deutſcher, engliſcher und von Eduard Ott Aeih- und Teſe 1. Offensein der Bibliothek. pfangnahme und Rückgabe der B 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rück⸗ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommen. 3.(aution. eines Buches hinterlegen, wird. Die Zeit „eine dem welche bei 4. Abonnement. Da beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: „ Werth deſſen Zuri ſſelbe muß 2 Bücher: 1 Mt.— PMf. 1— ärtige Abonnenten haben auf ihre eigenen Koſten denersatz. Für be cher(namentlich bei ſol Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt d lorene oder defecte Buch ein Theil der Leſer jum Erſatz des Gan 7. Ausleihezeit. Dieſelbe rs darauf aufmerkſam r nicht ſtattfinden da 5. Ausw. der Bücher 6. Scha- defeete Bü iſt au 7 beſonde der Büche ſelben von mir 8—— nann in Schloßgaſſe Lit. A. Nr. Die Bibliothek ücher jeden Tag gabe eines Unbekannte Perſonen e deſſelben en ückgabe v 1 Mk. 50 Pf. ſchmutzte, i chen mit Kup as zerriſſene, eines größeren zen verp flichtet. gemacht, ß das darf, indem Diejenig geliehen, auch dafür zu ſt — iothek franzöſiſcher Literatur Gießen, 256. bedingungen. ſteht zur Em⸗ von Morgens geliehenen Buches wird von eines Tages iſt zu 24 Stun⸗. n müſſen, bei Entgegennahme tſprchende Summe on mir zurückerſtatret voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: —— 2 Mk.— Pf. „„ und Zurü fahr ſelbſt zu ſorgen. zerriſſene, verlorene und fern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ Werkes, ſo iſt 1— n für Hin und Ge ckſendung f 14 Tage feſtgeſetzt und wird daß das Weiterverleihen een, welche die⸗ eehen haben. — F. W. Hackländer's Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Sechsundzwanzigſter Band. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1860. — * — 4 3 5 Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Officin in Stuttgart. *— 4 Erlebtes. Zweiter Band. Zwei Nächte. Die erſte Racht. 1844. In dem Hötel Reichmann zu Mailand unter den geöffneten Thüren des Speiſeſaals, welche in den kleinen zierlichen Garten hin⸗ ausführen, ſaß eine Geſellſchaft junger Offiziere— es waren ihrer 4 ſechs— gerade die Zahl, welche für ein kleines feines Diner die richtige iſt, und hatten dies angenehme und wichtige Geſchäft ſo eben beendigt. Der reich ſervirte Tiſch prangte in jener maleriſchen Un⸗ ordnung des Silbers und Kryſtalls, zerſtörter Frucht⸗Pyramiden, ent⸗ korkter Champagnerflaſchen in Eiskübeln, jener Unordnung, über welche das befriedigte Auge ſo gern hinſchweift, den duftigen Kaffee vor ſich und die wohlriechende Havannah im Munde. Es war ein Nachmittag im Mai, die warme Soune hatte ſich aus dem engen Gärtchen emporgehoben, einer erfriſchenden Kühle Platz machend, die durch Saalthüren und Corridore aus dem hoch umbauten Hofe hineinſtrömte. Der goldene Schein des ſcheidenden Lichtes zeichnete an den Mauern und Häuſern, welche den Garten umgaben, in dunklen Schatten die zackigen Giebel der benachbarten Gebände, küßte wollüſtig die Spitzen einiger hochſtämmigen Lorbeer⸗ und Granatbäume und ſchien ungern dies trauliche Plätzchen zu laſſen; doch Zoll um Zoll erhob ſich der helle Schein rings umber, Zwei Nächte. gefolgt von Tauſenden von Inſekten, welche ſich ſummend auf dem ſcheidenden Strahl der Abendſonne emporſchwangen und dem kühlen, dunklen Schatten entflohen. Die lebhafte Converſation während des Diners war jetzt bei Kaffee und Cigarren verſtummt, und jeder der ſechs jungen Leute wiegte ſich ſo bequem wie möglich auf ſeinem Stuhle und alle blickten der ſcheidenden Sonne gedankenvoll nach. Es war eine kurze behagliche Sieſta, ein angenehmes Ausruhen von der gehabten Anſtrengung und dazu läutete vom Dome her die große Glocke und viele kleine der benachbarten Kirchen accompagnirten melodiſch den tiefen Ton. Die ſechs jungen Offiziere waren von vier verſchiedenen Regi⸗ mentern: zwei davon von einem ungariſchen Huſaren⸗Regiment mit der blauen knappen Atilla waren die Gaſtgeber, und die anderen, ein Dragoner in weiß mit blau, ein Chevauxlegers in dunkelgrün und roth und ein Infanterieoffizier in ganz weißer Uniform die Einge⸗ ladenen. Wem aber das Feſt eigentlich galt, war ein dritter Huſaren⸗ Offizier, der heute Abend im Begriff war, eine Reiſe über Florenz, Rom, an den entzückenden Meerbuſen von Neapel zu machen, der junge Graf S., einer der liebenswürdigſten und eleganteſten Offiziere ſeines Regiments, ein guter Kamerad, tüchtiger Reiter, von unerſchöpf⸗ lich guter Laune, jeden Augenblick bereit, tauſend luſtige Einfälle Preis zu geben, und durch dieſe guten Eigenſchaften l'enfant gaté des ganzen Regiments. „Wenn ich mißgünſtig wäre,“ ſagte einer der Huſaren,„ſo würde ich dich ungeheuer beneiden, Alfons, im Beſitz eines zweimonat⸗ lichen Urlaubs, die gepackte Caleſche vor dem Hauſe, gute Wechſel in der Brieftaſche und nun nach dieſem wirklich famoſen Diner ſich ein⸗ zuſchwingen und beſchauend und verdauend bei dem herrlichen Früh⸗ lingsabend dahin zu rollen— es iſt ein beneidenswerthes Loos.“ eAllerdings!“ lachte Graf S., indem er ein gefülltes Glas Champagner ſo hoch emporhielt, daß der letzte Sonnen⸗Reflex es ver⸗ *. Zwei Nächte. 11 goldete,„allerdings, aber ihr hättet ja mit von der Partie ſein können, es war das ja eigentlich ſeit längerer Zeit ſchon abgeſprochen.“ „Ja wohl, ja wohl!“ ſeufzte der Andere,„aber: Was iſt das Leben ohn' Liebesglanz?“— 1„Und dieſer Liebesglanz,“ meinte der dritte Huſar,„hat deine Wechſel vollkommen aufgezehrt.“ „Unſere Wechſel, wollteſt du ſagen!“ entgegnete der Andere, „denn dir, lieber Bruder, iſt es nicht beſſer gegangen; aber gibt es denn auch ein liebenswürdigeres, kleineres, tolleres Geſchöpf als Ju⸗ lietta? und ſo graziös, und eine ſo große Künſtlerin? Ach, daß ſie nicht Prima Ballerina iſt, daran iſt bei Gott nur ihre⸗Beſcheidenheit Schuld. Und wie mich das kleine Ding liebt! Kam ſie nicht, als von der gemeinſchaftlichen Reiſe die Rede war, ungeſchminkt auf die Bühne, bleich wie der perſonifizirte Jammer, ſo daß ſogar der alte Oberſt, der ihr ſo lange vergeblich nachgeſtiegen, zu mir ſagte: Aber können Sie bei dem Anblick ans Reiſen denken?“ „Und du dachteſt auch ferner nicht mehr daran,“ ſagte der Dra⸗ goneroffizier lachend und ließ eine blaue Wolke kerzengerade in die Höhe ſteigen:„du opferteſt fort und fort auf dem Altar deiner Göttin, bis—“ „Du ihr die famoſe Reiſe geopfert hatteſt,“ unterbrach ihn Graf S., worauf im Geſpräch eine kleine Pauſe eintrat„ während welcher die Kaffeetaſſen und Sporen klirrten, wenn einer trank oder die Füße in eine andere Lage brachte. „Die Zeiten ſind aber auch gar zu langweilig,“ ſprach nach eini⸗ ger Zeit der Infanterieoffizier,„ein ewiges Friedens⸗ und Garniſons⸗ 4 leben, Rekruten exerciren und mit der Wache aufziehen. Man iſt wahrhaftig gezwungen, ſich eine andere Unterhaltung zu verſchaffen, wenn man nicht geiſtig zu Grunde gehen will. Ich habe nun einmal für Tänzerinnen keine Leidenſchaft, und kein Geld, und muß mich ſchon mit einer anderen Dame behelfen, die weniger koſtbar und dos auch belohnend iſt— die Wiſſenſchaft.“ ———— ———— Zwei Nächte. „Du willſt zum Generalſtab,“ ſagte der Dragoner und legte ſeine Beine auf einen Stuhl, der vor ihm ſtand;„haſt Rec, ſteigſt dann zu Pferd, wie unſereins und biſt,“ fuhr er ſeufzend fort,„bei einer einſtigen vielleichtigen Schlacht, mit an den intereſſanteſten Punkten, ein ſelbſtändiger Menſch, brauchſt nicht in der ſtaubigen Co⸗ lonne zu marſchiren.“ „Ja zu Pferd, zu Pferd,„"¹ meinte der Chevauxleger, der bis jetzt ſchweigend geraucht,„wenn ich das noch erlebe, eine tüchtige Schlacht — im Blut, Schweiß und Staub, vor meinem Zuge hineinzuſtürzen in die feindliche Kavallerie, um einen Leopoldi oder gar ein Thereſien⸗ kreuz herauszuhauen— Gott, wenn ich das noch erlebe!“ „Dazu iſt leider wenig Ausſicht vorhanden,“ ſeufzte der Anbeter der Tänzerin,„ein Feldzug könnte mich auch arrangiren, das bricht alle Verbindungen ab, wie man ſich in den Sattel ſchwingt und aus⸗ marſchirt, iſt man ein freier, unabhängiger Menſch.“ 3 „Aber der Kummer der kleinen Julietta?“ lachte Graf S.;„ſie wird ſich nicht mehr ſchminken wollen, und in Folge davon ihren Contract verlieren.“ Der Andere zuckte die Achſeln und ſagte ſeufzend:„Und doch wollte ich, es gäbe einen Feldzug.“ „Wozu aber durchaus keine Ausſicht vorhanden iſt,“ meinte der Infanterieoffizier.„Der politiſche Himmel iſt klar und ohne Wolken, wie der des herrlichen Neapel, dem du entgegenziehſt.“ „Das wär' ſchon recht,“ ſagte der Chevauxleger,„dann hätten wir einige Hoffnung, denn am neapolitaniſchen Horizont hängt immer eine tüchtige drohende Wolke, die des Veſuvs nämlich, und da kann es alle Tage losgehen.“ N „Ja, auf dieſe Art,“ verſetzte der Infanterieoffizier lächelnd,„iſt mein Vergleich freilich nicht ganz richtig.“. „Grüß' mir den Veſuv,“ ſagte der andere Huſarenoffizier,„und nimm dir Lacrimae von Reſina mit, der des Eremiten iſt gar zu ſhlan 2 „ Stoß, dem Handgaul einen Hieb mit der Peitſche und ſchwang ſich Zwei Nächte. „Krieg, Krieg!“ phantaſirte der Dragoner,„eine tüchtige Schlacht. ein Köntgteich, wenn ich eins hätte, für eine Schlacht!“ 3 „So was kommt plötzlich,“ ſagte Graf S.,„gebt nur Acht, an einem ſchönen Morgen hat man ſich irgendwo bei den Haaren, wie ſollt es mich freuen, wenn eine ſolche Nachricht mich ſchon nach weni⸗ gen Tagen von meiner Reiſe zurückriefe; doch, Freunde, es wird ſpät, ihr wißt, ich habe einen langen Weg zu machen, und möchte gar zu gern bei guter Zeit in Bologna ſein.“ „Welchen Weg wirſt du dahin nehmen?“ fragte der Infanterie⸗ offizier. „Nun natürlicher Weiſe über Lodi und Piazenza,“ antwortete der Graf, indem er langſam aufſtand und nach ſeiner Feldmütze und dem Säbel langte, der neben ihm an einem Tiſchchen lehnte. „So muß es denn geſchieden ſein,“ ſprach der Dragoneroffizier, indem er ſeinen Pallaſch ebenfalls umſchnallte; und die Andern folg⸗ ten ſeinem Beiſpiele. Stühle wurden gerückt, Säbel klirrten und die ſechs Freunde begaben ſich aus dem Speiſeſaal in den Hof des Hötels, wo die leichte Reiſecaleſche des Grafen S. bepackt und eingeſpannt bereits ſeiner harrte. Sein Huſar ſtand daneben, mit dem Mantel über dem Arm und der Poſtillon ordnete die Zügel des Sattelgaules, um ſich augenblicklich aufſchwingen zu können. Der Abſchied war kurz und herzlich, nachdem der Graf ſeine Caleſche beſtiegen hatte. „Leb' wohl, Alfons!— glückliche Reiſe!— Auf gutes und ge⸗ ſundes Wiederſehen!“—„Danke ſchön! Haltet euch Alle in der Ordnung und ſollte irgend etwas vorfallen, ſo ſchreibt mir bald!— Grüße mir Julietta, edler Romeo, und du, mach' dein Examen glän⸗ zend, daß du die grünen Federn auf dem Hut haſt, wenn ich zurück⸗ ſchaue.— Avanti— T'ſchau— grüß Gott!“ Der Poſtillon, wie alle italieniſchen, hatte wartend den linken Fuß in den Bügel geſetzt, gab mit dem Knie dem Sattelgaul einen . * Zwei Nächte. in den Sattel, während die Pferde wie toll zum Thore hinausſtürm⸗ ten;— ein ächter Renommiſt bog er im Galopp in den Corſo der Porta Romana links ab, glücklich, daß die Leute auf der Straße ſeine Verwegenheit anſtaunten, und gleichgültig ob der Anfang der Reiſe bei dieſer Gelegenheit ſchon durch ein zerſchmettertes Rad unter⸗ brochen würde. Doch lief Alles gut ab. Die fünf Freunde ſtanden noch am Thor und winkten herzlich zum Abſchied, um ſich alsdann nach allen Theilen der Stadt zu zerſtreuen, der eine auf den Domplatz, der andere auf den Corſo, jener nach Haus, dieſer in die Scala. Unterdeſſen hatte der Graf die Porta Romana hinter ſich und lehnte ſich behaglich in die Ecke des Wagens. Der Huſar, der auf dem Bocke ſaß, hatte ihm den Mantel um die Füße geſchlungen und legte jetzt den brennenden Schwamm auf die Meerſchaumpfeife. Wie ſchmeckte der ungariſche Tabak ſo gut, wie war die Luft ſo würzig und angenehm! mit welchem Entzücken dachte der Reiſende an Rom und Neapel und geſtand ſich, daß er einer der glücklichſten, keneſbendde, wertheſten Sterblichen ſei. So rollte der Wagen auf der ſchönen breiten Chauſſee dahin. 4 Um die Fahrt ganz angenehm zu machen, hatte es den Tag vorher etwas geregnet, weßhalb unter den Hufen der Pferde und den davon eilenden Rädern kein Staub aufflog. Der malländiſche Poſtillon, der auf der Station in Lodi mit einem ſehr guten Trinkgeld entlaſſen worden war, hatte den Grafen ſeinem Nachfolger beſtens recommandirt und die Pferde griffen aus, daß es eine Freude war. Der Roſſe⸗ lenker klatſchte mit ſeiner Peitſche, rauchte lange Rattenſchwänze und verſuchte es jeden Augenblick; mit dem Huſaren auf dem Bock eine Converſation anzuknüpfen. Doch war dieſer, ein Ungar, der italieni⸗ ſchen Sprache kaum mächtig genug, um einige wenige Lebensbedürf⸗ niſſe zu verlangen, oder um den Poſtillon unter Verheißung eines bonne mane zum ſchnelleren Fahren anzutreiben, was er denn auch nicht unterließ. Eeguipagen waren ſie bisher keiner auf der Straße begegnet, aber * Zwei Nächte. 15 häufig an langen Zügen leerer Wagen mit Maulthieren beſpannt, die von Mailand zurückkamen, vorbeigeeilt, ſie weit hinter ſich laſſend. Die Eigenthümer lagen faul auf die leeren Säcke geſtreckt, wahrſchein⸗ lich den heutigen Gewinnſt berechnend, und erhoben kaum den Kopf, um der vorüberraſſelnden Equipage nachzuſehen. Die Maulthiere, zu drei und vier vor einander geſpannt, waren nun ſchon neugieriger und bogen mit ihrem klingenden Geſchirr häufig von der Mitte des Weges auf die Poſtpferde ein, um ſie ſchnuffelnd zu begrüßen, welche Freundſchaftsbezeugung aber meiſtens durch einen Peitſchenhieb des Poſtillons erwidert wurde, worauf die Maulthiere ihren Kopf plötzlich zur Seite wandten, die Glocken an denſelben ſtärker klingelten und der Karren einen gelinden Stoß erlitt, der Fuhrmann fluchte, und der Poſtillon, ſich umſehend, lachte. „Avanti! avanti!“ ſchrie der Huſar auf dem Bocke und weiter und weiter rollte der Wagen. Die Bäume an den Wegen ſchienen vorbei zu fliegen, einzelne Häuſer ſah man vor ſich, dann an der Seite, dann blieben ſie weit zurück. In den Reisfeldern rauſchte es geheimnißvoll, die ſcharfen Blätter an dem ſchlanken Stengel ſchliff der Abendwind gegen einander, daß es eigenthümlich flüſterte, und dazwiſchen ſummten und ſurrten Tauſende von Inſekten, die ſich auf dem jungen Reis wiegten, oder den naſſen Grund, aus welchem er emporwuchs, umſchwärmten. Als der Reiſende Lodi paſſirt hatte, ſenkte ſich der Abend auf die Erde, thauig und friſch, er umfing Häuſer und Felder und die brennende Erde, liebeglühend, litt geduldig den ſüßen befruchtenden Kuß des heimlich Geliebten, der ſich ſchweigend an ihren Buſen ſchmiegte, als ſich das ſtrenge wachſame Sonnenauge geſchloſſen; und heute feierten die beiden Liebenden eine herrliche duftige Brautnacht, aus vielen, vielen Kirchlein und Kapellen läuteten die Glocken das Ave Maria, im Graſe glänzte der Nachtthau wie Tauſende von Brillan⸗ ten und warf zurück das zitternde ſchimmernde Licht unzähliger Sterne. Dazu dufteten die Blumen und das friſche Heu auf den Feldern; ein 8 Zwei Nächte. wollüſtiger Hauch ging durch die ganze Natur und Niemand fühlte das beſſer, als die zahlreichen Nachtigallen in den Gebüſchen am Wege, welche die entzückendſten zarteſten Brautlieder ſangen. Um dieſen herrlichen Geſang zu hören, muß man in einer war⸗ men Frühlingsnacht durch die geſegneten Fluren der Lombardei fahren. Die Felder, mit Bächen durchſchnitten, die Straße mit Waſſer ein⸗ gefaßt, über welches ſich friſches Geſträuch wiegt, iſt der Lieblingsauf⸗ enthalt dieſer kleinen gefiederten Sänger. Der Graf lehnte in ſeiner Wagenecke und ſein offenes empfäng⸗ liches Gemüth erfaßte all' das Schöne, was er ſah und hörte. Ein ſolches Nachtigallen⸗Concert, wie heute Abend, hatte auch er nie ver⸗ nommen; dazu flog der Wagen auf der geraden flachen Chauſſee im wahren Sinn des Wortes. Der Poſtillon von Lodi hatte ein paar kräftige Schimmel eingeſpannt und meinte lachend, als er ſich in den Sattel ſchwang,„er müſſe ſchon für die nächſte Station ein Uebriges thun; dort,“ fuhr er fort,„in Caſal Puſterlengo gibt es gewöhnlich einen längeren Aufenthalt, und wenn zufällig vor uns ſchon eine Exrtrapoſt da war, ſo muß der Herr lange warten, der Poſthalter dort hat wenig Pferde.“ Obgleich die Ausſicht, auf einer einſamen Station mitten in der Nacht längere Zeit warten zu müſſen, gerade nicht ſehr angenehm war, ſo hielt der Graf dieſe ausgeſprochene Befürchtung fur leeres Geſchwätz des Poſtillons, und ermahnte ihn, ſeine Schuldigkeit zu thun, das Uebrige werde ſich finden. Dieſe ſeine Schuldigkeit that denn auch der Poſtillon von Lodi auf eine wirklich überraſchende Art, und obgleich der Graf S., der die Trink⸗ gelder nie zu ſparen pflegte, auf allen Stationen außerordentlich gut geführt wurde, ſo hatte er doch ein ſolches Dahinraſen noch nicht erlebt. Kaum ſaß der Poſtillon im Sattel, ſo trieb er die Pferde mit lautem Hurrah! und Peitſchenſchlag zu vollem Galopp an. Wie ein finſterer Geiſt hing er auf den weiſen Pferden, ſein ſchwarzer Mantel flatterte um ihn, ſein langes Haar flog zurück und die leichte Caleſche beſchrieb auf der Landſtraße immerfort eine Schlangenlinie; — Zwei Nächte. 17 bald rechts, bald links flog der Hinterwagen, der Huſar auf dem Bock hielt ſich erſtaunt an der Seitenlehne, und Häuſer, Bäume, Brücken⸗ geländer und Wegſteine ſchienen eilfertig und entſetzt vorbei zu huſchen. In weniger als einer Stunde hatten ſie die Station zurückgelegt und vor ihnen durch die Nacht glänzte ein einſames Licht aus dem erſten Hauſe von Caſal Puſterlengo. Das Poſthaus lag jenſeits des Dorfes an einer Anhöhe, welche mit Maulbeerbäumen und Reben bedeckt, ſich dicht an die hintere Seite des kleinen Wohnhauſes ſchmiegte. Die Poſthalterei ſelbſt und die Stallgebäude lagen etwas abſeits und obgleich der Poſtillon von Lodi, während er durch den ſtillen Ort fuhr, ein Uebermögliches ge⸗ than mit Peitſchenknallen und lauten Hallohs, ſo ſah man doch, nachdem die Caleſche ſchon eine ziemliche Zeit vor den Stallungen hielt, auch noch nicht das geringſte Zeichen von Leben in denſelben. Erſt nachdem der Poſtillon und der Huſar, jener mit der Peitſche, dieſer mit dem Säbel, die Stallthüre eine Zeitlang angelegentlich bear⸗ beitet hatten, bemerkte man, daß in einer Dachkammer Feuer ange⸗ ſchlagen wurde. Bald darauf wurde ein Kopf mit zerzausten Haaren oben ſichtbar und nachdem ſich der Hinauslugende überzeugt, da unten halte eine Ertrapoſt, polterte er die Treppen herunter, öffnete die Stallthüre und kratzte ſich verlegen in dem ſchwarzen Haarwald, als der Graf ſo ſchnell wie möglich friſche Pferde verlangte. „Gott ſoll mir gnädig ſein und die Madonna!“ ſagte der Stall⸗ knecht,„aber Euer Gnaden werden wahrhaftig eine Zeitlang warten müſſen. Seit drei Stunden iſt die Poſt von hier weg, die Poſt mit einer Beichaiſe und die Pferde können in einer halben Stunde zurück⸗ kommen.“ „Und ſonſt habt Ihr nichts im Stalle?“ fragte der Graf ärgerlich, während der Poſtillon von Lodi verſchmitzt lachend ein Zeichen machte, welches ausdrücken ſollte:„Habe ich es Euch nicht geſagt?“— „Wo find denn Eure Extrapoſtpferde? Ihr müßt doch nach dem Reglement deren wenigſtens vier haben.“ Hackländers Werke. XXVI. 2 ——— Zwei Nächte. „Haben auch vier,“ entgegnete der Stallknecht;„ſind aber leider vor einer Stunde mit einem engliſchen Reiſewagen fortgefahren.“ „Das iſt ja aber ganz verflucht!“ ſagte heftig der junge Offizier; „wenn ich dir aber ein gutes Trinkgeld gebe, ich glaube, daß du mir alsdann Pferde anſchaffen wirſt, nicht wahr, Spitzbube?“ „Unmöglich!“ antwortete der Stallierie,„glauben Eure Gnaden ja nicht, daß wir böſen Willen haben, aber die Poſthalterei iſt unbe⸗ deutend, es kommen wenig Poſten durch und der Poſtmeiſter...“ „Wo iſt der Poſtmeiſter? ich will ihn ſprechen!“ „Iſt nach Lodi geritten, Eure Gnaden, ich bin... ganz allein zu Hauſe,“ ſetzte er ſtockend hinzu. Da war nichts zu machen, als in Ruhe zu warten, bis die Pferde der kaiſerlichen Poſt zurückkommen würden. Wenn nur die Poſt mitten im Dorf geweſen wäre, da hätte man vielleicht in dem Caffé eine alte Zeitung und etwas Kaffee gefunden, aber hier in den einſamen Gebäuden, die ſo ſchwarz und ohne Leben in der Nacht dalagen! Es war in der That langweilig. Der Poſtillon von Lodi zog ſeine Pferde in den Stall, worauf er ſo wie der Huſar und der⸗ Stallierie ſich plaudernd auf eine Bank vor dem Stallgebäude nieder⸗ ließen. 4. Selbſt die herrliche Nacht vermochte nicht die Ungeduld des Rei⸗ ſenden über dies unangenehme Warten zu beſchwichtigen. Vergeblich ſchlugen die Nachtigallen ſchmelzender als den ganzen Abend in den dichten Gebüſchen, welche Poſthalterei und Wohnhaus umgaben, ver⸗ geblich funkelten die Sterne ſo freundlich und beruhigend von dem dunklen Himmel, vergeblich athmete die ganze Natur eine ſo wohl⸗ thuende Stille, ſummten Inſekten aller Art behaglich und glückſelig in den Freuden ihres kurzen Sommerdaſeins, der junge Reiſende war ungeduldig und verſtimmt, gelangweilt und hätte in dieſem Augen blicke viel um eine Converſation mit irgend Jemand gegeben, den er ſonſt gewiß nicht beachtet. Schon mehrere Mal hatte er die Stall gebäude umſchritten, und näherte ſich jetzt dem einſamen Wohnhauſe, 8 6 1 möglich. Hand den Schein der neben i Zwei Nächte. 19 indem er die dahinter liegende Anhöhe erſtieg, in der Hoffnung, viel⸗ leicht das Flußbeet des Po zu erblicken oder ſonſt etwas, was ihn momentan unterhalten würde. Da lag die lange weite Ebene vor ihm, vom Sternenlicht ſanft beglänzt, hie und da mit hellen Linien durchzogen, Waſſergräben und kleine Seen, die hervorleuchteten zwiſchen den dunklen Farben des dichten Rebengewindes und der Maulbeerculturen. Auch glaubte er das Rauſchen des Fluſſes zu vernehmen, und einige Mal den entfern⸗ ten Klang eines Poſthorns auf der Straße, doch war es das Seufzen und Flüſtern des Nachtwindes in dem Waſſerröhricht, das ihn ge⸗ täuſcht. Mißmuthig wandte er ſich um, um zur Chauſſee und zum Stallgebäude niederzuſteigen und bemerkte, als er auf dieſe Art die hintere Seite, des einſamen Wohnhauſes vor ſich ſah, ein kleines er⸗ leuchtetes Fenſter und die Lichtſtrahlen, die von demſelben in die Nacht hinaus drangen, glänzten auf dem dichten Rebenlaub an dem Hauſe und zeigten üppige Schlinggewächſe, die die Mauern deſſelben umſpannen in einer wahrhaft maleriſchen Weiſe. Der junge Offizier, erfreut von dem Gedanken, vielleicht doch Jemand zu finden, mit dem er die Zeit des könnte, näherte ſich dem Hauſe ſo weit, bis es ihm möglich war, in das offen ſtehende Fenſter hinein zu ſchauen. Dann blieb er über⸗ raſcht ſtehen. Er ſah in ein Zimmer, in welchem auf einem alten Stuhl mit hoher Lehne ein junges und, wie er zu bemerken glaubte, ſehr ſchönes Mädchen ſaß, welches auf ſeinen Knieen ein kleines Kind wiegte, das es mit allerhand Schmeichelworten und Bruchſtücken von Liedern einzuſchläfern verſuchte. Es trieb den jungen Offizier, näher zu gehen; um aber die Kleine da unten durch das Raſſeln des Ge⸗ ſträuchs nicht plötzlich zu erſchrecken, erhob er ſeine Stimme und ſang den Anfang einer bekannten italieniſchen Arie ſo ſanft und leiſe als Wartens verplaudern Schnell brach das Mädch en in ihrem Lied ab, deckte mit der hr ſtehenden Lampe und ſtarrte in das Zwei Nächte. nar e Dunkel hinaus, um den Sänger, der jetzt raſchelnd durch das Gras und Geſträuch näher ſchritt, zu entdecken. Zu ihren Füßen lag wahr⸗ ſcheinlich ein großer Hund, denn man vernahm in demſelben Augen⸗ blicke ein paar tiefe knurrende Töne, ein kurz abgebrochenes Gebell; doch ſchien ihm das Mädchen zu wehren, ſie beugte ſich unerſchrocken etwas aus dem Fenſter und rief hinaus:„Wer iſt da?“ „Es iſt ein Fremder,“ gab der junge Offizier zur Antwort,„der ſo eben mit Ertrapoſt hier ankam, und auf friſche Pferde warten muß. Es war mir,“ ſetzte er galant hinzu, indem er näher trat, „wirklich recht unangenehm, hier ein paar Stunden bleiben zu müſſen; doch wenn die Signora mir erlaubt, eine Weile mit ihr zu plaudern, ſo danke ich dem Zufall, der mich hier feſthielt.“— Während der Graf ſo parlamentirte, ging er als tapferer und umſichtiger Soldat Schritt vor Schritt vorwärts und zeigte ſich bei den letzten Worten dicht am Fenſter in dem hellen Lichtſchein. Das beſte aller Mittel, denn ein Blick in dieſes ſchöne, offene, jugendlich⸗ friſche Geſicht, dem der kleine blonde Huſarenbart ſo wohl ſtand, ſie noch die Huſarenuniform erkennen konnte, ſagte ſie lachend: „Aha! der. Herr iſt ein öſterreichiſ Wie war jetzt die ſtille Nacht dem jungen Reiſenden wieder ſo intereſſant geworden, und erſt das Wohnhaus, das er vorhin ingrim⸗ mig angeſchaut! Gab es aber auch etwas Neizenderes, als der Anblick, den er hier vor ſich hatte? War es das Plötzliche und Unerwartete der Erſcheinung, war es der dunkle Rahmen der Nacht, der das Mäd⸗ 1 chen ſo wunderbar hervorhob, genug, er geſtand ſich, nie etwas Schöneres geſehen zu haben. Da lehnte die Kleine an ihrem hohen Stuhl, nothdürftig bekleidet, ein rother Rock umſpannte ihren ſchlanken Leib, die nackten Füße drückten ſich tief in das ſchwarze zottige Fell 1 des großen Hundes, den wir vorhin erwähnten und der fragend auf⸗ 7 blickte, als wolle er ſagen:„Befiehlſt du, daß ich hinausſpringe, und 3 ——. 4 4 1 coort,„der Cecco,“ dabei fuhr ſie dem Bübchen durch die ſchwarzen Zwei Nächte. den Fremden ein bischen an der Kehle faſſe?“ Auch ſchien ſie ihren Wächter vollkommen zu verſtehen, denn ſie drückte ihm mit dem einen Fuß den erhobenen Kopf ſanft nieder, worauf er die Augen ſchloß und mit dem Schweif wedelte. Das Alles konnte der Reiſende vor dem Fenſter freilich nicht ſehen, ſenkte auch ſeine Blicke nicht dort hinab, ſondern heftete ſie feſt auf den ſchönen Kopf des Mädchens, auf ihren ſchlanken Hals und die weißen Schultern, welche zwiſchen den aufgelösten Flechten des ſchwarzen Haares hervorglänzten. Das Bübchen in ihrem Schooß, welches überhaupt keine große Neigung zum Schlafen zu verſpüren ſchien, wachte bei dem Anblick des Fremden wieder hell auf und blickte ſo treuherzig, ja freundlich mit den großen, glänzenden Augen auf die goldverzierte Feldmütze und die Schnüre des Atilla. „Alſo der Herr hat keine Pferde bekommen können„“ ſagte das Mädchen,„und muß deßhalb warten, bis die von der kaiſerlichen Poſt zurückkommen. Ja es kommt dies leider oft vor, mein Vater hat nicht viele Pferde und will auch keine weiter anſchaffen, da das Geſchäft überhaupt ſo wenig einträgt, denn es iſt hier eine kleine Zwiſchenſtation, Lodi und Piazenza nehmen uns das Beſte weg, wir hatten auch früher, als die Mutter noch lebte, ein kleines Wirthshaus, aber das hat Alles jetzt aufgehört; Vater ſagt, er wolle nichts mehr vergrößern, das könne einmal der kleine Cecco hier in meinem Schooß thun, oder,“ ſetzte ſie lachend hinzu,„der Schwiegerſohn.“ „Der Schwiegerſohn?“ fragte der Offizier,„wer iſt denn der Schwiegerſohn?“ 1 „Nun,“ lachte das Mädchen fröhlich auf,„wer wird der Schwie⸗ gerſohn ſein? Der Mann der Tereſina.“ „Und wer iſt die Tereſina?“ „Die Tereſina bin ich,“ ſagte ſie luſtig, ſchlug aber die Augen nieder, als ſie ſah, wie die brennenden Blicke des jungen Offiziers auf ihr hafteten.„Ja,“ fuhr ſie nachläſſiger und mit leiſerer Stimme *⁴ Zwei Nächte. Locken,„oder der Schwiegerſohn,“ dabei hob ſie den Kopf kokett in die Höhe,„ſoll, wenn er mag, die Wirthſchaft wieder anfangen und die Poſthalterei vergrößern.“ „So, ſo,“ ſagte der Graf lächelnd,„der Schwiegerſohn?— So biſt du alſo ſchon verheirathet?“ „Wer?— Ich?“ lachte das Mädchen,„Madonna, das iſt zum Lachen, geht mir weg, ich geheirathet? Ehe man heirathet, muß man zuerſt Jemand lieben, herzlich lieben, ſo ungefähr, wie ich das Bübchen liebe; aber mit Liebe lieben, und das habe ich noch nicht gethan.“ „Hat dir denn noch nie Jemand gefallen, Tereſina? Ich meine, ſo recht gefallen, um ihn mit Liebe lieben zu können?“ fragte der junge Mann. „Nein, Herr!“ entgegnete das Mädchen und lehnte den Arm auf die Fenſterbrüſtung, wodurch dem Bübchen die Ausſicht auf Feldmütze und Schnüre verdeckt wurde, weßhalb es laut aufſchrie, auch nicht eher beruhigt werden konnte, bis ihm die Feldmütze förmlich zum Spielzeug überantwortet wurde, zu welchem Ende der Offizier ge⸗ zwungen war, ſich ins Fenſter hineinzulehnen. Ihr Arm aber blieb auf der Fenſterbrüſtung und der Kopf neigte ſich vor, und ebenſo die weißen Schultern und der Oberleib. „Wen meinen Sie denn eigentlich,“ fuhr der Graf S. fort,„den ſich der Vater zum Schwiegerſohn ausſuchen wird, etwa einen aus Puſterlengo oder einen jungen Kaufherrn aus Lodi?“ „Nein, nein!“ ſagte das Mädchen plößzlich ernſt werdend,„eher den Sohn des Poſthalters aus Piazenza, der iſt ſchon mehrere Male ohne allen Grund dageweſen und er ſcheint dem Vater nicht übel zu gefallen; mir aber ganz und gar nicht,“ ſetzte ſie ganz leiſe hinzu. „Iſt er nicht ſchön, nicht jung?“ fragte der Offizier lächelnd, und die Kleine antwortete leiſe und ſich ſcheu umſehend: 8„Nein, gewiß nicht! aber er iſt bösartig und falſch und den könnte ich nicht lieben und wenn ich ihn heirathen müßte, ſo wär Zwei Nächte. 23 mein ganzes junges Leben verdorben, denn Sie ſagen, es ſei ſchrecklich, heirathen zu müſſen, ohne geliebt zu haben.“ „Da wäre es alſo noch viel beſſer oder wenigſtens viel ſchöner geliebt zu haben ohne zu heirathen,“ ſagte der Offizier. „Schöner vielleicht,“ entgegnete das Mädchen, und hob die Augen empor, um ihn anzuſehen,„ſchöner vielleicht wohl, aber nicht beſſer.“ Jetzt trat in dieſem ſeltſamen Geſpräche eine Pauſe ein, in wel⸗ cher die Nachtigallen ſtärker und freudiger ſchmetterten und in welcher der junge Offizier die Höhe der Fenſterbrüſtung maß und bei ſich überlegte, ob es nicht möglich ſei, dort ohne viel Geräuſch hinein zu voltigiren. Doch ſchien die Italienerin ſeine Abſicht zu errathen, denn ſie deutete mit der Hand auf das Stallgebäude und ſagte:„Macht kein Geräuſch, der alte Pietro hört Alles. Es iſt eigentlich nicht recht, daß ich mit Euch ſo lang am offenen Fenſter plaudere, aber ich weiß nicht,“ fuhr ſie fort und blickte ihn mit ihren glänzenden Augen voll an,„ich plauder' wahrhaftig gern mit Euch.“ „Lieber als mit dem Poſthaltersſohn von Piazenza?“ „Viel lieber.“ „Dann würdet Ihr mich vielleicht auch lieber heirathen oder lieben?“ ſagte der Offizier und legte ſeine Hand auf ihren feinen weißen Arm. „Das Erſte geht nicht,“ ſagte das Mädchen lächelnd,„weil Ihr ein Cavalier ſeid, und das Andere, wenn es ohne das Erſte ginge, geht doch nicht, weil ihr ja Morgen früh ſchon ſo viele, viele Mig⸗ lien von hier entfernt ſeid.“ 3 „Wenn ich aber dabliebe?“ „Wie könnt Ihr dableiben? ſagt ſo etwas nicht, was Euch kein Ernſt iſt, und hier könntet Ihr auf keinen Fall bleiben,“ ſetzte ſie ſtockend hinzu,„der Vater, der in zwei Stunden zurück ſein kann, würde Euch nach Lodi oder Piazenza weiſen.“ Bei dieſen Worten zog ſie ihren Arm zurück, bis ihre warme Hand in der des Offiziers lag. Dann gab ſie nach, als er dieſelbe feſthielt. Zwei Nächte. Ihr war es ſeltſam zu Muthe. Es geſchah, was ſchon oft ge⸗ ſchehen iſt, daß zwei junge unverdorbene Weſen mit heißem Blut, die ſich zuvor nie ſahen, ſich plötzlich in einem Gefühl der Liebe zu ein⸗ ander befinden, daß ein Blick, ein leichtes Geſpräch zwei Herzen feſ⸗ ſelte, von denen vor einer Stunde noch keins gewußt, daß in der weiten Welt das andere ſchlage. Durch den Körper des jungen achtzehnjährigen Offiziers ſtrömte es glühend und entzückend, und auch das Mädchen ließ ihm ihre zit⸗ ternde Hand, die er heftig an ſeine Lippen drückte. Auch die Nacht mochte daran Schuld ſein, die ſtille, heilige, trauliche Nacht, der Duft der Blumen und vor Allem auch die Liebeslieder der Nachtigallen.— O dieſe Nachtigallen!—— „Wie glücklich bin ich,“ ſagte der Offizier,„daß ich hieher kam, daß ich hier warten muß und daß ich dich ſah, Tereſina.“. „Mir iſt es auch lieb,“ entgegnete das Mädchen,„ach ſo lieb, ich weiß nicht wie? Nur möcht' ich viel lieber weinen, als lachen.“ Dabei legte ſie den Kopf vorwärts auf ihren Arm und ihre Stirne auf ſeine Hand und er beugte ſich zu ihr nieder und drückte einen Kuß auf ihren ſchlanken Hals. Die drei jungen Leute waren in dieſem Augenblick ſo glücklich, der junge Reiſende, das junge Mädchen und der Bambino in ihrem Schooß; denn letzterem war es nach einigen verzweifelten Anſtrengungen endlich glücklich gelungen, die ſchwarzgelbe Schnur von der Feldmütze herunterzureißen, eine That, die er mit ver⸗ gnügtem Lachen ankündigte. Doch war dieſer Freudenausbruch nicht im Stande, die beiden Liebenden aufzuſtören. Er wandte ſauft ihren Kopf auf die Seite und drückte einen glühenden Kuß auf die brennende Stirn— da tönte durch die Nacht der luſtige Klang eines Poſt⸗ yorns.—— Es iſt etwas Eigenthümliches um ſolch einen Ton, wenn Alles ringsum in tiefer Stille begraben liegt. Das Mädchen fuhr in die Höhe und horchte.„Der Vater!“ rief ſie erſchreckt,„oder die Pferde von der kaiſerlichen Poſt. Adieu, mein 4 Zwei Nächte. Lieber, mein Liebſter! Man darf uns hier nicht beiſammen ſehen.“ Sie legte das Bübchen neben den großen Hund auf den Boden, er⸗ hob ſich eilfertig und ſchlang, während ſie ſich mit dem Oberkörper zum Fenſter hinausbeugte, ihre beiden Arme um den Hals des Offi⸗ ziers.„Verzeiht mir, was ich thue,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme, „verzeih' es mir die Madonna, aber es iſt gewiß nichts Unrechtes, ich ſehe Euch ja in dieſem Leben gewiß nicht wieder, ich darf, ich kann, ich will dich nicht wiederſehen! denn wenn ich dich morgen wieder ſähe, ſo wäre ich tief, ach ſo ſehr unglücklich! ich müßte mich ſchämen, aber ſo, da wir uns hier zum erſten Mal ſehen, und uns gleich wieder verlieren, darf ich ſagen, daß ich dich unendlich liebe, und darf dich küſſen, ſo— und noch einmal— und zum letztenmal.— Madonna hilf! Jetzt fort! um Gotteswillen fort!“ Der Offizier fühlte drei heftige innige Küſſe auf ſeinem Munde, dann drückte das Mädchen ihn ſanft von ſich ab, ſchloß eilfertig die Fenſterflügel und löſchte das Licht aus.— Das Poſthorn tönte näher und näher, man vernahm Pferdege⸗ trappel auf der Chauſſee und dann das Schnauben und Schütteln der Thiere, die vor dem Stallgebäude hielten. Neben dem Wohnhauſe wurde jetzt eine dunkle Geſtalt ſichtbar— es war der Huſar, der ſei⸗ nen Herrn ſuchte. Gedankenvoll folgte Graf S. ſeinem Diener, nicht ohne oftmals ſtehen zu bleiben und die Hand vor die Stirn zu preſ⸗ ſen, wobei er dachte, ob das nicht vielleicht Alles ein Traum geweſen ſei. Aber nein, die drei Küſſe hatte er in Wirklichkeit erhalten, ſo innig, ſo glühend, ſo heiß! Die drei Küſſe konnte er nicht vergeſſen, und nicht das Bild des Mädchens. Wenn ſpäter durch die lange Reiſe das kleine Abenteuer in ſeiner Erinnerung an zu bleichen fing, ſo brauchte er ſich blos dieſer drei Küſſe zu erinnern und es fuhr brennend durch ſeinen Körper und er gedachte jener Nacht und des Poſthauſes und er glaubte wieder vor dem Fenſter zu ſtehen, aus dem jetzt kein Lichtſtrahl mehr drang, von wo er nicht das geringſte Geräuſch mehr hörte. „Euer Gnaden,“ ſagte der Huſar, als ſie das Stallgebäude er⸗ reichten, wo die eben angekommenen Pſerde abgerieben, gefüttert und wieder eingeſpannt wurden,„Euer Gnaden haben, ſcheint mir, die Feldmütze im Wagen liegen laſſen oder verloren.“ Der junge Offizier lächelte und ſagte, er habe vor der Station im Wagen geſchlafen,„und da muß ſie mir vom Kopf herunter gefal⸗ leu ſein, gib mir eine andere.