½ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — eih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 1 7 1— 1 ur* tI.— — 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Man könnte aber richtiger und bezeichnender ſagen, wir ſind im Wonnemond und mitten im Paradieſe, denn Sevilla kann zu allen Zeiten ein irdiſches Paradies genannt werden, mag man in ſeinen Mauern leben oder es von Weitem ſehen— mag man ſich ihm nähern zu Lande von den duftigen Gebirgen herabſteigend, welche die Stadt im Nordweſten und Nordoſten umgeben und von wo das Auge des Reiſenden ſchon lange magnetiſch angezogen wird von der wunder⸗ baren Form der leuchtenden Giralda, ſo daß er kaum einen Blick hat für die prachtvollen Thürme und Kuppeln der zahlloſen Kirchen, ſowie für die majeſtätiſche, vom Sonnenglanz vergoldete und um⸗ funkelte Stadt mit ihren unzähligen Dächern und Zinnen,— mag der Reiſende den mächtigen Strom hinaufziehen, der Sevillas Mauern beſpült, durch die lieblichen Riberas des Inſeln bildenden Quadalquivirs, an ſchönen Anlagen vorbei, die ſich in der Nähe der Stadt über eine Stunde lang in vierfachen Alleen an den Ufern hinziehen, umſäumt mit duftendem Laubgehölz: reiche, exotiſche Pflanzungen, Zaubergärten von Orangen⸗, Feigen⸗ und Granat⸗ bäumen, mit Roſen durchflochten, von ſprudelndem Waſſer gekühlt. Der Toreador. Selbſt der Wechſel der Jahreszeit hat wenig Einfluß auf die Schön⸗ heit Sevillas; mag man es beſuchen im Herbſt und Winter, wenn der Boden in den ewig grünen Orangenwäldern rings um die Stadt mit goldenen Früchten bedeckt iſt und wenn der Windhauch vom Gebirge die heiße Luft des Sommers abgekühlt hat— mag man Sevilla beſuchen, wenn der glühende afrikaniſche Wind die Be⸗ wohner lähmend angehaucht hat, wenn die ſonſt ſo heitere und glückliche Stadt am Tage faſt wie ausgeſtorben ſcheint unter dem Drucke der Alles verſengenden Sonne, wenn Fenſter und Augen ſchläfrig geſchloſſen ſind— auch dann hat Sevilla ſeine wunder⸗ baren Stunden, die Stunden der Nacht, wo Mond und Sterne in einem blendenden Glanze am Himmel funkeln, einen zweiten Tag mit zauberhafterem, weicherem Lichte hervorlockend, wo die Blüten der Orangen, der Roſen und des Jasmins ſtärker duften, wo auf dem Strome zahlloſe Nachen mit buntfarbigen Laternen hin und wieder rudern und an verſteckten Plätzen die angenehme Friſche des Waſſers zum Baden einladet. Das Leben und Gedränge auf der Alameda in der Nähe des goldenen Thurmes gegenüber von Triana am Ufer des Fluſſes erſcheint dann wie ein phantaſtiſches Masken⸗ ſpiel: unter rauſchender Militärmuſik beim Scheine zahlloſer Lichter ergehen ſich die vornehmen Sevillanerinnen mit ihren Freundinnen, Verwandten und Geliebten, den ſchwarzen Schleier mit ein paar glühenden Granatblüten ſo kokett um das ſchöne Haupt geſchlungen, mit der ſchlanken Taille, dem elaſtiſchen Gange, den kleinen Füßchen und mit ſprühenden Augen, den Fächer rauſchend auseinander⸗ ſchlagend und langſam wieder zuſammenfallen laſſend, um jetzt leicht die Mantille damit zu berühren, um ihn hängend am Handgelenk zu tragen— Alles leicht verſtändliche Zeichen der Fächerſprache, die von den glücklichen Apaſſionnados in ritterlicher Diskretion mit der Handſchuhſprache erwiedert werden, wogegen auf der anderen Seite des großen Spazierganges beim Scheine des Mondes ein nicht minder lebhaftes, aber noch weit anziehenderes Treiben herrſcht. ——— Der Toreador. Hier ſieht man die tanzluſtige Welt aus den niederen Ständen in den maleriſchen Koſtümen der verſchiedenen Provinzen, in den zahl⸗ reichen Landestrachten Spaniens ſich in Schmuck und Zierlichkeit überbietend; die heitere, glänzende andaluſiſche Tracht, die einfache galiziſche, die von Valencia mit ihren hellen, leuchtenden Farben, die ernſte, dunkle des ſtolzen Kaſtilaners und die aus den Gebirgen von Burgos— ein wechſelvolles, luſtiges Drängen und Treiben, ein blendendes Durcheinander, die lauteſte Fröhlichkeit ohne alle Unordnung, ohne alle Rohheit: der Spanier tanzt, und wenn er tanzt, iſt er glücklich und zufrieden. Und wie einfach ſind hier die Vorbereitungen, deren es be⸗ darf, um eine Gruppe Tanzender zuſammenzubringen— dort unter der hohen, dichtbelaubten Platane ertönen die Klänge einer Gui⸗ tarre, begleitend eines jener ſchwärmeriſchen, melancholiſchen Lieder, denen das Knattern luſtig ſchmetternder Kaſtagnetten den richtigen Takt verleiht. Und bei dieſer einfachen Muſik werden auf dieſer Seite verſchiedenartige Landestänze ausgeführt, während ſich auf einer andern eine zahlreiche Gruppe junger Mädchen und Burſche mit Leidenſchaft der danza gentil hingeben.— Und wie tanzt der Spanier, beſonders aber die Spanierin: nicht nur die Füße ſind in der lebhafteſten Bewegung, ſondern auch die Augen, die Lippen, der Buſen, die Herzen— das ſüßeſte Vergeſſen lacht im Auge, blüht auf den Lippen und Wangen. Und wenn auch die Figuren des Tanzes ſich immer mehr zu verwirren ſcheinen, ſo findet ſich doch immer wieder in der Muſik eine glückliche Pauſe oder ein Wechſel des Rhythmus, welcher die leuchtende Gruppe be⸗ friedigend auflöst oder für ein paar Sekunden zum Stillſtehen bringt. Das iſt die Luſt der Sommerabende in Sevilla, und wenn wir nun von dem Frühlinge, von dem wunderbaren Monate Mai als einer Steigerung in dem heiteren Leben dieſer glücklichen Stadt reden wollen, ſo dürfen wir wohl ſagen, daß es ja eben der Früh⸗ Der Toreador. ling iſt, deſſen laue, balſamiſche Düfte auch der Tageszeit ihr Recht laſſen, und daß man nicht auf die Nacht zu warten braucht, um ſich in Sevilla zu erfreuen, um glücklich zu ſein bei der Pracht der auch hier zu neuem und friſcherem Leben erwachenden Natur, bei dem berauſchenden Dufte dieſer Maſſen von Veilchen und Roſen. Es iſt alſo Mitte Mai und wir ſind in Sevilla, und zwar an einem Montag Nachmittag zu der Stunde, wo das Stiergefecht, das allwöchentlich gehalten wird, beendigt iſt. Die Tauſende von Zuſchauern haben die Plaza de los tores verlaſſen und ſind zu ihrem Mittag⸗ oder Abendeſſen in ihre Häuſer zurückgekehrt; Sevilla iſt vollkommen ruhig, glücklich und zufrieden, denn das heutige Nach⸗ mittagsgefecht war eines der glänzendſten und hatte ſich durch allerlei pikante und nervenaufregende Zufälle ausgezeichnet. Unterdeſſen iſt es Abend geworden und ehe wir uns erlauben, den geneigten Leſer in einen jener Familienkreiſe einzuführen, welche ſich nach eben beendigtem Mittageſſen bei Puros oder Cigaritos über das heutige, glänzende Stiergefecht unterhalten, wollen wir uns, durch die Straßen ſchlendernd, einen Blick erlauben in die reizenden Patios der Häuſer, was wir ganz ungehindert thun können, da überall die beiden Flügel der breiten Hausthüren weit offen ſtehen, Befreundete zum Eintritt auffordernd und Fremde veranlaſſend, wie wir es thun, ſtehen zu bleiben. Wie in ſo vielem Anderen, ſo tritt uns hier in Sevilla in der Einrichtung der Häuſer und deren Benützung die poetiſche Zeit der Mauren lebhaft vor Augen: wie damals iſt auch heute noch der Wohnhof rings umgeben von Schlafzimmern und anderen Ge⸗ mächern: der eigentliche Salon des Hauſes und der Verſammlungs⸗ ort für die Glieder der Familie und deren Freunde, ihn trennen nur feine eiſerne Gitter von zierlicher Zeichnung, die Raja, von der Vorhalle, einem häufig von Säulen getragenen Veſtibule an der Straße, und da, wie wir vorhin ſchon bemerkt, die Hausthüre gaſt⸗ freundlich offen ſteht, ſo ſchauen wir um ſo ungehinderter in das Der Toreador. heitere Leben des Wohnhofes, da jetzt, wo es Abend geworden iſt, die Sonnenzelte von den Balkonen wie von den Höfen weggezogen ſind. Was wir ſehen und hören, erregt unſere Luſt einzutreten, um alle unſere Sinne auf die angenehmſte Art zu beſchäftigen. Dort ſteht der Eßtiſch in maleriſcher Unordnung mit feinem Backwerk, herrlichen Südfrüchten, dunkel glühendem Wein in zierlichen Karaffen, Blumenduft um uns her im Hofe, Blumenduft von den Balkon⸗ fenſtern, ja von den Dächern herunter. Und dabei iſt der Patio ſelbſt wunderbar in einen Garten verwandelt— dort in der Ecke erblicken wir eine dichte Laube aus Weinreben gebildet, und während der Marmorbehälter in der Mitte, aus dem ein lebendiger Waſſer⸗ ſtrahl in die Höhe ſteigt, von Myrthen, Lorbeer und Orangen um⸗ geben iſt, ſehen wir drüben dieſelben herrlichen Bäume mit anderen feinblätterigen Gebüſchen gruppenartig geordnet und aus dem dunkeln Laube weiße Marmorſtatuen hervorleuchten. Dabei ſtrahlt reicher Lichterglanz durch die Räume dieſer Marmorhöfe, ſich wieder⸗ ſpiegelnd in dem glänzend polirten Steine, ja auf dem Moſaik⸗ boden, vor Allem in dem zitternden Waſſerſtrahl und ſich langſam verlierend in den Ecken des weiten Raumes, dort im Laube der Bäume zwiſchen Blumen verſchwindend, nur hie und da noch eine weiße Blüte oder eine goldene Frucht deutlich hervorhebend. Dazu glänzt von oben der ſüdliche Sternenhimmel oder der helle Schein des Mondes, wunderbar reflektirend in unbeſchreiblich ſchönen Augen. Und Lieder erſchallen überall, wo man hinhorcht, hier von einer einzigen Stimme, begleitet von ſanftem Guitarrenklang, dort ein mehrſtimmiger, fröhlicher Geſang, dazwiſchen das Raſſeln des Tamburins, das Knattern der Kaſtagnetten; auch ſpärlicher be⸗ leuchtete Patios ſehen wir mitunter, wo eine ältere Dame ſchläfrig in ihrem Stuhle nickt, während wir aus dem Gebüſche hinter ihr im Hofe ein paar liſpelnde Stimmen vernehmen, oder während vielleicht am Gitter der halbdunkeln Vorhalle eine ſchlanke Mädchen⸗ geſtalt lehnt, heimlich Worte und Küſſe tauſchend. 12 Der Toreador. Wir ſind in der Calle de la Lonja, einer Straße mit präch⸗ tigen öffentlichen und Privatgebäuden; hier wohnen Leute vom älteſten und reichſten Adel neben Kaufherren, deren Schiffe von Cadix aus durch die ganze Welt gehen; an manchem Portale hier ſieht man eine Herzogs⸗ und Grafenkrone, auch nicht ſelten einen Kardinalshut ausgemeißelt, was bedeuten will, daß Einer oder Mehrere dieſes erlauchten Hauſes die große Ehre und das außer⸗ ordentliche Glück hatten, den Purpur tragen zu dürfen. Es iſt gerade ein derartig verziertes Haus, in welches wir eintreten: die Vorhalle iſt glänzend beleuchtet, der Wohnhof nicht minder, und hier bemerken wir alles das, was wir vorhin be⸗ ſchrieben, auf's Reichſte und Eleganteſte: dort den Eßtiſch in ſeiner maleriſchen Unordnung, bedeckt mit Kryſtall und Silbergeſchirr, ſtrahlend im Widerſchein der Wachskerzen, die auf gediegenen Leuchtern von edlem Metall brennen— hier zwiſchen dunkeln Grup⸗ pen von Orangen⸗ und Lorbeerbäumen hellleuchtende Marmor⸗ figuren, den ſprudelnden Waſſerſtrahl in der Mitte des Patio und eine auserleſene Geſellſchaft, von denen ſich die älteren Herren und Damen, ſowie auch einige der heiteren Jugend noch am Eßtiſche befinden, während andere ſich ſchon in die dunkleren Theile des Marmorhofes zurückgezogen haben, von woher Lachen und Plaudern erſchallt, auch zuweilen ein kaum hörbarer Guitarrenakkord, ſowie das leiſe Anſchlagen einer Kaſtagnette, welche ſchüchtern zu fragen ſcheint, ob es nicht bald erlaubt ſei, einen Bolero oder Fandango zu beginnen. Dabei duften die Blumen von allen Seiten und von hoch über Alles herab blickt der funkelnde Sternenhimmel, eine wunderbare Nacht anzeigend, wie ſie uns in ihrer ſtillen Pracht und Herrlichkeit nur im ſüdlichen Spanien zu entzücken vermag. Von denen, welche noch am Tiſche ſaßen, ſandten manche ihre Blicke nach dem prachtvollen Nachthimmel, aber mit ganz ver⸗ ſchiedenem Ausdruck: hier der Herr des Hauſes, Don Francisco Melendez, neben dem dicken, wohlgenährten Kanonikus und einem Der Toreador. anderen Freunde der Familie in ſtiller Beſchaulichkeit mit wohl⸗ thuender Ruhe dem Geſchäfte des Verdauens obliegend— dort Donna Leocadia Melendez, zwei anderen, ältlichen Damen halb⸗ laut die Verſicherung gebend, daß man ihr eigentlich ſagen könne, was man wolle, ſo ſei ſie doch noch nicht zu der Ueberzeugung ge⸗ kommen, daß die Sterne da oben nicht wie feſtgenagelt ſtänden und auf und ab gingen— was die Augen ſehen, glaubt das Herz. Etwas zurückgezogen vom Tiſche und den Schatten eines Granat⸗ baumes benutzend, ſaßen ein paar junge Damen, leiſe, aber eifrig zuſammenplaudernd, und wenn abwechſelnd bald die Eine, bald die Andere hinaufſchaute zu dem glänzenden Nachthimmel, ſo war das bei der Einen verbunden mit einem glücklichen Lächeln, bei der Andern aber mit einem ſtillen, faſt ſchmerzlichen Seufzer. Noch zwei weitere Perſonen befinden ſich hier: ein junges Mädchen von außerordentlicher Schönheit in einfachem, weißem Kleide von dünn⸗ ſtem Stoffe, welches feſt um ihren Oberkörper anſchließend faſt zu verrätheriſch die ſchönen, ſchwellenden Formen ihres Körpers zeigt: Donna Paula, die Tochter des Hauſes. Ehe ſie ſich zu Tiſche ſetzte, hatte ſie ſich, wie die übrigen Damen, der Mantille entledigt und die Basquine abgelegt: der Tag iſt ja ſo heiß und man iſt unter lauter guten Freunden. Auch Paula betrachtet, in ihren Stuhl zurückgelehnt, den Himmel, wenigſtens hat ſie demſelben ihr Geſicht zugekehrt. Wenn wir aber näher hinſchauen, bemerken wir, daß ihre Lider ſchläfrig die Augen bedecken— ſchade: zu dieſem prächtigen Kopfe mit den faſt zu ſtarken, blauſchwarzen Haarflechten gehört gewiß ein Paar wunderbar leuchtender Augen. Doch warten wir einen Augenblick: unter den langen, ſeidenen Wimpern blitzt es hervor— jetzt ſchaut Donna Paula um ſich: ah, wir ſind in unſerer Erwartung nicht betrogen, ſie hat ein herrliches Auge, nur von etwas düſterem Ausdrucke, und wenn ſie ſo plötzlich aufblickt, ſo wird man unwillkürlich erinnert an das Wetterleuchten einer ſchwülen Sommernacht. Hackländer's Werke. 51. Bb. 2 14 Der Toreador. Im Anſchauen dieſes vollendet ſchönen ſpaniſchen Mädchens von vielleicht ſechzehn oder ſiebenzehn Jahren hätten wir bald eines jungen Mannes mit beſcheidenem Aeußern vergeſſen, welcher halb verborgen hinter dem Stuhle des Kanonikus ſitzt, den Arm auf die Lehne deſſelben geſtützt, darauf den Kopf legt und ſo der Einzige iſt, der nicht zum Himmel hinaufblickt. Fügen wir hinzu, daß dieſer junge Mann in der Tracht der Licenciaten iſt, ſo finden wir es vielleicht gerechtfertigt, daß er, wahrſcheinlich an den Himmel des Jenſeits denkend, für die Pracht des irdiſchen kein Auge hat. Tengo vos el mi pandero.⸗» Klinge, klinge, mein Pandero, Doch an Anderes denkt mein Herz. hörte man aus dem Hintergrunde des Hofes, wohin ſich, wie ſchon oben bemerkt, die meiſten jüngeren Leute zurückgezogen hatten, eine friſche Mädchenſtimme unter leiſer Guitarrebegleitung halb ſingend, halb recitirend vortragen, worauf die unſichtbare Sängerin von ein paar anderen Mädchenſtimmen durch lautes Lachen unterbrochen wurde und hierauf der raſſelnde Ton einer kleinen Schellentrommel lärmend einfiel. „Ja, ja,“ ſagte der Kanonikus, indem er behaglich die Daumen ſeiner fetten Hände, die zuſammengefaltet auf ſeinem Bauche ruhten, um einander herumſpazieren ließ,„klinge, klinge, mein Pandero, doch an Anderes denkt mein Herz— das iſt eine lange Weis⸗ heit in kurzen Worten ausgedrückt, und paſſirt— dem heiligen Jakob von Compoſtella ſei es geklagt— ſo häufig manchem ehr⸗ lichen Chriſtenmenſchen. Es wäre ein Glück, wenn man ſeine Ge⸗ danken beſtändig bei der Sache halten könnte, mit der man gerade beſchäftigt iſt; aber es gibt leider ſo wenig Dinge, welche Seele und Leib zu gleicher Zeit gründlich beſchäftigen.“ „Ich finde dieſe Aeußerung eigentlich undankbar von Euch— Der Toreador. Seſtor Sobrino y Canonico,“ bemerkte der Freund des Hauſes, „undankbar nach einem ſo vortrefflichen Diner, welches doch alle jene Bedingungen erfüllt hat.“ „Gewiß, Tomaſo, und indem ich gerade an dieſes herrliche Diner dachte, mußte ich ſeufzen über das, was die Juvencita ge⸗ ſungen: es iſt eine Anklage meiner ſelbſt und ich geſtehe ehrlich, daß ich oft an etwas ganz Anderes denke, als was der Klang der Glocken zu bedeuten hat, wenn ich in meine Kapelle gehe— der Menſch iſt ein ſchwaches Geſchöpf, die Madonna ſoll mir verzeihen.“ „Was nicht von unſerer lieben Frau für ein ungeheurer Vor⸗ rath von Barmherzigkeit täglich verlangt wird,“ lachte die Herrin des Hauſes, ſich über den Tiſch hinüber in das Geſpräch miſchend, „o über die fündige Welt, ſo etwas aus Eurem Munde hören zu müſſen— wenn das noch Don Ruiz geſagt hätte, welcher erſt mit einem Bein auf der Schwelle der Kirche ſteht.“ „Falſch, falſch, Sobrina— ich, deſſen Frömmigkeit ſich ſo⸗ zuſagen in Feuer und Waſſer erprobt hat, kann mir ſchon eine ſolche Bemerkung erlauben, aber ein junger Licenciat, der damit umgeht, nächſtens ſeine erſte theologiſche Vorleſung zu halten, muß dahin ſtreben und arbeiten, ſeine Gedanken feſt bei einander zu halten.“ Der Licenciat, von dem die Rede war, hatte langſam ſeinen Kopf erhoben und zeigte ein ſehr ſchönes Geſicht mit einem glän⸗ zenden Augenpaar, von ziemlich weltlichem Ausdrucke: ſeine bart⸗ loſen Lippen kräuſelten ſich zu einem leichten Lächeln, während er zur Antwort gab:„Seſior Bartolomeo hat mich ganz richtig beurtheilt; wenn ich an etwas denke, ſo thue ich es mit Leib und Seele, ja mit der ganzen Kraft meines Herzens— und mein Herz iſt ziemlich kräftig.“ Als er dieſes ſagte, flog ſein Blick langſam über die Tiſch⸗ geſellſchaft hin mit dem Ausdrucke großer Gleichgültigkeit, der ſich Der Toreador. aber von Allen unbemerkt plötzlich in einen flammenden Blitz ver⸗ wandelte, als er an den geſchloſſenen Augen Paula's eine Sekunde haftete. „Wenn Du munt'res Ding verſtändeſt Meine Qual und ſie empfändeſt, 5 Jeder Ton, den Du entſendeſt, Würde klagen meinen Schmerz“ klang es zu gleicher Zeit aus dem Gebüſche herüber, und als hierauf Paula langſam ihre Augen öffnete und den heißen Blick aus dem Auge des Licenciaten bemerkte, wandte ſie ihren Kopf mit einer finſteren, faſt unwilligen Miene ab und richtete ſich raſch in die Höhe, wie um an dem Geſpräche Theil zu nehmen oder ſich zu den Sängern zu geſellen; dabei hob ſie ihren rechten Arm etwas in die Höhe, ſo daß der weite Aermel von Muſſelin zurückfiel und ihren ſchön gerundeten, fein geformten Arm zeigte. Donna Leocadia ſah zu ihrer Tochter hinüber, und als ihr Blick leicht begreiflich an dem Handgelenk Paula's verweilte, ſagte ſie in fragendem Tone,„haſt Du Dein mauriſches Armband ab⸗ gelegt?— während des Stiergefechts habe ich es doch noch bemerkt; ich hoffe nicht, daß Du es verloren haſt.“ Paula blickte wie erſtaunt auf ihren Arm, doch war dieſes Erſtaunen ein gekünſteltes; es mußte mit dem Armband etwas ganz Abſonderliches vorgefallen ſein, denn die ſonſt ſo ruhigen, blaſſen Züge des ſchönen Mädchens waren plötzlich von einer flam⸗ menden Röthe überzogen, welche, obgleich ſie ziemlich im Schatten 3 ſaß, doch ſogleich von der Mutter bemerkt wurde, ſowie auch von dem jungen Licenciaten, der jetzt einen zweiten und nicht minder raſchen und bezeichnenden Blick hinüberwarf. „Vei der heiligen Leocadia, meiner Schutzpatronin,“ ſagte die Mutter,„es wäre mir nicht lieb, wenn Du das Armband verloren hätteſt— von ſeinem Geldwerthe will ich gar nicht reden, aber meine Mutter und meine Großmutter haben es ſo in Ehren gehalten, — Der Toreador. 17 als ſei es rund umher mit Brillanten beſetzt— Du wirſt es dro⸗ ben abgelegt haben und es mir nachher zeigen, nicht wahr, Paulita?“ „Droben kann ſie es nicht abgelegt haben,“ erſcholl jetzt eine andere Stimme hinter dem Stuhle des jungen Mädchens— die Stimme eines jungen Mannes, welcher aus dem dunkeln Theile des Hofes herangetreten war und ſich plötzlich in das Geſpräch miſchte. Dieſer junge Mann hatte eine ſo auffallende Aehnlichkeit mit Paula, daß man nicht einen Augenblick im Zweifel ſein konnte, es ſei ihr Bruder, wobei es eigenthümlich war, daß er ſich im Gegenſatze zu allen Uebrigen in andaluſiſcher Landestracht befand: er trug Weſte und Unterweſte von greller Farbe, reich betreßt, ſeine gemsledernen Gamaſchen waren auf's Reichſte geſtickt, mit zahlloſen Schnüren, Knöpfen und Eicheln verſehen, und den Hut mit Sammetbeſatz und aufwärts ſtehender Krämpe hatte er keck auf das rechte Ohr geſetzt. „Und warum ſollte ich das Armband nicht droben abgelegt haben?“ frug Paula mit blitzenden Augen. „Weil Du nach dem Stiergefechte gar nicht oben warſt, und weil—“ „Was Du wiſſen willſt, weiß ich beſſer,“ entgegnete ſie,„und wenn ich das, was ich weiß, ſagen will, ſo habe ich zuerſt das Recht dazu, Fernando.“ Der junge Mann zuckte mit den Achſeln und warf ſeine halb⸗ verbrannte Papiercigarre auf den Boden, wo er ſie mit dem Fuße austrat. „Ruhe, Ruhe!“ ermahnte der Vater—„was iſt denn das wieder? Ich glaube, der Burſche kommt nur von draußen zu uns herein, um mit ſeiner Schweſter Händel anzufangen— was iſt's mit dem Armband, Paulita?“ 4 Ehe dieſe aber etwas antworten konnte oder wollte, ſagte der Domherr mit einem breiten Lächeln:„laßt mir Fernando zufrieden; der kommt wahrlich nicht von der Hacienda nach Sevilla, um mit 18 Der Toreador. hübſchen Mädchen zu zanken, ſondern mich müßte Alles täuſchen, wenn es nicht das Stiergefecht wäre, das ihn jeden Montag ſo pflichtlich erſcheinen läßt— he, mein Junge, habe ich recht?— ja, ja, nicke nur mit dem Kopfe— das liegt nun einmal im Blute.“ „Leider, leider,“ brummte der Herr des Hauſes,„doch hat dieſe Leidenſchaft über mich und über Donna Leocadia einen großen Sprung gemacht.“ „Und ſich vom Großvater auf den Enkel vererbt,“ meinte Don Bartolomeo,„wie das auch bei andern Neigungen oft vor⸗ zukommen pflegt— ja, ja, auf Enkel und auf Enkelinnen.“ Bei den letzten Worten bemühte ſich der Kanonikus, ſchelmiſch lächelnd nach Paula hinüberzuſchauen und machte dazu eine ſehr pfiffige und geheimnißvolle Miene. „Daß ſich die Heiligen erbarmen mögen,“ ſeufzte die Mutter, „aber es iſt was Wahres d'ran— denkt nur, Donna Tereſa,“ wandte ſie ſich an eine ältliche Frau, die neben ihr ſaß,„ſowie der Montag kommt, iſt das Ding da nicht mehr zu halten— ſie will zum Stiergefecht und ſie muß zum Stiergefecht, und ich mache mir doch gar nichts daraus und Don Francisco eben ſo wenig— heute hat ſie es durchgeſetzt, daß wir ſie mit ihrer Tante Donna Manuela gehen ließen.“ „Und hat dabei ihr Armband verloren,“ ſagte der unerbitt⸗ liche Bruder. „Das wäre ſchrecklich, Paulita, und Du wirſt mir angeben, wo Du es verloren haben kannſt, beim Eingange oder beim Aus⸗ gange, auf der Straße oder auf dem Balkon.“ „Baſe Leocadia,“ ſagte der Kanonikus, indem er den Kopf langſam hin und her wiegte,„quält mir das Mädchen nicht un⸗ nöthiger Weiſe— beim Patron unſerer Kirche, ich kenne ſie beſſer als Ihr, und wenn ihre Unterlippe, die an ſich ſchon klein genug iſt, beinahe ganz verſchwindet, wie jetzt, ſo könnt Ihr ſicher ſein, nichts aus ihr herauszubringen.“ Der Toreador. 139 „Der Vetter hat Recht,“ rief Fernando,„und da ſie nicht reden will, ſo werde ich's ſagen.“ „Schande über Dich, Aufpaſſer und Verräther,“ rief das junge Mädchen in leidenſchaftlichem Tone, indem ſie ſich raſch umwandte und den Bruder mit blitzenden Augen von oben bis unten betrach⸗ tete——„„doch meinetwegen ſage was Du willſt, kannſt auch obendrein noch lügen, wenn es Dir Vergnügen macht— willſt Du aber die Wahrheit reden, ſo werde ich ſie nicht leugnen.“ Darauf verwandelte ſich der Zorn in ihren Augen in einen Ausdruck der Verachtung, wobei ihre Lider wie gelangweilt oder ſchläfrig herab⸗ fielen, doch verrieth ein unverkennbares Funkeln unter denſelben, daß die Bruſt des jungen Mädchens von ganz andern Gefühlen bewegt war; auch zitterten ihre kleinen Fingerchen ein wenig, als ſie ſich vom Tiſche die kleine Tenacilla nahm, mit derſelben ein Cigarito faßte, dieſelbe langſam anzündete und den Rauch mit einem ſo tiefen Zuge in ſich ſog, daß ſich ihr Buſen hoch emporhob, wo⸗ bei ſie merkwürdiger Weiſe beide Reihen ihrer ſchneeweißen, feſt aufeinander gebiſſenen Zähne ſehen ließ. Pax vobiscum!» ſagte der Domherr in gemüthlichem Tone, „was nützt es, ſich zu zanken oder auch nur lange zu reden über geſchehene Dinge, die nicht mehr zu ändern ſind— iſt das Arm⸗ band unwiederbringlich verloren, ſo wird das eben ſo unangenehm für Paula ſein, die, wie ich ſelbſt weiß, ſehr viel Werth darauf legte— kann man es wiederfinden—— oder— wieder erhalten — deſto beſſer—— und wenn ich der Bruder einer ſo ſchönen Schweſter wäre, ſo würde ich, ſtatt weiter über die Sache zu reden, ſelber Schritte thun, um das Kleinod wieder herbeizuſchaffen.“ „Das hätte ich wahrlich von ſelbſt gethan,“ erwiederte der junge Mann aufbrauſend,„wenn ſie nicht von ſo unverträglich zurückſtoßendem Charakter wäre, und wenn ſie mich nicht ſchon auf dem Heimwege, als ich gutmüthig mit ihr darüber ſprach, wie einen Gitano behandelt hätte.“ 20 Der Toreador. „Ich verſtehe von allem dem gar nichts,“ bemerkte der Vater mit einem ziemlich albernen Geſichtsausdrucke, wogegen Donna Leocadia zuerſt gen Himmel blickte und dann mit einem tiefen Seufzer zu ihrer Nachbarin ſagte,„es wird ſo ſein, wie ich es mir gedacht.“ „Und was wird ſo ſein? was haſt Du Dir gedacht?“ fragte der Herr des Hauſes, welcher dieſe Worte gehört, in einem lauten Tone, und da ihm dieſe Gelegenheit paſſend erſchien, um vor dem Vetter Kanonikus, der ihn häufig mit dem Gegentheile neckte, zu beweiſen, daß er wohl ſeinen Willen ausſprechen dürfe, ſetzte er ſehr entſchieden hinzu,„ich will das wiſſen.“ 3 Doch lächelte ihn Don Bartolomeo gemüthlich von der Seite an und ſagte, indem er ſeinen breiten Kopf etwas aufwarf:„Vetter Francisco, Du biſt ein viel zu geſcheidter Mann, um der Sache nicht auf den Grund zu ſehen.— Was es geweſen ſei? fragſt Du— nun die Antwort darauf iſt ſehr einfach: Deine Tochter Paulita hat ſich hinreißen laſſen von der ganz außerordentlichen Kunſt und Gewandtheit des großen Eſtevan in der heutigen glän⸗ zenden Nachmittags⸗Korrida, der ja, wie wir während des Eſſens von Fernando gehört, ſeine vier Toros nach einander ebenſo ritter⸗ lich als graziös beſiegte.“ „Was hat meine Tochter mit dem Torero zu ſchaffen?“ „Wahrlich nichts— darüber kannſt Du ruhig ſein— aber haſt Du es nicht ſelbſt erlebt oder wenigſtens mit angeſehen, wie die vornehmſten Damen des Hofes ihre Fächer, Geldbörſen und Armbänder in den Ring warfen, wenn der große Mendovia, nach⸗ dem der wildeſte Stier von ſeiner Hand wie vom Blitze getroffen ihm zu Füßen geſunken, und er, der ſoeben dem Tode mit einer wunderbaren Würde und Anſtand getrotzt, ſich für den ungeheuren Beifallsſturm nun ſo ruhig und beſcheiden, ja mit einer Gleich⸗ gültigkeit, als grüße er einen Freund, oder küſſe die Hand einer ſchönen Frau, bedankt— geſtehe es, Francisco, da hat Dein altes —— Der Toreador. 21 ſpaniſches Herz ebenfalls geklopft, ſo wie das meiner höchſt ehr⸗ baren Baſe dort, und ich möchte es nicht verſchwören, ob nicht auch Leocadia in ihrer Jugend auf ſolche Art Fächer oder Armband verloren?“ „Niemals,“ erwiederte Donna Melendez mit Entſchiedenheit und großer Entrüſtung,„und ich hätte nicht gedacht, daß ich ſo etwas von Paula erleben ſollte— o ungerathene Tochter!— ich werde morgen Deinen Beichtvater kommen laſſen und ihn bitten, daß er Dir in's Gewiſſen ſpricht.“ „Gib Dir keine unnöthige Mühe, Leocadia,“ ſagte der Geiſt⸗ liche in etwas leichtfertigem Tone,„wenn Paula in der That eine Ungeſchicklichkeit begangen hat, die Du zu einer Sünde ſtempeln möchteſt, ſo wird ihr Beichtvater wohlweislich unterſcheiden, ob dieſe Sünde mit Abſicht, mit Vorbedacht gethan oder ob ſie aus Ueber⸗ eilung gehandelt oder ob es gar nur ein bloßes Unglück geweſen, und ich glaube in dieſem Falle das Letztere: Paula wollte ihren Fächer in den Ring werfen und ſtreifte unglücklicher Weiſe das Armband ab— iſt's nicht ſo, Juvencita?“ Das junge Mädchen machte eine Bewegung mit dem Kopfe, die man ebenſogut für eine Verneinung wie für eine Bejahung halten konnte, weßhalb denn auch die Mutter ungeduldig ihre Achſeln zuckte, und wahrſcheinlich auf's Neue wieder angefangen, wenn nicht Don Francisco mit einem Blick der Ueberzeugung geſagt hätte,„ja, ja, es wird und muß ſo ſein, und ich erinnere mich jetzt deutlich der großen Torrida vor zwei Jahren, welcher der Hof beiwohnte, wo Ihre Majeſtät allerhöchſtſelbſt dem betreffen⸗ den Lidiador ein Ehrengeſchenk reichen ließen, während die Damen des Hofes Goldunzen in ihre Taſchentücher gebunden hinabwar⸗ fen, und wobei es allgemeinen Beifall erregte, als die junge und ſchöne Herzogin Manfredia ihren mit Brillanten beſetzten Dolch aus der Haarflechte zog und ebenfalls hinabſchleuderte, und den der unglückliche Torero die Kühnheit hatte, wie eine Waffe 22 Der Toreador. an ſeinen Gürtel zu befeſtigen— sangre de Dios! Das war ein glorreicher Tag.“ „Und dieſer Jubel, dieſer Taumel iſt ſo begreiflich,“ ſagte der Domherr,„der aufregende Kampf, der Einem das Blut vom Herzen in die Wangen treibt und das Athmen erſchwert, der Jubel der Tauſenden von Zuſchauern, die berauſchende Muſik, die glänzende Cuadrilla mit ihren Campeadores, ihren leichten Banderilleros in den grellen Farben, die wallenden Federbüſche der Mulos mit ihrem vergoldeten Geſchirr, das immer toller werdende Jauchzen der Menge, die gefährlichen Zufälle während des Spiels, die uns zu⸗ weilen das Blut erſtarren machen— dazu das Schnauben und Brüllen der Toros, die verletzt am Boden zappelnden Pferde, der aufwirbelnde Staub, dazwiſchen das Glänzen der reichen Gewänder und das Leuchten der rothen Mäntel der Campeadores. Und das Alles iſt wie eine Pyramide, die ſich zuſpitzt, um hoch oben den letzten Kämpfer, den Eſpada, im wunderbarſten Lichte der Tapfer⸗ keit zu zeigen, oder es iſt wie ein Vorſpiel, wo Alles darauf berechnet iſt, um der Hauptperſon des Spektakelſtückes, das ſchließ⸗ lich noch zu einem Drama werden kann, zur Folie zu dienen— und wie mag es uns deßhalb wundern, wenn nun alle dieſe auf⸗ geregten Herzen dem Lidiador in ängſtlicher Erwartung entgegen klopfen— bei den Männern, wenn demſelben der Ruf der Tapfer⸗ keit und Gewandtheit vorausgeht, bei den Weibern, wenn er noch obendrein ein ſchöner Mann iſt, wie Seſior Eſtevan— oder Don Eſtevan, wie man ihn hie und da zu nennen beliebt, da ſeine Cuadrilla behauptet, er ſei von eben ſo gutem altem Adel und gothiſchem Blute, wie die Guzman oder die Medina.“ Während des ganzen letzten Geſprächs, das zwiſchen Paula und Fernando, ſowie deren Eltern und dem Vetter Kanonikus gehalten wurde, hatte der junge Licenciat mit großer Ruhe und ungemeiner Zierlichkeit eine Orange geſchält, auseinander gebrochen und langſam verzehrt, wobei es ſchien, als achte er nicht beſonders ——-— *— Der Toreador. auf das Geſpräch der Anderen; nur bei der lebhaften Schilderung Bartolomeo's ſchaute er langſam auf, und ſeine Augen, die jetzt mit unverkennbarem Intereſſe auf dem Erzähler haften blieben, leuchteten und ſtrahlten einige Sekunden mit dem gleichen Feuer wie früher, als er Paula betrachtet. „Der Vetter hat recht,“ rief Fernando begeiſtert,„und ich will es ja auch begreiflich finden, daß man ſich hinreißen läßt— nur ſoll man es nicht gar zu auffallend machen und es hintendrein ableugnen wollen.“ „Ich habe niemals etwas abgeleugnet,“ ſagte Paula mit ſo leiſer Stimme, daß Niemand ihre Worte verſtand, und der Bruder, ſie für ein Zugeſtändniß ſeiner Vorwürfe nehmend, deßhalb wie begütigend fortfuhr:„Es war in der That ein erhabener Augen⸗ blick, als der große Mendovia nun auftrat unter den rauſchenden Klängen der Muſik und von Tauſenden und Tauſenden mit den jubelndſten Zurufen empfangen wurde: viva el currito Mendovia, el mas sandunguero de los la tierra de Dios!— vivat der geliebte Mendovia, der anmuthigſte aus dem Lande Gottes! während Andere ſchrieen: es lebe das Schwert des Cid Campeador und die Kraft des Don Juan Chacon!“ „Und welch' ſchöner Mann iſt dieſer Eſtevan,“ ſagte der Dom⸗ herr mit einem eigenthümlichen Blinzeln ſeiner Augen—„ſpielt er nicht mit dem wüthendſten Stiere wie die Katze mit der Maus— weißt Du noch, Francisco, wie er ſich mit der zierlichſten Wendung durch das Horn des vorbeiraſenden Stieres das Schnupftuch aus der Seitentaſche reißen ließ?“ „Ja, ja, und wie er ein anderes Mal, als er zwiſchen den Toro und las Tablas gerieth, ſein Leben durch den wunderbarſten salta sobra testuz rettete, indem er mit der Gewandtheit eines Operntänzers den Fuß zwiſchen die Hörner des Stiers ſetzte und über ihn hinüber ſprang. „Er braucht niemals einen Cachetero, denn wenn er ſeinen 24 Der Toreador. Arm ausſtreckt und den Toro mit der Spitze ſeines Degens be⸗ rührt, ſo hat die letzte Sekunde des unbändigſten Thieres geſchlagen und es ſtürzt ihm zu Füßen wie vom Blitze getroffen.“ „Und dabei ſoll er kein roher Geſelle ſein, wie ſo viele ſeines Gewerbes, ſich mit ſeiner Cuadrilla nur abgeben bei den Uebun⸗ gen, an denen er zu ihrer Belehrung gewiſſenhaft Theil nimmt, und ſich im Uebrigen ferne halten von dem wilden Leben der Lidiadores.“ „Und dabei von gutem Adel— da verſtehe ich es allerdings, daß es Damen geben kann, deren Herz beim Eintritt des Torea⸗ dors raſcher ſchlagen ſoll.“ „Ich verſtehe das wohl, aber ich begreife es nicht,“ ſagte Don Fernando. Der Licenciat hatte ſeine Apfelſine verzehrt, ſich hierauf ſeine zarten weißen Finger mit einem Tuche von äußerſt feiner Lein⸗ wand abgewiſcht und ſagte alsdann mit ſeiner weichen, einſchmei⸗ chelnden Stimme:„Man ſoll keinen Chriſtenmenſchen verachten, ſelbſt einen Lidiador nicht; doch wenn er ſelbſt von altem gothi⸗ ſchem Blut wäre, ſo iſt ſein Gewerbe wenig beſſer, als das der fahrenden Komödianten und der Zigeuner— nicht wahr, Oheim Bartolomeo?“ „Daß Du dieſe Anſicht haſt, mein Sohn, finde ich begreiflich — als ich noch ein junger Licenciat war, dachte ich ebenſo, heute aber ſind meine Gedanken ganz anders, und deßhalb muß ich Euch geſtehen, daß unſer Geſpräch nach einem ſo guten Diner etwas zu ſchwer und ernſt geworden iſt— da lob' ich mir das leichte, ſpru⸗ delnde, und ich gäbe was darum,“ ſetzte er mit ſeiner lauten, weit⸗ tönenden Stimme hinzu,„wenn es da drüben einer unſerer Ju⸗ vencitas gefiele, noch einmal anzuſtimmen: Tango vos el mi pandero— ſchaut die herrliche Nacht an— ſcheint ſie nicht mit ihren Der Toreador. 25 tauſend Augen erſtaunt zu fragen: wie könnt Ihr Euch da um weitliegende Dinge bekümmern, ſtatt zu dem zu greifen, was Ihr am nächſten habt— zu Muſik und Tanz?— Deßhalb noch einmal: Tango vos el mi pandero.“ Und nun hörte man, gehorſam dieſer Aufforderung, aus den grünen Gebüſchen des Gartens hervor zuerſt einleitende Guitarren⸗ klänge in raſchem Takte, und dann eine friſche Stimme eine jener einfachen melancholiſchen Weiſen ſingen, zu denen es ſich ſo gut tanzt, wenn die Kaſtagnetten in raſchem und ſicherem Takte ſo knatternd wie möglich und zur richtigen Zeit einfallen. „Einen Bolero, Seſiorita?“ „Lieber einen Fandango.“ „Wer tanzt mit?“ Paula hatte ſich bei dieſer Aufforderung auf's Neue eine Ci⸗ garre gedreht, ohne eine Miene zu verändern und ohne ſo zu thun, als könnte es ihr auch nur in den Sinn kommen, ſich an der Luſtbarkeit der anderen jungen Leute zu betheiligen, und als ihr die Mutter in leiſem, aber ſehr beſtimmtem Tone ſagte,„ich hoffe, daß Du jetzt von Deinen unverſtändigen Träumereien läſſeſt und als Tochter des Hauſes ein gutes Beiſpiel gibſt,“ erwiederte ſie achſelzuckend und mit einem verächtlichen Tone,„Ihr wollt wohl, Mutter, daß ich den Fandango vortanze, und mit wem? wenn ich fragen darf— ſind nicht ſchon alle Tänzer nach hinten gegangen?“ „Weil keiner ſich die unnöthige Mühe machen will, Dich ver⸗ gebens aufzufordern.“ „Nun alſo, ſo laßt auch Ihr mich in Frieden; wenn man keinen Tänzer hat, ſo kann man auch nicht tanzen— nicht wahr, Vetter?“ wandte ſich das junge Mädchen an den Kanonikus. Dieſer blickte ihr ſchmunzelnd in die glänzenden Augen und auf die vor Unmuth ſanft gerötheten Wangen, dann ſagte er, mit einem 26 Der Toreador. verſtändigen Blick an ſich herunterſchauend:„Schade, Paulita, daß ich mich nicht anbieten kann— ja wenn mir eine Seſiorita Deines Schlages vor zwanzig Jahren gekommen wäre.“ „Aber, Vetter, damals waret Ihr ja ſchon ein Geiſtlicher.“ „O, einen Bolero oder Fandango tanzen iſt keine Sünde, und mein Stand würde mich heute wenig abhalten, wenn ich jung und gewandt wäre wie dort unſer Licenciat Don Ruiz.“ „Jung— ja wohl,“ ſagte die junge, ſchöne Spanierin, und ſetzte mit aufgeworfener Oberlippe hinzu,„aber gewandt?— er war es vielleicht einmal, aber ſeinem ſchwarzen Kleide zu lieb hat er Alles vergeſſen.“ „Ihr meint wohl mich, Paulita?“ fragte der angehende Geiſtliche, wie aus tiefen Träumereien auffahrend. „Wen anders,“ ſagte der Domherr—„aber es wäre in der That ſchade, wenn ſie recht hätte und Du Alles vergeſſen haben würdeſt— bei San Jago, wenn ich mich erinnere, wie Du noch vor wenigen Jahren am Tage del Corpus in Deiner Pagentracht mit den Anderen vor dem Hochaltar getanzt, ja ſo getanzt, daß Du die beifällige Aufmerkſamkeit des Seſior Erzbiſchofs auf Dich gezogen, ſo begreiſe ich nicht, wie Du das Alles in den paar Jahren verlernt haben ſollſt.“ „Mangel an Uebung, Tio.“ „Ach was, Mangel an Uebung— ein Caballero Deines Blutes, dazu ein junger Mann, ſollte, ſelbſt wenn er ein Geiſt⸗ licher iſt, nicht ſo aus der Uebung kommen.“ „Verſucht es doch einmal, Don Ruiz,“ ſagte Paula lachend. „Mit Euch, Seſiora?“ fragte der Licenciat mit einem eigen⸗ thümlichen Blinzeln ſeiner Augen. Ein paar Sekunden blieb ſie ihm die Antwort ſchuldig, dann richtete ſie ſich raſch empor, umſpannte ihre ſchlanke Taille mit den feinen Händchen und gab, ſich in den Hüften wiegend, zur Antwort:„Des Kontraſtes wegen, ja, Don Ruiz, wenn Ihr Der Toreador. wollt— was tanzt Ihr am Liebſten, einen Bolero oder einen Fandango?“ „So iſt es recht, mein Sohn,“ rief der Hausherr,„aber für einen jungen Geiſtlichen wäre ein Bolero paſſender— meint Ihr nicht auch, Don Ruiz?“ „O ja, ich meine auch ſo,“ erwiederte der Licenciat mit nieder⸗ geſchlagenen Augen, indem er einen ungemein beſcheidenen Ton in den Ausdruck legte,„wenn aber die Seſiora vorziehen ſollte—“ „Einen Fandango zu tanzen?“ unterbrach ihn Paula raſch —„allerdings ziehe ich das vor— überhaupt tanze ich nur Fan⸗ dangos.“ „Wird ſich das auch ſchicken?“ fragte Don Francisco beſorgt den Domherrn, worauf dieſer ihm in jovialem Tone zur Antwort gab,„warum denn nicht, wir ſind hier ja unter uns, und wenn Don Ruiz, abgeſehen davon, daß Fandangotanzen für einen Geiſt⸗ lichen keine Sünde iſt, ſein Gewiſſen morgen früh beſchwert fühlen ſollte, ſo will ich ihm morgen eine kleine wohlthätige Buße auf⸗ legen.“ Der Licenciat blickte bei dieſen Worten mit einem eigenthüm⸗ lichen Blicke auf ſeinen Oheim, wobei es um ſeinen Mund ſchelmiſch zuckte.„Ei, Tio,“ ſagte er alsdann,„wenn nur dieſe Buße nicht zu groß ausfällt für das kleine Vergnügen, das ich Seſiora Paula vielleicht durch meinen Tanz gewähre.“ „Ein Vergnügen, mir?“ erwiederte das junge Mädchen achſel⸗ zuckend;„tanze ich ſelbſt in dieſem Falle zu meinem Vergnügen? ei, Ihr habt eine große Meinung von Euch ſelber.“ Da Ruiz es vermied, Paula anzuſchauen, vielmehr fragend auf den Domherrn blickte, ſo ſagte dieſer lächelnd:„Du ſollſt mit der Buße, die ich Dir auferlegen werde, nicht unzufrieden ſein.“ „Etwa eine Auslegung des Breviers bei Eurer alten Haus⸗ hälterin, Tio?“ „Nach einem guten Diner warum nicht, es wäre das Dank Der Toreador. und Buße zugleich; aber nun vorwärts, Don Ruiz! macht uns keine Schande und verleiht der Tertulia Glanz und Leben.“ „Wenn ich das könnte,“ erwiederte der Licenciat und erhob ſich langſam, dann ſagte er achſelzuckend,„beſonders in meinem langen Gewande.“ „Richtig, mein Sohn— aber lege Dein Kleid ab; ich über⸗ nehme dafür jede Verantwortung, und ihr dahinten, Muſikanten und Sänger, kommt etwas näher und laſſet euren beſten Fan⸗ dango hören!“ „Soll es wirklich Ernſt werden?“ fragte Paula und ſuchte mit den Augen ihren Tänzer, der unterdeſſen im Hintergrunde des Gartens verſchwunden war. Von dorther tönten jetzt die Klänge der Guitarre, das Raſſeln des Pandero näher und näher, und dazu knatterten die Kaſtagnetten in ſo verführeriſcher, taktvoller und lärmender Weiſe, daß es nicht des heißen Blutes Paula's bedurft hätte, um, ihren ſchlanken Leib aus den Hüften ſtreckend, einen guten Zoll zu wachſen, und um ihre Caſtafiuelas von weißem Elfenbein mit einer wilden, heraus⸗ fordernden Geſchicklichkeit zu handhaben, wobei ſie mit aufgeworfe⸗ ner Oberlippe um ſich her ſchaute: Vista ciega, luz oscura. Wo blieb denn ihr Tänzer? Jetzt hörte man zarte Mädchenhände luſtig applaudiren, und es trat aus dem dichten Lorbeergebüſch in der Ecke des Hofes ein Tänzer hervor.— War es Don Ruiz, wenigſtens war es ſein Geſicht und auch ſeine Geſtalt, aber wie verändert: er hatte ſich den Wink des Domherrn zu Nutzen gemacht, hatte in der Ecke ſein langes, ſchwarzes Gewand abgeworfen und dafür die zierlichen Ga⸗ maſchen, die Jacke und den Sombrero Don Francisco's genommen und war aus dem blöden, ungelenken Licenciaten ein ſo vollkommen jugendfriſcher und ſchöner Majo geworden, daß Paula unwillkürlich ihre Kaſtagnetten ruhen ließ, und ihn mit einem gemiſchten Blick des Erſtaunens, der Verwunderung, ja des Wohlgefallens be⸗ — — Der Toreador. trachtete—„es iſt ſchon lange her, daß wir Euch ſo geſehen haben, Don Ruiz.“ „Und habt mich auch darin ganz vergeſſen, Paula,“ gab er in weichem Tone zur Antwort, ſetzte aber gleich darauf heiter und übermüthig hinzu,„fort mit allen Erinnerungen— ſie ſollen ruhen mit meinem ſchwarzen Kleide.“ Dabei wirbelt er ſeine Kaſtagnetten mit einer Gewalt, daß ſie alle anderen übertönten und man zwei Dutzend Caſtaſiuelas zu hören glaubte. „Fandango— Fandango!“ 3 Der Fandango beginnt, ein Tanz, von dem Du gewiß oft gehört haſt, geneigter Leſer, den Du auch vielleicht tanzen geſehen auf Maskenbällen und Theatern, von falſchen und echten Spaniern und Spanierinnen; aber wenn ihn dieſe auch noch ſo wahr, noch ſo graziös, noch ſo lebendig vorgeführt, ſo iſt es doch ganz etwas Anderes, wenn Du ihn in jener warmen Nacht im wunderbaren Sevilla mit angeſchaut, gefühlt, empfunden hätteſt, jenen Tanz, wo, wie auch noch in anderen Dingen, der Anfänger den Meiſter übertrifft, wo ein jugendliches Herz voll Glut und Liebe in der Aufregung Schritte, Windungen erfindet, Blicke verſendet und da⸗ für andere empfängt, die Niemand lehren und Niemand lernen kann, die, wie eine wundervolle hinreißende Melodie zwiſchen den Fingern des Virtuoſen hervorquillt, von dieſem Augenblicke ein⸗ gegeben, in jenem wieder vergeſſen ſind— das Leuchten des Blitzes— ein vorüberziehender Blumenduft.. Wir haben ein ſolches reizendes, gluterfülltes Bild zwar nicht vergeſſen, es ſteht lebhaft in unſerer Erinnerung; um Dir aber einen ſchwachen Begriff davon zu geben, müſſen wir uns der Worte eines Spaniers bedienen: Wer vermag den Fandango zu beſchrei⸗ ben?!— Tänzer und Tänzerin fliegen ſich entgegen wie getrennte Liebende, die nach langem Suchen einander gefunden. Aber mitten im Fluge halten ſie ſtill, neigen ſich ſchüchtern vorwärts und ver 5 Hackländer's Werke. 51. Bd. 30 Der Toreador. rathen durch graziöſe Mimik ihre verſchwiegenſte Sehnſucht, ihre heißeſten Wünſche: ſie ſcheinen in den Boden gewurzelt, regungslos ſich und die Welt zu vergeſſen— das Orcheſter ſpielt auf und ſie erwachen entzückt, die Arme ausgebreitet. Mit der rauſchenden Muſik wird auch die Leidenſchaft kühner, die Bewegung raſcher, die Mimik bedeutungsvoller. Sie flieht verſchämt, er verfolgt ſie flehend, bald ſehen ſie einander tief in die Augen, bald ſind ihre Blicke auf den Boden geheftet; das Neigen und Beugen, das Wen⸗ den und Wiegen und Schweben iſt mimiſche Muſik. Alle Reize weiblicher Schönheit und männlicher Kraft zeigen ſich in uner⸗ ſchöpflicher Mannigfaltigkeit. Die Tänzer ſind im Himmel und haben vor Begeiſterung ſich und die Zuſchauer vergeſſen, die ihrer⸗ ſeits von der Tarantel geſtochen, im Geiſte mittanzen und mit flammendem Blick, wallendem Buſen und pochendem Herzen der leiſeſten Bewegung und Schwingung des phantaſtiſchen Tanzes folgen. Und doch iſt in all' den wunderbaren Stellungen und Schritten des Fandango, welche der Wahnſinn romantiſcher Leiden⸗ ſchaft improviſirt, kein Hauch von Gemeinheit, nicht der leiſeſte Schatten grober Sinnlichkeit. Die geheime Sprache des Herzens iſt erklungen, ein Schauer hat eure Nerven überflogen, aber die Seele iſt mitten im Rauſche rein geblieben.. nur möchte der Tänzer nachher mit keiner anderen Dame als ſeiner erſten Tänzerin tanzen— magnetiſch fühlen ſich Beide zu einander hingezogen. Wie ſchön ſie war! denkt er— wie zärtlich er blickte! fagt ſie zu ſich.— Nun hatten ſie geendigt— nun applaudirte Vetter Kanonikus mit einer kraftvollen Ausgiebigkeit, und ein paar Dutzend Hände und Händchen waren in Bewegung, dem ſchönen Paare ihren Bei⸗ fall zu bezeigen, als ſei man im Theater. 5 Ole, ole, salero!- Paula's Auge leuchtete in ſeliger Trunkenheit; ſie athmete tief und ſchwer, und dabei biß ſie ihre weißen Zähne aufeinander und Der Toreador. 31 ballte ihre kleinen Hände, als müſſe ſie auf dieſe Art ein tiefes Leid oder einen heftigen Zorn in ihr ſtürmiſch klopfendes Herz zurückdrängen, und in der That war ſie von beiden Leidenſchaften bewegt. Ole, salero!⸗- Jetzt wollte ſie mit einem kalten, gleichgültigen Blicke von ihrem Tänzer Abſchied nehmen und ihm mit einem höhniſchen Worte ſagen, er möge doch ſo gut ſein und nun mit ſeinem ſchwar⸗ zen Kleide ſeine wahre Geſtalt wieder annehmen— ja ſie würde es gethan haben, wenn er ihr nur den geringſten herausfordernden Blick zugeworfen hätte. Da ſie ihn aber vor ſich ſah, im Begriffe, be⸗ ſcheiden und wie verletzt durch die Lobſprüche von den ſchönſten Lippen demüthig zurückzutreten, ſo warf ſie einen flammenden Blick rings umher, beantwortete ein neues, ſtürmiſches Salero! ſcherzhaft mit der tiefen Verbeugung und dem lächelnden Blicke einer Donna del Teatro und reichte ihrem Tänzer die Hand, um ſich hinter die Couliſſen— hier hinter die dichte Laubwand von Orangen, Lor⸗ beer und Granaten führen zu laſſen. Da ſtand eine kleine Bank, auf welche ſich das glühende, ge⸗ waltig erregte Mädchen niederwarf, die Hände vor ihr Geſicht drückte und heftig zu weinen anfing. Don Ruiz ſtand vor ihr, betrachtete ſie mit einem langen, ernſten Blicke, ohne ein Wort zu ſprechen.. Es dauerte eine ziemliche Weile, ehe ſie ihren tiefen Athem⸗ zügen einzelne Worte abzubringen vermochte, dann ſtieß ſie in ab⸗ gebrochener Weiſe kaum vernehmlich und doch mit einer erſchrecken⸗ den Glut die Worte hervor:„Du weißt, daß Du mir gleichgültig geweſen warſt, Ruiz, ich konnte Dich kommen und gehen ſehen, ohne irgend etwas zu empfinden— ja, Du warſt mir gleich⸗ gültig— o ſo gleichgültig—— jetzt haſſe ich Dich.“ „Ich muß es mir gefallen laſſen, Paulita,“ gab er nach einer langen Pauſe zur Antwort,„doch da Du mir das gerade 32 Der Toreador. jetzt ſagſt, nehme ich es um ſo lieber hin als wohlverdiente Strafe.“ „Haſt Du Gewiſſensbiſſe darüber, daß Du überhaupt getanzt?“ fragte ſie in leidenſchaftlichem Tone—„o wenn das iſt, ſo nehme ich mein Wort zurück, denn ich möchte die Qual Deines Innern nicht lindern— ja ich möchte Dir ſagen, ich liebe Dich, Ruiz, wenn ich ſicher wäre, daß dieſe Worte einen Stachel in Deinem Herzen zurückließen, der Dich für ewige Zeiten unglücklich machte.“ „Ich würde das nicht glauben, Paulita,“ gab er in einem Tone zur Antwort, deſſen Ruhe erſchreckend abſtach gegen die Glut ihrer wild hervorgeſtoßenen Worte, Du liebſt mich nicht und haſt mich nie geliebt.“ „Gewiß nicht, gewiß nicht,“ lächelte ſie laut und höhniſch, „denn wenn es der Fall wäre, würde ich mir den Scherz des Tanzes wahrlich nicht erlaubt haben.“ Er nickte langſam mit dem Kopfe, that aber, ohne daß ſie es ſah und hörte, einen tiefen Athemzug, denn es flimmerte ihm faſt vor den Augen, wenn er an den Tanz von ſoeben dachte, wenn er es nachfühlte, wie hingebend ſie ſich in ſeine Umarmung hinein⸗ geſchmiegt, wie ihr blitzendes Auge ihn faſt verſengt, wie heiß ihr Athem geweſen und wie zuweilen ihr jugendfriſcher Körper in ſeinen Armen zuſammengezuckt war, und gebebt hatte unter dem glatten, krachenden Atlaß ihres Leibchens. „Da nun dieſer Scherz des Tanzes,“ ſprach Don Ruiz nach einer ziemlich langen Pauſe,„demnach beendigt iſt, ſo werdet Ihr mir wohl erlauben mich zurückzuziehen, um nicht noch größere Sünde auf mich zu laden, wenn ich nämlich noch länger in dieſem für mich unpaſſend gewordenen Anzuge bliebe.“ „Darin habt Ihr wahrhaftig Recht,“ erwiederte Paula, ſich gewaltſam faſſend, wobei ſie die trotzig aufgeworfene Oberlippe zu einem leichten Lächeln zwang—„führt mich, um kein Aufſehen zu erregen, zu der Geſellſchaft zurück, wenn es Euch beliebt.“ Der Toreador. 33 „Euer Geſicht iſt erhitzt und Eure Augen ſchwimmen in feuch⸗ tem Glanze,“ ſagte er mit einem ruhigen, ernſthaften und dabei gutmüthigen Blicke. „Ich verſtehe,“ rief ſie haſtig aufſpringend,„und will hinauf in mein Zimmer, damit Ihr Zeit habt, die finſtere Tracht wieder anzulegen, die Euch ſo lieb geworden iſt, da ſie zu Eurem Sinne paßt, und damit ich Don Bartolomeo keine Gelegenheit gebe zu boshaften Bemerkungen, die Euch ja ſehr verletzen würden— addios, Don Ruiz!“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, wobei ſie ihm mit einiger Ueberwindung ihre kleine Hand entgegenſtreckte— „trotz alledem ſage ich meinen Dank für den Tanz, kann aber nicht unterlaſſen, den allerdings vergeblichen Wunſch hinzuzuſetzen, ich möchte doch nicht die Schuld geweſen ſein an der großen Sünde, welche Ihr begangen.“ Damit warf ſie ihren Kopf empor und ſchritt ſtolz und elaſtiſch von dannen, mit lauter, klangvoller Stimme ein Liedchen trällernd: «Vete amor y vete.» o, ein Lied, deſſen Inhalt er wohl kannte, das ſo gar nicht paſſend war nach dem eben gehaltenen Zwiegeſpräch und das gerade des Kontraſtes wegen ſein Herz mit einem tiefen, wilden Weh erfüllte. Geh', Geliebter, geh' jetzt, Sieh' der Morgen dämmert: Leute geh'n ſchon durch die Gaſſe Und der Markt wird ſo belebt, Da der Morgen wohl, der blaſſe, Schon die weißen Flügel hebt. Und vor unſern Nachbarn bin ich Bange, daß Du Anſtoß gibſt, Denn ſie wiſſen nicht, wie innig Ich Dich lieb' und Du mich liebſt, 34 Der Toreador. Neben dem Tiſche im hellen Glanze der Lichter war indeſſen ein anderer Fandango getanzt worden, und als jetzt Don Ruiz in ſeinem langen, ſchwarzen Gewande wieder zu der luſtigen Geſell⸗ ſchaft trat, ſchien er kaum beachtet zu werden, nur Donna Leocadia fragte nach ihrer Tochter und nickte beruhigt mit dem Kopfe, als ihr der Licenciat ſagte, Paula ſei auf ihr Zimmer gegangen. „Wahrſcheinlich um nach dem Armband zu ſehen, ob ſie es droben nicht abgelegt hat.“ „Wohl möglich,“ erwiederte der junge Mann mit großer Gleichgültigkeit.. Ein paar Minuten ſpäter trat Fernando, der Sohn des Hauſes, neben den Licenciaten und ſagte, ihn leicht mit dem Ell⸗ bogen anſtoßend,„ich hätte Luſt fortzugehen— willſt Du mich begleiten?“ „So bleibſt Du während der Nacht nicht hier in Sevilla?“ „Nein, ich reite nach der Hacienda zurück, wo ich morgen früh zu thun habe.“ „Wichtige Geſchäfte?“ „So, ſo.“ „Doch wichtig genug, daß keines der ſchmachtenden Mädchen⸗ augen hier Dich zu feſſeln im Stande ſind— Donna Ines brennt vor Begierde, mit Dir einen Fandango zu tanzen.“ „Ich habe kein Intereſſe dabei, mit ihr zu tanzen, und nach dem, was Du, Heuchler, geleiſtet, werde ich mich ſehr hüten, mich ſehen zu laſſen.“ „Unſinn, Fernando, vollendeter Caballero, der Du biſt.“ „Gewiß, Ruiz— vollendeter Geiſtlicher, der Du biſt, gehſt Du mit mir?“ „Wohin, wenn man fragen darf?“ „Nun, wir ſchlendern noch durch ein paar Straßen bis zur Alameda, wo ich in der Poſada zur Glockee meine Pferde und Der Toreador. Lichterglanz, und von wo her man immer noch einzelne Guitarren⸗ klänge und das Knarren der Kaſtagnetten hörte. „Dort iſt eine breitäſtige Platane,“ bemerkte Fernando heiter, „wo man immer auserleſene Geſellſchaft findet— neulich wäre ich dort faſt von meinem geſtrengen Papa bemerkt worden, oder was noch ſchlimmer geweſen wäre, von Donna Leocadia, als ich gerade aus dem Stegreif einen glänzenden Fandango tanzte— ſchade, daß es für Triana zu ſpät würde, wenn wir jetzt noch unter die Platane gingen.“ „Auch müßte es ſich gut machen, wenn ich zufällig dort erkannt würde— o, über Deinen unverbeſſerlichen Leichtſinn— Triana iſt ſchon mehr als genug für mich, einen Licenciaten und künftigen Domherrn.“ „Und ſo weiter, und ſo weiter,“ lachte Fernando. Manche unſerer Leſer werden von Triana, der Vorſtadt Se⸗ villas, gehört haben, und trotzdem der größte Theil ihrer Bewohner aus Zigeunern beſteht, trotzdem Triana das Aſyl der Contrebandiſten und Leuten von noch ſchlimmerem Handwerk iſt, trotzdem hier die beſuchteſten Vergnügungsorte für Maulthiertreiber, Stierfechter und ausgelaſſene junge Leute der beſſeren Stände ſind, ſo kann man doch, wie in vielen anderen Dingen, von ihr ſagen, ſie ſei beſſer als ihr Ruf, welcher dem von Traſtevere bei Rom ziemlich gleich ſteht. Hier finden ſich Tanzlokale, wie Mabile und la Chaumiere in Paris, nur minder prachtvoll, nur minder glänzend, dabei aber weit an⸗ ſtändiger, und wer nach Triana geht, um ſich im Anſchauen der wunderbarſten Weiber der Welt in den ſchönſten und reichſten Nationaltrachten und deren Tanzen zu vergnügen, einem Tanze, der durchaus nicht wilder und ausgelaſſener iſt, als wir ihn in der Tertulia bei der ehrenwerthen Donna Leocadia geſehen, wird anſtändig und freundlich behandelt, ſo lange er ſelbſt es unterläßt, ſich uner⸗ laubte Freiheiten herauszunehmen. Begreiflicherweiſe gibt es hier auch Gaſſen, welche Jeder ver⸗ meidet, der nicht gerade zu den Seſiores Alguazils gehört, finſtere 40 Der Toreador. Schlupfwinkel, wo der verdächtig gewordene Schmuggler ausruht, der die Serania de Ronda oder die Küſten des mittelländiſchen Meeres ausbeutet, wo ſich der Bandit verbirgt, der vielleicht in einer der Sierras ein etwas zu blutiges Rencontre gehabt, oder wo eine Manola ſo lange im Verborgenen haust, bis es vergeſſen worden iſt, daß ſie einem ungetreuen Liebhaber mit dem Dolche vielleicht etwas zu nahe gekommen. Was unſere beiden jungen Caballeros anbelangt, ſo ſind wir nach dem vorher Geſagten wohl eine Erklärung darüber ſchuldig, was Beide an dem heutigen Abende bewog, nach Triana zu gehen, indem wir hinzufügen, daß, wenn auch weder Fernando noch Ruiz einem ausgelaſſenen Vergnügen aus dem Wege gingen, es doch durchaus nicht zu ihren Gewohnheiten gehörte, ſich in der Zigeuner⸗ vorſtadt ſehen zu laſſen. Fernando war allerdings häufiger dort zu bemerken, denn wie wir ſchon vorhin angedeutet, lag die Hacienda ſeines Vaters, welche er bewirthſchaften half, bei Santiponce, wodurch es häufig vorkam, daß er zu Pferde und zu Fuß durch die Straßen Trianas kam. Dadurch war er denn auch hier ſo bekannt geworden, daß ihn Jedermann freundlich grüßte, und daß ihn ſogar die wilden Zigeuner⸗ buben, welche ſo gerne geneigt ſind, einen Futraque, anders Ge⸗ kleideten, mit Steinwürfen zu verfolgen, ihn nicht nur mit Achtung, ſondern mit Ehrfurcht betrachteten, denn ebenſo, wie ſie ſeine milde Hand kennen gelernt hatten, war es ihnen auch nicht unbekannt geblieben, daß er gegen Erwachſene eine derbe Fauſt zu führen verſtand und daß er ſich durchaus nicht ſcheute, einem allzukecken Manolo mit dem Meſſer entgegen zu treten. Oft konnte es indeſſen geſchehen, daß er Monate lang mit ſeinen Dienern durch die Straßen ritt, ohne mehr als einen ſehr kurzen Gruß zu haben für alte Bekannte, die ihn ſchüchtern zu grüßen wagten, während ſie ſcheu an ihm vorüberſchlichen, wogegen er es zu anderen Zeiten nicht verſchmähte, hier und dort ſelbſt am — Der Toreador. Tage anzuhalten, einen Cigarito zu wechſeln oder ſich das gläſerne Weingefäß auf's Pferd reichen zu laſſen und mit außerordentlicher Grazie den rothen Strahl von oben herab in ſeinen Mund zu gießen, Da er obendrein ein ausgezeichneter Reiter und vortrefflicher Tänzer war, hatte er ſich durch alle dieſe ſchönen Eigenſchaften ſeine wilden Nachbarn ſo zu Freunden gemacht, daß ſie ſeine Grenzen nicht beläſtigten, ihm höchſt ſelten Früchte ſtahlen, ja ſeine Orangen⸗ gärten am Quadalquivir häufig gegen anderes Geſindel verthei⸗ digten. Auch konnte er es bei den kleinen ungezwungenen Tertulias wagen, irgend eine beſonders reizende Manola zum Tanze aufzu⸗ fordern, ohne von deren anweſenden hitzköpfigen Geliebten mehr zu vernehmen, als die in vertraulicher Art gemachte Aeußerung:„Nehmt Euch in Acht, Don Fernando, es ſollte mir leid um Euch thun.“ Was nun Don Ruiz betraf, ſo war auch er häufiger in Triana, als man es bei ſeinem Stande wohl hätte erwarten können: ihn trieben ganz andere Beweggründe dahin, und wie andere junge Leute ſeines Schlages vielleicht heimlicher Weiſe den Fechtboden oder die Reitbahn beſuchten, um in beiden ritterlichen Künſten in der Uebung zu bleiben, ſo war es ſeine größte Liebhaberei, den Uebungen der Stierfechter nicht nur anzuwohnen, ſondern auch daran Theil zu nehmen, was er auch mit ſolchem Erfolge gethan, daß man Alonzo— ſo nannte er ſich— ſchon öfters aufgefordert hatte, an einer Cuadrilla Theil zu nehmen, wobei man ihm die Verſicherung gegeben, daß er es bei ſeinem tollkühnen Muthe und ſeiner Ge⸗ wandtheit zu einem großen Eſpada bringen würde. Es war indeſſen eine Zeit geweſen, wo er ein Jahr hatte vorübergehen laſſen, ohne den Fuß auf die Brücke des Quadalquivir zu ſetzen, und zwar damals, als er dem Wunſche ſeiner Mutter, ſowie der Vorſtellung ſeines Oheims, Don Bartolomeo's, nachgegeben und in Ausſicht auf ein Erzbisthum oder etwas Aehnliches Licenciat geworden war. Damals hatte er ſich mit allem Fleiße den Studien gewidmet, um nicht unverdient zu einer hohen kirchlichen Würde zu 42 Der Toreador. gelangen, und um das Bild eines geliebten Mädchens verbleichen zu laſſen, die er mit der Glut eines achtzehnjährigen Herzens angebetet, ohne ihrer Gegenliebe gewiß zu ſein. Der Vater unſeres Licenciaten, Don Juan aus dem alten vornehmen Hauſe der Cisneros, hatte ſeiner Wittwe und ſeinem Sohne ſo gut wie gar kein Vermögen hinterlaſſen, und ſein reicher Oheim, Don Bartolomeo, der Bruder der Donna Cis⸗ neros, welcher eine hohe Stellung nicht ſelbſt hatte erreichen können, da er in der Jugend zu offenkundig in ein paar Verdrießlichkeiten verwickelt worden war, wollte dem Neffen ſein Vermögen nur in dem Falle hinterlaſſen, wenn er ſich bemühe, dem alten Wappen der Cisneros den Inful oder die purpurnen Quaſten beizufügen. Als nun hierauf Don Ruiz zum erſten Male in langem, ſchwarzem Gewande mit ganz glatter Oberlippe und dem abſcheulichen Hute der Licenciaten vor Paula hingetreten war, hatte ſie ſich bebend, ja mit unverkennbarem Abſcheu, von ihm abgewandt, und als er ſie ſchmerzlich bewegt an die lange Zeit erinnerte, wo er ihr auf's Demüthigſte vergeblich gedient, wo er nur ihre Farben getragen, wo der Name Paula ſein einziges Gebet geweſen, da hatte ſie ſich ſtolz emporgerichtet, hatte ihn lange und feſt mit den blitzenden Augen angeſehen und ihm dann geſagt, bevor ſie ſich raſch abwandte: „Ich wollte lieber, Du wäreſt ein Torero geworden.