3 ihbibliothek — von Eduard Oltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und LCeſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 kinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Peträgt.. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Aonnenten“ haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 8 1 4 J. W. Packländer's Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Fünfzigſter Band. Stuttgart. Verlag von A. Kröner. 1873. Druck von Gedrüder Mäntler in Stuttgart. Nahes und IFernes. „8— Die Spuren eines Komans. Nodelgunde las: „Und ſomit, vielgeliebter Leſer, theure Leſerin, nimmt der Verfaſſer Abſchied von Dir, von einer ihm lieb gewordenen Ge⸗ ſellſchaft, deren Verluſt er nur durch die Hoffnung auf ein baldiges frohes Wiederſehen zu verſchmerzen im Stande ſein wird. „Doch— theurer und geneigter Leſer— ich ſehe Unzufrieden⸗ heit in Deiner Miene; liebenswürdige Leſerin, ich ſehe Deine Lippe verdrießlich gekräuſelt, ich errathe die Urſache eures Unmuths, und einestheils iſt dieſer Unmuth gerecht, anderntheils hat aber auch ſelbſt ein Roman ſeine Grenzen, und wenn man alles das nach⸗ erzählen wollte, was das gefühlvolle Herz einer theuren Leſerin noch von den ferneren Schickſalen der handelnden Perſonen zu erfahren wünſcht, ſo müßte man dem letzten Bande ſtets noch ein paar Bio⸗ graphieen anhängen, verſchiedene landſchaftliche Bilder, Häuſer⸗ beſchreibungen mit ſchönen Ausſichten— links Anhöhe mit maleriſcher Ruine, Fernſicht in ein weites Thal, aus welchem die Schlangen⸗ linie eines Fluſſes ſilbern hervorblitzt, im Hintergrunde die edeln Linien eines tiefblau gefärbten Hochgebirges mit Schneetupfen, blendender Sonnenſchein bei Tage, oder, beſſer ausgedrückt: der Die Spuren eines Romans. glühende Kuß des Alles verſchönenden Tagesgeſtirns, oder milder Mondſchein, verſteht ſich bei Nacht, und im Vordergrunde dieſer allerletzten Schlußkapitel⸗Dekoration: rothblühender Weißdorn, von zahlreichen Nachtigallen bevölkert.— Ach! und wie ſie ſchlugen, dieſe Nachtigallen, und wie entzückt ſie ihnen zulauſchten— ſie— nicht das glückliche Paar, welches im vorletzten Kapitel durch Ver⸗ einigung für's Leben zu den ſeligſten aller Menſchen gemacht wur⸗ den, nein, ſie nicht ſelbſt: das wäre als allerletztes Schlußkapitel eine allzu flüchtige Arbeit, ein zu raſches Ende; nein, es ſind die Enkel jenes Paares, die nun mit einem kurzen Lebensabriß, als Dialog behandelt, durch Erzählung der weitern Schickſale von Eltern und Großeltern den geneigten Leſer zufrieden zu ſtellen hoffen.“ Adelgunde las das mit einem leichten, aber unruhigen Zucken ihrer ſchönen Schultern und einem verdrießlichen Aufwerfen ihrer reizenden Lippen.„Es iſt doch ſchade,“ ſeufzte ſie, indem ſie Buch und Hand einen Augenblick auf ihren Schooß ſinken ließ,„wie ſich ein ſonſt angenehmer, ja ich möchte faſt ſagen geiſtreicher Erzähler am Schluſſe des Buches Mühe gibt, noch langweilig, ja fade zu werden. Als wenn uns daran gelegen wäre, ſo genau von den ferneren Schickſalen jenes glücklichen Paares unterrichtet zu ſein: Gott! er hat ſie bekommen und ſie ihn— mein Liebchen, was willſt Du noch mehr? Etwas auffallend benahm ſie ſich dabei, das iſt nicht zu leugnen, und wenn ich ihre Freundin, jene Julie von Strahlen geweſen wäre, ſo hätte ich ihr zur Entſagung gerathen, denn er hat ſie doch nicht mit jener Liebe geliebt, die man im Leben zuweilen, in einem guten Roman immer verlangen kann— fort mit dieſen beiden, mein Intereſſe an ihnen iſt verſchwunden, mögen ſie ihren Kohl bauen wo ſie wollen, mögen ſie meinetwegen noch durch Enkel oder ſogar Urenkel die Leſewelt gründlich lang⸗ weilen— aber——“ In dieſem Augenblick wurde die Thür haſtig aufgeriſſen, ein uniformirter Mann erſchien in derſelben, eine Dienſtmütze mit ge⸗ K4. Die Spuren eines Romans. 9 flügeltem Rad auf dem Kopfe, und rief die gleichfalls geflügelten Worte:„Meine Damen, die Billete, wenn es Ihnen gefällig iſt, es kommt die letzte Station!“ Möge es der geneigte Leſer verzeihen, daß wir ihm nicht ſo⸗ gleich zu Anfang dieſer Skizze geſagt, wo Adelgunde ſaß und las, und wollen wir uns nun beſtens bemühen, das Verſäumte nachzuholen. Adelgunde, eine junge Dame im Anfange der zwanziger Jahre, ſaß im Vorwärtshalbcoupé erſter Klaſſe, natürlich eines Schnell⸗ zuges, neben ihr, in der andern Ecke, eine Kammerfrau in reiferen Jahren, und der Raum zwiſchen Beiden war ausgefüllt mit Plaids, juchtenduftenden Reiſetaſchen, Hüten, Kaputzen, einem zierlichen Frühſtückskorb, und halb verſteckt unter einem Paar feiner Stulp⸗ handſchuhe von grauem däniſchen Leder lag ein ganz, ganz kleines Cigarrenetui, ſo klein, daß es kaum für die kleinſte Sorte ſpaniſcher Cigarritos groß genug war. Die Kammerfrau hatte ſich beeilt, dem Mann mit dem ge⸗ flügelten Rad und den geflügelten Worten die Fahrkarten einzu⸗ händigen, während ſich die junge Dame dicht in ihre Ecke drückte und das Buch wieder vor die Augen nahm. „Was kann er denn ſchließlich noch Geſcheidtes ſagen wollen?“ Adelgunde las wieder: „Aber ich will nicht von dem geneigten Lefer, von der theuren Leſerin ſcheiden, ehe dieſe vielleicht, unmuthig achſelzuckend, mein Buch aus der Hand wirft, ohne die feierliche Erklärung abzugeben, daß dieſer Roman auf einem Fundament wahrer Begebenheiten er⸗ baut wurde, daß von den handelnden Perſonen noch leben, daß namentlich die Szenerie einzelner Kapitel vollſtändig der Wirklich⸗ keit nachgebildet iſt. Leider iſt es uns verboten— der Verfaſſer ſpricht hier wie alle Souveräne und Selbſtherrſcher von ſich in der Mehrzahl— den Namen der Stadt zu verrathen. Wir haben aus den oben angeführten Gründen Rückſicht zu nehmen— leider — denn ſonſt würde es für den geneigten Leſer durchaus keine 10 Die Spuren eines Romans. Schwierigkeit haben, den Schauplatz unſeres Romans Schritt für Schritt zu begehen, ja viele von den handelnden Perſonen wieder zu finden, ſo den biederen Stadtrath Schmetterer mit der weißen Halsbinde und dem freundlich lächelnden Geſicht, Tag für Tag an den Bilderläden ſtehen bleibend, mit dem ſüßen Gedanken, dort endlich ſein Bildniß hängen zu ſehen, mit der Unterſchrift:„Ab⸗ geordneter des vierten Kreiſes“; ſo den Kommerzienrath Walbing mit vier unverſorgten, nicht mehr ballfähigen, kaum noch heiraths⸗ fähigen Töchtern; ſo das alte Haus mit dem ſpitzen, ausgezackten Giebeldache, in welches wir ſchüchtern treten, an der Werkſtatt des immer noch philoſophirenden Schuſters vorbeigehend, dann zögernd die alte Wendeltreppe hinanſteigend, ſchüchtern, ängſtlich, da wir fürchten, ihr zu begegnen— ihr— der unglückſeligen Magdalene, wie ſie, mit weit aufgeriſſenen, ſtarren Augen beſtändig rückwärts blickend, wenig bekleidet, die ausgetretenen Stufen hinabflieht vor der unnatürlichen Mutter, zitternd unter krampfhaftem Aufſchluchzen eine der ſchweren Flechten ihres blonden Haares zwiſchen die Zähne eingeklemmt, eine andere um die Hand gewickelt.— Wir könnten vielleicht den ſtillen Garten finden, wo er ſaß, an ſie denkend, während er liebliche Melodieen ſchuf, für ſie alles das ſingend und ſpielend, die er für reich und glücklich hielt, von der er nicht wußte, wie arm, wie elend, wie verachtet ſie war; er, jener junge Mann mit dem heißen Herzen und der glühenden Phantaſie, der nur in ſeinen Träumereien lebte, und von den Dingen um ſich her wenig mehr beachtete, als daß die Erde anfängt, ſich mit freundlichem Grün zu ſchmücken, nachdem des Winters weiße Schneedecke ver⸗ ſchwunden, und der von Magdalene nur wußte, daß ſie ein Weſen höherer Art ſei, ein Engel in Menſchengeſtalt, und der ſich gar nicht gewundert haben würde, er, der junge Muſiker nämlich, wenn ſie eines Tages, bei dem himmliſchen Adagio ſeiner C⸗Moll⸗Sym⸗ phonie, als Seraph mit blau ſchillernden Flügeln ſichtbar bei ihm vorübergeſchwebt wäre.“ Die Spuren eines Romans. 11 „Unglückliche Menſchen,“ ſeufzte Adelgunde, während der Eiſen⸗ bahnzug in raſender Eile durch das Thal dahinflog an friſch grü⸗ nenden, mit Blüten bedeckten Bäumen vorüber, donnernd und raſſelnd über lange Brücken hinweg, dann unheimlich pfeifend durch finſtere Tunnels, wo es bei dem ſchlechten Lampenlichte nicht möglich war, auch nur eine Zeile des Buches weiter zu leſen. „Wenn ſo ein Schriftſteller wirklich die Wahrheit ſpräche, wenn er uns Wirkliches aus jüngſt vergangener Zeit erzählte, wenn er es uns möglich machte, den Spuren eines Romans zu folgen, vielleicht ſegensreich für die unglücklichen Menſchen ſelbſt, die er uns hier ſchildert, oder auch vielleicht für Andere, die ſich in gleicher Lage befinden. Ach! wie ganz anders hätte ich jenen jungen Mu⸗ ſiker verſtanden, wenn ich Magdalene geweſen wäre; ich hätte mich ihm entdeckt in meinen Fehlern, in meinen Verirrungen, in meinen Laſtern; ich hätte vielleicht in glühender Liebe ſeine Kniee umklam⸗ mert und hätte ihn angefleht: ‚rette mich vom Verderben, rette mich von der Schande— natürlich ganz im Sinne der Magdalene geſprochen— ‚xette mich durch die Gewalt Deiner heißen Liebe, rette mich durch die läuternde Kraft Deiner heiligen Kunſt———— ach—— wäre es doch unſäglich ſchön, ſo gerettet, ſo geläutert, ſo emporgehoben zu werden—— nachdem man Magdalene geweſen. „Doch dieſes Buch,“ ſprach Adelgunde zu ſich ſelber,„hat nur noch ein paar Seiten, leſen wir raſch dieſe wenigen Seiten;“ und Adelgunde las weiter: „Ja, verehrter Leſer, es ſchmerzt uns, Dir nicht den Namen jener Stadt angeben zu können, wo unſere wahrhaftige Geſchichte ſpielt, Dir nicht die Straße bezeichnen zu dürfen, auf welcher Du zu jenem ſchönen Landhauſe Buchenhof gelangſt, wo jenes kalte, herzloſe Ungeheuer heute noch wohnt, welches ſo verderblich in das Leben der unglücklichen Magdalene eingriff, jener vertrocknete, hagere Geld⸗ menſch mit dem Schnee des Alters auf dem Haupte, und trotz alledem mit der wilden, Alles verzehrenden Glut im Gehirne— ach! wir 12 Die Spuren eines Romans. könnten Dich an das abſchüſſige Ufer jenes ſtillen Waldſees führen, der, rings eingeſchloſſen von Bergen, melancholiſch unheimlich gen Himmel blickt, dort, wo der ſtille, trügeriſche Waſſerſpiegel eine unergründliche Tiefe verbirgt, auf welchem herabgefallene Blüten, zerriſſene Blumen langſam dem Ufer zutreiben, dort bei den nie⸗ derhängenden Weiden, wo die unglückliche Magdalena zum letzten Male geſehen wurde. Doch weg mit dieſen traurigen Bildern! Wir könnten Dich— um endlich zum Schluß dieſer Zeilen zu gelangen— auch an jenes kleine Haus mit dem freundlichen Garten führen, kurz vor dem Thore gelegen, wo ſich der Weg ſo maleriſch aufwärts ſchlängelt nach dem alten harzduftenden Tannenwalde; wir könnten Dich in ein Zimmer des Erdgeſchoſſes blicken laſſen, natür⸗ lich nach Norden gelegen, denn es iſt ja eine Künſtlerwohnung, und wir könnten Dir dort das glücklichſte Paar unter der Sonne zeigen: er vor der Staffelei ſtehend, ſie neben ihm in reizender Jugendfriſche, mit einer weiblichen Handarbeit beſchäftigt, während ſich der kleine zweijährige Guido auf dem Teppiche wälzt, ein altes Stück rothen Seidendamaſt, welches der Vater gerade nicht zum Malen braucht, um ſich herum geſchlungen.— Glückliche Familie! glücklich noch drei Jahre nach dem Schluſſe des Romans, ja, weit glücklicher als an jenem ſeligen Tage, da ſie ſanft erröthend ſagte: „Ich liebe Dich, mein Arthur,“ viel glücklicher! Malt doch Arthur an dem vierten Bilde einer unzähligen Reihe von Beſtellungen, wälzt ſich doch der kleine Guido in blühender Jugendfriſche auf dem Teppich umher, während draußen im Garten in Frühlingsluft, unter Blütenſchnee die einjährige Armida ſanſt ſchlummernd hin und her getragen wird, und blickt doch die holde Gattin des Ma⸗ lers auf eine an ſich unbefangene Frage Arthur's mit verſchämtem Erröthen in ihren Schooß!— Glückſelige Familie— und bei dieſem heiteren wahrheitsgetreuen Bilde wollen wir denn unſer Buch ſchließen, geliebter Leſer, in der Hoffnung auf ein baldiges heiteres Wiederfinden!“ Die Spuren eines Romans. 13 II. So hatte Adelgunde geleſen und ließ alsdann das Buch neben ſich auf das weiche Wagenkiſſen fallen, während ſie träumeriſch zum Fenſter hinausblickte. „Ach! wenn dieſe Schriftſteller Wirkliches, Wahres erzählten, wie ſchön wäre es, den Spuren eines ſolchen Romans folgen zu können, zu jenen glücklichen Menſchen hinzutreten, ihnen die Hand zu drücken, zu ihnen zu ſprechen: ‚Ich kenne euch ja ſchon lange, ihr lieben guten Menſchen; Sie ſind Arthur, der die ſchönen Bilder erſchaffen, Sie ſind die hartgeprüfte Eveline, jetzt ſein geliebtes Weib; da iſt Guido und Armida, und was die Zukunft anbelangt, ihr herrlichen Menſchen, ſo halte ich mich mit meinem eigenen Namen Adelgunde beſtens empfohlen.““ Ein anhaltender, gellender Pfiff der Lokomotive riß ſie unan⸗ genehm aus dieſen Träumen, und als dieſer Pfiff mit einem kläglich abfallenden Tone endete, ſah ſie jenen jungen Muſiker verzweiflungs⸗ voll vor ſeinem Klavier ſitzen, nach der Thüre ſtarrend, zu welcher Magdalene nie mehr hereinzutreten im Stande war, während ſeine wild umherirrenden Finger dem gequälten Inſtrumente häßliche Diſſonanzen entlockten. Der Eiſenbahnzug flog jetzt an Höhen vorüber, die mit Kirchen gekrönt waren, mit Kapellen oder mit ſtattlichen Villen, während hübſche Dörfer verſteckt, unter blühenden Obſtbäumen ſanft ein⸗ geſchmiegt lagen an die Vertiefungen der Berge; langgeſtreckte Ge⸗ bäude mit zahlreichen Fenſtern, mit gewaltigen Schornſteinen, häufig in einer Oaſe von ſchwarzem Kohlenſtaube ſtehend: ein un⸗ erquicklicher Anblick, und alles das mehrt ſich von Sekunde zu Sekunde bei dem ſchrillen Pfeifen der Lokomotive, und endlich ſcheinen ſich Fabriken und alle möglichen Häuſer anderer Art, Bahnhofgebäude, Lokomotiv⸗ und Gepäckſchuppen, unendlich lange Wagenreihen, Laternenpfoſten, Weichen mit ihren Wärtern zu einem 14 Die Spuren eines Romans. tollen Reigen die Hände gegeben zu haben, zwiſchen dem der Zug hindurch braust, nach und nach mit heftigem Aufſtoßen des Athems ſeine Schnelligkeit vermindert und endlich in der großen Bahnhof⸗ halle ſtille hält, worauf die Kondukteure in geflügelter Eile die Wagenthüre aufreißen und einen Aufenthalt von ſo und ſo viel Minuten verkündigen, gewöhnlich eine unglaublich kurze Zeit, welche dem durch die Welt geſchleuderten Reiſenden abzüglich verſchiedener Prozente wegen Verſpätung oder dergleichen zu ſeinen kleinen Lebens⸗ bedürfniſſen vergönnt iſt. Glücklich Jeder, welcher wie Adelgunde von Bergen ein vor⸗ läufiges Reiſeziel erreicht hat und nun mit einer gerechtfertigten Schadenfreude zuſchauen kann, wie die verſchiedenen Eilzugs⸗Schlacht⸗ opfer hinter verſchiedenen bezeichneten Thüren verſchwinden. Die alte Kammerfrau Adelgundens hat die verſchiedenen Reiſeeffekten zuſammengeleſen, Manches vermittelſt eines Riemens zu einem trag⸗ baren Bündel zuſammengepackt, Anderes in die Reiſetaſchen gethan oder bei ſich ſelber untergebracht, ſo daß beide Damen nun dem Coupé entſtiegen, ziemlich leicht bepackt, nachdem ſie ihre Koffer⸗ ſcheine abgegeben, in einen Wagen ſteigen konnten, um nach dem Hotel zu fahren, wo Zimmer für ſie beſtellt waren. Es iſt ein Glück, wenn man in jetziger Zeit, wo das Reiſen in eine förmliche Völkerwanderung ausartet, durch Brief und Tele⸗ gramm im Voraus Zimmer für ſich belegt hat. Nicht nur, daß man ſo in den meiſten Fällen auf einen Platz rechnen kann, ſon⸗ dern auch ſicher iſt, beſſer untergebracht zu werden, als wenn man unangemeldet in einer Droſchke anfährt oder gar im Omnibus des Hauſes als Zwölfter eines zuſammengerüttelten, übernächtigen, be⸗ ſtaubten Dutzends. O, wer mich das Zauberwort lehren wollte, um in ſolchen Augenblicken dem harten Buſen des entmenſchten Oberkellners ein gutes behagliches Zimmer abzunöthigen, ſtatt mit den andern Verbrechern hinauf in den fünften Stock gewieſen zu werden. Unnöthige Frage an die Unmenſchen des Gaſthofes: ob — — 5 Die Spuren eines Romans. 15 denn im erſten und zweiten Stock nichts zu haben ſei, man be⸗ trachtet Dich lächelnd, achſelzuckend, und bedauert unendlich. Und doch gibt es in ſolchen Fällen ein Zauberwort, das zuweilen ſeine Wirkung thut. Verlange ein Zimmer mit zwei Betten, da— Deine Frau Gemahlin mit dem nächſten Zuge nachkommen wird. Adelgunde hatte dergleichen Kniffe nicht nöthig; für ſie war Salon und Schlafzimmer im erſten Stock beſtellt nebſt Alkoven nebenan für die Kammerfrau, und als ſie die Treppen hinaufſtieg, glich das einem förmlichen Triumphzuge, von dem Oberkellner eröffnet, geſchloſſen von einem langen Schweife von Kellnern, von denen jeder, wie die Pagen bei Marlborugh's Begräbniß, irgend eine Kleinigkeit oder auch wohl gar nichts trugen. Letztere wurden ſchnöde vor der Thüre abgeſchüttelt, die andern drangen mit in den Salon, ja, ein junger, kühner Kellner im ſchwarzen, tadelloſen, eleganten Frack und weißer Halsbinde, mit einem nichtsſagenden Geſichte und einer wunderbaren Fülle wohlfriſirter Locken hatte die Keckheit, in das Schlafzimmer voranzutänzeln und dort die Reiſe⸗ lektüre der jungen Dame, die er unterwegs der alten Kammerfrau geraubt hatte, auf dem Nachttiſchchen feierlich wie auf einen Altar niederzulegen. Ja, als er ein Lächeln der Verwunderung auf den Zügen der jungen Dame zu erblicken glaubte, unterſtand er ſich, die Bemerkung zu machen:„Ah, das neueſte Werk des allverehrten Dr. Schwalbenſchwanz, den wir mit Stolz den Unſerigen nannten.“ „So lebte der Verfaſſer früher in dieſer Stadt?“ „Ja, meine Gnädige!“ „Und ſchrieb dieſes Buch hier?“ „Hier, meine Gnädige! Sehr hier, wie ich mich wohl aus⸗ drücken darf, da er die letzten Kapitel kurz vor ſeiner Abreiſe in unſerem Gaſthofe oben auf Nr. 44 im zweiten Stock beendigte.“ „A— a—a—ah!“ „Ja, meine Gnädige, ein Buch, das bei uns gerechtes Auf⸗ ſehen machte, ſehr gerechtes Aufſehen, da man nicht nur den Schau⸗ 16 Die Spuren eines Romans. 3 platz des Romans hier bei uns wieder erkannt haben will, ſondern auch verſchiedene der Handelnden—— und noch lebende Perſonen.“ Dieß letztere ſprach der blondgelockte Kellner leiſe liſpelnd mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen und einer graziöſen Schulterbewegung, während er mit dem Abſatz des rechten Fußes leiſe gegen das Parket des Bodens klopfte, doch riß er ſich gleich darauf wieder in das ge⸗ wöhnliche Gaſthofsbewußtſein zurück, indem er mit einer tiefen Verbeugung fragte, ob die Gnädige noch ſonſt etwas zu befehlen habe und ob ſie bei der Table d'hdte erſcheinen würde, entweder bei der gleich beginnenden um ein Uhr oder bei der um fünfe. Während die Kammerfrau hierauf im Nebenzimmer die Rieſen⸗ koffer öffnete, um allerlei Nöthiges herauszunehmen, ließ ſich Adel⸗ gunde auf einem Fauteuil am Fenſter nieder und warf einen Blick auf die freundliche Stadt, über deren Häuſermaſſen von allen Seiten die umliegenden Berge hereinblickten, hier mit Weingärten bedeckt, dort mit dunkeln Streifen Tannenwald geſchmückt oder gekrönt mit alten, halbverfallenen Thürmen, mit zierlichen Villen oder mit altersgrauen Kirchen und Kapellen. 1 „Ja, ja,“ flüſterte die junge Dame, aufwärts blickend,„gerede ſo, wie die Umgebungen der Stadt im Buche geſchildert ſind— das dort gerade vor mir auf der Höhe könnten jene Mauerüberreſte ſein, auf denen ſich Magdalene verzweiflungsvoll ſtützte, als ſie, zum letzten Mal auf die Stadt hinabblickend, mit irren, von Thränen geblendeten Blicken den Garten mit ſeinen Blütenbäumen ſuchte, unter denen ſein kleines Häuschen ſtand— ja, dort oben war es, mußte es ſein, wo ſie mit zitternder Hand die Nadel aus ihren eigenen Haarflechten zog, um dem Stein jenes verhängnißvolle M einzugraben— ach!“ ſeufzte Adelgunde,„wer jenes M wieder auffände, wer ſeine Hände darauf legen könnte, um durchzuckt zu werden von einem Theile des gewaltigen Schmerzes, der den Bu⸗ ſen jenes unglücklichen Mädchens erfüllte. Aber dazu müßte man allein fein. —ͤ——— Die Spuren eines Romans. 17 ——— allein auf weiter Flur, Nur eine Morgenglocke nur, Sonſt ſtille nah und fern. Ja, allein müßte man das Alles finden, allein und zufällig, ohne durch rohe Bemerkungen und Erläuterungen enttäuſcht zu werden, ohne auf die Spuren dieſes entzückenden Romans roh hingeleitet zu werden, wie uns zum Beiſpiel ein Lohndiener zum Platze des vorjährigen großen Brandes hinführt oder uns zeigt, wo vor hun⸗ dert Jahren der letzte Galgen geſtanden.“ Ja, allein, allein muß man das auffinden, was man ſo allein mit ſich genießen will. Und um ſo den Spuren eines Romans nachzuforſchen, beſchloß Adelgunde, daran einige Tage ihrer Ver⸗ gnügungsreiſe zu wenden, denn es war ihr völlig gleichgültig, ob ſie eine Woche früher oder ſpäter auf dem Landgut ihres alten Oheims eintraf, bei welchem ſie die Sommermonate zubringen wollte. Dieſer Oheim war zugleich ihr Vormund, denn Adelgun⸗ dens Eltern waren vor einigen Jahren geſtorben, auf dieſe Art ihr einziges Kind allein in dieſer böſen Welt zurücklaſſend, aller⸗ dings unter dem Schutze dreier nicht zu verachtender Gaben: einer gewinnenden Schönheit, Verſtand, durch Herzensgüte angenehm gemacht, und eines bedeutenden Vermögens, was Alles zuſammen, beſonders das Letztere, eine Unmaſſe von Bewerbern nur um ihr Herz und ihre Hand herangezogen hatte, denn das Vermögen war eine Nebenſache all' dieſen edlen Seelen vom Livil und Militär— eine Hütte und ihr Herz war das Thema, welches ſie in allen Tonarten bei allen Veranlaſſungen mit großer Kunſt und Gewandt⸗ heit vor Adelgunden variirten. Und ihr Herz?— Das Herz eines jungen Mädchens, em⸗ pfänglich für alles Schöne, für Natur und Poeſie vielleicht nur zu ſchwärmeriſch geſtimmt, baute es in ſeinen Phantaſieen einen Zauber⸗ wald rings um ſich her, einen Zauberwald blühender, glühender Gedanken, wo hinein ſie das Ideal jenes Weſens ſetzte, das im Hackländer's Werke. 50. Bd. 2 18 Die Spuren eines Romans. Stande ſein würde, ſie glücklich zu machen, das aber ſo mit all' den erträumten großen und ſchönen Eigenſchaften wohl nimmer aufzufinden war. Ihr war es Ernſt mit dem Gedanken: eine Hütte und ſein Herz, und wenn ſie ihn gefunden hätte, würde ſie ſelig geweſen ſein nicht nur allein mit ihm in jener unſcheinbaren Hütte zu leben, ſondern allein auf der Welt, wenigſtens für eine Zeitlang— ſpäter wäre ja alsdann immerhin die nächſte Eiſen⸗ bahnſtation mit Leichtigkeit zu erreichen geweſen. Wenn er, für den ihr Herz ſchwärmte, nur nicht ſo ganz unmöglich, eine ſo vollendete Romanfigur geweſen wäre. Aber Adelgunde, die ſchreck⸗ lich viel geleſen, hatte in buntem Durcheinander aus all' den ge⸗ fährlichen Geſchichten ein Bild zuſammengetragen, ſich ein Weſen geformt, das, viel zu viel Engel und viel zu wenig Menſch, gar keine Lebensfähigkeit beſaß, um in dieſer verderbten Welt beſtehen zu können. Warum auch jenes Ideal im Gewühl jener Stadt, wo ſie im Haus ihres Bruders wohnte, auf Bällen und Soiréen, bei Land⸗ partieen und im Theater finden wollen? Dort, wo ja alles Trug und Schein war, Masken, Schminke, wo ſo viele Worte und Mie⸗ nen, in freundliches Lächeln gezwungen, nur dann erſt natürlich werden, wenn man ſich unter einem Seufzer der Enttäuſchung und der Langeweile endlich wieder allein findet— a—a—a-—ahl glück⸗ ſelig, endlich wieder allein zu ſein! Warum nicht lieber durch Flur und Wald ſchweifen, ſich an das Herz der göttlichen Natur werfen, um vielleicht unter Sonnen⸗ ſchein und Blütenduft zu finden, was man bei Kerzenſchimmer und Eßbouquet vergeblich geſucht.—— Ja, nach Wald⸗ und Heugeruch ſehnte ſich das junge Mädchen, unter wohlriechenden Tannen zu ruhen, einzuathmen die berauſchenden Düfte friſch getrockneten Graſes, mit ſeinen unzählbaren Wieſenblumen— das einzig wahre und allein echte Bouquet de mille fleurs. Und vor allen Dingen draußen keine Romane zu leſen hatte —— Die Spuren eines Romans. 19 ſie ſich gelobt, und würde dieſes Gelöbniß ſchon auf der Reiſe hier⸗ her bei der langweiligen Eiſenbahnfahrt gehalten haben, wenn ihr Buchhändler in der Reſidenz nicht das Exemplar eines neuen Ro⸗ mans gleich geheftet und vollſtändig aufgeſchnitten, wie es Adel⸗ gunde bei Novitäten verlangte, am Morgen ihrer Abreiſe geſandt hätte. Ja, Adelgunde war eine jener edeln, hochherzigen Naturen, welche Novitäten nicht nur durchblättern oder zum Staat auf ihrem Tiſche liegen laſſen, ſondern dieſelben wirklich kaufte. Sie behalf ſich nicht dadurch, daß ſie arme Schriftſteller um ein Exemplar ihres neueſten Werkes, allerdings nur leihweiſe, bat, oder ein Mitglied jener gefährlichen Kette war, durch welche Bücher von Hand zu Hand wandern, ſie benutzte nicht die fettigen Einbände der Leih⸗ bibliothek, ſondern ſie war ſich ihrer geſellſchaftlichen Stellung und ihres Reichthums bewußt genug, um einzuſehen, daß man es dem Schriftſteller, der uns unterhält, auch ſchuldig iſt, wenigſtens hie und da ſeine Mühen zu unterſtützen, indem man von ſeinen Büchern kauft, ſtatt dieſelben von der ganzen Welt zuſammenzuleihen. Daß nun der Roman, den Adelgunde während der Eiſenbahn⸗ fahrt geleſen, derſelbe hieß„Oben und Unten“— das junge Mäd⸗ chen außerordentlich gefeſſelt hatte, würden wir nicht wiederholen, wenn ihr Intereſſe an den handelnden Perſonen nicht ſo groß ge⸗ weſen wäre, um hier, wo ſie ſich nach den Aeußerungen des blond⸗ gelockten Kellners am Schauplatz der intereſſanten Begebenheiten befand, den Spuren jenes Romans, falls das möglich ſei, nachzu⸗ gehen. Und das wollte ſie allein thun, ohne Begleitung, ſich dem Zu⸗ fall und dem Glück überlaſſend, wobei ihr Herz entzückt heftiger ſchlug, wenn ſie an das alte Haus dachte mit dem gezackten, ver⸗ ſchnörkelten Giebel und mit ſeinen Bewohnern, dem philoſophiſchen Schuſter, ſowie der unnatürlichen Mutter Magdalenens. Und erſt jener Garten, jetzt im Schmucke blühender Obſtbäume, wo verſteckt 20 Die Spuren eines Romans. das Häuschen lag, in welchem der junge Muſiker gewiß heute noch wohnte, o! ſie wollte es auf den erſten Blick erkennen, nur bangte ihr ſelbſt, ob ſie alsdann Feſtigkeit genug haben würde, an dem Gitterthore ſtehen zu bleiben, wenn, von lauer Luft getragen, die Töne eines jener Liebeslieder, einſtens das Entzücken Magdalenens, an ihr Ohr dringen würden. Auch dem glücklichen Hausſtande des Malers Arthur hoffte ſie im Vorbeigehen vielleicht einen Blick ſchenken zu können; für ihn fühlte Adelgunde allerdings noch immer einiges Intereſſe, doch war auch dieſes abgeſchwächt durch ſeine Heirath mit jenem im Grunde gar zu hausbackenen Weſen, das lieber hätte reſignirt zurücktreten ſollen, als auf ſo ganz gewöhnliche Art den Flug jenes jungen Kunſtadlers zur Sonne empor zu hemmen. Eine Künſtlerehe iſt immer etwas Abſurdes, und nun gar eine Künſtlerehe, die nach kaum zwei Jahren mit beinahe drei Kindern geſegnet iſt. Was den guten Gemeinderath Schmetterer anbelangte, dieſen biedern Vater der Stadt, ſo war es auch ſchwieriger, denſelben bei einem gewiß fingirten Namen aufzufinden, und doch hätte ihm Adel⸗ gunde ſo gerne die Hand gedrückt, hätte ihm ſo gern ihre Hoch⸗ achtung, ja ihr Entzücken ausgeſprochen über ſeinen wunderbaren Humor, über die unverwüſtliche Heiterkeit, mit der er nicht nur ernſthafte Widerwärtigkeiten des Lebens ertrug und beſiegte, ſondern womit er auch bei dem kleinen häuslichen Stecknadelkrieg, in wel⸗ chem ſeine Gemahlin, die Frau Stadträthin, ſo große Meiſterin war, nicht unterging. Aber an eben dieſer Meiſterin lag die Schwierigkeit einer Annäherung, wenn Adelgunde in der That das Glück hatte, den wohlwollenden, heiteren, gemüthlichen Schmetterer wiederzufinden, deſſen Charakter unmöglich eine Erfindung ſein konnte, ſondern vom Verfaſſer gewiß dem Leben abgelauſcht war. Ja ſelbſt in dieſem glücklichen Falle ſtand die Stadträthin da wie ein ande⸗ rer Cherub mit flammendem Schwerte, um wie im Roman Kapitel 4 Seite 164 die denkwürdigen Worte zu ſprechen:„Nur über meine Die Spuren eines Romans. 21 Leiche geht der Weg zu jener verwegenen Putzmacherin“— aller⸗ dings eine unangenehme Straße. Doch auch darin hoffte Adelgunde vielleicht auf einen glück⸗ lichen Zufall, und nachdem ſie zum Aerger ſämmtlicher Kellner, be⸗ ſonders des kühnen blondgelockten, einſam und allein dinirt, trat ſie ihre Wanderung durch die Straßen der Stadt an, nicht ohne vorher eine ſorgfältige Toilette gemacht zu haben, ſorgfältig ihrem Vorhaben nach, doch war dieß weder eine reiche, noch eine auffallende Toilette, wohl geſchmackvoll, aber unſcheinbar; ſie hätte für eine Dame aus vornehmem Hauſe gelten können, welche unerkannt zu bleiben wünſcht, oder für eine Tochter aus gutem bürgerlichen Hauſe, oder für irgend ein anderes hübſches junges Mädchen, welches durch eine kokett einfache Toilette Aufmerkſamkeit zu erregen wünſcht, ohne gerade ſogleich erkannt ſein zu wollen. III. Der Gaſthof, in welchem Adelgunde abgeſtiegen war, lag in einem der bevölkertſten Stadtviertel an einer Hauptſtraße, weßhalb ſich unſere Wandrerin, nachdem ſie kaum das ſchützende Portal des Hotels verlaſſen, mitten im Gedränge von Spaziergängern aller Art befand. Doch waren breite Trottoirs vorhanden, welche ein Ausweichen ermöglichten und dem jungen Mädchen leicht erlaubten, an die Seite zu ſchlüpfen, um ſich einem gar zu hartnäckigen An⸗ gaffen verſchiedener ihr begegnenden jungen Leute zu entziehen. Auch gab es hier Magazine mit großen Schaufenſtern, zu denen ſie in ähnlichen Fällen, wie eben angegeben, ihre Zuflucht nehmen konnte und gleichgültige Dinge mit großer Aufmerkfamkeit betrachten, um gar zu herausfordernden Blicken zu entgehen oder um auch leiſe Die Spuren eines Romans. geflüſterte Worte nicht zu vernehmen. Endlich hatte ſie den höher gelegenen ruhigeren Theil der Straße erreicht, wo ſich weniger Flaneurs der eben angegebenen Sorte befanden, wo ernſtere Männer auf und ab gingen, ſich an der milden Luft und dem warmen Sonnenſchein erfreuend, und wo geſetzte Damen mit großer Gewiſſen⸗ haftigkeit die ausgelegten Modewaaren ſtudirten. Hier athmete Adelgunde freier auf und mäßigte ihren etwas zu raſchen Gang, ja, erinnerte ſich jetzt erſt wieder ihres Vorhabens, das ſie faſt im Gedränge da unten vergeſſen, und lenkte ihre Schritte nach einer Seitenſtraße, deren Ende, ſanft aufſteigend, ſich in grünen Büſchen verlor, hinter denen eine Bergwand emporſtieg, welche oben mit einem dunklen Tannenwalde gekrönt war. Aber das Eckhaus der Hauptſtraße und jener Seitenſtraße war ein großer Bilderladen, vor welchem das junge Mädchen einen Augenblick ſtehen blieb, weniger um die dort aufgeſtellten Kunſt⸗ werke zu betrachten, als weil ihr die Geſtalt eines älteren Herrn auffiel, der ebenfalls dort ſtand, ausgehängte Photographieen be⸗ trachtend. Er war dunkel gelleidet, hielt in den zuſammengelegten Händen auf dem Rücken ein ſpaniſches Rohr mit weißem Knopf, welches er ſich bemühte, wie einen Perpendikel ſchwingen zu machen, ganz wie es Herr Schmetterer im Roman immer zu thun pflegte. Auch trug er den Hut auf dem Hinterkopfe, hatte ziemlich ergrau⸗ tes Haar, eine geſunde, röthliche Geſichtsfarbe, nur ſchien der Aus⸗ druck dieſes Geſichtes nicht ganz ſo wohlwollend, wie der Verfaſſer jenen des Andern geſchildert. Dieſer Herr hatte etwas ſtechende Augen, eine fleiſchige, tief herabhängende Naſe und einen verdrieß⸗ lichen Zug um den Mund. Adelgunde konnte das deutlich ſehen, denn ſie hatte ſich dicht neben ihn geſtellt und konnte ſich nicht ent⸗ halten, ihm eine Sekunde lang aufmerkſam in's Geſicht zu ſehen, was er durch einen raſchen Seitenblick bemerkte und worauf ſich ſeine Züge noch grämlicher zuſammenzogen. Trotzdem aber war ſo viel Aehnlichkeit zwiſchen der Figur dieſes Herrn und jener andern — Die Spuren eines Romans. 23 im Roman, daß das junge Mädchen ſich nicht enthalten konute, forſchend ſtehen zu bleiben und ihn zuweilen mit einem raſchen Blick zu betrachten. Allerdings war auf dieſem Geſicht von Wohlwollen keine Spur, wenigſtens in dieſem Augenblicke nicht, wer aber mag auch beſtändig mit heiterer, wohlwollender Miene umher ſpazieren, beſonders wenn man, mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, ernſte Dinge überlegt und erwägt; ſonſt aber traf hier ſo außerordentlich Vieles mit jener Schilderung zuſammen; der dunkle, ſorgfältige Anzug, die weiſe Halsbinde unter dem fetten Kinn, das eigenthümliche Hin⸗ und Herzucken dieſes Kinnes als Verſuche, es vergebens ſich in die Falten dieſer Halsbinde zu verbergen, der Rockaufhänger, welcher hinter dem Kragen hervorlauſchte, alles das gab ein Bild, für Adelgunde zu bekannt, um ſie nicht zu veranlaſſen, dem alten Herrn an das Schaufenſter um die Ecke herum zu folgen und hier ihrerſeits ſcheinbar Photographieen zu betrachten, während er, eben⸗ falls ſcheinbar, ſeine volle Aufmerkſamkeit einem großen hiſtoriſchen Kupferſtich ſchenkte. In Wahrheit aber blickte er zuweilen unter ſeinen buſchigen Augenbrauen hinweg, doch mit noch finſterer Miene als früher auf das junge, ſo auffallend ſchöne und dabei ſo eigen⸗ thümlich elegante Mädchen, und wandte ſich nach einigen Sekunden lötzlich von dem Schaufenſter ab, um ſeinen Weg die Seitenſtraße hinauf zu verfolgen. Hier aber hatte er noch keine drei Schritte gethan, als ein anderer älterer Herr ihm in den Weg trat, ihn freundlich auf die Schulter klopfte und ihm lächelnd ſagte:„Nun, wie ſteht's, Freund Schmetterer, hat Dich der ſchöne Frühlingstag ſo gewaltig verführt, daß Du jetzt um drei Uhr noch auf der Straße zu finden biſt, ſtatt auf der dumpfen Kanzlei zu ſitzen, oder hat man ſeine Hausehre, die Frau Stadträthin, ſpazieren führen müſſen?“ „Der Stadtrath Schmetterer!“ flüſterte Adelgunde entzückt, und wer konnte es ihr jetzt verargen, daß ſie an das den beiden alten Herren zunächſt gelegene Schaufenſter trat, und daß ſie hier, mit einer leichten Schwenkung gegen die Straße, ſtatt der Bilder 24 Die Spuren eines Romans. den alten Herrn mit der weiſen Halsbinde aufmerkſam betrachtete. Hatte ſie doch keine Ahnung davon, daß auch er unter dem breit⸗ krämpigen Hute hinweg ſpähend nach ihr ſchaute, und daß er ſich eines beängſtigenden Gedankens nicht erwehren konnte bei dem Ge⸗ danken, dieſes ſchöne, aber etwas auffallende Mädchen habe irgend welchen Grund, ihm ſo offenbar ihre Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Allerdings war er Chef der ſtädtiſchen Polizei, und wenn auch die Keckheit gewiſſer Damen unverantwortlich weit zu gehen pflegt, ſo konnte er doch unmöglich glauben, daß er es hier mit einem Indi⸗ viduum zu thun habe, das ihm auf ſeine Kanzlei folgen würde, um irgend ein Anliegen vorzubringen— unmöglich, wenigſtens un⸗ glaublich— doch betrachtete ihn die Fremde, und er zweifelte nicht, daß es eine Fremde war, ſo aufmerkſam, daß er es für gerathener hielt, ihr den Rücken zu drehen und ſeinen Freund, der ein großer Lebemann war, ein paar Schritte mit ſich die Straße hinaufzu⸗ nehmen.„Das iſt ein verfluchter Kerl, den kenne ich,“ dachte der Stadtrath,„und wenn er bemerkt, daß mich dieſes junge, hübſche Mädchen forſchend betrachtet, ſo wäre er im Stande, irgend etwas zu unternehmen, was mich hübſch kompromittiren könnte, hier in einer Straße, wo Tante Jettchen nicht nur wohnt, ſondern ſtändig an ihrem Fenſter lauert, und wo unſere brave Büglerin mit ſechs erwachſenen Töchtern zu ebener Erde ihr Arbeitslokal hat, das ginge mir ab!“ 1 „Nein,“ ſprach er deßhalb mit großer Würde zu ſeinem Freunde, „ich führte meine Frau heute nicht ſpazieren, ſondern war in Ge⸗ ſchäften auf der Stadtdirektion, muß mich aber jetzt eilends auf mein Bureau verfügen.“ „Sehen wir uns heute Abend im blauen Bock?“ „Wenn ich abkommen kann, gewiß.“ Damit trennten ſich die beiden Freunde und der Stadtrath ging langſam die Straße hinauf, beide Hände wieder auf dem Rücken vereinigt, das ſpaniſche Rohr in perpendikulärer Bewegung. — Die Spuren eines Romans. 25 „Wie das merkwürdig iſt und intereſſant,“ dachte Adelgunde, indem ſie ihm langſam folgte,„habe ich doch unbedingt hier ein Original vor mir, das dem Verfaſſer bei einer ſeiner beſten Figuren gedient. Wie hübſch wäre es, wenn ich auch noch irgend eine andere ſeiner kleinen Eigenthümlichkeiten mit anſehen könnte, wie er z. B. in ſeiner wohlwollenden Manier dem hübſchen Dienſtmädchen eines befreundeten Hauſes lächelnd zunickt; hier einem kleinen Jungen auf die Wangen pätſchelt, dort einen andern ſeiner kleinen Bekannten in jovialer Laune über den Stock ſpringen läßt.“ 3 Doch that Herr Stadtrath Schmetterer nichts von alledem, wie es ſo allerliebſt in dem Romane geſchildert war, vielmehr ging er mit tief geſenktem Kopfe ſeines Weges, nur zuweilen an einem Laden ſtehen bleibend, um ſich hier durch eine kaum merkliche Drehung ſeines dicken Halſes zu vergewiſſern, ob ihm die auf⸗ fallende Fremde immer noch folge. Ja, Adelgunde folgte ihm und es war das für ſie ein kleines nettes Abenteuer, der angeknüpfte Faden der Ariadne, durch den ſie mehr Entdeckungen zu machen hoffen durfte. Pflegte doch im Roman der Stadtrath Schmetterer häufig in den Nachmittags⸗ ſtunden den jungen Muſiker zu beſuchen, für den er ſich, wie für Alles, ſo wohlwollend intereſſirte. Freilich fand es das junge Mädchen ſelbſt für eine lächerliche Idee, Wahrheit und Dichtung ſo genau vereinigt finden zu wollen, doch was verſchlug es ihr, vielleicht vergeblich eine Straße hinauf, die andere hinabzuſchlen⸗ dern. Jedenfalls war ſie feſt entſchloſſen, die Wohnung des Stadt⸗ raths zu erforſchen, um ihm vieleeicht ſpäter einen Beſuch zu machen und ihm mit der Freimüthigkeit, die ihr eigen war, zu ſagen, welches Intereſſe er ihr eingeflößt, und ihn um Mittheilungen zu erſuchen, ob wirklich die handelnden Perſonen jenes Romans, der ſie ſo ſehr intereſſirte und den auch er gewiß kennen mußte, nicht bloße Erfindungen des Dichters ſeien. Dabei konnte ſie ja ferner das Glück haben, die regierende Stadträthin zu ſehen mit den 26 Die Spuren eines Romans. grauen Augen, den flatternden Haubenbändern und der ſtrengen Art, das Hausregiment zu führen, ach, wie das köſtlich wäre! In der Straße, durch welche Adelgunde ging, war ſie und der Stadtrath in dieſem Augenblick die einzigen Perſonen. Es war eine ſehr unbelebte Straße, aber voll neugieriger Leute, die von ihren Fenſtern aus mit einem wahren Heißhunger jede fremde Erſcheinung betrachteten, weßhalb es denn nicht fehlen konnte, daß das junge hübſche Mädchen mit dem elaſtiſchen Gange und der eleganten Toilette gebührende Aufmerkſamkeit erregte und zu ver⸗ ſchiedenen Muthmaßungen Veranlaſſung gab. Ja, einer verwitt⸗ weten Majorin, welche von der Natur mit einem merkwürdigen Scharfſinn begabt, war es nicht entgangen, daß die Fremde dem wohlbekannten Stadtrath immer in gleicher Entfernung folgte, daß ſie ihren Schritt mäßigte, wenn er irgendwo ſtehen blieb, ja daß er zuweilen nach ihr umſchaute. „Ei, dieſer Schmetterer,“ dachte die verwittwete Majorin;„ja, ſtille Waſſer ſind tief, und wenn ich mich je wieder entſchließen könnte, zu heirathen, ſo dürfte es weder ein Arzt ſein, noch Je⸗ mand, der ſo mit der Polizei in Berührung ſteht.“ In einem Parterrezimmer derſelben Straße waren von drei ältlichen Mädchen ähnliche Bemerkungen gemacht worden, und zwei dieſer Mädchen, von denen eine das ſchimmernd weiße Exemplar einer friſch gebügelten Halskrauſe in der Hand hielt, beugten ſich zu dem Fenſter heraus, um der Fremden und dem Stadtrath Schmetterer nachzuſchauen, welch' Letzterer jetzt die Thür ſeines Kanzleigebäudes erreicht hatte und dort einen Augenblick ſtehen blieb, um nach den an dem lichten Frühlingshimmel ziehenden Wolken aufzuſchauen. 3 Da ging das ſchöne, junge Mädchen dicht an ihm vorüber und es konnte für ihn kein Zweifel mehr ſein, daß ſie ihm mit Ab⸗ ſicht gefolgt war, daß ihre Blicke drunten an dem Schaufenſter des Bilderladens ihm gegolten, denn jetzt ſchaute ſie ihm nicht nur voll — Die Spuren eines Romans. 27 ins Geſicht, ſondern ſie lächelte ihn an, als ſie vorüberſchritt— ach, und es war das ein reizendes Lächeln. Doch erwachte in dem Stadtrath wie mit einem Male der Polizeibeamte, und da er im Hausflur hinter ſich einen ſeiner beſten Sicherheitsbeamten ſtehen ſah, allerdings einen Mann im harmloſen Civilüberrock, ſo rief er ihn an ſeine Seite und ſprach zu ihm:„Sehen Sie dort jenes Frauenzimmer, Schmauder, welches langſam die Straße hinauf ſchlendert und ſich ſo eben umſchaut.“ „Ich ſehe ſie, Herr Stadtrath.“ „Halten Sie dieſes Frauenzimmer für verdächtig, Schmauder?“ „Hm! warum nicht, Herr Stadtrath? Ich halte alle mir un⸗ bekannten Menſchen für verdächtig, ſo lange ich nicht durch ihren Paß oder durch gute Zeugenſchaft des Gegentheils überführt werde. Ich halte namentlich alle Fremden für verdächtig und ganz beſon⸗ ders alle fremden, gut gekleideten Frauenzimmer, welche ſo, wie dieſe, allein in der Stadt umherſtreifen— alſo, Herr Stadtrath, Sie befehlen, daß...“ „Daß man ein wachſames Auge auf dieſe verdächtige Perſon habe und halte, daß man ihr Leben und Treiben beobachte, daß man vor allen Dingen erfahre, wer ſie iſt und wo ſie wohne, mir darüber morgen früh———— im— Amis— lokal—— Meldung mache und dann das ganze als ſtrengſtes Amtsgeheimniß für ſich behalte, verſtanden, Schmauder?“ „Zu Befehlen, Herr Stadtrath,“ entgegnete mit der rechten Hand an ſeinen Civilhut langend das Stück Sicherheitsbehörde, welches indeſſen während dieſes kleinen Dialogs kein Auge von der harmlos luſtwandelnden Adelgunde weggewendet hatte. Dieſe hatte am Ende der Straße umgedreht und kam langſam wieder an dem Amtsgebäude vorüber, wo Herr Schmauder hinter der Thür auf ſein Opfer lauerte. Und von dieſem Augenblicke an heftete ſich ein Polizeibeamter ge⸗ heimſter Sorte gleich einem böſen Engel an die Ferſen Adelgundens. Die Spuren eines Romans. IV. Gern wäre Adelgunde dem Stadtrath Schmetterer in das Haus hinein gefolgt, doch ſah daſſelbe gar ſo finſter und verwahrlost aus. Es hatte ſtark vergitterte Fenſter, hinter denen die trüben Glas⸗ ſcheiben wie kranke Augen unter ſchweren Brilleneinfaſſungen au⸗ ſahen. Abgeputzt waren die Mauern dieſes Hauſes gewiß ſeit einem Menſchenalter nicht mehr geworden und ſo wechſelten an der Fronte deſſelben mit abgefallenem Kalke und hervorblickenden Mauerſteinen troſtloſe Schmutzzeichnungen ab, wie ſie volle, überlaufende Waſſer⸗ rinnen hervorzubringen im Stande ſind. Auch war der Eingang ſehr ſchwarz und unheimlich, und die Aufſchrift:„Städtiſche Polizei⸗ direktion“ hätte ebenſogut heißen können: „Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate.“ Hätte ſie noch obendrein die ſie beobachtenden Augen des Herrn Schmauder entdeckt, ſo würde ſie wahrſcheinlich entflohen ſein der Straße, ja der Stadt. So aber ging ſie harmlos weiter, ſich freuend der kleinen pikanten Begegnung und überzeugt, daß ſie ſich mitten auf dem Schauplatze dieſes für ſie ſo intereſſanten Romans befände. 3 Wie erſtaunte aber die verwittwete Majorin an ihrem Fenſter, wie erſtaunten ſowohl die brave Bügelfrau als ihre ſechs erwach⸗ ſenen Töchter in der Arbeitsſtube des Parterrelokals, als ſie jene Fremde wieder vorübergehen ſahen, gefolgt von dem ihnen ſo wohl⸗ bekannten Herrn Schmauder, der in gemeſſenem Amtsſchritte mit der wichtigſten Amtsmiene es nicht unterlaſſen konnte, in das be⸗ freundete Parterrelogis den ſieben fragenden Geſichtern durch ein leichtes Augenblinzeln zu verrathen, daß hier etwas ganz Wichtiges im Werke ſei. Adelgunde dagegen dankte dem Zufall, der ſie bisher ſo glück⸗ lich geführt, und da ſie ſicher war, weder die Straße zu vergeſſen, noch das trübe Haus, in welchem der Stadtrath verſchwunden war, Die Spuren eines Romans. 29 ſo wollte ſie ſich hier neue Entdeckungen auf morgen oder über⸗ morgen aufſparen und ein anderes Kapitel in dem kleinen Romane beginnen, den ſie auf den Spuren eines andern Romans aufführte. Da aber auch das junge Mädchen, wie alle poetiſchen, phantaſie⸗ reichen Naturen, Abwechslung in der Szenerie liebte, ſo beſchloß ſie, noch ganz beſonders angelockt durch den herrlichen Frühlings⸗ tag, vor die Stadt hinaus in die Natur zu eilen, dort vielleicht an einem der umliegenden Berge den im Kapitel II. Seite 88 ſo ſchön beſchriebenen Tannenwald zu finden und aldann durch dieſen auf den richtigen Weg zum Hauſe des glücklichen Malers zu kommen. Dort waren Droſchken in Menge, ein⸗ und zweiſpännige, Kutſcher und Pferde ſich behaglich ſonnend in dem warmen Früh⸗ lingsſtrahle. Adelgunde hatte Vorliebe für gewiſſe Nummern, deß⸗ halb wählte ſie 16, einen ganz hübſchen Zweiſpänner mit einem intelligenten Kutſcher, welcher augenblicklich den Wunſch der fremden Dame begriff, ſich in der Umgebung der Stadt umzuſehen, beſon⸗ vers auf eine Anhöhe zu gelangen, die von einem Tannenwalde gekrönt ſei. Allerdings machte das Wort„gekrönt“ dem Kutſcher einige Schwierigkeiten; da die Fremde aber auf ſeine Frage, ob ſie in den Tannenwald wolle, mit dem Kopfe nickte, ſo fuhr er nach gebräuchlichem Zungenſchlage und einem Schwingen ſeiner Peitſche im vollen Trabe davon. Und Herr Schmauder?— Obgleich er ſich auf ſein Gedächt⸗ niß verlaſſen konnte, ſo zog er doch ſein Notizbuch hervor;„4 Uhr Nachmittags die verdächtige Fremde in Nr. 16 geſtiegen, Kutſcher? —— war es der Jakob oder der Heinrich——“ Er erfuhr von dem nächſtſtehenden Kutſcher, daß es der Heinrich geweſen ſei, und vervollſtändigte nun ſeine Notiz durch die Worte:„Den Hein⸗ rich des Kutſcher Wackler auf heute Abend 8 Uhr zu beſtellen.“ Die Fahrt Adelgundens ging durch die lange Hauptſtraße, dann bog der Kutſcher links ab, dann rechts, dann wieder links, fuhr über einen freien, mit Bäumen beſetzten Platz, dann durch 30 Die Spuren eines Romans. ein altes, graues, trotzig vor den neuen Häuſern daſtehendes Stadt⸗ thor, hinter welchem ſeine Pferde von ſelbſt in einen langſamen Schritt verfielen, da es, allerdings auf einer guten Straße, aber mit ziemlich ſtarker Steigung aufwärts ging. Der Kutſcher ſetzte ſich hier ſeitwärts beqnem auf ſeinen Bock und erklärte der jungen Dame im Wagen Einiges von den Haupt⸗ gebäuden der Stadt, von alten und neuen Kirchen, Bahnhöfen und Kaſernen, wie dieſe bei den verſchiedenen Biegungen der Straße nach und nach vor ihre Blicke traten. Dann erreichten ſie den Tannenwald, wo Adelgunde ausſtieg und ſich auf einen alten be⸗ moosten Baumſtamm ſetzte, um in das liebliche Thal hinabzu⸗ ſchauen, das, von hier aus geſehen, eine reiche Schale mit allerlei hübſchem Kinderſpielwerk angefüllt zu ſein ſchien; kleine Häuschen und kleine Kirchlein, einen Miniaturbahnhof und artige Eiſenbahn⸗ züge, wie ſie die Kinder zur Weihnachtszeit auf dem Tiſche umher⸗ laufen laſſen, dabei aber Alles ſo köſtlich und wunderbar natürlich: die Lokomotiven pfiffen und ſtießen Dampf aus, in den Kirchen läutete es, die Tauſende von Büſchen und Bäumen, welche rings um die Stadt einen grünen Kranz bildeten, hatten nicht nur na⸗ türliche, leicht ſich im Winde bewegende Blätter und Zweige, ſon⸗ dern auch ganz natürliche Blüten, waren auch mit den grauen Straßen der Stadt verwachſen; denn man ſah hier und dort, auf Plätzen und in Gärten, helles Grün aufleuchten zwiſchen den trüben Gebäudemaſſen. Ach! es war ſehr ſchön hier oben und auch der Kutſcher Heinrich empfand das, denn, den Reſt einer Cigarre rauchend, die er vielleicht von dem letzten Paſſagier erhalten, meinte er:„Was das heuer für Obſt und Moſt geben wird und für Wein, den Schoppen wieder einmal für ſechs Kreuzer— Gott geb's. Und wo fahren wir nun hin?“ Darüber war Adelgunde natürlicherweiſe unſchlüſſig, wenigſtens über den Weg, den ſie von hier aus zu nehmen hatte, denn daß 4 —— ——— Die Spuren eines Romans. 31 ſie aberwals ein glücklicher Zufall auf jene Stelle geführt, wo der Maler Arthur ſo gerne geſeſſen, wo er Magdalenen geſehen, die hier oben Blumen und Beeren geſammelt, darüber konnte kein Zweifel ſein. War doch der gegenüberliegende Höhenzug mit den Trümmern des alten Thurmes zu genau beſchrieben, ja unverkenn⸗ bar von der Wirklichkeit abgeſchrieben! Dort noch hinaufzufahren, um das M von ihrer Hand zu finden, war es allerdings zu ſpät, aber möglich, im Abendſonnenſchein das reizende Haus des Malers zu ſehen und dort vielleicht von der Straße aus einen Blick zu thun in ein glückliches Familienleben. „Wohin fahren wir alſo?“ „Natürlicher Weiſe nach der Stadt zurück, doch könnten wir vielleicht einen andern Weg nehmen. Gibt's einen ſolchen?“ „O ja, nur iſt er etwas weiter, führt aber eine Strecke durch den Tannenwald.“ „Gut,“ entgegnete Adelgunde und ſetzte mit einer kleinen Ver⸗ legenheit hinzu:„Ich war ſchon einmal hier und fuhr damals jenen Weg, der, ſo viel ich mich erinnere, recht hübſch iſt. Wenn ich mich nicht irre, kommt man dicht vor der Stadt an einigen Landhäuſern vorbei.“ „Ganz richtig.“ „Von denen ich eines noch im Gedächtniſſe habe, ein Haus mit einem hübſchen kleinen Garten, in welchem ein berühmter Maler wohnt.“ „Ah, der Schellenberger. Ja, er ſoll was Rechtes können, wie die Leute ſagen.“ Adelgunde fühlte ſich durch dieſen Namen unangenehm berührt. Nein, Schellenberger hieß er nicht, konnte er nicht heißen, der Klang dieſes Namens war gar zu proſaiſch, wenn er im wirklichen Leben wohl auch nicht Arthur Regnier hieß—— aber auch nicht Schellen⸗ berger, um Alles in der Welt nicht Schellenberger! „Er iſt auch Photograph,“ ſagte der Kutſcher Heinrich, doch 32 Die Spuren eines Romans. vernahm das junge Mädchen dieſe Worte nicht mehr, da ſie von einem Peitſchenknall übertönt wurden. „Schellenberger— o nein!“ Wie luſtig und dabei wie ſanft ging es jetzt durch den weichen Sand des duftenden Tannenwaldes; und wie war am Ende deſſelben der Blick ſo ſchön auf einen andern Theil der Stadt; wie raſch kamen ſie abwärts, obgleich die Straße hier viel länger war; da erſchien ſchon das erſte Landhaus, dort links ein anderes, dann rechts wieder eines, und je mehr ſie ſich der Stadt näherten, je mehr war Adelgunde überzeugt, daß dieß derſelbe Weg ſei, auf dem der Maler ſo häufig Abends nach Hauſe zurückkehrte. Ar⸗ thur Regnier— aber um Alles in der Welt nicht Schellenberger! Da, mit einem Male, ehe es Adelgunde hindern konnte, bog der Wagen von der Straße ab, rollte durch ein breites Garten⸗ thor, welches zwei Steinpfeiler, mit blechernen Aloös verziert, bildeten, und hielt dann, für einen Fiaker ziemlich ſtark parirend vor dem Eingange eines hübſchen kleinen Hauſes. „Warum halten Sie denn hier,“ rief das junge Mädchen, „zu wem führen Sie mich?“ „Nun, hier wohnt ja der Maler und Photograph Schellen⸗ berger; befahlen Sie mir nicht, dorthin zu fahren?“ „Ganz und gar nicht, denn ich habe den Herrn nie geſehen.“ „O, das thut nichts. Es kommen viele Fremde daher, um ſeine Photographieen anzuſchauen. O, er macht ſehr ſchöne Bilder, und ähnlich—“ War das mehr wie Zufall, daß Adelgunde vor dieſes Haus geführt wurde, von welchem ſie ſich jetzt durch einen raſchen Blick überzeugte, daß es daſſelbe ſei, in dem Arthur Regnier gewohnt, vielleicht noch wohnte, ja, Arthur Regnier, denn der Beſitzer dieſes allerliebſten geſchmackvollen Landhauſes, der Pfleger dieſes reizenden Blumengartens konnte unmöglich Schellenberger heißen— ja, war es Zufall oder war es mehr als das? Die Spuren eines Romans. 33 Doch war keine Zeit, darüber nachzudenken, denn vom Haus⸗ eingange her ſtürzte ſich ein Livreebedienter gegen den Wagen, riß den Schlag auf und traf ſo energiſch ſeine Anſtalten, um der jungen Dame beim Ausſteigen behülflich zu ſein, daß dieſe, ehe ſie noch zu Erörterungen kommen konnte, bereits vor der kleinen Treppe ſtand, die zu dem Hauseingang führte. „Wollen Ew. Gnaden die Güte haben, ſich in den Salon zu begeben, ich werde meinen Herrn ſogleich benachrichtigen; er iſt augenblicklich droben beſchäftigt, wird aber in zwei Sekunden zu Ihrem Befehl ſein.“ Da nun durchaus nichts Unanſtändiges oder Verdächtiges darin liegt, wenn eine junge Dame ſelbſt ohne jede Begleitung in das Atelier eines Photographen geht, ſo folgte Adelgunde dem Bedienten, der im Hauſe rechts eine Flügelthür aufriß und mit einer tiefen Verbeugung die Fremde erſuchte einzutreten. Es war das ein großes und hübſch eingerichtetes Gemach. Tapeten von ruhig grauer Farbe, dazu kamen blaue Möbel, alle Wände mit Photographieen bedeckt, die hier in jeder Größe zu ſehen waren und zwar von der Miniatur⸗Ausgabe, beſtimmt für Vorſtecknadeln, Madaillons und Pretenſions, bis zu jenen lebens⸗ großen Porträts, welch' letztere nicht ſelten etwas von einer unver⸗ hältnißmäßig aufgegangenen Dampfnudel an ſich tragen, geſchwollen und bleich; in den Mittelgrößen ſah man in Stellung und Aus⸗ druck recht gelungene Porträts, und in der Legion der Viſitenkarten war eine Abwechslung ſichtbar, welche von der Phantaſie des Ver⸗ fertigers das glänzendſte Zeugniß ablegte. Natürlicher Weiſe waren Dutzende vorhanden, die ohne welche vernünftige Urſache den Himmel 5 anlächelten oder in unbeſchreibliche Fernen ſtarrten; Andere, die etwas Furchtbares zu erblicken ſchienen, und wieder Andere, die gerade ſo ausſahen, als ſei ihnen ſelbſt etwas Furchtbares paſſirt oder als wollten ſie mit ſcheuem Blick irgend ein eben begangenes Verbrechen verheimlichen. Da ſtanden Dutzende in über alle Be⸗ Hackländer's Werke. 50. Bd. 3 34 Die Spuren eines Romans. ſchreibung unnatürlich ſchönen Landſchaften, andere Dutzend waren beſchäftigt, irgend eine mächtige Säule mit krampfhafter Anſtrengung vor dem Umfall zu bewahren, Andere befanden ſich trotz des gut⸗ müthigen Geſichtsausdrucks wie wilde Beſtien hinter ſchweren Eiſen⸗ gittern, Andere ſchienen zu luſtwandeln mit dem Stück einer ſchweren Baluſtrade in der Hand. So hingen ſie an den Wänden umher in reichen und einfachen Rahmen, alle dieſe der Unſterblichkeit geweihten Weſen, und da⸗ zwiſchen ſah man Blumen⸗ und andere Tiſche, erſtere voll blühender Blumen, andere mit jenen zierlichen Albums bedeckt, welche die harmloſen Stammbücher von ehemals verdrängt haben und in denen man ſich jetzt ſelbſt, das heißt ſein wohl oder ſchlecht ge⸗ troffenes Bildniß, dem Freund oder der Freundin zu liebevoller Erinnerung verehrt. Eine Zeitlang hatte ſich Adelgunde damit unterhalten, die verſchiedenen Bildniſſe zu betrachten, wohl auch in dem Gedanken, irgend ein bekanntes Geſicht zu entdecken, ohne daß letzteres der Fall geweſen wäre. Da öffuete ſich die Thür des Nebenzimmers und ein junger Mann trat heraus, ſo im Anſchauen eines Blattes, welches er in der Rechten hielt, verſunken, daß er die Anweſenheit einer fremden jungen Dame durchaus nicht zu bemerken ſchien, ja er behielt ſeinen Strohhut auf dem Kopfe, eilte an das Fenſter und erſt als er dort am helleren Lichte das Blatt in ſeinen Händen wiederholt auf's Genaueſte beſichtigt und daſſelbe hierauf mit einer unmuthigen Geberde auf einen Tiſch geſchleudert, ſah er aufblickend, daß er ſich nicht allein in dem Gemache befand, und nahm nun auch mit einer kurzen Verbeugung, bei welcher ſich aber ſeine ver⸗ drießliche Miene durchaus nicht aufheiterte, den Hut vom Kopfe. Es war das, wie ſchon geſagt, ein junger Mann und ein hübſcher Mann, etwas eigenthümlich in ſeiner Kleidung, denn er trug unter einer kurzen, ſchwarzen Sammetjuppe einen breit umgelegten weißen Hemdkragen, unter welchem vorn der Knoten um den ziemlich —— Die Spuren eines Romans. 35 langen Zipfel eines rothſeidenen Halstuches, aber auch die Abweſen⸗ heit einer Weſte ſichtbar wurden. Er ſchien hier im Zimmer Nie⸗ mand erwartet zu haben und deßhalb unſchlüſſig, ob er daſſelbe nach einer zweiten Verbeugung wieder verlaſſen oder ob er als höflicher Mann mit der fremden jungen Dame ein Geſpräch an⸗ knüpfen ſolle.— Adelgunde aber kam ihm hierin zuvor und wandte ſich mit der Frage an ihn, ob ſie das Vergnügen habe, den Herrn des photographiſchen Ateliers vor ſich zu ſehen, worauf ein kurzes Lächeln über die mürriſchen Züge des jungen Mannes flog und er zur Antwort gab:„Nein, nein, ich habe nicht das Glück, Herr Schellenberger zu ſein,“ und dann mit einer Handbewegung gegen die geöffnete Thür hinzuſetzte:„Dort kommt dieſer würdige Greis ſelber.“ V. Der Photograph trat herein, doch war von einem würdigen „Greiſe, als welchen ihn der junge Mann angekündigt, in der Per⸗ ſon des Eingetretenen nichts zu ſehen, aber es erſchien eine Perſön⸗ lichkeit, welche von dem im Roman geſchilderten Regnier der ſchlagendſte Gegenſatz war, ja ihrem Aeußern nach vollkommen die Berechtigung hatte, Schellenberger zu heißen. Ein kleiner, dicker Mann mit einem von Natur kupfrigen Geſichte, deſſen Röthe ſich aber bei der Arbeit droben unter dem heißen Glasdach bläulich purpurn ſchillernd hoch über ſeinen faſt ganz kahlen Schädel ver⸗ breitet hatte, eine tief herabhängende Brille auf der fleißigen Naſenſpitze und ſchlaffe Lippen, die zu einem beſtändigen Lächeln gekräuſelt waren, vervollſtändigten mit hellen, freundlichen Augen ein Geſicht, dem man die Gutmüthigkeit auf tauſend Schritte an⸗ 36 Die Spuren eines Romans. ſah. Er rieb ſich vergnügt die Hände, als er, vor der ſchönen Fremden ſtehend, dieſe von unten bis oben betrachtete und dann mit einem fetten Lächeln ſagte, das ſich raſch von den ſchmatzenden Lippen über das ganze Geſicht, ſogar bis hinter die Ohren ver⸗ breitete:„Das wird ein ſchönes Porträt geben, ganz zu Ihrer Zufriedenheit und der Stolz meiner Sammlung. Wünſchen Sie es als größeres Porträt oder Viſitenkartenformat?“ „Eigentlich wollte ich—“ ſagte Adelgunde,— doch fiel der Photograph raſch in's Wort:„Wegen der vorgerückten Tageszeit brauchen Sie durchaus keine Sorge zu haben, unſereins iſt nicht von denjenigen Künſtlern, die von der Stunde abhängig ſind; eigene Gewandtheit und vortreffliche Maſchinen ſetzen uns in den Stand, zu jeder Tageszeit künſtleriſch Gelungenes zu liefern, ja ich möchte gern für ein Porträt, wie das des gnädigen Fräuleins, dieß weiche, träumeriſche Nachmittagslicht den grell leuchtenden Morgenſtunden vorziehen— biſt Du nicht auch dieſer Anſicht, Regnier?