“ So ſehr auch der Graf daran dachte, in Piazenza liegen zu blei⸗ ben, um vielleicht von da aus das Abenteuer der heutigen Nacht wei⸗ ter verfolgen zu können, ſo brachte ihn doch der ſtrenge Blick des Mäd⸗ chens, als ſie ihm ſagte: ſie müſſe ſich ſchämen, wenn ſie ihn morgen wieder ſehe, von dieſem Gedanken ab und er entſchloß ſich, obgleich „piderſtrebend, ſeine Reiſe fortzuſetzen. Ja einige Mal war er im Begriffe nach Lodi oder Mailand wieder zurückzukehren, und das Ter⸗ rain genau zu recognosciren, doch fühlte er für das Mädchen eben ſo viel Achtung als Liebe, und war vernünftig genug, alle Folgen zu überlegen, und ſich mit den drei Küſſen zu begnügen, die das gute, unſchuldige Geſchöpf ihm ſo liebevoll gegeben. Der Poſtillon von Lodi ermahnte ſeinen neuen Collegen, etwas von der verlorenen Zeit wieder einzubringen. Der junge Offizier warf ſich in ſeinen Wagen, der Huſar nahm ſeinen Platz auf dem Bocke wieder ein und die Pferde liefen auf der dunklen Chauſſee dahin, ſo gut ſie konnten. Der neue Poſtillon blies auf ſeinem Horne und es ben Stunde am Fenſter drüben gehört. Ob auch ſie die Töne wie⸗ der vernahm, zitternd auf ihrem Lager, vielleicht die Kiſſen mit ihren T hränen benetzend?— Ja, ſie vernahm ſie gewiß heute Nacht, und gewiß ſehnſüchtig nach dem Hügel hinauf, von dem er nicht wieder herniederſtieg, und ſie ſah daſſelbe alle Tage, immer in derſelben Um⸗ gebung und das Bübchen ſpielte gewiß noch wochenlang mit der Feld⸗ war derſelbe Ton und daſſelbe Liedchen, das der Graf vor einer hal⸗ mmorgen wieder, an dem offenen Fenſter wie heute ſitzend, und blickte Zwei Nächte. 97 mütze und der Vater brachte wieder und immer wieder den Poſthalters⸗ ſohn von Piazenza ins Haus. Das war Alles erſchrecklich quälend für ihr Herz; viel beſſer und angenehmer hatte es der junge Offizier. Als der Tag anbrach, war er in Bologna, dann ſah er Florenz, kam nach Rom und Neapel, ſpäter nach Paris; aber in allen Zerſtreuungen der großen Welt, in der herrlichſten Natur, bei den glänzendſten Feſten vergaß er nicht das einſame Poſthaus und die arme Tereſina. Die zweite Uacht. 1848. Die ſtillen Fluthen der Adda, nicht beunruhigt durch Dampfboote oder viele Handelsſchiffe, dafür aber der Aufenthalt zahlreicher Fiſche, dies klare, freundliche Waſſer, das bald im tiefen Sand, bald zwiſchen Felſen, bald zwiſchen grün bewachſenen, mit Geſträuch beſetzten Ufern durch die lombardiſche Ebene fließt, ſah am erſten Auguſt ein wun⸗ derbares und prachtvolles Schauſpiel an ſeinen einſamen Ufern ſich entfalten. 1 Es war bei Formigara, wo der ſieggekrönte Heldenmarſchall, Vater Radetzky an dieſem Tage eine Brücke ſchlagen ließ, um das erſte und zweite Armeekorps über den Fluß zu werfen, dem fliehenden Feinde nach, deſſen Colonnen von paniſchem Schrecken ergriffen, den ſiegestrunkenen Oeſtreichern nirgends mehr Stand halten wollten. Kaum beſetzten die piemonteſiſchen Generale eine Poſition, kaum hatten ſie ihre ſtarken Batterien gegen den nachſetzenden Feind gewandt, ſo brachte der Anblick dieſes Feindes die größte Verwirrung in die Reihen 28 Zwei Nächte. der Italiener. Truppen, die ſich früher tapfer und gut geſchlagen, wandten ſich beim Anblick der weißen Linien und wichen vor den Fängen des Adlers, der ihnen unaufhaltſam nachſetzte. Kavallerie ver⸗ ließ ihre Stellungen, Artillerie raſſelte davon, Infanterie⸗Colonnen lösten ſich auf, ja es kam bei einzelnen Compagnien der Fall vor, daß Soldaten, welche querfeldein liefen, ſich vor ihren Offizieren, die ihnen nachſetzten, auf den Boden warfen und erklärten, ſich lieber hier von den eigenen Pferden zertreten zu laſſen, als wieder gegen den Feind zu marſchiren. Die ſanft anſteigenden Ufer der Adda boten an dieſem Punkte eines der reichſten, lebendigſten militäriſchen Bilder, die man nur ſehen konnte. Alles war bedeckt mit Soldaten der verſchiedenſten Waffen⸗ gattungen und die Sonne, welche zuweilen heiß durch das zerriſſene Gewölk ſchien, ſchimmerte auf den unzähligen Waffen, auf den Ge⸗ ſchützröhren und auf dem Gold und Silber der Uniformen. Es wogte und ſummte vergnügt durcheinander, die Artillerie ſtand neben ihren Wagen und Geſchützen, Huſaren, Dragoner, Uhlanen hatten die Pferde am Zügel und große Maſſen Infanterie lagerten hie und da auf dem weißen Sande, theilweiſe mit abgelegtem Torniſter und mit zuſammen⸗ geſtellten Gewehren. 4 Dazwiſchen zogen lange Züge Brückengeräthe dem Ufer zu und Ordonnanzen aller Waffengattungen bahnten ſich mühſam ihren Weg durch das fröhliche Getümmel, Befehle nach dem Fluſſe bringend, bo die Pontoniere in voller Thätigkeit waren. Mit wunderbarer Schnel⸗ ligkeit wurden die Pontons abgeladen, in das Waſſer geſchoben, ge⸗ ankert und verbunden. Man ſah die Brücken zuſehends wachſen und ſich in den Fluß hinausdehnen, jedes neu befeſtigte Ponton wurde mit lautem Hurrah begrüßt, das ſich rückwärts fortpflanzte den Ufer⸗ rand hinauf, und von den lagernden Truppen frendig vernommen und begrüßt wurde. Woher aber dieſe ungemeine Geſchäftigkeit kam, und weßhalb die Pontoniere auf dem Fluſſe ſo übermäßig arbeiteten, war deutlich zu —— Zwei Nächte. 29 ſehen, wenn man den Blicken der ruhenden Soldaten folgte, die weni⸗ ger an der Geſchäftigkeit auf der Adda hingen, als an einem Hügel auf der Höhe des Uferrandes. Dort ſah man Offtziere aller Regi⸗ menter, von dorther kamen die Ordonnanzen, welche Befehle an das Ufer brachten, und dorthin gingen die Meldungen von den Offizieren des Genie⸗Corps drunten, ſowie von den Commandeuren der nach⸗ rückenden Truppen. Die Offiziere auf dem Hügel, meiſtens beritten, umgaben in einem großen Halbkreis einen kleinen Mann in der grauen Feldmarſchalls⸗Uniform, welcher den rechten Arm in die Seite geſtemmt hatte, während die Linke Säbel und Federhut hielt. Der kleine Mann, der vom Pferde abgeſtiegen war, blickte mit herrlichem, freundlichem Auge auf das Gewühl am Ufer und auf der Brücke bald einem Offi⸗ zier einige Worte ſagend, bald mit der Hand den Soldaten winkend, die jeden Blick des klaren, treuen Auges mit lautem Hurrah, Evviva und Eljen begrüßten. Der kleine Mann aber mit dem ſchneeweißen Haar und dem lieben Blick war Vater Radetzky, der die Piemonteſen von Poſition zu Poſition verjagt und jetzt in die Ebene der Lombar⸗ dei zurückkam, gewaltig und ſtrafend, und bei deſſen Annäherung Mai⸗ land zitterte, daß es ihn in einer fürchterlichen Nacht dieſes Jahres ſchwach geſehen. Die Offiziere in der Suite des Feldmarſchalls gruppirten ſich auf verſchiedene Art; einige blickten mit Fernröhren über den Fluß hinüber, andere lehnten an ihren Pferden und unterhielten ſich von den vergangenen Tagen, und dem Willkommen, das man ihnen in Mai⸗ land bereiten werde. Es mochte vier Uhr Nachmittags geworden ſein, da war die Brücke beendigt, und ein Hurrah, lauter und freudiger als alle früheren, ver⸗ kündigte es den Truppen. Der Feldmarſchall beſtieg ſein Pferd, Alles erhob ſich aus ſeiner Ruhe. Züge, Compagnien, Bataillone ordneten ſich ſchnell, die Ordonnanzen ſprengten nach allen Richtungen, und jeder Truppenkörper, ſowie er den Befehl erhielt, ſetzte ſich nach der Brücke zu in Bewegung. Es war ein großartiger, feierlicher Moment; Zwei Nächte. alle Regimentsmuſiken ſpielten die Nationalhymne, und das Ufer, bis jetzt ein Chaos von Farben und Uniformen, begann lange, geregelte Linien zu zeigen; Infanterie, Kavallerie und Artillerie, die ſich nach und nach langſam in Bewegung ſetzten. Es war ein bunter phantaſtiſcher Knäuel, eine wirre Maſſe aller Farben: Eiſen, Bronze, Gold und Silber, die ſich jetzt geordnet ab⸗ wickelte, in einem langen Faden die Brücke bedeckte und weit über das jenſeitige Ufer der Adda hinaus ſich ins Land hinein ergoß; ſingend und klingend, raſſelnd, murmelnd, rauſchend, kurz ein Getöſe, daß man es weithin hörte. Endlich wurde der Knäuel dieſſeits kleiner und einfarbiger, und löste ſich zuletzt in eine unabſehbare Reihe von Wagen auf, die jetzt auch über die Brücke rollten. Ihnen folgte der Feldmarſchall mit ſeinem Hauptquartier und es blieben auf dem dieſ⸗ ſeitigen Ufer nur einige Bataillone zurück, welche die Nachhut bildeten, einige Schwadronen Kavallerie und etwas Artillerie. Am Ufer, ganz in der Nähe dieſer zurückbleibenden Truppen acho ſich ein kleines Haus, die Wohnung des Fährmanns, der mit dieſem Geſchäft eine kleine Wirthſchaft verband. Um den Fluthen der Adda zu entgehen, die zuweilen ſtark anſchwillt, war das Häuschen auf einer Terraſſe erbaut, ſehr klein und einfach: eine Wohnſtube für den Wirth, eine Schenkſtube nach der Terraſſe und dem Fluſſe offen, und dieſe Terraſſe bedeckt mit einer Veranda aus Bäumen und Lattenſtücken beſtehend, die wie alle dergleichen in Italien, um ſo maleriſcher aus⸗ ſah, je leichtſinniger und willkürlicher man in der Errichtung derſelben verfahren. Dichtes Rebenlaub bedeckte die Veranda, alles Holzwerk umrankend, um die geſchlängelten Spitzen der Rebe hingen an den äußerſten Holzſtücken herab und wiegten ſich, in der Luft ſchwebend, leicht hin und her. Unter dieſem ſchönen natürlichen Dache ſaßen an einem grobge⸗ zimmerten Tiſche zwei junge Offiziere auf derben Strohſtühlen und ſchenkten ſich abwechſelnd aus der mit Stroh umwundenen Foglietta die Gläſer voll. Ihre Pferde befanden ſich unter Obhut von Sol⸗ 5 Zwei Nächte. 31 daten am Fuß der Terraſſe, die mit maleriſchen Kriegsbildern um⸗ geben war. Hier ſaß ein Huſar auf den Stufen der Treppe, mehrere Roſſe am Zügel, dort ſchnallte ein Dragoner an ſeinem Sattel herum, während ein Chevauxleger, beide Arme auf den Rücken ſeines Pferdes gelehnt, mit der einen Hand ein Glas hielt, enthaltend einen Reſt Wein, den er dem Kameraden reſervirte. Auf der andern Seite gingen Infanterie⸗ und Kavallerieoffiziere auf und ab und tauſchten ihre Meinungen aus, ob ſie heute noch ihren vorausgegangenen Kameraden folgen oder hier einen Bivouak beziehen würden. Infanteriſten ſaßen am Boden, das Gewehr auf den Knieen, und zwiſchen ihnen Grena⸗ diere, die ſchwere Bärenmütze neben ſich, dort eine Gruppe von Jägern auf dem Bauch ausgeſtreckt, den Kopf auf den Arm geſtützt, die Büchſe neben ſich. Ein Tambour, der wahrſcheinlich von den letzten Affairen träumte und auf einem alten Faſſe ſaß, ſchlug pianiſſimo einen Marſch zum Angriff. Nicht weit von dem kleinen Hauſe befanden ſich Grup⸗ pen gefangener Piemonteſen, von Grenadieren bewacht, die Soldaten lagen ermüdet am Boden, die Offtziere ſtanden in Gruppen und blickten finſter dem dahinziehenden Heere nach. Dies ganze lebendige Bild wurde vervollſtändigt durch zahlreiche Viehheerden, die den Ba⸗ taillonen nachgetrieben wurden und durch ſchwere Karren mit Ochſen beſpannt, auf welchen Weinfäſſer lagen. Die Pferde der Kavallerie ſchüttelten ſich und ſchnaubten, von dem andern Flußufer drüben ſchallte zuweilen leiſer Trommelſchlag und einzelne Klänge der Feld⸗ muſik herüber. Zuweilen hörte man rückwärts ein Hornſignal, ein luſtiges Soldatenlied und lautes Lachen, und dann und wann tiefes, kräftiges Gebrüll aus den Viehheerden. Die Offiziere, die unter der Veranda ſaßen, waren zwei junge Männer, ein Rittmeiſter von den Huſaren, ein Oberlieutenant von den Chevauxlegers. Letzterer war eben im Begriff, eine kleine lederne Taſche aufzuſchnallen, die er am Sattel zu tragen pflegte, und worin er ſeine Cigarren aufbewahrte. Die Kleidung der Beiden war mit 32 Zwei Nächte. Staub bedeckt, ſie trugen ſchwere Säbel, die Cartouche und Tſchako, Helm und Handſchuhe lagen neben ihnen auf dem Tiſche. „So weit wären wir alſo,“ ſagte der Huſar und ließ einen zu⸗ friedenen Blick über den Fluß ſchweifen,„an der Schwelle unſeres Hauſes glücklich angekommen und ich bin feſt überzeugt, daß der alte Herr noch heute Abend kräftig anklopfen wird.“ „Wie ich höre,“ verſetzte der Chevaurleger, indem er ſich ſeine Cigarre anbrannte,„wird ſich Karl Albert nach Mailand zurückziehen und es ſollte mich wahrhaftig ungeheuer freuen, wenn es da noch zu einem ſoliden Schlage käme.“ „Pah!“ meinte der Huſarenoffizier,„die ſchlagen ſich nimmer, was wird's da unten geben? Ein paar Geſchützaufſtellungen, Prokla⸗ mationen, einige wüthende Volks⸗Demonſtrationen, voila-tout. Ich bin feſt überzeugt, in zwei bis drei Tagen marſchiren wir über den Domplatz, ich freue mich ſchon auf die Geſichter, wenn da die Bande ſpielt:„Gott erhalte unſern Kaiſer.“ „Das iſt alles ſchön und gut,“ ſeufzte der andere Offtzier,„aber wenn ſie nur in unſern Quartieren zu Mailand nicht ſo jammervoll gehaust hätten; ach, meine ſchönen Waffen, das iſt Alles verloren, und mein ganzes Silbergeſchirr.“ 5 „Nun, was das Letztere anbelangt,“ lachte der Huſar,„das wird noch zu erſetzen ſein; aber mir iſt's nur leid um das Bild der kleinen Julietta, das über meinem Divan hing. Wenn ſie nur das Original nicht erwiſcht haben, ich fürchte ſehr, es iſt den armen Geſchöpfen für ihre Anhänglichkeit an die öſtreichiſche Monarchie ſchlecht genug gegangen.“ 1. „Ich glaube nicht,“ warf der andere Offizier leicht hin,„die Meiſten ſollen ſich in den fürchterlichen fünf Tagen gerettet haben; 5 mir erzählte das ein Kamerad von den Jägern, ſie ſeien in einem langen Zuge ausgewandert, Wagen von allen Kalibern, heulende Mädels und Koffer und Schachteln die Menge.“* Hier wurde das Geſpräch unterbrochen durch einen lauten Anruf Zwei Nächte. 33 5 vom Fuß der Terraſſe. Die Beiden ſprangen von ihren Stühlen auf und bemerkten einen jungen Offizier mit niederem Hut und grünen Federn, der ſich zu Pferd durch die Soldatengruppen langſam dem Hauſe näherte. „Grüß dich Gott, Generalſtäbler ¹“ rief der Huſar, nachdem er den Anreitenden erkannt;„woher des Weges? Du willſt zum Haupt⸗ quartier? Na, komm einen Augenblick herauf und mach' hier eine Haltſtation.“ Der Generalſtabsoffizier ſchwang ſich vom Pferde, gab die Zügel einem Dragoner, der unten ſtand und ſtieg die Treppen hinauf. „Wir haben uns lange nicht geſehen,“ rief er luſtig,„ich glaub' ſeit Verona nicht. Wie ſchaut's, was treibt ihr?“ „Wir warten hier geduldig,“ entgegnete der Chevauxlegeroffizier, „bis wir den verdammten Fluß paſſiren dürfen.— Haſt du vielleicht einen Befehl deßhalb mitgebracht, Generalſtäbler?“ „Etwas der Art wohl,“ lachte dieſer,„aber von Paſſiren iſt für heute keine Rede. Ihr werdet hier wahrſcheinlich ruhig liegen bleiben; eine herrliche Nacht wird's geben, euer Wein iſt auch nicht ſchlecht, wie ich merke, und ſo könnt ihr's ſchon aushalten.“ „Verdammt!“ murrte der Huſar,„ſeit vier Tagen ſind wir be⸗ ſtändig rückwärts und bekommen nicht einen feindlichen Pferdeſchweif zu ſehen; vom Einhauen iſt ſchon ſeit langer Zeit keine Rede mehr.“ „Die da vorn,“ ſagte der vom Generalſtab lachend,„haben es auch nicht beſſer, Pferdeſchweife ſehen wir freilich, auch Kanonenmün⸗ dungen genug, aber alles das in der allerweiteſten Entfernung.“ „Und dleiben wir wirklich heute hier?“ fragte der Chevauxleger. „Wahrſcheinlich; doch erwarte ich noch einen Ordonnanzoffizier aus dem Hauptauartier. Kommt dort nicht etwas über die Brücke?“ Bei dieſen Worten richtete der Offizier vom Generalſtab ſein Fern⸗ rohr auf den Fluß und fuhr dann fort:„Richtig, es iſt ein Huſaren⸗ woffizier, der wird einen Befehl bringen, und wenn mich nicht alles Hackländers Werke. XXVI. 3 34 Zwei Nächte. täuſcht, iſt es unſer lieber Graf S. Seht wie er ſeinen Gaul zurück⸗ hält, um ordonnanzmäßig im Schritt über die Brücke zu kommen. Ja, ja, er iſt's! Jetzt hat er das Ufer erreicht, und läßt den Hügel herauf das Pferd ausziehen.“ Der alſo Angemeldete— es war wirklich Graf S.— flog den Uferrand hinauf und jagte an das Haus hin.„T'ſchau!“ rief er freu⸗ dig, als er die drei auf der Terraſſe ſtehen ſah,„grüß' euch Gott, freut mich ſehr, euch zu ſehen. Wo find' ich den Feldmarſchall⸗ Lieutenant?— Gleich hoff' ich zu euch zu kommen, hebt mir ein Glas Wein auf.“ „Reite nur ein paar tauſend Schritte rechts hinüber,“ antwortete der Huſarenoffizier, nachdem er die Grüße herzlich und freundlich er⸗ widert,„da wirſt du auf der Anhöhe einen Bauernhof finden, dort iſt er, wenn er nicht ſchon nach San Baſano hineingeritten iſt. Sieh aber zu, daß du dich nicht lange aufzuhalten brauchſt;— müſſen wir hier bleiben?“ rief er dem Davonreitenden nach, und dieſer winkte ein Ja und war bald zwiſchen dem hügeligen Terrain verſchwunden. Die drei ſetzten ſich an den Tiſch, ließen eine neue Foglietta kommen und⸗theilten ſich ihre kleinen und großen Ereigniſſe mit. Es dauerte nicht eine Viertelſtunde, da kam Graf S. wieder daher ge⸗ ſprengt, hielt an dem Hauſe, ſprang behende vom Pferde und eilig die Treppe hinauf. „Na, grüß' euch Gott nochmals!“ rief er luſtig, ſeine beiden Hände ausſtreckend, die von den Andern herzlich erfaßt und gedrückt wurden. „Jetzt habe ich erſt einen Augenblick Zeit, mich zu freuen, daß ich euch wiederſehe, nur kurze Zeit leider, denn ich muß bald in's Hauptquartier zurück.— Wie iſt's euch ergangen?— Keine Ver⸗ wundung? Heil und geſund?“ „Alles wieder in Ordnung!“ lachte der andere Huſarenoffizier, „ich habe bei Curtatone einen kleinen Streifſchuß erhalten, aber nichts von Bedeutung, war bald wieder zuſammengeflickt;— und du?— Zwei Nächte. 35 dich hat man ja eine Ewigkeit nicht mehr geſehen. Weißt du noch, wo wir zuletzt und recht vergnügt beiſammen waren?“ „Ob ich's weiß?“ entgegnete Graf S.,„das war zu Mailand bei dem Abſchiedsdiner, das ihr mir gegeben, als ich nach Rom und Neapel ging.'s iſt merkwürdig,“ ſetzte er hinzu,„da ſind wir jetzt wieder hier beiſammen, beinahe all. die nämlichen Leute und mitten im Kriege, den wir damals ſo ſehnlich gewünſcht.“ „Ja, wahrhaftig!“ ſagte der Chevauxleger und erhob ſein Glas, „es fehlen nur zwei, unſer armer M. von eurem Regiment, der jetzt zu Mantua liegt, und unſer luſtiger Dragoner.“ „Letzterer,“ bemerkte der Generalſtabsoffizier,„iſt Galoppin bei d'Aſpre. Aber wie geht's dem armen M.?— Iſt er ſchwer ver⸗ wundet?“ „Er hat einen Stich in die Seite,“ ſagte der Huſarenrittmeiſter, „aber ſie hoffen ihn durchzubringen; trinken wir auf ſein Wohl.“ Alle erhoben die Gläſer und tranken mit herzlichem Wunſch auf die baldige Geneſung des verwundeten Kameraden. „Damals und jetzt!“ ſprach Graf S., indem er ſich ein anderes Glas eingoß,„ſeitdem ſind nur vier Jahre verſtrichen und hat ſich Manches geändert, Manches zugetragen. Damals hatte ich eine ſchöne Zeit vor mir, eine herrliche, angenehme Zeit. Obgleich euer Wein hier nicht ſchlecht und die Salami zu genießen iſt, ſo wäre mir doch ein Diner wie damals lieber. Wir haben in den letzten Tagen ſehr wenig gehabt. Und damals meine bequeme Caleſche vor der Thür, eine ruhige Nacht, angenehm dahingeſtreckt zu durchfahren und heute der Sattel meines müden Pferdes, und die Ausſicht, während der Nacht mehrmals herausgetrommelt zu werden, denn was in der letzten Zeit für Depeſchen verſandt worden ſind, habt ihr gar keine Idee, und immer des Nachts. Es iſt gerade, als ſei es zum Beſten der Ordonnanzoffiziere ſo eingerichtet, daß die Anfragen ans Hauptquar⸗ tier immer in der Dämmerung kommen und während der Nacht be⸗ antwortet werden.“ +—— — Zwei Nächte. „Und doch habt ihr's bei dem Hauptquartier am Beſten,“ ſagte der andere Huſarenoffizier lachend,„wo ihr einfallt, findet ſich immer etwas, oder vielmehr, ihr fallt nur da ein, wo ſich etwas findet, und dann bekommt ihr doch meiſtens ein Obdach, könnt euch im Trockenen ausſtrecken und euch behaglich niederlegen, ſei's auch nur auf Stroh oder Heu.“ „Allerdings,“ entgegnete der Ordonnanzoffizier,„ſind aber dafür auch, wie ſchon bemerkt, faſt Tag und Nacht im angeſtrengteſten Dienſt. Melde ich mich nachher im Hauptquartier, ſo heißt's unfehl⸗ bar: Sie haben den zweiten oder dritten Ritt heute Nacht; dann kann irgend eine Zufälligkeit kommen, die meine Vordermänner weg⸗ ruft, und ich habe vielleicht einen nächtlichen Spazierritt von ſechs bis acht Stunden. Aber,“ ſetzte er luſtig lachend hinzu und hob ſein Glas gegen die Sonne,„um Alles in der Welt möchte ich nicht ver⸗ tauſchen jenen Abend mit heute und gebe nur der Herr der Schlach⸗ ten, daß dieſe angenehme Zeit noch lange fortdauern möge!“ „Wozu indeß wenig Hoffnung iſt,“ ſagte der Generalſtäbler,„die Komödie iſt aus oder wird morgen, übermorgen ausgeſpielt, Mailand iſt eine brillante Schlußdekoration, dann fällt hinter Karl Albert und ſeinem Heere der Vorhang.“ „Aber, theuerſte Freunde,“ bemerkte jetzt Graf S.,„es muß ge⸗ ſchieden ſein; ich muß ins Hauptquartier und möchte mich beeilen, denn ich ſehe dort am Horizont verdächtige ſchwarze Wolken auf⸗ ſteigen.“ „Verdammt!“ ſagten die beiden Kavallerieoffiziere, welche die Ausſicht hatten, die Nacht über im Freien zu bleiben und ſchauten den finſteren Wolken zu, welche ſich am Horizont drohend emporwälz⸗ ten;„das wird eine naſſe Nacht werden.“ „Und vielleicht eine blutige,“ ſagte der Generalſtäbler;„General Bara hat ſich mit einigen Truppen nach Pizzeghettone geworfen, er wird die kleine Feſtung gegen einen Handſtreich ſicher ſtellen wollen, um ſein Fuhrweſen glücklich durch das dortige Defilée zu bringen. Zwei Nächte. 37 Kommt aber unſere Vorhut, die fortmarſchirt, noch frühzeitig genug hin, ſo kann es einen ziemlichen Kampf geben.“ „Ei was!“ ſagte unmuthig der Rittmeiſter,„Regen und Blut iſt ein großer Unterſchied; ich würde mir nichts daraus machen, mich die ganze Nacht herumzuhauen, aber hier zu liegen und ſich ſo lang⸗ ſam durchnäſſen zu laſſen, das hole der Teufel. Nun, wie Gott und Vater Radetzky will.“ „Amen!“ ſprach der Generalſtabsoffizier und ſetzte ſeinen Feder⸗ hut auf;„aber jetzt wollen wir reiten, es iſt mir immer, als hörte ich gegen Pizzeghettone zu Kanonendonner, es ſollte mich auch gar nicht wundern, wenn die Piemonteſen dort irgendwo eine ſchöne Maſſe Geſchütz aufführten, um das rechte Addaufer zu decken.“ „Ich glaube, was dahinten rollt, iſt himmliſcher Donner,“ ſagte der Chevauxleger und blickte nachdenklich an den Himmel, deſſen vor⸗ hin noch ſo klare blaue Farbe in außerordentlicher Geſchwindigkeit mit leichten grauen, einem Gewitter vorausjagenden Wolken bedeckt wurde. „Adieu!— lebt wohl!— Auf glückliches Wiederſehen in Mai⸗ land!— T'ſchau!“ Graf S. und der Offizier vom Generalſtab ſchwangen ſich auf ihre Pferde und ritten in ſcharfem Trabe der Brücke zu, dann im Schritt über die knarrenden Pontons und auf dem rechten Ufer des Fluſſes trennten ſie ſich, denn der Generalſtäbler eilte zum erſten Armee⸗ korps, der Huſarenoffizier aber nach Formigara, wo der Feldmarſchall Radetzky ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hatte. Vier Jahre waren vergangen, ſeit der junge Huſarenofftzier nicht mehr in dieſe Gegend gekommen war. Nachdem er ſeine große Tour nach Rom, Neapel, Paris und Wien beendigt, war er dorten als Ober⸗ lieutenant zu einem andern Huſarenregiment verſetzt worden und da verblieben, bis in der Lombardei der Krieg ausbrach, worauf er ſich zur Armee nach Italien meldete, und als guter Offizier und gewandter Reiter gern zum Ordonnanzoffizier ernannt wurde. 1 4 Zwei Nächte. Der Abend war bereits hereingebrochen, als er Formigara, ein kleines Dörfchen, erreichte. Auf der Straße bewegten ſich dichte Co⸗ lonnen Artillerie und Fuhrwerk und ließen ihn nur im Schritt vor⸗ wärts kommen. In der Nähe des Orts mehrte ſich das militäriſche Getümmel. Auf den Feldern rechts und links lagerte Infanterie und Kavallerie; Holz wurde herbeigeſchleppt und hie und da ſtieg dichter Dampf auf von den Lagerfeuern, die man im Begriff war, anzuzün⸗ den. Auf der Straße in Formigara drängte und wogte es durchein⸗ ander. Dort hielten lange Reihen Ochſenkarren mit Weinfäſſern be⸗ laden, und in großen hölzernen Kannen wurden die Portionen für die Soldaten ausgetheilt. Das Haus, in welchem der Feldmarſchall wohnte, ein kleines unſcheinbares Gebäude, bot ganz ein bewegtes Bild des Hauptquar⸗ tiers. An allen Fenſtern lehnten Offiziere in den verſchiedenſten Uni⸗ formen, im Hofe ſtanden Equipagen und Packwagen, an deren Deich⸗ ſeln abgeſattelte Pferde befeſtigt waren. Unter dem Thorbogen hielten Ordonnanzen und die jungen Offiziere des Hauptquartiers, welche wohlgemuth dem Lärm und dem Jubel der vorbeiziehenden ſiegestrun⸗ kenen Soldatenhaufen zuſchauten. In dieſes Gewühl hinein lenkte Graf S. ſein Pferd und wurde von den Kameraden freundlich bewillkommt. Er mußte erzählen, wie es drüben ausſchaue, und überbrachte Grüße von Bekannten und Freun⸗ den, die man lange nicht geſehen. „Dein Schimmel wird müde ſein,“ ſagte ein junger Uhlanen⸗ offizier lachend, und der Graf entgegnete luſtig: „Wie ſein Herr. Ich bin jetzt heute ſchon vierzehn Stunden im Sattel geweſen; habt ihr irgendwo ein Obdach, wo man ſich ein we⸗ nig ausſtrecken kann?“ „Obdach genug,“ antwortete der Andere,„auch ſogar ein ſchönes breites Bett. Aber du freuſt mich, wenn du jetzt ſchon an's Aus⸗ ruhen denkſt, da droben ſchreiben ſie, daß die Federn davon fliegen; Major E. ſiegelt eine Depeſche um die andere. Ich und F. und M., 7 . d — Zwei Nächte. 39 wir haben ſchon unſere Beſtimmung, und der nächſte Befehl, der hinaus muß, iſt für dich. Geh' nur gleich drüben in das Haus neben der Kirche, du wirſt da deinen Burſchen mit den Pferden finden.“ Der Graf zuckte lachend die Achſeln, nahm einen tüchtigen Zug aus einer dargebotenen Feldflaſche und zog ſeinen müden Schimmel dem bezeichneten Hauſe zu. Dort fand er richtig ſeine übrigen Pferde, befahl, daß man ihm ſeinen Rappen, ein ſtarkes Pferd von engliſcher Abkunft, fertig mache und kehrte darauf in's Hauptquartier zurück, um für den Dienſt bereit zu ſein. Hier fand er denn auch ſchon beide Kameraden eben im Begriff, zu Pferde zu ſteigen, um in den dunkeln⸗ den Abend hinauszureiten. Der Eine ging zurück über die Adda, der Andere zum erſten Armeekorps gegen Maleo. „Jetzt ſind wir beide allein noch übrig,“ ſagte der junge M., ein luſtiger Dragoneroffizier,„ich habe ein ſchweres Paket an d'Aſpre zu überbringen und mich ſoll der Teufel holen, wenn ich nur eine Idee davon habe, wo ich ihn eigentlich finden ſolle. Das Nachreiten iſt überhaupt nicht meine Paſſion, man rennt da zwiſchen Wagen und Geſchütz hinein, wenn man auf der Straße bleibt, und fällt in ſchmu⸗ tige Waſſergräben, wenn man querfeldein galoppirt. Aber was hilft's? geritten muß ſein, dort wackelt ſchon eine Ordonnanz die Trep⸗ pen herunter und bringt meine Depeſche. Addio Caro, bis morgen zum Kaffee oder zum Mittageſſen, der Teufel weiß wo?“ Mit dieſen Worten warf der Dragoneroffizier die goldene Schärpe über die Schul⸗ ter, zog die Quaſten auf der rechten Seite herab und ſchwang ſich auf ſeinen Braunen. Das Pferd war friſch und muthig, der Reiter ebenſo, und nach einem Händedruck, ein paar Courbetten auf dem Pflaſter, daß die Funken ſprühten, verſchwand er in der Nacht. Noch eine Zeit lang ſah man ſeinen weißen Waffenrock glänzen, dann ver⸗ lor er ſich in der allgemeinen Finſterniß. Graf S. ging in das Haus hinauf, ſuchte und fand ein paar bekannte Offiziere, mit denen er ein äußerſt frugales Souper verzehrte, eine Cigarre rauchte und ſich darauf, ermüdet wie er war, mit Atila 40 Zwei Nächte. und Säbel auf einen Strohſack warf, den er im Vorzimmer fand, wo er baldigſt in einen tiefen Schlaf fiel. Er hatte ſo einige Stunden ruhig geſchlafen, da wurde er erweckt und ſah den Major E. vor ſich ſtehen, der es unendlich bedauerte, gezwungen zu ſein, ihn aus dem Schlafe wecken zu müſſen.„Es iſt Niemand da, Theuerſter,“ ſagte der Major,„und obgleich ich weiß, wie ſtark Sie ſchon im Dienſt waren, ſo kann ich doch nicht umhin, Sie wieder in die Nacht hinaus zu ſchicken.“ Augenblicklich war der junge Huſarenoffizier munter und auf den Beinen, rückte Säbel und Cartouche zurecht, und vernahm den Befehl, vorſichtig gegen Pizzeghettone zu reiten, um im Fall die Oeſterreicher dort ſchon eingerückt ſeien, dem General S. einen wichtigen Befehl zu überbringen. Der Major als freundlicher und guter Kamerad gab dem jungen Ordonnanzoffizier die Hälfte eines ſtarken ſchwarzen Kaf⸗ fee's, den er für ſich ſelber hatte machen laſſen, dann erhielt dieſer ſeine Depeſchen und eilte die Treppen hinunter in das andere Haus zu ſeinen Pferden. Der Rappe war im Augenblick fertig gemacht, Graf S. warf ſeinen weißen Mantel über, beſtieg das Pferd und ritt langſam zum Dorfe hinaus. Das Wetter hatte ſich unangenehm verändert. Ringsum herrſchte eine Finſterniß, daß man im wahren Sinne des Wortes keine Hand vor den Augen ſehen konnte; am Himmel glänzte nicht ein Stern und es fegte zuweilen jener ſcharfe trockene Wind, das ſchwere Athmen eines heftigen Gewitters, bevor es ſeinen Mund öffnet, um Feuer und Verwüſtung auszuſpeien. Die Lagerfeuer auf den Feldern waren kaum zu erhalten und die geſtörte Flamme flackerte ängſtlich hin und her. Die Pferde in den Bivouaks ſchüttelten ſich und ſtreckten die geöffne⸗ ten Nüſtern in die Luft hinauf. Man bemerkte faſt keinen Soldaten, der ſich hingeſtreckt hatte, um zu ſchlafen, faſt alle waren munter, ſaßen in den Gräben oder ſtanden auf der Chauſſee in Gruppen an den ſchwarzen Nachthimmel deutend, der zuweilen am Horizont durch einen jähen Blitz erhellt wurde. Zwei Nächte. 41 Wo Graf S. bei einem Trupp Offiziere vorbei kam, da wurde er mit freundlichem Wort begrüßt, nicht ohne daß man hinzuſetzte: „Geben's Achtung, wir werden was Gehöriges abkriegen.“ Bald ließ der junge Ordonnanzoffizier die Lagerplätze und Bivouaks hinter ſich und ritt auf der einſamen Straße dahin. Seine Gedanken überſpran⸗ gen einen Zeitraum von vier Jahren, und er gedachte jener Nacht, wo er von Mailand ausfuhr faſt denſelben Weg, jener Nacht voll Blumenduft, Nachtigallenlied und Liebeszauber, die von der heutigen ſo himmelweit verſchieden war. Auch jenes Mädchens gedachte er, und der drei Küſſe, und wenn er auch ſeit jener Zeit manche warme Lip⸗ pen berührt, ſo konnte er doch jene heiße, ſüße Stunde nicht vergeſſen. Heute aber hörte er nicht Nachtigallenlied, wohl aber das Heulen des Windes, das Rollen des Donners, der über ſeinem Haupte immer näher und näher tönte. Bäume und Büſche an der Straße bogen ſich tief vor dem Grimme des Sturmes und ſein Rappe ſchauerte zuſam⸗ men vor den heftigen Blitzen, die ſich zwiſchen den ſchwarzen Wolken kreuzten. Jetzt begegnete er einer Kavalleriepatrouille, die ihm entgegen kam, und der Führer derſelben, ein alter Wachtmeiſter, meldete, daß, ſoviel er am Fluß bemerkt habe, die Piemonteſen ſo eben im Begriff ſeien, Pizzeghettone zu verlaſſen, und daß ſich der Offizier nicht zu ſehr zu beeilen brauche, um mit der öſterreichiſchen Vorhut dort einzutreffen. Es mochte ein Uhr in der Nacht ſein, und das Unwetter fing an ſehr heftig zu werden. Der Wind war ſo ſtark, daß ſich der Rappe kaum in ſeiner Richtung erhalten konnte. Heulend umſauste er den Reiter, warf ihm Sand und Steine in's Geſicht, und riß ſtarke Aeſte von deu Bäumen, die er rechts und links neben dem Pferde niederſchmetterte. Der Regen ſtrömte herab, Hagelkörner in außerordentlicher Dicke ſchlugen mit fürchterlicher Gewalt auf Roß und Reiter, ſo daß das geängſtigte Thier von dem kräftigen Offizier kaum in Ruhe erhalten werden konnte. Es war ein fürchterlicher, unheim⸗ licher Ritt. 42 Zwei Nächte. Eine Stunde mochte der Gewitterſturm ſo mit ungeminderter Heftigkeit gedauert haben, als der Regen und das Sauſen des Win⸗ des etwas nachließ und ſich auf Augenblicke in leichtes Wehen ver⸗ wandelte. In ſolchen Momenten kam es dem Reiter vor, als vernehme er 1 vor ſich das Raſſeln von Fuhrwerken und kaum hörbar, das Getüm⸗ mel von Infanterie⸗ und Kavalleriecolonnen, die in ziemlicher Entfer⸗ nung vor ihm vorüberzogen. Der Wind führte dieſe Klänge bald ſchwächer bald ſtärker an ſein Ohr; er hielt ſein Pferd an und beugte ſich vor, um ſich möglicher Weiſe zu orientiren, ob da vor ihm Freund oder Feind zöge, und zu überlegen, ob er zur Seite oder vorwärts reiten ſolle. Etwas zur linken Hand mußte Pizzeghettone liegen, von dort aus gegen rechts zu zog das Getöſe, das er vernahm. Alſo konnten es nur die Piemonteſen ſein, welche ſo eben die Feſtung ver⸗ ließen. Er wandte ſein Pferd etwas links, und begann nach der Rich⸗ tung hin zu reiten, wo er die Stadt und den Fluß vermuthete, er mußte ſich nah bei letzterem befinden, doch es war ſo dunkel, daß die Fluth nicht leuchtete.—— Auf einmal prallte der Rapp zurück und der entſetzte Reiter zog die Zügel feſt an und griff willenlos nach dem Säbel an ſeiner Seite. —— Vor ihm ſpaltete ſich die dunkie Nacht, es war als berſte die Erde bis tief in ihre Eingeweide, bis zu dem ungeheuren Feuerpfuhl, der ſich dort befinden ſoll, eine fürchterliche Lohe ſchlug aus dem Bo⸗ den; rothe und gelbe Flammen, die in Myriaden von glühenden Fun⸗ ken ausliefen und den ganzen Himmel mit einer feurigen Lohe bezo⸗ gen— es war eine Pulvererploſion von entſetzlichem, einige Sekunden andauerndem Krachen begleitet.— Nur einen Augenblick dauerte die⸗ ſes furchtbare Feuer, aber im Scheine deſſelben ſah der junge Offtzier,— daß er vielleicht eine Viertelſtunde von der Feſtung entfernt war und bemerkte nach dem erſten Moment der Ueberraſchung, daß man dort die Brücke über die Adda geſprengt habe.— Bald war Alles gegen den furchtbaren Schein von ſo eben wieder in tiefe Nacht verſunken, — Zwei Nächte. 43 und die Flammen, die jetzt noch an dem zerſprengten Werk leckten, waren wie kleine unbedeutende Lichter dagegen. Die Erde hatte ge⸗ zittert ob dem furchtbaren Krachen und der Rappe bäumte ſich hoch auf und ſtrengte ſich an, rechts oder links ins Feld hinaus zu flie⸗ hen, um dem ſchrecklichen Phantom vor ſeinen Augen zu entgehen. Nachdem der Reiter ſein Pferd beruhigt und eine kurze Weile überlegt, was zu thun ſei, entſchloß er ſich, näher an die Feſtung zu reiten. Daß die Piemonteſen dieſelbe verlaſſen, deſſen war er jetzt gewiß, denn es waren ihre Colonnen, die er vorhin gehört und ſie hatten die Brücke geſprengt, um den Oeſterreichern den Uebergang zu verwehren. Doch horch!— Was vernahm er jetzt durch die Nacht? Ein befreundetes Signal, das luſtige Klingen eines Jägerhorns. Aha! dachte er freudig, die Unſrigen ſind hart dabei, da kann ſich Ende und Anfang noch zuſammen verbeißen! Doch ging letztere Ver⸗ muthung und guter Wunſch nicht in Erfüllung. Die Piemonteſen hatten Pizzeghettone verlaſſen, hatten bei ihrem Abmarſch die Brücke und einen Pulverthurm in die Luft geſprengt, welche Exploſion ent⸗ ſetzliches Unheil verurſachte und ſehr vielen von den eigenen Leuten das Leben koſtete. Ueberhaupt war der heutige Tag und die Nacht für die Feinde unheilvoll geweſen und der furchtbare Gewitterſturm, der den Grafen S. im Felde überraſchte, hatte ſchwer unter den pie⸗ monteſiſchen Marſchcolonnen gehaust und Menſchen und Pferde waren von umgeriſſenen Bäumen und ſogar von Hagelkörnern nach Angabe ihres eigenen Generals Bara erſchlagen worden. Nachdem Graf S. in Pizzeghettone ſeine Depeſche glücklich ab⸗ gegeben und ſich einen Augenblick unter den Gräueln der Verwüſtung umgeſchaut, verließ er die Stadt wieder und ſetzte über die Adda, um nach Caſal Puſterlengo zu gelangen, wo er das Hauptquartier des vierten Armeekorps zu finden hoffte. Durchnäßt wie er war, und er⸗ griffen von all' dem Schrecklichen, das er geſchaut, ritt er ſeine ein⸗ ſame Straße, ſich eingeſtehend, daß der Krieg etwas Schreckliches ſei. Neben ihm rauſchte der Fluß und da das Sauſen des Windes gänz⸗ Zwei Nächte. lich aufgehört hatte, ſo hörte er vor und neben ſich nichts als das Murmeln des Waſſers oder das Schnauben ſeines Roſſes, das bei jedem Schritte in den aufgeweichten Boden einſank. Sein durchnäß⸗ ter Mantel hing ſchwer an ſeinem Körper und von ſeinem Haar und Bart rollten dichte Waſſertropfen herab. Es regnete immerfort, nicht mehr heftig, wie bei Anfang des Gewitters, aber fein und durchdringlich. So mochte er eine Stunde fortgeritten ſein, als er vor ſich Pferdegetrappel hörte und eine Uhlanenpatrouille einholte, von welcher er erfuhr, daß ſich das vierte Armeekorps in Caſal Puſterlengo befinde. „Wenn Sie etwas ſcharf reiten,“ ſagte ihm der Führer der Patrouille, „ſo werden Sie in Kurzem auf eine Schwadron Chevauxlegers ſtoßen, welche die Nachhut bildet.