“ Anfänglich hatte er es über ſich vermocht, dieſe Aeußerung zu belächeln, wenn ſie ihm auch ein zu bitteres, ſchmerzliches Gefühl verurſachte, um ſie vergeſſen zu können, ebenſowenig als den letzten heißen Blick des geliebten Mädchens. Er war, wie früher ſchon geſagt, eifriger als je ſeinen Studien obgelegen, ja er glaubte ſich einreden zu können, daß ſich ſein Herz nach und nach beruhige, daß er ſie vergeſſen könne, und er gründete dieſe Hoffnung darauf, da er bemerkte, Paula gräme ſich nicht im Geringſten um ihn, ja ſie ſei ausgelaſſener und luſtiger wie bisher, was nicht zu bezweifeln war: in den kleinen Tertulias ihres elterlichen Hauſes, welche er als Verwandter Anſtands halber hie und da beſuchte, ſprühte ſie Der Toreador. 43 ordentlich vor Luſt und Laune; auf der Alameda hatte ſie eine ganze Schaar von Caballeros in ihrem Gefolge, und beim Stier⸗ gefecht war ſie, allerdings in Begleitung ihrer Eltern, ſo häufig zu ſehen, wie es ſich nur mit dem guten Ton vereinigen ließ, ſparte dort ebenſowenig, wie manche andere junge und vornehme Dame, ihre Beifallsbezeugungen, klatſchte mit den kleinen Händen, daß die Nähte der feinen Handſchuhe ſprangen, und verſchmähte es nicht, ihren Blumenſtrauß und ihren Fächer einem beſonders geſchickten Eſpada zuzuwerfen. Wir dürfen es wohl noch einmal wiederholen, daß der junge Licenciat ſeinen Studien mit dem gleichen Eifer nicht gar zu lange oblag, ja, daß ſeine Luſt zum Lernen nach Verlauf eines Jahres faſt in das Gegentheil umſchlug, und dieſe Veränderung trat nicht einmal blos nach und nach ein, ſondern plötzlich zu gleicher Zeit, als Don Fernando Melendez von ſeinem Vater auf deſſen Hacienda in der Nähe von Sevilla geſandt wurde, um ihn ein wenig zu entfernen von dem gar zu wilden Leben ſeiner täglichen Geſellſchaft. Damals hatte ihn Don Ruiz auf ein paar Tage begleitet, hatte wieder einmal die buntfarbige Jacke angelegt, Gamaſchen und Sombrero, ſich in den Sattel eines wilden Pferdes geſchwungen, um in Geſellſchaft des Freundes, jubelnd vor Uebermuth, die ausge⸗ dehnten Ländereien der Hacienda zu beſichtigen und dann in die grünende Huerta bis in die nicht allzufernen Berge zu ſtreifen, wo die Melendez noch ein kleines Gut hatten, auf welchem feurige, muthvolle Stiere beſonders für den Circus von Sevilla gezüchtet wurden. Hier fand die Leidenſchaſt des jungen Mannes für das ritterliche Schauſpiel die ausgiebigſte Nahrung, und ſo oft er konnte, wiederholte er ſeine Beſuche dieſer kleinen Hacienda im Gebirge und lernte hier mit einer außerordentlichen Geſchmeidigkeit die An⸗ fangsgründe der edlen Tauromaquia, welche vor allen Dingen darin beſtehen, daß der Toreador, nachdem er den Stier betrachtet und ſeine erſten Bewegungen geſehen, die Art, wie er den Kopf ſenkt— 44 Der Toreador. ſich demüthigt— wie er ſich ſtellt und wendet, ſeine guten und ſchlimmen Eigenſchaften erkennt, denn nur durch eine große Fertig⸗ keit hierin iſt ihm möglich, mit kaltem Blute lächelnd den Hörnern der wildeſten Beſtie zu trotzen. Wenn Don Ruiz zu dieſer Zeit ſo eifrig als es ihm möglich war, meiſtens heimlich und verkleidet, den Stierplatz in Sevilla beſuchte, ſo hatte er dabei einen doppelten Zweck: den, das glänzende Schauſpiel, dem er mit Begeiſterung anhing, zu genießen, und Paula nicht nur zu ſehen, ſondern auch zu beobachten. Damals trat nämlich ein junger Eſpada im Circus auf, deſſen Name bisher ganz unbe⸗ kannt geweſen, der ſich aber nach dem erſten überaus glänzenden Gefechte einen Ruf machte, wie in früheren Zeiten Don Juan Chacon und in ſpäteren der große Montez. Der junge, ſchöne Eſpada hieß Mendovia— Don Eſtevan Mendovia, und ſeine Anhänger und enthuſiaſtiſchen Freunde, zu denen alle eifrigen Dilettanten des Circus, ſowie faſt die ganze Damenwelt gehörte, wollten genau wiſſen— Einer ſagte es wenig⸗ ſtens dem Andern nach— daß die Familie Mendovia, von der er abſtamme, dieſelbe wäre, welche mit dem alten Hauſe der Guzman verwandt ſei. Wenn er eingetreten war, mit ſeinem Degen nach der königlichen Loge hinaufgegrüßt hatte und ſich dann ruhig gegen den Stier umwandte, der ſich langſam bis zum Torill— dem Thierzwinger— zurückgezogen hatte und mit wildem, tückiſchem Blicke den Mann betrachtete, der ihm nun ſo allein gegenübertrat, wobei das Thier wohl ahnte, daß dieſes ſein gefährlichſter Feind ſei— wenn Mendovia nun ſo daſtand, ſchlank und wohlgebaut, von einer faſt zierlichen Geſtalt, ſich leicht in den Hüften wiegend und dann, als führe er eine Dame zum Tanze, mit den grazibſeſten Schritten durch den weiten Raum ſchritt, ſo war der Eſpada aller⸗ dings eine ſo ſchöne, ritterliche Erſcheinung, daß man es wohl be⸗ greiflich finden konnte, wie die Afficionados ihm mit Enthuſiasmus und größter Spannung nachſchauten, und wie die Herzen unzähliger — Der Toreador. Damen faſt ängſtlich für ihren Liebling klopften. Dabei waren die Züge ſeines edlen Geſichtes von einem heiteren Lächeln überzogen, und wenn er ſich für den rauſchenden Empfang, der ihm ſchon bei ſeinem Auftreten zu Theil wurde, nach allen Seiten hin bedankte, ſo war dabei ſeine Handbewegung oder die Neigung ſeines Kopfes eher ſtolz als demüthig, würdig eines Caballero vom beſten Blute. So begeiſtert auch Don Ruiz für dieſen Liebling des Publikums war, ſo konnte er doch nicht anders, als ihm während ſeines Auf⸗ tretens, ja ſogar während des glänzendſten Gefechtes, nur hie und da einen flüchtigen Blick zu ſchenken, denn der arme Licenciat hatte zu viel zu thun, um die Augen Paula's zu beobachten, welche mit einem faſt ſchwärmeriſchen Ausdrucke an dem jungen Toreador hingen. Das konnte man allerdings auch von vielen anderen ſchönen Augen ſagen, doch hatte Don Ruiz dafür nicht die geringſte Theil⸗ nahme, ſondern für ihn waren in dieſer Richtung nur die Blicke der einzig Geliebten vorhanden; wenn unter hundert Blumenſträußen auch der ihrige hinabflog, ſo ſah er nur dieſen einzigen, und dann mußte er an ſich halten, um nicht über die Tablas zu ſetzen und dem glücklichen Eſpada mit dem Rufe entgegenzutreten:„Jetzt zu mir, Don Eſtevan, hier ſteht ein ſchlimmerer Feind.“ Nach dieſer kleinen Abſchweifung im Intereſſe unſerer Geſchichte, welche der geneigte Leſer entſchuldigen wird, kehren wir zu den beiden jungen Leuten zurück, welche ſchon ein paar Gaſſen von Triana durch⸗ ſchritten haben und nun vor einer hohen Mauer ſtehen, über welche Lorbeer und Granatbüſche herübernicken und die ein Thor zeigt, deſſen Krönung aus einem mauriſchen Bogen mit zierlichen, aber jetzt vermiſchten und zerſtörten Arabesken und Inſchriften beſtand; eine ſchlecht gezimmerte hölzerne Thür war nur angelehnt, und durch dieſe traten ſie in einen großen verwilderten Garten. Es war gut, daß aus einem am Ende des Gartens liegenden Hauſe heller Lichterglanz durch die weitgeöffnete Thüre drang und ſo ihren Pfad erhellte und daß nebenbei Fernando mit demſ Aben genau Hackländer's Werke. 51. Bd. 4 46 Der Toreador. bekannt zu ſein ſchien, denn ſonſt würden ſie wahrſcheinlich ziemlich oft geſtolpert ſein über Steintrümmer aller Art, Marmorſtücke, zerbrochene Vaſen, Springbrunnen⸗Einfaſſungen, Ueberreſte aus der Blütezeit dieſes einſt prächtigen mauriſchen Gartens; auch der Klang der Guitarren und das Knattern der Kaſtagnetten ſchallte ihnen entgegen und veranlaßte den jungen Melendez zu der halblauten Aeußerung:„Der Ball iſt eröffnet, ich hoffe zu finden, was ich ſuche.“ „So ſuchſt Du etwas?“ „Ja, und es müßte mich Alles trügen, wenn Du mich heute nicht in derſelben Abſicht hierher begleitet hätteſt; doch ſchweigen wir darüber— ſelbſt Einer gegen den Anderen, denn je unbefan⸗ gener wir ſind und je abſichtsloſer wir betrachten, um ſo eher kommen wir zu einem glücklichen Ergebniſſe— oho!“ rief er, mit einem großen Sprunge über die Schwelle in das Haus ſpringend: »Ole salero! viva la gente Morena!« »Viva Don Fernando!« Es war eine recht zahlreiche hübſche Geſellſchaft, die hier zu⸗ ſammen war, vielleicht zwanzig Männer, meiſtens junge Leute, und ein Dutzend ſchöner Mädchen, die theils im Tanzen begriffen waren, theils auf den Bänken ſaßen, wo die Weinflaſchen fleißig herum⸗ gingen und wo ſüße Näſchereien aller Art jetzt zwiſchen dieſelben feinen Lippen geſteckt wurden, die noch ſo eben den dampfenden Cigarito gehalten. Im Hintergrunde des Raumes, der einer Scheune ziemlich ähnlich ſah, ſaßen auf dem Platze, wo im Winter das Herdfeuer zu brennen pflegte, ein paar ältere Männer in der Capa und dem ſpitzen Hute, die Guitarre in der Hand, deren Saiten ſie mit unendlich langen Fingernägeln bearbeiteten und wozu ſie abwechſelnd eine luſtige Sequidilla nach der anderen aus dem Stegreif ſangen. Es waren dieſes die gedungenen Muſikanten und neben ihnen ſah man einige Zigeunerinnen in hellen, faſt modiſchen Kleidern mit weißen Buſentüchern, welche den Spiel⸗ Der Toreador. 47 leuten zuweilen das Trinkgefäß hinreichten oder ihnen eine Papier⸗ cigarre drehten. Dieſe Gruppe ausgenommen, würde die ganze übrige Geſellſchaft in ihren wirklich eleganten Bewegungen, in der Schönheit und dem Reichthum ihrer Kleidung dem vornehmſten Zirkel zur Ausſchmückung gedient haben; die Tanzenden waren lauter echte oder unechte Majos und echte Majas, die Männer hübſche, wohlgewachſene Burſche in der bekannten andaluſiſchen Tracht, die aber hier bei dieſer Abendgeſellſchaft aus den feinſten Stoffen beſtand, Sammet, Atlaß, Tuch mit Stickereien und ſilber⸗ nen Knöpfen überladen; wahrhaft reizend waren die Mädchen— ihre Füße mit ſeidenen Strümpfen ruhten in wahren Kinderſchuhen, und über denſelben waren die Knöchel ſo fein und zierlich, daß man nur erſtaunt war, das Bein weiter oben ſo anſehnlich ge⸗ rundet und doch ſo ganz im Verhältniß zu ſehen. Die ziemlich kurzen Röckchen beſtanden aus hellem Seidenzeug und wurden oben gefaßt von einem Jubon oder Wamms von Seiden⸗ oder Wollen⸗ ſtoff mit einer Weſpentaille, ziemlich mangelhaft in der Bruſt⸗ und Schultergegend, mit engen Aermeln, die bis an die Ellbogen mit Knöpfen aus Silber, Filigran oder ſeidenem Schnürwerk verziert waren. Dazu ein Schildkrötenkamm in den dichten, faſt blau⸗ ſchwarzen Haaren, und eine Mantille, welche von der Maja mit der gleichen Koketterie getragen wird, ob ſie nun ein paar Franken oder ein paar tauſend Realen werth iſt. Die meiſten der Tän⸗ zerinnen hatten die Mantille abgelegt, das volle, ſchwarze Haar über die feinen Ohren zurückgeſtrichen, ſo daß von hinten der lange ſchlanke Hals bis tief zu den Schultern ſichtbar war— und welcher Hals, welcher Kopf! Dieſe wunderbaren, ſchmal geſchnittenen Augen mit der entzückenden Sammetfarbe, die feinen und doch be⸗ gehrlichen Lippen, die glänzenden Zähne,— ja, unter Allen, die hier tanzten, war vielleicht keine einzige, die nicht den gerechteſten Anſpruch auf eine vollkommene Schönheit hätte machen können. Bei der Ankunft der beiden jungen Leute war ein Bolero zu 48 Der Toreador. Ende, und die wilden Mädchen ließen ſich ſchwer athmend und mit glänzenden feuchten Blicken auf die Bänke und Rohrſtühlchen nieder, ſo daß die ſeidenen Röcke rauſchten und die atlaſſenen Mieder be⸗ denklich krachten. Hie und da nahm eine ein paar getrocknete Früchte, auch eine Feige oder Orange, die auf einem Nebentiſchchen ſtanden, oder ließ ſie ein paar Tropfen Wein aufwärts blickend zwiſchen die Lippen träufeln, aber nicht lange konnten ſie's ruhig auf ihren Sitzen aushalten; beſonders die Burſche, die, wenn auch der wilde Tanz beendigt war, doch noch mit ihren extravaganten Pas fortmachten, bald zu Zweien, hart an den franzöſiſchen Cancan ſtreifend, bald allein, wie mit dem eigenen Schatten tanzend. Dann fingen die Guitarren wieder leiſe an zu klingen und nach einigen Akkorden fiel einer der Majos ein: «Ay! sal, bella joven, Sal, angel de amores X al que la fiores De lindo pensil.» Ein Anderer ſprang vor die Mädchen hin, klatſchte in die Hände, ein Dritter rief: ⸗Viva la gente Morena!» und dann war im Augenblicke die Tanzpartie wieder arrangirt: hoch aufge⸗ richtet, den Oberkörper halb durchgebogen, ſtanden die Andaluſierin⸗ nen da, die eine Hand in die Seite geſtemmt, mit den Fingern der anderen leicht an die eine der Kaſtagnetten ſchlagend und die Bewegungen der Tänzer begleitend, die nun herausfordernd vorge⸗ ſchritten kamen; wenn dieſe wieder zurückwichen, folgten ihnen die Mädchen, unnachahmlich den Körper, namentlich die Hüften, bewe⸗ gend, die Augen auf den Boden geheftet und die Caſtaſiuelos mit den vorgeſtreckten Händen leicht anſchlagend. Um die ſichere Beute nun raſch zu umſchlingen, öffnet der Tänzer weit ſeine Arme, aber in dem ſanft und zierlich vorgegangenen Mädchen erwacht nun auf einmal der Stolz der Spanierin, auf ihren höhniſch aufgeworfenen Der Toreador. 49 Lippen glaubt man ein Caramba! zu leſen, als ſie nun plötzlich auf⸗ und zurückfährt, wobei die Kaſtagnetten laut und zornig knacken; dabei hat ſie den Kopf ſtolz erhoben, wie eine Schlange biegt ſie den Oberkörper, ſenkt gleich darauf die Stirne heraus⸗ fordernd nieder, und während ſie mit vorgehaltenen Händen zurück⸗ flieht, wallen ihre leichten Röcke unbeſchreiblich maleriſch um die Hüften. Etwas Aehnliches wiederholt ſich in den meiſten ſpaniſchen Enſembletänzen: mit einem Alles verachtenden Stolze beginnt die Andaluſierin, um nachgiebig zu werden, wenn das Blut anfängt zu wallen und das Herz zu klopfen, und dieſe Folge iſt ſo natür⸗ lich und wahr im Tanze wie im Leben. Daß die beiden jungen Leute in dieſem Kreiſe keine Fremden waren, ſah man an der freundlichen, ja herzlichen Begrüßung, mit der ſie von allen Seiten empfangen wurden, doch gingen dieſe Be⸗ grüßungen für Fernando größtentheils von den Lippen der ſchönen Mädchen aus, während Don Ruiz häufig mit den anweſenden Männern einen Händedruck wechſelte—„ſo, Du auch hier?“ „Warum nicht? man muß im Leben Alles kennen lernen— man kann aus allen Blumen Honig ſaugen.“ „Gewiß, und wenn man ein Kenner iſt, nimmt man ſich vor dem Gift in Acht.“ Manche dieſer Hände, welche ſich in diejenige des jungen Li⸗ cenciaten legten, waren fein und zierlich, andere dagegen derb und voll Schwielen, und wenn man die Geſealten genau betrachtete, welchen die Hände der letzten Art angehörten, ſo bemerkte man an dieſen jene gewandten und doch wieder ſo ſicheren Bewegungen, wie wir ſie beim Stiergefechte an den Campeadores und Bande⸗ rilleros ſo ſehr zu ſchätzen wiſſen; hier aber waren ſie Caballeros wie die Anderen, und man bemerkte an ihrem Hinterkopfe nichts von dem rothen Netze und dem kleinen Haarbeutel; ſie trugen ihren aufgekrämpten Sombrero keck auf dem rechten Ohre wie jeder Andere. 50 Der Toreador. „Ich hatte gehofft, den großen Mendovia hier zu finden,“ ſagte Fernando, worauf ihm ſein Gefährte, welcher ebenfalls ſuchend umhergeſchaut, mit einem finſtern Blicke und einem eigenthümlichen Zucken in den Mundwinkeln zur Antwort gab:„Vielleicht hat er Beſſeres zu thun oder iſt von der heutigen Corrida ermüdet.“ „Letzteres gewiß nicht— wahrſcheinlich wird er noch kommen, denn ich ſehe dort meine Freundin Tereſa und neben ihr Dolores; die Letztere ſieht ziemlich finſter und zerſtreut aus und blickt häufig nach der Thür.“ „Tereſa auch,“ ſagte Ruiz lächelnd,„ihr Kopfaufwerfen und das Emporheben ihrer rechten Hand ſcheint Dir zu gelten— ah, welch' reizendes Mädchen!“ „Ja, ja,“ pflichtete der Andere bei, ſetzte aber gleich darauf in etwas ernſtem Tone hinzu:„Wenn ich mich einmal ihrer Gunſt unwürdig gemacht, nach ihren Begriffen nämlich, ſo handle ich ſehr klug, wenn ich mich ferner nicht mehr in Triana ſehen laſſe; es iſt eine ſchlimme Gewohnheit von dieſem Mädchen, ſo gern mit ihrem kleinen Dolche zu ſpielen, und neulich, als wir die Navaja auswarfen, traf ſie ihre Melone wie ein Mann— komm', wir wollen zu ihnen.“ „Laß mich lieber hier, ich habe nicht die geringſte Luſt zu zierlichen Redensarten.“ „Meinetwegen, und wenn Du nur beobachten willſt, ſo thu' mir die Liebe und benachrichtige mich, ehe Du eine Deiner Beob⸗ achtungen preisgibſt— verſtehſt Du mich?“ „Ich glaube Dich zu verſtehen, und Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß ich nicht hiehergekommen bin, um Händel anzufangen, oder um ein Meſſer zu gebrauchen, dazu wäre mir Zeit, Ort und Gegenſtand nicht paſſend und würdig genug.“ Er ließ ſich neben der Thüre auf eine kleine Bank nieder, während der junge Melendez durch das Gemach ſchreitend hier den Tanzenden durch eine kleine Bewegung auswich, dort eines der * — ——— Der Toreador. jungen Mädchen, welches ſich keck und luſtig an ſeine Bruſt warf, ein paarmal um ſich ſelber drehte, endlich vor den beiden Majas ſtand, die, dem Tanze zuſchauend, auf einer Bank ruhten und ihre Cigaritos rauchten. Beide waren jung und dabei wundervoll von Geſtalt und Geſicht, daß man ihnen ſelbſt hier, wo es der reizenden Mädchen genug gab, unbeſtritten den Preis der Schönheit zuer⸗ kennen mußte. „Ihr braucht lange von der Thür bis hieher, Don Fernando,“ ſagte Tereſa, während Dolores in ſpöttiſchem Tone hinzuſetzte:„Du haſt ihm den Weg zu Deinem Herzen zu kurz gemacht, deßhalb läßt er Dich warten.“ „Zu meinem Herzen?— daß ich nicht wüßte; ich habe keine Erklärung vor meiner Mutter von Don Fernando, und auf der Alameda haſt Du uns gewiß noch nie zuſammen geſehen— wir Beide haben noch unſere goldene Freiheit und die benützt Don Fernando ſo gut wie ich.“ „Nur bin ich ehrlicher und nicht ſo grauſam, denn ich ſage Dir tauſendmal, daß ich Dich liebe und hoffe, Dir das heute Abend noch zehntauſendmal zu wiederholen.“ „Willſt einſam mich verlaſſen In dieſer Oede Du ſchlimmer, ſchlimmer Gallizier“ ſang ſie mit leiſer Stimme und ſprach hierauf achſelzuckend:„Nicht wahr, mein Herz, Du hatteſt heute zu viel zu thun, um früher an mich denken zu können? Du warſt bei der Corrida— ich weiß es, Du warſt dort, dann in dem prächtigen Hauſe Deiner Eltern bei einer Tertulia, wo Du getanzt haſt.“ „Getanzt habe ich wahrlich nicht,“ ſagte er lachend den Kopf ſchüttelnd,„und wenn Du ſo fortfährſt, werde ich wahrlich auch hier nicht tanzen.“ „Ah, keine Neckereien,“ rief Dolores ihrer Gefährtin zu,„Du 52 Der Toreador. biſt undankbar und grauſam— iſt Fernando nicht gekommen, um uns zu ſehen?— was willſt Du noch mehr?“ „Ja, im Vorbeireiten nach Santiponce— draußen ſtehen ſeine Pferde, darauf wette ich, und noch nie,“ ſetzte ſie mit einem freundlicheren Blicke hinzu, während ſie ihm die kleine Hand reichte, „hat mir der Verräther eins angeboten, um mit ihm in die Berge zu fliehen.“ „Das wird Alles kommen, wenn die Zeit dazu da iſt,“ ſprach Dolores und ſetzte hinzu:„Aber er iſt doch wenigſtens da,“ worauf ſie einen düſtern leidenſchaftlichen Blick nach dem Eingange der Halle warf. „Nicht wahr, der hübſche junge Mann, den Du mitgebracht haſt, iſt wohl Dein Vetter, der fromme Licenciat?“ „Bſt!— ſo was denkt man nur, aber man ſagt es nicht.“ „Ja, ja, nach der Art aller Männer— ich bin anders— ich kann nun einmal nichts denken, ohne es auszuſprechen, und da ich jetzt denke, ich möchte einen Fandango tanzen, ſo—“ „Bin ich auch, ohne daß Du es ſagſt, mit dem größten Ver⸗ gnügen dazu bereit.“ Bereitwillig machte man der ſchönen Tereſa Platz, als ſie nun mit ihrem Tänzer in die Reihen trat, und wenn auch der Fan⸗ dango, den die Beiden jetzt zuſammen tanzten, große Aehnlichkeit hatte mit dem, welchen wir im Hauſe der Donna Leocadia geſehen, ſo können wir doch nicht leugnen, daß Schritte und Bewegungen hier um ein gutes Theil wilder und ausgelaſſener waren, wozu der Hauptgrund wohl darin zu ſuchen war, daß die Muſikanten in ihrem tollen Tempo das Uebermögliche thaten und nebenbei das ſchöne Paar durch das lebhafteſte Augen⸗ und Geberdenſpiel anfeuerten.. „Nachher mußt Du auch mit Fernando tanzen,“ ſagte Tereſa, als ſie tief athmend wieder neben ihrer Freundin ſaß,„er tanzt ſo gut und ich habe Dich ſo lieb.“ Dabei bog ſie ſich rückwärts, Der Toreador. 53 legte ihren Kopf in den Schooß der Anderen, und während ſich ihre Bruſt gewaltig hob und ſenkte, hatte ſie ihre friſchen Lippen leicht geöffnet und blickte den jungen Mann unter den ſchläfrigen, halb zugefallenen Augenlidern mit einem glühenden Blicke an,— „ja, ich hab' Dich ſo lieb!“ „Ich werde heute mit keinem Manne tanzen,“ erwiederte Do⸗ lores—„und ſelbſt wenn er jetzt käme, ſo tanzte ich doch nicht mit ihm— aber er kommt nicht.“ Dieſe letzten Worte ſtieß ſie kaum vernehmlich zwiſchen ihren feſtverſchloſſenen weißen Zähnen hervor. „Aber mit mir wirſt Du tanzen, Dolores, mit mir, Deiner Freundin, welche Dich liebt?— ja ſo innig liebt, daß ich Dir zuſchwöre, auch heute nicht mehr mit Fernando tanzen zu wollen, wenn Du mir nicht den Gefallen thuſt.“ „Vielleicht— ſpäter.“ Fernando hatte kleine Näſchereien herbeigebracht und bot ſie abwechſelnd den beiden Mädchen an, während er ſich zu ihren Füßen auf einen der kleinen Rohrſtühle niedergelaſſen hatte, dann drehte er für jede eine Cigarito und holte nun aus der buntſei⸗ denen Schärpe, die er um den Leib trug, eine kleine goldene Zange hervor, die er Tereſa mit den Worten reichte,„da habe ich Dir ein Paar Tenacillas mitgebracht, damit Du Dir Deine kleinen Fingerchen nicht verbrennſt— und hier iſt auch Feuer— auch für Euch, Seſiorita,“ wandte er ſich an Dolores. Es war gut, daß die Letztere dieſes Feuer annahm und ihre Cigarito anzündete, während Tereſa heiter den Tanzenden zuſchaute, denn ſonſt hätten beide Mädchen bemerken müſſen, wie ſich die Blicke Fernando's verfinſterten, ja, wie er die Lippen feſt aufein⸗ ander biß, um mühſam ein lautes Wort der Verwunderung, des Unmuths, ja vielleicht des Zornes zu unterdrücken, denn als Do⸗ lores das Feuer von ihm annahm, hob ſie den Arm, und in dieſem Augenblicke hatte er unter dem etwas zurückfallenden Aermel des 54 Der Toreador. Jäckchens einen Goldreif entdeckt, den er, ſo einfach er auch war, unter Tauſenden wieder erkannt hätte: das Armband ſeiner Schwe⸗ ſter Paulita. Er warf einen Blick nach dem Eingange des Gemachs, wo er Don Ruiz im Geſpräche mit einem Bekannten ſitzen ſah, und ließ hierauf ein paar Minuten vorübergehen, während welcher er ſich bemühte, ſeinen früheren, heiteren Geſichtsausdruck wieder zu ge⸗ winnen.—„Ei, Donna Dolores,“ wandte er ſich darauf an das junge Mädchen,„Ihr habt da an Eurem Arm ein koſtbares Stück aus der alten Zeit.“ „Meint Ihr, es ſei ſo koſtbar?“ fragte ſie mit einem gering⸗ ſchätzenden Blick. „Koſtbar durch ſeine Seltenheit— ich bin ein Kenner und Liebhaber von ſolchen Dingen— hätte man es mir ſtatt Euch zum Kaufe angeboten, ich würde es theuer bezahlt haben.“ „Ich habe es gar nicht bezahlt,“ erwiederte ſie achſelzuckend— „Eſtevan gab es mir heute nach der Corrida— vielleicht hätte er mir es nicht gegeben,“ ſetzte ſie mit einem aufflammenden Blicke hinzu,„wenn ich es nicht zufällig mit angeſehen, wie eines jener tollen Weiber es ihm zuwarf— Schande über ſie— ich war zu weit von ihr entfernt; auch zu anſtändig, ſonſt hätte ich ihr vielleicht ein Salero zugerufen, das ſie auf ſich hätte beziehen können.“ „Ja, wie ſie glücklich ſind, dieſe großen Eſpadas,“ ſagte Fer⸗ nando nicht ohne Abſicht,„und vor allen Don Eſtevan, geliebt von den Männern, verehrt von den ſchönſten Weibern.“ Dolores machte eine unmuthige Bewegung. „Damit meine ich Euch, Seſiorita.“ „Habt mir aber mit dieſer Aeußerung durchaus keine Freude gemacht.“ „Und mir eine Unart geſagt,“ warf Tereſa in halbem Scherze ein. 5 Der Toreador. „Und doch kann ich die Worte nicht zurücknehmen,“ fuhr der junge Mann lächelnd fort. Dolores betrachtete mit düſterem Blicke das Armband und ſagte dann nach einer längeren Pauſe:„die es ihm zuwarf, war ſchön, o ſehr ſchön, auch reich und vornehm, das ſah man an ihrer Umgebung, ſowie an der Art, mit der die jungen Caballeros ſich ihr näherten und die oft lange genug warten mußten, bis ſie einen Blick erhielten von der ſchönen Dame.“ „Sie iſt gewiß nicht ſo ſchön, wie Ihr, Dolores.“ 4 „Fernando!“ rief die Andere mit funkelnden Augen,„wenn Ihr ſo fortmacht, ſo wird es Euch bei der Lola nichts nützen, und bei mir mehr ſchaden, als Euch lieb ſein könnte.“ Hätte nur der junge Melendez ſeiner heißblütigen Geliebten den Grund angeben dürfen, warum es ihm unmöglich war, das Geſpräch wegen des Armbandes abzubrechen und warum er Dolores noch ein paar bittere Artigkeiten ſagen wollte, aber ſie verſtand das nicht und ſprang deßhalb, faſt im Ernſte zürnend, auf, um ſich draußen durch einen Athemzug zu erfriſchen— abzukühlen, wie ſie ſagte, in Wahrheit aber um von dem dunkeln Garten her ein wenig in den hellen, erleuchteten Raum zu ſpähen. Dolores merkte kaum, daß ihre Freundin gegangen, denn ihre Gedanken waren offenbar mit etwas beſchäftigt, was ſie ſehr in Anſpruch nahm und ſie nicht gerade heiter ſtimmte; auch kam Eſtevan nicht, wie er doch ſicher verſprochen. „Als er mir das Armband gab,“ ſprach ſie zu ſich ſelber, aber doch laut genug, daß der junge Mann ihre Worte verſtehen konnte,„ſah er nicht ſo vergnügt aus, wie man wohl iſt, wenn man der Geliebten ſeiner Seele eine Freude macht — ah, wenn es ihm keine Freude gemacht hätte, mir das Armband zu geben— wenn es ihm theuer geweſen wäre, wenn — wenn——. Doch fort mit dieſen Quälereien,“ murmelte ſie jetzt unverſtändlich für Fernando,„und fort vor allen Dingen Der Toreador. mit der Wolke von meiner Stirne, denn da kommt er— der Verräther.“— Und in der That kam von dem Eingange her in Begleitung Tereſa's der berühmte Torero, der Stolz ſeiner Landsleute, und wurde empfangen mit begeiſtertem Hutſchwenken der Männer, mit Händeklatſchen von den Mädchen. Wir haben Don Eſtevan ſchon zur Genüge beſchrieben, und wie er ſo daherkam, freundlich nach allen Seiten grüßend, mußte man geſtehen, nicht leicht einen ſchöneren Mann mit vornehmeren Formen geſehen zu haben, und doch war, was das Letztere betraf, das vornehme Weſen bei ihm nur äußerlich, künſtlich angeſtrebt und angelernt, und verſchwand ſowie er zu ſprechen anfing oder ſich, wie hier, unter Seinesgleichen vollkommen gehen ließ. Daß Dolores, die aufgeſprungen war und die linke Hand in die Hüfte geſtützt ihm mit leuchtenden Blicken entgegen kam, ſchien ihn nicht beſonders zu kümmern oder ſeinen Schritt zu beſchleuni⸗ gen: er hatte den Arm ſeiner Begleiterin unter den Arm gezogen, und während dieſe unter kokettem Fächerſpiel, indem ſie nach allen Seiten hinblickte, heiter mit ihm ſprach, hatte er noch Zeit genug, hier einem der ſchönſten Mädchen zuzuwinken, dort einen Bekannten zu grüßen; ja, als er in die Nähe der Muſikanten kam, blieb er einen Augenblick ruhig ſtehen, um aus einem buntfarbenen Gürtel ein paar Silbermünzen herauszuziehen, die er etwas prahleriſch in den Hut des Guitarrenſpielers warf. Dann erſt trat er zu Do⸗ lores, ihr auch jetzt nur einen flüchtigen Blick ſchenkend, wogegen er den jungen Mann an ihrer Seite mit einigem Erſtaunen betrachtete. „Ihr kommt ſehr ſpät, Eſtevan,“ rief das junge Mädchen mit unmuthig aufgeworfenem Kopfe.. „Früh genug, mein Schätzchen,“ gab der Torero mit einer rauhen Stimme zur Antwort,„um Deine Schönheit anzuſtaunen und die Bekanntſchaft dieſes jungen Caballeros zu machen.“ Der Toreador.. 57 „Dieſer junge und ſehr liebenswürdige Herr,“ erwiederte Do⸗ lores— doch trat Tereſa raſch vor und ſagte, den Satz ihrer Freundin vollendend,„iſt mein Freund, und werde ich mir die Ehre geben, die beiden Caballeros mit einander bekannt zu machen — dieſes iſt Don Eſtevan Mendovia, der Stolz—“ „Andaluſiens und ganz Spaniens,“ fiel Fernando ihr in die Rede,„wer Don Eſtevan einmal geſehen, kann ihn nimmer ver⸗ geſſen und wird ſich immer glücklich ſchätzen, ſeine perſönliche Be⸗ kanntſchaft zu machen.“ „Das muß ich ſo oft hören, daß ich es beinahe ſelbſt glaube,“ erwiederte der Stierfechter und ſetzte mit einer etwas theatraliſchen Bewegung hinzu,„ja, ja, wir haben ſchon etwas geleiſtet und dürfen uns mit einigem Stolz Andaluſier nennen.“ Während er dieſes ſagte, blickte er zerſtreut um ſich und ſchenkte dem jungen Mann nicht die Aufmerkſamkeit, die man gewöhnlich dem ſpendet, der uns durch ein ſchönes Mädchen vor⸗ geſtellt wird. „Und dieſes iſt Don Fernando Melendez.“ Kaum hatte Tereſa den Namen ausgeſprochen, als man be⸗ merkte, welch' großen Eindruck er auf den Torero machte: ſeine etwas ſchläfrigen Blicke wurden weit und leuchtend, er ſchien einen Zoll zu wachſen und wandte ſich raſch gegen den jungen Mann, ihm mit außerordentlicher Freundlichkeit die Hand darreichend. Keine dieſer auffallenden Bewegungen war Dolores entgangen, und ſie fragte mit einem eigenthümlichen Lächeln,„Eſtevan, kennt Ihr die Familie Don Fernando's?“ „Und warum ſollte ich ſie nicht kennen? eine Familie von ſehr gutem Klange— freue mich in der That,“ wandte er ſich an Melendez,„Eure Bekanntſchaft zu machen, und gerade hier zu machen, Caballero— hoffe, wir werden uns näher kennen lernen.“ Fernando hatte faſt zögernd ſeine Hand in die des Stier⸗ Der Toreador. fechters gelegt, denn es hatte ihm ein widriges Gefühl verurſacht, als er bemerkte, welchen Eindruck die Nennung ſeines Familien⸗ namens auf den Anderen gemacht, und deßhalb konnte er ſich nicht enthalten, ihm zu entgegnen,„hoffentlich ſoll es Sie nicht gereuen, die Bekanntſchaft eines jungen unbedeutenden Mannes gemacht zu haben, und da wir einmal dabei ſind, Bekanntſchaft zu machen, ſo will ich Ihnen hier noch den Namen meines beſten Freundes nennen, des jungen Mannes, der dort eben von der Thüre her auf uns zuſchlendert— he, Ruiz! Du ſollſt den berühmteſten Torero Spaniens kennen lernen, Don Eſtevan Mendovia— und dieſes iſt Don Ruiz Cisneros.“ Der Stierfechter blickte den jungen Mann, der raſch hinzutrat, erſtaunt an und ſagte:„Don Ruiz, Ihr müßt hier in Sevilla einen Doppelgänger haben— einen meiner Kollegen, denn ich ſah nie eine tollere Aehnlichkeit— braucht Euch deßhalb aber nicht zu ſchämen, denn der junge Mann, den ich meine, iſt auf dem beſten Wege, ein glänzender Eſpada zu werden.“ „Der, von dem Ihr ſo freundlich ſeid, alſo zu reden, bin ich ſelber, doch kann ich, ein ſchwacher Aficionado, Euer Lob nicht annehmen.“ „Den Teufel auch— Ihr führt eine feſte Hand, um die ich Euch beneiden würde, wenn ich nicht Eſtevan Mendovia wäre, doch iſt es eine Ehre für uns, wenn Söhne ſo guter Häuſer der edeln Tauromaquia pflegen: das muß unſerem Stande aufhelfen und könnte die alte gute Zeit wieder zurückführen, wo es Kaiſer und Könige nicht verſchmähten, den rothen Mantel und den Degen zu führen und wo ein großer Torero bei den vornehmſten Geſchlechtern aus⸗ und einging, ganz wie bei Seinesgleichen— ah, eine ſchöne Zeit! glücklich wir Alle, wenn ſie wiederkehrte.“ Dolores, der kein Blick, kein Wort des Stierfechters entgangen war, und die mit dem Scharfſinne eines eiferſüchtigen Mädchens jedem derſelben einen, und wir können das nicht leugnen, richtigen — Der Toreador. 59 Sinn unterlegte, ſprach zu ſich ſelber in einem fragenden Tone: wir Alle? wobei ſie ſich gewaltſam zwang, eine heitere, argloſe Miene zu zeigen. 3 „Aufgeſpielt, ihr Muſikanten!“ rief Eſtevan,„wir wollen tanzen, oder wenn es Euch genehm wäre, Caballeros, ſo möchte ich einmal ſehen, wie Leute Eures Standes mit einem Fandango um⸗ gehen, vielleicht iſt Dolores ſo liebenswürdig, dem Don Cisneros ihre Hand zu reichen, und für das andere Paar brauchen wir nicht zu ſorgen,“ ſetzte er mit einem ſchallenden Lachen hinzu. „Und Ihr wollt nicht mit mir tanzen, Eſtevan?“ „Später, meine Taube.“ „Was meinſt Du, Thereſa?“ „Ich meine, Don Fernando braucht keine Vermittlung, und da er mir nicht ſelbſt einen Tanz angeboten, ſo habe ich auch keine Luſt zu einem Fandango mit ihm.“ „Aus dem gleichen Grunde bedaure auch ich ſehr, die Hand Don Cisneros nicht annehmen zu kennen, ſo große Ehre mir das ſonſt auch geweſen wäre.“ „Und doch wollen wir tanzen,“ rief Tereſa mit einem leuch⸗ tenden Blicke,„ole salero! wir Beide allein— was meinſt Du, Dolores?“ Den Torero ſchien es nicht viel zu bekümmern, daß man ſeinen Vorſchlag abgewieſen, denn er ſchlug luſtig ſeine Hände, gegen die Muſikanten gewendet, laut ſchallend zuſammen und rief den jungen Leuten zu:„wenn die Beiden zuſammen tanzen, werdet ihr etwas zu ſehen bekommen, das euch heute Nacht im Traume wieder erſcheint— he da, ihr Muſikanten! euren beſten Fandango, und ihr da, Leute, Platz für Dolores und Tereſa!“ Die erſtere ſchien einen Augenblick unſchlüſſig, ob ſie dem Wunſche ihrer Freundin nachgeben ſollte, doch als nun die Guitarren und das Tamburin luſtig erklangen, als die anderen Tänzer und Tänzerinnen ſogleich einen großen Kreis bildeten, da warf ſie noch Der Toreador. einen düſteren Blick auf Eſtevan, reichte der Freundin die Hand und trat mit ihr zu einem Fandango in die Mitte des Raumes, empfangen von einem lauten und jubelnden Händeklatſchen. Wie prachtvoll waren die Geſtalten dieſer beiden Mädchen, als ſie nun gegenüberſtehend ſich langſam auf den Hüften hin⸗ und herwiegten und dazu die Kaſtagnetten leiſe und doch in ſcharfem Takte anſchlugen; dann bewegten ſie ſich um einander in langſamen, graziöſen Schritten, faſt kalt und förmlich, und dabei war es wunderbar anzuſehen, wie ſich ihr Blut langſam zu erwärmen ſchien, wie ſich ihre ſchläfrig zufallenden Augen allmälig öffneten, wie ihre Blicke leuchtender und glänzender wurden, und wie die Glut in ihnen aufflammte in gleichem Verhältniſſe, wie ſie ſich langſam einander näherten. Dabei berührten ſie ſich anfänglich nur ſanft mit den Finger⸗ ſpitzen, dann legte Dolores ihre Hand leicht um Tereſa's ſchlanke Hüfte, drückte ſie feſt an ſich, und als auf dieſe Art das Eis end⸗ lich gebrochen ſchien, brach auch die Flut der Leidenſchaft um ſo gewaltiger hervor. Maleriſch gruppirt, umſtanden die Uebrigen das ſchöne Paar, und nicht nur die Majos und andere junge Leute, ſondern auch die älteren Männer waren auf Stühle und Bänke geſtiegen, um beſſer in den Kreis zu ſehen, und dazu brachen bei jeder ſchönen Bewegung neue und immer heftigere Ausrufe der Bewunderung hervor: Ay Salero! ole, ole!— ole salero!— Herz, Du über⸗ triffſt Dich ſelbſt— bravo, bravo, Kinder!— bravo, Kinder, bravo!— ſo was ſieht die Welt nicht wieder!— ole salero! Nur zwei Perſonen befanden ſich im Kreiſe der Zuſchauer, welche durch den Tanz nicht ſo hingeriſſen ſchienen, um demſelben ihre ganze Aufmerkſamkeit zuzuwenden, das war der Toreador und Don Ruiz; der Erſtere blickte allerdings zuweilen lächelnd auf das üppig ſchöne Mädchen hin, doch war dieß ein ſehr ruhiges Lächeln der Zufriedenheit, ungefähr wie ein Geizhals lächelt, der ——ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ— —,— Der Toreador. 61 ſeine Gold⸗ und Silberhaufen wohlverſchloſſen in der Truhe hat. Nur hie und da leuchteten ſeine Blicke auf, wenn Dolores, ſich rückwärts biegend, einen langen, heißen Blick auf ihn warf und alsdann zwiſchen den geöffneten Lippen die weißen Zähne ſehen ließ— ole salero! Dabei machte ſich Eſtevan eine Papiercigarre um die andere, und wenn er den würzigen Duft tief athmend in ſich einſog, ſo verſank er dabei nicht ſelten in tiefe Gedanken⸗ deren Zauber nur durch ein neues, wildes Bravorufen gelöst werden konnte. Don Ruiz, der neben ihm ſtand, beſchäftigte ſich auch in Wahrheit nicht viel mit den Tanzenden, obgleich er ſo that, als ſchenkte er den beiden ſchönen Mädchen ſeine vollſte Aufmerkſamkeit; doch ſchweiften ſeine Blicke häufig und meiſtens verſtohlen zu ſeinem Nachbar hinüber, den er alsdann mit einem finſteren gehäſſigen Ausdrucke betrachtete. Und wie unrecht war es eigentlich von den Beiden, dem ſchönen wilden Tanze nicht ihr volles Intereſſe zu Theil werden zu laſſen— wie ſehr verdienten es die beiden Mädchen, daß man ſich ſür ſie intereſſire, wie reizend war es anzuſehen, wenn ſie ſich ſekundenlang umſchlungen hielten und die hochklopfenden Herzen aneinander drück⸗ ten, um ſich alsdann nach einer augenblicklichen Trennung wieder mit neuer Inbrunſt in die Arme zu ſtürzen, Auge in Auge wur⸗ zelnd, die Lippen geöffnet, um irgend ein ſüßes Geheimniß zu verrathen. —— Und nun ein wilder Ausdruck der Freude rings um⸗ her, als der Tanz jetzt endigte mit einem langen innigen Kuſſe, wobei die elaſtiſchen, weichen Körper der beiden Mädchen wie ſchmerzlich zuckten.. 4 Dieſes war das Letzte für heute Abend, nachher mochte Nie⸗ mand mehr tanzen: Dolores war ſo ſchläfrig wie möglich, fie ſank auf ihren Sitz zurück, lehnte ſich gegen die Wand und ließ die Augen mehr denn wie zum Scherze zufallen. Hackländer's Werke. 51. Bd. 62 Der Toreador. „Ich bin der Anſicht, wir gehen jetzt,“ ſagte Don Ruiz zu Fernando;„denke ich doch, wir wiſſen, was wir wiſſen wollten.“ „Auch Du?— ich ſah Dich nicht mit Dolores ſprechen— Du kamſt ja nicht einmal in ihre Nähe.“ „Ein einziger Blick auf ihren Arm genügte mir,“ ſtieß er mühſam zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen hervor,„ein einziger Blick ſagte mir mehr als ſie Dir mit ihrem langen Ge⸗ plauder, welches ich wohl von meinem Platze an der Thüre be⸗ merkte, denn ich hatte ja keinen Sinn für etwas Anderes— ich habe ja keinen anderen Gedanken mehr, als jenes Armband wieder zu erlangen.“ Fernando ſah ſeinen Freund mit einem ſo langen und bezeich⸗ nenden Blicke an, daß dieſer unwillkürlich die Augen abwandte, dann ſagte der Erſtere:„Das wird nicht ſo leicht ſein, beſonders jetzt, da mir Dolores auf dem beſten Wege ſcheint, ſich mit dem Torero zu entzweien.“ „Sieh' nur, wie energiſch ſie ihm den Rücken zuwendet und ihm die Mantille, die er ihr darbietet, förmlich aus der Hand reißt— nimm Dich in Acht, Eſtevan, mein tapferer Torero— das Mädchen führt eine ſichere Klinge—“ „In dem Falle wird es Dolores zur Abbüßung ihrer Sünde irgendwo der Kirche opfern.“ „Ausſicht für mich, es auf einem Umwege gegen reichen Er⸗ ſatz wieder zu erlangen,“ ſagte der Licenciat mit einem trüben Lächeln—„doch, ernſtlich geſprochen, gehſt Du mit mir?“ „Ja und nein.“ „Ah, ich verſtehe— nimm auch Du Dich in Acht, Fernando— während des Tanzes ſah ich wohl, wie auch Tereſa einigemale finſter gegen Dich hinübergeblitzt.“ „Finſter nach mir?— o den Blitz ihrer Angen bemerkte ich wohl, doch ſchien es mir, als habe ſie mit ganz beſonderem Wohl⸗ gefallen nach Dir geblickt.“ —,— —4j.,— — Der Toreador. 63 Don Ruiz zuckte mit den Achſeln, ehe er zur Antwort gab:„o könnte ich auf Deinen Scherz eingehen— doch ſei vorſichtig.“ „Unbeſorgt, ich bin ihr verſtändiger Berather— ihr Freund, wenn Du ſo willſt, und wenn ich geſehen, daß Tereſa, was ſchon verſchiedene Male vorgekommen, gar zu lebhaft nach irgend einem Caballero auf der Alameda geblickt, ſo habe ich mit ihr darüber gelacht, und auf dieſe Art ſind unſere Bande keine Feſſeln gewor⸗ den— ich bin ihr Beſchützer, und für die Nachbarſchaft unſerer Hacienda nützt ſie mich mehr als ein Dutzend Alguazils, denn ſie hat ſchon oft in Erfahrung gebracht, wenn einer dieſer liebens⸗ würdigen Majos Abſichten auf irgend etwas von meinem Eigen⸗ thum hatte und gab mir auf dieſe Art Gelegenheit, ihn mit einer Handvoll Peſetos zu begrüßen— nebenbei—“ „Komm', komm'!“ unterbrach ihn haſtig Don Ruiz,„ſie hat ſchon ein paarmal ſehr auffordernd nach Dir umgeſchaut, und ich meinestheils möchte dieſen Don Eſtevan womöglich noch ein wenig im Auge behalten.“ „Zu welchem Zwecke, Ruiz?“ fragte der Andere in beſorgtem Tone—„Du haſt mich vorhin gewarnt, und ich glaube, daß ich ein Recht habe, Dir dieſe Warnung zurückzugeben.“ „Beruhige Dich, Fernando, und ſei verſichert, daß es mir nicht einfallen wird, ohne gegründete Urſache Händel anzufangen— ſollte ſich aber irgend eine triftige Urſache finden, ſo fürchte ich dieſen Torero eben ſo wenig wie jeden anderen Menſchen.“ „So laſſ' mich Dich begleiten.“ „Nein, nein, wir zu zweien könnten ja nimmermehr Gelegen⸗ heit finden, ein vernünfliges Wort mit ihm zu reden, und brauchſt Du Dich überhaupt nicht in dieſe Angelegenheiten zu miſchen— laſſ' ſie mir ganz allein und halte Du Dich ferne davon: Du biſt der einzige Sohn Deines Vaters, der Erbe des großen Vermögens der Melendez, und was bin ich?— ein armer Licenciat, eine 64 Der Toreador. Sorte Menſchen, von denen es ſo viele gibt, daß es auf einen mehr oder weniger nicht ankommt.“ „Sprich nicht ſo, Ruiz, Du weißt, daß man Dich bei uns betrachtet wie einen anderen Sohn des Hauſes— ja, wie einen erſteren und beſſeren: man ſtellt Dich mir zum Muſter auf, ſo betrage Dich auch wie ein Muſter.“ „Das werde ich auch, wie ein muſterhafter, ſpaniſcher Caballero — und nun addios!— wenn es mir möglich iſt, ſuch' ich Dich morgen in Deiner Hacienda auf.“ Die Lichter waren erloſchen, und der Raum, in welchem noch vor wenigen Augenblicken die vollſte, tollſte Luſt geherrſcht, lag jetzt ſtill und böde in dem verwahrlosten mauriſchen Garten. Don Ruiz war in weiter Entfernung dem Toreador gefolgt, und obgleich er ihn ſowie deſſen Begleiterin nur ſchattenhaft vor ſich ſah, ſo hörte er doch zuweilen einen Ausruf der Letzteren, ein ſcharfes, zorniges Wort, welches Eſtevan anfänglich in begütigen⸗ dem Tone zu beantworten ſchien, endlich aber unwillig mit einem lauten caraxo! erwiederte. Der Licenciat, welcher begriff, daß dieſem wohlberechneten Worte ein plötzlicher Abſchied folgen werde, drückte ſich in einen dunklen Hauseingang und warf zum Ueberfluß ſeinen Mantel bis dicht unter die Augen vor das Geſicht; da ſtand er regungslos und ſah den Toreador näher kommen und dann raſch an ſich vorüber⸗ ſchreiten; er ließ ihm einen ziemlichen Vorſprung und folgte ihm alsdann ſo behutſam als möglich, wobei er zu ſeiner Deckung den tiefen Scha en der Häuſer benützte. So gingen die Beiden hinter einander über die Brücke des Quadalquivir, und als Eſtevan die Alameda erreicht hatte, war Don Ruiz ſchon im Begriffe, ihn mit ein paar raſchen Sprüngen einzuholen, würde dieſes auch gethan haben, wenn der Andere den Fluß aufwärts gegangen wäre, über den jetzt ſo ſtillen und menſchen⸗ leeren Spaziergang. Statt dieſes aber zu thun, verſchwand er in — Der Toreador. 65 einer der kleinen Gaſſen, die vom goldenen Thurme nach dem Stierplatze führen, umſchritt dann den Letzteren und verlor ſich in einem kleinen Hauſe in der Nähe deſſelben. „Sollte er in ſeine Wohnung gegangen ſein?“ fragte ſich der Licenciat ſtehen bleibend—„es ſähe ihm das nicht ähnlich nach ſeinem heutigen Erfolge bei der Corrida— er müßte ein ſchlechter Spanier ſein, wenn er nicht wenigſtens den Verſuch machte, die Roſenknospe aufblühen zu ſehen, die ſich ihm entgegengeneigt— Fluch über ihn und Fluch über ſie, wenn die Aufwallung mehr war als ein Entzücken über den unvergleichlichen Toreador!— vielleicht aber auch, daß ich trotz meiner Vorſicht nicht unbemerkt von ihm geblieben bin, daß er dem Nachfolgenden entgehen will, oder ſich für alle Fälle eine gute Waffe holen— das Letztere wäre mir das Angenehmſte.— Jedenfalls weiß ich, wo ich ihn zu fin⸗ den habe, wenn er überhaupt heute Nacht noch zu finden iſt, und warum ſollte er es nicht, es iſt ja noch ſo früh.“ Ein Uhr war kaum vorüber in dieſer wundervollen milden Frühlingsnacht. Dabei war der Mond ſo freundlich, nicht am Himmel ſichtbar zu ſein, und der ſanfte Schein der Sterne gab kaum ſo viel Licht, um erkennen zu laſſen, wenn man erkennen oder erkannt ſein wollte. Don Ruiz ſchritt dicht an dem Hauſe vorüber, in dem der Andere verſchwunden war, und anſtatt alsdann auf dem geraden Wege dorthin zu gehen, wohin er gelangen wollte, ging er in der⸗ ſelben Richtung nur durch ein paar andere Gaſſen wieder zurück und befand ſich in Kurzem auf der Alameda, wo er unter den dicht belaubten Bäumen ein paarmal auf⸗ und abging. Er that das einestheils, um den Anderen ſicherer überraſchen zu können, ſowie auch um ruhiger zu werden, und Letzteres gelang ihm auch ſo vortrefflich, daß er nun im Stande war, den Zipfel ſeines Man⸗ tels gleichmüthig über die rechte Schulter zu werfen und auf dieſe Art die Hälfte ſeines Geſichtes zu verbergen; auch drückte er den 66 Der Toreador. Hut ein wenig in die Stirne und griff darauf leiſe an ſeine Hüfte, wo ſich der lange Dolch befand, den er von Hauſe mitge⸗ nommen hatte. In den Straßen, durch welche er kam, befand ſich noch Leben genug, hier und dort leiſes Geplauder an den Gitterthüren oder von einem Balkon herab, auch wohl noch die Klänge der Guitarre und das leiſe Knacken der Kaſtagnetten aus einem Hofe hervor und Lieder durch die ſtille Nacht zum Klange der Mandoline. Jetzt hatte er die Calle della Lonja erreicht— dort lag das Haus der Melendez, dunkel ohne Lichtſchimmer, wie es ihm ſchien. Es hatte eine vortreffliche Lage, hier von der Nachbarſchaft unge⸗ hört und ungeſehen der Geliebten des Herzens ſeine Grüße und Wünſche darbringen zu können; gegenüber war ein kleiner Platz mit alten Bäumen beſetzt, an der einen Seite des Hauſes eine Straße, an der anderen grenzte es an einen Palaſt der Regierung, wo es bei eintretender Nacht ſo ſtill und leblos war, wie man es nur wünſchen konnte. Ah, wie glücklich hatte ihn die einſame Lage des Hauſes vor Jahren gemacht, als er, noch ein ganz junger Menſch, hier eben⸗ falls ſeine Lieder geſungen, ſeiner kindlichen Zuhörerin gewiß, die ihm vom Balkon lachend zulauſchte und ihm neckiſche Worte her⸗ unterrief, auch wohl zum Dank einen Blumenſtrauß herabwarf, wofür alsdann Paula regelmäßig einige allerdings nicht böſe ge⸗ meinten Vorwürfe von Donna Leocadia erhielt. Dieſes Balkonfenſter, das Schlafzimmer Paula's, befand ſich nach dem Regierungspalaſte zu, den eine ziemlich hohe und breite Mauer mit dem Hauſe der Melendez verband, eine Mauer, wie eigens dazu gemacht, um auf ihr ſitzend ſeine Lieder ertönen zu laſſen. 4 Und es ertönte ein Lied dort oben, leiſe zwar, ſehr leiſe— die Finger des Sängers ſchienen kaum die Saiten zu berühren und ſein Geſang war eher ein Flüſtern zu nennen. „ Der Toreador. Don Ruiz ſchlich ſich unter dem tiefen Schatten der Bäume näher; ihn kümmerte zuerſt nicht der Sänger, vielleicht ein Unver⸗ ſchämter, der eine Gunſtbezeugung, die ſeinem Gewerbe galt, auf ſeine Perſon bezog— ihm war es viel wichtiger, das Fenſter Paula's in's Auge zu faſſen und zu entdecken, ob ſich dort irgend ein Leben zeige. Verflucht! ja er ſah dort einen Lichtſchimmer, allerdings kaum erkennbar, einen feinen, kaum etwas helleren Streifen durch die dunkeln Vorhänge— ſein Ohr hörte nicht auf Spiel und Geſang, ſein Auge ſtarrte nach dem Fenſter, wobei ſein Herz heftig ſchlug in der Befürchtung, dort den Lichtſchimmer größer werden zu ſehen. Oft meinte er, jetzt werde es dort heller, und wenn er alsdann inne ward, daß er ſich getäuſcht hatte, that er einen tiefen Athem⸗ zug unter dem Gefühl augenblicklicher Beruhigung. In Wirklichkeit blieb aber dort oben Alles unverändert und ſtill, trotz den innigen glühenden Worten des Sängers, trotz ſeiner Bitte, nur durch das geringſte Zeichen zu verrathen, daß man den Seufzer ſeines Herzens verſtehe und nicht verwechsle mit dem Flüſtern des Nachtwindes! Jetzt trat Don Nuiz näher, nicht mehr gedeckt durch den Schatten der Bäume, ſondern über die hellere Straße gehend, dicht an die Mauer heran, und als er nun zu den Füßen des Sän⸗ gers ſtand, der, die dunkle Geſtalt herankommen ſehend, ſeine Mandoline in den Schooß ſinken ließ, rief er ihm mit gedämpfter Stimme zu:„He, Ihr da oben! wollt Ihr nicht Euer wüſtes Lied vollends zu Ende bringen und Euch dann zu mir herabbemühen?“ Der auf der Mauer hatte ſich vornüber gebeugt, ſeine rechte Hand auf die Hüfte geſtützt, und ſagte erſt nach einer ziemlich langen Pauſe:„Ihr nennt meinen Geſang ein wüſtes Lied, was mir beweiſt, daß Ihr kein Caballero ſeid und mich veranlaßt, nicht zu Euch hinabzukommen, da ich ſo gut wie ohne Waffen bin.“ „Pah, was nennt Ihr Waffen?— glaubt Ihr vielleicht, ich Der Toreador. wäre Euch gefolgt, ich hätte Euch belauſcht, um mit Piſtole und Stoßdegen einen Angriff auf Euch zu machen?“ „Alſo gefolgt ſeid Ihr mir und habt mich belauſcht?“ „Das iſt nicht zu leugnen, und da ich mir einmal dieſe Mühe gegeben, ſo bin ich auch geſonnen, hier zu bleiben, bis Ihr Euch herabbemüht, oder bis einige freundliche Alguazils vorbeiſtreifen, oder bis der Tag kommt.“ „Eure Stimme klingt mir bekannt und Ihr ſcheint mir von einer ganz verfluchten Entſchloſſenheit.“ „Das Erſte iſt möglich und was das Zweite anbelangt, ſo iſt meine Entſchloſſenheit, in Eurer Nähe auszuharren, eine Pflicht gegen die Bewohner dieſes Hauſes; denn aufrichtig geſagt, glaube ich nicht, daß es Euch Ernſt iſt mit Eurer Serenade.“ „Ei zum Teufel, und warum wäre ich hier oben?“ „Nun vielleicht um Gewißheit zu erhalten, daß Alles feſt genug im Schlafe liegt, um alsdann Euer Handwerk treiben zu können.“ „Caraxo!— ich bin zu Eurer Verfügung, und wenn Ihr zwei Stoßdegen und zwei Piſtolen gegen meinen armſeligen Pufio zu wenden hättet.“ Er warf ſeine Mandoline über die Schulter und glitt mit der Behendigkeit einer Katze von der Mauer herab, hiebei die Stangen eines eiſernen Gitterthores benützend. Don Ruiz war ein paar Schritte zurückgetreten, hatte ſich mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt und den Mantel ſoweit zurück⸗ geworfen, daß der Andere wohl ſehen konnte, es ſei hier weder von Piſtolen noch von Stoßdegen die Rede; dabei hatte er die rechte Hand in die Seite geſtützt, wodurch die Finger deſſelben leicht den Knopf ſeines Dolches berührten.. „Ah, Don Cisneros!“ rief der Andere, der raſch näher ge⸗ treten war,„bei allen Heiligen Spaniens, mehr als ſelbſt über die mir angethane, wilde Beleidigung bin ich erſtaunt, gerade . 3 — Der Toreador. 69 Euch hier zu ſehen— darf ich Euch fragen, ob Ihr vielleicht einen Anderen als mich hier vermuthet?“ „Gewiß nicht, Sefior Eſtevan Mendovia— Euch ſuchte ich gerade hier, und bin äußerſt vergnügt, Euch gefunden zu haben— gerade hier.“ „A— a—a—ah, gerade hier— ich glaube zu verſtehen— Ihr ſucht— Händel mit mir, weil ich mich gerade vor dieſem Hauſe befinde——— hatte ich doch gedacht, ſobald ich Euch nach der mir angethanen Beleidigung erkannt, Dolores' ſchöne Augen hätten es Euch angethan—— wenn dem ſo wäre,“ fuhr er mit einem faſt gemeinen Lachen fort,„ſo brauchen wir keinen Gang zuſammen zu machen—— darum ſcheint es Euch doch zu thun zu ſein?“ „Ich bin entzückt, von Euch errathen zu werden— und wenn Ihr alſo mit mir einverſtanden ſeid?—“. „Gewiß, Don Cisneros, es iſt für den gemeinen Toreador eine große Ehre, ſeinen Degen meſſen zu dürfen mit dem Abkömm⸗ linge eines der edelſten Häuſer Spaniens— wann und wo beliebt es Euch?“ „Ich möchte mich keines Vortheils gegen Euch bedienen, Seſior Eſtevan,“ verſetzte Don Ruiz in kaltem Tone,„und das würde der Fall ſein, wenn wir nach Hauſe gingen um Stoßdegen zu holen, denn es iſt das eine Waffe, worin ich, ohne Eigenlob zu ſagen, Meiſter bin— auch drängt die Zeit und ich möchte deßhalb lieber,“ ſetzte er mit einem Tone hinzu, in welchem eine Gering⸗ ſchätzung, ja eine Verachtung unverkennbar war,„eine andere Waffe vorſchlagen, die Euch beſſer in der Hand liegt— die Na⸗ vaja oder, wenn Ihr wollt, den Dolch, den Ihr wahrſcheinlich bei Euch führen werdet.“ „Gehen wir!“ rief der Stierfechter, indem er dem jungen Manne einen furchtbaren Blick zuwarf.„Euer Wunſch ſoll erfüllt werden.“ Der Toreador. Sie gingen mit einander fort. „Aber ohne Gehäſſigkeit, Seüor Eſtevan,“ ſagte Ruiz in einem freundlichen, faſt heiteren Tone, nachdem ſie einige Schritte zurück⸗ gelegt hatten,„Ihr habt vorhin der ſchönen Augen von Donna Dolores als Grund erwähnt, warum ich mit Euch Händel ſuchte — laſſen wir alle ſchönen Augen aus dem Spiele.“ „Wie es Euch beliebt, Don Cisneros.“ „Auch meinen Rang, wenn es Euch gefällig iſt, nennt mich Seſior Ruiz und betrachtet mich wie einen angehenden Lidiador, der auf Euch, den berühmten Mendovia, eiferſüchtig iſt.“ „Alſo Eiferſucht iſt doch im Spiele?“ „Warum nicht— doch gehen wir!“ „Wohin iſt es Euch genehm?“ „Die Alameda ſieht zu häufig Aehnliches wie unſer Vorhaben, und können wir dort der Wache in die Hände fallen— wißt Ihr was, Ihr habt jedenfalls einen Schlüſſel bei Euch zu irgend einer Nebenthüre des Stierplatzes— da werden wir ungeſtört ſein.“ „Ich ſehe, daß es Euch Ernſt iſt.“ „Tiefer Ernſt.“ „Und bewundere Euern Muth.“ „Ich danke Euch für Euer Lob, obgleich daſſelbe etwas zwei⸗ deutig klingt.“ „Wir ſind zur Stelle,“ ſagte der Toreador, nachdem ſie ſtill⸗ ſchweigend den ziemlich langen Weg nach dem Stierplatze zurück⸗ gelegt; er öffnete eine kleine Thüre, indem er einen Knopf an der⸗ ſelben drehte, und als die Beiden nun in dem weiten ſtillen Kreiſe ſtanden, ſagte der Toreador mit großem Ernſte, indem er die Thüre ſchloß,„ſchaut her, Don Ruiz— Ihr braucht nur auf dieſe Art gegen das Schloß zu drücken, um den Ausgang wieder zu gewinnen— ich muß Euch das ſagen, denn es liegt ja bei alledem im Bereich der Möglichkeit, daß Ihr den Circus allein verließet.“ 3 71 Der Toreador. Der eben aufgegangene Mond erſchien über der oberſten Gal⸗ lerie und erfüllte den großen Kreis mit einem ſanften Schimmer. „Es iſt mir ein ſonderbares Gefühl,“ ſagte Ruiz, als er ſich gewandt über die Tablas ſchwang,„den Circus auf dieſe eigen⸗ thümliche Art zu betreten.“ „Es ſoll noch immer in Eurer Macht liegen, den Platz zu verlaſſen,“ ſagte ihm der Toreador,„nachdem Ihr ihn Euch bei Mondbeleuchtung angeſehen— gebt mir eine genügende Erklärung über Eure ungeſtümen Worte.“ 3 Der Andere ſchüttelte mit dem Kopfe, indem er den Mantel auf die linke Schulter warf, das Ende deſſelben leicht um ſeinen linken Arm wickelte und den Dolch zog.„Ich habe einen Schwur gethan, etwas von Eurem Blute zu ſehen,“ ſagte er alsdann in einem ſeltſam klingenden Tone—„ich denke, Seſior Eſtevan— Ihr zieht den Dolch der Navaja vor?“ „Gewiß— die Navaja iſt eine Waffe für Maulthiertreiber und Kontrabandiſten.“ „Die Klingen ſind wie mir ſcheint von gleicher Länge.“ „Allerdings, zwei gute Toledaner.“ Don Ruiz hob ſich in den Hüften empor, trat mit dem linken Fuße etwas rückwärts und bohrte den Abſatz deſſelben in den Sand. Der Toreador machte es ebenſo, und als nun die beiden ſchö⸗ nen, ſchlanken, prachtvoll gewachſenen jungen Männer einander gegenüber ſtanden, als ihre Augen langſam anfingen zu leuchten, als ſie ihre Glieder ſtreckten und Einer des Anderen Blick magne⸗ tiſch feſtzuhalten ſchien, da konnte man nur bedauern, daß keine Zuſchauer vorhanden waren, um dieſen eigenthümlichen Zweikampf anzuſehen.. Er begann faſt wie der Tanz der beiden Mädchen in der Po⸗ ſada in Triana: da Keiner einen direkten Angriff auf den Anderen machte, ſo umſchritten ſie ſich, mit dem linken Arm die Bruſt 72 Der Toreador. deckend, die Rechte mit dem Dolche herabhängen laſſend; jetzt er⸗ folgte ein Anprall, plötzlich wie auf ein gegebenes Zeichen, aber ſo gewaltig, daß beide Kämpfer nach einer Sekunde wieder zurück⸗ wichen, wobei man nichts hörte als ein paar tiefe Athemzüge und das Klingen des Stahls gegen einander. Beide ſchienen ſich an Kraft ziemlich gleich— eine Ueberwältigung auf die eben beſchriebene Art war unmöglich: die Gewandtheit mußte ſiegen. Langſam näherten ſie ſich wieder, Jeder den linken Arm vor⸗ geſtreckt und ſo vorſichtig und allmälig, daß es war, als wollte Jeder ſo lange als möglich die Berührung mit dem Andern ver⸗ meiden, und als nun endlich Beide feſt aneinanderlagen, ſah man eine Zeitlang keine Bewegung in den blitzenden Klingen— dann leuchteten Beide zu gleicher Zeit auf, nur traf eine Fauſt die andere, Beide drückten eine Sekunde gewaltſam gegen einander, um dann das gleiche Spiel von eben wieder zu beginnen. So wenig ſich dabei die Kämpfer bewegten, und ſo unbedeutend die aufgewendete Kraft ſchien, ſo war dies doch in Wirklichkeit anders, was man deutlich an den tiefen Athemzügen ſah, ja hören konnte, auch würde man, wenn es heller geweſen wäre, bemerkt haben, wie ſtraff die Geſichtszüge Beider angeſpannt waren, wie ſie Zähne und Lippen feſt aufeinander biſſen, wie eine dunkle Röthe auf ihren Geſichtern emporflammte und wie perlender Schweiß auf der Stirne erſchien. — Da fuhr die Klinge Don Ruiz' wie ein leuchtender Blitz unter dem Arme des Stierfechters durch und würde ſich unfehlbar in deſſen Bruſt eingebohrt haben, wenn dem Anderen nicht ſeine große Gewandtheit zu Hülfe gekommen wäre— aber ſo machte er eine Viertelswendung von links nach rechts, drehte ſich auf dem Abſatz herum, und da Don Ruiz ſeinen Stoß mit zu viel Kraft geführt hatte, ſo hätte er ſich, zu weit ausfallend, wahrſcheinlich eine Blöße gegeben, wenn er nicht durch ein Zucken im Auge des Toreadors auf dieſen Seitenſprung, den bekannten Quiebro des Circus, aufmerkſam geworden wäre und ſich in dem Augenblicke Der Toreador. raſch zurückgeworfen hätte, wo Eſtevan ſein Meſſer erhob, um es ihm in die Seite zu ſtoßen; da er aber faſt ebenſo gewandt war wie ſein Gegner, ſo folgte dieſem augenblicklichen Zurückweichen ein neuer behender Stoß, den Eſtevan, überraſcht durch die Samm⸗ lung ſeines Gegners, nicht ſo vollſtändig abwehrte, daß nicht deſſen Meſſer ſeinen Arm, allerdings nur leicht, geritzt hätte, doch ſah man das Blut dunkel gefärbt an dem hellen Aermel herabtröpfeln. Die Mundwinkel des Toreadors zuckten heftig, nicht vor Schmerz, ſondern vor zorniger Aufregung, ſeine Augen leuchteten drohend, als er dem Anderen zurief,„mein Blut hättet Ihr nun geſehen, Don Ruiz, und Ihr würdet es mir ſehr verdenken, wenn mich jetzt nicht auch nach der Farbe des Eurigen gelüſtete.