“ „Regnier!“ „Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, mein Freund Arthur Regnier, ein junger Maler, der mir zuweilen mit ſeinem ſchätz⸗ baren Rathe aushilft und den der günſtigſte Stern gerade in dieſem Augenblicke hieher geführt hat. Willſt Du nicht ſo gut ſein, uns nach oben zu begleiten und die Stellung des gnädigen Fräuleins ein wenig korrigiren?“ Der junge Maler murmelte zur Antwort etwas vor ſich hin, was ebenſogut ſeine Bereitwilligkeit erklären konnte, was aber an⸗ dererſeits auch wieder klang, als ſei er nicht vom Handwerk und wiſſe nicht, ob es der jungen Dame angenehm ſei, wenn er ſich da hineinmiſche. Adelgunde aber konnte ſich trotzdem nicht enthalten, ihn mit unverkennbarer Theilnahme zu betrachten. Alſo wieder ſchien ſie jenem Kreiſe näher getreten zu ſein, der ſie gereizt, ſeit ſie jenen 3 Die Spuren eines Romans. 37 intereſſanten Roman geleſen, wahrhaftig einem Zauberkreiſe— alſo gab es doch einen Arthur Regnier und wohl gar in demſelben hübſchen Landgute, welches ſo kenntlich beſchrieben war. Wohnt am Ende der Photograph Herr Schellenberger zur Miethe bei dem jungen Maler Regnier und gab es vielleicht an der Rückſeite des Hauſes noch einen andern kleinen Garten, wo ſich die liebliche Gattin des jungen Künſtlers befand, ſowie Guido und Armida— — ja, ſie betrachtete ihn mit einem jener offenen, vollen Blicke, mit einem Blicke voll gefährlicher Elektrizität, welcher zündet, an⸗ zieht, verzehrt, ohne es zu wollen, unbewußt, aber um ſo tiefer wirkend. Der junge Maler hatte es bis jetzt in der That nicht der Mühe werth gehalten, die junge Fremde näher zu betrachten, in dieſem Augenblicke aber: „Ihr Blick, ihm zugewendet, War Blitz und Schlag zugleich.“ Er ſtrich ſich das dichte, blonde Haar aus der Stirn und begann langſam ſeine Sammetjuppe auf der Bruſt zuzuknöpfen, dann ſagte er mit einem ganz veränderten Ton der Stimme: „Gewiß werde ich Dir helfen, wenn es das Fräulein erlaubt.“ „Es lag eigentlich gar nicht in meiner Abſicht, mich heute photographiren zu laſſen,“ meinte Adelgunde,„doch ſehe ich hier ſo viele vortreffliche Arbeiten, welche mich hoffen laſſen, endlich ein⸗ mal ein wohlgelungenes Porträt von mir zu erhalten.“ „Und wenn es die Maſchine nicht thut,“ warf Arthur Regnier leicht hin,„ſo könnte man es mit einer Zeichnung verſuchen, ich wüßte mir nichts Intereſſanteres.“ Sein Geſicht hatte während der letzten Minuten einen ganz anderen Ausdruck angenommen; der Mißmuth und der trübe Ausdruck, welcher ſeine offenen Züge vor⸗ hin beſchattete, als er jenes Blatt auf den Tiſch warf, waren gänzlich verſchwunden, ja, er nahm nun das Blatt lächelnd wieder 38 Die Spuren eines Romans. an ſich und ſagte, es ſeinem Freunde hinhaltend:„Nun, Du wirſt mir zugeben, daß von allem Dem, was an meinem Bilde Gutes iſt, ſich hier auch nicht die Spur einer Idee befindet. Sieht doch meine Römerin hier, ſtatt ſich ihres wundervollen Familienkreiſes zu freuen, gerade ſo aus, als habe ſie eben eine heftige Scene mit ihrem Gatten gehabt, und was die tanzenden, halb nackten Kinder anbelangt, ſo könnte man ſie alle ſtatt für Lateiner, für echte Aethiopier halten. Geh mir weg mit Deiner heimtückiſchen Maſchine.“ „Dieſe heimtückiſche Maſchine,“ entgegnete der Photograph lächelnd,„iſt ſtrengen Geſetzen unterworfen, und daß rothe, erhitzte, blühende Kinderköpfe dunkel kommen mußten, hatte ich Dir vor⸗ hergeſagt.“ „Verzeihen mein gnädiges Fräulein,“ wandte er ſich an Adel⸗ gunde,„daß dieſer junge, ungeſtüme Künſtler da ſeine Angelegen⸗ heiten vor Ihnen beſpricht, iſt für Sie gewiß ſehr langweilig.“ „Ganz und gar nicht, denn ich liebe die Kunſt. Bitte, zeigen Sie mir Ihre Photographie.“ „Nur unter der Bedingung, daß ich Ihnen droben im Atelier das Original vorſtellen darf.“ „Das Original dieſer ſchönen römiſchen Frau, wahrſcheinlich Ihre Gattin?“ „Dießmal nur ein Bild,“ erwiederte Arthur Regnier lachend. „So darf ich mir erlauben, Ihnen den Weg zu zeigen?“ ſagte der Photograph vorangehend. Und dann ſtiegen ſie hinauf durch eine Wendeltreppe in den zweiten Stock, wo ſich nach Norden gelegen ein großes Gemach befand, zeltartig und ſehr geſchmackvoll dekorirt; die hintere Wand beſtand aus zwei dicken, aufrecht ſtehenden, allerdings künſtlichen Bambusſtangen und dazwiſchen herabfallenden breiten Vorhängen in buntem, mauriſchem Geſchmack. Hinter dieſen Vorhängen be⸗ fand ſich das Glashaus, auf eine Altane gebaut, mit einem Die Spuren eines Romans. 39 plätſchernden Springbrunnen verſehen, deſſen kühle Waſſerſtrahlen die Hitze in dem ſonnendurchglühten Raum milderte. „Darf ich jetzt um Ihre Beſtimmung der Größe des Formats bitten?“ „Es iſt mir das eigentlich gleichgültig; machen Sie meinet⸗ wegen ein größeres Porträt und ein anderes für Viſitenkarten.“ „So will ich die Platten präpariren laſſen und Regnier iſt vielleicht derweil ſo freundlich, Sie durch den Anblick ſeines Bildes zu unterhalten.“ „Zu unterhalten!— Wenn das möglich iſt,“ ſagte der junge Maler, vor der Staffelei am Fenſter ſtehend.„Ich weiß nicht, ſeit ich dieſe ver—— ſeit ich Deine ſchlechte Photographie geſehen, gefällt mir auch mein Bild nicht mehr; meine römiſche Frau ſcheint wirklich mürriſch zu ſein ſtatt heiter, und die Kinder haben einen Teint, als wenn ſie ſeit vier Wochen nicht gewaſchen worden wären.—— O, ich bin recht unglücklich.“ Ehe der Photograph das Gemach verließ, ging er dicht bei Adelgunde vorüber und ſagte flüſternd:„Wenn Ihnen das Bild nicht mißfällt, ſo ſagen Sie ihm ein freundliches Wort darüber. Ich und Kenner finden es vortrefflich, er hält es für ſchlecht und das bringt ihn der Verzweiflung nahe.“ Wie Adelgunde hierauf vor das Bild trat, wandte ſich der Maler mit dem früheren mißmuthigen Geſichtsausdruck gegen das Fenſter, ſtützte den Kopf auf den Arm und blickte in die Abend⸗ landſchaft hinaus. Er ſchien nicht den Muth zu haben, in das Geſicht des jungen ſchönen Mädchens zu ſehen, während ſie ſein Bild betrachtete. Und doch hätte er es thun ſollen, unvermerkt hätte er es thun ſollen, und er würde mit Entzücken geſehen haben, wie ihr Auge leuchtete, wie ſie ſchwer und mühſam athmete, wie der Glanz höchſter Zufriedenheit auf ihren Zügen ſchimmerte.—— „Ach, das iſt ein ſchönes, ein liebes Bild!“ „Finden Sie das wirklich, mein Fräulein? Finden Sie das 40 Die Spuren eines Romans. in der That?“ rief Arthur, endlich ſich raſch umwendend,„o wie mich das glücklich macht!“ „Vielleicht bin ich befangen, weil mich das Sujet ſo ganz be⸗ ſonders anſpricht,“ gab ſie zur Antwort,„aber ich ſah nie etwas Gelungeneres in Zeichnung und Kolorit, als dieſes Interieur, nie etwas Lieblicheres, Herzgewinnenderes, als die reizende Kindergruppe, die ſich ſo mit voller Luſt ihrem wilden Rundtanze hingibt. Und das Glück in den Augen der Mutter, ihre vor Seligkeit und vor Stolz ſprühenden Blicke.“ „Finden Sie das wirklich,“—— ſagte er, tief aufathmend und ſie ſtatt des Bildes betrachtend.„Ah, Ihre eigenen ſchönen Züge gleichen Ihren Worten, und die Wahrheit, welche ich aus Ihren ſchimmernden Augen leſe, könnte mich toll vor Freude machen — ich weiß nicht, wie mir iſt,“ ſagte er mit der Offenheit und Ehrlichkeit der Jugend,„ich finde es in der That, daß je mehr Sie das Bild betrachten, es um ſo mehr in Luſt und Glückſeligkeit auf⸗ leuchtet; vielleicht gelingen mir morgen früh in Erinnerung an dieſen ſchönen Augenblick noch einige gute Striche—— o wenn ich dieſelben machen dürfte, während Sie das Bild betrachten, ſo betrachten!“ Sie erſchrack faſt vor ſeinem flammenden Auge, vor der wilden Glut, womit er dieſe Worte ausſprach. Sie bereute faſt, hierher⸗ gegangen zu ſein und dieſen Regnier ſo verſchieden von dem des Romans gefunden zu haben. „O es wäre ſchade,“ ſagte ſie darum in ſehr ruhigem Tone, „an dem Bilde das Geringſte zu ändern. Es iſt wirklich entzückend ſchön und ich möchte mich faſt entſchließen, nach dem Preiſe zu fragen, wenn— wenn—“ „Es war ſo gut wie verkauft,“ ſagte achſelzuckend der junge Maler,„aber die Photographie, welche ich einſchicken mußte, hat Alles wieder in Frage geſtellt. Es ſind eben harte Zeiten für uns Künſtler, wenn daher—“ Er hielt betroffen inne, da ſie, ſich ab⸗ Die Spuren eines Romans. 41 wendend, in gleichgültigen Worten ihren Satz vollendete—— „wenn ich wüßte, daß es meinem Manne gefiele.“ Hätte ſie in dieſem Augenblicke umgeſchaut, ſo würde ſie wahr⸗ ſcheinlich ihren Scherz bereut haben, denn Arthur Regnier fuhr, plötzlich zuſammenzuckend, mit der Hand über die Augen und lachte dann bitter, während er das Bild von der Staffelei riß und umgekehrt gegen die Wand ſtellte.„Natürlich, ſie iſt verheirathet, o, ſie muß verheirathet ſein, ſie, das erſte weibliche Weſen, das im Stande war, einen ſolchen Eindruck auf mich zu machen—— fahr hin wie Alles!“ Der Photograph hatte Adelgunde in das Nebenzimmer geleitet und rief dem jungen Maler zu, gleich nachzukommen. Dieſer, allein in dem Gemache, hatte die Hände gegen die Schläfe gepreßt, und ſagte dann grimmig lachend:„Thor, der ich bin, zu glauben, ſo helle könne plötzlich die Sonne des Glücks auf uns niederſcheinen, auf uns— auf mich, der doch zu dunkler Unbe⸗ deutendheit verdammt iſt!“ „So meine ich, würde ſich das Porträt vortrefflich machen,“ rief der Photograph ſeinem nach einer Pauſe eintretenden Freunde zu,„meinſt Du nicht auch?“ „Ich denke mir,“ gab Jener in düſterem Tone zur Antwort, „Du haſt das zu alltäglich aufgefaßt; laſſe Madame ihre Hände übereinanderlegen, etwas aufwärts ſchauend, und Du wirſt ſehen, welch' vortreffliches Bild Du erhältſt.“ „Arrangire das ein Bischen nach Deiner Anſicht, gnädige Frau wird erlauben.“ „Gewiß, ich bitte darum.“ Adelgunde fühlte wohl, daß ſeine heißen Hände zitterten, während er ſanft ihren Arm berührte, ihn in eine andere Lage zu bringen.„Blicken Sie dann aufwärts,“ ſagte er,„genau zu jenem Gypskopfe hin.“ „Vortrefflich!“ meinte Herr Schellenberger;„befehlen Sie einen Kopfhalter?“ 42 Die Spuren eines Romans. „O nein, ich werde auch ſo ruhig bleiben.“ „Dann geſtatten Sie mir, daß ich anfange. Bitte, ganz ruhig— ſo.“—— Er nahm raſch den Deckel vom Glaſe der 4 Maſchine und wandte ſich da mit gleichgültiger Geſchäftsmiene ab, ruhig bis zwanzig zählend, wo er das Glas mit einem verbind⸗ lichen:„Ich danke recht ſehr!“ wieder verſchloß. Nachdem ſich der Photograph, eigentlich als hätte er einen Schatz geſtohlen, in di dunkle Kammer begeben, betrachtete Adel⸗ gunde die verſchiedenen Gegenſtände im Glashauſe: Poſtamente, Vaſen, Baluſtraden, Säulen, Kränze, Blumenbouquets, Bücher ver⸗ ſchiedener Größe, Kinderſpielzeug aller Art, und warf zuweilen einen Blick auf Arthur Regnier, welcher in ein kleines, offen ſtehendes Nebengemach getreten war und dort, in tiefe Gedanken verſunken, neben einem Tiſche ſtand, auf dem ſich eine Menge Chemikalien in kleinen Fläſchchen befanden. Da waren unte Anderen jene furcht⸗ baren Gifte, welche, leichtſinnig in die Hände gewiſſenloſer Menſchen gegeben, häufig ſchon ſo furchtbares Unglück verurſachten. Hier waren die tödtlichſten unter ihnen in einer kleinen, verſchließbaren Kaſſette vereinigt, welche die Aufſchrift:„Cyankali“ trug, acht kleine Flacons mit der kryſtallhellen, ſo harmlos ausſehenden Flüſſigkeit. Der Maler kam langſam wieder in das Glashaus zurück und ſprach mit ernſtem Blick ſeine Hoffnung aus, daß das Porträt ge⸗ lingen möge, wenigſtens, daß es ähnlich werde, um annähernd, wie alle Photographieen, einen Begr iff der darzuſtellenden Perſonen zu gewähren. „Die wenigſten Künſtler lieben die Photographie?“ „O nicht doch, gnädige Frau, als Hülfsmittel iſt die Photo⸗ graphie wohl unſchätzbar; mit welcher Leichtigkeit können wir durch ſie Architekturen, Landſchaften um uns anhäufen, zu deren Her⸗ ſtellung auf anderem Wege wir Jahre gebrauchten.“ „So iſt auch das Innere des Hauſes auf Ihrem Bilde nach einer Photographie aus Pompeji?“ Die Spuren eines Romans. 43 Er nickte mit dem Kopfe und ſah träumeriſch vor ſich nieder, als ſie fortfuhr:„Gewiß haben Sie auch die wundervollen Figuren auf Ihrem Bilde nach Originalen gemalt?“ Dann flog ein träumeriſches Lächeln über ſeine Züge, als er zur Antwort gab: „Ja, es iſt meine eigene Frau und meine Kinder.“ „A— a-— a—ahl Sie ſind ſehr glücklich.“ „O ja—— ich bin ſehr glücklich.“ „Ihre Kinder heißen Guido und Armida?“ „Gewiß,“ erwiederte er mit einem bittern Lachen,„Guido und Armida, recht paſſende poetiſche Namen für Künſtlerkinder. Man ſieht ihnen die Namen ſchon an—— Haben Sie auch Kinder, gnädige Frau?“ „Ich?—— o nein!“ „Nun, es wäre ja möglich; verzeihen Sie meine Frage.“ „He, Arthur!“ rief der Photograph aus der dunklen Kammer hervor,„komme einen Augenblick herein, das Porträt iſt ganz fa⸗ mos gelungen; ich werde alsdann die Glasplatte abſpülen und ſie Ihnen zur Beſichtigung herausbringen.“ Herr Schellenberger that das auch nach wenigen Minuten, während der junge Maler in der dunkeln Kammer zurückblieb. „Das Bild iſt ſo gut und ſcharf,“ ſagte der Erſtere alsdann zu Adelgunde,„daß es wahrhaftig unnöthig iſt, Sie nochmals zu be⸗ mühen. Ich werde ein paar Kopieen des größten Formats machen und es alsdann zu Viſitenkarten verkleinern, wenn es Ihnen recht iſt.“ „Ganz meine Anſicht, es ſcheint mir ebenfalls gelungen, bitte aber, mir die Kopie recht bald zu beſorgen, da ich nur wenige Tage hier zu bleiben gedenke.“ „Und wohin darf ich Ihnen die Abdrücke ſchicken?“ „Hôtel du Nord, Zimmer Nr. 16, natürlich mit beigefügter Rechnung, wenn ich bitten darf.“ „Sie ſollen ſie übermorgen früh haben!“ 44 Die Spuren eines Romans. Adelgunde zögerte noch einen Augenblick, ehe ſie das Glashaus verließ. Sie hätte gerne dem jungen Maler noch ein freundliches Wort geſagt, ja, ſie hätte ihm gerne die Verſicherung gegeben, daß ſie ſein Bild nicht vergeſſen werde und daß ihr daran gelegen ſei, ihren— Gemahl für den Ankauf des Bildes zu beſtimmen. Sie hatte wirklich die Abſicht, es für ſich zu erwerben, doch kam Herr Regnier nicht wieder, weßhalb ſie ſich von dem Photographen an den Wagen geleiten ließ und in ihr Hotel zurückfuhr. VI. Herr Schellenberger freute ſich über das in der That gelungene Porträt der jungen Fremden und rieb ſich vergnügt die Hände, als er in ſein Atelier zurücktrat, wo er Arthur Regnier nun an einer Wand des Glashauſes ſtehen ſah und dort durch eine kleine Oeffnung in den matten Scheiben nach dem davonrollenden Wagen blickend, der ſoeben von dem alten trotzigen Thorbogen wie von einem Rieſenmaule verſchlungen wurde. „Fort iſt das ganze Bild,“ ſprach, mit einem verdrießlichen Kopfaufwerfen, der junge Maler, indem er mit der rechten Hand haſtig eine horizontale Bewegung machte:„Nun kommt was An⸗ deres an die Reihe, und da die Kontraſte im Leben wie in der Kunſt nothwendig ſind, wird auf ſo viel Licht recht tiefer Schatten folgen— meinetwegen.“ „Allerdings,“ entgegnete Herr Schellenberger,„doch hätte es Dir gar nichts geſchadet, wenn Du dieſe bildhübſche intereſſante Fremde mit irgend welchem Aufwande von Liebenswürdigkeit an den Wagen begleitet hätteſt. Auf der Treppe noch ſprach ſie von Deinem Bilde in wahrhaft begeiſterten Ausdrücken und wenn—“ Die Spuren eines Romans. 45 „Ihr Gemahl den Ankauf billigt,“ rief der Andere mit einer abwehrenden Handbewegung, ſo wird ſie ſich vielleicht herbeilaſſen, nach dem Preiſe meines Bildes zu fragen—— o, ich kenne das,“ rief der junge Künſtler unmuthig aus, wobei er mit den Fingern ſein dichtes, blondes Haar auseinanderwarf,„der Gemahl dieſer Dame! Sie iſt kinderlos, vergiß das nicht!“ „So, das weißt Du?“ „Ja, das weiß ich! Der Gemahl dieſer Dame iſt ein alter Herr, der kein großes Vergnügen haben wird an der Schaar tan⸗ zender, blühender Kinder auf meinem Bilde; er wird ſagen: nein, meine Liebe, kaufe Dir lieber einen gemüthlichen, hiſtoriſchen Gegen⸗ ſtand, eine harmloſe Blume oder ein Thierſtück, oder einen jener nervenberuhigenden Sonnenuntergänge, wo man über wallende Kornfelder hinweg eine ſtille Dorfkirche ſieht mit einem allerliebſten Friedhof, ebenſo hübſch als einladend, für jenen alten Herrn näm⸗ lich, zu zwanzig Gulden inkluſive breitem vergoldetem Rahmen. Siehſt Du,“ rief er, heftiger werdend, aus, indem er ſeinen Stroh⸗ hut auf den Kopf warf, um ihn mit einem gelinden Klapps auf ſein dichtes krauſes Haar feſtzuſetzen,„das iſt mein gewöhnliches Pech! Konnte dieſe junge Dame nicht unverheirathet ſein, natür⸗ lich unabhängig— reich!“ „Aha,“ lachte Herr Schellenberger. „Konnte ſie nicht ſo großes Wohlgefallen an meinem Bilde haben, daß ſie es um jeden Preis beſitzen wollte?“ „Und vielleicht den Maler dazu?“ „Dummes Zeug— Du kennſt mich beſſer. Nein, ſie hätte mein Bild gekauft, ohne zu handeln wie jene verfluchten Kunſt⸗ händler, und ich wäre mit einer hübſchen Summe in der Hand wenigſtens für ein Jahr ein unabhängiger Menſch geweſen, hätte meinen Studien nachgehen können, Paris anſchauen, ja einen Blick nach Italien werfen und welches Material ſammeln für große, ſchöne Bilder!“ 46 Die Spuren eines Romans. „Haben denn die Andern den Kauf gänzlich von der Hand gewieſen?“ „Ja, und nicht ohne Beihülfe Deiner ſchlechten Photographie.“ „O— o— o—o! Du übertreibſt.“ „Sie ſchrieben mir, nach der Photographie ſei ihnen mein Bild doch nicht mehr ſo erſchienen, wie jene brillante Schilderung, die ſie in der Zeitung geleſen; wollte ich es aber trotzdem zur An⸗ ſicht ſchicken, ſo möge ich es thun— auf meine Koſten.“ „Ja, es iſt allerdings ſchade, daß dieſe Fremde nicht ſo un⸗ abhängig iſt, um das Bild ohne Weiteres anzukaufen. Es hat ſie in der That ſehr intereſſirt, und auch nach Dir, dem Künſtler, fragte ſie mit einer Theilnahme, die mich überraſchte.“ „Nun, das ſind Weiberlaunen,“ ſagte der Maler trotzig,„ſie hat eben einen uralten Mann.“ „Pfui, Arthur, Du biſt das verwöhnte Schooßkind—“ „Doch nicht des Glücks?“ „Nein, aber verrückter Weiber.“ „Pah! Deßhalb male ich auch ſchon lange keine weiblichen Porträts mehr——— Nun, was ſagte ſie denn ſo ungeheuer Theilnehmendes über mich?“ „Ich hätte ihr darüber faſt in's Geſicht gelacht. Sie fragte, wie lange Du verheirathet ſeiſt und ob Du hier im Hauſe wohnteſt. Natürlich haſt Du ihr in der Geſchwindigkeit, Gott weiß aus wel⸗ cher Laune, etwas Aehnliches vorgeſchwindelt, und da ich ein viel zu guter Menſch bin, um meine Freunde bloßzuſtellen, ſo über⸗ hörte ich geſchickt die erſte Frage, um die zweite der Wahrheit gemäß dahin zu beantworten, daß Du nicht im Hauſe wohnteſt; in Deine Kinder iſt ſie ganz verliebt.“ „Das glaube ich. Es ſind auch reizende Kinder und haben mir keine kleine Mühe gemacht.“ „Soll ich Dir Dein Bild morgen früh ſchicken?“ „Wie Du willſt, es iſt mir gleichgültig. Es iſt mir jetzt Die Spuren eines Romans. 47 Alles gleichgültig: meine Kunſt, meine Zukunft, mein Leben.— Sieh' dort,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, wie die Bergwand im Norden und Oſten golden aufflammt, wie die Fenſter der Land⸗ häuſer leuchten und blitzen, wie alles das, jeder Strauch, jeder Baum, jeder Stein, jedes Haus noch einmal wollüſtig aufzuathmen ſcheint unter dem letzten buhleriſchen Kuß dieſer Sonne, und doch täuſcht dieſer glühende Liebesblick uns Alle. Wir bleiben hier zurück in dunkler Nacht, während ſie wohlgemuth drüben mit gelben Indiern und grünen Chineſen weiter buhlt. Und darin iſt Eine wie die Andere.“ „Und Einer wie der Andere,“ erwiederte lachend der Photo⸗ graph;„ſei nicht ſo kleinmüthig und blicke nicht ſo ſchwarz; auch Dir wird des Glückes und der Liebe Sonne einſtens glänzend wie⸗ der aufgehen.“ „Ja, nach überſtandener langer, langer Nacht, wenn wir dar⸗ auf überhaupt noch einſtens erleben— gute Nacht!“ „Addio, Arthur.“ Dieſer verſchwand die Treppe hinab, doch eilte ihm der Andere nach bis an das Treppengeländer, um hinab zu rufen: „Hätteſt Du nicht Luſt, das Porträt der Fremden zu retouchiren? Sie müßte Dir dazu allerdings eine Sitzung bewilligen.“ „Nein, nein, das wäre mir zu gefährlich,“ lautete die Ant⸗ wort zurück. Der Photograph trat in das Atelier zurück und begann dort einige der Gegenſtände, die umherlagen, zuſammenzuräumen, auch die Maſchinen auf ihren Stativen gerade zu ſchrauben und ſie dann mit wollenen Tüchern zu verhängen. Dabei ſchüttelte er zuweilen mit dem Kopfe und murmelte vor ſich hin:„Dieſer Kerl, dieſer Arthur will mir gar nicht mehr gefallen; ſeine ewigen Lamenta⸗ tionen, ſeine ſo auffällig zur Schau getragene innere Zerriſſenheit, ſein Kokettiren mit ſchweren, ernſten Dingen, die man auf ſolche Art nicht einmal ſcherzweiſe erwähnen ſoll—— es wäre noth⸗ Die Spuren eines Romans. wendig, ihn einmal tüchtig in die Kur zu nehmen. Schade um ihn, ein ſo gutes Herz und Gemüth— ein ſo vortrefflicher Künſt⸗ ler.— Doch ich weiß ſchon, woher der Luftzug bläst, der ſeine Windfahne immer gen Norden dreht, nach den Schattenſeiten des Lebens; das iſt nichts als ſein Umgang mit jenem verrückten Mu⸗ ſiker, der verderbliche Einfluß, den jedes zerſtörte Gemüth auf dieſe offene, empfängliche Jünglingsſeele ausübt. Wenn ich ihn nur einmal davon abbringen könnte; und allerdings wäre es das beſte Mittel zu dem Zwecke geweſen, wenn er ſein Bild raſch verkauft hätte, um ihn auf die Eiſenbahn zu ſetzen und in die weite Welt zu ſchicken.“ „Doch was iſt das!“ unterbrach er plötzlich dieſes Selbſtgeſpräch ſowie den Strom ſeiner Gedanken——„was ſoll denn das heißen?“ Er war unterdeſſen in das kleine Nebengemach getreten, wo er ſeine Chemikalien aufbewahrte, ſtand vor dem Käſtchen mit den Giftfläſchchen, wo er unter bedeutſamem Kopfnicken bemerkte, daß eins dieſer Flacons abhanden gekommen war—„ah, der Teufel auch!“ fuhr er einen Augenblick nachdenkend fort,„hätte ich vielleicht das Ding mit hineingenommen, um etwas mit tieferem Schatten zu fixiren, oder hätte ich vorgehabt, damit die Höllen⸗ ſteinflecen von meinen Fingern wegzubringen— nein, nein! das Erſtere that ich nicht und für das zweite benutzte ich ſtets eine getrübte Auflöſung, die ſonſt zu nichts zu verwenden iſt. Wäre da ein Diebſtahl meiner Leute möglich oder ein ſchlechter Witz dieſes jungen Menſchen, dieſes Regnier? Nun, in allen Fällen wollen wir der Sache baldigſt auf die Spur kommen.— Es iſt wohl nicht ſo ſchlimm,“ ſagte er, jedes einzelne Fläſchchen genau unterſuchend, und ſetzte dann mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu, während er eine kleine Kaſſette verſchloß:„Vorſicht iſt bei allen Dingen gut und einen alten Fuchs, wie ich, fängt man nicht ſo leicht. Aber könnte es in der That jener extravagante junge Menſch geweſen ſein oder—— Da kommt mir wahrhaftig eine Die Spuren eines Romans. 49 andere Idee, die nicht ſo ganz ſchlecht iſt. Wenn jene Fremde ———— es itt allerdings auch nicht glaublich, aber als ich Arthur die Platte drinnen anſchauen ließ, ſah ich, wie ſie auf⸗ merkſam alle Gegenſtände betrachtete und wie ſie ſich mit der gleich⸗ gültigſten Miene von der Welt dieſem kleinen Magazine näherte. Holla, mein Fräulein, ſollten wir Abſichten auf eine hübſche Por⸗ tion Cyankali haben?“ Herr Schellenberger verſchloß hierauf Glashaus und Atelier ſorgfältig, nachdem er ſeine Leute, die hier oben beſchäftigt waren, entlaſſen, blickte noch einen Augenblick in das Gemach der Retou⸗ cheurs und plauderte dann im Erdgeſchoß bis zum Nachteſſen mit ſeiner Familie, welche aus einer gemüthlich ausſchauenden, dicken, gutmüthigen Frau beſtand, etwas proſaiſch und hausbacken in Kleidung und Manieren, ſowie aus zwei Kindern, deren Aeußeres aber durchaus nicht ſo war, als hätte man paſſend für ſie roman⸗ tiſche Namen ausgeſucht, wie Guido und Armida. Später begab ſich der Photograph noch in eine Geſellſchaft guter Freunde, nicht ohne vorher in der Wohnung Arthur Regnier's geweſen zu ſein. Obgleich der junge Künſtler ſelbſt ſich nicht zu Hauſe befand, ſo ſtand doch ſeine Wohnung, ein großes Zimmer im Erdgeſchoße des Gartenhauſes, wie gewöhnlich offen, und Herr Schellenberger konnte nach Belieben in Schubladen und Tiſchen, ja in den Rock⸗ taſchen der Sammetjuppe nachſuchen, ob ſich hier das Verdächtige, das er bisher vermißt, vorfände, und beruhigte es ihn, daß er nichts fand, denn bei dem Leichtſinn des jungen Künſtlers würde dieſer den Gegenſtand, um den es ſich handelte, gewiß ohne Wei⸗ teres zu anderen gleichgültigen Dingen gelegt haben.— „Das iſt doch ſeltſam,“ dachte Herr Schellenberger, als er ſpäter nach Hauſe ging und ihm die Geſchichte wieder in den Sinn kam;„könnte nicht das Flacon von einem meiner Leute, wenn auch in minder gefährlicherer Abſicht, entwendet worden ſein? Doch Hackländer's Werke. 50. Bd. 4 50 Die Spuren eines Romans. iſt das nicht gut möglich, denn ich weiß ſicher, daß Niemand von ihnen das Glashaus betreten.“ Der andere Morgen ſchien etwas Licht in die Sache bringen zu wollen, aber auf ſo eigenthümliche Art, daß Herr Schellenberger ſprachlos vor Erſtaunen war. Es erſchien nämlich eine gute Zeit vor den gewöhnlichen Beſuchs⸗ oder Sprechſtunden bei dem Photo⸗ graphen ein Mann in einem dunkelblauen, nicht ſehr eleganten Civilanzuge, mit der Haltung und den Manieren eines alten Mi⸗ litärs, einem etwas ſchäbigen Cylinder und weißen waſchledernen Handſchuhen, die bei den energiſchen Bewegungen, die der Mann zuweilen machte, ein wenig ſtaubten. Er that anfänglich ſo, als ſei er ein Liebhaber ausgezeichneter Photographieen und als hätte er wohl Luſt, ſich ebenfalls porträtiren zu laſſen, zu welchem Ende er auch nach den verſchiedenen Preiſen forſchte; doch war es dem Herrn Schellenberger leicht, dieſe etwas grobe Maske zu durch⸗ ſchauen und durchaus kein Erſtaunen zu verrathen, als der Mann nach einigen ſchwerfälligen Einleitungen auf eine junge Dame zu ſprechen kam, für die er ſich höchlich intereſſire und die geſtern Nachmittag zwiſchen vier und fünf Uhr hier geweſen ſein müſſe, gewiß in der Abſicht, ſich photographiren zu laſſen. Da nun Herr Schellenberger keine Urſache hatte, dieſe ſeine Kundſchaft zu ver⸗ leugnen, ſo holte er eine Kopie des betreffenden Porträts, welche der Mann ſogleich als die Dame erkannte, um welche es ſich handle, wobei er ſich und ſein Gewerbe aber dabei etwas leichtſinnig ver⸗ rieth, da er mit einem Lächeln der Befriedigung hinzufügte:„Wir wußten wohl, daß dieſe Perſon hier geweſen ſei, wir irren uns nie wir von der Polizei.“ „Ah, von der Polizei!“ entgegnete der Photograph und ſetzte hinzu, indem ſich ihm allerlei ſeltſame Gedanken aufdrängten, „darf man ſich wohl die Frage erlauben, inwiefern jene Dame oder jene Perſon, wie Sie ſie nannten, ſich mit der Polizei in Verbindung gedacht werden darf?“ * f Die Spuren eines Romans. 5 — „O gewiß, Sie dürfen ſich dieſe Frage erlauben, und da ich hoffe, daß Sie mit meinen Worten keinen Mißbrauch treiben, ſo will ich Ihnen nicht verſchweigen, daß wir es hier mit einer ſehr verdächtigen, ja wahrſcheinlich mit einer höchſt gefährlichen Perſon zu thun haben. Aber Amtsgeheimniß, wenn ich bitten darf. Ich ſage Ihnen dieß nur unter dem Siegel der größten Verſchwiegen⸗ heit, da ich Sie um die Gefälligkeit bitten muß, mir dieſes Porträt zu überlaſſen und eine Gefälligkeit der andern werth iſt.“ „Wiſſen Sie auch, daß es mich beunruhigt, was Sie eben ſagten,“ antwortete Herr Schellenberger mit den Zeichen größter Ueberraſchung, ja eines ſchmerzlichen Erſtaunens.„Wiſſen Sie auch, daß ich die Dame für eine ſehr anſtändige Dame gehalten habe, daß ich ſie aber nach dem, was ich von Ihnen, von der Polizei, die ſich nie irrt, ſoeben erfahren, verdächtigen muß, hier aus meinem Atelier etwas entwendet zu haben?“ „Geldeswerth?“ „O nein, Schlimmeres als das: ein Fläſchchen mit einem ſehr gefährlichen Giftſtoffe.“ 3 „Sehen Sie wohl— o, der Herr Stadtrath Schmetterer iſt ein Mann von einem ungeheuren Scharfblick; ich werde ihm mit. dem, was ich zu melden habe, ſowie mit Ueberreichung dieſes Por⸗ traits eine außerordentliche Freude machen.“ „Laſſen Sie es mir einen Augenblick zu einem meiner Retou⸗ cheure hinunternehmen, um den Augen einige leuchtende Punkte beizufügen, es überhaupt ein wenig herzurichten, und Sie werden ſehen, wie es noch ähnlicher wird und hübſch, denn es iſt das ein ſchöner Kopf. ‚Schade um dieſen Kopf, wie es in irgend einem Trauerſpiele heißt,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„ich ſchenke ihn Dire; damit iſt nämlich in dieſem Trauerſpiele der Scharfrichter gemeint.“ „Erlauben Sie mir, ſoweit ſind wir noch nicht,“ erwiederte der Mann mit einigem Erſtaunen.„Sie haben in mir keinen Scharfrichter vor ſich, ſondern den geheimen Poliziſten Schmauder.“ Die Spuren eines Romans. „Bitte ſehr um Entſchuldigung, es war das nur eine poetiſche Lizenz,“ erwiederte Herr Schellenberger. Damit ging er fort, um das Bild etwas retouchiren zu laſſen, ſowie die übrigen Abdrücke zu beſchleunigen und die Verkleinerung im Viſitenformat zugleich machen zu laſſen, denn er dachte, wenn das in der That etwas Gefährliches, etwas Verbrecheriſches iſt, ſo wird die Nachfrage dar⸗ nach ungeheuer ſein. Endlich brachte er das Porträt wieder, nach⸗ dem ein geſchickter Retoucheur das Möglichſte geleiſtet und in der That einen lieblichen Kopf mit einer wunderbaren Aehnlichkeit her⸗ geſtellt hatte.„Iſt das nicht hübſch?“ fragte er den Mann. „Leider ja, es iſt das ein Frauenzimmer zum Anbeißen.“ „Und die Figur erſt, wie ſie auf dem großen Porträt zu ſehen iſt. Ich habe dieß hier zuſammenſchneiden und abrunden laſſen, damit Sie es bequem in die Taſche ſtecken können. Bitte, mich dem Herrn Stadtrath Schmetterer zu empfehlen; er kann ſich meines Stillſchweigens verſichert halten, doch laſſe ich ihn dringend erſuchen, mir über dieſen Fall weitere Mittheilungen machen zu wollen.“ „Werde nicht verfehlen, dieß zu melden und habe die Ehre, mich gehorſamſt zu empfehlen.“ Damit ging der Mann fort und ſetzte auf der Straße ſeinen Cylinder auf, nachdem er in dem⸗ ſelben das Porträt gut in Papier eingewickelt verwahrt hatte. Ob⸗ gleich er ſich geraden Wegs zur ſtädtiſchen Polizei begab, konnte er es doch nicht vermeiden, in der gewiſſen Straße an dem gewiſſen Parterrelogis vorüberzugehen und dort auf dringende Anfragen merken zu laſſen, daß es ſich bei der Fremden geſtern um etwas ganz Beſonderes handle—„um etwas ganz Beſonderes, wir haben ſie ſo gut wie ſicher!“ Dabei klopfte er leicht an ſeinen Cylinder, eine Bewegung, welche aber für die brave Büglerin mit ihren ſechs erwachſenen Töchtern vorderhand noch unverſtändlich blieb. — Die Spuren eines Romans. 53 VII. Der Stadtrath Schmetterer nahm den Bericht ſeines Unter⸗ gebenen mit großer Befriedigung entgegen. Hatte er ſich doch nicht getäuſcht in dieſer gefährlichen Perſon—„höchſt gefährlich,“ dachte er, nachdem er mit einem eigenthümlichen Schmunzeln dieß liebliche Geſicht eine Zeitlang betrachtet. Der Bericht des geheimen Poliziſten war allerdings ein wenig gefärbt, wich aber doch nicht gar zu ſehr von der Wahrheit ab, vielleicht nur darin, daß die verdächtige Fremde dringend nach einem Landhauſe geforſcht, welches einſam vor der Stadt liege und in dem ſich ein gefälliger Photograph befände. Als er aber von dem entwendeten Flacon ſprach, da entfärbte ſich der Stadtrath und überlegte, im Zimmer auf und ab ſchreitend, geſenkten Hauptes, die Hände auf dem Rücken zuſammengelegt, ob es nicht räthlich, ja dringend geboten ſei, die gefährliche Fremde ſogleich zu verhaften. Dazu aber mochte Herr Schmauder vorderhand denn doch nicht rathen und hielt es für genügend, die junge Dame, welche ſich ja in ihrer Wohnung im Hotel du Nord für vollkommen geſichert und für gänzlich unverfänglich hielt, ſtrengſtens zu über⸗ wachen. Der Chef der Polizei erklärte ſich nach einigem Beſinnen da⸗ mit einverſtanden und war gerade im Begriff, das Porträt der Fremden zu den Akten zu nehmen, als er, durch einen raſch ein⸗ tretenden Kollegen daran verhindert, die Photographie, um ſie deſſen Neugierde zu entziehen, in die Taſche ſeines Rockes ſteckte. Daß er ſie hier vorläufig vergaß, war die Schuld eben jenes Kollegen, der ihn ſchleunigſt zu einer Sitzung der Bauabtheilung mit hinunter nahm, um Theil zu nehmen an einer höchſt wichtigen Sitzung, die einen alten, längſt ſchon ſchadhaften Rathhausſchornſtein betraf, von dem man geglaubt, er werde ſo freundlich ſein, auf einen öden Hof herunter zu ſtürzen, der nun aber plötzlich Miene machte, 54 Die Spuren eines Romans. auf den Marktplatz herab zu fallen; ein unvorhergeſehenes Ereig⸗ niß, welches die Väter der Stadt in große Verlegenheit ſetzte. Dieſe wichtige Sitzung dauerte denn auch ſo ungebührlich lange, daß die Frau Stadträthin Schmetterer mit ſehr aufrechtem Haupte und deßhalb auch mit ſehr erhobener Naſe volle zwanzig Minuten lang am Fenſter ſtand und vergeblich nach dem Gatten ausſchaute, ja merkwürdiger Weiſe ganz vergeblich, denn Herr Schmetterer, wenn er in der Sitzung geweſen wäre, hätte ſchon am Ende der langen Straße, welche die Stadträthin überſchauen konnte, ſichtbar werden müſſen, wogegen er jetzt auf einmal unvermuthet in's Zimmer trat, etwas athemlos, etwas ſehr erhitzt, unter dem nichtigen Vorwande, er ſei vom Stadtſchultheißen nach der lange dauernden Sitzung veranlaßt worden, mit ihm bei deſſen Hauſe vorüberzugehen. „Ei, Schmetterer,“ ſagte die Stadträthin etwas pikirt,„das klingt doch ſehr ſonderbar, doch reden wir jetzt nicht weiter darüber, die Kinder wollen ihr Mittageſſen— willſt Du denn nicht Deinen Hausrock anziehen?“ „Gewiß, o ja“— doch blieb ihm die Wiederholung der letzten Sylbe in der Kehle ſtecken, denn als er ſchon Miene machte, ſeinen Rock abzuwerfen, fühlte er das dicke Papier jenes Porträts in der Taſche deſſelben. Zu jeder andern Zeit würde er vielleicht nun nicht gezögert haben, die Geſchichte desſelben preiszugeben, und es wäre klug geweſen, wenn er das jetzt auch noch gethan hätte, trotz der hoch emporgezogenen Augenbrauen der Madame Schmetterer, trotz den untrüglichen Anzeichen eines heranziehenden Gewitters in ihren grauen Augen, trotz eines gelinden Trommelns ihrer rechten Hand auf dem Tiſchtuche, welches wie ferner Donner klang— ja, trotz alledem und alledem, wenn es nicht für jeden Menſchen Augenblicke gäbe, wo ein tückiſcher Dämon uns zu ver⸗ hindern ſcheint, das Einfachſte und Klügſte zu thun. Er aber begab ſich mit ſeinem Rock in die Ecke des Zimmers Die Spuren eines Romans. 55⁵ und legte ihn dort, wie einen koſtbaren Schatz, auf den Stuhl, alles das gegen ſeine ſonſtigen Gewohnheiten ganz unnatürlich und dadurch im höchſten Grade Verdacht erregend. Das Mittageſſen ging indeſſen in ungetrübter Ruhe vorüber, doch nicht ohne verdächtiges Wetterleuchten, nicht ohne das An⸗ klingen einer Kriegsfanfare hier und da, was allerdings nur für den Eingeweihten verſtändlich war. Bemerkungen, wie z. B., daß man ja nie gezweifelt habe an dieſen langen Stadtrathsſitzungen, daß dieſe nebenbei auch eine außerordentlich geſchickte Ausrede für angenehmere Beſchäftigung ſei, daß es natürlich wäre, ſich durch Spaziergänge in guter Geſellſchaft für die harten Arbeitsſtunden in und außer dem Hauſe zu entſchädigen, daß man überhaupt noch zufrieden ſein müſſe, wenn man ſich hie und da erinnere, daß man nicht mehr ledig ſei, ſondern daß man Frau und Kinder habe. Dieß folgte allerdings nicht ſo nacheinander, wie wir es hier nie⸗ dergeſchrieben, ſondern wurde gereicht wie eine gute Medizin, alle zehn Minuten einen Theelöffel voll, war aber, ſo genoſſen, auch von großer Wirkung, denn es trieb dem guten Stadtrath bei ein⸗ gemachtem Kalbfleiſch den Schweiß auf die Stirn, als verzehre er eine ſehr pikante Paprikaſpeiſe. Am unangenehmſten, ja von wahr⸗ haft haarſträubender Wirkung war es für den armen Schmetterer, daß ſeine Gattin dabei mit einem unverkennbaren Ausdruck von Mißtrauen in dem Blicke zuweilen ihre knöcherne Naſe offenbar mit Oſtentation nach jenem Stuhle hinlenkte, wo der Rock des Hausherrn ſo hübſch zuſammengefaltet lag. Endlich war das Mit⸗ tageſſen beendigt und die drei Buben des Stadtraths ſtürzten mit noch kauenden Backen auf ihre Schulranzen, um dieſe leicht auf die Schulter zu ſchwingen und dann wieder ins wilde, feindliche Leben hinauszuſtürmen.“ „Und nun, Chriſtian?“ „Ja, meine Liebe, es war in der That eine langwierige und höchſt ermüdende Sitzung, es war die ſchon ſo oft angeregte Schorn⸗ Die Spuren eines Romans. ſteinfrage, welche dem Stadtrath viel zu ſchaffen macht. Da oben hinauf ein Gerüſt zu machen, um ihn abzureißen, iſt höchſt koſt⸗ ſpielig; man vertraute auf das gute Glück der Stadt und hatte bis heute die Hoffnung, daß der alte Schornſtein ungefährlich in jenen öden Hof hinabſtürzen würde, wo die Baumaterialien liegen, aber er ſcheint ſich den Henker um einen Gemeinderathsbeſchluß zu bekümmern, dieſer eigenſinnige Schornſtein!“ ſetzte Herr Schmetterer in einem Anflug von Galgenhumor hinzu, da er bemerkte, wie ſeine ſorgſame Gattin aufſtand, ſich mit einer Bürſte bewaffnete und dem Rock ihres Gemahls näherte. Jetzt war es zu ſpät, ſelbſt in geflügeltſter Eile das an ſich ſo unſchuldige Abenteuer mit der jungen, fremden und leider ſo hübſchen Dame der Wahrheit gemäß zu erzählen. Hätte er es früher gethan, wäre es klüger geweſen, doch, wie ſchon oben be⸗ merkt, das unerbittliche Schickſal rief ſein hartes„Zu ſpät!“ Jetzt, beim leichten Herabſtreifen mit der Bürſte hatte Madame Schmet⸗ terer etwas Hartes in der Bruſttaſche des Kleidungsſtückes bemerkt, und damit dieſes Etwas nicht verdorben werde, nur aus dieſem Grunde nahm ſie es hervor, warf einen Blick darauf und reichte es dem Sladtrath, dieſem argen Sünder, mit einem Blicke dar, von dem wir wünſchen, geneigter Leſer, daß Dir in gleicher Lage nie ein ähnlicher zu Theil werden möge. Das war wieder eine jener räthſelhaften, unerklärlichen Schick⸗ ſalsfügungen, wo an ſich unbedeutende Umſtände zuſammentrafen, um eine unſchuldige Seele, anſcheinend aus den überzeugendſten Gründen, zu verdammen, um einen Juſtizmord, wenn auch nicht zu entſchuldigen, ſo doch erklärlich zu finden. Nehmt ein Beiſpiel daran, gute Leſerinnen, denkt nicht gleich das Schlimmſte, wenn auch der, welcher eurem Herzen das Theuerſte iſt, länger als euch nothwendig erſcheint, in einer Gemeinderaths⸗ oder ſonſtigen Sitzung verharrt, ja, wenn er auf einem andern Wege, als von euch er⸗ wartet, nach Hauſe zurückkehrt, ja, wenn ihm eure Kreuzfragen Die Spuren eines Romans. 57 über das Woher und Warum eine noch ſo verdächtige Röthe in's Geſicht treibt: brecht nie voreilig den Stab über ihn, ſelbſt wenn in der Bruſttaſche ſeines Rockes Photographieen euch unbekannter ſchöner junger Damen ſich finden. Adelgunde, welche, allerdings ſelbſt ohne Verſchulden, all' dieſes Unheil angerichtet, Adelgunde ſaß am Nachmittag deſſelben Tages — den Morgen hatte ſie mit ihren Korreſpondenzen und ſonſtigen kleinen Angelegenheiten verbracht— in einem bequemen Fauteuil am Fenſter ihres Zimmers im Gaſthofe, von wo ſie eine prächtige Ausſicht auf die grünen Berge hatte, und las in einem Briefe, den ihr ſo eben der Poſtbote gebracht. Es war ein Schreiben ihres Oheims und Vormundes, der ihr mit liebevollen Worten ſchrieb, wie begreiflich es ſei, daß ſie ſich in der freundlichen Stadt, wo ſie ſich gerade befände, einige Tage verweilen wolle.„Für den Fall,“ ſchrieb er,„daß Du lange Weile empfändeſt und Geſellſchaft wün⸗ ſcheſt, findeſt Du hier einen Brief an einen meiner dortigen Be⸗ kannten, der ſich über Deinen Beſuch ſehr freuen und Dir beſtens die Honneurs ſeines Hauſes und der Stadt machen wird.“ Adelgunde ſchüttelte leicht mit dem Kopfe.„Warum ſoll ich mir eine Feſſel anhängen?“ dachte ſie,„da ich es ſogar behaglich finde, wie der freie Falke in der Luft zu ſchweben, um mich dort niederzulaſſen, wo ich etwas Intereſſantes ſehe. Nein, nein, ich kenne dieſe Empfehlungsſchreiben, entweder ſchüttelt jener gute Freund meines Onkels die Laſt einer ſolchen, oft ſehr unange⸗ nehmen Empfehlung dadurch ab, daß er mir ein Diner gibt, oder gefällt ihm wirklich die Empfohlene— was ja wohl möglich wäre, ſo bietet er mir vielleicht ſein Haus zur Wohnung an, und dann bin ich am Ende mit meinen weiteren Forſchungen, was doch ſchade wäre,“ ſetzte ſie mit einem träumeriſchen Blicke hinzu,„denn ich darf es mir wohl ſelbſt geſtehen, daß ich ein mehr als gewöhnliches Intereſſe fühle für jenen jungen Maler, deſſen Fabel, daß er ver⸗ heirathet und auch im andern Sinne der Vater jener reizenden Die Spuren eines Romans. 58 Kinderſchaar ſei, zu leicht zu durchſchauen iſt. Nein, nein, ich will mir das Vergnügen machen, noch ein klein wenig die Spuren jenes Romans zu verfolgen und deßhalb dieſen Empfehlungsbrief zu den Akten legen— wie heißt er denn, der alte, würdige Freund meines Oheims—„Baron Fremming auf——— Buchenhof.“ „Auf Buchenhof!“ Sie ſprang ſo haſtig von ihrem Fauteuil in die Höhe, daß ihre alte Kammerfrau, welche an dem andern Fenſter mit einer Arbeit beſchäftigt ſaß, ein wenig zuſammenſchrack und aufſchaute— auf Buchenhof! Adelgunde nahm haſtig das bewußte Buch vom Tiſche, blätterte ein paar Sekunden darin und las dann halblaut folgende Stelle: „Ja, verehrter Leſer, es ſchmerzt uns, Dir nicht den Namen jener Stadt angeben zu können, wo unſere wahrhaftige Geſchichte ſpielt; Dir nicht die Straße bezeichnen zu dürfen, auf welcher Du zu jenem ſchönen Landhauſe Buchenhof gelangſt, wo jenes kalte, herzloſe Ungeheuer noch wohnt, welches ſo verderblich in das Leben der unglücklichen Magdalene eingriff, jener vertrocknete, hagere Geld⸗ menſch, mit dem Schnee des Alters auf dem Haupte und trotz alledem mit der wilden, alles verzehrenden Glut im Herzen...“ Welcher Zufall, welches Zuſammentreffen! Wie intereſſant erſchien ihr jetzt dieſer Empfehlungsbrief, wenn ſie auch weit ent⸗ fernt davon war, ſogleich Gebrauch von demſelben machen zu wollen— alſo wieder ein Faden, der ſich ihr ſo plötzlich darbot, um jene Spuren zu verfolgen. Alſo wieder ein Ring dieſer ge⸗ heimnißvollen und für ſie ſo intereſſanten Kette. Ja, ſie zweifelte jetzt nicht mehr im Geringſten daran, daß ſie ſich auf dem Schau⸗ platze dieſes Romans befand und daß die Figuren deſſelben aus dem Leben gegriffen waren, heute noch hier lebten und wandelten, und in dieſem Falle war es ja auch möglich, den kleinen verſteckten Garten mit der Wohnung des Muſikers aufzufinden, für ſie der Mittelpunkt all' dieſer merkwürdigen und reizenden Begebenheiten. Sie hatte jene Stelle, den Bewohner des Buchenhofs betreffend, Die Spuren eines Romans. 59 raſch noch einmal durchgeleſen und dabei ein Klopfen an die Thüre ihres Vorzimmers überhört: doch hatte ihre Kammerfrau geöffnet und meldete eine Büglerin, welche ſie hatte holen laſſen. Dieſe trat denn auch in's Zimmer, einen Knix vor der fremden Dame machend, obgleich dieſe, gegen das Fenſter gekehrt, ihr den Rücken zuwandte. Doch drehte ſich Adelgunde ſogleich herum, fuhr aber leicht zuſammen, als ſie bemerkte, wie ſie von der ihr gänzlich un⸗ bekannten Frau mit weit aufgeriſſenen Augen und mit Blicken des höchſten Schreckens betrachtet wurde. Dem geneigten Leſer ſind wir hier die Erklärung ſchuldig, daß die brave Büglerin ganz zufällig ſoeben einer etwas ſtarken Familienſcene im Hauſe des Herrn Stadtrath Schmetterer bei⸗ gewohnt und hierauf, nachdem dem Schuldigen erlaubt worden, ſich zu entfernen, von der entrüſteten Gattin deſſelben in die ent⸗ ſetzlichen Vorfälle eingeweiht worden war. War es doch ſo begreif⸗ lich, daß die Stadträthin auch bei dieſer Veranlaſſung ihr volles Herz in den Buſen der getreuen Büglerin ausſchüttete, hatte dieſe ſich doch ſchon bei ähnlichen ſchweren Veranlaſſungen treu wie Gold bewährt; war ſie doch in alle Geheimniſſe ihrer weiblichen Kunden eingeweiht und kannte man ſie doch als ein unbeſtechliches Gemüth, als klug im Rathe und als ſo verſchwiegen, wie man ſelber war; machte ſie doch nie den geringſten Verſuch, das ſchändliche Treiben junger und alter Männerwelt zu beſchönigen: im Gegentheil! Nie⸗ mand wie ſie verſtand es, an ſich oft unzuſammenhängenden Klei⸗ nigkeiten, aus Blicken, Worten bei zufälligen Begegnungen ein ſo wahres Schaudergemälde männlicher Verworfenheit zuſammen⸗ zuſetzen! Und wie verſtand ſie es, unerklärliche Lücken auszufüllen! So auch hier wieder, während die Stadträthin, die Photographie dieſes entſetzlichen, ſchönen Frauenzimmers in hoch erhobener Hand ſchwingend, im Zimmer auf und ab raste. Hatte ſie doch ſchon geſtern nicht daran gezweifelt, daß etwas unſauber in dieſer Ge⸗ ſchichte ſei. Als der Stadtrath nämlich im langſamſten Schritt, 60 Die Spuren eines Romans. oft ſtehen bleibend, ſich häufig umſchauend, ſcheu ſeiner Kanzlei zu⸗ ſchlich..... „O ja, ſcheu, mit ängſtlichem Geſichte, ſchleichend, wie ein böſes Gewiſſen, das iſt der richtige Ausdruck,“ ſchaltete Madame Schmetterer ein,„o, ich kenne das!“ „Sie wiſſen, daß ich nie übertreibe, aber ich würde glauben, meinem Gewiſſen nichts Unrechtes aufzubürden, wenn ich die Be⸗ hauptung wagte, daß dieſe junge, verdächtige Perſon Miene gemacht, dem Herrn Stadtrath auf die Kanzlei zu folgen, und daß das nur verhindert wurde durch den guten Schmauder, der ſich zufällig auf dem Hausflur des Kanzleigebäudes befand. „Ich traue ſonſt dieſem Schmauder nicht um die nächſte Ecke,“ ſagte die Stadträthin mit großer Entſchiedenheit,„und auch hier in dieſer garſtigen Geſchichte hat er ſich natürlicherweiſe ganz bereit⸗ willig hergegeben, den Spion und Zwiſchenträger zu machen. Er hat ausgekundſchaftet, daß dieſe Perſon zu einem Photographen gegangen iſt, er hat dieſes Bildniß herbeigeſchafft— natürlich Alles zu Polizeizwecken!“ Dieß betonte Madame Schmetterer mit einem krampfhaften Lachen und einem Ausſtrecken des rechten Arms gegen das Nebenzimmer:„So hat Er mich wenigſtens glauben machen wollen und hat das Märchen noch hinzugefügt, die Fremde ſei bei dem Photographen in den Verdacht gekommen, eine große Flaſche mit Gift geſtohlen zu haben. Kann man wohl ſolche Dummheiten glauben?“ Nun aber war die Büglerin eine Frau, Alles zu glauben fähig, wo es ſich um einen Skandal oder ſonſt etwas Unerhörtes handelte, was ſie mit Effekt weiter erzählen konnte. So würde ſie ſich zum Beiſpiel nicht geſcheut haben, weiter zu berichten, daß der Hauptpaſtor der Stadtkirche neulich den Teufel auf offener Haide gefangen, ſondern ſie hätte wahrſcheinlich noch hinzugefügt, daß er ihm bei dieſer Gelegenheit den Schwanz abgetreten hätte. Deßhalb verſtehen wir es auch, daß ſie jetzt mit einem Ausdruck — Die Spuren eines Romans. 61 des Entſetzens ihre beiden Hände emporhob und ausrief:„Ach, Frau Stadträthin, daran kann doch viel Wahres ſein. Glauben Sie mir, es gibt ſolche entſetzliche Frauenzimmer, die nicht nur auf Verführungen aller Art ausgehen, ſondern welche unglückſelige Menſchenkinder, die in ihr Netz gegangen, durch Gift oder Dolch zu beſeitigen pflegen. Ach, welcher Gefahr iſt der gute Herr Stadt⸗ rath entgangen!“ VIII. Nach dieſer kleinen Abſchweifung wollen wir in's Hotel du Nord zurückkehren und wird der geneigte Leſer den Schrecken der guten Büglerin begreiflich finden, als ſie hier, nichts Böſes ahnend, ſich mit einem Male dieſer gefährlichen Perſon und fürchterlichen Giftmiſcherin gegenüberſah. Dieſer Schrecken zeigte ſich nicht nur auf ihrem Geſicht, ſondern auch ſo ſtark im Schwanken ihres Kör⸗ pers, ja im Greifen nach einer Stuhllehne, daß Adelgunde ſie erſuchte, niederzuſitzen und ſich mitleidig erkundigte, ob ſie häufig ſolchen Anfällen unterworfen ſei. „O— nein— o— nein—“ ſtotterte die Büglerin und ſetzte, tief aufathmend, hinzu:„Es iſt das nur ein kleiner Schwin⸗ del, der mich bei der Hitze zuweilen überfällt und— es iſt ſehr heiß draußen.“ „So ſetzen Sie ſich und ruhen Sie aus, ich werde Ihnen etwas Vortreffliches gegen den Schwindel geben, ich führe immer dergleichen in meiner kleinen Reiſeapotheke bei mir.“ „O— nein, o— nein, ich danke Ihnen, es geht ſchon vorüber, ich danke Ihnen wirklich.“ „Nehmen Sie doch ein paar Tropfen auf Zucker aus dieſem Flacon, es wird Ihnen gewiß gut thun.“ 62 Die Spuren eines Romans. „O nein— wirklich, ich danke Ihnen, ich darf durchaus nichts dergleichen nehmen und es iſt mir auch ſchon beſſer.“ „So ſetzen Sie ſich wenigſtens und ruhen Sie aus, Sie ſind ſo haſtig gegangen; Sophie, geben Sie ein Glas Waſſer, die gute Frau ſieht wirklich ganz blaß aus.“ „Für ein Glas Waſſer bin ich dankbar, und wenn Sie mir erlauben, ſetze ich mich noch ein wenig.—— Sie haben mich rufen laſſen.“ „Ja, meine Kammerfrau wird Ihnen Einiges zum Ausbügeln mitgeben.“ „Ja, wenn die gnädige Frau nicht gar zu eilig damit ſind!“ Sie ſagte das nicht ohne Abſicht, die gute Büglerin. „Durchaus nicht, ich gebe Ihnen gerne zwei Tage Zeit; es ſind feine Chemiſetten, Krägen und Aermel, die man mir auf dem Lande, wohin ich gehe, nicht ſorgfältig genug herrichten kann.— Sie haben wohl ſehr viel zu thun?“ „O, ja, ich habe eine große Kundſchaft, bin aber dabei unter⸗ ſtützt von einigen erwachſenen Töchtern.“ „Sie kommen in viele Häuſer und kennen wohl alle Verhält⸗ niſſe der Stadt?“ „Viele wenigſtens, doch iſt die Stadt ziemlich groß.“ „Kennen Sie den Herrn Stadtrath Schmetterer?“ „—— O— ja, oberflächlich.“ „Ein Mann voll Witz, Geiſt und Humor, nicht wahr?“ „O— ja.“ „Er iſt verheirathet?“ „O ja, ſehr; die Frau Stadträthin iſt eine brave, biedere, herrliche Frau.“ „Das freut mich in der That,“ erwiederte Adelgunde nach⸗ denkend,„ich würde gern die nähere Bekanntſchaft des Herrn Stadt⸗ raths machen.“ Die gute Büglerin dachte:„Das wiſſen wir bereits, doch Die Spuren eines Romans. 63 wollen wir Dir dieſen Weg ſchon verlegen; was das Kanzleigebäude anbelangt, ſo ſind wir da, ich und meine ſechs Töchter, ſowie gegenüber die verwittwete Majorin, und zu Haus iſt eine höhere Behörde, welche ihr Zimmer rein zu halten verſteht, und nur über deren Leiche hinweg, wie wir bereits wiſſen, allenfalls geſündigt werden könnte.“ „Ich kann Ihnen gar nicht ſagen,“ fuhr Adelgunde arglos fort,„wie ſehr mich Ihre freundliche Stadt intereſſirt. Das herr⸗ liche Thal mit Reben und Obſtbäumen aller Art iſt einer reichen Fruchtſchale vergleichbar, und welch' entzückende Ausſicht hat man auf die hübſchen Straßen, ſobald man zu einer von jenen Höhen emporgeſtiegen iſt, und—— was ich ganz beſonders liebe, das iſt in der Stadt die intereſſante Miſchung von alter und neuer Zeit. Sieht man doch neben den ſchönſten Gebäuden im neueſten Styl ſo prächtige alterthümliche Häuſer.“ „O ja, das Alterthum iſt bei uns ſtark vertreten,“ erwiederte die Büglerin, um doch auch etwas zu ſagen. Sie hätte um alles in der Welt vor dieſer Fremden nicht für blöde oder gar für furchtſam gehalten werden mögen. „Da habe ich geſtern, als ich durch die Stadt ging, in einer engen Straße am Markt— ſie nimmt dort ihren Anfang— einen kleinen, allerdings etwas verwilderten Platz bemerkt. Es ſteht in demſelben ein zerbrochener Brunnen mit einer Ritterfigur, ſo paſſend zu der alten, hohen und ſchadhaften Giebelwand des Hauſes, welches ſich am Ende jenes Hofes erhebt; doch iſt es gerade dieſes Ruinenhafte, das mich entzückte und mich hier längere Zeit betrachtend feſthielt. Kennen Sie dieſes Haus, meine liebe Frau?“ „O ja, ich kenne es; das heißt ich kann mir denken, welches Haus Ew. Gnaden meinen.“ „Haben Sie Bekannte in dem Hauſe?“ „O nein, gewiß nicht,“ verſetzte die brave Büglerin mit einem 64 Die Spuren eines Romans. unverkennbaren Anfluge ſittlicher Entrüſtung in ihren Mienen, wovon indeſſen Adelgunde nichts bemerkte, da ſie gerade zufälliger Weiſe die Stelle in jenem Buche aufgeſchlagen hatte, wo der kleine Platz mit der alten Ritterfigur und das alte Haus mit dem ver⸗ ſchnörkelten Giebeldache auf’s Genaueſte beſchrieben war. „Das Haus muß im Innern ſehr intereſſant ſein; ich möchte es mir wohl einmal anſehen; ſchade, daß Sie, meine gute Frau, dort keine Bekannten haben, ſonſt würde ich Sie gebeten haben, mich hinzuführen.“ Wenn ſchon die Zumuthung, eine Fremde, und gerade dieſe Fremde in das alte Haus zu führen, welches die Büglerin wohl kannte, finſtere Wolken auf ihre Stirne trieb, ſo war die von Adelgunde ſchon einige Male gebrauchte Anrede:„Meine liebe Frau!“ nicht dazu angethan, um ihre Miene zu erheitern, denn die Büglerin war gewohnt, ſich„Madame“ nennen zu hören, und zwar Madame Bröſelich— ſo war ihr ehrlicher, unbeſcholtener Name— ſo ſtand ſie im Adreßkalender— und zwar als Wittwe eines fürſtlichen Leiblakaien. Sie erhob ſich nun von ihrem Sitz, und ſagte in ſpitzem Tone, ſie bedaure ſehr, der gnädigen Frau mit nichts Anderem dienen zu können— und dieß„Anderem“ betonte ſie ſehr ſcharf— als mit dem, was zu ihrem Geſchäfte gehöre und in welcher Richtung ſie die Befehle der gnädigen Frau erwarte. Die Kammerfrau hatte indeſſen das Nöthige zuſammengerichtet und legte es der Madame Bröſelich vor, die ſich hierauf mit einem ſehr ſteifen Knixe und der Verſicherung empfahl, ſie werde die Wäſche übermorgen früh um dieſelbe Stunde zurückſchicken. Da⸗ mit ging ſie, konnte ſich aber auf dem erſten Abſatze der Treppe nicht enthalten, den Inhalt ihres Korbes zu betrachten, faſt in der Vorausſetzung, ziemlich gewöhnliches Zeug zu finden, erſtaunte aber, als ſie Alles von einer Feinheit, einem Geſchmacke, einer Eleganz ſah, wie es ſelbſt ihre vornehmſten Kunden, die Frau eines reichen Die Spuren eines Romans. 65 Bankiers und die Tochter einer verwittweten Miniſterin, nicht auf⸗ zuweiſen hatten. Da waren alte Guipures der prachtvollſten Zeichnung und brüſſeler Spitzen ſo breit, ſo fein und ſo reich, daß ſie förmlich davor erſchrak und ſich nur mit dem Gedanken tröſtete, daß dergleichen Frauenzimmer häufig die koſtbarſten Sachen beſäßen. Adelgunde aber wollte, nachdem ſie gefrühſtückt, den ſchönen, milden Frühlingstag zu einem Spaziergang benützen, und da der blondgelockte Kellner beim Abräumen des Service einen der Lohn⸗ diener des Hauſes als etwas ganz Ausgezeichnetes anpries, ſo be⸗ ſchloß ſie, ſich deſſen Leitung anzuvertrauen, um die Merkwürdig⸗ keiten der Stadt, das heißt was ſie unter Merkwürdigkeit verſtand, zu betrachten. Aus dieſem Grunde erſuchte ſie dann auch den aus⸗ gezeichneten Lohnbedienten, ihr in einiger Entfernung zu folgen, um nur, wo das allenfalls nöthig ſei, ſeine Dienſte in Anſpruch zu nehmen. So ging ſie wie geſtern dieſelbe Straße hinauf, in paſſender Entfernung gefolgt von dem Lohnbedienten, zu dem ſich aber nach wenigen Schritten ein Bekannter geſellt hatte und zwar Herr Schmauder, heute wieder im harmloſen Civilrock, ſeinen hohen Cylinder auf dem Kopfe. Wohin Adelgunde ihre Schritte lenkte, iſt wohl nicht ſchwer zu errathen. Es zog ſie nach dem alten Hauſe, in welchem die un⸗ glückliche Magdalene gelebt, geliebt und gelitten; vielleicht daß es mög⸗ lich war, im Vorbeigehen den philoſophiſchen Schuſter zu ſehen, doch war das Nebenſache. Jetzt ſtand ſie an dem kleinen Platz mit der alten Ritterfigur, und als ſie hier, aufmerkſam umherſchauend, ſtehen blieb, näherte ſich der ausgezeichnete Lohnbediente, um ihr zu erklären, die Statue dort oben aus dem Ende des ſechzehnten Jahrhunderts ſtelle den Ritter Kaſpar Kurt Froſch von Froſchberg vor, welcher Schirmherr der Stadt geweſen und dort in dem alten Hauſe mit dem verſchnörkelten Giebeldache gehaust habe. „ Sehr intereſſant,“ meinte die junge Dame,„ich möchte wohl Hackländer's Werke. 50. Bd. 5 64—— 66 Die Spuren eines Romans. das Innere dieſes Hauſes betrachten. Es hat gewiß ſehr merkwür⸗ dige Treppen, Gänge und weite Wohngemächer?“ „Des Letzteren wenig,“ antwortete der Lohnbediente.„Das Haus iſt ſeit langer Zeit Eigenthum der Stadt und zu Wohnungen für ärmere Familien eingerichtet.“ „Kennen Sie von dieſen Familien?“ „Hm— ja— was man ſo kennen nennt, das heißt es ſind mir einige Namen derſelben erinnerlich; ich komme ſelten oder nur bei ganz beſonderen Veranlaſſungen in dieſes alte Haus.“ „Es iſt doch erlaubt, daſſelbe anzuſehen?“ „Erlaubt wohl, aber kaum der Mühe werth. Wenn Ew. Gnaden wollen, ſo können wir durch das Gebäude gehen, um es von der Rückſeite zu betrachten. Es iſt da noch ein Erker der ehe⸗ maligen Trinkſtube, den Maler und Photographen intereſſant fin⸗ den, auch ein kleiner, verwilderter Garten mit einem alten, ſehr tiefen Brunnen.“ „So gehen wir hinein, man findet da gewiß noch viel Sehenswerthes.“ Die breite Thür mit einem Spitzbogen ſtand weit offen, ſtatt aber den Fremden freundlich zum Eintritt einzuladen, ſchien ſie in ihrer verwitterten und zerbröckelten Einfaſſung mit den ſchmutzigen, maſſiven Thürflügeln eher ſagen zu wollen:„Nehmt euch vor mir in Acht, herein könnt ihr ſchon, ob ihr aber wieder glücklich hinaus⸗ kommt, das iſt eine andere Frage.“ Doch Adelgunde verſtand nichts von dieſer ſtummen Sprache. Ihr war es intereſſant, die Wendeltreppe zu ſehen, welche Magda⸗ lene ſo oft hinauf⸗ und hinabgehüpft war, ein glückliches, harm⸗ loſes, jungfräuliches Kind, ſpäter ein namenlos elendes Geſchöpf. Da war die Wendeltreppe genau ſo, wie ſie im Buche beſchrieben, und die Thür dicht daneben; ſie ſtand halb offen und führte ge⸗ wiß zur Wohnung des philoſophiſchen Schuſters, jenes braven Mannes, der allen Schlägen des Schickſals ſein heiteres Gemüth, Die Spuren eines Romans. 