“ Der Rappe flog gehorſam dem Schenkel⸗ druck davon und bald erblickte der junge Ordonnanzoffizier vor ſich eine Maſſe Kavallerie, ſah matt leuchtende Helme und weiße Mäntel durch das Dunkel der Nacht ſchimmern. In Kurzem hatte er die Schwadron erreicht und fand ſeinen Freund, den er Nachmittags unter der Veranda an der Adda gelaſſen. Beim Anblick deſſelben, durch⸗ näßt, beſchmutzt, den Mantel ſchwer herabhängend, das Pferd mit einge⸗ zogenem Schweife gehend, konnte er ſich eine Idee machen, wie er ſelbſt ausſehen müſſe. Die Leute ritten ſtill und mißmuthig ihres Weges, denn keiner von ihnen hatte einen trockenen Faden am Leibe. Der Chevauxlegeroffizier bemühte ſich, eine ſehr durchfeuchtete Ci⸗ garre brennend zu erhalten.„Verdammtes Wetter!“ rief er dem Or⸗ donnanzoffizier zu,„wir haben eine brillante Nacht gehabt. Hat bei euch drüben auch der Gewitterſturm ſo gehaust?“ Jetzt ritten auch die anderen Offiziere der Schwadron, nachdem ſie einen Kameraden bemerkt, der nicht zu ihnen gehörte, heran und erkundigten ſich wie es in Piz⸗ zeghettone und Formigara ausſchaue. „Habt ihr auch bemerkt,“ ſagte der Rittmeiſter,„wie die Brücke in die Luft flog? Ein merkwürdig ſchöner Anblick, und hat's nicht ge⸗ kracht, als wenn zehntauſend Geſchütze gelöst würden. Gratulire den armen Teufeln, die da um den Weg waren.“ —y Zwei Nächte. 45 „Es ſieht ſchauerlich da drinnen aus,“ entgegnete Graf S.,„doch glaube ich nicht, daß einem der Unſeren etwas paſſirt iſt. Aber von ihren eigenen Leuten haben ſie genug mit in die Luft hinauf geſprengt. Doch nehmt mir's nicht übel, ihr reitet mir zu langſam, ich will ſehen, daß ich durchkomme. Ich verſichere euch, an meinen Steigbügeln läuft ſo viel Waſſer herunter, um ein Pferd zu ſchwemmen.“ „Meinſt du vielleicht wir ſeien trockner?“ ſagte lachend der Che⸗ vauxlegeroffizier;„aber du haſt Recht, reit' nur zu und mach' uns in Puſterlengo ein ordentliches Quartier. Addio!“ Wir wollen nur geſtehen, daß eine ſüße, angenehme Erinnerung den jungen Offizier nach dem benannten Orte hinzog.„Ei!“ dachte er, „das Kriegsſpiel wirft dich dort hinein, in denſelben Ort, den du frei⸗ willig nicht aufgeſucht hätteſt; vielleicht ſogar in ihr Haus, unter ihr ſchützendes Dach.“ Und nun malte er ſich mitten in dem herabrieſeln⸗ den Regen ein angenehmes behagliches Bild aus, wie er vor das Poſt⸗ haus in Puſterlengo reiten, abſitzen, eintreten wolle, und zu dem er⸗ ſtaunten Mädchen ſagen:„Siehſt du, Tereſina, da bin ich wieder, nach vier Jahre langer Abweſenheit und ich hätte dich auch heute nicht wieder geſehen, denn du hatteſt es mir verboten; doch bin ich hieher befehligt, wir leben im Kriege und im Kriege kann man es nicht ſo genau nehmen.“ Dann wird ſie lachen, dachte er ferner, und da ſchon in ihrem Hauſe viele Offiziere wohnen, wegen den Stallungen viel⸗ leicht ſogar das Hauptqnartier dort liegt, ſo wird ſie für den Bekann⸗ ten ſo ein kleines hübſches Hinterſtübchen aufſchließen, das in den Gar⸗ ten hinausgeht, und ihn da heimlicher Weiſe einquartieren. Wie mag die Kleine heute ausſchauen! etwas ſtärker, vielleicht der Blick des Auges etwas ſchmachtender und wenn ſie lacht, zeigt ſie ihre ſchönen weißen Zähne noch mehr als damals. Unter dieſen Gedanken war er ſcharf zugeritten, hatte Fuhrwerk und Artillerie paſſirt und war mit Mühe unverletzt zwiſchen den Rädern durchgekommen. Verdroſſen lenkten die Gemeinen vom Fuhrweſen ihre Pferde, die Corporale und Offiziere, in ihre Mäntel gewickelt, ſchauten —— —— —= ———— Zwei Nächte. ſich kaum um nach dem vorbeireitenden Huſaren; man hörte kein Wort, kein Lachen, nichts als das Schnauben der Pferde und das Klirren der Aufhaltketten. Der Graf S. mußte ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſeinem Roſſe widmen, um zwiſchen den bösartigen Fuhrweſenspferden ungeſchlagen und zwiſchen den Rädern ungequetſcht durchzukommen. Jetzt paſſirte er einen langen Brückentrain, derſelbe, der heute an der Adda gebraucht worden war, und dann kam Infanterie in langen und dichten Colon⸗ nen. Aber Alles ſchlich trübſelig unter dem dichten Regen weiter und die Bataillone nahmen faſt die ganze Straße ein, ſo daß es hier noch ſchwerer war, durchzukommen. Endlich erreichte er die Téte der Co⸗ lonne, wechſelte mit den Offizieren, die vorne ritten, ein paar Worte und hatte jetzt wieder ein Stück freie Straße vor ſich. Im Oſten begann das ſchmutzig graue Gewölk eine kleine lichtere Färbung anzunehmen, und ganz tief am Horizont wand ſich mühſam ein kleiner gelber Streifen in die Höhe. Puſterlengo konnte nicht weit mehr entfernt ſein und der junge Offizier, der, neben einem guten Feuer, um ſeine Kleider zu trocknen, auch von einem angenehmen ſchwarzen Kaffee träumte, freute ſich der Morgenluft, die ihn froſtig anblies, und dachte bei ſich ſelber:„Der Cecco muß auch herangewach⸗ ſen ſein, ich will doch ſehen, ob der kleine Schlingel meine Feldmütze nicht in tauſend Stücke zerriſſen hat. Es wäre doch außerordentlich komiſch, wenn ich ſie nach vier Jahren wiederfände.“— Ein luſtiger Zungenſchlag und der Rappe trabte durch den unergründlichen Schmutz weiter. Doch dauerte das ſchnelle Reiten nicht lange, bald wimmelte es wieder von Geſtalten auf der Straße und bei der nebelhaften Däm⸗ merung des anbrechenden Morgens bemerkte er ein Bataillon Jäger, die ebenfalls des Weges zogen. Selbſt dieſe ſonſt ſo luſtigen Burſche hatte die ſcheußliche Nacht einigermaßen herabgeſtimmt, und wenn man hier auch ſchon mehr ſprechen hörte, als bei den Infanterie⸗ und Ka⸗ valleriecolonnen, ſo bezog ſich doch Alles, was geſagt wurde, auf eifrige Zwei Nächte. 47 Wünſche nach einem bald erſcheinenden trockenen Morgen und nach einem guten Feuer. An der Spitze des Bataillons bemerkte der Huſarenoffizier eine Patrouille Uhlanen, zwiſchen denen ein Mann zu Fuß ging, in der Tracht der wohlhabenden Bauern der Umgegend, deſſen Hände auf dem Rücken zuſammengeſchnürt waren. Doch war ſeine Kleidung zerriſſen und mit Schmutz bedeckt, er hatte keine Kopfbedeckung, ſein ſchwarzes Haar hing über die Stirne und er ging in dem tiefen Schmutz an⸗ ſcheinend gleichmüthig dahin, den Blick auf den Boden geſenkt. Graf S. wollte vorbeireiten, doch hörte er neben ſich ein lautes lachendes Halt! und als er aufblickte, bemerkte er zur Seite einen Offizier zu Pferde, den er erſt dann erkannte, nachdem ſich derſelbe aus dem großen grauen Mantel herausgeſchält, und den Hut mit den grünen Federn etwas in die Höhe gerückt hatte. Es war der Generalſtäbler. „Grüß dich Gott!“ rief er luſtig dem Huſarenoffizier zu,„nicht wahr, da finden wir uns bei einem ſchönen Wetter abermals zuſammen? Und ich habe mir obendrein einen wahnſinnigen Schnupfen geholt. Haſt du nicht zufällig ein trockenes Taſchentuch bei dir? das meinige iſt durch und durch naß.“ „Vielleicht kann ich dir helfen,“ entgegnete der Huſar;„wenn meine undurchdringliche Taſche am Sattel ihren Dienſt gethan hat ſo bekommſt du nicht nur ein trockenes Schnupftuch, ſondern noch obendrein eine ordentliche Cigarre.“ „Huſaren ſind gar wackere Truppen!“ ſang der Generalſtäbler; „und dafür ſollſt du auch einen Schluck ächten Kirſchwaſſers be⸗ kommen.“ Die undurchdringliche Taſche hatte ihren Namen gerechtfertigt und Cigarren, Schnupftuch und Kirſchwaſſer wurden ausgetauſcht. „Wo reiteſt denn du eigentlich hin?“ fragte der Generalſtabsoffi⸗ zier.„Du biſt doch nicht ſeit geſtern Abend auf dem Pferde?“ „Beinahe ſo,“ entgegnete der Andere,„ich habe nur den Schim⸗ —.———— 8 Zwei Nächte. mel mit dem Rappen vertauſcht und eine Stnnde geſchlafen, aber be⸗ ruhige dich, dafür auch das ganze Unwetter von heute Nacht ausge⸗ halten.“ Die beiden Offiziere blieben einen Augenblick halten, um ſich ihre Cigarren anzuzünden, während welcher Zeit die Uhlanen mit dem Ge⸗ fangenen vorbeizogen. „Wen habt ihr da?“ fragte der Huſarenoffizier. „Es iſt ein Spion,“ entgegnete der Andere,„ein verfluchter Kerl, der uns genug zu ſchaffen gemacht hätte, wenn die Piemonteſen mehr Luſt zum Schlagen gehabt. Er wird nach Caſal Puſterlengo ins Hauptquartier gebracht.“ „Und hat man Verdächtiges bei ihm gefunden?“ „Mehr als genug, um ihn zu erſchießen. Er ſoll ein wohlhabender Menſch ſein, der es nicht wegen Lohn gethan, ſondern aus Haß gegen uns. Geſtern fand man einen Poſtillon, einen treuen Kerl, der mit Depeſchen verſchickt war, erſchoſſen in der Nähe des Fluſſes und wäh⸗ rend der Nacht wurde der da aufgegriffen und trug einen Theil jener Depeſchen bei ſich.“ Der Huſarenoffizier zuckte mitleidig die Achſeln und blickte den Gefangenen einen Augenblick an. Es iſt immer traurig, einen Men⸗ ſchen zum Tode führen zu ſehen, ſelbſt wenn es ein Spion iſt; und den da konnte Niemand retten. Es war vor Aufbruch der Colonne über ihn abgeurtheilt worden. Man führte ihn nun nach Caſal Puſter⸗ lengo, wo er wohnte, um die Ortsbehörde über ihn zu vernehmen. Viel⸗ leicht war es ja doch noch möglich, etwas zu ſeinen Gunſten zu er⸗ fahren. Bald hatten die beiden Offiziere die Colonnen hinter ſich gelaſſen und näherten ſich dem Dorfe. Der gelbe Streifen am Horizont hatte ſich mittlerweile vergrößert und die grauen Wolken, die bisher nur eine Maſſe bildeten, trennten ſich nun von einander, das Tageslicht drang durch die einzelnen Schichten und breitete ſich über den ganzen Him⸗ mel aus; aber es war ein graues trübes Licht, ein unangenehmer Mor⸗ . Zwei Nächte. 49 gen, die Wolken hingen tief herab und ſchwebten ſchwerfällig über die weite Ebene dahin. Die Bäume und Geſträuche an der Straße beug⸗ ten ſich unter dem ſcharfen Morgenwind und ſprühten das angeſammelte Regenwaſſer auf die Erde. Die Waſſergräben rechts und links am Wege waren angeſchwollen und bis an die Ränder gefüllt mit einer braunen lehmigten Brühe. Die Halme der Reisfelder erſchienen um⸗ geweht und vor Wind und Kälte zu zittern. Die Offiziere lachten, als ſie ſich gegenſeitig anblickten und nun bemerkten, wie der Ritt der vergangenen Nacht ihre Uniformen zuge⸗ richtet. Die Pferde waren bis an den Sattel mit Koth beſpritzt, die weißen Mäntel hatten eine breite braune Bordüre und Stiefel, Sporen, Säbel waren mit dickem Straßenſchmutze bedeckt. In der Nähe des Orts erreichten ſie eine neue Colonne, alle Straßen waren mit Militär bedeckt, das Hauptquartier befand ſich in einem großen Gebäude im Städtchen ſelbſt und dahin lenkten die beiden Reiter ihre Pferde, ſtiegen ab und traten in das Haus. Es dauerte ungefähr eine Stunde, bis der Ordonnanzoffizier abgefertigt war und ſein Pferd wieder beſteigen konnte, worauf er augenblicklich davon ritt, um dem Poſthaus draußen einen Beſuch zu machen. Der Regen hatte aufgehört, ganze Reihen Infanterie ſtanden in den Straßen und die Einwohner brachten den ermüdeten und durch⸗ näßten Soldaten an Speiſe und Trank, was ſie beſaßen. Wurden doch die öſterreichiſchen Soldaten auf dem Wege nach Maliland faſt allenthalben als„unſere Befreier“ begrüßt, eine Aeußerung, die freilich eben ſo ſehr der Sehnſucht nach dem Aufhören der Kriegsdrangſale, als der Anhänglichkeit an das Kaiſerhaus beizumeſſen war. Jetzt lag das Poſtgebäude vor den Blicken des jungen Offiziers, hier der Stall, dort das Wohnhaus. Vor erſterem befanden ſich ein Trupp Chevauxlegers, welche beſchäftigt waren, ihre Pferde in die warmen Räume zu ziehen. Einzelne Poſtillone halfen ihnen dabei und einer hielt dem Huſarenoffizier ſein Pferd, worauf er abſtieg, und nach der Familie des Poſthalters fragte. Hackländers Werke. XXVI. 4 4 50 Zwei Nächte. Der Poſtillon blickte ſich ſchüchtern nach dem Hauſe um und zuckte die Achſeln.„Da iſt das Haus,“ ſagte er,„die Thür ſteht offen. Geht hinein, Herr, ich weiß nicht, ob Ihr Jemand findet. Doch iſt Platz genug da, um Euren naſſen Mantel aufzuhängen. Ich will nur das Pferd beſorgen, dann komme ich nach und mache Ihnen ein Feuer.“ „Iſt denn Niemand in dem Hauſe? Niemand von der Familie des Poſthalters?“ fragte der Offizier dringend und dieſelbe Antwort war:„Ich weiß nicht, Herr, geht nur hinein.“ Kofſchüttelnd ging der Offizier dem Hauſe zu. Da lag auf der Schwelle der große zottige Hund, deſſen er ſich wohl noch erinnerte; das Thier ſah ihn an, und wedelte mit dem Schweife, als er über die Schwelle durch die geöffnete Hausthüre trat. Dann folgte er ihm lang⸗ ſam. Der Offizier ſchritt durch den Hausgang und es zog ihn zu dem Zimmer am Ende des Gebäudes hin, vor deſſen Fenſter er da⸗ mals in der Nacht geſtanden. Er öffnete die Thür und trat hinein. Das Fenſter nach der kleinen Anhöhe ſtand offen, und wie damals wiegte ſich das Rebenlaub vor demſelben, doch nicht vom milden Glanz des Mondes beſtrahlt, ſondern von dem grauen Licht eines nebeligten Morgens, und von den feuchten Blättern rieſelten ſchwere Regentropfen herab. In dem Zimmer befanden ſich zwei Kinder, eines von unge⸗ fähr ſechs Jahren, welches beſchäftigt war, verglimmende Kohlen auf dem Heerde anzublaſen. Das andere von vielleicht zwei Jahren ſaß daneben auf dem Boden in einem dünnen Kleidchen und hatte die klei⸗ nen Hände unter daſſelbe geſteckt, um ſie zu erwärmen. Das größere Kind war ein Knabe, das kleinere ſchien ein Mädchen zu ſein— ihr Mädchen. Es waren ganz ihre Züge, ganz ihre großen glänzenden Augen.„Tereſina,“ ſagte der junge Offizier, und das Kind am Boden drehte den Kopf herum und ſchaute ihn lächelnd an. Die Sachen, die im Zimmer umher ſtanden, ſahen nicht ärmlich aus, doch lag Alles in großer Unordnung durcheinander. Es durch⸗ ſchauerte den jungen Offizier, er wußte ſelbſt nicht weßhalb. Der Knabe,— es mußte der Cecco ſein, den das Mädchen damals auf Zwei Nächte. 51 dem Schooße hatte,— verſicherte ihn keck und ohne Furcht, das Feuer werde im Augenblick brennen. Schon wollte ſich Graf S. zurückziehen, um den alten Poſtillon, der ihm das Pferd abgenommen, um Aus⸗ kunft zu bitten, als dieſer mit einem Arm voll Reiſig hereintrat. „Iſt denn Niemand im Hauſe?“ fragte Graf S.,„als dieſe Kin⸗ der? Wo iſt deunn der Poſthalter? Und—“ Der Poſtillon warf das Holz auf den Kamin, zuckte abermals mit den Achſeln und fragte:„Waren Sie ſchon früher in dem Hauſe?“ „Vor ungefähr vier Jahren.“ „Ja ſo.⸗ „Damals ſah ich— ich war nur einen Augenblick hier, während des Umſpannens in der Nacht— damals ſah ich zufällig ein ſehr ſchönes Mädchen hier.“ „Die Tereſina!“ ſagte ernſt der Poſtillon,„dort am Boden ſitzt ihr Kind.“ „Und ſie?“ „Nun ſie— iſt glücklicher Weiſe vor einem Jahr geſtorben. Er hat's ihr gar zu ſchlecht gemacht.“ „Wer?— Ihr Vater?“ „O nein, der ſtarb ſchon früher,— ihr Mann, unſer jetziger Herr.“ Bei dieſen Worten ſchauerte er zuſammen. „So, ſo! der Poſthaltersſohn aus Piazenza?“ forſchte der Offi⸗ zier mit gepreßter Stimme weiter. „Sie haben ihn gekannt, Herr?“ „Das nicht, aber von ihm gehört,“ entgegnete der Graf. „Das glaub' ich,“ ſagte der alte Poſtillon finſter,„der hat ſein Schickſal verdient. Ein ſo braves Weib, ein ſo gutes und ſchönes Weib! Der Vater hat ſie gezwungen, ihn zu heirathen, den aus Pia⸗ zenza, er war immer ein böſer Kerl, und doch hat ſie an ihm gehan⸗ gen, treu und ehrlich, aber ihm geſchieht ſein Recht, es iſt hart für die armen Kinder; aber ihm geſchieht ſein Recht.“ „Aber was geſchieht ihm denn, oder was iſt ihm geſchehen?“ Zwei Nächte. fragte der Offizier und ſtützte ſich auf das Kamingeſims, denn ihm ahnte etwas Schreckliches. „Nun, er hat es ſo lang getrieben, bis ſie ihn endlich gekriegt,“ entgegnete der Poſtillon mit leiſer Stimme,„ſo eben haben ſie ihn als überwieſenen Spion eingebracht. Sie müſſen das wiſſen, Herr, denn Sie ritten ja vor ihm ins Dorf, und dem kann Niemand mehr helfen, nicht einmal der Feldmarſchall ſelbſt, wenn er hier wäre.“ „Ja ſo, ja ſo!“ ſagte der Offizier ganz leiſe und blickte auf das kleine Mädchen am Boden, das herangerutſcht war und nach ſeinem Säbel griff, um damit zu ſpielen. Er wandte tief erſchüttert einen Augenblick das Geſicht ab, holte ſeine Börſe heraus, die voll Gold war, und legte ſie in die Hand des alten Poſtillons.„Ihr ſcheint mir ein braver Mann,“ ſagte er,„be⸗ wahrt das dem Kinde auf und gebt es ihm ſpäter.“ Dann hob er das kleine Mädchen zu ſich in die Höhe, drückte drei innige Küſſe auf den warmen lieblichen Mund des Kindes und ging ſchweigend zur Thür hinaus. 3 „Jetzt wird das Feuer gleich brennen,“ rief der Cecco,„Ihr könnt Euch wärmen, Herr Offizier!“ Doch dieſer hatte ſchon eilenden Schrittes das Haus hinter ſich, zog ſein Pferd aus dem Stalle, ſchwang ſich auf und warf einen letz⸗ ten Blick auf das Poſtgebäude.———— Da hörte er zu ſeiner Linken draußen von den Feldern her einen kurzen Trommelwirbel und einige Flintenſchüſſe. Er ließ dem Rappen die Zügel, drückte ihm haſtig die Sporen ein und jagte hinaus auf die Straße, die gegen Lodi führt. — E 902 — —— Wenn der geneigte Leſer behaglich in ſeinem Lehnſtuhle ſitzt und in der Zeitung liest von glänzenden Paraden und Manövern großer Truppenkörper, wie das alles im hellen Sonnenſchein vor ſich gegan⸗ gen, wie die Fahnen wehten, die Waffen blitzten, wie Compagnien und Schwadronen ſo exact abſchwenkten und unter dem Klange der ſchmetternden Militärmuſik bei dem Obercommandirenden vorbeimar⸗ ſchirten, daß es eine wahre Freude war, und ein altes Soldatenherz bei dieſem Anblick hätte Thränen der Rührung vergießen mögen, ſo bedauert er recht ſehr, nicht auch mit dabei geweſen zu ſein; nament⸗ lich thut es ihm oftmals leid, die großen Manöver nicht mit angeſe⸗ hen zu haben, Feldzug und Schlacht im Kleinen, wo man Alles ſo ganz natürlich vor Augen hat: Artilleriegefechte, Infanterieangriffe und das wunderſchöne Einhauen der Kavallerie, wenn ſie dahin jagt mit ihren ſchnaubenden Pferden, vor oder hinter ſich eine unendliche Staub⸗ wolke, aus welcher hervor Helme glänzen und Säbel blitzen,— Alles wie in der wirklichen Schlacht, nur mit dem höchſt angenehmen Unter⸗ ſchiede, daß hier keine Kugeln pfeifen, kein Blut fließt und keine Ge⸗ bliebenen zurückgebracht werden.— Auch die ſanfteren Freuden der Manövertage möchte er gerne mitgenießen, die Einquartierung bei reichen Bauern oder auf adeligen Schlöſſern, denn er ſtellt ſich das Alles höchſt romantiſch vor, wie ihm der Hauswirth unter der Thüre entgegen kommt, die abgezogene Mütze in der Hand, um ſich freund⸗ lichſt zu erkundigen, ob er die Karpfen lieber in brauner Sauce oder 3 56 Im Bivonak. gebacken möge, und wo dabei auf dem erſten Treppenabſatz die ſitt⸗ ſame und ſehr ſchöne Tochter ſteht, mit züchtigen, verſchämten Wan⸗ gen, einen großen Becher haltend, angefüllt mit irgend welchem 1846er Ausbruch. Und erſt die Bivouaks! Da denkt der Zeitungsleſer: mag man ſagen, was man will, ſo ein Soldatenleben iſt ein ungeheuer angenehmes Geſchäft; das luſtige Umherſchwärmen, wo man all' das Schöne ſieht und genießt, deſſen wir eben gedacht, und dabei nicht nothwendig hat, jeden Abend in das langweilige Bett zu kriechen.— Glückſelige Menſchen, die Soldaten! Da ſattelt er ſein Pferd ab unter Gottes freiem Himmel, legt ſich ins friſche Gras oder duftige Moos, hat über ſich den Mond und ſo viel tauſend Millionen Sterne, die alle freundlich auf ihn herabblinzeln, die angenehme Nachtluft fächelt ſeine erhitzten Wangen und endlich entſchlummert er ſanft, träumend von der Heimath und ihren Schätzen, während er vernimmt, wie aus der Entfernung irgend ein Kamerad auf der Guitarre ſpielt: Steh ich in finſt'rer Mitternacht So einſam auf der fernen Wacht. —— So träumt der Zeitungsleſer auf ſeinem Lehnſtuhle, trinkt dazu ſeinen Kaffee und ſieht behaglich durch's Fenſter, wie draußen der Wind die herbſtlichen, gelb und roth gefärbten Blätter von den Bäumen ſchüttelt und in weiten und engen Kreiſen auf den Boden niederwirbelt. Darauf denkt er noch einmal an ſeine Lecture und ſeufzt gelinde, daß er leider zu weit entfernt vom Schauplatze der Manöver wohnt, und daß er ſelbſt nie Soldat geweſen, um all' die Marſch⸗, Einquartierungs⸗ und Bivouaksfreuden mitgenießen zu kön⸗ nen.— Er trommelt mit den Fingern auf dem Tiſche, wie er es auf der Wachtparade gehört,— tum— tum— tumtum— tumtum — bidibidibum— bidibidibum— tumtum.— Und dann nickt er ein und hält ruhig ſein Mittagsſchläfchen, welches heute ausnahms⸗ weiſe ſo lange dauert, bis die Sonne ſich ſtark abwärts zum Hori⸗ zonte neigt. —— Im Bivonak. Im gleichen Augenblicke iſt einer der Manövertage beendigt, und die⸗Truppen, vom langen Feuern, vielen Marſchiren und Reiten ermü⸗ det und abgeſpannt, treten bataillons⸗ oder ſchwadronsweiſe zuſammen, um die Nacht auf freiem Felde zu bivouakiren. Rings um den Ma⸗ növerplatz liegen ſtattliche Dörfer mit großen Häuſern, aus deren Schornſteinen ſich blauer Rauch leicht emporkräuſelt. Dahin blickt Infanteriſt und Reiter mit einem ſtillen Seufzer, wenn er in einer ſehr verzeihlichen Ideenverbindung an das Feuer denkt, welches dieſen Rauch hervorbringt, ſowie an die vielen guten Sachen, die auf eben dieſem Feuer jetzt ſchmoren und ſieden mögen, und er befiehlt weh⸗ müthig den grauleinenen Beutel an ſeiner Seite, worin ſich vielleicht ein Stück hartes Brod befindet oder der Zipfel einer Wurſt, die trau⸗ rigen Ueberbleibſel des Frühſtücks von heute Morgen. Ueber die Hochebene, wo das Armeekorps campiren wird, ſtreift ein kühler, herbſtlicher Wind, der unangenehm durch Mantel und Col⸗ let dringt, und der ſelbſt die Pferde froſtig berührt, denn ſie ſchaudern leiſe unter dem Sattel und den Geſchirren, ziehen melancholiſch ihre Schweife ein und laſſen die Köpfe hängen. Wer nicht gerade auf „Vorpoſten kommt, ſattelt ab oder ſchirrt aus; Pflöcke werden in den Boden geſchlagen, die Fouragierleinen herumgezogen, die Pferde daran gebunden, man hängt ihnen die Futterbeutel um, die Infanterie legt ihre Torniſter ab, die Artillerie ſpannt die Geſchütze aus, und wer von der Mannſchaft nicht mit einem der vielen Dienſte, die es im Bivouak gibt, bedacht wurde, ſucht ſeine Kameraden auf, und dann liegen ſie in Gruppen bei einander, meiſtens bäuchlings auf der kalten Erde, ſtützen den Kopf auf die Ellenbogen und ſprechen von zu Hauſe, von der angenehmen Kaſerne mit ihren warmen Zimmern und guten Betten, und machen es nun, nur auf umgekehrte Art, gerade ſo wie unſer Zeitungsleſer. Auf der dämmerigen Haide träumt man ſo gern von einer angenehmen Wohnung, von einem behaglichen Lehnſtuhl, von einem guten Kaffee mit Cigarre oder Pfeife. 3 Der Himmel hat ſich unterdeſſen dicht bezogen und der ſtärker 58 Im Bivonak. werdende Wind finſtere Wolken zuſammengeweht; rings iſt es dunkel und trübe, nur dort, wo die Sonne unterging, bemerkt man einen ſchwefelgelben Streifen, der aber ſchläfrig genug ausſieht und eben im Begriffe zu ſtehen ſcheint, der Erde verdrießlich gute Nacht zu ſagen, indem er ſich langſam eine graue Wolkenſchlafmütze über die Ohren zieht. Dazu pfeift der Wind in allen möglichen Tonarten, und ein⸗ zelne ſchwere Regentropfen klatſchten in die aufwärts ſchauenden Geſichter. Wenn ſich ein Bivouak nicht zu dicht vor dem Feinde befindet, ſo iſt es wohl erlaubt, Feuer anzuzünden, vorausgeſetzt, daß man Brennmaterial hat, und der Wind nicht zu heftig über die Haide fegt. Von beiden, Holz und Wind, war aber hier zu wenig und zu viel vorhanden, weßhalb man nur hie und da ſchwache Verſuche eines Feuers ſah, über welches aber alſobald der ſtarke Luftzug mit kalter Hand ſtrich, als wollte er ſagen: macht euch keine vergebliche Mühe, wobei er die glühenden Kohlen weit über das Feld dahinjagte. In dieſer Nacht war eigentlich nur ein einziges reſpektables Feuer ſichtbar, und das brannte etwas weiter draußen vor dem Bivouak bei den Vorpoſten, das heißt, beim Commandeur eines Theiles derſelben, einem Infanterielieutenant, zu dem ſich aber und eben dieſes behag⸗ lichen Feuers wegen einige Kameraden von der Kavallerie und Ar⸗ tillerie zu Gaſt eingefunden hatten, die nun hier in einem wirklich beneidenswerthen Winkel beiſammen ſaßen.— Hätte den der Zeitungs⸗ leſer geſehen, ſo würde er ſich augenblicklich bei irgend einem Infan⸗ terieregimente anwerben laſſen. Die Vorpoſten ſtanden gegen den eingebildeten Feind in einem ziemlich weiten Kreiſe um das Bivouak dort hinten, wo ſich das Terrain zu einigen Hügeln erhebt, um dahinter ziemlich ſchroff gegen ein tiefes Thal und einen Fluß abzufallen. Bei der zweifelhaften Helle der Nacht ſah man ſie dort droben ſtehen, das Gewehr im Arm, ſo gut wie möglich abgekehrt vom Winde, die Schultern hoch emporge⸗ zogen, fröſtelnd und ſeufzend und ſich faſt gegen die ſtarke Luftſtrömung anſtemmend, die oftmals that, als wolle ſie die da oben hinabblaſen. Im Bivouak. 59 Das Feuer, von dem wir vorhin ſprachen, befand ſich natür⸗ licher Weiſe dieſſeits der Vorpoſten, und hatte es der commandirende Lieutenant in einem außerordentlich ſchönen und angenehmen Sand⸗ bruche anzünden laſſen; die Wände dieſes Sandbruches ſchützten voll⸗ kommen vor dem Wind, oben auf der Höhe deſſelben wuchs einiges überhängendes Geſträuch, welches die Regentropfen abhielt, und da⸗ durch war es hier unten ſo behaglich, wie in einem Salon. Von der Kälte ſpürte man nichts, in den Feldflaſchen und Brodbeuteln fand ſich auch noch Einiges vor, und ſo ſaßen hier die Offiziere bei einan⸗ der, freuten ſich ihres Lebens, rauchten, plauderten über dies und das, oder betrachteten die ſteile, gelblichweiße Sandwand, hinter der ſie ſaßen, und auf welcher der Schein des Feuers allerlei ſeltſame Fi⸗ guren zeichnete. „Man mag ſagen, was man will,“ meinte ein Offizier von den Huſaren,„man kann es hier unſerem Kameraden von der Infanterie nicht abſprechen, daß er ſeinen Lagerplatz mit großer Gewandtheit und vielem Glücke aufgeſucht und gefunden.“ „Dafür iſt er auch berühmt,“ ſagte ein anderer von der Infan⸗ terie,„nämlich gute Lagerplätze zu finden, oder in einem Dorfe die beſten Häuſer.“ „Das heißt wohl die beſten Stuben, die beſte Verpflegung und die ſchönſten Mädchen. Ja, darin hat er ein ausſchweifendes Glück.“ Der alſo Belobte lächelte freundlich in ſich hinein und ſtrich ſei⸗ nen Schnurrbart, ehe er entgegnete:„Ich kann mir das nicht als Verdienſt anrechnen, ich möchte es eher ein gewiſſes Ahnungsvermögen nennen, wenn ihr wollt, einen gewiſſen Inſtinkt, der mich immer zu einem gutbeſetzten Herde und ein paar friſchen rothen Wangen führt.“ „Es kommt auch viel darauf an, in welchem Theile des Landes man iſt,“ ſprach ein Artillerieoffizier;„hier herum hat es ſich leicht, gute Quartiere zu finden, aber kommt einmal da hinten an den Rhein, in den Eſchen Wald. Soll mich der Teufel holen, da lernt man— den Herrn erkennen; Morgens eine Zwiebelſuppe, Mittags Kartoffel 60 Im Bivonak. mit ſaurer Milch und Abends waſchen ſie die Ofenplatte ab, und machen, da ſie keine Pfannen haben, auf derſelben eine Art von Ku⸗ chen, daß Einem die Haare zu Berge ſtehen.— Brrr!“ Der Infanterieoffizier lächelte ſo pfiffig in ſich hinein, daß ihn der Huſar nothwendig fragen mußte, ob dem wirklich ſo ſei, und ob er es dort nicht ganz anders gefunden. Worauf Jener die Augenbrauen in die Höhe zog und mit der Zunge ſchnalzte, als wollte er ſagen: das waren mir ſelige Tage. „Nein, nein,“ fuhr der Artillerieoffizier fort,„vor der Gegend habe ich allen Reſpekt; wir ſind ſchon ſeit mehreren Jahren dort ge⸗ weſen, aber es wird immer ſchlechter.“ „Das iſt in der Nähe von B.?“ fragte ein Dragoneroffizier, der bis jetzt aufmerkſam zugelauſcht, und aus einer kurzen Meerſchaum⸗ pfeife rauchte und gedankenvoll in das Feuer blickte. „Richtig— in der Nähe von B.; wir hielten uns begreiflicher Weiſe mit unſeren Geſchützen meiſtens in der Ebene auf; aber in dem Gebirge und den Wald hinauf ſoll es noch viel ſchlechter ſein.“ „Dicht bei B.,“ ſprach lächelnd der Dragoner,„liegt ein altes Kloſter.“ „Ganz recht,“ erwiderte der Artilleriſt,„ein Nonnenkloſter, aber es iſt verlaſſen. Die Güter werden von einem Bauern verwaltet, der in einem Theile des weitläufigen Gebäudes wohnt. „So iſt's,“ verſetzte der Andere.„Ich paſſirte einmal mit der halben Schwadron durch und gerade in dieſem ehemaligen Nonnen⸗ kloſter wurden wir einquartiert.— Es war ein ſchöner Herbſttag, und das abgefallene Laub, die gelben, braunen und rothen Blätter zierten recht hübſch den melancholiſchen, verwilderten Kloſtergarten; es war das eigentlich ein poetiſcher Winkel mit ſeinen verwahrlosten Wegen, herabgeſtürzten Figuren und den auf den Boden niederhän⸗ genden Zweigen ſehr großer Trauerweiden, unter denen ſich kleine bemooste Ruhebänke befanden.“ „Ich kenne ihn,“ entgegnete der Artilleriſt,„lag oft in der Nähe, Im Bivonak. 61 und ging dann häufig um das Kloſter hernm ſpazieren; es iſt ein altes, melancholiſches Gebäude.“ „Mir paſſirte dort einmal was Sonderbares,“ ſprach lächelnd der Dragoneroffizier,„eigentlich an ſich ganz unbedeutend— etwas wie eine Geſpenſtergeſchichte.“ „Ah! das müſſen wir hören!“ rief der Hauptmann von der In⸗ fanterie.„So was laſſe ich mir gern am Wachtfeuer erzählen; in der freien Natur höre ich es lieber, als zu Hauſe in den ſtillen vier Wänden.— Iſt die Geſchichte ſehr gruſelich?“ „Ganz und gar nicht, auch iſt der Schluß ſehr verſöhnend.“ „Halt einen Augenblick!“ rief der wachthabende Offizier, wobei er die Hand über die Augen hielt,„dort ſehe ich etwas auf uns zu⸗ kommen, gewiß eine Meldung von den Vorpoſten; wir wollen das eher abfertigen, damit wir die Geſpenſtergeſchichte ruhig genießen können.— Hieher!— was ſoll's?“ Der Angerufene, ein Infanteriſt mit Ober⸗ und Untergewehr und übergehängtem Mantel, trat nun in den Lichtkreis des Feuers, und ſein Anblick rief auf den Geſichtern ſämmtlicher Offiziere ein leichtes Lächeln hervor. Er mußte irgendwo in eine Lehmgrube gefallen ſein, denn Mantel, Hoſe, Lederzeug und das halbe Geſicht hatten einen gelblichen Ueberzug; dazu hatte der Burſche ſeinen Helm ungebührlich weit auf dem Hinterkopfe hängen; was ſeinem beſtürzten Geſichte einen noch troſtloſeren Ausdruck gab.— Er meldete, daß die feindliche Vorpoſtenkavallerie dicht an die dieſſeitige Poſtenkette geplänkelt, ſich aber bald darauf wieder zurückgezogen hätte. „Donnerwetter!“ ſprach einigermaßen entrüſtet der wachthabende Offizier,„Kerl, du ſiehſt ja aus wie eine Vogelſcheuche.— Haſt du die feindlichen Vorpoſten geſehen?“ „Zu Befehl, ja, Herr Lieutenant.“ „Und haben ſie dich auch geſehen?“ „Zu Befehl, Herr Lieutenant.“ „Siehſt du, das iſt ſehr gut, darauf kannſt du dir was einbil⸗ 62 Im Bivonak. den. Da ſind ſie unfehlbar vor dir davon gelaufen, denn wenn ſie einen ſolchen Schmierfink geſehen, wie du biſt, da haben ſie geglaubt, hier bei uns ſeien keine Soldaten, ſondern lauter Waldteufel.“ „Der Herr Lieutenant werden verzeihen, aber ich bin nur in der Dunkelheit ein Bischen in den Dreck gefallen.“ „Schön, ſchön, das kann dir Niemand verbieten; aber melde dem Unteroffizier, er ſoll dich eine Stunde lang auf die Höhe ſtellen; weißt du, zur Abwehr für die feindlichen Vorpoſten, und damit der Schmutz an dir vom Winde wieder trocken wird.— Abmarſchirt!— Verzeihen Sie,“ wandte er ſich hierauf an die Kameraden,„dieſe Unterbrechung; jetzt werden wir eben eine Zeitlang ungeſtört ſein.“ „Alſo die Geſpenſtergeſchichte,“ ſagte der Artillerieoffizier. „Ihr ſtellt euch eigentlich mehr vor als es iſt,“ lächelte der Dragoner.„Es iſt nichts mehr als das Zuſammentreffen eigenthüm⸗ licher Umſtände.— Wir wurden alſo in das alte Kloſter einquartiert; mir hatte man das Zimmer der Aebtiſſin angewieſen, ein großes, faſt leeres und ſehr kahles Gemach, mit weiß getünchten Wänden, an der Decke ſchwere Stukkaturarbeiten, die ein ganz ſchwarz gewordenes Bild einrahmten. Das ganze Ameublement beſtand aus einem ſehr geringen Bette und zwei Stühlen, der eine neben dieſem meinem Lager, der andere auf der gegenüber liegenden Seite des Zimmers zunächſt der Thüre. „Wir hatten einen ſtarken Marſch gemacht, ich war müde, lang⸗ weilig war es zum Sterben in dem Neſt, kurz, ich legte mich früh⸗ zeitig zu Bett und entſchlief baldigſt. So mochte ich einige Stunden gelegen ſein, als ich erwachte, ſei es an einem Traume, einem Ge⸗ räuſche, das wußte ich ſelbſt nicht,— kurz, ich fühle, daß mich der Schlaf gänzlich verlaſſen, ich reibe meine Augen und ſchaue an die Decke empor. Vor dem einzigen, aber ſehr großen Fenſter des Zim⸗ mers ſtand ein dichtbelaubter Baum, durch deſſen Zweige gedämpft das Mondlicht herein ſiel, aber nur eine ſehr zweifelhafte Helle gab. — Schon bin ich im Begriff, mich wieder auf die Seite zu werfen, * Im Bivoual. 63 und abermals einzuſchlafen, als meine Blicke zufällig auf den am Abend vorher ganz leeren Stuhl fallen, der, wie ich auch ſagte, an der Thür ſtand———— Was ſehe ich? der Stuhl iſt nicht mehr leer, ſondern auf ihm ſitzt eine Geſtalt, die mich unverwandt zu be⸗ trachten ſcheint.“ „Ah!“ machten die Offiziere. „Eine Geſtalt,“ fuhr der Erzähler fort,„und als ich ſchärfer hinblicke, erkenne ich deutlich die Figur einer Nonne, ein fahles Ge⸗ ſicht unter dem vorſpringenden dunklen Kopftuche, weiß bekleidete Arme, deren Hände ſie gefaltet auf dem Schooße hält, unten ein weites dunkles Gewand, das bis auf den Boden niederfällt.——— — Daß ich in meinem Bette mich haſtig emporrichtete, könnt ihr mir glauben; auch will ich geſtehen, daß ich nach meinem Säbel griff, der neben mir an dem Bette lehnte.— Dann rief ich die ſeltſame Erſcheinung vor mir mit lauter Stimme an.— Halt! wer da?— Keine Antwort; nichts regte ſich an ihr.— Nochmals: halt!— wer da? Regungslos wie vorher, und ſtarrt mich an.———— Jetzt ſpringe ich einigermaßen beunruhigt aus dem Bett, ſtürze auf die Geſtalt los und—“ „Sie verſchwindet!“ rief erwartungsvoll der Artillerieoffizier. „Im Gegentheil! ſie bleibt ruhig ſitzen und läßt mich dicht her⸗ ankommen.“ „Es war die geſpenſtige Aebtiſſin?“ fragte der Hauptmann nach einem tiefen Athemzuge. „Nein, die war es nicht,“ fuhr der Dragoneroffizier nach einer Pauſe fort,„ſondern es war— mein Sattelzeug, das mein Burſche, während ich ſchlief, dort aufgeſchichtet hatte.“ „Ahl das endet zu proſaiſch!“ rief der Huſar. „Ich gebe das zu,“ ſagte der Erzähler,„aber die Ueberraſchung hatte ich weg, und das Ding war ſo täuſchend, daß, als ich es nun in der Nähe beſehen und wieder mehrere Schritte zurücktrat, ich dar⸗ auf geſchworen hätte, es ſei die Geſtalt einer Nonne.— Auf dem 64 Im Bivonak. Stuhle lag mein Sattel, darüber hing der Mantel auf den Boden hinab, das war das dunkle faltige Gewand, das weiße Lederzeug der Cartouche, die darüber hing, bildete die beiden Arme, der Helm das fahle Geſicht, und meine Satteldecke das ſchwarze Kopftuch.— Ich verſichere euch, das Ding ſtellte ſich ſo natürlich dar, daß ich es nicht unterlaſſen konnte, die Geſtalt zu derangiren, indem ich die einzelnen Stücke auf den Boden legte. Ich hätte wahrhaftig nicht mehr ein⸗ ſchlafen können.