meine liebe Margarethe, und die zu meiner Ge⸗ ſchichte gehört, in der dann erſt ſpäter die Katze mit der Halsbinde vorkommt. „Verlaſſen war das Schloß alſo nur von der Herrſchaft, welche in früheren Zeiten den erſten Stock bewohnt hatte, wo es eine unendliche Menge von Sälen, Zimmern und Cabinetten gab, alle gleich ſtill, gleich düſter, da die Vorhänge an den Fenſtern heruntergelaſſen waren, und gleich unheimlich; lange, lange, hallende Corridore liefen vor den Zimmern her, und wenn wir Kinder—. auch ich war zuweilen in dem alten Schloſſe— darin herum⸗ trippelten, ſo ſchallte es vom anderen Ende zurück, als käme von dorther ein ganzes Regiment Soldaten.“ 8 „So haſt Du in dem alten Schloſſe gewohnt, Conchitta?“ fragte das Mädchen—„ach, das muß prächtig geweſen ſein! Du durfteſt in den langen Gängen mit Deinen Bekannten ſpielen und auf dem See im Nachen fahren!“ „Gewohnt habe ich nicht dort,“ entgegnete die Erzählerin, „aber ich war oft in dem alten Schloſſe, denn der Verwalter des⸗ ſelben, der unten wohnte und die weitläufigen Güter bewirthſchaflete, war meinem Vater bekannt, und da durfte ich oft hinaus und auch wohl Tage lang dort bleiben. Dann ſpielte ich allerdings auch* zuweilen in den langen Gängen des oberen Stockes, hauptſächlich aber die Knaben des Verwalters mit ihren Bekannten, denn wir Mädchen waren nicht ſo beherzt und fürchteten immer, etwas Schreck⸗ liches droben zu ſehen, was im Zuſammenhange ſtand mit jener 4 Begebenheit, die ich Dir ſogleich erzählen werde.“ —— Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 37 „Sie verſtehen es, unſere Aufmerkſamkeit zu ſpannen,“ ſagte Roderich, der ſchon lange nicht mehr malte, ſondern, an ſeine Staffelei gelehnt, zuhorchte. „Ganz famos!“ rief der Baron aus, indem er gegen die Spanierin leicht ſeine Fingerſpitzen küßte;„aber nehmen Sie ſich in Acht, mein Fräulein, nach Ihrem pikanten Eingange haben wir das Recht, etwas ganz Außerordentliches zu erwarten!“ Ehe Conchitta wieder begann, hörte man abermals einige leichte Klänge der Mandoline, die leiſe, leiſe eine luſtige heitere Weiſe anſtimmten, aber alsdann mit einem ernſten Accorde verhallten, dem Mercedes andere ähnliche folgen ließ, während ihre Schweſter weiterſprach, ſo daß es klang, als rauſche der Wind durch Aeols⸗ harfen. 3 „Es war ein Hochzeitsfeſt in dem alten Schloſſe und die einzige, junge und ſchöne Tochter des Hauſes war einem Manne vermählt worden, den ſie unausſprechlich liebte. In dem großen Saale wurde geräuſchvoll bankettirt, zahlreiche Gäſte aus der reichen Verwandt⸗ ſchaft und die benachbarte i Edelleute wurden geladen. Muſik ertönte, Gläſer klangen, Trinkſprüche wurden ausgebracht, und bei dem wachſenden Lärmen der ausgelaſſenſten Fröhlichkeit verließ die junge Braut nach einem zärtlichen Händedrucke den Platz neben ihrem Gemahl und verſchwand aus dem Saale, ohne daß ihr Fortgehen gerade beſonders bemerkt worden wäre. Die Diener in den Neben⸗ zimmern ſahen ſie dieſe durchſchreiten, und draußen im Gange war ihre hohe, weiße Geſtalt ebenfalls bemerkt worden, wie ſie ihn langſam hinabſchritt gegen einen der Eckthürme des Schloſſes zu, wo ſich eine kleine Hauskapelle befand, die ſelten benutzt wurde, und wohin ſie ſich wahrſcheinlich zu ſtillem Gebete zurück⸗ ziehen wollte. „Drinnen im Saale lärmende Muſik, immerfort klangen die Gläſer, ein heiterer Trinkſpruch jagte den anderen; Stunden ver gingen, die Braut kehrte nicht zurück. Da ſich der Gemahl, dem 38 Erſtes Kapitel. dieſes lange Ausbleiben endlich auffiel, fragend an die Mutter ſeiner jungen Gattin wandte, ſo verließ dieſe, ohne im geringſten beſorgt zu ſein, den Saal, um nach ihrer Tochter zu ſehen, die ſie in ihrem Zimmer zu finden hoffte, wahrſcheinlich mit Aenderung ihrer Toilette beſchäftigt, denn ſie hatte dem Hochzeitsmahle in vollem Brautſchmucke beigewohnt, und ſo hatte man ſie auch draußen in dem Gange geſehen, in langem, weißem Schleppkleide mit dem leichten, wallenden Schleier, den Myrthenkranz auf dem Kopfe— ja, ſo haben die Diener und Dienerinnen ſie geſehen— zum letzten Male geſehen.“ Mercedes hatte bis hieher die Erzählung ihrer Schweſter melo⸗ dramatiſch mit ihrer Mandoline begleitet, hier hörte ſie mit einem äh abgeriſſenen Accorde auf. „ Ah,“ machte Lytton in Beziehung auf die letzten Worte der Spanierin,„zum letzten Male geſehen!— Sie ſcherzen, Conchitta, der erzählen uns ein Märchen.“ Ich ſcherze nicht, auch erzähle ich kein Märchen: es verhielt ſich ſo, wie ich geſagt. Es war freilich etwas ganz Unerhörtes, daß eine Braut in ihrem eigenen Schloſſe verloren gehen konnte, * und doch geſchah dies ſo in Caſtillo de Monterey, das haben Augen⸗ zeugen ihren Kindern erzählt und von dieſen wurde es mit allen Einzelheiten an uns überliefert. „Als die Mutter ihre Tochter nicht in deren Zimmer fand, als die Dienerinnen müßig dort ſaßen und behaupteten, ſchon lange auf ihre Herrin zu warten, als dieſe nun in den angränzenden Zimmern, ſowie in den weiter entfernten Räumen, wo ſie auch immer hätte ſein können, vergeblich geſucht wurde, als die Diener in den Gängen einen Schwur abgelegt, ſie hätten die weiße Geſtalt nach der und der Richtung hingehen ſehen, von wo ſie nicht mehr zurück⸗ gekommen, da wurde natürlich dort hinaus Alles und auf's genaueſte unterſucht, zuerſt von der Mutter in Begleitung zahlreicher Diener⸗ ſchaft und, als endlich die unerhörte und unbegreifliche Thatſache Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 39 im Banketſaale ruchbar wurde, von allen Hochzeitsgäſten, den troſt⸗ loſen, faſt verzweifelnden Bräutigam an der Spitze. „Auf den Treppen, auf den Gängen, in den Höfen des Schloſſes, unter den Thoren, durch die man ins Freie hätte ge⸗ langen können, befand ſich ein zahlreicher Dienertroß: Reilknechte, Sänftenträger, von denen, da der helle Tag ſchien, Niemandem die weiße Geſtalt in ihrem Brautſchmucke entgangen wäre— Keiner wußte etwas von ihr. Wie ich ſchon früher geſagt, war das Schloß rings von Waſſer umgeben, auf dem heute zierlich geputzte Gondeln mit Muſikbanden und zahlreichen Zuſchauern ſchwammen; auch von daher erhielt man nicht die Idee einer befriedigenden Kunde. „Abermals und wiederholt wurde nun das ganze Schloß durchgeſucht, beſonders der Theil, wohin man ſie hatte gehen ſehen. Dort befand ſich in einem der Eckthürme die alte Hauskapelle, die aber ſeit langen, langen Jahren nicht nur nie mehr benutzt worden war, ſondern deren ſchwere Thür man auch feſt verſchloſſen und verriegelt fand. Trotzdem ſchrie man nach den Schlüſſeln, und als dieſe endlich gefunden und hergebracht waren, dunkelte es bereits, ſo daß man hier die Unterſuchung unter Fackellicht fortſetzen mußte. Ein zahlreicher Menſchenſtrom drang in die Kapelle und durchſuchte auch hier vergeblich jeden Winkel: da war der beſtaubte, frei⸗ ſtehende Altar, da war die reichgeſchnitzte Loge für die Herren und Damen des Schloſſes, da waren die Bänke für die Dienerſchaft, in der Ecke ein geräumiger Beichtſtuhl, ſonſt nichts, was zum Ver⸗ ſtecke hätte dienen können. Unbefriedigt verließ man auch die Ka⸗ pelle wieder und ſchloß die ſchwere Thür hinter ſich zu, ohne deß⸗ halb die Nachforſchungen zu unterbrechen. Dieſe wurden vielmehr Tag und Nacht von einem Theile der Gäſte fortgeſetzt, während ein anderer Theil die Umgebungen des Schloſſes eben ſo fruchtlos als unnütz durchſtreifte— die unglückliche Braut war und blieb ver⸗ ſchwunden. 3 „Der jammervolle, ungeheuchelte Schmerz der Aeltern war 40 Erſtes Kapitel. kaum im Stande, den Bräutigam in der erſten Zeit zu überzeugen, daß nicht ein ſchändliches Spiel mit ihm getrieben worden ſei, und trotz ſeines feſten Vertrauens in die Ehrenhaftigkeit und Redlich⸗ keit ſeiner Schwiegereltern unterließ er, beſonders aber ſeine Fa⸗ milie, es in den erſten Jahren doch nicht, ſie insgeheim auf's ge⸗ naueſte beobachten zu laſſen, um von all ihrem Thun und Laſſen, ihrem Kommen und Gehen unterrichtet zu bleiben. In allem dem aber, was dieſe thaten, zeigte ſich auch nicht das geringſte Zwei⸗ deutige, vielmehr hielten ſich die armen Eltern in ihrem Palaſte zu Madrid ſtreng zurückgezogen, wie in einem Kloſter, in tiefer Trauer nur ihrem Kummer und ihrem gränzenloſen Elende lebend.“ „Und war die Verſchwundene das einzige Kind der unglück⸗ lichen Eltern geweſen?“ fragte Lytton. „Nein, ſie hatte noch einen jüngeren Bruder, ein ſchwächliches Kind, das aber noch vor den Eltern ſtarb, worauf dieſe, immer noch in dem Gedanken an die verlorene Tochter und beſonders dar⸗ über tief betrübt, daß durch das unerklärliche Verſchwinden der⸗ ſelben ein Flecken auf der Ehre derſelben geblieben ſei, den ſonder⸗ baren Entſchluß faßten, teſtamentariſch zu verfügen, daß ihr ganzes koloſſales Vermögen dem Schwiegerſohne oder deſſen Nachkommen zufallen ſollte, wenn im Laufe der Zeit die vollkommene Unſchuld ihrer verlorenen Tochter nicht klar an's Tageslicht trete. Da in⸗ deß die Familie des Bräutigams dieſes Teſtament weder annahm noch ablehnte, ſo wurde das hinterlaſſene große Vermögen vom Staate verwaltet.“ „Eine eigenthümlich harte Maßregel für die Seitenverwandten, deren es gewiß gab,“ meinte Baron Hund vom Höllenſteine;„doch hoffe ich, daß dieſes Teſtament angefochten wurde.“ „Laſſen wir die Todten und ihre Reichthümer ruhen,“ ſagte Roderich,„und Conchitta lieber bitten, in ihrer anziehenden Ge⸗ ſchichte fortzufahren.“ Ehe aber Conchitta dieſer Aufforderung Folge leiſtete, ſagte das Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 41 kleine Mädchen:„Aber es iſt ja noch nichts vorgekommen von der Katze mit einer Halsbinde!“ „Das kommt noch, meine gute Margarethe, denn was ich er⸗ zählt, war nur der erſte Theil meiner Gſchichte.“ „Gott ſei Dank,“ meinte Lytton,„daß wir noch eine Fortſetzung haben und hoffentlich einen verſöhnlichen Schluß, denn ſonſt wäre Ihre Novelle gar zu grauſam!“ „Für die Armen, die darin mitſpielten, gab es leider keinen verſöhnlichen Schluß, denn ich muß der Wahrheit gemäß berichten, daß faſt hundert Jahre vergingen, ehe ſich etwas zutrug, was man als Fortſetzung jener traurigen Begebenheit anſehen konnte, und das war etwas, was ich ſelbſt miterlebt, von dem ich alſo nicht nur vom Hörenſagen zu erzählen brauche. Jetzt weißt Du auch, Mar⸗ garethe,“ fuhr ſie nach einem kleinen Stillſchweigen fort, während deſſen ſie das Mädchen neben ſich aufmerkſam betrachtete,„warum der erſte Stock des Schloſſes nie mehr bewohnt war und ſich hier überhaupt von der unglücklichen Familie Niemand mehr ſehen ließ, nachdem alle Forſchungen nach der armen Braut vergeblich ge⸗ weſen waren. Am längſten ſetzte der Bräutigam dieſelben fort, den man nach Jahren noch an einem gewiſſen Tage zuweilen kommen ſah, in tiefem Schmerze die Zimmer durchſchreitend.“ Es war eigenthümlich, daß Mercedes nach dieſen Worten ihr Mandolinenſpiel wieder aufnahm, und zwar in heiteren, freudigen Accorden, gleichſam eine Einleitung bildend zu dem, was ihre Schweſter noch weiter erzählte. 4 „Der Verwalter des Schloſſes, von dem ich vorhin ſchon ſprach, hatte Kinder, drei Buben und zwei Mädchen, zu denen außer uns auch noch andere Geſpielen aus der Nachbarſchaft kamen, und dann ging es oft lärmend genug her in den öden Gängen des alten Schloſſes. Der älteſte der Knaben des Verwalters war da⸗ mals zwölf Jahre alt und recht lebhaft und ausgelaſſen. Er, der Anführer unſerer kleinen Spiele und dabei ein phantaſiereicher Er⸗ Hackländer's Werke. 52. Bd. 4 42 Erſtes Kapitel. finder aller möglichen wilden Streiche, die er mit den übrigen Buben ausführte, war dabei ein gutes und freundliches Kind und der Liebling ſeiner Eltern. Eine eigene Stärke beſaß er darin, ſich oben im Schloſſe im langen Gange zu verſtecken, was er gern that und uns alle dann aufforderte, ihn zu ſuchen; doch war unſer eifrigſtes Bemühen, ihn zu finden, beſtändig vergebens, wobei er von ſeinem Verſtecke ein ſo ſtrenges Geheimniß machte und daſſelbe ſo unbegreiflich war, daß ſelbſt ſein Vater zuweilen lachend ſagte: wenn der Bube nicht im Stande iſt, durch die Mauern zu ſchlüpfen, oder verſchloſſene Thüren öffnen kann, zu denen Keiner von uns einen Schlüſſel hat, ſo treibt er wahrhaftig Hexerei. Das hörte Juan, ſo hieß er, mit großer Befriedigung lächelnd an, wenn wir nach unſern Spielen in der großen Küche um den lodernden Herd ſaßen, wo in einem großen Keſſel etwas für uns gekocht oder ge⸗ geſchmort wurde. „Ja, ja, pflegte alsdann die Mutter zu ſagen, indem ſie ihrem Lieblinge durch das dichte Haar fuhr, zer treibt Hexerei; denn wenn das nicht wäre, ſo würde ihm unſere große ſchwarze Katze, die ſich ſonſt um Niemanden bekümmert, nicht ſo wie ein Hund auf Schritt und Tritt folgen.:. „Richtig, meinte der Vater lächelnd, ‚die Katze iſt es auch, welche ihm die Schlupflöcher zeigt, wo er ſich verbirgt.* „Ah, jetzt kommt die Katze,“ ſagte das kleine Mädchen, indem es ſich die Hände rieb,„jetzt wird die Geſchichte noch einmal ſo ſchön!“ „An einem Sonntag Nachmittag— ich werde das nie ver⸗ geſſen—,“ fuhr Conchitta fort,„hatten wir auch wieder Ver⸗ ſteckens geſpielt und Juan eben ſo wenig gefunden, wie früher; wir gaben uns auch keine rechte Mühe mehr, da wir doch wußten, wie vergeblich dieſe aufgewendet war, und ſcharten uns, wie gewöhnlich, in der Küche um das lodernde Herdfeuer, Juan erwartend. „Aber er kam nicht— Stunde um Stunde verrann, und Juan kehrte nicht zurück. Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 43 „„Das iſt doch ſonderbar, ſagte die beſorgte Mutter, ‚„wo das Kind heute bleibt; und endlich ſtand der Vater verdrießlich auf und ſagte zu uns: ‚Kommt, ich will euch ſuchen helfen, wir werden ihn gewiß finden— wo ging er hin, als er ſich verſteckte?⸗ „Es war oben im langen Gange,“’ riefen ein paar Dutzend Stimmen durch einander, ‚wo er von uns lief und uns lachend aufforderte, ihn zu ſuchen,“ „Und wohin wandte er ſich?⸗ „„Nach dem Eckthurme, wo ſich die alte Kapelle befindet!“ „Der Vater ſchüttelte mit dem Kopfe, indem er ſagte: Das kommt von dieſen ewigen Kindereien; ich habe den Buben ſo oft ausgefragt, wo er ſich eigentlich verſtecke— wenn ihm nur da droben kein Unfall widerfahren iſt! Ich ſcheue die Gegend bei der alten Kapelle, ohne zu wiſſen, warum.““ Dies erzählte Conchitta in abgebrochenen Sätzen, wobei ſie die Stimmen der Sprechenden nachahmte und ſo das Intereſſe der Zu⸗ hörer auf's höchſte ſpannte. „An dem Tage,“ fuhr das junge Mädchen mit einem eigen⸗ thümlich zitternden Tone fort,„trug Juan eine Halsbinde von einer grellen, rothen Farbe.“ „Ah, jetzt kommt auch d die Halsbinde!“ ſagte aufgeregt die kleine Margarethe. „Was ſoll ich da viel erzählen und Trauriges umſtändlich berichten, genug, unſer Suchen und das des Vaters, das der Mutter, ſowie des zahlreichen Geſindes nach dem Knaben war ver⸗ gebens.“ „Hören Sie auf,“ rief der Baron, indem er erſchrocken auf⸗ ſprang,„das iſt ja eine förmliche Geſpenſter⸗ oder Mörder⸗ geſchichte!“ „Nein, nein, hören Sie nicht auf,“ ſprach Lytton raſch und dringend,„es hat mich wahrhaftig lange nichts ſo ſehr an⸗ geſprochen, als Ihre Erzählung!“ 44 Erſtes Kapitel. „Man ſuchte den ganzen Tag, man rief Juan's Namen durch alle Theile des Schloſſes, man holte einen Schloſſer und ließ oben die Zimmer aufbrechen, um auch da nach ihm zu ſchauen, man fand nichts; man ſetzte dieſe Nachforſchungen unter dem Jammer der Eltern die ganze Nacht fort, während wir Kinder, um den armen Juan weinend, in unſern Betten lagen— vergebens. „Am andern Morgen kamen Leute aus der Nachbarſchaft, die von dem Vorfalle gehört, um ſuchen zu helfen. Es wurden wieder⸗ holt alle Räume des Schloſſes, alle Gewölbe und Keller durchſucht — ohne Erfolg, und ermüdet davon ſowie abgeſpannt von Kummer und Thränen, hatten wir uns gegen Abend in die große Küche zurückgezogen, wo jetzt der Glöckner des benachbarten Dorfes, ein uralter Mann, umſtändlich jene ſchaudervolle Begebenheit noch⸗ mals berichtete, die ich vorhin erzählt: von dem unterbrochenen Hochzeitsfeſte und der verſchwundenen Braut. „Da mit Einem Male öffnete ſich geräuſchlos die nur ange⸗ lehnte Thür der Küche und herein ſchlich die große, ſchwarze Katze des Hauſes, die man den ganzen Tag über nicht geſehen. Mit einem grellenden Schrei ſprang die Mutter des verlorenen Knaben auf ſie zu, denn die Katze trug um ihren Hals Juan's dunkelrothe Halsbinde. So ſcheu das Thier auch gewöhnlich gegen alle Be⸗ wohner des Hauſes war, ſo that es doch heute außerordentlich zu⸗ thulich gegen die Frau, ließ ſich von ihr auf den Schooß nehmen, ſchien gern zu leiden, daß die arme Mutter ſie ſtreichelte und küßte, und als deren heiße Thränen auf ſie hinabfielen, ſchaute die Katze faſt verſtändig zu ihr empor. 3 „Was war nun vor der Hand zu thun? Darüber wurde eine Zeit lang hin und her berathen. Es war als ſicher anzunehmen, daß ſich der Knabe in irgend einem Verſtecke befand, wo ihm kein Ausweg möglich war, wohin aber die Katze auf ihren eigenen Pfaden hatte ſchleichen können. Dieſe Pfade mußten aufgefunden werden, um zu Juan zu gelangen. Man löste die Halsbinde ab, Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. fütterte das Thier reichlich, und darauf band ihr die Mutter mit zitternder Hand ein Stückchen Brod mit einer Schnur um den Hals, bedeckte ſie mit heißen Küſſen, die alle ihrem Lieblinge gal⸗ ten, und als der Vater ſowie auch wir Kinder bereit waren, zu folgen, öffnete man die Küchenthür und ließ die Katze hinaus. Es war, als wüßte das kluge Thier, um was es ſich handle, denn ziemlich langſam, ſo daß wir gut Schritt mit ihr halten konnten, lief ſie durch den unteren Gang, am Ende deſſelben durch eine offen ſtehende kleine Pforte gegen den See hinab, der das Schloß um⸗ gab und wo gewöhnlich ein Nachen lag. Ohne dieſen Nachen in⸗ deſſen zu beachten, wandte ſie ſich vor dem Thore rechts und klet⸗ terte an dem Felfen herum, auf dem einer der dicken Thürme ſtand, und gerade derſelbe, in dem ſich im erſten Stocke die alte Schloß⸗ kapelle befand. Dieſer Felſen war mit Brombeerſtauden und an⸗ derem Gebüſche bewachſen und von uns ſchon oberflächlich unter⸗ ſucht worden: wir wußten, daß ſich hier Spalten befanden, die aber nicht groß genug waren, um auch nur die ſchwächlichſte Ge⸗ ſtalt eines Kindes durchzulaſſen. „In eine dieſer Spalten nun verlor ſich die Katze, worauf der Vater eilig auf die Oeffnung zuſtürzte, um den Namen ſeines Sohnes zu rufen. Es erfolgte keine Antwort, und ſchon bemäch⸗ tigte ſich neue Angſt unſer Aller, als die Katze zurückkehrte ohne das Brod an ihrem Halſe, doch trug ſie diesmal an dem Schnür⸗ chen einen der Meſſingknöpfe von der Jacke des Knaben. Laut jubelnd wurde dieſes Zeichen begrüßt und nun ſogleich an die ſchwierige Arbeit gegangen, die Spalte ſo weit zu erweitern, daß ein Mann durchdringen konnte. Endlich gegen Morgen gelang es dem Vater, ſich nach unſäglichen Anſtrengungen durch die Felſen⸗ ſpalte zu zwängen, die ſich glücklicher Weiſe nach innen zu erwei⸗ terte, aber hier ſo abſchüſſig und glatt wurde, daß man ſich nur mittels eines Seils hinunterlaſſen konnte. 3 „Welches Entzücken, als der Vater jetzt auch auf wiederh 46 Erſtes Kapitel. Rufe eine, wenn auch ſchwache Antwort erhielt! Wie tief es hinab⸗ ging und wohin es überhaupt ging, war ihm gleichgültig: ſein armer Knabe lebte, und das war ihm genug. Bald auch und glücklich hatte er den Boden eines ziemlich tiefen Gewölbes er⸗ reicht und hielt Juan in ſeinen Armen, der ſich hier unten befand und ihm laut weinend in die Arme fiel, um alsdann kraftlos zu⸗ ſammenzubrechen.“ „Nun, Gott ſei Dank,“ ſagte Lytton,„Ihre Erzählung hat mich förmlich warm gemacht!“ „Und beide kommen noch glücklich aus dem tiefen Gewölbe?“ fragte Margarethe. „Gewiß, gewiß,“ fuhr lächelnd das junge Mädchen fort,„doch koſtete es Mühe, ihn hinaufzubringen. Dafür ging es aber auch im Triumphe nach dem Schloſſe zurück, wobei Vater und Mutter den Knaben abwechſelnd trugen oder ihn führten oder ihn herzten und küßten. Dann wurde er gleich ins Bett gelegt, was ſehr noth⸗ wendig war, denn es war bei Juan ein Fieber im Anzuge, welches noch am ſelben Tage aufs heftigſte ausbrach. Ach, und in dem⸗ ſelben phantaſirte er von allerlei ſchrecklichen Dingen: wie er hinuntergeſtürzt ſei, tief, tief hinunter, und lange bewußtlos ge⸗ legen, wie er endlich wieder zu ſich gekommen und umhergetappt, um zu erfahren, wo er ſei, und wie er alsdann gefunden, daß er ſich nicht allein befinde, ſondern daß neben ihm auf einem Steine eine ſchöne Dame ſitze in einem ſeidenen Kleide, aber mit einem Knochengeſichte— o, o, o, ol“ ſchloß Conchitta ſchaudernd, ein Ausruf der Erregung, den Lytton und ſelbſt Roderich wiederholten, während die kleine Margarethe ängſtlich näher rückte und die Hand des jungen Mädchens ergriff. „Ja, ja,“ fuhr dieſe nach einer Pauſe, noch bleicher geworden, als ſie gewöhnlich war, kopfnickend fort, während ſie langſam rings um ſich her ſchaute,„es fand ſich ſpäter Alles ſo, wie Juan es in ſeinen Fieberphantaſien geſagt.“ — Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 47 „Was ergab die Unterſuchung, die man doch gewiß aufs ſorg⸗ fältigſte leitete?“ fragte Lytton und ſetzte hinzu:„Nachdem Sie mit Ihrer Geſchichte uns ſo außerordentlich geſpannt, dürfen wir Alle genügende Aufklärung erwarten.“ „Dieſe Aufklärung fand ſich leicht, ſobald Juan wieder ſo ge⸗ ſund war, daß er Kraft genug hatte, um ſeine Eltern in den oberen Corridor und an die feſt verſchloſſene und verriegelte Ka⸗ pellenthür zu führen. Dieſe war in verſchiedene Felder eingetheilt, welche durch dicke, kupferne Nägel, ſowie oben und unten durch handgroße Muſcheln von gleichem Metall abgegrenzt und verziert waren. Der Knabe drückte auf eine der Muſcheln, und ſogleich öffnete ſich eines der eingeſetzten Felder, daß man bequem hindurch⸗ gehen und in die mit Staub erfüllte Kapelle treten konnte. Dies war ſein Verſteck, das er einmal zufällig entdeckt und wo ihn natürlich die anderen Kinder nicht auffinden konnten. „Als der Knabe zum erſten Male die Kapelle wieder betrat, blieb er ſchaudernd am Eingange ſtehen und zeigte mit der Hand auf den Altar am anderen Ende, von dem einſt eine prachtvoll geſtickte, jetzt aber zerfetzte Sammtdecke herabhing, wobei er ſagte: „Da, da war es!‘ Lange war er nicht zu bewegen, vorwärts zu ſchreiten, und wollte auch Niemanden erlauben, ſich dem Altare zu nähern, und erzählte dabei, oft habe er ſich hier in der Kapelle verſteckt, ſich aber dann meiſtens in der Nähe der Thür gehalten. Das letzte Mal jedoch ſei er aus Neugierde nach dem Altar ge⸗ gangen und habe die Decke betrachten wollen, an der ſich vorn, wie auch jetzt noch, etwas matt Glänzendes zeige. Dieſes matt Glänzende war ein Handgriff, der in früheren Zeiten durch die Sammtumhüllung bedeckt war, jetzt aber durch ein zerfreſſenes Loch aus derſelben hervorſah. Kaum habe er dieſen Handgriff an⸗ gefaßt, vielleicht auch daran gezogen, als der Boden unter ſeinen Füßen gewichen und er hinabgeſtürzt ſei. „Und ſo war es,“ ſagte Conchitta nach einem längeren Still⸗ 48 Erſtes Kapitel. ſchweigen, tief aufathmend,„vor hundert Jahren wahrſcheinlich auch jener unglücklichen Braut ergangen! ſie hatte fern vom Ge⸗ wühle der Gäſte dort vor dem Altare gekniet und hatte, ſich er⸗ hebend, jenen Handgriff angefaßt.“ „Und man traf Alles ſo, wie es der Knabe geſagt?“ „Alles ganz genau: die Fallthür öffnete ſich, wenn man an der bezeichneten Stelle zog, und als man mit Leitern von oben in das Gewölbe hinabſtieg, fund man dort die ſchauerlichen Ueberreſte jener Unglücklichen.“ „Eine höchſt intereſſante Geſchichte,“ meinte der Baron;„ich fürchte, ſie kommt mir im Traume vor, und hoffe alsdann nur,“ ſetzte er, ſich galant gegen das junge Mädchen verbeugend, hinzu, „daß ein anderes, ſchönes Bild jene entſetzliche Erſcheinung ver⸗ wiſchen möge.“ „Das Gewölbe, in dem man die Unglückliche gefunden,“ fuhr Conchitta mit leiſer Stimme fort,„wurde ſinniger Weiſe zu einer Kapelle umgewandelt, in deren Mitte ſie nun in einem weißen, marmornen Sarkophage ruht. Auch wurde die Oeffnung, zu der Juan's Vater hineingeſtiegen, zu einem Bogenfenſter erweitert, durch deſſen bunte Scheiben hier und da ein Strahl der Sonne und etwas von dem milden Lichte des Mondes fällt, ſo die ſchwer laſtende Finſterniß verjagend, die hier unten Hunderte von Jahren geherrſcht.“ „In der That, ein ſchöner Gedanke,“ rief Olfers,„eine poetiſche Idee, dort bei dem Fenſter vorbeizurudern und im bleichen Mondlichte das Fenſter dieſes ſo lang verborgenen Grabes leuchten zu ſehen!“ „Und die Katze?“ fragte Margarethe;„lebt ſie noch?“ „Wenn ſie noch lebt, iſt ſie wenigſtens recht alt geworden,“ erwiederte lächelnd das junge Mädchen;„aber Juan lebt noch, und ſo viel ich weiß, trägt er auch zuweilen noch eine rothe Halsbinde, beſonders wenn er zum Stiergefechte geht,“ ſetzte ſie leiſe hinzu. Walter, der mit ſo leichten Schritten, als es ihm nur mög⸗ Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 49 lich war, im Hintergrunde des Ateliers auf und ab ſpaziert war, und er hatte dies, um gar kein Geräuſch zu machen, auf einem alten Stücke Teppich gethan, dabei auch tüchtig aus ſeiner alten Pfeife gedampft, nahm dieſe jetzt aus dem Munde und trat auf das junge Mädchen zu, wobei er ohne viele Umſtände eine ihrer feinen Hände in ſeine knochige Rechte nahm, ſie derb ſchüttelte und dazu in ſeinem gewöhnlichen, rauhen Tone ſagte:„Ihnen kann es einmal nicht fehlen mit Ihrem poetiſchen Gemüthe und Ihrer lebendigen Auffaſſungsgabe: Bleiſtift, Pinſel oder Feder, was Sie ſchaffen, hat alles ſeinen Werth.“ „Ach,“ antwortete das junge Mädchen, ſichtlich erfreut,„wenn Sie es mir ſagen, Herr Walter, könnte es mich faſt ſtolz machen, denn ich habe von Ihnen noch nie etwas über meine kleinen Ar⸗ beiten gehört.“ „Deſſen kann ſich eigentlich Niemand rühmen,“ ſagte Olfers lachend,„oder wenn er Einem was ſagt, ſo ſind es Complimente, wie wir ſie vorhin hören mußten.“ „Pah, Ihr,“ gab der alte Maler zur Antwort, wobei er ſeinen Hut abnahm, nachdem er ſeinen Pfeifenſtummel wieder zwiſchen ſeine Zähne geſteckt und ſich mit der rechten Hand durch das graue Haar fuhr,„was gebt Ihr auf meine Worte? Ihr ſeid, in Eurer Idee nämlich, fertige, gemachte Baumrieſen, die kaum ein Sturm⸗ wind ein wenig auf die Seite drücken könnte— was ſoll gegen Euren Eigendünkel der ſchwache Hauch meines Mundes? Aber das da iſt eine friſche, lebendige Pflanze, die luſtig und gedeihlich aufwächst und die noch bildungsfähig iſt.“ b „Bedanken Sie ſich, Conchitta, Walter wird ja förmlich ga⸗ lant, was ihm noch nie vorgekommen iſt.“ „Früher habe ich auch Landſchaften gemalt,“ fuhr der alte Maler, ohne jene Einrede zu beachten, fort, wobei er ſeinen Bart ſtreichelte,„und wenn es Ihnen Vergnügen macht, ſo kann ich Ihnen gelegentlich etwas zeigen.“ 8 50 Erſtes Kapitel. „Nur um Gotteswillen nicht,“ rief Lytton in komiſch beſorgtem Tone,„um ſich danach zu bilden, denn bei ihm iſt der Himmel ſtahlfarbig, die grünen Bäume haben einen violetten Ueberzug, und wo er Sonnenlicht hingeſetzt, da thut er es mit einer raſenden Verſchwendung von Zinnober und Chromgelb.“ Walter wandte ſich achſelzuckend ab und ſagte:„Der Cognac unſeres Freundes iſt, der Himmel ſei gelobt, beſſer und geiſtiger als Deine Witze, an ihn will ich mich halten— an den Cognac nämlich.“ „Und ich hätte faſt unſern Maitrank vergeſſen,“ ſagte Roderich; „er wird jetzt ſo würzig geworden ſein, daß er nun vollſtändig den Vergleich mit einem Berliner Maitrank aushalten kann und ſo unſer Freund zufriedengeſtellt iſt.“ Er legte Palette und Pinſel neben ſich auf den kleinen Schemel, wo ſein Malkaſten ſtand, und ſchaute freundlich nach dem jungen Mädchen hinüber, welches ſich ſogleich erhob und ſein Schenkamt auf's Neue antrat, unterſtützt von dem Baron und Bergmüller, von denen der erſtere die Gläſer hielt und es ſo einzurichten wußte, daß die kleinen Finger der Spanierin zuweilen ſeine Hand ſtreiften, während der Kohlen⸗, Berg⸗, Waſſer⸗ und Nebelmüller den aufwartenden Knappen machte und dafür zum Danke mit dieſen verſchiedenen Namen belohnt wurde. Die Gläſer waren gefüllt und wurden von den Männern raſch geleert, während Conchitta nur leicht nippte und dann ihren Lieb⸗ ling, die kleine Margarethe, trinken ließ, welche ſich darauf an⸗ gelegentlich mit noch einigen Fragen über die Katze und die Hals⸗ binde an ſie wandte. „Nun, was ſagen Sie, Baron,“ rief Roderich, nachdem die Gläſer noch einmal gefüllt waren,„iſt unſer Maitrank gut?“ „Vortrefflich, exquis, délicieux, ich habe bei uns zu Hauſe in Berlin keinen beſſeren getrunken.“ „Schade, daß Sie ihn hier im Atelier genießen,“ nahm Lyt⸗ Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 51 ton das Wort;„um einen Maitrank zu würdigen, muß man tief im Waldesgrün lagern, im Dufte der Blätter und Blüthen, geiſtig ſchon halb berauſcht von Luft und Sonnenſchein und vom würzigen Hauche des Waldmeiſters, der rings um uns her wächst— dazu gehören ſchlanke Mädchengeſtalten und leuchtende Augen.“ „Oder man muß mit der Maitrank⸗Bowle lagern an der Höhe eines Berges,“ meinte nachſinnend Roderich,„im Schatten einer rieſigen Kaſtanie, hinter uns das große Gemäuer einer ehr⸗ würdigen Ruine, zu unſern Füßen die Schlangenwindungen des alten Vaters Rhein, goldig angeſtrahlt vom Abendſonnenſchein.“ „Ach ja, Du haſt Recht,“ rief Lytton, indem er ſein Glas hoch emporhob,„einem ſolchen Orte gebe ich auch faſt vor Waldes⸗ dunkel den Vorzug; man muß den göttlichen Rhein ſehen, um ſeine Gaben recht genießen zu können. Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſ re Reben,“ ſetzte er mit lauttönender, kräftiger Stimme ein, „Geſegnet ſei der Rhein.“ Und als er wiederholte:„Geſegnet ſei der Rhein“, da fiel Roderich ein, auch Walter, wobei er anſtändiger Weiſe ſein ge⸗ leertes Cognacglas wegſtellte und ſich von dem duftenden Tranke in ein uraltes, mächtiges Glas eingießen ließ. Bergmüller, der eine gute Stimme hatte, fiel in harmoniſch klingendem Tone ein, ſowie ebenfalls die jungen Künſtler, die hinter ihrem Carton hervor⸗ gekommen waren. Conchitta hörte dem ſchönen Liede mit leuchten⸗ den Augen zu, während das kleine Mädchen lachend in ſeine Hände klatſchte. Beim zweiten Verſe klang in Mercedes' Hand die Mando⸗ line richtig und ſicher, und als der heitere, glückliche Chor die letzte Strophe mit ihren innigen Worten alſo ſchloß: „Und wüßten wir, wo Jemand traurig läge, Wir brächten ihm den Wein—“— Erſtes Kapitel. da hatte die junge Spanierin die Melodie feſt in ſich aufgenommen und ſang, wenngleich leiſe, mit, während ſie ſich erhoben hatte und neben Roderich ſtand, den ſchönen, dunkeln, glänzenden Blick zu ihm erhebend. Leider wurde in dieſem Augenblick die Begeiſterung der Sänger unterbrochen, und zwar ſo raſch und unerwartet und ſo wenig paſſend für die gehobene Stimmung der anweſenden Künſtler, daß wir dieſer Unterbrechung nothwendiger Weiſe ein eigenes Kapitel widmen müſſen. II. „Es iſt eine alte Geſchichte.“ 3 traten drei Perſonen in das Atelier des Malers, geführt von Andreas, der mit etwas verlegenem Geſichte den Gobelin am Eingange aufhob, um ſie hindurchgehen zu laſſen. Der treue Diener, welcher im Garten beſchäftigt war„Bhatte vorauseilen wollen, um die Ankommenden zu melden, war aber durch einen gebieteriſchen Blick von einer dieſer Perſonen verhindert worden: es war dies eine Dame, welche auch das Gemach zuerſt betrat, obgleich ſie auf der Schwelle mit einem der beiden Herren, in deren Begleitung ſie war, ein paar Complimente gewechſelt hatte, um dieſen den Vortritt zu laſſen. Sie beeilte ſich übrigens mit ihrem Eintritte nicht be⸗ ſonders, blieb vielmehr ein paar Secunden unter dem Gobelin ſtehen, wobei ihre Mienen mehr ernſtes Erſtaunen als angenehme Ueberraſchung zeigten bei dem heiteren Leben, welches hier im Ate⸗ lier herrſchte. Es war eine große, etwas magere Dame, ſehr ele⸗ gant gekleidet, mit einem Geſichte, das einſtens ſehr ſchön geweſen ſein mußte; jetzt hatten die vielleicht früher ſanfteren Augen etwas Stechendes angenommen; die Naſe, welche wahrſcheinlich in einem volleren Geſichte nicht ſo auffallend bemerkt worden wäre, trat jetzt hart und knöchern hervor, und dabei bot der feſt zuſammengekniffene Mund mit den dünnen Lippen einige unangenehme Falten. Der 54 Zweites Kapitel. eine Herr neben ihr, dem ſie den Vortritt hatte laſſen wollen, war eine verlebte Perſönlichkeit, vielleicht hoch in den Vierzigen, dem ein geſchickter Schneider, ein talentvoller Friſeur ſowie gut ange⸗ wandte Pomade und ſonſtige Schönheitsmittel das Anſehen eines mit friſchen Farben angeſtrichenen, baufälligen Hauſes gaben, Uebrigens hatte er etwas entſchieden Vornehmes in ſeinem Aeußern, gewandte, ja, elegante Bewegungen und eine Art, ſeinen Kopf zu tragen, die auf Jemanden ſchließen ließ, der zu befehlen gewohnt iſt, eine Bemerkung, die wir beſtätigt finden, nachdem wir gehört, daß ihn die Dame mit dem Titel Euer Hoheit anredete. Die dritte der Perſonen war ein Mann von angenehmem Aeußern, der ſich ſtets in beſcheidener Entfernung hielt und der in ſeinen Ant⸗ worten, welche meiſt Zuſtimmungen waren, das Weſen eines Kammer⸗ herrn oder dienſtthuenden Adiutanten zeigte. Seine Hoheit konnten ſich bei Anhörung des Geſanges nicht enthalten, einige rhythmiſch paſſende Bewegungen zu machen, und ſagten alsdann:„Beſſer hätten wir's in der That nicht treffen können, ein Atelier im vollen Luſtre des Künſtlerlebens— nicht wahr, Werdenberg?“ wandte er ſich an ſeinen Begleiter. »Superbe!« ſagte dieſer. „Wenn man ſich einmal einen vergnügten Tag macht,“ fuhr die Hoheit mit lauter Stimme fort,„und aus der Proſa des Alltagslebens in die heiteren Regionen der Künſtlerwelt“— er wollte ſagen:„hinaufſteigt,“ verbeſſerte ſich aber und ſprach:„ein⸗ dringt, ſo thut es Einem unendlich wohl, ſogleich den ganzen charme dieſer heiteren Welt zu finden. Und wüßten wir, wo Jemand traurig läge, Wir brächten ihm den Wein—“ recitirte er halb ſprechend, halb ſingend, wobei er ſich mit einer graziöſen, tänzelnden Bewegung dem Herrn des Ateliers näherte und demſelben aus richtiger Entfernung ſeine Rechte entgegenſtreckte. Es iſt eine alte Geſchichte. 55 Roderich, dem dieſe Ueberraſchung weniger als gerade dieſer Beſuch unangenehm zu ſein ſchien, machte eine tiefe, aber ſehr förm⸗ liche Verbeugung, murmelte Einiges in den Bart, von dem man nur die lauter geſprochenen Worte: Außerordentliche Ehre— Kunſt⸗ kenner— Eure Hoheit,“ verſtand, wobei über das Geſicht Lytton's ein flüchtiges ſarkaſtiſches Lächeln glitt, das in des Sprechers Zügen wohl ſeinen Wiederſchein gefunden haben würde, wenn nicht Seine Hoheit, vor dem Künſtler ſtehend, ihm heiter nickend in das Ge⸗ ſicht geſchaut und geſagt hätte:„Gewiß, ich verſichere Sie, ich fühle mich in dieſen Räumen ſo behaglich, ganz wie zu Hauſe, wie bei Meinesgleichen.“ „Ob das für uns ein Compliment iſt!“ grollte Walter im Hintergrunde des Zimmers in das große Trinkgefäß hinein, nach⸗ dem er daſſelbe vorher faſt leer getrunken. „Schauen Sie um ſich, Werdenberg,“ fuhr Seine Hoheit in der allerbeſten Laune von der Welt fort,„das iſt das wahre Künſtlerleben, dieſe famoſe, maleriſche Umgebung— überall, wohin das Auge fällt, Kunſtgegenſtände, und dazu Wein, Liebe und Geſang.“ Das mittlere dieſer drei Worte ſprach er übrigens ſehr leiſe aus, während er, ſich herumdrehend, die ſchöne junge Spanierin erblickte, wobei er dem Herrn des Ateliers mit einem faunenartigen Lächeln zuwinkte. 3 3 „Darf ich mir erlauben,“ ſagte Roderich mit ſeiner ſonoren Stimme ruhig und ohne jede Bewegung,„Eurer Hoheit meine Freunde und Bekannten vorzuſtellen? Sie werden ſich glück⸗ lich ſchätzen, einen ſo warmen Beſchützer der Kunſt kennen zu lernen.“ „Wozu das, mein lieber Freund? Ich bin überzeugt, unter lauter gediegenen Künſtlern zu ſein, und möchte hier in der That nichts von Vorſtellung und dergleichen wiſſen,“ ſetzte er mit einer etwas affectirten Handbewegung hinzu. „So muß ich mir doch erlauben, Eurer Hoheit eine Ausnahme 56 Zweites Kapitel. vorzuſtellen, den Herrn Baron Hund vom Höllenſteine, unſern an⸗ genehmen Freund— ebenfalls ein Beſchützer der Künſte.“ „A— a— a—ah,“ ſagte Seine Hoheit mit einem ſehr lang gedehnten Tone, indem er ſich gegen den Vorgeſtellten wandte, ſeinen Kopf erhob und den Baron mit halb geſchloſſenen Augen und einer ziemlich kalten Miene betrachtete—„ah, Hund vom Höllenſteine, ich erinnere mich, eine märkiſche Familie, wovon mir zwei Branchen bekannt ſind,“ fuhr er mit einem Blicke auf ſeinen Adjutanten fort, den er durch ſeine gediegenen genealogiſchen Kennt⸗ niſſe in Erſtaunen ſetzen wollte,„zwei Branchen dieſer alten. reichen Familie, die mit den geſtutzten Ohren und die mit dem geſtutzten Schweife— zu welcher zählen Sie ſich?“ „Zur letzteren, Euer Hoheit; wir führen im Wappen den Hund mit geſtutztem Schweife.“ Der junge Engländer hatte ſich bei dieſer kleinen Unterredung raſch auf dem Abſatze herumgedreht und that, als ob er etwas vom Boden aufhebe, während ſelbſt der ſo ruhige und beſonnene Rode⸗ rich eine Secunde lang die Lippen auf einander preßte und dann mit großer Heiterkeit ſagte:„Wir verdanken dem Herrn Baron dieſe heitere Stunde; er behauptete nämlich, ein Maitrank, wie er in Berlin gebraut würde, habe unbedingt den Vorzug vor unſerem rheinländiſchen.“ „Ah, das iſt viel behauptet,“ meinte Seine Hoheit;„geben wir zu, daß alles, was in Berlin gemacht iſt, ſich durch einen eigen⸗ thümlichen feinen Schliff oder durch eine wunderbare Gediegenheit, guten Geſchmack, Intelligenz oder Kunſtſinn auszeichnet— ſagen wir, daß man in Berlin ganz vortrefflichen Maitrank genießt, aber beſſer, als wie hier am Rheine, iſt doch wohl ein Bischen zu viel behauptet. Ja, wenn man vielleicht rheiniſche Waldkräuter nach Berlin brächte und dort den Maitrank anfertigen ließ, ſo würde er vielleicht durch die Feinheit der Anfertigung einen Vorzug gewinnen. — Aber, meine Herren,“ fuhr er in einem veränderten Tone und , 8 Es iſt eine alte Geſchichte. 57 wie ſich gewaltſam dem eben geführten Geſprächsthema entreißend fort,„über Vorſtellung und Maitrank vergeſſen wir ſchändlicher Weiſe die Hauptſache, das Bild unſeres Meiſters— es hat mich ſehr gefreut, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben, Baron Hund!“ Mit dieſen Worten verabſchiedete ſich der Prinz von dem ſich tief verneigenden Baron und rief dann ſeinen Adjutanten, um ſich in Geſellſchaft deſſelben mit zuſammengelegten Händen und dem Ausdrucke des Erſtaunens und Entzückens vor das große Bild Roderich's hinzuſtellen. Wir ſahen uns genöthigt, die Dame, welche vor den beiden Herren das Gemach betrat, einen Augenblick zu vernachläſſigen, was aber wohl verzeihlich iſt, da ſie ſich gleich nach ihrem Eintritte aus dem Geſichtskreiſe der Anweſenden verlor. Ihr ſcharfes Auge hatte nämlich nicht ſobald die kleine, für alle übrigen reizende Gruppe der jungen, ſchönen Spanierin mit dem kleinen Mädchen bemerkt, das, in ihren Schooß geſchmiegt, neben ihr ſaß, als ſie nicht ſehr laut, aber in etwas ſchrillem Tone den Namen Margarethe rief, worauf das Kind faſt zuſammenſchrak, aber augenblicklich emporfuhr und zu ſeiner Mutter eilte. Dieſe fuhr ihm mit der Hand leicht über das Haar, ſtatt es aber in liebevoller Art zu küſſen oder auch nur mit herzlichem Ausdrucke zu betrachten, wandte ſie ſich langſam gegen ihre am Eingange des Ateliers erſcheinende Dienerin, welche nicht mehr Zeit gehabt hatte, vor den Eingetretenen das Haus und das ihr anvertraute Mädchen wieder zu gewinnen, und blickte ſie ein paar Secunden lang mit ihren ſtechenden Augen ſcharf an, ehe ſie ihre dürren Lippen öffnete und, obgleich nur hauchend und ziſchend, aber für die Gouvernante ſehr vernehmlich ſprach:„Nennen Sie das auf mein Kind Acht geben, wenn Sie ſich im Garten oder wer weiß wo herumtreiben und es unterdeſſen fremden Händen überlaſſen?“ Der Herr hat die kleine Margarethe gerufen,“ ſagte das junge Mär n in verſchüchtertem Tone und ohne zu wagen, mit ihren 5 Ho der's Werke. 52. Bd. 5 Zweites Kapitel. wenn der Herr ſie riefe. „Sie haben nichts zu denken, nur meine Befehle pünktlich zu erfüllen; ich will mein Kind nicht in ſolchen fremden Händen wiſſen — pfui!l“ ſetzte ſie mit einem unbeſchreiblichen Zucken ihres Mun⸗ des hinzu.„Sie waren daher geſchickt, um das Kind in der friſchen Luft des Gartens ergehen zu laſſen, aber nicht in dieſer — Atmoſphäre,“ ſchloß ſie mit einem Ausdrucke tiefer Verachtung. Die Kleine folgte faſt widerſtrebend der Gouvernante und nicht, ohne mehrere Male nach Conchitta hinüber zu ſchauen, die ſich in⸗ deſſen abgewandt hatte und durch das Fenſter an den blauen Himmel hinaufſchaute, ohne auf die ſüßen Bemerkungen des Barons Hund vom Höllenſteine zu achten, der vor ihr ſaß und ſie ſchwär⸗ meriſch anblickte und ohne Binde⸗ und andere Worte nur in Aus⸗ rufungen ſprach. Vielleicht war er darin das Echo Seiner Hoheit, denn auch dieſe ſagte nichts als:„Wunderbar groß und ausgezeichnet, immens concipirt und ausgeführt— ſehen Sie, Werdenberg!“. Und Werdenberg ſagte:.„Auf Ehre, superbe! räuberhaft ſchön!“ „Sehen Sie dieſe Zeichnung, dieſes Colorit,“ fuhr der Prinz fort, indem er ſeine Arme vor der Bruſt verſchränkte und das Gemälde mit ſeitwärts geneigtem Kopfe betrachtete,„dieſe lebens⸗ volle Wahrheit, dieſer fabelhafte Ausdruck in allen Köpfen, welcher Genuß, ſo etwas in der Arbeit ſehen zu dürfen— ich bitte Sie, Werdenberg, ich finde namentlich die Compoſition über alle Be⸗ ſchreibung ſchön!“ „Gewiß, Euer Hoheit, superbe,“ ſagte der Adjutant und ſetzte für ſich, ſtill ſchwärmend, als Steigerung hinzu:„Auf Ehre, räuber⸗ huft ſchön— trichinenhaft!“ Obgleich Seine Hoheit, wie wir eben darzuthun uns erlaubten, außer ſich vor Entzücken ſchien über das in der That ausgezeichnete Blicken den Augen der Berein zu begegnen,„und da ich dachte, ——r— Es iſt eine alte Geſchichte. 59 Bild Roderichs, ſo warf er doch, während er vor der Leinwand hin und her trat, manche vergebliche Blicke rechts und links an derſelben vorbei, um das Geſicht des jungen Mädchens ſehen zu können, deren ſchlanke, wundervolle Körperformen begreiflicher Weiſe ſeine Aufmerkſamkeit aufs höchſte reizten. Endlich erreichte er ſeinen Zweck, aber nur dadurch, daß der Baron Hund vom Höllenſteine eine allzuſüße Redensart gegen Conchitta wagte, worauf dieſe ſich unmuthig umwandte, ſich aber raſch wieder wegdrehte, als ſie in das gierige Auge des abgelebten Prinzen blickte. „Sehen Sie, Werdenberg,“ ſprach Seine Hoheit in einem leiſe ſein ſollenden Tone,„dieſes prachtvolle modèle d'atelier— ah, was dieſe Künſtler für glückliche Menſchen ſind! Betrachten Sie die Kleine und ſagen Sie mir, ob ſie nicht ganz verführe⸗ riſch iſt!“ Und der Adjutant ſagte:„Auf Ehre, superbe!“ und blickte mit ſeinem eingeklemmten Augenglaſe nach dem jungen Mädchen. Der Herr des Ateliers hatte die Bemerkung des Prinzen wohl gehört und eine leichte Röthe des Unmuths fuhr über ſeine Züge. „Verzeihen mir Euer Hoheit,“ ſagte er alsdann,„daß ich vergaß, jener jungen Dame den Namen Curer Hoheit zu nennen.“ „Gewiß, daran thaten Sie Unrecht,“ erwiderte der Prinz heiter lächelnd, indem er ſich die Hände rieb.„Bitte, ſtellen Sie mich dieſem reizenden Kinde vor— nennen mir aber auch ihre Wohnung,“ ſetzte er mit leiſem Tone hinter der vorgehaltenen Hand mit einem ſehr bezeichnenden Aufſchlage ſeiner Augen gegen Roderich hinzu. Dieſer biß ſich auf die Lippen, und nur ein Blick auf Lytton, der ſich achſelzuckend abwandte, ließ ihn eine Bemerkung nieder⸗ ſchlucken, und dann machte er mit einer Handbewegung gegen den Fürſten ein paar Schritte auf das junge Mädchen zu, wobei er ihren Namen nicht ohne die Bezeichnung Sennora ausſprach und hierauf fortfuhr:„Seine Hoheit, der Prinz Heinrich wünſcht, 60 Zweites Kapitel. Ihnen vorgeſtellt zu werden.“ Seinen Malerſtock, den er noch in der Hand hielt, ſtellte er jetzt mit ausgeſtrecktem Arme neben ſich auf den Boden, ungefähr in der Art, wie es ein Hofmarſchall in Funktion mit ſeinem Amtsſtabe macht, und ſagte alsdann mit ſehr lauter Stimme:„Ich habe die Ehre, Eurer Hoheit La Sennora Marqueſa Donna Conchitta aus dem Hauſe der de Monterey y Vyzcarro vorzuſtellen, eine junge Dame von außerordentlichem Talente, eine Künſtlerin im wahren Sinne des Wortes, welche heute die große Gefälligkeit hatte, in Begleitung ihrer älteren Schweſter, Donna Mercedes, hierher zu kommen, um mir für die Hauptfigur meines Bildes die Züge ihres unverg leiclicen Profiles zu erlauben.“ Roderich hatte, indem er ſo ſprach, ſeine⸗ Blifke von Conchitta ab und ſeiner Frau zugewandt, welche ſich von Baron Hund und dem jungen Bergmüller unterhalten ließ. Dabei betonte er ſeine Worte ſo laut und ausdrucksvoll, daß die eben genannten Drei umſchauten, worauf er, ein paar Schritte gegen ſeine Frau machend und ſich direkt an ſie wendend, nicht ohne B jehung auf die eben ſtattgehabte Vorſtellung fortfuhr:„Ich glaube auch in Deinem Sinne geredet zu haben, als ich vorhin der Seſlnora Vorwürfe machte, daß ſie ſeit langer Zeit nicht mehr unſer Haus beſucht, Vorwürfe, in welche auch unſere kleine Margarethe lebhaft ein⸗ ſtimmte.— Euer Hoheit müſſen wiſſen,“ wandte er ſich wieder an dieſen,„daß Sennora Conchitta mir von lieben Freunden dringend empfohlen iſt und daß ſie, wie Sie vielleicht bei Ihrem Eintritte zu bemerken Gelegenheit hatten, mein kleines Mädchen aufs liebens⸗ würdigſte protegirt, eigentlich verwöhnt.“„ Conchitta, welche augenſcheinlich glücklicht war, durch die an m Frau Hildegard gerichteten Worte den Blicken des Fürſten entgehen zu können, machte raſch ein paar Schritte gegen die Herrin des Hauſes und verneigte ſich vor derſelben auf eine eben ſo einfache als ſitt⸗ ſame Art, was die Andere mit einer kaum bemerklichen ſteifen Es iſt eine alte Geſchichte. 61 Neigung des Kopfes erwiederte; doch konnte ſie es dabei nicht unter⸗ laſſen, in heftiger, weiblicher Neugierde, ja, in der Hoffnung, irgend eine Veränderung zu entdecken, ihre ſcharfen Blicke ein paar Sekun⸗ den lang auf das Geſicht des jungen Mädchens herabzuſenken, welches ihr einſtens gleichgültig geweſen war, ehe ſie Veranlaſſung zu haben glaubte, es zu haſſen. Mochte ſie nun trotz ihres Vor⸗ urtheils in dieſen reinen, lieblichen Zügen etwas finden und er⸗ kennen, was durchaus nicht ſo war, wie ſie es erwartet, wie es ihr vorgeſchwebt, oder war es der gewöhnlich richtige Inſtinkt des Weibes gegenüber einer Andern ihres Geſchlechtes— genug, das ſarkaſtiſche, faſt verächtliche Lächeln auf ihrem Geſichte milderte ſich zu einem ernſten, beinahe wehmüthigen Ausdrucke, und Roderich, der es nicht unterlaſſen konnte, forſchend hinüber zu ſchauen, ver⸗ ſtand wohl den auflodernden gehäſſigen Ausdruck in den Blicken ſeiner Frau, als ſie jetzt auch nach ihm hinſah, und wandte ſich mit einem leichten Seufzer ab. Wie zum Schutze ihrer jüngeren Schweſter gegen die ſtrengen Blicke der ſo ſtarr und aufrecht da ſtehenden Frau des Hauſes hatte Mercedes den dunklen Winkel verlaſſen, wo ſie ſtill betrachtend ſaß, und ſagte nun, ſich nähernd und Conchitta's Hand ergreifend: „Von meiner Schweſter, Frau Oltfers, dürfte ich wohl ſagen, ſie ſei mein Kind, denn ſeit ihrer Geburt habe ich ſie gehegt und ge⸗ pflegt wie eine Mutter, da ſie ſchon in der Wiege verwaist war. Die Leute, wenn ſie mich ſo anſehen,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu, „halten ſie auch für mein Kind— ja, ich habe ſie erzogen, und hoffentlich gut erzogen.“ Frau Hildegard nickte gegen Mercedes ein wenig tiefer mit dem Kopfe und es erſchien etwas wie ein Lächeln auf ihren Zügen, welches aber Lügen geſtraft wurde durch den eiſig kalten Ton, mit dem ſie ſagte:„Den Vorwürfen meines Mannes muß ich auch die meinigen anreihen— Sie haben ſich wirklich zu lange nicht bei uns ſehen laſſen!“ worauf ſie ſich mit einer heftigen Bewegung 62 Zweites Kapitel. rauſchend umwandte, mit dem Geſichtsausdrucke einer edeln Dul⸗ derin, welche äußerſt gelungene Miene ſie durch einen tiefen Athem⸗ zug verſtärkte. Dann fuhr ſie fort, indem ſie raſch auf ihres Mannes Bild zuging:„Ich muß doch ſehen, wie er den intereſſanten Kopf benutzt hat.“ 4 Die beiden Gatten ſtanden in dieſem Augenblicke allein vor dem Bilde. 3. „Guten Tag!“ ſagte ſie in dem uns bekannten, ſcharfen Tone, ohne ihn anzuſehen. „Guten Tag, Hildegard!“ gab er mit milder Stimme zur Antwort und ſetzte hinzu:„Es war mir bis jetzt nicht möglich, Dir einen freundlichen Gruß zuzurufen.“ „Auch unnöthig einem ſolchen Störenfried wie ich bin!“ „Du ſtörſt mich nie, namentlich wenn Du allein kommſt.“ „O doch, ich ſtöre Dich und Deine ſo fröhliche Geſellſchaft, deßhalb komme ich nur gezwungen hieher. Prinz Heinrich bat mich, ihn nach Deinem Atelier zu geleiten— nur deßhalb ſtörte ich Dich in Deiner Fröhlichkeit; verzeihe mir das— wie ich ja gezwungen bin, Dir ſo Vieles verzeihen zu müſſen!“ Wort und Ton der Stimme zielten in beſter Vereinigung nach ſeinem Herzen, und damit er nicht im Stande ſei, dieſen Stich abzuwehren, warf ſie ihren Kopf in die Höhe und verließ das Bild, um ſich zu Seiner Hoheit zu begeben, welche die verſchiedenen Gegen⸗ ſtände an den Wänden, auf den Tiſchen und Stühlen mit lauten Ausrufen der Bewunderung muſterte. Und der Adiutant, der hinter ihm dreinſchritt, wiederholte verſchiedene Male:„Auf Ehre, superbe!“ „Ahl“ machte Roderich, und nachdem er ſeiner Frau einen düſtern Blick nachgeſandt, faßte er ſich gewaltſam und ſprach dann zu ſich ſelber:„Tragen wir unſere Leiden mit Geduld, mit gutem Humor und gutem Gewiſſen!“ Er ſtellte den Malerſtock neben die Staffelei und ging zu Walter hin, der in der Ecke am Kamine ———⸗—⸗xx:õ————— Es iſt eine alte Geſchichte. 63 neben dem Tiſche ſaß, auf dem die Maitrank⸗Bowle ſtand.„Gib mir den Pokal,“ ſagte er leiſe und lächelnd,„ich muß ihn auffüllen für einen Höheren, als Du biſt— Du kannſt Dir ſpäter einbilden, 12 er habe Dir zugetrunken.“ „Damit ich Leibſchmerzen bekäme, he!⸗ grollte der alte Maler . und ließ es nur widerſtrebend geſchehen, daß der Herr des Ateliers den alten Becher mit dem duftigen Weine auffüllte und ihn mit zwei anderen, ebenfalls noch vollen Gläſern auf eine antike Credenzplatte ſetzte und hierauf den Maitrank Seiner Hoheit, deſſen Adjutanten und ſeiner Frau darbot. Alle Drei nahmen, tranken aber auf ſehr verſchiedene Weiſe; der Fürſt zeigte ein ſichtliches Erſchrecken über den großen Kelch und nippte nur daran, was ihm von Seiten Walter's ein verächt⸗ 3 liches Lächeln eintrug. Frau Hildegard ſchien ihr Glas wie mit etwas Wohlriechen⸗ dem angefüllt zu betrachten, denn ſie roch nur daran und ſtellte es alsdann auf den kleinen Tiſch. Der Adjutant war der Einzige, der die Gabe zu würdigen wußte; er betrachtete den Wein einen Augenblick prüfend, indem er das Glas gegen das Licht hielt und ſein linkes Auge zukniff. Dann ſetzte er's an den Mund, zog den ſüßen, duftigen Trank mit wah⸗ rem Wohlbehagen in ſich hinein, ſchnalzte alsdann mit den Lippen und ſagte:„Auf Ehre, räuberhaft!“ Nachdem der Fürſt wiederholt zu der jungen Spanierin hin⸗ gegangen und mit ihr und ihrer Schweſter noch einige Worte ge⸗ wechſelt, wobei er den vergeblichen Verſuch gemacht, aus dem Munde 4 Conchitta's deren Wohnung zu erfahren, drückte er dem Herrn des Ateliers aufs cordialſte die Hand, worauf er Frau Hildegard die Verſicherung gab, er verdanke ihr eine ganz deliciöſe, koſtbare Stunde; dann grüßte er den Baron Hund mit einem freundſchaft⸗ lichen Winke ſeiner Rechten und die übrigen Künſtler, indem er dicht vor dem Gobelin ſeinen Hut mit einem Rundcomplimente —————— 64 Zweites Kapitel. gegen ſie ſchwenkte, ehe er ihn aufſetzte, was er aber nicht früher that, als bis die Dame des Hauſes das Atelier verlaſſen hatte. Seine Hoheit wandten ſich aber noch einmal gegen das Innere des Gemaches, ſtreckten wie bewundernd ſeine beiden Arme aus und riefen:„Wahrhaftig, eine Umgebung für Künſtler, ſo ſchön, ſo harmoniſch, ſo ausgezeichnet, wie ſie ſich nur eine kühne Phantaſie denken kann— wunderbar!“ Und der Adjutant murmelte im Abgehen:„Auf Ehre, nicht nur superbe, ſondern räuberhaft ſchön— trichinenhaft!“ Der Gobelin war ſchon eine ziemliche Zeit hinter den Weg⸗ gegangenen niedergefallen, ehe einer der Zurückbleibenden, als geſchähe das auf Verabredung, irgend etwas that oder ſagte, was ſich auf den eben da geweſenen Beſuch bezogen hätte. Rode⸗ rich hatte Palette und Malerſtock ergriffen und fuhr mit dem Pinſel auf der Leinwand, wie es ſchien, ziemlich abſichtslos, umher, und erſt als ihm Conchitta mit ihrer angenehmen Stimme ſagte: „Meiſter Roderich, ich habe noch viel Zeit und viel Luſt, Ihnen zu ſtehen!“ erwachte er wie aus einem Traume und begann wieder an dem weiblichen Kopfe auf ſeinem Bilde zu arbeiten. „So,“ ſagte Lytton nach einer längeren Pauſe, während welcher er einen Standpunkt geſucht und gefunden, um ſeine Zeichnung zu vollenden,„jetzt kämen wir allgemach wieder zur Ruhe.“ Die jungen Künſtler hatten ſich hinter ihren Carton zurück⸗ gezogen und Bergmüller ſaß auf dem Stuhle des Barons Hund vom Höllenſteine, welcher verſchwunden war; er hatte ſich, ehe der Gobelin noch ganz niedergefallen war, durch eine ſehr kleine Oeff⸗ nung ſachte hinausgeſchlängelt und war ſo glücklich geweſen, dem hohen fürſtlichen Beſuche, ehe dieſer in den Wagen ſtieg, nochmals ſeine allergehorſamſte Verbeugung zu machen. Für heute Morgen kam er auch nicht wieder in die bürgerliche Luft des Ateliers. Walter hatte ſich des großen Gefäßes wieder bemächtigt, und nachdem er etwas von dem Inhalte auf den Boden geſchüttet, zum — Es iſt eine alte Geſchichte. 6 5 Dankopfer für die Unterirdiſchen, wie er ſagte, hockte er auf eine kleine Treppe, die dazu benutzt wurde, um Gegenſtände von der Wand herabzunehmen. Niemand ſprach— es herrſchte eine tiefe Stille in dem ein⸗ ſamen Gemache. Da war ein einziges Wort ſchuld daran, daß dieſe faſt unan⸗ genehme, hier wenigſtens peinliche Stille plötzlich unterbrochen wurde und derſelbe Geiſt der Heiterkeit wieder hereinſchwebte, der vorhin bei dem vornehmen Beſuche entflohen war. Einer der jungen Künſtler nämlich hinter dem Carton fragte den anderen mit leiſe ſein ſollender Stimme, doch ſo, daß es alle Welt hören konnte:„Wie findeſt Du auf meinem Bilde dieſen Schafskopf?“ „Auf Ehre, superbe— trichinenhaft!“ Da lachte Lytton laut auf, Roderich ebenfalls, Bergmüller ſchrie vor Vergnügen förmlich hinaus und ſelbſt der alte Walter wackelte heiter mit dem Kopfe. „Räuberhaft!“ „Ach, was,“ rief der Herr des Ateliers, indem er die Palette neben ſich auf den Tiſch warf,„hätte ich mir doch faſt die gute Laune dieſes ſchönen Morgens verderben laſſen— ach, und man hat der ſchönen Augenblicke ſo wenig in dieſem armen Leben! He, Andreas,“ rief er mit ſeiner mächtigen Stimme, daß es laut durch das Gemach hallte,„unachtſamer, fauler Knecht, fülle wenigſtens die Gläſer, wenn Du auch nicht im Stande geweſen biſt, Deinen Herrn und ſeine Gäſte vor vornehmem Beſuche zu be⸗ wahren!“ Andreas ſchlich herein und verſah ſein Amt als Mundſchenk mit großer Emſigkeit, worauf er mit geſenktem Kopfe zu ſeinem Herrn ging und ihm zwei Roſen überreichte, welche die kleine Mar⸗ garethe abgepflückt und ihm gegeben, die eine für Papa, die andere für die gute Conchitta. Zweites Kapitel. „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein,“ ſang Walter mit ſeiner ſo unbeholfenen Stimme und in einer ſo wenig paſſenden Tonart, daß Niemand einzuſtimmen im Stande und es ſelbſt den jungen Künſtlern hinter dem Carton unmöglich war, bei dem Juvivallera mitzuthun. Dafür hörte man aber eine andere Stimme hinter dem Gobelin in etwas dünnem krähendem Tone, aber in heiterer Laune ſo gut als möglich einſtimmen; dann wurde der Gobelin etwas auf die Seite geſchoben und es trat Jemand in das Atelier, dem nicht nur Alle freundlich zunickten, ſondern dem Conchitta raſch ent⸗ gegeneilte, ſeine beiden Hände ergriff und ihn dann zu Roderich führte. Der Angekommene hatte in ſeinem Aeußern durchaus nichts, was einen ſo warmen, ja, herzlichen Empfang gerechtfertigt hätte; es war eine kleine, magere, unbedeutende Perſönlichkeit mit einem alltäglichen Geſichte, nur ſah man in demſelben gute, freundliche Augen; der Kopf war ſpärlich mit hellblonden Haaren bedeckt, dabei ſchleppte er den linken Fuß etwas hinkend nach, und dies war wohl die Schuld, warum ſich ſein ſchwächlicher Körper ſtark nach dieſer Seite hinneigte und ſich dabei auf einen dicken Stock ſtützte. Ueber ſeinen Anzug war nicht viel zu ſagen, er war einfach und ſauber, und das einzige Außergewöhnliche an ſeiner Bekleidung war vielleicht der Hut, der für die kleine Geſtalt des Mannes etwas hoch und ſpitz war und eine ſehr breite Krämpe hatte. Roderich reichte ihn die Hand und ſagte freundlich:„Guten Morgen, lieber Schmitz!