, —⸗-—-—-—————= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franz5 zöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek- Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei. Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1- k e auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 di. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswüärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— J. W. Hackländer’s Werke. 49. Band. J. W. Hackländer's erke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Neunundvierzigſter Band. Stuttgart. Verlag von A. Kröner. 1873. —— Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. Fürſt und Kavaliex. —,— — Der Hof war auf dem Lande; es gab in der Reſidenz keine Geſellſchaft mehr. Dieſe an ſich ſo einfachen aber wahren Sätze, Bemerkungen oder Thatſachen, wie man es nennen will, ſcheinen gewiß manchem unſerer Leſer von keiner großen Bedeutung zu ſein, und nur in dem betreffenden Kreiſe Eingeweihter wußte man, was es zu ſagen hatte: der Hof iſt auf dem Lande, und in Folge dieſes großen Ereigniſſes gab es in der Reſidenz keine Geſellſchaft mehr. Wir bitten, hier das Wort Geſellſchaft nicht leichtſinniger Weiſe mit Geſellſchaften zu verwechſeln. An letteren fehlte es allerdings auch jetzt nicht; in allen Schichten der Einwohnerſchaft gab es ge⸗ nug geſellige Vereinigungen jeder Art mit und ohne Muſik, in Häuſern, in Gärten, auf dem Lande, im Walde, aber das, was in der Reſidenz das ausſchließliche Recht hatte oder wenigſtens zu haben glaubte, ſich die„Geſellſchaft“ zu nennen, das war mit dem Hofe ſpurlos verſchwunden. Ja der Hof war auf dem Lande, und wenn man in die Nähe des Reſidenzſchloſſes kam, ſo ſah man das augenblicklich an dem unverkennbaren Stempel der Verlaſſenheit, welcher den weitläufigen Gebäuden aufgedrückt war: die Fenſter mit ihren herabgelaſſenen Jalouſieen ſahen ſo ungemein ſchläfrig aus, die beiden Glasthüren ——x 1 8 Fürſt und Kavalier. der Haupt⸗ und Nebeneingänge hatten in ihrer Verſchloſſenheit ein ſo trotziges und mißmuthiges Ausſehen, ſchienen ſo geärgert über Alles, was drinnen und draußen vorging, weil Alles das nicht die geringſte Notiz von ihnen nahm. Dachte doch Niemand von den zurückgebliebenen Leuten des Dienſtes daran, irgend einen dieſer Haupteingänge zu benützen, ſondern alle begnügten ſich mit ſchmalen Hinterthüren an der Rückſeite des Schloſſes,— alle bis auf eine unverſchämte Spinne, die es gewagt hatte, ihre langweiligen Fäden kreuz und quer um das Schloß der Haupteingangsthüre zu ziehen— ein Majeſtätsverbrechen, ein Beweis, wie leicht das Volk zu frevel⸗ haften Uebergriffen geneigt iſt, wenn der Stock des Portiers nur für kurze Zeit ruht, und der grimme Staubbeſen außer Thätigkeit geſetzt iſt,— ja dieſe Uebergriffe, bemerkte man ſie doch auch ſchon hie und da an⸗vorwitzigem Graſe, das ſich erkühnte, zwiſchen den Pflaſterſteinen emporzuſprießen, kaum daß die letzten Donner aller⸗ höchſter, höchſter und hoher Räder verklungen waren. Wenn man ſich die Tauben und Sperlinge an den Haupt⸗ geſimſen und an den Dächern betrachtete, ſo ſah man auch an dieſen, wie die Einförmigkeit und Stille, die auf dem Schloſſe ruhte, ihr ſonſt ſo heiteres Naturell einigermaßen verändert hatte; war doch von einem munteren Fluge der erſteren um die Gebäudeecke über die Höfe hinweg an irgend ein offenes Fenſter, wo eine zarte Damenhand zuweilen Futter ſtreute, keine Rede mehr, und hatte das neckiſche Spiel der Letzteren, das Aufſuchen irgend eines nähren⸗ den Körnchens ſelbſt bis zwiſchen die Hufe der Pferde und die Räder der Equipagen gänzlich aufgehört. Verdroſſen ſchienen ſelbſt die glänzenden Sonnenſtrahlen auf die öden Thürme und Fenſter zu blicken und ſchmerzlich zu empfinden die Abweſenheit glänzender Epauletten, blanker Säbel, ſchimmernder Roben und ſtrahlender Sdelſteine— unterbrach doch nichts den langen, glänzenden Licht⸗ ſtreifen dort neben dem dunkeln Schatten, nicht einmal die Geſtalt der Schildwache, di chläfrig ihr Schilderhäuschen nur um wenige 3 4 — . . Fürſt und Kavalier. 9 Fuß umkreiste, wo ſie ſonſt ſo gerne ihre Spaziergänge bis in die Mitte des Schloßhofes ausgedehnt hatte. 4 Ja der Hof war auf dem Lande, und obendrein drang in die breiten Straßen und Plätzchen um das Schloß eine drückende Juli⸗ ſonne, Oede und Stille herrſchte hier in dieſem bevorzugten Quar⸗ tier, denn, wie oben geſagt, es gab keine Geſellſchaft mehr in der Reſidenz. Waren doch auch ſie, die Träger und Beſtandtheile dieſer Ge⸗ ſellſchaft, aus der Stadt verſchwunden, wenigſtens aus den Straßen derſelben, und wenn je noch einer dieſer Exkluſiven zurückgeblieben war, ſei es aus Mangel eines paſſenden Landaufenthaltes, aus Mangel eines Urlaubs oder wegen Mangels von noch Wichtigerem, ſo ſchämte er ſich doch, ſichtbar zu ſein, und hielt ſich im Schatten 8 ſeiner vier Wände, wie der ſtolze Hirſch im Dickicht des Waldes, O wenn er im Frühjahr ſein Geweih abgeworfen. Ja ſolche Macht übte die Geſellſchaft auf ihre Mitglieder aus, daß ſie den gezwungen Zurückbleibenden befahl, ihre Lebensweiſe gänzlich zu ändern, wenn ſie ſelbſt, die Geſellſchaft, es für gut fand, nicht mehr in der Re⸗ ſidenz anweſend zu ſein. Und jetzt war die Geſellſchaft verſchwunden, verödet ihre Ge⸗ ſellſchafts⸗ und Vergnügungslokale, unbeſucht ihre Reſtaurants und Cafés, und dort, wo man noch vor Kurzem das Klappern der Kugeln auf den faſhionablen Billards gehört, ſowie das Klirren der Sporen und Säbel auf den Marmorplatten des Bodens, wo glänzende Toiletten die Räume füllten, war jetzt Alles trübſelig und leer, und der elegante Kellner im ſchwarzen Fracke und der weißen Halsbinde ſtand lungernd an der Thüre der Räume dieſer Auser⸗ wählten der Menſchheit und hielt es kaum der Mühe werth, einen Eintretenden geringſchätzend von der Seite zu betrachten. Die großen Häuſer in der Straße, welche das Schloß umgaben, ſchienen ſelbſtredend ebenſo verödet wie dieſes; nichts Lebendiges war 4. hier ſichtbar, als der betreffende Portier unter dem Einfahrtthore, mit nicht ſelten in unſanfte Berührung mit den umſtehenden Reiſenden. 10 Fürſt und Kavalier. durch deſſen Haltung und Treiben allerlei Nüancen gemacht wur⸗ den; denn während derſelbe dort in vollem Koſtüme ſich befand, mit dem galonirten Hute auf dem Kopfe, den ſilberbeſchlagenen Stab in der Hand, um ſo anzuzeigen, daß die Würde des Hauſes dieſelbe bleibe, ſei die Herrſchaft nun anweſend oder nicht, lehnte ſein Kollege gegenüber ſo einfach gekleidet, wie nur immer möglich, neben der verſchloſſenen Thüre, harmlos einige hungrige Sperlinge fütternd, um durch dieſes beſcheidene Auftreten anzuzeigen, daß mit dem Gebieter des Palaſtes auch der Glanz und Schimmer deſſelben davongegangen ſei. 3 Es war, wie ſchon bemerkt, an einem heißen Julitage, und zwar um die Mittagsſtunde deſſelben, als ein Schnellzug der Eiſen⸗ bahn die Reſidenz erreichte und die ſtaubigen und müden Neiſenden die Wägen eilig verließen, um bei den Gepäckwägen mühſam ihrer Koffer habhaft zu werden. Da ſtanden ſie um die aufgerichteten Schranken, ihre Gepäckſcheine in der Hand, mit ungeduldigen Blicken nach dem weitgeöffneten Wagen ſchauend, und jetzt durch einen raſchen Blick oder ein Zeichen der Ungeduld verrathend, daß ihr Eigenthum ſoeben herausgeworfen worden war. Es iſt das bei ſolchen Veranlaſſungen ein höchſt unangenehmes Gedränge, und wer nicht gerade ſehr eilig hat, thut zur Schonung ſeiner Rippen und Hühneraugen beſſer daran, in Geduld zu warten, bis die Reihe endlich an ihn kommt. So machte es auch ein junger Mann, der in einfachem, aber elegantem Reiſeanzug nicht nur ſelbſt vom Gewühle entfernt blieb, ſondern auch ſeinen Diener, der, einiges Handgepäck haltend, neben ihm ſtand, mit den Worten:„Warten wir einen Augenblick!“ da⸗ von abhielt, ſich in das Gedränge zu ſtürzen. Und das war ſehr menſchenfreundlich von ihm und klug, denn dröhnend ſielen aus dem Gepäckwagen die rieſenhaften Koffer, wur⸗ den von den Laſtträgern unſanft bei Seite geſchoben, und kamen ſo⸗ Fürſt und Kavalier. 11 „Erlauben Sie,“ rief eine tiefe Stimme aus dem Haufen, „man könnte wahrhaftig mit unſeren Sachen etwas ſchonender um⸗ gehen, Sie zerquetſchen mir ja förmlich meinen Koffer, dort ſteht er, und hier iſt meine Nummer.“ Der Beamte nahm achſelzuckend das Stückchen Papier, worauf der, welcher ſoeben geſprochen, ſeinen kleinen Koffer anfaßte und mit einem tüchtigen Rucke zwiſchen den andern Gepäckſtücken her⸗ vorholte. Es war dieß ebenfalls ein junger Mann in einem be⸗ ſcheidenen grauen Reiſeanzuge, welcher ſich nun mit ſeinem Koffer, einem kleinen Nachtſacke, einer Hutſchachtel und einem Regenſchirm⸗ futteral beladen durch die Reihen drängte, und erſt, als er ſich aus der Menſchenmenge herausgearbeitet hatte, ſeine Reiſeeffekten bis auf den Nachtſack, den er in der Hand behielt, einem Packträger einhändigte. „In welchen Gaſthof ſoll ich die Sachen bringen?“ worauf der Andere kurz zur Antwort gab:„Ich brauche keinen Gaſthof, da ich in Kurzem weiterreiſe.“ „Mit der Eiſenbahn?“ 5 „Nein, mit der Poſt oder mit ſonſt einer Gelegenheit. Führen Sie mich in eine Reſtauration in der Nähe des Schloſſes, wo ich zu Mittag eſſen kann.“. Darauf gingen die Beiden miteinander fort und trafen bald in jener Reſtauration ein, von der wir oben geſprochen, wo der Kellner im ſchwarzen Fracke mit der weißen Halsbinde an der Thüre lungerte und jetzt mit ſichtbarem Widerwillen den Fremden in das Lokal führte, um ihm die verlangte Speiſekarte vorzulegen. Der Fremde ſah ziemlich verdrießlich aus und ſchaute in dem hübſch eingerichteten Reſtaurationszimmer ein paar Sekunden um⸗ her, ehe er einen kühlen Platz in irgend einer Ecke paſſend zu finden ſchien, wo er ſich niederließ und darauf die Beine behaglich von ſich ſtreckte. Den Gepäckträger ließ er mit ſeinen Sachen draußen warten, dann durchflog er flüchtig die Speiſekarte und beſtellte ſich 12 Fürſt und Kavalier. ein Beefſteak mit Kartoffeln, ſowie eine halbe Flaſche gewöhnlichen Tiſchweins, ein Auftrag, den der Kellner mit keiner großen Be⸗ friedigung entgegenzunehmen ſchien, vielmehr zuckte ein verächtliches Lächeln über ſeine Züge, als er die Speiſekarte mit einer leichten Handbewegung auf den Tiſch warf, den Kopf hoch erhob, und hierauf äußerſt langſam, aber ſehr geziert gehend, das Lokal verließ. Dem Fremden war dieß übrigens nicht entgangen, und er ſteckte ſeine Hände in die Taſchen ſeiner Beinkleider, vor ſich hin⸗ brummend:„Ekelhafte Geſchöpfe, dieſe Kellner; thut ſo ein Kerl nicht, als begehrte ich ein Almoſen von ihm.“ Mochte es nun eine Forjſetzung dieſes Gedankens ſein, was ihn veranlaßte, die Blicke an ſeiner Geſtalt hinunterlaufen zu laſſen, und mochte er mit dem, was er ſah, nicht gänzlich zufrieden ſein, genug, er ſtrich ſeufzend mit der rechten Hand über ſeine hohe Stirne und vergrub darauf die Finger in ſein dichtes dunkles Haar, wo er ſie einen Augenblick ruhen ließ. Wir haben ſchon früher geſagt, daß dieſer Reiſende beſcheiden in einen grauen Anzug gekleidet war, und allerdings war dieſer Anzug ſehr beſcheiden zu nennen; er beſtand aus einem dünnen lei⸗ nenen Stoffe, war ſchon etwas abgetragen und hatte auch nichts mehr von der Friſche des Waſch⸗ und Bügelzimmers. Doch wer nimmt das ſo genau auf der Reiſe und an einem heißen Julitage. Seine Reiſemütze war ebenfalls alt und abgeſchaben; von Wäſche ſah man nicht viel, da er den Rock unter dem Halſe zugeknöpft trug, und wenn dieß Alles nicht gerade zum Vortheil ſeines Aeußern ſpricht, ſo müſſen wir dagegen ſagen, daß ſeine Handſchuhe, die er jetzt auszog und in die Mütze warf, wohl alt, aber ſonſt ohne Tadel waren, und daß der Schnitt ſeiner Halbſtiefel ſogar auf Eleganz Anſpruch machen konnte, zwei wichtige Theile ſeines Anzugs, die uns, zuſammengenommen mit der Haltung des Fremden, ſowie mit ſeinem ernſten, durchaus nicht gewöhnlichen Geſichte zu dem Schluſſe Fürſt und Kavalier. 13 berechtigen, daß wir es mit einem vornehmen, aber etwas herunter⸗ gekommenen Manne zu thun haben. In Erwartung des Beefſteaks und der halben Flaſche Tiſch⸗ wein hatte ſich der Fremde in ſeinen Stuhl zurückgelehnt und machte die Bewegungen des Zahnſtocherns, wobei er jedoch nicht weiter kam, als daß er mit dem betreffenden Federkiel die Haare ſeines langen Schnurrbartes auseinanderſtrich. Jetzt trat der andere Fremde, den wir auf der Eiſenbahn mit ſeinem Bedienten geſehen, in das Lokal, eine ebenfalls hoch⸗ gewachſene, dabei ſehr vornehme Geſtalt mit angenehmem, ja freundlichem Geſichtsausdruck, gleichfalls dunklem Haar wie der zuerſt Angekommene, ſowie Schnurrbart von demſelben Schnitte; überhaupt hatten die beiden Männer in ihrer ganzen Haltung, in ihrer Geſtalt, in ihrem Auftreten eine Aehnlichkeit miteinander, welche übrigens verſchwand, wenn man beide genauer und im Ein⸗ zelnen betrachtete. Das Aeußere des zuletzt Angekommenen unterſchied ſich dagegen durch ſeine Kleidung auffallend gegen das des Andern; dieſelbe war elegant, faſt zierlich; er trug einen Anzug von feinſtem perlfarbenem Wollenſtoff, blendend weiße Wäſche, die er an ſeinem Halſe, ſeinen Handgelenken und ſeiner Bruſt deutlich ſehen ließ, und die auch von der Eiſenbahnfahrt nicht im Mindeſten gelitten zu haben ſchien; ſeine Stiefel waren von einem untadelhaften Schnitt, und ſeine Handſchuhe ſahen ſo ungemein friſch aus, daß man hätte glauben können, er habe zu dem kurzen Wege von der Eiſenbahn hieher ein Paar neue angezogen. Sein Diener, der hinter ihm an der Thüre ſtehen blieb, trug die dunkle, einfache Reiſelivree eines vornehmen Hauſes. Nach dieſem wandte ſich der Fremde jetzt um und ſagte halb⸗ laut:„Sieh' nach, ob er für mich zu ſprechen iſt, aber nur er; wenn Du ein fremdes Geſicht treffen ſollteſt, ſo thue, als hätteſt Du Dich in der Wohnung geirrt, und kehre zu mir zurück.“ „Soll ich Euer— Ihren Namen nennen, wenn ich ihn treffe?“ . 14 Fürſt und Kavalier. „Nein, Du ſollſt ihm nur ſagen, ein Bekannter wünſche ihn zu ſehen; aber ehe Du gehſt, rufe den Kellner.“ Der Diener, um dieſem Befehle Folge zu leiſten, näherte ſich der Klingelſchnur; doch hatte er ſie kaum angefaßt, als der, den er rufen wollte, in das Lokal trat, ſeine Schüſſel mit Beefſteak und Kartoffeln mit ſolcher Gleichgültigkeit in der Hand balancirend, daß es ein Wunder war, Beides nicht auf dem Boden, anſtatt auf dem Tiſche ſervirt zu ſehen. Auch konnte man das Hinſchieben vor den Gaſt kein Serviren nennen, ja der Kellner mit der weißen Hals⸗ binde, als er nun noch die verlangte halbe Flaſche Wein aufſtellte, hatte den Mund geſpitzt und ſchien große Luſt zu haben, irgend eine Lieblingsarie zu pfeifen. Der Diener des zuletzt angekommenen Fremden machte eine Handbewegung gegen ſeinen Herrn, worauf der Kellner dieſen nur eine Sekunde betrachtet hatte, um ſein ſpitzes Maul in breite, ver⸗ gnügte Falten zu legen; ja, er rieb ſich die Hände und machte ſo⸗ gar den Anfang einer Verbeugung, während er ſich nach den Be⸗ fehlen des neuen Gaſtes erkundigte. „Ich möchte ein kleines Frühſtück zu mir nehmen,“ ſagte dieſer, „eine leichte Platte Fiſch, irgend einen Braten, etwas Geflügel und Salat; laſſen Sie mir dazu eine Flaſche Champagner in Eis ſtellen; ich gebe Ihnen etwa eine Stunde Zeit.“ Die Verbeugung des Kellners vervollſtändigte ſich zu einem tiefen Bückling, worauf er hinauseilte, nicht ohne noch einen gering⸗ ſchätzenden Blick auf den zuerſt angekommenen Fremden geworfen zu haben, welcher trotz ſeiner vortrefflichen Zähne einige Mühe mit. dem Beefſteak zu haben ſchien. Der Diener war verſchwunden, nachdem er ſeinem Herrn einen leichten Spazierſtock ehrerbietig überreicht; Letzterer folgte mit lang⸗ ſamen Schritten, anſcheinend ohne große Eile; er ſchlenderte einige Male unter der Kolonnade vor dem Reſtaurationslokale auf und ab, betrat den weiten Platz, welcher dieſes von dem Schloſſe trennte, ——— Fürſt und Kavalier. 15 und während er ſich dieſem näherte, betrachtete er aufmerkſam die Gebüſchgruppen, Statuen und Springbrunnen, womit der ziemlich große Platz beſetzt war. Dieſes mochte ihn eine halbe Viertelſtunde in Anſpruch ge⸗ nommen haben, worauf ſich der Fremde, der häufig nach einem Seiteneingang des Schloſſes geblickt, nun in raſcheren Schritt verſetzte, als er ſeinen Diener dort herauskommen ſah. Einen Augenblick blieb dieſer vor ſeinem Herrn ſtehen, worauf er ihm ſagte:„Er iſt zu Hauſe und wohnt noch in dem Euer— bekannten Zimmer.“ „Danke, laß Dir in der Reſtauration zu eſſen geben, ich komme in einer ſtarken halben Stunde.“ Nach dieſen Worten ſchritt er dem Schloſſe zu und verſchwand in dem oben erwähnten Seiteneingang. Hier ſaß ein alter Portier in bequemer Jacke und Mütze in einem ſchattigen Winkel und las eine Zeitung; er fuhr mit der Hand grüßend in die Höhe, als der elegante, vornehm ausſehende Fremde ihm einen Namen nannte, und wies dann kopfnickend auf einen Korridor. Dieſem folgte der Eingetretene, und ſo leicht und elaſtiſch er auch auftrat, ſo hallte es doch gewaltig in dem leeren Gange wieder, und als er zufällig einmal huſtete, war es gerade, als litte das ganze Schloß an einem heftigen Katarrh, denn aus zahlreichen Winkeln und Ecken huſteten vernehmlich die Echos. Der Fremde ſtieg eine Treppe hinauf, dann noch eine, wandte ſich oben links, dann rechts mit einer Sicherheit, der man es an⸗ ſah, daß er nicht zum erſten Male dieſe Räume betrete, dann hielt er vor einer Thüre und klopfte, nachdem er die Karte an derſelben einen Augenblick betrachtet; es erſcholl ein ziemlich lautes„Herein!“ und gleich darauf ſtand der Fremde im Zimmer einem alten Manne gegenüber, der in ſehr bequemer Kleidung auf einem Lehn⸗ ſtuhle ſaß. Auf dem Kopfe hatte er ein ſchwarzes Sammetkäppchen, unter dem ſchneeweiße Haare hervorblickten; er erhob ſich halb und Fürſt und Kavalier. ſchaute den Eintretenden mit jenem zweifelhaften Lächeln an, welches uns deutlich ſagt, daß wir nicht erkannt werden. Einen Augenblick blieb der Fremde an der Thüre ſtehen, und man las in ſeinen Geſichtszügen, daß er ſich offenbar auf die Ueber⸗ raſchung freute, welche ſein Erkanntwerden bei dem alten Herrn verurſachen würde. Und ſo war es auch, als er nun näher trat, den alten Herrn ſanft auf ſeinen Seſſel niederdrückte und ihm ſagte:„Habe ich mich denn ſo verändert, daß mich mein guter, lieber Freund nicht wieder erkennt?“ Jetzt wäre aber der alſo Angeredete in der That ganz in die Höhe gefahren, wenn ihn die Hand des Andern nicht auf jenem Stuhle niedergehalten hätte. „Eure Hoheit,“ ſtotterte er,„dieſe Ueberraſchung.“ „Still, Alter! Hier iſt von keiner Hoheit die Rede, hier kommt ein guter Freund zum andern, um in aller Kürze über etwas Vergangenheit und Zukunft zu plaudern. Du hatteſt keine Ahnung davon, daß ich es wäre, der ſich bei Dir anmelden ließ?“ Der alte Mann in dem Lehnſtuhle hatte ein ſehr geſcheutes Ge⸗ ſicht mit ſehr klugen Augen, die er jetzt mit einem lächelnden Aus⸗ drucke gegen den Eingetretenen wandte und hierauf ſagte:„Wenn Sie mich mit aller Gewalt auf meinem Stuhle feſthalten wollen, ſo er⸗ lauben Sie mir wenigſtens, vorher einen andern Stuhl herbeizu⸗ ziehen; denn Sie ſtehend, ich ſitzend, das benimmt mir in der That alle Ungezwungenheit, die Sie ja immer von mir verlangt haben.“ „Gut alſo, ſetzen wir uns. Und nun, was haſt Du über den Inhalt meines Briefes gedacht?“ „Soll ich ehrlich und aufrichtig reden?“ „Ehrlich und aufrichtig, wie ich es ſtets an Dir gewohnt war.“ „Nun denn, der Inhalt des Briefes hat mich beziehungsweiſe recht gefreut: er kam aus einem vollen, warmen Herzen; er zeigte mir, daß dieſes Herz, Ihr Herz, gnädiger Herr, ein anderes ge⸗ funden hat.“ — Fürſt und Kavalier. 17 „Bei Gott! Du haſt wie immer prächtig zwiſchen den Zeilen geleſen. Ich, ich glaube ein Herz gefunden zu haben, das im Stande iſt, mich vollkommen glücklich zu machen, das Herz eines jungen, reizenden Mädchens, die alle geiſtigen und körperlichen Vorzüge zu beſitzen ſcheint, welche man in einem einzigen Weſen zu finden nur je hoffen kann.“ „Wir gehen im Galopp, gnädiger Herr,“ ſagte der alte Mann mit einem feinen Lächeln auf den Lippen. „Natürlich gehen wir ſo, wenn wir erregt ſind— nun höre, wo ich ſie ſah, die dieſes Herz ſo gewaltig berührt, und welche ich mein nennen muß.“ „Darf ich mir vorher die Frage erlauben, wie dieſes ‚mein“ zu verſtehen iſt?“ „Auf die loyalſte Art von der Welt; man will ja, ich ſolle mich verheiraten; nun gut, ich bin entſchloſſen dazu.“ „Ei der Tauſend,“ gab der alte Mann zur Antwort, indem er bedächtig ſein Haupt hin und her wiegte,„ſo wären wir alſo einer Prinzeſſin begegnet?“ „So iſt's, alter Freund,“ rief der Andere jubelnd aus,„und unter uns geſagt, ich war ſelbſt auf's Höchſte überraſcht, daß eine Prinzeſſin mit dieſen Vorzügen des Geiſtes und Körpers eine ſolche Natürlichkeit, eine ſolche Wärme und Herzlichkeit vereinigen kann— o, es iſt ein Juwel von einer Prinzeſſin.“ „Kenne ich doch alle Damen unſerer regierenden Häuſer ſo genau, daß ich ſie mit Vor⸗ und Zunamen, mit dem Datum ihrer Geburt, ja ich kann wohl ſagen, mit all' ihren guten und ſchlim⸗ men Eigenſchaften an den Fingern herzählen kann, und habe doch keine Ahnung davon, welche Sie, geehrter Herr, eigentlich meinen mögen.“ „Sieh', darüber kann ich mich kindiſch freuen,“ rief der Andere mit leuchtenden Augen,„daß Du, der freilich Alles in dieſer Rich⸗ tung und in noch viel anderer Richtung weiß, keine Ahmung davon Hackländer'’s Werke. 49. Bd. Fürſt und Kavalier. haben willſt; denn wenn ich Dir den Namen nenne, ſo ſpringſt Du in die Höhe, ſchlägſt die Hände zuſammen und wirſt ausrufen: Warum iſt mir das nicht ſogleich eingefallen? Aber,“ ſetzte er leiſer hinzu,„es iſt ein wahres Sprüchwort, daß der Prophet nichts in ſeinem Vaterlande gilt, und daß uns etwas, das wir beſitzen, nicht immer begehrenswerth erſcheint.“ Der alte Mann ſchien die letzten Worte nicht gehört zu haben; er hatte ſein Käppchen etwas auf die Seite geſchoben und dachte nach, und dann ſagte er achſelzuckend:„In dieſer Geſchichte kann ich mich unmöglich zurechtfinden, und wenn ich alle Damen, die hieher gehören könnten, an den Fingern abzähle, ſo bin ich doch nicht im Stande, die zu finden, auf welche Ihre Schilderung, gnädiger Herr, nur annähernd paſſen dürfte.“ Der junge Mann hatte ſich rittlings auf einen Stuhl geſetzt, die Arme auf eine Lehne deſſelben gelegt, und ſtützte vergnügt lächelnd das Kinn auf ſeine Hände, offenbar ſehr erheitert durch den Gedanken, daß der alte Herr vergeblich mit großer Mühe ſuchte, was er doch mit etwas Ueberlegung oder mit einem ganz kleinen Fingerzeig auf den richtigen Weg im Augenblicke finden mußte.— „So will ich Dir denn erzählen, wo ich ſie fand.“ „Warum nicht lieber gleich den Namen ſagen?“ „Ich will mich an Deiner grenzenloſen Ueberraſchung weiden, Du würdiger Herr, ſagte der junge Mann lachend,„sécrétaire intime meines hochſeligen Herrn Vaters, Du, ein Geſchäftsmann, der es verſtand, die leiſeſte Andeutung zu einem feſten, haltbaren Stricke zuſammenzuknüpfen— und nun ſo rathlos— höre alſo, es war in Rom.“ „Wo?“ fragte der Andere, ſo raſch ahſmerkſam werdend, als habe er nicht recht gehört. „In Rom, im letzten Winter.“ „O— o— o—oh, das iſt doch nicht gut möglich.“ „Ich ſage Dir, es war in Rom im letzten Winter, wir hatten Fürſt und Kavalier. 19 den Karneval genoſſen und uns auf einer Unzahl von Bällen herr⸗ lich amüſirt.“ „Alſo doch in Rom,“ ſagte der alte Herr kopfſchüttelnd mit beſorgter Miene,„was daraus werden ſoll, darauf bin ich be⸗ gierig.“ „Ich hörte ſchon öfter von Standesgenoſſen, die ſich ebenfalls in Rom aufhielten, von ein paar Mitgliedern einer deutſchen fürſt⸗ lichen Familie, und Du kannſt Dir denken, daß ich gerade nicht Luſt hatte, das im Auslande wiederzufinden, was ich zu Hauſe verlaſſen— Formen und Etikette. Wer ich war, wußte Niemand, hatte ich mir doch durch meinen beſtändigen Umgang mit den ver⸗ ſchiedenſten Künſtlern, und indem ich ſelbſt als ſolcher auftrat, ein vortreffliches Inkognito geſchaffen— Arthur von Saleck war ein junger Landſchafter mit den beſten Empfehlungsbriefen, mit einem großen Kredit auf Torlonia, und wegen alles deſſen, und ich darf wohl mit einigem Stolze hinzuſetzen, auch wegen ſeiner Perſönlich⸗ keit in allen Kreiſen der Geſellſchaft gerne geſehen— o, das war eine glückliche Zeit,“ ſetzte er tiefathmend hinzu,„ſolch' ein freies, ungebundenes Leben, ferne von allem Zwang, nur mit geſcheuten Leuten umgehen zu dürfen, denn mit anderen ließ ich mich gar nicht ein, und dabei der göttlichen Kunſt zu leben— ja vollkommen zu leben, denn denke Dir, alter Freund,“ ſetzte er lachend hinzu, „daß ich nicht nur Aquarelle malte, ſondern auch welche verkaufte; ich glaube, wenn ich fleißiger geweſen wäre, ſo hätte ich davon leben können.“ Bei dieſen Worten zeigte ſich ein eigenthümliches Lächeln auf den Zügen des alten Herrn, doch verſchwand es gleich wieder unter einem forſchenden Blicke, mit dem er ſagte:„Und dann?“ „Ah, Du fängſt an neugierig zu werden; es iſt aber auch der Mühe werth— ſehr intereſſant, wenn auch nicht gerade ungewöhn⸗ lich: mich ereilte mein Schickſal im Vatikan. Es war eine der vielen Stunden, die ich in Rom während meines Aufenthaltes in ſſͤſͤſͤſͤſͤſſſſſ 20 Fürſt und Kavalier. den herrlichen, unvergleichlichen Kunſtſammlungen deſſelben ver⸗ brachte; ich ſtand einmal wieder in tiefem Anſchauen verſunken vor Raphael's Transfiguration, als ich neben mir eine weibliche Stimme in deutſcher Sprache ſagen hörte:„Ach, wer ſo glücklich wäre, ein ſolches Bild zu beſitzen.“ So viel man nun in Rom in deutſcher Sprache um ſich herum reden hört, ſo wendet man ſich doch jedesmal unwillkürlich um, ſobald ein ſolcher Laut unſerer Heimat unſer Ohr trifft, auch muß ich geſtehen, daß es mich angenehm be⸗ rührte, einen ſolchen Wunſch ausſprechen zu hören, und zwar mit einem ſo herzlichen Tone, welcher unverkennbar anzeigte, daß dieſer Wunſch aus tiefſter Seele kam. „Ich ſchaute alſo um, und da die Sprecherin ziemlich in meiner Nähe ſtand, auch ihre Blicke gewiß unwillkürlich meine Augen trafen, ſo zog ich ſelbſtredend meinen Hut und grüßte die Fremde, dabei will ich Dir nicht verhehlen, alter Freund, daß mich der Blick aus dieſen tiefdunkeln Augen wunderbar traf.“ „Ja, tiefdunkle Augen,“ ſprach der Andere wie vor ſich hin, wobei er eigenthümlich lächelnd mit dem Kopfe nickte, und wie mit ſich ſelbſtredend fortfuhr:„Und dazu das reiche hellblonde Haar, ein ſeltener Kontraſt, aber auffallend ſchön.“ „Habe ich das geſagt?“ fuhr der junge Mann erſtaunt auf. „Nein, ich habe es mir nur gedacht— o, ich ſehe die junge Dame deutlich vor mir, der es gelang, Ihr Herz zu bewegen; ſie war begleitet von einer ältlichen, ziemlich ſtarken Dame, und einem großen Herrn mit ſtruppigem, grauem Haar, und einem faſt drohend auseinander geſtrichenen Schnurrbart.“ Der junge Mann hatte dieſe Worte mit dem höchſten Erſtaunen vernommen und ſagte im Tone ungewöhnlicher Ueberraſchung:„Was ſoll das, alter Freund? Ich will Dir ein Geheimniß erzählen, und Du berichteſt mir darüber, als ſeieſt Du ſchon im vollkommenen Beſitze deſſelben.“ 3 „So iſt es auch,“ entgegnete der Andere mit größter Ruhe, Fürſt und Kavalier. 21 „aber ich hätte eher an mein plötzliches Ende gedacht, als daß es ſo kommen würde— aber wollen Sie nicht in Ihrer Erzählung fortfahren, gnädiger Herr?“ „Daß ich ein Narr wäre, nicht eine Sylbe ſollſt Du mehr erfahren, bis ich weiß, wer Dir mein Geheimniß verrathen.— Sollte noch Jemand Anders darum wiſſen?“ ſetzte er nach einer Pauſe raſch aufſtehend hinzu,„o, das wäre ſehr unangenehm— ſehr, ſehr unangenehm.“ Er machte einen Gang durch das Zimmer, und als er darauf wieder vor dem alten Herrn ſtehen blieb, fuhr er fort:„O ich hatte mich ſo darauf gefreut, unbekannt vor ſie hinzutreten, ſie näher kennen zu lernen, mit Empfehlungen von Dir, die mir bei Hofe den beſten Eingang verſchafft haben würden, vielleicht ihre Theil⸗ nahme zu erwecken, und dann,— aber es iſt jetzt Alles vorbei,“ rief er mißmuthig aus,„wenn man weiß, wer ich bin, wenn man bei Hofe eine Ahnung von meinen Abſichten hat— wahrhaftig ich hätte mich lächerlich machen können, wenn ich mich als Maler Saleck hätte vorſtellen laſſen.— Aber ſage mir um's Himmels willen, wie war es denn möglich, daß das hier ſchon bekannt ſein konnte?“ „Ich habe Sie ausreden laſſen, gnädiger Herr,“ gab der alte Mann mit einem ruhigen Lächeln zur Antwort,„weil es gegen den Reſpekt wäre, Sie zu unterbrechen, aber die Sache iſt ganz anders, wie Sie denken; glauben Sie den Worten eines ehemaligen und treuen Dieners Ihres Vaters: hier bei uns weiß Niemand etwas über das Zuſammentreffen, von dem Sie mir ſoeben erzählten;— do— o— o— oh“, fuhr er kopfſchüttelnd fort,„alſo das iſt die junge Dame mit allen Vorzügen des Geiſtes und des Körpers, voll Herz und Gemüth— o— o— o— oh, ſee hätte ich allerdings nicht gerathen!“ „Räthſel auf Räthſel,“ rief der junge Mann ungeduldig, „wollen wir uns vielleicht ruhig verſtändigen, denn auf mein Wort, ——— Fürſt und Kavalier. ich verſtehe Deine Ausrufungen nicht, noch viel weniger aber den Ton des Bedauerns, mit dem Du ſie vorbringſt. Du kennſt alſo die Dame, die ich meine?“ „Gewiß, gnädiger Herr; ſowie Sie von Ihrem Zuſammen⸗ treffen in Rom ſprachen, nachdem Sie vorher geſagt, es handle ſich um eine deutſche fürſtliche Familie, die dort den Winter zugebracht, beſonders aber, als Sie von den dunkeln, allerdings ſehr ſchönen Augen ſprachen.“ „Weiter denn! weiter!“ „Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr,“ erwiederte der alte Mann mit einem betrübten Geſichtsausdrucke,„wie hätte ich bei Ihrer begeiſterten Schilderung eines weiblichen Weſens, das ſo alle Vor⸗ züge in ſich vereinigen ſollte, an Prinzeſſin Helene denken ſollen, an unſere Prinzeſſin Helene, die ich allerdings genau kenne, ſo genau kenne, daß ſie mir am allerwenigſten bei dem entworfenen Bilde eingefallen wäre.“ „Und warum? wenn ich fragen darf,“ frug der Andere in etwas ſcharfem Tone, während eine tiefe Röthe ihm über ſeine plötz⸗ lich ſehr ernſt gewordenen Züge flog. „O gnädiger Herr, es iſt ſehr peinlich für mich, Ihnen darauf mit der Ehrlichkeit und Offenheit, die Sie an mir gewohnt ſind, antworten zu müſſen.“ „Ich wünſche es aber und werde Dir Dank dafür wiſſen.“ 4 Der alte Mann hatte ſich aus ſeinem Stuhle erhoben, ohne daß es der Andere, wie er früher gethan, gehindert hätte, vielmehr war der Letztere einen Schritt zurückgetreten und hatte wie er⸗ wartungsvoll ſeine Arme über einander geſchlagen. „Ja, ja, es iſt Prinzeſſin Helene, die Sie geſehen, die einzige Tochter unſeres regierenden Herrn; ſie hat es durchgeſetzt, im ver⸗ gangenen Winter ein paar Monate in Rom zubringen zu dürfen, unter dem Schutze ihrer Tante, der Herzogin Sophie, und begleitet von ihrem Oberſthofmeiſter und ihrer Oberſthofmeiſterin, dem 1 —— Fürſt und Kavalier. 23 Grafen und der Gräfin Sporbach— ja ſie hatte es durchgeſetzt,“ wiederholte er und legte einen ſtarken Nachdruck auf das letzte Wort. „Wie ſo durchgeſetzt?“ frug der junge Mann ungeduldig. „Es iſt in dieſer Beziehung das richtige Wort, denn als die Prinzeſſin zum erſten Mal den Wunſch ausſprach, Italien zu ſehen... „Den ich außerordentlich gerechtfertigt finde.“ „Gewiß, doch meinte Seine Hoheit, unſer regierender Herr, es hätte damit noch Zeit bis zu einer paſſenderen Gelegenheit— ein Einwurf, den aber die Prinzeſſin ſehr übel vermerkte und es trotz alledem durchſetzte, die Reiſe im vergangenen Jahre zu machen. O— o— o— oh, ſie ſetzt viel durch, die Prinzeſſin Helene.“. „Ah, ich fange an zu verſtehen,“ gab der junge Mann mit finſterem Blicke zur Antwort und kaute an ſeinem Barte, den er zwiſchen die Lippen genommen,„Du willſt damit ſagen, ſie hat ihren eigenen Willen und pflegt dieſen durchzuſetzen?“ „Mit allen Mitteln.“ „Hm, mit allen Mitteln? Doch nicht mit Mitteln, die ſich für eine junge Dame ihres Standes nicht geziemen?“ Der alte Mann hatte ſich unterdeſſen dem Andern genähert und faßte mit einem milden und weichen Geſichtsausdruck mit ſeinen beiden Händen deſſen Rechte, wobei er verſuchte, ihm herzlich und innig in die Augen zu ſchauen; doch wandte Jener ſeine Blicke unmuthig ab, wobei er ſagte:„Du haſt mich tief in's Herz ge⸗ troffen, hinter Deinen Worten, ja ich muß ſagen, hinter Deinen Anſchuldigungen ſteckt noch mehr, als Du ſagen willſt.“ „Sie thun mir Unrecht, gnädiger Herr; ich werde Alles ſagen, denn wie könnte ich eine Zurückhaltung rechtfertigen, wo es ſich um Ihr ganzes Lebensglück handelt?“ „Iſt die Prinzeſſin nicht ſchön, geiſtreich, liebenswürdig?“ fuhr der Andere heftig auf. 24 Fürſt und Kavalier. „Das iſt ſie, doch das Letztere nur, wenn ſie ſich vorgenommen hat, zu irgend einem Zwecke ihre brillante Seite zu zeigen, von Herzen iſt ſie es nicht; überhaupt, um ehrlich zu ſein, das, was wir Herz, was wir Gemüth nennen, hat ſie nicht, und würde es ſogar lächerlich finden, wenn man dieſe ſchönen Eigenſchaften bei ihr vor⸗ ausſetzen würde. Glauben Sie mir, gnädiger Herr, bei der Treue und Anhänglichkeit, die ich ſtets für Sie und Ihr Haus bewahrt, eine Verbindung mit Prinzeſſin Helene wäre nicht im Stande, das Glück ihres Lebens zu begründen.“ „Du zertrümmerſt mit kecker Hand meine Hoffnungen,“ er⸗ wiederte der junge Mann in düſterem Tone,„Du wirfſt ein glänzen⸗ des Gebäude nieder, an dem ich monatelang liebend und beglückt gebaut, das ich mit einer bisher unbekannten Seligkeit wachſen ſah, das ſich ſtolz und herrlich vor mir erhob, und das ich nun mit wenigen Schritten zu erreichen hoffte— ſollte mein glücklicher Traum nun wirklich ſein Ende erreicht haben? Nein, nein, ich kann es nicht glauben, Du biſt alt geworden, mein lieber guter Freund, grämlich, verdrießlich, Du verſtehſt ihn nicht mehr, den ſprudelnden, vielleicht muthwilligen Geiſt junger Leute, Du haſt ihr Unrecht ge⸗ than, Deiner ſchönen Prinzeſſin— ſieh' mir in die Augen und geſtehe mir das,“ er hatte ſeine beiden Hände auf die Schulter des alten Mannes gelegt und blickte ihn forſchend und treuherzig an; „ihr lebhaftes Weſen hat Dich, den ernſten Mann, durch irgend etwas gekränkt, verletzt— ſchüttle nicht mit dem Kopfe— ſage mir ein gutes und freundliches Wort über ſie, ich bitte Dich herzlich darum— denn, um ehrlich zu reden„“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, während er die Hände von den Schultern des alten Mannes herabgleiten ließ und von ſich abſtreckte,„ich bin einmal ſo weit gekommen, nur das Gute von jenem Weſen glauben zu wollen, das ich mit aller Kraft meines Herzens liebe.“ „O wäre es mir möglich, dazu Amen zu ſagen,“ gab der alte Mann mit einem ernſten Blicke zur Antwort. Fürſt und Kavalier. 25 „Sag' es friſch heraus,“ rief der Andere mit einer offenbar erzwungenen Heiterkeit,„ſage Amen zu meinem Vorſatze, zu dem Vorſatze nämlich, ſie wenigſtens wiederzuſehen und mit ſcharfem Blicke zu unterſuchen, ob und was an Deinen Anklagen wahr iſt.“ Der alte Mann hatte tief aufſeufzend zugehorcht, dann ſagte er:„Das iſt vielleicht ein gefährliches Spiel, vielleicht auch nicht; mein verehrteſter, gnädiger Herr, wenn Sie meinen Worten nicht glauben, ſo folgen Sie wenigſtens meinem Rathe, erlauben mir aber vorher eine Frage: wollen Sie dort die Rolle jenes Künſtlers ſpielen, als der Sie in Rom mit der Prinzeſſin bekannt geworden ſind? Ich ſetze nämlich voraus,“ fuhr er mit einem feinen Lächeln fort,„daß ſich Arthur von Saleck nach jenem Zuſammentreffen im Vatikan der Prinzeſſin vorſtellen ließ, ſie auch ſpäter häufig ſah, wie ich auch wohl annehmen darf, daß die kunſtſinnige Dame im Beſitze einiger Zeichnungen jenes talentvollen jungen Künſtlers iſt.“ „Du biſt ein arger Spötter und hinterliſtiger Menſch, aber ich muß geſtehen, daß dem ſo iſt wie Du geſagt. O, ich ſah ſie nur zu oft, wenn ich Deinen harten Worten glauben muß, und häufig genug und bei vielerlei Gelegenheiten, wo ſie ſich ſo natürlich und offen gab, daß ich doch noch des Glaubens bin, Du ſeieſt ein Verleumder oder wenigſtens ein arger Uebertreiber ge⸗ weſen.“ „O wäre dem ſo, ich wollte nie mit größerer Luſt Unrecht gehabt haben, als gerade jetzt, aber Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet, unter welcher Geſtalt gedenken Eure Hoheit aufzutreten?“ „Unter keiner, welche Dir das Recht gibt, dieſen Titel zu ge⸗ brauchen, den ich mir ſchon einmal verbeten. Ich ſtelle es mir ſo reizend vor, jene Rolle aus Rom fortzuſpielen und mich hier wie dort als enthuſiaſtiſchen Bewunderer der ſchönen Prinzeſſin einzu⸗ führen— vielleicht,“ ſetzte er mit einem leichten Seufzer hinzu, „daß ſie ihr Verſprechen erfüllt und mir erlaubt, ihr Zeichnungs⸗ 26 Fürſt und Kavalier. unterricht zu geben— o, Zeichnungsunterricht zu ertheilen, iſt eine ſchöne und gefährliche Sache.“ „Sie wollen vielleicht eine kleine, etwas veränderte Taſſo⸗ komödie ſpielen, aber mit ſchlimmerem Ausgange, dafür ſtehe ich Ihnen ein.“ „Und wenn ich das wollte?“ erwiederte der junge Mann mit leuchtenden Blicken,„müßte der Ausgang nicht befriedigender ſein, würde ſie mich nicht verſtehen, wenn ich ihr am Schluſſe der ge⸗ ſpielten Komödie meine Liebe geſtände und zu ihr ſpräche: Das habe ich gethan, um Sie kennen zu lernen, und jetzt, wo ich Sie kennen gelernt, warte ich nur auf Ihr Wort, das mich zum glück⸗ lichſten aller Menſchen machen ſoll.“ „Und Sie glauben, darauf hin würde ſie ſich beeilen, dieß Wort zu ſprechen?“ „Davon bin ich überzeugt.“ „Ich nicht, gnädiger Herr, vielmehr hege ich die Befürchtung, ſie möchte ſich mit einer ſehr zeremoniöſen Verbeugung von Ihnen abwenden und vielleicht ſagen: Saleck war mir lieber, leben Sie wohl und glücklich.“ „Das wäre ein förmlicher Korb.“ „Und nicht der erſte, den die Prinzeſſin austheilt.“ „Aber was bezweckt ſie damit!“ „Das weiß ſie vielleicht ſelber nicht, ſie handelt wie ein ver⸗ zogenes Kind nach der Eingebung des Augenblicks, nach ihren Launen, die vielleicht hundertmal im Tage wechſeln. Haben Sie denn der⸗ gleichen nie bemerkt?“ Der junge Mann war an's Fenſter getreten und blickte nach⸗ denklich hinaus. Nach einer ziemlich langen Pauſe ſagte er kopf⸗ ſchüttelnd:„Mein Blick ihr gegenüber iſt wohl nicht frei genug ge⸗ weſen, um derartiges zu bemerken, auch habe ich vielleicht kleine Launen für liebenswürdigen Muthwillen gehalten— raſch wech⸗ ſelnde Stimmungen für Beweglichkeit ihres Geiſtes.— Hätteſt Du Fürſt und Kavalier. 27 in meiner Lage und in meinen Jahren,“ wandte er ſich raſch fragend in's Zimmer hinein,„vielleicht ſchärfer geſehen und mehr entdeckt?“ „Ich glaube kaum,“ ſagte der Andere in ernſtem Tone,„aber ich hätte es einem alten Freunde Dank gewußt, wenn er mir die Augen geöffnet.“ „Und meinſt Du, ich danke Dir nicht von Herzen, meinſt Du nicht, ich würde jedes Deiner Worte ſorgfältig behalten, um dadurch ſo vortrefflich gerüſtet draußen erſcheinen zu können, daß ich mit friſchem Herzen und offenem Auge einen Kampf wohl wagen kann, einen Kampf, bei dem es ja meine ganze Exiſtenz gilt;— laß mich mit mir darüber einig werden, wie ich mich einführen will. Hie⸗ bei, meine ich, ſollte der Augenblrck den Ausſchlag geben. Und nun will ich Dich verlaſſen, alter Freund, ohne weiter zu forſchen und zu fragen, denn ich fürchte wahrhaftig, wenn Du mich noch längere Zeit bearbeiteſt, ſo kehre ich am Ende mit tief verletztem Herzen nach Hauſe zurück und werde ein Menſchenfeind, wozu ich bis jetzt noch nicht die geringſte Anlage hatte.“ „Es wäre am Ende das Beſte, gnädiger Herr; die Zeit lindert Alles.“ „Weißt Du wohl, daß Du ein ſchlechter Diener Deines Hauſes biſt?“ rief der junge Mann mit komiſchem Ernſte, indem er die beiden Hände ſeines alten Freundes ergriff und derb ſchüttelte,„Du ſollteſt beſſer für Deine Prinzeſſin ſorgen, denn es gibt wenig ſo gute Partien als ich bin.“ „Gerade deßhalb, und weil ich vor allen Dingen Ihr Glück begründen möchte, ſprach ich wie ich that, aber im Grunde, gnädiger Herr, haben Sie Recht, ſelbſt zu ſehen und ſelbſt zu prüfen; gebe Gott, daß man ſich Ihnen in ſeiner ganzen liebenswürdigen Natür⸗ lichkeit zeigt.“ „ Ja, ja, ich will hin und ſogleich, für alle Fälle bin ich ſelbſt⸗ redend mit gewichtigen Schreiben an die bedeutendſten Perſonen ver⸗ ſehen;— wie weit habe ich von hier noch zu fahren?“ 28 Fürſt und Kavalier. „Sie könnten noch eine kleine Strecke die Eiſenbahn benützen, aber Sie würden nicht viel Zeit gewinnen und fänden dort, wo Sie die Bahn verlaſſen müßten, nur ſehr mangelhafte Gelegenheit, weiter zu kommen, deßhalb rathe ich Ihnen, von hier Extrapoſt zu nehmen. Haben Eure Hoheit Dienerſchaft bei ſich?“ 4 „Einen einzigen Diener.“ „Das iſt ſchon genug für einen armen Maler,“ ſagte lächelnd der alte Herr,„würde das nicht Argwohn erregen?“ „Gewiß nicht, denn ich ſpielte in Rom nicht die Rolle des armen Künſtlers, ich war ein Mann von ziemlichen Mitteln, der zu ſeinem Vergnügen Italien bereiste.“ „Alſo Sie fahren von hier nach Warneck und werden mir wohl erlauben, daß ich Ihnen dazu eine leichte Kaleſche offerire; auch das wird Ihrem Inkognito keinen Eintrag thun,— man fährt äußerſt ſchlecht mit den Poſtgelegenheiten.“ „Das nehme ich mit großem Vergnügen an.“ „Sowie zwei Zeilen an eine anſcheinend unbedeutende Perſön⸗ lichkeit, die Ihnen aber von großem Nutzen ſein könnte.“ „Wer iſt die Dame?“ frug der junge Mann lachend. „Sagte ich, daß es eine Dame ſei?“ „Nein, aber ich denke es mir.“ 3 „Getroffen, gnädiger Herr, ich ſchreibe nur wenige Zeilen an die Kammerfrau der Prinzeſſin.“ „Allen Reſpekt vor dieſem Empfehlungsſchreiben, ſolch' gewich⸗ tiges beſitze ich freilich noch nicht.“ Während ſich der alte Herr an den Schreibtiſch ſetzte und raſch einige Zeilen auf's Papier warf, trat der Andere wieder an's Fenſter und blickte in einen kleinen, ſtillen Hof hinab, wo helles Licht der brütenden Sonne und tiefdunkler Schatien ſtill und unbeweglich neben einander ruhten. „So, hier iſt mein Schreiben— und wohin darf ich Ihnen den Wagen ſchicken?“ —= — Fürſt und Kavalier. 29 „Mein Diener wartet auf mich in der Reſtauration neben dem Schloſſe, ich habe mir dort ein kleines Diner beſtellt, bei dem Du wohl mithalten könnteſt, alter Freund.“ „Um dort geſehen zu werden, und ſo aller Welt zu ſagen, daß Sie mit mir verkehrt, ehe Sie nach Warneck abreisten? Bleiben Sie mir dies kleine Diner ſchuldig bis zu Ihrer Rückkunft, und erlauben Sie mir dann für Ihre Aufheiterung das Nöthige beizu⸗ tragen.“. „Du biſt unverbeſſerlich, ein förmlicher Unglücksrabe; aber gut, das Diner bleibe ich Dir ſchuldig und hoffe zu Gott, daß Du alsdann ſo ehrlich ſein wirſt, Dein begangenes Unrecht einzuſehen— und nun lebe wohl!“ „Geleite Sie der Himmel, gnädiger Herr, und das gute Glück Ihres Hauſes!“ In der Reſtauration war der Fremde in dem grauen leinenen Anzuge unterdeſſen ſehr raſch mit ſeinem Beefſteak fertig geworden,“ doch ſchien dieſes kein Meiſterſtück der Kochkunſt geweſen zu ſein, denn er murmelte ein paarmal halblaut und verdrießlich vor ſich hin, und als er ſpäter dem Kellner aus einer ziemlich mageren Börſe die ziemlich ſtarke Rechnung bezahlte, ſagte er ihm in ſcharfem Tone:„ich finde, daß das eine faſt lächerliche Forderung iſt für ein Stückchen gebratenes Sohlenleder und für einen Schoppen Eſſig, dem Sie die Keckheit haben den Namen Wein beizulegen,“ worauf der Kellner mit der weißen Halsbinde nur ein gemüthliches Lächeln zur Antwort gab und ſich raſch dem Tiſche zuwandte, wo ſehr elegante Vorbereitungen zu dem von dem Andern beſtellten kleinen Diner getroffen wurden. Auch der Fremde, ehe er hinausging, blickte nach jenem Tiſche hin, und es war, als ſtiege ein leichter Seufzer in ſeiner Bruſt auf. Dann ſetzte er ſeine Reiſemütze auf und verließ das Lokal, vor dem er den Packträger, den er von der Eiſenbahn mitgenommen, ſchlafend auf ſeinem Koffer fand. Fürſt und Kavalier. „He, mein Freund!“ rief er ihn an,„wollen wir jetzt ſo gut ſein aufzuwachen, und dann möchte ich mit Ihnen überlegen, auf welche Weiſe ich weiter komme. „Und wohin?“ fragte der Packträger, der augenblicklich auf⸗ geſprungen war. „Nach einem Luſtſchloſſe, wo ſich der Hof gegenwärtig aufhält,“ ſagte der Fremde langſam und mit vieler Würde, wobei er mit ſeinem Zahnſtocher ſo ausgiebige Bewegungen machte, als habe er das kleine Diner verzehrt, welches auf den Andern, der mit ihm von der Eiſenbahn gekommen war, wartete. „Nach Warneck,“ gab der Packträger zur Antwort, haben Sie vier gute Stunden zu fahren, und die Poſt geht von hier um zwei Uhr ab, doch würde ich Euer Gnaden rathen, bei der Hitze lieber Extrapoſt zu nehmen: der Eilwagen iſt gewöhnlich ſehr überfüllt, und mit guten Trinkgeldern können Sie bequem in drei und einer halben Stunde nach Warneck gelangen.“ Der Fremde ſchien zu überlegen und bei ſich die Vortheile wie die Nachtheile des Eilwagens gegen die Extrapoſt abzuwägen, dann frug er:„Findet man keine ſonſtige Gelegenheit?“ „Es gibt auch Lohnkutſcher,“ meinte der Packträger achſel⸗ zuckend,„aber theuer und langſam; ich würde zu einer Extrapoſt rathen, bedenken Sie nur bei der Hitze.“ Ein eigenthümliches Lächeln flog über die Züge des Fremden, worauf er raſch entſchloſſen ſagte:„Ich liebe das Alleinfahren nicht, habe gerne Geſellſchaft; bringen Sie meine Sachen nach der Poſt und warten Sie dort auf mich, ich finde meinen Weg ſchon allein dorthin— Sie haben Numero ſechzehn.“ „Numero ſechzehn,“ wiederholte der Packträger, indem er mit der Rechten, ſowohl um die Nummer zu zeigen, wie um zu grüßen, an ſeinen Kappenſchild fuhr. „Gut, ich komme gleich nach— geben Sie mir insbeſondere auf meinen Nachtſack Achtung.“ —— Fürſt und Kavalier. 31 Als der Fremde hierauf dem Schloſſe zuging und erſt wenige Schritte gemacht hatte, begegnete er dem andern Herrn, der ſo eben von dort zurückkam, um ſich zu ſeinem kleinen Diner zu begeben. Eigenthümlicher Weiſe machte er den ganz gleichen Weg wie Jener gethan, und ſchritt durch dieſelbe kleine Seitenpforte des Schloſſes, hinter welcher der alte Portier noch immer auf ſeinem Stuhle ſaß und in ſeiner Zeitung las; doch glauben wir annehmen zu dürfen, daß er bei dieſem Geſchäfte zuweilen einnickte, um dann immer wieder von vornen anzufangen. „He da, mein Freund!“ rief ihn der Eingetretene an,„können Sie mir nicht ſagen, wo ich auf dem kürzeſten Wege zu dem Herrn Schloßhauptmann von Werner gelange?“ „Dort rechts über die kleine Treppe zweiter Stock die Thüre rechts; an der Thüre links finden Sie Namen und Glockenzug der Dienerſchaft.“ Wir wollen dem geneigten Leſer nur kurz andeuten, daß auch von hier der zweite Fremde genau denſelben Weg einſchlug, den der erſte genommen, nur daß er, ſtatt direkt an die Thüre des Wohn⸗ zimmers zu klopfen, den Klingelzug in Bewegung ſetzte und dann einem Diener, der erſchien, ſeine Karte übergab, um ſich auf dieſe Art anmelden zu laſſen. Gleich darauf wurde die Thüre des Zim⸗ mers, in welchem wir ſo eben noch waren, geöffnet und der Fremde trat ein. So verſchieden das Aeußere der beiden Leute auch war, die hier nach einander ihren Beſuch machten, ſo verſchieden war auch die Aufnahme, welche Beide fanden. „Ah, Herr von Felſing,“ ſagte der alte Herr, indem er ſein Sammetkäppchen wie grüßend von einer Seite auf die andere ſchob, „Sie kommen doch noch hieher? Hat Sie denn der Inhalt meines Schreibens nicht entmuthigt?“ „Erlauben Sie mir vorher, Ihnen meinen beſten Dank dafür zu ſagen, daß Sie meinen Brief überhaupt beantworteten,“ gab der 32 Fürſt und Kavalier. Fremde mit einer wohl tiefen aber nicht gerade ſehr zeremoniöſen Verbeugung zur Antwort,„gekommen bin ich trotzdem aber, wie Sie ſehen,“ ſetzte er achſelzuckend mit hoch emporgezogenen Augen⸗ brauen hinzu,„was wollen Sie? der Ertrinkende greift nach einem Strohhalm, und ein paar Wendungen in Ihrem verehrlichen Schrei⸗ ben ſchienen mir mehr als ein Strohhalm zu ſein.“ „Ich wünſchte, Sie hätten denſelben keine ſolche Auslegung gegeben, denn ich verſichere Sie, Herr von Felſing, es wird bei uns ſehr ſchwer, ja unmöglich etwas für Sie zu machen ſein.“ „Das wäre ſehr traurig; ich bin mit meinem Latein ſo zu ſagen am Ende, und auch noch mit manchem Andern. Sie kennen ja meine Fähigkeiten und meine beſcheidenen Anſprüche— ſollte ſich denn gar nichts finden Aaſſen?“ Er drückte ſeine Reiſemütze mit den Fingern zuſammen und blickte mit ziemlich troſtloſem Ausdrucke auf den Schkoßhauptmann, welcher die Hände auf den Rücken ge⸗ legt hatte und wie es ſchien nachdenkend im Zimmer auf und ab ging—„wäre in der That denn gar nichts zu finden, auch nicht das Kleinſte und Beſcheidenſte?“ Der alte Herr blieb in ſeinem Spaziergange plötzlich ſtehen, und der Blick, mit dem er Herrn von Felſing betrachtete, ſchien dieſem einen Hoffnungsſchimmer einzuflößen, denn er wandte ſich raſch, wobei er dringend fortfuhr:„Gewiß, verehrteſter Herr, wenn Sie wollen, ſo finden Sie etwas für mich, ich weiß es ja, wie weit Ihre Hand reicht, wie viel Sie vermögen bei Ihrer ſcheinbaren Zu⸗ rückgezogenheit, bei dem behaglichen Stillleben, welches Sie führen.“ „Mein lieber Herr von Felſing,“ gab der Andere kopfſchüttelnd zur Antwort,„Sie überſchätzen meinen Einfluß um tauſend Prozent, eigentlich hab ich gar keinen, ich beobachte nur ſo den Lauf der Dinge, kombinire, was kommen könnte, zuſammen, und habe da⸗ durch manchmal richtige Vermuthungen, das iſt Alles.— Aber um von Ihnen ſelbſt zu reden, ſo kenne ich allerdings Ihre Fähigkeiten, Ihren ehrenhaften Charakter, und würde auch gewiß jedes Wort 8· —,— Fürſt und Kavalier. 33 für Sie einlegen, wenn ich nur eine Stelle wüßte, auf der man Sie unterbringen könnte; das ſchrieb ich Ihnen ja auch und hatte gewiß recht, wenn ich Ihnen ſagte, es ſei mir unmöglich, für Sie ſelbſt die kleinſte Stelle zu ſchaffen.— Trotzdem wollen Sie nach Warneck?“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort. „Unter der Vorausſetzung,“ fiel Herr von Felſing raſch ein, „daß Sie ſo viel für mich thun wollen, um mir durch einen ge⸗ wichtigen Brief wenigſtens Eingang zu verſchaffen.“ „An wen, mein lieber Felſing? Ich wüßte wahrhaftig nicht an wen. Die Empfehlung, welche ich Ihnen damals an den Oberſt⸗ hofmeiſter Seiner Durchlaucht gab, iſt noch in Ihren Händen und empfiehlt Sie dringend genug.“ „Gewiß— aber es iſt— verſtehen Sie mich nicht falſch, Herr Schloßhauptmann, der gewiſſe Strohhalm gaukelt immer um mich herum, an dem ich mich halten möchte, um nicht unterzuſinken: jener Brief iſt eine Empfehlung für's Vorzimmer; man kommt mit demſelben nicht weiter,— o Sie kennen das beſſer wie ich, man wird empfangen, man erhält ein paar gnädige Worte, dann das gewiſſe ſehr bezeichnende Kopfnicken, und iſt wieder draußen vor der Thüre, ehe man ſich deſſen verſieht.“ Der alte Herr hatte dieſe Worte lächelnd angehört und dann mit geſenktem Kopfe, und denſelben auf eine eigenthümliche Art hin und her ſchüttelnd ſeinen Spaziergang wieder begonnen, doch unter⸗ brach er ihn nach einiger Zeit eben ſo raſch wie vorher, blieb vor Herrn von Felſing ſtehen und ſagte, indem er ihn mit dem Zeige⸗ finger leicht auf die Bruſt ſtieß:„Gut, Sie ſollen ſehen, daß ich für Sie thue, was in meinen Kräften ſteht, vielleicht mehr als ich ſollte. Dieſes Wort gilt nicht Ihnen, Herr von Felſing, denn wenn ich nicht von Ihrer Loyalität feſt überzeugt wäre, hätle ich mich ja damit begnügt, Ihre Karte in Empfang zu nehmen.“ „Der Himmel lohne es Ihnen, wenn Sie ſich meiner an⸗ nehmen.“ 4 Hackländer's Werke. 49. Bd. 9 34 Fürſt und Kavalier. „Ich werde Ihnen einen Brief geben, den ich ſogleich ſchreibe; dieſen Brief laſſen Sie erſt alsdann an ſeine Adreſſe gelangen, das heißt übergeben ihn ſelbſt der bezeichneten Perſon, wenn es Ihnen im Vorzimmer Seiner Excellenz ſo ergangen iſt, wie Sie vorhin angedeutet— doch warten Sie einen Augenblick,“ ſagte er nach⸗ denkend, wobei er ſeine rechte Hand vor die Augen legte,„hat der Oberſthofmeiſter Sie je geſehen?“ „Ich glaube nicht, denn, wie Sie wiſſen, kam ich vor einem halben Jahre mit geſcheiterten Hoffnungen aus Texas; damals gaben Sie mir das bewußte Schreiben, worauf ich Seine Excellenz ſchriftlich befragte, wann ich mich ihm vorſtellen dürfe; die Antwort war: gelegentlich— nun Sie wiſſen, was es in dem Falle heißt: gelegentlich.“— „Haben Sie das Schreiben bei ſich?“ „Gewiß, Herr Schloßhauptmann, hier iſt es.“ Herr von Felſing nahm das Schreiben aus ſeiner Brieftaſche und überreichte es dem alten Herrn, welcher es entfaltete, aufmerkſam durchlas und dann mit dem Kopfe nickte, worauf er ſagte:„Es iſt ganz gut ſo, in allgemeinem und, wie Sie mir zugeben müſſen, ganz günſtigem Ausdrucke abgefaßt; es gilt heute wie damals. Gut denn: Sie übergeben das Schreiben, aber hören Sie mich an, Sie übergeben es nicht in der Art des unterthänigen Bittſtel⸗ lers, ſondern mit dem gewiſſen Selbſtgefühl, das, wie ich weiß, Sie zu zeigen verſtehen, wenn Sie wollen, nicht wahr, Herr von Felſing?“ „O, unbeſorgt,“ gab dieſer lächelnd zur Antwort, indem er wie mit einem einzigen Rucke als ein ganz anderer Mann daſtand: er hatte den rechten Fuß vorgeſetzt, drückte ſeine Bruſt heraus und nahm den Kopf ſehr in die Höhe, wobei er noch zum Ueberfluß ſeinen langen Schnurrbart in die Höhe ſtrich, um plötzlich ſo unter⸗ nehmend auszuſchauen, daß ſich der alte Herr mit zuſammengelegten Händen lächelnd vor ihm verbeugte, wobei er ſagte:„So iſt's Fürſt und Kavalier. 3⁵ recht, Sie haben das Ausſehen, Gnaden zu ertheilen ſtatt zu empfangen.“ „Und will alſo in Gottesnamen auf Ihren Befehl dieſe Hal⸗ tung annehmen und beibehalten, möge dabei herauskommen, was will,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu. Der Schloßhauptmann hatte ſich indeſſen an ſeinem Schreib⸗ tiſche niedergelaſſen und warf raſch wenige Zeilen auf's Papier, welche er dem Andern zum Durchleſen übergab, wobei er fagte, „damit Sie ſehen, daß es kein Uriasbrief iſt.“ „Laſſen wir das, Herr Schloßhauptmann,“ ſagte Herr von Felſing mit einer abwehrenden Handbewegung,„Sie kennen das grenzenloſe Zutrauen, das ich für Sie hege.“ „Nein, nein, ich bitte, leſen Sie laut.“ „Der Ueberbringer dieſer Zeilen iſt Herr von Felſing, ein Be⸗ kannter von mir, für den ich vollkommene Gewähr übernehme.“— „Vollkommene Gewähr,“ unterbrach der alte Herr den Leſer mit erhobenem Zeigefinger, worauf Jener ſich begnügte, die rechte Hand auf die Bruſt zu legen, und dann geſchmeichelt fortfuhr zu leſen:„ein Kavalier im beſten Sinne des Wortes, gewandt, an⸗ hänglich, verſchwiegen. Näheres wird er Ihnen ſelbſt mittheilen.“ „Sind Sie damit zufrieden?“ frug der Schloßhauptmann. „Ich bin davon entzückt,“ erwiederte der Andere,„und wenn die Adreſſe dieſes Briefes meinen Hoffnungen entſpricht, ſo kann es mir nicht fehlen.“ „Ja, ja, die Adreſſe,“ meinte lächelnd der alte Herr, indem er ſtill vergnügt ein Couvert überſchrieb und das zurückgenommene Schreiben hineinſteckte,„ich nahm mir Ihre Anſpielung von vor⸗ her, das Vorzimmer betreffend, zu Herzen, und darum denke ich, wir wollen es mit einer andern Thüre verſuchen— da nehmen Sie.“ Herr von Felſing griff haſtig nach dem Briefe, doch als er die Adreſſe auf demſelben geleſen, flog etwas wie getäuſchte Erwar⸗ 36 Fürſt und Kavalier. tung über ſeine Züge:„an Herrn Maler von Saleck, aufzuſuchen in Warneck.“ „Das iſt die Adreſſe?“ frug er alsdann etwas kleinlaut. „Die ganze Adreſſe ohne Titel und ꝛc. ꝛc., aber ich hoffe, Herr von Felſing, Sie haben zu mir altem, bewährten Freunde einiges Zutrauen— freilich zeigt Ihre Miene das Gegentheil, doch das findet ſich.“ „Und dieſer Maler Saleck?“ „Wird leicht aufzufinden ſein; ſoviel ich mich erinnere, gibt es in Warnech nur einen einzigen faſhionablen Gaſthof, zur Roſe oder Anker, wo Jener wohnen wird, und wo auch Sie wohl einkehren werden.“ „Hm, hm,“ ſagte Herr von Felſing nach einer Pauſe, während welcher er wiederholt, die Adreſſe geleſen zu haben ſchien,„ich ſage Ihnen meinen herzlichſten Dank, Herr Schloßhauptmann, denn von Ihrer Freundlichkeit für mich, ſowie von Ihrer Umſicht bin ich überzeugt, hier einen ganz gewichtigen Empfehlungsbrief zu haben.“ „Mein Wille und der Wunſch, Ihnen zu dienen, iſt der aller⸗ beſte, Herr von Felſing, aber Sie wiſſen, eine mächtige Hand habe ich nicht, ich kann Sie nur empfehlen, und das habe ich ja nach beſten Kxäften gethan. Glänzende Folgen kann dieſe Empfehlung haben, das können Sie mir glauben, ob ſie aber glänzende Folgen hat, dafür müſſen Sie Ihren Glücksſtern, ſowie das günſtige Zu⸗ ſammentreffen von Zeit und Umſtänden verantwortlich machen. Eines hätte ich beinahe vergeſſen: es könnte ſein, daß Herr von Saleck Urſache hätte, unter einem andern Namen in Warneck auf⸗ zutreten; in dem Falle haben Sie nichts zu thun, als ſich bei dem Kellner, am beſten ziemlich laut, nach einem Herrn von Saleck zu erkundigen, der in den nächſten Tagen ankommen ſolle.— Und nun, Herr von Felſing, behüte Sie der Himmel, und erlauben Sie mir, daß ich Sie um eine kleine Gefälligkeit bitte, nämlich mir zu ſchreiben, wie Sie Herrn von Saleck getroffen, wie er Sie auf⸗ genommen, und ob er geneigt ſcheint, etwas für Sie zu thun.“ — Fürſt und Kavalier. 37 „Alſo wenn er will, kann er etwas für mich thun?“ „Dieſer Zweifel könnte mich beleidigen; Herr von Saleck iſt, obgleich Künſtler und ohne Rang und Titel, doch ein Mann von großem Einfluß.“ „So nehmen Sie nochmals meinen beſten Dank entgegen, und gebe der Himmel, daß ich Ihnen bald Günſtiges melden kann.“ Nach dieſen Worten reichte Herr von Felſing dem alten Manne ſeine Rechte, welche dieſer freundlich ſchüttelte und dann Jenen bis an die Thüre begleitete, wo ſich Herr von Felſing empfahl. Als ſich dieſer anſchickte, die Treppen des Schloſſes hinabzu⸗ ſteigen, drückte er die Reiſemütze in etwas heftiger Art auf ſeinen Kopf, zu welcher Bewegung des Unmuths auch der verdrießliche Ausdruck ſeines Geſichtes vollkommen paßte.„Soll mich der Teufel holen,“ brummte er vor ſich hin,„wenn es mir nicht beinahe vor⸗ kommt, als habe er ſich auf eine pfiffige, aber ſehr verſtändige Weiſe meiner entledigt; o Felſing, dein Glaube iſt immer noch zu gut für dieſe verdorbene Welt. Ja wahrhaftig, wenn ich mir dieſe Geſchichte ruhig überlege, ſo kann ich keinen Sinn darin finden, mich einem einfachen Maler zu empfehlen, als Kavalier zu empfehlen und dabei zu ſagen, er könne ſich überzeugt halten von meiner Brauchbarkeit und Anhänglichkeit, ſonderbar und räthſelhaft. Aber was konnte ich anders thun, als den Brief nehmen und mich dafür bedanken. Der Alte droben iſt eigentlich nicht als ein Spaßvogel bekannt und ſollte mich genugſam kennen, um zu wiſſen, daß ich nicht der bin, mit dem man ungeſtraft ſeinen Scherz treibt— ein Maler von großem Einfluß— möglich in dieſer verkehrten Welt, wo die Geburt nächſtens gar nichts mehr gelten wird.“ Er hatte während des Selbſtgeſprächs das Schloß verlaſſen und ging der Poſt zu, nachdem er ſich den Weg dorthin von dem alten Portier, der immer noch in ſeiner Zeitung las, hatte erklären laſſen. Dort fand er ſein Gepäck bei Numero ſechzehn, die er be⸗ lohnte und ſich darauf einen Platz nach Warneck geben ließ. Leider Fürſt und Kavalier. mußte er ſich mit einem Innenplatze rückwärts begnügen, da alle übrigen ſchon genommen waren, und fand ſich ohne Seufzen in dieſe unangenehme Lage. Der geneigte Leſer wird wahrſcheinlich wiſſen, was es zu ſagen hat, an einem heißen Sommertage auf ſtaubiger Landſtraße rück⸗ wärts in vollgepfropftem Eilwagen zu ſitzen: wer hat nicht das Gefühl kennen gelernt, mit dem wir namentlich in den erſten zehn Minuten von vier langen, langen Stunden verſuchten, es uns ſo erträglich als möglich zu machen, oft mit ſehr ſchlechtem Erfolge, wenn unſer Gegenüber und unſer Nachbar Leute von wenig Rück⸗ ſicht ſind, und es namentlich nicht verſtehen wollen, ſich im wahren Sinne des Wortes ihrem Reiſegefährten anzuſchmiegen. Auch die Cigarre, ein bedeutender Troſt des Reiſenden, war Herrn von Felſing verſagt; denn als er ſein Etuis hervorzog und fragend um ſich ſchaute, verſicherte ihn eine alte Dame in der an⸗ dern Ecke, ſie hätte eigentlich durchaus nichts dagegen, wenn er eine Cigarre anſteckte, nur müſſe ſie ihm die Verſicherung geben, daß ſie bei der Ahnung von Tabaksdampf unfehlbar in Ohnmacht fallen würde. Darauf verſuchte er es, die Augen zu ſchließen und ſich mit ſeinen Gedanken zu beſchäftigen, doch waren dieſe ſo wenig erfreulicher Art, daß er auch das, kurz und tief ſeufzend, wieder aufgab. Darauf unternahm er es, die winzigen Stückchen der Gegend, welche an dem engen Wagenfenſter eilfertig vorüberhuſchten, intereſſant zu finden, doch hatte er noch nicht lange im Anblicke langweiliger Pappeln geſchwelgt, die hinter einem dicken Staub⸗ ſchleier ſcheinbar vorüberzogen, als die Dame, welche den Tabaks⸗ rauch nicht ertragen konnte, ſich ebenſo energiſch gegen den ein⸗ dringenden Staub verwahrte und das Schließen des Fenſters ver⸗ langte, worauf aber ihr Gegenüber, ein dicker Herr, der zum Schaden ſeiner Mitreiſenden über zwei Drittel des Sitzes für ſich in Anſpruch nahm, nicht weniger energiſch erklärte, er habe keine Luſt zu erſticken oder ſich im Schweiße aufzulöſen. So blieb denn . ————— Fürſt und Kavalier. 39 allerdings das Fenſter offen, dafür aber auch die Gegend ſo ohne alles Intereſſe, daß es Herr von Felſing mit Schlafen verſuchte, was ihm auch gelang, wenn man jenen Zuſtand voll prickelnder Ungeduld, beunruhigt von lächerlichen Traumbildern, die jeden Augenblick durch das Gefühl, hin und her geworfen zu werden, unterbrochen ſind, ja wenn man jenen qualvollen Zuſtand ſchlafen nennen kann, wo wir jedes Geſpräch unſerer Mitreiſenden, jedes Klirren der Wagenketten, jedes Schnauben der Pferde deutlich aber ohne allen Zuſammenhang vernehmen, uns aber dabei des Gedan⸗ kens, als ſollten wir lebendig begraben werden in einer immer dichter werdenden Staubwolke, ſo daß uns von all' dieſen Schreck⸗ niſſen der Schweiß ſtromweiſe von der Stirne rinnt, nicht ent⸗ ſchlagen können. Obendrein überfällt uns noch bei ſolch' ruheloſem Schlummer eine bekannte, meiſtens ſehr triviale Melodie, der wir nicht los werden können, und in deren ſich hundert⸗ und aber hundertmal wiederholender Weiſe wir alles andere Geräuſch, das wir hören, ſo zu ſagen rhythmiſch hineinſtopfen. Auf dieſe unerträgliche, be⸗ kannte Weiſe paßt dann das Rollen der Räder, das Klappern der Hufe, das Klirren der Ketten, das Geſpräch unſerer Mitreiſenden, das Flüſtern des Windes, wenn ſich welcher vernehmlich macht, kurz Alles, Alles iſt getränkt, geſättigt, erfüllt von der unausſtehlichen, unverwiſchbaren Weiſe: „Schier dreißig Jahre biſt Du alt, Haſt manchen Sturm erlebt, Haſt mich wie ein Bruder beſchützet, Und wenn die Geſchütze geblitzet, Wir Beid' haben niemals gebebt.“ Endlich hörte der Wagen auf ſo raſch zu rollen, als ein Poſt⸗ wagen zu rollen pflegt, und es ging bergan, und wie es ſchien auf weichem, ſandigem Boden; man hörte kein Klappern der Hufe mehr, auch klirrten die Ketten ſtill und beſcheiden, und der Kaſten des 40 Fürſt und Kavalier. Wagens, ſtatt wie bisher zu ſtoßen, wiegte ſich leichter und an⸗ genehmer auf ſeinem Riemenwerke, welches dadurch leiſe knarrende Töne von ſich gab, und alles dieß zuſammengenommen brachte bei Herrn von Felſing, ſtatt des leichten, unruhigen Halbſchlummers, einen feſten, ruhigen Schlaf hervor. Wenigſtens flatterte die Melodie zerriſſen in die Luft hinaus und ſummte immer ſchwächer, bis ſie ſich endlich ganz verlor. Dann träumte ihm Verſchiedenes von Warneck, wo ein ungeſchlachter Rieſe ihm hohnlachend das Thor vor der Naſe zuwarf, das aber gleich darauf wieder krachend aufflog, als er es mit dem Empfehlungsbriefe des Schloßverwalters berührte. Doch was war das für eine ſonderbare Geſellſchaft, die er im Schloßhofe beiſammen ſah: ein Turnier, ein wirkliches Turnier, nur hatten die Ritter ſtatt der Schilde Paletten, und ihre Lanzen waren rieſenmäßige Pinſel, mit denen ſie ſich durch und durch ſtachen, ohne ſich übrigens im Geringſten zu verletzen, denn die ſo eben erſt Durchbohrten galoppirten gleich darauf wieder auf langen Malerſtöcken davon. „Wer mag das wohl ſein?“ hörte er eine Stimme fragen, und Aller Blicke richteten ſich nicht nur auf ihn, ſondern das ganze lebhafte Gewimmel ſtand nun mit einem Male ſtille wie zu Stein erſtarrt, nur die Geſichter zogen ſich in die Länge und Breite und verwandelten ſich jeden Augenblick in etwas anderes, ja wurden zu⸗ letzt zu farbigen Blumen, zwiſchen denen er, der Träumende, in einem eleganten Wagen ruhend hindurchfuhr, huldvollſt nach allen Seiten grüßend. „Es iſt eine Extrapoſt,“ hörte er jetzt deutlich wieder eine Stimme ſagen, dann ſchmetterte eine luſtige Hornfanfare in ſein Ohr, und erwachte. 3 Ja, es war in der That eine Extrapoſt, aber er fuhr nicht darin, vielmehr fuhr ſie in raſchem Trabe der Pferde bei dem langſam ſchleichenden Eilwagen vorbei, ein leichter, eleganter Wagen mit einem einzigen Herrn darin, der ſich in die weichen Kiſſen zu⸗ Fürſt und Kavalier. 41 rücklehnte und behaglich den Duft einer Cigarre einſog. Vorne auf dem Bocke neben dem Poſtknecht ſaß ein Diener, der aus einem kleinen Weidenkörbchen die immer noch deliziöſen Reſte verſchiedener ſaftiger Früchte verſpeiste. „So reiste auch ich einſt,“ dachte Herr von Felſing nicht ohne Neid.„Ja, die Tage folgen ſich wohl, aber ſie gleichen ſich nicht.“ Er zog mit einer krampfhaften Anſtrengung ſein Schnupftuch aus der Taſche, um ſich den herabtriefenden Schweiß von der Stirne abzutrocknen. Jetzt hatte die Extrapoſt den Eilwagen erreicht, und Herr von Felſing erkannte in dem Herrn, der ſich mit gleichgültigem Blicke den raſch zurückbleibenden Eilwagen betrachtete, jenen Mann, den er auf dem Bahnhofe geſehen, der ſich dann das kleine feine Diner beſtellt mit Champagner in Eis, der darauf wahrſcheinlich vortreff⸗ lichen Kaffee getrunken, ſich eine echte Havanna angebrannt, um alsdann, im eleganten Wagen ausgeſtreckt, auf die komfortabelſte Art der Welt denſelben Weg zurückzulegen, den er im Schweiße ſeines Angeſichts machen mußte.— So verſchieden ſind die Looſe der Menſchen. „Gott ſei Dank!“ ſagte jetzt der dicke Herr in der andern Ecke, „da kommt eine Station, von dort haben wir doch wenigſtens Wald und Schatten.“ Der Poſtknecht ſtieß in ſein Horn, die Pferde er⸗ mannten ſich noch einmal zu einem ſchläfrigen Trabe und hielten dann vor einem einſamen Poſthauſe, worauf die zuſammengepferchten Reiſenden ſo eilig als möglich den dumpfigen Wagenkaſten ver⸗ ließen, um dann zugleich den Verſuch zu machen, ob ihre ſteif ge⸗ wordenen Glieder durch allerlei kunſtvolle Bewegungen wieder ge⸗ lenkig zu machen ſeien. „Noch eine Viertelſtunde,“ ſagte die gegen Tabaksrauch und Straßenſtaub ſo empfindliche Dame,„und ich wäre gewiß in Ohn⸗ macht gefallen.“ Das Poſthaus lag am Rande des Waldes, deſſen der dicke 42 Fürſt und Kavalier. Herr von hier ab als ſchattenſpendend erwähnte, und wenn man vor demſelben ſtand und rückwärts blickte, ſo ſah man eine ziemlich geneigte, ſandige Ebene, an deren ſcheinbarem Ende die Reſidenz mit ihren zahlreichen Thürmen lag, die wir vor ungefähr einer halben Stunde verlaſſen haben. Neben dem Poſthauſe befand ſich eine mit Weinlaub bedeckte, roh gezimmerte Veranda, wo ſich die Paſſagiere an einem Tiſche niederließen, um einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen: einen ſchlechten Kaffee, einen ſauren Wein oder ſchales Bier.. Der Herr in der Extrapoſt, der hier ebenfalls friſche Pferde bekam, verſchmähte wohlweislich dieſe Genüſſe und ſchritt dagegen, eine Cigarre rauchend, wie in tiefes Nachdenken verſunken neben ſeiner Kaleſche auf und ab. Auch Herr von Felſing fing gierig an zu rauchen und hatte dabei den klugen Einfall, dem Kondukteur des Eilwagens ebenfalls eine Cigarre anzubieten, wobei er ſagte: „Da drinnen im Wagen iſt's fürchterlich.“ „Allerdings beider Hitze und rückwärts,“ entgegnete der Be⸗ amte und ſetzte nach einem kurzen Stillſchweigen, währenddeſſen er ſeinen Paſſagier flüchtig betrachtete, hinzu:„Wenn Sie vielleicht Luſt haben, meinen Platz neben dem Poſtillon einzunehmen, ſo kann ich mich ſchon hinten auf dem Wagen behelfen.“ Herr von Felſing nahm dieß Anerbieten bereitwillig an, und 3 als ſich nun die Karawane wieder in Bewegung ſetzte, fand er es auf ſeinem luftigen Sitze neben dem Poſtillon unter dem Bewußt⸗ ſein, hier eine Cigarre rauchen zu können, ohne daß Damen ihm gegenüber in Ohnmacht fielen, unvergleichlich angenehm. Auch Schatten gab es, wie der dicke Herr prophezeit. Die Sonne, ſich abwärts neigend, zitterte ſchon mit ihren glühenden Strahlen hinter den Wipfeln der hohen Bäume, denen man jetzt entgegenfuhr; Alles erſchien friſcher, behaglicher; ſtatt des tiefen Sandes rollte der Wagen jetzt auf härterem Boden, und die Friſche des Waldes er⸗ laubte dem Staub nicht, ſo zudringlich zu werden, wie vorher auf . — Fürſt und Kavalier. 43 der baumloſen Ebene. Jetzt rollte auch die Extrapoſt wieder an ihm vorbei, doch betrachtete ſie Herr von Felſing nicht mehr mit demſelben Mißbehagen wie früher; er gönnte dem Herrn, der darin ſaß, die halbe Stunde, die er früher ankommen würde, und war feſt überzeugt, daß Jenem ſein feines Souper, das er wahrſcheinlich beſtellte, nicht beſſer munden würde, als das beſcheidenere, das er ſich zuzulegen gedachte. Viel raſcher ſchien auch die Zeit dahin zu fliegen, und kaum hatte Herr von Felſing ſeine zweite Cigarre zur Hälfte geraucht, ſo zeigte der Poſtknecht mit der Peitſche vor ſich hin, wo ſich am Horizonte nicht allzufern über einer mit dichtem Wald bewachſenen Anhöhe graues Gemäuer erhob, von deſſen hohem Thurme eine Fahne flatterte. „Warneck— nämlich das alte Schloß, das neue, wo der Hof wohnt, liegt am Fuße jener Anhöhe, und können wir es, der Bäume wegen, noch nicht ſehen, doch gehören die Waldungen rechts' und links ſchon zum Park— o, es iſt viel Wild darin,“ fuhr der Poſtknecht fort,„ſchöne Hirſche— ſehen Sie dort?“ In der That ſah der Reiſende eines dieſer edlen Thiere auf einer grünen Wald⸗ lichtung ſtehen mit ſtolz erhobenem Kopfe, den vorbeirollenden Wagen betrachtend, während ſeine Gefährten ruhig weiter ästen. Hier war Alles vortrefflich unterhalten— die Straßen ſehr breit, glatt und eben, ſo daß der Wagen wie von ſich ſelbſt dahin⸗ rollte; rechts und links befanden ſich Gräben, dahinter Verhaue, um den Park zu ſchützen. Zuweilen ſah man in der Entfernung das rothe Ziegeldach einer Meierei, oder die graue und zackige Giebel⸗ wand eines Förſterhauſes, die andere Spitze mit einem rieſigen Ge⸗ weih verziert, ſelbſt faſt wie ein vorſündfluthliches Rieſenthier über das Gebüſch hervorſchauend. 3 Nach einer leichten Biegung des Weges ſah der Reiſende in einiger Entfernung vor ſich ein gewaltiges Steinthor, aus einem mittleren weiten Thorbogen und zwei kleineren Eingangspforten Fürſt und Kavalier. beſtehend, an welche rechts und links zwei im mittelalterlichen Style erbaute Wächterhäuschen angebaut waren. Alle drei Thoreingänge waren mit ſchweren eiſernen Gittern verſchloſſen, und hinter den⸗ ſelben lief der breite Weg noch ſehr weit bis zu einer Gruppe un⸗ geheurer Eichen, durch deren Laubwerk man die dahinter liegenden gelben Mauern des Schloſſes hervorſchimmern ſah. Vor dem Eingangsthore zum Schloß Warneck bog die Fahr⸗ ſtraße unter einem ſtumpfen Winkel rechts ab, zog ſich an der Grenze des Parks hin, und kurze Zeit darauf ſah der Reiſende das Dörfchen Warneck vor ſich liegen, deſſen wunderſchöne Lage ihn ent⸗ zückte. Seine Häuſer ſpiegelten ſich in dem klaren Waſſer des hier ziemlich ſtarken Fluſſes, über den eine breite, ſteinerne Brücke führte. Man ſah an der reichen Konſtruktion derſelben, ſowie an Allem, daß hier mit großen Mitteln gebaut worden und immer noch ver⸗ ſchönert wurde. Warneck war allerdings ein Dorf, aber mit allen Bequemlich⸗ keiten einer Stadt; ſeine breiten Straßen hatten Trottoirs, ja ſogar Gasbeleuchtung; die Häuſer waren meiſtens von Stein in einem hübſchen Styl erbaut, auch ſah man hier zahlreiche und elegante Läden; die Ufer des Fluſſes waren ſorgfältig unterhalten, hatten freundliche Fußwege mit ſchattigen Baumgängen, auch eine Menge Landungsplätze für kleine Boote, die in den verſchiedenartigſten Ge⸗ ſtalten und Größen, von der gewöhnlichen Barke bis zur zierlichen Gondel, Ruder⸗ und Segelboote aller Art, hier lagen. Im Grunde genommen war es nach alle dieſem eine Koketterie von Warneck, ſich Dorf zu nennen, wie ja auch ein reizendes Land⸗ mädchen lieber als ſolches angeſchaut werden mag, anſtatt unter der Maſſe ſtädtiſcher Kolleginnen zu verſchwinernn. In der Nähe des Ortes Warneck befand ſich eine kleine Bade⸗ anſtalt— wo befindet ſich jetzt nichts Derartiges?— und die Gäſte derſelben pflegten ſich hier zahlreich zu ihrer Zerſtreuung und Erholung einzufinden. Da auch der Hof ſeit langen Jahren den Fürſt und Kavalier. 