“ „Gewiß, Seſior Eſtivan— gewiß,“ Und das gleiche Kampfſpiel begann wieder, nur hätte ein unbefangener Zuſchauer jetzt deutlich ſehen können, wie es die Ab⸗ ſicht des Toreadors war, ſeinen Gegner langſam zu einer Bewegung zu zwingen, damit der Schein des Mondes, der ſich jetzt über der oberen Gallerie des Circus erhoben hatte, voll auf deſſen Geſicht fiel und daß ihm dieſes gelang, war wohl die einzige Unvorſichtig⸗ keit, die ſich Don Ruiz zu Schulden kommen ließ— aber auch das allein würde vielleicht nicht einmal ſeinen Blick verwirrt, ſeine Fauſt unſicher gemacht haben, denn er beachtete das Licht nicht, ſondern ſein Auge wurzelte feſt in dem ſeines ihn gewaltig be⸗ drängenden Gegners. Da aber ſchien das Mondlicht plötzlich zu verſchwinden, ein ſchwarzer Schein fiel auf ſein Geſicht und veranlaßte ihn, raſch einen Blick in die Höhe zu werfen. Da ſah er denn auf der höchſten Gallerie vor der Mondesſcheibe eine ſchwarze Geſtalt ſtehen und eine Bewegung machen, als entfalte ſie dunkle Schwingen, um in den Circus hinabzufliegen——— ——„Ah, verflucht!“ knirſchte er im nächſten Augenblicke, denn der Toreador, ſeine augenblickliche Zerſtreuung benützend, hatte — 74 Der Toreador. in einem furchtbaren Anprall ſeines ganzen Körpers ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Zwar fiel er nur auf das rechte Knie nieder, ſtemmte jedoch mechaniſch, willenlos die rechte Fauſt in den Sand, um nicht gänzlich auf den Boden zu fallen, wodurch er ſich aber ſeinem Gegner preisgab, deſſen leuchtende Klinge über ſeiner Bruſt ſchwebte. Da vernahm er die gellende Stimme eines Weibes von oben herab tönen:„Eſtevan! Eſtevan!— wer es auch iſt, der den Stoß führt, er iſt ein Mörder— ein Mörder— ein Mörder.“ „Beim— Himmel!— darin hat ſie Recht,“ keuchte der Toreador,—„hier— hier— gerade hier auf dieſem Platz— ſteht auf, Don Ruiz!— ich glaube Ihr könnt zufrieden ſein.“ Er ließ die Hand mit der Klinge ſinken, während er murmelte, „ich bin überzeugt, bei der nächſten Corrida würde er als ein blutiges Geſpenſt zwiſchen mich und den Toro treten.“ Der Licenciat hatte ſich langſam erhoben und als er nun vor ſeinem Gegner ſtand, reichte er ihm die Hand, wobei er ſagte:„Ihr habt auf eine andere Art geſiegt— als ich ge⸗ hofft und gewünſcht, und ich kann Euch verſichern, Seſior Eſtevan, daß ich mit betrübterem Herzen von dannen gehe, als ich hieher gekommen.“ „Geht immerhin, Don Ruiz, und ſreut Euch Eures jungen Lebens, auch ohne Beſchämung, denn wer weiß, ob ich nicht blutend hier zu Euren Füßen läge, wenn ſie da oben nicht erſchienen wäre— Dolores— ich kannte die Stimme wohl, ſie iſt uns gefolgt, ſie hat unſeren Kampf geſtört, um alsdann ſpurlos wieder zu ver⸗ ſchwinden— das weiſſagt mir nichts Gutes.“ „Ich ſehe ſie nicht mehr— wollen wir ſie aufſuchen?— ich begleite Euch, Señor Eſtevan.“ 3 „Unnöthige Mühe— ſie iſt eben ſo raſch wieder verſchwunden, wie ſie gekommen— lebt wohl!“ „Auf Wiederſehen! denn ich bin Euch Dank ſchuldig.“ ¹ Der Toreador. 75⁵ Die beiden Männer ſteckten ihre Dolche ein, und außerhalb des Stierplatzes ging jeder einſam ſeines Weges. Deßhalb aber war der weite Kreis doch noch nicht ganz ver⸗ laſſen; denn nachdem die Schritte der Davoneilenden in der ſtillen Nacht verklungen waren, erhob ſich auf der oberſten Reihe der Gallerie dieſelbe Geſtalt im ſchwarzen Mantel wieder, welche bei⸗ nahe am Tode Don Ruiz' ſchuldig geweſen wäre. Es war Do⸗ lores, welche ſich, nachdem ſie geſehen, daß ihre Worte den Kampf beendigt, zuſammengekauert in dem tiefen Schatten, der hier oben zwiſchen den Sitzreihen herrſchte, unſichtbar gemacht, nun wieder erhoben hatte und Beiden nachſchauend mit einem verächtlichen Auf⸗ werfen der Lippen ſagte:„dort unten habe ich wenigſtens ein Un⸗ glück verhütet, wenn daſſelbe auch hier“— ſie preßte beide Hände auf ihr Herz—„mit Leid und Kummer eingezogen iſt— o er hat meine Stimme erkannt, deß bin ich ſicher, fand aber nicht der Mühe werth, nach mir zu ſuchen und mich zu verſöhnen— be⸗ greiflich— begreiflich— denn ſein Herz iſt erfüllt vom Bilde jener ſchönen Señora, die ihm koſtbare Armbänder zuwirft und der er Serenaden bringt— Fluch über ſie, die mir Alles rauben will— Fluch über ſie, und möge der Dolchſtoß, den ich hier in die Luft führe, ihr Herz treffen und es tödtlich verwunden— noch⸗ mals Fluch über ſie, Fluch über ſie.“ Bei den letzten Worten hatte ſie ihren kleinen Dolch gen Himmel erhoben und murmelte noch ein paar ſchwere Verwünſchungen, während ſie ihre Augen mit einer furchtbaren Innigkeit auf den im Mondlicht leuchtenden Stahl heftete, dann verbarg ſie die Waffe in ihrem Gürtel, hüllte ſich in ihren weiten, dunkeln Mantel und ſtieg langſam und ſicher die finſteren, ſchmalen Stufen, welche die verſchie⸗ denen Sitzreihen miteinander verbinden, hinab. Unten angekommen, öffnete ſie ein kleines Thürchen und verließ dann ebenfalls den Stierplatz. Sie ging nach ihrer Wohnung in Triana zurück, und als ſie auf den Zchen ſchleichend ihr dürftiges Stübchen erreicht hatte, warf Der Torea dor. ſie ſich in ihren glänzenden, ſeidenen Kleidern auf ein ärmliches Lager, nicht um zu ſchlafen, ſondern um mit aufgeſtütztem Arme in eine Ecke des Zimmers zu blicken, wo ſich ein Strahl des Mondes an der Wand zeigte, an dem nun ihre Augen haften blieben Stunde um Stunde, dem ihre Blicke folgten, wie er lang⸗ ſam ſich hob und endlich verblich, ſowie der erſte Schimmer des Tages in das Zimmer drang. So ſtill und unbewegt Dolores äußerlich auch ſchien, ſo wild und gewaltig ſtürmte es in ihrem Innern, beſonders ſo lange ſie noch unabläſſig mit einem Entſchluſſe rang, und erſt als ſich der freundliche Schein der Morgenſonne in's Zimmer ſtahl, wurde ſie innnerlich ruhiger und gefaßter, während ſich ihre heißen, brennen⸗ den Augen durch wohlthätige Thränen befeuchteten. Sie erhob ſich von ihrem Lager, ſie nahm ſtatt ihrer hellen, glänzenden Tracht eine dunkle Basquina und eine ſchwarze Man⸗ tilla und verließ das Haus, nachdem ſie ihrer alten Mutter geſagt, ſie gehe in's benachbarte Kloſter, um die Frühmeſſe zu hören. Dorthin wandte ſie auch ihre Schritte, aber nur um einen Blick in die dämmerige Kirche zu werfen und nach jener alten Frau zu ſchauen, die hier am Eingang zu ſitzen pflegte und einen Handel mit Wachskerzen, Roſenkränzen und dergleichen trieb. Als ſie die⸗ ſelbe nicht ſah, ging ſie mit raſchen Schritten durch Triana hindurch und trat vor dem Orte in einen kleinen, ſchlecht eingezäunten Garten, in welchem ſich neben einem Brunnen mit Paternoſterwerk ein ärmliches Häuschen befand, wo eine alte Frau beſchäftigt war, einige Salatſtengel in einem kleinen Kübel zu waſchen. „Ei,“ ſagte dieſe aufblickend,„welch' ein Wunder, Seſiora Dolores ſchon ſo früh auf ihren kleinen Füßchen zu ſehen, nach⸗ dem dieſe kleinen Füßchen geſtern Nacht gewiß ihr Möglichſtes ge⸗ than haben.“ „Ja, ja, es wurde getanzt, aber ich war nicht recht dabei⸗ Mutter.“ 1 — Der Toreador. 77 „Das heißt, Deine Füßchen wohl, aber nicht Dein Herz— Seſior Eſtevan ſollte ſich ſchämen, Deinen ſchönen Augen wehe zu thun, wie er gethan hat— ja, ich verſtehe Alles und ſehe es wohl, daß Du geweint und gewacht haſt— das iſt Gift für Deine Jugend und Schönheit.“ Die Alte fuhr mit ihrer knöchernen Hand über das weiche, blauſchwarze, ſeidenartige, glänzende Haar des jungen Mädchens, und dabei tief aufſeufzend, dachte ſie wohl an ihre Jugend, an jene Zeit, wo ihr eigenes Haar wie eine Flut über ihren Nacken ge⸗ wallt, von dem jetzt nur noch ungekämmte, graue Flechten und Stränge übrig waren und dabei leuchtete es in ihrem eingefallenen gerötheten Auge unheimlich auf, während ſie wiederholte,„ja Gram und Sorgen ſind Gift für Deinen ſüßen Körper— Schande über ihn, wenn er Dir Urſache zur Klage gab— hat er das wirklich gethan?“ Dolores nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Hat er Dich ſchlecht behandelt oder iſt er Dir gar untreu geworden?“ „Beides— beides.“ „Ah, und Du kommſt zu mir, meine Taube, damit wir ein Bischen mit ihm abrechnen— mit ihm, dieſem hochmüthigen Toreador, dem ich Dich nie gegönnt— o er iſt herzlos und grauſam.“ „Nein, nein, das iſt er nicht, nur verblendet durch die Schön⸗ heit einer jener vornehmen Seſioritas, deren Abgott er iſt, und die ihm Blumen zuwerfen und noch koſtbarere Dinge.“ „Und doch iſt er grauſam und herzlos,“ wiederholte die hart⸗ näckige Alte,„wenigſtens gegen arme Leute, wie ich bin— als er neulich Sonntags hier vorüberritt und ich an der Thüre ſtand, be⸗ ſpritzte mich der Tritt ſeines Pferdes mit Schmutz, und da lachte er und ſagte: was ſich ſucht, findet ſich auch.“ Hackländer's Werke. 51. Bd. 78 Der Toreador. „Das müßt Ihr ihm ſo hoch nicht anrechnen— das war eine übermüthige Laune.“ „Ah, Du entſchuldigſt ihn; liebſt ihn alſo immer noch.“ „Bei unſerer lieben Frau von Triana, wilder als je.“ „So biſt Du wohl zu mir gekommen, daß ich ſein Herz in Wachs nachbilde und es dann langſam mit glühendem Meſſer durch⸗ bohre, auf das ein Tropfen Deines Blutes gefallen iſt?“ „Nein, nein,“ ſagte das junge Mädchen ſchaudernd,„deßhalb kam ich nicht.“ Die Blicke der Alten leuchteten unheimlich auf, als ſie mit ſich ſelbſt redend murmelnd fortfuhr,„dem Antonio hat es ſeine Früchte getragen, ich weiß ganz genau, daß er ſiech und auf den Tod elend im Spitale zu Cadix liegt, und dem Eſtevan geſchähe es auch recht.“ „Nein, nein,“ rief Dolores ängſtlich—„ich will ihm kein 1 Leid anthun— hört Ihr, Mutter Barbara? ich weiß, Ihr liebt mich, und wenn es ihm ginge wie dem Antonio, ſo würde ich in den Fluß ſpringen, und meine Leiche gewiß hier an's Ufer treiben wie—“ „Sage mir nichts ſo Gräßliches,“ unterbrach ſie raſch die Alte, wobei ihr ſpitziges, hervortretendes Kinn ſichtbar bebte—— „bin ich denn vielleicht zu Dir gekommen,“ fuhr ſie nach einer Pauſe trotzig fort,„um von dem Eſtevan Uebles zu ſagen?— oder kamſt Du zu mir?“ „Ja, ich kam zu Euch mit der Bitte, daß Ihr mir helfen ſollt, denn Ihr vermögt Vieles, Alles, wenn Ihr wollt.“ „So willſt Du alſo?“ „Nicht hier— kommt in's Haus.“ Sie gingen mit einander in die alte Hütte, und dort warf ſich Dolores auf eine Bank nieder und weinte bitterlich.„Ich will ihm ja nichts zu Leide thun,“ rief ſie ſchluchzend,„denn ich 6 liebe ihn, wie ich nur lieben kann und wie ich nur ihn— nur Der Toreador. 79 ihn lieben werde— wollt Ihr mir helfen— wollt Ihr ihn zu mir zurückführen?“ „Ob ich will, mein Herz?— gewiß will ich; nur Eines iſt dabei zu bedenken, ob die Andere— ½* Dolores' Augen funkelten, und ſie legte raſch die Hand auf den Griff ihres Dolches. „Ob die vornehme Seſiora nämlich nicht auch mit geheimen Mitteln auf ihn eingewirkt hat?“ „Nein, nein.“ „Oder mit einem Amulet, das ſie ihm anzuhängen gewußt hat?“ „Das wird es wohl ſein,“ ſeufzte Dolores, indem ſie ihren rechten Arm gegen Mutter Barbara ausſtreckte,„bei der geſtrigen Corrida warf ſie ihm dieſe Armſpange zu.“ „Laß ſie mich ſehen, mein Herz?— Ah, das iſt ein gefähr⸗ liches Amulet,“ ſagte die Alte mit gierigen Blicken, während ſie den ſchweren Goldreif in der Hand wog—„ſiehſt Du hier dieſe arabiſchen Buchſtaben?— Das kann ein mächtiger Zauber ſein— nimm Du Dich ſelbſt davor in Acht.“ „Ich will es der Kirche unſerer lieben Frau weihen.“ „Auch das will ich Dir beſorgen, wenn Du willſt— irre ich nicht, ſo bedeuten dieſe Buchſtaben— Du weißt, ich verſtehe das Arabiſche— Gott hat uns unauflöslich verbunden.“ „Schrecklich!— ſchrecklich?— fort damit! es brennt mich in meiner Hand.“ „Und nun höre mich an: bei dem ſtarken Zauber, der auf Dich eingewirkt, müſſen wir ſchon ein kräftiges Mittel gebrauchen ein Amulet thut's nicht mehr, ich werde Dir einen Trank geben.“ Die glänzenden Augen des jungen Mädchens bohrten ſich förm⸗ lich ein in die unheimlich funkelnden Augen der Alten und zwangen ſie ſo, ihr ebenfalls feſt in's Geſicht zu ſchauen— ſie wollte in ihrer Seele leſen, doch ſchaute jene ſie ſo unbefangen an, als handle es ſich um eine unſchuldige Sache. 80 Der Toreador. „Glaubſt Du im Stande zu ſein, ihm von dem Tranke, den ich Dir reichen werde, hie und da einige Tropfen geben zu können?“ „Gewiß, er hat mich allerdings ſchlecht behandelt, aber noch nicht förmlich mit mir gebrochen— er wird kommen und ſich mit mir verſöhnen wollen.“ 4 „Gut, gut, alsdann bezwinge Dich und mache ihm keine Vor⸗ würfe— lache ſelbſt über Deine eiferſüchtigen Grillen— er wird bei Dir einen Zuccarillo trinken, in welchem ſich vier Tropfen meines Trankes befinden,— ſo viel darfſt Du ihm jedesmal geben, aber nicht mehr, es ſei denn, daß Du ihn für eine gewiſſe Stunde, die ich Dir nicht näher zu bezeichnen brauche, unempfindlich machen wollteſt für die Blicke der Anderen.“ „Und auch dann würden einige Tropfen mehr ſeiner Lebens⸗ kraft nicht ſchaden?“ „Nur vorübergehend— nur ganz vorübergehend, darauf kannſt 2 Du Dich verlaſſen; ſie würden nur ſeine Tollheit etwas zähmen, ſie würden ihn weich und verſöhnlich ſtimmen, er würde ſich glücklich ſchätzen, an Deinem ſchönen Buſen, mein Herz, ausruhen zu können.“ „So gebt her— und das Armband.“ „Soll richtig in die Hände eines frommen Dieners unſerer heiligen Kirche gelangen.“ „Das ſchwört Ihr mir?“ „Hier auf mein Crueiſix ſchwöre ich es Euch,“ ſagte die Alte, indem ſie drei Finger ihrer Hand auf ein grobes Holzkreuz, welches an der Wand hing, legte.— „Und Ihr gebt mir nochmals die Betheuerung, daß die Tropfen ſeiner Geſundheit nichts ſchaden?“ „Bin ich denn eine Giftmiſcherin?— Beruhige Dich, mein Herz— dieſe Tröpfchen werden ihn zu Dir zurückführen. Das iſt Alles— ſie werden ihn biegſam und ſchmiegſam machen, und er wird zu den Füßen ſeiner ſchönen Lola niederſinken wie ein Lamm— kannſt Du mehr verlangen?“ =— — ,— — ꝗM= — Der Toreador. „Nein, nein, damit bin ich vollkommen zufrieden— und vier Tropfen genügen?“ „Vier genügen— nur wie geſagt, in irgend einem entſcheidenden Momente, wo Du von den Augen der Anderen Gefahr für ihn fürchteſt, kannſt Du ihm etwas mehr reichen.“ „Ich danke Euch herzlich, und wenn Alles nach Wunſch geht, ſo werde ich auch ſonſt noch meine Erkenntlichkeit beweiſen.“ Sie eilte davon, und die Alte ſagte, ihr nachblickend, indem ſie das ſchwere Armband in ihre Taſche gleiten ließ—„nun, eine kleine Belohnung habe ich ſchon erhalten— das da iſt unter Brüdern ſeine zwanzig Duros werth— wenn ich nur nicht ſo bereitwillig auf das Crucifix geſchworen hätte, das Armband einem Geiſtlichen zu übergeben— nun, wir werden ſchon einen finden, der ein hübſches Stück Geld für ein ſo koſtbares Alterthum gibt, beſonders wenn ich ihm die Verſicherung gebe, wie er es als Amulet gebrauchen kann, um ein Herz unauflöslich an ſich zu binden.“ Sevilla befand ſich in Glanz und Aufregung; es war ein . Montag und prachtvolles Wetter, prachtvoll in jeder Beziehung, beſonders für den heutigen Tag des Stiergefechts: die Sonne glänzte am wolkenloſen Himmel, ohne daß es gerade zu heiß war, und ein Gewitter in der vergangenen Nacht hatte nicht nur Blatt und Baum, ſondern auch die Seelen der Menſchen erfriſcht, den Staub auf der Alameda gedämpft, den Sand im Stierplatze gekühlt. Und dorthin zogen die Bewohner und Bewohnerinnen Sevillas jeden Standes in hellen Haufen— wohin man ſah, bemerkte man am lebhaften Mienenſpiel der Dahinwandelnden und an den glänzen⸗ den Mädchenaugen, daß die Corrida von heute ganz ausgezeichnet zu werden verſpreche, und wohin man horchte, war von nichts die Rede als von Los Toros. Und wie ſchon lange vor dem Anfang des Schauſpiels der untere Platz des weiten Amphitheaters, der Tendido, bunt beſetzt Der Toreador. iſt, wie man hier alle Stände in der bunteſten und ſeltſamſten Miſchung bei einander findet: Kinder neben Greiſen, würdige Geiſt⸗ liche neben ausgelaſſenen Manolas, ſich ſo gut als möglich fügend in die oft ganz beſonderen Launen dieſer Mädchen, welche ſich vor⸗ nehmer dünken als die Pariſer Griſette und beſcheidener ſind als die Damen der Demi-monde! Hinter ihr hielt ſich gewöhnlich einer ihrer genauen Bekannten auf, was ſie aber nicht abhält, dem nächſten hübſchen Majo oder einem vornehmen Herrn, der vielleicht neben ihr ſitzt, einen Cigarito anzubieten oder ſich deren Tenacillas zu borgen, damit ſie ihre feinen Fingerchen nicht verbrenne. Dabei ſind dieſe zahlreichen Damen hier im unteren Theile des Circus das belebende Element— frei wie der Vogel in der Luft, ohne irgend ein anderes Beſitzthum, als das Herz ihres Geliebten, ſind ſie über alle Be⸗ ſchreibung ſorglos und naiv, voll witziger Einfälle und dabei der Schrecken der Stierplatzbeamten, ja ſogar der ganzen Quadrilla; denn die Manolas mit ihrem Anhange, am genaueſten bekannt mit allen Geſetzen und Regeln, ſind darum auch tonangebend bei Spen⸗ dung von Lob und Tadel. Wenn eine kecke Stimme einem etwas ſchüchternen Banderillo zuruft:„Du haſt wohl Furcht, mein Sohn, der gute Stier könnte Deiner ſchönen Jacke zu nahe kommen?“ ſo folgt dieſer Aeußerung zuerſt ein lautes Gelächter, und dann, wenn der Betreffende ſich wirklich eine kleine Blöße gegeben hat, wenn er zum Beiſpiel ſtatt gerade auf das Thier loszuziehen, beide Arme zwiſchen deſſen Hörner zu ſtecken und ihm tollkühn die Banderilla an ſeinen Hals zu heften und alsdann die Beſtie vorbeiſchießen zu laſſen, was er dadurch ausführt, daß er im entſcheidenden Augen⸗ blicke eine Viertels⸗Bewegung und einen Quiebro macht, wenn er, ſagen wir, ſtatt deſſen beim Anblick des wüthenden Thieres vielleicht eine Sekunde zu lange gewartet, ihm alsdann von der Seite bei⸗ kommen will, wobei er aber nichts erreicht, als daß er beinahe von den Hörnern gepackt wird und die Banderillas fallen läßt, ſo braucht er auf die eben erwähnte Anregung hin um ein allgemeines wildes ½— —— YN Der Toreador. 83 Echo rings umher nicht beſorgt zu ſein: da fliegen Citronenſchalen, wohl auch Steine in den Ring, da wird der Aermſte ermahnt, ſich künftig den Stier genauer anzuſehen, damit er wiſſe, wo ſich Kopf und Schweif befinden.„Ja, ja,“ hört man ſchreien,„von vornen iſt ihm die Sache zu gefährlich— geh' nach Haus und verſchlafe Deine Angſt— wiſſen möcht' ich wohl, wie die Aermſte heißt, welche Dir ihr Herz geſchenkt hat, Du Hahn ohne Kamm— pfui!“ Aber im nächſten Augenblicke haben ſich die wild erzürnten Wogen dieſer Menſchenmenge wieder auf wunderbare Art gelegt, die Lippen ſchweigen, die Hände ruhen im Schooße— Aller Augen ſind auf einen Banderillero gerichtet, der förmlich mit dem Stiere ſpielt und ihm jetzt ein paar der buntbebänderten Pfeile nach den Regeln der Kunſt angeheftet hat, mitten am Halſe zu beiden Seiten des ſchwarzen Streifens, der die Rückenwirbelſäule bezeichnet— „ſchön gemacht!— bravo!— bravo!“ Und nun bezeigen die Zu⸗ ſchauer auf dem Tendido ihre Anerkennung auf eben ſo laute Art wie vorhin ihre Verachtung: Tauſende von Stöcken und Tauſende von ſchweren Stiefeln lärmen und klopfen und trommeln auf dem bretternen Fußboden. Doch ſind wir dem Schauſpiel unwillkürlich etwas vorausgeeilt, da es uns eigentlich doch nur darum zu thun war, den geneigten Leſer vor Beginn der Corrida einen Blick in den Circus werfen zu laſſen, wo der Tendido und ſämmtliche obere Sitzreihen ſchon dicht mit Menſchen angefüllt ſind, während die theureren Plätze, die Balkone(palcos), Schatten(ombra) und zwiſchen Sonne und Schatten(entre sol y ombra), vor allen aber die bedeckte Gallerie (grada cubierta) als reſervirte Plätze für die Reichen und die Ariſtokratie noch leer ſind. Wir haben es mit einem Nachmittagsgefecht zu thun, welches, um drei Uhr beginnend, wohl kürzer aber glänzender iſt als das Vormittagsgefecht. Erſt um dieſe Zeit werden die glänzenden Equi⸗ pagen der vornehmen Welt anfahren und ſich die Aficinados puros ——— —— 84 Der Toreador. einfinden, um von der anderen, ſchon ziemlich lange wartenden Menge mit anzüglichen oder boshaften Bemerkungen empfangen zu werden. Daß Don Francesco Melendez zu denen gehörte, welche auf ihren Balkonen nicht vor der eben erwähnten Zeit erſchienen, brauchen wir eigentlich nicht zu ſagen, obgleich dieſes ſpäte Kommen durchaus nicht von Donna Paulita verſchuldet wurde, denn dieſe wartete ſchon lange vor zwei Uhr an dem murmelnden Springbrunnen des Patio und ſchien ſich in Erwartung der Corrida ſo zu langweilen, daß ihre ſchönen Augen beinahe freudig aufleuchteten, als der Licenciat in ſeinem langen ſchwarzen Mantel das Gitterthor öffnete und in den Hof trat. Doch als er das junge Mädchen allein ſah, wollte er mit einer ernſten Verbeugung an ihr vorüber nach jenem Theile des Hauſes ſchreiten, wo Don Francesco wohnte, blieb aber ſtehen, als ſie ihm neckend zurief:„Nun, Don Ruiz, ich denke, es wird Eurer künftigen Heiligkeit keinen Schaden bringen, wenn Ihr mit mir ein paar Worte plaudert, und wenn Ihr es nicht gerne thut, ſo betrachtet es als eine Buße.“ „Meinetwegen, Paulita, und wollen wir beide es als eine Buße betrachten.“ „Warum wir Beide?“ „Nun, von mir ſeid Ihr ja überzeugt, daß ich es einer Buße gleich achte, mit Euch zu plaudern, und ich habe wohl ein Recht, das Gleiche bei Euch vorauszuſetzen.“ „Laſſen wir das, Ruiz, in den Dingen ſeid Ihr mir zu ſtark— erzählt mir lieber etwas von draußen, ich habe heute den Patio noch nicht verlaſſen.“ „Von draußen?— alſo etwas von der Straße, ob es dort ſehr lebhaft iſt?— ja, ja, darüber könnt Ihr Euch beruhigen— es ziehen Menſchen genug hinaus nach dem Stierplatz, um ihn zum Ueberlaufen zu bringen, wenn es möglich wäre.“ „Darnach habe ich eigentlich nicht gefragt!“ . Der Toreador. 85⁵ „Doch macht es Euch Vergnügen, wenn ich Euch die Ver⸗ ſicherung gebe, daß es heute eine der glänzendſten Corridas geben wird.“ „Wird mein Bruder nicht hereinkommen?“ „Als wir uns heute vor acht Tagen trennten, ſagte er nichts davon.“ Paula erhob langſam ihre ſchläfrigen Augenlider empor, und als ihre Blicke bis zum Geſichte des jungen Mannes gekommen, ſagte ſie mit einer ungeduldigen Bewegung:„Thut mir die Liebe, Ruiz, und nehmt euren abſcheulichen Hut ab— wenn ich nur wüßte, warum Ihr gerade dieſe garſtige Kleidung gewählt— ich glaube, Ihr habt es nur gethan, nm mich recht empfindlich zu ärgern!“ „Wenn ich das glauben ſollte, müßte ich annehmen, Ihr hättet doch einmal einen regen Antheil an mir genommen; trotzdem ich aber vom Gegentheil überzeugt bin, will ich doch meinen Hut ab⸗ nehmen, da Ihr es wünſchet.“ „Ich danke, Ruiz, ſetzt Euch zu mir her, denn wenn ich Euch neben mir ſehe, ſo kann ich wenigſtens Euer Geſicht betrachten, und ſchaue nicht immer auf den langen, ſchwarzen, traurigen Mantel.“ „Ihr habt Unrecht, mein Kleid zu ſchmähen,“ gab er zur Ant⸗ wort, nachdem er ſich neben ihr niedergelaſſen,„es ſollte Euch ſogar lieb ſein, und wäre es auch nur des Contraſtes wegen— mein ſchwarzes Gewand beruhigt Eure ſchönen Augen, die nachher noch Pracht und Glanz genug ſehen müſſen.“ „Geht Ihr auch zum Stiergefecht?“ fragte ſie in gleichgül⸗ tigem Tone. „Don Bartolomeo, der ſich häufig genug dieſes Vergnügen gewährt, ſieht es nicht gerne, wenn ich mich dorten ſehen laſſe, und offen geſtanden, obgleich ich auch anfange, mich mit den Eitel⸗ keiten dieſer Welt abzufinden, ſo bin ich doch noch nicht weit genug darin gekommen, um unter all' den geputzten Leuten mich 86 Der Toreador, in meiner Licenciatentracht ſehen zu laſſen, weil wenige von ihnen denken, daß unter dieſem unſcheinbaren Kleide oft ein in vieler Beziehung tüchtigerer Kerl ſteckt, als unter der verſchnürten Sammetijacke.“ „Mich nehmt aus, Ruiz— ich denke oft daran, habe mich aber leider noch gar nicht vom eitlen Getriebe diefer Welt abge⸗ wöhnen können, und darf Euch wohl verſichern, daß es mir wohl⸗ thun würde, Euch zuweilen anders zu ſehen— neulich als wir zuſammen tanzten—* „O, das war eine Schwachheit— erinnert mich nicht mehr daran.“ „Da war es mir gerade, als ſeiet Ihr noch der Ruiz von damals.“ „Und wenn ich der wäre— müßte es mich nicht tief betrüben?“ „Warum, Subrino?“ „Weil Ihr ſo gar nicht mehr die Paula von damals ſeid.“ „Und wer trüge daran die Schuld?“ „Er wollte etwas erwiedern, doch begnügte er ſich, ſie mit einem langen Blicke zu betrachten, worauf ſie mit faſt geſchloſſenen Augen fortfuhr:„Es war Euer Uebermuth, Ruiz, der mir trotzig unſere Jugendzeit und damit glückliche, vergangene Tage vor die Füße warf, als er Euch das ſchwarze Kleid anzog.“ „Nein, ich folgte dem Wunſche meiner Mutter und dem Don Bartolomev's und— weil ich doch keine Hoffnung für die Zu⸗ kunft hatte.“ „Klinge, klinge mein Pandero, Doch an Anderes denkt mein Herz“ ſang ſie halblaut träumeriſch vor ſich hin, fuhr alsdann nach einer Pauſe lebhaft in die Höhe, legte ihre Hand auf den groben Aermel ſeines Kleides und ſagte:„Ich bin heute ſo ehrlich, ſo heiter, ſo treu geſtimmt, daß ich es nicht unterlaſſen will, Dir zu ſagen, wie — Der Toreador. 87 ſehr es mein Herz mit Freude erfüllen würde, wenn ich Dich auch dort wie hier an meiner Seite ſähe.“ „Aber in einem anderen Gewande?“ „Das will ich nicht läugnen— und dann würde ich mit Dir plaudern und mich ebenſoſehr an Deinen Bemerkungen erfreuen als an der glänzenden Corrida.— O,“ fuhr ſie fort, wobei tiefer Schatten über ihre Züge flog und ſie ihre Rechte auf das Herz drückte,„es iſt hier oft ſo öde, ſo ſtill und traurig, daß ich gewaltſam und abſichtlich alle Pforten meiner Seele aufreiße, um ſo viel Luft, Licht und Glanz als möglich hineinſtrömen zu laſſen.“ „Die Pforten Deiner Seele und die Thüre Deines Balkon⸗ fenſters?“ „Ruiz?“ „Um nächtlichen Serenaden zu lauſchen,“ fuhr er ſchwer athmend fort:„Ich erfuhr es von einem Bekannten, der mitten in der Nacht zufällig hier am Hauſe vorbeiging.“ „Du ſelber.“ „Ich nicht—— ſonſt,“ rief er, ſich vergeſſend, mit einem leuchtenden Blicke, ſetzte aber gleich darauf mit niedergeſchlagenen Augen hinzu:„es hat mir aber auch ſo weh genug gethan.“ „Und ich war empört darüber.“ „Kam es Dir ſo gänzlich unerwartet?“ „Ja, ich zitterte vor Zorn.“ 1 „Vielleicht weil Du keine Ahnung hatteſt, wer der nächtliche Sänger ſei.“ „Du weißt es?“ „Ich ahnte es ebenſogut wie Du.“ In dieſem Augenblicke trat der alte Melendez in den Hof, gefolgt von Donna Leocadia und dem Kanonikus. Die gute Frau begrüßte den Licenciaten auf's Herzlichſte und machte ſich noch etwas am Anzuge der ſchönen Tochter zu ſchaffen, indem ſie ein kleines Der Toreador. Büſchchen Granatblüten in deren ſchwarzem Haare von den Spitzen der Mantilla befreite, um die feurigen Blumen mehr hervorleuchten zu laſſen, dann küßte ſie ſie auf die Stirne und ſagte:„Freue Dich Deines Lebens, mein Kind— als ich in Deinen Tagen war, ſehnte ich mich nach dem Treiben der Welt, und mein Herz bebte vor Luſt, jenem glänzenden Schauſpiele beizuwohnen— das iſt nun anders geworden und ich ziehe es jetzt vor, hier in aller Ruhe am Springbrunnen ſitzen zu bleiben— vielleicht leiſtet mir Ruiz Ge⸗ ſellſchaft.“ „Ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, doch iſt es mir heute unmöglich,“ entgegnete der Licenciat mit einiger Ver⸗ wirrung—„es rufen mich noch einige dringende Geſchäfte nach Haus, vielleicht komme ich ſpäter wieder her.“ „So begleitet Ihr mich bis an den Wagen?“ fragte Paula und ging an ſeiner Seite bis auf die Straße, wo die Drei die glän⸗ zende Equipage des Hauſes beſtiegen, während Don Ruiz, nachdem ſie davon gefahren waren, ihnen noch ein paar Minuten ſinnend nachblickte. Um nach ſeinem Hauſe zu kommen, ſchien er übrigens keine große Eile zu haben, denn er ſchlenderte langſam durch die Straßen dahin, indem er zu ſich ſelber ſprach:„Es iſt halb drei Uhr vor⸗ über— wir haben im Ganzen ſechs Stiere; bei den erſten beiden ſind ein paar unbedeutende Eſpadas beſchäftigt, alſo wird Mendovia erſt um vier Uhr erſcheinen. Dabei blieb er ohne beſondere Abſicht vor einem großen Ge⸗ wölbe an der Ecke der Calle de Cadix ſtehen, wo ſich einer der bedeutendſten Gold⸗ und Juwelenläden Sevillas befand, und beſchaute mit ſehr getheilter Aufmerkſamkeit die ausgeſtellten glän⸗ zenden Gegenſtände. Plötzlich hörte er eine leiſe Stimme ſich anreden:„Sind der fromme, junge und ſchöne Herr vielleicht ein beſonderer Liebhaber koſtharer Dinge?“ und als er ſich hierauf raſch umwandte, erblickte 89 Der Toreador. er ein häßliches altes Weib, ziemlich anſtändig gekleidet, welche ihn, eine Antwort erwartend, fragend anſah. Er war ſchon im Begriffe, ſie mit einem rauhen Worte ab⸗ zufertigen, als die Alte, ihm hiezu keine Zeit laſſend, geſchwätzig fortfuhr:„Ich wollte nur ſagen, Caballerv, wenn der ſo junge, fromme und ſchöne Herr, wie Ihr einer ſeid, dergleichen kaufen wollte, ſo könntet Ihr Manches vielleicht billiger und beſſer haben, als bei dieſen Kaufleuten, welche nie wiſſen, wie viel ſie von Eures⸗ gleichen fordern ſollen.“ „Du magſt wohl gute Waare haben,“ gab der Licenciat in geringſchätzendem Tone zur Antwort,„aber zu ſchön und zu ge⸗ fährlich.“ „Ihr mißverſteht mich— es handelt ſich um wirkliches Gold, um ſchönes und koſtbares Gold.“ „Das Du irgendwo?—“ „Auf ehrliche Art erworben— ſo iſt es, Caballero— vor langen, langen Jahren, denn es iſt ein altes Stück, das ich Euch zum Kaufe anbieten möchte— ein werthvolles Stück— aus der Maurenzeit.“ Bei dieſen letzten Worten hatte ſie ihre rechte Hand aus der Taſche des Kleides hervorgezogen und dem jungen Manne ein ein⸗ faches goldenes Armband gezeigt, erſchrack aber auf's Höchſte, als der Licenciat ſie beim Erblicken dieſes Reifes hart am Fauſtgelenke packte und mit einer obgleich leiſen, aber erregten Stimme ſagte: „So ertappe ich Dich gleich auf einer Lüge— wie willſt Du dieſes Geſchmeide vor langen Jahren erhandelt haben, da ich es doch kenne, und da ich ganz genau weiß, daß es noch vor wenigen Tagen in ganz anderen als in Deinen Fingern geweſen iſt— doch iſt hier keine Stelle zu Erörterungen— folge mir in meine Wohnung und ſei verſichert, daß ich mit Dir einen ehrlichen Handel abſchließen will, ſelbſt wenn Du mir eingeſtändeſt, daß Du dieſes Armband geſtohlen habeſt.“ 90 Der Toreador. „Bei unſerer lieben Frau von Triana, es iſt auf ehrliche Art in meinen Beſitz gekommen.“ „Deſto beſſer— deſto ſchlimmer wollt' ich eigentlich ſagen, aber jetzt komme und halte Dich neben mir— ſuchſt Du mir zu entfliehen, ſo bringſt Du mich in die unangenehme Lage, irgend einen Alguazil um ſeine Begleitung zu bitten.“ Sie gingen mit einander fort, und da der Licenciat jetzt größere und eiligere Schritte machte, ſo hatten ſie bald deſſen Wohnung erreicht und wurden, dort angekommen, um ſo raſcher des Handels einig, als die Alte ziemlich der Wahrheit gemäß erzählte, wie ſie in den Beſitz des Armbandes gekommen und dabei Dolores' Namen nannte, bei welcher ſich ja der Licenciat erinnerte, den Goldreif geſehen zu haben. Don Ruiz fühlte ſich unendlich glücklich, in den Beſitz dieſes Kleinods gekommen zu ſein, und als er es an ſein Handgelenk ſchob, war ihm zu Muthe, als ſtröme aus dem nackten Goldreifen eine wunderbare Glückſeligkeit in ſein Inneres. Er drückte das Armband an ſeine Lippen, er las mit Entzücken die Inſchrift des⸗ ſelben: Gott hat uns unauflöslich verbunden; er war ein ganz an⸗ derer Mann geworden, er hoffte wieder auf irgend ein großes, keinen Pfad entdecken konnte, der ihn dorthin zu führen vermöchte. Raſch warf er ſeinen Mantel ab, ſowie das dunkle Unterkleid, unter welchem er ſchon ſo angezogen war, daß er nur noch ein Paar reichverzierter Ledergamaſchen anzulegen, in eine einfache, aber elegant verzierte Sammetjacke zu ſchlüpfen nöthig hatte und den kleinen Hut mit breiter aufrecht ſtehender Krämpe keck auf’s Ohr und in die Stirne zu drücken brauchte, um einem jener leicht⸗ füßigen kühnen Weſen ähnlich zu ſehen, die auf dem Stierplatze draußen in angenommener Gleichgültigkeit an den Tablas lehnten, die Trompeterfanfare erwartend, welche mit der Ankunft des Ge⸗ neralkapitäns von Sevilla den Beginn der Corrida verkündigte. — Der Toreador. 91 Wie war der weite Circus in dieſem Augenblicke vor geſpannter Erwartung belebt und bewegt— wie flogen Lachen und Plaudern, Witzworte über jede erdenkliche Kleinigkeit hinüber und herüber— wie brauste und jauchzte es von allen Seiten— hier wurde ge⸗ ſungen und geſchrieen und dort dazu der Takt mit den Füßen ge⸗ trommelt. Von oben nach unten, oder auch umgekehrt, flogen Orangenſchalen, und wenn man ſtatt des Bekannten einen Fremden getroffen, ſo erhoben ſich beide Theile zu gleicher Zeit, ſagten ſich unter heftigen Pantomimen einige paſſende Worte, ohne daß man übrigens nur ein einziges rohes Schimpfwort gehört hätte. Und dieſer Wortwechſel dauerte meiſtens ſo lange, bis ein paar von unbekannter Hand geſchleuderte Orangenſchalen die ſtreitenden Par⸗ tieen nachdrücklich trafen, worauf ſich dann gewöhnlich Beide unter wüthendem Halloh der Umſitzenden zur Ruhe begaben. Aeußerſt komiſch war es, wenn Einer, der hoch oben ſaß, zufällig tief unten einen Bekannten entdeckte und nun über Sitze und Sitzende hinweg hinabſtieg oder eigentlich hinabfiel; denn Jeder, in deſſen Nähe er kam, erleichterte ihm unter ſchallendem Gelächter das Hinabkommen, was denn auf ſolche Art eigentlich ein Hinabrutſchen zu nennen war. Meiſtens ging das übrigens in Liebe vor ſich, nur erzürnte ſich hier und da eine Schöne, deren Mantilla etwas ſtark geſtreift worden war, wurde aber auf die komiſchſte Art von der Welt von dem Hinabfallenden beſänftigt, indem er ſie verſicherte, ihr gutes Ausſehen habe durchaus nichts gelitten, er mache ihr ſein Kom⸗ pliment, denn ſie ſähe immer noch reizender aus, als tauſend Mädchen ſeiner Bekanntſchaft, deren Namen ihm im gegenwärtigen Augenblicke nicht einfielen. Auf allen Seiten des gewaltigen Kreiſes gab es dergleichen Szenen, und wenn es hier einen Augenblick ruhig war, ſo fing es drüben um ſo toller wieder an. Dabei war das Auge geblendet von der bunten Menſchenmenge, von den lebhaften Farben der Da⸗ menanzüge und von dem brennenden Roth der vielen Mantas, nament⸗ Der Toreador. lich aber von dem ſtrahlenden Sonnenlichte, das einen Theil des Kreiſes glänzend beleuchtete. Dort hielt man denn auch die Fächer in immerwährender Bewegung, theils um ſich vor den Strahlen der Sonne zu ſchützen, theils um ſich affektirt Kühlung zuzuwehen, oder um ſich mit entfernter Sitzenden durch Zeichen zu unterhalten. Plötzlich verſtummte aller Lärmen und in dem weiten Kreiſe herrſchte eine tiefe Stille: der Generalkapitän iſt in ſeine Loge ein⸗ getreten, und unten im Ringe erſcheint auf einem mageren Roſſe ein Alguazil in altſpaniſcher Tracht mit Federhut und ſteifer Hals⸗ krauſe, ein kleines, ſchwankes Rohr in der Hand, um ſich dem Herkommen nach die Erlaubniß zum Beginn der Corrida zu er⸗ bitten, welche dadurch gewährt wird, daß der Generalkapitän den Schlüſſel zum Aufſchließen des Thierzwingers herabwirft, worauf der ſchwarze Mann den Cireus eilfertig verläßt, eine Furcht heu⸗ chelnd, daß der Toro gar zu raſch hinter ihm drein kommen könnte. Dieſes Ganze iſt eine Formalität, wie Jedermann weiß, ein luſtiges Vorſpiel, beſonders durch die ſteife Grandezza des Alguazils und durch ſein ſcheues Umſchauen nach dem Thierzwinger, weßhalb es jetzt den Zuſchauermaſſen vor Beginn des ernſten Ge⸗ fechts noch eine kleine Erheiterung verſchafft, indem ſie den Diener der öffentlichen Gewalt verhöhnen:„He, Seſiora Juſtizia, nehmt auch Eure Rockſchöße in Acht— ich ſehe ſchon den Kopf des Stieres hervorkommen— vorwärts, Herr Fledermaus!— aufge⸗ paßt, da iſt er ſchon, gebt Eurem Rößlein kräftig die Sporen und macht, daß Ihr über die Schranken kommt— oho!— oho!“ Dann aber wieder plötzliche Stille, denn unter rauſchenden Muſik⸗ klängen erſcheint die Quadrilla de los Toreros; die Picadores auf dürren hochbeinigen Kleppern, die langen Lanzen hoch erhoben, die Chulos, Banderilleros und dann einige Eſpadas, aber nicht der große Mendovia, der es unter ſeiner Würde hält, ſich früher ſehen zu laſſen, als im entſcheidenden Augenblicke, wo er mit dem wil⸗ deſten Stiere zu thun haben wird, ein Cachetero, der Mann, welcher —— —˖Q—B—ͦSͦ Q— 93 Der Toreador. dazu beſtimmt iſt, mit einem kurzen, dolchartigen Meſſer in ge⸗ wiſſen Fällen dem Stiere den Gnadenſtoß zu geben, machen den Schluß der Quadrilla, und nun folgen die Maulthiere, welche die getödteten Toros aus der Arena ſchleppen. An ihnen, ihrem Ge⸗ ſchirr, ihren Führern wird die größte Pracht verſchwendet und werden ſie von dem Volke des Tendido mit einem lauten Hände⸗ klatſchen empfangen. Es iſt aber auch der Mühe werth, die mu⸗ las del arrastradero zu betrachten: ihr Joch iſt von vergoldetem Maroquin und Paliſſanderholz, behängt mit Gold und Seiden⸗ franſen; auf ihrer Stirne kreuzen ſich koſtbare Schnüre und Schleifen, zwiſchen ihren Ohren wallen Federbüſche von einem fabelhaften Werthe, der Zaum iſt von blauem Sammet, goldbeſternt wie ein Sommerhimmel.— Und das ganze Geſchirr auf Bruſt, Rücken und unter dem Halſe klingelt von Glöckchen aus maſſivem Silber. Ebenſo überladen iſt die torerosartige Tracht der Chulos, welche die Maulthiere lenken. Dieſen Putz bezahlt irgend ein Grande, und wer weiß, ob er ſich in dieſem Augenblicke nicht ſelbſt unter den Chulos, den Statiſten dieſes Nationaltheaters befindet; denn wie oft ſah man große Herren vom reinſten Gothenvollblut, die jeden Montag ihre Herzogskrone gegen das xereſaniſche Fuhrmanns⸗ käppchen und den Heldendegen ihrer Ahnen gegen die Peitſche des Zagals vertauſchten: es iſt eben ein nationaler Sport, wie das Fuchsjagen und Pferderennen in England. Der Gang des Stiergefechts iſt ſchon ſo oft beſchrieben worden, und jede Nummer des Programms ähnelt ſo ſehr der andern, daß ſie nur Abwechslung bietet durch das allerdings ſehr verſchieden⸗ artige Temperament der Stiere, und es wäre für die Leſer lang⸗ weilig, wenn wir uns in Einzelheiten ergehen würden über die Anfänge der heutigen Corrida, bei der obendrein keine beſonders wilden Thiere geboten wurden.„Lämmer! Lämmer!“ hörte man Stimmen aus dem Tendido,„aber keine Toros— man hat ſie tüchtig freſſen laſſen, damit ſie ſich auf ihren Beinen halten können Hackländer's Werke. 51. Bd. 7 94 Der Toreador. — marrajos, echte Duckmäuſer— ſollte man nicht glauben, der da müſſe mit ſeinen Hörnern den Picador ſammt Pferd über ſich hinüberwerfen wie einen Federball, und iſt doch ſo feige, nach ſeinem Zwinger zurückzukriechen— treibe ihn vorwärts mit der Peitſche, wenn es nicht anders geht!— nein, mit Feuer! Bande⸗ rillas de Fuego!“ rufen einige Stimmen und Tauſende brüllen nach,„ja, Banderilleras de Fuego!“ Das iſt der grauſamſte und unangenehmſte Anblick beim Stiergefecht: dieſe Banderillas, mit phantaſtiſchen Papierſchnitzeln, künſtlichen Spitzen und farbigen Bändern geziert, haben an der Eiſenſpitze mit Widerhaken kleine angezündete Lunten, welche mit Raketen und Schwärmern in Verbindung ſtehen. Schon ſitzt ein Paar am Hals des muthloſen Toro, ſie entzünden ſich, die Ra⸗ keten fahren wie glühende Schlangen an ſeiner Haut hernieder, die ziſchenden Schwärmer überſchütten ihn mit unbarmherzigem Feuer. Und nun ſtürzt er vorwärts toll und wild, rennt einige Chulos über den Haufen, die nicht raſch genug über die Schranken flogen, und macht dem Eſpada, der ein Anfänger iſt, noch ſo viel zu ſchaffen, daß dieſer nicht im Stande war, ſich Bravorufen und Beifallklatſchen zu verdienen. Er thut einen Fehlſtoß, denn ſeinen Degen, der im Leibe des Thieres ſtecken bleibt, muß er fahren laſſen, da das Thier nicht tödtlich getroffen iſt und noch toller als vorher durch die Arena rast.— Armer Eſpada! Da bewegt ſich keine Hand zum Gruße, da entfalten ſich die Fächer vor den Augen der Damen, um den Ungeſchickten nicht zu ſehen, die Herren plaudern laut und gleichgültig mit einander und zünden ſich eine friſche Cigarre an, während die Manalos mit ihrem Anhange auf dem Tendido dem armen Eſpada rathen, ſich ein neues Federmeſſer zu kaufen, da ihm der Stier das ſeinige abgenommen; andere er⸗ ſuchen ihn nach Hauſe zu gehen und ſeine Furcht in einem gut durchräucherten Bette auszuſchwitzen.„He! Sefior zampa brutos! Der Toreador. Thierfreſſer, nimm Dich in Acht! Dort kommt der Stier zurück und will ſich rächen für Deine ſchlechte Behandlung.“ Das würde vielleicht noch länger ſo fortdauern, wenn der Stier nicht auf ſeinen Beinen anfinge zu wanken und endlich vor Blutverluſt zuſammenſtürzte, worauf ihn der Cachetero mit einem raſchen Stoße tödtet und das Maulthiergeſpann hereinklingelt, um ihn davon zu ſchleppen. Doch ein anderes Gefecht beginnt nach einer nicht allzulangen Pauſe, welche von den Zuſchauern dazu benützt wurde, zu lachen, zu plaudern, ihre Bemerkungen auszutauſchen, während die Muſik ein heiteres Stück ſpielt. Der Zwinger wird auf's Neue geöffnet, und wie der Stier erſcheint, hört man vielfach den Ruf:„eine rothe Deviſa!“—„eine rothe Deviſa!“— wir werden etwas Beſſeres zu ſehen bekommen. Deviſa bedeutet die Bandſchleife, mit welcher das Thier geſchmückt worden iſt, und die rothe Farbe zeigt an, daß man es mit einem Stiere von Raſſe, de buen trapio, zu thun hat, und ſo erſcheint er auch den Kennern, wie er nun langſam und bedächtig, ohne ſich durch Sonnenlicht, Glanz und Muſik überraſcht zu zeigen, in den Circus tritt. Er mochte viel⸗ leicht ſechs Jahre zählen, hatte feines, glänzendes Haar, einen langen, elaſtiſchen Schweif, gelenkige Kniee, kleine Hufe, ſtarke ſchwarze und nicht zu lange Hörner, bewegliche, runde Ohren und feurige, dunkle Augen. Die Chulos und Banderilleros, obgleich ſie wohl erkennen, daß ſie es hier mit einem anderen Gegner zu thun haben, ſind doch durch deſſen zahmen Vorgänger allzuſicher geworden, denn ſtatt, wie es beim Erſcheinen des neuen Stieres Regel iſt, ſich beobachtend möglichſt nahe an den Schranken zu halten, ſtanden ſie unbekümmert plaudernd in kleinen Gruppen nebeneinander, einige ſogar in der Nähe des Zwingers und blickten faſt gleichgültig nach dem Stiere hin, welcher harmlos und ruhig einige Schritte vorwärts ging, um ſich dann wie mit einem Male wie toll und wüthend gegen die Chulos zu ſtürzen, was eine all⸗ 96 Der Toreador. gemeine und höchſt ergötzliche Flucht zur Folge hatte; nach den verſchiedenſten Richtungen ſtoben ſeine leichtfüßigen Gegner ausein⸗ ander und manche, die ſich im Augenblicke für überflüſſig hielten, überſprangen die Schranken mit außerordentlicher Behendigkeit, wobei einer von dem Stiere ſo feſt auf's Korn genommen wurde, daß dieſer mit dem Chulo faſt zu gleicher Zeit an die Schranke kam und kein Zoll Raum mehr blieb zwiſchen den Hörnern des Toro und den ſeidenen Beinkleidern des Chulos, als dieſer erſchreckt und athemlos über die Schranken flog.— Bravo toro!— bravo! — un bojante puro!⸗ Jetzt erſcheinen die Picadores— der erſte war glücklich und traf das Thier mit ſeiner Lanze dicht hinter den Hörnern, worauf es ſich raſch abwandte; der zweite aber, ſtatt links auszuweichen, hat die Beſtie an ſich herankommen laſſen, und nun gleitet die Lanze über den Rücken hin ſtatt den Hals zu ſtacheln— armes Thier! Die Hörner des wüthenden Thieres bohren ſich tief in ſeinen Leib, und während es durch den gewaltigen Anprall zuſammen⸗ ſtürzt, bedeckt ſein Blut und ſein Eingeweide den Boden— der Picador arbeitet ſich mühſam unter ſeinem Roſſe hervor, und da der Stier glücklicherweiſe naiv iſt und auf das vorgehaltene roth⸗ ſeidene Mäntelchen des Capeadors losgeht, ſo hat der Picador Zeit in die Höhe zu kommen und hinkend die Arena zu verlaſſen. Ein dritter Picador iſt indeſſen nicht glücklicher als ſein Vor⸗ gänger: es blieb ihm beim Anprall des Stieres nicht einmal ſo viel Zeit, ſein ſteifes Roß herumzuwerfen, worauf ſich dieſes, durch die Hörner des Stieres furchtbar in der Bruſt verletzt, hoch auf⸗ bäumt und überſchlägt. Ein ganzer Schwarm der herbeieilenden Banderilleros war nöthig, um den Stier von Roß und Mann ab⸗ zulenken, worauf der Letztere beſinnungslos weggetragen wird. Die Zuſchauer ſind zufrieden:„Ah, welch' glänzendes Gefecht!— welch' braver Stier!“ hört man von allen Seiten.— Die Damen laſſen ihre Fächer ruhen und manche Cigarre erliſcht bei der un⸗ Der Toreador. 97 getheilten Aufmerkſamkeit, die man der Corrida widmet. Und welche Steigerung iſt zu erwarten! vier Pferde ſchon ausgewaidet, die beiden Picadores, die ſo eben in die Schranke reiten, werden kein beſſeres Schickſal haben— nein, wahrlich nicht; das iſt ja ein wahrer Pferdetödter— und wie er das ſo leicht und ſpielend betreibt— wir wollen ſehen, ob es den Capeadores gelingt, ihn durch Schwenken ihrer rothen Mäntel zu ermüden, oder ob die Banderilleros im Stande ſein werden, ihm auf regelrechte Art ein paar Pfeile anzuheften— das iſt aber eigentlich ganz gleichgültig, denn Don Eſtevan, der große Eſpada, wird doch mit ihm fertig und wenn er gerade friſch hereinkäme von den fetten Waiden Antequeras. Ja das Gefecht war ſo intereſſant und glänzend, daß ſich die eifrigen Liebhaber in den Gang hinab begaben, welcher die Tablas von den erſten Sitzreihen trennt, um ſich die Corrida in der großen verſteckten Ecke, welche der Zwinger mit der Schranke bildet, beſſer in der Nähe anſehen zu können. Hier befanden ſich ſchon ſeit dem Anfange des Schauſpiels einige junge Männer, von denen einer in der Tracht eines Majo ſich ſo geſchickt an der Ecke des Zwingers aufgeſtellt hatte, daß er den ganzen Zuſchauerraum überblicken konnte, ohne von Jemand Anderem als den Toreros geſehen zu werden. Von dieſen ſchienen verſchiedene den jungen Mann zu kennen, denn zuweilen trat einer oder der andere in den Pauſen neben ihn, um ein paar Augenblicke mit ihm zu plaudern oder ein Cigarito zu rauchen. Auch Mendovia hatte ſich hier ſchon ſehen laſſen, und wir dürfen es nicht verſchweigen, daß Don Ruiz, als der berühmte Stierfechter zu ihm hintrat, ihm die Hand ent⸗ gegenſtreckte und die Rechte Mendovia's herzlich ſchüttelte. Obgleich Eſtevan bei den Corridas, in welchen er zu thun hatte, immer ſehr ernſt und ruhig erſchien, ſo war es doch un⸗ verkennbar, daß heute ein tiefer, faſt düſterer Schatten auf ſeinen Zügen lagerte, ſo daß der Licenciat ſich nicht enthalten konnte, nach der Urſache zu fragen, worauf der Torero zur Antwort gab,„ich 98 Der Toreador. weiß es ſelbſt nicht, wogegen ich fühle, daß Sie Recht haben: es beherrſche mich eine Unbehaglichkeit, die ich nicht überwinden kann, und wenn ich überhaupt eine Ahnung davon hätte, was das Wort Furcht bedeutet, ſo müßte ich ſagen, ich würde mich glücklich ſchätzen, wenn das heutige Gefecht vorüber wäre. A—a—ah,“ machte er, nachdem ſich durch einen tiefen Athemzug ſeine breite, hochgewölbte Bruſt ausgedehnt,„iſt mir doch gerade, als ſei ich ermüdet und weiß doch nicht wovon.“ Don Ruiz ſchaute ihn beſorgt an, da er auf der Stirne Eſte⸗ van's plötzlich eine Röthe aufflammen ſah, die eben ſo raſch wieder verſchwand.„Bei Gott,“ flüſterte er ihm zu,„wenn Sie unwohl ſind, Sefior Eſtevan, wie ich faſt vermuthe, ſo bleiben Sie aus der Arena— Sie ſagten mir vorhin, Sie hätten es mit einer ganz beſonders tollen Beſtie zu thun.“ „Warum nicht gar,“ lächelte der Andere—„was würden Sie von einem Offizier halten, welcher Angeſichts des Feindes ſeinen Degen einſteckte? und wahrlich, ich bin ſo ſtolz, mich in einem ähn⸗ lichen Falle zu glauben.“ „Gewiß, aber der Offizier tritt dem Feinde nie allein ent⸗ gegen, wie Sie, und wenn ihm etwas Menſchliches begegnet, ſo weiß er, daß Hülfe nicht weit iſt— ſchicken Sie wenigſtens die Chulos und Banderilleros nicht aus dem Ringe, wie Sie zu thun pflegen, wenn Sie dem Stier entgegentreten.“ „Auch das geht nicht, es würde meinem Namen ſchaden, und ehe ich einen Flecken auf dieſen kommen ließe, würde ich mich lieber Allem ausſetzen.— Es wird auch vorübergehend ſein, eine leichte Erkältung oder ſo etwas; ich fühle nur Schwere in den Füßen, doch iſt meine Hand ſo ſicher wie früher— ich hoffé, wir lachen ſpäier über Ihre Beſorgniß, für welche ich Ihnen indeſſen als einen Beweis von Theilnahme dankbar bin.“ Er reichte dem jungen Manne die Hand und ſetzte hinzu, indem er ihn lächelnd betrachtete:„Schade, daß Sie nicht zu uns — Der Toreador. gehören,— Sie ſind ſchon in Ihrem Aeußeren der vollendetſte und ſchönſte Torero, den ich je geſehen, und was Ihren Muth, Ihre Gewandtheit und die Kraft Ihres Armes anbelangt, ſo habe ich ein Recht, darüber zu urtheilen.“ „Stille darüber, Sefior Eſtevan— Sie erinnern mich an meine Schwäche.“ „Nichts von Schwäche, Don Ruiz; Sie waren in jenem Augenblick verzaubert durch das faſt geſpenſterhafte Erſcheinen von Dolores— verzaubert, und ſo iſt auch mir gerade zu Muth— doch Scherz bei Seite— ich hoffe, einem ſo großen Kenner, wie Sie ſind, Freude zu machen— ſchenken Sie mir Ihre Auf⸗ merkſamkeit.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, Seüor Eſtevan, ich werde jede Ihrer Bewegungen überwachen.“ Die Zuſchauer hatten Recht gehabt in ihrem Enthuſiasmus über die Stärke und Ausdauer des Stieres mit der rothen Deviſa: die Capeadores hatten ihn mit ihrem Mantelſchwingen, ihren zier⸗ lichen Bewegungen und Sprüngen nicht im Mindeſten ermüdet, und dem tollkühnſten Banderillero war es kaum gelungen, ihm ein paar Pfeile anzuheften. Der Toro ſtand jetzt noch ſo aufrecht da, als wie er aus dem Zwinger kam, den Kopf hoch getragen, die Naſe nach dem Winde gerichtet; er hatte immer noch Füße, wie es in der Kunſtſprache heißt, wenn man ausdrücken will, daß er noch im Stande iſt, den flüchtigſten Chulos zu überholen. Und nun verließen die Chulos und Banderilleros den Ring, eine Trompeterfanfare ertönte, und von einem unbeſchreiblichen Jubel der Tauſende von Zuſchauer empfangen, trat Eſtevan Men⸗ dovia in den Kreis: die Damen ſchwenkten ihre Blumenſträuße, die Herren grüßten mit den Händen, das Volk auf dem Tendido rief jubelnd:«viva el currito Mendovia!» Und bei all' dem Lärmen ſchritt der Torero, ohne ſich um den Stier zu bekümmern, bis unter die Loge des Generalkapitäns, Der Toreador. den er mit einer Neigung ſeines Degens begrüßte, bedankte ſich darauf mit einer anmuthigen Verbeugung des Kopfes für den freundlichen Empfang und wendete ſich alsdann erſt gegen den Stier, der ſich langſam gegen die Tablas zurückgezogen hatte und ihn mit leuchtenden Augen betrachtete, in welchen unverkennbare Bos⸗ heit funkelte, als erkenne er in ihm ſeinen gefährlichſten Feind — da war kein Herz unter all' den Zuſchauern, das nicht etwas befangener ſchlug, kein Auge, das nicht mit der ge⸗ ſpannteſten Aufmerkſamkeit jeder Bewegung des muthigen Mannes folgte. Wie ſich der Stier in ſich zuſammenzieht, wie er den Kopf ſenkt und vorwärts ſtürzt! Man hätte darauf ſchwören ſollen, es ſei dem Torero, der ihn ſtehenden Fußes erwartete, nicht möglich geweſen, dem furchtbaren Anpralle auszuweichen; doch in dem Augen⸗ blicke, als er dem Stiere auf zwei Schritte Auge in Auge ſchaute, lüftete Mendovia kokett ſeinen Hut ein wenig, lächelte und warf den Degen, den er bis dahin läſſig in der linken Hand getragen hatte, in die rechte hinüber, wobei er mit der linken die rothe Muleta leicht gegen den Kopf des Thieres ſchwang. Dieſer ſchien förmlich mit den Augen zu zielen und bog ſich alsdann etwas zurück, um hierauf mit einem einzigen Sprunge das rothe Tuch zu erreichen, aber nicht den Torero. Dieſer blickte dem Stiere, der nun vorüberſchoß, nach, und wenn er dieſes auch anſcheinend mit einer ganz unbefangenen Miene that und ſich darauf mit der gleichen Sicherheit wieder gegen das zurückkehrende Thier wandte, ſo bemerkte doch Don Ruiz, welcher dicht an die Schranken ge⸗ treten war und allen Bewegungen des Torero mit einer beinahe fieberhaften Spannung folgte, daß jener ſchwer aufathmete, für eine Sekunde ſeine Augen ſchloß, ja einmal langſam mit der rechten Hand über die Stirne fuhr; auch war es unverkennbar, daß ſeiner Haltung und ſeinen Bewegungen jene vollendete Sicherheit fehlte, durch die er ſich ſonſt ſo ſehr auszeichnete. 0 — —— — Der Toreador. Don Ruiz fühlte ſich auf's Höchſte erregt— das geräuſchvolle glänzende Treiben des Ortes, wo er ſich befand— das intereſſante Gefecht, welches ſich vor ſeinen Augen abſpielte, um ſo anziehender für ihn, da er ſich von Furcht bewegt fühlte für den Torero, brachte ſein ohnehin heißes Blut in eine unbeſchreibliche Wallung— aber es war eine Wallung, die ſeinen Arm ſtählte, die eine tolle Kampfluſt in ihm erregte: er fühlte, wie ſich alle Sehnen ſeines Körpers anſpannten— er hätte es in dieſem Augenblicke mit einem Dutzend Stiere aufnehmen mögen; er bemerkte die außer⸗ ordentliche Erregung der beinahe athemlos zuſchauenden Menge an der Todtenſtille, welche über dem ganzen Hauſe lag; er hatte, ſich vorbeugend, einen Blick auf Paula geworfen, und ſein Herz klopfte ſtürmiſch, als er bemerkte, wie auch ſie bleich mit ſtarrem Auge auf den Torero blickte.—„Fortes fortuna adjuvat— dem Muthigen gehört die Welt, er erreicht das Unglaubliche,“ murmelte Ruiz zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen, wobei ſeine Augen flammten. Mendovia ſtand jetzt abermals dem Stiere auf wenige Schritte gegenüber, bleich, mit gerötheten Augen, doch wie man an der ganzen geſtreckten Haltung ſeines Körpers ſah, feſt entſchloſſen, ſich jetzt ſeines gefährlichen Gegners zu entledigen. Schon hob er lang⸗ ſam zielend den Degen zum Stoße empor, als ſein linker Fuß, auf den er ſich feſt ſtützte, auszugleiten ſchien und er rückwärts taumelnd Mantel und Schwert fallen ließ. In einem einzigen Schrei des Entſetzens kreiſchte es rings umher auf— Alles erhob ſich ſtürmiſch von den Sitzen, um mit entſetzlicher Spannung dem fürchterlichen Ende dieſes Kampfes zuzuſchauen, denn der Stier, der vorbeigeſchoſſen war, warf ſich nun mit einer gewaltigen Schwenkung gegen ſeinen wehrloſen Feind und ſenkte ſchon von Weitem den Kopf, um ihn dieſesmal nicht zu verfehlen; auch ließ er ſich nicht im geringſten irre machen durch das Geſchrei der Chulos und Banderilleros, die von allen Seiten 102 Der Toreador. in den Ring ſprangen und dem Torero zuriefen, ſich durch die Flucht zu retten. Dieſer hatte ſich allerdings wieder erhoben, doch ſtand er ſchwankend da und machte nur einen leiſen Verſuch, Mantel und Schwert wieder vom Boden aufzuraffen, dann ſtand er ruhig da, das wüthende Thier erwartend.— Wie hätte er ſich auch zur Flucht entſchließen können, er, Eſtevan Mendovia— nie!— nie! Dieſes geſchah Alles im kurzen Zeitpunkt von einigen Sekunden mit ſolcher Blitzesſchnelle, daß ſich die Zuſchauer geblendet, betäubt fühlten, unfähig jeder Bewegung, unfähig eines Lautes nach jenem erſten Schrei des Entſetzens. Und etwas Unerhörteres, das jetzt geſchah, war im erſten Momente ſogar nicht einmal im Stande, ihre Zungen zu löſen— die Geſtalt eines jungen Mannes aus den Reihen der Zuſchauer in andaluſiſcher Tracht, der ſich mit der Leichtigkeit eines Vogels über die Schranken ſchwang, der mit zwei gewaltigen Sprüngen an der Seite des Torero ſtand, Muleta und Degen deſſelben vom Boden aufraffend, ehe der Stier nahe ge⸗ kommen war— der den Torero, welcher ihn mit einem ſeltſamen Blicke anſtarrte, ſanft auf die Seite ſchob und alsdann noch ſo viel Zeit übrig hatte, um durch eine Schwenkung nach allen Regeln der Kunſt den Stier dicht unter ſeinem Arme, dicht an ſeiner Bruſt vorüberſchießen zu laſſen. Das undankbare Ungeheuer Publikum hatte jetzt kaum noch einen Blick für den wehrloſen Mann, dem es noch vor Kurzem begeiſtert entgegengejubelt und welcher nun von den herbeigeſtürzten Banderilleros umringt und zur Seite geführt wurde— und er, Mendovia, der es ſonſt mit einem Dutzend dieſer Leute aufgenommen hätte, ließ Alles mit ſich geſchehen wie ein ſchwacher Knabe, wie ein Schlaftrunkener, wie Jemand, deſſen Sinne durch eine unbegreif⸗ liche Macht gefeſſelt ſind. Und ſo war es auch:„Zauberei!“ hörte man hier und da aus dem Munde dieſer wilden Geſellen, als ſie ihn nun neben der Arena im Spital der Toreros auf ein Lager Der Toreador. niedergelaſſen, wo er bewegungslos, ruhig athmend, entſchlummerte, wo ihn nicht einmal erweckte der wilde Jubelſchrei, der aus dem anſtoßenden Circus herüberdrang— ein Jubelſchrei, eine Be⸗ geiſterung, ein Toben der Menge, wie man noch nichts Aehnliches gehört. Mit Blumen überſchüttet wurde der junge Mann, der den heranſtürmenden Stier mit ſolcher Ruhe, ſo regelrecht gefällt, daß er mitten im Sprunge zu den Füßen ſeines Siegers zuſammen⸗ geſtürzt war. Da ſtand er und dankte nur mit einer leichten, ſtolzen Neigung des Kopfes für den unermeßlichen Beifall, der nicht enden wollte und immer wieder auf's Neue anfing, bei dem wilden Jubelruf des auf's Höchſte erregten Volkes auf dem Tendido.— Wo es auf den Balkonen keine Blumen mehr gab weder in der Hand der Damen noch in ihrem Haare, da warfen ſie ihre Fächer in den Kreis, und die Manolas, denen dieſes noch nicht genügte, um den wunderbaren Toreador zu ehren, der ſo plötzlich erſchienen war ſiegreich wie der heilige Georg, ebenſo ſchön und ritterlich an⸗ zuſehen wie dieſer, brannten ihre Papierfächer an, ſchwangen ſie ein paarmal über dem Kopfe und warfen ſie alsdann hinab mit den Rufen:«viva, viva el currito!— hoch lebe der Gewaltigſte und Schönſte im Lande Gottes— vereinigt ſind in ihm das Schwert des Cid Campeador und die Kraft des Don Juan Chacon— vival viva! salero! welch' ein Meiſterſtoß!— barbarol barbaro!— o que barbaridad!⸗ 3 Während man ſo von allen Seiten dem ſich langſam ent⸗ fernenden Sieger zurief, zujubelte, zulärmte, gab es einen einzigen Balkon in der Arena, auf deſſen Beſitzer die Erſcheinung des jungen Mannes wie ein Blitzſtrahl gewirkt hatte, aber wie ein lähmender Blitzſtrahl, und wenn auch Paula's Augen wild und leidenſchaft⸗ lich aufflammten, wenn ihre Blicke auch mit einer furchtbaren Spannung dieſem unerhörten Ereigniſſe folgten, wenn ihre Bruſt ſich bis zum Zerſpringen hob, ſo brach doch kein Wort, kein Laut hervor zwiſchen ihren feſtgeſchloſſenen Lippen; der alte Melendez, Der Toreador. der ſich mit ausgebreiteten Händen gegen die Brüſtung geworfen hatte, ſtarrte mit weit aufgeriſſenen Augen athemlos zu, und während Fernando allein einen leiſen, kaum vernehmbaren Ausruf des Erſtaunens und der Bewunderung hören ließ, ſtöhnte der dicke Kanonikus auf eine wahrhaft beängſtigende Art, und war es dieſer auch, der nach einiger Zeit unter dem allgemeinen Lärmen zuerſt das peinliche Stillſchweigen brach, indem er ſagte:„Das iſt eine wunderbare Aufführung für einen zukünftigen Prälaten oder Biſchof — unſere liebe Frau von Montſerrat ſei mir gnädig.