67 die würdevolle Ruhe ſeiner Seele entgegenſtellte. Ein Mann wie ein Patriarch, wenig ſprechend, aber das was er ſagte, durchdacht, edel und ruhig. Adelgunde hätte dieſem biedern Alten gern die Hand gedrückt und blieb einen Augenblick zögernd an der Thür ſtehen, fuhr aber erſchrocken zurück, als mit einem Male aus dem Gemache heraus 4 ein kleines, eigenthümlich geformtes Stückchen Holz mit ſolcher Ge⸗ walt gegen die Mauer des Ganges flog, daß es dort abprallend bis an die Hausthür hinſauste. Dieſem Stücke Holz folgte in der nächſten Sekunde ein kleiner, ärmlich gekleideter Bube, ein paar Schlappſchuhe an den nackten Füßen, mit faſt gleicher Geſchwin⸗ digkeit, ebenfalls an der Mauer anprallend, dann aber mit der Behendigkeit einer Katze davoneilend, während nun unter der Thür, wo der edle philoſophiſche Schuſter wohnte, ein Fuß mit ſchwerem Stiefel erſchien und dann die robuſte, grobknochige Geſtalt eines ſehr gemein ausſehenden Mannes, deſſen zornig verzerrte Züge eine auffallende Röthe zeigten und der einen Knieriem in der nervigen Rechten ſchwang.„Dieſe verfluchte Beſtie!“ polterte er,„dieſer elende, infame Burſche! Wart, Kerl, wenn Du wieder kommſt, ſchlage ich Dir alle Knochen im Leibe entzwei, ich will Dich lehren, ſechs Kreuzer zu verlieren und mit leerer Flaſche zurückzukommen, Wart, Racker!“ Adelgunde hatte ſich vor Schrecken entfernt und war ſcheu an die Wand zurückgewichen, Schutz ſuchend hinter dem ausgezeichneten Lohnbedienten, welcher den aufgebrachten Schuſter mit einem ſtren⸗ gen Blicke betrachtete und mit jenem energiſchen Kopfaufwerfen, welches zugleich ein Fragezeichen iſt und ſagen will:„Nimm Dich in Acht, Du könnteſt an mir Deinen Mann finden.“ Obgleich der Schuſter dieß zu verſtehen ſchien, der vielleicht auch ſeinen Mann kannte, gab er doch Blick für Blick zurück, warf ſeine Hände auf dem Rücken zuſammen, machte einen krummen Buckel wie eine er⸗ boste Katze und fragte in höhniſchem Tone, ob er vielleicht der 68 Die Spuren eines Romans. Prinzeſſin da draußen ein paar Reiterſtiefel anmeſſen ſolle? Wenn nicht, ſo ſolle man ihn jetzt in drei Teufels Namen zufrieden laſſen. Damit trat er zurück und ſchmetterte die Thür ſo hinter ſich zu, daß die kreiſchenden Angeln wie ein Weheruf durch das ganze Haus drangen. „Welch' ein roher Mann!“ ſagte Adelgunde bebend, mit einem ſcheuen Blick auf die wiedergeſchloſſene Thür,——„wohnt— dieſer— Mann ſchon lange hier?“ „O ja, ſo lange ich denken kann haust er dort in ſeiner Räu⸗ berhöhle und wird auch da bleiben bis an ſein unſeliges Ende, wenn ſich die Polizei nicht veranlaßt ſieht, ihn früher in feſten Gewahrſam zu nehmen. Man ſagt ihm ſchlimme Sachen nach,“ raunte er der jungen Dame zu,„wie überhaupt dieſem ganzen Hauſe.“ „So— o— o— o, ich habe ſchon davon gehört, doch war es mir intereſſant wegen ſeiner maleriſchen Außenſeite.“ „Ja, auch die Herren Künſtler finden es intereſſant, ſowohl wegen der Außen⸗, als auch wegen der Innenſeite. Sehen Ew. Gnaden hier das Treppenhaus, das iſt eigentlich das Hübſcheſte am ganzen Gebäude; es iſt hier an der hinteren Seite wie in einer Art von Thurm gebaut und die Maler loben die eigenthüm⸗ lichen Fenſteröffnungen in jedem Stockwerk, ſowie auch die ſonder⸗ bare Konſtruktion der Balken zwiſchen dem Mauerwerk.“ „Das iſt allerdings hier vom Hofe aus geſehen ſehr ſchön.“ Oben iſt eine Plattform, von der man einen weiten Blick rings auf die Stadt und die ſie umgebenden Höhen hat.“ „Wird es wohl erlaubt ſein, hinauf zu ſteigen?“ „Erlaubt wohl,— aber— Fremde, ſelbſt Damen gehen zu⸗ weilen hinauf, und wenn Sie wollen, brauchen Sie ſich eigentlich nicht zu geniren. Bitte aber Ew. Gnaden, vorher den Erker dort anzuſchauen, ganz Renaiſſance, reiner Styl, und hier iſt auch noch der alte Brunnen, von dem ich früher ſprach, der tiefſte in der Die Spuren eines Romans. 69 Stadt; er ſoll, wie die Sage geht, mit einem kleinen Waldſee in Verbindung ſtehen, der ſich in einem Seitenthal jener Berge be⸗ findet. Wiſſen Ew. Gnaden, das iſt ſo eine märchenhafte Geſchichte, an die heutzutage kein vernünftiger Menſch mehr glaubt. Sie er⸗ zählen ſich, der Urahnherr jener Ritter, die dieſes Haus gebaut, ſei ein verwünſchter und wieder entzauberter Froſch jenes Sees ge⸗ weſen, woher auch der Name ſtammt und woher das ganze Ge⸗ ſchlecht eine ſolche Liebhaberei zu jenem Waldſee draußen behalten, daß ſie ihn nicht nur mit ihrem Brunnen in Verbindung geſetzt hätten, ſondern auch mit der Fontäne draußen auf dem Platze. Nun aber iſt einmal dazumal“— der ausgezeichnete Lohnbediente ſagte dieß mit einer Handbewegung, als deute er zurück, weit, weit in nebelgraue Ferne— weine etwas unheimliche Geſchichte paſſirt, wie man ſich erzählt, obgleich das unſereins und andere geſcheidte Leute nicht glauben, daß nämlich einer der Junker Froſch von Froſchberg ſich mit dem allerdings ehrſamen Töchterlein eines ganz gewöhnlichen Handwerkers etwas gemein gemacht, daß darüber die ganze Sippſchaft erbost ſei und man das arme Bürgermädchen an einem ſchönen Tage draußen in dem Waldſee ertränkt gefun⸗ den hat.“ „Ah, ſie hieß Magdalene?“ „Ganz richtig.“ „Man erzählt, daß ſie Magdalene geheißen?“ „Und hatte ſchönes, langes, hellblondes, lockiges Haar. So berichtet allerdings die Sage,“ ſagte der ausgezeichnete Lohnbediente mit einer etwas geringſchätzigen Miene,„wie in allen dergleichen Mährchen und Ritterromanen haben alle braven Jungfrauen, für welche edle Ritter ſchwärmen, hellblondes, lockiges Haar, während die minder guten Charaktere ſchwarz gezeichnet ſind und die ganz anrüchigen roth. Wir kennen das—— nun aber kommt mit Ew. Gnaden Erlaubniß die Moral von der Geſchichte und zwar in Geſtalt der ertrunkenen Magdalene, in weißem Kleide, mit 70 Die Spuren eines Romans. naſſen Haaren, wie ſie in drei verſchiedenen Nächten, natürlich um die Mitternachtsſtunde, hier dieſem Brunnen entſtiegen ſein ſoll und dreimal Wehe über das Haus der Fröſche gerufen häbe. Sehen Ew. Gnaden hier auf dem Steinrande die Vertiefung, welche vom Druck ihrer linken Hand herrühren ſoll, während ſie die Rechte drohend gegen das Haus erhob. Darauf hätte die ganze Sippſchaft der Fröſche gezittert und es ſei raſch mit ihnen zu Ende gegangen, hier in der Stadt nämlich, während ſich draußen an dem Bergſee die Fröſche ſo ungebührlich vermehrt hätten, daß deß⸗ halb wohl die alte Sage mit der ganz unmotivirten Bemerkung ſchließt, die Fröſche von Froſchberg hätten zur Strafe wieder ihre urſprüngliche Geſtalt annehmen müſſen.“ IX. „Ein hübſches Märchen,“ meinte Adelgunde, während ſie ihre Hand auf den Brunnenrand ſtützte und in die ſchwindelhafte Tiefe hinabblickte; dann ſagte ſie nach einer Pauſe:„Doch meine ich, ſchon darüber geleſen zu haben, ſowie überhaupt Einiges, was dieſes alte Haus betrifft. Iſt nicht hier in ſpäteren Zeiten, ja noch vor Kurzem eine ebenſo unheimliche Geſchichte vorgefallen, wo es ſich, wie ich mich zu erinnern glaube, wieder um eine Mag⸗ dalene handelte.“ „O, es gibt vielerlei Arten von Magdalenen,“ erwiederte der Lohnbediente mit einem ſonderbaren Lächeln;„auch mögen hier Geſchichten genug paſſirt ſein, nur habe ich nichts von einer be⸗ ſonders unheimlichen gehört, und wenn nun Ew. Gnaden einen Blick von der Plattform auf die Stadt werfen wollen, ſo bitte ich, hier hinauf zu ſteigen.“ — Die Spuren eines Romans. 71 Damit zeigte er auf die ausgetretenen Stufen der Wendel⸗ treppe und folgte alsdann der jungen Dame, die langſam hinan⸗ ſtieg. Die kleinen Fenſter, von denen wir früher ſprachen, welche bald gegen Norden, bald gegen Oſten oder Weſten angebracht waren, gewährten allerdings einen hübſchen Blick auf die rings umherliegende Stadt in einem immer weiteren Kreiſe, je höher man ſtieg, und man mußte recht hoch ſteigen, ehe man zur Platt⸗ form gelangte. Unterwegs konnte ſich Adelgunde nicht enthalten, zuweilen ſtehen zu bleiben und die Stiege hinauf und hinab zu blicken, ſowie auch zuweilen ihre Hand auf die runde, im Laufe der Zeiten ganz blank gewordene Eiſenſtange zu legen, welche das Trep⸗ pengeländer vertrat. Hatte doch hier vielleicht die unglückliche Magdalene bei ihrer Flucht aus dem elterlichen Hauſe faſt zuſam⸗ menbrechend auf Augenblicke geruht, während ſie in ſtummer Ver⸗ zweiflung gen Himmel blickte und den Schmerzensſchrei ihrer wunden Seele dadurch erſtickte, daß ſie eine ihrer dicken blonden Flechten zwiſchen die Zähne klemmte— gemiß ein recht gelungenes Bild. Wo ſie aber gewohnt, hätte Adelgunde gar zu gerne erfahren mögen, mochte aber den Lohnbedienten nicht weiter fragen, da ſie Urſache hatte zu glauben, er ſei durch irgend etwas gegen die Poeſie dieſes Hauſes eingenommen und nur in ſpöttiſcher Art mittheilſam über allenfallſige Vorfälle in demſelben. Deßhalb blickte ſie ſich auch gar nicht nach ihrem Führer um, als dieſer im zweiten Stock⸗ werke bei einem Manne mit grünen Schreibärmeln ſtehen blieb und mit demſelben eine Priſe austauſchte; ja, ſie beeilte ſich, raſch die dritte Etage zu erreichen, blieb aber hier mit einem Male wie angewurzelt ſtehen, als ſie aus einer offenſtehenden Küche die ſchrille Stimme eines alten Weibes vernahm, welches in lautem Tone rief: „Magdalene, komme einen Augenblick herüber!“— Alſo gab es doch eine Magdalene in dieſem Hauſe, zeigte ſich wieder eine Spur, die ſie vielleicht glücklicher, poetiſcher führte, als es ihre geſtrigen Begegnungen im Allgemeinen gethan hatten. Paßte doch der 72 Die Spuren eines Romans. zänkiſche Ton jener Stimme zum keifenden Weſen einer harther⸗ zigen Mutter— hatte ſie doch„Magdalene“ gerufen. Und dieſe erſchien in der Thür eines Zimmers dicht neben der Wendeltreppe, welche ſie haſtig weit aufriß und mit leichtem Schritt heraustrat———— ganz die Magdalene des Romans, und zwar in Geſtalt, Haltung, ja gerade ſo wenig bekleidet, als jene, von Verzweiflung getrieben, ihrer Heimat entfloh, ſo daß Adelgunde kaum ihren Augen traute und beſtürzt einen Schritt zurücktrat. Ja, das war die ſo genau geſchilderte üppige Geſtalt eines friſchen, jungen Mädchens mit hellblondem, lockigem Haar, von denen ſie allerdings keine Flechte, aber eine raſch zuſammengewundene Maſche zwiſchen ihren roſigen Lippen hielt, mit den weißen Zähnen feſt darauf beißend. Nur Eines war hier ganz anders. Es war nicht das Geſicht einer verzweifelnden oder einer büßenden Magdalene; dieſe hier hatte heitere, ſchelmiſche Züge, und aus ihren glänzend blauen Augen lachte Luſt und Vergnügen. Ja, ſie lachte in Wirk⸗ lichkeit und wandte ſich lachend gegen das Zimmer zurück, zu dem ſie eben herausgetreten und durch deſſen immer noch offene Thüre ſie die Worte rief:„O, Ihre Farben werden ſo raſch nicht trocknen, ich komme gleich wieder!“ worauf die Antwort zurückklang:„Es iſt mir ganz einerlei, ich habe doch keine Luſt mehr zu dieſer Ar⸗ beit.“ Dann erſt hatte ſie ihr zuſammengedrehtes Haar zwiſchen die Lippen genommen, wahrſcheinlich um gegenüber der ſtrengen Mutter das Lachen, welches über ihre Züge blitzte, nicht laut wer⸗ den zu laſſen. So trat ſie der fremden Dame gegenüber, welche ein klein wenig erröthete, als ſie den allerdings etwas mangelhaften Anzug des jungen Mädchens bemerkte, und als ſie ſah, wie dieſe Magdalene, welche wenig mehr an ſich hatte, als ein einfaches, kurzes Röckchen, nun ihr entbehrlichſtes Kleidungsſtück gegen den Hals hin zuſammenzog, um ihre volle weiße Bruſt zu verdecken, ſich dann umwandte und raſch in die Küche hineinflog. Es war ein Troſt für Adelgunde, daß der ausgezeichnete Lohnbediente in Die Spuren eines Romans. 73 dieſem Augenblick wieder die Treppen heraufkam und ſie durch eine ehrerbietige Handbewegung erſuchte, vollends auf die Plattform hinaufzuſteigen. Sie erſtieg die letzten Stufen mit einem uner⸗ klärlichen Gefühl, faſt mit ſchwankenden Schritten; doch war es nicht allein der Anblick dieſer Magdalene, was ſie dergeſtalt er⸗ ſchüttert, ſondern der Klang jener Stimme, die aus dem Zimmer hervor geſprochen:„Es iſt mir ganz einerlei, ich habe doch keine Luſt mehr zu dieſer Arbeit.“ Ach, Adelgunde hatte ſie wieder⸗ erkannt, dieſe Stimme.—— Da ſtand ſie nun oben, und wenn auch ihre Blicke auf den Häuſern der Stadt, ſowie auf den blüten⸗ reichen Umgebungen ruhten, ſo ſah ſie in Wahrheit von allem dem nichts, ſondern ihre Gedanken waren mit dem Klang jener Stimme und mit dem Bilde jenes jungen Mädchens beſchäftigt, die ſo ſehr und doch auch wieder ſo gar nicht jener Romanſchilderung ent⸗ ſprachen. Allerdings ſchien auch dieß ein Roman zu ſein, aber ganz anderer Art. Warum klopfte Adelgundens Herz ſo ängſtlich, ſo heftig, warum ſtampfte ſie unmuthig mit dem kleinen Fuße auf den Boden, bevor ſie ihren Führer fragte:„Wiſſen Sie vielleicht, wer in dem Stockwerk, das wir ſoeben verlaſſen, wohnt?“ Der ausgezeichnete Lohnbediente ſchloß momentan ſeine Augen, indem er leicht mit den Achſeln zuckte und antwortete:„O, Ew. Gnaden, da wohnt Allerlei. Zuerſt eine Wittwe mit einer aller⸗ dings ſehr ſchönen Tochter, welch' Letztere unſern Malern genau bekannt iſt, und können Sie die Magdalene in allen möglichen Ge⸗ ſtalten auf allen möglichen Bildern ſehen.“ „Ah———— ich dachte es mir.“ „Ferner wohnen dort unten gegen die Straße ein halbes Dutzend Familien, die ich nicht kenne, während rückwärts, gegen Norden zu, in den hohen Räumen des alten Gebäudes einige ſehr gute Ateliers für Maler eingerichtet ſind.“ „Kennen Sie von dieſen Malern?“ 74 Die Spuren eines Romans. „Ein paar, Ew. Gnaden, aber nur den Namen nach. Da iſt Herr Lambert, Herr Stein und Herr Regnier, drei junge Leute, die Tüchtiges leiſten, wie man ſagt.“ „Ah, auch dieſer Herr Regnier, von dem ich neulich ein Bild geſehen, wohnt hier im Hauſe?“ „Ich glaube nicht, daß er hier wohnt, er hat nur ſein Atelier da unten. Wollen Sie vielleicht die Bilder einiger dieſer Herren anſehen?“ 3 „O nein, verlaſſen wir dieſes Haus, ich habe hier genug ge⸗ ſehen.“ Raſch begann ſie die Treppe hinabzuſteigen, blieb aber mit einem Male und ſo plötzlich ſtehen, daß ſich der ausgezeichnete Lohnbediente raſch gegen die Mauer drücken mußte, um nicht gegen die junge Dame anzuſtoßen. Vernahm ſie doch von unten her den Klang jener Stimme wieder und hörte dieſelbe in einem bittern Tone ſagen:„Allerdings iſt es nichts mehr mit der Kunſt und mit uns Künſtlern. Beſſer wäre es freilich, ein Anſtreicher ge⸗ worden zu ſein und an Fenſtern und Thürläden herumzupinſeln,“ worauf die ſchrille Stimme des alten Weibes erwiederte:„Dummes Zeug, es kommt nur darauf an, was man malt. Die Leute wollen nun einmal Ihre verzwickten metrologiſchen Bilder nicht; da nehmen Sie Herrn Lambert oder Herrn Stein. Der Eine hat meine Magdalene als Fauſt und Gretchen gemalt und ſie gleich verkauft, und der Andere auf Beſtellung als badende Nymphe. Das laſſe ich mir gefallen, das gefällt den Leuten, wenn ſie es verſtehen.“ Ein kurzes Lachen klang als Antwort herauf, worauf die ſchrille Stimme noch ſchriller fortfuhr:„Ja, lachen Sie nur, auch wir haben den Schaden davon, wenn Sie keine Bilder verkaufen. Freilich, das gutmüthige Ding macht ſich nichts daraus, aber ich—— die Mutter.“ Damit flog unten eine Thür in's Schloß und man vernahm den Schall von Tritten, welche ſich die Treppe hinab verloren. Die Spuren eines Romans. 75 Adelgunde preßte ihre Hand auf das Herz und vermochte erſt nach einiger Zeit ihren Weg fortzuſetzen. Wie ward ihr aber zu Muth, als ſie, ſich zwiſchen dem dritten und zweiten Stockwerk be⸗ findend, vernahm, daß der, welcher ſoeben an der Küchenthür ge⸗ ſprochen und die Treppen hinabgegangen war, mit einem Male wiederkehrte und ihr entgegenkam. Zurück konnte ſie ſo raſch nicht mehr; es wäre das auch eine lächerliche und gänzlich grundloſe Flucht geweſen. So nahm ſie ſich denn feſt zuſammen, um, als Arthur Regnier nun voll auftauchte und mit dem Ausdruck höchſten Erſtaunens ſeinen Hut zog, mit einem freundlichen Gruße vorüber⸗ zuſchreiten. Der junge Maler blickte ihr überraſcht nach, ſo lange noch etwas von der kleinen Feder auf ihrem Hute ſichtbar war; dann ſtürzte er, anſtatt in ſein Atelier, wo er etwas vergeſſen hatte, das er aber jetzt erſt recht vergaß, in die Küche, wo die keifende Alte immer noch das gleiche Geſprächsthema wie vorhin mit der un⸗ muthig aufhorchenden Magdalene verhandelte, und fragte eilig, ob Niemand von Beiden die junge Dame geſehen habe, was ſie gewollt und wo ſie geweſen ſei. Magdalene hatte ſie allerdings geſehen, gab das mit einem trotzigen Kopfaufwerfen zu und fügte bei:„Wo wird die mit ihrem vornehmen Thun geweſen ſein? Natürlich bei Herrn Lambert, der nur Prinzeſſinen malt.“ „Bei Lambert! Das iſt möglich. Lambert iſt ein ganz ver⸗ fluchter Kerl.“ Dabei ging er den Gang hinab nach dem Atelier ſeines Bekannten und vernahm kaum, wie Magdalene hinter ihm ein lautes, ſeltſam klingendes Lachen aufſchlug. Lambert war allerdings nach den Begriffen ſeiner Freunde und Kunſtgenoſſen ein ganz verfluchter Kerl, ein Heimlichthuer und Duck⸗ mäuſer. An ſeiner Thür ſtand angeſchrieben, daß er nur an zwei Tagen der Woche, Montags und Donnerstags, zu ſprechen ſei, und zwar zwiſchen 12 und 1 Uhr, und daß er die Beſucher bäte, drei⸗ Die Spuren eines Romans. mal anzuklopfen. In der Thür hatte er eine kleine, noch von Niemand entdeckte Oeffnung, wo er ſich dieſe Beſucher beſchaute, um danach Bilder, die er in der Arbeit hatte, wegſtellen oder verhängen zu können, denn er machte aus allem dem, was er gerade unter der Hand hatte, beſonders vor den Kunſtgenoſſen, ein großes Ge⸗ heimniß, und wenn er dieſe auch zu andern Zeiten in's Atelier ließ, ſo fanden ſie ihn mit einer gleichgiltigen Skizze beſchäftigt, während ſeine wirklichen Arbeiten umgekehrt gegen die Wand lehnten oder mit grünen Tüchern verhüllt waren. Lambert war bedeutend älter wie Regnier und hatte etwas Abſtoßendes, Sarkaſtiſches in ſeinem Weſen, wobei es ihm zu gleicher Zeit Freude machte, Jemand einen kleinen Schabernack zu ſpielen, der für ihn von um ſo angenehmerer Wirkung war, wenn er als Urheber gänzlich unbekannt blieb und ſo im Stande war, ſein Bedauern, aber ſtets mit einigen boshaften Worten auszudrücken. Regnier als Zimmernachbar wußte ſich als ſolcher zu erkennen zu geben, indem er ihm auf eine eigene Art an die Thür klopfte, worauf dieſe nach einiger Zeit ein klein wenig geöffnet wurde und Lambert in der Spalte ſtehend, mit verdrießlichem Geſichte fragte: „Was willſt Du zu ſo ungewohnter Zeit; warum ſtörſt Du fleißige Leute, wenn Du ſelbſt nicht arbeiten magſt?“ „Laß mich für einen Augenblick hinein, ich werde wahrhaftig Deine Bilder nicht betrachten, Dich auch nicht lange aufhalten.“ „Du weißt, daß mir meine Zeit koſtbar iſt.“ „Gewiß, und werde deßhalb, um recht beſcheiden zu ſein, mit der Thür in's Haus fallen.“ Regnier ſagte das, nachdem er ſich faſt mit Gewalt einge⸗ drängt und dann die Thür hinter ſich zugemacht hatte. „Nun, was willſt Du?“ „Es war ſo eben eine Dame bei Dir.“ „Hm— eine Dame— ja, wenn Du willſt oder wenn Du das eine Dame nennſt.“ Die Spuren eines Romans. 77 „Allerdings eine Dame und eine ſehr ſchöne Dame.“ „Ah ſo!“ erwiederte Lambert,„deßhalb intereſſirt ſie Dich. Ja, mein lieber Freund,“ fuhr er lächelnd fort, indem er ſich mit dem Stiel des Pinſels, den er in der Rechten hielt, in ſeinem ſchon ſtark ergrauten Bart kratzte;„auch wir haben unſere intereſſanten und angenehmen Bekanntſchaften.“ „Es war eine Fremde— die Du malſt?“ Da nun Lambert nicht genau wußte, was ſeinen Freund mehr ärgern würde, wenn er ihm zugeſtehe, er male die Dame, oder wenn er ſonſt etwas argwöhnen ließ, ſo begnügte er ſich zuerſt, auffallend die Schultern in die Höhe zu ziehen und dann aus⸗ weichend zu ſagen:„Mein lieber Junge, auch Unſereiner hat ſeine kleinen Geheimniſſe, und da ich niemals den Deinigen nachforſche, ſo könnteſt auch Du mich in dieſer Richtung ungeſchoren laſſen, beſonders jetzt, wo ich viel zu thun habe— Zeit iſt Geld, ein ſehr ſchönes Sprüchwort, von deſſen Wahrheit Du allerdings einen ſehr ſchwachen Begriff haſt. Adjo, caro.“ „Hol' Dich der Teufel— nachdem Du mir Auskunft gegeben!“ rief Regnier, indem er dem Andern eine Photographie vor das Geſicht hielt—„nachdem Du mir geſagt, ob dieß die Dame iſt, die eben bei Dir war.“ „Allerdings, ich ſehe keinen Grund, das zu leugnen.“ „Und Du malſt ſie?“ „———— Nein. Sie bot ſich mir als Modell an.“ Lambert kannte zu genau ſeinen Mann, um nicht zu wiſſen, daß ein anderes, tieferes Intereſſe als künſtleriſcher Neid Regnier zu dieſer dringenden Frage veranlaßte. Das hatte ihm auch das Vorzeigen der Photographie klar gemacht, und während er äußer⸗ lich den Gleichgültigen ſpielte, lachte er innerlich vor Behagen, als er merkte, wie der junge Menſch erbleichte, wie er ſeine Unterlippe zwiſchen die Zähne klemmte und wie ſeine plötzlich aufflammenden Blicke gleich darauf, durch den Ausdruck eines tiefen Schmerzes ge⸗ Die Spuren eines Romans. dämpft, faſt ausgelöſcht wurden. Dann warf er ſeinen Hut auf den Kopf, rief ein kurzes:„Ich danke!“ und ſtürzte zum Zimmer hinaus, die Treppen hinab aus dem Hauſe. Ja, als er ſchon die halbe Straße durcheilt hatte, war er noch ſo wenig Herr ſeiner Gedanken und Bewegungen, daß er an einer Ecke mit Jemand ſo heftig zuſammenſtieß, daß Jenem faſt der Hut vom Kopfe ge⸗ flogen wäre. „Bitte um Entſchuldigung.“ „Wie kann man aber auch ſo blind und unvernünftig rennen?“ „Blind und unvernünftig!“ brauste der junge Maler auf, indem er raſch ſtehen blieb und ſich umwandte,„erlauben Sie—— ſo, Du biſt es; na, nichts für ungut, ich war ein wenig ſtark mit meinen Gedanken beſchäftigt.“ „Das müſſen in der That wuchtige Gedanken geweſen ſein,“ gab lachend der Photograph, Herr Schellenberger, zur Antwort; „wenn ich mich nicht wie ein Fels im Meer gehalten hätte, ſo hätteſt Du mich drüben in der Goſſe aufleſen können. Treibt Dich der Hunger ſo haſtig in die Welt hinein? So komm und laß uns in dem blauen Bock frühſtücken. Es iſt da im Garten eine herrliche Fliederlaube, wie gemacht, um einen klaren, kühlen Morgenſchoppen zu ſich zu nehmen.“ Dazu ließ ſich denn Regnier auch nach einigem Wieder⸗ ſtreben verführen und bald ſaßen ſie in der Laube vor dem klaren, kühlen Morgenſchoppen, umduftet von Flieder, unter dem Geſumme zahlloſer Bienen. „Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus, Post jucundam juventutem, Post molestam senectutem Nos habebit humus...“ intonirte der Photograph zwiſchen dieß melodiſche Geſumme hinein, und Arthur Regnier, träumeriſch blickend in das ſchon einigemal ——— ——-— Die Spuren eines Romans. 79 ausgetrunkene und raſch wieder aufgefüllte funkelnde Naß, ſetzte hinzu: „Dieſe Verſe, in's nüchterne Proſaiſche überſetzt, ſagen uns deutlich, daß wir Eſel ſind, wenn wir ein langes Leben mühſelig durchkämpfen, um endlich, nachdem wir alle Mühen und Schrecken empfunden, müde und verdrießlich in das Jenſeits abzufahren. Warum denn nicht lieber in friſcher Jugendkraft mit gleichen Füßen hinüberſpringen? Es wäre das wahrhaftig geſcheidter, als ſo fort zu vegetiren, von einer Enttäuſchung in die andere fallend. Schade, daß ich kein Großer und Mächtiger dieſer Erde geworden bin; ich ließe mir eine rieſenhafte Steinbowle aushöhlen in hartem, rein⸗ lichem Granit, groß wie ein kleiner See; ich ließe ſie umpflanzen mit Flieder und Gaisblatt, ließe ſie füllen mit köſtlichem Maitrank und ſchwämme darin herum, bis ich, in ſeliger Betäubung lang⸗ ſam untergehend, voll der köſtlichen Flut, in jene beſſere Welt hinüberzöge.“ „Woher auf einmal wieder dieſer unmotivirte Lebensüberdruß. Schäme Dich, junger Menſch; was hat's gegeben?“ „Nicht viel, eigentlich gar nichts; eine kleine Enttäuſchung weiter. Meine Vermietherin hat mir das Atelier gekündigt, weil ich nicht zahlen kann, und aus dem gleichen Grunde ſoll mir Magdalene nicht mehr Modell ſitzen; auch habe ich die Andere wieder geſehen, die von geſtern.“ „Ah, die. Nimm Dich in Acht vor ihr, das iſt ein verdächtiges, zweideutiges Weſen.“ „Alſo hätte Lambert Recht.“ „Kennt er ſie?“ „Er that ſo, aber was weißt Du von ihr?“ „Nichts Gutes, doch habe ich gelobt, nichts darüber zu reden. Später wirſt Du Alles erfahren.“ „Ja, ja, ich glaube Dir, es iſt ſo, wie dieſer Lambert ge⸗ ſagt und wie Du andeuteſt. Aber wiſſe,“ rief Arthur Regnier 80 Die Spuren eines Romans. haſtig aufſpringend und ſeine Haare aus der Stirn ſchleudernd, „daß es ſo ſein muß, iſt entſetzlich für mich, Du biſt mein Freund, Du weißt es, daß ich in meinem Leben nie etwas Anderes geliebt habe, als die Kunſt, nie— bis zu jenem Augenblicke, wo ich jenes ſchöne Weib geſehen.“ „Ein Dämon, ſage ich Dir, Arthur,“ murmelte der Photo⸗ graph, indem er mit einem etwas ſchweren Kopfe ein paar Blätt⸗ chen Waldmeiſter aus ſeinem Glaſe fiſchte,—„ein Dämon, drum laß uns trinken und alles Andere vergeſſen.“ Die arme Adelgunde— welche ſchmerzliche, bittere Enttäu⸗ ſchungen waren ihr bis jetzt dafür zu Theil geworden, daß ſie mit reger Phantaſie, mit warmem, gefühlvollem Herzen die Spuren eines Romans aufgeſucht hatte, für den ſie ſich intereſſirte, daß ſie gehofft hatte, noch von jenen Weſen zu finden, friſch und lebens⸗ warm, edel und gut, wie ſie der Dichter geſchildert, prächtige Ori⸗ ginale, hinreißend in ihrem Glück wie in ihrem Unglück, und daß ſie ſtatt deſſen finden mußte, der Verfaſſer habe, ſtatt friſch in's Leben zu greifen, aus einem Keſſel geſchöpft, deſſen allerdings recht wohlſchmeckende Brühe er ſich künſtlich zubereitet, indem er von einem halben Dutzend verſchiedener Charaktere das Pikanteſte zu⸗ ſammengethan, Gutes in Böſes, Verworfenes in Edles verkehrt, dieſes Gemiſch in kleine Portionen abgetheilt und dem geneigten Leſer aufgetiſcht, verziert mit allerliebſten Landhäuſern, ſowie mit düſtern, ſpukhaft unheimlichen Häuſern, mit alten ſteinernen Ritter⸗ figuren, einſamen Bergſeen, blühenden Bäumen und duftigen Blumen. Ja, Adelgunde war auf's Schmerzlichſte enttäuſcht, nicht nur, daß — —O—Q—QO[Oꝑ˖—˖—ꝭO—·—— —— — ——4—— ————— + Die Spuren eines Romans. 81 ſie ſtatt des poetiſch gezeichneten Künſtlerhaushaltes mit den blühen⸗ den Kindern die proſaiſche Figur des Herrn Schellenberger gefun⸗ den, oder daß die intereſſante Magdalene, mit der ſie geliebt und gelitten, zur Hälfte aus einem fabelhaften Waſſergeſpenſte beſtand und zur anderen Hälfte aus etwas weit Geringerem; nicht nur, daß ſich der edle, biedere, philoſophiſche Schuſter in Wirklichkeit als ein ganz gemeiner Trunkenbold erwieſen— nein, was ſie am tiefſten verletzt, war, daß der im Buche ſo humoriſtiſch liebenswürdig geſchilderte Stadtrath Schmetterer ſich als ein über alle Beſchrei⸗ bung alltäglicher Polizeibeamter entpuppte, und letzteres hatte ſie indirekt durch den blondgelockten Kellner erfahren, deſſen Protektion ſich ihre Kammerfrau erfreute. Mit allen Zeichen ſittlicher Ent⸗ rüſtung hatte der Blondgelockte nämlich unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit berichtet, wie er durch den ausgezeichneten Lohnbedien⸗ ten erfahren, daß Herr Schmauder, der geheime Poliziſt, auf Befehl des Stadtraths Schmetterer beauftragt ſei, alle Schritte des gnä⸗ digen Fräuleins auf's Genaueſte zu beobachten und darüber an die betreffende Behörde zu berichten; nein, das war zu arg, und Adel⸗ gunde hätte ſchon den Befehl zum Einpacken gegeben und die Stadt heute noch verlaſſen, wenn Madame Bröſelich nicht noch im Rück⸗ ſtand geweſen wäre und wenn ſie es nicht für unrecht gehalten hätte, den Photographen, der ja eigentlich nichts dafür konnte, daß er ſo wenig jenem Arthur Regnier des Romans glich, in Schaden zu bringen. Und jener echte Arthur Regnier—— ganz leiſe, ganz heim⸗ lich, ganz verſtohlen geſtand ſie ſich in einem Augenblick, wo ſie ihre ſchönen Augen mit der feinen Hand bedeckte, daß er unter andern Verhältniſſen wohl im Stande geweſen wäre, einen dauern⸗ den Eindruck auf ihr Herz zu machen— bei dem Wort„dauernd“ bezeugte ein leiſer Seufzer, der ihre Bruſt ſchwellte, daß es im Allgemeinen an einem Eindruck nicht gefehlt habe— darum fort von hier ſo raſch wie möglich. Hackländer's Werke. 50. Bd.. 6 Die Spuren eines Romans. * Sollte ſie aber dieſem verächtlichen Schmetterer und ſeinem Polizeiwerkzeug zu lieb den ſchönen Nachmittag, dem ein wunder⸗ harer Abend zu folgen verſprach, im Zimmer zubringen, oder ſollie ſie in der ſchönen Natur umhergehen mit dem unangenehmen Ge⸗ fühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden. Dagegen gab es übrigens noch ein hübſches Mittel, und dieſes Mittel beſchloß ſie zu gebrauchen. Streifte es doch auch ein wenig an's Romanhafte,— ach! und für alles Romanhafte hatte Adel⸗ gunde ſtets eine kleine Schwäche beſeſſen. Sie nahm von den ernſt ausſehenden, ſehr würdig gehaltenen Kleidern ihrer alten Kammer⸗ frau, verdeckte mit einem Shawl derſelben in einem etwas auf⸗ fallenden Farbenmuſter ihre ſchlanke Taille, ſetzte den Hut auf mit blauem Schleier und entlehnte zum Ueberfluſſe noch die blaue Brille ihrer Dienerin. So verwandelt, Gang und Haltung auf's Treff⸗ lichſte nachahmend, war es kaum möglich, ſie zu erkennen, und ſie würde auch ſicher unerkannt geblieben ſein, wenn der blondgelockte Kellner nicht, allerdings unſchuldigerweiſe, an ihr zum Verräther geworden wäre. Dieſer ſah ſie nämlich die Treppe herabkommen und dabei unter ihrem dunkelfarbenen Rock ein ſo feines Füßchen, einen ſo untadelhaften ſchneeweißen Strumpf nebſt Zubehör— ein gewandter Kellner denkt häufig in Ausdrücken der Speiſekarte— hervorleuchten, daß er, ſtutzig gemacht über dieſe Verkleidung, eine freilich unerklärliche eiferſüchtige Regung fühlte— junge Leute haben häufig dergleichen thörichte Grillen— und vor das Thor des Hotels hinausraste, um der vermeintlichen Kammerfrau ſo auffallend nachzuſchauen, daß Herr Schmauder, der ſich nicht ganz zufällig mit einem gegenüber ſtehenden Fiaker unterhielt, ſeinem Polizei⸗Inſtinkte und der Dame folgte. Dieſe nahm für heute ihren Weg in einer ganz anderen Rich⸗ tung, denn ſie ſcheute ſich ordentlich vor der Straße, in welcher der Gemeinderath Schmetterer hauste, ſowie auch vor jener, wo ſich das Haus mit dem gezackten Giebel befand. Es war ihr angenehm, erſchienen, ſo hätte man Die Spuren eines Romans. 83 neue Wege, Plätze und Gäßchen zu finden, wo ſie wohl ſicher ſein konnte, durch nichts mehr an die Spuren jenes Romans, welche für ſie ſo unangenehm geworden waren, erinnert zu werden; ja, ſie athmete freier auf, als ſie in ein ſtilleres Stadtviertel kam, mit wenig Leben und Verkehr auf den Straßen, und dann immer weiter hinaus, wo dieſe Straßen nur noch durch ein paar neuerbaute Häuſer tracirt wurden, um endlich in großen Gärten voll blühen⸗ der, duftender Obſtbäume aufzuhören. Hier zog ſich das Terrain ſanft gegen die Bergwand hin und hier folgte ſie einem kleinen, geſchlungenen Fußwege, der zwiſchen hohen, dichtbelaubten Hecken führte und wo noch hie und da kleine Gitterthore einen Blick in die anſtoßenden, mehr oder minder gut gepflegten Gartenſtücke er⸗ laubten. In manchen wurde fleißig gearbeitet, und hier ſah man gelbe, freundliche Kieswege ſich leuchtend durch grüne Raſenſtücke winden und Gebüſchgruppen auf zierliche Weiſe einander verbinden; andere aber prangten nicht minder reizend in der Fülle einer un⸗ gebändigten Vegetation, und wenn jene zierlich geputzt und friſirt dieſe mit einer träumeriſchen, üppigen Mädchennatur vergleichen können, durch deren volles, keck und lockig herabfallendes Haar wilde Roſen geſchlungen waren, und da Adel⸗ gunde dieſe Urſprünglichkeit ſaftigen Grüns, durchflochten mit wil⸗ den Roſen, außerordentlich liebte, ſo blieb ſie an einem dieſer ver⸗ wilderten Gärten ſtehen, lehnte ſich an ein ziemlich nachläſſig ge⸗ haltenes Gitterthor und ſchaute hinein. Sie ſah vor ſich große, dichte Gebüſchmaſſen, ſo die Wege überwuchernd, daß dieſe hie und da wie grüne Laubtunnels ausſahen, und dieſe Wege ſelbſt Gras⸗ und Moospartieen gleichend. Zwiſchen ein paar mächtigen Bäumen im Hintergrunde hindurch ſchimmerte ein graues Haus mit hohem, ſpitzigem Dache, ein ſeltſames, alterthümliches Gebäude, wie man es zuweilen auf Bildern ſieht, am Rande eines Teiches, an de Ufer hochfriſirte Damen in ſteifen Schnürleibern und b Reifröcken luſtwandelten. Da Adelgunde nicht ohne Pha 84 Die Spuren eines Romans. ſo malte ſie ſich eine ſolche Szenerie lebhaft aus und konnte ſich deutlich vorſtellen, daß ſie ſich hier auf der Rückſeite jenes kleinen Schlößchens befände und daß ſich jenſeits an der vordern Front in der That ein ſolcher Teich ausbreite mit jenen bunten, porzellanartig ſteifen Figuren, die ſich dort unter zierlichen Geſprächen ergingen, Fächer wedelnd, in gemeſſenen, geiſtreichen Unterhaltungen———— —— Wie erſchrack ſie aber, als plötzlich Jemand vor ſie hintrat, der ſo vollkommen zu ihren Träumereien paßte, ein alter Herr mit ſchwarzen Kniehoſen und grauen Strümpfen, einem frei⸗ lich etwas abgeſchabten flaſchengrünen Frack und einer gelben Weſte, mit ſehr zerknittertem, iſabellfarbigem Buſenſtreif. Der alte Herr hatte ein eingefallenes Geſicht, ſo bleich, daß ſelbſt das weiße Haar demſelben kaum mehr als ein lederfarbiges Kolorit verleihen konnte; dabei blitzten ſeine Augen in einem faſt unheimlichen Feuer und war das Lächeln, mit dem er ſich nun vor Adelgunde, vielmehr vor der alten Dame mit der blauen Brille verbeugte, etwas Ge⸗ ſpenſtiges; alt klang ſeine Stimme, ſchwach und zitternd, als er ſagte:„Ich würde ſehr dankbar dafür ſein, wenn Ew. Gnaden die außerordentliche Güte hätte, dieſen kleinen Garten zu beſichtigen, welcher trotz ſeines verwilderten Zuſtandes etwas höchſt Poetiſches hat,— bitte, treten Sie näher— ſo, meine Gnädige, Sie werden das nicht bereuen,“ fuhr der alte Herr fort, nachdem er das Gitter⸗ thor hinter Adelgunde, die faſt willenlos eingetreten war, wieder geſchloſſen hatte und nun mit ihr durch einen jener Laubtunnels dahin ſchritt. „Sie werden ſehen, daß dieſe Wildniß hier mit geringer Mühe in einen jener zierlichen Gärten umgeſchaffen werden könnte, wie wir ſie in unſerer Jugend ſahen, wie Sie, meine Verehrteſte, die⸗ ſelbe in Ihrer, auch ſchon längſt entſchwundenen Jugend liebten; aber liebe das Natürliche, das Ueberwältigende und Ueber⸗ e in der Natur wie in der Kunſt— iſt Ihnen vielleicht Die Spuren eines Romans. 85 Letzteres fragte der alte Herr mit einer zierlichen Verbeugung, indem er eine Porzellandoſe aus ſeinem flaſchengrünen Rock hervor⸗ holte—„nicht?— auch gut. Um wieder an das, was ich eben ſagte, anzuknüpfen, ziehe ich einen toſenden Waſſerfall den feinen Strahlen einer künſtlichen Fontäne vor. Sie werden allerdings bemerken, daß dieſe Vaſen hier geborſten und theilweiſe herabgefallen ſind. Warum auch nicht? Die wirkende Natur in ihnen wurde zu mächtig und trieb ſie auseinander, ſie haben ihren Zweck er⸗ füllt. Sie bemerken dort eine Statue neben ihrem Poſtamente, mit dem Rücken auf dem Boden liegend. Es iſt ihr wohler ſo, ſie ruht aus von dem langweiligen Stehen und betrachtet mit Muße die am Himmel ziehenden Wolken oder ihn ſelbſt in ſeiner unvergleichlichen Bläue, des Nachts aber Mond, Sterne, und alles das mit einer gewiſſen Seelenruhe, die man Gleichgültigkeit, Leb⸗ loſigkeit nennen könnte. Aber ich weiß das beſſer; ſie lächelt, wenn ein Komet am Himmel ſteht oder wenn ich Nachts bei geöffneten Fenſtern meine gewaltige O-Moll-Symphonie ſpiele.“ „Ah, Sie ſind Muſiker, mein Herr?“ fragte Adelgunde, un⸗ willkürlich ſtehen bleibend und indem ſie verſtohlen nach dem Ein⸗ gang blickte, der aber hinter den wirren Büſchen verſchwunden war.“ „Ja, Madame, ich bin Muſiker, und wenn es Ihnen Ver⸗ gnügen macht, werde ich die Ehre haben, Ihnen ein kleines Ton⸗ bild auf meiner Orgel vorzütragen.“ „Sie brauchen ſich durchaus nicht zu geniren,“ ſetzte er ver⸗ bindlich hinzu, als er ſah, wie die Dame unſchlüſſig ſtehen blieb; „es macht mir das durchaus keine Mühe und Ihnen ſoll es Ver⸗ gnügen verurſachen. Ich gebe Ihnen ein wundervolles Tonbild, etwas Zukunftsmuſik. Sie ſollen das Ringen einer Seele anklingen hören, welche auf natürlichem Wege dieß große Gefängniß, Erde genannt, zu verlaſſen ſtrebt— mir ahnte es, daß Sie kommen würden, Madame,— und ich bin entzückt, eine ſolch' ausgezeich⸗ nete Zuhörerin gefunden zu haben.“ 86 Die Spuren eines Romans. Adelgunde glaubte zu träumen; es war ihr zu Muth, als ſäße ſie unter einer betäubend duftenden Fliederlaube und leſe nicht nur Phantaſieſtücke und Märchen, ſondern ſehe auch die in denſelben vorkommenden Figuren lebendig um ſich herum ſpazieren; der Flieder duftete in Wirklichkeit um ſie her; neben ihr ging die ſelt⸗ ſame Geſtalt des alten Herrn, ſtets einen halben Schritt voraus und ſie durch zierliche Handbewegungen erſuchend, ihm raſch zu folgen. War ſie nun wieder in jenen Zauberkreis hineingezogen wor⸗ den, den das Leſen jenes Romans um ſie gebildet hatte? War dieſer alte Mann ein, allerdings verzerrtes, Spiegelbild jenes jungen, ſchwärmeriſchen Muſikers, der, nur erfüllt von ſeiner Kunſt, das eigentliche Weſen, das wahre Leben und Lieben der unglück⸗ lichen Magdalene nicht verſtanden— er trat alſo in der That lebendig und doch wieder ſo romanhaft vor Adelgunden hin, wäh⸗ rend das junge Mädchen, deſſen Erſcheinung als ein flüſternder Hauch ſie vollkommen verſtanden hätte, nun körperlich friſch, wie eben aus dem Rahmen des Buches tretend, vor ihr erſchienen war, jene Magdalene, die im Roman ganz anders, die ein ſchattenhaftes Nebelbild geweſen.. Adelgunde bedeckte einen Moment ihre Augen mit der Hand, es ſchwindelte ihr; dann ſchrack ſie beinahe zuſammen, als ſie fühlte, wie der alte Herr ihren Arm durch den ſeinigen zog und ſie mit ſanfter Gewalt vorwärts führte, dabei in Einem fort plaudernd. „Sie werden es erſtaunlich finden, Verehrteſte, wenn Sie auch hier wieder ſehen, wie Alles in dieſer Welt ſo veränderlich iſt, ſo wan⸗ delbar. Bemühen ſich Ew. Gnaden einen Augenblick auf dieſe kleine Anhöhe, von wo man beim Hauſe vorbei einen anderen Theil dieſes kleinen Parkes überſieht, verwildert allerdings, aber prächtig verwildert. Dort war früher ein kleiner Teich, nach und nach iſt er ausgetrocknet bis auf eine geringe Pfütze trüben Waſſers in der Mitte, wo ſich die dichte Maſſe von Schilf und Binſen befindet. Daß ich die Wahrheit ſprach, werden Sie am Ufer, an Die Spuren eines Romans. 87 den bunten Trümmern jener alten Gondel ſehen, die dort bei dem abnehmenden Waſſer ſitzen blieb und in Trümmer fiel.“ „Gerade ſo dachte ich es mir.“ „Ich bin entzückt, Madame, daß Sie den ehemaligen Glanz des Parkes ſo richtig zu würdigen verſtanden, eines Parkes, der in ſeiner jetzigen Geſtalt für mich ungleich intereſſanter iſt. Alles das begeiſtert mich zu gewaltigen, naturwüchſigen Phantaſieen, und als ich meine Symphonie: ‚Die Strandung der Arche Noah's“ komponirte, war der Anblick jener Gondel für mich auf's Höchſte anregend. Doch treten wir zurück auf die andere Seite des Hauſes, dort werde ich Sie an einen kleinen, heimlichen Platz führen, von welchem aus Sie mein Orgel⸗Adagio am beſten vernehmen können —— hier, ſehen Sie dieſe kleine, dichtumrankte Laube.“ Adelgunde blieb davor ſtehen, erſchreckt, bebend; ihre Blicke hafteten auf einer luftigen Veranda, nicht ſehr weit entfernt von dem heimlichen Plätzchen, welches der alte Muſiker angezeigt, denn unter dieſer Veranda bemerkte ſie, den Kopf auf beide Arme geſtützt, das Geſicht aufwärts gekehrt, Arthur Regnier, und an ſeiner Seite Magdalene ſitzend, die Magdalene aus dem Hauſe mit dem Giebel⸗ dach, welche eine Hand auf die Schulter des jungen Mannes gelegt hatte und jetzt, zu der fremden, alten Dame hinüberblickend, ihm etwas ſagte, worauf er achſelzuckend erwiederte:„Was kümmert es mich, wen er ſich zum Zuhörer eingeladen? Irgend eine alte Dame ſeiner Bekanntſchaft.“ „So ſetzen Sie ſich, meine Verehrteſte,“ ſprach der Muſiker, „und laſſen Sie ſich durch die Beiden dort nicht ſtören,“ fügte er hinzu, als er Adelgundens Hinſtarren nach der Veranda bemerkte— „junges Volk das, die hier in Blütenduft bei einer Bowle Mai⸗ trank glücklich ſind, vielleicht auch unglücklich. Doch was kümmert uns das? Bitte, ſetzen Sie ſich und genießen Sie meine Dar⸗ ſtellung.“ Adelgunde mußte ſeinem Drängen Folge leiſten, und als ſie 88 Die Spuren eines Romans. dann in der dicht umſponnenen Laube ſaß, war ſie den Blicken der beiden drüben entrückt, mußte aber, ſie mochte wollen oder nicht, einzelne Worte von ihrer Unterhaltung vernehmen, trotzdem jetzt aus einem geöffneten Fenſter des Hauſes weiche Orgelakkorde hervordrangen.. „So iſt es,“ ſagte Magdalene,„und die Mutter hat geſagt, ſie ſchlöſſee heute noch Ihr Atelier und keinen Fuß mehr dürften Sie über unſere Schwelle ſetzen.“ „Was kümmert's mich, ich bin überhaupt entſchloſſen, nichts mehr zu malen.“ „ Aber mich kümmert es— Arthur, mich kümmert es ſehr.“ „Bah, warum denn, ſei geſcheidt. Da, nimm noch ein Glas von dieſem wunderbaren Trank und Du wirſt ſehen, wie das Deine Ideen erweitert— warum kümmert es Dich auch?“ fuhr er plötz⸗ lich in einem trotzigen Tone fort, indem er ſich aufrichtete, beide Fäuſte auf den Tiſch ſtützte und ihr voll in's Geſicht blickte,„bleibt Dir doch Lumbert und Stein, ohne die Anderen, die glücklich ſein werden, Deine ſchöne Geſtalt, Dein Geſicht und Dein prächtiges Haar malen zu dürfen.“ Sie ſchaute zu ihm hin, aber es war nicht mehr dasſelbe Geſicht, welches Adelgunde heute Morgen lachend und heiter geſehen; es waren dieß jetzt geiſtig durchwebte, verklärte Züge, aber durch⸗ zuckt von tiefem Schmerz— es waren die Züge jener andern Magdalene, als ſie zum letzten Male, wie der Roman erzählte, hier in demſelben verwilderten Garten ſaß— allein, unter der⸗ ſelben Veranda, lauſchend jenen herzdurchdringenden Orgeltönen, welche unter den Fingern Desjenigen hervorquollen, der zu ſehr von ſeiner Kunſt begeiſtert war, um ihr namenloſes Weh zu verſtehen. Wie zitterten auch jetzt wieder die klangvoll düſteren, ſchweren Orgelakkorde durch die weiche Luft, ſpielend auf den Sonnenſtrahlen, wie ein mitfühlendes Herz hätte glauben können, leiſe bewegend Die Spuren eines Romans. 89 Blätter und Blüten— mußte doch Adelgunde ihre Hände feſter an ihre Bruſt preſſen, um einen tiefen ſchmerzlichen Seufzer nicht zu geſtatten, daß er ihr Auge mit Thränen füllte. „Warum kümmert es Dich?“ fragte er barſch. „Weil ich Dich liebe, o ſo ſehr liebe, und nicht leben mag, wenn ich Dich nicht wiederſehen darf.“ „Und habe ich Dir ein Recht gegeben, mich zu lieben, bin ich ſchuld daran; kannſt Du ſagen, daß ich Dich veranlaßt, mich zu lieben, oder habe ich Dir Urſache zu dem Glauben gegeben, als liebte ich Dich? Geh, dummes Ding.“ „Nein, Sie gaben mir keine Urſache dazu, das iſt wahr, aber ich glaubte es doch. O, wie es mich durchzuckte, wenn Sie mich freundlich lachend anſchauten, wenn Sie mein Haar berührten, wenn Ihre Hand auf meiner Schulter etwas am Gewande ordnete.“ ——„Und was nun weiter?“ 1 „Das weiß ich nicht. Ich bin heimlich hierhergekommen, um Ihnen zu ſagen, daß die Mutter Ihnen das Atelier verſchließen will und daß Sie Schritte dagegen thun ſollen— mehr wollte ich nicht, Gott iſt mein Zeuge, aber ich weiß nicht, es wurde mir plötzlich hier ſo ganz anders.“ „Das glaube ich, bei dieſem Feuertranke, bei dem Dufte des Flieders und bei dieſem unausſtehlichen Orgelſpiele. Auch mir iſt es heiß geworden. Da, leg' Deine Hand in meine und fühle, wie mein Blut rast.“ Sie that ſo, wie er gewollt, dann aber ſchob ſie mit der andern Hand die Maitrankbowle zurück, die auf dem Tiſche ſtand. „O laß dieſe Kindereien,“ murrte er,„und beſſer iſt es, Du gehſt nach Hauſe, morgen wirſt Du Alles vergeſſen haben.“ „Nie, nie!“ „Nun, was willſt Du denn eigentlich? Ich habe Dir ſchon geſagt, ich liebe Dich nicht und kann Dich nicht lieben; es iſt im⸗ mer ein Unglück, wenn ein Maler ſein Modell liebt— 90 Die Spuren eines Romans. dann habe ich auch nicht Luſt, länger hier zu bleiben; es iſt mir Alles verhaßt, Alles ſcheint mir farblos und trübe; ich denke die Stadt zu verlaſſen, ich denke eine ſehr weite Reiſe zu thun. Du glaubſt mir nicht— gewiß, es iſt ſo, glaube mir.“ Sie blickte ihn kopfſchüttelnd mit einem trüben Lächeln an, dann ſagte ſie:„Ja, ich glaube Ihnen.“ „Gut denn, ſo laß mich in Frieden, ich verreiſe, das iſt ſicher, was willſt Du alſo noch bei mir?“ ——„Mit Dir leben, mit Dir ſterben.“ Hätte Magdalene dieſe letzten Worte auch nicht ſo leiſe hin⸗ gehaucht, wie ſie es that, ſo würde drüben die fremde alte Dame ſie doch nicht verſtanden haben, denn die Orgeltöne brausten jetzt aus dem Fenſter hervor wie ein Chor von hundert Stimmen, fugenartig dröhnte die Melodie durch den ſtillen Garten, jagend und gejagt, fliehend und ſich wiederfindend, jetzt ſich gegeneinander aufbäumend, jetzt zart und innig in einander verſchmelzend. Drüben die Beiden ſchienen ſich über etwas verſtändigt zu haben. Arthur's Augen leuchteten in unheimlichem Feuer, die Züge des jungen Mädchens waren mit einer tiefen Bläſſe bedeckt. Ein paarmal hatte er die Gläſer gefüllt, das ſeinige raſch hinunter⸗ ſtürzend, ſie nöthigend, das ihrige in ſchnell aufeinanderfolgenden Zügen auszutrinken; dann warf er etwas unter den Tiſch, ſprang auf, öffnete haſtig die Sammetjoppe an ſeinem Halſe, wie um ſich Luft zu machen, hob dann das junge Mädchen zu ſich empor, in⸗ dem er ſeinen Arm um ihren Leib legte und ſie feſt an ſich drückte, worauf er mit ſchwankenden Schritten die Veranda verließ und Beide hinter dem Hauſe verſchwanden. 5 Adelgunde fuhr von ihrem Sitz empor. Ihr kam Alles hier ſo ſeltſam, ſo ungeheuerlich vor. Halb betäubt vom Orgelton und Fliederduft und von dem, was ſie drüben gehört und geſehen, zitterten ihre Nerven in furchtbarer Erregung. Was ſie eigentlich wollte, wußte ſie nicht, und doch ſtrebte ſie zu erfahren, was der —— Die Spuren eines Romans. 91 junge Maler von ſich geworfen und was jetzt dort unten im Sande glänzend im Sonnenſchein lag. Die Orgeltöne waren plötzlich ver⸗ ſtummt und das gelbe Geſicht des Muſikers blickte mit einem grinſenden Lachen aus dem Fenſter und er rief, als er die heftige Regung in Zügen und Geberden der alten Dame bemerkte:„Ein beſſeres Kompliment hätten Sie meiner Kunſt nicht machen können, Madame; Sie ſind außer ſich, ich begreife das wohl.“ Doch wehrte ſie mit beiden Händen von ſich ab, ſo daß er ihr erſtaunt nachblickte, eilte dann an den Tiſch der Veranda, hob hier ein kleines Flacon vom Boden, deſſen Aufſchrift ſie ſchaudernd las und dann dem alten Mann zurief:„Schauen Sie um des Himmels willen nach den Beiden, die eben hier waren.“ Das gelbe Geſicht des Muſikers verſchwand augenblicklich vom Fenſter, und Adelgunde rang verzweifelnd die Hände, nicht wiſſend, was ſie thun ſollte— gleichfalls in das Haus eilen, den Beiden folgen— nein, nein, ſie vermochte es nicht, ein ſchmerzliches Zu⸗ ſammenſchaudern hielt ſie zurück———— Da vernahm ſie eilige Schritte hinter ſich und als ſie ſich raſch umwandte, ſah ſie zwei Männer, einen ihr unbekannten, der andere aber war der Photograph Herr Schellenberger. „Wenn es wirklich ſo wäre, wie es glücklicherweiſe nicht iſt,“ ſagte dieſer,„ſo kämen wir allerdings zu ſpät, denn wie ich ſehe, hält Madame das leere Flacon in der Hand.“ „Beweis genug für das beabſichtigte Verbrechen,“ ſagte der andere Mann, welcher Niemand Geringeres als Herr Schmauder ſelbſt war und der nun in voller Würdigung dieſer wichtigen Si⸗ tuation mit erhobenem Kopfe hinzuſetzte:„Sie, mein werther Herr Schellenberger, ſind durch Ihr Zeugniß im Stande, die Sachlage feſtzuſetzen, und ſo verhafte ich dieſe Dame hier im Namen des Geſetzes.“ „Mich, mein Herr?“ rief Adelgunde erſchrocken zurücktretend, „Sie wiſſen ja gar nicht, wer ich bin, Sie halten mich wahrſchein⸗ 92 Die Spuren eines Romans. lich für Jemand Anderes, Sie ſind vielleicht irre geführt durch die Kleidung, die ich trage?“ „Die Polizei läßt ſich nicht ſo leicht irre führen, und gerade dieſe Kleidung, Ihre Verkleidung, gäbe im vorliegenden Falle ſchon allein genügenden Grund zu Ihrer Verhaftung, aber am Andern iſt's ſchon mehr als genug.“ „An welchem Andern?“ rief die junge Dame im Tone höch⸗ ſten Schreckens. „Folgen Sie mir und reden wir hier nicht darüber. Schon das Fläſchchen in Ihrer Hand zeigt deutlich Ihre verruchte Abſicht. O, die Polizei läßt ſich nicht irre führen.“ „Ah, dieſes Fläſchchen“—— Adelgunde öffnete krampfhaft ihre Finger und ließ es mit Abſcheu auf den Boden niederfallen, wobei ſie ſich jetzt erſt wieder der furchtbaren Szene von ſoeben erinnerte und den Photographen mit dem Ausrufe nach dem Hauſe drängte, dort zu retten, wenn es noch möglich ſei. „Es würde zu ſpät ſein,“ ſagte ruhig Herr Schellenberger, „wenn überhaupt Gefahr vorhanden geweſen wäre. Glücklicher⸗ weiſe aber nahmen Sie aus jener Kaſſette in meinem Atelier ein unſchuldiges mit Quellwaſſer gefülltes Flacon.“ „Aber trotzdem iſt die Abſicht des Verbrechens erwieſen,“ ſagte Herr Schmauder, ſeine Hand ausſtreckend,„und deßhalb erſuche ich Sie, mir zu einem Wagen zu folgen, der vor dem Garten ſteht, und dabei dankbar zu ſein für das Zartgefühl der Polizei, welche Sie, ohne ſich an das Aufſehen zu kehren, zu Fuße durch die Straßen führen könnte.“ Herr Schmauder ſah ſo gar unbeugſam aus; Herr Schellen⸗ berger wandte ſich achſelzuckend weg und ſo blieb der Aermſten nichts übrig, als den wunderlichen Garten, wo ihr Alles wie ein ſchwerer Traum erſchien, zu verlaſſen und dem Mitgliede der ge⸗ heimen Polizei zu folgen. oosͤsdͤdddäͤäääääöãöö Die Spuren eines Romans. XI. In der Nähe des Gartens hielt der Wagen und als ſich Adelgunde demſelben näherte, ſah ſie in demſelben zu ihrer großen Freude ihre alte Kammerfrau, welche die vorſorgliche Polizei zu⸗ gleich mit den wenigen Papieren Adelgundens aus dem Gaſthof geholt, um gleich Alles beieinander zu haben. Die alte Frau hatte Thränen in den Augen und rang ſtumm die Hände; hatte ſie doch ſo gar keine Ahnung davon, was nun mit ihrer geliebten Herrin geſchehen ſollte. Dieſe hatte ſich auf dem kurzen Wege hieher gefaßt und ſah im Bewußtſein ihrer Schuldloſigkeit dem, was kommen würde, um ſo muthiger entgegen, als ſie ein glück⸗ licher Gedanke durchzuckte, der, Alles mit einem Male aufklärend, ſie wenigſtens aus den Händen der Polizei befreien konnte.„Wo⸗ hin führen Sie uns?“ fragte ſie Herrn Schmauder. „Auf die Polizeidirektion, wo das Weitere verfügt werden wird.“ „Wiſſen Sie, wer ich bin?“ „Wir haben allerdings Ihren Paß gefunden, der auf den Namen einer anſtändigen Familie lautet, doch ſind dergleichen Pa⸗ piere zu fälſchen.“ „Wenn ich Ihnen aber den Beweis führe, daß ich mit Recht den Namen jenes Paſſes trage und Ihnen einen ſichern Bürgen ſtelle für mein ruhiges Verbleiben hier in der Stadt, bis ſich dieſe ebenſo lächerliche als unangenehme Geſchichte aufgeklärt hat.“ „Wer könnte dieſer annehmbare Bürge ſein?“ fragte der Po⸗ lizeibeamte mit einem zweifelhaften Lächeln. „Baron Fremming auf Buchenhof.“ Herr Schmauder langte an ſeinen Hut, als wollte er den unſichtbaren Träger dieſes Namens reſpektvoll grüßen, ehe er zur Antwort gab:„Ja, wenn der Herr Baron Fremming für Sie einſtehen wollte, ſo würde das die Sache ändern, aber ich bin überzeugt, er wird ſich ſchwerlich dazu herbeilaſſen.“ 94 Die Spuren eines Romans. „Vielleicht doch,“ erwiederte Adelgunde, im Innern nicht ſo zuverſichtlich, als ihre Worte lauteten, denn ihr ſchwebte das Bild jenes herzloſen Ungeheuers vor, jenes vertrockneten, hageren Geld⸗ menſchen mit dem tückiſch lauernden Blick und dem kalten, un⸗ heimlichen Lachen. Und doch war es der einzige Anker, den ſie auszuwerfen hatte—„führen Sie uns dorthin!—“ „Da wir dabei keinen großen Umweg zu machen haben, denn der Buchenhof liegt ganz nahe,“ verſetzte Herr Schmauder, indem er neben den Kutſcher auf den Bock ſtieg,„ſo will ich es auf meine Verantwortung nehmen.“ So fuhren ſie dahin, eine kurze Strecke durch die Feldwege, welche Adelgunde zu dem wunderlichen Garten geführt hatten; dann erreichten ſie eine breite Straße, wo es aufwärts ging, bis ſie nach kurzer Fahrt vor einem hohen, prachtvoll aus Steinen erbauten und oben mit einem Wappen ver⸗ ſehenen Einfahrtsthor hielten, welches dadurch einen behaglichen einladenden Anblick bot, daß es, zurückſtehend, getrennt war von der ſtaubigen Landſtraße durch einen weiten Halbkreis und ſich hier im Schatten dicht belaubter, jett herrlich blühender Kaſtanien⸗ bäume befand. Ein Zug an der Glocke des Thores führte raſch einen Lakaien in einfacher, eleganter Livree herbei, der mit einigem Staunen die Equipage und ihren Inhalt betrachtete und dann auf die Frage des wohlbekannten Herrn Schmauder, achſelzuckend zur Antwort gab, der Herr Baron ſei allerdings zu Hauſe, doch wiſſe er nicht, ob derſelbe, da er gerade im Begriffe ſei, ſich zum Diner niederzuſetzen, noch Fremde annehmen würde. Glücklicherweiſe hatte Adelgunde das Schreiben ihres Vormundes in ihr Taſchen⸗ buch geſteckt und dieſes, wie ſie immer zu thun pflegte, auch heute mitgenommen. Sie übergab es dem Lakaien und erſuchte ihn dringend, dem Herrn Baron Fremming nicht zu verſchweigen, in welch' eigenthümlicher Begleitung ſie am Thore ſeiner Villa er⸗ ſchienen.. Der Lakai war ein. Mann, der lange genug in vornehmen Die Spuren eines Romans. 95⁵ Häuſern gedient hatte, um die Form des Briefes, ſeine Aufſchrift, ſowie das kleine Siegel vom feinſten Lack zu würdigen und da⸗ durch überzeugt zu ſein, daß er hier wohl mit nichts Zweideu⸗ tigem und mit Etwas zu thun habe, wo es auf eine vornehme Bettelei abgeſehen ſei. Adelgunde, welche bis jetzt ihren Muth aufrecht erhalten hatte, fühlte nun auf einmal das Peinliche ihrer Lage; ihr heftig klo⸗ pfendes Herz zog ſich krampfhaft zuſammen, ſie faltete ihre Hände und langſam tropfte eine Thräne um die andere unter ihrer blauen Brille hervor. Was hatte ſie wohl, trotz des Empfehlungsbriefs ihres Vormundes, von jenem kalten, herzloſen Menſchen zu er⸗ warten, und wenn ſich dieſer in Rückſicht auf den Onkel auch ihrer annahm, ſo fürchtete ſie doch hämiſche, zweideutige Reden zu er⸗ fahren und Kränkungen der unangenehmſten Art. Jetz ſchallten raſche Tritte auf dem breiten Kieswege; ſie wagte es nicht aufzu⸗ blicken, und erſt, als ſie gerade eine nicht unangenehme Stimme laut lachend fragen hörte:„Ja, welche von beiden alten Damen iſt denn eigentlich die junge Dame, die mir ſo dringend empfohlen wird?“ hob ſie ihre Augen auf, um den Sprecher zu betrachten— und entweder Schmauder mußte ſie vor eine falſche Villa geführt haben oder dieß war nicht Baron Fremming. Statt des hageren, dürren Mannes mit den finſtern, tückiſchen Zügen und dem herz⸗ loſen Blick der Augen ſtand ein ſtarker, wohl ausſehender Mann vor ihr, mit dem heiterſten, ja luſtigſten Geſichtsausdrucke von der Welt, mit Augen voll Güte und Freundlichkeit, allerdings mit weißem Haar, aber mit dem roſigſten Schimmer der Geſundheit auf den dicken Backen. Er trug einen weißen, eleganten Sommer⸗ anzug, einen breitkrämpigen Strohhut, und als er nun ſo daſtand, die Equipage betrachtend, lachte er ſo heftig und unaufhaltſam, daß der Lakai ungeſehen hinter ihm ebenfalls lachte, dann der Kutſcher auf dem Bocke, und daß ſich ſelbſt ein kleiner, lichter Schein auf den ernſten Zügen des Herrn Schmauder ſehen ließ; das dauerte 96 Die Spuren eines Romans. aber nur ein paar Sekunden, dann öffnete der Bediente den Schlag und der alte Herr bot der echten jungen Dame die Hand zum Ausſteigen.„Trotz der Verkleidung und der blauen Brille irre ich mich doch nicht,“ ſagte er heiter,„aber erklären Sie mir, liebes Fräulein, warum kommen Sie in dieſem ſeltſamen Anzuge zu mir?— Wie— Ihre Hand zittert, iſt Ihnen etwas Unange⸗ nehmes begegnet?“ „O viel, viel,“ rief das junge Mädchen mit ausbrechenden Thränen und einem ſo ſchmerzlichen Tone, daß der Baron, ſich raſch gegen Schmauder wendend, dieſen mit einem ſehr ernſten Ge⸗ ſichtsausdruck fragte: „Nun, mein Herr von der Polizei, ich will hoffen, daß Ihre Begleitung dieſer jungen Dame eine ganz zufällige iſt und daß Sie mir glauben, wenn ich Ihnen die Verſicherung gebe, daß Sie hier einen ſehr großen Mißgriff gethan. Mein liebes Fräulein,“ wandte er ſich an Adelgunde,„Ihr Onkel hatte Sie ſchon ſeit einigen Ta⸗ gen bei mir angekündigt, Ihre Photographie beigefügt, damit wir Sie im Nothfalle aufſuchen könnten, und nun, nach Entfernung Ihrer entſtellenden blauen Brille, küſſe ich meinem lieben Gaſte zum herzlichen Willkomm die Hand.“ Herr Schmauder befand ſich in einer unangenehmen Lage. Der alte Freiherr war eine ſo wohlbekannte und ſo hochgeachtete Perſönlichkeit, daß Jemand, den er auf ſolche Art bewillkommte, über allen und jeden Verdacht erhaben ſein mußte; er machte deß⸗ halb mit einer leichten Verbeugung ein paar Schritte rückwärts und hatte nichts dagegen einzuwenden, daß ihn der Lakai des Herrn Baron zum Polizeidirektor begleite, um dieſem zu ſagen, daß der Freiherr von Fremming zu ihm kommen werde, um ihm allen nöthigen Aufſchluß zu geben. Der Lakai hatte dabei noch den geheimen Befehl erhalten, die Koffer der jungen Dame, welche die alte Kammerfrau auf Befehl der Polizei hatte packen und ſchließen müſſen, mitzubringen. Hierauf reichte der alte Herr Adelgunde Die Spuren eines Romans. 