45 Frühling und Sommer hier zubrachte, ſo zog der Aufenthalt des⸗ ſelben um ſo mehr viele Fremde hieher, weil man bei Hofe gaſt⸗ freundlich war, und manche ſtrenge Frage der Etikette, die in der Reſidenz ins Gewicht fiel, hier eher beſeitigt werden konnte. Unterdeſſen war der Eilwagen über die Brücke gerollt, und ehe er das andere Ufer erreichte, ſetzte der Poſtknecht ſein Horn an den Mund, um ſeine Ankunft vor dem Poſtgebäude kund zu thun. Dieß lag an einem kleinen Platze gegenüber dem Gaſthofe zur Roſe und Anker, einem ſtattlichen Hauſe, vor deſſen Eingangsthor Herr von Felſing die bereits ausgeſpannte Extrapoſtchaiſe bemerkte; dort ſtanden auch gierige Kellner mit weißen Servietten auf dem Arme, und der Portier hatte mit einem ſtarren Blick auf die Paſſagiere des Eilwagens bereits den Strang der großen Glocke erfaßt und fing an, dieſelbe heftig zu läuten, als Herr von Felſing mit ruhigen Schritten näher kam. Auf die Frage, ob ein Zimmer zu haben ſei und wo möglich nicht zu hoch und nach dem Fluſſe zu, betrachtete der Portier den Zimmerkellner, dieſer den Oberkellner, der ſich alsdann herkömm⸗ licher Maßen die Hände rieb und mit einer leichten Verbeugung ſagte: der Gaſthof ſei allerdings ſtark beſetzt, doch erinnere er ſich eines leeren Zimmers, zwar im zweiten Stocke, doch nach dem Fluſſe zu, was ja der wunderſchönen Ausſicht wegen doch die Haupt⸗ ſache ſei. 3 Nachdem Herr von Felſing das mit einem ſtummen Kopfnicken angenommen hatte, ließ er ſich in das ihm angewieſene Zimmer führen, und als er hierbei über den Korridor des erſten Stockwerks ging, bemerkte er den Bedienten des Herrn in der Extrapoſtchaiſe, der einen rieſenhaften Koffer geöffnet hatte und den Inhalt deſſelben in ein offenſtehendes, ſehr reich möblirtes Schlafzimmer trug. Wenn auch eine Treppe höher, ſo war Herr von Felſing doch ſo untergebracht, daß er zufrieden ſein konnte. Er hatte ein geräu⸗ miges Zimmer, welches, da ſich das Bett in einem verſchließbaren 46 Fürſt und Kavalier. Alkoven befand, für einen Salon gelten konnte. Der Kellner, der ihn herauf begleitet, und der nun haſtig das Fenſter öffnete, machte den Fremden auf die in der That entzückende Ausſicht aufmerkſam, wobei er ſeine weiße Serviette ſchwenkte, als ſei ſie ein Zauber⸗ ſtab, mit dem er all' die ſchönen Bilder hervorbringe.„Dort,“ ſagte er,„unſerem Gaſthofe faſt gegenüber, iſt Park und Schloß Warneck; die flatternde Fahne auf dem Thurme zeigt an, daß ſich der allerhöchſte Hof dort befindet. Der allerhöchſte Hof iſt gewöhn⸗ lich hier von Anfangs Mai bis Ende September; der innere Park hat einen Flächeninhalt von einer halben Quadratſtunde, der äußere von einer halben Quadratmeile, iſt prachtvoll angelegt und erhalten, mit zahlreichem Hochwild verſehen, wie Euer Gnaden auf Ihrer Hieherfahrt zu bemerken Gelegenheit hatte. Das Schloß iſt natür⸗ licher Weiſe fürſtlich eingerichtet, und der allerhöchſte Hof erlaubt gerne ſeine innere Einrichtung zu ſehen, verſteht ſich von ſelbſt mit Ausſchluß der Räumlichkeiten, die die allerhöchſten Herrſchaften be⸗ wohnen.— Dort unten am Fluſſe,“ hier ſchwenkte er abermals ſeine Serviette, als beabſichtige er, Jemand draußen ein Zeichen zu geben,„befindet ſich der Landungsplatz für Boote und Gondeln der allerhöchſten Herrſchaften, welche häufig von denſelben benützt werden; gegenüber von demſelben— wollen Euer Gnaden gefälligſt hier herausſchauen,“ dabei bog er ſich mit halbem Leibe zum Fenſter hinaus und ſchwenkte abermals ſeine Serviette,„iſt das alte Schloß Warneck, allerdings eine Ruine, doch mit einer gut erhaltenen großen Halle, wo der allerhöchſte Hof zuweilen dinirt oder goutirt. Alles das kann der Fremde ſehen, und ſind Karten zum Beſichtigen der Ruine, ſowie zum Beſuch des allerhöchſten Schloſſes und Parkes beim Portier drunten gratis zu haben, ganz gratis; auch iſt auf dieſen Karten bemerkt, daß der allerhöchſte Hof den Fremden erſucht, die Dienerſchaft in Schloß und Park nicht mit Trinkgeldern in Verſuchung zu führen—— wenn Euer Gnaden ſonſt noch Befehle haben, bitte ich, es zu ſagen,“ fuhr der Kellner nach einer Pauſe — Fürſt und Kavalier. 47 fort, während welcher er ſich in die Mitte des Zimmers zurück⸗ gezogen, wobei er ſeine Serviette, weil er vorderhand nichts mehr zu zeigen hatte, beruhigt unter den Arm nahm—„Diner iſt um fünf Uhr, ſoupirt wird nach der Karte, Boote zum Spazierenfahren ſind jeder Zeit zu haben, und in dem Garten des Hotels nach dem Fluſſe zu iſt eine vortreffliche Kegelbahn, welche häufig benützt wird von den Herren aus dem Gefolge der allerhöchſten Herrſchaften.“ Nachdem der Kellner auf dieſe Art die Vorzüge des Gaſthofes dem Fremden mit großer Gewandtheit angeprieſen, wartete er ſchweigend noch einen Augenblick, und da kein Befehl erfolgte, ver⸗ ließ er das Zimmer mit jener unnachahmlichen Grazie, welche nur einem Zimmerkellner eigen iſt. Es war eigenthümlich, daß die beiden Fremden, denen wir bis hieher gefolgt, in der erſten Zeit, nachdem ſie angekommen, ſich bei⸗ nahe den gleichen Beſchäftigungen hingaben; daß der Zimmerkellner des erſten Stockes, gleichfalls unter Schwenkung ſeiner Serviette, den Angekommenen auf die Schönheiten der Gegend aufmerkſam gemacht habe, glauben wir annehmen zu dürfen, und können wir, ohne indiskret zu ſein, hinzuſetzen, daß der Bewohner des erſten Stockes darauf ein ſehr ſcharfes Glas hervorzog und damit auf⸗ merkſam die Theile des Schloſſes beſichtigte, welche zwiſchen den dichtbelaubten Bäumen ſichtbar waren. Viel war er übrigens nicht im Stande zu ſehen: oben etwas von der Krönung des weitläufigen Gebäudes, hie und da Theile von Erkern oder Terraſſen, ſowie die undeutlichen Umriſſe hoher Bogenfenſter. Doch ſagte er während des Beſchauens zu ſich ſelber, und es klang das wie ein Seufzer: „Ein reizender, wunderbarer Ort, wie gemacht zu angenehmem Hin⸗ und Herſchlendern, zu ſüßer Schwärmerei. Und was für Baum⸗ ſchlag in dem weitläufigen Park zu finden ſein muß, welch' köſt⸗ liche Bäume, aus üppigem Moos hervorwachſend, wie geſchaffen, um unter ihnen auszuruhen, Hand in Hand mit einem geliebten Weſen.“ 48 Fürſt und Kavalier. Der im zweiten Stocke hatte ſich ebenfalls, nachdem der Kellner das Zimmer verlaſſen, mit einem Binocle, dem man anſah daß es ſchon viel erlebt, Schloß und Park angeſchaut, doch war er haupt⸗ ſächlich mit ſeinem Blick über die prachtvollen Bäume hinweggefahren, um ſo gut als thunlich die weitläufigen Grenzen dieſes reichen Re⸗ viers beſtimmen zu können, dann ſagte er gleichfalls mit einem leichten Seufzer:„Ach, wer ſo glücklich wäre, in dieſen herrlichen Forſten Beſchäftigung zu finden, oder meinetwegen auch im Stall⸗ departement, oder, wenn es ſein müßte, auch im inneren Dienſte— Du würdeſt überall deine Figur machen, Felſing, und überall deine Stelle ausfüllen;'s iſt ſchon ein Troſt, wenn man das von ſich ſagen kann.“ Darauf hatte er das Fenſter verlaſſen, ſeinen Koffer aufgeſchloſſen und eine einfache Schreibmappe hervorgenommen, faſt zu gleicher Zeit, als dem unten im erſten Stocke von dem Diener ebenfalls eine Schreibmappe auf den Tiſch gelegt wurde, letztere aber von Schildkrotſchale, reich mit Gold und Silber eingelegt, mit edlen Steinen beſetzt, und auf dem Deckel derſelben befand ſich ein Schild mit einer Fürſtenkrone— dann ſchrieben Beide, und eigen⸗ thümlicher Weiſe an dieſelbe Perſon. „Euer Excellenz!“ ſchrieb der im zweiten Stockwerke an den Grafen von Sporbach, Oberſthofmeiſter der Prinzeſſin Anna,„der ergebenſt Unterzeichnete hat Euer Excellenz ein Schreiben zu über⸗ geben, und bittet Euer Excellenz dringend, dieſes in eigener Perſon thun zu dürfen, um Euer Excellenz zugleich mündlich wiederholen zu können, wie ſehr er mit der Verſicherung ausgezeichnetſter Hoch⸗ achtung iſt und ſein wird, Euer Excellenz ganz gehorſamer Diener von Felſing.“ Der Brief des Fremden im erſten Stocke lautete dagegen: „Euer Excellenz! Bei Ihren vielfachen und wichtigen Geſchäften, bei Ihrer ſo ſehr in Anſpruch genommenen Zeit und bei dem gänzlichen Wechſel der Szenerie zwiſchen heute und jener Zeit, wo ich das Glück hatte, von Euer Excellenz in Rom gekannt zu Fürſt und Kavaljer. 49 ſein, werden Sie ſich kaum noch meines Namens erinnern; doch wage ich es immerhin, mich Euer Excellenz in Erinnerung zu bringen, und bitte Sie, geſtützt auf die Freundlichkeit, die Sie mir damals zu Theil werden ließen, um Erlaubniß, Ihnen meine Auf⸗ wartung machen zu dürfen. „Sollte es Euer Excellenz für geeignet halten, Ihro Hoheit der Prinzeſſin Helene von meiner unbedeutenden Anweſenheit tief ergebenſte Meldung machen zu dürfen, ſo würde zu ganz außer⸗ ordentlichem Danke verpflichtet ſein, Euer Excellenz ganz gehorſamer Diener Maler von Saleck.“. Beide Schreiben wurden geſiegelt, das vom erſten Stocke durch den Diener des Betreffenden auf die Poſt befördert, während das andere per Hausknecht denſelben Weg ging, doch hatte ſowohl dieſer als auch der ſerviettenwedelnde Kellner des zweiten Stockes und der Portier die Adreſſe geleſen, wodurch der Fremde in der Achtung dieſer drei wichtigen Perſonen um mehrere Prozente geſtiegen war, was ihm bei verſchiedenen Angelegenheiten des Gaſthoflebens immer⸗ hin nützlich und von einigem Belang ſein konnte. Nach dem Briefſchreiben wurde Toilette gemacht unten ſowie oben, und wenn auch die Behälter, aus welchen die Toilettegegen⸗ ſtände herausgenommen wurden, ziemlich ungleich waren, ſo hatte doch der Anzug beider Herren ſelbſt in ſoweit eine Aehnlichkeit, daß Beide eiufach aber elegant gekleidet waren, worauf Beide noch einen Blick in ihre Spiegel warfen, Beide ſich noch einmal mit der Bürſte durch das Haar fuhren, auch dem Schnurrbarte einige Auf⸗ merkſamkeit widmeten, deſſen Erfolg ſich im erſten Stocke daran zeigte, daß der Bart des Bewohners hier in zwei ſcharfen Spitzen nach beiden Seiten auslief, während der des Mannes im zweiten Stocke etwas drohend in die Höhe ſtand. Als nun Beide ihre Hüte genommen, Handſchuhe angezogen und die Treppe hinab nach dem kleinen Garten des Hotels gingen, mußte jeder von ihnen von irgend welchem Kenner für einen ganz vollendeten Kavalier gehalten Hackländer's Werke. 49. Bd. 4 Fürſt und Kavalier. werden, wobei jedoch dem Fremden vom erſten Stocke ein vorneh⸗ meres Cachet nicht abgeſprochen werden konnte. II. In dem kleinen Garten des Gaſthofs war eine hübſche große Terraſſe, welche auf den Fluß hinausging, wo breitäſtige Kaſtanien Schatten gaben, und die nebenbei auch, da deren Stämme ſehr hoch waren, eine reizende Ausſicht auf das durch kleine Fahrzeuge aller Art belebte Waſſer, ſowie auf die gegenüberliegenden ernſten Bäume des fürſtlichen Parkes gewährte. Von dem Schloſſe ſelbſt ſah man nur den oberen, mit Zinnen verſehenen Theil des Thurmes mit ſeiner flatternden Fahne. Auf der Mauer des Gartens, welche nach dem Fluſſe zu die Terraſſe bildete, ſtand ungefähr in der Mitte das Zeichen des Gaſthofs, plaſtiſch dargeſtellt durch einen eiſernen Anker, den eine wirkliche Roſenguirlande zierlich umſchlang, Roſe und Anker oder auch Hoffnung und Liebe. Der Herr aus dem zweiten Stocke nahm dieſes Sinnbild gewiß in der erſteren Auslegung auf, ſoliden Ankergrund hoffend, der ihn hier in dem ſchönen Hafen ſicher und feſt halten möge, während der vonm erſten Stocke wohl mehr die andere Bedeutung in's Auge gefaßt hatte; denn an der Terraſſenmauer ſtehend, lehnte ſich dieſer in Wirklichkeit an die Hoffnung, während er das Sinnbild der Lie eine friſche, eben aufgeblühte Roſe ſanft durch ſeine Finger glei ließ und dazu einen ſehr bezeichnenden Blick über das ſchimmert Waſſer nach dem Schloſſe warf. Hier im Garten dicht am Hat befand ſich jene famoſe Kegelbahn, von der der ſerviettenſchwenkend Kellner des zweiten Stockes geſprochen, und war dieß auch in der Fürſt und Kavalier. 51 That eine ſehr elegante Einrichtung, nicht zu verwechſeln mit jenen plebejiſchen Anſtalten, wo die Kugel auf feſtgeſtampftem Lehm rollt, wo ein nothdürftiges Dach kaum vor Wind und Regen ſchützt, und wo ſich Waſchbecken und Handtuch ſehr im Urzuſtande befindet— nein, hier war Alles fein und zierlich, würdig der Gäſte, die, wie der Kellner geſagt, nach des Tages Laſt und Hitze hier in harm⸗ loſem Kegelſpiele von wichtigen Staatsgeſchäften ausruhten und den Ernſt ihres Dienſtes mit leichter Unterhaltung vertauſchten. Hier rollten ſchwere Kugeln von Eiſenholz auf glatten Marmorplatten, hier ſah man an der Wand bequeme Sitze, da war die Gasflamme zum Anzünden der Cigarren, und das Ganze bildete eine von ſchlanken Säulen getragene Gallerie, die gegen Sonne, Wind und Regen durch Marquiſen oder große Glasſcheiben gedeckt werden konnte. Heute war natürlicher Weiſe Alles geöffnet, um die er⸗ friſchende Abendkühle einzulaſſen, die nach dem heißen Tage ſo wohl⸗ thuend war. An dem Theile der Kegelbahn, von wo die Kugeln geſchoben wurden, befand ſich ein Kellner im ſchwarzen Fracke mit weißer Halsbinde, beſchäftigt, Gläſer verſchiedenen Kalibers ſym⸗ metriſch aufzupflanzen, während dort, wo die Kegel ſtanden, ein ſauber gekleideter, ſchon ziemlich erwachſener Burſche aus dem Dorfe den Kegelbuben vorſtellte, mit ſtolzem Selbſtgefühl den Augenblick erwartend, wo er die von Excellenzen umgeworfenen Kegel aufzu richten habe. Die erſten Gäſte, welche erſchienen, waren zwei junge Männer, von denen man den Einen, wenn er ſich auch in Civilkleidung be⸗ fand, in der Haltung den Offizier augenblicklich anſah: es war dieß ein ſchöner Mann von vielleicht ſechsundzwanzig Jahren mit blondem, gekräuſeltem Barte und ſtarkem, lockigem Haare, welches er, mit dem Hute in der Hand nun an der Terraſſe ſtehend, aus der breiten, ſchön geformten Stirne ſtrich, während er dazu in einem tiefen Athemzuge die kühlende Luft des Fluſſes einſog.—„Ah, wie das wohl thut,“ ſagte er, indem er ſeine Bruſt ausdehnte, und Fürſt und Kavalier. dazu ſeinen leichten Rock aufknöpfte und rechts und links zurück⸗ warf,„ſo köſtlich erfriſchend nach der Zimmerluft, die ich faſt den ganzen Tag eingeathmet.“ „Sie waren heute im Dienſt?“ frug der Andere, der ſich unterdeſſen auf den Rand der Terraſſenmauer geſetzt, mit dem Rücken gegen den Fluß und den Garten, und die Rückſeite des Gaſthofs betrachtete. 4„So iſt es, im Dienſt von neun bis ſechs Uhr, und ziemlich angeſtrengten; Seine Hoheit halten darauf, daß Ihre Adjutanten vom Dienſte den ganzen Tag im Vorzimmer bleiben in Uniform und Schärpe, ſelbſt hier auf dem Lande, und ich kann Sie ver⸗ ſichern, lieber Wilden, daß ich allemal Dienſt habe, ſo oft irgend eine deliciöſe Landpartie in Ausſicht ſteht, heute auch wieder: eine Tour nach dem alten Kreuze mitten im Walde habe ich wieder ver⸗ ſäumt, dort ein ländliches Diner auf duftigem Raſen im kühlen Schatten, während ich dafür en petit comité mit den älteren Herr⸗ ſchaften ſpeiſen mußte.“ „Ja, in der That, Sie haben es ſehr ſchlimm, Herr Graf,“ ſagte der andere junge Mann lachend. „Bedingungsweiſe gewiß; glauben Sie mir, ich hätte gerne während drei Regentagen nacheinander Dienſt gethan, wenn ich 3 heute bei der Partie nach dem alten Kreuze hätte ſein dürfen; o ich liebe dieſen Platz unendlich.“ Dieß Letztere ſagte er mit einem ſchwärmeriſchen Blicke. „Hm, hm,“ machte der Andere, hinter der vorgehaltenen Hand leicht huſtend. „Wie ſteht's mit Ihrer Zeichnung von jenem Platze, die Sie mir ſchon ſeit acht Tagen verſprochen? mir ſcheint, lieber Wilden, Warneck iſt ein Capua für Sie, Ihr früherer Fleiß iſt ganz ver⸗ ſchwunden.“ „Acht Tage iſt auch eine gewaltig lange Zeit, wenn man, Gott ſei es gedankt, ſo mit Aufträgen überhäuft iſt wie ich.“ Fürſt und Kavalier. 3 „Die Pflicht der Dankbarkeit ſollte meine Zeichnung allen andern vorgehen laſſen.“ „Das thut ſie auch, aber der bezeichnete Platz iſt ſo ſchön, und der Auftrag für mich ſo ehrenvoll und anſpornend, daß es etwas ganz Außerordentliches geben muß— man ſoll ſehen, daß mit Liebe daran gemalt wurde.“ „Was nützt es mich,“ ſagte der Andere achſelzuckend,„ob Sie mit Liebe daran malen, ja wenn ich es ſelbſt gethan hätte... „Man muß in meiner Arbeit den Wunſch des Beſtellers ſehen, etwas ganz Außerordentliches erſchaffen zu laſſen, und dazu werde ich alle meine Kräfte anſtrengen.“ 3 „Aber in den nächſten Tagen werden Sie fertig?“ „Gewiß, Herr Graf.“ Daß der, welcher zuletzt ſprach, ein Künſtler war, brauchen wir dem geneigten Leſer kaum zu ſagen. Es war ebenfalls noch ein junger Mann; er trug einen leichten Sommeranzug und hatte ſeinen Strohhut neben ſich auf die Mauer gelegt.„Sehen Sie,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während er immer noch das Haus betrachtete,„welche kleine, reizende Partie ſich dort bildet, wo Epheu und Schlingroſen das breite Fenſter einrahmen; wenn wir da hinein eine hübſche Mädchengeſtalt bringen, ſo haben wir eine allerliebſte Kompoſition.“ „A propos,“ ſagte der Adjutant des Fürſten nach einer längeren Pauſe, ohne ſich aber nach dem Hauſe umzuſchauen,„was für einen Auftrag hat Ihnen der junge Herzog gegeben? Sie zeichnen ja etwas für ihn.“ „Verzeihen Sie, wertheſter Herr Graf und Gönner, das iſt ein Staatsgeheimniß.“ „Pah, mir gegenüber!“ „Denken Sie, der Herzog verlange zu wiſſen, was ich für Sie male!“ „Hat er darnach gefragt?“ Fürſt und Kavalier. „Nein, ich würde es ihm auch nicht ſagen.“ „Ich danke für die Lektion,“ erwiederte der junge Adjutant lachend,„aber ich will Ihnen ungefähr ſagen, was Sie für ihn zeichnen: einen Theil des kleinen Pavillons nach dem Park zu; Sie wiſſen doch, welchen Pavillon ich meine? den, wo die Damen der Prinzeſſin Helene wohnen.“ „Den Pavillon kenne ich allerdings; es iſt ein kleines reizendes Haus.“ „Ja— a— a— ah,“ gab der Andere zur Antwort, doch klang dies lang gezogene Wort wie ein Seufzer. 3 Der junge Maler hatte jetzt ſeinen Blick auf den Fluß ge⸗ worfen und ſagte, wie um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben:„Mir ſcheint, die Herrſchaften kommen dort von der Land⸗ partie zurück; es iſt das Boot der Prinzeſſin; Ihre Hoheit ſitzen wie gewöhnlich am Steuer.“ „ Ja, Sie haben Recht, Ihro Hoheit lieben es, zu ſteuern.“ „Und ſie verſteht's, ſehen Sie, mit welch' zierlichem Bogen das Schiff die Landungstreppe gewinnt.“ „Wilden, Sie ſehen ſchärfer als ich, wer führt die Ruder?“ „Wenn ich nicht irre, der Herr Herzog und Graf Sporbach.“ „Sehen Sie auch die Damen der Prinzeſſin?“ „Ja, ſie ſind im ſelben Boote.“ „Hätte ich nur ein ſcharfes Glas bei mir.“ Eine andere Perſon im Garten hatte wohl ein ſcharfes Glas bei ſich und benützte dieſes Glas ſo eifrig, daß er es wohl um keinen Preis an Jemand Anderes abgetreten hätte: es war der Fremde vom erſten Stocke, der ſich nach der andern Seite des Gartens zu gezogen hatte und mit ſeinem Glaſe unverwandt das kleine Boot betrachtete. „Sie ſteigen aus,“ ſagte der Adjutant. „Ja, die Prinzeſſin zuerſt— Herr v. Sporbach iſt an ihrer Seite.“ 3 . Fürſt und Kavalier. 55⁵ „Und der Herzog?“ „Er reicht dem Fräulein v. St. Aubin die Hand.“ „Hol' ihn der Teufel!“ murmelte der Adjutant, jedoch ſo leiſe, daß nicht einmal ſein Nachbar ihn verſtehen konnte. „Es iſt gut,“ ſagte der Maler nach einer Pauſe,„daß das Boot, in welchem dort der Oberſtkammerherr kommt, ſchon die Mitte des Fluſſes erreicht hat, ehe das Fahrzeug der Prinzeſſin am Ufer war, ſonſt würde er es ſich nicht haben nehmen laſſen, ſie nach dem Schloſſe zurückzubegleiten; jetzt begnügt er ſich damit, die Ruderer beilegen zu laſſen und ſeinen Hut in der Hand zu behalten, bis die höchſten Herrſchaften verſchwunden ſind.“ 4 „Wenn Sie nicht ſo eilig geweſen wären, hieher zu kommen,“ ſagte der Adjutant in einem Tone des Vorwurfs zum jungen Maler, „ſo wären wir jetzt auch erſt in der Mitte des Fluſſes.“ „Das iſt wahr, und hätten ebenfalls das Glück gehabt, Grüße wechſeln zu dürfen, doch iſt das nun einmal durch meine Schuld vorbei, und wir müſſen uns mit der allerdings traurigen Wahrheit tröſten, daß keine Reue im Stande iſt, eine verlorene Minute zurück⸗ zurufen.“ „Ich wollte, ich hätte Ihren Humor.“ „Er fehlt Ihnen nicht,— aber... „Dort kommt der Oberſtſtallmeiſter,“ entgegnete der Adiutant, den Maler abſichtlich unterbrechend,„Seine Excellenz verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen, und nimmt als Ziel ſeiner Spazier⸗ fahrt Anker und Roſe.“ In der That ſah man in dieſem Augenblicke einen Wagen auf die Brücke einbiegen, welchen vier prachtvolle Rappen zogen, die förmlich in ihren Geſchirren tanzten, in die Zügel ſchäumten und offenbar nur durch eine feſte und ſehr geſchickte Hand in ihrem ge⸗ ſtreckten Trab erhalten werden konnten. Jetzt bog die Equipage von der Brücke auf die Straße und gelangte ſo raſch auf den Platz, an dem der Gaſthof lag; doch wurden ſie hier von dem Herrn, der 56 Fürſt und Kavalier. ſo feſt und ſicher die Zügel führte, ſtatt gerade aus in einem leichten Bogen um dieſen Platz herumgelenkt, um alsdann mit einer be⸗ wunderungswürdigen Genauigkeit vor dem Thore des Gaſthofs ſo präcis angehalten zu werden, daß der Mittelpunkt des Wagens mit dem Mittelpunkte des Thores zuſammenfiel. Von dem Sitze hinten hatten ſich raſch die Bedienten herabgeworfen, von denen ſich der Eine ſchnell vor die Vorläufer ſtellte, während der Andere Seiner Excellenz herabſteigen half, was dieſer langſam und bedächtig that, nachdem er Zügel und Peitſche dem neben ihm ſitzenden Ober⸗ kutſcher übergeben. „Es iſt nicht ſchlecht gegangen,“ ſagte der Oberſtſtallmeiſter, während er um das ſchöne Geſpann herumging und dem einen der Thiere auf den Hals, dem andern auf die Croupe klopfte,„nehmen Sie im Nachhauſefahren den Weg nochmals an der Mühle vorbei, wo der rechte Vorläufer bei dem ſchäumenden Rade etwas zu auf⸗ fallend die Ohren ſpitzte, laſſen Sie ihn ſo dicht wie möglich hinan⸗ gehen, er muß ſich daran gewöhnen; nun ich denke, wir können Seine Hoheit nächſtens mit dem Zuge fahren laſſen.“ Der, zu dem er alſo geſprochen, grüßte ehrerbietig mit der Peitſche und fuhr im Schritt davon, während ſich die beiden Lakaien von rechts und links wieder auf ihre Sitze ſchwangen. Seine Excellenz trat darauf in den Garten, wo unterdeſſen das Boot des Oberſtkammerherrn, der mit einigen Begleitern ge⸗ kommen war, gelandet hatte. Der Oberſtſtallmeiſter war ein ziemlich großer ſchlanker Mann, mit einem angenehmen, etwas ernſten Geſichte, wogegen der Oberſt⸗ kammerherr, klein und unterſetzt, mit einer ſo außerordentlichen Freundlichkeit um ſich ſchaute, daß ein angenehmes Lächeln ſelten von ſeinen Zügen wich. Er reichte den Anweſenden ſeine beiden Hände hin und that dieß offenbar mit einem Ausdruck des Bedauerns, nicht über noch mehr Hände zu verfügen zu haben, um Alle auf einmal glücklich machen zu können.„Jetzt ſind wir da,“ ſagte er Fürſt und Kavalier. 57 luſtig,„und wollen uns ganz dem harmloſen Vergnügen des Kegel⸗ ſpiels hingeben: he, Georg!“ rief er dem Kellner zu,„bekommen wir ein recht kaltes und friſches Bier? ich ſchmachte darnach. Bei uns bringe ich es nicht ſoweit, daß, wenn einmal eine Probe des edlen Gerſtenſaftes ſervirt wird, derſelbe nicht warm und faſt ſchal iſt; ich habe es dem Grafen Sporbach oft genug geſagt, aber da er ſelbſt keines trinkt, ſo gönnt er auch uns Anderen dieſes Ver⸗ gnügen nicht rein und ungetrübt.“ Oberſtkammerherr von Spiegel ſchien die Seele des Kegelſpiels zu ſein. Er bat die Anweſenden, nun nicht länger zu warten, trieb den Kellner an, das kühlſte Bier herbeizubringen, drohte dem Kegelbuben von weitem mit aufgehobenem Zeigefinger, um ihn zu veranlaſſen, ſeine Sache gut zu machen, und ließ Roth und Schwarz ziehen, um die Partie gleichmäßig zu regeln: es wurde nämlich ge⸗ partelt, ein unterhaltendes Kegelſpiel, wo die Spieler in zwei Partieen getheilt ſind, und es eine Menge feiner Nüancen gibt, bei denen ein guter Spieler ſeine Kunſt zu zeigen vermag. Es war nach dem heißen Tage ein prächtiger Abend geworden, die ſinkende Sonne warf einen Goldſchimmer auf das langſam fließende Waſſer und ließ die mächtigen Bäume des Parkes wie mit einem glühenden Duft überzogen erſcheinen, während eine an⸗ genehm erfriſchende Kühle ſo wohlthuend nach der heißen Sonnen⸗ glut wirkte. Von unſeren beiden Fremden hatte ſich Felſing an ein kleines Tiſchchen neben der Terraſſenmauer geſetzt, während der Herr vom erſten Stock der Länge des Gartens nach auf und ab ſpazierte. Er that das anſcheinend, ohne ſich um die Kegelſpieler zu bekümmern, doch wer ihn genau beobachtete, merkte wohl, daß er von Zeit zu Zeit, wenn er in die Nähe des Pavillons kam, einen raſchen Blick dorthin zu werfen ſchien. Und ſo war es auch in der That: er betrachtete die Anweſenden ſo genau als thunlich, denn es wäre ja möglich geweſen, daß er einen von ihnen damals in Rom geſehen. 58 Fürſt und Kavalier. „Es iſt eigentlich gar nicht amüſant mit Ihnen zu ſpielen,“ ſagte der Oberſtkammerherr zu dem Maler Wilden, der, mit dem Rücken gegen den Garten gekehrt, etwas in ſein Buch zeichnete,„wenn wir hier auf der Kegelbahn ſind, muß man die Geſchäfte zu Hauſe laſſen; ſehen Sie, ſogar unſer Freund, der Oberſtſtallmeiſter, denkt in dieſem Augenblicke nicht mehr an ſein vierbeiniges Departement und lächelt ſogar, weil er die eine Seite des Kegelvierecks ſo famos weggeputzt hat.“ „Seien Sie froh an Wilden,“ meinte der junge Adjutant,„er iſt doch bei der Sache, wenn er ſich auch in der Zwiſchenzeit mit etwas Anderem beſchäftigt.“ „Ja,“ ſagte der Maler lachend,„und ich möchte mir die Be⸗ merkung erlauben, daß es undankbar von Seiner Exeellenz iſt, mir einen Vorwurf zu machen, denn ich ſkizzire noch Einiges zu dem kleinen Kegelbahnbilde, das ich zu liefern verſprochen.“ „Ah, wenn das iſt, ſo bleiben Sie ruhig an Ihrer Arbeit,“ entgegnete Baron Spiegel,„laſſen Sie ſich gar nicht unterbrechen⸗ im Nothfalle thue ich ſelbſt einen Wurf für Sie.“ „Dabei aber käme Deine Partie zu Schaden,“ ſagte teocken der Oberſtſtallmeiſter,„denn Wilden iſt ein feiner Stecher, während es bei Dir kaum noch in's Volle langt.“ „Nun, das wollen wir einmal ſehen,“ gab der Oberſtkammer⸗ herr animirt zur Antwort;„gibt es einen Kegel, der ſchwerer zu machen iſt als der, welcher dort auf der linken Seite noch ſteht? Gebt jetzt einmal Achtung!“ Bei dieſen Worten wiegte er die Kugel ziemlich lange in der Hand und— warf vorbei. „Das nennt man einen Pudel,“ ſagte der Oberſtſtallmeiſter. „Im Gegentheil,“ rief Baron Spiegel,„das war nur zu fein geſchnitten; ich möchte jede Wette machen, daß zwiſchen der Kugel und dem Kegel nicht ein Blatt Poſtpapier Platz gehabt hätte.“ „Alſo denn noch einmal.“ ——— ——— Fürſt und Kavalier. 59 Der Oberſtkammerherr warf ſeine zweite Kugel; auch dieſe flog vorbei und bandirte noch obendrein. „Nun, Spiegel, wie nennſt Du das?“ frug der Oberſtſtall⸗ meiſter. „Die Kugel fiel mir aus der Hand, das kann Jedem vor⸗ kommen— Georg, reich' mir mein Glas herüber!“ wandte er ſich an den Kellner. „Alſo Sie, Wilden,“ ſagte der Adjutant, worauf der Maler ſein Skizzenbuch hinlegte, die Kugel hinausſauſen ließ und den Kegel ſo gewaltig traf, daß er, wie man zu ſagen pflegt, in der Luft ein Rad ſchlug. 3 „Hat er ihn gemacht?“ frug der Oberſtkammerherr, da er in dieſem Augenblick abgewandt ſein Bier trank. „Und wie!“ gab der Oberſtſtallmeiſter zur Antwort;„ja, lieber Spiegel, das macht die Jugend, ein ſcharfes Auge, eine ſichere Hand, man muß wie wir in der Uebung bleiben— und im Vor⸗ zimmer roſtet man ein.“ 3 „Nun, was Deine Jugend anbelangt, ſo beunruhigt ſie Dich auch nicht mehr beſonders; ich habe geſagt, das iſt der ſchwerſte Kegel, den es gibt.“. „Und ich mache ihn doch,“ ſagte ruhig der Oberſtſtallmeiſter; „gilt es eine Wette?“ „Warum nicht, wie hoch?“ „Zehn Louisd'or, doch habe ich drei Würfe.“ „Das iſt zu viel, zwei will ich Dir zugeſtehen.“ „Sei's d'rum,“ verſetzte der Oberſtſtallmeiſter und wandte ſich mit den Worten an die Uebrigen:„Ihr werdet erlauben, daß wir das Spiel eine Sekunde unterbrechen.“ Der Kegel wurde wieder aufgeſetzt, der Oberſtſtallmeiſter nahm die Kugel, zielte einen Augen⸗ blick und traf alsdann den Kegel faſt eben ſo gut, wie vorhin der junge Maler. „Famos,“ rief der junge Adjutant,„ich mache Euer Excellenz 60 Fürſt und Kavalier. mein Kompliment;“ worauf der Oberſtkammerherr hinzuſetzte:„Ja, dieſer gute Rodenberg hat immer Glück.“ „Verkleinere mein Verdienſt nicht,“ gab der Sieger lächelnd zur Antwort,„es thut's das ſichere Auge und die feſte Hand; das Herumtreiben in freier Luft, Reiten und Jagen konſervirt die Jugend; ich finde wahrhaftig, guter Spiegel, daß Du bedeutend alterſt, ſeitdem Du nicht mehr mit uns auf die Jagd ziehſt.“ „Darin haſt Du nicht ſo ganz Unrecht,“ erwiederte der Andere achſelzuckend,„aber ich halte nun einmal einen jagenden Oberſt⸗ kammerherrn für eine Abnormität.“ „Du ziehſt wahrſcheinlich vor gejagt zu werden.“ O,“ gab Baron Spiegel zur Antwort,„dieſen ſchlechten Witz möchte ich in Deiner hohen Stellung nicht um eine Million gemacht haben; da ſieht man doch, lieber Rodenberg, daß die Beſchäftigung immer ein wenig auf den Menſchen einwirkt— Einfluß Deines Departements.“ „Ich wollte gar keinen Witz machen, ſondern ſprach nur ein Wort, das man häufig von Dir hören muß; wie oft ſagſt Du nicht: ‚Ach, dieſes Gehetze, dieſes Gejage!’“ „Allerdings, weil ich für euch Alle arbeiten muß; gewiß, Kinder,“ ſetzte er jovial lächelnd hinzu,„ihr wißt nicht, wie viel Dank ihr mir ſchuldig ſeid, wie oft ihr mir eure Frühſtunden zu danken habt, wenn Seine Hoheit zuweilen verdrießlich ſind, und ich nur zu ſagen brauchte: Würde Eure Hoheit nicht eine Partie Billard befehlen, oder ein kleines Piſtolenſchießen? Rodenberg würde glück⸗ lich ſein.“ „Das fehlte mir allerdings noch,“ meinte der Oberſtſtallmeiſter trocken. „Aber in ſolchen Fällen,“ fuhr Baron Spiegel ſort,„trete ich für euch ein und unterhalte Seine Hoheit———— ſeht dort,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er ſich umſchaute, „ ——— Fürſt und Kavalier. 61 „jetzt muß man dieſen Wilden ſchon wieder rufen. Sie müſſen werfen,“ rief er dem Maler zu, der aus dem Pavillon getreten war und mit beſonderer Aufmerkſamkeit den immer noch auf⸗ und abwandelnden Fremden aus dem erſten Stocke betrachtete. „Da bin ich ſchon,“ rief der Maler, doch ſah man deutlich, daß er nicht ganz bei der Sache war; er hatte einen Wurf in's Volle, doch brach die Kugel ſo unglücklich durch, daß in der Mitte eine Lücke entſtand, aber die Kegel auf beiden Seiten ſtehen blieben. „Ei, ei,“ ſagte der Oberſtkammerherr,„einen ſolchen Wurf können wir am Ende des Spiels gerade brauchen, wir bleiben drin, die Partie wird verloren ſein.“ Auch die zweite Kugel, welche Wilden warf, fiel nicht glücklich aus, worauf er achſelzuckend ſagte:„Ich muß um Entſchuldigung bitten, ich bin zerſtreut; als ich eben hinaus trat, bemerkte ich einen Herrn, der mir außerordentlich bekannt vorkam, und den ich ſehr genau kenne, wenn er es wirklich iſt.“ Nach dieſen Worten eilte er raſch in den Garten hinaus und hatte kaum in das Geſicht des Fremden geſehen, welcher ſich jetzt gerade gegen ihn wandte, als er zu ihm hineilte und ihm mit dem Ausrufe:„Sind Sie es wirklich, Saleck?“ die Hand entgegenſtreckte. 1 „Allerdings bin ich es,“ gab der Angeredete zur Antwort,„und freue mich außerordentlich, Sie hier zu finden, Wilden.“ „Ich dachte, Sie wären noch in Rom?“ „Ich glaubte Sie in Norwegen, wohin Sie ja gehen wollten.“ „Dazu kam ich gar nicht; ich blieb in der Reſidenz hängen, erhielt Aufträge die Hülle und Fülle, und ſah mich veranlaßt, den Hof hieher nach Warneck zu begleiten.“ „So hat man wohl zum Hofmaler Glück zu wünſchen?“ „Das weniger, ich glaube kaum, daß ich Luſt habe, mich jetzt ſchon irgendwo feſtzuſetzen, auch athme ich ſchwer in der Hof⸗ luft und ſehne mich nach Wald und Haide— aber Sie, Saleck, Fürſt und Kavalier. der ſich in hohen Kreiſen ſo angenehm, gern und leicht bewegt, Sie, der, wie ich mich noch wohl erinnere, in Rom von der Prinzeſſin Helene protegirt wurde, Sie finden hier ein geeignetes Terrain.“ „Wer weiß, lieber Freund, man wird ſo bald vergeſſen, wer denkt hier noch an mich— hörten Sie je von mir ſprechen?“ „Graf Sporbach nannte neulich Ihren Namen, es war, glaube ich, als ich hier das Album der Prinzeſſin Helene anſehen durfte; ‚das iſt eine Handzeichnung von Salecke, ſagten Seine Excellenz, ‚kennen Sie ihn?“ „Worauf Sie mich doch nicht verleugneten?“ „Im Gegentheil, ich freute mich ſehr eine Ihrer Arbeiten zu ſehen, und ſagte das auch.“ „War die Prinzeſſin zugegen?“ „Sie ging zufällig durch den Salon, und da Graf Sporbach ſie bat, unſere Freiheit, ihr Album anzuſehen, entſchuldigen zu wollen, warf ſie einen Blick auf das Blatt und ging kopfnickend vorüber.“ „Sagte ſie vielleicht etwas über meine Arbeit?⸗ „Nein,—— ich erinnere mich nicht,“ doch hatte er einen kurzen Augenblick mit der Antwort gezaudert. „Sehen Sie die Prinzeſſin zuweilen?“ fragte Saleck nach einer Pauſe. „Sehr ſelten, nur wenn ich mit hinausgenommen werde, um etwas zu zeichnen—— unter uns, man iſt ungeheuer vornehm an dieſem Hofe.“ „Davon müſſen Sie mir ſpäter Ausführliches erzählen,“ er⸗ wiederte Saleck—— ‚Zeichnet die Prinzeſſin auch noch?“ frug er nach einem kurzen Stillſchweigen. „Ich glaube kaum, ich habe davon nie etwas geſehen oder gehört.“ „Wohnen Sie auf dem Schloſſe, lieber Wilden?“ Fürſt und Kavalier. 63 „Nein, hier im Gaſthofe.“ „Das trifft ſich herrlich; auch ich habe hier Zimmer genommen, ich kam heute Nachmittag hier an, und freue mich doppelt, dieſen Ausflug gemacht zu haben, da ich Sie hier finde; ich hoffe, wir wollen viel beiſammen ſein, und wäre ich Ihnen ſehr dankbar, wenn Sie in der reizenden Umgebung meinen Führer machen möchten.“ „Mit Vergnügen, Sie können mir glauben, daß ich entzückt bin Sie zu ſehen und mit Ihnen von Rom plaudern zu können.“ „Spricht die Prinzeſſin noch zuweilen von Rom?“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht, ich gehe meinen Malereien nach und bekümmere mich ſonſt um die ganze Geſchichte nichts.“ „Daran ſehe ich in der That,“ ſagte Saleck lachend,„daß Sie am Hofe keine Carrière zu machen gedenken; im Grunde haben Sie recht bei Ihrer Kunſt und bei Ihrem Namen.“ 3 „Wilden!“ hörte man jetzt den Oberſtkammerherrn rufen,„Sie ſind wahrhaftig heute gar nicht zu gebrauchen.“ „Man ruft Sie,“ ſagte Saleck,„laſſen Sie ſich nicht ſtören; ich ſpaziere hier auf und ab, und wenn Sie fertig ſind, rauchen wir gemüthlich eine Cigarre zuſammen.— Wer ſind denn die Herren?“ frug er noch, während ſie Beide dem Pavillon zu⸗ ſchritten. 3 „Sie ſind von Hofe, ſoll ich Sie vorſtellen?“ „Wenn man das nicht für zudringlich hält— ſprechen Sie darüber.“ „Gewiß.“ Damit eilte der junge Mann auf die Kegelbahn zurück, wo er den Oberſtkammerherrn in ziemlicher Aufregung fand, während die Spieler der andern Partie freundliche Miene machten. „Seine Excellenz haben es vorausgeſagt,“ meinte der Adjutant, „ihr habt eure Partie verloren.“ „Das heißt,“ fiel Baron Spiegel eifrig ein,„nur ein Wunder kann uns retten; zwei Würfe, wie ſie aber nicht alle Tage nach Fürſt und Kavalier. einander vorkommen; auf den einzigen jämmerlichen Kegel der noch ſteht, habe ich zwei Kugeln verloren.“ „Zwei ſo koſtbare Kugeln,“ wiederholte der Oberſſſtallmeiſter. „Den Kegel müſſen Sie machen,“ fuhr der Oberſtkammerherr, zu dem Eintretenden gewandt, fort, ohne in dieſem wichtigen Augen⸗ blicke die Neckereien ſeines Freundes zu beachten. Die Kugel ſauste und der Kegel fiel. „A— a— a— ah,“ machte Baron Spiegel nach einem tiefen Athemzuge. „Und was wünſchen Eure Excellenz jetzt noch?“ frug Aachend der Maler. „Einen Kranz, junger Mann— ein Kranz dort bei den Kegeln iſt unſer Siegeskranz; ich bitte Sie inſtändig, nehmen Sie ſich zu⸗ ſammen— welche Aufregung,“ fuhr er in komiſchem Ernſte fort, als Wilden ſeine Kugel in der Hand wiegte,„ich muß mich wahr⸗ haftig abwenden, bis ich die Kegel klappern höre.“ „Kranz!“ rief draußen der Kegelbube, worauf der Oberſtkammer⸗ herr auf den Maler zuſchritt und ihm mit den Worten die Hand ſchüttelte:„noch einen ſolchen Schuß, junger Schütze und Dein Glück iſt gemacht!“ „Aber iſt das erhört!“ rief der Oberſtſtallmeiſter,„wie kann man ein ſolches Glück haben! Spiegel, Spiegel, ich an Deiner Stelle hätte wahrhaftig Angſt für meine Zukunft— die Partie, bei der Du biſt, hat immer zu viel Glück— denke an den Ring des Polykrates und opfere den Göttern.“ „Das werde ich auch thun in dem ſtolzen Gefühle, euch beſiegt zu haben— komm' her, Georg!“ Bei dieſen Worten holte der Oberſtkammerherr ein nagelneues Halbguldenſtück aus ſeiner Weſtentaſche und gah es dem Kellner. „Das große Ergebniß des Sieges iſt,“ ſagte der junge Adjutant, welcher an der Tafel zuſammenrechnete,„daß Sie ein einziges Holz mehr als wir haben.“ — Fürſt und Kavalier. 65 „Tant de bruit pour une omelette!“ meinte der Oberſt⸗ ſtallmeiſter, indem er ſich auf die Bank ſetzte und an einer Gas⸗ flamme ſeine Cigarre anzündete,„ein ſolcher Sieg iſt eigentlich gar keiner zu nennen, und wem habt ihr Andern überhaupt es zu ver⸗ danken, daß wir euch nicht gänzlich auf's Haupt geſchlagen haben, als unſerem jungen Freunde da— à propos Wilden, wer war denn der Fremde, mit dem Sie vorhin ſprachen?“ „Es iſt ein Maler, den ich in Rom kennen lernte, ein Herr von Saleck, ein Mann von ſehr guter Familie, und, was das An⸗ genehmſte für einen Künſtler iſt, ſehr reich.“ „So, ſo, Saleck,“ ſagte der Oberſtkammerherr,„der in Rom das Glück hatte, den allerhöchſten Herrſchaften vorgeſtellt zu werden,. ein hübſcher Mann, ſieht ſehr anſtändig aus.“ „Du hörſt ja, daß er von guter Familie iſt,“ ſprach Graf Rodenberg,„und reich,— das iſt nicht zu verachten.“ „So, ſo, das iſt der Saleck,“ warf der Adjutant ein, indem er dem Dahinwandelnden mit Intereſſe nachſchaute,„über den Ihro Hoheit ſo gerne ihre kleinen pikanten Bemerkungen macht.“ „Ei?“ frug der Oberſtſtallmeiſter,„Sporbach ſagte mir, er wäre in Rom ſehr in Gnaden geweſen.“ „Man hat Beiſpiele, daß das raſch wechſelt,“ meinte Baron Spiegel mit einem feinen Lücheln—„neulich noch, Sie waren ja dabei,“ wandte ſich der Baron an Wilden,„als Graf Sporbach Ihnen das Album der Prinzeſſin zeigte und Ihre Hoheit zufällig vorüberkam— was ſagte ſie doch, als man Saleck's Namen nannte? richtig, ſie ſagte: zeine langweilige Zeichnung, ſo geleckt und nichts⸗ ſagend, wie der, der ſie gemacht:— erinnern Sie ſich, Wilden?“ „Ja, ja, ich erinnere mich,“ fügte dieſer lachend hinzu,„auch ſagte Ihre Hoheit noch, ich kann die Künſtler nicht leiden, die mit hellen Glacéhandſchuhen zeichnen,“ eine Bemerkung, der ich getroſt in die Augen zu ſehen vermochte, denn mir kann man eine Ver⸗ ſchwendung an Handſchuhen nicht vorwerfen. Hackländer's Werke. 49 Bo. 5 66 Fürſt und Kavalier. „Wogegen ich Ihnen doch wieder nicht rathen möchte, ſich bei der Prinzeſſin ohne helle, tadelloſe Glacés ſehen zu laſſen, wenn Sie zu einer Audienz befohlen würden.“ „Du lieber Gott,“ warf der Oberſtkammerherr ein,„das kommi Alles auf Zeit und Launen an, vielleicht nähme es Ihre Hoheit nicht einmal übel, wenn ſie Sie mit weißen Glacéhandſchuhen zeichnen fünde—— haben wir nicht Alles das und noch viel mehr erlebt?“ „Gedenkt dieſer Herr von Saleck länger hier zu bleiben?“ frug der Adjutant,„will er die römiſche Bekanntſchaft erneuern, und zu welchem Zwecke, da er reich iſt? An Aufträgen wird ihm ja nichts liegen.“ „Ich für meine Perſon wünſche ſehr, er bliebe eine Zeit lang hier, und Saleck hätte das Glück, Ihre Bekanntſchaft machen zu dürfen, Sie würden einen ausgezeichneten und liebenswürdigen jungen Mann an ihm finden; ja ich bin überzeugt, er würde Ihnen in jeder Hinſicht gefallen— ich gedachte ſchon vorhin, Sie um die Erlaubniß zu bitten, Ihnen meinen Freund vorſtellen zu dürfen.“ 4 Der Oberſtkammerherr ſchaute den Oberſtſtallmeiſter an, worauf er ſeine Augbrauen und Schultern außerordentlich hoch emporzog, und die alte und ſehr vorſichtige Excellenz ſagte:„Sie, lieber Wilden, ſind uns Allen ein charmanter Freund, wir— wir behandeln Sie als unſer— es— ich wollte ſagen, wir behandeln Sie, wie man einen Künſtler Ihres Namens behandeln muß, wir Alle, die wir hier ſind; auch würde ich für meine Perſon durchaus nichts dawider haben, die Bekanntſchaft des Herrn von Saleck zu machen, aber wohl verſtanden, in der Reſidenz, wo Alles weiter und größer iſt, wogegen man hier beim Eingehen neuer Bekanntſchaften nicht vor⸗ ſichtig genug ſein kann; wiſſen Sie, lieber Freund, hier auf dem Lande, wo man mit den allerhöchſten Herrſchaften, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, mehr ohne die gewiſſen herkömmlichen Schranken Fürſt und Kavalier. 67 lebt, man könnte ſich erlauben, zu ſagen, mehr en famille, da hat es ſeine Inkonvenienzen, fremde Leute kennen zu lernen— habe ich nicht recht, Rodenberg?“ „Du biſt als ein vorſichtiger Mann bekannt und magſt auch wohl in Deiner Stellung als Oberſtkammerherr recht haben: ſchon Dich als ſolchen zu kennen, öffnet unwillkürlich eine Thüre bei Hofe, wenn auch vielleicht nur eine Hinterthüre; bei mir iſt das ſchon was Anderes; und wenn ich Ihrem Freunde,“ wandte er ſich an den jungen Maler,„in irgend etwas dienlich ſein kann, ſo laſſen Sie mich immerhin gelegentlich ſeine Bekanntſchaft machen.“ „Das ſage ich auch, Wilden,“ ſetzte der Adjutant hinzu,„mir gefällt dieſer Herr von Saleck; er hat in ſeinem Ausſehen und in ſeiner Haltung etwas Gewinnendes, Diſtinguirtes; ſehen Sie nur, wie leicht und elegant er dahinſchreitet, und dann muß man ein⸗ geſtehen, daß ich ſelten etwas mehr comme il faut geſehen habe wie ſeinen Anzug; vielleicht ſehen wir uns morgen irgendwo, und dann bitte ich, laſſen Sie mich ſeine Bekanntſchaft machen.“ „Es wird mir und ihm die größte Ehre ſein,“ erwiederte der Maler,„und was Seine Excellenz anbelangt,“ dabei wandte er ſich an den Oberſtkammerherrn,„ſo bin ich überzeugt, Sie auch noch freundlich für meinen Bekannten geſtimmt zu ſehen.“ „Daran zweifle ich nicht im Geringſten,“ gab der alte Herr heiter zur Antwort, indem er ſich die Hände an einem Pavillon hängenden Handtuche abtrocknete,„nur nicht gelegentlich, mein Lieber, darin weiche ich von der Anſicht meines theuren Freundes Rodenberg ab; gelegentlich, das wäre zum Beiſpiel im gegenwär⸗ tigen Augenblicke hier auf der Kegelbahn, und würde man doch da⸗ durch mit einem gänzlich Fremden zu ſchnell und zu genau be⸗ kannt— ich laſſe mich im Negligé nur vor ganz genauen Freunden ſehen— aber in den nächſten Tagen einmal im Schloſſe in beſter Form, da ſtehe ich ganz zu Ihren Dienſten.“ „Wir machen keine Partie mehr?“ fragte ihn Rodenberg, 68 Fürſt und Kavalier. worauf jener erwiederte,„'s iſt ſchon zu ſpät, ich muß nach Hauſe, um noch ein paar Briefe zu ſchreiben; wir werden in den nächſten Tagen Beſuch haben.“ „Darf man nicht wiſſen wen?“ „Vor der Hand noch Staatsgeheimniß,“ verſetzte Baron Spiegel mit wichtiger Miene,„ſehr Staatsgeheimniß— wer geht mit?“ „Nun ich denke wir Alle.“ „Will Jemand mit mir in meinem Boote fahren?“ „Ich für meine Perſon danke,“ ſagte der Oberſtſtallmeiſter, „ich ſchlendere bei dem prachtvollen Abend lieber zu Fuß nach dem Schloſſe; gehen Sie mit mir, Graf Helder?“ fragte er den jungen Adjutanten. „Mit großem Vergnügen, Excellenz.“ „Aljo auf Wiederſehen!“ Damit trennten ſich die Herren, und während der Oberſt⸗ kammerherr mit Einigen in ſein Boot ſtieg, gingen die Anderen, worunter der Oberſtſtallmeiſter und Graf Helder, zu Fuß nach Hauſe. „So,“ ſagte Wilden, als er Saleck wieder erreicht hatte und ſeinen Arm unter den des Freundes ſchob,„auch das Geſchäft wäre wieder abgemacht— gute Nacht Herrendienſt, jetzt wollen wir uns unſerer Freiheit freuen— à propos, die Herren ſehen Ihrer Be⸗ kanntſchaft gerne entgegen, es ſind charmante Leute, mit denen ſogar unſer Einer ſtellenweiſe behaglich leben kann, und bei manchem von ihnen ſtößt man auf einen guten Kern, wenn man ſich durch Uni⸗ form, Frack, Sterne und Bänder einmal durchgearbeitet hat.“ „Der Oberſthofmeiſter der Prinzeſſin, den ich damals in Rom ſah, wor nicht bei ihnen?“ „Zuweilen kommt er auch, aber ſelten⸗ er iſt von ſeinem Dienſte zu ſehr in Anſpruch genommen.“ „Darüber müſſen Sie mir etwas erzählen,“ ſagte Saleck ſchein⸗ bar in ſehr gleichgültigem Tone,„man muß doch ſein Terrain kennen Fürſt und Kavalier. 69 lernen; denn um gegen Sie aufrichtig zu ſein, habe ich allerdings im Sinne, wenn es thunlich iſt, den Verſuch zu machen, ob der in Rom protegirte Künſtler auch hier noch in angenehme Erinnerung gebracht werden kann.“ „Was ich von dieſen Verhältniſſen weiß, werde ich Ihnen ge⸗ wiß nicht vorenthalten, doch wie wäre es, wenn wir bei dem herr⸗ lichen Abend einen Spaziergang machten? wir haben ſpäter Voll⸗ mond, und ich könnte Ihnen Park und Schloß in der herrlichſten Beleuchtung zeigen.“ „Darf man auch bei Nacht ſo ohne Weiteres durch die Gärten?“ „Unſer Einer ſchon,“ gab Wilden lachend zur Antwort;„unter den vielen Aufträgen, die ich von den verſchiedenartigſten Perſonen des Hofes habe, ſind auch Mondſcheinbeleuchtungen. Wie Sie wiſſen, Saleck, gibt es Zeiten in unſerem Leben, wo wir es lieben, ein Fenſter im wunderbaren Dämmerſchein des Mondlichtes anzu⸗ ſchauen, und wo man Alles darum gibt, einen ſolchen Augenblick auf dem Papier feſtgehalten zu ſehen; es iſt das für ſpätere Schwär⸗ merei ſo geeignet.“ „Gut, machen wir alſo eine Mondſcheinſtudie im Park; rauchen Sie eine Cigarre?“ „Mit großem Vergnügen; ich weiß Ihre Gabe zu würdigen.“ Hierauf zündeten die beiden jungen Leute ihre Cigarren an und verließen den Garten, um über den Poſtplatz hinweg und vermit⸗ telſt der Brücke das andere Ufer zu gewinnen. Was den Fremden vom zweiten Stocke anbelangte, ſo war auch dieſer ſchon vor länger als einer halben Stunde ſpazieren ge⸗ gangen. Gen Weſten zu, wo hinaus die Reſidenz lag, berührte die glühend rothe Sonne ſchon faſt den Horizont, als die beiden Frem⸗ den ſich jenem Thore des innern Parkes näherten, an dem vorhin der Eilwagen vorübergefahren war. Wilden, der hier ſehr be⸗ kannt ſchien, nickte dem Portier freundlich zu, und Beide wurden 70 Fürſt und Kavalier. ohne alle Umſtände eingelaſſe. Der Weg von hier zum Schloſſe bildete eine prachtvolle großartige Avenue; an die breite, ſchön er⸗ haltene Fahrſtraße ſtießen rechts und links über hundert Fuß breite Raſenſtreifen, die mit majeſtätiſchen uralten Eichen beſetzt waren. Es lag etwas ſo Ueberwältigendes in dieſen rieſigen Dimenſionen, daß ein paar Wanderer, ja ſogar eine Equipage oder ein Reiter wie ein Boot im Meere förmlich zu verſchwinden ſchienen. Man konnte ſich dieſen Weg nur allenfalls belebt denken durch eine ge⸗ waltige bunte Reitermaſſe, mit wehenden Fahnen, fliegenden Federn, blitzenden Waffen, vergoldete Sänften eskortirend, oder altmodiſche ſchwere Equipagen in langer Reihe mit ſechs oder acht Schimmeln beſpannt, von deren Köpfen rothe Federbüſche nickten, Alles das gefolgt von zahlreichem Dienertroß. Oder noch beſſer wäre dieſe Avenue auszufüllen geweſen durch einen heimkehrenden Jagdzug, Kavaliere und Damen in buntem Gemiſch, Jäger zu Roß und zu Fuß, langſam dahinziehende zahlreiche Meuten, den erlegten Hirſch mit Tannenzweigen zugedeckt, auf den Schultern ſtarker Knechte ge⸗ tragen, und das Alles umgeben von Reitern, Fackeln in den Hän⸗ den tragend, deren düſtere rothe Glut den buntfarbigen Zug in grellen Streiflichtern beleuchtet, aber nicht im Stande iſt, die weite Ausdehnung des Baumganges zu zeigen. Mit ähnlichen Bildern ihrer Phantaſie bevölkerten die beiden Freunde den Park, während ſie rechts von der Straße auf dem weichen Grasboden dahingingen. „Für mich hat dieſe Avenue,“ ſagte Wilden,„etwas ungemein Melancholiſches und Leeres, und es geht faſt Allen ſo, die im Schloſſe wohnen, nur Seiner Hoheit beliebt es, hier ſeine Spazier⸗ fahrten zu halten, und manchmal auch der Prinzeſſin Helene, aber Letzterer nur in dem Falle, wenn ſie ſich vorgenommen hat ihr Gefolge gründlich zu langweilen— dort auf unſerer Rechten führt ein anderer Weg aus dem innern Park auf die Straße des äußeren Parks, der an ſich wohl länger iſt, aber mit ſolchen Abwechslungen —.— Fürſt und Kavalier. 71 angelegt, daß er Einem doch nicht ſo lange vorkommt wie dieſer; jetzt gehen wir ſchon faſt eine halbe Stunde und haben kaum zwei Drittel des Weges zurückgelegt.— Sehen Sie vor uns die Gruppen alter Eichen?“ „Ich bemerkte ſie im Hereinfahren ſchon von der Straße aus, ſie ſchließen ſcheinbar die Avenue.“ „Sie umgeben einen Springbrunnen mit herrlichem Waſſer, der aus einer alten einfachen Schale in der edelſten Form beſteht, ein glücklicher Gedanke in dieſer Umgebung; die Schale iſt, wie Sie ſehen, ohne weitere Verzierung aber von ſo großem Durchmeſſer, daß der über zwanzig Fuß hohe Strahl ſelbſt bei ſtarkem Winde ſelten den Rand erreicht. Der Großvater des jetzigen Herrn ließ den Springbrunnen aufſtellen und die Bäume darum pflanzen in dem ganz richtigen Gefühle, die Oede des breiten Baumganges da⸗ durch vom Schloſſe zu trennen.“ „Sehr richtig,“ entgegnete Saleck,„denn ich kann mir denken, daß der Blick von den Fenſtern des Schloſſes auf dieſen rieſenhaften Waldweg ermüdend und langweilig ſein muß.“ „Beſonders bei Regenwetter,“ gab Wilden lachend zur Ant⸗ wort;„ich kann Sie verſichern, wenn man ſo einen Tag lang zu⸗ ſchaut, wie die ſchräg herabfallenden Tropfen hier Alles ſo gleich⸗ förmig und langweilig ſchraffiren, da könnte der heiterſte Menſch ſchwermüthig werden.“ „In ſolchem Wetter wird es wohl auch Niemanden einfallen, dieſe Allee zum Aufenthalte zu wählen?“ „Bis auf Seine Hoheit, der auch bei dem gründlichſten Regen⸗ wetter hier, natürlicher Weiſe in geſchloſſenem Wagen, ſpazieren fährt; auch zuweilen die Prinzeſſin mit ihren Damen, wenn ſie die Behauptung aufſtellt, es lade nichts ſo dazu ein, ſich ernſthaft mit der Vergangenheit oder der Zukunft zu beſchäftigen, als im ſtrömen⸗ den Regen ſpazieren zu fahren.“ „Wie ich erfuhr, iſt Seine Hoheit etwas hypochondriſcher 72 Fürſt und Kavalier. Natur, und ſo begreife ich das,“ erwiederte Saleck und ſetzte alsdann, ſtehen bleibend, mit einem ſehr ernſten Blicke hinzu,„wie aber eine junge, lebensluſtige Dame Vergnügen daran finden kann, iſt mir ein Räthſel.“ „Und doch iſt es ſo; ich habe die Prinzeſſin ſelbſt geſehen in ihrem ungeheuer großen Landau; dazu gingen die Pferde im Schritte, und während ſie im Fond zurückgelehnt lag, mußte eine ihrer Damen irgend etwas aus einem ernſten Buche vorleſen.“ „A— a—a—ah!“ machte Saleck,„das ſind ja eigenthümliche Launen; als ich in Rom die Ehre hatte, der Prinzeſſin vorgeſtellt zu werden und häufig mit ihr zu ſprechen, fand ich nie etwas in ihrem Weſen, was auf eine ſolche ernſte oder trübe Richtung hätte hindeuten können.“ „Eine ſolche Richtung hat ſie auch gar nicht, es ſind das nur Eingebungen des Augenblicks, wie ſie auch ein anderes Mal bei einigen zwanzig Grad Hitze, wo ſich jedes vernünftige Geſchöpf nach kühlem Schatten ſehnt, zu Pferde ſteigt und in der glühenden Sonnenhitze einen Ritt macht, daß ſelbſt ihre männlichen Begleiter ganz aufgelöst und halbtodt nach Hauſe kommen.“ „Alſo Launen?“ „Ich weiß nicht, ob man das bei einer Prinzeſſin auch Launen zu nennen wagen darf; wenn das aber bei uns gewöhnlichen Leuten vorkäme, würde man allerdings ſagen Launen, und obendrein Launen, die an Verrücktheit ſtreifen. Sie ſehen, lieber Saleck, ich bin offen, wie immer, gegen Sie, ich weiß, daß ich Ihnen trauen kann.“ „Gewiß, und ich danke Ihnen ſehr für Ihre Offenheit. Und wagt es Niemand, der Prinzeſſin Vorſtellungen über dergleichen zu machen?“ „Vorſtellungen? der einzigen Tochter des zegierenden Herrn, ſeinem Liebling? ich wüßte nicht, wer Luſt dazu hätte— der Oberſt⸗ hofmeiſter der Prinzeſſin, Graf Sporbach, Sie erinnern ſich ſeines von Rom her—* Fürſt und Kavalier. 60 „Allerdings, ein ſehr braver Mann.“ „— Wagt es, hie und da eine gelinde Einwendung zu machen, die aber immer das Gegentheil von dem bewirkt, was er haben will.“* Saleck ſchwieg und ſchritt, wie in tiefe Gedanken verſunken, neben ſeinem Freunde hin. Sie hatten jetzt den Springbrunnen umgangen und ſahen im Dämmerſchein des Abends die Schloß⸗ gebäude vor ſich liegen, weitläufige, großartige Bauten im italieni⸗ ſchen Style, ſehr lebendig gehalten durch ein⸗ und ausſpringende Winkel, Bogengänge, Terraſſen und große Balkone mit Glasthüren. „Gerade vor uns wohnt Seine Hoheit; er zieht den ernſten Park der heitern Flußſeite vor, wo ſich die Gemächer der Prinzeſſi befinden. Weiter wollen wir hier jetzt nicht hereindringen, denn der Fürſt ſieht es nicht gerne, wenn man, ohne etwas Beſonderes zu thun zu haben, hier im Dunkeln herumgeht. Sie ſehen dort den Graben, der ſein Waſſer vom Fluſſe erhält und der das Schloß auf zwei Seiten, wo ſich die Gemächer ſeiner Hoheit befinden, um⸗ ſchließt, dort auch die Brücke, an der Wachen aufgeſtellt ſind; es iſt hier ein wenig einſam und öde, ganz ſo, wie es Seine Hoheit wünſcht.“ „Mir ſcheint, daß der Fürſt ſehr ernſt geworden iſt.“ „Seine Geſundheit iſt angegriffen, wie ich gehört, beſonders ſeine Nerven; Sie wiſſen, daß er eine ausgezeichnete klaſſiſche Bil⸗ dung beſitzt, eine Menge Sprachen ſpricht und in der deutſchen und fremdländiſchen Literatur bewandert iſt wie ſelten Jemand. In ſeiner Bibliothek zu ſein und dort zu ordnen iſt eine ſeiner liebſten Beſchäftigungen. Er iſt ein fürſtlicher Gelehrter, der, wenn es einmal nicht anders ginge, ſein Brod als Profeſſor der alten Sprachen verdienen könnte. So ruhig und ſtill, wie jetzt hier in der Dämmerſtunde, iſt es Tag und Nacht auf dieſer Seite des Schloſſes— wie ſagt man doch in Wallenſtein's Lager von dem großen Herzog von Friedland? 74 1 Fürſt und Kavalier. „Muß Alles mausſtill um ihn ſein. „Den Befehl haben alle Wachen, „Denn er denkt gar zu tiefe Sachen. „Doch wenden wir uns rechts um den vorſpringenden Flügel, und ſo werden wir in Kurzem auf die lichte Seite des Schloſſes gelangen.“ Nach dieſen Worten gingen ſie weiter, und als ſie ein paar hundert Schritte gemacht hatten, ſagte Saleck, ſtehen bleibend:„der Pavillon, welcher den Vorſprung, von dem Sie eben ſprachen, bildet, iſt allerliebſt; es müßte reizend ſein, da zu wohnen.“ 3 „Das hat ſchon mancher geſagt,“ erwiederte Wilden in einem eigenthümlichen trockenen Tone. „Wie ſo?— iſt etwas Beſonderes dabei?“ „O, wie man's nimmt, es wohnen hier die Hofdamen der Prinzeſſin Helene.“ „Ah, ich verſtehe, ſie ſind wahrſcheinlich jung und ſchön?“ „O ja, beide jung, beide ſchön, beſonders Fräulein Viktorine von Saint⸗Aubin.“ „Eine Franzöſin?“ „Ich glaube, der Großvater wanderte aus dem mittäglichen Frankreich ein, ihr Vater, hier geboren, ſtarb als General; Fräu⸗ lein von Saint⸗Aubin übrigens verleugnet durchaus nicht ihre ſüd⸗ liche Abſtammung; Jeder, der ſie ſieht, hält ſie für eine Franzöſin, wenn nicht für eine Spanierin— ach, ſie iſt ſehr ſchön; ich habe ſchon häufig bedauert, daß ich nicht Porträtmaler bin.“ „Wilden— Wilden,“ meinte Saleck lächelnd, mit aufgehobenem Zeigefinger. „O unbeſorgt, ich verſtehe es, bei ſolchen Veranlaſſungen, wenn es nöthig ſein ſollte, mein Herz feſt zu verriegeln— was wollen Sie, ein armer Maler und eine Hofdame, ich hätte keine Luſt, eine ſchwache Kopie des Taſſo darzuſtellen, auch ſind ganz andere Leute da, die denſelben Geſchmack haben—“ Fürſt und Kavalier. 75 „Leute— in der Mehrzahl?“n „Wenn man, wie ich, als völlig neutrale Perſon ſich ſo zwiſchen den verſchiedenen Parteien bewegt, wenn man es verſteht, mit rich⸗ tigem Ohr zu hören, und wenn man zuweilen von ſeinem Skizzen⸗ buch aufblickt, ohne gerade die Gegend feſt zu betrachten, ſo erfährt und bemerkt man ſo allerlei.“ „Laſſen Sie mich von Ihren koſtbaren Erfahrungen etwas hören, Wilden,“ ſagte der Andere, während er ſeinen Arm wieder⸗ holt unter den des Freundes ſchob, und wobei der Ausdruck, mit dem er ſprach, große Theilnahme verrieth. „Recht gerne,“ erwiederte Wilden,„was ich weiß, ſoll Ihnen nicht vorenthalten bleiben, doch ſtehen wir jetzt gerade hier,“ ſetzte er lachend hinzu,„und ſtarren nach den Fenſtern des Fräuleins von Saint⸗Aubin, als wenn wir auch zu der gewiſſen Mehrzahl gehörten; ich wollte Sie zuerſt den Weg um das Schloß fortſetzen laſſen, um unſere nächtliche Wanderung bei dem ſchönſten Theile des Schloſſes, wo Ihre Hoheit, unſere allmächtig und faſt allein⸗ gebietende Prinzeſſin Helene wohnt, zu beſchließen; doch liebt ſie es, zuweilen an ſchönen Abenden, wie der heutige, in der Dämmerung Höchſtſelbſt mit einer kleinen erleſenen Geſellſchaft einen Spaziergang nach dem Fluſſe zu machen, wogegen ſie es aber durchaus nicht liebt, wenn ihr auf dieſen Spaziergängen Unberufene begegnen. Kommen Sie deßhalb, lieber Saleck, dort hinein in den Park, wo eines meiner Lieblingsplätzchen iſt; Sie können ſich denken, daß ich jeden ſchönen Baum in der Umgebung auswendig kenne; dort, wohin ich Sie führe, iſt eine prachtvolle Eiche, mit ſchwellendem Moosſitze, würde der Dichter ſagen, wo wir uns lagern können, nicht um die Eiche zu bewundern, denn dazu iſt es nachgerade zu dunkel gewor⸗ den, aber von meinem Lieblingsplatze aus ſollen Sie ſehen, wie ſich jenſeits des Fluſſes neben dem alten Schloſſe, ſcheinbar aus den ſchwarzen Tannen hervor, der Mond erhebt, und welch' prachtvolles Bild uns alsdann die hellen Schloßgebäude in dem dunkeln Laub⸗ 76 Fürſt und Kavalier⸗ werk, ſowie der ſanft beglänzt luß geben wird— kommen Sie, Saleck, es wird Sie zu einem Bilde begeiſtern.“ Arm in Arm gingen die Beiden dem bezeichneten Punkte zu, den ſie nach einer Viertelſtunde langſamen Schlenderns erreichten. Von der maleriſchen Eiche war natürlich nicht viel zu ſehen, doch bot der Stamm mit ſeinen mächtigen austretenden Wurzeln, die ſich unter dem weichen Mooſe verloren, einen höchſt behaglichen Ruheplatz: die Luft war warm und duftig, von Feuchtigkeit, die der Abend ſonſt wohl mit ſich bringt, keine Spur, und der er⸗ friſchende Luftzug, welcher vom Fluſſe her kam, gerade kühl genug, um nach der großen Hitze des Tages eine angenehme Abwechslung zu bieten. Hie und da zeigten ſich Leuchtkäfer, theils im weichen Mooſe ſittſam wartend, theils durch das Laub auf Abenteuern um⸗ herſtreichend. Die Beiden hatten den größten Theil der Schloß⸗ gebäude vor ſich, etwas näher den Pavillon, vor dem ſie vorhin ſtanden, etwas weiter, unmittelbar am Fluſſe, den Schloßflügel, worin die Prinzeſſin wohnte. Am andern Ufer des Fluſſes erhob ſich der Berg mit der Ruine, und neben derſelben begann der Him⸗ mel heller zu werden, ja ſo hell, daß man die rieſigen ſchwarzen Tannen deutlich auf dem glänzenden Hintergrunde ſah. „In der That prachtvoll,“ meinte Saleck,„es iſt mir gerade, als ſäßen wir vor einem großartigen Schauſpiele, und als begänne eben die Ouverture.“ „Ich habe manchen Abend hier geſeſſen,“ erwiederte der Andere, „und mir Alles zu einem großen Bilde ſkizzirt: geben Sie Achtung, wie dort die maſſigen Gebäude, wo die Prinzeſſin wohnt, bei den erſten Strahlen des Mondes, der über den Berg ſchießt, ſo feier⸗ lich, ja geiſterhaft hervortreten werden.“ „Es iſt das dort, wo der Lichtſchimmer das breite Bogenfenſter erleuchtet?“ 5 „Ja, wir werden ſpäter dort unten vorbei nach dem Fluſſe gehen und die Prinzeſſin ſehen, was Sie vielleicht intereſſirt,'s iſt Fürſt und Kavalier. 77 dort vor dem hellen Fenſter ein Altan, wo ſie in kleiner Geſellſchaft gern ihre Abende zuzubringen pflegt.“ „Seit jener Zeit, wo ich das Glück hatte ſie in Rom zu ſehen, wird ſie ſich wohl nicht verändert haben?“ „Man ſagt, ſie ſei wo möglich noch ſchöner geworden.“ „Ah, ſie war damals ſchon recht ſchön, ſie wird wohl von ihrer Umgebung ſehr geliebt?“ „Hm,“ machte Wilden,„das kommt darauf an, was man un⸗ ter Umgebung verſteht; ihre Umgebung im weiteren Sinne iſt allerdings entzückt von ihrem liebenswürdigen Aeußern, denn ſie kann ſehr liebenswürdig erſcheinen, wenn ſie will.“ „Und das iſt ſie für ihre nähere Umgebung weniger?“ „Man ſagt ſo und man klagt ſo,“ erwiederte lachend der junge Maler;„ſie ſoll unerträgliche Launen haben, was ich eines Theils wohl begreife und ihr auf der andern Seite auch nicht übel nehme: iſt ſie doch die einzige geliebte und deßhalb ſehr verwöhnte Tochter eines regierenden Herrn, eines Herrn, der wohl ſeine Staats⸗ geſchäfte ſelbſt beſorgt, aber ſich um das, was den Hof anbelangt, ſo wenig wie nur möglich bekümmert. Und wie ſollte die Prin⸗ zeſſin ihre Umgebung nicht ſchlecht behandeln, da ſie von den Meiſten hiezu gründlich aufgefordert wird. Sie iſt eine geiſtreiche junge Dame, daran iſt nicht zu zweifeln, dabei lebhaft, gewandt, witzig, und die Meiſten ihrer Umgebung weit überſchauend. Und was nun dieſe Umgebung anbelangt, wie Wenige derſelben erlauben es ſich, eine eigene Meinung zu haben, und wagen es noch viel weniger, dieſelbe geltend zu machen. Dabei hat die Prinzeſſin, wie man mir im Vertrauen ſagt— denn zur ſelbſtſtändigen Beobachtung ſtehe ich ihr nicht nahe genug— einen unglaublichen Hang zum Intriguiren: ein klares, ruhiges Verhältniß, eine Sache, die ſich leicht von ſelbſt abwickelt, ſoll ihr verhaßt ſein; wo ſie glatte Fäden verwirren kann, unterläßt ſie es nicht, und da ſie eine große Geſchicklichkeit beſitzen ſoll, dergleichen Fäden zu verwirren, 78 Fürſt und Kavalier. ſo können Sie ſich denken, auf welche Art ſie die Leute aneinander hetzt.“ „Von dieſen Talenten erfuhr ich in Rom nie etwas.“ „Natürlich, weil die Prinzeſſin bei ihrem dortigen kurzen Aufenthalte das Terrain nicht genug ſtudiren konnte, dort auch weniger Leute fand wie der ſelige Polonius.“ Saleck hatte ſich gegen den Stamm zurückgelehnt, die Arme übereinander geſchlagen, und ſchaute ernſt nachſinnend in den hellen Mondſchein, der jetzt hinter den ſchwarzen Tannen in geibrotem Glanze aufzuleuchten begann. „Wenn ich hier des Nachts ſaß,“ ſprach Wilden, der ebenfalls an den nächtlicheu Himmel emporſah,„ſo habe ich mir über das prachtvolle Schauſpiel dort häufig Bilder zuſammengeſtellt, die ich in Verſe bringen würde, wenn ich ein Dichter wäre. Sehen die majeſtätiſchen Bäume mit ihren ausgebreiteten Aeſten jetzt nicht ge⸗ rade ſo aus wie rieſenhafte Geſtalten, die ſoeben im Begriffe ſind, mit in einander geſchlungenen Händen einen wilden Rundtanz um ein ungeheures Feuer zu machen, ein Feuer, das nun raſch immer höher und höher ſtrahlt und ſich jetzt wie durch Zauberei zu einer rieſigen Kugel zuſammenballt, ganz nach dem Sinne jener ſchwarzen, rußigen Cyelopen da oben? Scheinen ſie doch ſelbſt hervorgebracht zu haben jenen Klumpen glühenden Metalls, den Sie nun lachend umſtehen, und den ſie nun mit ſtarken Armen wie einen Spielball hoch über ihre Köpfe emporwerfen.“ „Das iſt allerdings ein paſſendes Bild,“ erwiederte Saleck, nachdem er lange in den Mond geſchaut,„aber nur paſſend, ſo lange der Mond in röthlicher Glut noch die Gipfel der Bäume berührt; jetzt aber entſchwebt er ihren Armen, heller und heller werdend.“ „Ja, ja, die Cyclopen haben ein beſſeres Werk geſchaffen, als ſie ſelbſt geglaubt: ihr Spielball hat ſich belebt, und wie er nun in glänzender Klarheit emporſteigt, ſinten jene Geſtalten in Nacht und Nichts zuſammen.“ Fürſt und Kavalier. 79 „Ein Bild unſerer Wünſche und unſerer Hoffnungen, die wir mit gutem Muthe geformt, mit denen wir geſpielt, die unſer Werk ſchienen, die wir beherrſchen zu können glaubten, und die nun auf einmal hoch über uns dahin fliegen, kalt und glänzend, immer ſchöner werdend, aber für uns immer unerreichbarer.“ „Das Gedicht wäre fertig,“ ſagte Wilden heiter,„wenn wir es nur in Reime hätten gießen können.“ Abermals ſaßen die Beiden eine Weile ſtumm neben einander, dann fragte Saleck:„nicht wahr, die Herzogin Sophie, welche die Prinzeſſin damals nach Rom begleitete, lebt auch hier am Hofe?“ „Gewiß, ſie iſt das Haupt der einen Partei, während der re⸗ gierende Herr oder vielmehr die Prinzeſſin Helene das Haupt der andern iſt.“„ „Feindliche Parteien?“ 5 „Zuweilen, wie man ſagt— Sie wiſſen, da der Fürſt keinen männlichen Erben hat, ſo fällt nach dem Hausgeſetz die Regierungs⸗ folge an ſeine einzige Tochter, die Prinzeſſin Helene, oder an deren künftigen Gemahl.“ „Hat ſich da vielleicht ſchon etwas arrangirt?“ fragte der An⸗ dere haſtiger, als es vielleicht in ſeiner Abſicht ſtand. „Von Seiten der Prinzeſſin glaube ich nicht; wie man mich verſichert, haßt ſie die Männer und ſoll ſchon ihren Entſchluß kund gethan haben, in Beziehung einer Verbindung zweimal vorſichtig ſein zu wollen, da ſie vielleicht ganz richtig denkt, daß manche Be⸗ werbung mehr dem Fürſtenthum in ihrer Hand, als dieſer Hand ſelbſt gelten werde.“ „Ein trauriger Gedanke.“ „Der aber nicht ohne Grund iſt; nehmen wir es doch auch einem reichen Mädchen in unſeren Verhältniſſen in vielen Fällen nicht übel, wenn ſie außerordentlich vorſichtig bei der Wahl ihres Gatten iſt; ich für meine Perſon glaube, daß ich im gleichen Falle als reiches Mädchen ledig bleiben würde.“ Fürſt und Kavalier. Saleck blickte nachſinnend in den Mond und ſchien dieſe letzten Worte nicht gehört zu haben, denn er knüpfte an eine frühere Be⸗ merkung Wilden's an, indem er ſagte:„Was haben denn dieſe Parteien mit der Verheiratung der Prinzeſſin zu thun?“ „Nun, die eine Partei iſt ja die Prinzeſſin ſelbſt, und die andere die der Frau Herzogin, welche, wie man allgemein ſagt, Hoffnung nährt für ihren Sohn, den Herzog.“ „Ah, das iſt ſtark,“ rief Saleck faſt leidenſchaftlich, indem er ſich haſtig emporrichtete,„dieſe Frau konnte die verwegene Idee haben, ihrem Sohne die Hand der Prinzeſſin und vielleicht die Erbfolge zu verſchaffen— ihrem Sohne— eben ſo übermüthigen Geiſtes, wie verwahrlosten Körpers?“ „In dieſen beiden Eigenſchaften, die der Herzog allerdings be⸗ ſitzt, ſehe ich gerade nichts Außerordentliches; wie oft zeigte ſich ein reger, ſtarker Geiſt in einem verwachſenen Körper?“ „Es iſt lächerlich, nur an ſo'was zu denken— Wahnſinn, darüber zu ſprechen.“ Wilden blickte ſeinen Freund verwundert an, dann ſagte er: „Sie meinen wohl, wenn die Betheiligten darüber ſprächen, wogegen es für uns doch nur ein Thema der Unterhaltung iſt, wie jedes andere.“ „Und glauben Sie im Ernſt, daß der Herzog ſo hochfliegende Pläne hat, ſo übertrieben— ſchwindelhaft?“ „Von ſeinen Plänen weiß ich nichts, was aber die Frau Her⸗ zogin betrifft, ſo weiß Jeder am Hofe, der es wiſſen will, daß ſie ſich auf's Allereifrigſte mit dieſer Verbindung beſchäftigt.“ „Und die Prinzeſſin weiß darum?“. „Wie ſollte ſie nicht? ſie, die Alles weiß, was hier vorgeht; ich erfuhr zufälliger Weiſe eine Aeußerung, welche ſie über dieſe Angelegenheit gethan.“ „Darauf bin ich begierig,“ rief Saleck haſtig. „Sie ſoll ſich lächelnd ausgeſprochen haben, auf dieſe Art bliebe Fürſt und Kavalier. 81 die Erbfolge in engſter Familie, ſowie hinzugeſetzt, und welch' wun⸗ derbares Paar würden wir geben, ich könnte für mich keine beſſere Folie wünſchen, als die Geſtalt des Herzogs.“ „Wenn ſie das ernſtlich geſagt, ſo ſpräche das nicht ſehr für ihr Herz.“ „Für ihr Herz— man glaubt nicht, daß ſie viel dergleichen hat,“ gab Wilden mit großer Ruhe zur Antwort. „Aber glaubt man in der That, daß die Herzogin mit ihren Plänen Ausſicht hat?“ „An Eifer für dieſelben läßt ſie es nicht fehlen, ich habe dar⸗ über meine guten Nachrichten.“ „Sie ſind überhaupt verflucht gut unterrichtet, theuerſter Wilden,“ bemerkte Saleck mit einem mißtrauiſchen Blick auf ſeinen Nachbar,„ich möchte wohl Ihre Quellen kennen.“ „Daraus will ich Ihnen, den ich gerne habe, kein Geheimniß machen, und man muß ſich gegenſeitig ſchon etwas zu Gefallen thun. Sie können mir glauben, lieber Saleck, ich bin ein vortreff⸗ licher Kamerad, auch durchaus nicht eigennützig: ich kenne eine der Kammerfrauen der Prinzeſſin Helene.“ „Fräulein Miré?“ „Dieſelbe,“ gab Wilden zur Antwort, indem er Saleck erſtaunt anblickte.„Sie ſind erſt ſeit heute hier und kennen ſchon ihren Namen?“ „Wenn ich nicht irre, war ſie mit der Prinzeſſin in Rom,“ gab Saleck in nachläſſigem Tone zur Antwort. „Bitte ſehr um Entſchuldigung, die erſte Kammerfrau der Prinzeſſin, welche mit derſelben in Italien war, erhielt nach der Rückkehr einen Dienſt bei der Frau Herzogin, welcher ſie, wie man ſagt, in Rom ſchon größere Dienſte geleiſtet, als ihrer jungen Ge⸗ bieterin, auch geſchah dieſer Wechſel auf den beſonderen Wunſch der Prinzeſſin.“ „Alſo eine gefallene Größe der Garderobe.“ Hackländer's Werke. 49. Bd. 6 Fürſt und Kavalier. nur aus einem kleinen Reſt von Dankbarkeit bei der Herzogin behalten; doch, mögen Sie nun den Namen des Fräuleins Miré erfahren haben, wo Sie wollen, das iſt mir am Ende gleichgültig und ändert durchaus nichts in meinem Anerbieten.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, lieber Wilden, daß ich den Namen dieſer Dame heute zum erſten Male gehört und ſie weder geſehen noch geſprochen habe, auch verſpreche ich Ihnen feier⸗ lich, Ihnen die unverdächtige Quelle, von der ich den Namen habe, in Kurzem zu nennen, für heute kann ich es noch nicht.— Glauben Sie nicht,“ fuhr er in einem herzlichen Tone fort,„daß ich Ihre Offenheit durch Mißtrauen belohnen will— im Gegentheil, Sie ſollen mich als einen treuen Freund kennen, der das, was er an Vertrauen empfängt, reichlich zu erſetzen Willens iſt— aufrichtig geſagt, ich werde Ihre Freundſchaft, Ihre Hülfe für mich in An⸗ ſpruch nehmen.“ „Womit ich nur eine Pfli werde nie der freundlichen Dienſte vergeſſen, die geleiſtet.“ „So erlauben Sie mir noch eine Frage: Weiß der Herzog von den Plänen ſeiner Mutter, und billigt er ſie? Doch das ver⸗ ſteht ſich bei einem ſo wunderbaren Ziele wohl von ſelbſt.“ „Allerdings kennt der Herzog die Abſichten, welche ſeine Mutter hat, billigt ſie auch begreiflicher Maßen, ohne dabei aber allzuthätige Hülfe zu leiſten.“ „Ah, Sie ſcherzen?“ „Der Herzog iſt verliebt.“ „Natürlich in die Prinzeſſin, um ſo ſ mir ſagen.“ „Nicht in die Prinzeſſin, der Herzog des Hofes leidenſchaftlich, hartnäckig.“ „Und wird wieder geliebt?“ „Total gefallen, und auch cht der Dankbarkeit erfülle, denn ich Sie mir in Rom onderbarer iſt's, was Sie liebt eine andere Dame —— Fürſt und Kavalier. 83 „Das glaube ich kaum, und daher rührt wohl ſeine leiden⸗ ſchaftliche Hartnäckigkeit.“ Saleck hatte ſich, von begreiflicher Unruhe getrieben, raſch er⸗ hoben und ſtand nun neben ſeinem behaglich ruhenden Freunde, wobei er ſeinen Arm an den Stamm des Baumes lehnte und den Kopf darauf ſtützte.„Das iſt ja hier ein merkwürdiges Terrain,“ ſagte er, nachdem er eine Zeit lang geſchwiegen,„wer ſollte der⸗ gleichen gegeneinander wirkende Strömungen in dieſer ländlichen Abgeſchiedenheit vermuthen, hier, wo Alles unter den Flügeln eines ungetrübten Friedens zu ruhen ſcheint.“ „Ja, ja, dieſe Ruhe täuſcht ſogar den, welcher im Stande iſt, ſchärfer hineinzublicken; es iſt ein ewiges Getreibe, ein beſtändiges Intriguiren, ein ſteter Kampf auf dem Grunde dieſes tiefen Hoch⸗ waſſers, deſſen glatte Oberfläche faſt gänzlich davon unberührt bleibt.“ „Ueberall die gleiche Geſchichte. Ach, wie ſelig, wie wonnig könnte man hier leben, wenn der Friede, der über dieſer wunder⸗ baren, nächtlich ſchönen Landſchaft ruht, auch in unſeren Herzen zu finden wäre——— ſchauen Sie um ſich, Wilden, es iſt eine entzückende Nacht.“ „Ich habe hier an dieſem Stamme ſchon manche dergleichen erlebt und förmlich darin geſchwelgt— wie das Mondlicht ſo glän⸗ zend hie und da durch die Laubmaſſen bricht, den Boden mit ſil⸗ bernen Punkten und Streifen beſäend.“ „Und die weiße Maſſe des Schloſſes, die faſt taghell hervor⸗ tritt und doch wieder ſo weich, gemildert durch den Duft der Nacht: es iſt eigenthümlich, der Mond ſcheint ſo hell, daß das Licht des Pavillons vor uns kaum zur Geltung gelangen kann.“ Wilden hatte, um ſchärfer zu ſehen, ſeine rechte Hand über die Augen gelegt, dann ſagte er:„Ja, weil das Licht hinter einem Vorhange leuchtet, vor Kurzem bemerkte ich es noch nicht.“ „Wie weich und linde die Luft iſt, man glaubt im Süden zu ſein; denken Sie noch an unſere Nächte in Rom?“ 84 Fürſt und Kavalier. „O gewiß, ſie ſind mir unvergeßlich, doch was ich an einer Nacht in der Heimath, wie an der heutigen, vorziehe, iſt der herr⸗ liche Duft unſerer Wälder, dieſer unbeſtimmte, würzige Hauch.“ „Wie ihn ſich die Leuchtkäfer zu Nutze machen, man glaubt, ſie ſchwärmen dahin wie von Blätter⸗ und Blumenduft getragen.“ „Ja, es iſt eigenthümlich,“ meinte Wilden mit leiſerer Stimme nach einer Pauſe, während welcher er ſcharf vor ſich hingeblickt— —„ſehen Sie doch,“ fuhr er alsdann in ganz gedämpftem Tone fort,„ſind das auch Leuchtkäfer dort, die beiden dunkler glühenden Punkte, der eine rechts von dem erhellten Pavillon, der andere links, bald verſchwinden ſie, bald flammen ſie heller auf— bemerken Sie die Punkte?“ „Allerdings.“ „Bitte, ſprechen Sie leiſer, wie ich glaube, ſind wir nicht mehr allein, was ich da ſehe, halte ich für keine Leuchtkäfer, vielmehr für glimmende Cigarren.“ „Wahrhaftig, Sie haben Recht, wir ſind nicht mehr allein, da es im Allgemeinen nicht zu geſchehen pflegt, daß brennende Cigarren allein im Walde umherſpazieren.“ „Bst! Bitte, nicht ſo laut, das kann ganz intereſſant werden; ich ſehe die zu den Cigarren gehörenden Geſtalten zwar undeutlich, aber ich ſehe, leichtſinniges Volk, das nicht einmal eine Cigarre weglegt, wenn es ſolcher Art auf dem Anſtande iſt. Das Beſte an der Sache iſt das, daß Keiner eine Ahnung von dem Andern hat, denn da Jeder hinter ſeinem dicken Baume vor einem Blick aus dem Pacvillon gedeckt iſt, ſo können ſie ſich auch gegenſeitig nicht ſehen, wir aber erblicken Beide— das kann in der That höchſt unterhaltend werden.“ Saleck hatte ſich vorſichtig am Stamme der alten Eiche nieder⸗ gleiten laſſen und ſaß nun wieder neben ſeinem Freunde, dem er in’s Ohr flüſterte:„Haben Sie eine Idee, wer es ſein könnte?“ „Allerdings habe ich die; ſehen Sie, eine Cigarre brennt offen⸗ — Fürſt und Kavalier. 85⁵ bar höher vom Boden wie die andere, das iſt der Adjutant Seiner Hoheit, Graf Helder; die andere zeigt einen kleineren, aber wich⸗ tigeren Mann an, den Herzog.“ „Und das erleuchtete Fenſter gehört, wie Sie mir vorhin ſagten, zur Wohnung des Fräuleins von Saint⸗Aubin?“ „Ja,“ hauchte der Andere ſo leiſe als möglich und ſetzte nach einem augenblicklichen Stillſchweigen hinzu:„Aber ſie hat keine Ahnung von dieſer Art von Hofmacherei, würde das auch nicht ge⸗ ſtatten und noch viel weniger irgend eine Antwort darauf geben— doch was iſt das?