“ Auch Paula bewegte langſam ihre Lippen und warf einen ſo innigen Blick gen Himmel empor, daß es unverkennbar war, auch ſie wende ſich an eine freundliche Heilige; doch da zu gleicher Zeit ein Strahl des Glücks ihren Blicken entſtrömte, ſo glauben wir annehmen zu können, daß ſie im Gegenſatz zu Don Bartolomeo eher ein Gebet des Dankes, als ein Wort der Verdammung ſprach— alle Viere aber waren glücklich, daß ihnen die allgemeine Aufregung Gelegenheit gab, ſich unbemerkt von ihrem Balkon zurückzuziehen. Don Ruiz hatte ſich zu dem Torero begeben, welcher noch immer in einem ſchlummerähnlichen Zuſtande lag; daß er aber nicht wirklich ſchlief, bemerkte man daran, daß er zuweilen ſeine Augen öffnete, auch auf die Fragen des herbeigeeilten Arztes kurze Antworten gab, aus denen man entnahm, daß ihn eine plötzliche, unerklärliche Schwäche befallen, die aber jetzt ſchon wieder zu ver⸗ ſchwinden anfange. Der Arzt, nachdem er etwas Beruhigendes verordnet, zuckte mit den Achſeln und warf einen langen Blick auf das todtenbleiche Geſicht eines jungen, ſchönen Mädchens, das mit allen Zeichen der Verzweiflung neben dem Lager Eſtevan's ſaß, ſeine Hand mit Küſſen bedeckte und die ſüßeſten Schmeichelnamen über ihn hinflüſterte. Nur mit Mühe konnte Ruiz das in Thränen aufgelöste Mäd⸗ chen abhalten ihm zu Füßen zu ſtürzen, ſeine Kniee zu umfaſſen 10⁵ Der Toreador. und ſeine Hände zu küſſen, doch ſchauderte ſie mit einem Male zu⸗ rück, als unter ſeinem Aermel hervor jener matte, nur zu wohl⸗ bekannte Goldreif entgegenblickte. Es iſt wiederum Abend geworden, wie zu Anfang unſerer kleinen Erzählung, und in dem reizenden Hofe des Hauſes Melen⸗ dez ſind beinahe die gleichen Perſonen abermals verſammelt, doch hatte es der ehemalige Licenciat nicht für nöthig gehalten in ſeinem ſchwarzen Mantel und ſeinem abſcheulichen Hute vor Paula zu er⸗ ſcheinen und vor den noch immer finſter blickenden Augen des er⸗ zürnten Kanonikus. „Da führe einer noch ſo künſtliche Gebäude auf,“ grollte Letz⸗ terer,„ein Windhauch ſtürzt ſie zuſammen.“ „Oder der gute Stoß eines Degens,“ lachte Fernando,„und ich muß ſchon geſtehen, daß es ſchade wäre, wenn dieſer Degen,“ ſetzte er doppelſinnig hinzu,„unter dem ſchwarzen Kleide eines Licenciaten verſchwinden würde.“ „Damit ſind wir u Ende,“ ſeufzte Don Bartolomeo,„denn bei aller Keckheit, die ich ihm zutraue, wird Ruiz die Frechheit doch nicht ſo weit treiben, ſich morgen vor ſeinen Oberen ſehen zu laſſen.“ „Leider ſind mir die Pforten dieſes Himmels verſchloſſen,“ gab jener mit einer etwas ſcheinheiligen Miene zur Antwort,„aber vielleicht kann ich doch noch glücklich und ſelig werden.“ Er warf bei dieſen Worten einen innigen Blick nach Paula hinüber, und als dieſe ihm ſtatt einer anderen Antwort ihre Hand entgegenſtreckte, jubelte er ſo laut und ſtürmiſch auf, daß der Kanonikus mit einer verdrießlichen Miene die Ohren zuhielt. „Geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern,“ ſagte Melendez achſelzuckend,„und wenn Don Bartolomeo, woran ich nach dem 106 Der Toreador. Vorgefallenen nicht zweifle, mit uns einverſtanden iſt, ſo wird auch Donna Leocadia vernünftig ſein und zugeſtehen, daß dieſer falſche Torero ihr lieber iſt, als—— nächtliche Serenaden, die unſere Nachtruhe ſtören.“ 4 Er hätte das nicht flüſternd zu ſagen brauchen, um das Ge⸗ fühl ſeiner Tochter zu ſchonen, denn dieſe hatte ſich raſch erhoben, um mit Don Ruiz im Schatten der duftigen Bäume zu ver⸗ ſchwinden. — — Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. Von dem Zuge, welcher eben im Begriff ſtand, in die Welt hinauszudampfen, war das erſte Zeichen gegeben worden, und der betreffende Kondukteur hatte die verehrlichen Paſſagiere nach Ulm, Augsburg, München, Salzburg, Wien erſucht, ihre Plätze ein⸗ zunehmen, worauf die Reiſenden dieſer Aufforderung gemäß die Wartſäle eilfertig verließen, ihr Handgepäck aus den Händen eines Hausknechts oder Packträgers nahmen, zum letzten Male eine ver⸗ wandtſchaftliche Begleitung oder ein paar gute Freunde umarmten, hier einem Bekannten zuwinkten, dort ſich über einen Mitfahrenden freuten oder ärgerten, Jemand, den ſie bis zum letzten Augenblick vergeblich erwartet, ängſtlich ſuchten, was Alles zuſammengenommen jenes lebendige Bild eines wilden Durcheinanders gibt, wie es uns auch ein Ameiſenhaufen bietet, deſſen Bewohner durch ein unvor⸗ hergeſehenes Ereigniß aufgeſchreckt worden ſind. Dem Himmel ſei Dank, daß die geöffneten Wagenthüren des Zuges, unterſtützt von der drängenden Zeit, die wogende Flut der Reiſenden ſo raſch in ſich aufnehmen! Hie und da bemerkt man beim Einſteigen noch einige Rangſtreitigkeiten, noch ein paar Ver⸗ ſehen zwiſchen zweiter und dritter Klaſſe, vielleicht auch irgendwo — 108 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. eine Szene à la Mac Donald, wo dann der Kondukteur, oder wenn's hoch kommt der Zugmeiſter ſchlichtend, ermahnend, be⸗ fehlend eintritt, um die Widerſpenſtigen oder Furchtſamen der ganzen Heerde glücklich in den Pferch zu bringen. Endlich fliegen die Thüren zu und werden durch die Vorreiber geſchloſſen. Die Lokomotive beantwortet das letzte Glockengeläute mit einem gellen⸗ den Pfiff— fertig!— fort!— und der Zug ſetzt ſich langſam in Bewegung. Hie und da wagt es noch einer der Paſſagiere, ſeinen Kopf ſchüchtern aus dem Wagen herauszuſtrecken, um nach Jemand zu ſchauen, der ſich vielleicht auch in athemloſem Laufe am Eingange der Halle zeigt. Ein Kellner der Reſtauration macht den vergeb⸗ lichen Verſuch, eine ſchuldig gebliebene Zeche zu reklamiren, wo er es alsdann außerordentlich eilig hat, oder er hat Geld heraus⸗ zugeben, was er mit viel größerer Ruhe und Behaglichkeit auszu⸗ führen ſich beſtrebt. Zuletzt ſieht man wohl noch ein weißes Taſchen⸗ tuch an einem der Fenſter erſcheinen, als verabredetes Zeichen, daß er ihrer noch gedacht, und dann wird's ſtill im Bahnhof, bis viel⸗ leicht in einer Stunde dieſelbe Szene ſich von Neuem wiederholt. Die Beamten verſchwinden vom Trottoir, die Thüren der Wartſäle werden geſchloſſen, der Portier ſtellt ſeinen ſilberbeſchlagenen Stock in eine Ecke, und die begleitenden Freunde verlaſſen die Halle, wo⸗ bei ſie in hundert Variationen die geiſtreiche Bemerkung machen: „Nun iſt der auch wieder abgereist— das wäre wieder einmal vorüber.“ Der junge Mann, von dem in unſerem kleinen Abenteuer die Rede ſein wird, gehört indeſſen nicht den Zurückbleibenden an— er hatte nicht begleitet, war glücklicher Weiſe nicht begleitet worden, ſondern nimmt, da er ſich an einem fremden Orte befindet, die an⸗ ggenehme neutrale Stellung ein, Alles mit großer Seelenruhe be⸗ trachten zu können, unbewegt von ſanften Händedrücken und heim⸗ lichen Thränen. Auch braucht er für ſeinen Platz nicht beſorgt zu — Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. ſein; denn da er von weiter herkommt, ſo behält er ſeinen Platz und zwar einen ganz vortrefflichen in der rechten Ecke eines rück⸗ wärts fahrenden Halbcoupés, wo er vortrefflich eingerichtet war. Er hatte über ſich Nachtſack und einen leichten Sommerpaletot, rechts in der Wagentaſche ein paar Bücher, in denen er zuweilen las, und vor ſich eine mächtige Cigarrentaſche mit der ganzen dazu nöthigen Feuervorrichtung. Auch hatte er ſeine kleine Behauſung, obgleich er dieſelbe erſt ſeit heute Morgen fünf Uhr bewohnt, förm⸗ lich liebgewonnen und befindet ſich überhaupt in ſo guter Reiſe⸗ laune, daß er, anſtatt heute Abend ſein Reiſeziel in München beendigt zu ſehen, eben ſo lieb die ganze Nacht hindurch ge⸗ fahren wäre. Er hatte vortrefflich gefrühſtückt, nicht in der Bahnhofreſtau⸗ ration, ſondern ehe der Zug ankam in aller Ruhe und Behaglich⸗ keit aus einem Etui, das er zu dieſem Zwecke immer bei ſich zu führen pflegte. Und was ihn nun, nachdem man wieder eingeſtiegen war, allein für ſeine Reiſezukunft beunruhigte, war die Ungewiß⸗ heit, ob ſeine Nebenpaſſagiere Raucher oder Nichtraucher ſeien, denn das Coupé, in dem er ſich befand, war für Nichtraucher beſtimmt. Da er aber ſchon ein paar Cigarren verdampft hatte, ſo konnte er es doch mit Gemüthlichkeit abwarten, es überhaupt mit einer ge⸗ wiſſen Schadenfreude anſehen, wie ſeine Mitreiſenden eine gute Viertelſtunde brauchten, ehe ſie ſich auf ihren Sitzen zurecht gefun⸗ den, ihr Gepäck und ihre Füße gehörig untergebracht hatten, dabei verſchiedene Male einander wegen irgend einer Kleinigkeit um Ent⸗ ſchuldigung gebeten, ihn forſchend betrachtet, dabei ungemüthlich ausſehend, während er in ſeiner Ecke mit übereinandergeſchlagenen Armen zu ihnen hinüberſchielte, wie der rechtmäßige Beſitzer auf ſchüchterne Eindringlinge. Der Eine von ihnen, der neben dem Helden unſerer wahr⸗ haften Geſchichte ſaß, war eine wohlbeleibte Perſönlichkeit, mit faſt gar leinem Halſe und einem rothen, erhitzten Geſichle⸗ was der Hackländer's Werke. 51. Bd. 110 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. junge Mann einem raſchen Gehen, um den Bahnhof zur rechten Zeit zu erreichen, zuſchrieb. Da ſich aber auch ſpäter die Röthe ſeines Geſichtes gleich blieb, ſo nahm er an, daß der Mann an innerlicher Hitze zu leiden habe, denn er ſaß meiſtens mit un⸗ bedecktem Haupte da, und ſein ſchwerer Athem klang wie ein unter⸗ drücktes Schnauben und Blaſen. In der andern Ecke befand ſich ein alter Herr, der ein reiſen⸗ der Gelehrter, ein Schriftſteller oder dergleichen zu ſein ſchien. Sein Gepäck beſtand aus einem kleinen Handſack und einigen Büchern, die er unter dem Arme trug und worin er nicht nur faſt beſtändig las, ſondern worin er auch häufig Bleiſtiftnotizen machte. Zwiſchen dieſem und dem dicken Herrn ſaß eine lange und dürre Perſönlichkeit, die ſich dadurch auszeichnete, daß ſie einen An⸗ zug trug von einem auffallend karrirten Stoffe, aus dem ſogar ſeine Gamaſchen und ſeine Reiſemütze beſtand. Sein Geſicht war gerade nicht angenehm zu nennen, und ſeine grauen, unſtäten Augen hatte er meiſtens halb geſchloſſen, und wenn er ſie einmal öffnete, ſo geſchah dieſes nur, um verſtohlen nach rechts oder links zu ſchielen. Dabei hatte er die eigenthümliche Gewohnheit, in einem fort nicht nur ſtill vor ſich hin zu pfeifen, ſondern auch noch ſtets die gleiche, an ſich ſchon ſo bekannte Weiſe des Liedes:„Der Sänger hält im Feld die Fahnenwacht“ vor ſich hinzuſummen, und ſich nur manchmal eine Abwechslung der Tonart zu erlauben. Auch ſchien er ſich ſo an dieſe Uebung gewöhnt zu haben, daß er, wenn er einmal ſein Pfeifen unterbrach, doch immer noch die Bewegung des Mundſpitzens machte. Im Uebrigen waren alle Drei harmloſe Menſchen von an⸗ genehmen Eigenſchaften, die ihren Mitreiſenden in keiner Weiſe un⸗ bequem waren, und wie ſich ſpäter herausſtellte, das Rauchen er⸗ tragen konnten. Der dicke Herr war dabei redſelig; er erzählte gerne und mit heiterem Geſichtsausdrucke, ſelbſt wenn er von Eiſenbahnunfällen Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 111 ſprach, welche durch eine leichtverſtändliche Ideenverkettung eines der erſten Themas der Unterhaltung waren. Er kam aus dem Heſ⸗ ſiſchen und wollte in einem Wagen gefahren ſein in dem Augen⸗ blick, als durch die Decke deſſelben zwei Pferde eingebrochen ſeien, die auf einer Brücke über der Bahn durch den heranbrauſenden Zug ſcheu geworden, über das Geländer geſetzt und auf den Wagen hinabgefallen ſeien. Dabei beſchrieb er den Augenblick recht leben⸗ dig und anſchaulich, als nach einem unerhörten Krachen oben über ihren Häuptern verſchiedene Pferdehufe ſichtbar geworden ſeien. Hieran knüpfte er noch eine Geſchichte eigener Erfahrung, daß er einmal eines Abends in der Dämmerung mit eigenem zweiſpännigen Gefährte die Bahn in ſehr koupirtem Terrain ſeiner Gegend habe kreuzen wollen, und da die dieſſeitige Kette geöffnet geweſen, dieſes auch zur Hälfte gethan, worauf aber ſeine Pferde vor der andern geſperrten Kette ſtehen geblieben ſeien. In dieſem Augenblick hörte er in nächſter Nähe das Brauſen eines herrannahenden Zuges und ſah nach einer halben Minute die Lokomotive mit ihren rothen tückiſchen Augen in einem kleinen Bogen gegen ihn heranſauſen. Was war zu thun? Die unruhigen Pferde wollten umdrehen, wozu aber keine Zeit mehr war.„Raſch erhob ich meine Peitſche,“ ſagte er,„hieb mit aller Kraft auf ſie ein, worauf ſie ſich in einem wilden Satze gegen die Kette warfen und dieſelbe durchbrachen. Ich kann Sie verſichern, es war mir zu Muthe, als nähme das ſchnau⸗ bende Ungethüm in meinem Rücken ein Stück meiner Hinterräder mit, ſo dicht ſauste es vorüber.“ Der mit dem karrirten Anzuge bezeugte ſeinen Antheil an dieſer aufregenden Geſchichte dadurch, daß er die Fahnenwacht in einer Molltonart pfiff. Um das Bild des Halbcoupés zu vervollkommnen, fügen wir bei, daß der junge Mann in der rechten Ecke in dem ſchönen Alter zwiſchen Zwanzig und Dreißig war, daß er ſich einer großen Lebens⸗ nd Reiſeluſt erfreute, welche aus einer vortrefflichen Geſundheit 112 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. und einer wohlgefüllten Geldtaſche entſprang. Daß er tiefbraunes, dichtgelocktes Haar hatte, einen allerdings etwas bräunlichen Teint, dazu aber recht gut paſſende, dunkle Augen, vortreffliche Zähne und ſonſt noch allerlei gute Eigenſchaften, die er auch nicht verfehlte, in Herren⸗ wie in Damengeſellſchaft zur Geltung zu bringen. Luſtig ſauste die Lokomotive durch das Neckarthal und zeigte den Reiſenden die reiche, maleriſche Abwechslung eines ſchönen, landſchaftlichen Bildes, Hügel und Thäler, Waldungen und Frucht⸗ felder, einzelne Höfe, kleine Dörfer an ſanft geſchwungenen Anhöhen; zuweilen das im Sonnenlicht glitzernde Waſſer eines Flüßchens und dazu die bekannte Staffage, einen vorüberbrauſenden Eiſenbahnzug, ſchreiende Buben auf der Landſtraße, ein paar unruhig werdende Pferde, nachblickende Feldarbeiter und die vergeblichen Verſuche eines zur Seite des Zuges dahinjagenden Hundes. Alles das unterhält uns eine Zeitlang, dann werfen wir un⸗ ſere ausgebrannte Cigarre weg, ziehen ein Buch hervor, leſen eine halbe Stunde, ſtecken es bei Seite und lehnen uns wieder in die Ecke zurück, um Vergangenheit und Zukunft in heiteren oder ernſten Bildern an uns vorüberziehen zu laſſen. So machte es auch der junge Mann in der rechten Ecke des Halbcoupés, während ſein dicker Nachbar feſt eingeſchlafen war, während der im karrirten Anzuge mit kleinen Unterbrechungen die Weiſe der Fahnenwacht pfiff und während der Gelehrte in der an⸗ deren Ecke las oder mit ſeinem Bleiſtift etwas notirte. Dem Wagen, worin unſere Geſellſchaft fuhr, folgte natürlicher Weiſe ein anderer, ebenfalls mit einem Halbcoupé, das leer zu ſein ſchien, denn die grünſeidenen Vorhänge deſſelben waren an allen Fenſtern herabgelaſſen. Als der junge Mann nicht mehr leſen mochte, auch ſeine Ge⸗ danken wieder verabſchiedet hatte, und anfing, die landſchaftlichen Bilder, an denen er vorüberfuhr, gewöhnlich, faſt langweilig zu finden, begann er ſich mit dem ihnen dicht folgenden Halbcoupé Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 113 beſchäftigen, wobei er ſich in Phantaſieen erging, ob daſſelbe wirklich leer ſei oder ob die Darinſitzenden vielleicht Gründe hätten, ſich durch die ſeidenen Vorhänge ſo von der ganzen Welt abzuſperren; ja, dieſes Intereſſe ſteigerte ſich ſo zur Neugierde, daß er an dem nächſten Halteorte ſeinen Platz verließ, um den betreffenden Wagen von der Seite anzuſchauen; aber auch hier waren die grünſeidenen Vorhänge herabgelaſſen, doch ſagte ihm der Kondukteur auf ſeine Frage mit kurzen Worten, daß jenes Halbcoupé beſetzt ſei. „Eine eigenthümliche Laune,“ dachte er im Weiterfahren,„ſo durch einen ſchönen Sommertag und eine intereſſante Gegend mit herabgelaſſenen Vorhängen zu fahren. Vielleicht iſt's ein Kranker, der, grämlich gegen die Welt, mit Sehnſucht dem Ende ſeiner Reiſe, irgend einer Molkenanſtalt oder einem Mineralbrunnen ent⸗ gegenſieht.— Vielleicht iſt's auch eine Familie, welche die Nacht durchgefahren iſt und die verſäumte Ruhe durch einen langen Morgenſchlummer einbringt. Ja, ja,“ ſprach er zu ſich ſelber,„es gibt Leute, die während der Nacht nicht zu ſchlafen im Stande ſind aus Angſt vor allerlei eingebildeten Unfällen— aber wiſſen möchte ich doch, wer hinter den grünſeidenen Vorhängen ſteckt.“ Aber auch die nächſte größere Station brachte ihm hierüber keine Gewißheit— fünf Minuten Aufenthalt— lange fünf Mi⸗ nuten, wo jeder vernünftige Menſch den Wagen verließ, um ſeine Beine etwas gelenkig zu machen. Auch der dicke Herr neben ihm und der Großkarrirte, der nun draußen auf dem Trottoir die Fahnenwacht pfiff, wo ſelbſt der Gelehrte ſein Buch zuſchlug und den Kopf zum Wagen herausſtreckte— fünf Minuten und von den Reiſenden im Coupé nicht das Geringſte zu entdecken. Abermals fuhren ſie weiter und kamen an einen berühmten Gebirgsübergang mit außerordentlich ſtarker Steigung, mit Fels⸗ wänden an der einen Seite, Abgründe an der andern; ein groß⸗ artiges Werk, welches die Aufmerkſamkeit der Reiſenden im höchſten Grade in Anſpruch nimmt. Hörte doch ſogar hier der Karrirte ——doᷓᷓ——p 414 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. zu pfeifen auf, ja er machte nicht einmal mehr die Geberde des Mundſpitzens, als er voll Erſtaunen zum Fenſter hinausblickte— hinter den grünſeidenen Vorhängen aber, es war rein zum Ver⸗ rücktwerden, nicht die Spur einer Bewegung. Jetzt hatte der Zug die Hochebene der Alp erreicht und jagte in gemüthlicher Geſchwindigkeit über die weite Ebene dahin, jetzt ſchnaubend und brauſend über Dämme und Viadukte, um gleich darauf pfeifend und raſſelnd durch tiefe Einſchnitte zu raſen. Da bemerkte der junge Mann, welcher ſich um die ganze Gegend nichts bekümmerte und, was im Grunde höchſt lächerlich war, nur Augen hatte für das ihm folgende Halbcoupé, da be⸗ merkte er, ſagen wir, eine kleine Bewegung an den grünſeidenen Vorhängen und zwar an dem des Fenſters ihm gerade gegenüber. Es war keine Täuſchung. Der Vorhang bewegte ſich langſam in die Höhe und zeigte ihm eine junge und ſehr ſchöne Dame in einem reizenden Reiſeanzug, welche aus entzückenden dunkelblauen Augen, die aber merkwürdiger Weiſe unter ſchwarzen Brauen hervorleuch⸗ teten, den Himmel betrachtete. Hierauf kam auch eine feine, weiße Hand zum Vorſchein, die mit einer unbeſchreiblichen Grazie das dichte, hellblonde, wellenförmige Haar etwas aus der blendenden Stirne ſtrich, um gleich darauf wieder in einen perlfarbenen Glacé⸗ handſchuh zu ſchlüpfen. „A— a— a—ah!“ Wir wollen nicht annehmen, daß die junge Dame gegenüber im Stande geweſen war, vor dem Wagengeraſſel dieſes„Ah“ auf⸗ richtiger Bewunderung zu vernehmen, doch ſchien ſie im gleichen Augenblicke ihre Himmelsbetrachtungen, welche gewiß himmliſche Betrachtungen waren, beendigt zu haben, und ließ ihre ſchönen Augen aus höheren Sphären wieder auf unſere arme Erde herab⸗ gleiten, wobei aber das Erſte, welches ſich ihren Blicken darbot, leicht begreiflicher Weiſe unſer junger Mann war, der ſich oben⸗ drein etwas ſtark vorgebeugt hatte und vielleicht gerade dadurch die Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 11⁵5 Veranlaſſung war, daß der grünſeidene Vorhang mit einem höchſt energiſchen Ruck herabgelaſſen wurde. Es war aber auch zu taktlos von ihm geweſen, ſein ſchönes Gegenüber ſo auffallend anzuſchauen: er mußte ſich das ſelbſt ge⸗ ſtehen und konnte es dabei nicht unterlaſſen, ſich für dieſe Indis⸗ kretion ein paar paſſende Worte zu ſagen— ſchade, daß die junge Dame drüben gar ſo empfindlich war; es iſt ſchon ſo angenehm und pikant, von Haus zu Haus, von einem Fenſter zum andern eine neue, allerliebſte Bekanntſchaft anzuknüpfen, mit gänzlich un⸗ bewußten Mienen und Bewegungen beginnend, die ſich nach und nach in beſtimmte Zeichen verwandeln und endlich eine förmliche Sprache werden, ſo ſtumm und doch ſo beredt, ſo ſchwer zu begrei⸗ fen und doch wieder ſo leicht verſtändlich;— aber um ſo reizender wäre es, dachte der junge Mann und vielleicht mit ihm ſo mancher unſerer geehrten Leſer, auf ſo einer langwierigen Eiſenbahnfahrt das Herz eines ſchönen Gegenübers zu erobern, um mit unterſchied⸗ lichen Haltorten endlich an's gewünſchte Ziel zu gelangen. Der junge Mann hatte eine ſehr ſchöne Stimme, und wenn es möglich geweſen wäre, ſie unter dem Wagengeraſſel vernehmlich zu machen, ſo würde er verſucht haben, die junge Dame durch ein Lied voll ſüßer Anſpielung darüber aufzuklären, welch' glühendes Herz im Halbcoupé, dem ihrigen gegenüber, ſchlage— ja, wir können unſer Wort nicht zurücknehmen, ſein Herz ſchlug ſchon für ſie. Es war ihm ergangen wie dem Jäger im Nachtlager von Granada: „Ihr Blick ihm zugewendet, War Blitz und Schlag zugleich.“ Im Grunde hatte die junge Dame Recht gehabt, ſich vor ſeinem Anſtarren zurückzuziehen, und er ſann darüber nach, ob es denn keine Möglichkeit gebe, ihr pantomimiſch auszudrücken, wie ſehr er es bereue, den irdiſchen Himmel in ihren Augen geſucht zu 116 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. haben, ſtatt ſich an den zu wenden, zu welchem auch ſie aufgeſchaut. Da kam ihm ein glücklicher Gedanke, den er ausführte, indem er den grünſeidenen Vorhang in ſeinem eigenen Coupé herabzog, be⸗ greiflicher Weiſe eine haarſcharfe Oeffnung freilaſſend, durch welche eer nach dem folgenden Wagen ſpähte, wie der Vogelſteller nach dem ausgeſpannten Netze. Eine gute Zeit lang blieb dieſes Manöver ohne Erfolg; end⸗ lich aber bewegte ſich der Vorhang; abermals hob er ſich in die Höhe und zeigte wiederholt die ſchöne junge Dame, wie ſie raſch einen forſchenden Blick herüberwarf, und als ſie dort den herab⸗ gelaſſenen Vorhang bemerkte, einen Blick auf die Gegend warf, ſi dann in ihre Ecke zurücklehnte, gleich darauf wieder zum Vorſchein kam, um nochmals den Himmel zu betrachten; worauf ſie abermals die feine Hand an ihr Haar brachte und dann, als erinnere ſie ſich plötzlich an etwas, anfing, dieſes volle Haar zu ordnen, wozu in⸗ deſſen durchaus keine Veranlaſſung vorlag, denn ſo etwas locker, wie es ſich um ihren Kopf befand, ſtand es ihr wahrhaft ent⸗ zückend. Wie leicht und elegant waren dabei alle ihre Bewegungen, wie legte ſie die ſchweren Bandeaux wieder um ihren Kopf zurecht, und wie wunderbar erſchien dabei ihre zierliche und doch ſo volle Geſtalt, als ſie nun ihre beiden Arme hoch erhob, um auch die reichen Flechten ihrer rückſeitigen Friſur zu ordnen; dann nahm ſie neben ſich vom Sitze eines jener kleinen, aufgekrämpten, ver⸗ führeriſchen Hütchen von ſchwarzem Sammt, drückte es feſt auf das dicke, blonde Haar und ſah nun ſo reizend aus, daß ſich der junge Mann an ſeiner Vorhangsſpalte eines Ausdrucks des Ent⸗ zückens nicht enthalten konnte. Glücklicher Weiſe ſchien dieſer Aus⸗ ruf von keinem der Mitreiſenden gehört worden zu ſein, denn der dicke Herr ſchlief, der karrirte pfiff und der gelehrte las— harm⸗ loſe, glückliche Menſchen, höchſt angenehme Geſellſchafter in ähn⸗ lichen Verhältniſſen! — ⁸◻ Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 117 Ja, er dachte bereits an Verhältniſſe und an Verhältniß, und um zum Beginne eines ſolchen ein ſolides Fundament zu legen, nahm er ſeinen Handſpiegel, fuhr ſich mit der Haarbürſte ein paar Mal durch ſeine dunkeln, krauſen Locken, drehte die Spitzen ſeines Schnurrbartes unternehmend aufwärts und ſchritt dann zum An⸗ griff, indem er den grünſeidenen Vorhang langſam aufzog, ſo eine gefährliche Breſchebatterie, wie er bei ſich ſelbſt dachte, de⸗ maskirend.. Er zitterte bei dem Gedanken, der Feind werde ſich abermals hinter ſeine Verſchanzung zurückziehen; doch war der ſchöne Feind nicht ſo grauſam. Er warf einen Blick herüber, allerdings ſo kalt und gleichgültig, daß es den jungen Mann förmlich fröſtelte, dann lehnte ſich das reizende Gegenüber in die Ecke zurück, brachte ein Buch zum Vorſchein und fing an zu leſen. Ulm!— zehn Minuten Aufenthalt! Zehn Minuten iſt eine Zeit, in der man ſchon etwas unter⸗ nehmen kann: unſer junger Mann ſprang mit der Leichtigkeit eines Vogels aus dem Wagen, nachdem er vorher ſeinen grauen, weichen Filzhut ſo kokett als möglich aufgeſetzt, worauf er am Zuge auf⸗ und niedergehend nach mehrmaligem vergeblichem Spähen endlich bemerkte, daß die junge Dame allein in ihrem Halbeoupé ſaß— aber mit ſeinen Angriffsmanövern machte er während dieſer zehn Minuten noch ſonſtige große Fortſchritte: er benutzte geſchickt den Moment, wo die Blicke der ſchönen Dame gewiß ganz zufällig die ſeinigen trafen, um ſie ehrfurchtsvoll zu grüßen, worauf ſein Herz einen wahren Sturmmarſch pochte, als er bemerkte, daß ſie dieſen Gruß nicht nur mit einer leichten Neigung des Kopfes erwiederte, ſondern daß dabei auch ein feines Lächeln um ihre ſchönen Lippen ſpielte— aber, er ſollte noch glücklicher ſein, es ſollte ihm gelingen, während dieſes Aufenthaltes von zehn Minuten in der deutſchen Bundesfeſtung ſeine Angriffslaufgräben noch weiter vorwärts zu treiben. 118 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. Die junge Dame hatte das Seitenfenſter niedergelaſſen, ſchaute hinaus und ſchien irgend etwas zu ſuchen. Was war natürlicher, als daß er ſich raſch an ihrer Seite befand und ſich mit abgezoge⸗ nem Hute erkundigte, ob er ſo glücklich ſein dürfe, ihr zur Er⸗ füllung eines Wunſches behülflich zu ſein! „Sie ſind zu gütig, mein Herr“— gab ſie ihm mit einer weichen, melodiſchen Stimme zur Antwort, wobei ſie leicht erröthete; „ich ſehe nach dem Kondukteur, um zu fragen, ob es wohl möglich ſei, ein Glas Waſſer zu bekommen? „Eine Kleinigkeit, mein Fräulein!“ rief er entzückt. Und ob⸗ gleich das zweite Zeichen ſchon gellend an ſein Ohr ſchlug, eilte er nach der Reſtauration mit einer ſolchen Haſt, daß er beinahe in Gefahr kam, einige Paſſagiere, ſowie einige zuſchauende Lieutenants niederzurennen, nahm ein Glas vom Büffet, warf dafür ein Halb⸗ guldenſtück hin und ſtürzte nach dem laufenden Brunnen neben dem Bahnhofgebäude, füllte es, und kam wieder bei dem Wagen an, als der Glockenzieher des Bahnhofes eben das dritte Zeichen geben wollte. „Ich danke Ihnen, mein Herr! ich danke Ihnen recht ſehr!“ „Einſteigen!“ drängte der Kondukteur. „Sie werden nicht Zeit haben, dieſes Glas zurückzugeben?“ ſagte die junge Dame in einem beſorgten Tone,„ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, zurückzubleiben?“ „Es liegt auch durchaus nicht in meiner Abſicht, es zurückzu⸗ geben, ſondern ich werde es mit mir nehmen als Erinnerung an einen kleinen Dienſt, welchen ich ſo glücklich war, Ihnen leiſten zu dürfen!“ Sie gab ihm das Glas, welches ſie halbleer getrunken, zurück und ſagte dabei mit einem ſo wunderbar klingenden Tone, mit einem ſo reizenden Lächeln,„ich danke Ihnen, mein Herr!“ daß er im Begriffe war, das Glas mit einem Ruf der Begeiſterung auf ihr Wohl auszutrinken, wenn ihn nicht der Kondukteur in dieſem Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 119 Augenblick an dem Arme gefaßt und ihm ziemlich unſanft geſagt hätte:„Wenn Sie nicht ſogleich einſteigen, ſo werden Sie zu⸗ rückbleiben.“ Eine ſchreckliche Drohung, die den jungen Mann veranlaßte, ſeinen Platz ſo raſch als möglich wieder einzunehmen, wobei er aber Sorge trug, das übrig gebliebene Waſſer nicht zu verſchütten; denn als nun der Zug wieder in Bewegung war, als ſie die Donau⸗ brücke hinter ſich hatten, brachte er das Glas an ſeinen Mund, nachdem er am Rande deſſelben lange wähleriſch die Stelle aus⸗ geſucht, welche vielleicht mit ihren ſüßen Lippen in Verbindung gekommen war, und dann trank er es aus bis auf den letzten Tropfen mit einem ſichtlichen Wohlbehagen. Sie las währenddem in ihrem Buche; doch mußte dieß eine angenehme Stelle ſein, auf welcher gerade ihre Augen ruhten, denn auf ihren Zügen glänzte eine unverkennbare Heiterkeit. Neu⸗Ulm hatte nur zwei Minuten Aufenthalt, ſo daß der Kondukteur keinem Reiſenden geſtatten wollte, den Wagen zu ver⸗ laſſen: doch war dieſer bayeriſche Schaffner ſo freundlich, den jungen Mann auf Günzburg zu vertröſten, wo man zehn Minuten habe und wo auch ein erträgliches Bier zu finden ſei. Alſo Geduld bis dahin! Tröſtlich war es ihm, als er zu ſehen glaubte, die junge ſchöne Dame habe wohl bemerkt, daß es aber⸗ mals in ſeiner Abſicht gelegen, den Wagen zu verlaſſen. Sie legte ihr Buch bei Seite, ſie zog das Seitenfenſter hinauf und ließ da⸗ für das vordere Fenſter herab; doch nur ein paar Sekunden, denn der Luftzug war zu ſcharf, weßhalb ſie gleich darauf die Scheibe wieder in die Höhe zog. Das that ſie aber mit einem bezeich⸗ nenden Lächeln, ja es war ihm, als ſchüttle ſie dabei unmuthig den Kopf. So fuhren ſie weiter und weiter. Ein neckiſches Spiel, auf der Eiſenbahn, gegenüber einem ſo reizenden Weſen zu fahren, immer in gleicher Entfernung bleibend und dabei, was umgekehrt 120 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. paſſender geweſen wäre, er fliehend, ſie ihn verfolgend. Dabei be⸗ merkte er indeſſen mit Entzücken, daß ſie ſeine Aufmerkſamkeit auf irgend einen Gegenſtand hie und da in der Landſchaft zu theilen ſchien; denn wenn er angelegentlich irgendwohin ſchaute, ſo ſah er, wie auch ſie ihre Blicke dahin wandte. Ja, als er nun ſein Lorgnon hervornahm und es auf einen fernen, maleriſch gelegenen Punkt richtete, machte ſie es ebenſo und bewegte darauf ihre Lippen in ſo ſprechender Weiſe, daß er trotz des unausſtehlichen Raſſelns des Zuges die Worte zu verſtehen glaubte,„das iſt ſehr ſchön, ich danke Ihnen.“ Konnte man es ihm hierauf übel nehmen, daß er ſeine Hand mit einem langen, langen Blicke an ſeine Lippen brachte, eine Bewegung, die gewiß manchem unſerer verehrten Leſer ver⸗ ſtändlich genug iſt, als daß wir nöthig hätten, ihre Bedeutung näher zu erklären? Einen Augenblick zitterte er, ſie möchte dieſe Bewegung übel genommen haben, denn er ſah, wie ihre kleine Hand den grün⸗ ſeidenen Vorhang faßte und ihn halb herabzog. Als ſie ihn aber hierauf heiter lächelnd wieder in die Höhe ſchnellen ließ, konnte er, ein unverbeſſerlicher Menſch, ſich nicht enthalten gen Himmel zu ſchauen und dabei die Hand auf ſein Herz zu legen. Dabei war er innerlich hoch erfreut, daß ihm ſeine Reiſe⸗ geſellſchaft ſo gar keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Der dicke Herr neben ihm war wieder eingeſchlafen, und deſſen ſchweres Schnarchen klang um ſo eigenthümlicher, als der Großkarrirte zu dieſem er⸗ ſchütternden Grundbaß in gleichem Takte die Fahnenwacht pfiff. „Günzburg!“ rief der freundliche bayeriſche Schaffner,„ſechs Minuten Aufenthalt!“ Auch war derſelbe ſo gefällig, das Coupé unſeres jungen Mannes zuerſt zu öffnen, was auch nicht unbelohnt blieb; denn während derſelbe ausſtieg, ließ er ein Guldenſtück in die Hand des einigermaßen erſtaunten Beamten gleiten. „Wünſchen Sie vielleicht einen andern Platz?“ fragte er flüſternd. Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. „Im Augenblick nicht; aber vielleicht ſpäter.“ „Wenden Sie ſich alsdann nur an mich.“ Der junge Mann trat an die Thüre des andern Coupés, wo die ſchöne Dame ihn bereits zu erwarten ſchien, ihn wenigſtens mit einem freundlichen Blicke anſchaute, und ſich nicht, wie ſie heute Morgen gethan, bei ſeinem Anblick in die Ecke zurücklehnte; ja, ſie ſaß gegen das Fenſter vorgebeugt, hatte ihre kleine, feine Hand auf den Schlag gelegt und lächelte freundlich, als er heran⸗ trat und zu ihr ſprach:„Da Sie vorhin ſo außerordentlich gütig waren, einen kleinen Dienſt von mir anzunehmen, ſo gibt mir dieſes ein, wenn gleich ganz unbedeutendes Recht, Sie zu fragen, ob Sie mich nicht dadurch glücklich machen wollen, indem Sie weiter über mich befehlen?“ „Ich danke Ihnen recht ſehr!“ gab ſie zur Antwort. Und dieſe Worte klangen ſo weich und ſo melodiſch, ſie öffnete dabei ſo eigenthümlich reizend die ſchwellenden Lippen, daß man ihre blendend weißen Zähne ſah; ihre Augen ruhten ſo freundlich auf ſeinem Geſicht, daß er nicht wußte wie ihm geſchah und an plötzliche Verzauberung dachte, ja, daß er eigentlich gar nichts dachte, ſondern nur den glühenden Wunſch fühlte, wenigſtens ihre feine, weiße Hand in aller Geſchwindigkeit mit ein paar Dutzend Küſſen bedecken zu dürfen. „Es iſt ſchade,“ ſprach ſie nach einer Pauſe,„daß der Aufent⸗ halt hier ſehr kurz dauert; ich wäre gern ein paar Mal auf dem Trottoir hin⸗ und hergegangen. Doch iſt es jetzt zu ſpät dazu.“ „Vielleicht in Augsburg?“ erwiederte er und begleitete dieſe Frage mit einem ſo zündenden Blicke, als er ihn nur im Zeug⸗ hauſe ſeiner Liebenswürdigkeit vorräthig hatte. „Ja vielleicht in Augsburg— Sie reiſen wahrſcheinlich nach München, oder gehen Sie vielleicht nach Wien?“ „Ich gedenke heute in München zu bleiben— darf ich mir die Freiheit nehmen, Sie, mein Fräulein, über das Ziel Ihrer Reiſe zu befragen?“ 122 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. „Es iſt dieß eine ganz eigenthümliche Geſchichte,“ gab ſie mit einem anmuthigen Lächeln zur Antwort,„man könnte ſie ernſthaft nennen, wenn ſie nicht gar ſo komiſch wäre— wollen Sie die Freundlichkeit haben, einen Blick durch das Fenſter in mein Coupé zu werfen?“ Bei dieſer Aufforderung ſprang er mit einer Haſt auf den Tritt des Wagens, als gälte es einen Anlauf zu nehmen, um den Himmel zu erreichen; ja, er that dieß ſo ungemein lebhaft, daß die junge Dame ſich raſch zurückbog, wenn ſie auch dabei ihr liebenswürdiges Lächeln durchaus nicht verlor—„ſehen Sie dieſe Menge Gepäck? gewiß mehr und von anderer Art, als Sie bei mir vermutheten.“ Und ſo war es auch in der That; denn der junge Mann ſah mit einigem Erſtaunen zwei bis drei ſtarke, dabei höchſt elegante Nachtſäcke, ein paar zuſammengeſchnallte Plaids, ein Futteral mit Regenſchirmen und— Herrenſtöcken, ſowie zum Ueberfluſſe auf dem Sitze eine große engliſche Cigarrentaſche neben einem weißen Männer⸗ paletot, auf dem ein rothes Herrencachenez lag. „A— a—ah!“ machte er, einigermaßen verblüfft,„Sie reiſen alſo nicht allein, mein Fräulein?— oder meine Gnädige?“ „Vorderhand wollen wir es bei dem Fräulein bewenden laſſen,“ erwiederte ſie heiter,„und Ihre Frage will ich dahin beantworten, daß ich bis vor wenigen Stunden allerdings nicht allein reiste. Wir fuhren geſtern Abend von Paris ab, mein Bruder und ich, um ohne Aufenthalt nach Wien zu gehen— denken Sie aber, was mir geſchieht. In Stuttgart hieß es, zwanzig Minuten Auf⸗ enthalt. Mein Bruder verließ den Bahnhof, um einen Blick auf die neuen Schloßplatzanlagen zu werfen, von denen er gehört— ich, die ich ſeine große Pünktlichkeit kenne, war durchaus nicht be⸗ ſorgt, als er nach dem erſten und zweiten Zeichen zur Abfahrt nicht erſchien, ſelbſt nicht, als zum dritten Male geläutet wurde; denn ich dachte, er habe ſich etwas verſpätet und ſei vielleicht in einen —— b . Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 123 der letzten Wagen geſprungen— nun haben wir aber ſeitdem ſchon eine Menge Stationen gemacht, und da er bis jetzt nicht zum Vorſchein kam, ſo muß ich annehmen, daß er in Stuttgart zurückgeblieben iſt.“ Der junge Mann beobachtete aufmerkſam ihre Geſichtszüge, als ſie von dieſem Vorfalle ſprach; denn es war ihm ſehr daran gelegen, in dem Ausdruck derſelben leſen zu können, ob hier in der That von einem Bruder, oder von einem Manne, oder gar von einem Geliebten die Rede ſei— nein, es konnte nicht anders ſein, es war ihr Bruder, der zurückgeblieben; denn während ſie davon ſprach, flog nicht die Spur eines Schattens über ihre ſchönen Züge— ſie lachte ſo fröhlich über das Zurückbleiben deſſelben und bedauerte nur, daß ſie jetzt ihre Reiſe unterbrechen und die Nacht in München bleiben müſſe—„Das iſt für mich keine Kleinigkeit,“ ſagte ſie, plötzlich ernſt werdend,„bei der Maſſe von Gepäck und der ſpäten Stunde unſerer Ankunft!“ Er begriff es nicht, oder wollte es nicht begreifen, weßhalb jetzt ſein Herz ſo heftig, faſt ungeſtüm ſchlug und woher es kam, daß er die Worte, die er nun ſprach, ſo mühſam hervorbrachte: „Mein Fräulein, ich bedaure aufrichtig Ihren Unfall; doch, wenn ich ſo glücklich ſein dürfte, Ihnen bei der Ankunft in München behülflich zu ſein, Ihr Gepäck zu beſorgen, Ihnen eine Droſchke zu ſuchen und Sie vielleicht bis an den Gaſthof zu begleiten, ſo wäre dieſer Abend der ſchönſte Tag meines Lebens!“ „Ich wünſche Ihnen für Ihre Güte noch weit ſchönere Tage!“ gab ſie launig zur Antwort,„Und wenn Sie mir erlauben, über⸗ lege ich auf der Fahrt nach Augsburg, ob und wie ich mir wohl geſtatten darf, von Ihrer außerordentlichen Freundlichkeit Gebrauch zu machen.“ „Einſteigen— nach Augsburg!“ „Bitte, überlegen Sie nicht allzu genau, und ſeien Sie ver⸗ ſichert, daß mein Anerbieten in der uneigennützigſten Abſicht geſchah.“ 124 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. Der junge Mann trat an ſeinen Wagen, und hier ſagte ihm der freundliche bayeriſche Schaffner, während er einſtieg, „wenn Sie mir nur einen Wink gegeben hätten, ſo würde ich Ihnen den Schlag da drüben geöffnet haben; es iſt allerdings erſte Klaſſe, aber für ein paar Stationen nimmt man das nicht ſo genau.“ „Ich danke Ihnen und werde mir das für die nächſte Station merken.“. Wieder raſſelte und brauste der Zug dahin und die Locomotive pfiff gellend in den heiteren Abend hinaus, als freue ſie ſich ihres eiligen Laufes in der milden Sommerluft, durch die von den letzten Strahlen der Sonne beſchienene Landſchaft. Ein gleiches Gefühl von Behaglichkeit durchſtrömte auch die meiſten der fühlenden Weſen auf dem Zuge, und wenn ſie hinausſchauten auf die weite Ebene, die ſich vor ihren Blicken aufthat, und auf die zurückweichenden An⸗ höhen, gekrönt mit Schlöſſern und Kirchen, deren Fenſter wie glühende Augen funkelten, wenn ſie den Blick ſchweifen ließen über die blumigen Wieſen, beſtrahlt von dem röthlichen Sonnenglanze, der jetzt ſo intenſiv war, daß die herumgaukelnden weißen Schmetterlinge golden und röthlich glänzend ausſahen, wenn man dazu bemerkte, wie die Arbeiter mit Weib und Kind wieder von ihrem harten Tagewerke langſam in ihr Dorf heimkehrten, ſo fühlte man ſich von einem unendlich wohlthuenden Gefühle, von einem ſüßen Frieden beſeelt, wobei man mit offenen Augen ſo angenehm träumen konnte und wobei die lieblichſten Bilder aus Vergangenheit und Zukunft ſo lebendig vor unſerem inneren Blicke vorüberzogen. Auch der junge Mann in der rechten Ecke des Halbcoupés hätte ſo gern das liebliche Bild gegenüber hoffnungsvoll und er⸗ wartend mit ſeinen phantaſtiſchen Gedanken umſponnen, ſeine Wünſche nur auf ſie gerichtet, hätte ſich ſo gerne nur mit ihr allein beſchäftigt, wenn ihm ſein dicker Nachbar hiezu die nöthige Ruhe und Muße vergönnt. Dieſes Murmelthier war aber nach einem fünfſtündigen Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 12⁵ Schlafe jetzt zu klarem Bewußtſein aufgewacht, und erſchien ihm wie einer jener Nachtſchmetterlinge, die bei ſinkender Nacht be⸗ weglich werden und uns durch ihr unaufhörliches Geſumme beun⸗ ruhigen; dabei hatte dieſer Mann ein fürchterliches Gedächtniß, denn er fing ſein Geſpräch damit an, wo er es vor dem Einſchlafen hatte fallen laſſen, bei Eiſenbahnunfällen der unglaublichſten Art. Hiezu kam noch, daß er ſich mit ſeinen Erzählungen an Niemand anders als an ſeinen rechten Nachbar wenden konnte; denn wenn er auch gegen den Linken, den Großkarrirten, eine Bemerkung hin⸗ warf, ſo that dieſes durchaus keine andere Wirkung, als daß jener vielleicht ſein berühmtes Lied ein oder zwei Minuten lang in einer ganz verſchiedenen Tonart wieder zu pfeifen anfing. Zum öfteren ſah der junge Mann auf ſeine Uhr und der dahinjagende Zug ſchien ihm förmlich langſam zu ſchleichen. Doch giebt es kein wahreres Sprüchwort, als folgendes: „Mit Geduld und Zeit Wird aus einem Maulbeerbaum ein Kleid.“ Auch müſſen wir eingeſtehen, daß er die Fahrt auf dieſer ziemlich langen Station nicht unbenützt verlor— er hatte wieder angefangen, ſich mit ſeinem ſchönen Gegenüber pantomimiſch zu unterhalten, und bemerkte mit Entzücken, daß er wenigſtens ſo weit gekommen war, daß ſie ſeine ſtummen Liebeserklärungen mit einem nicht unfreundlichen Lächeln, ja ſogar erröthend, mit einem gewiſſen vielſagenden Augenniederſchlag beantwortete. Jetzt ſah man rechts und links an der Bahn zahlreiche Bauernhöfe und Landhäuſer mit parkähnlichen Umgebungen, auch hohe und lange Fabrikgebäude mit zahlloſen, hell erleuchteten Fenſtern, endlich den Schimmer von Gas⸗ lichtern, und nun pfiff auch die Locomotive anhaltend und heftig. „Augsburg— zehn Minuten Aufenthalt!“ Hackländer's Werke. 51. Bd. 9 126 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. Dießmal hatte unſer junger Mann die Vorſicht gebraucht, die Thüre während der Einfahrt in den Bahnhof zu öffnen, und ſprang heraus, als der Zug noch nicht einmal ruhig ſtand. Dann öffnete er raſch die Thüre des Coupés gegenüber, bot der jungen Dame ſeinen Arm, und es durchzuckte ihn ein wonniges Gefühl, als ſie ſich während des Ausſteigens feſt darauf ſtützte; dann legte ſie ihren Arm in den ſeinigen und ſchritt mit ihm auf dem Trottoir auf und nieder. Wie war ihm dabei ſo froh und glücklich zu Muthe, denn das junge Mädchen ſchien alle Scheu vor ihm als einem fremden Manne gänzlich verloren zu haben. Sie hatte ſich feſt an ſeinen Arm gehängt, ja man hätte ſagen können, innig an ihn geſchmiegt, und plauderte dabei unbefangen, luſtig, faſt ausgelaſſen, indem ſie die anderen Paſſagiere, die auf⸗ und abgingen, zur Zielſcheibe ihrer fröhlichen Bemerkungen machte. Auch die Nachbarn des jungen Mannes entgingen ihren pikanten Einfällen nicht, beſonders, nachdem er ihr dieſelben geſchildert; ja, er hatte Mühe, das heitere Mädchen davon abzubringen, daß ſie nicht die Fahnenwacht vor ſich hinſummte, als ihr der Großkarrirte begegnete. Doch konnte ſie nicht unterlaſſen, ihm einen ſehr heiteren Blick zuzuwerfen, den er aber nicht zu ſehen ſchien, oder den er, wenn er ihn ſah, mit einer an Verachtung ſtreifenden Gl leichgültig⸗ keit erwiederte. „Haben Sie einen Entſchluß gefaßt in Betreff der Ankunft in München?“ fragte er in einem bittenden Tone,„und werden Sie mir erlauben, mit aller Ehrfurcht, die ich einer Dame ſchuldig, dort für Sie zu ſorgen?“ „Was kann ich machen?“— gab ſie in ernſtem Tone, doch mit einer ergebenen Miene zur Antwort,„komme ich mir doch vor wie ein ſchwacher Kahn, den der Sturm dem ſicheren Hafen entführt, und muß froh ſein, eine ſtarke Hand gefunden zu haben, die das arme Fahrzeug auf die rechte Bahn zurückführt.“ „Gewiß, mein Fräulein, eine ſtarke Hand,“ ſagte er und ſetzte Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 127 mit einem innigen Tone hinzu:„welche aber von einem ehrlichen Herzen regiert wird.“ „So will ich ihr denn vertrauen!“ verſetzte ſie, ihn offen und ehrlich anſchauend,„denn ich glaube in Ihren Zügen zu leſen, daß Sie nicht im Stande ſind, ein Ihnen geſchenktes Vertrauen zu mißbrauchen.“ „Sie ſind alſo entſchloſſen, für heute in München zu bleiben?“ „Kann ich anders? Und dabei iſt nur Eines, was mich be⸗ ruhigt, daß nämlich mein Bruder, der ſehr praktiſch iſt, überzeugt ſein wird, daß ich mich morgen Abend zur ſelben Stunde entweder hier in Augsburg oder, was ich in dieſem Falle vorziehe,“ ſagte ſie, den jungen Mann freundlich anblickend,„in München bei der Ankunft des Schnellzuges einfinden werde.“ „Wenn Sie erlauben in meiner Begleitung, um mich Ihrem Herrn Bruder vorzuſtellen und ihm zu ſagen, wie glücklich mich ſein Unfall gemacht?“ „Gut denn, ich begebe mich unter Ihren Schutz; darf aber jetzt wohl um Ihren Namen bitten?“ „Ich heiße Eugen Stollberg— Beſitzer eines kleinen, aber ſchön gelegenen Gutes an den Ufern des Rheines, in der Nähe von Bingen— Sie kennen wohl die herrlichſte Gegend unſeres ſchönſten deutſchen Stromes?“ „Gewiß, Herr Stollberg, ich beſuchte Bingen, ich war auf dem Niederwald und auf dem Johannisberg. Der letztere gehört zu meinen liebſten Erinnerungen. Ich war dort vor zwei Jahren auf ein paar Tage zum Beſuch bei Fürſt Metternich.“ „A— ah!“ machte der junge Mann und konnte ſich nicht ent⸗ halten, ſeine ſchöne Nachbarin mit einer etwas ſcheuen Ehrerbietung zu betrachten.. „Kennen Sie den Johannisberg?“ fragte ſie. „Ich war ſehr häufig droben— aber,“ ſetzte er mit einer Verbeugung hinzu,„nie zu gleicher Zeit mit der fürſtlichen Familie.“ 128 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. „Hätte ich das Vergnügen gehabt, früher mit Ihnen bekannt zu werden, ſo würde ich Ihnen ein paar empfehlende Worte an den Fürſten gegeben haben, was indeſſen immer noch geſchehen kann,“ fuhr ſie heiter fort,„wenn Sie nämlich Ihren Poſten als mein Kavalier zu meiner vollkommenſten Zufriedenheit ausfüllen— jeden⸗ falls will ich Ihnen meine Kärte geben, damit Sie ſich vielleicht ſpäter erinnern, wem Sie ſo gütig waren, Ihre Dienſte anzubieten.“ Als ſie ſo ſprach, ſtand die junge Dame neben dem Coupé, wo ſie ihren Platz hatte, und zeigte auf eine Reiſetaſche von rothem Maroquin, die aber ſo weit entfernt lag, daß ſie ſie mit der Hand nicht erreichen konnte.„Wollen Sie vielleicht ſo freundlich ſein, mir meine Taſche zu geben?“ 3 Er ſprang raſch in den Wagen und reichte ihr das Verlangte. Sie öffnete die Reiſetaſche, nahm ein kleines Etui von weißem Elfenbein heraus und zog aus demſelben eine Karte, die ſie ihm darreichte. Die Eiſenbahnglocke gab in dieſem Augenblicke das dritte Zeichen. Er glaubte, es ſei beſcheidener, wenn er die Viſitenkarte unge⸗ leſen in die Taſche ſteckte; doch da ſie ſein Vorhaben errieth, ſagte ſie lächelnd:„Leſen Sie immerhin; es wäre unrecht von mir, wenn ich, die Ihren Namen weiß, jetzt noch als Unbekannte vor Ihnen ſtände.“ Darauf las er beim Schein einer Laterne:„Mathilde, Gräfin Patasky,“ und machte alsdann gegen die junge Dame eine tiefe Verbeugung, was einigermaßen komiſch ausſah, da er vorher ſchon in etwas gebückter Stellung im Coupé ſtand. „Einſteigen nach München!“ rief der freundliche bayeriſche Schaffner, und da er ein kluger Mann war und die Lage der Dinge mit einem einzigen Blicke überſchaute, ſo half er der Dame ein⸗ ſteigen, ohne dem jungen Manne Zeit zu laſſen, aus dem Coupé zu ſpringen. Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 129 „Laſſen Sie mich doch zuerſt hinaus!“ rief dieſer,„mein Platz iſt im andern Wagen.“ Da aber die junge Dame, ohne etwas zu erwiedern, einſtieg, ſo nahm der Schaffner das Alles für eine ausgemachte Sache an, ſchloß raſch die Thüre des Coupés und ſagte, ehe er davon ging: „Wir haben bis Müncheü keine Zwiſchenſtation; die Fahrt dauert eine ſtarke Stunde.“ „Sie ſehen mich untröſtlich!“ ſagte der junge Mann, nachdem er ſich in ehrerbietiger Entfernung von der Gräfin Patasky nieder⸗ gelaſſen,„daß der Zufall ſchuld daran iſt, wenn ich Sie durch meine Gegenwart beläſtige.“ „Eine Bemerkung,“ gab ſie heiter zur Antwort,„die ebenſo unwahr als unrichtig iſt. Sie ſind darüber nicht untröſtlich und Ihre Gegenwart beläſtigt mich nicht im Geringſten— bedenken Sie nur die langweilige Fahrt einer ganzen Stunde ohne Zwiſchenſtation— ich. hoffe, Sie fangen Ihren Dienſt als mein Kavalier ſchon jetzt dadurch an, daß Sie ein wenig mit mir plaudern.“ Der Zug hatte ſich wieder in Bewegung geſetzt, und Herr Stollberg fand, wie unendlich er in jeder Beziehung bei dem Wagen⸗ tauſch gewonnen. Wie angenehm ſaß er hier auf dem weichen Sammetkiſſen und der viel ſanfteren Bewegung dieſes neueren und beſſeren Wagens. Ungleich köſtlichere Atmoſphäre herrſchte hier; die zunge, ſchöne Dame ſtrömte einen ſanften Duft wie von Veilchen aus und dabei that es ihm außerordentlich wohl, endlich einmal erlöst zu ſein von dem Eiſenbahnunfälle erzählenden dicken Herrn und von der Weiſe der Fahnenwacht, welche Beide ihm unerträglich geworden waren. Dabei herrſchte in dem Coupé ein angenehmer Dämmerſchein, denn das Licht der Kryſtallſchale mit der Lampe oben in der Decke war gemildert durch einen halb darübergezogenen grünſeidenen Vorhang. 3 Um nun dem ihm ertheilten Befehle, ſeine intereſſante Nach⸗ 130 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. barin zu unterhalten, ſo gut als möglich nachzukommen, erzählte er, welches Intereſſe ihm ſeit der Abfahrt von Stuttgart dieſes hermetiſch verſchloſſene Coupé eingeflößt, und welch' mächtigen Ein⸗ druck es auf ihn gemacht, als die Dame in demſelben nun endlich, nach ſehr langer Zeit, ſo freundlich geweſen war, den grünſeidenen Vorhang aufzuziehen. Auch berichtete er ferner, als nun derſelbe grünſeidene Vorhang ſo plötzlich wieder niedergefallen wäre, ſei ihm zu Muthe geweſen, wie wenn an einem klaren Sommertage plötzlich die Sonne durch eine ſchwere neidiſche Wolke verſinſtert würde. Dieſes Bild war an ſich nicht neu, auch nicht übermäßig poetiſch; doch verfehlte es nicht, einen heitern Eindruck auf die ſchöne Nach⸗ barin des Herrn Stollberg zu machen. Ja, ſie ſagte nach einer Pauſe:„Sie wiſſen es, daß, wenn man ſo allein in einem Coupé fährt, man ſich endlich langweilt, und in dieſer Langenweile gewährte es mir eine kleine Zerſtreuung, hinter dem Vorhange her mein Gegenüber zu beobachten. Schon lange vorher, ehe Sie mich ſahen, hatte ich Sie bemerkt, neben Ihnen einen dicken Herrn mit echauffirtem Geſicht— dann eine lange Figur mit großkarrirtem Anzuge—* „Und noch langweiliger dadurch,“ fiel ihr der junge Mann in's Wort,„daß dieſes Ungeheuer in einem fort die Weiſe eines Liedes, die ‚Fahnenwacht⸗ pfiff.“* Herr Stollberg hatte eine ſehr ſchöne Stimme, und da ſeine Nachbarin nun in einem fragenden Tone ſagte:„Die Fahnenwacht?“ und dann wie nachdenkend ſchwieg, ſang er«mezza vocen: „Kennſt Du das Lied, Das ich einſt ſo gerne gehört?“ Sie erwiederte lachend:„Das Lied, welches Sie einſt ſo gerne gehört, kenne ich allerdings, wenn dieſes Lied nämlich die ‚Fahnen⸗ wacht iſt, ich hörte es einmal in einem Konzert— dann war in der andern Ecke Ihres Wagens noch ein Herr, der beſtändig las,“ Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 131 „Ein Gelehrter oder ein S ein Fiſch, und wenn wir rauchte Luft zu ſchnappen.“ 3 „Sie ſind ein Raucher?“ „Ja wohl, gnädige Gräfin.“ „Warum rauchen Sie nicht?“ „O, in Ihrer Gegenwart würde ich mich deſſ ſtehen.“ „Dazu ſehe ich keinen Grund: durchaus nicht genirt.“ „Verzeihen Sie mir, würde mir, wie ich über auch erinnere ich mich ſ zu haben.“ „Das iſt kein Grund— nehmen Sie von meinen Cigarren— das heißt, von denen meines Bruders— Sie werden ſie in der ledernen Taſche finden dort neben dem hellen Paletot.“ „Ich weiß in der That nicht, ob ich mir erlauben darf—* „Machen Sie keine Umſtände, ich rauche mit Ihnen.“ „A— a—ah!“ ſagte der junge Mann, und in der Betonung dieſes Ausrufs lag eine nicht unbedeutende Verwunderung. „Wollen Sie mir eine Cigarre reichen?“ „Mit dem größten Vergnügen.“ „Und ſich ſelber eine nehmen?“ „Mit noch größerem Vergnügen.“ „Schön———— ich danke Ihnen. Sie werden auch dort das Feuerzeug finden, und bitte ich Sie um ein brennendes Wachs⸗ kerzchen.“ 3 Er hatte ihr die Ciga nende Wachskerzchen; dann chriftſteller— er war ſtumm wie n, ſo ſchien er wie ein ſolcher nach en nicht unter⸗ man öffnet ein Fenſter und iſt gnädige Gräfin, aber in Ihrer Gegenwart zeugt bin, die feinſte Cigarre nicht ſchmecken; o eben, meine Cigarrentaſche drüben gelaſſen rre dargereicht und nun auch das bren⸗ ſchaute er ihr zu, wie elegant ſie eine e Spitze der Cigarre ab⸗ aſſen, hierauf mit einem kleine Scheere handhabte und damit di ſchnitt. Auch konnte er es nicht unterl 132 Ein Eiſenbahn⸗Abenleuer. langen Blicke ihr ſchönes Geſicht anzuſehen, als es nun ſo eigen⸗ thümlich roth angeſtrahlt war von dem Schein des kleinen Lichtes, während ſie ihre Cigarre anzündete. Dabei wandte ſie ihm ihre leuchtenden Augen zu und ſah ihn ſo freundlich an, daß er nicht unterlaſſen konnte, einen tiefen Athemzug zu thun. „So, jetzt rauchen Sie auch— und dann fahren Sie in Ihrer Erzählung von vorhin fort, oder wenn Sie wollen, will ich es thun. Als Sie, nachdem ich meinen Vorhang herabgelaſſen, es mit dem Ihrigen ebenſo machten, lachte ich über Ihre Kriegsliſt, denn ich bemerkte wohl, wie Sie mich durch einen etwas zu großen Spalt fortwährend betrachteten; das amüſirte mich und ich mochte Sie nun nicht länger des Glückes berauben, mich anſehen zu dürfen.“ „Ach ja, des Glückes— wer möchte das leugnen. Darf ich nun wieder fortfahren?“ „Es iſt dieß eigentlich unnöthig, denn was nun geſchah, blieb Keinem von uns Beiden verborgen.“ „Sie machen mich glücklich, indem Sie das ſagen und mich ſo ahnen laſſen, daß Sie mich auch verſtanden.“ „Ob ich Sie verſtanden, weiß ich nicht genau,“ entgegnete die ſchöne Gräfin in einem gleichgültigen Tone,„ich glaube, Sie machten mich, Ihr vis-A-vis, zuweilen auf die Schönheit der Ge⸗ gend aufmerkſam.“ „Ja— und—“* „Auf beſonders maleriſch gelegene Schlöſſer? Erinnern Sie ſich an eines derſelben, es lag auf meiner linken Seite, hoch auf einem Berge? ein anmuthiges, höchſt pittoreskes Gebäude.“ „Burgau?“ „Ah— das war Burgau— iſt es bewohnt?“ „Ich glaube, daß es bewohnt iſt,“ erwiederte der junge Mann mit einem ſo auffallenden Seufzer, daß ſie nicht anders konnte, als ihn nach der Bedeutung deſſelben zu fragen. „Dieſes Burgau,“ gab er zur Antwort,„kommt mir immer Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. vor, ſo oft ich es ſehe, wie der Sitz der Glückſeligkeit, wie das Aſyl einer ſtill verborgenen, wunderbaren Liebe— ich weiß nicht warum, aber in dem kleinen Schloſſe ſcheint mir, fern von aller Welt, irgend ein glückliches Liebespaar zu hauſen, und in meiner Phantaſie ſehe ich dieſes Paar Hand in Hand an einem der Fenſter ſitzen, ſelig in ihrer Abgeſchiedenheit den fern dahinziehenden Eiſen⸗ bahnzügen zuſchauend.“ „Fänden Sie es aber nicht langweilig, wenn das liebende Paar den ganzen Tag Hand in Hand am Fenſter ſäße?“ „Meinetwegen mit Unterbrechung— ſie werden auch ſonſt noch etwas zu thun haben.“ ————„Es iſt dieß doch eine ſehr lange Station,“ ſagte die junge Dame, nachdem ſie eine Zeitlang geſchwiegen und ſich in ihre Ecke zurückgelehnt hatte. „Ach, wenn ich mir nur erlauben dürfte, dieß ganz und gar nicht bedauerlich zu finden!“ konnte er ſich nicht enthalten zur Ant⸗ wort zu geben;„ſo oft ich das Pfeifen auf einer Zwiſchenſtation höre, fürchte ich immer, es ſei München.“ „Unbeſorgt, wir fahren kaum eine Viertelſtunde,“ entgegnete ſie, nachdem ſie bei der Glut ihrer Cigarre auf ihre kleine Uhr geſehen, die ſie an einer ſchweren Kette im Gürtel trug. „Wenn wir ankommen, gnädige Gräfin, ſo darf ich mir alſo erlauben, Ihr Kavalier zu ſein?“ „Gewiß— aber thun Sie mir einen Gefallen und ſagen Sie nicht immer ‚gnädige Gräfint, das klingt ſo unendlich langweilig“ — ſie ſah ihn bei dieſen Worten mit einem ausdrucksvollen Blicke an—„ſo förmlich,“ ſetzte ſie aufathmend hinzu,„und da uns das Schickſal, oder wenn Sie wollen, der Zufall in ein gewiſſes Ver⸗ hältniß zu einander gebracht, ſo wollen wir auch die übergroßen Förmlichkeiten verbannen, wenn Sie es zufrieden find.“ „Ob ich es zufrieden bin, aber—“ „Was quält Sie für ein Aber?“ 134 Ein Eiſenbahn⸗Abentener. „Ich muß doch wiſſen, wie ich Sie nennen ſoll?“ „Nennen Sie mich einfach Gräfin, oder Gräfin Mathilde, was Ihnen geläufiger erſcheint.“ „Ich glaube, am geläufigſten wird mir Ihr Titel mit dem ſchönen Namen Mathilde ſein— achl! ein Name, der für mich einen ganz beſonders zauberhaften Klang hat.“ Dann ſummte er aus der Oper Tell die Arie Melchthal's: „Mathilde, o Mathilde!“ worüber ſie ſtill vor ſich hinlächelte und dann ſagte:„Es iſt doch eine großartige Muſik!“ „Ja,“ fuhr er in einem innigen Tone fort,„und ein ſo rein menſchliches Verhältniß, das zwiſchen den beiden Liebenden— zwiſchen dem bürgerlichen Melchthal und der Gräfin Mathilde.“ „Iſt ſie in der Oper wirklich eine Gräfin? Ich dachte, ſie wäre ein Freifräulein.“ „Es iſt das auch möglich,“ entgegnete er mit einem Seufzer, „und in der Oper wie im gewöhnlichen Leben von keiner großen Bedeutung— Freifräulein oder Gräfin, eine Kluft, die nicht zu überſpringen iſt.“ „Ohne Brücke allerdings nicht, mein lieber Herr Stollberg,“ ſagte ſie leicht hingeworfen,„und es gibt Leute, die den Muth haben, eine ſolche Brücke zu ſchlagen.“ Während die ſchöne Gräfin das ſagte, hatte ſie das Fenſter ein wenig herabgelaſſen und ihre Cigarre hinausgeworfen. Dann fuhr ſie mit ihrem feinen Taſchentuch wiederholt über ihre Lippen und nahm hierauf aus einer kleinen Reiſetaſche eine Orange, die ſie auf's Zierlichſte ſchälte, auseinanderbrach, ihrem Nachbar dann anbot, indem ſie ſich auf eine ungezwungene Art gegen ihn neigte, und dann von der Frucht eſſend mit aufgeſtütztem Arm in dieſer Stellung verblieb. Sie kam ihm dabei ſo nahe, daß er mit gierigem Ohr ihre Athemzüge hörte und daß ihm zu Muthe war, als ſteige die Tem⸗ peratur in dem Eiſenbahnwagen um zehn Grad Reaumur. Er Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 13⁵ zog haſtig ſeine Uhr hervor und ſah zu ſeinem Schrecken, daß ſie bereits fünfundzwanzig Minuten gefahren waren. „Was ſagte ich doch vorhin?“ fragte ſie nach einer kleinen Pauſe. „Sie ſprachen von Jemand, der den Muth hätte, über einen Abgrund im geſellſchaftlichen Leben eine Brücke zu legen— wenn er aber bei dieſem Verſuche eine Niederlage erlitte?“ „Wer kann wiſſen, ob ihm nicht vom anderen Ufer eine hülf⸗ reiche Hand geboten wird?“ „Um ihn zu ſich in die Höhe zu ziehen?“ fragte er haſtig. „Vielleicht— vielleicht aber auch, um mit ihm in den Ab⸗ grund zu ſtürzen.“ „Ah, mein Fräulein, auch das wäre eine Seligkeit, mit Je⸗ mand, den man liebt, in einen Abgrund zu ſtürzen.“ „Halb zog ſie ihn, halb ſank er hin.“ „Das, was Sie ſoeben deklamirten,“ ſagte ſie heiter,„iſt aus jener glücklichen Zeit, als die Seejungfrauen noch öffentlich ihr gefährliches Weſen treiben durften.