“ „Die Geſchichte iſt gut,“ ſprach der Hauptmann von der Infan⸗ terie,„und ich höre dergleichen gern, aber es muß vor allen Dingen ein vernünftiger Ausgang dabei ſein. Wenn man ſo im Zweifel bleibt, ob ſo eine Sache natürlich oder unnatürlich iſt, das mag ich nun gar nicht leiden.“ „Und für letztere Sachen iſt das Kloſter bei B. eigentlich wie gemacht,“ meinte nach einer längeren Pauſe der wachthabende Lieute⸗ nant;„die langen finſteren Gänge, die öden Zimmer, der verwilderte Garten,— ich bin immer gern ohne Aufenthalt daran vorbei mar⸗ ſchirt, meinen Bergen zu, dem E.'ſchen Walde, von dem der Herr Kamerad von der Artillerie wahrhaftig unverdienter Weiſe nichts Gutes geſprochen.“ „Nehmen Sie mir nicht übel,“ erwiderte dieſer,„die Quartiere da ſind ſcheußlich.“ „Im Thale,— drunten, Herr Kamerad, wo Sie mit ihren ſchweren Geſchützen bleiben; aber droben auf den Bergen, da gibt es, wie der unſterbliche Schiller ſagt, Freiheit und— mitunter recht gute Quartiere.— Aber,“ ſetzte er pfiffig lächelnd hinzu,„man muß ſie zu finden wiſſen.“ „Und das iſt, wie geſagt, ſeine Force,“ ſprach lächelnd der Hauptmann von der Infanterie. „Ja, ich habe Glück darin,“ entgegnete der Andere.„Doch, da fällt mir eben eine Geſchichte ein, die mir einſtmals da droben paſſirte, Im Bivouak. 65 eine Geſchichte, wie man glaubt, daß ſie nur in Italien oder Spanien vorkommen könnte.“ „Alſo am Ende gar eine Räubergeſchichte!“ „Etwas dergleichen, und wenn es euch nicht langweilt, ſo will ich mich darauf beſinnen.“ „Erzählen— erzählen!“ „Nun gut.— Unſer Regiment kam alſo da herum ins Quartier; ein paar Bataillone in die Ebene, auch das Kloſter erhielt ſeinen Theil; wir Füſiliere mußten in die Berge hinaufklettern. Die erſte und zweite Compagnie blieb weiter unten an den Abhängen, die unſrige ſtieg immer höher. Endlich erreichten auch wir die einzelnen Häuſer, wo wir einquartiert wurden; es waren das mitunter ſchauer⸗ liche Spelunken. Begreiflicher Weiſe hatte ich meine Erkundigungen eingezogen, und man ſagte mir, noch weiter da droben, ziemlich weit im Walde, wohne ein wohlhabender Holzhändler, bei dem es recht ordentlich wäre; er wurde zwar als ein etwas verdrießlicher Herr ge⸗ ſchildert, der neben dem Holzhandel auch gern ein Bischen Wilddieberei treibe. Da war alſo ein guter Rehziemer zu finden, und eine recht hübſche Tochter ſollte er auch haben.— Alſo dahin dirigirte ich mich mit meinem Burſchen; wir kommen an, und wurden von Herr und Madame mit ziemlich ſaurem Geſicht empfangen. Das Haus war ſo — ſo, und ich erhielt eines der beſten Zimmer, was auch nicht viel ſagen wollte; doch war das Bett gut, und ſogar mit großen Vor⸗ hängen von dunklem Kattun umgeben, die bis oben an die Decke reichten. Es war das Gaſtgemach und wurde ſonſt nicht benutzt. Das Nacht⸗ eſſen war leidlich, obgleich es mit dem Rehziemer nichts war, wogegen die Tochter des Holzhändlers meine Erwartungen vollkommen über⸗ traf. Denkt euch ein hübſches, friſches und munteres Ding, das gern lachte und noch nicht ſo blaſirt war, daß ſie an den Aufmerkſamkeiten eines Infanterieoffiziers keinen Geſchmack mehr gefunden hätte.— Donnerwetter! ich machte ihr die Cour nach allen Regeln, was ihr Hacklaͤnders Werke. XXVI, 5 4 ——— 4 5—— ————— —— 66 Im Bivonak. auch zu gefallen ſchien, nicht aber ſo der Mutter und dem Vater, denn der Letztere erklärte mir am andern Tage, ich möchte das gefälligſt unterwegs laſſen, ſein Mädel gehöre nicht mit zum Quartier.“ „Aber da gingt ihr erſt recht dahinter,“ ſagte lächelnd der Huſar. „Ob!“ fuhr der Erzähler fort,„aber ich hatte kein rechtes Glück; ſo oft ich dem Mädchen ein paar ſüße Worte zuflüſterte, führte der Teufel immer die Mutter oder gar den alten Holzhändler hinzu. Ja am Abend des zweiten Tages, als ich ihr nach gelindem Sträuben, den erſten Kuß applicirte, tritt der Papa dazwiſchen, führt ſie am Arme hinweg, hält ihr im Nebenzimmer eine eindringliche Strafpre⸗ digt und ſagte am Schluß:— das vernahm ich nämlich— und was den Lieutenant anbetrifft, mit dem will ich ſchon fertig werden, der ſoll mir keinen Verſuch mehr machen, die Mädels auf dem E.'ſchen Walde zu küſſen. „Nun war der Holzhändler ein großer, hagerer Mann, kräftig und muskulös, hatte ein eingefallenes finſteres Geſicht, ſchwarzes, ſtrup⸗ piges Haar, kurz eine wahre Banditenphyſiognomie, der man alles Mögliche zutrauen konnte. In der rechten Hoſentaſche trug er in einer Scheide beſtändig ein langes, breites und ſcharf geſchliffenes Meſſer, mit dem er ſein Brod zu ſchneiden pflegte.— Madame dagegen war ein kleines breites Weibsbild, auf deren verwitterten Zügen beſtändig ein unangenehmes Lächeln lag. „Ueber die Drohung des Holzhändlers lachte ich natürlicher Weiſe und ging heiter und guter Dinge zu Bette. Mein Burſche ſchlief in einem ſeitwärts ſtehenden Schuppen, welcher an dem Abende von dem Holzhändler eigenhändig zugeſchloſſen wurde, worüber ich mir indeſſen weiter keine Gedanken machte. „Ich ging alſo zu Bett und ſchlief in kurzer Zeit ein. Mochte auch gerade wie unſer Kamerad von den Dragonern drunten im Kloſter einige Stunden geſchlafen haben, als ich erwachte, aber nicht an einem Traume, ſondern an einem Geräuſche, welches ich deutlich vernahm. Aufmerkſam lauſchte ich, ohne mich zu rühren, und ſah zu meiner Im Bivonak. 67 großen Ueberraſchung wie meine Stubenthür äußerſt behutſam geöffnet wurde, worauf zuerſt die Frau des Holzhändlers ins Zimmer ſchlich und dann dieſer ſelbſt leiſe folgte. Sie trug eine kleine Blendlaterne, aber ſo, daß der Schein auf ihr Geſicht fiel, ich dagegen vollkommen im Schatten blieb. War ihr lächelndes Geſicht ſchon bei Tag unan⸗ genehm, ſo ſah es jetzt in der That abſchreckend aus; dabei glänzten ihre Augen, ihre Unterlippe hatte ſie vorgeſchoben und man ſah ihre gelben Zähne. Er hatte den Mund zuſammengekniffen, die Augen weit aufgeriſſen, und ſein ſchwarzes Haar flog wild um den Kopf, kurz, ich verſichere euch, die Beiden ſahen aus, wie ein paar Leute, die ge⸗ rade im Begriff ſind, ein fürchterliches Verbrechen zu begehen. „Was ſollte ich thun? Ich lag entkleidet in meinem Bette, mein Degen lehnte in der Ecke an der Thür, alſo war ich gänzlich wehrlos. — Schließe die Augen, dachte ich, vielleicht wenn ſie dich ſo ruhig ſchlafen ſehen, ſo ändern ſie ihren blutigen Vorſatz. Denn ich muß geſtehen, ſo etwas ſchwebte mir vor. Was konnte es mir auch nützen, wenn ich in dieſem Augenblicke aufſprang?— Ich lag alſo ruhig und beobachtete. „Als ſie nun näher ſchlichen, bemerkte ich, daß der Mann ein großes Meſſer offen in der Hand trug, das Weib drehte ein klein wenig ihre Laterne, ſo daß der Lichtſchein auf mich fiel; dann ſagte ſie: er ſchläft.— Und du meinſt nicht, daß er aufwachen wird? fragte der Holzhändler mit weit vorgeſtrecktem Halſe.— Gewiß nicht, ent⸗ gegnete ſie, und ſetzte mit einem wahrhaft teufliſchen Lächeln hinzu: Schneide nur geſchwind und tief, dann iſt die Sache ſogleich abgemacht. „Es geht dir um den Hals, dachte ich nun alles Ernſtes, denn ſie ſchlichen leiſe auf den Strümpfen näher.— Jetzt ſtanden ſie dicht vor meinem Bette; das Weib hielt ſich noch etwas zurück und er trat ſo dicht an mich heran, daß mich die Jacke, die er trug, faſt berührte. Ich will eingeſtehen, daß mir in dieſem Augenblick zu Muthe war, als hätte ich einen ſehr ſtarken Camillenthee getrunken; er beugte ſich über mich hin, ſtreckte ſich lang aus und hob ſein Meſſer. Zu gleicher 68 Im Bivonak. Zeit blickte er auf mich nieder, und der Unmenſch ſagte mit einem fürchterlichen Lächeln: es wäre wirklich komiſch, wenn er jetzt erwachen würde.“ 3 „Na, nehmen Sie mir nicht übel, Herr Kamerad,“ meinte der Artillerieoffizier;„da wäre der Teufel ruhig liegen geblieben. Ich wäre ſchon früher ans Fenſter gelaufen und hätte Lärmen gemacht; daß man Sie nicht ermordet hat, ſehen wir, aber man rückt den Leuten doch auch nicht ſo nächtlicher Weiſe mit blankem Meſſer auf den Leib.“ „Mein Hilferuf würde mir gar nichts genützt haben,“ entgegnete der Erzähler,—„wir wohnten da oben ganz allein. Doch können Sie ſich denken, daß ich mich auf einen verzweifelten Kampf in der nächſten Minute gefaßt machte. Zu wohlfeil ſollte er mein Leben nicht haben. „Das Weib hob alſo ihre Laterne und ſagte flüſternd: So mach' doch vorwärts! ſchneide tief und geſchwind.— Der entſcheidende Mo⸗ ment war gekommen; der Holzhändler ſtreckte ſich noch länger aus als vorher, öffnete ſeine linke Fauſt, um mich ergreifen zu können, und hob die rechte mit dem Meſſer noch höher.— Ich hätte bald darauf ein todter Mann ſein können; doch beſchloß es der Himmel anders, denn gerade als ich dachte: nun wird er zuſtoßen oder dir deinen Hals abſchneiden, langte er oben hin zwiſchen die Kattunvorhänge des Bet⸗ tes und trennte von einem anſehnlichen Stück Speck, das dort hing, ein großes Stück herunter. Daß ich tief aufathmete, könnt ihr mir auf Ehre glauben, und zwar ſo tief, daß der Holzhändler und ſein Weib erſchrocken auf mich blickten und darauf eilig aber leiſe das Zim⸗ mer wieder verließen.“ „Ah!“ ſagte der Hauptmann von der Infanterie,„den Ausgang hätte ich mir doch ein Bischen ſchärfer gewünſcht, vielleicht etwas Kampf oder eine rührende Rede Ihrerſeits.— Aber nur ein Stück Speck!“ „Es iſt das wenigſtens kein trockenes Ende,“ verſetzte lachend der Erzähler;„ich konnte die Geſchichte lange nicht vergeſſen, und kam, was die Holzhändlerstochter anbelangt, nicht mehr ins rechte Courmachen Im Bivonuak. 69 hinein.—— Aber was iſt das?“ unterbrach er ſich plötzlich, indem er aufſprang,„wird dort nicht geſchoſſen?“ „Ja wohl, ja wohl!“ rief der Hauptmann von der Infanterie. „Die Vorpoſten müſſen irgendwo an einander gerathen ſein, oder allar⸗ mirt der General von B. unſern Bivouak. Der Herr hat bei Tag und Nacht keine Ruhe.“ „Ihr Herren an die Pferde!“ ſagte der Dragoneroffizier, indem er eilfertig ſeine Meerſchaumpfeife einſteckte. Ich höre unſern Trom⸗ peter, der den Verſuch macht, ob er einen Ton herausbringen könne. — Gute Nacht!“ „Eigentlich guten Morgen,“ rief der wachhabende Offizier. Und dann ſprang er haſtig die Anhöhe hinauf, wo die Vorpoſten ſtanden. Wenige Augenblicke nachher war das lodernde Feuer verlaſſen und die Flammen zuckten ungewiß hin und her, nur noch den Sand⸗ ſteinfelſen beleuchtend; bald aber, da Niemand mehr Holz nachlegte, wurden ſie ſchwächer und immer ſchwächer, ſanken zuletzt in ſich zu⸗ ſammen, und das Feuer bildete kurze Zeit nachher nur noch einen klei⸗ nen Haufen langſam verglimmender Kohlen. Die erſte Wache. 4 ———— Die erſte Wache. Eine etwas unheimliche Geſchichte, denn ſie handelt von Selbſtmördern und Geſpenſtern. Als ich dazumal zur Batterie kam— es iſt ſchon eine geraume Zeit her und ich war noch ein blutjunger Burſche, hatte Empfehlungen von meinem Alten ſelig an den Kapitän, die Beiden ſtanden in mir unbekannten Beziehungen zu einander— da wurde ich recht gut auf⸗ genommen, lernte auch bald das Exerciren, und als ich damit fertig war, commandirte mich der Hauptmann, da ich eine ſaubere Hand ſchrieb, zum Feldwebel und darauf wurde ich Batterieſchreiber und hatte das beſte Leben von der Welt. In jener Zeit war auch die ganze Brigade mobil, und die zwölf⸗ pfündige Batterie, der ich die Chre hatte anzugehören, lag mit ihren vielen beſpannten Fahrzeugen, mit ihren Granat⸗, Kartätſchen⸗ und Kugelwagen, mit Bagagekarren und Feldſchmide in acht Dörfern und Höfen zerſtreut und der Stab, d. h. der Kapitän, der erſte Lieutenant, Feldwebel, Doktor, Kurſchmid und ich hatten unſer Quartier in einem bedeutenden Bauernhofe, ganz in der Nähe der eben erwähnten acht Orte. Es war das für mich ein ungeheuer angenehmes Leben, und des Morgens früh, wenn die Anderen in Hitze und Staub zum Exerciren hinaus mußten, trank ich meinen Kaffee im Garten und ging darauf 74 Die erſte Wache. wohlgemuth in die Schreibſtube— ein angenehmes, ſchattiges Plätz⸗ chen. Ach! an dies Zimmer denke ich noch mit Vergnügen. Es hatte kleine Fenſter, vor denſelben befand ſich dichtes Rebenlaub, das nur hie und da einen zitternden Sonnenſtrahl hereinließ. Mitten im Zim⸗ mer ſaß der Feldwebel und ich, und ich müßte lügen, wenn ich ſagen wollte, wir hätten uns zu Tode gearbeitet. Namentlich aber der Feld⸗ webel. Das war ein ſehr dicker Mann, und wenn es ſo recht heiß war, ſo hielt er ſich am liebſten in der Ecke des alten Lederſophas auf, das in der Schreibſtube ſtand. Da blies er die Hitze von ſich, wedelte mit ſeinem Taſchentuche und verſicherte, im Sommer ſei es ihm ab⸗ ſolut unmöglich, viel zu thun. Unſer Batterie⸗Chef war der Hauptmann H— Gott hab' ihn ſelig, er iſt jetzt todt— ein großer, magerer Mann mit einem langen, blonden Schnurrbart, deſſen Enden horizontal von ſeinem Geſichte ab⸗ ſtanden und ihm ein böſes, martialiſches Anſehen gaben. Aber er war die gute Stunde ſelbſt, viel zu ſanft für dieſe Welt. Fluchen konnte er gar nicht, und das war ſein Unglück, denn wie ſoll man mit den Kerls von einer zwölfpfündigen Batterie fertig werden, ohne jeden Tag ein paar Dutzend Millionentauſend Schock Donnerwetter loszulaſſen? Doch bei uns wurde das Gleichgewicht durch den erſten Lieutenant hergeſtellt; denn was der Hauptmann in dieſem Punkt zu wenig that, das that dieſer zu viel. Und ein ſtrenges Regiment war unbedingt nothwendig. Denn wenn man damals den Leuten nicht die Fauſt aufs Auge hielt, ſo waren ſie aus Rand und Band. Und wie ſollte man ſie beſtrafen? Ein ſolides Arreſtlokal gab's gar nicht, in einem der Dörfer war freilich ſo ein Ding, aber es gehörte einem Bäcker, der zugleich eine Wirthſchaft hatte, und da wurde von den Arreſtanten mehr getrunken, als vor Gott zu verantworten war.. Der erſte Lieutenant, den die ganze Batterie wie das Feuer fürch⸗ tete, hatte ſich nun ſeine eigenen Strafen erfunden. Hie und da ließ er Einen an das Geſchützrad binden, die Arme rückwärts über die Felgen, und das war bei ſo einer Hitze ein artiges Vergnügen. Auch * Die erſte Wache. 75 beſtellte er wohl Einen, der ſich beſonders ſchlecht aufgeführt hatte, zum Rapport in den Stall, und dann ſchloß er die Thüren zu, ſchnallte ſeinen Steigbügelriemen los und was dann weiter geſchah, davon ſprach kein Menſch, weder der Eine noch der Andere; aber die wildeſten Kerls hatten vor dem erſten Lieutenant einen donnermäßigen Reſpekt. Der Bauer, dem der Hof gehörte, wo wir lagen, hatte eine ſehr ſchöne Nichte. Man konnte nichts Lieberes ſehen als das Mädel; doch als wir erſt ein paar Tage im Haus waren, da packte ſie ihre Sachen zuſammen, und ihr Oheim, welcher der Soldatenwirthſchaft nicht traute, wollte ſie zu einem Anverwandten ſchicken, einem Geiſt⸗ lichen, der gerade eine Haushälterin brauchte. Doch redete der erſte Lieutenant ein vernünftiges Wort mit dem Alten, und wir Alle, die wir das muntere Ding wohl leiden konnten, verſprachen uns fein ſäuberlich aufzuführen. Und darauf blieb ſie da. Aber es wäre beſſer geweſen, wenn ſie den Hof verlaſſen hätte! Da war bei der Batterie der Kurſchmid, ein junger, hübſcher Burſche, er hatte auch was gelernt und wollte ſich ſpäter irgendwo als Thierarzt niederlaſſen. Der hatte ein ernſthaftes Auge auf das Mädel geworfen, wovon ich jedoch damals keine Ahnung hatte; denn auch ich machte mich natürlicher Weiſe daran, ihr in allen Ehren die Cour zu ſchneiden. Und dazu hatte ich die allerbeſte Gelegenheit. Der Feldwebel bekümmerte ſich im Allgemeinen um die Weiber gar nicht, und wenn ich recht fleißig für ihn ſchrieb, ſo hatte er auch wieder nichts dagegen, wenn ich manche Stunde zum Fenſter hinaus⸗ lauerte, und mich mit der kleinen Roſa herumneckte. Da ſaß ſie meiſtens unter dem Rebenlaub und beſorgte die Gemüſe für die Küche. Ach! wie konnte man ſo allerliebſt mit ihr necken! Ich warf ſie mit Papierkugeln und ſie mich mit Erbſen, und das trieben wir ſo lange, bis zufälliger Weiſe einmal eins dieſer Geſchoſſe den Feldwebel an ſeine dicke Naſe traf. Dann mußten wir für eine Zeit lang aufhören. Ich muß geſtehen, ich fing an, mich in das Mädchen auf das Heftigſte 76 Die erſte Wache. zu verlieben und hatte die ſolideſten Abſichten. Roſa hatte Vermögen, ihr gehörte ein kleines Bauerngut in der Nähe, das der Onkel für ſie bewirthſchaftete und von dem ſich wohl leben ließ. Was mich allein genirte, das war der Kurſchmid, denn ſo oft er keinen Dienſt hatte, machte er ſich an das Mädchen oder unterhielt ſich mit dem Alten. Das fiel mir nach und nach auf, und ich hatte mir ſchon feſt vorge⸗ nommen, mit ihm einmal darüber zu ſprechen, denn entweder er oder ich mußte das Mädel aufgeben; das war doch natürlich. Ich konnte dabei gerade nicht behaupten, daß ſie mich beſonders bevorzugte, aber ſie bewies mir auch keine Abneigung, wie ſie es dem erſten Lieutenant that, der ſich auch mit ihr zu ſchaffen machte, mehr als gerade nöthig war. Vor dem hatte ſie eine wahre Todesangſt, und wenn er auf ſeinem Rappen wie toll in den Hof ſprengte, was er gar zu gern that, um ſie zu erſchrecken, da lief ſie mit einem lauten Schrei davon und ſah ſich ganz ſchüchtern und ängſtlich nach ihm um. Da kam ich eines Tages dazu, wie der Kurſchmid mit Roſa eine heftige Unterredung hatte. Aha! dachte ich mir, jetzt wird ſie ihm ſchon ſagen, wo er her iſt, und ich bin Hahn im Korbe! Ich ſchlich mich ſachte auf die Seite, und als ich hinter einem dicken Baum ein Bischen vor nach den Beiden ſah, ſo hatte er die Hände gefaltet und ſprach heftig in ſie hinein. Bald blickte er gen Himmel und biß krampfhaft die Lippen aufeinander, bald ſchaute er ihr in die Augen, und endlich faßte er ihre beiden Hände, und ich hörte deutlich wie er ſagte:„Roſa, das wär mein gewiſſer Tod!“ Sie aber hatte den Blick zu Boden geſchlagen, und wenn ich mich nicht täuſchte, ſo fielen ein paar Thränen auf ihr Halstuch. Von der Stunde an ſchlich der Kurſchmid wie eine Katze Tag und Nacht im Hofe umher. Abends, wenn Alles zu Bett ging, war er noch auf, und die erſten Leute, die Morgens um vier Uhr in den Stall gingen, ſahen ihn ſchon wieder, wie er um die Ecke des Gehöf⸗ tes herumkam. Dabei war er, ſonſt ſo luſtig und aufgeräumt, jetzt Die erſte Wache. 77 finſter und mürriſch, gab keinem ein gutes Wort, und wenn er bei Jemand vorbeikam, ſo knirſchte er mit den Zähnen und ballte die Fauſt. Er dauerte mich. Offenbar hatte ihn das Mädchen wegen meiner abgewieſen; ſie hatte ihm geſtanden, daß ſie mich über Alles liebe, und das war er nicht im Stande zu ertragen. Offen und ehrlich, wie ich immer geweſen, ſuchte ich ihn deßhalb eines Abends auf; ich wollte wahrhaftig ſo großmüthig ſein und auf das Mädchen verzichten, wenn er wirklich gute Abſichten auf ſie habe.— Bei mir iſt die Sache zwei⸗ felhaft, dachte ich, du biſt noch ein junger Burſche, kannſt nicht ſobald heirathen. Er aber nimmt nächſtens ſeinen Abſchied, läßt ſich irgendwo als Thierarzt nieder und kann eine Frau brauchen. Ich will edel ſein. Das war ich denn auch. Ich zog ihn alſo bei Seite und ſagte ihm ungefähr, was ich gedacht. Da ſah er mich mit großen Augen an und lachte mir ſchrecklich ins Geſicht.„Ei,“ ſagte er,„alſo auch du liebſt das Mädel? und glaubſt, ich gräme mich, weil ſie dich vor⸗ zieht? Nimm mir nicht übel, aber ihr Schreiber ſeid doch ein ganz eigenthümliches Volk. Was nicht auf eurem Papier ſteht, das ſeht ihr nicht. Gott im Himmel! Du liebſt die Roſa und kannſt heiter und vergnügt ſein bei all' den ſchrecklichen Geſchichten?“ „Was für Geſchichten?“ rief ich erſchreckt. Da faßte er mich bei der Haud und preßte ſie mir zuſammen, daß ich vor Schmerz laut aufſchrie, und ſagte mit tiefer, tonloſer Stimme:„vor meinem Fenſter ſteht ein Baum, und auf dem Baum ſitzt zuweilen ein Vogel und ſingt allerlei Schelmenlieder. Neulich erzählte er mir von einem Mädchen, das einen Liebſten habe, der es gut mit ihr meine, und einen anderen, der ſie betrügen wolle.—— —— Um ſie ließ ſich betrügen.———— Schreiber, du haſt aber nichts davon gemerkt, denn es iſt bis jetzt kein Rapport darüber auf die Kanzlei gekommen.“ 4 „Ah!“ ſagte ich, und ſah ihn groß an, denn ich dachte nicht an⸗ ders, als er ſei ein Bischen verrückt geworden. „Weißt du was,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ich laß: mich * Die erſte Wache. verſetzen und mach' eine große Reiſe. Ich kann das hier nicht aus⸗ halten. Aber ich will dir was ſagen: Weißt du, wo das Schlafzim⸗ mer der Roſa iſt?“ Ich wußte es zufällig. „Nun gut; dem gegenüber iſt unſer Heuboden. Nun laß' dir einmal die Mühe nicht verdrießen, und klettere ein paar Abende nach einander dort hinauf.“ Damit ging er fort und an ſeine Geſchäfte. Gott im Himmel! wie waren mir ſeine Worte auf's Herz gefallen! An dem Tage war ich nicht im Stande, eine ordentliche Zeile zu ſchreiben, und einen Bericht an das Abtheilungs⸗Commando überſchrieb ich:„einem ver⸗ ehrlichen Heuboden“ und erhielt dafür eine unendliche Naſe. Da kam ich einen Tag ſpäter als ſonſt in den Hof hinunter. Ich hatte die Roſa geſtern nicht geſehen, und ich war erfreut darüber, denn wenn ich das liebe, friſche, junge Mädchen ſah und mir einen Sinn in die Worte des Kurſchmids brachte, dann überlief mich ein Schauder von oben bis unten. Aber mit wem konnte ſie eigentlich ſo böſe Geſchichten treiben? Das war mir am unerklärlichſten. Alſo wie ich in den Hof hinunter kam, ſtanden die Kanoniere der Haubitze, welche bei uns lag, auf dem Hofe beiſammen und ſpra⸗ chen eifrig mit einander. Der Geſchützführer und die Bombardiere gingen daneben auf und ab, und der Erſtere ſagte:„Das kann eine böſe Geſchichte werden; ſo zwanzig Jahre Feſtung oder dergleichen, wenn er nicht gar am Ende erſchoſſen wird.“ Da entgegnete einer der Bombardiere:„Es iſt aber noch die Frage, ob der Lieutenant es anzeigt.“. Ich wollte eben auf ſie zutreten, um mich zu erkundigen, worüber ſie eigentlich ſprächen, als der Kurſchmid hinter mir die Treppe herab⸗ kam, die Unteroffiziere grüßte und gleichgültig an den Himmel hinauf ſah. Er hatte, wahrſcheinlich weil es ein Sonntag war, ſeine beſte Uniform angezogen, den Säbel umgeſchnallt und die Feldmütze auf dem Kopfe.— 48 „Iſt denn hier was geſchehen?“ fragte ich ihn.„Die da drüben ſagen von irgend einem Verbrechen, das begangen worden ſei.“ „So, die ſprechen davon?“ entgegnete er mir ruhig.„Ja, in der Welt geſchehen allerhand Sachen. Wer kann es ändern?“ Damit nahm er ſeinen Säbel unter den Arm, grüßte mich freundlich und ſchritt zum Hofe hinaus. Es war, wie geſagt, an einem Sonntag, der Bauer mit ſeiner Familie in der Kirche, der Hauptmann ebenfalls. Endlich kamen ſie zurück, mit ihnen Roſa, friſch und geſund, aber etwas bleich. Ich hatte ſchon gefürchtet, er habe dem Mädel ein Leides gethan, denn er war ſehr zornig auf ſie und von heftiger Gemüthsart. Gleich darauf ging der erſte Lieutenant zum Hauptmann, und dann kam die Ordonnanz und fragte nach dem Kurſchmid. Er war vielleicht in das nächſte Dorf gegangen, wo kranke Pferde waren. Sonntags war der Hof gewöhnlich ſehr ſtill, heute Nachmittag aber ausnahmsweiſe wie ausgeſtorben. Außer der Stallwache war von den Kanonieren Niemand da; die Bedienungsmannſchaften hatte man nach einem der Dörfer beurlaubt, wo Kirchweihe war. Nur die Offiziere waren zurückgeblieben und Roſa, welche wie gewöhnlich unter einem Lindenbaum vor der Schreibſtube ſaß. Sie hatte die Hände gefaltet und ſchaute ſtarr vor ſich hin und ſchrack bei dem lei⸗ ſeſten Geräuſch zuſammen. Oft richtete ſie ihre mit Thränen gefüllten Augen in die Höhe und blickte angelegentlich nach dem Eingang des Hofes, als ob da Jemand kommen ſollte. Wie hatte ſich das Mädchen ſeit ein paar Tagen verändert! Mir that es in der Seele weh, und ich ging hinaus, um mit ihr zu ſpre⸗ chen. Vielleicht ſchloß ſie mir ihr Herz auf und nahm einen guten Rath von mir an. Ich ſetzte mich neben ſie hin, ſprach ſie an; aber ſie gab mir nur ſpärliche Antworten. Ihre Bruſt hob ſich ſchwer athmend, und wenn ſie oftmals iin die Höhe fuhr, ſo wiſchte ſie mit der Hand über die Stirne, auf welcher Schweißtropfen ſtanden, oder ſtrich ihr Haar heftig aus dem Geſicht. Sie ſchien auf's Höchſte beun⸗ Die erſte Wach ruhigt, irgend etwas ihr Herz zu drücken. Es war ein heißer Tag geweſen; wir ſaßen im Schatten, aber um uns herum brannten noch die Strahlen der untergehenden Sonne. Zahlloſe Mücken ſummten in den Blüthen der Linde. Da kam ein kleiner Bauernjunge athemlos zum offenen Eingang des Hofes hereingelaufen, und als er mich ſah, ſtürzte er auf mich zu, ſchnappte nach Luft und ſchluckte heftig.—„Da! da!“ rief er endlich,„geht hinaus— draußen auf dem Kirchhof— hinter dem Thor— da liegt der Schmid eurer Batterie— er hat ſich erſchoſ⸗ ſen!———— Das Mädchen neben mir war zitternd aufgeſprungen, und als der Bube ſo geſprochen, ſchauderte ſie zuſammen und ſank mit einem leiſen Schrei nieder. Ich fing ſie in meinen Armen auf. Weiß nicht, wie es kam, aber es dauerte eine Zeit lang, bis ſie ſich wieder erholte, und als ich ſie darauf aus meinem Arm laſſen und an einen Baum lehnen wollte, blickte ich an den Fenſtern in die Höhe, ob nicht Jemand da ſei, den ich zur Hülfe herbeirufen könnte. Richtig! da lag auch Jemand im Fenſter und blickte hohnlachend auf uns herab. Es war der erſte Lieutenant, und der rief mir zu:„Ei, ei, das iſt'ne allerliebſte Gruppe! Der Herr Batterieſchreiber machen ſeine Cour recht öffentlich.“ Kaum hatte er aber dieſe Worte geſprochen, ſo ſprang Roſa mit einem lauten Schrei empor, ſtreckte ihre Hände wie beſchwörend oder drohend in die Höhe und ſtürzte ins Haus. „Was hat denn das Mädchen?“ rief der Lieutenant. „O, ſie iſt ein wenig alterirt!“ entgegnete ich ihm.„Draußen auf dem Kirchhof liegt der Kurſchmid erſchoſſen; er hat es ſelbſt gethan.“ „Der Teufel!“ rief der Offizier beſtürzt.——„Unbegreiflich!“ „Vielleicht auch begreiflich!“ entgegnete ich ihm lauter, als gerade nothwendig war. Und auf das hin fuhr er mit dem Kopf zurück und kam eiligſt zu mir herab in den Hof. Er hatte den Säbel unter den Arm genommen, den Schnurrbart hoch hinaufgewichst, und biß Die erſte Wache. 81 die Lippen aufeinander, was er immer that, wenn er ſchlecht gelaunt war. Er ſah ziemlich blaß aus und fragte mich mit einer ſehr un⸗ angenehmen Höflichkeit:„Darf ich Sie vielleicht fragen, Herr Schrei⸗ ber, was Sie in einer Sache, die mir unbegreiflich iſt, ſehr begreiflich finden? He?“ 4 4 Was ſollte ich darauf antworten? Ich zuckte die Achſeln und ſchwieg. 1 „Wer iſt von der Mannſchaſt zu Hauſe?“ fragte er. 2 „Niemand als die zwei Offiziersburſchen und ich.“ „Das ſind drei,“ ſagte er zu ſich ſelber;„wir müſſen einen Po⸗ ſten dort aufſtellen, bis das Gericht Zeit findet, die Legal⸗Inſpektion vorzunehmen.— In dem Fall,“ ſagte er laut und ſonderbar lächelnd, „werden Sie es begreiflich finden, daß ich Sie zu dieſem Wachtdienſt mit heranziehe.“ Was half alles Zornigwerden oder innerlich Raiſonniren? Ich konnte nichts machen. Er gab darauf ſeine Befehle; im Stalle war unſere Wachtſtube, und von da aus mußten wir den Poſten bei dem Erſchoſſenen beziehen. Mir gab der erſte Lieutenant aus beſonderer Rückſicht, wie er ſagte, Numero zwei, d. h. da es jetzt neun Uhr war, wo die erſte Nummer aufzog, mußte ich von Elf bis Eins, alſo wäh⸗ rend der Mitternachtsſtunde, auf dem Kirchhofe Wache ſtehen.—— Schöne Commiſſion Das! Es war eine laue Sommernacht, der Himmel leicht mit Wolken überlaufen, die hie und da einen Stern durchblitzen ließen, aber das Licht des vollen Mondes dämpften und dadurch der ganzen Natur einen ungewiſſen Schimmer gaben. In der Ferne an den Bergen wetter⸗ leuchtete es, und ringsumher hörte man die Stimmen unzähliger leben⸗ der Weſen, die ſich nach dem heißen Tage der kühlen Nachtluft freuten. Leuchtkäfer flogen umher in hellen blauen Funken unter dem dunkeln Laub der Gebüſche glänzend. Nachtſchmetterlinge ſummten mit ſchwerem Flug vorüber, und hie und da machte eine Fledermaus ihre ſeltſamen Bewegungen in der Luft. Hackländers Werke. XXVI. 6 — Die erſte Wache. Wir gingen dahin, der Kamerad, der mich aufführte, und ich, bei der kleinen Kirche vorbei, und ich muß geſtehen, je näher wir dem Friedhofe kamen, deſte kleinere Schritte machten wir beide. Ich hatte von jeher mit todten Leuten nie gern etwas zu thun gehabt. Und nun hier einen guten Freund, mit dem ich heute noch geſprochen, und der ſich nun ſelbſt das Leben genommen!— Es hatte ſchon eine gute Weile elf geſchlagen, und am Thore des Kirchhofs kam uns die Schild⸗ wache entgegen, indem ſie uns zurief:„Nun, ihr bleibt lange genug aus!“ „Wo iſt der— Poſten?“ fragte ich ihn, und mein Herz ſchlug ſchneller und ſtärker. „Am anderen Ende!“ entgegnete er.„Kommt, ich führe euch auf.“ und darauf gingen wir bei dem ungewiſſen Schein des Mondes zuerſt auf einem breiteren Weg, und dann bogen wir links ab und ſtolperten über die Grabhügel, Baumſtämme und umgeſtürzte Steine. Die Kreuze von Holz, die hier ſtanden, weiß angeſtrichen, erſchienen ſo eigenthümlich hell glänzend, und blickten wie verwundert auf uns drei, die wir an dieſer Städte des Friedens in Wehr und Waffen mit gezogenen Säbeln wandelten. Endlich kamen wir an Ort und Stelle. Ich hatte ſchon lange dorthin geſpäht, ſah aber nichts, als einen großen, weißen, viereckigen Flecken auf der Erde.—— Dort lag er— man hatte eine wollene Decke über ihn geworfen.— 3 „So,“ ſagte mein Kamerad, den ich ablöste,„jetzt bin ich froh, daß das vorbei iſt; denn bis ich wieder aufziehe, kommt der Tag.— Brrrr!— Ich wünſch' Euch gute Wache!“ „s iſt doch nichts Neues hier auf Poſten?“ fragte ich ihn ziem⸗ lich ängſtlich.. „Neues nichts, was gut zu melden wäre,“ entgegnete er achſel⸗ zuckend. Und damit gingen die Beiden fort und ließen mich allein. Es war gut, daß ſie ihn zugedeckt hatten, denn den Anblick des 4 — — 8 Die erſte Wache. 83 Kameraden hätte ich nicht ertragen. So ſah man doch nichts, als die wollene Decke, in deren Mitte freilich eine unheimliche Erhöhung. Es wurde mir ſehr warm unter meinem Czako, und das Lederzeug drückte mich ungemein. Nachdem ich einen Augenblick ſtehen geblieben war, entfernte ich mich haſtig von dem Todten ſo weit wie mög⸗ lich, und ging dann in einem außerordentlich weiten Boͤgen um ihn herum, konnte aber kein Auge von der unangenehmen Stelle weg⸗ wenden. Ich will nur geſtehen, daß ich damals ein junger Menſch von ſehr aufgeregter Phantaſie war. Ich hatte viele merkwürdige Geſchich⸗ ten geleſen, und konnte mir leicht aus den einfachſten Dingen die ſon⸗ derbarſten Bilder machen. So auch heute Abend. Daß der arme Kur⸗ ſchmid todt war, wußte ich ganz genau, aber wie ich ſo im weiten Bogen um ihn herum ſchritt, unabläſſig auf die Decke ſtarrend, da kam es mir vor, als zucke es unter derſelben und bewege ſich etwas hin und her. Auch glaubte ich hie und da ein leiſes Geräuſch zu ver⸗ nehmen. Mein Haar ſträubte ſich empor, der Schweiß floß mir von der Stirne, und es trieb mich eine unſichtbare Macht, die Kreiſe um ihn immer kleiner und kleiner zu machen. Endlich berührte mein Fuß die Decke. Ich beugte mich nieder, hob ſie empor und blickte auf ſein zerſchoſſenes Haupt.—— Ach! ein ſchrecklicher Anblick! Der konnte nicht mehr leben und ſich bewegen! Ich floh entſetzt zurück und um⸗ ſchritt ihn abermals im weiteſten Kreiſe. Doch es erging mir mehr⸗ mals, wie ich ſoeben erzählt. Immer glaubte ich, er bewege ſich, und immer zwang ich mich ſelbſt, zu ihm hinzugehen, die Decke aufzuheben und ihm ins Geſicht zu ſchauen, das eigentlich kein Geſicht mehr war.— Die Zeit ſchlich mir unendlich langſam vorüber; jede Viertelſtunde däuchte mir eine Ewigkeit. Mein größter Troſt war, hie und da einen Hund zu hören, der anſchlug, oder den Geſang des Nachtwächters im benachbarten Dorfe. Ich hätte gar zu gerne meinen Poſten auf einen Augenblick verlaſſen, um am anderen Ende des Kirchhofes ſpazieren zu gehen; aber ich fürchtete mich dann wieder, hieher zu kommen. So 8. 84 Die erſte Wache. lange ich den Todten mit meinem Blicke bannte, konnte da nichts ge⸗ ſchehen; aber wenn ich fortging und wiederkam, da konnte er ſich lang⸗ ſam aufgerichtet haben und ſich nach der Schildwache umſchauen.— — Solch' närriſche Gedanken hatte ich in jener Nacht! Aber meine Kreiſe machte ich immer weiter und weiter, und zu⸗ letzt ſetzte ich mich auf einen Grabſtein, ſehr entfernt von ihm und zwang mich zu ruhigerem Nachdenken. In Betreff des Mädchens ſchien mir Manches klar zu werden, und es war mir ein wahrer Troſt, daß er auf mich nicht eiferſüchtig geweſen. O, die Weiber! die Weiber! Ich bekam von da an einen wahren Abſcheu vor ihnen. Der Unglückliche da vor mir mußte in Betreff der Roſa ſaubere Erfahrungen gemacht haben. Er war gewiß auf den Heuboden geſtiegen, von wo man in ihr Schlafzimmer ſehen konnte.— Doch was war das? Nein! Jetzt war es keine Täuſchung mehr, wenn ich glaubte die Decke bewege ſich. Sie wurde emporgehoben; ich ſah das ganz deutlich. Schaudernd ſprang ich empor, faßte meinen Säbel feſter in die Hand und zwang mich gerade auszugehen. Es war richtig. Wo er mit dem Kopfe lag, bewegte ſich etwas Weißes, und dann verſchwand es wieder. Es war gerade, als wedle Jemand hie und da mit dem Taſchentuch. Gott der Gerechte! der brauchte ſich ja keinen Schweiß mehr abzutrocknen!— Wie mir zu Muthe war, könnt ihr euch denken! Ich eilte tief athmend und hochklopfen⸗ den Herzens an meinen Poſten zurück. Jetzt hatte ich ihn erreicht. — Alles rundum ſtill; die Decke lag da ausgebreitet wie vorhin; es bewegte ſich nichts. Und doch hatte ich's vorhin ſo deutlich ge⸗ ſehen. Ich war nicht im Stande, dieſen Platz zu verlaſſen. Wie feſtge⸗ bannt, konnte ich nur meine Augen bewegen, und meine Blicke irrten über ihn hinweg bis ans Ende des Kirchhofs.— Da erſchien es wieder dicht an der Mauer. Da flatterte eine weiße Geſtalt vom Boden auf und war im nächſten Augenblicke wieder verſchwunden. Mit dem Muthe * Die erſte Wache. 85 der Verzweiflung ſtürze ich darauf zu, mir gleichviel, ob es ein Geiſt ſei, oder vielleicht ein Menſch, der mich necken wollte. Sein Unter⸗ gang war beſchloſſen: todt mußte es ſein! Doch noch einmal hefteten ſich meine Füße am Boden feſt, als ich in die Nähe der räthſelhaften Erſcheinung gekommen. Ich ſah vor mir ein offenes Grab, und es rieſelte mir eiskalt den Rücken hinunter. In demſelben flatterte etwas Weißes, Geſpenſterhaftes auf und nieder.—„Halt! Wer da?“ ſchrie ich ſo laut wie möglich, ſchwang meinen Säbel hoch, ſprang in großen Sätzen nahe hinzu, und da ſah ich— „Ein offenes, friſch gemachtes Grab und in demſelben—— eine weiße Gans, die hineingefallen war, und ſich nun vergeblich bemühte, da hinauszuflattern.