“ Man ſah jetzt, wie einer der weißen Vorhänge an dem beleuch⸗ teten Fenſter auf die Seite geſchoben wurde, wie alsdann eine weib⸗ liche Geſtalt ſich am Fenſter zeigte, einen Flügel öffnete und etwas herauszuwerfen ſchien. Augenblicklich bemerkte man hierauf, daß die beiden eben noch ſtark glimmenden Cigarren verſchwanden; eine fiel gerade auf den Boden nieder in das Moos, die andere in einem weiten Bogen in die Gebüſche, und zugleich ſah man, wie ſich zwei Geſtalten dem Pavillon näherten, dabei immer noch einzelne Bäume, bei denen ſie vorüber mußten, als Deckung gebrauchend. 3 „Das gibt das wunderbarſte Zuſammentreffen,“ ſagte Wilden, mühſam ſein Lachen verbeißend,„o, wenn ſie ſich nur nicht eher bemerken, als bis ſie einander ſo nahe gekommen ſind, um nicht mehr ausweichen zu können— ˙s gibt ganz gewiß eine Szene.“ „Welche aber dem Fräulein, von deſſen Charakter Sie ſo Gutes ſagten, höchſt unangenehm ſein muß,“ meinte der bedächtigere Saleck. „Nun, was den Einen von den Beiden anbelangt,“ entgegnete der junge Maler,„ſo traue ich ihm ſo viel Diskretion und Ueber⸗ legung zu, daß er in der nächſten Umgebung des Schloſſes keinen Wortwechſel aufnimmt— aber kommen Sie, wir wollen uns lang⸗ ſam nähern, ſind wir doch harmloſe Spaziergänger und brauchen uns den Teufel darum zu kümmern, wem wir hier begegnen.“ 86 Fürſt und Kavalier. „Sie wohl, aber ich?“ gab Saleck zur Antwort. „Für Sie gebe ich jede Bürgſchaft, kommen Sie nur; hoffent⸗ lich ſind die Schatten, welche das Schloß jetzt dorthin wirft, auch in der Nähe ſo dunkel, daß ſie ſich erſt erkennen, wenn ſie einander ganz nahe ſind; ſehen Sie die Beiden,“ ſetzte er leiſe voranſchrei⸗ tend hinzu,„zuweilen in den Lücken der dichtſtehenden Bäume? Jetzt aber müſſen ſie auf den kleinen Raſenplatz hinauskommen, der ſich vor dem Pavillon ausbreitet— da ſind ſie ſchon und einander ſo nahe, daß Jeder es für eine Schande halten würde, zurück⸗ zutreten———— aber was Teufels iſt das? Unter dem Fenſter bemerke ich ja noch eine dritte Geſtalt— ſehen Sie doch, Saleck, täuſche ich mich denn?“ „Nein, Sie haben Recht, dort ſteht noch Jemand, der, wie mir ſcheint, die beiden ſich Nähernden nun ebenfalls ſieht und ſie ruhig erwartet.“ „Das iſt das Geſcheidteſte, was er thun kann, denn von d Beiden würde ihn Keiner entwiſchen laſſen, darauf können Sie ſich verlaſſen———— jetzt müſſen ſie ſich alle drei ſehen— der Knoten iſt geſchürzt, eilen wir, um nicht zu ſpät zur Löſung zu kommen.“ Es mußte in der That ein eigenthümliches Gefühl ſein, welches die drei Männer erfüllte, die ſich ſo plötzlich unter den vorhin ge⸗ ſchilderten Verhältniſſen einander gegenüber ſahen. Die Zwei, welche ſich dem Dritten genähert und, wie ſie aus dem Dickicht der Bäume hinweg auf den Raſenplatz traten, einander augenblicklich erkannten, ſtanden eine Sekunde lang unwillkürlich ſtill und hatten nun trotz des gegenſeitigen Haſſes doch begreiflicher Weiſe ſtillſchweigend die Uebereinkunft getroffen, auf den dritten, gänzlich Unbefugten, los⸗ zugehen, was ſie denn auch nach dem erſten Momente der Ueber⸗ raſchung thaten. Wie Wilden vorhin richtig geſagt, waren es die beiden Per⸗ ſonen, deren er erwähnt: der Adiutant des Fürſten, den wir im ——— Nirſt und Navalter. 87 Garten des Gaſthofs kennen gelernt, ſowie der Neffe des Fürſten, eine kleine, etwas verwachſene Geſtalt, die aber trotzdem einige Augenblicke früher vor dem fremden Eindringlinge ſtand als ſein ſchlanker Nebenbuhler. „Wer ſind Sie und was machen Sie hier?“ fragte der Herzog den Unbekannten, welcher mit übereinander geſchlagenen Armen an der Mauer des Pavillons lehnte, ſich aber ſogleich aufrecht hin⸗ 1 ſſtellte, als er dieſe in ſehr barſchem Tone an ihn gerichtete Frage vernahm. „Wenn die Herren,“ gab der Angeredete nach einer kleinen Pauſe zur Antwort,„zur Polizei des Schloſſes gehören, ſo muß ich allerdings wohl ſelbſt auf eine mit ſo wenig Anſtand gethane Frage antworten.“ „Zu dieſer Frage hat zwar Jeder das Recht, der zum Schloſſe gehörig und ſo dicht an den Mauern Leute herumſpionirend und lauſchend bemerkt, die ihm verdächtig erſcheinen,“ ſprudelte der kleine 3 Herzog zornig heraus,„doch iſt es beſſer, wir laſſen dieſen Mon⸗ ſieur mit jenen Beamten Bekanntſchaft machen, die er vorhin nannte und die er zu fürchten alle Urſache hat— ah, Sie ſind es in der That, Graf Helder?“ wandte er ſich in einem eigenthümlichen, ſpöt⸗ tiſchen Tone an dieſen, welcher mit ihm zuſammengetroffen war— wollen Sie die Güte haben, dieſen Monſieur da auf die Wache zu begleiten, wohin ich Ihnen folgen werde.“ „Vor allen Dingen, gnädiger Herr,“ gab der Adjutant des Fürſten mit leiſer Stimme zur Antwort,„wollen wir uns, wenn es Eurer Durchlaucht gefällig iſt, aus der Hörweite dieſes Pavil⸗ lons begeben; man könnte es unliebſam vermerken, wenn unſere Stimmen erkannt würden.“ „Ich habe mich nie geſcheut, die meinige hören zu laſſen, ſei es wo es wolle— doch, wie ich Ihnen ſchon geſagt, nehmen wir dieſen da mit und entfernen uns.“ 8 So leiſe auch Graf Helder dieſe Worte geſprochen, ſo hatte 88 Fürſt und Kavalier. doch der Fremde genug davon verſtanden, um mit ziemlich lauter Stimme zu ſagen:„Und wenn nun dieſe Perſon nicht Luſt hätte, Ihnen zu folgen, auf welche Weiſe wollten Sie ſie dazu zwingen? — Pah, gehen Sie mir mit Ihrer Art, Fremde zu behandeln— wie kann ich wiſſen, daß es hier verboten iſt, in einen offen ſtehen⸗ den Park zu treten und ſich an die Mauer eines Pavillons zu lehnen, um von da den Mondſſchein zu betrachten?“ „Gut, mein Herr,“ erwiederte der Adjutant mit leiſer, aber etwas ängſtlicher Stimme, und ſetzte mit einiger Höflichkeit hinzu: „Sie werden ſich aber unſerem Wunſche fügen müſſen, die Mauer dieſes Pavillons zu verlaſſen, um uns in einiger Entfernung zu ſagen, wer Sie ſind—“ „Und welche Gründe Sie bewogen,“ fiel der Herzog dem Sprecher raſch in das Wort,„gerade von dieſem Pavillon aus Ihre Mondbetrachtungen anzuſtellen.“ „Auf ein höfliches Wort findet man mich zu Allem bereit,“ verſetzte der Fremde, wobei er es übrigens ſorgfältig vermied, ſeine Worte an den kleinen verwachſenen Mann zu richten, vielmehr dem andern folgte, der ihn mit einer Handbewegung dazu einlud. Da nun alle drei den Pavillon verließen, um mit raſchen Schritten das Dickicht des Parkes zu gewinnen, ſo konnte es nicht fehlen, daß ſie hier auf Wilden und Saleck ſtießen, welche kein Wort von der Unterredung verloren und gerade ſo thaten, als ſeien ſie durch die laut gewechſelten Reden herbeigezogen worden. „Wen haben wir nun da ſchon wieder?“ rief ärgerlich der Herzog, welcher Ausdruck ſeiner Worte ſich auch durchaus nicht milderte, als er den jungen Maler erkannte—„weiß der Teufel,“ fuhr er unmuthig fort,„was alle Welt auf dieſe Seite des Schloſſes zieht; es ſind doch Spaziergänge genug da— man kann nicht ein⸗ mal mehr ungeſtört friſche Luft ſchöpfen.“ „Euer Durchlaucht werden mir verzeihen,“ gab Wilden zur Antwort,„es gehört nun einmal mit zu meinem Handwerk, der Fürſt und Kavalier. 89 Nacht und dem Mondſchein nachzulaufen, und finde ich gerade den Pavillon vor uns mit ſeinen tiefen Schatten ſo reizend auf dem hellen Nachthimmel hervortretend—“ „Hol' der Henker Ihre tiefen Schatten— die könnten Sie am Tage auch ſtudiren, wenn es Ihnen um's Studiren zu thun wäre— doch laſſen wir das; wer iſt da bei Ihnen?“ „Einer meiner Bekannten aus Rom, gnädigſter Herr, den ich heute Abend in Warneck traf, ebenfalls nur ein geringer Maler, wie ich ſelbſt, Arthur von Saleck— darf ich mir erlauben, ihn Euer Durchlaucht vorzuſtellen?“ „Eine ſchlecht gewählte Zeit, auf mein Wort,“ gab der Herzog in immer noch ärgerlichem Tone zur Antwort, und nun wandte er ſich an den Fremden, der ziemlich theilnahmlos dageſtanden und nur bei dem Namen Saleck einen Augenblick nach dem alſo Ge⸗ nannten hingeſchaut,„was haben Sie hier zu ſuchen?— kennen Sie dieſen Monſieur vielleicht auch?“ fragte er Wilden. „ Ich habe nicht die Ehre,“ entgegnete dieſer, worauf der Ad⸗ jutant, welcher den ihm ſehr unnöthig vorkommenden Reden un⸗ geduldig zuzuhören ſchien, das Wort nahm und immer noch mit leiſerer Stimme, als die Anderen ſprachen, bemerkte:„Das Beſte wird ſein, wir begleiten dieſen ſchweigſamen Herrn an den Aus⸗ gang des Parkes nach der Flußſeite hin und übergeben ihn dort der Wache.“ Dieſes Auskunftsmittel veranlaßte indeſſen den Herzog, nicht nur unmuthig den Kopf zu ſchütteln, ſondern auch den Adjutanten bei Seite zu ziehen und ihm zuzuflüſtern:„wie können Sie im Ernſte die Abſicht haben, dieſen Menſchen der Wache zu übergeben?“ „Und warum nicht? gnädiger Herr,“ frug der Andere in einem anſcheinend unbefangenen Tone,„das iſt wohl der richtigſte Ausweg.“ „Nun, der Himmel gebe Ihnen Umſicht,“ verſetzte unmuthig der Herzog,„und laſſe uns ehrlich gegen einander ſein; Sie ſo 90 Fürſt und Kavalier. wenig wie ich befanden ſich zufällig dort, wo Sie vor einer Viertel⸗ ſtunde waren; wir Beide eilten auch nicht abſichtslos gegen den Pavillon, als— als— dort aus dem Fenſter, vielleicht ganz zu⸗ fällig, etwas herausfiel.“ „Fiel in der That etwas heraus?“ frug der Adjutant,„Euer Durchlaucht wiſſen, daß ich ſehr ſchlechte Augen habe.“ „Allerdings fiel etwas heraus, mein Beſter, was es war, konnte ich freilich nicht ſehen, doch ſchien es mir etwas Weißes zu ſein.“ „Ein Papier vielleicht?“ „Möglich— und an der Stelle, wo es hinfiel, fanden wir jenen unverſchämten Eindringling, und er und ſonſt Niemand hat das erhalten, was für Jemand Andern beſtimmt war; ich finde das über alle Beſchreibung unangenehm.“ „In der That höchſt fatal, und von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet——* „Sehen Sie endlich ein, daß es nichts mit der Wachtſtube iſt? hoffentlich begreifen Sie das jetzt?“ Der ziemlich ſcharfe Ton, mit dem der Herzog dieſes ſprach, veranlaßte den Adjutanten zu der Entgegnung:„allerdings, gnädiger Herr, aber eben ſo wenig iſt hier etwas zu machen mit einem barſchen, herausfordernden und beleidigenden Weſen.“ Während ſich die Beiden auf der einen Seite alſo unterredeten, hatte ſich der Fremde den andern jungen Leuten genähert und ſagte, indem er höflich ſeinen Hut abnahm:„ehe ich ein anderes Wort an Sie richte, meine Herren, ſehe ich mich veranlaßt, Sie auf mein Ehrenwort zu verſichern, auf das Wort eines Kavaliers, daß ich als ein ganz harmloſer Spaziergänger— ich bin fremd und kam erſt heute Nachmittag hier an— in den Park gerieth, bei dem herrlichen Abend abſichtslos umherſchlenderte und ſo jenen Pavillon erreichte, von dem ich in der That nicht weiß, zu welchem Theil des Schloſſes er gehört und von wem er bewohnt iſt. Nach dieſer Einladung darf ich mir vielleicht die Frage erlauben,“ wandte — Fürſt und Kavalier. 91 er ſich an Wilden,„ob ich recht gehört, als Sie vorhin dieſen Herrn mit dem Namen Saleck anredeten?“ „So iſt es, den Namen nannte ich.“ „So verzeihen Sie mir,“ fuhr der Fremde fort, indem er ſeine Worte gegen Saleck richtete,„daß ich durch das unangenehme Zuſammentreffen mit jenen beiden Herrn dort, welche zu kennen ich durchaus nicht die Ehre habe, genöthigt bin, Sie hier mit einem Schreiben zu beläſtigen, das ich Ihnen allerdings paſſender morgen früh bei einem Beſuche auf Ihrem Zimmer übergeben haben würde, doch muß mich die eigenthümliche Lage, in der ich mich augenblicklich befinde, entſchuldigen— dürfte ich Sie bitten, Herr von Saleck, einen Augenblick mit mir auf die Seite zu treten?“ Der Angeredete willfahrte dieſer Bitte, zwar nach einer ernſten, gemeſſenen Verbeugung, die man ihm dem Fremden gegenüber bei der eigenthümlichen Art, ſich vorzuſtellen, nicht verübeln konnte. „Allerdings iſt Saleck mein Name,“ ſagte er hierauf,„doch da ich mich nicht erinnere, je das Vergnügen gehabt zu haben, Sie zu ſehen, ſo könnte vielleicht doch ein Irrthum ſtattfinden, es gibt viele Saleck in der Welt.“ „Gewiß,“ erwiederte der Andere mit leiſer Stimme,„doch glaube ich, ſo glücklich zu ſein, den gefunden zu haben, für den dieſer Brief beſtimmt iſt— mein Name iſt von Felſing, und mir wurde dieſes Schreiben heute Nachmittag in der Reſidenz anvertraut — von dem Herrn Schloßhauptmann von Werner.“ Saleck hörte dieſen Namen mit einer ſichtlichen Ueberraſchung; er trat dem Fremden raſch einen Schritt näher, und obgleich ſie weit genug von den Uebrigen entfernt waren, um von dieſen nicht verſtanden zu werden, ſo faßte er ihn doch am Arme, um ihn noch ein paar Schritte ſeitwärts unter die Bäume zu führen.„Sie haben ein Schreiben an mich von dem Schloßhauptmann von Werner, ein Schreiben, worin er einen Wunſch ausſpricht, oder mir eine Nachricht mittheilt?“ 92 Fürſt und Kavalier. „Ein Schreiben, worin er die Güte hat, mich Ihnen, dem Herrn von Saleck, zu empfehlen, ich darf hinzuſetzen, dringend zu empfehlen.“ „Eigenthümlich,“ gab der Andere zur Antwort, indem er den Brief aus der Hand des Herrn von Felſing entgegennahm und ſich bemühte, wenigſtens die Schriftzüge der Adreſſe zu erkennen:„wenn der Herr Schloßhauptmann Sie dringend empfiehlt, ſo kann ich Ihnen nur ſagen, daß Sie mir willkommen ſind, und daß ich für Sie thun werde, was in meinen ſchwachen Kräften ſteht.“ „In dem Falle ſehe ich mich veranlaßt, Sie um die Gefälligkeit zu erſuchen, jenen Herren, die Ihnen wahrſcheinlich bekannt ſind, zu ſagen, daß Sie es mit einem anſtändigen Menſchen, mit einem Edelmann zu thun haben, der ſich leider veranlaßt ſehen müßte, nach dieſer Ihrer freundlichen Erklärung für jedes fernere unange⸗ nehme Wort genügende Rechenſchaft zu fordern— man hat mich ja förmlich überfallen, als wenn ich bei einem Diebſtahl ertappt worden wäre.“ „So gerne ich Ihnen dienen möchte,“ entgegnete Saleck,„ſo bin ich im gleichen Falle, wie Sie; ebenfalls heute Nachmittag hier angekommen, überredete mich mein Freund zu einem Spaziergang in den Park; doch iſt derſelbe wohl genugſam hier bekannt, um Sie aus Ihrer Verlegenheit zu reißen— kommen Sie, daß ich Sie zu dieſem Zwecke mit ihm bekannt mache.— Was dieſen Brief anbelangt, ſo habe ich wohl morgen früh das Vergnügen, Sie bei mir zu ſehen?“ „Gewiß, Herr von Saleck, ich freue mich ſehr, Ihre Bekannt⸗ ſchaft auf einem andern Terrain fortzuſetzen.“ Damit traten ſie zu Wilden zurück:„Herr von Felſing— mein Freund, der Maler Wilden. Herr von Felſing,“ fuhr Saleck fort, nachdem Beide ſich begrüßt,„iſt mir von guter Hand dringend empfohlen und wendet ſich nun durch mich an Sie, zu ſeinen Gunſten bei jenen kriegsbereiten Mächten zu interveniren.“ — Fürſt und Kavalier. 93 „Mit Vergnügen,“ antwortete Wilden,„will ich darin thun, was in meinen Kräften ſteht.“ Er begab ſich hierauf zu den beiden Andern hin, die ihre Unterredung beendet hatten und ſich langſam näherten. Auch ſchienen ſich ſowohl der Herzog als ſein Adjutant zur freundlichen Behandlung der Angelegenheit geeinigt zu haben; denn wenn auch der Erſtere es nicht unterlaſſen konnte, dem Maler zu ſagen:„weiß der Henker, was Sie in aller Welt für Bekanntſchaften haben,“ ſo nahm er doch die Bürgſchaft deſſelben für Herrn von Felſing an und entfernte ſich mit leichtem Gruße, nicht ohne dem Adju⸗ tanten vorher noch zuzuflüſtern:„es bleibt, wie wir abgeredet,— ehrlich Spiel— laſſen Sie den Monſieur nicht aus den Augen, ſehen Sie, wo er wohnt, und mit wem er ſonſt umgeht.“ Hierauf wandte ſich Graf Helder gegen den Fremden und ſagte ihm mit einem auffallend wohlwollenden Tone:„ich habe mich bei Ihnen zu entſchuldigen, daß ich mich Ihnen vorhin etwas raſch ge⸗ nähert, doch ſind die Befehle in Betreff dieſes Parkes ſehr ſtreng. Um dieß aber einigermaßen wieder gut zu machen, werde ich mir erlauben, Ihnen den nächſten Weg aus dem Parke zu zeigen, damit Ihnen nicht noch weitere Unannehmlichkeiten zuſtoßen— Sie wohnen in Warneck?“ „So iſt es, in der Roſe und Anker, mein Name iſt von Fel⸗ ſing— wem habe ich die Ehre, für freundliche Begleitung dankbar zu ſein?“ 3 „Graf Helder, Adjutant Seiner Hoheit des Fürſten,“ gab dieſer zur Antwort, indem er ſich dem Fremden mit einer leichten Verbeugung vorſtellte. So endigte denn dieſer Auftritt, der auf ſo unangenehme Art begonnen, freundlicher, als jeder der dabei Betheiligten wohl er⸗ wartet. Die Anweſenden, mit Ausnahme des Herzogs, der ſich mit ſeiner eigenthümlichen Art zu gehen, wobei er die rechte Schulter etwas raſch in die Höhe ſchob, eilig entfernt hatte, ſetzten ſich nach Fürſt und Kavalier. der Flußſeite des Schloſſes zu in Bewegung, der Adjutant des Fürſten mit dem Fremden voraus, die beiden Anderen folgten, ab⸗ ſichtlich ſo langſam wie möglich, beſonders Saleck, der Wilden am Arme zurückhielt, wenn dieſer raſcher gehen wollte. „Laſſen wir die da vornen ziehen,“ ſagte er, als die beiden Anderen weit genug voraus waren, um ſeine Worte nicht mehr hören zu können,„Sie verſprachen mir, mich auch noch mit dieſem Theile des Schloſſes bekannt zu machen; was können wir auch an dieſem herrlichen Abend Beſſeres thun, als noch eine halbe Stunde umherzuſchlendern, vorausgeſetzt,“ ſagte er, ſtehen bleibend,„daß ich Sie von nichts Beſſerem abhalte— ſo indiskret möchte ich nicht ſein.“ „Unbeſorgt,“ erwiederte der Maler lachend,„unſereiner, der ſich nur mit ſeiner Kunſt beſchäftigt, hat hier ſehr viele freie Abende, ſchlendern wir alſo langſam weiter; ſowie wir jene Ecke vor uns umſchifft haben, kommen wir in bewohntere, lichtere, freundlichere Regionen. Um nun in meinen Erklärungen fortzufahren, ſo wiſſen Sie, daß jener Pavillon, wo wir eben zu Fünfen ein Abenteuer erlebten, von den Damen der Prinzeſſin Helene bewohnt wird: ein kleines, reizendes Haus, wenn es nur eine angenehmere Verbindung mit dem Flügel vor uns hätte, wo die Fürſtin ſelber wohnt; aber um dorthin zu gelangen, müſſen die armen Hofdamen durch den mächtigen Ahnenſaal des Schloſſes gehen, zu dem die hohen und düſteren Fenſter gehören, bei denen wir jetzt ſchon eine Zeit lang vorüberſchreiten: das iſt ein gewölbter, unter jedem Fußtritt hal⸗ lender Raum, Abends ſpärlich erleuchtet, mit den Bildern längſt verſtorbener Herrſchaften geſchmückt, die bei dem Dämmerlichte ſo geſpenſtig ernſt aus ihren Rahmen herabblicken. Es iſt wahrhaftig unheimlich, wenn man allein hindurchgeht und ordentlich fühlt, wie man von einem halben Hundert allerhöchſter ſehr ſtarrer Augen angeſehen und verfolgt wird; ein ängſtliches Gemüth liebt dieſen Spaziergang nicht, und die meiſten Damen ſcheuen ihn gewaltig, weßhalb auch Ihre Hoheit,“ ſetzte er leiſer hinzu,„häufig die Ge⸗ Fürſt und Kavalier. 9⁵ legenheit ergreift, ihre Hofdamen zu einem abendlichen Spazier⸗ gang durch den Ahnenſaal zu veranlaſſen.— So, jetzt haben wir ihn wie eine düſtere Vergangenheit hinter uns und wenden uns hier der helleren Gegenwart zu— ſehen Sie, wie ſchön dort der Fluß hingleitet, hell beſtrahlt vom Lichte des Mondes, welches ſchmeichelnd, zitternd, leuchtend auf den Wellen zu ſchwimmen ſcheint?“ „Das iſt allerdings ſehr ſchön und muß am Tage ent⸗ zückend ſein.“ „Gewiß— hier beginnen die Gemächer der Prinzeſſin, da iſt auch Licht und Leben: wenn wir, ſtatt dem breiten Wege rechts zu folgen, dort in jenen ſchmalen Weg links einbiegen, ſo kommen wir ſo nahe an jener erhellten Terraſſe vorüber, daß wir die Stimmen der darauf Befindlichen unterſcheiden können. Hier pflegt die Fürſtin gerne ihre Abende zuzubringen mit Plauderei und Muſik.“ „Sie ſcheinen um dieſe Zeit häufig hier geweſen zu ſein, lieber Wilden,“ meinte Saleck lächelnd,„um zu erfahren, aus welcher Tonart droben muſizirt wird?“ „Warum ſollte ich's thun? ich für meine Perſon hatte kein Intereſſe dabei, doch hören Sie, hier ſind wir gerade in der rechten Entfernung und können ſehen ohne geſehen zu werden, und hören ohne daß man uns vernimmt— a— a— a— ah, es gibt doch nichts Schöneres, als ſolch eine glänzend erhellte Terraſſe, wenn die Dunkelheit rings umher brütet, und darauf ſchöne Frauen⸗ geſtalten, leuchtend in ihren hellen Roben, als wenn das Licht, deſſen Flamme man nicht ſieht, von ihnen ſelbſt ausginge— ſehen Sie, wie herrlich die faſt durchſichtig glänzenden Blätter der auf⸗ und abwiegenden Palmen und ſchlanken Dracaenen erſcheinen, während ſeltſame Wunderblumen aller Art mit förmlich aufleuch⸗ tenden Kelchen in das Dunkel hinausſchauen, und dazwiſchen der ſchwermüthig ergreifende Ton einer Harfe—— ein Stück tau⸗ Fürſt und Kavalier. ſend und einer Nacht— ach, wer das auf dem Papier feſthalten könnte!“ Saleck ſchien ganz der Anſicht ſeines Freundes zu ſein; er hatte ſich an einen Baum gelehnt und ſtand mit übereinander ge⸗ ſchlagenen Armen, die Blicke in das reizende Bild vor ihm ver⸗ ſenkend;— mit halbwegs guten Augen konnte man die Damen droben unterſcheiden, und die beiden jungen Künſtler ſahen vor⸗ trefflich. „Das iſt die Prinzeſſin,“ ſagte Wilden mit etwas leiſerer Stimme,„ſie tritt an die Brüſtung der Terraſſe und blickt gen Himmel empor.“ „Ja, ja, ſie iſt es.“ „Hinter ihr wird die kleine Gräfin Eller ſichtbar, ihre jüngſte Hofdame, die ſo vortrefflich die Harfe ſpielt;— aber wo iſt denn Fräulein von Saint⸗Aubin, die ſtolzeſte und ernſteſte unſerer Damen? Ah, ſehen Sie, dort tritt ſie aus dem Hintergrunde, ein Buch in der Hand, welches ſie der Prinzeſſin übergibt; gewiß hat ſie einen Spaziergang durch den alten Ahnenſaal gemacht; die Fürſtin liebt es, ihren Damen durch fleißige Uebung die Furcht zu benehmen.— Ah, Fräulein von Saint⸗Aubin war alſo in der Nähe des Pavil⸗ lons, wo wir eben ſo viel Lärmen um Nichts aufführten.— Erkennen Sie die Prinzeſſin wieder?“ frug der junge Maler ſeinen ſtummen Gefährten, welcher keinen Blick von der Terraſſe verwandte. „O ja, ich erkenne ſie.“ „Ich danke,“ hörte man durch die Stille der Nacht die Prin⸗ zeſſin deutlich zu ihrer Hofdame ſagen,„legen Sie das Buch dort⸗ hin, ich will die Stelle gleich nachſehen, und dann wird die Gräfin Eller es wieder hinüber bringen.“ „Aber nicht ohne große Begleitung, Hoheit,“ gab die kleinere der Damen mit einer hellklingenden Stimme zur Antwort,„mir wäre es unmöglich, allein bei Nacht durch den finſtern Saal zu Fürſt und Kavalier. gehen.— Viktorine,“ wandte ſie ſich an das Fräulein von Saint⸗ Aubin, wie um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, „erinnert ſich gewiß der Weiſe, welche ich vorhin vergeblich auf meiner Harfe ſuchte!“ „Welche Weiſe?“ frug die andere Hofdame. „Ein italieniſches Volkslied;— Ihre Hoheit glaubte ſich von Rom her zu erinnern, und auch mir iſt es recht bekannt, aber ich kann die Melodie nicht wieder finden, verſuchen Sie es einmal, Viktorine; bei Ihrem muſikaliſchen Gedächtniß wird es Ihnen nicht ſchwer werden.“ „Es iſt eigentlich ganz gleichgültig,“ ſagte die Prinzeſſin lang⸗ ſam und gedehnt, während ſie ſich auf einen kleinen Fauteuil nieder⸗ ließ und das Buch in die Hand nahm, um darin zu blättern;„es ging mir nur ſo durch den Kopf.“ Fräulein von Saint⸗Aubin war von der Terraſſe verſchwunden, und gleich darauf hörte man die vollen, mächtigen Akkorde eines prachtvollen Flügels, deſſen Taſten von einer Meiſterhand regiert wurden, durch die ſtille Nacht hallen. Es war ſo ſtill, daß man die feinſten Nüancen vernahm. Läufe und Modulationen, die vom Nachthauch ſelbſt hervorgebracht zu ſein ſchienen, indem er leiſe flüſternd durch die Saiten ſtrich, und dann wieder Alkorde mit einer Kraft angeſchlagen und ausgehalten, daß ſie mächtig brauſend um das Herz der Zuhörer wogten. „Ich bin begierig,“ hörte man die Prinzeſſin in kaltem Tone ſagen,„wie Sie durch dieſen Aufwand von Tönen glücklich zu jener Weiſe gelangen wollen, die wir geſucht,“ auf welche Bemerkung die Töne des Flügels mit einem H⸗Akkord ſchloſſen, in den ſich etwas wie eine Diſſonanz miſchte, die aber gleich darauf weich und glücklich gelöst wurde, um alsdann in Moll übergehend eine jener bekannten ſüdlichen melancholiſchen Weiſen zu intoniren. „Ich glaube nicht, daß das die Melodie iſt, an welche die Fürſtin gedacht,“ bemerkte Saleck leiſe zu ſeinem Nachlar, und Hackländer's Werke. 49. Bd. Fürſt und Kavalier. gleich darauf hörte man die Prinzeſſin ſagen:„Nein, nein, Viktorine, das meinte ich nicht.“ Eine andere Weiſe, welche Fräulein von Saint⸗Aubin ſpielte⸗ wurde von keinem beſſeren Erfolge belohnt, und nun vernahm man die Prinzeſſin mit leichter Stimme verſuchen, die Melodie ſelbſt aufzufinden. „Ich weiß, was ſie meint,“ ſprach Saleck mit einer eigen⸗ thümlich gepreßten Stimme,„ich glaube das Lied zu kennen, nach dem ſie ſucht,— ſchade, daß jene Zeit vorüber iſt, wo die irrenden Ritter nächtlicher Weile vor den Fenſtern der Schönen harrten und ſich unterſtehen durften, ihre Gefühle bei den Klängen der Mandoline laut werden zu laſſen.“ „Pah,“ gab Wilden heiter zur Antwort,„mit oder ohne Man⸗ doline, das Singen iſt hier nächtlicher Weile nicht verboten; machen wir uns einen Spaß, das heißt, Sie, nicht ich, und ſingen vorüber⸗ gehend jenes Lied, nach deſſen Weiſe die Damen droben ſo eifrig ſuchen.“ „Singe, wem Geſang gegeben,“ erwiederte Saleck,„und Sie wiſſen wohl, lieber Freund, daß das Singen meine ſtarke Seite nicht iſt, wogegen Sie bei nächtlichen Serenaden Luſt und Schmerz in ihrem Munde hatten.— Sie werden ſich des Liedes erinnern, wenn ich Ihnen die erſten Worte ſage.“ „Nein, nein, ich danke, es iſt das Nichts für mich; meine Stimme könnte ihnen bekannt ſein, und man kann nicht wiſſen, ob Ihre Hoheit gerade gut oder ſchlecht gelaunt ſind.“ „Es käme gar zu komiſch heraus, ſich hier ſingend vor einem Fenſter aufzuſtellen, und doch drängt mich etwas, nur ganz leiſe die Weiſe anklingen zu laſſen.“ „Da hilft man ſich auf eine andere Art; gehen wir ein paar Schritte zurück; Jedermann hat das Recht, bei Tag und Nacht auf dieſem Wege zu wandeln, iſt er doch, wie Sie ſehen, durch einen kleinen Graben vom Schloſſe getrennt; ſchleudern wir alſo Fürſt und Kavalier. 99 ſchon von weitem laut und unbefangen plaudernd heran, und flech⸗ ten Sie die Melodie in das Geſpräch. Ohne Ihnen ein Kompliment zurückgeben zu wollen, wiſſen Sie ſelbſt am beſten, welch' guten Klang Ihre Stimme hat;— kommen Sie, es iſt ein Scherz, und man muß gegen Damen gefällig ſein. Damit zog er ſeinen Freund faſt widerſtrebend zurück, und beide wandten erſt wieder um, als ſie eine ziemliche Strecke von der Terraſſe entfernt waren und nur noch die Töne des Flügels wie leiſe verklingend hörten. Darauf näherten ſich die Beiden, abermals Arm in Arm, luſtig plaudernd; auch ſummte Saleck, als Sie näher kamen, mit den Tönen des Inſtrumentes droben, um durch keine andere Tonart eine Dis⸗ harmonie hervorzubringen, und ſetzte in der That, unter der Terraſſe angekommen, feſt und ſicher in eine Melodie ein, die er mit den Worten begleitete: Sul mare luccica l'astro d'argento placida e l'onda, prospero il vento venite all' agile barchetta mia Santa Lucia, Santa Lucia etc. War es nun, daß Fräulein von Saint⸗Aubin droben in dieſem Augenblicke von ſelbſt die gleiche Weiſe gefunden, oder daß der Sänger unten ſie darauf hingeleitet, genug, ſie glitt wie unbewußt in die Melodie hinein, und dieſelbe hierauf variirend, erklangen die Töne ſchmeichelnd unter ihrer Hand. „Das iſt es, Viktorine,“ hörte man die Prinzeſſin ſagen, wobei ſie raſch aufſtand und einen Blick auf den dunkeln Park hinab warf;—„wurde das Lied nicht eben unten geſrngen⸗ frug ſie raſch. „Ich habe es nicht gehört,“ gab die Gräfin Eller zur Antwort, welche an der Thüre des Salons geſtanden, von wo ſie dem Spiele der andern Hofdame zugehorcht hatte. „Gewiß, ich hörte die Melodie deutlich!— Seltſam,“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu,„weiß ich doch hier Niemand, der ſich 100 Fürſt und Kabalier. dieſes Liedes erinnert hätte, und es gibt doch ſo viele gefällige Seelen hier, die nicht unterlaſſen haben würden, es mir zum Ueber⸗ druß vorzuſingen oder vorzuſpielen, wenn ſie eine Ahnung gehabt hätten, daß es zu meinen Lieblingsliedern gehöre,— das heißt,“ dachte ſie, ohne eine Sylbe weiter zu ſprechen, indem ſie ſich über die Brüſtung lehnte,„es kommt dabei ſehr darauf an, von wem das Lied geſungen würde;— fort— fort mit dieſen unfrucht⸗ baren Erinnerungen,“ ſchloß ſie, den Kopf aufwerfend, ihre Gedanken⸗ reihe und trat alsdann raſch zu der jungen Dame am Klavier, der ſie mißmuthig ſagte:„'s thut mir leid, Viktorine, daß ich Ihnen Veranlaſſung gab, die Weiſe jenes Liedes zu finden, denn ich fürchte, wir werden es jetzt zum Ueberdruß zu hören bekommen.“ „Von mir gewiß nicht, Hoheit,“ gab Fräulein von Saint⸗ Aubin zur Antwort, indem ſie raſch ihr Spiel ſchloß und ſich erhob. „O doch, ich weiß, ich weiß,“ fuhr die Prinzeſſin unmuthig fort,„die Gräfin Eller hat dieſe dumme italieniſche Weiſe auch ſchon in ſich aufgenommen und wiederholt ſie im Stillen vor ſich hin, ich ſehe es daran, wie ſie ihre Lippen bewegt;— habe ich recht oder unrecht, Gräfin?“ „Ich kann es nicht leugnen,“ erwiederte die ſo haſtig Ge⸗ fragte, wobei ſie ſich bemühte, eine ernſte Miene anzunehmen, 3 die aber von ihren außerordentlich munteren Augen Lügen ge⸗ ſtraft wurde. „Ich bitte Sie aber dringend, dieſe Weiſe eben ſo raſch und gründlich wieder zu vergeſſen, wie Sie ſie gelernt haben; ich wünſche es, und Sie werden mir einen großen Gefallen dadurch erzeigen.“ „Die Wünſche Ihrer Hoheit ſind mir jederzeit Befehl,“ er⸗ wiederte die Gräfin, indem ſie ohne aufzuſchauen eine tiefe Ver⸗ beugung machte, wobei die feſt zuſammengepreßten Lippen ihre An⸗ ſtrengung zeigten, ſich freventlich nicht zu einem luſtigen Lachen zu verirren. Die Prinzeſſin ſah das übrigens nicht, denn ſie hatte Fürſt und Kavalier. 101 ſich abgewandt, während ſie eine Bewegung mit der rechten Hand durch die Worte begleitete:„Gute Nacht, meine Damen.“ Die beiden Hofdamen zogen ſich zurück, und bis in's zweite Vorzimmer bezwang die Gräfin ihre furchtbar erregte Lachluſt, dann blieb ſie ſtehen, blickte um ſich, ob ſie mit ihrer Freundin allein ſei, und brach dann in ein ſo luſtiges Lachen aus, wie dieſe Mauern, mit ihren ernſten, faſt düſteren Gobelins ſelten zu hören bekamen. „Du biſt und bleibſt ein unvorſichtiges Kind,“ ſagte das Fräu⸗ lein von Saint⸗Aubin,„was haſt Du für eine Veranlaſſung zu lachen, und wie kannſt Du ſo leichtſinnig ſein, das mit ſolchem Lärmen vor der Thüre Ihrer Hoheit zu thun?“ „Wir haben zwei Thüren hinter uns,“ erwiederte die kleine Dame immer noch lachend,„und was dort im Nebenzimmer unſern dicken Kammerdiener vom Dienſt anbelangt, ſo iſt er ſo taub, daß er nicht unterſcheiden kann, ob ich lache oder weine. Ja, Viktorine, ich mußte lachen, und hätte es im Zimmer der Prinzeſſin gethan, wenn ſie uns nicht in allergnädigſter Weiſe entlaſſen hätte.— Was gäbe ich um Dein ernſtes und ruhiges Gemüth!“ „So bezwinge Dich wenigſtens, bis wir den großen Saal er⸗ reicht haben, und dann magſt Du meinetwegen lachen, wenn Du keine Angſt haſt, daß das dort von den Herrſchaften an den Wänden nicht mit einem geſpenſtiſchen Kopfnicken beſtraft wird.“ „Pfui, Viktorine, Du verſtehſt es wie Niemand, meine gute Laune plötzlich zu zerreißen; ich hätte wahrhaftig nicht den Muth, in dem Saale dort zu lachen.“ „Auch wenn Du in meiner Geſellſchaft biſt?“ „Nicht einmal dann;— wir nehmen doch einen Lakaien mit?“ „Wozu das, närriſches Kind? Der Mond ſcheint hell, und Du mußt mir unterwegs erzählen, worüber Du eigentlich gelacht haſt;— halb kann ich es mir freilich denken.“ Vor dem Eingang zum großen Saale ſtand einer der Lakaien 102 Fürſt und Kavalier. mit einem ſilbernen Armleuchter bereit, um den beiden Damen nach ihrem Pavillon zu leuchten, doch dankte ihm Fräulein von Saint⸗ Aubin und mußte jetzt ſelbſt lächeln, als ſie bemerkte, wie ängſtlich die Gräfin Eller den Arm um ihre Taille legte und ſich feſt an ſie drückte. „Wenn ich auch keine Furcht kenne,“ ſagte die Erſtere, während Beide dahinſchritten,„ſo ziehe ich es doch vor, beim Dämmerlichte des Abends oder wie jetzt im Mondſchein durch dieſen Saal zu gehen, als bei ein paar flackernden Lichtern, die hie und da das Geſicht Eines der Herrſchaften an den Wänden, oder eine weiße Statue plötzlich ſo grell beleuchten, während alles Uebrige im ge⸗ heimnißvollen Dunkel bleibt.“ „Das mag ſchon wahr ſein,“ gab die kleine Dame mit gepreß⸗ ter Stimme zur Antwort,„aber wenn mir Lichter vorausgehen, ſo iſt doch Jemand da, der dieſe Lichter trägt, und wenn etwas vorfällt, ſo bin ich in zweiter Linie.“ „Was ſoll Dir denn hier begegnen, mein Kind? In dieſem alten, ehrwürdigen Saale iſt es bei Nacht gerade ſo wie am Tage; dort hängen die alten Bilder, dazwiſchen ſtehen die Statuen, und vor uns leuchtet unbeſtimmt im Mondlichte der alte Thronſeſſel.“ „Der macht mir am meiſten Angſt,“ gab die Gräfin Eller zur Antwort, indem ſie ſich feſt an ihre Gefährtin ſchmiegte,„ich kann es nie vergeſſen, was Seine Hoheit erzählte, daß er einmal um Mitternacht durch dieſen Saal gegangen ſei und habe auf dem Thronſeſſel eine Geſtalt ſitzen ſehen in rothem Gewande, reich mit Gold beſetzt, wie früher bei Krönungs⸗Feierlichkeiten die Mäntel getragen wurden.“ „Ganz richtig, aber er ſetzte auch hinzu, wer dieſe geheimniß⸗ volle Geſtalt geweſen: ein ſchlafender Portier des Schloſſes in ſeinem rothen mit Gold beſetzten Ueberwurf.“ „Ich wäre des Todes geweſen, ich hätte meine Augen geſchloſſen und wäre ſchreiend davon gerannt,“ 1 Fürſt und Kavalier. 103 „Bei ſolchen Gelegenheiten ſoll man aber ſeine Augen nicht ſchließen, ſondern ſie hübſch offen behalten,“ ſagte Fräulein von Saint⸗Aubin, und ſetzte nach einer Pauſe lächelnd hinzu,„aber mir ſcheint, daß ich tauben Ohren predige, denn trotz meiner Ge⸗ ſellſchaft wandelſt Du aus Furcht mit geſchloſſenen Augen;— warte, ich laſſe Dich hier ſtehen und gehe allein fort; ſei nicht ſo kindiſch, ſchau um Dich; ſieh', wie das Mondlicht den Saal faſt taghell erleuchtet;— nun, willſt Du die Augen öffnen?“ Die kleine Gräfin hatte gethan, wie ihr die Andere, wenn auch ſcherzend, doch dringend empfohlen hatte; ſie öffnete ihre Augen, um ſie gleich darauf mit einem leiſen Schrei wieder zu ſchließen, wobei ſie einen Augenblick ihre rechte Hand von ſich abſtreckte und dann ſagte:„Da ſchau hin, Viktorine!“ 3 Dieſer Ausruf des Schreckens war ſo ungekünſtelt und wahr, daß Fräulein von Saint⸗Aubin ſtehen blieb und nach der bezeich⸗ neten Richtung ſchaute;„ich ſehe da nichts,“ ſagte ſie alsdann,„gar nichts, als was immer dort zu ſehen iſt; die weiße Marmorfigur dort hell im Mondſchein glänzend und ihr Schatten dahinter auf der Wand abgebildet.“ „Aber ein Schatten, der ſich ſoeben bewegte,“ ſprach ſchaudernd die kleine Gräfin,„ein Schatten, der an der Wand vorbeihuſchte.“ „Thorheit;— komm', wir wollen das näher unterſuchen.“ „Ich nicht um alle Schätze der Welt.“ „So werde ich allein gehen;— bleibe Du hier einen Augen⸗ blick ſtehen.“ „Es iſt nicht recht von Dir, Viktorine, mich hier zu verlaſſen; ich ſterbe vor Angſt.“ Ohne ein Wort zu erwiedern, ſchritt Fräulein von Saint⸗ Aubin auf die Statue zu, betrachtete dieſe von allen Seiten, blickte auch an die Wand hinter derſelben, fand aber begreiflicher Weiſe nichts Verdächtiges, als eine kleine Thüre, die vom großen Saale auf einen ſchmalen Gang und von da auf eine geheime Treppe 104 Fürſt und Kavalier. führte, unverſchloſſen, halb offen ſtehend, ſo daß der in dem ſchmalen gewundenen Gang herrſchende Zugwind ſein Spiel mit der Thüre treiben konnte, woher wohl der vorüberhuſchende Schatten entſtanden, den die kleine Gräfin geſehen zu haben glaubte. Dieſe Erklärung vernahm die Geängſtigte mit einem tiefen Athemzuge, aber, wie es ſchien, nicht ganz gläubig, wenigſtens zog ſie ihre Gefährtin haſtig mit ſich fort und ſprach nicht eher wieder ein Wort, als bis ſie das Ende des Saales erreicht hatten und die ſchwere Ausgangsthüre deſſelben hinter ihnen in's Schloß gefallen war. Hiermit wollte ſie ſich übrigens noch nicht begnügen, ſondern ſie erſuchte ihre Freundin, den Schlüſſel umzudrehen, was dieſe endlich auch mit großem Geräuſch zu thun ſchien— wir ſagen ſchien, denn in Wirklichkeit drehte ſie den Schlüſſel mit einer raſchen Handbewegung wieder zurück, wodurch die Verbindungsthüre zwiſchen dem großen Saale und dem Pavillon der Hofdamen un⸗ verſchloſſen blieb. „So, das wäre einmal glücklich überſtanden,“ ſagte die kleine Gräfin, als ſie aus den weiten, finſteren Räumen nun in das kleine, hellerleuchtete Veſtibule traten, welches die Wohnungen der beiden Damen von einander trennte;„in Zukunft gehe ich nie mehr ohne einen Lakaien durch dieſen unheimlichen Saal, und wenn ich kann, nehme ich zwei mit. Unſere ſchöne, liebenswürdige Wohnung könnte mir ganz entleidet werden durch dieſe häßliche, finſtere Nachbarſchaft; ich verſichere Dich, Viktorine, aus dem Grunde allein ſehne ich mich nach der Stadt zurück. Hat mich das vorhin an⸗ gegriffen, ich ſage Dir, ich habe vorhin deutlich einen Schatten ge⸗ ſehen, der an den Wänden vorüberhuſchte; ſchlafen kann ich doch nicht, meine Nerven ſind zu aufgeregt; Du mußt mir eine Taſſe Thee geben, Viktorine, und mich noch ein wenig mit Dir plaudern laſſen, das heißt, ich werde plaudern, und wenn Du nicht willſſt, brauchſt Du mir gar keine Antwort zu geben— o ich kenne Deine Neigungen gut,“ Fürſt und Kavalier. 105 „Komm' nur,“ ſagte ruhig Fräulein von Saint⸗Aubin,„Du ſollſt eine Taſſe Thee haben und darſſt eine Stunde plaudern.“ „Gleich bin ich da, ich will mir's nur ein wenig bequem machen.“ Die beiden Damen betraten jede ihr kleines Gemach, wo ſich die kleine Gräfin von ihrer Kammerfrau ein leichtes Peignoir geben ließ, welches ſie ſtatt des Kleides über ihren gelockerten Anzug warf und alsdann durch eine ſeidene Schnur um ihre Taille zuſammen⸗ zog. Hierauf vertauſchte ſie ihre kleinen Stiefelchen mit bequemen geſtickten Sammetpantoffeln, verbarg auch nach Entfernung von Kämmen und Nadeln ihr volles blondes Haar unter einem zierlichen Häubchen und warf alsdann mehr aus Gewohnheit, als weil das gerade nöthig, einen prüfenden Blick in den Spiegel. Dann ging ſie zu ihrer Freundin hinüber, blieb aber erſtaunt an der Thüre des kleinen Salons ſtehen, als ſie bemerkte, daß Viktorine am Fenſter lehnte, in die Nacht hinaus blickend, immer noch ſo in ihren Shawl gehüllt, wie Beide noch vor Kurzem die Gemächer der Prinzeſſi verlaſſen. „Du biſt heute recht ungemüthlich,“ ſagte die kleine Gräfin, „da ſieh mich an, ich hab' es mir recht behaglich und bequem ge⸗ macht, um nach des Tags Laſt und Hitze, die wir redlich getragen, noch eine Stunde in voller Freiheit genießen zu können, und Du ſtehſt gerade noch ſo da, als erwarteſt Du jeden Augenblick, wieder zu irgend einem Dienſte gerufen zu werden.— Haſt Du vielleicht eine Ahnung, daß es Ihrer Hoheit allenfalls in den Sinn kommen könnte, an Schlafloſigkeit zu leiden, und daß Hochdieſelbe eine von uns zum Vorleſen befehlen würde?— Höre, das wäre gräßlich,“ ſetzte ſie mit gefalteten Händen hinzu,„ich würde dieſer Schlaf⸗ loſigkeit die furchtbarſte Migräne entgegenſetzen,— helf, was helfen mag.“ Viktorine hatte ſich auf die Anrede ihrer Freundin raſch herum⸗ gewandt, ließ ihren Shawl auf einen Fauteuil an ihrer Seite 106 Fürſt und Kavalier. niedergleiten und trat mit einem etwas erzwungenen Lächeln in den Lichtkreis der auf dem Tiſche ſtehenden Lampe. „Mach' es Dir doch bequem,“ bat die kleine Gräfin, die ſich ſo ungezwungen als möglich in einen Lehnſtuhl geworfen und die kleinen Füße auf einen Schemel geſtellt hatte,„man plaudert ſo behaglicher;— ſoll ich Deine Kammerfrau vorſtellen und den Ver⸗ ſuch machen, Dein wildes Haar in ein Häubchen zu zwängen? Komm', laß die Nadeln aus Deinem Haare ziehen, damit Deine ſchweren Flechten herabfallen; Du haſt ſie heute lange genug aufgeſteckt ge⸗ tragen,— ach, wer ſo prächtiges Haar hätte.“ Sie war auf⸗ geſtanden und hatte mit ihren kleinen Händen die allerdings faſt übermäßig dicke Friſur ihrer Freundin zu umſpannen verſucht, doch als ſie ihr die Nadeln ausziehen wollte, wehrte dieſe ihrem Be⸗ ginnen und ſagte:„Laß nur gut ſein, Eliſe, das genirt mich durchaus nicht, ich fühle mich überhaupt in meinem Anzuge nicht unbequem.“ „Ich kann das Gekrach der Seide nicht leiden, wenn ich da⸗ heim bin; es ſtört meine Ruhe; aber wie Du willſt, Viktorine, ich bin Dein Gaſt und nehme an, Du habeſt für mich zuweilen égards, um mich nicht im Negligé zu empfangen.“ „Bin ich nicht in meinem Anzuge ſo einfach, daß er wohl für Negligé gelten könnte?“ „Ja, aber Deine Einfachheit,“ lachte die kleine Gräfin,„iſt ſo kokett als möglich; alle Welt weiß, daß Du nichts Auffallendes, nichts Geſuchtes, ja nicht den geringſten Schmuck an Dir ſehen läſſeſt, aber die Nelke oder die Granate, die Du in Dein Haar oder an Deine Bruſt ſteckſt, ſchlägt alle Brillanten der übrigen Damen;— laß das gut ſein,“ fuhr ſie fort, als das Fräulein von Saint⸗Aubin etwas zur Antwort geben wollte,„wie oft habe ich mit meinen eigenen Ohren nach Dir fragen hören: wer iſt das?— Welche denn?— die in Weiß und Roth?— Gott, nein. — Oder die in Gelb mit den ſchwarzen Spitzen?— Pas du tout, Fürſt und Kavalier. 107 ſondern jene ſchlanke große Dame, die durch ihre Einfachheit auf⸗ fällt.— Die in jener Robe von marderweißer Seide?— Ah, Fräulein von Saint⸗Aubin, unſere ſchöne Viktorine.“ „Pfui, Eliſe, Du kannſt in der That recht boshaft ſein,— gebe ich Veranlaſſung zu ſolchen Geſprächen, kann man zurückhalten⸗ der ſein, als ich es beſtändig bin? Und was die Einfachheit meines Anzuges anbelangt, ſo bin ich nicht die reiche Gräfin Eller, ſondern die Tochter eines armen penſionirten Generals, und habe vielleicht die gute Eigenſchaft, mich nach meinen Verhältniſſen richten zu können.“ „Zugeſtanden meinetwegen, daß die elegante Einfachheit Deines Aeußeren keine Koketterie iſt, wie ich das bei Deinem offenen ein⸗ fachen Weſen und bei Deinem guten, freundlichen Herzen allenfalls unterſchreiben würde, ſo iſt doch der Effekt derſelbe, und Du über⸗ bieteſt uns Alle mit Deinem Weiß, Schwarz oder Grau, oder mit Deinen Granaten und Nelken;— glaubſt Du, die Prinzeſſin habe nicht ſchon Bemerkungen darüber gemacht?“ „Die Du gehört, kleine Lauſcherin?“ „Nun, dazu braucht man gerade keine Lauſcherin zu ſein; wenn Ihre Hoheit etwas Pikantes über Jemand ſagt, was zuweilen vor⸗ kommen ſoll, ſo genirt ſie ſich nicht, dieß ſo laut als möglich zu thun.“ „Und was ſagte ſie denn, und wann?“ „Erſt heute Nachmittag.— Du ſtandeſt an einen Baum ge⸗ lehnt und blickteſt angelegentlich in die Gegend hinaus, dorthin, wo ſie gerade die neue Eiſenbahnbrücke bauen. Da ſagte der Maler Wilden: ‚Fräulein von Saint⸗Aubin gäbe in ihrer Einfachheit ein reizendes Bild,“ worauf die Prinzeſſin ſagte: Ja, ſie weiß es aber auch, wie ſie ſich durch dieſe Einfachheit auszeichnet, und ich wieder⸗ hole, ſie hat Recht.“ „Nun, ſo laßt mir dieſe wohlfeile Auszeichnung, habe ich doch ſonſt nichts, um mich bemerkbar zu machen, wenn ich wirklich Luſt —— 108 Fürſt und Kavalier. hätte, dieß zu thun; nicht Deine elegante Beweglichkeit, nicht Dein liebenswürdiges Talent zum Plaudern, welches wie Champagner berauſcht—— ſagt——⸗ „Du nannteſt mich boshaft, Viktorine, und biſt es doch ſelbſt im höchſten Grade,— ſagt, ſagt,— ſprich es nur aus, wer es ſagt, ich habe meine guten Gründe, mich nicht ſo viel—“ damit warf ſie ihre kleine rechte Hand mit zuſammengeſchnippten Fingern von ſich ab—„um die Worte eines Herrn Herzogs zu bekümmern; — bei Gott, Viktorine, darin treibſt Du ein gefährliches Spiel.“ „Ah, das iſt über den Scherz, Eliſe,“ erwiederte Fräulein von Saint⸗Aubin, indem ſie ſich raſch über dem Fauteuil aufrichtete, „nicht wahr, ſo was denkſt Du nicht einmal im Ernſte?“ „Ich nicht, aber Andere.“ „Aber Niemand, der mich kennt;— o, es wäre entſetzlich,— ſage mir ehrlich, ich weiß, Du biſt es gegen mich, haſt Du mich je eine Veranlaſſung zu ſolchem Gerede geben hören?“ „Nein, nie, und doch iſt das Gerede da, und wächst und wächst lawinenartig;— ſie ſind gar ſo unbeſonnen und unvorſichtig, dieſe Männer, ich muß Dir ernſtlich ſagen, Liebe, ich würde es mir in der That verbitten.“ Fräulein von Saint⸗Aubin hatte ſich haſtig erhoben und war bei der letzten Rede ihrer kleinen Freundin an's Fenſter getreten. Als ſie zurückkehrte, ſagte ſie nach einem tiefen und ſchmerzlichen Athemzuge:„was kann ich mir verbitten, ohne zuzugeſtehen, daß ich Worte und Blicke verſtehe, die ich nun einmal nicht verſtehen will und darf?“ „Was den Herzog anbelangt, ſo gebe ich Dir nicht Unrecht, aber Graf Helder, meine Liebe, iſt eine ſehr angenehme Perſönlich⸗ keit, reich, deßhalb unabhängig, und hat, auch abgeſehen davon, bei Hof eine Zukunft, warum ſollteſt Du ſeine Worte und Blicke nicht verſtehen wollen und können?“ Fräulein von Saint⸗Aubin war neben die kleine Gräfin ge⸗ Fürſt und Kavalier. 109 treten und, während ſie ihr einige ihrer blonden Locken, die ihr unter dem Häubchen hervorquollen, wieder unter daſſelbe zurück⸗ drückte, ſagte ſie in ſcherzhaftem Tone:„Wenn auch Deine Varia⸗ tionen richtig ſind, ſo hat doch Dein Thema einen Fehler: wie könnte ich einige ſchöne Worte und Artigkeiten, hervorgerufen durch die Langeweile des Landlebens, für Ernſt nehmen?— Du mit Deinen vier bis fünf Jahren weniger ſiehſt das freilich mit andern Augen an.“ „Ja, ja, ich ſehe ſcharf und richtig, und mein Thema, um in Deine Bilderſprache einzugehen, hat ebenſowenig einen Fehler, wie meine Variation.“ „Sei es darum,“ erwiederte die Andere in ernſtem Tone,„ſo muß ich Dir denn zur Antwort geben: dieſes Thema und dieſe Variation klingen in meinem Innern nicht harmoniſch an.“ „Mit andern Worten, Du liebſt ihn nicht?“ „Ich liebe Niemand.“ „Pah, ſo hätteſt Du wirklich ein kaltes Herz, oder glüht es vielleicht tief verſteckt, unbemerkt, zugedeckt durch des Lebens kalte Formen, durch langweilige Konvenienzen?“ „Du biſt ja eine wahre Inquiſitorin, Eliſe, doch hoffe ich, daß Du mich aus eigenem Antrieb in's Verhör genommen.“ „Nun, darauf kannſt Du Dich verlaſſen,“ erwiederte einiger⸗ maßen verlegen die kleine Gräfin,„nimm mein Geplauder für das, was es iſt;— darf ich Dich noch um eine Taſſe Thee bitten?“ „Mit Vergnügen bediene ich Dich, wie wenn Du eine regie⸗ rende Kaiſerin wäreſt,“ gab Fräulein von Saint⸗Aubin mit herz⸗ lichem Tone zur Antwort und that nach ihren Worten, wobei ſie fortfuhr: ſo behaglich ruhend biſt Du ganz an Deinem Platze, ſo, lege Deine kleinen Füßchen über einander und ſchließe Deine muth⸗ willigen Augen, Deine Lippen dagegen möchte ich um Alles in der Welt nicht verſiegeln, denn Dein anmuthiges Geplauder hat für mich etwas Nervenberuhigendes.“ 110 Fürſt und Kavalier. „Ich wünſchte, daß Ihre Hoheit der gleichen Anſicht wäre, aber das iſt leider nicht der Fall, denn wenn ich mich einmal ein bischen gehen laſſe und anmuthig plaudere, um Deine Worte zu gebrauchen, liebe Viktorine, ſo habe ich mit meinen ſcharfen Augen ſchon oft ein höchſtes Achſelzucken bemerkt, das auf meinen Humor eine Wirkung hat, wie kaltes Waſſer auf meinen warmen Körper; — à propos,“ unterbrach ſie ſogleich ihren Gedankengang, wobei ſie ihr Köpfchen herumwandte,„ich glaube, Du treibſt neben anderen Wiſſenſchaften auch Architektur;— was haſt Du da für große un⸗ behülfliche Pläne?'s iſt doch ſo etwas?“ „Allerdings ſind es Pläne, die ich mir aus der Bibliothek geben ließ,“ erwiederte Fräulein von Saint⸗Aubin, doch hatten ihre Augen bei dieſen Worten ihren ſonſt ſo offenen und unbe⸗ fangenen Ausdruck verloren; ja ſie erröthete und bückte ſich wohl aus dieſem Grunde auf die Pläne herab, um ſie auf ein entferntes Tiſchchen zu legen. „O, laß mich das einen Augenblick anſehen,“ bat die kleine Gräfin,„ich habe keine Idee davon, wie Jemand aus dieſen ſchwarzen und rothen Linien klug werden kann, verſtehſt Du was davon?“ „Mein ſeliger Vater hatte viel dergleichen in ſeinen Mappen, und zuweilen nahm er einen Plan vor und erklärte ihn mir, als ich noch ein Kind war.“ „So betrachte mich auch als Kind und überliefere dieſe Er⸗ klärungen an mich.“ „Das wäre langweilig, liebe Eliſe, auch geht das nicht ſo ge⸗ ſchwind.“ „Sind es die Pläne des ganzen Schloſſes?“ „Des ganzen Schloſſes.“ „So laß mich unſern Pavillon hier ſehen, ſowie den großen häßlichen Saal; der muß ſich auf dem Papier ebenfalls recht öde und leer ausnehmen.“ Fürſt und Kavalier. 111 „Dieſer Plan iſt gerade nicht hier, man muß vergeſſen haben ihn beizufügen,“ verſetzte Fräulein von Saint⸗Aubin, wobei ſie ſich abwandte, ſo daß ihre Freundin nicht im Stande war zu ſehen, welche tiefe Röthe ihre Stirne bedeckte. „Ein andermal denn,“ ſprach die Gräfin mit einem leichten Gähnen, worauf ſie mit einem Blick auf die Uhr über dem Kamin hinzuſetzte:„ich wäre auch heute Abend nicht mehr recht fähig für die Belehrung. Die Landpartie hat mich ermüdet, und dann muß ich Dir auch geſtehen, daß mich unſere muſikaliſche Soirée ſchläfrig gemacht hat.— Sage mir doch,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, indem ſie ſich in ihrem Fauteuil gegen ihre Freundin herumwarf, „was wollte denn die Prinzeſſin eigentlich mit ihrem italieniſchen Liede? mit der Weiſe, welche ſie ſo eifrig geſucht, und die Du plötzlich gefunden? worauf ſie mich frug, ob die Melodie nicht Jemand drunten im Parke geſungen hätte.— Wer ſoll drunten italieniſche Weiſen ſingen,— hörteſt Du etwas?“ „Ich kann Dir in Wahrheit nicht ſagen, ob ich etwas gehört, doch war es mir faſt ſo, und glaubte ich, die Prinzeſſin ſelbſt habe dieſe Weiſe intonirt.“ „Pas du tout, ſie hatte ihre Lippen feſt auf einander gepreßt, aber ſchaute nachher aufmerkſam in den Park hinab. Sollte es in der That Jemand gewagt haben, vor dem Fenſter Erinnerungen an Italien in ihr erwecken zu wollen, das würde mir ein unglaub⸗ liches Vergnügen verurſachen.“ Fräulein von Saint⸗Aubin hatte die Rechte auf die Lehne des Stuhles geſtützt, auf dem ihre Freundin ſaß, und ſagte nach einem kleinen Augenblick des Nachdenkens:„ich glaube überhaupt nicht, daß Erinnerungen einen Eindruck auf die Prinzeſſin machen.“ „Zugeſtanden, weder Erinnerungen noch ſonſt Etwas; darin ſtimmſt Du mit der Gnädigſten vollkommen überein. Eure Her⸗ zen haben den gleichen Wärmegrad oder flammen tief in der Bruſt unter kaum zu durchdringender Umhüllung,— nicht wahr, Fürſt und Kavalier. Viktorine, bei der Prinzeſſin hat ſich nie eine Neigung ge⸗ offenbart?“ „Nicht, daß ich wüßte, wie ſollte ſie auch dazu kommen? Um zu lieben, muß doch auch ein würdiger Gegenſtand da ſein,— oder glaubſt Du vielleicht, der Herzog wäre im Stande, in ihr Gefühle zu erwecken?“ „Das mußt Du beſſer wiſſen als ich.“ „Unſinn, Eliſe.“ „Meinetwegen,— aber daß ſich bei den glänzenden Verhält⸗ niſſen, in denen die Prinzeſſin vor ſo vielen Fürſtentöchtern, man könnte ſagen, leuchtet, nicht würdige Bewerber in Maſſe zeigen, das iſt mir ein Räthſel. Was man doch ſo von ihr ſieht und weiß, iſt ja ſo brillant als möglich; ſie iſt ſchön, geiſtreich, uner⸗ meßlich reich.“ „Alles das, und ſie kennt auch wohl dieſe ihre glänzenden Eigenſchaften zur Genüge; man ſagt, ſie habe auf diplomatiſchem Wege ſchon manchen Korb ertheilt.“ „Aber worauf wartet ſie denn?“ „Vielleicht auf den Rechten,“ meinte Fräulein von Saint⸗Aubin mit einem ſtillen Lächeln. „Pah, wie kann eine Prinzeſſin auf den Rechten warten? etwas müſſen wir doch voraus haben.“ „Glaubſt Du denn, Ihre Hoheit würde ſich für eine konventio⸗ nelle Idee opfern? wie ich ſie kenne, erwarte ich das nicht von ihr.“ „Nun denn, ſo ſoll ſie ein bischen Roman ſpielen und einen ihrer Unterthanen mit Herz und Hand beglücken; ſieh', Viktorine, das wäre prächtig, ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn ich bei einem ſolchen Abenteuer mitwirken könnte; es wäre eine reizende Abwechslung in der tödtlichen Langeweile hier,— ach, eine Lange⸗ weile, die Geiſt und Körper müde macht; jetzt iſt es kaum neun Uhr vorbei, und ich bin ſchon ſo ermattet, als wenn ich in der Stadt Morgens früh von einer Ballnacht nach Hauſe gekommen bin. Fürſt und Kavalier. 118 Verzeihe mir, meine Augen fallen mir zu, ich ziehe mich in meine Gemächer zurück und hoffe in einem ſüßen Schlafe alle Annehm⸗ lichkeiten zu vergeſſen, die das Leben einer Hofdame mit ſich bringt, — gute Nacht, mein Herz!“ Sie hatte ſich bei dieſen Worten langſam von ihrem Stuhle erhoben und fuhr nun fort, indem ſie beide Hände ihrer Freundin ergriff und ſie aufmerkſam anſchaute:„Du ſcheinſt noch nicht müde, Deine Augen glänzen noch ſo klar und ruhig wie— wie— nun wie Deine Augen; ich weiß für dieſelben keinen paſſenden Vergleich anzuſtellen, denn ſie ſind einzig in ihrer Art, das muß Dir ſelbſt der Neid Deiner Kolleginnen laſſen,— gute Nacht, Viktorine!“ „Gute Nacht, Eliſe!“ Damit trennten ſich die Beiden; die kleine Gräfin verließ das Zimmer in langſamen Schritten mit etwas affektirten Zeichen der Schläfrigkeit, von ihrer Freundin bis an die Thüre begleitet, unter welcher dieſe noch ſtehen blieb, bis jene am Ende des Korridors, wo ihre Wohnung lag, verſchwunden war. Dann kehrte Fräulein von Saint⸗Aubin in ihren Salon zurück, warf haſtig einen Blick auf die Uhr über dem Kamin und blieb einige Sekunden in der Mitte des Gemaches ſtehen, während ſie ihre Lippen auf einander preßte und ihre linke Hand feſt auf das Herz drückte; fühlte ſie dort einen Schmerz oder wollte ſie einen Verſuch machen, das heftige Schlagen deſſelben zu mäßigen? Da dieſes aber nicht zu gelingen ſchien, ſo machte ſie raſch einen Gang durch das Zimmer und ſagte:„o, wie ich kindiſch bin, er wird nicht kommen; er findet keine Zeit dazu,— und wenn er ſie doch fände,— wenn er doch käme,— nun gut, dann plaudern wir eine Stunde über die gleichgültigſten Dinge, und das einzige Eigenthüm⸗ liche, vielleicht Aufregende iſt dieſe Stunde, die er wählen muß, um mich zu ſehen.“ Dieſe Worte ſprach ſie halblaut vor ſich hin, wie abſichtlich langſam und mit großer Ruhe, um ihre eigene Erregung damit Hackländer's Werke. 49. Bd. 8 Fürſt und Kavalier. zu beſchwichtigen. Doch ſchien ihr das weder dadurch noch durch ihr haſtiges Durchſchreiten des Zimmers zu gelingen, denn ſie warf ſich gleich darauf mit allen Zeichen der Ungeduld, ja einer nicht zu bewältigenden Unruhe in ihren kleinen Fauteuil, den ſie mit einem leichten Drucke des Fußes ſo herumwandte, daß ſie nach der Thüre ſehen konnte, wobei das volle Licht der Lampe auf ihr Geſicht fiel. Viktorine von Saint⸗Aubin war vierundzwanzig Jahre alt, ein in der That ausgezeichnet ſchönes Mädchen, und nicht nur, wie die Gräfin Eller vorhin geſagt, durch die Einfachheit ihres Aeußern, ſondern auch durch ihre auffallend ſchöne, elegante Figur im feinſten Ebenmaße mit vollen und doch ſchlanken Formen, einer ausgezeich⸗ neten Haltung und Tournure, mit einem edlen Geſichte von wohl⸗ thuender Schönheit; ihr Teint war fein und blaß, ihr volles Haar tief ſchwarz; die Brauen unter ihrer hohen Stirn ſcharf gezeichnet und kühn geſchwungen, wie die einer Spanierin, bildeten in ihrer Schwärze einen eigenthümlich pikanten Kontraſt mit ihren Augen ſelbſt, welche tief blau waren und in einem ſeltenen Glanze ſtrahl⸗ ten. Der ganze Ausdruck ihres Geſichtes hatte etwas Ernſtes, faſt Melancholiſches, konnte ſich aber wunderbar aufklären bei einem innigen Lächeln, was ihr ſo recht aus dem Herzen kam, wobei dann ihre Züge wie vom Sonnenglanz verklärt ausſahen. Doch erſchien dieſes Lächeln höchſt ſelten und war vielleicht während der Stunden ihres Dienſtes in den Appartements der Fürſtin noch nie zu Tage getreten. Auf wem aber dieſe wunderbaren Augen ſo glücklich lächelnd einmal geruht, der vergaß das nicht ſo leicht wieder. Auf den flüchtigen Beſchauer oder wer nie Veranlaſſung hatte, ein ani⸗ mirtes Geſpräch mit ihr zu führen, machte Fräulein von Saint⸗ Aubin den Eindruck der Gleichgültigkeit und Kälte, ein Eindruck, der, wenn ſie lebhaft ſprach, nur durch die weiche, liebenswürdige Form ihrer etwas ſtarken Lippen gemäßigt wurde, die alsdann von einem leichten Lächeln umſpielt waren, und zwiſchen denen man die weißen Zähne durchſchimmern ſah. Fürſt und Kavalier. 115 Leichtes Geräuſch draußen auf dem Gange ließ die Hofdame erſchreckt zuſammenfahren, und in der nächſten Sekunde ſtand ſie hoch aufgerichtet neben ihrem Fauteuil, den Kopf erhoben, die Lippen feſt zuſammengepreßt, bleicher als gewöhnlich. Nur mühſam ſchien ſie den Athem in ihre Bruſt ziehen zu können, als ſich nun die Thüre ziemlich raſch öffnete, und ein Mann eintrat, von deſſen Er⸗ ſcheinen ſie offenbar in Kenntniß geſetzt war, und den ſie doch nicht erwarten zu dürfen hoffte oder glaubte. Der Eingetretene hatte die Thüre hinter ſich in's Schloß ge⸗ drückt und ſagte dann mit einer wohlklingenden tiefen Stimme und einer Unbefangenheit, welche den Sinn deſſen, was er ſprach, Lügen ſtrafte, indem er an der Thüre ſtehen blieb:„da bin ich nun, weiß aber in der That nicht, wie ich mich in dieſem ganz abnormen Falle zu benehmen habe, zu ſpäter Abendzeit auf Schleichwegen in ein fürſtliches Schloß gelangend und gar in's Zimmer einer Hof⸗ dame,— ich erwarte Ihre Befehle, gnädiges Fräulein, was thut man in ſolchen Fällen? iſt man vor jeder Ueberraſchung, die Ihnen unangenehm ſein könnte, durch Form und Herkommen ſicher, oder dreht man den Schlüſſel in dieſem kleinen Schloſſe herum?“ Fräulein von Saint⸗Aubin hatte bei dieſer Anrede wie in einer ſie plötzlich überwältigenden Angſt beide Hände vor die Augen ge⸗ drückt; man ſah, daß ſie tief und ſchwer aufathmete, und dann ſagte ſie mit kaum vernehmlicher Stimme:„es iſt das erſte Mal, daß ich Ihnen, überhaupt irgend Jemanden, auf gleiche Art gegen⸗ überſtehe.“ „Nun denn,“ entgegnete der Andere mit kecker Laune,„ſo folge ich meinem gewiß richtigen Gefühle und ſchließe die Thüre.“ Der Schlüſſel knarrte im Schloſſe, und bei dieſem Tone fuhr die junge Dame erſchreckt zuſammen, dann blickte ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, auf einen Stuhl, ziemlich weit von dem kleinen Fauteuil, an dem ſie ſelbſt ſtand, und als ſie ſich raſch dort hinein⸗ warf, ſah man ihre Hände in zitternder Bewegung. 116 Fürſt und Kavalier. Der Mann an der Thüre war indeſſen mit ein paar raſchen Schritten näher getreten, und da er ſich nun im Lichtkreiſe der hellen Lampe befindet, ſo halten wir es für unſere Schuldigkeit, ſein beſonders in dieſer Umgebung etwas eigenthümliches Aeußeres flüchtig zu ſkizziren: Er war von ziemlich großer, wohlgewachſener und kräftiger Statur, etwa 33 bis 36 Jahre alt, hatte krauſes, blondes Haar, dazu helle, leuchtende Augen, eine friſche, geſunde Geſichtsfarbe, glänzende Zähne, die man um ſo deutlicher hervor⸗ ſchimmern ſah, da er rings um Mund und Kinn einen vollen, eigenthümlicher Weiſe dunkleren Bart trug, als ſein Haupthaar war; ſeine Stirne war breit und hervortretend, ſeine Naſe edel geformt, und der ganze Kopf hatte einen angenehmen, wohlthuenden, freien Ausdruck. Das Geſicht trug ebenſowohl den Stempel der Heiterkeit und Gutmüthigkeit, wie die Züge deſſelben nebenbei eine hohe geiſtige Kraft und Entſchloſſenheit deutlich verriethen. Die Eigenthümlichkeit ſeiner Erſcheinung, von der wir ſo eben ſprachen, war aber hauptſächlich durch ſeinen Anzug bedingt, denn er trug, um von unten anzufangen, bis über das Knie reichende, allerdings feine Reitſtiefel mit Sporen, deren Räder freilich abgeſchraubt waren, ein eng anliegendes Beinkleid, eine einfache Weſte, ſowie eine ſoge⸗ nannte Juppe von grauem Stoffe mit grünem Kragen, auch war ſein ſchwarzſeidenes Halstuch bloß locker um den Hals geknüpft und der feine, weiße Hemdkragen ziemlich ungenirt umgeſchlagen. Seine Kopfbedeckung, einen weichen, grauen Filzhut, hielt er in der Hand, warf ihn aber gleich darauf auf das Sopha, indem er der jungen Dame beide Hände entgegenſtreckte, als er ſich dem Tiſche näherte. Fräulein von Saint⸗Aubin erhob nur leicht ihre Rechte, die er dann faßte und ſie raſch an ſeine Lippen führte, worauf er in einem heiteren Tone ſagte:„aber warum erlauben Sie mir nicht, Ihre beiden Hände, wie früher, gnädiges Fräulein?— o ich halte ſehr darauf, daß mir von meinen Errungenſchaften nichts verloren geht.“ Fürſt und Kavalier. 117 Die Sicherheit, mit der er ſprach und handelte, ſchien einen wohlthuenden Eindruck auf das Herz der jungen Dame zu machen, ein leichtes Lächeln flog über ihre Züge, und ſie reichte ihm nun auch, wenngleich zögernd, ihre linke Hand, die er mit einer komiſchen Grandezza langſam und feierlich küßte. Mit eigenthümlichem Tone ſagte er, indem er ihre beiden Hände einen Augenblick feſthielt: „o, es liegt darin etwas Eigenthümliches, es iſt die Verbindung zu einem geheimnißvollen Kreiſe, wobei ſich der Pulsſchlag des einen Theils unwillkürlich nach dem des andern Theils regelt, und Sie wiſſen, gnädiges Fräulein, der Pulsſchlag geht vom Herzen aus.“ Er ſagte das ſo heiter lachend und unbefangen, daß ihn Fräu⸗ lein von Saint⸗Aubin nun ebenfalls mit dem gleichen Ausdruck anſchaute und freundlich zur Antwort gab:„ach ja, ich kenne dieſe Redensarten, laſſen Sie's aber jetzt gut ſein und ſprechen Sie ganz ruhig und ganz vernünftig, denn das kann ich wahrhaftig verlangen zum Lohne dafür, daß ich Ihnen erlaubt, mich zu dieſer ganz un⸗ gewöhnlichen Zeit zu beſuchen,— zuerſt aber ſetzen Sie ſich dorthin.“ Er that nach einer leichten Verbeugung wie ihm befohlen, dann ſagte er achſelzuckend:„ſo ändern ſich die Zeiten; früher im Hauſe Ihres hochverehrten Herrn Vaters war das durchaus keine un⸗ gewöhnliche Stunde.“ „Allerdings ändern ſich die Zeiten; damals—“ „Zeichnete ich an Plänen für Seine Excellenz, und da ich das ſo ziemlich zur Zufriedenheit meines hochverehrten Chefs beſorgte, ſo hatte er die Güte, wenn er das Bureau verließ, zu ſagen:„im Falle Sie nichts Beſſeres zu thun wiſſen, Ferdinand,— vergeſſen Sie nicht, daß er mich Ferdinand nannte,— bleiben Sie heute Abend bei uns, es wird meiner Frau angenehm ſein.“ Und da blieb ich denn, und wir ſaßen zuſammen, ich aß mit zu Nacht, ſpielte nachher eine Partie Ecarté mit Papa allein oder Whiſt à trois mit Ihnen und Ihrer Frau Mutter,— o, das waren recht ſchöne Zeiten.“ 118 Fürſt und Kavalier. „Ja, ja, und ſie änderten ſich ſo raſch und plötzlich.“ „Leider zu raſch für dieß freundliche Verhältniß; aber ich muß hinzuſetzen, zum Glück für mich: ich wurde aus dem Bureau Ihres Herrn Vaters auf's Neue in's alltägliche Leben hinausgeworfen, um mit den Anderen meinen gewöhnlichen Dienſt zu thun, aber das ſchmeckte mir nicht mehr; ich fühlte, daß Beſſeres in mir ſtecke als alte Wälle zu beaufſichtigen, die keiner Verbeſſerung fähig waren, und neue Feſtungslinien zu traciren, die doch nie ausgeführt wurden.“ „Ja, Sie verließen Ihre Heimat und vergaßen Ihre Freunde,“ ſagte Fräulein von Saint⸗Aubin mit einem eigenthümlichen Aus⸗ drucke der Stimme. „Das Letztere gewiß nicht; allerdings verblaßten die kleinen Verhältniſſe meiner Vergangenheit ein wenig in dem großartigen Treiben, wie dasjenige, in welches ich mich geworfen und wo ich mich bald recht heimiſch und zu Hauſe fühlte,— Sie verſtehen mich, gnädiges Fräulein, wenn ich Ihnen ſage, wie das die Bruſt erweitert und das Herz ſicher und glücklicher ſchlagen läßt, wenn man wie mit eiſerner Rieſenfauſt die glatten Linien der Civiliſation durch Berge reißt, über Thäler wölbt, wenn man ſo frei und un⸗ abhängig Gewaltiges ſchafft und nun glaubt, es ſei die eigene Körperkraft, die uns dahin treibt, wenn man auf der brauſenden Lokomotive zum erſten Male durch Berge hindurch und über Ab⸗ gründe hinwegfliegt.“ Sein Auge leuchtete, als er ſo ſprach, und ſeine breite Bruſt hob ſich gewaltig unter tiefen Athemzügen. „Sie ſind glücklich— „In ſolchen Augenblicken, ja.—— Doch was ſpreche ich da immer von mir,“ warf er raſch ein, indem er den erhobenen Ton ſeiner Stimme änderte,„bin ich doch hieher gekommen, um Sie zu ſehen und zu hören, wie es Ihnen geht; ſind es doch über acht Jahre, daß ich Sie zum letzten Male ſah, daß ich das Glück hatte, mit Ihnen plaudern zu dürfen.“ Fürſt und Kavalier. „Wiſſen Sie auch wohl, wann das war?“ „Gewiß, gewiß,“ ſagte er raſch, ſchien ſich aber doch einen Augenblick beſinnen zu müſſen, denn er machte eine kleine Pauſe, ehe er fortfuhr:„nach dem Tode Ihres hochverehrten Herrn Vaters fielen Sie in eine ſchwere Krankheit.“— Sie nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Ich hatte den Dienſt verlaſſen,— ſehr zum Kummer meiner armen Mutter, die es ſich nicht ausreden laſſen wollte, daß, wer einmal Ingenieur⸗Offizier geworden, nun für ſein ganzes Leben geborgen ſei,— und arbeitete auf dem Bureau eines unſerer aus⸗ gezeichnetſten Baumeiſter,— o, mit Luſt und Leidenſchaft,— ſah aber dabei wohl ein, wie viel ich noch lernen mußte, denn,—— doch da komme ich wieder auf eine andere Bahn,“ unterbrach er ſich ſelbſt wieder unmuthig,—„gewiß, mein gnädiges Fräulein, Sie ſollen ſich genau überzeugen, daß ich noch weiß, wann wir uns zuletzt geſehen. Ihre Frau Mutter hatte mir erlaubt, ihr Haus nach wie vor beſuchen zu dürfen, und das that ich gerne, denn die Generalin war ſo lieb und gut gegen mich, und Sie, mein gnä⸗ diges Fräulein, ein ſo kränkliches, unglückliches Kind, daß ich das innigſte Mitleiden mit Ihnen fühlte.“ Fräulein von Saint⸗Aubin blickte tief nachſinnend vor ſich nieder. „Da kam Ihre ſchwere Krankheit, deren Tragweite ſich noch nicht bemeſſen ließ, und es machte mich glücklich, Ihrer Frau Mut⸗ ter und beziehungsweiſe auch Ihnen raſtlos meine kleinen Dienſte weihen zu können,— o, ich werde den für mich ſo ſchmerzlichen Augenblick nie vergeſſen, als ich Sie nach recht langer Zeit, es waren wenigſtens ein paar Wochen vergangen, während welcher Tage und Nächte lang Ihr Leben einem erſterbenden Flämmchen glich, nun zum erſten Male im Nebenzimmer verborgen ſehen durfte. Ihre gute Mutter hielt mich an der Hand und weinte heftig, denn der Arzt hatte achſelzuckend geſagt, er könne kaum hoffen; wenn auch die Krankheit gebrochen wäre, ſo ſeien Sie doch ſo ſchwach, Fürſt und Kavalier. daß man Ihre gänzliche Erholung der Gnade Gottes anheimſtellen 4 müſſe,— o, ich vergeſſe nie Ihr blaſſes, eingefallenes Geſicht und den eigenthümlichen Glanz Ihrer großen blauen Augen, die Sie plötzlich auf mich richteten.“ „Ich erkannte Sie.“ „So ſagte die Generalin, und um Ihre bleichen Lippen flog etwas wie ein leichtes Lächeln, ein melancholiſches Aufflackern Ihrer Lebensgeiſter.“ „Ja, ich hatte Sie erkannt und freute mich ſehr, Sie zu ſehen, ———— ich wußte nicht, in der That nicht, warum,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, und ſagte auch das Nachfolgende mit un⸗ ſicherer Stimme,„es beſchlich mich ein unausſprechliches Gefühl der Behaglichkeit wie eine Vorahnung der Geneſung.“ „Ah, ich verſtehe,“ warf er leichthin dazwiſchen,„bekannte Züge riefen in Ihnen Bilder des Lebens zurück.“ 4 „Es iſt möglich, daß es ſich ſo verhielt,“ gab ſie mit dem Kopfe nickend, ohne aufzublicken, zur Antwort. „Und Sie hatten Recht mit Ihrer Ahnung, denn von dem Tage an ging es mit Ihrer Geneſung zum Erſtaunen des Arztes und zu unſerem großen, großen Vergnügen mit wahren Rieſen⸗ 5 ſchritten vorwärts, vierzehn Tage nachher durfte ich Sie wiederſehen und ein paar Worte mit Ihnen ſprechen.“ „Sie erſchraken, als Sie mich ſahen, und es war auch wahr⸗ haftig kein Wunder; ehe Sie kamen, hatte ich mir mit Liſt einen Spiegel zu verſchaffen gewußt und hineingeſchaut,— ach, ich er⸗ kannte mich ſelbſt kaum wieder und ſchämte mich ordentlich Sie zu empfangen.“ „Sehr mit Unrecht, mein gnädiges Fräulein. Ich hatte ein ſo inniges Mitleiden mit Ihnen.“ „Mitleiden iſt ein ſchönes Gefühl,“ ſagte Fräulein von Saint⸗ Aubin mit ganz leiſer Stimme. „Allerdings mußte ich mir Mühe geben, Ihre früheren heiteren,„ —— Fürſt und Kavalier. 121 lieben und guten Züge wieder zu finden, das werden Sie bemerkt haben; nun das beſſerte ſich raſch unter der ſorgfältigen Pflege Ihrer vortrefflichen Mutter.“ „Und auch Ihnen,“ warf Viktorine raſch ein,„bin ich heute noch zu vielem Dank verpflichtet,— o, es war ſo freundlich, daß Sie jeden Morgen kamen und ſich draußen nach meinem Befinden erkundigten, immer um die gleiche Stunde.“ „Che ich auf mein Bureau ging.“ Die Hofdame nickte lächelnd mit dem Kopfe,„ja etwas vor neun Uhr, und ich hatte mich ſo daran gewöhnt, Sie im Gange draußen fragen zu hören, daß ich jedesmal vorher, ſelbſt aus dem tiefſten Schlafe erwachte, und ich ſchlief ſo gut und ſo ſüß nach meiner Krankheit, aber gewiß nicht ein einziges Mal verſäumte ich Ihre Frage zu hören und freute mich immer herzlich darüber, ———— auch Abends, wenn Sie kamen, wenn Sie mir er⸗ zählten von Ihren Arbeiten, oder mir vorlaſen, ach, ich denke ſo gerne daran; ich ſaß in dem großen Lehnſtuhle hinter dem Tiſche verborgen im Schatten des grünen, großen Lichtſchirms.“ „Gerade ſo wie heute,“ ſagte er lachend,„Sie ſcheinen das gerne zu thun, gnädiges Fräulein.“ „Damals thaten mir meine Augen weh,“ fuhr Fräulein von Saint⸗Aubin fort, ohne auf ſeine Anſpielung etwas zu erwiedern, nund dann war ich auch zu eitel, um mich Ihnen gerne in meinem kläglichen Zuſtande zu zeigen.“ „Aber heute, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er, indem er ſich vorbeugte, wie um ihre Züge beſſer zu ſehen,—„wiſſen Sie auch wohl, daß ich Sie noch gar nicht genau geſehen habe, und daß ich Sie kaum erkannte, als ich neulich draußen bei meiner Brücke in der Nähe des Fürſten ſtand, und Sie ſich wie abſichtlich ſo ferne als möglich im Hintergrunde hielten?“ „Meiner Stellung gemäß,“ gab Fräulein von Saint⸗Aubin mit einem kalten Lächeln zur Antwort. 122 Fürſt und Kavalier. „Aber heute, mein gnädiges Fräulein, als ich kam, ſtanden Sie im tiefen Schatten Ihrer Lampe und ſetzten ſich mir ſo gegen⸗ über, daß es mir wahrhaftig noch nicht möglich war, die bekannten lieben Züge wieder zu erkennen,— ich bitte um die Erlaubniß, dieſe Lampe um ein paar Zoll verrücken zu dürfen.“ Sie ließ es geſchehen, daß er nach ſeinen Worten that, und als nun der volle Schein des Lichtes auf ihr ſchönes, edles Geſicht fiel, ſchaute er ſie ein paar Sekunden ſprachlos mit unverkennbarem Erſtaunen an,—„ja, ja,“ ſagte er darauf,„ich finde nach und nach die bekannten lieben Züge wieder, aber Sie haben ſich ſehr verändert, mein gnädiges Fräulein, Sie ſind ſehr ſchön geworden.“ „Wiſſen Sie wohl,“ gab ſie nach kurzem Stillſchweigen zur Antwort, während welchem ſie ſich in ihrem Fauteuil ſo weit als möglich zurücklehnte,„daß Sie mir meine Frage von vorhin noch nicht beantwortet haben?“ „Welche Frage?“ „Wann wir uns zuletzt ſahen;— Sie wiſſen es nicht mehr.“ „O doch, ich muß mich nur einen Augenblick beſinnen,— halten Sie mich deßhalb nicht für vergeßlich, aber ſeit jener Zeit habe ich ſo viele Länder und Menſchen geſehen, hat es ſo vielfach vor meinen Augen geflimmert, durch meinen Kopf geſaust und ge⸗ raſſelt, daß ich zuweilen wahrhaftig nachdenken muß, um gewiß zu ſein, ob die Nadel des Kompaſſes nach Norden weist;— aber ich weiß es doch, wornach Sie mich gefragt,“ ſetzte er faſt triumphirend hinzu,„ich habe Sie zuletzt in dem kleinen Garten Ihrer Tante vor dem Thore geſehen, Sie waren faſt ganz wiederhergeſtellt und gingen dort ſo gerne umher.“ „Ja, ja,“ fügte ſie nachſinnend bei,„in dem Garten ſahen wir uns zuletzt; wiſſen Sie es noch, der Garten ſtieß an den Alexandersplatz, und gegenüber dem kleinen Garten bauten Sie Ihr erſtes Haus!“ „Wie könnte ich das vergeſſen? war es mir doch ſo angenehm, — 2— ——— —————— — — Fürſt und Kavalier. 123 wenn ich zwiſchen den Bäumen Ihre Geſtalt ſah im hellen Anzuge und wenn ich zuweilen zu Ihnen hinüberlief, um im Gartenhäuschen einem meiner Pläne nachzuhelfen oder etwas nachzumeſſen. Darauf mußte ich die Stadt verlaſſen, und in dem kleinen Garten war es, wo ich Sie zuletzt erblickte.— Sehen Sie nun, mein gnädiges Fräulein, daß ich mich noch ganz genau erinnere?“ Sie ſah ihn mit ihren glänzenden Augen eine Sekunde wie er⸗ wartend an, daß er weiter erzählen würde, doch als er das nicht that, ſpielte ein leichtes aber trauriges Lächeln um ihre Lippen, dann ſagte ſie ruhig aber mit etwas bewegter Stimme:„es war an einem Sonntag Morgen, es war am 16. Juli, Sie hatten Tags vorher ſchon Abſchied von Mama und mir genommen, und Ihr Weg führte Sie am Garten vorbei, als Sie auf die Poſt gingen,— das wußte ich, und als Sie nun in Reiſekleidern vorüber kamen,— Sie trugen eine kleine grüne Taſche um die Schulter gehängt und hielten in Ihrer Hand einen Veilchenſtrauß, den Ihnen Jemand zum Abſchied gegeben— da ſahen Sie mich an der Hecke ſtehen, ließen Ihre Begleitung zurück und kamen quer über die Straße gegen mich gelaufen;—— jetzt muß ich wirklich fort, ſagten Sie, und ſetzten hinzu: wie freue ich mich, Sie noch einmal zu ſehen.“ „Ja, ja,“ ſagte er tief nachſinnend,„ſo war es—“ „Das bringt mir Glück für meine Zukunft.—— Und nun leben Sie wohl, und ich darf vielleicht bitten, meiner nicht ganz zu vergeſſen. Damit reichten Sie mir Ihre beiden Hände über die grüne Hecke zum Abſchied herüber, und als ich Ihnen die meinigen entgegenſtreckte, gaben Sie mir den Veilchenſtrauß und ſagten, es wäre Ihnen lieb, wenn ich die kleinen Blumen zum Andenken an Sie behalten könnte, aber ſie würden raſch verwelken.“ „So iſt es, ich erinnere mich ganz genau.“ „Ich hatte es nie vergeſſen,“ ſagte Fräulein von Saint⸗Aubin mit leiſer Stimme, ſetzte aber gleich darauf mit einer erkünſtelten Heiterkeit hinzu:„Sie hatten Recht, die Veilchen verwelkten ſo raſch.“ 124 Fürſt und Kavalier. Es war ihm ſo eigen zu Muthe bei den Worten der jungen Dame, er blickte ſtill lächelnd vor ſich nieder, und die vergangene Zeit trat ſo lebendig, ſo anregend vor ihn hin, daß es ihm ge⸗ rade war, wie damals, und er ſich nicht enthalten konnte, raſch aufzuſtehen und der jungen Dame ſeine beiden Hände entgegenzu⸗ ſtrecken, worauf ſie nach einigem Zögern die ihrigen hineinlegte, ſie aber gleich darauf wieder raſch zurückzog, indem ſie ruhig, jedoch nicht unfreundlich ſagte:„acht lange Jahre ſind ſeitdem verfloſſen; Sie haben viel gewirkt und geſchaffen, Ihr Name iſt bekannt ge⸗ worden, und auch ſonſt,“ ſetzte ſie kopfſchüttelnd hinzu,„hat ſich Vieles, ſo gar Vieles verändert.