“ während Lytton, der in der Nähe ſtand, ihm leicht auf die Schulter klopfte, wobei er fragte: „Wie geht's, Michel Angelo?“ „Gut, gut, ſo vortrefflich als möglich,“ gab der kleine Mann zur Antwort, wobei er heiter um ſich ſchaute und dann ſeine freund⸗ lichen Blicke auf dem jungen Mädchen ruhen ließ, das vor ihm ſtand und ihn lächelnd anſah. Es iſt eine alte Geſchichte. 67 „Aha, ich weiß ſchon, was Dich her treibt, alter Schwede,“ ſagte Walter, der dieſen Blick bemerkte.„Willſt Du Dich nach Conchitta umſchauen? Iſt ſie Dir vielleicht zu lange ausgeblieben?“ „Das nicht, gewiß nicht,“ erwiederte Michel Angelo Schmitz, denn dies war ſein Tauf⸗ und Zuname;„wenn ſie auf die Akademie geht, bleibt ſie noch länger, und ich finde ſie hier in der allerbeſten Geſellſchaft,“ ſetzte er hinzu, indem er Mercedes zu⸗ winkte. „Laß Dir ein Glas Maitrank geben, Schmitz,“ ſagte der alte Maler, ohne aufzublicken;„er iſt gut, und wenn man keine Gelegen⸗ heit hat, ihn im Walde zu trinken, ſo muß man ſchon damit in einem dumpfigen Atelier vorlieb nehmen. Juvivallera, juvivallera, juvivalleralalala!“ brummte er in den Bart, nachdem er ſein großes Gefäß wieder einmal ausgetrunken. „Wollten Sie nach mir ſehen, lieber Schmitz?“ fragte Con⸗ chitta mit ihrer ſanften, einſchmeichelnden Stimme. „Ja und nein,“ erwiederte Michel Angelo, indem er mit einem ſehr pfiffigen Lächeln rings umherſchaute, daß Lytton ſagte: „Jetzt paßt nur auf, dieſer durchtriebene Schelm hat irgend eine Abſicht, und wo er ſeine Schraube anſetzt, da kommt er auch durch, mag das Brett noch ſo dick ſein; ehrlich herausgeſagt, Schmitz, wer von uns iſt heute Dein Brett? Wenn ich's nicht bin,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu,„ſo helfe ich Dir bohren.“ 8 „Es iſt ſchade,“ gab der kleine Manm zur Antwort, wobei er den Knopf des Stockes unter ſeine Naſe drückte,„daß dieſer Lytton kein Rathsherr geworden iſt.“ „Habe ich Recht?“ „Ich will es nicht läugnen; da ich die gute Conchitta hier wußte, ſo dachte ich mir, jetzt willſt Du mit ihrer Hülfe doch noch einen Verſuch machen, um etwas heraus zu bekommen, was mir Roderich ſchon lange verſprochen.“ 8 68 4 Zweites Kapitel. „Und was hätte ich Dir ſchon lange verſprochen?“ antwortete der Herr des Ateliers, ohne aufzublicken ruhig weiter malend. „Dieſe Frage kannſt Du Dir doch wohl ſelbſt beantworten,“ meinte Lytton.„Wofür bohrt Michel Angelo? Warum bettelt er? Nicht um Geld und Gut, das iſt weltbekannt.“ „Gewiß nicht,“ ſprach der kleine Mann, mit ſeinem gut⸗ müthigen Geſichtsausdrucke ehrlich um ſich blickend;„aber Roderich hat mir ſchon vor längerer Zeit eine Zeichnung verſprochen, und da bin ich denn gekommen, und Conchitta ſoll mir bitten helfen.“ „Ja, ja, das will ich,“ rief das junge Mädchen, ihre Hände fröhlich zuſammenſchlagend;„ja, ja, wenn Meiſter Roderich eine Zeichnung verſprochen hat, ſo wollen wir bitten, bis er ſie herausgibt.“ „Habe ich Dir wirklich eine Zeichnung verſprochen, Schmitz?“ fragte der Herr des Ateliers.„Du haſt das gut ſagen; wenn Du es aber zufällig beſchwören kannſt, ſo werde ich mein Wort halten.“ „Sehen Sie, wir brauchen nicht einmal zu bitten,“ ſagte Conchitta mit einem Blicke auf Roderich, wobei ihre Fröhlichkeit verſchwand, um ihrem gewöhnlichen, ernſten Geſichtsausdrucke Platz zu machen. 4 „Ich ſchwöre,“ ſagte Michel Angelo feierlich,„beim Styx, beim Zeus, beim Anubis oder bei jenem großen Manne, deſſen Vornamen man mir gegeben!“ „Dein Vater war ein alter Narr, als er das that; er hätte wiſſen ſollen, daß aus Dir nie ein Maler wird.“ „Doch das iſt alles zu wenig,“ fuhr Schmitz fort, ohne auf dieſe Bemerkung zu achten,„ich ſchwöre bei unſerer lieben, guten Conchitta!“ 3 „Nein, nein,“ erwiederte das junge Mädchen raſch,„ein ſolcher Schwur gilt nicht!“ „Doch, er gilt,“ ſagte Roderich lebhaft, indem er dem Anderen Es iſt eine alte Geſchichte. 69 1 ſeine Rechte entgegenhielt—„da, ich wiederhole vor Zeugen mein Verſprechen!“ „Damit iſt dem Michel Angelo eben ſo geholfen, als wenn Du ihm auf den alten Kaiſer hin eine Million verſprochen hätteſt,“ ſprach Wal⸗ ter;„er will ſeine Zeichnung haben, in Händen halten— er pfeift auf Dein Verſprechen! Willſt Du vielleicht auch von mir eine Zeichnung?“ „O, gewiß,“ rief der kleine Mann eifrig,„Du fehlſt mir auch noch in meiner Sammlung!“ „Sollſt eine haben, Mann, ſobald Du mir die von Roderich zeigen kannſt.“ „Halt' ihn beim Worte,“ ſagte der Herr des Ateliers,„ich werde heute noch etwas für Dich ſuchen?“ „Hier?“ „Nein, zu Hauſe— hier in meinen Mappen findet ſich nichts Paſſendes für Dich. Begleite mich und bleibe bei mir, bis Du das Verſprochene haſt.“ „O, das iſt ſchön,“ rief die junge Spanierin,„ſo erhalten Sie zwei Zeichnungen! Ich danke Ihnen herzlich, Meiſter Rodriguez, es i*ſt gerade ſo, als wenn Sie mir ein Geſchenk gemacht hätten; es iſt mein Honorar, weil ich Ihnen Modell geſtanden, und wenn Sie meinen Kopf oder meine Hand gebrauchen können, ſo dürfen Sie mir nur ein Wörtchen ſchreiben!“ „Wieder um eine Zeichnung für Schmitz?“ fragte Roderich mit einem eigenthümlichen Tone, indem er das junge Mädchen ziemlich ernſt anſah. „O nein, ich bin nicht ſo eigennützig; die eine Zeichnung, die Sie Schmitz gegeben, bezahlt mich vollſtändig!“ „Und ſo brauche ich Ihnen denn nicht einmal mehr meinen Dank zu ſagen?“ Conchitta ſtutzte über dieſe Worte oder vielmehr über den Ton, in welchem der Maler ſie ausſprach.„Iſt die kleine Mühe,“ ſprach ſie,„denn eines Dankes werth?“ ſſſſ 70 Zweites Kapitel. „O doch, eines Dankes und einer dankbaren Erinnerung?“ Er blickte ſie bei dieſen Worten ſo ernſt, faſt düſter an, daß ſie ihre Augen niederſchlug, doch nur eine Sekunde; dann ſchaute ſie ihn wieder leuchtend und ſtrahlend an, reichte ihm ihre beiden kleinen Hände und ſagte mit einer Stimme, von der außer ihr nur er fühlte, daß ſie nicht feſt wie gewöhnlich klang:„Nein, ich danke Ihnen vielmehr, daß Sie mir erbauben, Ihr Atelier zu be⸗ ſuchen, und dafür werde ich immer und immer eine dankbare Er⸗ innerung haben!“ 4 „Was nutzt Dich der Beſuch aller Ateliers der Welt!“ rief Walter in deklamatoriſchem Tone.„Wirſt Du in ihnen etwas lernen? Nein, und hundert Mal nein, die deutſche Kunſt iſt todt, der Maitrank iſt zu Ende— ich verſtehe, Lenker im Himmel, mein Herbſt iſt kommen, die Blätter fallen ab von den Bäumen— addio!“. Damit drückte er ſeinen Hut feſt auf den Kopf und ver⸗ ſchwand, ohne ein Wort weiter zu verlieren, hinter dem Gobelin. Conchitta ließ es geſchehen, daß Roderich eine ihrer überaus feinen und zierlichen Hände einen Augenblick betrachtete und dann haſtig und verſtohlen an ſeine Lippen drückte.„O,“ ſeufzte er, „daß wir von ſo vielem Schönen und Herrlichen nichts behalten, als eine blaſſe Erinnerung!“ Lytton war zu Bergmüller gegangen, der ihm eine Papier⸗ cigarre drehte, worin der Waſſer⸗ und Nebelmüller eine große Virtuoſität beſaß; dann zog jener ſeine Uhr heraus und ſagte: „Ah, es iſt ſchon zwei Uhr— gut, daß es Sommer iſt, wo ich mir aus einer kalten Suppe nichts mache!“ Hinter dem Carton war es ſchon eine gute Zeit ſtill geworden, da die jungen Künſtler fortgegangen waren, um ihr Koſthaus auf⸗ zuſuchen. Auch Bergmüller empfahl ſich und ſchlenderte in den Garten hinaus; er gebrauchte zu irgend etwas einen Akazienzweig, den er ſich von Andreas geben laſſen wollte; Lytton ſuchte ſeinen — — Es iſt eine alte Geſchichte. 71 Hut, und als er ihn gefunden, blieb er, die Hände auf den Rücken zuſammengelegt, vor dem Bilde Roderich's ſtehen. Donna Mercedes kam mit Michel Angelo Schmitz, der zu ihr gegangen war, leiſe aus ihrem Winkel hervor; ob ſie geſehen, daß der Maler die Hand ihrer Schweſter leicht geküßt, ſind wir nicht im Stande anzugeben. Sie ſagte zu Conchitta:„Es iſt für uns wohl Zeit, nach Hauſe zu gehen; Sennor Rodriguez ſcheint nicht mehr malen zu wollen. Ah, Sie waren ſehr fleißig!“ fuhr ſie mit einem Blicke auf das Bild fort und ſetzte, ihre Schweſter be⸗ trachtend, hinzu:„Wie Du ähnlich biſt, Conchitta, es iſt faſt ein Portrait.“ „Ja, ja, es iſt zu ähnlich,“ ſagte Lytton,„Du mußt ein wenig daran ändern; ich würde dieſe ſchönen Züge, ſo ſchön, ſo gut, ſo rein, einem Beſteller nicht gönnen.“ „Darin bin ich ganz Deiner Meinung,“ gab der andere Maler zu;„es iſt leicht, dieſe guten, edeln Züge zu verwiſchen: ich werde um den kleinen zuſammengedrückten Mund einen Zug des Haſſes legen, den die Situation bedingt, und dann wird Conchitta nicht mehr kenntlich ſein.“ 3 Mercedes hatte vom Gewandte ihrer Schweſter den violetten Ueberwurf entfernt und brachte ihren Strohhut und das einfache Mäntelchen! auch half ſie ihr daſſelbe umlegen und zog und zupfte an Hut und Mantel herum, wie es nur eine lnrgſame Mutter thun kann, um ein geliebtes Kind zu putzen. Dann gingen die beiden Schweſtern mit einander port; Rode⸗ rich und Lytton begleiteten ſie bis zur Hausthür und Michel An⸗ gelo Schmitz ging noch weiter mit bis zum Gartenthore, um, wie er ſagte, ihnen die Mühe des Oeffnens desſelben zu erſparen. Wenige Schritte von dem Hauſe entfernt, das ſie eben verlaſſen, ſchob Conchitta ihren Arm unter den des kleinen Mannes, und während ſie ihn zu führen ſchien, ſchmiegte ſie ſich feſt an ſeine Schulter. 72 Zweites Kapitel. Lytton warf einen Blick auf Roderich und lächelte eigen⸗ thümlich. „Was meinſt Du?“ fragte dieſer, indem er dem jungen Mädchen düſter ſinnend nachblickte. „Ich habe gar keine Meinung ausgeſprochen, nur beneide ich im Stillen Michel Angelo; mit uns würde ſie nicht ſo durch den Garten gehen.“ „Nein, gewiß nicht!“ „Er iſt ihr Hausherr, ſie wohnen bei ihm, und er maßt ſich ſo etwas wie väterliche Rechte über Conchitta an.“ „Und glaubſt Du, es ſei eine kindliche Zuneigung, die ſie ihm beweist?“ „Was denn anders?“ rief Lytton erſtaunt.„Ah, mein Freund,“ fuhr er lachend fort,„wenn ich von der Wirkung auf die Urſache ſchließen dürfte, ſo würde ich ſagen... 4 „Nun, ſo ſprich,“ ſagte der Andere, da jener ſtockte. „Nein, nein, es gibt Worte, die, einmal ausgeſprochen, Weſen und Kraft bekommen; laß mich denken, was ich will. Ich ſage nur, ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn das junge Mädchen mit mir ſo harmlos und vertraulich wandeln würde, wie mit dieſem glücklichen Schmitz— und Du?“ „Dazu ſage ich Amen und will noch ſchleunig an mein Bild zurückkehren, um etwas Haß auf ihre lieben guten Züge zu werfen.“ „Adieu, Roderich,“ ſagte Lytton und ging langſam durch den Garten der Thür zu, hinter welcher die beiden Damen verſchwunden waren und von wo Schmitz ſoeben zurückkehrte. Der Andere aber, obgleich er raſch vor ſein Bild getreten war, auch Pallette, Malſtock und Pinſel ergriffen und ſich mit einem der letzteren einen Ton gemiſcht hatte, um den ſoeben ausgeſproche⸗ nen Vorſatz zu vollführen, konnte ihn doch nicht zur Ausführung bringen; ſeine Hand zuckte förmlich zurück, und ſtatt an dem reizen⸗ Es iſt eine alte Geſchichte. 75 zu ſehr beſchäftigt war— wer weiß, ob er auch heute ohne Con⸗ chitta's Vermittlung zu ſeinem Zwecke gelangt wäre! Heute aber ſchien ihn Roderich förmlich liebgewonnen zu haben, ja, er be⸗ handelte ihn mit jener Vertraulichkeit, von der wir oben ſagten, daß ſie bis jetzt zwiſchen beiden gefehlt; er ſchob ſeine Hand unter den Arm Michel Angelo's, und zwar gerade an derſelben Stelle, wo vor ganz Kurzem die zierlichen Finger der jungen Spanierin geruht; er führte ihn ſorgſam über die holperige Straße und plauderte mit ihm anſcheinend heiter und vergnügt. Schmitz war unverheirathet und bewohnte mit ſeiner alten Mutter den erſten Stock eines kleinen, hübſchen Hauſes, welches ſein Eigenthum war. Im anderen Stocke— das Haus hatte deren nur zwei— befand ſich ein Atelier mit zwei Schlafſtuben, in denen ſchon ſeit langer Zeit junge, angehende Künſtler gehaust, doch war das zu lebendige Treiben derſelben der Madame Schmitz läſtig geworden, und ſo hatte ſie es denn, trotz mancherlei Ein⸗ wendungen anderer Art, am Ende doch zugegeben, daß die junge und faſt gefährlich ſchöne Fremde bei ihr einzog: war dieſelbe doch in Begleitung einer älteren Schweſter und hatten doch beide, trotz⸗ dem ſie Spanierinnen und Künſtlerinnen waren, eiwas ganz „Reputirliches“ und„Anſtändiges“. Mit dieſem Ausdrucke hatte nämlich Frau Schmitz es gegen ihre Frau Nachbarin links und gegen ihre Frau Nachbarin rechts entſchuldigt, daß ſie den fremden Frauenzimmern, von denen ja Niemand wußte, woher ſie kamen und was ſie früher getrieben, einen Theil ihres unbeſcholtenen Hauſes vermiethet, Während wir die Beiden ſo mit einander dahin gehen laſſen, über dies und das, meiſtens über gleichgültige Dinge plaudernd, finden wir Zeit, dem geneigten Leſer etwas über Roderich Olfers' Vergangenheit zu ſagen.. Daß er ein tüchtiger und berühmter Künſtler war, haben wir ſchon mitgetheilt, auch ſein Aeußeres geſchildert. Er war vor un⸗ 76 Zweites Kapitel. gefähr ſechzehn Jahren als junger Künſtler hieher gekommen, hatte beſcheidenermaßen die niederen Klaſſen der Akademie beſucht, war aber hier ſeines großen Talentes wegen, das ſich in jedem Striche offenbarte, ſchon nach ein paar Monaten in den Saal verſetzt worden, wo man nach der Antike zeichnete, und blieb auch hier nur kurze Zeit, da er alles das zu Hauſe ſpielend, aber mit Meiſterſchaft getrieben hatte, was man ihn hier lehren konnte. Seine Compoſitionen, die er flüchtig hinwarf, erregten damals ſchon den Neid manches älteren Künſtlers, die Bewunderung der Profeſſoren und das Erſtaunen des ſtrengen Direktors der Akademie. Manche nannten ihn freilich ein Wunderkind, das, ausgewachſen, ſehr gewöhnlich werden, ein verfrühtes Talent, das nie zu einer gediegenen Reife gelangen würde, und meinten, man habe ſchon oft erlebt, daß Jemand überſchwängliche Compoſitionen auf das Papier hinwärfe, ſich aufblaſend wie der Froſch in der Fabel, der dann ſpäter zerplatzte, wenn man ihm Pinſel und Farben anver⸗ traut hätte. Aber Roderich, der ſich nie aufgeblaſen hatte, lief nicht die geringſte Gefahr, in Nichts zuſammenzubrechen: der Direktor gab dem kaum ſiebenzehnjährigen jungen Menſchen mit vollem Vertrauen Pinſel und Farben in die Hand, und er rechtfertigte vollkommen dieſes Vertrauen. Sein erſtes Bild, ein Kreuzfahrer neben ſeinem Pferde ſtehend und andächtig verſunken in den Anblick Jeruſalems, machte Aufſehen und wurde am erſten Tage, wo es auf der Aus⸗ ſtellung erſchien, angekauft. So gieng es dann auch fort, und Roderich verlebte in dieſen Jahren eine unendlich glückliche Künſtler⸗ zeit: in allem, was er malte, in kleinen und größeren Bildern, ja, in Landſchaften und Portraits war ein beſtändiger Fortſchritt ſichtbar; nach ein paar Jahren arbeitete er nur noch auf Be⸗ ſtellung und hatte ſich bereits in kurzer Zeit ein kleines Vermögen erworben. Dabei blieb er beſcheiden, liebenswürdig und gefällig und entwaffnete dadurch ſeine Neider und Feinde. Gern half er Es iſt eine alte Geſchichte. 77 jungen und unbemittelten Kunſtgenoſſen mit Rath und That, geizte nicht, wo es galt, die gemeinſchaftlichen Feſte zu verſchönern, und wenn er hier einestheils oft mit bedeutenden Summen nicht kargte, ſo ſah man ihn anderentheils ſogar Tage und Wochen lang mit anderen Kunſtgenoſſen großartige Compoſitionen auf grobe Sack⸗ leinwand malen, die alsdann, Gobelins täuſchend vorſtellend, zur Ausſchmückung der Feſtſäle dienten. Dabei war Olfers ein ſchöner junger Mann, ein guter Reiter, ein vortrefflicher Tänzer und in allen Beziehungen das erheiternde, belebende Element jeder Geſellſchaft, mochte dieſe Geſellſchaft aus Kunſtgenoſſen beſtehen, die im Flaus⸗ oder Schnürrocke hinter dem Bierglaſe oder um die Maitrank⸗Bowle ſaß, oder mochte es eine Geſellſchaft im Frack und großen Damen⸗Toiletten ſein, die, um den Theetiſch gereiht, ſich mit äſthetiſchen Geſprächen vergnügte, oder welche im Ballſaale den jungen Mann bewundernd anſchaute, welcher, nachdem er an der Ausſchmückung des Saales im be⸗ freundeten Hauſe tüchtig geholfen, nachdem er lebende Bilder arran⸗ girt oder die Hauptpartie, in einer extemporirten Komödie geſpielt, nun in toller Luſtigkeit tanzte, bis die Kerzen des Kronleuchters mit ſtummen Schmerzensthränen ihr gar ſo kurzes Lebensglück be⸗ weinten.. 1 Bei allen dieſen Beluſtigungen, Zerſtreuungen, Vergnügungen und Feſten aller Art war das ſchöne Geſchlecht dem Künſtler nie gefährlich geworden; wohl hatte er hier und da flüchtig geliebt, wenn man die Leidenſchaft einer kurzen Stunde ſo nennen darf, noch häufiger ſich lieben laſſen, doch war er beſtändig ſo glücklich geweſen, ein ſolches Gefühl ohne weitere Folgen ablegen zu können, wie den Frack nach einem Ballabende, und ſo lebte er ein herr⸗ liches Künſtlerleben, den Honig aus jeder Staude und aus jeder Blume ſaugend, ein ſiegreicher Held, wenn er vor der Leinwand ſtand, ernſt und nachdenkend bei der Conception, herrlich und be⸗ geiſtert bei der Ausführung, ſeines Auges, ſeiner Hand und ſo des 78 Zweites Kapitel. Gelingens gewiß— ſchäumend dagegen wie ein junger Wein, wenn er im Kreiſe der Genoſſen ſaß, der Luſtigſte der Luſtigen, der Tollſte der Tollen, umherſchwärmend, lebend und genießend im Leuchten der ſinkenden Abendſonne, wie beim düſtern Glanze röth⸗ lichen Kerzenſcheines, beim ſtrahlenden Gaslichte im Aufleuchten feuchter Augen— ein glänzender, glücklicher Schmetterling, nichts ahnend, nichts ſehend von einem unzerreißbaren Netze, das um ihn geſponnen wird. Daß Roderich in allen guten und vornehmen Häuſern der Stadt eingeführt war, iſt ſelbſtredend; doch müſſen wir dabei der Wahrheit gemäß geſtehen, daß er lange Zeit keinem dieſer Häuſer den Vorzug gab oder in irgend einem von ihnen viel häufiger als im anderen geſehen wurde. Auch änderte ſich das ſo unmerklich, daß er längere Zeit kein Gewicht darauf legte, bei dem Regierungs⸗ Präſidenten Freiherrn von Schenk geſtern getanzt zu haben, nach⸗ dem er vor drei Tagen beim Diner geweſen. Seine Bekannten, beſonders ſeine Bekanntinnen hatten ſchon längſt über ſeine häufigen Beſuche dort ein ſtrenges Regiſter geführt, ehe er ſich noch ſelbſt bewußt war, dort häufiger als anderswo hinzugehen— und wenn auch, erfüllte er damit nicht eine Pflicht der Dankbarkeit gegen Seine Excellenz, die ja für ihn von einer väterlichen Freundſchaft, von einer faſt rührenden Sorgfalt war, und das ohne allen und jeden Eigennutz? Hatte doch der Präſident ein ſchönes Bild, das Roderich für ihn gemalt, mit dem bekannten Ausſpruche zurück⸗ gewieſen, daß in Geſchäften und Geldangelegenheiten die Gemüth⸗ lichkeit aufhöre, daß er etwas ſo Koſtbares nicht annehmen werde, und hinzugeſetzt, um den etwas beleidigten jungen Mann zu ver⸗ ſöhnen, er werde nichts dagegen haben, wenn Roderich einmal in einer müßigen Stunde ein Blatt Papier nehme und etwas darauf zeichne für das Album ſeiner Tochter Hildegard. Seine Excellenz der Regierungs⸗Präſident Freiherr von Schenk hatte nämlich eine einzige Tochter, Hildegard, die für eine voll⸗ — Es iſt eine alte Geſchichte. 79 endete Schönheit und im Zeitpunkte, von dem wir reden, für zwei⸗ undzwanzig Jahre galt; ihre Neider und Feinde dagegen— und wer hat deren nicht?— behaupteten zwar, zu einer vollendeten Schönheit gehöre auch eine ſanfte Rundung der Körperformen, deren ſich Hildegard allerdings nicht rühmen konnte, eine feiner gezeichnete Naſe, ſowie ein ſanfter Glanz im Auge; boshafte Weſen ſetzten noch obendrein hinzu, wenn man vor einem Decennium mit ſechszehn Jahren zum erſten Male einen Ball beſucht, ſo könne man unmöglich erſt zweiundzwanzig Jahre zählen. Dergleichen Aeußerungen, die auch zuweilen Olfers zu Ohren kamen, überhörte er oder ſie machten ſehr wenig Eindruck auf ihn; was ging ihn auch die Tochter an, und waren nicht alle Gefällig⸗ keiten, die er ihr erzeigte, alle Artigkeiten, die er ihr ſagte, ein ſchuldiger Zoll der Dankbarkeit gegen ihren Vater? Denn was hatte dieſer nicht alles für ihn gethan: er hatte ihm nicht nur ſein Haus ein⸗ für allemal geöffnet, er hatte ihn auch Seiner König⸗ lichen Hoheit dem Kronprinzen vorgeſtellt, als dieſer die Provinz beſuchte und die Kunſt dadurch unterſtützte, da er ſich junge Künſtler vorſtellen ließ; er hatte es durch ſeine Connerionen in der Reſidenz dahin gebracht, daß ein Bild des jungen, damals noch nicht ſo be⸗ kannten Künſtlers für das Muſeum angekauft und er in der Folge mit dem Kronorden dekorirt wurde; er hatte ihm zu verſtehen ge⸗ geben, daß er faſt ſicher auf die nächſt erledigte Profeſſorſtelle auf hieſiger Akademie rechnen könne.— Und Hildegard? Sie hatte ſich mit dem Ausdrucke wahrer, uneigennütziger Freundſchaft über alle dieſe Glücksfälle ſo innig gefreut und hatte dabei gewiſſermaßen in ihrem häufigen Verkehre es an klugen Rathſchlägen, wie Papa zu behandeln ſei, nicht fehlen laſſen, auch ſonſt in angenehmen und nützlichen Dingen ſeine Lehrerin, faſt ſeine Erzieherin gemacht— verdankte er doch ihr allein die feinen geſellſchaftlichen Formen, die er ſich angeeignet; mußte er doch ihren ſachkundigen und gediegenen Bemerkungen das Verdienſt zugeſtehen, ihm den Umgang mit der 80 Zweites Kapitel. feinſten Damenwelt unter allen Verhältniſſen leicht, ja angenehm gemacht zu haben! Daß Hildegard hierzu einige Zeit gebraucht und daß ihr Roderich jene Zeit bereitwillig zugeſtanden, verſteht ſich von ſelbſt; doch hatte er ſelbſt keine Idce davon, wie viel Zeit er auf dieſe Art im Hauſe des Regierungs⸗Präſidenten verbrachte und daß er nach und nach ein faſt unzertrennlicher Begleiter Hilde⸗ gard's geworden war; wußte ſie ihn doch auf ſo ganz natürliche Art bei Spaziergängen aufzufinden, kannte ſie doch genau die Stunden, wo er dieſen oder jenen Ort beſuchte, verſtand ſie oder vielmehr ihr Kutſcher es doch ſo vortrefflich, irgendwo ſeinen Weg abzuſchneiden, wobei es Hildegard faſt nie unterließ, ihn in ihren Wagen zu nöthigen! Daß darüber die ganze Welt nicht nur ſprach, ſondern auch die richtigſten Bemerkungen und gediegenſten Combi⸗ nationen machte, brauchen wir eigentlich nicht zu ſagen, und doch müſſen wir deſſen mit der bündigſten Verſicherung Erwähnung thun, daß er, der Held ſo vieler Gerede, durchaus keine Ahnung davon hatte, auf welche Art man ihn mit Fräulein von Schenk zuſammenbrachte. O, hätte es damals nur einer ſeiner guten Freunde unternommen, ihm mit einem geraden, unverhüllten Worte die Augen zu öffnen— Anſpielungen verſtand er nicht, und die Leute ſagten, er wolle ſie nicht verſtehen. Eine wohlmeinende alte Jungfer, die ſich bei ihrem eigenen freudeloſen Leben wenigſtens dadurch nützlich machen wollte, daß ſie Anderen das Glück zu verſchaffen ſuchte, das ihr ſelbſt nicht zu Theil geworden, hatte ihn eines Tages gefragt, wenn er heirathen werde. „Ich?“ erwiederte ihr Roderich mit dem größten Erſtaunen —„daran habe ich noch gar nicht gedacht; ich finde nicht einmal Zeit, mich auch nur mit dieſem Gedanken zu beſchäftigen, ge⸗ ſchweige, ihn zur Ausführung zu bringen!“ Die wohlmeinende alte Jungfer hatte ſich einigermaßen ge⸗ kränkt zurückgezogen, und der junge Maler hatte die Frage, die ſie Es iſt eine alte Geſchichte. 81 an ihn gerichtet, ein paar Stunden ſpäter unter lautem Lachen in ſeinem Innern verarbeitet und dazu geſagt:„Unſinn— wen ſollte ich eigentlich heirathen? Das wäre mir überhaupt eine ſchöne Ge⸗ ſchichte: ich habe mir ſagen laſſen und es auch ſchon an Freunden erfahren, daß, wenn man verheirathet iſt, man unter anderen Un⸗ bequemlichkeiten auch häufig einen ſanften Zwang empfindet, der uns zu Hauſe hält, und eine gewiſſe unſichtbare Macht um ſich ſpürt, die uns Abends veranlaßt, den Hausſchlüſſel ſeufzend wieder an ſeinen Platz zu hängen, und ich?— Bei meinen Excurſionen in Wald und Feld, wo ich friſche Luft einathme und wo mir jeder maleriſche Baumſtamm, jedes alte, zerlumpte Weib zu einer nütz⸗ lichen Studie verhilft— ah, ich und heirathen?“ Dieſe Ausflüge, die er allerdings ſehr häufig unternahm, nach⸗ dem er in ſeinem Atelier ſtreng gearbeitet, und wo er ſich in der grauen Jagdjuppe, das Skizzenbuch unter dem Arme, Tage, ja Wochen lang umhertrieb, und die er mit einer großen Rückſichts⸗ loſigkeit ſogar gegen das Haus des Regierungs⸗Präſidenten unter⸗ nahm, wann es ihm beliebte— denn er ſprach ſelten davon, daß er fortgehe, und noch weniger, wann er wiederkehren würde—, hätten Hildegard allerdings in gewiſſer Beziehung die Augen öffnen müſſen, wenn dies überhaupt bei ihr nöthig geweſen wäre; darüber geſtand ſie ſich ſtill lächelnd Manches zu, flocht aber nichts deſto weniger fort und fort an ihrem ſtarken Netze. Da beging Roderich in einer ſchwachen Stunde die Unvor⸗ ſichtigkeit, Hildegard anzubieten, er wolle ihr hier und da Zeichen⸗ Unterricht ertheilen. Es iſt das Unterrichtgeben in ähnlichen Ver⸗ hältniſſen immer eine gefährliche Sache, beſonders wenn ein Theil mit Eroberungsgelüſten im Herzen ein ganz anderes Ziel vor Augen hat, als ſich die Kunſt anzueignen, die ihn der andere lehren will. Von allen Unterrichten iſt nun aber der Zeichen⸗Unterricht der ge⸗ fährlichſte: das gemeinſchaftliche Schauen aus einem Blatte ins andere, wobei ein angenehmes Geplauder nicht ausgeſchloſſen iſt; 82 Zweites Kapitel. das Anreihen poetiſcher Gedanken an eine Hütte im Walde, die man gerade abgezeichnet, oder an einen ſprudelnden Quell; das Be⸗ rühren der Hand, wenn der Lehrer dem Schüler den Bleiſtift oder die Kreide nimmt, um einen falſchen Strich zu corrigiren. Olfers hatte in dieſen Unterrichtsſtunden manche Klippe haar⸗ ſcharf umſegelt, bis auch ſeine Stunde ſchlug, und es war dies eine warme Nachmittagsſtunde an einem blüthenreichen, duftenden Frühlingstage. Der junge Maler hatte bei dem Regierungs⸗Präſi⸗ denten ein kleines, vortreffliches Diner eingenommen— Herr von Schenk liebte es, gut zu ſpeiſen und nicht ſchlecht zu trinken—, und da gefiel es Hildegard, in der Geißblattlaube des Gartens eine kleine Zeichnung zu vollenden. Die Blumen ſtrömten einen berauſchenden Geruch aus, Schmetterlinge gaukelten von Blume zu Blume, Hunderte von Bienen ſchwärmten unter melodiſchem Summen um honiggefüllte Blüthenkelche. Da machte Hildegard einen falſchen Strich und warf ſich, lachend über ihre Ungeſchicklich⸗ keit, ſo haſtig zurück, daß ihr Kopf die Bruſt des jungen Mannes berührte, und als ſie ihn deßhalb um Verzeihung bat, legte ſie ihre Hand auf die ſeinige und ſah ihn ſo heiter lachend, ihre Lippen nur wenige Zoll von den ſeinigen, an, daß er, ohne viel dabei zu denken, ſeinen Kopf neigte und ſie küßte.— Sie ſchrak zuſammen, als ſei etwas ganz Abſonderliches vorgefallen, ja, ſie hob ihr Taſchentuch an die Augen und flüſterte mit einer unendlich weichen Stimme:„Sprechen Sie mit meinem Vater!“ Dann ſtand ſie raſch auf und verſchwand aus dem Garten. Roderich war ebenfalls aufgeſtanden und hatte die Hände in die Taſchen ſeiner Beinkleider verſenkt und blickte ihr mit einem erſtaunten, ja, verblüfften Geſichtsausdrucke nach. Sprechen Sie mit meinem Vater! hatte ſie geſagt. Als ob er mit Seiner Excellenz nicht ſchon häufig genug geſprochen hätte! Denn daß er auf den harmloſen Kuß hin jedesmal etwas ganz Be⸗ ſonderes mit ihm ſprechen ſolle, dieſer Gedanke kam ihm zu ko⸗ Es iſt eine alte Geſchichte. 83 miſch vor, um ihn für Ernſt zu halten— ſprechen Sie mit meinem Vater!— den Teufel auch— ah, weiter nichts? Glück⸗ licher Weiſe hatte er ſeinen Hut in der Laube neben ſich liegen, den er aufſetzte und von dannen ſchlich. Sprechen Sie mit meinem Vater!— Eigenthümlich, daß er dieſe Worte nicht aus dem Gedächtniſſe zu bringen im Stande war; ſie erklangen ihm im taktmäßigen Läuten einer Kirchenglocke, die er zufällig hörte im Raſſeln der Wagen, im Geſpräche der Vorübergehenden, ja, ſie ſchienen ihm faſt in den Blicken junger, bekannter Mädchen zu liegen, die ihn freundlich anſchauten. Sprechen Sie mit meinem Vater.... O—o— o—o! Er fühlte etwas wie einen Faden am Fuße, an dem man ihn nicht nur zu halten im Stande war, ſondern ſogar zurückzuziehen nach der Geißblattlaube, um dort noch im Augenblicke unwiderruflich mit dem Vater zu reden. Pah, dachte er bei ſich ſelbſt beſchwichtigend, das ſind ſo ro⸗ mantiſche Ideen eines jungen Mädchens, poetiſche Gedanken, wie man ſie in Büchern liest— ich muß einen Freund über dieſe Ge⸗ ſchichte befragen, aber natürlich einen, der, ohne ſelbſt Poeſie und Romantik zu beſitzen, die Dinge mit nüchterner Proſa anſieht. Hierzu ſchien ihm Niemand beſſer, als der alte Walter, der damals, vor faſt zehn Jahren, den jüngeren Künſtlern gegenüber ſchon der alte Walter hieß. In der That war er in jenen Tagen faſt ſo, wie wir ihn in dem heutigen Atelier Roderich's geſehen, auch bei⸗ nahe in derſelben Kleidung, einen ähnlichen zerknitterten Hut auf dem Kopfe; der einzige Unterſchied zwiſchen damals und jetzt war vielleicht der, daß er in jenen Tagen noch kleine Beſtellungen hatte und deßhalb nicht behauptete, die deutſche Kunſt ſei todt. Als Roderich ihm den Fall vortrug, rauchte er ſeinen kurzen, irdenen, braun gerauchten Pfeifenſtummel, wobei er, ein Bein über das andere ſchlagend, den Ellenbogen darauf und ſein Kinn in die Hand ſtützte. Zweites Kapitel. „Hm,“ machte er alsdann,„dabei iſt nicht viel zu ſagen; Du haſt nur zwei Wege: entweder Du packſt augenblicklich ein und gehſt ein wenig nach Amerika, oder Du thuſt, was ſie gewollt, und ſprichſt mit ihrem Vater.“ „Aber um's Himmels willen, was ſoll ich denn mit ihrem Vater ſprechen?“ fragte er, ſich unſchuldiger ſtellend, als er weit⸗ aus war. „Oho, Du hältſt mich wohl für einen Kindskopf?“ „Ich weiß in der That nicht!“ ſagte Roderich faſt heftig, während ihn ein gelinder Schauer überlief. „Nun denn,“ antwortete Walter mit einem eigenthümlichen, an ihm höchſt ſeltenen Lächeln,„Du ſagſt: Eure Excellenz werden mich glücklich machen, wenn Sie mir die Hand Ihrer Fräulein Tochter geben.“ „Nein, beim Himmel, das ſage ich nicht!“ „Du kannſt meinetwegen auch ſagen, Du werdeſt Dich glücklich ſchätzen, wenn Seine Excellenz Dir ihre Tochter zur Ehe gebe.“ Der junge Maler ſah ſeinen Freund mit einem langen Blicke an, indem etwas wie Verzweiflung in ihm aufſtieg, und als jener mit einem ſtummen Achſelzucken darauf antwortete, ſtrich er ſein Haar aus der Stirn, raste ein paarmal im Zimmer auf und ab und blieb abermals vor Walter ſtehen, während er ausrief: „Alſo Du treibſt keinen Spaß mit mir— das iſt Deine ehrliche Anſicht?“ „Meine ehrliche und ganz vernünftige Anſicht.“ „Ich ſollte heirathen?“ „Du wirſt wohl müſſen— oder auswandern.“ „Was ſollten unſere Bekannten dazu ſagen?“ „Hm,“ machte Walter. „Oder die Stadt?“ „Hm,“ wiederholte der alte Maler, wobei er ſeinen Kopf auf —— ——— Es iſt eine alte Geſchichte. 8⁵ und ab wiegte, den Freund mit einem ironiſchen Lächeln anſchaute und dann ſagte:„Höre einmal, entweder biſt Du blind wie ein Maulwurf, eigentlich wollte ich ſagen, Du hältſt pns dafür, oder Du haſt Luſt, einen Scherz mit mir zu treiben.“* „Gewiß nicht, Walter, bei Gott im Himmel nicht!“ „Hm,“ machte der alte Maler zum dritten Male,„ſo wüßteſt Du alſo in der That nicht, daß alle unſere Freunde, daß die ganze Stadt ſchon lange von Deiner Verbindung zu Fräulein von Schenk ſpricht, welcher Du, das wirſt Du nicht läugnen, eine ſehr auf⸗ fallende Cour gemacht haſt?“ „Ich?“ „Ja, Du haſt ſie ins Gerede gebracht, und zwar ſo bedeutend, daß, wenn Du nicht mit ihrem Vater reden willſt, Seine Excellenz wahrſcheinlich Veranlaſſung nehmen wird, mit Dir ein gewichtiges Wörtchen zu ſprechen!“ „Ich ſchaudere!“ „Ja, wie der Chor in der italieniſchen Oper, wo am Schluſſe doch Alles richtig und gemüthlich zu Ende gebracht wird.“— Wir wollen den geneigten Leſer nicht mit einer Fortſetzung dieſes Zwiegeſpräches ermüden, deſſen Ergebniß war, daß Roderich davonſtürzte mit der Verſicherung, er werde nimmer und nimmer ſich dazu entſchließen, das gewiſſe Wort zu ſprechen. Da er aber auch nicht auswanderte, wie ihm Walter gerathen, ſo behielt dieſer Recht, ſchauerlich Recht, denn eines Tages ließ Seine Excellenz den Maler zu ſich bitten— er hatte nämlich nach der Scene in der Geißblattlaube eine ganze Woche hindurch ſeine Beſuche eingeſtellt, und da er nicht ſprechen wollte, ſo ſprach der Andere, wie ſein Freund vorausgeſagt. . Was Seine Excellenz eigentlich geſprochen, hatte Roderich auch ſeinen vertrauteſten Freunden nicht eingeſtanden; doch war dies nicht ſchwer zu errathen, da einige Zeit darauf die Verlobungskarte Roderich's mit Hildegard Freiin von Schenk erſchien. 84 Zweites Kapitel. „Hm,“ machte er alsdann,„dabei iſt nicht viel zu ſagen; Du haſt nur zwei Wege: entweder Du packſt augenblicklich ein und gehſt ein wenig nach Amerika, oder Du thuſt, was ſie gewollt, und ſprichſt mit ihrem Vater.“ „Aber um's Himmels willen, was ſoll ich denn mit ihrem Vater ſprechen?“ fragte er, ſich unſchuldiger ſtellend, als er weit⸗ aus war. „Oho, Du hältſt mich wohl für einen Kindskopf?“ „Ich weiß in der That nicht!“ ſagte Roderich faſt heftig, während ihn ein gelinder Schauer überlief. „Nun denn,“ antwortete Walter mit einem eigenthümlichen, an ihm höchſt ſeltenen Lächeln,„Du ſagſt: Eure Excellenz werden mich glücklich machen, wenn Sie mir die Hand Ihrer Fräulein Tochter geben.“ „Nein, beim Himmel, das ſage ich nicht!“ „Du kannſt meinetwegen auch ſagen, Du werdeſt Dich glücklich ſchätzen, wenn Seine Excellenz Dir ihre Tochter zur Ehe gebe.“ Der junge Maler ſah ſeinen Freund mit einem langen Blicke an, indem etwas wie Verzweiflung in ihm aufſtieg, und als jener mit einem ſtummen Achſelzucken darauf antwortete, ſtrich er ſein Haar aus der Stirn, raste ein paarmal im Zimmer auf und ab und blieb abermals vor Walter ſtehen, während er ausrief: „Alſo Du treibſt keinen Spaß mit mir— das iſt Deine ehrliche Anſicht?“ „Meine ehrliche und ganz vernünftige Anſicht.“ „Ich ſollte heirathen?“ „Du wirſt wohl müſſen— oder auswandern.“ „Was ſollten unſere Bekannten dazu ſagen?“ „Hm,“ machte Walter. „Oder die Stadt?“ „Hm,“ wiederholte der alte Maler, wobei er ſeinen Kopf auf —x Es iſt eine alte Geſchichte. 8⁵ und ab wiegte, den Freund mit einem ironiſchen Lächeln anſchaute und dann ſagte:„Höre einmal, entweder biſt Du blind wie ein Maulwurf, eigentlich wollte ich ſagen, Du hältſt pns dafür, oder Du haſt Luſt, einen Scherz mit mir zu treiben.“* „Gewiß nicht, Walter, bei Gott im Himmel nicht!“ „Hm,“ machte der alte Maler zum dritten Male,„ſo wüßteſt Du alſo in der That nicht, daß alle unſere Freunde, daß die ganze Stadt ſchon lange von Deiner Verbindung zu Fräulein von Schenk ſpricht, welcher Du, das wirſt Du nicht läugnen, eine ſehr auf⸗ fallende Cour gemacht haſt?“ „Ich?“ „Ja, Du haſt ſie ins Gerede gebracht, und zwar ſo bedeutend, daß, wenn Du nicht mit ihrem Vater reden willſt, Seine Excellenz wahrſcheinlich Veranlaſſung nehmen wird, mit Dir ein gewichtiges Wörtchen zu ſprechen!“ „Ich ſchaudere!“ „Ja, wie der Chor in der italieniſchen Oper, wo am Schluſſe doch Alles richtig und gemüthlich zu Ende gebracht wird.“— Wir wollen den geneigten Leſer nicht mit einer Fortſetzung dieſes Zwiegeſpräches ermüden, deſſen Ergebniß war, daß Roderich davonſtürzte mit der Verſicherung, er werde nimmer und nimmer ſich dazu entſchließen, das gewiſſe Wort zu ſprechen. Da er aber auch nicht auswanderte, wie ihm Walter gerathen, ſo behielt dieſer Recht, ſchauerlich Recht, denn eines Tages ließ Seine Excellenz den Maler zu ſich bitten— er hatte nämlich nach der Scene in der Geißblattlaube eine ganze Woche hindurch ſeine Beſuche eingeſtellt, und da er nicht ſprechen wollte, ſo ſprach der Andere, wie ſein Freund vorausgeſagt. „ Was Seine Excellenz eigentlich geſprochen, hatte Roderich auch ſeinen vertrauteſten Freunden nicht eingeſtanden; doch war dies nicht ſchwer zu errathen, da einige Zeit darauf die Verlobungskarte Roderich's mit Hildegard Freiin von Schenk erſchien. 86 Zweites Kapitel. So war es gekommen, daß dem jungen Maler aus unbekannter Familie das beiſpielloſe Glück zu Theil geworden, eine ſolche Heirath abzuſchließen, ein ſehr beliebtes Thema, das von allen Bekannten des Schenk'ſchen Hauſes, beſonders aber von Hildegard mit allen möglichen Variationen verarbeitet wurde und das den erſten bedenklichen Mißton gab in dieſer an ſich nie glücklichen Ehe. Auch an anderen Diſſonanzen fehlte es nicht: Seine Excellenz ſtarb ein paar Jahre nach der Verheirathung ſeiner Tochter und hinterließ derſelben nichts als Schulden; der alte, joviale Herr hatte es geliebt, feine Diners zu geben, mit guten Pferden zu fahren, Gäſte bei ſich zu empfangen und in Geſellſchaft zu gehen. Daß Olfers ſich beeilte, einen Theil der Schulden ſeines Schwiegervaters zu bezahlen, wurde von ſeiner Frau, ſtatt mit Freude und Dank, mit Seufzen und Klagen aufgenommen; denn, ſprach ſie zu ſich ſelber, er thut das nicht, um die Ehre der Fa⸗ milie zu wahren, ſondern um mich in größerer Abhängigkeit zu erhalten. Ueberhaupt hatte ſie vom erſten Augenblicke ihrer Ver⸗ heirathung an gethan, als ſei ihr die Roſenkette der Ehe zur Selavenfeſſel geworden: mochte Roderich thun, was er wollte, ſie empfing Alles wie mit ſtiller Duldung, mit Seufzen, mit dem ſehr ver⸗ ſtändlich ausgeſprochenen Gedanken, ſeine Freundlichkeit iſt Heuchelei, er wird es mich ſchon noch fühlen laſſen, daß ich ihn geheirathet. Dabei aber ging ſie nicht in ſich zurück und mochte ſich nie geſtehen, daß ſie dieſe Heirath hauptſächlich zu Stande gebracht, um einer ſorgenvollen Zukunft zu entgehen, daß auch ſie keine wahre Liebe in das Haus ihres Gatten gebracht. Roderich hatte ſich wie ein Mann in ſein Schickſal gefunden: Hildegard war ſeine Frau, und wenn er ſie auch, wie wir wiſſen, nicht liebte, ſo hatte ſie ſich doch bis zu ſeiner Verheirathung nie ſo gezeigt, daß ihm Veranlaſſung gegeben worden wäre, ſie für herzlos zu halten. 3 Es iſt eine alte Geſchichte. Als ihm ſeine Tochter geboren wurde, hatte dieſes Kind eine ſo warme, innige Liebe in ſeinem Herzen hervorgerufen, daß davon auch ein gutes Theil auf die Mutter übergegangen und ſo das Verhältniß noch ein ziemlich glückliches geworden wäre, wenn ihre kalte, berechnende und über alle Beſchreibung mißtrauiſche Natur nicht ſo niederſchlagend, ſo ſchroff zurückweiſend auf das warme, herzliche Gemüth des jungen Künſtlers gewirkt hätte, daß er ebenfalls nicht anders konnte, als ſich kalt und verletzt zurückzu⸗ ziehen. Er warf ſich nun mit der ganzen großen Liebe, deren er fähig war, auf ſeine Kunſt, er lebte und webte in ſeiner Arbeit, und ſo kam es denn auch wohl, daß alles, was unter ſeinen Hän⸗ den hervorging, lebensfriſche Wahrheit war. Wie wir ſchon früher ſagten, bezahlte man ihm fabelhafte Preiſe für ſeine Bilder, und bei der Leichtigkeit, mit der er arbeitete, konnte es nicht fehlen, daß er in wenigen Jahren ein reicher Mann war, trotzdem er eher verſchwendete, als kargte. Wir haben ſein Atelier geſehen, wir haben das Weſentlichſte aus ſeiner Vergangenheit gehört und werden ihm nun in Beglei⸗ tung Michel Angelo Schmitz' in ſeine Wohnung folgen. Dieſe war in einer der neu angelegten Straßen der Stadt, ein ſtattliches Haus, das Olfers gekauft hatte, noch ehe es ganz vollendet war, um Manches nach ſeinen Bedürfniſſen und nach ſeinem Geſchmacke abzuändern. So hatte er ſich auch hier ein Atelier eingerichtet, das, obgleich man es gegen das andere klein nennen konnte, doch immer noch von anſtändiger Größe war. Hier malte er kleinere Bilder, beſonders Damen⸗Portraits, was übrigens nicht zu ſeinen Lieblingsbeſchäftigungen gehörte, doch konnte er oft nicht anders, als einen ſolchen Auftrag zu übernehmen, und waren es alsdann meiſtens Damen, für die er ſo viel Rückſicht hatte oder haben mußte, um ihnen den weiten Weg in das Atelier vor der Stadt zu erſparen. 8 88 Zweites Kapitel. Ein Diener in einfacher, aber geſchmackvoller Livree hatte den Beiden die Hausthüre geöffnet, und nachdem der Maler ſein kleines Mädchen, das ihm freundlich entgegenſprang, herzlich auf die Stirn geküßt, ſtieg er mit Schmitz auf einer breiten Seitentreppe in den erſten Stock hinauf, wo ſich ſein Atelier befand. Das ganze Haus war eben ſo reich als wohnlich eingerichtet, überall große, behagliche Räume, überall, wo es paßte, Marmor, Vergoldung, Teppiche, Blu⸗ men, wovon wieder jedes einzelne Stück in ſeiner Form oder ſeiner Zuſammenſtellung die Hand eines tüchtigen Künſtlers verrieth; denn alles, was man hier ſah, war nach Zeichnungen Roderich's gemacht, ja, einen Plafond im Treppenhauſe und einen in dem Hausflur des erſten Stockes hatte er ſelbſt gemalt. Sein Atelier hier war gegen das andere einfach zu nennen: die Wände beſtanden aus ſammtartigen Tapeten von einer weichen, angenehmen grauen Farbe, die nur hier und da mit außerordentlich ſchönen Aquarellen und Handzeichnungen geſchmückt waren. An der Nordſeite befand ſich ein großes Fenſter, aus einer einzigen Scheibe beſtehend, vor dem eine Staffelei ſtand mit einer eben angefangenen Landſchaft. Daran arbeitete Roderich wohl am Sonntage, wenn er, um Andreas einen freien Tag zu gönnen, nicht hinausging. An einer Wand des Zimmers befand ſich ein Bücherſchrank mit auserleſenen Werken deutſcher und fremder Schriftſteller und daneben eine reich geſchnitzte Etagère mit Mappen von verſchiedenen Größen. Als Beide eingetreten waren, ſagte Schmitz, indem er ſich in einem Anfluge ſehr behaglicher Laune die Hände rieb:„Wahrhaftig, ich weiß nicht, welchem der beiden Ateliers ich den Vorzug gebe!“ „Das könnte wohl auf die Stimmung ankommen, in der man malt,“ gab Roderich zur Antwort;„hier würde man ſich ſehr be⸗ haglich fühlen, wenn man heiter und vergnügt und ohnehin mit ſich und der Welt zufrieden iſt.“. „Ganz recht, ganz recht, man muß es mit einer Feiertags⸗ laune, in einer ſonntäglichen Stimmung betreten.“ Es iſt eine alte Geſchichte. „Deßhalb iſt es auch mein Sonntags⸗Atelier,“ ſagte Olfers lächelnd,„während ich mich im anderen in jeder Stimmung zurecht, ja, behaglich finde; je ernſter, ich möchte ſagen, je düſterer meine Stimmung iſt, um ſo wohlthätiger wirken dort die vielerlei, oft ſo bunt durcheinander liegenden Gegenſtände auf mich ein.“ „Hier iſt Alles ſo niedlich und aufgeräumt,“ meinte Schmitz mit einem Kopfnicken der Befriedigung,„und da haſt Du ja auch eine angefangene Arbeit— ah, eine ſchöne Arbeit,“ fuhr er fort, nachdem er vor die Staffelei getreten und das Bild beſchaut— „die mußt Du bald fertig machen, das iſt keine Kleinigkeit!“ „Eine Sonntagsarbeit,“ verſetzte Roderich,„Du ſiehſt ihr die behagliche Feiertagsſtimmung an; wenn ich nach dem Kaffee meine erſte Cigarre rauche, nota bene, ohne vollſtändig angezogen zu ſein, was auch, wenigſtens zur Abwechslung, ſein Angenehmes hat, wenn da draußen die Kirchenglocken anfangen zu läuten, dann kommt häufig eine feierliche Stimmung über mich, und ich habe verſucht, eine ſolche Stimmung zu malen.“ „Ja, es iſt ein Sonntagmorgen— der Tag des Herrn hier auf dem Bilde: nicht nur das Grün der Wieſen glänzt im Sonnenlichte ſo ſammtartig feierlich, es haben ſich die Bäume mit Blüthen geſchmückt, und der flimmernde Glanz der Wärme, der dort über der fernen Wieſenebene ſchwebt, könnte ſich an einem Arbeitstage nicht ſo behaglich ausnehmen— wann haſt Du das angefangen?“ „Ich male ſchon ſieben Jahre daran,“ gab Roderich zur Ant⸗ wort—„nicht wahr, das kann ein theures Bild werden?—, ich male nur daran, wenn ich in recht ſonntäglicher, ſtill friedlicher Stimmung bin, und dieſe Augenblicke ſind bei mir ſelten.“ Bei dieſen Worten wandte er ſich ab und zog aus der Etagore eine der Mappen hervor; er trug ſie auf den Tiſch, öffnete ſie und fing an, die einzelnen Blätter durch die Hand laufen zu laſſen. Schmitz hatte ſich neben ihn geſtellt.. Hackländer's Werke. 52 Bd. 7 Zweites Kapitel. „Ich habe darin lange nicht mehr herumgeſtöbert: es ſind Reiſeerinnerungen aus Italien und Spanien, die ich gern vermeide anzuſehen, beſonders im Herbſte, wenn die Schwalben heimwärts ziehen, denn da faßt mich immer ein faſt unbezwinglicher Drang, ihnen zu folgen.“ „Das iſt aus Genua— aus Florenz— aus Rom.“ „Ja— daſſelbe, was Hunderte ſchon vor mir gezeichnet, ge⸗ malt, in Skizzenbüchern und Mappen mit nach Hauſe gebracht und was nach mir Hunderte und Hunderte malen werden: Pifferari, Hirten und ſonſtige Bewohner der wunderbaren Campagna in mit Vernunft begabten und unvernünftigen Exemplaren, unter den letz⸗ teren namentlich beſonders prachtvolle Kerle— ſieh' dieſen zottigen Wolfshund; ſo ein Ungeheuer macht ſich nichts daraus, Dich zu zerreißen, wenn ihn ſein Herr, der Hirt, nicht zurückriefe— da haſt Du Büffel aus den pontiniſchen Sümpfen— eine Heerde Ochſen aus der Umgegend Roms, das magere, behende Pferd eines Treibers derſelben und den geduldigen Eſel.“ „Man ſollte glauben, Du habeſt Thiermaler werden wollen,“ ſagte Schmitz lachend. „Es iſt dort Alles unausſprechlich ſchön, und wenn wir weiter⸗ blättern, wirſt Du ſehen, daß ich keinem Dinge, ſogar nicht den lebendigen Weſen vor den lebloſen Gegenſtänden den Vorzug ge⸗ geben habe— da haſt Du die Römerin— hier Mädchen aus Traſtevere— dort ein Weib aus Nettuno— hier eine Albanerin.“ „Du warſt erſtaunlich fleißig!“ „So, ſo,“ antwortete Roderich zerſtreut;„doch gehen wir zu Spanien über. Als Ausbeute für einen Maler gebe ich dieſem Lande den Vorzug— hier will ich etwas für Dich ſuchen.“ „Ah, das wird mich außerordentlich freuen!“ Roderich wandte dieſe Blätter haſtiger um, als er es mit den italieniſchen gethan hatte; er durchflog ſeine Studien aus Barcelona, Valentia, Madrid, und betrachtete erſt langſamer, als er nach Es iſt eine alte Geſchichte. 91 Sevilla kam.„Da, das ſoll für Dich ſein, Schmitz,“ ſagte er endlich, wobei er ein Blatt hervorzog und es dem kleinen Sammler einhändigte. Deſſen Geſicht überflog ein leuchtender Strahl der Freude, denn es war nicht nur eine flüchtige Zeichnung, was ihm der Andere gegeben, ſondern ein ſorgfältig ausgeführtes Aquarell, wie es Roderich wohl ſeit langen Jahren nicht mehr gemacht und auch wohl ſo bald nicht mehr fertigen würde: es ſtellte eine Volksſcene aus Triana bei Sevilla vor; man ſah im Hintergrunde den gol⸗ denen Thurm und die Ufer des Guadalquivir; vorn ſtand ein junges Mädchen, in der reizenden Tracht der Sevillanerinnen und wählte unter Blumen, Nelken und Granatblüthen, die ihr ein paar halbnackte, baarfüßige, krausköpfige Buben darboten— drei Köpfe, als wenn ſie Murillo gemalt. Schmitz legte das Aquarell vor ſich auf den Tiſch, faltete ſeine Hände und ſagte mit einem rührenden Blicke der Dankbarkeit: „Nein, Roderich, das iſt zu viel, Du ſchenkſt mir da ein Kapital!“ „Keineswegs, ich gebe Dir etwas, was bei mir vielleicht für immer in dieſer Mappe vergraben läge und das bei Dir wieder zu Ehren kommt....— dort wird es wenigſtens geſehen,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, während welcher er nachdenkend zum Fenſter hinausgeblickt. „Geſehen und bewundert!“ rief der glückliche Schmitz—„ah, wie wird ſich auch Conchitta darüber freuen! Weißt Du, Roderich,“ fuhr er im Gefühle des Dankes voll Geſchwätzigkeit fort,„ſie hat ſchon gewünſcht, von Dir ein Aquarell zu ſehen, und mich danach gefragt! Ich wußte wahrhaftig nicht, ob Du welche gemacht— ſie meinte, Du hätteſt Dich nie damit abgegeben; denn mit vollem Rechte ſagte ſie, wer auf ſeinen koloſſalen Bildern mit den gewal⸗ tigen Compoſitionen einen ſo breiten markigen Pinſel führt, wie Du, der könne ſich nicht dazu herbei⸗ und herablaſſen, kleine zierliche Aquarellen auszuführen!“. Zweites Kapitel. „Nun denn, wenn Du es ihr zeigſt, ſo ſage, das ſei eine Arbeit früherer Jahre, wo mich Spanien, das herrliche Land, be⸗ geiſtert, und wenn ich auch lange nichts mehr dergleichen gemalt, ſo gelüſtet es mich faſt wieder, einen Verſuch zu machen, wenn mir Conchitta zu einer ſevillaner Scene ſitzen wollte.“ „Das wäre intereſſant, aber eine unverantwortliche Zeitver⸗ ſchwendung!“ „Geh', Egoiſt, ich glaube, Du ſäheſt es nicht einmal gern, wenn ich wieder ein Aquarell dem Deinigen ähnlich zu Stande brächte! Doch ſei unbeſorgt, ich komme nicht ſo bald wieder dazu.“ Er ſchloß die Mappe wieder, und während er dieſelbe an ihren Platz trug, fuhr er fort:„Du könnteſt mich wohl einladen, Deine Sammlung anzuſchauen, man ſagt, Du hätteſt viel Schönes zuſammengebracht.“ „Wozu braucht es da einer Einladung— Freunde, wie Du, ſind ſtets willkommen!“ „Gut, ich will mir das merken.“ Der Diener, welcher den beiden Freunden vorher die Thür geöffnet hatte, erſchien und meldete, daß ſervirt ſei. „Willſt Du mithalten, Schmitz?“ „Nein, ich danke Dir von Herzen, Roderich; nach guter bürgerlicher Sitte habe ich ſchon um zwölf Uhr gegeſſen, oben⸗ drein haſt Du mich ſo reich gemacht, daß mir vor lauter Freude kein Biſſen ſchmecken würde— nochmals meinen herzlichſten Dank.“ „Laß das ſein und bleib mir gewogen,“ ſprach Roderich lachend, indem er den kleinen, ſchwächlichen Mann feſt unter den Arm nahm und ſorgſam die Treppe hinab geleitete. Das Eßzimmer des Hauſes war, ähnlich den übrigen Räumen, reich, elegant, geſchmackvoll. Auch in dieſem Gemach hatte ſich Roderich's Meiſterhand verewigt: die Wände deſſelben waren durch geſchnitzte Stäbe von Eichenholz in große Panneaux getheilt, in welche er, der Beſtimmung des Zimmers gemäß, Gruppirungen von — — Es iſt eine alte Geſchichte. 93 Wildpret, Vögeln, Fiſchen und Früchten gemalt hatte, und zwar ſo natürlich und täuſchend, daß Jemand, der hier zum erſten Male eintrat, darauf geſchworen hätte, es ſei möglich, dort jenen Haſen oder hier die Gruppe Krammetsvögel von der Wand zu nehmen. Der Eßtiſch ſtand in der Mitte des Zimmers, die Frau des Hauſes ſaß bereits daran und hatte ihr kleines Mädchen neben ſich. Roderich ſetzte ſich und der Bediente ſtellte den Suppenteller, den Madame gefüllt, vor ihn hin; er aß mit Appetit, die Kleine ebenfalls, wogegen die Frau des Hauſes kaum einen Löffel Suppe nahm und ſich dann ſeufzend und leiſe huſtend in ihren Stuhl zurücklehnte. Roderich ſchien das nicht zu bemerken, und erſt als ſie ein paar andere Schüſſeln vorübergehen ließ, indem ſie dieſelben, ohne ſie auch nur zu betrachten, mit der umgekehrten Hand von ſich wies, fragte er:„Du ſcheinſt heute keinen Appetit zu haben, Hildegard?“ „Ich fühle meine Migräne kommen— ich fühle das immer, wenn ich in der Sonnenhitze war oder meine Nerven durch etwas aufgeregt worden ſind.“ „Ja, ja, Du warſt in der Sonnenhitze,“ gab er mit ange⸗ nommener Gleichgültigkeit zur Antwort, indem er ſich beeilte, eine vortreffliche Hammels⸗Cotelette zu verzehren, die ihm mit den erſten, friſchen Bohnen dieſes Frühjahres ſervirt worden war. Wie geſagt, er beeilte ſich, und zwar mit dem Gefühle des Wanderers, der ein ſchützendes Obdach zu erreichen ſucht, weil er am Horizonte Gewitterwolken emporſteigen ſieht. Sie ſeufzte aus dem tiefſten Grunde ihres Herzens um warf einen Blick zu ihm hinüber, den er glücklicher Weiſe nicht ſah. „War der Prinz mit ſeinem Beſuche in meinem Atelier zu⸗ frieden?“ fragte er nach einer ſehr langen Pauſe. „O, der Prinz war ſehr zufrieden,“ antwortete ſie mit einem 94 Zweites Kapitel. aus ihrem Herzen kam und nur wie fernes Wetterleuchten drohend um ihre zuſammengepreßten Lippen zuckte—„er war außerordentlich zufrieden, denn er fand in dem Atelier des berühmten Malers, was ein Herr von den Liebhabereien des Prinzen nur zu finden hoffen darf: Weiber, Wein und luſtige Lieder!“ „Nun, ich hoffe, er fand auch ein vortreffliches Bild dort,“ erwiederte er mit großer Ruhe. „Davon ſprach er weniger; er konnte es nicht genug rühmen, welch heiteres, luſtiges angenehmes Leben dieſe Künſtler führten, er ſprach mit Begeiſterung davon und von Deinem ſchönen Modell.“.— „Wenn Du Dir auch nie die Mühe gabſt, das junge Mädchen, von dem Du in ſo geringſchätzenden Ausdrücken ſprichſt, näher kennen zu lernen, ſo weißt Du doch genau, daß Sennora Conchitta kein Modell iſt, was man nämlich gewöhnlich unter jenem Ausdruck verſteht.“ „Dieſes Modell,“ fuhr ſie mit angenommenem kaltem Tone fort, den der lebhafte Blick ihrer Augen Lügen ſtrafte,„um das er Dich beneidet, ſowie auch andere Künſtler, ſoll, wie ich gehört, nur aus ganz beſonderer Gefälligkeit gegen Dich Dein Atelier be⸗ ſuchen.“ „Mein liebes Kind,“ wandte ſich Roderich an das kleine Mädchen,„willſt Du noch etwas von dieſer ſüßen Speiſe? Oder wenn Du genug davon haſt, ſo gehe zu Friedrich und laß Dir von ihm Erdbeeren geben.“ „Ja, Papa, ich will lieber Erdbeeren, aber vorher ſollſt Du noch einen dicken Kuß haben!“ damit ſprang das Kind ſeinem Vater auf den Schooß und küßte ihn herzlich auf beide Backen, ehe es hinausging. 3 „So,“ ſagte Roderich in ſtiller Ruhe,„jetzt wären wir wenig⸗ ſtens allein.“ gewiſſen, ihm ſehr wohl bekannten Lächeln, einem Lächeln, das nicht Es iſt eine alte Geſchichte. 9⁵ „Allein!“ rief ſie mit einem krampfhaften Lachen—„allein — o, mein Gott, ja, allein, das iſt das richtige Wort, welches mir wahrhaftig Niemand zuzurufen braucht— allein! Ich ſollte es in jede Fenſterſcheibe eingraben laſſen, alle Wände damit be⸗ decken, es in Einem fort wiederholen! allein, allein!— Aber was kümmerſt Du Dich darum? Du gehſt Deinen Vergnügungen nach, Du verläßſt in der heiterſten Laune von der Welt Dein Haus, um Luſtbarkeiten aufzuſuchen, wie ſie ſich die ausſchweifendſte Phantaſie eines Mannes nur denken kann: Weiber, Wein und luſtige Lieder!“ „Du willſt wohl damit ſagen, ich verlaſſe Morgens mein Haus, um zu meiner Arbeit zu gehen?“ „Ah ja, zu Deinen Arbeiten! Gott ſei es geklagt— ich ſitze allein zu Hauſe mit meinem Kummer und meinen Sorgen!“ „Kummer und Sorgen?“ konnte ſich Roderich nicht enthal⸗ ten, ihr fragend zu antworten, indem er einen Blick auf das reiche Tafel⸗Service und auf das elegant ausgeſtattete Eßzimmer warf. „O, ich verſtehe dieſen Blick,“ rief ſie mit ſteigender Heftig⸗ keit;„Gold, Silber und Verzierung rings um mich her! Aber was nutzt mich das alles, ohne....“ „Zufriedenheit in Deinem Herzen,“ warf er raſch ein;„unter⸗ laß es doch endlich einmal, dieſe ungegründeten Klagen laut werden zu laſſen, dieſe gleichen Scenen immer und immer zu wiederholen! Glaube, mir, Hildegard, ich gewöhne mich noch daran, wie man ſich an das Gift gewöhnen kann!“ „Ja, daß Dir jedes meiner Worte Gift iſt, brauchſt Du mir wahrhaftig nicht zu ſagen; aber geſtehe mir zu,“ fuhr ſie mit hef⸗ tiger Stimme fort,„daß ich mit bewunderungswürdiger Faſſung dulde und leide, ja, ſtill für mich leide und dulde, und daß das, was Du Scenen zu nennen beliebſt, gewiß nicht durch mich her⸗ vorgerufen wird,— wie kann ich armes Weib es hindern, daß 96 Zweites Kapitel. Du in Deinem Atelier ein luſtiges Leben führſt, ein Leben, wie es ſich wahrhaftig nicht ſchickt für den Gatten und Vater— aber, wie geſagt, ich trage das mit ſtiller Duldung; nur wenn man mir Dein Leben auf ſo ſchonungsloſe Weiſe ins Geſicht wirft.... „Und wer that das?“ fragte er in ziemlich lautem Tone, indem die Ader auf ſeiner Stirn anſchwoll. „Du magſt noch fragen? Heute der Prinz, indem er dieſes Dein luſtiges Leben, Deine heiteren Lieder, Deinen Wein und die ſchönen Weiber Deiner Umgebung lobte— morgen ein Anderer, und....“ „Uebermorgen,“ ſprach er wieder in ſeinem gewöhnlichen, ruhigen Tone,„ein ganzer Chor guter Freundinnen, denen es bei ſüßem Kaffee das größte Vergnügen iſt, herauszufinden, welcher ihrer Männer das größte Scheuſal und welche von ihnen die erbar⸗ mungswürdigſte iſt— o, wir kennen das!“ „Ja, Du kennſt das!“ rief ſie mit einem Blicke nach oben, und wir ſind nicht ganz gewiß, ob ſie ſich mit dieſem Ausrufe an Roderich oder an den höchſten Lenker aller menſchlichen Schickſale wandte—„ja, Du kennſt das und Du kennſt auch mein Leben!“ „Gott ſei Dank, daß ich das kenne, und wenn es mir erlaubt iſt, einmal einen Tag dieſes Deines Lebens zu ſkizziren, ſo glaube ich, könnten wir zu einem ganz behaglichen Ergebniſſe kommen— nach einer ungeſtörten Nachtruhe....“ Sie ſeufzte tief. „Läßſt Du Dich durch Dein Mädchen ankleiden, nachdem Du vielleicht vorher ein Bad genommen, wir frühſtücken zuſammen, und hier mußt Du mir zugeben,“ ſprach er in ernſterem Tone, „daß dieſes Frühſtück heiter und vergnügt zu verlaufen im Stande iſt, wenn Du nicht durch eine unbedeutende Kleinigkeit veranlaßt wirſt, mir meinen Kaffee zu verſüßen.“ Es iſt eine alte Geſchichte. 97 „Ich gebe zu, daß Deine Laune am Morgen ungetrübt iſt— natürlich, Du nimmſt Dein Frühſtück ſo eilig als möglich, da Du es kaum erwarten kannſt, dieſes Haus zu verlaſſen, wo Dir Alles eine Qual iſt!