“—— Aber mich hat niemals der Anblick einer Gans, ſelbſt der beſt⸗ gebratenen nicht, die doch eine gute Gabe Gottes iſt, wieder ſo glück⸗ lich gemacht, als in dem Augenblicke dies harmloſe Geſchöpf, und ich faßte von der Zeit an eine wahre Neigung zu allen Vögeln dieſes Ge⸗ ſchlechts. Ich half ihr aus dem Loche heraus und ſetzte ſie neben mich hin. Sie war dankbar und lief nicht davon. Wir thaten die Wache gemeinſchaftlich; die Zeit verging mir da auch viel ſchneller und bald ſchlug es ein Uhr, wo ich abgelöst wurde. Dann zogen wir nach Hauſe, und die Gans zog mit uns. 3 Der Kurſchmid ward am andern Tage begraben, und trotzdem er ein Selbſtmörder war, gab ihm doch die ganze Batterie das Ge⸗ leite. Nur der erſte Lieutenant fehlte. Daß er aber nicht mit hinaus gegangen, und auch vielleicht ſonſt noch manches Andere, nahm ihm unſer guter Hauptmann ſo übel, daß er zum erſten Mal eine heftige Unterredung mit ſeinem erſten Lieutenant hatte, wovon die Folge war, daß ſich der Letztere bald nachher zu einer andern Batterie verſetzen ließ. Was nun die Geſchichte mit Roſa anbelangte, ſo ſprach von der Batterie damals Keiner gern darüber, und der dicke Feldwebel pflegte zu ſagen, das ginge ſo mit im Cantonnirungsleben, und die Mädels ſollten geſcheidter ſein. Sie war verdorben und iſt bald nachher auch 86 Die erſte Wache. geſtorben. Kurze Zeit darauf verließen wir die Höfe und kamen nach G. in Garniſon, ein Jahr nachher aber ging ich in Urlaub und konnte es nicht unterlaſſen, über unſere ehemalige Cantonnirung zu gehen und den Kirchhof zu beſuchen. Juſt an der Stelle, wo er damals gelegen, war nun ihr Grab, ein kleines, weißes Kreuz, darauf ſtand: Roſa F., geboren den...., geſtorben den.... Sie war nur acht⸗ zehn Jahre alt geworden, und das iſt doch ſehr wenig für ein Mäd⸗ chen, ſo ſchön, ſo friſch, ſo blühend. Ich habe ſie nie vergeſſen können, meine erſte Wache.— — ——— — Venedig. —— — Zwei junge Offiziere, Friedrich von S. vom Genie⸗Corps und Graf C. von der Infanterie, hatten vor dem Poſthauſe in Meſtre ihren Wagen, der ſie von Treviſo hereingebracht, verlaſſen und blickten mit Intereſſe auf das lebhafte Gewühl in der Hauptſtraße des kleinen Städtchens, während der Bediente, den ſie mitgenommen, beſchäftigt war, das Gepäck abzuladen, das nun von hier aus, ebenſo wie die Reiſenden, den Weg nach der alten Lagunenſtadt zu Waſſer machen mußte. 8 Hier in Meſtre herrſchte das lebhafteſte Marktgewühl, das bei jedem Schritte zunahm, je mehr man ſich dem großen Kanal näherte, der in die Lagunen hinausführt. Hier lagen Tauſende von kleinen glatten Fahrzeugen, die mit Gemüſe und Früchten aller Art beladen wurden, dazwiſchen größere Marktſchiffe für die ſchwereren und ſolide⸗ ren Bedürfniſſe der Stadt, und hie und da neben dieſen grauen und braunen Booten, welche durch das friſche Grün der Kräuter und Ge⸗ müſe angenehm verziert wurden, ſah man eine der kleinen, ſchwarzen Gondeln, welche vielleicht Jemand von Venedig hieher gebracht oder die im Begriffe war, Reiſende dorthin zu bringen. Nachdem der Bediente der beiden Offiziere den Wagen abgeladen und ihn in einer der Remiſen untergebracht hatte, welche man in 9 90 Venedig. Meſtre zu dieſem Zweck findet, lud er Koffer und Mantelſäcke auf die Schultern eines kräftigen Laſtträgers und folgte ſeinen Herren, die unterdeſſen langſam dem großen Kanale zugegangen waren. Bald hatten ſie eine größere Gondel mit vier Rudern gefunden, und nach⸗ dem ſich dieſelbe mit vieler Mühe durch die zahlreichen Marktſchiffe ans Ufer gearbeitet— wobei es nicht ohne eine Menge von Schimpf⸗ wörtern abging— ſprangen die beiden Offiziere hinein, der Diener mit dem Gepäck folgte, und das ſchwere Schiffchen ſetzte ſich in Be⸗ wegung, die Mitte des Kanals zu gewinnen. Anfangs ging die Fahrt ſehr langſam und die Gondoliere hatten genug zu thun, um ſich eine Bahn zu machen durch die beladenen Schiffe, die mit ihnen hinab⸗ fuhren oder die ihnen entgegen kamen. Hiezu brauchten ſie bald ihre Nuder, bald artige Worte, bald ein kräftiges Maledetto! je nachdem die Hinderniſſe waren, die ſie zu bewältigen hatten. Bald aber ließen ſie die ſchwarzen Fahrzeuge hinter ſich und konnten ihre Ruder eintauchen, um mit einem kräftigen Schlag hierhin und dorthin, rechts oder links auszuweichen, ſowie die Gondel in eine ſchnellere Bewe⸗ gung zu bringen. Die Ufer des großen Kanals von Meſtre ſind mit friſchem Grün bewachſen; das Waſſer ſelbſt hat eine friſchere Farbe, als das der Lagunen. Bei jedem Nuderſchlage nahm die Geſchwindigkeit des klei⸗ nen Bootes zu; die beiden Offiziere ſtanden aufrecht in demſelben und ſahen mit Vergnügen, wie ſie ſo pfeilgeſchwinde dahinflogen der weiten Waſſerfläche zu, die nun anfing, ſich vor ihrem erſtaunten Auge aus⸗ zubreiten. Bald verſchwand das Ufer des Kanals auf der einen Seite, dann das Land auf der anderen, doch hier nur kurze Zeit, denn kaum glaubten ſie die Lagunen erreicht zu haben und bald die Thürme der prächtigen Venetia zu erblicken, ſo erhoben ſich links wieder höhere Ufer, die aber bald eine regelmäßige, bekannte Geſtalt antahten ind von dem Genie⸗Offiziere augenblicklich für die Werke des Forts Malg⸗ hera erkannt wurden.— „Siehſt du,“ rief er dem Freunde zu,„der feſteſte Punkt Venedigs — Venedig. 91 — ſein erſtes und ſtärkſtes Vorwerk! Ich kenne es nur aus Plänen, aber wir wollen nicht verſäumen, während unſerer Anweſenheit hier die kleine Feſtung in Augenſchein zu nehmen. Das wird auch für dich intereſſant ſein.“ „Allerdings,“ ſagte der Infanterie⸗Offizier; ſetzte aber lachend hinzu:„Doch habe ich wahrhaftig an einer kurzen Bekanntſchaft mit dieſem Orte genug, und ich denke eben bei mir, daß es fürchterlich langweilig ſein muß, da oben in Garniſon zu ſein. Das wäre ein wahres Amphibien⸗Leben!“ „Was willſt du!“ entgegnete achſelzuckend der Andere.„Dienſt iſt Dienſt, und wenn ich morgen hieher commandirt werde, ſo gehe ich eben guten Muthes hin und ſuche mir den Aufenthalt ſo angenehm als möglich zu machen.“ „Aber Prag iſt doch angenehmer,“ meinte der Infanterie⸗Offizier. „In Friedenszeiten, ja,“ entgegnete Friedrich von S.„Aber wenn ich mir irgendwo einen Platz ausſuchen ſollte, um in Kriegszeiten zu operiren, da muß ich ſagen, ich würde Venedig mit ſeinen Werken wählen. Hier könnte man prächtig eine Belagerung aushalten; ich wüßte mir kein größeres Glück, als hier in einem dieſer Forts zu lie⸗ gen, dieſelben famos ausgerüſtet, und nun zu einer Armee von mei⸗ netwegen vierzigtauſend Mann zu ſagen: Jetzt kommt an!“ „Du haſt Recht,“ ſagte der Andere und blickte ernſt auf die ho⸗ hen und feſten Wälle, unter denen ſie jetzt dicht vorüber fuhren.„Aber jetzt denke dir, die Sache wäre umgekehrt, und du ſollteſt als Inge⸗ nieur⸗Offizier da draußen auf dem Lagunenrande als Belagerer einen Angriff auf dieſe Forts leiten; mit dem ſumpfigſten Terrain von der Welt und dem Fieber kämpfend. Das wäre doch eine unangenehme Aufgabe.“ „Alerdings,“¹entgegnete der Ingenieur⸗Offizier.„Aber ſiehſt du da oben den kaiſerlichen Adler flattern? Wo der iſt, bin ich auch, und deßhalb könnte ich hier wohl Vertheidiger ſein, aber nie Belagerer.“ „Deine Annahme ſcheint ganz richtig zu ſein,“ ſagte der junge . 2 2— Venedig. Italiener, indem er die Arme übereinander ſchlug,„aber in dieſer Welt i*ſt alles möglich.“ „Tſchau!“ rief Friedrich von S. luſtig und winkte mit der Hand in die Höhe, denn droben auf dem vorſpringenden Winkel des Fortes ſtand neben der Schildwache, deren Gewehr in der Morgenſonne fun⸗ kelte, ein kaiſerlicher Offizier und grüßte freundlich die beiden ihm fremden Kameraden, die da unten vorbeifuhren. Jetzt ließ die Gondel Malghera hinter ſich, und die weite Lagu⸗ nenfläche lag vor den Reiſenden ausgebreitet. „Ah! das iſt ſchön! das iſt prächtig!“ rief der Genie⸗Offizier, der dieſen impoſanten Anblick zum erſtenmale in ſeinem Leben hatte. Er war nie in Italien, nie in Venedig geweſen, und wenn er auch die merkwürdige Lage der Inſelſtadt aus Bildern, Beſchreibungen und Plänen genau kannte und ſich auch ein Bild davon gemacht hatte, ſo übertraf doch das, was er hier ſah, alle ſeine Erwartungen. Die Beiden hatten aber auch heute Morgen einen außerordentlich ſchönen Moment getroffen. Ueber Venedig lagen dichte Morgennebel und entzogen die Stadt gänzlich den Blicken der Ankommenden. Man hätte glauben können, man fahre mit der kleinen ſchwankenden Gondel in das offene Meer hinaus, und die Nebel hatten ſo genau die Farbe des Lagunenwaſſers, daß man dachte, eine unabſehbare Fläche vor ſich zu haben. Und wenn auch das Auge nichts ſah von der gewaltigen Stadt, ſo hörte das Ohr die tiefen melodiſchen Klänge unzähliger Glocken, deren Schall aus unſichtbaren Kirchen zu kommen ſchien und über die Waſſerfläche dahin zitterte 3 . Es war wie in der Sage von der verſunkenen Stadt, wo man aus der Tiefe des Waſſers die Glocken klingen hört und das Geſumme einer großen Menſchenmenge vernimmt, ohne etwas zu ſehen. „Biſt du nun zufrieden, daß wir nicht die Eiſenbahn benutzten?“ ſagte der Italiener.„Wir wären freilich geſchwinder nach Venedig gekommen, aber die Fahrt iſt hier doch ſchöner.“ 8 „Wunderbar poetiſch!“ erwiderte ergriffen der junge Deutſche und — — Venedig. 3 93 blickte aufmerkſam dorthin, wo die Glocken immerfort erklangen, in tiefen und hohen Tönen, langſam und geſchwind, verſchiedenartig durch⸗ einander, je nach dem Geläute der einzelnen Kirchen. „Hörſt du die Glocke von S. Marco? Man erkennt ſie ganz deutlich, die tiefen, ſchweren Töne.— Eins— zwei— drei— vier!“ rief der Italiener und ſein Auge glänzte, ſein Angeſicht ſtrahlte vor Vergnügen.——„Ich mag die Eiſenbahn gar nicht,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu.„Warum die Königin des Meeres mit einer ſtei⸗ nernen Kette an das Feſtland anſchmieden? Jetzt iſt ſie das nicht mehr, was ſie war. Ihre Poeſie iſt dahin; es war ſo ſchön, daß man ihr nur auf dem Elemente nahen konnte, deſſen Herrſcherin ſie war.“ „Aber für den Verkehr iſt es von großem Nutzen,“ bemerkte Frie⸗ drich von S. „Und hat es ihrer Stärke als Feſtung nicht geſchadet?“ fragte der Italiener. „Ich glaube nicht,“ ſagte der Genie⸗Offizier, indem er prüfend um ſich blickte.„Man würde freilich einige Bogen abſprengen müſſen; aber den Theil, welchen man ſtehen ließe, könnte man mit einer unge⸗ heuren Batterie krönen, und um dieſe zu ſtürmen, brauchte man ſehr brave Truppen. Es wäre das faſt unmöglich.“ Jetzt traten aus dem Nebel vor ihnen einzelne dunkle Partieen zu Tage, welche nach kurzer Zeit die Geſtalt von Häuſermaſſen, von Kuppeln und Kirchen annahmen. Noch eine Viertelſtunde und ſie er⸗ reichten die erſten Gebäude der dieſſeitigen Vorſtadt Venedigs. Die Gondel ſchoß in einen engen Kanal hinein, rechts und links mit ho⸗ hen Gebäuden beſetzt, die aber ein ärmliches Ausſehen hatten. Auch bemerkte man auf der rechten Seite dieſes Kanals noch einen Weg, von welchem man in die verſchiedenen Hausthüren gelangen konnte. Obgleich dieſe Stadtviertel ſehr belebt ſind, ſo haben ſie doch ein troſtloſes, trauriges Anſehen. Die hohen Mauern mit kleinen Fen⸗ ſtern ſind von dunkler, ſchmutziger Farbe, Thüren und Läden ſind meiſtens zerbrochen oder hängen ſchief in ihren verroſteten Angeln; * 94 Venedig. die Treppen vor den Häuſern oder die Brücken über den Kanal haben ein zerbröckeltes, verwittertes Ausſehen; rechts und links über unſern Köpfen hängt Wäſche zum Trocknen, und man kann von Glück ſagen, wenn man hier glücklich durchkommt, ohne von einem Fenſter herab beſchüttet zu werden. Denn in den Kanal wirft man Alles, was man aus den Häuſern entfernen will. An ſeinen Ufern ſpielen halb⸗ nackte ſchmierige Kinder; und damit die Naſen nicht beſſer daran ſind, als das Auge, ſo genießt man hier in den Vorſtadt⸗Kanälen eines ſeltſamen, unausſprechlichen Parfüms, welches theils von dem faulen Lagunen⸗Waſſer herkommt, theils von den Ueberbleibſeln von Fiſchen und von Meerfrüchten aller Art, die man zu beiden Seiten in großen Haufen liegen ſieht. Wenn man aber dieſe Vorſtädte hinter ſich hat, wenn man end⸗ lich einbiegt in den Canal grande, vor und neben ſich die prächtigen Marmorpaläſte, die unmittelbar aus dem Waſſer emporſteigen mit ihren hohen zierlichen Bogenfenſtern, mit der mannigfaltigen Krönung ihres Daches, mit ihren breiten Treppen, die aus der weit geöffneten Thorhalle ins Waſſer hinabführen, und vor welchen, der Herrſchaft harrend, zierliche Gondeln ſich an leichter Kette wiegen, wenn man nun vor den prächtigen Rialto kommt und unter ſeinen weiten Bogen von Marmor⸗Quadern dahinſchießt, da ſpricht man zu ſich ſelber: Ja, Venedig iſt einzig, es iſt in ſeiner Art die prächtigſte und poetiſchſte Stadt der ganzen Welt! So dachte auch der deutſche Offizier, als er ſtumm vor Erſtaunen bei dieſen Herrlichkeiten vorüber fuhr. Der Italiener ſchien einige Zoll gewachſen zu ſein; er ſtand aufrecht und ſtolz da, und ihn ent⸗ zückten die lebhaften Blicke ſeines Freundes, mit denen er bald hier und bald dort etwas Neues und Schöneres anſtaunte.— Venedig war ſeine Vaterſtadt, und wenn er auch ſeit längerem Jahren nicht hier geweſen war, da ihn des Kaiſers Dienſt fern gehalten, ſo er⸗ kannte er jetzt doch wieder jeden Palaſt, jede Ecke, jede Biegung des Kanals, und an allen dieſen Stellen tauchte für ihn eine angenehme, Venedig. 95 4 aber auch hie und da eine bittere Erfahrung auf. Manchmal fuhr er mit der Hand über die Augen, dann warf er den Kopf in die Höhe, als wollte er ſagen: Bah! das iſt nicht anders! Dann zeigte er wieder lebhaft auf das hohe Fenſter irgend eines Palaſtes, ohne dem Freunde auf deſſen Fragen mehr zur Antwort zu geben, als: „Dort wohnen Freunde von mir; du wirſſt ſie ſchon kennen lernen.“ „Sieh' dieſen kleinen zierlichen Palaſt!“ rief auf einmal der Ge⸗ nieoffizier.„Kann man etwas Liebenswürdigeres ſehen als dieſe Fen⸗ ſterreihe, ſo leicht und zierlich durchbrochen!“ „Die Cadoro,“ entgegnete der Italiener.„Das glaube ich wohl, einer der ſchönſten und berühmteſten Paläſte, Taglioni hat ihn gekauft und will ihn, wie man ſagt, wieder herſtellen laſſen.— Dort liegt auch die große Poſt. Hier könnten wir den großen Kanal verlaſſen, um durch kleinere Kanäle ſchneller zu unſerem Gaſthof zu gelangen. Doch habe ich den Gondolieren geſagt, ſie ſollen geradeaus fahren. Es wird dir ja einerlei ſein.“ „Es iſt mir ſogar angenehmer,“ ſagte Friedrich von S.,„und ich danke dir. Laß ſie ein Bischen langſamer fahren; ich will den erſten Eindruck, den ich heute von dieſer merkwürdigen Stadt erhalte, ſo feſt wie möglich in mich aufnehmen. Dieſe Stunde wird mir ewig unvergeßlich ſein.“ Und ſo fuhren ſie langſam dahin auf dem großen Kanal, wäh⸗ rend der Italiener ſeinem Freunde die Namen berühmter Geſchlechter nannte, die hier gewohnt. Bei vielen aber ſetzte er hinzu:„Dieſe Familie iſt ausgeſtorben, dies Gebäude iſt nicht mehr bewohnt.“ Und das konnte man denn auch bei näherem Beſchauen manchem dieſer alten Paläſte wohl anſehen, und leider meiſtens den größten und ſtattlichſten. Die lagen da finſter und öde; an vielen waren die Fenſter verſchloſſen, an anderen die Scheiben zertrümmert, die Thor⸗ flügel feſt zugemacht, an den Treppen plätſcherte melancholiſch das Waſſer; hier lag kein buntfarbiger Teppich, hier wiegte ſich keine Gon⸗ del auf dem Kanal. 96 Venedig. „Das Haus des tapfern Mohren!“ ſprach lachend der junge Ita⸗ liener.„Othello's Palaſt. So ſagen wenigſtens die Ciceroni; und da ich heute der Deinige bin, ſo ſpreche ich ihnen nach.“ „Wenn es auch nicht wahr iſt,“ entgegnete ebenfalls lachend der deutſche Offizier,„ſo freut es mich doch. In dem Punkt bin ich leichtgläubig wie ein Kind und bin es gerne.“ Es war einer der kleineren Paläſte im großen Kanal, welchen Graf C. vorhin bezeichnet; doch war er ausnahmsweiſe ſehr gut er⸗ halten, hatte freundliche Jalouſien, die, um die Sonne abzuhalten, hinausgeſtellt waren, und unten in der Vorhalle ſah man grüne Oran⸗ gen⸗ und Lorbeerbäume in zierlichen Kübeln. Ein Bedienter in Livree ſchien einem Gondolier Aufträge zu geben, der in Folge derſelben einen buntfarbigen Teppich auf die Treppe warf und das kleine Fahr⸗ zeug ganz nahe hinan trieb. „So oft ich hier vorbei fahre,“ meinte Friedrich von S.,„will „Wir werden dies Haus öfter beſuchen, hoffe iich,“ entgegnete der Italiener.„Es wohnt hier einer meiner Bekannten, ja ein Ver⸗ wandter.“ „Charmant!“ rief der Baron;„ich hoffe, daß eines deiner Ver⸗ wandten muſikaliſch iſt, und uns einmal an einem ſchönen Abende ir⸗ gend etwas aus meiner Lieblings⸗Oper vorſpielt.“ Bei dieſen Worten hatten ſie das Ende des großen Kanals erreicht und fuhren San Georigio maggiore entgegen, dem faſt gegenüber der Gaſthof lag, hôtel de l'Europe, wo von S. abſteigen wollte. Im Vorüberfahren zeigte der junge Italiener ſeinem Freunde noch den Palaſt der Foscari, ein großes, majeſtätiſches Gebäude, gänzlich unbewohnt. Bald darauf bogen die Gondoliere aus der Mitte des großen Kanals an das linke Ufer deſſelben und hielten vor der Treppe eines großen Hauſes ſtill. 1 „Hier wirſt du wohnen,“ ſagte Graf C. und bot dem Freunde die Hand, der aus dem leichten Fahrzeuge ſprang und ſein Gepäck her⸗ ——— Venedig. 97 ausnehmen ließ.„Zieh' dich um und bleibe zu Hauſe, ich will meine Freunde jetzt überraſchen, und in einer Stunde komme ich, dich ab⸗ zuholen.“ Die beiden Offiziere hätten zu keiner für ſie angenehmeren Zeit nach Venedig kommen können. Es war im Herbſt des Jahrs 1847, und da ſich um dieſe Zeit einige hohe Perſonen in der Inſelſtadt auf⸗ hielten, ſo ſchmückte ſich die ſtolze Venetia ſo gut als möglich, um im beſten Glanze zu erſcheinen. Graf C. war, wie ſchon geſagt, Venetianer, ein Italiener mit Leib und Seele, doch das wollte zu damaliger Zeit noch nichts Beſonderes ſagen. Er führte ſeinen jungen Freund in die angeſehenſten Häuſer, er ſtellte ihn den ſchönſten Frauen und Mädchen vor, und wir müſſen eingeſtehen, daß das angenehme Aeußere des jungen lebhaften Deutſchen, verbunden mit ſeinem klaren, geſunden Verſtande, überall einen ſehr angenehmen Eindruck hervorbrachte. Wie ſo viele Offiziere der öſtreichi⸗ ſchen Armee ſprach er das Italieniſche vortrefflich, und dieſe ſeine Kennt⸗ niß der Landesſprache verſchaffte ihm manches intereſſante Geſpräch und gab ihm hie und da das Vertrauen einer Dame, die mit ihm, dem anſtändigen Fremden, gerne und lange über pikante Verhältniſſe der Vaterſtadt ſprach. Wenn er das große Theater Fenice beſuchte, ſo gab es da eine Menge Logen, in welchen er gern geſehen war, wo er im Zwiſchenakt ein⸗ und ausgehen durfte, und wo ihm die Damen mit Vergnügen verſtatteten, ſich neben ſie in die Ecke auf einen kleinen Stuhl zu ſetzen, um halbverdeckt von dem rothen ſammtenen Vorhang zwanglos und angenehm zu plaudern. Er hatte große Reiſen gemacht, Aſien und Afrika geſehen, und da er aus Shakſpeare's unſterblichem Werke wußte, wie gern die ſchönen Venetianerinnen ſich vorerzählen laſſen von ent⸗ fernten Ländern, von fremden Sitten und Gebräuchen, ſo that er wie der edle Mohrenfeldherr, ohne daß es ihm jedoch gelingen mochte, irgend eine Brabantio für ſich zu gewinnen. Hackländers Werke. XXVI. 7 98 Venedig. Es war dies aber ſeine eigene Schuld, denn er ſuchte ſelten ſein Glück lange auf einer Stelle. Man ſah ihn bald dieſen, bald jenen Palaſt beſuchen, auf dem Markusplatz bald mit dieſer, bald mit jener Dame ſprechen, im Theater von Loge zu Loge eilen. Hier aber hielt er ſich meiſtens auf einer Seite auf, und wir wollen dem geneigten Leſer eingeſtehen, daß dieſe Einſeitigkeit ihren guten Grund hatte. Auf der rechten Seite des Hauſes war die Loge der Marcheſa v. C., einer der reichſten und vornehmſten venetianiſchen Familien, und in dieſer Loge war zuweilen ein Gegenſtand, der den jungen Offi⸗ zier auf eine unerklärliche Weiſe feſſelte. Es war dieß die einzige Tochter der ebengenannten Familie, die junge Marcheſa v. C., welche hier in Begleitung ihrer Geſellſchafterin zuweilen erſchien. Wir müſ⸗ ſen aber dem jungen deutſchen Offizier Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen, wenn wir ſagen, daß er nicht der Einzige war, der begierig hin⸗ über ſchaute, bis drüben der Vorhang auf die Seite geſchoben wurde und die junge Dame erſchien. 3 Es war aber auch der Mühe werth, ſie zu ſehen, und wenn ſie eintrat, richteten ſelbſt die anderen Damen ihre Lorgnetten hinüber, und die Schönheit des jungen Mädchens war ſo anerkannt, daß man ſie zugab und nicht einmal Miene machte, als habe man irgend etwas daran auszuſetzen. Hie und da konnte vielleicht Eine ſagen:„Ja, wenn ſie nur nicht das ſonderbare Haar hätte.“ Dies Haar war freilich auffallend, denn es war von der ange⸗ nehmſten blonden Farbe und dazu von einer Dicke und Fülle, wie man ein Haar überhaupt nur in Venedig ſehen kann. Dabei aber hatte die junge Marcheſa das lieblichſte Geſicht von der ſtrengſten Schönheit und eine prächtige, volle elaſtiſche Geſtalt.„Ah!“ ſagten die jungen Männer, die ſie zum Erſtenmal ſahen, und wenn auch hinter dieſem Ahe kein weiteres Lob kam, ſo war der Ton deſſelben doch ſo bezeich⸗ nend, daß andere Damen, die dies Wort gehört, ſich leicht anſchauten und die Achſeln zuckten. Obgleich die junge Marcheſa ebenſo liebenswürdig als ſchön war, ſo war ſie doch in der Geſellſchaft nicht beliebt. Und daran waren wiederum ihre Haare ſchuld, nicht die Farbe derſelben an ſich— denn die Blondinen waren ja im alten Venedig beſonders geſchätzt— ſon⸗ dern die Abſtammung, durch welche ſie dieſe blonden Haare erhalten. Man fing damals ſchon ſtark an, in Italien Sympathien und Antipa⸗ thien zu zeigen. Die Mutter der jungen Marcheſa war eine Deutſche geweſen, die Tochter eines großen Hauſes, und das begannen die ita⸗ lieniſchen Damen ihr jetzt gewaltig übel zu nehmen. Sie liebte ihre Vaterſtadt Venedig, aber ſie haßte deßhalb die Deutſchen nicht, vielmehr hegte ſie im Gegenſatz zu ihrer Geſellſchaft Sympathien für dieſelben und fand ſich dadurch ſehr bald allein ſtehend. Sie machte mit den übrigen Damen nie gemeinſchaftliche Sache, und mochte ſich nicht zu Demonſtrationen herbeilaſſen, die ſie für unpaſſend und unrecht hielt. So ſah man ſie z. B. nicht wie ſo viele Uebrigen mit einer weißen Camelia im Haar, an welcher ein rothes Band befeſtigt war, das bis auf die Bruſt herabflatterte und dort, ſich um einen grünen Strauß ſchlingend, die italieniſchen Nationalfarben: weiß, grün, roth, darſtellte. Die Marcheſa von C. wohnte in jenem Hauſe, das der Italiener ſeinem Freunde bei der Fahrt durch den Canal grande als den Pa⸗ laſt Othello's gezeigt. Graf C. war Verwandter des Hauſes und hatte als ſolcher nicht ermangelt, ſeinen Freund dort einzuführen. Friedrich von S. war beim erſten Anblick der jungen Marcheſa von einem noch nie empfundenen Gefühl durchſchauert und fand ſich durch das kalte Benehmen derſelben gegen ihn ſchmerzlich zurückgeſtoßen. Die junge Dame war artig und freundlich, aber dabei ſehr zurückhal⸗ tend, ganz gegen die Gewohnheit der meiſten venetianiſchen Damen, bel denen er, wie ſchon geſagt, als zur guten Geſellſchaft gehörend, herzlich und freundlich aufgenommen wurde. Es war ſonderbar: was ihm hier beſonders zu nützen ſchien, die genaue Bekanntſchaft mit dem italieniſchen Freunde, ſchien ihm bei der Marcheſa abſonderlich zu ſchaden. Denn als ihn der Graf C. eingeführt, hatte er ihn ſeiner Cpouſine als einen ſeiner beſten und zuverläſſigſten Freunde vorgeſtellt, 100 Venedig. und wir können nicht läugnen, daß hierauf der erſte Blick der jungen Dame, den ſie auf den deutſchen Offizier warf, ein Blick des Miß⸗ trauens war. Demungeachtet machte er aber in dieſem Hauſe häufig Beſuche und ſuchte ſich auch ſonſt ſo viel als möglich der jungen Marcheſa zu nähern. Wenn er ſich dabei auch geſtehen mußte, in ihrer Gunſt keine Fortſchritte zu machen, ſo bemerkte er dagegen recht gut, daß zuweilen ihre Blicke lange auf ihm hafteten, und daß ſie ihn, wenn ſie ſich un⸗ bemerkt glaubte, zuweilen mit unverkennbarem Intereſſe betrachtete. Mit den Offizieren der Garniſon, von denen Friedrich von S. Niemand genauer kannte, pflegte er wenig Umgang. Von ſeinem italieniſchen Freunde faſt nur zu Italienern gebracht, lebte er beſtändig in dieſer Geſellſchaft, weßhalb ſich ſeine deutſchen Kameraden, wenn er ihnen zufällig einmal im Kaffeehauſe begegnete, zuerſt kaum merk⸗ lich, dann aber auffallend von ihm zurückzogen. Er war aber zu arg⸗ los und unbefangen, um hier etwas Beſonderes zu finden, und wenn er mit dem Grafen C. darüber ſprach, ſo zuckte dieſer die Achſeln und ſagte:„Was willſt du, mein Lieber? du wirſt dieſen Herren nur an⸗ genehm ſein, wenn du gänzlich unſere Geſellſchaft meideſt. Leider iſt es ſchon ſo weit gekommen—— doch iſt das erſt der Anfang des Endes.“— Wir haben ſchon geſagt, daß Venedig um dieſe Zeit einen feſt⸗ 3 lichen, heiteren Charakter angenommen hatte und daß man zu Ehren verſchiedener Fremden die höchſten Feſtlichkeiten veranſtaltete, unter anderem eine Regatta, bei welcher der große Kanal bedeckt war mit Tauſenden von Gondeln, welche heute ihre allgemeine ſchwarze Farbe unter bunten Teppichen, unter goldgeſtickten Tüchern verbargen. Es war ein herrlicher Anblick, und die Paläſte nahmen Theil an dem allgemeinen bewegten glänzenden Leben. Aus allen Fenſtern flatterten Stoffe in den verſchiedenſten Farben; die Balkone und Ter⸗ raſſen waren mit Tauſenden von Menſchen bedeckt, welche laut jubelnd dem großartigen Schauſpiele zuſchauten. Venedig ſchien mit einem — Venedig. 101 Zauberſchlag in die alte, äußerlich ſo glänzende Zeit zurückverſetzt zu ſein. Die Tauſende der kleinen zierlichen Schiffchen auf dem grünen Waſſer waren feſtlich geſchmückt, je nach dem Reichthume und dem Range der Beſitzer. Es war wie ein heiteres Maskenfeſt; der Ganal grande mit ſeinen unzähligen bunten Farben, in dem Schimmer gold⸗ und ſilbergeſtickter Stoffe, dazwiſchen das glänzende von der Sonne be⸗ ſchienene Waſſer, ſah aus wie eine rieſenhafte, lebendige Blumenkette, die ſich in zierlicher Schlangenlinie zwiſchen die alten grauen Paläſte gewunden. Und wenn man dieſes allgemeinen großartigen Anblicks genug hatte, und ſich in eine Gondel warf, um dem Strom zu folgen oder ihn zu kreuzen, ſo ſah man an den Einzelheiten ſo viel Schönes und Blendendes, daß man nicht wußte, wohin die Blicke wenden. Friedrich von S. hatte mit Mühe ein kleines Fahrzeug erhalten und fuhr, in demſelben aufrecht ſtehend, dahin, das glänzende Schau⸗ ſpiel ſo viel als möglich in ſich aufnehmend. Hier erſchienen Gondeln des Volkes, die Wettruderer, mit ungeheurer Anſtrengung ihr Boot da⸗ hintreibend und in feſtlich hellen Anzügen. Zu beiden Seiten ihres Fahrwaſſers hatten herrſchaftliche Gondeln eine Gaſſe gebildet, und in den Atlaskiſſen der kleinen Schiffchen lehnten die ſchönſten Frauen und Mädchen in dem phantaſtiſchſten Anzuge, während die Gondelführer bei ihrem Ruder ſtanden, kräftige ſchlankgewachſene junge Leute in dem maleriſchen Coſtüm der alten Zeit. Der Gondolier, der den jungen Offtzier führte, hatte ſich hinter dieſe glänzende Reihe gedrängt, den Befehlen ſeines Herrn folgend, der mit ſeinem ſcharfen Auge unter Tauſenden der Fahrzeuge heraus das⸗ jenige der Marcheſa von C. gefunden, welches ſoeben die Freitreppe ihres Palaſtes verlaſſen zu haben ſchien und gewandt durch die dichten Reihen ſchlüpfte. Die Narcheſa ſaß in einer kleinen, reichverzierten und vergoldeten Gondel; prächtige perſiſche Teppiche hingen über den Bord derſelben und ſchwammen im Waſſer nach. Neben einer älteren Geſellſchafterin lehnte die junge Marcheſa in die ſchwarzen atlaſſenen Kiſſen, und war, 8 — 10² Venedig. wo ſie ſich zeigte, wie immer der Gegenſtand allgemeiner Aufmerk⸗ ſamkeit. Heute aber galt derſelbe ebenſoſehr ihrer Gondel, als der Perſon des jungen Mädchens ſelbſt. Faſt alle Fahrzeuge der Venetianer näm⸗ lich hatten im Arrangement von Teppichen und Blumen irgendwo die italieniſchen Farben. Die Gondel der Marcheſa von C. hingegen trug am Stern die bekannten, damals aber nicht beliebten Landesfarben, ſchwarz und gelb. Mancher ſchaute verwundert drein, als das kleine Fahrzeug vorüberſchwamm; hier hörte man ein leiſes Maledetto, dort ein höhniſches Lachen, oft auch dagegen ein halb unterdrücktes Evviva. Die junge Dame ließ ſich alles dies nicht anfechten. Sie lag nachläſſig in ihre Kiſſen gedrückt und grüßte rechts und links mit dem Anſtande und der Miene einer Königin. Sie war ſich der Flagge wohl bewußt, die ihr Fahrzeug führte, und die erſtaunten, ja zornigen Blicke vieler Damen ihrer Bekanntſchaft ſchienen ſie wahrhaft zu erfreuen. Sie übte eine Art Wiedervergeltung, denn da ſie die Farben liebte, unter welchen Venedig wieder anfing, aufzublühen, da es die Farben ihrer lieben verſtorbenen Mutter waren, ſo hatte ſie es oft tief gekränkt, wenn ſie im Salon ihres Vaters mit anſehen mußte, wie die italieniſche Tricolore mit Oſtentation getragen wurde und wie man ihre Farben, die ſie auch bei ſich nie verläugnete, mit einer Miene der Verachtung angeſchaut. Friedrich von S., entzückt von dem Anblick der jungen Dame, verſuchte umſonſt mit ſeinem einzigen Ruderer der pfeilſchnell dahin⸗ fahrenden Gondel zu folgen und hätte ſie auch nie erreicht, wenn ſein gutes Glück nicht gewollt hätte, daß in der Gegend des Rialto eine dichte Reihe offener Boote, mit Offtzieren beſetzt, derſelben einen Auf⸗ enthalt verurſacht hätte. Mehrere ſeiner Kameraden ſchienen die Mar⸗ cheſa zu kennen und grüßten ſie um ſo freundlicher, als ſie bemerkten, daß ihre Gondel die kaiſerlichen Farben führte. Hiebei gelang es ihm, näher zu kommen, und ſein Gondolier drückte das leichte Fahrzeug ſo ſcharf und plötzlich neben die Gondel e“ Venedig. 103 der Marcheſa, daß das leichte Schiſſchen heftig zu ſchwanken anfing und der junge Offizier faſt über Bord gefallen wäre, wenn er ſich nicht noch zur rechten Zeit an der Flaggenſtange der anderen Gondel 3 gehalten hätte. Die Marcheſa, durch die heftige Bewegung aufmerkſam gemacht, ſchaute ſich um, und Herr von S., der ſie auf's Chrerbietigſte grüßte, bat zu gleicher Zeit um Verzeihung, daß er genöthigt geweſen ſei, bei ihr ſein Gleichgewicht wieder zu finden. „Ah!“ entgegnete die junge Dame mit ernſtem, aber einigermaßen ſpöttiſchem Ton,„Sie halten ſich an der Flagge Ihres Kaiſers? Daran thun Sie ſehr wohl, und ich bin dem Zufall wirklich dankbar, daß die von mir ſo geliebten Farben Ihnen das Gleichgewicht wieder gaben.“ Damit ließ ſie grüßend ihren Fächer ſinken und ihre Gondoliere, ärgerlich über den gehabten Aufenthalt, trieben die Gondel unter 4 den Rialto, daß das Waſſer mit gewaltigen Bogen rauſchend empor⸗ ſpritzte. Wenn der junge Offizier gefolgt wäre, ſo hätte ſein leichtes Fahrzeug unfehlbar an den Marmorquadern der Brücke zerſchellen müſſen.— Und er wäre dem ſchönen Mädchen ſo gern gefolgt! Ihre Worte klangen ſo bedeutungsvoll und doch ſo räthſelhaft. Er hätte ſie gerne um eine Aufklärung gebeten, um dadurch noch einige Augen⸗ blicke länger in ihrer Geſellſchaft bleiben zu können. Jetzt fuhr er auch unter dem Rialto dahin und ihm folgte eine zweirudrige Gondel mit jungen, eleganten Leuten beſetzt, die eifrig zuſammen ſprachen. „Haſt du ſie geſehen,“ ſagte der Eine,„die ſchöne Marcheſa?“ „Mit der deutſchen Flagge!“ ſprach ein Anderer. „Daß ſie verdammt ſeie!“ fuhr der Erſte fort.. „Wer?“ fragte ein Anderer lachend.„Die Flagge oder die Marcheſa?“ 3 „Meinetwegen beide!“ antwortete der, welcher zuerſt geſprochen. 104 Venedig. „Sie iſt doch einmal eine Venetianerin, und der Name ihres Vaters hat einen guten Klang beim Volke.“ „Ein ſchlauer Fuchs, der alte Marcheſe,“ ſagte ein Anderer. „Laßt ihn nur machen, er weiß wohl, warum er der Tochter erlaubt, ſchwarzgelb zu führen. Es beſſert ſeine Reputation bei der Regierung und das kann er brauchen.“ „Ach was erlauben?“ rief der Erſte ärgerlich.„Die läßt ſich was erlauben oder verbieten! Sie thut was ſie will. Ah! das iſt ein hartnäckiges Weib!“ „Aber ſchön!“ ſprach ſeufzend einer der jungen Männer, der bis jetzt geſchwiegen. Damit ſchoß die Gondel vorbei und man hörte weiter nichts mehr, als das Plätſchern der Ruder im Waſſer. Friedrich von S., der ſeine Gondel langſam wenden ließ, nahm ſich vor, ſeinem italieniſchen Freund die eben gehörte Unterredung mitzutheilen und ihn um Auskunft zu bitten über das Dunkel, was für ihn hierin, ſowie in den Worten der jungen Marcheſa lag. Aber er vergaß dieſen Vorſatz im Laufe des Tags und als es Nacht ge⸗ woorden, war der Markusplatz ſo feenhaft ſchön und hatte er ſo viel zu thun, um den Ort auf demſelben zu finden, wo ſich die junge Marcheſa vielleicht aufhalten könnte, daß er nicht im Stande war, ſich hier loszureißen und ſeinen Freund aufzuſuchen. Man muß den Markusplatz an einem ſolchen Abend geſehen haben, um ſich zu geſtehen, daß es in der ganzen Welt nichts Feen⸗ hafteres und Schöneres gibt. Wer kennt nicht dieſen weiten prächti⸗ gen Platz aus Bildern und Erzählungen, mit dem weißen, glatten Marmorboden, eingefaßt von herrlichen Paläſten, beherrſcht von der prächtigen Markuskirche, dieſem phantaſtiſchen, ſeltſamen Bauwerk mit ſeinen orientaliſchen Formen, den bunten Farben des Marmors, aus welchem es gebaut iſt, den Tauſenden von ſpitzigen Zacken und Thürmchen, mit ſeinem ernſten Portal, auf welchem die vier berühm⸗ ten broncenen Roſſe nach vier Seiten auszuſchreiten ſcheinen, dies —— 4 — Venedig. 105 Bauwerk ohne beſtimmte Form und doch von wunderbarer Symmetrie, überragt von der weiten, prächtigen vergoldeten Kuppel! So liegt der Markusplatz da, und wenn, wie an dem heutigen feſtlichen Abend, die Nacht hereinbricht, ſo gleicht er einem rieſenhaf⸗ ten Ballſaale, über den als Decke der dunkle italieniſche Nachthimmel mit Tauſenden von flimmernden Sternen geſpannt iſt. An drei Seiten des Platzes ſind broncene Armleuchter, auf denen unzählige Gasflammen brennen. Dazu kommen eine Menge ungeheurer Kande⸗ laber, die bei Feſtlichkeiten wie heute auf dem Steinboden feſtge⸗ ſchraubt ſind und die oben unzählige Arme ausſtrecken, auf welchen überall Bouquete von weißem Lichte glänzen und rings herum eine fabelhafte Helle verbreiten. Tauſende von Menſchen bedecken dieſen Platz und ziehen lachend und plaudernd auf und ab. Die Seitengänge der Procurazie ſind zu Logen eingerichtet; hier ſitzt die ſchöne Damenwelt Venedigs; Blumen duften, Augen glänzen. Auch hier wird gelacht und ge⸗ plaudert, geſcherzt und geliebt, und hier und dort verläßt eine Dame, die des Sitzens müde iſt, auf den Arm ihres Cavaliers geſtützt, ihren Platz, um ſich unter die wogende Menge zu miſchen, die ab⸗ und zuſtrömt. 1 1 b Zu beiden Seiten ſind Militärmuſiken aufgeſtellt, welche abwech⸗ ſelnd luſtig aufſpielen, und die prächtigen Klänge, von den Stein⸗ mauern ringsum zurückgeworfen, dröhnen über den Platz hin, Sinne und Herz betäubend. Da ſenkt ſich manches Auge, das ſo eben noch ſchmachtend emporgeblickt; tiefer Athem ſchwellt die Bruſt, Blicke fin⸗ den ſich und Herzen; die dahinwandelnden Paare ſchließen ſich feſter aneinander, und wir finden es begreiflich, daß jener junge Mann, der ſich hinabbückt zu dem Blumenſtrauß ſeiner Dame, ſein Ziel verfehlt und ſtatt jener eben aufgeblühten Roſe die friſchen Lippen ſeiner Be⸗ gleiterin verſtohlener Weiſe küßt, welche in dieſem Augenblick das Blumenbouquet als Fächer benützt.— In ſolchen Momenten iſt es traurig, wenn man, wie unſer 106 Venedig. junger Freund, Friedrich von S., auf dem Platze des heil. Markus allein hin und her wandelt; doppelt traurig aber, wenn man, wie er, ſucht und nicht findet. Wie oft war er an den Bogengängen auf⸗ und abgewandelt und hatte bis zur Grenze der Indiscretion hinein⸗ geſchaut und die lachenden und plaudernden Damen gemuſtert.