“ „Unſer Inneres aber nicht,“ gab er raſch mit einem innigen Tone der Stimme und einem treuherzigen Blicke zur Antwort, „wir find uns doch gleich geblieben, ich wenigſtens, mein gnädiges Fräulein.“ „Ja, Sie ſind es, und ich auch.“ „O, wenn Sie wüßten, wie aufrichtig und herzlich ich mich gefreut habe, als ich mich davon überzeugt, daß Sie es wären, der ich neulich gegenüberſtand, der guten kleinen Viktorine von damals, — das müſſen Sie auch aus meinen Zeilen erſehen haben, die ich mir erlaubt, am anderen Tage an Sie zu richten.“ „Ich bemerkte es, und es war einer mit von den Gründen, warum ich mich raſch zurückzog.“ „Ja, ja, ich ſah Sie gleich darauf nicht mehr.“ „Ich dachte, man würde Sie dem Fürſten vorſtellen, oder haben Sie ihn früher ſchon geſehen?“ „Ich ſah ihn wohl; aber wenn Seine Hoheit auch meinen Namen kennt, ſo hatte er doch bisher nie die Gnade, von meiner Perſon Notiz zu nehmen,— er kennt mich nicht. Wenn ich mich in meiner Stellung ihm gegenüber ſo ausdrücken darf, ſo leben wir auf einem geſpannten Fuße,“ ſetzte er lachend hinzu. „Wie ſo das?“ Fürſt und Kavalier. 12⁵ „Als Oberingenieur des Nachbarſtaates gibt man mir die Schuld, die Bahnlinie ſo projektirt zu haben, daß ſie die zu Warneck gehörenden Waldungen auf einer Stelle durchſchneidet, die dem Fürſten ihrer allerdings herrlichen Bäume wegen beſonders am Herzen liegt. Wäre der Hof neulich nicht ſo ganz unverhofft bei unſerem Brückenbau erſchienen, ſo hätte ich mich ſchon früher zurückgezogen, leider, muß ich jetzt hinzuſetzen, denn ich wäre des Glücks beraubt worden, Sie wiederzuſehen.— Waren Sie mir böſe,“ fuhr er nähertretend fort, indem er ſeine linke Hand auf die Lehne ihres Fauteuils ſtützte und mit einem offenen, freund⸗ lichen Blicke auf ſie niederſah,„daß ich Ihnen ſo geradezu ſchrieb, ich möchte Sie gar zu gerne wiederſehen, aber ohne die weitläufigen Zeremonien und Anmeldungen, die bei Hofe gebräuchlich, ja nöthig ſind, und die ich nicht kenne, und daß ich Sie bat, mir den Weg zu Ihrer Wohnung genau zu bezeichnen und mir eine außergewöhn⸗ liche Stunde zu beſtimmen?“ „Erfüllte ich nicht Ihren Wunſch auf's Genaueſte und Bereit⸗ willigſte, ja ſo umfaſſend,“ ſagte ſie mit einem faſt ängſtlichen Blick auf die Uhr über dem Kamin,„daß es mir Unannehmlichkeiten machen könnte?“ „Meinen herzlichen, herzlichen Dank dafür, aber ich kann Sie verſichern, liebe Viktorine, unſere Vergangenheit trat mir plötzlich ſo lebendig vor Augen, als Sie mir den Plan des Schloſſes ſchick⸗ ten, die Eingangsthüre im Parke mit einem rothen Punkte bezeich⸗ neten, ſowie die Thüre Ihrer Wohnung,—— wiſſen Sie noch, wie Sie damals ſo gerne mit Ihren kleinen Fingern die ſchwarzen und rothen Linien auf den Plänen verfolgten, die ich dem Herrn General vorlegte?“ „Ich weiß es.“ „Hier gebe ich Ihnen nun dankend das vergilbte Dokument zurück,“ ſprach er lachend, indem er den Plan des Schloſſes aus ſeiner Taſche zog und ihn, an den Tiſch zurücktretend, dort aus⸗ Fürſt und Kavalier. breitete,„ich würde meinen Weg jetzt in noch tieferem Dunkel finden, und fand ihn auch ohne Anſtoß, obgleich ein Fehler in dem Plan iſt: hier der ſchmale Gang neben dem großen Saale iſt auf — dieſer Stelle zugemauert, und um nach dieſem Pavillon zu gelangen, mußte ich einen ziemlichen Umweg machen.“ „Welchen Umweg?“ frug Fräulein von Saint⸗Aubin erſchrocken. „Sehen Sie ſelbſt: hier ſollte der ſchmale Gang auf den Vor⸗ platz zu Ihrer Wohnung münden.“ „Nun ja, das thut er ja auch.“ „Möglich; aber dieſe Mündung ſteht in keiner Verbindung mit dem Gange hinter dem großen Saal, durch welchen ich kam;— hier,“— er zeigte mit dem Finger auf die Karte,„iſt dieſer Gang vermauert.“ „Und wie kamen Sie hieher?“ „Indem ich vom Plane her wußte,“ ſagte er mit großer Ruhe,„daß dieſe Enfilade von Zimmern hier, die man an jener Stelle betreten kann, wo der Gang zugemauert iſt, allerdings auf einem Umwege ebenfalls hieher führt.“ „Um Gotteswillen, und Sie betraten jene Zimmer?“ „Gewiß,“ ſagte er mit einigem Erſtaunen, da er ihren ängſt⸗ lichen Blick bemerkte,„was iſt Schlimmes dabei?“ „Und es ſah Sie Niemand?“ „Niemand, ſo wenig, als ich Jemand ſah,— was iſt es denn mit jener Zimmerreihe?“ „Was es damit iſt? Sie ſehen, wie ich erſchrecke; ſie gehören zur Wohnung Seiner Hoheit des Fürſten und ſind jetzt nach neun Uhr ringsum abgeſchloſſen.“ 3 „Ah, das wäre,—— ſo bin ich hier von meinem Rückzuge abgeſchnitten.“ „Gott ſteh' mir bei,“ rief Fräulein von Saint⸗Aubin raſch aufſpringend,„daran iſt kein Zweifel,— was fangen wir an?“ „Ruhig, gnädiges Fräulein, ruhig; es wird ja noch einen — Fürſt und Kavalier. 127 andern Ausweg von dieſem Platze geben, im Nothfall irgend ein Fenſter nicht gar zu hoch vom Boden;— hier haben wir ja einen Plan, laſſen Sie mich ſtudiren.“ Während er ſich auf denſelben niederbeugte, ſchritt die Dame mit allen Zeichen der Erregtheit im Zimmer auf und ab, zuweilen wand ſie ihre Hände feſt um einander, zuweilen ſtrich ſie mit der Rechten über ihre Stirne.—„O,“ brachte ſie alsdann mühſam mit beklommener Stimme hervor,„ich glaube, einen recht thörichten Streich gemacht zu haben,“ doch ſprach ſie das ſo leiſe, daß es ihr Beſuch nicht verſtand. „Hier iſt ja eine kleine Treppe verzeichnet,“ ſagte dieſer,„welche von hier dicht in der Nähe hinabführt und wahrſcheinlich in den Park mündet; bin ich einmal da, ſo finde ich meinen Weg ſchon.“ „Dieſe Thüre iſt verſchloſſen, wurde vielleicht ſeit Jahren nicht geöffnet, auch habe ich keinen Schlüſſel dazu.“ „Das iſt allerdings fatal;— ich ſehe,“ ſetzte er lächelnd hinzu, „daß ich da in ein ganz unterhaltendes Abenteuer verwickelt bin,— aber Sie ſehen ſo erſchreckt aus, gnädiges Fräulein; ach, verzeihen Sie mir die Lage, in die ich Sie gebracht habe; ja, ja, Sie haben Recht, ich begreife jetzt wohl, wie äußerſt unangenehm Ihnen das ſein muß.“ „Gewiß, gewiß, aber daran ſind Sie ja unſchuldig.“ „Das heißt, Ihre Güte will alle Schuld auf ſich nehmen.“ „Sie thaten, warum ich Sie bat.“ „Auf's Genaueſte,“ gab er zur Antwort, und dabei zeigte ſich wieder ein humoriſtiſcher Ausdruck auf ſeinen Zügen,— nur eine Sekunde lang, dann fuhr er fort:„Ich handelte ganz nach Ihren Befehlen; ich war zur bezeichneten Stunde unter Ihrem Fenſter und fand das mir angegebene Zeichen, einen kleinen Stein, um den ein weißes Papier gewickelt war.“ „Meine Kammerfrau ließ ihn auf meinen Befehl zum Fenſter hinausfallen———“ 128* Fürſt und Kavalier. „Aber ich war nicht allein da unten.“ „Sie erſchrecken mich auf's Neue,—— wen ſahen Sie da?“ „Wen? Das weiß ich in der That nicht; von Sehen war überhaupt keine Rede, dazu war es zu dunkel; als ich aber eben den kleinen Stein aufgehoben hatte und wieder von dannen ging, bemerkte ich, daß an der Mauer des Pavillons ein Mann lehnte im Schatten eines Vorſprungs, der mit übereinander geſchlagenen Armen in die Nacht hinausblickte.“ „Gerechter Gott, wer konnte das ſein?“ „Es war, als hätte ſich dort Jemand ein Stelldichein gegeben; denn kaum war ich einige Schritte entfernt und befand mich im tiefen Schatten des Pavillons, als ſich von zwei Seiten zwei andere Perſonen mit raſchen Schritten näherten, und ſich alsdann ein kleiner Wortwechſel erhob.“ „Um Gotteswillen, was ſoll das bedeuten?“ Sie hatte ſich dem Tiſche genähert, die rechte Hand aufgeſtützt, und blickte ihn mit ihren großen Augen forſchend an, während eine tiefe Bläſſe ihre ſchönen Züge bedeckte. „Ich bin noch nicht zu Ende,“ fuhr er fort;„denn als dieſe Herren, und einer von ihnen recht laut und heftig, mit einander redeten, erſcheinen noch zwei weitere, die vielleicht der Wortwechſel herangezogen, denn ſie blieben in einiger Entfernung ſtehen und ſchienen an der Unterredung keinen beſonderen Antheil zu nehmen.“ Ein ſchmerzlicher Zug zeigte ſich auf dem Geſichte der ſchönen Hofdame.„Was denken Sie von allem Dem, mein lieber Freund?“ ſagte ſie;„o könnte ich die Zeilen ungeſchrieben machen, die ich, Ihnen geſandt; nur der innige Wunſch, mit Ihnen eine Stunde über die Vergangenheit ſprechen zu können, ließ ſie entſtehen, und ich bin ſchrecklich geſtraft dafür.“ „Verſtehe ich Sie recht?“ erwiederte er mit einem erſtaunten Blick, der aber einen innigen Ausdruck annahm, als ſie ſo feſt und offen ihre ſchönen Augen auf ihn richtete,„Sie denken wohl gar, ich Fürſt und Kavalier. 12 könnte die Zuſammenkunft da unten mit Ihnen in irgend welcht Berührung bringen? O, Fräulein Viktorine, wenn mir das Jemand Anders ſagte, würde ich es als eine Beleidigung aufnehmen und demgemäß handeln.“ Er reichte ihr treuherzig ſeine beiden Hände hin, in welche ſie zögernd ihre Rechte legte, worauf er fortfuhr: „Habe ich doch Ihr gutes und reines Herz, als Sie noch ein Kind waren, erkannt, und an Ihrem Bilde, wie es ſich mir damals ein⸗ geprägt, hat ſich nichts verändert, nur daß Sie viel ſchöner geworden ſind;“ dann ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu:—„glauben Sie einem Manne, der in der ſchönſten Bedeutung des Wortes Ihr Freund iſt! Während der Zeit, in der wir uns nicht mehr geſehen, habe ich wenig oder gar nicht mit Damen verkehrt, meine Arbeiten nahmen alle meine Zeit in Anſpruch, und wenn ich je ein weibliches Weſen kennen lernte, die einen freundlichen Eindruck auf mich machte, ſo konnte ich mich nie eines Vergleiches enthalten, eines Vergleiches zwiſchen Ihnen und ihm, und da fand ich denn ſogleich, daß keines ſo gute, offene,— und ſo. liebe Augen hatte.“ Sie hatte ihm haſtig ihre Hand entzogen und ſagte, indem ſie ſich raſch abwandte und an das Fenſter trat:„Sie können ſich denken, daß ich mich hier in einer eigenthümlichen Lage befinde; eine Hofdame, wenn ſie in ihrer Perſönlichkeit noch ſo unbedeutend iſt, wird auf's Strengſte überwacht,— nicht aus Theilnahme oder Wohlwollen,— gewiß nicht, nur um Stoff zu finden zu pikanten Plaudereien,— o, und der Stoff des heutigen Abends wäre für ein ganzes Jahr ausreichend.“ 4 „Das thut mir wahrhaftig in der Seele weh,“ gab er zur Antwort,„aber überlegen wir ruhig; es wird doch wohl im wahren Sinne des Wortes ein unverdächtiger Ausweg für mich gefunden werden können; ängſtlich bin ich gerade nicht, und ich kann wohl ſagen, daß ich mich ſchon in einer ſchwierigeren Lage des Lebens, wenn auch freilich ganz anderer Art, mit kaltem Blut durchgewunden,— wie geſagt, ſuchen wir ein Mittel zu finden, wo natürlicher Weiſe Hackländer's Werke. 49. Bd.. 9 Fürſt und Kavalier. im ſchlimmſten Falle alle Schuld auf mich fällt. Niemand weiß, daß ich das Glück habe, Sie zu kennen; wie wäre es, wenn ich durch die Appartements zurückginge, welche Sie vorhin als die Vorzimmer des Fürſten bezeichneten, und dort zu irgend einem Fenſter hinausſpränge; hoch kann es nicht ſein; ich ſchätze vom erſten Stock auf den Boden kaum zwanzig Fuß; unten iſt Raſen; vielleicht fände ich auch einen hülfreichen Blitzableiter.“ „Nie, nie, werde ich das zugeben,“ erwiederte Fräulein von Saint⸗Aubin, die haſtig auf⸗ und abſchreitend in heftiger Erregung ihr feines Taſchentuch faſt mit den Händen zerriß;„lieber führe ich Sie ſelbſt durch den großen Saal auf die Haupttreppe und verabſchiede Sie dort vor aller Dienerſchaft ſo offen als möglich.“ „Und Sie glauben, daß ich in einen ſolchen Schritt willigen würde? Nimmermehr, da weiß ich einen beſſeren Ausweg; wie mir. der Plan hier zeigt, führt die Treppe dieſes Pavillons in die Souter⸗ rains des Schloſſes; da werde ich wohl in irgend einem Winkel ein Plätzchen finden für eine kurze Sommernacht.“ „Während ich hier oben eine lange Stunde um die andere Sie in der Gefahr wiſſen ſollte, auf unangenehme Art entdeckt zu werden?— Nein, nein, kommen Sico, ich führe Sie zur Haupt⸗ treppe.“ Sie blickte nach ihrem Shawl, um ihn über ihre Schultern zu werfen. Er aber faßte raſch ihre Hände und ſagte in ſehr ernſtem Tone:„Laſſen Sie das, Viktorine; ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich keine Hülfe annehme, die Sie auch nur im Geringſten bloßſtellen könnte; und wenn man mich fände und mich anhielte, was wäre daran gelegen? Es würde mir ja durch⸗ aus nicht ſchwer werden, mich auszuweiſen, entweder bei der Dienerſchaft oder in irgend einer Wachtſtube. Laſſen Sie mich meinen Weg durch die Vorzimmer Seiner Hoheit zurücknehmen. Statt dem Hofe Stoff zu gehäſſigen Bemerkungen über Sie zu geben, glaube ich dadurch Stoff zu ſammeln zu einer heiteren Unter⸗ redung zwiſchen uns Beiden, wenn Sie mir das Glück gönnen, Sie Fürſt und Kavalier. 131 ſpäter wieder zu ſehen. Was iſt dabei zu fürchten? Als Mann von Fach habe ich das Schloß ſehen wollen.“ „Bei dunkler Nacht?“ „Ich habe mich verirrt, ſuche ſchon ſtundenlang einen Ausweg und bitte höflich, aber feſt, ihn mir zu gewähren. Das wäre für den ſchlimmſten Fall, im andern, und ſo wird es kommen, gewinne ich die breite Treppe,— die hier,“ er zeigte auf den Plan,„welche vom Vorzimmer Seiner Hoheit hinunterführt, und das können Sie mir glauben, wenn ich einmal eine Thürklinke in der Hand habe, hält mich ſo leicht Niemand auf. Nur um eine kleine Erklärung bitte ich noch: von Ihrem Korridor nehme ich meinen Weg zurück, den ich gekommen; und hier iſt das erſte Zimmer des fürſtlichen Appartements?“ Sie beugte ſich zu ihm nieder, und er fühlte, wie ihr raſcher und warmer Athem ſeine Wangen berührte, was ihm ein ganz eigenthümliches, unerklärlich ſüßes Gefühl verurſachte, ſo daß er ſich nicht beeilte, das Vorzimmer zu finden, das er ein paar Augen⸗ blicke vorher ohne allen Aufenthalt mit den Fingern berührt hatte. Endlich aber mußte er es doch gefunden haben, und ging alsdann ſo langſam als möglich zum zweiten und dritten über. „Hier in dieſem,“ ſagte Fräulein von Saint⸗Aubin,„finden Sie unbedingt Jemand von der Dienerſchaft,— nein, nein, Sie können es nicht wagen, hindurch zu gehen.“ „Pah, irgend ein ſchlaftrunkener Lakai;— ehe er mich fragt, wer ich bin, habe ich die Treppe gewonnen,— machen Sie mir keine Einwendungen mehr, mein theures, werthes Fräulein, das iſt nun einmal bei mir beſchloſſen, davon gehe ich nicht ab, ich bin ſehr eigenſinnig; nur eines bitte ich mir noch genau hier zu zeigen: rechts alſo geht's zum Appartement des Fürſten, links zur Treppe—“ 1 Er ſah das auch ohne Erklärung auf dem Plane ganz genau, doch vermochte er es nicht, ſich aus ihrer Nähe loszureißen. End⸗ Fürſt und Kavalier. 132 lich aber mußte es doch ſein; zwar zögerte er immer noch, Abſchied zu nehmen, und hörte die dringlichen Worte des jungen Mädchens, welche bittend mit gefalteten Händen vor ihm ſtand und ihn ab⸗ halten wollte, dieſen Weg zu nehmen, nicht nur ruhig lächelnd an, ſondern veranlaßte ſie auch durch kleine Einwürfe zu immer neuen Worten; der Ton ihrer Stimme klang ihm ſo unbeſchreiblich weich und angenehm, ſo zu Herzen gehend, wie er bisher nie etwas vernommen. „So iſt denn dieſe Stunde wie ein Augenblick vorübergeflogen,“ ſagte er;„dabei habe ich Sie geängſtigt und ſo viel koſtbare Zeit damit verloren, in der Sie mir beſſer von Ihrem Leben und Treiben hätten erzählen können,— doch ich darf wiederkommen, nicht wahr?“ ſetzte er mit einem leuchtenden Blicke hinzu. „Vielleicht, wenn Alles glücklich geht, aber dann zu einer andern Stunde,— o, ich verſtehe mich ſelbſt nicht, wie ich das wagen konnte.“ „Sie haben es für mich gewagt, Viktorine, für Ihren Jugend⸗ freund, für Ihren Bruder, und ich werde Ihre Güte feſt in mein Herz ſchließen und ſie nie vergeſſen;— aber muß ich denn wirklich ſchon fort?“ rief er unmuthig. „Gewiß, gewiß,“ gab ſie raſch und ängſtlich zur Antwort,„jede Viertelſtunde erſchwert Ihr glückliches Entkommen.“ „Nicht einmal dieſen kleinen freundlichen Salon, Ihre Um⸗ gebung, habe ich genau anſehen können, und ich möchte doch ſo gerne ein Bild davon in mich aufnehmen, um zu wiſſen, wo Sie ſich befinden,— nicht wahr, dort am Fenſter ſitzen Sie häufig?“ „Ja, ja,— zuweilen.“ „Und dort iſt Ihr Flügel? Sie müſſen wundervoll ſpielen, wenn Sie nur im Geringſten noch Fortſchritte gemacht haben. Er⸗ innern Sie ſich wohl noch, daß Sie damals ſo freundlich waren, mir zuweilen meine Lieblingslieder zu ſpielen?“ „O ja, ich erinnere mich, aber—“ b —— Fürſt und Kavalier.. 133 „Ah,“ rief er aus, indem er an das Kamin trat, wo rechts und links neben der Uhr auf zierlichen aus Holz geſchnitzten Staffeleien Aquarellſkizzen ſtanden,„Sie zeichnen noch und haben rechte Fortſchritte gemacht; iſt das nicht aus dem kleinen Garten, wo ich Sie damals zuletzt ſah?— Gewiß, es iſt die Laube, wo Ihre Frau Mutter, Sie und auch ich zuweilen ſaßen,— ach,— wie— mich— dieſe— Erinnerung— freut.“ Anſtatt aber bei dieſen Worten die Zeichnung zu betrachten, ſuchte er ſeine Augen in die ihrigen zu verſenken, was ihm aber nicht gelang, da ſie mit niedergeſchlagenem Blicke neben ihm ſtand; doch litt ſie es, daß er ſanft ihre rechte Hand nahm, daß er ſie einen Augenblick an ſeine Lippen führte, daß er ihre kleinen Finger ein paar Sekunden lang zwiſchen den ſeinigen hielt,— nur ein paar Sekunden lang, doch däuchte ihm das viel länger zu ſein, als es wirklich war, denn er fühlte die Wärme ihrer Hand wie einen elektriſchen Schlag in ſein Herz hineinzucken. Er wollte darauf das Aaquarell näher betrachten, doch litt ſie es durchaus nicht, daß er es von der kleinen Staffelei herunter⸗ nahm, und hielt ihn mit einer Haſt und Aengſtlichkeit davon ab, die ihm in einem ruhigeren Augenblicke hätte auffallen müſſen, dann ſagte ſie: „Und nun?“— „Zum Fürſten,“ rief er heiter aus, denn er fühlte ſich ſo glücklich bewegt,„oder ſoll ich lieber in's Souterrain hinunter⸗ ſteigen?“ 3 „Eines iſt ſo ſchlimm als das Andere,— gehen Sie mit Gott; ich werde qualvolle Stunden verleben, bis ich Sie in Sicher⸗ heit weiß.“ „Ah, das hätte ich beinahe vergeſſen,“ ſagte er, von der Thüre nochmals zurückkommend;„ich will nicht, daß Sie die geringſte Sorge um mich haben ſollen; glauben Sie mir, ich komme unge⸗. fährdet durch, und zum Zeichen daß dies der Fall iſt, werde ich 134 Fürſt und Kavalier. in den Park gehen, Ihnen aus der Entfernung, freilich für Sie unhörbar, eine gute Nacht wünſchen und ein Zündhölzchen auf⸗ flammen laſſen, blicken Sie nicht ſo ernſt;— fortes fortuna ad- juvat, lehrte man uns in der Schule, frei überſetzt: wer muthig iſt und nicht lange überlegt, kommt überall durch.“ „Ich laſſe Sie nur ziehen, weil ich hoffe, daß die Vorzimmer leer ſind, wie das zuweilen Abends der Fall iſt.“ Er reichte ihr ſeine beiden Hände, in welche Sie zögernd die ihrigen legte.—„Auf Wiederſehen, auf fröhliches Wiederſehen,“ ſagte er alsdann,„ich hoffe, Ihnen allerlei Heiteres von meiner nächtlichen Fahrt erzählen zu können; Gott ſchütze Sie, mein theures Fräulein, und vor allen Dingen bitte ich dringend, keinen Groll auf mich zu werfen, daß ich Sie durch mein Erſcheinen in Ver⸗ legenheit gebracht.“ „Gute Nacht, mein Freund,— ich darf dies Wort gegen Sie gebrauchen, da ich Sie dafür halte.“ „Gewiß, ein treuer und anhänglicher Freund.“ Er öffnete die Thüre, verließ das Gemach und zog ſie hinter ſich wieder leiſe in's Schloß, worauf er auf den dicken Strohmatten, mit denen der Korridor bedeckt war, geräuſchlos denſelben Weg zurückging, den er hergekommen,— ſo geräuſchlos als möglich, aber nicht geräuſchlos genug, daß ſeine Schritte nicht von den Ohren zweier Kammerfrauen gehört worden wären, die bei einer Taſſe Thee ihre Gefühle austauſchend plötzlich zuſammenſchracken bei dem hier zu dieſer Stunde ſo ungewohnten Klange eines männ⸗ lichen Trittes.— Geräuſchloſer als er zu gehen im Stande war, warf ſich eine dieſer Damen in ſchneller Entſchloſſenheit gegen die Thüre, um einen kleinen Spalt derſelben zu öffnen und hinaus⸗ zuſchauen— entſetzlich; die Geſtalt eines Mannes hier zu dieſer Zeit und an ihrer eigenen Thüre vorübergehend. In einem Nonnen⸗ kloſter der ſtrengſten Regel hätte dieſe Erſcheinung keine größere und gerechtere Entrüſtung hervorbringen können, und leider war ——˖˖:VPP—————-— Fürſt und Kavalier. 13⁵ er verſchwunden, ehe die Lauſcherin im Stande geweſen war, ſeine Geſtalt zu erkennen. „A— a— a— ahl!“ III. Der Mann, dem der vorhin gehörte Ausruf tugendhafter Ent⸗ rüſtung galt, ſchritt unterdeſſen ſo unbeſorgt ſeines Weges dahin, als dieß in ſeiner Lage nur möglich war; allerdings hatte er die Wahrſcheinlichkeit, ja faſt die Gewißheit, auf unangenehme Hinder⸗ niſſe zu ſtoßen, und wenn er ſich dieſe Idee lebhaft vergegen⸗ wärtigte, was wohl nicht anders möglich war, ſo folgte dieſer Vor⸗ ſtellung ein leichtes Achſelzucken, begleitet von einer neuen Um⸗ ſchreibung des lateiniſchen Sprüchwortes, das er vorhin dem Fräu⸗ lein von Saint⸗Aubin citirt. Jetzt hatte er das Ende des Ganges erreicht; dort war die Thüre, durch welche er in das erſte Vorzimmer eintreten mußte. Daß er ſie geräuſchlos öffnete, war ihm wohl nicht übel zu nehmen, auch daß er ſich vermittelſt der Beleuchtung des Korridors einen Augenblick in dem dunkeln Gemach umſchaute, wobei es ihm aber nicht unlieb war, zu bemerken, daß hier die größte Ruhe und Stille herrſchte, daß Niemand ſichtbar war. Das Zimmer hatte drei Thüren, doch hatte er ſeinen Plan ſo genau im Kopfe, daß er wußte, welche in das zweite Zimmer führte; auch hier keine Seele; nur zeigte eine brennende Carcell⸗Lampe unter einem Spiegel an, daß er ſich bewohnteren Räumen näherte, ſich alſo auch die Gefahr vergrößerte. Das dritte Ziumer, ſchon beſſer beleuchtet, war ebenfalls leer, doch blieb er in der Mitte deſſelben einen Augenblick horchend ſtehen, 136 Fürſt und Kavalier. denn es war ihm, als ob er in dem nun folgenden, wie ſich der Weg zur Treppe oder zum Appartement des regierenden Herrn theilte, Stimmen vernehme; als er aber nichts mehr hörte, beſchloß er ſeinen Weg fortzuſetzen. Was konnte ihn auch ein Zaudern nützen; je ſpäter es wurde, deſto mehr mußte ſein Erſcheinen hier, die Erſcheinung eines fremden Menſchen auffallen, und zurückgekehrt, um ihr auch nur die geringſte Verlegenheit zu bereiten, wäre er um keinen Preis. Das einzige, was er während des Dahinſchreitens that, war, von der geraden Linie abzuweichen und ſich dem Fenſter zu nähern; aus einem tüchtigen Sprunge hätte er ſich nichts ge⸗ macht, doch überzeugte er ſich bald, daß ihm auch dieſer Weg ab⸗ geſchnitten ſei; bis unter die Fenſter dieſes Theiles des Schloſſes ſtieß nicht der Raſen des Parks, wie er geglaubt, ſondern hier war ein Waſſergraben von hübſcher Tiefe und Breite. „Alſo vorwärts!“ Er öffnete die letzte Thüre und trat in ein hellerleuchtetes Gemach. Das wäre an und für ſich nicht ſo übel geweſen, ſondern hätte ihm die Ausgangsthüre, die von Glas war und auf die rettende Treppe führte, beſſer gezeigt, doch ſah er auch bei dem Lichte in dieſem Zimmer, daß ſich Perſonen hier befanden, ein Lakai in Livrée, der an der Thüre rechts ſtand, wo es zu den Zimmern des Fürſten ging, und ein anderer Herr im ſchwarzen Fracke mit weißer Halsbinde, ein ſchon älterer Mann, der durch das Geräuſch der ſich ſo unverhofft öffnenden Thüre, zu welcher der Fremde hereingetreten, aufmerkſam geworden und im Auf⸗ und Abgehen ſtehen geblieben war, und zwar unglücklicher Weiſe gerade in der Nähe der Glasthüre. Hier war weder Gewalt noch Ueberraſchung möglich, denn draußen im Veſtibule bemerkte man zwei Schildwachen, die den Säbel im Arm ruhig auf⸗ und abſpazierten. Der alte Mann mit der weißen Halsbinde hatte gerade eine Priſe genommen und vergaß nun vor gerechtfertigter Ueber⸗ Fürſt und Kavalier. 137 raſchung ein paar Sekunden lang den Deckel ſeiner Doſe zu ſchließen. Der Eingedrungene that das Beſte, was er in ſeiner Lage thun konnte, ſchloß behutſam die Thüre hinter ſich und ging dann mit feſten, wenn auch langſamen Schritten vorwärts bis dicht vor den alten Herrn, in deſſen Nähe er mit einer leichten Verbeugung ſtehen blieb, worauf Jener in höflichem Tone frug:„darf ich mich vielleicht erkundigen, welcher Weg Sie hieher führt?“ Der Ingenieur, um Zeit zu gewinnen, blickte mit der raſchen Entſchloſſenheit, die er nicht umſonſt von ſich gerühmt, rings um ſich her, und ſagte dann mit außerordentlich ruhigem Tone und ohne irgend welche Ueberraſchung zu verrathen:„es ſcheint mir in der That, ich habe den richtigen Weg verfehlt, ich hätte wohl am beſten durch jene Glasthüre gelangen können.“ „So lag es in Ihrer Abſicht, hieher zu kommen?“ „Gewiß;— daran iſt kein Zweifel.“ „Ah,“ machte der alte Herr, wobei er einen einigermaßen miß⸗ trauiſchen Blick auf den Anzug des Fremden warf:„Sie ſind alſo Der, welcher zu einer Audienz befohlen wurde?“ „So iſt es;— ich wurde hieher befohlen und bin nun da.“ „Sie kamen heute nach Warneck?“ „Ja wohl, heute.“ „Und wohnen in der Roſe und Anker?“ „So iſt es.“ Bis jetzt hatte der Gefragte mit keiner Sylbe die Unwahrheit geſprochen, denn er war in der That erſt heute Nachmittag gekommen und hatte in der Roſe und Anker ſein Pferd eingeſtellt. Abermals betrachtete der alte Herr den eigenthümlichen Anzug des Fremden, der allerdings zu dieſen Umgebungen nicht ganz paſſend erſchien, und frug alsdann:„und man ſagte Ihnen nicht, wer Sie hier zu ſprechen gewünſcht?“ „Nicht in deutlichen Worten, man lud mich nur ein, mich um 138 Fürſt und Kavalier. dieſe Zeit einzufinden, und da ich als Fremder mit den verſchiedenen Eingängen des Schloſſes nicht genau bekannt bin, ſo betrat ich daſſelbe durch die Thüre auf der Flußſeite und hatte, ich geſtehe es, einige Mühe, mich bis hieher durchzufinden.“ Ein ſchlaues Lächeln flog über die Züge des alten Herrn, und er trat ganz nahe an den Fremden heran, ehe er ihm ſagte:„Sie können mir, dem erſten Kammerdiener Seiner Hoheit, Vertrauen ſchenken; es lag allerdings in der Abſicht Seiner Hoheit, Sie ohne alles Aufſehen zu ſprechen.“ Bei dieſer Bezeichnung des Fürſten wäre der Ingenieur bei aller ſeiner Faſſung beinahe einen Schritt zurückgefahren. „Mir können Sie's indeſſen in meiner Stellung nicht übel nehmen,“ fuhr der alte Herr fort,„daß ich die paar Fragen an Sie richtete; jetzt verſtehe ich auch Ihren unſcheinbaren Anzug, und Sie haben vollkommen in der Intention Seiner Hoheit gehandelt, nicht die Haupttreppe zu nehmen und ſo von den Portiers und Wachen ungeſehen hieher zu gelangen;— ganz richtig gehandelt, anerkennenswerth, wie man handeln muß,“ ſetzte er mit einem Blick auf den Lakaien hinzu,„wenn man um dieſe Stunde zu einer Privataudienz befohlen wird und ſich des Allerhöchſten Vertrauens würdig zu machen gedenkt.“ „Auf alle Fälle,— ganz meine Anſicht,“ gab der Ingenieur zur Antwort, doch ſetzte er in Gedanken hinzu:„ſoll mich der Teufel holen, wenn es mir nicht recht unbehaglich iſt, vor Seine Hoheit gebracht zu werden und dort am Ende meinen Namen nennen zu müſſen, der keinen guten Klang in den Allerhöchſten Ohren hat;— ſtatt mit einigen paſſenden Redensarten hinaus⸗ befördert zu werden, ſcheine ich willkommen;— ſehen wir in Gottes⸗ namen zu, wie es weiter geht; was man ſich einbrockt, muß man auseſſen.“ „Gewöhnliches wird der Herr nicht von Ihnen wollen,“ fuhr der alte Kammerdiener mit freundlicher Geſchmeidigkeit fort;„es — Fürſt und Kavalier. 139 iſt ſchon gar nicht ſeine Art, um dieſe Stunde Audienz zu er⸗ theilen;— nun folgen Sie mir, wenn ich bitten darf, Sie werden das ſchon gleich ſelbſt erfahren.“ Als bei dieſen Worten der alte Herr gegen die innere Thüre zuſchritt, warf der Ingenieur einen ſehnſüchtigen Blick auf die Glasthüre, die auf die Treppe führte und von dort in's Freie. Aber an einen gewaltſamen Verſuch dorthin zu gelangen, war nicht zu denken; es ſchien, als hätten ſich die beiden Schildwachen mit ihren großen Säbeln dort gerade das Wort gegeben, ihre Schritte ſo vor der Thüre zu kreuzen, daß Niemand hinaus noch hinein könne, wem ſie nicht Luſt hätten den Ein⸗ oder Ausgang zu geſtatten. Er folgte alſo dem Kammerdiener in das an⸗ ſtoßende Gemach, und als der dienſtfertige Lakai die Thüre hinter ihm in's Schloß zog, kam er ſich wie in einer artigen Falle vor. Obgleich er überzeugt war, daß ſeine Perſon betreffend hier ein Mißverſtändniß vorlag, ſo ſchien es ihm anderntheils wieder ſo pikant, wenn es am Ende dem Fürſten in den Sinn gekommen, ihn hier in ſeinem eigenen Schloſſe abfangen und vor ſich bringen zu laſſen, um vielleicht eine Unterredung mit den huldreichen Worten zu beginnen:„Ihnen alſo verdanke ich es, daß mein Park an ſeiner ſchönſten Stelle in zwei Hälften geſchnitten wurde,— Sie ſoll der Teufel holen!“ oder einem ähnlichen paſſenden Wunſch in gleichem Sinne, wie er allenfalls bei Hof gebräuchlich iſt. Wenn der Boden auch hier mit dicken Teppichen belegt war, ſchritt doch der Kammerdiener auf den Fußſpitzen einher, als nähere man ſich einem Gemache, wo ſich ein ſchwer Kranker befindet. Auch manches Andere hier machte einen ernſten, faſt traurigen Eindruck: die zugezogenen Fenſtervorhänge, die auch nicht den kleinſten Strahl des Mondes hereinließen, dazu ein paar düſter brennende Wachskerzen im Hintergrunde des koloſſalen Zimmers, rings umher die tiefe Ruhe und Stille; es war alles Dieſes nicht Fürſt und Kavalier. dazu gemacht, um den Fremden in ſeinen eigenthümlichen Verhält⸗ niſſen zu ermuntern. So ging es durch zwei große Zimmer fort, welche in ihrem Dämmerlicht und feierlicher Stille einander ganz gleich waren und ſich nur dadurch unterſchieden, daß im zweiten alle Wände bis unter die Decke mit Bücherſchränken verſtellt waren, und daß hier in der Mitte ein großer Tiſch ſtand, auf dem ſich neben Karten und Plänen phyſikaliſche Inſtrumente aller Art befanden. Als Beide auch dieſes Zimmer geräuſchlos durchſchritten, machte der Kammerdiener ſeinem Begleiter ein Zeichen mit der Hand, ruhig auf ſeinem Platze ſtehen zu bleiben, und verſchwand alsdann hinter den Portieren, welche die Thüre eines anſtoßenden Gemaches verdeckten. Der Ingenieur, der wohl einſah, daß er ſich in's Unvermeid⸗ liche fügen müſſe, hatte während der Wanderung hieher ein kleines Selbſtgeſpräch geführt, welches von dem ganz richtigen Grundſatze ausging, daß auf alle Fälle Jemand Anders hier erwartet werde, deſſen Stelle einzunehmen ihn die Umſtände zwangen.„Niemand iſt unfehlbar,“ dachte er,„nicht einmal ein Schloßlakai, und da ich annehmen will, daß ich, oder vielmehr Der, den ich vorſtelle, einen mündlichen Befehl erhalten hat, ſo kann der gewiſſe Schloß⸗ lakai ſeinen Auftrag, der ja, wie ich erfahren, einem Fremden galt, einem unrechten Fremden, alſo mir ausgerichtet haben;— Vogue la galère! Bei den ungnädigen Geſinnungen, von denen Seine Hoheit gegen mich, den armen Ingenieur, erfüllt iſt, muß ich mir durchzuhelfen ſuchen, ſo gut als möglich. Ah, da bewegt ſich die Portiere, jetzt werde ich doch hoffentlich nächſtens erfahren, wer ich denn eigentlich bin.“ Der alte Kammerdiener kam noch ſchleichender und behutſamer auftretend zurück, als er hineingegangen war. Schon von Weitem hob er den Zeigefinger in die Höhe, und ſeine Mienen trugen das Gepräge großer Wichtigkeit. Nahe gekommen, faßte er das — Fürſt und Kavalier. 141 Handgelenk des Fremden, führte ihn ein paar Schritte rückwärts und ſagte dann mit einer flüſternden Stimme, die ſo leiſe wie ein Hauch klang:„es iſt ein Miß— ver— ſtänd— niß vorgefallen, eine unbegreifliche— Nachläſſigkeit des dienſtthuenden— Kammer⸗ lakaien. Seine Hoheit hatten Sie allerdings zu ſehen gewünſcht, auch den Befehl gegeben, ihn aber eine halbe Stunde nachher widerrufen, und das iſt leichtſinniger Weiſe vergeſſen worden aus⸗ zurichten.“. „Gott ſei Dank,“ dachte der Ingenieur, und neben der Aus⸗ ſicht auf ſo gute Art durchzuſchlüpfen, gedachte er auch ſeiner Jugend⸗ freundin, des Fräuleins von Saint⸗Aubin, welche gewiß mit unaus⸗ ſprechlicher Angſt das verabredete Zeichen erwartete. „Mir unbegreiflich,“ fuhr der alte Herr fort,„und ich werde die ſtrengſte Unterſuchung darüber anſtellen.“ „Thun Sie das ja nicht, bitte ſehr darum,“ ſagte der Andere mit erleichtertem Herzen;—„ſo kann ich alſo das Schloß ver⸗ laſſen?“ „Nicht doch,“ entgegnete der Kammerdiener, wobei ſeine Mienen eine außerordentliche Freundlichkeit zeigten;„unter uns geſagt, ich gelte etwas bei dem Herrn und erlaubte mir durch⸗ ſchimmern zu laſſen, daß, wenn Jemand zu ſo ungewöhnlicher Stunde befohlen ſei— vielleicht doch— wenn nicht vielleicht andere ſehr wichtige Rückſichten— nun Sie verſtehen mich.“ „Ah,“ machte der Ingenieur, unangenehm enttäuſcht, da er das Folgende ahnte. „Und ſo befahlen denn Seine Hoheit, Sie einzuführen. Auch über Ihren unſcheinbaren Anzug ließ ich ein unterthäniges Wort fallen, was Seine Hoheit nicht übel aufzunehmen ſchienen;— kommen Sie!“ „So wollte ich doch, daß in dieſe unberufene Dienſtfertigkeit gleich ein Stern— Kreuz———“ murmelte der Ingenieur ingrimmig in ſich hinein, denn er hatte ſchon im Geiſte geſehen, 142 Fürſt und Kavalier. wie ſich die Glasthüre ungefährdet vor ihm öffnen würde, und wie er ſeinen Austritt frei, ja mit einer gewiſſen Wichtigkeit würde nehmen können. „Kommen Sie doch!“ Die Portiere erhob ſich und fiel hinter ihm wieder zuſammen: ſie waren in einem kleinen Vorzimmer, das ebenfalls mit Bücher⸗ ſchränken angefüllt war, und durch deſſen im Hintergrunde weit geöffnete Flügelthüren man in ein großes, ziemlich hell erleuchtetes Zimmer trat, wo der regierende Herr des Landes in einem ein⸗ fachen grauen Ueberrock an einem kleinen Tiſche ſaß, aufmerkſam in einem Buche leſend, welches auf einem kleinen Pulte vor ihm aufgeſchlagen ſtand,— er ſelbſt ſaß mit dem Rücken gegen die Thüre gewendet. „Nun komme, was will!“ dachte unmuthig der Ingenieur, „wenigſtens hoffe ich doch durch die Anmeldung zu erfahren, wen vorzuſtellen ich das Glück habe.“ Der alte Kammerdiener war an die Eingangsthüre zum großen Salon getreten und meldete:„Herr von Saleck.“ „Gut, gut,“ gab Seine Hoheit zur Antwort, indem er ohne umzuſchauen eine leichte Handbewegung gegen die Thüre machte. „Treten Sie ein!“ flüſterte ihm der alte Kammerdiener in's Ohr,„machen Sie wenigſtens ſechs Schritte vorwärts und bleiben Sie dann ſtehen. Sollte Seine Hoheit Sie zu lange nicht anreden, ſo räuſpern Sie ſich gelinde;— Seine Hoheit iſt oft ſehr mit Ihren Büchern beſchäftigt.“ Nach dieſen Worten ſchlich er wie eine Katze in's Vorzimmer und der Ingenieur machte die befohlenen ſechs Schritte. Da ſtand er nun, und nachdem er ſeine erſte Erregtheit nieder⸗ gekämpft, warf er einen Blick in dem Gemach umher: auch hier Bücher und Bücher, wohin ſein Auge traf; Bücher auf dem Tiſche, Bücher auf den Stühlen, nur da und dort mit Karten ab⸗ wechſelnd. Fürſt und Kavalier. 143 Wenn auch der Fürſt bei Nennung des Namens Saleck eine Bewegung machte, als wolle er ſich raſch erheben, ſo blieb er doch in ſeinem Fauteuil geſchmiegt ſitzen und ſchien ein angefangenes Kapitel nothwendiger Weiſe beendigen zu müſſen. Da dem Eingetretenen das Warten noch peinlicher erſchien, als eine ſchnelle Aufklärung, ſo befolgte er den Rath des Kammer⸗ dieners und räuſperte ſich leiſe. So beſcheiden er dieſes aber auch that, ſo ſchallte es doch vernehmlich durch das hohe Gemach. „Ah, Sie ſind ſchon da?“ ſagte der Fürſt ohne aufzublicken, „geſtatten Sie mir, nur dieſen Satz zu volleneen———— ſo, und nun zu Ihnen! Sie ſind der Herr von Saleck?“ frug der Fürſt immer noch ohne aufzuſehen. Da der Ingenieur nicht wagte, dieſer Frage mit Worten zu⸗ zuſtimmen, ſo wartete er mit einer ſtummen Verbeugung auf den nächſten entſcheidenden Augenblick, denn Seine Hoheit hatte ſich be⸗ dächtig erhoben, legte ein Zeichen in das Buch und wandte ſich lang⸗ ſam um, nachdem er die Hängelampe über ſeinem Tiſche etwas in die Höhe geſchoben hatte, ſo daß der volle Schein des Lichtes auf die Züge des Eingetretenen fiel. Der Fürſt trat ihm mit außerordentlicher Freundlichkeit näher, blickte ihn mit einem ein⸗ nehmenden Lächeln an und wiederholte ſeine Frage von vorhin, wobei dieſes Lächeln einen ſchönen Ausdruck annahm,—„ah, Sie ſind alſo Herr von Saleck?“ Jetzt wäre alſo der Augenblick dageweſen, wo der Ingenieur mit dürren Worten hätte ſagen müſſen:„Verzeihen mir Eure Hoheit, es iſt ein Mißverſtändniß, und ich bin nicht dieſer Herr von Saleck;“ doch war es ihm trotz ſeiner Entſchloſſenheit nicht möglich, dieß ſo geradeaus zu thun, wogegen er es aber für ſeine Schuldigkeit hielt, etwas Aehnliches mit umſchreibenden Worten zu entgegnen, weßhalb er ſagte:„Eure Hoheit wollen gnädigſt verzeihen, aber es wird mir ſchwer Eurer Hoheit gegenüber dieſe Frage be⸗ jahend zu beantworten; ich möchte nicht gerne eine Verwechslung 144 Fürſt und Kavalier.“ hervorrufen und es nicht wagen, vor Eurer Hoheit unter einem Namen zu erſcheinen, der—* „Schon gut,“ gab der Fürſt zur Antwort, ohne die Freund⸗ lichkeit in ſeinen Zügen nur im Mindeſten zu verändern, viel⸗ mehr faßte er die Hand des auf's Höchſte Ueberraſchten und ſchüt⸗ telte ſie herzlich und kräftig, wobei er ſagte:„laſſen wir das gut ſein und nehmen wir an, Sie ſeien in der That Herr von Saleck.“ „Und wenn dem nicht ſo wäre, würde mir Eure Hoheit nicht ſpäter einen ſchweren Vorwurf darüber machen, dieſen Namen Ihnen gegenüber beibehalten zu haben?“ „Gewiß nicht, mein Lieber, ich achte Ihre Intentionen und nehme an, Sie ſeien Herr von Saleck,— kommen Sie, ſetzen Sie ſich zu mir, ich freue mich in der That, Sie zu ſehen. Es iſt eigenthümlich,“ ſetzte er hinzu, nachdem Beide Platz genommen, „daß der Menſch nicht im Stande iſt, ſeinem Schickſale zu ent⸗ gehen; uns, zum Beiſpiel, hat es heute Abend trotz meines Wider⸗ ſtrebens zuſammengeführt.“ Der Ingenieur dachte:„auch trotz des meinigen, denn ich be⸗ finde mich hier ſehr gegen meinen Willen.“ „Alſo Sie kamen heute Nachmittag nach Warneck?“ fuhr der Fürſt fort. „Ja wohl, Eure Hoheit, heute Nachmittag.“ „Und ſahen Sie ſchon Etwas von der Umgebung und dem Parke meines Schloſſes? Nicht wahr, es iſt reizend gelegen? Nun ich hoffe, daß Sie einige Zeit bei uns bleiben, und wir Gelegenheit haben, die ſchönſten Partien der weiteren Umgebung, und es gibt deren zahlreiche und bemerkenswerthe, zuſammen zu ſehen;— wir haben ja prächtige Waldungen, Berg und Thal, Waſſer im Ueber⸗ fluß, überhaupt eine Menge maleriſcher Punkte, und da Sie Künſtler ſind,“ er neigte mit einem abermaligen feinen Lächeln den Kopf etwas gegen ſeinen Gaſt,„ſo werden Sie Geſchmack an unſeren Fürſt und Kavalier. 145 landſchaftlichen Schönheiten ſinden;— wenn ich nicht irre, ſind Sie Landſchafter?“ „Ich habe mich allerdings viel mit der Landſchaft beſchäftigt, doch dabei die Architektur nicht außer Acht gelaſſen.“ Der Ingenieur dachte, ich muß etwas Derartiges ſagen, auf daß ich mich im Noth⸗ falle ſpäter darauf berufen kann, um zu beweiſen, daß es nicht in meiner Abſicht lag, ihn zu täuſchen. Der Fürſt hatte währenddem einen Brief an ſich gezogen, welcher neben ihm auf dem Tiſche lag und einen raſchen Blick hinein⸗ geworfen, worauf er ungezwungen die Frage that:„Sie waren kürzlich in L.?“ „In den letzten Tagen nicht,“ gab der Andere zur Antwort. „Aber Sie kennen die kleine, charmante Reſidenz. Zu meiner Zeit, als ich dort war— laſſen Sie mich einmal nachrechnen, das ſind nun ſchon fünfundzwanzig Jahre— war es ſchon eine hübſche, angenehme Stadt, und ſeitdem ſoll von dem regierenden Fürſten viel geſchehen ſein, ſie zu heben;———— den Herrn Vater kannte ich genau,“ ſagte der Fürſt, indem er mit einem wohl⸗ wollenden Lächeln für ein paar Sekunden ſeine Augen ſchloß,„und hoffe die Bekanntſchaft des Sohnes, des jetzigen regierenden Herrn ebenfalls zu machen.“ Bei dieſen Worten, deren Abſichtlichkeit zu klar am Tage lag, und durch die die Verwicklung eine höchſt unangenehme, ja gefähr⸗ liche zu werden drohte, war es dem Ingenieur zu Muthe, als ſäße er auf einer Pulvermine, die man im Begriffe ſei, anzuzünden, und doch vermochte er es nicht über ſich zu gewinnen, aufzuſtehen und mit klaren Worten zu ſagen, daß ihn ein Mißverſtändniß hieher geführt, verſprach ſich aber hoch und theuer, die nächſte ähnliche Rede des Fürſten mit einem kecken und offenen Geſtändniß zu pariren. „Als Sie im vergangenen Jahre in Rom waren—“ Der eben erwähnte Augenblick ſchien gekommen, und der Hackländer's Werke. 49. Bd. 10 Fürſt und Kavalier. Ingenieur ſagte deßhalb ruhig und beſtimmt:„Eure Hoheit wollen mir verzeihen, aber ich war im vergangenen Jahre nicht in Rom.“ Man ſah den Fürſten einen Augenblick leicht zurückfahren, doch zeigte ſich gleich darauf wieder das feine Lächeln auf ſeinem Geſichte, als er ſagte:„nun ja, ich bemerkte Ihnen ſchon früher, daß ich Ihre Intentionen ehre, obgleich es mir lieber wäre, wenn ich Sie, verehrteſter Freund, geneigt fände, offen mit mir zu reden;— gut denn, Sie waren alſo nicht in Rom, aber daß Herr von Saleck dort war, werden Sie nicht leugnen.“ Der Ingenieur hatte nicht den Muth, dieſe Bemerkung anders als mit einer ſtummen Verbeugung zu beantworten. „Herr von Saleck,“ fuhr Seine Hoheit fort,„verkehrte dort mit der höheren Geſellſchaft, und es war mir nicht unlieb zu er⸗ fahren, daß er ſich dort meiner Tochter, der Prinzeſſin Helene, vor⸗ ſtellen ließ;— das werden Sie mir doch zugeben, verehrteſter Freund, daß Sie die Prinzeſſin in Rom geſehen haben?“ „Ich nicht, Eure Hoheit; erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich nicht das Glück hatte, Ihrer Hoheit vorgeſtellt zu werden.“ „Aber Herr von Saleck,“ fiel ihm der Fürſt raſch in's Wort, „Sie ſehen, ich gehe vollkommen in Ihre Grille ein; behandeln wir dieſen Gegenſtand wie eine mathematiſche Formel; nehmen wir an die X Größe, um die es ſich handelt, heiße Herr von Saleck, und geben Sie mir ſtillſchweigend zu, daß Ihnen der Gehalt dieſer Größe ebenſo genau bekannt ſei wie mir, aber trotzdem achte ich Ihre Intentionen und will Eure Hoheit wie eine dritte Perſon behandeln, was auch ſein Angenehmes hat, indem wir alsdann freier und ungezwungener reden können.“ Jetzt hielt es der Ingenieur für ſeine Pflicht, aufzuſtehen und dem Fürſten nach einer tiefen Verbeugung zu ſagen:„Eure Hoheit ſind in der That, was meine Perſon anbelangt, im Irrthum, und ich wünſchte, Eure Hoheit hätten die außerordentliche Gnade gehabt, Fürſt und Kavalier. 147 mir ſchon das erſte Mal, als ich dieſes ausſprach, Glauben zu ſchenken; ein fortgeſetztes Mißverſtändniß könnte mir in den Augen Eurer Hoheit ſchaden, und ich halte es für dringend nothwendig, Eurer Hoheit die bündigſte Verſicherung zu geben, daß ich nicht die Perſon bin, welche Eure Hoheit in mir zu ſehen glauben.“ Der Fürſt hatte den Sprecher bei dieſen Worten einen Augen⸗ blick ruhig angeſchaut, dann aber, ohne im Mindeſten ein Zeichen von Ueberraſchung oder Erſtaunen zu geben, ſeine Augen auf den Brief geworfen, den er noch immer in der Hand hielt, und den⸗ ſelben bis zu Ende geleſen, worauf er nach der hiedurch entſtandenen Pauſe erwiederte:„laſſen wir das gut ſein, ich habe Ihnen ſchon vorher erklärt, daß ich Sie für eine vollkommen neutrale Perſon nehme, zu der ich aber das höchſte Zutrauen habe, und die ich nur bitte, mich ebenſo anzuſehen, und dabei meiner Verſicherung zu glauben, daß Sie es mit einem Mann zu thun haben, der Ihnen geneigt iſt und der offen und redlich für Sie fühlt.— Ich bin von meinem Geſandten,“ unterbrach er zugleich den Ingenieur, welcher reden wollte,„zu gut unterrichtet, um nicht zu wiſſen, wen ich in der Perſon des Herrn von Saleck vor mir habe.“ „Ich bin aber nicht Herr von Saleck,“ ſagte der Andere mit einer gelinden Verzweiflung, da es ihm nicht möglich war, die Identität ſeiner Perſon feſtzuſtellen,„ich bin—“ „Laſſen wir das, mein Lieber; wie geſagt, ich bin zu gut unterrichtet; die Ankunft des Herrn von Saleck war mir ſchon vor einigen Tagen annoncirt: ebenſo erfuhr ich auf der Stelle, daß Sie heute hier angekommen ſind;— iſt dem nicht ſo?“ „Allerdings kam ich heute hier an, aber—“ „Nun gut,“ unterbrach ihn abermals der Fürſt, indem er ihn bei der Hand nahm und ihn ſanft auf ſeinen Stuhl niederzog;„ſo laſſen Sie mich denn ſagen, was ich ſehr wünſche, daß es Herr von Saleck vernehme;— hören Sie mich an!“ 148 Fürſt und Kavalier. „Nicht eher,“ verſetzte der Ingenieur raſch, indem er ſeine Hände mit einer faſt flehenden Geberde zuſammenpreßte,„bis Eure Hoheit mich verſichern, daß Sie auch ſpäter nicht vergeſſen wollen, daß ich Ihnen offen erklärt, ich ſei nicht die Perſon, für welche Sie mich halten.“ „Gewiß, und denken auch Sie, mein Lieber, ich ſei nicht der Fürſt, ſondern ein beliebiger Herr Müller oder Maier.“ „In Gottes Namen denn.“ Der Fürſt hatte ſich in ſeinen Stuhl zurückgelehnt, den Kopf in die rechte Hand geſtützt und ſagte, während er mit der Linken, in welcher er den Brief hielt, zuweilen taktmäßige Bewegungen machte:„Daß ein Herr von Saleck ſich damals meiner Tochter vorſtellen ließ, erfuhr ich natürlicher Weiſe ſchon zu jener Zeit; ein junger Landſchaftsmaler, von angenehmem Aeußeren und den Ma⸗ nieren eines feinen Mannes,— ich habe mich von der Wahrheit des Geſagten überzeugt.— Er galt für einen Künſtler und wurde als ſolcher, ſowie auch als angenehmer Geſellſchafter von meiner Tochter, die ſonſt ziemlich exkluſiv iſt, nicht ungern in ihrer Nähe geduldet; er gab ihr Unterricht, wenn ich nicht irre, machte in Ge⸗ ſellſchaft der Prinzeſſin, ſowie der Frau Herzogin kleine Ausflüge, und auch meine Tochter ſchrieb mir einmal über ihn, daß ſie in Rom einen angenehmen Deutſchen kennen gelernt, deſſen Geſellſchaft für manche andere langweilige und fade Bekanntſchaft entſchädige. Daß mir damals dieſer Herr von Saleck ſehr gleichgültig war, darf ich Sie wohl verſichern, denn ich wußte zu jener Zeit noch nicht, was ich jetzt weiß. Als ich aber Kenntniß erhielt, wer es geweſen, der meine Tochter damals in Rom geſehen, fing die Sache an, mich auf's Höchſte zu intereſſiren,— lebhaft zu intereſſiren,— angenehm zu intereſſiren.“ Da der Fürſt bei dieſen letzten Worten eine ſo überaus freund⸗ liche Miene annahm und dieſelbe mit einer ſo gar verbindlichen Handbewegung gegen den armen Ingenieur begleitete, ſo konnte Fürſt und Kavalier. 149 dieſer, wollte er nicht als wirklich taktlos erſcheinen, nicht anders, als dieſe ſo ſcharf ausgedrückten Beweiſe allerhöchſter Huld und Gnade mit einer ſtummen Verbeugung für Rechnung des Herrn von Saleck zu erwiedern. „Gewiß auf's Angenehmſte,— und da ich es nun einmal mit einer ſo unzugänglichen und hartnäckigen Mittelsperſon zu thun habe, deren verſchloſſene Miene jedes Zugeſtändniß von vornherein abſchneidet, ſo kann ich dieſelbe nur bitten, ſelbſt zu glauben, oder auch dem Herrn von Saleck mitzutheilen, daß ich, wie geſagt, ge⸗ nau davon unterrichtet bin, in welcher Abſicht eine gewiſſe Perſon hieher gekommen iſt, daß mich dieſe Abſicht freut, ja glücklich macht, und daß ich derſelben gutes Gelingen wünſche. Wollen Sie das der gewiſſen Perſon mittheilen?“ Auf dieſe Frage konnte der Ingenieur mit gutem Gewiſſen eine zuſtimmende Antwort geben, denn er hatte ſich feſt vorgenommen, ſobald als möglich dieſen Herrn von Saleck, der ja exiſtiren mußte, aufzuſuchen, und ihm offen und ehrlich die ſtattgehabte Unterredung mitzutheilen. „Was zu dieſem Gelingen meinerſeits gethan werden kann, ſoll gewiß geſchehen,“ fuhr der Fürſt nach einigen Augenblicken fort, „und beweiſe ich Ihnen mein Wohlwollen an dieſer Verbindung durch dieſe offene und rückhaltsloſe Unterredung, die ich Ihnen ſchuldig zu ſein glaube, da ich den Charakter meiner Tochter genau kenne. Sie hat ein gutes Herz, einen klaren Verſtand, iſt aber durch ihre geſellſchaftliche Stellung,— als mein einziges Kind,— durch große Rückſichten aller Art und durch Schmeicheleien auf ein zu hohes Piedeſtal geſtellt worden und hat einen ſtarken Willen, der es liebt, ſich nicht nur eigene Bahnen vorzuzeichnen, ſondern dieſelben auch etwas zu hartnäckig, ja man könnte ſagen eigenſinnig zu verfolgen; ſie liebt das Ungewöhnliche, und deßhalb iſt es mir angenehm, daß ſich Herr von Saleck ihr in Rom als Künſtler vor⸗ ſtellen ließ, und daß ihr deßhalb alle ſeine Aufmerkſamkeiten als 15⁵0 Fürſt und Kavalier. nur ihrer Perſon geltend und ohne alle Nebenabſichten erſcheinen mußten,— verſtehen Sie mich?“ „Gewiß, ich glaube Eure Hoheit zu verſtehen.“ „Gut denn, mein verehrteſter Freund. Doch wünſche ich auch noch, daß Sie vollſtändig begreifen würden, warum ich Ihnen ſo rückhaltslos ſage, daß eine Verbindung meines Hauſes mit dem Ihrigen—“* „Mit dem des Herrn von Saleck—“ „Ja, ja,— mir vollkommen erwünſcht wäre. Die Frau Herzogin, meine vielgeliebte Schweſter, begünſtigt eine andere Ver⸗ bindung meiner Tochter, und zwar eine Verbindung, mit der ich durchaus nicht einverſtanden bin; aber ehrlich geſagt, wir ſind alle ſchwache und lenkbare Menſchen; Tropfen höhlen bald einen Stein aus, und der Fürſtenmantel ſchützt uns nicht vor menſchlichen Schwächen. Ich habe in der Welt viel erfahren, viel geſehen und darf Ihnen wohl geſtehen, daß das Gewühl und Getreibe dieſes Lebens mich abſtößt. Ich lebe ſoviel, als es mir die Geſchäfte er⸗ lauben, gerne für mich in Ruhe hier unter meinen Freunden,“— er zeigte mit einer Handbewegung auf ſeine Bücher,„und habe in Staatsangelegenheiten unangenehme Dinge genug zu beſorgen, daß ich wohl wünſchen darf, mit Intriguen aller Art, welche mir un⸗ liebſame Zwecke verfolgen, in Frieden gelaſſen zu werden.— So, mein Freund, jetzt habe ich Sie einen Blick hinter die Wälle der Feſtung thun laſſen, gewiſſermaßen in's feindliche Lager, denn ich kann Sie verſichern, daß Sie nicht bloß Freunde hier finden wer⸗ den, ſondern auch feindliche Elemente genug zu bekämpfen haben; aber Ihr Angriffsplan iſt ganz richtig: man wird ſich des Herrn von Saleck erinnern, ſo glaube und hoffe ich wenigſtens, obgleich Weiberlaunen nicht zu berechnen ſind,— laſſen Sie ſich morgen offiziell beim Oberſthofmeiſter meiner Tochter melden; bewahren Sie vorderhand ſtrengſtens Ihr Inkognito, und ſeien Sie verſichert, daß Sie an mir einen wohlgeneigten Bundesgenoſſen haben.“ Fürſt und Kavalier. 151 Er reichte dem Ingenieur mit heiterem Blicke ſeine Rechte, und da dieſer durch das Gefühl ſeiner Schuld gedrückt ſich darauf niederbeugen wollte, um ſie zu küſſen, ſo machte er die Sache hie⸗ durch noch viel ſchlimmer, denn der freundlich erregte Fürſt zog ihn mit einer raſchen Bewegung an ſich und drückte ihn ein paar Sekunden lang in ſeine Arme. Wie er darauf in's Vorzimmer gekommen, wußte er ſelbſt nicht ganz genau, doch eilte er haſtiger und aufgeregter hinaus, als er hineingegangen. In dem Gemache vor dem an der Treppe traf er den alten Kammerdiener, der eiwas zur Seite ſtand und ihn mit einer ſo auffallend tiefen Verbeugung vorbeigehen ließ, daß der Ingenieur auf die Vermuthung kommen mußte, Jener habe ein wenig an der Thüre gelauſcht oder ſogar die Abſchiedsumarmung geſehen. Ja ein freundliches Abſchiedswort beantwortete der alte Herr mit einer ſtummen noch ehrfurchtsvolleren Verbeugung und eilte ſo raſch als möglich an die Thüre, deren beide Flügel aber bei der leiſeſten Berührung von dem außen ſtehenden Lakaien auf⸗ geriſſen wurden, worauf dieſer es mit der Glasthüre ebenſo machte, ja durch einen Wink die beiden Schildwachen draußen veranlaßte, mit angezogenem Säbel gerichtet zu ſtehen. Der Ingenieur hatte noch einen raſchen Blick auf die Seiten⸗ thüre geworfen, durch welche er vor einer Stunde ſo ſchüchtern ein⸗ getreten, und würde jetzt das ihm damals ſo verhängnißvoll er⸗ ſchienene Veſtibule mit einem triumphirenden Blicke und frei athmend verlaſſen haben, wenn ihm nicht das Bild ſeiner Jugendfreundin, des Fräuleins von Saint⸗Aubin, plötzlich in Erinnerung gekommen wäre, die gewiß in großer Angſt ſchon zu lange an ihrem Fenſter auf das Zeichen ſeiner glücklichen Errettung geharrt. Dieſer Ge⸗ danke machte, daß er raſch die Treppen hinabeilte und durch die noch offen ſtehende untere Thüre den Park betrat. Er hatte den Plan des Schloſſes ſo gut im Kopfe, daß er nur kurzer Zeit bedurfte, um, ſich zu orientiren, worauf er haſtig in der Dunkelheit verſchwand. Fürſt und Kavalier. Wenn wir uns erlauben dürften, den geneigten Leſer einen kleinen Zeitraum zurückzuführen, ſo möchten wir das bis zu jenem Augenblicke thun, wo der Ingenieur das Zimmer des Fräuleins von Saint⸗Aubin verlaſſen. Sie war tief aufgeregt und ängſtlich in der Mitte des kleinen Salons ſtehen geblieben und lauſchte den verhallenden Schritten, wobei ſie ihre Hand auf das Herz preßte, damit deſſen Schlag nicht jenes leichte und verſchwindende Geräuſch übertöne. Endlich hörte ſie nichts mehr davon, doch war es ihr gleich darauf, als werde auf dem Korridor draußen eine Thüre langſam geſchloſſen, welches Geräuſch ſie begreiflicher Weiſe unaus⸗ ſprechlich erſchreckte;— hatte man vielleicht ſein Weggehen be⸗ lauſcht; hatten vielleicht neugierige Augen geſehen— und es gab deren in ihrer Nachbarſchaft—, daß ein Mann ihr Zimmer um dieſe Stunde verlaſſen? O, ſchon bei dieſem Gedanken empörte ſich ihr Stolz,— ſie, deren Leben und Wandel rein und klar wie Kryſtall vor Aller Augen dalag; ſie, die nie, weder durch ein Wort, noch durch einen Blick Veranlaſſung zu einer pikanten Bemerkung gegeben hatte; ſie, die von jungen Männern umſchwärmt war, welche ihr eifrig den Hof machten, und doch keinem auch nur durch den geringſten Vorzug erlaubte, ſich ihr auffallend vor den anderen zu nähern; ſie, von der ihre Verehrer ſcherzend, aber ernſtlich meinend ſagten, ſie habe gar kein Herz, oder ein ſo kaltes, daß jede ſich demſelben nähernde Leidenſchaft erlöſchen müſſe: ſie ſollte es erleben, daß man ſie eines ſolchen Stelldicheins beſchuldigte, und daß man mit dieſer Beſchuldigung die Wahrheit ſpräche? O, der Gedanke war fürchterlich, und ſie hatte ja ſo ohne alle ſchlimm zu deutende Abſicht gehandelt, wenn auch mit etwas zu wenig Ueber⸗ legung. Ihr offenes und ehrliches Gemüth, das mit Vertrauen zu allen Menſchen erfüllt war, hatte anfänglich nicht an die vorgerückte Stunde gedacht, und daß es möglich ſei, dem Beſuch ihres Jugend⸗ freundes eine andere Deutung zu geben,— ihres Jugendfreundes, den ſie ſich nach jahrelanger Abweſenheit in der Erinnerung viel Fürſt und Kavalier. 153 älter gedacht, und deſſen Anblick ſie nun ſelbſt einigermaßen ver⸗ wirrt hatte. War ſie doch im Verlaufe dieſer Jahre aus einem ſpielenden Kinde ein Mädchen geworden, welches das Leben nicht nur zuweilen ſehr ernſt, ſondern auch ſogar ſehr trübe anſah; er⸗ ſchien ſie ſich ſelbſt doch ſchon zuweilen ſo alt, ſo erfahren.— Aber mit jenen Gedanken, welche brennend und ſchmerzend durch ihren Kopf fuhren, während ſie am Fenſter ſtand und in den Park hinabſchaute, um das verabredete Zeichen nicht zu vergeſſen, rückte der Zeiger ihrer Uhr unaufhaltſam vor, und jede Minute, welche in die Vergangenheit zurückfiel, vermehrte ihre Angſt. Es muß etwas geſchehen ſein. Schon über eine halbe Stunde war verfloſſen, ſeit er ſie ver⸗ laſſen, wogegen er nur wenige Minuten gebraucht hätte, wenn es ihm gelungen wäre, das Schloß ungehindert zu verlaſſen.—„Oder iſt er vielleicht doch ſchon längſt in Sicherheit,“ dachte ſie mit einem ſchmerzlichen Lächeln,„und denkt nicht mehr an mich und an das, was er mir verſprochen?— Gewiß, ſo iſt es. Wenn er ſich auch vorhin der kleinen Viktorine von damals nicht ungerne zu erinnern ſchien, ſo war es doch ſo, wie man ſich eines bequemen Spielzeugs erinnert, bei deſſen ſpäterem Betrachten man vielleicht fragt: alſo dafür habe ich mich früher wirklich intereſſiren können? Wie ſich die Zeiten ändern,— o ja, ſie verändern ſich, auch wir ändern uns, aber nicht immer ſo, wie wir es wohl wünſchen. Wie liebte ich ihn ſchon damals ſo herzlich und innig, wie war ich glücklich, wenn ſein klares Auge warm auf mir ruhte, wie lag das un⸗ bekannte Leben lichtvoll angeſtrahlt vor mir, wenn er mit leuch⸗ tendem Blicke von ſeiner Zukunft ſprach und ſcherzend den Wunſch darein verwebte, daß wir uns nahe ſein möchten und häufig ſähen. Wer hätte es damals ahnen können, daß die Jahre eine ſolche Kluft zwiſchen uns reißen würden, daß er als gereifter Mann, welcher in der Welt Schönes und Großes geleiſtet, mein glänzendes und doch ſo armes Leben als eine Scheidewand betrachten würde, 154 Fürſt und Kavalier. als eine Schranke, die ihn auf ewig von ſeiner Jugendgeſpielin ſcheide?“ „Ja, ja,“ fuhr ſie nach einem tiefen Athemzuge heftiger fort, „ſo betrachtet er unſere beiderſeitige Stellung, und wenn auch aus ſeinen Augen zuweilen ein bekannter freundlicher Strahl blitzte, wenn auch ſein Mund zuweilen noch Herzliches ausſprach, was mich an die alte, bekannte Zeit erinnerte und dadurch faſt glücklich machte, ſo konnte oder mochte er es doch nicht vergeſſen, daß das gnädige Fräulein von Saint⸗Aubin vor ihm geſtanden,— und ich blieb mir doch ſo vollkommen gleich;— o, mit welch' herzlicher Zuneigung dachte und denke ich der vergangenen Zeiten!“ Bei dieſen Worten trat ſie an das Kamin und nahm die kleine Zeichnung in die Hand, welche ſie ihm vorhin nicht erlaubt hatte, von der Staffelei zu nehmen. Und ſie wußte wohl warum. Denn als ſie nun das Blatt langſam umwandte, ſielen ihre Blicke auf einen verwelkten Veilchenſtrauß, der dort befeſtigt war. „Ja, verwelkt ſind dieſe Blumen und vergilbt,“ dachte ſie,„ver⸗ trocknet, unſcheinbar geworden, wie für ihn die Vergangenheit.“ Leider war dieß aber gerade der Augenblick, wo der Ingenieur, dem Schloſſe glücklich entronnen, in einiger Entfernung vom Pa⸗ villon ſtehend, das verabredete Zeichen gab, nicht nur mit einem Zündhölzchen, ſondern mit dreien nach einander, die auch in der warmen, unbewegten Nachtluft ſo hell und luſtig brannten, daß er ſelbſt eine Freude daran hatte, worauf er ſeinem Verſprechen ge⸗ mäß leiſe und innig ſagte:„Gute Nacht, meine kleine, liebe Vik⸗ torine!“ Dann verließ er den Park und eilte dem Dorfe Warneck zu, nicht ganz unzufrieden mit der Art, wie er ſeinen Abend zu⸗⸗ gebracht. Fürſt und Kavalier. 15⁵ IV. Als der Ingenieur das Gaſthaus zur Roſe und Anker erreicht hatte, ſah er unter dem Thore deſſelben den ſerviettenſchwenkenden Kellner ſtehen, welcher ſich nach des Tages Laſt und Hitze wie die meiſten anderen Geſchöpfe der kühlen Abendluft freute. Dieſer, nachdem er den Eintretenden, der wegen der Eiſenbahnbauten in der Nachbarſchaft im vergangenen Winter längere Zeit im Hauſe gewohnt, erkannt hatte, nahm ſeine Serviette mit einem raſchen Schwung unter den linken Arm und ſchien den Beſehl zu erwarten, daß das Pferd des Fremden vorgeführt werde. Statt deſſen aber verlangte der Ingenieur ein Zimmer für die Nacht. Als nun beide die Treppen des Hauſes hinaufſtiegen, verwickelte er den red⸗ ſeligen Kellner mit leichter Mühe in ein mitiheilſames Geſpräch. Oben in einem Zimmer des zweiten Stockes angekommen, wußte er bereits, daß viele Fremde im Hauſe ſeien, welche von der reizen⸗ den Lage des Gaſthofs angelockt wohl längere Zeit dableiben wür⸗ den, ſowie auch, daß heute Nachmittag zwei Fremde gekommen ſeien, der eine mit Extrapoſt, der andere mit dem Eilwagen, die ihm, dem Kellner, einigermaßen bemerkenswerth erſchienen, nament⸗ lich der eine, ſagte er.„Beide ſind Leute, die ſich in guter Ge⸗ ſellſchaft bewegt. Unſer einer ſieht das an der Art, wie ein Frem⸗ der ſein Zimmer verlangt und es betrachtet, auch an der Geſtalt ſeiner Reiſeeffekten, an ſeinen kleinen Bedürfniſſen im erſten Augen⸗ blick, ob er viel oder wenig Waſſer verlangt und dergleichen, und wie geſagt, beide ſind Leute comme il faut.“ „Ich habe ſchon oft Ihr Talent bewundert, mein lieber Franz, das ſogleich zu erkennen,“ warf der Ingenieur leicht hin,„und wäre es mir in dieſem ſpeziellen Falle ſehr erwünſcht, etwas Näheres über beide Herren von Ihnen zu erfahren, da ich einen Bekannten erwarte, den ich ſchon ſeit längerer Zeit nicht mehr geſehen, und es einer von den Beiden wohl ſein könnte.“ 156 Fürſt und Kavalier. „Ich kann Ihnen die Namen derſelben ſagen,“ erwiederte der gewandte Kellner, indem er mit ſeiner Serviette eine Bewegung machte, als wolle er dieſe Namen auf irgend eine unſichtbare Tafel ſchreiben,„der Eine, der mit dem Eilwagen gekommen iſt, iſt ein Herr von Felſing, der Andere ein Herr von Saleck. Dieſer—“ „Halt, mein Freund, den erwarte ich;— iſt er wohl noch zu ſprechen?“ „Ich glaube kaum; er kam vor einer Viertelſtunde von einem längeren Spaziergange zurück, und einen Augenblick vorher, ehe Sie in's Haus traten, ſtieg der Kammerdiener mit dem Anzuge ſeines Herrn die Treppe hinab;— alſo iſt er ſchon ausgekleidet.“ „Das iſt mir fatal;— nun, ich muß eben bis morgen früh warten,— alſo dieſer Herr von Saleck erſchien Ihnen auch als eine Perſon von Diſtinktion? Sie verſtehen ſich darauf, lieber Franz.“— Nachdem ſich der Kellner geſchmeichelt verbeugt, warf er leicht hin:„Bei einer langen Praxis, wie die meinige, irrt man ſich ſelten. Dieſer Herr von Saleck ſcheint in der That etwas Außer⸗ gewöhnliches zu ſein, woran übrigens nicht zu zweifeln, Herr Ober⸗ Ingenieur,— als einem Bekannten von Ihnen.“ „Ich danke, lieber Franz; erzählen Sie mir etwas von Saleck, ich habe ihn ſchon lange nicht mehr geſehen.“ „Ah, ein hübſcher, vornehmer Herr; er hat etwas in ſeinem Aeußern, beſonders in ſeinem Blicke, was man nicht alle Tage ſieht; kaum angekommen, ſchrieb er ſogleich an den Oberſthofmeiſter der Prinzeſſin Helene und wurde eine Stunde ſpäter— zu ſonſt ſehr ungewöhnlicher Zeit— in's Schloß befohlen.“ Der Kellner ſagte dieß flüſternd, indem er ſeine Serviette an den Mund hielt, wie um ſeine Worte noch mehr zu dämpfen. „So kam er wohl ſo eben vom Schloſſe zurück?“ „Nein; etwas an dieſer Geſchichte iſt mir auffallend; als der Befehl vom Schloſſe kam, war er nicht zu Hauſe, und wenn er ihm —— Fürſt und Kavalier. 157 auch im andern Falle hätte ausgerichtet werden können, ſo würde er wahrſcheinlich doch nicht hingegangen ſein, denn gleich darauf kam ein Gegenbefehl, und zwar in der Form, es ſei ein Mißver⸗ ſtändniß geweſen, man hoffe Herrn von Saleck in den nächſten Tagen zu ſehen. Als ich bei ſeiner Rückkunft nicht ermangelte, demſelben beide Botſchaften auszurichten, ſchien er nicht unangenehm davon berührt und ſtieg, eine mir unbekannte Weiſe pfeifend, die Treppe hinauf.“ „Er iſt allerdings ein Mann von großen Bekanntſchaften,“ warf der Ingenieur leicht hin,„freue mich, ihn wiederzuſehen, doch ich muß eben damit warten bis morgen früh.“ „So werde ich den Herrn Oberingenieur, ſowie ich morgen früh den Kaffe ſervire, anmelden?“ „Nein, nein, laſſen Sie nur das bleiben, lieber Franz, ich liebe die Ueberraſchungen und bin ſehr begierig, was mein Freund Sa⸗ leck ſagen wird, wenn er mich ſo plötzlich vor ſich ſieht,— haben Sie mich verſtanden?“ „O, vollkommen, Herr Oberingenieur, um Alles in der Welt würde ich Ihren Namen nicht nennen.“ Er drückte wie betheuernd ſeine Serviette auf die Gegend der Bruſt, wo er ſein Herz ver⸗ muthete, und flüſterte alsdann mit jenem unnachahmlichen graziöſen Kellnertone:„Und weiter haben Euer Gnaden nichts mehr zu befehlen?“ ²„Ich danke, lieber Franz, und bitte nur, meinen Kaffe auf morgen früh acht Uhr notiren zu laſſen. Und dann noch eine Frage auf Ihr Gewiſſen: iſt mein Pferd gut verſorgt worden? Empfehlen Sie's noch einmal dem Hausknecht; ich möchte nicht gerne, daß ich mich veranlaßt ſähe, morgen früh Einem aus dieſem ganz vortreff⸗ lichen Gaſthof ein paar un angenehme Worte zu ſagen.“ „Der Herr Oberingenieur werden wie mit Allem, ſo auch mit der Behandlung Ihres Pferdes zufrieden ſein.“ Als der Fremde nun allein war, öffnete er das Fenſter und Fürſt und Kavalier. warf noch einen Blick auf Schloß und Park Warneck, und eigen⸗ thümlicher Weiſe thaten das im gleichen Augenblicke noch zwei andere Paar menſchlicher Augen, der Herr vom erſten Stock und der Herr vom zweiten Stock; alle drei rauchten auch dazu eine Cigarre, alle drei ſeufzten etwas weniges, und alle drei begaben ſich zur Ruhe, um bis zum folgenden Morgen zu ſchlafen. Am andern Morgen hatte ſich Herr von Felſing einfach aber ſorgfältig angezogen, und als es nicht mehr zu früh war, um paſſender Weiſe einen Beſuch zu machen, aber auch noch früh ge⸗ nug, um ſeinen Eifer zu zeigen, die geſtern angeknüpfte Bekannt⸗ ſchaft ſo bald als möglich fortzuſetzen, eine Karte zu dem Herrn im erſten Stocke hinuntergeſandt und darauf die Antwort erhalten, er werde willkommen ſein. Nach den erſten Begrüßungen, und als Herr von Saleck ver⸗ ſichert, daß er im möglichen Falle gerne bereit ſei, irgend einen Wunſch des Mannes zu erfüllen, der ihm einen ſo empfehlenden Brief ſeines Freundes, des Schloßhauptmanns von Werner gebracht, ſetzte er lächelnd hinzu:„Es war doch ein eigenthümliches Zu⸗ ſammentreffen geſtern Abend vor dem Pavillon, und Sie würden mich zu einigem Danke verpflichten, wenn Sie im Stande wären, ohne eine Indiskretion zu begehen, darüber Aufklärungen zu geben, ich ſage abſichtlich, ohne eine Indiskretion zu begehen, denn Sie wiſſen wahrſcheinlich ſo gut wie ich, daß der Pavillon, vor dem man Sie wartend fand, von Damen bewohnt iſt.“ „Meiner Treu, das wußte ich nicht, und erfahre es jetzt erſt aus Ihrem Munde.“ „So hätten Sie ohne alle Abſicht dort Ihren Platz genommen?“ „Ohne alle Abſicht, auf mein Wort,“ verſicherte Herr von Felſing in einem Tone der Betheuerung;„ich kam geſtern Nach⸗ mittag mit dem Eilwagen hierher, an dem Sie mit Ihrer Extra⸗ poſt vorbeieilten; ich kleidete mich ein wenig um, dinirte, hielt mich eine Zeitlang auf der Terraſſe des Gaſthofs auf und ſchlenderte Fürſt und Kavalier. 159 alsdann ohne Zweck umher, zuerſt in dem kleinen Städtchen, dann an den Ufern des Fluſſes, über deſſen Brücke ich auf den Weg zum Parke gelangte, von wo ich dieſen, da er offen ſtand, betrat. „Ich hielt mich in den ſchönen Anlagen hier und dort auf, mit meinen Gedanken beſchäftigt, meiſtens ſehr ernſten Gedanken, gewiß, Herr von Saleck, ja ſo ernſt und trübe, daß es mir gewiß nicht in den Sinn gekommen wäre, etwas wie ein Abenteuer auf⸗ zuſuchen. Auch hatte ich, als es dunkel geworden war, meinen Weg verfehlt, und ſuchte irgend einen Pfad, am Fuße des Gebäu⸗ des herumgehend, zu finden. Da hörte ich, wie ſich über mir ein Fenſter öffnete, und ich ſah, daß etwas Weißes, wie ein Papier, das man um einen Stein gewickelt, herausgeworfen wurde.“ „Das ſahen wir auch aus der Entfernung, und das hoben Sie auf?“ „Ich nicht, ſondern Jemand, der plötzlich neben mir aus dem tiefen Schatten auftauchte, ſich raſch vor mir niederbückte, das Pa⸗ pier nahm und damit ſo raſch wieder verſchwand, als er er⸗ ſchienen war.“ „Pa= a—a—ah,“ machte Herr von Saleck,„da hätten wir ſchon wieder jemand Anders, der ſich um den Pavillon zu ſchaffen machte,— die Gegend ſcheint ſehr beſucht zu ſein.“ „Das dachte ich auch, denn als Jener verſchwunden war, er⸗ ſchienen die beiden Herren, gegen die Sie endlich ſo freundlich waren, mich in Schutz zu nehmen.“ „Und von dem, der das Papier zu ſich nahm, ſahen und hörten Sie nichts mehr?“ „Nicht das Geringſte, er war ſpurlos verſchwunden.“ „Am Ende iſt mir das ſehr gleichgültig,“ warf der Andere leicht hin;„gehen wir alſo nach Ihrer Erklärung, der ich den vollſten Glauben ſchenke, auf Ihre eigenen Angelegenheiten über. — Sie kennen den Inhalt des Schreibens, welches Sie mir über⸗ bracht?“ 160 Fürſt und Kavalier. „Der Herr Schloßhauptmann war ſo gütig, mich davon in Kenntniß zu ſetzen; ich geſtehe Ihnen das, obgleich er meiner allzu lobend erwähnte, im Ganzen aber die Wahrheit ſprach,“ ſetzte er treuherzig hinzu:„ich erlaube mir dieſe Verſicherung, da ich dringend wünſche, daß dieſe Zeilen freundlich für mich ſprechen möchten.“ „Das thun ſie allerdings: aber ſagen Sie mir aufrichtig, hat Sie die Adreſſe dieſes Briefes nicht einigermaßen enttäuſcht,— was kann ein unbedeutender Maler für Sie thun?“ „Aufrichtig geſagt, war ich allerdings überraſcht, doch iſt mir dieſer Brief wie ein Wechſel, und wenn der Bezogene ſo gut iſt, wie der Ausſteller, woran ich nicht zweifle, ſo dürfte ich bei der Einlöſung nicht zu kurz kommen.“ „Ich danke Ihnen für das Zutrauen, doch müßte ich erſt Ihre Wünſche kennen— nehmen Sie Platz und laſſen Sie mich etwas darüber hören.“ 3 Herr von Felſing gab nun dem aufmerkſam Zuhorchenden einen Abriß ſeiner Lebensgeſchichte, in der eine getäuſchte Hoffnung auf die andere gefolgt war. Der Erzähler, von guter Familie, wie er nachwies, war Offizier geweſen, und obgleich er mit Aus⸗ zeichnung gedient, hatte er doch in dem kleinen Staate, dem er an⸗ gehörte, nicht weiter vorrücken können. Er hatte darauf in einem andern Welttheil ſein Glück verſucht, ohne dort aber etwas Anderes zu finden als herbe Täuſchung, und ſo war er dann in die Heimat zurückgekehrt mit dem kleinen Reſte eines an ſich ſchon unbedeuten⸗ den Vermögens. „So kam ich nach der Reſidenz,“ ſchloß Herr von Felſing ſeine Erzählung,„wandte mich dort an meinen Bekannten, den Herrn Schloßhauptmann von Werner, um vielleicht durch deſſen Empfeh⸗ lung in irgend einer Branche bei Hofe angeſtellt zu werden,— vergebliche Hoffnung. Herr von Werner, an deſſen Güte für mich ich nicht zweifeln darf, zeigte mir die Unmöglichkeit, meinen Wunſch Fürſt und Kavalier. 161 zu erfüllen, gab mir aber das bewußte Schreiben, nicht ohne durch ein freundliches Wort meinen geſunkenen Muth wieder zu beleben.“ „Werner iſt ſonſt ein ſo vorſichtiger Mann,“ erwiederte der Andere kopfſchüttelnd,„ich fürchte, er hat ſich dießmal durch ſeine Güte für Sie hinreißen laſſen; was kann ich, ein unbedeutender Maler, für Sie thun?“ „Darüber muß ich Ihnen in der That die Antwort ſchuldig bleiben; aber wie Sie eben ſelbſt ſagten, iſt Herr von Werner aller⸗ dings ein ſo vorſichtiger Mann, daß ich überzeugt ſein muß, er wiſſe, daß ich vielleicht im Stande ſei, Ihnen Dienſte zu leiſten, wogegen—“ „Ich es übernehmen müßte,“ unterbrach ihn Saleck raſch mit einem freundlichen Lächeln,„Sie an irgend einen bedeutenden Be⸗ kannten, den ich vielleicht haben könnte, zu empfehlen.“ „So iſt es, und ich darf Ihnen die heiligſte Verſicherung geben, daß ich Ihrer Empfehlung alle Ehre machen werde.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich geräuſchvoll die Zimmerthüre und der Diener Saleck's trat ein, einen fürſtlichen Lakaien an⸗ meldend, der ein Schreiben zu überbringen habe, und begreiflicher Weiſe raſch vorgelaſſen wurde. Dieſer hatte aber zwei Briefe in der Hand, und als Saleck den ſeinigen entgegen genommen und damit an das Fenſter getreten war, um ihn zu leſen, folgte Felſing dem Lakaien an die Thüre. Er nannte demſelben mit einer be⸗ züglichen Frage ſeinen Namen, worauf ihm ebenfalls ein Schreiben zugeſtellt wurde, welches er mit einem Blick auf Saleck, ohne es zu öffnen, in der Hand behielt.“ Dieſer hatte den Umſchlag abgeriſſen, das einliegende Blatt auseinander gefaltet und in wenigen Sekunden durchflogen, worauf er die rechte Hand, in welcher er es hielt, langſam niederſinken ließ, um mit aufgeſtütztem linkem Arme gedankenvoll in die Land⸗ ſchaft hinaus zu ſtarren. Hackländer's Werke. 49. Bd. 11 Fürſt und Kavalier. Nicht ohne innere Bewegung machte es Felſing nun gerade ſo, wie es der Andere gethan, und las folgende Zeilen:„Euer Hoch⸗ wohlgeboren gefällige Zeilen von geſtern habe ich erhalten, und muß es Ihnen überlaſſen, ob Sie vielleicht geneigt ſind, das in demſelben erwähnte Schreiben an mich einſchicken zu wollen, da es Grund⸗ ſatz der unterzeichneten Stelle iſt, einen derartigen Geſchäftsweg ein⸗ zuhalten— Hochachtungsvoll— das Oberſthofmeiſteramt Ihrer Hoheit der Prinzeſſin Helene, Graf von Sporbach.“ Dieſe ziemlich kalten und wenig ermuthigenden Zeilen hätten auch Felſing veranlaßt, wie es der Andere gethan, mit ernſter Miene in die Landſchaft hinauszuſchauen, wenn er, wie Jener, zufällig am Fenſter geſtanden wäre, ſo jedoch begnügte er ſich mit einem tiefen Athemzuge, welcher aber ſo ſehr einem Seufzer glich, daß ſich Saleck umwandte und ihm ſagte:„Ah, auch Sie haben Briefe erhalten, und wie mir ſcheint, wenig erbaulichen Inhalts?“ „So iſt es, und wie mir ſcheint, kamen unſere beiderſeitigen Schreiben aus der gleichen Quelle, dem Oberſthofmeiſteramt der Prinzeſſin Helene.“ Saleck nickte mit dem Kopfe und durchlas das ſeinige abermals, von deſſen Inhalte wir dem geneigten Leſer kein Geheimniß machen dürfen. Daſſelbe lautete:„Euer Hochwohlgeboren gefälliges Schreiben von geſtern habe ich erhalten und nicht verfehlt, Ihre Hoheit die Prinzeſſin Helene davon geziemend in Kenntniß zu ſetzen, bedaure jedoch, Ihnen ſagen zu müſſen, daß Hochdieſelbe Ihre in dem er⸗ wähnten Schreiben von geſtern angeregten Erinnerungen an Rom nicht für wichtig genug erachtet, um Euer Hochwohlgeboren zu ver⸗ anlaſſen, Ihre Weiterreiſe zu unterbrechen, was ich in hohem Auftrage nicht verfehle, Euer Hochwohlgeboren mitzutheilen. Hoch⸗ achtungsvoll ꝛc. ꝛc.“ Dieſer Brief hatte indeſſen eine Einlage ganz von der Hand des Grafen Sporbach geſchrieben, während er das dienſtliche b V Fürſt und Kavalier. 163 Schreiben nur unterzeichnet hatte. Dieſe Einlage lautete:„Euer Hochwohlgeboren kann ich nicht umhin, bei Ueberſendung des Bei⸗ geſchloffenen in zwei privaten Worten zu verſichern, daß ich mich perſönlich unſerer Begegnung in Rom recht gerne erinnere, und im andern Falle gerne bereit wäre, Ihnen für Ihre mir dort bewieſene Freundlichkeit bezeigen zu können, wie ſehr ich bin Ihr aufrichtig ergebener Sporbach.——————— „Darf ich mir wohl erlauben, Sie zu bitten,“ ſagte Felſing nach einer längeren Pauſe, indem er dem Andern ſeinen Brief dar⸗ reichte,„dieſen Zeilen einen Blick zu ſchenken und mir zuzugeſtehen, daß ich ietzt um ſo mehr auf die empfehlenden Zeilen des Herrn Schloßhauptmanns von Werner angewieſen bin.“ „Und darf ich Sie wohl erſuchen, mein Schreiben zu leſen, um ſich dann ſelbſt zu ſagen, welche Hoffnung ein alſo kurz Abgewieſener Ihnen noch zu bieten vermag.“ „Dieſe Schreiben gleichen ſich allerdings wie ein unſauberes Ei dem andern, obgleich die bedauernden Zeilen des Privatmannes offenbar beſtimmt ſind, das Herbe des dienſtlichen Schreibens zu verſüßen.