“ „Du machſt hierauf Toilette,“ fuhr er fort, ohne dieſe Ein⸗ rede ſpeciell zu beantworten,„Du läßt anſpannen und fährſt aus, um Deine Freundinnen zu beſuchen, Du kommſt um die Mittags⸗ zeit vielleicht nach Hauſe, lieſeſt ein neues Buch oder ein unter⸗ haltendes Journal, ſiehſt Dich nach Margarethen um, und ſo kommt die Zeit heran, wo wir wie jetzt behaglich mit einander zu Mittag ſpeiſen.“ „Behaglich— o, mein Gott!“ „Du haſt Recht mit Deinem Seufzer— ich habe mich falſch ausgedrückt; ich hätte eigentlich ſagen ſollen, wo wir behaglich zu Mittag ſpeiſen würden, wenn es Dir nicht beliebte, die kleinen Scenen vom Kaffeetiſche fortzuſetzen, oder wie ſoeben jetzt, neue in Angriff zu nehmen.“ „Ah, Du verlangſt eine Frau, die nichts Ungehöriges ſieht, die nichts, ſei es noch ſo Tolles und Anſtößiges, hört oder rügt— eine blinde und ſtumme Sklavin!“ „Es wäre mir lieb,“ ſagte er mit einer Miene des Ueberdruſſes, „wenn wir ein für alle Mal über dieſes Sklaventhum hinweg wären. Du magſt das in Deinen Kaffeegeſellſchaften, im Kreiſe gleichgeſtimmter Seelen allenfalls geltend machen und wirſt auch gewiß verſtanden und bedauert werden, aber in Gegenwart ver⸗ nünftiger Leute, zu denen mich zu zählen auch ich die Berechtigung habe, klingen die Klagen etwas abſurd, was Jeder erſehen wird, wenn er einen Tag Deines gewöhnlichen Lebens betrachtet, nach dem Mittageſſen....“ „Genug, genug!“ rief ſie heftig in entrüſtetem Tone.„Was nutzt mich das Aufzählen all' dieſer Lichtſeiten, wenn man den tiefen, ſchwarzen Schatten daneben nicht ſehen will!“ 98 Zweites Kapitel. „Nach dem Mittageſſen,“ fuhr er mit großer Ruhe fort,„will ich mit Dir plaudern, während ich gemüthlich meine Cigarre rauche, aber Du haſt entweder Kopfweh oder Du biſt fatiguirt, mußt irgend ein dringendes Geſchäft beſorgen oder Du läßt mich ſprechen, um mich beim erſten harmloſen Ausdrucke, beim erſten irgend hiezu möglichen Worte mit irgend einer Klage, mit irgend einer pikanten Bemerkung zu unterbrechen; findeſt Du es zufällig einmal nicht für gut, direkt mit mir anzubinden, ſo ſchmähſt Du auf meine Freunde oder lobſt das unvergleichlich glückſelige Leben Deiner Freun⸗ dinnen, während Du....“ „Es iſt nur ſchade,“ warf ſie gereizt dazwiſchen,„daß Nie⸗ mand die ſchöne Schilderung hört, die Du von Deiner Frau ent⸗ wirfſt, das heißt,“ fuhr ſie mit einem bittern Lächeln fort,„eine Schilderung, die Du mir heute einmal wiederholſt und die Du gewiß Deinen Vertrauten ſchon oft von mir gemacht, denn woher käme ſonſt die Mißachtung, die ich von Deinen Freunden zu er⸗ dulden habe.“ „O, o,“ machte Roderich, und es fuhr etwas wie ein Lächeln über ſeine nach und nach finſter gewordenen Züge,„auch dieſes Kapitel kenne ich, Mißachtung meiner Freunde: es hat Dir Jemand ein unſchuldiges Wort geſagt, das Dich verletzt, es grüßte Dich Jemand nicht achtungsvoll genug— ſtatt nun zu glauben, jener habe ſeine Bemerkung in einem ganz harmloſen Sinne gemacht und dieſer Dich nicht geſehen, biſt Du überzeugt, man habe Dich beleidigen wollen, weil es zwei Freunde von mir waren, denen ich natürlich die ſchrecklichſten Dinge über Dich geſagt.“ Hildegard ſtieß einen tiefen Seufzer der Befriedigung aus; es war, als wollte ſie ſagen: dieſer Wahrheit läßt ſich nichts mehr zuſetzen. „Wie oft habe ich Dir ſchon verſichert,“ fuhr Roderich wieder mit großem Ernſte fort,„daß ich mit fremden Leuten nie über Dich rede.“ Es iſt eine alte Geſchichte. „Woran ich nicht im geringſten zweifle,“ warf ſie mit unge⸗ meiner Zungenfertigkeit dazwiſchen.„Du ſchämſt Dich Deiner Frau, Du ignorirſt ſie, wo es Dir möglich iſt— o, es ſoll etwas höchſt Angenehmes ſein, noch als verheiratheter Mann, als Vater den Junggeſellen zu ſpielen!“ „Hildegard!“ ſtieß er zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen hervor, während eine tiefe Röthe ſeine Stirn umzog; doch ſagte er gleich darauf mit einem bezeichnenden Achſelzucken:„Aber wozu mich ereifern? Ich will Dir lieber ein Bild Deines Tages vollenden.“ „Ja, meines Tages,“ rief ſie, raſch aufſtehend, indem ſie ihren Stuhl unſanft zurückſtieß,„meines Tages voll Jammer und Qual! Breite ſie nur aus, die goldenen Feſſeln, mit denen Du mich zu Deiner Sklavin machſt, wirf nur Deine Blicke im Zimmer umher, über dieſes reiche Tafel⸗Service hin, Du warſt ja in Deiner poetiſchen Erzählung gerade hier“— ſie zeigte auf den Tiſch— „ſtehen geblieben.“ „Nein, bei meiner gemüthlichen Cigarre,“ verſetzte er in be⸗ ruhigtem Tone,„nach welcher ich Dir gewöhnlich einen Spazier⸗ gang vorſchlage, welchen Du in den meiſten Fällen ablehnſt.“ „Ja.“ 5 „Dann fährſt Du für Dich ſpazieren mit meiner Tochter und gehſt Abends in irgend eine Geſellſchaft, ins Theater oder in ein Concert, und das iſt der Tag einer deutſchen Sklavin!“ „Ja, ganz richtig,“ ſagte ſie nach einem minutenlangen Still⸗ ſchweigen, während ſie am Tiſche ſtand und die rechte Hand darauf ſtützte,„ſo iſt der Tag einer deutſchen Sklavin, ſo iſt mein Tag, voll Luſt und Freude, voll Gold und Schimmer, aber ohne Liebe!“ Wir können hier nicht verſchweigen, daß eine Scene wie die eben geſchilderte zwiſchen beiden Gatten leider ſehr häufig in dem⸗ ſelben Verlaufe, ja, faſt mit den gleichen Worten ſtattgefunden 100 Zweites Kapitel. hatte, und wir müſſen hinzufügen, daß, als Hildegard zum erſten Male ihrem Gatten den Vorwurf machte, als führe ſie wohl ein glänzendes Leben, aber ein Leben ohne Liebe, ihn dieſe Anklage, ſo ungerecht ſie auch war, doch tief erſchütterte, denn auch er wußte ſeit Jahren ſchon wohl, was es heiße, ein Leben ohne Liebe zu führen. Damals hatte er geſchwiegen, ja, ſein Haupt ſchmerzlich be⸗ wegt auf die Bruſt niederſinken laſſen, ja, er hatte die Hand gegen ſie ausgeſtreckt und ihr geſagt:„Es iſt wahr, Hildegard, wir haben bisher ein Leben geführt, ohne das Glück der Liebe zu kennen; ich bedauere Dich aus tiefſtem Herzen, ich bedauere mich ſelbſt, aber laß dieſes Wort nur ein einziges Mal geſprochen ſein, laß es verſchwinden wie ein düſteres Geſpenſt beim erſten Scheine der Morgenſonne, der uns den neu anbrechenden Tag gegenſeitiger Duldung, Achtung und herzlicher Freundſchaft bringt.“ Hätte ſie damals ihre Hand in die ſeinige gelegt, hätte ſie damals geſagt, laß uns ringen und ſtreben, daß unſere Seelen ſich finden, ſo würde wahrſcheinlich aus gegenſeitiger Duldung Freund⸗ ſchaft geworden und aus dieſer über dem Haupte ihres Kindes eine herzliche Liebe entſtanden ſein. Anſtatt aber ſo zu fühlen, herzlich und mild, ſah ſie in ſeinem weichen, entgegenkommenden Weſen eine ſchlimmere Beſtätigung ihrer Worte und ſtatt ihm verſöhnend ihre Hand zu reichen, hatte ſie das furchtbare Wort in kalter, verächtlicher Steigerung ihm noch⸗ mals ins Geſicht geſchleudert,„ja ein Leben ohne Liebe,“ mit dem Zuſatze:„denn Anderen gilt Deine Liebe“. Und dann hatte ſie wie im Gefühle eines Sieges triumphirend das Zimmer verlaſſen. Damals war er in flammendem Zorne aufgeſprungen mit bebenden Lippen, während ſeine zitternde Hand unwillkürlich nach einem Meſſer griff, welches neben ihm auf dem Tiſche lag, das er aber in der nächſten Sekunde von ſich ſihlenderie, als brenne es zwiſchen ſeinen Fingern. Es iſt eine alte Geſchichte. 101 Bei der zweiten Scene ähnlicher Art, wo ſie mit kleinen Aen⸗ derungen doch wieder zum gleichen Reſultate und zum Worte kam, hatte dieſes ſchon viel von ſeinem erſten, erſchütternden Eindrucke verloren; doch ſprang auch dieſes Mal noch Roderich haſtig empor und rief ihr zu:„Auf dieſe Anklage hin ſollſt. Du hören, was ich Dir zu erwiedern habe: ja, es iſt wahr, wir führen ein Leben ohne Liebe, wie unſere erſte Bekanntſchaft, wie die ſonſt ſo glückliche Zeit der Brautſchaft, wie unſere Ehe kein Reſultat der Liebe, ſondern ein Ergebniß kalter Berechnung war! Und doch,“ fuhr er weicher fort,„habe ich aus ehrlichem Herzen mein Beſtes dazu gegeben, um nach und nach und mühſam dahin zu gelangen, was Anderen in un⸗ endlicher Glückſeligkeit von einem beſſeren Schickſale verſchwenderiſch zugeworfen wird— doch Du haſt dem widerſtrebt, Du glaubteſt, dem jungen Maler aus unbedeutender Familie ſei vollkommen ge⸗ nug geſchehen, als er der Ehre theilhaftig geworden, in Deine hochadelige Familie aufgenommen zu werden— gut denn,“ er hatte allerdings mit großer Bitterkeit hinzugeſetzt:„ich bin über⸗ zeugt, den Namen dieſer vornehmen Familie aufs Neue vergoldet zu haben, und da Du kein Verlangen zu tragen ſcheinſt nach einem innigen Verkehr mit Deinem Gatten, ſo laß Dir an dem Glanze und Schimmer genügen!“ Als ähnliche Scenen aber unabläſſig wiederkehrten, hatte er auf oft noch viel ſchlimmere Worte und auf umſtändliche, wenn⸗ gleich falſche Anklagen nie mehr mit Heftigkeit geantwortet; ge⸗ wöhnlich hatte er ſich begnügt, ſich achſelzuckend abzuwenden oder auch zuweilen verſucht, dem Zorne ſeiner Frau dadurch die Spitze abzubrechen, daß er ihre Anklagen vervollſtändigte und, wie heute, nachdem ſie ihm geſagt, ſie führe ein Leben ohne Liebe, hinzuſetzte: „Natürlicher Weiſe, weil ich eine fabelhafte Menge Anderer liebe!“ Dann hatte er ſich ebenfalls erhoben, aus einem Kiſtchen auf dem Kamingeſims eine ſehr gute Cigarre geholt, dieſe angezündet und war alsdann mit Margarethe in den kleinen Garten hinter 102 Zweites Kapitel. dem Hauſe gegangen und hatte ihr dort in ihren kindlichen Spielen beigeſtanden. Wer den berühmten Maler hierbei aber genauer be⸗ trachtete, mußte merken, daß er dabei Manches wie in großer Zer⸗ ſtreuung that und ſich häufig von dem kleinen Mädchen mußte tadeln laſſen. Dann fuhr er wie aus tiefem Traume auf, nahm das Kind beim Kopfe, küßte es herzlich auf ſein blondes Haar und ſagte, während etwas wie Wehmuth in ſeiner Stimme zitterte: „Du haſt Recht, meine gute Margarethe, ich habe das falſch ge⸗ macht; Du weißt es beſſer und mußt es beſſer wiſſen, Du fängſt erſt an zu ſpielen, während ich dergleichen ſchon längſt vergeſſen habe und an keine Spielerei mehr denken darf.“ III. „In einem Thal bei armen Hirten.“ In der Stadt, in welcher unſere dieſes Mal ganz beſonders wahre Geſchichte ſpielt, und gerade nicht in dem eleganteren Theile derſelben, befand ſich eine ſehr ſchmale Straße, welche den poetiſchen Namen Wurſtgaſſe trug, eine Benennung, welche wohl nicht von irgend einer delikaten Wurſtart herkam, die hier erfunden oder an⸗ gefertigt wurde, ſondern wohl eher von der wurſt⸗ oder darmartigen Biegung dieſer Gaſſe, welche in einer äußerſt figürlichen Schlangen⸗ linie zwei Hauptſtraßen der Stadt mit einander verband. Die Wurſtgaſſe war eine ſtille, aber dabei ehrwürdige Gaſſe, ſtill, weil in ihr des mangelnden Lichtes wegen wenige Handwerker ihr geräuſchvolles Leben trieben, ehrwürdig, weil ſie zu den älteſten Paſſagen der Stadt gehörte und große, ſtattliche Häuſer aufzuweiſen hatte, die mit ihren gezackten und verzierten Giebeln, ihren ver⸗ ſchnörkelten Fenſter⸗ und Hausthüreinfaſſungen, ja, die hier und da mit einem adeligen Wappen über dem Portale verſehen waren, wohl eine beſſere Stelle verdient hätten, als hier in einem ſo lange andauernden Halbdunkel Morgens und Abends bei ſpärlichem Sonnenlichte, das nur bei hoher Mittagszeit in einer feinen, ſelt⸗ ſam gezackten Linie blitzartig auf dem Straßenpflaſter ſich zeigte. Es wird ſonderbar erſcheinen, wenn wir hier die Mittheilung 104 Drittes Kapitel. machen, daß in dem von uns beſchriebenen Wurſtgäßchen eine Menge junger Künſtler ihre Wohnung aufgeſchlagen hatten, und doch war dem ſo: es befanden ſich hier nicht nur Wohnungen, ſondern auch ſogar zahlreiche Maler⸗Ateliers, letztere freilich auf der Rückſeite der alten Häuſer, welche oder vielmehr ihre Beſitzer vom vorzeitigen Reichthume und Glanze ziemlich ausgedehnte Höfe und Gärten be⸗ halten hatten, von denen die Hälfte auf der einen Seite der Straße gegen Norden lagen, alſo das paſſendſte Licht boten. 3 Die Beſitzer eines Theiles dieſer Häuſer hatten, da es in der Stadt überhaupt an Ateliers und ihnen, der engen Gaſſe wegen, an Miethsleuten mangelte, größere Räume auf der Rückſeite hierzu paſſend eingerichtet und dabei ein gutes Geſchäft gemacht: auch hatte die finſtere Gaſſe durch die größtentheils luſtigen jungen Leute und ihr fröhliches Treiben ein beziehungsweiſe heiteres Anſehen ge⸗ wonnen, und beſonders dadurch, daß die düſtere Vorderſeite der alten Gebäude durch eben dieſes Leben und Treiben auf mannig⸗ faltige Weiſe bunt verziert erſchien: hier ſah man ein paar Blumen⸗ ſtöcke mit lebenden, andere mit vertrockneten Blumen, dort einen großen Vogelbauer mit einem luſtig ſchlagenden Diſtelfinken und beinahe gegenüber einen mächtigen Käfig von Meſſingdraht mit einem ausgeſtopften Papagei, der aber merkwürdiger Weiſe aufs deutlichſte verſchiedene Worte auf die Straße hinabrief:„Lump! Spitzbub! Haltet den Schelm! Guten Morgen, alter Jakob!“ und dergleichen Redensarten mehr, wie ſie im gewöhnlichen und alſo auch im Künſterleben vorzukommen pflegen. Andere Verzierungen der Wurſtgaſſe beſtanden aus flatternder Wäſche, aus einſtens farbig geweſenen und jetzt abgebleichten Maler⸗ kitteln, deren Ueberbleibſel als Vorhänge benutzt wurden, auch wohl als bunte Fahnen verſchiedener Nationalitäten mit den hierzu ſcheinbar paſſenden, aber gewöhnlich ſehr improviſirten Wappen⸗ ſcchildern, deren Deviſen indeſſen nicht ſelten als anſtößig für das Land, das ſie vorſtellen ſollten, von der hohen Polizei entfernt In einem Thal bei armen Hirten. 10⁵ worden waren. Ein gleiches Schickſal hatte gar oft die von den Künſtlern in einer ihrer zahlreichen Mußeſtunden fabricirten Aus⸗ hängetafeln mit der Anzeige verſchiedener bürgerlicher Gewerbe ge⸗ troffen, die, da deren Beſitzer nicht auffindbar waren, auch nicht geduldet werden konnten. So ſchien ſich eines Tages die Wurſtgaſſe für die geſetzmäßige und natürliche Inslebenbeförderung des Menſchengeſchlechtes lebhaft zu intereſſiren, denn an einem ſchönen Morgen hatte es der vielen Anzeigen wegen den Anſchein, als hätten ſich ſämmtliche Hebammen der Stadt in's Wurſtgäßchen zurückgezogen. Ein anderes Mal bemerkt man, zart anſpielend auf irgend ein bekanntes Bild dieſes oder jenes Bewohners, die Ankündigung eines Kohlenlagers, einer Indigohandlung, einer Türkiſchrothfärberei oder einer Niederlage vom allerechteſten ſchweinfurter Grün. An Sommerabenden gewann das Wurſtgäßchen kurz vor der Dämmerung ein äußerſt behagliches Anſehen; dann lehnten die jungen Künſtler, meiſtens die langen Pfeifen rauchend, an ihren verſchiedenen Fenſtern, und ein Witzwort, das an einem Ende der Gaſſe Preis gegeben wurde, pflanzte ſich wie ein Rottenfeuer bis an's andere Ende mit allen möglichen Zuſätzen und Verzierungen fort. Wehe einem harmlos Dahinwandelnden, wenn er zu dieſem Witzworte Veranlaſſung gegeben hatte, denn er lief dann nicht ſel⸗ ten moraliſch Spießruthen, wobei er nichts thun konnte, als allen⸗ falls eine Fauſt in den Sack zu machen und Gott zu danken, wenn er das Wurſtgäßchen hinter ſich hatte. Auch heitere und mehr noch ſentimentale Lieder hörte man hier oft und unter ſehr mangelhafter Guitarrebegleitung erklingen, wobei es nicht immer die ſchönſte Wirkung machte, wenn auf dieſer Seite das Lied ertönte: „Dich verlieren ſoll ich, dich verlaſſen, Dich, die meine Seele ganz erfüllt?“ Hackländer's Werke. 52. Bd. 8 —— 106 Drittes Kapitel. und drüben dazwiſchen geſungen wurde: „Es zogen drei Burſche wohl über den Rhein, Bei einer Frau Wirthin, da kehrten ſie ein.“ Zuweilen vereinigten ſich aber ein Dutzend dieſer kräftigen Stimmen, und wenn alsdann ein berühmtes Lied erſchallte, wie zum Beiſpiel: „Als ich an einem Sommertage, O Lieb', o Seel', o Herzenskind, Hurrah!“ ſo konnte man ſicher ſein, daß dieſes Hurrah einen ganz beſonders kräftigen Wiederhall im Wurſtgäßchen fand. Wenn es der Raum dieſer Blätter geſtattete, ſo könnte man, davon ſind wir feſt überzeugt, manches der Häuſer mit ihren Be⸗ wohnern in den Rahmen unſerer wahrhaften Geſchichte mit hinein⸗ ziehen, doch müſſen wir uns begnügen, den geneigten Leſer vor eines der größten und ſtattlichſten Gebäude zu führen, welche das Gäßchen beſaß, ein altes, dunkelgraues Haus, aber von ſo ſolider Bauart, daß es heute noch unverändert in jeder Linie, in jedem Bogen ſeiner Conſtruction gerade ſo ſtand wie damals, wo die Maurer und Zimmerleute bei ſeiner Vollendung Abſchied von ihm genommen. Wie die meiſten Häuſer alter Städte und ſo auch die des Wurſt⸗ gäßchens, hatte das Haus ſeinen Eigennamen, den es ſeit mehr als zwei Jahrhunderten geführt und welcher weder der des Erbauers noch der eines der darauf folgenden Beſitzer dieſes Hauſes war; es hieß nämlich„Zum goldenen Apfel“, und war dieſer Name bild⸗ lich über der breiten Eingangsthür, aus Stein gehauen und einſt vergoldet geweſen, zu ſehen. Lange Zeit hatte weder einer der hier wohnenden Künſtler, noch irgend einer von denen, die gegenüber ihr Quartier aufgeſchlagen hatten, dem Apfel mit ſeiner faſt ganz abgenutzten Vergoldung einige Aufmerlſamkeit geſchenkt; endlich in 1 In einem Thal bei armen Hirten. 107 politiſch unruhigen Tagen war ein ſinniger Kopf auf den Gedanken gekommen, den harmloſen goldenen Apfel in einer Nacht ſchwarz⸗ roth⸗golden anzumalen und ſo zum deutſchen Reichsapfel zu ſtempeln, welcher Name außerordentlich gefiel und von da an für das alte Haus beibehalten wurde. Dorthin führen wir den geneigten Leſer und erſuchen ihn, mit uns unſichtbarer Weiſe einzutreten, um den„deutſchen Reichs⸗ apfel“ kennen zu lernen. Unten im Erdgeſchoß deſſelben befand ſich eine Specereihand⸗ 3 lung und konnte man auf einer Tafel leſen, daß hier Flaſchenbier über die Straße verkauft werde. Als zu eben genanntem Geſchäfte gehörig, war der ganze un⸗ tere Raum des Hauſes, einſchließlich des breiten Thorweges, mit vollen und leeren Fäſſern, Kiſten und Ballen angefüllt, und erfor⸗ derte es bei dem hier herrſchenden Halbdunkel eine ziemliche Kennt⸗ niß, um ſich durch dieſes Labyrinth von Gegenſtänden aller Art durchzuwinden. Hatte man aber ſo den unteren Theil des Hauſes durchſchritten und gelangte auf der anderen Seite in den hofähn⸗ lichen Garten oder gartenähnlichen Hof, ſo war man erſtaunt, hier einen ſo ſchönen, wenngleich verwilderten Raum zu ſehen, und fand es begreiflich, daß der Hausbeſitzer bei dieſem prachtvollen Nord⸗ lichte in den oberen Stockwerken Ateliers für Maler eingerichtet hatte. Dort hinauf führte eine zierliche, ſteinerne Wendeltreppe aus dem Hofe, welche in ihrer künſtleriſch ſchönen Conſtruction und beſchattet durch eine mächtige Linde häuſig von den jungen Künſt⸗ lern bei den verſchiedenartigſten Zeichnungen und Bildern benutzt wurde. Wir ſteigen die Treppe hinauf und kommen auf einen ziemlich großen Vorplatz, wo wir ein paar alte Koffer ſtehen ſehen, einige zerbrochene Bierflaſchen, Ueberbleibſel von ſehr verblichenen goldenen. Rahmen, eine alte Staffelei mit einem abgebrochenen Fuße und dergleichen Kleinigkeiten mehr. 3 10og Drittes Kapitel. Eine der hohen Wände dieſes Vorplatzes iſt mit grotesken Kohlenzeichnungen bedeckt, und ſind dies offenbar Karikaturen von Freunden und Bekannten; ein eigenthümlicher Duft, gemiſcht aus Terpentingeiſt und dem ſcharfen Geruche der Oelfarben, erfüllte dieſen Raum, der ein einziges großes Fenſter hat, das aber wohl, wie wir aus Spuren von Spinngeweben an den roſtigen Riegeln ſehen, niemals geöffnet wurde. Es iſt in ſpäter Nachmittagsſtunde, als wir den„Reichsapfel“ betreten, und wählen wir dieſe Zeit, um den Abend mit den ver⸗ ſchiedenen jungen Künſtlern, die hier wohnen, zuzubringen. Vor der Hand ſcheint übrigens eine tiefe Stille uns anzuzeigen, daß keiner von ihnen zu Hauſe iſt, doch haben wir uns in dieſer Vor⸗ ausſetzung geirrt: hinter einer Thür zu unſerer Linken beginnt Jemand, eine einfache Weiſe zu pfeifen. Wir öffnen die Thür und treten in ein ziemlich großes Ge⸗ mach; die Wände ſind mit grauen Papiertapeten bedeckt und der Hausrath iſt ſehr einfach zu nennen: er beſteht aus einem Bette in der Ecke, einem alten, ziemlich großen Tiſche von Eichenholz in der Mitte, einem Kleiderſchranke, einem Waſchtiſche und ſechs mit dun⸗ kelm Leder überzogenen Stühlen. Dabei aber fehlte es dieſem Zimmer nicht an beſcheidener, maleriſcher Ausſchmückung; die eine der Wände iſt bedeckt mit großen und kleinen Studien und Skizzen in Oelfarben, alle nur erdenklichen Gegenſtände in ſich begreifend: männliche und weibliche Köpfe aus den verſchiedenſten Altersklaſſen, bald in unſerer einfachen bürgerlichen Tracht, bald durch eine bunte Drapirung oder eine eiſerne Pickelhaube zu Göttern und Helden umgewandelt. Dazwiſchen ſah man landſchaftliche Erinnerungen: ausgezeichnete Felsſtücke, die ſich in großartiger Einfachheit in ſtillen, grünlichen Waſſerpfützen abſpiegelten, oder die einem herabſtürzen⸗ den Waldbache als Relief dienten; ferner menſchliche Wohnungen durch alle Rubriken von der Hütte bis zum Palaſte, auch die ganze Waldkultur in ausgezeichneten Exemplaren, beſonders von Tannen, — 1 8 In einem Thal bei armen Hirten. 109 Föhren, Eichen und Buchen. Unter dieſen Skizzen ſtand ein altes, ſehr verſeſſenes Sopha, in deſſen Ecke eine Guitarre lehnte, wäh⸗ rend auf dem Sitze ein Packet Tabak lag, das übrigens aufgeborſten war und von ſeinem Inhalte freigebig umhergeſtreut hatte. Zwei Ecken des Zimmers verdienen als ganz beſonders und eigenthüm⸗ lich verziert unſere Aufmerkſamkeit. In einer derſelben, zunächſt der Thür, befand ſich ein alter Stuhl mit hoher Lehne, auf der die oberen Theile einer größeren eiſernen Rüſtung, als Bruſthar⸗ niſch, Rücktheil, Halsberge und Armſchienen, zum Obertheile eines Mannes zuſammengefügt waren. Dieſer Mann wurde vervoll⸗ ſtändigt durch ein langes, hageres Maskengeſicht, dem man einen ſehr langen und ſpitzen Schnurr⸗ und Knebelbart angeklebt, auch eine Perrücke aufgeſetzt hatte, auf der als Kopfbedeckung eine Bar⸗ bierſchüſſel aus Weißblech prangte, der Helm Mambrin's. Um den Mangel an Beinen und Füßen bei dieſer Figur zu verdecken, hatte man den Stuhl unten kunſtvoll mit einer rothen Draperie umwunden, dieſe, wo es nöthig war, ausgeſtopft, und ſo ein ziem⸗ lich ordentliches Bild des Ritters von der traurigen Geſtalt ge⸗ ſchaffen, dem ſogar die lange Lanze nicht fehlte, die er in der aus⸗ geſtreckten Rechten hielt. 4 Als Gegenſtück zu dieſer Figur, die unverkennbar das vor⸗ ſtellte, was ſie ſein ſollte, befand ſich an der gegenüber liegenden Ecke des Zimmers etwas, über deſſen Zweck und Bedeutung ein Uneingeweihter ſelbſt bei näherer und genauerer Betrachtung nicht ſogleich klug werden konnte: ein paar auf einander geſtellte leere Auſternfäßchen bildeten einen Fuß oder Unterſatz, auf dem die ebenfalls leere Schachtel eines Fromage de Brie als Tiſchplatte ruhte; durch zuſammengefügte und oben zu einem Bogen verbundene Cigarrenkiſtchen war mit den eben erwähnten Dingen eine Niſche gebildet worden, die einem kleinen Altar glich, beſonders durch ihre Ausſchmückung vermittels farbigen Gold⸗ und Silberpapiers, ſowie aus dieſem Materiale hergeſtellter Blumen. In dieſer Niſche ſtand ——— ——— 110 Drittes Kapitel. aufrecht ein langer Stock, der trotz ſeiner beiden vergoldeten Enden nicht zu verläugnen im Stande war, daß er einſtens als Beſen⸗ ſtiel gedient; an ihm war oben vermittels eines rothen Strickes als Querſtange ein kurzer Prügel befeſtigt, deſſen beiden Enden ſchwarz gebrannt, faſt verkohlt waren und von dem lange Bänder in allen möglichen Farben herabhingen. An dem großen, gegen Norden gelegenen Fenſter des Zimmers befand ſich eine Staffelei, auf der Staffelei ein Bild und vor der Staffelei ſtand der junge Maler, den wir draußen auf dem Gange pfeifen gehört. Da es ein warmer Tag war und er wohl keine Luſt zum Ausgehen hatte, ſo befand er ſich etwas mangelhaft an⸗ gekleidet: ſeine Füße ſtaken in Pantoffeln, ſeine Beinkleider ent⸗ behrten der Hoſenträger und zeigten deßhalb eine ſtarke Neigung zum Herabfallen. Um den Hemdkragen hatte er ein rothſeidenes Tuch geſchlungen, und in dieſen erwähnten Gegenſtänden beſtand ſeine ganze Kleidung. Wenn aber die Schale mangelhaft war, ſo zeigte ſie dagegen oder vielmehr gerade dadurch einen ſchönen und ſoliden Kern. Der junge Maler mochte vierundzwanzig bis ſechsund⸗ zwanzig Jahre alt ſein und war ein Bild von Geſundheit und Kraft: ſeine Körperformen hätten zu einem Apollo Modell ſtehen können und ſein Kopf zeigte neben der Friſche einer unverdorbenen Jugend die vollendete, edle Schönheit eines Antinous. Seine breite, weiße Stirn war von dicht gelockten, faſt krauſen dunkelblonden Haaren bedeckt, ſeine dunkelblauen Augen ſprühten Geiſt und Leben; die Naſe war fein und gerade, und wenn ſich die friſchen rothen Lippen öffneten, was häufig geſchah, da der junge Mann gern lachte, ſo kamen Zähne weiß wie Elfenbein zum Vorſchein. So ſtand er vor ſeiner Staffelei, den Malerſtock im aus⸗ geſtreckten linken Arme auf den Boden niederſtoßend, während er, den Kopf etwas auf die Seite geneigt, ſein Bild betrachtete und leiſe dazu pfiff. Er war übrigens nicht allein in ſeiner Wohnung, die aus . „„zum Wohle Deines Beutels, denn Deine Heilige hat mit der In einem Thal bei armen Hirten. 111 zwei Zimmern beſtand: eine geöffnete Thür führte aus dem Atelier in ein anderes Gemach, aus dem zuweilen ein kürzeres Huſten und Räuſpern die Anweſenheit eines Anderen beurkundete; doch meinten wir dieſen unſichtbar Anweſenden nicht damit, als wir ſagten, der Maler befände ſich nicht allein: hinter ihm auf ungefähr drei Schritte Entfernung ſtand nämlich ein für ſein Alter kleiner Knabe von ungefähr dreizehn bis vierzehn Jahren, ein unanſehnliches, mageres Ding mit einem verſchmitzten, ſchmutzigen Geſichte, das in einem abgebleichten Malerkittel ſtak, der ihm viel zu groß war, ſo daß die Taille dieſes Kleidungsſtückes ſich ungefähr da befand, wo ſeine Schenkel anfingen. Von ſeinen Hoſen iſt nicht viel zu ſagen, da der Malerkittel faſt bis auf ſeine Füße reichte, an denen er ein Paar alte, ausgetretene Tanzſchuhe trug, welche ihm eben⸗ falls viel zu groß waren. Dieſe ſeltſame Geſtalt hatte einen Sche⸗ mel neben ſich geſtellt, auf dem geputzte Pinſel lagen, ſowie eine kleine Kaffeeſchale mit Terpentingeiſt, und hielt in der rechten Hand einen Lappen oder ein Handtuch, das er, wenn ſein Herr und Meiſter auf die Staffelei ſah, häufig zum Verjagen der Fliegen über deſſen Haupte ſchwang. Aenderte er dieſe Beſchäftigung, was häufig der Fall war, ſo geſchah dies, um einen wunderſchönen, weißen und geſchorenen Pudel, der neben ihm auf ſeinen Hinter⸗ beinen ſaß und ihn mit ſeinen klugen Augen anſchaute, kleine Auf⸗ merkſamkeiten zu erzeigen, indem er zum Beiſpiel den Lappen zu⸗ ſammengeballt gegen deſſen Schnauze warf oder ihm denſelben wie einen Mantel umhing. „He, Du,“ rief der junge Maler in das geöffnete Neben⸗ zimmer hinein,„ich mag anfangen, was ich will, ich bringe keine richtige Stimmung hervor zwiſchen dem Gewande meiner Heiligen und dem giftigen Grün der Landſchaft, in welcher ſie ſich bemüht, zum Wohle der Chriſtenheit ſpazieren zu laufen.“ „Du willſt ſagen,“ grollte eine uns wohl bekannte Stimme, 112 Drittes Kapitel. Chriſtenheit verdammt wenig zu ſchaffen. Warum malſt Du über⸗ haupt Heilige?“ „Seltſame Frage— wer hat mich dazu verführt, als Du? Behaupteſt Du nicht immer, auf einem guten Heiligenbilde beruhe allein die Rettung der deutſchen Kunſt?“ „Du wirſt ſie nicht retten.“ „Nun, auf Ehre, das glaube ich auch nicht,“ lachte der junge Maler;„aber meinſt Du nicht, es ſollte ſich beſſer machen, wenn ich das rothe Gewand tüchtig mit Sepia laſire?“ „Laſire immerhin, doch wird das Deinem Bilde und der deutſchen Kunſt verflucht wenig helfen.“ Der vor der Staffelei hatte den Pinſel, mit dem er ſo eben in der grünen Landſchaft herumgemalt, über ſeinen Kopf hoch in die Luft geworfen, welcher alsdann von der hinter ihm ſtehenden Geſtalt mit der Geſchicklichkeit eines Affen aufgefangen, unter allerlei luſtigen Grimaſſen geputzt und dann zu den anderen Pinſeln gelegt wurde, nicht ohne vorher mit beſagtem Pinſel, ihn wie ein Floret in die Hand nehmend, einen Stoß gegen die Bruſt des Pudels geführt zu haben. Merkwürdig war dabei die ruhige Größe, mit dem dieſes Thier alle die kleinen Neckereien über ſich ergehen ließ: zuweilen ſchüttelte es leicht mit dem Kopfe, und dann ſchaute es ihn wieder mit ſeinen großen Augen ſo ernſthaft an, als wollte es ſagen: „Du biſt ein tölpelhafter, nichtsnutziger Junge,“ welche beiden Eigenſchaften der kleine Diener des Malers denn auch mit anderen, nicht minder glücklichen ſtark entwickelt in ſeiner Perſon vereinigte. Das Bürſchlein würde eiwas darum gegeben haben, wenn der Hund zu einem lauten Gebelle ſich hätte hinreißen laſſen und ſo ſein Herr und Meiſter, welcher obendrein nicht ganz gut gelaunt erſchien, in der Arbeit geſtört worden wäre. „Es iſt doch gerade,“ rief dieſer unmuthig,„als ob Alles ver⸗ hext wäre und nichts Geſcheites aus ſo einem verfluchten Pinſel heraus wollte!“ ——— ——— . In einem Thal bei armen Hirten. 113 „O, der Pinſel iſt daran nicht ſchuld!“ murmelte es aus dem Nebenzimmer. „Nun denn, die Farben.“ „Auch die nicht.“ „Nun denn, wer ſonſt?“ 4 „Das zu ſagen werde ich mir erſt dann erlauben, wenn ich wieder einmal einen kritiſchen Blick auf Dein Bild geworfen.“ „So komm' hervor und wirf einen Deiner kritiſchen Blicke darauf,“ gab der junge Maler in größter Ungeduld zur Antwort. „Du haſt mich dazu verführt, ein Heiligenbild zu malen, Du haſt meiner Zeichnung einiges Lob geſpendet, aber darauf haſt Du mein Bild mit keinem Auge ferner angeſehen, ja, Du biſt mit abgewand⸗ tem Geſichte daran vorüber gegangen.“ „Allerdings, und ich hatte meine guten Gründe dazu. Sollte ich Dir vielleicht über jeden Pinſelſtrich, über jedes Licht und jeden Schatten meine Meinung ſagen, um Dich noch verwirrter zu machen, als Du ſchon ohnehin zu ſein das Glück haſt?“ „Ich danke Dir von Herzen, großer Meiſter, aber jetzt iſt mein Bild ſo weit vorgerückt, daß Du demſelben mit einer Deiner pikanten Bemerkungen den Todesſtoß geben darfſt— es iſt ſo weit,“ fuhr er ironiſch lächelnd fort,„daß ein großer Künſtler ſagen würde, er habe nur noch die letzte Hand daran zu legen; alſo komm' aus Deiner Höhle hervor und laß mich etwas hören.“ In der That kam Walter aus dem Nebenzimmer heraus und ſtellte ſich ſo an die Staffelei, daß er ſeinen Freund betrachten konnte, nicht aber das Bild. „Da plag' ich mich herum,“ rief dieſer mit verbiſſenem In⸗ grimme,„daß mir der Schweiß an der Stirn herabläuft, und je mehr ich auf dieſer verdammten Leinwand herumpinſele, um ſo weniger bringe ich etwas Geſcheites zu Stande. Als erſt die nackte 114 Drittes Kapitel. Zeichnung da ſtand in ihren weichen, braunen Umriſſen, da hatte ich meine Freude daran.“ „Ich auch; ich wollte, es wäre eine Zeichnung geblieben.“ „Warſt denn Du es nicht, der mich angeſpornt, ein Heiligen⸗ bild zu malen?“ „Allerdings,“ gab der alte Walter mit großer Ruhe zur Ant⸗ wort,„damit Du endlich alles durchgemalt hätteſt, was ein ſterb⸗ licher Pinſel zu malen im Stande iſt, und jetzt, meine ich, wäre der Reigentanz geſchloſſen.“ Er ging um die Staffelei herum und ſtellte ſich, während der Andere zurücktrat, mit über einander geſchlagenen Armen vor das Bild. Er betrachtete es einige Minuten lang ſtillſchweigend, dann ſagte er:„Ja, ja, jetzt ſind wir auch damit fertig, der Ring iſt geſchloſſen, die Schlange hat ihren Schwanz in's Maul genommen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ entgegnete der Andere, einiger⸗ maßen beſtürzt. „Schicke den Buben da einen Augenblick hinaus, und dann will ich Dir meine Meinung nicht vorenthalten.“ „Du kannſt jetzt gehen, Rafael,“ ſagte der Maler zu ſeinem kleinen Diener, ohne ſich gegen ihn uümzuwenden;„komme aber vor Dunkelwerden noch einmal herüber, Du kannſt uns vielleicht etwas zum Nachteſſen holen— haſt Du verſtanden?“ „Gewiß,“ gab der Burſche in einem ſehr demüthigen Tone zur Antwort; doch da er im nächſten Augenblicke plötzlich mit einer fürchterlichen Grimaſſe auf den Pudel losfuhr, ſo ſind wir berech⸗ tigt, anzunehmen, daß dieſer demüthige Ton nur Heuchelei war. Darauf ging er in eine Ecke des Zimmers, wo auf einem Stuhle ſeine Mütze, das ſeltenſte, ſchönſte Exemplar einer Kopf⸗ bedeckung, lag. Es war ein ziemlich langer Beutel von verſchoſſenem rothem Tuche, mit verblichenen ſilbernen Treſſen und einem ziem⸗ lich großen Schilde; hinten hing eine blaue Quaſte, die wohl einen halben Fuß lang ſein mochte. In einem Thal bei armen Hirlen. Rafael war ſich auch der Schönheit ſeiner Mütze wohl be⸗ wußt, denn er ſetzte ſie ſtolz vor dem Spiegel auf, den Beutel und die Quaſte ſo weit nach hinten ziehend, daß letztere tief auf ſeinen Rücken herabhing und der Schild hoch gen Himmel emporragte; dann ſtellte er ſich nach einem verſchmitzten Blicke auf ſeinen arg⸗ los daſtehenden Herrn vor dem Hunde auf, tanzte ein groteskes Solo, zog dann ſeine Mütze raſch wieder ab, ſchlug ſie dem Hunde ein paar Mal rechts und links um die Ohren und verließ das Zimmer. Doch ſchien er noch nicht alle möglichen Bosheiten aus⸗ geführt zu haben, denn gleich darauf ſchlüpfte er wieder in das Gemach und ſchlich ſich mit demüthig geſenktem Haupte an den beiden Malern vorüber nach dem Nebenzimmer. Hier befand ſich nämlich am offenen Fenſter, welches auf die Gaſſe ging, der ausgeſtopfte Papagei, deſſen wir Eingangs unſeres Kapitels erwähnt. Er war mit einer bewunderungswürdigen Ma⸗ ſchinerie verſehen, denn wenn man an einer Schnur zog, ſo kletterte er an den Stäben aufwärts, wie es dieſe Thiere zu machen pflegen. Rafael hatte die Thür leiſe hinter ſich zugezogen und lauerte am Fenſter auf ein würdiges und dankbares Opfer, welches auch bald genug erſchien in Geſtalt eines alten Kleiderjudenge der mit einem faſt freudigen Erſtaunen aufwärts blickte, als ihn der Vogel deutlich und vernehmlich„alter Spitzbube“ nannte. Nach dieſer Heldenthat, die leider unbelohnt blieb, da die bei⸗ den Maler immer noch in leiſem, aber eifrigem Geſpräche begriffen neben einander ſtanden, ſchlich ſich Rafael hinaus. „Alſo die volle Wahrheit ſoll ich Dir ſagen?“ fragte Walter nach einer längeren Pauſe. „Das verſteht ſich, ich werde davor nicht erſchrecken.“ „Nun denn,“ erwiederte der Andere,„ich werde das mit einer kleinen Einleitung thun: Du haſt Landſchaften gemalt, deren Zeich⸗ nung vortrefflich war, die Malerei dagegen unter dem Affen— Du haſt Dich in Genrebildern verſucht, und wenn einer unſerer Drittes Kapitel. Genoſſen ein Mädchen mit dem Schwan oder eine Kirchgängerin gemalt, ſo erſchufſt Du, wie hundert Andere, Mädchen mit dem Apfel oder Mädchen mit der Gans oder Mädchen mit dem zer⸗ riſſenen Unterrocke, was weiß ich Alles, oder componirteſt alte Frau, aus dem Schnapshauſe kommend, oder Kerl, der taumelnd das Wirthshaus verläßt, und ähnliche correcte, aber höchſt alberne Nach⸗ ahmungen, wieder von untadelhafter Zeichnung, aber ſcheußlich gemalt.“ Der Andere zuckte unmuthig mit den Achſeln und lehnte ſeinen Malerſtock an die Staffelei. „Dann fingſt Du an, die Hiſtorik zu maltraitiren,“ fuhr Walter in ſeiner unverwüſtlichen Ruhe fort,„und was den Ent⸗ wurf anbelangt, ſo war er ganz vortrefflich, aber die Ausführung — erlaß es mir, nach einer Steigerung in negativem Sinne zu ſuchen.“ „Ich weiß, ich weiß, daß ich in der Hiſtorik nicht glücklich war,“ ſagte verdrießlich der Andere. „Darauf gingſt Du auf meinen Rath zu den Heiligen über.“ „Ja, auf Deinen Rath— da ſteht das Opus.“ „Allerdings,“ gab Walter kopfnickend zur Antwort,„da ſteht es, roth, blau, grün, ſchwarz, gelb, violett— eine vollſtändige Farbenſchachtel.“ Der Andere hatte ſeine Palette niedergelegt, die Hände in die Hoſentaſchen verſenkt und pfiff leiſe vor ſich hin mit jenem In⸗ grimme, der uns nicht erlaubt, Worte auszuſprechen, da dieſe zu anzüglich herauskommen würden, wo wir vielleicht die Melodie pfeifen:„Wenn die Schwalben heimwärts ziehen,“ aber mit ganz anderem Terxte. „Was folgt daraus?“ fuhr der unerbittliche Walter fort: „die Zeichnung ſteis correct, gediegen und im höchſten Grade talent⸗ voll— ja, das kann ich ſagen, ohne Dir ein fades Compliment zu machen, denn ich ſetze hinzu: aber die Malerei nicht zum Anſchauen.“ In einem Thal bei armen Hirten. 117 Der Andere hörte auf zu pfeifen und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Muß es denn aber durchaus gemalt ſein, wenn man kein Talent dafür hat?“ fragte Walter. „Hälſt Du mich vielleicht für talentvoll genug, um ein Schuh⸗ flicker zu werden?“ „Alberne Einrede— Du brauchſt nichts mehr zu werden, Du biſt ſchon etwas.“ „Und was denn, wenn ich fragen darf?“ „Ein ganz vortrefflicher Zeichner; Du haſt Mappen voll an⸗ gefangener Zeichnungen, voll Illuſtrationen zu bekannten und be⸗ rühmten Gedichten oder ganzen Werken, die Kapitalien werth ſind.“ „Pah, wer gibt etwas darum?“ „Unſere hieſigen Kunſthändler allerdings nicht viel; aber thue, wie ich Dir ſchon oft gerathen, vollende eine Anzahl der angefangenen Blätter, zum Beiſpiel die Scenen aus Don Quixote, ſende ſie an eine der großen Verlagshandlungen in Stuttgart oder Leipzig oder biete Dich denſelben zu Illuſtrationen berühmter Werke an, und Du wirſt ſehen, daß Du eine glänzende Carridre machſt.“ „Aber ich bin alsdann kein Maler mehr, ſondern nur noch ein Zeichner.“ „Schäme Dich dieſer Aeußerung!“ antwortete unwillig der alte Walter.„Du biſt ein Künſtler und geachtet, wenn Du in irgend einem Theile der Kunſt etwas Rechtes biſt; aber ich glaube faſt, Du möchteſt lieber ein ſchlechter Maler, als ein vortrefflicher 4 Zeichner ſein. Mir iſt ſchon häufig ein ähnlicher dummer Hoch⸗ muth begegnet, und ich habe denſelben immer bekämpft, wo mir das möglich war, aber da ſollte man gleich mit Kolben dreinhauen!“ „Er wandte ſich raſch um, ging auf eine Mappe zu, die im Winkel ſtand, und zog auf's Gerathewohl eine Zeichnung hervor. 65„Sa⸗e fuhr er haſtig fort,„halte dies einmal gegen Deine Schmiererei auf der Staffelei; es iſt freilich in der Zeichnung ein 118 Drittes Kapitel. altes Thema behandelt: Gretchen neben Fauſt, ihre Gänſeblumen zerzupfend, aber wie fein, wie naiv, wie reizend haſt Du das gemacht!“ „Iſt das Dein Ernſt?“ fragte der Andere, und in ſeinen Augen, die verdrießlich auf das Bild blickten und ſich jetzt auf die Zeichnung richteten, begann es freudig aufzuleuchten. „Der Kopf dieſes wunderbaren Mädchens,“ fuhr Walter fort, „iſt nur mit ein paar Strichen ſtizzirt, aber wie ausdrucksvoll iſt er, wie gelungen ihre reizende Geſtalt, wie neu die ganze Grup⸗ pirung!“. 1 „Wahrhaftig, Dein Lob macht mich ſtolz!“. 4„Und obendrein iſt die ſentimentale, ſchmerzlich bewegte Stim⸗ 5 mung der an ſich ſo herrlichen Fauſtſage nicht einmal Dein Feld— 5 hätte ich nur gleich eine Deiner Scenen von Don Quixote da, darin 3 iſt Wahrheit und Leben, darin haſt Du Deinen köſtlichen Humor walten laſſen, und in der Richtung wirſt Du etwas Großes leiſſten 8 können.“ „Als Zeichner etwas Großes?“ „Das will ich meinen, als Zeichner etwas Großes; Du ernteſt Ruhm und Geld und machſt Dir einen bedeutenden und ſchönen Namen.“. „Aber warum,“ fragte der junge Mann kleinlaut,„haſt Du nicht dieſelbe Richtung eingeſchlagen?“ „Ah, bei mir iſt es etwas ganz Anderes; ich laufe im breiten, aausgetretenen Geleiſe der Alltäglichkeit ſo mit, und da ich mich zu nichts habe aufſchwingen können, ſo habe ich mir den Ausſpruch 3 angewöhnt: die deutſche Kunſt ſei todt. Starr wie meine Manieren,— verdrießlich wie mein Aeußeres ſind auch meine Zeichnungen, die allerdings auch bei mir als das Beſte an meinen Arbeiten gelten, und um von meiner Malerei zu reden, ſo ſind meine Farben gerade das, was das Publikum, für welches ich male, von mir verlangt. Sieh die kleine, finſtere Kapelle oder die von hohen —„.—— —— In einem Thal bei armen Hirten. 119 Bäumen umſchattete Dorfkirche, wo meine Heiligenbilder hängen— ich ſage Dir, da machen Berlinerblau und Krapproth die Wirkung, die ſie machen ſollen. Ich treibe mich wie des Färbers Gaul im Ringe herum, vom heiligen Lucas zum heiligen Petrus, von der heiligen Anna zur heiligen Cäcilie, und wir ſind nach und nach ſo gute Bekannte geworden, daß ich mir völlig närriſch vorkäme, wollte ich noch etwas Anderes ergreifen.“ „Ja, ja,“ meinte der junge Maler, indem er die Zeichnung betrachtete,„mit meinen Entwürfen war ich immer zufrieden, aber ſowie ich anfing, den Pinſel einzutauchen, da kamen mir Zweifel, Widerwillen, und ich arbeitete nur mißmuthig.“ „Und zum Anderen paßt auch Dein ganzes Naturel; Du biſt ein junger und hübſcher Kerl, Du kannſt mit dem Maule famos umgehen und mit der Feder, Du ſchwärmſt gern hierhin und dort⸗ hin, was kann ſich Dir Glänzenderes bieten, als hier im Atelier oder auf luſtigen Reiſen Deine Zeichenkunſt geltend zu machen, und da, glaube mir, eben ſo ſchön als zwei Mädchen mit dem Beſen⸗ ſtiel.... „Sag' lieber, auf dem Beſenſtiel— ich denke an die Wal⸗ purgisnacht, das wäre eine pikante Compoſition.“ „Ja, wenn die Mädchen hübſch wären— alſo zwei Mädchen auf dem Beſenſtiel von Arthur Rodenberg, meine ich, klänge nicht beſſer, als Don Quixote illuſtrirt von demſelben.“ „Ich gebe Dir Recht, aber Du wirſt ſehen, wie unſere Freunde darüber reden.“ „So ſchlage ſie mit einem guten Erfolge auf Maul— Du haſt Recht, ſobald Deine Beſtrebungen gelingen.“ „Weiß Gott,“ rief Rodenberg,„Du haſt mir tief in's Herz geſtochen, es hat mich gewaltig geſchmerzt; aber jetzt fühle ich eine wunderbare Erleichterung, es iſt mir ein ganzes Gebirge von der Bruſt gerollt— fort mit Palette und Leinwand— auf Nimmer⸗ iederſehen, ſobald ich meinen Auftrag beendigt und das Bild von 120 Drittes Kapitel. Rubens copirt habe; alsdann ſollſt Du ſehen, was ich leiſten werde!“ „Dann ſollte es mich freuen, Dir die Wahrheit geſagt zu haben.“ Der junge Mann pfiff wieder dieſelbe Weiſe wie früher, aber jetzt klang ſie ganz anders; er war aus Moll in Dur übergegangen, und als die Schwalben glücklich heimgekehrt waren, hängte er einen luſtigen Gaſſenhauer an, während er ſein Bild von der Staffelei nahm und es mit viel mehr Humor kritiſirte, aber auch viel ſchärfer, als ſein Freund vorhin gethan; dann lehnte er es gegen die Wand, wobei er ſprach:„Ruhe in Frieden!“ und drehte ſich hierauf zu dem Ritter von der traurigen Geſtalt um, indem er die rechte Hand gegen ihn aufhob und wie betheuernd ſagte: „So will ich denn in Deine Fußſtapfen treten, ſinnreicher und edler Junker aus der Mancha, und ein fahrender Ritter werden wie Du ein Wegelagerer, der ſeine Beute ſuchte, jetzt im ſtillen Walde bei blumenſuchenden Jungfrauen oder bei dahinziehenden Eſeltreibern, bald auf dem lärmenden Marktplatze oder bei den tollen Scenen eines luſtigen Wirthshausabends, bei Tag und Nacht, in Licht und Schatten— und ſomit,“ fuhr er pathetiſch fort, in⸗ dem er ſeine Hand auf die Blechhaube legte,„ſchwöre ich ab aller Farbenkleckſerei und will fortan nur euch huldigen, geduldiges Papier, tugendhaft ernſter Bleiſtift und mildes Gummi⸗Elaſticum!“ Während deſſen waren trotz des ſchon längeren Frühlingstages die Schatten des Abends hereingebrochen in das enge Wurſtgäßchen, und Arthur ſtand überlegend am Fenſter, ob es wohl noch der Mühe werth ſei, ſich anzuziehen und auszugehen. „Und wohin?“ fragte Walter achſelzuckend;„auf die Kneipe, das heißt in den Garten der Kneipe zu kühlem Bier und duftigem Maitrank, dazu habe ich keine Luſt,“ ſetzte er mit einer nicht zu verkennenden Geberde hinzu, worüber der Andere lachend beifügte: „Es wäre auch ſonderbar, wenn wir uns dort noch in der In einem Thal bei armen Hirten. 121 Verſammlung ſehen ließen, nachdem uns unſer Abgeſandter ent⸗ ſchuldigt.“ „Wir hätten eigentlich doch hingehen ſollen, um an den Berathungen über das Frühlingsfeſt Theil zu nehmen.“ „Wozu das? Das Programm ſteht feſt, die Leitung iſt in guten Händen, wir haben unſere Rollen zugetheilt erhalten, und man muß zugeben, das geſchah mit einigem Geſchick— weißt Du wohl, Walter, daß ich überzeugt bin, ich werde mich als wilder Jäger ganz famos ausnehmen?“ „Rodenberg als Rodenſtein, ein wilder Kerl als ein wilder Jäger, ich zweifle nicht daran— nun ja, auch ich bin mit meiner Rolle zufrieden; als Burgpfaffe auf der Bergveſte kann ich in ſtiller Beſchaulichkeit meinen Humpen leeren, und Du wirſt ſehen, daß ich der hohen Cleriſei alle Ehre mache.“ „Daran zweifle ich meines Theils nicht— und was Du für ein bequemes Coſtume haſt, Sandalen, höchſtens eine Unterhoſe und darüber die Kapuzinerkutte.“ „Dort kommt unſer Abgeſandter; ich bin begierig, was er uns über die Geſchichte mittheilt.“ „Und da wir nicht mehr ausgehen, ſo will ich ſehen, was zum Nachteſſen zuſammenzuſtellen iſt.“ „Ich kenne in Lagen wie die gegenwärtige Dein Programm,“ meinte Walter, ſich an die leere Taſche klopfend:„Thee und Butterbrod.“ „Vielleicht mit der leichten Abänderung: Brod ohne Butter, denn unſere Mittel ſind troſtlos und erſchöpft.“ „Ich hoffe, unſer Abgeſandter bringt noch etwas Baarſchaft zurück; wir haben ihm gemeinſchaftlicher Weiſe zehn Silbergroſchen anvertraut, damit hat er uns mit Anſtand vertreten können, zu Nacht ſpeiſen und noch ein Erkleckliches erübrigen.— Sage, guter Eduard,“ wandte er ſich an einen Dritten, der jetzt in die däm⸗ merige Stube trat,„haſt Du die ganze Summe verſchwendet, die Hackländer's Werke. 52. Bd. 3 9 3 —— 122 Drittes Kapitel. wir Dir anvertraut? Nein, Du lächelſt— Troſt in mein armes Herz!“ Nachdem ſich Walter zu dieſer für ihn extravaganten Fröhlich⸗ keit hatte hinreißen laſſen, zog er den Hereingetretenen an's Fenſter, und ein mildes Lächeln glitt über ſeine harten Züge, als der An⸗ dere triumphirend die erwähnten zehn Silbergroſchen aus der Weſtentaſche zog und in die Höhe hielt. Der neu Eingetretene ſtand wie Rodenberg im Anfange der zwanziger Jahre, nur war er klein, von unanſehnlicher Geſtalt, und obgleich ſein Geſicht einen höchſt aufgeweckten, ja pfiffigen Ausdruck hatte, ſo waren doch ſeine Züge zu unregelmäßig, um angenehm zu erſcheinen. Er ſelbſt mochte wohl nicht dieſer Anſicht ſein, denn wir bemerken jetzt wie ſpäter an ihm, daß, ſo oft er in die Nähe des kleinen Spiegels kam, er trotz der Dämmerung und des mangel⸗ haften Lichtes dieſem ſein Geſicht zuwandte und wohlgefällig ſeine Züge anlächelte. Dabei konnte man nicht ſagen, er habe keine Sorgfalt auf ſeinen Kopf verwandt, im Gegentheil, er trug ſeinen kurzen, etwas flaumigen Schnurr⸗ und Knebelbart ſorgfältig arrangirt und ſein langes Haupthaar war gut gekämmt und zier⸗ lich gelockt, ob Kunſt oder Natur, ſind wir eben ſo wenig im Stande, anzugeben, als einer ſeiner Bekannten und Freunde, denn er beobachtete darüber ein unverbrüchliches Stillſchweigen und lächelte nur ſchmunzelnd in ſich hinein, wenn Walter, wie es zu⸗ weilen vorkam, von der Thierquälerei ſprach, ein ſtrohdachähnliches Haar durch Aufwickeln zierlich und gelenkig machen zu wollen. Eduard Rüding, ſo hieß dieſer Kunſtgenoſſe, wurde ſeines ruhigen Temperamentes wegen gewöhnlich der ſanfte Eduard ge⸗ nannt; doch war bei dieſer Sanftmuth einige Heuchelei, oder, um uns beſſer auszudrücken, wenn er mit einem Sammtpfötchen ſtreichelte, ſo ließ er doch zuweilen, ja häufig eine ſcharfe Kralle ſpüren— ein pikantes Wort unter dem ſüßeſten Lächeln. „Du biſt ein Juwel von einem Abgeſandten,“ meinte Walter; —— —— In einem Thal bei armen Hirten. 123 „oder warſt Du gar nicht in der Ver krank?“ „Keine der beiden letzteren Vermuthun gegnete Rüding;„ich war in der Verſ Intereſſen, ich kneipte tüchtig und brin mit nach Hauſe.“ „Du hätteſt ein Fina gehörigen Credit eröffnen,“ dieſes Wunder begeben?“ „Auf die einfachſte Art von der Welt. Roderich und Lytton gaben eine rieſige Maitrank⸗Bowle zum Beſten.“ „Teufel auch,“ ſagte Walter verdrießlich,„ hat;„ich bin feſt überzeugt, wenn es einmal Brei regnet, ſo habe ich keine Schüſſel bei mir! Nun, etwas tröſtet mich, die Bowle muß nicht ſo rieſig geweſen ſein, denn ſonſt wäreſt Du noch nicht da.“ ſammlung, oder biſt Du gen trifft zu,“ ent⸗ ammlung, ich vertrat Eure ge, wie Ihr ſeht, noch Geld nöͤmann werden ſollen und uns einen ſagte Arthur.„Sprich, wie hat ſich wenn man Unglück „Allerdings war ſie nicht rieſig,“ gab der ſanfte Eduard lächelnd zur Antwort, indem er einen Strang ſeiner etwas zu blonden Locken durch die Finger gleiten ließ,„ſondern ſie iſt es noch; ich bin nicht einer von denen, welche jedes Mal den Grund des Glaſes ſehen müſſen!“ 3 „Gut,“ brummte Walter mit entſchloſſener Miene,„dieſe Eigenſchaft, die Dir abgeht, habe ich im höchſten Grade, und ſo will ich denn hingehen und an den Berathungen Theil nehmen.“ „Es würde Dich nicht viel nutzen,“ entgegnete Rüding,„denn als ich fortging, hatte ſich das Comité zu einer Berathung zurück⸗ gezogen und ſeine Bowle mitgenommen. Hier,“ fuhr er in komiſch feierlichem Tone fort,„ſind die mir anvertrauten zehn Silber⸗ groſchen; ich lege ſie auf den Altar des Vaterlandes nieder. Darauf ging er nach der von uns beſchriebenen Niſche, aus Auſtern⸗ fäßchen und Käſeſchachteln gebildet, und legte das gemeinſchaftliche Vermögen von zehn Silbergroſchen in der That dahin. 124 Drittes Kapitel. „Eduard hat unſeren Dank verdient,“ bemerkte Rodenberg, indem er ein Licht anzündete,„wir verdanken ſeiner Klugheit und Mäßigkeit ein ſplendides Abendeſſen.“ „Wo nur der Junge wieder ſteckt?“ ſprach Rodenberg.„Ich habe dieſem Rangen doch befohlen, bei einbrechender Dämmerung wieder zu kommen— he, Rafael!“ rief er zur Thür hinaus, und da keine Antwort erfolgte, durchmaß er den Gang und blickte auf den Garten hinab—„Nafael, Rafael!“ Nichts antwortete ihm, als das leiſe Miauen einer Katze; doch da der junge Maler ſeinen Diener genau kannte, ſo begnügte er ſich, hinabzurufen:„Laß Deine Kindereien und komm' her!“ worauf ſich die miauende Katze langſam zu nähern ſchien und man auch bald nachher die Stimme des Knaben vernahm, der mit dem Thiere zu ſprechen ſchien. So gelangte er vor die Stubenthür, wo er ſeine rothe Treſſenmütze abnahm und ſo unter dem Arme hielt, als habe er dort ein Kätzchen verborgen, das zuweilen einen kläg⸗ lichen Ton von ſich gab. Es war dies eine ſeiner beliebten Spie⸗ lereien zu beſonderem Vergnügen des Pudels erdacht, denn ſo ver⸗ ſtändig dieſer auch war, ließ er ſich doch jedes Mal durch das leiſe Mauzen hinreißen, ſich dem Jungen zu nähern, worauf ihm dieſer eine lange Naſe machte, die leere Mühe vor ſeinen Augen ausſchüttete und ſie ihm alsdann auf ſeinen lockigen Kopf drückte. „Haben wir noch Spiritus?“ fragte Rodenberg. „Walter iſt zu beſcheiden, darauf zu antworten,“ bemerkte Eduard. „Ja, wir haben noch genug,“ rief der alte Maler aus dem Nebenzimmer, wohin er ſich, über die Aeußerung Rüding's grollend, verloren hatte. „Auch Thee und Zucker?“ „Ja, ja, es wird ſchon reichen.“ „Tabak haben wir auch noch,“ fuhr der junge Maler heiter fort;„ſo denke ich, er holt Brod, Butter, Käſe und....“ In einem Thal bei armen Hirten. 125⁵ „Natürlich etwas Rum,“ ſagte Walter, der eben wieder zum Vorſchein kam.„Um den Bericht unſeres Abgeordneten zu hören, müſſen wir, wenn auch nicht geiſtig erheitert, ſo doch geiſtig etwas aufgefriſcht ſein.“ Der ſanfte Eduard hatte ein altes Blechgefäß, die Spiritus⸗ lampe, hervorgeholt und fing an, Waſſer ſieden zu laſſen, worauf er einen großen Porcellantopf herbeibrachte, deſſen mangelnder Henkel durch einen Strick erſetzt wurde, womit man das Gefäß, wenn es gefüllt war, in der Schwebe hielt, und es bedurfte einiger Geſchicklichkeit, um die Taſſen vollzugießen, da von der ehemaligen Schnauze nur noch ein ſehr geringer und zackig ausgebrochener Ueberreſt vorhanden war. Wir haben ſo eben„Taſſen“ geſagt und uns dabei einer großen Uebertreibung ſchuldig gemacht, da nur ein einziges Gefäß vorhanden war, was einſtens vielleicht dieſen Namen verdient hatte, und die übrigen Trinkgefäſſe aus ein paar Waſſergläſern, einer blechernen Schaale und einem ledernen Reiſebecher beſtanden. Nichts deſto weniger aber ordnete der ſanfte Eduard, der überhaupt den Dienſt der Hausfrau zu verſehen ſchien, dieſe Gegen⸗ ſtände mit einer zierlichen Genauigkeit, ja, er hatte den Verſuch machen wollen, ein altes Handtuch als Tiſchgedeck zu benutzen, doch ſah dieſes gar zu gräulich aus, um ſelbſt beim Scheine des einzigen ſchwachen Talglichts benutzt werden zu können. Dieſes Talglicht ſtak in einer leeren Bierflaſche, doch hatte Rüding die Mündung derſelben mit einer Manſchette von buntem Papier umgeben, was einen zierlichen und gemüthlichen Eindruck hervorbrachte. Rafael brachte die ihm befohlenen Gegenſtände und wurde hierauf entlaſſen, nachdem ihn Walter ſcharf fixirt, ſeine Taſchen unterſucht und auf die leeren Backen geklopft, letzteres nicht als Gunſtbezeugung, ſondern vielmehr als ſehr nothwendige Vorſichts⸗ maßregel, denn es war ſchon vorgekommen, daß Rafael ſeine dehn⸗ baren Wangen nach Art des Pelikans benutzt und zur Vorraths⸗ 126 Drittes Kapitel. kammer gemacht hatte. Der Junge zeigte dabei zweierlei Geſichter, ein ſehr dummes und harmloſes während der Viſitation und ein außerordentlich verſchmitztes nach derſelben, als er ſich rückwärts gegen die Thür zog und mit unerhörter Frechheit ein Stück Brod, ſowie den dazu gehörigen Käſe aus ſeiner beutelartigen Mütze her⸗ vorzog und beides dem Pudel ſpottend wies, ehe er durch die Thür verſchwand. Hier ſtieß Rafael gegen einen neuen Ankömmling und leiſtete dabei das Unglaubliche, Brod und Käſe verſchwinden zu laſſen, ehe ihn der Andere entdeckt. „Aha, hier riecht's gut,“ ſagte dieſer, eine große, ſchwammige, breitſchulterige Figur mit einem runden, fetten Geſichte, das, ohne Spur von einem Barte, glatt wie eine Handfläche war, indem er mit zwei ungeheuren Schritten von der Thür bis an den Tiſch gelangt war und ſich dann herabbeugend die lockenden Beſtandtheile des Abendbrodes überſah. Dieſer Mann war ebenfalls ein Künſtler, wenigſtens war er ein Maler, und hieß van der Maaßen. Er trug ſchwarze, ziemlich abgeſchabte Beinkleider, einen ſchwarzen Schnürrock, mit denſelben Fehlern behaftet, der nur da, wo einſtens Schnüre geſeſſen und jetzt keine mehr waren, ſeine urſprüngliche Farbe behalten hatte, jedoch hier dieſelbe Wirkung hervorbrachte, als ſei die tiefſchwarze ſeidene Verſchnürung noch untadelhaft vorhanden. Auf dem etwas ſtruppigen, ungekämmten Haupthaare trug dieſer Künſtler ein phantaſtiſches Barett von ſchwarzem, fuchſigem Baumwollſammt; etwas Weißes, wie zum Beiſpiel Wäſche, war an ſeinem ganzen Anzuge nicht zu entdecken und ſchloß der ſtehende Kragen ſeines Rockes oben an dem langen, gebräunten Halſe mit einer fabelhaften Genauigkeit. Dies war um ſo wunderbarer, da ſich weder am Kragen noch ſonſt irgendwie am Rocke eine Hafte oder ein Knopf befand und beide doch ſo feſt verſchloſſen waren, hatte aber ſeinen natürlichen Grund darin, daß van der Maaßen — W In einem Thal bei armen Hirten. 127 die längſt abgeriſſenen Knöpfe und nicht mehr haltbaren Knopf⸗ löcher dadurch erſetzte, daß er ſein Kleidungsſtück jeden Morgen von oben bis unten ſorgfältig zunähte. Ueberhaupt war er von einer unglaublichen Geſchicklichkeit, ſonſtige Mängel ſeiner Toilette zu verdecken, wozu er ſich einer großen Mappe bediente, ohne die man ihn nie ſah und die er bei einem aufgetrennten Aermelloche unter den Arm nahm, die er ein andermal wieder, harmlos um⸗ herſchauend und behaglich ſchlendernd, hinter ſeinem Rücken hielt, wenn ſeine Hoſen dort eine verdächtige Oeffnung zeigten oder mit der er ſpielend bald dieſen, bald jenen Theil ſeines Körpers berührte, um die Aufmerkſamkeit der ihm Begegnenden von fehlenden Knöpfen, auffallenden Flecken und klaffenden Riſſen abzulenken. Trotz alledem und obgleich ſeine Baarſchaft ſtets in einem richtigen, traurigen Verhältniſſe zu ſeinem Aeußeren ſtand, hatte van der Maaßen viele Bekannte und gute Freunde, und überall, wo er erſchien, ſah man ihn gern. Er war ein harmloſer und gemüthlicher Menſch, dabei von einer unglaublichen Gefälligkeit: man konnte ihn mitten in der Nacht wecken und einen Dienſt von ihm verlangen, und man fand ihn augenblicklich bereit, voraus⸗ geſetzt, daß man ihm ſo viel Zeit gönnte, ſeine Hoſen anzuziehen, ſeinen Rock zuzunähen und ſeine Mappe zur Hand zu nehmen. Einer anderen, höchſt ſeltenen Eigenſchaft werden wir ſpäter gedenken. „In der That, es riecht hier vortrefflich,“ ſagte er mit einer für ſeine Größe und Stärke auffallend dünnen Fiſtelſtimme;„es thut mir leid, daß ich unten auf der Straße keine Ahnung von dieſem vortrefflichen Abendbrode hatte, denn ſonſt hätte mir die Beſcheidenheit verboten, herauf zu kommen.“ 3 „Aber da Du einmal da biſt, willſt Du mithalten?“ „Habe ich das vielleicht geſagt,“ gab er mit einem ſehr naiven Staunen zur Antwort;„nehmen wir an, ich hätte bereits ſtark ſoupirt.