— Vergebens! Endlich wandte er ſich von dem glänzenden Platze ab und trat auf die Piazetta, welche weniger, ja faſt gar nicht beleuchtet, ohne Glanz und Schimmer, ohne hin und her wandelnde Menſchenmaſſen, ohne rauſchende Muſik und doch ſo unendlich poetiſch da lag. Wie ein Märchen aus tauſend und einer Nacht, phantaſtiſch, reich, übernatürlich erhebt ſich links der Dogenpalaſt. Und wenn man da zurückblickte auf den hellen, belebten Markus⸗ platz, ſo drängte ſich wieder lebhaft das Bild eines großen Ballfeſtes auf. Hier war man in einem ſtillen Nebengemach, wohin ſich einige Wenige zurückzogen, die ſich drüben im Gewühl nicht heimiſch fühlten, oder die mit ihren Gedanken oder mit lieben Bildern, welche dieſelben beſchäftigten, allein ſein wollten. Dem jungen Offizier erging es ſo; er wandelte auf den breiten Steinplatten bis an das Ufer der Lagunen, deren ſtille Fluthen ſich weit hinaus dehnten, die man für das Meer ſelbſt halten konnte, da man im ungewiſſen Schein des Mondes die Formen des Lido kaum zu unterſcheiden im Stande war. Es befanden ſich außer ihm wenig Spaziergänger da, Damen gar keine, wie es ſchien, und jede Gondel, die an der breiten Treppe anlegte, ſandte ihren Inhalt nach dem Markusplatz, wo die rauſchende Muſik immer fort ſpielte, deren Klänge, ſanft gedämpft, hieher auf die Piazetta drangen. 4 Friedrich ging den Säulen zu, wo eine Menge der kleinen Fahrzeuge zuſammen lagen. Er wollte von hier mittelſt eines Um⸗ weges zu Waſſer nach ſeinem Hötel zurückkehren. Doch kaum war er ein paar Stufen hinab geſtiegen, ſo ſah er dicht vor ſich eine herr⸗ Venedig. 107 ſchaftliche Gondel, die Sitze mit reichen Teppichen bedeckt, die augen⸗ ſcheinlich eben anlegte, um Jemand aufzunehmen. Es kamen auch wirklich zwei Damen hinter ihm die Treppen herab, und als er ſich umwandte und einen Schritt zurücktrat, um ihnen Platz zu machen, erkannte er mit freudigem Erſchrecken die Marcheſa von C., welche jetzt, ohne ihn zu erkennen, an ſeine Seite trat. Das Mädchen hatte ihre Mantille zurückgeworfen; ihre blitzen⸗ den Augen ſchweiften über die helle Waſſerfläche, dann hinauf zu dem Monde, und als der ſilberne Schein in ihr großes, glänzendes Auge fiel, als ſich ihr Mund leicht öffnete, um die kühle, friſche Meerluft einzuathmen und als ſich dabei ihre Bruſt hob und ſenkte, war das Mädchen unbeſchreiblich ſchön. Der Offizier konnte bei dieſem Anblick einen Ausbruch der Ueberraſchung nicht unterdrücken, und als ſich die Marcheſa darauf raſch umwandte, trat er auf ſie zu und bot ihr freundlich einen guten Abend. Die Dame war ſichtlich überraſcht, ihn hier wieder zu ſehen, und einen Augenblick flog ein Lächeln über ihre Züge. Doch nur eine Sekunde. Dann ward das Geſicht wieder ernſt und kalt wie früher. „Ah!“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„heute iſt der Tag unſerer Begegnung. Ich hätte nicht gedacht, Sie heute Abend hier noch zu ſehen.“ „Auch ich hatte dies Glück nicht erwartet,“ antwortete Friedrich von S.,„obgleich ich wohl darauf gehofft.“ Die Marcheſa wandte ihm ihren Blick zu und ſah ihn eine Se⸗ kunde lang feſt an. „Ich war wie alle Welt auf dem Markusplatz,“ fuhr der Offizier fort,„und muß Ihnen geſtehen, daß ich mich dort in dem glänzenden Damenkreis vielfach umgeſchaut.— Nach Ihnen, Marcheſa,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu.„Ich glaubte mit Recht annehmen zu Se können, daß Sie an einem ſolch' feſtlichen Abend dort nicht fehlen würden.“ —— 108 Venedig. „Mich freuen dieſe Feſte wenig,“ ſagte das junge Mädchen ernſt, „und Venedig iſt mir unheimlich in dieſer Aufregung. Aber,“ ſetzte ſie ruhig und kalt hinzu,„Sie werden das nicht verſtehen, ich viel⸗ leicht ſelbſt nicht, aber mein Gefühl ſchaudert zurück vor dieſem falſchen Glanz, dieſem augenblicklichen Schimmer, dem nur zu bald die finſterſte Nacht folgt.— Gewiß, Herr von S.,“ ſprach ſie nach einer Pauſe, nich komme mir oft vor wie eine Seherin, und möchte meine warnende Stimme erheben, aber ſie verhallt ungehört.“ „Ja eine Seherin,“ wiederholte der junge Mann, ganz in den Anblick des herrlichen Mädchens verſunken,„ſchön wie Kaſſandra.“ „Wenigſtens wie dieſe Troja's Fall prophezeiend,“ entgegnete die Marcheſa, indem ſie leicht den Kopf neigte und ihre rechte Hand ein klein wenig erhob. Doch wußte man nicht, wollte ſie damit grüßen, oder wollte ſie dieſelbe dem jungen Offizier für eine Sekunde darreichen. Friedrich von S. nahm das Letztere an und beugte ſich raſch hernieder, um einen etwas zu innigen Kuß auf die kleinen Finger zu drücken. 3 Die Narcheſa zog ihre Hand ſchnell zurück; doch als ſie in ihre Gondel ſtieg, ſagte ſie ihr felicita notte mit nicht unfreundlichem Tone.. Das Fahrzeug ſchoß dahin, und wo es die Fluthen durchſchnitt, blieb ein leuchtender Streifen in dem Waſſer zurück, zuerſt deutlich; dann aber zitterte er langſam auseinander, wurde unklar, löste ſich in einzelne ſilberne Punkte auf und verſchwand endlich in dem allge⸗ meinen Leuchten der Fluth. Friedrich von S. blieb lange unter der Säule ſtehen, auf wel⸗ cher der Löwe des heiligen Markus thront, und blickte dem Fahr⸗ zeuge nach, wie es bei Santa Lucia vorbei in den großen Kanal einbog.. Heute fühlte er zum Erſtenmal klar und deutlich, daß er dies — dies war der letzte Blick in das Leben, der den unglücklichen Schlacht⸗ Venedig. 109 herrliche Mädchen liebe, und daß dort die kleine Gondel das ganze Glück ſeines Lebens barg. Venedigs Merkwürdigkeiten ſahen die beiden jungen Leute gemein⸗ ſchaftlich, das heißt, der Italiener machte ſeinem deutſchen Freunde den liebenswürdigen Ciceroni und erklärte ihm die Wunder der alten Republik auf eine lehrreiche und doch unterhaltende Art. Sie beſuchten den Dogenpalaſt mit ſeinen prächtigen großen Säulen, gingen die Rieſentreppen hinauf an das berüchtigte und furcht⸗ bare Maul des Löwen, jenes öffentlichen Anklägers, aus dem das ſchreckliche Gericht der Drei ſeine geheimnißvollen Notizen nahm, die dann ſo oft zum Verderben wurden für einzelne Perſonen und ganze Familien. Sie ſahen den Platz, auf welchem Marino Falieri ent⸗ hauptet wurde, ſie ſtiegen hinab zu den feuchten dunklen Gefängniſſen, den Brunnen, mit den kleinen, ſtark vergitterten Fenſtern, den einzigen Luftlöchern der armen Gefangenen, zu welchen aber zugleich mit dem Tageslichte die Fluthen der Lagunen und auf ihnen allerlei unheim⸗ liche Thiere in die Kerker drangen. Sie gingen hinauf in die Blei⸗ kammern, dicht unter das von der Sonne glühend erhitzte Dach des Palaſtes, wo Caſanova geſeſſen, der uns ſeinen Aufenthalt umſtänd⸗ lich und ſchrecklich erzählt. Sie betraten die heimlichen Gerichtszim⸗ mer, aus denen ſo Wenige von denen, welche damals hieher geführt wurden, ungehindert und frei zurückkehrten. Sie ſahen das berüchtigte Gemach, in welchem faſt nur Todesurtheile ausgeſprochen wurden, und dann führte ſie der Schließer durch mehrere kleine Zimmer vor eine gut verwahrte eiſerne Thüre, hinter welcher der Boden eines ſchmalen Ganges, den ſie nun betraten, gewölbt erſchien. Unter ſich hörten ſie das dumpfe Rauſchen der Lagunen, links blickten ſie in einen finſteren Kanal, rechts durch eine ſchmale Oeffnung auf das weit hinaus glänzende Meer;— ſie waren auf der Seufzerbrücke, und 110 Venedig. opfern, welche früher dieſen Weg wandelten, vergönnt war; ſowie ſich jene Thüre am anderen Ende des ſchmalen Ganges öffnete und hinter ihnen ſchloß, waren ſie lebendig— todt. Starke Arme ergriffen den Verurtheilten; er wurde in dem finſteren Gebäude drüben erdroſſelt, und Abends ſah man ein ſeltſam gebautes Fahrzeug gegen den Lido hinausrudern. Vermummte ſaßen darin, und alle Gondeln, die dieſer Barke begegneten, wichen ſcheu auf die Seite. Denn dieſe führte den Leichnam irgend eines Mannes, der vor wenig Stunden noch gelebt, der vor wenig Tagen vielleicht glücklich, froh, reich und an⸗ geſehen geweſen war. Der junge Italiener erzählte ſeinem Freunde, als er ihn durch Venedig führte, von der Macht und dem Reichthum der ehemaligen Republik, und er that das mit ſo friſchen, lebendigen, glühenden Far⸗ ben, daß ihn der deutſche Offizier oftmals befremdet auſchaute. Auch zeigte er ihm ein kleines rothes Häuschen auf einem Nebengebände des Dogenpalaſtes— das Gefängniß Silvio Pellico's, und ſprach mit einer Begeiſterung von dieſem Mann, die Friedrich von S. mit ſeinem argloſen Gemüthe nicht begreifen konnte. Auch das Arſenal beſuchten ſie häufig, und wenn Graf C. mit den übrigen Offizieren der Garniſon faſt gar nicht verkehrte, ſo ſchien er dagegen hier deſto beſſere Freunde zu haben. So bereitwillig und freundlich der Italiener während des Tages bei ſeinem Begleiter war, ſo manin ſchien er Luſt zu haben ihm ſeine Abendſtunden zu widmen. Da zog er ſich meiſtens zurück, und wenn ihm Friedrich von S. dies und das proponirte, ſo wußte er immer einen Vorwand, um einen ſolchen Vorſchlag abzulehnen und allein zu ſein. Anfänglich hatte ſich der deutſche Offizier darüber gewundert; bald aber wurde es ihm klar, daß Graf C. irgend ein Liebesabenteer verfolgen müſſe, wobei ihm ſeine Geſellſchaft hinderlich ſei. Er hatte ein paarmal ſcherzhafte Anſpielungen in dieſer Richtung gemacht, und da der Italiener lächelnd darauf einzugehen ſchien, ſo war Friedrich Venedig. 111 von S. discret genug, nicht mehr darauf zurückzukommen und* ſeine Abende vollkommen frei zu laſſen. 8 Da befand er ſich eines Abends allein in einem Kaffeehauſe; er ſetzte ſich an einen Tiſch, rauchte ſeine Cigarre und nahm einige Jour⸗ nale in die Hand, um ſie durchzuleſen. Neben ihm ſaß eine Geſell⸗ ſchaft junger Leute, von denen er ein paar ſchon glaubte irgendwo ge⸗ ſehen zu haben. Als nun einer derſelben anfing zu ſprechen und lachend etwas erzählte, mußte er ſich unwillkürlich umwenden, denn jetzt erinnerte er ſich deutlich, auch dieſe Stimme ſchon gehört zu haben. Wann und wo aber dies geſchehen ſei, wollte ihm nicht klar werden. Auch war es ihm vollkommen gleichgültig, denn das Geſpräch, welches die jungen Leute führten, intereſſirte ihn anfänglich nicht im Gering⸗ ſten. Endlich aber hörte er mehreremal den Namen des Grafen C. nennen, weßhalb er ſich nicht enthalten konnte, wenn auch mit einigem Widerſtreben und anfänglich willenlos, zu hören, was dort geſprochen wurde. „Es iſt gewiß,“ ſagte einer der jungen Lente,„er wird in dem Hauſe angeſehen, als ſei er ſchon der Schwiegerſohn. Beim Himmel! Graf C. hat ein unverdientes Glück!“ „ Aber die Marcheſa?“ ſagte ein Anderer.„Iſt ſie auch mit der Wahl einverſtanden? Ich glaube, wenn ſie nein ſagt, ſo bringt ſie weder der Papa noch die ganze Familie zu dieſer Heirath.“ „Ach!“ rief ein Dritter,„die blonde Schöne wird auch endlich ein⸗ mal weich werden; ſie hat ſich lange genug koſtbar gemacht gegen die ganze Männerwelt Venedigs. Es iſt wahrhaftig Zeit, daß ihre Stunde kommt.“ „Und Graf C.,“ nahm der Erſte wieder das Wort,„iſt ein an⸗ genehmer Cavalier, von ächtem italieniſchen Blut und ſeinem Vater⸗ lande ſehr zugethan.“ „Das wäre vielleicht die geringſte Empfehlung bei der jungen Marcheſa,“ lachte ein Anderer;„denn obgleich geborene Venetianerin, iſt ſie doch mit Leib und Seele den—— Deutſchen zugethan.“ 1 12 Venedig. t Das Beiwort, was der Italiener den Deutſchen gab, konnte Fried⸗ rich von S. nicht verſtehen. In dem Augenblicke, wo er es ausſprechen wollte, ſtieß ihn ein Anderer mit einem Blick auf den nebenſitzenden Fremden heftig an den Arm. Der deutſche Offizier, dem das Blut in den Kopf geſtiegen war, und dem es ſehr unangenehm vorkam, daß der Italiener jenes Prä⸗ dikat verſchluckte, ſtand langſam von ſeinem Tiſche auf, faltete ſeine Zeitung zuſammen und trat ruhig an den Tiſch der vier Herren, um ſich an einer dort befindlichen Lampe ſeine Cigarre anzuzünden, während dem er nicht umhin konnte, ſich jeden der jungen Leute etwas ſcharf anzuſehen. Doch erwiderte keiner dieſen Blick. Sie ſchauten ſich ziem⸗ lich unbefangen an und Einer ſummte zwiſchen den Zähnen: o casta diva! Friedrich von S. verließ das Kaffeehaus; doch hatte ihn das eben Gehörte gewaltig aufgeregt. War er denn bis jetzt blind ge⸗ weſen oder ſo unſchuldig wie ein neugeborenes Kind, daß er nicht be⸗ griffen hatte, weßhalb Graf C. ihn ſo ſelten zu ſeinen Verwandten mitnahm und weßhalb er Abends beſtändig allein ausging? Alſo er liebte ſeine Couſine und wurde wahrſcheinlich wieder geliebt. Der Offizier preßte die Hand auf ſein Herz, welches ein heftiger ſtechender Schmerz durchfuhr. Seine Liebe zu jenem ſchönen Mädchen war bis zu dieſem Augenblick ruhig, leidenſchaftslos geweſen; jetzt trat die Eiferſucht hinzu, und er fühlte, wie ſein Blut plötzlich erregt war, wie ſeine Pulſe heftig klopften. Auch mußte er ſich dabei geſtehen, daß ihn ſein Freund nichts weniger als freundſchaftlich behandelte. Friedrich hatte dem Grafen C. nicht verhehlt, wie ſehr ihn die Mar⸗ cheſa intereſſirte, ja er hatte ihm eingeſtanden, daß er ſich zuſammen nehmen müſſe, um ſich nicht auf's Heftigſte in das ſchöne Mädchen zu verlieben.—„Und hoffnungslos,“ hatte er hinzugeſetzt,„ohne alle und jede Ausſicht, denn ich bin weder Graf noch Baron; ich habe nichts als meinen Degen, und das iſt ſehr wenig, um es gegen die 8 —ü⁰ Venedig. 113 Schönheit der Marcheſa gegen den Reichthum und Namen ihres Hauſes in die Wagſchale zu legen.“ Dazu hatte der Italiener fein gelächelt, leicht die Achſeln gezuckt und ihm geantwortet:„Ein unternehmender Offtzier, ein tapferer Mann kann Alles erreichen. Wer weiß, es kommt wohl noch die Zeit, wo man dir gern die Hand der einzigen Tochter des Marcheſe von C. be⸗ willigt.— Ah!“ ſetzte er hinzu,„dein Geſchmack iſt nicht ſchlecht; Emilie iſt ſchön, und wie geſagt, dem Kühnen winkt das Glück.“ Jetzt erſchien es auch dem jungen Offizier nicht mehr räthſelhaft, daß ihn ſein Begleiter Abends beſtändig allein ließ.„Das war es alſo?“ ſprach er zu ſich ſelber und biß die Zähne über einander.„Deßhalb mußte ich mich Abends allein herumtreiben, deßhalb wollte il Signor Conte Abends nichts von meiner Geſellſchaft? Und während ich mich müßig an dem Ufer der Slavonier herumtrieb oder auf der Piazetta promenirte, oder, Gott weiß zum wie vielſten Male einſam und allein zu den Armeniern hinausfuhr, ſchleicht er zu ihr!— O, der Gedanke könnte mich raſend machen!— Und Beide lachen vielleicht über mich. Aber nein! nein! Sie ſcheint zum Lachen nicht ſehr aufgelegt.— Aber gleichviel, hintergangen bin ich.“ Er wollte nach Hauſe, er wollte dem Italiener die ganze Geſchichte vorhalten. Doch als er durch mehrere der engen Gäßchen ſeinem Hotel zugeeilt war, als er ein paar Dutzend Brücken überklettert hatte, ward er ruhiger und dachte:„Was kann ich ihm ſagen? Sein erſtes Wort wird ſein: beweiſe mir, was du ſprichſt. Und dann ſtehe ich da, wie ein ertappter Schulbube. Gehen wir ruhig zu Werk; vielleicht ſpielt uns der Zufall etwas in die Hände, was wir brauchen können.“ Damit ging er langſam dem Hôtel de l'Europe zu, und als er ins Haus trat, fragte er den Kellner, ob der Graf C. dage⸗ weſen ſei. „Ja,“ war die Antwort,„der Herr Graf haben dieſe Karte zu⸗ rückgelaſſen und mir aufgetragen, Ihnen zu ſagen, er wolle Sie mor⸗ gen Früh zu einer kleinen Fahrt nach Meſtre abholen.“ Hackländers Werke. XXVI. 8 114 Venedig. „Für heute Abend gab er kein Rendezvons?“ „Nicht das geringſte.“ „Wie immer!“ dachte Friedrich. Dann ging er einen Augenblick auf ſein Zimmer hinauf, ſah nach Briefen, und änderte ganz vhne Abſicht ſeine Kleidung. Ohne jedoch genau zu wiſſen, weßhalb zog er einen dunkeln Sommerpaletot an, nahm ſtatt des hellen Florentiner Strohhutes einen ſchwarzen und verließ das Hotel wieder. Er hatte ſchon die Hand nach ſeinen Reiſepiſtolen ausgeſtreckt, um eine davon beizuſtecken, als er den Kopf lachend in die Höhe warf und zu ſich ſelber ſprach:„Zum Henker! Sollte ich doch glauben, ich wolle einem Nebenbuhler auflauern.“ Damit ſchlenderte er durch die enge Gaſſe fort, welche von der Hinterſeite des Gaſthofes nach dem Markusplatz führt. Es fing an, dunkel zu werden; die zahlreichen Läden waren bereits erleuchtet: ein helles Lichtmeer ſtrömte von dem großen Platze herüber, und jene kleine Straße war hauptſächlich ihrer Enge und der vielen geöffneten Ge⸗ wölbe wegen grell beſchienen. Nur wo es hinausging nach einem Kanal oder einer Brücke, da wurde es dunkler und ſtiller, und wenn man ſo zur Zeit der einbrechenden Nacht an den Kanälen vorbeiging, ſo erſchien das dunkle Waſſer mit ſeinem leiſen Geplätſcher an den Steinmauern der Häuſer recht melancholiſch, recht trübſelig. Mit einem leichten Scheine lag hie und da noch das Licht des ſcheidenden Tages auf der dunkelnden Fluth, namentlich auf den Waſ⸗ ſerſtraßen in der Nähe des großen Kanals. Einzelne ſchwarze Gon⸗ deln ſchoſſen eilfertig vorüber und ließen an den Ecken den bekannten weithin hörbaren Warnungsruf erſchallen, um ein Fahrzeug, das ihnen entgegen kam, zu benachrichtigen und zum Ausweichen zu veranlaſſen. Es iſt erſtaunlich, mit welcher Sicherheit die Gondoliere dies zu thun verſtehen, und unbegreiflich, daß ſie bei dem ſcharfen Fahren um die Ecken nicht aufeinander ſtoßen. Dies kommt aber ſelten, oder faſt nie vor. Sowie von drüben der Ruf beantwortet wird, was augenblick⸗ lich geſchieht, ſo ſenkt der Gondolier ſein Ruder flach neben das Fahr⸗ „ —/— Venedig. 115 zeug ins Waſſer, und die Gondel beſchreibt rauſchend einen kleinen Bogen, um den Begegnenden durchzulaſſen. Die beiden Boote ſchwan⸗ ken einen Augenblick, die Gondoliere rufen einander irgend ein ver⸗ trauliches Wort zu, vielleicht wird hinter den Scheiben des kleinen ſchwarzen Gondelhäuschens der Kopf einer Dame ſichtbar, im nächſten Augenblick aber ſind die beiden Schiffchen ſchon weit auseinander; die⸗ ſes fährt rechts, jenes links, und bald iſt der Kanal wieder öde und ſtill wie zuvor. Unſer junger Offizier wandte, mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, dem Markusplatz den Rücken und ging träumend durch enge Straßen, über finſtere Brücken hinweg, und hielt ſich hie und da eine Zeit lang an den Plätzen auf, wo viele Gondoliere anlegten oder abfuhren. So ſ henderte er fort und kam in die Nähe der kleinen berühmten Kapelle Miraculi, jenem intereſſanten ſchönen Bauwerk von weißem Mar⸗ S mor, das von innen und von außen mit den herrlichſten Seulpturen bedeckt iſt. Die kleine Kirche liegt abſeits von dem Leben der Stadt, und namentlich Abends iſt es hier ſehr öde und ſtill. Es fiel dem einſamen Spaziergänger auf, daß die Gondeln, welche hier lagen— es mochten drei oder vier ſein— ſich auf der andern Seite des Ka⸗ nals befanden, und daß die Gondoliere in denſelben irgend etwas zu erwarten ſchienen. Kaum nämlich ließ ſich Jemand am dieſſeitigen Ufer ſehen, ſo verließ eins der Fahrzeuge das jenſeitige und fuhr in die Mitte des Kanals, als erwarte es ein Zeichen. Wenn aber nichts der Art erfolgte, ſo kehrte die Gondel wieder an ihren Platz zurück. Dies Manöver hatte Friedrich von S. ſchon einigemale bemerkt und es fieng an ihn zu intereſſiren. Er hatte ſich auf die kleine Mar⸗ mortreppe geſetzt, welche neben der Kirche zum Kanal führte und ſaß hier zufällig ſo verdeckt in dem tiefen Schatten des Bauwerkes, daß ihn weder die Gondelführer drüben, noch eines der Vorübergehenden zu bemerken ſchien. So ſaß er vielleicht eine Viertelſtunde lang, und war eben im Begriff, eine Cigarre hervorzuziehen und ſie anzuzünden, als er einen 116 Mann über den Platz von der Kirche daherkommen ſah, deſſen Anzug, Haltung und Gang ihm bekannt vorkam. Unwillkürlich zog Friedrich von S. ſich in eine Vertiefung der Mauer zurück, denn als der Andere noch einige Schritte gegen ihn gemacht hatte, erkannte er deutlich ſei⸗ 4 nen italieniſchen Kameraden den Grafen C.. Dieſer trat dicht an das Ufer des Kanals; eine der Gondeln 3 von drüben machte es wie früher, und als hierauf der Graf zweimal leiſe huſtete, legte ſich das Fahrzeug augenblicklich dicht vor die Treppe, auf welcher er nun hinabſtieg und dabei ſo nah an dem deutſchen Offizier vorüber kam, daß er ihn mit der Hand hätte erreichen können. Der Gondolier, der wie immer in ſeinem Boote aufrecht ſtand, hielt den Schnabel des Fahrzeuges noch eine halbe Elle entfernt und ſchien auf Etwas zu warten. „Italia!“ ſagte der Angekommene leiſe aber deutlich. Und auf dies Wort hin legte ſich das Fahrzeug dicht an, der Graf ſprang hinein und die Gondel ſchoß durch den durklen Kanal dahin. „Ei, ei,“ dachte Friedrich von S.,„ſo komme 1 zufällig auf die geheimen Gänge meines Freundes, und hätte jetzt die beſte Ge⸗ legenheit zu erfahren, wie er ſeine Abende zubringt.— Wenn ich ihm folgte, um zu ſehen, wohin er ſich wendet!“ Im erſten Augenblicke ver⸗ warf er den Gedanken wieder, denn er hielt es für Unrecht, auf dieſe Weiſe die Gänge ſeines Freundes zu belauſchen. Dann aber trat ihm plötzlich das Bild der ſchönen Marcheſa vor Augen; ſeine Eiferſucht gegen den glücklichen Nebenbuhler flammte hoch auf, und nach einigem Ueberlegen hielt er es nicht für ſo Unrecht, Demjenigen nachzuſpüren, Venedig. der ſich ſeinen Freund nannte, und ihn doch ſo wenig freundſchaftlich 4 behandelte. f Raſch war ſein Entſchluß gefaßt. Er ging leiſe um die kleine. Kirche herum; da war aber nirgends eine Gondel als die, welche auf der andern Seite des Kanals warteten, und die, wie ſchon geſagt, dort einen beſtimmten Zweck zu haben ſchienen. Er hatte deutlich ge⸗ 117 Venedig. hört, welches Wort der Italiener zu dem Gondolier geſagt. Obgleich er das Geheimnißvolle in dieſem Unternehmen nicht recht begriff, und in ſeiner Sorgloſigkeit nicht weiter darüber nachdachte, ſo beſchloß er doch, es gerade ſo zu machen, wie ſein Freund, um ihm, wenn das Manöver gelang, am andern Morgen die ganze Geſchichte zu erzählen und auf dieſe Art vielleicht zu erfahren, was er eigentlich zu wiſſen wünſchte.„Vielleicht,“ dachte er auch,„thue ich ihm Unrecht, und er i*ſt nicht nach jenem Palaſte gefahren, und dieſe Gondeln gehören irgend einer Verbrüderung junger leichtſinniger Leute, die auf ſo geheimniß⸗ volle Art zu einem Rendezvous fahren.— Wir wollen ſehen 55 Dicht an der Kirche hin ging er auf die andere Seite des kleinen Platzes und nachdem er dort eine kurze Weile gewartet, trat er mit feſten hörbaren Schritten auf den Platz zurück, dicht an das Ufer des Kanals. Augenblicklich verließ eine der Gondeln die andere Seite und fuhr langſam gegen ihn hin. Er huſtete zweimal, und Alles ging vortrefflich. Das Fahrzeug legte ſich feſt an die Treppe; darauf ſagte er leiſe: Italia, der Gondolier reichte ihm die Hand zum Ein⸗ ſteigen, und nachdem er ſich in die ſchwellenden Kiſſen geworfen, fuhr die Gondel mit großer Schnelligkeit davon. Jetzt erſt, als er auf dieſe Art in eine unbekannte Strömung gerathen war, die ihn unaufhaltſam mit ſich fortriß, dachte er daran, daß er ſich vielleicht in eine Geſchichte eingelaſſen, die, wenn auch nicht gefährlich, doch am Ende einen unangenehmen Ausgang haben könne. Doch einigermaßen leichtſinnig, ohne viel Ueberlegung wie er war, da⸗ bei aber von großem perſönlichem Muth, ſuchte er ſich lachend zu über⸗ reden, die Sache ſei ein köſtlicher Spaß und werde ihm am Ende recht zu lachen geben. Die Gondel machte einen ziemlich langen Weg. Wenn er auch zu den Fenſtern hinausſpähte, um zu erfahren, wohin er eigentlich geführt werde, ſo kannte er doch Venedig zu wenig, um ſich in den kleinen Kanälen, in die man bald rechts bald links einbog, wiederfin⸗ den zu können.„ 118 Venedig. „Was thun,“ ſprach er nach einiger Zeit zu ſich ſelber,„wenn nun die Gondel hält? Nun, das Beſte iſt, wenn ich zu dem Palaſt des Marcheſe geführt werde, dort auszuſteigen und mir den Anſchein eines harmloſen Beſuchers zu geben. Es iſt dazu noch früh genug; komme ich aber irgendwo anders hin, ſo werde ich da wohl Jemand finden, der mich zurechtweist.“ Jetzt hielt die Gondel. Friedrich von S. ſtand von ſeinem Sitze auf, der Gondolier reichte ihm die Hand, er ging eine Treppe hinauf, das Fahrzeug kehrte augenblicklich um und der junge Offizier ſtand vor einer kleinen, erleuchteten Pforte, hinter der eine Treppe aufwärts führte. Doch ſo aufmerkſam er ſich auch rings umſchaute und die hohen Mauern betrachtete und den Kanal hinter ſich, auf welchem er gekommen, ſo fand er doch bald, daß er hier in ſeinem ganzen Leben nicht geweſen, und daß er keine Ahnung davon habe, wo er ſich eigent⸗ lich befinde.. 3 Der Platz vor der Pforte, wo er war, führte auf keine Straße; auch ſah er weder eine Brücke noch eine Gondel und ſoniit war ihm der Rückzug abgeſchnitten. Jetzt begann ihm doch ſein Abenteuer ſeltſam vorzukommen, und er wußte nicht was er machen ſollte. Wo⸗ hin führte jene Treppe?— Wen fand er da oben?—„Auf alle Fälle iſt Graf C. oben,“ ſagte er zu ſich ſelber,„und wenn ſich da junge Leute zu irgend einer Tollheit verſammeln, ſo iſt er genöthigt, dich, da du einmal da biſt, vorzuſtellen. Alſo vorwärts!“ Er ſchritt lang⸗ ſam die Treppe hinauf, war aber noch nicht weit gekommen, als er vernahm, wie unten im Kanal abermals eine Gondel anlegte und dann Schritte auf dem Steinpflaſter erklangen, und jetzt hinter ihm Jemand die Treppe herauf ſtieg. Dieß war ein großer ſtattlicher Herr mit ſchwarzem Barte, den er ſich nicht erinnerte, ſchon irgendwo geſehen zu haben. Offenbar aber war es ein Italiener, denn er bot ihm in venetianiſcher Mund⸗ art einen guten Abend, wobei er ihn forſchend anſah. Friedrich von S. war in Verlegenheit, was er ihm antworten ſolle, und doch ſchien V —,— D —,— Venedig. 119 der ſtrenge Blick des Fremden irgend etwas der Art zu verlangen und ſich nicht mit der gewöhnlichen Antwort auf einen guten Abend be⸗ gnügen zu wollen. Glücklicher Weiſe dachte der junge Deutſche an jenes Wort, das er vorhin dem Gondolier geſagt, und verſuchte daſſelbe auch hier wie⸗ der, indem er feſt und beſtimmt entgegnete:„Italia;“ denn er hatte nicht Luſt, ſich mit dem unbekannten Manne in irgend andere Expli⸗ kationen einzulaſſen. Dieſer ſchien auch zufrieden geſtellt, denn er nickte mit dem Kopfe, antwortete aber zur höchſten Ueberraſchung des jungen Offiziers:„Si Signor, Italia liberata.“ Dieß Wort ſchlug wie ein Blitz in das Herz des Deutſchen, und er begann zu ahnen, daß er im Begriff ſei, in ein fürchterliches Ge⸗ heimniß einzudringen, daß er vor einem Schleier ſtehe, den zu lüften für ihn in mancher Hinſicht von unberechenbaren Folgen ſein könnte. Trotzdem aber jedes weitere Vorſchreiten für ihn perſönlich von gro⸗ ßer Gefahr begleitet ſein konnte, ſo wäre er doch jetzt um nichts in der Welt zurückgewichen, ja er ſchätzte ſich glücklich, ſich, wenn auch anfänglich unbeſonnen, in dieſes Unternehmen eingelaſſen zu haben. Der eben angekommene Fremde ließ ihm übrigens nicht viel Zeit zum Ueberlegen. Er faßte ihn unter dem Arm und Beide ſtiegen die Treppen hinan. 4 Oben kamen ſie auf einen Vorplatz mit mehreren Thüren. Der Italiener mit dem ſchwarzen Bart ſchien hier zu Haus zu ſein, denn er ſchritt auf eine derſelben zu und öffnete ſie. Sie befanden ſich in einem Vorzimmer, wo mehrere Leute von ziemlich zweifelhaftem Aus⸗ ſehen Bediente vorzuſtellen ſchienen, welche den Beiden Hut und Stock abnahmen. An den Wänden ſaßen Andere, Laſtträger und Gondoliere, theils mit rothen Fiſchermützen auf dem Kopfe, theils mit braunen, breitkrämpigen ſogenannten Ernani⸗Hüten. Aus einem Nebenzimmer, dem ſich nun der Fremde näherte, hörte man das Gemurmel vieler Stimmen. 120 Venedig. „Ich bitte um ihren Namen,“ ſagte der Italiener zu dem deut⸗ ſchen Offizier, als ſie vor jener Thüre angekommen waren. Friedrich von S. zauderte und trat einen Schritt zurück. „Wenn Sie Ihren Namen nicht nennen wollen,“ fuhr der Ita⸗ liener fort,„ſo bitte ich um den des Mitgliedes, welches Sie einge⸗ führt, welches— für Sie hier garantirt,“ ſetzte er lächelnd hinzu. Nach einigem Ueberlegen antwortete Herr von S.:„Ich glaube hier Niemand zn kennen, als den Grafen von C., der ſich wahrſchein⸗ lich hier befindet. Ich möchte mich an ihn wenden und ihm ein paar Worte ſagen, ehe ich in die Verſammlung eintrete.“ „Graf C. iſt ein Name von gutem Klang unter uns,“ ſagte der Mann mit dem ſchwarzen Bart. Und dieß Wort über den Kameraden, welches Friedrich von S. hörte, ſchnitt ihm ſchmerzlich in die Seele, machte ihn erſtarren.„Nein, nein!“ ſprach er zu ſich ſelber,„ich muß mich irren; hier kann nichts geſchehen, was gegen Recht und Pflicht ginge. Ich habe ihn immer als einen ehrlichen Mann gekannt.— Wohlan! treten wir näher.“ Die Flügelthüren wurden geöffnet und Friedrich ſtand auf der Schwelle eines großen Saales, deſſen Fenſter mit dunklen Sammt⸗ vorhängen dicht verhängt waren, und ſah eine Verſammlung vor ſich von vielleicht fünfzig bis ſechszig Männern, alle ſehr anſtändig geklei⸗ det, die theils zu zwei und drei auf und abſpazierten, theils in Grup⸗ pen beiſammen ſtanden oder im eifrigen Geſpräch begriffen an einem langen Tiſche ſaßen. Wohl ſchlug dem jungen Offizier das Herz ſtärker als er ſah, wie ſich mehrere der ihm gänzlich fremden Herren bei ſeinem Eintreten nach ihm umwandten und ihn aufmerkſam betrachteten. „Graf von C.!“ rief der Italiener, der mit ihm gekommen, und es war ein Zufall, daß der Gerufene ſich gerade in der Nähe der Thüre befand. Er wandte ſich haſtig um und trat aus einer Gruppe Sprechen⸗ der hervor. —— Venedig. 121 Es iſt unmöglich, ſeine Ueberraſchung, ſeinen Schreck zu beſchrei⸗ ben, mit dem er nun ſo plötzlich dem Kameraden und Freunde gegen⸗ über ſtand. Er holte tief Athem und brachte nur mühſam„Ah!“ hervor. Der Venetianer, der mit dem deutſchen Offizier gekommen, ſah erſtaunt in die plötzlich erbleichenden Geſichtszüge des Grafen von C. Er ahnte, daß ſich hier Unangenehmes entwickeln würde und blieb in der Nähe. Auch mehrere der Herren, mit denen Graf C. ſo eben ge⸗ ſprochen, wandten ſich um und machten einen Schritt gegen die Thüre. Graf von C. hatte ſich im nächſten Augenblicke wieder ſo viel gefaßt, um ſeinen Freund anſcheinend mit ruhiger, aber doch mit vor Zorn zitternder Stimme fragen zu können:„Was treibt dich denn hieher? Warum drängſt du dich in die Verſammlung?“ „Von einer ſolchen Verſammlung hatte ich durchaus keine Ah⸗ nung,“ entgegnete Friedrich von S.„Aber ich bin nicht im Stande, hier deine Fragen zu beantworten. Du biſt überraſcht und erſchreckt, ich bin es nicht minder. Laß uns kein Aufſehen machen; ich will mich zurückziehen.“ „Wenn das möglich iſt!“ verſetzte Graf von C. finſter und warf einen forſchenden Blick umher.„Unglückſeliger! was ſoll dieß Spio⸗ niren?“ 3 Der Deutſche trat einen Schritt zurück und entgegnete mit leiſer, aber ſehr feſter Stimme:„Für dieß Wort und manches andere will ich mir morgen eine Erklärung ausbitten. Jetzt aber möchte ich mich entfernen, denn es ſcheint mir keine große Ehre darin zu liegen, län⸗ ger in dieſer Verſammlung zu bleiben.“ Damit wollte er zur Thüre hinausgehen; doch trat ihm der Ve⸗ netianer, mit dem er die Treppen hinaufgegangen war, in den Weg. „Halt!“ ſagte dieſer.„So entſchlüpft man nicht. So geduldig laſſen wir keinen Verrath geſchehen.“ Im Saale war unterdeſſen allgemeine Bewegung entſtanden. Die Leute um den Tiſch waren aufgeſtanden, die Gruppen hatten ſich gelöst 122 Venedig. und bildeten eine allgemeine. Todtenſtille herrſchte plötzlich in dem „Saal; alle Geſichter wandten ſich der Thüre zu.— Friedrich von S., der umherblickte, erkannte den Marcheſe von C., der ſich vordrängte, ſowie mehrere andere Herren, die er ſchon hie und da in Geſellſchaft geſehen. Der Marcheſe, der über dieſe Verſammlung eine Art Obergewalt oder Präſidentſchaft zu führen ſchien, war derjenige, welcher in dieſer allgemeinen Beſtürzung, die leicht zu einem unangenehmen Tumulte hätte führen können, am Erſten ſich wieder faßte; und er that dieß mit vieler Geiſtesgegenwart, indem er ſich laut lachend vordrängte, dem jungen Offizier die Hand reichte, während er den Umſtehenden mit ſehr lauter Stimme zurief:„Thun Sie doch gerade, meine Her⸗ ren, als ſei ein Fremder, ein Bekannter von uns, wie der Herr von S., etwas ungern Geſehenes, etwas das uns überraſchen müßte!— Herr von S. iſt mir ſehr willkommen. Behalten Sie Ihre Plätze, meine Herren, ich bitte!— Sie ſehen hier,“ wandte er ſich wieder, aber mit einer ſehr erzwungenen Heiterkeit, an den fremden Offizier, „eine Geſellſchaft von Männern, die ſich einer zwangloſen Unterhal⸗ tung hingeben.— Auch wird ſpäter geſpielt,“ ſetzte er leiſe hinzu. „Erlauben Sie, daß ich Sie mit einigen dieſer Herren bekannt mache. Ich ſetze nämlich voraus, daß Sie uns für ein paar Stunden Ihre angenehme Geſellſchaft ſchenken werden.“ Herr von S. wußte im erſten Augenblicke nicht, was er hierauf antworten ſollte. Nachdem der Marcheſe alſo geſprochen, nahm die Phyſiognomie der Geſellſchaft plötzlich einen anderen Charakter an. Man zog ſich von der Thüre zurück, und gruppirte ſich wieder, man ſetzte ſich um den Tiſch. Doch hätte ein aufmerkſamer Beobachter wohl ſehen kön⸗ nen, daß wenn auch alle die Herren ihr Geſpräch von vorhin wieder aufzunehmen ſchienen, doch die meiſten derſelben allem, was an der Thüre vorging, ein aufmerkſames Ohr liehen, und daß mancher Blick ſich verſtohlen dorthin richtete. Venedig. 123 Graf C., der ſich vorhin zu einem unbedachtſamen Worte hatte hinreißen laſſen, näherte ſich jetzt ebenfalls lächelnd ſeinem Freund und bot ihm die Hand dar. Friedrich von S. aber verbeugte ſich förmlich und ſagte darauf zum Marcheſe:„Verzeihen Sie, daß ich mich zufällig in eine Geſell⸗ ſchaft drängte, zu der ich keine Einladung erhalten. Ich fühle das Voreilige meines Betragens und beſtrafe mich ſelbſt, indem ich mich augenblicklich aus dieſer ſehr ehrenwerthen Geſellſchaft zurückziehe.“ Das Lächeln auf dem Geſichte des Marcheſe verwandelte ſich in ein unangenehmes Grinſen. Graf C. biß die Zähne aufeinander, und ſeine Hände öffneten und ſchloſſen ſich krampfhaft. Der Venetianer mit dem ſchwarzen Bart hielt ſich dicht an der Thür. „Ich bitte alſo nochmals um Entſchuldigung, Herr Marcheſe,“ ſprach der junge Offizier,„daß ich Ihre Unterhaltung durch meinen Eintritt geſtört. Sie werden mir erlauben, daß ich mich zurückziehe.“ Der Marcheſe machte eine tiefe Verbeugung und öffnete die Thüre. Graf C. wollte ſeinem Freunde folgen, doch warf ihm dieſer einen ſolch bezeichnenden Blick zu, daß er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Friedrich von S. zog ſich in das Vorzimmer zurück. Der Vene⸗ tianer, der mit ihm gekommen, folgte. „Sie werden in dieſer Stunde,“ ſagte er,„drunten keine Gondel finden. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die meinige anbiete, die an der Haupttreppe des Palaſtes hält.“ Ein Wink ſeines Auges rief zwei der Gondoliere herbei, die in dieſem Vorzimmer ſaßen, und denen er einige Worte zuflüſterte. Als er ſo mit ihnen ſprach, verſchwand das Lächeln auf ſeinen Zügen und Haß und Wuth blitzte aus ſeinen Augen.„Un tradditore!“ wieder⸗ holte er mehrmals mit ſehr leiſer, aber eindringlicher Stimme; und der eine der beiden Männer, die er aufgerufen, winkte zuſtimmend mit dem Kopfe. 3 Friedrich von S. hatte das Vorzimmer verlaſſen und war dort Venedig. über einen Corridor gegangen, von dem er glaubte, er müſſe zu jener Treppe führen, auf welcher er heraufgekommen. Am Ende dieſes Gan⸗ ges öffnete er eine Thüre, ſah aber gleich, daß er fehlgegangen ſei und ſich in einem anderen Theile des Palaſtes befand. Er war auf einem großen Veſtibul in einer ziemlich hohen, von Säulen getragenen Halle, durch einige Lampen erhellt, mit Orangen und Blumen beſetzt, an deren anderem Ende ſich eine große Treppe befand, die abwärts in den unteren Stock des Hauſes, wahrſcheinlich auf einen der Kanäle, führte. Schon wollte er umwenden, als jene Thüre, durch welche er eben gekommen, haſtig geöffnet wurde, und eine ältliche Frau heraustrat, die ihn ſtillſchweigend am Arm faßte und ſo ſchnell als möglich mit ſich fortzog. Daun öffnete ſie eine andere Thüre, ſchob den überraſch⸗ ten jungen Mann dort hinein, und ſchloß, ohne ein Wort zu ſagen, hinter ihm zu. Dabei hatte ſie ihm zugeflüſtert:„Folgen Sie mir, oder Sie ſind verloren!