“ „Ah— gewiß eine glückliche Zeit! ich möchte auch ſo hin⸗ ſinken wie jener Jüngling, ſelbſt auf die Gefahr hin, nicht mehr geſehen zu werden.“ Er hatte ſich bei dieſen Worten, welche er mit großer Be⸗ wegung ausſprach, langſam gegen ſie geneigt und dabei hatte ſeine Hand, die er ebenfalls aufſtützte, die ihrige leicht berührt, doch nur für eine Sekunde, denn alsdann richtete ſie ſich raſch auf und ſagte, zum Fenſter hinausſchauend:„So viel ich ſehen kann, fahren wir über eine flache, einförmige, traurige, öde Gegend.“ „Ja, traurig und öde— ſehr öde und ſehr traurig.“ „Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch ſo geht,“ fuhr ſie in einem gefälligen Tone fort,„aber das Vorbeihuſchen im Dunkel der Nacht an Gegenſtänden, die man nicht zu unterſcheiden vermag, 136 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. hat für mich etwas Unheimliches; ich ziehe es vor, im ringsum verſchloſſenen Coupé zu ſitzen, wobei man ſich einbilden kann, man ſei zu Hauſe in ſeinem kleinen Boudoir.“ Bei dieſen Worten zog ſie langſam den grünſeidenen Vorhang des Seitenfenſters herab. Ein Blick auf die Uhr belehrte ihn, daß ſie nur noch zwanzig Minuten bis München hatten, doch zog er jetzt um ſo eher den grünſeidenen Vorhang an ſeiner Seite mit einer nicht zu verken⸗ nenden Ungeduld ebenfalls hekab. „So,“ ſagte ſie mit einer liebenswürdigen Heiterkeit,„jetzt ſitzen wir wie die Kinder in einem verſchloſſenen Wagen und können uns Märchen erzählen— ſaßen Sie als Kind ebenfalls gerne im verſchloſſenen Wagen?“ ſagte ſie. „O ja— außerordentlich gerne.“ „Ich that es wegen des köſtlichen Ledergeruchs— und weß⸗ wegen thaten Sie es?“ „Ich wegen einer minder unſchuldigen Urſache— ich hatte damals eine kleine Geliebte.“ „Als Kind— Sie haben früh angefangen.“ „Sie werden mich nicht mißverſtehen, Gräfin Mathilde. Es war eine jener kleinen Leidenſchaften, für welche man Vogelneſter aus⸗ nimmt, die Aepfel des Nachbars ſtiehlt, dem Haushahn die ſchönſten Federn ausrupft und Veilchen ſucht—— ach! rief er enthuſiaſtiſch, „und Veilchen liebten wir Beide leidenſchaftlich!“ Er ſagte dieß mit Beziehung auf das feine Parfüm ihres Sacktuches, das ſie ihm nun lachend zuwarf, indem ſie ſagte:„Es iſt eigenthümlich, Herr Stollberg, trotzdem wir uns bisher nicht gekannt, ſympathi⸗ ſiren wir doch in einem gemeinſchaftlichen Odeur, in der Lieb⸗ haberei, in einer verſchloſſenen Kutſche zu fahren, und—“ „In dem Gedanken,“ fiel er raſch ein,„daß nur Muth dazu gehört, um einen tiefen Abgrund zu überbrücken.“ „Darin ſympathiſiren wir nicht ſo ganz, denn ich bin der Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. Anſicht, daß der Muth nur dann etwas hilft, wenn uns vom an⸗ deren Ufer eine hülfreiche Hand geboten wird.“ Sie brauchten nur noch eine Viertelſtunde, um München zu erreichen. „O, Gräfin Mathilde, reichen Sie mir für einen Augenblick Ihre Hand.“ „Und wozu?“ „Um mir über einen Abgrund hinwegzuhelſen rief er in leidenſchaftlichem Tone. „Ich ſehe aber keinen Abgrund.“ „O ja, er iſt da, tief und gefährlich; ich fürchte nicht das Hereinſtürzen, ich fürchte nur, wenn ich in dieſen Abgrund fiele, daß Sie droben am Rande ſtehen blieben, herzlich lachend über den armen Getäuſchten— darum reichen Sie mir Ihre Hand— o, nur die Spitze Ihres Fingers.“ Die Lokomotive des Zuges ſtieß einen gellenden Pfiff aus. „Ich glaube, wir werden bald in München ſein,“ ſagte ſie in ruhigem Tone. „Und kein Mitleid, keine Güte, kein Erbarmen?“ „Wollen Sie nicht ſo freundlich ſein, zu ſehen, ob Sie ſchon etwas von der Stadt erblicken, vielleicht Gaslichter in der Ferne? — es iſt das immer ein tröſtlicher Anblick, wenn man ſich ſeinem Reiſeziele nähert.“ „Für mich ein ſehr unglücklicher,“ ſprach er mit einem tiefen Seufzer, doch kam ihm plötlich eine ſehr glückliche Idee. Er ließ raſch den Vorhang in die Höhe ſchnellen und ſagte in lebhaftem Tone:„Dort ſieht man ferne Gaslichter durch die Nacht ſchimmern; es wird München ſein— wollen Sie vielleicht hinausſchauen?“ Sie erhob ſich raſch, wobei ihr Kleid von ſchwerer Seide rauſchte; ſie trat neben ihn— ſie ſchaute hinaus. „Wo denn?“ fragte ſie. —— 138 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. „Dort, mehr nach vorne— Sie müſſen ſich etwas mehr vor⸗ beugen— ſehen Sie die Gaslichter?“ „Ja, ich ſehe ſie—2 „Schon das Ziel unſerer Fahrt— iſt das nicht traurig— einer ſo ſchönen Fahrt=—— die ich nie, nie vergeſſen werde.“ „Auch ich werde dieſer Fahrt und Ihrer dankbar gedenken.“ „O, Dankbarkeit iſt nicht das Gefühl, welches Sie beſeelt— ich bat Sie, mir Ihre Hand zu reichen, Sie haben es mir grau⸗ ſam verweigert, und trotzdem bitte ich noch einmal darum.“ „Sie ſind ein ſonderbarer Menſch! Da haben Sie meine Hand.“ Er hätte gern mit glühenden Worten dafür gedankt; doch war ihm das im gegenwärtigen Augenblick nicht möglich, denn er führte dieſe kleine, weiche Hand an ſeine Lippen und drückte un⸗ zählige Küſſe darauf. Auch ließ ſie das nicht nur geſchehen, ſondern da ſie die Gaslaternen deutlicher ſehen wollte, ſo beugte ſie ſich noch ſtärker gegen das Fenſter, wodurch ſie ihn mit ihrer ſchlanken und doch ſo vollen Geſtalt eine Sekunde lang berührte, ſo daß es ihn elek⸗ triſch durchzuckte——— ————„SSeien Sie verſtändig,“ ſagte ſie in ſehr ernſtem Tone,„dort iſt ſchon der Bahnhof— Sie verſprachen mir in ehrerbietiger Weiſe mein Kavalier zu ſein, und ein Ehrenmann hält ſein Wort— machen Sie mich nicht böſe, ſonſt—⸗ „Was ſonſt?“ rief er glühend. „Sonſt nehme ich auf dem Bahnhofe Abſchied und werde Ihnen gewiß nicht erlauben, mich in meinem Hotel wieder zu ſehen.“ „Aber wenn ich folgſam bin wie ein Kind?“ „In dem Falle vielleicht.“ „O gewiß— gewiß!“ jubelte er,„jetzt befehlen Sie über mich, was ſoll ich thun?“. „Mir behülflich ſein, meine kleinen Sachen und die meines Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 139 Bruders aus dem Wagen zu bringen, mir alsdann eine Droſchke zu beſorgen, die mich allein zu den ‚Vier Jahreszeiten’ bringt.“ „Allein, Gräfin Mathilde?“ „Allerdings allein— wogegen ich es Ihnen nicht verwehre, ebenfalls in den ‚Vier Jahreszeitene Ihre Wohnung zu nehmen— verſtehen Sie mich?“ „Ich hoffe, Sie zu verſtehen!“ rief er in einem Tone des Glückes. „Alſo nun zu unſeren verſchiedenen Sachen— nicht wahr, das iſt eine ſchöne Menge— wir werden kaum Alles tragen können, und dann noch Paletot und Shawl meines Bruders— wiſſen Sie was?“ ſagte ſie in heiterer Laune,„ziehen Sie Paletot und Shawl an, das wird Sie weniger geniren. Sollte Jemand auf dem Zuge ſein, der uns in Stuttgart einſteigen ſah, ſo wird er Sie für meinen Bruder halten— wollen Sie meinen Bruder vorſtellen?“ fragte ſie mit einem ſchalkhaften, ſüßen Blicke. „Ich will Alles das ſein und vorſtellen, wozu Sie die Güte haben, mich zu machen.“ „Gut, das iſt köſtlich— ich verſichere Sie, es macht mich glücklich, zu ſehen, wie Ihre Geſtalt der meines Bruders ähnelt —— ſo, jetzt werfen Sie den rothen Shawl über Ihre Schultern, wie er zu thun pflegte, und Jeder, der uns früher ſah, wird uns für ein Geſchwiſterpaar halten.“ Das gellende Pfeifen der Lokomotive war verſtummt, der Zug hielt, die Wagenthüren wurden aufgeriſſen; die Gräfin hatte einen großen Theil ihrer Effekten ſelbſt zu ſich genommen, und er trug ein paar kleine aber ſchwere Handſäcke. Sein eigenes Gepäck in dem Halbcoupé vis-à-vis kümmerte ihn wenig. Daſſelbe konnte ruhig dort liegen bleiben, bis er die Dame in einen Wagen und nach dem Gaſthofe gebracht hatte. Der Schnellzug, mit dem er gekommen, hatte, ehe er weiter nach Wien ging, hier einen Aufent⸗ halt von faſt drei Viertelſtunden. 140 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer⸗ Der junge Mann ſtieg ſo langſam wie möglich aus dem Coupé, und dazu hatte er ſeine Gründe, da es ihm begreiflicher Weiſe nicht ſehr angenehm geweſen wäre, jetzt mit ſeinen früheren Reiſegefährten wieder zuſammenzutreffen; doch waren dieſelben be⸗ reits verſchwunden— nur glaubte er zwiſchen der Menſchenmenge am Ende des Bahnhofes die Geſtalt des Großkarrirten verſchwinden zu ſehen. Herr Stollberg dachte vergnügt bei ſich, ob derſelbe wohl immer noch die Fahnenwacht pfeife? Jetzt folgten die beiden den Paſſagieren, entfernten, und die Gräfin ſagte: mein Bruder den Gepäckſchein hat— das iſt ſehr fatal; ich werde mich behelfen müſſen.“ Sie näherten ſich dem Ausgange und wollten eben den Bahnhof verlaſſen, als ein fremder Herr mit einem behaglichen Aeußern und in einer ſehr wohlwollenden Miene Herrn Stollberg leicht am Arme berührte und ihm in freundlichem Tone ſagte:„Dürfte ich Sie wohl bitten, mir zwei Worte allein zu gönnen?“ welche ſich langſam „Jetzt erſt fällt mir ein, daß „Iſt dieß ein Bekannter von Ihnen?“ Begleiter. „Ich habe dieſen Herrn in meinem L — erwiederte Herr Stollberg, und ſich alsdann zu dem wohlwollend Ausſehenden wendend, ſagte er in einem ärgerlichen Tone:„Ich begreife in der That nicht, was Sie, ein gänzlich Fremder, mir zu ſagen hätten; auch können Sie doch wohl nicht verlangen, daß ich die Dame hier ſtehen laſſe und mit Ihnen auf die Seite trete.“ „Und doch muß ich meinen Wun der Andere ſo höflich als möglich.„Madame wird vielleicht die Güte haben, einen Augenblick hier zu warten, wenn es Madame nicht vorziehen ſollte, ſo lange in die Reſtauration zu treten.“ „So ſprechen Sie hier, was Sie mir zu ſagen haben— ich mag Madame nicht allein laſſen.“ fragte die Gräfin ihren eben noch nie geſehen“ ſch wiederholen,“ erwiederte Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 141 „Seien Sie wegen meiner unbeſorgt,“ flüſterte ihm die Gräfin zu,„ich mache mir nichts daraus, einen Augenblick zu warten.“ „Nun ſo kommen Sie, mein Herr!“ ſagte der junge Mann aufbrauſend;„aber deſſen kann ich Sie verſichern, wenn Ihre Mit⸗ theilungen für mich nicht vom höchſten Intereſſe ſind, ſo werden Sie die Erfahrung machen, daß ich Ihr aufdringliches Benehmen für eine ſtarke Beleidigung nehmen und als ſolche behandeln werde.“ Der behaglich ausſehende Fremde verbeugte ſich lächelnd und erſuchte darauf den jungen Mann, in ein Zimmer zu treten, deſſen Thüre ſich neben dem Bahnhofausgange befand. „Und nun? was wollen Sie von mir?“ „Erlauben Sie zuerſt, daß ich mich Ihnen vorſtelle. Ich bin der Polizeikommiſſär Wildhuber.“ Der junge Mann war ſo arglos und dabei ſo aufgebracht über die Einmiſchung dieſes Fremden in ſein kleines Privatverhältniß, daß er mit ſehr lauter Stimme erwiederte:„Herr, es iſt mir ſehr gleichgültig, wer Sie ſind, und ich frage nochmals, was wollen Sie von mir?“ „Der Polizeikommiſſär Wildhuber,“ entgegnete der freundliche Beamte in ſehr ſanftem und langſamem Tone,„wünſcht eine Unter⸗ redung mit Ihnen.“ „Und zu welchem Zwecke? Ich habe nichts mit Ihnen zu ſchaffen und haſſe die Polizei.“ Der Andere zeigte ein gemüthliches Lächeln, ehe er erwiederte: „Dergleichen Ausbrüche der Abneigung ſind wir zu gewohnt, als daß ſie irgend einen Einfluß auf uns hervorbringen könnten; auch bitte ich, nicht zu vergeſſen, daß ich Ihnen nicht aus eigenem An⸗ triebe in den Weg getreten bin, ſondern daß ich hier in höherem Auftrage vor Ihnen ſtehe.“ „Vor mir?— vor Eugen Stollberg aus Frankfurt am Main, als den ich mich mit meiner Paßkarte legitimiren kann?“ 4 „Vor Ihnen, mein lieber Herr— das heiͤi vor Ihrer Hackländer's Werke. 51. Bd. 142 Ein Eiſenbahn⸗Ab enteuer. Perſon, ohne daß wir auf dieſen Namen gerade viel Gewicht legen wollen.“ „Erlauben Sie— ich lege auf meinen Namen ſehr viel Gewicht— dieſer Name ſteht hier auf meiner Paßkarte; ich bin in einem konſtitutionellen Staate und ich erkläre Ihnen jetzt kurz und bündig, daß ich es ſatt habe, mich hier auf einem ſo unwürdigen Orte ausfragen zu laſſen.“ 3 Damit wandte er ſich um, um das Zimmer raſch zu verlaſſen; doch ſagte ihm der Beamte:„Ich bitte Sie recht ſchön, Herr—r=r, wie heißen Sie? doch bitte ich heute kein unnöthiges Aufſehen zu machen und mir zu glauben, daß es mir zuweilen ſelbſt peinlich iſt, meine Pflicht erfüllen zu müſſen.“ Doch Herr Stollberg hörte nicht auf dieſe Worte— er hatte die Hand auf den Drücker des Schloſſes gelegt, er öffnete die Thüre, fuhr aber etwas betreten zurück, als er dort einen ſehr breitſchul⸗ terigen Gendarmen bemerkte, der ihm bei ſeinem Erſcheinen etwas auffallend entgegentrat. Trotzdem aber der junge Mann im höch⸗ ſten Grade überraſcht war, benutzte er doch den Augenblick, wo die Thür offen war, um einen Blick in die Bahnhofhalle zu werfen und nach der ſchönen Gräfin zu ſehen. Die Bahnhofhalle war ſo leer als möglich und die Gräfin Mathilde Patasky verſchwunden— natürlich— wer hätte auch von einer ſo eleganten und vornehmen Frau erwarten können, daß ſie ſich hier von naſeweiſen Bahnhofbeamten angaffen laſſe— viel⸗ leicht hatte ſie die Reſtauration betreten— vielleicht hatte ſie auch bei dem Bahnhofinſpektor eine Klage zu ſeinen Gunſten vorgebracht — das Letztere ſchien das Wahrſcheinlichere— er ſchloß die Thüre wieder und wandte ſich in's Zimmer zurück. „Nun, mein Herr, ich bin alſo Ihr Gefangener?“ „Es ſcheint faſt fo.⸗ „Und was haben Sie weiter mit mir vor?“ „Das hängt ſehr von Ihnen ab, mein lieber Herr— fügen Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 143 Sie ſich der für Sie allerdings traurigen Nothwendigkeit, und wollen Sie mich mit gutem Willen und hübſchem Anſtand begleiten, ſo führe ich Sie ſogleich zu dem Herrn Polizeidirektor; ziehen Sie es aber vielleicht vor, oder halten Sie es für nöthig, vorher Ihren vielleicht gerechten Unmuth zu beſchwichtigen, ſo will ich Sie recht gerne einige Stunden allein in dieſem Zimmer laſſen.“ „Gegen die Gewalt iſt nichts auszurichten!“ gab der junge Mann zähneknirſchend zur Antwort:„aber, Herr Polizeikommiſſär,“ fuhr er in einem tiefen Athemzuge fort, wobei er ſeine Hände krampfhaft zuſammenballte,„glauben Sie ja nicht, daß ich mich wie einen Schulbuben behandeln laſſe, und ſeien Sie verſichert, daß ich von Ihnen und von Ihrem Herrn Polizeidirektor Rechenſchaft verlangen werde.“ Der freundliche Beamte zuckte die Achſeln, wobei ſein Ge⸗ ſicht einen Ausdruck annahm, in dem man detlich las, daß die Ausſicht, zur Rechenſchaft gezogen zu werden, keinen großen Eindruck auf ihn mache. „Nein, das iſt unerhört— das iſt empörend!“ rief der junge Reiſende, wobei er mit haſtigen Schritten auf und ab ging,„vor ihren Augen verhaftet zu werden— o, ſie wird mich für einen zweideutigen Menſchen, für einen Taugenichts erſten Ranges halten — mein Herr, Sie haben ein grenzenloſes Unrecht an mir be⸗ gangen— Sie behandeln mich mit einer Gewaltthätigkeit, für welche ich im anderen Falle die Verantwortung nicht übernehmen würde.“ „Ich übernehme ſie mit großem Vergnügen, und da es mir ſcheint, Sie wünſchen noch ein paar Stunden allein zu bleiben, um ſich zu beruhigen— ſo will ich Ihnen damit nicht hinder⸗ lich ſein.“ Er machte Miene, das Zimmer zu verlaſſen. Doch bezwang ſich der junge Mann ſo gut es ihm möglich war, und ſagte nach einem tiefen Seufzer:„Ich verlange durchaus nicht, allein gelaſſen 144 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. zu werden, ich bin in Ihrer Gewalt, führen Sie mich, wohin Sie wollen.“ „Dieſer Entſchluß iſt ſehr vernünftig— Sie haben gewiß einen Gepäckſchein bei ſich?“ „Hier iſt er.“ „Sie ließen vielleicht auch noch Handgepäck im Wagen?“ „Ja, in der rechten Ecke eines Halbcoupés zweiter Klaſſe— o, mein Gott! wer hätte das vor einer Stunde gedacht.“ „Sie wollen mir alſo folgen mit gutem Anſtand, ohne Auf⸗ ſehen zu erregen?“ „Ich muß wohl— aber halt— da kommt mir eine Idee! Wenn ich hier Jemand auffinde, der mich und meine Familie kennt, der bereit iſt, jede zu verlangende Bürgſchaft für mich zu leiſten—“ „In dem Falle,“ entgegnete der Polizeikommiſſär mit einem ungläubigen Lächeln, wobei ein Blick aus deſſen Augen ſcharf und raſch wie ein Blitz über die Geſtalt und das Geſicht des jungen Mannes fuhr—„in dem Falle allerdings— doch iſt ein ſolcher Fall nicht denkbar.“ „O, er iſt ſehr denkbar, mein Herr,“ verſetzte der junge Mann in lebhaftem Tone,„gewiß, ich werde Jemand finden, der meine Identität beweiſen kann— denn meiner Verhaftung kann nur eine Verwechslung zu Grunde liegen— ich werde Jemand finden, der für mich bürgt.“ „Das müßte eine ſehr reſpektable Perſon ſein.“ „Ah, ich weiß, wer für mich bürgt— kennen Sie Herrn Schimon, Beſitzer der Vier Jahreszeiten?“ „Gewiß,“ lächelte der Polizeikommiſſär,„und in dem für mich unglaublichen Falle, daß Herr Schimon eine Bürgſchaft für Sie übernehme oder daß er Sie perſönlich kennt, daß er überzeugt iſt, Sie ſeien in der That Herr——“ „Eugen Stollberg aus Frankfurt am Main.“ — Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. 145 „Richtig— daß Sie dieſer Herr Stollberg wirklich ſind, ſo würde ich keinen Augenblick Anſtand nehmen, Sie unter der vor⸗ trefflichen Obhut des Herrn Schimon zu laſſen und Ihnen oben⸗ drein noch meine Entſchuldigung machen.“ „Gut! fahren wir nach den ‚Vier Jahreszeiten“— ich bitte Sie dringend darum.“ „Ich will Ihnen dieſe Bitte nicht abſchlagen— obgleich ich überzeugt bin, daß wir einen vergeblichen Umweg machen.“ „Aber ſagen Sie mir um's Himmels willen, wenn ich nicht Eugen Stollberg aus Frankfurt am Main bin, wer ſoll ich denn eigentlich ſein?“ „Der Herr, welcher in Begleitung jener Dame reist.“ „Sie kennen die Dame?“ „Nein. Die Dame iſt uns ſehr gleichgültig.“ „Aber der Herr?“ „Nun— der Herr,“ erwiederte der Polizeikommiſſär mit einem eigenthümlichen ſehr freundlichen Lächeln,„reist mit jener Dame und trägt einen hellgrauen Paletot und einen rothen Shawl, deſſen Ende er die Gewohnheit hat, über die rechte Schulter zu werfen.“ „Alle Teufel! mir geht ein Licht auf!— Ich, der ich glaubte, ein ſo deliciöſes Abenteuer gefunden zu haben, bin zum Beſchluß deſſelben in die Hände der Polizei gerathen— aber kommen Sie nach den ‚Vier Jahreszeiten:— kommen Sie ſo raſch als möglich.“ Sie verließen das Zimmer des Bahnhofgebäudes zu Zwei und den Bahnhof ſelbſt zu Drei; denn der breitſchulterige Gendarm folgte ihnen und ſetzte ſich auf den Bock eines ſchon bereitſtehenden Wagens. Dann fuhren ſie davon zu einem Seitenausgange hinaus, um bei der Hauptfront des Gebäudes, wo ſich die Einſteighalle und Reſtauration befindet, vorüberzufahren. G —— War es Täuſchung— war er geblendet von den Lichtern der Gasflammen, oder war ſie es wirklich, die Gräfin 146 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. Mathilde Patasky, die dort oben unter der Säulenhalle ſtand, neben ihr das großkarrirte Ungeheuer, mit demſelben lachend und plaudernd— ja, ſie war es— ſie waren es Beide und ihm ſchien es, als blicke ſie den vorüberrollenden Wagen an. Nein, das war zu arg; er mußte hin zu ihr; ſie und der Großkarrirte ſollten ihm Rede ſtehen. Und da Herr Stollberg ein junger Mann von raſchen Entſchlüſſen war und ſtets breit, dieſelben ohne Säumen auszuführen, ſo öffnete er haſtig den Wagenſchlag, um hinauszuſpringen. Doch fühlte er ſich plötzlich von einer kräf⸗ tigen Hand am Kragen gepackt und vernahm die Stimme des Polizei⸗ kommiſſärs neben ihm, der ihm aber nicht in dem freundlichen und wohlwollenden Tone wie früher ſagte:„Herr, laſſen Sie Ihre Dummheiten unterwegs. Sie verſprachen mir, ſich ruhig und an⸗ ſtändig aufzuführen, und zum Dank dafür, daß ich Ihnen geglaubt, wollen Sie mir entwiſchen.“ „Herr!— ich habe keine Urſache, zu entwiſchen.“ „Herr!— mäßigen Sie ſich oder ich laſſe halten und lege Ihnen Handſchellen an.“ „Mir Handſchellen?“ „Für Ihren Fluchtverſuch.“ „Es iſt mir durchaus nicht eingefallen, zu entfliehen; dieſe Vermuthung iſt höchſt lächerlich. Dort vor der Eiſenbahn ſah ich jene Dame ſtehen, um derentwillen ich verhaftet wurde, und, neben ihr dieſen verfluchten großkarrirten Kerl, der mich mit ſeiner Fahnen⸗ wacht ſchon genug malträtirt hat— thun Sie mir den Gefallen und laſſen Sie mich einen Augenblick hin, um Beide zur Rede zu ſtellen.“ „Thun Sie ſich und mir den Gefallen, ruhig zu bleiben— es iſt das Geſcheidteſte, was Sie thun können— zwingen Sie mich nicht, mit Ihnen hart umzugehen und Sie, ohne bei den Vier Jahreszeiten⸗ anzuhalten, auf die Polizeidirektion, ab⸗ zuliefern.“ „Das wäre entſetzlich!— Gut denn, ich will ruhig ſein.“ Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. Bei dieſen Worten warf ſich der junge Mann, ſo ergeben in ſein Schickſal als ihm möglich war, in die Wagenecke zurück. Endlich hielt die Droſchke. Die nervenerſchütternde große Gaſthofsglocke erklang und in einem Kreiſe von ſechs eleganten Kellnern ſtand Herr Schimon vor der Treppe ſeines Hotels, um die ankommenden Gäſte zu empfangen, die zu ſeinem großen Befremden mit Gendarmenbegleitung anrückten. Da aber Nie⸗ mand den Wagen verließ, ſo trat der gefällige Wirth auf das Trottoir, um ſich dieſe ſeltſame Erſcheinung in der Nähe zu be⸗ trachten. „Guten Abend, Herr Schimon,“ ſagte der freundliche Beamte im Wagen. „Ahl— Herr Polizeikommiſſär— womit kann ich dienen?“ „„Ich habe hier einen jungen Herrn bei mir, welcher von Ihnen genau gekannt ſein will; bitte, betrachten Sie ihn.“ „Ahl Das iſt ja Herr Stollberg aus Frankfurt.“ „In der That? Sie kennen ihn alſo?“ „Wie mich ſelber, Herr Polizeikommiſſär.“ „Und Sie irren ſich nicht?“ „Durchaus nicht— ich kenne Herrn Stollberg ſowie auch deſſen höchſt achtbare Familie auf's Genaueſte.“ „Und wollen jede Bürgſchaft übernehmen, daß dieſes in der That Herr Stollberg iſt?“ „Jede, welche Sie verlangen.“ „Das. iſt ſehr unangenehm!“ ſagte der Beamte mit einer ver⸗ drießlichen Miene. „Nein, das iſt ſehr angenehm!“ rief der junge Mann, indem er mit einem raſchen Satze aus dem Wagen ſprang und dem freundlichen Hotelbeſitzer herzlich dankend die Hand ſchüttelte. Auch der Polizeikommiſſär ſtieg aus dem Wagen, aber ziem⸗ lich langſam, bedächtig und kopfſchüttelnd. „Ich muß um Entſchuldigung bitten,“ ſagte er alsdann; 148 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. „aber wer hätte das auch denken können! Alles die elegante Dame, Ihre Geſtalt, Ihr Anzug.“ „Hol' der Teufel dieſen Anzug! es iſt ja nicht der meinige — aus Artigkeit gegen jene Dame zog ich ihn an und um beſſer die Hände frei zu haben, deren Gepäck zu tragen.“ „Aber wem gehört denn dieſer hellgraue Paletot und das rothe Tuch?“ „Dem Bruder der Gräfin, Mathilde Patasky.“ „Ah was, Gräfin Patasky— ſahen Sie während der Fahrt hieher nicht, ob die Dame ſonſt mit einem Paſſagier verkehrte?“ „Während der Fahrt nicht; aber vorhin, erinnern Sie ſich, Herr Polizeikommiſſär, als Sie mir Handſchellen anlegen wollten, ſtand jene Dame auf der Treppe vor der Einſteighalle mit dem Großkarrirten.“ „Wer iſt der Großkarrirte?“ „Ein höchſt langweiliger Kerl, der an einem fort die Fahnen⸗ wacht pfeift und zuerſt in einem Coupé mit mir ſaß, ehe ich mich durch die Schönheit meiner intereſſanten Bekanntſchaft verführen ließ, meinen ſeitherigen Platz zu verlaſſen.“ „Ich hätte die Dame ebenfalls arretiren ſollen,“ ſagte der Polizeikommiſſär mit einem nachdenklichen Kopfſchütteln;„aber ich hatte keinen Befehl dazu; doch wollen wir thun, was in unſerer Macht ſteht— erinnern Sie ſich genau der Kleidung der Dame?“ „Ziemlich genau— ſie hatte ein Kleid von ſchwerem grauem, ſich ſehr weich anfühlenden Seidenſtoffe an, darüber einen weiten, braunen Mantel, deſſen Enden ſie mit außordentlicher Geſchicklich⸗ keit über die linke Schulter zu ſchlagen verſtand.“ „Wie ihr Begleiter es mit dem rothen Halstuch in entgegen⸗ geſetzter Richtung zu machen pflegt.“ traf ich ſo genau, „Auf dem Kopfe trug ſie ein ſogenanntes Koſſuthütchen von ſchwarzem Sammet— aber wer iſt jene Dame, Herr Polizei⸗ kommiſſär?“ — — Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. „Ich kann Ihnen das mit Beſtimmtheit nicht ſagen.“ „Und ihr Begleiter, für den ich gehalten wurde?“ „Iſt ein ganz infamer Kerl— ein Hauptſchwindler, welcher die deutſche Polizei mit einer Geſchicklichkeit an der Naſe herumführt, die einer beſſeren Sache werth wäre.“ „Es iſt ohne allen Zweifel der Großkarrirte— tröſten Sie ſich mit mir, Herr Polizeikommiſſär— ich wurde ärger an der Naſe herumgeführt, wie Sie, und ließ mich freiwillig herumführen, während dieß Ihr Dienſt mit ſich brachte.“ „Bitte, Herr Stollberg, beſchreiben Sie mir ein wenig den Großkarrirten.“ „O, wie geſagt, ein höchſt langweiliger Kerl, der beſtändig die Fahnenwacht pfeift.“ „Das ſind nur innere Vorzüge deſſelben. Wie aber ſah ſein Aeußeres aus?“ „Nun ſein Anzug, um von unten anzufangen, Gamaſchen, Beinkleider, Weſte, Rock, Reiſemütze, ich glaube wahrhaftig, auch ſein Taſchentuch beſtand aus einem großkarrirten wollenen Stoffe, in welchem auf hellgrauem Grunde Dunkelgrau und Dunkelblau vorherrſchend waren— daß er von meiner Geſtalt war, wiſſen Sie, aber ich ſchmeichle mir eines intereſſanteren, mindeſtens viel offeneren und ehrlicheren Geſichtes; er hatte höchſt moquante Züge um die Lippen und ſeine kleinen, ſtechenden Augen klinäilten unruhig unter buſchigen Augenbrauen hervor.“ „Ich danke Ihnen— aber dieſer Ehrenmann iſt wie ein Chamäleon. Von Stuttgart reiste er ab in hellgrauem Paletot und rothem Halstuch: hier finden wir ihn großkarrirt, und wer weiß, ob er nicht in einer andern Station in gelben Lederhoſen und blauer Blouſe ausſteigt.“ „Wollen Sie nicht mit mir ſoupiren, Herr Polizeikommiſſär?“ „Unmöglich— ich muß noch einen Bericht machen— wünſche vergnügten Abend.“ 150 Ein Eiſenbahn⸗Abenteuer. Bald nachher ſaß Herr Stollberg mit ſeinem freundlichen Wirth im behaglichen Speiſeſaal der Vier Jahreszeiten, ſoupirte ausge⸗ zeichnet und trank dazu einen vortrefflichen Wein. Und als er ſpäter eine Cigarre anzündete, konnte er ſich der Frage nicht ent⸗ halten:„Wo mag jetzt wohl die ſchöne Gräfin Patasky ſein?“ Eine Frage, die faſt im ſelben Augenblick auch der Polizei⸗ kommiſſär Wildhuber an ſich that, nachdem er nach verſchiedenen Richtungen hin per Telegraph ein und einem halben Dutzend ſeiner verehrlichen Kollegen eine junge Dame im grauen Seidenkleide, braunem Mantel und Koſſuthut, ſowie deren Begleiter, wahrſcheinlich in einem Anzuge von großkarrirtem Stoffe, in dem die Farben hellgrau und blau vorherrſchend waren, beſtens empfohlen und dringend an ihr fürſorgliches Polizeiherz gelegt hatte. Am Herdfeuer. I⸗ iſt eine kalte Winternacht. Der Mond am Himmel bil⸗ dete eine ſcharfe, glänzende Sichel, und rings um ihn her funkelten die Sterne ſo klar und leuchtend, daß man hätte glauben ſollen, ſie hätten heute ganz beſonders eingeheizt, um nicht gleichfalls zu frieren wie die Erde mit ihren Bewohnern, von welchen indeſſen am heutigen Abend ſehr wenig auf den Straßen der Reſidenz, von der wir zu erzählen die Ehre haben, ſichtbar waren. Die aber, welche nach Hauſe gingen oder vielleicht noch ſo ſpät ihrem Ge⸗ ſchäfte oder dem Vergnügen nachliefen, thaten dieß mit einer außer⸗ ordentlichen Eilfertigkeit, die Hände in irgend einer Taſche ver⸗ graben, die Schultern hoch emporgezogen, Hals und Geſicht bis zur Naſe mit einem dicken Tuche verwahrt. So huſchten ſie vorüber im leichten Röckchen, im dicken Paletot und Mantel oder im warmen Pelze, und wo ihr Fuß die Erde betrat, da knirſchte der getretene Schnee mißmuthig, denn er war in ſeinem Rechte, im Rechte des Winters. Auch dahinrollende Equipagen erregten den Unmuth dieſes Schnees, denn wo die Räder denſelben durchſchnitten, da heulte er förmlich ingrimmig auf.— Ja, es iſt eine recht kalte Winter⸗ nacht, in der jedes lebende Weſen ſo bald als möglich unter Ob⸗ Am Herdfeuer. dach zu kommen ſucht, wo Jeder dahineilt, haſtig wie eine Loko⸗ motive, eingehüllt in den Dampf des eigenen Athems oder dem einer brennenden Cigarre, wo uns der Bart zu Eiszapfen friert, und wo wir noch fern von unſerer Wohnung mit einigem Neide jedes freundlich erhellte Fenſter betrachten, indem wir uns lebhaft die Glücklichen vorſtellen, die dort in der angenehm erwärmten Stube ſitzen. 3 Ja, es iſt ſchneidend, bitter kalt, und wir würden uns ein Gewiſſen daraus machen, dem geneigten Leſer zuzumuthen, uns in einer ſolchen Nacht zu folgen, wenn wir nicht die Abſicht hätten, wie auch ſchon der Titel unſerer Geſchichte beſagt, ihn irgend wohin zu führen, wo er von der Kälte und Unbehaglichkeit einer Winter⸗ nacht durchaus nicht beläſtigt wird. Wir ſtehen vor einem großen, maſſiven Gebäude, das von vier rieſigen Eckthürmen flankirt iſt, einem alten Schloſſe, deſſen trotziges, ernſtes, geharniſchtes, nächtlich düſteres Ausſehen einigermaßen ge⸗ mildert wird durch ein paar glänzend erleuchtete Fenſter neben den ebenfalls erhellten breiten Thorwegen, noch mehr aber durch eine jüngere Nachbarſchaft, einem eleganten, reich verzierten Schloßgebäude aus der Jetztzeit, vor deſſen Eingang Pechfackeln lodern und deſſen lange Fenſterreihe im erſten Stock einen leuchtenden Lichterſchein in die Nacht hinauswerfen und welcher ſpiegelnd widerſtrahlt in dem Waſſer eines ſchmalen Flüßchens, deſſen reißender Lauf bis jetzt der Eisfeſſel des Winters ſpottete. Das alte und das neue Schloß ſind durch eine brückenartige Gallerie mit einander verbunden, und da dieſe Gallerie, die aus Eiſen und Glas beſteht, ebenfalls hell erleuchtet iſt, ſo ſieht das aus, als wölbe ſich eine Feuerbrücke hoch in der Luft von einem der großen Gebäude zum andern, ein recht hübſcher Anblick, der aber für heute Abend keinen Zuſchauer findet, ebenſowenig wie die rauſchenden Klänge der Tanzmuſik Zuhörer haben außerhalb der Mauern des neuen Schloſſes. Auch wir laſſen uns weder durch Muſik noch durch Lichterglanz Am Herdfeuer. blenden, näher heranzutreten, ſondern wenden uns dem Thorwege des älteren Gebäudes zu und ſteigen innerhalb deſſelben auf einer breiten, geraden Treppe in den erſten Stock, ungefähr in gleicher Höhe mit der obenerwähnten Gallerie, und treten dort in ein ge⸗ räumiges Vorgemach, welches an allen vier Wänden mit Schränken verſehen iſt und von wo wir in einen zweiten Raum gelangen, der faſt ein kleiner Saal zu nennen iſt, deſſen Decke aus einem einzigen ſoliden Gewölbe beſteht und in deſſen Mitte wie ein mächtiger Altar oder Opferſtein der große Küchenherd ſteht. Derſelbe iſt gebaut aus weißen Fayenceplatten, bedeckt mit einer koloſſalen Platte von mattblinkendem Eiſen, und ſeine Thüren, Waſſerwärmer, Deckel beſtehen aus blankem, röthlichem Kupfer. Drüben im neuen Schloſſe iſt Hofball, und da das Souper vorüber iſt, ſo ſind die Feuer des großen Herdes in der Mitte des Raumes am Abglühen, während ein kleinerer Herd in der Ecke, wo Punſch und Glühwein bereitet wird, noch in jugendlicher Hitze ſtrahlt. Wer hier das geſchäftige Treiben noch vor einer Stunde ſah, wo der Obermundkoch, das Ganze überwachend, vor einem der Anrichttiſche an der langen Wand thronte, das mächtige Tran⸗ ſchirmeſſer wie ein Szepter ſchwingend, angeſtrahlt von dem praſ⸗ ſelnden Feuer, 3 ſchön und prächtig wie blut'ger Nordlichtſchein, als die Köche erſten und zweiten Ranges noch in raſtloſer, ſchwitzen⸗ der Thätigkeit waren, als in dieſer großen Küchenſchlacht überall die ſilbernen Gefäße und Teller wie Pelotonfeuer klangen, während die zuklappenden Deckel der großen Kaſſerolen das ſchwere Geſchütz⸗ feuer dazu bildeten, während das Auge zitternder Küchenjungen an dem geſtrengen Blick des Herrn und Meiſters hing oder dieſe ſich auch zuweilen in anerkennenswerther Schnelligkeit aus dem Staube machten, um einer klatſchenden Ohrfeige zu entgehen, während das niedere Schloßperſonal ruhig und erwartungsvoll wie eine alte Am Herdfeuer. Garde im Feuer ſtand— ja, wer alles das noch zu einer Stunde geſehen hatte, dem mußte die königliche Küche jetzt wie eine Stätte des tiefſten Friedens vorkommen— wie eine Wahlſtatt nach ge⸗ wonnener Schlacht. Das kochende Waſſer in der Ecke ſummte ſo ſanft und behaglich, die leuchtenden Kaſſerolen ſtanden nach gethaner Arbeit ſo ſtill und friedlich bei einander, und der Koch, der unter Beihülfe einiger Küchenjungen Notizen in das große Buch einträgt, erſcheint uns wie der Kommandant einer Feldwache, und es klingt uns ſo außerordentlich paſſend, daß er dazu die Melodie des ſchönen Liedes: „Steh' ich in finſt'rer Mitternacht“ leiſe vor ſich hinpfeift. Ja, dieſes Feld der Ehre, die königliche Hofküche, iſt in dem Augenblick, wo wir eintreten, ziemlich verödet, und der Genera⸗ liſſimus ſämmtlicher Küchenbatterien hat ſich in ein kleines Nebenge⸗ mach zurückgezogen, wo er in behaglicher Beſchaulichkeit vor einem lodernden Kaminfeuer ruht. Der erſte Mundkoch Seiner Majeſtät und Oberküchenmeiſter iſt ein Mann in den Fünfzigern— eine große und breite wohl⸗ genährte Perſönlichkeit mit einem würdevollen Geſichte, deſſen röth⸗ liche Farbe noch ganz beſonders hervorgehoben wird durch die weiße Mütze, die ſein Haupt bedeckt, durch ein weißes Halstuch von feinem Battiſt und durch eine weiße Jacke von dem allerfeinſten engliſchen Piqué, zu deren Taſche auf der rechten Seite als angenehme Ab⸗ wechslung ein rothſeidenes Tuch herausſchaut. Der Großwürdenträger iſt indeſſen nicht allein— neben ihm ſteht einer der erſten Köche und in der Ecke an einem Tiſchchen be⸗ findet ſich ein Küchenjunge, der den warmen, ſüßduftenden Punſch in einer kleinen zierlichen Kryſtallbowle mit einem goldenen Löffel langſam umrührt.. Der Oberküchenmeiſter, Herr Brezelberger, hatte die Hände Am Herdfeuer. zuſammengefaltet und nickte ſtill lächelnd mit dem Kopfe, während er zu dem erſten Koche ſagte:„Ich bin überzeugt, daß Seine Ex⸗ cellenz, der Herr Oberſthofmeiſter, heute nach dem Souper um ſich geſchaut hat, als wollte er ſagen: ‚Nun, hat ſich meine Küche nicht mit Ruhm bedeckt?“ und, mein lieber Stepper! wir haben uns mit Ruhm bedeckt— ich habe noch keinen Rapport von drüben be⸗ kommen, aber Sie werden ſehen, ob bei unſerem heutigen Souper bei aller vornehmen Einfachheit eine außerordentliche Feinheit ver⸗ kannt werden kann— ah, da iſt Georg! komm' nur herein, Georg, und laß hören, was Du uns zu ſagen haſt.“ Georg, der unter der Thüre erſchienen war und nun näher trat, war ein junger Lakei von einem angenehmen Aeußern und einem ſchlauen, glatten Geſichte. „Nun, wie war's drüben?“ „Ganz vortrefflich, Herr Oberküchenmeiſter! Seine Majeſtät, der K—* „St!“ machte der Großwürdenträger der Küche, indem er die rechte Hand emporhob und ſeine weiße Mütze ein wenig lüftete— „Seine Majeſtät der König, für den ich nun ſchon ſeit dreißig Jahren zu kochen die Ehre habe, iſt natürlicher Weiſe in allen Dingen die erſte Perſon und ich hoffe zu Gott, daß das Souper des heutigen Balles von Allerhöchſtdemſelben leicht und angenehm verdaut werden möge. Aber wie Seine Majeſtät in allen Dingen ein gnädiger, gütiger Herr ſind, ſo glaube ich auch, daß Höchſt⸗ dieſelben es durch keine Miene kund thun würden, wenn unſer Sou⸗ per nicht ganz vortrefflich geweſen wäre.“ „Auch Seine Excellenz, der Herr Oberſthofmeiſter, ſchienen ſehr zufrieden.“ „Das glaube ich wohl!“ entgegnete Herr Brezelberger mit großer Würde,„und wenn ich meinen hohen Chef in allen Dingen anerkenne und verehre, ſo—“ „Doch da kommt Friedrich und ſein ſtrahlendes Geſicht zeigt 15⁵6 Am Herdfeuer. mir an, daß er mir eine gute Nachricht zu bringen hat— nun, mein Sohn!“ rief er dem Eintretenden haſtig entgegen,„warſt Du auf Deinem Poſten, wie ich Dir befohlen, und wie fand man unſer Souper?“ „Alle Welt war darüber entzückt, Herr Oberküchenmeiſter.“ „Alle Welt?“ ſagte Herr Brezelberger mit einem mißbilligen⸗ den Kopfſchütteln—„was kümmert mich alle Welt?— alle Welt iſt eine große Maſſe, von der Dreiviertel nicht weiß, ob ſie von einer Poularde oder von einem Kapaunen ißt, und welche Trüffeln von Trüffeln nicht zu unterſcheiden vermag.“ „Dann, als die Tafel aufgehoben wurde, befand ich mich in der Nähe Seiner Excellenz, des Herrn Miniſters des Auswärtigen, als dieſelben mit dem franzöſiſchen Geſandten ſprachen und dabei dem alten Herrn Baron von Rotteck die Hand reichend—“ „A—ahl jetzt ſind wir auf der rechten Höhe, da haben wir drei Kenner.“ „Seine Excellenz ſagten: ein vortreffliches Souper!’, worauf der franzöſiſche Geſandte bemerkten: ſogar Mr. Tailland— „Talleyrand wird er geſagt haben?“ „Ja, ja! ‚Monſieur Talleyrand müßte zugeſtehen, daß wir nicht zu Nacht geſpeist, ſondern ſoupirt haben.““ „Und der alte Herr Baron von Rotteck?“ „Fügte hinzu: ‚meine Herren! es wäre Wahnſinn, für zwei⸗ hundert Perſonen ein feines Souper zu verlangen; was aber darin geleiſtet werden kann, hat mein alter Freund, Herr Brezelberger, geleiſtet.“ Der Oberküchenmeiſter blickte mit einem gerührten Lächeln an die Decke des Gemaches empor; dann ließ er ſich ein Glas Punſch geben und trank mit halb zugeſchloſſenen Augen auf das Wohl des Herrn Barons von Rotteck. 1 „Das iſt ein Mann,“ ſagte er hierauf,„der ſeine Beſtimmung verfehlt hat— ein Talent, ein Genie! ich werde es ihm nie Am Herdfeuer. 1⁵7⁷ vergeſſen, als er mich eines Tages beſuchte, ganz allein in der Abſicht, um mir den vortrefflichen Rath zu geben, Cotelettes à la Soubiſe, ehe ſie ſervirt würden, zwei Minuten lang in eine heiße Kaſſerole zu ſtellen, die ſorgfältig mit Knoblauch ausgerieben worden— ich that es und machte dadurch Cotelettes à la Soubiſe, durch den feinen Beigeſchmack, den ſie auf dieſe künſtleriſche Behandlung hin bekamen, zu einem Lieblingsgericht.“ „Erſtaunlich!“ erlaubte ſich Herr Stepper zu ſagen, und die beiden Lakeien, die in ehrerbietiger Entfernung ſtanden, bewegten ihre Lippen, als erlaubten ſie ſich, einen ähnlichen Ausdruck des Erſtaunens wenigſtens zu murmeln. „Ich ſage Ihnen, ein Genie!“ fuhr der Oberküchenmeiſter mit Begeiſterung fort;„iſt dieſer Herr Baron von Rotteck doch auch ſchuld daran, daß ich die Tonnert⸗Sauce durch einen Tropfen zur höchſten Vollkommenheit gebracht, ein Geheimniß, welches ich jahre⸗ lang bewahrte, bis es mir endlich durch die Niederträchtigkeit eines mich belauſchenden jungen Mannes, dem ich mein Vertrauen ge⸗ ſchenkt, entwendet wurde. Es wäre mein Stolz,“ ſetzte Herr Brezel⸗ berger mit kummervoller Miene hinzu,„dieſes Geheimniß mit in's Grab zu nehmen— ja, ich hätte es über mich vermocht, eine ſolche Untreue an Seiner Königlichen Majeſtät, meinem ſonſt ſo viel⸗ geliebten Herrn, zu begehen!— Jeder Menſch hat ſchwache Stunden, ſelbſt ein Oberküchenmeiſter, und in einer ſolchen ſchwachen Stunde kam es mir ungemein tröſtlich vor, im Geiſte vorwärts zu ſchauen in eine noch ferne Zeit und künftige Oberküchenmeiſter in gelinder Verzweiflung zu erblicken, daß das Rezept zur echten und wahren Tonnert⸗Sauce verloren gegangen ſei. Von Herrn Baron von Rotteck war ich überzeugt, er hätte das Geheimniß des Tropfens aufgelöster Assa foetida, ein Geheimniß, das er, durch lang⸗ jähriges Studium entdeckt, keinem andern Sterblichen anvertraut; denn wie er oft ſagte, zwiſchen ihm, einem großartigen Genie, und mir beſtehe eine unläugbare Wahlverwandtſchaft.“ Hackländer's Werke. 51. Bd. 11 Am Herdfeuer. Nach dieſer langen und ſchönen Rede, von der übrigens der Koch, Herr Stepper, ſehr wenig und die Lakeien gar nichts ver⸗ ſtanden hatten, ließ ſich Herr Brezelberger ein neues Glas Punſch eingießen und befahl ſeinem kleinen Pagen in weißem Anzuge, dem erſten Koch ebenfalls ein ſolches zukommen zu laſſen. Die beiden Lakeien wurden durch eine erhabene Handbewegung entlaſſen, nachdem Friedrich noch bedeutet worden, den Herren Kammerdienern im Ballſaale zu verſtehen zu geben, daß hier ein gutes Glas Punſch in einem angenehmen Winkel ihrer warte. „Finden Sie den Punſch gut, Herr Oberküchenmeiſter?“ fragte der erſte Koch, nachdem er einen tüchtigen Schluck zu ſich genommen; worauf der Großwürdenträger des innern Dienſtes ſeinen Mund ſpitzte, die unruhig umherblickenden Augen ſchloß und nach einem leichten Schnalz mit der Zunge erwiedert:„Gut iſt ein ſehr weiter Begriff, Herr Stepper— es iſt ein Punſch, wie ihn wohl wenige der Herrſchaften, die drüben ſind, bei ſich erhalten mögen. Der Geſchmack deſſelben iſt gerade nicht unwürdig, es iſt darin ſogar ein guter Gedanke vorherrſchend; doch finde ich immer noch nicht,“ fügte er kopfſchüttelnd und mit einer wehmüthigen Miene bei, „die Zuthat, welche bis jetzt jedem Punſch mangelt, um ihn auf den höchſten Punkt der Vollkommenheit zu bringen— ich habe große Verſuche damit angeſtellt, ohne zu einem glücklichen Reſultate zu gelangen.“ Der erſte Koch nickte ſtillſchweigend mit dem Kopfe. „Einmal war ich nahe daran, eine großartige Erfindung zu machen; es war bei einem Herbſtfeſte, wo durch die Unvorſichtigkeit eines Küchenjungen— eines dieſer Rangen, die Gott zu unſerer Zuchtruthe erſchaffen— ein ganzes Packet Feuerwerk in Brand gerieth und zwar in einem kleinen Pavillon, wo ich für die aller⸗ höchſten Herrſchaften eigenhändig einen Punſch zubereitet. Daß wir uns Alle in's Freie retteten, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen, muß aber hinzufügen, daß die Fenſter und Thüren des Am Herdfeuer. 159 beſagten kleinen Pavillons ſorgfältig verſchloſſen wurden, um die Flammen zu erſticken.“ „Das hätte ja ein ſchreckliches Unglück werden können, Herr Oberküchenmeiſter!“ „Ja, mein Freund, ich war nahe daran, zu verbrennen, wäh⸗ rend ich in meinem Amte beſchäftigt war, wäre alſo in doppelter Beziehung ein Märtyrer geworden, vielleicht der heilige Brezel⸗ berger!“ „Der künftige Schutzpatron aller Köche.“ „Doch es kam anders. Als wir nach einer guten Viertel⸗ ſtunde den Pavillon wieder öffneten, fand ſich, daß außer dem Feuerwerk eigentlich ſo gut wie gar nichts verbrannt war, und auf dem Herd dampfte der Punſch eben ſo gemüthlich, wie ich ihn verlaſſen. Denken Sie aber mein freudiges Erſchrecken, Herr Stepper, als ich nun dieſen Punſch verſuchte und an demſelben einen ſo eigenthümlichen, nicht unangenehmen— wie ſoll ich mich ausdrücken— militärfeldzüglichen Geſchmack entdeckte— die Blume des Pulverdampfes verbunden mit dem Geruch und Geſchmack der feinſten Orange— ich hätte die ganze Bowle austrinken können, ſo entzückt war ich über dieſen pikanten Geſchmack— ich ließ ihn ſerviren, und während Seine Majeſtät davon tranken, ſchlich ich mich ſo raſch als möglich an Höchſtdieſelben heran, wo ich dann hörte, wie der König zu dem Oberſtſtallmeiſter ſprach: ‚General, geht es Ihnen wie mir? Ich weiß nicht, warum mich der Ge⸗ ſchmack dieſes Punſches an das Gefecht bei Montereau erinnert, wo mir Ihre kleine Feldflaſche einen ſo guten Dienſt leiſtete.““ „Aber die Damen des Hofes, Herr Oberküchenmeiſter, wie fanden die Ihren Punſch?“ „Nicht ſo ſchlecht, denn Alle tranken wiederholt davon— vielleicht erinnerten ſie ſich dabei anderer Vorfälle, die mit Militär und Gefecht in Verbindung zu bringen waren— der Herr Baron von Rotteck aber ſuchte mich auf, reichte mir die Hand und ſagte: 160 Am Herdfeuer. „Brezelberger, wenn das nicht ein Zufall war, ſo ſind Sie in der That ein großer Mann, ein ausgezeichneter Künſtler.“— Aber kalder war es Zufall und ein Zufall, den ich mir trotz des größten Raffinements nicht mehr denkbar machen konnte. Ich verſuchte Alles, ohne dieſen wunderbaren Geſchmack wieder hervorbringen zu können— er iſt leider für die Wiſſenſchaft verloren.“ „Schade— ſehr ſchade!“— ſprach Herr Stepper nach einem unterdrückten Seufzer und im Tone tiefer Rührung. „Gehen wir darüber hinweg— es iſt einmal nicht anders— apropos!— haben Sie unſern jungen Menſchen von Paris heute Abend bei der Arbeit beobachtet— verſpricht er etwas?“ „O ja, Herr Oberküchenmeiſter— er iſt von großer Hand⸗ fertigkeit, faßt Alles ſicher und elegant an und hat, ſo viel ich bemerkte, kaltes Blut und Geiſtesgegenwart.“ „Zwei Haupterforderniſſe für unſere Kunſt, mein lieber Herr Stepper, kaltes Blut und Geiſtesgegenwart. Es ſind dieß Eigen⸗ ſchaften, welche die Herren Militärs ſo gerne für ſich allein in Anſpruch nehmen, und doch kann ich Sie verſichern, daß das Ge⸗ fchick großer Reiche und Länder eben ſo oft in die Hand eines kaltblütigen Koches gegeben iſt, als in die eines großen Staats⸗ mannes oder tapfern Feldherrn.— Wie Sie mich da ſehen, Herr Stepper, ſo war ich als ein junger Koch beim Aachener Kongreß im Hauſe des Fürſten Metternich angeſtellt, und eines Tages vor einer wichtigen Sitzung gaben Seine Durchlaucht vier bis fünf bedeutenden Herren ein kleines freundſchaftliches Frühſtück. Der Chef der Küche war ein alter Franzoſe, allerdings von großen Fähigkeiten, der aber den einzigen Fehler hatte, daß er gern Ab⸗ ſynth trank und dann die Sache etwas leicht nahm— merken Sie wohl auf— ich ſage nicht ohne Grund Abſynth, denn in einem der Küchenſchränke befand ſich ſtets eine Flaſche voll Extrakt dieſes ſtarken Getränkes.. „Der Haushofmeiſter Seiner Durchlaucht hatte nicht ohne d H Am Herdfeuer. Abſicht ein kleines, aber ganz außerordentliches Dejeuner anbefoh⸗ len— ich erinnere mich des Menus nimmer genau, weiß aber, daß wir zum Entrée Poulets sautés à la régence hatten, eine Platte, deren Sauce Herr Blazin, unſer Chef de cuisine, ſelbſt zu bereiten pflegte; das Entrée iſt ſoeben ſervirt worden, als der Haushofmeiſter bleich in die Küche ſtürzt und Herrn Blazin zu⸗ flüſtert, Fürſt Talleyrand habe beim Geruch der Sauce verächtlich mit dem Kopfe geſchüttelt— denken Sie ſich, was Herr Blazin, der bereits zu viel Abſynth getrunken, dem Haushofmeiſter zur Antwort gibt?— er mit ſammt dem Fürſten Talleyrand ſollen zum Teufel gehen!— doch jetzt geben Sie acht, was Geiſtesgegen⸗ wart und Kaltblütigkeit auszuführen vermag: ich erhaſche wie im Fluge die Kaſſerole mit der übrigen Sauce, ich tauche meinen Finger hinein, muß ſie aber allerdings etwas matter finden, als die Sauce des Herrn Blazin in der Regel zu ſein pflegte, ich ſchaue in Verzweiflung um mich her, was noch dazu zu thun wäre, ſetze raſch ein wenig glace de viande und ein paar Löffel Trüffeleſſenz bei— alles bekannte Dinge, die nicht im Stande ſind, einer Sauce einen außerordentlichen Geſchmack zu geben; da erblicke ich die Abſynthflaſche des Herrn Blazin, rühre auch davon, wie auf eine höhere Eingebung, einen Löffel voll hinein, fange mir mit einem einzigen Griff ver Hand eine ſilberne Saucidère, gieße die Sauce ein und drücke ſie dem erſtaunten Haushofmeiſter in die Hand. Dieſer ſtürzt in den Speiſeſaal zurück und kommt nach einigen Minuten mit freudeſtrahlendem Geſicht wieder. Es war ihm gelungen, die neue Sauce zu ſerviren, und der Fürſt Talley⸗ rand hatte darauf geſagt, dieſe iſt nicht ganz à la régence, aber ſie iſt— vortrefflicher. „Der Haushofmeiſter, dem Thränen der Rührung in den Augen ſtanden, umarmte mich vor der ganzen Küche, und der Morgen meines Glückes war angebrochen, denn Seine Durchlaucht der Fürſt befahlen, daß die Sauce meiner Kompoſition fortan à la — 162 Am Herdfeuer. Brezelberger heißen ſolle; ein Name, der beſonders bei den Fran⸗ zoſen Aufſehen machte, weil ſie ihn gar nicht ausſprechen konnten.“ „Wie dankbar bin ich Ihnen für dieſe Belehrung und Mit⸗ theilung!“ rief der erſte Koch enthuſiaſtiſch aus;„doch wie ſchade iſt es, daß Sie dieſe wunderbare Sauce nicht mehr anfertigen laſſen!“ „Sie iſt veraltet, mein Lieber— aus der Mode gekommen, obgleich ich deßhalb durchaus nicht behaupten will, daß unſere heutigen Saucen beſſer ſeien— jede Zeit hat ihre großen Ereig⸗ niſſe— ſo der Aachener Kongreß und die Sauce à la Brezel⸗ berger.“ Indem öffnete ein Glied des niederen Küchenperſonals die Thüre zu dem kleinen Gemache, ſoweit es ihm möglich war, und ließ zwei Herren eintreten in hellblauen, filbergeſtickten Fräcken, weißen Halsbinden, ſchwarzatlaſſenen Kniehoſen und weißſeidenen Strümpfen, welche ſich dem Oberküchenmeiſter mit einer vertraulichen Ungezwungenheit näherten, demſelben die dargereichte Hand ſchüttel⸗ ten und ſich alsdann auf bequeme Lehnſtühle niederließen, die von dem anweſenden Küchenjungen eiligſt herbeigebracht wurden. „A— a—ah!“ ſagte der eine der Angekommenen, indem er ſich behaglich vor dem Kamine dehnte und die Füße ſo weit als mög⸗ lich von ſich ſtreckte,„das war ein heißer Abend, Gott ſei Dank, daß er vorüber iſt.“ „Ja, ja,“ meinte der Andere„man muß ſein bischen Leben ſauer genug verdienen; Ihr habt es doch hier ganz anders in Eurer behaglichen Küche.“ „Wir?“ gab Herr Brezelberger mit der Miene großen Er⸗ ſtaunens zur Antwort—„wir? Was ſagen Sie dazu, Herr Step⸗ per? Ich wünſchte nur, unſere beiden Freunde da hätten uns vor einer Stunde geſehen in der Hitze des Kampfes!“ „Ich will das glauben, doch ſind das nur wenige Augenblick.“ „Aber in denen ſich die Kraft und Energie eines ganzes Tages 4 Am Herdfeuer. konzentrirt— was ſteht bei uns hier nicht Alles auf dem Spiele— ſind wir nicht die Seele des Ganzen, die geheime, aber wichtigſte Triebfeder des ganzen Maſchinenwerkes, ‚Hof’ genannt— merken es zum Beiſpiel nicht die äußerſten Glieder, wenn wir eine Suppe ſerviren laſſen, die zu heiß iſt oder gar verſalzen? was übrigens unter unſerer Regierung noch niemals vorgekommen.“ „Es iſt allerdings etwas Wahres daran.“ „Viel Wahres, mein lieber Freund!— Kennen Sie das wichtigſte aller Sprüchwörter: ‚kleine Urſache— große Wirkung? Wiſſen Sie wohl, wie der innerſte Dienſt zu freundlichen Worten kommt bei Seiner Excellenz dem Herrn Oberſthofmeiſter, ja bei Seiner Königlichen Majeſtät ſelbſt? Wenn wir unſere Schuldigkeit gethan haben, wenn man vortrefflich geſpeist hat und— was daraus folgt, wenn die Verdauung ſanft und regelmäßig eintritt.“ „Sie ſind nicht nur ein ausgezeichneter Künſtler, lieber Brezel⸗ berger, ſondern auch ein großer Philoſoph!— und dieſer Punſch iſt ganz vortrefflich.“ „Noch beſſer als der, den wir drüben ſerviren ließen.“ Die beiden Kammerdiener, denn dieſe hohe Stelle bekleideten die Herren in den blauen, ſilbergeſtickten Fräcken, lächelten einander zu und erhoben darauf ihr Glas gegen den Großwürdenträger der Küche, ihm dergeſtalt ihre Ehrfurcht bezeigend. „Was gibt's Neues drüben?“ fragte Herr Brezelberger nach einer Pauſe—„was haben wir erlebt? viele heitere Geſichter gute Launen?“ „Im Allgemeinen, ja. Seine Majeſtät ſpielten mit dem öſter⸗— reichiſchen Geſandten, mit der Frau Geſandtin und der Oberſthof⸗ meiſterin Ihrer Majeſtät.“ „Das Letztere freut mich ganz beſonders, denn es gibt Leute, welche behaupten wollten, Seine Majeſtät würden in dieſem Winter nicht mehr mit der Oberſthofmeiſterin Ihrer Majeſtät ſpielen.“ 164 Am Herdfeuer. „Tanzten Ihre Majeſtät?“ „Ja, eine Francaiſe mit dem engliſchen Geſandten, wobei der⸗ ſelbe das Unglück hatte, der Prinzeſſin Mathilde, ſeinem vis-à-vis, auf die Schleppe zu treten.“ „So ein Engländer thut nichts ohne Abſicht;— wer weiß, ob er nicht beauftragt war, auf dieſe Art mit unſerem Hofe eine kleine Streitigkeit einzufädeln.“ „Das war überhaupt eine merkwürdige Francaiſe!“ ſagte der andere Kammerdiener.„Der Prinz Alfred refüſirte den Hoftheater⸗ Intendanten als vis-à-vis, wie ich den Adjutanten Seiner Hoheit erzählen hörte.“ „Aha!“ „Auch hörte ich mit eigenen Ohren, daß er ihm nach Be⸗ endigung des Tanzes ein paar pikante Worte ſagte. Seine König⸗ liche Hoheit finden nämlich, wie ich genau weiß, daß der Hof⸗ theater⸗Intendant die Signora Paolucci ſelbſt ein wenig ſtark protegirt.“ „Auch haben wir ein neues Brautpaar. Ich befand mich zu⸗ fällig bei dem neuen Springbrunnen im rothen Saale, der mit einem dichten Gebüſch von grünen Blumen umgeben iſt.“ „ Der Stolz Seiner Excellenz des Herrn Oberſthofmeiſters.“ „Ja. Und da vernahm ich die Worte: ‚ſprechen Sie mit meiner Mutter.“ „Ganz wie bei uns. Und wer ſind die Glücklichen.“ „Baron von Keller und Fräulein von Golding.“ „Ah= ſie iſt ſehr reich?“ ſagte lachend der Oberküchenmeiſter, „und der Herr Baron ſind ein wenig derangirt. In dieſem Falle ſagen die Franzoſen: un mariage pour fumer ses terres.“ „Das iſt gleichviel. Trinken wir auf das Wohl des Brautpaares.“ „Mit Vergnügen, denn man muß nie die Gelegenheit vor⸗ beigehen laſſen, ſeinen Nebenmenſchen etwas Angenehmes zu wünſchen.“ — Am Herdfeuer. „Und einen guten Trunk zu thun.“ „Bemerkte man keine neuen Ungnaden?“ fragte der Groß⸗ würdenträger der Küche,„oder wurden die alten fleißig auf⸗ gemiſcht?“ „Beides— beides!“ lachte einer der Kammerdiener;„ſo hatte der Hofbaumeiſter Zweckel die Kühnheit gehabt, ſich nicht krank zu melden, ſondern zu erſcheinen— war auch nicht beſcheiden genug, ſich beim Herannahen Seiner Majeſtät hinter ein paar alten Exeel⸗ lenzen zu verbergen, pflanzte ſich vielmehr, wie es ſeine Gewohn⸗ heit iſt, mit hocherhobener Naſe in erſter Reihe auf; rechts neben ihm ſtand der Regierungspräſident Herr Schmerler, links der Herr Steuerdirektor Platter. Zum Erſten ſprach Seine Majeſtät: ‚wir haben Unglück in unſerem Kirchenbau, es ſoll ja wieder ein Strebe⸗ pfeiler weichen wollen— es iſt das ſehr ſchlimm!' Und dann ſagte ſie zum Steuerdirektor: zich habe eine Kommiſſion ernannt, um dieſe Angelegenheit zu unterſuchen; man wird abhelfen können.“ „Und der Hofbaumeiſter Zweckel, der in der Nähe ſtand?“ „War Luft für Seine Majeſtät— Höchſtdieſelben ſchauten ſo ruhig und gleichmüthig über ihn hinaus, als wenn gar nichts da⸗ geweſen wäre.“ „Nun, unter uns geſagt,“ meinte Herr Brezelberger,„viel war auch nicht da, und ſeit dieſer naſeweiſe Herr unſere guten Nathſchläge in Betreff von Küchefeuerungen förmlich verlachte—“ „Hat er das wirklich gethan?“ „Wie wir Euch verſichern,“ erwiederte der Oberküchenmeiſter mit großer Würde,„verlacht, wenigſtens verlächelt mit jenem ihm eigenthümlichen, jeſuitiſchen Lächeln, indem er ſich erlaubte, zu ſagen: zmein lieber Herr Oberküchenmeiſter:— als wenn ich eines ſolchen Anfängers ‚lieber wäre— dieſe Anrede, ‚mein Liebere, kann aller⸗ dings etwas recht Schmeichelhaftes für mich haben, aber nur, wenn ſie von Seiner Königlichen Majeſtät ſelbſt angewandt wird.“ „Ganz meine Meinung!“ bekräftigte der eine der beiden 166 Am Herdfeuer. Kammerdiener, während der andere ſeine Zuſtimmung durch ein nicht zu mißdeutendes Kopfnicken kund gab. Die leeren Gläſer wurden von Herrn Stepper wieder voll⸗ gegoſſen und alsdann von dem Küchenjungen herumgereicht,— auch die Bowle friſch aufgefüllt, da Herr Brezelberger einen ernſten und bedeutungsvollen Blick auf ſie geworfen. „Wie lange iſt's wohl ſchon her, Brezelberger,“ fragte der ältere der beiden Kammerdiener,„daß Sie dem letzten Hofball ſelbſt angewohnt haben?“ „Laſſen Sie mich nachdenken— das können wohl ſchon zehn Jahre her ſein— es war das damals ein ſolennes Ballfeſt bei der Anweſenheit Seiner Majeſtät des Kaiſers von Rußland— eine allerhöchſte Feſtlichkeit. Dieſelbe wurde gehalten im großen Styl, und bei dem Souper dirigirte ich das Ganze mit dem weißen Küchenſtab in der Hand. Die einzelnen Gänge der Allerhöchſten Tafel wurden auf einen Wink Seiner Excellenz unter unſerem ſpeziellen Vortritt aufgetragen, jedesmal mit einer Trompetenfan⸗ fare: es waren das allerdings meiſtens nur Schaugerichte, aber von außerordentlicher Schönheit, und die Tafel ſelbſt war mit einer ſeltenen Pracht ſervirt.“ Nach dieſen Worten ſchaute Herr Brezelberger nachſinnend in ſeinen Punſch und ſchien ſich lebhaft jenes vergangenen, außer⸗ ordentlich ſchönen Tages zu erinnern, wobei ſeine Mienen ſo ernſt und feierlich ausſahen, daß es lange Zeit Niemand wagte, ihn aus ſeinen Träumen aufzuſtören. Endlich erlaubte ſich einer der Kammerdiener in etwas ſchüch⸗ ternem Tone die Bemerkung:„Es iſt wohl ſchon ſehr lange her, daß hier im alten Schloſſe keine Hofbälle mehr gehalten werden?“ „Schon ſo lange,“ ſagte Herr Brezelberger, nachdem er ſich vollkommen Zeit gegönnt, aus ſeinem Nachdenken zu ſich ſelbſt zu kommen,„daß der Aelteſte ſich eines ſolchen Balles kaum mehr er⸗ innern wird,— ich glaube, der letzte war vor fünfzig Jahren, Am Herdfeuer. als des Höchſtſeligen Königs Majeſtät noch hier im Schloſſe wohnte.“ „Ja, ja,“ bekräftigte der andere der Kammerdiener,„ſo lange ich mir denken kann, ſteht das ungeheure Appartement öde und verlaſſen.“ „Und wie öde!“ ſagte Herr Stepper.„Wenn man zufällig einmal hinein muß, ſo weht es einen förmlich wie Kellerluft an und läuft einem fröſtelnd den Rücken hinauf.“ „Ja,“ meinte der andere Kammerdiener,„es liegt etwas Un⸗ heimliches über dieſer unendlichen Reihe düſterer Zimmer; ich mußte im Dienſte allerhöchſter fremder Herrſchaften im ſüdlichen Theil der Enfilade oft Tage lang zubringen, geſtehe aber ehrlich, daß ich ſtets mit Widerwillen hineinging und mich, wenn ich zufällig allein war, eines ſchauerlichen Gefühls nicht erwehren konnte.“ „Ja, ja, es iſt ſo!“ ſetzte Herr Stepper hinzu,„man ſchaut ſich häufig unwillkürlich um, als müßte etwas an einem vorüber⸗ kommen, was nicht ganz geheuer iſt, oder als höre man etwas Un⸗ natürliches.“ „Wie kann man denn etwas Unnatürliches hören?“ fragte einer der Kammerdiener, wobei er ſich zu einem heitern Lächeln zwang. „Das iſt doch ſehr einfach. Sie lehnen zum Beiſpiel in der tiefen Fenſterniſche eines jener hohen düſteren Zimmer und auf einmal ſchwören Sie darauf, Sie vernehmen den Klang von Fuß⸗ tritten, dicht an ihnen vorüberkommend, oder das Rauſchen eines ſeidenen Kleides.“ „Iſt Ihnen das ſchon vorgekommen?“ „Unter uns geſagt, ja— doch ganz im Wertrauen. Seine Excellenz wünſchen nicht, daß man darüber ſpricht.“ „Wenn man dergleichen glauben dürfte,“ ſagte Herr Bretzel⸗ berger,„oder wenn es ſolch' geheimnißvollen Weſen erlaubt wäre, ſich einen Tummelplatz auszuſuchen, ſo könnten ſie ſich⸗ keinen paſſenderen wählen, als eben jene lange Reihe ſtets verſchloſſener Zimmer. Die Fenſter zwiſchen den dicken Mauern, welche ohnehin 168 Am Herdfeuer. ſo wenig Tageslicht als möglich hereinlaſſen, ſind oft drinnen noch verhüllt mit ſchweren Vorhängen, und da ſowohl an Tapeten als an Möbelüberzügen roth und gold vorherrſchend iſt, ſo beſteht hier ein ſchwerfälliges Halbdunkel, das ſelbſt der blendende Glanz un⸗ zähliger Lichter kaum zu verbannen im Stande iſt; dazu die hohen Räume, die alten Bilder mit den lebensgroßen ernſtblickenden Herr⸗ ſchaften; die dunkeln, geſchnitzten Eichenholzmöbel, die ſchwerfälligen Plafonds mit der verblichenen Malerei, und mitten in allen dieſen Herrlichkeiten das kleine, ſtets verſchloſſene Porzellankabinet, an deſſen Thüre man ſich immer ſcheu umſchaut, ob nicht irgend ein längſt verſtorbenes Weſen herausſtürzen und den Vorübergehenden um Hülfe anrufen würde.