“. „Aber gewiß nicht in allerhöchſtem Auftrage;“ worauf der Andere nach einem langen gedankenvollen Blick in die Gegend hinausſagte:„Aber trotz alledem habe ich ein ſo unbegrenztes Vertrauen zu meinem Gönner, dem Herrn Schloßhauptmann, daß ich nicht umhin kann, Ihnen nochmals meine geringen Dienſte an⸗ zubieten.“ Saleck ſchien dieſe Worte nicht gehört zu haben, denn er ging mit großen Schritten auf und ab, und ballte während dieſes ſchwer erregten Spazierganges das wieder zurückgenommene Schreiben zu einer kleinen Papierkugel zuſammen, die er alsdann verächtlich in eine Ecke des Gemachs warf, wobei ſein Auge flammte und er ſeine Oberlippe trotzig aufwarf. Auch ſtieß er abgebrochene Sätze hervor: „Kann ich mich eigentlich über dieſen Ausgang wundern?— Gewiß 164 Fürſt und Kavalier. nicht,— es iſt mir ſchon recht geſchehen;— auf einen freundlichen Blick,— auf ein gnädiges Wort bauend,— des Glaubens zu ſein, als erinnere man ſich eines unbedeutenden Malers,— der das Glück hatte, Ihrer Hoheit damals gefällig ſein zu dürfen.— Ah, dazwiſchen liegen ja ſchon Monate, und Monate iſt eine lange Zeit, um von unſersgleichen vergeſſen zu werden— leider— leider aber iſt es ſo.— Unſinn, den ich begangen, hier den Schlußakt einer Komödie aufführen zu wollen, deren Anfang man total vergeſſen, und deren erſte Scenen man an ſich vorübergehen ließ, weil man gerade nichts Beſſeres zu thun wußte,— oder ſollte Werner recht haben, als er mir ein ſo wenig erfreuliches Bild von ihrem Ge⸗ müthe, von ihrem Herzen entwarf?— Weiß Gott, es wäre beſſer geweſen, hieher zu kommen und gerade aufzutreten und zu ſagen, da bin ich— das wünſche ich— das hoffe ich— ich, der damals als Maler Saleck eines freundlichen Blickes gewürdigt wurde,— eines Blickes, der Hoffnungen in mir erregte.“ Der Andere hatte dieſem lauten Selbſtgeſpräch mit einigem Erſtaunen zugehört, und ein aufmerkſamer Beſchauer hätte aus dem gemüthlichen Lächeln, welches auf Felſing's Zügen erſchien, entnehmen können, daß er ſich aus jenen abgeriſſenen Worten etwas Zuſammenhängendes bildete, das der Wahrheit ziemlich nahe kam. So trat kein gewöhnlicher Maler auf, der einen ähn⸗ lichen Abweis erhalten, ſo pflegte ſich nur Jemand auszudrücken, der vielleicht fordern, befehlen konnte, wo er gewünſcht, gebeten. „Und was hindert mich,“ fuhr jener fort,„heute noch zu thun, was ich geſtern verſäumt?— vor ſie hinzutreten und zu ſagen: da bin ich— ich bitte um ein gnädiges Ja oder Nein.———— Und wenn ich ein Nein zur Antwort er⸗ hielte?— Verdammt!— Nach Werner's Aeußerungen wäre alle Hoffnung dazu vorhanden, und ich mit meiner Saleckrolle hätte wahrhaftig alle Ausſicht, mich vor der Prinzeſſin lächerlich zu machen— was wohl bei ihr das Schlimmſte iſt, was einem ge⸗ Fürſt und Kavalier. 165 ſchehen könnte.—— Handeln muß ich,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe am Fenſter ſtehen bleibend,„aber mit Ueberlegung.— Herr von Felſing,“ wandte er ſich hierauf raſch an dieſen,„ich nehme Ihre Dienſte an.“ „Wofür ich Ihnen ſehr dankbar ſein werde, gnädiger Herr, und Ihnen wohl die Verſicherung geben darf, daß Sie Ihr Ver⸗ trauen keinem Unwürdigen ſchenken werden.“ „Dieſes Papier iſt mir Bürge dafür,“ entgegnete Saleck, auf den Brief des Schloßhauptmanns zeigend, welchen er vorhin auf den Tiſch gelegt hatte und jetzt wieder in die Hand nahm.„Alſo gegenſeitiges vollkommenes Vertrauen, dann Ueberlegung und hierauf Handeln— ſetzen Sie ſich.— Ich bin der Fürſt von—, reiste vor einem halben Jahre im ſtrengſten Incognito in Italien, aber im wirklichen Incognito, daran brauche ich nicht zu zweifeln, denn der Maler Saleck, als welcher ich in Rom auftrat und mich der Prinzeſſin Helene vorſtellen ließ, wurde als ſolcher empfangen, und ich darf wohl ſagen, mit ſo ausgezeichneter Freundlichkeit behan⸗ delt, daß er nicht erwarten durfte,“ ſetzte er mit einem ſchmerz⸗ lichen Ton der Stimme hinzu,„hier in kurzer Zeit gänzlich ver⸗ geſſen zu ſein, daß es ihm, wie Sie ja ſelbſt geleſen haben, in ſo dürren Worten abgeſchlagen wurde, dieſe Bekanntſchaft in der aller⸗ ehrerbietigſten Weiſe fortſetzen zu dürfen— ach, und ich hatte ſo ſchöne Hoffnungen daran geknüpft, denn um Ihnen meine ganze Lage klar zu machen, ich liebte die Prinzeſſin vom erſten Augen⸗ blicke an, wo ich ſie ſah, ich war bezaubert von ihrem Geiſte, ihrer Schönheit, ihrer Liebenswürdigkeit und hatte es mir ſo ſüß aus⸗ gemalt, hier zu ihren Füßen meine Maske abzuwerfen und um ihre Hand zu bitten— das liegt nun Alles hinter mir.“ Bei dieſen letzten Worten ſprang er erregt von ſeinem Stuhle auf und machte einen raſchen Gang durch das Zimmer, während⸗ deſſen Felſing in ſehr ruhigem Tone zur Antwort gab:„das war allerdings eine ſehr romantiſche und hübſche Idee, gnädiger Fürſt und Kavalier. Herr, auf deren Verwirklichung ich übrigens nicht ſehr gebaut hätte.“ „Wie ſo, Herr von Felſing?“ „Ihre Hoheit, die Prinzeſſin Helene, befand ſich damals in Nom nicht ſtreng umgeben und eingeengt von der Etiquette eines ſehr vornehmen Hofes, als welches der hieſige bekannt iſt; Sie nahmen in Ihrer jugendlichen Lebhaftigkeit alle Eindrücke jenes wunderbaren Landes mit ſeinem herrlichen Klima und ſeinen be⸗ rauſchenden Kunſtſchätzen in ſich auf,— wer unter Orangen und Palmen wandelt,“ ſagte er mit einem feinen Lächeln,„denkt und fühlt anders als es gewöhnlich unſer ernſtes und ſtrenges Klima erlaubt.“ „Ja, ja, das iſt gewiß.“ „Ich bin erfreut, daß Eure Hoheit mir zuſtimmen, und das gibt mir den Muth, ohne Rückhalt fortzufahren.— Dort in Rom unter duftenden Orangen, bei den Kunſtſchätzen des Vatikans in dem überwältigenden Eindruck der herrlichen Stadt, war die Er⸗ ſcheinung eines ſolchen Malers Saleck— ohne mir erlauben zu wollen, Eurer Hoheit ein Kompliment zu machen,— eine ganz andere, als ſie hier hätte ſein können. Sie ſelbſt traten dort unter Ihrer Maske und im Bewußtſein deſſen, was Sie waren, freier und ungezwungener auf und wurden ſo empfangen, und ich kann es mir wohl denken, daß das warme Intereſſe, welches Sie an der Prinzeſſin nahmen, von dieſer auch bis zu einem gewiſſen Grade erwiedert wurde, erwiedert werden durfte.“ „Gewiß,— gewiß, ſie zeigte mir ein Intereſſe, das mich zu ſchönen Hoffnungen berechtigte.“ „Dort,— gnädiger Herr; hier aber verſchwand das mit dem Zauber des italieniſchen Lebens, und in die Alltäglichkeit des unſrigen zurückgekehrt, verlor der Maler Saleck gar viel, wenn auch nicht Alles, von jenem Nimbus, mit dem ihn dort ſeine unabhängige Stellung umgeben hatte,“ —-— Fürſt und Kavalier. 167 „Wahr— ſehr wahr, und ich hätte damals meine Zeit beſſer nützen ſollen,— o, hätte ich doch damals, meine Maske abwerfend, eine Erklärung herbeigeführt.“ „Vielleicht wäre ſie von einem glücklichen Reſultate gekrönt worden, vielleicht auch nicht. Ich habe Verſchiedenes über den eigen⸗ thümlichen Charakter der Prinzeſſin gehört, und demnach wäre es möglich geweſen, daß Sie ſchon Rom mit geſcheiterten Hoffnungen verlaſſen hätten.“ „Ja, ja, es war die Ungewißheit, welche mich damals abhielt, ihr, mich nennend, meine Liebe zu erklären,— o, ich hätte Ge⸗ legenheit genug dazu gehabt.“ „Darf ich ganz offen reden, gnädiger Herr?“ „Gewiß, Sie ſehen, daß ich auf Ihre Idee eingehe.“ „Nun gut; Sie kamen hieher, um die abgeriſſene Rolle des Malers Saleck fortzuſpielen. Verzeihen mir Eure Hoheit, das war bei all Ihrer Liebenswürdigkeit eine etwas vermeſſene Idee. Ge⸗ ſetzten Falls, Maler Saleck wäre von der Prinzeſſin nicht ohne Aes betrachtet worden, ſo mußte ſich dieſes Intereſſe, wenn es noch ſo warm geweſen wäre, in unſerer hieſigen Umgebung und bei kälterer Ueberlegung nothwendiger Weiſe verwiſchen, ja, wenn dieſes Intereſſe in der That tief bei ihr eindrang, ſo ſah ſie ſich jetzt bei Ihrem Wiedererſcheinen ihrer Stellung gegenüber ver⸗ anlaßt, ſich dieſes Antheils zu ſchämen— verzeihen Sie mir dieſes harte Wort, aber ich kann kein anderes gebrauchen, und da die Prinzeſſin Sie total verleugnet, wie es dieſer Brief deutlich beweist, ſo muß ſie ein warmes Intereſſe an Ihnen genommen haben.“ „Sie legen einen vortrefflichen Balſam auf die Wunde, die ich empfangen,“ rief der Andere vergnügt, ja ſie kann mich ver⸗ geſſen wollen, aber vergeſſen kann ſie mich doch nicht.— Aber weiter, entwickeln Sie mir Ihre Anſicht über mein ferneres Auftreten hier; Sie werden zweifelhaft ſein, was ich nun be⸗ ginnen ſoll.“ Fürſt und Kavalier. „Ganz und gar nicht, gnädiger Herr, Sie als Saleck haben ſich allerdings für die nächſte Zeit unmöglich gemacht, das heißt, wenn es uns nicht gelingt, bei der Prinzeſſin ein neues und regeres Intereſſe für Saleck zu erwecken.“ „Schwerlich, wenn es dieſem unglücklichen Saleck nicht vergönnt iſt, ihr unter die Augen zu treten,— o, dieſe Abweiſung iſt die Klippe, an der ich ſcheitern muß.“ „Man muß an nichts verzweifeln, gnädiger Herr, und wenn ich mir erlauben dürfte, eine kühne Idee zu entwickeln, und Sie dieſe Idee annehmen, ſo glaube ich ſo viel erreichen zu können, um wirklich ein neues Intereſſe für Saleck zu erregen; ob Eure Hoheit dabei die Partie gewinnt, das iſt freilich eine andere Frage.“ „Laſſen Sie hören.“ „Ich bin unbekannt hier und ſelbſt dem Oberſthofmeiſter der Prinzeſſin iſt Herr von Felſing eine völlig fremde Perſon: er würde ihn nicht kennen und wenn er zehnmal dicht an ihm vorüber⸗ ginge,— gut alſo, Herr von Felſing verſchwindet, reist ab, und Ihr ganz ergebener Diener, welchen Sie ſo freundlich waren bei ſich aufzunehmen, erſcheint als einer Ihrer Kavaliere und unter beliebigem Namen am Hofe des Fürſten mit einem vertraulichen eigenhändigen Schreiben Eurer Hoheit, worin Sie geradezu um die Hand der Prinzeſſin anhalten.“ „Um mir einen allerliebſten Korb zu holen— einen ſolchen zu erhalten ſoll nie ein angenehmes Gefühl verurſachen, aber in meiner Stellung wäre das doppelt unangenehm.“ „Verzeihen mir Eure Hoheit, Ihr Unterhändler müßte ſich ſehr ungeſchickt benehmen, wenn er es bis zu einem wirklichen Korbe kommen ließe: man ſtellt ſich Seiner Excellenz dem Herrn Oberſt⸗ hofmeiſter vor, nicht mehr als demüthiger Felſing, ſondern als intimer Geſandter Euer Hoheit mit großem Selbſtbewußtſein, das ich zu entwickeln verſtehen werde; man läßt merken, daß man einen koſtbaren Brief beſitzt, man läßt ſogar etwas von deſſen In⸗ Fürſt und Kavalier. halte durchſchimmern, man unterhandelt und thut vor allen Dingen keinen Schritt in ein unbekanntes Waſſer, ehe man überzeugt iſt, daß man auch Grund unter ſeinen Füßen behält.“ „Sehr gut, Herr Geſandter; wenn man aber ſtatt eines aus⸗ geſprochenen Korbes eine verblümte Abweiſung erhält, ſo iſt der Effekt wohl derſelbe.“ Herr von Felſing hatte ſich förmlich erhoben und ſagte mit einer tiefen Verbeugung und feierlich ernſtem Tone:„vor Allem danke ich Euer Hoheit für den mir beigelegten Titel— und was nun eine allenfallſige Abweiſung anbelangt,“ ſetzte er, ſich wieder niederlaſſend, in ſeiner gewöhnlichen zwangloſen Sprachweiſe hinzu, „ſo läßt man ſich auch nicht einmal eine ſolche geben, ſondern zieht vorſichtig ſeine Fühlhörner zurück, ſobald man auf etwas Ver⸗ dächtiges ſtößt.“ „Nehmen wir aber an, wir hätten dieſe Abweiſung, an der ich bei dem Charakter der Prinzeſſin, wie er mir geſchildert, wohl nicht zweifeln darf,— was dann weiter?“ „In dem Falle gälte es alsdann, durch ein leichtes, wenn auch nicht ganz ungeſchicktes Manöver die Prinzeſſin für Saleck auf's Neue zu intereſſiren.“ „Und wie das anfangen?“ „Auf die leichteſte Art von der Welt, wenn mir Eure Hoheit freie Hand laſſen wollen. Wir ſind alſo auf dem Punkte angekom⸗ men, wo wir unſere Fühlhörner, da wir auf etwas Unangenehmes ſtoßen, zurückziehen, und wir nehmen dieſen Rückzug auf die ruhigſte und ehrenhafteſte Art von der Welt: wir drücken obenhin unſer Be⸗ dauern aus, daß Pläne, deren erſte Keime vielleicht in der Zeiten Hintergrunde ſchlummern könnten, nicht im Stande wären, ſich zu verwirklichen; wir erlauben uns aber dem höchſten Hofe die Fortdauer unſerer intimen Freundſchaft zu verſichern, wir hoffen Gelegenheit zu finden, dieß zu beweiſen; wir ſind zu allen Gegendienſten bereit und bitten ſchließlich um eine ganz unbedeutende Kleinigkeit,“ Fürſt und Kavalier. „Nun, auf Ihre Kleinigkeit wäre ich begierig.“ ———„Es gibt eine Perſen,“ fuhr Herr von Felfing nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort, während er einen zurück⸗ haltenden Ton annahm, ſo als ſpräche er mit einem Dritten,„es gibt eine Perſon, die ſich Saleck nennt,— Euer Excellenz,“ würde ich ſagen,„haben vielleicht dieſen Namen nie gehört,— ein zwei⸗ deutiger Menſch, der bald unter der Maske eines reichen Touriſten, bald unter der eines Künſtlers umher reist, ſich an fürſtliche Per⸗ ſonen drängt, der allerdings ausgezeichnet durch Bildung und ein⸗ nehmendes Weſen in vornehmen Zirkeln Zutritt erhält, und den man intimer Berichte an Gott weiß welchen Hof für fähig halten muß.“— „Bei Gott, Sie laſſen mich eine ſchöne Rolle ſpielen, aber ich ahne, wo Sie hinaus wollen; nur könnte man ſtatt der intimen Berichte, deren Sie dieſen armen Saleck verdächtigen, ein anderes Motiv unterſchieben.“ „Gewiß, gnädiger Herr, und ich bin überzeugt, daß mir im Augenblicke der Ausführung unſeres Planes ein anderes Motiv einfällt; kurz es iſt nothwendig, das Verlangen zu ſtellen, dieſen Saleck, der auch hier erſcheinen wird, in kurzer Zeit, binnen wenigen Tagen, ja in vierundzwanzig Stunden zu entfernen;— man iſt zu allen Gegendienſten bereit.“ „Gut,— und Sie glauben wirklich, die Prinzeſſin würde Ihre Rancunes gegen einen unbequemen und abgewieſenen Bewerber ſo weit treiben, um den armen, verleumdeten Saleck in Schutz zu nehmen?“ „Hieran zweifle ich keinen Augenblick, da Eure Hoheit in Rom mit einem ſo regen Intereſſe betrachtet wurde.“ „Gewiß, mein lieber Felſing,“ gab der Fürſt nach einer Pauſe zur Antwort, während welcher er ſeine Augen mit der Hand be⸗ deckt hatte,„man zeigte mir ein warmes Intereſſe, und als ich Abſchied nahm— o, das war ein Augenblick, der mich in der ——— Fürſt und Kavalier. 171 That betäubt hätte, wenn ich wirklich der Maler Saleck geweſen wäre;—— glauben Sie denn, daß ich ohne einige Hoffnung dieſes Spiel überhaupt begonnen hätte? Doch Ihr Plan gefällt mir,“ ſetzte er nach einiger Ueberlegung hinzu,„und um Ihnen zu zeigen, welches Vertrauen ich in Sie ſetze, wollen wir ihn augen⸗ blicklich zur Vollziehung bringen.———— Sind Sie, mein lieber Felſing,— Sie entſchuldigen meine Frage,— nach Ihren vielen Irrfahrten mit allem nöthigen Aeußern genügend verſehen, um mich in einer ſo delikaten Angelegenheit würdig vertreten zu können?“ Felſing verbeugte ſich lächelnd, wobei er ſagte:„ich bin ſo durchdrungen von dem wahren Worte: Kleider machen Leute, daß ich mich mit Aufbietung meiner letzten Mittel in den Stand ſetzte, um im glücklichen Falle, der aber nicht eingetreten iſt, hier bei Hofe erſcheinen zu können.“ „So wollen wir ohne Verzug an's Werk ſchreiten,“ erwiederte der Fürſt, trat an den Schreibtiſch, der im Zimmer ſtand, öffnete eine kleine Kaſſette, und nahm ein verſiegeltes Schreiben heraus, welches er Herrn von Felſing überreichte.„Nehmen Sie das,“ ſagte er,„laſſen Sie ſich beim Oberſthofmeiſter, Grafen von Sporbach, melden, und ſeien Sie verſichert, er wird Ihnen wenig⸗ ſtens äußerlich einen vortrefflichen Empfang zu Theil werden laſſen.“ „Und welchen Namen wollen Eure Hoheit mir beilegen?“ „Den Namen, deſſen ſich der Spion Saleck bediente, ehe er nach Rom kam,— hier ſind ſeine Viſitenkarten.“ Er übergab ihm ein kleines Packet derſelben.“ „Baron Hauke,“ las Felſing,—„ich hoffe, dem Namen, den Eure Hoheit geführt, keine Schande zu machen.“ Der Kammerdiener des Fürſten war einige Augenblicke vorher in das Gemach getreten und an der Thüre ſtehen geblieben, er⸗ wartend, daß ein Blick ſeines Herrn auf ihn fallen würde. Als dieß aber nicht ſogleich geſchah, erlaubte er ſich hinter der vor⸗ 172 Fürſt und Kavalier. gehaltenen Hand leiſe zu huſten, worauf Jener umſchaute und auf eine bezeichnende Bewegung des Andern zu ihm hintrat. „Es iſt ein Herr draußen, der Euer— der Sie dringend zu ſprechen wünſcht.“ „Wer iſt es?“ „Hier iſt ſeine Karte.“ „Oberingenieur Ferdinand Ramberg; ich habe dieſen Namen noch nie gehört;— was ſollte ich auch hier mit Architekten und Ingenieuren zu ſchaffen haben;— nannte er meinen Namen?“ „Gewiß, gnädiger Herr, er verlangte dringend in einer wich⸗ tigen Angelegenheit mit Herrn von Saleck zu ſprechen.“ „Nun ſo laſſ' ihn eintreten,“ ſagte der⸗ Fürſt achſelzuckend und wandte ſich darauf mit den Worten an Felſing:„mein lieber Baron Hauke, was Sie anbelangt, ſo rüſten Sie ſich zu Ihrer ſchwierigen Fahrt, kommen aber noch auf einen Augenblick zu mir, ehe Sie dieſelbe antreten.“ B Der alſo Angeredete verbeugte ſich lächelnd und verließ das Zimmer, welches der Oberingenieur nur kurze Zeit darauf betrat. V. Wir würden uns zu Wiederholungen genöthigt ſehen, wenn wir dem geneigten Leſer die Unterredung zwiſchen den beiden falſchen Saleck mittheilen wollten, und müſſen uns gerade bei dieſer auf ſo einfachen wenn gleich wahren Begebenheiten bafirten Geſchichte vor einer ſolchen Sünde in Acht nehmen. Soviel dürfen wir jedoch ſagen, daß die Unterredung eine ſehr lebhafte war, daß ſich am Schluſſe derſelben beide Saleck die Hände ſchüttelten, und daß der —— — Fürſt und Kavalier. 173 Oberingenieur hierauf ſein Pferd ſatteln ließ und hinausriti, wo die Vollendung eines höchſt ſchwierigen Brückenbaus ſeine volle Thätigkeit in Anſpruch nahm. Daß er übrigens auf dem geraden Wege dorthin ritt, können wir nicht behaupten; er hätte nicht mehr das andere Flußufer zu betreten nothwendig gehabt, um an den Ort ſeiner Beſtimmung zu gelangen, und von ihm, der mit ſeiner Zeit ziemlich geizte, war es auffallend, daß er nicht nur um den fürſtlichen Park herumritt, ſondern dieſen ſogar bei dem Eingangs⸗ thore, welches auf die breite Avenue führte, nach erhaltener Erlaub⸗ niß betrat und dort ſcharf austrabend ſoweit hineinritt, bis er die freilich zwiſchen den Bäumen verſteckten Gebäude des Schloſſes, namentlich einen vorgeſchobenen Pavillon zu bewundern vermochte. Er blieb auch hier eine Zeitlang bewundernd ſtehen, bis er endlich mit dem Ausdruck getäuſchter Erwartung auf dem Geſichte ſein Pferd herumwandte und alsdann in gedehntem Jagdgalopp die Landſtraße wieder gewann, von wo er die Grenze des Parks ver⸗ folgte, um eine Stunde oberhalb Warneck den Fluß zu überſchrei⸗ ten, und in den waldigen Bergen zu verſchwinden. Herr von Felſing hatte hierauf im Laufe des Vormittags noch eine Unterredung mit Saleck, wobei dieſer ihm Mittheilungen nicht unangenehmer Art über das zu machen ſchien, was er von dem Oberingenieur erfahren, und worauf der Beſchluß gefaßt wurde, Seine Excellenz, den Herrn Oberſthofmeiſter Grafen von Sporbach beſtimmter mit den Hoffnungen und Wünſchen Seiner Hoheit be⸗ kannt zu machen, ja vielleicht ſogar deſſen Brief zu übergeben, denn Felſing meinte ganz richtig:„wenn uns die Prinzeſſin einen voll⸗ ſtändig determinirten und nicht zu mißdeutenden Refus gibt, ſo wird ſie um ſo eher entſchloſſen ſein, ſich für den verfolgten Saleck zu intereſſiren.“ Im Uebrigen hatte Felſing,„Baron Hauke“, ganz das Aeußere eines vornehmen Unterhändlers und nahm ſich in der Equipage des Gaſthofs— neben dem Kutſcher ſaß der Kammer⸗ 174 Fürſt und Kavalier. diener des Fürſten in einer einfachen Hauslivree— ſtattlich ge⸗ nug aus. 8 Während er nach dem Schloſſe fuhr, beſtieg Herr von Saleck einen leichten, gemietheten Jagdwagen, um eine mehrſtündige Ex⸗ kurſion in die Umgegend zu machen. Laſſen wir dem Samen, der heute ausgeſtreut wurde, während einer kurzen aber duftigen Sommernacht Zeit, aufzuſprießen, um ſeine Blüten, vielleicht Giftblumen zu treiben. Was auch während der vorüberſchwebenden Nacht geſagt und gedacht worden war, welche Stürme vielleicht dieſe oder jene Bruſt freudig oder ſchmerzlich bewegt; der anbrechende friſche Sommermorgen ließ nichts mehr übrig von nächtlichen Schatten in der Landſchaft, noch von tieferen Schattenzügen, die vielleicht für Augenblicke, für Stunden heitere Mienen gefurcht; Alles das verglich ſich wieder unter den goldenen Strahlen der aufflammenden Sonne. Ach wie lag ſie ſo lauernd auf der dichten Laubmaſſe des Parkes, hie und da eindringend durch die neidiſchen Zweige und dem Boden mit ſeinen Gräſern und Blumen raſche, glühende Küſſe aufdrückend, wo ſich eine Lücke dar⸗ bot. Wie koste ſie dort ſo ohne alle Scheu mit dem dahinflutenden Waſſer und umarmte die glänzende Fläche in ſo inniger Verbindung, daß man nicht mehr wußte, ſah man mehr Sonnenſchein oder mehr Waſſer. Wie blitzte ſie in den Thautropfen der Gräſer, wie färbte ſie den Himmel ſtrahlend blau, licht und durchſichtig. Auch den kleinen Pavillon, in welchem die beiden jungen Damen wohnten, hielten ihre Strahlen umſchlungen und ſchienen ſich nicht wenig darüber zu ärgern, daß dichte, tief herabgelaſſene Vorhänge ſie dort am Eindringen hine er Die Gräfin Eller, befand ſich abermals bei ihrer Freundin, und hatten Beide in⸗ ſo farn gegen vorgeſtern Abend ihre Rollen getauſcht, als Fräulein von Saint⸗Aubin in leichtem Morgenanzuge in ihrem Fauteuil ruhte, während die kleine Gräfin in einfacher aber vollſtändiger Toilette vor ihr ſtand.„Läugne es mir nicht,“ ——— Fürſt und Kavalier. 17b ſagte ſie, indem ſie ihre Lippen in komiſch affektirtem Unmuthe auf⸗ warf,„daß Du wieder einmal großes Glück haſt. Wie hat es geſtern Abend da drüben geſtürmt, und Fräulein Viktorine war nicht zum Vorleſen befohlen.“ „Eine beginnende Ungnade.“ „Pah! wenn Alles dergleichen beginnende Ungnaden wären, ſo wäre ſchon lange bei Hofe Niemand mehr wohl gelitten, aber laſſ mich fortfahren in meiner Schilderung Deines Glückes: geſtern Abend kein Vorleſen, keine Geſichter, keine widerwärtigen Bemer⸗ kungen— für Dich nämlich. Ich allein war das Opferlamm;— o, wenn ich Sünden begangen hätte, ich würde ſie alle abgebüßt haben: ſprach ich von dem deliziöſen Abend, ſo fand man es un⸗ erträglich heiß; klagte ich, eingehend in Ihrer Hoheit Gedanken ebenfalls über dumpfe Schwüle, ſo mußte ich hören, daß mir Nichts recht zu machen ſei; wollte ich weiter leſen, ſo fand man meine Lektüre unerträglich langweilig; ſchwieg ich ſtill, ſo war Gräfin Eller ſo launenhaft, wie es nur ein verzogenes Kind ſein kann,— als ob man uns bei Hofe verzogene Kinder nennen könnte. Ach,“ ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu,„wer wenigſtens heute Morgen wüßte, wie Ihre Hoheit geſchlafen, ob Höchſtdieſelbe die Gnade gehabt hat, in der Nacht ein⸗ oder zweimal aufzuwachen, denn darnach muß ich Aermſte meine Frage einrichten, wenn ich gleich hinübergehe, während Du Glückliche hier ſitzen bleiben darfſt. — Ja das iſt heute keine Kleinigkeit, und Du, die erſt zum Diner zu erſcheinen braucht, haſt gut lachen.“ „Im Falle keine Spazierfahrt befohler wird;— davor ſind wir noch nicht ſicher.“ 11 „Ich glaube das nicht, wenigſtens nichts Größeres, und wenn Ihre Hoheit ausfährt, ſo habe ich n das Glück, ſie begleiten zu dürfen.“ „Was iſt denn eigentlich drüben vorgefallen?“ frug Fräulein von Saint⸗Aubin nach einer Pauſe;„Du, die mit aller Welt auf 176 Fürſt und Kavalier. dem beſten Fuße ſteht, wirſt doch wohl etwas darüber erfahren haben?“ 3 „Das habe ich auch,“ gab die Gräfin Eller näher tretend mit leiſerer Stimme zur Antwort,„das heißt, was ich erfahren habe, gründet ſich auf Vermuthungen.“ „Und auf Mittheilungen Deiner ſpeziellen Gönnerin, Fräulein Miré, deßhalb wartete ich auch geſtern Abend mit dem Thee ver⸗ geblich auf Dich.“ „Ich war allerdings bei der Miré,“ gab die kleine Gräfin in anſcheinend gleichgültigem Tone zur Antwort,„aber mehr, um ſie um eine Begleitung zu bitten durch den alten häßlichen Saal, vor dem ich mich abſcheulich fürchte; auch waren keine Lakaien mehr im Vorzimmer, denn eine halbe Stunde, ehe mich die Prinzeſſin entließ, ſagte ſie ihrem Kammerdiener, ſie brauche nichts mehr, und darauf fliegen ſie davon nach allen Richtungen.“ „Du brauchſt Dich gar nicht zu entſchuldigen,“ lächelte Vittorine, „es iſt im Gegentheil ſehr angenehm, zuweilen aus der beſten Quelle etwas zu erfahren:— alſo die Miré wußte Einiges?“ „Mehr als ſie mir ſagte, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ „Nun, und was ſagte ſie?— ſieh' wie neugierig ich bin.“ „Graf Sporbach hatte geſtern in der Frühe einen Vortrag bei der Prinzeſſin, in welchem es ſich um Anderes als den gewöhn⸗ lichen Dienſt handelte, es ſoll ein Fremder hier angekommen ſein, den Ihre Hoheit in Rom geſehen,— häu—fig— ge— ſehen;— verſtehſt Du? und der ſich die Gnade ausbat, auf ſeiner Durchreiſe hier Ihrer Hoheit aufwarten zu dürfen. 2 „Nun, was weiter?“ „Die Prinzeſſin ſei bei dieſer Nachricht ziemlich erregt geweſen, habe ſehr laut mit Sporbach geſprochen und in ihrem entſchloſſenen Tone geſagt: ich brauche ihn nicht zu ſehen, ich will ihn nicht ſehen, es gäbe der Audienzen kein Ende, wenn Jeder, der uns hier oder dort einmal begegnet, das Recht hätte, eine ſolche zu verlangen.“ Fürſt und Kavalier. 177 „Der ſich melden ließ, wird der Maler Saleck geweſen ſein; die Prinzeſſin ſah ihn häufig in Rom, hat auch Zeichnungen von ihm in ihrem Album und behandelte ihn damals ausgezeichnet gut.“ „Kennſt Du ihn?“ „Ich nicht; ich habe das von Wilden, der ihn kennt und der auch damals in Rom war.“ „Richtig, Wilden könnte uns Auskunft geben,“ ſagte die kleine Gräfin ſehr entſchloſſen und ſetzte nach einiger Ueberlegung hinzu: „ich will ihn mir kommen laſſen, er hat ſchon lange ein Aquarell für mich in Arbeit, das gar nicht fertig werden will.— Aber laſſ' Dir jetzt erzählen, was ich ferner weiß: Geſtern kurz vor der Tafel verlangte Sporbach nochmals eine Unterredung mit der Prinzeſſin, und dieſe,“ fuhr ſie kopfnickend fort,„ſoll ſehr animirt geweſen ſein, wenn auch kurz, da Seine Hoheit der Fürſt jeden Augenblick erwartet wurde. Die Prinzeſſin gab heftige Antworten und ſagte unter Anderem, wobei ſie den Titel des armen Sporbach ſcharf betonte, wie ſie immer zu thun pflegt, wenn ſie ſehr ſchlecht gelaunt iſt: „Euer Excellenz hätten mir das erſparen ſollen,— Euer Excellenz kennen meine Grundſätze und wiſſen, daß ich weit davon entfernt bin, mich wie eine Waare verhandeln zu laſſent.“ „A— a— a—ah!“ „Mich wie eine Waare verhandeln zu laſſen;— verſtehſt Du?“ „Vollkommen;— doch dieſe Aeußerung haſt Du nicht von der Miré.“ „Nein,“ gab die Gräfin mit einiger Verlegenheit zur Antwort, „aber aus einer andern ebenſo guten Quelle— passons là-dessus! Die Sache iſt ſo, wie ich Dir ſage, und ſchon als wir zur Tafel gingen, fing es an zu wetterleuchten; ich weiß nicht mehr ganz genau, ob ich gerade ſehr heiter geſtimmt war, oder ob ſich das auf meinem Geſichte ausdrückte, genug, als Ihre Hoheit an mir vorüber⸗ ging, um zum Speiſeſaal zu gelangen, ſchauten mich Hochdieſelben mit einem ernſten Blicke an und geruhten zu ſagen: Ich muß ſchon Hackländer's Werke. 49. Bd. 12 178 Fürſt und Kavalier. geſtehen, Gräfin Eller, daß Ihre Manier, Alles heiter zu finden, zuweilen eiwas ſehr Unangenehmes hat. Du kennſt mich genugſam, um zu wiſſen, daß ich mir nicht viel aus dieſer Anrede machte; hätte ich z. B. etwas ernſt ausgeſehen, ſo würde ſie meine finſtere Miene unerträglich gefunden haben. Aber ſo ging es den ganzen Abend fort— haſt Du nicht auch bemerkt, daß ſie Dir bei der Tafel hie und da einen finſtern Blick zuwarf und oft eigenthümlich lächelte, wenn ihr Auge das des Herzogs traf?“ „Was geht mich der Herzog an?“ „Gewiß gar nichts;— davon iſt Niemand beſſer überzeugt als ich; doch vergiß nicht, daß er eben ſo klein und häßlich als boshaft iſt und für manches pikante Wort, das Du ihm gegönnt, fühlt er ſich in Deiner Schuld.“ „Ich weiß,— ich weiß,“ ſagte Viktorine nachdenkend. „Nun ich will nicht weiter reden,“ fuhr die Gräfin fort,„über die Qual Ihrer Hoheit in ſolcher Laune vorleſen zu müſſen; bald ſchrie ich, ſo behauptete ſie nämlich, daß es über den Anſtand ging, bald frug ſie mich ironiſch, ob ich Hals⸗ oder Bruſtſchmerzen hätte, und daß ich ihr nichts erwiederte als ‚ja' oder ‚nein, Hoheit', ver⸗ beſſerte durchaus nicht ihre Laune. So ſchieden wir geſtern Abend äußerſt förmlich, und Du wirſt begreifen und es gerecht finden, daß ich Dich glücklich preiſe, hier in Deinem behaglichen Winkel bleiben zu können, während ich hinaus muß,“ ſetzte ſie pathetiſch hinzu,„in den Kampf des Lebens“. „Nimm es ernſthaft, liebe Eliſe,— ſei ſo freundlich als mög⸗ lich; aus dem, was Du mir mitgetheilt, ſchließe ich auf eine ernſt⸗ liche Verſtimmung und deßhalb bin ich wirklich recht dankbar, heute hier bleiben zu können; Dir ſagt ſie aufbrauſend ein ſcharfes Wort, wogegen ſie mich in ähnlichen Fällen mit kalten, tiefſchneidenden Worten zu mißhandeln verſucht.“ „Auf denn in den Kampf!“ rief lachend die kleine Gräfin, „und wenn ich nach dem Dejeuner nicht wiederkomme, ſo laſſ' ein Fürſt und Kavalier. 179 bischen nachſuchen in einem der tiefſten Schloßkeller.“ Damit nahm ſie ihren leichten Shawl über ihre Schultern, hüllte ſich feſt hinein und ging mit ſehr erhobenem Kopfe nach den Gemächern der Prin⸗ zeſſin. Dort im Vorzimmer war der taube Kammerdiener beſchäftigt, einen Blumentiſch zu ordnen, und als er die Hoſdame eintreten ſah, trat er ehrerbietig auf ſie zu, hob die Hand an ſeinen Mund, als ob er ihr etwas zuflüſtern wolle, ſagte aber in Wahrheit ſo laut, daß man es hätte im anſtoßenden Zimmer hören können:„Seine Excellenz, der Herr Oberſthofmeiſter, ſind ſchon um dieſe Stunde wieder bei Ihrer Hoheit.“ „So werde ich hier warten;— laſſen Sie es mir gleich melden, wenn der Graf Sporbach fortgeht.“— Die Hofdame ſetzte ſich in einen Fauteuil, nahm vom Tiſche ein Buch und fing an zu leſen. Begeben wir uns einen Augenblick auf die vor dem Zimmer der Prinzeſſin befindliche Terraſſe, welche, ſelbſt noch im Schatten liegend, einen herrlichen Blick gewährte in die von der Morgenſonne prachtvoll beleuchtete Landſchaft. Die Prinzeſſin hatte in einem Schaukelſtuhle geruht und geleſen, ehe man ihr den Grafen Spor⸗ bach gemeldet, das heißt, ſie hatte ein Buch in ihrer Hand gehalten und zuweilen einen Blick hineingeworfen, der aber über die glatten Blätter hinwegfliegend ſich in der weiten herrlichen Ausſicht verlor, dort umherſchweifte, bald einen Augenblick auf den wie vergoldet ausſehenden Laubmaſſen ruhend, bald auf dem leuchtenden Waſſer des Fluſſes, ſich jetzt in das Dunkel des Parks verſenkte, dann hinaufflog zur alten Ruine Warneck und dort lange ruhen blieb, bis ihn ein leichter Seufzer zurückrief und ein paar Sekunden an das Buch feſſelte, um ihn darauf daſſelbe Spiel auf's Neue beginnen zu laſſen. Zuweilen auch warf die Prinzeſſin dieſes Buch ganz auf die Seite und heftete ihre Augen mit tiefem Nachdruck auf die bunte Strohmatte zu ihren Füßen, worauf ſie alsdann haſtig in die Höhe ſprang, an den Rand der Terraſſe trat und hinabſchaute. „Ja, ja,“ ſprach ſie alsdann zu ſich ſelber,„es iſt ſo, es war Fürſt und Kavalier. keine Täuſchung, als ich von da unten das Lied klingen hörte, aber daß er es ſei, wer hätte es denken können. Und doch iſt es immer⸗ hin noch möglich, daß auch ein anderer dieſe Melodie wußte;— warum denn gerade er?“ ſetzte ſie mit trotzig aufgeworfenen Lippen und achſelzuckend hinzu;—„was gäbe ihm den Muth?— wie könnte er ſich herausnehmen, ſich auf ſolche Art bemerklich zu machen? Und wenn auch, was geht's mich an?— fort mit ihm, fort mit dieſen Gedanken!“ In dieſem Augenblicke war der Oberſthofmeiſter gemeldet worden; die Prinzeſſin hatte eilig ihre Terraſſe verlaſſen und ſich in ihr Kabinet zurückgezogen, wo ſie den Grafen Sporbach empfing. Mit ſehr gleichgültiger Miene und viel Ruhe heuchelnd hatte ſich Ihre Hoheit auf ein kleines Sopha niedergelaſſen, das in einer Ecke zwiſchen Blumen ſtand, und von wo ſie Vorträge und Berichte entgegenzunehmen pflegte. Doch war Graf Sporbach ein viel zu erfahrener Hofmann, um ſich durch dieſe Maske der Gleichgültigkeit täuſchen zu laſſen, als die Prinzeſſin mit einem Anfluge von Lange⸗ weile ſagte:„nun ſo laſſen Sie denn ausführlich Ihre große Geſchichte hören, obgleich es in der That beſſer geweſen wäre, Sie hätten die Sache ohne mich abgemacht.— Sie haben ja oft für mich gehandelt, lieber Graf Sporbach, und immer mit Umſicht und großem Takt;— warum wollen Sie mich jetzt zwingen, in dieſer unangenehmen und für mich langweiligen Angelegenheit han⸗ delnd aufzutreten?“ „Weil dieſe Angelegenheit von der allergrößten Wichtigkeit iſt, und ich mir um alles in der Welt nicht erlauben würde, darin eigenmächtig auch nur das Geringſte zu thun.“ „Was, Graf Sporbach, Sie nennen eine Sache wichtig, die ſo ohne alle Folgen ſein wird und ſein muß?“ Der Oberſthofmeiſter verneigte ſich tief, ehe er zur Antwort gab:„Dieſe Angelegenheit iſt zu bedeutſam für die Zukunft Euer Hoheit.“ 8 4 Fürſt und Kavalier. 181 „Was geht Sie meine Zukunft an?“ rief die Prinzeſſin in gereiztem Tone,„ich denke, dieſe habe ich allein zu verantworten.“ „Gewiß, und aus dieſem Grunde möchte ich auch nicht das Geringſte thun, ohne von Euer Hoheit mit dem beſtimmteſten Be⸗ fehl verſehen zu ſein.“ Er erlaubte ſich ein ganz unbedeutendes Lächeln, um der Prinzeſſin anzuzeigen, daß ſie ſich in ihren eigenen Worten gefangen, und dieſes Lächeln hatte zur Folge, daß die Prin⸗ zeſſin haſtig aufſprang, ihre Lippen feſt aufeinanderpreßte und mit einem leuchtenden Blick ſagte:„nun gut denn, ſo laſſen Sie mich die langweiligen Details dieſer großen Miſſion hören.“ „Eure Hoheit wollen mir nicht zürnen, daß ich handle wie ich muß; auch ſind der Details ſo wenige, daß ſie unmöglich lang⸗ weilig ſein können, auch wenn der Gegenſtand ein minder inte⸗ reſſanter wäre.“ „Intereſſant?— für Sie vielleicht, für mich nicht.“ „Intereſſant für Eure Hoheit,“ erwiederte Graf Sporbach mit Wärme,„ein treuer Diener Ihres Hauſes muß ſich erlauben, auf die Gefahr der Ungnade hin, dieſe ſeine Meinung zu wiederholen: der regierende Herr eines benachbarten großen Hauſes— nach Schilderungen, die ich über ihn erhalten, ein junger Mann voll Geiſt, von einer liebenswürdigen Perſönlichkeit—“ „Man gab Ihnen doch ſein Porträt, um es mir zu zeigen?“ frug die Prinzeſſin Helene mit einem vornehmen Lächeln. „Man hielt wahrſcheinlich eine ſolche Komödie Euer Hoheit gegenüber für unnöthig und würde es ſich zum größten Vergnügen, ja zur großen Ehre gereichen laſſen, auf eine artige Einladung hin, ſogleich hier zu erſcheinen.“ „Weiß Papa ſchon um dieſe Geſchichte?“ „Durch mich nicht, doch kann ſie ihm unmöglich verſchwiegen bleiben.“ „Gut, ſo werde ich ſie ihm ſelbſt ſagen und werde hinzufügen,“ ſetzte ſie heftig hinzu,„daß ich mich nicht bewogen fühle, dem regierenden Fürſt und Kavalier. Herrn von angenehmem Aeußern meine Hand zu reichen; ich bin Gott ſei Dank noch jung genug, um warten zu können;— oder erſcheine ich Euer Excellenz ſchon ſo, daß man dringend darauf be⸗ dacht ſein muß, mir eine gute, ſorgenfreie Zukunft zu ſichern?— pah, welche Zukunft!— ihr Männer ſeid Alle von dem gleichen Hochmuth beſeelt;— ich halte es durchaus für keine Zukunft, ſich an irgend einen Mann zu feſſeln und Launen Anderer zu ertragen, wo man das nicht nöthig hat,— und ich habe es nicht nöthig;— ich werde mich wahrſcheinlich nie verheirathen;— ich könnte ja katholiſch werden, ein Kloſter gründen und meine Tage als Aeb⸗ tiſſin deſſelben zubringen.“ „Gewiß,“ verſetzte der Graf Sporbach lächelnd,„und Eure Hoheit würden damit Ihrem vielgeliebten Herrn Vetter, dem Herrn Herzog ein artiges Geſchenk machen.“ „Und wenn mein Herr Vater beföhle, ich ſollte heirathen, was hindert mich, eben dieſen Herrn Herzog zum Manne zu nehmen?“ „Eure Hoheit ſind ſo humoriſtiſch gelaunt, daß ich überzeugt bin, den Baron Hauke nicht mit einem ſo harten Beſcheide entlaſſen zu müſſen, ihm wenigſtens gegründete Hoffnung zu einer Audienz bei Euer Hoheit zu bringen.“ „Gewiß nicht,— wenn ich in dieſer Sache humoriſtiſch ge⸗ launt bin, ſo rührt dieß einfach daher, daß ich die mir gemachte Propoſition auf die ſcherzhafteſte Weiſe von der Welt aufnehme. Ich bedaure Ihren unangenehmen Auftrag, aber thun Sie mir die Liebe, dieſe Angelegenheit ganz unter der Hand mit dem erwähn⸗ ten Baron Hauke abzumachen; ſagen Sie ihm meinetwegen, daß ich bedaure, durchaus nicht im Stande zu ſein, eine andere Antwort zu geben, ſagen Sie ihm Gründe, welche Sie wollen, überhaupt was Ihnen gut dünkt; und ſetzen Sie nur hinzu, daß meine voll⸗ kommene Gleichgültigkeit gegen ſeinen hohen Auftraggeber ſich nur in dem Falle in vollkommenen Widerddillen verwandeln könne, wenn der Baron Hauke Schritte thut, um Papa für die Sache zu Fürſt und Kavalier. 183 intereſſiren Vergeſſen Sie das nicht, lieber Graf Sporbach und fügen Sie aus eigenem Antrieb noch bei, daß Ihnen Beiſpiele be⸗ kannt ſeien, wie ein von mir einmal gefaßter Widerwille durch Nichts in der Welt umzuſtimmen ſei.“ „Letzteres allerdings könnte ich mit beſtem Gewiſſen bezeu⸗ gen; doch was Euer Hoheit Forderung, unſern gnädigſten Herrn betreffend, anbelangt, ſo fürchte ich, daß ſie den Baron Hauke, ſeinen Inſtruktionen gemäß, in die unangenehme Nothwendigkeit verſetzen wird, Ihnen ungehorſam zu ſein.“ „Sei es darum;— auch meinem Vater gegenüber werde ich mir erlauben, in dem, was meine Perſon ſo innig betrifft, meinen Willen aufrecht zu erhalten,— und da Euer Excellenz weiter nichts für mich haben, ſo wünſche ich Ihnen einen guten Morgen.“ „Alſo Nichts iſt im Stande, Eure Hoheit für das Wort eines getreuen Mannes zugänglich zu machen,“ ſagte der Oberſthofmeiſter mit bekümmertem Tone. „Was dieſe Angelegenheit betrifft,“ erwiederte die Prinzeſſin mit ſcharfer Stimme,„ſo nehme ich es für die größte Treue und Anhänglichkeit, wenn derſelben gar nicht mehr erwähnt wird.— Hat Papa für heute etwas befohlen, oder hat die Frau Herzogin irgend einen Wunſch?“ Der Oberſthofmeiſter ſchüttelte leicht mit dem Kopfe und ſprach alsdann achſelzuckend:„Da Eure Hoheit ſo unerbittlich ſind gegen die großen Wünſche, die ich mir erlaubte, Ihnen vorzutragen, ſo ſind Sie vielleicht geneigter, ein kleines Anliegen des Barons Hauke, zu unterſtützen, welches derſelbe mich beauftragt vor unſeren gnä⸗ digſten Herrn zu bringen.“ „Sie irren, lieber Graf Sporbach; ich bin durchaus nicht ge⸗ neigt, irgend ein Anliegen dieſes Barons Hauke, ſei es welcher Art es wolle, zu unterſtützen, und dann, ſeit wann miſche ich mich in Angelegenheiten, die Papa ſpeziell angehen?“ Ein leichtes Lächeln auf dem Geſichte der alten Excellenz ſchien Fürſt und Kavalier. ſich im Gegenſatze mit der Behauptung der Prinzeſſin zu befinden; er verbeugte ſich ſtumm und ſagte erſt nach einem augenblicklichen Stillſchweigen, und nachdem die Prinzeſſin Miene machte ſich ab⸗ zuwenden und ihn ſo zu verabſchieden:„nach dem großen Refus, den ich erhalten, würde ich mich wahrhaftig dem kleineren nicht ausgeſetzt haben, wenn es nicht eine Perſon beträfe, für die Eure Hoheit früher ein wenngleich ſchwaches Intereſſe gezeigt; es betrifft nämlich den Maler Saleck, von dem ich die Ehre hatte, Eurer Hoheit geſtern Morgen ein Schreiben vorzulegen.“ Da, wie wir eben angedeutet, die Prinzeſſin im Begriffe ge⸗ weſen war, ſich abzuwenden, ſo führte ſie auch dieſe Wendung voll⸗ ſtändig aus, und ſagte erſt nach einigen Sekunden, als ſie ihr voll⸗ kommen ruhiges Geſicht dem Grafen wieder zugekehrt:„Was iſt’s denn ſchon wieder mit dieſem Maler Saleck? Ich glaube mich zu erinnern, daß ich Euer Excellenz gebeten, demſelben ſo deutlich wie möglich zu ſagen, daß wir hier keine Verwendung für ihn hätten.“ „Dieß geſchah auch in den angemeſſenſten Ausdrücken, ohne gerade verletzend zu ſein, was auch gewiß nicht der Wille Eurer Hoheit war, denn Euer Hoheit Anſichten über Herrn von Saleck mögen ſich noch ſo ſehr geändert haben, ſo muß man ihm doch laſſen, daß er ſich beſtändig wie ein Mann von Welt benahm, liebenswürdig und gefällig, wie man ſich es nur zu wünſchen vermag.“ „Ach, ich erinnere mich, Sie waren immer ſein großer Gönner.“ „Ja, ich läugne das nicht, ich war ſein Gönner, ſo lange Eure Hoheit ihm Ihre gnädige Aufmerkſamkeit zuwandten, und ich blieb es auch dann,“ fügte er in feſtem Tone hinzu,„als es unan⸗ genehm auffiel, wenn man den Namen dieſes Herrn von Saleck hier ausſprach.“ „Wann wäre das geweſen, Herr Graf?“ frug die Prinzeſſin raſch und ſcharf,„doch wozu darüber reden?“ ſetzte ſie mit einer ungeduldigen Handbewegung hinzu—„was will dieſer Baron Fürſt und Kavalier. Hauke, damit wir einmal mit dieſer Angelegenheit zu Ende kommen?“ „Seine Wünſche treffen mit denen Eurer Hoheit dießmal zu⸗ ſammen. Ich weiß nicht, was dem Abgeſandten des Fürſten Georg, ſowie dem Letzteren ſelbſt an Herrn von Saleck mißfällt, aber der Abgeſandte erſucht mich, unſern gnädigſten Herrn beſtimmen zu wollen, daß dieſem Saleck, der ſich ja gerade hier befindet, der Aufenthalt in Warneck verboten werde.“ „Und warum das?“ frug die Prinzeſſin, indem ſie ihren Kopf in die Höhe hob;—„dieſer Baron Hauke muß doch Gründe angeben?“ „Es ſcheint hauptſächlich eine Antipathie zu ſein, die ja auch andere hohe Perſonen gegen dieſen an ſich ſo unbedeutenden Maler Saleck haben,“ verſetzte der Oberſthofmeiſter mit einem feinen Lächeln,„die Gründe, die er angibt, kann ich von meinem Stand⸗ punkte aus nicht theilen; Baron Hauke nannte ihn zudringlich, eine Eigenſchaft, die er bei Gott nicht hat, und ſagte ferner, Saleck be⸗ mühe ſich auf eine auffallende Art, mit Perſonen in hohen Stel⸗ lungen bekannt zu werden, um dieſe Bekanntſchaften alsdann zu irgend einem Zwecke auszubeuten. Auch das ſind wir— bin ich,“ verbeſſerte er ſich,„nicht im Stande, ihm nachzuſagen, denn bei Allem dem werden mir Eure Hoheit zugeben, daß dieſer Saleck weder aufdringlich war, noch irgend welche für ihn nutzbringende Zwecke zu verfolgen ſchien.“ Die Prinzeſſin hatte ſich während dieſer letzten Worte langſam gegen das Fenſter gewandt, ſtützte ihre rechte Hand auf die Sopha⸗ lehne und blickte angelegentlich in die Landſchaft hinaus, ohne eine Antwort zu geben. „Ich hielt es nur für meine Pflicht,“ fuhr Graf Sporbach nach einer längeren Pauſe fort,„Sie auch von dieſem Wunſche des Barons Hauke in Kenntniß zu ſetzen, aufrichtig geſagt, um denſelben nicht zu erfüllen, im Falle Euer Hoheit mit mir der gleichen An⸗ Fürſt und Kavalier. ſicht wären———— Soltte die Abneigung Euer Hoheit gegen dieſen Saleck aber ſo weit gehen, ebenfalls deſſen zwangsweiſe Ent⸗ fernung zu verlangen, ſo würde ich allerdings Seiner Hoheit, Ihrem Herrn Vater, darüber meinen Vortrag machen.“ Die Prinzeſſin that einen tiefen Athemzug, und erſt, als ſie nach demſelben noch ein paar Minuten gezaudert, wandte ſie ſich raſch um und erwiederte, während eine leichte Röthe über ihre ſchönen Züge flog:„man muß nicht unhöflich ſein.“ „Gegen Saleck, meinen Eure Hoheit doch?“ warf der Oberſt⸗ hofmeiſter raſch und fragend ein. „Laſſen Sie dieſen Saleck,“ verſetzte die Prinzeſſin ungeduldig, „gegen den Fürſten Georg, meine ich, und da man ihn mit ſeinem bewußten großen Wunſche abweist, ſo könnte man ihm wohl ſeinen kleinen bewilligen.“ „Alſo wir ſollen die gewaltſame Entfernung des armen Malers bewerkſtelligen?“ „Meinetwegen ja;— Papa hat darüber zu entſcheiden.“ „So habe ich weiter Euer Hoheit nichts mehr vorzutragen,“ ſagte Graf Sporbach ſichtlich verſtimmt,„und erwarte nur Ihre Befehle für den heutigen Tag.“ „Es iſt wohl ſehr heiß draußen?“ frug die Prinzeſſin mit großer Gleichgültigkeit. „Nicht ſo ganz wie geſtern, da heute eine erfriſchende Luft weht.“ „So will ich um drei Uhr ausfahren,— laſſen Sie meine Ponies in den kleinen Wagen ſpannen, mit dem ich gewöhnlich in die Berge fahre.“ „Und ein Vorreiter, der Eure Hoheit begleitet?“ „Ich brauche Niemand, die kleinen Pferde ſind ſicher.“ „Und weiter hätten Sie keine Befehle für mich?“ frug der Oberſthofmeiſter mit beſonderer Betonung. „Keinen,— nun danke ich Ihnen beſtens für Ihren freund⸗ lichen, unparteiiſchen Bericht,— guten Morgen lieber Graf.“ Fürſt und Kavalier. 187 Als ſich der Oberſthofmeiſter mit einer tiefen Verbeugung zurückgezogen, verwandelte ſich mit einem Male das ganze, eben noch ſo gleichgültig ſcheinende Weſen der jungen Dame. Sie wandte ſich raſch um, ſie athmete tief und haſtig, ſie fuhr mit ihrer rechten Hand über ihr weiches, hellblondes, lockiges Haar und ſchritt dann mit allen Zeichen der Ungeduld in dem kleinen Gemache auf und ab, wobei ſich der Kampf in ihrem Innern deutlich in ihren erregten Geſichtszügen kundgab.— „Wer iſt dieſer Saleck eigentlich,“ frug ſie ſich ſelbſt,„daß man ſich ſo um ihn bekümmert? In welcher Beziehung ſteht er zu dem Fürſten Georg? Sollte man dort wiſſen, daß ich ihn in Rom geſehen, und ſollte man mich für wahnſinnig genug halten— —— Und wäre es denn ſo unerhört, wenn es mir wirklich in den Sinn käme, eine damals nicht unangenehme Bekanntſchaft hier fortſetzen zu wollen? Sollte meine Tante auch hier die Hand im Spiele haben? Ah, ich erinnere mich wohl, daß ſie mir zu⸗ weilen lächelnde Bemerkungen machte, wenn er an unſern kleinen Partieen Theil nahm.— Und kann man ſagen, daß er uns je durch ein Wort, durch eine Miene ſeine Geſellſchaft aufnöthigte?“ fuhr Sie mit weicherer Stimme fort—„nein— nein— er war ſo freundlich als beſcheiden, und wenn ich je an ihm etwas Anderes gewünſcht, ſo wäre es etwas von jenen Fehlern, die man ihm un⸗ gerechter Weiſe zur Laſt legt.— Ja ich würde mich mit Vergnügen an ein aufdringliches, an ein unbeſcheidenes, an ein taktloſes Wort erinnern, um daſſelbe ſeinen vielen guten Eigenſchaften gegenüber ſtellen zu können———— um ihn leichter zu vergeſſen.“ Das Letztere klang wie ein Seufzer, und dabei drückte ſie ihre beiden Hände vor das Geſicht, wie um ſelbſt die ſtummen Wände nicht irre Züge ſehen zu laſſen. ——„und ich will nicht, daß man ihn ſo fortſchickt; wenn es mir auch nicht vergönnt iſt, ihn wiederzuſehen,“ ſetzte ſie in ſchmerzlichem Tone hinzu,„ſo will ich ihm doch eine unſichtbare 188 Fürſt und Kavalier. Beſchützerin ſein und will ihm, wenn er verfolgt iſt, ein Aſyl gewähren, das ſeine— und meine Feinde reſpektiren ſollen.“ Sie machte noch ein paar raſche Gänge durch das Kabinet, warf darauf einen flüchtigen Blick in den Spiegel und trat auf die Terraſſe, wo ſie einen Augenblick die dem Park entſteigende würzige Morgenluft einathmete, dann ging ſie in den Salon, wo der Flügel ſtand, an dem wir Fräulein von Saint⸗Aubin ſpielen hörten, und gelangte durch ihr Schreibkabinet und ihren gewöhn⸗ lichen Empfangsſalon in das Vorzimmer, wo die Gräfin Eller noch immer leſend ſaß, jedoch beim Erſcheinen der Prinzeſſin ihr Buch niederlegte und ſich nach einer tiefen Verbeugung nach dem Befinden ihrer Herrin erkundigte. Die Prinzeſſin hatte auf dem Wege hieher eine freundliche heitere Miene angenommen, was die Hofdame mit einigem Erſtaunen bemerkte. Ja das Erſtaunen ward faſt ſichtbar, als die Prinzeſſin ihr die Hand reichte und in herzlichem Tone ſagte:„ich danke, liebes Kind, ich wünſche Ihnen dieſelbe vortreffliche Nacht, wie ich ſie gehabt, doch iſt bei Ihrem heiteren, zufriedenen Temperament daran kein Zweifel;— möge es Ihnen der Himmel erhalten.— Für Ihre Dienſte heute Morgen danke ich Ihnen; ich habe zu ſchreiben, bin auch ſonſt beſchäftigt, frühſtücken Sie auf Ihrem Zimmer und kommen Sie um 3 Uhr;— ich will ausfahren.“— Die kleine Gräfin zog ſich zurück, wobei ſie ſich Mühe gab, ein recht ernſtes Geſicht zu zeigen; kaum aber hatte ſie die Thüre hinter ſich, ſo flog ſie wie ein Reh durch den großen Saal dem Pavillon zu, um ihre Freundin ſo bald als möglich von dem guten Wetter und der ſchönen Sonne, von der ſie beſchienen worden war, in Kenntniß zu ſetzen, während die Prinzeſſin im Vorzimmer ſtehen blieb und dort anſcheinend gleichgültig zum Fenſter hinausſchaute, wobei ſie aber gedankenvoll vor ſich hinſprach:„ich muß mit der Mirsé reden, ſie iſt mir treu ergeben.“ Hier müſſen wir uns erlauben, in unſerer Geſchichte ein paar Fürſt und Kavalier. 189 Stunden zurückzugehen und zwar bis zu jenem Augenblick, wo Baron Hauke⸗Felſing ſeinen Bericht erſtattet über die kühle und zweifelhafte, eigentlich zweifelloſe Aufnahme, die ihm von Seiner Excellenz dem Grafen Sporbach zu Theil geworden. „Und nicht einmal meinen Brief wollte er aus Ihren Händen nehmen?“ „Seine Excellenz glaubten das nicht thun zu können, ohne von der Prinzeſſin ermächtigt zu ſein.“ „Im Grunde hat er Recht,“ ſagte der Fürſt in bitterem Tone; „die Annahme meines Briefes hätte ſie jedenfalls zu einer ſchrift⸗ lichen Erwiederung genöthigt.“ „Und wie ging es mit Saleck's Ausweiſung?“ „Von Seiten des Oberſthofmeiſters nicht ſo ganz, wie wir gewünſcht: er wand ſich hin und her, als ich ihm Ihr Verlangen recht dringend ſtellte, und ſprach viel zu Ihren Gunſten, gnädiger Herr;— Sie haben einen beſſeren Freund an dem Grafen Spor⸗ bach als Sie glauben.“ „Ich wollte, er wäre dießmal mein Feind.“ „Und wenn wir nur in dieſem Punkte auf die Prinzeſſi hoffen dürften, aber die Excellenz ſagte mir, und in etwas ärger⸗ lichem Tone, daß erwähnter Maler Saleck von Ihrer Hoheit häufig geſehen worden wäre, und daß er ihm auch dießmal zu einer Audienz verholfen hätte, wenn das nicht dem Willen der Prinzeſſin gerade entgegengelaufen wäre.“ „Sie machen mir wenig Hoffnung, lieber Felſing.“ „Worüber ich untröſtlich bin und Eure Hoheit zu glauben bitte, daß ich über dieſen Saleck ſo viel Unangenehmes und An⸗ zügliches geſagt, als mir nur immer möglich war.“ „So muß ich meine letzte Karte ausſpielen.“ „Glücklich, wenn man noch einen guten Trumpf in petto hat, und kann ich im Ausſpielen deſſelben Euer Hoheit behülflich ſein?“ „Direkt nicht,“ antwortete der Fürſt, und bei dieſen Worten Fürſt und Kavalier. reichte er Herrn von Felſing mit gewinnendem Lächeln die Hand, „bitte, läuten Sie meinem Kammerdiener.“ Der Gerufene erſchien ſogleich und wurde von ſeinem Herrn gefragt:„nun wie iſt's, Nikolaus, haſt Du mit der Dienerſchaft im Hotel Bekanntſchaft gemacht, und iſt Niemand darunter, der uns kennen könnte?“ „Niemand, gnädiger Herr;— ſo ein windiger Kellner iſt allerdings da, der ausſieht, als wolle er mit ſeiner Serviette die ganze Welt abſtäuben, und der ſich gerne erinnert hätte, mich irgend⸗ wo geſehen zu haben;— ich benahm ihm jedoch ſeinen Irrthum.“ „Iſt ein anſtändiger Lohnbedienter da?“ „Einer von ihnen iſt ein geſcheidter Menſch: er glaubte, die Reiſekaleſche, welche Euer Gnaden hieher gebracht, ſchon irgendwo geſehen zu haben;— auch dem habe ich ſeinen Irrthum benommen.“ „Gut, ſo ſchicke mir dieſen geſcheidten Lohnbedienten herauf; ich wünſche ihn aber in einem ſehr anſtändigen Anzuge zu ſehen. Du kannſt ihm das ſagen und ihm Raſchheit und Pünktlichkeit in meinen Aufträgen anempfehlen, indem Du hinzuſetzeſt, wenn Dein Herr auch keine hohe Perſon ſei, ſo pflege er doch nie an Trink⸗ geldern zu ſparen.“ Der Kammerdiener trat ab, und der Fürſt nahm aus der oben ſchon erwähnten Kaſſette ein kleines Schmucketuis, mit dem er ſich an's Fenſter ſtellte. Kurze Zeit darauf erſchien der Lohnbediente, ein noch junger Mann mit ſchlauem, glattraſirtem Geſichte in weißer Halsbinde und ſchwarzem Fracke. „Euer Gnaden haben befohlen?“ „Gibt es hier am Orte einen anſtändigen Juwelier?“ „Gewiß, Euer Gnaden. So lange der Hof in Warneck bleibt, hält der Hofjuwelier aus der Reſidenz eine Filiale hier.“ „So zeigen Sie ihm dieſen Ring und erſuchen ihn nachzuſehen, ob der Stein in demſelben nicht etwas loſe geworden ſei: mir Fürſt und Kavalier. 191 ſcheint es ſo, und wenn ich Recht habe, ſo laſſen Sie den Stein wieder feſtſtellen, zahlen ihm auch, was er dafür anrechnet.“ Der Fürſt gab dem Lohnbedienten das offene Etuis, und dieſer ſchien ordentlich zu erſchrecken vor der Größe des Solitärs, der ihm entgegenblitzte.„Hier haben Sie auch einen Brief und meine Karte. Wiſſen Sie, wo die Dame wohnt, an die er gerichtet iſt?“ „O gnädiger Herr,“ erwiederte der Lohnbediente lächelnd, „Fräulein Miré, die erſte Kammerfrau Ihrer Hoheit der Prinzeſſin iſt mir ſehr wohl bekannt.“ „Gut, ſo fragen Sie Fräulein Miré, ob ich ihr vielleicht in einer Stunde meine Aufwartung machen dürfe;— nehmen Sie einen Wagen, damit Sie raſch zurückkommen.“ „Und nun, lieber Felſing,“ wandte ſich der Fürſt an dieſen, „thun Sie mir wohl den Gefallen, mir einige Sekretärsdienſte zu leiſten. Es ſind mir da einige artige Packete nachgeſandt worden, deren Inhalt Sie wohl ſo freundlich ſind durchzuleſen, um mir, wenn ich ſpäter zurückkomme, in kurzem Auszuge zu ſagen, was ſie enthalten. Ich mache ein wenig Toilette und gehe dann aus, um meine letzte Karte auszuſpielen, es hat auf alle Fälle damit Eile.— Nehmen Sie aber die Papiere mit ſich auf Ihr Zimmer; ich möchte nicht, daß der geſcheidte Lohnbediente Sie hier bei mir arbeiten ſähe;— alſo bis nachher.“ VI. Eine Stunde ſpäter rollte der eleganteſte Wagen des Hotels mit dem eleganteſten und geſcheidteſten Lohnbedienten deſſelben über die Brücke und an der Flußſeite hinab, bei dem Hauptportale des Schloſſes vorbei, um an einer kleinen Nebenthüre ſtill zu halten. 192 Fürſt und Kavalier. Saleck ſtieg aus und betrat hinter dem Lohnbedienten, welcher ihm mit abgezogenem Hute den Weg zeigte, das Schloß. Auf einer kleinen Nebentreppe gelangten ſie in den erſten Stock hinauf, wo der Diener flüſternd ſagte:„hier ſind die Appartements Ihrer Hoheit der Prinzeſſin Helene.“ Von da in den zweiten Stock war die ſchmale Treppe mit dicken Teppichen belegt und mündete oben an einer Thüre, die, auf beiden Seiten mit grünem Tuche beſchlagen, ſich ſo weich in ihren Angeln drehte, daß man nicht das geringſte Geräuſch vernahm, als der Lohnbediente ſie öffnete. Man gelangte hier in ein kleines Veſtibule, ebenfalls mit Teppichen belegt, auf das mehrere Thüren mündeten, ſowie eine zweite kleine Treppe, die abwärts führte, wahrſcheinlich direkt in die Gemächer der Prinzeſſin, und die mit brennenden Lampen erhellt war. Ein Lakai, der in dem Veſtibule neben einem kleinen Tiſchchen ſaß, ſtand beim Erſcheinen des Fremden augenblicklich auf und ver⸗ ſchwand in einer der Thüren, kehrte aber gleich darauf wieder zurück und lud Herrn von Saleck mit den Worten:„wenn's gefällig iſt“, ein, ihm zu folgen. Dieſer durchſchritt ein Vorzimmer und gelangte von da in ein kleines Kabinet, wo ein junges Mädchen in einfachem aber elegantem Morgenkleide beſchäftigt war, Etwas in einem großen Schmuckſchranke zu ordnen, doch ſchloß ſie beim Erſcheinen des Fremden ſogleich die Thüre dieſes Schrankes und erſuchte ihn, ihr zu folgen, da es Fräulein Miré ein beſonderes Vergnügen gewähre, ihn bei ſich zu empfangen. Der Fürſt, welcher aus eigener Erfahrung und aus Vorgängen bei der Hofhaltung ſeiner Mutter genau wußte; was eine erſte Kammerfrau zu bedeuten hat, folgte, wenn auch gerade nicht be⸗ klommen, doch erwartungsvoll ſeiner niedlichen Führerin durch noch ein großes, hübſch möblirtes Gemach, um alsdann mit den Worten: „hier iſt Herr von Saleck“, in das Allerintimſte der prinzeßlichen Hofhaltung eingelaſſen zu werden. Fräulein Miré war eine tiefbrünette, etwas verblaßte Schönheit, Fürſt und Kavalier. 193 übrigens von einnehmenden Geſichtszügen, ziemlich groß und ſchlank, dem Anſcheine nach in den dreißiger Jahren. Sie war ſehr einfach aber dabei höchſt ſorgfältig gekleidet und bot dem Einge⸗ tretenen, der ſich verneigte, einen kleinen Lehnſtuhl an gegenüber einem Sopha, auf welchem ſie ſelbſt Platz nahm. „Sie waren ſo freundlich,“ ſagte Fräulein Miré,„mir das werthe Schreiben eines lieben Bekannten aus der Reſidenz zuſtellen zu laſſen, der mir in ſo warmen Worten Ihren Namen nennt, daß es mir ſchon deßhalb ein Vergnügen ſein mußte, Ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen.“ „Wofür ich Ihnen ſehr dankbar bin, mein Fräulein, beſon⸗ ders aber meinem Freunde Werner, der mir ſo Veranlaſſung gibt, vielleicht ſelbſt zu erfahren, in wie weit Ihre liebenswürdige Per⸗ ſönlichkeit über ſeine Schilderung hinausreicht.— Ich bat um dieſe Zeilen, mein Fräulein, da mir Alles daran gelegen war,“ ſetzte er mit Betonung hinzu,„für hier einen wichtigen Empfehlungs⸗ brief zu haben.“ Die erſte Kammerfrau Ihrer Hoheit lächelte geſchmeichelt, ſetzte aber mit affektirter Beſcheidenheit hinzu,„was das anbelangt, ſo hätte Sie der Herr Schloßhauptmann anderen wichtigeren Perſonen empfehlen ſollen, doch ſeien Sie verſichert, daß ich mich glücklich ſchätzen werde, Ihnen in meinem unbedeutenden Wirkungskreiſe nützen zu können.“ „Ich wünſche nichts Beſſeres und ſage Ihnen zum Voraus meinen aufrichtigen Dank.“ „Sie beſuchen Warneck zum erſten Male?“ „Es iſt das erſte Mal, mein Fräulein, und ich bin entzückt von der wunderbaren Gegend, habe auch alle Veranlaſſung dazu, da ich in dieſer herrlichen Umgebung Stoffe für mannigfaltige Stu⸗ dien zu finden hoffe.“ „Sie ſind Künſtler?“ frug die erſte Kammerfrau mit einem zweifelhaften Blick und einem vielſagenden Lächeln. Hackländer's Werke. 49. Bd. 13 194 Fürſt und Kavalier. Saleck entnahm aus dieſem Blick und dieſem Lächeln, daß der Lohnbediente, wie er gewünſcht, geplaudert hatte und ihn und ſein Auftreten im Gaſthof gehörig geſchildert. „Ob ich mir den ſtolzen Namen eines Künſtlers beilegen darf, wage ich nicht zu behaupten, doch beſchäftige ich mich in ähnlicher Weiſe, wenn auch nur als Dilettant, zu meinem Vergnügen.“ „Ich erinnere mich, in dieſer Richtung Ihren Namen ſchon gehört zu haben.“ „Und wo war das, wenn ich fragen darf?“ ſagte der Fürſt mit großer Unbefangenheit. „Sie waren doch in Rom im letzten Winter— oder gäbe es mehrere Saleck, die auf Ihre Art als ſo ausgezeichnete Dilettanten,“ ſetzte ſie mit einer artigen Verbeugung hinzu,„reiſen und ſtudiren?“ „Sie machen mich ſtolz durch dieſe Aeußerung, und muß ich mich faſt ſchämen einzugeſtehen, daß ich allerdings derſelbe Saleck bin, der im vergangenen Winter in Rom war, und welcher dort das außerordentliche Glück hatte, Ihrer Hoheit der Prinzeſſin He⸗ lene, dieſer in jeder Beziehung ausgezeichneten, geiſtreichen und liebenswürdigen Dame vorgeſtellt zu werden. Unmöglich aber kann ich glauben, daß Ihre Hoheit ſelbſt die Gnade gehabt haben ſollten, ſich meiner freundlichſt zu erinnern.“ Die erſte Kammerfrau führte ihr Taſchentuch ſanft an die Lippen, huſtete ein paarmal hinein und betrachtete hierauf ihre ſorgfältig gepflegten Nägel, ehe ſie mit leiſer Stimme, aber ange⸗ nehm klingendem Tone zur Antwort gab:„ich erinnere mich wohl, daß die Prinzeſſin, als ich nach der Rückkunft aus Italien in ihre Dienſte berufen wurde, bei Erzählungen über dieſe Reiſe unter anderen auch Ihren Namen ausſprach.“ „Unter anderen,“ wiederholte Herr von Saleck mit faſt ſchmerz⸗ licher Betonung,„doch wäre ich Ihrer Hoheit zu innigem Danke verpflichtet, wenn ſie ſich meiner unter anderen auch vielleicht ſpäter noch erinnert hätte, aber wir“— er wollte ſagen wir fürſtlichen Fürſt und Kavalier. 195 Perſonen haben leider für ſo Manches ein ſchwaches Gedächtniß— doch verbeſſerte er ſich zur rechten Zeit und gab zur Antwort, „müſſen hoffend erwarten, vielleicht durch irgend einen geeigneten Zufall wieder in Erinnerung zurückgebracht zu werden, und für ſolch' einen glücklichen Zufall, mein Fräulein, wage und hoffe ich es, Sie anſehen zu dürfen.“ „Das iſt ein ſchwieriger Auftrag, Herr von Saleck,“ erwie⸗ derte die erſte Kammerfrau lächelnd,„meine Prinzeſſin hat die leidige Gewohnheit, ſich durchaus nicht an Etwas erinnern zu laſſen, wenn ſie nicht daran erinnert ſein will.“ „Ich würde nicht ſo frei ſein, eine derartige Anſpielung ge⸗ wagt zu haben, wenn mich nicht Freund Werner verſichert hätte, am hieſigen Hofe ſei es nur Ihnen, mein Fräulein, möglich, ſelbſt eine ſolche Erinnerung bei Ihrer Hoheit aufzufriſchen, und für einen ſolchen Beweis der Güte und Protektion ſehen Sie einen Mann vor ſich, der Ihnen zum unendlichſten Danke ſich verpflichtet fühlen würde.“ „Ohne etwas zu verſprechen, will ich mir die Sache überlegen.“ „Sie ſind die Liebenswürdigkeit ſelbſt,“ ſagte Saleck galant, indem er mit einer ausgezeichnet eleganten Bewegung die Hand der erſten Kammerfrau ergriff und an ſeine Lippen führte. „Ah,“ ſagte dieſe, freundlich lächelnd,„Sie ſuchen mich im Voraus zu belohnen, um meiner Dienſte gewiß zu ſein, aber ehe ich etwas für Sie thun darf, wenn ich überhaupt etwas thun kann, beantworten Sie mir eine Frage: was wünſchen Sie von der Prinzeſſin, was ſuchen Sie hier am Hofe? Der Schloßhauptmann ſprach ſich in ſeinen Zeilen nicht darüber aus.“ „Wenn Sie, mein Fräulein, den Ausdruck Suchen im Sinne des Erlangens nehmen, ſo verkennen Sie meine Abſicht: ich bin vollkommen unabhängig, bemittelt, ich könnte ſagen reich, ich treibe meine Kunſt aus Liebhaberei und habe durch dieſelbe noch nie eine Einnahme geſucht und erhalten, auch ſonſt bin ich nicht ehrgeizig, ——ʒℳ——ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—x—x—x—x—x—ꝛ—:—:::O—:ꝛOñõ— 196 Fürſt und Kavalier. ich trachte nicht nach Titeln oder Orden, ich habe nicht die lächer⸗ liche Sucht, mich in vornehme Geſellſchaften drängen zu wollen— alſo ſehen Sie, daß ich von allem Dem, was man gewöhnlich durch Verdienſt oder Protektion an einem Hofe zu erlangen ſtrebt, nichts ſuche, und doch werden Sie überzeugt ſein, daß ich nicht abſichtslos hieher gekommen, daß ich nicht umſonſt Ihre koſtbare Protektion angeſtrebt.“ „Sie ſind ein eigenthümlicher Bittſteller,“ entgegnete Fräulein Miré, wobei ſie den jungen ſchönen Mann nicht ohne Wohlwollen betrachtete,„in der That, ich möchte Ihre Wünſche kennen.“ „O ſie ſind unbedeutend und wieder rießengroß. Ich erlaubte mir ſchon, Ihnen zu ſagen, daß ich das Glück hatte, Ihre liebens⸗ würdige Prinzeſſin in Rom zuweilen ſehen zu dürfen— o ſie war ſo wohlwollend, ſo gnädig gegen den unbedeutenden Künſtler, dabei ſo geiſtreich und belebend in ihrer Unterhaltung, ſo voll Würde und Anmuth, daß ich damals mit meinem Leben hätte abſchließen mögen, um nicht wieder der kalten nüchternen Alltäglichkeit zu ver⸗ fallen. Und doch verfiel ich ihr, ja ich fiel ſo hoch hinab aus allen meinen Himmeln, daß es mir kaum gelang, mich ſelbſt wieder zu finden.—— Doch Sie ſehen mich lächelnd an und haben Recht: ich ließ mich hinreißen, Ihnen einen Zuſtand zu ſchildern, den man allenfalls einem Poeten verzeihen kann, und ich bin etwas Poet, mein Fräulein, wenigſtens in meinen Phantaſien: ich war ſo glück⸗ lich, ein hohes leuchtendes Ideal gefunden zu haben, zu dem ich aus der Tiefe aufblicken konnte und dem ich in meinem Herzen einen förmlichen Bilderdienſt errichtete.“ „Halten Sie ein mit Ihren Phantaſien,“ ſprach Fräulein Miré lächelnd,„Ihre Augen glänzen und Ihre Miene iſt ſo er⸗ regt, daß man wahrhaftig Ihre künſtleriſchen Träume für Wahr⸗ heit halten könnte, und doch ſagen Sie das Alles nur, um auf einem poetiſchen Umwege zu der Bitte zu gelangen, Ihnen eine Audienz bei der Prinzeſſin zu verſchaffen.“ ——:— 5 Fürſt und Kavalier. 197 „Sie verſtehen vortrefflich in meinem Herzen zu leſen, und ich bitte Sie herzlich, bemühen Sie ſich für mich, und gebe der Him⸗ mel, daß dieſe Bemühungen von Erfolg gekrönt ſind.“ „Sie thaten ſchon andere Schritte, um zur Prinzeſſin zu ge⸗ 3 langen?“ frug die erſte Kammerfrau mit einem etwas lauernden Ausdruck auf ihren Zügen. „Ehrlich geſtanden, ja— ich wandte mich an den Oberſthof⸗ meiſter, Grafen Sporbach, der ſich in Rom ſehr freundlich gegen mich bewieſen.“ „Und der Ihnen hier keine Audienz verſchaffen konnte— ich ſagte Ihnen früher ſchon, daß meine Prinzeſſin ſehr ſchwer umzuſtimmen iſt.“ „So wäre ich alſo bei ihr in totaler Ungnade,“ rief Saleck in ſchmerzlichem Tone aus,„ohne zu wiſſen, womit ich das ver⸗ ſchuldet habe?“ 4„Ich glaube gerade nicht, daß Sie in Ungnade ſind, Herr von Saleck,“ ſagte Fräulein Miré in ruhigem Tone,„doch hat die Prinzeſſin gewiß triftige Gründe, Sie nicht wiederſehen zu wollen — Gründe, gegen die auch ich gewiß ſchwer etwas thun kann.“ „Sie können Alles, was Sie wollen, wie mir Werner ſagte, und wovon ich jetzt vollkommen überzeugt bin, nachdem ich das Glück hatte, Sie zu ſehen und zu ſprechen.“ 4 Die Kammerfrau blickte den jungen Mann, der ſo eindring⸗ lich zu ihr ſprach, mit einem langen, prüfenden Blicke an und ſagte alsdann achſelzuckend,„und wenn es mir gelänge, eine Au⸗ dienz bei der Prinzeſſin für Sie zu erwirken, wozu könnte das führen, da Sie Ihrer Hoheit, wie Sie ſelbſt ſagten, doch keinen beſonderen Wunſch vorzutragen haben?“ „Ah, ſchon die Prinzeſſin wiederzuſehen, würde ich für ein großes Glück halten, vielleicht dürfte ich mir erlauben, ihr zu ſagen—“ „So reden Sie denn, wenn Sie mir etwas ſo Wichtiges mit⸗ zutheilen haben.“ Der Klang dieſer Stimme, welche die ſo eben erwähnten Worte 5———— 198 Fürſt und Kavalier. in ruhigem gemeſſenem Tone ſprach, ließ Saleck faſt erſchreckt auf⸗ fahren, während ſich die Kammerfrau raſch erhob und mit einer tiefen Verbeugung hinter die Prinzeſſin Helene zurückglitt, die un⸗ bemerkt in das Zimmer getreten war. Man wird es gewiß erklärlich finden, daß Saleck augenblick⸗ lich nicht im Stande war, die Worte zu finden, die er gegen die Prinzeſſin ausſprechen wollte, und welche ihm gegenüber der Kam⸗ merfrau ſehr geläufig geweſen wären: eine dunkle Röthe flammte auf ſeinem Geſichte auf, ſein Auge leuchtete, und er ſchien im Be⸗ griffe, einen raſchen Schritt gegen die hohe Dame zu thun, doch bezwang er ſich, athmete haſtig auf und ſagte mit einer tiefen aber anmuthigen Verbeugung:„wie ſoll ich Euer Hoheit danken. Ver⸗ zeihen Sie mir, daß ich zu bewegt bin, um ſogleich das befohlene Wort gegen Sie auszuſprechen.“ Auch die Prinzeſſin ſchien nicht unbewegt, obgleich auf ihrem jetzt etwas bleichen Geſichte vollkommene Ruhe zu liegen ſchien, welche wohl im Stande war, Saleck über ihren Gemüthszuſtand zu täuſchen, nicht aber die aufmerkſam betrachtende Kammerfrau. Prinzeſſin Helene hatte ihre feinen Lippen feſt zuſammengepreßt und ihre Augen ſchimmerten in einem eigenthümlichen Glanze. Fräulein Miré zog ſich mit einer ſo tiefen Verbeugung zu⸗ rück, daß das Rauſchen ihres Kleides die Prinzeſſin veranlaſſen mußte, umzuſchauen, doch machte ſie keine Bemerkung dagegen, daß ſich ihre Kammerfrau entfernte. Dieſe betrat lächelnd und kopf⸗ ſchüttelnd das Nebenzimmer, blickte einen Augenblick zum Fenſter hinaus, ſetzte ſich dann raſch an ihren Schreibtiſch, wo ſie an den Schloßhauptmann Werner folgende Zeilen ſchrieb:„Ihren Schütz⸗ ling habe ich beſtens aufgenommen, werde auch für ihn thun, was in meinen Kräften ſteht, vorausgeſetzt, daß ich von Ihnen um⸗ gehend erfahre, wer dieſer angebliche Maler Saleck iſt.“ P. S.„Sie kennen mich— ohne genügende Antwort werde ich gar nichts thun.“ auf ihrem ſchönen Geſichte ruhen laſſ Fürſt und Kavalier. 199 ſin Helene ſtand neben dem Sopha, welches ihre Kammerfrau ſo eben verlaſſen; ſie hatte ihre rechte Hand auf die Lehne desſelben geſtützt, und wenn ſie auch vollkommen ruhig und unbewegt erſchien, ſo verrieth doch ein leichtes Zucken der Finger ihrer aufgeſtützten Hand etwas vom Gegentheil. Saleck ſtand vor ihr in ehrerbietiger Entfernung, ſeine leuchtenden Blicke end, bewegter als die junge Dame: wenigſtens gab er ſich keine Mühe oder vermochte es auch wohl nicht, dieſe Bewegung zu verbergen. In der erſten Minute nach dieſer großen und ſeligen Ueber⸗ raſchung flog ſein Athem, als habe er nach langem haſtigem Laufe ein Ziel erreicht und doch fühlte er wohl, daß er von einem ſo ſchönen, glänzenden Ziele vielleicht weiter als je entfernt war. Was wir vorhin bemerkt, daß ſich nämlich die Hand der Prinzeſſin eigenthümlich bewegte, ſah er bei der eigenen Aufregung nicht; hafteten doch ſeine Augen nur auf ihrem Geſichte, das eben ſo ſchön als kalt erſchien, auf ihren, an ſich ſo glanzvollen Augen, in denen aber im gegenwärtigen Augenblicke auch nicht die leiſeſte Spur eines Gefühls aufblitzte. Dazu hatte ſie ihre feinen Lippen feſt mit einem faſt höhniſchen Ausdrucke zuſammengezogen, und doch war ſie ebenfalls tief bewegt und doch vergrub ſie nicht um⸗ ſonſt ihre kleine Hand faſt krampfhaft in die weichen Polſter des Sophas. „So reden Sie, Herr von Saleck— ich bin gekommen, um Sie zu hören.“ Der Ton ihrer Stimme klang eiſig kalt und flog auch ſo an ſein weiches, zitterndes Herz. O, wenn er in dieſem Augenblick hätte reden können und dürfen, wie er es ſich ſo tau⸗ ſendmal, wenn er allein war, ausgedacht, nur mit ihrem geliebten Bilde beſchäftigt, wenn er im Stande geweſen wäre, nur ein kleines Wort mit demjenigen Tone gegen ſie auszuſprechen, wie er es that, wenn er, an ſie denkend, lange lange Stunden zubrachte. Alsdann wußte er eine nicht zu widerſtehende Glut in ſeine Worte zu legen, —— Die Prinzeſ 4 200 Fuͤrſt und Kavalier. dann hatte er die Ueberzeugung auf den Lippen, und jetzt, wie kam es ihm ſo kalt, ſo nüchtern vor, als er ihr nach ziemlich langer Pauſe antwortete:„Verzeihen mir Eure Hoheit den Schritt, den ich gethan, aber es war mir nicht möglich, dieſen Ort zu verlaſſen, ohne Sie wieder geſehen zu haben.“ „Ach ja, ich erinnere mich,“ gab die Prinzeſſin zögernd nach einigen Sekunden zur Antwort,„ich ſah Sie in Rom, und haben Sie deßhalb Italiens ſchönen Himmel verlaſſen, um hieher zu kommen und mir zu ſagen, daß Sie nicht wieder abreiſen können, ohne mich Peſehen zu haben?“ „Das nicht, Hoheit— ich verließ Italien, ſobald Italiens Himmel mir anfing farblos und gewöhnlich zu erſcheinen.“ „Und in welcher Jahreszeit war das, wenn ich fragen darf?“ „Es war im Frühjahr,“ ſagte Herr von Saleck mit einer tiefen Verbeugung und einem beſtimmteren Tone der Stimme, dem man es deutlich anhörte, daß ſich der Sprecher von ſeiner Ueberraſchung erholt; daß er ſich gefaßt, daß er ſich im Stande fühlte, der Prinzeſſin auf dieſelbe Art, wie ſie ihn fragte, zu ant⸗ worten,„ja, wenn Eure Hoheit mir erlauben,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„ſo würde ich mir getrauen, Tag und Stunde anzugeben, ſobald der italieniſche Himmel für mich grau und alltäglich wurde.“ „Laſſen wir das, ich möchte um Alles in der Welt Ihr Ge⸗ dächtniß nicht auf dieſe Probe ſtellen,— aber reden Sie,— Sie wollten mir etwas ſagen, Sie verlangten zu dieſem Zwecke eine Audienz bei meinem Oberſthofmeiſter, die ich mich nicht veranlaßt ſah, Ihnen zu bewilligen, Sie benutzten darauf eine Seitenthüre, und ich will trotzdem ſo freundlich ſein, zwei Minuten für Sie übrig zu haben,— alſo reden Sie.“ 1 „Alles, was ich zu ſagen habe, in zwei Minuten?— o, Eure Hoheit gehen hart mit mir um, ich wünſche faſt, Italien mit ſeinem Himmel wäre mir ſympathiſcher geblieben.“ —.ð — 2——. . Fürſt und Kavalier. 201 „Darin treffen ſich unſere Wünſche, doch ſind geſchehene Dinge nicht zu ändern.“ „Gewiß nicht, eben ſo wenig als wir im Voraus wiſſen, was die nächſte Zeit bringt,— o, eine ſolche Wiſſenſchaft wäre in der That unbezahlbar.“ „Wenden Sie dieſen Satz auf den gegenwärtigen Augen⸗ blick an?“ „Ja, Hoheit,“ erwiederte er raſch,„hätte ich gewußt, daß es Ihnen, die damals ſo gnädig, ja ſo freundlich gegen mich geſinnt war, ſo höchſt unangenehm wäre, nur zwei Minuten für mich übrig zu haben, ſo hätte ich weder den Verſuch gemacht, mich durch die große Pforte, noch durch die kleine Seitenthüre ſo rückſichtslos Eurer Hoheit zu nähern.“ Er wagte es bei dieſen leizten Worten eine tiefe Verbeugung zu machen, und blickte ſie darnach geſpannt und forſchend an, indem er fürchtete, durch eine Handbewegung ent⸗ laſſen zu werden. Doch geſchah von dem gerade das Gegentheil: die Prinzeſſin ſetzte ſich langſam auf das Sopha nieder und ſagte lächelnd,— aber es war immer noch ein ſehr kaltes Lächeln: „Nun denn, um gegen damals nicht inkonſequent zu erſcheinen, will ich die zwei Minuten auf unbeſtimmte Zeit verlängern.“ „Das war ein entzückender Anklang an jenen Ton der Güte, mit dem Eure Hoheit mich damals zu behandeln pflegte.“ „Reden Sie doch nicht immer von damals, ich weiß noch immer nicht, was Sie mir eigentlich zu ſagen haben.“ „Es iſt wahr, Hoheit, ich habe die leidige Gewohnheit, für jene Zeit mit aller Kraft meines Herzens zu ſchwärmen,— ſollte das aber nicht verzeihlich ſein?— Haben Eure Hoheit nicht viel⸗ leicht auch Zeiten, deren ſie ſich ausnahmsweiſe gerne erinnern?“ „Nein,— ich wüßte keine,“ gab ſie mit einem ſcharfen Tone der Bitterkeit zur Antwort,„wie wäre das auch in meiner Stel⸗ lung möglich,— mir, der jeder Tag in gleicher Luſt und Freude vorüberfließt?“ 202 Fürſt und Kavalier. „Alſo nur Licht und keine Schatten,— da würde ich mich doch zuweilen nach einiger Abwechslung ſehnen.“ „Sehnen Sie ſich doch ein wenig hier im kalten Norden nach dem glühenden italieniſchen Himmel,— glauben Sie, er werde alsbald über Ihnen lachen?“ „Ich verlange ihn nicht mehr, dieſen ſüdlichen Himmel,“ er⸗ laubte er ſich in innigem Tone der Stimme zu ſagen,„mir genügt die Gegenwart, um glücklich zu ſein.“ „Das haben Sie in Ihrer Stellung vor uns voraus,“ ſagte die Prinzeſſin nach einer Pauſe leicht bewegt;„überhaupt,“ fuhr ſie, raſch aufathmend, gleich darauf, wie um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, fort,„haben unabhängige Menſchen, wie Sie, beſonders Künſtler, das glückliche Loos, von dem Leben nur das zu nehmen und in ſich zu behalten, was ihnen gefällt.—— Was macht denn Ihre Kunſt? Haben Sie ſeit jener Zeit viel gearbeitet?“ „Leider nein.— Doch brauche ich mir darüber keine Vorwürfe zu machen, denn an den Eindrücken, welche ich in Italien empfing, habe ich mein ganzes Leben zu zehren.“ „Und warum kamen Sie hieher? Wenn Sie mir dieſe Frage beantworten, ſo erfahre ich vielleicht auch das Wichtige, was Sie mir mitzutheilen haben.