“ Er verſuchte, jenen Ton hervorzubringen, der uns zu⸗ 128 Drittes Kapitel. weilen bei vollem Magen entſchlüpft; doch ſagte hierauf Walter, indem in ſeinem linken Mundwinkel faſt etwas wie ein Lächeln zuckte:„Keine verdorbenen Phantaſieen, lieber Maaßen, wirf Deine Mappe in eine Ecke, Du brauchſt Dich vor uns nicht zu geniren, und ſetze Dich, wohin Du willſt.“ „Ja, ja, ſo werde ich zuſehen,“ gab van der Maaßen gemüth⸗ lich zur Antwort,„wie der gute Eduard ſo ſchön ſeinen Thee macht— aber Du thuſt viel hinein, willſt Du denn nie Spar⸗ ſamkeit lernen?“ Während er ſo ſprach, irrten ſeine blaſſen, blauen Augen, welche ſich durch keinen beſonderen Ausdruck von Geiſt auszeichneten, wie unabſichtlich auf dem Tiſche umher, glitten dann an der Seite deſſelben herab und blieben nun plötzlich mit einem freudigen Aus⸗ druck auf dem Schloſſe der Schieblade haften, deſſen Meſſingbeſchlag, wie es gewöhnlich der Fall iſt, mit vier Schrauben befeſtigt war. Ohne einen Blick davon zu verwenden, mit einer faſt glückſeligen Miene ſteckte er die rechte Hand in ſeine Hoſentaſche und holte dort einen Schraubenzieher hervor, dann rückte er dem Tiſche näher, und während er mit Rüding harmlos weiterplauderte, fing er mit einer unerhörten Geſchicklichkeit an, die Schrauben aus dem Schloſſe herauszuziehen. Schon war er bei der vierten angelangt, als er ſeine Finger von der Hand Rodenberg's feſtgehalten fühlte, der ihm in einem ernſten, faſt zornigen Tone zurief:„Du biſt doch ein unglaublicher Kerl! Kannſt Du, ein ſonſt ſo verſtändiger Menſch, denn den Schwindel nicht laſſen, Schrauben herauszuziehen und dann wieder einzudrehen? Auf Ehre, van der Maaßen, ich kenne keine blöd⸗ ſinnigere Beſchäftigung!“ Der alſo Angeredete blickte ſanft, faſt ſchmerzlich in die Höhe und ſagte:„Du könnteſt mir wohl dieſes kleine Privalvergnügen gönnen; ſei überzeugt, ich ſchraube die Dinger feſter wieder ein, als ſie geſeſſen haben.“ In einem Thal bei armen Hirten. „Aber ſage mir um's Himmels willen, Menſch,“ fuhr der Andere fort, indem er ſeine Hände zuſammenſchlug,„was haſt Du für ein Vergnügen dabei, überall Schrauben auszuziehen, wo es Dir möglich iſt?“ „Ich gebe zu,“ ſagte van der Maaßen in gemüthlichem Tone, „daß es eine eigenthümliche Gewohnheit iſt, aber es iſt nun einmal ſo, und wo ich eine Schraube ſehe, da wandelt mich die Luſt an, ſie auszuziehen— könnte ich euch nur begreiflich machen, Kerls, was es für ein wonniges Gefühl iſt, wenn ſo eine Schraube, die recht feſt ſitzt, endlich anfängt, ſich zu drehen!“ Walter hatte ſich an den Tiſch geſetzt, die Ellbogen aufgeſtützt und den Kopf in die Hände gelegt.„Ja,“ brummte er,„ſo eine Gewohnheit iſt was Verfluchtes; ich habe Jemanden gekannt, der hatte ſich angewöhnt, Jeden, der ihm begegnete, mit„alter Jakob“ anzureden, und einen Anderen, der bellte, ſo oft er einen Hund erblickte.“ „Nun ja, das hat was für ſich,“ rief Rodenberg,„aber Schrauben auszuziehen— ich bitte Dich, van der Maaßen, thue Dir Gewalt an und laß es wenigſtens dieſen Abend bleiben.“ „Das Abendbrod iſt fertig,“ ſprach der ſanfte Eduard, der mit einer anerkennenswerthen Gewiſſenhaftigkeit nun Alles herbeigetragen hatte: das Brod, die Butter auf einem Stück Papier, den Käſe und die kleine Ruhmflaſche; letztere nahm er unter ſeine ſpezielle Obhut, da ihm der herüberfahrende Blick Walter's etwas verdächtig erſchien. Alle tranken nun Thee, und zwar in unglaublichen Quanti⸗ täten; Rodenberg hielt den Topf an dem Stricke empor, worauf ihn Rüding vermittels des alten, ſchmutzigen Handtuches unten faßte, und ſo gelang es, die verſchiedenen Gefäſſe zu füllen. Dabei brodelte es immer fort über der Spirituslampe, und wenn im Verlaufe dieſer kleinen Soirée das Waſſer in dem alten Blechgefäſſe anfing zu mangeln, goß man aus den Waſſerflaſchen nach, und Drittes Kapitel. ſpäter aus den Waſchſchüſſeln, welche von der Hausmagd ſchon für den anderen Morgen gefüllt worden waren. Nachdem das Brod und der Käſe ſo ziemlich verſchwunden waren, Rüding auch den Rum gewiſſenhaft vertheilt, wurden die langen Pfeifen angezündet; nur van der Maaßen rauchte mit elegant ſein ſollenden Bewegungen eine Cigarre, die er irgendwo geſchenkt erhalten. „Nun denn zur Hauptſache,“ ſprach Rodenberg und fuhr, ſich ſpeziell gegen Rüding wendend, fort:„Was wurde alſo auf der Kneipe ausgemacht? Haben die Machthaber und vornehmen Herren irgend eine Aenderung beliebt oder iſt das Programm ziemlich ſo geblieben, wie es feſtgeſtellt war?“ „Und was haſt Du vor allen Dingen,“ fügte Walter mit großem Ernſte bei,„in Betreff des Kurzholzes herausgeſchlagen?“ „Eines nach dem Anderen,“ antwortete der ſanfte Eduard; „geändert wurde nicht viel, nur wollte man von mir wiſſen, ob ſich Knorx zur Rolle des Don Quixote bereit erklärt. Ich ſagte ihnen, wir hätten es ihm vorgeſchlagen, auch faſt ſein ganzes Coſtüme ſchon bei einander, doch wüßten ſie ſo gut wie wir, welch' eigener, ja, man könnte ſagen, eigenſinniger Kerl Knorx ſei und daß er noch nicht Ja geſagt.“ „O, er muß,“ meinte Rodenberg,„und wenn er die glänzende Rüſtung ſieht mit dem wunderbaren Helme Mambrin's, ſo wird er ſchon Luſt dazu bekommen!“ „Ich wußte auch für ihn keinen Erſatzmann,“ warf van der Maaßen ein.. „Du ſelbſt, wenn Du nicht zu dick wärſt,“ entgegnete K Walter. .„Daran habe ich auch ſchon gedacht,“ fuhr Rüding fort; „aber Du ſiehſt in der That zu wohlgenährt aus, Du mußt ein zu gutes Koſthaus haben.“ „So, ſo,“ antwortete van der Maaßen mit vieler Würde, In einem Thal bei armen Hirten. 131 indem er that, als verſtände er die Stichelei nicht;„es iſt mein Grundſatz, gut zu eſſen und gut zu trinken— das hält Leib und Seele zuſammen.“ „Dann würde ich Dir rathen,“ ſagte Walter, indem das kleine Lächeln von vorhin jetzt an ſeinem rechten Mundwinkel erſchien,„Deinen Rock hier und da zu Gaſte einzuladen; ſo fällt er Dir wahrhaftig aus einander.“ „Lieber Freund,“ gab ihm van der Maaßen mit großer Ge⸗ laſſenheit zur Antwort,„dieſer Rock dient mir ſchon ſo lange und ſo vortrefflich, daß ich Alles thun werde, um ihn bei guter Laune zu erhalten.“ „Gewiß,“ rief Rodenberg,„und er ſpeist auch mit ihm zu Gaſte! Das ſieht man an ſeinen Aufſchlägen und an gewiſſen ſonderbaren Verzierungen auf der Bruſt!“ „Leider Gottes!“ verſetzte van der Maaßen, indem er ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte und den Rauch ſeiner Cigarre mit vor⸗ nehmer Ruhe von ſich blies— mein Kammerdiener wird nachläſſig — ich muß ihn fortjagen.“ „So lebe wohl, van der Maaßen!“ lachte Rüding—„doch wieder zu unſerer Angelegenheit. Am Progromme iſt alſo, wie ich vorhin ſchon bemerkte, nicht viel geändert, eigentlich gar nichts, und die Ausführung unſeres großartigen Künſtlerfeſtes, das die Welt in Erſtaunen ſetzen wird, wenn man es ſo durchführt, wie daſſelbe projectirt worden, ſoll von heute über acht Tage Statt finden, natürlicher Weiſe bei günſtiger Witterung, wie es gewöhnlich bei Feuerwerken heißt.“ „Gut, das iſt das Allgemeine— aber was uns hier ſpeciell anbelangt: wird das Kurzholz zu Ehren aufgenommen?“ Rüding warf einen Blick nach der früher erwähnten Niſche zu, in welcher die beſenſtielähnliche Stange mit dem kurzen Prügel und den bunten Bändern ſtand, und erwiederte:„Ich habe meinem Auftrage gemäß verlangt, daß das Kurzholz wie die anderen 132 Drittes Kapitel. Fahnen und Standarten im Zuge nicht fehlen dürfe, ja, daß es eigentlich vor allen den Vorrang haben müſſe, weil es in jenem feierlichen Augenblicke der Begleitung vorangetragen würde, wenn Einer nach errungener Meiſterſchaft die Akademie und die Akademie⸗ ſtadt verläßt.“ „Nach errungener Meiſterſchaft?— hm,“ meinte Walter. „Nun ja, es gibt auch darin wie überall Ausnahmen; ich ſage Euch, daß ich eine ſehr ſchöne Rede hielt voll zierlicher Wen⸗ dungen, treffender Einfälle, eine Rede voll ſchlagender Wirkungen, ſo daß denn auch beſchloſſen wurde, das Kurzholz dürſe im Zuge nicht fehlen und ſolle ſogar ſpäter auf den Wällen der Waldveſte aufgeſtellt werden.“ „Bravo!“ riefen die Anderen, und Nodenberg bedauerte ſehr, kein geiſtiges Getränke in der Nähe zu haben, um die Geſundheit ihres vortrefflichen Abgeſandten und Unterhändlers ausbringen zu können, worauf dieſer lächelnd zur Antwort gab:„Du haſt freilich ganz beſonders Urſache, Dich bei mir zu bedanken; wie ſchon früher, kam auch heute Abend die Rede wieder auf ein zu entwerfendes Ge⸗ denkblatt unſeres Feſtes, und da zur Ausführung deſſelben von ver⸗ ſchiedenen Seiten Künſtler genannt wurden, ſo ermangelte auch ich nicht, Deinen Namen zu nennen, ja, denſelben zu ſchreien, zu brül⸗ len, und glaube ich, damit etwas Günſtiges für Dich zu Stande gebracht zu haben.“ „Das wäre nicht ſo übel,“ ſagte Rodenberg;„von anderen tüchtigen Künſtlern zur Ausführung eines ſolchen Gedenkblattes ge⸗ wählt zu werden, könnte Einem ein tüchtiges Relief geben und viel zum Bekanntwerden des Namens beitragen— wer wird aber die Vergebung des Auftrages beſtimmen?“ fragte er den ſanften Eduard. „Das Comité, und dort haſt Du gute Freunde und keine Concurrenz; für die Zeichnung wurden aus der Geſellſchaftskaſſe fünfzig Thaler beſtimmt.“ „Das wäre ſchon etwas zu den Koſten des Feſtes,“ verſetzte In einem Thal bei armen Hirten. 13⁵ Rüding, indem er hinzuſetzte:„Du brauchſt jetzt nicht mehr ſo viel Theewaſſer aufzugießen, wir werden doch bei dieſem läpprigen Ge⸗ tränke nicht bis zum Morgen ſitzen ſollen, oder erwarteſt Du noch Gäſte?“ „Ich denke, es ſollte noch Jemand kommen.“ „Und wer denn?“ „Nun, Knorx.“ „Ah, Knorx— richtig, der wird noch heranſchleichen!“ „Knorx kommt nie vor Mitternacht.“ „Knorx iſt doch ein eigenthümlicher Kerl!“ „So—o— o—o,“ warf van der Maaßen außblickend dazwiſchen, „jetzt hält der Beſchlag wenigſtens ein ganzes Jahr, ſo feſt habe ich die Schrauben angezogen.“ „Du,“ rief Arthur lachend,„Du und Knorx, ihr gäbt ein prachtvolles Geſpann, man ſollte euch unmaskirt unſer Feſtſpiel mitmachen laſſen!“ „Ah, das muß ich mir ausbitten,“ erwiederte der Schrauben⸗ auszieher mit einem Blicke nach dem Spiegel,„mein Geſicht mit dem von Knorx zu vergleichen, meine angenehme Rundung mit ſeinem Schattenkopfe!“ „Nein, ſie haben nichts Aehnliches,“ ſagte Rüding,„äußerlich nichts und innerlich nichts; Knorx hat ein zu zartes Gewiſſen, während van der Maaßen ein leichtſinniger Kerl iſt! Ich glaube, Du machſt Dir nichts daraus, und wenn Du ein halbes Dutzend Modelle umgebracht hätteſt!“ „Hat denn Knorx wirklich ſein Modell umgebracht?“— „Man ſagt ſo,“ antwortete Walter—„eine alte Geſchichte; es ſoll, glaube ich, in Petersburg vorgekommen ſein, wo Knorx ſeine erſten Studien machte.“ „Nun, wie war's denn?“ „Knorx, der jetzt Holzſchnitzer iſt, wie ihr wißt, wollte Bildhauer werden, und man erzählt ſich, er habe einem weib⸗ * 1 136 Drittes Kapitel. lichen Modelle die Gewänder naß angelegt, damit ſie beſſere Falten würfen.“. „Ah, in Petersburg, bei ſechsunddreißig Grad Kälte!“ „Das Modell ſoll ſich erkältet haben und in Folge davon ge⸗ ſtorben ſein.“ „Armes Modell!“ „Armer Knorx! möchte ich ſagen,“ fuhr Walter fort,„denn ſeine ganze eigenthümliche Erſcheinung, ſein oft ſo überſpanntes Weſen, ſeine Gewohnheit, nur bei Nacht, nie aber bei Tage aus⸗ zugehen, kann wohl die Folge eines ſolchen Vorfalles ſein.“ Draußen auf dem Flur hörte man ſchlurfende Tritte. Roden⸗ berg ging an die Thür, um den Erwarteten und Beſprochenen zu empfangen. Es war allerdings eine ſeltſame Erſcheinung, die jetzt unter der von Arihur abſichtlich ſehr weit geöffneten Thür erſchien: ein ſehr langer und ſehr hagerer Mann mit einem ſchmalen, blaſſen und eingefallenen Geſichte, dazu lebhafte, umherirrende Augen, eine lange, gerade Naſe, einen ſpitzigen, ſchon etwas ergrauten Knebel⸗ und Schnurrbart; ſeine ſehr hohe, mit Adern durchzogene Stirn verlor ſich ſo ſanft und allmählich in ſeinen gelichteten Haaren, daß man mit Beſtimmtheit nicht gut ſagen konnte, wo dieſe auf⸗ hörten und jene anfing— kurz, der ganze Kopf, ja die ganze Geſtalt war nach Rodenberg's Vergleich von vorhin, wie man ſich den ſinnreichen Junker von der Mancha dachte, daß jeder der An⸗ weſenden von dem Eintretenden auf den ſchon vorhandenen Don Quixote blickte und jenen unwillkürlich mit dem Harniſch, der langen Stechlanze und dem Helme Mambrin's vervollſtändigte. Auch das Coſtume, in welchem Knorx erſchien, hätte von dem edlen Spanier entlehnt ſein können: es war ein Schlafrock oder Nachtgewand von ſchwarzem, glanzloſem Sarſenet, nach Art einer Mönchskutte angefertigt, hinten ſogar mit einer Kapuze verſehen, das, bis auf die Füße reichend, die lange Geſtalt noch länger In einem Thal bei armen Hirten. machte und welches in der Gegend der Hüften durch einen einfachen Strick zuſammengeſchnürt war. Dieſes etwas fremdartige Kleid wurde indeſſen freundlich in die Jetztzeit zurückgeführt durch eine lange Pfeife, aus der Knorx rauchte und deren Porzellankopf mit dem Embleme alles Vergänglichen, einem Todtenkopfe, geziert war. Auffallend war es den verſammelten Freunden, daß der lange Bildhauer unter ſeinem linken Arme eine Flaſche trug, deren roth verſiegelter Hals ſehr einladend ausſah; auch hatte ſich über ſeine beſtändig ernſten, ja melancholiſchen Züge etwas wie eine wehmüthige Freude gelagert, ſo daß, als er mit feierlichen Schritten bis dicht an den Tiſch trat, dort nach zwei Richtungen hin mit dem Kopfe nickte und dann mit einer heiſeren, faſt erlöſchenden Stimme ſagte: „Guten Abend, Männer!“ Alle ihn verwundert anblickten und Walter ausrief: 3 „Beim Dolche Rubens', Knorx, Dir muß etwas ganz Ab⸗ ſonderliches aufgeſtoßen ſein!“ 1 3 Anſtatt ſogleich zu antworten, ſetzte der Angeredete die Flaſche auf den Tiſch und drehte ſie mit ſeinen dürren Fingern langſam im Kreiſe herum, damit alle die, welche umherſaßen, die Etiquette der Flaſche deutlich leſen konnten. Punſch⸗Eſſenz! „Knorx,“ rief Rodenberg luſtig,„ich fürchte faſt, Du biſt auf ſchlimmen Wegen gegangen— haſt Du einen Einbruch verübt?“ „Oder haſt Du vielleicht Straßenräuberei getrieben?“ fragte van der Maaßen. Worauf Knorx mit großem Ernſte erwiederte:„Es iſt ein trauriger Beweis Eurer verdorbenen Seelenzuſtände, daß Ihr Euch nicht einbilden könnt, wie man auf eine ehrliche Weiſe zu einer Flaſche Punſch⸗Eſſenz gelangen kann.“ „Meiner Treu',“ pflichtete Walter den Anderen bei,„ich muß dieſen jungen Leuten Recht geben; es iſt etwas ſo Abſonderliches, eine Flaſche Punſch⸗Eſſenz in Deinen Händen zu ſehen, daß man ſchon Hackländer's Werke. 52. Bd. 10 Drittes Kapitel. einen vom gewöhnlichen Laufe der Dinge ab⸗ die Berechtigung hat, auf dem Dir dieſe Flaſche begeg⸗ weichenden Weg anzunehmen, net iſt.“ ſichtbares Lächeln über das Geſicht des Da flog ein kaum ſ langen Bildhauers, doch ehe er etwas erwiederte, ſchaute er ſich nach einer Sitzgelegenheit um. Rüding wollte ihm, dem Aelteren, ſeinen Stuhl anbieten, doch lehnte es Knorx kopfſchüttelnd ab und holte ſich einen kleinen Schemel, auf dem Rodenberg's Pinſel und Putzlappen lagen, und als er ſich nach Entfernung derſelben darauf niederließ, ragten ſeine ſpitzigen Kniee hoch empor, was ihm aber nicht unbehaglich er⸗ ſcheinen mochte, denn er ſtützte die Ellenbogen darauf und ſeine mageren Finger ſtreichelten faſt behaglich den langen, ſpitzen Knebelbart. „Gewiſſermaßen ſollt Ihr Recht haben,“ nahm er das Ge⸗ ſpräch nach einer kleinen Pauſe wieder auf,„indem dieſe Flaſche allerdings auf eine abſonderliche, aber gewiß ſehr redliche Weiſe verdient worden iſt— Ihr kennt den Spezereihändler dort unten an der Ecke des Marktes?“ „Den mit der ſchönen Frau 2“ warf Arthur ein—„Knorx, ich fange an, irre an Dir zu werden.“ „Ich habe dieſem Spezereihändler eine — eine Holzſchnitzerei.“ „Haſt Du ihm eine hölzerne Naſe gedreht?“ „Oder ein paar Hörner angefertigt?“ Ohne auch nur zu thun, als ſeien dieſe Fragen an ihn ge⸗ richtet, fuhr Knorx mit ſeiner tiefen, heiſeren Stimme fort:„Der Mann hatte, wie viele Spezereihändler— Ihr werdet das freilich nie geſehen haben, da Euch ſelten ein Blick nach oben gelingt—, an der Decke des Ladens ein ausgeſtopftes Krokodil hängen, das vor Alter morſch geworden und, von den Würmern zerfreſſen, eines ſchönen Tages herabfiel. Vor Jahren ſchon hatte ich dieſem kleine Arbeit gemacht — In einem Thal bei armen Hirten. 139 Manne einen kleinen Mohren geſchnitzt, der, die irdene Pfeiſe in der Hand, vor der Thür ſteht.“ „Aha,“ rief Rodenberg lachend,„ich errathe, Du haſt ihm ein neues Krokodil angefertigt— Knorx, Du biſt wirklich eine edle Seele, und für einen Theil des Honorars brachteſt Du uns dieſe Flaſche Punſch⸗Eſſenz— laß Dich umarmen!“ „Punſch ſoll kühlend wirken,“ ſagte Walter,„ſo behaupten nämlich die Südländer, und da draußen aus der engen Gaſſe noch immer eine kannibaliſche Hitze hereindringt, ſo finde ich Deinen Gedanken über alle Beſchreibung ſchön und erhaben.“ „Wir wollen ihn kalt trinken,“ ſagte Rüding—„ſieh nach Waſſer, Rodenberg.“ „Das Nachſehen wird mich verflucht wenig nutzen, wir haben zu unſerem Thee Waſſerflaſchen und Waſchſchüſſeln leer getrunken.“ „So muß Einer friſches Waſſer holen.“ „Der Anſicht bin ich auch— dort ſteht die Flaſche, der Jüngſte ſoll gehen.“ „Das iſt van der Maaßen— vorwärts!“ „Oho,“ machte der alſo Aufgerufene,„wie könnt Ihr zu der abſurden Behauptung kommen, ich ſei der Jüngſte?“ „Wir behaupten es und haben Recht,“ erwiederte Rodenberg; „wer Deinen dicken Kindskopf anſieht, der muß darauf ſchwören, Du ſeieſt noch nicht confirmirt! Ja, wirf einmal einen Blick in den Spiegel— wenn Du nur die Spur von einem Barte auf⸗ weiſen kannſt, ſo will ich das Waſſer holen und mich obendrein hängen laſſen!“ „Sei ordentlich, van der Maaßen, nimm aber beide Flaſchen mit— Du weißt, unten im Hofe ſteht der Pumpbrunnen; da es Nacht iſt, wird ſein Schwengel mit eitter kleinen Kette und einem Schloſſe feſtgemacht ſein— ſchlage tüchtig mit der Fauſt auf das Schloß und es ſpringt auf; nachher drückſt Du es wieder zu.“ „Du ſollteſt eigentlich ſelbſt gehen,“ meinte van der Maaßen, * 140 Drittes Kapitel. gegen Rüding gewandt;„ich liebe es nicht, anderer Leute Schlöſſer aufzumachen— Du gehörſt doch gewiſſermaßen zum Hauſe.“ Doch hatte er ſich ſchon bei dieſen brummig ausgeſtoßenen Worten er⸗ hoben und ging nun, die eine Flaſche in der Hand, die andere unter dem Arme, zur Thür hinaus. Walter hatte unterdeſſen die Flaſche zu ſich herangezogen, ſie ſorgfältig entkorkt und etwas davon in ein Glas gegoſſen, das er nun gegen das Licht hielt.„Es iſt Punſch von Arak— mit einem Ananas⸗Beigeſchmacke,“ ſagte er, nachdem er ihn verſucht; „wir wollen ihn Krokodilpunſch nennen, es ſoll ein herrliches Ge⸗ tränke werden— biſt Du für kalt oder für warm, Knorx? Du, als Spender, haſt darüber zu beſtimmen.“ „Ich glaube, bei der Hitze wird ein kalter beſſer ſein.“ „Ja, es iſt verdammt heiß in dem niedrigen Zimmer— ziehen wir unſere Röcke aus!“— worauf er ſelbſt that, wie er vor⸗ geſchlagen. Doch folgte Niemand ſeinem Beiſpiele, da Rodenberg's Gewand leicht und weit war und Rüding ein dünnes Sommer⸗ röckchen trug. Jetzt kam van der Maaßen zurück, und wie er an den Tiſch und in den Lichtkreis trat, lachte Rüding und Rodenberg, als ſie ihn anſchauten, denn er hatte eine blutige Schramme auf der Naſe und einen dunklen Schmutzſtrich quer durch ſein feiſtes Geſicht. „Wer hat Dich ſo zugerichtet?“ „Ich bin überzeugt, Du haſt irgendwo eine Schraube heraus⸗ gezogen— habe ich Recht, van der Maaßen?“ „Hol' mich der Teufel, ich kann es nicht läugnen!“ erwiederte dieſer verdrießlich;„abergich bin nun feſt entſchloſſen, dieſe fatale Gewohnheit abzulegen— Ihr könnt dem Himmel danken, daß keine der Flaſchen verletzt iſt.“ „Bei der Naſe hat es allerdings weniger zu ſagen,“ meinte Rüding. In einem Thal bei armen Hirten. 141 „Du mußt Dich mit dem Raufbold tröſten,“ warf Rodenberg ein;„der Raufbold ſagte nämlich, Haut und Knochen bekommt man umſonſt wieder.“ „Diesmal verdiene ich wahrhaftig keinen Spott, denn eigent⸗ lich wollte ich keine Schraube herausdrehen, ſondern die oben am Pumpenſchwengel, welche ſehr lotterig iſt, feſtſchrauben; doch muß ich falſch gedreht haben, auf einmal fiel ſie heraus und mir der Pumpenſchwengel gerade auf die Naſe.“ „Zur Heilung ſollſt Du etwas ſtärkeren Rum haben,“ ſprach Walter, der die Gefäſſe gefüllt und nun herumgereicht hatte, worauf Alle tranken und den kalten Krokodilpunſch ausgezeichnet fanden. „»Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus,« ſang Walter, nachdem er ſein großes Glas auf Einen Zug aus⸗ getrunken; doch brach er plötzlich ab, indem er ſagte:„Nein, nein, was Anderes. Dieſes Lied erweckt in mir ſo traurige Gedanken, man kann es nur mit glücklichem Bewußtſein ſingen, wenn man noch nicht zwanzig Jahre alt iſt.“ „Van der Maaßen,“ rief Rodenberg dieſen an,„willſt Du nicht meine Guitarre nehmen und etwas ſingen? Du haſt einen ſo ſchönen Discnntt!“* „Sopran könnte man ſagen,“meinte Rüding;„doch verſchone mich noch einen Augenblick mit Deinem Seufzerkaſten, ich habe Knorx noch nicht geſagt, daß er den Don Quixote machen muß.“ „Dich verlieren ſoll ichn ; h verlaſſen?“ hörte man van der Maaßen ſingen, wohet er ſchwärmeriſch in die Höhe blickte und ein ſehr ſpitzes Maul machte. „Wer ſagt, daß ich muß?“ gab Knorx zur Antwort—„was, Don Quixote! Ich habe ſchon von Anfang an erklärt, daß ich keinen Beruf dazu in mir fühle.“ Drittes Kapitel. „Aber Dein Aeußeres paßt dazul“ „Du, die meine Seele ganz erfüllt!“ girrte van der Maaßen. „Ich bin anderer Anſicht,“ ſagte Knorx,„van der Maaßen 4 hat viel mehr Zeug zu einem Don Quixote, als ich.“ „Haſt Du je von einem fetten Don Quixote gehört?“ „Kann ich Aermſter den Gedanken faſſen?“ „Daß Du ein fetter Don Quixote wäreſt?“ fragte ihn Rüding —„fett biſt Du allerdings, aber von einem Don Quixote haſt Du ſehr wenig.“ „Van der Maaßen gäbe einen trefflichen Kislar⸗Aga.“ Van der Maaßen, der ſich heimlich aus der Flaſche ziemlich viel Punſch⸗Eſſenz zugegoſſen, fragte in einem etwas ſchluchzenden Tone:„Was iſt der Kislar⸗Aga? Braucht man dazu eine ſchöne 2 Figur, ſo bin ich zu haben.“ „Kisla. das Olahaupt der ARi hnitenen— weißt Du, was ein Verſchnittener iſt?“ „Kann ich Aermſter den Gedanken faſſen?“ ſang ihm Rüding ſpottend nach, ſetzte aber gleich durauf in, Proſa hinzu:„Laßt mir van der Magßen in Ruhe und ärgert ihn hih — ich weiß ganz genau, daß ei eine Geliebte gehabt hat... „Ach ja, ſie war ſchön!“ fiel van der Maaßen feufzend ein, indem er ſeine Arme ſchwärmeriſch in die Höhe warf—„ſie liebte mich und träumte von mir ſchöne, unruhige Träͤume— ſie hieß Lenore....„ „Lenore fuht in horndth 2 . 4 deklamirte er. „Zum Zeitvertreib,“ ſagte Rüding. „Pfui, pfui,“ ermahnte Rodenberg;„reizet den van der Maaßen nicht, ſonſt werden wir ſchreckliche Sachen hören.“ In einem Thal bei armen Hirten. 143 „Ja, ja,“ rief Walter,„lieber ein geſundes Lied, ein anſtän⸗ diges Lied, das auch Knorx mitſingen kann!“ „Knorx— hat— ſeine— Geliebte— auf den Pfei— fen⸗ kopf gemalt,“ lallte van der Maaßen—»memento mori.« „Dir könnte ein ſolch ernſter Gedanke nicht ſchaden,“ erwiederte der Bildhauer;„ich will Dir ‚memento mori' überſetzen, da Du kein Latein verſtehſt: „Ach, wie bald, ach, wie bald Schwindet Schönheit und Geſtalt!“ und das geht ſpeciell auf Dich, der Du ein ſo ſchöner Kerl biſt— ja, blinzle nur nach dem Spiegel!“ „Knorx— hat— ſeine— Ge-liebte auch dro— ben in der — Schub—lade— neben— dem Brod— liegen.“ „Dummer Kerl!“ „Haſt Du nicht— ei len⸗ Todten 5 in der Schub—lade— neben— dem Br 7 wieherholte van der Maaßen mit einet Stimme, die häufig von ſihr özeichnenden Naturlauten untetbrochen wurde. Daß Knorx allerdings in ſeiner Schublade einen Todtenkopf liegen hatte, war eine Thatſache, welche die meiſten ſeiner Bekann⸗ ten wußten; doch hörte er nicht gern davon reden, indem die Erwähnung dieſes Factums ſchon einmal zu einem ſehr ernſten Streite Veranlaſſung gegeben hatte, weil ein indiscreter Kerl be⸗ hauptete, dies ſei der Kopf zu dem Modell, das Knorx umgebracht, und Knorx trinke zur Suh e Kaijee daraus. Walter, bei dem der 1 Pauiſch noch am wenigſten ſeine Wirkung gethan und der einen Streit fürchtete, ſchlug mit der Hand auf den Tiſch, indem er van der Maaßen zurief:„Bekümmere Dich um Deinen eigenen Dickſchädel— das ſage ich Dir, wenn Du noch ein Wort ſprichſt, das mir mißfällt, ſo ſetze ich Dich an die Luft!“ 144 Drittes Kapitel. „Du— mich?“ „Ja, ich Dich— und bläue Dich vorher noch durch, um Dich Lebensart zu lehren! Iſt das eine Art, Jemanden unan⸗ genehme Dinge zu ſagen, deſſen Punſch man getrunken? O, van der Maaßen, Du biſt doch ſonſt ein halbwegs anſtändiger Kerl, daß ich das von Dir nicht erwartet!“ „Ich auch nicht, van der Maaßen,“ ſtimmte Rüding bei, in⸗ dem er ſich gewaltig zu einem ernſten Tone zwang. „Und ich nicht,“ ſagte Rodenberg, während er mit der Hand über die Augen fuhr, als unterdrückte er eine Thräne. Alle wußten, wie leicht es zu machen war, daß des dicken van der Maaßen heitere Laune in tiefe Wehmuth überſchlug, was äußerſt komiſch anzuſehen war, und in der That, als nun Walter mit einem langen Seufzer ſeinen Kopf auf die Hand ſtützte und vor ſich niederſchaute, blickte van der Maaßen tief bewegt um ſich her, ſeine Augen fingen an zu zwinkern ſein breites Maul verzog ſich, und dann brach er in ein ſo klägliches Weinen aus, daß man kaum im Stande war, ſeine hervorgeſchluchzten Worte zu verſtehen:„Ich hätte— Knorx— beleidigen wollen,— meinen lieben— guten — Knorx,— meinen theuren Knorx?— Knorx, der— für uns das— Krokodil mitgebracht?— Nein, den— Spezerei— händler, — der für uns den— Punſch.. o, Knorx— wenn ich es— gethan habe,— ſo will ich Dich um— Verzeihung bitten — und Dich— zur Verſöhnung— küſſen!“ Und damit wollte der dicke, ungeſchlachte van der Maaßen über den armen, mageren Knorp herfallen, der ſeine Pfeife mit dem Todtenkopfe zur Abwehr vor ſich hinhielt, während Rüding von hinten den Rock van der Maaßen's ergriff, leider aber ſo kräftig daran zog, daß ihm einer der Schöße deſſelben in der Hand blieb, den er nun mit großer Geiſtesgegenwart in das Bareit des dicken Künſtlers fallen ließ und ihn hierauf an den Schultern auf ſeinen Stuhl zurückdrückte. Alsdann ſagte er, mühſam das Lachen In einem Thal bei armen Hirten. 145 verbeißend:„Laß es gut ſein, van der Maaßen, Du biſt ein ganz vortrefflicher Kerl, wenn Du nüchtern biſt, und da Du morgen früh wieder nüchtern ſein wirſt, ſo verzweifeln wir nicht an Deiner Beſſerung; gib Dich damit zufrieden, und Du, Knorx, reich' ihm die Hand— ſo, jetzt wollen wir eins ſingen— was meinſt Du, Walter?“ „Gewiß,“ ſagte dieſer und begann: „Brüder, zu den feſtlichen Gelagen Hat ein guter Gott uns hier vereint.“ Mit lauter Stimme und in heiterer Laune ſangen Alle mit, van der Maaßen ausgenommen, der mit einer Miene, als handle es ſich um einen Trauergeſang in Moll, dazwiſchen intonirte und deſſen Thränen ſtets wieder auf's neue floſſen, ſo oft er zu Knorx hinüberſah, und als es nun weiter hieß: „Allen Sorgen laßt uns jetzt entſagen, Trinken mit dem Freund, der's redlich meint“— erhob er ſich ſchwankend, nahm ſein halbvolles Glas und nöthigte Knorx, mit ihm anzuſtoßen, worauf er es austrank, es ſeufzend auf den Tiſch niederſtellte und dann mit der rechten Hand nach ſeinem Barette umhertaſtete. Rüding hob ihm ſeine Kopfbedeckung nicht nur auf, ſondern gab ihm ſeine Mappe in die Hand, indem er ſagte:„Du haſt doch ein gutes Gemüth, van der Maaßen,“ ſetzte er ihm das Ba⸗ rett mit dem abgeriſſenen Rockſchooße ſo auf, daß ein großer Theil des letzteren hinten herabhing, was ſeinem Kopfe ein ſehr komiſches Anſehen gab, da auch ſeine Naſe unterdeſſen durch die Berührung mit dem Pumpenſchwengel ſtark aufgelaufen war, daß ſämmtliche Anweſende in ein unauslöſchliches Gelächter ausbrachen. Selbſt der Betreffende vergaß ſeiner Wehmuth und lachte mit, als er nun gegen die Thüre ſchlich, und lachte noch auf der Hausflur, ja, 146 Drittes Kapitel. Rüding, der ihm nacheilte und ihm gute Nacht wünſchte, hörte ihn noch auf der Treppe lachen, dann zwiſchen den leeren Fäſſern des ſtets offenen Thorweges hin und her poltern und meldete end⸗ lich, zurückkommend, van der Maaßen ſei glücklich und ſehr heiter auf die Straße gelangt. Bis der Punſch zu Ende war, ſangen die Beiſammenſitzenden das erwähnte Lied, konnten es aber nicht vollenden, da ſie ſich in den einzelnen Verſen verwirrten und es häufig vorkam, daß Jeder, wie zu ſeinem eigenen Privatvergnügen, einen Vers für ſich an⸗ fing, welcher Sang zuletzt in einen ſehr unharmoniſchen Canon ausartete. Dabei war das Licht herabgebrannt und flackerte alsdann, die Papier⸗Manchette ergreifend, nochmals hoch auf. „Hurrah hoch! Feuerwerk!“ ſchrie Walter bei dieſem Anblicke —„Hurrah hoch!“ ſtimmten die Anderen ein, und als jetzt der glimmende Docht ziſchend in der Flaſche verſchwand, neigten ſich die Köpfe von zweien der Trinker auf die Tiſchplatte herab, wo⸗ gegen ſich Knorx mit ſtieren Augen langſam wie ein Geſpenſt erhob und zum Zimmer hinauswankte, ſanft geleitet von Roden⸗ berg, der, als mäßiger Trinker, vollkommen bei Bewußtſein ge⸗ blieben war. Draußen durch die laue Sommernacht zitterten die Schläge der Thurmglocken— es war drei Uhr Morgens. IV. „Im Wald und auf der Haide.“ Wir wiſſen nicht, ob jedem unſerer geneigten Leſer ein Seelen⸗ zuſtand bekannt iſt, der Katzenjammer heißt— daß wir mit dieſem Kapitelanfang nicht unſere verehrten Leſerinnen anreden, davon bitten wir dieſelben, geneigteſt Notiz zu nehmen.— Es iſt dieß ein Zu⸗ ſtand, ſchlimmer als Alpdrücken, herabſtimmender als ein ſchlechtes Gewiſſen. Man nennt dieſes Leiden auch Haarweh, weil außer gänzlich abgeſpannten Nerven, ſchmerzenden Gliedern, einem rebel⸗ liſchen Magen jedes Haar auf dem Kopfe ſeinen eigenthümlichen, ganz beſonderen Schmerz hat. Und doch ſind alle dieſe körperlichen Leiden nur Spielerei zu nennen gegen die Qualen unſeres Geiſtes, gegen die moraliſche Vernichtung, die uns überfällt, wenn wir mit gläſernem Blicke, trockener Zunge und matten Gliedern dem Tage in ſein ſchönes Antlitz ſchauen, welcher auf eine Nacht folgt, wie die von uns im vorigen Kapitel beſchriebene. Wir hören unab⸗ läſſig fernes Glockengeläute oder das Rauſchen und Brauſen des Meeres und haben dabei das entſetzliche Gefühl, als ſei der obere Theil unſeres Kopfes ein Schieferdach, welches in der Ausbeſſerung begriffen iſt und auf welchem fort und fort gehämmert und ge⸗ klopft wird. 4 „O, laß mich nicht ſo lange leiden,“ ſeufzte Rüding in ſeinem 148 Viertes Kapitel. Bette, in welchem er ſich mühſam von einer Seite auf die andere warf: ihm träumte, er ſei unter Mörder gefallen, und fühlte, wie die Hand eines dieſer Kannibalen ihn an der Kehle faßte. Darauf aber lachte dieſer Kannibale und verließ das Lager des Unglücklichen, um gleich darauf mit einem Schnupftuche zurück⸗ zukehren, das er ins Waſſer getaucht hatte und ihm auf die bren⸗ nende Stirn legte. 4 „Mein lieber Rüding!“ ſagte er alsdann, als dieſer die Augen aufſchlug und wirr um ſich ſchaute. „Ah, Du biſt es, Rodenberg; Gott der Gerechte, wie elend fühle ich mich!“ „Das macht der ſtarke Punſch von geſtern Abend, guter Eduard,“ erwiederte der junge Maler mit ſanfter Stimme. „Ich glaube, Knorx hat uns vergiftet,“ ſeufzte der Andere— „aber warum weckſt Du mich eigentlich?“ fuhr er, ihn mit ſeinem glanzloſen Auge betrachtend, fort—„und wie Du ſo friſch aus⸗ ſiehſt— haſt Du denn ſchon ausgeſchlafen?“ „Vollkommen, obgleich es noch ſehr früh iſt.“ „Früh? Gott ſei Dank, daß es noch früh iſt, da kann ich noch lange ſchlafen— wie viel Uhr haben wir denn?“ „Es iſt gleich ſechs Uhr.“ „Und da weckſt Du mich?— Ungeheuer!“ fuhr der Andere ſehr verdrießlich fort, welche verdrießliche Miene ſich zu einem ge⸗ häſſigen Ausdrucke ſteigerte, als er den Anderen ſo friſch, ja förm⸗ lich vor Heiterkeit ſtrahlend vor ſich ſtehen ſah.“ Du biſt doch einer der perfideſten Kerle, die ich kenne— nimmt ſich in Acht, während die Anderen ſich beſaufen, und kommt alsdann und weckt einen vor ſechs Uhr— iſt das nicht unverantwortlich?“ „Es muß Dir allerdings ſo ſcheinen, guter Eduard,“ erwie⸗ derte Rodenberg mit dem ſanfteſten Tone, den er anzunehmen ver⸗ mochte,„doch es hat ſeine Gründe— ſiehſt Du, ganz gewichtige Gründe— ſchau mich einmal an!“ Im Wald und auf der Haide. „Und was werde ich Beſonderes an Dir entdecken?“ „Schau mich nur an!“ Der ſanfte Eduard ſtrich ſeine langen Haare aus dem Ge⸗ ſichte, welche gegenüber ſeinen Locken von geſtern heute eine ver⸗ dächtige Schlaffheit zeigten, dann riß er die matten Augen auf und gab mißmuthig zur Antwort:„Nun, was ſoll ich an Dir ſehen? Du haſt Deine grauen Reithoſen an und Deine hohen, lackirten Stiefel— ach,“ ſeufzte er aus tiefſtem Herzensgrunde, indem er ſeinen müden Kopf in die Kiſſen zurückfallen ließ,„mir iſt es gerade zu Muthe wie Reithoſen anziehen und lackirte Stiefel— o, hole mir ein Glas friſches Waſſer!“ „Gleich, guter Eduard, kalt vom Brunnen weg; aber vorher muß ich Dich um etwas bitten.“ „Du mich um etwas bitten?“ gab Rüding zur Antwort, in⸗ dem er ſich mit mißtrauiſcher Miene anſchickte, das Geſicht gegen die Wand zu drehen;„ich habe kein Geld, das weißt Du.“ „Ich will auch kein Geld von Dir.“ „Nun, was willſt Du denn, langweiliger Kerl?“ „Nun, guter Eduard, es freut mich, daß Du meine grauen Reithoſen und meine lackirten Stiefel geſehen haſt: man muß zu⸗ geſtehen, ſie ſitzen mir ganz vortrefflich. Hier iſt aber auch etwas,“ fuhr er wohlgefällig fort, indem er ſich auf den Schenkel klopfte, „und alſo wäre für unten geſorgt; aber oben fehlt es mir noch, und da dachte ich, Du könnteſt ſo gut ſein und mir die weiße Weſte und den braunen Frack leihen, den Du von dem Engländer, deſſen Portrait Du malſt, da haſt— er iſt abgereist und kommt erſt in einigen Tagen wieder— willſt Du, guter Eduard?“ Lange erfolgte keine Antwort, und Rodenberg war ſchon im Begriffe, ſeinen Freund am Arme zu faſſen und wieder aufzurüt⸗ teln, als dieſer den Kopf umwandte und mit halbgeſchloſſenen Augen ſagte:„Wie darf ich das thun? Es wäre ein großes Un⸗ recht von mir, und ich würde es Dir auch nimmermehr erlauben, 150 Viertes Kapitel. wenn ich nicht überzeugt wäre, daß Du mich ſo lange plagen wür⸗ deſt, bis ich Ja ſage, und ich bin heute Morgen nichts wie ein armer, elender, hülfloſer Menſch!“ „Allerdings habe ich mir vorgenommen, Dich zu plagen, bis Du Ja ſagſt, denn ich muß den Frack haben, um anſtändig aus⸗ zuſchauen auf dem Rappen des Rittmeiſters von Strachwitz, der ihn mir nach ſechs Uhr ſchickt, damit ich ihn im Freien probiren kann.“ „Das geht mich eigentlich alles nichts an.“ „Mache nicht ſo viele Worte, guter Eduard, und ſage mir, wo der Frack liegt.“ „Ich habe meine Bedingungen— o Gott, das verfluchte Kopfweh!“ „Was für Bedingungen?“ „Du gibſt mir Dein Ehrenwort,“ ſagte der im Bette mit matter Stimme,„daß Du die Wahrheit geſprochen und nicht daran denkſt, den Frack und die Weſte irgendwo zu verſetzen.“ „Darauf haſt Du mein Ehrenwort, und ich ſchwöre es Dir extra noch bei dem heiligen Kurzholz— wo iſt der Frack?“ „Du ſollſt ihn haben, Plagegeiſt, aber vorher holſt Du mir friſches Waſſer und machſt das Zimmer ſo dunkel als möglich— wie mir das Licht weh thut, ich glaube wahrhaftig, dieſer miſe⸗ rable Knorx hat mich vergiftet!“ „Kindereien, der Punſch war nur ein wenig ſtark,“ entgegnete der Andere, indem er aus den Ecken des Zimmers zwei lebens⸗ große Portraits herbeitrug und ſie vor die beiden Fenſter ſtellte: es war das des vorhin erwähnten Engländers und das einer alten, vollbuſigen Dame in brennend rothem, ſeidenen Kleide, die einen gelben Shawl auf ſo unnatürliche Weiſe umgeſchlungen hatte, daß er herabgefallen wäre, wenn man nicht hätte annehmen dürfen, er ſei hinten auf einem unausſprechlichen Theile ihres Körpers mit einer ſoliden Nadel befeſtigt. Hierauf holte er Waſſer am Brunnen, Im Wald und auf der Haide. 1⁵51 ſo friſch und kühl, daß das Glas förmlich anlief, und erquickte ſeinen Freund damit, indem er ihn nicht nur ſanft aufrichtete, ſondern auch den Kopf auf die ſchonendſte Weiſe unterſtützte. „Und nun, lieber Eduard, wo iſt der Frack?“ Der Leidende zog einen Schlüſſel unter dem Kopfkiſſen hervor und ſagte:„Da, in der mittlern Schublade— aber, nicht wahr, Du ruinirſt nichts daran?“ „Gott ſoll mich bewahren, ich werde als Cavalier reiten und einen ganz kurioſen Schlagſchatten werfen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen; brauchſt Du ſonſt noch was?“ „Nichts, als daß Du mich jetzt in Ruhe läßt— ach, wenn mich nur Niemand mehr ſtört!“ „Ich werde auf die Stubenthür ſchreiben: Hier ſind die Blattern ausgebrochen! dann kommt gewiß Niemand herein.“* Ein tiefer Seufzer war alles, was Rüding zur Antwort gab, der ſein Geſicht gegen die Wand gekehrt und ſeinen Kopf förmlich in die Kiſſen eingebohrt hatte. Nachdem Rodenberg den Frack und die Weſte gefunden, ſchlich er auf den Zehen aus dem Zimmer und legte einen Beſen, den er draußen vorfand, quer vor die Thür, wobei er zu ſich ſelbſt ſagte: „Das gibt Jedem, der eintreten will, zu denken!“ Dann ging er in ſein Zimmer und athmete hier bei geöffnetem Fenſter, welches die erquickende, kühle Morgenluft einließ, tief auf. Seine übrige Toilette war bald gemacht, ſein lockiges Haar hatte er famos ge⸗ ſcheitelt, ſeinen Bart leicht gekräuſelt, und als er nun die weiße Weſte anlegte und den braunen Reitfrack, der ihm wie angegoſſen ſtand, da bot er eine ſo elegante, ja vornehme Erſcheinung, wie ein junger Mann aus dem beſten Hauſe und mit den beſten Ma⸗ nieren der großen Welt. Nodenberg war auch von ſehr guter Herkunft: ſein verſtorbener Vater hatte ein ſchönes Gut beſeſſen, aber leider fand es ſich ſo⸗ verſchuldet, daß die Vormünder des einzigen Sohnes, unſeres Viertes Kapitel. Arthurs, aus der Liquidation, welche nothwendig erfolgte nach dem Tode des Vaters— ſeine Mutter war längſt geſtorben— nur eben ſo viel zu retten vermochten, um dem damals achtzehnjährigen jungen Menſchen für einige Jahre eine ſehr beſcheidene Rente zu verſchaffen. Arthur hatte von reellen Kenntniſſen nur das erworben, was er beim Unterrichte in der Dorfſchule und durch Privatſtun⸗ den bei dem Pfarrer gelernt, wobei er es aber trotz ſeines vor⸗ trefflichen Kopfes nur in Sprachen, Franzöſiſch und Engliſch, zu etwas gebracht hatte; glänzend dagegen waren ſeine Kenntniſſe in allem dem, was hohe und niedere Jagd betraf und die edle Kunſt des Reitens. Neben dieſen noblen Paſſionen hatte er ſchon als Knabe mit außerordentlichem Geſchicke gezeichnet, und dies brachte ſeine Vormünder, zu denen auch der Pfarrer des Ortes gehörte, auf den Gedanken, Arthur Maler werden zu laſſen, womit ſich der junge Rodenberg einverſtanden erklärte und die Akademieſtadt bezog. Als guter Kamerad hatte der junge Maler heute Morgen auch ſchon nach Walter geſehen und ihn in einem ähnlichen Zuſtande wie Rüding gefunden, nur daß dieſer, wie wir wiſſen, melancho⸗ liſchen Gemüthes war, während ſich der Andere in der Laune eines angeſchoſſenen Tigers auf ſeinem Bette herumwälzte; auch hatte Arthur Knorx beſucht, der eine Treppe höher wohnte, ohne bei dieſem Beſuche einen Nebenzweck zu verfolgen. Knorx, ein fleißiger und geordneter Mann, war ſtets mit Geld verſehen und machte den Banquier ſeiner Freunde, vorausgeſetzt, daß er es mit Jeman⸗ dem zu thun hatte, der pünktlich wiederbezahlte, was Rodenberg ſtets gethan, um ſich dieſe angenehme Quelle hell und flüſſig zu erhalten. Knorx ſaß auf ſeiner Kommode, zwiſchen ſeinen Beinen die halb herausgezogene obere Schublade, aus welcher er frühſtückte: ſchwarzes Brod und ein wenig Butter, während ein Glas Waſſer neben ihm ſtand, in dieſer Schublade lag auch der Todtenkopf, von dem van der Maaßen geſprochen. „Was machen die beiden Kerls da unten?“ fragte der Holz⸗ 8 Im Wald und auf der Haide. ſchnitzer, indem er mit der Spitze boden wies.„Sind ſie todt?“. „Daran fehlt nicht viel,“ antwortete Rodenberg.„Rüding iſt wie ein Pfenniglicht, die Zugluft des Schlüſſelloches könnte ihn ausblaſen. Wie geht es denn Dir, Knorx?“ fragte er mit einem leiſen, forſchenden Lächeln auf den Lippen. „O, nicht ſchlecht, obgleich ich auch mein redlich ken habe— aber was willſt denn Du ſchon ſo früh hier? Du ſiehſt ja aus, als ob Du auf die Brautſchau wollteſt!“ „Das weniger, ich will das Pferd probiren, das ich bei dem Feſte reiten ſoll; Rittmeiſter von Strachwitz leiht es mir, und ſo habe ich dafür— keine Miethe zu bezahlen, aber ſonſt— Unkoſten genug; der Henker weiß, wo das Geld hinkommt, kaum hat man fünf Thaler gewechſelt, ſo ſind ſie wie weggeblaſen.“ „Ah, ſo,“ machte Knorx. „Ja wohl, lieber Knorx, ſo iſt es ſo ein zwanzig Silbergroſchen au gut ſein?“ „Warum das nicht, es kann ſogar ein Thaler ſein.“ „Gut denn— aber hebe mir die zehn Silbergroſchen auf, bis ich zurückkomme; der Menſch iſt ſchwach, und ich bin am ſchwächſten, wenn ich Geld im Beutel habe— wahrhaftig, da kommen ſchon meine Pferde— nun gib Acht, Knorx, Du ſollſt mich abreiten ſehen.“ Damit ſchüttelte er die dargereichte Hand des Bildſchnitzers und eilte hinab, um ſeinen Anzug durch einen kleinen grauen Hut zu vervollſtändigen, unter deſſen breitem Rande ſeine üppigen, blondgelockten Haare hervorquollen. Ueberhaupt war der ganze junge Mann eine angenehme herrliche Erſcheinung, werth manches Blickes aus ſchönen, wenigſtens aus verliebten Mädchenaugen, die hinter den herabgelaſſenen Gardinen nach ihm ſchauten, während „ ſich alsdann eben ſo ge⸗ 11 ſeines Brodmeſſers auf den Fuß⸗ Theil getrun⸗ zich brauche nicht viel, nur f einige Tage— willſt Du ſo er mit leichter Hand die Zügel ordnete Hackländer's Werke. 52. Bd. Viertes Kapitel. wandt wie zierlich in den Sattel ſchwang und hierauf den tollen, feurigen Rappen, den er wohl kannte, mit einer leichten Schraubung ſeiner ſtarken linken Hand zurückhielt, daß er knirſchend in die Zügel ſchäumte und mit ſeinem ſchönen Reiter leicht tänzelnd über das Pflaſter davon ſchritt. Der Huſar, welcher die Pferde gebracht, ritt in angemeſſener Entfernung hinter ihm drein. Rodenberg hatte zwanzig Silbergroſchen in der Taſche, weß⸗ halb er begreiflicher Weiſe darüber nachdachte, wie dieſe beiden Dinge in Einklang zu bringen ſeien; er wußte einen köſtlichen Ort, eine Terraſſe, hoch über dem Rheine gelegen, mit einer Veranda, die von Rebenlaub überſponnen war. Dorthin ritt er, und zwar, ſobald er das Pflaſter hinter ſich hatte, in kurzem Galopp; der Huſar wurde angewieſen, ſich einen Schnaps geben zu laſſen, wäh⸗ rend der Herr Baron oben auf der Terraſſe frühſtückte. Das machte zehn Silbergroſchen, worauf der junge Maler ein Fünfgroſchenſtück als Trinkgeld für den Huſaren in die linke Seiten⸗ taſche ſteckte, ſich alsdann von dem Kellner des Kaffeehauſes zwei der feinſten Cigarren à zwei und einen halben Silbergroſchen kaufte und nun, aller ferneren Anfechtungen ledig, davon ritt. Es war ein wunderbar ſchöner, prachtvoller Frühlingsmorgen: der tiefblaue Himmel ſchien ſich mit wahrer Begeiſterung über die ſonnenbeglänzte Erde auszuſpannen, und dieſe großmüthige Sonne trieb eine wahre Verſchwendung in Gold und Brillanten. Wie glänzten die letzteren zu Millionen an den Büſchen und auf dem Graſe, eigentlich nur Thautropfen, aber wie Arthur in ſeiner glückſeligen Laune, ſo wollen auch wir uns bemühen, dieſes alles für wirkliches Gold, für ächte Steine zu halten! Wie ſog er in tiefen Zügen die friſche, kühle Morgenluft ein, wenn er an die dunſtigen Räume dachte, die er ſo eben verlaſſen, und wie heiter lächelte er an den Himmel hinauf, wenn ihm jetzt der arme Rüding einfiel, auf den weder Sonne noch Licht nieder⸗ Im Wald und auf der Haide. 155⁵ ſchien und der, wenn er ſich ſeufzend umwandte, nicht friſche, grüne Sträucher und Bäume, nicht blühende Blumen ſah, ſondern in die langweiligen, gemalten Züge des ſteifen Engländers und der dicken Frau im rothen Kleide— letztere allein wäre ſchon im Stande geweſen, bei ihm Alpdrücken hervorzurufen! Und jetzt fühlte ſich Arthur ſo froh, ſo friſch, ſo frei: der muntere Rappe unter ihm ſchüttelte ungeduldig mit dem Kopfe und ſchien ſich nur ungern den Zügel gefallen zu laſſen; er folgte der geringſten Bewegung, dem unbedeutendſten Drucke der Wade und galoppirte und courbettirte mit ſeinem gewandten Reiter da⸗ hin, daß es für beide wie für die ihnen Begegnenden eine wahre Freude war. Der junge Maler war ſo luſtig, ja in gutem Sinne über⸗ müthig geſtimmt, daß er ſich gern ſelbſt auf die Backen geklopft und zu ſich geſprochen hätte: ‚Der glückliche Seelenzuſtand von heute Morgen iſt die Belohnung dafür, daß Du Dich geſtern Abend ſo gut aufgeführt; lebe ſo fort, mein Sohn, mein braver, hübſcher, guter Arthur, und es ſoll Dir an meiner ganz beſondern Achtung niemals fehlen! Dabei war es in der That ſchade, daß ſeine ganze glänzende Erſcheinung ſo gar nicht benutzt wurde, um ein Mädchenherz zu erobern, zu entzücken oder in Betrübniß zu ſetzen, wußte er doch kein Fenſter, wohin er mit beſonderem Intereſſe geblickt! So war es ihm denn eigentlich ganz erwünſcht, als er nun die Straßen der Stadt hinter ſich ließ und auf die breite Chauſſee einbog, welche nach den nicht zu fernen Bergen führte— dem Ziele ſeines heutigen Rittes, jenen maleriſch geformten, mit grünen Waldungen bedeckten Bergen, wo in einigen Tagen das Künſtlerfeſt abgehalten werden ſollte. In dieſem Augenblicke galoppirte der Huſar an ihn heran und rief ihm zu:„Dort, auf unſerer linken Seite, kommt die Schwadron des Herrn Rittmeiſters von Strachwitz; ſie ſind ſchon 156 Viertes Kapitel. um fünf Uhr zum Exerciren ausgerückt; wenn Sie etwas lang⸗ ſamer reiten, ſo treffen wir da vorn, wo ſich die Straßen kreuzen, mit dem Herrn Rittmeiſter zuſammen.“ 3 Und ſie trafen dort zuſammen, nachdem der Baron von Strach⸗ witz ſchon von Weitem dem jungen Reiter freundlich zugewinkt und ihm mit einer wahren Löwenſtimme zugeſchrieen:„Famos! Wie ſich der Rappe unter dem Sattel macht— ein capitales Pferd— famos!“ Jetzt waren ſie dicht bei einander; die Schwadron hielt, und der Baron von Strachwitz mit ſeinem Premier⸗Lieutenant und einem Herrn in Civil galoppirte heran, und Rodenberg lancirte auf eine bewunderungswürdige Art vorüber, wandte alsdann um und ſetzte auf den ganz beſonderen Wunſch des Eigenthümers des Pferdes über den breiten Straßengraben hin und wieder zurück. „Nicht wahr, ein famoſes Pferd?“ fragte der Rittmeiſter von Strachwitz. „Ein capitales Thier!“ betheuerte der Premier⸗Lieutenant. Und der Herr in Civil ſetzte hinzu:„Auf Ehre, superbe, räuberhaft ſchön— trichinenhaft!“ Damit trennten ſich die Betheiligten, und Rodenberg bemerkte jetzt erſt, daß außer den eben erwähnten auch noch andere Zuſchauer ſeine Reiterkunſtſtückchen mit angeſehen: es waren dies ein Herr und eine Dame in einem eleganten Wagen, die vielleicht hundert Schritte vor ihm auf der Landſtraße hielten und ſich gegen ihn umgewandt hatten. Sobald ſie nun den Reiter in langſamer Gangart gegen ſich herankommen ſahen, verſchwanden beide im Fond des Wagens und ihr Kutſcher ließ ſeine Pferde davontraben. Rodenberg hatte mit ſeinem ſcharfen Auge bemerkt, daß die Dame jung war, auch ſchön, hoffte er, und da er nicht der Mann war, eine junge und ſchöne Dame nur aus der Ferne zu betrachten, wenn es in ſeiner Möglichkeit lag, ihr näher zu kommen, ſo ſetzte er ſeinen unruhig gewordenen Rappen in einen lebhaften Jagd⸗ 1 Im Wald und auf der Haide. 157 galopp, parirte ihn ein wenig durch eine kaum ſichtbare Hand⸗ bewegung, als er nun neben dem Wagen war, und ſchaute die Beiden an. Der Herr war ein älterer Mann mit einem hageren Geſichte von auffallender, ſüdlicher Färbung, mit einem ſchwarzen, gerade hinausſtehenden Schnurrbarte und einem langen Knebelbarte. Dazu hatte er große, dunkle, unruhige Augen, die er aber ohne einen freundlichen Ausdruck auf Rodenberg heftete. Das ſah Arthur aber nur, indem ſein Blick flüchtig über den Alten herſtreifte, um deſto länger, ja, ſo lange es ihm nur immer möglich war, auf der jungen Dame haften zu bleiben. Ah, ſie war ſchön— ſie war eine Fremde— und doch war ſie ihm bekannt. Er hatte dieſelben feinen, edlen Züge ſchon geſehen; dieſen wunderbaren, marmorgleichen Teint, die zarten, ein wenig lächeln⸗ den Lippen, die glänzenden Augen, deren Lider ſchläfrig, wie halb geſchloſſen erſchienen, und zwiſchen denen hervor es doch blitzte und funkelte. Ja, er hatte dieſes Geſicht ſchon geſehen oder doch wenigſtens ein demſelben ſehr ähnliches, nur daß ſich jenes zu dieſem verhielt wie ein ſchönes Bild mit etwas kaltem Ausdrucke zum lebensfriſchen Original. Und dieſes Original hier zeigte, wie es ſo bequem, ja, man hätte ſagen können, mit einer göttlichen Faulheit in ſeinem Wagen lag, ſo prachtvolle, weiche, angenehme, runde Formen— und welch zierliche Hände: ſie hatte ſie auf ihren Schooß zuſammengelegt, und ihre kleinen Finger hielten einen rieſigen Roſenſtrauß; jetzt erhob ſie ihre Rechte und grüßte mit einer kleinen Bewegung der⸗ ſelben, als der junge Mann, von ihrem Anblicke hingeriſſen, im Vorbeireiten ſeinen Hut zog und ſich tief und achtungsvoll gegen die Beiden verbeugte. und das war ein Läche Dabei hatte ſie ein wenig gelächelt— ach, In, ſo reizend, wie Arthur nie etwas Aehn⸗ Viertes Kapitel. liches geſehen! Ihre großen, dunkeln Augen hatten ihn eine Se⸗ kunde lang angeblickt, und dabei hatte ſie ihre Lippen geöffnet— nein, geöffnet iſt nicht das richtige Wort, ſetzen wir mit den Ge⸗ danken des jungen Mannes hinzu—, dieſer wunderbare Mund war ihm in dieſem Augenblicke erſchienen, wie eine Roſenknospe, die plötzlich aufſpringt, ſinnverwirrenden Duft rings um ſich her ver⸗ breitend. Die Straße führte hier glücklicherweiſe etwas aufwärts und trat zugleich in den Wald ein; Arthur konnte ſo, ohne ſich gerade auffallend zu benehmen, ſein Pferd im Schritte gehen laſſen, auch ſeinen Hut abnehmen, um ſeine heiße Stirn im Schatten der alten Bäume zu erfriſchen: er that das auch und dann ritt er auf der linken Seite des Weges hart am Chauſſeegraben, um dem nach⸗ rollenden Wagen Gelegenheit zu geben, an ihm vorbeifahren zu können. 6 Dieſes Manöver ging auch ganz glücklich von Statten: er hörte die Equipage herankommen, er wandte ſein Pferd etwas gegen die Straße, er ließ es ein wenig ſteigen, während er aber⸗ mals grüßte, ließ es hierauf in zwei wilden Sätzen den Wagen überholen und bog dann links ab in den Wald hinein mit einem tollen Sprunge über den breiten Graben— der Huſar mochte ſehen, wie er nachkommen konnte. Hatte er nicht in dieſem Augenblicke einen kleinen Aufſchrei vernommen, hatte ſich die ſchöne junge Dame nicht haſtig auf⸗ gerichtet und raſch gegen den Rand des Wagens geworfen, um ihm beſſer nachblicken zu können— gewiß, er war überzeugt, daß ſie es gethan; ſehen konnte er freilich nichts davon, da es doch gar zu affectirt geweſen wäre, wenn er ſich mitten im Sprunge um⸗ gewendet hätts. Daß ihm aber die junge Dame nachgeblickt, das beſtätigte der brave Huſar, der ein paar Sekunden ſpäter nachkam. Wie war es ſo friſch und duftig im ſchönen, grünen Walde, Im Wald und auf der Haide. 1⁵59 wie ritt es ſich ſo herrlich auf dem weichen Moosboden, und ſein Auge als Künſtler— wie fand es volle Befriedigung beim An⸗ blicke der maleriſchen, knorrigen, alten Baumſtämme, beim Lichte und Schatten in den Laubmaſſen, bei dem goldenen Reflexe, den der Strahl der Sonne hervorbrachte, wo er ſich hier und da in das Dickicht ſtahl, die rieſigen Stämme vergoldend, Lichter und Funken ausſtreuend auf Strauch und Gras! Arthur ritt auf einem kleinen Fußwege, von dem er wohl wußte, daß er, wie die breite Fahrſtraße, auf denſelben Punkt im Gebirge führe: es war dies eine Höhe mit einem kleinen Schlößchen im mittelalterlichen Style, die Fahnenburg genannt, mit einer herrlichen Ausſicht auf das wellenförmige, mit Wald bedeckte Terrain bis zur Rheinebene hin— und mit einer guten Reſtau⸗ ration. Als er an letztere dachte, fiel ihm ſeine arge Verſchwendung von heute Morgen ein und er ſeufzte tief. Es war Hundert gegen Eins zu wetten, daß ſich die ſchöne Fremde mit ihrem Begleiter auf der Fahnenburg einfinde und dort oben vom Balkon Ausſicht mit Erdbeeren genoß. Man hatte allerdings das Recht, in die Reſtauration einzutreten, auch ohne etwas zu genießen: er konnte ſich als Abgeſandter der Künſtlergeſellſchaft benehmen und die Lo⸗ kalitäten einſehen— ſollte doch bei dem Feſte nächſter Woche die Fahnenburg der Tummelplatz eines wilden Kampfes ſein, hielt doch hier der Drache Griesgram die zarte Jungfrau Freude gefangen, welche durch den Prinzen Maiwein befreit und gerettet wurde. Wie hätte er heute Morgen ſo ſchön eine vortreffliche Probe dieſes Feſtſpieles abhalten können— dort oben die zarte, ſüße Freude, von einem Griesgram bewacht, er ein thatendurſtiger, kühn erregter Prinz Maiwein! Er hätte ſie dem Alten abgerungen, er hätte ſie vor ſich auf ſein ſchwarzes Roß genommen und an einen ſtillen, heimlichen Ort gebracht, den er hier in den Bergen wußte, wo ein mooſiger Baumſtamm die ſchönſte Ruhebank bot, über welcher ſich rankendes Epheu und andere Schlingpflanzen auf die natürlichſte 160 Viertes Kapitel. Weiſe als Laubdach wölbten und wo ein murmelnder Quell ſo laut geſchwätzig war, daß er auf angenehme Art die langen Pau⸗ ſen ausfüllte, die im ſüßen Geplauder wohl zuweilen entſtehen können. So dachte er und ſo träumte er und hörte endlich wieder das Rollen der Räder und ſah den Wagen, freilich noch fern, durch die Büſche ſchimmern. Obgleich die Fahnenburg noch hoch über ihm lag, ſo beſchloß er doch, hier eine Zeit lang zu raſten: er ſah den Balkon des Schlößchens, und da er auch ſie ſehen konnte, wenn ſie heraustrat, ſo mußte die junge Dame auch den ſchlanken Reiter entdecken, wenn ſie zufällig abwärts blickte. Er ſtieg von dem Rappen, klopfte ihm ſeinen glatten Hals und gab die Zügel dem Huſaren, der die etwas warmen Thiere in dem kühlen Waldſchatten hin und her führte, dann ſetzte ſich Arthur auf die Wurzeln einer alten Eiche, zog ſein Skizzenbuch aus der Taſche und that, als ob er zeichnete. Droben hielt nun der Wagen; man konnte deutlich hören, wie die Pferde ſchnaubten und ſich ſchüttelten. Arthur folgte jetzt in Gedanken allem dem, was vor ſich gehen mußte: man öffnete den Schlag des Wagens, ſie ſetzte ihren kleinen Fuß auf den Tritt und ſtützte ſich vielleicht auf den Arm ihres Begleiters, während ſie aus⸗ ſtieg— ach, dieſer glückliche, beneidenswerthe Begleiter!—, dann trat ſie ins Haus, ging die Treppen hinauf und.... Ja, da trat ſie hinaus auf den Balkon; er meinte, ſie ſagen zu hören:„Wie ſchön der Anblick iſt— a—a— a—ah!“— Und dann ſog ſie mit einem wonnigen Gefühle die friſche, duftige Waldluft ein. Arthur freute ſich in der That, daß er jetzt hier unten war und nicht droben, wo er ebenfalls auf den Balkon hinausgetreten wäre, immerhin etwas bewegt, etwas verlegen und ſie begrüßend, wahrſcheinlich mit einer ſehr gewöhnlichen Redensart. Was ſollte er auch oben machen? Saß er hier nicht an einem ſchönen Punkte, Im Wald und auf der Haide. 161 zeichnete er nicht die kleine, ſo maleriſch gelegene Fahnenburg und links an ihr vorbei den abfallenden Bergrücken, in deſſen Einſatt⸗ lung die Ebene mit dem Rheine erſchien, und ſang er nicht dazu mit ſeiner wohlklingenden, hellen Stimme aus dem bekannten Liede: „Die ſchönſte Jungfrau ſitzet Dort oben wunderbar, Ihr goldnes Geſchmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldenes Haar.“ Es iſt dies ein Lied, deſſen ſchöne, jetzt aber ſo ſehr mißbrauchte Weiſe damals von Jedermann geſungen wurde, von Manchem, der oft nicht wußte, was es bedeuten ſollte, daß er gar ſo traurig war, und der ſich wenigſtens einbildete, traurig zu ſein. Ueber die Blätter ſeines Skizzenbuches aufwärts ſchauend, ſah er, daß ſie jetzt auf die Seite der Altane trat, wo er tief unter ihr auf den Wurzeln der alten Eiche ſaß, daß ſie hinabblickte, viel⸗ leicht zu ihm, den ſie wohl wiedererkannte— daß ſie jetzt von dem Balkone verſchwand, wahrſcheinlich, um drinnen Erdbeeren zu früh⸗ ſtücken. Ach, wer ſo eine Erdbheere geweſen wäre, oder das Glas, aus dem ſie vielleicht trank, oder der Schemel zu ihren Füßen— junge Künſtler haben häufig dergleichen extravagante Wünſche, die ihnen vielleicht in der Ausführung nicht das Vergnügen verurſachen wür⸗ den, wie ſie es ſich in ihren Phantaſieen ausgemalt. Es war eine halbe Stunde vergangen, eine unendlich lange— langweilige halbe Stunde, welche Rodenberg dazu anwendete, die Fahnenburg flüchtig zu ſkizziren und ſich ſo gewaltſam zwang, ſeine Gedanken von der jungen Dame abzulenken, die hoch droben ſaß, gewiß unbewußt, daß er hier unten an ſie dachte. Da wieherte der Rappe, und der Huſar, leiſe herantretend, meldete:„Der alte Herr und die junge Dame, welche wir im Wagen geſehen, kommen den Fußweg herab und hieher.