“ 4 Kaum war er auf dieſe Art aus dem Veſtibul entführt worden, als er draußen auf dem Marmorboden feſte Schritte vernahm. Dann hörte er, wie eine tiefe Stimme fragte:„Iſt ſoeben Jemand die Trep⸗ pen hinabgegangen?“ worauf die Stimme der Frau, die ihn hieher geführt, erwiderte:„Ich meine, es ſei ein junger Mann da hinabge⸗ ſtiegen. Ihr waret ja dicht hinter ihm und müßt ihn wohl ſelbſt ge⸗ ſehen haben.“— Ein leiſer, eigenthümlicher Pfiff erſcholl, unten plät⸗ ſcherten mehrere Ruder im Waſſer, und die Männer, die eben geſpro⸗ chen, eilten die Treppe hinab. Friedrich von S. befand ſich in einem hohen, ſehr mäßig erleuch⸗ teten Gemache und blickte erſtaunt um ſich. Alles, was ihm heute Abend begegnet, ſchien ihm wie ein Traum zu ſein. Was war der Zweck jener Verſammlung?— Es war offenbar kein guter.— Was hatte man mit ihm vor? Wer hatte ihn ſo offenbar beſchützt?— Denn daß man ihn gegen eine ihm drohende Gefahr in Schutz genommen, fühlte er vollkommen. Sein feines Ohr hatte wohl das Wort: trad- — Venedig. 125 ditore vernommen, und er war ſchon ſo viel mit den Verhältniſſen des Landes bekannt, daß er begriff, was auf dieß Wort folgen konnte. Unbeſchreiblich ſchmerzte es ihn, ſeinen Freund, den Grafen C., in dieſer Verſammlung gefunden zu haben. Das hätte er nicht gedacht, und manche Bemerkungen ſeiner hieſigen Kameraden fingen ihm auf einmal an verſtändlich zu werden. Doch hatte er nicht lange Zeit zu dieſen Betrachtungen, denn am anderen Ende des Gemachs, in dem er ſich befand, erſchien dieſelbe Frau wieder, die ihn hieher geführt und winkte ihm, näher zu treten. Er folgte ihr durch mehrere Zimmer; endlich öffnete ſie die Thüre eines Kabinets und gab ihm ein Zeichen einzutreten. Es entfuhr ihm ein Ausruf der Freude, denn er ſtand vor der Marcheſa von C. Sie war ernſt wie gewöhnlich; doch blickte ſie ihn aus ihren dunkeln Augen theilnehmend, ja freundlich an. Sie ſtand neben einem kleinen Fauteuil, von dem ſie ſich eben erhoben, und ſtützte ihre weiße Hand auf den dunkeln Sammt. „Sie hier, Signora?“ rief der junge Mann überraſcht.„Wo⸗ durch wird mir das Glück, Sie in dieſem Palaſte zu ſehen?“ „Ich möchte mir eigentlich erlauben zu fragen, was Sie in die⸗ ſen Palaſt geführt?“ entgegnete die Dame lächelnd. „Das iſt eine eigenthümliche Geſchichte; aber wenn ich mich auch voreilig in eine Geſellſchaft drängte, die mir, Gott ſei Dank! gänzlich fremd iſt, ſo iſt es doch nicht meine Schuld, daß ich mich hier vor Ihnen befinde.“ „Das weiß ich; meine Kammerfrau führte Sie hieher.“ „Soll ich Ihnen dafür danken, Donna Emilia?“ „Ich glaube, Sie hätten alle Urſache dazu,“ verſetzte die Mar⸗ cheſa.„Doch ich will Ihnen dieſe Räthſel löſen. Aber beantworten Sie mir vorher aufrichtig einige Fragen.— Sie kamen zu gleicher Zeit mit dem Grafen C. nach Italien?“ „So iſt es.“ 126 3 Venedig. „Hatten Sie andere Zwecke, als Venedig kennen zu lernen?“ „Gewiß nicht.“ 3 ) Oder theilte er Ihnen—— die Geſchäfte mit, welche ihn hieher riefen?“ „ Nicht das Geringſte.“ Er ſprach mit Ihnen nie über die politiſchen Verhältniſſe dieſes Landes?“ „Das kann ich nicht läugnen, er ſprach zuweilen darüber. Doch wichen in manchen Punkten unſere Anſichten ſo von einander ab, daß ich ihn bat, dergleichen Geſpräche künftig zu unterlaſſen.“ Die junge Dame athmete tief auf und ihre Züge erheiterten ſich augenſcheinlich. Lebhafter fuhr ſie fort:„Und Graf C. ſprach Ihnen nie von dieſen Verſammlungen, forderte Sie nie auf, daran Theil zu nehmen?“ „Niemals, Signora. Es war der ſonderbarſte Zufall, der mich hieher geführt.“ Darauf erzählte Friedrich von S. mit wenigen Worten ſein ganzes Abenteuer von heute Abend, ja, konnte es nicht unterlaſſen, die Marcheſa merken zu laſſen, daß nur die Furcht, in dem Grafen von C. den Nebenbuhler entdecken zu können, ihn bewogen, demſelben zu folgen. 8 Sie ging einen Augenblick nach dem Fenſter, hob den Vorhang in die Höhe und blickte in die Nacht hinaus. Dann wandte ſie ſich wieder raſch um.„Was Sie mir vorhin ſagten,“ ſprach ſie lebhaft, „iſt gewiß ſo?“ 4 „Iſt gewiß ſo!“ „Sie können mir frei in's Auge ſehen, Sie können mir die Hand reichen?“ „Und mein Ehrenwort darauf geben als Mann und Offtzier,“ erwiederte er entzückt und drückte ihre Hand an ſeine Lippen. Sie entzog ſie ihm nicht ſo gleich wieder. „Thereſa, meine Kammerfrau,“ fuhr die Marcheſa fort, beſand Venedig. 127 ſich zufällig im andern Theile des Palaſtes. Sie vernahm einige Worte, die ſie zittern machten für Sie. Sie wurde Ihre Beſchützerin, da ſie wohl wußte, es wäre mir unangenehm, wenn Ihnen ein 5 geſchähe.“ Das ſagte ſie mit ganz leiſer Stimme. „O Signora, wie danke ich Ihnen für dieſes Wort!“ rief Fried⸗ rich mit bewegter Stimme.„Wie preiſe ich die Gefahr, den Zufall, der mich verderben wollte und doch ſo glücklich gemacht!“ „Reden Sie nicht von Glück!“ ſagte ernſt die Marcheſa und zog ſanft ihre Hand zurück.„Ich habe Ihnen geſagt, was ich vielleicht nicht ſagen ſollte; laſſen Sie es genug ſein. Blicken Sie ernſt nnd ſorgenvoll in die Zukunft, aber nicht hoffend. Glauben Sie mir: es ziehen ſchwere Wolken über unſer Haupt, furchtbare Wetter, und ehe der Himmel wieder klar und rein wird, iſt manches Lebensglück zertrümmert, wird manche Blüthe zerſchlagen ſein, ohne Früchte ge⸗ bracht zu haben.— O warum mußten wir uns hier in dieſer Zeit finden!“ ſetzte ſie ſchmerzlich hinzu,„für eine Sekunde finden, nur für einen kleinen, kleinen Augenblick!“ „Und warum nicht länger?“ rief der junge Offizier ſtürmiſch. „O Signora Emilia! glauben Sie, ich ſei im Stande, ſo ruhig ſtehen zu bleiben, da Ihre Worte mir eine ſo glückliche Zukunft öffnen?“ Damit faßte er abermals ihre Hand, und ſein blitzendes Auge überflog glühend die Geſtalt des ſchönen Mädchens. „Meine Worte,“ antwortete ſie ernſt, faſt traurig,„haben Ihnen gar keine Zukunft eröffnet. Es iſt Alles dahin, Alles verloren. Hören Sie meine Worte und befolgen Sie dieſelben genau. Sie müſſen Venedig morgen verlaſſen!“ „Ah!“ rief der junge Mann und trat einen Schritt zurück.„Und das befehlen Sie mir?“. „Ich wünſche es,“ ſagte ſie ſchmerzlich lächelnd.„Ich bitte Sie darum.“ „Und Sie ſollte ich nicht mehr ſehen dürfen?“ 128 Venedig. Sie ſchüttelte den Kopf und wiederholte ſeine Worte:„Nicht mehr ſehen dürfen.“ „Ich kann nicht von hier!“ ſagte er heftig.„So ſchnell kann ich Venedig nicht verlaſſen, wollte ich auch Ihrem Befehl Folge leiſten. Meine Liebe hält mich zurück und meine Chre.“ Eine dunkle Röthe überflog bei dieſen Worten das ſchöne Antlitz der Marcheſa.„Ihre Ehre?“ ſagte ſie darauf mit feſter Stimme. „Gerade Ihre Ehre zwingt Sie, von hier abzureiſen. Sie ſtanden hier in Verbindungen, die— nehmen Sie mir es nicht übel— ein falſches Licht auf Sie warfen.“— „Ich weiß es und muß es der Welt und meinen Kameraden beweiſen, daß ich vielleicht— unbeſonnen gehandelt. Graf C. hat mich heute Abend auf's Tiefſte beleidigt: er muß mir dafür Rede ſtehen.“ 8 „Er wird ſich entſchuldigen,“ ſagte die Marcheſa achſelzuckend. „Er hat Wichtigeres zu thun, als eines Wortes wegen in dieſem Mo⸗ ment ſein Leben zu wagen.“ 1 „So muß ich wenigſtens den Verſuch machen.“ „Und verlaſſen dann Venedig, ſo ſchnell Sie können,“ antwortete die Marcheſa.—„Leben Sie wohl!“ „Und ich ſoll Sie nicht wieder ſehen?“ rief der junge Mann. „Niemals, Emilie?“ „Gott weiß es!“ entgegnete das ſchöne Mädchen, und ein leich⸗ ter Schauder flog über ihren Körper. „O verabſchieden Sie mich nicht ſo kalt! O ſagen Sie mir nur ein einziges Wort, das ich mir tauſendmal wiederholen kann, wenn ich fern von Ihnen bin, ein Wort des Troſtes, ein Zauberwort, das mir in den Stürmen, die, wie Sie ſagen, kommen werden, eine freundliche Zukunft vormalt, glückliche Tage; ein Stern, zu dem ich aufblicken kann in finſterer Nacht!“ Das Mädchen verdeckte ihr Geſicht eine kleine Weile mit der Hand, dann faßte ſie ſeine Rechte, umſpannte ſie mit ihren beiden Venedig. 129 kleinen Händen, und er fühlte einen leichten Druck, der ihn glückſelig machte. Dann aber richtete ſie ſich ſtolz empor, hob das dunkle, glänzende Auge gen Himmel und ſagte mit feſter Stimme:„Wohlan denn, ich will Ihnen dies Wort nennen. Bewahren Sie es wohl, es iſt ein Talisman, der einzige, der Ihnen Glück bringen kann: — Treue gegen Ihren Kaiſer, gegen Ihr Vaterland, und Treue gegen die Dame, die Sie lieben.“— Damit winkte ſie ihm zum Abſchiede, wandte ſich um und eilte in's Nebenzimmer. An der anderen Thüre erſchien jetzt die Kammerfrau wieder und erſuchte den jungen Mann, ihr zu folgen. Sie führte ihn über das Veſtibul durch einen kleinen finſteren Gang, ſtieg alsdann mit ihm eine Treppe hinab und öffnete dort eine Thüre, die auf den Kanal führte. Hier war eine Gondel, die augenblicklich dicht anlegte. Friedrich ſtieg hinein, dankte ſeiner Begleiterin, die ſich ſtumm entfernte, und war eine Viertelſtunde ſpäter in ſeinem Gaſthofe. Am andern Morgen ſtand er ſehr früh auf und wollte den Grafen C. aufſuchen, als ihm dieſer gemeldet wurde. Die Unter⸗ redung der beiden jungen Leute war kurz, aber peinlich. Der Italiener verſuchte umſonſt, ſeinen Worten von geſtern Abend eine andere Deu⸗ tung zu geben. Friedrich von S. beſtand auf einer eclatanten Ge⸗ nugthuung, umſomehr, wie er ſagte, als er den Kameraden geſtern in einer Poſition überraſcht, die, gelinde geſagt, zweifelhaft war. Ein hämiſches Lächeln fuhr bei dieſen Worten über die Züge des Italieners.„Wenn unſere Kameradſchaft,“ ſagte er kalt,„nicht ſchon durch den geſtrigen an ſich unbedeutenden Vorfall gelöst wäre, ſo würde ſie es dadurch ſein, daß ich meinen Abſchied erbeten und erhalten habe. Ich bin nicht mehr in kaiſerlichen Dienſten; ich bleibe hier in Venedig.“ Friedrich verbeugte ſich ſtumm und erwiderte, ſo falle es ihm Hackländers Werke. XXVI. 9 13 Venedig. um ſo leichter, ſeine Pflicht zu thun und ſeine vorgeſetzte Behörde von dem in Kenntniß zu ſetzen, was er geſtern Abend erfahren. Der Italiener lachte. 3 „Es iſt das freilich nicht viel,“ fuhr Friedrich fort,„aber viel⸗ leicht ein Fingerzeig, der nicht ohne Nutzen iſt.— Im Uebrigen ſtehe ich im Laufe des Tages zu Befehl.“ Graf C. ſchied mit einer ſtummen Verbeugung, indem er ver⸗ ſprach, einen Secundanten zu ſchicken. Dieſer erſchien auch eine Stunde ſpäter, und die Inſel Murano wurde als Ort des Duells ausgemacht. Der junge Deutſche machte einem Vorgeſetzten die Mittheilung von dem geſtrigen Vorfalle; doch befremdete es ihn, daß dieſe Nach⸗ richt ziemlich kühl aufgenommen wurde. Dann ging er auf das Offizierskaffeehaus, um einen Bekannten zu ſinden, der ihm heute Nachmittag freundlich beiſtehen würde. Auffallend wichen die Kame⸗ raden zur Seite, und er war endlich genöthigt, ſich an einen ihm faſt gänzlich fremden Offizier zu⸗ wenden, der ihn achſelzuckend auhörte. Doch als Friedrich von S. den Namen des Grafen von C. als den ſeines Gegners nannte, wurde Jener freundlicher und ſagte:„Ahl das iſt etwas Anderes; ich ſtehe mit Vergnügen zu Dienſten.. Das Rencontre fand auch zur beſtimmten Zeit ſtatt; es wurden vier Kugeln gewechſelt, und der Italiener erhielt von dem Deutſchen einen Schuß in den linken Arm. Darauf trennte man ſich ohne eine eigentliche Verſöhnung. Der Secundant des Herrn v. S., dem er Einiges über den geſt⸗ rigen Vorfall mitgetheilt, ſchüttelte ihm beim Abſchiede freundlich die Hand und ſagte:„Verlaſſen Sie ſich auf mich; ich will den Kamera⸗ den dieſe Geſchichte mittheilen. Nehmen Sie mir nicht übel, man hat oft die Achſeln über Sie gezuckt und nicht ganz mit Unrecht. Der Schein war gegen Sie. Aber es iſt das hier ein ſonderbares Terrain und Sie haben es nicht gekannt. Sollten Sie etwas in —— und luſtiger Dinge. Die Burſchen aus der Umgegend, ein kräftiger, 131 Venedig. Venedig wünſchen, ſo wenden Sie ſich an mich, wenn ich noch da bin! Tſchau! auf Wiederſehen! Adieu!“ Die beiden Gondeln flogen auseinander, die eine nach Venedig zurück, Friedrich von S. mit einem deutſchen Bedienten, den er an⸗ genommen, und ſeinem Gepäck nach Meſtre, wo er ſeinen Wagen hatte. Er lehnte nachdenkend an dem kleinen Gondelhäuschen und dachte lebhaft an jenen Morgen vor einigen Wochen, wo er mit dem Freunde ſo luſtig und heiter der Inſelſtadt entgegen gefahren war. Was hatte er in dieſer kurzen Zeit nicht Alles erfahren, erlebt?— Einen Freund verloren und dagegen ſie gefunden, jenes herrliche Mädchen, welche er nie im Stande war zu vergeſſen, und nach deren Beſitz zu ringen die Aufgabe ſeines Lebens ſein ſollte. Jetzt fuhr er abermals bei Malghera vorüber; er grüßte die Schildwache, die wie an jenem Morgen wieder oben ſtand; er warf noch einen ſehnſüchtigen Blick rückwärts nach Venedig, deſſen Häuſer und Paläſte er noch deutlich ſehen konnte, die ganze prächtige Stadt weit geſtreckt, wie ſie dalag in den ſonnbeglänzten Fluthen. Dann ſchoß die Gondel in den breiten Kanal; noch eine Viertelſtunde und er landete in Meſtre. Hier war irgend ein Feſt, ein Jahrmarkt oder dergleichen. Un⸗ zählige Gondeln, flache Boote und buntbemalte Marktſchiffe ſchaukel⸗ ten ſich auf dem Kanale. Die Straßen waren voll Menſchen, ſchöne, ſchwarzäugige Mädchen in ihrer maleriſchen Tracht, die niederen 4 Standes mit unbedecktem Kopfe, einen goldenen Pfeil zierlich in dem dichten ſchwarzen Haar tragend, die der höheren Stände mit ſchwar⸗ zen oder weißen Schleiern um das Haupt. Alles aber ſchien heiter ſchöner Menſchenſchlag, mit ihren Sammtjacken und ſpitzen Hüten, um welche farbige Bänder gewickelt waren, ſtolzierten umher in einem ſeligen Nichtsthun, die Hände zwiſchen die Leibbinde geſteckt, die Pfeife im Munde. Auf dem Marktplatz ſchallte luſtige Muſik; vor einem großen Café ſaßen bunte Reihen Einwohner aus Meſtre, Landleute 13² Venedig. aus der Umgegend, auch Venetianer, Potene Kaufleute, und dazwi⸗ ſchen in Gruppen zahlreiche Gondoliere, die rothe Mütze auf dem Kopf, die Cigarre im Munde, und ſchenkten einander fleißig ein aus der ſtrohumwickelten Flaſche. 63, Friedrich von S. ließ ſeinen Wagen unt oſtferden beſpannen und in kurzer Zeit rollte er durch das kleine Städtchen. Luſtig blies der Poſtillon, die Räder raſſelten auf dem Plliſer. Kinder jubelten und ſchrien hinten drein, auf dem Marktplatze machte die dichtgedrängte Menge Platz, um die Caleſche durchzulaſſen, welche der italieniſche Poſtknecht, wie es dieſe Leute in den Straßen einer Stadt immer zu machen pflegen, im vollen Galopp dahin führte.. Bald ließen ſie Meſtre hinter ſich liegen und fuhren auf der breiten, ſchönen Straße nach Treviſo, bei zahlloſen Villen vorbei, die rechts und links etwas abſeits von der Straße liegen, und deren weiße Gebäude aus dem dunklen Laub der Cypreſſen und Orangen ſo freund⸗ lich hervorblickten. Links brauste die Eiſenbahn nach, Vicenza durch das flache, geſegnete Land, das ſich hier ein wahrer Garten bedeckt mit Obſt und Frucht, ausbreitet. Rechts warf unſer Reiſender noch einen letzten Blick auf die ſtillen Lagunen und ſein Auge haftete auf Venedig, das dalag im Glanz der untergehenden Sonne, ein prächtiges Bild, dem jungen Manne wie ein glänzender Traum, aus dem er ſeuf⸗ zend erwacht. II. Wer im Frühjahr 1849 zufällig nach Meſtre gekommen wäre, ohne zu wiſſen, welch' großartiges Trauerſpiel hier am Rande der Lagunen gerade in ſeinem letzten Act aufgeführt werde, hätte in der That nicht gewußt, was er von der ſo gänzlich veränderten Geſtalt des kleinen Venedig. 133 Städtchens zu halten habe. Ja, wer auch mit den gewaltigen Ereig⸗ niſſen bekannt war, die ſich hier in Italien begaben, wer denſelben aufmerkſam gefolgt war und kam nun plößlich hieher, der mußte ſchmerzlich erſtaunt um ſich ſchauen, wenn er bemerkte, wie ſich Alles in und um das Städtchen verändert. Die breite neue Straße, die von Treviſo hieher führte, war frei⸗ lich noch dieſelbe, und wenn man mit dem Eilwagen nach Meſtre ab⸗ reiste, ſo ſchien eine Zeit lang Alles beim Alten zu ſein. Die Felder blühten in üppiger Pracht; die Maulbeerbäume hatten ihre Blätter⸗ kronen aufgeſetzt; die Rebe ſchlang ſich darüber hin mit ihrem hellen Grün; auch bemerkte man wohl hie und da eine Viehheerde oder auch einen Bauern, der auf ſeinem Ochſenkarren auf das Feld fuhr. Wenn man aber über die Hälfte des Weges hinaus war, ſo hörte man auf einmal den dumpfen Knall eines ſchweren Geſchützes, jetzt wieder einen, dann mehrere hintereinander, und der kundige Poſtconducteur, der ſeine Naſe zum Wagenfenſter hinausſtreckte, machte einen ängſtlichen Frem⸗ den, der mit ihm fuhr, zuweilen auf eine feſte Rauchmaſſe hoch in der Luſt, in Form einer großen Kugel, aufmerkſam, welche lange zuſam⸗ menhielt und die der Wind erſt nach und nach verwehte. „Das war eine ſchwere Bombe,“ ſagt der Conducteur,„die zu frühe in der Luft zerplatzte.“ 1 „Und die herabfallenden Stücke können uns nicht treffen?“ fragt der ängſtliche Reiſende. „Jetzt ſind wir noch zu weit,“ entgegnet beruhigend der An⸗ dere;„aber wenn wir näher kommen, werden wir ſie artig ſauſen hören.“. „Gott ſteh' uns in Gnaden bei!— Der Poſtwagen fuhr nun weiter, was die Pferde laufen konnten. Endlich ſahen die Reiſenden rechts und links die zahlreichen Land⸗ häuſer liegen, in welchen der venetianiſche Adel ſonſt die warme Jahres⸗ zeit zuzubringen pflegte. Jetzt aber war's in den von Meſtre entfern⸗ teren öde und leer. Da hielt auf dem breiten Sandwege keine Egui⸗ 44 1 134 Venedig. page, da ſah man zwiſchen dem dunkeln Laub der Orangen und Gra⸗ naten kein hellfarbig Seidenkleid durchſchimmern; die Gitterthore waren verſchloſſen, die Fenſterladen ebenfalls; Alles war unheimlich öde und ſonderbar ſtill. Aber wenn man näher und näher nach Meſtre kam, wenn die ſchweren Schüſſe, die man in raſcher Reihenfolge hörte, nicht mehr dumpf knallten, ſondern heftig krachten, wenn die platzenden Bomben, wie es der Conducteur vorhin verſprochen, artig über den Wagen da⸗ hin ſausten, wenn man die Stadt endlich vor ſich ſah, dann wurden auch die Landhäuſer rechts und links auf eine ſeltſame Weiſe belebter. Die Gitterthore waren geöffnet; neben der Schildwache, die ruhig auf und ab ſpazierte, ſaßen Soldaten im blauen Mantel und der Holz⸗ mütze und verrichteten allerlei häusliche Beſchäftigungen; auf den brei⸗ ten Sandwegen gingen ebenfalls Soldaten, an den Fenſtern lehnten nicht minder⸗welche, und wenn man etwas durch die Orangen⸗ und Granatbüſche flattern ſah, ſo war dies vielleicht weiß angeſtrichenes Lederzeug oder militäriſche Wäſche, die hier zum Trocknen aufge⸗ hängt war.— Die durch den ſchweren Belagerungsdienſt ſehr geplagten öſter⸗ reichiſchen Soldaten hatten ſich bei ihren venetianiſchen Freunden ſo gewölbten Zimmer waren ihnen nach des Tages Laſt und Hitze wohl zu gönnen. Auch die breite Landſtraße fing hier an recht belebt zu werden. Aus den Feldern zu beiden Seiten bog Infanterie in Zügen und Compagnieen, aber nur mit der Mütze und ohne Waffen, auf die Straße ein. Sie kamen von den Belagerungsarbeiten, hatten Fa⸗ ſchinen und Schanzkörbe angefertigt, überhaupt Material zum Batte⸗ rieenbau, das nun von den Offizieren, die dorthin ſprengten im dun⸗ keln Waffenrock, grüne Federn⸗ auf dem Hute, in Augenſchein genom⸗ men und verzeichnet wurde. Generalſtabsoffiziere und Ordonnanzen ritten hin und her, und aus einem rechts am Wege ſtehenden Land⸗ gemüthlich als möglich eingerichtet, und die zierlichen Gärten, die —— Venedig. hauſe der Villa Papadopoli kam eine Schaar Reiter hervorgeſprengt, darunter ein paar Generale, denen Adjutanten folgten; und voraus ritt ein langer hagerer Mann mit ernſtem Geſichte, hellen klugen Augen, deſſen grauer Bart im Winde flatterte. „Haynau!“ ſagte der Conducteur, und die Paſſagiere im Wagen verrenkten faſt die Hälſe, um den berühmten General zu ſehen.— Wie aber hatte ſich jetzt die Stadt verändert! Von den Einwoh⸗ nern keine Spur! Wohin man blickte— Soldaten und wieder Sol⸗ daten. Hier ſaßen ſie reihenweiſe unter großen Bäumen, die erſt von der Arbeit Gekommenen, und ruhten, ihre Pfeife rauchend, aus. Dort im Hofe putzten Andere ihre Säbel und Gewehre, die von der langen unthätigkeit ein bischen roſtig geworden waren; denn hier braucht der Soldat nur Spaten und Schaufel. An einem Waſſerbecken, wo vor⸗ dem eine Schaar Verkäuferinnen ihre Gemüſe friſch gehalten und ge⸗ putzt, wuſchen jetzt Artilleniſten ihre Geſchirrſachen, Wiſcher und An⸗ ſetzkolben. Aber dabei war hier Alles luſtig und guter Dinge; Jeder amüſirte ſich auf ſeine Art. Hier unter einem Haufen Grenzer ſang Einer ein melancholiſches Lied aus der Heimath, und da blitzten die ſchwarzen Augen und die dunklen Geſichter grinsten vor Wehmuth und verzeihlichem Heimweh. Ein Böhme hatte— Gott weiß wo? eine Violine erobert und ſpielte luſtige Weiſen, zu welchen Ungarn mit luſtigem Huſſa! umherſprangen. Und wie war nun der Marktplatz um dieſe Zeit luſtig und be⸗ lebt! Hier hatten die Offiziere, die gerade nicht im Dienſt waren, ihr Hauptquartier; und es war unter dem Krachen der Geſchütze, un⸗ ter dem Brauſen der Kugeln eine kleine treffende Copie von Wallen⸗ ſteins Lager. Aus wie viel Waffenarten und Nationalitäten beſtand nicht ſchon das Belagerungsheer! Und dazu die Menge von Genie⸗ offizieren, Adjutanten, Ordonnanzen und Generalſtäblern, die in ihren dunklen Waffenröcken und in ihrem ruhigen Weſen ernſt und geſetzt abſtachen gegen die Kameraden der anderen Theile der Armee: Huſaren, 2 136 Venedig. Dragoner, Chevauxlegers, Küraſſire, die erſt geſtern hieher gekommen waren, um das großartige Schauſpiel mit anzuſehen. Wer nicht gerade im Dienſt war, der befand ſich auf dem Markt⸗ platz, rauchend, Kaffee trinkend und ſpielend. Es war hier wie ein Luſtlager, und wenn nicht das Krachen der Geſchütze geweſen wäre, oder wenn ein unhöfliches Bombenſtück nicht zuweilen aus hoher Luft auf das Pflaſter niedergeſchlagen oder auch wohl durch das Schatten ſpendende Vordach des Kaffeehauſes gedrungen wäre, hätte man glau⸗ ben können, einem friedlichen Manöver beizuwohnen. Aber Meſtre hatte ſeine Schattenſeite, ſeine Straßen, in denen es recht unheimlich, ja traurig ausſah; das waren die, wenn man ſich vom Markte hinweg nach dem großen Kanale wandte, die Seite der Stadt, welche zunächſt gegen Malghera liegt. Hier waren die Häuſer ſchon längſt verlaſſen, und die tapferen Jäger, welche in den⸗ ſelben ihr Quartier hatten, wurden gezwungen, ſich Schritt für Schritt zurückzuziehen. Die Italiener in Malghera machten ſich ein Verguügen daraus, die kaiſerliche Munition, die ſie nichts gekoſtet, ganz unnöthig und mit der größten Verſchwendung auf die kaiſerlichen Truppen und auf ihre eigene unglückliche Stadt Meſtre zu verſchießen. Es verging während manchen Tages kaum eine Viertelſtunde, wo nicht ein Schuß herüberkrachte und eine ſchwere Kugel in das Mauerwerk einſchlug. Manche der Gebäude hier waren nur noch Schutthaufen, zerſchmettert und zerriſſen. Mehrere Straßen waren dem Militär verboten worden; ſie lagen öde und leer, die Fenſterläden hingen herab, die Balkone waren zertrümmert, und wenn irgend ein wißbegieriger Offizier ſich langſam vorſchlich, um hinter einem der letzteu Häuſer nach dem be⸗. lagerten Fort hinüberzuſchauen, ſo tönte ſein Schritt dumpf und hohl. Am troſtloſeſten ſah es am großen Kanale ſelbſt aus, an jener Stelle, wo zu Anfang unſerer Geſchichte jene beiden Offiziere ihren Wagen verlaſſen, um in einer Gondel nach Venedig zu fahren.— Damals und jetzt, welch ein Unterſchied! Von den vielen Menſchen die damals hier verkehrten, die lachend und plaudernd ihre Geſchäfte betrieben, nicht * 1 — —— 44 7 -— — Venedig. 137 Einer mehr! Verſchwunden waren die Boote, die Marktſchiffe, die Gon⸗ deln; auf dem Kanal wiegte ſich kein Fahrzeug mehr, bedeckt mit friſchem Grün, keines mehr mit Körben voll buntfarbiger, duftender Blumen. Die ganze Waſſerfläche lag einſam ernſt und ſtill; und den Landungsplatz, von wo früher zahlreiche Zuſchauer auf das Marktge⸗ wühl herabblickten, ſperrte eine Batterie, deren Geſchütze gegen Malg⸗ hera drohten. Wenn man über den Marktplatz in Meſtre ging, bei der alten Kirche vorbei, und wandte ſich an dem einzigen Gaſthofe rechts, ſo kam man bald in das Stadtviertel, wo ſich nur Häuſer auf einer Seite der Straße mit großen Zwiſchenräumen befanden. Hier hinaus ging der Weg nach Vicenza, der aber ſeit der Eröffnung der Eiſenbahn natürlicher Weiſe an Wichtigkeit verloren. Ehe man aber dieſe Land⸗ ſtraße erreichte, kam man an einen freien Platz, auf dem, noch in der Stadt ſelbſt, eine Art Landhaus lag. Es war das eines jener Bauweſen aus dem vorigen Jahrhundert, aus rothen Ziegelſteinen er⸗ baut, oben mit einem Manſardenſtock, die mittleren Etagen mit reich verſchnörkelten Fenſtern, unten eine breite Steintreppe, an deren Ge⸗ länder der Baumeiſter den Verſuch gemacht zu haben ſchien, wie weit es Geduld und Geſchmackloſigkeit zu bringen im Stande ſeien. Das Haus hatte einen Hof, mit Einfaſſungen analog dem Treppengeländer, einem Gitterwerk, das auch hier erſt nach hunderttauſend unnöthigen Drehungen und Wendungen an der Hauptöffnung zuſammenkam, wo das Thor aus zwei paar kleinen Engeln gebildet wurde, die ſo furcht⸗ bar verſchwollen und ſchlagflüſſig ausſahen, daß ein gewiſſenhafter Arzt gleich in Verſuchung gekommen wäre, ihnen mit Entſetzen den Puls zu fühlen. Vor dieſem Hauſe nun ſtand eine Gruppe von Offizieren, und hatten neben ſich eine Karte aufgelegt, mit deren Hülfe ſie über die verſchiedenen Operationen gegen Malghera ſprachen. Es waren zwei 138 Venedig. Generalſtäbler und zwei Genieoffiziere. Einer der Erſteren, ein ſchon etwas ältlicher Herr mit Brille, hatte im Eifer des Geſprächs einem der Engel ſeinen Federhut aufgeſetzt, was äußerſt komiſch ausſah. Ein junger Huſarenoffizier lehnte ſeitwärts an dem eiſernen Gitter und war be⸗ ſchäftigt, einen hartnäckig zugloſen Rattenſchwanz in Brand zu bringen. 2 „Vederemo,“ ſagte der jüngere Generalſtabsoffizier, indem er die Karte zuſammen faltete,„mit der errichteten Parallele und unſern paar Batterieen mit weniger Munition werden wir nicht viel aus⸗ richten.“ „Die Werke von Malghera können wir freilich nicht damit demon⸗ tiren,“ bemerkte ihm der Offizier vom Geniecorps.„Aber der moraliſche Eindruck, wenn ſie nun auf einmal auch unſererſeits mit Projectilen aller Art bedient werden, kann nicht gering ſein, und ich glaube, man hofft viel davon.“ „Bah!“ ſprach der Major,„Niemand, der die Italiener genau kennt. Wenn man ihnen im freien Felde den Ernſt zeigt, à la bon⸗ heur, das macht ſie ſtutzig; aber hinter Wall und Mauer da ſchießen ſie wie die beſten Truppen. Und welch' herrliche Munition haben wir ihnen angefertigt und hinterlaſſen! Der Gedanke koſtet mich noch mein Leben.— Bei zweihundert der neueſten, ſchönſten, bravſten. Geſchütze, kaiſerlich Metall, haben ſie da drin, und wir müſſen hier vor unſerer eigenen Feſtung liegen, und wenn wir einen etwas tiefen Laufgraben anlegen, haben wir alle Gefahr zu verſaufen.“ 3 „Je mehr Schwierigkeiten, deſto mehr Ruhm,“ meinte der andere Genieoffizier, ein junger Hauptmann mit ernſtem, geſetztem Weſen. 4 „Die Sache muß gelingen!“ 5 „Damit hat' freilich keine Noth,“ entgegnete der Major.„Was wäre mit ſolch einer braven Armee unmöglich? Kann man beſſer arbeiten, als die Leute thun, unverdroſſen, immer luſtig und guter Dinge? ſcheeren ſich den Teufel um Kugeln und Bomben, wenn ja Einige hingelegt werden, ſo wird aufgeräumt und die Uebrigen drohen gegen die rebelliſche Schaar und rufen:„Es lebe der Kaiſer!“ Venedig. „Nur zieht es ſich lange hinaus,“ ſagte der Lieutenant vom Ge⸗ niecorps.„Nächſtens fängt es an, ſehr heiß zu werden und dann haben wir die Fieber auf dem Hals.“ „Deßhalb nur tüchtig fortgearbeitet!“ nahm der Major wieder das Wort, indem er mit dem Finger auf die Karte zeigte.„Gebt nur Achtung, von hier aus wird eine zweite Parallele etablirt mit einer artigen Menge von Geſchützen. Munition dazu iſt genugſam verſchrieben.“ Damit ſteckte er die Karte in die Bruſttaſche. „Wann fängt dein Dienſt in den Laufgräben an?“ fragte der Ingenieurhauptmann ſeinen Kameraden. „Um neun Uhr marſchiren wir von der Paduaner Straße ab,“ entgegnete dieſer. 4— „Alſo auf Wiederſehen heute Abend!“ „Tſchau!“ Damit trennten ſich die vier Offiziere; die vom Generalſtab gin⸗ gen ins Hous zurück, der Hauptmann vom Geniecorps nahm ſeinen Kameraden, den Huſarenoffizier, unter dem Arm und Beide ſchlender⸗ ten nach Meſtre hinein. Doch betraten ſie nicht die Hauptſtraße, ſon⸗ dern wandten ſich rechts, gingen eine Strecke weit auf der breiten Chauſſee, die nach Padua führt, und bogen dann links in das Feld ab, wo die Laufgräben anfingen. „Ehe wir zu den Batterieen vorgehen,“ ſagte der Ingenieurhaupt⸗ mann— der Leſer wird wohl errathen haben, daß es Friedrich von S. war, den wir hier in Meſtre wieder finden—„muß ich dir ein kleines, heimliches, aber trauliches Plätzchen zeigen; ich bin überzeugt, daß es auch dir gefallen wird— unſern Begräbnißplatz. Siehſt du dort, wo man die Kultur geſchont hat, da liegen die Armen ſo viel hundert Stunden von der Heimath im Schatten des Maulbeerbaumes und des Rebenlaubs. Du mußt geſtehen, daß dieß Plätzchen eher einem Garten ähnlich iſt als einem Kirchhof.“ 1 „Wahrhaftig, es hat nichts Abſchreckendes,“ beſtätigte der Huſa⸗ Venedig. renoffizier,„und wer einmal beſtimmt iſt, hier zu bleiben, der kann es ſich ſchon gefallen laſſen, da begraben zu werden.“ „Bei den Kameraden,“ ſprach ernſt Friedrich von S.„Und du ſiehſt, wie rührend ſchön ſie für die Ausſchmückung ihrer Gräber ge⸗ ſorgt haben.“ Dem war auch in der That ſo. Unter dem Laubdache im grü⸗ nen Graſe, das den Boden hier bedeckt, waren die Gräber der Gefal⸗ lenen recht ſorgſam aufgeſchaufelt und hatten Kreuze, einfach zuſam⸗ mengebunden von Baumäſten, andere mit Kränzen verziert, oder ſogar mit kleinen Heiligenbildern. Und ſo lagen die Todten in Ruhe und Frieden neben einander, in ihrem Grabe fort und fort militäriſch be⸗ grüßt, denn von Malghera herüber krachte Schuß auf Schuß. „Die drüben feiern nicht,“ ſagte lächelnd der Genieoffizier;„und hier iſt noch Platz genug. Wenn du lange genug hier bleibſt, ſo kannſt du auch vielleicht mir noch einen Beſuch hier abſtatten. Näch⸗ ſtens wird es drüben ſcharf hergehen, und ich habe eine Ahnung, als wenn die für mich gegoſſene Kugel in Malghera bereit läge.“ „Ah! wie kann man ſo ſprechen!“ rief lachend der Huſarenof⸗ fizier;„namentlich du, der in dieſem und dem vorigen Jahre ſo gleich⸗ gültig, ſo unerſchrocken ins Feuer ging, was dir übrigens, unter uns geſagt, vortrefflich vergolten wurde. Denn haſt du nicht die beſte Ausſicht, nächſtens Major zu werden? und das iſt doch in den we⸗ nigen Jahren eine ungeheure Carriere. Wir armen Reiter ſind ſchlecht weggekommen.— Nun! denken wir nicht daran.“ Damit gingen die Beiden durch die Laufgräben nach den Batte⸗ rieéen der erſten Parallele, die faſt beendigt war. Von dort aus ſah man Malghera deutlich vor ſich liegen, ſah jedes der Werke mit einer dreifarbigen Fahne geziert und bemerkte, wie die Beſatzung mit ihren rothen Hoſen hin und her lief. Munition ſparten ſie niemals; faſt jeden Augenblick blitzte ein Schuß auf und es ſauste eine Vollkugel, bald das Parapet der Tranchée ſtreifend, bald hinter derſelben einen armen Maulbeerbaum umreißend. .———.—— —— 2—— —— —— v . — „Dort liegt Venedig,“ ſagte von Malghera nach der abgeſprengten meinem ganzen Leben nicht gedacht, daß wir uns eigenen Feſtung beſchäftigen müßten.— Und wir ſind noch lange nicht darin!“ ſetzte er ſeufzend hinzu. „Aproyos!“ redete der Huſar nach einer Pauſe,„du haſt mir damals in der Nacht vor Mailand die merkwürdige Geſchichte erzählt, fahren? Iſt die die dir in Venedig Haſt du nichts weiter er Dame noch in der wie ſo viele Andere, ge⸗ flüchtet?“ ch von S. ſchüttelte paſſirt. Stadt oder hat ſie ſich, Friedri den Kopf und verſetzte:„Direct weiß ich faſt gar nichts von ihr. Als ich nach Deutſchland zurückgekehrt war, ſchrieb ich ihr ein paar Mal, erhielt auch die freundlichſten Ant⸗ worten; doch w i geſetzten vor dieſer Correſpon⸗ denz, und mit Recht. Du weißt, ich bald darauf die Zeiten ge⸗ d ſeit die dreifarbige hht, habe ich ſtalteten, un ren, daß ſie noch in der Stadt iſt.“ „Alſo nicht abgereist?“ cht verlaſſen, und ebrochen, ſo th hh all der ungl einn ſcheinlich alles Mögliche, um die Not die ſo muthwillig ins Verderben mit hineingeriſſen wurden, zu lin⸗ ten von ihr erhielt ich merkwürdiger Weiſe dern. Die letzten Nachrich durch einen Deſerteur, i ſ bei einer der vielen Fremden⸗ legionen angeworber deſertirte. Es war i 9 Nachen allein und hatte ſei weiße Fahne a ſtange befeſtigt. Er hatte ſich enetianiſchen Spitälern umher getrieben, und machte im Allgemeinen eine ſchlechte Scheiderung von ihren Anſtalten und verſicherte unter Ander gehen müſſen, wenn ſich an Leib und Seele zu Grund vornehmen Damen der Stadt ihrer angenommen. m, die Kranken hätten 8 nicht von den Unter dieſen ſei 142 Venedig. beſonders eine geweſen, welche namentlich die Deutſchen aufgeſucht, ſich auch in ihrer Sprache nach ihren Leiden erkundigt und welche Allen ein hülfreicher Engel geweſen ſei. Natürlicher Weiſe dachte ich an die Marcheſa, er beſchrieb mir die Dame ſo genau wie möglich, und als er von ihrer hohen Figur, ihrem ernſten und doch freund⸗ lichen Weſen, ihrem blonden Haare ſprach, da wußte ich ſicher, daß es Donna Emilia geweſen ſei, und hätte den der im venetianiſchen Spital geweſen, der Woh empfangen.—— Mein Herz iſt zerriſſen,“ fort,„ich kann ihrer, die ſo gut, ſteht, nur mit der i enden wird!“ „Vielleicht beſſer als du denkſt,“ kann die Marcheſa dafür, in einem Taumel mit fortr nen, Hand entgegnete der Huſar.„Was daß ihr Vater ein Venetianer eißen ließ? Jeder von uns wei ſie geſinnt war. Die Fahne mit den Gondel hat man i hr nicht vergeſſen; und die Geſchi genug.“ verſetzte der Andere,„d Mag der Himmel wiſſen, adt gehen wird. mir endigen wird, darüber habe ich ziemliche urück, wir haben hier ſch äußerſten Punkt geſeſſen und den Italienern paar, die mit Fernröhr folgen. Im Dienſt de „Noch einen Augenblick!“ ſagte lachend der Huſar. dem Fort Rizzardi blitzt es ſtark auf; „Da auf id ſo war es auch, Denn ka das wird uns gelten.“ 3 um hatte er dieſe Worte ge⸗ 4 — 73 N Venedig. ſprochen, ſo ſtreifte eine 24pfündige Kugel nicht einen Schritt von ihm die Bruſtwehr und warf einen Haufen Sand und Steine über ihn her, die der junge Offizier nun lachend von ſich abſchüttelte und darauf in den Graben hinabſprang. Noch ein paar Schüſſe wurden drüben gethan, eigentlich Bombenwürfe; man hörte das Sauſen der Kugeln hoch in der Luft, das immer ſtärker wurde und dann in ver⸗ dächtige Nähe kam, mit einem Schlag auf den Boden und einem lauten Krachen endigte. Die Stücke des platzenden Geſchoſſes ſaus⸗ ten pfeifend nach allen Seiten, bohrten ſich tief in den weichen Sand oder zerſchmetterten auch wohl ein paar Bretter, hinter denen die Ar⸗ beiter Schutz geſucht. Der Huſarenoffizier verabſchiedete ſich auf dem Marktplatze von ſeinem Freunde, und da er erſt heute Morgen von Mailand gekom⸗ men war, ſtieg er zu Pferde, um ſein Quartier aufzuſuchen, welches außerhalb der Stadt in einer der zahlreichen Villen war. Er mußte weit hinaus über Caſa Papadopoli, dann zeigte ihm ein Bauer auf Befragen einen Feldweg, der links von der Straße abführte und ihn endlich in eine hohe, dichte Allee brachte, die in einen Park mündete, der mit einem hohen eiſernen Gitterthor verſchloſſen war. Hier war aber weder eine Glocke noch ſonſt etwas, um Einlaß verlangen zu können. Wenn auch rechts und links keine Mauer war, ſo zeigte ſich doch dafür, ſo weit man ſehen konnte, ein über ſechs Schuh breiter und tiefer Waſſergraben, der augenſcheinlich das ganze Gut umgab. Der Huſarenoffizier ſah kopfſchüttelnd das verſchloſſene Thor und war ſchon im Begriff wieder umzukehren, indem er dachte, er ſei fehlge⸗ ritten, als ein Mann, der hinter ihm auer durch die Allee ſchritt, ihm ſagte, die Villa ſei dieſelbe, welche er ſuche. „Aber zum Teufel! wo iſt die Villa?