“ „Da Eure Hoheit die Gnade hatten, mir ſtatt der kargen zwei Minuten eine längere Zeit freundlich zu bewilligen, ſo werde ich vielleicht, ohne damit unbeſcheiden zu erſcheinen, im Stande ſein, das zu ſagen: Warneck wurde mir ſo reizend geſchildert, daß ich das innigſte Verlangen trug, dieſen herrlichen Ort zu ſehen— ein Terrain für Künſtler, wie nicht leicht ein zweites aufzufinden; die maleriſche Abwechslung von Berg und Thal, der Fluß mit ſeinem ſpielenden Lichte, die prachtvollen Baumgruppen— gewiß, Hoheit, ich hatte mir viel vorgeſtellt, aber die Wirklichkeit überflügelt meine kühnſte Phantaſie.“ Fürſt und Kavalier. 203 „In zwei Tagen? Sie ſehen raſch, Herr von Saleck.“ „O, um einen unvergeßlichen Eindruck zu erhalten, braucht man nicht zwei Tage, dazu genügen zwei Minuten.“ „Warnecks Park und Umgebung,“ erwiederte die Prinzeſſin, während ſie vor ſich niederblickend mit den Quaſten ihres Morgen⸗ Anzuges ſpielte,„iſt für Jedermann offen, und dazu brauchen auch Sie durchaus keiner Erlaubniß.“. „Eure Hoheit werden mir geſtatten, dem zu widerſprechen, es iſt nicht Jedermann ſo glücklich hier verweilen zu dürfen, und da⸗ mit komme ich auf das, was ich mir erlauben wollte, Ihnen zu ſagen: für mich ſteht vor dieſem Paradieſe Warneck ein Engel mit flammendem Schwert in Geſtalt eines unverſöhnlichen Feindes, der die Luſt hat, mich von hier zu entfernen, und dem es auch an Einfluß nicht fehlen dürfte.“ „Sie machen mich neugierig.“ „Ich danke dem Himmel, wenn es mir gelingen ſollte, Eure Hoheit für einen armen Künſtler zu intereſſiren; es iſt ſo, wie ich geſagt: man wird Schritte thun, um mir einen harmloſen Aufent⸗ halt in der Umgebung von Warneck zu erſchweren.“ Bei dem Worte harmlos blickte die Prinzeſſin lächelnd auf und ſagte alsdann in freundlicherem Tone wie bisher,„und gegen Ihren unverſöhnlichen Feind wünſchen Sie meinen Schutz?— Sie verlangen viel.— Sagen Sie mir, welchen Beweggrund ich haben ſollte, einen Beweggrund, den die Welt anerkennt, Sie, einen mir faſt Fremden, ſo auffallend zu beſchützen?“ „Die Erinnerung, gnädige Prinzeſſin,— ja, ich darf es wohl ausſprechen, Sie gaben mir in manchem freundlichen Worte einen wahren Schatz von Erinnerungen,— Kleinodien, koſtbarer als Gold und Perlen, und die für mich an Glanz zunahmen, je mehr ich mich von jener ſchönen Zeit entfernte. Was eine Fürſtin ſchenkt, ſeien es Worte oder glänzende Steine, kann nicht falſch ſein, ſoll und muß ſeinen Werth behalten,— Sie hielten mich manches 204 Fürſt und Kavalier. guten, manches herzlich ich um Ihren Schutz.“ „Und wenn ich mich wirkli erinnern wollte, Werthes würdig?“ „So wahr mir Gott helfe er mit leuchtendem Auge hinzu gnädigſten Fürſtin.“ Die Prinzeſſin war langſam aufgeſtanden. Sie ſchaute den jungen Mann, der ſo bittend vor ihr ſtand, mit einem langen Blicke an, ſie erhob ihre Rechte, und als ſie darauf mit weicher Stimme ſprach:„Ja, ich will Sie ſchützen, Erinnerungen zu lieb, die aber alsdann verblaſſen müſſen, wie nach Ihren Worten der Himmel Italiens,“ reichte ſie ihm zögernd ihre Hand, die er mit ſeinen beiden Händen ergriff und ſtürmiſch an ſeine Lippen drückte, während er, ſich tief herabneigend, das Knie vor ihr bog. „Hier in Warneck,“ fuhr ſie nach einer ziemlichen Pauſe fort, an deren Ende ſie ihm erſt ihre Hand entzog,„kann ich freilich wenig für Sie thun, wünſchen Sie aber zu Ihren Studien grünen Wald, rieſelnde Quellen und auch eine prachtvolle Fernſicht, ſo will ich Ihnen den Aufenthalt auf meinem kleinen Gute Edelsheim, eine kleine Stunde von hier, für einige Zeit gerne geſtatten, dort bin ich unumſchränkte Herrin.“ „Wie vermag ich Ihnen zu danken, für ſo viel—“ rief er entzückt aus. Doch war es ihm nicht möglich, ſeinen Satz in ihrem Beiſein zu vollenden, denn die Prinzeſſin hatte ſich, nach einem kurzen Blicke auf ihn, raſch abgewandt und war durch die Tapetenthüre, durch die ſie hereingetreten, verſchwunden.—— en Wortes werth, und darauf bauend, bitte ch meiner Worte von damals deren ich Sie werth hielt, blieben Sie ihres „ in jeder Beziehung, und,“ ſetzte „„doppelt aber gegenüber meiner —y—— 86 j. hervorbringt, ſo iſt jene dort in ihrer ſtillen Einfachheit gemüth⸗ Fürſt und Kavalier. 205⁵ VII. Es war Hoftafel im Terraſſenfaal. Der Terraſſenſaal war der kleine Speiſeſaal des Schloſſes, er lag im Parterreſtock und hatte den Namen daher, weil ſeine drei Flügelthüren auf eine mächtige Terraſſe nach der Flußſeite zu⸗ führten, wo die große Orangerie aufgeſtellt war. Im Schatten derſelben wurden vor der Tafel die verſchiedenen Cercles gehalten, und nach der Tafel dienten die mächtigen Kübel mit ihren ge⸗ waltigen Stämmen dazu, eine kleine Schaar von Rauchern zu ver⸗ bergen, die ſich beim Landaufenthalte des Hofes nach dem Beiſpiel des regierenden Herrn, nachdem die Damen ſich entfernt hatten, dieſes Verbrechen, aber immer noch halb verſteckt vor der Oberſt⸗ hofmeiſterin, Gräfin von Sporbach, zu Schulden kommen ließen. Da die fürſtliche Familie nicht allein ſpeiste, ſondern das Ge⸗ folge mit den höchſten Herrſchaften, ſo war keine Marſchallstafel und im Terraſſenſaal vielleicht dreißig Couverls aufgelegt. Für diejenigen unſerer geneigten Leſer, welche dieß nicht wiſſen ſollten, erlauben wir uns zu bemerken, daß die Marſchallstafel bei Hofe jene Tafel iſt, wo das Gefolge der hohen und höchſten Herr⸗ ſchaften zu ſpeiſen pflegt, wenn die fürſtliche Familie es vorzieht, in traulichem Kreiſe hie und da einmal allein zu ſpeiſen, um ſich, ungehört von fremden Perſonen, ihren verwandtſchaftlichen Gefühlen auf die herzlichſte Art hinzugeben. Die Marſchallstafel hat ihren Namen daher, daß dort der Hofmarſchall, Oberhofmarſchall oder Oberſthofmeiſter den Vorſitz führt. Dieſer hohe Beamte läßt ſich auf ſeinem Ehrenplatze meiſtens mit ſehr wohlwollender Miene nie⸗ der, grüßt verbindlich nach allen Seiten, ſich freuend, heitere Mienen zu ſehen, welche an der Marſchallstafel eben ſo häufig zu erſcheinen pfogen als an der Hoftafel, denn wenn auch dieſe in ihrer größeren Vornehmheit ein erhebenderes Gefühl in den Buſen der Betreffenden Fürſt und Kavalier. licher und wird mehr mit dem Gefühl einer munteren Kinderſchaar abgehalten, die dem Auge des liebenden Vaters entrückt iſt. Es iſt alſo Hoftafel.— Da Alles im Schloſſe wohnt, findet natürlich keine Auffahrt ſtatt; das Gefolge erſcheint nach und nach, eine Viertelſtunde vor Anfang des Diners und in der Art, daß die weniger Vornehmen zuerſt kommen, ſich beſcheiden an irgend einer Wand aufſtellen, um dort zum Gegenſtand des vorläufigen Cercles einer höheren Rangklaſſe zu dienen, die dann ebenfalls wieder be⸗ cerclet wird, bis nach dem Erſcheinen der Frau Herzogin oder der Prinzeſſin Helene mit ihren Damen du jour nach einer tiefen Ver⸗ beugung ziemlich allgemeine, erwartungsvolle Stille eintritt, auf den Moment hinleitend, wo die Flügelthüren geöffnet werden, wo Seine Hoheit ſelbſt erſcheint und einen allgemeinen Cercle hält. Wir finden mehrere Bekannte der Kegelpartie, aber dieſelben ſind hier ernſter, gemeſſener und in jeder Beziehung zugeknöpfter als dort; doch ſieht man während des fürſtlichen Landaufenthaltes keine Uniform, Alles iſt in Civil, ſogar mit ſchwarzen Halsbinden ohne Orden, da der Fürſt dieſe beiden Zuthaten zur großen Toilette nicht beſonders liebt. Es muß heute übrigens etwas in der Hofluft liegen, was die Gemüther erregt und bewegt, denn wie ſich vor einem Gewitter die muntere Vögelſchaar auffallend ſchüchtern, ja faſt ängſtlich benimmt, wie die Bäume vor dem herannahenden Sturmwinde tiefe, langanhal⸗ tende Verbeugungen machen, wie ein gewiſſer feierlicher Ernſt in ſolchen Momenten über Wald und Flur liegt, ſo iſt es, wie ſchon bemerkt, heute hier der Fall, ohne daß ſich im Speziellen irgend eine beſondere Aenderung in dem ganzen Weſen und Treiben des Hofſtaates bemerklich macht: die Lakaien ſtehen bolzgerade an den Thüren, der Tafeldecker und der Kammerdiener vom Dienſte laſſen noch einen raſchen Blick über die Tafel laufen, einige der letzteren treten noch einmal zuſammen, zupfen leicht an ihrer weißen Hals⸗ binde und flüſtern ſich irgend eine Bemerkung zu, die wahrſcheinlich Fürſt und Kavalier. 207 Bezug auf unſere eben erwähnten Erſcheinungen am Himmel des Hofes hat. Es ſind dieß ganz bevorzugte Leute, dieſe Kammer⸗ diener, und wer von ihnen ſein Amt mit Vorſicht, Umſicht, Nach⸗ ſicht und vor allen Dingen mit Verſtand betreibt, hatte ſchon lange wetterleuchten geſehen, während wir das Gewitter erſt empfinden, nachdem es dicht vor uns eingeſchlagen. Die jüngſten Adjutanten und Kammerherren behandeln heute ihre Lieblingsthemas nicht mit derſelben Sorgloſigkeit wie ſonſt wohl, und die unbefangenſten Damen, oder die, welche am unbefangenſten zu erſcheinen lieben, blicken doch häufig nach der Thüre und huſten leicht hinter ihrem vorgehaltenen Taſchentuch, wenn eine der fürſtlichen Perſonen erſcheint. Jetzt kommt die Frau Herzogin, eine ſtattliche Frau in den Fünfzigern, welche mit einem wohlwollenden Lächeln und einem eleganten Rundkomplimente den Hof begrüßt, der ſich tief verneigt und ſo anmuthige Mienen annimmt, als es ihm möglich iſt. Der Herr Herzog geht neben ſeiner Mutter, und das helle Tageslicht, in dem wir ihn heute ſehen, verſchönert durchaus nicht ſeine äußere Erſcheinung: er iſt klein, ſchwächlich gebaut und hat eine ſo hohe rechte Schulter, daß man ihn in anderen Kreiſen verwachſen nennen würde, hier aber nur von einem etwas mangelhaften Wuchſe ſpricht; im Gehen ſchleppt er den rechten Fuß etwas nach, und ſein Hals iſt ſo dünn, daß man auf die Vermuthung kommt, derſelbe könne den etwas ſtarken Kopf nicht aufrecht tragen, weßhalb er ihn gegen die hohe Schulter neige, um ihn dort gelegentlich anzulehnen. Dieſer Kopf aber wäre es ſchon werth, auf einem wohlgewachſenen Körper zu ſtehen; er iſt wohlgeformt, die Züge deſſelben, namentlich aber die Augen, haben einen geiſtreichen Ausdruck, und der feine Mund könnte ſchön genannt werden, wenn um denſelben nicht be⸗ ſtändig ein ſarkaſtiſcher, ja zuweilen boshafter Zug ſpielte. So mangelhaft demnach die ganze Erſcheinung des Herzogs iſt, ſo iſt er in ſeinen Bewegungen doch nicht ohne Leichtigkeit und Grazie, 08 Fürſt und Kavalier. und man kann deßhalb nicht ſagen, daß ſein Anblick einen unan⸗ genehmen Eindruck machte. Kaum auf der Terraſſe erſchienen, verließ er ſeine Mutter mit einer leichten Neigung des Kopfes und eilte den Grafen Helder aufzuſuchen, der dicht neben einem der großen Orangekübel ſtand und dieſe Annäherung erwartet zu haben ſchien. „Nun, mein lieber Helder,“ ſagte der Herzog,„was machen unſere gemeinſchaftlichen Geſchäfte? Haben Sie Neues erfahren?— Bei dem Eifer, mit dem Sie ſchon in Ihrem eigenen Intereſſe ſich dieſer Sache jedenfalls angenommen haben, hoffe ich, daß Sie mir zweifelsohne Intereſſantes zu berichten haben.“ „Leider nein,“ gab der Gefragte achſelzuckend zur Antwort; „Mühe gab ich mir allerdings, um Ihren Wunſch zu erfüllen, gnädiger Herr,“ ſetzte er mit beſonderer Betonung hinzu. „Aber der Betreffende iſt immer noch vorhanden?“ ſagte der Herzog faſt ungeduldig,—„er kann nicht verſchwunden ſein wie ein körperloſes Weſen.“ „Verſchwunden nicht, aber ex ſcheint ſich verwandelt zu haben, wie ich Sie ſchon geſtern zu verſichern die Ehre hatte. Der Fremde, den wir im Parke trafen, nannte ſich dort Felſing,— nun gut, dieſe Perſon iſt allerdings noch vorhanden, aber heißt jetzt Baron Hauke, iſt als ſolcher im Gaſthof bekannt und ſcheint, obgleich er beſcheiden mit dem Eilwagen ankam, jetzt einen ziemlich großen Train zu führen—“ „Ich weiß, ich weiß.“ „Damit iſt meine Wiſſenſchaft zu Ende.“ „Und was werden Sie ſagen, lieber Helder,“ fuhr der Herzog nach einer kleinen Pauſe mit aufleuchtendem Blicke fort, wenn ich Ihnen ganz Merkwürdiges, ja Unerhörtes zu ſagen habe, hier, wo Ihre Wiſſenſchaft aufhört,— ja ganz Abnormes, noch nie Da⸗ geweſenes?“ „Ich bin ganz erſtaunt, gnädiger Herr.“ Fürſt und Kavalier. „Und fürchte, lieber Graf, daß ſich Ihr Erſtaunen in Schmerz verwandeln wird, denn ich habe Ihnen Dinge mitzutheilen, die Ihr Herz, und das auf eine ſehr unangenehme Weiſe berühren werden,— dieſer Felſing, mag er nun ſo heißen oder Baron Hauke, oder wie er will, war allerdings nur ein ganz harmloſer Spazier⸗ gänger, wir haben dem Manne Unrecht gethan, er befand ſich wirk⸗ lich ohne alle Urſache vor dem Pavillon—“ „A— a—a—ah,“ machte der Adjutant, nachdem er einen er⸗ leichternden Athemzug gethan, welcher, ſo unmerklich dieß auch geſchah, dem ſcharfen Auge und Ohre des Herzogs nicht entging, der boshaft lächelnd fortfuhr:„Dieſes Ah der Befriedigung wird ſich in ein Oh ſehr getäuſchter Erwartung verwandeln, wenn ich Ihnen ſage, daß vor dieſem Felſing ein anderer Mann, ein junger Mann, lieber Graf, nicht nur unter demſelben Pavillon ſich befand, dort eine Zeitlang wartete und das gewiſſe Etwas vom Boden aufhob, welches wir mit unſeren beiden Augen aus dem Fenſter einer gewiſſen Dame herausfliegen ſahen.“ Nach dieſer Mittheilung, die der Herzog dem Adjutanten ſo langſam und deutlich, als es ihm nur möglich war, machte, konnte jener allerdings mit dem Ausdruck zufrieden ſein, der ſich auf dem Geſichte des Grafen zeigte: ſeine Züge überflog eine flüchtige Röthe, er preßte die Lippen zuſammen und ſtieß mühſam hervor:„Woher aber, gnädiger Herr— 2“ „Ich das weiß?— Ja ſehen Sie, lieber Graf, dieß iſt mein Geheimniß; glauben Sie mir, ich bin ein zu geſchickter Vogelſteller, als daß ich mich mit einem Netze begnüge.“ „Ohne übrigens immer etwas zu fangen,“ konnte ſich der Adjutant nicht enthalten, dem Andern, der ihn ſo triumphirend lächelnd anſchaute, zu erwiedern,„oder,“ ſetzte er, ſich mühſam zurückhaltend, hinzu,„Eure Hoheit müßten jenen jungen Mann ſelbſt beauftragt haben.“ „Pah,— Unſinn, ich beſorge dergleichen Geca fi ſelbſt,— Hackländer'’s Werke. 49. Bd. 210 Fürſt und Kavalier. aber geben Sie Achtung, Helder,“ ſetzte er mit zornig auflodernden Blicken hinzu, nachdem er dieſe gegen den Eingang der Terraſſe gewandt,—„man kommt: Schön wie der Mond, der einſam wallt, So ſchön biſt Du, doch auch ſo kalt! wie der Dichter ſingt, was aber durchaus nicht auf unſere Diana paßt.— Da iſt ſie, dieſe ſtolze und kalte Viktorine,— ſehen Sie dieſes ſchöne und anſcheinend ſo theilnahmloſe Auge, ſelbſt ihren ſchwellenden, Glut verrathenden Lippen weiß ſie den Ausdruck der Kälte und Geringſchätzung zu geben,— Geringſchätzung gegen Alles, was Mann heißt,— a— a— a—ah, wie ſchön ſie iſt!“ Er ballte die Finger ſeiner rechten Hand krampfhaft zuſammen und ſtemmte ſie auf ſeine hohe Hüfte, wobei ſeine Augen einen heißen, wilden Strahl ſehen ließen.„Sollte man glauben, daß dieſes Marmor⸗ bild Zeichen wechſelt, bei dunkler Nacht,— ja, daß ſie—“ er ſchwieg plötzlich und wandte ſein Auge auf den Grafen mit beſorg⸗ tem Ausdrucke, als hätte er ſchon zu viel geſagt. Doch hatte dieſer das letzte Wort des Herzogs nicht gehört, ſeine Augen hingen eben⸗ falls, wenn auch nicht mit gehäſſigem Ausdrucke, wie die des Andern, an dem ſchönen Mädchen, die, obgleich der Fürſtin nachgehend, ſelbſt wie eine Königin erſchien. „Wie ſie bleich ausſieht,“ dachte der Adjutant tief bewegt, „ſollte es wahr ſein, was der Herzog geſagt? Sollte ſie ſich durch irgend eine Leidenſchaft haben hinreißen laſſen?— Traurig für ſie, wenn es dem Herzog wirklich gelungen wäre, ihre Geheimniſſe zu erlauſchen, denn ich fürchte faſt, es iſt ſo, und er hat ſchon Zeit gehabt, ſein Gift gegen ſie zu ſchleudern: die Prinzeſſin ſieht ſo triumphirend aus,— und wie ſie der Eller ſo überaus freundlia ihre Hand reicht, wie ſie ihr über die Stirne ſtreicht,— ja, ſie weiß etwas,— welche liebenswürdige Miene ſie für alle Welt hat gegenüber dieſem drohenden, kalten Blicke, den ſie jetzt auf die arme 8 — ——— Fürſt und Kavalier. 211 Viktorine wirft,—— wenn ſie wirklich gefehlt hat, wenn ſie auch dadurch mein Herz tief verwundet, ſo bedaure ich ſie doch auf's Innigſte.“ Der Herzog hatte ſich nach den letzten Worten, die er mit ihm geſprochen, raſch entfernt und machte ſeinen kleinen Cercle mit außer⸗ gewöhnlicher Lebhaftigkeit und ſichtlichem Wohlkehagen. Jetzt ſtand er vor dem Fräulein von Saint⸗Aubin, die er durch ein animirtes Geſpräch zu feſſeln ſchien, zu feſſeln im wahren Sinne des Wortes, denn wenn das junge Mädchen mit einem Blick auf die Prinzeſſin mit einer leichten Verbeugung zurücktreten wollte, ſo folgte er ihr mit einer neuen Bemerkung, die er ziemlich augenſcheinlich lachend von ſich gab. Daß er dabei ſehr gleichgültige Dinge ſprach, ſah man an den unveränderten Geſichtszügen des Fräulein von Saint⸗ Aubin. Eine allgemeine Bewegung, die jetzt unter den Herren und Damen entſtand, erlöste Viktorine endlich von dem Herzog. „Der Fürſt.“ Seine Hoheit betraten die Terraſſe und ſchienen ſehr guter Laune zu ſein, was nicht immer der Fall war, weßhalb denn auch die heutige frohe und heitere Miene des Herrn einen wahren Zauber von Liebenswürdigkeit auf den Geſichtern Derer hervorrief, die er anſprach, oder an denen er freundlich grüßend vorüberſchritt. Bei dem Oberſtſtallmeiſter blieb er ſtehen und ſagte:„Lieber Rodenberg, wenn die vier neuen Rappen, deren Sicherheit Sie mir nicht genug rühmen konnten, wirklich ſo vertraut ſind, ſo wollen wir nach dem Diner eine kleine Spazierfahrt machen, doch werden Sie ſo gut ſein, ſelbſt zu kutſchiren; vielleicht können wir auch unſern guten Baron Spiegel mitnehmen,“ wandte er ſich lächelnd an dieſen, „wenn er keine zu große Scheu vor jungen Pferden hat.“ Der Angeredete verbeugte ſich tief und gab alsdann zur Ant⸗ vort:„beſtens dankend für Euer Hoheit freundliche Einladung, die ich mir zur ganz beſonderen Ehre anrechne, möchte ich mir in 6 der That erlauben, Eure Hoheit darüber aufzuklären, daß es nicht 212 Fürſt und Kavalier. Aengſtlichkeit von mir iſt, wenn ich jetzt ſo ſelten im Sattel oder ſelbſt kutſchirend geſehen werde. In meiner Stellung—“ „Ah, ich weiß— ich weiß, ein Oberſtkammerherr gehört zur Infanterie des Hofes, ich eigentlich auch, mein lieber Spiegel,“ ſetzte er leicht ſeufzend hinzu,„die Tage des Sattels und der Zügel ſind für uns vorbei;— alſo gegen ſechs Uhr, lieber Rodenberg.“ Schon bei den letzten Worten, die er wie zerſtreut ſprach, hatte er ſich im Kreiſe des Hofes umgeſehen und ſchritt nun quer durch den Halbzirkel, den dieſer bildete, auf den Grafen Sporbach zu, den er vertraut unter dem Arme nahm und ein Paar Schritte ſeitwärts führte, dann ſtellte er ſich vor ihn hin, rieb ſich heiter lachend die Hände und ſagte:„dieſe Geſchichte iſt nicht mit Gold zu bezahlen; ich hoffe, daß mein Befehl ſtreng befolgt iſt, und daß man dieſen Miſſethäter von Saleck veranlaßt hat, Warneck augen⸗ blicklich zu verlaſſen?— er wird ſich trotzdem nicht zu weit ent⸗ fernen,“ flüſterte er hinter der vorgehaltenen Hand, ſichtbar in der heiterſten Laune von der Welt, dem Oberſthofmeiſter zu, der ſich durch dieſe eigenthümlichen Aeußerungen veranlaßt ſah, zu fragen: „ſo wiſſen Eure Hoheit etwas Näheres von dieſem Saleck?“ „Ich?“ frug dieſer lachend,—„Gott ſoll mich bewahren, daß ich mich um Leute bekümmere, die von meiner löblichen Polizei ausgewieſen werden,— nein, nein, mit der habe ich ſelbſt nicht gerne zu thun.“ Einer der dienſtthuenden Kammerdiener flüſterte dem Hof⸗ marſchall zu, daß ſervirt ſei, worauf dieſer, einige Schritte gegen den Fürſten machend, dieſes Zauberwort wiederholte. „Gut, ſo gehen wir,“ ſagten Seine Hoheit und traten an der Seite des Grafen Sporbach, mit dem er fortwährend uinn Nu von der Terraſſe in den Speiſeſaal. Der Hof wäre augenblicklich dem Fürſten und der Frau⸗ Herzogin gefolgt, wenn man nicht noch auf die Prinzeſſin gewartet 9 * b V Fürſt und Kavalier. 213 hätte, welche in der entfernteſten Ecke der Terraſſe mit dem Herzog in lebhaftem Geſpräche ſtand. „Was Sie mir da ſagen,“ ſprach ſie in erregtem Tone,„kann ich unmöglich glauben;— Etwas das aus dem Fenſter geworfen wird, beweist im Grunde noch Nichts, oder erkannten Sie die Saint⸗Aubin mit eigenen Augen?“ „Ich?— wie ſollte ich dazu kommen?“ gab der Herzog in einem anſcheinend verwunderten Tone zur Antwort,„wie ich Ihnen ſchon ſagte, kam ich ganz zufällig dazu, angelockt durch ein Paar laute Worte, die Graf Helder mit dem Unbekannten ſprach, und Helder verſicherte mich auch, es ſei etwas aus dem Fenſter geworfen worden.“ „Nun gut, das glaube ich ja,“ erwiederte die Prinzeſſin un⸗ geduldig,„aber Sie wollten mir Anderes mittheilen, Wichtigeres, Schlimmeres— was weiß ich— ſo reden Sie denn.“ „Dazu iſt es jetzt zu ſpät,“ ſagte der Herzog nach einem Blick auf den wartenden Hof,„der Fürſt hat ſchon die Terraſſe ver⸗ laſſen;— wollen Sie meinen Arm nehmen?“ Die Prinzeſſin legte leicht ihre Hand in den Arm des Her⸗ zogs, und während ſie in den Speiſeſaal gingen, ſagte ſie:„Die Sache intereſſirt mich; ich werde nach dem Diner hier zurück⸗ bleiben und wünſche alsdann zu erfahren, was Sie mir zu ſagen haben.“ Das Diner ging unter ſo harmloſem Geplauder über kleine Tagesbegebenheiten, über an ſich unbedeutende Vorfälle, über Briefe aus der Reſidenz, die Dieſer oder Jener empfangen, über Wetter⸗ beobachtungen und dergleichen und mit ſo freundlichen Mienen vor ſich, daß man hätte glauben ſollen, von allen denen, die hier um die Tafel vereinigt waren, fühle ſich keiner tiefer bewegt, als jene leichtſpielende Unterhaltung andeutete. Freilich flog ein Paar Mal, von Niemanden bemerkt, ein düſterer Blick des Herzogs über die Tafel hinüber, und ein aufmerkſamer Beobachter hätte vielleicht .ʒʒͤ8ͤ8ͤ8ʒ˙˙˙ 214 Fürſt und Kavalier. auch entdecken können, daß die Luſtigkeit des Grafen Helder etwas Erkünſteltes hatte. Am unbefangenſten in ſeiner Heiterkeit war übrigens der Fürſt, der eine Menge guter Einfälle zum Beſten gab, ein Paar Mal über Warnecks herrliche Tage ſprach, ſich da⸗ bei freuend, daß es von Fremden mit Vorliebe zu mehrtägigem Aufenthalte gewählt werde. Man ſah indeſſen, daß er etwas An⸗ genehmes auf dem Herzen hatte, worüber er gerne geſprochen; er nickte ſeiner Tochter häufig und ohne beſondere Veranlaſſung freundlich zu, frug den Herzog nach ſeinen Pferden und Hunden, was ſonſt höchſt ſelten geſchah, und als er ſich endlich von der Tafel erhob, trat er an die Thüre der Terraſſe, blickte heiteren Auges in die lachende Gegend hinaus, und der Oberſtkammerherr, Baron von Spiegel, der ihm am nächſten ſtand, behauptete ſpäter, deutlich gehört zu haben, Seine Hoheit hätten die Melodie des Jungfernkranzes unverkennbar und ſogar ausdrucksvoll vor ſich hingepfiffen,— ein nicht unwichtiges Ereigniß bei Hofe, das zu verſchiedenartigen tiefen Kombinationen Veranlaſſung gab. Nachdem ſich Seine Hoheit nach einem abermaligen und heute ziemlich langen und animirten Cercle entfernt, ſich auch die Frau Herzogin zurückgezogen, ſtob der Hof nach allen Richtungen eil⸗ fertig auseinander, Jeder und Jede mit kleinen Privatintereſſen beſchäftigt, denen man jetzt eben wieder eine nicht gerade zu amü⸗ ſante Stunde geraubt. Die Prinzeſſin Helene hatte ihre beiden Damen beurlaubt und war bei dieſem Abſchiede ſehr ungleich ver⸗ fahren: während ſie der Gräfin Eller freundlich die Hand reichte und mein liebes Kind zu ihr ſagte, hatte ſie für Fräulein von 8 Saint⸗Aubin nur ein kaltes Kopfnicken und ein ſehr froſtiges Adieu. Auch murmelte ſie zwiſchen den zuſammengepreßten Lippen, als ſich die Hofdame trotz dieſer augenſcheinlichen Beweiſe von Un⸗ gnade mit ſehr aufrecht getragenem Haupte entfernte:„Geduld, meine Liebe, man kann ſeinen Dienſt vortrefflich verſehen und doch unleidlich ſein,— ſchade drum; dieſes Mädchen hätte mir eine* — Fürſt und Kavalier. 215 Freundin ſein können, wenn ſie weicher und nachgiebiger wäre,— weicher und nachgiebiger,“ wiederholte ſie mit einem aufblitzenden Lächeln,— ah, ſie ſoll es ja ſein trotz ihrer kalten Außenſeite;— hören wir den Herzog. Dieſer hatte ſich an der Thüre der Terraſſe mit Helder unter⸗ halten und entließ dieſen nun, um ſich auf ſeine eigenthümliche Art zu gehen, ſchleichend und in Schlangenlinien der Prinzeſſin zu nähern, welche an die Baluſtrade getreten war und ihn er⸗ wartete. „Wäre es Ihnen nicht lieber,“ ſagte dieſe nach einer Pauſe, „mich in mein Zimmer hinauf zu begleiten? Auf meiner Terraſſe ſollen Sie einen bequemen Fauteuil haben und dürfen ſogar eine Cigarre rauchen.“ „Allerdings eine köſtliche Ausſicht,“ verſetzte der Herzog mit einem Lächeln, in dem irgend ein Rückhalt verborgen war,„aber wenn es Ihnen gleich iſt, theuerſte Couſine, ſo ſchenken Sie mir hier einen Augenblick Gehör, man iſt hier ungeſtörter.“ „Wie ſo;— wer wird uns droben ſtören?“ „Niemand Sichtbares, aber die Wände im Schloſſe haben Ohren, was Ihnen,“ ſagte er mit einer eleganten Verbeugung, „bei Ihrem offenen, rückhaltsloſen Weſen gleichgültig iſt, mir aber nicht ganz, denn man kann im vertraulichen Geſpräche Manches ſagen, was man doch nicht wünſcht, daß es die ganze Welt höre.“ „Gewiß, aber man darf auch im vertraulichen Geſpräche nie von der Wahrheit abweichen.“ „Nehmen Sie mein Ehrenwort, daß ich mir in dem, was ich Ihnen jetzt zu ſagen habe, auch nicht den kleinſten derartigen Sei⸗ tenſprung erlauben werde.“ „So laſſen Sie hören.“ Die Prinzeſſin lehnte ſich auf die Baluſtrade und ſah ſcheinbar gleichgültig auf den Fluß hinaus. „Sie wiſſen,“ ſprach der Herzog mit großer Ruhe,„daß vor einigen Abenden der Theil des Parkes vor dem Pavillon, in 216 Fürſt und Kavalier. welchem Ihre Hofdamen wohnen, auf eine eigenthümliche Weiſe belebt war.“ „Sie ſagten mir das, und ich hätte ſchon mit der Gräfin Eller darüber geredet, wenn Sie mir nicht nähere Mittheilungen verſprochen.“ „Mit der Gräfin Eller!“ meinte der Herzog achſelzuckend und mit einer ſehr bezeichnenden Geberde—„doch gehen wir weiter: Hel⸗ der und ich befanden uns zufällig auch in jener Gegend des Parkes.“ „Zufällig?“ „Ganz zufällig;— es war eine deliciöſe Nacht, wir rauchten unſere Cigarren und wurden aufmerkſam, als wir einen Mann regungslos, wie eine Bildſäule, längere Zeit vor dem Pavillon ſtehen ſahen,— ja vor einem Fenſter dieſes Pavillons, aus welchem kurze Zeit vorher irgend Etwas hinausgeworfen worden war.“ „Um welche Zeit konnte das geweſen ſein?“ „Nach halb neun Uhr, denke ich.“ Die Prinzeſſin nickte mit dem Kopfe, wobei ſie zu ſich ſelber ſprach:„um dieſe Zeit waren beide Damen bei mir, doch kann man ein derartiges Zeichen auch durch eine Kammerfrau beſorgen laſſen.“ 3 Es war gerade, als hätte der Herzog ihren Ideengang ge⸗ ahnt, denn er fuhr fort,„unmöglich wäre es mir, zu ſagen, wer dieſes Etwas aus dem Fenſter geworfen, und fern ſei es von mir, eine Ihrer Damen zu beſchuldigen, die ja Beide, wenn ich nicht irre,“ ſetzte er mit einem lauernden Blicke hinzu,„um dieſe Zeit bei Ihnen waren.“ „Ja, ja.“ „Und um welche Zeit,“ frug der Herzog raſch,„entließen Sie dieſelben an jenem Abend?“ „Es mochte vielleicht neun Uhr ſein.“— „Ah,“ machte der Herzog mit einem triumphirenden Lächeln, „alſo hören Sie weiter: Helder redete mit jenem Unbekannten unter —— 1 — ——., Fürſt und Kavalier. 217 dem Pavillon, der ſich für einen Fremden ausgab, welcher am gleichen Tage angekommen, auch irgend einen Namen angab und dann nach Warneck zurückging, wo er in der Roſe und Anker wohnt, — ſo viel erfuhr ich am gleichen Abend.— Jetzt aber,“ fuhr der Herzog nach einer längeren Pauſe fort,„weiß ich, daß ſich jener Fremde nicht ſo ganz harmlos dort befand, wie er uns glauben machen wollte,— daß auch jenes aus dem Fenſter ge⸗ worfene Etwas in der That ein Zeichen war, daß dieſes Zeichen demſelben Manne ungefähr ſagte,“ fügte der Sprecher in geſtei⸗ gertem Tone bei,„ich bin zur beſtimmten Zeit zu Hauſe, ich er⸗ warte Deinen Beſuch.“ „Unmöglich;— ſie könnte ſich einer ſolchen Zeichenſprache be⸗ dienen?— ſie könnte Beſuche annehmen, die ſich vor den Augen der Welt verbergen müſſen?“ „Ah, ich ſehe,“ rief der Herzog mit zuſammengebiſſenen Zähnen aus,„daß ſie denſelben Gedanken haben, den auch ich im erſten Augenblicke hatte,— den richtigen Gedanken!— Ja, ſie wagte es, dieſes Zeichen zu geben oder geben zu laſſen, und ſie wagte es, Beſuche zu empfangen, die von Niemand geſehen werden ſollten.“ „Ich nannte keinen Namen,“ ſagte die Prinzeſſin. „Aber ich mache mir nichts daraus, ihn zu nennen,“ rief der Herzog mit ausbrechender Heftigkeit,„es iſt eine ſtolze und kalte Schönheit, welche ſich in der Dämmerung dergleichen kleine Privat⸗ vergnügen erlaubt,— eine unnahbare Dame mit kaltem Blicke für Alle, ein Weſen ſcheinbar ohne Gefühl und Herz,——— Fräulein von Saint⸗Aubin.“ Er ſtieß dieſen Namen leiſe und doch mit einer Gewalt hervor, ſo daß die Prinzeſſin faſt zurück⸗ fuhr vor dem Ausdrucke des Haſſes, der wie ein Blitz aus den Augen des Herzogs leuchtete. —— Doch ſchüttelte ſie leicht ihr Haupt und ſagte dann nach einer Pauſe nicht ohne einen Anflug von Ungläubigkeit und Bosheit:„allen Reſpekt vor Ihrem Nachforſchungstalent, welches 218 Fürſt und Kavalier. außerordentlich groß iſt, wie ich ſelbſt ſchon Gelegenheit zu erfahren hatte, doch möchte ich ihr keine ſolche Unklugheit zutrauen.“ „Der Leidenſchaft iſt Alles möglich,— und was meine ſo genauen Nachforſchungen anbelangt, ſo muß ich allerdings geſtehen, daß ich Etwas zu meiner Verfügung habe, welches man geheime Polizei nennen könnte, und daß ich vortrefflich bedient bin.“ „Sie ſind ein gefährlicher Menſch, und was hat man Ihnen weiter berichtet?“ „Man hat mir weiter berichtet, daß an demſelben Abend nach neun Uhr, alſo zu der Zeit, wo Sie Ihre Damen entlaſſen hatten, jener fremde Mann in den Pavillon gekommen iſt, daß er ſich im Zimmer des Fräuleins von Saint⸗Aubin ſehr lange Zeit aufhielt, und daß er dieſes Zimmer oder vielmehr den Korridor vor dem⸗ ſelben nicht auf dem gewöhnlichen Wege verließ, ſondern durch das Vorzimmer Seiner Hoheit, was ein Beweis iſt, daß er dieſen ungewöhnlichen Weg, den er ſo ſicher fand, nicht zum erſten Male gemacht hat;— ferner hat dieſer Mann das Schloß erſt um elf Uhr verlaſſen, und ich weiß ſeinen Namen.“ „Wohl höchſt gleichgültig für uns;— die Thatſache allein iſt wichtig.“ „Es war mir von hohem Intereſſe ihn kennen zu lernen,“ ſagte der Herzog mit mühſam verhaltenem Grimme,„obgleich auch mir die Thatſache genügt.“ „Und dieſer Name?“ „Ich nehme keinen Anſtand, ihn zu nennen; doch muß ich Sie bitten, ihn im gegenwärtigen Augenblicke vor Niemand zu wiederholen;— die Perſon, durch welche ich ihn erfuhr, bedingte ausdrücklich, daß er Geheimniß bleiben müſſe.“ „Nun?“ Der Herzog biß ein Paar Sekunden lang die Lippen auf⸗ einander, dann ſagte er in dumpfem drohendem Tone:„der Ge⸗ liebte des Fräuleins von Saint⸗Aubin heißt Saleck.“ Fürſt und Kavalier. 219 Wäre ein Blitzſtrahl von dem heiteren blauen Himmel, der über der lachenden, von der Abendſonne beglänzten Landſchaft aus⸗ geſpannt ruhte, zu den Füßen der Prinzeſſin niedergeſchlagen, es hätte ihr kaum eine gränzenloſere und ſchmerzlichere Ueberraſchung bereiten können, als die Nennung gerade dieſes Namens im Zu⸗ ſammenhange mit der eben erwähnten Begebenheit, beſonders aber ausgeſprochen von dem Manne, der mit einem eigenthümlichen, ſonderbaren Geſichtsausdrucke faſt hohnlächelnd vor ihr ſtand und dieſes Erſchrecken ſah, denn trotz ihrer Gewalt über ſich ſelbſt, war ſie doch nicht im Stande es zu verbergen,— vor dem Manne der namentlich im gegenwärtigen Augenblicke nicht diskret und zart⸗ fühlend genug war, ſich mit der verurſachten Ueberraſchung zu be⸗ gnügen, dem es im Gegentheile Freude machte, durch weitere be⸗ zügliche Fragen die Prinzeſſin, welche, wir müſſen es geſtehen, ſchon oft in ähnlicher Weiſe mit ihm verfahren, nun ſeinerſeits zu quälen. „Ah, theure Couſine,“ ſagte er mit ſtechendem Blick,„es iſt dieß alſo doch derſelbe Saleck, den Sie, wie mir Mama häufig erzählt, in Rom geſehen, und der in Ihrem ſtrengen Herzen ein Intereſſe erweckte, das auch jetzt noch durchaus nicht erloſchen ſcheint. Es iſt in der That ein eigenthümliches Zuſammentreffen,“ ſetzte er mit überlegter Bosheit hinzu,„daß Herrin und Dame zu gleicher Zeit—“ Die Prinzeſſin ließ ihn nicht ausreden, ihr Auge flammte, ihr Mund zog ſich zornig zuſammen, und als kluge Fechterin im Wortſpiel traf ſie den Herzog feſt und ſicher in der Blöße, die er ſich durch ſein allerdings indiskretes Wort gegeben:„Herzog,“ ſagte ſie in einem Tone der Verachtung, welcher ihr außerordentlich ge⸗ lang,„Sie ſind ebenſo verläumderiſch als taktlos, ich weiß, was ich von Ihrer Geſchichte zu halten habe, da ich Ihre Motive ge⸗ nau kenne,— o, laſſen Sie mich ausreden,— Jedem ſein Recht: ich weiß, Sie haſſen die Saint⸗Aubin, und der Grund, weßhalb 220 Fürſt und Kavalier. Sie ſie haſſen, kann ſie mir nur lieb und werth machen. Auch habe ich nie vergeſſen, in welch' allerliebſten Bonmots Sie ſich ſeit meiner Rückkehr von Rom über jenen unbedeutenden Menſchen, den ich allerdings in Rom einige Male ſah, luſtig machten: nehme ich dazu Ihre bekannte Sucht und Ihr großes Talent, alle Welt an einander zu hetzen, ſo weiß ich die Wahrheit Ihrer Erzählung zu würdigen.“ Der Herzog hatte dieſen mit Leidenſchaft hervorgeſtoßenen Worten kalt zugehört und nur ſeine Schultern langſam in die Höhe gezogen mit einer Miene, als fühle er inniges Bedauern, dann erwiederte er langſam und jedes Wort betonend,„denken Sie über meine Gefühle und meine Bonmots wie Sie wollen, nehmen Sie aber meine Verſicherung, daß ſich die Sache ſo ver⸗ hält, wie ich Ihnen geſagt: jener Maler, Herr von Saleck, befand ſich an dem bezeichneten Abend bei Ihrer Hofdame, dem Fräulein von Saint⸗Aubin, und blieb dort bis nach elf Uhr Nachts, aller⸗ dings eine paſſende Stunde für eine junge Dame, um einen jungen Mann zu empfangen,— oder wäre vielleicht jener junge Mann von Ihrer Hofdame auf Ihren Befehl empfangen worden?“ Die Prinzeſſin hatte gute Luſt, ihm auf dieſe brutale Frage ein trotziges Ja entgegenzuſchleudern, doch Andern vielleicht eines Beſſern paſſer zu machen, um zu ſo unangenehmen E Doch tröſten Sie ſich; ich hätte Ihnen können;— Fräulein von Saint⸗Aubin Sympathieen für Sie, und dafür—⸗ „Lieben Sie ſie ganz beſonders,“ unterbrach ſie der Herzog raſch,„o, ich kenne Ihre liebenswürdige Geſinnung für mich.“ Er Alles das vorausſagen hat nun einmal keine Fürſt und Kavalier. 221 nahm bei dieſen Worten eine heitere Miene an und ging ſo in das Spiel der Prinzeſſin ein,—„aber Sie thun Unrecht, theure Couſine, wir ſollten feſt zuſammenhalten, gegen einander aufrichtig und ehrlich ſein,— doch wie Sie wollen; ich bereue das, was ich Ihnen geſagt habe, nicht, ja ich werde noch mehr thun, ich werde meine Nachforſchungen fortſetzen; ich hoffe noch allerliebſte Details zu erfahren, die ich Ihnen,“ ſetzte er mit einer tiefen Verbeugung hinzu,„gewiß nicht vorenthalten werde, da ich mit Vergnügen ge⸗ ſehen, welchen angenehmen Eindruck meine kleine Geſchichte auf Sie gemacht.“ „Gewiß, lieber Vetter, und durch meine Dankbarkeit halte ich mich zu ähnlichen Gegendienſten verpflichtet.“ Damit trennten ſich die beiden Verwandten, und wenn auch der Herzog, leiſe vor ſich hinpfeifend, die Terraſſe in anſcheinend vortrefflicher Laune verließ, ſo hatte er doch ſeine Hände, die er unter ſeinen Frackſchößen verborgen hielt, krampfhaft zuſammen⸗ geballt und begleitete die heitere Melodie, welche er pfiff, in Ge⸗ danken mit ſehr wenig heiteren Verwünſchungen. Auch die Prinzeſſin betrat ihre Gemächer anſcheinend in der beſten Laune von der Welt, ihr Auge leuchtete wie triumphirend, und wenn ſie auch etwas tiefer wie gewöhnlich athmete, ſo ſpielte doch um ihre feinen Lippen das angenehme Lächeln der Zufriedenheit. VIII. Der Maler Saleck hatte in dem Gaſthofe zur„Roſe und Anker“ noch am Abende deſſelben Tages, an dem er im Schloſſe geweſen war, ſeine Rechnung bezahlt, da er am andern Morgen Exkurſionen in der Umgegend machen wollte. Von all' ſeinem Ge⸗ 222 Fürſt und Kavalier. päcke nahm er nur eine kleine Reiſetaſche mit, die er um die Schul⸗ ter hing, und in welcher ſich auch eine Zeichenmappe befand, und einen dicken Stock, der ihm zugleich als Zeichenſtuhl diente. So als Landſchaftsmaler ausgerüſtet, einen leichten, weichen Hut auf dem Kopfe, verließ er den Tag darauf am frühen Morgen War⸗ neck und ſchlenderte die Berge hinauf, welche auf dem dieſſeitigen Ufer gegenüber dem Schloſſe und Parke ſanft anſtiegen. Beſondere Eile ſchien er nicht zu haben, oder war es die reizende Gegend, die ſich immer weiter um ihn ausbreitete, je höher er ſtieg, welche ihn veranlaßte, in den kürzeſten Zwiſchenräumen Halt zu machen, ſich jetzt an einen Baum zu lehnen oder auf ein Felsſtück niederzulaſſen, um mit unterſchlagenen Armen tief nachſinnend auf Schloß War⸗ neck hinabzuſchauen. Dieſes lag jetzt, im Halbkreiſe von dem großen Park umgeben, wie auf einer Landkarte gezeichnet vor ihm und ge⸗ währte ihm einen deutlichen Blick auf die verſchiedenen Gebäude, ja auf die inneren Höfe, welche von dieſen gebildet wurden. Von dieſer ganzen weitläufigen Maſſe war es übrigens nur ein kleiner Punkt, auf den ſeine Augen geheftet blieben: die Terraſſe vor den Zimmern der Prinzeſſin mit dem gelb und weißen Sonnendach, welches wie ein glänzender Punkt zwiſchen dem Grau der Gebäude und dem Grün der Laubmaſſen hervorleuchtete, welches, obgleich er höher hinaufſtieg, immer deutlich ſichtbar blieb und, ſeine Blicke gleichſam anziehend, zu ſagen ſchien: hier iſt doch für dich das Koſtbarſte verborgen, was dir der ganze weite, ſchöne Umkreis dieſer maleriſch ſchönen Gegend zu bieten vermag:— was kümmert dich Fluß, Berg, Wald und Thal, ich, der kleine, leuchtende, gelbe Punkt bin doch der Magnet, der dir Herz und Sinne ſo gewalt⸗ ſam anzieht, daß du dich kaum von mir loszureißen vermagſt. 4 Und ſo war es in der That. Jetzt hatte er die Höhe des Berges erreicht, auf dem die Ruinen des alten Schloſſes Warneck lagen, die er aber kaum betrachtete, da er, ſich an das alte Ge⸗ mäuer lehnend, immer wieder in's Thal hinabſchaute, und als 7 5 Fürſt und Kavalier. 223 ſich endlich ſeufzend umwandte, um die Ueberreſte des Schloſſes näher zu betrachten, ja ſogar einen ſtehen gebliebenen Wartthurm erkletterte, um von dort die weite Ausſicht zu genießen, reduzirte ſich doch Alles, was er hier ſah, wieder auf denſelben kleinen, leuchtenden, gelben Punkt. Er war faſt ärgerlich auf ſich ſelber, ſetzte ſich oben auf die von Epheu umrankten Mauerreſte hin und nahm ſeine Mappe hervor, um das neue Warneck zu zeichnen. Doch kam er nicht einmal zu den einleitenden Strichen: er ſaß, den Kopf auf die Hand geſtützt, nachdenkend da, und als er endlich aus ſeinen Träumereien auffuhr, beſtand Alles, was ſein Bleiſtift hervorgebracht hatte, in einem zierlichen H, das mit einem Kranze von Arabesken umgeben war. Raſch aufſpringend riß er ſich nun von dem Zauber los, der ihn hier umfangen hielt, kletterte den Thurm wieder hinab und eilte in den rückwärts liegenden dunkeln Wald, nachdem er mit einem langen Blick von Schloß Warneck Abſchied genommen. In der würzigen Luft, welche der Waldboden und die Blättermaſſen aushauchten, folgte er, jetzt wieder raſcher und freier aufathmend, auf's Geradewohl einem Fußwege, der einem Bergkamme entlang lief, und ihn allmälig auf der andern Seite deſſelben abwärts führte. Wohin es ging, und ob er auf dem geraden Wege nach Edelsheim war, war ihm vorderhand gleichgültig. Daß die kleine Beſitzung der Prinzeſſin ungefähr dort hinaus lag, wußte er, und raſch hinzukommen drängte es ihn nicht beſonders. Was ſollte er ſich auch beeilen, dort einzutreffen, wo ſie ſicher nicht zu finden war, wo aber gewiß ſo viele Zeichen ihres Schaffens und Wirkens an die Entfernte erinnern mußten;— es ſchien ihm genügend, dort mit der ſinkenden Sonne anzulangen. Daneben that ihm dieſe gänzliche Ungebundenheit ſo wohl; der Gedanke, völlig frei zu ſein, nirgends erwartet zu werden, keinen kalten, förmlichen Empfang durchmachen zu müſſen, und wenn auch nur für kurze Zeit enthoben zu ſein jeder läſtigen Eti⸗ 224 Fürſt und Kavalier. kette, deren Feſſel er ſelbſt drunten in Warneck immer noch hatte leiſe klirren hören, wenn ſein alter treuer Diener ihn, wie das immer geſchah, mehrmals des Tages mit einem freilich halbver⸗ ſchluckten verbotenen Titel anredete. So ſchlenderte er dahin, dem Geſange der Vögel lauſchend, deren Ruf ihm heute merkwürdiger Weiſe eine oft nachſpottende Aehnlichkeit mit einem Namen hatte, den er gar nicht aus dem Gedächtniß bringen konnte, obgleich er ſich in der That häufig ge⸗ nug die ernſtlichſte und redlichſte Mühe gab, ihn zu vergeſſen. Er war ſchon ein paar Stunden fortgewandert, als der Wald, durch den er abwärts dahinſchritt, ſich zu lichten begann: die großen, mächtigen Bäume hatten ſchon lange jüngerem Nachwuchſe Platz gemacht, und dieſer verlor ſich allmälig in einzelnen ſchwachen Stämmen und neuen Kulturen, über welche hinweg er nun einen freien Blick in das vorliegende Thal hatte. Da ſah er endlich ein Ziel, nach welchem er raſch entſchloſſen ſeine Schritte lenkte: zwi⸗ ſchen dem tiefen Einſchnitte eines Höhenzuges zur Rechten führte der Damm einer neuen Eiſenbahnlinie in einer leichten Schwingung dem Berggelände entlang, um gerade vor ihm in kühn geſchwun⸗ genen Brückenbogen das Thal zu überſetzen, aus dem hervor ein munteres Bächlein rieſelte. Zahlreiche Arbeiter waren dort unten mit der Emſigkeit eines Ameiſenhaufens beſchäftigt, Gerüſte zu ent⸗ fernen und die eben gelegten Schienen zu verkeilen. Andere rich⸗ teten Stangen auf und verſahen die ſchon in die Luft empor⸗ ragenden mit bunten Wimpeln. Offenbar wurden dort Vorberei⸗ tungen zu einem Feſte getroffen, um den vollendeten Brückenbau einzuweihen. In einer kleinen halben Stunde war unſer Wanderer dieſem Punkte ſo nahe gekommen, daß er die Geſtalten der dort Beſchäf⸗ tigten genau unterſcheiden konnte und auch ſofort den Oberingenieur Ramberg erkannte, der auf einem Gerüſtbalken ſtand und Befehle zu ertheilen ſchien. — Fürſt und Kavalier. 225 Dieſer war des herbeikommenden nicht ſo bald anſichtig gewor⸗ den und hatte ihn einen Augenblick ſcharf betrachtet, als er von ſeinem hohen Standpunkte gewandt herabſprang und ihm ſchnell entgegeneilte, dabei auch ſchon in einiger Entfernung ſeinen Hut ehrfurchtsvoll abzog und erſt durch ein dringendes Zeichen des Andern veranlaßt wurde, ihn wieder aufzuſetzen. „Ich freue mich ſehr,“ ſagte Saleck,„Sie durch einen glück⸗ lichen Zufall hier zu finden, und werde mir erlauben, Ihr ſchönes Werk zu betrachten. Ein Spaziergang führte mich über die Höhe droben hinweg, und als ich Sie hier in voller Thätigkeit ſah, konnte ich es nicht unterlaſſen, näher zu kommen.“* „Ein Zufall, dem ich ſehr zu Dank verpflichtet bin,“ erwiederte der Oberingenieur,„und wenn Euer——“ Ein Wink des An⸗ dern ließ ihn die förmliche Anrede nicht vollenden, ſondern er ſagte,„und Sie kommen gerade zum Termin der Vollendung eines allerdings ſchwierigen Werkes, welches in den nächſten Tagen beim Tragen eines ſchweren Eiſenbahnzuges ſeine erſte Feuerprobe be⸗ ſtehen ſoll.“ „Vorausſichtlich mit gutem Erfolge, wenn man dieſe ſchweren Steinpfeiler und die mächtigen Eiſengitter betrachtet;— ah, ich beneide Sie um die Conception und Ausführung eines ſolchen Werkes; Ihr Künſtler ſeid ein glückliches Volk.“ „Wir Künſtler, wollten Sie ſagen,“ gab der Oberingenieur lächelnd zur Antwort,„denn nebenbei, daß Sie ja auch ſpeziell einen Zweig der Kunſt betreiben, ſind Sie ein größerer Baumeiſter und Ingenieur als wir, denn wie viele Werke werden nicht noch beſtimmt ſein, unter Ihrer Hand hervorzugehen.“ „Ja, aber in ganz anderer Weiſe, als in Ihrer lebendigen und anregenden. Ich kann auf dem Papier wohl einen Eniwurf gutheißen, mich hie und da an dem Fortgang eines Baues erfreuen, ihn auch feſtlich geſchmückt, wie jenen da, übernehmen, wenn er vollendet iſt, aber die mühevolle und doch ſo ſüße Qual des Schaffens, Hackländer's Werke. 49 Bd. 15 226 Fürſt und Kavalier. die Hoffnung des Gelingens und endlich das hohe befriedigende Glück,— mein Werk daſtehen zu ſehen— das muß ich Ihnen überlaſſen, und das iſt auch der ſchönſte Lohn für alle Studien und alle Anſtrengungen.“ Während dieſer Worte waren Beide der Brücke zugegangen und hatten das in der That ſchöne Werk in Augenſchein genommen, wobei ſich der Fürſt in ſeinen Fragen und gelegentlichen Bemer⸗ kungen als ein ſo einſichtiger, gediegener Beſchauer, ja als Kenner bewies, daß ein ſpäter unverholen ausgeſprochenes Lob dem Ingenieur zur höchſten Befriedigung gereichte. „Und dieſe feſtlichen Anſtalten,“ ſagte der Fürſt im Verlaufe des Geſprächs,„ſind wohl beſtimmt, bei einer feierlichen Einweihung zu dienen?“ „Allerdings,“ gab Ramberg zur Antwort,„und zu dieſer iſt von unſerer Seite der regierende Herr und der Hof in Warneck pflichtſchuldigſt eingeladen worden, ob er aber kommen wird, iſt eine andere Frage.“ „Wie ſo;— warum ſollte man nicht kommen?“ „Aus verſchiedenen Gründen: für Eiſenbahnen im Allgemeinen iſt Seine Hoheit nicht beſonders eingenommen, und beſonders dieſe hier iſt ihm ein Horreur, mit welchem Worte er ſchon einige Male ſeine Gefühle für mein ſchönes Werk ausgedrückt.“ „Ah, ich erinnere mich,“ ſagte lächelnd der Fürſt,„Sie fuhren ihm etwas ſchonungslos durch eine prachtvolle Waldung, der Sie, wie man ſagt, hätten ausweichen können.“— „Allerdings,“ gab der Oberingenieur in ſehr ernſtem Tone zur Antwort,„ich hätte ausweichen können um den kleinen Preis einer Million, mochte es aber nicht auf mein Gewiſſen nehmen, weder einen ſolchen Vorſchlag zu thun, noch ihn zu unterſtützen oder gar auszuführen. Schonungslos nannten Sie mein Verfahren: ſchonungslos ſind wir bei unſeren Tracirungen allerdings und fahren unbarmherzig durch Güter und Gärten, hier einen großen Fürſt und Kavalier. 227 Komplex entzwei ſchneidend, dort eine Lieblingsſchöpfung zerſtörend. Aber dabei habe ich es mir zur feſten Richtſchnur gemacht, das Ver⸗ fahren ohne Rückſicht bei Hoch und Niedrig anzuwenden, und ich glaube, daß dieß ein ganz gerechter und deßhalb richtiger Grundſatz iſt.“ „Gewiß, und derſelbe läßt Sie in meiner Achtung ſteigen, auch glaube ich überzeugt ſein zu dürfen, daß man in Warneck nach dem erſten Unmuth Ihre Verfahrungsart nicht mehr verdammen kann, um ſo mehr,“ ſetzte der Fürſt lächelnd hinzu,„als Sie ja vor Kurzem auf die intimſte Weiſe die Bekanntſchaft des regieren⸗ den Herrn machten.“ „Ich werde jenen Abend nicht vergeſſen,“ ſagte der Ingenieur, indem er nachſinnend vor ſich niederblickte,„es war ein eigenthüm⸗ liches, mir liebes Abenteuer, auf deſſen Fortſetzung und Entwicklung ich ſo begierig bin, daß ich mir wohl erlauben darf, Sie, gnädiger Herr, um weitere Nachrichten zu bitten.—— Da ich aus Ihren früheren Aeußerungen entnehmen zu können glaube, daß Sie über die Berge zu Fuße von Warneck kamen, alſo ſchon einige Stunden unterwegs ſind, ſo dürfte ich mir vielleicht erlauben, Sie zur Theil⸗ nahme an meinem beſcheidenen Frühſtücke einzuladen;— es iſt dort unter der alten Eiche eine ſchattige Stelle, wo ich Sie bitte, neben mir Platz zu nehmen.“ 3 „Mit großem Vergnügen,— gehen wir.“ Die beiden Männer ließen ſich unter der bezeichneten Eiche nieder, wohin einer der Arbeiter einen kleinen Korb brachte, in welchem ſich Brod, kaltes Fleiſch und eine Flaſche Wein befand. „Das iſt die würdigſte Fortſetzung meiner Irrfahrt, die ich heute Morgen angetreten; jetzt fehlte es noch, daß man heute Abend in Edelsheim dem fahrenden Künſtler irgend einen Heuboden zum Schlafen anbietet, und meine Erfahrungen wären auf eine intereſſante Art bereichert.“ 5 „Sie gehen nach Edelsheim?“ frug der Ingenieur, während er die Flaſche entkorkie. 228 Fürſt und Kavalier. „Kennen Sie es?“ „Ich ritt einige Male hinüber, es iſt ein kleines allerliebſtes Jagdſchlößchen, welches die Prinzeſſin wieder herſtellen und mit einem reizenden Parke umgeben ließ: es hat Alles, was man von einem Sommeraufenthalt verlangen kann; am Bergabhange gelegen, gewährt es einen prachtvollen Blick gegen Süden, während es gegen Norden und Weſten durch mächtige Bäume geſchützt iſt. Dabei hat es zur Seite ein klares Bergwaſſer, welches von der Anhöhe herab durch den Park ſtrömend auf ſehr geſchickte Art zu einem ſtattlichen Springbrunnen verwandt wird. Dieſem ſchönen Land⸗ ſitze fehlt nur etwas, nämlich Bewohner, denn wenn auch die Prin⸗ zeſſin zuweilen auf Stunden hinausfährt, ſo hat ſie doch nie einen längeren Aufenthalt dort genommen, ja aus begreiflichen Gründen nehmen können;— alſo Sie, gnädiger Herr, gehen dorthin?“ „Ja, und ich finde es begreiflich, daß Sie dieſe Frage im Tone der Verwunderung an mich ſtellen; eine Aufklärung bin ich Ihnen ſchuldig:—— Sie ſehen in mir einen Mann vor ſich, den man, wenn er nicht freiwillig gegangen wäre, wahrſcheinlich von Warneck, wie man das ſo zu nennen pflegt, ausgewieſen hätte.“” „Iſt das möglich?“ rief der Andere höchſt erſtaunt:—„Saleck, deſſen Rolle ich, wie ich mir ſchmeichle, auf eine nicht unliebens⸗ würdige und höchſt wirkſame Art geſpielt, wäre ausgewieſen worden?“ „Dieſer ſelbe Saleck, doch glaube ich, daß mir dieſe Aus⸗ weiſung höchſt nützlich war, denn ſie verſchaffte mir die Erlaubniß der Prinzeſſin, eine kurze Zeit in Edelsheim bleiben zu dürfen und die Reize der dortigen Landſchaft zu ſtudiren.“ „A— a— a—ah,“ machte der Oberingenieur,„ich gratulire.“, „So weit ſind wir leider noch lange nicht; man hat mich freilich vor einer Ausweiſung gerettet, um mir wahrſcheinlich in den nächſten Tagen eine andere zu diktiren.“ Fürſt und Kavalier. 229 „Und dieſe Ausweiſung,“ frug der Andere immer noch erſtaunt, „hätte geſchehen ſollen mit Wiſſen und Willen Seiner Hoheit, der mich als Saleck freundlich aufnahm und der ſo liebreich verſprach, meine Pläne, das heißt, die Ihrigen, gnädiger Herr, zu unterſtützen? ſo hätte ich meine Rolle doch ſchlecht geſpielt.“ „Im Gegentheil, Sie haben ſein Herz in ſo hohem Grade erobert, daß ich faſt eine Enttäuſchung fürchten muß, wenn ich mich ſpäter als Der ausweiſe, den Sie vorgeſtellt haben, eine Ent⸗ täuſchung, oder wenn Sie wollen Aufklärung, der ich mit um ſo größerer Sorge entgegenſehe, da ſie ja in den nächſten Tagen ſtatt⸗ finden muß.“ „Wie ſo, gnädiger Herr?“ „Es iſt doch ſehr klar und einfach, in dem Falle nämlich, daß man in Warneck die Einladung zur Einweihung Ihrer Brücke annimmt, woran ich nicht im Geringſten zweifle;— haben Sie nicht daran gedacht?“ „O doch, aber bei der Abneigung Seiner Hoheit vor meinem Werke glaubte und glaube ich feſt überzeugt ſein zu dürfen, er werde unſere Einladung ablehnen, käme er aber in der That, ſo wäre ich wirklich in großer Verlegenheit, ob und auf welche Art ich meine Rolle fortſpielen könnte.“ „Der Zufall iſt uns günſtiger, als wir gedacht,“ gab der Fürſt nach längerer Ueberlegung zur Antwort,„laſſen Sie mich dafür ſorgen, daß der Fürſt erfährt, Saleck, der halb und halb Ausgewieſene, befinde ſich in der Nähe von Warneck, alſo in der Nähe der Prinzeſſin, und bäte nun Seine Hoheit dringend, im Falle er ſeiner anſichtig würde, deſſen Inkognito gnädigſt zu ſchonen. Auf das hin wird er nicht verfehlen, der Einweihung mit dem ganzen Hofe beizuwohnen, und ich habe das Glück, wenn auch ſelbſt unentdeckt, die Prinzeſſin wieder ſehen zu dürfen.“ „So glauben Sie, gnädiger Herr, der ganze Hof würde dieſer unbedeutenden Sache wegen hier erſcheinen?“ 3 3. 230 Fürſt und Kavalier. „Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken,“ erwiederte der Fürſt heiter,„erſtens, daß Ihr Werk keine unbedeutende Angelegenheit iſt, und zweitens, daß man bei einem monatelangen Landaufenthalte begierig nach Allem greift, was einer Feſtlichkeit nur im entfernte⸗ ſten ähnlich ſieht;— ich hoffe ſehr, daß die Prinzeſſin mit ihren Damen erſcheint, und darauf wollen wir von Ihrem Weine trinken.“ Er nahm das gefüllte Glas aus den Händen des Ingenieurs und leerte es, nachdem er geſagt:„Auf das Gelingen unſerer guten und ſchönen Pläne“. Als ihm Ramberg Beſcheid gethan, fuhr er mit einem zutraulichen Lächeln fort:„auch Ihnen, mein lieber Freund, kann es ja nur in hohem Grade angenehm ſein, wenn ſich der Hof bei der Einweihung einfindet, und wenn unter tauſend Blicken, die Ihr ſchönes Werk anſtaunen und bewundern, wenigſtens ein einziges Augenpaar iſt, das durch einen warmen Ausdruck eine ganz beſondere Anerkennung ausſpricht, die einzige, die zu Herzen geht, mehr als Orden und als Belobungen.“ „Gewiß,“ ſagte der Oberingenieur vor ſich niederblickend, „aber ehrlich geſagt, rechne ich auf keinen ſolchen Blick.“ „Verzeihen Sie mir,“ erwiederte der Fürſt,„daß ich dieſe Sache berührte, doch gaben Sie mir ſelbſt ein Recht dazu, indem Sie mir vertrauensvoll die Veranlaſſung erzählten, welche Sie an jenem Abend nach Schloß Warneck geführt.“ „Und die ich gegen Sie zu verſchweigen nicht für nothwendig erachtete. Sie verſtanden es vollkommen, gnädiger Herr, als ich Ihnen ſagte, es ſei mir ein Bedürfniß geweſen, eine liebe Jugend⸗ gefährtin wieder zu ſehen, ſo wieder zu ſehen, wie ich gethan, nicht angemeldet durch galonirte Bediente, nicht meinen Beſuch als Au⸗ dienz behandelt, wo ich im Vorzimmer warten muß, bis endlich eine ſeidene Robe hereinrauſcht, und eine Stimme mir in kühlem Tone ſagt, daß der Kern dieſer ſeidenen Robe ſich freue, mich wieder zu ſehen. Fräulein von Saint⸗Aubin war ſo gut, mich zu verſtehen. Was wir zuſammen geſprochen, hätte die ganze Welt Fürſt und Kavalier. · 231 hören können, und wenn ich ſie auf die gleiche Art wieder ſehen könnte, würde es mich innig freuen— ah,“ ſagte er mit einem leichten Seufzer,„an jenem Abende war ſie wie damals, die Er⸗ innerung drang warm zu ihrem Herzen, doch vielleicht nur für Augenblicke, denn wie der Dichter ſagt: Vorüber iſt die Roſenzeit, Und Lilien ſtehen im Felde. —— Krlauben Sie mir, gnädiger Herr, Ihnen die gewiß richtige Bemerkung zu machen, daß die Hofluft etwas Kaltes, Staubiges mit ſich führt, daß das beſte und kräftigſte Herz in ihr ſeinen lebendigen, warmen Schlag verliert, daß der natürliche Glanz des Auges, der herzliche Ausdruck eines frohen Lächelns durch einen ſtereotypen Ausdruck erſetzt wird, der daſſelbe ſagen ſoll, ſich aber ungefähr ſo dazu verhält, wie der natürliche Pfirſich mit ſeinem entzückenden, roſigen Duft zur nachgemachten Wachs⸗ frucht.“ 4 Der Fürſt lachte laut und heiter auf und gab dann zur Ant⸗ wort, während er ſeinem Gegenüber die Hand reichte:„Sie find ein köſtliches Exemplar von einem Menſchen; verſprechen Sie mir, wenn Sie Ihre Bahnlinie beendigt haben, zu mir zu kommen, um ſich in meinem kleinen Reiche irgend einen Wirkungskreis auszu⸗ ſuchen, der Ihrem Geſchmack und Ihrer Neigung zuſagt. Nur zum Hofmarſchall kann ich Sie nicht machen, das werden Sie mir zugeben;———— und doch begehen Sie ein Unrecht, wenn Sie behaupten, daß die eben erwähnten Eigenſchaften der Hofluft alle Herzen erkälte oder beſtaube;— glauben Sie mir, es gibt auch bei uns welche, die friſch und lebendig fühlen.“ „Für Augenblicke, ja, gnädiger Herr, ausnahmsweiſe, und das erkannte ich ja auch dankbarlichſt an der Art, wie Fräulein von Saint⸗Aubin ihren Jugendfreund empfangen.“ „Gerade ſie ſoll eine ausgezeichnete junge Dame ſein, mit 232 Furft und Kavalier. einer liebenswürdigen Natürlichkeit und ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften.“ „Gewiß, gnädiger Herr,“ rief der Oberingenieur mit einem aufleuchtenden Blicke,„aber auch ſie iſt von der Hofluft ſchon ſo durchdrungen, daß ſich ihre liebenswürdige Natürlichkeit nur müh⸗ ſam an die Oberfläche emporarbeitet; ich bemerkte das geſtern in der Art und Weiſe, wie ſie mich— nicht wieder zu erkennen ſchien.“ „So ſahen Sie die Damen geſtern?“ „Ich begegnete ihnen vor dem Parke von Warneck, als ich nach dem Städtchen ritt.“ „Sie reiten oft dorthin?“ frug der Fürſt mit einem eigen⸗ thümlichen Ausdruck. „Hie und da,“ erwiederte der Oberingenieur anſcheinend ſehr gleichgültig,„außer geſtern war ich an dem bewußten Abende dort, das war aber ſeit einigen Wochen zum erſten Mal.“ „Und Sie begegneten den Damen?“ „Mit der Prinzeſſin Helene zu Wagen; ich parirte mein Pferd und ſtellte mich an der Straße auf, mit abgezogenem Hute ehr⸗ furchtsvoll grüßend. Die Prinzeſſin dankte freundlich, die eine ihrer Begleiterinnen, eine kleinere Dame, nickte ebenfalls lebhaft und anmuthig, aber Fräulein von Saint⸗Aubin blickte mit un⸗ beweglichen Zügen dorthin, wo ich ſtand, als ſei gar nichts da⸗ geweſen als leere Luft,.“ „Sie ſind köſtlich unbefangen,“ lachte der Fürſt,„das hätte mich an Ihrer Stelle gefreut: es war ein Zeichen, daß man Sie wohl wieder erkannte, aber nicht wieder erkennen wollte.“ „Ein eigenthümliches Zeichen, Jemanden ſein Wohlwollen aus⸗ zudrücken. Weit entfernt davon, auf irgend ein lebhaftes Wieder⸗ erkennen Anſpruch zu machen, wäre mir die geringſte, vielleicht unabſichtige Bewegung ihrer Hand, eine leichte Wendung des Kopfes ein liebes Zeichen geweſen, daß ſie mich wieder erkannt, daß ſie ſich vielleicht gefreut mich zu ſehen. O, wenn man ein ſolches Fürſt und Kavalier. Zeichen zu ſehen wünſcht, entgeht es einem nicht, mag es auch noch ſo verſteckt gegeben werden. Ich befand mich in ſo froher Laune bis zu jenem Augenblicke, und als ich nach jener Begegnung davon jagte, hätte ich meinen Weg in toller Laune über Gräben und Hecken nehmen mögen.“ „Das ſind bedenkliche Symptome Ihres Seelenzuſtandes,“ gab der Fürſt zur Antwort,„und Sie ſind glücklich zu nennen, wenn dieſe Symptome drüben ebenſo anklingen.“ „Ich kann keinen ſolchen Anklang erwarten;— wohin ſollte er auch führen?“ 3 „Zu einer beglückenden Harmonie, die ich mit meinen beſten Wünſchen begleiten werde.“ Der Oberingenieur hatte ohne zu antworten einen langen Blick auf ſeine Brücke geworfen, die ſich nach und nach aus dem verhüllenden Gerüſtholze elegant und doch gewaltig herausſchälte; jetzt zeigte er mit der Hand dorthin und ſagte:„Das Geräuſch, welches Sie dort vernehmen, gnädiger Herr, das Tönen der Hämmer, das Klingen des Eiſens auf einander, das Rollen der Steine und vor Allem das Brauſen der Lokomotive, welche morgen über dieſe Schienen gleiten wird, iſt die Harmonie, zu der mein vergangenes raſtloſes Leben paßt. Wie ich mir, wenn ich in den Bergen meine Linie tracire, hie und da bunte Feldblumen pflücke, um ſie auf meinen Hut zu ſtecken, ſo fürchte ich auch, nur im Stande zu ſein, ein freundliches Wort, einen raſchen Händedruck flüchtig im Vor⸗ beigehen erwiedern zu können;— der dahinbrauſende Bahnzug mit ſeinem raſtloſen Lauf, dem wir die Wege gebahnt, hat es uns angethan und macht es uns ſchwer, einen feſten Wohnſitz zu wäh⸗ len; wir müſſen ihm folgen, ihm vorauseilen, unaufhaltſam immer zu.“ „Sollten das nicht Phantaſieen ſein, die, in's Praktiſche über⸗ ſetzt, ein andere Richtung nehmen, ſo bald ein tieferes, ich möchte ſagen, ſchöneres Gefühl ſie gewaltſam an die Scholle feſſelt,“ 234 Fürſt und Kavalier. „Allerdings, wenn wir ein ſolches Gefühl in uns aufkommen laſſen, daſſelbe aber zu bekämpfen iſt die Aufgabe des Mannes meiner Art, der nun einmal den Drang in ſich fühlt, raſtlos vor⸗ wärts zu ſtreben.“ „Ich bewundere Sie, wenn Sie die Kraft dazu haben;— es iſt nicht Jedem gegeben.“ „Dem möchte ich widerſprechen, gnädiger Herr: wer allerdings ſo thöricht iſt, ſich von der Liebe zu einem weiblichen Weſen plötz⸗ lich überfallen zu laſſen, wird unterliegen; wer aber auf ähnliche Fälle gerüſtet, mit offenem Auge der Gefahr entgegenſieht, kann wie ein geſchickter Fechter auch den Blitz aus dem Auge eines ſchönen Weibes, der wie der Stahl nach ſeinem Herzen zielt, pariren.“ „Und Sie wären ſo gerüſtet?“ frug der Fürſt mit einem zweifelhaften Lächeln. „Ich glaubte es wenigſtens zu ſein, und wenn auch meine Ab⸗ wehr nicht vollkommen gelang, ſo ging doch die Wunde nicht ſo tief, um unheilbar zu ſein. Doch ſind wir dabei auf ein ſo kränk⸗ liches Kapitel gerathen, gnädiger Herr, daß es in der That durch⸗ aus nicht recht paſſen will zu dieſer friſchen, lachenden Umgebung— ſchauen Sie um ſich— iſt dieß nicht ein prachtvoller Blick von Gottes Erde? ſollte man nicht glauben, die Sonne ruhe auf ihm mit ganz beſonderer Liebe? Und darüber geſpannt der klare blaue Himmel mit einzelnen gen Weſten ſchwimmenden Wölkchen; ſollte man nicht Luſt bekommen, ſich aufzuſchwingen und mit ihnen zu ziehen;— ah,“ ſetzte er aufſpringend hinzu,„dort kommt auch ſchon mein Schlachtroß geſattelt und gepanzert,— ſehen Sie, gnädiger Herr, der Anblick erheitert meine Bruſt.“ Er deutete mit der Hand auf eine Lokomotive, die in dem oben erwähnten Thaleinſchnitte erſchien und ſich brauſend und ziſchend näherte. „Es gilt hier eine erſte Probefahrt,“ ſetzte der Oberingenieur luſtig hinzu,„und wenn Sie von dieſer trefflichen Gelegenheit Ge⸗ Fürſt und Kavalier. 235⁵ brauch machen wollen, um das ſchnaubende Dampfroß zu beſteigen, ſtatt ſich, wie ſo oft, von ihm ziehen zu laſſen, ſo glaube ich nicht, daß es Sie gereuen wird.“ „Mit Vergnügen,“ erwiederte der Fürſt,„man muß ſeine Kenntniſſe auf jede Art zu erweitern ſtreben, wer weiß, ob ich ſpäter noch einmal dazu komme.“ „Zu gleicher Zeit fördert es bedeutend Ihren Weg;— eine kleine Stunde von hier, in der Richtung zu, in der wir fahren, liegt Edelsheim,— dort vor uns, wo die Hügel zur Linken mit einem wahren Blättermeere bedeckt ſind— prachtvolle Waldungen— jener ſtreitige Punkt, von dem ich Ihnen früher ſchon ſprach— ich werde an einer Stelle halten laſſen, von wo wir nach einer ſtarken Viertelſtunde aufwärts ſteigend das kleine Schlößchen er⸗ reichen können.“ „Gehen wir alſo;— eine ſo treffliche Gelegenheit, in ſo an⸗ genehmer Geſellſchaft eine Lokomotivfahrt zu machen, wird mir wohl ſobald nicht wieder geboten.“ Dä hielt das Feuerroß vor ihnen auf den Schienen, und ob⸗ gleich der überflüſſige Dampf ziſchend entwich, zitterte es ordentlich vor Kraft und Aufregung. Beide ſtiegen auf, die Ventile wurden geöffnet, und langſam anlaufend bewegte ſich die Lokomotive vor⸗ wärts, allmälig aber immer raſcher ihre Kolben bewegend, immer geſchwinder ihre Püder herumdrehend. Wie köſtlich, faſt berauſchend war das Gefühl, ſo dahinzufliegen, ſo unabhängig von einem ſchwer⸗ fälligen Bahnzuge ſich ſo ganz als Reiter des eiſernen Roſſes fühlen zu können. Als es eine tüchtige Strecke durchlaufen hatte, ging es lang⸗ ſamer, hielt dann ſtill und lief hierauf den zurückgelegten Weg wieder zurück, dann etwas langſamer über die Brücke, wo es von den Arbeitern mit einem lauten, lang anhaltenden Hurrah, mit Schwenken von Hüten und Mützen begrüßt wurde; haſtig auf⸗ keuchend ging es dann wieder in ſeinen wilden Lauf über, und 236 Fürſt und Kavalier.. bald rauſchten neben ihnen die Wipfel der alten prachtvollen Bäume, von denen der Ingenieur vorhin geſprochen, wo die Lokomotive ihren Lauf mäßigte, dann hielt, und Beide abſtiegen, um auf einem ſchmalen Fußpfade aufwärts den Wald zu erreichen. Wie der Ingenieur geſagt, erreichten ſie Edelsheim in einer ſchwachen halben Stunde, und fand der Fürſt das kleine Jagd⸗ ſchlößchen ſo, wie es ihm ſein Begleiter beſchrieben; nur hatte er ſich ſelbſt in Etwas geirrt, das war nämlich in der Aufnahme, die er hier oben fand: er hatte ſich dieſe in ſeinen Gedanken etwas kühl ausgemalt, ja von einem ſehr ländlichen Lager in duftigem Heu geſchwärmt, und war deßhalb ganz angenehm überraſcht, als er fand, daß man von ſeiner Ankunft hier oben ſchon benach⸗ richtigt war, und daß man ihn mit aller Berückſichtigung eines werthen Gaſtes empfing. Ein alter Kaſtellan mit weißen Haaren, ein langjähriger treuer Diener des fürſtlichen Hauſes, der hier einen verdienten Ruhepoſten gefunden, trat ihm gleich am Parkthore ent⸗ gegen und ſagte ihm mit der Geſchwätzigkeit des Alters, daß man ſchon Vormittags auf ſeine Ankunft gehofft, ja daß die für ihn befohlenen Zimmer ſchon ſeit geſtern auf ganz beſonderen Befehl für ihn in Bereitſchaft geſetzt worden wären. Den Oberingenieur ſchien der Kaſtellan zu kennen und ſagte ihm mit einem leichten Seufzer, man habe hier oben deutlich das Brauſen der Lokomotive gehört, und es ſei in der That Schade, daß die angenehme Stille und Einſamkeit des Waldſchlößchens auf ſolche Art für ewig ver⸗ loren gegangen ſei, worauf ihm Ramberg entgegnete, er müſſe ein kleines Uebel der großen Wohlthat des raſchen Verkehrs gegenüber ſtellen;„denken Sie ſich nur,“ ſagte der Ingenieur,„der Weg nach Warneck, zu dem Sie früher mit dem Wagen zwei Stunden brauchten, iſt jetzt mit der Eiſenbahn zu einer Länge von zwanzig Minuten zuſammengeſchrumpft, wie angenehm für Alle, welche hier zu thun haben, und auch für Sie, alter Herr, deſſen Einſamkeit jetzt durch zahlreichere Beſuche gemildert werden wird.“ Fürſt und Kavalier. „Ob das gerade ein großer Vortheil für uns iſt,“ meinte der Kaſtellan mit einem pfiffigen Lächeln,„wollen wir dahingeſtellt ſein laſſen, aber das iſt nun einmal ſo geworden, wie es hat wer⸗ den ſollen, und man muß mit Allem zufrieden ſein, ſogar mit einer Eiſenbahn, die ich für meine Perſon gewiß nicht viel benützen werde, wenn es nicht gerade höchſten Orts befohlen wird.“ Das Zimmer, welches Saleck angewieſen wurde, befand ſich im zweiten Stocke des kleinen Schloſſes. Sein Wohnzimmer hatte ein breites und hohes Fenſter nach Norden gelegen, über das ein ächter Maler vor Freude außer ſich gekommen wäre, und vor dem ſich die Landſchaft mit einer entzückenden Fernſicht ausbreitete; er aber zog das Fenſter ſeines Schlafzimmers vor, welches nach Oſten ging, wohinaus Warneck lag, wie ihm der Kaſtellan umſtändlich erklärte, und deſſen Beſchreibung er auf's Bereitwilligſte lauſchte. Dort hinaus ſah Saleck auch die Berghöhe, welche er überſchritten, ja zwiſchen dem Grün der dort ſpärlich wachſenden Bäumen entdeckte er die grauen Ruinen des alten Schloſſes Warneck. Hätte er dort oben gewußt, wo Edelsheim lag, ſo würde er von der Thurmruine aus den ſpitzen Giebel des Schlößchens entdeckt haben. Die Zwiſchenſtation zwiſchen hier und dem Orte, wo ſeine Gedanken weilten, war unausſprechlich angenehm, denn es wurde ihm ſo leicht, in Gedanken wieder auf dem alten Thurme zu ſein und in das Thal hinabzublicken, wie er heute Morgen ſo lange gethan. Als die Drei oben am Fenſter ſtanden, ſagte der Kaſtellan, der ſich rückwärts befand, zu Ramberg:„Sie haben mir auch ver⸗ ſprochen, Herr Oberingenieur, bei Ihrer erſten Hieherkunft die Zeichnung mitzubringen, welche Sie von Edelsheim gemacht; es würde mich außerordentlich freuen, zu ſehen, wie ſich unſer kleines Schlößchen auf dem Papiere ausnimmt.“ „Ein Verſprechen, das ich gewiß halten werde, doch können Sie meine heutige Hieherkunft nicht rechnen, es geſchah das ſo unvor⸗ bereitet, daß ich nicht im Stande war, etwas mitzunehmen; doch 238 Fürſt und Kavalier. dieſer Herr da,“ mit dieſen Worten zeigte er auf Saleck,„iſt ein Landſchaftsmaler und wird es ſich gewiß angelegen ſein laſſen, verſchiedene Anſichten des Schloſſes zu zeichnen, die auch mehr Werth für Sie haben werden, als meine nüchternen architektoniſchen Aufriſſe.“ „Aber für mich werden dieſelben unſchätzbar ſein,“ wandte ſich Saleck an Ramberg,„und ich könnte wohl in den Fall kommen, Sie ſpäter um Ihre Mappe zu bitten.“ Der Ingenieur verbeugte ſich, und dann gingen ſie mit einan⸗ der hinunter in den Park, wo Saleck eine Menge der hübſcheſten Punkte fand, die ihm für einige Tage Arbeit genug gaben, um ſeiner Rolle als Landſchaftsmaler vorderhand getreu zu bleiben. Ramberg verließ Edelsheim nach einiger Zeit, um auf der Lokomotive, die unten im Thale hin und her fuhr, nach ſeinem Brückenbau zurückzukehren, während Saleck mit anerkennenswerther Thätigkeit ſogleich eine Arbeit vornahm; doch zeichnete er merkwür⸗ diger Weiſe nichts von den Außenſeiten des Schlößchens, auch nichts von der reizenden Fernſicht, die er vom Fenſter aus hatte, vielmehr ſkizzirte er Schloß und Park Warneck, wie er es heute Morgen von dem alten Thurme geſehen. IX. Während Saleck in ſeiner Einſamkeit aus Linien und Strichen Schloß und Park Warneck konſtruirte, dabei mit beſonderer Vor⸗ liebe die Terraſſe anlegte, von der er an jenem Abend zum erſten Male wieder die Stimme der Prinzeſſin gehört, und während er in ſeine Arbeit die herzlichſten und innigſten Gedanken für ihre Be⸗ wohnerin verflocht, beſchäftigte ſich dieſe Bewohnerin ebenfalls in — Fürſt und Kavalier. 239 ihren Gedanken mit ihm, aber nicht in der gleichen anmuthigen und freundlichen Weiſe. Wir wiſſen, daß die Prinzeſſin Helene ſich von der Tafel in ihre Gemächer begab, auch daß ſie die Vorzimmer derſelben, wo ſich ihre Dienerſchaft befand, mit einer freundlichen, ungetrübten Miene durchſchritten hatte und dieſe auch ſo lange beibehielt, bis ſich die letzte Thüre hinter ihr geſchloſſen, und ſie ſich in dem uns wohlbekannten Eckkabinet allein befand. Da mit einemmale ver⸗ änderte ſich der Ausdruck ihres Geſichtes; ſie preßte ihre Lippen feſt aufeinander und drückte zu gleicher Zeit ihre linke Hand auf ihr Herz, als wölle ſie das heftige und ſchmerzliche Klopfen darin zur Ruhe bringen; ihre Augen hatten allen Glanz der Freude und des„Glücks verloren, und ſchimmerten trübe und unbeſtimmt durch ervorgequollene Thränen. Dieſer Ausdruck tiefen Schmerzes daugete übrigens nicht lange; ſie trat haſtig an's Fenſter, blickte hiſaus, trat mit dem Fuße ſcharf auf den Boden und ſprach mit eiſnem trotzigen Blicke:„Ich will nicht— es ſoll mir gleichgültig und Alles vergeſſen ſein, nachdem ich geſagt, was ich ſagen muß und will.“ Dann griff ſie mit der Hand nach der Klingelſchnur neben ihrem Schreibtiſch und zog heftig daran, dreimal nach ein⸗ ander als Zeichen für ihre erſte Kammerfrau, daß dieſer der Ruf gelte.— Fräulein Miré erſchien auch alsbald durch eine Tapeten⸗ thüre mit einer etwas affektirten Eile und Beſorgniß, denn der ſchrille Ton der Klingel hatte ſie auf etwas nicht ganz Gewöhn⸗ liches vorbereitet. „Ich fürchtete ſchon, Sie wären nicht zu Hauſe,“ ſagte die Prinzeſſin, ohne ſich umzuſehen, in etwas ſcharfem Tone, ſetzte aber ſogleich milde hinzu:„Das ſoll kein Vorwurf ſein, liebe Miré, da ich ja weiß, wie ſelten Sie ausgehen, wenn ich's nicht ſelbſt ausdrücklich befehle, damit Sie ſich die nöthige Bewegung machen;— aber jetzt freue ich mich recht ſehr, daß Sie nicht aus⸗ gegangen ſind.“ 240 Fürſt und Kavalier. „Eure Hoheit ſind aufgeregt, Eure Hoheit haben Unange⸗ nehmes gehabt?“ „Unangenehmes gehabt? Ganz und gar nicht, meine Liebe,“, erwiederte die Prinzeſſin, indem ſie ſich raſch und mit einer ange⸗ nommenen Heiterkeit herumwandte,„aufgeregt bin ich auch nicht, ich habe mich nur ein klein wenig geärgert.“ „Was ich von ganzem Herzen bedaure, Eure Hoheit— wer hätte es gewagt— 2“ „Das ſollſt Du erfahren, weil ich von Deiner Anhänglichkeit an mich überzeugt bin und weiß, daß Du Vertrauen verdienſt.“ Statt aller Antwort faltete die erſte Kammerfrau ihre Hände und machte mit einem unausſprechlichen Ausdruck ihdes Geſichtes eine leichte Verbeugung. „Du weißt,“ ſtieß die Prinzeſſin nach einer längeren Pauſe hervor, während welcher ſie eine halbe Wendung gegen das Fanſter gemacht und ſo zur Seite mit ihrer Vertrauten ſprach,„daß dich Niemand quäle und plage, daß ich Niemand beenge und einſchränd Du weißt, wie bequem ſich jeder Dienſt bei mir thun läßt, und wie wenig ich mich um Das bekümmere, was meine Damen in ihren Freiſtunden treiben.—“ Bei dieſen letzten Worten wußte Fräulein Miré genau, wo⸗ hin ihre Herrin ziele, und konnte ſich eines leichten, kaum hörbaren Seufzers nicht enthalten. „Da ich vorausſetzte,“ fuhr die Prinzeſſin erregter fort,„daß meine Damen ſich in ihren Freiſtunden nur auf eine Art beſchäf⸗ tigten, die ihrer Stellung vollkommen würdig ſei.“ „Daran kann wohl kein Zweifel ſein,“ erlaubte ſich die erſte Kammerfrau zu ſagen. „Sagſt Du das im Ernſte, oder willſt Du mich nur beſchwich⸗ tigen? Gewiß das Letztere, denn ich weiß nur zu genau, wie ſehr Du Dich bemühſt, mir alles Unangenehme zu verſchweigen.“ „Das habe ich mir allerdings zuweilen zu thun erlaubt, 1 Fürſt und Kavalzer. 241 beſonders bei Sachen, die durchaus nicht in meinen Wirkungskreis gehören.“ „Dein Wirkungskreis iſt aber, mir zu ſagen, was im Schloſſe vorgeht,“ fuhr die Prinzeſſin heftiger fort;—„o, keine Ausrede, keine Betheuerung;— Du erfährſt Alles, wie ich ganz genau weiß, aber Du überlegſt viel zu lange, ob Du mir etwas mittheilen ſollſt, und biſt dabei klug und verſtändig genug, um zu wiſſen, was mich intereſſirt.“ „Dießmal weiß ich in der That nicht, was Eure Hoheit meinen.“ „Nicht? in der That nicht? und doch kann ich nicht anders, als Dich mit einer Angelegenheit in Verbindung bringen, die mich ſehr empört.“ „Mich, Eure Hoheit?— ich bitte flehentlich, ſich deutlicher zu erklären.“ „Du haſt dieſen Herrn Saleck protegirt,“ ſagte die Prinzeſſin, indem ſich ihr Geſicht jetzt ganz dem Fenſter zuwandte,„Du haſt ihn bei Dir empfangen, Du haſt mich in eine Falle gelockt, denn ich kam, wie immer, arglos in Dein Zimmer hinauf und mußte dort mit jenem Manne ſprechen, dem ich für gut befunden, eine Audienz zu verſagen.“ „Eure Hoheit ſehen mich beſtürzt und unfähig, etwas darauf zu erwiedern; ich würde in der That höchſt unglücklich ſein, wenn ich fürchten müßte, Eure Hoheit würden glauben, ich hätte in dieſer Sache mit Ueberlegung für jenen Herrn gehandelt.“ „Wie kam er zu Dir?“ „Er brachte mir einen Empfehlungsbrief des Schloßhaupt⸗ manns Werner in ſehr wenigen aber dringenden Zeilen.“ „Ah, Herr Werner ſpielt auch in dieſer Geſchichte, ich hätte des mir denken können.“ „Eure Hoheit wiſſen am Beſten,“ fuhr die Kammerfrau in eeinem weichen, faſt flehenden Tone fort,„daß ich nicht erwarten onnte, Eure Hoheit erſcheinen zu ſehen.“ Hackländer's Werke. 49. Bd. 16 5 1 1 242 Fürſt und Kavalier. „Ich gebe das zu, aber anſtatt mich mit jenem Herrn ſo be⸗ reitwillig allein zu laſſen, hätteſt Du dableiben und ihn verab⸗ ſchieden ſollen.