“ 162 Viertes Kapitel. „Meinelwegen,“ gab Rodenberg mit der unerhörteſten Heuchelei zur Antwort und that, als ob er emſiger zeichnete, aber er fuhr nur mit dem Bleiſtifte in der Luft herum; er ſah weder das Pa⸗ pier ſeines Skizzenbuches, noch die Fahnenburg, er dachte auch in dieſem Augenblicke eigentlich nichts mehr, ſondern ſein ganzes Denken und Fühlen hatte ſich in einem einzigen Sinne vereinigt, dem Gehör— er horchte und vernahm eine tiefe Stimme, die in einer fremden Sprache redete, dann das Geräuſch von Schritten auf Laub und weichem Moos und dann das Rauſchen eines ſeidenen Kleides. O, es gibt Augenblicke der Spannung, wo uns die wunder⸗ vollſte Muſik nicht ſo entzückt, als das Rauſchen eines ſeidenen Kleides! Es iſt das ein eigenthümlicher Ton, mit nichts Anderem zu vergleichen; es regt in gewiſſen Augenblicken unſere Nerven auf, es verdunkelt unſern Blick, es macht unſere Hand zittern. So erging es Arthur, und als er, ſich gewaltſam bezwingend, eine luſtige Melodie pfeifen wollte, machte er die nämliche Er⸗ fahrung, wie der wilde Jäger: ſeine geſpitzten Lippen brachten keinen Ton heraus. Jetzt mußten die Fremden neben ihm ſtehen und jetzt war der Moment, aufzublicken— ja, ſie war es, es war die junge Dame, die er im Wagen geſehen und die jetzt neben ihm ſtand. Sie hatte ihren leichten Strohhut in der Hand, und da ihr Begleiter, der hinter ihr ſtand, ihre ſchwarzſeidene Mantille trug, ſo war jetzt ihre ganze ſchlanke und doch wieder ſo volle Geſtalt ſichtbar. Sie trug ein Kleid von dünner, naturfarbiger Seide; es war eigentlich kein Kleid, ſondern ein Gewand: ein Gewand, wie es die Maler lieben, welches, mit anliegenden Aermeln und einem ſorg⸗ fältigen Obertheile, die Körperform gänzlich verhüllt und doch wieder ſo vortheilhaft zeigt. Sie beugte ſich zu dem jungen Manne herab, blickte ungenirt auf ſein Papier, und ſagte mit einer äußerſt wohlklingenden, — Im Wald und auf der Haide. 163 vollen und doch ſo weichen Stimme:„Ah, Sie zeichnen das— wie ſchön!“ Dieſe Worte, in deutſcher Sprache an ihn gerichtet, betonte ſie ſo fremdartig, daß er augenblicklich mit ſich im Reinen war, ſie ſei eine Fremde, eine Italienerin, vielleicht eine Spanierin. „Wenn Sie mir erlauben,“ fuhr ſie fort,„ſo ſehe ich Ihnen ein wenig zu, während Sie zeichnen, das unterhält mich ganz außer⸗ ordentlich“— und ehe er noch antworten konnte, hatte ſie neben ihm Platz genommen auf der knorrigen Baumwurzel und faßte mit ihren kleinen Fingern, an denen ſie einen Glacé⸗Handſchuh vom hellſten und zarteſten Lila trug, das eine Ende des Skizzenbuches. Es zitterte auch gar zu arg in ſeiner Hand! Und ſo ſollte er zeichnen, an dieſem heißen Frühlingstage, in ihrer warmen, duftigen Nähe! Er that wenigſtens ſo und gab ſich die außerordentlichſte Mühe, ſich mit ſeinem Bleiſtifte nicht zu ſehr zu compromittiren, indem er irgend einen unpaſſenden Strich machte. Der Begleiter der jungen Dame, der alte Herr mit der dunk⸗ len Geſichtsfarbe und dem ſchwarzen Barte, hatte ſich dem Pferde genähert und betrachtete mit großem Vergnügen den prächtigen Rappen. „Sie zeichnen das zu Ihrem Vergnügen?“ fragte ſie—„o, Sie zeichnen ſehr gut, ja ausgezeichnet, wenn Sie es nur zu Ihrem Vergnügen thun!“ „Ich bin ein Maler, mein Fräulein,“ gab er zur Antwort. „A— a— a—ah,“ erwiederte ſie mit einem wundervollen Lächeln, „Sie ſind alſo ein Künſtler, ein guter Künſtler, hier auf dem Papiere wie dort auf dem Sattel Ihres ſchönen Pferdes— ich liebe ſchöne Zeichnungen— und ſchöne Pferde,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, während welcher er mit einer ſtummen Verneigung ſeines Kopfes geantwortet— er wußte auch wahrhaftig nicht, was er erwiedern ſollte, er kam ſich überhaupt ſo dumm, ſo hölzern, 164 Viertes Kapitel. ſo einfältig vor, daß er ſich ſelbſt am Ohr genommen hätte, wenn er allein geweſen wäre, und er wünſchte jetzt faſt, allein zu ſein. Sie blickte ſo aufmerkſam auf ſein Papier und auf ſeine Hand und kam ihm dadurch ſo nahe, daß er den ſüßen Hauch ihres Mundes ſpürte. Er wußte immer noch nicht, was er ihr ſagen ſollte, und fühlte, daß er vor Verlegenheit erröthete, aber geſchehen mußte etwas. Statt fortzuzeichnen, hätte er lieber auf das Papier ge⸗ ſchrieben und hätte ihr geſagt, wie er gleich im erſten Augenblicke verwirrt geweſen ſei, faſt betäubt, als er ſie im Wagen geſehen, wie ſie das ihm, einem Maler, nicht übel nehmen könne, und wie dies eine Wirkung ſei, die ihr ſchönes Geſicht, ihre herrliche Geſtalt gewiß auf jeden fühlenden jungen Menſchen ausüben müſſe.— Er ſchrieb das aber nicht, er dachte es nur, und als er mit dieſen Gedanken zu Ende war, ſchien er ſich vergewiſſern zu wollen, ob dies gute Gedanken ſeien, denn er wandte ihr nun auf einmal ſein Geſicht voll zu, um ſie anzuſchauen, während er ſein Skizzenbuch etwas niederſinken ließ. Auch die junge Dame ſah Arthur im gleichen Augenblicke ins Geſicht— daſſelbe reizende Lächeln wie vorhin erſchien wieder auf ihren Zügen und entzündete ſeine frohe Laune. „Beim Himmel,“ ſagte er heiter,„Sie ſind wohl eine wunder⸗ bare Waldfee, wie ſie glücklichen Künſtlern zuweilen erſcheint?“ „Was iſt eine Waldfee?“ „O, eine Waldfee iſt ein junges, ſchönes, weibliches Weſen, das gewöhnlich vom Himmel herabſteigt und im Dunkel der Wäl⸗ der erſcheint, um irgend einen Sterblichen glücklich zu machen!“ „Nein, dann bin ich es nicht,“ erwiederte ſie lachend,„denn ich komme nicht vom Himmel herab und wüßte auch nicht, womit ich Jemanden glücklich machen könnte.“ „O, das wüßte ich wohl,“ ſeufzte er in ſich hinein, indem er ſeinen Blick wieder raſch dem Papiere zuwandte, denn ihre ſchönen Augen mit dem heiteren, glücklichen Ausdrucke brannten tief in ſein Herz hinein. Im Wald und auf der Haide. „Werden Sie dieſe kleine Zeichnung hier fertig machen?“ fragte ſie nach einem längeren Stillſchweigen. Er bejahte das, indem er eifrig zeichnete. Ihm war ein guter Gedanke gekommen, und als er nun einmal wußte, was er wollte, da irrte ſein Bleiſtift nicht mehr wild und zwecklos auf dem Pa⸗ piere umher, ſondern gewandt zog ſeine geübte Hand hier eine feſte Linie, dort eine andere, ſchattirte dazwiſchen einzelne Stellen, während er auf anderen das weiße Papier als helles Licht ſtehen ließ, und ſo entſtand wie durch Zauberei eine Anſicht der kleinen, zierlichen Fahnenburg. „Wie ſchön,“ rief ſie dazwiſchen,„wie außerordentlich ſchön und ähnlich— ah, es iſt ein großes Glück, ein ſo vortrefflicher Zeichner zu ſein!“ „Sie zeichnen auch, mein Fräulein?“ „Nein, ich habe dazu kein Talent!“ „Sie haben es vielleicht nie verſucht. Man muß verſuchen, um zu erfahren, ob ein Talent in uns ſteckt.“ „O doch, ich habe darin meine Proben gemacht und viel Papier verdorben, es aber nie ſo weit gebracht, daß man einen Baum von einem Hauſe hätte unterſcheiden können.“ Als ſie das ſagte, lachte ſie ſo heiter und launig und zeigte dabei ihre ſchön geformten, weißen, glänzenden Zähne, daß dem jungen Manne augenblicklich durſtig zu Muthe wurde und er noch lebhafter als bisher an den heimlich ſtillen Platz dachte mit der Moosbank, den Schlingpflanzen und dem murmelnden Quell; ja, er konnte ſich des Gedankens daran ſo gar nicht entſchlagen, daß, als ſie nach einer Pauſe ſagte, dies ſei wohl der ſchönſte Punkt des kleinen Gebir⸗ ges, er zur Antwort gab:„O nein, der ſchönſte Punkt iſt aber nicht weit von hier und ſo reizend, wie man ſich nur eiwas denken kann.“ „Den müſſen wir auch ſehen!“ rief die junge Dame mit großer Entſchloſſenheit, wobei ſie den Kopf umwandte und ihren Begleiter durch ein Zeichen herbeirief. 166 Viertes Kapitel. Dieſer ſchien ſich mit Mühe von dem ſchönen Pferde, welches der junge Mann geritten, trennen zu können, und als er ſich näherte, bemerkte er zu Rodenberg in franzöſiſcher Sprache: „Ein ſuperbes Thier, ein koſtbares Pferd— iſt es aus einem der Geſtüte des Landes— ſind Sie ſchon lange im Beſitze des⸗ ſelben?“ Wie der junge Maler ſich anſchickte, zu antworten, beugte ſich die ſchöne Fremde wieder nahe, ſehr nahe auf das Skizzenbuch herab, um die faſt vollendete Zeichnung genauer anzuſehen— ja, ſo nahe, daß, wenn er ein indiscreter Menſch geweſen wäre, ſeine Lippen bei einer ganz kleinen Biegung des Kopfes ihr ſtarkes, duf⸗ tiges Haar hätten berühren müſſen— aber er war nicht indiscret, er hatte nicht einmal den Muth, indiscret zu ſein, ſchon bei dem Gedanken daran ſchlug ihm ſein Herz wie das eines Schulknaben, der auf einem Apfeldiebſtahle erwiſcht worden iſt, und als der Be⸗ gleiter der jungen Dame ihn, wie eben geſagt, fragte, überkam ihn das Gefühl eines redlichen Jungen, beſonders da ſie jetzt ihr klares, offenes Auge gegen ihn wandte, und er hätte um Alles in der Welt nicht lügen mögen. Deßhalb antwortete er:„Dieſer aller⸗ dings ſehr ſchöne Rappe iſt aus einem königlichen Geſtüte, trakehner Blut mit arabiſchem gemiſcht, doch gehört das Pferd nicht mir— ein Freund hat es mir geliehen.“ „Da dieſer Freund wohl wußte,“ ſagte der alte Herr in ver⸗ bindlichem Tone,„welch' vortrefflichem Reiter er das ſchöne Thier anvertraute.“ „Ich hatte Angſt,“ ſagte die junge Dame,„als Sie vorhin über den breiten Graben hinſetzten; warum ritten Sie nicht lieber der Straße nach, auf der wir fuhren?“ „Das wäre allerdings bequemer und auch viel angenehmer geweſen,“ erwiederte er mit leichtem Seufzer;„glauben Sie aber nicht, mein Fräulein,“ ſetzte er nach einem augenblicklichen Still⸗ ſchweigen hinzu,„daß ich aus Uebermuth ſo mit einem Pferde Im Wald und auf der Haide. 167 über Hecken und Gräben ſetze— ich ritt nur zur Probe heute ein wenig toll im Walde umher.“ „Zur Probe?“ fragte ſie lachend—„wozu brauchen Sie eine Probe?* „Zu einem Künſtlerfeſte, welches in einigen Tagen hier in dieſem Walde gefeiert werden ſoll und wobei ich die Ehre habe, den wilden Jäger vorzuſtellen.“ „Ah, ein Künſtlerfeſt in Coſtume, das muß herrlich werden!“ „Ich hoffe, es wird gefallen.“ „Das ſollten wir mit anſehen,“ verſetzte raſch die junge Dame mit einem Blicke auf ihren Begleiter, der mit einer ſehr gleichgül⸗ tigen Miene die Achſel zuckte, was wohl ſo viel heißen konnte, als: zmeinetwegen, wenn es Ihnen Vergnügen macht. Sie ſchien dieſem Achſelzucken die letztere Bedeutung zu geben und ſagte in einem ſehr entſchloſſenen Tone:„Ja, wir wollen bleiben oder für das Künſtlerfeſt nach einem kleineren Ausfluge in die Umgegend wieder zurückkehren.“ Der alte Herr verbeugte ſich ſchweigend. „Ich habe ein ſolches Künſtlerfeſt nie geſehen,“ fuhr ſie fort— „welch' intereſſante Coſtumes werden Sie haben, von Künſtlern gezeichnet, von Künſtlern ausgeführt, man kann dabei etwas lernen!“ Rodenberg hatte indeſſen ſeine Zeichnung vollendet und verſah ſie jetzt mit einer kleinen Unterſchrift, indem er den Namen: die Fahnenburg', hinſchrieb und das Datum beiſetzte. Dann zog er ſein Federmeſſer aus der Taſche, trennte das Blatt mit einem raſchen Schnitte aus ſeinem Buche und übergab es der jungen Dame, indem er ihr ſagte:„Sie machen mir eine Freude, wenn Sie dieſe unbedeutende, flüchtige Skizze zur Erinnerung an die Gegend, welche Ihnen ſo wohl gefällt, annehmen wollen.“ Sie ſah ihn überraſcht, ja befremdet an und warf einen ver⸗ ſtohlenen Blick auf ihren Begleiter, der abermals die Achſeln zuckte, aber dieſes Mal unverkennbar mit einer bejahenden Geberde. 168 Viertes Kapitel. „Ja, ich will dieſes ſchöne Blatt nehmen,“ ſagte die junge Dame raſch,„und danke Ihnen herzlich dafür; aber Sie müſſen Ihren Namen beiſetzen, damit ich mich auch ſpäter des freundlichen Gebers beſſer erinnere.“ Der junge Maler nahm, ſich verbeugend, das Blatt zurück und ſchrieb ſeinen Namen darunter in großen deutlichen Schriftzügen: Arthur Rodenberg. Dann ſagte er in einer leicht zu errathenden Ab⸗ ſicht:„Soll ich Ihnen das Blatt zuſammenrollen, denn ſonſt können Sie es wohl nicht gut mitnehmen?“ worauf ſie haſtig erwiederte: „O nein, das wäre ſchade, ich werde es ſorgfältig tragen und in den Wagen legen.“ „Oder laſſen Sie es mir ſo lange, bis wir von dem kleinen Spaziergange zurückkommen, den ich Ihnen vorgeſchlagen und der Sie gewiß nicht gereuen wird.“ „Haben wir dazu noch Zeit?“ fragte ſie ihren Begleiter. Dieſer zog ſeine Uhr hervor und erwiederte mit dem Achſel⸗ zucken, das ihm, wie es ſchien, zu jeder Antwort nöthig war: „Zeit haben wir wohl; wenn uns der Spaziergang nur nicht zu weit führt.“ Indem er das ſagte, fuhr ein eigenthümliches Lächeln über ſeine ſonſt ſo unbeweglichen Züge. „So gehen wir denn,“ ſagte ſie, indem ſie ſich raſch erhob. „Aber bis zu Ihrem Wagen werden Sie mir doch erlauben, das Blatt in mein Skizzenbuch zu legen?“ „Werden Sie es nicht vergeſſen?“ „O nein, weder dieſes Blatt noch den heutigen Tag— noch....“— er wollte ſagen: noch ſie werde er vergeſſen, doch überkam ihn abermals jenes fatale Schulbubengefühl, das ihn ſonſt nicht ſo leicht befallen, und er ſetzte hinzu:„noch die Güte, mit der Sie dieſes Blatt angenommen.“ Darauf gingen ſie mit einander fort, und der alte Herr folgte wenige Schritte hinter ihnen, während der Huſar auf einen Wink Rodenberg's zurückblieb. Im Wald und auf der Haide. 169 Die reizende Fremde genoß in vollen Zügen die Schönheit des ſchattigen Waldes, die duftige Friſche des ſchönen Morgens; Roden⸗ berg wollte ihr den Hut abnehmen, den ſie an ihrem Arme trug, doch wollte ſie das nicht zugeben, ſondern ſagte heiter:„Geben Sie nur recht auf meinen Schatz Achtung“— damit meinte ſie das Blatt in ſeinem Skizzenbuche, und nachdem ſie das geſagt, drückte er dieſes alte Skizzenbuch unbemerkt, wie er glaubte, an ſeine Bruſt. Doch ſie hatte das geſehen mit dem blitzenden Auge unter den ſchönen, ſchläfrigen, langen Wimpern hervor— ſie lächelte, doch nicht gegen ihn, ſondern hinauf zur majeſtätiſchen Krone einer rieſenhaften Eiche, dann ſtrich ſie mit beiden Händen ihr dickes Haar von den Schläfen hinweg und meinte:„O, man kann nicht genug an ſich hinwehen laſſen von dieſer wunderbaren Waldluft— o, wie ſich dieſelbe ſo leicht und angenehm athmet!“ Sie ſog die allerdings erfriſchende, würzige Luft in einem vollen Zuge in ſich, daß ihre Bruſt anſchwoll, worauf ſie etwas wie einen langen, tiefen Seufzer ausſtieß. Arthur ging wie träumend neben ihr; ihm war zu Muthe, als erlebe er ein köſtliches Mährchen. Wie war das liebliche Weſen, welches neben ihm ging— leicht ſchreitend wie ein Reh—, ſo ganz anders, wie alle die Frauen und Mädchen, die er bis jetzt kennen gelernt!— War ſie ihm nicht erſchienen ſo unverhofft und plötzlich, wie die Feen zu erſcheinen pflegen, und wurde nicht dieſe faſt zauberhafte Wirkung noch erhöht durch den fremdartigen Schnitt ihres ſchönen, edlen Geſichtes und durch ihre pikante Betonung der deutſchen Sprache! Dabei war ſie jetzt, wo ſie neben ihm auf dem ſchmalen Fußpfade ging, ausgelaſſen und munter wie ein glück⸗ liches Kind; ſie brach in einen Freudenruf aus, wenn ſie ein Eich⸗ horn ſah, das ſich in raſcher Flucht von Zweig zu Zweig ſchwang, ſie ahmte lachend und mit einer wunderlieblichen Stimme den Ge⸗ ſang des Kukuks nach, ſie pflückte, ſich elaſtiſch niederbeugend, Hackländer's Werke. 52. Bd. 12 170 Viertes Kapitel. Waldblumen und zierlich geformte Gräſer, und wenn zufällig eine dicke Baumwurzel ihren Weg kreuzte, ſo überſchritt ſie dieſelbe nicht, ſondern ſprang mit der Gewandtheit einer Gemſe auf die Erhöhung und ebenſo wieder von derſelben herab. Dieſes letzte Spiel war wohl am gefährlichſten für die leicht erregbare und ſchon genugſam erregte Phantaſie des jungen Malers; ſie hob dabei ihr Gewand ein wenig auf und ließ ein Füßchen ſehen, ſo zierlich, ſo fein, wie Arthur nie etwas Aehnliches geſchaut und wie er es auch bei einer Erwachſenen nicht für möglich gehalten. Dabei ſtreifte zuweilen ein Sonnenblick, das dichte Laub durch⸗ brechend, ihr Geſicht und durchzog es mit goldenem Scheine. Dabei ſangen die Vögel des Waldes, die hin und her huſchende Amſel, der Schwarzkopf auf der äußerſten Spitze des Zweiges, der Finken zahlreich Geſchlecht, und ſogar jetzt noch, aus dem Grunde hervor, zu dem ſie gerade hinabſtiegen, wo die Quelle floß— man hörte ſchon ihr Rauſchen—, vernahm man aus dichtem, faſt un⸗ durchdringlichem Gebüſche den ſehnſüchtigen Schlag der Nachtigall. Die ſchöne Fremde blieb plötzlich horchend ſtehen, und als der Geſang nun drunten verſtummte, öffneten ſich ihre feinen Lippen und antworteten dem zarten Sänger der nächtlichen Stille und lautloſen Einſamkeit mit einem ſo wundervollen Triller, zart wie ein Hauch anfangend und zu einer faſt unbegreiflichen Stärke an⸗ ſchwellend, daß Arthur plötzlich ſtehen blieb und ſie faſt erſchrocken anblickte. „O, o,“ machte der alte Herr hinter ihnen, worauf ſie raſch mit einem Tone abbrach, der auf's Täuſchendſte den klagenden Ton der Nachtigall nachahmte, und dann lachend ſagte:„Das kam mir ſo in die Kehle, ich freue mich unendlich über den wunderbaren Morgen und den ſchönen Wald— ach, ach, den herrlichen Wald, den ich ſo ſelten ſehe, den ächten nämlich— gemalte Wälder habe ich genug.“ Damit ſprang ſie raſch den ſchmalen Fußweg abwärts, ſo Im Wald und auf der Haide. 171 daß ihr Arthur kaum folgen konnte und der alte Herr weit zurückblieb. Da war das Plätzchen, von dem der junge Maler geſprochen, und er hatte Recht gehabt, es zu loben. Wie kühl war. es hier an dem raſch über glatte Kieſel herabfließenden Bergwaſſer, wie natürlich war der umgeſtürzte, mit Moos bewachſene Baumſtamm, der die ſchönſte Ruhebank bot, und das reizende Gewirr von Schling⸗ pflanzen, die wie ein Laubdach darüber hinabhingen! „Habe ich Ihnen zu viel verſprochen?“ fragte Arthur, der mit Entzücken und mit Ehrfurcht auf das ſchöne, ſeltſame Weſen blickte. Er konnte die Töne, welche ſie vorhin geſungen und wie ſie die⸗ ſelben geſungen, nicht vergeſſen. „Warum ſetzen Sie ſich nicht zu mir?“ fragte ſie, nachdem ſie auf dem Baumſtamme Platz genommen.„Ruhen Sie ein wenig aus.“ Er that, wie ſie es verlangte, und als ſie ihn hierauf heiter lächelnd anſchaute, ſprach er Einiges über die Schönheit des Weges, der ſie hieher geführt, erzählte auch, daß dieſes ein Lieb⸗ lingsplätzchen von ihm ſei, daß er, ſo oft er könne, hieher gehe, und daß es ihm von heute ab noch lieber werden würde, wenn er nicht die Erinnerung fürchtete an dieſen unvergleichlichen Morgen, dem wohl nie ein ähnlicher folgen würde. „Das iſt ja das Loos aller unſerer Stunden und Tage,“ gab ſie zur Antwort,„und wohl ein Glück zu nennen. Unter den guten Stunden, die wir verleben, bleibt ja doch die zweite glück⸗ liche Stunde mit geringen Ausnahmen weit zurück hinter den Er⸗ wartungen, welche uns jene verſprach, und was nun gar die trüben Stunden anbelangt, ſo wollen wir dem Himmel danken, wenn ſie ſich nicht in zu trauriger Reihe folgen— aber wiſſen Sie wohl, was uns bleibt von jenen lichten, glücklichen Stunden?“ „O ja, die Erinnerung, und von ihr will ich zehren— ja, in ihr will ich ſchwelgen mein ganzes übriges Leben hindurch, in⸗ dem ich des heutigen ſchönen Morgens gedenke.“ 172 Viertes Kapitel. „Ah, Sie ſind noch ſehr jung,“ gab ſie zur Antwort, und es klang etwas im Tone ihrer Stimme wie ein leiſer Spott—„Sie werden mit Ihrer kleinen Erinnerung nicht ausreichen für ein langes und glückliches Leben, das ich Ihnen wünſche.“ „Sollte es denn nicht möglich ſein,“ fragte er ſchüchtern, faſt ängſtlich,„dieſe Erinnerung wieder außzufriſchen?“ „Und wodurch?“ „Dadurch, daß ich Sie wiederſehe!“ Sie ſah nachdenkend vor ſich nieder, während ſie leicht ihren Kopf ſchüttelte.„Ich glaube kaum,“ ſagte ſie alsdann;„Sie werden mich wohl nie wiederſehen!“ „Ah, das habe ich gefürchtet!“ ſprach er in einem Tone des Erſchreckens, welcher faſt komiſch klang und auch dieſe Wirkung auf das junge Mädchen hervorzubringen ſchien, denn es fuhr ein heiteres Lächeln über ihre Züge, ein Lächeln, das ihn ermuthigte, obgleich mit klopfendem Herzen, die kleinen Finger ihrer Hand, welche ſie feſt in die dicke Moosdecke eingedrückt hatte, anzurühren, wobei er ſagte:„Das Moos iſt feucht, Sie verderben Ihre Handſchuhe.“— und als ſie ihre Finger nicht ſogleich zurückzog, fuhr er mit einer flammenden Röthe im Geſichte und mit klagendem Tone der Stimme fort, ſeine Worte von vorhin wiederholend:„Ja, ich habe es ge⸗ fürchtet; Sie ſind kein Weſen von dieſer Welt, Sie ſind eine jener wunderbaren Feen, die nur auf Augenblicke erſcheinen, um uns armen Sterblichen den Kopf zu verrücken.“ „Ja, ja, ſo iſt es,“ gab ſie mit großer Beſtimmtheit zur Antwort,„ich bin eines jener Weſen— ein böſer Geiſt, ein Geiſt der Nacht, des falſchen Schimmers, ein Geiſt des Trugs; nur zu⸗ weilen, wie heute ausnahmsweiſe, iſt es mir vergönnt, die trügeriſche Nacht, in der ich mich gewöhnlich berge, verlaſſen zu dürfen, um heiter und glücklich einen ſchönen Morgen in Waldesluft und Sonnenſchein wie den heutigen zu verleben— ja, ich bin eines jener geſpenſtigen Weſen, die unwahr und trügeriſch ſind, wenn ſie —————— ſich in ihrem Elemente zeigen, und die ſo leicht trügeriſch und un⸗ wahr erſcheinen, wenn ſie ſich geben, wie ſie ſind.“— Sie ſagte das mit einer ruhigen, faſt ſehr ernſten Stimme, und ihre Worte klangen erſt wieder heiter, als ſie hinzuſetzte: „Deßhalb nehmen Sie ſich in Acht und verlangen Sie nicht, mich wiederzuſehen!“ „O doch, laſſen Sie mich dieſes Verlangen als den heißen Wunſch meiner Seele ausſprechen!“ „Sie fordern Ihr Verderben!“ gab ſie lachend zur Antwort. „So gewähren Sie mir mein Verderben— ich muß Sie wiederſehen!“ „Sie wiſſen, Weſen unſerer Art gewähren den Sterblichen drei Augenblicke des Zuſammenſeins.“ „Ja, drei Augenblicke mit einer entzückenden Steigerung.“ „Um ſie alsdann zu verderben.“ „Sei es darum— wann ich Sie zum letzten Male geſehen, ſoll mir das Verderben gekommen ſein— o, willigen Sie ein,“ bat er dringender,„o, ſagen Sie nur die wenigen, köſtlichen Worte: „Ich will Sie wiederſehen!““ Es raſchelte auf dem Fußpfade, der ſie hieher geführt: der ältliche Begleiter der jungen Dame, der den raſch Vorangeeilten langſam gefolgt war, wurde zwiſchen den Gebüſchen ſichtbar. „O, willigen Sie ein!“ ſagte Arthur mit einer flehenden Geberde. „Nun denn, ich willige ein,“ entgegnete ſie heiter lachend. „Ich darf Sie wiederſehen?“ „Jal“ „Und wo?“ „Ach,“ erwiederte ſie mit einer vielleicht angenommenen trau⸗ rigen Miene, doch ſtand ihr dieſe ſo außerordentlich natürlich— „wir Weſen überirdiſcher Art, wenn wir auch mit einiger Mucht bekleidet ſind, bleiben doch abhängig und ſind nicht ungehindert bei Im Wald und auf der Haide. 173 174 Viertes Kapitel. unſeren Schritten, namentlich wenn es ſich um das Erſcheinen vor Sterblichen Ihrer Art handelt!“ „Ah, Sie bereuen Ihr Verſprechen,“ ſagte er haſtig mit einem unruhigen Blicke auf den Herannahenden, nund wollen mir durch dieſe Wendung entgehen!“ „Gewiß nicht,“ gab ſie zur Antwort, indem ſie ihn mit ihren großen, ſchönen Augen offen und ehrlich anſah;„glauben Sie mir, ich hätte Ihnen kein Verſprechen gegeben, wenn ich nicht die Abſicht hätte, es zu erfüllen!“ „So darf ich wirklich hoffen?“ „Ja, auch an mich glauben.“ „Und das Dritte in dieſem göttlichen Bunde?“ „O, nehmen Sie ſich davor in Acht,“ verſetzte ſie fröhlich lachend,„es wäre Ihr ſicherer Tod, denn wir Feen laſſen unſere Leute in dieſem Leben nicht wieder fahren!“ „Alſo ich habe Ihr Verſprechen, Sie wieder ſehen zu dürfen?“ „Ic.“ „Ich werde nicht mehr wagen, nach dem Worte ‚wann’ zu fragen, aber ich werde viel an Sie denken, ſchöne Fee, o, unend⸗ lich viel— ich glaube, faſt jeden Augenblick, und da wäre es mir doch ſo angenehm, wenn ich dieſen Gedanken durch einen Namen verkörpern könnte.“ „So nennen Sie mich die Nymphe der Quelle.“ „Ein ſolcher Name läßt ſich nicht innig genug ausſprechen; wie kann man zum Beiſpiel in herzlicher Weiſe ſagen: ‚O, Nymphe der Quelle, gedenke mein! oder: ‚Wo biſt Du, Nymphe der Quelle?⸗ Nein, nein,“ ſagte er dringender,„laſſen Sie mir wenigſtens zum Andenken an dieſen herrlichen Morgen einen Namen, nur einen Vornamen!“ Sie hatte ſich langſam erhoben, wie um ihrem Begleiter ent⸗ gegen zu treten, wandte ſich aber, noch dicht bei dem jungen Manne ſtehend, nach dieſem um, berührte ſeine Schulter mit ihrer kleinen —— Im Wald und auf der Haide. Hand und ſchaute ihn einen kurzen Augenblick mit ihren glänzenden Augen an. O, es lag etwas Eigenthümliches in dieſem Ausdrucke der Augen, etwas Zauberhaftes, etwas Dämoniſches! Hätte ſie in dieſem Augenblicke geſagt: ‚Stirb für mich! Arthur hätte ſich wenigſtens mit dem beſten Willen nach einem Dolche umgeſehen, um mit Anſtand vor ihren Füßen verbluten zu können. Doch war das ſchöne Mädchen weit davon entfernt, eine ſolch düſtere Abſicht zu hegen, vielmehr milderte ſie ihren Blick durch ein anmuthiges Zucken ihrer Mundwinkel und durch die leiſe hingehauchten Worte: „Ich heiße Juanita.“ „Juanita?“ Sie wandte ſich raſch um und eilte luſtig plaudernd ihrem Begleiter entgegen, dem ſie von der Schönheit des Morgens ſprach, von der reizenden Stelle, wo ſie geſeſſen, und ihn einlud, dort auch ein wenig Platz zu nehmen. Statt aber weiter vorzugehen, zog er ſeine Uhr und ſagte:„Wir haben keine Zeit mehr, Juanita; ich möchte nicht warten laſſen——* „O, gewiß nicht, gewiß nicht! Wie habe ich mich darauf ge⸗ freut, ſie wiederzuſehen, und wie freue ich mich noch darauf! Alſo, es iſt Zeit, ſie wird demnach bald kommen!“ „Wann wir dort oben ankommen, können wir ſie jede Mi⸗ nute erwarten.“ „So eilen wir denn,“ erwiederte ſie haſtig;„aber laſſen Sie mich vorher unſerem freundlichen Begleiter danken.“ „Der Herr wird uns gewiß bis zu ſeinen Pferden zurück⸗ begleiten?“ „Ich glaube, Sie werden das thun?“ ſagte die junge Dame, indem ſie mit einem reizenden Lächeln nach Arthur hinſchaute. „Juanita!“ hatte dieſer noch einige Male leiſe vor ſich hin⸗ geſagt und dann, ſo viel als ihm das möglich war, ſeine Gedanken geſammelt, um dieſes ſeltſame Abenteuer zu begreifen— ja, es war ein Abenteuer, das konnte der nüchternſte Menſch nicht läugnen. 175⁵ 176 1 Viertes Kapitel. Dieſes auffallend ſchöne Mädchen, mit einer Figur, wie er nie etwas Aehnliches geſehen, die fremdartige Erſcheinung ihres Begleiters, dieſes Zuſammentreffen im Walde, ihr göttlicher Humor, ihre wundervolle Stimme, ja, der Name Juanita, alles das erlaubt ihm, phantaſtiſche Fäden anzuknüpfen und eine entzückende Fortſetzung dieſes kleinen Romans zu ſpinnen. Für heute aber kam er nicht weiter mit dieſer Fortſetzung, und die Frage der geheimnißvollen Fremden riß ihn raſch aus ſeinen Träumereien: er eilte an ihre Seite und ſie kehrten mit einander dahin zurück, von wo ſie ausgegangen. Dieſes Mal ging der Begleiter voraus, und ſo ſchweigſam er vorher geweſen war und obgleich man auch jetzt noch ſeine Unter⸗ haltung nicht glänzend nennen konnte, ſo war er es doch faſt allein, welcher auf dem Rückwege ſprach. Arthur gab ſich vergeblich alle Mühe, unbefangen mit ſeiner Begleiterin zu plaudern: es wollte nicht gelingen; auch ſchien ſie auf ſeine Worte nicht zu hören, ſondern blickte ernſthaft vor ſich nieder, und wenn er leiſe eine Frage an ſie richtete, ſo antwortete ſie meiſtens nicht darauf oder nur durch ein Kopfnicken und ſang dazu faſt beſtändig mit viel weniger als halber Stimme ein Lied von einer einfachen, aber zu Herzen gehenden Weiſe und mit Wor⸗ ten, die er nicht verſtand— ja, die Töne kamen zwiſchen ihren feinen, wenig geöffneten Lippen kaum vernehmlich heraus, und doch klangen ſie weit in den Wald hinein, als ſeien ſie das Echo eines in weiter Ferne laut hallenden Geſanges. Da war der Huſar mit den Pferden; er hatte ſich unter die alte Eiche geſetzt, in jede Hand einen Zügel genommen und war ſo eingeſchlafen. Als die Drei ſich ihm näherten, ſtand er auf und lachte ihnen entgegen, wie man zu lachen pflegt, wenn man aus tiefem Schlafe plötzlich erwacht und gern nicht geſchlafen hätte. Dies ſchien aber nur der Begleiter der jungen Dame zu merken. Er ging wieder zu den Pferden hin, klopfte dem Rappen Im Wald und auf der Haide.* 177 auf den Hals und ſagte:„So flüchtig ſie unter dem Reiter ſind, ſo fromm ſcheinen ſie in der Ruhe.“ Die junge Dame hatte, ohne das Geringſte zu ſagen, ihre Hand nach dem Skizzenbuche ausgeſtreckt, und als Arthur daſſelbe ebenfalls ſchweigend geöffnet, die Zeichnung herausgenommen und ſie behutſam in ihren Strohhut gelegt. Da ruhte ſie wie in einem Korbe, den ſie am Arme trug. „Und nun danke ich Ihnen herzlich für Ihre Freundlichkeit,“ ſagte ſie nach einer Pauſe in einem Tone, der ſo ruhig, ſo fremd, ja ſo kalt klang, daß der Maler faſt um ſich geſchaut hätte, ob vielleicht ſonſt noch Jemand hinter ihm ſtände;„ich danke Ihnen für den hübſchen Spaziergang, den wir gemacht, und für die ſchöne Zeichnung, welche Sie mir geſchenkt, ſie wird mir eine recht an⸗ genehme Erinnerung ſein!“ Nach dieſen Worten reichte ſie ihm die Hand und wartete ruhig, bis Arthur, der verwirrt, faſt be⸗ täubt war, ihre zierlichen Finger ergriffen und zwiſchen dem Hand⸗ ſchuhe und dem Ende des Aermels eine paſſende freie Stelle ge⸗ funden, um ſeine Lippen darauf zu drücken. „Leben Sie wohl!“ Er konnte nicht in derſelben ruhigen, kalten Art antworten, er mochte jetzt nicht wiederholen: ‚Auf Wiederſehen!’ er durfte ihr nicht nachrufen: ‚Behüte Dich Gott, Juanita— vergiß mein nicht!— und da ihm ſonſt nichts Paſſenderes zu thun einfiel, ſo that er das, was für den Augenblick das Richtigſte war: er nahm ſeinen Hut mit einer ſtummen Verbeugung ab und ließ nur ſeine Blicke ſprechen, welche er noch einen langen, ſüßen Augenblick in ihre glänzenden Augen verſenkte. Faſt hätte er ihren Begleiter, der ſich nun näherte, um ihm zum Abſchiede freundlich die Hand zu ſchütteln, unmuthig auf die Seite gedrückt, da er ihm im Nachſehen hinderlich war. Da ſtieg ſie langſam den Weg hinauf, den ſie vor einer kleinen, köſtlichen Stunde herabgekommen, ohne ſich umzuſchauen, aber * Viertes Kapitel. 13 ſingend— daſſelbe Lied, das ſie vorher geſungen, wobei es nur eigenthümlich war, daß es um ſo lauter klang, je mehr ſie ſich entfernte.. Nun war ſie droben, und immer noch tönte das Lied fort, aber jetzt klang es ſo laut und gewaltig und dabei ſo wunderbar tönend von der Höhe herab, ſo tief ergreifend in den lang gehal⸗ tenen Tönen, daß er ſich wie bezaubert vorkam, daß er jetzt auf einmal wieder in dem reizenden Abenteuer fortlebte, das er an der Quelle in der Phantaſie angeſponnen und das er nun fortſetzen zu müſſen glaubte, indem er als treuer Ritter und Befreier ſeiner Dame das Roß beſtieg und hinaufjagte, ihre Feſſeln zu zerbrechen und ihr die Hülfe zu bringen, welche ſie durch ihren zauberhaften Geſang in ſo ergreifender Weiſe verlangte. Er beſtieg auch den Rappen, doch als er ſein Pferd gegen die Fahnenburg wenden wollte, verſtummte droben der Geſang, ſeine phantaſtiſchen Träume zerflogen und er ritt mit einem tiefen Seufzer der Landſtraße zu, wohin wir ihm vor der Hand nicht folgen wollen, indem wir ſonſt dem geneigten Leſer ſchuldig wären, weiter zu berichten von dem Seelenzuſtande des jungen Mannes, was uns nöthigen würde, viel aus dem Vorhergehenden zu wieder⸗ holen. Deßhalb laſſen wir ihn allein ſeines Weges reiten, ſchweig⸗ ſam und ſinnend, das Herz voll von der ſoeben erlebten Wald⸗Idyllle. V. „O Jugendzeit, du grüner Wald.“ Nos die junge Dame mit ihrem Begleiter wieder droben in der Fahnenburg angekommen war, ließ letzterer den Wirth kommen und fragte ihn, ob um dieſe Zeit gewöhnlich viele Gäſte hieher kämen, worauf jener erwiederte, es ſei als die größte Aus⸗ nahme zu betrachten, wenn Jemand die Fahnenburg in den Morgen⸗ ſtunden beſuche,„und mit großem Unrechte,“ ſetzte er redſelig hinzu, „unſer Kaffee iſt vortrefflich, wir laſſen es nie fehlen an reinem Kaffee, an der feinſten Butter und an friſchgebackenem Weißbrod— und dazu die Ausſicht! Nun, Sie waren ja oben und haben ſich vom Balkon umgeſchaut— gibt es einen prächtigeren Blick, als von da auf die umliegenden Wälder und auf die Ebene, in der der Rhein fließt— das iſt nämlich der Rhein, der große Fluß, den Sie von oben ſehen, der Rhein, der....“ „Ich weiß das, mein Freund, ich weiß das alles; wir haben die Ausſicht geſehen und wollen Sie nochmals anſchauen, möchten aber, daß Sie die Gewogenheit hätten, wenn doch heute ausnahms⸗ weiſe einmal Gäſte kämen, denſelben zu ſagen, das Zimmer droben mit dem Balkon ſei beſetzt.“ „Ah, Sie wollen dort allein ſein?“ fragte der Wirth, in⸗ 180 Fünftes Kapitel. dem er, ziemlich dumm lächelnd, einen Blick auf die junge, ſchöne Fremde warf.. „Es wird in kurzer Zeit ein Wagen kommen,“ fuhr der Andere in gleichgültigem Tone fort,„mit zwei Damen; dieſe führen Sie zu uns herauf und laſſen uns alsdann allein. Küche und Keller Ihres Hauſes werde ich wahrſcheinlich nicht in Anſpruch nehmen, Sie aber dafür zu Ihrer Zufriedenheit entſchädigen.“ Der Herr und die Dame ſtiegen in den oberen Stock und waren noch nicht lange dort, als auch ein Wagen vor der Fahnen⸗ burg hielt, zwei Damen ausſtiegen und von dem Wirthe nach oben begleitet wurden. Der Herr, der vorhin mit ihm geſprochen, kam ihnen entgegen und ſagte alsdann zu dem Beſitzer der Fahnenburg, der neugierig oben ſtehen blieb:„Es iſt gut, ich danke Ihnen“— und zwar in ſo unverkennbarem Tone, daß jener ſich entfernen mußte und die Treppen wieder hinabſchlich. Der Herr und die beiden Damen traten in den Salon, und kaum hatte ſich die Thür hinter ihnen geſchloſſen, als ſich ſeine ernſte, ruhige Miene in einen Ausdruck der Freude, der Rührung verwandelte und er mit lauter Stimme rief:„Da ſind ſie, Juanita!“ Er hatte aber dieſe Worte noch nicht vollſtändig ausgeſprochen, er hatte kaum die Thür geſchloſſen, was alles das Werk des Augen⸗ blickes war, als ſeine junge Begleiterin raſch von dem Balkon, auf dem ſie geſtanden, herbeieilte, ſich mit ausgebreiteten Armen gegen die beiden Damen ſtürzte und die eine derſelben ſtürmiſch an ihr Herz drückte. „O, meine geliebte Conchitta!“ „O, Juanita, meine Juanita, endlich ſehen wir uns wieder!“ „Und fröhlich wieder, wie ich hoffe!“ rief die, welche von dem Balkon herbeigeeilt war, indem ſie ſanft ihre Arme vom Halſe der anderen löste und ſie, bei den Händen ſie ergreifend, einen Augen⸗ O Jugendzeit, du grüner Wald. 181 blick aus kleiner Entfernung beſchaute, um ſie alsdann wieder an ſich zu ziehen, ſie herzlich zu küſſen und dazwiſchen auszurufen: „Ja, fröhlich, glücklich und heiter— und auch Du biſt heiter, meine Conchitta, fröhlich und glücklich!“ „Gewiß, Juanita, und beſonders im jetzigen Augenblicke— wie habe ich mich darnach geſehnt, Dich wiederzuſehen!“ Juanita legte ihren Arm um den Hals ihrer Schweſter, denn beide waren Schweſtern, und ſie gingen beide mit einander auf den Balkon hinaus, wo eine kleine Bank ſtand, auf welche ſie ſich neben einander ſetzten— da lag der ſchöne, friedliche Wald vor ihnen, da fächelte die leicht bewegte, duftige Luft ihre unter der Freude des Wiederſehens erglühenden Wangen, da lehnte Juanita, welche die ältere war, ihren Kopf an die Bruſt ihrer Schweſter, wobei ſie ihren Arm um ihren Hals geſchlungen hielt, und weinte reich⸗ liche Thränen, während aus den großen Augen der ruhig blickenden Conchitta ebenfalls glänzende Tropfen herabrollten. Ja, ſie waren Schweſtern, und man hätte ſie für Zwillings⸗ ſchweſtern halten können, ſo ähnlich waren ſie einander, faſt von gleicher Größe, nur war Conchitta, die jüngere, ein wenig kleiner; ſie ſchienen von gleicher Geſtalt, doch war die Juanita's eiwas voller; was aber die Aehnlichkeit ihrer Züge anbelangte, ſo waren ſie ſo zum Verwechſeln, daß Jemand, der ſie hier ſo neben einander geſehen, kaum einen bemerkbaren Unterſchied zwiſchen ihnen gefun⸗ den, es ſei denn der etwas verſchiedene Ausdruck ihrer Phyſiognomie: Juanita's Miene, der Blick ihrer ſtrahlenden Augen zeigte, beſon⸗ ders wenn ſie ſprach, eine außerordentliche Lebhaftigkeit, einen beſtändigen Wechſel von Heiterkeit und Ernſt, eine raſche, ſichtbare Folge der leicht auf ſie wirkenden Eindrücke. Conchitta dagegen erſchien viel ruhiger, ernſter, und war auch ſo in der That; ihre Mienen erzählten nicht leicht von einer beſon⸗ deren Fröhlichkeit, welche ihr Herz bewegte, obgleich ihr Charakter nichts weniger als düſter war; über ihrem ganzen Weſen lag eine 182 Fünftes Kapitel. milde Ruhe, von der ihre Seele erfüllt war und welche ſich häufig zeigte durch einen wohlthuenden Anea ihrer Augen, durch ein freundliches Lächeln auf ihren Lippen. Gab es auch wohl zuweilen Veranlaſſungen, wo ihr dunkles Auge feuriger blitzte, wo ihr ſüd⸗ liches Blut aufzuwallen ſchien, meiſtens aber in Augenblicken, wo ſie allein war und irgend ein aufregender Gedanke ſie beſchäftigte, ſo brauchte ſie ſich nur umzuwenden, an den Himmel hinauf zu ſchauen oder ihren Blick in die grünen Laubmaſſen der Bäume zu verſenken, um ein paar Sekunden nachher wieder vollkommen be⸗ ruhigt zu erſcheinen. Juanita's Thränen hörten ein paarmal auf zu fließen und zeigten ſich ſogleich wieder, faſt leuchtend über die langen, ſeidenen Wimpern herabrollend, ſobald ſie die Schweſter wieder betrachtet, an ihr Herz gedrückt und haſtig befragt hatte, ohne auf ihre Fragen eine Antwort erwarten zu können. Dazwiſchen lächelte ſie zuweilen, lachte auch einmal über eine Bemerkung, die ſie ſelbſt machte, und ein wehmüthiges Zucken ihrer Mundwinkel verwandelte ſich vor dem ruhigen Blicke Conchitta's zuletzt in eine faſt ausgelaſſene Fröhlich⸗ keit, unter deren Einfluſſe ſie gern geſungen und getanzt hätte. „Und was wirſt Du gedacht haben,“ rief ſie freudig,„als ich Dich bitten ließ, mich hier, an einem dritten Orte, zu ſehen? Haſt Du nicht gedacht, da ſehe man wieder eine meiner extravaganten Launen? Und Du hüätteſt Recht gehabt, wenn Du ſo gedacht hätteſt! Ich konnte mich nicht dazu entſchließen, in irgend einem kleinen, beſcheidenen Hauſe dieſer deutſchen Stadt eine enge, winkelige Treppe hinauf zu ſteigen und ein paarmal anzuklopfen und zu fragen, ehe ich Dich fände. Ja,“ ſagte ſie mit einem Seufzer, „wenn ich, um meine Conchitta zu finden, an einem Palaſt hätte vorfahren dürfen und in einer marmorglänzenden Halle beim Murmeln des Springbrunnens und beim Dufte der Orangen mit klopfendem Herzen gewartet hätte, bis ich das Rauſchen eines Ge⸗ wandes gehört und ihr entgegengeflogen wäre....“ Statt zu antworten, neigte die jüngere Schweſter ihre Lippen auf das dichte Haar Juanita's, worauf jene in ihrer Lebhaftigkeit fortfuhr: „Das wird aber alles werden, mein Kind, dafür arbeite ich und dafür ſpare ich! Wir werden einen Palaſt haben, wo wir ſpäter zuſammen wohnen, nicht hier in dem kalten Deutſchland, obgleich es auch da ſchön iſt, wenn wir uns vor der heißen Sonne ſchützen können unter ſo prächtigen Laubmaſſen— ah, wie das ſchön iſt, nicht wahr, meine Schweſter?“— Sie ſtreckte ihre Rechte gegen den Wald aus und fuhr mit einer etwas gedämpften Stimme fort:„Ich bin vor⸗ hin da unten ſpazieren gegangen und habe eine recht komiſche Be⸗ kanntſchaft gemacht— doch davon ſpäter; vorerſt ſage mir, wie es Dir geht, was Du treibſt und was Deine Kunſt macht.“ Statt aber auf dieſe Fragen in Ruhe eine Antwort zu er⸗ warten, hat Juanita aufblickend jetzt Mercedes bemerkt, die mit zuſammengefalteten Händen unter der Thür des Balkons ſtand, als ſie auf ſie zuſprang, ſie in ihre Arme riß und faſt eben ſo herzlich küßte, wie vorhin ihre jüngere Schweſter. „Merced, Merced,“ jubelte ſie,„da ſind wir wieder alle bei⸗ ſammen, wir alle, die ſich ſo lieb haben! Haſt Du auch Don Joſe betrachtet, wie gut er ausſieht— und immer ernſt, wofür ich ihm aber von Herzen dankbar ſein muß, denn wenn er heiter und luſtig wäre wie ich, ſo gäbe das eine ſchöne, tolle Wirthſchaft! Aber er iſt ſehr ernſt, o, ſo ſehr ernſt, daß ich Angſt vor ihm habe und ihm folge wie ein kleines Kind— hat er Dir ſchon von mir erzählt?“ Mercedes hatte ihre Hände wieder zuſammengefaltet, und, vor den beiden Schweſtern ſtehend, blickte ſie dieſelben abwechſelnd mit einem innigen, herzlichen Ausdrucke der Liebe an, und zwar ſo anhaltend, daß ſich faſt unwillkürlich ihre Augen mit Thränen füllten und ſie nun recht glücklich war, als jetzt Don Joſe ebenfalls auf den Balkon trat und Conchitta herzlich begrüßte. „Wir haben uns gegenſeitig von Euch erzählt,“ ſagte er als⸗ O Jugendzeit, du grüner Wald. 188 184 Fünftes Kapitel. dann in herzlichem Tone, während er Conchitta's Hand ergriff und ihre Blicke ſich fanden,„und nur Gutes und Angenehmes: Merced hat mir geſagt, daß Du im Begriffe ſeieſt, eine große Künſtlerin zu werden.“ „Und Don Joſe hat mir beſtätigt,“ fiel jene wieder raſch ein, „was wir aber ſchon aus den Zeitungen erfahren und mit Entzücken geleſen hatten, welche Triumphe Juanita gefeiert und wie ihr Name in ſo kurzer Zeit ſchon berühmt und in Jedermanns Munde iſt.“ „Der Name, den ich angenommen,“ erwiederte das junge Mädchen, indem ſie, plötzlich ernſt werdend, mit der Hand über ihre Augen fuhr....—„reden wir nicht von mir, wenigſtens nicht von meinen Erfolgen, davon kann euch Don Joſe erzählen, wenn ihr einmal allein ſeid....— Ah, es freut mich,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während welcher ſie ihre Schweſter mit erneuerter Innigkeit betrachtete,„daß Dein Talent ſich ſo glänzend Bahn bricht, und doch ſchmerzt es wieder, daß Du ſelbſtändig ſein wirſt und meiner Liebe nicht Alles verdanken willſt!“ „Wie Du immer noch egoiſtiſch biſt, ſogar in Deiner Liebe,“ ſagte Don Joſe. „Ach ja, ich bin es,“ gab Juanita in einem faſt trockenen Tone zur Antwort—„ja, ich könnte Neid gegen meine gute Conchitta fühlen, wenn ein ſolches Gefühl überhaupt bei meinem Charakter möglich wäre! Sie iſt die wahre Künſtlerin, während ich mit einem Scheine der Kunſt, mit einem falſchen Schimmer mich begnügen muß...— Iſt es nicht eigenthümlich,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe wieder heiter fort,„daß ich auch Talent zum Zeichnen habe und es bis jetzt gar nicht gewußt?“ „Haſt Du in der That den Verſuch gemacht, zu zeichnen? Wie ſollte mich das freuen— bei Deinen vielen Reiſen würden ſelbſt die flüchtigſten Skizzen ſpäter eine angenehme Erinnerung für Dich ſein.“ „Ja, ich begnüge mich auch mit flüchtigen Skizzen,“ ſprach Juanita heiter—„ſieh nur!“ O Jugendzeit, du grüner Wald. Sie nahm aus dem Strohhute, welcher neben ihr auf dem Boden lag, die uns bekannte Zeichnung und zeigte ſie Conchitta, während ſie die Unterſchrift mit ihrer Hand verdeckte. „Das haſt Du gezeichnet?“ Juanita nickte mit einer angenommenen Ernſthaftigkeit, doch konnte ſie ſich ſchon im nächſten Augenblicke des Lachens nicht er⸗ wehren und rief, in laute Fröhlichkeit ausbrechend:„Nein, nein, es iſt das Geſchenk eines jungen Mannes, den ich zufällig unten kennen lernte— ich erwähnte deſſen ja vorhin, Dir wird wohl der Name bekannt ſein!“ „Arthur Rodenberg,“ las Conchitta;„ich habe den Namen ſchon häufig gehört, doch ſah ich dieſen Herrn Rodenberg, ſo viel ich mich erinnere, nie.“ „Du ſahſt ihn nie?“ fragte Juanita erſtaunend—„ſo kennt Ihr Künſtler Euch alſo nicht unter einander?“ „Du vergißt, daß ich eine Künſtlerin bin— die jungen Männer werden wohl alle mit einander bekannt ſein, doch ich kenne nur ſehr wenige von ihnen.“ „Das habe ich mir anders gedacht,“ erwiederte Juanita und fuhr, nachdem ſie ein paar Sekunden über etwas nachgedacht, in unbefangenem Tone fort:„Das habe ich mir in der That anders gedacht; ich glaubte, man lernte zuſammen, man arbeite gemein⸗ ſchaftlich in großen Sälen, man tauſche dabei ſeine Anſichten aus.“ „Das thue ich auch wohl, doch nur in einem ſehr beſchränkten Kreiſe von Bekannten.“ „Ah— nun ja, ich begreife das; ich ſah jenen jungen Künſt⸗ ler da unten zeichnen, und als ich begreiflicherweiſe ſeine Skizze gelobt, riß er ſie aus ſeinem Skizzenbuche und bot ſie mir an— es wäre unhöflich geweſen, ſie auszuſchlagen.“ „Dieſer Künſtler, ein recht angenehmer junger Mann,“ be⸗ merkte Don Joſe,„ritt ein prachtvolles Pferd, das ihm ein Freund, wie er ſagte, geliehen.“ Hackländer's Werke. 52. Bb. 3 Fünftes Kapitel. „Und das er zur Probe eines Feſtes hier im Walde herum⸗ getummelt.“ „Ah ja,“ machte Conchitta in gleichgültigem Tone,„ſie feiern ein Frühlingsfeſt— es ſoll, wie man ſagt, ſehr ſchön werden.“ „Du ſagſt, ſie feiern?“ fragte Juanita erſtaunt—„ſo biſt Du nicht mit dabei?“ „Man hat ſie dringend eingeladen,“ ſagte Mercedes,„ſie ſolle Theilnehmerin ſein am Feſte oder Zuſchauerin, und ſie hat beides abgelehnt.“ „Das begreife ich nicht, daran thateſt Du Unrecht!“ „Und ſie hatten mir eine ſo ſchöne Rolle zugedacht!“ ſprach Conchitta, indem ſie ihre dunklen Augen über das Balkongeländer hinweg auf den friſchen Wellen der ſich leicht bewegenden Laub⸗ kronen ruhen ließ—„ich ſollte die Freude vorſtellen, die hier oben gefangen gehalten wird und welche durch den Prinzen Mai⸗ wein befreit wird.“ „Und wer ſtellt den Prinzen Maiwein vor?“ „Ein ſehr angenehmer junger Mann, ein Engländer, der aber die Kunſt nur zu ſeinem Vergnügen treibt,“ miſchte ſich Mercedes in das Geſpräch, wobei ſie den Zeigefinger gegen Conchitta aufhob und ſcherzhaft drohend ſagte:„Wir ſind etwas eigenſinnig, und es würde Allen große Freude machen, wenn Conchitta Theil nehmen wollte.“ „Und vor Allen wohl dem Prinzen Maiwein?“ „Lytton!“ „Lytton!“ wiederholte Juanita,„ein ſchwerer, kaum auszu⸗ ſprechender engliſcher Name; da wäre mir Rodenberg geläufiger.“ „Auch Rodenberg ſoll bei dem Feſte ſein— ſo viel ich gehört, ſtellt er den wilden Jäger vor.“ Juanita nickte mit dem Kopfe. „Jetzt aber,“ ſagte Conchitta, welche den Wunſch zu haben ſchien, dieſes Geſprächsthema zu ändern,„wie lange bleibſt Du bei uns und wohin gehſt Du?“ § Jugendzeit, du grüner Wald. „Davon ſpäter, mein liebes Herz, ich bin ja bei Dir und muß von Deinen Angelegenheiten hören.“ „Nicht wahr, Don Joſe,“ wandte ſich Mercedes an dieſen, „Conchitta könnte unter meiner Aufſicht wohl das Feſt der Künſtler mitfeiern; ich als Weisheit würde die Freude begleiten.“ „Gewiß, weiſeſte und zuverläſſigſte aller Duennen— ich ver⸗ traue Dir ſo, daß unſere Conchitta das unbedingt thun darf, wozu Du ihr räthſt!“ „Und Herr Lytton hat ſie ſo dringend gebeten.“ „Mir ſcheint, Du protegirſt dieſen Herrn Lytton.“ „Er iſt mir einer der liebſten von allen jungen Leuten, die wir hier kennen gelernt, ein ſchöner junger Mann, ſehr gebildet, von guter Familie und großem Vermögen.“ „O Merced, Merced!“ ſagte Don Joſe lachend. „Du haſt mir verſprochen, nicht mehr darüber zu reden,“ ſagte Conchitta faſt empfindlich;„Du hältſt Dein Wort ſchlechter als Herr Lytton, der. des Feſtes nicht mehr gegen mich erwähnt, ſeit ich ihn darum gebeten!“ „Alſo biſt Du in der That entſchloſſen, dieſes Feſt weder mitzumachen, noch anzuſchauen?“ „Weder mitzumachen, noch anzuſchauen!“ erwiederte Conchitta. „Gut denn,“ ſagte Juanita, während eine heitere Laune aus ihren lebhaften Augen blitzte,„ſo leihe mir Deinen Namen und laß mich ein wenig die Freude vorſtellen.“ „Unmöglich!“ rief Conchitta mit großer Entſchiedenheit, und Mercedes ſchüttelte mit dem Kopfe. „Warum nicht?— Laßt mir die Freude, zur Freude Anderer die Freude vorzuſtellen. Schaut doch uns Beide an, ſehen wir uns nicht zum Verwechſeln ähnlich? Und da wir, wie ich hoffe, im Coſtume erſcheinen werden, ſo wird in einer ungewohnten Tracht Niemand in mir eine falſche Conchitta ahnen. Bitte, thue mir den Gefallen! Oder fürchteſt Du,“ fuhr ſie in einem ernſteren 188 Fünftes Kapitel. Tone fort,„daß ich Dich in irgend eiwas bloßſtellen könnte? Laß Dir von Joſe erzählen, wie ich mich jungen und alten Männern gegenüber, und unter ihnen ſolche von den ausgezeichnetſten Eigen⸗ ſchaften, zu benehmen pflege— ſprich, Joſe!“ „In dieſem Punkte, wie in ſo vielen, biſt Du über alles Lob erhaben,“ gab der jungen Dame ihr älterer Begleiter zur Antwort. 3 „Bitte, Conchitta, warum willſt Du mir dieſe kleine Unter⸗ haltung nicht gönnen?“ „Wie könnte ich Dir einen Wunſch abſchlagen, deſſen Erfüllung in meiner Macht läge!“ „Und dieſen zu erfüllen liegt nicht in ihrer Macht,“ ſagte Mercedes raſch;„da Conchitta ſich geweigert, ſo wurde die ihr zugedachte Rolle einer Anderen übertragen.“ „Ach, wie ſchade!“ rief Juanita.„So laß uns denn wenig⸗ ſtens als Zuſchauerinnen dem Feſte beiwohnen!“ „Laß mich davon wegbleiben,“ bat Conchitia mit einer un⸗ geduldigen Bewegung;„ich habe meine Gründe, die ich Dir ſpäter mittheilen werde!“ 4 „Es ſei, ich werde Deine Gründe achten, wie Du hoffentlich meinen Wunſch, dieſes Feſt zu ſehen! Laß mir dieſes Vergnügen,“ bat ſie in ſchmeichelndem Tone,„ich ſah noch nie dergleichen und ſtelle mir ein ſolches Treiben der heiteren Künſtlerwelt gar zu köſtlich vor!“ „Du willſt als Zuſchauerin anwohnen?“ „Als Zuſchauerin, als Conchitta, vielleicht auch als mithan⸗ delnde Perſon,“ erwiederte Juanita lachend,„natürlich unter der ſtrengen Obhut Don Joſe's; ich habe jetzt meine Ferienzeit und möchte ſie heiter benutzen. Daß ich Dich in keiner Weiſe bloßſtelle, wirſt Du mir glauben— Deiner Schweſter, die Dich über Alle. liebt und die für Deinen Ruf beſorgter iſt, wie für ihren eigenen!“ Conchitta wollte etwas antworten, wahrſcheinlich wiederholt § Jugendzeit, du grüner Wald. 189 eine Einwendung machen gegen den Plan ihrer Schweſter, doch küßte dieſe ſie herzlich und verſchloß ihr ſo den Mund, indem ſie alsdann raſch fortfuhr:„Bitte, keine Einwendungen mehr, kein Wenn und kein Aber, ich weiß alles, was Du ſagen willſt: Du wollteſt mir bemerklich machen, wie es ja unmöglich ſei, daß ich für Dich gelten könne, wenn man mich in der Stadt ſähe; aber ich will mich nicht ſehen laſſen. Wenn ich ausfahre oder Dich zu beſuchen komme, was morgen geſchehen wird, nachdem ich die Freude gehabt habe, Dich zum erſten Male in dieſer herrlichen Gegend wiederzuſehen, unter Gottes freiem Himmel, ſo werde ich dicht verſchleiert gehen, wie das überhaupt meine Gewohnheit iſt— nicht wahr, Joſe?“ „Ich muß das bezeugen!“ „Hörſt Du wohl; alsdann kennt mich Niemand hier, und ich unterhalte mich köſtlich, indem ich einen Tag Deine Rolle ſpiele.“ „Du wirſt aber meine Rolle nicht ſpielen können,“ gab die Schweſter zur Antwort. Ihr Geſicht hatte ſich freundlich erheitert und ſie ſchien jetzt Gefallen zu finden an der großen Lebhaftigkeit ihrer Schweſter und deren Freude über das bevorſtehende Abenteuer. —„Wenn Du mich mit Glück vorſtellen willſt, mußt Du viel ruhiger und ernſter ſein; Deine Dir eigenen raſchen Bewegungen, Deine Art, ſo lebhaft und eindringlich zu reden, ſo lieb ſie mir auch iſt, würde Dich augenblicklich verrathen.“ „Meine Kunſt wäre gering,“ gab Juanita zur Antwort, „wenn es mir nicht gelingen ſollte, das Benehmen einer ſo ſtillen, beſcheidenen Malerin anzunehmen— ach, ein Benehmen, meine liebe Conchitta,“ fuhr ſie wieder mit überſtrömendem Gefühle fort, „das ſo ſchön iſt, ſo zart, das ich ſo ſehr liebe und das ich in Gedanken immer und immer vor mir ſehe!“ „Du beſchäftigſt Dich zu viel mit mir,“ verſetzte beſcheiden die jüngere Schweſter. „Man muß ſich wohl mit Dir beſchäftigen, kleiner Eige nſinn, Fünftes Kapitel. der trotz ſeines ſchüchternen und eingezogenen Weſens einen ſo feſten, ſelbſtändigen Sinn hat— ich kann es Dir immer noch nicht verzeihen, daß Du mir nicht geſtatten wollteſt, gänzlich für Dich zu ſorgen, ich hätte es doch ſo gut gekonnt, und daß Du es vorzogſt, Deine eigene Exiſtenz zu gründen, eine ſo beſcheidene Cxiſtenz.“ 5 „Ich fühle Talent in mir, und das mochte ich nicht vernach⸗ läſſigen,“ verſetzte Conchitta in ruhigem Tone, aber mit großer Entſchiedenheit.„Doch ſprechen wir jetzt einmal von Dir, Du haſt Dich bis jetzt nur mit mir beſchäftigt.“ „Ja, wir wollen jetzt von Dir hören,“ ſagte auch Mercedes. „Etwas von mir hören?— Nun gut, mit Vergnügen, ich werde Euch eine große Arie ſingen.“ „Das ſpäter, Juanita— wir möchten jetzt etwas von Deinem Leben vernehmen,“ ſprach die jüngere Schweſter mit ihrem ſo ein⸗ fachen Tone. „Ach, von meinem Leben laßt mich Euch nichts erzählen: es iſt das ſo glänzend und doch wieder ſo ärmlich, ſo bewegt und doch wieder ſo langweilig; eigentlich lebe ich nur wenige Abend⸗ ſtunden, wie ein Nachtſchmetterling, und das Denken und Arbeiten meines ganzen Tages, gewöhnlich abgeſchieden von der Welt, muß ſich mit dieſen paar Abendſtunden beſchäftigen— laßt mich über das glänzende Elend hier nicht reden, hier im friſchen, grünen Walde an Deiner Seite, wenn ich in Dein gutes, liebes Auge ſehe— ſpäter einmal davon, wenn wir in unſerem Schloſſe am Kaminfeuer ſitzen, wenn die hochrothe Gluth des flammenden Holzes uns beſtrahlt, wenn draußen der Wind heult und der Regen gegen die Fenſter peitſcht, dann erzähle ich Dir ſchauerliche Märchen vom Intendanten Blaubart, der ein ſchwarzes Gemach hatte, wie der Andere deſſelben Namens, dabei zu wenig Kopf, aber viel zu viel Herz und ein ungeheuer weites Gewiſſen; auch von jener blutdürſtigen Rotte erzähle ich Dir, die man Schriftſteller nennt, eigentlich Theater⸗Recenſenten, und mit O Jugendzeit, du grüner Wald. 191 denen Don Joſe zu kämpfen hat; zuweilen beſiegt er ſie oder ſtopft ihnen das Maul mit Gold und Juwelen, ein anderes Mal unter⸗ liegen wir, und dann fallen ſie über mich her und ſuchen mich zu zerfleiſchen— aber,“ ſetzte ſie mit leiſerer Stimme und freundlich lächelnd hinter der vorgehaltenen Hand hinzu,„ich mache mir nichis daraus, mögen ſie ſchmeicheln und zu meinen Füßen kriechen, oder mögen ſie mich biſſig ankläffen, ich lache über ſie und verachte das Geſindel— o, an ſolchen Abenden will ich Dir wunderbare Ge⸗ ſchichten erzählen, Geſchichten von vor und hinter den Couliſſen, Geſchichten vom allerliederlichſten Hofe und vom allerhöchſten Pöbel — nein, ich verſprach mich, doch iſt das gleichviel, es gibt Lagen, wo beide Eigenſchaftswörter für beide Theile gelten, und daß ich die Wahrheit rede, das ſoll Dir alsdann Joſe bezeugen, unſer guter, lieber Joſe, der ſo viel für mich thut, eigentlich Alles, denn wenn er ſeine Vorbereitungen getroffen hat, ſo brauche ich nur meinen Mund zu öffnen oder ſpäter, wenn ich müde bin, mich zu Bette zu legen, am anderen Tage erfahre ich auch Alles durch ihn, wie viel Blumen ſie ruinirt, wie oft man mich herausgerufen, wie viele Viſitenkarten man mir geſchickt und wie oft ſo ein Intendant oder Direktor geſagt:„Beim Himmel, göttlich! Doch iſt ſo ein armer Mann nur das traurige Echo eines allerhöchſten Hofes, hohen Adels oder der verehrungswürdigen Anderen; würde einer von dieſen drei Köpfen der gierigen Schlange, die man Publikum nennt, mich mittelmäßig oder gar ſchlecht finden, ſo wird es von jenem Echo nicht mehr heißen: ‚Beim Himmel, göttlich!⸗ ſondern man würde ſich achſelzuckend abwenden, wenn ich erſchiene. „Aber Gott ſei gedankt,“ fuhr ſie mit erregter Stimme fort, während ſich ihre Augenlider hoch emporhoben und ihre dunklen Augen darunter hervorblitzten,„ſie finden mich göttlich, ſie finden mich wunderbar, ſie finden mich über alle Beſchreibung, ſie kriechen vor mir, ſie liegt mir ſchmeichelnd zu Füßen die ganze bunte, hinter⸗ liſtige Schlange, von der ich vorhin ſprach; ich darf ſie offen und —— — Fünftes Kapitel. ohne Scheu verachten, ich darf ſie mißhandeln, denn ich bin jung, ſchön und eine große Künſtlerin, ich darf ſie mit Füßen treten, und ich thue das mit einer leidenſchaftlichen Freude, weil ich die elende Falſchheit dieſer Schlange kenne, weil ſie auch mich zu be⸗ geifern verſucht und weil es mir ein ſüßes Gefühl iſt, Rache zu nehmen für alle die unglücklichen Geſchöpfe, die ſich vergebens ſträubten gegen die Umſchlingung dieſer Schlange, die ſich umſonſt abmühten, ehrlich und redlich zu bleiben, die dahinſiechen und verderben vor dem giftigen Blicke des Ungeheuers, vor dem heißen, betäubenden Hauche, der aus dem offenen Rachen deſſelben dampft. „Nach großen Erfolgen auf den blutgedüngten Schlachtfeldern dieſer Welt ſpricht man achſelzuckend von Kanonenfutter— wer denkt in gleichem Sinne des Theaterfutters warmfühlender, lebens⸗ kräftiger Weſen, die für keine großen Erfolge zu Grunde gehen, die kein Bewußtſein haben, für eine gute Sache dahin zu welken, die vergehen in der Hand eines Mächtigen, weil er die Gelegenheit und die Macht hatte, ihnen gefährlich zu werden. „Du ſiehſt mich ſtaunend an, meine Schweſter, und haſt ein Recht dazu; nicht wahr, ich komme Dir ſehr alt vor und über⸗ verſtändig?