97 den Arm und führte ſie durch einen wundervoll angelegten Garten nach ſeinem ſchönen Landhauſe, vor dem ſich eine große Terraſſe ausbreitete, die einen weiten Blick auf die Stadt und das herrliche, im Schmuck der blühenden Bäume prangende Thal gewährte. Dann mußte ſie ihm ihre Abenteuer der letzten Tage, welche ſie in ſo ſchlimme Berührung mit der Polizei gebracht hatten, berichten, und der dicke joviale Herr fand dieſe Verwicklungen ſo amüſant, daß er vor Lachen kaum zu ſich ſelber kommen konnte und mit Thränen in den Augen verſicherte, das ſeien die ſchönſten Geſchichten, die ihm in ſeinem Leben vorgekommen. Dann führte er ſie zur Tafel, die unter einer kleinen, von wildem Wein und Gaisblatt umrankten Laube zu vier Couverts gedeckt ſtand: eines für den Gaſt, ein anderes für den Freiherrn, welcher ſeit langen Jahren Wittwer war, die beiden andern für die Söhne des Hauſes, einen jungen Dragoneroffizier und einen angehenden Forſtmann. Wie bald fand ſich Adelgunde heimiſch bei dieſen feingebildeten, liebenswürdigen und guten Menſchen— ja, recht heimiſch, und obgleich ſie ſich feſt vorgenommen hatte, den andern Tag abzu⸗ reiſen, ſo ließ ſie ſich doch gern halten durch die Verſicherung des alten Freiherrn, daß einige Tage nothwendig ſein würden und dringend ihre Gegenwart erforderten, um eine hohe Polizei über ihre begangenen Dummheiten und Taktloſigkeiten aufzuklären, und das junge Mädchen blieb gerne unter dem Gefühle, einen lichten Frühlingsmorgen zu verleben nach einer ſchwülen Nacht voll ſchwerer böſer Träume. Begreiflicherweiſe klärte ſich Alles auf's Natürlichſte auf, haupt⸗ ſächlich durch Arthur Regnier, der ſich beeilte, der Wahrheit gemäß zu ſagen, daß er ſelbſt das gefährliche Flacon, aber nur aus Scherz mitgenommen habe— gewiß nur aus Scherz, denn er war wieder voll Glück und Lebensluſt, hatte er doch den andern Tag ſein Bild zu einem ſehr guten Preiſe verkauft, und, von unbekannter Hand, unter Beifügung eines reichen Honorars, den Auftrag er⸗ Hackländer's Werke. 50. Bd. 7 98 Die Spuren eines Romans. halten, eine Szene jener geheimnißvollen Geſchichte aus dem Hauſe der Fröſche v. Froſchberg zu malen, und war die Bedingung hin⸗ zugefügt worden, daß ſich der junge Maler vor Beginn dieſer Ar⸗ beit ein Jahr nach Italien begeben ſolle. Für den Stadtrath Schmetterer allein war es unangenehm, daß er ſich nicht im Stande ſah, ſeine Unſchuld vor der Gattin durch die Verurtheilung der Verbrecherin beweiſen zu können, und ſo oft ſpäter von Seiten der verwittweten Majorin oder der Büglerin mit ſechs erwachſenen Töchtern verfängliche Reden geführt wurden, pflegte Madame Schmetterer mit gerechter Entrüſtung zu ſagen:„Es iſt eben ein Unglück, einen Mann zu haben, der in ſeinem Amte ſolchen Ver⸗ führungen und Nachſtellungen ausgeſetzt iſt.“ Die Photographie der gefährlichen Fremden verwahrte ſie auf's Sorgfältigſte und ſo oft ſpäter bei vertrauten Kaffeekreiſen in ihrem Hauſe die Anſicht vertheidigt wurde, daß es nicht ſchwer ſei aus dem Aeußeren eines Menſchen auf deſſen Inneres zu ſchließen, pflegte ſie jenes Bildniß zu zeigen, indem ſie ſagte:„ſehen ſie doch dieſes harmloſe Geſicht an,“ worauf ſie triumphirend hinzuſetzte: „und das war eine ganz gefährliche Landſtreicherin, ein Abſchaum der Menſchheit— eine Giftmiſcherin.“ Damit verſchwimmen jene Geſtalten, denen ein eigenthümliches Zuſammentreffen von Umſtänden und Zufälligkeiten vielleicht einiges Intereſſe verlieh, und zergehen wie Abendduft und Nebelbilder; für Adelgunde aber endigten hiermit die herben Enttäuſchungen, die ſie erfahren, weil ſie den Muth hatte, den Spuren eines Ro⸗ mans nachzugehen— ſollte aber trotz alledem und alledem eine unſerer ſchönen Leſerinnen oder geneigten Leſer ſich verſucht fühlen, auch den Spuren der vorliegenden kleinen, aber ganz außerordent⸗ lich wahren Geſchichte zu folgen, ſo bitten wir, alles Andere bei Seite laſſend, auf den Buchenhof zu gehen und ſich dort nach der jungen Baronin Fremming zu erkundigen. Unter den päpſtlichen Zuaven. In einem der ſchönen Häfen von Marſeille, der Joliette, lag der fällige Poſtdampfer für Civita⸗Vecchia und Neapel in Erwar⸗ tung ſeiner Paſſagiere. Das lange und ziemlich hohe Schiff war ſo dicht an den Quai gelegt worden, daß man das Verdeck ver⸗ mittelſt einer hölzernen Brücke erreichen konnte, ſehr zur Annehm⸗ lichkeit der Paſſagiere, noch mehr aber zur Bequemlichkeit der be⸗ gleitenden Freunde, die ſich nun nicht bei dunkler Nacht dem ſchwankenden Boote anzuvertrauen brauchten, um Abſchiede zu nehmen, die ihnen theils Herz und Gemüth, theils Intereſſe und Herkommen abnöthigten. Der Dampfer ſollte um 8 Uhr ſeine Fahrt beginnen, wer aber, wie es die Pflicht jedes vorſichtigen Paſſagiers iſt, und wie er auch ohne dieſe Tugend durch die Omnibuſſe der Geſellſchaft von der Cannebière herbefördert wird, ſchon um 7 Uhr erſchien, fand das Verdeck nahe beim Eingange noch in ziemlich großer Verwirrung. An Waaren war allerdings nicht zu viel zu ſehen, aber die rieſenhaften Koffer und Paſſagierkiſten aller Art lagen bergehoch aufgethürmt, überklettert von ihren Beſitzern, die nach dem theuern Gut ſchauten und in allen Mundarten, unter denen die engliſche 100 Unter den päpſtlichen Zuaven. wieder einmal vorherrſchend war, die hantirenden Matroſen um die größtmöglichſte Sorgfalt erſuchten; doch war dieſes ein ſchwer zu befriedigendes Verlangen bei der Maſſe des aufgeſchichteten Materials und bei der dunkeln, durch nur wenige Laternen er⸗ hellten Nacht; auch legte manch verdächtiges Krachen und manch dumpfes Gepolter der herabrutſchenden Koffer Zeugniß vom Gegen⸗ theil ab, obgleich Alles mit großer Geſchwindigkeit von Statten ging, da ſich an dem Schiffe ſelbſt etwas erhöht über der großen Luke ein kleiner Dampfkrahnen befand, der mit einem unglaublichen Gerappel Alles hinab⸗ und ſpäter wieder hinaufbeförderte. Die Paſſagierſcheine trugen Nummern für Kabine und Bett, ſo daß hier keine Irrungen möglich waren, doch ging es ſehr enge in dieſen kleinen Kajüten mit fünf Betten zu und vielfache Reklamationen der Betreffenden konnten nur durch ein bezeichnendes Achſelzucken des Maitre d'hôtel, wie ſich ein ziemlich unanſehnlicher Kerl nennen ließ, beendet werden. Endlich war auf dem Verdecke Alles ziemlich klar gemacht, die begleitenden Freunde der Paſſagiere hatten ſich nach und nach entfernt; nur noch einige Nachzügler ſtanden auf der Schwelle zwiſchen Brücke und Verdeck, die letzten Händedrücke und die letzten Worte austauſchend. Die Taue, welche das Schiff an den rieſenhaften Ringen auf den Quaimauern feſthielten, waren gelöst, der Dampfer ſchwankte, aber kaum merklich, die Maſchine bezeugte ihre Ungeduld durch einige ziſchend ausgeſtoßene Dampf⸗ ſeufzer, und der Kapitän ſtand mit ſeinem Sprachrohr in der Hand hoch oben auf der Radkaſtenbrücke. Es iſt dieß jener Augen⸗ blick vor der Abfahrt jedes Dampfbootes, wo Alles bereit ſcheint und man doch nicht abfährt, wo Paſſagiere, Matroſen, Kellner, Steuermann und ſämmtliche Offiziere des Schiffes erwartungsvoll nach dem Ufer ſchauen, als müſſe von dort her noch etwas ganz Beſonderes erſcheinen, von dem ſich aber Niemand eine Rechenſchaft zu geben vermag. Gewiß hat mancher unſerer geneigten Leſer den Moment oft erlebt und ebenfalls nach dem Ufer geſchaut, in der Unter den päpſtlichen Zuaven. 101 Hoffnung, ſich von dort her eine achtruderige Barke mit raſender Geſchwindigkeit nähern zu ſehen, oder einen Reiter, der ſich auf dem Quai von ſeinem ſchäumenden Roſſe wirft, um irgend einen uner⸗ hörten Befehl des Kaiſers oder des Königs zu überbringen, oder einen der Schiffsjungen in athemloſem Laufe, für den Steuermann geflickte Hoſen tragend, oder für den Reſtaurateur ein paar ver⸗ geſſene Hammelskeulen— aber dieſer Moment, eine Art von un⸗ begreiflicher Erſtarrung der geſammten Mannſchaft, ohne daß ge⸗ wöhnlich etwas Wichtiges oder Unwichtiges erſcheint, geht eben ſo raſch vorüber und— der Zauber iſt gelöst. Die Maſchine fing an zu arbeiten und der Dampfer bewegte ſich langſam gegen die Einfahrt des Hafens, hier bei dem Dunkel des Abends, umgeben von einem dichten Maſtenwalde, zwiſchen dem ſich Taue, Stricke und Ketten wie Schlinggewächſe von Maſt zu Maſt zogen und auf deſſen Spitzen die Wimpel und Flaggen in unerkennbaren Farben wie aufgeſcheuchte Waſſervögel flatterten, aber alles dieß belebt von Tauſenden von Lichtern— ein wahrhaft prächtiger Anblick. War es doch gerade ſo, als ſchleiche das Schiff durch gewaltige Schilf⸗ und Binſenmaſſen, hinter denen am Ufer⸗ rande zahlloſe ſcheue Irrlichter aufhüpfen, um neugierig nachzuſchauen. Und alles das verſchiebt ſich bei jeder Bewegung des Fahrzeugs; lange Feuerlinien, die ſo eben noch zu unſerer Rechten waren, ſehen wir jetzt von der linken Seite wieder vorkommen; blaue, rothe und grüne Lichter ſpringen jetzt vor, jetzt neben uns aus dem Dunkel auf, wahrſcheinlich neckende Kobolde, die es aber nicht wagen, uns weiter hinaus zu begleiten, weil dort draußen auf dem Felsvor⸗ ſprunge der wachthaltende Leuchtthurm ſteht: ein rieſiger Cyklope, ebenfalls mit einem einzigen, aber weithin leuchtenden Auge, mit dem er zuweilen auf ſehr verdächtige Weiſe blinzelt.—„Nehmt euch in Acht vor ihm!“ flüſtert das kleine, in allen Farben leuch⸗ tende Volk niederduckend und langſam verſchwindend in dem Schilf⸗ walde am Ufer.—— & Unter den päpſtlichen Zuaven. Doch der Dampfer kommt glücklich vorüber, und jetzt, da er die letzten Mauern des Hafens hinter ſich hat, ſcheint ſeine Maſchine freier aufzuathmen und ſeine Radſchaufeln peitſchen das nächtig dunkle Meer, weißen Schaum aufſtäubend, der weit rückwärts noch in zwei zitternden leuchtenden Linien zu ſehen iſt. Von den Paſſagieren ſind viele noch auf Deck und ſchauen rückwärts nach der Stadt, von der übrigens nichts mehr zu ſehen iſt, als ein ſtrahlender lichter Kranz am Ufer und eine ſchwache Helle in der Luft. So mit leiblichem Auge; mit geiſtigem Auge dagegen ſah wohl Mancher Manches; das konnte man wenigſtens errathen aus der Haltung, mit der hie und da Jemand an der Verdeckbrüſtung lehnte, und ſtarr hinüberſchaute nach dem langſam verlöſchenden Lichte; oder auch aus dem leiſen Geſpräche Anderer, aus einzelnen Worten, aus leiſen Seufzern, aus dem Erſcheinen und Verſchwinden weißer Taſchentücher. Auf dem Mitteldeck, welches vielleicht zwölf Fuß tiefer lag, als das Hauptdeck der Paſſagiere erſter Klaſſe am Steuerruder, lagerte dicht vor dem Schornſteine eine unkenntliche Geſellſchaft, vielleicht dreißig bis vierzig Männer unter dunkeln Wolldecken, hier mit aufwärts gekehrten, an den Nachthimmel blickenden Geſichtern, dort auf der Seite liegend mit aufgeſtützten Ellbogen in leiſem Geſpräch. Wer dieſe Geſellſchaft war, konnte man allenfalls ent⸗ nehmen aus der Gleichförmigkeit ihrer grauen Wolldecken, aus einer Militärmütze hie und da, hauptſächlich aber aus ein paar Unter⸗ offizieren in päpſtlicher Uniform, die neben den Lagernden auf⸗ und abſchritten, auch zuweilen mit Einem derſelben plauderten, meiſtens in deutſcher Sprache oder im ſchweizer Dialekt, auch holländiſch und franzöſiſch. Hier wurde es am erſten auf Deck ganz ruhig. Dieſe päpſtlichen Freiwilligen ſchienen ſich eines geſunden Schlafes zu er⸗ freuen, und wenn ſich auch Manche unter ihnen noch ſpät in der Nacht unruhig und ſchwer ſeufzend hin⸗ und herwarfen, ſo lagen doch die Meiſten ruhig und ſtill. Auch von dem obern Halbdeck — V b Unter den päpſtlichen Zuaven. 103 verſchwanden die meiſten Paſſagiere nach und nach, wogegen man verſchiedene Gruppen in der hellerleuchteten großen Kajüte bei ein⸗ ander ſitzen und plaudern ſah. Das Schiff, der Saintonge, er führte ſeinen Namen von einer Provinz des alten königlichen Frankreichs, war ein Raddampfer, für den Laplata⸗Strom gebaut, und hatte auch deßhalb wohl an ſeinen Außenſeiten lange bewegliche Treppen. Während mancher Jahre hatte es den majeſtätiſchen Strom befahren und ſeine ganze Bau⸗ art, beſonders die reiche Decoration des großen Salons, erinnerte lebhaft an die prachtliebenden, heißblütigen Südländer; vielleicht etwas zu luftig, ja zugig für unſere klimatiſchen Verhältniſſe, mochten ſeine Höhe, ſeine großen Fenſter und breiten Thüren in jenem warmen Kliſna ein großer Vortheil geweſen ſein. Wände, Decken und Fußboden beſtanden aus den koſtbarſten Hölzern, die Möbel waren von Paliſander, die Umrahmung der Fenſter und die Rahmen ſchöner Bilder an den Seiten aus dem feinſten röth⸗ lich ſchimmernden Roſenholze, die Thüren von grünem japaniſchem Ahorn,— das Kamin von weißem Marmor. Durch feine Säulen, welche einen breiten Gang markirten, wurde die Kajüte in zwei Theile geſchieden, in deren jedem ſich größere und kleinere Speiſe⸗ tiſche befanden; am obern Ende des Mittelgangs ſtand ein reich geſchnitztes Pianino, vor dem eine hellblonde Engländerin Platz ge⸗ nommen hatte und für einige alte Damen, die um ſie herum ſaßen und ſtanden, mit leiſer Begleitung und noch leiſerer Stimme „That is the day of the Lord“ intonirte, wozu eigentlich gar keine Veranlaſſung war, denn es war nicht der Tag des Herrn und noch viel weniger war ſie allein auf weiter Flur. Von den übrigen Paſſagieren bekümmerte ſich indeſſen Niemand um dieſe ſtille Abendandacht. Dort wurde geleſen, hier geplaudert, an einer andern Stelle Thee getrunken, und am hintern Ende des Salons befanden ſich vier Amerikaner an einem kleinen Tiſchchen und ge⸗ noſſen ſtark frappirten Champagner, den ſie noch zuweilen mit 104 Unter den päpſtlichen Zuaven. Cognac verſtärkten. Nicht weit von ihnen bemerkte man in einer etwas dunkeln Ecke einen Herrn und eine Dame; doch ſah man von ihnen nicht viel mehr als das Hervorleuchten ihres hellen Kleides mit den ſchwachen Umriſſen einer Geſtalt; ſie ſaß zurück⸗ gelehnt auf einem der breiten Divans an der Seite; und von ihm, der ſich in einem Schaukelſtuhl hin und her bewegte, zeigte ſich nur hie und da das Geſicht, wenn es in Folge dieſer Bewegung zu⸗ weilen vom Scheine einer der Hängelampen beleuchtet wurde. Es war das ein blaſſes, eingefallenes Geſicht von verdrießlichem Ausdrucke, aber das Geſicht eines jungen Mannes in den zwanziger Jahren. Man tritt mit ähnlichen Gefühlen zum erſten Mal in eine ſolche Geſellſchaft, wie man ſich eine gänzlich unbekannte Gegend be⸗ trachtet, von der man es kaum glauben kann, daß man ſchon in kurzer Zeit jeden Weg, jeden Steg, ja einzelne Felder und Bäume, ſo genau kennt, als wäre man lange Zeit in ihnen und unter ihnen herumgewandelt, und wenn man auch von den Beſtandtheilen einer Geſellſchaft, mit der man auf Reiſen zuſammenlebt, nicht viel mehr erfährt, als die Art, wie Dieſer und Jener auf dem Ver⸗ deck umherläuft, oder bei Tiſch mit ſeinen Nachbarinnen plaudert, oder von einem Andern, daß er Morgens Früh in einem grauen Plaid erſcheint, Mittags in einem dunkelkarrirten Anzuge, Abends in einem hellen Ueberzieher, ferner von jenen alten Damen, daß ſie ſich bei einbrechender Nacht auf dem Verdetk ein Lager zubereiten, um dort ein paar Stunden lang den Mond anzuſchauen, die blitzen⸗ den Sterne, ſowie den ſchwarzen Qualm, der mit Myriaden von Funken vermiſcht aus dem Schornſteine dampft, um wie ein ſchwar⸗ zer Wolkenſtreif erſt in weiter Ferne zu verblaſſen oder in der Nacht zu verſchwinden— wenn wir auch von einem blutjungen Ehepaar weiter gar nichts zu hören bekommen, ſie aber Stunden und Tage lang ſehen, wie echte Inſeparables neben einander ſitzend, Geſicht gegen Geſicht gewandt, oder die Dame noch Abends allein bemerkend, von ihm ſorgſam bis unter das Kinn in Plaids ein⸗ Unter den päpſtlichen Zuaven. 10⁵ gehüllt, während er, eine Cigarre rauchend, vor ihr auf⸗ und ab⸗ ſtürzt, um bei jeder Tour vor ihr ſtehen zu bleiben und ein paar Worte in ihr lachendes Geſicht zu flüſtern; wenn uns die eben Genannten unbekannt im Grunde ſind und bleiben, ſo haben wir doch gerade durch die oben angeführten Aeußerlichkeiten in gewiſſer Beziehung ihre Bekanntſchaft gemacht, leben mit ihnen, wie unter guten Bekannten, und es würde uns etwas fehlen, wenn eines Morgens zum Beiſpiel der gewiſſe ſchäbige Gentleman, den wir ohne eine Spur von weißer Wäſche, aber in Pantoffeln von Glanz⸗ leder mit rothen Strümpfen zu ſehen gewohnt ſind, auf einmal ganz anders erſchiene, wenn die Inſeparables nicht mehr bei einander ſäßen, oder wenn ſich ſtatt der alten Damen jene Champagner mit Cognac trinkenden Amerikaner auf dem Verdecke lagern würden. So ſind wir in Kurzem, ja in wenigen Stunden, mit Allen be⸗ kannt geworden, ohne Jemand zu kennen, und würden es gewiß ſehr unangenehm empfinden, wenn plötllich eine ganz andere Geſellſchaft erſchiene, in die wir uns auf's Neue in der eben beſchriebenen Art zurecht finden müßten. Ob ſich unſer braves Schiff, welches ohne allzu große Be⸗ wegung wacker vorwärts dampft, auch wohl ähnliche Gedanken über ſeine Paſſagiere macht, oder ob ihm alles das gleichgültig iſt, was es jetzt in ſeinem Schooße und auf ſeinem Rücken mit ſich davon führt? Ja, ich fürchte faſt, der gute Saintonge macht ſich, an ehe⸗ mals denkend, heute gar nichts aus ſeinen dermaligen Reiſenden, nichts aus den vier Champagner mit Cognac trinkenden Ameri⸗ kanern, nichts aus der Lady, die ſich einbildet, allein auf weiter Flur zu ſein, nichts aus dem Herrn im Schaukelſtuhle mit ſeiner feinen weißen Dame, ja nichts aus den zwanzig bis dreißig andern Perſonen, die an verſchiedenen Tiſchen ſitzen: Damen in fabelhaft zerzausten, hinten lang herabfallenden Coiffuren, Herren mit und ohne Bärte, und mit mehr oder minder ſehr unintereſſanten Phy⸗ ſiognomieen. Vielleicht ſind zwei Gruppen auf dem Schiff, welche 106 Unter den päpſtlichen Zuaven. dem ehemaligen Dampfer des Laplata⸗Stromes einiges Intereſſe einzuflößen vermögen: oben die päpſtlichen Freiwilligen, die unter dem klaren Sternenhimmel dürftig zugedeckt, noch dürftiger be⸗ kleidet, liegen, leicht ſchlummernd, ſchwer träumend. Dieſe vierzig jungen Leute, Manche den beſſeren, ja den beſten Ständen ange⸗ hörig, würden uns wohl brillante Lebensbeſchreibungen liefern, wenn wir es vermöchten, Einzelne von ihnen an das Bugſpriet zu uns herſitzen zu laſſen und ihnen dort die Zunge zu löſen durch ein gutes Wort, unterſtützt von einem Glaſe feurigen Weines oder dampfenden Grogs oder einem Kelche mit ſchäumendem Champagner. Jedenfalls ſind dieſe päpſtlichen Freiwilligen in ihrer Vergangenheit und wohl auch in ihrer Zukunft ein hübſches Stück einer, wenn⸗ gleich wilden Poeſie, und das ſcheint auch die heiße Maſchine des Saintonge zu fühlen, denn ſo oft ihre Keſſelthüren geöffnet werden, liebäugelt ſie mit rother Glut zu den jungen Leuten hinüber und überſtrahlt deren bleiche, eingefallene Wangen mit roſigem Schim⸗ mer, wobei mancher Blick glänzend aufzuckt, um ſich gleich darauf ſeufzend wieder zu ſchließen. Eine zweite Gruppe iſt drunten in der Kajüte, welche wohl im Stande iſt, im Innern des guten Schiffes Jugenderinnerungen wach zu rufen. Das iſt nämlich eine ältere, wohlbeleibte Dame mit zwei jungen Mädchen, alle drei mit feinem, wachsbleichem Teint, großen dunkeln Sammetaugen und ſchwarzen Haaren, ſo ihre ſüdliche Abkunft verrathend. Die jungen Mädchen haben ſchlanke, biegſame Taillen, denen man wohl anſieht, daß ſie ſich unter den Klängen des Fandango hin⸗ und herzuwiegen verſtehen, und manche Bewegungen ihrer zarten Hände und Finger verrathen uns ſehr deutlich, daß ſie ihre Caſtagnetten zu gebrauchen wiſſen. Dieſe neckiſchen Bewegungen mit den zarten Fingern aber gelten dem Papagei von weißer Farbe mit einem gelben Buſch, der in hohem Meſſingkäfig vor ihnen auf dem Tiſche ſteht, neben einem Korbe voll Orangen, zu denen der Vogel zuweilen herabſchielt und —— Unter den päpſtlichen Zuaven. 107 dann ein Geſchrei ausſtößt, das einem lauten Lachen ähnlich iſt. Dann ſcheinen ihn die jungen Mädchen mit dem Spiel ihrer Finger beſchwichtigen zu wollen, was ihnen aber nicht immer gelingt, denn zuweilen richtet er unmuthig ſeinen gelben Federbuſch in die Höhe und ſtößt ein ſo durchdringendes Geſchrei aus, daß ſich die meiſten der Paſſagiere mit ärgerlichen Blicken hinüberwenden und daß ſich der gute Saintonge tief bewegt fühlt, denn in ſolchen Augenblicken träumt er ſicher: „von einer Palme, Die, fern im Morgenland, Einſam und ſchweigend trauert Auf brennender Felſenwand.“ Dann verwandeln ſich vor ihm die kahlen Felſen der fran⸗ zöſiſchen Küſte und das tiefdunkle Meer, und er glaubt wieder wie damals auf dem hellſchimmernden Strome dahinzuſchwimmen durch die üppig ſchimmernde Pracht des Urwaldes vorüber an Palmen, Bananen, an rieſigen Baumfarren und all' den prächtig wunderlichen Pflanzen vorbei, die umſpielt ſind und neckiſch gefeſſelt von den herrlichſten Schlinggewächſen. Ja— der plötzliche Ruf eines Papageis kann eigenthümliche und ganz verſchiedenartige Phantaſieen erwecken. Wendet ſich doch einer der Champagner trinkenden Amerikaner zu ſeinem Nachbar und ſagt mit einem häßlichen Lachen:„Wenn ich den Schrei des Papageis höre, ſo denke ich immer an unſere Jagd auf jenen verruchten Marron, der uns ſo viel zu ſchaffen machte. Gerade ſo klang es um uns her, als ihn endlich die Hunde niedergeriſſen hatten. Prächtige Beſtien das!“ Der junge Mann in dem Schaukelſtuhle hielt ſich bei dem gellen Ruf die Ohren zu und rief in verdrießlichſtem Tone:„Hätte ich doch damals zugleich mit Deinem Schreihals alle ähnlichen aus der Welt ſchaffen können!“ Er ſagte das auf ſo unangenehme Art, daß die feine weiße 108 Unter den päpſtlichen Zuaven. Geſtalt der jungen Frau neben ihm ſichtbar zuſammenzuckte, und zu gleicher Zeit ſprach droben einer der Freiwilligen gähnend und ſich dehnend:„Ich glaube, der Hahn kräht und es will Tag werden,“ worauf ein Anderer mit rohem Lachen erwiederte:„Wenn wir nahe am Lande wären, ſo würde ich glauben, es ſei Krähen⸗ geſchrei— eine heitere Begrüßung anderer Galgenvögel.“—„Oder ſie witterten Blutgeruch,“ meinte ein Dritter, worauf ein Vierter, der in der Ecke lag und zwar ſo, daß er einen Fuß breit Raum zwiſchen ſich und ſeinem Nachbar ließ, murrend ſagte:„Mit eurem ewigen Geſchwätz. Gebt doch ein Bischen Ruhe, das iſt weder Hahn noch Krähe, das iſt der Schrei eines Papageis.“ „Und der muß das wiſſen,“ quiekte eine Stimme aus der Mitte des Haufens hervor,„denn als er noch Prinz von Arkadien war, hielt er ſich Papageien zu Dutzenden.“ „Holes euch Alle der Teufel!“ Auf dieſen freundlichen Wunſch hin wurde noch ein Tüchtiges gelacht, auch noch verſchiedene derbe Gegenreden gehört, Rufe nach Ruhe von den Außenliegenden, unverſtändliches Gemurmel und tiefe Seufzer; dann trat die frühere Stille wieder ein und die meiſten ſchliefen weiter. Ja, Manche ſchliefen weiter, aber nicht Alle. Viele lagen allerdings regungslos da mit geſchloſſenen Augen, aber anſtatt von Schlummer erquickt zu werden, jagten die tollſten, ja oft die ver⸗ zweiflungsvollſten Gedanken ein anderes, ſchlimmes wildes Heer durch ihre Seelen. Hie und da wandte Einer das Antlitz von den leuch⸗ tenden Sternen weg und barg es in die Hände oder auf die unter⸗ gelegten Arme, dazu recht ſchmerzlich aufſeufzend. Ob auch Thränen dabei floſſen? Wir wiſſen es nicht, aber wir glauben es. Dann, nach einiger Zeit, war unter den grauen Decken keine Bewegung mehr zu ſpüren, und auf dieſen Augenblick ſchien der auf dem rechten Flügel, von dem wir vorhin geſagt, daß er einen fußbreiten Raum zwiſchen ſich und ſeinem Nachbar gelaſſen, gewartet zu haben, — Unter den päpſtlichen Zuaven. 109 denn jetzt rückte er noch weiter weg, erhob ſich hierauf in ſitzender Stellung, warf die graue Decke von ſich und ſtand dann, nachdem er noch einen raſchen Blick auf die Schläfer geworfen, geräuſchlos auf. Es war eine ſchlanke, jugendlich kräftige Geſtalt, die ſich dort erhob, bekleidet mit einem grauen Jägerrocke, den ein lederner Gürtel um den Leib zuſammenhielt, und auf das Haupt ſtülpte er jetzt einen leichten grauen Filzhut. Er war es, den die quiekende Stimme ſpottend„Prinz von Arkadien“ genannt hatte, und wie er ſo dahin⸗ ſchritt auf dem ſchmalen Gange zwiſchen der Maſchine und den brauſenden Rädern, mußte man geſtehen, daß ſeine Geſtalt, ſeine Bewegungen, die Art, wie er den Kopf trug, etwas Außergewöhn⸗ liches, ja etwas Vornehmes an ſich hatte. Dem widerſprach aller⸗ dings die grobe Kleidung, wogegen aber, wenn man in ſein feines, jugendlich ſchönes Geſicht blickte, man dieſe Kleidung hätte eine Ver⸗ kleidung nennen können. Er ging dem Bugſpriet zu, ſtieg auf das dort befindliche Verdeck und ſetzte ſich an das Ende des Klüver⸗ baums. Das Meer zeigte lange, ſanfte, glatte Wellenſchwingungen, ohne im mindeſten unruhig oder auch nur erregt zu ſein. Hier auf dem Vordertheile ſpürte man allerdings eine gelinde Bewegung, aber es war nur ein angenehmes Auf⸗ und Niederſteigen, weich und gleich⸗ förmig, wie das Schaukeln einer Wiege. Eine ſolche Wirkung ſchien es auf den jungen Freiwilligen zu haben, denn nachdem er ſeinen Hut neben ſich auf das Verdeck geworfen, ſtützte er ſeine Ell⸗ bogen auf die Kniee und ließ den Kopf tief zwiſchen die Hände hinabſinken. Auf dem Verdecke hier waren weiter nur eben einer der Matroſen ſchlafend zwiſchen einem großen Tauringe und ein einziger Spazier⸗ gänger in der Unteroffiziersuniform der päpſtlichen Jäger, der an der Brüſtung leiſe pfeifend auf⸗ und abſchritt. Nach einiger Zeit wich dieſer von ſeinem Wege ab, um ſich in einem weiten Kreiſe dem jungen Manne zu nähern, ihn einen 110 Unter den päpſtlichen Zuaven. Augenblick aufmerkſam betrachtend, und als dieſer dann zufällig eine Bewegung machte, legte er ihm die Hand auf die Schulter. „He, was ſoll's?“ „Eigentlich nicht viel,“ gab der Unteroffizier in einem freund⸗ lichen Tone zur Antwort:„Ich wußte nicht, wer von euch es war, der, ſtatt zu ſchlafen, Luſt hat, hier oben zu ſitzen und zu träumen, da Ihr es aber ſeid, ſo mache ich mir nichts daraus.“ „Und wenn es nun ein Anderer wäre?“ fragte der junge Mann in einem etwas trotzigen Tone. „So würde ich ihn erſuchen, ſich auf ſeine Schlafſtelle zurück⸗ zuverfügen.“ „Pah, Sie fürchten doch hier auf dem Meere keinen Deſertions⸗ verſuch?“ „Von Ihnen nicht, aber unter denen da drunten ſind Geſellen, bei denen es mir verdächtig vorkommen müßte, wenn ich ſie hier nun anträfe— in's Meer ſtarrend und vielleicht überlegend, ob ihr Elend in Erinnerung an ihr vergangenes Leben wohl tiefer ſei, als die Salzflut da draußen.“ Der junge Mann blickte in die Höhe und ſah eine Zeitlang aufmerkſam in das Geſicht des Unteroffiziers, dann ſagte er:„Und mir trauen Sie dergleichen Gedanken nicht zu?“ „Nein, ich verſtehe mich ein wenig auf Phyſiognomieen und habe mich in jahrelanger Berührung mit Leuten, wie die da unten, ſelten in meinen Vorausſetzungen getäuſcht und viele Erfahrungen geſammelt.“ Er ſagte das Letztere unter einem leichten Seufzer und wollte ſich, mit der Hand grüßend, wieder entfernen, als der junge Frei⸗ willige raſch mit der Bitte aufſtand, der Unteroffizier möge ihm eine vielleicht indiskrete Frage erlauben. „Nur zu“— ſagte der Unteroffizier—„ich werde Ihre Frage in der gleichen Art, wie Sie ſie ſtellen, zu beantworten ſuchen.“ „Wie kommt es, daß ein Mann, der ſich, wie Sie, ſo gewandt Unter den päpſtlichen Zuaven. 111 in drei verſchiedenen Sprachen auszudrücken verſteht— ich hörte Sie deutſch, franzöſiſch und italieniſch reden, der, wie Sie, ſo ganz das Aeußere und Benehmen eines vollkommenen Gentleman hat— ich weiß leider kein anderes Wort dafür— Unteroffizier bei den päpſtlichen Jägern iſt?“ „Ei, mein lieber Herr,“ gab der Andere lächelnd zur Antwort, „wer weiß, ob in drei bis vier Jahren irgend jemand Anderes nicht ganz genau dieſelbe Frage an Sie richten wird?“ „Nie— gewiß nicht. Ich hoffe, bei den päpſtlichen Zuaven anzukommen, um in einem guten Gefechte mit meinem Herzblute über empfangenes Handgeld und all' dergleichen quittiren zu können —— freilich, wenn dieß leider nicht der Fall wäre——* „So würde doch vielleicht jemand Anderes die gleiche Frage an Sie ſtellen.“ „Nach Jahren, ich wiederhole es Ihnen, gewiß nicht. Dann würde ich——“* „Sind Sie denn ſo ſehr des Lebens überdrüſſig?“ fragte der Unteroffizier, dem jungen Manne abſichtlich ſeine Rede abſchneidend. „Ja.“ „Noch ſo jung— „Sechsundzwanzig Jahre und noch nichts für die Unſterblichkeit gethan; auch nicht im Stande, je etwas dafür zu thun, was mir bis zu einem gewiſſen Zeitpunkt auch höchſt gleichgültig war, denn mir genügte mein Leben, wie ich es trieb: eine Kette voll Verirrungen und Ausſchweifungen, wie ſie jungen reichen Leuten nur zu leicht zur unzerreißbaren Feſſel wird, die ſie an das Laſter ſchmiedet.“ „Jungen, reichen Leuten?“ „Jungen und ſehr reichen Leuten?“ Ich kann es billiger nicht thun. Ja, ſo reich, daß trotz all' der Narrheiten, trotz all' der unſinnigen Verſchwendungen, die ich getrieben, die Mittel wohl bis an mein natürliches Lebensende ausgereicht haben würden, wenn ſich nicht ein Vorfall ereignet hätte, der mir dieſes Leben ſelbſt ver⸗ 112 Unter den päpſtlichen Zuaven. haßt gemacht, und nicht nur das Leben, wie wir es damals trieben, ſondern überhaupt jede Art von Daſein, die doch ferner nur freu⸗ 3 denlos geweſen wäre.“ Als der junge Mann hierauf ſchwieg, trat der päpſtliche Unter⸗ offizier mit einem leichten Gruße und in der Art eines Mannes zurück, der viel zu diskret iſt, um durch Stehenbleiben und Auf⸗ horchen einen Andern zu Mittheilungen zu veranlaſſen. Dazu ſchien aber auch der junge Freiwillige nicht geneigt zu ſein, denn nachdem der Andere ſich entfernt, ſetzte er ſich wieder auf den Klüverbaum und träumte weiter. Kehren wir noch einen Augenblick zur Kajüte zurück. Es iſt nicht zu ſpät, um dort noch Geſellſchaft zu finden, hat doch die Schiffsglocke ſo eben erſt die fünfte Stunde der Nachtwache ange⸗ zeigt, ungefähr 11 Uhr nach gewöhnlicher Zeitrechnung, und pflegt man überhaupt in der erſten Nacht, die man auf dem Schiffe zu⸗ bringt, nicht zu früh zu Bette zu gehen. Drunten im großen Salon iſt faſt noch die ganze Geſellſchaft, wie früher, und mit wenig Ausnahmen auf gleiche Art beſchäftigt, verſammelt: die Amerikaner trinkend, die Engländerin auf dem Piano ſpielend, der Papagei zuweilen ſchreiend, nur der junge Mann in dem Schaukelſtuhl hat dieſen ſo eben verlaſſen und läßt ſich von ſeinen Kammerdienern einen dicken Paletot anziehen, während die Dame mit der feinen Taille jetzt über ihr helles Kleid einen langen dunkeln Burnus trägt.„Meinſt Du nicht,“ ſagt ſie mit leiſer Stimme,„daß die kühle Nachtluft droben dir unangenehm ſein wird?“ worauf er in barſchem Tone erwiedert:„Dummes Zeug, ich werde wohl doch am beſten wiſſen, was mir zuträglich iſt; wenn es für Dich aber zu kalt droben iſt, ſo genire Dich gar nicht und gehe zu Bett— gewiß, Du mußt Dir um meinetwillen gar keinen Zwang auferlegen— gewiß nicht— thue was Du willſt— ganz was und wie Du willſt, vollkommen— auf jede Art.“ Er ſprach dieß in keinem Tone, der liebevolle Beſorgniß oder — Unter den päpſtlichen Zuaven. 113 ſonſt ein freundliches Gefühl verrieth, er ſtieß vielmehr ſeine Worte mürriſch und verdrießlich heraus, während er der Kajütenthür zu⸗ ſchritt, unbekümmert, ob ſie ihm folge, und unbekümmert darum, daß verſchiedene Leute an den Tiſchen in die Höhe ſahen und ihm einigermaßen verwundert nachblickten. Droben auf dem Verdeck angekommen, huſtete er lang und heftig, und als ihn die junge Dame beſorgt anblickte, ſtampfte er mit dem Fuße und benutzte die erſte Ruhe, welche ihm der Huſten vergönnte, ihr in noch ärgerlicherem Tone zu ſagen:„Du mußt Dir gar nicht einbilden, daß Du wieder einmal Recht gehabt, es iſt nicht die Nachtluft, welche mir Huſten verurſacht, ſondern es iſt der Aerger, weil Du nicht aufhören willſt, mich wie ein erbärm⸗ liches krankes Kind zu behandeln. Die Seeluft thut mir gut,“ fuhr er nach einem langen, mühſamen Athemzuge fort,„das weißt Du ganz genau, aber gerade deßhalb muß ich immer dieſes ver⸗ fluchte Wenn und Aber hören, wie auch bei andern Gelegenheiten— hol' der Teufel die Weiberlaunen! Meinſt Du denn, wenn man in dem heißen Salon da unten gut gekühlten Champagner trinken ſieht, man bekäme nicht ebenfalls Luſt dazu— meinſt Du das in der That—— o bemühe Dich mit keiner Antwort, ich weiß doch ganz genau, was Du ſagen willſt— daß der Arzt mir den Cham⸗ pagner verboten— nun ja, hol' ihn der Teufel! Er wird mir auch nächſtens das Waſſer verbieten und die Luft— Alles, Alles werde ich entbehren müſſen, nur Dich wird man mir laſſen, und das iſt freilich ſehr viel.“ Darauf lachte er auf eine häßliche Art und ſo anhaltend, daß er abermals einen Huſtenanfall bekam und ſich, dieſen austoben laſſend, raſch von der jungen Dame entfernte, indem er ihr durch eine heftige Handbewegung gebot, zurückzubleiben. Sie ſetzte ſich auf eine der Bänke an der Brüſtung des Schiffes und ſchaute ihm beſorgt nach, wie er ſich neben dem Steuerruder auf einen Stuhl niederließ, ſo krampfhaft und ſchwer hußtend⸗ daß Hackländer's Werke. 50. Bd. 114 Unter den päpſtlichen Zuaven. man beim Schein der Kompaßlaterne trotz des dicken Paletots das heftige Zucken ſeiner Schulterblätter ſah; dann faltete ſie ihre Hände, langſam, aber es war eine erſchreckende Heftigkeit, mit der ſie ihre zarten Finger zuſammenpreßte. Der Mond, der vor einer Viertel⸗ ſtunde aufgegangen war, ſtand voll am Himmel und beleuchtete ihr ſchönes, aber ungemein bleiches Geſicht, während der Seewind mit ihren langen blonden Locken ſpielte. Wie war das Meer ſo ruhig; ſelbſt die kleinen Wellen, die ſich gegen Abend ſpielend auf der Oberfläche gezeigt, ſchienen ein⸗ geſchlafen zu ſein, und was man von Bewegung auf dem Schiffe noch ſpürte, war das Zittern der Maſchine— Meeresſtille und glückliche Fahrt! aber nicht für Alle, nicht für Alle! Der junge Freiwillige am Bugſpriet hatte den Kopf ſogar tief auf die Bruſt herabgeſenkt und mit den Fingern wühlte er in ſeinem dichten Haare, während der am Kompaßhäuschen ſchwer huſtend, unmuthig zu⸗ ſammenzuckte, ja, ſo ſchmerzliche Laute von ſich gab, daß die junge Dame nach einigem Zögern raſch aufſtand, an ſeine Seite trat und ihn mit milder Stimme fragte, ob ſie ihm ein Linderungsmittel holen dürfe, worauf er ihr zuerſt gar keine Antwort gab und dann, als ſie ihre Frage wiederholte, heftig ausrief:„Laß mich zufrieden! es iſt der Aerger, der mir Kehle und Bruſt gereizt hat. Die See⸗ luft, die ich in tiefen Zügen einathmen will, wird ſchon helfen. Geh' zu Bette.“ Gehorſam ſeinem Befehle, ging ſie leiſe von ihm weg; ehe ſie ſich aber unter das Verdeck begab, trat ſie noch für einige Augen⸗ blicke an den Schiffsrand und blickte in die See hinaus. Unbe⸗ ſchreiblich ſchön war die tiefgrüne Fläche beſonders hinter dem raſch fahrenden Dampfer anzuſchauen; da bauſchten ſich die Wellen in ſpiegelglatter, eleganter Wölbung im Mondlichte glänzend, überſäet mit Tauſenden leuchtender Phosphorfunken, einer mit Silber ge⸗ ſtickten Atlaßſchleppe vergleichbar, welche das Schiff auf ſeinem ſtolzen Gange hinter ſich herzog, da warf der Mond ſeitwärts einen Unter den päpſtlichen Zuaven. 11⁵ ſchimmernden Streifen auf die unendliche Fläche, und die Luft war ſo rein und klar, daß ſelbſt die hellſtrahlende Venus ihr leuchtendes Antlitz im Waſſer wiederſpiegelte. Da glaubte man, allerdings in weiter, weiter Ferne, zur Rechten und zur Linken feſtes Land oder hohe Inſelgeſtade zu bemerken; vielleicht waren es aber auch nur Wolken⸗ maſſen, die in maleriſchen Formen träumeriſch unbeweglich am Horizonte ruhten, jedenfalls einer lebhaften Phantaſie Spielraum gewährend. Vielleicht war es die Spitze von Korſikäa—„O wenn er hier bei mir ſtände mit freundlichen Worten und liebevoller Erklärung, alles das mit mir genießend, mit mir beſprechend,“ dachte die junge bleiche Dame;„wenn ich meine Empfindung gegen ihn ausſprechen dürfte, wie ich früher gehofft es thun zu können, ihn auf alle dieſe Schönheiten der Nacht aufmerkſam machen, an ſeine Bruſt gelehnt, Hand in Hand mit ihm—— mit ihm?—— mit wem?———— fort, fort mit dieſen fürchterlichen Gedanken, die aus der Tiefe des Meeres aufzuſteigen ſcheinen, um mit langen geſpenſterhaften Armen nach mir zu greifen, als wollten ſie mich hinabziehen.—— Und wäre es nicht am Ende beſſer, dort unten ein ewiges Vergeſſen zu ſuchen und zu finden, als hier oben ein qualvolles Daſein, ein verlorenes Leben zu führen——“ Sie wich ſchaudernd vom Schiffsrand zurück, über den ſie ſich tief hinab⸗ gebeugt hatte, um ihren Blick in die unergründliche Tiefe zu ver⸗ ſenken; es hat das etwas eigenthümlich Reizendes, Verlockendes und Gefährliches; man fühlt ſich unwillkürlich angezogen und es gibt Zeiten, wo man ein brennendes Verlangen fühlt, der ſo verführeriſch aufſchwellenden Welle entgegen zu kommen—— deßhalb fort, fort! Sie eilte die Treppen hinab, um in die für ſie reſervirte Kajüte zu gelangen, wo ſie von ihrer Kammerfrau erwartet wurde; ehe ſie ſich aber unter das Verdeck begab, blieb ſie noch einen Augenblick ſtehen, um zu horchen, ob ſie nicht vielleicht die heran⸗ nahenden Schritte ihres Gatten vernehme; doch blieb droben Alles ſtill und ſtille war es rings um ſie her. Rings um ſie her ſchien 116 Unter den päpſtlichen Zuaven. Alles in tiefem Schlaf begraben zu liegen; ſelbſt dort auf dem Verdeck der armen Leute, die ſie heute Abend bei der Ankunft ſchon bemerkt und mitleidig betrachtet hatte, ebenſo dort der Matroſe mit hinten überliegendem Kopfe an der Brüſtung ruhend, ja ſogar der Offizier oben auf der Radkaſtenbrücke; wenigſtens lehnte er unbeweglich an dem Geländer, mit übereinander geſchlagenen Ar⸗ men in die See hinaus träumend. Nur die gewaltige Maſchine im Innern des Schiffes wachte und arbeitete rüſtig, unverdroſſen, ihre Räder drehten ſich ſauſend, die Kolbenſtangen in den Dampfceylindern fuhren dröhnend und ziſchend auf und ab, und die großen Schaufelräder peitſchten das Waſſer in einem beſtändig wiederkehrenden Rhythmus, dem man ſo leicht Worte unterlegen konnte. Dann und wann wurden auch drunten klirrend die Ofenthüren aufgeriſſen, und in ſolchem Augen⸗ blick erſchien die weite Oeffnung, durch die man in den Maſchinen⸗ raum hinabſah, wie erfüllt mit glühender Lohe, welche hoch auf⸗ ſteigend alle Gegenſtände, die ſie erreichen konnte: Maſten, Stricke, Ketten, ja ſogar den finſtern Schornſtein tief röthlich beſtrahlte— warum nicht auch ein menſchliches Antlitz, welches von der Brüſtung in den Maſchinenraum hinabſah.— Und doch war dieſes Geſicht wohl nur ein Phantaſiegebilde ihres erregten Blutes— o gewiß, anders konnte es nicht ſein, anders durfte es nicht ſein, anders wäre es ſchrecklich, entſetzlich geweſen!— Schon der Gedanke, daß ſie ſich vorhin droben auf dem Verdecke und jetzt hier wieder in ihren Gedanken mit jenem Bilde ſo lebhaft beſchäftigt hatte, daß es ihr hier im Zuſammenwirken von Glut und Schatten zu er⸗ ſcheinen gewagt, hatte etwas ſo Peinliches für ſie, daß ſie ihre beiden Hände in tiefer Bewegung feſt auf ihr Herz drückte und dazu murmelte:„Höre auf, ſo heftig zu ſchlagen.“ Daß jenes Bild in der That nur eine Phantaſie geweſen war, davon hatte ſie den Muth ſich zu überzeugen, denn raſch entſchloſſen umging ſie die Oeffnung des Maſchinenraums, in der tiefen Dunkelheit —,— Unter den päpſtlichen Zuaven. 117 ſcharf ausſpähend, ohne hier überhaupt ein lebendes Weſen zu gewahren. Als die junge Dame hierauf in ihre Kajüte trat, war die eben gehabte Aufregung immer noch auf ihren Zügen ſo ſichtbar, daß die alte Kammerfrau in beſorgtem Tone fragte, ob der Frau Gräfin irgend etwas beſonders Unangenehmes begegnet ſei. Es war ſchon ſtark genug, daß die alte kluge Franzöſin das Wort „beſonders“ hinzuſetzte, daß ſie es aber ſehr ſtark betonte, hätte auf jeden aufmerkſamen Zuhörer einen ſchmerzlichen Eindruck ma⸗ chen müſſen.— „Mein Mann, der noch auf dem Verdecke iſt, hat ſehr ſtark gehuſtet, und ich bitte Sie, liebe Marianne, dem Kammerdiener zu ſagen, daß er nach ihm ſehen möge und den Grafen frage, ob er irgend etwas befehle.“ Die alte Kammerfrau glitt ſtillſchweigend zur Kajüte hinaus, um gleich darauf mit der Meldung zurückzukommen, daß der Herr Graf mit Friedrich ſo eben die Treppen hinabſteige, um ſich in ſeine Kabine zu begeben; er habe ſich ein Glas ſtarken Punſches zum Schlaftrunk beſtellt. Die junge Dame hatte ihren Mantel abgeworfen und legte nun mit Hülfe der Kammerfrau ihre Oberkleider ab, um ſich auf dem kleinen Lager, welches mit einer ſchneeweißen, feingegerbten Hirſchdecke verſehen worden war, zur Ruhe zu begeben. Die junge Dame war ſehr jung und ſehr ſchön, wer aber nicht gewußt hätte, daß ſie eine, allerdings erſt ſeit ſehr Kurzem verheirathete Frau ſei, die Gräfin Camilla Landerer, der würde ſie für ein kaum ſiebenzehnjähriges Mädchen gehalten haben, für eine eben erſt er⸗ blühte Roſe, ſo friſch, ſo duftig, ſo zart und unberührt, und es war dabei kein Wunder, daß die alte Kammerfrau ſie wie ein kleines Kind zur Ruhe brachte, ihr reiches, blondes Haar ſorgfältig unter der feinen Battiſthaube verbarg und dann ihre zarten weißen Hände küßte, bevor ſie ſich auf ihr eigenes Lager in der Ecke der 118 Unter den päpſtlichen Zuaven. Kabine zurückzog, nachdem ſie vorher die Thüre derſelben ſorgfältig verriegelt. „Wenn nur der garſtige Papagei nebenan nicht immer ſo ſchreien wollte,“ ſagte nach einigen Minuten die Gräfin Camilla, während ſie mit verſchloſſenen Augen, den Schlaf erwartend, da lag. „Ich glaube, ich werde davon träumen in Verbindung mit dem, was mir heute beim Diner unſer Bankier, Herr Gondard, von dem Schiffe erzählte, daß es nämlich früher den ſchönen Laplata⸗ Strom befahren, auch, was ſein Sohn ihm von einem prachtvollen Ballfeſte mitgetheilt— welches man— in einer jener wunder⸗ vollen ſüdlichen Nächte— droben auf dem Verdecke gehalten.— Es ſei prachtvoll geweſen— all' die ſchönen Damen zu ſehen— in herrlichen Toiletten— mit fabelhaften Brillanten.—— Das möchte ich wohl ſehen— und wenn ſelbſt nur im Traume.“ Der garſtige Papagei ſchrie aber auch in der That ſo gellend und jede Ruhe ſtörend, daß ſich nicht nur die Damen in ihren Kabinen darüber empörten, ſondern auch von den weiter entfernten Herren Berathſchlagungen gepflogen wurden, wie dem Unfug zu ſteuern ſei. Einige meinten, der Haushofmeiſter des Schiffes müſſe veranlaßt werden, ihn in's Zwiſchendeck zu ſperren, wogegen ſich die vier Amerikaner in ihren Betten einfach darüber einigten, wer von ihnen dieſer infamen Beſtie den Hals abſchneiden ſolle. Wer weiß auch, was geſchehen wäre, wenn die Herrin des Papageis, jene dicke ſpaniſche Dame, nicht zu einem für ſie allerdings ſehr beſchwerlichen Auskunftsmittel gegriffen hätte. Da es nämlich der verwöhnte Vogel außerordentlich liebte, auf ihrem Zeigefinger zu ſitzen, ſo ſtreckte ſie zu dieſem Zwecke ihren Arm aus dem Bette heraus und verharrte in dieſer unangenehmen Lage, bis ſie endlich aus Ermüdung halb ſchlummernd, Hand und Vogel ſinken ließ und hierauf, durch ſein gellendes Geſchrei gänzlich erwacht, ihn wieder vom Boden erhob und abermals auf den Zeigefinger ſetzte. Doch waren dieß nicht die einzigen der kleinen Leiden, welche Unter den päpſtlichen Zuaven. 119 manche der Paſſagiere in den engen, gänzlich beſetzten Kabinen zu erdulden hatten; all' dergleichen, Hitze, ſowie unruhige, mit wahrer Virtuoſität ſchnarchende Nachbarſchaft war ja zu ertragen, ſelbſt daß franzöſiſche ſehr verwerfliche Sparſamkeit ſchon Abends um 11 Uhr ſämmtliche Lichter in Kajüten und Kabinen löſchte. Wie geſagt, alles das wurde nicht ſchwer genommen, da ein anderes, unangenehmeres Schreckgeſpenſt der Meerfahrt, die Seekrankheit nämlich, ferne blieb.— Und ſo dampfte der Saintonge ruhig, faſt unbeweglich durch Nacht und Wellen dahin, ſo Manches und ſo Vielerlei in ſeinem ſchwarzen Schiffskörper mit ſich führend. Als aber am andern Morgen die roſenfingerige Eos, wie Voß oder Homer ſagt, über dem Meere aufblühte, waren viele von den kleinen Leiden der vergangenen Nacht gemildert und ſelbſt tieferes Weh wurde weniger gefühlt beim Einathmen der belebenden Aether⸗ friſche. Die päpſtlichen Freiwilligen hatten ſchon lange ihre grauen Decken von ſich geworfen, und Mancher unter ihnen, der wahr⸗ ſcheinlich feſt geſchlafen und ſchwer geträumt, blickte erſtaunt an die Maſten und das Takelwerk empor, oder bedeckte auch wohl die Augen mit der Hand, in tiefes Nachdenken verſinkend, bis ihn ein geſunder Rippenſtoß des Nachbars oder ein ſchlechter Witz daraus erweckte, um ihn vielleicht mit gleichen Füßen aufſpringen zu ma⸗ chen und ſeinen Angreifer zu packen und ihn weidlich zu ſchütteln, bis von rechts und links Ruhe geboten wurde oder bis ſich, was hier noch wirkſamer erfchien, der Spaßmacher der Geſellſchaft ins Mittel legte und einen großen eiſernen roſtigen Schlüſſel aus der Taſche holte, mit dem er im Hinblick auf das päpſtliche Wappen den Streit unparteiiſch mit grober Gerechtigkeit und tiefer Weis⸗ heit zu ſchlichten verſprach. Es iſt merkwürdig, daß unter jungen Leuten der verſchiedenſten Lebensſtellung, ſeien es Studenten auf einer Ferienreiſe, ſeien es Soldaten auf dem Marſche, ſeien es, wie hier auf dem Schiffe, ärmlich gekleidete angeworbene Rekruten, ſich augenblicklich ein 120 Unter den päpſtlichen Zuaven. Spaßmacher findet, der, wie Trommelſchlag auf dem Marſche, die Beine flinker bewegend macht, und der, wie hier, unter dieſen trotzi⸗ gen wilden Geſellen die finſteren, verbiſſenen Mienen aufzuheitern im Stande iſt. Dieſer Spaßmacher hier unter den päpſtlichen Freiwilligen war ein kleiner, kaum vier Fuß hoher Schwabe, welcher der ſchönen Beſtimmung eines Tambours entgegenging; ſeines Zeichens ein Schneider, hatte er die ganze Beweglichkeit eines ſolchen und wußte ſeine kecken, meiſt verwegenen Reden von oft revolutionärer Färbung mit dem drolligſten Humor und einer eigenthümlichen Lebensphilo⸗ ſophie preiszugeben. Er trug einen ſchwarzen, ſehr fadenſcheinigen Frack, ein ſtrickartiges Halstuch von unbeſtimmter Farbe und ſeine ſchmutzig grauen, unten förmlich ausgefransten Beinkleider wurden von einem einzigen Hoſenträger gehalten. Auch hatte er leider keine Weſte, um ſein iſabellfarbenes Hemd verſchwinden zu machen. „Schadet nichts,“ ſagte er, ſich an die Bruſt klopfend,„es iſt ja unſere Beſtimmung, dieſe nackte Bruſt der Partiſane entgegenzu⸗ werfen.“ Seine Kopfbekleidung war ihm während der Nacht ab⸗ handen gekommen, und er raubte nun bald Dieſem, bald Jenem die ſeinige, wobei er ſich aus der Gewißheit durchaus nichts zu machen ſchien, daß irgend einer der Angegriffenen ihn mit einem einzigen Schlag zu Boden ſtrecken konnte, was übrigens nicht ge⸗ ſchah; ſondern zuerſt begnügte ſich ein rieſenhafter Schweizer, ihn wie einen Ball einem derben, hreitſchulterigen Rheinländer zuzu⸗ werfen, der ihn dann gegen eingf langaufgeſchoſſenen Berliner weiter beförderte, den aber der kleing Schneider, zwiſchen den Beinen durch⸗ ſchlüpfend, bei dieſer Gelegen 9 t auf ſehr hinterliſtige Art plötzlich zu Fall brachte, worauf er einent gemüthlichen Sachſen den alten Stroh⸗ hut vom Kopfe riß, ſich ihn aufſetzte und dann, die Hände auf dem Rücken, wie es der Kapitän des Saintonge zu machen pflegte, davonging, dabei in Haltung des Kopfes, beſonders aber im Hin⸗ und Herwiegen der Schultern, dieſen braven Marineoffizier nachäffte. Unter den päpſtlichen Zuaven. 121 Leider waren vom deutſchen Vaterlande die eben genannten Stämme und noch ſo manche andere vertreten, ſo daß da eine ganze Muſterkarte hier beiſammen war. Die übrigen waren Schweizer, Belgier, Franzoſen, und unier Allen waren auch die verſchiedenartigſten Stände und Lebensſtellungen vertreten; hier bemerkte man an Kleidung und Haltung den Handwerker oder den derben Bauer, dort ſah man Köpfe und Hände, die dem Schreiber⸗ oder Kaufmannsſtande angehört, mit hierzu paſſenden, meiſtens aber mit allerdings ſehr abgetragenen Röcken; da waren Andere, die ſich eine ſchäbige Eleganz bewahrt hatten, die ſorgfältig jeden Strohhalm, jedes Stäubchen von ihrem Anzug zu entfernen trach⸗ teten, die ſich auch nun beim hellen Tageslichte abgeſondert hielten und ſich den Anſchein gaben, als gehörten ſie zu der Klaſſe der 5 ganz anſtändigen Paſſagiere. Da waren aber auch ſehr junge Leute, denen man es in ihrer Kleidung anſah, daß ſie noch vor Kurzem in beſſerer Geſellſchaft gelebt, ja, daß vielleicht kaum Wochen, höchſtens Monate vergangen waren, wo ſie eine achtbare Stellung, vielleicht das väterliche Haus, bei Nacht und Nebel ver⸗ laſſen; aber dieſe, meiſt mit aufgeweckten, intelligenten Geſichtszügen, freilich Spuren verſchiedener Laſter in den eingefallenen, mit blauen Ringen umgebenen Augen und auf den bleichen Wangen zeigend, waren die am wenigſten angenehmen der ganzen Schaar. Sie machten die boshafteſten Bemerkungen über Alles, was in ihre Nähe kam, ſie riſſen die frechſten Witze, und wo einmal ein Stoß oder Schlag mit echter verbiſſener Wuth geführt wurde, ging der von dieſen aus. Als ſie etwas ſpäter nach dem Vordertheil des Schiffes ge⸗ rufen wurden, wo Jeder einen Napf Suppe und ein Stück Brod erhielt, ſtellte der kleine Schneider einen Theil der Freiwilligen vorher zu zwei und zwei gehörig in Reih und Glied; Jeder mußte ſeine graue Decke umhängen, und ſo zogen ſie dahin, faſt eine Prozeſſion nachahmend, welche der ſchwäbiſche Spaßmacher, einen 122 Unter den päpſtlichen Zuaven. aufgefundenen Beſen in der Hand, den roſtigen Schlüſſel an einem Strick auf dem Rücken, anführte. Andere fanden ſich verſtohlen bei der Suppenvertheilung ein, ſo die ſchäbigen Elegants, von denen wir oben ſprachen, und ſpäter kam auch der Freiwillige, welchen geſtern Nacht die quiekende Stimme, es war die des Schnei⸗ ders geweſen, als Prinz von Arkadien bezeichnete. Dieſer aber kam nicht verſtohlen oder wie Jemand, der ſich gedrückt fühlte, in ſolcher Geſellſchaft geſehen zu werden, ſondern frei und offen in ſeinen Bewegungen, in ſeinem Gruße, in ſeinem wohlgebildeten, ja edelgeformten Geſichte. Sein voller blonder Bart ging leicht gekräuſelt zu beiden Seiten weit über ſein Geſicht hinaus. Er trug den weichen Filzhut auf die Steite geſetzt, und die Zipfel ſeines locker umgelegten ſchwarzen Halstuches fielen auf der breiten Bruſt auf ein buntes Hemd herab, welches unter der grauen Juppe hervorſchauend, wohl zerknittert und hier und da beſchmutzt, aber durchaus nicht ſchmutzig ausſah. Wie er ſo daſtand, ſeinen Blech⸗ napf in der Rechten, auf den kleinen Schneider herablächelnd, bot dieſer junge Mann eine ebenſo ſtattliche, als angenehme Erſcheinung, und man hätte ihn für den Kommandirenden der Schaar halten können, der es Umſtände halber vorzog, in Civil ſtatt in Uniform mit ihr zu ziehen. „Ah, Ew. Gnaden laſſen ſich herab, mit uns zu frühſtücken,“ ſagte der kleine Schneider, indem er den Beſen vor ihm präſentirte. „Warum nicht, mein Lieber? Dieſe Morgenſuppe ſieht ganz gut aus, und wenn ſie in der That ſchlecht wäre, was kann man machen? Man iſt einmal darauf angewieſen.“ „Aber Ew. Gnaden doch wohl nicht,“ verſetzte der andere mit einem komiſchen, aber gut geſpielten Erſtaunen.„Ew. Gnaden hat heute Nacht gewiß vortrefflich in einem Zimmer des erſten Stocks geſchlafen, und Ew. Gnaden thun nur aus angeborener Höklichkeit ſo, als wollten Sie dieſe ſchlechte Suppe mit uns eſſen.“ „Du wirſt Dich ſogleich vom Gegentheil überzeugen,“ verſetzte — —m——— — — 7 — Unter den päpſtlichen Zuaven. 129 der junge Freiwillige heiter, indem er ſich Suppe einfüllen ließ und ſich dann auf eine kleine Schiffskanone ſetzte, wo er augenblicklich anfing, ſeine Portion zu verzehren. „Wie mich das ſchmerzt,“ ſagte der kleine Schwabe,„ich hatte immer geglaubt, Ew. Gnaden hätten Geld genug, um drüben beim Reſtaurant das koſtbarſte Frühſtück zu nehmen, und Ew. Gnaden hielten ſich nur ſo zu uns aus ſonderbarer Liebhaberei.“ „Ja und nein, wie Du willſt, doch, wenn es Dein gutes Ge⸗ müth beruhigen kann, ſo will ich Dich verſichern, daß ich aller⸗ dings Geld genug habe, um ſo gut zu frühſtücken, als ich nur immer will.“ „A— a— a— ah,“ ſeufzte der kleine Schneider,„da ſeid Ihr gut daran, wer das auch von ſich ſagen könnte!“ Er hatte ſich neben den jungen Freiwilligen auf ein Bund Taue gekauert und verzehrte ebenfalls ſeine Suppe. Eigenthümlich war es dabei, daß er jetzt, wo er nicht mehr aus Spott„Ew. Gnaden“ ſagte, ſich doch nicht getraute, wie bei allen Andern, die Anrede„Du“ mit den gleichen Worten zu erwiedern—„So, Ihr habt alſo Geld?“ fragte er nach einer Pauſe. „Genug.“ „Handgeld?“ „Nein, ſo wenig als Du; damit bin ich ebenfalls mit vollem Rechte auf unſere Ankunft in Civita⸗Vecchia und Rom vertröſtet worden. Wozu auch Geld auf der Fahrt von Marſeille nach dem gelobten Land? Dieſe Morgenſuppe iſt gut, das wirſt Du zugeben, wir werden auch ein anſtändiges Mittageſſen bekommen, und auch das Nachtlager koſtet nichts.“ „Iſt aber hart,“ meinte der zukünftige Tambour, ſeine Schul⸗ tern bewegend;„Ihr habt wohl beſſer geſchlafen?“ „Ich habe gar nicht geſchlafen. Zuerſt ließ mich der Schrei des Papageis nicht zur Ruhe kommen, und dann kamen mir ſo allerlei ernſte Gedanken.— Haſt Du auch zuweilen ernſte Gedanken?“ ———— —-—-—— Unter den päpſtlichen Zuaven. „O ja, o ja, wenn ich an zu Hauſe gedenke— und an ſie.“ „A— a— a-— ah, an ſie. Wenn ich nicht fürchten müßte, unbeſcheiden zu ſein, ſo würde ich Dir eine gute Cigarre anbieten und Dich alsdann erſuchen, mir etwas über ſie mitzutheilen. Wir haben dazu vortreffliche Zeit, denn ſo eine Seefahrt hat unter Umſtänden etwas recht Langweiliges. Da, nimm dieſe Cigarre und erzähle mir.“ „Warum nicht? Aber ich thue es nicht für dieſe Cigarre. Alle Menſchen haben gleiche Rechte, pflegte mein alter Meiſter zu ſagen, wenn er mich mit der Elle als Gegenleiſtung dafür durch⸗ prügelte, daß ich einen Kragen falſch aufgeſetzt.“ „Sehr wahr, alſo verlangſt Du auch von mir eine Gegen⸗ leiſtung?“ „Aehnlicher Art— ganz gewiß. Ich erzähle euch, was Ihr wollt, dafür ſollt Ihr mir aber berichten, wie es kommt, daß Ihr, ein verkleideter vornehmer Herr, der obendrein Geld hat, ſich ge⸗ rade ſo wie wir arme Teufel unter die päpſtlichen Freiwilligen anwerben läßt.“ „Ich habe ein Gelübde gethan.“ „Ei, das kann Jeder ſagen,“ meinte der kleine Schneider achſelzuckend,„und es kann auch wahr ſein, auch ich zum Beiſpiel habe ein Gelübde gethan, ſie nicht mehr anzuſehen, ihr kein freund⸗ liches Wort mehr zu gönnen, und mich lieber todtſchießen zu laſſen.“ „Das iſt's ja gerade. Es würde mich recht intereſſiren, zu erfahren, warum Du einen ſolchen Haß auf ſie geworfen haſt; dahinter ſteckt mehr, als was man im gewöhnlichen Leben ver⸗ ſchmähte Liebe nennt.“ 3 „Ich kann das wohl erzählen, doch möchte ich dann auch wiſſen,“ ſagte der Zukunftstambour hartnäckig,„weßhalb Ihr ein ſo komiſches Gelübde gethan.“ Der junge Freiwillige ſtrich den blonden Schnurrbart nach rechts und nach links, dann legte er den Kopf in die Hand, dachte— — Unter den päpſtlichen Zuaven. 125 nach, eine Minute oder ſo etwas, und als er ſich hierauf wieder aufrichtete, lag ein eigenthümliches Lächeln auf ſeinen Zügen. Unter Tauſenden und Tauſenden von Menſchen würde er einen Vorſchlag, wie ihn eben der kleine Schneider gethan, mit geringſchätzendem Achſelzucken, mit einem verächtlichen Aufwerfen der Lippen beant⸗ wortet haben— irgend ein lebendes Weſen zum Vertrauten zu machen!— Lächerlich! Allerdings hatte er dem Walde davon er⸗ zählt und noch in vergangener Nacht dem dunkeln Meere, aber er war ſicher, daß ihm dieſe beiden keine Gegenbemerkungen machen würden, wogegen das naſeweiſe Geſicht des pfiffigen Schwaben ge⸗ rade ſo ausſah, als könne er ſich wohl unterſtehen, irgend eine Meinung abzugeben über das, was man ihm mittheilen würde, wogegen es dem jungen Mann wieder pikant erſchien, ein derartiges Wort von einem Menſchen zu hören, der in geſellſchaftlicher Be⸗ ziehung allerdings tief unter ihm ſtehend, in den letztvergangenen Tagen ſeine Aufmerkſamkeit erregt hatte durch ſchlagfertige, kecke und verſtändige Antworten. Erfuhr der Schneider doch niemals den Namen des jungen Freiwilligen, vergaß auch dieſe Geſchichte in den nächſten Tagen wieder, und morgen früh in Civita⸗Vecchia oder Abends in Rom trennten ſie ſich vielleicht auf Nimmerwieder⸗ ſehen— ſei es darum. Die beiden vortrefflichen Cigarren wurden angezündet, und nachdem der Schwabe ein paar Sekunden geraucht, ſagte er mit einem pfiffigen Lächeln, welches deutlich anzeigte, daß er ſicher ſei, den Andern übervortheilt zu haben:„Was nun meine Geſchichte anbelangt, ſo kann ich ſie nicht bedeutender machen, als ſie wirklich iſt, und ſie iſt in der That recht unbedeutend, ſehr gewöhnlich, ſchon oft dageweſen.“ „Es handelt ſich jedenfalls um eine ſchöne Meiſterstochter, in deren Reize Du Dich ſterblich verliebteſt?“ „Natürlich, was wäre auch das Leben ohne Liebesglanz, wie der Dichter ſagt.“ 126 Unter den päpſtlichen Zuaven. „Und ſie hat Deine Neigungen erwiedert?“ „Verſteht ſich, ſie liebte mich jedenfalls, aber wie man einen Schooßhund liebt oder einen Kanarienvogel oder eine hübſche Blume— ah, Sie lachen bei dieſem Vergleich, ich wollte, daß Sie mich damals geſehen hätten, elegant angezogen, im ſelbſtge⸗ nähten Rock, mein Haar, das jetzt ſtruppig iſt, famos friſirt: ich ſage Ihnen, ich war in der That ein niedliches Ding, wie ſie auch zu ſagen pflegte, wenn ich ihr tauſend kleine Gefälligkeiten erzeigte, aber ich blieb für ſie das Ding, ein Spielzeug, mit dem ſie lachte, ſchäkerte und es wegwarf, um alsdann, wie ich allerdings nicht wußte, zu ernſthaften Liebesgeſchäften mit einem ganz verfluchten norddeutſchen Geſellen überzugehen.“ „Du biſt allerdings etwas klein ausgefallen,“ erwiederte lächelnd der junge Freiwillige,„und wenn ſie ihr Spiel mit Dir trieb, ſo konnte man ihr den Glauben nicht übelnehmen, daß ſie es mit einem Kinde zu thun hatte.