“ „Gewiß, das hätte ich thun ſollen,“ ſagte Fräulein Miré mit großer Unterwürfigkeit,„und ich werde mir bei einem ähnlichen Falle ein ſolches Vergehen gewiß nicht wieder zu Schulden kommen laſſen.“ „Ah, bei einem ähnlichen Falle,“ rief die Prinzeſſin unmuthig, „ein ſolcher ähnlicher Fall wird wohl nie mehr vorkommen, ich hoffe beſonders, dieſem Herrn nicht mehr zu begegnen, obgleich es immer noch möglich wäre; denn dieſer Herr von Saleck, Dein Pro⸗ tégé, ſcheint es ſich zur Aufgabe zu machen, zu allen Stunden des Tages und des Abends hier im Schloſſe zu ſein.“ „Unmöglich, Eure Hoheit;— was ſollte er hier im Schloſſe zu ſuchen haben?“ „Du biſt komiſch, was ein junger Mann hier im Schloſſe zu ſuchen hat, das zu errathen wird Dir nicht ſchwer werden, wenn ich Dir ſage, wo dieſer Herr unter Anderem geſehen wurde.“ „Ich bitte Eure Hoheit dringend, mir das zu ſagen.“ „Zu einer Stunde, wo man ſich ſonſt, ohne eingeladen zu ſein, im Schloſſe nicht ſehen läßt, Abends zwiſchen neun und eilf Uhr.“ „Eure Hoheit ſehen, wie ich erſchrecke, doch darf ich mir wohl die Vermuthung erlauben, daß dieſer Mann, wenn er auch um jene Zeit im Schloſſe geſehen wurde, bei einem der Herren Seiner Hoheit war.“ „Im Gegentheil,“ gab die Prinzeſſin merkwürdig ruhig und trocken zur Antwort,„er war vielmehr zwiſchen neun und eilf Uhr bei einer der Damen meiner Hoheit.“ „Unmöglich— rein unmöglich.“ „Gute Miré, wir halten viel für unmöglich, was doch ge⸗ ſchieht;— ich weiß poſitiv, daß es ſo war, wie ich Dir geſagt; ſoll mich das nicht aufregen?“ 4 Fürſt und Kavalier. „Wenn dem ſo iſt,“ erwiederte die erſte Kammerfrau mit großer Entſchiedenheit,„ſo bin ich erſtaunt, Eure Hoheit noch ſo vuhig zu ſehen.“ „Es iſt meine Pflicht, ruhig zu ſein, um keine Ungerechtigkeit zu begehen,“ gab die Prinzeſſin zur Antwort, nachdem ſie einen Gang durch ihr Kabinet gemacht.„Die Sache iſt, wie ich Dir ge⸗ ſagt: jener Herr war Abends von neun bis eilf Uhr im Pavillon meiner Hofdamen; doch um zu erfahren, wem ſein Beſuch dort gegolten, werde ich die beiden Damen ſelbſt befragen; wer es wagt, ſolche Beſuche anzunehmen, wird auch den Muth haben, dieſes zu geſtehen;— ſende ſogleich einen Lakaien hinüber und laß die Gräfin Eller und Fräulein von Saint⸗Aubin bitten, hieherzukommen.“ „Soll ich's nicht vielleicht ſelbſt?“ „Nein, meine liebe Miré, ich brauche Dich ſpäter wieder,— haſt Du das Schreiben des Schloßhauptmanns noch?“ „Es wird noch droben zu finden ſein.“ „So bring' es mir ſpäter, nachdem Du meinen Auftrag aus⸗ gerichtet;— ich möchte ſehen, wie dieſe Zeilen abgefaßt ſind.“ Die Kammerfrau verließ das Kabinet, um einen Lakaien in den Pavillon zu ſenden, und ging dann ſogleich in ihr Zimmer hinauf, von wo ſie das verlangte Billet bald nachher brachte. Die Prinzeſſin nahm es und entließ ihre Kammerfrau mit einem freund⸗ lichen„bis ſpäter“, dann warf ſie ſich in ihr Sopha, nahm das kleine Billet vor und las es bedächtig, zuerſt die Aufſchrift, dann den Inhalt, doch ſchienen ihr die wenigen Zeilen keine weitere, vielleicht ſehnlichſt gewünſchte Auskunft zu geben: die Hand mit dem Papiere ſank in ihren Schooß hinab, und ſie blickte, allmälig in tiefe Träumereien verſinkend, ſtarr vor ſich nieder. Das Oeffnen der Thüre durch den Kammerdiener ſchreckte ſie aus ihren Phantaſien auf, und ſie nahm mit dem äußeren An⸗ ſchein großer Ruhe die Meldung entgegen, daß die Damen Ihrer Hoheit ſich draußen befänden.. 244 Fürſt und Kavalier. „Ich laſſe ſie bitten, hereinzukommen.“ Gleich darauf erſchien Fräulein von Saint⸗Aubin und die Gräfin Eller, beide in einer einigermaßen geſpannten Erwartung, zu ſo ungewohnter Stunde berufen zu ſein, namentlich konnte ſich die kleine Gräfin nicht enthalten, einen Anflug von Verwunderung zur Schau zu tragen, während Fräulein von Saint⸗Aubin ernſt und ruhig wie immer erſchien, heute jedoch nicht ohne eine kleine Anſtrengung, denn eine Ahnung ſagte ihr, um was es ſich handle. Die Prinzeſſin hatte während ihrer Träumereien von vorhin überlegt, ob ſie die Angelegenheit, um welche es ſich handelte, ſo⸗ gleich ohne beſondere Einleitung in Angriff nehmen ſolle, oder ob es beſſer ſei, über ein anderes Geſprächsthema allmälig dahin zu gelangen. Letzteres Verfahren war milder, und ſie hatte ſich nach einigem Kampfe dafür entſchloſſen. Als ſie nun aber Viktorine von Saint⸗Aubin vor ſich ſah, dieſes ſchöne, ruhige und klare Auge erblickte, in welchem keine Spur von irgend einer Erwartung, irgend einer Verwirrung zu leſen war, als ſie ihre zuverſichtliche, entſchloſſene Haltung bemerkte, da vergaß ſie ihres Vorſatzes, ja ſie konnte ſich nicht enthalten, etwas haſtig aufzuſtehen, und während ſie mit der rechten Hand feſt in die gepolſterte Lehne des Sopha's griff, mit einigermaßen erregtem Tone zu ſagen:„ich erfahre an⸗ genehme Geſchichten, meine Damen, Dinge, über die ich gezwungen bin, mir eine Erklärung auszubitten.“ Eigenthümlicher Weiſe wandte ſie ſich bei dieſer Anrede direkt an die Gräfin Eller, deren Verwunderung in förmliches Erſchrecken überging, und die mit einem fragenden Blicke jetzt die Prinzeſſin, dann ihre Freundin anſchaute. „Gewiß, meine Damen,“ fuhr die erſtere fort,„ich war auf's Unangenehmſte überraſcht, und wenn ich auch noch zweifeln möchte, daß es ſich ſo verhalte, wie man mir gemeldet, ſo wurden mir doch jene Thatſachen in ſo beſtimmter Weiſe mitgetheilt, daß ein Zweifel kaum möglich iſt. Sie wiſſen,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, Fürſt und Kavalier. 245 während der ſie ſich gewaltſam zwang, mit großer Ruhe zu ſprechen, „daß ich Ihnen nie verwehrte, Beſuche Ihrer Bekannten zu em⸗ pfangen: Sie haben in Ihrer Stellung das Recht dazu, doch wiſſen Sie auch ebenſo genau, daß für gewiſſe Beſuche Stunden vorge⸗ ſchrieben ſind, welche die Etikette, ja die Schicklichkeit beſtimmte, und von denen in gewiſſen Fällen nicht abgegangen werden ſollte.“ „Eure Hoheit ſehen mich auf's Höchſte erſtaunt,“ ſagte die kleine Gräfin, während es um die Lippen des Fräuleins von Saint⸗ Aubin leiſe, faſt unmerklich zuckte, und ſie im Begriffe war, einen Schritt vorwärts zu thun, doch wandte ſich die Prinzeſſin in die⸗ ſem Augenblicke wieder ſo entſchieden gegen die Gräfin Eller, daß Viktorine gefeſſelt ſtehen blieb. „Ah, Sie ſind erſtaunt, Gräfin? ich war es nicht minder, als ich erfahren mußte, daß vor einigen Tagen, es war am Dienstag Abend um neun Uhr, ein Herr bei Ihnen zum Beſuche zugelaſſen wurde, der bis nach elf Uhr blieb;———— habe ich Unrecht, darüber erſtaunt zu ſein?“ „Bei mir, Hoheit?“ „In dem Pavillon, den Sie bewohnen.“ Fräulein von Saint⸗Aubin that einen tiefen Athemzug und ſagte dann vortretend mit großer Ruhe, ohne jetzt irgend ein Zeichen der Verwirrung zu verrathen,„von dem Beſuche, den Eure Hoheit andeuten, iſt der Gräfin Eller nichts bekannt.“ „Aber Ihnen, nicht wahr?“ wandte ſich die Prinzeſſin nun raſch mit einem leuchtenden Blicke an Viktorine. „Ja, Hoheit, mir iſt dieſer Beſuch bekannt, denn er galt mir und wurde von mir empfangen.“ „Ein junger Mann, Abends nach neun Uhr, der bis nach eilf Uhr bei Ihnen blieb,— ah, das iſt deliciös.— Es wird wohl Ihr Bruder geweſen ſein, Fräulein von Saint⸗Aubin,— ich wußte in der That nicht, daß Sie einen Bruder hätten.“ „Ich bin auch nicht ſo glücklich, einen ſolchen zu beſitzen, gab 246 Fürſt und Kavalier. ſie zur Antwort,—„es war ein Jugendfreund von mir, der ein⸗ zige Menſch, der ſich freundlich um mich bekümmert, den ich ſeit vielen Jahren nicht geſehen, und der allerdings die nicht ganz paſſende Zeit wählte, um mir einen Beſuch abzuſtatten.“ „Warum, mein Fräulein, fanden Sie damals jene Zeit nicht unpaſſend und verweigerten es, ihn zu empfangen, ja warum er⸗ laubten Sie ihm, Sie zu jener Zeit zu beſuchen?— Und Sie haben ihm das erlaubt, denn es wurde von Ihrem Fenſter ein Zeichen gegeben, daß er kommen dürfe, und er kam.“ Die kleine Gräfin blickte bei dieſer furchtbaren Anklage ihre Freundin mit einem unverkennbaren Ausdruck des tiefſten Schreckens an;— ihre Viktorine, welche ſie ſo ſehr liebte und verehrte, ließ ſich eine ſolche Anklage gefallen, nicht nur ohne ſie widerlegen zu können oder zu wollen, ſondern ſogar ohne von derſelben erſchüttert zu ſcheinen. „Ich erlaubte mir ſchon, Euer Hoheit zu ſagen, daß jener Herr, um den es ſich handelt, mein Jugendfreund iſt, daß er im Hauſe meiner Eltern von meinem ſtrengen Vater und von meiner Mutter, die in Betreff der Schicklichkeit ſcharf zu unterſcheiden ver⸗ ſtanden, wie das Kind des Hauſes betrachtet wurde, daß er mich dringend bat, mich um dieſe Stunde ſehen zu dürfen, und dabei,“ ſetzte ſie ſtolz hinzu,„will ich ſogar hinzufügen, daß ſowohl Eure Ho⸗ heit, als die ganze Welt unſerer Unterredung hätten anwohnen können.“ „Einer Unterredung, die bis nach elf Uhr dauerte?“ ſagte die Prinzeſſin mit einem ſpöttiſchen Lächeln. „Dieſes iſt der einzige Punkt, den ich mir zu beſtreiten erlau⸗ ben muß;— jener Beſuch kam vor neun Uhr an und verließ mich vor zehn Uhr wieder.“ „Ah,“ machte die Prinzeſſin mit einer ungeduldigen Bewegung, —„es iſt mir intereſſant, Ihnen, die mit ſo großer Ruhe, faſt mit dem Ausdruck des Wohlgefallens dieſes Betragen zugibt, eine Unwahrheit nachweiſen zu können.“ „Ich habe nie eine Unwahrheit geſagt,“ erwiederte Fräulein Fürſt und Kavalier. 247 von Saint⸗Aubin, wobei es zum erſten Male bei dieſer Unterredung in ihrem Auge eigenthümlich aufblitzte. „Gut, mein Fräulein,“ antwortete die Prinzeſſin, mühſam an ſich haltend,„ich finde es begreiflich, daß Sie den ſchwerſten Theil der Anklage von ſich abzuwälzen ſuchen,— reden wir heute nicht mehr darüber.— Daß ich ſo freundlich war, Sie ſelbſt ohne andere Zeugen, als die Gräfin Eller, welche bei dieſer Unterredung noth⸗ wendig war, zu befragen, hat ſeinen Grund darin, daß ich Ihnen eine öffentliche Beſchämung erſparen wollte, und hätte es vielleicht dabei ſein Bewenden haben können, wenn Sie mir den Sachverhalt dieſer unangenehmen Angelegenheit ohne Rückhalt mitgetheilt hätten; — Sie haben für gut befunden, dieß nicht zu thun, weßhalb ich mich veranlaßt ſehen muß, meiner Oberſthofmeiſterin, Gräfin Spor⸗ bach, dieſen eigenthümlichen Fall mitzutheilen; bis dieſe ſich darüber ausgeſprochen haben wird, erſuche ich Sie, die Gräfin Eller allein den Dienſt bei mir verſehen zu laſſen.“ Noch einen kleinen Augenblick blieb Fräulein von Saint⸗Aubin aufrechten Hauptes vor ihrer Gebieterin ſtehen, und erſt als dieſe ſich raſch von ihr ab gegen das Fenſter zu wandte, verließ ſie nach einer tiefen Verbeugung das Gemach. Nicht ſo leicht nahm übrigens die kleine Gräfin dieſen für ihre Freundin ſo niederſchlagenden Ausgang; ja, als Viktorine das Kabinei verlaſſen hatte, zuckte ſie heftig zuſammen und machte eine Miene, als ob ſie ihr folgen wollte, doch beſann ſie ſich eines An⸗ dern, eilte auf die Prinzeſſin zu, ergriff ihre Hand, die ſie an ihre Lippen drückte, was übrigens jene nicht ohne Widerſtreben geſchehen ließ und nur lächelnd duldete, als ſie bemerkte, wie ſich das Auge der Gräfin mit Thränen füllte, und dieſelbe mit bebender Stimme ſagte:„O, Eure Hoheit ſind in der That zu hart verfahren mit meiner guten, lieben Viktorine; es muß in allem Dem ein großes Mißverſtändniß obwalten; ſie kann nichts gegen die Schicklichkeit oder gegen die Etikette begangen haben, gewiß nicht.“ Fürſt und Kavalier. „Es ſcheint mir,“ ſagte die Prinzeſſin, indem ſie etwas pikirt ihre Hand zurückzog,„Fräulein von Saint⸗Aubin hat in allen Kreiſen große Eroberungen gemacht.“ „Und mit Recht, Hoheit; ich liebe ſie mehr als eine Schweſter, — o, Sie ſollten es kennen, dieſes reiche Gemüth, dieſes edle Herz, das tiefe Gefühl, mit der ſie jede Sache zu veredeln weiß, mit dem ſie lebt, liebt und leidet.“ „Ich kenne nur ihre kalte Außenſeite,— alſo dieß Marmor⸗ bild verſtände in der That zu lieben?“ „Ja, Hoheit, ſie liebt mich hingebend und aufopfernd; ob ſie ſonſt Jemand liebt, weiß ich nicht.“ „Närriſches Kind,“ gab die Prinzeſſin nach einigem Nachdenken zur Antwort, während ſie nicht ohne Wohlwollen die erhitzten Wangen der kleinen Gräfin betrachtete,„glauben Sie denn, ein ſolch' verſchloſſenes Herz, wie das des Fräuleins von Saint⸗Aubin, gewährte Ihnen, der Freundin, einen Blick in ſeine Tiefen?—— Glauben Sie,“ fuhr ſie in härterem Tone fort,„was ich ihr gegenüber geſagt, weiß ich aus der beſten Quelle; es würde mir nie eingefallen ſein, ſie anzuklagen, wenn ich nicht vollkommen unterrichtet geweſen wäre;—— ah, ſehen Sie, Eliſe, ob Ihre treue Freundin aufrichtig gegen Sie geweſen iſt,—— hat ſie Ihnen etwas von jenem Beſuche geſagt?“ „Ja, ſie ſprach mit mir darüber, aber allerdings ohne die Nebenumſtände, welche jenen Beſuch in den Augen Eurer Hoheit zu einem Fehler gemacht; ſie erzählte mir von ihrem Jugendfreunde, den ſie ſeit lange nicht geſehen.“ „Ah, ſie erzählte Ihnen doch davon, und wahrſcheinlich mit großer Wärme und Innigkeit?“ „Ich ſehe keinen Grund, dieſes zu leugnen,— Viktorine ſprach mit mir über dieſes Ereigniß bewegter, als ich ſie je geſehen.“ „Und nannte ſie den Namen dieſes Jugendfreundes? Iſt er Fürſt und Kavalier. 249 in einer Stellung, um Fräulein von Saint⸗Aubin eine Zukunft bieten zu können?“ „Seinen Namen nannte ſie nicht, und begreiflicher Weiſe forſchte ich auch nicht darnach; es freute mich, Viktorine, die mei⸗ ſtens ſehr ernſt iſt, freundlich erregt zu ſehen; ſie erzählte mir im Allgemeinen von dieſem Vorfall, und wir plauderten darüber, wie eben Mädchen in einem ſolchen Falle zu plaudern pflegen.“ „Und bei dieſem Geplauder erfuhren Sie, daß Fräulein von Saint⸗Aubin ihren Jugendfreund liebt und von ihm wieder⸗ geliebt wird?“ „Poſitiv erfuhr ich das durch keine Aeußerung; aber, um aufrichtig zu ſein, denke ich mir, es iſt ſo, wie Eure Hoheit geſagt, und das,“ fuhr ſie in einem bittenden Tone fort,„bitte ich flehend, werden Eure Hoheit der armen, guten Viktorine doch nicht für einen zu großen Fehler anrechnen?“ 4 Die Prinzeſſin hatte ſich abermals dem Fenſter zugewandt und ſagte erſt nach einem längeren Stillſchweigen ungeduldig:„Sie vermengen die Thatſachen mit den Umſtänden, welche dieſe begleiten. Habe ich nicht mit großer Ruhe zu Fräulein von Saint⸗Aubin geſprochen?— War ich vielleicht heftig?— Gewiß nicht. Glauben Sie nicht, daß ich jedes Wort vorher überlegt, welches ich zu ihr ſprach? Auch wüßte ich keine Gründe, mehr hinter dieſer Sache zu ſuchen, aks dieſelbe darſtellt;— welche Gründe ſollten mich auch bewegen?— keine— keine.“ „Alſo darf ich vielleicht Viktorine ſagen, Euer Hoheit Zorn habe ſich nach genauer Ueberlegung vermindert, Eure Hoheit würden nichts dagegen haben, ſie morgen wieder zu ſehen?“ „Nein, bei Gott, das ſollen Sie nicht ſagen, Gräfin Eller, das wäre offenbar Komödie geſpielt;— ich will dieſe mir ſehr unangenehme Angelegenheit in der That reiflich überlegen, und dann wollen wir ſehen,— Adieu, Gräfin, ich ſehe Sie ſpäter noch.“ So verabſchiedet konnte die Gräfin nichts thun, als ſich nach 250 Fürſt und Kavalier, einer tiefen Verbeugung zurückziehen, was ſie alsbald that, worauf ſie mit ſo ruhigem Gange, als es ihr möglich war, die Apparte⸗ ments der Prinzeſſin durchſchritt. Kaum aber hatte ſie die letzte Thüre derſelben hinter ſich und betrat den großen Saal, ſo flog ſie durch denſelben wie ein gejagtes Reh und eilte in das Zimmer ihrer Freundin, die am Fenſter ſaß und in die von der Abend⸗ ſonne beleuchtete Landſchaft hinausblickte. Neben dem Fauteuil ihrer Freundin warf ſich die kleine Gräfin nieder, verbarg ihr Geſicht in deren Schooß und weinte laut und bitterlich. Auch in Viktorinens Augen, die bisher ruhig und glanzvoll wie immer geſchaut, zeigten ſich jetzt ein paar ſchimmernde Thränen; ſie beugte ſich langſam herab und drückte ihre Lippen feſt und innig auf das blonde Haar ihrer Freundin, dann hob ſie ihr ſanft das Haupt empor und ſagte:„Meine gute Eliſe, es iſt ja gerade, als hätten wir die Rollen getauſcht, und als ſeieſt Du ausgeſcholten worden und nicht ich.“ „O wäre ich's, der man dieſe harten Worte geſagt,“ erwiederte die Gräfin mit ſchluchzender Stimme,„ich hätte vielleicht mit weniger Schmerz geweint als jetzt; es hätte mich wahrſcheinlich auch betrübt, nur nicht ſo tief und anhaltend, wie Dich; morgen hätte ich vielleicht über die ganze Geſchichte gelacht und ſogar der Oberſthofmeiſterin bewieſen, daß nicht immer etwas Unrechtes dabei ſein muß, wenn man einen Jugendfreund auch einmal nach neun Uhr Abends em⸗ pfängt— im Sommer und auf dem Lande. Sie hätte meine Gründe einſehen müſſen, und in drei Tagen wäre die ganze Geſchichte ver⸗ geſſen geweſen,— aber Du wirſt nichts vergeſſen.“ „Nein, ich werde das nicht vergeſſen.“ „Siehſt Du, deßhalb habe ich vollkommen Grund, betrübt zu ſein,— gewiß, Du wirſt nicht vergeſſen, Du wirſt mit keinem milden und freundlichen Worte einlenken, Du wirſt es bis zum Aeußerſten treiben, und das ertrage ich nicht.“ „Was nennſt Du das Aeußerſte?“ Fürſt und Kavalier. 251 „Eine Trennung von Dir, o, ich kenne Deinen unbengſamen Charakter, Du wirſt es der Prinzeſſin unmöglich machen, daß ſie Dir ein freundliches, verſöhnendes Wort ſagt.“ „Und wozu ſollte das auch führen, da ſie mich meines Dienſtes entlaſſen hat?“ „Das iſt nicht der Fall,“ ſagte haſtig die kleine Gräfin, in⸗ dem ſie ſich raſch aufrichtete,„das hat ſie nicht gethan; um Gottes⸗ willen, Viktorine, ſo wirſt Du doch ihre Worte nicht aufgenommen haben, das wäre ja entſetzlich; ſie hat nur geſagt, ſie wünſche, daß Du ſo lange keinen Dienſt thäteſt, bis ſie mit der Oberſthofmeiſterin über dieſen Gegenſtand geſprochen.“ „Ganz recht, das waren ihre Worte,“ gab Fräulein von Saint⸗ Aubin allerdings mit großer Ruhe zur Antwort, doch verriethen ihre bebenden Lippen den Sturm ihres Innern;„aber ſie hat das geſagt in Folge eines Ereigniſſes, von dem ich wenig wegzu⸗ ſtreiten vermag und will; ſie hat mich dieſes Ereigniſſes wegen nicht mehr für würdig gehalten, meinen Dienſt zu thun, und da dieſes Ereigniß feſtbeſtehen bleibt, ſo bleibt ſich auch meine Un⸗ würdigkeit gleich.“ „Sei nicht ſo hart, Viktorine, ſie und alle Welt wird das morgen mit andern Augen anſehen.“ „Da kennſt Du die Welt ſchlecht,“ erwiederte Fräulein von Saint⸗Aubin in bitterem Tone,„ſie wird ſich freuen, daß ich mich endlich gezeigt, wie ich ſchon lange geweſen; Jeder wird ſich be⸗ mühen, einen Stein auf mich zu werfen, und die eklatanteſte Genugthuung, wenn eine ſolche nöthig wäre, würde mich nicht vor mitleidigem Achſelzucken ſchützen, und das ertrüge ich nicht.“ „Es wird es auch Niemand wagen, man kennt Dich zu genau.“ „Man wird es wagen, gerade weil man mich jetzt kennt, oder glaubſt Du, es könnte mir einfallen, jene Zuſammenkunft leugnen zu wollen,— jene Zuſammenkunft,“ ſetzte ſie mit aufwärts gerich⸗ tetem Blicke hinzu,„ſo würdig und unſchuldig vor dem Allwiſſenden, 252 Fürſt und Kavalier. wie unwürdig und ſchuldig vor den Augen der Welt;— ſei es darum; Du weißt es am Beſten, wie ich von jeher dieſe Welt geachtet und geliebt.“ „Und an mich denkſt Du gar nicht,“ ſagte die kleine Gräfin nach längerem Stillſchweigen, während ſie mit gefalteten Händen vor ihr ſtand und ſie mit ſchimmernden Augen anblickte,—„mich würdeſt Du ohne Bedenken allein hier zurücklaſſen, Deine arme, kleine Eliſe, die Deiner ſo nothwendig bedarf, und welche Dich ſo ſehr liebt.“ Sie wandte ſich nach dieſen Worten ab, ließ ſich aber ohne viel Widerſtreben von Viktorine, welche ihre beiden Hände ergriffen hatte, an ſich ziehen, und es that jetzt auch Viktorinen ſo innig wohl, ihrem zuſammengepreßten Herzen durch einen Strom wohlthätiger Thränen Luft zu machen. Nach einer ſchönen Sage gibt es Thränen, deren Tropfen nicht auf den Boden rollen, ſondern welche von den Lüften gierig auf⸗ gezehrt werden, davon getragen oft in weite, weite Fernen, und von denen ein Atom, ein Hauch genügt, im Herzen eines Andern eine ſüße Lnſt oder einen tiefen Schmerz zu erzeugen. Die Thränen, welche hier geweint wurden, waren von dieſer ſo reinen und flüch⸗ tigen Art, und wir ſind überzeugt, daß dieſelben auf jene wunder⸗ bare Art wohl im Stande geweſen wären, in irgend Jemanden einen ſtechenden Schmerz zu erregen; doch wollte das Schickſal noch ſicherer gehen und bediente ſich, um dieſe Abſicht zu erreichen, eines körperlicheren Mittels in Geſtalt des Fräulein Miré, welche, wie wir leider geſtehen müſſen, nach Ihrer Unterredung mit der Prin⸗ zeſſin die geheime Treppe zu ihrem Zimmer nicht vollſtändig empor⸗ geſtiegen war, wenigſtens nicht ohne die allerlängſten Pauſen. In einer dieſer Pauſen nun, wo ſie, vieleicht zufällig horchend, ſtehen blieb, vernahm ſie die ganze Unterredung der Prinzeſſin mit ihren Damen, wobei ſie in ihrem Herzen begreiflicher Weiſe Partei für letztere nahm; konnte es doch jeder Dame im Schloſſe paſſiren, daß ſie in einem dringenden Falle auch nach neun Uhr noch ge⸗ Fürſt und Kavalier. 253 nöthigt geweſen wäre, einen derartigen Beſuch bei ſich zu empfangen. So ſprach es in ihrem Innern für Fräulein von Saint⸗Aubin, wobei ihr übrigens die Handlungsweiſe Saleck's in einem zwei⸗ deutigen Lichte erſchien, und ſie auch in der Rückſicht ihrer Ge⸗ bieterin nicht vollſtändig Unrecht zu geben vermochte;— auch ihr erſchien dieſer Menſch jetzt räthſelhaft, unbegreiflich, denn was konnte ihn vermögen, ſo zu handeln? warum ſuchte er ſo leiden⸗ ſchaftlich um eine Audienz bei der Prinzeſſin nache wollte er durch dieſe auf Fräulein von Saint⸗Aubin wirken oder umgekehrt durch die Hofdame auf die Gebieterin? In ihrem Zimmer angekommen ging die erſte Kammerfrau Ihrer Hoheit ziemlich aufgeregt hin und her und winkte ſelbſt ihrem Stubenmädchen, welche ihr eine Meldung machen wollte, haſtig, zurückzubleiben und ſie nicht in ihren Gedanken zu ſtören, doch mochte dieſe ihre Botſchaft für wichtig genug halten, eine ſolche Unterbrechung immerhin zu wagen, denn ſie ſtellte ſich der haſtig auf und ab Wandelnden in den Weg und hielt einen Brief empor mit den Worten:„Aus der Reſidenz“. Vielleicht traf in dieſem Augenblick der Ideengang des Fräu⸗ lein Miré mit der Meldung zuſammen, denn ſie blieb ſtehen, griff haſtig nach dem Schreiben und, nachdem ſie die Aufſchrift geleſen und das Siegel betrachtet, trat ſie mit allen Zeichen höchſter Er⸗ regung an das Fenſter, riß den Umſchlag ab und hatte nicht ſo⸗ bald den Inhalt des Schreibens durchflogen, als ihre Hand mit einem leichten Aufſchrei die Lehne eines Stuhles ſuchte, wie um ſich daran zu halten,— ja dabei drückten die Mienen der erſten Kammerfrau eine ſolche Beſtürzung aus, daß die Ueberbringerin des Briefes, welche ſtaunend vor ihr ſtand, herbeieilte, um irgend eine, ihr bis jetzt ſelbſt noch unbekannte Hülfe zu leiſten, doch winkte Fräulein Miré ſo energiſch nach der Thüre zu, daß das Stubenmädchen haſtig aber nicht ohne leichtes Kopfſchütteln das Zimmer verließ. 254 Fürſt und Kavalier. Der Brief, den die erſte Kammerfrau der Prinzeſſin Helene erhalten, lautete folgendermaßen:„Verehrtes Fräulein! Mit dem beſten Danke, daß Sie, wie ich aus Ihren Zeilen erſah, meinen Empfohlenen freundlich bei ſich aufgenommen, beeile ich mich, Ihnen dieſelben zu erwiedern, muß aber, indem ich Ihre Frage, welche mir gewiſſermaßen die Piſtole auf die Bruſt ſetzt, kurz und bündig beantworte, ein paar nothwendige Worte anfügen, welche ich drin⸗ gend bitte, ihrem Sinn und Inhalte nach nicht zu überſehen. „Herr von Saleck, der Ueberbringer meiner Zeilen, iſt der Fürſt Georg von———— 4 4 Dieß war die Stelle, bei welcher die Kammerfrau beinahe in Ohnmacht gefallen wäre, und welche ſie auch beim zweiten Durch⸗ leſen ſo verwirrt machte, daß ſie kaum im Stande war, der eben erhaltenen Aufforderung des Schloßhauptmanns ſogleich Folge zu leiſten,— ja ſie verlor ſich in Folgerungen und Kombinationen angenehmer und unangenehmer Art und mußte ſich erſt gewaltſam von dieſen Gedanken losreißen, um das wichtige Schreiben zu Ende zu leſen. „Vertrauen um Vertrauen,“ hieß es darin,„eine Bedingung, die ich Ihnen gegenüber eigentlich nicht auszuſprechen brauchte, da es ja nicht das erſte Mal iſt, daß ich das Glück habe, irgend einen delikaten Gegenſtand mit Ihnen verhandeln zu dürfen, doch ſchadet eine ſolche Auffriſchung auch bei den gewiegteſten Geſchäftsleuten nie. Sie haben mich oft einen Verräther genannt, da ich Ihrer Anſicht nach mit allzufeſten Banden an jenem Lande hing, wo ich lange Jahre wirkte, ehe ich hieher kam, und es iſt wahr, ein Theil meines Herzens blieb dort zurück, mich immer noch auf's Innigſte mit Perſonen dort zuſammenhaltend, die mir über alle Beſchreibung theuer ſind. Dazu gehört vor allen Dingen der junge Fürſt, den Sie kennen gelernt, ein vortrefflicher, tüchtiger Mann im wahren Sinne dieſes vielſagenden Wortes. Er beſuchte mich vor einigen Tagen und überraſchte mich eben ſo ſehr durch ſein Geſtändniß, er Fürſt und Kavalier. 255 liebe Prinzeſſin Helene, als durch die Erzählung, auf welche Art und Weiſe er ihre Bekanntſchaft gemacht. Es war das in Italien, angeregt von der Glut des ſüdlichen Himmels, in gefährlicher Schwärmerei zweier gleichgeſinnter Seelen, wo ſich der Fürſt unter dem Namen eines Herrn von Saleck vorſtellen ließ, eine an ſich unſchuldige Täuſchung, welche aber die Prinzeſſin, wie wir ſie kennen, kaum verziehen haben würde, wenn ſie ihr ohne Vorbereitung mitgetheilt worden wäre, und ſich ohne eine ſolche Vorbereitung zu präſentiren, dazu ſchien mir der Fürſt Georg entſchloſſen. Dieſes aber zu verhindern und ihn zur Vorſicht zu zwingen, mußte ich zu dem allerdings gewagten Mittel greifen, den Charakter unſerer Prinzeſſin als etwas extravagant zu ſchildern, eigentlich doch nicht ſo ganz unwahr, wie Sie mir im Vertrauen zugeben werden, wenn wir bedenken, wie ſich die ſonſt ſo liebenswürdige und vortreffliche Dame ſeit ihrer Rückkehr aus Italien verändert hat. Doch gerade dieſe Aenderung, deren Grund nicht zu verkennen iſt, ließ mich für meinen geliebten Fürſten hoffen. „Haben Sie nun die Güte, mein verehrtes Fräulein, und ver⸗ hehlen Sie mir nicht, wenn ſich etwas Wichtiges dort zuträgt. Dabei ſuche ich eben nach einem plauſibeln Grund, um zu Ihnen nach Warneck zu kommen; vielleicht gelingt es mir, dazu einen Befehl zu erlangen, und in dieſem Falle wird nicht ermangeln ſobald als möglich bei Ihnen zu erſcheinen Ihr aufrichtig und treu⸗ ergebener Werner.“ Fräulein Mirsé las dieſen Brief verſchiedene Male durch, ehe ſie ſich an ihren Schreibtiſch ſetzte, und auch dann noch legte ſie die eingetauchte Feder einigemale wieder hin und ſtützte ihr Haupt nachdenklich in die Hand, dann aber ſchrieb ſie:„Eure Hoheit werden es mir zu Gnaden halten, daß ich mir erlauben muß, Ihr Inkognito für einige Augenblicke zu vergeſſen, und werden Sie überzeugt ſein, daß dazu ein dringender Grund vorliegt. Dieſer Grund aber entſpringt einem Ereigniß, welches die Betreffenden 256 Fürſt und Kavalier. in die größte Aufregung verſetzt hat, und welches darin beſteht, daß— Herr von Saleck, alſo Sie, gnädiger Herr, zu einer nicht ganz richtig gewählten Stunde bei einer der Damen Ihrer Hoheit der Prinzeſſin Helene einen auffallend langen Beſuch abſtatteten. „Sollten Eure Hoheit geneigt ſein, Ihrer ganz ergebenſten Dienerin in Euer Hoheit eigenem Intereſſe hierüber eine Auf⸗ klärung zukommen zu laſſen, ſo würde ich nicht ermangeln, dieſelbe weiter befördernd mit allen Kräften und beſtens, wie bisher immer geſchehen, für Sie zu handeln. Klara Miré.“ Daß dieſem Schreiben noch das bei Damen unerläßliche Poſt⸗ ſtriptum angefügt wurde, wird man hier begreiflich finden, denn dieſe Nachſchrift hieß:„Ich gebe Herrn von Saleck die heilige Verſicherung, daß ſein wirklicher Name vorderhand hier nur mir bekannt iſt und als ein theures Geheimniß bewahrt bleiben wird.“ Dieſen Brief ſiegelte Fräulein Miré, überſchrieb ihn an Herrn von Saleck auf Schloß Edelsheim und ſandte ihn durch einen ver⸗ trauten Reitknecht der Prinzeſſin an ſeine Adreſſe. X. Es iſt eigenthümlich, wie raſch ſich das, was man eine Szene nennt, bei Hof zu verbreiten pflegt. In dieſem Falle ſcheint es, als hätten die Wände nicht nur Ohren, ſondern auch Zungen, als ſeien auch die Thüren im Stande, jedes gehörte Wort den Steinen des Korridors draußen wieder zu erzählen, und als hätten dieſe nichts Eiligeres zu thun, als für die Verbreitung im ganzen Schloſſe durch alle Gänge, Trepp' auf und Trepp' ab eilfertig zu ſorgen. Es iſt das wie ein Dunſt, wie ein Rauch, welcher ſich vermittelſt Fürſt und Kavalier. der kleinſten Spalte ausbreitet und ſchon nach wenigen Augenbli in entfernten Räumen bemerklich werden kann. Liegt nun irgend eine Schwüle in der Luft, hat man ein heranziehendes witter bemerkt, iſt man ſolchergeſtalt, wie es heute hier der Fal⸗ war, ſchon gewiſſermaßen auf eine Szene vorbereitet, ſo werden Augen und Ohren ſchon vorher auf die unbegreiflichſte Art an⸗ geſpannt, um die Windrichtung zu errathen, damit man zuvor ſchon berechnen kann, auf welches arme, ſtille und oft unſchuldige Thal ſich dießmal das hohe, höchſte oder allerhöchſte Unwetter aus⸗ gießen wird. Wer längere Zeit bei Hofe lebt, mit Feinheit zu ſehen und zu hören verſteht, erlangt eine unbegreifliche Fertigkeit, ein armes Schlachtopfer, durch ein Wort, durch einen Wink zu er⸗ kennen und den Vertrauten durch eine kleine Nüance in der Be⸗ handlung deſſelben in vorſichtiger Weiſe kenntlich zu machen. Eine Ungnade bei Hofe kommt ſelten ganz plötzlich, es geht ein kühler Wind vorher, eine erwartungsvolle Stille wie vor jedem Gewitter, ja eine unbegreifliche, aber meiſtens ſehr richtige Ideenverbindung kennzeichnet das Betreffende und erlaubt es dem Klugen, dem Untergehenden vorſichtig aus dem Fahrwaſſer zu bleiben, um nicht das eigene Schiff beim Sinken des andern Bootes zu gefährden; denn wie ein ſo entſtandener Strudel auf dem Meere, ſo reißt eine Ungnade bei Hofe leicht noch andere mit hinab, die es nicht ſchon früher verſtanden, ihren Kiel raſch bei Seite zu lenken. Ein eigenes, vergnügliches Studium iſt es, auf dem Barometer, den ſo viele vom Gefolge des Fürſten im Geſichte tragen, zu ent⸗ decken, ob und wie man in der Gunſt der höheren Regionen ſteigt oder fällt; heute ſiehſt Du Dich noch auf der glänzenden Sonnen⸗ höhe höchſter Gunſt, und nur die höher gehobene Naſe irgend eines erfahrenen Hofmannes zeigt Dir, wenn Du es verſtehſt, an, daß Dein Barometer ſchon um einen kleinen Strich gewichen iſt. Iſt dieſer Fall nicht nur eine augenblickliche Schwankung der Luft, ſo kann es Dir unausſprechlich Vergnügen gewähren, wie es auf all' Hackländer’s Werke. 49. Bd. 17 Fürſt und Kavalier. Geſichtern, denen Du Dich noch ebenſo vertrauungsvoll wie eerrn zuwendeſt, von freundſchaftlicher Wärme zu verletzendem ſt hinabklettert: man reicht Dir keine Hand mehr, höchſtens 3ch die Spitzen eines Zeigefingers und dieſe aus ſo weiter Ent⸗ fernung, daß Du ſie, auch wenn Du wollteſt, mit dem beſten Willen nicht zu erfaſſen vermagſt; man vergaß vollkommen der hübſchen Partie und der animirten Spiele, welche man geſtern mit Dir gemacht, und wenn man ſich doch noch daran erinnert, ſo geſchieht es mit zerſtreuten Mienen, unter dem Hin⸗ und Herzucken ängſtlicher Blicke, ja mit einem gelinden Angſtſchweiße auf der Stirne, wenn irgend eine hohe Perſon zufällig herüberblickt. Gute Bekannte, die auf der Straße oder im Salon Dir nie begegneten, ohne mit einem freundlichen Worte ein paar Sekunden bei Dir ſtehen zu bleiben, eilen jetzt haſtig an Dir vorüber, und was ſie allenfalls noch für Dich übrig haben, iſt ein eigenthümliches, freund⸗ lich ſein ſollendes Grüßen. Glücklich der, dem das Fallen ſeines Hofbarometers und deſſen Folgen keinen größeren Kummer verurſachen, der ein doch noch mögliches Steigen deſſelben mit Ruhe erwarten kann, oder der ſogar bei einem gänzlichen Einfrieren ſeines Wetterglaſes die Inſchrift von Dantes Höllenthor noch nicht über den Eingang ſeiner Woh⸗ nung zu ſchreiben braucht. Daß das Gerücht von der Ungnade der Prinzeſſin gegen ihre Hofdame auf's Allereiligſte ſeinen Weg durch das Schloß fand, konnte um ſo weniger auffallen, als der Herzog ſich durchaus nicht genirt hatte, das Terrain zur Aufnahme dieſes Gerüchtes ſo gut wie möglich vorzubereiten. Es war gut, daß die arme Viktorine heute nicht mehr gezwungen war, ſich öffentlich zu zeigen, man würde ſie ſonſt auf die gröbſte und auf die feinſte Art alle ihre glänzenden Eigenſchaften des Geiſtes und des Körpers haben ent⸗ gelten laſſen, die ſie ſchon ſo oft zu Neid und Bewunderung hin⸗ geriſſen. Seine Hoheit der Fürſt, welcher ſich im Allgemeinen Fürſt und Kavalier. 259 wenig um die kleinen Intriguen, Piquanterieen und Facheux in den Damengemächern des Schloſſes bekümmerte, ließ ſich doch im gegenwärtigen Augenblicke aus begreiflichen Gründen au fait halten, und erfuhr dann auch, wie alle übrigen Schloßbewohner, daß es eine kleine Szene gegeben habe zwiſchen ſeiner Tochter und der Hofdame, dem Fräulein von Saint⸗Aubin; ja da er ſelbſtverſtänd⸗ lich gut bedient war, erfuhr er ſogar Details über dieſe unangenehme Geſchichte. Daß es ſich nämlich um den Beſuch eines jungen Mannes handle, und zwar um einen Beſuch an demſelben Abende und faſt zu derſelben Stunde, wo er ſelbſt durch einen ſolchen überraſcht und erfreut worden war; daß mit ſeinem Beſuch und jenem des Fräuleins von Saint⸗Aubin ein Zuſammenhang ſtattfinde, hielt er für außerordentlich begreiflich und zweiſelte nicht im Geringſten, daß Fürſt Georg ſich ein vertrauliches Empfehlungsſchreiben an eine der Hofdamen ſeiner Tochter verſchafft, wodurch dann Fräulein von Saint⸗Aubin, die er überhaupt ihres ruhigen und höchſt an⸗ genehmen Charakters wegen ſchätzte, noch ganz beſonders in ſeiner Achtung ſtieg. Um ſo unangenehmer war es ihm denn auch, daß eine Szene ſtattgefunden, und er faßte den Entſchluß, ſeine Tochter zu einem Spaziergange abzuholen, um während deſſelben etwas Näheres über dieſe Angelegenheit zu erfahren, doch kam ſein Kam⸗ merdiener, den er hinübergeſandt, mit der Antwort zurück, Ihre Hoheit die Prinzeſſin ſei vor Kurzem, begleitet von der Gräfin Eller, in ihrer Pony⸗Equipage ausgefahren. Dieß war denn auch wirklich der Fall, die Prinzeſſin hatte nach ihrer Hofdame geſandt, Kopfweh vorgeſchützt und nahm es höchſt gnädig auf, als ihr die kleine Gräfin anrieth, bei dem herr⸗ lichen Abend und der milden Luft eine Spazierfahrt zu machen. In kurzer Zeit ſtand der kleine Phaeton der Prinzeſſin, beſpannt mit allerliebſten Ponies, vortrefflich eingefahrenen und ganz ver⸗ trauten Thieren, bereit: die beiden Damen ſtiegen ein, und als die Prinzeſſin die Zügel ergriffen, ſagte ſie:„Weil ich Ihnen vor⸗ 260 Fürſt und Kavalier. hin etwas hart und auch wohl eigenſinnig erſchienen bin, ſo will ich mich jetzt dafür ganz Ihrer Leitung unterwerfen,— beſtimmen Sie, wohin ich Sie führen ſoll.“ „Eure Hoheit ſind zu liebenswürdig,“ gab die kleine Gräfin zur Antwort,„doch wage ich es nicht, dieſem Wunſche Folge zu leiſten.“ „Sie ſollen aber;— glauben Sie mir, liebe Eliſe, es iſt oft ſo langweilig, immer über ſich und Andere beſtimmen zu müſſen, daß es ordentlich wohl thut, ſich auch einmal leiten zu laſſen,— alſo ich erwarte Ihre Befehle.“ Da die Prinzeſſin die ungeduldigen Pferdchen ſcharf im Zügel hielt und in der That Miene machte, nicht ohne Anweiſung fort⸗ zufahren, ſo ſagte Gräfin Eller lächelnd:„Nun denn, ſo ſchlage ich den Lieblingsweg Euer Hoheit vor, am Flußufer hinauf durch Warneck auf der Straße gegen Edelsheim.“ Während die Prinzeſſin auf dieſes Wort hin ihre kleinen, flinken Pferdchen raſch vorwärts ſchießen ließ, warf ſie einen Blick mit ganz eigenthümlichem Ausdrucke auf ihre Nachbarin, ohne übrigens längere Zeit ein Wort zu erwiedern. So eilten ſie über die uns bekannte Brücke hinweg an dem Gaſthof zur Roſe und Anker vorüber, dann quer über den Poſtplatz, und hatten in Kur⸗ zem die breite und ſchöne Straße nach Edelsheim erreicht, welche durch das Thal längs der Eiſenbahnlinie lief, und wohin außerdem, wie wir bereits wiſſen, nur der Fußweg über das alte Schloß führte. „Mir iſt es durchaus nicht angenehm,“ ſagte die Prinzeſſin, indem ſie mit ihrer Peitſche auf den Eiſenbahndamm wies,„daß mein kleines Edelsheim durch die Verbindung mit den Schienen aus ſeiner ſtillen und trauten Einſamkeit geriſſen wird, wobei wir noch obendrein die Bäume eines ſo friedlichen Waldthales opfern mußten. Wenn ich auch dieſe Sache gerade nicht mit dem gleichen Widerwillen wie Papa betrachte, ſo verdrießt es mich doch, daß Fürſt und Kavalier. 261 nun den Blicken ſo vieler Tauſende neugieriger Reiſender alle unſere landſchaftlichen Schönheiten aufgedeckt ſind,— ah,“ unterbrach ſie ſich nach einer Pauſe, während die Pferdchen in munterem Ueber⸗ muthe auf der Straße dahingaloppirten,„ich hätte nicht gedacht, daß die Arbeiten ſchon ſo weit vorgeſchritten wären: dort ſteht die große Brücke vollendet da, und wenn ich nicht irre, dampft dort vor uns durch den Thaleinſchnitt ſchon eine Lokomotive heran. Horchen Sie, Eliſe, wie das ſchon von weitem herſchnaubt und braust,— wahrhaftig, der Frieden unſerer ſchönen Thäler iſt dahin.“ Aber nicht nur die Prinzeſſin und ihre Hofdame hörten es heranſchnauben, brauſend und keuchend, und ſahen das formloſe Ungeheuer mit der grauen Rauchfahne ſo hochmüthig daherziehen, auch die Ponies bemerkten etwas von einem ihnen bis jetzt unbe⸗ kannten, gefährlich ſcheinenden Gegenſtande, denn ſie ſchüttelten heftig ihre Köpfe, ſchnaubten und brausten ebenfalls, und die kleinen Hände der Prinzeſſin mußten ſich ſichtlich anſtrengen, um ihren Lauf zu mäßigen. „Den Pferden ſcheint der Anblick nicht angenehm zu ſein, Hoheit,“ meinte beſorgt die kleine Gräfin,„wäre es nicht beſſer, wenn Eure Hoheit umkehrten?“ „Ich glaube kaum, daß das nöthig iſt,“ erwiederte die Prin⸗ zeſſin,„die Ponies ſind ſo folgſam und vertraut; wenn ſie auch ein paar Sprünge machen, ſo wird mich das nicht erſchrecken und Sie hoffentlich auch nicht, Eliſe?“ „Ich habe nur an Eure Hoheit gedacht,“ ſagte dieſe, doch war ſie etwas blaß geworden und preßte ihre Lippen ſcharf auf⸗ einander. Die muthige Wagenlenkerin hatte übrigens ihre Peitſche neben ſich in den Peitſchenſtiefel geſteckt und die Zügel mit beiden Händen ergriffen; denn ſo ruhig die beiden Thiere gewöhnlich auch waren, ſo machten ſie doch, als die Lokomotive nun näher und näher Fürſt und Kavalier. heranbrauste, ganz auffallende Sprünge und Bewegungen; jetzt ſuchten ſie vorwärts zu ſchießen und drängten gleich darauf nach dem hier ſehr tiefen Straßengraben. Die Gräfin hatte ſich ſchon lange krampfhaft an ihren Sitz angeklammert, und als ſich die kleinen Pferde immer toller geberdeten, ja kaum mehr zu halten waren, maß auch die Prinzeſſin mit beſorgtem Blicke die kurze Strecke, welche ſie noch von der heranſtürmenden Lokomotive trennte, als dieſe ihren Lauf plötzlich verminderte und ſo raſch als möglich hielt. Im gleichen Augenblicke ſprang Jemand von der Maſchine herab, eilte über den Eiſenbahndamm auf die Landſtraße und näherte ſich ſchnellſtens der kleinen Equipage mit den beiden Damen, von denen die eine ſehr blaß, die andere ſehr roth und erhitzt aus⸗ ſah vor Anſtrengung, die immer toller werdenden Pferdchen im Zügel zu halten. Wer weiß auch, was im nächſten Augenblicke geſchehen wäre, denn die Ponies legten eine entſchiedene Neigung an den Tag, vermittelſt einer Flucht durch den Straßengraben dem allerdings nun ruhig daſtehenden, aber immer noch Rauch aus⸗ werfenden Ungeheuer zu entgehen, wenn nicht ein paar kräftige Hände die Köpfe der Pferde erfaßt und gewaltig feſtgehalten hätten. Es war dieß unſer Freund, der Oberingenieur Ramberg, welcher die Noth der beiden Damen geſehen und ihnen ſo ganz zu rechter Zeit zu Hülfe gekommen war. Er ſuchte zuerſt die Thiere zu beſänftigen, indem er freundliche Worte zu ihnen ſprach, ſich dicht vor ſie hinſtellte und ihnen dabei auf die ſchlanken Hälſe klopfte, dann führte er ſie ruhig einige Schritte vorwärts, um ſie hierauf wieder halten zu laſſen, und erſt als dieſes Manöver ein paar Mal wiederholt und die Thiere dadurch augenſcheinlich ruhiger geworden waren, trat er neben den kleinen Wagen, nahm ſeinen Hut ab und empfing den herzlichen Dank der Prinzeſſin. „Es ſind das ſonſt ſo vertraute Thiere,“ ſagte dieſe,„und ich hatte keine Ahnung davon, daß auf der allerdings ſchon fertigen Fürſt und Kavalier. 263 Bahn bereits heute Probefahrten abgehalten würden,“ worauf die kleine Gräfin hinzuſetzte:„es hätte gewiß ein Unglück gegeben, wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie uns ausgeholfen.“ „Das wäre in allen Fällen die Schuldigkeit jedes Mannes geweſen, in dieſem fühlte ich mich aber noch beſonders dazu ver⸗ pflichtet, da ich dieſe Probefahrt leitete und das in Warneck eigentlich hätte bekannt machen ſollen, um zu beſonderer Vorſicht mit den Pferden aufzufordern,— ich habe alſo ſehr um Entſchuldigung zu bitten!“. Der junge Mann ſagte das mit ſo gewinnenden Mienen, hatte überhaupt in ſeinem Weſen etwas ſo durchaus Anſtändiges, ja Einnehmendes, daß die Prinzeſſin gegen ihre ſonſtige Gewohn⸗ heit außerordentlich freundlich, ja mit der Idee eines leichten Lächelns zur Antwort gab:„es wäre das doch zu viel verlangt, wenn man bei Eröffnung einer Eiſenbahn auch in dieſem Falle zur Vorſicht ermahnen ſollte, ich hätte mich erkundigen ſollen und danke Ihnen nochmals für den großen Dienſt, den Sie uns geleiſtet; — darf ich um Ihren Namen bitten?“ „Ingenieur Ramberg,“ erwiederte dieſer und ſetzte hinzu, „welcher ſich glücklich ſchätzen würde, wenn die Damen ihm erlaubten, ſie eine kleine Strecke zu begleiten, um zu ſehen, ob die allerliebſten Thiere noch Zeichen von Unruhe geben, wenn man ſie langſam an der Lokomotive vorbeiführt.“ Verbindlich ſich verneigend fuhr er fort:„es gäbe keine günſtigere Gelegenheit, um den Pferden viel⸗ leicht ein für allemal ihre Angſt vor meinem rauchenden Ungethüm zu benehmen.“ „Da ich mir vorgenommen hatte noch weiter zu fahren,“ gab die Prinzeſſin zur Antwort,„ſo werde ich Ihnen ſogar dankbar ſein, wenn Sie mich eine Strecke begleiten.“ Der Oberingenieur trat auf die Seite, die Pferde zogen an, und er ging neben her. Allerdings drängten die Ponies noch in die Zügel, wandten auch ihre Köpfe ängſtlich nach dem Bahndamme 264 Fürſt und Kavalier. zu, betrugen ſich aber im Allgemeinen ſogar ſehr manierlich, als ſich die Lokomotive auf ein Zeichen des jungen Mannes, nach zu⸗ vor eingeholter Erlaubniß bei den Damen, langſam wieder in Bewegung ſetzte. „Es ſind das in der That liebenswürdige, gute Thiere,“ ſagte Ramberg, während er dem Sattelpferd auf das glänzende Kreuz klopfte,„ich glaube, man hat es jetzt mit ihnen gewonnen, und ſie werden ſich bei einer zweiten Begegnung mit einer Lokomotive ſehr vernünftig aufführen.“ „Weßhalb wir Ihre gewiß ſehr koſtbare Zeit nicht länger in Anſpruch nehmen wollen,“ ſagte die Prinzeſſin,„ich möchte noch bis zu der Waldung dort vor uns fahren und dann nach Warneck zurückkehren;— nochmals meinen beſten Dank.“ Ramberg trat auf das hin einen Schritt zur Seite, grüßte die Damen ſehr ehrfurchtsvoll mit abgezogenem Hute und ſah ihnen lange nach, während die Pferdchen munter laufend dahin eilten. Er hatte die Prinzeſſin, der er, wie wir wiſſen, vor einigen Tagen bei Warneck begegnet war, mit ſeinem ſcharfen Auge ſchon von der Lokomotive aus erkannt, und die Hoffnung, Fräulein von Saint⸗Aubin ſei in ihrer Begleitung, hatte ihn, wie er ſich ſchon geſtehen mußte, zu raſcherem Laufe angefeuert.——„Hätte ich nicht,“ ſagte er, ärgerlich mit dem Fuße ſtampfend,„das Glück haben können, auch ihr dieſen kleinen Dienſt zu erweiſen?—— ah, in dem Falle hätte ſie mich anſehen, ja ſogar freundlich grüßen müſſen, wenn es ihr auch vielleicht ſchwer gefallen wäre;— wenig⸗ ſtens von ihr gänzlich unbemerkt, wie vor einigen Tagen, hätte ich heute nicht bleiben können.“— Langſam und in tiefen Gedanken dem Wagen folgend, ſprach er nach einigen Minuten zu ſich ſelber: „Es gibt doch nichts Räthſelhafteres, als das Herz eines Weibes; — wie ſchien ſie damals erfreut, mich wiederzuſehen, wie freundlich, wie herzlich blickte ſie mich an, wie warm war der Ton ihrer Stimme,— wie ſehr zum Herzen gehend Alles, was ſie mir ſagte, Fürſt und Kavalier. 265 —— natürlich, es ſchauten ihr nur die ſtummen Wände zu, es hörte uns Niemand,— wenn ich das bedenke, ſo kann ich mir am Ende noch Glück wünſchen, daß ſie mir heute nicht begegnet iſt, um vielleicht mit gnädigem Kopfnicken dem Unbekannten,— Un⸗ bedeutenden zu danken.“ Während er ſich ſo mit dem gehabten Abenteuer beſchäftigte, ſprachen auch ihrerſeits die beiden Damen darüber, und wir müſſen ſchon geſtehen, in wohlwollenderen und freundlicheren Ausdrücken. Der junge Mann in ſeiner, wenn gleich unbefangenen, doch dabei gewählten Art ſich zu benehmen, hatte auf Beide einen ſehr gün⸗ ſtigen Eindruck gemacht, ſo daß ſich ſogar die kleine Gräfin nach überſtandener Angſt zu der Bemerkung hinreißen ließ, es ſei ihr gerade geweſen wie in jener alten Zeit, von der man in Büchern leſe, wo ſich zwei Damen, von ihrem Gefolge verlaſſen, in Gefahr befunden, um von einem eben ſo tapferen als galanten und hübſchen Ritter befreit zu werden. Die Prinzeſſin lachte darüber und gab im Weiterfahren nach einigen Augenblicken ſcherzend zur Antwort:„Wer weiß, Eliſe, ob ich hier nicht einem abgekarteten Spiele auf die Spur komme;— Sie haben den Weg nach Edelsheim vorgeſchlagen, davon war der unbekannte Ritter unterrichtet, und er brachte uns durch ſeine Lo⸗ komotive abſichtlich in Gefahr, um uns nachher auf ſo chevalereske Art retten zu können.“ „Gott ſoll mich vor einem ſolchen Spiele bewahren,“ erwiederte die Gräfin, wobei es komiſch ausſah, daß ſie ſich bemühte, Ernſt, ja Schrecken auf ihrem Geſichte zu zeigen,—„das könnte gefähr⸗ lich werden, Hoheit, denken Sie nur, was ich dabei riskirte; ſolche Ritter verwandeln ſich gern in Troubadours, die nächtlicher Weile vor den Fenſtern ihrer Schönen zu ſingen pflegen und dabei de⸗ müthig um einige Wörtchen Unterhaltung flehen,—— und wenn ſo etwas die Gräfin Sporbach erführe,“ ſetzte ſie mit einem lauern⸗ den Blicke auf die Prinzeſſin hinzu. 266 Fürſt und Kavalier. „Eliſe— Eliſe,“ ſprach dieſe warnend,„ich hätte nicht gedacht, daß Sie ſo boshaft ſein könnten.“ „O Hoheit, ich bin gewiß nicht boshaft, aber ich kann nun einmal des Gedankens an meine arme, gute Viktorine nicht los werden; wer weiß, ob es nicht auch ſolch' ein fahrender Ritter war, der ſie irgendwo gerettet, und dem ſie aus reinſtem Dankgefühl eine Unterredung nicht abſchlagen mochte.“ „Laſſen wir jetzt das,“ verſetzte die Prinzeſſin in etwas ernſtem Tone,—„ſchauen Sie lieber um ſich, wie prachtvoll die Abend⸗ ſonne Berg und Thal vergoldet; es iſt doch reizend hier in der Umgebung von Warneck, man kann weit reiſen, um eine ſo ſchöne Abwechslung, um einen ſo prächtigen Baumſchlag und ſo anmuthig geſchwungene Berglinien zu finden,— ſehen Sie, hier beginnt der Wald, wovon wir einen Theil opfern mußten, und wodurch Papa die ganze Bahnlinie ſo verhaßt iſt,— mir thut es in der That leid, daß auch unſer ſo angenehmer Erretter darunter büßen muß; Papa wird ſich ſchwerlich entſchließen, der Einweihung jener Brücke, deren Bau, wie ich ſehe, nun ganz beendigt iſt, und wodurch ſich an der Grenze unſeres Landes die beiden großen Bahnlinien zu⸗ ſammenſchließen, morgen anzuwohnen.“ „Wie ſchade,“ gab die kleine Gräfin lächelnd zur Antwort, „welch' ſchöne Gelegenheit wäre das geweſen, unſern liebenswür⸗ digen Kavalier wiederzuſehen.“ „Wen haben wir denn da vor uns?“ frug die Prinzeſſin ſtatt aller Antwort, wobei ſie ihre Pferdchen raſcher antrieb. Um aber dieſe Frage beantworten zu können, müſſen wir in unſerer Geſchichte um eine gute Stunde, und zwar bis zu jenem Augenblick zurückgehen, wo der Reitknecht mit dem Schreiben des Fräuleins Miré vom Schloſſe wegritt. Er hatte das Schreiben betrachtet, und da er das Siegel der Prinzeſſin nicht darauf fand, ſo beſchloß er, die erhaltene Weiſung, raſch zu reiten, nicht zu be⸗ folgen, ſondern an dem heißen Tage in gemüthlicher Langſamkeit Fürſt und Kavalier. 267 ſeines Weges zu traben. Dazu kam noch, daß er, durch Warneck reitend, einige ſeiner Kollegen vor einem Bierhauſe ſitzend fand und der Verführung, hier ebenfalls einen kühlen Trunk zu thun, unmöglich widerſtehen konnte. Auch nahm er an der Unterhaltung eine gute halbe Stunde Theil und ritt alsdann erſt behaglich ſeines Weges. Vielleicht war er auch mit wichtigen Gedanken beſchäftigt, die ihm nicht erlaubten, an irgend einer Biegung des Weges rück⸗ wärts zu ſchauen, und ſo kam es denn, daß er dieß zum erſten Male that, als er plötzlich hinter ſich das Raſſeln eines Wagens vernahm, und es nun zu ſpät war, durch raſcheres Reiten den flinken Ponies der Prinzeſſin zu entgehen, ja er that das Geſcheidteſte, was er in ſeiner Lage thun konnte, er wandte den Kopf ſeines Pferdes gegen die kleine Equipagey um mit abgezogenem Hute zu warten, bis dieſe vorbei wäre. Aber die Prinzeſſin hielt ebenfalls an, wobei ſie frug:„Wo⸗ hin reiten Sie?“ „Nach Edelsheim, Euer Hoheit unterthänigſt zu melden.“ „Wer ſchickt Sie dorthin?“ „Fräulein Miré.“ „Mit mündlichem Auftrage?“ „Nein, Hoheit, mit einem Briefe.“ Zu gleicher Zeit hatte er auch das Schreiben hervorgezogen, um es, ſich verbeugend, der Prinzeſſin zu überreichen. Dieſe hatte nicht ſobald die Adreſſe des Malers Saleck geleſen, als ſie ihre Lippen zuſammenbiß, ein paar Augenblicke nachdachte, und dann den Brief mit der Spitze ihrer Reitpeitſche gleichgültig zurückweiſend, ſagte:„Es iſt gut, beſorgen Sie Ihren Auftrag. Da ich aber ebenfalls nach Edelsheim will, ſo können Sie bei meinem Wagen bleiben,— die Pferde ſind etwas unruhig, da ſie zum erſten Male eine Lokomotive geſehen haben.“ Der Reitknecht hielt ſich auf dieſen Befehl etwas rückwärts von dem kleinen Wagen, der nun raſch wieder fortrollte, in kurzer 268 Fürſt und Kavalier. Zeit links abbiegend, wo es durch den dichten Wald nach Edels⸗ heim hinauf ging. Die Prinzeſſin war plötzlich ſo ernſt und ſchweigſam geworden, daß es ihrer Hofdame auffallen mußte, und umſonſt verſuchte dieſe es, wieder ein Geſpräch in Gang zu bringen. Aber auf Alles, was ſie ſagte, gab jene nur die kürzeſten Antworten oder begnügte ſich mit einem einfachen Kopfnicken. Hätte Gräfin Eller übrigens in das Innere der Nachbarin zu blicken vermocht, ſo würde ſie dieſe Umwandlung vollkommen begreiflich gefunden haben.—— Was konnte die Miré, welche ja von dem Vorgefallenen durch ihre Gebieterin unterrichtet worden war, nach dieſer vertraulichen Mittheilung an Saleck zu ſchreiben haben?——— Jedenfalls ging hier etwas vor ſich, was ihr, der Prinzeſſin verſchwiegen bleiben ſollte, ihr alſo verdächtig, wenigſtens räthſelhaft erſcheinen mußte. Es hatte anfänglich kaum in der Abſicht derſelben gelegen, bis nach Edelsheim hinauszufahren, und wenn ſie auch in der erſten Aufwallung den Gedankeu gefaßt, ſo war ſie von ſich ſelber überzeugt, daß ihr unterwegs andere kommen würden, jetzt aber war ſie entſchloſſen, Edelsheim zu betreten, ihn zu ſehen, ihn zu ſprechen, nachdem er in ihrem Beiſein jenen Brief in Empfang genommen. Nahe bei dem kleinen Parke, der nun dicht vor ihnen lag, hielt ſie ihre Pferde an, ſtieg mit ihrer Begleiterin aus und befahl dem Reitknechte, der ebenfalls abgeſtiegen war, ihre Equipage an das Schlößchen zu führen und ſie dann im Parke aufzuſuchen. Die Prinzeſſin fühlte mit Schrecken, wie bang und heftig ihr das Herz klopfte, als ſie nun unter den tiefen Schatten der hohen Bäume trat und auf's Gerathewohl einen der geſchlungenen Wege betrat, der aber zu einem ihrer Lieblingsplätze führte. Es war das eine beſonders hochgelegene Stelle, wo man auf einer Seite durch Entfernung der Bäume eine entzückende Fernſicht in ein reizendes Seitenthal geſchaffen. Fürſt und Kavalier. 269 Als ſich die beiden Damen dieſem Orte näherten, ſagte die Gräfin Eller, faſt unwillkürlich ſtehen bleibend:„Dort iſt Geſell⸗ ſchaft.“ Die Prinzeſſin hatte bei dieſen Worten nicht nöthig, die Ueberraſchte zu ſpielen, denn ihre innere Aufregung, welche ſie ſchwer und mühſam athmen ließ, zeigte ſich deutlich auf ihren ſonſt ſo ruhigen Zügen.„Es werden Fremde ſein, denen man erlaubt den Park zu ſehen;— kommen Sie, ſie werden hoffentlich ſo be⸗ ſcheiden ſein weiter zu gehen, wenn ſie uns kommen ſehen.“ „Einen jener Herren kenne ich,“ ſagte die Gräfin, nachdem ſie ſich einige Schritte genähert,„wenn ich nicht irre, zeichnet er wahrſcheinlich jene Anſicht, welche Eure Hoheit ihm befohlen.“ ————„Deſto beſſer, wenn wir einen Bekannten finden; ———— wer mögen die beiden Anderen ſein?“ Dieſe beiden Anderen, von denen die Prinzeſſin einen ganz genau erkannte, waren ſo in das Leſen von Briefſchaften vertieft, daß ſie die, wenngleich leiſen, doch immerhin hörbaren Schritte der beiden Damen nicht zu bemerken ſchienen. Wilden dagegen blickte jetzt von ſeinem Papier in die Höhe, und da ſein ſcharfes Auge ſogleich die Herrin von Edelsheim erkannte, ſo ſprang er raſch empor und riß die beiden Anderen aus ihrer Beſchäftigung, indem er ihnen halblaut zurief:„Ihre Hoheit, die Prinzeſſin Helene.“ Im nächſten Augenblicke ſtand dieſe mit ihrer Begleiterin am Eingange zu dem kleinen freien Platze und beantwortete die tiefen Verbeugungen der drei Herren mit einem leichten Kopfnicken. Gräfin Eller war erſtaunt, als ſie die Prinzeſſin, die ja ſonſt ſo gewandt verſtand, unter allen Verhältniſſen ein Geſpräch anzu⸗ knüpfen, faſt wie befangen, ja faſt wie verlegen ſah, weßhalb ſie nichts Eiligeres zu thun hatte, als die Zeichnung aus den Händen Wildens zu nehmen, um ſie der Prinzeſſin zu zeigen, wobei ſie dem Maler haſtig zuflüſterte:„Bitten Sie doch, Ihre beiden Freunde vorſtellen zu dürfen.“ ————— 270 Fürſt und Kavalier. Der erſte Moment peinlicher, ja aufregender Ueberraſchung ging durch dieſen guten Rath denn auch raſch vorüber: Wilden, der nicht ohne Gewandtheit war, näherte ſich ſeiner Gönnerin, der Prinzeſſin, mit der ehrfurchtsvollen Bitte, die beiden Herren vorſtellen zu dürfen. Da Ihre Hoheit hierauf weder ja noch nein ſagte, ſo geſchah denn auch dieſe Vorſtellung, indem Wilden ſo taktvoll war, den Herrn von Felſing als Freund des Malers Saleck, der Ihrer Hoheit ohnedieß bekannt ſein werde, zu präſentiren. Felſing hatte an dem Blicke des Fürſten ſogleich bemerkt, wer die Dame ſei, auch ehe er noch derſelben vorgeſtellt wurde, und als gewandtem Geſchäftsmann mußte ihm Alles daran liegen, mit Wilden, und wo möglich auch mit der Hofdame der Prinzeſſin vom Schauplatze zu verſchwinden. Was die Letztere betraf, ſo war dieß übrigens nicht ſo ganz leicht zu arrangiren, doch wählte er das beſte Mittel, das er wohl konnte, nachdem er auch der Gräfin Eller vorgeſtellt war, die Zeichnung Wildens nämlich, welche dieſer der Prinzeſſin zeigte, die aber nur einen leeren Blick dafür zu haben ſchien, da ihre Gedanken offenbar ganz anderswo beſchäftigt waren. Um ſo mehr freute ſich die kleine Gräfin über die in der That ſchöne Zeichnung, wobei denn Herr von Felſing ſo klug war, dem Maler zu ſagen:„Die Ausſicht, die Sie hier gewählt, iſt aller⸗ dings prachtvoll, aber wollen Sie nicht ſo freundlich ſein, der gnädigen Gräfin meine Anſicht vorzutragen, die auch Saleck theilte?“ „Die beiden Herren waren nämlich der Anſicht,“ ſagte der Landſchaftsmaler,„ich hätte ſtatt des Standpunktes hier einen andern, etwas mehr dort drüben wählen ſollen, wobei nämlich auf der rechten Seite die ſpitzen Dächer des Schlößchens zwiſchen den Bäumen hervorgetreten wären und ſo die Anſicht beſſer eingerahmt hätten.“ „Wenn ſich vielleicht die gnädige Gräfin davon überzeugen will,“ ſagte Felſing,„ſo koſtet es ja nur ein paar Schritte.“ „Ich bitte darum,“ ſagte auch Wilden,„doch muß ich be⸗ Fürſt und Kavalier. 271 merken, daß es mir hauptſächlich um den vollſtändigen Blick in das kleine, reizende Seitenthal vor uns zu thun war.“ Die kleine Gräfin blickte auf ihre Herrin, und als dieſe ihr mit einem etwas erkünſtelten Lächeln ſagte:„So thun Sie Wilden den Gefallen und machen Sie die Schiedsrichterin,“ entfernte ſie ſich mit den beiden Herren. Saleck ſtand der Prinzeſſin mit leuchtenden Blicken gegenüber, doch fühlte er ſich etwas ängſtlich bewegt, da er auf dem Geſichte der Fürſtin, namentlich aber in ihren Augen einen Ausdruck des Ernſtes, ja der Härte bemerkte. „Darf ich mir erlauben,“ ſagte der Fürſt nach einem faſt minutenlangen Stillſchweigen,„Ihnen meinen verbindlichſten Dank auszuſprechen für dieſes wunderbare Aſyl, welches mir Eure Hoheit gewährt, und um deſſen Schutz ich dringend noch für einige Tage bitten möchte.“ „Sie geniren ſich durchaus nicht in Ihren Bitten,“ gab die Prinzeſſin mit einem ſo kalten Tone zur Antwort, daß es ihn unwillkürlich froſtig überrieſelte,„ich erinnere mich, daß Herr von Saleck vor einigen Tagen um die Vergünſtigung bat, mir zwei Worte ſagen zu dürfen, aus welcher Bitte endlich das Geſuch wurde, Ihnen eine Freiſtätte zu geben, was ich bewilligte.“— „Und damit eine Gunſt gewährten,“ rief er mit inniger Be⸗ wegung aus,„die mich unendlich glücklich gemacht, und die Sie gewiß an keinen Unwürdigen verſchwendet.“ „Ah, Herr von Saleck,“ gab ſie mit einem faſt höhniſchen Lächeln zur Antwort,„iſt Ihnen in Ihrem Leben Jemand vorge⸗ kommen, welcher die Beſcheidenheit oder Selbſtkenntniß ſo weit ge⸗ trieben, ſich ſelbſt einen Unwürdigen zu nennen?——— man muß eine ſolche Benennung Anderen überlaſſen.“ „Um Gotteswillen, Eure Hoheit,“ erwiederte er im Tone offenbaren Erſchreckens,„Sie wenden doch dieſes Wort nicht auf mich an?“ Fürſt und Kavalier. „Wie ſollte ich das?“ antwortete ſie mit großem Stolze, faſt mit hochmüthiger Härte,„ich wüßte nicht, wie es mir geſchehen könnte, Ihnen, einem mir gänzlich Fremden überhaupt eine Be⸗ nennung beizulegen;———— vergeſſen Sie nicht, daß ich einem demüthig Bittenden freundlich den Aufenthalt hier geſtattet, und daß ich dieſe Erlaubniß auch heute noch nicht zurücknehmen will.“ „Ich verſtehe Eure Hoheit nicht,“ betheuerte er mit großer Aufregung,„aber mir klingt aus dieſen harten Worten etwas Räthſelhaftes, etwas Unheilvolles.“ „Sie nennen das harte Worte?— Und wenn dem ſo wäre, welche Veranlaſſung hätte ich, andere gegen Sie zu gebrauchen?— O, ich weiß, was Sie ſagen wollen,“ fuhr ſie heftiger fort, als er ſprechen wollte,„erinnern Sie mich nicht an eine Zeit, wo ich vielleicht den richtigen Grundſatz vergaß: man kann im Benehmen gegen Fremde nie zu wähleriſch, nie zu vorſichtig ſein.——— Sie, Herr von Saleck, können es ſich zuſchreiben, wenn ich künftig nicht nur wähleriſch, nicht nur vorſichtig, ſondern ſogar rülkſichts⸗ los und hart ſein werde.“ „Es gibt Beiſpiele,“ gab er mit ruhiger und leiſer Stimme zur Antwort,„daß ſich Eure Hoheit dieſer Eigenſchaften bedienen, wenn Sie dieſelben auch in Wahrheit nicht beſitzen.“ „O, gewiß nicht,“ entgegnete ſie raſch mit einer entſchiedenen Handbewegung,„wie ich mich gebe, ſo bin ich auch, ich ſpiele nie eine doppelte und zweideutige Rolle— ich bin wahr, ich rede ohne Rück⸗ halt;— erlauben Sie mir deßhalb zu ſagen, was ich über Sie denke.“ „O, dafür wäre ich Ihnen zu unendlichem Danke verpflichtet.“ „Nun, ich denke, daß es wenigſtens unvorſichtig iſt, hier in unſerem kleinen, ländlichen Hofleben eine doppelte und zweideutige Rolle ſpielen zu wollen, die Ihnen auf einem größeren Terrain vielleicht beſſer gelingen könnte.“ „Sie ſollten wiſſen, Prinzeſſin,“ rief er ſchmerzlich überraſcht, „und mich dennoch verdammen, da Sie meine Beweggründe kennen?“ 2738 Fürſt und Kavalier. „Ja, ich weiß Alles, obgleich ich Ihre Beweggründe nicht kenne, auch nicht gerade begierig bin, dieſelben zu erfahren.“ „O, Sie kennen das Gefühl, welches mich hieher zog,“ rief er leidenſchaftlich aus,„und da Sie denn nun einmal die doppelte Rolle, die man mich zu ſpielen zwang, durchſchauten, ſo will ich Ihnen auch geſtehen, Prinzeſſin, daß ich, trotz alledem mit ſeliger Hoffnung hieherkommend, dieſen Ort mit zerriſſenem Herzen ver⸗ laſſen werde.“ In den Augen der Prinzeſſin loderte es zornig auf, als ſie ihn ſo ohne allen Rückhalt ſprechen hörte, als ſie den Moment erſcheinen ſah, wo Herr von Saleck ihr ſeine Liebe für ihre Hofdame erklären würde: ſie wandte ſich raſch wie zum Fortgehen ab, als ſie in ziem⸗ licher Entfernung hinter ſich den Reitknecht bemerkte, welchen ſie in den letzten Augenblicken der Aufregung beinahe vergeſſen hätte; „man hat einen Auftrag an Sie, Herr von Saleck, ſagte ſie in einem ſo kalten Tone, als ihr möglich war, und ſetzte ſchärfer hinzu:„Sie korreſpondiren mit meinen Leuten,“ worauf ſie dem Lakaien winkte näher zu treten, welcher ſich auch beeilte, ſeinen Brief in die Hände des jungen Mannes zu übergeben. Während Saleck das Schreiben in Empfang nahm, wandte er ſich mit einem flehenden Ausdruck gegen die Prinzeſſin, indem er ſie nur noch um einen Augenblick bat, um ihr vielleicht ein Räthſel löſen zu können,„denn,“ ſetzte er leidenſchaftlich erregt hinzu,„die Handſchrift dieſes Briefes iſt mir gänzlich unbefannt.“ Haſtig riß er nun den Umſchlag ab, durchſlog den Inhalt des Schreibens, worauf er es, ohne große Ueberraſchung zu zeigen, der Prinzeſſin mit der in innigem Tone ausgeſprochenen Bitte darreichte, es durchſehen zu wollen und ihm darauf einige Worte der Aufklä⸗ rung zu geſtatten. Ihn konnte der Inhalt jener Zeilen ja nicht befremden; was ihm allein auffiel, war die Anrede der Schreibe⸗ rin; doch ſchien ihm auch dieſes erklärlich, da die Prinzeſſin, wie Hackländer's Werke. 49. Bd. 274 Fürſt und Kavalier. er aus ihren Worten entnehmen mußte, ebenfalls ſeine Doppel⸗ rolle zu kennen ſchien. Nicht wenig befremdete es ihn deßhalb, auf dem Geſichte der hohen Dame, welches er aufmerkſam betrachtete, einen ſolchen Aus⸗ druck der höchſten Ueberraſchung zu ſehen, welcher einen lauten Auf⸗ ſchrei gerechtfertigt hätte; doch bemerkte er, wie die Prinzeſſin ihre Lippen feſt aufeinander preßte, und dabei eine erſchreckende Bläſſe ihre Züge überflog, ja, ihre Hand zitterte, obgleich faſt unmerklich, und als ſie gleich darauf ihre Lippen wieder öffnete, ſchien ſie jedes Wort, welches ſie las, tief aufathmend und in fliegender Haſt auszuſtoßen. Endlich hatte ſie den Brief durchleſen, ließ ihre linke Hand, in der ſie ihn hielt, langſam herabſinken und erhob die Rechte, um damit ihre Augen zu bedecken. „Und nun geſtatten Sie mir meine Rechtfertigung oder viel⸗ mehr Aufklärung,“ ſprach der Fürſt in bittendem Tone,„indem ich Ihnen die Verſicherung gebe, daß ich nur einmal im Schloſſe zu Warneck war und zwar zu jener Tagesſtunde, wo ich von Fräulein Miré empfangen wurde und das Glück hatte, Sie zu ſehen,— ja, Prinzeſſin,“ fuhr er leidenſchaftlich fort,„das hohe Glück,— das höchſte Glück, ohne welches ich hätte von dannen ziehen müſſen als ein armer Verlaſſener, als ein Unglücklicher— wollen Sie mich 9 dazu verdammen, wollen Sie, daß ich dieſes reizende Thal, welches Sie geſchaffen, verlaſſe, ohne Ihre Verzeihung erhalten zu haben?— mehr als Ihre Verzeihung,— Ihre Liebe,— dieſelbe austauſchend gegen eine grenzenloſe Leidenſchaft.“ Bei dieſen letzten Worten kniete er zu ihren Füßen nieder und faßte ihre Hand, welche ſie ihm allerdings zu entziehen verſuchte, aber nicht kräftig genug, daß es ihm nicht gelungen wäre, ſie an ſeine Lippen zu drücken und mit ſtürmiſch heißen Küſſen zu be⸗ decken— —— Dieß war aber gerade der Augenblick, wo die andere Geſellſchaft ihre verſchiedenen Anſichten über die aufzunehmende 275 Fürſt und Kavalier. Landſchaft dahin geeinigt hatte, daß der von Wilden gewählte Standpunkt allerdings der richtige ſei, und zurückkam, um dieſen, ſoweit es die Dämmerung des Abends erlaubte, nochmals in's Ge⸗ ſicht zu faſſen. Die Gräfin Eller, welche zuerſt den Platz betrat und hier einen ſo überraſchend anderen Anblick hatte, als ſie er⸗ wartete, konnte ſich nicht enthalten, einen ziemlich lauten Schrei auszuſtoßen, der wie ein grenzenloſes Erſtaunen, aber auch wie eine Art Vorwurf klang. Dabei fuhr der Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf der kleinen Hofdame:„Ach, wenn Viktorine jetzt an mei⸗ ner Stelle wäre.“ Was ſie dabei aber am meiſten empörte, war, daß der ſo ungenirt Knieende ſich durchaus nicht ſo ſchnell beeilte, aufzuſtehen, und daß die Prinzeſſin nicht mit dem Ausdrucke des erſchreckten Ueberraſchtwordenſeins zurücktrat.— „Ah, ſo ändern ſich die Zeiten.“ Von den Herren ſchaute auch Wilden ziemlich verblüfft darein, wogegen ein aufmerkſamer Beſchauer auf dem Geſichte Felſing's den Ausdruck eines behaglichen Lächelns hätte erblicken können. Ein dritter Mann trat indeſſen noch hinter der Gruppe aus dem Gebüſche, der Oberingenieur Ramberg, in deſſen großem, klarem Auge unverkennbares Vergnügen blitzte, und der wahrſcheinlich irgend ein Bravo gerufen hätte, wenn ihm dieſes glücklicher Weiſe nicht noch rechtzeitig als unpaſſend erſchienen wäre. Es iſt uns unmöglich, zu ſchildern, welche Menge widerſtreiten⸗ der Gefühle das Herz der Prinzeſſin bewegten von dem Augenblick an, wo ſie die erſten Zeilen des Briefes geleſen, bis zu jenem, wo ihr der Mann, deſſen Bild aus leicht begreiflichen Gründen die Ruhe ihrer Stunden getfübt, ſeine Liebe geſtand und zwar unter Verhältniſſen, welche ihr erlaubten, dieſe Liebe anzunehmen und zu erwiedern. Dieß that ſie denn auch, und von jeher gewohnt, auf eigene Art ihren Weg zu gehen und ſich für ihre Perſon ſo wenig als möglich unter oft lächerlichem Herkommen und beengender Etikette zu beugen, ließ ſie ihre Hand dem jungen Manne und 276 Fürſt und Kavalier. nannte ſeinen Namen mit einem angenehmen Lächeln ihrer Um⸗ gebung: „Fürſt Georg.“ Ohne heftigen Kampf in ihrem Innern war dieſes jedoch nicht vorübergegangen, und hätte der ehemalige Herr von Saleck gewußt, daß ſein Lebens⸗, eigentlich Liebesſchiff, welches jetzt mit vollen Wimpeln einem ſchönen Hafen zuzuſteuern ſchien, einer gefährlichen Klippe mühſam entgangen ſei, ſo hätte er mit noch tieferem Athem⸗ zuge die Glückwünſche ſeiner Freunde entgegen genommen. Dieſe Klippe war nämlich ein Augenblick geweſen, in welchem die Prinzeſſin geſchwankt hatte, ob ſie nicht ihre Hand heftig der ſeinigen entreißen und ihm, wenn auch vielleicht mit zerriſſenem Herzen, eine beleidigende Bemerkung zuſchleudern ſolle. Glücklicher Weiſe aber hatte ihr beſſerer Sinn, wir könnten ſagen ihre Liebe, geſiegt, und nun war ſie glücklich darüber und ſtand jetzt hoch auf⸗ athmend, dann tief zuſammenſchauernd neben ihm, dem ſie ſchon ſeit lange ihr Herz geſchenkt. Dabei blickte ſie heiter lächelnd im Kreiſe umher, und als ihre Augen jetzt auf die kleine Gräfin fielen, reichte ſie ihr haſtig beide Hände, zog ſie an ihre Bruſt und küßte ſie wiederholt und innig auf die Stirne. Der Fürſt hatte Ramberg die Hand gereicht, ihn zu ſich her⸗ gezogen, um ihn der Prinzeſſin vorzuſtellen, doch erkannte dieſe ihren Retter ſogleich und lachte laut und glücklich, als ihr der Fürſt nun leiſe ſagte:„Dieß iſt der Uebelthäter, der ſich nicht nur an der ſtrengen Etikette des Hofes verging, ſondern der auch als Saleck eine Audienz bei Seiner Hoheit hatte, aus der ich aber mit Ent⸗ zücken erfuhr, wie ſehr der Fürſt geneigt iſt, meinen heißen Wün⸗ ſchen entgegenzukommen.“ Nicht leicht vereinigte ein ſo kleiner Platz, wie das Rondell im Parke von Edelsheim, eine Gruppe ſo heiterer und froher Menſchen. Leider mahnten ein paar durch die Baumzweige an dem dunkler wer⸗ denden Himmel hervorblitzende Sterne, daß es Zeit zum Aufbruch ſei. Fürſt und Kavalier. 277 „Ich wollte, wir wären ſchon zurück in Warneck,“ ſagte Prin⸗ zeſſin Helene, und fuhr mit komiſchem Ernſte fort:„Wenn die Oberſthofmeiſterin Gräfin Sporbach meine Aufführung erfährt, ſo falle ich ebenſo in Ungnade wie Fräulein von Saint⸗Aubin,—— ſei ruhig, mein Kind,“ ſetzte ſie auf einen bittenden Blick der kleinen Gräfin hinzu,„das wieder gut zu machen betrifft mich allein und ſei meine heiligſte Sorge,— gewiß, Eliſe, Sie ſollen zufrieden ſein,— nun aber, meine Herren, nach Hauſe; es iſt ſo ſpät ge⸗ worden, daß man wahrhaftig in Sorge um uns ſein wird.“ „Sie werden uns doch erlauben, daß wir Sie nach Warneck begleiten, natürlich hinter Ihrer Equipage in anſtändiger Entfer⸗ nung,“ fragte der Fürſt. „Wozu ich meinen Wagen anbiete,“ ſprach Ramberg; ein Vor⸗ ſchlag, der bereitwillig angenommen wurde. Ehe man aber das Rondell verließ, ſprach die Prinzeſſin den Wunſch aus, ihr die Mittheilung über das hier Vorgefallene zu überlaſſen, worauf ſämmtliche Anweſende den Wagen beſtiegen, um nach Warneck zurückzukehren. Der Lakai ritt voraus, dann folgte die Pony⸗Equipage, den Beſchluß machte des Oberingenieurs Wagen mit den vier Herren, wobei der Fürſt Gelegenheit hatte, Ramberg zu ſagen, in welch' große Verlegenheit er Fräulein von Saint⸗Aubin durch ſeinen Beſuch gebracht. In der Nähe von Warneck angekommen, ließ auf den Wunſch des Fürſten der Ingenieur ſeine raſchen Pferde, die er kaum hinter dem langſamen Gange der Ponies zu zügeln vermochte, etwas vor⸗ wärts ſchießen, ſo daß beide Wagen zu gleicher Zeit auf den Poſt⸗ platz gelangten, ja der Ramberg's an der Straßenecke, wo es zur Brücke einbog, einen Vorſprung gewann, den der Fürſt dazu benützte, hinauszuſpringen, um ſich für heute Abend bei den Damen zu verabſchieden. Dieſer Abſchied dauerte aber ziemlich lange; denn da die Prinzeſſin ihre Pferde im Schritte gehen ließ, geſtattete ſie hiedurch ſtillſchweigend ſeine Begleitung, welche der Fürſt nicht nur 278 Fürſt und Kavalier. bis zum Parke Warneck, ſondern durch denſelben ſo weit ausdehnte, bis man dicht bei dem verhängnißvollen Pavillon angekommen war, wofür er auch noch dadurch belohnt wurde, daß die Prinzeſſin, Zügel und Peitſche mit der Hand faſſend, ihm die rechte zu einem ſehr langen und ſehr feurigen Kuſſe erlaubte. vollen Zuſtimmung, dazu plätſcherte das Waſſer des großen Spring⸗ brunnens irgend eine bekannte zum Herzen gehende Weiſe, und dazu blitzten von dem dunklen Nachthimmel herab all' die Tauſende und aber Tauſende leuchtender Sterne, und ſtrahlten in ſeinem Herzen wieder wie ein ganzes Meer von Glückſeligkeit.— Wie erinnerte er ſich des Abends, an welchem er dieſelbe Avenue zum erſten Male gewandelt; und ſo lange und öde ſie ihm damals vorge⸗ kommen war, ſo kurz erſchien ſie ihm heute, und war dabei be⸗ völkert mit hellen, freundlichen Zukunftsbildern. In Kurzem hatte er Warneck erreicht und den Gaſthof zur Roſe und Anker, deſſen Schild und Name ihm heute wie eine glückliche Erfüllung ſeiner heißeſten Wünſche erſchien. An der Thüre wurde er von ſeinem Diener erwartet, welcher ihn in ſein Zimmer begleitete, wo eine neue und gleichfalls nicht unangenehme Ueberraſchung ſeiner harrte: er fand in ſeinem Salon Alles zu einem Souper arrangirt und neben der reich beſetzten Tafel ſeinen alten Freund aus der Reſidenz, den Schloßhauptmann Werner, der ihm nach einem herzlichen Willkommen mit angenommenem Ernſte ſagte: Ich muß Euer Hoheit ſchon geſtehen, es hat ſich, wie ich vernommen, Alles ſo glücklich geendet, daß von einem Diner in der Stadt, um Eure Hoheit zu tröſten, nun nicht mehr die Rede ſein kann, weßhalb ich hieher gekommen bin, um ein kleines Nachteſſen bittend, und damit mir Gelegenheit gegeben werde, mit einem guten Glaſe Wein auf eine ebenſo unverhoffte als glückliche Aenderung zu trinken.“ „So hat mich Felſing verrathen?“ Dazu rauſchten die Wipfel der alten Bäume zur geheimniß⸗ 8 Fürſt und Kavalier. 279 „Erſt, nachdem ich ihm moraliſche Daumenſchrauben angelegt und vom Schloſſe kommend, wo ich Fräulein Miré beſuchte, Fel⸗ ſing einige Andeutungen zu geben vermochte, daß Ihr Inkognito, gnädiger Herr, doch nicht lange mehr haltbar ſei.“ „Statt eines guten Soupers“, gab der Fürſt mit Laune zur Antwort,„ſollte ich Dir, einem ſo alten durchtriebenen Ver⸗ räther, viel eher Waſſer und Brod diktiren; doch will ich unter der Bedingung Gnade für Recht ergehen laſſen, daß Du mir aus⸗ führliche und richtige Gründe Deiner Handlungsweiſe angibſt.“ „Gewiß, gnädiger Herr,“ ſagte lächelnd der Schloßhaupt⸗ mann,„doch, wenn ich bitten darf, erſt nach dem Souper; ich bin bei einer Hitze von zwanzig Grad und dazu gehörigem Staube heute Nachmittag hieher gefahren und kann die feierliche Verſiche⸗ rung ablegen, daß ich außer einer Taſſe Kaffee heute Nachmittag nichts zu mir genommen, wäre es dabei nicht unmenſchlich, wichtige und triftige Gründe zu verlangen, auch wenn dieſelben, um mit Fallſtaff zu reden, ſo gemein wie Brombeeren wären?“ „Nun gut, ich will Dich mit dem allerdings gefährlichen Sprüchwort entſchuldigen: der Zweck heiligt die Mittel— und nun zu Tiſche, Felſing, zu Tiſche, Wilden und Ramberg, und möge Glück und Freude in Perſon unſere Becher füllen.