— Ja, was ich da vorhin ſagte, kam aus meinem Theaterherzen. Ich habe nämlich die wunderbare Eigenſchaft, mein Herz nach Gefallen wechſeln zu können, und wenn ich vor die heißen Lampen irete und vor die noch heißeren Blicke jener Schlange, zwiſchen die ſtaubigen, unnatürlichen Bäume, zwiſchen die gemalten trockenen Waſſerfälle, da laß ich zurück mein warmes, gutes gefühl⸗ volles Alltagsherz und trage ein anderes bei mir, das trocken iſt und alt, das mir aber ſehr verſtändigen Rath ertheilt und das ganz ruhig, gleichförmig, ja, gefühllos ſchlägt.“ „Doch in Deiner Kunſt erlebſt Du auch andere, heitere Stun⸗ den, nicht wahr, meine arme Schweſter?“. „Wenige, denn wo ich in meiner ſo ſchönen, ſo göttlichen ₰ —₰ ⸗ O Jugendzeit, d du grüner Wald. 193 Kunſt wirke und lebe, fühle ich auf die eine oder die andere Art den Athem des giftigen, Alles benagenden Gewürms und ſchaudere vor jeder Berührung zurück— und doch haben wir heitere, glück⸗ liche Stunden, nicht wahr, Joſe?“ fuhr ſie mit einem flüchtigen Blicke auf ihren Begleiter fort;„aber mit der wahren Kunſt haben dieſe gewöhnlich nicht viel zu thun. Wie lachen wir, Joſe und ich, wenn nach einem Abende, wo das Publikum beſonders toll war, Briefe einlaufen, Geſchenke, Blumen— maſſenhaft, und wenn wir Zeit haben, etwas von dem Wahnſinn zu leſen, den man an mich ſchreibt; die Geſchenke werden zurückgeſandt. „Du ſiehſt,“ unterbrach ſie ſich hier ſelber,„ich trage als einzigen Schmuck im gewöhnlichen Leben immer noch den einfachen mauriſchen Reif, das Erbſtück von Mutter und Großmutter her.“ Sie ſchob bei dieſen Worten ihren Aermel etwas zurück, ſo daß ein einfacher Ring von mattem Golde zum Vorſchein kam. Mercedes ergriff die Hand Juanita's und drehte an dieſem Ringe, bis ein paar arabiſche Buchſtaben zum Morſöhein kamen, welche ſie innig küßte. „Ja, die Geſchenke,“ fuhr die Erzählerin fort,„werden ohne alle Ausnahme zurückgeſchickt, Blumen und Kränze erhalten die Kellner des Gaſthofes, welche ſie, wenn ich abgereist bin, wieder zu hohen Preiſen verkaufen; die Briefe aber werden auf eigenthüm⸗ licho Art verwandt: meine Kammerfrau macht Haarwickel für mich daraus, und wenn ſie alsdann von den albernen Schreibern be⸗ fragt wird, ſo kann ſie mit gutem Gewiſſen ſchwören, ihre Zeilen ſeien mir ſehr nahe gegangen.“ „Wie intereſſant aber muß es ſein, die Bekanntſchaft ſo vieler Menſchen zu machen!“ meinte Mercedes. „Um faſt die Achtung vor allen zu verlieren!“ erwiederte Juanita ſeufzend.„Glaube mir, nach einem großen Gaſtſpiele ſuche ich förmlich die Einſamkeit auf oder heitere, einfache Menſchen, die nicht wiſſen, wie ein Theatervorhang ausſieht. Das iſt meine 194 F ünftes Kapitel. Erholung, mit ihnen zu leben, mit ihnen zu plaudern, die friſche Luft, die ich genieße; dabei iſt mir ſo wohl, ach ſo wohl, wie jetzt hier im erfriſchenden Dufte dieſes ſchönen Waldes.“ Bei dieſen letzten Worten war ſie aufgeſtanden und hatte ihre Schweſter mit ſich fortgezogen bis an den Rand der Terraſſe, wo ſie ihre Arme ſanft um Conchitta's Schultern legte und ihren Kopf an deren Bruſt ruhen ließ. —— FI. „Sie ſah mich arglos freundlich an.“ Oifers war an dieſem Morgen zu Michel Angelo Schmitz gegangen, um deſſen Kunſtſchätze anzuſehen, wie er ihm ſchon öfters verſprochen. Der kleine Mann war hoch erfreut darüber und führte ſeinen geehrten Gaſt in ein mäßig großes Zimmer, das er ſeinen Salon nannte, an deſſen Wänden die Kunſtwerke hingen, welche er durch Tauſch oder Kauf an ſich gebracht oder von einem Freunde oder Bekannten geſchenkt erhalten hatte. Dieſer Salon war zu gleicher Zeit das Wohnzimmer der Madame Schmitz, der Mutter Michel Angelo's, einer bejahrten Dame, die ſich hier ſehr glücklich fühlte bei der Freude ihres Sohnes, eine ſo werthvolle Gemäldeſammlung zu beſitzen. Sie hatte ihren Aufenthalt gewöhnlich an einem der beiden Fenſter, wo. ſich ein bequemer Lehnſtuhl befand und wo ſie vermittelſt eines an der Außenſeite des Hauſes angebrachten Spiegels die ganze Nachbarſchaft gewiſſermaßen beherrſchte oder vielmehr controlirte, denn es entging ihr kein Spaziergänger dieſer Straße, kein Beſucher irgend welches Hauſes, ja, kein Gruß zu einem geöffneten Fenſter hinauf oder von einem ſolchen herab, ja, nach der Art dieſes Grüßens combinirte ſich Madame Schmitz kleine Verhältniſſe ſchon lange Sechstes Kapitel. im Voraus, ehe ſie öffentlich wurden, und wenn alsdann Michel Angelo von einem derſelben als einer unerhörten Neuigkeit ſprach, ſo wußte Madame Schmitz dieſelbe nicht nur ſchon lange im Vor⸗ aus, ſondern ſie war auch im Stande, ſehr umſtändlich anzugeben, welche Nachbarin bei dem Attentate auf das Herz eines beliebigen jungen Mädchens in der Straße beſonders thätig geweſen war. Michel Angelo Schmitz war übrigens ein viel zu zartfühlender Sohn, um ſeiner Mutter die Freude zu verderben, als habe er etwas Näheres über ein ſolches Verhältniß gewußt, vielmehr fand er Alles mit der ſtaunendſten Miene von der Welt merkwürdig und ganz beſonderlich. Madame Schmitz urtheilte gewöhnlich ſehr milde über alle Vorfälle in der Straße, nur konnte ſie es nicht leiden, wenn ein Herr und eine Dame, die beide nicht in der Straße wohnten, ſich dennoch hier zuſammenfanden; darüber konnte ſie ſich in bitteren Redensarten ergehen und mochte es nicht begreifen, warum man ſich gerade die Straße, wo ſie wohnte, zu dergleichen Zuſammen⸗ künften ausgeſucht. Wir wiſſen, daß der ſelige Herr Schmitz ſeinem Sohne die ſchönen Vornamen Michel Angelo in der Hoffnung gegeben, es werde einſtens ein großer Maler aus ihm werden, eine Voraus⸗ ſetzung, die jedoch nicht eingetroffen war, weßhalb Madame Schmitz ſich des einfachen„Michel“ bediente, wenn ſie ihrem Sohne rief, gewiß in der zarten Abſicht, um in dieſem keine trüben Gedanken zu erwecken. Sie war überhaupt eine gute und ſehr brave Frau und ſorgte heute noch, wie in früheren Zeiten, mit einer rührenden Zärtlichkeit für das Wohl ihres Kindes. Wenn ſie einen Fehler hatte, ſo war es ihr Argwohn gegen jedes weibliche Weſen, das ſich ihrem Sohne näherte, indem ſie bei allen jungen und alten un⸗ verheiratheten Damen Eroberungsgelüſte vorausſetzte auf die Hand Michel's, das heißt auf ſein kleines Vermögen, ſein Haus und ſeine berühmte Gemäldeſammlung. * Sie ſah mich arglos freundlich an. 197 Um die Charakteriſtik diefer würdigen Dame zu vollenden, müſſen wir noch ihrer eigenthümlichen Gewohnheit erwähnen, alle Dinge, ſelbſt die geringfügigſten, ſehr geheimnißvoll und mit großer Wichtigkeit zu behandeln: ſo konnte ſie zum Beiſpiel ihren Sohn mit einer faſt beängſtigenden Feierlichkeit zu ſich ans Fenſter rufen, ihren Mund an ſein Ohr neigen und ihm anvertrauen, daß der Doktor Strampfer gegenüber heute ſchon, Anfangs Mai, mit einer weißen Hoſe ausgegangen ſei. „Merkwürdig“ oder„ganz erſtaunlich“ pflegte der gute Sohn gewöhnlich hierauf zur Antwort zu geben, worauf Madame Schmitz ihn feſt anſchaute, zwei⸗ bis dreimal mit dem Kopfe gegen ihn nickte und dazu eine Miene machte, als wolle ſie ſagen:„gib nur Achtung, was daraus entſtehen wird,“ ehe ſie zu anderen wichtigen Betrachtungen überging. Roderich war alſo von Schmitz in den Salon geführt worden und betrachtete die Gemäldeſammlung, nachdem er vorher mit der Mutter ſeines Bekannten einige freundliche Worte gewechſelt hatte. Michel Angelo hatte die Aufmerkſamkeit gehabt, das ſchöne Aquarell, welches er von dem berühmten Maler zum Geſchenke er⸗ halten, ſogleich mit einem geſchmackvollen Rahmen zu verſehen und an dem beſten Platze im ganzen Zimmer aufzuhängen, ja, über demſelben war ein kleines Reis mit friſchen Lorbeerblättern befeſtigt. Olfers ſchüttelte lächelnd mit dem Kopfe, als er ſeine Arbeit ſo ehrenvoll bekränzt ſah, und ſprach darüber einige freundliche Worte. Michel Angelo rieb ſich ſtill lächelnd die Hände und erwiederle: „Wenn ich auch mein Glück über den Beſitz dieſes Kunſtwerkes mit einem ganzen Kranze von Lorbeeren nicht genügend hätte ausdrücken können, ſo bin ich doch an dieſer Verzierung unſchuldig, ſo gerecht⸗ fertigt ich ſie auch finde.“ Der Andere ſah ihn fragend an. „Sennora Conchitta, unſere liebe Hausgenoſſin, die ſich nicht minder über dieſes Geſchenk gefreut, hat es verziert.“ — 5————— 2 — Sechstes Kapitel. „Ah!“ machte Roderich und ſchritt weiter längs der Wand hin, um ſich die übrigen Bilder und Zeichnungen zu betrachten. Er fand manch Gutes, manch Werthvolles: Oelſkizzen, Kreide⸗ zeichnungen und Aquarelle, mit berühmten Namen verſehen, von denen die meiſten, da ſie alle freundſchaftliche Geſchenke waren, ſehr bemerklich prangten und ſo ſchon von Weitem den freundlichen Geber verkündeten. Schmitz folgte ſeinem Gaſte auf dem Fuße, blieb ſtehen, wo dieſer ſtehen blieb, ging auch wohl einige Schritte voraus, um vor einem beſonders werthvollen Schatze ſtehen zu bleiben und ſo die ganz be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit Roderich's zu erwecken. Dabei trippelte der kleine Mann ganz vergnügt von einem Fuße auf den anderen, rieb ſich die Hände und verbeugte ſich für jedes Lob, das ſeinen Kunſtwerken geſpendet wurde, als ſei er nicht nur der Beſitzer, ſon⸗ dern auch der Verfertiger derſelben. Dazwiſchen warf er hier und da einen heiteren Blick auf ſeine Mutter, aber nur ſehr ſelten und wenn er durch eine Wendung faſt dazu gezwungen war, denn ſo oft er die alte Dame anſchaute, winkte ſie ihm mit großer Wichtigkeit, näher zu kommen, und hatte jedesmal eine Thatſache von ganz außerordentlichem Belange mit⸗ zutheilen. So zum Beiſpiel fand ſie, daß Herr Roderich dem ſeligen Schmitz merkwürdig ähnlich ſähe, und als dies Michel Angelo entſchieden in Abrede ſtellte— denn zwiſchen beiden be⸗ ſtand in der That auch keine größere Aehnlichkeit, als vielleicht zwiſchen einer Billardkugel und einem Pflaumenkern—, war Ma⸗ dame Schmitz ſichtlich gekränkt und blickte eine Zeit lang zum Fenſter hinaus, ehe ſie ihrem Sohne in ſehr ernſthaftem, flüſtern⸗ dem Tone und nachdem ſie lange mit ſo erſtaunter Miene und ſo angelegentlich an den Himmel emporgeſchaut, als würde dort eine der merkwürdigſten Naturerſcheinungen ſogleich ſichtbar, die Mit⸗ theilung machte, ſie habe vorhin eigentlich ſagen wollen, Michel's Vater, der ſelige Schmitz, habe beſtändig die Gewohnheit gehabt, b Sie ſah mich arglos freundlich an. ſeinen Stock genau ſo an den Stuhl zu lehnen, wie es Herr Roderich auch gethan, worauf der zuvorkommende Sohn raſch mit der bei⸗ ſtimmenden Bemerkung, das ſei in der That ganz erſtaunlich, ſich loskaufte und wieder zu Roderich eilte. „Da haſt Du ein prächtiges Blatt von Rodenberg,“ ſagte dieſer, indem er vor einer Zeichnung ſtehen blieb, welche den edlen Ritter von la Mancha darſtellte, wie er, auf öder Haide allein daherreitend, hoch in den Wolken die Bilder ſeiner künftigen Helden⸗ thaten und Schickſale erblickt—„es iſt das ein ganz außerordent⸗ liches Talent und ſchade, daß er ſeine Zeit mit Malen zubringt, da ihm doch jeder Begriff von der Behandlung der Farben und ihrer Wirkung abgeht— wenn doch einer ſeiner vertrauteren Freunde ihm das beibringen wollte!“ „Walter hat es gethan und mit ſo gutem Erfolge, daß Roden⸗ berg die feſte Verſicherung gegeben hat, ſo bald keinen Pinſel mehr anzurühren.“ „Walter iſt der Mann dazu, Jemanden ſo etwas eindringlich zu ſagen und ihn zu warnen vor ſolch einer Verſchwendung der koſt⸗ baren Zeit, und kann ſich dabei ſelbſt als Beiſpiel aufſtellen. Aber mich freut es, wenn Rodenberg auf den richtigen Pfad gekommen iſt— wie jammerſchade— mir that es jedesmal leid, wenn ich ihn ſo auf falſchem Wege ſeine Zeit wegwerfen und die Leinwand verderben ſah! Hat er Walter's Offenherzigkeit übel genommen?“ „Nicht im geringſten; ich war bei Walter. Durch den Ent⸗ ſchluß, nicht mehr zu malen, ſei Rodenberg förmlich ein Stein vom Herzen gefallen— ſie hätten das mit einer ſehr luſtigen Nacht gefeiert.“ 3 „Wie die glücklich ſind!“ murmelte Roderich, während er die Arme über einander ſchlug und die Zeichnung noch aufmerlſamer betrachtete.„Siehſt Du,“ ſagte er nach einer Pauſe,„dieſen ſo poetiſch gefühlten und trefflich ausgeführten Contraſt zwiſchen der Erde und dem Himmel, welch' letzterem der edle und ſinnreiche 200 Sechstes Kapitel. Junker in ſeinen Träumereien faſt nur allein anzugehören ſcheint, während Roſinante, mit dem hängenden Kopfe und eingezogenem Schweife matt einhertrabend, ſo ganz irdiſch iſt. Wie trefflich iſt die öde, melancholiſche Gegend der Mancha mit wenigen Strichen dargeſtellt, ſo todt und doch wieder ſo lebendig: man glaubt den Abendwind flüſtern zu hören, wenn er durch die Diſtelköpfe ſtreicht und mit den dunkeln Blättern magerer Geſträuche ſpielt. Und wie leuchtet am Horizonte die letzte Helle der untergegangenen Sonne, hinter dem begeiſterten Ritter förmlich eine Glorie bildend, welche dann von den dunklen Wolkenrändern begrenzt wird, deren ſeltſame Zuſammenballungen die oben erwähnten phantaſtiſchen Geſtalten bilden— in der That ein prächtiges Blatt! Wie kommt es, daß Rodenberg es Dir gegeben und daſſelbe nicht bei ſeiner Don⸗Quixote⸗ Sammlung behalten?“ „Es iſt eigentlich ein kleiner Handel, den wir zuſammen ge⸗ macht,“ erwiederte Michel Angelo lächelnd;„Du weißt, der gute Rodenberg braucht gewöhnlich mehr Geld, als er einnimmt.“ „Ganz richtig,“ gab der Andere in düſterem Tone zur Ant⸗ wort,„beſtändig in Geldnoth und beſtändig heiter und guter Dinge— und doch hat er es in ſeiner Hand, ſich eine glänzende Zukunft zu ſchaffen. Beim Himmel, Blätter wie dieſe da, ja, ſeine ſämmtlichen Skizzen zu Don⸗Quixote oder zu den deutſchen Mährchen, die er ebenfalls ſo vortrefflich illuſtrirt, müſſen verviel⸗ fältigt herausgegeben werden in Kupfer oder noch beſſer, in Holz⸗ ſchnitt!“ „Er iſt ein ſo guter Kerl, dieſer Rodenberg, ſo anſtändig in jeder Beziehung; ich habe ihn recht lieb und gab ihm ſchon oft ähnlichen Rath, aber da hatte er die Malerei im Kopfe und glaubte darin Großes leiſten zu können.“— „Nie, aber als Zeichner machte er ſich einen berühmten Namen und hat, wie ich ſchon vorhin ſagte, eine glänzende Zukunft; er muß nur einen tüchtigen Buch⸗ oder Kunſthändler finden, der zum — Sie ſah mich arglos freundlich an. Beiſpiel ſeine Illuſtrationen zu den deutſchen Mährchen oder zu Don Quixote herausgibt.“ „Ich werde für ihn an Hallberger in Stuttgart ſchreiben.“ „Thu' das, und wenn Du bei mir vorbeikommen ſollteſt, gebe ich Dir an denſelben für Rodenberg ein paar empfehlende Zeilen.“ Während beide dieſe letzten Worte mit einander wechſelten, war Olfers wieder an die Stelle gekommen, wo ſein mit Laub⸗ werk verziertes Aquarell hing, deſſen Anblick ihm abermals ein Lächeln abnöthigte, worauf er ſagte:„Es iſt eigentlich meine Schuldigkeit, Sennora Conchitta für ſo viel Theilnahme ein freund⸗ liches Wort zu ſagen. Willſt Du nicht ſo gut ſein, lieber Schmitz, und bei ihr anfragen, ob ſie einen Augenblick Zeit für mich hat?“ „Ich bedaure recht ſehr, Dich nicht zu ihr führen zu können,“ erwiederte Michel Angelo,„denn ſie iſt ausgegangen— ja, ſie, die Morgens ſelten das Haus verläßt, iſt ſchon in aller Frühe mit ihrer Schweſter fort.“ „Sie wird den ſchönen Tag benutzen, um irgend eine Studie zu machen,“ warf Roderich ſcheinbar gleichgültig hin. „Das glaube ich auch, doch hat mir meine Mutter geſagt, ſie ſeien ohne Skizzenbuch oder ſonſt etwas fort— nicht wahr, Mama?“ Als ſich die alte Dame ſo befragen hörte, richtete ſie ihren Blick von der Straße ab und in das Zimmer hinein und ſagte mit einem langen Kopfnicken:„Es iſt ſo, Michel, wie ich Dir geſagt; ſie hat kein Skizzenbuch oder ſonſt etwas Aehnliches bei ſich und ſie gingen fort, als es auf der Kirche drüben ein Viertel nach Sieben geſchlagen hatte.“ „Ah, ſo früh ſchon,“ ſagte Roderich;„ſo muß ich mir ein andermal das Vergnügen machen, ſie zu ſehen.“ Er wandte ſich nach dieſen Worten nach dem Stuhle, wo ſein Stock lehnte. Madame Schmitz hatte den Augenblick benutzt, wo ihr Sohn ſie fragend angeſchaut, um denſelben durch einen geheimnißvollen Wink an ihre Seite zu rufen,„Michel,“ ſagte ſie ihm alsdann, Hackländer's Werke. 52. Bd. 14 202 Sechstes Kapitel. indem ſie ihren Mund an ſein Ohr neigte,„Mamſell Conchitta— Du wirſt mir erlauben,“ unterbrach ſie ſich hier,„daß ich hier in meinem deutſchen Hauſe das ſpaniſche Wort nicht gebrauche— Mamſell Conchitta, die heute Morgen mit ihrer Schweſter ſo auf⸗ fallend früh ausgegangen iſt, liebt....“ „Sie liebt?“ fragte Michel Angelo haſtig, aber in ſo leiſem Tone, daß ihn nur ſeine Mutter verſtehen konnte. „Sie liebt,“ bejahte die alte Dame mit einem mehrmaligen, ſehr wichtigen Kopfnicken, ehe ſie zu ſprechen fortfuhr—„ich habe es von ihrer eigenen Schweſter und auch von der Köchin, der ſie es anvertraut— ſie liebt....“* „Und wen liebt ſie? Wenn Sie das ſchon früher wußten, hätten Sie es mir eher ſagen ſollen!“ „Ich erfuhr es zufällig vor acht Tagen, legte aber dieſer Sache kein großes Gewicht bei, erinnerte mich aber ſoeben daran, als ich Schmauder's Babette vom Markte kommen ſah.“ „Aber was geht Conchitta Schmauder's Babeite an?“ „Die hatte es ja in ihrem Korbe!“ flüſterte die alte Dame auf's geheimnißvollſte. „Aber was denn?“ ſtöhnte Michel Angelo Schmitz in großer Aufregung. „Was Conchitta liebt?— Dicke Bohnen, aber ſie müſſen in Butter und Peterſilie gemacht ſein— mit viel Peterſilie,“ ſetzte ſie hinzu, wobei ihre Lippen das Ohr Michel Angelo's berührten. Roderich hatte begreiflicherweiſe von dieſem kleinen Zwie⸗ geſpräche nichts verſtanden, jedoch den Augenblick benutzt, als er Mutter und Sohn ſo angelegentlich mit ſich beſchäftigt ſah, um abermals vor ſein Aquarell hinzutreten und von dem Lorbeerreis über demſelben ein Blatt zu entwenden, das er ungeſehen in ſeine Bruſttaſche ſteckte. Wir können hier nicht verſchweigen, daß Michel Angelo Schmitz etwas bleich geworden war bei den erſten Worten der Mittheilung, Sie ſah mich arglos freundlich an. die ihm vorhin ſeine Mutter in vertraulicher Weiſe gemacht, ja, er hatte nach Luft geſchnappt und eine ſeiner mageren Hände auf die Stelle gedrückt, wo er ſein Herz plötzlich lauter ſchlagen fühlte; jetzt war es ihm wie eine Centnerlaſt von dieſem armen Herzen gerollt und er konnte ſeine Mutter freundlich anlächeln, als ſie ſchließlich zur Bekräftigung ſehr ausdrucksvoll mit dem Kopfe nickte. Dann erhob ſie ſich, als Roderich auf ſie zukam und ihr ſein Vergnügen ausdrückte, die Kunſtſchätze ihres Sohnes Michel Angelo geſehen und die vortreffliche Mutter deſſelben ſo wohl und munter gefunden zu haben. Madame Schmitz knixte in ſchuldiger Dankbarkeit und drückte ihr Vergnügen aus über NRoderich's Beſuch.„Michel,“ ſagte ſie, „wird ſeine Bilder und Zeichnungen noch einmal ſo lieb haben, nachdem Sie ihm dieſelben gelobt, und das freut mich für ihn, denn Michel iſt ein großer Kunſtnarr, wie man das ſo zu nennen pflegt, gerade wie es der ſelige Schmitz auch war, nur daß der an alten Möbeln und ſonſtigem Gerümpel ſeine Freude hatte.“ Bei dieſen Worten begleitete ſie ihren Gaſt bis an die Thür, wobei ſie ſich ein paarmal ſchüchtern nach ihrem Sohne umſah, der aber ganz harmlos zum Fenſter hinaus zu blicken ſchien und ſo ſeiner Mutter die Gelegenheit ließ, ſich in geheimnißvoller Weiſe an den ſcheidenden Freund zu wenden und ihm mit leiſer Stimme zu ſagen:„Mein Mann, der ſelige Schmitz, war ein ſehr guter und lieber Mann, aber er“— damit deutete ſie verſtohlen nach dem Fenſter, wo Michel Angelo ſtand—„er hat mir doch die Freude gemacht und iſt mir ganz ähnlich geworden— daſſelbe Gemüth, daſſelbe gute Herz.“ „Das freut mich in der That recht ſehr, Madame Schmitz.“ „Gewiß und wahrhaftig— aber unter uns.“ Sie legte bei dieſen Worten ihren Zeigefinger auf den Mund, und da ſie zu gleicher Zeit zum Abſchiede ſehr tief knixte, ſo machte das eine ſo komiſche Wirkung, daß Roderich ſichtlich erheitert das Zimmer verließ. — ———— 204 Sechstes Kapitel. Michel Angelo Schmitz ſchoß nun wie eine Rakete hinter ihm drein, um ihn bis auf die Straße zu begleiten. Roderich wäre gern einen Augenblick in Conchitta's Zimmer getreten, um nach ihren Arbeiten zu ſehen, doch ſcheute er ſich, dieſen Wunſch aus⸗ zuſprechen, und hoffte vergebens, der kleine Kunſtkenner würde ihm dieſes Anerbieten ſtellen: er hätte auf dieſe Art wenigſtens die kleinen, beſcheidenen Räume wiedergeſehen, in denen ſie lebte, in denen ſie athmete, in denen ſie ihrer Freunde, unter welche er ſich wohl zählen durfte, gedachte; er hätte vielleicht eine Arbeit geſehen, mit der ſie gerade beſchäftigt war, er hätte wohl mit ſeiner Hand die Lehne ihres Stuhles berühren können, an welcher ihr Kopf mit dem prächtigen ſchwarzen Haare zu ruhen pflegte. An der Hausthür hatte der kleine Mann mit ſeinen beiden Händen die Rechte des berühmten Malers ergriffen und ihm einige dankende Worte geſagt, dann war letzterer davongegangen, ſeinem Atelier zu.. „Warum,“ dachte er, als er ſo dahinging,„war ſie heute Morgen gegen ihre Gewohnheit ſchon ſo früh ausgegangen— und wohin mochte ſie gegangen ſein?“ Er hatte ſo ſicher gehofft, ſie zu Hauſe zu finden, und bereute ſehr dieſen vergeblichen Gang, nicht als ob ihn die Zeit gedauert, die er darauf verwandt, nein, ſondern er bereute, gerade heute dieſen vergeblichen Beſuch gemacht zu haben, den er morgen, übermorgen, ja, kommende nächſte Woche nicht wiederholen durfte; denn bei den kleinlichen Verhältniſſen der Stadt, in welcher er lebte, wäre eine Wiederholung dieſes Beſuches in kurzer Zeit auffallend geweſen und würde wahrſcheinlich zu Ge⸗ reden Veranlaſſung gegeben haben, welche ihm in ihren Folgen für ſich, beſonders aber für Conchitta unangenehm geweſen wären. Wohin mochte ſie gegangen ſein— und ſchon zu ſo früher Tageszeit? Unter dieſen Gedanken erreichte er den kleinen Garten, in dem ſein Atelier lag und an deſſen Eingangsthür er ſtehen blieb, um — Sie ſah mich arglos freundlich an. 205⁵ einen Reiter zu betrachten, beſonders aber deſſen zierlich galoppiren⸗ des Pferd, das gegen ihn daherkam. Jetzt erkannte er Rodenberg, der ihn ſchon von Weitem mit der Hand grüßte, dann neben ihm den Rappen parirte und ihm freundlich einen guten Morgen bot. Roderich ſah den jungen, ſchönen Mann gern, einen ſo vor⸗ trefflichen Reiter und guten Künſtler, der ihn jetzt ſo heiter, ſo glücklich lächelnd anſchaute, den Hut von ſeinem krauſen, blonden Haare nahm und ſich mit demſelben Kühlung zufächelte, indem er luſtig ausrief:„Da kann man ſehen, wer es gut hat in der Welt— da ſchlendert Ihr langſam nach Eurem kühlen Atelier, um Werke zu ſchaffen, welche die Verwunderung der ganzen civili⸗ ſirten Welt ſind, während ein armer Teufel wie ich ſchon ſo früh in der Hitze herumreiten muß— puh, heute wird's einmal heiß!“ „Ei, der Tauſend,“ erwiederte Roderich lachend,„Ihr habt mich wohl zu beneiden, wenn Ihr da wie ein Cavalier in der prächtigen Morgenluft ſpazieren reitet, während ich auf der ſtau⸗ bigen Straße nach meinem dumpfen Atelier ſchleiche! Aber wo kommt Ihr ſchon ſo früh her?“ „Ja, wenn ich Euch das ſage, ſo wird Euch Bewunderung erfüllen von meinem Amtseifer— heute Morgen waren wir im Dienſt, Verehrteſter, im ſtrengen Dienſt! Ich war nämlich draußen in den Bergen und ritt Probe zu unſerem Künſtlerfeſte.“ „Ah, als wilder Jäger, der Rappe paßt vortrefflich dazu, Ihr werdet famos ausſehen!“ „Das hoffen wir,“ verſetzte der junge Mann wohlgefällig,„ich und mein Pferd— wollte ſchon, es wäre mein eigenes, es gehört aber meinem Freunde, dem Rittmeiſter von Strachwitz—, nicht wahr, ein capitales Thier?“ „Ausgezeichnet, und es iſt ſehr freundlich von ihm, daß er es zum Feſte leiht.“ 3 „Nun, er kennt ſeine Leute,“ meinte der Andere, ſich in die Sechstes Kapitel. Bruſt werfend;„auch bekomme ich einige Unteroffiziere, tüchtige Reiter, als Gefolge, und Rüden habe ich mir zuſammengeborgt, eine ganze Meute— ach, da fällt mir eine Bitte ein, die ich an Euch auf dem Herzen habe, Roderich: Ihr könnt mir wohl ein ſchönes Schwert leihen, ich weiß, Ihr habt Vorrath in alten Waffen.“ „Mit Vergnügen; ſoll ich Euch eines ausſuchen und es Euch ſchicken?“ „Wenn Ihr es mir erlauet, ſehe ich ſelbſt ein bischen nach; es macht mir immer Freude, Eure prächtigen Sachen zu ſehen, und dann vor allen Dingen Euer neues Bild; man ſagte mir, es ſei faſt fertig— darf ich mir erlauben, Euer Atelier zu beſuchen?“ fuhr er in komiſch gravitätiſchem Tone fort, indem er den Knopf ſeiner Reitpeitſche ſalutirend an den Rand ſeines Hutes hielt. „Es iſt immer eine Ehre für uns arme Künſtler,“ erwiederte Roderich, ſcherzhaft den gleichen Ton annehmend,„wenn hohe Herren ſich zu uns herablaſſen.“ Der junge Maler winkte mit einer vortrefflich paſſenden Miene vornehmer Nachläſſigkeit dem Huſaren, heranzukommen, und ſchwang ſich dann aus dem Sattel ganz mit dem Air eines großen Herrn; auch wußte er die bereitgehaltenen fünf Silbergroſchen ſo geſchickt in die Hand des Huſaren gleiten zu laſſen, während er den ſchlanken Hals des Rappen ſtreichelte, daß Roderich nichts davon merkte; dann betrachtete der Reiter nochmals ſein Pferd mit Kennermiene und ſagte, während er ſich den Staub von den Stiefeln ſchlug: „Nach Hauſe.“ Die beiden Künſtler traten hierauf in den Garten, und als das Thor hinter ihnen zufiel, meinte Arthur lachend:„So, jetzt wäre bis auf Frack und Weſte aller falſche Flitter abgeſtreift, denn dieſes Kleid,“ ſetzte er, ſich verbeſſernd, hinzu, da er wohl fühlte, er wäre im Begriffe, zu offenherzig zu ſein,„iſt doch nur die unächte Umhüllung eines Künſtlers; ich fühle mich nur wohl im Malerkittel, beim Dufte der Oelfarben.“ Sie ſah mich arglos freundlich an. 207 „Was das Letztere anbelangt, lieber Rodenberg,“ ſagte der Andere, den jüngeren Maler unter den Arm nehmend,„ſo habe ich mit großem Vergnügen gehört, daß Sie Palette und Pinſel bei Seite legen wollen: ein Entſchluß, zu dem ich Ihnen von Herzen Glück wünſche.“ „Ich verſtehe Sie vollkommen, ich muß Ihnen Recht geben, und doch thut es mir leid: man iſt kein Maler mehr, wenn man nicht mehr malt.“ „Aber wenn man ſo componirt und zeichnet, wie Sie, ſo iſt man ein großer Künſtler,“ erwiederte Roderich mit Wärme. „Ah, wie es mich freut, das aus Ihrem Munde zu hören!“ rief der jüngere Maler, indem er mit leuchtenden Blicken ſtehen blieb. „Es iſt die Wahrheit, und jeder, der Ihr großes Talent an⸗ erkennen will, muß Ihnen das ſagen; ich war ſoeben bei unſerem Bekannten, dem kleinen Michel Angelo, und ſah dort ein Blatt von Ihnen: Don Quixote in der Nacht über die Haide reitend.“ „Eine flüchtige Skizze.“ „Fragen Sie Schmitz, was ich ihm darüber ſagte. Führen Sie Ihre Illuſtrationen zu Don Quixote oder zu den deutſchen Mährchen ſo durch, und man wird Sie nicht nur enorm dafür bezahlen, ſondern Sie werden ſich einen tüchtigen Namen machen.“ „Ich gab dem Buchhändler das Wort, meine Zeichnungen zu verlegen; dazu gehört Geld, Geſchmack und Sinn für die Kunſt.“ „Nur Geld und das richtige Erkennen, ein gutes Geſchäft zu machen. Wollen Sie wohl gar von einem Buchhändler noch ver⸗ langen, daß er das, was er thut, um des guten Geſchmackes willen thut, oder um der Kunſt zu nutzen?“ „Traurig genug, das Facit einer Berechnung ſein zu müſſen und vor der Welt wenig oder viel zu gelten, je nachdem mit uns gut oder ſchlecht ſpekulirt worden iſt— ah, da haben Sie es doch beſſer!“ Sechstes Kapitel. „Vielleicht, wenn wir, was aber höchſt ſelten vorkommt, direkt mit einem wirklichen Kunſtfreunde verkehren, der unſer Werk kauft, weil es ihm gefällt, und der nicht ſchäbig handelt und marktet, wo er glaubt, es thun zu dürfen. Weiß Gott,“ fuhr er achſel⸗ zuckend fort,„ſind doch unſere Bilder nachgerade Gegenſtand der Spekulation geworden wie ein Staatspapier— es iſt zum Ver⸗ zweifeln, und dieſes Geſchacher mit Kunſtwerken, ſowie das Herum⸗ ſchicken derſelben in aller Welt muß einem Bilde den Schimmer der Jungfräulichkeit nehmen!“ „Bst,“ ſagte Rodenberg lächelnd, als ſie nun in das kühle Atelier eingetreten waren: „In dieſen heiligen Hallen Kennt man die Rache nicht— hier weht es mich immer ſo künſtleriſch an, daß mir gerade zu Muthe iſt, als müßte der große Mediceer jetzt eintreten und ſtunden⸗ lang zuſchauen, wie ſein Bild voranſchreite.“ „Ja, das er ſelbſt beſtellt, und nicht durch die Kunſthändler Salomon Meier.“ „Oder als bücke ſich dort der größte Kaiſer vieler Jahrhun⸗ derte, um einen Pinſel aufzuheben; dazu aber fehlt der Kaiſer.“ „Und ebenfalls ein neuer Titian,“ meinte Roderich lachend, indem er ſeinen Rock auszog und in den von Sammt ſchlüpfte, welchen ihm Andreas hinhielt—„ſo, jetzt wollen wir nach der Waffe ſehen.“ „Ich denke, zuerſt nach dem Bilde.“ „Da ſteht es, Padrone, wie der Italiener ſagt.“ „A— a— a—ah!“ Dieſer Ausruf des jungen Künſtlers galt dem großartigen Kunſtwerke, das er nun faſt vollendet vor ſich ſah, und im All⸗ gemeinen und Speciellen einem weiblichen Kopfe, der aber auch ſo gewaltig zwiſchen den übrigen Geſtalten des Bildes hervortrat, daß Sie ſah mich arglos freundlich an. 209 er die Harmonie deſſelben geſtört hätte, wenn man nicht die Abſicht des Malers errathen haben würde, vor Allem die Blicke des Be⸗ ſchauers auf dieſe wunderbaren Züge zu lenken, Züge von einer claſſiſchen, vollendeten Schönheit, und die ſelbſt unter dem Einfluſſe von Haß und Rache, mit dem das ſchöne Weib auf einen zu ihren Füßen Dahingeſunkenen blickte, noch immer etwas Wohlthuendes, Großartiges behielten. „Ah, wie ſchön das iſt!“ Roderich war in eine Ecke ſeines Ateliers gegangen, und während er leiſe eine bekannte Melodie ſummte, nahm er eine Cigarre und zündete ſie an. „Wenn ich ſo etwas ſehe,“ rief der junge Maler enthuſiaſtiſch aus,„ſo möchte ich blutige Thränen weinen, daß es mir auf immer und immer verſagt ſein ſoll, auch etwas Gutes zu ſchaffen— was iſt eine elende Zeichnung gegen ein Werk wie dieſes?“ „Sie haben Unrecht mit dem, was Sie ſagen: anſtatt Vier⸗ hunderten, die vielleicht kommen, um mein Bild zu bewundern, erfreuen ſich Tauſende an Ihren Zeichnungen!“ „Ja, ſie erfreuen ſich daran, kühl und gemeſſen, aber wird Einer einen Ruf des Entzückens ausſtoßen, wenn er betrachtet, was ich gezeichnet?— Und doch,“ fuhr er nach einer längeren Pauſe fort,„wenn ich lange in ſolchen Gedanken herumwühle— nicht mit Neid im Herzen, ſo wahr mir Gott helfe!—, ſo kommt es faſt wie Beruhigung über mich, daß ich mich für immer des Ver⸗ ſuches entſchlage, in dieſer Kunſt Gott weiß der Wiecvielſte zu ſein, während ich wahrhaftig die Kraft in mir fühle, im Zeichnen etwas zu leiſten.“ „Ganz richtig, mein lieber Freund,“ ſagte Roderich, der her⸗ beigekommen war und dem Anderen freundlich ſeine Hand auf die Schulter legte;„wenn der Vergleich richtig wäre, würde ich Sie an das Beiſpiel Cäſar's erinnern, lieber in einem Dorfe der Erſte zu ſein, als der Zweite in Rom.“ Sechstes Kapitel. „Wenn ich Ihnen hundertmal wiederhole,“ ſprach nach längerem Betrachten Rodenberg,„wie ſchön ich dieſes Bild finde in Compo⸗ ſition und Ausführung, ſo wird Ihnen das wenig Eindruck machen, da Sie ſchon das Urtheil beſſerer Leute gehört; doch darf ich viel⸗ leicht hinzuſetzen, daß mir eigenthümlicherweiſe die Hauptfigur etwas ſo Sympathiſches hat, daß ich es kaum vermag, den Blick abzu⸗ wenden von dieſem wildſchönen Antlitze.“ „Wie kommt das?“ fragte der Herr des Ateliers in un⸗ befangenem Tone und doch nicht ohne Intereſſe. „Weil für mich aus dieſen düſteren Zügen andere, freundliche hervorlächeln, die ich noch vor Kurzem geſehen und die mir un⸗ vergeßlich ſein werden....— Es gibt eine ſchöne Dame, die Ihnen bei der Anlage des Kopfes vorſchwebte oder die Ihnen er⸗ laubte,“ ſetzte er in fragendem Tone hinzu,„ihre Züge zu benutzen?“ „Wohl möglich,“ gab Roderich ausweichend zur Antwort;„ja, ja, es gibt eine junge Dame hier, welche mit der Figur auf meinem Bilde einige Aehnlichkeit hat.“ 3 „Nur einige Aehnlichkeit?“ rief der Andere in einem Tone, der wie Ironie klang;„nehmen Sie dieſem Kopfe das Dämoniſche, den Ausdruck des tödtlichſten Haſſes, ſo haben Sie die Züge jener Dame, an die ich ſoeben dachte!“ Der Herr des Ateliers berührte mit ſeinem Zeigefinger das Bild an einer Stelle, um zu unterſuchen, ob dort die Farben trocken ſeien, dann ſagte er lächelnd:„Sie ſind ein guter Fechter, Roden⸗ berg, weil Sie ſogleich einen zweiten Stoß führen, wenn der erſte nicht ſitzt.“ „Habe ich Sie verletzt?“ „Das nicht gerade, aber Sie wollten etwas durchdringen, das, wenn es auch eben kein Geheimniß iſt, doch auch nicht öffentlich ſein ſoll.“ 3 „Ah, ich verſtehe und bitte um Verzeihung! Schweigen wir darüber!“ — —— Sie ſah mich arglos freundlich an. 211 „Im Gegentheil, reden wir darüber; Künſtler wie Sie, mein lieber Rodenberg, rechne ich nicht in meinem Sinne zur Oeffent⸗ lichkeit; ich entlehnte dieſe Züge von einer mir bekannten und be⸗ freundeten Dame.“ „Es konnte nicht anders ſein.“ „Sie kennen dieſe Dame?“ „Leider kenne ich Sie nicht.“ „Aber Sie ſahen ſie öfters?“ „Nur ein einziges Mal, vor ungefähr einer Stunde.“ „Ah, vor ungefähr einer Stunde?“ fragte Roderich, indem er ſich abwandte, um Palette und Malerſtock zu ergreifen, worauf er dann ſein Bild, für das er nur allein Intereſſe zu haben ſchien, mit zurückgebogenem Kopfe betrachtete—„und wo ſahen Sie dieſe Dame, wenn das kein Geheimniß iſt?“ „Durchaus nicht; ich ſagte Ihnen vorhin ſchon, daß ich zu meinem wilden Jäger Probe geritten; müde, über Gräben und Hecken zu ſetzen, ſtieg ich ab und ſkizzirte die Fahnenburg— ich brauche ſie ja, wie Sie wiſſen, zu vem Gedenkblatte, welches das Comité ſo freundlich war, mir in Auftrag zu geben. Apropos, ich vergaß wahrhaftig, Ihnen, der Seele dieſes Comité's, dafür meinen herzlichſten Dank zu ſagen!“ 4 „Laſſen wir das, lieber Rodenberg— alſo, Sie dachten an den Auftrag?“ 3 „Ja—a—a-—a, ich dachte an den Auftrag,“ antwortete der junge Mann zögernd, denn er wußte, daß er die Unwahrheit ſprach. „Als ich ſo ſaß und zeichnete, kam eine junge Dame auf dem ſchmalen Fußpfade von der Fahnenburg herab.“ „Jene junge Dame, deren Aehnlichkeit mit der Figur in meinem Bilde Ihnen auffiel?“ fragte der Andere, ruhig malend. „Dieſelbe— ein Herr von ziemlich fremdem Ausſehen war bei ihr.“ „Ah, wie man ungeſchickt ſein kann,“ rief Roderich, indem er Sechstes Kapitel. ſich bückte, um ſeine Cigarre aufzuheben, die ihm entfallen war, „wie ungeſchickt und— wie unhöflich, ich rauche und biete ihnen keine Cigarre an— verzeihen Sie, lieber Rodenberg, dort auf dem Tiſche ſind welche, bitte, die kleinen ſind die beſten!“ Während der jüngere Maler an den bezeichneten Platz in der Ecke des Ateliers ging, ſich dort eine Cigarre nahm und ſie an⸗ zündete, fuhr Roderich in gleichgültigem Tone fort:„So, ein Herr war bei Ihrer Dame? Ich glaubte ſchon, Sie würden mir ein kleines, pikantes Abenteuer erzählen.“ „Nun, der Herr würde mich dabei gerade nicht genirt haben,“ verſetzte Arthur, zurückkommend;„es war ein ziemlich alter Herr von einem ſehr geſetzten Weſen.“ „Und von einem fremden Ausſehen?“ „Ja, ſein Teint war wie mit Sepia untermalt und ſein kohl⸗ ſchwarzer Knebel⸗ und Schnurrbart ſah nicht nach dem Raſirmeſſer eines unſerer Barbiere aus.“ 8 „Der Mann kommt mir ſpaniſch vor,“ lächelte Roderich.“ „Ja, und die jüngere Dame— ah, ſie war ſehr ſchön!“ „Und Sie ſehr liebenswürdig, was wohl einen großen Ein⸗ druck auf das Herz dieſer jungen Dame machte?“ ſagte der Herr des Ateliers, indem er einen beinahe düſteren Blick auf die ſchöne Geſtalt und das edle, blühende Geſicht des jungen Mannes warf. „Ich gab mir die ſchönſte Mühe, in allen brillanten Farben zu erſcheinen; ich hatte mich ihr als kühnen Reiter gezeigt, ich ſuchte in der Unterhaltung zu glänzen, während ich vor ihren Augen keine ſchlechte Skizze von der Fahnenburg auf das Papier warf.“ Hier entſtand in der Unterredung der beiden Künſtler eine längere Pauſe, hervorgerufen durch Roderich, der, das Geſprächs⸗ thema mit Einem Male ändernd, zu dem Anderen ſagte:„Laſſen Sie mich den Zweck Ihres Beſuches nicht vergeſſen; da an der Wand hangen meine Waffen, ſehen Sie, ob Sie etwas Paſſendes * Sie ſah mich arglos freundlich an. für ſich finden. Ich rathe Ihnen dort zu der auffallend langen Klinge mit dem feinen, zierlichen Griffe— eine echte Toledo.“ Rodenberg ging an den bezeichneten Platz, nahm das lange Schwert von Toledo ſorgfältig herab von dem Nagel, an dem es hing, und zog die prächtige Klinge aus der Scheide; ſtatt aber das 8 Zeichen der Echtheit zu betrachten, den oberhalb des Blattes roh eingehauenen Wolf von Toledo, ſchweiften ſeine Blicke und Ge⸗ 1 danken über die glatte, ſpitze Klinge hinweg zu Roderich hin, da⸗ — bei denkend: ‚Er ſcheint ſeine Gründe zu haben, auf einmal über jene Dame ſchweigſam zu werden— ſollen wir discret ſein oder indiscret? Pah, unter jungen Leuten nimmt man es nicht ſo ge⸗ nau, ich muß etwas über ſie erfahren— ſeien wir alſo indiscret!⸗ Der Herr des Ateliers ließ die eine Hand mit der Palette herabhangen und ſtützte ſich mit der anderen auf die Staffelei, während er zu ſich ſelber ſprach:„Mache ich ihm ein Geheimniß * daraus, wer jene junge Dame iſt, ſo reizt es ſeine Neugierde, während er die Sache vergeſſen wird, wenn ich unbefangen darüber rede.— Nicht wahr, ſie iſt ſchön?“ rief er, ſich halb gegen ſeinen Gaſt wendend. „Die Klinge, oder meinen Sie vielleicht die junge Dame, von der ich vorhin ſprach?“ gab der junge Maler lachend zur Antwort und ſetzte, zu ſich ſelber ſprechend, hinzu, während er mit dem toledaner Degen nach Fechterart gegen die Wand ausfiel:„Das war deutlich genug!“ „Beide— doch bleiben wir vor der Hand bei der Klinge; wenn ſie Ihnen convenirt, ſo leihe ich ſie Ihnen mit Vergnügen.“ „Was ich mit Dank annehme,“ verſetzte Arthur, worauf er elegant ſalutirte, die Klinge einſteckte und darauf wieder zu Node⸗ rich trat, welcher mit großer Emſigkeit zu malen ſchien. „So mit dem Degen wären wir fertig, alſo jetzt nochmals zu meiner ſchönen Unbekannten.“ „Mich wundert nur, daß Sie dieſelbe früher nie geſehen,“ 214 Sechstes Kapitel. ſprach Roderich nach einem kleinen Stillſchweigen im Tone großer Gleichgültigkeit. „Wie ſo— wie ſollte ich die Bekanntſchaft einer Fremden machen, die vielleicht erſt einige Tage hier iſt?“ „Die junge Dame, von der Sie vorhin ſprachen, iſt aber ſchon längere Zeit hier.“ „A—a-—a— ah— und ob Sie ſie genau kennen, brauche ich beim Betrachten Ihres Bildes nicht erſt zu fragen.“ „Ja, ich kenne ſie ſo genau, wie ſie mehrere unſerer Bekannten kennen— ſie lebt ſchon ſeit einem Jahre hier.“ „A— a— a—ah!“ „Sie iſt eine Künſtlerin.“ „Den Teufel auch— mir ſagte die hübſche Hexe, ſie kenne keinen Strich zeichnen.“ Olfers ſah bei dieſer Benennung mit einem unwilligen Blicke in die Höhe; doch fuhr der Andere unbefangen fort: „Ja, ſie wunderten ſich über meine Zeichnung, und zwar mit einer Naivetät, als habe ſie nie einen Bleiſtrich geſehen— ſchau, ſchau, aber ſingen kann ſie, allen Reſpekt vor dem Geſang!“ Roderich ſchaute abermals in die Höhe, doch drückten ſeine Blicke dieſes Mal Erſtaunen und Zweifel aus. „Alſo ſie wohnt hier in der Stadt— und wo? wenn man fragen darf.“ Roderich biß ſich auf die Lippen, und es dauerte ein paar Sekunden, ehe er zur Antwort gab:„bei dem kleinen Schmitz.“ „Bei Michel Angelo? Ei, ei, deßhalb hatte dieſer Schelm be⸗ ſtändig Ausreden, wenn ich ihn beſuchen wollte, um ſeine Bilder zu ſehen!“ „Gewiß aus einem anderen Grunde, denn ſeine Bilder und die junge Fremde, welche bei ihm wohnt, ſind zwei ſehr verſchiedene Gegenſtände.“. „Das kann ich mir wohl denken, aber ein Wort gibt — 9 1 2 ¹ 7 4 Sie ſah mich arglos freundlich an. 215 das andere, man iſt ebenfalls Künſtler— man grüßt das Hand⸗ werk.“ „Die junge Dame iſt von einer altadeligen, ſpaniſchen Fa⸗ milie, hat Vermögen und lebt ſehr eingezogen; ich wurde mit ihr bekannt, da ſie Empfehlungsbriefe an mich hatte, die ſie übrigens längere Zeit gar nicht benutzte— denn ſie iſt von ſehr ſtiller, faſt ſchüchtener Gemüthsart.“ „So— o— o— o?“ machte Arthur im Tone des Zweifels. „Auch iſt ſie obendrein von einer älteren Schweſter mit einer Schärfe überwacht, wie man in Spanien junge Mädchen zu über⸗ wachen pflegt.“ „Von einem älteren Bruder vielleicht?“ „Von einer älteren Schweſter, wie ich geſagt.“ „Nun, dann muß ſich dieſe ältere Schweſter in ihren älteren Bruder verwandelt haben,“ lachte Rodenberg,„oder,“ ſetzte er ab⸗ ſichtlich hinzu,„ich habe mich gewaltig verſehen.“ „Da Sie nur Augen für die junge Dame hatten.“ „Mein Gott, ja— es war ſo ein Spiel des Augenblicks: wir plauderten zuſammen, recht heiter, deſſen kann ich Sie ver⸗ ſichern, nur als ſie mich endlich verließ und zur Fahnenburg hinaufging, ſang ſie, wie ich in meinem ganzen Leben nicht ſingen gehört; es lag in dem Geſange etwas Zauberhaftes, die Bäume ſpitzten förmlich ihre Blätter, als hätten ſie Tauſende von Ohren.“ „In der That?“ „Wahrhaftig, und ich ritt ganz nachdenklich nach Hauſe— wer weiß,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu,„ob die junge Dame, wenn ich ſie zu Hauſe zwiſchen vier Mauern geſehen oder draußen mit ihrer Duenna gravitätiſch ſpazieren gehend, einen gleichen Ein⸗ druck auf mich gemacht hätte, da es etwas ganz Anderes iſt, wenn man ſich an einem ſo wundervollen Morgen im grünen, duftigen Walde plötzlich begegnet in ſtiller Einſamkeit, ſanft angeregt durch die herrliche Kühle, in der wir wandeln, durch das leiſe Rauſchen — Sechstes Kapitel. der Blätter, den Geruch der Tannennadeln, die mit ihrem Weih⸗ rauchdufte unſer Herz in eine ſo kirchliche Stimmung verſetzen.“ „Sie ſchwärmen ja förmlich, Rodenberg!“ „Die Jugend, die Jugend, aber ich werde einſtens alt und grämlich ſein; das hat aber noch Zeit,“ ſetzte er mit einem leuch⸗ tenden Blicke hinzu, wobei er ſich mit einer gewiſſen Coquetterie auf ſeinen langen Degen ſtützte und ſo eine prächtige, jugendlich friſche Erſcheinung abgab.„Sie hätten an meiner Stelle ebenfalls geſchwärmt— ach, es war eine heitere Stunde: das junge, ſchöne Mädchen kam mir wie eine Fee vor, wie ſie uns armen Sterblichen erſcheint, um alsdann plötzlich auf Nimmerwiederſehen zu ver⸗ ſchwinden— ſie ſchien ſo glücklich, ſo froh!“ „Wirklich?“ „Sie lachte ſo glücklich, ſie lachte ſo toll Und mit ſo ſchönen Zähnen— Wenn ich an dieſes Lachen denk', So wein' ich plötzliche Thränen“— deklamirte Arthur ſtatt einer anderen Erwiederung; dann zog er ſeine Uhr hervor und rief plötzlich:„Was, ſchon eilf Uhr! Ah, ich muß nach Hauſe, ich habe dort ein paar Kranke zu verpflegen; allerdings ungefährliche Kranke, Walter und Rüding— ſie hatten geſtern Abend ſtarke Händel mit einem böſen Geſellen, den man kalten Punſch nennt, und ſchmachten nach mir ſo, wie nach einem Trunke friſchen Waſſers.“ „Das iſt eine Chriſtenpflicht, da will ich Sie nicht aufhalten.“ „Auf Wiederſehen— und meinen beſten Dank für die ſchöne Waffe, welche ich mitnehmen und ſorgfältig bewahren werde!“ Der Gobelin fiel hinter dem jungen Manne herab, und wäh⸗ rend er zur Hausthür hinausſchritt, hörte man ihn ein luſtzͤges Lied trällern. .—— — — VII. „Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß.“ in tiefes Aufathmen, einem ſchweren Seufzer gleich, folgte Arthur und ſeinem Geſange und hallte förmlich wieder in dem hohen und jetzt ſo leeren und ſtillen Atelier. Es war hier heute ſo ganz verſchieden von jenem Morgen, wo wir den geneigten Leſer zum erſten Male hieher geführt. Die Schüler Roderich's hatten die Ecke hinter ihrem großen Carton verlaſſen und waren ſchon ſeit einigen Tagen ins Freie gezogen, angeblich, um Naturſtudien zu machen. Walter, Lytton und Andere fehlten mit ihrem gemüth⸗ lichen Geplauder— dort war die Stelle leer, wo Conchitta geſeſſen und wo ſich das kleine Mädchen an ihre Knie geſchmiegt. Wie oft aber war Olfers ſchon ſo allein geweſen, und wie gern! Nie hatte er ſich in ſolchen Augenblicken einſam gefühlt; ſeine Gedanken weilten alsdann bei ſeinen Arbeiten, bei denen, die er gerade ausführte, oder bei neuen Entwürfen. War dies nicht der Fall, ſo bevölkerte ſeine Phantaſie das weite Gemach mit freundlichen Geſtalten, oder in Stunden glücklicher Muße, wenn er, vielleicht müde vom Schaffen, eine Cigarre rauchend, in ſeinem niedrigen Fauteuil ruhte, ſo ſchaute er alle die Gegenſtände an, welche umherlagen, umherſtanden oder welche die Wände bedeckten, und konnte ſich bei ihrem Anblicke zurückverſetzen in die vergangenen Hackländer's Werke. 52. Bd. 15 Siebentes Kapitel. Tage und in die fernen Länder, wo er Dieſes oder Jenes gefunden, wo er ſich ſo glücklich gefühlt, in den Beſitz deſſelben zu kommen, wie er es auf der Rückreiſe ſo ſorgfältig vewahrt, und welche Freude er empfunden, wenn er es endlich bei ſich aufgeſtellt. Heute dachte er an alles das nicht; ſeine Cigarre hatte er ſchon längſt weggeworfen, Palette, Pinſel und Malſtock, ſowie er ſich allein befand, mechaniſch niedergelegt und war dann in ſeinen Stuhl geſunken, wo er den Kopf zwiſchen ſeine Hände vergrub. Tauſende widerwärtiger Gedanken durchkreuzten ſein Gehirn; er war ſchon am Morgen verſtimmt von Hauſe weggegangen, denn ſein kleines Mädchen, das gewöhnlich mit ihm zu frühſtücken pflegte, mußte zu Bette bleiben, da das an ſich ſchwächliche Kind in der Nacht krank geworden war. Roderich hatte vor dem Grauen des Tages ſchon lange, lange an dem Bettchen ſeines Kindes geſeſſen, häufig deſſen brennende Stirn berührend oder ſeinen fieberhaft raſchen Puls beobachtet, wobei ihm Margarethe, wenn ſie, was häufig geſchah, aus unruhigem Schlummer aufſchreckte, mit ihren matten Augen anſah und jedes⸗ mal lächelnd verſicherte, ſie befinde ſich viel beſſer. Olfers war vom Hauſe weggegangen, nachdem ihm der herbei⸗ gerufene Hausarzt verſichert, dieſer Anfall habe an ſich nichts Be⸗ unruhigendes, im Allgemeinen aber müſſe das Mädchen bei ſeinem ſchwächlichen Körperbaue, wie er ſchon öfters geſagt, auf's ſorg⸗ fältigſte geſchont werden. Das Kind hatte ſich ſo darauf gefreut, mit ſeinem Vater nach dem Atelier gehen zu dürfen, indem es gehofft hatte, dort Conchitta zu finden, die ihm ſo hübſche Märchen erzählte und die es überhaupt ſo lieb hatte.... Ah, Conchitta..... Gerade vor einem Jahre war die junge Spanierin hier ange⸗ kommen, hatte aber erſt nach einiger Zeit ihre gewichtigen Empfeh⸗ lungsbriefe im Hauſe Roderich's abgegeben und war dort von der Her⸗ rin deſſelben ziemlich kühl aufgenommen worden— was konnte eine —— 8 ————— — Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß. 219 Künſtlerin wohl anders in ihr Haus führen, hatte ſich Frau Hilde⸗ gard ſelbſt geſagt, als die Protection oder vielleicht die Unter⸗ ſtützung ihres Mannes, des berühmten Malers— ſie brauchte der⸗ gleichen Leute nicht in ihren vier Wänden; zumal eine Perſon nicht, die bei ſo viel Jugend und Schönheit mit einem jedenfalls nur erheuchelten, ſo auffallend zurückgezogenen und beſcheidenen Weſen auftrat, die ein kühles verletzendes Wort ſo richtig empfand und daſſelbe, ohne ſelbſt verletzend zu werden, daddurch wiedergab, daß ſie ihre Beſuche immer ſeltener machte und endlich ganz unterließ. Hatte Frau Hildegard nicht Recht gehabt, eine Perſon fern von ihrem Hauſe zu halten, die trotzdem, daß man ſie nicht nur kalt, ſondern ſogar verletzend behandelt, die Gattin des Malers, wo ſie dieſelbe ſah oder ihr begegnete, aus reiner Oppoſition und Heuchelei mit Anſtand und Ehrfurcht grüßte— welche das Atelier des berühmten Malers, dem ſie von guten Freunden dringend empfohlen war, zuweilen, wenn auch nicht häuſig, beſuchte, und die ſich vor allen Dingen bei dieſen Beſuchen die herzliche Liebe ihrer kleinen Tochter erworben hatte? Wo Margarethe ſie ſah, im Atelier des Vaters oder bei Spa⸗ ziergängen, war ſelbſt nicht der kalte, finſtere Blick ihrer Mutter im Stande, ſie von dem jungen Mädchen zurückzuhalten. Sie eilte auf ſie zu, ſie hing ſich an ihre Hand— das Kind, ſonſt ſo lau⸗ niſch und verdrießlich, war dann mit Einem Male heiter, glücklich und zufrieden. Heute Morgen hatte es ſeinem Vater geſagt:„Wenn Du die Conchitta ſiehſt, ſo mußt Du ihr erzählen, ich ſei krank, aber es ſei ſo arg nicht; ich habe ihr nämlich verſprochen, ihr es ſagen zu laſſen, wenn ich wieder einmal krank werde. Dann will ſie mich auf alle Fälle hier auf meinem Zimmer beſuchen, und Mama wird alsdann wohl nichts dagegen haben.“ 3 „Ich werde ſie aber ſchwerlich ſehen,“ hatte Roderich geſagt, und darauf hatte das Kind geantwortet:„Mache, daß Du ſie Siebentes Kapitel. 220 ſiehſt; es freut mich ſchon, wenn ſie nur weiß, daß ich ein klein wenig unwohl geweſen.“ Aber er hatte ſie nicht geſehen— ſie war ausgegangen zu ſo ungewöhnlich früher Morgenſtunde; ſie war im Walde geweſen mit einem Begleiter, wie Rodenberg geſagt— Conchitta, das ſtille, ruhige Mädchen, die ſo wenig ſprach, die ſich ſo ſchwer an Fremde anſchloß, die ſich ſo ſelten von äußeren Eindrücken beherrſchen ließ und dieſen nachgab, war heiter und glücklich geweſen, hatte gelacht und geſungen— was war das? Ja, ſie hatte geſungen, und, wie Rodenberg ſagte, auffallend ſchön geſungen— warum hatte ſie ihm, den ſie mit Wärme ihren guten Freund nannte, ein Geheimniß daraus gemacht, daß ſie über⸗ haupt zu ſingen verſtand?. Und in Arthur's Geſellſchaft— in der Geſellſchaft dieſes auf⸗ fallend ſchönen und dabei nicht gehaltloſen jungen Mannes war ſie heiter und glücklich geweſen, nicht ſtill und gemeſſen, wie ſie gewöhnlich zu ſein pflegte—— Aus ſolch langen und tiefen Träumereien fuhr der Maler empor, ohne daß er in dem dichten Walde ſeiner wirren, trüben Gedanken einen Pfad gefunden hätte, der ihn zurückführte an das Licht eines freundlichen Tages. Er ſprang endlich von ſeinem Stuhle in die Höhe und machte einen raſchen Gang durch das Atelier. Alles kam ihm hier ſo dunkel vor, ſo gewöhnlich, ſo intereſſelos, ſogar ſein Bild auf der Staffelei, ja, dieſes am aller⸗ meiſten, und es war ihm, als hätte ſein Pinſel noch nie etwas ſo Mittelmäßiges hervorgebracht— ja, als er ſo da ſtand, den Kopf düſter in die Hand gelegt, fand er ſich auf dem Gedanken, als ſei er vielleicht gar nicht mehr im Stande, etwas ſo Vorzügliches zu ſchaffen, wie er früher mit Leichtigkeit gethan. Er athmete ſo tief auf, daß es klang, als ringe ſeine Bruſt nach fehlender Luft; dann ſtützte er ſich auf die hohe Lehne eines der Seſſel und dachte beim Anſtarren dieſes ſeines letzten Bildes Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß. 221 an ſein erſtes— wie fühlte er ſich damals ſo glücklich, ſo frei, ſo ohne jede Feſſel— gerade wie jener, der ſoeben von ihm fortging, wie Rodenberg ſich fühlte, unbeengt wie der Vogel in der Luft, wie der bunte Schmetterling auf ſonnenbeglänzter Wieſe, dem Lichte zufliegend, wann und wo es ihm beliebte, ſich freuend an dem Dufte herrlicher Blüthen, wann er wollte. Wie kurz war für ihn die Zeit einer gleichen vergoldeten Jugend geweſen, eigentlich von gar keiner Dauer, denn ſo bald ſein großes Talent angefangen, die Flügel zu regen, hatte man auch ſchon begonnen, leichte Fäden, die Anfänge künftiger Feſſeln, um die kräftigen Schwingen ſeines Geiſtes zu legen. Da ſtand ſein Bild faſt vollendet vor ihm, und an dem Tage, an welchem er es abſandte, war ſeine Kaſſe um eine große Summe reicher, um eine Summe, die jedem Anderen genügt hätte, jahre⸗ lang die Welt zu ſehen, ſich ſeines Lebens zu freuen und tauſend Thorheiten zu begehen!— Was that er mit dieſem Gelde, das für ihn nichts war, als kaltes, gefühlloſes Metall, kein Vermittler zu neuen Freuden: er ſandte es ſeinem Banquier und erfuhr in ein paar Tagen, daß ſein Haben um ſo und ſo viel Tauſend Thaler geſtiegen ſei. Zuweilen, aber ſehr felten, vermehrte er nach einer ſolchen Einnahme ſeine Sammlungen um ein neues Kunſt⸗ werk, eine werthvolle Waffe oder dergleichen— ſehr ſelten— und wozu auch? Hatte er doch Niemanden, mit dem er in ſeinen. Mußeſtunden oder auch bei ſeiner Arbeit ſo recht herzlich über dieſes oder jenes intereſſante Stück hätte plaudern können— war doch Niemand da— Niemand, der ſich mit ihm ſo recht innig gefreut hätte über die vielen, an ſich meiſt werthloſen Gegenſtände, die oft erſt dadurch ihren Werth erhalten, daß ein gleichgeſtimmtes liebes Weſen uns dieſelben von Herzen lobt oder daß wir ein ſolches Weſen in traulichen Stunden mit den Erinnerungen bekannt machen, die für uns an dieſem oder jenem Stücke haften und die es uns mehr oder minder werthvoll machen. 222 Siebentes Kapitel. Für Roderich gab es kein ſolches Weſen, das ſeinem Herzen nahe ſtand oder nahe ſtehen durfte, das mit einem liebenden An⸗ theile an ſeinem Munde gehangen hätte, wann er erzählte von ſeinen Reiſen, von ſeinen Erlebniſſen, von ſeinen Erinnerungen, die hier in ſeinem Atelier ſo viele ſtumme und doch ſo beredte Zeu⸗ gen hatten. Für ihn gab es kein Weſen, das rathend oder beſprechend den Strichen, die unter ſeiner Meiſterhand hervorgegangen, gefolgt wäre, oder das ſeine Bilder glühend gelobt und ſanft getadelt, oder das anmuthig in dem niederen Fauteuil dort gekauert und ihn unterhalten hätte mit Lachen und Scherz, mit luſtigen Necke⸗ reien, wenn er arbeitete, das ihm in heiterem Tone guten Rath ertheilt, das ihm ein fröhliches Lied geſungen, das ihm Feuer für ſeine Cigarre gebracht, ja, das verſuchsweiſe mit ihm geraucht hätte! Ein Weſen, welches liebend ſeine Blumen gepflegt hätte und ihm launige Geſchichten mitgetheilt, wenn er in Mußeſtunden draußen ſaß, ſeine Augen und ſeinen Geiſt erfriſchend an dem Grün der Blätter, ſeine Nerven beruhigend an dem gleichförmigen melo⸗ diſchen Plätſchern des Springbrunnens! Ein ſolches Weſen hätte ihn glücklich gemacht, er ſehnte ſich ſo glühend darnach—— Da hob Andreas den Gobelin vor dem Eingange in die Höhe und trat alsdann, durch eine tiefe Neigung ſeines Kopfes ehrerbietig grüßend, zurück. Madame Hildegard trat in das Atelier und erwiederte dieſen Gruß mit einem kaum merklichen Nicken ihres Kopfes, doch ſagte ſie dabei in lautem und ziemlich ſcharfem Tone: „Wird denn hier bei Euch das ewige Anpflanzen von Blumen nicht aufhören— wozu immer Blumen und nichts als Blumen?“ „Madame wollen verzeihen,“ entgegnete ſchüchtern der Gärtner, „wir haben noch Erdbeeren und Himbeeren hier und das Zwergobſt hat ſchön geblüht und gut angeſetzt.“ Die Gattin des Malers zuckte mit den Achſeln und ſagte beim —44 —4 Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß. 223 Eintreten:„Eure Erdbeeren verfaulen gewöhnlich hier außen oder vertrocknen, je nach dem Charakter des Jahres, und das Zwergobſt wird Euch geſtohlen— was bleibt da übrig?“ Die Blumen, die ſchönen, bunten, duftigen Blumen! dachte der Knecht, während er den Gobelin zwiſchen ſich und die Herrin fallen ließ.— Die Blumen, die ſchönen, bunten, duftigen Blumen! dachte auch der Herr, welcher begreiflicherweiſe kein Wort von der Unter⸗ redung verloren— die Erinnerung an ſchöne Früchte, welche wir genoſſen— und vielleicht doch noch eine kleine Hoffnung für die Zukunft! Madame rauſchte heran in ihrem weiten, bauſchigen, ſeidenen Kleide, Oberkörper und Haupt ſo aufrecht wie möglich, nicht die geringſte Bewegung zeigend in den Zügen ihres kalten, glatten und doch noch immer ſchönen Geſichtes. Sie war anzuſehen wie eine jener ſchlanken, in bunten Farben ſchillernden giftigen Waldblumen, welche der arglos Unwiſſende bewundernd anſchaut, die aber der Kenner fürchtet und ſcheut. Nachdem Frau Hildegard ſehr ruhig und gedehnt guten Mor⸗ gen geſagt, ſah ſie rings umher nach irgend einer Sitzgelegenheit, die ſich vielleicht vor den übrigen durch weniger Staub oder durch weniger unordentlich auf ihr herumliegende Gegenſtände auszeichnete.— Roderich ſchob, nachdem er den ihm gebotenen guten Morgen freundlich erwiedert, einen bequemen Lehnſeſſel heran, von dem er vorher ein Stück tiefrothen Damaſt herabgeſtreift, und ſtellte ihn ſo, daß man von demſelben aus ſein neues Bild betrachten konnte. Ehe ſich Frau Hildegard darauf niederließ, drehte ſie den Lehnſeſſel ein klein wenig und zwar ſo, daß ſie, um das Bild ihres Gatten zu ſehen, etwas über die Achſel blicken mußte. Sie liebte es ſehr, Menſchen und Gegenſtände über die Achſel anzuſchauen. Das offene, gute und redliche Gemüth des Malers hatte ſich vor wenigen Augenblicken in einer ſo weichen, wehmüthigen, ver⸗ 224 Siiebentes Kapitel. ſöhnlichen Stimmung befunden; er hatte ſo ſehr und ſo ſchmerz⸗ lich den Mangel eines mitfühlenden Herzens erkannt; er hatte ſich bemüht, durch einige wenige glückliche Erinnerungen aus ſeiner Vergangenheit doch noch eine Hoffnung für ſeine und ſeines Kin⸗ des Zukunft aufzubauen, daß er mit einem warmen, verſöhnlichen Gemüthe die Hand ſeiner Frau ergriffen hätte, wenn ſie ihm die⸗ ſelbe nur mit der Idee eines freundlichen Blickes, mit einem ein⸗ zigen guten Worte entgegengeſtrect. 