“ „Ah, das Kabinet mit den Blutstropfen?“ „Daſſelbe.— Doch gehen wir darüber hinweg; ich glaube ohnehin nicht an die Blutstropfen; was man dafür hält, können ebenſogut Fettflecken ſein.“ Die beiden Kammerdiener lächelten einander zu und verſtanden es vollkommen, als nun der Oberküchenmeiſter dem kleinen Pagen mit weißer Jacke, der mit aufgeſperrtem Munde zuhorchte, den Be⸗ fehl gab, draußen nachzuſehen, wie weit man mit dem Aufräumen der Küche ſei. Dann fuhr der alte Herr fort:„Ich kann wohl ſagen, daß ich zu allen Tag⸗ und Nachtzeiten drüben in dem großen Appartement war, und außer jenem Gefühl von Unbehagen, das einen dort unwillkürlich beſchleicht, weder etwas wirklich Un⸗ heimliches geſehen noch gehört habe— daß es zuweilen ſeltſam in den hohen Zimmern rauſcht, kann ſeine natürliche Urſache darin haben, daß ein Luftzug durch das Kamin mit den verblichenen, hie und da loſe hängenden Tapeten ſein Spiel treibt; und daß die alten Möbel, beſonders aber die Fußböden krachen, finde ich ſehr begreiflich, denn ſie dehnen ſich wahrſcheinlich ſehr oft mißmuthig und gelangweilt.“ „Allerdings ein guter Grund,“ ſagte einer der Kammerdiener, Am Herdfeuer. 169 „aber gehört haben Sie doch gewiß Manches über das erſte Stock⸗ werk dieſes alten Schloſſes.“ „Gehört wohl, aber noch nie, daß Jemand geſagt hätte: das habe ich geſehen, das habe ich erlebt. Da heißt es wie bei allen ordinären Geſpenſtergeſchichten, meinem Vater iſt es erzählt worden, oder mein Großvater hat es erzählt.“ „Verzeihen Sie, Herr Oberküchenmeiſter,“ ſagte der erſte Koch ſchüchtern,„daß ich Sie an den alten Silberdiener Flinter erinnere.“ „Ich bin überzeugt, Flinter hat damals einen Rauſch gehabt,“ entgegnete der Chef der Küche, indem er nachdenkend in die Flammen des kleinen Herdes blickte—„mir hat er die Geſchichte auch er⸗ zählt und Andern ebenfalls, bis man ihm verboten, darüber zu reden.“ „Aber er erzählte ſie ſehr glaubwürdig.“ „Ich habe nie etwas davon gehört,“ ſagte der ältere Kammer⸗ diener—„da wir ſo ganz unter uns ſind, kann man ſie wohl erfahren.“ „Daß Sie nichts davon gehört haben, begreife ich wohl,“ er⸗ wiederte der Oberküchenmeiſter;„es geſchehen mehr Dinge hier in dieſem alten Schloſſe, wovon Ihr drüben in der neuen Reſidenz keine Ahnung habt.“ „Nun, ſo laßt uns dieſe Geſchichte hören.“ „Meinetwegen— Stepper ſoll ſie erzählen.“ „Es ſind ungefähr vierzig Jahre her, da beſchloß der Vater unſerer jetzigen Excellenz, der alte Oberſthofmeiſter, privatim einen Ball zu geben und zwar nicht in ſeiner Wohnung, ſondern in einem Theil der Appartemenis des erſten Stockes, von dem wir ſo eben geſprochen. Und ſo geſchah es auch; es war ein ſchönes Feſt, das ſelbſt Ihre Königlichen Majeſtäten mit Ihrem Beſuche be⸗ ehrten. Es ging auch Alles ſeinen gewöhnlichen Gang und wurde durchaus nichts Auffallendes bemerkt, ja nicht einmal zwiſchen zwölf und ein Uhr.“ 170 Am Herdfeuer. „Doch, doch,“ ſagte der Oberküchenmeiſter mit leiſer Stimme, „wenigſtens wurde ſo erzählt— erinnern Sie ſich doch, Stepper — das aber doppelt unter uns.“ „Ach ja— es hatte ſich ein ſchönes junges Paar aus der Reihe der Tanzenden unbemerkt in eine jener tiefen Fenſterniſchen hinter den ſchützenden Vorhang zurückgezogen, und der junge Herr küßte gerade der Dame etwas feurig die Hand, als er neben ſich ſo deutlich nießen hörte, daß er im Glauben, ſeine Nachbarin habe es gethan, artig ſagte: ‚Zur Geſundheit!e Kaum hatte er das Wort ausgeſprochen, ſo ſah er, aber mit der Schnelligkeit eines Blitzes erſcheinen und verſchwinden, vor ſich eine Geſtalt in einem uralten Hofkleide, die ihn mit einem traurigen Blick anſchaute, die aber, wie eben bemerkt, im Handumdrehen wieder in Nichts zer⸗ floſſen war.— Ich glaube, die junge Dame fiel darauf mit einem lauten Schrei in Ohnmacht und es gab einen kleinen Skandal, worüber die böſe Welt allerlei munkelte.“ „Geſchah nicht auch noch etwas mit den Fackelträgern unten im Hofe?“ „Richtig— man erzählte ſo etwas, aber es kam Niemand glaubwürdig vor.“ „Wie die meiſten dergleichen Geſchichten, doch hört man ſie gern in Geſellſchaft am lodernden Feuer bei einem guten Glaſe Punſch.“ „Ein alter Portier erzählte näm lich ſpäter, er habe deutlich geſehen, wie die Fackelträger, welche der Allerhöchſten Herrſchaft leuchteten, immer doppelt geweſen wären, das heißt: dieſe Doppel⸗ gänger hätten dicht hinter unſeren Leuten geſtanden, aber ebenfalls in uralter Tracht und wie Schatten anzuſehen.“ „Es wird ſeinen Grund gehabt haben,“ meinte Herr Brezel⸗ berger, weßhalb jener alte Portier doppelt geſehen hat.“ 3 „Aber es kingt unheimlich— doch fahren Sie fort, Stepper.“ „Nun, der Ball ging zu Ende, wie jeder Ball zu Ende zu gehen Am Herdfeuer. 171 pflegt. Nach dem Souper empfahlen ſich die Allerhöchſten Herr⸗ ſchaften und dann wurde es bald leer in den Zimmern, die Hof⸗ lakeien verſchwanden eilfertig wie immer, und die Dienerſchaft Seiner Excellenz trug das Silberzeug zuſammen, um es zu ver⸗ ſchließen und löſchte die Lichter aus, da—“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre des kleinen Ge⸗ maches und es trat ein älterer Mann herein im Anzug der höheren Hofdienerſchaft, ſein Geſicht zeigte einen ernſten Ausdruck, doch hatte er lebhafte durchdringende Augen, welche lebhaft kontraſtirten mit ſeiner gefurchten Stirne und ſeinen ſchneeweißen Haaren. „Ah, Flinter!“ rief ihm der Oberküchenmeiſter entgegen,„es iſt ſeltſam, daß Ihr jetzt gerade kommt; was wollt Ihr, mein lieber Freund?“ „Es fehlt vom großen Service noch ein goldener Punſchlöffel und nach dem wollte ich mich erkundigen,“ ſagte der alte Silber⸗ diener in einem ruhigen, ernſten Tone. „Der goldene Löffel iſt da,“ entgegnete Herr Brezelberger, „darüber könnt Ihr Euch beruhigen, und nun erſuche ich Euch, den Löffel in die Hand zu nehmen und Euch damit ein Glas Punſch einzugießen.“ Der alte Mann that, wie ihm geheißen: ehe er aber aus dem Glaſe trank, nickte er dem Chef der Küche ehrerbietig zu. „Das wäre wieder einmal vorüber!“ ſagte dieſer in einer frohen Laune, und ich hoffe, Flinter, Ihr habt alle Eure Schutz⸗ befohlenen ohne irgend einen Deſerteur wieder eingeſperrt.“ „Alle, Herr Oberküchenmeiſter, bis auf jenen goldenen Löffel, der aber in guten Händen iſt— auf Euer Wohlſein, Ihr Herren.“ „Denkt Euch nur, Flinter,“ ſagte Herr Brezelberger nach e einer langen Pauſe,„wir ſprachen eben von Euch.“ „Viel Ehre für mich, womit kann ich dienen?“ „Ich will gerade nicht ſagen, daß Ihr uns mit etwas dienen 172 Am Herdfeuer. ſollt; aber Stepper erzählt da unter uns eine Geſchichte, bei der Ihr betheiligt ſeid.“ „Ahl ich kann mir ſchon denken,“ entgegnete der alte Mann in etwas verdrießlichem Tone,„was er erzählt hat, Sie wußten es ja ſchon, Herr Oberküchenmeiſter.“ „Aber wir wiſſen es noch nicht,“ ſagte der ältere Kammer⸗ diener,„ſind jedoch ſehr begierig, es zu erfahren. Und da Ihr nun einmal da ſeid, Flinter, ſo wäre es hübſch von Euch, wenn Ihr uns ſelbſt vom Ende jenes Balles erzählen wolltet.“ „Ah, vom Ende jenes Balles— ich thue das nicht beſonders gerne,“ ſprach der Silberdiener, vorſichtig um ſich ſchauend. „Ganz unter uns, Flinter.“ „So möchte ich es auch angeſehen haben— nun denn, der Ball war zu Ende und wir hatten die Lichter ausgelöſcht, alle von der Dienerſchaft waren weggegangen mit Ausnahme des Kammer⸗ kakeien Martin, der nach dem Kaminfeuer ſah, ob nicht irgendwo Glut vorhanden wäre— es mochte ungefähr drei Uhr Morgens ſein. Ich ging mit einer brennenden Wachskerze durch ſämmtliche Zimmer, um mich zu überzeugen, ob nicht etwas vergeſſen worden, und ſo kam ich denn zuletzt an das kleine Kabinet mit den grauen Seidentapeten und den alten, blauen Damaſtmöbeln.“ „Hattet Ihr denn ein ängſtliches Gefühl, Flinter, oder ward Ihr ſonſt, was man aufgeregt nennt?“ „Ganz und gar nicht— ich war nur müde und freute mich auf mein Bett. So trete ich in das graue Kabinet und ſehe auf dem gelben Divan eine Dame in weißem Kleide liegen, welche zu ſchlafen ſcheint.“ „A—a—ah!“ „Ich war darüber nicht einmal beſonders erſchrocken, ſondern dachte nur, es iſt doch ſonderbar, daß irgend eine Dame, ſtatt nach Hauſe zu gehen, ſich dahin zum Schlafen gelegt.“ 3 „Kannten Sie die Dame?“ Am Herdfeuer. 173 „Sie kam mir allerdings ſehr bekannt vor,“ fuhr der alte Mann in einem eigenthümlichen Tone fort,„ich hatte ihr Porträt früher ſchon geſehen und ſah es auch ſpäter wieder; doch dachte ich in dem Augenblicke nicht daran, ſondern ging raſch hinaus, um im Vorſaale nachzuſehen, ob dort noch ein Garderobeſtück liegen ge⸗ blieben ſei; da ich aber nichts fand, winkte ich dem Kammerlakeien Martin, er ſolle mitkommen. Und als wir wieder an die Thüre des grauen Kabinets kamen, lag die weiße Frau noch immer regungslos auf dem Divan. Martin wurde vor Schrecken im Geſichte weißer, als es die Erſcheinung war, und rannte davon, als ob ihn der Kopf brennte — hat den Schrecken auch verbüßen müſſen, der arme Martin, Gott habe ihn ſelig— ich aber ging hinauf zu Seiner Excellenz und meldete dieſe Geſchichte. Der alte Herr lag ſchon im Bette, und als ich ihm berichtete, was ich unten geſehen, lächelte er in ganz beſonderer Weiſe und ſagte: Es iſt ſchon gut, Flinter, ſchließe die äußere Thüre ab und reden wir nicht mehr darüber.“ „Das that ich denn auch, und jetzt erſt, als ich herunterging, zitterte ich am ganzen Leibe ſo, daß ich kaum den Schlüſſel zu der Thüre des Vorſaales zu finden und einzuſtecken vermochte— in das Kabinet ſelbſt wäre ich für keine Million mehr gegangen.“ „Nun?“ fragte der Oberküchenmeiſter, indem er die Anweſen⸗ den der Reihe nach anſchaute. „Flinter ſagt, er hätte es ſelbſt geſehen, und da muß man ihm wohl glauben.“ „Trinkt Euer Glas aus, Flinter, und ſchenkt Euch noch ein⸗ mal ein— dort iſt auch ein Stuhl, den Ihr hieher nehmen könnt, um Euch darauf zu ſetzen— ich ſehe, unſere Bowle fängt an leer zu werden, und wenn dieſer ernſte Fall wirklich eingetreten iſt, ſo mögt Ihr alsdann immerhin Euren goldenen Löffel mitnehmen. Aber ſagt mir noch eins,“ fuhr er fort, als der Silberdiener der erhaltenen Aufforderung gemäß ſich allerdings etwas reſpektvoll Hackländer's Werke. 51. Bd. 12 174 Am Herdfeuer. zurückgezogen und auf den ihm bezeichneten Stuhl niedergelaſſen —„hat Euch der Schrecken denn gar nichts gethan?“ „Mir nichts, Herr Oberküchenmeiſter, wie Sie wohl ſehen; denn erſtens bin ich, wie man zu ſagen pflegt, ein Sonntagskind, und dann hat mir auch ſpäter mein Doktor geſagt, dem ich die Geſchichte im Vertrauen erzählte— denn der Schrecken hatte mich doch etwas angegriffen— ich ſolle nur Gott danken, daß ich eine ſo magere Kreatur ſei, ſonſt hätte ich wohl einen Schlag oder ein Nervenfieber erwiſchen können. Der Kammerlakei Martin—“ „O, ich erinnere mich ſeiner noch ganz genau,“ ſiel ihm hier Herr Brezelberger mit einem nachdenklichen Kopfnicken in die Rede, „das war ein großer und dicker Mann, nicht wahr, Flinter!“ „Ja, ein bischen ſchwammig war er, und daß er trotz ſeiner Dicke ein halbes Jahr darauf an der Abzehrung ſtarb, war, wie ich feſt überzeugt bin, die Folge deſſen, was er damals geſehen— der Schrecken war ihm in den Magen gefahren, und von dem Augenblick an verdaute er ſehr mangelhaft.“ „Gott bewahre jeden Chriſtenmenſchen vor eiwas Aehnlichem!“ ſagte Herr Brezelberger, indem er ſich bedächtig umſchaute; doch zwang er ſich gleich darauf gewaltſam zur Heiterkeit, indem er ausrief:„Drum laßt uns das Leben anſtändig genießen, ſo lange es noch Zeit iſt. Trinken wir eins!“ Stepper hatte abermals die Gläſer gefüllt, und während die Anweſenden mit ſichtlichem Behagen das vortreffliche Getränk ſchlürften, las man in ihren Mienen, wie ſehr ſie geneigt ſeien, dem beizupflichten, was der Chef der Küche ſoeben geſagt. Es war hierauf eine ziemlich lange Pauſe vergangen, ehe der jüngere Kammerdiener fragte:„Und ſaht Ihr ſpäter nie mehr etwas dergleichen?“ „Nie mehr. Es wurde aber auch kein Ball mehr in den alten Appartements abgehalten, von uns lebenden Menſchen wenig⸗ ſtens nicht,“ ſetzte er mit einem ſchlauen Lächeln hinzu. — 3 Am Herdfeuer. 175 „Nun, die— Anderen werden doch wohl nicht daran denken, Bälle zu halten.“ Der Silberdiener Flinter zuckte mit den Achſeln und erwie⸗ derte:„Darüber ließe ſich viel reden.“ „Nur zu, alter Geſelle!“ rief der Oberküchenmeiſter,„ich habe Ihm ſchon einmal geſagt, daß wir ganz unter uns ſind— alſo laß Er hören, was Er in Betreff jener kurioſen Bälle erlebt hat.“ „Ich müßte lügen, wenn ich ſagen wollte, ich habe in dem Punkte ſelbſt etwas erlebt— aber was man darüber noch vor dreißig Jahren ſprach, das ſagte man ſo ungenirt, als wie man morgen früh vom heutigen Hofball erzählen wird.“ „Nun denn— was erzählte man ſich damals?“ „Es gab gewiſſe Nächte, wo es in den alten Gemächern ganz abſonderlich lebhaft herzugehen pflegte; von einer Nacht wußte man es ganz genau, und da konnte man oft genug hören, wie ſich die alten Lakaien zuflüſterten: ‚da drinnen wird's in ein paar Stunden auch wieder losgehen’, und dann ſo eilfertig als möglich die große Treppe hinabhuſchten.“ „Und was ging denn dort los?“ fragte der jüngere Kammer⸗ diener. „Nun, ein förmlicher Ball— wenigſtens nach dem zu urthei⸗ len, was man hörte; wenn man auch nicht das Geringſte ſah. Es gab wohl muthige oder naſeweiſe Leute der Dienerſchaft, die ihren Vorwitz nicht bändigen konnten und ſich auf's Lauſchen legten, ſobald in jener Nacht die Mitternacht vorüber war; die ſchworen hoch und theuer, ſie hätten deutlich gehört, wie die unſichtbaren Gäſte die große Treppe heraufkamen— das Schlürfen der Füße auf den Marmorplatten, das Rauſchen der ſchweren Kleider. Und drinnen erſt hinter den verſchloſſenen Thüren, da ging es hoch her; von da vernahm man allerdings ſo leiſe wie das Gezirpe der Grillen eine vollſtändige Tanzmuſik, nach deren Takte man unſicht⸗ bare Füße ſich bewegen hörte.“ 176 Am Herdfeuer. „Und hat's nie Jemand gewagt, die Räume während eines ſolchen geſpenſterhaften Balles zu betreten.“ „O ja,“ ſagte Flinter lächelnd,„und das iſt eigentlich das Merkwürdigſte an der ganzen Geſchichte— die Herren wiſſen wohl, daß die meiſten der Geiſter, die ſich unbefugter Weiſe ſehen laſſen, erlöst werden können, wenn man nur das richtige Wort zu ihrer Erlöſung findet— wer aber dieſes Wort fände, dem müßte ein ganz beſonderes Glück zu Theil werden. Da waren denn dazumal zwei Küchejungen bei Hofe, Rangen, wie ſie alle ſind, zu den tollſten Streichen aufgelegt, die beide beſchloſſen hatten, das Abenteuer zu beſtehen und ſich den geſpenſterhaften Ball näher zu betrachten. Da aber keiner von dem anderen etwas wußte, ſo ſchlich ſich nach Mitternacht jeder von ihnen durch eine beſondere Thüre, wozu er ſich einen Schlüſſel verſchafft hatte, in die finſteren Räume, wo nun allerdings keiner etwas von dem unheimlichen Leben des Balles hörte, denn die Geiſter pflegen nicht zu erſcheinen, wenn man zu Zweien iſt, wo aber jeder der Küchejungen nicht nur die Schritte des Anderen hörte, ſondern auch deſſen ſchattenhafte Ge⸗ ſtalt erblickte, was beiden einen ſo furchtbaren Schrecken einjagte, daß ſie ſo ſchleunig als möglich wieder davon liefen.“ „Dadurch fanden aber die Geiſter keine Erlöſung, mein lieber Flinter,“ ſagte der Oberküchenmeiſter. „Gewiß nicht. Aber beide Küchejungen erfuhren am andern Tage, daß Einer ſich vor dem Andern gefürchtet, und beſchloſſen, die Sache noch einmal zu verſuchen und dann jeder allein— ſo geſchah es auch. Und der Eine erzählte nachher, er habe den ganzen unheimlichen Lärmen ſo deutlich als möglich vernommen. Die Geiſter ſchienen ſogar recht vergnügt geweſen zu ſein und einer habe ſogar dicht neben ihm genießt, worauf er ſelbſtverſtändlich „Zur Geſundheite geſagt habe. Da habe ſich plötzlich der ganze Saal, in dem er gerade geſtanden, wie durch einen ungeheuren Blitz erhellt, in deſſen Lichte er ganz deutlich eine große Menge Herren Am Herdfeuer. 177 und Damen geſehen hätte, aber nur eine halbe Sekunde lang, dann ſei Alles wieder ſo finſter als vorher geweſen, er habe eine klatſchende Ohrfeige verſpürt und ſei darauf zu Boden gefallen. Was nun den andern Küchenjungen betraf, ſo erzählte er faſt die gleiche Geſchichte, nur mit einem andern Ausgange; er habe auch die leiſe Muſik gehört, den Schall der Füße im Takte des Tanzes, das Rauſchen der Kleider und endlich ein deutliches Nießen neben ſich. Da habe er denn ſeinen Muth zuſammengenommen und ein kräftiges ‚Helf Gott’ gerufen.“ „Und das war das Richtige,“ warf Herr Stepper ein. „Allerdings ſei es das Richtige geweſen, meinte auch jener, denn er erzählte weiter, kaum habe er ‚Helf Gotte geſagt, ſo ſei Alles rings um ihn her von ganz überirdiſchen Lichtern erhellt geweſen, die Lüſtres haben geflammt, die Muſik habe luſtig und hell aufgeſpielt, und Hunderte von Herren und Damen in einer ur⸗ alten, aber ſehr glänzenden Tracht ſeien mit heiteren Mienen durch⸗ einander gelaufen, hätten Komplimente vor einander gemacht, ſich die Hände geſchüttelt, wobei ſie eifrig die Lippen bewegten, ohne daß man aber hätte vernehmen können, was ſie ſprächen. Es ſei aber geweſen, wie bei den großen Hoffeſten in der Neujahrsnacht, ſobald es zwölf Uhr ſchlägt und ſich Alles beglückwünſcht.“ „Das iſt ſehr begreiflich— ſie gratulirten ſich zu ihrer end⸗ lichen Erlöſung.“ „Und waren in der That erlöst,“ ſprach der alte Silber⸗ diener mit großem Ernſte:„denn ſeit jener Nacht hat man nie mehr etwas von einem geſpenſtigen Balle gehört. Und was jenen Küchejungen betraf, ſo trug er allerdings kein ſichtbares Zeichen der Erkenntlichkeit davon, aber von da an hatte er Glück in Allem, was er angriff, und er ſoll heute ein reicher Mann ſein.“ „Wir ſind da auf ein Thema gerathen,“ ſagte Herr Brezel⸗ berger nach einer längeren Pauſe, während welcher er ſich ſein Glas durch den erſten Koch noch einmal auffüllen ließ,„das mir nicht 178 Am Herdfeuer. beſonders angenehm iſt— ich mag eigentlich keine Geſpenſter⸗ geſchichten hören— es bleibt einem immer etwas davon im Kopfe, und wenn man nachher zu Bette geht und ſieht ſich zufällig mit der weißen Nachtmütze im Spiegel, ſo erſchrickt man vor ſeinem eigenen dummen Geſichte; es iſt mir das ſchon einmal paſſirt; überhaupt ſollten wir vom Küchendepartement uns nie mit ſolchen Geſchichten abgeben, denn es iſt erwieſen, daß die Geſpenſter von uns nichts wollen. Man hat noch nie von einem Küchengeſpenſt gehört oder von einem Geiſte, der gegeſſen oder getrunken hätte.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagte der ältere Kammerdiener,„dieſes 8 Volk hat ſeine ganz beſonderen Geſetze. So hat man zum Beiſpiel noch nie vernommen, daß irgend eines von ihnen ſich hätte bei Tage ſehen laſſen.“ „Das muß ich mir erlauben zu beſtreiten,“ ſagte der Silber⸗ diener mit großer Beſcheidenheit. „Um des Himmelswillen!“ rief der Oberküchenmeiſter mit Er⸗ ſchrecken,„ich hoffe nicht, daß Sie ſchon ein Geſpenſt bei Tage ge⸗ ſehen haben?“ „Das nicht, Herr Brezelberger; aber ich habe einen Vetter, der hat mir hoch und theuer zugeſchworen, daß er am hellen Tage eine geſpenſterhafte Erſcheinung gehabt— wollen Sie die Geſchichte hören?“ „Iſt ſie ſehr unheimlich?“ fragte der Chef der Küche. „Durchaus nicht, man könnte ſie eher heiter nennen.“ „Dann wollen wir ſie hören, denn ich liebe es ſehr, mit 4 einer angenehmen Erinnerung einzuſchlafen, es gibt das fröhliche und behagliche Träume— wie iſt's mit unſerer kleinen Bowle, Herr Stepper, iſt nicht noch ein Tröpfchen vorhanden?“ „O, noch recht viel, Herr Oberküchenmeiſter; darf ich mir Ihr Glas ausbitten, um es auffüllen zu können?“ „Thun Sie das, vergeſſen Sie aber dabei auch nicht unſere 3 Freunde, und vor allen Dingen nicht den würdigen Flinter.“ 179 Am Herdfeuer. Dieſer trank aus dem auf's Neue gefüllten Glaſe, ſchmatzte mit ſeinen Lippen und ſagte dann:„Ich hatte einen Vetter, der war Kanzleibeamter und dabei ein ganz merkwürdiger Menſch; der Herr Oberküchenmeiſter werden ſich ſeiner gewiß ſpäter erin⸗ nern; klein von Geſtalt, wie er war, mit einem etwas langen und ſchmalen Kopfe, hatte ihm, Gott mochte wiſſen wer, eingeredet, er ſähe dem alten Napoleon, dem großen Kaiſer, frappant ähnlich. — Was that hierauf mein Vetter?— Er ließ ſich hohe Stiefeln machen— eine weiße Weſte mit langen Schößen— einen grauen Rock, und ſpazierte ſo zum Entſetzen ſeiner Kollegen und zur Ent⸗ rüſtung ſeiner Vorgeſetzten in den Straßen umher. Da er begreif⸗ licher Weiſe das kleine Hütchen des großen Kaiſers in der bekannten Form nicht tragen durfte, ſo liebte er es, in bloßem Kopfe zu gehen, wobei er dann ſeine Hände auf dem Rücken zuſammenge⸗ faltet hielt und dabei in der Rechten einen kleinen Feldſtecher, den er alle Augenblicke vor das Auge führte, um ſich nahe und ent⸗ fernte Gegenſtäude anzuſehen, wobei er alsdann mitten in der Straße ſtehen blieb mit geſpreizten Beinen, ganz wie es der große Napoleon zu machen pflegte. Da er ſonſt übrigens harmloſer Natur war, auch ſeinen Kanzleigeſchäften pünktlich oblag, ließ man ihn gewähren. Er war unverheirathet und ſpeiſte in einem kleinen Gaſthof, wo er es ſehr wohlgefällig aufnahm, wenn ihn der Kellner mit einem tiefen Bückling grüßte, und wenn ihn der Wirth oder irgend einer der Gäſte, erſtaunt über ſeine Aehnlichkeit mit dem großen Kaiſer, die Rede auf denſelben brachte. Hier hatte er ſein kleines Fernrohr neben ſich ſtehen, und ſo oft der Kellner mit einer neuen Schüſſel unter der Thüre erſchien, behielt er dieſelbe mit Anwendung des Fernrohrs im Auge, bis ſie auf den Tiſch nieder⸗ geſetzt wurde— ja, bis ſie die Runde gemacht hatte und zu ihm kam.“ „Das ſind Geſchichten, wie ich ſie liebe,“ unterbrach ihn der Oberküchenmeiſter;„ſie regen die Nerven nicht auf und man braucht nicht viel darüber nachzudenken.“ 180 Am Herdfeuer. „Es war an einem regneriſchen Sonntag Nachmittag,“ fuhr der Silberdiener Flinter fort,„als mein Vetter zum Ausgehen gerüſtet unter der Thüre ſeines Hauſes ſtand, aber das Unmög⸗ liche einſah, ſpazieren zu gehen, da es wie mit Kübeln heruntergoß. Er blickte zum Himmel hinauf; da war aber Alles von dem gleich⸗ förmigſten Grau und nirgends die Spur einer helleren Wolke zu entdecken. Kaffeehäuſer gab es damals noch keine; Beſuche machte mein Vetter nie und in's Wirthshaus ging er nur Abends. Was war nun anzufangen? Auf ſeine kleine Stube zurückkehren oder die Kanzlei beſuchen? Er wählte das Letztere, ging in das große, heute ſo einſame Gebäude, über die ſtillen Treppen durch die hal⸗ lenden Gänge— das Haus war ehemals ein Kloſter geweſen, und als er ſeine Thüre auf⸗ und zuſchloß, da klang es gerade, als würde ein Dutzend Thüren auf⸗ und zugeſchloſſen. Hier fühlte er ſich nun aber ganz behaglich und glücklich. ‚Jetzt kann mir dieſer Regen geſtohlen werdent, ſagte er vor ſich hin, zog ſeine Schreib⸗ ärmel an und begann eine intereſſante Verhandlung abzuſchreiben. Dabei konnte er, ſo angenehm im Trocknen ſitzend, ein Stück des verdrießlichen grauen Himmels ſehen und ebenſo an der gegenüber⸗ liegenden Fenſteröffnung die Streifen des jetzt feiner, aber dichter gewordenen Regens. Während er ſo emſig ſchrieb, lachte er förm⸗ lich in ſich hinein über ſein ſtilles Glück gegenüber anderen Men⸗ ſchen, die jetzt gelangweilt zum Fenſter hinausſahen oder unter triefendem Regenſchirm in den Straßen umherliefen— rings um ihn her war es ſo angenehm ruhig, ſo feierlich ſtill. „Da hörte er auf einmal, als wenn etwas hinter ihm mit einer ſehr feinen Stimme ‚bst! bstle machte. Er wandte ſich um, ſchaute zuerſt ohne, dann mit ſeinem Fernrohr durch das ganze Zimmer, ohne das Geringſte zu entdecken, was im Stande geweſen wäre, den obenerwähnten Laut von ſich zu geben. Nachdem er nichts entdeckt hatte, ſchrieb er ruhig weiter. Nach ein paar Mi⸗ nuten vernahm er denſelben Ton, doch klang es ihm jetzt, als Am Herdfeuer. wenn zwei harte Gegenſtände aneinander gerieben würden, und wieder blickte er auf nach einem alten Aktenſchranke hin, von wo⸗ her dieſes Geräuſch zu kommen ſchien. Schon war er im Begriff, den alten Schrank zu öffnen, als er einen Beſen bemerkte, der ſeitwärts am Schranke herunterhing, deſſen Stiel ſich wie der Per⸗ pendickel einer Uhr hin und her bewegte und ſo das eben erwähnte Geräuſch hervorbrachte. „Höchſt eigenthümlich', dachte mein Vetter; doch wuchs ſein Erſtaunen faſt bis zum Erſchrecken, als er nun ſah, wie dieſer Beſen einen Satz von dem Schranke herab machte und anfing, die Stube auszukehren.“ „O, Sie erzählen uns Märchen, lieber Flinter!“ ſagte Herr Brezelberger. „Ich berichte Ihnen, wie mein Vetter mich hoch und theuer verſicherte, daß er es ſelbſt erlebt habe. Der Beſen, ohne von einer ſichtbaren Hand regiert zu werden, kehrte den Stubenboden ſauber und fleißig ab; ja, als er an den Schreibtiſch kam, wo mein Vetter ſaß, machte er ſo wenig Umſtände, daß mein Vetter raſch ſeine Beine in die Höhe ziehen mußte, um nicht getroffen zu werden. Seltſam, dachte er bei ſich. Und da der Beſen nicht auf⸗ hörte, im Zimmer herumzukehren, ſo fing er wieder an zu ſchreiben.“ „Es ſcheint mir, Ihr Vetter hatte gute Nerven.“ „Daran litt er keinen Mangel; doch auf einmal kam ihm die Idee, das ſeltſame Betragen dieſes Beſens möchte für ihn von einer Bedeutung ſein. Wer weiß, dachte er, ob es mir nicht an⸗ zeigt, daß ich nächſtens zum Leben hinausgekehrt werden ſoll; wenn man einmal in's Denken kommt, ſo hört man nicht ſo bald wieder auf, und nachdem mein Vetter alles Mögliche mit dem, was er ſah, in Verbindung gebracht, ſagte er ſich zuletzt: am eigenthüm⸗ lichſten iſt es doch, daß dieſer Beſen gerade am Sonntag Nach⸗ mittag kehrt; ja, wenn es noch Samſtag wäre oder ſonſt ein Wochentag!“ 182 Am Herdfeuer. „Aha!“ machte der Oberküchenmeiſter kopfnickend. „Und während mein Vetter dieſes dachte, ſprach er plötzlich zu ſich ſelber: Du machſt es ja nicht anders als der Beſen, und ſchreibſt, ſtatt am Sonntag Nachmittag, wie es Geſetz iſt, zu feiern. Kaum hatte er dieſes halblaut geſprochen, als er, der Beſen näm⸗ lich, wieder an ſeinen Platz hüpfte, und mein Vetter mit Hut und Schirm raſch die Kanzlei verließ und in die nächſte Kirche ging, um noch ein Stück vom Nachmittagsgottesdienſte mit anzuhören.“ Die beiden Kammerdiener lachten, Herr Stepper ſchüttelte ſeinen Kopf. Doch erklärte ſich der Oberküchenmeiſter mit der Erzählung des alten Silberdieners vollkommen zufrieden. „Es iſt dies eine moraliſche Geſchichte,“ ſagte er,„und das kann uns Allen nicht ſchaden. Ueberdem hat die Idee eines regne⸗ riſchen Sonntag Nachmittags etwas ſo Nervenberuhigendes, daß ich ſpäter nur daran zu denken brauche, um alsdann augenblicklich ein⸗ zuſchlafen— ich danke vielmal, lieber Flinter.“ Hier wurde die Unterhaltung unterbrochen durch den eintreten⸗ den Kammerfourier im Dienſte, welcher in angemeſſener Haltung und würdevollem Ausſehen vor den Oberküchenmeiſter hintrat und ihm mittheilte, daß er, der Kammerfourier, ſich in hohem Auftrage Seiner Excellenz des Herrn Oberſthofmeiſters hier befinde, um ihm, dem Oberküchenmeiſter, zu ſagen, daß Seine Excellenz mit dem heutigen Souper ſehr zufrieden geweſen ſeien; daß Seine Excellenz dieſes ſelbſt dem Herrn Brezelberger geſagt haben würde, wenn⸗ Seine Excellenz nicht genau wüßten, wie ſehr der Oberküchen neiſter nach einer ſo angeſtrengten Thätigkeit der Ruhe bedürftig ſei; worauf ſich Herr Brezelberger erhob, ſeinen gerührten Dank ausſprach, und nachdem er auf das Wohl ſeines verehrten hohen Chefs ſein Glas aus⸗ getrunken, die denkwürdigen Worte ſprach:„Der Herr Oberſthofmei⸗ ſter verdienen es, einen Oberküchenmeiſter zu haben, wie Brezelberger iſt, denn Seine Excellenz wiſſen, wie man mit Künſtlern erſten Ranges umgehen muß. Und nach dieſem Tropfen, mein Herr,“ * Am Herdfeuer.* 183 ſetzte er gerührt hinzu,„keinen weiteren mehr. Es iſt ſo angenehm, mit einer freundlichen Erinnerung zu Bett zu gehen. Gott ſchenke uns Allen einen angenehmen Schlaf und bewahre uns vor jähem Schrecken, wozu ich Alles rechne, was an übernatürliche Erſchei⸗ nungen ſtreift.“ Drüben war indeſſen gegen Mitternacht der Hofball zu Ende gegangen. Damen und Herren hüllten ſich in ihre Mäntel und Pelze. Wer einen Wagen hatte, fuhr in demſelben nach Hauſe und träumte von der vergangenen Freude und Herrlichkeit, während ſich die Räder pfeifend auf dem hartgefrorenen Schnee drehten. Von denen aber, die zu Fuß das Schloß verließen, hatten die Meiſten noch ein ganz beſonderes und lang entbehrtes Vergnügen. Das war der Genuß einer guten Cigarre, die niemals beſſer ſchmeckt, als nach einem ſtundenlang dauernden, ſo ſehr amüſanten Hofball. Daß indeſſen Alle, die von dort herkamen, geraden Wegs nach Hauſe gegangen wären, können wir der Wahrheit gemäß gerade nicht behaupten. Es war, wie ſchon Eingangs dieſer Geſchichte geſagt, mitten in der Karnevalszeit, und dem Grundſatze huldigend, daß nach der Arbeit ein Vergnügen erlaubt ſei, ſuchten viele der jungen Herren, die ſoeben noch mit Gräfinnen galoppirt und von Prinzeſſinnen zu einer Francaiſe befohlen worden waren, durch andere, minder vornehme Geſellſchaft jene Stunden ernſter Pracht und ge⸗ meſſener Herrlichkeiten wieder mit ihrem beſcheidenen Daſein in Einklang zu bringen. Wi glänzten die zahlloſen Gasflammen in dem großen Saale, wo die allgemeine Maskenredoute abgehalten wurde, wie toll und luſtig ſchmetterten die Klänge der wilden Muſik, wie buntfarbig wogten hier die Masken durcheinander, und wie raſch verſchwanden die längſt erwarteten ſchwarzen Fräcke des Hoſballs in dem Gewühle dieſes überſprudelnden Faſtnachttreibens.— Es wurde gerade der Baciowalzer geſpielt und manches heiße, ſchwellende Lippenpaar zuckte begehrend und antizipirte pantomimiſch ſpätere Freuden. 8 184 Am Herdfeuer. So war die Nacht vorübergegangen— dort im rauſchenden, glänzenden Fluge, anderswo in behaglicher Ruhe oder in bleierner Langſamkeit unter fieberhaft erregten Pulsſchlägen. Die Uhr in der Ecke des alten Schloſſes, von dem wir oben ſprachen und wo jetzt Alles im tiefſten Schlafe lag, that in gellen⸗ dem Tone fünf Schläge, als in der Pforte des großen Eingangs⸗ thores, deſſen ſchwere Flügel während der Nacht verſchloſſen waren, langſam ein Schlüſſel gedreht wurde und zwei Perſonen in den Schloßhof traten. Es war ein Herr in einem dicken Paletot und eine Dame in einem weiten dunkeln Mantel, die ſich fröſtelnd und wie es ſchien furchtſam an ihren Begleiter ſchmiegte. Wir glauben, daß das letztere Motiv vorherrſchend war; denn die junge Dame ſagte nach einem tiefen Seufzer in faſt weinerlichem Tone:„Wie ſoll das enden, Heinrich, wie ſoll das enden?!“ „Hoffentlich ſo, wie es angefangen, heiter und vergnügt— man muß nur nicht gleich allen Muth verlieren,“ gab der junge Mann in einem luſtigen Tone zur Antwort, „Du haſt gut reden— wenn Du ſpäter darüber nachdenkſt, ſo kommt Dir Alles wie ein Scherz vor, und ich fürchte faſt, Du nimmſt es auch ſo— leider Gottes, Heinrich! Könnteſt Du nur ſehen, wie ich zittere und aufgeregt bin— doch wo führſt Du mich hin!“ „Darüber bin ich eben mit mir ſelbſt zu Rathe gegangen— meine Wohnung—“ Sie zog haſtig ihren Arm aus dem ſeinigen und entgegnete mit großer Entſchiedenheit:„Lieber ſetze ich mich vor die Thüre unſeres Hauſes und mag daraus entſtehen, was da will.“ „Laß mich doch ausreden, mein Herz— ich wollte ja ſagen, meine Wohnung kann und darf ich Dir aus vielerlei Gründen nicht vorſchlagen— und doch, wie gern möchte ich Dich dorthin führen, geraden Wegs zu meiner Mutter, und ihr ſagen: wir ſind allerdings ein bischen leichtſinnig geweſen, wir haben die Nacht auf dem Balle Am Herdfeuer. verjubelt, aber jetzt ſind wir da und wollen nicht mehr von einander gehen.“ Sie ſeufzte aus tiefem Herzen, ehe ſie zur Antwort gab:„Ich hoffe, Du würdeſt ſo reden, Heinrich; doch wahrſcheinlich auch dieſes Mal wieder ohne Erfolg; denn Deine Mutter iſt eine ſtrenge Frau, der ich, die arme Tochter einer armen Wittwe, lange nicht vornehm und reich genug bin— o, rings um mich her iſt Alles finſter, ich ſehe nirgends einen Ausweg, nirgends einen tröſtenden Lichtſchein!“ „Du biſt ſonſt ſo verſtändig, Roſa, daß ich oft nicht begreife, wie Du dann plötzlich ſo an Allem verzagen magſt; thue mir die Liebe und laß die Zukunft vorderhand aus dem Spiele, wenigſtens ſo lange, bis wir in dieſer bitterkalten Nacht ein Obdach gefunden haben, hui, wie eiſig der Wind bläst! fühlſt Du das auch, mein armes Herz?“ „Nein, nein, ich fühle es nicht, ich bin zu ſehr mit Anderem beſchäftigt.“ Die Beiden ſtanden immer noch unter dem hochgewölbten, dunkeln Thorbogen, und der junge Mann hatte das Mädchen feſt an ſich gedrückt, wie um ſie vor der erſtarrenden Kälte zu ſchützen, und währenddem dachte er darüber nach, wohin er ſie bringen könne, und verwarf einen Plan um den andern. Endlich aber fuhr er empor und flüſterte ihr zu:„Muth, Roſa, Muth!“ Ich weiß jetzt ein Plätzchen für uns Beide, heimlich und ſicher, wie man es ſich in unſerer Lage nur wünſchen kann— halte Dich feſt an mich und folge mir ohne Furcht.“ „Aber wohin, Heinrich?“ fragte ſie mit ängſtlicher Stimme. „Nach einem Orte, wohin Du mit allem Anſtand folgen kannſt!“ „Mit allem Anſtand!“ ſeufzte ſie,„als wenn ich armes Mädchen daran denken dürfte— nun, wie Gott will!“ Damit folgte ſie ihrem Begleiter, der den rechten Arm ſanft 186 Am Herdfeuer. um ihre ſchlanke Taille legte und ſie vorſichtig quer über den Hof führte; dann ging es ein paar Stufen hinauf bis zu einer Wendel⸗ treppe und auf dieſer ſtiegen ſie in den erſten Stock des alten Schloſſes. „Wo ſind wir, Heinrich?“ „Hier ſind die Hofküchen und am Ende derſelben befindet ſich ein kleines Gemach, welches mein Vater, der geſtrenge Oberküchen⸗ meiſter, als ſein Arbeitskabinet benützt— ich weiß, wohin er den Schlüſſel zu legen pflegt, und dort ſind wir ſo ſicher aufgehoben, als wir es nur wünſchen können— warm wird das kleine Zimmer auch noch ſein, denn heute Nacht war Hofball und da wird es immer ein bis zwei Uhr, ehe die Herdfeuer gänzlich erlöſchen, wenn ſie überhaupt erlöſchen.“ „Wie Du willſt.“ „So, jetzt tritt ein, liebe Roſa; bleibe aber an der Thür ſtehen, bis ich Licht gemacht habe. Nicht wahr, es iſt hier ange⸗ nehm warm?“ „Ach ja, und ich bin froh darüber, denn es iſt draußen ſo grimmig kalt.“ „Ehrlich geſtanden, ich habe es auch wohl gefühlt; doch mochte ich es vorher nicht ſagen, da Du ſo gar muthlos warſt— ſo, jetzt ſchau um Dich her, iſt das nicht ein freundliches Zimmerchen?“ „O ja, und ich bin glücklich, daß wir wenigſtens ein Obdach gefunden haben. Wird man aber draußen das Licht nicht ſehen?“ „Unbeſorgt, mein Herz; der Laden vor dem einzigen ſchmalen Fenſter iſt ſo dicht verſchloſſen, daß auch kein Strahl durchdringt; ich weiß das aus Bemerkungen meines verehrten Papas, der es nicht liebt, wenn man ihn hier ſpät arbeiten ſieht— und heute Nacht,“ ſetzte er hinzu, indem er ſeine Naſe erhob,„ſcheint er mit ein paar guten Freunden hier ſtark gearbeitet zu haben— richtig, da iſt die kleine Punſchbowle; aber keinen Tropfen haben ſie drin gelaſſen, die Neidhämmel.“ 3 Am Herdfeuer. 187 „Du wirſt doch wohl jetzt keinen Punſch mehr trinken wollen?“ fragte das junge Mädchen in beſorgtem Tone. „Ich würde doch' ſagen, wenn welcher da wäre; aber ſei unbeſorgt, Roſa, die Bowle iſt förmlich ausgetrocknet; aber da ſehe ich noch Glut in dem kleinen Herde, jetzt gib Achtung, welch freund⸗ liches Feuer ich Dir in Kurzem anzünden werde— vor allen Dingen aber ſetze Dich in dieſen weichen Stuhl; wenn Du Deine kleinen Füße an Dich ziehſt, ſo könnte er Dir als Bett dienen, nicht wahr?“ „Gewiß, Heinrich, und die Wärme thut mir ſo wohl.“ O, ich weiß etwas, was Dir noch beſſer thun wird,“ ſagte er in freundlichem Tone.„Ich werde Dir eine Taſſe Thee machen und dann wollen wir überlegen, auf welche Art ich Dich heute Morgen ohne Gefahr der Entdeckung aus dem Schloſſe bringe.“ „Ohne Gefahr der Entdeckung?“ fragte ſie im Tone des Zweifels—„und wenn das auch gelingt, was werde ich meiner armen Mutter ſagen?“ „Du wirſt ihr ſagen, daß wir uns lieben und daß wir uns heirathen werden, wie ich Dir ſchon oft geſchworen und wie ich Dir heute wiederholt ſchwören will— Du biſt ein geſcheidtes Mädchen, liebe Roſa, und kennſt mich genugſam, um meinen Worten Glauben zu ſchenken. „Wäre ich mein eigener Herr,“ fuhr er fort, indem er auf außer⸗ ordentlich geſchickte Art den verſprochenen Thee bereitete, ſo hätte ich Dich auch in meiner jetzigen Stellung ſchon lange geheirathet; aber was mir einestheils von Nutzen iſt, bildet, wie Du ſelbſt weißt, anderntheils die größten Hinderniſſe, nämlich, daß mein Vater Oberküchenmeiſter iſt und alſo auch mein Vorgeſetzter—— wäre das nicht der Fall und wäre ich nur erſter Koch, ſo hätte ich auf mein Wort die Sache ſchon lange in Richtigkeit gebracht: aber Du kennſt meinen Vater und weißt auch, daß er nichts zu thun wagt, als was meine Mutter gut heißt—— und meine Mutter —— o— o— o—, meine Mutter—“* 188 Am Herdfeuer. „Ach ja, Deine Mutter— iſt es denn wahr, Heinrich, daß ſie Dich mit ihrer Baſe verheirathen will?“ „Das iſt es ebenſo wahr, als daß ich entſchloſſen bin, ihren Willen nicht zu thun, und in dieſer Angelegenheit ſteht auch mein Vater auf meiner Seite. Er nennt die Baſe nur eine dürre, bös⸗ artige Vogelſcheuche.“ „Aber ſie iſt reich und ihr Vater iſt Regierungsrath.“ „Das macht ſie nicht angenehmer und nicht ſtärker, und ich habe den Geſchmack meines Vaters,“ ſagte der junge Mann, indem er dicht neben den Lehnſtuhl trat und ſeinen Arm um den Hals des jungen Mädchens legte, welche vertrauensvoll zu ihm aufblickte, „wir lieben die guten, heiteren Geſichter und herzige, runde weiße Geſtalten, ſo wie die Deinige, Roſa.“ Und das waren allerdings Eigenſchaften, die dem reizenden, jungen, friſchen Mädchen nicht abzuſprechen waren; es war eine liebliche Erſcheinung, wie ſie da zuſammengekauert in dem großen Lehnſtuhle ruhte, mit den zierlichen kleinen Füßchen, der vollen Ge⸗ ſtalt, den guten, freundlichen Augen und den feinen Lippen, um welche jetzt ein freundliches Lächeln ſpielte. Von ihrem ſtarken, dunkelbraunen Haare ſah man nicht viel, denn es war faſt ganz unter einem weißen Schleier verborgen. Roſa hatte den Masken⸗ ball in der Tracht einer Veſtalin beſucht, und wenn auch manche wohlwollende Seele darüber die Achſeln gezuckt hatte, ſo wußte doch der junge Mann ihre vollkommene Berechtigung zu dieſem Koſtüm anzuerkennen. „So, der Thee wäre fertig, und ich kann mit vollem Rechte ſagen, daß Seine Majeſtät morgen früh keinen beſſeren trinkt und lange nicht in ſo ſchöner Geſellſchaft— jetzt ſei aber auch ein bischen heiter, mein Herz; es wird ja noch Alles gut— wie oft war ich ſchon im Begriffe, mich meiner Mutter zu entdecken. Aber weißt Du wohl, was dann geſchehen würde?— Sie ruhte nicht eher, bis mein Vater mich für ein paar Jahre nach Paris oder ſonſt wohin Am Herdfeuer. 189 geſchickt hätte— o, ich kenne ſie; und ſo lieb mich mein Vater auch hat, ſo müßte doch ein ganz beſonderes Ereigniß eintreten, das im Stande wäre, ihn ſo feſt zu machen, um meiner Mutter gegenüber ſeinen Willen durchzuſetzen.“ „Und wenn er handeln könnte, wie er wollte, glaubſt Du, er nähme mich armes Geſchöpf als ſeine Schwiegertochter in's Haus?“ „Auf alle Fälle. Und er würde glücklich ſein über Deine frohe Laune und über Dein gutes, heiteres Geſicht; ja, was ſoll ich es verſchweigen, er hat eine Ahnung von unſerem Verhältniß; denn neulich, als ich ein kleines Diner, woran ihm ſehr viel gelegen war, ganz allein überwachte und vortrefflich fertig machte, zupfte er mich am Ohr, was er nur thut, wenn er gut gelaunt iſt, und ſagte: „Mein Junge, ich weiß, was ich weiß; aber ich weiß auch, daß es einen Mordſpektakel gibt, wenn es die Frau Oberküchenmeiſterin erfährt— alſo ſei geſcheidt und nimm Dich in acht, damit wir Alle das bischen Ruhe behalten, was ſie geneigt iſt, uns zu laſſen.““ „Aehnlich ſprach meine Mutter auch ſchon,“ erwiederte das junge Mädchen;„ſie meinte, wenn Dein Vater könnte, wie er wollte, ſo würde ich glücklich werden— ach, ſo unendlich glücklich, Heinrich— und meine gute Mutter erſt— doch iſt das zu ſchön,“ ſetzte ſie mit einem traurigen Tone hinzu,„als daß es in Erfüllung gehen könnte.“ „Nur nicht verzagt, Roſa, und Hoffnung behalten, ſie läßt nicht zu Schanden werden.“ „O nein, nein, ich hoffe nicht mehr, und beſonders nicht, nach⸗ dem wir heute ſo leichtſinnig geweſen— denke nur, Heinrich, wenn Deine Mutter erführe, was wir gethan, und daß ich hier bei Dir den Tag erwartet— o, hätteſt Du mich doch nach Hauſe gehen laſſen.“ „Ohne Deinen Hausſchlüſſel, den ich leider Gottes verloren. Das wäre eine ſchöne Geſchichte geworden; wir hätten anläuten Hackländer's Werke. 51. Bd. 13 Am Herdfeuer. müſſen und das ganze Haus hätte erfahren, daß wir die Nacht über auf dem Balle geweſen.“ „ Und werden ſie es nicht auch ſo erfahren— wie ſoll ich von hier wieder fortkommen?“ „Darüber iſt mir eine ganz prächtige Idee gekommen,“ ſagte der junge Mann, auf ſeine Uhr ſehend:„es iſt jetzt beinahe ſechs— um ſieben Uhr wird Euer Haus geöffnet, und da es alsdann noch dunkel iſt, ſo ſieht Dich Niemand hineingehen.“ „In meinem weißen Kleide?“ „Auch daran habe ich gedacht— ich hole nachher einen ſchwarzen Domino, den ich droben habe und der Dich vom Kopf bis zu den Füßen verhüllt— aber jetzt ſei auch ein bischen heiter, mein Kind; wenn Du nur wüßteſt, Roſa, wie glücklich es mich macht, hier in dem traulichen, warmen Gemache ſo allein bei Dir ſein zu können.“ Und daß er in der That glücklich war, bemerkte man an ſeinen leuchtenden Augen, ſowie an der Innigkeit, mit der er ihre kleinen Hände küßte, mit welcher er ſie anſchaute und mit welcher er ſeinen Arm um ihren ſchlanken Leib legte. „Nicht ſo, Heinrich, nicht ſo; willſt Du mich noch trauriger machen, als ich ſchon bin?“ „Das nicht— das gewiß nicht— aber einen einzigen Kuß wirſt Du mir doch erlauben?“ „Hier nicht, Heinrich— hier nicht, ſo wahr Gott helfe— ich ſchwöre es Dir zu— hier nicht, und wenn Du mich lieb haſt, ſo dringſt Du nicht darauf.“ „Ich habe Dich lieb, das weißt Du; aber Du biſt zu grauſam gegen mich.“ „Und wenn ich wirklich grauſam bin, ſo wirſt Du mir ſpäter Dank dafür wiſſen— horch, da ſchlägt es ſechs Uhr!“ ſagte das junge Mädchen, indem ſie ſich haſtig in dem Lehnſtuhl aufrichtete und ihn ſanft, aber kräftig von ſich wegdrückte—„was Du vor⸗ Am Herdfeuer. 191 hin ſagteſt, iſt ganz vortrefflich; hole den Domino, aber jetzt— gleich wenn ich Dich bitten darf. Du wirſt Dich auch noch um⸗ ziehen wollen, denn in Deinem Maskenkoſtüm kannſt Du mich doch nicht nach Hauſe begleiten.“ „Ich thue ja, was Du willſt, geliebte Roſa; aber gewähre mir wenigſtens einen einzigen kleinen Kuß, der ja nicht der Rede werth iſt.“ „Du weißt wohl, Heinrich, es wäre nicht der erſte und wird auch hoffentlich nicht der letzte ſein; aber ſei verſtändig und dringe hier nicht weiter in mich; wenn Du wüßteſt, wie ich mich ängſtige, Du müßteſt Mitleid mit mir haben.“ „Nun denn,“ rief er, ſich haſtig erhebend, in unmuthigem Tone, „ſo will ich denn thun, was Du verlangſt, aber es iſt nicht recht von Dir, Roſa, mich ſo hart zu behandeln, da Du weißt, wie ſehr ich Dich liebe, und darauf bauſt Du und thuſt mir auch nicht den kleinſten Gefallen.“ „So mußt Du nicht reden, denn es iſt nicht Dein Ernſt— verſprich mir jetzt gleich, Deinen Domino zu holen und dann—“ „Und dann?“ fragte er haſtig, indem er an der Thüre ſtehen blieb und ſich gegen ſie wandte.* „Dann, Heinrich,“ rief ſie, auf ihn zueilend und ihre Arme um ſeinen Hals ſchlingend,„dann thue ich freiwillig, um was Du mich ſoeben gebeten.“ „O, meine ſüße Roſa—“ „Jetzt gehſt Du aber auch, mein Heinrich, nicht wahr? Du haſt es mir ſtillſchweigend verſprochen und hältſt Dein Wort, wie Du es immer zu thun pflegſt.“ „Ich halte es, weil ich muß— aber wenn Du wüßteſt, Roſa, welche Ueberwindung es mich koſtet, Dich jetzt zu verlaſſen, ſo von Dir zu gehen aus dieſem warmen und behaglichen Stübchen— ach wenn Du das verſtehen könnteſt—“ „Nein, Heinrich— ich verſtehe es aber nicht— gewiß, ich verſtehe es nicht.“ Am Herdfeuer. „O, denke Dich an meine Stelle und ſuche mich zu verſtehen.“ „Wenn ich an Deiner Stelle wäre, wüßte ich ſchon, was ich thäte,“ ſagte ſie ſchalkhaft lächelnd. „Und was thäteſt Du, mein liebes Herz?“ rief er haſtig. „Ich hielte mein Verſprechen, ich ginge ſogleich, um den Domino zu holen und ich wüßte, wie unendlich dankbar mir Jemand dafür ſein würde.“ „Ja, ja, Du haſt gut reden,“ ſagte er, tief aufſeufzend, „Ihr wißt nicht, wie— nun, ich gehe ja ſchon. Setze Dich wieder in Deinen Lehnſeſſel, und wenn Du nichts dagegen haſt, ſo ſchließe ich Dich bis zu meiner Wiederkunft ein.“ „Warum das, Heinrich?“ Es iſt halb ſieben Uhr, es könnte Jemand kommen und hier hereinſchauen.“ „Du haſt Recht und Du kommſt ja auch gleich wieder.“ „Gewiß, mein Herz. Beunruhige Dich nur nicht und mache es Dir in dem großen Stuhle des Herrn Oberküchenmeiſters ſo bequem als möglich.“ Dieſes ſagte der junge Mann lächelnd und warf ihr noch eine Kußhand zu, ehe er das Gemach verließ, welches er alsdann ſorgfältig hinter ſich verſchloß. Er ſchritt eine Wendeltreppe hinauf, einen langen Gang ent⸗ lang und kam ſo an einen der rieſenhaften Eckthürme des alten Schloſſes, wo ſich die Wohnung des Herrn Brezelberger befand. Dieſe Wohnung hatte natürlicher Weiſe eine Thüre und dieſe Thüre hatte eine ſehr lauttönende Klingel, welche dem jungen Herrn Brezelberger bei nächtlichen Exkurſionen zuweilen ſchon ſehr läſtig gefallen war. Auch heute blieb er einen Augenblick ſtehen, ehe er die Hand nach der Thürklinke ausſtreckte, und war nicht wenig er⸗ freut, als ſich dieſe Hausthüre geräuſchlos öffnete und unter derſelben die alte Magd erſchien, ein ziemlich ehrwürdiges Möbel, die einſtens bei dem jungen Brezelberger Amme geweſen und darauf ſchon eine ſehr große Reihe von Jahren als Hausjungfer fortgedient hatte. —————— Am Herdfeuer. 193 „Bst,“ machte die alte Babette,„das hätte ich glücklich ab⸗ gepaßt. Die Frau Mutter ſchläft noch, und wenn Sie leiſe thun, hört Sie Niemand; auch habe ich den Ofen in Ihrem Zimmer warm gehalten und in der Bratkachel ſteht eine Taſſe Thee.“ „Danke, Babette. Aber laßt die Thür noch einen Augenblick auf, ich muß noch einmal fortgehen— in's Schloß hinunter,“ ſetzte er hinzu, als er das beſorgte Geſicht der alten Magd ſah, „ich habe dem Holzverwalter etwas zu ſagen, was ich geſtern vergeſſen.“ Dann trat er ſo leiſe als möglich in ſeine Stube und fühlte ſich hier behaglich angeweht von der wohldurchwärmten Atmoſphäre, ſowie beim Anblick ſeines bequemen Bettes und ſeiner übrigen recht eleganten Möbel. Ach, es iſt ſo wohlthuend, wenn man ſich nach einer durchſchwärmten Nacht wieder in ſeinen vier Pfählen befindet, ſich ausſchirren und in einen bequemen Rock ſchlüpfen kann. Es war auch für den jungen Herrn Brezelberger ein Genuß, dieſes zu thun; dann ſuchte er ſeinen ſchwarzen Domino und ließ ſich hierauf nur für ein paar Minuten in einen ſehr bequemen Fau⸗ teuil nieder. „Alles in Allem genommen,“ dachte er bei ſich,„bin ich heute Nacht bei dem Balle ſo ziemlich auf meine Koſten gekommen; ich habe mich göttlich amüſirt, ich habe— intriguirt, ich— habe— nicht ſchlecht ſoupirt— und—— bin— mehr— wie— je überzeugt— daß meine—— Roſa—— eines—— der —— liebenswürdigſten—— Mädchen—— iſt——— und ——— für——— mich——— paßt——— wie— — keine— Andere——— Wie———— glück⸗ lich— werden— wir—— ſein ———— ich———— mit———— ih——— —=rr=rr 4 Kleine Urſachen, große Wirkungen: ein Sprüchwort von er⸗ ſchütternder Wahrheit, das ſich ſeit undenklichen Zeiten bewährt 194 Am Herdfeuer. hat, ſich heute noch bewährt und ſich immer noch mehr bewähren wird, je verwickelter die Verhältniſſe der menſchlichen Geſellſchaft werden. Seine Excellenz der Herr Oberſthofmeiſter hatten Seine König⸗ liche Majeſtät, ſeinem Dienſte gemäß, bis an die Thüre von Aller⸗ höchdero perſönlichen Gemächern begleitet; ehe aber Seine Majeſtät dort eintrat, waren dieſelben an's Fenſter gegangen, hatten hinaus⸗ geblickt und geſagt:„Ich glaube, die Kälte hat bedeutend zuge⸗ nommen,“ worauf Seine Excellenz in großem Dienſteifer an einem Nebenfenſter, wo ſich ein Thermometer befand, eine Scheibe raſch geöffnet, um Seiner Majeſtät berichten zu können, daß man eine Kälte von 20 Grad habe. Hierauf waren Seine Majeſtät dankend verſchwunden. Und als der Oberſthofmeiſter nach dem Ballſaale zurückging, mußte er dreimal heftig nießen. Als er ſich hierauf ſpäter zu Bett legte, fröſtelte es ihn ſehr unangenehm, und gegen Morgen hatten Seine Excellenz den ſchönſten Katarrh, den man ſich nur wünſchen konnte und der ſich, wie bei ihm gewöhnlich, mit einem heftigen Huſten einzuſtellen pflegte. Nun verſtand aber der Oberküchenmeiſter aus braunem Zucker, dem Gelben von Eiern und aus ſonſt nur ihm allein bekannten Ingredienzien ein Mittel anzufertigen, das, kaffeelöffelvoll genommen, bei ſolchen Huſtenanfällen Wunder zu thun pflegte. Seine Excellenz klingelten ungefähr um ſechs Uhr in der Frühe dem erſten Kammerdiener und befahl ihm, zum Oberküchenmeiſter zu gehen und ihn um eine Taſſe voll von ſeinem berühmten Huſten⸗ ſaft zu bitten— zu bitten, hat ſeine Excellenz geſagt, dieſes Wort ſcharf betonend, und hinzugefügt, er ſolle Herrn Brezelberger ſagen, wie leid es ihm thue, daß er ihn zu ſo früher Zeit beläſtige. Bitten— und beläſtige. Dieſe beiden Worte waren ſchuld daran, daß Herr Brezelberger mit erſtaunlicher Geſchwindigkeit ſeinem Bette entſtieg, ſich eilig aber warm anzog, zum Ueberfluß noch in einen dicken Pelz ſchlüpfte, die Nachtmütze über die Ohren zog und— in der einen Hand ein brennendes Licht, in der andern Am Herdfeuer. 195 einen Schlüſſelbund, durch die immer noch ſtillen Gänge der kleinen Küche zuſchritt, wo er in ſeinem Privatſchranke Alles vorräthig hatte, was er zu ſeinem unübertrefflichen Balſam brauchte. Da fand er, daß der Schlüſſel zu dem kleinen Gemache ab⸗ gezogen war, weßhalb er den Hauptſchlüſſel herausſuchte und damit die Thüre leiſe öffnete. „Ei,“ dachte er,„wie warm es hier noch iſt; und ein Licht haben ſie geſtern Abend brennen laſſen, dieſe— Schlingel— von — Schloßknechten—— gerechter Gott, was iſt das?“ Der Oberküchenmeiſter ſtand in der geöffneten Thüre; er fühlte, wie ſich ſein Blut zuerſt gewaltſam nach dem Herzen drängte und dann ſiedend in ſein Gehirn ſtrömte. Mit der entſetzlichen Leb⸗ haftigkeit trat der geſtrige Abend vor ſeine Seele. Die Geſchichte von dem geſpenſtigen Ball, die Erzählung Flinter's, das unglück⸗ liche Ende des Kammerlakaien Martin, da— da— da vor ihm — keine vier Schritte von ihm entfernt ruhte die weiße Frau in ſeinem, des Oberküchenmeiſters eigenem Lehnſeſel——— eine Täuſchung war nicht möglich— und ein Traum war es auch nicht — es war die weiße Frau, und die Sache mußte nun für ihn ihren traurigen, unzuhemmenden Verlauf nehmen. Ein Anderer an der Stelle des wohlbeleibten Oberküchen⸗ meiſters wäre vielleicht auf die Erſcheinung losgeſtürzt; er aber, nachdem er das Entſetzliche geſehen, zog die Thüre wieder langſam zu, verſchloß ſie, wandte ſich um und kehrte mit bedächtigen Schrit⸗ ten nach ſeiner Wohnung zurück, wobei er aber ſehr bleich ausſah und der Schlüſſelbund in ſeiner Hand bedeutſam klirrte. Zu Hauſe angekommen, ging er nicht in ſein Schlafzimmer, wo ſeine beſſere Hälfte noch gemüthlich ſchlief, ſondern er trat in das Zimmer ſeines Sohnes. Wäre Herr Brezelberger in der Stimmung geweſen, jetzt noch über irgend etwas zu erſtaunen, ſo würde er erſtaunt geweſen ſein, ſeinen Sohn vollſtändig angezogen zu finden und ihn, als er eintrat, aus tiefem Schlafe auffahren zu ſehen, 196 Am Herdfeuer. Der junge Mann erſchrack heftig, ſowohl darüber, daß er ge⸗ ſchlafen, mehr aber noch über das Ausſehen des alten Mannes, der ſich ihm mit wankenden Schritten näherte und förmlich in das Fauteuil hineinfiel, das der Sohn ſoeben eilig verlaſſen. „Was iſt geſchehen?“ fragte der junge Mann nach einer kleinen Pauſe,„brennt es irgendwo im Schloſſe?“ „O, ſchlimmer als das, mein Heinrich!“ gab der Oberküchen⸗ meiſter mit matter Stimme zur Antwort,—„es iſt mir was Schreckliches paſſirt— ich habe die weiße Frau geſehen.“ „Jetzt in der Morgenſtunde? Unmöglich, Vater!“ „Jetzt, in der Morgenſtunde.“ „Und wo denn?“ „Unten— neben— der— Küche— in meinem kleinen Kabinet. Sie lag wie ſchlafend in meinem Lehnſtuhle— weißt Du, Heinrich, was es für mich bedeutet?“ Der junge Brezelberger hätte gerne gelacht, wenn ihm ſeine Lage, die des jungen Mädchens und die ſeines alten Vaters nicht gar zu ernſt erſchienen wäre. Da er natürlicher Weiſe überlegte, wie er ſich hier heraushelfen könne, ſo ſchwieg er ſtill, und auf dieſes Schweigen hin fuhr der Oberküchenmeiſter langſam mit dem Kopfe nickend fort:„Weißt Du, was dieſe Erſcheinung für mich bedeutet, mein Sohn?— ſie bedeutet mein nahes Ende.“ „Welche Idee, Vater, wer wird ſich ſolche Sachen in den Kopf ſetzen— vielleicht—— haſt Du—— falſch geſehen; vielleicht hat ſich Jemand in dem warmen Zimmer zum Schlafen nieder⸗ gelegt.“ „Vielleicht, mein Sohn— vielleicht— es ſind das Räthſel, die mir wahrſcheinlich in kurzer Zeit klar werden.“ „Kindereien, Vater! Du haſt Dich geirrt, und um Dir das zu beweiſen, bitte ich Dich dringend, mit mir noch einmal dort⸗ hin zu gehen, um Dich zu überzeugen, daß Du nicht die weiße Frau geſehen.“ Am Herdfeuer. 197 „Ich?— nicht um eine Million!“ „In meiner Geſellſchaft— ich bitte Dich darum, Vater; ich beſchwöre Dich, Du biſt es Dir und uns Allen ſchuldig, Dich zu überzeugen, daß Du Dich geirrt haſt.“ Der junge Mann ſprach ſo eindringlich und bat ſeinen Vater ſo flehend, daß dieſer ſich endlich nach längerem Zögern entſchloß, nochmals dorthin zu gehen, wo ihm das Fürchterliche widerfahren, und ſo langſame Schritte er auch machte, ſo ſtanden ſie doch end⸗ lich vor dem verhängnißvollen Kabinet, deſſen Thüre der junge Herr Brezelberger ſo geräuſchlos als möglich öffnete. „Da— da— da, mein Sohn— habe ich mich geirrt?— ſiehſt Du?“ „Ich ſehe Alles, was Du auch ſiehſt— allerdings eine weiße Frau, aber nicht die weiße Frau.“ Er zog bei dieſen Worten den widerſtrebenden alten Herrn in das Gemach, verſchloß es vorſichtig von innen und näherte ſich mit ihm dem vermeintlichen Geſpenſte. Dieſes ſah aber in ſeinem tiefen Schlafe ſo friſch und artig aus, lächelte ſo anmuthig und athmete ſo tief menſchlich und regel⸗ mäßig, daß ſich der Oberküchenmeiſter eines gewaltigen Athemzuges der Befriedigung nicht erwehren konnte. „Ich glaube, junger Menſch,“ ſagte er hierauf mit einem langen Blicke auf ſeinen Sohn,„Du kennſt dieſes Geſpenſt?“ „Ja, Vater, da hilft kein Leugnen mehr, ich kenne es; wir waren heute Nacht zuſammen auf dem Balle, und da ich ſeinen Hausſchlüſſel verlor, ſo konnte ich es nicht zu ſeiner Mutter zurück⸗ bringen. Doch ich bin glücklich, daß Du Dich überzeugt haſt, es ſei nicht die weiße Frau und daß es nichts Schlimmes für Dich bedeutet.“ „Und was bedeutet es ſonſt für mich?“ „Eine Schwiegertochter, mein lieber guter Vater— ich weiß, Du kennſt Roſa und ihre achtbare, wenn auch arme Mutter, und Du wirſt nicht dem Glück Deines einzigen Sohnes entgegen ſein.“ 198 Aum Herdfeuer. „Aber Du kennnſt auch Madame Brezelberger, Deine Frau Mutter, und weißt eben ſo genau, wie ſie in dieſem Punkte ge⸗ ſinnt iſt—“ „Denke Dir aber, es ſei in der That die weiße Frau geweſen, die Du geſehen.“ „Ich ſchaudere, wenn ich daran denke.“ „Du würdeſt geglaubt haben, dieſe Erſcheinung ſei eine ſchlimme Vorbedeutung für Dich, und nun, da es anders iſt, fühlſt Du Dich doch gewiß froh und glücklich.“ „Gewiß, Heinrich— gewiß.“ „So tritt denn in dieſer Freude, in dieſem Glücke vor die Mutter hin, ſage, es ſei Dein Wille, daß ich Roſa heirathe, und mache uns nicht unglücklich, ſondern ſelig.“ „Das ſoll ich Deiner Mutter ſagen?“ erwiederte der Ober⸗ küchenmeiſter in kleinmüthigem Tone. Und weißt Du auch, daß Madame Brezelberger, ohne mich anzuhören, ſich bei Seiner Excellenz würde melden laſſen und ein paar Jahre Urlaub für Dich erbitten?“ „Der Herr Oberſthofmeiſter will mir wohl und hat mir ſchon lange eine feſte Anſtellung verſprochen.“ „Ja, wenn Du die erſt hätteſt!“— ſeufzte der alte Herr, „dann wollte ich aus vollem Grunde meines Herzens ‚Amen’ ſagen“ „Kleine Urſachen— große Wirkungen“— wir müſſen dieſes Wort hier noch einmal wiederholen, da es den glücklichen Schluß unſerer kleinen Geſchichte bedingt. Der Herr Oberſthofmeiſter hatte vergeblich auf den ſo ſehn⸗ lichſt gewünſchten Huſtenſaft gewartet, und als ſeine Excellenz hierauf ſpäter verdrießlich und huſtend vor ſeinem Kaffee ſaß und den täglichen Bericht der Oberſchloßinſpektors in Empfang genommen hatte, ſagte er:„So ein tüchtiger Mann der alte Brezelberger in ſeinem Fache auch iſt, ſo fängt er doch an, ein wenig vergeßlich zu werden und ich habe deßhalb beſchloſſen, die Ernennung ſeines Am Herdfeuer. 199 Sohnes, des jungen Brezelberger's, zum Oberkoch und Gehülfen ſeines Vaters heute Morgen noch Meinen Sie nicht auch?