“ XI. Die Einladung, welche von der benachbarten Landesregierung an den Hof von Warneck ergangen war und welche es ſich als eine große Ehre erbat, wenn der fürſtliche Hof die Feier der Be⸗ fahrung der neuen, großartig erbauten Brücke und zugleich der Einweihung zweier nun vereinigter Bahnlinien mit ſeiner Gegen⸗ 280 Fürſt und Kavalier. wart verherrlichen wolle, war in Warneck angelangt und machte in den weiteren und engeren Kreiſen ziemlich viel von ſich reden, nicht als ob dieſes Ereigniß gerade ein ſehr bedeutendes geweſen wäre: es erhielt einigermaßen nur dadurch ſeine Wichtigkeit, daß ſich Seine Hoheit aus uns ſchon bekannten, allerdings egoiſtiſchen Gründen auf’s Schärfſte gegen die Erbauung dieſer Bahnlinie aus⸗ geſprochen hatte, und daß dieſer Ausſpruch nun in allen Geſprächen des Hofzirkels nachklang. Dieſes Thema war auch am verfloſſenen Abend auf der Ke⸗ gelbahn des Gaſthofs zur„Roſe und Anker“ gründlich verhandelt worden, und zwar vor einer zahlreicheren Geſellſchaft als gewöhn⸗ lich; hatte es doch auch der Herzog für gut befunden, dieſelbe mit ſeiner Gegenwart zu verherrlichen. Wie beim Parteln im Kegel⸗ ſpiel ſelbſt, ſo ſchied anderntheils die Tagesfrage die Anweſenden ſo genau in zwei Theile, daß der Oberſtſtallmeiſter vorgeſchlagen hatte, eben ſo gegen einander zu ſpielen und Gewinnen oder Ver⸗ lieren als einen Orakelſpruch für morgen gelten zu laſſen. Der Oberſtſtallmeiſter war am Entſchiedenſten auf der Seite Derjenigen, welche meinten, ein ſo kleinlicher Grund, wie das Ver⸗ lieren eines Halbhunderts ſchöner Bäume, dürfte Seine Hoheit nicht abhalten, mit Freuden die Vollendung eines Werkes zu begrüßen, welches Nord und Süd feſt aneinander ſchloß; ſein entſchiedenſter Gegner war hierin der Hofmarſchall Baron Spiegel, welcher ſeine Anſicht feſthielt, daß Seine Hoheit allerdings einen ſolchen Egard für höchſtdero Wälder hätte erwarten können, daß man die Eiſen⸗ bahn den Umweg von einer unbedeutenden kleinen Stunde hätte machen laſſen. „Ja, mein Lieber,“ hatte hierauf der Oberſtſtallmeiſter ent⸗ gegnet,„einen unbedeutenden Umweg, der das Land vielleicht eine kleine Million mehr gekoſtet hätte.“ „Gleichviel,“ erwiederte hierauf Baron Spiegel,„ſobald von drüben alle Rückſichten und Formen ſo mir nichts dir nichts bei * 3 61 Fürſt und Kavalier. Seite geſetzt werden, ſo ſehe ich gar nicht ein, warum wir dieſſeits rückſichtsvoller verfahren ſollen. Und dann, worin beſteht der große Nutzen der Eiſenbahnen?— Daß Leute, die weit klüger daran thäten, auf ihrer Scholle zu bleiben, ohne große Mühe und Koſten zu allen möglichen Zwecken in der Welt herumkutſchiren können!“ Dann ſetzte er mit ſehr ernſtem Tone hinzu:„und obendrein, meine Herren, finde ich es durchaus nicht angenehm, von einem Durchreiſenden hören zu müſſen: ich habe geſtern auch Ihr Ländchen paſſirt,— es war das, wenn ich nicht irre, zwiſchen zwei und drei Uhr; früher konnte man das ſelbſt mit einer guten Extrapoſt nicht unter ſechs bis acht Stunden leiſten,— Alles hat ſeine Grenze.“ Wie aber im Leben, ſo ſiegte auch hier beim Kegeln die Fort⸗ ſchrittspartei und zwar ſo eminent, daß die finſtere Reaktion, wie ſich der Oberſtſtallmeiſter ausdrückte, genöthigt war, das Maximum zu bezahlen. Baron Spiegel konnte ſich nicht enthalten, dieſe Niederlage den Würfen des Herzogs zuzuſchreiben, der allerdings keinem Kegel etwas zu Leide gethan, und ſo oft die Reihe an ihn kam, zu ver⸗ ſchiedenen Malen aufgefordert werden mußte, da er mit dem Ad⸗ jutanten, Grafen Helder, ſehr animirte Geſpräche führte. „Ich weiß es gewiß,“ ſagte der Letztere,„die Prinzeſſin iſt vor einer guten Stunde mit der Gräfin Eller gegen Edelsheim ge⸗ fahren. Zufällig kam ein Reitknecht mit meinem Pferde aus jener Gegend zurück und hat die Pony⸗Equipage geſehen, ſchon jenſeits der neuen Brücke, wo es durch den Wald nach dem kleinen Schloſſe geht.“ „Wenn ſie ſich in ihrer Aufregung hat fortreißen laſſen,“ rief der Herzog, indem er ſich vergnügt die Hände rieb,„ſo können Sie verſichert ſein, daß ſie dieſem unverſchämten Monſieur eine recht artige und wohlverdiente Szene ſpielt.“ „Könnte das aber nicht zu Erörterungen führen, die Ihrer Hoheit ſelbſt vor Zeugen unangenehm wären?“ Fürſt und Kavalier. „Pah, was man einbrockt muß man auseſſen, und ſie hat uns ſchon ſo oft mit einer tüchtig geſalzenen Suppe regalirt, daß ich ihr auch einen guten Löffel von etwas Aehnlichem wünſche, doch wird es leider nicht ſo weit kommen; denn wenn ſich meine theure Couſine auf's hohe Pferd ſetzt, ſo hat ſie eine ganz verwünſchte Art, ſelbſt ſolche Leute abzukanzeln, die ſonſt gerade nicht auf's Maul gefallen ſind.“ Der Adjutant verbeugte ſich lächelnd und verſchluckte kluger Weiſe ſeine Frage, ob der Herzog aus eigener Erfahrung ſpreche. „Es iſt mir gerade ſo,“ fuhr dieſer fort,„als ſähe ich dieſen Herrn von Saleck vor mir mit einem höchſt albernen Geſichte, da⸗ von ziehend wie ein begoſſener Pudel.“ ———— Das war aber gerade der Augenblick, in dem die Prinzeſſin in Edelsheim den Brief geleſen hatte, worauf, wie wir wiſſen, ganz Anderes geſchah, als ſich der gute Herzog dachte. Nachdem Baron Spiegel mit ſehr ſaurem Geſichte ſeine ver⸗ lorene Partie bezahlt, wobei er erklärte, für heute genug zu haben, ſagte ihm lachend der Oberſtſtallmeiſter:„Für einen ſo gewiegten Hofmann, wie Sie, verſtehen Sie es noch ſchlecht, gute Miene zum böſen Spiele zu machen, und in dem ſpeziellen Falle, worüber ſich unſer Kegelorakel ausgeſprochen, haben Sie doppelt Unrecht; es wird da drüben bei der neuen Brücke eine ganz hübſche Feſtlichkeit werden: ſie dekoriren und ſchlagen Zelte auf, wie ich mir habe ſagen laſſen. Nimmt Seine Hoheit die Einladung an, ſo wird unſer durchlauchtigſter Nachbar ſeinen Erbprinzen ſchicken—“ „Sie ſcheinen gut unterrichtet?“ frug mißtrauiſch der Hof⸗ marſchall. „Dieſer Erbprinz,“ fuhr Graf Rodenberg fort, ohne auf die Bemerkung Spiegels zu achten,„wird natürlicher Weiſe bei uns zum Diner eingeladen, und auf weſſen Bruſt, mein lieber Hofmar⸗ ſchall, wird dann ein neuer Orden aufflammen?“ „Ach, gehen Sie mir, ich habe Sterne genug.“ Fürſt und Kavalier. 283 „Falſch, lieber Spiegel, darin ſind wir wie die Geizigen,“ ſagte der Oberſtſtallmeiſter mit einem ironiſchen Lächeln,„wir können nie genug bekommen von dieſen ſchimmernden Zeichen unſerer großen Verdienſte.“ Hierauf hatte ſich die Kegelpartie getrennt und zwar ſo früh⸗ zeitig, daß Keiner derſelben die beiden Wagen anfahren ſah, deren wir im vorigen Kapitel gedacht. Der folgende Morgen brach in ganz beſonderer Pracht und Herrlichkeit an: es war an Bäumen, Sträuchern und auf dem Graſe eine ſolche Verſchwendung von Brillanten zu ſehen, daß man hätte glauben ſollen, die Natur habe ſich zu einem ganz beſonderen Feſte geſchmückt; dazu dufteten die Wälder mit den Blumen um die Wette, der Himmel glänzte in tiefem, prachtvollem Blau und ruhte wie ein ſchimmernder Baldachin über der ſonnebeglänzten Erde.“ Seine Hoheit der Fürſt hatte in der Frühe des Morgens mit ſeinem Oberſtſtallmeiſter einen Spazierritt gemacht und kehrte um zehn Uhr, langſam durch die ſchattige Partie des Parkes reitend, zurück; die beiden Reiter bogen von einem ſchmalen Seitenwege auf die breite Avenue ein, die ſich, wie wir wiſſen, von dem Por⸗ tierhäuschen in großer Länge nach dem Schloſſe zu ausdehnte. Ehe ſie dieſelbe aber erreicht, bemerkten ſie einen leichten Wagen an ſich vorüberfahren, deſſen raſche und elegante Pferde mit leichtem un⸗ gariſchem Geſchirr ſogleich die Aufmerkſamkeit des Oberſtſtallmeiſters ſo ſehr feſſelten, daß er auf die Frage des Fürſten, wer dieß ſein könne, ſein Pferd antrieb und ſo eigentlich gegen die Etikette Seine Hoheit veranlaßte, ebenfalls ſchneller zu reiten. „Dieſes Geſpann ſehe ich hier zum erſten Male,“ ſagte Graf Rodenberg,„es ſind ungariſche Geſtütspferde von ganz beſonderer Güte, und möchte in der That wiſſen, wem dieſelben gehören.“ „Der Beſitzer derſelben,“ meinte der Fürſt,„ſcheint ſich durchaus nicht zu geniren, in meinem Parke ſpazieren zu fahren,— haben wir nicht Beſtimmungen hierüber erlaſſen?“ 284 Fürſt und Kavalier. „Es iſt allerdings den Fremden unterſagt, dieſen Weg nach dem Schloſſe zu nehmen, doch wurde er Perſonen, welche Beſuche im Schloſſe machen, ſtillſchweigend geſtattet.“ „So ſcheint jener Herr, deſſen Equipage Sie alſo nicht kennen, Rodenberg, einen Beſuch bei uns machen zu wollen, und es wäre mir faſt intereſſant zu erfahren, wer es iſt, und wem— ſein Be⸗ ſuch gilt.“ „Wollen mir Eure Hoheit vielleicht befehlen, dem Wagen nach⸗ zueilen; ſo vortrefflich ſeine Pferde auch ſind, ſo hoffe ich, ihn doch in Kurzem einzuholen.“ „Ah, mein lieber Rodenberg,“ gab der Fürſt, der gut gelaunt war, freundlich zur Antwort,„Sie ſcheinen mich gar nicht in An⸗ ſchlag zu bringen, doch glaube ich, daß dieſer Reiter“— er zeigte auf ſich ſelber—„und dieſes Pferd das Gleiche zu leiſten ver⸗ mögen.“ „Gewiß, Eure Hoheit,“ erwiederte der Oberſtſtallmeiſter eifrig, „doch— 241 „Meinen Sie vielleicht ſo ein kleines Wettrennen hinter einer unbekannten Perſon her würde nicht gerade das ſein, was Baron Spiegel von mir zu ſehen wünſchte?— Im Grunde haben Sie recht, laſſen Sie denn ſehen, was Ihr Pferd gegenüber den beiden Ungarn vermag, die ſchon einen tüchtigen Vorſprung haben.“ Der Oberſtſtallmeiſter griff an ſeinen Hut, und im nächſten Augenblicke flog ſein vortreffliches engliſches Jagdpferd ſo raſch in die Avenue hinein, daß der Fürſt einige Mühe hatte, das ſeinige zurückzuhalten, doch ſchaute er lächelnd dem Reiter nach und be⸗ merkte bald, daß ſich die Entfernung zwiſchen dieſem und dem da⸗ voneilenden Wagen verminderte. In wenigen Minuten hatte er ihn eingeholt, parirte ſein Pferd und ſchien mit dem Fremden im Wagen zu reden, worauf dieſer nicht nur anhielt, ſondern ſogar augenblicklich aus ſeiner Equipage ſprang. „Ich hoffe nicht,“ dachte der Fürſt,„daß Rodenberg ſtrenge Fürſt und Kavalier. 285 Polizei üben will,— ſehen wir ſelber.“ Damit näherte er ſich in einem raſchen Jagdgalopp dem Wagen, und deſſen Beſitzer ſah den Reiter nicht ſobald näher kommen, als er ihn mit abgezogenem Hute ehrfurchtsvoll grüßte. Wer beſchreibt aber das Erſtaunen des Oberſtſtallmeiſters, als der Fürſt den Fremden, den Rodenberg ſich nicht erinnerte, je ge⸗ ſehen zu haben, nicht nur mit der freundlichſten Handbewegung grüßte, ſondern ihm auch ſchon auf einige Schritte Entfernung zurief:„Ah, Sie ſind es? freut mich ſehr, Sie wieder zu ſehen,“ und als er nun zu Rodenberg gewandt und auf den Fremden zeigend hinzuſetzte:„Das iſt ein ganz beſonders lieber Freund, dem ich mit großem Vergnügen erlaube, durch meine Alleen zu fahren.“ Er, von dem in ſolchen übergnädigen Ausdrücken die Rede war, ſchien dadurch in keine kleine Verlegenheit geſetzt zu werden und ließ ſich erſt einigemale freundlich bedeuten, ſich zu bedecken, ehe er ſeinen Hut aufſetzte. „Sie waren wohl auf dem Wege nach dem Schloſſe?“ frug der Fürſt und ſetzte ſehr freundlich hinzu:„hätte ich Sie von Weitem erkannt, ſo würden wir Sie nicht angehalten haben, ich muß wahrhaftig um Entſchuldigung bitten.“ Rodenberg betrachtete den Fremden mit immer größerem Er⸗ ſtaunen, das ſich auch durchaus nicht verminderte, als Seine Hoheit abſtiegen und wohlwollend ſagten:„Es ſind nur noch wenige Schritte bis zum Schloſſe; wenn es Ihnen genehm iſt, gehen wir zu Fuß dorthin.— Lieber Rodenberg,“ wandte er ſich wieder an dieſen, „Sie thäten mir einen großen Gefallen, wenn Sie vorausreiten wollten und einen der Stallleute hieherſchicken, der mir mein Pferd abnimmt.“ „Wenn Eure Hoheit in der That von hier zu Fuße gehen wollen,“ erwiederte der Oberſtſtallmeiſter,„ſo würde ich recht ſehr bitten, mir das Pferd die kleine Strecke zu erlauben, dort nähern ſich auch ſchon von den Leuten.“ 3 286 Fürſt und Kavalier. „In einem Ausnahmsfalle, wie dieſem, darf ich vielleicht dieſen unpaſſenden Dienſt von Ihnen annehmen,“ gab der Fürſt zur Ant⸗ wort, worauf ſich der Oberſtſtallmeiſter mit einem ehrfurchtsvollen Gruße gegen die beiden Zurückbleibenden kopfſchüttelnd entfernte. So»was war ihm bei den überaus durchſichtigen Verhältniſſen des hieſigen Hofes noch nie vorgekommen, und er hätte gewünſcht, dem Hofmarſchall zu begegnen, um mit ihm über dieſen ganz außerordent⸗ lichen Fall zu ſprechen. War auf dieſe Art der Oberſtſtallmeiſter überraſcht, ſo befand ſich ſeiner Seits der Oberingenieur Ramberg, denn er war der Fremde, in noch größerer Verlegenheit als an jenem Abend, wo er ſo unverhofft vor den Fürſten getreten war. Damals hatte ihm das eigenthümliche Zuſammentreffen gewiſſermaßen die Zunge ge⸗ lähmt, und es ſügte ſich ſo glücklich für ihn, daß ſeine wahren Betheuerungen kein williges Ohr fanden, auch kam an jenem Abende das Halbdunkel des Zimmers, ſelbſt die Ueberraſchung des Fürſten dazu, um es ihm zu erleichtern, eine falſche Rolle gezwungener Weiſe fortzuſpielen; heute aber an einem klaren Sommermorgen, im blendenden Lichte, in Gottes freier Natur in derſelben Komödie mitzuſpielen und nicht ſtehen zu bleiben, und mit etwas nothwen⸗ diger Derbheit zu ſagen: halten mir Eure Hoheit zu Gnaden, aber die Sache verhält ſich ſo und nicht anders, ich bin der und nicht jener Andere, das erſchien ihm rein unmöglich, und wie auch da⸗ mals nahm er ſich feſt vor, den Fürſten, ſobald er wieder daſſelbe Thema berühre, zu enttäuſchen, möge für ihn daraus erfolgen was da wolle. Seine Hoheit hatte indeſſen ſeinen Arm in den Ramberg's ge⸗ ſchoben und ſagte nach einer Pauſe:„Ich habe Ihr Schreiben erhalten und muß Ihnen geſtehen, Sie haben das ganz vortrefflich gemacht.“ „Mein Schreiben?“ frug der Oberingenieur erſtaunt, dedn er erinnerte ſich nicht ſogleich, daß ihm Saleck geſagt, er werde dem Fürſten anzeigen, daß und wo er ſich in der Nähe befinde. Fürſt und Kavalier. 287 „Allerdings Ihr Schreiben oder wenn Sie wollen das mit Saleck unterzeichnete Schreiben,— wir verſtehen einander ja voll⸗ kommen. Wie geſagt, Sie hätten ſich für Ihren, für unſern Zweck, lieber Freund, nicht beſſer placiren können, als dort bei den Beamten des Eiſenbahnbaues,— eine ganz ingenieuſe Idee, und um ſo brillanter, als ſie uns Allen heute Gelegenheit gibt, Sie dort zu ſehen; denn im Vertrauen geſagt, ich habe mich nur aus dem Grunde entſchloſſen, die Einladung zu der Brückeneinweihung anzunehmen, weil wir Sie dort zu ſehen hoffen,— eine köſtliche Idee.“ Jetzt blieb der Andere in der That gefaßt ſtehen, ließ auch mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung den Arm des Fürſten aus dem ſeinigen gleiten und ſagte in ſehr beſtimmtem Tone:„Ich gab Euer Hoheit ſchon damals die Verſicherung, daß ich nicht Saleck bin, und—“ „Ganz recht, was ich Ihnen vollkommen glaubte, da ich ſchon damals beſſer unterrichtet war.“ „So glauben mir Eure Hoheit nur dießmal, wenn ich Sie jetzt auf's Heiligſte verſichere, daß ich eben ſo wenig Saleck, als jene Perſon, welche Eure Hoheit unter mir vermuthen, ſondern daß ich der Oberingenieur Ramberg bin.“ „Sie avanciren raſch,“ ſagte der Fürſt fröhlich lachend,„und ich begreife vollkommen, daß Sie beim Eiſenbahnperſonal mit keiner untergeordneten Stellung vorlieb nehmen mochten,— doch laſſen wir das jetzt, ſagen Sie mir lieber, welchen entſcheidenden Schritt Sie in der nächſten Zeit zu thun gedenken, und auf welche Weiſe ich Sie dabei unterſtützen kann,— gewiß aus allen Kräften und von Herzen,“ fuhr der alte Herr mit Wärme fort, indem er die beiden Hände des Andern ergriff und ſie freundſchaftlich ſchüttelte, ehe ſie wieder zuſammen ihren Weg fortſetzten,—„vertrauen Sie mir, wir verfolgen ja ſo zu ſagen ein Ziel.“ Ramberg hatte bei dem entſchiedenen Ablehnen ſeines offenen, wahren Geſtändniſſes anfänglich eiwas verblüfft drein geſchaut und —— 288 Fürſt und Kavalier. war ſchon im Begriffe, dieſes Geſtändniß etwas derber und ein⸗ dringlicher zu wiederholen, als ihm auf einmal die Idee wie ein zündender Funke durch den Kopf fuhr, er ſolle in der Rolle, die ihm ſolcher Art aufgenöthigt wurde, dem Fürſten Georg dienen, und er myſtifizire ſeinen freundlichen Nachbarn nicht ſowohl, als dieſer die Andern durch ihn ſelbſt myſtifizire, wozu jener gewiß ſeine guten Gründe hätte, die er denn in Gottes Namen zu achten beſchloß. Nachdem er ſo ſein Gewiſſen beruhigt, nahm er denn ſelbſt das Geſpräch wieder freier auf und ſagte:„Alles, was ich, ohne insdiskret zu ſein, Euer Hoheit zu ſagen vermag, iſt, daß in der bewußten Angelegenheit ein wichtiger Schritt geſchehen, daß man auf weniger Schwierigkeiten geſtoßen als man gedacht, ja daß ein günſtiger Ausgang entſchieden zu hoffen iſt.“ „Das gebe der Himmel,“ erwiederte der Fürſt, indem er einen Augenblick ſtehen blieb und ſeine Hände in einander legte, „Details verlange ich nicht,“ fuhr er flüſternd fort,„ich ehre Ihre Diskretion und darf Sie nur verſichern, daß mich Ihre Mitthei⸗ lung glücklich gemacht hat. Sie werden auch ſehen, daß ich mei⸗ nerſeits, wenn auch von Weitem und ohne Aufſehen einlenkende Schritte thue und deßhalb auch die Einladung zur Einweihung der Brücke nicht ablehnen werde, wobei ja der Herr Oberinge⸗ nieur,“ ſetzte er mit einer lächelnden Verbeugung hinzu,„nicht fehlen wird.“ „So können wir alſo hoffen, Eure Hoheit bei der Brücken⸗ einweihung zu ſehen?“ „Gewiß, ich habe mich dazu entſchloſſen, habe geſtern Abend ſchon nach drüben telegraphiren laſſen und Befehl gegeben, daß wir um zwei Uhr von hier wegfahren,— unter uns geſagt, bin ich Ihnen auch dafür zu Dank verpflichtet, da ich durch dieſen raſchen Entſchluß eine kleine Spannung mit dem Nachbarhofe auf⸗ hebe.— Im Grunde, Herr Oberingenieur,“ fuhr er mit komiſchem Fürſt und Kavalier. 289 Ernſte und drohend aufgehobenem Zeigefinger fort,„ſollte ich dieſe Einweihungsgeſchichte dazu benützen, Ihnen tüchtig den Text zu leſen, daß Ihre Eiſenbahnlinie mich einen ſchönen Theil meiner Waldungen koſtet, Waldungen, die ihresgleichen ſuchen, und die Sie mir mitten auseinandergeſchnitten haben.“ Namberg pries ſich glücklich ſo eine Veranlaſſung zu finden, um ſein Verfahren, die Bahnlinie ſo und nicht anders tracirt zu haben, zu rechtfertigen, was er aber dann auch mit ſolcher Sach⸗ kenntniß und Ueberzeugung that, daß der Fürſt, der anfänglich kopfſchüttelnd zugehört, leicht mit ſeinem Haupte zu nicken begann, zuletzt ſtehen blieb und erſtaunt ſagte:„Mein lieber, ſchätzbarer junger Freund, ich bin in der That überraſcht, auch in dieſem Felde ſo enorme und tiefgehende Kenntniſſe bei Ihnen zu finden. Ich belehre mich auch gerne über die Fortſchritte unſeres Jahr⸗ hunderts, verwende auch ſehr viel Zeit darauf, muß aber geſtehen, daß ich nicht im Stande wäre, ſo überzeugend zu reden und einen Andern zu meiner Anſicht zu bekehren; ich danke Ihnen dafür, denn nun kann ich doch mit leichterem Herzen und ohne Heuchelei denen da drüben einige anerkennende, verdiente Worte über Ihren in der That ſchönen Brückenbau ſagen,— ah, Sie bleiben vor⸗ trefflich in Ihrer Rolle,“ ſetzte der Fürſt heiter lachend hinzu, als ſich Ramberg geſchmeichelt verbeugte,„aber Sie haben Recht,— und nun, da wir am Schloſſe angekommen ſind, darf ich wohl fragen, wohin Sie Ihre Schritte lenken, und ob es Sie nicht com⸗ promittirt, mit mir geſehen zu werden?“ „Eure Hoheit ſetzen mich durch Ihre Güte wahrhaftig in die größte Verlegenheit, und ich weiß nicht, wie eine ſo große Güte gegenüber einer ſo unbedeutenden Perſönlichkeit wie die meinige zu rechtfertigen iſt.“ Er ſchaute in ziemlicher Verlegenheit vor ſich hin, wo die Stallleute mit abgezogenen Hüten ſtanden, und wo auch der Oberſtſtallmeiſter, Graf Sporbach, erwartungsvoll auf die Beiden ſchaute, die ſich Arm in Arm näherten. Hackländer's Werke. 49. Bd. 19 2909 3 Fürſt und Kavalier. „Wenn Sie hier unerkannt und unbeachtet irgend einen Be⸗ ſuch machen wollen, ſo bedaure ich in der That, Ihnen begegnet zu ſein,“ flüſterte ihm der Fürſt zu,„doch iſt das ſogleich wieder gut zu machen: wir verabſchieden uns gleich hier, und Alles, was da vornen uns erwartend ſteht, ſchließt ſich an mich an und läßt Sie ungenirt ihres Weges ziehen.“ „Es führt mich durchaus nichts Geheimes her, Eure Hoheit, im Gegentheil, ich beabſichtige einen Beſuch zu machen, dem ich nicht ohne Urſache die größtmögliche Oeffentlichkeit zu geben wünſche, bei Fräulein von Saint⸗Aubin, der Hofdame Ihrer Hoheit der Prinzeſſin Helene.“ „Ah, ſiehe da,— ſiehe da,“ ſagte der Fürſt ſtehen bleibend, — richtig, Sie waren der Miſſethäter, welcher die arme Saint⸗ Aubin neulich Abends etwas verſtohlen beſuchte und ihr dadurch eine unangenehme Scene mit meiner Tochter verſchaffte?“ „Leider, Eure Hoheit, ich bin untröſtlich darüber.“ „Laſſen Sie's gut ſein, das gleicht ſich raſch wieder aus; He⸗ lene kann das nicht ſo ſchlimm gemeint haben, denn ſie kennt Fräu⸗ lein von Saint⸗Aubin ſo gut wie ich und wie Alle, die dieſes vortreffliche Mädchen kennen wollen, und weiß ebenfalls wie wir Alle, daß die gute Viktorine nicht im Stande iſt, irgend etwas Unpaſſendes nur zu denken, geſchweige denn zu thun.“ „Dieſes Wort aus dem Munde Eurer Hoheit entzückt mich, und ich mache meinen Beſuch mit leichterem Herzen.“ „Die Saint⸗Aubin iſt ein verſtändiges Mädchen,“ erwiederte der Fürſt leiſe,„verſchwiegen und meiner Tochter anhänglich, Sie können ihr unbedingt vertrauen, und da Sie aus Ihrem Beſuche kein Geheimniß machen, was ich recht in der Ordnung finde, ja da Sie dieſem Beſuche die größte Oeffentlichkeit geben möchten, ſo will ich Sie ſelbſt hinbegleiten, dann wird der letztere Zweck,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„vollkommen erreicht ſein,— heda! rief er einem der Piqueurs zu,„ſehen Sie, ob Fräulein von Saint⸗ Aubin auf ihrem Zimmer iſt und Beſuche annimmt.“ Während der Befragte auf dem geraden Wege fortſtürzte, Fürſt und Kavalier. 291 um den ihm ertheilten Auftrag zu vollziehen, verloren ſich ein paar wißbegierige Lakaien, die ſich ebenfalls an dem Parkeingange des Schloſſes gezeigt, um an betreffender Stelle zu erzählen, daß Seine Hoheit der Fürſt ſo eben einen jungen Herrn nach der Wohnung des Fräuleins von Saint⸗Aubin führe. Dieſe beiden Letztgedachten erſtiegen indeſſen langſam die Treppen, die zu den Gemächern des Fürſten führten, und welche der falſche Saleck an jenem denkwürdigen Abend mit ziemlicher Haſt hinab⸗ geeilt war. Oben befanden ſich wie damals die Wachen und ein paar Lakaien im Vorſaale, und als der Fürſt mit ſeinem Begleiter eintrat, öffnete der alte Kammerdiener die Thüre zu den inneren Gemächern und ſah mit einigem Befremden, daß Seine Hoheit mit dem fremden Herrn von damals, ſtatt einzutreten den Weg ein⸗ ſchlug, welchen jener damals hergekommen. Allerdings verſuchte es Ramberg gelinde, gegen dieſe an ſich ehrenvolle Begleitung zu proteſtiren, doch entgegnete ihm der Fürſt:„Laſſen wir das gut ſein, mein Lieber, gegenüber den vielen ſpitzigen Zungen, die ſich eifrig mit dem Vorfall von neulich Abends beſchäftigen, verdient Fräulein von Saint⸗Aubin wohl eine öffentliche eklatante Reparation.“ Da waren ſie denn nach den nächſten Minuten auf dem kleinen Veſtibule, welches Ramberg in ſeinen Einzelnheiten unvergeßlich war. Hätte er daran gedacht, ſchärfer auf die Thüren zu blicken, die von andern Zimmern auf dieſen kleinen Vorplatz führten, ſo müßte er bemerkt haben, daß dieſe ein wenig geöffnet nnd mit neugierigen Augen beſetzt waren. Der Piqueur hatte ſeine Schuldigkeit gethan, und obgleich er ſelbſt hier nicht wieder zum Vorſchein kam, ſo ſtand doch die Kammerjungfer der jungen Hofdame an der betreffenden Thüre, die ſie mit einer tiefen Verneigung öffnete. Der Fürſt blieb indeſſen auf der Schwelle ſtehen, und nach⸗ dem er ſeinen Begleiter leiſe gefragt, ob er hier als Saleck oder Ramberg auftrete, ſagte er laut zu der erröthend daſtehenden jungen Dame:„Mein liebes Fräulein, Herr Oberingenieur Ram⸗ 292 Fürſt und Kavalier. berg, ein Bekannter von Ihnen, wünſcht Ihnen einen Beſuch zu machen, und ich möchte es nicht unterlaſſen, dieſen trefflichen jungen Mann ſelbſt zu Ihnen zu führen.— So, hier iſt meine Miſſion zu Ende,“ wandte er ſich an ſeinen Begleiter,„aber Sie laſſe ich dießmal ſo raſch nicht wieder verſchwinden, es wird um zwölf Uhr gefrühſtückt, und dabei wünſche ich Sie zu ſehen.“ Ramberg verbeugte ſich und that dabei einen bezeichnenden Blick auf ſeinen Oberrock, worauf der Fürſt freundlich erwiederte: „Kommen Sie nur, wie Sie ſind, Sie finden uns auch nicht anders, und obendrein will ich Sie bei meinem Oberſthofmeiſter entſchuldigen.“ Er winkte freundlich mit der Hand in das Zim⸗ mer hinein und ging in ſeine Gemächer zurück. Ramberg blieb unter der Thüre ſtehen und ſchaute einen Au⸗ genblick dem Davongehenden nach, worauf er ſeine Blicke auf die junge Dame wandte. „So angemeldet und eingeführt,“ ſagte Fräulein von Saint⸗ Aubin mit einer etwas zeremoniöſen Verbeugung,„darf ich Sie keine Sekunde an der Thüre ſtehen laſſen,— bitte treten Sie näher und nehmen Sie Platz.“ Sie zeigte auf einen kleinen Fauteuil vor ihrem Sopha und ſetzte ſich ſelbſt in eine Ecke des letzteren. „Dieſe an ſich ſo ehrenvolle Begleitung,“ ſagte der Oberin⸗ genieur achſelzuckend,„iſt mir ohne mein Zuthun geworden, darauf können Sie ſich verlaſſen; ſo oft ich mich überhaupt in dieſen Räumen ſehen laſſe, ſcheint etwas Außerordentliches mit mir vor⸗ zugehen.— Wahrhaftig, mein gnädiges Fräulein, Erinnerungen aus der Kinderzeit werden in mir lebendig von Zauberſchlöſſern und dergleichen, bevölkert durch gute und böſe Feen.“ „ Gewöhnlich wohnen dieſe beiden Arten nicht beiſammen.“ „So drückte ich mich falſch aus; ich wollte ſagen, von Feen, die uns jetzt ein liebefreundliches Geſicht zeigen, wie Sie mir vor einigen Tagen, und die uns dann ernſt und grollend anſchauen, wie Sie im gegenwärtigen Augenblick.“ Letzteres war in der That ſo wie er ſagte. Fräulein von Fürſt und Kavalier. 293 Saint⸗Aubin ſah ſehr bleich aus, um ihren feinen Mund zeigte ſich ein ernſter, faſt ſchmerzlicher Zug, und ihre großen, ſchönen Augen blickten faſt düſter. „Sagen Sie mir um Gotteswillen,“ fuhr er haſtig fort,„iſt Ihnen denn in der That ſo Unangenehmes begegnet, habe ich Ihnen durch meinen Beſuch wirklich einen ſo tiefen Schmerz bereitet, daß mich Ihr gutes Auge grollend anblickt?“ „Ich ſehe Sie nicht grollend an, ich will es wenigſtens nicht,“ erwiederte ſie mit ſanfter Stimme,„obgleich Sie durch Ihren Beſuch allerdings die Urſache ſind, daß mich tief Verletzendes ge⸗ troffen.“ „Ich hörte es, deßhalb kam ich hieher.“ „Wer ſagte es Ihnen?“ „Jener Mann, der ſich Saleck nennt, und für den ich an jenem Abend gehalten wurde,— aber hat ſich das Alles nicht hier ſchon aufgeklärt?— Sie wiſſen doch, wer jener Saleck iſt?“ „Ich weiß es,“ gab ſie mit weicher Stimme zur Antwort; „doch ſind alle Aufklärungen nicht im Stande, mich der Kränkungen vergeſſen zu laſſen, die man mir zugefügt.“ „Ah, Sie ſind unverſöhnlich, Fräulein von Saint⸗Aubin— unverſöhnlich und kennen die verzeihlichen Motive, welche die Prin⸗ zeſſin bewegten, als ſie jene traurige Unterredung mit Ihnen hatte.“ „Ich trage ihr keinen Groll nach, obgleich ſie rückſichtsvoller mit mir hätte verfahren ſollen.— Sie liebt; wie mich das freut, daß ſie liebt,— in dieſen Worten liegt freilich ihre ganze Ent⸗ ſchuldigung, aber ſie hätte nicht zu ſehr Prinzeſſin ſein ſollen, mir gegenüber nicht, deren Charakter ſie vollkommen kennt.“ „Aber wird ſie nicht Alles thun, um ihren zu raſchen Schritt wieder gut zu machen?— O glauben Sie, Fräulein von Saint⸗ Aubin, ich bin überzeugt, ſie bereut ihre⸗Worte auf's Innigſte und wird Ihnen jede Genugthuung geben.“ „Ah, Herr Ramberg,“ ſagte die Hofdame mit einem leichten Aufblitzen ihrer Augen,„Sie finden ſich raſch und glücklich in Ihre 294 Fürſt und Kavalier. Rolle, als vertrauter Freund zweier Fürſten, als ihr Rathgeber und ihr Entſchuldiger.“ „i, mein Fräulein,“ verſetzte er kopfſchüttelnd und mit einem beſorgten Blick auf das junge Mädchen,„ich bin weder der Freund dieſer Fürſten, noch ihr Rathgeber, noch viel weniger aber will ich entſchuldigen, was man Ihnen zugefügt; wenn es mir geſtattet iſt, hier Partei zu nehmen, ſo nehme ich die Ihrige, Viktorine, aus vollem Herzen, mit meinen beſten Kräften,— vermögen Sie daran zu zweifeln?— o gewiß nicht.“ Er hatte das mit einem ſolchen Tone der Ueberzeugung aus⸗ geſprochen, ſie auch dabei mit einem ſo feſten und Vertrauen er⸗ regenden Blicke angeſchaut, daß ſie unwillkürlich ihre Augen nie⸗ derſchlug, worauf er mit Innigkeit fortfuhr:„Sie wiſſen, was mich vor einigen Tagen hieher führte: Sie bemerkten wohl, wie herzlich ich mich freute, Sie wieder zu ſehen, und Sie, die voll⸗ endete Dame ſelbſt glänzender zu finden, als das kleine Mädchen zu werden verſprach, wie es mich aber dabei entzückte, Ihr gutes, ja ich darf ſagen treues Herz wie damals wieder ſympatiſch an⸗ klingen zu hören, ein Herz, das ſich, wenn auch nur für Augen⸗ blicke, zu dem Jugendfreunde wieder hingezogen fühlte.“ „Und warum nur für Augenblicke?“ frug ſie, indem ſie ihn feſt anblickte,„glauben Sie, mein Herz ſei ſo wankelmüthig, daß es morgen das verleugne, wozu es ſich heute bekennt?“ „Man hat Beiſpiele davon,“ erwiederte er lächelnd. „Und welche?“ frug ſie haſtig. „O, reden wir nicht darüber, Viktorine, ich bin in gewiſſen Dingen ein Kind: ich war ein übermüthiger Menſch und des Glaubens, eine ſtundenlange Unterredung könne unſer inniges, freundſchaftliches Verhältniß aus der Jugendzeit vollkommen wieder herſtellen, aber— Sie belehrten mich eines Andern.“ „Und wann hätte ich das gethan? ſprach ich Sie doch nicht mehr ſeit jenem Abend.“ „O nein, Sie ſprachen mich nicht mehr, ſahen mich auch nicht, Fürſt und Kavalier. 295 trotzdem ich ehrfurchtsvoll grüßend vor Ihnen ſtand und viel— ſehr viel darum gegeben hätte, wenn ein freundlicher Blick Ihres Auges mich getroffen.“ „Ah,“ machte das ſchöne Mädchen und ihre Blicke leuchteten jetzt freundlicher auf, wie bisher,„ich erinnere mich deſſen, was Sie meinen: Sie grüßten Ihre Hoheit, die Prinzeſſin, und wie hätten wir, die armen Hofdamen durch freundlichen Gegengruß eine ſolche Verehrung für uns in Anſpruch nehmen können?“ „Und doch ſaß eine andere Dame Ihnen gegenüber, die mir freundlich dankte.“ „Sie war unbefangener als ich, mein lieber Freund,“ ſagte Fräulein von Saint⸗Aubin mit leiſer Stimme,„ich erſchrak, als ich Sie ſah,— es war mir, als hätte ich ein böſes Gewiſſen,— ich hatte vielleicht eine Ahnung von dem, was kam.“ „Nein, nein,“ erwiederte er haſtig,„es lag in Ihrer Abſicht, mich nicht zu grüßen,— o, ich hätte etwas darum gegeben, wenn ich auf Ihrem Geſichte eine Ueberraſchung, ein Erſchrecken bemerkt haben würde, aber nichts wie Kälte und Gleichgültigkeit.— Sie wollten mir zeigen, wie ſehr es Sie gereue, mich an jenem Abend mit dem ſüßen Gefühle freundſchaftlicher Jugenderinnerungen em⸗ pfangen zu haben.“ „Gehen Sie nicht ſo hart mit mir um,“ gab das ſchöne Mädchen mit einem freundlichen Lächeln zur Antwort,„nehmen Sie meine Hand und zugleich die Verſicherung, daß ich nicht die Abſicht hatte, Ihnen wehe zu thun,— aus welchem Grunde auch? Glauben Sie,“ ſetzte ſie mit bitterem Tone hinzu,„ich ſei ſo reich an Freunden, daß ich einen, der ſich mir erprobt, durch lächerliche Koketterie von mir weiſen könnte?“ Er hatte die ihm dargebotene Rechte mit beiden Händen er⸗ griffen, küßte ſie warm und innig, und als er ihr nun auch mit einem bittenden Blicke ſeine rechte Hand entgegenſtreckte, legte ſie für einen Augenblick ihre Linke hinein, ſo daß er eine kurze Zeit ihre beiden Hände hielt und eine nach der andern an ſeinen Mund 296 Fürſt und Kavalier. drückte. Doch duldete ſie dieſes Spiel nicht lange und entzog ihm ſanft ihre Hände, wobei ſie ſagte:„Wollen Sie nun überzeugt ſein, daß ich heute gegen Sie bin, für Sie denke und fühle, wie an jenem Abend, nur daß ich mich ſelbſt in einer ernſteren Stim⸗ mung befinde, wozu ich gewiß meine triftigen Urſachen habe?“ „Gewiß, Viktorine, ich verſtehe das.— O könnte ich Ihnen den Schmerz ausdrücken, den ich empfand, als mir Saleck Mit⸗ theilung über die vorgefallene Szene machte. Ich konnte nichts thun, als hieherkommen, nicht wie damals am Abend, ſondern heute am Tage, ſo öffentlich wie nur möglich, ein Zufall, vielleicht ein glücklicher, fügte es, daß mein Beſuch bei Ihnen zu einem förmlichen Ereigniß wurde.“ „Ein ſchroffer Gegenſatz,“ erwiederte ſie lächelnd,„der mir vielleicht ebenfalls wieder ſchaden könnte, wenn nicht überhaupt Alles für mich hier zu Ende wäre.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ rief er erſchrocken,„wäre die Beleidigung, die man Ihnen zugefügt, ſo tief, daß keine Genug⸗ thuung möglich wäre?“ „Keine, auch ſcheint man drüben von dem mir zugefügten Unrecht nicht ſehr überzeugt zu ſein; man hat ſich wenigſtens nicht beeilt, es durch irgend Etwas wieder gut zu machen, und ſo ſah ich mich denn heute Morgen veranlaßt, um meine Entlaſſung zu bitten.“ „Das hätten Sie gethan, Viktorine,“ rief er aufſpringend, „und ohne erſt mit mir, Ihrem Freunde, darüber zu Rathe ge⸗ gangen ſein?— o ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie es mich freut, daß Sie dieſen Schritt gethan, und wie es mich dagegen ſchmerzt, daß Sie ihn gethan, ohne ſich um meinen Rath zu bekümmern“ „Ich verſtehe dieſen Widerſpruch nicht.“ „Wie geſagt, Ihr Entſchluß entzückt mich, zieht mich zu Ihren Füßen hin, während Ihre kalte Selbſtſtändigkeit mich wieder zurück⸗ ſtößt.— Sie wollen in die Welt hinaustreten,— Sie dürfen in die Welt hinaustreten, frei, reich, unabhängig, wenn Sie mir er⸗ lauben, Ihr Führer zu ſein.“ Fürſt und Kavalier.„ 297 Statt zu antworten, preßte ſie ihre beiden Hände mit einem tiefen Athemzuge vor ihr Geſicht, und ſo kam es denn auch wohl, daß ſie es nicht bemerkte, wie er leiſe zu ihren Füßen niederglitt, und ihn erſt erſchreckend dort ſah, als er ſanft ihre beiden Hände entfernte und ſie eben ſo innig als ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen drückte.„Viktorine,“ bat er,„verzeihen Sie mir das raſche Wort, das ich vorhin ſo ohne Weiteres gegen Sie ausſprach, ich konnte meinem Herzen nicht gebieten, ich mußte Ihnen gerade herausſagen, wie ich für Sie denke und fühle, und dieß Gefühl iſt ein ſo ſeliges, daß ich es Ihnen tauſendmal wiederholen möchte, indem ich Ihnen ſage, daß ich jetzt erſt deutlich empfinde, wie ich das kleine Mädchen von damals, meine Jugendgefährtin, geliebt, und wie dieſe Liebe nur geſchlummert hat, um jetzt mit der vollen Kraft des Mannes in mir emporzulodern;—— zürnen Sie mir, daß ich ſo offen mit Ihnen geredet, oder geſtehen Sie mir nun vielleicht das Recht zu, daß ich tief bedauernd Ihren Entſchluß vorhin vernahm? einen Ent⸗ ſchluß, der mich, ich wiederhole es, ſonſt zum glücklichſten Menſchen machen würde;— zürnen Sie mir, meine geliebte Viktorine?“ Trotzdem ſich ihr Blick einen Moment verſchleierte, trotzdem ſich ihre Augen mit Thränen füllten, konnte er doch nicht lange zweifelhaft bleiben, daß ſie ihm nicht zürne, denn aus ihrem um⸗ florten Auge brach unverkennbar jener glänzende Strahl, jenes Aufleuchten der Liebe hervor, den bis jetzt noch kein Sterblicher in dieſen Augen geſehen, und der gerade in dieſem glänzenden Blicke ſo wunderbar, ſo beſeligend, ſo berauſchend wirkte.— Sie beugte ſich auf ihn herab und küßte ihn ſanft auf die Stirne, worauf ſie leicht ihre Hände aus den ſeinigen löste und ihn bat, aufzuſtehen. Sie erhob ſich mit ihm ohne an ſeiner Seite ſtehen zu bleiben, vielmehr trat ſie an's Fenſter und blickte in die Landſchaft hinaus. Es war dieß ein feierlicher, ja heiliger Augenblick: er ſtand tief erſchüttert da, wunderbar durchbebt von dem unſäglichen Glücke, das ihm zu Theil geworden, ſie zitternd vor jeder weiteren An⸗ näherung, ja vor jedem weiteren Worte, . 298 Fürſt und Kavalier. Und ſo kam es ganz natürlich, daß er ſich vor ihr verneigte und zu ihr ſagte:„Auf baldiges Wiederſehen, Viktorine,“ und ſie ihm antwortete:„Ja, auf baldiges Wiederſehen.“ Damit trennten ſie ſich, und als er die Thüre ihres Zimmers hinter ſich geſchloſſen, fühlte er ſich wie berauſcht und hätte laut aufjauchzen oder laut aufweinen können. Sein Schritt war nie ſo elaſtiſch geweſen, wie heute, er hätte wahrſcheinlich fliegen können, wenn er es verſucht hätte. Mit welch' ganz anderen Gefühlen durchſchritt er heute die Zimmer des Schloſſes als an jenem Abend: heute hätte ihm die ganze Welt begegnen können, und er wäre um eine paſſende Antwort nicht verlegen geweſen. Er ſchritt mit einer ſolchen Sicherheit durch das Vorzimmer mit den Glasthüren, daß der dort befindliche Lakai bei ſeinem Nahen ſchon die Thüre zu den fürſtlichen Gemächern öffnen wollte, doch winkte ihm Ramberg lächelnd und ſagte:„für dießmal nicht, mein Lieber;“ heute erfreute er ſich an der martialiſchen Haltung der beiden Wachen, und auf der zweiten Hälfte der Treppe konnte er ſich nicht enthalten, leiſe vor ſich hinzupfeifen. Jetzt war er im Freien, ſein Fuß betrat den weichen Boden, und der Sand unter ſeinen Füßen knirſchte förmlich eine heitere Weiſe, über ihm rauſchten die Wipfel der alten Bäume: es war, als tönten auch dieſe ein altes bekanntes Lied. Es war in der That außerordentlich, daß er ſich bei den ſeligen Träumen, in die er verſunken war, noch der Zeit und des Dejeuners erinnerte, zu dem man ihn befohlen, weßhalb er denn um den gewiſſen Pavillon herum der Flußſeite des Schloſſes zu⸗ ſchritt, wo ſich— er wußte dieß aus den Plänen des Schloſſes— der Speiſeſaal befand. Dort war die Terraſſe mit der Orangerie, wo er bei ſeinen Beſuchen in Warneck die Herrſchaften nach der Tafel häufig geſehen; wenn er ſich den Weg dorthin zeigen ließ, ſo konnte er nicht fehlen. Der erſte Portier, an den er ſich mit einer deßfallſigen Frage wandte, blickte das fremde Geſicht etwas mißtrauiſch an und ſagte ihm dann kopfſchüttelnd:„Mein lieber Freund, die Orangenterraſſe 2Al 4 Fürſt und Kavalier. 299 darf man nur mit beſonderer Erlaubniß betreten und nur zu ge⸗ wiſſen Stunden, jetzt aber iſt der Zutritt zur Terraſſe für jeden Fremden verboten, denn der Hof verſammelt ſich dort ſogleich zum Frühſtück.“ „Das iſt gerade mein Fall,“ erwiederte heiter der Oberingenieur, „ich bin zum Frühſtück eingeladen.“ „So haben Sie wohl eine Einladungskarte?“ frug der Por⸗ tier mit noch mißtrauiſcherem Blicke. „Eine ſolche habe ich nicht, da mich Seine Hoheit der Fürſt perſönlich eingeladen.“ Trotz der Unbefangenheit, mit der er dieß ſagte, würde ihn der Portier doch nicht eingelaſſen haben, wenn nicht zufällig einer der Lakaien erſchienen wäre, der den Fremden mit dem Fürſten Arm in Arm die Avenue hatte heraufkommen ſehen, und erſt auf dieſe Mittheilung trat der Portier zurück, worauf ſich der Andere dem Frem⸗ den als Führer anbot und ihn in Kurzem auf die Terraſſe brachte. Hier war noch Niemand als einer der dienſtthuenden Kammer⸗ diener, der auf einem Thermometer die Wärmegrade ablas, um in dieſer Richtung ſogleich die gehörigen Antworten geben zu können. Ramberg ſpazierte auf und nieder und betrachtete ſich die reizende Gegend. Der Erſte, welcher zum Frühſtück erſchien, war natürlicher Weiſe der Hofmarſchall, Baron Spiegel: er erſchien unter der Thüre des Speiſeſaals, neben ſich jenen Lakaien, welcher den Ober⸗ ingenieur hieher gewieſen, und der nun ſeinem Oberen zuflüſterte: „Ich habe ſelbſt geſehen, wie Seine Hoheit Arm in Arm mit die⸗ ſem Herrn durch den Park kamen,— ſehr intim, ich kann Euer Excellenz verſichern, ſehr intim.“ Der geneigte Leſer wird ſich erinnern, daß Baron Spiegel ſchon vor einigen Tagen von wichtigen Ereigniſſen ſprach, die ein⸗ treten könnten von bedeutenden Perſonen, die, ohne gerade an⸗ gemeldet zu ſein, in nächſter Zeit erſcheinen würden. Er hatte dieſe Vermuthung allerdings nicht ganz aus der Luft gegriffen, 300 Fürſt und Kavalier. war aber ſichtlich überraſcht, von ſeinen Kombinationen überholt zu werden; eine Ueberraſchung aber nicht merken zu laſſen, iſt die erſte Bedingung eines vollendeten Hofmannes. Deßhalb nickte er mit allen Zeichen der Befriedigung und ſagte:„Ich weiß ſchon,“ durch welchen Ausſpruch aus dem Munde des Hofmarſchalls der Fremde nun in den Augen der Dienerſchaft als vollkommen legitimirt erſchien. Ramberg, welcher auf der andern Seite der Terraſſe hinter den großen Orangenkübeln auf⸗ und abging, fand ſich, wenn auch nicht gerade in Verlegenheit, doch in einer nicht ganz behaglichen Stimmung: von dem ganzen Hofkreiſe war er gewiß Niemanden bekannt als den höchſten Perſonen ſelbſt und mußte alſo warten, bis jene ſpäter erſcheinen würden und es denſelben gefällig wäre, ihn dem Hofe vorzuſtellen. Wenn er auch ſchon viel mit hohen, beſonders aber mit ausgezeichneten, geſcheidten und geiſtreichen Per⸗ ſonen verkehrt hatte und er ſich bei Konferenzen und Berichten ſehr ungenirt zwiſchen Ordensbändern und ganzen Firmamenten von Sternen bewegt hatte, ſo war ihm doch die Etikette bei Hofe nicht ſo geläufig, daß er es nicht vorgezogen haben würde, auf irgend einem Baumſtumpf bei einer neutracirten Eiſenbahnlinie ſein be⸗ ſcheidenes Frühſtück einzunehmen. Hier trat Alles ſo leiſe und geräuſchlos auf, faſt Jeder ſchien den Andern in ſeinem Leben zum erſten Male zu ſehen und ihm doch ſogleich ein großes Geheimniß anvertrauen zu müſſen, denn ſo ernſt und feierlich ſprachen die Meiſten zuſammen mit empor⸗ gezogenen Augbrauen und flüſternder Stimme. Freilich machten Einige hievon eine Ausnahme, ſo der Herzog und Graf Helder, die zuſammen auf der Terraſſe erſchienen, der eine mit ſehr lau⸗ ter Stimme ſprechend: „Das geht über die Möglichkeit,“ ſagte er,„wenigſtens kann ich mir keinen Begriff davon machen, wie man ſich heute am Bart zupfen läßt und morgen den Charmanten macht und ſeine Hand hinſtreckt.— Da gehen die von drüben zuerſt her und veranlaſſen irgend einen unwiſſenden Ingenieur, die Eiſenbahnlinie aus reinem Fürſt und Kavalier. 301 Uebermuthe durch unſere ſchönſten Waldungen zu führen und laden uns nachher ein, dieſe Zerſtörung feierlich in Augenſchein zu nehmen; — wiſſen Sie aber auch ſicher, Helder, daß es ſich ſo verhält?“ „Daran iſt nicht zu zweifeln; ich erfuhr es aus dem Kabinet; man hat zuſtimmend telegraphirt, und wie ich auf meinem Morgen⸗ ſpazierritt ſah, iſt bei der Brücke drüben ganz Außerordentliches geſchehen in Flaggenſchmuck, Zelten und Laubgewinden, Alles in deutſchen und beiderſeitigen Farben; auch ſind auf ein Uhr die Wagen beſtellt.“ „Alſo Seine Hoheit überraſchen uns mit dieſen vortrefflichen Arrangements; ich möchte nur den kennen, der den Herrn umzu⸗ ſtimmen vermochte;— glauben Sie mir, Helder, es ſind fremde Agenten hier.“ Der Adjutant huſtete ziemlich deutlich hinter der vorgehal⸗ tenen Hand, denn wie er ſich beim Auf⸗ und Abgehen umwandte, ſah er in das Geſicht des ihm ganz fremden Mannes, der mit gleichgültigem Ausdruck, aber gänzlich unbefangen an einem der Orangenkübel lehnte und auf den Fluß hinausſah. „Dieſe Saleck's, Felſing's, Hauke's und wie die Kerls Alle heißen mögen, hol' ſie der Teufel mit einander, ich glaube es war ihr mindeſtes Verbrechen, daß wir ſie neulich im Park ſo angenehm beſchäftigt antrafen;— haben Sie noch keine Spur, wo dieſer Monſieur, dieſer Saleck hingerathen iſt?“ „Keine Idee, Hoheit, doch daß er nicht weit entfernt iſt, möchte ich daraus ſchließen, daß der Bediente, mit dem er kam, ruhig drüben im Gaſthof wohnen bleibt.“ „Es iſt eigentlich empörend, ſo was nicht zu erfahren,— ich habe mir'was dyrauf eingebildet, gut bedient zu ſein.“ „Was kann man machen, gnädiger Herr, wenn Seine Hoheit der Fürſt Fremde, Unbekannte ſo in die Intimität zieht;— ſehen Sie dort jenen Herrn, ich habe das Geſicht nie geſehen, er wartet ganz ungenirt, und wenn er nicht hieher befohlen wäre, würde ſich Baron Spiegel ſchon lange mit ihm beſchäftigt haben.“ -— 30² Fürſt und Kavalier. „In der That, das iſt auffallend, aber ich werde mir erlauben, den Hofmarſchall zu erſuchen, daß er mir jenen Monſieur vorſtellt.“ Nach dieſen Worten wandte er ſich gegen den Speiſeſaal, um den Hofmarſchall aufzuſuchen, doch trat ihm dieſer auf der Terraſſe ſchon entgegen, angenehm lächelnd mit wichtiger Miene, denn hinter ihm erſchien der Fürſt im Geſpräche mit dem Schloßhauptmann von Werner. Seine Hoheit ſchien äußerſt gut gelaunt zu ſein: er rieb ſich behaglich die Hände und ſagte mit leiſer Stimme und einem leichten Kopfnicken:„Laſſen wir's jetzt gut ſein, lieber Wer⸗ ner, ich danke Ihnen für Ihre guten Nachrichten, beſonders aber für die treffliche Charakterzeichnung, die Sie mir von dem Be⸗ treffenden gemacht.— Ein herrlicher Tag,“ fuhr der Fürſt nach einer Pauſe zu den umſtehenden Herren fort,„wie beſonders beſtellt zu einem größeren Ausfluge, den wir nach dem Frühſtück machen wollen,— wir werden gen Edelsheim hinausfahren.“ „Da könnten Eure Hoheit,“ erlaubte ſich der Herzog wie ſpottend zu ſagen,„die neue Eiſenbahnbrücke en passant ſehen, die ja heute eingeweiht werden ſoll.“. „Warum en passant, mein lieber Vetter? es wäre pikanter einen Augenblick anzuhalten.“ „Gewiß, Hoheit, um unſeren übermüthigen Nachbarn ein paſſendes Wort zu ſagen.“ Dieſes Wort ſchien wie aus der Seele der Umſtehenden ge⸗ ſprochen, denn man ſah nicht nur die unzweideutigſten Mienen der Beipflichtung, ſondern einige von ihnen ſprachen ihre Meinung deutlich aus, ſo der Hofjägermeiſter, welcher bemerkte:„In dieſem außerordentlichen Falle möchte er Seine Hoheit unterthänigſt um einige ſehr ſtarke Worte gebeten haben, denn es ſei ja noch nie dageweſen, ein ſo herrliches Jagdrevier auf ſo leichtſinnige und rückſichtsloſe Weiſe zu zerſchneiden, ja zu zerſtören.“ Baron Spiegel meinte, auch käme hiebei noch eine Frage der Courtoiſie in Betracht, da Seine Hoheit ſich herabgelaſſen, Aller⸗ höchſt Ihren Wunſch auszuſprechen, daß die betreffende Eiſenbahn⸗ Fürſt und Kavalier. 303 linie in einem Bogen um das fürſtliche Jagdrevier herumgeführt würde—, eine Kleinigkeit, die man unhöflicher Weiſe gar nicht berückſichtigt hätte. Hiezu klang als Chorus von den übrigen Herren des Hofes manches mißbilligende Wort, und es erſchien manchen in der That wünſchenswerth, ein ſolches Ungeheuer wie den betreffenden In⸗ genieur von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen. Seine Hoheit hatte ſtilllächelnd geſchwiegen und unterbrach erſt nach einer längeren Pauſe den Sturm all' dieſer verdammenden Redensarten, indem er ſagte:„ich will geſtehen, daß die Zerſtück⸗ lung meines ſchönen Reviers auch auf mich einen unangenehmen Eindruck machte, jedoch“— dieſes„Jedoch“ hemmte wie eine plötz⸗ lich niederfallende Schleuſe um ſo mehr den Strom anzüglicher Redensarten, als Seine Hoheit nach dieſem Worte einen Augenblick innehielt und dann ſich wiederholend fortfuhr:„jedoch hat auch dieſes, wie Alles in der Welt ſeine zwei Seiten, und ehe man ſo ſtreng aburtheilt, muß man beide nicht nur gehörig betrachten, ſondern auch reiflich erwägen. Ich habe das gethan, meine Herren, und kann Sie verſichern, daß ich mir jetzt ſo ganz anderer Anſicht zu ſein erlaube, daß ich mich ſogar entſchloſſen habe, mit freund⸗ licher Anerkennung der Einweihung dieſes in der That ſchönen Brückenbaues beizuwohnen.“ Dieſe Schwankung des Seiles war zu heftig, als daß auch der geſchickteſte Equilibriſt im ſelben Augenblicke das Gleichgewicht wieder gefunden hätte: man vernahm einige leiſe Ah und Oh, ein verlegenes Huſten und Räuſpern, man ſah in die Länge gezogene, ſehr erſtaunte Geſichter: es gab eine Kunſtpauſe von erſchreckender Dauer, ehe ſelbſt der erſte Künſtler in ſeinem Fache, Baron Spiegel, im Stande war, mit einer ſeltenen Geiſtesgegenwart zu ſagen: „Es iſt allerdings von Eurer Hoheit groß gedacht, in einer Frage von ſolcher Wichtigkeit Ihr perſönliches Intereſſe unterzuordnen.“ —„Wahrhaftig groß, erſtaunenswerth,“ hörte man einige flüſternde Stimmen, und ein alter Kammerherr faßte ſich ſo raſch, daß er 304 Fürſt und Kavallier. zu ſagen vermochte:„Seine Hoheit geben das glänzendſte Beiſpiel von Selbſtverleugnung,— magnifique.“ Nur der Herzog zog ſich mit einem nicht undeutlichen Murren aus dem Cercle zurück und konnte ſich nicht enthalten, im Vorbei⸗ gehen zum Grafen Helder zu ſagen:„Das iſt doch zu arg, geben Sie Acht, wir erleben noch ganz andere Dinge.“ Und ſo war es auch. Der Fürſt ſchaute ſich heiter im Kreiſe um und ſagte alsdann nicht ohne einen Anflug von Ironie, der ihm zuweilen eigen war:„Es freut mich in der That, daß unſere Gedanken ſo zuſammengehen, und da ich davon in der be⸗ treffenden Angelegenheit, deren Nutzen und hohe Wichtigkeit Jeder von Ihnen einſehen muß, im Voraus überzeugt war, ſo weiß ich, daß ich Ihnen ein Vergnügen damit mache, indem ich Ihnen den Erbauer des ſchönen Brückenwerks, den Oberingenieur Ramberg, meinen lieben Gaſt, vorſtelle.“ Dieſe zweite Schwankung des Seiles war faſt noch ſtärker als die erſte, und mancher mußte, natürlich im Geiſte, ſekundenlang auf einem Beine balanciren, ehe er es zu einem freundlichen Gruße nach der Gegend hin brachte, wo jetzt Ramberg zwiſchen den Orangenkübeln erſchien und ſich mit einer tiefen Verbeugung dem Fürſten näherte. „Mich freut es nur zu ſehen,“ ſagte der Herzog ingrimmig zum Adjutanten, mit dem er bei Seite getreten war,„wie dieſe Bombe ihnen auf ihre Köpfe gefahren;—„ſehen Sie unſern Freund Spiegel an, er vibrirt förmlich wie eine Wetterfahne, die ſich neunundzwanzigmal herumgedreht hat.— Hatte ich nicht Recht, als ich vorhin von geheimen Agenten ſprach, die ſich hier umher⸗ treiben, und denen es gelungen, denn Sinn Seiner Hoheit zu wenden? Ich glaube wahrhaftig, Helder, ich handelte ſehr unklug in meiner Rache gegenüber der armen Viktorine. Dieſe Meſſieurs verfolgten tiefere Zwecke, als es uns an jenem Abend bei dem Pavillon erſchien.“. „Allerdings, man hätte die Sache überlegen ſollen,“ gab der Fürſt und Kavalier. 307 bereit und warteten nur auf den Befehl des Oberſtſtallmeiſters zum Vorfahren. Die leichte Equipage des Oberingenieurs befand ſich allein ſeitwärts von der Straße, da er um die Vergünſtigung ge⸗ beten hatte, vorausfahren zu dürfen. Die Prinzeſſin Helene, welche mit Viktorine und der Gräſin Eller, deren heitere Augen heute vor Vergnügen ſtrahlten, plaudernd etwas abſeits ſtand, winkte jetzt den Oberſtſtallmeiſter zu ſich und ſagte ihm:„Lieber Rodenberg, thun Sie mir einen Gefallen— haben Sie vierſitzige Kaleſchen beſtellt?“ „Nein, nur zweiſpännige Wagen.“ „Gut, ſo ſagen Sie der Oberſthofmeiſterin, aber ſo, daß ich es hören kann, Sie hätten auf Fräulein von Saint⸗Aubin für die Ausfahrt nicht mehr gerechnet und einen Wagen zu wenig beſtellt.“ Darauf plauderten die drei Damen wieder auf's Neue zu⸗ ſammen, bis ſich gleich nachher, folgſam dem erhaltenen Winke, die lautklingende Stimme des Oberſtſtallmeiſters vernehmen ließ, der zur Gräfin Sporbach ſagte:„Ich muß noch einen Wagen beſtellen, ich hatte auf Fräulein von Saint⸗Aubin nicht mehr gerechnet.“ Auf das hin näherte ſich die Prinzeſſin, indem ſie ſprach:„Machen Sie keine Umſtände wegen meiner guten Viktorine, wir behelfen uns in meinem vierſitzigen Wagen.“ „Eure Hoheit verzeihen, ich habe des ſchönen Wetters wegen nur Phaetons und Viktorias einſpannen laſſen.“ „So weiß ich einen andern Ausweg,“ gab die Prinzeſſin zur Antwort, nachdem ſie ſich ſcheinbar einen Augenblick beſonnen, einen Ausweg, wogegen meine gute Oberſthofmeiſterin für dieſes eine Mal wohl nichts einzuwenden haben wird, ich habe meine Gründe dabei: laſſen wir Viktorine und die Gräfin Eller mit dem von Papa jetzt ſo ſehr protegirten Oberingenieur vorausfahren.“ „Aber Hoheit,“ ſagte die Oberſthofmeiſterin mit ſehr ernſtem Geſichte,„zwei junge Damen mit einem faſt fremden Manne, ſollte das nicht unpaſſend ſein?“ „Das iſt er aber durchaus nicht, liebe Sporbach, es iſt auch durchaus nicht unpaſſend,“ gab die Prinzeſſin lebhaft zur Antwort 308 Fürſt und Kavalier. und flüſterte ihr darauf neckiſch in's Ohr,„und doch noch ſchreck⸗ licher: dieſer junge Mann denkt daran, eine meiner Hofdamen für immer zu entführen.“ „Ah,“ machte die Oberſthofmeiſterin mit einer ziemlich er⸗ ſtaunten Miene,„Ihre Wünſche, Prinzeſſin, ſind mir Befehle, doch was wird Seine Hoheit zu dieſem Arrangement ſagen?“ „Geben Sie Acht, ob er es nicht wohlwollend aufnimmt.“ Sie näherte ſich lachend dem Fürſten, der ſo eben den Ingenieur auf die wohlwollendſte Art mit einem herzlichen Druck der Hand entließ, dann ſagte ſie, halb zu dieſem, halb zu jenem gewandt: „Papa, würden Sie etwas dagegen einwenden, wenn ich den Herrn Ramberg um eine Gefälligkeit bäte?“ „Im Gegentheil, mein Kind, es würde mich recht freuen.“ „Sie wiſſen, Papa,“ fuhr ſie ſchelmiſch lächelnd fort,„daß der Herr Oberingenieur und Fräulein von Saint⸗Aübin alte Bekannte ſind, die ſich vielleicht Einiges mitzutheilen haben, und da bei der heutigen Fahrt auf Viktorine nicht gerechnet wurde, ſo möchte ich den Herrn Oberingenieur bitten, ſie mit hinauszunehmen;— ſie nicht allein, Papa, Gott ſoll mich bewahren, ich könnte das vor der Gräfin Sporbach nicht entſchuldigen, und deßhalb ſoll meine kleine Eller ſie begleiten,— hätten Sie etwas dagegen einzuwenden, Papa?“ „Ganz und gar nicht; nur erſuche ich Sie, etwas raſch zu fahren,“ wandte er ſich an Ramberg,„da u wir bald hinter Ihnen drein ſein werden.“ „So gehen Sie denn mit Gott,“ ſagte die Prinzeſſin, plötzlich ernſt werdend,„und ich wünſche Ihnen alles, alles Glück.——— Etwas der Art war ich Dir ſchuldig, liebe Viktorine,“ ſagte ſie mit mildem Tone zu der jungen Dame, nachdem ſie dieſelbe von dem getroffenen Arrangement in Kenntniß geſetzt,—„und nun fort, ich werde ein wenig zögern und trödeln, damit wir nicht zu raſch nachkommen.“ Ramberg winkte ſeinem Wagen heran, und während ſein Kutſcher die Pferde hielt, half er den beiden Damen auf den innern Fürſt und Kavalier. 309 Sitz und nahm, auf den Vorderſitz ſich ſchwingend, die Zügel,— ein leichter Zungenſchlag, und die Pferde flogen mit dem Wagen in faſt ſchwindelndem Laufe davon. Mit ſehr getheilten Gefühlen ſahen die Zurückbleibenden den Davoneilenden nach: der Fürſt mit großer Heiterkeit, indem er ſeiner Tochter lächelnd und ſo eigenthümlich zuwinkte, als wiſſe er ganz genau um den glücklichen Ausgang dieſer an ſich ſo ver⸗ wickelten Geſchichte; der Hofmarſchall, Baron Spiegel, mit gerecht⸗ fertigtem Erſtaunen, die Oberſthofmeiſterin mit reſignirten Mienen, aber doch mit einem gelinden Achſelzucken, und der arme Graf Hel⸗ der mit tiefem Schmerz.—— Der Herzog blickte ihnen nicht nach, aus dem einfachen Grunde, weil er ſich nicht in dem kleinen Garten vor dem Schloſſe befand: er war auf ſeinem Zimmer und hatte ſo eben ein Schreiben an Seine Hoheit den Fürſten beendigt, worin er um einen Urlaub bat, da ihn dringende Geſchäfte nach der Stadt zurückriefen. An der Brücke mäßigte Ramberg auf den Wunſch der Damen ein wenig den Lauf ſeiner Pferde; nach dem Verſprechen der Prin⸗ zeſſin konnte er überzeugt ſein, daß ihn der Hof nicht ſobald ein⸗ holen würde, auch plauderte es ſich ſeitwärts ſitzend beim langſamen Fahren ſo außerordentlich angenehm.— Da war der Poſtplatz und der Gaſthof„zur Roſe und Anker“, wo er gewöhnlich ſein Pferd einzuſtellen pflegte;— aber mit welch' ſeligen Gefühlen er dieß das letzte Mal gethan, konnte er ſich nicht enthalten, ſeinen auf⸗ merkſamen Zuhörerinnen mitzutheilen. Jetzt hatten ſie das Städtchen hinter ſich, und die beiden edlen ungariſchen Pferde trabten mit dem leichten Wagen ſo anmuthig und geſetzt, ſo luſtig mit dem Kopfe ſchüttelnd dahin, als ob ſie ordent⸗ lich fühlten, welch' koſtbare Laſt ihnen heute zu ziehen geſtattet ſei. „Wie ich mich frei und glücklich fühle,“ rief die kleine Gräfin, deren Geſicht allerdings vor Vergnügen ſtrahlte,„iſt mir doch ge⸗ rade zu Muthe, wie einem Vogel, der ſeinem Käfig entflogen.“ „Aber es iſt doch ein ſo ſchöner, goldener Käfig,“ meinte 310 Fürſt und Kavalier. Ramberg lächelnd, nicht wahr, mein Fräulein?“ wandte er ſich an Viktorine,„man kehrt trotz alledem gerne wieder dorthin zurück.“ „Wer die Freiheit nie gefühlt, kann auch den Verluſt derſelben nie begreifen,“ erwiederte ſie.„Mir kommt es faſt ängſtlich vor, wenn ich denken ſollte, zwiſchen mir und der weiten, weiten Welt befände ſich gar keine Schranke mehr, es wäre mir, als ſtände ich ohne Schutzwehr vor einem tiefen Abgrunde.“ „Es giebt vielerlei Arten von Schutzwehren und Schranken, mein Fräulein,“ entgegnete Ramberg,„und irgend eine würde ſich immer zu Ihrem Troſte und zu Ihrer Hülfe finden, eine Schutz⸗ wehr, eine ſtarke Hand, die Sie ſanft durch's Leben führte.“ „O ſchweigt jetzt mit Euren Gedanken von Schranken, Schutz⸗ wehren und Käſigen, ſelbſt wenn Alles das von Gold wäre,“ lachte die Gräfin Eller,„ich will nicht daran denken, was ich zurückließ, ich will nur hinausſchauen über Hügel und Thäler hinweg, fort über die grünen Wellen jener Waldungen, weit, weit in die Ferne, und wo mir dort die tiefblauen Berge ein neidiſches Halt gebieten wollen, laſſe ich mir doch nichts befehlen und ſchicke meine geiſtigen Blicke immer weiter,— ah, wie köſtlich die Luft iſt, die ich hier in vollen Zügen einathme, wie fühle ich mich ſo unglaublich glück⸗ lich, daß ich jubiliren und ſingen darf, ohne die Begegnung eines ſtrengen Blickes fürchten zu müſſen, der mir ſagt, mein Fräulein, das ſchickt ſich nicht.“ „Sie möchten wohl Ihr freies Leben, Ihr raſtloſes, künſtleriſch ſchönes Schaffen mit keiner Beſchäftigung vertauſchen, die Sie an irgend einen beſtimmten Ort bannte?“ frug Fräulein von Saint⸗Aubin. „In der That, ich möchte mich jetzt noch nicht ſo feſſeln laſſen, obgleich auch ich nicht gerade ohne alle Bande in der Welt bin, wie Sie wohl denken mögen,— ein ganz feſſelloſes und deßhalb auch zweckloſes Leben, ein Leben wie der Vogel auf dem Zweige, der bald hier bald dort ſein Neſt aufſchlägt, könnte mir doch nicht gefallen.“ „Und was ſind das für Bande, die Sie irgendwo feſthalten?“ frug neugierig die kleine Gräfin. — ——;— Fürſt und Kavalier. 311 „Es iſt das ein kleines Beſitzthum in der Schweiz,“ gab Ramberg zur Antwort,„ein Schlößchen in einer reizenden Gegend, mit Feld und Wald, einem kleinen See mit herrlichem Waſſer und mit einem wunderbaren Blick auf die Hochalpen, das ich mir erworben, als ich dort in der Nähe mit der Anlage der Eiſenbahn beſchäftigt war.“ Da es gerade bergauf ging, ließ er ſeine Pferde langſam ſchrei⸗ ten und erzählte, ſeitwärts ſitzend, ſo behaglich als möglich:„Außer⸗ dem, daß mir dieſes Gut ganz beſonders gefiel, und es mir, wie vorhin bemerkt, ſchon lange am Herzen lag, irgendwo einen feſten Anker zu ſenken, der ſpäter einmal mein Lebensſchiff halten würde, hatte ich noch einen andern Grund, der mich trieb, gerade dieſes Beſitzthum zu erwerben: es hatte nämlich einer Familie Ramberg gehört, die das gleiche Wappen führt, wie meine Voreltern, und obendrein wußte ich, daß vor langen Jahren ein Zweig unſerer Familie in die Schweiz ausgewandert war,—— die Damen ken⸗ nen Edelsheim,— nun, mein kleines Gut hat ſowohl in ſeiner Lage, als auch in der Bauart ſeines Hauptgebäudes eine große Aehnlich⸗ keit mit der reizenden Beſitzung der Prinzeſſin.“ „Dann muß es allerdings ſchön ſein,“ ſagte Fräulein von Saint⸗Aubin,„ich kenne nichts Lieblicheres als Edelsheim.“ Sie hatte eben noch nachſinnend vor ſich niedergeſchaut, doch bei der Antwort, die ſie gab, ihr Auge erhoben und einen Moment in denen des jungen Mannes ruhen laſſen,— nur eine Sekunde, und doch mochte dieſer Blick ihm viel Köſtliches geſagt haben, denn er jauchzte förmlich auf, als er nun ſeine Pferde zu raſcherem Laufe antrieb und rief mit dem Ausdrucke des Glückes:„Ach und es lebt ſich dort im Süden an den Ufern der glänzenden Seen, im friſchen Grund der Wieſen unter den weißen, glänzenden Alpenhörnern ſo glücklich und frei,— Sie ſollten das einmal ſehen, gnädige Gräfin,“ wandte er ſich an die kleine, heiter lachende Hofdame,„da in der großen, gewaltigen Natur vergißt man alle Käfige und Ge⸗ fängniſſe der ganzen Welt.“ Es war als ſeien auch die beiden Pferde durch irgend etwas — 312 Fürſt und Kavalier. elektrifirt worden, denn ſie jagten förmlich toll und wild auf der Landſtraße dahin, wobei ſie aber ihr Führer ſo feſt im Zügel hatte, daß die beiden Damen ihr Gefühl der Sicherheit nicht einen Au⸗ genblick verloren. Jetzt fuhren ſie neben der Bahnlinie hin, und gerade brauste eine bekränzte und beflaggte Lokomotive an ihnen vorüber. Die Leute auf derſelben, als ſie den bekannten Wagen ſahen, ſchwenkten hurrahrufend ihre Hüte und ließen die Maſchine anhalten und gellend pfeifen. Die beiden edlen Ungarn vor dem leichten Gefährt ſcheuten durchaus nicht, ſondern courbettirten nur ein wenig und ſchüttelten, wie ſelbſtgefällig, ihre Köpfe. Schon hinter Warneck erſchien die Landſtraße heute nicht mehr ſo einſam, wie ſie gewöhnlich war: feſtlich gekleidete Fuß⸗ gänger, Reiter, Equipagen und Bauernwagen zogen in buntem Gemiſch alle dem gemeinſamen Ziele entgegen; rechts und links von den Höhen herab ſah man ebenfalls auf den verſchiedenen Fuß⸗ wegen größere und kleinere Trupps, welche ſich dem Thale zu be⸗ wegten. Sehr häufig erkannte einer den Ingenieur, rief laut ſeinen Namen und ſchwenkte mit ſeinen Freunden jubelnd den bekränzten Hut, oder man rief ihm ein friſches Wort der Anerkennung nach. Bei dieſen Beweiſen von Achtung und Verehrung glänzten Viktorinens Augen, während die kleine Gräfin ſtiller und ſtiller wurde, ja häufig wie forſchend um ſich blickte, und als ihre Freun⸗ din ſie um die Urſache frug, zur Antwort gab:„Ich fühle das goldene Gitter auf meinem Nacken; es iſt mir gerade, als führen wir dem Hofe dicht voraus, ſo erregen wir die Aufmerkſamkeit, ſo grüßen die Leute, nur— zuthunlicher und herzlicher.“ „Es iſt auch etwas Königliches um die Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft,“ ſagte Fräulein von Saint⸗Aubin, indem ihre glänzenden Augen mit einem Ausdruck des Stolzes um ſich blickten,„und der, dem dieſe Verehrung gezollt wird, hat ſie nicht ererbt, ſondern erworben.“ ———— Döort lag die neue Eiſenbahnbrücke vor ihnen, ihr neues Mauerwerk kaum ſichtbar hinter dem buntwehenden Schmuck der Flaggen und der um die Säulen gewundenen Laub⸗ Fürſt und Kavalier. 313 kränze; daneben auf der ſanft anſteigenden Thalwand faſt an der⸗ ſelben Stelle, wo Fürſt Georg und Ramberg vor einigen Tagen ihr einfaches Frühſtück eingenommen, erhob ſich ein Zelt; dort be⸗ fand ſich auch eine Muſikbande, und dort ſtanden die Förſter, Jäger und fürſtlichen Beamten. Rings umgab alles das eine buntge⸗ miſchte zahlreiche Menſchenmenge und ſchien in geſpannter Erwar⸗ tung des Augenblicks zu ſein, wo die feſtliche Einweihung vor ſich gehen würde, doch fehlten hiezu noch die allerhöchſten Herrſchaften der beiden Nachbarſtaaten, welch' letztere hier ſich die gewaltige Eiſenhand reichten. Gegenüber der Eiſenbahnbrücke war eine kleine Tribüne er⸗ richtet, auf der man die breitſchulterige Geſtalt eines Steinhauer⸗ meiſters ſah, der durch Schwingen einer Fahne das Zeichen zum Anfang der Feierlichkeit zu geben und alsdann einen Werkſpruch zu halten hatte. Es war das ein ganz beſonderer Verehrer Ram⸗ berg's, und als er nun den Wagen deſſelben im raſchen Laufe der Pferde daherkommen, dieſe in einen Durchlaß des Eiſenbahndam⸗ mes einbiegen und nun auf der andern Seite herauskommen ſah, überzog ein joviales Lächeln ſein wettergebräuntes Geſicht, und ob⸗ gleich er wohl wußte, daß er noch eine gute halbe Stunde Zeit bis zum Beginn der Feierlichkeit vor ſich hatte, erhob er doch die Fahne und ſchwenkte ſie dreimal über ſeinem Kopfe. Das machte nun begreiflicher Weiſe die nämliche Wirkung, als ſeien die erwarteten allerhöchſten Gäſte bereits angekommen: die kleinen Kanonen auf dem alten Schloſſe Warneck, ſowie hie und da verſteckte Böller entluden ſich krachend und erweckten einen majeſtätiſchen Wiederhall in den Bergen; die Muſikbande, folgſam dem erhaltenen Programm, ſetzte die In⸗ ſtrumente an den Mund und blies die Landeshymne, unzählige Mützen und Hüte wurden geſchwenkt, und ein tauſendſtimmiges Hoch! durch⸗ ſchnitt die Luft. Umſonſt winkte der Oberingenieur, was er konnte, zum Einhalten dieſes tollen und unzeitigen Lärmens, umſonſt ver⸗ ließ er den Wagen, nachdem er die Zügel einem ſeiner Arbeiter zugeworfen, umſonſt eilte er gegen die Tribüne: je eifriger, ja, je ürſt und Kavalier. erzürnter er winkte, um ſo lebhafter ſchwenkte der alte Steinhauer⸗ meiſter ſeine Fahne und bedeutete dabei den unten ſtehenden Mei⸗ ſtern und Geſellen der anderen Gewerke, ſich feſt um ſeine Tribüne zu ſchaaren. Dann legte er ſeine Fahne nieder und ſtreckte ſeine beiden Hände aus, um den Lärmen zu beſchwichtigen, was ihm auch nach einiger Anſtrengung gelang, und wandte ſich alsdann gegen den raſch herankommenden Oberingenieur, um mit lauter Stimme zu ſprechen: „Hört mich, meine Freunde! Ich glaube nicht, daß Einer unter euch iſt, der mich für ſo dumm hält, als hätte ich ohne be⸗ ſtimmte Abſicht beim Herannahen unſeres verehrten Oberingenieurs, Herrn Ramberg, meine Fahne geſchwenkt. Nein, meine Freunde, das iſt mit voller und guter Ueberlegung geſchehen: wir wollen hier unſere Brücke einweihen und die Vollendung einer Bahn, an der Ihr, ehrbare Meiſter und Geſellen, und auch Ihr, brave Handlanger und Taglöhner, lang und mühevoll gearbeitet. So groß und ſchön iſt unſer Werk, daß ſeine Vollendung die Veran⸗ laſſung iſt zum Erſcheinen der Herren Fürſten des dieß⸗ und jen⸗ ſeitigen Landes. Angeordnet und befohlen war es demnach, die Feierlichkeit mit Muſik und Hoch zu beginnen, nachdem die Eben⸗ genannten erſchienen wären. Doch will es mich vielmehr bedünken, meine Freunde, daß dem Manne die erſte Feierlichkeit gebührt, der das große Werk angefangen und vollendet hat, dem Manne, von dem wir mit Stolz ſagen können, daß er aus unſerer Mitte entſprungen iſt, der wie wir den Hammer geführt und die Art, der mit uns und unter uns gelebt, der warm und menſchlich mit uns fühlend nicht nur unſer ſtrenger Aufſeher war, ſondern auch unſer aller Freund, nicht nur unſer Lehrer, ſondern auch Manchem ein Helfer in der Noth war.“ Ein zuſtimmendes Gemurmel des Beifalls, das ſich auf allen Seiten erhob, ſteigerte augenſcheinlich die Redeluſt des Steinhauer⸗ meiſters; während er ſeine Linke feſt aufſtützte, ſtrich er mit der Rechten ſeinen vollen Bart, und ſein ſcharfes Auge blickte nach dem Fürſt und Kavalier. Wagen hin, an den ſich der Oberingenieur, unfähig, dem Allem Einhalt zu thun, zurückgezogen hatte,— dort ſtand Ramberg und feierte einen der ſeligſten Augenblicke ſeines Lebens, nicht ſowohl durch die anerkennenden Worte ſelbſt, als vielmehr durch den Wie⸗ derhall, den ſie in dem Herzen des von ihm ſo innig geliebten Weſens hervorriefen. Er legte ſeine Rechte unwillkührlich auf den Wagenſchlag, und Viktorine von Saint⸗Aubin, die mit ihren großen, glänzenden Augen unverwandt nach der Rednerbühne ſchaute, hatte ihre Hand leicht auf die ſeinige gelegt. Dieß, ſo unbemerkt von der Menge es auch vor ſich ging, ſah doch das aufmerkſame Auge des Steinhauermeiſters und riß den⸗ ſelben zu einer unerhörten Extemporation hin:„Ja, meine Freunde,“ fuhr er, ſo laut als es ihm möglich war, fort,„nach allem dem, was ich Euch vorhin geſagt, werdet Ihr es erklärlich finden, daß ich das erſte Hoch ausbringe unſerem ſo hoch verehrten, unermüd⸗ lichen, tüchtigen, von uns allen geliebten Oberingenieur Herrn Ramberg,—— ja, er und die, welche ihm lieb und theuer ſind und mit ihm gekommen, um dieſem ſchönen und feierlichen Augen⸗ blicke beizuwohnen,— leben hoch, hoch und abermals hoch!“ Ein unbeſchreiblicher Jubelruf aus tauſend kräftigen Kehlen zerriß nach dieſer Rede die Luft, und da die Muſik mit einem weithin ſchallenden Tuſche einfiel, ſo ſäumten auch die Leute an den Böllern und Kanonen nicht, abermals laut zu werden und wiederholt das Echo aus ſeiner Ruhe aufzuſchrecken. Es war dieß aber gerade der Augenblick, wo auf der Straße gen Warneck zu der erſte Wagen des fürſtlichen Hofes ſichtbar wurde, und wo ſich nach der andern Seite zu der bekränzte Bahn⸗ zug zeigte, welcher den Stellvertreter des benachbarten Herzogs, einen jüngeren Prinzen des Hauſes, herbeiführte. Beide Theile nah⸗ men dieſe ſchon bei ihrem Empfange dargebrachte Ovation höchſt wohlgefällig auf, und Baron Spiegel bemerkte dem Fürſten,„Oberin⸗ genieur Ramberg beweiſe ſich auch neben ſeiner ſonſtigen Tüchtigkeit als ein Mann, der ſich auf Empfangsfeierlichkeiten verſtände.“ 316 Fürſt und Kavalier. Um den Wagen des Oberingenieurs, neben welchem jetzt die beiden Damen ſtanden, hatte ſich unterdeſſen eine Gruppe ſeiner uns wohlbekannten Freunde gebildet: Saleck, Felſing und Maler Wilden, welche ihm beglückwünſchend die Hand ſchüttelten. Fürſt Georg fügte dieſen lauten Glückwünſchen noch einen heimlichen, herzlicheren hinzu, nachdem er den beiden Damen vorgeſtellt worden war und längere Zeit mit ihnen, namentlich mit Fräulein von Saint⸗Aubin, geſprochen hatte, bis der wiederholte Donner der Geſchütze dieſe Unterhaltung zerriß und Alles auf ſeinen Poſten rief. Da die Seite, auf der man ſich gerade befand, und wo auch die Zelte zum feierlichen Empfange gebaut waren, zum benachbarten Herzogthume gehörten, ſo war es an dem ſtellvertretenden Prinzen, zuerſt dort zu ſein und den Fürſten zu empfangen. Die Lokomo⸗ tive brauste heran, hielt auf der Brücke, und die betreffenden Perſonen ſtiegen aus. Von ihnen iſt nicht viel zu ſagen, als daß 4 ſie in ſehr ſchöne, ſteife Uniformen gezwängt waren, viele Bänder und Orden zeigten, und daß der Chef, der ſtellvertretende Prinz, in ſeiner glänzenden Uniform, vortrefflich chauſſirt und untadelhaft gantirt war, und daß er ſo durch und durch mit Würde und Selbſt⸗ bewußtſein getränkt war, daß man hätte glauben können, wo er gehe und ſtehe müſſe er feuchte Fußſtapfen hinterlaſſen. Der geneigte Leſer wird es uns erlaſſen, hier wiederholt die Empfangsfeierlichkeiten zu ſchildern, oder ihm die zweite Rede des Steinhauermeiſters niederzuſchreiben, welche rhetoriſch allerdings glänzender, aber ihrem Inhalte nach minder herzlich und gefühlvoll war. Darauf wurde unter dem Zelte vorgeſtellt, pro forma Wein und kalte Küche herumgereicht, und ſich ebenfalls pro forma ge⸗ freut, daß die herrliche Vollendung dieſes großen Werkes dieſen ſchönen und unvergeßlichen Tag herbeigeführt. Die betreffenden Beamten warfen einen Blick auf die betreffenden Uniformen der be⸗ treffenden nachbarlichen Kollegen, um betreffend die nothwendigen Ordensaustheilungen die betreffenden Vorſchläge machen zu können. Der Fürſt war während der ganzen Feierlichkeit von der aller⸗ — Fürſt und Ka vortrefflichſten Laune: er war in einem Wagen mit ſeiner Tochter herausgefahren, und da dieſer Wagen à la Daumont beſpannt war, auch keine Bedienten⸗Rückſitze hatte, ſo war er im Stande geweſen, vertraulich mit der Prinzeſſin zu reden, wodurch er denn die Gewißheit erlangte, daß die von ihm ſo ſehr gewünſchte und ſo eifrig als möglich betriebene Angelegenheit in ein ſo günſtiges Stadium getreten ſei, als ein Vater nur immer wünſchen kann, der das Wohl ſeines Kindes vor Augen hat. Nur hatte die Prinzeſſin lächelnd geſagt: „Mein lieber Papa, ich muß Sie dabei auf eine Enttäuſchung vorbe⸗ reiten, die Ihnen aber hoffentlich nicht unangenehm erſcheinen wird.“ Auf dieſe Enttäuſchung geſpannt und immer an dieſelbe denkend, unterhielt ſich nun Seine Hoheit auf's Huldreichſte mit den Beamten des benachbarten Staates, welche ihm von dem ſtellvertretenden Prinzen vorgeſtellt worden waren, und unterließ dabei nicht, von Zeit zu Zeit dem Oberingenieur freundlich zuzunicken. Jetzt rief der Fürſt den Hofmarſchall, Baron Spiegel, zu ſich, und ſagte ihm lächelnd:„Was dort meinen Freund Ramberg anbelangt, der ſich als Oberleiter der ganzen Geſchichte vortrefflich ausnimmt, ſo glaube ich, es wäre kein ſchlechter Spaß, wenn wir ihm das Kommandeur⸗ kreuz meines Hausordens vorläufig geben würden.“ „Eure Hoheit werden mir erlauben,“ erwiederte der Oberſt⸗ hofmeiſter erſchrocken,„daß eine ſolche Auszeichnung für einen In⸗ genieur noch nie dageweſen iſt. Eure Hoheit ſollten die Gnade haben, ihn mit der Medaille für Kunſt und Wiſſenſchaft anfangen zu laſſen und ihn vielleicht ſpäter bei einer genügenden Veranlaſſung mit dem kleinen Orden beehren.“ „Das iſt ganz vortrefflich,“ lachte der Fürſt laut und luſtig, „aber Sie haben nicht ganz unrecht; notiren Sie die große goldene Medaille für Kunſt und Wiſſenſchaft, die er gewiß noch nicht hat; aber geben Sie ihm zu gleicher Zeit das Kommandeurkreuz meines Hausordens,— ich habe mir nun einmal vorgenommen, dieſen un⸗ ſchuldigen Spaß zu machen; das Großkreuz kann in ein paar Ta⸗ gen darauf nachfolgen.“ und Kavalier. Der Hofmarſchall prallte zurück, als habe ihn eine Natter gebiſſen, und da er nicht wußte, wie weit Seine Hoheit dieſes ent⸗ ſetzliche Vorhaben, das er einen unſchuldigen Spaß nannte, im gegenwärtigen Augenblicke zu treiben gelaunt ſei, ſo trat er mit einer tiefen Verbeugung zurück, und war um ſo mehr befugt, dieß zu thun, da ſich die Prinzeſſin in dieſem Augenblicke dem Fürſten näherte. „Lieber Papa,“ ſagte dieſe mit ungewohnt weichem Tone der Stimme,„Sie wiſſen, daß ich alles Auffallende haſſe, und es müßte auffallen, wenn das, wovon bei der Herfahrt zwiſchen uns die Rede war, hier öffentlich behandelt würde, deßhalb will ich Ihnen auch den Fürſten Georg, der heute noch offiziell um meine Hand an⸗ halten wird, nicht ſelbſt vorſtellen und habe ich den Schloßhaupt⸗ mann Werner darum gebeten, der, der dort kommt,“ ſagte ſie raſch,„und nun, lieber Papa,“ ſetzte ſie lebhaft hinzu, indem ſie ihre Hand auf den Arm ihres Vaters legte,„machen Sie ſich auf die Enttäuſchung gefaßt.“ Der alte Schloßhauptmann Werner trat mit einem heiter lächelnden Geſichte in Begleitung eines ſtattlichen jungen Mannes heran, den der Fürſt niemals geſehen, der ſich aber mit ſo freiem und ſchönem Anſtande näherte, daß Seine Hoheit mit einem faſt ängſtlichen Geſichtsausdrucke ſeine Tochter anſchaute. Dieſe aber blickte ihm von unten herauf ſchelmiſch lächelnd in die Augen und ſagte leiſe:„Dieß, lieber Papa, iſt Fürſt Georg von— „CEh!“ rief der alte Herr faſt ſo laut, daß es beinahe ein Aufſehen gegeben hätte,————„und der Andere?“ „Iſt, wie er Ihnen ja ſelbſt geſagt, der Oberingenieur Ram⸗ berg,— Details folgen ſpäter, lieber, guter Papa; doch durch⸗ ſchauten Sie ja gewiß dieſes ſo nothwendige Spiel.“ Nun war aber der Fürſt ein würdiger Zögling jener alten ſtaatsmänniſchen Schule, deren Schüler wohl eine Ueberraſchung empfinden, aber nicht ſichtbar werden laſſen durften. Er ſagte deßhalb:„Ei, ei, allerdings durchſchaute ich es und muß geſtehen, daß nicht ſchlecht geſpielt wurde.“ 11 ——— “ — 8