“ „Gewiß,“ entgegnete der kleine Schneider, nachdem er ein paar Augenblicke trübe vor ſich hingeſchaut,„und als ich endlich einen feſten Anlauf nahm, um ihr ſiegreich zu beweiſen, daß ich kein Kind mehr ſei, da kam die Kataſtrophe: ſie lieferte mich in die Hände des Meiſters, und dieſer beförderte mich zur Werkſtatt und zum Hauſe hinaus. Aber das war noch nicht Alles. Der norddeutſche Geſelle war dumm genug, ſich in dieſe Geſchichte zu miſchen, worauf ein Wort das andere gab und es endlich klar wurde, daß ſie auch dieſen zum Beſten gehabt und nur als Deck⸗ mantel gebraucht bei ihrer Liebſchaft mit einem ganz gewöhnlichen Infanterielieutenant— o dieſe deutſchen Weiber! Da hatte ich keine Ruhe mehr, jede Nähnadel brannte mir in der Hand; und es war mir gerade zu Muthe, als ſäße ich auf einem glühenden Bügeleiſen, ich mußte hinaus in die Welt, Thaten zu thun, krie⸗ geriſche Thaten im Hinblick auf ihre militäriſche Neigung, um einſtens vielleicht vor ſie hintreten zu können und ihr zu ſagen, Unter den päpſtlichen Zuaven. 127 das habe ich geleiſtet, oder auch vielleicht, um ihrem Auge eine Thräne zu entlocken, wenn ſie im Tageblatt liest: Er ſtarb auf dem Felde der Ehre. Da haben Sie meine Geſchichte, und wenn ſie Ihnen zu einfach iſt, thut es mir leid, aber ich beſitze keine beſſere.“ „Ich wünſchte wohl, die meinige wäre eben ſo einfach in ihrer Anlage und eben ſo gering in ihren Folgen. Verſtehe mich recht; nicht als ob ich eine unerwiederte Liebe für etwas Geringes anſehe, aber gerade, daß dieſe Liebe von ihrer Seite nicht erwiedert wurde und, verzeih' mir meine Offenheit, auch nicht leicht erwiedert werden konnte, muß ein Troſt für Dich ſein.— Schlimmer wäre es geweſen,“ fuhr der junge Freiwillige nach einer minutenlangen Pauſe fort, während er mit düſterem Blick auf das Meer hinaus⸗ geſchaut,„ja weit ſchlimmer, unerträglich ſchrecklich wäre es geweſen, wenn ihr Beide euch recht von Herzen geliebt hättet, ſelig in dem Bewußtſein und Gefühl, mit all' euern guten Eigenſchaften, ja ſo⸗ gar mit all' euern kleinen Schwächen recht eigentlich für einander geſchaffen worden zu ſein; wenn alle eure Lebensverhältniſſe ſich ſo geſtaltet hätten, daß ſie nur gebraucht ihre Hand in Deine zu legen, daß ihr euch, wie ſchon geſagt, gegenſeitig unſäglich geliebt, und wenn dann ein Theil von euch verwegen genug geweſen wäre, das Schickſal herauszufordern, und übermüthig genug, in einem mehr als leichtſinnigen Augenblick mit dem eigenen Glück und dem eines geliebten Weſens frevelhaft zu ſpielen.“ „Das iſt ein Theil Eurer Geſchichte?“ „Das iſt ein Theil meiner Geſchichte; willſt Du noch mehr davon hören?“ „Gerne, wenn Ihr mir davon erzählen wollt.“ „Es waren zwei junge Leute,“ ſprach der Andere mit einer erzwungenen Ruhe,„Beide von Haus aus ziemlich mittellos, Beide aber vorausſichtlich zu gleichen Theilen Erben eines großen Ver⸗ mögens, das ſich in den Händen eines alten geizigen Verwandten befand, der, obgleich kinderlos und ohne jede andere Familie, eng⸗ 128 Unter den päpſtlichen Zuaven. herzig genug war, ſolange er lebte, auch nicht das Geringſte jenen beiden jungen Leuten zukommen zu laſſen. So dachte wenigſtens der Eine von ihnen: der Andere war kränklich, hatte aber trotzdem eifrig ſtudirt und die diplomatiſche Carridre ergriffen, in der ſichern Vorausſetzung, ſpäter einmal im Mitbeſitze jenes großen Vermögens eine glänzende Rolle als Geſandter ſpielen zu können; und beſaß indeß dabei neben andern unangenehmen Eigenſchaften auch eine Sparſamkeit, die faſt an Geiz grenzte, aus welchem Grunde er denn wohl auch von ſeinem Verwandten, ohne daß ich es wußte, mit bedeutenden Summen unterſtützt wurde. Ich, oder vielmehr der zweite jener jungen Leute, ward Offizier, lebte ziemlich luſtig und in den Tag hinein, und da es ihm durchaus keine große Mühe machte, im Hinblick auf jenes bedeutende Erbe, deſſen Verhältniſſe allgemein bekannt waren, Schulden in großem Maßſtabe zu kontra⸗ hiren, ſo ſah er ſich mit einem Male an einem Abgrunde, vor dem er ſich noch hätte retten können, wenn ihm jener ſehr alte Verwandte den Gefallen gethan haben würde, das Zeitliche zu ſegnen. Er that dieß aber nicht und der junge Offizier mußte unter ſehr bedenklichen Umſtänden den Dienſt verlaſſen, und das gerade in einem Augenblicke, wo er im Begriffe war, zu einer ſehr vornehmen und reichen Parthie überredet zu werden.— Er hätte ſich damals wahrſcheinlich überreden laſſen, denn ſein Herz hatte noch keine ernſte Neigung empfunden, und er war dabei leichtſinnig genug, eine Vernunftheirath einzugehen, die ihn von der koloſſalen Laſt ſeiner Schulden befreite und erlaubte, einen flotten Train zu führen.“ „Allerdings wäre der gewiſſe Offizier, den ich nicht kenne, alsdann unverantwortlich leichtſinnig geweſen,“ verſetzte der kleine Schneider mit großer Entſchiedenheit und einem ſchlauen Lächeln, „ſo eine Vernunftheirath iſt etwas Fürchterliches: man ſpringt mit geſchloſſenen Augen in einen Abgrund, in den man ſpäter aller⸗ dings auch vielleicht hineintaumelt, aber im letzten Falle iſt man Unter den päpſtlichen Zuaven. 129 Schlachtopfer der Verhältniſſe und kann ſich damit tröſten. Ich war ſeiner Zeit bei zwei Meiſtern, die ſolche Schlachtopfer vernunft⸗ loſer Heirathen waren— keine Ruh' bei Tag und Nacht.“ „Du urtheilſt hart über dieſen jungen Offizier,“ erwiederte der Freiwillige,„er wäre allerdings auch auf dieſe Art in's Un⸗ glück gegangen, und wer weiß, ob dieſes ſchlimmer geweſen wäre, doch wollten es die Verhältniſſe anders, er rollte mit der Laſt ſeiner Schulden abwärts und mußte ſich heimlich entfernen, um nicht eingeſteckt zu werden. Da, als für ſeine damaligen Verhält⸗ niſſe Alles zu ſpät war und noch zu früh, als daß es ſeinen Freun⸗ den gelungen wäre, mit ſeinen Schuldnern, niederträchtigen Wuche⸗ rern, ein billiges Arrangement zu treffen, hatte jener entfernte Anverwandte die Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit, gerade in dem Moment zu ſterben, und der junge Offizier ſah ſich genöthigt, ſeine ſämmtlichen Schulden bei Heller und Pfennig zu zahlen, was er auch ehrlich that, doch blieb ihm immerhin ein anſehnliches Ver⸗ mögen, ja, dieß wurde vor einem empfindlichen Abzug bewahrt, wegen eines eigenthümlichen Umſtandes, ſcheinbar durch die Güte des Andern, welcher aber einen ſehr bittern Nachgeſchmack hatte. Es fand ſich nämlich in dem Teſtament eine Klauſel, wonach der⸗ jenige der beiden jungen Leute, welcher ſich entſchließen wollte, eine gewiſſe junge Dame zu heirathen, von dem Andern eine beträcht⸗ liche Summe erhalten ſoll. Nun war aber der Offizier ſoeben der Seylla einer Vernunftheirath glücklich entgangen und hatte um ſo weniger Luſt, ſich in eine unbekannte Charybdis zu ſtürzen, als der Diplomat ſcheinbar ſo großmüthig war, die junge Dame heirathen zu wollen, ohne dafür jene Abfindungsſumme zu verlangen. Wer war froher als der Offizier? Er hatte nichts einzuwenden, daß darüber ein bündiger Vertrag aufgeſetzt wurde. Der Andere ſagte ihm: ‚Ich kenne die junge Dame allerdings eben ſo wenig als Du, doch iſt ſie mir als guterzogen geſchildert worden, paſſabel hübſch, vor allen Dingen aber als ſehr fügſam, was ich bei meinem zu⸗ Hackländer's Werke. 50. Bd. 9 130 Unter den päpſtlichen Zuaven. weilen unangenehmen, heftigen Temperamente wohl brauchen kann. Ich muß heirathen, um als erſter Legationsſekretär, ſpäter als Ge⸗ ſandter, ein anſtändiges Haus machen zu können, vielleicht auch,“ ſetzte er ſeufzend hinzu, um in nicht zu langer Zeit eine gute Pflegerin zu haben, wogegen Du bei Deiner eiſernen Geſundheit 4 keine Luſt fühlen wirſt, Dich in die Feſſeln der Ehe ſchlagen zu laſſen— mir paßt die Kleine.— So, du kennſt ſie alſo? fragte der junge Offizier arglos und ohne das geringſte Mißtrauen.— „Man hat mir von ihr erzählt,“ war die gleichgültige Antwort. So arrangirte ſich dieſe Sache, und da die Beiden nie eine Sym⸗ pathie für einander empfunden hatten, ſo trennte man ſich kühl und förmlich. Sie hörten auch nur ganz gelegentlich etwas von einan⸗ der, und was der Offizier über den Diplomaten erfuhr, war auch nicht danach, ihm ein engeres Zuſammenleben wünſchenswerth zu machen. Daß er kleinlich und engherzig war, hatte er ſchon lange gewußt, daß er aber, ein ſtrenger Sittenprediger, trotz ſeiner Spar⸗ ſamkeit einen recht lockeren Lebenswandel geführt, war mir neu und ich hätte es nicht geglaubt, wenn mir nicht ehemalige Kame⸗ raden Manches darüber zutrugen, was mich allerdings bis zu einem gewiſſen Zeitpunkte höchſt gleichgültig ließ. Der Diplomat hatte ſeine Heirath verſchoben, bis er, was nicht lange ausbleiben konnte, erſter Sekretär in einer bedeutenden Reſidenz wurde, und bis er ſich, wie man wenigſtens behauptete, mit einem ſehr intimen Ver⸗ hältniſſe abgefunden hatte. „Doch war es dem Andern ſehr gleichgültig, wie überhaupt Alles, was ſich nicht auf deſſen augenblicklichen Lebensgenuß bezog. Er machte weite Reiſen, er beſuchte Badeorte und knüpfte dort Bekanntſchaften der verſchiedenſten Art an, um dieſe bald nach ſeiner Abreiſe mehr oder minder wieder zu vergeſſen; ohne irgend eine Abneigung vor dem ſchöneren Geſchlecht im Allgemeinen zu haben, hatte er doch nie ein regeres Intereſſe, eine wahre Liebe und Leidenſchaft empfunden. Endlich ſchlug auch ſeine Stunde.“ Unter den päpſtlichen Zuaven. 131 „Das habe ich mir von Anfang an gedacht.“ Der Freiwillige, der, wie in tiefe Träume verſunken, während er ſprach, auf das Meer hinausgeſchaut hatte, wandte bei dieſen Worten raſch ſeinen Kopf herum und blickte dem vor ihm Sitzenden erſtaunt in's Geſicht. Er hatte es vergeſſen, daß er erzählte. Er glaubte nur, alles das wieder einmal recht lebhaft gedacht zu haben; doch konnte er ſich jetzt ſelbſt keine Rechenſchaft davon geben, warum es ihm lieb war, daß er in jenem unbedeutenden Menſchen einen aufmerkſamen Zuhörer hatte, und ſtatt ſich durch den forſchenden Blick voll Intereſſe, welchen der zukünftige Tambour irgend eines päpſtlichen Regiments auf ihn richtete, unangenehm berührt zu fühlen, fand er ſich vielmehr durch das Weſen ſeines harmloſen Zuhörers angeregt, lebhafter als bisher zu erzählen. Er dachte dabei, was er ſchon tauſend Male gedacht, er ſprach, wie ſchon unzählige Male, mit der Luft, mit dem Winde, mit dem Meere und jetzt nebenbei mit einem Menſchen, von dem er erwarten konnte, ſchließlich ein geſundes, vielleicht auch ein ſpöttiſches oder ein theilnehmendes Wort zu hören, was ihn wenigſtens für Augenblicke ſeinem finſtern Hinbrüten entreißen würde. „Ja, ſeine Stunde ſchlug,“ fuhr er nach einer längeren Pauſe, wie mit ſich ſelbſt redend, fort,„aber es war kein Schlag, wie er einem gewiſſen Blitze zu folgen pflegt, über deſſen Bedeutung wir uns bewußt ſind, der uns zugleich anzeigt, wie viel Uhr es ge⸗ ſchlagen hat; es war vielmehr ein träumeriſches Klingen, wie das Läuten einer Dorfglocke aus dichtem Walde hervor, bei deſſen eigenthümlich poetiſchem Klange wir unwillkürlich lauſchend ſtehen bleiben, um alsdann langſam den Tönen zu folgen, uns in wild⸗ romantiſcher Gegend zu verirren und uns zu ſpät bewußt zu wer⸗ den, daß wir den Weg zur früheren Freiheit nicht mehr finden werden. „Der junge Mann, von dem wir reden, hatte einige jener Badeorte von Ruf beſucht, in denen die reiche und vornehme Welt ——— 132 Unter den päpſtlichen Zuaven. ihre Wintervergnügungen in warmer Luft und unter freiem Himmel fortſetzen, aber mit bedeutender Steigerung in Toiletten und Mie⸗ nen, da das Sonnenlicht ganz anders, verrätheriſcher zu beleuchten pflegt, als Kerzen⸗ und Lampenſchimmer. Er hatte glänzende Augen funkeln ſehen, weiße Schultern mit blitzenden Brillanten, mattes gemünztes Gold, Alles zu ſeiner Zeit und von Allem zu ſeiner Zeit genoſſen; er hatte mit Glück geſpielt, und da er ſein Geld nicht zu verſchließen pflegte, auch ſonſt ein angenehmer Ge⸗ ſellſchafter war, ſo wurde er von den verſchiedenſten Kreiſen geſucht und überall mit Auszeichnung empfangen. Wenn er aber nach dieſen Auszeichnungen der verſchiedenſten Art und nach heißen Sou⸗ pers, durch eiskalten Champagner gekühlt, in der Dämmerung eines friſchen Sommermorgens nach Hauſe fuhr, in ſich einathmend den würzigen Duft friſchen Heues und thaubedeckter Tannenwälder, ſo war es ihm zu Muth, wie dem Tannhäuſer, als der zum erſten Mal wieder die Sonne aufgehen ſah, und er fühlte in ſich einen wahren Abſcheu, wieder zurückzukehren in den Hörſelberg und an die grünen Tiſche; und unter ſolchen Gefühlen verließ er eines Morgens ſeine Wohnung, die dorfähnliche Stadt mit den ſtadt⸗ ähnlichen Häuſern, auch ſeine tägliche Geſellſchaft, ohne Abſchied von ihr zu nehmen, nachdem er ſeinem Diener befohlen, Alles zu⸗ ſammenzupacken, und nach der Reſidenz, wo er gewöhnlich wohnte, zurückzukehren— da verließ er beim Grauen des Morgens zu Fuß den Badeort auf's Einfachſte mit einem grauen Jagdrock bekleidet, einem weichen bequemen Hut auf dem Kopfe, den Stab in der Hand, das Nothwendigſte für ein paar Tage bei ſich tragend, und pilgerte in die Berge hinein, den ganzen Tag in Sonnenſchein und friſcher Luft bis ſpät Abends, wo er in einem kleinen Dorf⸗ wirthshaus übernachtete, um am andern Tage weiter zu ziehen, ohne Zweck und Ziel, wo die Berge am ſchönſten waren, die Tan⸗ nen⸗ und Buchenwälder am friſcheſten, meiſtens in Begleitung kühler, geſchwätziger Waldbäche. Und je weiter er ſo fortwanderte, ——————— Unter den päpſtlichen Zuaven. 133 um ſo unbegreiflicher erſchien es ihm, wie er im Stande geweſen ſei, die letzten Monate und ſchon viele ähnliche zu verleben. Am vierten Tage gegen Abend zog er einen ſteilen Hohlweg hinab, nachdem er vorher auf der Höhe vor ſich durch die Stämme und Zweige mächtiger Tannen hindurch eine leuchtende Seefläche ge⸗ ſehen. Wie herrlich war dieſer Weg durch die prachtvolle Beleuch⸗ tung der ſchon tiefſtehenden Sonne, durch maleriſchen Wechſel von Licht und Schatten; blickte doch der Wald zu ſeinen Füßen, tief unter ihm das Dickicht der Tannen und Buchen dunkelblau ge⸗ färbter Schatten zu ihm empor, aus denen ſich die mächtigen Baum⸗ rieſen erhoben, heller und immer heller werdend bis hoch oben, wo einfallende Sonnenſtrahlen die Blätter grün und goldig ſchim⸗ mernd erſcheinen laſſen, und zwiſchen welchen hindurch die ruhige Seefläche wie leuchtendes Silber erſchien. Wie herrlich paßte dazu der Boden, Gras und Moos, durch leichte Lichtblitze einem grünen, mit Gold durchwirkten Teppich zu vergleichen. „Du kannſt aus der Schilderung dieſes unvergeßlich ſchönen Abends entnehmen, wie poetiſch geſtimmt und für alle Eindrücke empfänglich der einſame Wanderer war, und wie er ſo angeregt nach langem Hinabſteigen endlich an dem Ufer eines großen, ſchönen Sees ſtand, deſſen ihn umgebende Berge lieblich weiche Formen boten, hoch oben mit ſchwärzlichen Tannen bedeckt waren und da⸗ zwiſchen hellleuchtende Buchenwäldchen zeigten, von denen ſich ein⸗ zelne mächtige Stämme bis an's Ufer hin verloren, wo ſie ihre Rieſenäſte über das leuchtende Waſſer ausſtreckten. Auf den Höhen der Berge ſah man Kapellen und Dörfer, auch alte Schlöſſer mit hohen Thürmen, und am Ufer hie und dort zahlreiche Gruppen von Fiſcherwohnungen; weit hinauf und weit hinab ſchienen in Dörfern, ja in einer kleinen Stadt, viele Menſchen zu wohnen, nur da, wo unſer Wanderer an den See kam, war weit und breit nichts zu ſehen, als eine einzelne Fiſcherhütte auf einem Vorſprunge dicht am Waſſer, und hier war der Beſitzer dieſer Hütte beſchäftigt, — —— ——:— ——Q——— 134 Unter den päpſtlichen Zuaven. ſeine großen Netze zum Trocknen auszuſpannen. Die Seefläche war ruhig und klar; in der kleinen Bucht neben der Fiſcher⸗ hütte ſo unbeweglich, daß die Schatten von ſchlanken, aus dem Waſſer hervorragenden Binſen nicht die leiſeſte zitternde Bewegung zeigten. „Hätte er nur gewußt, wo er ſich befand, er mochte auch nicht fragen, da er, nach dem Namen eines ſo bedeutenden Sees ſich erkundigend, wohl ſchwerlich dem Mißtrauen des Fiſchers entgangen wäre; deßhalb begnügte er ſich, auf das gegenüberliegende Ufer zu deuten, dort mit der Hand ein paar weiße Gebäude bezeichnend, die hell hervorleuchteten aus dem tiefen Wald⸗ und Abendſchatten, und dabei zu ſagen: ‚Wie komme ich am beſten da hinüber?— Dort⸗ hin, lieber Freund, wo es gewiß ein gutes Wirthshaus gibt. „O ja, ein ganz gutes Wirthshaus und auch eine Penſion, wie ſie es nennen.: „Das iſt's, was ich ſuche; nun, wie komme ich da hinüber?“ „Am beſten, wenn Ihr rechts dem Uferpfad eine gute Stunde folgt bis zu einer Brücke, die in's Waſſer hineingebaut iſt, wo gegen 8 Uhr ungefähr das Dampfſchiff anlegt. Mit dem ſeid Ihr dann in einer weitern halben Stunde drüben. „Das iſt recht umſtändlich. Ließe es ſich nicht machen, daß Ihr mich für Geld und gute Worte hinüberrudertet?: „Zu jeder andern Zeit, aber jetzt bin ich dazu nicht im Stande. Ich muß meine Fiſche noch eine Stunde weit zum Fiſch⸗ meiſter führen, wo ſie auf's Eis gelegt werden und morgen nach der Stadt gebracht; aber mich dünkt, Ihr ſeid ſtark genug, um ſelbſt ein Boot über den See zu rudern. „Ja, wenn ich ein Boot hätte,“ ſagte der Andere, zkönnte es mir am Ende gelingen. Wie viel Zeit braucht's?: „Für mich drei Viertelſtunden; Ihr werdet wohl ein Bischen länger nöthig haben, und was das Boot anbelangt, ſo könnt Ihr mein kleines dort nehmen und es drüben dem Fiſcher Seppel —————— Unier den päpſtlichen Zuaven. 135⁵ übergeben, ihm auch eine Kleinigkeit zahlen, damit er es morgen wieder herüberrudert.“ „Abgemacht! Wo iſt das Boot?“ „Der Fiſcher holte es unter einem breiten Bretterdache hervor und erſt, als der Andere ſchon auf der Bank ſaß und etwas un⸗ geſchickt mit den Rudern in's Waſſer ſchlug, fragte er: ‚Ihr könnt aber doch auch rudern? worauf die luſtige Antwort zurückklang: „Hoffe es wenigſtens zu lernen.: Damit ſetzte er kräftig ein und hatte zurückblickend das Gefühl, als wenn das Seeufer, von dem er abgefahren, langſam vor ihm zurückweiche, er ſelbſt aber ruhig auf der Stelle liegen blieb. Obgleich ſich dieſer Täuſchung bewußt, war es ihm doch ſehr gleichgültig, da drüben früher oder ſpäter anzukommen. Unwetter war keins zu befürchten, und je weiter er in die See hineinkam, um ſo prachtvoller zeigten ſich die Ufer rings⸗ umher ſeinen Blicken, auch hatte ſein Boot die Freundlichkeit, ihm zuweilen ohne ſeinen Willen eine Rundſchau zu gewähren, denn wenn er einmal etwas zu lange nach einer Seite hingeblickt, ſo drehte ſich das kleine Fahrzeug plötzlich rings um ſich ſelber, als wolle es nach Hauſe zurückkehren, worauf es nicht ohne Mühe war, daſſelbe wieder in den richtigen Kurs zu bringen, doch machte er ſich aus dieſen Verzögerungen nichts, da es an den Ufern, auf der Seefläche und droben am Himmel ſo viel Schönes zu ſehen gab. Langſam ſank die Sonne gegen den Horizont und wurde dort in Empfang genommen von einem majeſtäliſchen Gefolge ernſter dunkler Wolkengeſtalten, die aber ehrfurchtsvoll auseinander⸗ wichen und es ſo dem glühenden Tagesgeſtirn geſtatteten, unterzugehen in einem Strahlenkranz von ſchmalen Goldſtreifen, die in langen zit⸗ ternden Lichtern auf dem grünlichgrauen, mattſchillernden See reflek⸗ tirten und demſelben auf dieſe Art das Anſehen einer weiten Fläche von grünlichgoldenem Email, oder noch beſſer, von Perlmutter gaben. „Dieſes Grün und Gold,“ rief der einſam Rudernde, ‚im Vergleich mit jenem in dem heißen, dunſtigen Saale! Glückſelig, 6 ——— 136 Unter den päpſtlichen Zuaven. wer dem entronnen iſt mit dem feſten Vorſatze, nie mehr dorthin zurückzukehren’— aber leider iſt die Hölle mit guten, nicht aus⸗ geführten Vorſätzen gepflaſtert.“ „Wie das wahr iſt,“ ſeufzte der kleine Zukunftstambour und ſetzte hierauf in einem treuherzigen Tone hinzu:„Ach Herr, wenn Sie wüßten, wie mich dieſe Erzählung freutw; es iſt gerade ſo, als wenn ich ein ſchönes Buch vor mir aufgeſchlagen hätte; ach, und ich habe ſchon lange nichts Geſcheidtes mehr geleſen.“ „Ja, die Seefahrt war recht ſchön, recht romantiſch, aber auch recht mühſam. Nachdem die Sonne untergegangen war, wurde es in kurzer Zeit zwiſchen den hohen Bergwänden ſo dunkel, daß er gänzlich aus ſeiner Richtung herauskam.“ „Sagt doch, ich, Herr,“ bat der kleine Schwabe, worauf der Andere erwiederte:„Nein, nein, man ſpricht viel unbefangener in der dritten Perſon, und das war ja auch eine ganz andere Perſon. Ich bitte ernſtlich, mir das zu glauben. Kurz alſo, es wurde ſo finſter, daß, nachdem das Boot ſich noch einige Male herumgedreht hatte, der in demſelben Befindliche total die Richtung verloren hatte. Auch vergaß er, auf die Himmelsgegend Acht zu geben, fonſt würde ihn der große Bär, welcher klar über ihm ſtand, ſchon auf den rechten Weg gebracht haben. Von den Ufern war nichts zu erkennen, als hier und da Lichtpunkte, und gegen einen von dieſen ruderte er mit aller Anſtrengung. Da vernahm er plötzlich Geſang über das Waſſer zu ſich herüberſchallen, Geſang einer weiblichen Stimme, und da er nicht zu ſehr aus ſeiner Rich⸗ tung abweichen mußte, um ſich der Singenden zu nähern, ſo be⸗ ſchloß er, auf dieſe Art das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden oder vielmehr zwei nützliche Dinge zu vereinigen, denn er war ſicher, von der Singenden den richtigen Weg zu erfahren. Bald war er ihr nahe gekommen, daß er die Worte verſtehen konnte, die ſie mit einer wohlklingenden, weichen mädchenhaften Stimme über die ruhige Seefläche dahintönen ließ: — Unter den päpſtlichen Zuaven. Und blau iſt der See Und mein Herz thut mir weh, Wird auch nimmermehr geſund, Bis mein Bua wiederkommt. Noch ein paar kräftige Ruderſchläge und er mußte den lang⸗ ſam dahinfahrenden Nachen erreichen, den er ſchon in undeutlichen Umriſſen vor ſich ſah. Aber leider fielen dieſe Schläge etwas zu kräftig aus, auch hatte er die Wendungen ſeines Bootes ſo gar nicht in der Gewalt, daß er, anſtatt neben das andere hinzufahren, mit einem harten Stoß gegen daſſelbe rannte. Glücklicherweiſe war die Schifferin geſchickter als er, denn ſie ſtemmte mit einem leichten Aufſchrei raſch ihre Ruder gegen die Flut und warf ſo ihr leichtes Fahrzeug herum. „Bitt' tauſend Mal um Verzeihung,“ rief der junge Mann hinüber, ‚ich bedaure es um ſo aufrichtiger, ungeſchickt geweſen zu ſein, als ich mit der Bitte heranſteuern wollte, einem armen Ver⸗ irrten ein wenig auf den Weg zu helfen. Ich ſuche eine Penſion dort irgendwo drüben zu erreichen, bin aber wahrſcheinlich in der Dunkelheit gänzlich aus der Richtung geſegelt. Nicht wahr, meine verehrte Schifferin?“ „Nach der Art, wie Sie gegen mich hingefahren,“ klang es in heiterem, faſt ſpottendem Ton zurück, ‚iſt es ein Wunder, daß Sie allerdings ſo gut in der Richtung geblieben ſind. Wenn Sie noch zehn Minuten fortrudern, ſind Sie im Hafen der Penſion dort vor uns, wo die beiden rothen Lichter ſchimmern.“ „So ein Hafeneingang iſt wohl ſchwer zu finden, rief er lachend zurück, zund bei der geringen Geſchicklichkeit, der ich mir bewußt bin, könnte es mir wohl gelingen, bei der Einfahrt irgend einen herrenloſen Nachen in den Grund zu bohren, doch, wie das Schickſal will. Ich danke für gütige Auskunft.“ „Gerne geſchehen———— doch wer Sie auch immer —— ͦ—— — ——— Unter den päpſtlichen Zuaven. ſein mögen,“ ſprach die friſche Mädchenſtimme zurück, ‚ich will Ihnen den Eingang in den Hafen zeigen.“ „Danke beſtens— wer ich auch immer ſein mag,“ gab er behend zur Antwort, ‚nichts Seeräuberiſches, kein Zamba, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, nur eine ungeſchickte Landratte, die zum erſten Mal ein paar Ruder in den Händen hat.“ „„So gebrauchen Sie Ihre Ruder fein langſam und folgen mir.⸗ „„Zu Befehl!“ „Vor ihm glitt der leichte, ſchlanke Nachen durch die ſpiegel⸗ glatte Flut, und da die Schifferin, ihr Boot mit dem Handruder regierend, ganz hinten ſaß, ſo konnte er etwas von den Umriſſen ihrer Geſtalt entdecken, allerdings nichts deutlich, trotzdem die feine Sichel des jungen Mondes vor ihnen wie eine leuchtende Frucht zwiſchen den ſchwarzen Nadeln einer rieſenhaften Tanne hing, ſo viel aber dennoch, daß er es nicht mit einer Bäurin zu thun hatte, wovon er ſich aber auch ſchon früher bei ihrem Geſange und dann bei ihren Reden überzeugt zu haben glaubte. Trotzdem er ſich Mühe gab, gerade hinter dem Nachen zu fahren, ſo machte er doch bedenk⸗ liche Schlangenlinien, und es ſah gerade ſo aus, als führe die Schif⸗ ferin mit feſter Hand einen ungeduldig zappelnden Fiſch hinter ſich. „Jetzt hatten ſie den kleinen Hafen erreicht, und ſeine Führerin legte ihr Fahrzeug gewandt und ſicher neben einen Steg, der das Ausſteigen erleichterte, ſprang leicht und gewandt hinauf und rief ihm zu, welches Ruder er gebrauchen ſolle, um an die andere Seite deſſelben Steges zu gelangen; doch prallte er noch hart an die Balken, ehe ihm dieß gelang; dann aber, ſeine kleine Reiſetaſche ergreifend, ſchwang er ſich mit einem aufrichtigen: ‚Gott ſei ge⸗ dankt! neben ſeine Führerin, welche ihm ſagte: ‚Hier ſind Sie im Hafen der Penſion, dort iſt das Haus!⸗ „Ein Wirthshaus? „Nicht ſo ganz. Man nimmt gewöhnlich nur Familien gegen Vorausbeſtellung an.“ Unter den päpſtlichen Zuaven. 139 „So geſtatten Sie mir vor allen Dingen, Ihnen nochmals meinen Dank zu ſagen für Ihre gütige Führung, und wenn Sie nichts dagegen haben, ſo will ich den Verſuch machen, ob ich nicht in der Penſion ein Unterkommen finden kann— vielleicht gehen wir denſelben Weg. Sie verbeugte ſich ſchweigend, nahm dann ihr zierliches Handruder an die Schulter und ſchritt ihm voran, nach⸗ dem er zuvor ſein Boot nach ihrer Anleitung feſtgelegt. „Sie hatten wenige Schritte zu gehen, dann erreichten ſie das bezeichnete Haus, umgeben von hohen Bäumen und freundlichem Lichtſchein, welcher von einer großen, mit wildem Wein umſponnenen Terraſſe herleuchtete. Die Schifferin war ſogleich von Herren und Damen umringt und mußte einer ältern Frau über ihr langes Ausbleiben Rede ſtehen, doch war Frage und Antwort, ſowie auch die Bemerkung der Uebrigen in ſo heiterer, ſcherzhafter Weiſe ge⸗ geben, daß man wohl ſah, man habe es mit einer Geſellſchaft zu thun, die gemüthlich und freundlich wie eine große Familie zu⸗ ſammenlebte. „Der junge Mann war am Eingang der Terraſſe ſtehen ge⸗ blieben, und erſt nach einigen Minuten näherte ſich ihm der Herr des Hauſes, eine kleine, dicke Perſönlichkeit in weißem Sommer⸗ anzug, einen breiträndigen Strohhut auf dem röthlichen Geſichte, und bedauerte mit etwas hoch erhobener Naſe auf die Frage des Andern, demſelben kein Unterkommen bieten zu können, da die Penſion kein Wirthshaus, ſondern nur auf Vorherbeſtellung Gäſte aufzunehmen pflege, wobei man Familien den Vorzug gewähre und etwas halte auf Empfehlungen von bekannter Hand. „Doch war unſer junger Wanderer nicht der Mann, um ſich, beſonders nachdem ihm ein Blick auf die junge Schifferin gelungen war, die vom hellen Lichte beſtrahlt ſeitwärts ſtand, ſo leicht ab⸗ weiſen zu laſſen. Er nahm die Antwort des Hausherrn vornehm lächelnd auf und dieſen ſelbſt bei Seite, wo er ihm ſeinen Namen nannte, ihm für morgen oder übermorgen telegraphiſch die beſten 140 Unter den päpſtlichen Zuaven. Empfehlungen verſprach und die Vorherbeſtellung dadurch ausglich, daß er ein kleines Appartement, welches allerdings frei war, nur unter der Bedingung nehmen wollte, daß es für ihn ſchon vier Wochen zur Verfügung geſtanden, worauf der Herr der Penſion nach einigem Widerſtreben eingehen mußte. „Vielleicht wäre es beſſer geweſen, wenn ſich jener junge Mann hätte abweiſen laſſen,“ fuhr der junge Freiwillige nach einer Pauſe in düſterem Tone fort;„beſſer für ihn, am Ende auch beſſer für ſie, doch ſind geſchehene Dinge leider nicht zu ändern. Und damals war er glückſelig, ein hübſches Zimmer mit Salon auf dem gleichen Boden beziehen zu dürfen, wo die junge Schifferin mit ihrer Mutter wohnte. Letztere war die Wittwe eines hohen Beamten, der ſeiner Frau und Tochter außer einem ſchönen Familiennamen ſonſt an Glücksgütern nicht viel hinterlaſſen hatte. Aber dieſe Tochter war ein Engel an Schönheit, Geiſt, Verſtand und Herzensgüte, eine kaum erblühte weiße Roſenknoſpe, thaufriſch in blühendſter Geſund⸗ heit, ein jungfräuliches Kind von fünfzehn Jahren. „——— So war ſie,“ fuhr der Erzähler in einem rauhen Tone fort,„und mehr brauche ich eigentlich nicht zu ſagen, wenn es mir nicht ſelbſt eine ſchmerzliche Freude verurſachte, nicht nur an jene Tage zurückzudenken, wie ich tauſend und tauſendmal thue, ſondern auch davon zu reden mit einem menſchlichen Weſen von all' dieſen wunderbaren und doch ſo entſetzlichen Stunden, wo wir uns kennen lernten, wo ſie mit dem Vertrauen eines Engels an meiner Seite durch Wald und Flur ſtreifte, wo ſie mich das Ruder gebrauchen lehrte, wo ſie mir ihre heiteren, ſchelmiſchen Lieder vorſang, wo ſie ſtundenlang auf meinen Arm geſtützt ging, wenn ſie müde geworden war vom Erklettern der Berge, vom Sammeln ſeltener Wald⸗ und Bergblumen. Und was dieſe Tage ſo rein und glücklich machte, war, daß er ſich ſcheute, nur ein Wort zu ihr zu ſagen, was als die leiſeſte Anſpielung hätte verrathen können das Gefühl unſäglicher Liebe, welches zum erſten und ſeligſten Unter den päpſtlichen Zuaven. 141 Mal in dieſem Leben ſein Herz durchzog. Oft blickte ſie ſeltſam fragend zu ihm auf, wenn er ſchwer athmend, ſie lange, lange Zeit betrachtet, vielleicht in einem Augenblicke, wo die glühenden Strahlen der Abendſonne, hie und da durch die Laubmaſſen brechend, ſehnſüchtig ihr edles Geſicht küßten und es mit einem Goldſchimmer färbten, oder wenn er ſeine Rechte mit innigem Blicke auf das kunſtloſe Gelände einer Brücke im Walde legte, wo ſoeben ihre zarten Finger geruht, Beſitz von dem nehmend, was ſie geweiht. „So waren Wochen vergangen und der Tag kam, wo ſie mit ihrer Mutter nach der Heimath zurückkehrte. Er erklärte ſich nicht gegen ſie, worin er ſchweres Unrecht beging.“ „O, es war das ſehr dumm von ihm,“ konnte ſich der Andere nicht enthalten, in einem melancholiſchen Tone auszurufen;„er wäre nicht zurückgewieſen worden, wie Andere in ähnlichem Falle.“ „Da er das wußte und ſeiner Sache vollkommen ſicher war, beging er jene Unterlaſſungsfünde und er wurde furchtbar dafür geſtraft. Hatte er es ſich doch ſo ſüß ausgemalt, nach Haus zu reiſen, dort Alles bis auf die unbedeutendſten Kleinigkeiten für ſie einzurichten, um alsdann zu ihr zu eilen und ſie als ſein geliebtes Weib heimzuführen.———— Bis auf das Letztere ging Alles vortrefflich von Statten,“ fuhr der Freiwillige mit einem lauten, unheimlichen Lachen fort;„ſeine Junggeſellenwirthſchaft war ver⸗ ſchwunden und hatte ſich zu einem der beſten und vornehmſt einge⸗ richteten Häuſer verwandelt. Allerdings waren darüber Monate vergangen, und wenn ihn auch zuweilen die Sehnſucht und eine unerklärliche Angſt antrieb, ſich morgen, heute, ja in dieſer Stunde in den Wagen zu werfen, um zu ihr zu eilen, ſo bändigte er ſein überwallendes Gefühl in dem Gedanken, daß ihre Liebe ihm ja doch gewiß ſei,— ihre Liebe, die wie eine köſtliche Frucht von Tag zu Tag reifer und ſüßer würde. Auch waren es noch vierzehn Tage bis zu ihrem vollendeten ſechzehnten Lebensjahre—— „———— Und gerade an dieſem Tage fuhr er in ſeinem — ͦ—— —— 142 Unter den päpſtlichen Zuaven. Reiſewagen vor das Haus ihrer Mutter, erſtieg herzklopfend die engen, etwas ärmlichen Treppen und war ſeltſam überraſcht, als ihn die alte Frau nicht nur förmlich wie einen ganz Unbekannten empfing, ſondern in unverkennbar bitterem Tone ſeine herzliche Begrüßung erwiederte. „Was hier vorgefallen war, darüber ſollte man nicht lange im Zweifel bleiben. Sie führte ihn in ihr beſcheidenes Wohnzim⸗ mer, und dort legte ſie ihm, ohne ſeine wild ungeſtümen Fragen zu beantworten, ein Schreiben vor, welches er bebend durchflog. Dieß Schreiben war von ſeinem Vetter, dem gewandten Diplomaten, und erwähnte in geſchäftlicher Kürze eines Paragraphen im Teſta⸗ ment ſeines verſtorbenen Oheims und fügte dann in herzlicheren Worten hinzu, er habe über ihre Tochter, über deren Leben und Erziehung ſo viel Genügendes, ja Vortreffliches gehört, daß er auch ohne jene Teſtamentsklauſel ſich eine Ehre daraus machen würde, um ihre Hand zu bitten, nur müſſe er Umſtände halber die Be⸗ dingung ſtellen, daß dieſe Verbindung in kürzeſter Zeit ſtattfinde. „Als ich hierauf im höchſten Schrecken jenes Schreiben aus der Hand fallen ließ und die alte Frau mit bebenden Lippen betrachtete, lag ſo unverkennbare Wahrheit in meinen entſetzten Blicken, daß ſie mich bat, ruhig zu bleiben und nicht zu glauben, als hätte ſie und noch weniger ihre Tochter jene Begegnung vom vergangenen Som⸗ mer ſo raſch vergeſſen; im Gegentheil, fuhr ſie fort, wir erzählten ihm unſer Zuſammenleben, ich ſelbſtverſtändlich in ruhiger Faſſung, meine Tochter dagegen tief erregt und ohne ſich im Geringſten Mühe zu geben, den Eindruck zu verbergen, welchen Sie auf ihr Herz gemacht. „Und er?“ fragte ich haſtig, immer noch hoffend, immer noch nicht an das Schrecklichſte denkend. „Er legte mir freundlich lächelnd einen Brief von Ihnen vor,“ erwiederte die alte Frau, ein Schreiben, worin Sie in nicht gar zu ſchmeichelhaften Ausdrücken— Sie verzeihen meine Offenheit— Unter den päpſtlichen Zuaven. 143 und mit einer nicht zu verkennenden Deutlichkeit die Idee einer Verbindung mit jener jungen Dame, von der die bewußte Teſta⸗ mentsklauſel redet, weit von der Hand wieſen. „Aber das Datum jenes Briefes, Madame!l“ rief ich. „Die Dame machte eine abwehrende Handbewegung, während ſie, ohne meine Frage beantwortet zu haben, fortfuhr: ‚Und nicht nur mit Entſchiedenheit, ſondern mit einem Spotte, der allerdings nicht ohne Humor war, verſicherten Sie in dieſem Briefe, es hieße Ihnen viel zumuthen, Ihr Lebensſchiff in einen ſo trügeriſchen und unbekannten Hafen zu ſteuern. Aber das Datum jenes Briefes!“ rief ich dringender. „Ich las diskreter Weiſe nur die Stelle, welche mir Ihr An⸗ verwandter vorlegte, nachdem ich mich überzeugt, daß Ihre Unter⸗ ſchrift die richtige war— laſſen wir die Vergangenheit vergangen ſein und nehmen Sie hier dieſes Päckchen Briefe zurück, aus denen meine arme Tochter leider mit Ihrer Unterſchrift zu bekannt, zu ver⸗ traut geworden war. Nehmen Sie dieſe letzten Zeugen einer freund⸗ licheren Zeit und löſchen wir damit unſere Bekanntſchaft aus.“ „So iſt Alles vorüber; ſo hat ſich Alles nach Ihren Wünſchen und ferner nach denen Ihrer Tochter geſtaltet? ſprach ich äußerlich ſcheinbar ruhig, aber verzweiflungsvoll im Innern, zähneknirſchend. „Laſſen Sie dieſen Spott,“ gab ſie mir zur Antwort; ‚aller⸗ dings iſt Alles vollendet und beendigt, und ich hoffe zu Golt, daß meine Tochter als die treue gute Gattin Ihres Anverwandten glück⸗ lich mit ihm werden wird— o, ſie verdient es, glücklich zu ſein!“ rief ſie unter ausbrechenden Thränen, ‚denn ſie verſteht es, glücklich zu machen.“ „Dazu ſage ich Amen,“ ſprach er und ſetzte, nachdem er ſich mühſam gefaßt, in ruhigem, leidenſchaftsloſem Tone hinzu:„Nur um Eines möchte ich Sie bitten: ſagen Sie Ihrer Tochter, daß ſie betrogen wurde—— o, nicht durch mich!’ rief er wild ausbrechend, indem er das traurige Lächeln der alten Frau bemerkte— o, nicht 1 — 144 Unter den päpſtlichen Zuaven. durch mich, bei Gott im Himmel, bei Allem, was mir werth und heilig iſt— nicht durch mich. Jenen Brief ſchrieb ich allerdings, aber ſchon vor einem Jahre, und erklärte darin, nichts von einer Verbindung mit jener mir gänzlich unbekannten Dame wiſſen zu wollen— ja, ſie war mir ſo gänzlich unbekannt,“ fuhr er fort, während er die Hand wie zum Schwur emporhob, ‚daß ich nicht einmal ihren Namen wußte, und ich verlangte denſelben nicht zu kennen, um mich nicht vielleicht durch irgend ein Intereſſe, durch Neugierde einem Weſen zu nähern, für das ich glaubte, nie Sym⸗ pathie empfinden zu können— o, ſagen Sie ihr das und zu glei⸗ cher Zeit, wie unſäglich unglücklich mich die Schlechtigkeit meines Verwandten macht.“ „Ja, ſeine Niederträchtigkeit!“ fuhr der Freiwillige nach einer Pauſe, indem er ſeine Rechte krampfhaft ballte, fort:„Während ich mich nie um ſein Thun und Treiben kümmerte, ſelten wußte, wo er war, unterließ er es nie, wie ich wohl wußte, ſich nach mir und meinem Leben zu erkundigen. O meine Seeidylle war ihm in allen Einzelheiten bekannt, und daß ich dort ein unſchätzbares Kleinod gefunden. War ich doch in meinem Leichtſinn, in meiner offen⸗ herzigen Unbefangenheit, die mir ſchon ſo Manches verdorben, Thor genug geweſen, mein Glück nicht zu verſchweigen, und da er Gefahr im Verzuge ſah, ſo kam er mir zuvor und ſchlug mich auf eine feige, verrätheriſche, hinterliſtige Weiſe aus dem Felde. Möge ihn Gott verdammen; geſtraft iſt er ſchon, das ſah ich, als ich ihn nach einiger Zeit zufällig wieder erblickte, und das entwaffnete meinen Zorn. Er war hohläugig und bleich, eine verdächtige Röthe glühte auf ſeinen Wangen, und es war nicht allein ſeine Erregung, mich wiederzuſehen, daß er ſeinen Athem nur mühſam in die Bruſt ziehen konnte— ohne ein Wort an ihn zu richten, wandte ich ihm den Rücken— ſie ſah ich nie wieder. „———— Und nun habe ich Dir Deine Erzählung mit Zinſen heimgegeben und möchte wiſſen, ob Du damit zufrieden biſt.“ Unter den päpſtlichen Zuaven. 145 „Mit der Art der Erzählung allerdings,“ gab der kleine zer⸗ lumpte Schwabe zur Antwort, nachdem er ſich ein gutes Weilchen beſonnen,„aber die Sache hat nach meinen Begriffen viel Unwahr⸗ ſcheinliches, d. h. wenn ich dabei geweſen wäre. Warum mußtet Ihr auch warten, um ſich zu erklären, und warum Monate ver⸗ gehen laſſen, ohne ſie zur Frau zu verlangen?“ „Fragen, die ich häufig ebenfalls an mich gethan und die ich nur dadurch von mir verſcheuchen konnte, daß ich mir eingeſtand, daß ich heute wohl nicht anders handeln würde, wie damals— ah, die Erwartung hat etwas Süßes und iſt es nur einmal im Leben erlaubt, den erſten und richtigen Zug aus dieſem Wunderbecher zu thun.“ „Das verſteh' ich nicht.“ „Ich glaub' es wohl, thut auch nichts, aber im Allgemeinen biſt Du befriedigt?“ „Ja und nein, möchte aber noch wiſſen, wie Ihr dazu gekom⸗ men ſeid, mit Geld im Beutel Euch unter die päpſtlichen Freiwilligen anwerben zu laſſen. Wenn das arme Teufel wie wir thun, ſo kann ich das allerdings verſtehen.“ „Ei,“ entgegnete der junge Freiwillige,„was Du des Hand⸗ geldes wegen thuſt, thue ich vielleicht der Sache zu lieb, doch über Politik und Religion ſoll man mit Fremden nicht reden. Eines will ich Dir aber noch anvertrauen, daß ich nämlich nach jener Zeit, von der ich Dir erzählt, ein recht wildes und tolles Leben geführt habe, aber gerade keine Verbrechen begangen, obgleich an manches Laſter hart hingeſtreift, und bin darauf zu der Idee gekommen, einen Pilgerzug nach und für Rom zu thun; nicht in der ſchwarzen Kutte und im Muſchelhut, aber im grauen Rocke, ein büßender Soldat, und wenn ich in Folge davon in den Fall komme, meinen Säbel zu ziehen, ſo ſollen die Feinde des heiligen Stuhls mit meinem Hiebe zufrieden ſein.“ Hackländer's Werke. 50. Bd. 10 146 Unter den päpſtlichen Zuaven. „Und Geld habt Ihr, baares Geld?“ fragte der Andere tnit einem lauernden Blick und einem Tone des Zweifels. „Baares, wenn auch nicht klingendes. Aber Du biſt ein un⸗ gläubiger Thomas, Du künftiger Tambour, und ich will Dich einen Blick in meine Brieftaſche thun laſſen, um Dich zu überzeugen, daß ich aus freier Wahl mit euch auf dem Verdecke ſchlafe und euere magere Suppe theile.“ Nach dieſen Worten zog er aus der Rocktaſche eine rothe Brief⸗ taſche hervor, öffnete ſie gelaſſen und zeigte dem Erſtaunten gegen⸗ über eine gute Anzahl von Banknoten. „Das iſt viel Geld, der hundertſte Theil könnte mich glücklich machen.“ „Wie hoch ſchätzeſt Du den hundertſten Theil?“ „Mindeſtens auf fünfzig Franken.“ „Und was würdeſt Du damit anfangen, wenn Du ſie hätteſt?“ „Ich— ich würde——“ hier ſtockte der kleine Schneider und ſagte dann kopfſchüttelnd:„Ihr würdet mir doch nicht glauben, wenn ich Euch ſagte, was ich mit dem Gelde anfinge.“ „Du würdeſt zum Reſtaurant gehen und gut frühſtücken?? „O nein— gewiß nicht. Ich würde das Geld einpacken und nach Hauſe ſchicken.“ „Deinen Eltern?“ „Ich habe keine Eltern und keine Geſchwiſter. Ich bin als kleines Kind auf der Straße gefunden worden und heiße deßhalb Hauseck, Johann Jakob Hauseck, ein hübſcher Name— ich würde es nach Hauſe ſchicken— aber Ihr lacht über mich; ich würde es ihr nachträglich zum Hochzeitsgeſchenk ſchicken und würde dazu ſchreiben, klein an Körper, aber groß an Geiſt, habe ich ſchon angefangen, meinen Weg zu machen und wünſche ihr alles Glück in der Verbindung mit meinem Herrn Kameraden, der vielleicht noch einfacher Lieutenant ſein wird, wenn ich mit Orden geſchmückt ein paar feindliche Batterieen erſtiegen habe.“ Unter den päpſtlichen Zuaven. 147 „Das iſt eine geſunde Idee,“ ſagte der Freiwillige lachend; „geh' mit mir nach der Kajüte des päpſtlichen Unteroffiziers; Du ſollſt den Brief ſchreiben und ich will das Geld hineinlegen.“ „Das wollt Ihr?“ „Gewiß. Oder bereuſt Du Deine Idee?“ „Im Gegentheil; o, ich wäre Euch ſehr dankbar dafür. Wie werden dieſe Zeilen ihr Herz treffen!“ rief der kleine Schneider triumphirend;„wie wird ſie mit gerungenen Händen am Fenſter ſtehen, das Auge vom Weinen getrübt und in die Nacht hinaus⸗ rufend: ‚O Himmliſche, rufe Dein Kind zurück.— damit meint ſie mich— zich hätte genoſſen das irdiſche Glück— mit mir nämlich, ich hätte gelebt und geliebet.““ „So komm denn— die Rache iſt ſüß.“ Während dieſes lyriſchen Intermezzos auf dem Vordertheile des braven Saintonge in früher Morgenſtunde hatte ſich das Hinter⸗ deck des Dampfers allmälig mit der mehr oder minder eleganten Welt gefüllt, von der Manches die Nacht in den heißen Kabinen in unruhigem, oft unterbrochenem Schlummer verbrachte; doch ſtiegen die Meiſten von ihnen nach und nach die Treppen hinan, um ſich droben mit gleichgültigen Mienen oder auch gelangweilien, Viele aber auch mit einem heitern Lächeln der Befriedigung umzuſchauen. Es war aber auch prachtvoll, wie rings umher das Meer außblitzte, entzückend, ſonnig, blau und ſtill, nur leiſe aufathmend, als wolle es freundlich vermeiden, dem ruhig dahingleitenden Dampfer auch nur die geringſte Bewegung zu machen. Gegen Oſten und gegen Norden ſah man Wolkenmaſſen am Horizont gelagert, die eben ſo gut hochaufſteigende Ufer ſein konnten, dort zur Rechten des Schiffes gewiß, wo die Spitze von Corſika ſein müßte, die allerdings jetzt noch in maleriſcher Form und ſanfter Färbung wie eine Dunſtmaſſe erſchien, ſich im Laufe des Tages aber vielfach verwandeln wird, um endlich gegen Abend deutlich vor den Blicken der Reiſenden dazu⸗ ſtehen mit ihren ſchönen Felſenufern, auf denen ſich Klöſter und 148 Unter den päpſtlichen Zuaven. Dörfer kühn erheben; mit ihren Vorgebirgen in edlen Formen, an deſſen Fuß ſich von Landhäuſern umkränzte Städte einſchmiegen; ja, man wird ſie deutlich ſehen, jene maleriſchen corſikaniſchen Fels⸗ wände, leider aber nicht ihre ſilberſchimmernden Oelbäume, ihre duftigen Orangengärten und feurigblühenden Granaten. Hie und da ſah man ein ſchneeweißes Segel über die ſchimmernde Fläche dahingleiten und in der Nähe des Dampfers ſchoſſen Möven hin und her und frühſtückten in der Flut. Da waren faſt Alle, die man geſtern in der großen Kajüte bemerkte, und auch noch Andere, die dort nicht ſichtbar geweſen. Da war der Herr mit dem dunkeln Plaid, der Abends im hellen Ueberrock erſchien; da war der ſchäbige Gentleman mit den Glanz⸗ ſtiefeln und den rothen Strümpfen, und auch jene Inſeparables fehlten nicht, dicht bei einander in der Nähe des Steuerruders ſitzend, und laſen ſcheinbar mit großer Aufmerkſamkeit irgend eine Stelle im rothen Bädeker, in Wirklichkeit thaten ſie aber nur ſo, um ohne Aufſehen die Köpfe dicht zuſammen ſtecken und ſich allerlei zuflüſtern zu können. Da war auch die dicke Spanierin mit ihren jungen und ſchönen Sennoritas, und ſie ließ den linken Arm, auf deſſen Hand der Papagei faſt die ganze Nacht geſeſſen, recht müde herabhängen. Da ſah man ältere Geiſtliche in langen ſchwarzen Gewändern hin und her ſpazieren, ehrfurchtsvoll begleitet von jüngeren Prieſtern, welche große ſchiffartige Hüte auf den Köpfen hatten, während jene weiche behagliche Sammetmützen trugen, die mit Streifen von violett oder roth, wahrſcheinlich das Zeichen ihrer Rangklaſſe, verſehen waren. Da fehlte auch der deutſche Gelehrte oder Schriftſteller nicht: ein alter queckſilberner Herr mit weißen Haaren, der beſtändig eine Menge Bücher unter dem Arm hatte, der von dem Steuermann auf viele unnöthige Fragen nie eine Antwort erhielt, auch nur ſehr kurze Entgegnungen von dem Ka⸗ pitän und den Offizieren, der ſich aber dadurch nicht abſchrecken ließ, mit jedem der Mitreiſenden, welcher ihm gerade in den Wurf Unter den päpſtlichen Zuaven. 110 kam, ein Geſpräch anzuknüpfen. Beſonders auf die Hübſcheren unter den Damen ſchien er es abgeſehen zu haben, um ſie auf die freundlichſte Art von der Welt über Dieſes und Jenes, zum Beiſpiel über die Himmelsrichtung, nach der man fuhr, über den Namen einer fern herüberblickenden Inſel aufzuklären, und da er das eben ſo angenehm als gründlich that, auch zur Beweis⸗ führung alle möglichen Karten und Pläne bei ſich hatte, ſo war der deutſche Profeſſor, welcher ſeine Mutterſprache vortrefflich, das Franzöſiſche fürchterlich und das Engliſche ſehr unverſtändlich aus⸗ ſprach, trotz alledem ein geſuchter Artikel und hatte genug zu thun, um allen Fragen gerecht zu werden. Da waren ferner auf dem Hinterdeck die vier Amerikaner, welche geſtern Abend Champagner mit Cognac getrunken, und alle vier hatten heute etwas röthlich echauffirte Geſichter, blickten auf die See hinaus und theilten ein⸗ ander Bemerkungen mit über einen Dampfer, der ſchon lange in Sicht war und gegen den Saintonge heraufkam. „Ich möchte wetten,“ ſagte der Eine,„daß der über eine Stunde braucht, ehe er uns paſſirt hat.“ „Wie hoch?“ „Meinetwegen hundert Pfund.“ „Gut, ich nehme die Wette an, da ich für weniger als eine Stunde bin. Wenn Du Dich nicht betheiligen willſt,“ wandte er ſich an den Dritten,„ſo kannſt Du mit Francis dort Schiedsrichter ſein, wenn es euch recht iſt.“ „Gewiß,“ erwiederte der Erſte.„Hier“— er deutete einige Fuß von der Brüſtung auf den Boden—„iſt Dein Standpunkt und dort die eiſerne Stange gilt, ſo wie ſie der Dampfer paſſirt hat.“ „Gut, abgemacht!“ 3 „Wenn die Wette noch nicht geſchloſſen iſt, ſo möchte ich mir erlauben, einzutreten,“ hörte man hinter den Vieren eine Stimme in gutem Engliſch, allerdings mit fremdem Accent ſagen, und der alſo ſprach, war der junge Mann, den wir geſtern Abend in der 15o Unter den päpſtlichen Zuaven. Kajüte im Schaukelſtuhl bemerkt. Er trug einen ſo ausgeſucht eleganten Reiſeanzug, daß er kaum nöthig gehabt hätte, ſeine Vi⸗ ſitenkarte hervorzuziehen und ſie Dem zu überreichen, welcher die Wette vorgeſchlagen. Aber er that noch mehr; denn als Jener ſeinen Hut zum Gruß leicht gelüpft, dazu den drei Andern mit einer Handbewegung gegen den Fremden geſagt:„Graf Landerer!“ auch die Karte mit der ſeinigen erwiedert hatte, nahm der Hinzu⸗ getretene aus ſeiner Brieftaſche zwei Billets von je 1000 Franks, ſowie eins zu 500 und legte ſie in die Hand Deſſen, der als Schiedsrichter erwählt war, indem er ſagte:„Ich wette, daß das Schiff länger als eine Stunde braucht.“ Hierauf ging die Geſellſchaft ohne Weiteres auseinander, nach⸗ dem der Schiedsrichter ſeine Uhr gezeigt, welche genau auf zehn Uhr wies, und der Graf Landerer ſchlenderte nach dem andern Ende des Hinterdecks, wo ſeine junge Frau auf einem der Bänke ſaß und ſich mit einem ältern Herrn freundlich unterhielt. Dieſer alte Herr hatte eine Karte ausgebreitet auf den Knieen liegen und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle, wo ſich in dieſem Augen⸗ blicke der Saintonge befand.„Dort ſehen wir Corſika ſchon etwas deutlicher,“ ſagte er alsdann,„Elba aber werden wir erſt ſpät am Nachmittage vor uns haben, ſobald wir Cap Corſu umſchifft; dann erblicken wir auch Baſtia und bemerken deſſen Leuchtthurm hinter uns faſt die ganze Nacht hindurch.“ „Ich freue mich, Elba zu ſehen,“ ſagte die junge Dame;„iſt es doch gerade ſo, als ſehe man verkörpert vor ſich eine große, hiſtoriſche Idylle.“ „Gewiß, meine Gnädige,“ erwiederte der deutſche Profeſſor, „und dabei iſt es eigenthümlich, daß gerade dieß tyrrheniſche Meer zwei ſolcher Felſeneilande beſitzt: Elba und Capri, die uns beide ein ſo ungeheures Stück Weltgeſchichte in's Gedächtniß rufen; hier allerdings mehr Idylle, dort aber auf Capri, der Einſiedelei des furchtbaren Tiberius, ein blutiges Trauerſpiel.“ — — 1⁵¹ Unter den päpſtlichen Zuaven. „Kennen Sie Capri?“ „O ja, meine Gnädige, ich verlebte dort einen längeren, ent⸗ zückenden Aufenthalt.“ „Ich hoffe, es auch zu ſehen; erzählen Sie mir etwas darüber.“ Der Profeſſor zuckte die Achſeln, indem er ſagte:„Was ich Ihnen darüber erzählen könnte, würde doch nur matt und farblos erſcheinen gegenüber der prachtvollen Schilderung eines meiner Bekannten, die ich Ihnen zum Durchleſen vorlegen kann, ein kleines Buch von Gregorovius:„Capri eine Einſiedelei.“ „Ich werde Ihnen dafür ſehr dankbar ſein, ich hörte ſchon davon, kam aber nie dazu, das Buch zu leſen.“ „Die Gnädige iſt anderweitig zu viel und wichtig beſchäftigt,“ verſetzte der Profeſſor mit einem ironiſchen Lächeln, worauf ihm die Gräfin Landerer mit einem offenen heitern Lächeln erwiederte: „Das wohl nicht, Herr Profeſſor, aber es fehlt uns ſo oft an gutem Rath und richtiger Leitung; wenn Sie aber ſo freundlich ſein wollen, mir das Buch zu leihen, ſo werde ich Ihnen einen pünktlichen Bericht darüber machen. Verlaſſen Sie das Schiff morgen in Civita⸗Vecchia oder gehen Sie mit uns nach Neapel?“ „Ah, ich gehe mit nach Neapel. Wie freue ich mich auf die Campagna felice!“ In dieſem Augenblicke trat der Gemahl der jungen Dame vor dieſe hin, und ſie ſagte mit einem frohen Blicke:„Ich habe hier eine angenehme Bekanntſchaft gemacht, Ferdinand; Herr Pro⸗ feſſor Bucher aus Danzig, der ſo freundlich war, mich eben ſo angenehm als lehrreich zu unterhalten.“ Der Profeſſor hatte ſich raſch erhoben und machte eine tiefe, etwas ſteife Verbeugung, worauf Graf Landerer leicht mit dem Kopfe nickte und ein paar Worte hinwarf, welche ſeine Freude über dieſe Bekanntſchaft ausdrücken ſollten, dann fuhr er in nachläſſigem Tone fort:„Ich habe da eben mit den Amerikanern gewettet.“ 15² Unter den päpſtlichen Zuaven. „Um was handelt es ſich?“ fragte die Gräfin heiter. „Um den Dampfer, der dort auftaucht. Einer jener Herren behauptete, er brauche eine Stunde, bis er zu uns käme. Ich wettete hundert Pfund, daß er länger braucht.“ „Das iſt eine große Summe,“ ſagte der Profeſſor. „Pah, ich werde ſie gewinnen, und wenn ich ſie auch verlöre!“ „ſetzte er achſelzuckend hinzu;„ich habe damit die Bekanntſchaft jener Herrn gemacht, die mir amüſante Geſellſchafter ſcheinen— es iſt ſehr langweilig auf dem Schiffe hier, mein lieber Herr Profeſſor.“ Dieſer warf einen Blick auf die junge Gräfin, welche einen tiefen Athemzug that und vor ſich auf den Boden niederſchaute; dann ſagte er:„Verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit, aber ich ver⸗ ſtehe überhaupt nicht, wie man auf ſo gleichgültige Dinge wetten kann. Ja, wenn der Gegenſtand einer ſolchen Wette ein ernſter, wichtiger wäre, wenn eine ſolche Wette beide Parteien zu irgend einer würdigen Anſtrengung anſpornte, oder wenn das Reſultat irgend einem Armen, Unglücklichen zu Gute käme, wozu hier auf dem Schiff eine prächtige Gelegenheit wäre.“ „Ich verſtehe Sie nicht vollkommen,“ erwiederte der Graf in gleichgültigem Tone; die Gräfin ſchien ihn vollkommen verſtanden zu haben und ſah ihm mit dem Ausdrucke dankbaren Wohlwollens in die Augen. „O was die Armen und Unglücklichen hier auf dem Schiffe anbelangt, ſo bitte ich Sie, Herr Graf, nur einen Blick auf die Leute zu werfen, die da unten vor dem Kamin theils auf dem harten Boden gelagert ſind, theils auf den Treppen und Balluſtraden umherſitzen.“ „Ich habe ſie ſchon zur Genüge geſehen— eine wüſte Bande.“ „So ſieht es aus, dabei aber leider viele Landsleute, viele Deutſche. Sie gehen keinem angenehmen Looſe entgegen und die meiſten von ihnen ſind mehr als bedürftig. Es wäre ein hübſches Unter den päpſtlichen Zuaven. 1⁵3 Werk, unter dieſe Leute den Ertrag jener Wette zu vertheilen, und wenn Sie jenen andern Herrn darüber ſprächen— ¹ „Daß ich ein Narr wäre, verſetzte der Graf mit einem häß⸗ lichen Lachen,„dieſer Südamerikaner würde einen ſchönen Begriff von mir bekommen, für Leute betteln, die ihnen wenig mehr als Sklaven gelten, ja, für weniger, da ſie nicht begreifen werden, wie man ſich des Geldes wegen für anderer Leute Intereſſe todtſchießen laſſen kann. Ich begreife das, aufrichtig geſagt, auch nicht. Pah, gehen Sie mir mit Ihren päpſtlichen Freiwilligen.“ „Ich würde das auch nicht recht begreifen, wenn ich mich nicht bemüht hätte, wie bei manchen andern Dingen, auch hier ein wenig auf den Grund zu ſehen. Verzeihen Sie mir, Herr Graf, ich bin viel, viel älter wie Sie und deßhalb bedächtiger, vorſichtiger. Ich habe geſtern Abend und heute früh mit einigen der Leute geplau⸗ dert, nachdem ich ſie durch Spendung einer Cigarre vertraulich gemacht, und kann Sie verſichern, daß Manchem von denen da drunten nichts Anderes übrig bleibt, als dem Kalbfell zu folgen oder in's Waſſer zu ſpringen.“ „Das Letztere wäre vielleicht eben ſo praktiſch.“ „Aber das Waſſer iſt ſehr naß und das Meer gewaltig tief,“ erwiederte der Profeſſor mit einem feinen Lächeln,„und man klammert ſich gern an irgend eine Hoffnung, wenn dieſelbe auch noch ſo trügeriſch iſt. Ich wollte nur ſagen, es gibt unter ihnen Leute, welche ſchöne Exiſtenzen, und nicht immer ganz durch eigene Schuld, verlaſſen mußten; Söhne guter Familien, welche durch ein garſtiges Zuſammentreffen von Umſtänden dazu gebracht wurden, ſich anwerben zu laſſen. Viele, die dieſen Schritt bereuen und die Alles ergreifen würden, um nur wieder loszukommen, darunter ganz tüchtige und intelligente Köpfe; es wäre mir hübſch erſchienen, ihnen auf die angedeutete Art den Eintritt in eine Laufbahn ein wenig zu erleichtern.“ „Das könnte ja durch eine Kollekte geſchehen,“ meinte der 15⁵4 Unter den päpſtlichen Zuaven. Graf mit einer unmuthigen Bewegung,„und da wäre ich gerne bereit— doch entſchuldigen Sie mich für dieſen Augenblick,“ unter⸗ brach er ſich raſch, indem er einen Blick auf das Meer hinaus⸗ geworfen,„unſer Dampfer kommt raſcher heran, als ich ſelbſt geglaubt.“ „Du wirſt Deine Wette verlieren.“ „Wohl möglich.“ „Zweitauſeud fünfhundert Franks,“ ſagte der Profeſſor,„und der Andere eben ſo viel, das machte ungefähr 100 Franks für Jeden da drunten. Sie würden ſelbſtſtändiger auftreten können und wären nicht ſo in die Hände dieſer Italiener gegeben.“ Der andere Dampfer kam in der That raſcher heran, als man vor einer halben Stunde hätte glauben können, und da die Wette auf dem Hinterdecke des Saintonge ſchon allgemein bekannt geworden war, ſo bildete ſich eine dichte Gruppe von Herren und Damen hinter dem Schiedsrichter, welcher, die Uhr in der Hand, auf ſeinem Poſten ſtand, die eiſerne Stange vor ſich mit der gleichen Aufmerkſamkeit betrachtend, wie der Schiedsrichter den weißen Stab auf der Rennbahn. „Es iſt noch volle 20 Minuten bis Elf,“ meinte Sir Francis, „und der Dampfer ſchon ſo nah, daß ich jede Geſtalt auf dem Verdecke deutlich erkenne. Mir ſcheint, James, Du haſt verloren.“ „Mir ſcheint es auch ſo,“ antwortete dieſer Gentleman mit einem lachenden Geſichtsausdruck,„aber das verdammte Schiff hat mich betrogen; es hat in der letzten Viertelſtunde offenbar ſeinen Kurs verändert und ſich ſchärfer gegen uns gewandt. Wäre es in ſeinem alten Laufe geblieben, ſo würde ich gewonnen haben.“ „Ja, das ſind die Chancen, die man hat.“ „Was für ein Boot iſt's?“ „Ein Livorneſer, welches nach Marſeille geht.“ 3 „Da haben wir ihn, die Sache iſt abgemacht.“ „Abgemacht,“ rief der Schiedsrichter, indem er den rechten Unter den päpſtlichen Zuaven. 1⁵⁵ Arm in die Höhe hob;„der Dampfer hat den Rennpfahl paſſirt, es fehlen noch 10 Minuten bis Elf. Hier meine Herren, haben Sie die Gelder!“ Es war recht behaglich, daß in dieſem Augenblick die Früh⸗ ſtücksglocke läutete und man nun mit mehr Bequemlichkeit ſitzend über die erlebte Wette plaudern konnte. Daß dieſelbe auch ſonſt noch gefeiert wurde, ſah man an verſchiedenen Eiskübeln mit Cham⸗ pagnerflaſchen, welch' letztere zwei Schiffsjungen durch einen um⸗ gelegten Bindfaden in drehender Bewegung halten mußten, damit der Wein nach entfernten Pfropfen gehörig abkühle. Die vier Amerikaner hatten der Reihe nach dem Grafen Landerer zuvorkommend die Hand geſchüttelt und ihn ſo förmlich in ihre Geſellſchaft aufgenommen, weßhalb er ſehr zufrieden darüber ſchien, daß Profeſſor Bucher die junge Gräfin in die Kajüte hinabgeleitete. Neptun war übrigens während der Frühſtückszeit nicht ganz ohne Tücke und nahm eine kleine Briſe zu Hülfe, vielleicht auch eine ſtärkere Seeſtrömung, um den guten Saintonge ein ganz klein wenig zu ſchaukeln, nicht zu ſtark, aber doch kräftig genug, um einige Ladies zu veranlaſſen, raſch an die friſche Luft zu eilen, und einen alten Engländer, welcher ſich das Vergnügen machte, ohne Rückſicht auf die Damen alles Deſſert aufzufreſſen, das er erreichen konnte, vielleicht gerade deßwegen zur Rückerſtattung an⸗ zuhalten. Doch war vielleicht der Meeresgott durch dieſe Ovation verſöhnt worden und ebnete die Wellen in kurzer Zeit wieder, ſo daß ſämmtliche Paſſagiere, ſelbſt die entflohenen Ladies und der alte Engländer, nach dieſem»accident« wieder oben erſchienen. Auf ihrem Platze vor dem Schornſteine führten indeſſen die päpſtlichen Freiwilligen zur Kurzweil allerlei harmloſe Kraftübungen und olympiſche Spiele auf, ungefähr in der früher ſchon erwähnten Art, wobei der kleine Schwabe ſein Recht als Spaßmacher ge⸗ brauchend unterſchiedlich derbe Püffe und verſchiedenartige Bosheiten 156 Unter den päpſtlichen Zuaven. ausführte, deren Thäterſchaft er aber gewandt ſo lange auf Andere zu übertragen wußte, bis er einmal bei einem tüchtigen Genickſtoß, den er dem langen Berliner verſetzte, von dieſem auf friſcher That ertappt, und da über das Knie gelegt und von hinten mit einem ſeiner eigenen ſehr defekten Schuhe tüchtig bearbeitet wurde. Doch gab ihm dieſer Vorfall Veranlaſſung, den Preußen anzuklagen, als habe er ihm bei dieſer Gelegenheit ein koſtbares Schuhband ent⸗ wendet, welches er heuchleriſch weinend ſo lange beklagte, bis er auf der Treppe zum Hinterdeck eine bunte Bandſchleife entdeckte und dieſe zum Zuſchnüren ſeines ſchmutzigen, zerriſſenen Schuhes benutzte. „Da kann man ſehen, was vornehme Geſellſchaft thut,“ lachte einer der ſtruppigen Geſellen;„ſeit er heute Morgen mit dem Prinzen von Arkadien gefrühſtückt, bindet er ſeine Schuhe nur noch mit rothem Atlasband zuſammen.