3 Er war empfindlich und empfänglich wie alle Künſtler, und deßhalb ſchnitt ihm der knarrende Ton, den der Lehnſeſſel bei der Wendung hervorbrachte, tief in's Herz und machte, daß er ſeine Lippen feſt zuſammenpreßte. Frau Hildegard ſeufzte ein wenig, während ihre großen, ſehr klaren Augen rings umherliefen und ihr Sonnenſchirm auf dem Boden eine drehende Bewegung machte. 3 Roderich wußte, daß er ziemlich lange auf die Eröffnung eines Geſpräches hätte warten müſſen, wenn ſeine Frau. zum Sprechen nicht beſonders geneigt war. Sie pflegte ihre Launen und ihre ſchmerzhaften Erregungen gegen ihn je nach ihrem Gefallen auf. zweierlei Art kund zu thun, einmal durch Schweigen und ſehr ſpär⸗ liche Reden oder durch eine Fluth von Worten. Heute ſchien ſie in der ſchweigenden Laune zu ſein, weßhalb er nach einiger Zeit ſagte:„Heute wirſt Du hier im Atelier weniger Leben finden, als neulich.“ Worauf ſie, ihn ſcharf an⸗ ſehend, erwiederte:“ „Ja, ich finde es hier heute ruhiger und anſtändiger und Dich deßhalb wohl in weniger guter Laune.“ „Wie ſo?“ fragte Olfers, indem er ſich gewaltſam zu einem Lächeln zwang. „Du warſt verſtimmt, als ich eintrat, oder vielleicht gerade, weil ich eintrat.“ Er machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern, in⸗ Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß. 22⁵ dem er ſagte:„Thue mir den Gefallen und ſprich ſolche Voraus⸗ ſetzungen nicht aus, die leider richtig werden müſſen, weil Du ſie auf ſo herbe Art ausſprichſt!“ „Du findeſt alles herb und hart, was ich ſage, Du findeſt den Ton, den Du führſt!“ 3 „Gäbe Gott, daß Du die Wahrheit ſprächeſt, und ſei über⸗ zeugt, daß ich dann in Deinen Reden ſtets einen herzlichen und warmen Ton fände!“ „Laſſen wir dieſes Wortgefecht, in welchem Du mir überlegen biſt— ich kam in einer anderen Abſicht, um einer anderen Urſache willen hieher!“ Roderich fühlte ſich verlett durch ihre Worte, beſonders aber durch den kalten Ton, mit dem ſie dieſelben ausſprach.„So laß mich Deine Abſicht und Deine Urſache hören,“ ſagte er, weniger freundlich, als er es ſonſt gewiß gethan hätte. „Du brauchſt dieſes Verlangen nicht ſo rauh an mich zu ſtel⸗ len,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort;„ich komme mit beküm⸗ mertem Herzen.“ „Ah,“ machte er, ſie anſchauend, und ſeine angeborene Gut⸗ müthigkeit ließ ſeinen Blick aufmerkſam, ja, ſogar herzlich erſcheinen. „Das Unwohlſein meiner Tochter macht mir Sorge.“ Frau Hildegard hatte die Gewohnheit, bei ähnlichen Veran⸗ laſſungen nie oder höchſt ſelten zu ſagen: unſeres Kindes. Mit dem Ausdrucke meiner Tochter oder meines Kindes fing ſie gewöhn⸗ lich ihre Erörterungen an und ſteigerte ſie in den meiſten Fällen bis zur Benennung: meiner Tochter, welche Dir mit ihrem guten Herzen durchaus unähnlich iſt. „Der Arzt gab mir die tröſtliche Verſicherung, ihr leichtes Unwohlſein ſei nur vorübergehend.“ „Womit Du Dich eben ſo leicht getröſtet.“ Er warf ihr einen ſchmerzlichen Blick zu, ohne ſie jedoch durch eine Sylbe zu unterbrechen, Siebentes Kapitel. „Dieſes Unwohlſein wird, ſo Gott will, allerdings vorüber⸗ gehen, aber es wird auch wiederkehren; Margarethe huſtet, und wenn ſie huſtet, färben ſich ihre blaſſen Wangen mit einer ver⸗ dächtigen Röthe.“. „Heute Morgen, als ich ſie verließ, huſtete ſie noch nicht,“ ſagte Roderich beſorgt.„Das Kind blieb doch in ſeinem Bette?“ „Ich ließ es aufſtehen, was ihm bei dem warmen Wetter durchaus nicht ſchaden konnte, welcher Meinung Du auch ſein wirſt; oder,“ ſetzte ſie mit einem lauernden Blicke hinzu,„willſt Du mir vielleicht durch Deine Frage den Vorwurf machen, als ſei ich die Schuld, wenn das arme Kind kränker geworden?“ „Du weißt, ich mache Dir ſelten Vorwürfe, und wenn es ge⸗ ſchieht, ſo glaube ich ein Recht dazu zu haben, und thue es als⸗ dann in klaren, deutlichen, nicht zu verkennenden Worten.“ „Ich ſagte Dir ſchon einmal, daß ich nicht hieher kam, um über Worte oder Ausdrücke zu ſtreiten!“ „Und ich kann Dir verſichern, Hildegard, daß ich beſonders nach dem, was Du mir geſagt, nicht in der Stimmung bin, das zu thun, was Du ſtreiten nennſt.“— Er legte den Malſtock, ſowie die Palette bei Seite und fuhr alsdann mit bekümmertem Tone fort:„Wenn Margarethe in der That kränker geworden iſt, beſon⸗ ders wenn ſich ihr beunruhigender Huſten wieder zeigt, ſo will ich ſelbſt zu unſerem Arzte gehen und ihn bitten, das Kind gründlich zu unterſuchen.“ „Er war ſchon da und hat es unterſucht.“ „Nun?“ fragte Roderich in großer Spannung. „Er fand die Bruſt meiner Tochter ſchwach, wie immer, und angegriffen.“. „ Sprach er Befürchtungen aus? Ich bitte Dich herzlich, Hilde⸗ gard, erzähle mir das umſtändlich und laß mich nicht jedes Wort aus Dir herausfragen.“ „Ja, er ſprach Befürchtungen ans.“ 5 —,— Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß. 227 „Das fehlte mir noch!“ rief der Maler in ſchmerzlichem Tone der Stimme. „Das fehlte Dir noch, und an mich denkſt Du nicht! Du verläßt heiter und wohlgemuth das Haus, während ich in meinem Jammer in das kummervolle Geſicht meines armen kranken Kin⸗ des ſehe!“ „Heiter und wohlgemuth?“ erwiederte er in ungeduldigem Tone;„ich hoffe, Du wirſt überzeugt ſein, daß ich nicht hieher in's Atelier zu meiner Arbeit gegangen wäre, wenn ich eine Ahnung davon gehabt hätte, Margarethe werde huſten oder kränker werden — in dieſem Falle,“ ſetzte er unmuthig hinzu,„würde ich es wenigſtens für einen Troſt halten, zu Hauſe bleiben zu können, um ihr armes, liebes, kummervolles Geſicht zu ſehen.“ „Damit willſt Du mir wohl einen Vorwurf machen, daß ich ausgegangen ſei? Ich eilte voll Kummer und Schmerz hieher, um ſelbſt zu ſehen, ob Du noch nicht hier ſeieſt.“ Während des erſten Satzes, den ſeine Frau ſprach, warf Roderich einen Blick auf ihre ſehr gewählte und reiche Toilette, doch lenkte der Nachſatz, den ſie in einem ganz beſonderen, ihm wohlbe⸗ kannten ſcharfen Tone ſprach, ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſen hin, und er fragte raſch:„Wie ſoll ich das verſtehen, ob ich noch nicht hier ſei?“ 3 „Weil ich ſchon einmal, nachdem Du ſchon lange fort warſt, hieher ſandte und man Dich nicht fand!“ „Ah— a— a—ah!“ machte Roderich, wobei ein Lächeln über ſeine Züge flog; ihm rollte eine Laſt von der Bruſt, indem er jetzt ganz genau wußte, daß Margarethe nicht kränker geworden ſei, daß ſie nicht auf beunruhigende Art huſtete, daß der Arzt keine Be⸗ fürchtungen ausgeſprochen, daß aber ſeine Frau durch irgend einen Zufall erfahren, er ſei nicht direkt hieher gegangen, ſondern habe einen Beſuch bei Michel Angelo Schmitz gemacht. Wir wiſſen, daß Roderich dort äußerſt ſelten Beſuche machte, 228 Siebentes Kapitel. und eben ſo gut, daß ihm jeder ſeiner Beſuche in dieſem Hauſe für ein Verbrechen angerechnet wurde— er hatte alſo in den Augen ſeiner Frau abermals ein Verbrechen begangen und mußte dafür beſtraft werden, dieſes Mal, wie es ſchien, nicht durch Anklagen und heftige Worte, ſondern empfindlicher durch unnöthige Angſt, welche man ihm in Betreff ſeines kleinen Mädchens einjagte, ſowie durch Darlegung eines tief zerriſſenen Mutterherzens. Als ſich der Maler die Lage der Dinge einigermaßen klar gemacht hatte, indem er ungefähr ſo dachte, wie wir eben geſagt, fiel es ihm durchaus nicht mehr ein, von Angſt und Sorge getrie⸗ ben raſch nach Hauſe zu eilen, vielmehr nahm er ruhig Palette und Malſtock wieder auf, nachdem er ſich zuvor eine Cigarre ange⸗ zündet, und bis er alsdann wieder zu malen anfing, war vielleicht eine Zeit von zwei bis drei Minuten vergangen, während welcher beide Gatten in Stillſchweigen verharrt. Endlich ſagte Olfers zum großen Erſtaunen von Frau Hilde⸗ gard:„Du haſt mir noch kein Wort über mein Bild geſagt; ich glaube, es ſoll mir gelingen, meine Freunde ſind wenigſtens dieſer Anſicht.“ Sie ſchien ſo überraſcht von dieſer plötzlichen Wendung ſeiner Gedanken, ſowie des Geſpräches, welches ſie begonnen und das ihrer Anſicht nach noch lange nicht zu Ende geführt war, daß ſie nicht im Stande war, ſogleich eine ſcharfe Erwiederung auf ſeine Frage hören zu laſſen, und erſt nach ein paar Sekunden und nachdem ſie ſich durch einen tiefen Athemzug geſtärkt, erwiederte:„Deine ſoge⸗ nannten Freunde loben Deine Bilder und ſagen Dir begreiflicher⸗ weiſe nur Angenehmes; mir aber, die ich doch nun einmal Deine Frau heiße, erlaube, wenigſtens heute über ernſtere Dinge mit Dir zu reden— ich ſprach von meiner kranken Tochter.... „Und ich hörte Dir zu, weiß Gott, mit Sorgen und Kummer im Herzen, bis Du“ 3 „Bis ich was?“ — ————y ————y Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß. 229 „Bis Du mich im Laufe des Geſpräches merken ließeſt, Du habeſt nach mir geſchickt und erfahren, ich ſei, obgleich ſchon lange von Hauſe fort, doch noch nicht hier angekommen— wo mag ich nur in aller Welt geweſen ſein?“ ſetzte er mit einem kurzen Lächeln hinzu. „Mir iſt das höchſt gleichgültig.“ „Schade, daß es Dir heute gleichgültig iſt!“ „Wo wirſt Du auch geweſen ſein— bei Künſtlern oder bei Künſtlerinnen!“ „Ja!l* „Im Hauſe Deines würdigen Freundes Schmitz!“ „Ah, Du weißt es ſchon?“ „Ich ahnte es, da ich Deine Neigungen kenne— ah,“ fügte ſie mit dem Ausdrucke der Geringſchätzung hinzu,„an einem Tage, wo Dein einziges Kind zu Hauſe liegt, krank auf den Tod!“ „Halt!“ rief der Maler, indem er ſich raſch gegen ſeine Frau wandte, ſo daß ſie ſein leuchtendes Auge ſehen konnte und das An⸗ ſchwellen der Ader auf ſeiner Stirn.„Halt,“ wiederholte er,„laß mich ein ſolches Wort in dem Zuſammenhange wie eben nicht wieder hören, ſpiele nicht freventlich damit, Du könnteſt es be⸗ reuen!“ „O, ich bereue ſo Vieles, daß das Wenige, was noch dazu kommt, mir wenig Unterſchied macht!“ „Das Wenige— Du nennſt es etwas Weniges? Doch wozu mich ereifern?“ fügte er achſelzuckend hinzu, indem er ſich wieder gegen ſein Bild umdrehte.—„Ja, ich war bei meinem würdigen Freunde Schmitz— Du nennſt ihn ſo!“ 4 „Während Dein Kind tödtlich krank zu Hauſe liegt!“ wieder⸗ holte ſie ruhig, kalt, abſichtlich und entſchloſſen. Er ſchaute ſie raſch mit einem zornigen Blicke an, wobei eine tiefe Bläſſe ſein Geſicht überzog, was bei ihm immer der Fall war, wenn er ſich ärgerte oder wenn ihn ein tiefer Kummer ergriff. —=— Siebentes Kapitel. „Meinetwegen denn Madame,“ ſagte er mit einer dumpf⸗ klingenden Stimme, da ſie zwiſchen zuſammengebiſſenen Zähnen hervorkam—„meinetwegen denn, ja, ich war bei meinem würdigen Freunde Schmitz, während mein armes Kind tödtlich krank zu Hauſe liegt— da Sie es ſo haben wollen!“ „Es iſt die Wahrheit!“ „Nein— tauſendmal nein, es iſt eine Lüge!— O ſieh', Hilde⸗ gard,“ fuhr er plötzlich mit einem weichen, ſchmerzlichen Tone der Stimme fort,„ich halte Dich für beſſer, als Du ſcheinen willſt— wie könnte unſer Kind tödtlich krank zu Hauſe liegen und Du, ſtatt in Kummer und Verzweiflung an ſeinem Bette zu ſitzen, Dich hier befinden— ſo....“ Er ſchwieg plötzlich, wahrſcheinlich, um ſie mit einer Schlußbemerkung nicht noch mehr zu reizen. Doch gab gerade dieſes Schweigen ihr erwünſchte Veranlaſſung zu der Frage:„Wie ſitze ich hier— ſo?“ Statt einer Antwort zuckte er die Achſeln. „Darf ich wohl wiſſen, wie ich hier ſitze?“ „Nun denn, ja, Du darfſt es wiſſen: nicht wie eine Mutter, die mit kummervollem Herzen vom Bette ihres kranken Kindes kommt, nein, wie eine Frau, die, über die Möglichkeit aufgeputzt, nach einer kleinen Scene mit ihrem Manne bei einer guten Freun⸗ din Troſt ſuchen und finden wird!“ Ihre Augen funkelten, und ſie nagte unter tiefen Athemzügen an der bebenden Unterlippe. „So iſt es,“ fuhr er in ſeinem gewöhnlichen Tone fort,„Dein Anblick und Deine Bemerkung über meine Abweſenheit haben mich wegen meiner lieben Margarethe vollkommen beruhigt!“ „Beruhigt?“ brachte ſie mühſam mit einem verächtlichen Lächeln hervor—„vollkommen beruhigt? Als ob es Dich je beunruhigen würde, wenn Du Dein Kind oder mich ſterbend wüßteſt— ja,“ fuhr ſie heftiger werdend fort, indem ſie raſch aufſtand,„was mich anbelangt, ſo bin ich überzeugt, daß Du Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß. 231 ſehnſüchtig des Augenblicks harrſt, wo Du von mir befreit ſein wirſt!“ „Ich denke,“ erwiederte er in einem Anfluge von Humor in ſeiner Stimme, trotz des traurigen Tones,„das ſoll in weniger als einer Viertelſtunde geſchehen!“ „O, nicht ſo, ich denke an eine ewige Befreiung!“ „Auch die wird kommen, Madame, für mich eben ſo gut wie für Sie!“ „Ja, nach langem, troſtloſem Warten, nach einem unerträg⸗ lichen Leben voll Jammer und Qual— am Ende dieſes unglück⸗ lichen Daſeins, wo wir von dieſer Welt nichts mehr hoffen und fürchten— warum denn nicht früher?“ Sie that dieſe Frage ſo plötzlich und gegenüber ihrem früheren, aufs höchſte gereizten Tone mit ſo leidenſchaftsloſer Stimme, ja, mit einem, wenn gleich froſtigen Lächeln, daß er ſie erſchrocken an⸗ blickte und, obſchon widerſtrebend, doch nichts über ſeine Lippen brachte, als die Wiederholung ihrer Worte. „Ja, warum denn nicht früher?“ Dann aber blickte er um ſich her, als fürchte er, ein fremdes Ohr könnte dieſe kurze, aber furchtbare Frage gehört haben; auch legte er hierauf Palette und Malſtock ruhig bei Seite, verſchränkte ſeine Arme über die Bruſt und ging kopfſchüttelnd an das andere Ende des Ateliers. Er war furchtbar ergriffen, ihm war zu Muthe wie dem Mit⸗ ſchuldigen eines Verbrechens, über welches nach häufigen, unklaren Andeutungen endlich ein klares, nicht zu verkennendes Wort fällt und welches damit aus einem unbeſtimmten Schattenbilde plötzlich furchtbar verkörpert erſcheint. Warum denn nicht früher? Dies klang ihm fortwährend in die Ohren in gellenden, be⸗ täubenden Wiederholungen— warum denn nicht früher?— und dieſe vier Worte bildeten ſichtbar für ihn eine unzerreißbare Siebentes Kapitel. Schranke, welche ihn von ſeinem Weibe und ſeinem Kinde trennen ſollte, ja, in Gedanken ſchon getrennt hatte. Die That, vor der ihm graute, war nun kein weſenloſer Schatten mehr, ſondern zu einem Geſpenſte geworden, welches Miene machte, ſich zwiſchen ihn, ſein Haus und ſein Kind zu werfen— die Kugel, dem Rohr ent⸗ flogen, fand ſicher ihr Ziel. „Daß es ſo weit gekommen, iſt gewiß nicht meine Schuld!“ hatte ſie die Kühnheit, ihm zu ſagen, und ſie hätte noch viel mehr ſagen können, ohne daß er ihr darauf geantwortet hätte, ſo ſehr war er erfüllt von dem trüben, garſtigen Bilde, welches jene Worte in ihm hervorgerufen. Wenn ſich auch, wie wir wiſſen, Roderich durch keine heftige Liebe zu ſeiner Frau, ehe ſie ſein Weib ward, hingezogen gefühlt hatte, ſo fehlte doch nicht in ſeinem Herzen eine Neigung, welche, wenn ſie von Hildegard gepflegt, von ihr heilig gehalten worden wäre, da ſie aufrichtig war, ein glückliches Verhältniß hätte an⸗ bahnen müſſen. Was ſie aber ihrem Gatten nicht zugebracht hatte: eine innige, heiße Liebe, verlangte ſie von ihm, obgleich das umgekehrte Ver⸗ hältniß richtiger geweſen wäre. Ja, warum denn nicht früher? Er zog kopfſchüttelnd und in tiefes Nachdenken verſunken ſeinen Sammtrock aus und ſein gewöhnliches Kleid an, nahm ſeinen Hut und Stock und ſagte mit ruhiger, wenn gleich klangloſer Stimme zu ſeiner Frau:„Ich gehe nach Hauſe!“ was ſie mit einer kurzen Neigung ihres Kopfes erwiederte. Ja, es trieb ihn zurück in ſein Haus, welches ihm jetzt auf einmal viel wichtiger erſchien, als ſein Atelier mit allen Ent⸗ würfen und Bildern; er hatte eine unbeſtimmte Idee, wenn er um die Straßenecke böge, von wo aus er ſein Haus gewöhnlich er⸗ blickte, er ſehe es nicht mehr an dem alten Platze ſtehen, es ſei auf und davon, der Himmel möchte wiſſen, wohin, und er hatte die Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß. feſte Ueberzeugung, er werde es niemals wiederſehen— ſein Haus mit dem koſtbaren Inhalte, ſeinem kleinen, lieben Mädchen nämlich, das ganz genau wußte, wann er, ſein Vater, aus dem Atelier komme, und das alsdann, ihn erwartend, mit ſeinem bleichen Ge⸗ ſichtchen durch die Fenſterſcheiben ſah— ach, er liebte das Kind ſo innig, er liebte es, weil es ſein Kind war, weil es ſo unendlich an ihm hing, weil es ihn zu erheitern verſtand mit ſeinen kleinen Späſſen und Schmeichelreden; ganz beſonders aber liebte Roderich ſeine Tochter, weil ſie ſo bleich ausſah und weil ſich ihre kleine Bruſt ſo fieberhaft raſch hob und ſenkte, wenn ſie mit ihrem Vater hier in dem kleinen Garten ein wenig umhergeſprungen war. Hier in dem kleinen Garten, den der Maler jetzt durchſchritt und in welchem er ſich vergeblich nach ſeinem Kinde umſah— freilich lächelte er im nächſten Augenblicke über ſich ſelbſt, Marga⸗ rethe konnte ja nicht hier ſein. Ja, warum denn nicht früher? Roderich war ſo in Gedanken vertieft, daß ihm alles Andere außer dieſen Worten, welche glühend vor ſeiner Seele ſtanden, wie in dichten Nebel eingehüllt erſchien. Andreas, der ihm in den Weg trat, fragte ihn, ob er heute Nachmittag zur gewöhnlichen Zeit ins Atelier käme, worauf er ihm, eigenthümlich lächelnd, zur Antwort gab:„Ei, warum denn nicht früher?“ Hackländer's Werke. 52. Bd. VIII. „Ein fremder Cavalier.“ Menn Rodenberg's kleiner Diener Rafael nichts zu thun hatte, das heißt, wenn er nothdürftig geputzt und den Pudel ſo lange geplagt, bis dieſes unbegreiflich geduldige Thier zu knurren anfing und ſeinem beſtändigen Quälgeiſte die ſcharfen Zähne zeigte, dann pflegte er vom Fenſter herab ſeine Beobachtungen zu machen. Nichts entging alsdann ſeinem ſcharfen Auge, und er wußte ſich die kleinſten Begebenheiten und unbedeutendſten Zufälle mit ſeiner außerordentlichen Pfiffigkeit und ſeinem frühreifen Verſtande zu wahren und unwahren Geſchichten zuſammenzuſetzen, mit denen er alsdann die Betreffenden plagte und leider ſeinen Herrn häufiger ergötzte, als es für den Charakter des kleinen, verdorbenen Burſchen nützlich war.. Wollte er von ſeinen Beobachtungen ausruhen, ſo begab er ſich in ſeinen Mußeſtunden an den Käfig, worin ſich der aus⸗ geſtopfte Papagei befand, und trieb, hinter demſelben verſteckt, mit den Vorübergehenden ſeine tollen Poſſen. Schon einige Male in den letzten Tagen hatte Rafael von ſeinem Standorte aus einen älteren Herrn bemerkt, der ihm eben ſo ſehr durch ein fremdartiges Aeußeres aufgefallen war, als da⸗ durch, daß er mit größter Langſamkeit durch die Wurſtgaſſe ſchritt, Ein fremder Cavalier. wobei er die Häuſer rechts und links aufmerkſam betrachtete und ſchon ein paarmal vor dem Reichsapfel ſtehen geblieben war. Daß bei dieſen Veranlaſſungen der Papagei oder vielmehr Nafael durch den Papagei nicht verſäumt hatte, ſich dem Fremden durch einige unpaſſende Zurufe bemerklich zu machen, als:„alter Jakob“ oder auch„alter Spitzbube“, brauchen wir eigentlich nicht zu erwähnen, müſſen aber hinzufügen, daß der Fremde über die ungemein deutliche Ausſprache des Papagei's freundlich gelächelt und alsdann gewöhnlich ruhig weiter geſchritten war. Rafael, der ſeit lange ſchon nicht mehr einen ſo angenehmen und dankbaren Zuhörer gehabt, freute ſich, ſo oft er den alten Herrn ruhig daherſchreiten ſah, und verſtieg ſich eines Tages ſo hoch, daß er ſeinen Papagei hinabrufen ließ:„Biſt Du ſchon wie⸗ der da, alter Gauner?“ worauf er doch ein wenig erſchrack, als er durch die unterſte Fenſterecke blinzelnd ſah, wie der alte Herr freund⸗ lich mit dem Kopfe nickte, und dann hörte, wie er laut zurückrief: „Ja, ich bin ſchon wieder da, mein loſer Vogel!“ Der alte Herr war von ziemlicher Leibesgröße, trug einen großen, nach rechts und links hinausſtehenden Schnurrbart, dazu einen ſtarken Knebelbart; er hatte, was für Rafael ſehr weſentlich war, ein dickes ſpaniſches Rohr in der Hand und ſchritt, nachdem er, wie eben geſagt, auf den Zuruf des Papagei's geantwortet, nicht, wie gewöhnlich, in der Straße weiter, ſondern wandte ſich, nicht gerade zur angenehmen Ueberraſchung des kleinen Lauſchers droben, gegen das Haus und trat, nachdem er noch einmal den Reichsapfel betrachtet, hinein. Rafael hatte nichts Eiligeres zu thun, als das Zimmer zu verlaſſen, in welchem ſich der Papagei befand; er ſchloß die Thür deſſelben zu und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. Dann er⸗ wartete er das Herannahen des ihm einigermaßen unheimlich ge⸗ wordenen Fremden ungefähr mit denſelben Gefühlen, wie Don Juan das Erſcheinen des ſteinernen Gaſtes. 236 Achtes Kapitel. Draußen klopfte es an und drinnen rief man:„Herein!“ Der Herr mit dem großen Knebelbarte und dem dicken ſpa⸗ niſchen Rohre trat in die Stube und ſchaute mit einem gemüth⸗ lichen Lächeln rings umher, nachdem er mit einer nichts Gutes weiſſagenden Stimme den kleinen Diener gegrüßt. Das Gemach befand ſich in einer Verfaſſung, bei welcher man es einem Fremden nicht übel nehmen konnte, wenn er daſſelbe lächelnd beſchaute: da war der Boden, die Stühle, die Tiſche be⸗ deckt mit eigenthümlichen Gegenſtänden und Geräthſchaften, mit hohen Reiterſtiefeln, an denen gewaltige Sporen prangten, mit gelben Lederhoſen und grauen Tricots, mit Trachten vom ver⸗ ſchiedenſten Schnitte und in allen erdenklichen Farben, mit Schwer⸗ tern und Dolchen, Jagdſpießen, Hirſchfängern, Hüfthörnern, kurz, mit allen Garderobe⸗Beſtandtheilen, um eine zahlreiche Schaar Männer in das Gefolge des wilden Jägers umzuwandeln. In der Ecke des Zimmers waren ſogar ein paar zuſammen⸗ gekoppelte Rüden angebunden, die abwechſelnd bellten oder heulten. „Mir ſcheint, hier bin ich ſchon recht,“ ſagte der fremde Herr mit dem dicken ſpaniſchen Rohre, nachdem er ſeine Beobachtungen beendigt zu haben ſchien und nun ſeine ſchwarzen, etwas ſtarren Augen feſt auf Rafael ruhen ließ. „Es könnte wohl ſein, daß Sie hier recht ſind,“ gab dieſer ſchüchtern zur Antwort und ſetzte in einem unbefangen ſcheinenden Tone hinzu:„Darf ich wohl fragen, wen Sie ſuchen?“ „Wen ich ſuche,“ verſetzte der Eingetretene, indem er ſich aber⸗ mals umſchaute—„ja ſo, ganz richtig, was ich ſuche, willſt Du wiſſen— ich ſehe das nicht, was ich ſuche.“ „Und was könnte es ſein, wenn ich fragen darf?“ ſtotterte Rafael. „Es könnte ſein— ein kleiner, charmanter Papagei, der mit einer übergroßen Natürlichkeit in der Stimme die Leute aus⸗ ausſchimpft, welche ruhig über die Straße wandeln— ich liebe dergleichen Galgenvögel.“ Ein fremder Cavalier. „Ein ſolcher Papagei iſt nicht hier,“ erwiederte der kleine Diener mit einer Sicherheit, welche ihm die Angſt vor dem dicken ſpaniſchen Rohre des Fremden einflößte. „Ah, der Papagei iſt nicht hier— aber ein anderer Galgen⸗ vogel!“ Der Herr mit den ſtarren, ſchwarzen Augen und dem großen Schnurr⸗ und Knebelbarte ſagte dieſe Worte in einem ſo außer⸗ ordentlich freundlichen und verbindlichen Tone, daß Nafael, einen plötzlichen Umſchlag in dieſem angenehmen Zwiegeſpräche vorher⸗ ſehend, langſam gegen die Thür zurückzuweichen begann, worauf in der That die von Rafael ſo richtig geahnte Wendung ein⸗ trat; denn ehe jener ſich deſſen verſah, hatte ihn der Fremde am Kragen ſeines fadenſcheinigen Malerkittels erwiſcht und ſchüttelte ihn ein wenig, aber mit einer ſo ſanften Bewegung und ſo wohl⸗ wollender Miene, daß der kleine Diener nicht zu entdecken im Stande war, ob hier Scherz oder Ernſt vorwalte. „Ah,“ ſagte der Fremde nach einer Pauſe, als er den Kragen von Rafael's Gewand losgelaſſen,„da drinnen iſt wohl der zauber⸗ hafte Papagei! Nun, ich will hier geduldig warten, bis Dein Herr zurückkommt, du kleiner Schlingel, und werde ihm alsdann erzählen, womit Du Deine Freiſtunden hinbringſt— Caraxo! Ich glaube, wenn Dein Herr ein vernünftiger Herr iſt, ſo kann Dir eine tüch⸗ tige Tracht Prügel nicht entgehen!“ 5 Da Rafael in dieſem Punkte vollkommen der gleichen Anſicht war wie der Fremde, ſo ließ er den Kopf hängen und machte eine ſehr demüthige Miene. Sein Herr nämlich, wenn er ſich auch zuweilen ſelbſt einen Spaß mit dem ausgeſtopften Vogel erlaubte, meiſtens gegen gute Freunde, hatte doch ſeinem Diener aufs ſtrengſte verboten, ſich auf dieſe Art zu beluſtigen, und für ein Vergehen dieſer Art nicht nur allein mit einer Tracht Prügel gedroht, ſon⸗ dern auch mit Dienſtentlaſſung. „Wie mir ſcheint,“ ſagte der Fremde lächelnd, als er die — 5= —y— Achtes Kapitel. zerknirſchte, aber trotzdem ſehr verſchmitzte Miene Rafael's ſah, „biſt Du nicht nur ein luſtiger Junge, ſondern auch ein verſtändiger Junge.“ „Gewiß, das bin ich, Herr Baron.“ „Du brauchſt mich nicht Baron zu nennen— wenn ich richtig auf Deinem Geſichte leſe, ſo ſehe ich darauf den Wunſch, ich möchte mich entfernen, ehe Dein Herr kommt.“ „Ja, Herr Graf.“ „Laß die Titulatur hinweg, wenn es Dir einerlei iſt, und höre mich an: ich will Dich nicht durchprügeln, wie Du es ver⸗ dient hätteſt; ich will auch das Zimmer verlaſſen, ehe Dein Herr kommt, und auch weder bei dieſem, noch bei der Polizei wegen Deiner Schimpfreden Klage führen; doch nur, wenn Du mir ein paar Fragen beantworteſt, aber ehrlich und aufrichtig, und wenn ich überhaupt ſehe, daß Du für einen blanken Thaler, den ich hier in meiner Taſche habe, geneigt biſt, mir einen Dienſt zu leiſten.“ „Alles, was Ihr wollt, gnädiger Herr.“ „Ich bin hier im Zimmer des Herrn Malers Rodenberg?“ „Ja, gnädiger Herr.“ 1 „Was bedeuten dieſe Kleider und Waffen, welche hier herum⸗ liegen?“ „Uebermorgen iſt das Frühlingsfeſt der Herren Künſtler, und was hier herumliegt, ziehen die Reiter an, welche meinen Herrn begleiten.“ „Und was zieht Dein Herr an?“ „Das iſt noch nicht da, das heißt der Rock und der Mantel nicht, nur ſeine grauen, ledernen Beinkleider und hohe, reiche, glanz⸗ lederne Stiefel mit großen Sporen.“ „Seine Waffen?“ „Dort der lange Degen.“ „Zeig' ihn einmal her— ah,“ rief er,„echter und ge⸗ rechter Toledaner— eine ſchöne Klinge— und ſonſt?“ — Ein fremder Cavalier. 239 „Eine Hetzpeitſche, an deren Schnur noch ein Stück geflochten wird.“ „Und das Jagdhorn?“ „Ja, das fehlt noch; mein Herr ſollte eines von einem Be⸗ kannten erhalten, aber es war zu groß und nicht ſchön genug, das im Laden aber iſt zu theuer.“ „In welchem Laden?“ „Drunten auf dem Markte, gegenüber den drei Reichskronen.“ „Ach, Du kennſt die drei Reichskronen?“ „Gewiß, gnädiger Herr.“ „Und biſt ein luſtiger und verſtändiger Junge, der einen Spaß verſteht und der lieber einen blanken Thaler verdient, oder zwei, als Prügel erhält— he?— Nun gut denn, ſobald das Gewand deines Herrn da iſt, morgen gewiß im Laufe des Tages, ſo kommſt Du zu mir— ich wohne in den drei Reichskronen auf Numero vier⸗ zehn, Du fragſt nach Don Joſe— kannſt Du den Namen behalten?“ Rafael nickte eifrig mit dem Kopfe, indem er ſpöttiſch lächelte — er konnte viel im Gedächtniſſe behalten, wenn er wollte; zur Bekräftigung ſetzte er auch noch hinzu:„Das werde ich gewiß nicht vergeſſen.“ „Und willſt morgen zu mir kommen?“ „Ja wohl, gnädiger Herr, das ſoll nicht fehlen.“ „Du brauchſt keine Angſt zu haben, daß ich etwas Unrechtes von Dir begehre.“. Davor hatte der Schelm von Diener durchaus keine Angſt, es wäre ihm ſogar lieber geweſen, wenn er zu etwas Verdächtigem, mindeſtens Zweideutigem die Hand hätte bieten dürfen. „Mit Deinem Herrn ſollſt Du übrigens nicht darüber reden, weder daß ich hier war, noch daß ich Dich zu mir beſtellt.“ Dieſes Verlangen gefiel Rafael ſchon beſſer, weßhalb er mit großem Eifer betheuerte,„er werde gewiß ſeinem Herrn nicht das Geringſte ſagen.“ 8 2444 Achtes Kapitel. „Gut, die Sache iſt abgemacht— trauſt Du mir?“ Das Lächeln, welches bei dieſer Frage auf den verſchmitzten Zügen Rafael's ſichtbar wurde, war gewiß des Stückes von zehn Silbergroſchen werth, welches ihm der Fremde unter lautem Lachen dafür einhändigte; er zeigte eben ſo viel Mißtrauen als Klugheit und ſagte Ja und Nein, kurz, es war von einem ſo pfiffigen Aus⸗ drucke, daß Don Joſe daſſelbe mit voller Ueberzeugung dachte, was er hierauf ausſprach:„Wir werden mit einander zufrieden ſein.“ Dann verließ er mit einem kurzen, obgleich nicht unfreund⸗ lichen Kopfnicken das Zimmer, bis an die Treppe von Rafael be⸗ gleitet, der, um dieſes mit größerer Feierlichkeit thun zu können, im Vorbeieilen ſeine rothe Mütze ergriff, die vor der Thür auf einem Stuhle lag, und dieſe auf und ab ſchwenkend an der Treppe ſtehen blieb, wobei er mit dem linken Fuße ſo lange hinten aus⸗ kratzte, bis der Fremde ſeinen Blicken entſchwunden war; dann ſetzte er die rothe Mütze auf, betrachtete das Zehnſilbergroſchenſtück, warf es auf den Steinboden, ob es auch gehörig klinge, und band es dann vorſichtig in die Ecke ſeines ſchmutzigen Taſchentuches. Hierauf ging er ins Zimmer zurück, ſichtlich um einen Zoll gewachſen im beſeligenden Gefühle eines ſo großen Reichthums und in gegründeter Hoffnung auf Vermehrung deſſelben. Da der Pudel nicht zu Hauſe war, ſo führte er ſeinen grotesken Tanz, wodurch er alle ſeine kleinen Leidenſchaften auszudrücken pflegte, vor den beiden in der Ecke angebundenen Hunden aus, welche, weniger ge⸗ duldig als der Pudel, darüber knurrten und murrten und endlich in ein wildes Gekläff ausbrachen, als Rafael ſie nun zu ihrer noch größeren Erheiterung mit dem langen Malſtocke ſeines Herrn zwiſchen die Rippen ſtieß. Dazu ſprang er herum wie ein junger Cannibale um ſein Schlachtopfer, ſo daß der rothe Sack ſeiner Mütze mit der langen, blauen Quaſte hoch emporwallte und die zu weiten Tanzſchuhe nach verſchiedenen Richtungen hin von ſeinen Füßen abflogen, wobei er ein — „— Ein fremder Cavalier. 241 Lied ſang in einer bis jetzt unbekannten Sprache nach einer von ihm ſelbſt erfundenen Weiſe, deſſen erſte Zeilen hießen: „Tſchin ſchi mir a mitta Uſchki, tuſchki⸗kiß⸗kiß⸗kiß“, was förmlich barbariſch klang, da die an ſich ſehr monotone Weiſe begleitet wurde von dem wüthenden Gekläffe und Geheul der bei⸗ den Hunde. Schade, daß ſich in dieſem wechſelreichen Leben Luſt und Leid ſo oft die Hand reichen, was auch Rafael in der nächſten Sekunde ſchmerzlich erfuhr, denn eine ſauſende Ohrfeige von der kräftigen Hand Walter's, welcher unbemerkt in das Zimmer getreten war, ſtörte den jungen Künſtler nicht nur hiedurch in der Ausübung ſeiner Geſang⸗ und Tanzübungen, ſondern beförderte ihn auch in taumelnder Bewegung bis unter den Tiſch, wo er verdutzt ſitzen blieb und über den Wechſel alles Irdiſchen nachdachte. Wir können übrigens an dieſer Stelle nicht umhin, weiter zu berichten, daß Rafael am anderen Tage, nachdem er das Kleid ſeines Herrn bei dem Schneider abgeholt und dort Muße gehabt, die Farbe und den Schnitt deſſelben gehörig zu betrachten, ſeine erſte Feierſtunde dazu benutzte, um ſich auf den Marktplatz zu begeben, wo das Hotel zu den drei Reichskronen lag. Gegenüber befand ſich der Waffenladen, an deſſen Schaufenſtern der kleine Diener, die Hände in den Hoſen, langſam vorüberſchlich und mit Befrie⸗ digung merkte, daß ſich das ſchöne Jagdhorn, von dem geſtern die Rede geweſen, nicht mehr dort befand. Obgleich Rafael durchaus nicht furchtſam war, ſo ging er doch ein paarmal vor dem Gaſthofe auf und ab, ehe er ſich entſchließen konnte, einen der dort am Thore lungernden Herren Oberkellner nach dem Grafen, welcher ihn beſtellt, zu fragen. Der Fremde hatte doch ein bischen ſonderbar ausgeſehen, dachte Raſael, bevor er ſich entſchloſſen, einzutreten. Die dunkle Geſichtsfarbe, der ſchwarze, — — 242 Achtes Kapitel. drohende Bart, die blitzenden Augen— wer konnte wiſſen, aus welch' fernen Landen, wo vielleicht die Menſchenfreſſerei noch in der Mode war, derſelbe herkam!— Es war nicht das erſte Mal, daß kleine Jungen ſeines Alters ſpurlos verſchwunden waren, und wenn er auch, dieſe Betrachtungen muthig niederkämpfend, in das Hotel trat, ſo war doch ſein Lächeln nicht ſo frei und ungezwungen, wie gewöhnlich, ja, er huſtete faſt verlegen hinter der vorgehaltenen Hand, ehe er nun eintreten mußte in die Thür Numero vierzehn zu dem Fremden mit der gelblichen Geſichtsfarbe, dem ſchwarzen, drohenden Barte und den blitzenden Augen. Aber Rafael verſchwand hier nicht ſpurlos, er war nicht für dieſe Welt verloren. Nach einer guten halben Stunde erſchien er wieder und mit ſo vergnügtem Angeſichte, daß ihm der Kellner, der ihn heraufbegleitet und nun wieder wie vorhin am Thore ſtand, lachend zurief:„Nun, Du haſt gewiß was Rechtes herausgebettelt?“ eine Vermuthung, welche er übrigens mit einem verächtlichen Achſel⸗ zucken von ſich ablehnte. Er— gebettelt— er, den der ausgezeichnete Fremde zum Vertrauten gemacht und mit wichtigen Aufträgen beehrt, welche vor der Welt nicht verborgen bleiben ſollten, eben ſo wenig wie vor Dir, geneigter Leſer, wenn Du auch künftig Muth und Geduld haſt, unſerer wahren Geſchichte zu folgen! IX. „Du ſiehſt mich an und kennſt mich nicht.“ Nn dem denkwürdigen und unvergeßlichen Tage des großen Künſtlerfeſtes begann es ſich kaum im Oſten etwas aufzuhellen, als es auch ſchon lebendig wurde bei den meiſten der jungen Leute, welche ſich bereits wochenlang darauf vorbereitet, an dieſer Feier⸗ lichkeit Theil zu nehmen. Es wäre vielleicht intereſſant geweſen, wenn man um dieſe Zeit einen Blick hätte werfen können auf alle Fenſter und Dach⸗ laden⸗Oeffnungen, die gegen Oſten gekehrt waren, um zu ſehen, wie an ſo vielen derſelben ſchlaftrunkene Geſichter erſchienen, die nach dem Wetter ausſchauten, um das Reſultat ſich ſelbſt mit einem leichten Ausrufe oder mit einer lauten Bemerkung einem vielleicht noch im Betie befindlichen Freunde mitzutheilen. Man hätte alsdann auch bemerken können, wie ſich beim An⸗ blicke des Himmels auch mürriſche, finſtere Geſichter aufhellten, und hätte vielleicht ſagen hören:„Der Tag wird famos, das Wetter läßt nichts zu wünſchen übrig!“ Es war einer jener ſchönen Morgen, wo der junge Tag in einer röthlich⸗gelben, mit goldenen Strahlen durchwobenen Glorie, die langſam von Oſten aufſteigt, zu erſcheinen pflegt, zum Ent⸗ zücken der Menſchenkinder und zur rührenden Freude ſeiner Mutter, — ——————O——— 244 Neuntes Kapitel. der Nacht, welche ihm noch aus weiter Ferne zuſchaut mit von Thränen und Sternen glitzerndem Antlitze, und die alsdann lang⸗ ſam verſchwindet, um dem geliebten Sohne die Herrſchaft allein zu laſſen. 3 Es wehte ſo friſch und wonnig, ſo duftig über die erwachende Erde: Laub und Blumen hauchten Wohlgerüche aus und dazu ſangen in dichten Büſchen die Nachtigallen ihr entzückendes Lied. Wir glaubten es uns und dem geneigten Leſer ſchuldig zu ſein, dem Morgen eines Tages, an dem eine ganze Künſtlerſchaft zum großen Feſte ſich rüſtet, einen Morgen, der in der That ein ſchöner Morgen genannt werden konnte, mit einigen poetiſchen Worten auszuſchmücken, und wir ſprachen nicht die Unwahrheit: an der Fahnenburg war man ſchon lange vor dem erſten Sonnen⸗ ſtrahle beſchäftigt, bunte Flaggen aufzuziehen, Böller und kleine Kanonen auf den Thurm und hinter die Umfaſſungsmauern zu führen und mit Schießbedarf zu verſehen, die Zugbrücke zu pro⸗ biren, in den unteren Räumen fabelhafte Verproviantirungs⸗ Zurüſtungen zu machen und Maitrank in einem unerhört großen Gefäſſe anzuſetzen; da oben duftete es wunderbar aus den umher⸗ liegenden Tannen und Eichen, und wer Luſt gehabt hätte, ein förmliches Nachtigallen⸗Concert zu hören, der hätte nur jenen heim⸗ lichen, ſchattigen, dunklen Platz zu beſuchen gebraucht, den wir be⸗ reits kennen gelernt haben. Doch kehren wir zur Stadt zurück.— Der Tag, wie ſchon geſagt, war ſo wunderbar ſchön, daß auch das griesgrämlichſte Ge⸗ müth beim Aufleuchten deſſelben heiter und froh den mußte.. Dies fand auch auf Walter ſeine Anwendung, der faſt meiſtens in den erſten Morgenſtunden, dieſe von ſeinem Aufſtehen an ge⸗ rechnet, finſter und mißlauniſch umherſchritt, gern kleine Neckereien anfing und alsdann die unumſtößliche Gewißheit hatte, daß die deutſche Kunſt vollkommen todt ſei. geſtimmt wer⸗ 4 4 — — Du ſiehſt mich an und kennſt mich nicht. 245 Walter war heute der Erſte aus dem Bette geweſen; ihm fiel nach Uebereinkunft die Obliegenheit zu, mit Hülfe Rafael's für die Anderen einen tüchtigen Kaffee zu brauen, mit welchem ein gutes Fundament gelegt werden ſollte für die übrigen Leiſtungen dieſes heißen Schlachttages. Walter hatte eines der großen Hüfthörner ergriffen, welche im Zimmer umherlagen, und demſelben, auf den Gang hinaustretend, ſo gewaltige Töne entlockt, daß ſämmtliche Schläfer des Hauſes erſchrocken in ihren Betten emporfuhren. Rüding, welcher bald darauf in mangelhaften Unterkleidern und einem ſpärlichen Obergewand im vorderen Zimmer erſchien, meinte mit verdrießlicher Miene, es ſei Unrecht, Jemanden auf ſo barbariſche Art zu wecken; er fürchte, der Schlaf ſei ihm in den Magen gefahren und er werde heute ſchwerlich viel leiſten können. Rodenberg, der ſich noch behaglich auf ſeinem Lager dehnte, verſicherte, ihm habe das Hornblaſen einen famoſen Traum zer⸗ riſſen, er ſei nahe daran geweſen, die Fahnenburg ganz allein zu erobern und ſo die ſchönſte Prinzeſſin für ſich zu gewinnen— da ſei er erwacht. „Undankbare Geſchöpfe, ohne alles Verſtändniß und ohne alle Poeſie!“ murrte Walter in der Thür des Nebenzimmers, wo er ſtand und damit beſchäftigt war, ſein wirres Haupt⸗ und Barthaar zu kämmen—„wie kann man Euch Faulenzer beſſer in die Stimmung des heutigen Tages hineinbringen, als wenn man kriegeriſch das Hüfthorn ertönen läßt?“ „Das nennt der Kerl kriegeriſch,“ antwortete Rüding achſel⸗ zuckend, indem er ſein dünnes Röckchen über ſeinem Unterleibe dichter zuſammenzog;„wenn ich überhaupt zu Träumen geneigt wäre, ſo hätte ich wahrhaftig geträumt, ich ſei in einem Ochſen⸗ ſtalle.“ „Was von Dir ein ſehr naturgemäßer Traum geweſen wäre,“ erwiederte Walter. „Hört man noch nichts von Knorx da droben?“ fragte Roden⸗ vergebliche Mühe macheſt!“ Neuntes Kapitel. berg, in die Höhe horchend—„hat Niemand von Euch etwas er⸗ fahren, was es mit dieſem geheimnißvollen Kerl iſt?“ „Wegen Don Quixote's hat ſich ſogar das Comite an ihn gewandt, und er hat es ihnen abgeſchlagen,“ ſagte Rüding. „Der Henker mag wiſſen, wie dieſer Knorx erſcheinen wird! Ich gab mir alle Mühe, etwas zu erfahren, verſprach Rafael ſo⸗ gar fünf Silbergroſchen, wenn er etwas erlauſchen könnte— keine Möglichkeit, ich glaube, Knorx hat ſich ſeinen Anzug ſelbſt zu⸗ ſammengeſchneidert!“ „Wenn Rafael nichts erfahren hat, ſo kann Niemand etwas erfahren,“ ſprach Walter aus dem Nebenzimmer her,„was mich einigermaßen beruhigt, denn für Deine Bemühungen, dem Knorx hinter ſeine Sprünge zu kommen, gebe ich keinen Pfifferling!“ „Du haſt Recht, ich hatte mit meinem eigenen Anzuge zu viel zu thun,“ lächelte Arthur wohlgefällig. „Ja, mit Deinem Anzuge und Deinen Fenſterpromenaden!“ „Was Fenſterpromenaden— Unſinn!“ „Da iſt nichts zu läugnen— Schmitz hat es mir geſagt!“ meinte der pfiffige Rüding. „Und wenn es ſo wäre, was geht es den Narren an, was hat er darüber zu klagen?“ „Er ſagte, wenn es noch lange ſo fortdaure, ſo ſei es der Tod ſeiner Mutter, der alten Frau Schmitz, die eine ſehr würdige Dame iſt; ſie könne kaum damit fertig werden, Dich auf der Straße zu beobachten und all den Wahnſinn anzuſehen, den Du mit Deinem Pudel vor ihrem Hauſe triebeſt; kaum ſeiſt Du hinten verſchwun⸗ den, ſo kämſt Du vorn ſchon wieder, das ſei nicht zum Aushalten!“ „Ich werde mich ſehr wenig um das Gerede dieſes alten Weibes kümmern!“ „Auch meinte Schmitz, es thäte ihm leid um Dich, Du ſeiſt ſonſt ſo ein guter Kerl, und er bedaure, daß Du Dir ſo ganz Du ſiehſt mich an und kennſt mich nicht. 247 „Hm,“ machte Rodenberg,„wie meint er das?“ „Wie er das meint?“ fuhr Rüding mit ſehr gemüthlicher Ruhe fort—„o, er meinte, Du gäbeſt Dir bei der ſchönen Spanierin vergebliche Mühe— da ſeien Andere— berühmte Leute— große Herren....“* „Das habe ich auch gehört,“ brummte Walter aus dem Neben⸗ zimmer;„deßhalb laß dieſe Kindereien und mache Dich nicht zum Geſpötte!“ „Ich weiß ſchon ſelbſt, was ich zu thun habe— laß die Ge⸗ ſchichte jetzt ruhen! Beim Himmel, es iſt ſchon fünf Uhr— wo nur dieſer verdammte Rafael ſtecken mag?“ Rafael kam wie der Wolf in der Fabel und wie manches andere Uebel, wenn man es anruft. Er ſtreckte ſeinen Kopf zur Thür herein und ſagte:„Herr Rüding, da iſt unſer Friſeur!“ „Er ſoll hereinkommen!“ Der Friſeur erſchien, wünſchte einen guten Morgen und ver⸗ ficherte, das Wetter ſei ſo ſchön, wie es nur ſein könne. Rüding hatte ſich rittlings auf einen Stuhl geſetzt und über⸗ lieferte ſein Haupt dem Haarkünſtler mit der Verſicherung, es ſei eigentlich unnöthig, ſein Haar brennen zu laſſen, da es viel ſchöner in natürliche Locken falle. Alle waren jetzt emſig mit ihrem Anzuge beſchäftigt, und Rodenberg's Aeußeres formte ſich unter Rafael's Beihülfe auf ſo geſchmackvolle, elegante Art, daß ſelbſt Walter mit ſichtlichem Ver⸗ gnügen dem ſchönen jungen Manne zublickte: er war eben ſo ſchlank gewachſen als kräftig gebaut, und wenn er auch ſchon in ſeinem gewöhnlichen Anzuge ſo erſchien, um wie viel mehr jetzt in dem romantiſchen Coſtume, das er ſich ausgeſucht! Er trug ein enganliegendes Beinkleid von grauem Leder und ſeine Reitſtiefel von ſchwarzem, weichem Leder reichten bis an ſeine Kniee. Während Rodenberg zur Probe ſeinen langen Stoßdegen um⸗ ſehnallte, mußte ihm Rafael noch einmal die verſchiedenen Jagd⸗ ——— 5 ————— „O, es iſt nicht viel, Herr Rüding; ich habe nur geſehen ——— 248 Neuntes Kapitel. und Hüfthörner zeigen, welche er auf Befehl ſeines Herrn von all deſſen Freunden, die dergleichen beſaßen, zuſammengeliehen hatte. Es war in der That darunter nichts, was zu ſeinem übrigen, eleganten Anzuge vollſtändig gepaßt hätte. „Das könnte mir die ganze Geſchichte verleiden,“ rief miß⸗ muthig der junge Maler;„ich hätte beſſer daran gethan, das ſchöne Horn aus dem Laden zu nehmen!“ „Wenn man es Dir gegeben hätte,“ meinte Rüding, der ſich wohlgefällig mit ſeiner wunderbaren Lockenpracht im Spiegel beſchaute. „Wenn das Horn beim wilden Jäger nicht ein ſo nothwendiges Attribut wäre, ſo nähme ich wahrhaftig gar keines; aber wem es von den Zuſchauern einfällt: Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn, der wird unwillkürlich nach meiner Hüfte ſchauen— nun, ich will das ſchwarze da nehmen, das macht in ſeiner Unbedeutendheit am wenigſten Spektakel.“ „Hat denn Niemand den van der Maaßen in den letzten Tagen geſehen? Er thut gerade ſo geheimnißvoll wie Knorx.“ „Seit jenem Abende war er nicht mehr bei uns,“ ſagte Roden⸗ berg;„aber Rafael hatte ihn einige Male die Treppen hinaufgehen ſehen.“ 2„Zu Knorx?“ „Ic.“ Während Rüding ſo gefragt hatte, blickte er den kleinen Diener ſcharf an und ſagte alsdann:„Du machſt ein ſo außerge⸗ wöhnlich pfiffiges Geſicht, Rafael, theile uns mit, was Dir auf dem Herzen brennt.“ f daß Herr van der Maaßen einige Male zu Herrn Knorx ging, und als er das letzte Mal die Treppen hinaufſtieg, hing ihm etwas hinten aus der Taſche heraus.“ „Und was denn?“ „Es war wie ein Stück ſchwarzer Perrücke mit einem rothen Horne daran.“ „Teufel auch, was kann das ſein?“ fragte Rodenberg. „Es wird ſein, was Du ſagſt: der Teufel.“ „Das ſähe dieſen beiden Kerls ganz ähnlich— nun, wir werden ſehen.“ Der Friſeur hatte ſich wieder empfohlen, nachdem er auch Arthur's dickes, und von Natur lockiges Haar mit Kamm und Pommade gebändigt und Rüding geholfen, fleiſchfarbige Tricots anzuziehen, zierliche Schuhe von derſelben Farbe und ein himmel⸗ blaues Oberkleid, welches ihm bis eine Hand breit übers Knie reichte. Man hätte glauben können, Rüding beabſichtige, einen zier⸗ lichen Pagen vorzuſtellen; doch als ihm der freundliche Haarkünſtler — derſelbe war in der Garderobe des ſtädtiſchen Theaters ange⸗ ſtellt und ſomit in dieſen Dingen bewandert— ein Paar vortrefflich gemalter Flügel auf dem Rücken befeſtigt und ihm einen goldenen Gürtel angeſchnallt hatte, ſah man, daß ſich aus dem kleinen, ſchmächtigen Künſtler ein Liebesgott entwickelt hatte, und als ſich nun der neue Cupido mit dem Bogen und dem gefüllten Köcher vorſtellte, verſicherte ihm Rodenberg, er habe nie etwas Ausgezeich⸗ neteres geſehen. Wenn der wilde Jäger mit klirrenden Schritten zuweilen durch das Gemach an eines der Fenſter ging, um nach den Pferden auszuſchauen, bemerkte er mit Vergnügen an dem geöffneten Fenſter gegenüber, ſowie auch ſchon auf der Straße Spuren des heutigen feſtlichen Tages: dort ſah man einen halb Geharniſchten, freundlich herüber winkend oder ſich mit einem bärtigen Landsknechte unter⸗ haltend, welcher im Nebenzimmer am Fenſter lag und aus einer langen Pfeife mit bunter Quaſte in die friſche Morgenluft hinaus⸗ dampfte. Hackländer's Werke. 52. Bd. 17 Du ſiehſt mich an und kennſt mich nicht. 249 — —— —— Neuntes Kapitel. Von einer anderen Seite wurde Arthur von einem wohlbeleibten Hellebardier angerufen und ihm ein Compliment gemacht über das, was man von ſeinem Anzuge ſah oder ſeine Aufmerkſamkeit von einem Dritten gefordert, einem halbfertigen Büchſenſchützen, der im eiſernen Ringkragen an einem anderen Fenſter ſtand und ſeine Cigarre zu einer Taſſe Kaffee rauchte. 4 Cupido Rüding ſtand während dieſer Zeit vor dem Spiegel und übte ſich in zierlichen Stellungen, vor allen Dingen in eleganter Haltung ſeiner Schußwaffe, beſonders im Auflegen des Pfeiles. Ein lautes Gelächter des Liebesgottes veranlaßte den wilden Jäger, ſich umzuſchauen, und was er ſah, ließ ihn in dieſes Lachen aufs kräftigſte einſtimmen. Walter war aus dem Nebenzimmer herausgekommen in ſeinem ſelbſterfundenen Coſtume des Drachen Griesgram, welches eben ſo willkürlich als phantaſtiſch war, ja, rein unverſtändlich ohne eine Erklärung der leitenden Grundidee. Um von unten anzufangen, ſo war Walter's rechtes Bein bekleidet mit einem bis über das Knie reichenden Reiterſtiefel und gewaltigem Sporn, während ſein linkes in kurzen Hoſen, Strümpfen und einem Schuhe mit hohen, rothen Abſätzen ſteckte; dazu war ſeine Bruſt mit einem eiſernen Cuiraſſe bedeckt, über welchem er einen ſchwarzen Frack trug, der oben am Halſe zugeknöpft war und über deſſen Kragen hinaus eine weiße, weite Krauſe ſichtbar war; am ſeltſamſten war ſeine Kopfbedeckung anzuſchauen; dieſe beſtand aus einer Pickelhaube, an der vorn ein grüner Lichtſchirm befeſtigt war, während ſich rings um dieſelbe etwas wie eine ver⸗ goldete Krone zog, zwiſchen deren Spitzen ſich eine baumwollene Nachtmütze ausſpannte, die in der Art wie Rafaels rothe Kappe über das Hinterhaupt herabfiel. Dazu hatte Walter eine blaue Brille, ſeinen natürlichen grau melirten Bart und als Bewaffnung einen kurzen Stoßdegen, einen Indianerbogen mit den dazu ge⸗ hörigen Pfeilen und einen ungeheuren Damen⸗Strickbeutel, aus dem koloſſale Nadeln wie Bratſpieße hervorſahen. Als ſich der Drache Griesgram mit ſo auffallendem Lachen empfangen ſah, blieb er einigermaßen überraſcht ſtehen, ſtreckte beide Hände von ſich und ſagte ärgerlich in fragendem Tone:„Bah— nun, Ihr Kameeler, was hat's da zu lachen?“ worauf natürlicher⸗ weiſe, durch die herausfordernde Miene Walter's angeregt, ein neuer und ſtärkerer, beinahe lachkrampfartiger Ausbruch der Luſtig⸗ leit bei den Zuſchauern erfolgte. „Nein,“ rief endlich Rodenberg, der zuerſt wieder zu Athem kam,„Du ſiehſt gar zu köſtlich aus!“ worauf der Drache Gries⸗ gram ſich, in Wahrheit gekränkt, auf dem Abſatze umdrehte, um das Zimmer zu verlaſſen, wobei er nun ſeine Kehrſeite zeigte, die mit einem kurzen Mantel in den bunten gewürfelten Farben eines Harlekins bedeckt und auf dieſe Art nicht geeignet war, die beiden Lacher zum Ernſt zurückzuführen— im Gegentheile, der wilde Jäger tobte förmlich vor Luſtigkeit und Cupido Rüding fiel auf einen Stuhl nieder, indem er ſich unter convulſiviſchem Lachen die Seiten hielt. Dieſes offenbare Uebermaß der Freude machte, daß Walter achſelzuckend ſtehen blieb, ſich gemeſſen herumwandte und, die Beiden mit einem mitleidigen Blicke anſchauend, langſam den Kopf auf⸗ und abwiegend, ſagte:„Ich bedaure Euch in der That— wie, wollt Ihr Künſtler ſein und beſitzt doch ſo wenig Phantaſie? Frei⸗ lich kann man es Euch nicht übel nehmen, daß Ihr oberflächliche Burſche den tiefen Sinn meiner Maske nicht zu faſſen vermöget; es wird Anderen auch ſo gehen, Eurem flachen Publikum, das allerdings ſogleich begreifen wird, Du wolleſt den Cupido vorſtellen und Du ſeiſt ſo eine Art von Jäger, ob zahm oder wild, das wird ihnen im Grunde ganz gleichgültig ſein,— alſo, Ihr ſeid Künſtler,“ ſagte er, die Hände zuſammenſchlagend,„und habt keinen Begriff von der Grundidee meiner ſorgfältig gewählten Maske?“ Du ſiehſt mich an und kennſt mich nicht. 251 — ͦy————— — —-— 252 Neuntes Kapitel. „Ich bekenne meine gräuliche Unwiſſenheit,“ ſagte der Liebesgott. „Und mir dämmert ein Gedanke auf, den ich aber nicht wage, Dir mitzutheilen; Du biſt ein gar zu grimmer Drache.“ „Ja, ſchweigt nur ſtill und blamirt Euch nicht; ich will Euch aber auf die Sprünge helfen, damit Ihr es Andern wieder ſagen könnt, die nicht geſcheidter ſind als Ihr— was ſtelle ich vor?“ „Den Drachen Griesgram.“ „Und wer iſt dieſer Drache Griesgram, fabelhaft als Weſen, ſehr bekannt als Begriff, und nicht nur bekannt in unſeren Tagen, ſondern bekannt und gefürchtet zu allen Zeiten, zu finden bei den alten Griechen und Römern, im Mittelalter, in der Zopfzeit, in unſeren Tagen— geht Euch nun ein Licht auf?“ Ja, es fing ihnen an zu dämmern, aber unter einem neuen Ausbruche wilden Gelächters. „Deßhalb, Ihr Kameeler, habe ich meinen Anzug nicht nur aus allen Zeiten zuſammengeſetzt, ſondern deute auch tiefſinnig an, daß der Drache Griesgram in allen Ständen zu finden iſt, mit der Krone auf dem Haupte, in der Pickelhaube, unter der Schlaf⸗ mütze; ebenſo bei den Weibern, das bezeichnet der Strickbeutel.“ „Nach dieſer Erklärung finde ich Deine Tracht ganz ausge⸗ zeichnet,“ ſagte der Liebesgott, wobei es aber immer noch ſchelmiſch um ſeine Mundwinkel zuckte;„doch Eines haſt Du uns noch zu er⸗ klären; was bedeutet der Harlekinsmantel auf Deinem Rücken?“ „Armer Kerl, daß Du das nicht erräthſt!“ gab der Drache mitleidig zur Antwort;„ich, der Griesgram, ſchaue Dir ins Geſicht, und Du wirſt mit mir verdrießlich— ich wende Dir den Rücken, und die heitere, luſtige Laune iſt wieder da— nun, was ſagt Ihr?“ „Ich ſage wie Rüding, fäamos!“ meinte der wilde Jäger; „Du wirſt mit Deiner Maske Alles todt ſchlagen, und wenn Dein Kaffee, den Du gemacht, ebenſo vortrefflich iſt, ſo befördere ich Dich vom Drachen Griesgram mindeſtens zum Halbgott Gries⸗ gram.“ Du ſiehſt mich an und kennſt mich nicht. 253 „Ihr verdient weder einen ſolchen Freund, noch einen ſolchen Kaffee!“ „Zugeſtanden, aber wir wollen für beides dankbar ſein— he, Rafael, ſpüle die Waſſergläſer aus und geh' alsdann hinauf zu Knorx, ich höre den Kerl da oben immer herumtrappeln, und wir müſſen doch endlich erfahren, in was für ein Coſtume er ſich ge⸗ ſteckt hat— geh', lad' ihn zum Kaffee ein.“ Nafael ging, um zu thun, wie ihm befohlen war; doch kaum hatte er die Thür geöffnet, ſo prallte er mit einer erſchrockenen, jedenfalls ſehr verdutzten Miene zurück. Es traten aber auch gleich darauf zwei lange Geſtalten in das Gemach, deren Anblick voll⸗ kommen die entgegengeſetzte Wirkung hervorbrachte, als vorhin das Erſcheinen des Drachen Griesgram. „A— a— a-—ah,“ machte dieſer und ſetzte hinzu:„abſcheu⸗ lich ſchön!“ „Der Teufel auch!“ rief der wilde Jäger. „Bewahre Einen der Himmel!“ ſagte Cupido. Herein traten Arm in Arm in ſichtlichem Behagen über ihre ſcheußlich⸗grotesken Masken: Knorx als magerer Tod, van der Maaßen als fetter Teufel. 6 Der Erſtere war in der That grauenhaft anzuſehen; er war ganz in ſchwarzen Tricot gekleidet, auf den das vollſtändige menſchliche Knochengerippe mit weißer Farbe ſo kunſtvoll gemalt war, daß man aus ſehr mäßiger Entfernung vollkommen getäuſcht wurde und ein wandelndes Skelet zu ſehen glaubte. Das Geſicht deſſelben war kunſtvoll, aber in entſetzlicher Weiſe durch wenige Striche in einen Todtenkopf umgewandelt. Das Phantom hatte das Haupt bedeckt mit einer erdfarbigen, barretartigen Mütze, von der eine lange, ſchwarze Straußenfeder hinten herabfiel. Dieſes, ſowie auch der lange, weiße Mantel, welcher die Rückſeite des Todes bedeckte und mit einem ſchwarzen Schädel über kreuzweiſe gelegte Knochen in der Art eines Ordensſternes geſchmückt war, milderte in etwas die ——J—;; N ͤſͤſͤſͤſ 254 Neuntes Kapitel. ſonſt ſo grauſige Erſcheinung, wie ſie auf dürrer Mähre wohl mitternächtig über ein Schlachtfeld zieht. Der Teufel in rothen Tricots, kurzem, ſchwarzem Kleide und ſtaubgrauem Mantel hatte durch die dicke Perſönlichkeit ſeines Re⸗ präſentanten faſt etwas Gemüthliches, beſonders der Kopf deſſelben, in welchem trotz der kohlſchwarzen Perrücke mit den bluthrothen Hörnern und des purpurnen Teints die gemüthlich blinkenden Aeuglein, ſowie die behaglichen, fetten Backen ihr Vorrecht ſiegreich behaupteten. Beſonders wenn der Teufel ſprach und alsdann ſein feines Discant⸗Organ ertönte, ging alle Furcht vor ihm verloren, und man hätte ihm die Hand drücken und als höflicher Mann den Wunſch blicken laſſen mögen, ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen. „Alle Wetter, Ihr ſeid ſchön!“ ſagte der Liebesgott, der ſich am erſten wieder gefaßt hatte. Wir dürfen hier nicht verſchweigen, daß die Erſcheinung des Drachen Griesgram auf die beiden Eingetretenen beinahe dieſelbe heitere Wirkung ausübte, als vorhin auf die beiden Anderen, und waren ein lachender Tod, ſowie ein vor Freude brüllender Teufel ſehr ergötzlich anzuſehen. Walter ging über dieſen Ausdruck ihrer Freude nicht nur mit großer Gemüthsruhe hinweg, ſondern war edel genug, die Ver⸗ ſicherung zu geben, daß ihre Masken gut gewählt und ſinnig aus⸗ geführt ſeien. „Aber wo wird man Euch eintheilen?“ fragte der wilde Jäger, indem er van der Maaßen freundlich auf die Schulter klopfte und alsdann Knorx kräftig die Hand ſchüttelte.„Mir kommt ein guter Gedanke,“ ſetzte er hinzu,„wenn Ihr beritten wäret, ſo würdet Ihr meinen Zug auf ausgezeichnete Art ſchmücken.“ „Ob wir beritten ſind!“ gab der Tod ſelbſtgefällig zur Antwort. „Ich ſage Dir, wir ſind wunderbar beritten, und Du kannſt Deinem Glücksſtern danken, daß wir auf eine ſo immenſe Idee kamen!“ Du ſiehſt mich an und kennſt mich nicht. 255 „Wahrhaftig, ich freue mich auf Euch!— Doch kommt jetzt zum Kaffee, wir haben nicht viel Zeit mehr zu verlieren!“ worauf ſie ſich alle in bunter Reihe um den Tiſch ſetzten, der Liebesgott zwiſchen Tod und Teufel, der wilde Jäger neben den Drachen Griesgram. 1 „Es iſt nur ein Glück,“ meinte Rüding, mit vollen Backen kauend,„daß van der Maaßen reitet, ſo kommt er doch in keine Verlegenheit, Schrauben ausziehen zu müſſen.“ „Vielleicht ſchraubt er ſeinen einen Sporn ab,“ ſagte Roden⸗ berg,„und das wäre am Ende ein Glück für ihn, wenn ſein Pferd nicht ſehr geduldig iſt.“ „Beruhige Dich,“ erwiederte der Teufel,„mein Pferd iſt ge⸗ duldig und ich trage Anſchnallſporen.“ „Hört Ihr die Muſik?“ „Wahrhaftig, ſie kommt die Gaſſe herauf!“ Und Alle eilten nun an die geöffneten Fenſter. Mächtig brausten die kräftigen Töne zwiſchen den engſtehenden Häuſern, ſo feſt, ſicher und taktgemäß, daß Einem unwillkürlich das Gefühl des Marſchirens in die Füße kam. Es war eine zahlreiche Muſikbande in der Tracht des Mittel⸗ alters, mit bunten, geſchlitzten Wämmſern und Hoſen, das Künſtler⸗ wappen auf der Bruſt, während an dem bauſchigen Barret die weißen und rothen Federn herabnickten— und wie war die vorhin noch ſo ſtille Gaſſe jetzt mit Einem Male ſo verändert und bevölkert: wie ein lebendiger Strom wälzte ſich eine dicht gedrängte Menſchen⸗ menge hinter der Muſik drein durch die ſchmale Straße, jedes Plätzchen überfluthend, hier den Platz, wo ein Haus etwas zurück⸗ ſtand, dort eine offen ſtehende Thür, eine ſteinerne Bank, einen Eckſtein— welche Maſſe von Neugierigen ſtand jetzt an den Fen⸗ ſtern, coſtumirt und uncoſtumirt, und wie raſch verſchwanden die erſteren wieder, ſowie ſich die Muſikbande und die Menſchenmaſſen näher wälzten! Die Meiſten eilten hinab, um ſich dem Zuge an⸗ Neuntes Kapitel. zuſchließen und nicht einzeln zum Verſammlungsorte gehen zu müſſen; überall öffneten ſich die Hausthüren, und wo ſich die treff⸗ lich coſtumirten Künſtler zeigten, die Hellebardiere, Büchſenſchützen, Landsknechte und Conſtabler, da wich die jubelnde Menge hinter der Muſik zurück, den neu Eintretenden gehorſam Platz machend. Langſam zog alles das mit ſo betäubendem Lärm vorüber, daß die Hufe einer Reiterſchaar, die etwas ſpäter hintendrein trabte, kaum mehr ein nennenswerthes Geräuſch zu machen ſchienen. Dieſes waren Reiter im Cuiraß oder im Lederwamms und Helm, einen Bannerträger begleitend, der in kräftiger Hand die Standarte des Künſtlervereins trug. Rafael, der begreiflicherweiſe unten vor dem Hauſe, auf einem alten Oelfaſſe ſtehend, zuſchaute, eilte jetzt wieder die Treppe hin⸗ auf, dann wieder hinab und dann nochmals hinauf und ſchien ſich überhaupt heute Morgen in einer ganz beſonderen Aufregung zu befinden. Der Pudel hatte Ruhe vor ihm, ja, der junge Diener vergaß es ſogar, den für ihn übrig gebliebenen Kaffee zu verzehren, und war deſto aufmerkſamer um ſeinen Herrn beſchäftigt: bald zupfte er hie und da an deſſen grünem Wammſe oder ſtrich eine Falte glatt, bald drückte er die Schwertkoppel an Rodenberg's ſchlanke Hüfte hinab; am allermeiſten aber machte er ſich mit dem unſcheinbaren Hüfthorne des wilden Jägers zu ſchaffen, das dieſer ſelbſt nie ohne Mißbehagen anſchaute. Jetzt war der kleine Diener die Treppe hinabgerast und meldete nun, athemlos zurückkehrend, daß die Pferde kämen, ebenſo die Droſchke für Herrn Walter und Cupido Rüding, worauf der Drache Griesgram in das Nebenzimmer ging, ſeine Cigarrentaſche einſteckte, ſowie eine wohlgefüllte Cognacflaſche umhängte und nun wieder erſchien mit einer küchtigen Kette auf der Achſel, die Feſſeln näm⸗ lich, woran er die Freude auf der Fahnenburg gefangen halten mußte. Nachdem noch lärmend in allen Ecken herumgeſucht worden Du ſiehſt michen und kennſt mich nicht. 