“ Da nun ein Oberſchloßinſpek ſein pflegt, als ſein hoher Chef, mend, worauf die Ernennung un berger Oberkoch wurde. Seiner Majeſtät zu unterbreiten. tor faſt nie anderer Meinung zu ſo verneigte ſich Erſterer zuſtim⸗ terbreitet und der junge Brezel⸗ Was die Oberküchenmeiſterin anbelangte, ſo koſtete es keine kleine Mühe, ihre Beiſtimmung zu der Mesalliance ihres Sohnes zu erlangen; doch wurde auch ſie endlich erweicht, worauf Hein⸗ rich die weiße Frau heirathete, geſehen. welche ſein Vater am Herdfeuer —— — ——— —õ—ᷣ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ————— — Reiſeluft. Wenn es irgendwo Anwendung findet, daß die aufgehäuften und endlich überwundenen Schwierigkeiten die Luſt des Gelingens verſchärfen, ſo iſt dieſes ganz beſonders beim Reiſen der Fall. Für den, der häufig reist, deſſen Paßkarte ſtets vorräthig iſt oder dem ſie erneuert wird, indem der betreffende Beamte bei der Uebergabe noch eine tiefe Verbeugung macht— der zwei Zeilen an ſeinen Bankier ſchreibt um ſo und ſo viel Napoleons in specie oder um einen beliebigen Kreditbrief auf Paris oder London, für den iſt das Reiſen oft eine Laſt, ein nothwendiges Uebel, wie eine Bewe⸗ gung in friſcher Luft, ein Spaziergang, den der Arzt verordnet; ein kleines Amuſement wie jedes andere. Wer aber an ſein kleines Reiſevergnügen zuerſt nur wie an einen glücklichen, kaum zu erreichenden Traum, an ein lebhaftes Phantaſiegebilde denkt, wer ſich zuerſt, an ſchönen Sommertagen am Schreibtiſche ſitzend und beim Betrachten des ſtrahlenden, blauen Himmels hoch über des Nachbars rußiger Mauer mißmuthig ſeine Feder zerkauend, ſo, wir möchten ſagen, nur im Allgemeinen reiſen ſieht, jetzt auf dem heiteren Dampfboot, jetzt im luſtigen Eilwagen oder auf der ernſten Eiſenbahn, wer ſich aus dieſen auseinander⸗ Reiſeluſt. fahrenden Träumen erſt nach und nach ein kleines, beſcheidenes Bild zuſammenzieht, ſich im Laufe der Zeit allgemach für irgend eine Gegend entſcheidet, die ihm ganz beſonders geprieſen wurde, wo er friſche Bergluft findet, Ruhe für ſeine angegriffenen Nerven und billige Gaſthöfe, wer endlich ſich ſchüchtern zu ſagen erlaubt: viel⸗ leicht das nächſte Jahr über's Jahr, wenn ich geſund bin, wenn ich Urlaub erhalte, wenn ich Geld habe, wenn die Frau nichts dagegen einwendet— wenn— wenn— und wenn—— Wer nach Ueberwindung aller dieſer Schwierigkeiten endlich ſo glücklich iſt, von dem verdrießlich blickenden Kanzleichef die Urlaubs⸗ beſcheinigung zu erhalten, der jener gewiß nicht vergißt hinzuzu⸗ fügen:„Sie haben es allerdings gut, Sie laufen vom Aktentiſche weg, wenn es Ihnen beliebt, unbekümmert, ob die Arbeit gethan iſt oder liegen bleibt,“ wer hierauf dieſe freundlichen Worte un⸗ bekümmert über ſich hinabrieſeln läßt wie der Hund den Regen, wer alsdann noch beim Anziehen Morgens früh um drei Uhr die unvermeidliche Gardinenpredigt hinter ſich hat, alle ſo nothwendigen und praktiſchen Ermahnungen, alle Hausmittel gegen Geldverſchwen⸗ dung, Erkältungen, zu viel Eſſen und Trinken, gegen Luftzug auf der Eiſenbahn, gegen ſchöne Kellnerinnen im Gaſthof, wer nach allem Dem nun vollſtändig angezogen iſt, ſeine Brieftaſche mit dem Reiſegeld taſtend befühlt, ſeinen aufgewärmten Kaffee verzehrt hat mit Weißbrod vom geſtrigen Tage, wer nun leiſe, leiſe die dunſtige Kammer hinter ſich zuzieht, nicht ohne noch etwas vom Selbſt⸗ geſpräch ſeiner beſſeren Hälfte zu vernehmen, daß der Mann gewiß aller guten Lehren vergeſſen, ſich erkälten oder erhitzen werde, auch ſich nicht in acht nehmen vor Zugluft und ſchönen Kellnerinnen, und hierauf nun in der Frühe um halb fünf Uhr in die herrliche, kühle, würzige Morgenluft hinaustritt, übermüthig ſeinen Reiſe⸗ ſtab zum Abſchied gegen das verſchlafene Haus ſchwingend, ja es ſogar wagend, mit den Fingern in der Taſche ſeines Beinkleides ein Schnippchen zu ſchlagen, das iſt ein Mann, der mit wirklichem —j] — ——ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣᷣᷣᷣ—ꝛꝛ———— 5.——— Reiſeluſt. Behagen reiſen wird, ein Mann, dem das Reiſen zur Luſt wird— ein Mann, dem wir folgen wollen. Die Sonne, welche am wolkenloſen Himmel noch nicht er⸗ ſchienen iſt, hat aber ſchon einen Goldduft vor ſich hergeſandt, von dem das blaue, glänzende Gewölbe droben auch der Erde etwas zukommen läßt, die Vorahnung auf einen wundervoll ſchönen Tag. Dabei liegen die Straßen der Stadt noch ſo angenehm einſam, der größte Theil der Häuſer und Menſchen iſt noch nicht erwacht, und Leute, die vielleicht ebenfalls auf Reiſen gehen oder einen Morgenſpaziergang machen, ſehen wir ſchon am Ende der längſten Straße, können ſie faſt erkennen und hören von weitem her ihre ſchallenden Fußtritte; die Brunnen plätſchern ſo geheimnißvoll, als wollten ſie uns allerlei Merkwürdiges erzählen von der vergangenen Nacht; ebenſo der Wachtel leiſer Schlag hier in ihrem Käfig, ſo⸗ wie die letzten klagenden Triller einer gefangenen Nachtigall, welche dort aus der engen, noch dunkleren Gaſſe hervortönen.— Doch haben wir keine Zeit, ſie anzuhören, denn vom Bahnhof her ver⸗ nehmen wir ſchon zuweilen das gellende Pfeifen einer Lokomotive; wir brauchen uns deßhalb aber nicht zu beeilen, denn wir ſind ſicher, daß der Zug erſt um fünf Uhr abgeht und unſere Taſchen⸗ uhr haben wir geſtern auf's Sorgfältigſte gerichtet: das Gepfeife dort bedeutet die Zuſammenſtellung der Züge— wir kennen das und haben es oft genug erlebt: zwei Wagenlängen— eine Wagen⸗ länge— eine halbe— einen Fuß, dann ein gelinder Anprall. Etwas lebhafter wird es ſchon auf der Straße, je mehr wir uns dem Bahnhofe nähern, jetzt hört man auch Trommelſchlag, fällt unwillkürlich in den Takt deſſelben, marſchirt noch einmal ſo friſch und munter dahin— ah, eine Kompagnie Jugendwehr, die zu einem Reiſemarſch auszieht und bei deren Anblick über das Geſicht unſeres Reiſenden ein leichter Schatten fliegt, der erſte an dieſem ſonnigen Morgen— dort in der Ferne ziehen ſie vorüber, die Krieger der Zukunft, uniformirt, mit Ober⸗ und Untergewehr, Reiſeluſt. 203 der Stolz der Mütter, häufig der Schrecken der Väter. Hat doch auch unſer Reiſender, Herr Oberreviſor Schmauder, einen hoffnungs⸗ vollen Sprößling bei der Jugendwehr, deſſen Uniform ihn ein Bedeutendes gekoſtet, der in ſeinem fünfzehnten Jahre ſchon ein erhöhtes Taſchengeld verlangte, um ſich würdig mit vereinigen zu können bei kühlem Biere nach den Anſtrengungen eines Reiſemarſches, der in ſtolzem Selbſtbewußtſein nach kleinen Strafen, die er in der Schule erduldet, zu Hauſe von ſeinem Rechte ſpricht, jeder Tyrannei kräftig entgegenzutreten, deſſen Klaſſenzeugniß immer ſchlechter wird, je mehr er ſich im Exerziren vervollkommnet, ſowie in den Pflichten eines freien deutſchen Wehrmanns, der in der Uniform ſpazieren geht, zuweilen auch mit dem Säbelchen, und der es in ſolchen Augenblicken ſehr ungnädig aufnimmt, daß den Schildwachen, dieſen gewöhnlichen Soldaten, nicht ſchon lange der Befehl zu⸗ gegangen iſt, vor Ihnen, den Unteroffizieren der Jugendwehr, eine Ehrenbezeugung abzugeben. Da ziehen ſie hin und das Geſicht des Herrn Schmauder klärt ſich auf, als der Letzte um die ferne Straßenecke hinum ver⸗ ſchwunden iſt— wie ſollte er auch im Stande ſein, heute Morgen ernſten Gedanken nachzuhängen, denn ſchon von Ferne ſah er den Bahnhof vor ſich liegen und eine Menge Leute, die mit ihm dem gemeinſamen Ziele zuſtrebten. Wir haben zu bemerken vergeſſen, daß es ein Sonntag war, und würden vielleicht auch jetzt noch nicht daran gedacht haben, wenn in dieſem Augenblicke nicht Glockengeläute, durch die reine Morgenluft daherklingend, den Tag des. Herrn verkündigt hätte. Unſer Reiſender, welcher Mitglied des Männergeſangvereins war, fühlte ſich jetzt in doppelt gehobener Stimmung und würde gerne dazwiſchen hinein angeſtimmt haben: Ich bin allein auf weiter Flur, Noch eine Morgenglocke nur, Sonſt Stille nah und fern. ———;— Reiſeluſt. wenn dieſes nicht eine gar zu große Anomalie geweſen wäre, da er jetzt gerade in einen wahren Strudel ſonntäglich geputzter Leute mit vergnügten Geſichtern gerathen war, von denen ihn manche freundlich grüßten und die plaudernd und lachend mit großen Schritten dahinzogen. Hie und da ſah man auch eine frühzeitige Droſchke oder einen Gaſthofomnibus hoch mit Gepäck beladen, deſſen Inſaſſen vielleicht in Erinnerung an kurze Betten und lange Rechnungen grämlich nusſchauten. Da ſind wir endlich gegenüber der Eiſenbahnkaſſe, doch wird es noch eine Zeitlang dauern, ehe wir glücklich unſer Billet gelöst haben. Eine gewaltige Menſchenmenge hat ſich davor zuſammen⸗ gedrängt: der aufgeſtellte Portier hat genug zu erinnern, daß man von rechts an den Schalter tritt, um nach links wieder zu ver⸗ ſchwinden; auch ermahnt er, nicht vorwärts zu drängen, was aber ziemlich fruchtlos bleibt; denn ſo oft drinnen ein Glockenton er⸗ ſchallt, oder irgend eine Lokomotive pfeift, ſo preßt ſich der Men⸗ ſchenknäuel wieder um ſo feſter zuſammen, da Jeder die Befürchtung hat, zu ſpät zu kommen. Herr Schmauder hat ſich, bewaffnet mit dem Grundſatze, daß es ohne Mühe kein Vergnügen gibt, muthig in dieſen Strudel geſtürzt und ſteht nun da, eingekeilt zwiſchen einem wohlbeleibten Herrn, der noch obendrein ſehr unnöthiger Weiſe immer etwas in ſeinen hintern Rocktaſchen zu ſuchen hat, und einer umfangreichen Dame, welche ihre beiden Fäuſte, mit Sonnenſchirm und einem kleinen Nachtſacke bewaffnet, vor ſich hält und auf dieſe Art in unangenehme Berührung kommt mit dem Rücken des Oberreviſors. So geht es langſam Zoll um Zoll vor⸗ wärts, und es würde viel raſcher gegangen ſein, wenn nur alle Leute ſo diskret wären, ſich mit kleinem Gelde zu verſehen, oder wenn ſie nicht bei dem geplagten Eiſenbahnkaſſier Erkundigungen über die Länge irgend einer Fahrzeit oder anderer Dinge einziehen wollten. Solche Kerle ſind wirklich unausſtehlich und ſogar Herr Schmauder, der von ſehr ruhiger und ſanfter Gemüthsart war, Reiſeluſt. fühlte ſich unangenehm berührt durch das Betragen des dicken Herrn vor ihm, der ſich, an der Kaſſe angekommen, zuerſt ein paar Male verſprach über Wagenklaſſe und Reiſeziel, auch etwas hart⸗ hörig war, ſich auf's Umſtändlichſte nach dem Preiſe und der Dauer der Retourbillete erkundigte und zuletzt ſein Reiſegeld aus allen Weſten⸗ und Hoſentaſchen zuſammenſuchte. Dazu qualmte er eine ſcheußliche Cigarre und hatte die unartige Gewohnheit, ſeinen Stock horizontal unter den Arm zu nehmen, wobei er ſeinen Hintermann einige Male empfindlich auf den Bauch geſtoßen hatte. Endlich ſah ſich Herr Schmauder von dieſem Unholde befreit, er verlangte ſeine Karte und händigte dafür dem Kaſſier mit einer rührenden Genauigkeit das abgezählte Geld in gangbarer Landes⸗ münze ein, wofür ihn der betreffende Eiſenbahnbeamte mit einem gnädigen Kopfnicken entließ. Es war doch ſchon etwas ſpät geworden und Diejenigen, welche jetzt noch mit dem Zuge fort wollten, mußten ſich zu einem kleinen Dauerlaufe bequemen. „Dritter Klaſſe nach Nördlingen?“ „Hier!“ „Ich danke Ihnen.“ Da ſaß unſer Reiſender endlich, tief und glücklich aufathmend und hatte einen außerordentlich ſchönen Platz rückwärts am Fenſter, Schattenſeite.— Auch war es nicht übermäßig voll, hie und da noch ein Platz frei, und lange zu warten brauchte man auch nicht: die Glocke gab ihre üblichen Zeichen, die Lokomotive puſtete aſth⸗ matiſch und dann ging's aus dem dunkeln Bahnhof in den freien Sonnenſchein hinaus. Der Oberreviſor war ein Raucher, doch nur zu ſeinem Ver⸗ gnügen und nicht ſich ſelbſt und Anderen zur Laſt. Vormittags eine Cigarre— Nachmittags eine zweite— Abends bei einem Glaſe Bier die dritte, und ſelbſt auf Reiſen erlaubte er ſich höchſt ſelten, eine vierte einzuſchieben. Hat man doch auf der Eiſenbahn Hackländer'’s Werke. 51. Bd. 14 -õõõõõõõ———õ ——— 206 Reiſeluſt. überdieß Unterhaltung genug: man betrachtet die Gegend, ſeine Mitreiſenden, man freut ſich über den freundlichen Kondukteur, der ſo gemüthlich Karte um Karte mit ſeiner Zange durchlöchert, man betrachtet alsdann dieſe Karte von allen Seiten, man hält ſie auch zuweilen vor das Auge, um ſich durch das kleine runde Loch die Gegend anzuſehen, man liest die im Wagen angehefteten Plakate, unter anderen, daß dort ein Eingang zu einem Coupé iſt, in wel⸗ chem nicht geraucht werden darf, daß der Wagen, in welchem wir uns befinden, die Nummer viertauſend und ſechsundzwanzig trägt, daß man bei vorkommender beſchwerlicher Veranlaſſung einer an⸗ genehmen Einrichtung im Gepäckwagen verſichert ſein darf, und man erfährt mit Schaudern, daß es lebensgefährlich iſt, den Kopf oder andere Theile des Körpers zum Wagen hinauszubeugen.— So kommt man vorwärts und hat ſchon im Umſehen die nächſte Station erreicht. Hier neuer Reiſender die Menge, gewöhnliche Leute, dicht ge⸗ drängt auf dem Trottoir, und was den Oberreviſor einigermaßen intereſſirte, eine Schaar jugendlicher, kräftiger Turner in weißer Zwillichkleidung mit ſchwarzen Gürteln oder rothen Schärpen um den Leib, die Hüte mit Eichenlaub geziert. Der Fahnenträger, eine viereckige, hohe Geſtalt, ſteht ſo nahe an den Schienen, daß man hätte befürchten können, ein Stück ſeiner Naſe bleibe an dem vorüberfahrenden Wagen hängen, doch lächelte er gemüthlich und machte ſich gar nichts daraus, als einer der Eiſenbahnbeamten den Verſuch machte, ihn ein wenig zurückzuziehen— übrigens ohne alle Wirkung, denn der Turner ſtand da wie ein Fels im Meere und hatte Anderes zu thun; denn ſowie der Zug vorüberbrauste, öffnete er weit ſeinen Mund und begann mit lauter, kräftiger Stimme: Turner zieh'n froh dahin, Wann die Bäume ſchwellen grün, Wanderſchaft, ſtreng und hart, Das iſt Turner Art. Reiſeluſt. Turnerſinn iſt wohlbeſtellt, Turnern Wandern wohl gefällt, Darum frei, Turnerei Stets geprieſen ſei— juchhei! welches Lied von der ganzen Schaar begeiſtert mitgeſungen wurde — das heißt nur der erſte Vers, denn alsdann ſtanden die Wagen und die rüſtigen jungen Leute flutheten zu allen Thüren herein; einer ſchwang ſich ſogar durch das Fenſter, an dem Herr Schmau⸗ der ſaß, und wenn dieſer ſich nicht raſch in die Ecke gedrückt hätte, ſo würde es einen feſten Zuſammenſtoß gegeben haben, ſo aber blieb es nur bei einem gelinden Anprall— doch war es mit dem behaglichen Sitzen vorbei: nicht nur die leeren Plätze wurden von den munteren, jungen Leuten eingenommen, ſondern auch die Sei⸗ ten und Rücklehnen nach Turner⸗Art; der Gang im Wagen füllte ſich ebenfalls an und draußen auf den Treppen ſah es aus wie vor einem Bienenkorbe, der zu ſchwärmen im Begriffe iſt. Und Alle waren ſo heiter und guter Dinge: friſch, fromm, fröhlich, frei; ſie hatten auch große Trinkhörner bei ſich und tran⸗ ken einander munter zu, und wenn ſie getrunken hatten, unter⸗ hielten ſie ſich über die vorhabende Turnfahrt, lachten, jubelten und ſchenkten auch den Dörfern, an denen man vorüberkam und wo nicht gehalten wurde, alle mögliche Aufmerkſamkeit, hier durch ein Schwenken des Hutes, dort durch ein donnerndes Gut Heil! oder indem ſie ſich, unbekümmert um das angeheftete Plakat, ſoweit als es ihnen möglich war zu den Wagen hinausbeugten. Im letzteren leiſtete der Nachbar des Oberreviſors das Möglichſte, und ſo oft ſich ſeine breite Geſtalt gegen das Wagenfenſter lehnte, übte er einen gelinden Druck auf Herrn Schmauder aus, nicht ohne jedes⸗ mal mit einer tiefen Baßſtimme um Entſchuldigung zu bitten. Glücklicher Weiſe war unſer Reiſender von ſehr dünner Leibes⸗ beſchaffenheit und zwängte ſich in ſeine Ecke ſo gut als es nur thunlich war, zog auch die Beine krampfhaft unter ſeinen Sitz, 208 Reiſeluſt. um ſeinem Gegenüber deſto mehr Platz zu laſſen, welcher auch von dieſer Freundlichkeit den ausgiebigſten Gebrauch machte, indem er lang ausgeſtreckt ſo bequem als möglich auf ſeinem Sitze ruhte, die Hände in den Taſchen ſeiner weiten Zwillichhoſen, auch erſchreck⸗ lich dampfte und dabei Herrn Schmauder genau betrachtend, als müſſe er ſich erinnern, dieſes Geſicht ſchon irgendwie geſehen zu haben. Wenn auch unſer Reiſender gehofft hatte, an dieſem ſchönen, ſtillen Sonntagsmorgen in einem weniger beſetzten Wagen zu fah⸗ ren, bequem ſitzend, ohne Gegenüber ſeinen Betrachtungen hingegeben, ſo war er doch nicht ſo ſelbſtſüchtig, um dieſen friſchen, jungen Leuten ihre Fröhlichkeit zu verargen und ihrem luſtigen Getreibe zu zürnen— es dauerte auch wohl nicht lange, vielleicht drei oder vier Stationen, dann verließen die Turner und wahrſcheinlich auch ein großer Theil der anderen Mitfahrenden den Wagen, und darauf freute er ſich jetzt ſchon— dann hatte er ſeine Bank wieder für ſich allein, konnte ſich bequem ausſtrecken, ſinnend in die Landſchaft hinausſchauen, und dann kam auch jener ſchöne Augenblick, an welchem er ſich ſeine Morgen⸗Cigarre anzünden wollte, womit er bis jetzt gezögert. Beruhigt durch dieſe Gedanken, gewann er es nun ohne großen Zwang über ſich, mit freundlichem Lächeln rhythmiſch den Kopf auf⸗ und abzuwägen, als nun der Fahnenträger, welcher mit geſpreizten Beinen an der Thüre ſtand, die Fahne und ſich an der Fahne haltend, wieder ein Lied begann, das jubelnd aufgenommen, ſogleich in vollem Chorus durch den Wagen brauste: Vier Worte nenn' ich euch, inhaltsſchwer, Die pflanzet von Munde zu Munde, Sie tragt als Gepräge von außen her, Wie tief in des Herzens Grunde, Der Turner iſt ſeines Namens nicht werth, Wenn er nicht auf die vier Worte hört. Reiſeluſt. 209 Der gellende, langanhaltende Pfiff der Lokomotive und dann ein donnerndes Gut Heil! von außen hereinſchallend, zerriß die letzte Strophe des Liedes, und da ſich jetzt Alles haſtig an die Wagenfenſter ſtürzte und gerade auf die Seite, wo Herr Schmau⸗ der ſaß, ſo war es ihm doch einigermaßen unangenehm, daß er nun einem halben Dutzend kräftiger Turner als Stützpunkt dienen mußte, ohne dabei ein ſonderliches Vergnügen zu genießen; denn daß draußen auf dem Perron eine faſt eben ſo große Schaar dieſer weißgekleideten jungen Leute bereit war, ſich von dem ſchon über⸗ füllten Zuge aufnehmen zu laſſen, konnte gerade nicht zur Ver⸗ mehrung der Heiterkeit unſeres Reiſenden beitragen. Allerdings wurden noch einige Wagen angeſchoben, doch ſchienen es die Turner ganz beſonders auf den abgeſehen zu haben, in welchem ſich die Fahne befand. Herr Schmauder ſtieg einen Augenblick aus, um friſche Luft zu ſchöpfen, und da es ſchon ziemlich warm geworden war, ſo hatte er nicht übel Luſt, das Bier zu verſuchen, doch war das Reſtau⸗ rationslokal und in demſelben der Schenktiſch ſo von Durſtigen belagert, daß es Tollkühnheit geweſen wäre, ſich gegen dieſes Ge⸗ wühl zu ſtürzen— war es ſogar ſchon gefährlich, harmlos auf dem Trottoir zu wandeln, denn das Wiederfinden und Erkennen Einzelner wurde auf etwas ſtürmiſche Art gefeiert: hier ſchallte ein gewaltiges Gut Heil! dort klatſchte der gewechſelte Handſchlag; da⸗ neben wurde aus großen Biergläſern vor⸗ und nachgeirunkan, auch wohl kräftig angeſtoßen. Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein! Ade nun, ihr Lieben! geſchieden muß ſein! Ade nun, ihr Berge, du väterlich Haus! Es treibt in die Ferne mich mächtig hinaus. Mit verſchlungenen Armen zu ſechſen oder achten auf⸗ und abwandelnd nahmen ſie dort das ganze Trottoir ein, während ———————— ————— 210 Reiſeluſt. einige Andere die Freude des Wiederſehens feierten, indem ſie ſich im Ringkampfe anſtrengten, Einer den Andern ſo hoch als möglich vom Boden zu erheben. Als nun nach ziemlich langem Aufenthalte wieder eingeſtiegen wurde, machte ſich der Oberreviſor nicht viel daraus, daß ſeine Ecke durch einen Anderen beſetzt worden war; denn er hielt es für beſſer, an der geöffneten Thüre ſtehen zu bleiben— war es ihm hier doch möglich, über die Köpfe der auf der Treppe ſitzenden Turner hinweg in die maleriſche Landſchaft hinauszuſchauen, und beim Anblick der fernen blauen Berge zu träumen von ſtillen Thä⸗ lern, welche dahinter lagen, von einem freundlichen Dörfchen mit murmelndem Waſſer, mit kühlen Baumſchatten und einem ſtillen Wirthshaus, wo der Menfch nicht hinkommt mit ſeiner Qual, denn der Lärm um ihn her wurde ihm doch ein wenig zu arg. Je höher die Sonne ſtieg, deſto raſcher kreisten die wiedergefüllten Trinkhörner, und je mehr dieſe umherwanderten, um ſo häufiger wurden Lieder angeſtimmt, leider aber nicht immer das gleiche, und da er ſich am Eingange ſeines Wagens alſo vollkommen in Hörweite des nachfolgenden befand, ſo klang es ihm nicht gerade harmoniſch, wenn von drüben erſchallte: Stimmt an mit hellem hohem Klang, Stimmt an das Lied der Lieder! während es um und hinter ihm jubelnd ertönte: Ein Ruf iſt erklungen Durch Berg und durch Thal, Heraus ihr deutſchen Jungen, Zum grünen Waffenſaal! Neue Station— neue kleine Leiden: es befinden ſich Reiſende auf dem Zuge, die keine Turner ſind und nicht ſo geduldig als unſer Reiſender; hie und da hat man ſchon kleine Wortweechſel - Reiſeluſt. 211 gehört, und die betreffenden Kondukteure um ihre Einmiſchung erſucht, und jetzt beim Anhalten wird dringend das gerechte Ver⸗ langen laut, genügende Wagen herbeizuſchaffen, damit ſich Jeder ſetzen köͤnne und man nicht genöthigt ſei, wie die Pöckelhäringe zuſammengedrängt in den Gängen ſtehen zu müſſen. „Iſt das eine Wirthſchaft auf der Eiſenbahn!“ hört man eine Stimme mit Entrüſtung;„damit man einen lumpigen Wagen ſpart, müſſen ſich die Neiſenden auf die kläglichſte Art behelfen— erlauben Sie mir eine Frage, Herr Zugführer: ‚Sind die Paſſa⸗ giere der Eiſenbahn wegen da, oder die Eiſenbahn wegen der Paſſagiere?“— Allerdings eine einfache, wohl aufzuwerfende Frage, welche auf ſo viele Verhältniſſe paßt, aber noch niemals endgültig gelöst worden iſt. „Freiheit und Gleichheit!“ hörte man ſchallen— revolutio⸗ näres Verlangen, bei dieſer außerordentlichen Veranlaſſung zweite und erſte Klaſſe zu öffnen— warum ſoll das deutſche Volk ſtehen, wenn es dem deutſchen Volke beliebt niederzuſitzen?— einiger Ari⸗ ſtokraten wegen, die ihr Geld dazu benützen, um ſich in ihrem Hochmuthe von uns abzuſondern—„Hören Sie, Herr Zugmeiſter, das kann nicht ſo fortgehen!“ ruft eine energiſche Stimme, und eine kläglich dünne ſetzte hinzu:„Gewiß, Herr Zugmeiſter, da müſſen Sie helfen, mir iſt von dem Gedränge ſchon ganz übel.“ Der Zugmeiſter zieht eine Uhr hervor und ſagt achſelzuckend: „Wir haben ſchon zwanzig Minuten Verſpätung, und wenn ich jetzt wieder Wagen anſchieben laſſen muß, ſo finden wir in Nördlingen keinen Anſchluß— die Bayern warten überhaupt nur darauf, uns zum Spott gerade vor der Naſe davon zu fahren.“ Merkwürdiger Weiſe nun werden dieſelben Vorwürfe gemacht in Bayern den Schwaben, in Baden den Heſſen, in Heſſen den Frankfurtern, in Frankfurt den Naſſauern, in Naſſau den Preußen. „Es iſt uns höchſt gleichgültig, ob wir Anſchluß haben oder nicht,“ hört man von Denen rufen, die nicht weiter wollen,„Wagen Reiſeluſt. her!“ Wogegen von den Mitfahrenden, die ſehr auf einen Anſchluß in Nördlingen hoffen, energiſch verlangt wird, ſo raſch als möglich weiter zu fahren, worauf keines von beiden geſchieht: Bahnhof⸗ inſpektor, Zugmeiſter und Kondukteure haben nach längerer Berath⸗ ſchlagung gefunden, daß es zuviel Zeit wegnehmen würde, hier noch mehr Wagen anzuhängen— Publikum wird auf die nächſte größere Station vertröſtet und endlich keucht die Lokomotive wieder vorwärts; daß ſie ſchwer zu ziehen hat, hört man an ihrem müh⸗ ſamen Athemholen und fühlt es an der Langſamkeit ihrer Be⸗ wegungen. Die Vertröſtung auf die nächſte Station war eine gelungene Kriegsliſt der Beamten, denn dort verließen die Turner den Zug und für die paar übrigen lumpigen Perſonen war alsdann Platz genug vorhanden. Dabei aber wurde die Entrüſtung der Mitfahrenden, beſon⸗ ders der friſchen, frohen, fröhlichen Schaar durchaus nicht vermin⸗ dert, es gährte bedenklich in allen Wagen, beſonders in dem, wo der Fahnenträger mit geſpreizten Beinen jetzt dicht neben Herrn Schmauder ſtand, ja er hob den Schaft dieſer Fahne etwas vom Boden empor, um ihn darauf energiſch wieder auf den Fußboden niederzuſtoßen, traf aber dabei unglücklicherweiſe das beſte Hühner⸗ auge des armen Oberreviſors, der vor Schmerzen laut aufbrüllte — was indeſſen nur als Zeichen ſeiner Beiſtimmung zu der all⸗ gemeinen Aufregung angeſehen und von einem klugen Redner ge⸗ ſchickt benützt wurde:„Sogar ruhige Staatsbürger,“ ſchrie dieſer, auf eine Bank ſteigend, über die zuſammengepreßte Menge hinweg —„ höhere Beamte finden ſich bewogen, dieſes rückſichtsloſe Ver⸗ fahren gegen die Paſſagiere des Zuges durch einen ſehr bezeich⸗ nenden Ruf des Unwillens kund zu thun.— Ferne ſei es von mir, unſer gekränktes Recht durch Gewalt wieder herzuſtellen, indem wir eindringen in die faſt leere zweite und die ganz leere erſte Klaſſe — eben ſo ferne aber ſei es von mir, euch, meine Brüder, zu wWyre Reiſeluſt. 213 veranlaſſen, euer Haupt demüthig zu beugen unter das Joch bor⸗ nirten Beamtenthums— ſchaaren wir uns dichter zuſammen, meine Freunde— thun wir, was uns in unſerer Lage zu thun übrig bleibt und zeigen wir wenigſtens das Vollmaß unſerer ge⸗ rechten Entrüſtung; unſere, wenn gleich gefeſſelte Kraft, indem wir das Lied anſtimmen: „Der Gott, der Eiſen wachſen ließ, Der wollte keine Knechte!“* Und während dieſes begeiſternde Lied durch die Wagenreihe dahin brauste, that der Fahnenträger einen mächtigen Zug aus einem der Trinkhörner und reichte es Herrn Schmauder, nachdem er ſeinen Mund mit den Aermeln abgewiſcht, wozu er in aner⸗ kennendem Tone die Worte ſprach:„Bitte, trinken Sie, Sie waren durch Ihr vortreffliches, zeitgemäßes Gebrülle Veranlaſſung zu jener ausgezeichneten Rede— ſchade, daß Sie kein Turner ſind— gut Heil!— trinken Sie!“ Ob Herr Schmauder wirklich trank, ſind wir nicht im Stande genau anzugeben, wohl aber, daß er das gewaltige Trinkhorn an ſeine dünnen Lippen ſetzte und daß, da der Wagen jetzt gerade ſehr heftig ſtieß, ſich ein Bedeutendes von dem röthlich ſchimmernden Inhalte dieſes Trinkhorns auf die gelbe Weſte und das weiße Hemd des Oberreviſors ergoß. Da er aber ein Mann war, der es in einer langen Ehe und einer ſchwierigen Beamtenlaufbahn gelernt hatte, gute Miene zum böſen Spiel zu machen, ſo gab er das Trink⸗ horn mit einem beinahe verbindlichen Lächeln zurück und ſchluchzte dazu„gut Heil!“, obgleich er lieber geſagt hätte:„Hol' Sie der Teufel mit ſammt Ihrem rothen Wein!“ Es war aber auch in der That ſehr ärgerlich, ſich am frühen Morgen ſo zu beſchütten und obendrein mit Wein— das ſah man auf den erſten Blick, ja Jemand, der ſich ſpäter dicht zu ihm hinſetzte, mußte es riechen, was ihm durchaus nicht gleichgültig war, — ——— 214 Reiſeluſt. denn Herr Schmauder, der ſehr wenig Wein trank, liebte es nicht, für einen Trunkenbold angeſehen zu werden. Da hielt der Zug endlich auf der größeren Station, und Herr Schmauder begab ſich in einen ſtillen Winkel des Bahnhofs, nicht der angezeigten Aufſchrift wegen, ſondern um mit ſeinem Taſchen⸗ tuch ſo viel als möglich die Weinſpuren auf Hemd und Weſte zu verwiſchen. Nebenbei hatte er ſich aber auch in dieſe Einſamkeit zurückgezogen, um von dem Abmarſch der ungeheuer heiteren Turner nichts mehr zu ſehen— ſeine Ohren konnte er indeſſen nicht ver⸗ ſchließen, brummte aber in ſehr verdrießlichem Tone:„Auf Nim⸗ merwiederſehen!“ in ähnlicher Weiſe als er ſie davonziehen und fingen hörte: „Auf, ihr Turner, laßt uns wallen In den lieben, freien Wald, In der Eichen grünen Hallen Kräft'ger der Geſang erſchallt. Wo die alten Väter wohnten, Löwenſtark— doch taubentreu, Wo einſt freie Adler thronten, Sich das Herz erhebet frei.“ Als unſer Reiſender wieder in den Wagen ſtieg, ſah er, daß derſelbe doch nicht ſo leer war, wie er gehofft und gewünſcht, doch hatte er die Ecke wieder allein für ſich, wo ſein Nachtſack lag, und ſeine Mitreiſenden ſchienen ſehr ruhige und anſtändige Leute zu ſein, die meiſten gehörten dem Bauernſtande an und waren feſt⸗ täglich angezogen; zwiſchen ihnen aber bemerkte man andere Herren, welche zu kleinen Gruppen, die ſich dadurch bildeten, daß die Be⸗ treffenden ihre Köpfe ſo nahe wie möglich zuſammenſtreckten, eifrig und wie es ſchien belehrend ſprachen. Dieſe Herren trugen lange ſchwarze Röcke, einige hatten auch weiße, freilich etwas verkümmerte Halsbinden, alle aber trugen ihren Kopf mit einer gewiſſen unver⸗ kennbaren Hoheit und Würde, welche das Recht des Befehlens und — „ Be Reiſeluſt. 215 Regierens bezeichnet— und dabei handhabten ſie ihre Stöcke im Eifer des Geſprächs mit jener elaſtiſchen Gewandtheit und Sicher⸗ heit, welche nur dem Lehrerſtande eigen iſt. Das Geſpräch, an dem ſich alle Männer auf's Lebhafteſte be⸗ theiligten, wurde in einem leiſen, faſt ſummenden Tone geführt, und dieſer Ton hatte etwas ſo Einſchläferndes, daß unſerem, durch die Anſtrengung der ereignißreichen Fahrt ermüdeten Reiſenden manchmal unwillkürlich die Augen zufielen. In ſolchen Fällen vernahm er auch einzelne Worte der Unterhaltung, die er ſich in⸗ deſſen nicht recht zuſammenzureimen vermochte: man ſprach von Blumenſtaub und von ärmerem und reicherem Zuckerſtoffe dieſes oder jenes Blumenkelchs, auch vom Gewicht der Waben und der Schwere der Stöcke, dann wurde über Schwärmerei im Allgemeinen und im Speziellen verhandelt, auch über die ſtreng monarchiſche Regierungsform, die in gegebenen Fällen ſo außerordentlich lehr⸗ reich ſei, weil man wieder ſo viele republikaniſche Anklänge in ihr vertreten finde— alſo einestheils ein Ringen nach unbegrenzter Freiheit, während anderntheils der Begriff eines Oberhaupts, einer Königin genüge, um das ganze bewegliche, thatkräftige Reich in ſchönſter Ordnung zu erhalten. „Was überhaupt das Weſen dieſer Königin anbelangt,“ ſagte einer der Herren in langem Rocke und mit weißer Halsbinde,„ſo habe ich das Studium derſelben zu meiner Lebensaufgabe gemacht und glaube zu glänzenden Ergebniſſen gelangt zu ſein; meine lieben Freunde, Vereinsbrüder, deutſche Bienenzüchter,“ fuhr er im Rednertone fort,„es wäre überflüſſig, Ihnen die Thatſache in Er⸗ innerung zu bringen, daß das Volk der Bienen bei Gründung eines neuen Reichs mit etwas türkiſcher Juſtiz zu verfahren pflegt — Sie wiſſen, daß neben der Wahlkönigin keine dem gleichen könig⸗ lichen Geſchlechte entſproſſene lebend geduldet wird, ſondern daß Alle dieſer erlauchten Familie mit Ausnahme der einzigen erſten ge⸗ tödtet und aus dem Stocke entfernt werden. Jahrelang habe ich —— 216 Reiſeluſt. mich unabläſſig bemüht, etwas von dem Weſen dieſer Wahlhand⸗ lung und der darauffolgenden Grauſamkeit zu ergründen, zu welchem Zwecke ich den von mir erfundenen gläſernen Bienenſtock konſtruirte, und kann ich wohl ſagen, daß meine raſtloſen Bemühungen von gutem Erfolge gekrönt worden ſind: es gelang mir nicht nur, das ganze Verfahren des Bienenvolkes bei der Wahl einer Königin zu beobachten, ſondern ich war auch im Stande, durch den höchſt ſinnreichen Mechanismus meines Bienenſtockes eine der zum Tode verurtheilten Bienen abzuſperren und den Händen ihrer grauſamen Verfolger zu entreißen.“ „A— a— a-—ah!“ hörte man von allen Seiten im Tone höch⸗ ſter Befriedigung. „Ja, meine lieben Freunde und Bienenzüchter, ich war ſo glücklich, dieſelbe ihrem Schickſale zu entziehen und damit ein höchſt wichtiges Experiment zu machen. Unſer verehrter Freund, mein werther Kollege, der Schullehrer von Nebelklingen, wo wir tagen werden, ſchrieb mir von einem Stocke, der einen Schwarm ausge⸗ trieben habe, welchem nun eine Königin als Anhaltspunkt fehlt und welcher deßhalb auseinander zu ſchwärmen und zu verwildern droht— nun möchte ich den Verſuch machen, ob ſich dieſes Volk eine Königin aus fremdem Stamme oktroyiren läßt, und wenn dieſes gelingt, ſo ſcheint mir ein ſehr wichtiges Problem gelöst zu ſein, ſo ſcheint mir das Herrſchen dieſes gewiſſen Stammes als zu Recht beſtehend, was ein ſehr konſervatives Element und vielleicht im Stande wäre, auch die höhere Abſtammung und das Recht des Regierens unſerer eigenen Fürſten zu dokumentiren. Man hörte hierauf aus der Ecke des Wagens ein paar ſchüch⸗ terne Bravo's, doch ließ die Mehrzahl ein verſchärftes Summen hören, welches faſt wie ein beginnendes Grunzen klang, auch rief eine derbe Stimme:„Keine Politik! es iſt die Hereinziehung der⸗ ſelben nach den Statuten unſeres Vereins verboten.“ „Gewiß, keine Politik!“ fuhr der Redner fort, indem er ſeine Reiſeluſt. 217 ſanften hechtgrauen Augen dem Unterbrecher zuwandte,„ich ſtreife nur willenlos, werde mich aber bemühen, wenn Sie mir noch für zwei Minuten Gehör ſchenken wollen, wieder in den richtigen Flug zurückzukommen.“ „Bravo! bravo!“ „Ich werde alſo das Experiment vor Ihren Augen machen, und wenn es gelingt, ſo ſoll Ihr Zeugniß, das der bekannteſten und berühmteſten Bienenzüchter unſeres Landes, darin ein neues, bisher noch unbekanntes Naturgeſetz bekräftigen.“ „Sehr gut!— ſehr gut!— vortrefflich!“ ſummte es von allen Seiten, und als dabei der Redner, welcher ſich mit ſeiner langen Figur erhoben hatte, leuchtenden Blickes um ſich ſchaute und ein kleines Schächtelchen aus der Taſche zog, worin er die Bienenprinzeſſin verwahrte, und als ſich nun Alle haſtig erhoben und ihn neugierig umdrängten, da erſchien dem unparteiiſch zu⸗ ſchauenden Oberreviſor der ganze Eiſenbahnwagen wie ein großer Bienenkorb und er hätte ſich durchaus nicht gewundert, wenn der ganze Verein, den langen, dürren Schullehrer als Bienenkönigin an der Spitze, zu den weitgeöffneten Thüren in die warme Som⸗ merluft hinausgeſchwärmt wäre. Dieſes geſchah nun allerdings nicht, aber etwas anderes nicht minder Bemerkenswerthes, denn irgend ein mit Neid erfüllter Kollege oder das ſtillſchweigende Ver⸗ hängniß erſchien in Geſtalt eines böſen Zufalls und ließ das Schäch⸗ telchen den Fingern des Betreffenden entgleiten, worauf ſich die eingeſchloſſene Bienenkönigin aller weiteren Unterſuchungen dadurch entzog, daß ſie augenblicklich davon flog. Mochte ſie aber durch die lange Gefangenſchaft etwas betäubt ſein oder ahnte ſie, daß unſer Reiſender hier unter Larven die einzig fühlende Bruſt ſei, genug, ſie erhob ſich an die Decke des Wagens, ſtieß dort an, um alsdann mit ziemlicher Gewalt gegen die Naſe des Oberreviſors zu prallen. Bienen ſind ſehr harmloſe Geſchöpfe, wenn man ſie nicht reizt, 218 Reiſeluſt. indem man nach ihnen ſchlägt oder ſie auf ſonſtige Art zu ver⸗ jagen ſucht, doch kann man auch in den Fall kommen, dieſes zu thun, wenn man ſich in einer Lage wie die unſeres Reiſenden be⸗ findet: die Bienenkönigin war ein Prachtexemplar von Schönheit und Stärke und würde wahrſcheinlich nach einem augenblicklichen Ausruhen weiter geflogen ſein, wenn nicht Herr Schmauder, er⸗ ſchreckt durch dieſes unvorhergeſehene Attentat, mit dem Schnupf⸗ tuche, das er in der Hand hielt, nach ihr geſchlagen hätte; aller⸗ dings flog ſie jetzt davon, aber nicht ohne ihn vorher tüchtig in die Naſe geſtochen zu haben. Der heftige Schmerz preßte ihm einen Schrei aus, welcher aber übertönt wurde durch die Ausrufe der Ueberraſchung, ja der Verzweiflung eines großen Theils der Bienen⸗ züchter; auch erhoben ſich alle geräuſchvoll von ihren Sitzen, wandten ſich gegen den erſchreckten Oberreviſor, welcher den Augenblick einer thätlichen Mißhandlung erſcheinen ſah und der, mit der linken Hand ſeine Naſe haltend, mit der rechten ſein dünnes Spazier⸗ ſtöckchen erhob. Doch dachte man nicht im Entfernteſten daran, ihm für das Entkommen der Bienenkönigin Unangenehmes zuzu⸗ fügen— Alle hatten ſich nur an die Fenſter gedrängt, um der Entflohenen nachzuſchauen, allerdings mit Blicken einer entſchwun⸗ denen Hoffnung— ja der lange Schullehrer, indem er recht kum⸗ mervoll, tief betrübt, zerſchmettert in die glänzende Landſchaft hinaus⸗ ſchaute, drückte ſeine zuſammengefalteten Hände krampfhaft an den Leib unter einem traurigen Seufzer der Ergebung. Doch dachte er groß genug, um ſich im nächſten Augenblick gegen den fremden Paſſagier zu wenden, deſſen Naſe anfing bedeutend aufzuſchwellen, wobei er ihm in einem allerdings noch kummervollen Tone ſagte: „Da Sie wahrſcheinlich kein Bienenzüchter ſind, mein Herr, ſo verſtehe ich Ihren Schrecken bei dem Anblick dieſes wunderbaren Exemplars von der Species unſerer gewöhnlichen Honigbienen und drücke Ihnen mein Bedauern aus, daß dieſer Zuſammenſtoß für Sie ſo unangenehm geworden iſt— im Grunde aber eine Kleinigkeit—“ Reiſeluſt. „Erlauben Sie mir, mein Herr,“ ſagte Herr Schmauder im Tone gerechter Entrüſtung,„das iſt für mich durchaus keine Klei⸗ nigkeit; wenn man, wie ich, zum Vergnügen eine Reiſe unternimmt, ſo kann es Einem, abgeſehen von allen Schmerzen, nicht gleichgültig ſein, tagelang mit einer geſchwollenen Naſe herumzulaufen.“ „Ich wollte nur ſagen, eine Kleinigkeit in den Augen von uns Bienenzüchtern,“ erwiederte der lange Mann in beſchwichti⸗ gendem Tone. „Ich bin aber kein Bienenzüchter,“ fuhr Herr Schmauder auf⸗ geregt fort,„habe überhaupt bis jetzt nicht gewußt, daß die Bienen⸗ zucht als förmliches Gewerbe betrieben wird und daß die Bienen⸗ züchter Vereine bilden, welche zum Schaden ihrer Nebenmenſchen in der Welt herumfahren.“ „Erlauben Sie mir, daß ich dieſen Schaden, den ich allerdings, ohne es zu wollen, angerichtet habe, ſo raſch als möglich wieder gut mache.“ Er zog ein Fläſchchen mit Salmiakgeiſt aus der Taſche, und als der Leidende nach einigem Widerſtreben ſich damit die Naſe hatte betupfen laſſen, rief der Schullehrer nach irgend einem Stücke Metall, worauf ein robuſt ausſehender Mann aus der Verſammlung, der, obgleich Bienenzüchter, ſeines Zeichens ein Schreiner war, ein Hobeleiſen aus der Taſche zog, welches für eine kleine halbe Stunde vermittelſt des Taſchentuchs auf die bereits im Schwellen begriffene Stelle gelegt wurde. Da ſaß er denn nun mit verbundenem Kopfe in ſeiner Ecke, und wenn ſeine Seele jemals von finſteren, ja von wilden Ge⸗ danken beherrſcht wurde, ſo war es in dieſem Augenblicke der Fall — Turner und Bienenzüchter hatten ihm gleich übel mitgeſpielt und er erlaubte ſich im Stillen aber ingrimmig eine Frage an das Schickſal, warum denn er gerade an demſelben Tage habe auf Reiſen gehen müſſen, wo dieſe Vereine es für gut befunden, harm⸗ loſe Paſſagiere durch ihre Gegenwart zu beläſtigen.— Wozu über⸗ haupt alle dieſe Vereinigungen, dachte er finſter und dabei fiel ihm ————— — ——— 220 Reiſeluſt. unwillkürlich ein gediegenes Wort ſeiner Gattin ein, das ſie da⸗ mals zu ihm geſprochen, als er ſich in den Männergeſangverein aufnehmen ließ:„Bei allen dieſen Vereinigungen,“ hatte die ver⸗ ſtändige Frau geſagt,„bei Sängerfeſten und Freiſchießen, bei Turn⸗ fahrten, bei forſt⸗ und landwirthſchaftlichen Vereinen, bei den großen Zuſammenkünften der Schriftſteller, der Buchhändler und Drucker, der Naturforſcher, der Künſtler, der Juriſten, der Philologen und Theologen, der Müller und Schornſteinfeger, der Bienenzüchter und Siegellackfabrikanten, der Aerzte und Scharfrichter, iſt das, was geſungen, geſchoſſen, geturnt, verhandelt, berathen, geſprochen, ge⸗ heilt und hingerichtet wird, doch nur Nebenſache und euer Haupt⸗ augenmerk iſt, nachdem ihr das arme Weib mit den Kindern allein zu Hauſe gelaſſen, eine paar Tage lang ohne alle Aufſicht in der Welt herumzufahren, viel Geld auszugeben, auf alle Art zu praſſen, reichlich zu eſſen, noch reichlicher zu trinken, bis ihr euch nicht mehr recht beſinnen könnt, in welches Herren Land ihr euch gerade befindet und dann wohl daran thut, täglich ein halb Dutzend Mal zu fragen: iſt's Schwabenland? iſt's Heſſenland? iſt's wo am Rhein die Rebe blüht? iſt's wo am Belt die Möve zieht?— Mich freut nur Eines,“ hatte Madame Schmauder, die zuweilen ihre Zeitung las, hinzugeſetzt,„daß ſie im Norden und Oſten ein Haar darin gefunden haben und daß ſie jetzt nicht wiſſen, wo ſie das Geld her⸗ nehmen ſollen, das ſo unnöthiger Weiſe verknallt und verjubelt wurde— wäre ich nur die Frau eines bremer Senators oder eines dresdener Rathsherrn— mein Mann brauchte wahrlich nicht zu ſagen: Gott ſtraf mich!“ Damals hatte der Oberreviſor dieſe unziemlichen Reden mit gerechter Entrüſtung zurückgewieſen, jetzt aber, wo er ſeine befleckte gelbe Weſte und trotz Salmiakgeiſt und Hobeleiſen doch noch em⸗ pfindlichen Schmerzen an der Naſe verſpürte, mußte er zugeben, daß allerdings viel Unnöthiges in dieſen Vereinigungen zu liegen ſcheine. Dabei erſchien ihm der Gedanke an das freundliche ——— — Reiſeluſt. 221 Nachbarland, welches er in einer guten Stunde zu erreichen hoffte, wie eine lichte Stelle an einem trüben Nebelhimmel; er erinnerte ſich ſo lebhaft der kleinen Eiſenbahnwagen, der gemüthlichen bayeriſchen Eiſenbahnbeamten, des vortrefflichen Biers, der warmen Würſtchen in Gunzenhauſen, die man beſonders wohlſchmeckend findet, wenn man nicht Beſitzer von Ansbacher Eiſenbahnobligationen iſt. Auf der nächſten Station ſummten die Bienenzüchter aus dem Wagen und ſchwärmten über einen ſchmalen Feldweg eine Anhöhe hinan, auf welcher das Dorf Nebelklingen lag, deſſen Kirchthurm zur Feier des heutigen großen Tages mit einer ſchwarzrothgoldenen Fahne geziert war. Der Schreiner hat ſein Hobeleiſen mitge⸗ nommen, und als Herr Schmauder das Reſtaurationslokal betrat, um nach all' dem Erlebten eine wohlverdiente Stärkung zu ſich zu nehmen, warf er einen Blick in den Spiegel und ſah zu ſeinem großen Vergnügen, daß Salmiakgeiſt und kaltes Metall ihre Schul⸗ digkeit gethan. Wenn auch ſeine Naſe an der betreffenden Stelle immer noch ein wenig geſchwollen war, ſo ſah ſein Geſicht doch gerade nicht entſtellt aus, nur hatte die kleine Geſchwulſt ſeinen ſonſt ſo ſanften Zügen etwas Markirteres, man hätte ſagen können Energiſcheres verliehen. Glücklicher Ort, dieſe Station: es befand ſich hier nur ein einziger Paſſagier und zwar ein junger Mann, allerdings in zahl⸗ reicher Begleitung; an ſeinem Halſe weinte eine bange Braut, und während die Mutter ſeinen Kopf mit Küſſen bedeckte, wo ſie nur gerade eine Stelle erreichen konnte, drückte ihm der Vater gerührt die Hände und ſtanden vier kleinere Brüder und ſechs erwachſene Schweſtern im Kreiſe um ihn herum mit den unverkennbarſten Zeichen inniger Theilnahme und tiefer Traurigkeit: der junge Mann machte ſeine erſte große Reiſe und zwar nach München, einer ſehr großen, ſchönen, aber dabei verführeriſchen Stadt. Endlich riß er ſich los, ſtieg ein und drückte dabei ſeinen Nachtſack wie ein Palladium an ſein Herz Hackländer's Werke. 51. Bd. 15 222 Reiſeluſt. — einen ſehr ſchönen Nachtſack, von liebender Hand geſtickt, auf dem ein Vergißmeinnichtkranz eine braune Ausfüllung einrahmte, auf welch' letzterer mit gelber Seide die Worte geſtickt waren:„Auf ewig Deine Anna.“ Glückſeliges Gefühl des Alleinſeins. Herr Schmauder hatte den ganzen Wagen für ſich und machte davon umfaſſendſten Ge⸗ brauch; zuerſt zündete er ſich ſeine Cigarre an, dann ſpazierte er mit Wohlbehagen rauchend im Gange auf und ab und konnte es in dem beſeligenden Gefühle, von Niemand mehr beläſtigt zu werden, nicht unterlaſſen, zu jedem Fenſter hinauszuſchauen, natürlich unter Beobachtung der gehörigen Vorſichtsmaßregeln in Betreff ſeines Kopfes und anderer Körpertheile. Leider fliegen die glücklichſten Augenblicke am raſcheſten vorüber — kaum gedacht, war der Luſt ein End' gemacht: da pfiff ſchon die Lokomotive, da verminderte der Zug ſeine Schnelligkeit und hielt auf dem Bahnhofe einer ehemaligen Reichsſtadt, wo ſich Herr Schmauder zur Sicherung ſeines guten Eckplatzes wieder auf dem⸗ ſelben niederließ. Leute gab es genug auf dem Trottoir, doch war bei dem allgemeinen Durcheinander noch ſchwer zu unterſcheiden, wer von dieſen wirklich Selbſtreiſender war oder nur Begleiter. Zu ſeiner Beruhigung ſah der Oberreviſor im erſten Augenblick allerdings, daß ſich hier keine Turnerſchaar befand, welche Luſt hatte, die Eiſenbahn unſicher zu machen, dagegen bemerkte er nicht ohne einige Beſorgniß zwei geſondert ſtehende, zuſammengedrängte Gruppen, deren Mitglieder eifrig zuſammenſprachen und jetzt die Köpfe etwas auffallend dem Zuge zuwandten. „Einſteigen nach Bopfingen, Nördlingen, München, Wien, Peſth!“ „Wunderbares Verbindungsmittel dieſe Eiſenbahnen— ver⸗ binden uns mit den entfernteſten Ländern, und ich bin feſt über⸗ zeugt, daß es gar nicht unbehaglich ſein muß, in der Türkei zu Reiſeluſt. 223 reiſen— ich glaube nicht, daß die muſelmänniſchen Turner und Bienenzüchter ſo beläſtigende Fahrten durch ihr Land anſtellen werden.“ Eingeſtiegen wurde nun auf den Ruf der Kondukteure, aber ſehr mäßig und dabei blieb höchſt angenehmer Weiſe der Wagen, in welchem unſer Reiſender ſaß, gänzlich verſchont; verdächtig waren indeß immer noch die beiden Gruppen, die ſich ſtreng abgeſchloſſen hielten, und dieſer Verdacht wurde zur fürchterlichen Wahrheit, als der Kondukteur ihnen zurief:„Meine Herren, es iſt die höchſte Zeit, wenn Sie mitfahren wollen, der letzte Wagen iſt noch ganz unbe⸗ ſetzt, worauf ſich die eine Gruppe raſch in Bewegung ſetzte, den Wagen des Herrn Schmauder beſtieg und die Seite, auf der er ſich befand, vollſtändig einnahm. „Sonſt iſt im Zuge kein Platz mehr für uns als im letzten Wagen?“ frug einer aus der ſtehen geblieben Gruppe den Eiſen⸗ bahnbeamten, welcher zur Antwort gab:„Zu Zweien und Dreien kann ich Sie vielleicht im ganzen Zuge vertheilen— wenn Sie aber zuſammenbleiben wollen, ſo haben Sie hier die beſte Gelegen⸗ heit— die eine Seite des letzten Wagens iſt ganz leer.“ „Alſo vorwärts denn!“ ſagte der, welcher ſoeben geſprochen, mit finſterer Miene und darauf beſtieg auch die zweite Gruppe den Wagen und nahm genau die andere Hälfte deſſelben ein. „Fertig—— fort!“ So fuhr man dahin und ziemlich beengt— Herr Schmauder hatte ſogar ſeinen kleinen Reiſeſack unter die Bank legen müſſen, da einer der neu Angekommenen dieſes harmloſe Geräth und hierauf den Beſitzer deſſelben mit dem gewiſſen fragenden und auffordernden Blicke angeſehen hatte— auch brummte dieſer, als er ſich nieder⸗ ließ:„Es iſt eigentlich überflüſſig, ſich für eine ſo kleine Tour noch mit Gepäck zu beläſtigen.“ Zudem war dieſer Mann im Allge⸗ meinen kein angenehmes Gegenüber: er rauchte eine erſchrecklich ſchlechte Cigarre, indem er dieſelbe obendrein noch beſtändig in den 224 Reiſeluſt. Mundwinkeln hin und her ſchob und den hiedurch entſtandenen braunen Saft meiſtens zum Fenſter hinausſpritzte— wir ſagen meiſtens, denn zuweilen ſpuckte er auch auf den Boden nieder und zwar ſo nahe an den hellen Tuchbeinkleidern unſeres Reiſenden vorbei, daß dieſer jedesmal erſchrocken die Kniee einzog. Lärmend konnte man die Eingeſtiegenen übrigens nicht nennen: beide Gruppen beobachteten ein düſteres Schweigen, nur zuweilen ſtreckte ein Paar flüſternd die Köpfe zuſammen, worauf vielleicht drüben eine Stimme laut wurde:„Das iſt doch ſo klar wie die Sonne,“ oder hüben:„Wer das nicht einſehen will, der muß gar keinen Verſtand haben.“ Endlich ſprach der mit der ſchlechten Cigarre zu ſeinen beiden Nachbarn, wobei er, ſich vorne überbeugend, eine derbe Hand auf einen mächtigen Schenkel ſtützte:„Habe ich denen da drüben die Sache nicht ſo klar und überzeugend auseinander geſetzt, daß es die Schulbuben hätten begreifen müſſen— Alles umſonſt— gehen wir die Sache noch einmal ruhig durch, um unſere Gründe feſtzuſtellen: Der Weg, um den es ſich handelt, welche ſunſere Markung von denen da drüben trennt und die Grenze bildet, macht allerdings im Kreuzlesthäle einen tüchtigen Bogen, ein gutes Stück Land aus unſerer Flur herausſchneidend, was denen da drüben zu gut kam und wogegen wir auch nie etwas einzuwenden gehabt hätten, wenn ihnen nicht der verfluchte Gedanke gekommen wäre, gerade inner⸗ halb dieſes Bogens ihre Knochen⸗ und Leimſiederei zu errichten, alſo gewiſſermaßen zwiſchen unſerem Grund und Boden ihre Stinkerei anzulegen. Wenn ich auch zugeben will, daß ſie dabei in ihrem Rechte ſind,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu,„ſo ſoll mich doch der Teufel holen, wenn ich nicht Alles daran ſetzen will, ihnen ihr Projekt tüchtig zu verſalzen.“ „Ja, ja, es iſt ein förmlicher Schimpf, der uns angethan wird,“ ſagte beiſtimmend der Nebenmann des Oberreviſors. „Aber ihr Recht,“ ſetzte der dritte achſelzuckend hinzu,„ich Reiſeluſt. 225 wäre doch ſehr dafür, ſie gütlich zu überreden, ſich einen andern Platz für ihre Knochenſiederei auszuſuchen.“ 3 „O, es iſt himmelſchreiend,“ fuhr der Erſtere mit Entrüſtung fort,„und ſich gerade das Kreuzlesthäle auszuſuchen, den ſchönſten Punkt auf der ganzen Flur mit ſeinem kleinen Bache, ſeinen ſchattigen Bäumen, ſeinen grünen Raſen— gebt nur Achtung, wenn ſie ihre Schändlichkeit auch durchſetzen, ſo wird die Herrlichkeit doch nicht lange dauern, denn alle Bauern und ihre Knechte, die bei jeder Feldarbeit, beſonders aber bei der heißen Ernte dort zu Mittag aßen und veſperten, werden keinen Stein auf dem andern laſſen, und Recht haben ſie— Recht!“ Dabei ſchlug er mit der gewaltigen Hand auf ſeinen Schenkel, daß es laut klatſchte— ja, Recht haben ſie— oder vielleicht nicht?“ wandte er ſich fragend an Herrn Schmauder, der ihm gegenüber ſaß und auf deſſen Geſicht allerdings ein kleiner Zweifel zu leſen war. Da unſer Reiſender nun Oberreviſor bei der königlichen Do⸗ mänenverwaltung war und er bei derſelben die Abtheilung für Grenzſtreitigkeiten aller Art zu verhandeln hatte, ſo befand ſich der⸗ ſelbe bei dieſer Frage zu ſehr in ſeinem Fahrwaſſer, um dieſelbe, was vielleicht klüger geweſen wäre, mit einem einfachen Achſelzucken zu beantworten; er ſagte darum mit großer Ruhe und vieler Sicherheit:„Wenn ich Sie recht verſtanden habe, ſo wollen Ihre Nachbarn auf eigenem Grund und Boden, der allerdings in Ihre Flur hineinragt, ein induſtrielles Unternehmen gründen?“ „Erlauben Sie mir, eine unwürdige Stinkerei iſt die richtige Benennung.“ Da er dieſes ziemlich laut ſprach, ſo vernahm man von der anderen Seite des Wagens ein ausdruckvolles„Oho!“ als Erwie⸗ derung; auch ſah man mehrere Köpfe ſich emporſtrecken, um dieſer Unterredung zu lauſchen. „Der Name thut am Ende nichts zur Sache,“ fuhr der Ober⸗ reviſor fort,„auch geht mich ja die Sache durchaus nichts an; wenn Sie Reiſeluſt. mich aber fragen, ob Andere das Recht hätten, ein Unternehmen gewaltſam zu zerſtören, das ich auf meinem eigenen Grund und Boden mit Beobachtung der beſtehenden polizeilichen Verordnungen errichtet habe, ſo muß ich Ihnen dieſe Frage entſchieden ver⸗ neinen.“ Der Andere warf einen finſteren Blick hinüber, bewegte ſich heftig auf ſeinem Sitze, um nach einer Pauſe zu ſagen:„Pah, das war nur ſo eine Redensart, aber zugeben werden Sie mir doch, daß wir es nicht zu leiden brauchen, wenn man uns muthwillig unſere Felder verpeſtet.“ „Das iſt allerdings ſehr unangenehm, aber wenn nicht nahe⸗ liegende Wohnungen durch eine ſolche Fabrikanlage geſchädigt werden, ſo wird Sie eine Einſprache nicht viel nützen.“ „Das muß ein Kind einſehen,“ hörte man von drüben rufen, „und Wohnungen, welche beläſtigt werden könnten, gibt es auf eine Stunde Weges nicht.“ Der mit der ſchlechten Cigarre warf einen ſo wüthenden Blick hinüber, daß Herr Schmauder beſchwichtigend ſagte:„Im vorliegen⸗ den Falle ſcheint mir ein gütlicher Vergleich der einzige richtige Weg— vielleicht ein Ankauf des ſtreitigen Grundſtücks.“ „Nicht um eine Million,“ klang es von drüben her,„wir haben die Bauerlaubniß und wir werden bauen, überhaupt muß man uns ſo nicht kommen; wir haben eingewilligt, die Sache nochmals mit euch in Augenſchein zu nehmen, aber wenn ihr ein Recht zu haben glaubt, ſo ſucht euch das ſchwarz auf weiß zu ver⸗ ſchaffen, wie wir uns unſere Bauerlaubniß, die wir in der Taſche haben.“ „Ja,“ ſagte Herr Schmauder mit einem leichten Lächeln, „wenn Ihre Nachbarn die Bauerlaubniß haben und ſich nicht güt⸗ lich vergleichen wollen, ſo frage ich Sie, meine lieben Herren, auf welchen Geſetzesparagraphen hin Sie den Bau verhindern wollen?“ „Und ich möchte Sie dagegen fragen,“ ſprach der Andere 4 Reiſeluſt. 227 aufbrauſend, mit welchem Rechte Sie ſich in unſere Angelegenheiten miſchen— überhaupt, mit welchem Rechte Sie hier auf unſerer Seite ſitzen, wenn Sie zu den Stinkern gehören?— ja, ich nehme das Wort nicht zurück,“ rief er, ſich umſchauend—„ſo hätten Sie ſich nicht hier bei anſtändigen Leuten niederlaſſen ſollen.“ „ Geſtatten Sie mir, Ihnen zu bemerken,“ hörte man die ſchwache Stimme des Oberreviſors, welche aber im nächſten Augen⸗ blick übertönt wurde von dem von jenſeits kommenden Rufe:„Dieſer unverſchämte Kerl!— ſollte man nicht den Zug halten laſſen und ihn hinauswerfen?“ 3 „Mich hinauswerfen?“ brüllte der mit der gewaltigen Fauſt, indem er ſich raſch erhob, dabei aber durch einen plötzlichen Stoß des Wagens ſo heftig auf den armen Oberreviſor geſchleudert wurde, daß dieſer, einen thätlichen Angriff vermuthend, laut und erbärmlich um Hlüffe ſchrie. Auf allen Seiten des Wagens ſprangen Männer mit geballten Fäuſten in die Höhe und wurden kampfbereite Ausrufe hörbar: „Hie Welf!— Hie Waiblingen!“ „Was, Grobheiten ſtatt guter Worte?“ „Was, zu Eurer Stinkerei hin ſollen wir uns noch Unver⸗ ſchämtheiten gefallen laſſen?“ „Hol' euch Alle der Teufel!“ „Wird ihm nicht einfallen— er hat beſſeren Braten genug.“ Schon war jener Augenblick gekommen, wo einige der Erbittert⸗ ſten, ſich ſchroff gegen einander beugend, Auge in Auge wurzeln ließen wie Kampfhähne, während ſich die rückwärts geſtreckten Hände zu Fäuſten ballten— jene ſchwüle Stille vor dem einſchlagenden Blitze, jener Vorläufer geſchwungener Hände und klatſchender Ohr⸗ feigen. Da öffnete der Zugmeiſter die Thüre des Wagens, durcheilte raſch den Gang, nach beiden Seiten Frieden gebietend, und nach⸗ dem ihm dieſes ſchnell gelungen, denn wir müſſen geſtehen, Reiſeluſt. daß die Betreffenden vernünftig genug waren, ihre Aufregung ein⸗ zuſehen, ſo erkundigte er ſich wohlwollend nach dem Beginne dieſes heftigen Wortwechſels. „Wir wiſſen es nicht genau,“ riefen einige von der Leimſieder⸗ partei,„da drüben in der Ecke fing es an!“ „Ja, ja, drüben in der Ecke,“ bekräftigte ein Anderer,„der Schloſſer Bärer mit ſeiner bekannten Heftigkeit.“ „Der Teufel ſei nicht heftig,“ erwiederte der mit der ſchlechten Cigarre,„wenn man beleidigt wird.“ „Und wer hat Sie denn beleidigt?“ fragte der Zugmeiſter. „Dieſer Herr, der ſich ohne alle Veranlaſſung in unſer Geſpräch miſchte, der mir Unrecht gab, ohne daß er gefragt wurde, der uns, allerdings mit anderen Worten, ſagte, es ſei von uns dumm genug, zu glauben, daß mit denen da drüben etwas anzufangen wäre.“ „Erlauben Sie—* „Das Eiſenbahn⸗Reglement ſchreibt für die Paſſagiere ein ruhiges und geordnetes Betragen vor, Vermeidung aller Streitig⸗ keiten.“ „Aber erlauben Sie doch—“ „Solchen Widerſpruch brauchen wir Beamte nicht zu leiden, ſonſt muß ich von meinem Rechte Gebrauch machen, Sie auf der nächſten Station aus dem Wagen zu entfernen.“ „So erlauben Sie wenigſtens—“ „Ueberhaupt wäre es beſſer, wenn Sie dieſe Herren künftig ungeſtört ließen und ſich in den nächſten Wagen begäben, wo noch Platz genug iſt.“ „Ich werde das thun!“ rief der Oberreviſor, aber nicht ſehr laut, denn er war vor Entrüſtung heiſer geworden,„mir aber ſpäter erlauben— „Thun Sie, was Sie wollen— auch ich werde nicht er⸗ mangeln, meinen Bericht zu machen, und wer zuerſt kommt, der mahlt zuerſt—“ — ł— Reiſeluſt. 229 Herr Schmauder riß den Nachtſack unter der Bank hervor und folgte aufs Tiefſte gekränkt mit heftig klopfendem Herzen und zittern⸗ den Knieen dem Zugmeiſter in den anſtoßenden Wagen, wo er auf eine Bank niederſank neben jenem jungen Mann mit dem braunen Reiſeſack, der vorhin ſo ſchmerzlich Abſchied genommen. Der braune Reiſeſack ſtand gegenüber auf der andern Bank, und als unſer tief gekränkter Reiſender jetzt abermals die Worte las: Ewig Deine Anna! ſo überkam ihn ein wehmüthiges Gefühl und er dachte ſchmerzlich bewegt an ſein Weib und an ſeine Kinder. „Was war denn das eigentlich für ein Kerl?“ frug der Schloſſer Bärer nach einer großen Pauſe. „Ein verdächtiges Geſicht, die geſchwollene Naſe, gerade als wäre er heute Morgen ſchon in einer Balgerei geweſen.“ „Und ſich in Sachen zu miſchen, die ihn nichts angehen.“ „Es gibt ſolche Leute, die ſich ein Vergnügen daraus machen, Andere zu verhetzen.“ „Man ſoll ſich aber nicht verhetzen laſſen,“ vernahm man auf der andern Seite des Wagens,„ja ſich nicht verhetzen laſſen, ich wiederhole es, und nicht gleich heftig werden.“ „Ja, Bärer, darin haſt Du wieder einmal gefehlt— weiß der Henker, daß Du Dein Maul nicht aufthun kannſt, ohne grob zu werden.“ „Das kommt vom Schmiedeſeuer,“ gab der Schloſſermeiſter, deſſen Zorn ſich gelegt hatte, heiter zur Antwort,„man kann es Einem aber nicht übel nehmen, daß man wild wird, wenn ſo ein Subject daherkommt und Einem mir nichts dir nichts über's Maul fährt.“ „Ich glaube, der hat eine geheime Abſicht dabei, uns in Händel zu verwickeln, was ihm beinahe gelungen wäre.“ „Aber nur beinahe— es wäre wahrhaftig ein Skandal vor der ganzen Welt.“ Reiſeluſt. „Ihr ſeid aber auch ſo erſchrecklich eigenſinnig— gerade eure Leimſiederei auf den ſchönſten Platz der ganzen Gegend zu ſetzen— da— ſchaut hinaus, da könnt ihr ſchon die mächtigen alten Bäume ſehen— muß Einem nicht das Herz im Leibe wehe thun, wenn man bedenkt, daß Alt und Jung ſich dort künftig während der Mittagshitze nicht mehr aufhalten darf— ſeid geſcheidt und laßt uns übereinkommen und wenn es nur deßhalb wäre, um ſolche Neidhämmel zu ärgern, wie den Kerl da mit der geſchwolle⸗ nen Naſe.“ „Ihr habt uns noch keinen annehmbaren Vorſchlag gemacht.“ „Doch, doch!“ klang es dieſſeits. „Nein, nein!“ tönte es jenſeits. „Wir haben euch den Steinacker weiter oben angeboten und zweitauſend Gulden gegen das Kreuzlesthäle, mehr könnt ihr nicht verlangen, da der Werth des ganzen Grundſtücks nicht tauſend Gulden beträgt— ſeid geſcheidt— warum Feindſchaft unter Nachbarn?“ „An der Feindſchaft trägt allein der Schloſſer Schuld, der hat immer gehetzt und gewühlt.“ „So mache ich auch einen Vorſchlag,“ rief eine ſo dünne Stimme, daß dem Beſitzer derſelben offenbar keine große Kraft zuzutrauen war,„wir wollen den Steinacker nehmen und die zweitauſend Gulden, dann muß ich aber das Recht haben, den Schloſſer Bärer durchzuprügeln.“ Alle lachten und der Betreffende ebenfalls, und dieſes Lachen war der erſte Schritt zur Verſöhnung, welche denn auch ſo raſch vor ſich ging, daß beide Parteien einig waren, als die Locomolive auf der nächſten Station anhielt. „Alſo abgemacht!“ ſchrie der rieſige Schloſſer,„und ſtatt hinaus in's Kreuzlesthäle, gehen wir in's Wirthshaus und Arm in Arm durch den nächſten Wagen hindurch, daß der Kerl mit ſeiner ge⸗ ſchwollenen Naſe ſich grün und gelb ärgert.“ ——4jy 2 — p „— Reiſeluſt. 231 So geſchah es zum Staunen ſämmtlicher Paſſagiere und zum Erſchrecken des armen Herrn Schmauder, der bei dieſer ſonderbaren Polonaiſe das Beſte that, was er thun konnte, nämlich ſein Auge tiefer zu ſenken auf den Namen jener Anna, deren Liebe ewig zu ſein verſprach. „Pflaumloch!“ ſagte der Zugmeiſter und ſetzte hinzu, indem er einen Blick auf ſeine Uhr warf,„es iſt rein zum Davonlaufen, jetzt haben wir ſchon zwanzig Minuten Verſpätung— na, die Bayern werden uns wieder auslachen— einſteigen nach Nördlingen und raſch, wenn's gefällig iſt.