“ „Haſt Du wirklich mit gefrühſtückt, Kleiner?“ fragte der lange Berliner. „Ob und wie, wie Ihr zu ſagen pflegt,“ erwiederte der Schnei⸗ der pfiffig lachend;„zuerſt unſere Suppe und dann beim Reſtau⸗ rant etwas Gutes: gebackene Meerſpinnen und gedämpfte Kalbs⸗ leber, auch Sauerkraut mit Schweinefleiſch und Champagner dazu getrunken. A—a—a-—ah!“ ſchloß er, mit der Zunge ſchnalzend. „Schweig' mir vom Champagner,“ murrte Einer mit einem feinen, bleichen und krankhaft eingefallenen Geſichte, deſſen Anzug deutliche Spuren trug, daß er noch vor Kurzem gut, ja elegant geweſen war;„es iſt genug, daß man dort die beiden Racker ſchon wieder eine Stunde lang Flaſchen in ihren Eiskübeln herumdrehen ſieht.“ „Der Prinz von Arkadichen is e Luder,“ meinte der Sachſe kopfnickend,„ä vornehmes Thier, und nur, wenn es dunkel iſt, thut er uns die Ehre ſeiner Geſellſchaft an. Wenn er heute Abend wieder kommt, ſollten wir uns mit einem Fußtritt bedanken.“ — Unter den päpſtlichen Zuaven. 157 „Laß Du das lieber bleiben,“ lachte der robuſte Schweizer, „der bräche Dir durch grobes Anfaſſen alle Knochen im Leibe entzwei. Ich habe mich geſtern Abend nur ſo ein Bischen an ihm gerieben und flog dort gegen die Kajütenwand, ehe ich mich deſſen verſah.“ „Es wäre auch höchſt unpolitiſch, Händel mit ihm anzufangen,“ ſagte der kleine Schneider mit großer Wichtigkeit. „Gelt, der Schwab weiß, wer es iſt.“ „So ſoll er ſein Maul aufthun und es ſagen.“ „Wenn ich aber nun nicht will———— aber ich will, wenn ihr mich nicht verrathen wollt.“ „Gewiß nicht. So laß hören. Wer iſt's denn?“ „Dem Papſt ſein natürlicher Sohn.“ „Geh' zum Teufel, Rindvieh— mach', daß Du weiter kommſt, dummer Schneider.“ Dieſer ſchob dann auch, ſeine Schultern auf komiſche Art auf und ab bewegend, davon, und als er in gehöriger Entfernung war, lüpfte er, ſich boshaft lächelnd umſchauend, die Schöße ſeines miſerablen ſchwarzen Fracks— eine verletzende Pantomine, welche durch einen geſchickten Wurf mit einem alten Stiefel kräftig be⸗ lohnt wurde. Andere unter ihnen hielten ſich fortwährend von dieſem Trei⸗ ben fern und thaten mit Oſtentation, als wenn ſie nicht zu den Freiwilligen gehörten, allerdings nur bis ſie zum gemeinſchaftlichen Eſſen antreten mußten, oder bis ſie Abends ihre grauen Schlaf⸗ decken erhielten, und auch dann noch ſuchten ſie ihnen ſo fern als möglich zu bleiben. Jetzt hatten ſich Einige von dieſen neben den Radkaſten geſtellt und ſangen vielſtimmig ein deutſches Lied: „Steh ich in finſtrer Mitternacht So einſam auf der ſtillen Wacht, So denk' ich an mein fernes Lieb,. Ob mir's auch hold und treu verblieb“ 158 Unter den päpſtlichen Zuaven. welcher Geſang eine Menge der Hinterdeckpaſſagiere an die Ballu⸗ ſtrade lockte—„very fine— these German songs are beauti- ful,“ meinte die blonde junge Dame, welche geſtern Abend den Tag des Herrn bearbeitet—„es iſt eigenthümlich,“ ſagte ein alter Franzoſe,„ſo oft ich ſo ein deutſches Volkslied höre, möchte ich immer fragen: Wer iſt denn eigentlich jetzt ſchon wieder geſtorben?“ Als der Geſang verſtummt war, warf ein Ruſſe, der ſich bei den zuhörenden Paſſagieren befand, ein Frankenſtück unter die vor dem Schornſtein lagernden Freiwilligen; doch wurde ihm dieſe Großthat ſchlecht oder recht belohnt, denn das Geldſtück flog gleich darauf, von ſicherer Hand geworfen, ſo kräftig wieder zurück, daß es dicht neben dem Kopf des Ruſſen gegen den Maſtbaum klirrte und dann ſeitwärts in's Meer ſauste. Mit verächtlichem Achſelzucken wandte ſich hierauf der größte Theil dieſer vornehmen Paſſagiere von den ordinären Leuten ab, mit denen ſie ſich ſchon durch Anhören jenes Liedes viel zu gemein gemacht, und die einzelnen Gruppen der Spaziergänger auf dem Verdeck gingen zu ihren gewöhnlichen Beſchäftigungen über, um ſich die langweilige Zeit zu vertreiben, ſpazieren gehend hin und her zu zwei, drei und vieren, mit kunſtvoller Ausweichung der Be⸗ gegnenden, in deren Fahrwaſſer man ſo leicht gerieth bei dem aller⸗ dings ſehr unmerklichen Schwanken des Schiffes. Die alten Damen hatten ihren Platz neben dem großen Maſt jetzt ſchon eingenommen, auf Plaids und Kiſſen ruhend, wurden aber plötzlich hier auf eine ſehr unangenehme Art vertrieben, denn jener Engländer, der beim Frühſtück ſo unangenehm im allerdings unmäßigen Genuſſe des Deſſerts geſtört worden war, hatte ſich mit dem Rücken an die andere Seite des Maſtes gelehnt und augen⸗ ſcheinlich zu viel Sodawaſſer zu ſich genommen, denn man ſah dieſes plötzlich auf einem nicht ganz gewöhnlichen Wege wieder⸗ kehren und bei dem leichten Schwanken des Schiffes wie ein kleines Bächlein verrätheriſch von hinten zwiſchen die alten Damen — Unter den päpſtlichen Zuav 9 hineinfließen, welche mit einem lauten„Horreur“ auseinander⸗ fuhren. Im Uebrigen war die Luft milde und angenehm; eine er⸗ friſchende Briſe zog über die blauen Wellen, und auf beiden Seiten ſah man Land in ungewiſſen Umriſſen. „Elba!“ ſagte der kleine Kapitän des Saintonge und zeigte mit ſeinem langen Fernrohr auf das in graublauer Farbe und in ſo maleriſcher Geſtalt in der Ferne aufſteigende berühmte Eiland. „Elba!“ wiederholte der Profeſſor Bucher, der neben der jungen Gräfin ſaß, während ſich ihr Gemahl unten in der Kajüte befand, wo ein kleines Spiel gemacht wurde. Je näher man der In⸗ ſel kömmt, um ſo rauher und öder erſcheinen ihre Felſen; faſt ohne jede Spur einer Ortſchaft, ſind die Ufer ſchroff und von einer finſteren Majeſtät. Was man hier von Menſchenhänden gemacht erblickt oder wenigſtens deutlich als ſolches erkennt, iſt ein uralter, grauer Thurm, kühn auf der höchſten Spitze ſtehend, vom Volke Torre de Giove genannt; gewiß mit einer herrlichen Ausſicht auf Corſika, Italien und auf die einem Nebelſtreifen ähnlichen Geſtade von Frankreich. Ob der Mann mit dem grauer Rock und dem kleinen Hut, die Hände auf dem Rücken zuſammnengelegt, wohl oft da oben ſtand, ſich die heißen Schläfe durch die friſche Seeluft kühlen ließ und dabei dachte an ſeine corſiſche Wiege, an ſeine glänzenden Schlachten auf der italieniſchen Ebene, an dei Abſchied von Fontainebleau? Ob er hier oben an dem einſamen Thurme nicht den Entwurf verfaßte zu dem großartigen Roman der hundert Tage, nachdem er vielleicht den Rieſengedanken aufgegeben, plötzlich in Italien auf⸗ zutreten, er ein Italiener, als Vereitiger der ſchönen Länder vom Mittelmeer bis zur Adria, als röm iſch⸗italieniſcher Kaiſer in der Weltſtadt Rom auf dem Capitol? GLewiß, er hatte einen ſolchen Plan gefaßt; ob er nicht mit den Ageniten einer italieniſchen Union, 160 Unter den päpſtlichen Zuaven. welche in Turin ihren Sitz hatte, in Verbindung ſtand, wer kann Genaueres darüber wiſſen? Aber unzweifelhaft iſt es, daß ſein gigantiſcher Geiſt damals ſchon ſo Großes, wie ein einiges Italien, im Geiſte erfaßte und prophetiſch vorausſah. Haben doch ſpäter kleinere Leute mit viel kleineren Mitteln zu Stande gebracht, was der große Kaiſer an dem alten Thurm da droben träumte. Aehnliches ſagte der alte deutſche Profeſſor zu ſeiner aufmerk⸗ ſam lauſchenden Nachbarin und meinte lächelnd:„Es war doch eine unbegreifliche Naivetät der damaligen Großmächte, Napoleon auf dieſe Inſel zu verbannen. Unmöglich kann man dabei an eine romantiſch⸗poetiſche Anwandlung denken und glauben, vielleicht aber an das ſichtbarliche Eingreifen des Fatums, welches in tra⸗ giſcher IJronie große Menſchen in ihren eigenen Anfang zurückſtürzte und erſchlug, wenn ſie, wie Napoleon, die Göttin des Glücks zum zweiten Male verſuchten. Tröſtete ſich vielleicht der große Kaiſer mit Diocletian, mit Kar V., mit Tiber? Sein Schickſal hatte mit Keinem dieſer Drei eine Aehnlichkeit. Die beiden Erſten legten die Krone ab, wenn ſie des Herrſchens müde waren, Tiber aber zog ſich freiwillig in ſeine Einſiedelei auf Capri zurück und ſaß dort wie die Spinne in ihrem Neſte, die Welt mit dem Wink ſeiner Augenbrauen lenkend, ſtets bereit, mit ſeiner blutigen Hand hinauszureichen oder ſich feig in ſeinem Verſteck zu verkriechen.“ „Ich habe ſchon angefamgen, in der Einſiedelei zu leſen— welch' liebenswürdige prächtige Schilderung! Ich möchte Grego⸗ rovius kennen lernen.“ „Wenn ich das Glück haßbe, Sie, meine Gnädige, in Rom wiederzuſehen, ſo würde ich mir und meinen Bekannten das Ver⸗ gnügen machen, der Vermittler ihres Wunſches zu ſein, und Sie würden in einem unſerer beſten und gelehrteſten Schriftſteller einen angenehmen und höchſt lieben swürdigen Geſellſchafter finden, auch mittheilſam bei einem Publi kum wie er es wünſcht. Sonſt iſt er leicht ſchweigſam in ſich ſelbſte zurückgezogen.“ Unter den päpſtlichen Zuaven. 161 „Vergeſſen Sie nicht, lieber Herr Profeſſor, daß wir in Rom in den Iſole Britanniche wohnen.“ „Wo ich mein Haupt niederlegen werde, weiß ich noch nicht genau; irgendwo hoch oben in der Nähe der ſpaniſchen Treppe, jedenfalls aber werde ich nicht verfehlen, ſogleich nach Ihnen zu fahnden.“ „Was iſt das dort für eine ganz kleine Inſel ſüdlich von Elba?“ „Das iſt Pianoſa, ein kleines, ödes Felſeneiland, welches Na⸗ poleon durch ſeine Garden beſetzen und eine Schanze darauf er⸗ richten ließ. Auguſtus verbannte einſtens dorthin ſeinen Enkel Agrippa Poſthumus, den bald darauf Tiber erwürgen ließ.“ „Wieder dieſer garſtige Tiber.“ „Später, wenn die Dunkelheit nicht dafür zu früh eintritt, ſehen wir Monte Chriſto, wo Alexandre Dumas jenen fabelhaften Schatz verwahrte, von dem er leider ſel'ſt keinen Gebrauch machen konnte; und dort, zu unſerer Rechten, haben wir Baſtia mit ſeinem Leuchtthurm, der uns faſt die gatze Nacht durch wie ein flim⸗ mernder Stern erſcheinen wird.“ So plauderte der alte gelehrt Herr mit der jungen ſchönen Dame, von deren Liebenswürdigkeit ſowie von ihrem offenen, treu⸗ herzigen Weſen und ihrer Wißbezierde er ſich warm angezogen fühlte. Auch für ſie war ſeine Geſälſchaft nicht nur eine Belehrung, ſondern auch in anderer Richtung ſehr angenehm, denn es wäre vielleicht für Manchen der anden Paſſagiere auffallend geweſen, die junge, elegante Dame faſt den ganzen Tag über allein auf dem Verdecke zu ſehen. Hatte dich der Graf unten Wichtigeres zu thun, als ihr oben Geſellſchaft zu leiſten. Er ſpielte mit den Amerikanern ein ziemlich hohes Wöſt mit Wetten nach rechts und links und fand dabei nicht einmal zeit, ſeine Gattin zum Diner zu begleiten. Auch war er während der Juer deſſelben verdrieß⸗ lich, mürriſch und gab ſeine! mit trockener, heiſerer Hackländer'’s Werke. 50. Bd. 11 4 — — 162 Unter den päpſtlichen Zuaven. Stimme. Beſorgt blickte die Gräfin deßhalb zuweilen zu ihm auf und füllte ſein Glas mit Waſſer, welches er aber mit einer miß⸗ muthigen Bewegung bei Seite ſtellte, um ſich an vortrefflichem Bordeaux zu reſtauriren. Auch huſtete er ſtärker, als geſtern Abend, obgleich er ſich offenbar Mühe gab, dergleichen krampfhafte Anfälle zu verdecken. Dann kam der Abend. Drunten in der Kajüte ſchimmerten hell die Lampen und Girandolen; droben ſah man die weißglän⸗ zende, ſcharfe Mondſichel in einem ſtrahlenden Gefolge unzählbarer funkelnder Sterne erſcheinen, über die langen weichen Wellen einen träumeriſch milden Schein ausgießend. Auch andere, kräftigere maleriſche Effekte bemerke man auf dem Verdecke des Saintonge, wenn der ausqualmende, kohlſchwarze Rauch in einem langen und breiten Streifen ſeitwärts ziehend, zuweilen den Mond verſchleierte, ſo daß ſein weißglitzerndes Licht nur noch mattgelb durchſchimmerte; wenn drunten an der Maſchne die Keſſelthüren aufgeriſſen wurden, tiefrothe Glut über das urtere Verdeck, über Schornſtein und Maſten bis hoch hinauf zu den Ragen und Tauen aufſtrahlend, wenn dabei das helle Licht aus den Glaskuppeln der Kajüte freund⸗ lich und milde die dunkle Flähe des Hinterdecks durchbrach und die Naſe des Mannes am Steter von der Lampe im Kompaß⸗ häuschen roth gefärbt erſchien und ſich über alles das der dunkle Nachthimmel mit ſeinen Millionn Sternen ausſpannte. Bald ge⸗ nug gab übrigens der ſchware Rauch ſeinen vergeblichen Kampf mit dem Mondlichte auf, und wun dieſes alsdann wieder ſiegreich von dem ganzen Schiffe Beſitz ergriff, ſo zeichnete es auf's Zier⸗ lichſte Taue und Ketten in dußkeln, feinen Linien auf das hell⸗ leuchtende Verdeck. Drunten n der großen Kajüte ſah man faſt wieder die gleichen Gruppen wie geſtern Abend, nur war der ſchreiende Papagei auf das Eſuchen faſt ſämmtlicher Paſſagiere in dem Schiffsraum zum Gpäck verwieſen und ſein Käfig noch ganz beſonders mit einer dicen wollenen Decke verhüllt worden. Unter den päpſtlichen Zuaven. 163 Dort trauerte die dicke Spanierin mit ihren beiden jungen Damen ſichtbarlich in einer halbdunkeln Ecke der Kajüte; die vier Ameri⸗ kaner hatten mit dem Grafen Landerer ſeit dem Diner ihren Whiſttiſch nicht mehr verlaſſen, und wenn auch jedesmal zwei aus dem Spiele traten, ſo waren dieſelben doch nicht müßig, ſondern betheiligten ſich mit bedeutenden Wetten. Auch wurde Verſchie⸗ dentliches getrunken, wenn auch nicht, wie geſtern, Champagner mit Cognac. Die junge Gräfin ſaß auf einem Stuhl in der Nähe ihres Mannes und ſchaute dem Spiele zu, doch blickte ſie weniger auf die Karten oder auf die hin und her rollenden Goldſtücke, als auf das Geſicht des Grafen, deſſen Züge fieberhaft erregt erſchienen; ſeine Augen glänzten faſt unheimlich und dabei huſtete er häufig anhaltend und hohl in ſein Taſchentuch hinein. Die Gegenwart ſeiner Gattin ſchien ihm unbehaglich, denn wenn er hier und da zu ihr hinüberſchaute, ſo geſchah dieß mürriſch mit finſterem Blick. Auch hatte er ihr ſchon ein paarmal halbleiſe Bemerkungen hin⸗ geworfen in verdrießlichem, ſpöttiſchem Tone, daß ihre übergroße Liebe und Aufmerkſamkeit ſeinein Spielglück ſchade, und jetzt, wo er großſchlemm geworden war, zuckte er unmuthig die Achſel und ſagte heftig:„Wenn Du nur begreifen wollteſt, Camilla, daß ich unmöglich mit Aufmerkſamkeit ſpielen kann, wenn ich von Deinen ſonderbaren Blicken immer abgezogen werde— laß mich doch in Ruhe, geh' zu Bette oder mache droben noch einen Spaziergang im Glanze von Mond und Sternen, welche wehmüthig anzuſchauen Du doch die ganz beſondere Schwäche haſt— gute Nacht, lang⸗ weile Dich hier nicht!“ Ohne die Antwort abzuwarten, wandte er ſeinen Seſſel etwas von ihr ab und nahm ſein Spiel wieder auf, worauf die junge Dame raſch einen forſchenden Blick auf die Geſichter der anderen Spieler warf, um in Erfahrung zu bringen, ob die harten Worte des Grafen gehört oder verſtanden worden ſeien, doch ſchien dieß nicht der Fall zu ſein: Alle ſchauten aufmerkſam dem Spiele zu, 164 Unter den päpſtlichen Zuaven. ſchienen auf nichts Anderes geachtet und die deutſchen Worte über⸗ haupt nicht verſtanden zu haben. „Gute Nacht, Ferdinand!“ ſagte ſie alsdann, indem ſie auf⸗ ſtand und ihre kleine Hand leicht auf ſeine Schulter legte. Er nickte mit dem Kopfe, ohne ſie anzuſehen. Sie verließ die Kajüte und hätte ſo gern den guten Profeſſor gebeten, ſie auf einem Spaziergange droben zu begleiten; doch war er nicht zu ſehen und ſie erinnerte ſich, daß er ihr geſagt, er wolle ein paar Abendſtunden ſowie die vollkommen ruhige See benutzen, um Briefe zu ſchreiben und Einiges in ſeinen Tagebüchern nachzuholen. Darauf ließ ſie ſich von ihrer Kammerfrau einen dunkeln warmen Mantel geben, ſtieg auf das Hinterdeck und ging dort langſam auf und ab. Wie ruhig, wie friedlich war das weite, weite Meer rings um ſie her, die ungeheure leuchtende Waſſerfläche, die aber, heute Abend ſanft verklärt vom Mondſcheine, durchaus nichts Unheimliches hatte, durchaus nicht die Idee aufkommen ließ, als befände man ſich viele Meilen weit vom feſten Lande auf einem ſo trügeriſchen Ele⸗ ment; fühlte man doch ſo gar nicht, daß man fern, fern von der übrigen Welt hier draußen ſchwamm, nur eine leichte Holzwand zwiſchen ſich und der unermeßlichen Tiefe. Das Meer war ſo ruhig, erſchien ſo vertraut, ſo wohlig, daß man es in einem guten Glauben ſchon hätte wagen mögen, ein wenig ſpazieren zu gehen zwiſchen jenen fernen Ufern und dem ſanft dahingleitenden Sain⸗ tonge, oder daß man das Schiff hätte ſtill und heimlich verlaſſen können, nicht durch einen Sturz in die Tiefe, ſondern wie ein ſeliger Geiſt dahingleitend, auf ſpiegelglatten Wogen und Mond⸗ ſtrahlen, jenen Bergen zu, die dort grau und duftig rückwärts lagen. Waren es wohl ähnliche Gedanken, die das junge Weſen be⸗ wegten, welches hinten an der Brüſtung des Schiffes ſtand und zuweilen zu dem Mond, zuweilen zu jenen fernen Bergen ſchaute? Wenn es ähnliche Gedanken waren, ſo mußten dieſe einen recht Unter den päpſtlichen Zuaven. traurigen Wiederhall in ihrem Herzen finden, denn in ihren Augen ſtanden Thränen, vielleicht unbewußt, denn ſie wiſchte ſie nicht weg, ſondern ließ ſie in hellen Tropfen langſam über ihre bleichen Wangen hinabgleiten. Auch ſeufzte ſie ſo eigenthümlich, daß es klang wie ein ſchmerzliches Schluchzen, und wenn auch ihr Körper feſtgebannt hier auf dem Schiffe blieb, ſo glitt doch ihre Seele auf den glatten Wogen und den Mondſtrahlen den fernen Bergen zu, ſchwebte über dieſelben hinweg, dann über weite, weite nächtlich ſchlummernde Länderſtrecken bis an ein kleines Haus, wo man noch Lichtſchein aus dem Fenſter dringen ſah und wo eine alte Frau in ihrem Lehnſtuhle leſend ſaß. Dieſer alten Frau ſank ſie zu Füßen, barg das Geſicht weinend in deren Hände und rief weinend: „O, ich bleibe jetzt wieder bei Dir, ich bin draußen zu unglücklich, zu elend geweſen!——* Doch vermochte ſie nicht lange dieſes Bild feſtzuhalten, woran wohl die glitzernde Mondſichel ſchuld war, die bei einer leichten Wendung des Schiffes ihr nun in die Augen fiel. Sie hatte doch ſchon manchmal dieſe Mondſichel erblickt und doch ſchwanden alle übrigen Erinnerungen daran vor einer einzigen, wo ſie gerade ſo über dem Waſſer leuchtend, wie heute, vor ihr geſtanden war, ſich allerdings nicht im Meere ſpiegelnd, ſondern in einem ſtillen, von Bergen rings umgebenden Landſee. Ach! und die Erinnerung an jenen Abend erfüllte ſie jetzt mit ſo wildem Schmerze, daß ſie krampfhaft ihre kleinen Hände auf die Baluſtrade preßte, daß ihre Thränen reichlicher floſſen, obgleich ſie die Lippen geöffnet hatte und die Worte eines Liedes vor ſich hinſprach, welches ſie damals unbewußt geſungen, ohne den Inhalt jener Worte ſo zu fühlen, wie jetzt: „Und blau iſt der See Und mein Herz thut mir weh.“ Andere der Paſſagiere, einige Damen, die bisher hinter ihrem Rücken auf und ab gegangen waren, traten jetzt ebenfalls an die 166 Unter den päpſtlichen Zuaven. Brüſtung, um in die Wellen und in die ſternhelle Nacht hinaus⸗ zuſchauen, weßhalb ſich die Gräfin abwandte, um auf der anderen Seite des Schiffes hin und her ſchreitend allein mit ihren ſchmerz⸗ lichen Erinnerungen zu ſein. Doch auch hier waren Leute, und ein junges Paar, das ſich ſchon während des Diners freundlich mit ihr unterhalten, ſchien eine Bewegung zu machen, um ſich ihr zu nähern, weßhalb ſie, ſeitwärts abbiegend, raſch über das Hinterdeck glitt bis zur Treppe, von wo man über das Schiff und die vor dem Maſt lagernden armen Menſchen, von denen Profeſſor Bucher heute geſprochen, hinblickte. Bei dieſen, ſowie dort auf dem ganzen tieferliegenden Deck ſchien ſchon die nächtliche Ruhe eingekehrt zu ſein und ſah man dort Niemanden mehr, als ein paar ſchlafende Matroſen und Heizer und einen Offizier, der auf der Brücke zwiſchen den Radkäſten in gleichförmigen Schritten hin und her ging. Für die Gräfin war dieſer andere Theil des Schiffes eine gänzlich unbekannte Welt, und es trieb ſie, in das geheimnißvolle Dunkel derſelben einzudringen und dort vorn in der Einſamkeit ihren Gedanken ungeſtörter nachhängen zu können. Sie hatte ihre Kapuze feſter über den Kopf gezogen und huſchte nun bei den vor dem Maſte Schlafenden vorüber, wobei ſie aber zuſammenſchrak, als einer derſelben eine gewiß unwillkür⸗ liche Bewegung machte. Da war der Maſchinenraum und dort ſchaute ſie einen Augen⸗ blick hinunter in das ſeltſame nächtliche Getreibe, die glänzenden und mattblanken Maſchinentheile durch den Wiederſchein der Keſſel⸗ feuer wie in rothe Glut getaucht, ebenſo wie die Menſchen da unten in ihren ärmlichen Bekleidungen, den dunkeln, geſchwärzten Geſich⸗ tern mit den hellleuchtenden Augen emſig durcheinander beſchäftigt, das gefeſſelte eiſerne, gierige Ungeheuer zu ſpeiſen und zur Arbeit anzuhalten. Wie ſchnaubte es ſo zornig aus ſeinen Cylindern, wie raſſelten und dröhnten die Räder, wie mächtig ſtampften ſeine unſichtbaren Füße und Arme, beſchäftigt, die koloſſalen Räder zu Unter den päpſtlichen Zuaven. 167 treiben! Dabei flogen die Keſſelthüren klirrend auf und zu und jetzt unter Gelächter ſämmtlicher Cyklopen ein paar luſtige Worte in die Höhe, worauf die junge Dame raſch ihren Weg fortſetzte. Jetzt hatte ſie das Vordertheil des Dampfers erreicht, welches eben ſo hoch lag, wie das Hinterdeck; ſtatt der eleganten Treppe aber von Bronze und feinem Holze, führte hier eine eiſerne und ſo ſteile Stiege in die Höhe, daß ſie ſchon im Begriff war, umzukehren, und dieß auch gethan hätte, wenn⸗ es da oben nicht ſo einſam und ſtill geweſen wäre und wenn es ſie nicht gelüſtet hätte nach dem freien, unbehinderten Blick über das weite Meer hin, den ſie, ganz vorn an der Spitze des Dampfers ſtehend, haben mußte. Und es war in der That herrlich da oben. Wie angenehm drang ihr die friſche Seeluft entgegen, wie eigenthümlich und dabei faſt unfühlbar hob und ſenkte ſich das Schiff, wenn es die Wellen durchſchnitt, die in weißen Schaumwogen, von dem ſcharfen Kiel getheilt, rechts und links zur Seite flogen, lange feſtliche Schleier bildend, welche ſich erſt weit, weit rückwärts mit der breiten Wogen⸗ ſchleppe des Schiffes vereinigten. Vor ihren Blicken lag das weite Meer prachtvoll glänzend und dabei ſo geheimnißvoll bewegt in unbegreiflicher Unruhe. Es war gerade, als wenn die kleinen ſpielenden Wellen in einer lebhaften Unterhaltung begriffen wären, die beim Herannahen des ſchwarzen Koloſſes plötzlich aufhörte, um dann ſpäter weit hinter Schleier und Schleppe eben ſo emſig wieder zu beginnen. Rückwärts blickend, ſah ſie in weiter Ferne einen dunkel glühenden Punkt, der auf Sekunden ganz verſchwand, um alsdann zu hellem Lichte wieder aufzuſtrahlen: den Leuchtthurm des Hafens von Baſtia. Dort blinkte der Mond zwiſchen dem Tauwerk herüber, und als ſie zu ihm aufſchauend ihr Geſicht er⸗ hob, glitt langſam die Kapuze von ihrem Haupte herab— dann bemerkte ſie plötzlich mit einigem Schrecken, daß ſie doch nicht allein hier auf dem Vordertheile des Schiffes war, denn aus dem Schatten an der feſten Baluſtrade hier erhob ſich raſch eine dunkle Geſtalt, 168 Unter den päpſtlichen Zuaven. die einen Moment regungslos ſtehen blieb, um ſich ihr alsdann raſch zu nähern. „Camilla!“ Sie ſchauderte beim Tone dieſer Stimme, ſie ſchauderte bei der Nennung ihres Namens. Und doch war ſie nicht im Stande, raſch zu entfliehen, denn Der, welcher ihren Namen ausgeſprochen, blieb zwei Schritte vor ihr ſtehen, hob den rechten Arm wie be⸗ ſchwörend in die Höhe und wiederholte ihren Namen mit dem leiſe ausgeſprochenen Zuſatze:„Das iſt eine Gunſt des Schickſals, auf welche ich nimmer gehofft.“ Ohne weiter ein Wort hinzuzufügen, ließ er ihr Zeit ſich zu ſammeln, und als ſie ihm hierauf in bebendem Tone erwiederte: „O nennen Sie das keine Gunſt des Schickſals, was mir ſo ſchreck⸗ lich, ſo entſetzlich iſt. Laſſen Sie mich meinen Weg gehen in Ver⸗ zweiflung, daß ich ſo unglücklich war, hier mit Ihnen zuſammen⸗ zutreffen.“ „Ei, meine Gnädige,“ gab er nach einer Pauſe kopfſchüttelnd zur Antwort,„was klingt ſo verletzend aus Ihren harten Worten; iſt es Zorn, Haß oder Furcht, meinetwegen alles das zuſammen —— nur keine Verachtung, wenn ich bitten darf!“ Bei den letzten Worten erhob er ſeine Stimme ein wenig, und ſie zuckte zuſammen, wie unter einem unſichtbaren Streiche, als ſie in ſein leuchtendes, offenes, feſt auf ſie gerichtetes Auge blickte. „Laſſen Sie mich ruhig meine Wege gehen!“ „Gewiß, Gräfin Landerer. Wollte ich boshaft ſein, ſo könnte ich hinzuſetzen: das hier iſt das Verdeck der armen Leute, zu denen auch ich die Ehre habe zu gehören, und könnte es am Ende un⸗ begreiflich finden, weßhalb ſich die vornehme Welt hieher verirrt. Doch gehen wir darüber hinweg. Iſt und bleibt doch ſo Vieles unbegreiflich in dieſer Welt.“ Sie hatte raſch einen Schritt vorwärts gethan, ihn von der Unter den päpſtlichen Zuaven. 169 Seite anblickend, während er gelaſſen ſeinen weichen Hut auf den Kopf drückte; dann fragte ſie mit unſicherer Stimme, aber in einem Tone, welcher einiges Intereſſe verrieth:„Haben wir nicht gleich wenig Recht, hier auf dieſem Verdecke zu ſein?“ „Nicht ſo ganz, gnädige Gräfin; Sie haben ſich dadurch zu den armen Leuten herabgelaſſen, während ich mich einer Ueber⸗ hebung ſchuldig mache, denn ſtreng genommen, gehöre ich dort unten hin vor den Maſt, wo die übrigen Freiwilligen liegen.“ „Sie unter den päpſtlichen Freiwilligen?“ „Iſt das vielleicht etwas Außerordentliches?“ O, es ſind ſehr honette Leute unter ihnen.“ „Aber Sie— o nein, o nein!“ Er zuckte leicht mit den Achſeln, ehe er zur Antwort gab: „Wir ſind morgen früh im Hafen von Civita⸗Vecchia, und wenn es Ihnen dort Vergnügen macht, dem Ausſchiffen der armen Leute da unten zuzuſchauen, ſo werden Sie Ihren ergebenen Diener“— damit verbeugte er ſich tief—„unter ihnen finden;—— aber,“ ſetzte er mit einem Tone hinzu, der nun mit einem Male unaus⸗ ſprechlich ſchmerzlich klang,„es wäre beſſer, wenn Sie es nicht thäten, wenn ich ihn wenigſtens nicht an Ihrer Seite bemerkte.“ „Ich kann Ihnen nicht glauben,“ rief ſie erregt; Sie treiben Ihr Spiel mit mir, wie Sie es ſchon früher gethan, Sie—“* „Halten Sie einen Augenblick! O, wenn Sie mir vergönnen wollten, darüber mit Ihnen während einiger armſeligen Minuten zu reden.“ „Sie wußten um unſere Reiſe,“ fuhr ſie haſtiger fort,„Sie folgten uns von Marſeille aus, zu welchem Zweck weiß ich nicht.“ „Laſſen wir das gut ſein, Camilla,“ ſagte er in einem weichen, milden Tone;„ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß ich um Ihre Reiſe nicht gewußt; daß der arme päpſtliche Freiwillige auf dieſes Schiff, den Saintonge, kommandirt wurde, ohne zu wiſſen, welch' vornehme Geſellſchaft er mit ſich führe.“ 170 Unter den päpſtlichen Zuaven. „So ſind Sie mir ein fürchterliches Räthſel.“ „Aber mit einer ſehr einfachen Auflöſung— hätten Sie die vorhin erbetenen armſeligen Minuten Zeit für mich übrig?—— O Camilla, gedenken Sie jener Zeit, wo es Sie glücklich gemacht hätte, ganz Anderes für mich zu thun. Schenken Sie mir einige Minuten; laſſen Sie mich von jener Zeit reden.“ „O, nicht von jener Zeit—“ „Mit aller Ehrerbietung, welche ich der Gräfin Landerer ſchuldig bin, in denſelben kühlen, aber gewichtigen Worten, mit denen ich zu Ihrer Mutter ſprach, welche aber, wie es ſcheint, Ihnen dieſe Unterredung trotz meiner Bitte nicht mittheilte, was ihr Gott verzeihen möge. Wollen Sie mich anhören— wahrſchein⸗ lich zum letzten Male in dieſem Leben?“ „———— Unter dieſer Vorausſetzung, ja,“ entgegnete ſie nach einem kurzen Kampfe mit ſich ſelber;„unſere Wege ſind getrennt, müſſen getrennt ſein und bleiben.“ „Gewiß, aber ich betrachte es deßhalb als eine Fügung des Schickſals, daß ſich unſere Wege hier zufällig kreuzten, glücklicher⸗ weiſe gänzlich ohne mein Zuthun, denn ſonſt würde ich dem Ver⸗ dacht nicht entgangen ſein, Sie aufgeſucht zu haben.“ Sie ſenkte das Haupt, als er ſo zu ihr ſprach, und da ſie ganz vorn an der Spitze des Schiffes ſtand, legte ſie ihre rechte Hand auf das Tau, welches von der Spitze des Maſtes an den Klüverbaum herausging, und hörte ihm zu. Was er ihr ſagte, war die Erzählung, die wir bereits kennen, nur in einem andern Tone, als heute morgen vorgetragen; hier mit einer Innigkeit, mit einer Ueberzeugung, mit einer Wahrheit des Ausdrucks, daß jedes dieſer Worte das Herz des armen jungen Weibes mit einem erſchütternden Schlage traf, ſie erbeben machte, ihre Thränen auf's Neue fließen ließ, ohne daß ſie ſich die geringſte Mühe gab, die Zeichen ihrer tiefen Bewegung zu verbergen—— ja, als er endlich mit der Betheuerung ſchloß, ſo und nicht anders Unter den päpſtlichen Zuaven. 171 ſei an ihm gehandelt worden, als er, das feierlich beſchwörend, die Hand erhob, ſich auf das Zeugniß ihrer Mutter berufend, welche die ihr vorgelegten Schriftſtücke eingeſehen, geprüft und für wahr gefunden, da fuhr ſie aus einem tiefen Hinbrüten empor, da warf ſie ihr Geſicht gegen ihn herum, da blickte ſie ihn an mit dem Ausdruck des wildeſten Schmerzes, ſtieß einen kurzen Schrei der Verzweiflung aus und ſtürzte ſich gegen die Oeffnung der Baluſtrade, durch welche hier der Klüverbaum weit in's Meer hinausragte. Doch war er ihren zuckenden Bewegungen gefolgt und hatte ſie jetzt im entſcheidenden Augenblicke raſch erfaßt, zurückgezogen und feſt in ſeinen Armen gehalten, in welchen ſie nach dieſer gewaltigen Aufregung kraftlos zuſammenſank. Lange blickte er auf ſie nieder, und als ſie endlich ihre Augen öffnete und ihn mit dem Ausdruck des tiefſten Jammers anblickte, ſagte er mit feuchtglänzendem Blicke:„Und wenn auch Alles für uns verloren iſt, Camilla, warum verzweifeln, warum der Ver⸗ zweiflung ſolch' entſetzlichen Ausdruck geben? O glaube mir, auch ich hatte Augenblicke des unausſprechlichſten Jammers, aber jetzt weht es mich trotz alledem an wie ein Hauch des Glückes, da ich zu Dir reden konnte, da ich Dich zu überzeugen vermochte, daß ich Deine Liebe nicht falſch und treulos erwiedert. Komme was kom⸗ men mag, ich will es mir in trüben Stunden ſtets vergegenwärtigen, daß wir wenigſtens hätten ſelig ſein können, ohne die Schlechtigkeit jenes Menſchen.“ „O, es iſt mein Mann, Victor,“ ſagte ſie im höchſten Schmerze, „fühlſt Du es wohl, wie ſchwer Dein wahres Wort mein armes, armes Herz trifft?“ „Ich fühle es wohl, doch ich kann es nicht ändern, ich kann mein Wort nicht zurücknehmen; ich kann und will ihn nicht beſſer machen, als er in der That iſt, dieſer Schäbige, Miſerable.“ Er zitterte vor Aufregung, während er dieſe Worte ſprach und indem er auf die rührende Geſtalt in ſeinen Armen, in ihr 172 Unter den päpſtlichen Zuaven. ſchönes, bleiches Geſicht blickte, auf ihre gefalteten Hände, die ſie ihm zitternd entgegenſtreckte.——„Doch ich verſtehe Deine Bitte, ich verſtehe auch Deinen Blick, armes, unglückliches Weib, ich ver⸗ ſtehe das Beben in Deiner mädchenhaften Geſtalt, deßhalb kein Wort weiter über ihn, deßhalb laß uns hier Abſchied nehmen, meine ſüße, geliebte Camilla, auf Nimmerwiederſehen.“ „Amen!“ hauchte ſie zurück, indem ſie ſich raſch abwandte, ihm aber noch für einen Augenblick ihre kleinen Hände ließ, die er mit unzähligen heißen Küſſen bedeckte. Dann war ſie verſchwunden, und nachdem er ihr mit aus⸗ geſtreckten Armen lange, lange nachgeblickt, warf er ſich neben der Baluſtrade des Schiffes nieder und drückte ſein Geſicht feſt in beide Hände. Es iſt ein eigenthümliches Gefühl, wenn man auf einer See⸗ fahrt, beſonders bei etwas erregtem Meer, nächtlicher Weile einen ruhigen, ſichern Hafen erreicht. Hat man feſt geſchlafen, ſo wird man plötzlich erweckt durch das Aufhören alles Geräuſches der Maſchine, aller Bewegung des Schiffes; hat man ſich aber unruhig in ſeinem Bette umhergeworfen, ſo genießt man in ſolchen Morgen⸗ ſtunden häufig noch eines feſten, erquickenden Schlafes. Der Saintonge hatte den Hafen von Civita⸗Vecchia erreicht, und als die Paſſagiere ſpäter das Verdeck betraten, ſahen ſie die alte verwitterte Stadt mit ihren grauen, düſteren Hafenbauten faſt im Kreiſe um ſich her liegen, und nur dort neben dem Leuchtthurme durch eine anſcheinend ſchmale Lücke auf das dunkelblaue Meer hinaus. Alle Gebäude, Feſtungswerke und Kaſernen hatten ein verdrießlich lebensmüdes Anſehen, und wenn nicht eine Abtheilung der franzöſi⸗ ſchen Kriegsflotte mit ihren mächtigen und doch ſo zierlichen Schiffen einen Theil des Hafens ausgefüllt hätte, ſo an die neue Zeit erin⸗ nernd, ſo würde man die alte Stadt für verlaſſen, verwünſcht, ver⸗ Unter den päpſtlichen Zuaven. 173 zaubert gehalten haben, und für ſchon lange nicht mehr im Ge⸗ brauch: die öden Kais, die ſchmutzigen, verwetterten Nachen, die Feſtungswerke mit ihren mürben Mauern und zerfallenden Lafetten, auch den ſchmutzig grauen Leuchtthurm, welcher im Sonnenſchein ohne das Licht ſeiner Laterne wie eine ausgebrannte Hülſe erſchien. Nach und nach belebte ſich allerdings der Hafen ein wenig. Nachen und größere Boote kamen vom Ufer gegen das Schiff, eines mit der Hafenwache, andere, um Paſſagiere abzuholen, und dann auch wieder welche angefüllt mit großen Haufen goldgelber Orangen, mit Wein und Backwerk. Auch dort, gegenüber dem Stern des Saintonge vor dem Spitale der franzöſiſchen Truppen, zeigten ſich Kranke und Verwundete, den warmen Sonnenſchein benutzend und das Schiff betrachtend, welches ja von dem ſchönen Frankreich herüber kam. Die Leute hatten lange, graue Mäntel an und weiße Schlafmützen auf den Köpfen, ſogar der Horniſt, welcher am Thore lehnte und nach jedem Signal, das er blies, auf das deutliche Echo lauſchte, welches die gegenüberliegende hohe Hafenmauer hervorbrachte. Das Alles zugleich mit dem hellen warmen Sonnenſcheine, dem Läuten der Glocke, dem langſamen Einfahren eines Segelſchiffes, goß an⸗ fänglich eine feſttägliche Ruhe über die ganze Szenerie aus, bis der Saintonge begann, ziſchend ſeinen Dampf ausſtrömen zu laſſen und dann ſich eines Theils ſeiner Paſſagiere zu entledigen. Manche fuhren trotz aller Paßſcherereien an's uUfer, um für die ſechs bis acht Stunden, welche das Schiff im Hafen blieb, feſtes Land unter den Füßen zu haben und ſich die Stadt ein wenig anzuſchauen; Andere, um dort zu bleiben oder weiter nach Rom zu gehen, ſo die päpſtlichen Freiwilligen, von denen jeder, ſo gut es ging, noth⸗ dürftig ein Bischen Toilette machte. Es war im Vergleich gegen geſtern und vorgeſtern ein merkwürdiger Ernſt ſelbſt über die leicht⸗ ſinnigſten der Bande gekommen; Manche blickten kopfnickend auf das Meer hinaus, Andere mit düſterem Blick auf die alte, ſo un⸗ wohnlich ausſehende Stadt und auf das franzöſiſche Militärſpital, 174 Unter den päpſtlichen Zuaven. wo vielleicht Mancher in den matt dahinſchleichenden Fieberkranken oder in den Verwundeten und Verſtümmelten ein Bild ſeiner Zu⸗ kunft erblickte. Sogar der kleine Schwabe ſchien keinen Scherz mehr vorräthig zu haben, hatte ſeinen alten Schlapphut tief in die Augen gedrückt, während er unter dem Arme ſeine Habſeligkeiten von ſehr geringem Umfange in ein rothes Taſchentuch gewickelt trug. An⸗ dere aber hatten nicht einmal ſo viel und ſahen wahrſcheinlich in dem derben Knotenſtocke ihre einzige Habe. Drunten lagen zwei große Boote, in denen ſie förmlich eingepfercht wurden und welche alsdann langſam dem Hafen zuruderten. Jetzt noch einmal, nach⸗ dem das Boot ſchon abgeſtoßen war und die meiſten ihrer Geſichter gegen den Saintonge wandten, ſchien über Einige wieder etwas vom früheren Humor zu kommen und ein halb Dutzend Stimmen intonirten: „So leb' denn wohl, du ſtilles Haus, Wir ziehn betrübt zu dir hinaus; Und fänden wir das höchſte Glück, Wir dächten doch an dich zurück“— ein Geſang, welcher auf die zurückbleibenden Paſſagiere den ver⸗ ſchiedenartigſten Eindruck machte. Denn während die blondgelockte Lady ihn auch heute wieder full of character fand und der alte Franzoſe wiederholt verſicherte, es müßte den Sängern in der That ganz kürzlich Jemand geſtorben ſein, lag unten in einer der Ka⸗ binen erſter Klaſſe ein junges, bleiches und ſchönes Weib vor ihrem Bette auf den Knieen und hatte ihr Geſicht in das Kiſſen gedrückt, um ihr heftiges krampfhaftes Weinen unhörbar zu machen. „Und fänden wir das höchſte Glück, Wir dächten doch an dich zurück.“ Dann kam eine unangenehme Zeit für das reinliche Verdeck des armen Saintonge. Seine untern Räume wurden mit Kohlen Unter den päpſtlichen Zuaven. 175 gefüllt, und als er hierauf in den ſpäteren Nachmittagsſtunden wieder in die See hinausdampfte, hatte er ein verſchmutztes, be⸗ ſtaubtes Anſehen und es war gerade ſo, als hätte er ſeine heitere, fröhliche Laune zwiſchen den trübſeligen Mauern von Civita⸗ Vecchia zurückgelaſſen. Doch dauerte dieſer gedrückte Zuſtand glück⸗ licherweiſe nicht lange, denn eine halbe Stunde nach der Abfahrt bemächtigte ſich der erſte Bootsmann des Hinterdecks, indem er die Paſſagiere auf eine höfliche Art verjagte und dort nun mit Matroſen und Schiffsjungen, großen Bütten, Waſſerſchläuchen und Eimern zu wirthſchaften anfing, allen Ruß und Kohlenſtaub durch einen Ueberfluß von Waſſer in die See hinausſchwemmend, wobei es nicht ohne tüchtige Taufe für ein paar der Schiffsjungen abging, die, kletternd wie junge Affen, und triefend wie in's Waſſer gefallene Katzen, die unglückliche Zielſcheibe manches gefüllten Waſſereimers waren. Von den Reiſenden hatte der größte Theil das Schiff in Ci⸗ vita⸗Vecchia verlaſſen, ſo ſämmtliche Geiſtliche, auch die dicke Spa⸗ nierin, mit ihrem Papagai und die vier Champagner und Grog trinkenden Amerikaner, wogegen kein einziger neuer Paſſagier hin⸗ zugekommen war. Graf Landerer hatte ſich einen Lehnſtuhl hinaus⸗ tragen laſſen auf das untere Deck in der Nähe des Maſchinen⸗ raums und ſaß da fröſtelnd trotz des warmen Sonnenſcheins in einen dicken Plaid gewickelt, neben ihm ſeine Frau auf einem nie⸗ deren Tabouret, das Buch über Capri in der Hand, welches ihr der freundliche Profeſſor geliehen, und der nun an ihrer Seite ſtand, den Grafen mit ernſtem Blicke betrachtend. Dieſer huſtete mehr als geſtern, und die Röthe auf ſeinen Wangen erſchien fieber⸗ hafter, ganz in der Geſtalt von Friedhofroſen, wie man zu ſagen pflegt, ſeine Augen leuchteten düſter, und ein tiefer Zug von Lange⸗ weile und Mißmuth lag auf ſeinen bleichen Zügen. „Ich habe es Dir immer geſagt,“ brummte er verdrießlich, „daß ich die Seereiſe nicht ertragen kann, warum ſind wir nicht mit der bequemen Eiſenbahn gegangen.“ 176 Unter ven päpſtlichen Zuaven. „Gewiß Ferdinand, und ich habe Dich auch dringend gebeten, dieß zu thun.“ „Natürlicherweiſe war ich wieder einmal halsſtarrig wie ein Maulthier, das wollteſt Du doch ſagen,“ fuhr er ſie mit einem böſen Blicke an;„natürlicherweiſe gebe ich nie auf einen guten Rath, trotzdem ich es ſchon im Voraus wußte, daß es mir auf der See ſo elend zu Muthe werden würde.“ Da die junge Frau hierauf ſchwieg, fuhr er nach einer Pauſe in gereiztem Tone fort:„Du thuſt und ſagſt überhaupt nur Alles aus Widerſpruchsgeiſt. Hätte ich mich für die Eiſenbahn ent⸗ ſchieden, würdeſt Du den Seeweg für angenehm gefunden haben; wäre ich für den Seeweg geweſen, ſo hätteſt Du für die Eiſen⸗ bahn geſchwärmt.“ „Aber Ferdinand, Du weißt ja ganz genau, daß ich mich unbedingt und ohne Widerrede allen Deinen Entſcheidungen füge.“ Sie vermochte nicht, wie ſonſt, zu ſagen,„Lieber Ferdinand,“ noch vermochte ſie ihn anzuſehen. „Fügen, ja wohl fügen, aber mit Widerwillen fügen, mit Widerſtreben fügen, ſo fügen, daß man den Groll in Deinem Innern deutlich auf Deinen Zügen leſen kann!“ „Auf meinen Zügen, Ferdinand?“ fragte ſie mit einem leiſen Vorwurf, während ſie mit einem traurigen Blick das ernſte Geſicht des deutſchen Profeſſors ſtreifte. „Willſt Du das leugnen? Plagſt Du mich nicht geſtern und heute ſchon mit Deinem verdrießlichen, kummervollen Geſicht, um mir deutlich anzuzeigen, mit welchem Widerwillen Du zur See gegangen biſt? Haſt Du nicht eben jetzt verweinte Augen? Wenn Du auch das beſtreiten willſt,“ fuhr er haſtiger fort,„ſo frage doch den Herrn Profeſſor, er wird Dir die Wahrheit ſagen.“ Sie ſenkte den Kopf tief auf die Bruſt herab, da ſie wohl fühlen mochte, daß eine verrätheriſche Röthe über ihre Züge flog, und da ſie ſchwieg, nahm der Profeſſor in heiterem Tone das — Unter den päpſtlichen Zuaven. Wort und ſagte:„Da Sie mein Zeugniß anrufen, verehrter Herr Graf, ſo muß ich Ihnen zugeſtehen, daß die gute Frau Gräfin heute Morgen allerdings ein wenig ernſt ausſieht, doch finde ich das ſehr begreiflich. Es thut ihr weh, daß ſie Sie leiden ſieht.“ „Was leiden, Herr Profeſſor!“ rief Graf Landerer, ſich gegen dieſen in ſeinem Seſſel herumwerfend:„Der Teufel auch, ich leide nicht. Daß mich die Seefahrt ein wenig angreift, theile ich mit den robuſteſten Naturen, und ich möchte Sie heute ſehen, wenn Sie, wie ich geſtern, geſpielt, gewettet und getrunken.— Soll ich vielleicht ihr zu lieb alles das laſſen? Pah, dummes Zeug, ich muß ſelbſt wiſſen, was mir ſchädlich iſt: mir fehlt überhaupt nichts, wie Ruhe— gänzliche Ruhe, und vor allen Dingen wäre es am beſten, wenn man mit mir nicht immer Unterredungen führte, welche unnöthig meine Nerven aufregen— Ruhe— Ruhe— das iſt's, was ich brauche.“ Da er ſich nach dieſen letzten, barſch ausgeſprochenen Worten ſowohl von ſeiner Frau als auch von dem Profeſſor abwandte, ſo zog ſich der Letztere ſogleich zurück, die junge Gräfin aber erſt, nachdem ſie vergeblich verſucht, ihn durch ein freundliches Wort milder zu ſtimmen. Das wackere Schiff ſetzte indeſſen ſeinen Weg unverdroſſen fort, und es war ihm und ſeiner ſtampfenden Maſchine vollkommen gleichgültig, ob es Leid oder Freud, Glück oder Schmerz bei ſich an Bord führte. Ja, es hatte heute, beſonders jetzt im freundlichen Schein einer angenehmen und nicht zu heißen Nachmittagsſonne, einen ſtillen, heitern, feſttäglichen Anſtrich. Fuhr es doch mit ziem⸗ lich leerem Verdeck dahin ohne das Geſchnatter in den verſchieden⸗ ſten Sprachen der Welt, ohne den wüſten Lärm der päpſtlichen Freiwilligen, die von Civita⸗Vecchia mit der Eiſenbahn eine Zeit lang hart am Ufer des Meeres gen Rom fuhren und von denen gewiß Mancher ſeitwärts blickte auf das dunkelblaue Meer mit dem ſchwarzen, ſtill dahingleitenden Dampfer. Hackländer's Werke. 50. Bd. 12 Unter den päpſtlichen Zuaven. „Und fände ich das höchſte Glück, Ich dächte doch an dich zurück.“ Seltſam— dieſe Melodie wollte auch nicht aus dem Sinne der jungen Gräfin weichen, und ſie erklang ihr immer fort und fort aus dem leiſen Murmeln der Wellen, aus dem gleichförmigen Rauſchen der Räder, beſonders aber aus dem taktmäßigen Gange der Maſchine, zu der ſie jetzt einen Augenblick hinabſchaute, wie ſie geſtern Abend gethan, um dann denſelben Weg nach dem Vorder⸗ theil des Schiffes fortzuſetzen. Langſam ſtieg ſie dort die eiſerne Treppe hinauf, und wenn ſie ſich auch auf eine einſame Stunde dort oben gefreut hatte, um ihren Erinnerungen nachzuhängen, ſo war es ihr doch noch lieber, dort oben den guten Profeſſor zu finden, der mit einer aufgeſchlagenen Karte daſaß und ihr bereit⸗ willig ſeinen Schemel anbot, während er ſich neben ſie auf einen Tauring niederließ. „Wie es mich freut, meine liebe gnädige Gräfin, daß Sie gerade jetzt hierher kommen, um einen Blick zu werfen dort auf jene ſo einfach ſcheinenden Geſtade, welche aber dabei in ihrer groß⸗ artigen Oede, umſchwebt von den mächtigſten, gewaltigſten Erinne⸗ rungen, einen ſo tiefen Eindruck auf uns machen müſſen. Das iſt das berühmte lateiniſche Ufer; dort haben wir Antium, etwas weiter ſüdlich Porto d'Anzio, darüber hinausblickend Nettuno, und es bilden jene weitgedehnten Linien von Oſtia bis zum Cap der Circe, welches als Inſel wie ein großer Saphir homeriſch ſagenvoll herüberfunkelt, ein ſanftgeſchwungenes, Geſchichte und Märchen er⸗ zählendes Ufer— das, von hier aus geſehen, einen ſo prachtvollen Abſchluß findet in den fernen kleinen Ponza⸗Eilanden, die ſich wie badende Najaden kaum aus den Wellen erheben: und über alles das hinaus blicken die prachtvollen dunkelblauen Albanerberge in ihren wunderbar maleriſchen Formen auf ein durch die Hiſtorie geweihtes Ufer,“ rief der Profeſſor enthuſiaſtiſch aus. „Iſt es mir doch gerade,“ erwiederte die junge Gräfin mit Unter den päpſtlichen Zuaven. 179 träumeriſchem Blick,„als läge vor mir aufgeſchlagen da ein großes Buch, in welchem ich ſchon als Kind geblättert und geleſen.“ „Ja, in der That ein gewaltiges Buch und wie prachtvoll illuſtrirt, wenn man es heute noch in der Nähe betrachtet! Alles das, was jetzt ſo ſtill und ſo einſam, ſo verlaſſen ſcheint und auch wohl iſt, war damals, zur Glanzzeit des ſtolzen Roms, der Ort, wo die vornehmen Römer zur Zeit des Auguſtus, des Caligula und Nero einen Theil ihrer Villeggiatur hielten, einen müßigen Sommermonat verlebten. Dort, wo jetzt der weiche, ſchimmernde Sand von dem leiſe rauſchenden Meere berührt wird, war damals eine große, prächtige Stadt und ein blühender Hafen, und daneben zur Rechten und zur Linken ſpielen die kleinen Fiſche der Meer⸗ fluth nicht in natürlichem Uferfels, ſondern in den Reſten alter, ehemals prächtiger Villen und Bäder, in Marmor und Moſaik⸗ trümmern. Ja, meilenweit zog ſich an dieſen Ufern hin ein ſchimmernder Kranz von Marmorpaläſten, von Bädern und Tem⸗ peln, und Tempeln mit den herrlichſten Kunſtſchätzen. Wurde doch in einem derſelben der Apoll von Belvedère gefunden, die Diana von Verſailles und der Borgheſiſche Fechter. „Dann verſank alles das in Trümmer und auch theilweiſe in Vergeſſenheit. Fernher kommende Sarazenen überfluteten zeitweiſe dieſe Ufer, ſtrichen gewiß ſtaunend durch dieſe Ueberbleibſel alter Pracht und Herrlichkeit, und zum Schutze gegen ſie baute das Mittel⸗ alter dann jene dunkeln, ſchweren, unförmlichen Thürme, die wir jetzt finſter, einſam und verwittert dort auf der Höhe ſehen, welche ganz Italien und alle Inſeln des Mittelmeers umgrenzen und dieſen Küſten einen ſo ſagenhaften und ritterlichen Charakter verleihen. Und auch dieſe Sarazenen verſchwanden im Laufe der Zeit wieder, um Platz zu machen anderen Eindringlingen, die uns Deutſche leider näher angehen. Es war die Zeit der Römerzüge. Ueber die Alpen herab ſtiegen die blonden Deutſchen, um, Italien er⸗ obernd, die römiſche Kaiſerkrone zu erwerben; zu welchem Heil, zu 180 Unter den päpſtlichen Zuaven. welchem Glück, das hat die Hiſtorie mit gewaltigen, aber blutigen Zügen verzeichnet, und an einen der größten, aber traurigſten Ab⸗ ſchnitte jener fernliegenden Geſchichte unſeres Vaterlandes mahnt dort vor uns jenes kleine weißſchimmernde Schloß; der Thurm von Aſtura.“ „Ah, der Aufenthalt des unglücklichen Conradins.“ „Ja, wo ſich der letzte Hohenſtaufe nach der verlorenen Schlacht von Tagliacozzo verbarg, latenter ingreditur mente captus, und wo ihn der Verräther Frangipani feſtnahm und in die Hände des blutigen Karl von Anjou lieferte.“ „Wie die glühende Sonne dort im Weſten im blutigen Scheine ſank damit das Glück der Hohenſtaufen in's Meer,“ ſagte die junge Gräfin, nach dem kleinen weißen Punkte hinüberblickend, welcher, wie auch das Cap der Circe, von einem leichten Roſenſchimmer umwohen wurde, dem Abglanz des ſinkenden Tagesgeſtirnes. „Ihr Vergleich, gnädige Gräfin, iſt leider nicht ganz richtig. Die Sonne wird morgen wieder leuchtend über dieſe Erde auf⸗ gehen; aber von den Hohenſtaufen iſt nichts übrig geblieben, als eine große aber traurige Erinnerung und als in Wirklichkeit jener rieſenhafte Sarkophag, der heute noch in den ſchwäbiſchen Landen an ſie mahnt. Ah, Sie ſehen mich zweifelnd an. Ich meine jenen ſo maleriſch emporragenden Berg ſelbſt, der uns großartig in die Augen ſpringt, wenn wir bei Göppingen durch das geſegnete Würt⸗ tembergerland fahren, ragt er aber, von dort geſehen, erhaben, wahrhaft königlich empor, ſo erſcheint er uns von entgegen⸗ geſetzter Seite ganz anders: ich meine nämlich, wenn man von der alten und alterthümlichen ehemaligen Reichsſtadt Gmünd zum Rechberg hinaufſteigt, das alte Schloß dieſes berühmten Grafen⸗ geſchlechtes hinter ſich läßt und in die Neckarebene hinabblickt. Die Sonne iſt untergegangen, der Horizont glüht wie im Scheine unzähliger Pechfackeln, die Glocken der umliegenden Dörfer läuten zum Ave Maria, und in ſolchen Augenblicken erſcheint uns der — Unter den päpſtlichen Zuaven. 181 Hohenſtaufen im tiefſten Dunkel faſt ſchwarz beſchattet wie ein rieſenhafter Sarkophag, um den ringsumher die ganze Landſchaft trauert.— Sollten Sie je in dieſe Gegend kommen, ſo bitte ich Sie, machen Sie jene kleine, auch in anderer Hinſicht ſo lohnende Bergpartie.—— Mir ſcheint aber,“ fuhr der Profeſſor nach einer Pauſe fort, als die junge Dame ſtillſchweigend daſaß, die Augen mit der Hand verdeckend,„meine Schilderung oder hervorgerufenen Erinnerungen haben Sie ernſt, traurig geſtimmt, und das wollte ich in der That nicht;— es wäre auch eine Sünde bei dem hei⸗ teren Abend, der rings auf der See leuchtet und jene klaſſiſchen Ufer vergoldet; ſehen Sie, was ein guter Maler aus dieſem an ſich ſo einförmigen Küſtenſtrich gerade im gegenwärtigen Augenblick zu machen verſteht; ich meine eben die Sonne als Maler. Wie mannigfaltig und entzückend färbt ihr Licht jene jetzt ſo duftig erſcheinenden Ufer, beſtrahlt dort den eiſernen Thurm von Aſtura mit goldenem Schein und läßt drüben das alte Antium förmlich verklärt erſcheinen; und, wie die weißen Segel der beiden kleinen Schiffe dort aus der dunklen Flut leuchten! Wahrhaftig, es braucht wenig Phantaſie dazu, um ſie für ein paar ruhig und majeſtätiſch dahinziehende Schwäne zu halten, ſo wie die hin und her ſchießenden hellen Möven gegen die dunkle Wolkenwand, die ſich über Froſinone erhoben hat, für luſtig ſpielende Schmet⸗ terlinge.“ 3 „Warum nicht für Schiffe und Möven, lieber Herr Profeſſor?“ fragte die Gräfin mit dem ſchwachen Verſuch eines Lächelns. „Wahrhaftig, dieſe Frage hat ihre volle Berechtigung, und man könnte vielleicht dieß Hervorſuchen von Vergleichungen eine böſe Gewohnheit nennen, wenn ſie uns nicht oft unterſtützten, dem geneigten Leſer unſere Anſchauung deutlicher zu machen.— Doch ſehe ich dort ihre Kammerfrau, die ſich umherſchauend nähert und Sie wahrſcheinlich ſucht, meine gnädige Gräfin. Wahrſchein⸗ lich wünſcht der Herr Graf Ihre Geſellſchaft, um mit Ihnen zu 182 Unter den päpſtlichen Zuaven. plaudern, vielleicht aber auch,“ ſetzte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen hinzu,„weil er ſich unwohl fühlt.— Bitte, ich will Sie durchaus nicht erſchrecken, ſondern Ihnen nur für dieſen Fall meine Hülfe antragen, was ich vorhin in Gegenwart Ihres Herrn Gemahls nicht gut konnte und mochte. Ich durchſtudirte, um mit Goethe zu reden, die große und kleine Welt, um es am Ende gehen zu laſſen, wie's Gott gefällt, bin aber vielleicht doch noch im Stande, Ihrem Herrn Gemahl eine kleine momentane Linderung zu verſchaffen.“ Die junge Dame machte eine Handbewegung, wie um ihren Dank auszudrücken, und eilte mit beſorgter Miene ihrer Kammer⸗ frau ein paar Schritte entgegen. Doch ſchüttelte dieſe leicht mit dem Kopfe und ſagte, näher gekommen:„Der Herr Graf befindet ſich leidlich wohl, ſpaziert auf dem oberen Verdeck und wünſcht ſeinen Schlüſſel zur großen Kaſſette, den die Frau Gräfin vielleicht zufällig an ſich genommen hätten.“ „O nein, gewiß nicht. Ich ſah, wie mein Mann vorhin, als er dort vorne im Lehnſtuhle ſaß, mit dem Schlüſſel ſpielte. Was will er aus der Kaſſette?“ „Stärkere Cigarren,“ antwortete die Kammerfrau mit einem leichten Achſelzucken. „Ich werde kommen und den Schlüſſel ſelbſt ſuchen. Sie ent⸗ ſchuldigen mich, Herr Profeſſor, hoffe Sie aber ſpäter noch zu ſehen; denn Ihre freundliche und belehrende Unterhaltung iſt mir eine ſo ſehr angenehme.“ Bald darauf hüllte die Nacht zuerſt die Ufer, dann das Meer und damit auch das Schiff in ihren dunklen Schleier, und da man morgen früh vor Tagesanbruch Neapel zu erreichen hoffte, auch nur noch wenige Paſſagiere an Bord waren, ſo wurde es zur frühen Stunde ruhig unter und auf dem Decke. Nur der deutſche Profeſſor konnte ſich lange nicht entſchließen, in ſeine Kajüte und ſein enges Bett zu kriechen; und erſt als ihm einer der Offiziere Unter den päpſtlichen Zuaven. 188 verſicherte, es ſei vor zwei Uhr in der Nacht nicht daran zu denken, irgend etwas von der glühenden Lava des Veſuvs zu ſehen, warf er ſich angekleidet auf ſeine Matratze. Doch nur für wenige Stun⸗ den, und als er dann wieder auf das Verdeck hinaufging, um in ſüdöſtlicher Richtung in die tiefdunkle Nacht hinauszuſpähen, zeigte der Himmel dort eine blaßrothe Stelle ungefähr in der Art, als ſei von geſtern ein klein wenig Abendröthe übrig geblieben. Wie aber der brave Saintonge wacker vorwärts dampfte, ſo erhellte ſich auch nach und nach jener Punkt, vergrößerie ſich, ſchwamm zu feinen Streifen auseinander und erſchien nach Verlauf einer guten Stunde wie ein ſeltſam leuchtendes Meteor, wie eine glühende Stelle an dem ſonſt ſo kalten und ruhigen Nachthimmel. Und dabei war es ein eigenthümliches Glühen, nicht nur am oberen Nande bald ſtärker, bald ſchwächer werdend, ſondern zuweilen lösten ſich aufwärts hellere Streifen ab, leuchtendere Punkte, ja blitzende Sternmaſſen — ein unbeſchreiblich wunderbar prächtiger Anblick dieſes großartige Feuerwerk, ſcheinbar Tauſende von Fußen über der Meeresfläche ſchwebend, da es nicht hell genug leuchtete, um die Silhouette des Berges erkennen zu laſſen. Wie glücklich fühlte ſich der deutſche Profeſſor, der ja eigens nach dem glücklichen Campanien gereist war, um die Eruption des Veſuvs zu ſtudiren, daß ihm der Berg ein ſo freundliches und da⸗ bei ſo großartiges Willkommen bot. Zu jeder andern Zeit würde er ſich gefreut haben an den erſten Spuren der Morgendämmerung, an dem Verſchwinden der Nacht, die im Begriffe war, ihren dunklen Schleier hinwegzuziehen von dem ſchönſten Panorama der Welt, von dem herrlichen Golfe von Neapel. Heute blickte er verdrießlich nach dem falben Schimmer im Oſten, der ihm jene intereſſanten Feuer nach und nach auszulöſchen drohte. Glücklicherweiſe ſtand eine ſchwarze düſtere Rauch⸗ und Wolkenwand über der Spitze des Ve⸗ ſuvs, jetzt in kalter Farbe, dann wieder von der Glut angeſtrahlt, hoch auflodernd, ein prächtiger Anblick, und ſchützte wenigſtens noch 184 Unter den päpſtlichen Zuaven. auf Augenblicke die glühenden Lavaſtröme vor dem Auslöſchen durch die immer und immer ſtärker werdende Morgendämmerung. Ischia und Procida, dunkle, unförmliche Felſenmaſſen, ſchoben ſich ſcheinbar langſam hinter dem Schiffe zurück, und dort wurde Capri ſichtbar, die Inſel mit der ſeltſam maleriſchen Form, die jetzt, wo ſie ſich ſo ſcharf auf dem heller werdenden öſtlichen Him⸗ mel abhob, deutlich als eine koloſſale ruhende Sphinx erſchien, wie ſie Gregorovius ſo ſchön und treffend genannt. Aber plötzlich war die Ruhe der Nacht und der Morgendäm⸗ merung verſchwunden, die Wolken um den Veſuv geriethen in Be⸗ wegung, langgeſtreckte, dunkle, wildphantaſtiſche Geſtalten lösten ſich dort langſam ab, um auf dem ſtahlfarbig glänzenden Himmel in drohender Haltung dem Tageslicht entgegenzuſehen, wie zum Kampfe bereit um ihr Daſein.— Doch ſchmolzen ſie dahin, lösten ſich auf, flatterten auseinander vor dem allgewaltigen Lichtglanze, der ſich jetzt immer heller, immer leuchtender am Himmelsgewölbe aus⸗ breitete; gelblicher Färbung folgte röthliche Glut, und hinter Capri wie in einer Glorie zitternde, aufblitzende Strahlen verkündeten das Herannahen der Sonne—— der aufgehenden Sonne, an⸗ geſtaunt im Golf von Neapel, ein Anblick, der jeder Beſchreibung ſpottet. Und wie prachtvoll war es, als der goldne Schein, nach⸗ dem er die hochgelegenen, mit Landhäuſern durchflochtenen Höhen um die Stadt, die gewaltigen Klöſter, Schlöſſer, Feſtungswerke, die tiefdunklen Pinien beſtrahlt, ſich nun wie liebend auf die Stadt ſelbſt herabſenkte und plötzlich von den unzähligen Fenſterſcheiben reflektirend eine Wirkung hervorbrachte, als entzündeten ſich dort in einem Augenblicke Tauſende und Tauſende von Lichterflammen zur freudig feſtlichen Begrüßung. Doch die Feuer des Veſuvs grollten mit dem Tageslichte und ebenſo der deutſche Profeſſor, als er bemerkte, wie die rothglühende Lava und die Spitze des Berges ſelbſt verſchwunden waren unter grauen Wolkenſchleiern, hinter welchen der Vulkan mürriſch und trotzig ſein Haupt verbarg. Unter den päpſtlichen Zuaven. Der Anker raſſelte in die Tiefe, die Paſſagiere erſchienen auf dem Verdeck, welches in kurzer Zeit mit einer Unmaſſe kleiner und großer Koffer, Nachtſäcke und Kiſten bedeckt war. Eben ſo raſch aber verſchwanden dieſe wieder in die von allen Seiten herbeieilen⸗ den Boote, und während dieß geſchah, ſtand der deutſche Profeſſor immer noch im Anſchauen des Berges verſunken. Da legte ſich ſanft eine Hand auf ſeinen Arm, und ſich raſch umwendend, blickte er in das ſchöne, bleiche Geſicht der jungen Gräfin, welche ihm die Hand zum Abſchied bot und ihm wiederholt auf's Freundlichſte dankte für die viele Güte, die er ihr während der Fahrt erwieſen. Auch der Herr Graf war minder verdrießlich, ja erſchien faſt heiter, als er ſeine Blicke über die herrliche Stadt hingleiten ließ, ſagte aber mit einem unangenehmen Lächeln:„Vedi Napoli poi muori—— meinetwegen auch, wenn man das Leben in dieſer herrlichen Stadt bis zur Neige gekoſtet und genoſſen. Doch wird es auch damit ſo ſchlimm noch nicht werden, und ich hoffe auf ein freudiges Wiederſehen, mein lieber Herr Profeſſor, hier im Hotel di Roma, wo Sie uns jederzeit willkommen ſein werden, oder ſpäter in der ewigen Stadt ſelber in den Iſole Britanniche.