257 war nach verſchiedenen vergeſſenen oder wieder abhanden gekom⸗ menen Gegenſtänden, als: Hetzpeitſchen, Stulphandſchuhen, Cupido's Köcher, des Teufels Reitgerte, die mit einem Horn verziert war, und ähnlichen nützlichen und angenehmen Dingen mehr, ging es die Treppen hinab, um hier ſo wie im Thorwege drunten zwei Reihen Neugieriger zu paſſiren, ſämmtlich Bewohner des Hauſes, Ladendiener, Knechte und Mägde, wobei es für Alle wohlthuend war, Ausrufe der Freude und Bewunderung zu hören, ſowie von Seiten der weiblichen Zuſchauer des Abſcheues und Entſetzens beim Anblicke von Tod und Teufel. Vor dem Hauſe hielten Rodenberg's Pferde und ein Theil ſeiner Begleiter, kräftige Jägergeſtalten zu Pferde und zu Fuß, Jagdſpieße und Hirſchfänger in den Händen; Andere mit den weit gewundenen Waldhörnern um Bruſt und Schulter, wieder Andere, in feſter Hand die zahlreiche Meute unruhiger Hunde haltend, die ſich ſo luſtig und toll anſtellten, als ginge es zu einer wirklichen Jagd. Arthur's Rappe war kaum zu halten, was übrigens der kühne Reiter mit Vergnügen ſah, indem er ruhig die Reihe des Zuges anordnete und zuſah, wie Tod und Teufel beritten gemacht wurden. 3 1 Beide hatten nicht zu viel verſprochen, als ſie vorhin ver⸗ ſicherten, die Wahl ihrer Pferde ſei eine vorzügliche; der Teufel beſtieg ein ſchweres und ſehr ſanftes Brauerpferd von ſchwarzer Farbe, mit Eiſenketten gezäumt, während der Gaul des Todes ein hochbeiniger Falbe war, an dem man jeden Knochen ſehen konnte. Als nun Alles in Ordnung war, ſchwang ſich Rodenberg auf ſeinen Rappen, der, obgleich von des Reiters gewandter Hand ſo⸗ gleich gebändigt, eine ſtarke Pferdelänge vorwärts ſchoß, wobei es ein kleines Unglück gab, denn wahrſcheinlich von der heftigen Be⸗ wegung löste ſich ein Ring, der das Hüfthorn mit ſeinem Leder⸗ riemen verband, und es fiel zu Boden. 3 Neuntes Kapitel. Rafael, der mit unruhigen Blicken zugeſchaut, ſtürzte ſogleich hinzu, hob das Horn auf und rief alsdann:„O weh, o weh, da iſt etwas gebrochen, was man nicht ſogleich wieder machen kann!“ Rodenberg warf ärgerlich ſein Pferd herum, und nachdem er den Schaden nachgeſehen, befahl er dem kleinen Diener, den Rie⸗ men auf irgend eine Art wieder befeſtigen zu laſſen und ihm das Horn ſo raſch wie möglich auf den Verſammlungsplatz nachzu⸗ bringen. Der kleine Diener hielt nicht ſobald das Hüfthorn in ſeinen Händen, als er, ohne ſich weiter um ſeinen Herrn zu bekümmern, wie eine Rakete davonſchoß, und zwar in der Richtung des Gaſt⸗ hofes zu den drei Reichskronen. Rodenberg mit ſeinem Jägergefolge hatte ſich ebenfalls in Be⸗ wegung geſetzt, gefolgt von einer Maſſe neugieriger Buben und an⸗ geſtaunt von den Bewohnern der Wurſtgaſſe. Der wilde Jäger, welcher an der Spitze des Zuges ritt, machte einen kleinen Umweg und führte ſeine Schaar aus uns wohlbekannten Gründen durch die Fingerſtraße an dem Hauſe der Wittwe Schmitz vorüber. Er brauchte ſeinem wilden Rappen, der, mit dem Kopfe ſchüttelnd, unmuthig die Hand des ſicheren Reiters zu fühlen ſchien, nur ein wenig Luft zu laſſen, um ihm zu eben ſo unartigen als eleganten Courbetten Veranlaſſung zu geben, ein Beiſpiel, welches anſteckend auf die ganze Reiterſchaar wirkte, deren ſämmtliche Pferde unruhig wurden und ſo in der That ein maleriſch ſchönes Bild boten, eine glänzende Cavalcade, einen ſchillernden Kranz von bunten Coſtumen und leuchtenden Waffen mit dem ernſten, düſtern Mittelpunkte: dem Tod und dem Teufel. Dort war das kleine Haus, welchem, nur Einem bewußt, die Begweglichkeit der Reitermaſſe galt; vor der Thür ſtand ein beſchei⸗ dener Einſpänner, den Michel Angelo ſoeben beſtiegen hatte, um hinaus zur Fahnenburg zu fahren, wo der kleine Kunſtfreund bei den Verzierungen hülfreiche Hand zu leiſten hatte. Er ſtreckte beim — — Du ſiehſt mich an und kennſt mich nicht. 259 Anblicke des wilden Jägers entzückt ſeine Arme aus und rief ein Bravo um das andere— oben im erſten Stocke waren die Fenſter geöffnet; dort ſaß Madame Schmitz an ihrem gewöhnlichen Platze und neben ihr bemerkte Rodenberg eine ſchlanke Mädchengeſtalt mit den wohlbekannten, eben ſo ſchönen als edeln Zügen: er hatte ſie bei ſeinen Promenaden wohl zuweilen geſehen, aber immer hatte ſie völlig theilnahmlos auf die Straße und auf ihn geblickt; heute aber war ihr ſonſt ſo blaſſes Geſicht lebhaft geröthet, ihre Augen leuch⸗ teten, ja, ſie bog ſich etwas vor, um den Reitern nachzuſchauen. Arthur hätte ſogar darauf ſchwören mögen, ſie habe freundlich ge⸗ lächelt und ihn feſt und vielſagend angeblickt, gewiß, er hatte das geſehen, und noch deutlicher hatte er es gefühlt an der Bewegung ſeines heftig klopfenden Herzens. —— X. „Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn.“ Der Künſtlerverein hielt während der Frühlings⸗ und Som⸗ mermonate in einem ſchönen Garten, unmittelbar vor der Stadt gelegen, ſeine Zuſammenkünfte. Es war ein ziemlich ausgedehntes Terrain, durch Kunſt und Natur mit allem verſehen, was ſich ein poetiſches Gemüth nur wünſchen kann. Da waren uralte Bäume, welche, dichten Schatten ſpendend, auf weiten, grünen Raſenplätzen ſtanden oder, zu Baumgruppen an einander gereiht, nach heimlichen, verſteckten Plätzen führten, wo ein alter Trinktiſch und bemooste Bänke ein paar ſtille Zecher freundlich willkommen hießen, die es in einer lauen Sommernacht vorzogen, anſtatt in dem heißen, lärmerfüllten, großen Verſammlungsſaale, hier bei Sternengeflim⸗ mer oder „bei des Mondes Silberſchein“ ihren kühlen Wein zu trinken. Da gab es förmliche Waldpartieen mit künſtlich verſchlungenen Wegen, vermittels welcher der Spaziergänger an die Ufer eines klaren Baches geführt wurde, der unter Brücken aller Art hinweg mit herrlichem, eiskaltem Waſſer die heiße Sommerluft kühlte. Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn. 261 Da gab es Spiele aller Art für kleine und große Kinder, ein mit Epheu und Schlingpflanzen umranktes Reſtaurations⸗Gebäude und unter dieſem einen prächtigen, tiefen Keller mit weingrünen Lagerfäſſern— Evoe!— Hier war heute der Verſammlungsort für ſämmtliche, welche ſich an dieſem Künſtlerfeſte betheiligten; obgleich es noch ſehr früh am Tage war— die Sonne vergoldete eben erſt den Wetterhahn des höchſten Kirchthumes der Stadt, der ſich ihrem Aufgange, gutes Wetter verkündend, zugekehrt— ſo waren doch ſchon die Straßen, welche nach jenem Garten führten, ja, ein Theil des Gar⸗ tens ſelbſt von Neugierigen aller Stände und jeden Alters ange⸗ füllt. Auf der breiten Landſtraße, die an dem Verſammlungsorte vorüber nach den Bergen führte, wo das Feſt abgehalten wurde, bildeten ſich zwei Reihen Equipagen mit Herren und Damen in reicher Sommer⸗Toilette, welche zuerſt hier die ankommenden Künſtler ſehen wollten, dann den formirten Zug und ſpäter ſo viel als mög⸗ lich von den Feſtlichkeiten draußen im Walde. Dazwiſchen ſah man Reiter hier und da an einem Wagen⸗ ſchlage plaudernd oder auch einen bekannten Künſtler begleitend, welcher coſtumirt herangaloppiri kam und den man vielleicht ſchon in der Stadt oder unterwegs getroffen.. Fußgänger beiderlei Geſchlechts hatten ſich zwiſchen die Wagen vertheilt und bildeten zahlreiche, dicht beſetzte Spaliere am Ausgange der Stadt, ſowie am Eingange des Gartens. 3 Zahllos war das Heer der Buben in allen Größen, in allen nur erdenklichen Anzügen. Es war, als ſeien ſie für heute Mor⸗ gen, zum heutigen Feſte ganz beſonders erſchaffen worden, um das⸗ ſelbe durch ihre Gegenwart zu verherrlichen, um alle, ſelbſt die kleinſten Räume zwiſchen Wagen, Reitern und Zuſchauern auszu⸗ füllen; um überall hinzuklettern, wo noch ein hierzu mögliches Plätz⸗ chen war, um ſich an Laternenpfoſten anzuklammern, auf Thorpfeiler zu ſteigen, an ſchwankende Baumäſte zu hängen, um auf alten 262 Zehntes Kapitel. Stämmen zu balanciren, welche in dem oben erwähnten Bache ſchwammen, um vor den ankommenden Zügen herzulaufen, um den⸗ jelben auf beiden Seiten zu folgen oder hintendrein zu traben, kurz⸗ um, überall zu ſein, oben, unten, vorn, hinten, in der Luft, auf der Erde und im Waſſer— und alles das mit Geſchrei und Joh⸗ len, unter pikanten Bemerkungen über die bekannten Künſtler, welche nicht nur durch ein lautes Gelächter der umſtehenden Rotte belohnt wurden, ſondern auch häufig ein Lächeln auf den Zügen ernſter, erwachſener Zuſchauer hervorriefen⸗ Für die Coſtumirten und Betheiligten am Feſte war es wohl einer der belohnendſten und angenehmſten Augenblicke, als man ſich hier im Garten am heutigen Morgen zum erſten Male fand, ſein Coſtume betrachten, loben und bekritteln ließ, um es mit dem An⸗ zuge eines Anderen eben ſo zu machen. Und welch maleriſches, buntes Gewimmel herrſchte hier, beſonders im nächſten Umkreiſe des Reſtaurations⸗Gebäudes, vor welchem ſich das Künſtler⸗Comite be⸗ fand, um noch einige nothwendige Anweiſungen zu geben und Be⸗ fehle zu ertheilen! 6 Von unſeren näheren Bekannten ſehen wir hier Roderich und Lytton; erſterer, der eigentliche Leiter des ganzen Feſtes und auch ſpäter der Anführer des zuſammengeſetzten Zuges, trug die Tracht eines Reiter⸗Offiziers aus dem dreißigjährigen Kriege, was für ſeine große, ſtattliche Geſtalt außerordentlich kleiſam war und was in ſeinem Ernſte und ſeiner gediegenen Echtheit einen ſchroffen Gegen⸗ ſatz bildete zu der Erſcheinung ſeines Freundes Lytton, welcher den Prinzen Maiwein vorſtellte und eben ſo phantaſtiſch als reich ange⸗ zogen war: er trug purpurne Seiden⸗Tricots mit feinen, lederfar⸗ benen Stiefeln und darüber eine anliegende Tunica von ſilbergrauem Sammt, deſſen Verzierungen aus den niedlichen Blüthen des Wald⸗ meiſters beſtanden, während ſein Barret mit einem künſtlich gemachten Buſche der gleichen, uns ſo wohlbekannten duftigen Waldpflanze ge⸗ ſchmückt war. Er ſah in ſeiner ſchlanken Geſtalt und feinem fri⸗ Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn. 263 ſchen, jugendlich ſchönen Geſichte prächtig aus in dieſem Anzuge, der vervollſtändigt wurde durch einen blauen Mantel, welcher durch eine blitzende Juwelen⸗Verzierung, dargeſtellt durch einen Kranz von Maiblumen, umſäumt war. Hier ſtanden die Landsknechte und Hellebardiere in Gruppen beiſammen, ihre mächtigen Lanzen mit den bunten Quaſten ſchul⸗ ternd oder feſt neben ſich auf den Boden ſtellend; da ſaßen andere von ihnen bei Conſtablern und Büchſenſchützen und frühſtückten den dampfenden Kaffee oder auch wohl verſtohlen ein Glas Bier; da ſtampften und ſchnaubten die Pferde unter ihren muntern Reitern oder, von dieſen am Zügel gehalten, ſtiegen ſie auch wohl luſtig und muthwillig und wieherten in die friſche, helle Morgenluft hin⸗ aus; da galoppirten auch wohl ein paar Geharniſchte, mit wallen⸗ den, bunten Federn auf dem Helme, nach einem der freien Plätze im Garten, wandten ihre Roſſe, um den nöthigen Abſtand zu ge⸗ winnen, und kreuzten dann die Klingen im ſcherzhaften Scheinge⸗ fechte— da leuchteten aus dem dunklen Grün hervor die Banner der verſchiedenen Künſtler⸗Corporationen, der Maler, der Bildhauer, der Kupferſtecher; da ſchallte luſtiges Lachen und heitere Worte der Begrüßung, des Lobes und der Verwunderung über einen neu erſchei⸗ nenden gelungenen Anzug; da erklang, über Alles hinaustönend, die Muſik der Bande, die wir ſchon vorhin gehört und geſehen, und welche ſoeben in den Garten einzog, das alte, berühmte Lied blaſend: „Prinz Eugen, der edle Ritter“— da gab es Ueberraſchungen auf Ueberraſchungen: durch das weit geöffnete Thor ſprengten auf einmal auf kleinen, rauhhaarigen Pferden zwei Rothhäute in den Garten, die im vollen Krieger⸗ ſchmucke gekommen waren, um ihren Brüdern fern im Oſten bei Entfeſſelung der Freude zu helfen. Die Indianer wurden von zwei Künſtlern, geborenen Ameri⸗ kanern, die lange unter den Originalen gelebt, mit einer Wahrheit Zehntes Kapitel. dargeſtellt, die Jeden überraſchte. Der zum Theil echte, zum Theil aufs genaueſte nachgemachte Anzug, die Tätowirung der wilden Geſichter, die tolle, verwegene Art, zu reiten, ſo gänzlich abweichend von europäiſchem Begriffe über Sitz und Führung, der gewandte Gebrauch des Tomahawks und des Wurfſpießes, die glänzenden Farben des Kopfſchmuckes, die fliegenden Scalpe machten einen wirklich draſtiſchen, wahren Eindruck. Da erſchien auch der edle Ritter von la Mancha auf magerer Noſinante und hinter ihm Sancho Panſa auf einem kleinen Eſel, beide durch Maler mit äußerlich hierzu ſehr paſſenden Perſönlich⸗ keiten dargeſtellt. Der ſinnreiche Junker lenkte ſein Roß auf Rode⸗ rich und Lytton zu, ſenkte grüßend ſeine lange Lanze und ſprach: „Edler Vorſtand einer achtbaren Künſtlergeſellſchaft! Nicht in der Hoffnung, am heutigen glorreichen Tage windmühlenartigen Rieſen oder der Erde entſtiegenen vermummten Kobolden zu begegnen, habe ich mich dieſer tapferen Schaar angeſchloſſen, ſondern vielmehr in dem richtigen Gefühle, daß bei einem Künſtlerfeſte auch ſichtbarlich nicht fehlen dürfen die Vertreter des Kampfes zwiſchen Idealismus und Realismus, und ſo ſtelle ich mich einem hochachtbaren Vor⸗ ſtande zur Verfügung; man verwende mich, wo und wie man will, doch am liebſten wäre es mir zum Schutze und Beiſtande der Tugend und Unſchuld, und wenn ich dabei in jeder Hinſicht Wun⸗ der der Ausdauer und Tapferkeit verrichte, ſo ſei es unter meinem Wahlſpruche: Dulcinea iſt das ſchönſte Weib der Erde!“ Roderich reichte dem berühmten Ritter von der traurigen Ge⸗ ſtalt ſeine Hand, und nachdem er deſſen zierliche Rede mit einigen paſſenden Worten in getragenem Tone erwiedert, ſagte er in ſeiner gewöhnlichen Sprechweiſe:„Ich war faſt ärgerlich, als Knorx uns im Stiche ließ, doch muß ich Dir offenherzig geſtehen, daß ich ſein Zurücktreten jetzt nicht mehr bedaure, denn die Nolle des Don Quixote iſt bei Dir in den vortrefflichſten Händen— verſtehe mich, edler Ritter, was nämlich das Aeußerliche anbelangt.“ Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn. 265 „Auch das iſt gerade kein Compliment,“ gab Don Quixote zur Antwort, indem er an ſich hinunterſah;„wahrhaftig, in dieſen Tricots und dieſer Rüſtung ſehe ich klapperdürre aus.“ „Alles zur Ehre der Künſtlerſchaft!“ rief Lytton lachend, in⸗ dem er dem Edlen aus der Mancha ebenfalls die Hand reichte und dann zu Sancho Panſa hintrat, einem der talentvollſten jungen Künſtler, welche die Akademie aufzuweiſen hatte und deſſen Name in wenigen Jahren eben ſo bekannt und berühmter ſein ſollte, als der des dicken ſpaniſchen Eſeltreibers, den er mit eben ſo viel Witz als Laune vorſtellte. Draußen vor dem Garten wurde das Geſchrei der Buben, ſo⸗ wie das Geſumme und Gejohle der dichten Volksmaſſe durch ſchmet⸗ ternde Muſik übertönt; es war eine zweite, eine berittene Muſik⸗ bande, die herankam und ſich vor dem Garten aufſtellte: die Reiter hatten hohe, bis über die Kniee reichende Stiefel und gelbe Leder⸗ wämmſer mit aufgeſchlitzten, lang herabfallenden Aermeln, unter denen ein blaues, eng anliegendes Unterkleid hervorblickte; der Ringkragen war von mattem Eiſen, eben ſo die Pickelhaube, auf welcher ein grüner Eichenbuſch ſteckte. Mit lautem Hurrah wurden ſie von der Bubenſchaar umringt, die ſich ſo nahe um ſie herum und an dem Eingange des Gartens zuſammendrängte, daß ein rieſenhafter Mohr, welcher jetzt erſchien, um ebenfalls an dem Kriegszuge gegen den Drachen Griesgram Theil zu nehmen, gewaltig ſeine mächtige Keule ſchwingen mußte, um Platz zu gewinnen, was aber einige der keckſten Buben nicht abhielt, den langen Schweif ſeines Pferdes zu ergreifen, um ſich ſo in den Garten einzuſchmuggeln. „He, Mohr,“ vernahm man ein paar andere Schreihälſe, „ſchlag um Dich, Du haſt Jemanden hinten aufſitzen— wie der Mohr ſchwitzt, lauter ſchwarze Tropfen!“ „Kein Wunder bei der Hitze!“ „Wenn das ſo fortgeht, kommt er weißgewaſchen nach Hauſel“ Hackländer's Werke. 52. Bd. 18 tendes Gelächter ertönte ſo lange, bis der Mohr hinter dem ſchützenden Gartenthore verſchwunden war. heranzuziehen; man hörte verſchiedene Stimmen, welche a—ah, o—oh riefen, man ſah die wogende Volksmenge vordringen und wieder zurückweichen, man bemerkte, wie hier und da von den in Wagen Sitzenden aufſtanden und nach der Stadt zu blickten, man vernahm endlich den dumpfen Ton von Waldhörnern.— welche nicht wußte, was herankomme, fing an, unruhig zu werden, und drückte dieſe Gemüthsſtimmung dadurch aus, daß ſie plötzlich ſehr ruhig wurde, ihr Geſchrei einſtellte, daß jeder Einzelne ſeinen dünnen Hals ſo lang wie möglich ſtreckte, wobei die meiſten er⸗ wartungsvoll zu einem glücklicheren Kameraden aufblickten, der, vom Zufalle begünſtigt, einen erhöhten Stand⸗ oder Sitzpunkt ein⸗ nahm, eine Thoreinfaſſung, einen Mauerrand, den Aſt eines Baumes. von oben herab,„wißt Ihr, was da kommt?“ Du? Was kommt?“ Zehntes Kapitel. „Gott bewahre, das iſt ein echter Mohr!“ „Woran ſiehſt Du das?“ „Er hat krumme Beine und keine Waden!“ „Ho, ho!“ rief die ganze umſtehende Menge, und ein anhal⸗ Von der Stadt ſchien jetzt etwas Neues und Bemerkenswerthes Die zuſammengedrängte Bubenſchaar dicht vor dem Garten, „He, Ihr da unten,“ ſchrie jetzt eine dünne, ſcharfe Stimme „Nein, nein! Was iſt's denn? Was gibt's? Was ſiehſt „Der Teufel kommt!“ „O— o— o— oh, der Teufel?“ „Und ſeine Großmutter!“ klang eine andere, eben ſo ſchrille Stimme. Halt' Dein Maul, dummer Kerl!“ hörte man einen Drit⸗ 1 ten—„wißt Ihr, was es iſt?“ „Nun, was iſt's denn?“ „Es iſt die wilde Jagd!“ Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn. 267 „Die wilde Jagd!“ klang es von vielen Stimmen in der Entfernung. „Ah, die wilde Jagd!“ hörte man die ſagen, welche in ihren Wagen aufrecht ſtanden. „Wahrhaftig, die wilde Jagd!“ ſagte ein Reiter, indem er ſich in den Bügeln erhob, zu einem anderen, der einen halben Schritt hinter ihm hielt—„können Sie ſie ſehen?— Auf mein Wort, ausgezeichnet arrangirt!“ „Auf Ehre, ſuperbe....* „Und wie der an der Spite, ein wunderſchöner junger Menſch, auf ſeinem prachtvollen Rappen ſitzt— ah, ich kenne das Pferd, es gehört dem Rittmeiſter von Strachwitz— ſehen Sie ihn— wie gelungen ſein Coſtume iſt!“ „Auf Ehre— räuberhaft!“* „Vortrefflich, ſage ich Ihnen! Und die Jägerburſchen hinter ihm, ſein ganzes Gefolge, köſtlich— deliciös— und dort kommt, als zur wilden Jagd gehörig, Tod und Teufel— ein paar phan⸗ taſtiſch gelungene Geſtalten— ſehen Sie dieſelben?“ „Ja, ja— trichinenhaft!“ Hier wurde das Geſpräch dieſer beiden Reiter unterbrochen, zerriſſen durch das wilde Geſchrei der Bubenſchaar, die jetzt die erſten Reiter zu Geſicht bekam und nun wie toll brüllte:„Die wilde Jagd— die wilde Jagd— Hurrah, die wilde Jagd!“ „Lützow's wilde, verwegene Jagd!“ gellte Einer hoch von einem Baume herab. Worauf es gerade ſo war, als habe der Kapellmeiſter der be⸗ rittenen Muſikbande vor dem Garten nur auf dieſes Wort, wie auf ein Commando, gewartet, denn in der Secunde darauf gab er ein Zeichen, indem er ſein Klapphorn hoch emporhielt und dann raſch ſenkte, worauf die Trompeter die Melodie blieſen: „Was glänzt dort im Walde im Sonnenſchein?“ 268 Zehntes Kapitel. und als ſie an den Refrain des Liedes kamen: „Das iſt Lützow's wilde, verwegene Jagd!“ da ſangen Hunderte laut gellender Bubenkehlen in allen paſſenden und unpaſſenden Tonarten mit, auch die Bande im Garten fiel ein mit der türkiſchen Muſik, mit ihrer großen Trommel und Tſchineradada, daß es einen förmlichen Höllenlärm abgab, würdig als Begleitung des wilden Jägers. Rodenberg feierte ausgezeichnete Triumphe, und er mußte ſich mit Befriedigung geſtehen, daß, ſo ſchön auch der Tag zu werden verſprach, derſelbe doch nicht im Stande ſein werde, das zu über⸗ bieten, was der glückliche Arthur heute Morgen ſchon genoſſen: von dem kleinen Hauſe anfangend, wo ſie am Fenſter geſtanden, hatte er einen förmlichen Triumphzug gefeiert; in den Augen aller derer, die ihn ſahen, wann er vorüberzog, war nur Staunen und Be⸗ wunderung zu leſen; die Männer, bekannte und unbekannte, riefen ihm häufig zu: Ausgezeichnet, vortrefflich arrangirt! und manch' leuchtendes Mädchenauge, das ähnliche Gedanken ohne Worte aus⸗ ſprach, hätte ihm gefährlich werden können, wenn er nicht ſo warm und innig an ſeine ſchöne, geheimnißvolle Waldfee gedacht. Ach, wie ſie an jenem herrlichen Morgen war, ſtand ſie ſo lebendig, ſo lieblich vor ſeiner Seele, nicht mit jenem düſteren Auge, das er in den Tagen darauf an ihr bemerkt, wenn er ſie ſah, zufällig auf der Straße oder, was ſo häufig geſchah, an ihrem Fenſter vorüber⸗ ziehend!— Doch jetzt hatte der wilde Jäger kaum mehr Zeit, dergleichen Gedanken nachzuhangen. Er gerieth nun mit ſeinem Zuge zwiſchen die beiden Wagenreihen der Zuſchauer, zwiſchen die wogende und lärmende Volksmenge hinein, und hier, mochte er wollen oder nicht, war er doch häufig genöthigt, manchen lauten Ausruf der Freude, ja, des Entzückens auf ſich zu beziehen und mit einem dankenden Gruße zu erwiedern. Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn. 269 So ſehr ſich auch ſeine leicht begreifliche Eitelkeit durch dieſen glänzenden Erfolg geſchmeichelt fühlte, ſo war es ihm in der That doch außerordentlich angenehm, als er nun an dem Verſammlungsorte anlangte und ſich die ſchützenden Thore des Gartens vor ihm öffneten. „Das iſt Lützow's wilde, verwegene Jagd!“ ſang, klang, ſchrie, brüllte, trompetete und paukte es von allen Seiten—„Hurrah, die wilde Jagd!“ Der Rappe ſetzte mit einem gewaltigen Sprunge in den Gar⸗ ten hinein, wo der Reiter gewandt abſprang und alsdann ſein Pferd auf die Seite zog, um das Gefolge hereinzulaſſen. Augenblicklich ſah ſich hier Arthur von den Freunden umringt, die ihn herzlich grüßten, ihm die Hände ſchüttelten und ihn mit wohlgemeinten Lobſprüchen überhäuften. Daß ſeine Anſtrengungen hier vor den Kenneraugen der Künſtler ihre Würdigung fanden, das machte ihn ſtolz und glücklich, und er lachte aus vollem Halſe mit, als eine Bemerkung Cupido's allgemeine Heiterkeit erregte. Dieſer hatte nämlich, auf ſeinen Bogen geſtützt, die ganze wilde Jagd an ſich vorbeiziehen laſſen und ſagte dann mit einem affectirten Seufzer:„Ja, ja, das iſt alles ſchön und gut, aber recht traurig: heute roth und morgen todt, und was der gute Arthur jetzt als Spiel treibt, muß grauſige Wahrheit werden, denn er hat ſich ſo in Schulden geſteckt, daß er ſich aus einem wilden Jäger in einen wild gejagten verwandeln muß.“ Worauf dem kleinen Liebesgotte der Tod zurief:„Schweig', Du neidiſche Unke, oder ich hole Dich heute Nacht, wozu Du mir bei Speiſe und Trank ſchon Gelegenheit geben wirſt!“ Jeder der Künſtler aus dem Zuge der wilden Jagd erhielt übrigens die gebührende Anerkennung, vor allen Dingen Knorx und van der Maaßen, von denen beſonders der erſtere durch ſeine gelungene Maske nicht allein die Freude, ſondern auch der Schrecken der Beſchauer war. 270 Zehntes Kapitel. „Knorx, ich verzeihe Dir aus vollem Herzen,“ rief ihm Ro⸗ derich freudig entgegen,„daß Du uns als Don Quixote ſo perfid im Stiche gelaſſen— wahrhaftig, Du ſiehſt gottvoll aus, überhaupt der ganze Zug iſt ſo poetiſch und ſchön, wie man ſich nur etwas denken kann!“ Prinz Maiwein ſagte zu dem wilden Jäger, welcher, an der Thür der Reſtauration ſtehend, ein Seidel Bier trank:„Du ſoll⸗ teſt mir eigentlich den Tod und den Teufel ablaſſen, damit ſie rechts und links an meinem Wagen ritten, es wäre das für alle Schlem⸗ mer ein ſymboliſcher Wink: hütet euch vor dem Uebermaße, ſogar in ſüßem Maitranke, denn ſonſt könntet ihr leicht dieſen beiden Geſpenſtern zum Opfer fallen!— Scherz bei Seite, Rodenberg,“ fuhr Lytton fort, indem er dem Freunde auf die Schulter klopfte, „Du haſt das beſte Theil erwählt und es mit Geſchick durchgeführt: ich komme mir daneben förmlich fade vor in meiner prinzlichen Seide und meinem hoheitlichen Sammt.“ „Jedem das Seine,“ erwiederte Rodenberg mit einem leichten Anfluge von Spott;„Du gehörſt in Deinen vergoldeten Wagen und biſt der rechte Mann dazu, dem ſchönen Geſchlechte das Gift unter der ſüßeſten Form des Maitrankes beizubringen.“ Eine ſchmetternde Trompeten⸗Fanfare ertönte und Alles kam in Bewegung. Roderich, der ſchon zu Pferde ſaß, blickte mit ſei⸗ nem ſcharfen Auge rings umher und lenkte alsdann ſein Pferd gegen einen anderen Reiter, eine prächtige, breite Geſtalt, in faſt gleichem Coſtume wie er ſelbſt, der jetzt die ſchwere Fahne der Künſtlerſchaft wie eine leichte Feder emporhob und in den Bügel⸗ ſchuh ſteckte. „Lindau,“ rief er ihm zu,„Du läſſeſt die Reitermuſik zwan⸗ zig bis dreißig Fuß voran und dann folgſt du ihr!— Haſt Du Dich auch mit dem Kapellmeiſter verſtändigt, daß er nicht ſo raſch vorn hinwegreitet? Ueberhaupt mußt Du ihm zuweilen zurufen, denn alle Anderen ſehen nur auf Dich und Deine Fahne!“ Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn. 271 Lytton trat heran, legte ſeine Hand auf die Mähne von Ro⸗ derich's Pferd und ſagte mit leiſer Stimme:„Glaubſt Du in der That, Conchitta habe ſich nicht erbitten laſſen, mit Regierungsraths hinauszufahren? Mir hat ſie es abgeſchlagen.“ „Mir auch,“ gab Roderich zur Antwort, wobei ein Schatten über ſeine Züge flog. „Sie liebe dergleichen Vergnügungen nicht, ſagte ſie.“ „Und die Künſtlerſchaft müſſe es ihr übel nehmen, wenn ſie als Zuſchauerin erſcheine, da ſie ihre Mitwirkung abgelehnt, und darin hat ſie nicht Unrecht.“ „Bei alledem wollen wir doch ſcharf in die Wagen der Zu⸗ ſchauer nach ihr auslugen— Weiber und Mädchen ändern häufig ihre Entſchlüſſe.“ „Die nicht.— Ich ſandte ihr einen Strauß Maienblumen mit ein paar ſcherzhaften Worten, worin ich ihr ſagte, die Kinder des Waldes hätten mich gebeten, dieſe kleinen Abgeſandten vor ſie gelangen zu laſſen und um ihr Erſcheinen zu bitten.“ „Und Alles vergebens?“ „Alles vergebens.“ „Fährt Deine Frau hinaus?“ „Schwerlich, ſie hat unerträgliches Kopfweh.“ „Aber die Kleine?“ „O, die werden wir irgendwo in einem Wagen finden!“ ſagte Olfers mit aufleuchtendem Auge—„ſie freut ſich unendlich auf das Feſt!“ „Schauen wir nach ihr um.“ „Aber jetzt vorwärts— es iſt Zeit!“ Ein junger Bildhauer auf einem leichten ungariſchen Pferde, welcher Adjutantendienſte bei dem Anführer des Kriegszuges that, ſprengte nun auf einen Wink Roderich's zum Garten hinaus und ließ die Reitermuſik abſchwenken und abmarſchiren. Ihr folgte in der vorbezeichneten Entfernung der Fahnenträger, dann Roderich, 272 Zehntes Kapitel. und hinter dieſem ein Trupp halb geharniſchter Reiter, Büchſen⸗ ſchützen, ein Haufen Landsknechte; nun kamen Conſtabler mit klei⸗ nen, leichten Geſchützen: ein Theil Leute in mittelalterlicher Bauern⸗ tracht zogen dieſe Feldſchlangen, während andere, Marodeurs oder Plünderhaufen vorſtellend, mit Aexten, Beilen, roſtigen Schwertern und alten Lanzen bewaffnet, hinter den Conſtablern drein zogen. Von dieſer wilden Bande, meiſtens aus ganz jungen Künſtlern beſtehend, bildete das in angemeſſener Entfernung hinter denſelben einherziehende Muſikcorps zu Fuß einen angenehmen Uebergang zu dem Hofſtaate des Prinzen Maiwein, der, eine blumenbekränzte Fahne voran, aus glänzend coſtumirten Reitern in der weniger kriegeriſchen, aber reicheren Tracht des achtzehnten Jahrhunderts beſtand. Hellebardiere umgaben die prächtige Caroſſe des Fürſten der waldesduftigen Einſamkeit. Es war dies ein Fahrzeug aus fabel⸗ hafter Zeit, in einem phantaſtiſchen Style erbaut: die ſchweren Räder erſchienen wie Kränze von Laubgewinden mit ſilbernen Blü⸗ then, und während ſich der untere Theil des Wagens ſelbſt der Muſchelform näherte, ſah man über demſelben, von ſechs reich vergoldeten Säulen getragen, einen Baldachin, aus zierlichem Ge⸗ flechte rankender Pflanzen gebildet, die mit Waldmeiſter, Früh⸗ roſen und ſüß duftenden Maiblumen durchflochten waren. Hoch oben aber auf dieſem Baldachin thronte eine rieſenhafte Bowle, aus dem reinſten Golde geformt— Künſtler kennen kein anderes — in welcher ſich ein viel lieblicherer Amor als Cupido⸗Rüding befand und von hier aus mittels eines koloſſalen Schöpflöffels die Zuſchauer bedachte, wenn auch nicht mit Maitrank, ſo doch mit zierlichen Blumenſträußen. Würdig reihte ſich dieſer verkörperten Poeſie der edle Ritter aus der Mancha an, vergeblich ausſpähend nach dem ſchönſten Weibe der Erde, der Dulcinea von Toboſo; während Sancho Panſa hinter ihm gemüthlich aus ſeinem Zwerchſacke frühſtückte, hielt —— ——;— Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn. 273 dieſer treue Leibknappe, mit einer Schweinsblaſe tüchtig um ſich hauend, ſich und ſeinem Herrn die zuweilen muthwillig herandrin⸗ genden Buben vom Leibe. Wie eine Siegesbeute oder irgend ein von dem ſinnreichen Junker überwundener nubiſcher König folgte der Mohr. Dieſer an ſich ſehr gelungene Repräſentant der farbigen Erd⸗ bewohner machte indeſſen mit ſeiner Erſcheinung nicht das gehoffte oder erwartete Glück und mochte überhaupt den Zuſchauern als ein etwas zu fremdes Element bei dem Künſtlerfeſte erſcheinen. Bei ſeinem Einreiten in den Garten hatte er das Unglück gehabt, von der muthwilligen Bubenſchaar verhöhnt zu werden, und jetzt, als er im Zuge wieder erſchien und ſich in Reſpect zu ſetzen gedachte, indem er martialiſch ſeine Keule ſchwang, wurde er gar nicht be⸗ achtet, denn hinter ihm erſchien die wilde Jagd. „Ah, die wilde Jagd! Hurrah, die wilde Jagd!“ Unter dieſem ſich beſtändig wiederholenden Geſchrei ſetzte ſich der größte Theil der Bubenſchaar in Bewegung und folgte dem, was ihr das Liebſte war: rechts und links an den Straßengraben gedrängt, ſetzten die kleinen Burſchen bald über Haufen von Chauſſee⸗ ſteinen hinweg, bald über Mark⸗ und Gränzſteine, purzelten auch wohl dutzendweiſe in den Straßengraben hinab, da alle ſich bemühten, ſo viel als möglich in der Nähe von dem Tod und dem Teufel zu bleiben. Der wilden Jagd folgte, umringt von einer Schaar faunen⸗ hafter Geſtalten mit ſchwarzem, wolligem Haar, aus dem kleine Hörner hervorſchauten, dunklen Geſichtern, dunklen, mit einem Wein⸗ laubkranze umſchlungenen Oberkörpern, mit zoitigen Hüften aus Ziegenfell und Bocksfüßen, der große Pan, der, ſeit die Freude vom Drachen Griesgram in Feſſeln geſchlagen worden war, in Kummer und Betrübniß vergehen zu wollen ſchien, ja, dem Tode nahe war, hoffend auf den Sieg der Poeſie, um alsdann draußen am Fuße der Fahnenburg auf's Neue ein luſtiges Waldleben zu beginnen. 274 Zehntes Kapitel. Er ritt melancholiſch und trübſelig auf ſeinem Eſel und gönnte keinen einzigen Blick dem luſtigen, wohlbeleibten Bacchus, der neben ihm auf einem zum Leoparden umgewandelien, noch viel kleineren Pferde ritt, als der Eſel des Waldgottes war. Und doch wäre es ſchon der Mühe werth geweſen, dem Bacchus, beſonders aber deſſen Gefolge freundliche Blicke zuzuwenden. Die⸗ ſes Gefolge beſtand nämlich aus einem Karren mit einem großen, bekränzten Weinfaſſe, welcher von einem ſchönen Geſpann weißer Ochſen mit vergoldeten Hörnern gezogen wurde: dann erſchien noch eine Munitions⸗ oder Proviant⸗Colonne unter Bedeckung der Lands⸗ knechte und Büchſenſchützen, welche einen kleinen, von einem Eſel gezogenen Marketenderkarren umringten, auf dem eine zierliche Marketenderin ſaß. Man hatte einen ſehr jungen Künſtler ohne jede Spur von Bart für dieſe Rolle paſſend gefunden und ihm die Verpflichtung auferlegt, aus ſeinem viel kleineren Faſſe, als das des Ochſenwagens, unterwegs den Dürſtenden Labung zukommen zu laſſen, weßhalb man auch ſpäter, als der Zug einmal die ſtau⸗ bige Landſtraße erreicht hatte, häufig genug Reiter und Fußgänger ſehen konnte, welche ihre Stelle im Zuge verlaſſen hatten und ſich bei dem kleinen Eſelskarren zu ſchaffen machten. Eine Art von Polizei übten bei dieſen Veranlaſſungen, ſo wie bei anderen kleinen Unordnungen, welche beim Zuge vorfielen, die flinken Rothhäute aus, welche auf ihren unermüdlichen Pferdchen bald hier, bald da erſchienen und bald den eigenen Kameraden, bald den zu nahe herandrängenden Zuſchauern mit dem Wurſſpieße und dem ſtets bereiten Laſſo drohten. So zogen ſie dahin, die glücklichen Künſtler, in heiterer Luſt und beſter Laune bei den rauſchenden Klängen der Muſik, umringt und gefolgt von einer zahlloſen Menſchenmenge zu Wagen, zu Pferde und zu Fuße— ſo zogen ſie dahin, den fernen Bergen zu, über ſich den heiteren, blauen, ſtrahlenden Himmel, Jubel im Herzen, umſpült von Licht und Sonnenglanz. „Ueber allen Gipfeln iſt Ruh.“ Waährend die glückliche Künſtlerſchaar luſtig jubelnd den fernen Bergen entgegenzog, laute Fröhlichkeit und Kampfluſt im Herzen, wenn ſie an die nächſten Stunden dachte, wo es galt, einen Feind zu beſiegen, der ſich unterſtanden, die heitere Freude gefeſſelt zu halten— während ſie ſo glänzend und ſtrahlend, umſchwärmt und begleitet von Fußgängern, Reitern und Wagen, dahinzog, ließ ſie hinter ſich die Stadt und den nun ſo einſamen Garten, der, verlaſſen von allen lebenden Weſen, ſo feierlich ſtill geworden war und deſſen tiefe Ruhe durch nichts mehr geſtört wurde, als durch das Nauſchen eines leiſen Windes in den Zweigen der mächtigen, uralten Bäume und durch das ſanfte Murmeln des durchſtrömen⸗ den Baches.—— Und doch vernimmt man hier wieder nach kurzer Zeit ein leiſes Geräuſch, das Kniſtern des Sandes unter einem ſehr feinen und ſehr leicht auftretenden Fuße. Es iſt ein junges Mädchen in einem einfachen, grauen Kleide, das jetzt zwiſchen den Stämmen hervor auf einen der freien Raſenplätze tritt, ſich gegen eine dort befindliche Steinbank wendet und ſich ſetzt. Sie trägt in der einen Hand einen Buſch Maienblumen, in der anderen ihren Sonnen⸗ ſchirm und ein dünnes Buch von ziemlich großem Umfange. Elftes Kapitel. Einen Strohhut, mit dem ihr Kopf bedeckt war, hat ſie eben ſo wie das Buch neben ſich auf die Bank gelegt, die Blumen mit beiden Händen ergriffen und drückt ihren feinen Mund auf die duf⸗ tigen Blüthen. Dabei ſchließt ſie die Augen und ſcheint zu träumen. Ja, ſie träumt wirklich, und ihre Gedanken ſchweben im Traume aus dem ſtillen Garten hinweg über Feld und Flur nach jenen fernen Bergen hin, wo die kleine Fahnenburg ſteht, umrauſcht von Eichen und Tannen. Aber es iſt da nicht mehr, wie vor wenigen Tagen, als ſich Conchitta dort mit ihrer Schweſter befand. Zwiſchen dem tiefen Grün des Laubes blitzen bunte, leuchtende Farben auf, lautes⸗ Rufen erſchallt und rauſchende Muſik. Sie möchte ſo gern die trauliche Waldeinſamkeit um ſich herum feſthalten wie eine ſchützende Umhüllung.— Vergebliches Bemühen! Lauter Jubel, Lachen und Geſang tönt rings umher, ſo von allen Seiten, daß auch ſie ſich, obgleich widerſtrebend, in den tollen Strudel mit hinein⸗ geriſſen fühlt und glücklich iſt, als ſie endlich den ſchützenden Arm eines Freundes findet.—— An ihn ſchmiegt ſie ſich faſt ängſtlich, zu ihm blickt ſie empor, ſo vertrauend, ſo herzlich, ſo innig, ſo—— Da zerreißen plötzlich die Träume des jungen Mädchens, es läßt die Maiblumen auf den Raſen niederfallen und greift haſtig nach ſeinem Skizzenbuche. Vor ihr, an der andern Seite des freien Platzes, befand ſich eine prächtige Buche, deren ſchöne Formen ſie auf dem Papier wiederzugeben ſich bemühte; um den Stamm des majeſtätiſchen Baumes hatte ſich Epheu geſchlungen, ſo vertrauend, ſo herzlich, ſo innig, ſo liebend—— Immer und immer wieder dasſelbe Bild, ſo ſehr ſich auch Conchitta bemühte, ihre Gedanken davon abzuwenden—— Das junge Mädchen lächelte traurig und fing an zu zeichnen; raſch entſtanden unter ihrer Künſtlerhand die Formen des Baumes, Ueber allen Gipfeln iſt Ruh. aber nicht in der wunderbaren Ruhe, mit welcher derſelbe hier in der Wirklichkeit vor ihr ſtand, ein tobender Wind beugte die Aeſte unter ſeine Wuth, ſtreute Zweige und Blätter weit hinaus und hatte ſogar den ſchlanken Epheu zerriſſen, ſo daß er nicht mehr den Stamm umgak, vertrauend und innig— er mußte ſcheiden von ſeinem lieben theuren Freunde. „Ein Bild meines Lebens,“ ſeufzte Conchitta,„losgeriſſen zu werden von allem, was mir theuer iſt, ohne Schutz und Hülfe den Stürmen dieſer Welt preisgegeben!“— Da ſie ſich allein glaubte, ſo ſprach ſie dieſe Worte halblaut vor ſich hin. „Wohl dem, der dabei eine Stütze in ſeinem eigenen Bewußt⸗ ſein findet!“ hörte das junge Mädchen jetzt auf einmal eine trockene, etwas ſcharfe Stimme dicht hinter ihr ſagen, und dies kam ſo plötzlich und unerwartet, daß ſie, auf's höchſte überraſcht, im erſten Moment nicht wagte, aufzuſchauen, ſo daß die Stimme, welche dieſes Erſchrecken wohl bemerkte, fortfuhr:„Es iſt kein böſer Geiſt, der zu Ihnen ſpricht, es iſt eine Frau von Herz und Gemüth, eine Frau, die ſanft und mitleidig iſt, wo ſie findet, daß dieſe ſchönen Eigen⸗ ſchaften verſtanden werden.“ Da erſt blickte die junge Spanierin in die Höhe, und wenn ſie ſich auch ſo eben beunruhigt, erſchreckt gefühlt hatte, ſo ver⸗ ſchwanden doch die Spuren dieſer Erregung eben ſo raſch wieder, wie ſie gekommen, und auf den ſchönen Zügen Conchitta's zeigte ſich ihre gewöhnliche Ruhe und Sicherheit. „Ah, Sennora Olfers,“ ſagte ſie, indem ſie aufſtehen wollte, „ich glaubte mich ganz allein hier!“ „Ah, Mademoiſelle Conchitta, wir beide ſind auch in der That hier ganz allein!“ „Ich mit Abſicht und in der Hoffnung...“ „Auch allein zu bleiben!“ ſagte haſtig die Frau des Malers. „In der Hoffnung, an einem ſo ſtillen Morgen hier unge⸗ ſtört zeichnen zu können.“ 278 Elftes Kapitel. „So ſtöre ich Sie wohl?“ „O, gewiß nicht! Doch wenn dies vielleicht einer Ihrer Lieb⸗ lingsplätze iſt und Sie ungeſtört zu ſein wünſchen, ſo will ich mich entfernen.“ „Warum das? Dieſe Bank hat Platz für uns beide; laſſen Sie ſich nicht ſtören, zeichnen Sie ruhig fort!“ Nach dieſen Worten ſetzte ſich Frau Hildegard neben Con⸗ chitta hin, deren Skizzenbuch offen auf ihrem Schooße ruhte, nur hatte ſie, ſei es Abſicht oder Zufall, ihr Taſchentuch auf das an⸗ gefangene Blatt fallen laſſen. „Nach dem geräuſchvollen Treiben, welches vor Kurzem noch dieſen Garten erfüllt hat und alle Welt mit ſich fortgezogen,“ ſagte Frau Olfers,„konnte ich mit Recht vorausſetzen, hier Niemanden zu finden.“ Es war dies, wie wir bereits wiſſen, der gleiche Beweggrund, welcher die junge Künſtlerin veranlaßt hatte, hieher zu gehen; bei ihr war es Wahrheit, bei der Anderen nur ein Vorwand, denn Frau Hilde gard hatte mit ihrem ſcharfen Auge Conchitta in den Alleen des Schloßgartens geſehen und war ihr gefolgt, dann allerdings in der Vorausſetzung, ſie hier allein zu finden. „Was zeichnen Sie, wenn man, ohne eine Indiscretion zu begehen, fragen darf?“ Obgleich die Spanierin bei dieſer Frage wohl fühlte, daß ſich ihre Wangen rötheten, ſo zögerte ſie doch keinen Augenblick, ihr Taſchentuch von dem Skizzenbuche zu entfernen. „Ah,“ rief die Frau des Malers mit einem eigenthümlich klingenden Tone der Stimme,„Sie haben dieſe prächtige Buche mit einer ſeltſamen Phantaſie wiedergegeben!“—„Das iſt ſonder⸗ bar,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während welcher ſie mit ihren großen, unheimlich durchſichtigen Augen Conchitta ſcharf und forſchend betrachtet—„wunderbar bei dieſem ſchönen, ſtillen Morgen, bei dieſem klaren Himmel, bei der Ruhe ihres Gemüthes! Oder“ fuhr Ueber allen Gipfeln iſt Ruh. 279 ſie aufathmend fort,„wäre dieſe Ruhe nur Täuſchung, fühlten Sie vielleicht in Ihrem jungen Herzen auch zuweilen etwas von ähn⸗ lichen Stürmen?“ „Es erſchien mir ſo maleriſcher,“ antwortete die Künſtlerin, indem ſie ſich tief auf ihre Zeichnung neigte. „Glücklich, wenn dem ſo iſt! Doch wenn ich nicht irre, hörte ich Sie vorhin Worte ausſprechen, die mich vermuthen laſſen, Ihr Herz fühle nicht mehr ſo ruhig, als Sie vielleicht ſelber glauben. Sie fanden in dieſer vom Sturme bewegten Buche, oder vielleicht in dem zerriſſenen Epheu ein Bild Ihres Lebens!“ „Ah, Madame,“ erwiederte Conchitta aufblickend,„Sie wieder⸗ holen die Worte, welche ich, poetiſch angeregt, durch die Stille dieſes ſchönen Morgens vor mich hin ſprach!“ „Allerdings Worte, die, für kein menſchliches Ohr berechnet, wie ein ſchmerzlicher Seufzer Ihres Herzens klangen!“ „Warum ſchmerzlich, Sennora?“ „Ei nun, vielleicht in Sehnſucht nach einem unbekannten Glücke oder auch in der Befürchtung, ein ſchon gekanntes zu verlieren!“ „Ich verſtehe Sie in der That nicht, Sennora!“ „O, Mademoiſelle Conchitta,“ rief die Frau des Malers mit einer ungeduldigen Bewegung,„wollen Sie ſich nicht ein klein wenig Mühe geben, mich zu verſtehen— oder wünſchen Sie, daß ich deutlicher rede?“ „Gewiß, Sennora, ich wünſche das, wenn Sie mir in der That eine Mittheilung zu machen oder eine Frage zu ſtellen haben!“ „Mittheilungen möchte ich von Ihnen erwarten, und es gibt Fragen, die ſehr ſchwer zu ſtellen ſind!“ „Ich kam aber nicht hieher, Sennora, um Ihnen irgend eine Mittheilung zu machen,“ ſagte die Spanierin mit eben ſo viel Ernſt als Ruhe,„und wenn Sie mir eine Frage ſtellen wollen, die Ihnen ſo ſchwer wird, auszuſprechen, ſo könnte mir die Beant⸗ wortung derſelben auch wohl nicht leicht werden!“ 280 Elftes Kapitel. Frau Hildegard bohrte die Spitze ihres Sonnenſchirmes tief ein in den Sand zu ihren Füßen, und da ſie ſo eine Reihe von Secunden, ja ein paar Minuten vergehen ließ, ohne weiter zu ſprechen, ſo fuhr das junge Mädchen, nicht ohne eine weiche, ſchmerz⸗ liche Bewegung zu verrathen, fort: „Es gab eine Zeit, Sennora, wo ich glücklich war, wenn Sie mich einer Mittheilung würdigten, eine Zeit, in der es mir die größte Freude machte, Ihnen jede Frage zu beantworten!“ „Wie ſich dieſe Zeiten verändert haben!“ „Ach ja, ſie haben ſich verändert, wir ſind ſeitdem um Wochen, Monate älter geworden— an Erfahrungen reicher!“ „An ſchmerzlichen Erfahrungen!“ „Es ſollte mir leid um Sie thun, Sennora,“ ſagte Conchitta mit Wärme,„wenn Sie nur um ſchmerzliche Erfahrungen reicher geworden wären! Doch wie iſt das möglich bei Ihrem heiteren, glücklichen, ſorgenloſen Leben?“ Die Frau des Malers wandte langſam ihren Kopf herum und ſchaute das Mädchen an ihrer Seite mit einem eigenthümlichen Blicke an, der aber faſt einen ſtarren Ausdruck hatte. Es iſt ſeltſam, aber die Erfahrung ſpricht dafür, daß wir im Stande ſind, einen ſo feſt und ausdrucksvoll auf uns gerichteten Blick zu fühlen, ohne ihn zu ſehen, und daß das ſo ſtarr auf uns gerichtete Auge uns veranlaſſen kann, ohne zu wiſſen, warum, unſern .Kopf zu wenden. So erging es Conchitta; ſie drehte langſam ihr Haupt herum, und als beider Augen ſich begegneten, hielt das junge Mädchen den mehr als leuchtenden Blick ihrer Nachbarin ruhig, ohne die ge⸗ ringſte Verwirrung zu verrathen, aus, ja, unter dem Einfluſſe dieſes Blickes wiederholte ſie ſogar ihre Worte von vorhin:„Ein heiteres, glückliches, ſorgenloſes Leben...“ „So war es einmal, und ſo hätte es vielleicht bleiben können, wenn nicht— nun ja, wenn es nicht anders gekommen wäre.— Ueber allen Gipfeln iſt Ruh. 281 Aber es kam anders, furchtbar anders,“ fuhr Frau Hildegard mit ſtei⸗ gender Erregung fort,„und wiſſen Sie, Mademoiſelle Conchitta, wohin es mit unſerem heiteren, glücklichen Leben gekommen iſt?“ „Ich weiß es nicht, und es würde mich tief betrüben, wenn das, was Sie mir mitzutheilen die Güte haben, Ihr Herz unan⸗ genehm berührt!“ „Es wird Sie betrüben?— Vielleicht— vielleicht auch nicht! — Wir ſind mit unſerem heiteren und glücklichen Leben da an⸗ gekommen, wo eine Trennung dieſes Leben endigt und Feſſeln bricht, die unerträglich geworden ſind!“ „Ah, Sennora,“ rief Conchitta erſchrocken, indem ſie ihre Hände zuſammenfaltete,„warum ſagen Sie mir ſo ſchreckliche Dinge an dieſem ſchönen ſtillen Morgen— und warum überhaupt mir?“ „Warum gerade Ihnen?— Nun, vielleicht gerade Ihnen, oder—— weil ich Sie zufällig hier traf.“ „Wenn dem in der That ſo iſt,“ verſetzte die Spanierin mit der vollen Wärme, die ſie ſo wohl verſtand, in den Ton ihrer Stimme zu legen, die alsdann anzeigte, daß dieſer Ton von Herzen kam,„o, ſo ſchenken Sie mir Ihr Vertrauen und glauben Sie mir, Sie ſchenken es keiner Unwürdigen!“ „Ich würde dies vielleicht thun,“ erwiederte Frau Hildegard mit ihrer kalten ſcharfen Stimme, die ſo verletzend klang, und vor deren Ton auch jetzt Conchitta zuſammenſchauerte,„ich würde es für außerordentlich nützlich halten, doch da mir jede Lüge fremd iſt, ſo will ich Ihnen der Wahrheit gemäß geſtehen, daß ich nicht zufällig hieher kam, ſondern daß ich Sie, Mademoiſelle Conchitta, hier aufſuchte, um mit Ihnen zu reden.“ „Alſo doch— mit mir, Sennora,— ſo reden Sie denn, ich bitte!“ „Sie erinnern ſich der Zeit,“ fuhr Frau Hildegard nach einer Pauſe fort,„wo Sie— es mag jetzt ein Jahr ſein— zum erſten Male unſer Haus beſuchten?“ Hackländer's Werke. 52. Bd. 282 Elftes Kapitel. LI pitel. „Gewiß, Sennora, ich erinnere mich dieſer Zeit; Sie empfingen mich, die Fremde, welche damals nur ſehr wenig von der Landes⸗ ſprache verſtand, ſo freundlich, als ich es erwartete.“ „In dieſem Falle müſſen Ihre Erwartungen nicht ſehr hoch geſpannt geweſen ſein,“ ſagte die Frau des Malers, wobei ſich ein ironiſches Lächeln um ihre Mundwinkel zeigte,„denn ich empfing Sie mit mehr Ruhe und Kälte, als ich ſonſt gewöhnlich Fremde zu empfangen pflege. Um ehrlich zu ſein, ich empfing Sie ſo, wie eine warnende Stimme in meinem Innern mir gebot, Sie zu em⸗ pfangen und ich that Recht daran!“ „O, Sennora,“ erwiederte Conchitta mit einem bittenden Tone, „Sie ſind doch nicht in der Abſicht hieher gekommen, mir harte Worte zu ſagen, mir Beleidigungen zuzufügen?“ „Sie fanden,“ fuhr Frau Hildegard fort, ohne es für nöthig zu halten, dieſe Frage zu beantworten,„daß die Art, wie ich Sie in meinem Hauſe empfing, Ihnen nicht behagte! Sie machten Ihre Beſuche ſeltener und ließen ſich endlich gar nicht mehr ſehen bei mir in meinem Hauſe— Sie verſtehen doch, was ich damit ſagen will, Mademoiſelle Conchitta?“ „Ich verſtehe es wohl, aber ich begreife es nicht.“ „Was ich wieder vollkommen begreife, aber nicht verſtehen will,“ erwiederte die Frau des Malers in einem Tone des Hohnes und der Bitterkeit,„und mir deßhalb erlauben muß, hinzuzuſetzen, Sie brachen allen Verkehr mit meinem Hauſe, aber nicht mit mei⸗ nem Manne ab!“ „Es iſt wahr, ich ſah Herrn Olfers zuweilen; er blieb mir gegenüber gleich gütig, gleich freundlich von der Stunde an, wo ich ihn zum erſten Male geſehen, bis neulich, wo ich in ſeinem Ate⸗ lier zum letzten Male mit ihm ſprach. Er war ſo wohlwollend, mir hier und da kleine Anleitung zu geben, er, der große, berühmte Künſtler der unbedeutenden Anfängerin, und er that das mit einem Ernſte und doch wieder mit einer Milde, die mein Herz mit einer ———— Ueber allen Gipfeln iſt Ruh. 283 unausſprechlichen Dankbarkeit gegen ihn erfüllt: ich bin zu wahr und aufrichtig, dies zu läugnen. O, Sennora, es würde Ihnen in gleichem Falle gewiß ebenſo ergangen ſein!“ „Ah, darin haben Sie Recht, es ging mir in faſt gleichem Falle ebenſo wie Ihnen: auch ich genoß den Unterricht dieſes großen und berühmten Künſtlers, auch mein Herz ſchlug ihm entgegen voll Dankbarkeit und Liebe!“ 3 „Das habe ich nicht von mir geſagt!“ rief das junge Mädchen erſchrocken. „Nein, Sie haben es nicht geſagt. Sie ſagen überhaupt nur das, was Sie ſagen wollen, nachdem Sie vorher reiflich überlegt, ob es ſich auch ſagen läßt und ob es, wenn Sie es ſagen, nicht compromittirend für Sie iſt.— Aber ich ſehe da zu Ihren Füßen einen Blumenſtrauß liegen,“ ſagte Frau Hildegard mit einer ma⸗ liciöſen Ruhe,„einen Blumenſtrauß, dem Sie, wie ich vorhin ge⸗ ſehen, einen anderen Platz gegönnt, den Sie an Ihre Lippen drückten und dann wie im Schrecken von ſich ſchleuderten— ach ja, mit dem gleichen Ausdrucke des Schreckens, mit dem Sie mich ſoeben anſahen.— Es ſind ſchöne, friſche Waldblumen. Darf ich mir vielleicht erlauben, Sie zu fragen— wo Sie dieſelben gepflückt?“ „Ich habe ſie nicht gepflückt, Sennora, ich habe ſie....“ „O, reden Sie nicht aus!“ rief die Andere mit aufflammender Heftigkeit;„vielleicht ſagen Sie mir eine Lüge, vielleicht wagen Sie es, mit Ihrer verletzenden Ruhe die Wahrheit zu ſagen, die Wahrheit, die ich weiß— die ganze, bittere, traurige Wahrheit!“ „O, wüßten Sie die Wahrheit, Sennora,“ verſetzte das Mädchen, mühſam an ſich haltend,„wie glücklich wäre ich, wie glücklich wür⸗ den Sie ſelbſt ſein, und wie wünſche ich von Herzen, daß Sie glück⸗ lich ſein möchten!“ „Ich brauche kein Glück, das Sie mir wünſchen; ich brauche und verlange überhaupt gar kein Glück mehr auf dieſer Welt, mein Leben liegt abgeſchloſſen hinter mir!“— Dieſes Letztere ſagte —— 284 Elftes Kapitel. Frau Hildegard in einem tiefen, leicht erzitternden Tone.— „Doch bin ich nicht hieher gekommen,“ fuhr ſie gleich darauf mit ihrer gewöhnlichen, ſcharfen, verletzenden Stimme fort,„um vor Ihnen darüber meine Klagen oder meine Vorwürfe hören zu laſſen — man braucht keine Spanierin zu ſein, um in einer gerechten Sache ſtolz und hochmüthig aufzutreten— ich kam nur hieher, um Ihnen einen guten Rath zu geben!“ Conchitta ſaß da, auf ihr Skizzenbuch herabgebeugt, während ſie ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckte. Bei den letzten Worten aber, welche ihre Nachbarin ſprach, richtete ſie ſich haſtig empor, ſtrich ihr dunkles Haar aus der Stirn und erwiederte mit einem leuchtenden Blicke:„So geben Sie mir denn einen guten Rath, Sennora, und ſeien Sie verſichert, daß ich Ihnen dankbar dafür ſein werde!“ Fühlte ſich Frau Hildegard in dieſem Augenblicke vielleicht ein wenig eingeſchüchtert durch den ganz veränderten Ausdruck im Ge⸗ ſichte ihrer Nachbarin, glaubte ſie weit genug gegangen zu ſein oder war ſie vielleicht betroffen von dem unverkennbaren Strahle von Hoheit und Würde, welcher aus deren glänzenden Augen blitzte — genug, ſie mäßigte den Ton Ihrer Stimme, ja, ſie legte eine Idee von Weichheit hinein, als ſie nach einem abſichtlich längeren Stillſchweigen fortfuhr:„Wenn ich vorhin ſagte, ich ſei hieher ge⸗ kommen, um Ihnen einen guten Rath zu ertheilen, ſo mag das anmaßend geklungen haben, und ich möchte um Alles in der Welt gerade Ihnen gegenüber nicht als anmaßend erſcheinen. Statt Ihnen deßhalb einen guten Rath zu geben, darf ich mir vielleicht erlauben, Ihnen eine Lebensregel anzuempfehlen.“ „Einen guten Rath hätte ich eben ſo gern von Ihnen ange⸗ nommen,“ erwiederte Conchitta, die ſich wieder völlig gefaßt hatte, „als ich Ihnen für eine Lebensregel dankbar bin.“ Frau Hildegard hatte mit der Spitze ihres Sonnenſchirmes anſcheinend abſichtslos und ſpielend den Strauß Maiblumen Ueber allen Gipfeln iſt Ruh. berührt, durchſtochen und ein wenig in die Höhe gehoben, ehe ſie ſagte:„Ja, eine Lebensregel, Mademoiſelle Conchitta, Ihnen von einer Frau ertheilt, die es trotz alledem gut mit Ihnen meint, die, obgleich ſelbſt unglücklich, doch nicht Ihr Unglück will.“ Die junge Künſtlerin hatte langſam ihren Kopf gegen die Frau des Malers herumgewendet und ſie dabei mit ihren weit ge⸗ öffneten, feucht glänzenden Augen, in denen ihre ganze warme Seele ſchwamm, forſchend angeblickt, ohne daß Frau Hildegard es für paſſend gefunden hätte, dieſen Blick auszuhalten, oder in irgend einer Art zu erwiedern. Vielmehr ſchaute ſie auf die Maiblumen hinab, und es war, als ſpräche ſie mehr zu dieſen, indem ſie nun ſagte:„Ja, eine wichtige und wahre Lebensregel— hoffen Sie nie auf ein Glück, welches durch Kummer, Thränen und den Jammer einer unglücklichen Frau und eines verlaſſenen Kindes er⸗ kauft iſt!“ Wie von einer Feder aufgeſchnellt, fuhr Conchitta in die Höhe, und während eine tiefe Bläſſe ihre Züge überflog, während ſie ihre weißen Zähne feſt auf einander biß, flammte ihr Auge von einer faſt unnatürlichen Erregung. Sie ſchleuderte ihr Skizzenbuch von ſich, doch nur, um ihre Hände frei zu machen, welche ſie alsdann mit einem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes an ihre Bruſt drückte. „Ah, Sennora, genug— mehr als genug! Glauben Sie nicht, daß ich ein einziges Ihrer bis jetzt auf mich geſchleuderten Worte, Worte, ebenſo glatt als mit Ueberlegung ſcharf zugeſpitzt, überhört hätte— gewiß nicht, ich will Ihnen geſtehen, daß dieſelben von dem erſten an, welches Sie geſprochen, ihr richtiges Ziel fanden— mein Herz und hier tief eindrangen— all' Ihre Dolchſtiche, Sennora, alle Ihre eben ſo bitteren wie ungerechten Vorwürfe! Aber ich fühlte für Sie, Sennora, ich fühlte mit Ihnen, ich bebte, wenn ich an den Schmerz dachte, der Ihre Bruſt zerriß und der Sie deßhalb wohl nicht minder empfindlich verwundet, weil er aus einer eingebildeten Urſache entſteht— ja, Sennora,“ rief ſie mit einer 286 Elftes Kapitel. raſchen Handbewegung,„aus keiner Urſache oder aus einer ſehr verwerflichen, das ſchwöre ich Ihnen hier feierlich im Angeſichte des blauen Himmels, der auf uns herabſchaut, ich ſchwöre es Ihnen gern und willig, weil ich mit Ihnen litt und auch noch mit Ihnen leide!— O, wie gern,“ fuhr ſie in weicherem Tone fort,„hätte ich Ihnen in Thränen die Verſicherung gegeben, wie tief Sie mich verletzt, wie traurig es mich gemacht, daß Sie mich in Groll und Argwohn von ſich gewieſen! Ich fühlte mit Ihnen als Weib, als Spanierin voll Stolz und Hochmuth, wie Sie vorhin geſagt, denn auch ich habe eine Ahnung davon, wie uns der Glaube erſchüttern kann, ein Herz verloren zu haben, das uns geliebt und das wir angebetet!“ „Ah!“ machte die Frau des Malers, welche bei der Erregung des jungen Mädchens beinahe auf ein Geſtändniß hoffte. Doch fuhr Conchitta, nachdem ſie tief aufgeathmet, ruhiger fort:„Ja, ſo fühlte ich mit Ihnen, Sennora, bis es mir durch Ihre letzten Worte entſetzlich klar wurde, wie ſehr ich von Ihnen verkannt bin, wie grauſam falſch Sie mein Herz beurtheilen, bis ich ſchaudernd eingeſehen, wie Sie eine eben ſo wahre, innige als uneigennützige Verehrung ſo mißdeuten mochten, daß— Sie mir Ihre Lebensregel empfahlen!“ „Eben ſo wahr als paſſend!“ rief die Frau des Malers mit ihrer ganzen Unbeugſamkeit, ihrem ganzen Haſſe, indem ſie nun ebenfalls aufſprang und die Geſtalt des Mädchens, welches eben ſo ruhig als ſtolz und ſchön vor ihr ſtand, mit einem wilden, leiden⸗ ſchaftlichen Blicke überflog.—„Beherzigen Sie meine Lebensregel— talentvolle, unternehmende Künſtlerin!“ „Gut denn, ich werde ſie beherzigen— wenn ich einmal in den Fall kommen ſollte, davon Gebrauch zu machen; das verſpreche ich Ihnen, und ſeien Sie verſichert, daß ich Verſprechen zu halten pflege! Ich will Ihnen ſogar dankbar ſein für Ihren Rath, für Ihre Lebensregel; ohne weiter die Urſache zu beachten, aus der . — e Ueber allen Gipfeln iſt Ruh. Ihr zweifelhaftes Geſchenk entſprang, nehme ich es an und ver⸗ ſichere Ihnen, ich werde es auch befolgen mit dem ganzen Stolze, mit dem ganzen Hochmuthe einer Spanierin!“ Damit war dieſe Unterredung beendigt, und die Eine der Beiden, welche dieſelbe geführt, verſchwand, ohne die Andere weiter eines Blickes zu würdigen. 3 Conchitta blieb noch einen Augenblick hoch aufgerichtet neben der Steinbank ſtehen, dann beugte ſie ſich, tief aufſeufzend, zu ihrem Strohhute hinab, den ſie in die Hand nahm, indem ſie durch den Garten ſchritt, nachdem ſie noch einen langen, ſchmerzlichen Blick auf die majeſtätiſche Buche geworfen, deren Stamm, ſowie der denſelben umklammernde Epheu von einem heiteren Sonnenſtrahle geküßt wurde, worüber die unzählbaren kleinen, friſchgrünen Blätter wie vor lauter Vergnügen erzitterten. Ueber ſie hinaus, ſowie über alle Gipfel der prächtigen Bäume „dieſes alten Parkes ſpannte ſich der klare, tiefblaue Morgenhimmel, einen heiteren Tag verſprechend. „Ueber allen Gipfeln Iſt Ruh, In allen Wipfeln Spüreſt Du 4 Kaum einen Hauch; Die Vögelein ſchweigen im Walde, Warte nur, balde Ruheſt Du auch“— dieſe Worte des großen Dichters, die er vielleicht an derſelben Stelle erdacht, klangen zitternd durch die verwundete Seele des jungen Mädchens. 2