“ Dieſe Worte, obgleich im Allgemeinen geſprochen, waren doch noch ganz beſonders gegen eine dichte Gruppe geputzter Herren und Damen gerichtet, die mit ungemeiner Beweglichkeit in Geberden und Sprachweiſe mit einander und durcheinander ſprachen, wobei faſt Jeder eine Bemertung machte, ohne auf die Antwort deſſen, an den ſie gerichtet war, viel Rückſicht zu nehmen, und die ſich über Alles ganz außerordentlich zu freuen ſchienen. „Einſteigen nach Nördlingen— haben wir es doch wohl ver⸗ ſtanden— hätten nicht gebraucht ſo zu ſchreien, Herr Kondukteur— kommt doch ſo eben erſt der Locomotiv und haben mer doch ſchon faſt den Fuß im Wagen— wie kann mer überhaupt ſteigen eher ein ehe angekommen iſt der Zug— nun eilt euch!— eilt euch!— eilt euch!“ „Wäre es doch ein wahres Unglück für Dich und Sara, wenn mer müßten bleiben hier zurück und kämen nicht zum Anſchluß nach Führt bei Nürnberg.“ So plaudernd ſtiegen ſie ein, vergnügt in ſich ſelbſt, vergnügt über ſich ſelbſt, vergnügt über Alles, was ſie umgab und deßhalb mit noch beſonders lachendem Munde und ganz außerordentlich leuchtenden Augen. War es doch ein hochzeitliches Paar, welches die ganze Freundſchaft gen Nördlingen begleitete, und war es doch auch für den unparteiiſchen Zuſchauer ergötzlich und zugleich rührend ———’———— 232 Reiſeluſt. anzuſehen, wie Braut und Bräutigam von den Zurückbleibenden einen faſt wehmüthigen Abſchied nahmen, um alsdann, kaum in den Wagen getreten, wieder die lauteſte, glücklichſte Fröhlichkeit zu ſein. Der Hochzeitsvater mit einer jüngeren, ſehr hübſchen Tochter hatte Herrn Schmauder gegenüber Platz genommen, und zwei kleine Buben zwiſchen fünf und acht Jahren, welche wahrſcheinlich als Kinder, die nachgetragen werden, um den halben Preis mitfuhren, auf ſeinen Knien untergebracht und ihnen geſagt:„Drück Dich zu⸗ ſammen, Amſel, ſtreck' Dich nicht ſo, Mayer, damit der Herr Kon⸗ dukteur nicht glaubt, Du ſeieſt ſchon erwachſen.“ Die junge Dame hatte ein fein geſchnittenes Geſicht, prächtig leuchtende Augen und eine höchſt angenehme Rundung, welche be⸗ ſonders unter einer ſchweren goldenen Kette, die ihr vom Halſe herabhing, auffallend erſchien, und alles das war ſehr anziehend für ein paar junge Elegants der Geſellſchaft, die lachend und flüſternd und ziemlich eng den Sitz umſtanden, auf welchem der Oberreviſor ſaß— er fühlte ſich in der That ſehr angegriffen durch die wechſelvollen Ereigniſſe dieſer Eiſenbahnfahrt, durch die heftigen Gemüthsbewegungen von vorhin, durch ſeinen jetzigen be⸗ engten Sitz; denn die kleinen Buben auf den Knien ihres Erzeugers machten es ſich ſo bequem als möglich, während die eleganten jungen Leute an ſeiner Seite in ihrem Geſpräch mit der jungen Dame, welcher ſie zuweilen leiſe etwas in's Ohr zu ſagen hatten, durchaus keine Rückſicht auf ihn nahmen— vielleicht hatte er auch eine kräf⸗ tige Cigarre etwas zu raſch geraucht oder fühlte er ſich unangenehm berührt von irgend einem ſtark hervortretenden Odeur, genug, ihn überkam jenes Gefühl der Mattigkeit und Angſt, welches uns bei heftigem Herzſchlagen ſchwer und tief aufathmen läßt, welches uns Schweißtropfen auf die Stirne treibt, ein Gefühl, unter deſſen Ein⸗ fluſſe wir raſch und auffallend erbleichen. Dieſes war denn auch bei Herrn Schmauder der Fall, und A Reiſeluſt. 3 233 kaum hatte es ſein Gegenüber bemerkt, als er unter ſichtlichem Er⸗ ſchrecken ſeine beiden Sprößlinge von den Knieen herabgleiten ließ, aufſprang und mit der jungen Dame und den beiden Elegants die Flucht ergriff, dem eintretenden Kondukteur zurufend:„Ein kranker Mann, Herr Kondukteur— es iſt ein kranker Mann auf die Eiſenbahn— bewahre uns der Himmel vor Anſteckung! Sara, wo biſt Du?“ „Hier, Papa!“ rief die junge Frau aus dem Nebenwagen, wohin ſie ſich mit ihrem Manne zurückgezogen,„ſoll ich kommen zu Dir?“ „Nein, bleib' nur wo Du biſt— wenn de noch haſt einen Platz fer uns, ſo kommen mer zu Dir.“ „Platz genug, Papa— komm nur!“ Herr Schmauder hatte in der That ein paar Augenblicke ge⸗ glaubt, es müſſe ihm etwas ganz Entſetzliches paſſiren, ja er hatte, obgleich mit zitternder Hand, langſam das Fenſter geöffnet, an dem der junge Mann ſaß, und, nicht achtend des Plakats im Wagen, ſeinen Kopf zum Fenſter hinausgebeugt— glücklicherweiſe umſonſt, denn der ſcharfe Luftzug erfriſchte ihn ſo, daß er ſchon nach einigen Sekunden im Stande war, einen tiefen Athemzug der Befriedigung zu thun. Da pfiff auch ſchon die Locomotive gellend und anhaltend und unſer Reiſender war überzeugt, daß etwas Bewegung und ein Trunk friſchen Waſſers ihn augenblicklich herſtellen würde. O mit welcher Sehnſucht dachte er jetzt wiederholt an die Seligkeit eines einſamen ſtillen Wirthshauſes, im Schatten weitäſtiger Buchen gelegen, neben einem friſch murmelnden Waſſer, welches in's Thal hinabhüpfte und dauft weit, weit, Stunde um Stunde durch die Ebene floß, ehe es belebte Dörfer und geräuſchvolle, qualmende Städte traf— Ach, und wie haßte er in dieſem Augen⸗ blicke alles Geräuſch, Gewühl, Gequalm der Menſchen und Städte — was hätte er darum gegeben, jetzt in einer ſolchen beneidens⸗ 234 Reiſeluſt. werthen Einſamkeit zu ſein— behaglich an einem Baumſtamm lehnend, vor ſich ein Glas guten Weines. Allein, allein auf weiter Flur, Und eine Morgenglocke nur, Sonſt Stille nah und fern. Das dachte er aber nicht in ſeinen Träumen, ſondern es ſchlug vielſtimmig an ſein Ohr, als der Zug auf dem Bahnhof in Nördlingen hielt. Gerechter Himmel! welches Menſchengewühl, welche Unmaſſe nichtsſagender Geſichter mit aufgeſperrten Mäulern, an denen er nun vorüberfuhr und die wie zum Hohne auf ſeinen Gemüthszuſtand und auf ihr eigenes lärmendes Getriebe von„Stille nah und fern“ ſangen und vom„Alleinſein auf weiter Flur“. In langen Reihen ſtanden ſie da auf dem Trottoir, überragt von bunten Fahnen, Eichenzweigen an Hüten und Mützen, in feſttäglicher Kleidung und feſttäglicher Stimmung— eine Sängerfahrt von zwanzig verſchie⸗ denen Männergeſangvereinen und Liedertafeln. Dort befand ſich der Dirigent, etwas erhöht ſtehend, und Herr Schmauder fand in ihm Aehnlichkeit mit dem langen, bienenzüchtenden Schullehrer, doch war dieſer hier gewaltiger in ſeinen Bewegungen— jetzt ſtreckte er ſeine Arme mit auseinander geſpreizten Fingern nach beiden Seiten aus, einen Halt in der Muſik anzeigend, dann erhob er beide Fäuſte in der einen den Taktirſtock, mit einer wüthenden Energie hoch über ſeinem Kopfe, und als ſie nun wieder niederfielen, brüllten die Hunderte von Menſchen, die hier verſammelt waren, mit Kraft und Ausdauer:„Das iſt der Tag des Herrn.“ Es zitterte förmlich wie Hohn durch die Seele des Oberreviſors, und als er ſo langſamen Schrittes ausſtieg und, ſich auf den Stock ſtützend, nach dem Bahnhofgebäude ſchlich, hätte Niemand in ihm jenen lebensfriſchen Mann vermuthet, der heute Morgen, luſtig den Stock ſchwingend, der feſten Abſicht geweſen war, ſich heute einmal Reiſeluſt. 235 ganz der Reiſeluſt hinzugeben. In der Reſtauration war heute daſſelbe Gedränge wie auf dem Bahnhofe— er hätte keinen Stuhl erhalten können und wenn er eine Million dafür geboten: die Sängerfahrt hatte ſich aller Sitzgelegenheiten bemächtigt— kein noch ſo beſcheidenes Tröpfchen Bier; die Sängerfahrt hatte alle Fäſſer ausgetrunken und harrte mit großer Ungeduld auf ein bedeutendes Mehr von Nürnberg— kein Stückchen Brod: die deutſchen Sänger hatten wie eine Heerde Heuſchrecken Alles kahl gefreſſen— keinen Becher Waſſer: denn wenn auch der Brunnen neben dem Hauſe in unerſchöpflicher Gutmüthigkeit fort und fort rieſelte, ſo hatte doch ein erfindungsreicher Liedertäfler das Trink⸗ gefäß losgemacht, um es zu ſchnödem Bier zu benützen— und dazu die Schreckensnachricht, daß der Nürnberger Zug vor einer Viertelſtunde abgefahren ſei, weßhalb man bis Nachmittag hätte warten müſſen, wenn nicht des Sonntags wegen heute ein beſon⸗ derer Zug eingeſchoben würde— ein Hoffnungsſchimmer— eine kleine Gunſt des Schickſals. Da ſaß Herr Schmauder auf der Treppe des Bahnhofes, in ſtiller Ergebung die Hände gefaltet, und hatte die gleichen Gedanken wie die Geſellſchaft der Station Pflaumloch, welche etwas entfernt von ihm Platz genommen hatte, und auch er hätte weinen mögen, wenn er an ſein Zion gedachte, an ſein kleines, ſtilles Eßzimmer mit den alten wohlbekannten Möbeln, an den kleinen Fleck hinter dem Hauſe, von zehn Schuh im Quadrat, mit zwei kümmerlichen Stachelbeerſtauden, wo er, wenn nicht gerade dort Wäſche aufgehängt war, ſeine Pfeife zu rauchen pflegte, an ſein Sonntagsgericht, einem gemüthlichen Kalbsbraten mit weichen, ſchwellenden Kartoffeln oder friſchem, grünen Salat. Er konnte ſich eines leichten Schmatzens nicht enthalten und hätte ſich wahrſcheinlich noch ſüßer vertieft in dieſe eingebildeten Genüſſe, wenn nicht ein lautes, donnerndes Hoch die Luft und auch ſeine Gedanken zerriſſen hätte. 236 Reiſeluft. „Hoch!— und abermals Hoch!“ „Ja, meine verehrten Freunde, Mitſänger, deutſche Sanges⸗ brüder! Der erhebende Gedanke deutſcher Einheit, der aus unſern Beſtrebungen hervorleuchtet, der hiedurch, im Kleinen angebahnt, gewaltig emporſtreben wird, ſeine Zweige weit emporſtreckend in die freie, deutſche Luft, die um ſo freier und deutſcher wird, je höher wir emporſteigen bis zu jenen Regionen, von denen unſer großer deutſcher Schiller das große Wort ſprach: Die Welt iſt vollkommen überall, wo der Menſch nicht hinkommt mit ſeiner Qual.“ „Bravo!— bravo!— ſehr gut!— bravo!“ „Ja, deutſche Sangesbrüder, wo der Menſch nicht hinkommt mit ſeiner QOual———— wenn auch— obgleich— ſondern — nichtsdeſtoweniger— aber— ja, aber dieſe freien Regionen, ſind ſie in unſerem verderbten, reaktionären, verdummten Jahr⸗ hundert wohl anders zu erreichen als auf freien, deutſchen Sanges⸗ flügeln?“ „Sehr gut!— bravo!— ſehr gut!“ „Laßt ſie deßhalb immerhin lächeln über die unverkennbare Gährung, welche in dieſem Augenblicke das deutſche Volk beherrſcht und welche ſich kund gibt in jenem Drange nach Vereinigung beim ſchäumenden Becher, beim fröhlichen Lied.— Wie ſagt der deutſche Dichter? ‚Wir ſind uns eines ſchönen Zieles bewußt,“ und wie ruft er ein anderes Mal? ‚Hoher Sinn liegt oft im kindlichen Spiele— und dieſes Ziel und dieſen Wahrſpruch wollen wir vor Augen behalten, deutſche Sangesbrüder, ihm nacheifernd durch Wort und Geſang, denn ſeid verſichert, deutſche Bundesbrüder und Mit⸗ ſänger, bei Sang und Becherklang, bei des Gaſtmahls fröhlichem Verein werden wir jene politiſche Reife erlangen, die uns einſt die Berechtigung gibt, an jenem großen Tage, wenn von Berg zu Berg die Feuerzeichen leuchten und wenn ſich die Sonne einer neuen Zeit glanzvoll erhebt zum Schrecken unſerer Feinde, unſere ſchwarz⸗ —,— b 237 Reiſeluſt. rothgoldene Fahne mit der Inſchrift zu ſchmücken: ‚Das ganze Deutſchland ſoll es ſein!““ Der Jubel, der nach dieſer ſchönen Rede ertönte, war ſo ge⸗ waltig und ſinnverwirrend, daß Herr Schmauder ſeinen Reiſeſack ergriff und raſch auf die andere Seite des Hauſes flüchtete zu den gemüthlichen bayeriſchen Schaffnern in freundlicher blau und weißer Uniform, die aber heute auch nicht ſo gut gelaunt waren als ſonſt — ja er hörte einen derb fluchen und zu ſeinen Kollegen ſagen: „Dieſe Maleſizfeſtlichkeiten könnten einem das ganze Geſchäft ent⸗ leiden— hat man doch kaum Zeit, an den unvernünftig großen Zügen die Thüren auf und zu zu ſchließen, von einer kleinen Er⸗ quickung, die ſich der Menſch, ja ſelbſt der Eiſenbahnbeamte erlauben muß, iſt ſchon gar keine Rede mehr— hol' der Teufel all' den Schwindel!“ „Wird der Zug, mit dem wir nach Nürnberg fahren, wohl ſtark beſetzt ſein?“ erlaubte ſich der Oberreviſor ſchüchtern zu fragen. „Stark beſetzt ſein?— Fragen Sie lieber, ob unſere Wagen ausreichen werden, um Alles das fortzubringen.“ „Du, mein lieber Gott— wir werden doch nicht die ſämmt⸗ lichen Sänger von da drüben mitnehmen?“ „Nun das fehlte uns noch— wir werden an unſeren Schützen gerade genug haben.“ „An unſeren Schützen?“ frug Herr Schmauder mit einer matten Stimme. „Ja, wiſſen's denn nit, daß in Nürnberg's Schützenfeſt ab⸗ gehalten wird?“ Der Oberreviſor warf einen matten Blick gen Himmel: Scylla und Charibdis— dort ſchwäbiſche Sänger, hier bayeriſche Schützen.“ „Da kommt der Zug!“ rief der Schaffner und ſetzte gutmüthig hinzu:„wenn ich Ihnen rathen darf, ſo ſehen Sie zu, wo Sie ein Plätzchen finden— es iſt hier nur ein Halt von Läde Minuten Hackländer's Werke. 51. Bd. 238 Reiſeluſt. und wenn Sie nirgendwo unterkommen, ſo müſſen's halt vier Stunden auf den nächſten Zug warten.“ Da ſtanden die Wagen, da wurden eilfertig die Thüren auf⸗ geriſſen und da ſprangen die Paſſagiere eben ſo eilfertig wieder heraus, um vielleicht ein Tröpfchen Bier zu erhalten oder ſonſt etwas— zu beſorgen. Da wurde gelacht und geplaudert, auch wohl ein Juchzer gehört oder ein Bekannter im vierten oder fünften Wagen mit gewaltiger Stimme angerufen— da wimmelten alle Wagen voll grauer Juppen und ſpitzer grüner Hüte mit Gemsbart und Spiel⸗ hahnfeder und beſteckt mit grünen, rothen und weißen Zetteln, lauter gemüthlich ausſehende, heitere Leute mit ſo luſtigen Geſich⸗ tern, daß es wahrhaftig eine Freude ſein mußte, mit ihnen zu fahren, wenn man nur erſt einen Platz gehabt hätte. Herr Schmauder lief, ſeinen Nachtſack in der Hand, an der Wagenreihe hin und her, und überall, allüberall, wo er mit einer bittenden Geberde hinſchaute, ſchallte es ihm entgegen, daß hier ſchon Alles beſetzt ſei. Dabei wurde er zuweilen unſanft auf die Seite gedrückt, da er einem Glücklicheren im Wege ſtand, der zu⸗ rückkam, um ſeinen alten Platz wieder einzunehmen. Dazu dräng⸗ ten die Schaffner zum Einſteigen und dazu lärmte die Eiſenbahn⸗ glocke mit einer erſchreckenden Haſt das letzte Zeichen, weßhalb ſich unſer armer Reiſender mit dem Muthe der Verzweiflung in den erſten beſten Wagen ſchwang und trotz der kräftigſten Proteſtationen der Inſitzenden dort nicht auf einen Sitz, ſondern auf den Schooß eines wohlbeleibten Schützen niederſiel, welcher unglücklicherweiſe ſeine Büchſe auf den Knieen liegen hatte, ſo daß ein unnennbarer Theil von Herrn Schmauder's Körper mit dem gefühlloſen Eiſen des Hahnkamms in unangenehme und ſchmerzliche Berührung kam. Er konnte ſich auch nicht enthalten, mit einem Schmerzensrufe wieder in die Höhe zu ſchnellen, vielleicht wieder zum Wagen hinaus, wenn die Thüre hinter ihm nicht augenblicklich zugeſchlagen worden wäre, wobei er ein ſo jammervolles Geſicht machte, daß ſämmtliche Reiſeluſt. 239 Paſſagiere— es waren deren bereits acht und darunter manch' wohlbeleibter— aus der Noth eine Tugend zu machen beſchloſſen und ihn nicht böſe anſchauten, ja einige ihn ſogar freundlich an⸗ lächelten; doch war dieſes Lächeln eigentlich mehr die Folge der Beruhigung des oben erwähnten Schützens, der jetzt nämlich mit großer Seelenruhe ſagte: Machen wir uns nichts daraus, ſeien wir nur froh, daß dabei nicht irgend etwas losgegangen iſt.“ Auch rückten Alle ſo gut wie möglich zuſammen und da der Körpertheil, auf welchen man gewöhnlich ſich zu ſetzen pflegt, bei dem mageren Herrn Schmauder im Verein mit deſſen Schultern einen förmlichen Keil bildete, ſo war er durch das Rütteln und Schütteln des Wa⸗ gens in kurzer Zeit ſo zwiſchen ſeine Nachbarn gezwängt, daß er mit denſelben eine kompakte, unbewegliche Maſſe bildete. Dazu mochte in dem Wagen eine Hitze von ungefähr achtundzwanzig Grad herrſchen, auch war des Luftzuges halber nur ein Fenſter geöffnet und alle acht Schützen rauchten aus Pfeifen und Cigarren einen mehr oder minder ſchlechten Tabak. Der Oberreviſor hatte bis hieher noch nicht viel von der Hitze zu leiden gehabt, jetzt aber rann der Schweiß in hellen Tropfen von ſeiner Stirne herunter und nicht allein der Wärme oder des engen Sitzens wegen, ſondern er konnte ſich auch eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren beim Anblick all' der Schußwaffen, die ſich im Wagen befanden, der gefüllten Pulverhörner und des beiſpiel⸗ loſen Leichtſinns, mit welchem man hier die brennenden Zündhölz⸗ chen und glimmenden Cigarren zu behandeln pflegte: da brauchte ja nur eines dieſer Pulverhörner nicht vollkommen dicht zu ſein und von ſeinem Inhalte auf den Boden rinnen laſſen, da brauchte nur eines der Gewehre loszugehen— welch' gräßliches Unglück ſtand da in Ausſicht: der ganze Zug war mit Schützen beſetzt, von denen jeder Munition in hinreichender Menge mit ſich führte, viel⸗ leicht war auch noch ein Packwagen mit Schießpulver angehängt für das Schützenfeſt in Nürnberg. Wenn Herr Schmauder lebhaft daran dachte, ſo fühlte er, wie ſich ſein Haar unter der Reiſemütze 240 Reiſeluſt. langſam auflüpfte und er ſah im Geiſte jenen fürchterlichen Augen⸗ blick vor ſich, wo ſich der ganze, lange Zug in eine feurige Schlange auflöſen werde. Er faltete langſam ſeine Hände, um ſich das feſte Gelöbniß zu thun, nie mehr einen Eiſenbahnzug zu betreten, auf dem ſich Turner und Bienenzüchter, Liedertafeln und Schützen zu angenehmen Vereinsfahrten zuſammengefunden— er gelobte ſich ferner, alsbald nach ſeiner Rückkehr aus dem Männergeſangverein auszutreten und ſeinen älteſten Sohn zu veranlaſſen, es bei der Jugendwehr ebenſo zu machen, er nahm ſich feſt vor, ſo viel als möglich dahin zu wirken durch die Macht der Schrift und des geſprochenen freien Wortes, daß dem wilden Drange unſerer Zeit, ſich zu vereinen, möglichſt Einhalt gethan werde. In ſeinem Geiſte faßte er die Idee, eine Geſellſchaft zu gründen, von der jedes Mit⸗ glied es ſich zur Aufgabe macht, dadurch für die Menſchheit wohl⸗ thätig zu wirken, von allen Ecken unſeres geſegneten deutſchen Vater⸗ landes Mittheilungen zu machen, Warnungsrufe ergehen zu laſſen an harmloſe Reiſende, welche Stille und Einſamkeit ſuchen und ſtatt deſſen irgend einem Schützen⸗, Sänger⸗ oder Turnfeſt zur Beute werden.— Er beſchloß, ſpekulative Gaſtwirthe aufzufordern, in den Zeitungen anzuzeigen, zum Beiſpiel: Während der nächſten Sommermonate kann man ſich bei uns ungeſtört des Lebens freuen, denn wir vermögen eidlich zu erhärten, daß weder bei uns noch in einem Umkreis von zehn Stunden irgend eine Vereinigung zum Singen, Schießen, Turnen, Rudern ſtattfinden wird— unſere Gegend iſt rein von jeder Epidemie, auch ſind noch keine Fälle von Hundswuth vorgekommen. 4 Ja, je mehr die Hitze ſtieg, je intenſiver der Tabaksqualm um ihn her wurde, um ſo wilder ſtieg der Haß und der Zorn in der Bruſt dieſes ſonſt ſo ſanftmüthigen und geduldigen Beamten; es gab Augenblicke, wo er ſich ſelbſt fragte, was könnte mir eigent⸗ lich geſchehen, wenn ich dieſen fetten Kerl mir gegenüber, der mich mit ſeinen wulſtigen Knieen in einem fort mißhandelt, der auf meine Stiefel ſpuckt, der den Waſſerſack ſeiner Pfeife auf den Reiſeluſt. 241 Boden ausgießt ſtatt zum Fenſter hinaus, wenn ich ihn plötzlich an der Gurgel packte und ein wenig zu würgen verſuchte— was könnte mir geſchehen?— Vielleicht würde ich auf der nächſten Station hinausgeworfen, hinaus aus dieſem Hitz⸗, Schwitz⸗ und Qualmkaſten in Gottes ſchöne, freie Natur; vielleicht auch ſperrten ſie mich, wenn ſie Urſache zu haben glaubten, an meinem Verſtande zu zweifeln, in einen Gepäckwagen oder vielleicht ſogar in eine Hunde⸗ abtheilung.— Das dachte unſer Reiſender und war phyſiſch und moraliſch ſo heruntergekommen, daß er ſich den Aufenthalt in einer Hundeabtheilung durchaus nicht ſo abſchreckend vorſtellte. Und doch waren alle die Leute, mit denen er fuhr, gute, harmloſe Menſchen, die nicht minder von der Hitze litten, welche aber gute Miene zum böſen Spiele machten, ſich auf das Nachmit⸗ tagsſchießen in Nürnberg freuten, dabei aber in Ausdrücken ſprachen, welche dem Herrn Schmauder durchaus nicht verſtändlich waren und die ihn als förmlich ſinnlos umrauſchten. Was wußte er von Stand⸗, Feld⸗, Kehrſcheibe, was von Stecher, Schnapper und Haupt, von Nummern und Zeiger, von ſchwarzer, von rother, von gelber Fahne, von Auflegen und Freihandſchießen? Ihm wurde von alle Dem ſo dumm, Als ging ihm ein Mühlrad im Kopfe herum. Und dabei hatte auch dieſer Zug ſeine gehörige Verſpätung und auf Stationen, wo man fünf Minuten hätte halten ſollen, um ein wenig Luft zu ſchöpfen oder ſich die Glieder wieder gelenkig zu machen, öffneten die Schaffner eilfertig die Thüren, um ſie in der nächſten Sekunde wie zum Hohne wieder zuzuſchlagen und zu verriegeln— ſo hatte man beim Anblick von Gunzenhauſen's ſaftig⸗appetitlichen Würſtchen und kühlen Bierkrügen Tantalus⸗ qualen, da es nur wenigen Glücklichen gelungen war, wie im Fluge etwas zu erhaſchen— da ſauste man an Pleinfeld, Roth, Schwa⸗ bach vorüber, da zuckte der wahrheitsliebende Schaffner die Achſeln, wenn man ihn um die Länge des Aufenthalts in Nürnberg befragte, 242 Reiſeluſt. und ſetzte hinzu:„Nach Bamberg und Würzburg wird es augen⸗ blicklich weiter gehen, wir kommen eine halbe Stunde zu ſpät. In der Richtung der erſteren Stadt lag auch das Ziel unſeres Reiſenden— er hatte auf Nürnberg gehofft, dort verließen ja ſämmtliche Schützen den Wagen, und obendrein hatte er beſchloſſen, ſich für die letzte Strecke ſeines Weges zur zweiten Klaſſe aufzu⸗ ſchwingen, wo er doch ſicher ſein durfte vor Sänger⸗ und Turn⸗ vereinen, und wo er auf bequemem Sitze ſeinen müden Körper und ſeinen noch müderen Geiſt ausruhen laſſen konnte. „Alles ausſteigen!“ rief der betreffende Beamte auf dem nürn⸗ berger Bahnhofe den Schützen zu, bei denen ſich auch unſer Reiſen⸗ der befand,„dieſe Wagen werden abgehängt und nach Bamberg und Würzburg wird weiter vornen eingeſtiegen— doch bitte ich, ſich möglichſt zu beeilen, der Zug wird im Augenblicke abgehen.“ Alſo den Nachtſack in die Hand genommen, die Mütze feſter in die Stirne gezogen und nun von Schweiß triefend in einem animirten Hundetrab durch die ganze Länge des Bahnhofs, wo ſich die neue Lokomotive ziſchend und rauchend ſo ungeberdig und ungeduldig anſtellte, als habe ſie nur darauf gewartet, daß Herr Schmauder einſteigen werde, um hierauf mit gellendem Pfiffe loszugehen; ja ſie hatte es ſo eilig, daß die Thüre hinter dem Einſteigenden ſo raſch und energiſch zugeſchlagen wurde, daß er ſchneller, als dieſes ſonſt wohl geſchehen wäre, auf den einzigen noch freien Platz befördert wurde. Alles das ging mit ſolcher Eile und Alles ging mit ſolcher Haſt, daß der Oberreviſor bereits auf den viel weicheren Kiſſen der zweiten Klaſſe ſaß und daß der Zug ſchon aus dem Bahnhofe hinaus war, ehe er Zeit hatte zur Beſinnung zu kommen, und obendrein wurde er noch auf eine für ihn ſehr unangenehme Art in die Wirllichkeit zurückverſetzt: der Schaffner, der jetzt erſt an der Thüre des Coupé's erſchien, um die Karten zu löchern oder abzunehmen, machte beim Betrachten derjenigen unſeres Reiſenden ein ſehr verwundertes Geſicht und rief:„Mein Herr, Sie befinden G G Reiſeluſt. 243 ſich auf einem falſchen Zuge— Sie wollen nach Bamberg und dieſer geht nach Würzburg.“ Jetzt aber war die Geduld des unglücklichen Eiſenbahnſchlacht⸗ opfers erſchöpft, und was er lange nicht gethan, er fluchte und riß ſich in Verzweiflung fluchend ſeine unſchuldige Reiſemütze vom Kopfe: „Kreuztauſendmillionen Schock Donnerwetter— ſo wollt' ich doch, daß der Teufel hinein führe!“ „Was auch nicht viel helfen würde,“ erwiederte der Schaffner in philoſophiſcher Ruhe,„ich will es dem Zugmeiſter melden und glaube ſchon, daß er Sie die Fahrt von Nürnberg nach Würzburg nicht nach⸗ zahlen laſſen wird— thut mir recht leid— wenn Sie indeſſen auf der fürther Kreuzung ausſteigen wollen, ſo dürfen Sie es nur ſagen.“ Der Oberreviſor ſchlug die Arme übereinander, preßte die Zähne zuſammen und murmelte mit einer hartnäckigen Entſchloſſen⸗ heit:„Nein, ich will nicht an der fürther Kreuzung ausſteigen, ich will nach Würzburg fahren oder meinetwegen zum Teufel.“ „Wie es Ihnen beliebt.“ Auch dieſes Mal befand man ſich wieder zu Achten im Wagen, doch entdeckte unſer Reiſender nach einiger Zeit, daß er viel be⸗ quemer ſaß, als vorher bei den Schützen. Bis jetzt hatte er ſeine Reiſegeſellſchaft noch keines Blicks gewürdigt und ſchaute nun erſt um ſich her, beſonders weil er entdeckte, daß keiner der Mitfahren⸗ den ein Wort ſprach, keiner rauchte und daß ſich ſein Nachbar mit einer gewiſſen Scheu vor ihm in die andere Ecke zurückzuziehen ſchien. Dieſer Nachbar, obgleich ein Mann in vorgerückten Lebens⸗ jahren, hatte langes, glatt herabfallendes Haar, trug eine weiße Halsbinde und einen ſchwarzen Anzug; ebenſo war deſſen Gegenüber gekleidet, ſowie alle Anderen, und ſie bildeten ſtill und ſchweigſam mit würdevollem Geſichtsausdruck eine ſehr ernſte Geſellſchaft. Dem Oberreviſor war indeſſen dieſe Ruhe nach den bewegten Stunden, die er durchlebt, durchaus nicht unangenehm, obgleich er ſich anderntheils geſtehen mußte, daß ein unterhaltendes aber leiden⸗ ſchaſtsloſes Geſpräch mit Menſchen noch mehr im Stande geweſen 244 Reiſeluſt. wäre, ſeine aufgeregten Nerven zu beruhigen; doch ſchienen die Sieben im Wagen entweder das Gelübde gethan zu haben, die Fahrt ſchweigend zurückzulegen, oder war der Eindringling ihnen unbequem und ſchuld daran, daß an Aller Mund der Zähne doppelt Gatter dicht verſchloſſen lag. Dabei waren ſie indeſſen nicht un⸗ aufmerkſam für auffallende Gegenſtände, an denen man vorüber⸗ fuhr, auch hob zuweilen einer den Arm, um auf irgend etwas in der Landſchaft zu deuten, worauf die anderen Sechſe durch gemeſſenes Kopfnicken ihre Tbeilnahme bezeigten. Hinter der fürther Kreuzung erſchien der Zugmeiſter in eigener Perſon mit dem tröſtlichen Ausſpruche, daß er von einer nochmaligen Zahlung abſehen wolle, erſuchte aber den Reiſenden, ſich künftig den richtigen Zug auszuſuchen, damit nicht er felbſt, ſowie auch die Beamten in Verlegenheit kämen. „Dazu wird dem Reiſenden ja nicht einmal Zeit gelaſſen,“ ſagte Herr Schmauder, als es nun wieder weiter ging, und ohne dieſe Worte gerade direkt an einen der Sieben zu richten, ſprach er ſie doch ſo laut, daß Alle darauf eine Antwort hätten geben können, wenn es in ihrer Abſicht gelegen wäre; doch ſchwiegen ſie auch jetzt beharrlich und nur der, welcher unſerem Reiſenden gegenüber ſaß und welchen er bei der gemachten Bemerkung anſchaute, zuckte leicht die Achſeln und ſchloß milde lächelnd ſeine Augen eine Sekunde lang, um gleich darauf ſeinen Blicken eine ganz andere Richtung zu geben. Daß aber die Sieben nicht ſtumm waren, erfuhr der Ober⸗ reviſor auf der nächſten Station, wo ein anderer, ebenfalls ſchwarz gekleideter Herr mit weißer Halsbinde und langen Haaren vor der geöffneten Wagenthüre erſchien und ſich in warmem und gewinnen⸗ dem Tone nach dem Befinden der werthen Kollegen erkundigte, worauf ihm freundlich ſtille Antwort ward, daß es den Umſtänden nach vortrefflich gehe, daß man ſich erbaue an dem heiteren Sonn⸗ tage, daß man aber nichtsdeſtoweniger eine ſtille Sehnſucht empfinde nach dem freundlichen Neuſtadt und dem anmuthenden, lehrreichen Geſpräche mit Gleichgeſinnten. ◻ ◻ Reiſeluſt. Auch ein Kellner erſchien mit gefüllten Biergläſern, machte aber bei den Sieben ſchlechte Geſchäfte, denn der erſte Kollege ver⸗ neinte dankend, wandte ſich mit einer zweifelhaft verneinenden Frage an den zweiten Kollegen, dieſer an den dritten, welcher ſich mit Umgehung Herrn Schmauder's an den vierten wandte, auf welche Art der Kellner keine Geſchäfte machte, wenn ſich nicht unſer Rei⸗ ſender mit einer Energie, die ihm ſonſt nicht eigen war, eines Glaſes bemächtigt und es ohne Anſtrengung auf einen Zug aus⸗ getrunken hätte. In dieſer Art zu handeln lag etwas abſichtlich Herausforderndes, was dem ſanften Gemüthe des Oberreviſors ſonſt nicht eigen war, doch fühlte er ſich in Wahrheit verletzt durch das ſchroffe Stillſchweigen ſeiner Reiſegeſellſchaft. Es hätte ihm ſo wohl gethan, eine freundliche Geſellſchaft zu finden, mit der er hätte plaudern können über die ausgeſtandenen Leiden des heutigen Tages — ja, er fühlte ſich ſo bedürftig eines gemüthlichen Wortes, daß er einige Male verſuchte, das Eis dieſer ſittlich umpanzerten Herzen zu durchbrechen und dieſem feſten und ſtarren Felſen einen Rede⸗ quell zu entlocken— vergeblich— ein bezeichnendes Achſelzucken, ein leichtes Kopfſchütteln war Alles, was er zur Antwort erhielt, oder es wurde ſeine Frage nach dem Namen eines Dorfes, eines Schloſſes, an dem ſie vorüberfuhren, in flüſterndem Tone dem Nachbar wiederholt, um von dieſem alsdann achſelzuckend oder kopfſchüttelnd beantwortet zu werden. Und doch entſprang dieſes zurückhaltende Benehmen der ſieben Herren nicht aus Stolz oder Hochmuth, ſondern es dünkte ihnen unzuläſſig, mit einem Menſchen— und ſei es auch nur durch Fragen oder Antworten— in Berührung zu kommen, der ſo ge⸗ wiſſenlos fluchte, wie Herr Schmauder allerdings gethan, mit einem Menſchen, deſſen verwildertes, verdorbenes Inneres ſich gewiß zu erkennen gab in jedem finſteren Ausdrucke, der ſeiner rauchigen Seele entſtieg— warum ſich trüben laſſen den ſtillen, evangeliſchen Frieden ihres Innern? warum ihre Schuhſohlen in Berührung bringen mit dem Schmutze des gewöhnlichen Lebens, ſie, die da 246 Reiſeluſt. wandelten im ſtrahlenden Lichte bekannter und unbekannter Tugen⸗ den, ſie, deren Lippen ſo oft überfloſſen von Ausübung der Nächſten⸗ liebe, von freundlichem Ertragen ſeiner Schwächen, von chriſtlicher Geduld und Duldung. Endlich—„Neuſtadt!“— ein kleiner unbedeutender Bahnhof, heute mit einer großen bedeutenden Menſchenmenge— und welch' 4 verſchiedenartiges Leben: vor der Reſtauration ſah man ein gewal⸗ tiges Bierfaß, grün bekränzt, und daneben hohe, kräftige Geſtalten jubelnd und ſingend; die meiſten waren gekleidet in graue und blaue ſaubere Tuchjacken, hatten breiträndrige, ſteife, ſchwarze Filz⸗ hüte auf dem Kopfe und an den Füßen hohe Waſſerſtiefeln, die ihnen bis über die Mitte der Schenkel reichten; ſchwere Aexte ſchienen von Einigen als Spazierſtöcke benutzt zu werden, während Andere zu demſelben Zwecke tüchtige Knittel mit einer bewunderungswürdigen Leeichtigkeit ſchwangen. „Vorwärts Ihr Mannen!“ rief eine weithin ſchallende Stimme, „da iſt der Zug;“ worauf ein paar Andere antworteten:„Nur Ge⸗ duld, die werden ſchon warten, bis wir unſer Bier ausgetrunken haben— da bringt einmal dem Zugmeiſter das Maßkrugl.“ So bildete ſich lebendig und geräuſchvoll der Hintergrund, während auf dem Perron die Schuljugend des kleinen Städtchens in einer langen Doppelreihe ſtand, um unter Anführung ihrer Lehrer die ſchwarzgekleideten Herren mit langen Haaren und weißen 8 Halsbinden durch Abſingung eines Chorals würdig zu empfangen. Da der Zug dieſes Mal keine Verſpätung hatte, auch das Bier vor⸗ trefflich war, ſo beeilte ſich der kommandirende Beamie nicht mit der. Abfahrt, und erſt als die ſingende Schuljugend, einer Unmaſſe ſchwarzer V d Herren, die den Wagen entſtiegen waren, voranſchreitend, hinter dem Bahnhofgebäude verſchwunden war, gab die Glocke das zweite Zeichen. Herr Schmauder hatte ſich in eine Ecke gedrückt und ſah nun mit Beſorgniß, wie die rieſenhaften Geſtalten mit den hohen Stie⸗ feln, mit den Aexten und Knitteln jubelnd und jauchzend förmlich den Wagen ſtürmten; ihrer Acht hatten im Augenblick das Coupé ein⸗ — Reiſeluſt. genommen, in welchem er ſich bereits befand und wo er von dem zu⸗ erſt Eingetretenen mit einem faſt erſtaunten Blicke entdeckt worden war. „Der ſcheint das Ausſteigen vergeſſen zu haben,“ rief der Flößer, wobei indeſſen ein gutmüthiges Lachen das Derbe in die⸗ ſem Anrufe ein wenig milderte.„Gehört Ihr nicht auch zu den Schwarzkitteln?— wenn das iſt, ſo müßt Ihr laufen, denn ſie ſind ſchon weit weg.“ „Er ſcheint mir doch nicht dazu zu gehören,“ ſagte ein Anderer lachend,„aber er iſt gewiß ſo angenehm und verläßt unſere Ge⸗ ſellſchaft hier im Wagen— dahinten iſt noch Platz genug— meint Ihr nicht auch, Herr Zugmeiſter?“ rief er, ſich rückwärts wendend,„daß es für den einzelnen Herrn hier beſſer wäre, wenn Ihr ihn anderswo unterbrächtet?“ wobei ein Dritter, ohne erſt die Zuſtimmung des Herrn Schmauder abzuwarten, deſſen Nachtſack von der Bank genommen hatte, wobei er ihm in freundlichem Tone ſagte:„Das Geſchirr da will ich Euch ſchon hinausreichen.“ Wir brauchen kaum zu ſagen, daß ſich Herr Schmauder ſchon bei der erſten Aufforderung bereitwillig erhoben hatte und nun dankend ſeinen Nachtſack ergriff und dem Wagen enteilte. Bier iſt eine herrliche Sache, wenn man es ſelbſt trinkt und nicht allein mit dem zweifelhaften Dufte deſſelben vorlieb nehmen muß, wie ſich auch allenfalls eine Freimaurercigarre ſelbſt rauchend ertragen läßt, aber ſo und ſo, das überbot alles bisher Erfahrene und Geduldete. Da ſtand er auf dem Bahnhofe von Neuſtadt, ſo unbeweg⸗ lich, ſo vollkommen ergeben und dabei ſo überdrüſſig alles Reiſens, daß er es nicht einmal vermochte, den Schaffner um einen andern Platz zu erſuchen, und doch wurde ſchon das dritte Zeichen laut und vernehmlich gegeben, während vom Städtchen her harmoniſch die Glocken läuteten. „Ihr werdet auch froh ſein, von dem Gelärme wegzukommen,“ hörte er eine angenehm klingende Stimme neben ſich ſagen und ſah, als er ſich umſchaute, einen älteren Mann in wohlhabender Bauern⸗ Reiſeluſt. tracht, der mit geſpreizten Beinen daſtand, wohlgefällig ſchmunzelnd gegen den Zug lächelte und leicht mit ſeiner Peitſche knallte, als wolle er die Lokomotive antreiben. „Wenn ich das nur von mir ſagen könnte, aber ich muß noch weiter.“ „Mit den Flößern da, die in Würzburg drunten eine Ver⸗ ſammlung haben?— da möchte ich ſchon danken— beneide Euch nicht um Euer Unterkommen.“ „Ich glaube, Ihr habt Recht,“ antwortete unſer Reiſender klein⸗ laut,„zudem habe ich in Würzburg auch durchaus nichts verloren.“ „Ah, Ihr reiſet alſo zu Eurem Vergnügen?“ „Ja, ich hab's erfahren und genoſſen, dieſes Vergnügen,“ ſeufzte Herr Schmauder. „Würde Euch noch eher rathen, in Neuſtadt zu bleiben; da aber hier die Geiſtlichkeit einen Vereinstag hält, ſo werdet Ihr auch hier auf ein Bett und auf ein gutes Eſſen verzichten müſſen.“ Der Oberreviſor blickte, ohne zu antworten gen Himmel, dann aber, als habe er ſich einer höheren Eingebung zu erfreuen, wandte er ſich plötzlich an ſeinen Nachbar mit der Frage:„Und wohin reiſet Ihr, mein lieber Freund?“ „Ich fahre mit meinem Wägelchen, das dort hinter dem Bahn⸗ hofgebäude ſteht, nach Hauſe, nach Windsheim; da beſitze ich am Ab⸗ hange des Berges, ein paar Büchſenſchüſſe von der Stadt, ein Haus.“ „Gewiß mit einer ſchönen Ausſicht?“ „Das will ich meinen, und keine weite Ausſicht— bei klarem Wetter ſehen wir die Thürme von Würzburg— ah, da droben iſt es ſchön— beſonders an einem heißen Sommertage wie heute: ſchattiger Wald und friſches Waſſer— doch wenn Ihr weiter wollt, ſo beeilt Euch!“ „Iſt dort oben herum ein kleines ſtilles Wirthshaus?“ frug Herr Schmauder mit einer Haſt, die dem Anderen eigenthümlich erſcheinen mußte, denn er erwiederte lächelnd:„Das brauchen wir nicht weit zu ſuchen, mein Haus ſelbſt iſt ein kleines Wirthshaus Reiſeluſt. 249 — Zur Eichenruhee. Eichen hat's genug da oben und ruhig iſt es auch mit Ausnahme des Sonntag Nachmittags, wo ſie alsdann gerne von Windsheim heraufkommen, um bei uns Kaffee zu trinken.“ „Sie bleiben hier in Neuſtadt?“ rief der Zugmeiſter mit einem von Eifer gerötheten Geſichte unſerm Reiſenden zu,„ſonſt—“ „Fahren Sie mit Gott!“ rief Herr Schmauder in einem un⸗ verkennbaren Tone der Befriedigung, dann wandte er ſich raſch gegen den Wirth zur Eichenruhe und ſagte:„Ich bin nach Franken gereist, um in irgend einem ſtillen friedlichen Wirthshaus ein paar ruhige Tage zu verleben— wollt Ihr mich mitnehmen? Aber nach einem möchte ich mich vorher noch erkundigen; gibt es in Windsheim einen Turnverein?— eine Liedertafel?— einen Schützenverein?— hat es dort viele Bienenzüchter?— könnte es geſchehen, daß ſich dort in der nächſten Zeit Theologen zuſammen⸗ fänden, oder Philologen, oder Forſt⸗ und Landwirthe, oder Müller, Flößer und Künſtler, um dort zu tagen?“ Worauf der Andere lachend zur Antwort gab:„Nein, nein, den Schwindel überlaſſen wir größeren Orten— bin ich doch eigens hieher gefahren, um mir das Treiben der Flößer und der Geiſt⸗ lichen anzuſchauen, habe aber ſobald genug gekriegt, daß ich nicht einmal ausſpannen ließ.“ „Wie mich das freut— alſo wir können gleich weiter fahren?“ „Im Augenblick, kommen Sie nur.“ Bald ſaßen ſie auf dem ländlichen, aber bequemen Wägelchen, vor das zwei kräftige Braune geſpannt waren. Der Wirth zur Eichenruhe ergriff die Zügel, ſchnalzte mit der Zunge und dahin flogen ſie, bequem ſitzend, in die freie, würzige Luft, angefächelt von einem leichten Windhauche, und als der Oberreviſor zurück⸗ blickend den ſchwarzen Eiſenbahnzug gen Würzburg dampfen ſah, da konnte er ſich nicht enthalten, ſein Inneres durch ein tief em⸗ pfundenes„Gott ſei Dank“ zu erleichtern. „Und das iſt die Aiſch,“ ſagte ſein Nachbar und zeigte mit 250 Reiſeluſt. der Peitſche auf einen munteren Bach, der ihnen entgegenrauſchte und an deſſen Ufern ſie dahin fuhren—„hat auch gute Forellen.“ „Ah, Forellen iſt etwas Gutes, aber ſie ſind wohl ſehr theuer?“ „Draußen bei Euch wohl, aber hier nicht beſonders— könnt' Euch ſelbſt welche fangen, wenn Ihr genug Langeweile ertragen könnt— Angelgeräth kann ich Euch liefern— habt Ihr ſchon geangelt?“ „Noch nie.“ „Ihr wißt doch, was eine Angel iſt?“ frug der Bauer ſchmunzelnd. „Ich denke ſo.“ „Vielleicht nach allgemeinen Begriffen wißt Ihr es wohl, neu⸗ lich aber hat ſie uns Jemand auf eine Art bezeichnet, die mir ſehr wohl gefallen hat, er ſagte: eine Angel iſt ein langer Stecken mit einer Schnur daran, an einer Seite hängt ein Regenwurm, an der anderen ein Müßiggänger— hopp Liſe!“ Dieſer Ausruf galt einem der beiden Pferde und wirkte beſſer als Zungenſchlag und Peitſchenknall, denn die beiden Braunen trabten ſo raſch dahin, daß die Meſſingzierrathen an ihren Geſchirren klirrten und klingelten. „Da haben wir Windsheim,“ ſagte der Wirth nach einiger Zeit,„und da Ihr wohl in dem Städtchen ſelbſt nichts zu thun habt, ſo wollen wir außen herum zu uns hinauffahren— jetzt, da es langſamer geht, ſchaut Euch einmal mit Behagen um, wie man ſo nach und nach immer mehr Land überſieht— dort erkenne ich den Sankt Sebaldusthurm von Nürnberg, und nach der anderen Seite hin tritt jetzt auch Würzburg hervor; droben aus den Fenſtern ſieht ein geübtes Auge auch den Main blinken— ſchaut Euch nur um. Und wie ſchön die Felder ſtehen und wie prächtig der Weinſtock iſt— ja, ja, dieſes Franken iſt ein beſonders geſegnetes Land.“ „Das weiß Gott— und wie wunderbar ruhig und ſtill es hier oben iſt; der Himmel iſt aber auch herrlich blau und die mächtigen Bäume ſchauen uns ſo ernſt an, daß man ſich ordentlich ſcheut, ein unnöthiges Wort zu ſprechen.“ Reiſeluſt. 251 „Daraus ſollte man ſich überhaupt ein Gewiſſen machen und wenn man darüber nachdenkt, ſo haben die Vereinler da unten viel auf dem Gewiſſen.“ „Es iſt hier oben ſo prächtig,“ meinte Herr Schmauder nach einer Pauſe in bekümmertem Tone,„daß wohl irgend einer darauf verfallen könnte, hier oben ein Sängerfeſt zu feiern— das wäre ſchrecklich.“ „Hat keine Gefahr— dazu fehlt es in Sinsheim an unruhigen Köpfen— wißt Ihr von denen, die gerne in den Zeitungen viel Geſchrei machen, die es lieben, ſich gedruckt zu leſen und denen es Freude macht, wenn bei einer ſolchen Verſammlung über ſie recht laut und viel geſprochen wird— ich habe das Alles mit angehört ur den Bemühungen unſeres“, dann kommt der Vor⸗ und Zu⸗ name, ‚haben wir es zu danken, daß dieſes ſeltene, ſchöne Feſt zu Stande kam; oder vielleicht auch: ‚weſſen Name, meine verehrten Anweſenden, klingt heute wohl beſſer in unſeren Herzen an, als der unſeres thatkräftigen, unermüdlichen, wieder Name und Vor⸗ name, und während nun Alles ſo laut als möglich dreimal hoch! ſchreit, trinkt der unermüdliche Betreffende ſein Gott weiß wie vielſtes Glas leer, um ſich hierauf durch eine ähnliche Rede zu be⸗ danken, die wieder bejubelt und angetrunken wird und eine dritte Veranlaſſung gibt, das Gleiche zu thun im Reden und Trinken— doch da iſt die Eichenruhe und wir wollen nicht weiter darüber reden.“ „Gewiß nicht, der Anſicht bin ich auch: nicht mehr darüber reden, nicht mehr daran denken.“ Alles hier oben erſchien unſerem Reiſenden wie ein ſeliger Traum: das nette Stübchen mit dem reinlichen Bette und den an⸗ ſpruchloſen Möbeln, welches man ihm angewieſen, das freundliche Geſicht der Wirthin, vor Allem die entzückende Ausſicht, deren er hier oben aus ſeinem Fenſter genoß, und dieſe Ruhe, dieſer Frieden! Herr Schmauder zog einen alten Lehnſtuhl an's Fenſter, ſetzte ſich hinein und ſchwelgte mit gefalteten Händen in einem unaus⸗ ſprechlichen Behagen— kein Ton, kein ſtörender Laut drang aus der Ebene hieher, nur zuweilen vernahm man leiſe, leiſe den Ge⸗ 2⁵52 Reiſeluſt. ſang eines Vogels oder das Rauſchen des Windhauches durch die ausgebreiteten Aeſte der mächtigen Bäume— glückſelig der, dem ein Tag ſo zu Ende geht. Der Oberreviſor war jetzt ſchon im Stande, ohne Schauder an ſeine heutige Fahrt zurückzudenken, und als er weit, weit in der Ferne einen Bahnzug vorüberdampfen ſah, verurſachte ihm das nicht gerade ein unheimliches Gefühl, doch rieb er ſich die Hände und ſagte:„Wenn Ihr dort unten wüßtet, wie wohl mir hier oben wäre!“ Und nun erſt das einfache, aber gute Nachteſſen unter den ſchattigen Bäumen, dann das allgemache, linde Herniederſinken der Nacht, ſo nervenberuhigend, ſo einſchläfernd, daß Herr Schmauder ſich nicht enthalten konnte, ſchon um neun Uhr nach ſeinem Zimmer zu fragen, hier ſich alsbald zu Bette legte und augenblicklich einſchlief. Er würde wahrſcheinlich bis zum Morgen fortgeſchlafen haben und ohne beunruhigende Träume ſanft und ſelig wie ein Kind in der Wiege, wenn er nicht auf einmal dadurch aufgeweckt worden wäre, daß Jemand heftig an ſeiner Schulter rüttelte. Er fuhr empor und ſah den Wirth, eine Lampe in der Hand, an ſeinem Bette.„Was gibt es denn?“— brennt es irgendwo?“ „Das nicht, aber ich hielt es für meine Pflicht, Euch aufzu⸗ wecken, um mit mir etwas ganz Abſonderliches anzuſchauen. Man ſoll den Teuſel nie an die Wand malen; habe ich Euch geſtern Nachmittag doch aus innerſter Ueberzeugung verſichert, daß ſie uns hier oben mit ihren Vereinen in Ruhe laſſen würden, und nun hat ſich doch einer eingeſtellt.“ „Mitten in der Nacht?“ „Ja, und das iſt noch nicht das Aergſte— wenn es noch ein Sängerverein wäre, der uns ein paar Lieder zum Beſten gäbe— aber“— ſetzte er mit ſtarren Augen hinzu, indem er ſich auf's Ohr ſeines Gaſtes niederbeugte, denkt Euch nur, es ſind die deutſchen Scharfrichter, die oben auf einem freien Platze im Walde nächten — tagen kann man es nicht nennen.“ „Schauderhaft— und das wollt Ihr doch nicht mit anſehen?“ Reiſeluſt. 253 „Allerdings will ich das und bitte Euch dringend, mich zu begleiten.“ Der geſtern ſo gemüthlich und freundlich ausſehende Wirth zur Eichenruhe hatte heute in ſeinen Zügen etwas ſo Starres, Unheim⸗ liches, und ſeine Augen glänzten ſo ſeltſam, daß es Herr Schmau⸗ der nicht gewagt hätte, ihm ſeinen allerdings eigenthümlichen Wunſch abzuſchlagen.— So raſch wie in dieſem Falle war er noch nie in ſeine Kleider gekommen, als ſie aber jetzt draußen unter den leiſe rauſchenden Bäumen ſtanden, bemerkte er zu ſeinem Schrecken, daß er in der Eile vergeſſen hatte, ſeine Hoſen anzuziehen; doch fand der Wirth dieſes ſonſt unentbehrliche Kleidungsſtück heute in der lauen Sommernacht durchaus nicht nöthig, faßte den Gaſt an der Hand und zog ihn trotz ſeines Sträubens mit unwiderſtehlicher Gewalt den Berg hinan. „Da— da— da ſind ſie.“ In der That ſah man innerhalb einer Waldlichtung auf ab⸗ gehauenen Baumſtämmen im Kreiſe umher ein Dutzend ſtiller Männer ſitzen, die mit erhobenen, bleichen Geſichtern den Mond anſtarrten, welcher hoch über ihren Häuptern ſtand und Alles rings umher in einem zweifelhaften Lichte zeigte, ſo unbeſtimmt und duftig wie bei leichtem Nebel, woher es auch wohl kommen mochte, daß ein in der Mitte ſtehender langer Mann, der ſich auf ein gewaltiges Richtſchwert ſtützte, mehr wie ein Schatten ausſah, als wie etwas Körperliches; nur die Klinge des Schwertes glänzte unheimlich, beſonders jetzt, wo er dieſelbe langſam erhob, den Griff mit beiden Händen haltend, ſie dicht vor ſein Geſicht brachte und dann langſam die auf daſſelbe eingeätzten Worte las:„Wenn dem armen Sünder iſt abgeſprochen das Leben, ſo wird er in meine Hand gegeben;“ dann fuhr er mit einer dumpfen Stimme fort, die erklang wie das Seufzen des Nachtwindes, wenn er an Häuſerecken oder dicken Baumſtämmen vorüberſtreift:„So ſteht es da und wurde geſagt in alten guten Zeiten für alle velen— iſt Hackländer's Werke. 51. Bd. 254 Reiſeluſt. alſo ein Geſetz und Gebot, wonach ſich richten ſollten die kommenden Geſchlechter. Und welch' ein Troſt iſt es für den armen Sünder, von dem lebendigen Schwerte getroffen zu werden, ſtatt abgeſchlachtet von einer gefühlloſen Maſchine!— Wehe! Wehe der Guillotine!“ „Ja, ſie iſt es,“ fuhr der Redner fort, wobei ſeine Stimme oft gewaltig klang, um gleich darauf zu einem kaum hörbaren, aber doch ſehr verſtändlichen Säuſeln herabzuſinken,„ſie iſt es, dieſe verruchte Maſchine, welche die Poeſie aus unſerem ſonſt ſo ehrwürdigen Stande verbannt hat, welche unſere von unſeren Eltern und Voreltern ererbte Kunſt zu einem Handwerk herabſinken ließ.“ „Wehe! Wehe der Guillotine!— Ja, Wehe über dieſes feige Inſtrument! Und um wenigſtens zu verſuchen, ob es der ver⸗ einten Kraft deutſcher Scharfrichter nicht gelingen kann, dem altehr⸗ würdigen Richtſchwert wieder zu ſeinem guten Rechte zu verhelfen, nachten wir hier, werthe Kollegen, Freunde und Vereinsbrüder!“ „Fluch der Guilllotine!“ „Ja, Fluch ihr und thatkräftiges Zuſammenhalten— denn nur die Vereinigung macht ſtark.“ „Stark— ſtark— ſtark!“ War es der ungewiſſe dämmerige Schein des Mondes oder die eigenthümlich ſummende, ſeufzende Art, mit welcher der Redner ſprach, und das ſonderbar hinſterbende Geflüſter, mit dem der Chor antwortete, genug, unſer entſetzter Zuſchauer, Herr Schmauder, obgleich er Alles deutlich ſah und hörte— denn ſein Wirth hatte ihn trotz des Sträubens dicht an die Lichtung vorgeſchoben— wurde von einem ſchwindelhaften Gefühle beherrſcht, als würde er mit Wald und Lichtung, ja mit der ganzen Verſammlung lang⸗ ſam, aber unaufhörlich im Kreiſe herumgedreht, und dabei ſchien der volle Mond nicht einmal unbeweglich am Himmel zu ſtehen, denn er zuckte zuſammen und verzog ſein ſonſt ſo ernſtes Geſicht unverkennbar zu einem grinſenden Lachen. „So wollen wir denn unſere Berathung beginnen,“ nahm der Redner in der Mitte des Kreiſes wieder das Wort,„nachdem wir — Reiſeluſt. 25⁵ uns, wie ſteis in ähnlichen Fällen, geſtärkt durch das herkömmliche Opfer.— Ja, Vereinsbrüder, unſere gerechte Sache muß ſiegen — ich fühle es an dem Zucken meines Schwertes, ich fühle es an der Nähe unſeres Opfers.“ Da geſchah es in dieſem Augenblicke, daß ſich dem unglück⸗ lichen Oberreviſor vor Entſetzen das Haar ſichtbarlich in die Höhe ſträubte, denn kaum hatte der Redner ſo geſprochen, ſo wenden ſich die zwölf Männer auf den abgehauenen Baumſtumpfen lang⸗ ſam nach ihm hin und ſagten mit den Worten des Ogres im Märchen:„Ja, ja, wir riechen Menſchenfleiſch“— da wollte er fliehen und konnte nicht, denn wie er den Verſuch machte, einen Fuß aufzuheben, ſo fühlte er, daß derſelbe am Boden feſtgewachſen war; kaum gelang es ihm, den Kopf herumzudrehen, um nach ſeinem Führer zu ſchauen und ihn um Hülfe anzuflehen— neues Entſetzen! dieſer war verſchwunden, und als Herr Schmauder nach ihm rufen wollte, brachte er keinen Ton aus ſeiner vertrockneten Kehle. Da ſtreckte der im Kreiſe das Richtſchwert gegen das arme wehrloſe Vereinsſchlachtopfer aus, und als ſei die Klinge ein Magnet und er ſelbſt ein Stück Eiſen, ſo unwiderſtehlich und gewaltig zog es ihn, trotz ſeines Zappelns und Sträubens, mitten in den Kreis hinein zu den Füßen des Unbarmherzigen. Fern ſei es von uns, mit grauſamer Luſt die letzten Augen⸗ blicke des Unglücklichen umſtändlich auszumalen— ging doch Alles, was jetzt hier noch Grauenhaftes geſchah, mit entſetzlicher Schnelligkeit vorüber, wobei die zwölf Männer ſich erhoben hatten und mit verſchlungenen Händen einen kannibaliſchen Reihentanz aufführten. Er war todt— Herr Schmauder war todt und es hatte ihm nicht einmal beſonders weh gethan— er hatte nur das Gefühl einer ſtarken Zugluft empfunden, worauf alsdann mit einem Male ſeinen Körper ein unausſprechliches Gefühl von Wonne und Seligkeit durchzog— es war ihm ſo leicht, ſo unausſprechlich leicht zu Muthe, und er wollte ſchon anfangen, ſich darüber zu wundern, als er plötzlich bemerkte, daß er raſend ſchnell aufwärts flog. Dabei fühlte Reiſeluſt. er ſich frei und glücklich, und wenn ihm eine Erinnerung kam an kleinliche Erdenſorgen, die ihn geſtern noch ſo tief bekümmert, ſo hatte er jetzt dafür nur noch das ſanfte Lächeln eines Engels, ſelbſt wenn er an ſeinen Kopf dachte, denn ein leiſer Griff hatte ihn überzeugt, daß derſelbe wie ehemals feſt auf ſeinen Schultern ſaß — war er doch im Stande, einen Blick nach unten zu werfen, wo er zu ſeiner großen Genugthuung entdeckte, daß das kurze flatternde Kleidungsſtück, deſſen er ſich vorhin ganz beſonders geſchämt, lang und wackelnd, eine prächtige Schleppe bildend, hinter ihm drein flog. Höher und immer höher, am Monde vorüber, der ſich nicht enthalten konnte, ein wenig nach ihm umzuſchauen und ihm ver⸗ drießlich nachblickte— höher in den Dunſtkreis hinein, der unſere Erde umgibt, wo es indeſſen nicht mehr ſo behaglich war, wie in der reinen Luft unterhalb des Dunſtkreiſes, denn er athmete hier raſcher und ſchwerer; auch überfiel ihn zum erſten Male eine Bangigkeit, wenn er an das dachte, was jetzt kommen werde. Da er indeſſen mit einer fabelhaften Geſchwindigkeit aufwärts flog, ſo hatte er in kurzer Zeit auch dieſen Dunſtkreis überſchritten und ſah mit Entſetzen einen kohlſchwarzen Himmel über ſich, an dem die zahlloſen Sterne nicht feſt und ruhig ſtanden, ſondern an dem ſie hin und her, kreuz und quer, auf und nieder hier in geraden Linien, dort in wilden Umdrehungen wie Raketen und Schwärmer durcheinander ſchoſſen. Dieſer Anblick war zu ſtark für ihn, obgleich er ſchon das Meiſte vom groben, irdiſchen Stoffe abgeſtreift. Er nahm die Schleppe ſeines Kleides und verhüllte damit ängſtlich ſein Geſicht — glücklich für ihn, daß er es that, denn er fühlte jetzt mit einem Male ſich mit einer ſolch' raſenden Schnelligkeit fortgeriſſen, daß das, was er bis jetzt geleiſtet, nur mit dem Gange einer Schnecke zu vergleichen war. Dann fiel er irgendwo nieder, nicht gerade unſanft, doch da er im gleichen Augenblick unbeweglich liegen blieb, ſo beeilte er ſich, das Gewand von ſeinem Kopfe herabzuziehen und um ſich zu ſchauen. Daß er ſich vor dem Himmelsthore befand, fühlte er augen⸗ Reiſeluſt. blicklich, ohne daß es ihm Jemand geſagt; da ſah er auch den heiligen Petrus mit dem Schlüſſelbunde am Gürtel, und er mußte ſich nur wundern, wie bequem es ſich der vielbeſchäftigte Pförtner machte: ſtatt den Ankommenden Red' und Antwort zu ſtehen, zeigte er mit dem Daumen der rechten Hand bald nach Rechts, bald nach Links, nachdem er ſie allerdings und nicht unfreundlich angehört, wobei er ſich zuweilen ſeinen langen Bart ſtrich. Als der ſelige Oberreviſor ſeine Augen nach dieſer Richtung wandte, bemerkte er ein paar ſchmale Pfade, welche dicht an der Himmelsmauer hin⸗ führten, aber eine verdächtige Neigung nach abwärts zeigten. Nur in ſeltenen Fällen erhob ſich der heilige Petrus, ſchloß das Himmelsthor auf und ließ einen der Angekommenen eintreten, nachdem er ihm freundlich auf die Backen geklopft. Da man nun im Zuſtande des ehemaligen Herrn Schmauder ſchon zu einer raſcheren und ſicheren Erkenntniß gelangt iſt, ſo wußte er auch augenblicklich, daß das Verweiſen nach Rechts und nach Links nicht gerade Himmel erſter Klaſſe zu bedeuten habe, und da er ſah, wie Viele nach den beiden Seiten verwieſen wurden, ſo näherte er ſich nicht ohne einige Beklommenheit, wobei er ſich nicht verhehlen konnte, daß die Art und Weiſe, wie er die Erde verlaſſen habe, ihn hier oben in einem ſehr zweifelhaften Lichte vorſtellen müſſe, und finden wir es deßhalb begreiflich, daß er zögernd an einer Biegung des Weges ſtehen blieb, nahe genug, um die Reden der Ankommenden deutlich hören zu können. Manche nannten einfach und in de⸗ müthiger Weiſe ihren Namen, worauf nicht gerade unfreundlich die Weiſung nach Rechts und Links erfolgte; Andere, die zuverſicht⸗ lich auftraten, mit erhobener Naſe, im Gefühle ihrer einſtigen hohen irdiſchen Stellung, wurden etwas derb nach Links hinab verwieſen, und wenn ſie ſich hierauf nicht beeilten, erfolgte eine bedenkliche oder nachdrückliche Nigung mit dem Kopfe. Viele ließ der ernſte Heilige gar nicht einmal dazu kommen, ſich zu nennen, ſondern hob ſchon bei ihrem Anblick den Daumen, zuweilen in den Bart brummend:„Weiß ſchon— weiß ſchon.“ Reiſeluſt. Was der ſelige Herr Schmauder hier aber hörte, erfüllte ſein Herz mit Hoffnung, mit Freude und Bewunderung, denn er empfand mit Entzücken, wie vortrefflich der unbeugſame Pförtner ſeine Leute kannte— jetzt ſchaute derſelbe einem Vortretenden miß⸗ trauiſch in's Geſicht, und derſelbe hatte noch nicht ausgeſprochen: „Mitglied des Schützenvereins—“, als er ſchon nach Links ge⸗ wieſen wurde. „Vorturner.“ „Weiß ſchon— da hinab.“ „Dirigent der Liedertafel und des Männergeſangvereins in—— 4 „Mitglied des Vereins für Landwirthſchaft und für Forſt⸗ wirthſchaft.“ „Mitglied des Künſtlervereins.“ „Vorſtand bei Schriftſtellerverſammlungen,“ ſagte ein Anderer mit lakoniſcher Kürze. „Mitglied des Bienenzuchtvereins.“ „Links hinab— links hinab!“ „Direkt von der Theologenverſammlung kommend,“ ſprach eine lange Geſtalt in hochmüthigem Tone. „Weiß ſchon,“— der Daumen des heiligen Petrus zeigte mit einer energiſchen Bewegung nach Links. „Habe ich mich vielleicht nicht deutlich ausgedrückt?“ „Nach Links— nach Links! und raſch, wenn ich bitten darf!“ „Mitglied des Vereins für Baukunde.“ Der heilige Petrus machte ein verdrießliches Geſicht und brummte, während er nach Links zeigte, in den Bart:„Weiß ſchon— eingeſtürzte Häuſer— ſchlecht konſtruirte Strebepfeiler, Geld⸗ und Goldverſchwendung— viel Unglück angeſtellt— tief hinab— ſehr tief hinab!“ „Mitglied des Thierſchutzvereins!“ hörte man jetzt eine be⸗ ſcheidene Stimme ſagen, worauf der heilige Petrus mit großer Freundlichkeit ſeinen Schlüſſelbund losmachte, das Himmelsthor — Reiſeluſt. weit aufſchloß und die kleine, dürftige Geſtalt, nachdem er ſie freundlich auf beide Backen gepätſchelt, eintreten ließ, wobei er ſagte:„Freut mich, Dich zu ſehen— haſt nur Gutes gethan in Deinem Leben— biſt allerdings bei einem Verein geweſen— haſt aber nie an einem Feſteſſen Theil genommen, haſt auch keine weit⸗ ſchweifigen, überflüſſigen Reden gehalten, warſt immer beſcheiden und haſt darum auch niemals geſungen: Sein Vaterland muß größer ſein, — geh' in Frieden, mein Sohn!“ Eine impoſante Geſtalt mit einer Krone auf dem Kopfe, welche nicht anders annahm, als daß die Himmelsthüre für ſie geöffnet ſei, machte ein ſehr verwundertes Geſicht, als der heilige Petrus ſie ihr vor der Naſe zuſchloß mit dem Erſuchen, den An⸗ deren zu folgen. Wohl hatte der ſelige Oberreviſor bemerkt, daß die, welche ſo abwärts gewieſen wurden, mit kummervollem Blicke und ſeufzend verſchwanden, und das machte auch ihn beſorgt für ſein Schickſal, dem er nicht mehr entgehen konnte. Auch hatte er ſchon lange genug gezögert, ſich vor dem Generalgewaltigen des Himmels zu zeigen, und es war ihm gerade, als hätte derſelbe ſchon einige Male unter den buſchigen Brauen hervor nach ihm hingeſehen, da nahm er ſich denn ein Herz und trat vor den heiligen Mann hin, welcher ihn gerade nicht unfreundlich betrachtete und ihm ſagte, als er eben ſeinen Namen nennen wollte:„Weiß ſchon— weiß ſchon, hatteſt allerdings Einiges im Buche ſtehen, was hätte ab⸗ gebüßt werden müſſen, wollen aber Deine Leiden des geſtrigen Tages in die Wagſchale legen, weil Du ſonſt ein braver Kerl ge⸗ weſen biſt;— es iſt keine Kleinigkeit, ſo aus den Händen eines dieſer v——— Vereine in die des anderen zu fallen und einen langen, lieben Sommertag hindurch das Gedudel und Geſchnatter mit anhören zu müſſen— geh' deßhalb dort rechts hinab, mein Sohn, wir werden uns ſpäter wieder ſehen.“ 260 Reiſeluſt. Da beugte ſich der überglückliche und hochſelige Oberreviſor im höchſten Entzücken über dieſe unverhoffte Aufnahme tief hinab, als wolle er den Saum vom Kleide des heiligen Petrus küſſen, hatte aber dabei keine Acht, daß die etwas abſchüſſige Stelle, auf der er ſtand, ſehr ſchlüpfrig war vom himmliſchen Thau; deßhalb glitt er aus und fiel, ohne ſich halten zu können, ſo mit aller Kraft auf den Boden nieder, daß ihm im wahren Sinne des Wortes Hören und Sehen verging. um ſich her, weil er nichts mehr erblickte von der Himmelspforte, noch von dem Pfade nach Rechts, den er eben im Begriff geweſen war zu wandeln—— auch lag er nicht mehr zu den Füßen des heiligen Petrus, ſondern auf dem Boden vor ſeinem Bette im Wirthshauſe zur Eichenruhe. Es war heller Tag, und nachdem Herr Schmauder ſich emporgerafft, raſch an's Fenſter getreten war und in die lachende, ſonnbeglänzte Gegend hinausgeſchaut hatte, faltete er dankend ſeine Hände und es überkam ihn das Gefühl, ſo ſchön es da droben auch wohl geweſen wäre, ſo ſeien die irdiſchen Freuden doch auch nicht zu verachten, namentlich hier auf der Bergeshöhe, in der ſtillen, behaglichen Einſamkeit, entfernt von all' dem lärmenden, unnöthigen Getreibe der Menſchen. Und da er ſich während der acht Tage, die er hier oben zu⸗ brachte, in allen ſeinen Erwartungen nicht getäuſcht fühlte, ſo trat er endlich, an Geiſt und Körper erfriſcht und geſtärkt, ſeinen Rück⸗ weg an, wobei er ſich aber vorſichtigerweiſe nur der Güterzüge be⸗ diente aus Furcht vor einem abermaligem Zuſammentreffen mit Tur⸗ nern, Bienenzüchtern, Grenzregulirungs⸗Bevollmächtigen, Sängern, Schützen, Flößern und Theologen. — ͦ——— 16 17 1 * —