“ Die päpſtlichen Freiwilligen, welche den Saintonge in Civita⸗ Vecchia verlaſſen, mit wenigen Ausnahmen eine Bande ſchäbiger verwahrloster, zerlumpter Geſellen, hatten Rom gegen Abend des⸗ ſelben Tages erreicht und wurden auf dem Eiſenbahnhofe von einigen Unteroffizieren der Zuaven und päpſtlichen Jäger in Em⸗ pfang genommen, um nach der Kaſerne geführt zu werden, wo ſie vorläufig untergebracht wurden. Es iſt das ein gar öder und ein⸗ ſamer Ort, der, wo die römiſchen Eiſenbahnen münden. Elende Bretter⸗ und Balkenhütten in der Nähe der Porta San⸗Lorenzo, in⸗ mitten altehrwürdiger Ruinen, die aber beſonders zur Nachtzeit durchaus nicht den Eindruck einer großen und lebensvollen Stadt 186 Unter den päpſtlichen Zuaven. hervorbringen. Weite, öde Felder dehnen ſich vor uns und zur Rechten aus, und wenn wir allenfalls wiſſen, daß ſich hier das ehe⸗ malige kaiſerliche Prätorianer⸗Lager befand und vor uns die Ther⸗ men des Diocletian, ſo bringen doch dieſe hiſtoriſch bedeutſamen Bauten hier unter dem dunklen Schleier der Nacht, ſo intereſſant ſie auch für den Beſchauer am Tage ſein mögen, eine weniger be⸗ hagliche Wirkung hervor, als einige Dutzend hellleuchtende Gas⸗ laternen von einem wohlgeordneten, eleganten Eiſenbahnhof, Hun⸗ derte von Geſichtern beleuchtend, welche Ankommende erwarten, ſo⸗ wie ganze Reihen bequemer Equipagen und Omnibuſſe, welche be⸗ gierig ſind, ihre Laſt ſo bald als möglich vor einem comfortablen Gaſthofe abzuſetzen. Hier nichts von alledem. Dünne Bretter⸗ verſchläge, Finſterniß und kühler Nachtwind, allerdings ein klaſſiſcher Hauch, der vom Kapitol herüberwehte, der aber die modernen Prä⸗ torianer, die armen Freiwilligen, in ihren dünnen Röcken unheim⸗ lich durchſchauerte. „Das hätte ich mir ganz anders erwartet,“ ſagte der kleine ſchwäbiſche Schneider;„und wenn ich auch nicht gerade verlangt, daß der heilige Vater ſelbſt ſeine tapfern Soldaten empfange, ſo doch in ſeinem Auftrage ein alter freundlicher Kardinal mit einem guten Abendbrode, auch ein Stück Prozeſſion mit vielen Lichtern und Weihrauch.“ „Man wußte nicht, daß Du mit dabei ſein würdeſt,“ warf eine Baßſtimme aus dem Haufen leicht hin,„aber ich möchte in der That gern erfahren, ob ſie uns in Rom abgeſetzt haben, oder auf den öden Feldern, die ſie Campagna nennen.“ „Vederemo.“ „Das wird ſich Alles finden; haltet jetzt eure Mäuler; denn wie mir ſcheint, wird hier ein kleiner Appell gehalten, um zu ſehen, ob Keiner von uns verloren gegangen iſt.“ Und ſo war es auch. Die einzelnen Namen wurden von einem deutſchen Unteroffiziere aufgerufen und unter Bezeugung mehr oder Unter den päpſtlichen Zuaven. 187 minder guten Willens mit„Hier“ beantwortet. Nur bei dem Namen„Landerer“ trat eine kleine Pauſe ein. „Ach, der Prinz von Arkadien,“ rief der Schweizer mit der frechen Stimme und dem frechen Geſichte,„der wird wahrſcheinlich mit einer Equipage vorausgefahren ſein.“ „Landerer:——„Hier“ erſcholl es jetzt ſeitwärts aus dem Dunkel, und dort ſtand der Gerufene bei einem Sergeanten der päpſtlichen Zuaven, welcher ſeine beiden Hände gefaßt hatte und dieſe zum herzlichen Empfange freundlich ſchüttelte, während er ſagte:„Freue mich, daß ich Dich ſogleich getroffen habe. Ich habe für Dich um Erlaubniß nachgeſucht, Dich mit mir hineinnehmen zu dürfen, damit Du nicht mit der ganzen Bande den langen Weg durch die ganze Stadt zu marſchiren brauchſt. Wir hauſen in der Nähe von Sankt⸗Peter, und bis dahin ſind es gute drei Viertelſtunden. Ich werde dem Offizier meinen Erlaubnißſchein für Dich zeigen und dann fahren wir in's Cafe di Roma, wo Du ein paar Bekannte findeſt.“ „Meine Freude, Dich ſogleich hier zu finden, lieber Alfons,“ entgegnete der päpſtliche Freiwillige,„iſt wahrhaftig nicht minder groß, als die Deinige. Doch wirſt Du mir verzeihen, wenn ich Dein Anerbieten ablehne. Ich möchte von den Andern, mit denen ich gekommen bin, nicht als ſo bevorzugt erſcheinen. Unwillkürlich habe ich ihnen ſchon Urſache zum Neid, und damit zum Spott ge⸗ geben. Du wirſt mich verſtehen. Laß mich deßhalb ruhig mit ihnen abmarſchiren und morgen früh, hoffe ich, ſehen wir uns wieder.“ „Wie Du willſt. Im Grunde kann ich Dir nicht Unrecht geben. Doch ich ſuche Dich noch heute Abend auf.“ Damit ſetzte ſich die kleine Kolonne in Marſch, durch die Via di Porta San⸗Lorenzo an der prächtigen Baſilica di Santa Maria Maggiore vorüber, welche aber heute Abend bei der ſpärlichen Be⸗ leuchtung nur in unſicheren Umriſſen wie eine ſeltſam geformte 188 Unter den päpſtlichen Zuaven. Steinmaſſe gegen den helleren Nachthimmel emporragte. Dann bei der gewaltigen Facade des Quirinalpalaſtes vorbei auf den Monte Cavallo, wo mancher zum erſten Mal anfing, ſich bewußt zu wer⸗ den der Größe der Stadt, die von hier aus wie in einem weiten Halbkreiſe, kennbar durch Lichtglanz, und hörbar durch das Summen des Straßenverkehrs, ausgebreitet liegt. Dort, wo die Sonne unter⸗ gegangen war, zeigte ſich über dem Horizonte noch eine zweifelhafte Helle, und dorthin richteten ſich die Blicke unſeres Freiwilligen durch den neben ihm herſchreitenden Unteroffizier der päpſtlichen Jäger aufmerkſam gemacht, welcher ihm ſagte:„Die ſchwarze Kuppel dort iſt Sankt⸗Peter.“ „Und es iſt doch eine todte, langweilige Stadt,“ ſagte ver⸗ drießlich der Schweizer,„da marſchiren wir ſchon eine halbe Stunde und haben noch keine beleuchteten Läden geſehen, noch viel weniger ein Wirthshaus.“ „Wirthshäuſer gibt es ja auch hier keine,“ bemerkte der kleine Schneider mit einem tiefen Seufzer.„Wer Durſt hat, trinkt Waſſer, und dazu ſind die vielen Fontainen da. Ich habe ſchon ein halbes Dutzend bis hieher gezählt; und da vor uns auf dem Platze vor den beiden rieſenhaften Kerlen mit den Schaſpudeln unter den Armen iſt wieder eine, die Waſſer genug für uns Alle gibt.“ „Waſſer und nichts als Waſſer,“ klagte der Rheinländer. „Was nutzt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt iſt! Was hilft mich alles Waſſer, wenn ich nirgendwo ein Wirthshaus ſehe!“ Darauf zogen ſie an der Fontana di Trevi vorüber, und hier waren es doch die gewaltigen Waſſermaſſen, die Allen, ſelbſt dem Rheinländer, imponirten. Das rauſchte herab in prächtiger breiter Fläche über Felſen und zwiſchen Felſen hinein wie ein natürlicher Fall, und hoch oben ſtand der Meergott in rieſenhafter Geſtalt, mit ſeinem Dreizack ſinnbildlich die Fluten überwachend und beherrſchend. Dann marſchirten ſie durch ſchmale, ſchmutzige Gäßchen unter ſpärlicher Beleuchtung an ſtillen, verſchloſſenen Häuſern vorbei, ohne Unter den päpſtlichen Zuaven. 189 irgendwo zu vernehmen den Lärm luſtiger Zechbrüder, oder geöffnet zu ſehen die erleuchtete Thür eines freundlichen Wirthshauſes. Wohl kreuzten ſie ein paar Mal breitere Straßen, erhellt von Lichterglanz, angefüllt mit vorüberrollenden Equipagen und Fuß⸗ gängern; aber darnach erſchienen ihnen die ſtilleren Straßen um ſo ſtiller, ihre Zukunft um ſo düſterer, und es war Manchem zu Muthe, als müßte er nun dahinten laſſen ein helles, luſtiges Leben und alle Hoffnung auf Glück und Freude. Jetzt hatten ſie die Tiber erreicht, den melancholiſch dahin⸗ ſchleichenden Fluß, und ſchritten über die Engelsbrücke einem hoch⸗ gethürmten, rieſenhaften Bauwerke entgegen, das Manche für die Kirche Sankt⸗Peter hielten und deßhalb neugieriger betrachteten, als wenn ſie es für das Grabmal des römiſchen Kaiſers Hadrian, die jetzige Engelsburg, erkannt hätten. Damit hatten ſie auch in Kurzem das Ziel ihrer Wanderung erreicht, ein altes, graues Ge⸗ bäude in der Nähe des Petersplatzes, wo ſie für heute Nacht in einem geräumigen Saal auf mangelhaften Strohſäcken untergebracht wurden. Doch war das immerhin beſſer, als in kühler Nacht auf dem harten, blanken Schiffsverdecke zu liegen— wohl für die Meiſten, nur nicht für Landerer, der in Gedanken dem Laufe des Saintonge gefolgt war und viel darum gegeben hätte, wenn es ihm auch heute Nacht vergönnt geweſen wäre, dort am Boden vor dem Schornſteine zu liegen, vielleicht auch am Bord des Schiffes gelehnt zu den Sternen aufzublicken oder den Glanz von Camilla's ſüßen, milden Augen zu ſehen, allerdings eben ſo unerreichbar für ihn, als die zitternden, leuchtenden Punkte droben am dunklen Nacht⸗ himmel. Der päpſtliche Zuave, den wir draußen auf der Eiſenbahn geſehen, ein ehemaliger Regimentskamerad, den eigenthümliche Schick⸗ ſale, allerdings ganz anderer Art wie die ſeinigen, hierher ver⸗ ſchlagen, hatte ſich noch eingefunden, konnte aber hier keine Erlaubniß erwirken, unſern jungen Freiwilligen mit ſich fortzunehmen. Auch 190 Unter den päpſtlichen Zuaven. zog es Landerer vor, da zu bleiben, hauptſächlich aus einem Ge⸗ fühl des Mitleids für den kleinen Schwaben, deſſen Humor hier am Ziele der Reiſe gänzlich zuſammengeſchmolzen war. Statt ſein Lager zu ſuchen, kauerte er ſich zu den Füßen Landerer's nieder, barg das Geſicht in beide Hände und ſeufzte tief aus demt Herzen. „Ich weiß es wahrhaftig ſelbſt nicht,“ entgegnete er auf die Frage des Anderen,„warum ich ſo miſerabel traurig bin, aber ich könnte heulen wie ein junger Hund, den man auf die Straße hinaus⸗ gejagt hat, mit dem richtigen Gefühl, in keiner beſſern Lage zu ſein.“ „Das iſt das Gefühl der Ermüdung und durchwachter Nächte. Da nimm meine Feldflaſche, es ſind noch ein paar gute Tropfen darin, die trinke aus und dann leg' Dich auf's Ohr. „Ich wollte lieber, Ihr gebt mir was Anderes.“ „Und was könnte das ſein?“ „Ein Verſprechen, ſich meiner ein Bischen künftig anzunehmen; ich fürchte mich eigentlich vor der Gemeinſchaft mit den Andern, es ſind gar zu wilde und unbändige Geſellen darunter. Allerdings habe ich während der Reiſe mit ihnen geheult, ja ihren Spaß⸗ macher vorgeſtellt, doch weil man ſich nur ſo mit ihnen vertragen konnte; nehmt Euch meiner an,“ bat er dringender,„laßt mich bei Euch bleiben als was Ihr wollt, z. B. als Euer Diener. Ich bin geſchickt in Allem, auch treu und anhänglich wie ein Hund.“ „Du machſt Dir gute Begriffe von meiner Zukunft. Was ſoll mir, der ich vielleicht morgen ein Gemeiner bei den Zuaven ſein werde, ein Diener? Ich werde mich wohl ſelbſt bedienen müſſen, ſo gut wie jeder Andere.“ 4„So ſorgt wenigſtens dafür, daß ich in Eurer Nähe blei⸗ ben darf.“ „Du bei den Zuaven! Du biſt zu klein dazu.“ „Als Tambour oder Horniſt? Ich habe ſchon geſehen, daß Ihr gute Bekannte bei der Truppe habt. Thut mir den Gefallen und ſorgt für mich.“ Unter den päpſtlichen Zuaven. „Nun ich will ſehen, was ſich thun läßt; morgen mehr darüber.“ Dieſer Morgen kam denn auch regelmäßig wie alle übrigen, und an demſelben wurde die Reiſegeſellſchaft von dem Saintonge durch die betreffenden Offiziere gemuſtert und in die verſchiedenen Kompagnieen und Eskadronen vertheilt. Einige Wenige, darunter Landerer, kamen zu den Zuaven, die meiſten zu den päpſtlichen Jägern. Einige, die früher bei der Kavallerie gedient hatten oder mit Pferden umzugehen wußten, zu den Dragonern. Was den kleinen Schneider anbelangte, ſo meinte der Stabsoffizier, welcher die Vertheilung leitete, man hätte ihn in Marſeille gar nicht an⸗ nehmen ſollen, da ſeine Größe unter dem vorgeſchriebenen Maße ſei; auch ſei er verpflichtet, einen Bericht darüber zu machen. Dieſer Aufſchub war nun vielleicht ein Glück für die ehrgeizigen Beſtrebungen des kleinen Schneiders; denn es gelang Landerer durch ſeinen Freund Alfons und einen andern Bekannten von früher, welcher Lieutenant bei den Zuaven war, ſo gut für ſeinen Schütz⸗ ling zu wirken, daß er zum Horniſten bei dieſer auserleſenen Truppe angenommen wurde, was ihn in einen wahren Freuden⸗ rauſch verſetzte.. Kleider machen Leute; und wer nach einigen Wochen die theil⸗ weiſe ſo verwahrloste Geſellſchaft vom Saintonge wieder ſah, mußte mehr als je die Richtigkeit dieſes Sprüchwortes anerkennen. War doch ſogar der kleine Schneider ein ſo ſchmucker Horniſt, als man ſich nur wünſchen mochte, und handhabte bereits ſein Inſtrument mit einer Fertigkeit, die ſelbſt ſeinen Beſchützer in Erſtaunen ſetzte. Was nun Landerer anbetraf, ſo verſtand es ſich von ſelbſt, daß er, eingedenk ſeiner früheren militäriſchen Laufbahn, ſich in kürzeſter Zeit und ſo leicht in das Exercitium gefunden, daß er ſchon nach Verlauf eines Monats vollkommen eingeübt war und zu den Alten der Kompagnie gerechnet werden konnte. Daß er als ehemaliger Offizier und zwar als ein glänzender Kavallerieoffizier Unter den päpſtlichen Zuaven. jetzt mit andern Gemeinen der Zuavenkompagnie in Reih und Glied ſtand, das Gewehr im Arm, hätte, unter anderen Verhältniſſen, allerlei Tiefkränkendes für ihn gehabt, ja würde ihm gänzlich un⸗ möglich geworden ſein, wenn er ſich nicht aus freiem Antriebe hier befunden hätte und wenn nicht auch außer dem Dienſte das Zuaven⸗ korps eine Elitetruppe zu nennen geweſen wäre, in der man ſich, allerdings mit Ausnahme, in ſehr guter, ja vornehmer Geſellſchaft befand. War doch ſein Freund Alfons— er bekleidete hier ſchon oder erſt den Poſten eines Unteroffiziers— von einer Familie, welche ſieben Zacken in der Krone ihres Wappens führte, und hatte vor ein paar Jahren als Lieutenant in einem Küraſſierregimente gedient. Standen doch im Gliede hinter ihm zwei Söhne eines alten gräflichen Hauſes, und waren doch vielleicht zwei Dritttheile der Kompagnie gebildete junge Leute, die in der beſten, nicht nur in der ſogenannten guten Geſellſchaft zu erſcheinen berechtigt waren, von denen Viele aus Ueberzeugung in ihrem Korps dienten und ſo eine tüchtige und intelligente Truppe bildeten, welche von Tapfer⸗ keit und dabei wohl auch von jugendlichem Leichtſinne beſeelt, in der Handhabung der Waffen vertraut, die beſten Erfolge hoffen ließen und dieſe Hoffnungen auch glänzend erfüllt haben. Die Uniform der päpſtlichen Zuaven iſt einfach, aber kleidſam; im Schnitt der der franzöſiſchen Zuaven ähnlich, beſteht ſie aus hellgrauem Tuche mit rothen Schnüren und Paſſepoils beſetzt und zeigt auf dieſe Art nicht die allzu auffallenden Farben jener anderen. Auch tragen ſie ſtatt des weißen Turbans mit dem rothen Feß eine kleine graue Dienſtmütze mit den gerade ausſtehenden, kecken franzöſiſchen Schirmen, welche bei den Offizieren, wie auch Beinkleid und Jacke, die Verzierung ſilberner Schnüre haben, und ebenſo je nach dem Range ſchmale oder breitere Treſſen auf dem untern Theile des Aermels. Statt der Gamaſchen der Gemeinen haben die Offiziere bis zum Knie reichende Stiefel und ſind mit einem Säbel in ſtählerner Scheide bewaffnet, während die Zuaven die 2 193 Unter den päpſtlichen Zuaven. Jägerbüchſe führen mit dem Haubajonette, dieſer im Handgemenge ſo furchtbaren Waffe. Da unter dem Korps der Zuaven nicht nur eine Menge junger Leute aus guten Häuſern dienen, ſondern auch aus wohlhabenden, ja reichen Familien, ſo kann man ſich wohl denken, daß dieſe ſich nach Beendigung des täglichen Waffendienſtes den Genüſſen der großen Stadt hingeben und nach Ablegung des Gewehres und des Säbels in eleganten eigenen und feinen Uniformen ihre Kaſernen verlaſſen, und zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen ihren Privat⸗ geſchäften und Vergnügungen nachgehend, nicht nur auf allen Straßen und Plätzen zu ſehen ſind, in Muſeen und Gallerieen, ſondern auch in den beſten und theuerſten Kaffeehäuſern, wo es da einen eigenen Anblick gewährt, Gemeine, Unteroffiziere und Offiziere nach erfolgter ehrerbietiger Begrüßung vertraulich bei einander ſitzen zu ſehen und ſich auch durchaus nicht genirend vielleicht dem tapfern und dabei höchſt eleganten Kommandeur des Zuavenkorps Feuer für ſeine Cigarre anzubieten oder welches von ihm zu neh⸗ men. Es liegt darin etwas von dem eigenthümlich kameradſchaft⸗ lichen, ja vertraulichen Geiſte der franzöſiſchen Armee und wohl auch beziehungsweiſe der öſterreichiſchen, ein Verhältniß, welches ſich in letzterer wohl noch mehr ausgebildet haben würde ohne den ſchroffen Gegenſatz der Nationalitäten und das eigenthümliche Re⸗ krutirungsſyſtem, welches Verhältniß aber merkwürdiger Weiſe in der preußiſchen Armee, wo doch eine ſolche Art der Rekrutirung ſeit langen Jahren nicht mehr beſteht, noch nicht zum Durchbruch gekommen iſt, obgleich dort die Inſtitution der einjährigen Frei⸗ willigen das auf dieſe Art richtig vermittelnde Element zwiſchen Offizieren und Gemeinen wäre. Landerer hatte ſich bald und beſtens in alle Verhältniſſe ſeines Korps hineingefunden und war in kurzer Zeit nicht nur ein vortreff⸗ licher Soldat geworden, den ſein Kompagnie⸗Chef, wenn das anders Hackländer's Werke. 50. Bd. 13 . 194 Unter den päpſtlichen Zuonven. ſchon gegangen wäre, zur Stellung eines Gefreiten oder Unter⸗ offiziers erhoben hätte, ſondern galt auch außerhalb des Dienſtes bei ſeinen ſpeziellen Kameraden ſowohl, als auch bei den Offizieren für einen höchſt guten und angenehmen Geſellſchafter. Seine ſchlanke, biegſame und dabei doch ſo kräftige Geſtalt nahm ſich vortrefflich in der Uniform aus, und ſein Kopf mit den intelligenten Zügen und dem faſt übermäßig großen hellblonden Lippen⸗ und Knebel⸗ bart erſchien unter der kleinen zierlichen Mütze ſo echt ſoldatiſch verwegen, ſo ganz im Charakter eines tollen, zu jedem Uebermuthe aufgelegten Zuaven, daß ihn verſchiedene Maler ſchon öffentlich ſowie auch heimlicher Weiſe als Typus dieſes ausgezeichneten Korps ſtizzirt hatten. Dabei war die kecke Verwegenheit, die in ſeinem Auge loderte und die er ohne Uebertreibung zur Schau trug, durchaus keine Maske, entſprang aber eines Theils eben ſo gut aus angeborener Tapferkeit und Sorgloſigkeit als andern Theils aus einem gewiſſen Lebensüberdruß, der ihm alle Folgen irgend welcher Art gleichgültig erſcheinen ließ, und in dieſer guten Miſchung, wozu noch ein richtiges Gefühl für wahre Ehre und wahren An⸗ ſtand kam, war er allerdings das Modell eines Zuaven, eines jener enfants perdus, wie er ſein ſoll, der auf Befehl kaltblütig und gleichgültig ganz allein zum Sturm auf eine feindliche Batterie gegangen wäre. Daß er dabei nicht verſäumte Rom, und ſeine Kunſtſchätze zu ſehen und zu bewundern, verſteht ſich von ſelbſt. Ja er war ſo oft in den verſchiedenen berühmten Bildergallerieen, beſonders in den Sälen des herrlichen Vatikans und in den prächtigen Räumen der Peterskirche zu finden, daß ihm ſein Freund Alfons eines Tages lachend ſagte:„Wenn Du nicht ein ſo ausgezeichneter Zuave und Lebemann wäreſt, ſo hätte ich Angſt, Du würdeſt zum Korps der Künſtler übertreten, oder gar in ein Kloſter gehen,“ worauf Lan⸗ derer achſelzuckend geantwortet hatte:„Was das Letztere anbelangt, wer weiß, was ſpäter noch geſchieht. Wenn ich mir hier meine Unter den päpſtlichen Zuaven. 19⁵ Sporen verdient habe und wenn mich vieleeicht eine italieniſche Kugel tüchtig getroffen, ohne mir in's Jenſeits zu verhelfen.“ „Wahrhaftig! haſt Du ſolche Ideen?“ „Gewiß; warum auch nicht? Ich habe früher öfter ſagen hören:„Man iſt leicht anderswo katholiſcher, als im päpſtlichen Rom; ich finde aber das Gegentheil, was das Kloſterleben an⸗ belangt.“ „Vielleicht, nach dem äußern Anſcheine zu urtheilen.“ „Möglich, aber ich wüßte mir keinen ſchöneren Platz, um aus⸗ zuruhen von des Lebens Mühen, um zu vergeſſen, was uns daſſelbe an Verſprechungen nicht gehalten, oder um was es uns betrogen, als zum Beiſpiel das Kloſter San⸗Bonaventura mit ſeiner unaus⸗ ſprechlich ſchönen Rundſchau auf den Cälius, das Coloſſeum, die Campagna und die blauen Sabinerberge— mit ſeinem ſtillen Frieden unter den prächtigen Palmen des Kloſtergartens.“ „Ja und mit ſeinen engen, düſteren, winkeligen Gängen voll Stockfiſchgeruch und ſeinen unbehaglichen Zellen,— geh' mir; Dir fehlt, was uns Allen fehlt: das Schmettern des Hornes zum An⸗ griff und das Knattern der Gewehre; aber wer weiß, wie bald wir einen anſtändigen Feind vor uns haben.“ Allerdings ſehnte ſich auch Landerer nach einem luſtigen Ge⸗ fechte, aber es war nicht dieſe ungeſtillte Sehnſucht, welche ihn an das Kloſterleben denken ließ oder die ihn ſtundenlang an den oben⸗ genannten Orten umhertrieb; doch waren es, ehrlich geſagt, auch nicht die Kunſtſchätze allein, was ihn hier feſſelte, was ihn hier ſo häufig erſcheinen ließ. Sah man doch den jungen Zuaven ſtunden⸗ lang am Eingange der Galleria Lapidaria ſtehen oder ſitzen, dort in der Nähe des päpſtlichen Schweizers mit der Hellebarde, oder des Aufſehers, welcher Stöcke und Regenſchirme in Empfang nimmt, wie er anſcheinend eine der dreitauſend heidniſchen Inſchriften ſtu⸗ dirte, in Wahrheit aber kein Auge von der Eingangsthür ver⸗ wandte; oder wie er in der Peterskirche an einem der erſten Pfeiler 196 Unter den päpſtlichen Zuaven. unterhalb der Taube mit dem Oelzweige lehnte, um hier wie dort oder auch an anderen öffentlichen Orten die zahlreich erſcheinenden Fremden ſcharf in's Auge zu faſſen; aber für ſeine ſehnſuchtsvolle Erwartung immer vergeblich. Denn ſie, deren liebes, mildes, ſchönes Geſicht er täglich, ſtündlich zu erblicken hoffte, zeigte ſich ihm in Wirklichkeit nicht, wie oft er auch auf eine entfernte Aehn⸗ lichkeit hin irgend einer Dame folgte, um in der Nähe ihr gänzlich unbekanntes Geſicht zu erblicken. Allerdings war er ſelbſt es geweſen, der damals in der Nacht am Bord des Saintonge einen Abſchied auf Nimmerwiederſehen von ihr genommen, erweicht von dem flehenden Ausdruck ihres Auges, von der rührenden Bitte, welche in ihrem bleichen Angeſichte lag. Auch hatte ſie Amen dazu geſagt. Aber ſoviel er ſein Ge⸗ dächtniß auch anſtrengte und ſein Gehirn abmarterte, er konnte ſich nicht erinnern, daß ſie dieſem„Abſchiede auf ewig“ beigeſtimmt hätte, daß ſie ihm wiederholt:„Auf Nimmerwiederſehen“. Wohl lag eine ſelbſtſüchtige Philoſophie in dieſen Betrachtungen, wohl ſagte ihm eine andere Stimme in ſeinem Innern, die Zuſtimmung in ihrem Auge ſei unverkennbar geweſen, nicht minder das Gefühl des Dankes, mit dem ſie ihr Amen ihm entgegenhauchte. Wenn er aber in ſeinen Betrachtungen ſo weit gekommen war, und wenn er ſelbſt das tiefe Unrecht einſah, welches er begehen würde, wenn er nur den geringſten Schrilt thäte, um ihren unter den obwalten⸗ den Verhältniſſen ſo ſchwer errungenen Seelenfrieden zu ſtören, ſo entfuhr ihm nicht ſelten eine Geberde des Mißmuthes und der Un⸗ geduld, und er murmelte vor ſich niederſtarrend:„Wer ſo unredlich wie jener an mir gehandelt, kann auf kein ehrliches Gefecht Anſpruch machen, es wäre das Recht der Wiedervergeltung, wenn ich aus einem Hinterhalte, wenn ich durch einen Ueberfall in ſein häusliches Glück einbräche.—— Sein häusliches Glück?“ unterbrach er ſich alsdann mit einer ſchmerzlich ausgeſtoßenen Frage;„dieſer Egoiſt, dieſer Verräther! Handelt er doch in der Abſicht, wie er gehandelt, Unter den päpſtlichen Zuaven. 197 um mein Glück zu zerſtören. Fluch über ihn, den Verräther!—— Aber ſie— aber ſie—— 4 Aber nach ſolchen Betrachtungen kam er zähneknirſchend immer wieder dazu, ihr Amen auf ſein„Nimmerwiederſehen“ richtig zu verſtehen. Und dann ſtieg wohl ein anderes Bild in ſeiner Seele auf. Und zwar die hinfällige Geſtalt ſeines Feindes, die er am Morgen in Civita⸗Vecchia vor der Ausſchiffung mit einem raſchen Blicke, mit einem entſetzlichen Gefühle des Triumphes überſchaut, als er ſich von ihm unerkannt in das Boot hinabſchwang. Hätte er ihn ſo vor der Unterredung mit Camilla geſehen, er würde vielleicht„Auf Nimmerwiederſehen“ nicht ſo, nicht ohne einen hoffen⸗ den Zuſatz ausgeſprochen haben.— Aber ſie— aber ſie— Sie mit ihrem reinen, edlen Gemüthe. Sie würde vielleicht ſchaudernd vor ihm entwichen ſein und ihr Amen alsdann geklungen haben wie ein: Bewahre mich vor aller Schuld. Eines Tages hatte er lange Zeit in der Gallerie des Kapitols vor dem ſterbenden Fechter geſtanden, nicht wie ſonſt wohl dieſes herrlichſte aller Marmorbilder bewundernd, ſich auch nicht einmal geärgert über eine Geſellſchaft von Engländern, Herren und Damen, die unter Lachen und Scherzen an dem Piedeſtal dieſes Kunſtwerkes lehnten und ſich reckelten, Andern die Ausſicht verſperrend und ihre Aufmerkſamkeit einzig und allein dadurch beweiſend, daß ſie an eingeſetzten Marmorſtücken beſchädigter Theile mit den Fingern klopften und mit den Nägeln kratzten, ſondern er hatte das mit gleichgültigem Auge betrachtet, um ſeine forſchenden Blicke einem älteren Herren zuzuwenden, der ausnahmsweiſe ohne den rothen Bädeker oder einen ſonſtigen gedruckten Führer hier auf's Genaueſte zu Hauſe ſchien, nur das Schönſte und Seltenſte betrachtete und ſich vor jeder Statue auf's Vortheilhafteſte aufſtellte, auch dieſe mit jener verglich und Alles hier mit dem Ausdrucke betrachtete, den man anzunehmen pflegt, wenn man gute alte Bekannte wiederſieht. —ꝛʒẽ·ʒõ;⅝¾“B3;⁴— 198 Unter den päpſtlichen Zuaven. Landerer hatte dieſen alten Herrn irgendwo geſehen— wo?— Ah, auf dem Saintonge; jetzt erinnerte er ſich deutlich. Wie hätte er das auch vergeſſen, wie hätte er auch nur einen Augenblick in Zweifel ſein können. Hatte er dieſen alten Herrn dort nicht mit Camilla am frühen Morgen, als der Dampfer in Civita⸗ Vecchia eben Anker geworfen hatte, auf dem Verdecke hin und her gehen ſehen, und ſpäter hatte er aufmerkſam dem Ausſchiffen der päpſtlichen Freiwilligen zugeſchaut. Konnte er ſich erlauben, dieſen Herrn anzureden, konnte ihm das irgend welchen Nutzen bringen? Durfte er ſich erlauben, im Falle es ihm wirklich gelang eine Unterhaltung mit ihm anzu⸗ knüpfen, auf irgend welche Art das Geſpräch auf Andere der da⸗ maligen Reiſegeſellſchaft zu lenken?— Obgleich er ſich dieſe Fragen verneinen mußte, konnte er es doch nicht unterlaſſen, dem alten Herren durch die Säle zu folgen, und ihn, als derſelbe ſich einmal plötzlich gegen ihn wandte, mili⸗ täriſch, aber freundlich zu grüßen. Der Andere ſchaute ihn hierauf mit dem Ausdrucke nicht un⸗ angenehmer Verwunderung an. Ja er ſchien ſich einen Augenblick auf die ſchmucke Geſtalt des jungen Soldaten, auf dieſes auffallend ſchöne Geſicht beſinnen zu wollen, ſchüttelte aber dann lächelnd mit dem Kopfe und ſagte in heiterem Tone:„Wenn wir uns in der That kennen ſollen, mein junger Herr Zuave, ſo müſſen Sie ſchon meinem alten Gedächtniß zu Hülfe kommen.“ „Aber ohne Vorwurf für Ihr Gedächtniß, mein Herr,“ er⸗ wiederte ihm Landerer,„denn wenn Sie mich vor einiger Zeit wirklich ſahen, ſo war das nur ſehr flüchtig und in einem ganz anderen Aeußeren, als mit welchem ich jetzt vor Ihnen ſtehe. Ich befand mich unter den päpbſtlichen Freiwilligen auf dem Dampfer Saintonge, mit dem auch Sie von Marſeille nach Civita⸗Vecchia weiter fuhren.“ „Me hercule!“ rief Profafhr Bucher, denn dieſer war es, im Unter den päpſtlichen Zuaven. 199 Tone des höchſten Erſtaunens.„Was, Sie waren bei jener etwas verwahrlosten Geſellſchaft? Nun, verzeihen Sie mir, ich hätte in meinem Leben nicht gedacht, daß ſich aus jenen Leuten etwas ſo Vorheilhaftes, etwas ſo Gediegenes, ja Hübſches entwickeln könnte. Ich mache Ihnen über dieſen Ausnahmsfall mein Kompliment.“ „Eine Freundlichkeit, die ich nicht für mich allein in An⸗ ſpruch nehmen kann, denn ich bin darin durchaus kein Ausnahms⸗ fall, alle Uebrigen haben ſich eben ſo vortheilhaft verändert, um Ihre Worte zu gebrauchen.“ „Möglich, mein junger Herr Zuave,“ erwiederte der Profeſſor, nachdem er wohlwollend die angenehmen und eleganten Manieren des Anderen betrachtet,„und doch muß ich Sie für einen Aus⸗ nahmsfall halten, denn ich bin noch wenigen Ihrer Herren Kameraden hier in den Sälen des Kapitols oder ſonſt an Orten ähnlicher Art begegnet. Aber es freut mich in der That, daß Sie ſich meiner erinnerten, und daß ich eine ſo höchſt angenehme Umwandelung an Ihnen bemerke. Es geht Ihnen gut, Ihnen behagt die neue Stellung?“ Landerer verbeugte ſich ſtillſchweigend mit einer zuſtimmenden Miene und fragte erſt nach einer kleinen Pauſe:„Sie ſetzten damals Ihre Reiſe weiter nach Neapel fort?“ „Allerdings, um die Eruptionen des Veſuv zu ſtudiren, denn dergleichen iſt mein Fach, junger Herr Zuave; mich intereſſiren Lava und andere Steine, Schwefel und ſonſtige Mineralien öfters mehr als herrliche Ausſichten; ich bin ein deutſcher Profeſſor, Dr. Bucher aus Königsberg,— auch Sie ſind ein Deutſcher?“ „Gewiß, Herr Profeſſor. Mein Name iſt Landerer.“ „Ei ſiehe da, Landerer,“ wiederholte er,„ein Name der für mich angenehmen Klang hat.—— Gerade auf dem Dampfer Saintonge befand ſich damals auch eine Familie Landerer; aller⸗ dings eine gräfliche Familie, liebenswürdige Leute, d. h. die Dame,—— eigentlich nur die Dame; denn er der Herr Graf— ———— Unter den päpſtlichen Zuaven. nun es iſt das gleichgültig, unſer Herrgott hat allerlei Koſtgänger. Aber ſie, die Frau Gräfin, war ein Ideal von Schönheit, Sanft⸗ muth und edler Weiblichkeit.“ „Ich glaube, ich ſah Sie bei dieſer Dame ſtehen auf dem Schiffe im Hafen von Civita⸗Vecchia zu früher Morgenſtunde, bevor wir uns ausſchifften.“ „Ganz richtig! doch während des Schauſpiels der Ausſchiffung, allerdings ein trauriges Schauſpiel, war ſie in ihre Kabine ge⸗ gangen. Sie mochte das nicht mit anſehen.— Nun ehrlich geſagt,“ fuhr er im heiteren Tone fort,„die ganze Geſellſchaft ſah recht erbarmungswürdig aus, und wir bedauerten aus Herzensgrunde das gute deutſche Blut, was da wieder einmal zum Kanonenfutter für die Fremde angeworben war.“ „Sahen Sie jene Familie noch in Neapel?“ fragte der junge Zuave in einem möglichſt unbefangenen Tone. „Wenig, der Herr Graf befand ſich in Folge der Seereiſe und in Folge allerlei Thorheiten während derſelben in einem recht üblen Zuſtande. Er wollte unter Anderem auch meinen Rath, denn ich bin Arzt, und ſo rieth ich ihm nach beſtem Wiſſen und Ermeſſen einen ſtillen, ruhigen Aufenthalt auf Ischia in der vortrefflichen Seeluft, fern vom Geräuſch der Stadt, und fern,“ ſetzte er mit einem leichten Achſelzucken hinzu,„von Leuten, die aufregende Spiele und Wetten lieben und die den Champagner mit Cognac verſtärken. Da ſitzt er nun und es geht ihm auffallend gut, wie ich mich bei einem Beſuch überzeugte, den ich am Tage vor meiner Ab⸗ reiſe machte.“ 3 „Und Sie hoffen, daß dieſer Graf Landerer von ſeinen Leiden hergeſtellt wird?“ „Hergeſtellt, das iſt ein ſehr relativer Begriff, das ſchöne Kapital von Kraft und Geſundheit der Jugend iſt ſchwer wieder einzubringen, wenn man zu raſch, zu früh und zu viel davon veraus⸗ gabt. Aber wenn er ſich vortrefflich hält, und wenn er ſich der ſorg⸗ Unter den päpſtlichen Zuaven. 201 fältigen Pflege dieſes Engels von einem Weibe bereitwillig, ohne ein Widerſtreben überläßt, ſo kann er noch jahrelang ein nicht ganz unbehagliches Leben führen, doch wie ich ſehe,“ fuhr er, ſeinen Rede⸗ ſtrom unterbrechend und ſich raſch umblickend, fort,„treffen die gelangweilten Aufſeher hier ihre Anſtalten, um die Säle zu ſchließen. Wenn es Ihnen recht iſt, mein lieber Herr Landerer, ſo machen wir noch einen Spaziergang auf den Monte Pincio und bleiben für den Reſt des Abends zuſammen, d. h. wenn Sie nichts Beſſeres vorhaben.“ „Im Gegentheil, Herr Profeſſor, ich bin dankbar dafür, daß Sie mir geſtatten, in Ihrer Geſellſchaft zu ſein.“ Damit gingen ſie zuſammen fort und ſtiegen zum Pincio, dem herrlichſten Spaziergange Roms, empor; ſpazierten aber hier ab⸗ ſeits von dem Gewühle der reichen und eleganten Equipagen und dem glänzenden Durcheinander der Reiter und Fußgänger aus der römiſchen hohen und höchſten Welt und den Tauſenden von Fremden der verſchiedenſten Nationen zwiſchen den ſtillen Boskets aus immer⸗ grünen Eichen, aus Lorbeer⸗, Citronen⸗ und Orangengebüſchen be⸗ ſtehend, überragt von hohen Palmen, deren ſchlanke Blätter ſanft im Abendwinde auf und nieder wogten. Hier, ziemlich entfernt von dem eben angedeuteten geräuſchvollen Leben der großen Welt, aber immer noch nahe genug, um die ſchönen Klänge der guten Militärmuſik der päpſtlichen Gendarmerie zu vernehmen. Erſt als die Sonne untergegangen war und ſich die Flut der Spaziergänger anfing zu verlaufen, traten ſie hinaus an die Balluſtrade des breiten Fahrweges auf den Monte Pincio, um auf das gewaltige Rund⸗ gemälde ſchauend, welches die ewige Stadt von hier aus bietet, einen der wundervollſten Anblicke zu genießen, den Rom überhaupt zu gewähren vermag. Es gibt kaum etwas in ähnlicher Art, zu⸗ gleich großartig Einfacheres und doch wieder Maleriſcheres, als die Silhouette der Stadt von hier aus geſehen. Zeichnet ſich nun oben⸗ drein dieſe Silhouette wie Abends nach Sonnenuntergang tief dunkel, 202 Unter den päpſtlichen Zuaven. faſt ſchwarz auf dem goldig dunkelroth glühenden Abendhimmel ab, ſo iſt dieſer Anblick entzückend ſchön; die ganze prächtig geſchwungene Linie ſanft anſteigend gegen den Monte Mario, deſſen weißes Kaſino auf dem Hintergrunde der ſchwarzen Cypreſſen hervorleuchtet, dieſe maleriſche Linie mit ihren regungsloſen, feingeäſtelten Pinien, mit ihren Thürmen, deren Oeffnungen als leuchtende Punkte erſcheinen, mit ihren maſſigen Bauwerken, an denen man jeden vorſpringenden Winkel, jede Mauerkrönung ſcharf, wie mit der Nadel eingeriſſen erblickt, mit ihren unzähligen Kuppeln, vor Allem aber mit der rieſenhaft emporſtrebenden Kuppel von Sankt⸗Peter von ſo groß⸗ artig tadelloſer Form, die jetzt, wie in glühend ſtrahlender Glorie ſtehend, uns als würdigſtes Mauſoleum des größten der Apoſtel er⸗ ſcheint, des Felſens, auf dem die Kirche erbaut iſt. „Ich habe das heute gemalt geſehen,“ ſagte Profeſſor Bucher, und ſetzte lächelnd hinzu:„Es mag Ihnen komiſch erſcheinen, daß ich mich hier bei dieſer gewaltigen Naturkompoſition eines Bildes ganz von Menſchenhand erinnere, aber von einer Vortrefllichkeit, daß man ſich wohl ſeiner hier erinnern darf. Es iſt von einem Landsmanne mit berühmtem Namen, von Lindemann Frommel, und ich empfehle Ihnen, morgen deſſen Atelier in der Babuina zu beſuchen. Gerne würde ich Sie hinbegleiten; doch habe ich ſchon alle Vorbereitungen zu meiner Abreiſe auf morgen früh getroffen.“ „Was ich aufrichtig bedaure, Herr Profeſſor.“ „Danke beſtens für dieſe Freundlichkeit, die ich Ihnen herzlich zurückgebe, indem ich Sie bitte, an meinem kleinen, einfachen Diner theilzunehmen, das ich in einer ſtillen Reſtauration nahe bei der Via condotta in der Via bocca di Leone, übrigens keinem gefähr⸗ lichen Löwenmaule, zu halten pflege, wo wir ungeſtört ſind und ungehört plaudern können, da dort meiſtens nur Franzoſen und Ruſſen hinkommen. Da zeige ich Ihnen auch eine der größten naturhiſtoriſchen Merkwürdigkeiten, die Rom zu bieien vermag,“ 203 Unter den päpſtlichen Zuaven. fuhr er launig fort,„einen geſpenſterhaften Kellner nämlich, deſſen Herkunft ich lange nachgeforſcht habe, bis ich endlich ſchaudernd etwas aus ſeiner Vergangenheit entdeckt zu haben glaube.“ „Sie erregen meine Neugierde in hohem Grade.“ „Kann dieſelbe aber erſt dann befriedigen, wenn wir uns gegenüber dem im Grunde ſehr harmloſen und auch recht gefälligen Phantom befinden.“ Unter dieſen Worten hatten ſie den ſpaniſchen Platz hinter ſich gelaſſen, gingen durch die Condotta in die Löwenmaulgaſſe und traten hier in ein einfaches Haus, wo ſie in einem mäßigen Zimmer an einem kleinen Tiſche Platz nahmen. „Jetzt achten Sie auf mein Geſpenſt, welches dort kommt und uns die Speiſekarte vorlegt. Sehen Sie den langſam ſchleichenden Gang, die gleichförmig ruhige Bewegung der gerade am Leibe herabhängenden hin und her ſchlenkernden Arme. Betrachten Sie die ausgeſpreizten Finger, vor Allem aber das ernſte, unbewegliche, bronzefarbige Geſicht mit dem ſcharfgeſchnittenen Profil, mit den glatten ſchwarzen Haaren, ein Profil, das unmöglich ſeine Ab⸗ ſtammung verleugnen kann. Sagen Sie mir, wo Sie eine ähnliche Geſtalt geſehen? Soll ich Ihnen vielleicht noch nachhelfen, ſo denken Sie ſich die Serviette, welche er auf der Schulter balancirt, knapp um die Hüften geſchlungen.“ „Und das Kopftuch dazu— Sie haben Recht— ſo könnte es eine jener ägyptiſchen Geſtalten ſein, wie ſie an dem großen Obelisk des Caligula auf dem Petersplatze zu ſehen ſind.“ „Nicht wahr— dort habe ich ihn auch eine Zeitlang geſucht, bis ich ihn endlich in der ägyptiſchen Sammlung des Vatikans fand, und nun überzeugt bin, daß er dort während der Tageszeit regungslos ſteht um mit der Dämmerung und den Fledermäuſen hinauszuflattern, im ſtrengen Kaſtengefühle einer unwiderſtehlichen Erinnerung ſeiner einſtigen Beſchäftigung folgend, uns hier als Kellner zu bedienen.— Doch ſtill, der Pharaone, ſo nenne ich ihn 204 Unter den päpſtlichen Zuaven. als Außerordentlichen ſeiner Gattung, kommt zurück und bringt uns die Suppe. Reden Sie ihn an, wenn Sie wollen, und Sie werden hören, daß er Ihnen etwas Unverſtändliches vormurmelt, und nicht die geringſte Frage, die Speiſekarte betreffend u. ſ. w., beantwortet, bis er ſich nicht in der Küche Raths erholt. Oh, ich habe für meinen Argwohn eine furchtbare Gewißheit. Sie ſehen mich zweifelnd an, hören Sie. Nachdem ich nämlich nicht mehr zweifeln konnte, daß unſer Pharaone während des Tages regungs⸗ los im vatikaniſchen Muſeum ſich befindet, wünſchte ich mir auch ein ſichtbares Zeichen zur Beſtätigung meines Argwohns und ſchnitt ihm neulich mit meinem Federmeſſer, er iſt nämlich in der Gallerie von Holz und ſauber angemalt, in ſein linkes Ohr, und nun bitte ich Sie, betrachten Sie einmal das Korreſpondirende unſeres Pharaonen; Sie werden bemerken, daß er dort eine kleine rothe Schramme hat, die er zuweilen mit ſeinen Fingern befühlt. Sehen Sie jetzt eben wieder; iſt das nicht eine ſchauerliche Gewißheit?“ Der junge Zuave ſchaute lächelnd auf den Kellner, warf aber dann von der Seite und verſtohlen einen forſchenden Blick in das Geſicht des alten luſtigen Profeſſors, und erſt als dieſer, den Blick auffangend, in ein herzliches Lachen ausbrach, ſtimmte Landerer heiter mit ein. So ging ihr kleines Diner unter beſtändigen Scherzen und allerlei munteren Tiſchreden raſch vorüber, und als ſie nach Be⸗ endigung deſſelben wieder auf der Straße ſtanden, blickte Proſeſſor Bucher an die volle, leuchtende Mondſcheibe empor und lud ſeinen jungen Freund noch zu einer weiteren Abendunterhaltung ein. „Ich habe mir nämlich einen Permeſſo verſchafft,“ ſagte er,„zum Eintritte in das Coloſſeum für die heutige Vollmondnacht. Wollen Sie mich dahin begleiten?“ „Mit Vergnügen. Ich wartete längſt eine Gelegenheit ab, dieſen großartigen Anblick zu genießen, und könnte mir dazu nichts Angenehmeres als Ihre Geſellſchaft wünſchen.“ Unter den päpſtlichen Zuaven. 205 Sie gingen den Corſo hinauf und all' die prächtigen ſtillen Paläſte, die großen Plätze mit ihren hochaufragenden Säulen er⸗ ſchienen jetzt ſo ganz anders, wie im zudringlichen, geſchwätzigen Tageslichte, welches ſo gar keine Heimlichkeit zu bewahren vermag und keinen Spielraum mehr läßt für die Phantaſie, wogegen der helle und dabei doch ungewiſſe Schein des Mondes unter dem weißen Schleier, womit er Alles rings umher einhüllt, ſchattenhafte Geſtalten zu verbergen ſcheint, die ſo vortrefflich hierher paſſen unter die Thorbögen der alten Paläſte in jenen winkeligen Gaſſen, in denen ſo oft Kampfgeſchrei und Schwertergeklirr ertönte. Vor Allem paſſen die langen düſtern Schatten ſo vortrefflich dort für jenes trotzige Gebäude, den venetianiſchen Palaſt mit den düſteren Geſchichten ſeines Erbauers und manche ſeiner Bewohner. Und wie freundlich umſpielt darauf wieder der helle, milde Schein den zierlichen Veſtatempel und erweitert tief vor unſeren Blicken das Forum Romanum, den ſo hoch berühmten Mittelpunkt der Geſchichte des alten Roms. Wenn man hier in ſtiller Nacht wandelt, ſo wird es der geſchäftigen Phantaſie ſo leicht, die Ueberreſte der zahlloſen Prachtbauten nicht nur auszubauen, ſondern mit dem ge⸗ waltigen Leben zu bevölkern, welches in den Zeiten des großen Roms hier zuſammenflutete. Scheinen doch die Bauwerke auf dem Kapitol ihre ehemalige Geſtalt wieder angenommen zu haben, das antike Tabularium, der Tempel der Juno Moneta, die Arx oder römiſche Burg. Ueberfällt uns doch faſt ein kleines Grauen, wenn wir einen geharniſchten Reiter, ſelbſt Erz auf ehernem Pferde, die hell vom Monde beſchienene Via ſacra hinabreiten ſehen, den Kaiſer Marc Aurel, um ſich wieder auf ſeinem alten Platze am Forum bei dem Bogen des Septimius Severus einzuſtellen. Hebt ſich doch der tarpejiſche Fels mit dem Tempel des Ju⸗ piter Capitolinus wieder hoch und ſteil empor und ragen noch unten auf dem Forum Romanum der Bogen des Septimius Severus, 206 Unter den päpſtlichen Zuaven. der Friedenstempel Veſpaſian's, die Focaſäule, wie gewaltige Felſen aus laut brandender, wild bewegter Flut hervor, aus einem Men⸗ ſchenmeere, welches hier zuſammengeſtrömt iſt, um das Herab⸗ ſtürzen der zum Tode Verurtheilten mitanzuſehen und die ſich nach befriedigter Neugier eben ſo raſch verlaufen in die den Platz um⸗ gebenden Prachthallen, dem öffentlichen Verkehre geweiht, wie die Baſilisken des Veſpaſianus, des Julius Cäſar und des Konſtantin. Und noch ein anderes gewaltigeres, kriegeriſch glänzendes Leben drängt ſich unſeren Blicken auf. Die mit Siegeskränzen ge⸗ ſchmückten Legionen dem triumphirenden Imperator vorausziehend und folgend, die Häupter unterworfener Volksſtämme mit ihren Fürſten und Königen dort vor uns durch den Triumphbogen des Titus ziehend und plötzlich unſeren Blicken wieder verſchwindend, im Mondlichte zerflatternd, wie ſie aus dem dunkeln Schatten des Bogens in die Helle der weißbeglänzten Nacht hinaustreten. Zeigt ſich doch jetzt unſerem Blicke Gewaltigeres als Alles, was wir bisher geſehen. Das Coloſſeum im ungewiſſen Scheine der Nacht wie ein Berg emporragend, umgeben von zuſammenge⸗ ſtürzten Tempeln, Baſiliken, namenloſen Trümmern aller Art heute noch als Ruine, das Staunenswertheſte des ganzen Roms. Hier vermißt ſich unſere Phantaſie nicht mehr, an den Ausbau dieſes größten Theaters zu denken. Begnügen wir uns mit der maleriſchen Ruine, die jetzt im Mondlichte ſchon von Außen einen ſo tiefen Eindruck auf uns hervorbringt. Und nun erſt, wenn wir das Innere betrachten, wenn wir ſtaunend emporblicken an dieſen Trümmern, die uns in dieſem Augenblicke wie ein ausgehöhltes Felſengebirge erſcheinen, und uns gleich darauf wieder die prächtige Konſtruktion ihrer maſſigen Bogen zeigen in der wundervollſten Zeichnung von Licht und Schatten. Und wie ſcharfkantig zeigen dieſe tiefen Schatten die Reſte der Mauerkrönung, die Ueberbleibſel der gigantiſchen Treppen, welche hie und da in deutlichſtem Zahnſchnitt von der Höhe durch alle Unter den päpſtlichen Zuaven. 207 Sitzreihen des Amphitheaters herab nach der Tiefe gehen. Auch andere liebliche und maleriſche Bilder bietet uns das Coloſſeum bei einer nächtlichen Beſichtigung. Hoch oben feines Strauchwerk, ja einzelne Bäume vom Mondlichte verſilbert, tiefer unten eine halb verfallene Oeffnung, eine Halle oder das Stück eines ehema⸗ ligen Corridors, die Dicke der Rieſenmauer durchbrechend, von Außen ein Stück des nächtlichen Himmels zeigend, durch welche ein heller Stern freundlich hereinblickt. Ferner ein eigenthümliches Leben, welches man unten mitten im Circus ſtehend ſich nach und nach rings umher entwickeln ſieht. Leiſes Geflüſter oder laute Ausrufe des Entzückens anderer Beſucher des Coloſſeums, welche in den Hallen hinter den Sitzreihen hin und wieder gehen und dort für uns unſichtbar zur Höhe hinanſteigen. Zuweilen bemerkt man alsdann hie und das Leuchten heller Damengewänder oder Lichter⸗ glanz und Fackelſchein, wie Irrwiſche kommend und verſchwindend und die zerbröckelnden Bogengänge von Innen heraus auf's Präch⸗ tigſte mit rother Glut beleuchtend. Das Alles ſahen und genoſſen unſere beiden Wanderer, welche nachdem ſie einen Blick von Oben auf die Trümmerwelt rings umher geworfen, nun wieder hinabgeſtiegen waren, unten an dem koloſſalen Kreuze im Mittelpunkte des Circus ſtanden. Doch ereignete ſich hier etwas, das ihre feierlich gehobene Stimmung in eine heitere, ja luſtige verwandelte. Der deutſche Profeſſor nämlich nieste ſo heftig und gewaltig, daß dieſer Ton rings umher ein lautes Echo erweckte, worauf eine feine, aber durchdringende Da⸗ menſtimme von einer der oberſten Gallerien:„Zur Geſundheit“ herabrief, eine Höflichkeit, welche der Profeſſor mit einem kräftigen „Ich danke Ihnen“ erwiederte, worauf plötzlich ein ſchallendes Ge⸗ lächter von allen Seiten her die Stille der Nacht unterbrach. Lachend traten Beide ihren Rückweg an. Doch gewährte ihnen ſpäter das Coloſſeum, als ſie von der Höhe des Triumphbogens des Titus rückwärts gewandt hinabſchauten, noch einen letzten 208 Unter den päpſtlichen Zuaven. prächtigen Anblick, der ihre Stimmung nach dem eben erlebten komiſchen Vorfalle wieder hob. Genau hinter dem ungeheuren Gebäude nämlich hatte ſich an dem dunkleren Nachthimmel eine helle Wolkenſchicht erhoben, und erſchien, von dem weißen Mond⸗ lichte beſtrahlt und durchleuchtet, wie zuſammengeballte aufquellende Rauchmaſſen, wie dem gewaltigen Feuer des brennenden Kraters entſtiegen. Die Täuſchung war um ſo vollkommener, da jetzt am oberſten Rande eine Menge Fackeln erſchienen, die wie züngelnde Flammen emporleuchteten. „Und hiebei wollen wir Abſchied nehmen,“ ſagte langſam der Stadt zuſchreitend der Profeſſor zu dem jungen Zuaven, indem er ihm freundlich ſeine Hand bot,„leider nicht nur für heute, ſondern wenigſtens für ein paar Monate, da ich auf morgen meine Abreiſe feſtgeſetzt habe, nach den lateiniſchen Bergen, nach Subiaco, Olevano, Civitella und ähnlichen noch nicht ſehr bekannten Orten, wo ich Botanik und Geognoſtik betreiben will, ſowie reine, friſche Bergluft aufzuſuchen, da mir Rom mit ſeinen heißen Dünſten, ſeiner aria cattiva anfängt etwas verdächtig zu werden. Auch vernimmt man hie und da von einem gefürchteten, ſehr ſchlimmen Gaſte, der allerdings vor der Hand ſporadiſch auftritt, deſſen Be⸗ kanntſchaft zu erneuern ich aber durchaus keine Veranlaſſung habe. Wäre ich als Arzt hier oder zeigte ſich die Cholera als förm⸗ liche Epidemie, ſo würde ich natürlicher Weiſe bleiben. Vergeſſen Sie aber meinen Namen nicht, mein lieber junger Freund, und auch nicht, daß ich in Olevano mein Hauptquartier in der Caſa Baldi habe, und wenn Ihnen für ſich ſelbſt oder für Jemanden, der Ihnen lieb und werth iſt, meine Hülfe erwünſcht wäre, ſo bitte ich ungenirt mir eine Botſchaft zukommen zu laſſen.“ „Beſten Dank für Ihr freundliches Anerbieten, doch hoffe ich, daß wir uns bei einer freundlicheren Veranlaſſung wiederſehen werden.“. „Wie Gott will. Hier trennen ſich unſere Wege. Ich ziehe Unter den päpſtlichen Zuaven. 209 mich rechts nach dem ſpaniſchen Platze und Sie wenden ſich links zu dem Vatikan.“ „Noch einmal auf baldiges und frohes Wiederſehen!“ Landerer kehrte für das Reglement etwas ſpät in die Kaſerne zurück; doch machte die Wache dort bei manchen der Freiwilligen, die ſonſt durch eine tadelloſe Aufführung bekannt waren, keine Umſtände, ihn ohne Weiteres einzulaſſen, ohne ihn zum Rapport vorzumerken. In dem Innern, wo er mit Anderen hauste, angekommen, fand er den kleinen Horniſten in der Ecke auf einem Stuhle ſitzend und ihn erwartend, wie er bei ſolchen Gelegenheiten faſt immer zu thun pflegte, obgleich ihm Landerer ſchon oft wie auch heute wiederholt hatte:„Ich mag es nicht, daß Du aufbleibſt, um mich zu erwarten. Wozu? Du brauchſt Deinen Schlaf ſo nöthig wie die Anderen.“ Darauf gab aber der kleine pfiffige Schwabe, wie ſchon oft, ſo auch heute keine Antwort, ſondern lächelte nur ſtill in ſich hinein, wenn er den Anzug Landerer's Stück für Stück, wie dieſer ihn von ſich auf den Schemel warf, zuſammenlas und an ſein eigenes Bett trug, welches ſich in einem Winkel deſſelben Zim⸗ mers befand. Wir wollen hier nun ſogleich geſtehen, daß ſich zwiſchen Bei⸗ den faſt ſtillſchweigend ein Verhältniß eingeſchlichen hatte, wie das eines Herrn zu ſeinem Diener, ohne daß dieſes Verhältniß je be⸗ ſprochen, ja von Seite Landerer's nur mit großem Widerſtreben geduldet wurde; und doch hatte er ſelbſt zu dieſem Verhältniſſe das Fundament gelegt, indem er dem kleinen Horniſten, welchen er als eine gute, ehrliche und anhängliche Seele erkannt, aus ſeinen eigenen nicht unbedeutenden Mitteln hie und da etwas aufdrang, um ſich Putzzeug anzuſchaffen, wie er lachend mit dem Beifügen ſagte, daß Reinlichkeit eine der Haupttugenden des Soldaten ſei, und auch in dieſer Richtung war dem Spielmann der päpſtlichen Zuaven nicht das Geringſte vorzuwerfen. Daß ſeine Uniform auf's Hackländer's Werke. 50. Bd. 14 210 Unter den päpſtlichen Zuaven. Genaueſte ſaß, dafür hatte er ſchon ſelber geſorgt; und was ſein Inſtrument anlangte, ſowie auch ſeine Waffenſtücke, ſo war das Alles immer ſo ſpiegelblank, daß ſelbſt der ältere ernſthafte Offi⸗ zier, der ihn bei der Muſterung hatte zurückweiſen wollen, ſeine Freude daran hatte und einmal ſagte, es wäre wahrhaftig ſchade, wenn wir dieſen Rieſen nicht angenommen hätten. Außerhalb des Dienſtes war er mit ſeiner angeborenen Pfif⸗ figkeit ein gar aufmerkſamer und ſchlauer Beobachter, und ſchon einige Male hatte er dem Kommandanten der Kaſernenwache An⸗ zeige gemacht von verdächtigen Individuen, die ſich in der Nähe der Gebäude umhertrieben; ja einmal hatte er den Poſten vor den Gewehren aufgefordert, ja geradezu genöthigt, einen umherſchlei⸗ chenden Kerl zu verhaften, bei dem ſich dann allerlei Dinge vor⸗ fanden, über deren Beſitz er ſich nicht genügend ausweiſen konnte. Da aber Undank der Welt Lohn iſt, ſo hatte dieſe Mühe dem kleinen Horniſten nichts Anderes eingetragen, als den Namen Rat⸗ tenfänger, den er lächelnd mit der Verſicherung hinnahm, daß er nicht nur zur richtigen Zeit wachſam ſein könne, ſondern auch ge⸗ hörig beißen, wo das nöthig ſei. Am heutigen Abend ſchlich er ſich leiſe an Landerer's Bett; dieſer hatte ſich ſchon niedergelegt, konnte aber nicht einſchlafen, da ihn ſeine heutigen Erlebniſſe beſchäftigten, und gab deßhalb auf die Frage des Horniſten, ob er zwei Worte mit ihm reden dürfe, eine minder barſche Antwort, als er ſonſt wohl in ähnlichem Falle zu thun pflegte. „Ich wollte Ihnen nur ſagen,“ flüſterte der Andere,„daß ſich wieder einmal allerlei unheimliches Geſindel in der Nähe der Ka⸗ ſerne herumtreibt, und wollte ſie bitten, morgen den Lieutenant des Zuges hiervon in Kenntniß zu ſetzen. Auch geht Verdächtiges in der Nachbarſchaft vor ſich. Es iſt da eine Spelunke, die ich ſchon lange belauert habe, von der ein vergittertes Fenſter in den hinterſten kleinen Kaſernenhof geht; dieß Gitter iſt abgeſägt worden Unter den päpſtlichen Zuaven. 211 und dann wieder mit ſchwachen Klammern verſehen, ſo daß man es mit geringer Mühe entfernen und wieder einſetzen kann. „Zu welchem Zwecke vermutheſt Du?“ „Chi lo sa, wie die Welſchen ſagen. Aber keinesfalls geſchah das mit guter Abſicht; ich kenne meine Pappenheimer, wie unſer Obergeſelle mit geſchwungener Elle zu ſagen pflegte, wenn wir ihm ein ſchlecht gemeſſenes Seidel Bier brachten.“ „Ich bewundere Deine Ideenverbindung und will mit dem Offiziere über Deine Beobachtungen reden.“ „Es iſt etwas im Werke gegen dieſe Kaſerne.— Wollen Sie mir glauben und mir darauf hin eine Bitte erfüllen?“ „Was willſt Du denn ſonſt noch?“ „In den nächſten Tagen trifft Sie die Kaſernenwache, viel⸗ leicht morgen oder übermorgen. Tauſchen Sie mit einem Kame⸗ raden; es wird Ihnen das leicht werden; oder nehmen ſie ein paar Tage Urlaub und gehen nach Albano, wie Sie ſchon lange vor⸗ hatten.“ „Ei, kleines Ungeheuer, für dieſen Rath ſollte man Dir einen Arreſt verſchaffen, und glaubſt Du denn wirklich, wenn ich ſelbſt wüßte, daß etwas gegen uns im Werke ſei, ich würde das Ge⸗ ringſte thun, um mich für meine Perſon der Gefahr zu entziehen? Woher verdiene ich dieſe ſchlechte Meinung? Geh, leg' Dich ſchlafen und laß auch mich in Ruhe! Was über mich hereinbrechen ſoll, wird mich ſicher treffen.“ Am andern Tage wurde Landerer allerdings zur Kaſernen⸗ wache kommandirt und konnte ſich nicht enthalten, dem kleinen Hor⸗ niſten einen lächelnden Blick zuzuwerfen. Was Jener ihm geſagt, davon hatte er allerdings mit dem Lieutenant des Zuges geſprochen; doch hatte ihm dieſer achſelzuckend entgegnet:„Man weiß wohl, daß ſie etwas im Schilde führen; doch glaubt man die Fäden in der Hand zu haben und wird ihnen zuvorkommen. Doch werde ich die Geſchichte mit dem Fenſter weiter melden.“ 212 Unter den päpſtlichen Zuaven. Uebrigens ging der Nachmittag ruhig vorüber, und während der Nacht wurde die Kaſernenwache um einige Poſten verſtärkt, doch zeigte ſich durchaus nichts Verdächtiges; und als am andern Morgen die päpſtlichen Zuaven im Hofe antraten, um zu Feld⸗ dienſtübungen hinaus in die Campagna zu ziehen, die Horniſten auf dem rechten Flügel, nickte Landerer ſeinem kleinen Freunde heiter lächelnd zu, worauf dieſer mit den Achſeln zuckte und einen vielſagenden Blick nach der Richtung warf, wo ſich jener kleine Hof mit dem vergitterten Fenſter befand. Ungefähr eine Stunde nachher ſchulterte unſer junger Zuave ſein Gewehr, da ihn die Reihe traf, den Poſten vor der Kaſerne zu beziehen. Er ſchritt auf der Straße hin und her, betrachtete ſich die Vorüberwandelnden, wie man bei ſolcher Gelegenheit wohl zu thun pflegt, ſchaute auch wohl an den Streifen tiefblauen Himmels empor, der ſich zwiſchen den Häuſerreihen ſeinen Blicken darbot, und lauſchte auch dann und wann ſtehen bleibend Gewehr in Arm auf das dumpfe Rauſchen der mächtigen Fontaine des Petersplatzes in der Nähe, deren Brauſen und Murmeln, aller⸗ dings gedämpft, an ſein Ohr ſchlug; jetzt aber wurden dieſe Töne verſchlungen durch andere, rauſchendere, luſtigere Klänge; denn droben im zweiten Stocke der Kaſerne begann das Muſikkorps der Zuaven ſeine täglichen Uebungen und eine heitere Tanzweiſe klang in die Straße hinaus. ———— Da mit einem Male vernahm man ein betäu⸗ bendes Krachen vom hinteren Hofe der Kaſerne her——, wie ein kurzer, gewaltiger Donnerſchlag, dem aber gleich darauf zwei bis drei noch ſtärkere Detonationen folgten. Entſetzlich— was ging da vor ſich? Landerer ſchaute hinter ſich auf die Kaſerne, dann in die Luft empor, die ſich nun mit einem Male, während eines furchtbaren Krachens, während neuer Exploſionen, während dem Getöſe brechender Balken, zuſammenſtürzender Mauern, plötz⸗ lich verfinſterte und bedeckt war mit aufſteigenden Staubwolken, Unter den päpſtlichen Zuaven. 213 die mit auseinander geriſſenen Steinen vermiſcht waren. Er wollte ſich hinein in die Kaſerne ſtürzen, aus der ein markerſchüt⸗ terndes Jammergeſchrei hervordrang, wo war aber die Kaſerne, wo war der Theil, in welchem ſich das Wachtlokal befand? Ver⸗ ſchwunden waren dort Mauern, Thüren und Fenſter und nichts übrig geblieben, als ein wüſter Trümmerhaufen, aus welchem zerbro⸗ chene Balken hervorragten und aus welchem ſich ein dumpfes Jam⸗ mern und Wimmern, allerdings raſch und raſcher ſchwächer wer⸗ dend, hören ließ. Eine fluchwürdige Unthat war zum größten Theil gelungen; ein Theil der Zuavenkaſerne von ruchloſer Hand in die Luft ge⸗ ſprengt worden. Doch die fremden Söldner, vor Allem die deut⸗ ſchen Landsknechte, auf welche es hauptſächlich abgeſehen war, ver⸗ nahmen nur in der Campagna draußen den dumpfen Knall einer Ex⸗ ploſion und wurden erſt durch ausgeſandte Boten von dem Unglück unterrichtet, welches ihre Wohnung betroffen. Und wer waren nun die Opfer dieſer Frevelthat, die ihren Anſtiftern ſo traurige Früchte tragen ſollte? Ein Theil der Kaſernenwache und achtzehn Unglück⸗ liche von der Muſikbande des päpſtlichen Zuavenkorps, lauter Ita⸗ liener, zwei Drittel Römer. Landerer war der Erſte und eine Zeitlang der Einzige, der von den herbeigeſtrömten Neugierigen den Verſuch machte, in das Wachlokal vorzudringen, indem er mit Rieſenkraft einen mächtigen Balken zu entfernen ſtrebte,— vergeblich dort vor ihm gab es keinen leeren Raum mehr, der im Stande geweſen wäre, lebende Weſen ſchützend zu umgeben, dort war Alles ausgefüllt mit einem grauſigen Gemiſch von Leichen, Balken, Schutt und Steinen.—— Dort in dem Chaos, auf das er mit durch Entſetzen und Anſtren⸗ gung blutunterlaufenen Augen ſtarrte, lagen ſeine armen Kame⸗ raden, mit denen er noch vor wenigen Minuten Worte gewechſelt, —— vergebens verſuchte er wiederholt zu ihnen zu dringen, und vergebens rief ihm die Menge draußen zu, raſch zurückzuſpringen, — 214 Unter den päpſtlichen Zuaven. da eine noch aufrecht ſtehende Mauer ſich gegen die Straße neige. — Noch einen Augenblick ſah man ihn dicht vor dem Wachlokale, dann erfolgte ein abermaliges donnerndes Krachen und Praſſeln, zugleich ein gellender Aufſchrei aus Hunderten von Kehlen, und auch das letzte Opfer ſchien verſchlungen worden zu ſein. Da nahten die Zuaven im Laufſchritt; da brachen ſie eilig durch die dichtgeſchaarte Menge und Keiner wartete ein Kommando ab, um die Gewehre zuſammenzuſetzen und ſich auf den Trümmer⸗ haufen zu ſtürzen, von dem„ſoeben vor einer Sekunde,“ rief man ihnen von allen Seiten entgegen, der Poſten vor dem Gewehre begraben worden ſei. Allen voran ein kleiner Horniſt, der ſein Inſtrument in einen dichten Menſchenhaufen ſchleuderte und wie eine Katze über Steine und Balken aufwärts kletterte und dann zu einer raſch entdeckten Oeffnung hineinblickend mit gellender Stimme ſchrie:„Er lebt noch, er lebt noch— es iſt Landerer— er lebt noch!“ Wie arbeiteten die kräftigen Geſtalten dieſer jungen Männer, wie flogen Steine und Balken zur Seite, wie raſch und doch wie⸗ der wie ſorgfältig wurde die Oeffnung vergrößert, die der kleine Spielmann entdeckt und in welche er ſich nach kurzer Arbeit mit einem Jubelgeſchrei hinabſchwang! Ein unerhört günſtiges Geſchick hatte Landerer auf die wun⸗ derbarſte Art geſchützt, errettet, und ein ſchwerer Balken, der über ihn hinabgeglitten, war ihm ein Schild geworden vor den nieder⸗ ſtürzenden Steinen, die ihn ſonſt unfehlbar zerſchmettert haben würden. Nur einer hatte ihn ſo heftig an die linke Schulter ge⸗ troffen, daß er nicht im Stande war, den Arm zu erheben; ob gelähmt oder gebrochen, wer fragte darnach bei der überſtandenen Lebensgefahr, und konnte ſich doch der junge Zuave, ohne geführt zu werden, nach dem in der Nähe gelegenen Ospedale di San⸗ Spirito begeben, wo die ſorgfältige Unterſuchung des Arztes ihm zu ſeiner großen Freude die Gewißheit gab, daß ſein Arm nicht Unter den päpſtlichen Zuaven. 215 gebrochen, ſondern durch den herabſtürzenden Stein nur vorüber⸗ gehend gelähmt worden ſei. Der kleine Horniſt leiſtete ihm getreulich Geſellſchaft und brachte die meiſten ſeiner Freiſtunden bei ihm zu; hier in dem ſtillen Lazareth eine gerne geſehene Geſellſchaft, da er von außen herein manche Neuigkeit in dieſe abgeſchiedenen Räume trug. Rom fing an für die Fremden ſehr unangenehm zu werden. Die Hitze ſtieg von Tag zu Tag und die Nächte brachten keine Kühlung. Der italieniſche Himmel, von deſſen unveränderlichem, reinem, tiefem Blau unſere Dichter und Proſaiker ſo viel zu erzählen wiſſen, zeigte ſich auch jetzt unbewölkt, aber von erſtickenden Sci⸗ roccodünſten überzogen, kränklich, blaß, ohne Leben und Bewegung, bleichſüchtig, verdrießlich, und erſt die Campagna und die Gärten in und um Rom, wo man keinen Grashalm mehr ſah, der nicht zu Heu gedörrt war, wo ſelbſt die immergrünen Bäume und Sträucher mit den kräftigen Blättern dürrſtaubig und ſonnverbrannt ſind, wo das ganze Bild des üppigen Südens, wie es in unſerer Phantaſie lebt, keine Aehnlichkeit mehr hat mit der Wirklichkeit des Alles verzehrenden Sonnenbrandes. Und erſt ſo ein ſchwer⸗ müthiger Scirocco da, wo der heiße Wind alle Sehnen erſchlafft und ſelbſt unſere geiſtigen Funktionen hemmt, wo man ſich kaum entſchließen kann, das Haus zu verlaſſen, und ſich doch wieder müde und matt davonſchleicht in der Hoffnung, draußen einem erfriſchen⸗ den Hauche zu begegnen, wo man der aria cattiva wegen ſelbſt vor der kühleren Nachtluft die Fenſter verſchließt. In ſolcher Zeit denkt man gewöhnlich verdrießlich in einer unbeſchreiblichen Sehn⸗ ſucht nach dem Norden mit ſeinen friſchen grünen Buchen⸗ und Eichenwäldern, ſeinen murmelnden Quellen, ſaftig⸗grünen Wieſen und an die leuchtende Fläche maleriſch gelegener Seen, deren Waſſer⸗ ſpiegel von erfriſchendem Lufthauche gekräuſelt wird. Auch Landerer dachte in ſolchen Tagen, die ſich zu Wochen aneinander reihten, mit unbeſchreiblicher Sehnſucht an ſeine heimat⸗ 216 Unter den päpſtlichen Zuaven. lichen grünen Berge, beſonders aber an jene ihm unvergeßliche Abendfahrt auf dem See, wo er ſie zum erſten Male geſehen. Das Hoſpital hatte er ſchon längſt wieder verlaſſen, war aber noch nicht im Stande, Dienſte zu thun, da in ſeiner Schulter noch eine Schwäche zurückgeblieben war, weßhalb er den Arm noch in einer Schlinge trug und Muße genug gehabt hätte, ſeine Spaziergänge und Nachforſchungen wieder aufzunehmen. Doch fühlte er ſich in keiner Weiſe dazu aufgelegt; denn die betäubende Hitze drückte ihn nicht nur wie jeden Anderen nieder, ſondern hatte auch alle Frem⸗ den von Rom verſcheucht, wozu auch noch das immer merkbarer werdende Auftreten des furchtbaren Geſpenſtes kam, von dem Dr. Bucher an jenem Abende geſprochen. Ja die Cholera hatte ſich in Rom eingeniſtet, und wenn ſich die Zurückgebliebenen auch immer noch ſcheuten, von einer Epidemie im ſchlimmſten Sinne des Wortes zu reden, ſo waren doch die maſſenhaft ſporadiſch in allen Theilen der Stadt auftretenden Erkrankungen zahlreich genug, um Angſt und Schrecken zu verbreiten. Wer immer konnte, floh aus Rom nach den Bergen, doch kamen auch dort in verſchiedenen hoch und geſund gelegenen Orten verdächtige Krankheitsfälle vor, weßhalb aus dem Palazzo des Buon governo in verſchiedene Ortſchaften Aerzte, Arzneimittel, Lazarethmittel abgeſandt wurden; Vorſichts⸗ maßregeln, welche von Allen dankbar aufgenommen wurden, mit Ausnahme von Albano, deſſen Municipium mit dem Beifügen ab⸗ lehnte, daß Albano in ſeiner hohen geſunden Lage, erfriſcht vom Waſſer ſeiner herrlichen Seen und dem Hauche ſeiner uralten majeſtätiſchen Bäume, wohl gar nichts von der Krankheit zu be⸗ fürchten habe, wie es ja auch wohl aus den eben angeführten Gründen bis jetzt bei den furchtbarſten Epidemieen ſtets verſchont geblieben ſei. Und wer die reizende, geſunde Lage von Albano kennt, ſeine elaſtiſche friſche Luft, ſeinen Quellenreichtum, ſeine herrlichen Schatten ſpendenden Bäume, der mochte wohl mit der Anſicht des Gemeinde⸗ Unter den päpſtlichen Zuaven. 217 raths einverſtanden ſein und es für richtig finden, die zahlreich hier zuſammengeſtrömten Fremden nicht durch unnöthige Vorſichts⸗ maßregeln zu beunruhigen. Und zu dieſen Fremden hatte Roms hohe und höchſte Welt natürlich das zahlreichſte Kontingent geſtellt. Hier befand ſich ein König und eine Königin, Prinzen, Fürſten und Herzoge, Kardinäle und Prälaten, reiche Bankiers, hohe Beamte und angeſehene Kaufleute. Dazu kamen auch fremde Reiſende und Touriſten, Deutſche, Eng⸗ länder, Franzoſen, Ruſſen, die theils von Rom ebenfalls nach Albano gegangen waren, oder die ſich aus den bedrohten Orten der Gebirge zuſammengefunden hatten. Daß dabei ſowohl Albano als das benachbarte Arricia überfüllt waren, bedarf kaum der Erwähnung, ja die reichſten und vornehmſten Perſonen mußten ſich hier mit Räumen begnügen, welche ſie in ihren Paläſten und Villen wahr⸗ ſcheinlich zu beſchränkt und gering für ihre Dienerſchaft gehalten hätten. Warum ſich auch hier nicht behelfen, hier, wo man in guter, geſunder Luft mit einer allenfalls verzeihlichen Behaglichkeit die Berichte las, wie unheimlich das finſtere Geſpenſt durch die öden Gaſſen Roms ſchritt! Wenn man hier, im Schatten hundert⸗ jähriger Steineichen tiefaufathmend, fernhin in einer ungeheuren Linie die entzückenden Buchten des Meeres ſchaute oder hinabblickte auf den tiefblauen Albanerſee, der dort ſo geheimnißvoll verſteckt in der Tiefe der maleriſchen Bergwände liegt, und wenn man als⸗ dann das Auge wandte auf die in der Hitze flimmernde, verbrannte Campagna oder auf die reiche Stadt ſelbſt, die fernab tief am Horizonte lag, nur kennbar durch die hervorragende Kuppel von Sankt⸗Peter und eine mißfarbige, miasmengeſchwängerte Dunſt⸗ wolke. Allerdings unterhielt man ſich hier oben bedauernd und theilnehmend über die Leiden unglücklicher Mitmenſchen, doch konnte dabei mancher elegante Kavalier und mancher wohlgenährte Prälat, während er langſam die fetten, beringten Finger über einander rieb, ein leichtes Achſelzucken mit der Bemerkung nicht unterdrücken, 218 Unter den päpſtlichen Zuaven. daß Jeder es ſich ja ſelbſt ſchuldig ſei, in ähnlichen ernſten Fällen protegit Dominus.« Und trotz mancherlei Unbequemlichkeiten ließ es ſich hier oben in Albano ſchon aushalten; beſonders in den frühen, friſchen Morgenſtunden und für die vornehme Welt namentlich Abends, wenn des Tages Laſt und Hitze verſchlafen, verträumt, verplaudert, auch vielleicht verſpielt war, und wenn man ſich nach eingenomme⸗ nem Pranzo in den ſogenannten Gallerieen zwiſchen Albano und Caſtel Gandolfo erging. Es ſind dieſe Gallerieen zwei großartige Alleen der ſchönſten, üppigſten, uralten, immergrünen Eichen, eine obere und eine untere, und ſpaziert man gewöhnlich durch letztere nach dem Caſtel Gandolfo, häufig der Landſitz des Papſtes, hinauf, um alsdann durch die höher gelegene der weiten Ausſicht wegen zurückzugehen. Und welche entzückende Ausſicht hat man hier oben! Zur Seite in der grünen Tiefe der runde, hochblaue, kaum bewegte Spiegel des Albanerſees, in einem Keſſel von lachenden Wäldern, untermiſcht mit maleriſchen Felſen, dahinter aufſteigend der Monte Cavo, der höchſte Gipfel des Lateinergebirges, deſſen Kloſter von hier aus wie ein weißes Pünktchen erſcheint, tief unter dieſem an der Bergwand, die den See einſchließt, der ſchattige Waldweg zum Kloſter Palazzuolo, das ſo reizend verſteckt zwiſchen Büſchen und Laubgewölben in den See hinunterblickt; weiterſchreitend haben wir alsdann einen Blick auf die blauen Sabinerberge, auf die ſcharfe leuchtende Linie des Meeres, und dann taucht vor uns über mächtige Kloſtergebäude, über grünbewachſene, antike Mauerbogen zwiſchen Pinien und Cypreſſen der liebliche Thurm von Albano hervor, ſowie nach und nach die weißen Häuſer mit den flachen Dächern am Abhang des Berges, zwiſchen blühenden Gärten gelegen, und dann breitet ſich vor uns aus die weite Campagna in ihrer traurigen graugelben Färbung, vielleicht ein wenig belebt durch die dunklen Schatten fliehender die nothwendigen Vorſichtsmaßregeln anzuwenden:»Prudentes — Unter den päpſtlichen Zuaven. 219 Wolken, zu denen man ſehnſüchtig, aber vergeblich nach Regen aufſchaut. Beſonders in dieſen Tagen waren die Blicke der Hunderte von Spaziergängern in den Gallerieen hoffend auf die kleinſte Wolke gerichtet, welche am Horizonte auftauchte, und die Möglichkeit eines erfriſchenden Gewitters bildete begreiflicher Weiſe einen Hauptgegen⸗ ſtand aller Geſpräche. Wenn man ſich hier auch in behaglicher Sicherheit fühlte, ſo hatte man doch Mitgefühl für ſeine leidenden Nebenmenſchen, und wie viel lebten in Rom nicht Verwandte oder theure Freunde! Da war an einem Abend ſelbſt in den kühlen Gallerieen der ſchwere Hauch des Scirocco außerordentlich fühlbar, und es ſtrich durch die matt flüſternden Blätter der rieſigen Eichen eine heiße, ſeltſam beklemmende Luft, in ihrer ängſtlichen Schwere ſo unge⸗ wohnt für dieſe luftigen Höhen, daß mancher der Spaziergänger früher als ſonſt ſeine Wohnung aufſuchte, und daß die dunklen Alleen zu ungewöhnlicher Stunde in ſchweigender Einſamkeit lagen. — So recht geeignet für den furchtbaren Einzug der ſchrecklichen Geißel, die ungeahnt in mitternächtiger Stunde auf den unheim⸗ lichen Flügeln eines immer drückender werdenden Windhauches heranſchwebte.—— Ja ohne ſich vorher anzukündigen, ungeahnt— denn alle die geſunden, argloſen, in ihrem Aſyl zufriedenen Menſchen waren mit dem Wunſche eines heiteren Wiederſehens von einander ge⸗ ſchieden, Viele von ihnen erblickten weder das heitere Licht des Tages wieder, noch das Antlitz lieber Freunde; viele der Hände, welche zum Abſchiede einen herzlichen Druck ausgetauſcht, waren erſtarrt und verkrümmt, noch ehe die Morgenſonne ſich glühend aus dem fernen Meere erhob.———— Denn noch in dieſer Nacht hatte Albano achtzig Cholerakranke und, ſchreckliche Wahrheit, faſt eben ſo viele Leichen. Wer iſt im Stande, das namenloſe Entſetzen aller Derer zu — 220 Unter den päpſtlichen Zuaven. fühlen oder zu ſchildern, die in der Nacht erweckt wurden durch jammernde Klagen zu ihrer Rechten, zu ihrer Linken, oben und unten, im Nebengemach ihres Schlafzimmers, vor ihrer Kammer⸗ thür, in ſchrecklicher Ungewißheit, welch' furchtbarer Feind nächtlicher Weile über die arme Stadt hereingebrochen ſei? und als ſie mit dem Grauen des Tages Gewißheit erhielten, war dieſe Gewißheit der troſtloſeſten Art. Wer konnte entfliehen, da es an irgendwie genügenden Transportmitteln fehlte, wer vermochte es, bei der Wiſſenſchaft Schutz zu ſuchen, da faſt keine Aerzte da waren, und da es an den nothwendigſten Arzneimitteln, an Allem fehlte?— Am nächſten Tage vergrößerte ſich die Anzahl der Kranken und der Todten, die Seuche trat in ihrer furchtbarſten, unerbittlichſten Ge⸗ ſtalt auf. Sie erſchien faſt nur in raſch tödtenden Fällen. Wenige Stunden reichten hin, um einen Geſunden mörderiſch zu überfallen und todt hinzuſtrecken. Alle Häuſer ſchloſſen ſich, alle Geſchäfte ſtockten. Selbſt die nothwendigſten Lebensmittel, ſelbſt Brod, war kaum mehr und ungenügend zu bekommen. Das alles erzeugte in der erſten ſchrecklichen Ueberraſchung eine Alles lähmende Un⸗ thätigkeit. Jeder erwartete hülflos den furchtbaren Schlag, der vielleicht vor einer Stunde ſeinen Freund betroffen, doch es über⸗ dauerte dieſe moraliſche Erſtarrung nicht den ganzen Tag, um alsdann dem fieberhaften Drange, dem verpeſteten Orte zu ent⸗ fliehen, Luft zu machen. Aber wie entfliehen und wohin? Die Bahnzüge hielten nicht mehr an der unterhalb des Ortes gelegenen Station, ſondern überließen die Stadt ihrem Schickſal; Alles, was an Pferden und Wagen verfügbar war, hatten die Aengſtlichſten und Reichſten ſchon in den erſten Stunden beim Ausbruch der Krank⸗ heit mit Beſchlag belegt. Und ſo kam es denn, daß vornehme Leute, Prälaten und höhere Kirchenfürſten, welche im gewöhnlichen Leben ſelten oder nie zu Fuß gingen, den Stab in die Hand nah⸗ men, ja ſich ſelbſt mit den nothwendigſten Habſeligkeiten beluden, um in den nächſtgelegenen Orten, in Caſtel Gandolfo, in Genzano, Unter den päpſtlichen Zuaven. 221 Nemi, vor Allem aber in dem bis jetzt von jedem Krankheitsfall verſchont gebliebenen, eben ſo reizend als geſund gelegenen Arricia Unterkunft zu ſuchen. Doch hierhin war nicht ſobald die Kunde von den Vorfällen in Albano gedrungen, als ſich die Bewohner zuſammenthaten, Wachen mit geladenen Gewehren aufſtellten und ſo einen ſichern Kordon aufſtellten, bei dem keine Bitte, kein Par⸗ lamentiren half, und wo die Unglücklichen, Schutz und Hülfe ſuchend, unter Androhung von Schüſſen zurückgetrieben wurden und man ihnen hiernach die Wahl ließ, nach Albano zurückzukehren oder den weiten Weg nach Rom einzuſchlagen, oder ſich in verlaſſenen Ge⸗ bäuden, Weinbergshäuſern u. dgl. aufzuhalten und ein paar Tage, bis weitere Hülfe kam, von dem Wenigen zu leben, was die Ge⸗ meindebehörden an Brod und Wein gutwillig außerhalb ihres Kordons niederlegten. Fremde, die arglos in dieſen erſten Tagen nach Albano kamen, waren glücklich, mit ihren müden Poſtpferden unter Bezahlung der drei⸗ bis vierfachen Taxe wieder umkehren zu können; wogegen eine Familie, die aus Neapel in ihrer vorher beſtellten Wohnung in Albano eintraf, erſt von ihrem Zimmer Beſitz genommen hatte, nachdem ſich Andere ihrer Pferde ſchon be⸗ mächtigt, und eben im Begriff war, ſich zu einem ſpärlichen Mit⸗ tageſſen niederzuſetzen, als ſie durch eine lange Reihe von Todten, die vorübergetragen wurden, ſo auf die ſchauerlichſte Art zu ihrem Entſetzen Kunde erhielt von den Vorfällen in der unglücklichen Stadt. Dieſe Familie, vornehme und reiche Leute,— denn ſie reisten in Begleitung eines Kammerdieners, einer Kammerfrau und zweier italieniſcher Bedienten, die ſie in Neapel angenommen hatten,— beſtand aus einem etwas kränklich ausſehenden Herrn und einer auffallend ſchönen, jungen, bleichen Dame, welche aber von Allen am gefaßteſten erſchien und ihrem Gemahl dringende Vorſtellungen machte gegen die von demſelben ſogleich beſchloſſene ſchleunige Flucht aus dem verpeſteten Orte. Doch hatte dieſer ſo gänzlich die Faſſung verloren, daß er ſich augenblicklich der Leitung 222 Unter den päpſtlichen Zuaven. eines italieniſchen Bedienten überließ, welcher, aus Caſtel Gandolfo gebürtig, dort für ſeine Unterkunft zu ſorgen verſprach. Man ließ das Mittageſſen unberührt, man ließ die ſchweren Reiſekoffer zurück, Herrſchaft und Diener beluden ſich nur mit dem Nothwendigſten, verſchloſſen die Zimmer und flohen, die Schlüſſel mit ſich nehmend, gegen Caſtel Gandolfo. Der Wirth ſowie die übrigen Bewohner des Hauſes achteten kaum auf ſie in der allgemeinen Verwirrung, bei dem Entſetzen, verurſacht durch die niederſchmetternden, ſicher treffenden Schläge des Todes, die nicht Alter, nicht Jugend, nicht Arm, nicht Reich verſchonten, denen ſowohl der Bauer als der wohlhabende Kaufmann und Gutsbeſitzer, reiche Fremde, Herren und Grafen, Fürſten, Prinzen aus königlichem Geblüt, ein Kardinal und eine Königin zum Opfer fielen. Selbſt in Rom verbreiteten die eingelaufenen Nachrichten ein dumpfes Entſetzen, und die Regierung vermochte nicht mehr auf gewöhnlichem Wege Hülfe zu ſpenden dem ſo ſchrecklich heimgeſuchten Orte, deſſen Aerzte, Apotheker, Todtengräber theils geſtorben, theils geflohen waren. 1 In dieſen Tagen befand ſich Landerer mißmuthig auf ſeinem Zimmer; denn die Unthätigkeit, in die ihn ſein immer noch ge⸗ ſchwächter Arm verſetzte, brachte ihn in die übelſte Laune; kaum war er im Stande, ſich ſelbſt wieder anzukleiden; aber vergebens hatte er ſchon ein paar Mal verſucht, das ſchwere Gewehr zu handhaben. Der kleine Horniſt, welcher einige Aufträge für ihn beſorgt hatte, wiſchte ſich den Schweiß von der triefenden Stirne und ſagte mit ſeinem gewöhnlichen pfiffigen Lächeln:„Ich habe ſchon oft erfahren, daß das, was uns ein Unglück dünkt, häufig zum Heile über uns gekommen iſt.“ „Wenn Du in Deiner Weisheit meinen Zuſtand meinſt,“ er⸗ wiederte der junge Zuave barſch,„ſo möchte ich mir darüber eine Aufklärung ausbitten; oder“—— ſetzte er mit einer unmuthigen Unter den päpſtlichen Zuaven. 223 Handwegung hinzu,„ſchweige lieber ſtill, denn ich bin nicht gelaunt, Dummheiten zu hören.“ „Es ſind aber dießmal ganz und gar keine Dummheiten,“ erwiederte der Andere, während er auf eine trübe Stelle des Ge⸗ wehrlaufes hauchte und dieſe dann eifrig mit dem Aermel polirte. „Es geht etwas vor bei den Zuaven, und wenn ich als geſunder Spielmann gerade nicht mit dabei zu ſein brauchte, würde ich mir im Grunde nicht viel daraus machen.“ „Nun denn, was geht vor, wenn's beliebt?“ „Sämmtliche Kompagnieen ſind beordert, heute Abend mit Sack und Pack feldkriegsmäßig ausgerüſtet vor der Porta San⸗ Giovanni zuſammenzutreten, wobei extra noch an die ſtärkſten Leute Hauen und Schaufeln vertheilt werden.“ „So gilt es einen nächtlichen Schanzenbau?“ „Das weniger; ſo viel ich unter der Hand erfahren habe, und ich erfahre znuweilen etwas unter der Hand, ſollen die Zuaven auf höheren Befehl für eine Zeit lang nach Albano verlegt werden.“ „A— a— a— ah,“ ſagte Landerer aufmerkſam werdend, „und zu welchem Zweck?“ „Nun, um droben etwas Ordnung zu halten, ſowie um als Krankenwärter, Todtengräber u. dgl. zu dienen.———— Habe ich da nicht Recht,“ fuhr er nach einer Pauſe mit dem frühern pfiffigen Lächeln fort,„wenn ich vorhin ſagte: ein Unglück ſei zu⸗ weilen ein Glück für uns?—— Nur Die, welche auf der Krankenliſte ſtehen, bleiben zurück.“ „Ah, darin haſt Du recht,“ verſetzte der junge Zuave, indem ſich ſeine Blicke belebten,„wann ſagſt Du, treien die Kompagnieen zuſammen?“ „Eine Stunde vor Ave Maria.“ „So iſt keine Zeit zu verlieren. Komm, hilf mir die Kuppel meines Säbels ſchließen. Haſt Du Alfons nicht geſehen, unſern Unteroffizier?“ 224 Unter den päpſtlichen Zuaven. „Er war ſoeben drunten im Hofe.“ „So reiche mir meine Mütze, die Du unnöthiger Weiſe ein⸗ geſchloſſen.“ Damit eilte Landerer raſch in den Hof hinab, wo er nicht nur ſeinen Unteroffizier und Freund Alfons traf, ſondern auch die Offiziere der Kompagnie, welche im leiſen Geſpräch mit ernſten Mienen beiſammen ſtanden. „Iſt es wahr, was ich gehört?“ „Per Bacco, nur zu wahr! Du kannſt Dir gratuliren. Ja, wenn es gegen einen anderen, greifbaren Feind ginge, ſo müßte ich Dich aufrichtig bedauern.“ „Nun denn, Herr Unteroffizier,“ entgegnete der Andere lächelnd, indem er ſeine Hand zu ſoldatiſchem Gruß an die Mütze legte, „da ich mich auf dieſe Art von Ihrem Wohlwollen auf's Neue überzeuge, ſo werden Sie auch nichts dagegen haben, wenn ich, mich Ihnen hiermit als geſund, wenigſtens für gewiſſe Dienſt⸗ leiſtungen als vollkommen tüchtig melde.“ „Geh', Du biſt ein Narr, oder Deines Lebens ganz un⸗ nöthiger Weiſe überdrüſſig.“ „Wollen mir der Herr Unteroffizier die Erlaubniß geben, mich bei dem Zugführer geſund zu melden?“ „Meinetwegen beim Teufel,“ verſetzte der Andere, ihm den Rücken drehend. 4 Der Lieutenant des Zugs nahm die Meldung Landerer's min⸗ der ſchroff auf, ja er betrachete ihn mit einem wohlwollenden Blicke, während er erwiederte:„Ich habe nichts dagegen, daß Sie gerade heute eintreten, doch kommen Sie mit mir zum Kom⸗ pagniechef, ich werde ihn erſuchen, daß er Sie wegen Ihres be⸗ ſchädigten Armes als Gefreiter mitgehen läßt. Wir können zu dieſer Expedition beherzte und intelligente Leute brauchen; und was Ihr Gepäck anbelangt, ſo werfen Sie es auf einen der Bagagewagen.“ Unter den päpſtlichen Zuaven. 225⁵ Da der Hauptmann begreiflicher Weiſe nicht das Geringſte einzuwenden hatte gegen die Einſtellung des ihm ſo wohl und vortheilhaft bekannten jungen Zuaven als Gefreiten, ſo meldete er ſich gleich darauf in dieſer Eigenſchaft bei ſeinem Unteroffizier und Freunde, und entgegnete auf deſſen Achſelzucken:„Sei nicht ſo egoiſtiſch und laß mich auch dieſe Gefahr mit Euch theilen,“ worauf ihm der Andere freundlich die Hand ſchüttelte. Die Sonne ſchwebte noch eine Spanne breit über die tief dunkle Kuppel von Sankt⸗Peter, als der Zug, zu dem Landerer gehörte, gegen die Porta San⸗Giovanni auf demſelben Wege mar⸗ ſchirte, welchen die päpſtlichen Freiwilligen am Abende ihrer An⸗ kunft zum erſten Male gegangen waren. Da war der Monte Cavallo mit ſeiner Fontaine, dann kamen ſie an der Bafilica Santa⸗Maria Maggiore vorüber, und hier wandte ſich mancher Blick rückwärts und blieb an der finſteren Maſſe des Coloſſeums hängen, die ſo ſcharf gezeichnet auf dem hell leuchtenden Abend⸗ himmel erſchien; betrachtete auch wohl zum letzten Male den Thurm des Kapitols und die ferne Peterskuppel, um dann ſchweigend weiter zu ziehen; wenn man auch gerade keine finſteren Mienen ſah, ſo bemerkte man doch einen ernſten Ausdruck auf manchem Geſicht, welches ſonſt nur heiter dreinzuſchauen pflegte, und es waren gute und ſchlechte Witze, ſowie Scherzreden aller Art ſeltener als ge⸗ wöhnlich. Nur der kleine Horniſt an der Spitze ſchien ſeine gute Laune beibehalten zu haben und ſagte zu einem Gefreiten, der dicht hinter ihm ging:„Wenn ich nicht blaſen darf, ſo hätte man mir ſtatt des Hornes lieber einen Pflaſterkaſten auf den Rücken hängen ſollen; da wäre ich doch zu etwas nützlich geweſen. Ueberhaupt begreife ich nicht, warum die Kompagnieen nicht auf dem ſpani⸗ ſchen Platz zuſammentraten, dort von Charette unſere Rede er⸗ hielten, welche auch die Römer hätten mit anhören können, und daß wir von da mit klingendem Spiele zum Thore hinausmarſchirt wären.“ Hackländer's Werke. 15⁵ 50. Bd. 8 226 Unter den päpſtlichen Zuaven. „Naiſonnire nicht über Alles, kleiner Rattenfänger,“ ſagte der Unteroffizier Alfons,„wenn man edle Thaten ausübt, wie wir im Begriffe ſtehen zu thun, ſo poſaunt man das nicht vorher in alle Welt.— Was aber ein paar paſſende Worte anbelangt,“ wandte er ſich an Landerer,„ſo werden die Leute ſie zu Nutz und Frommen, hoffe ich, draußen zu hören bekommen.“ Da war die Porta San⸗Giovanni, und auf der Via Appia Nuova, eine kleine Viertelſtunde von der Stadtmauer entfernt, be⸗ fanden ſich ſchon einige Zuavenkompagnieen, andere folgten und bald war das ganze Korps beiſammen, eine ſchöne, gut ausſehende Truppe, alle dieſe jungen Leute in voller Kraft und Geſundheit, und auch ſelbſt jetzt willig und bereit, dem Kommandoworte zu folgen,— jetzt, wo es nicht galt, einen lebendigen Gegner mit gleichen Waffen zu bekämpfen, ſondern wo man faſt wehrlos einem furchtbaren, unheimlichen, geſpenſterhaften Feinde entgegenging. Soldaten und Unteroffiziere wußten begreiflicher Weiſe, um was es ſich handelte; und jetzt nachdem ſie die Stadt im Rücken hatten, die dunſtig heißen Straßen, als ſie keinen Leuten mehr be⸗ gegneten, die ſie theils mit erſchreckten, theils mit mitleidigen Mienen betrachteten, als ſie hinter ſich gelaſſen ihre kleinen Ver⸗ bindungen der verſchiedenſten Art, als ſie nun hier neben einander ſtanden, Alle mit den gleichen Waffen, Alle mit faſt gleichen Ge⸗ fühlen, Alle gleich fürchtend, gleich hoffend, da war es gerade, als habe ſich das ſchwere Gefühl, welches die Seele jedes Einzelnen be⸗ laſtete, auf Alle gleich vertheilt und damit auch Alle gleich er⸗ leichtert; damit kehrte auch die kecke Laune des jugendlichen Ueber⸗ muthes wieder, und durch die Reihen flogen Bemerkungen und Witze, ſelbſt den düſtern Feind betreffend, die faſt als übermüthige Herausforderung klangen in dem Munde von Leuten, die bereit waren, des Todes kalte Hand mit ruhiger Ueberlegung auch in dieſer ſchrecklichen Geſtalt zu ergreifen. 3 Einige gutgewählte, freundliche und wohlmeinende Worte, die Unter den päpſtlichen Zuaven. 227 Charette, der Kommandant der Zuaven, ein tapferer Mann, an die Truppen richtete, wobei er, ſeinen langen blonden Bart ſtreichend, beſonders hervorhob, daß bei dem allerdings ungleichen Kampfe, dem ſie entgegengingen, Offiziere wie Soldaten mehr noch wie bei jedem anderen Gefechte die gleiche Berechtigung hätten, von dem Feinde mit Auszeichnung behandelt zu werden, daß es aber dieß⸗ mal an ihrem ſchon bewieſenen Muthe nicht genug ſei, daß man Bundesgenoſſen zu Hülfe nehmen müſſe, nämlich Mäßigkeit, Klug⸗ heit und Geduld, Freunde, die dießmal verläßlicher ſeien als die Kugeln und das Haubajonnet. Und nun wer rauchen will, ſoll rauchen und ſingen wer mag.„Bataillon, vorwärts, marſch!“ Dahin zog die kleine Kolonne in bequemem Schritt, vor ſich die weite Campagna, ungewiß beleuchtet im Wiederſchein des glühenden Abendhimmels, hinter ſich die immer großartiger werdende Silhouette der ewigen Stadt, prächtig und majeſtätiſch von Oſten nach Weſten über ſeine Hügel hingelagert, eine ungeheure Strecke von Santa⸗Croce bis hinunter zur Peterskuppel und zu den Gärten, Villen und Pinienwäldern des Janiculus. Anfangs flog mancher Blick ſeitwärts und dorthin zurück, und wenn hie und da einer der jungen Offiziere ſtehen blieb, um ſeine Cigarre anzuzünden, ſo unterließ er nicht, auf Augenblicke über die kleine bläuliche Rauchwolke hinweg nach der Richtung zu ſchauen, wo der Monte Pincio war, der ſpaniſche Platz und der Corſo. 6 Und dann wieder munter vorwärts; was für den Soldaten dahinten blieb, hüllte ſich in Nacht und Dunkelheit, vielleicht auch in ewiges Vergeſſen.— Deßhalb vorwärts.— Gab es doch auch 5 hier in der Campagna im Zwielicht des Abends noch immer des Intereſſanten genug, welches betrachtet ſein wollte, an deſſen groß⸗ 3 artige Vergangenheit man wenigſtens denken konnte, wenn man es in unſichern Umriſſen, rechts und links vom Wege emporragen ſah. So der Bacchustempel mit ſeinem immergrünen Haine, mit der ————— 228 Unter den päpſtlichen Zuaven. Grotte der Egeria, bei der man ſich jetzt während der Dämmerung Mancherlei hätte denken können, wenn uns die Gelehrten nicht darüber in's Klare geſetzt hätten, daß die Geſchichte von Numa Pompilius und der Nymphe leider nur eine Fabel ſei. Da ragten auch die impoſanten Trümmer des Circus des Caligula empor. Alfons, der neben Landerer ſchritt, ſagte, mit der Spitze des Hau⸗ bajonnets dorthin weiſend:„Heute macht mir der Anblick jenes Amphitheaters, wo das kaiſerliche Stiefelchen ſeine Menſchen⸗ und Thierhetzen hielt, einen ganz beſonders düſtern Eindruck; wer weiß, wie viele unſerer glorreichen Vorfahren uralter Zeit ebenfalls in dieſer Richtung geführt wurden, um vielleicht beim morgigen Kampf⸗ ſpiele zur Unterhaltung des Cäſars zu bluten. Morituri te salu- tant,“ ſagte der junge, ſonſt ſo lebensluſtige Mann mit einem ſo ahnungsſchweren Ausdrucke in der Stimme, daß Landerer ihn be⸗ ſtürzt anblickte, als er hinzuſetzte:„Sind wir vielleicht beſſer daran als Jene?“ „Woher dieſe düſtere Laune?“ „Vielleicht der Ausdruck eines zu plötzlichen Umſchlages aus dem Gegentheile. Ich war nie ſeliger gelaunt als heute Morgen.“ „Hatteſt Du Urſache dazu?“ „Vollgültige; marſchiren wir ein paar Schritte ſeitwärts von der Kolonne; ich habe keine Geheimniſſe vor Dir. Du kennſt meine Verhältniſſe in der Heimat, die mich forttrieben. Ich hatte heute Morgen Briefe von dort; ich kann noch einer der gliücklichſten Menſchen unter der Sonne werden, wenn—— doch gleichviel,“ unterbrach er andere, ſeinen Kopf durchkreuzende ſchwerere Ge⸗ danken;„wer will mir verbieten, zu hoffen,— ſie iſt frei,— frei,— frei,— ihr Gatte, dem ſie gezwungen die Hand gab, unterlag einer raſch verlaufenen Krankheit, dieſe Felſennatur.“ „Nun denn, bei allem anſtändigen Mitgefühl für den Ver⸗ ſtorbenen verſtehe ich doch Deine düſtere Miene nicht.“ „Wie ſchon geſagt, ich war während des ganzen Tages ſelig, — Unter den päpſtlichen Zuaven. 229 unausſprechlich glücklich. Ja bis noch vor einer halben Stunde, wo aus einem Gemäuer an der Straße ein Käuzlein ſchreiend auf⸗ flog und dann jener düſtere Spruch plötzlich vor meiner Seele ſtand: ‚Morituri te salutant.““ „Nun ja, nun ja. Zu einer ſolchen Ideenverbindung kann der nächtliche Marſch, dort die gewaltigen Trümmer, die finſteren Geſpenſter, welche um unſer Reiſeziel, das arme Albano, ſchweben, das Ihrige beitragen.“ „Ahnungen, mein guter Landerer;— wenn ich auch bis jetzt Allem mit kühlem Blute entgegengegangen bin; aber jetzt da oben zu ſterben, ohne ſie, ohne die Heimat wiedergeſehen zu haben; es wäre hart für mich,— es wäre furchtbar,— wäre entſetzlich.“ Seine Stimme bebte, während er dieſe Worte ausſtieß, ſo daß Landerer ſich veranlaßt ſah, ihm ſeine Hand auf die Schulter zu legen und in aufmunterndem Tone zu ſagen: „Sei geſcheidt, Alfons; verjage dieſe traurigen Gedanken, wo⸗ zu wir Alle das gleiche Recht hätten; denn wie unſer tapferer Kom⸗ mandeur vorhin ſagte: ‚Jeder von uns hat mehr als je die Chance, vom Tode mit Auszeichnung behandelt zu werden.““ „Ja, ja, und nicht einmal im luſtigen Gefecht durch eine da⸗ herfliegende Kugel im offenen Feld unter dem ſchönen blauen Himmel. Nein, nein, ſondern vielleicht recht heimlich und verrätheriſch durch eine tückiſche Krankheit.“ „Ha, Grillen.“ „Meinetwegen— Grillen.— Aber da Alles möglich iſt, ſo verſprich mir, in einem gewiſſen Falle ſogleich meine Brieftaſche zu Dir zu nehmen und an die Adreſſe zu befördern, die Du auf dem erſten Blatte verzeichnet findeſt.“ 1 „Nun denn, zugeſtanden in dem Falle, der uns Alle treffen kann; doch muß ich Dich in einem ähnlichen Fall um einen Gegen⸗ dienſt bitten. Wichtige Papiere findeſt Du nicht in meiner Brief⸗ taſche, aber die Adreſſe eines deutſchen Profeſſors; und dem ſchreibſt 230 Unter den päpſtlichen Zuaven. Du: Der junge Zuave, dem er zur Bekanntſchaft des trefflichen Pharaonen verholfen— vergiß das nicht—“. „Nein, gewiß nicht—“ „Der junge Zuave, der darauf in Albano u. ſ. w., ſei nicht nur einfach ein Herr Landerer, ſondern ein Graf Landerer.“ „Iſt das Alles?“ „Alles, er wird ſchon wiſſen, was er damit zu machen hat. Doch jetzt laß genug ſein des grauſamen Spiels,“ fuhr Landerer in heiterem Tone fort, machte ihn alsdann zu Aenderung ſeiner Gedankenrichtung auf einen dunklen Punkt zur Rechten aufmerkſam, vielleicht das Grab der Cäcilia Metella, ſowie auch auf Ruinen neuerer und neueſter Zeit, an denen ſie vorüberſchritten, an Trümmer⸗ haufen eines Kaſtells der Colonna, an niedrigen Landhäuſern, ver⸗ ödet und verlaſſen ausſehend mit kahler Umgebung oder zwiſchen jungen kümmerlichen Cypreſſen ſtehend. „Da wäre Raum genug für ein ſtilles und beſcheidenes Leben,“ meinte Alfons nachdenklich,„und wer weiß, ob es nicht klüger von uns geweſen wäre, lieber den Spaten in die Hand zu nehmen, als das Gewehr.“ Jetzt war die Nacht in ihr volles Recht eingetreten, das letzte Leuchten am Himmel, der letzte Schein in der Campagna erloſchen, ſo daß man rings umher nichts mehr ſah, als vielleicht die Bogen des Claudius'ſchen Aquädukts, die wie eine unabſehbare Reihe finſterer Geſtalten daſtanden und die kleine Kolonne an ſich vorüberziehen ließen.— Stiller wurde es in den Reihen der letzteren, man ſah ſelten mehr die Glut einer Cigarre, und bald hatten Scherze, Lieder und Unterhaltungen einem tiefen Schweigen Platz gemacht, unter welchem die Zuaven faſt lautlos dahin marſchirten, bis ſie endlich in der Morgendämmerung vor ſich Caſtel Gandolfo ſahen mit ſeiner hohen Kathedrale, deren Kuppel ſich ſchon deutlich abzeichnete auf dem raſch heller und leuchtender werdenden öſtlichen Himmel. Unter den päpſtlichen Zuaven. 231 Am Fuße des Berges, auf dem Albano liegt, machte die Kolonne halt; hier waren die Bagagewagen, und nachdem man die Gewehre zuſammengeſtellt hatte, wurde die Truppe mit einem guten Kaffee erquickt, und wie die aufſteigende Sonne die Schatten der Nacht verjagte, ſo zerſtreute auch ihr freundliches Licht jeden düſteren Gedanken und man bereitete ſich vor, allerdings mit angemeſſenem Ernſte, aber heiter und wohlgemuth an ſein ſchwieriges Tagewerk zu gehen, welches wir in ſeinen furchtbaren, oft haarſträubenden Einzelnheiten nur ſo weit berühren wollen, als es zum Verlauf unſerer kleinen Geſchichte unumgänglich nothwendig iſt. Mit der glücklichen Unüberlegtheit, ja mit dem Leichtſinne der Jugend warfen ſich die Zuaven in die Geſchäfte der mannigfaltig⸗ ſten, meiſt ſchrecklichſten Art, die ihrer in Albano, dieſem Orte des grenzenloſeſten Jammers, harrten, und obgleich man anfänglich die Unerſchrockenheit, mit der ſie ſich ſowohl dem Dienſte der Todten als auch der Kranken und Geſunden widmeten, mit Furcht, Zweifel, ja mit Abſcheu und Mißtrauen betrachtete, ſo dauerte es doch nur kurze Zeit, bis dieſe heldenmäßige Aufopferung nicht nur anerkannt wurde, ſondern auch als gutes Beiſpiel aneiferte. Die Zuaven bemächtigten ſich augenblicklich des ſo nothwendigen, jetzt ganz verlahmten Betriebes nicht nur der ſtädtiſchen Verwaltung, ſondern auch der häuslichen Ordnung. Während eine Sektion die Todten aufſuchte, ſie ſchleunigſt entfernte und begrub, pflegte eine andere in unermüdlicher Sorgfalt und Liebe unter Aufſicht der Aerzte des Bataillons die ſchweren und leichten Kranken, und hatten wieder Andere die Sorge übernommen für Verpflegung der Stadt, für die Herbeiſchaffung von Lebensmitteln, für das Backen genügend friſchen Brodes, bei welchem einige Zuaven, welche ihres Zeichens Bäcker waren, auf's Bereitwilligſte ſelbſt mit Hand anlegten. Und das alles geſchah in ſo muſterhafter Ordnung, ſo ſtreng geregelt und mit ſo heiterem Willen und gutem Humor, daß dieß auch als gutes Beiſpiel auſ's Erfreulichſte auf die Einwohner wirkte, wobei Unter den päpſtlichen Zuaven. es ein großes Glück zu nennen war, daß gerade die Zuaven, welche ſich auf eben beſchriebene Art ohne Weiteres rückhaltslos der Pflege ſchon Erkrankter widmeten, von der Seuche wunderbar verſchont blieben und faſt gar keinen Verluſt hatten. Landerer erhielt den Befehl, mit einigen Zuaven, zu denen ſich der kleine Horniſt geſellte, Lokalitäten aufzuſuchen für ſolche Kranke, die aus den Häuſern weggeſchafft werden mußten, und die auf⸗ zunehmen bis jetzt Jeder ſich geweigert hatte. In einem paar der beſten Gaſthöfe gab es Platz genug, da es doch den reichen und vornehmen Reiſenden theils gelungen war, Transportmittel zu ihrem Fortkommen endlich zu erhalten, und weil die Zurückgebliebenen ſich glücklich ſchätzten, jetzt nach Arricia überzuſiedeln, deſſen lächer⸗ licher Sanitätskordon ſogleich bei Ankunft der Zuaven aufgelöst worden war. Durch das Vertrauen, welches die braven Soldaten mit ihrem furchtloſen Wirken einflößten, ermuthigt, weigerten ſich auch die Gaſthofsbeſitzer nicht länger, ihre Zimmer zur Aufnahme von Kran⸗ ken zu öffnen, und fand Landerer Räumlichkeit genug zu ſeiner Verfügung, ja er hätte im Albergo di Europa den ganzen erſten Stock zur Verfügung haben können, wenn dort nicht eine Reihe verſchloſſener Zimmer geweſen wäre, zu denen der Wirth, wie er be⸗ hauptete, indem er ſich verlegen am Kopfe kratzte, keine Schlüſſel habe. „Wie ſo, Padrone, keine Schlüſſel?“ „Ja, Signor Sergente, das iſt eine ganz eigenthümliche Ge⸗ ſchichte. Die Zimmer waren von Neapel aus für eine ſehr vor⸗ nehme und ſehr reiche Familie beſtellt. Nur ein Herr und eine Dame, aber große Dienerſchaft, eine Kammerfrau, ein Kammer⸗ diener und noch zwei gewöhnliche Bediente, was, bei der jetzigen Art zu reiſen, ſchon viel ſagen will. Va bene. Sie kamen am erſten Tage des Schreckens, und ich habe ſie gar nicht geſehen, da ich mit tauſend Sorgen anderweitig vollauf zu thun hatte. Meine Tochter Aſſunta führte ſie auf ihre Zimmer und ſorgte dort für —— —— Unter den päpſtlichen Zuaven. 233 ihr Pranzo ſo gut als möglich, bene; als ich eine Stunde ſpäter meinen Reſpekt bezeigen wollte, denn es war eine reiche Familie, die bei der Beſtellung durch ihren corriere vier Wochen voraus⸗ bezahlt hatte, finde ich dieſe Thüre verſchloſſen, wie ſie heute noch iſt. Ora, Alles war verſchwunden.“ „Wovon Ihr Euch durch Oeffnen der Thüre überzeugtet?“ „Ja, im Beiſein des Brigadiere, der zufällig im Hauſe war; ich mußte doch ſehen, ob da drinnen kein Unglück vorgefallen. Aber wie ich ſchon geſagt, Alle waren verſchwunden, nur die ſchweren Koffer zurückgeblieben.“ „Seltſam,— ſo öffnen Sie die Zimmer auf meine Verant⸗ wortung.“ „Und die Koffer, Signor Sergente, ſo wie die andern Effek⸗ ten? denn als gewiſſerhafter Mann ließ ich Alles ſtehen und liegen, ſogar bis auf die gefüllten Weinflaſchen.“ „Die Sie ebenfalls auf meine Verantwortung nun mit ſich fortnehmen können, während wir die anderen Effekten in ein kleines Zimmer zuſammenſtellen.“ „Va bene, siete Padrone.“ Es herrſchte eine eigenthümlich dumpfe Luft in den verſchloſſen geweſenen Zimmern, der kleine Horniſt öffnete raſch die Fenſter, während Landerer die Effekten beſichtigte. Es waren ſchwere, ſchöne Reiſekoffer von gleicher Geſtalt, die zu einem Fourgon zu gehören ſchienen. Alle numerirt, auch etwas leichtes Handgepäck, ein paar zierliche Ledertaſchen, einige Bücher und auf einem Nebentiſchchen ein Schnupftuch. Landerer nahm das feine Gewebe in die Hand und ſuchte mit gleichgültiger Miene nach einer Chiffre oder dergleichen; als er dieſe aber gefunden, nahm ſein Geſicht plötzlich den Ausdruck des höchſten Erſtaunens, ja unverkennbar den des Schreckens an, denn die Chiffre in dem Schnupftuche war ein verſchlungenes C und I. mit einer Grafenkrone darüber. 234 Unter den päpſtlichen Zuaven. „Wie ſahen der Herr und die Dame aus, die hier in dem Zimmer waren?“ rief er dem wieder eingetretenen Wirthe haſtig entgegen. „Ich ſah ſie nicht, Signor Sergente. Aber meine Tochter ſagte mir: er ſei ein ziemlich großer, magerer und kränklich aus⸗ ſehender Herr geweſen, ſie aber—“ „Eine ſchöne, junge, blonde Dame, iſt's nicht ſo?“ „Allerdings, ſo ſagte meine Tochter; ſie habe bleich und traurig ausgeſehen.“ „Um aller Heiligen Willen, wo können ſie hingekommen ſein?“ „Chi lo sa.“ „Könnte ihnen ein Unglück begegnet ſein? könnte ſie die furcht⸗ bare Krankheit fern von dieſem Hauſe überfallen haben, hülflos im Freien, vielleicht in einem elenden Weinberghäuschen? denn in Arricia wurden ſie nicht eingelaſſee——— o, es wäre entſetz⸗ lich.“—— „Es ſind wohl Bekannte von Ihnen, Signor Sergente?“ ſagte der Wirth, indem er den jungen Zuaven mit einem ehrerbietigeren Blicke als bisher anſchaute.„O, ſeien Sie unbeſorgt; ſie waren ja zu Fünf. Das Unglück kann ſie allerdings betroffen haben; aber doch kaum alle Fünf; das wäre ſchwer denkbar.“ „O, es wäre an einem Unglück ſchon genug!“ rief Landerer ſchaudernd aus.—— Dann ſetzte er, ſich raſch an die Anderen wendend, hinzu:„Hurtig, Leute, macht, daß wir bald fertig werden; es gibt noch Anderes zu beſorgen.“ Ja— Anderes, welches ſeine Gedanken ſo völlig in Anſpruch nahm, daß er durch den Ort nach ſeiner Wohnung eilend— das Schnupftuch hatte er auf ſeinem Herzen verborgen— kaum einem der Offiziere Rede ſtand, nicht nur als ihn dieſer um etwas Dienſt⸗ liches fragte, ſondern als er hinzuſetzte:„Ihr Freund Alfons hat leider einen Krankheitsanfall, nicht der ſchlimmſten Art, aber man hat ihn doch in das Krankenhaus Nr. 2 gebracht.“ Unter den päpſtlichen Zuaven. 23⁵ Zu jeder anderen Zeit wäre er augenblicklich dorthin geſtürzt; heute aber erfüllte ihn nur Ein Gedanke, ſie aufzufinden, ihr viel⸗ leicht in Noth und Jammer beizuſtehen; und er eilte nach ſeiner Wohnung, weil ſich in demſelben Hauſe die Station der Gens⸗ darmerie befand, unermüdliche, mit dem Orte und der Umgebung genau vertraute Leute, welche ſelbſt in dieſer ſchweren Zeit Tag und Nacht unterwegs waren; und hier erhielt er die Auskunft: eine Familie, wie er ſie beſchrieb, befände ſich ſeit vorgeſtern in Caſtel Gandolfo. Er brauchte keinen Urlaub nachzuſuchen, um dorthin zu gehen; denn nicht nur war ein Theil des Zuges, zu welchem er gehörte, dorthin beordert, ſondern ein Theil des päpſtlichen Schloſſes war zur Aufnahme von Kranken beſtimmt worden, und die Beſichtigung auch dieſer Lokalitäten konnte er ohne Weiteres in ſeinen Geſchäfts⸗ bereich hineinziehen. Er eilte durch die untere Gallerie, und wie er im Schatten der mächtigen Bäume raſch dahinſchritt, ſpürte er einen lange nicht gefühlten erquickenden Hauch durch die Laubmaſſen fächeln, einen unendlich wohlthuenden Hauch, den er in vollen Zügen einſog. Es war, als habe ſich die Gottheit des Meeres erbarmt und ſende einen friſchen Seewind den ſchwer geprüften Orten, viel⸗ leicht in dankbarer Erinnerung an längſt vergangene Zeiten, wo auf dieſen Höhen zahlreiche Tempel ſtanden zur Verherrlichung Po⸗ ſeidon's. Ja, als Landerer gegen Weſten blickte, ſah er von dort ein feines graues Gewölk ſchleierartig herüberziehen; er hätte mit erhobenen Händen irgend eine Gottheit anflehen mögen um einen erfriſchenden Regen, er fühlte doch ſelbſt ſich niedergedrückt wie nie, ſowohl durch die anhaltende Trockenheit, als durch ein unerklär⸗ liches, beängſtigendes Gefühl, welches ihn immer raſcher vor⸗ wärts trieb. Dort vor ihm erſchienen jetzt die erſten Häuſer des kleinen Ortes, und er wollte ſchon in einem derſelben ſeine Erkundigungen beginnen, als er mit einem freudigen Erſtaunen einen einſamen 236 Unter den päpſtlichen Zuaven. Wanderer erkannte, der ihm entgegenkam, den deutſchen Profeſſor Dr. Bucher. Doch ſchien derſelbe ſo mit ſeinen Gedanken beſchäf⸗ tigt, hielt gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit die Augen ſo unver⸗ wandt auf den Boden geheftet, daß er erſt aufſchaute, als der junge Zuave dicht vor ihm ſtand. Dann aber erſchrak dieſer über das gänzlich veränderte Ausſehen des ſonſt ſo jovialen, heiter in die Welt blickenden Mannes. Ein tiefer Ernſt lag auf ſeinen blaſſen Zügen, auf ſeiner gefurchten Stirn, und als er, den jungen Mann erkennend, ihm langſam die Hand entgegenſtreckte, geſchah es mit einer tiefbetrübten, beinahe gleichgültigen Miene. „Um des Himmels willen, Herr Profeſſor,“ rief Landerer, „was iſt mit Ihnen geſchehen, warum ſo düſter und nieder⸗ geſchlagen?“ „Darnach mögen Sie wohl fragen in dieſen Tagen des Schreckens—— doch verzeihen Sie mir. Ich hätte meinen lieben Bekannten aus Rom allerdings herzlicher begrüßen ſollen, auch als treuen Bundesgenoſſen und Kollegen; denn das muß man den Zuaven ſchon nachſagen: Ihr habt Euch über alle Beſchreibung wacker gehalten.—— Was hilft aber aller Muth, alle Kunſt, alle Aufopferung,“ ſetzte er mit feucht gewordenen Blicken hinzu,„wenn es einem nicht gelingt, dem tückiſchen Tode gerade die Beute zu entreißen, um die wir gerne gekämpft hätten mit Einſatz des eigenen Lebens?“ „So haben Sie ſelbſt einen Verluſt erlitten?“ „Ja, ich ſelbſt,“ rief er in ſchmerzlicher Bewegung aus;„aber nicht nur ich allein, die ganze Welt; denn wenn uns in dieſen ver⸗ derbten Zeiten ein ſo vollkommener Engel verläßt, ein ſo reines, vollendetes Weſen, ſo iſt das ſchon ein Verluſt, den Jeder zu be⸗ klagen Urſache hat.—— Gerade ſie—— gerade ſie—— o, es iſt entſetzlich!“ „Wer denn— Herr— Pro-— ſe— ſſor?“ „Ich habe mich an ſie angeſchloſſen,“ klagte der alte Mann, Unter den päpſtlichen Zuaven. 237 indem er ſeine rechte Hand vor die Augen drückte,„ich liebte ſie, wie man die liebſte Tochter liebt. Sie kamen von Neapel, wir hatten uns Rendezvous in Albano gegeben—“ „A— a— a— ah, ſo— o— o,“ brachte der junge Zuave mühſam hervor, indem er mit ſtarrem Blicke ſeitwärts ſchaute; er hatte nicht den Muth, weiter zu forſchen, um eine ſo entſetzliche Gewißheit zu erlangen; er hätte den Profeſſor am liebſten ſtehen gelaſſen und wäre entflohen weit, weit hinweg über die Grenzen dieſes Landes als ein Fahnenflüchtiger, um alsdann wieder ein⸗ gebracht und als Deſerteur erſchoſſen zu werden. Das waren wohlthuende Bilder, welche in dieſem Augenblicke durch ſein Gehirn rasten;—— und doch ſchon bei dem Gedanken, den alten Mann, der mit thränenerfülltem Blicke vor ihm ſtand, ſei es auch jetzt nur auf einen Augenblick zu verlaſſen, fuhr er erſchreckt zuſammen und umklammerte mit ſeinen Fingern krampfhaft deſſen Hand.—„So iſt es wahr, ſo iſt keine Täuſchung möglich!— O, Sie haben Recht,“ rief er in wildem Schmerze ausbrechend,„über einen ſolchen Verluſt ſollte die Welt klagen.“ „Hätten Sie ſie erſt gekannt, mein lieber junger Freund!“ „Hätten Sie ſie erſt gekannt,“ höhnte er ihm zähneknirſchend nach.„Ich habe ſie gekannt, beſſer als Sie, ich habe ſie ge⸗ liebt— und ich hatte ein Recht, ſie zu lieben— ehe ſie jenes An⸗ deren Weib wurde.“ 6 „Herr Landerer!!—* „Landerer,— ja— ſagen Sie: Graf Landerer und glauben Sie nicht, daß es Eitelkeit iſt, die mich veranlaßt, dieß ahgelegte Wort hervorzuſuchen.—— Betrachten Sie mich als Verwandten des Hauſes, als Jemanden, der ein Recht hat, an ihrer Leiche niederzuknieen. Um Alles, was Ihnen heilig iſt, kommen Sie,— eilen Sie— führen Sie mich zu ihr!“ Er zog den alten Mann haſtig mit ſich fort, blieb aber dann plötzlich mit der Frage ſtehen:—„Und er?“ 238 Unter den päpſtlichen Zuaven. „Er war, als ich fortging, im Begriffe, dem Orte des Schreckens zu entfliehen,“ ſagte Dr. Bucher achſelzuckend;„er fühlte ein un⸗ überwindliches Grauen vor ſeiner Gattin, vor dieſem heimgegangenen Engel. Und Sie werden ſehen,“ ſetzte der alte Mann laut weinend hinzu,„ob es ein lieblicheres Bild des Todes gibt—— wenn man neben ihrer Leiche aufwärts blickt, ſieht man den Schmetter⸗ ling mit goldenen Flügeln über ihrer weißen Stirne ſchweben.“ „Amen, Amen,Ä wie ſie mir in jener Nacht geſagt, als ich auf Nimmerwiederſehen von ihr Abſchied nahm.“ „Vor ihr ein Grauen zu empfinden,— es gibt nichts Klein⸗ licheres, nichts Herzloſeres. Sie, welche rauh zerſtörend anzurühren ſelbſt dieſe gierige, abſcheuliche Krankheit nicht gewagt.— Hier iſt das kleine Haus, in welchem ſie liegt; und dort,“ fügte er in ver⸗ ächtlichem Tone bei,„ſteht der beſpannte Wagen des Herrn Grafen.“ „Gott ſei Dank, daß er geht,“ ſeufzte der junge Zuave aus dem tiefſten Grunde ſeines Herzens;„und doch möchte ich ihm noch einmal in dieſem Leben ganz zufällig begegnen,“—— ein Wunſch, der ihm im nächſten Augenblicke erfüllt werden ſollte. „Ich zwinge Sie gewiß nicht, Madame Bertrand,“ tönte eine unangenehme, heiſere Stimme aus dem engen Flur des kleinen Hauſes hervor.„Wenn Sie durchaus da bleiben wollen, meinet⸗ halben; ich laſſe Ihnen den Andrea zurück, er wird Sie, wenn Alles vorüber iſt, nach Rom geleiten. Dort finden Sie mich in den Iſole Britanniche. Halten Sie ſich aber nicht länger auf, als nothwendig iſt, denn es drängt mich, nach Florenz zu kommen.“ Damit trat Der, welcher ſo geſprochen, vor die Thüre, Graf Lan⸗ derer, den wir vom Saintonge her kennen. Seine Miene war nicht kränker als damals, ja im Gegentheile, er ſchien ruhiger zu athmen und die fieberhafte Röthe auf ſeinen Wangen war einer geſünderen Farbe gewichen,—— erſchien aber jetzt mit einem Male von einer tiefen Bläſſe überzogen, während er die dünnen Lippen feſt auf einander preßte.——„Ach, Du biſt es!“ Unter den päpſtlichen Zuaven. 239 Dieſe Worte galten dem jungen Zuaven, der an der Seite des Doktors ſtehend, ſeinen Vetter nach ſo langen Jahren der Trennung ruhig und kopfnickend betrachtete. „Ja, ich bin es— und Du biſt es und wir Beide ſind uns, ſo ſcheint mir, im Aeußern wie im Innern ziemlich gleich geblieben.“ Ein unmuthiger, häßlicher Zug zuckte um das eingefallene Geſicht des Anderen; und es war ein böſer Blick, der raſch, wie ein Blitz, über die jugendlich kräftige Geſtalt des Zuaven flog. Doch warf er den Kopf trotzig in die Höhe und wollte ohne ein Wort der Entgegnung die Schwelle überſchreiten.„Halt— einen Augenblick,“ ſagte der Andere, den Arm leicht ausſtreckend,„laß mich mein Lob über Deine Unveränderlichkeit vollenden. Dem Unglücke, dem Jammer, wendeſt Du theilnahmlos den Rücken, eine zertretene Blume, deren Duft Dich einſtens entzückt, iſt Dir werthlos geworden. Dich ſchreckt die Geſtalt des Todes, der ſo unerbittlich in Dein Haus gegriffen, nicht in Dein Herz, und mit dieſem kalten Herzen eilſt Du triumphirend von dieſer Stätte, froh, daß wenigſtens Du glücklicher geweſen, als Du verdienſt. Aber, was Dir davon nachfolgt über Länder und Meere, nachdem Du mich hier geſehen, im Begriffe an ihrer Leiche zu wachen, da⸗ ran denkſt Du nicht.“* „Pah, Unſinn! Ich kenne Deine hohen Redensarten.“ „Du hörſt ſie zum letzten Male; aber zum erſten Male meine Verwünſchungen, meinen Fluch über Dich, der mein Lebensglück verrätheriſch vernichtet, und dann das reine Herz eines Weſens, deſſen Du nie würdig warſt, freventlich gebrochen. Ja, ſie ſtarb nicht an jener furchtbaren Krankheit, ſie ſtarb aufgerieben von Kummer und Seelenſchmerz; ſie, die Du durch Verrath und Lüge erſchlichen; ſie, die mich geliebt.“ Darauf wandte er ſich mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes gegen das Haus, während der Andere mit einem Blick des Haſſes, 240 Unter den päpſtlichen Zuaven. aber auch der Furcht, raſch an ſeinen Wagen trat, deſſen Davon⸗ rollen man nach einigen Minuten vernahm. Nur der junge Zuave hörte nichts davon; denn während ſein Verwandter trotz alledem mit Hoffnungen auf eine angenehme, ja heitere Zukunft dieſen Ort des Schreckens für ihn verließ, kniete er neben einem ärmlichen Bette, auf welchem ſie ruhte mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, die lieblichen Züge übergoſſen von unausſprech⸗ lichem Seelenfrieden. Nach einer langen, langen Zeit erhob ſich Landerer wieder, drückte einen Kuß auf ihre Stirn und nahm dann das Taſchentuch, welches er auf ſeiner Bruſt verwahrte, breitete es auf einen Augen⸗ blick über ihr Geſicht und als dann ihre ſchönen Züge durch das feine Gewebe ſichtbar waren, ſagte er mit von Thränen funkelnden Augen:„Für mich verwirklicht ſich das Wunder der heiligen Veronika.“ „Amen!“ flüſterte der alte Profeſſor, verdunkelte das Zimmer, indem er die groben Holzläden ſchloß, und zog alsdann Landerer ſanft mit ſich fort. Unter der geöffneten Thüre des Zimmers ſtand der kleine Horniſt, der von dem Anblicke, der ſich ihm bot, athe mlos vom raſchen Laufe, lautlos feſtgebannt ſtehen geblieben war und der, den Moment zartfühlend begreifend, den Beiden ſchweigend folgte, bis vor das Haus, bis vor den Ort, und dann erſt mit leiſer Stimme ſagte:„Man hat mich zu Ihnen hinausgeſchickt, denn Ihr Freund, der Unteroffizier Alfons—“ „—— iſt einem zweiten Anfalle der Krankheit unterlegen,“ antwortete Landerer mit großer Ruhe.„O ich kann mir das denken, ſolche Ahnungen trügen ſelten. O wie er glücklich iſt!“ Es war Dr. Bucher, der auf dieſe Nachricht hin ihn zum raſcheren Gehen antreiben mußte; denn von Minute zu Minute blieb Landerer ſtehen, rückwärts nach Caſtel Gandolfo ſchauend oder mit finſteren Blicken zum Himmel empor, der ſich jetzt grau über⸗ — Unter den päpſtlichen Zuaven. 241 zogen hatte und einzelne ſchwere Regentropfen niederfallen ließ. Dann murmelte er:„Zu ſpät, zu ſpät.“ „Allerdings zu ſpät,“ ſagte der alte Profeſſor,„wenn ich an unſere Lieben, an unſere Freunde denke; aber immer noch früh genug zum Heile für viele Andere.“ „—— Was kümmert mich die ganze Welt, ſo von Verluſt zu Verluſt ſchreitend!“ Jetzt waren ſie in Albano, jetzt traten ſie in das Krankenhaus Nr. 2, auch hier zu ſpät, wie ſich Dr. Bucher überzeugte, nachdem er einen Blick auf Alfons geworfen, und Landerer, nachdem er die kalte Hand ſeines Freundes erfaßt und mit ſeinen Thränen benetzt. Dann ließ er ſich die Brieftaſche des Verſtorbenen einhändigen und that mit derſelben nach dem Wunſche ſeines Freundes, nachdem er neben dem Lager deſſelben ein paar flüchtige Zeilen in dieſelbe ge⸗ ſchrieben, dann das Ganze nochmals mit einer Umhüllung verſehen und zartſinnig an den Bruder des Verſtorbenen adreſſirt hatte. Wie hatte der Regen, der den ganzen Tag und die ganze Nacht fortgedauert, die lechzende Erde erquickt und erfriſcht, und von wie wohlthätiger Wirkung war dieſe Aenderung der Atmoſphäre für faſt alle Erkrankten! Wie hoffend athmeten ſie kühlere Luft ein, mit wie ganz anderen Gefühlen horchten ſie heute dem tiefen Tone der Glocken, unter deren Schalle ſich eine Kompagnie der Zuaven im gleichen Schritt und Tritt unter dumpfem Trommelwirbel nach dem Begräbnißplatze von Albano begab, um dort ihrem Kameraden die letzte militäriſche Ehre zu erweiſen! „Wenn er auch nicht im Gefecht durch eine Kugel gefallen iſt, ſo ſtarb er doch im Kampfe auf dem Felde der Ehre,“ waren die letzten Worte ſeines Kommandeurs, ehe er über dem geſchloſ⸗ ſenen Grabe die drei üblichen Gewehrſalven geben ließ.— ——— Und dann, obgleich Alles hiemit zu Ende war, verließ doch keiner der Zuaven ſogleich den Platz, lundern alle Offi⸗ Hackländer's Werke. 50. Bd. 242 Unter den päpſtlichen Zuaven. ziere und Soldaten ſchaarten ſich ohne Kommando lautlos um ein anderes Grab, einem ihrer Kameraden folgend, der dort einem alten Manne beide Hände reichte und darauf ein paar Worte zu einer ſchwarz verſchleierten, weinenden Frau ſprach. Aus dieſen Beiden hatte die ganze Begleitung der jungen, ſchönen, reichen Gräfin Camilla Landerer beſtanden, wurde aber auf einmal ſo ſtattlich vermehrt durch hundert mitfühlende Herzen, welche Kunde erhalten von dem doppelten Verluſte, der Landerer getroffen, die dabei an ſo Manches dachten, an die Lieben in der Heimat, an die Vergangen⸗ heit, an die Zukunft, und wobei man manches düſtere Auge bemerkte, manchen umflorten Blick, als nun unter einem Hügel von Blumen die lieblichſte, reinſte Blüte von allen in die Tiefe der Erde hinabſank. Dr. Bucher blieb noch eine Zeitlang in Albano, in den Kran⸗ kenhäuſern helfend, wo er konnte, und ſeinen jungen Freund trö⸗ ſtend, den er endlich, als er den Ort verließ, dringend aufforderte, ihm, ſobald Landerer hier ſeine militäriſchen Verpflichtungen mit Ehren löſen könne, in die Heimat zu folgen. „Ja“— hatte der junge Zuave darauf mit trübem Lächeln geantwortet:„nach irgend einer Heimat.“ War es nun im Einverſtändniſſe oder als Vermächtniß des guten deutſchen Profeſſors, daß der kleine Horniſt, als die Zuaven, mit Ruhm bedeckt, wieder in Rom eingezogen waren, unter der herzlichen Begrüßung einer ihnen vordem ſo feindlich geſinnten Be⸗ völkerung, auf alle mögliche Art in dem Herzen Landerer's die Liebe zur Heimat zu erwärmen oder wieder zu erwecken ſtrebte; genug, er geſtand häufig, daß er es als eine ſchwere Enttäuſchung empfinde, dem kriegeriſchen Lorbeer nachgeſtrebt zu haben, und daß er mit einer unausſprechlichen Sehnſucht aus der ewigen Stadt an ſeine kleinen deutſchen ſpießbürgerlichen Verhältniſſe denke; ja, daß ihm die Tage verſchmähter Liebe, die er dort verlebt, jetzt im roſigſten Lichte erſchienen, und daß er es als eine große Gnade anſehen würde, wenn er wieder dazu käme, auf dem Schneider⸗ — — Unter den päpſtlichen Zuaven. 243 tiſche zu ſitzen, um dort allerdings mit großer Ueberwindung ſelbſt für die Nachkommen ſeiner ehemaligen Geliebten und des ſiegreichen Lieutenants Röcke und Höschen zu nähen. Landerer hörte das mit einem trüben Lächeln an, ſtimmte auch wohl den Phantaſieen des kleinen Schneiders bei, nicht aber ohne hinzuzufügen;„Nach erhaltener Feuertaufe ſind wir als brave Soldaten berechtigt, erſt an das— und Anderes zu denken.“ Und dieſe Feuertaufe ließ denn auch nicht gar zu lange auf ſich warten:—— Die Tage von Monte Rotondo und Mentana, wo ſich der kleine Spielmann eine tüchtige Schramme und eine hübſche Medaille erwarb und wo Landerer ſich ſo auszeichnete, daß er zum Offizier vorgeſchlagen wurde, dieß aber dankend ablehnte und ſeinen Abſchied nahm. Letztres that auch der kleine Horniſt und ging, von ſeinem großmüthigen Freunde reich beſchenkt, nach der Heimat zurück,— ihm voraus, wie Landerer ſagte, welcher darauf aus dem Kreiſe ſeiner Freunde und Bekannten ſowie aus Rom ſpurlos verſchwand. Was die beiden Gräber auf dem Kirchhofe zu Albano anbe⸗ langt, ſo werden ſie mit ihren zierlichen Eiſengittern, die einen immer friſchen Blumenſchmuck umſchließen, auf's Sorgfältigſte gepflegt und erhalten, und zwar unter Aufſicht des benachbarten Franziskaner⸗ kloſters zu Palazzuolo, von wo ein junger Menſch eigens dazu auserwählt ſcheint; denn man ſieht dieſen oft ſtundenlang bei denſelben beſchäftigt oder in tiefes Sinnen verſunken, die benach⸗ barten hohen Eichen der Gallerieen betrachtend, deren flüſternde Wipfel ihm von vergangenen Tagen, von entſchwundenen Freuden und Leiden erzählen. daanaaaadamnwmswnurnrrn 141 15 16 17 ls