“ fragte der Reiter.„Man ſieht ja weder Haus noch ſonſt etwas. Wie kann man ſich den Be⸗ wohnern verſtändlich machen, und warum iſt das Thor verſchloſſen?“ Der Fremde zuckte die Achſeln und erwiderte:„Ja, Herr, die Venedig. drinnen haben Furcht!'s beſte wäre, Sie ritten da drüben in's Dorf und ſchickten einen Knaben herüber, der Sie ankündigte.“ „Wie ſoll der da hineinkommen?“ „Links vom Thore befindet ſich eine Planke über den Graben im dichteſten Gebüſch. Ich weiß den Platz nicht, aber die aus der Umgegend werden ihn ſchon finden.“ Damit wandte ſich der Mann um und eilte über das Feld davon. Der Offizier ritt an das Thor zurück, wandte ſich dann links und verfolgte eine Zeit lang den Waſſergraben. Richtig! es ſchien derſelbe um das ganze Gut herum zu laufen. Meiſtens befand ſich an den beiden Ufern dichtes Gebüſch; nur hie und da war eine kleine Lichtung. Bei einer der letztern wandte der Huſar entſchloſſen ſein Pferd und indem er dachte: ich muß wohl ſchon auf Reiterart da hinein, ließ das edle Thier zum Sprung anſetzen und flog mit ihm leicht und gewandt über das abgeſperrte Terrain. An dem Graben rechts wieder hinaufreitend, kam er bald an das Gitterthor und auf einen breiten Kiesweg, der in das Innere des Gartens führte. Rings war Alles ſtill; der Reiter befand ſich im dichten Schatten der hoch⸗ ſtämmigen Bäume, die rechts und links ſtanden. Jetzt bog der Weg etwas rechts ab, worauf der Huſar vor ſich auf einem kleinen Raſen⸗ platze die Villa, ſein Quartier, liegen ſah. Anfänglich glaubte er hier ebenfalls Alles abgeſchloſſen wie das äußere Thor zu finden und ließ ein kräftiges Halloh ertönen. Raſch wurde indeß jetzt die Thüre geöffnet und ein alter Mann, der heraustrat, war offenbar erſtaunt, ja erſchreckt, vor ſich einen wohlbewaffneten Reiter zu ſehen. „Hier iſt doch die Villa— 2“ rief der Huſarenoffizier. „Allerdings!“ entgegnete der alte Mann.„Doch wenn ich mir erlauben darf zu fragen, auf welchem Wege kommen Sie hieher in den Garten?“ „Geradeaus, nach Huſarenart!“ lachte der Offizier,„da das Thor verſchloſſen war und man mir auf mein Rufen keine Antwort gab, ſo mußte ich mich ſchon bequemen, über den Waſſergraben zu ſetzen.“ Venedig. 145 „Ein braves Pferd,“ ſagte hierauf der alte Mann, indem er näher trat, den Zügel ergriff und das Thier ſauft auf den Hals klopfte.“ „Sie haben doch Platz für mich?“ fragte der Offizier. „Die ganze Villa ſteht zu Ihrem Befehl,“ verſetzte der alte Mann.„Es ſind noch ein paar Bediente da, die ich Ihnen zur Verfügung ſtelle, im Falle Sie nicht Ihre eigene Dienerſchaft er⸗ warten.“ „Später kommt mein Burſche mit wenigem Gepäck,“ antwortete der Huſar.„Geben Sie ihm ein Plätzchen in meiner Nähe.“ „Sie wollen ſelbſt wählen,“ entgegnete der Andere; und da un⸗ terdeſſen ein Bedienter aus dem Hauſe gekommen war, ſo übergab er dieſem das Pferd und öffnete die Thüre, um den ungebetenen Gaſt eintreten zu laſſen. Das Wohnhaus, ein mittelgroßes, ſehr elegantes Caſino mit flachem Dache, maſſiv von Stein erbaut, mit zahlreichen Statuen und Bildhauereien verziert, ſchien in der That ganz leer zu ſtehen. Hohl klang der Schritt auf den Gängen und Treppen, und im erſten Stocke mußte der Alte jetzt die Fenſterläden öffnen, um Luft und Licht in die dunkeln Zimmer zu laſſen. Der junge Offizier wählte ſich beſcheidener Weiſe ein kleines, aber zierliches Schlafzimmer mit einem Kabinet daneben. Er hatte von hier eine Ausſicht in den breiten, ſchönen Park und mußte ſich geſtehen, daß der Beſitzer oder der Erbauer ein Mann von Geſchmack ſei und es wohl verſtand, ſich gegen das hieſige Klima zu waffnen. Hier war doch Schatten, Kühle, friſches Waſſer im Gegenſatz zu vielen anderen Landhäuſern um Meſtre, die, wie abſichtlich, faſt ganz ohne Bäume ſind, und auf welche die Sonne nach beſtem Ermeſſen den ganzen Tag hinbrennen kann. Es war unendlich ruhig und ſtille hier; man hätte glauben können, entfernt von jeder großen Stadt mitten in der Einſamkeit zu leben; nur zuweilen hörte man einen dumpfen Schlag — einen Schuß von den Wällen Malghera's. Hackländers Werke. XXVI. 10 Venedig. Der Huſarenoffizier richtete ſich ſo gut wie möglich ein, und als ſpäter ſein Burſche mit dem Gepäck kam, er ſich umgezogen hatte und in den dichten Laubgängen des Parks ſeine Cigarre rauchte, mußte er ſich eingeſtehen, daß es auf ſolche Art höchſt bequem und amüſant ſei, einer Belagerung beizuwohnen. 8 * Die Beſchießung des Forts Malghera in der Mittagsſtunde des vierten Mai aus fünf Batterieen der Vorparallele hatte, obgleich ſie den eingeſchloſſenen Feind auf's Höchſte überraſchte, nicht die gewünſchte Wirkung. Obgleich die öſterreichiſche Artillerie außerordentlich brav geſchoſſen und das Innere des Forts ſchon von Kugeln ziemlich durch⸗ furcht war, die platzenden Bomben tiefe Löcher in den Boden geriſſen, obgleich die Ketten der eiſernen Zugbrücke zertrümmert und das Wacht⸗ haus am Thore ſowie ein Kaffeehaus im inneren Platze durch herein⸗ ſtürzende Bomben zerſchmettert waren, ſo hatte doch die Beſchießung den äußeren Werken wenig Schaden gethan. In Malghera, das außer⸗ ordentlich mit Geſchützen und Munition ausgerüſtet war, kommandirte ein tüchtiger Offizier, und ſo kam es denn, daß die Beſchießung auf's Vollſtändigſte erwidert wurde, und zwar ſo, daß auf einen Schuß aus den Batterieen vielleicht ſechs aus dem Fort kamen. Die Belagerungs⸗ arbeiten, ſo gut ſie auch gefertigt waren, wurden von Kugeln durch⸗ furcht, die Batterieen mit feindlichem Eiſen überſchüttet. Man war nicht mehr im Stande, die Schüſſe zu zählen, man wußte es nicht mehr, krachte es hier oder krachte es dort. In Rauch und Staub ge⸗ hüllt, ſtanden die braven Oeſterreicher bei ihren wenigen Stücken und horchten verwundert auf den Höllenlärm, der nach ihren erſten Schüſſen von drüben losbrach. Das Pfeifen der Kugeln, das Ziſchen und Krachen der Bomben war unbeſchreiblich und ohne Aufhören; fort und fort flogen die feindlichen Kugeln in unglaublicher Anzahl herüber— ein Hagelwetter der häßlichſten Art. In demſelben ſah man die Artil⸗ Venedig. 147 leriſten arbeiten, ruhig und ſicher, wie auf dem Exerzierplatz, und wenn auch mancher gute Kamerad dahinſank, wenn auch manches brave Ge⸗ ſchütz von den feindlichen Kugeln auseinandergeſchlagen wurde: es rück⸗ ten immer neue Kräfte zum Erſatz an, bis der Abend kam, wo die Batterieen faſt ganz demontirt waren, und wo auch der Feind nach und nach ſein Feuer einſtellte. Man kann ſich leicht denken, daß während dieſer Zeit Alles in Meſtre in der geſpannteſten Erwartung war. Wem es ſein Rang oder ſeine Stellung erlaubte, ſtieg auf den alten Guelfenthurm hinauf, wo man das majeſtätiſche Schauſpiel am beſten ſah. Da hatte man die ganze Geſchichte wie eine Karte vor ſich ausgebreitet; man ſah die ſchwachen öſterreichiſchen Batterieen, wie ihre Kanoniere alles Mögliche thaten, um dem ſo weit überlegenen Feinde in Malghera einigermaßen kräftig und gut antworten zu können. Bis in die tiefe Nacht hinein dauerte das Schießen, und als es nach und nach dunkelte, war der Anblick des gegenſeitigen Geſchützfeuers unbeſchreiblich ſchön. Die Bom⸗ ben, deren Flug man am Tage mit den Augen nicht folgen konnte, zeigten nun deutlich in ziſchendem, ſpritzendem Feuer den großen Bogen, den ſie beſchrieben. Während ſie dahinflogen, ſtäubten ſie große Fun⸗ kenkreiſe um ſich her, und wenn ſie platzten, ſo flog es wie ein ſtarker Blitz empor, dem ein dumpfer Knall folgte. Schöner noch war der dichtere Feuerſtreifen der mächtigen Raketen, die ſie auch zuweilen aus dem Fort herausſchoſſen, mehr zu ihrer Unterhaltung, als daß ſie da⸗ mit auf die weite Entfernung großen Schaden gethan hätten. Auf der Plattform des erwähnten Thurmes ſaßen mehrere Offiziere bei einander und ſahen dem großartigen Schauſpiele zu. Unſer be⸗ kannter junger Huſarenoffizier hatte ſich neben ſeinem Freunde, dem Hauptmann vom Geniecorps, auf die Bruſtwehr gelehnt, und ſagte nach einer Pauſe:„Aber es iſt doch in der That unverantwortlich, wie das Volk da drüben— Gott möge ſie verdammen!— mit kaiſer⸗ licher Munition umgeht. Es iſt, als hätten ſie ſich vorgenommen, jeden Tag ein gewiſſes Quantum zu ruiniren.“ Venedig. „Mich dauern nur die ſchönen Raketen!“ entgegnete ein Artillerie⸗ offizier mit tiefer Stimme, der nebenan auf dem Ziegeldach des Thurmes ſaß.„Eine ſo mübſam erzeugte Munition, von deren Anfertigung die Kerle drüben gar keinen Begriff haben. Und wenn ganz Venedig zu⸗ ſammenhilft, ſo bringen ſie doch keines dieſer Geſchoſſe zuweg, das nur auf anſtändige Manier hundert Schritte weit geht.“ „Sie können ſie nicht einmal ordentlich abbrennen,“ meinte ein Anderer.„Wenn ich ſie mit unſern lieben Raketen ſchaften ſehe, ſo iſt es mir gerade, als wenn Schulbuben ein edles Pferd maltraitiren. Zuerſt geht's eine Zeit lang geduldig, dann aber ſchlägt's hinten und vornen aus. Schaut'’s mal dahin! Kommt wohl eine einzige heraus, die einen ordentlichen Bogen macht?— Alles durcheinander wie Kraut und Rüben. Pfui Teufel!“ 4 „Sie haben ſich ihre Finger ſchon garſtig damit verbrannt,“ ſagte Friedrich von S.„Uns hat neulich ein Ueberläufer davon erzählt; wie viele ſind ihnen ſchon geplatzt, wie viele ſchon auf die Seite ge⸗ gangen oder ſogar rückwärts in die eigene Bedienungsmannſchaft hin⸗ ein!“ „Wohl bekomm's!“ brummte der erſte Artillerieoffizier und blies ſeine Cigarre zu einer ſtarken Glut an. Einige Augenblicke ſah man keine Raketen mehr fliegen; auch hatte das Schießen einigermaßen nachgelaſſen; nur vom Fort Rizzardi krachte noch zuweilen ein Schuß herüber, ein tölpelhafter, wilder Knall aus den dort befindlichen Paixhans. Die gewaltige Pulverladung erhellte auf einen Augenblick die Schießſcharte, hinter der ſie ſtanden, ſo deut⸗ lich, daß man faſt das ganze Gewühl um die Kanone ſehen konnte. Gleich darauf aber verſchlang die tiefe ua lun Alles wieder. 4 Drüben, über das Fort hinaus, leuchteten die Lagunen im ungewiſſen Scheine; am Himmel jagten finſtere Wolken, und von Venedig herüber ſah man hie und da den Schein eines Lichtes. In den Batterieen ſo⸗ wohl als in dem Fort ſchienen ſie müde geworden zu ſein. Die Schüſſe wurden immer ſeltener und hörten bald ganz auf. dernd an dieſelbe und überließen ſich ihren Betrachtungen, was der Venedig. 149 Die Offiziere auf dem Thurme, welche nun nicht mehr durch den Blitz und den Flug der Raketen unterhalten wurden, die ſie bisher von ihren Plätzen an der Brüſtung deutlich ſahen, ſtellten ſich nun plau⸗ morgige Tag wohl bringen könnte. „Hat Einer von euch ſehr gute Augen?“ fragte nach einiger Zeit Friedrich v. S., der eine längere Weile angelegentlich nach dem Fort hinunter geblickt hatte,„d. h. ſolche Augen, die auch bei Nacht etwas taugen?“ „Katzenaugen!“ bemerkte einer der Artillerieoffiziere lachend.„Hier iſt ja unſer Kamerad von der Flotte! Ihr müßt ja bei Tag und Nacht gleich gut ſehen. Tritt'mal ein Bischen da vor.— Was willſt du mit deinen Nachtaugen?“ wandte er ſich an den Genieoffizier, der noch immer ſehr angeſtrengt hinabblickte. „ ufällig habe ich hier ein Nachtglas bei mir,“ ſagte der junge Offizier von der Marine, der nun eintrat.„Wohin ſoll man lugen?“ „Schaut da hinunter,“ antwortete Hauptmann von S.„Dort ſieht man,— freilich ſehr undeutlich— die Formen Rizzardi's. Jetzt fahrt ein Bischen mehr links auf uns zu und ſetzt euer Nachtglas an.“ Der Seooffizier that, wie ihm geheißen.—„Ja, ja,“ ſprach er nach einigen Augenblicken,„auf der Leeſeite des Forts ſcheinen ſie ein paar kleine Fahrzeuge auszuſetzen.“ „Bah! da iſt ja kein Waſſer!“ ſagte der Artillerieoffizier. „In's Genießbare überſetzt,“ erklärte Hauptmann von S. lächelnd, „will unſer Ane aäen er ſehe dort etwas ſich bewegen.“ „So iſt es,“ beſtätigte dieſer.„Jetzt ſehe ich es deutlicher.“ „Ich habe es mir gedacht,“ bemerkte der Ingenieuroffizier und nahm ebenfalls das Glas.„Sie fallen wieder zum Zeitvertreib ein wenig aus. Nun, ſie werden bei uns ſchon wachſam ſein.“ Eine Zeitlang blieb drunten Alles ruhig; vielleicht eine ſtarke Viertelſtunde lang. Dann aber ſah man auf dem Terrain zwiſchen Batterieen und Fort, ziemlich nah bei dem erſteren, ein paar Gewehr⸗ 5 erhält und nur unmerklich niederſinken läßt. Eine ſolche Feuerkugel 150 Venedig. ſchüſſe ſchnell hintereinander aufblitzen: hierauf bemerkte man auf einem andern Punkte daſſelbe, und ein paar Sekunden nachher ward auf der ganzen Linie lebhaft gefeuert. Die Laufgrabenwache blieb keine Erwiderung ſchuldig, und ſo blitzte und knatterte es eine Zeit lang luſtig durcheinander. Namentlich von den Batterieen aus wurde ſo lebhaft und anhaltend gefeuert, daß ſich die Angreifer bald zurück⸗ ziehen mußten. Jetzt knallten auch von den Batterieen ein paar ſchwere Schüſſe dazwiſchen, welche die vom Fort nicht beantworten konnten, da ſie ſonſt Gefahr liefen, ihre eigenen Leute zu beſchädigen. „Wenn die Unſrigen nur nicht hitzig ſind!“ ſagte der ältere Artillerieoffizier.„Man ſieht klar, was die Wälſchen wieder im Sinn haben. Unſere Leute ſollen ihnen den Gefallen thun und ſie verfolgen, und wenn ſie ſie unter die Kanonen des Forts gelockt haben, dann ſoll man den Spektakel erleben, der drüben losgeht.“ Mehr und mehr ſchienen ſich die Angreifer nach der Feſtung zurückzuziehen. Doch ſchien die Laufgrabenwache nicht die Abſicht zu haben, hinter ihren Erdaufwürfen hervorzukommen. Und das zu ihrem guten Glücke. Jetzt ſchwieg das beiderſeitige Feuer einen Augenblick; die Offiziere droben waren begierig, was jetzt kommen würde. Plötzlich ſtieg von dem Fort eine ſchwere Rakete gerade in die Höhe. „Jetzt ſchießen ſie ſogar in die Luft!“ rief ein Infanterie⸗Hffizier, „Diesmal nicht,“ entgegnete einer der Artilleriſten.„Gebt nur Achtung!“— Der Feuerſtreif der Rakete, nachdem er eine ziemliche Höhe erreicht hatte, neigte ſich anmuthig nach vornen, entzündete dar⸗ auf mit einem leichten Blitz die Ladung, die er trug, und in die dunkle Nacht hinaus quoll ein hellgelbes glänzendes Licht, größer und größer werdend, das endlich wie eine leuchtende Kugel langſam in der Luft ſchwebte. Es war eine Leuchtrakete, eine Art Geſchoße, welche, ſobald ſie auf einer gewiſſen Höhe angekommen ſind, durch das Her⸗ unterſinken über ſich einen Fallſchirm ausbreiten, der ſie in den Lüften Venedig. 151 gewährt einen unbeſchreiblich ſchönen Anblick und erleuchtet das Ter⸗ rain auf eine weite Strecke wie der hellſte Mondſchein. Im gegen⸗ wärtigen Augenblicke brauchten es die Angreifer, die ſich unter die Mauern der Feſtung zurückgezogen hatten, um ihren Artilleriſten die nöthige Beleuchtung zum Zielen ihrer Geſchütze auf einen verfolgenden Feind zu geben. Obgleich nun diesmal glücklicher Weiſe kein ſolcher da war, ſo ließen ſich doch die Italiener ihr Vergnügen nicht nehmen, und da nun einmal geladen war, ſo mußte auch losgeſchoſſen werden. Ein prächtiges Schauſpiel für die Augen! Ein paar Sekunden nach⸗ her waren die Feſtungswerke wieder in Feuer und Rauch eingehüllt; Bomben ſchwirrten durch die Luft, Raketen ſausten nach allen Rich⸗ tungen, und hie und da ſtieg noch eine der ebenerwähnten Leuchtkugeln auf, als wollten ſie ſich von ihrer Höhe umſchauen, ob die zahlloſen Schüſſe auch einige Wirkung verurſachten. „Nun werden ſie wieder fort machen bis an den hellen Morgen,“ brummte der Artillerieoffizier, und Friedrich v. S. meinte lachend, indem er ſeine Uhr herauszog und bei der Glut der Cigarre auf das Zifferblatt ſah:„Jetzt iſt es angenehm, wer wie h Shaus in die Laufgräben muß; da hat man doch wenigſtens Licht genug, um nicht über einen Schanzkorb oder dergleichen zu ſtolpern. Nun, behüt’ Euch Gott; es iſt Mitternacht, ich habe draußen zu thun.“ SIch begleite dich!“ rief der Huſarenoffizier.„Ich möchte mir gar zu gerne die nächtlichen Arbeiten draußen anſchauen.“ „Laß es heute nur bleiben,“ ſagte ernſt der Ingenieur.„Dabei kannſt du nichts lernen, höchſtens aber mit einem Bombenſtück zuſam⸗ mentreffen. Und wenn ſie dir einen Arm entzwei ſchießen, ſo haſt du keine Ehre davon, und man wird morgen frühr höchſtens achſelzuckend ſagen: Warum iſt er hingegangen!— Behüt dich Gott! Reite nach deiner Villa und ſorge mir morgen früh für ein kleines Frühſtück. Wenn ich abgelöst bin, beſuche ich dich.— Addio!— Addio!— Auf Wiederſehen!“ Venedig. Wer um dieſelbe Zeit nach Venedig kam, ſah in der Lagunenſtadt noch größere, noch traurigere Veränderungen als in Meſtre. Wenn letztere Stadt auch hart mitgenommen war, wenn man auch dort 5 keine anderen Bewohner mehr ſah, als Militär, ſo gab doch das Treiben des Letzteren in ſeiner regelmäßigen Zeiteintheilung, in ſeiner Pünktlichkeit und Ordnung ein behagliches Gefühl von Ruhe und Sicherheit, wie das immer bei dem großen Körper der Fall iſt, der dem Wort eines Einzigen gehorcht.— Das war in der Inſelſtadt unter den zuſammengelaufenen Schaaren mit ihren tauſend verſchie⸗ denen Meinungen, mit ihren verſchiedenen Beweggründen; die ſich alle zu gleicher Zeit geltend machen wollten, und ſich auch vielleicht geltend machten, ſchon ganz anders. Ja, wie hatte ſich Venedig geändert! Wo war die, wenn gleich melancholiſche, doch wohlthuende, Ruhe ihrer Kanäale und Straßen geblieben?— Eine Behaglichkeit des Alters, welche uns in der allerdings gebrechlichen und zerfallenden Stadt ſo wunder⸗ bar anſprach. Wie ſaß vordem die alte Venetia ſo lebensmüde und doch prächtig auf ihrem Seſſel mitten im Meere, umſpielt von ſpäte⸗ ren Generationen, die, wenn ſie auch vielleicht nicht im Stande waren, ihr zu neuer Jugendkraft zu verhelfen, ſich doch bemühten, ihre Geſchmeide wohlgeordnet zu erhalten, und die alten prächtigen Gewänder ſorgfältig zuſammenzogen, damit man die Blößen darunter nicht ſehen konnte, und welche dafür ſorgten, daß ſie ruhig und anſtändig fortträumen konnte von alter Pracht und Herrlichkeit.—— Da kam jene Zeit, wo die alte kraftloſe Venetia in der Hitze des Fiebers von ihrem Stuhl empor⸗ ſprang und in matter Hand das Schwert ſchwang, nicht um Andere zu verwunden, ſondern ihren eigenen Leib tödtlich zu verletzen.—— Ja!l ſieberhaft erzitterte das Leben in den Straßen und Kanälen 4 3 Venedigs. Malghera war, wie bekannt, am 26. Mai geräumt wor⸗ den und dem Feinde, der nun viel näher gerückt war, wollte man,. wenn er auch durch die Lagunen vordrang, jeden Schritt in der Stadt ſtreitig machen; deßhalb hatte man Brücken zerſtört, in den Kanälen, den eigentlichen Straßen Venedigs, Barrikaden erbaut, in⸗ Venedig. 153 dem man alte Schiffe hinein verſenkte und die Ufer durch Balken und Steinhaufen verrammelte; alte Paläſte an beſonders wichtigen Punkten hatte man zu kleinen Feſtungen umzuwandeln verſucht, kurz Alles gethan, um einen Feind, der thöricht genug geweſen wäre, ſtür⸗ mend in dieſe Stadt zu dringen, auf's Kräftigſte zu empfangen. Die Stadt war überfüllt mit Menſchen; neben der zahlreichen Bevöl⸗ kerung Venedigs hatten ſich Tauſende flüchtig vom platten Land hin⸗ eingeworfen, waren römiſche und toskaniſche Soldaten und Freiwillige aus allen Theilen Italiens in großer Anzahl hier zuſammengetroffen, um dies letzte Bollwerk der Freiheit zu halten, die Meiſten aber aus dem weniger ſchönen Beweggrund, um ein wildes zügelloſes Leben noch länger fortſetzen zu können. Da waren die verſchiedenſten Na⸗ tionen, die verſchiedenſten Truppenkörper unter ſtolzen herausfordernden Namen, welche aber oft allein das Beſte an ihnen waren; da beſtand aus Unteroffizieren eingeſchmolzener Compagnieen aus Gefreiten, Ser⸗ geanten und allen möglichen Chargirten eine Unteroffiziercompagnie, die eine Bildungsſchule hätte ſein ſollen für Offiziere und tüchtige Kriegsleute, aber wenn dieſe Compagnie ſchon in ihrem Aeußeren ſeliſam genug ausſah, der Einzelne gekleidet in die Uniform des frü⸗ heren Regiments, verſehen mit den verſchiedenſten Waffen, auf dem Kopfe Czako, Mütze und Helm, ſo war ihr Inneres noch ſchlechter beſtellt. Es war dies ein undisciplinirtes wildes Corps, das ſich gegen die Offiziere empörte und nur mit bewaffneter Macht zur Ord⸗ nung gebracht werden konnte.— Dreißig bis vierzig Deſerteure und Gefangene hatte man zu einer ungariſchen Legion vereinigt, hatte ihnen rothe enge Hoſen, verſchnürte grüne Röcke und eine ungariſche Mütze gegeben, und ſie ſollten einen Stamm bilden, der ſich durch zahlreichen Uebertritt der Ungarn, auf den man ſich Hoffnung machte, zu einem impoſanten Ganzen vergrößern ſollte. Aber der Stamm war faul und nicht im Stande Blätter zu treiben. Dieſe ſogenannte Legion— berichtet ein Schwetzeroffizier— erreichte kaum die Stärke einer halben Compagnie, und mußte, um auf dieſer Zahl zu bleiben, 154 Venedig. viele Nichtungarn in ihre Reihen aufnehmen, ja ſogar darüber froh ſein, irgend ein aus Furcht vor Stockprügeln entlaufenes Kroätlein als Zuwachs zu erhalten.— Die ſogenannte ungariſche Legion in Venedig, von der man ſich, ihrem pompöſen Namen nach zu urtheilen, auswärts ſicher eine übertriebene Vorſtellung gemacht hat, reducirte ſich auf 56 Mann, größtentheils Gefangene und Deſerteurs. Alle venetianiſchen Truppen machten das Kreuz vor ihrer Bekanntſchaft; denn ſie waren als die ſchmutzigſten und langfingerigſten anrüchig und gaben bei jedem Anlaß Beweiſe ihrer Kunſtfertigkeit in letzterer Beziehung.— Eine Truppe von äußerlich vortheilhaftem Anſehen war das Studentencorps, das ſich, wenn auch muthig, doch durch keine militäriſche Tugend auszeichnete. Aus dem ſchönen Princip, ihre Offiziere ſelbſt zu wählen, folgte auch der Umſtand, daß Keiner dieſen Offizieren, den Geſchöpfen ihrer Wahl, auch den geringſten Gehorſam erwies. Dieſe Studenten führten, ſo lange es ging, ein burſchikoſes, vergnügliches Leben, trugen meiſtens Civilkleider, intriguir⸗ ten gegen einander, zankten ſich beſtändig und zeigten in ihrer Com⸗ pagnie im Kleinen, was Venedig im Großen war.— Auch befand ſich in der Stadt eine Dalmatiercompagnie, von der noch Schlechteres zu ſagen iſt, als von den ebengenannten. Dieſelbe zettelte in Malg⸗ hera nach dem erſten Bombardement eine Menterei an und mußte entwaffnet nach Venedig zurückgebracht werden. Unter den übrigen Truppen, welche Venedig überſchwemmten: Neapolitaner, Römer, Tos⸗ kaner waren indeß recht brave und tüchtige Elemente, nur fehlte es ihnen an einem Oberbefehl, einem kräftigen Zuſammenhalten. Das Volk regierte, und wer heute in deſſen Gunſt ſtand und auf dem Markusplatz mit der höchſten Gewalt bekleidet wurde, wurde morgen vielleicht mit Verbannung und mit Tod beſtraft. So lange Venedig eine durch nichts gehinderte Verbindung mit der offenen See hatte, fehlte es wenigſtens nicht an Lebensmitteln, und man lebte ziemlich herrlich und in Freuden; ſobald ſich aber die ſardiniſche Flotte zurückziehen mußte und das öſterreichiſche Geſchwader . ₰ Venedig. 155 die Blokade der Stadt aufnehmen konnte, machte ſich bald an allen Lebensmitteln ein bedeutender Mangel fühlbar. Rindfleiſch war nur zu hohen Preiſen zu kaufen, der Wein ſtieg um das Doppelte des gewöhnlichen Preiſes, und Oel und Butter waren ſo theuer, daß der Kardinalpatriarch geſtattete, die Speiſen am Faſttage mit Rinds⸗ und Schweinefett zu bereiten. Die Mühlen, welche der Stadt das Mehl lieferten, konnten, da ſie vom Feſtlande nicht mehr unterſtützt wurden, den Bedarf für die große Menſchenmenge ferner nicht hervorbringen, und eine Folge davon war, daß das Volk in großen Haufen an den Bäckerläden warten mußte, bis jeder Einzelne den ſehr klein zuge⸗ meſſenen Bedarf für den Tag erhalten konnte. Natürlicher Weiſe war in jenen Tagen von einer regelmäßigen Beſchäftigung der Volksklaſſen, von Arbeiten und dergleichen nicht mehr die Rede. Der größte Theil der Einwohner verließ Morgens früh die Häuſer und ſchwärmte auf den Straßen und Plätzen umher, um irgend etwas Neues zu erfahren und auf unvorhergeſehene Art ſeinen Unterhalt für den Tag zu erlangen, um dem Batterienbau auf der großen Brücke zuzuſchauen, um auf die Schüſſe von Malghera zu horchen, ſchließlich aber, um ſich auf den Markusplatz zu begeben und hier durch irgend einen unvernünftigen Tumult den Präſidenten der Republik zu vermögen, daß er ans Fenſter trete und einige Worte zu ihnen ſpreche. Auf dieſe Art war der prächtige Platz die Schau⸗ bühne eines regen Lebens und gewiß mannigfaltiger, ja auch intereſ⸗ ſanter, belebt als in den vergangenen ruhigen Zeiten. Da ſtand, wie damals, der ehrwürdige Dom von San Marco und ſchaute verwundert in dies ſonderbare Getümmel; von der Piaz⸗ zetta her blickte die Ecke des phantaſtiſchen Dogenpalaſtes und die Procurazien nahmen, wie immer ernſt und finſter, die Hauptſeite des Platzes ein. Aber unter ihren Bogengängen war nicht mehr der Verſammlungsplatz der vornehmen Bürgerklaſſen Venedigs; hier ſah man keine bunten Seidengewänder, keine ſchönen ſchwarzen Haare und glänzenden Augen, ſondern eine mißfarbige lärmende Volksmenge *&☛ 156 Venedig. trieb ſich hier wie auf dem ganzen Platze umher. Es war in Venedig ſo ganz anders geworden; ſieberhaft drängte ſich Alles hin und her, laut verhandelten die Gruppen die Ereigniſſe des Tages, ein trüb⸗ ſeliges Gemiſch, verwahrlost auch im Aeußern; und die Soldaten verſchiedener Regimenter in ihren ebenſo verſchiedenen Uniformen, in meiſtens nachläſſiger Kleidung und Haltung, trugen eben auch nicht dazu bei, dem Ganzen einen freundlicheren Anſtrich zu geben. Doch waren auch die beſſeren Stände Venedigs zahlreich vertreten, hier theilnehmend an der allgemeinen Bewegung, mit den Arbeitern ſprechend, ſie ermahnend und anfeuernd, dort aber, und gewiß nicht ehrenhafter, als müßige Zuſchauer im zierlichen ſchwarzen Frack mit lackirten Stiefelchen und hellen Handſchuhen, die zur allgemeinen Unordnung vielleicht nächtlicher Weile mithalfen, aber wenn es galt öffentlich zuſammenzuhalten, in der Ferne geringſchätzend ſtehen blie⸗ ben, um den ſchlechten Geruch rings umher mit dem Duft einer guten Cigarre zu verbeſſern. 1 Wenn die Menge ſo auf den Markusplatz und hinaus zur Eiſen⸗ bahnbrücke gezogen war, ſo lagen die meiſten Straßen und Kanäle ziemlich leer und einſam; ſogar der Kanal Grande machte hievon keine Ausnahme. Vor einem der kleineren Paläſte, der unſerem Leſer bekannt iſt, ſchaukelten ſich ein paar einfache ſchwarze Gondeln und entfernten ſich zuweilen einen Augenblick von der Treppe, woran ſie lagen, wenn nämlich einer der Gondoliere, des längeren Wartens müde, einen leichten Schlag mit dem Ruder auf das Waſſer that. Dieſe Gondoliere, ſehr auſtändig in dunkelfarbige Livreen gekleidet, gehörten zu dem Hauſe, vor dem ſie ſich gerade befanden; es waren ein älterer und ein jüngerer Mann. „Cospetto!“ ſagte der Letztere,„das Warten hier auf dem ein⸗ ſamen Kanal fängt mir an langweilig zu werden. Lägen wir noch an der Piazzetta, da könnte ſich doch wenigſtens einer von uns bequem hinſchleichen und den Spektakel auf dem großen Platze anſehen.“ „O,“ verſetzte der andere Gondolier,„was das anbelangt, ſo Venedig. 157 i*ſt mir hier der ſtille Platz, wo ich ſo wenig von dem nichtswür⸗ digen Lärmen höre, recht behaglich. Du wirſt auch noch genug be⸗ kommen. Die Madonna ſoll uns helfen! Was iſt das für ein Leben geworden!“ „Auf das Leben würde ich gerade nicht ſchimpfen,“ antwortete lächelnd der Jüngere.„Wenig zu thun, viel Zerſtreuung, evviva und Muſik den ganzen Tag, und Feuerwerk umſonſt.“ „Möchte es auf deinem Kopfe brennen!“ knurrte der Andere. „Daß dir das Leben hier gefällt, begreife ich vollkommen. Du biſt aus Ferrara; was geht dich überhaupt Venedig an? Die Herrſchaft iſt reich, der Tiſch wohl beſtellt, unſeren Lohn bekommen wir in klingendem Silbergeld: das gefällt dir freilich. Ich aber, ein alter Venetianer, einen großen Familienanhang hinter mir, könnte dir ſagen, was es heißt, alle dieſe Tollheiten mitmachen zu müſſen, die ſchmierige Suppe auseſſen zu helfen, die unſereins nicht mit einbrocken half.“ „Zugeſtanden,“ ſagte der jüngere Gondolier, indem er die Naſe hoch emporhob und ſich ſo zierlich als möglich auf ſein Ruder ſtützte, „du haſt vielleicht in dieſen Widerwärtigkeiten etwas mehr durchzu⸗ machen, weil du ein Venetianer und mit großer Familie verſehen biſt; aber am Ende, wenn alles vorbei iſt, fällt dir durch eben dieſe zahl⸗ reichen Verwandten auch eine größere Portion von Belohnung zu als mir, dem Einzelnen.“ „Belohnung?“ fragte der Aeltere und zuckte verächtlich mit den Achſeln.„Was verſtehſt du darunter?“ 3 „Die Freiheit!“ entgegnete der Andere und hob die rechte Hand empor, wie wir es bei den Volksrednern zuweilen ſehen. Einen Augenblick ſchwieg der alte Diener, dann erfaßte er ſein Ruder mit beiden Händen und hob es einige Zoll aus dem Waſſer „Höre mich!“ ſagte er alsdann mit einer Stimme, die vor Zorn zitterte,„laß mich dies Wort aus deinem Munde noch ein einziges Mal hören, und— ich ſchwöre dir's bei meinem Schutzpatron— ich werde mir auch meine Freiheit nehmen, und die iſt, dich zu Poden X Venedig. zu ſchlagen, daß du das Aufſtehen vergeſſen ſollſt. Freiheit?— Du Hallunke! Du haſt Venedig nicht gekannt vor ſo und ſo viel Jahren, altersſchwach und müde, und haſt nicht geſehen, wie es wieder an⸗ fing, unter eurer ſ. g. Knechtſchaft aufzuwachen, und Miene machte, wieder in Blüthe zu kommen. Du weißt freilich nichts von den ver⸗ ſchütteten Kanälen, von zertrümmerten Ufern und Brücken, von zer⸗ fallenden Häuſern, von allem dem, was hergeſtellt wurde, um aus Venedig wieder eine Stadt zu machen, in der Menſchen wohnen mögen. Ich aber weiß es, daß es geſchah unter der ſchwarzgelben Fahne, die Gott ſchützen möge, und weiß auch, was in der armen Stadt vorgegangen, ſeit die dreifarbige Flagge, die Fahne der Frei⸗ heit, wie ihr's nennt, über uns flattert. In dem einen Jahre ſind wir um fünfzig Jahre zurückgegangen.“ „Das iſt nur ein Uebergang,“ meinte der Andere, nachdem er ſich aus der Nähe ſeines Kameraden zurückgezogen;„kleine Leiden, um die ſich der Patriot nicht bekümmert.“ „Du biſt ein Patriot!“ entgegnete der Erſte mit flammendem Auge.„So geh' denn hin und laß dich auf dem Markusplatz ein⸗ ſchreiben, laß dir Waffen geben und diene deinem italieniſchen Vater⸗ lande.“ „Das Letztere thue ich auch,“ ſagte der jüngere der Gondoliere; „ich diene eifrig meinem Herrn, dem hochangeſehenen Grafen C., und wenn ihn meine Ruderſchnelle in den Regierungspalaſt oder auf die Lagunenbrücke bringt, wo er das Glück hat, gegen unſere Unterdrücker zu kommandiren, ſo habe ich auch das Meine beſſer als mancher Andere gethan, der mit ſeiner Gondel die ruhigſten Kanäle aufſucht, wenn er ein lautes evviva Manin! hört. „Ah il Signor Conte!“ ſprach höhniſch der Andere.„Das iſt freilich dein Schutz und Hort. Ihr kamt an Einem Tage in dieſen Palaſt, was aber beſſer nicht geſchehen wäre.“ „Auch in anderer Hinſicht,“ fuhr der Jüngere fort, ohne eine Antwort zu geben,„betheilige ich mich an dem Wohl des Staates, — — Venedig. 159 wo ich kann. Papiermünze der Moneta del comune nehme ich, wenn ich muß, und wenn du in der Zeitung über den offerte alla patria nachleſen willſt, da wirſt Du finden, daß ich vor acht Tagen vier Lire geſpendet.“ In dieſem Augenblick ſprang ein anderer Bedienter die Marmor⸗ treppe des Palaſtes herab und warf einen Damenmantel in eine der Gondelu. Ihm folgte auf dem Fuße die Herrin des Hauſes, Signora Emilia und der Graf C., letzterer in der Uniform, welche man der venetianiſchen Artillerie gegeben. Das ſchöne Geſicht der jungen Dame ſah ernſt und bleich aus und außerdem zuckte in ihren Augen ein finſterer Blick, vielleicht in Folge einer eben gehabten Unterredung. Sie preßte ihre Lippen heftig auf einander, während ſie wie nachdenkend auf die unterſte Stufe der Treppe trat. Sonſt war ihre Haltung wie immer: ernſt, ſtolz, ja majeſtätiſch. Beide Gondeln hatten ſich eilfertig genähert, und der alte Mann trieb die ſeinige mit ſolcher Kraft und Gewandtheit der andern voraus, daß ſein Kamerad, der nicht die Höflichkeit zu haben ſchien, das Fahrzeug der Dame verlaſſen zu wollen, ſtark ſchwankte und faſt in den Kanal gefallen wäre. „Ihr ſeid ſehr ungeſchickt, Antonio!“ rief Graf C.„Wenn es nicht vielleicht böſer Wille war; mein Gondolier wäre faſt über Bord ge⸗ fallen. Was braucht ihr ſo hart anzufahren?“ „Das Hartanfahren thut's nicht, Herr Graf, das ſind wir ge⸗ wohnt,“ erwiderte ruhig der alte Mann.„Der da iſt kein rechter und ehrlicher Gondolier; er ſteht auf ſchlechten Füßen.“ Der Graf zuckte die Achſeln und wandte ſich an ſeine Begleiterin, indem er ſagte:„Was iſt da zu machen? Wäre er von meinen Leuten, ſo würde ich dafür Sorge tragen, daß er mit ſeinem vorlauten Maul unter irgend eine brave Truppe geſteckt würde, die ihm Still⸗ ſchweigen und Gehorſam auflegte. Aber er ſteht in Eurem unmittel⸗ baren Dienſt, und die, welche dies Vorrecht haben, können thun und ſagen, was ihnen beliebt.““ 3 Venedig. Ein finſterer Zug flog bei dieſen Worten über das Geſicht der ſchönen Dame; ſie winkte mit der Hand gegen das Waſſer— ein Zeichen, auf welches ſich der alte Gondolier ehrfurchtsvoll von der Treppe zurückzog, nicht ohne daß er dabei wieder hart an das andere Boot anſtieß. „Was wollt Ihr, Graf!“ gab die Marcheſa froſtig lächelnd zur Antwort.„Eure Leute machen es ja ebenſo. Das hier iſt ein unglück⸗ ſeliges getheiltes Haus.“ Dabei hob ſie die kleine, weiße Hand empor, um auf den Himmel oder den Palaſt hinter ihr zu zeigen. „Ihr habt Recht,“ entgegnete der junge Venetiauer.„Das Haus iſt leider getheilt und geſpalten. Aber wer iſt daran ſchuld? Wer iſt es, der eins der edelſten Häuſer dieſer Stadt in das Gerede bringt, als halte es mit den Feinden des Vaterlandes? Wer iſt es, der un⸗ ſere patriotiſchen Bemühungen zu Schanden macht? Wer ſorgt dafür, daß man achſelzuckend mit Fingern auf uns zeigt und hinter unſerm Rücken traditore murmelt?“ „Ich doch nicht?“ rief das Mädchen und warf ihren Kopf wie ein Blitz herum.„Jedermann weiß freilich, wie ich geſinnt bin; aber Jedermann weiß auch,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu,„daß, als ich meine Partie ergreifen mußte, es mich da hielt, wo mein Vater lebt, wenn auch,“ ſagte ſie für ſich und legte die Hand an ihre Stirne,„Herz und Gedanken anderswo ſind.—— Was wollt Ihr, Graf!“ fuhr ſie darauf heftiger fort.„Da ich einmal hier blieb und alſo unter der dreifarbigen Fahne leben mußte, habe ich nicht für das Wohl eurer— Sache, für das Wohl dieſes armen Volks ebenſo viel, ja mehr gethan, als jede andere Dame meines Standes?“ „Die Spitäler, worin die deutſchen Soldaten liegen,“ entgegnete der Venetianer ſpöttiſch lächelnd mit einer tiefen Verbeugung,„nennen Euch ihre Vorſehung.— Aber,“ ſetzte er raſch hinzu,„wozu dieſe Streitigkeiten, Donna Emilia? das heißt, wozu dieſelben immer und ewig fortſetzen? Ich muß zu meiner Batterie. Laßt uns in gutem Einvernehmen ſcheiden; heute Abend ſtehe ich weiter zu Befehl.“ — Venedig. 161 Nach einer kleinen Pauſe, während welcher die Marcheſa im Be⸗ griff ſchien, noch Einiges zu antworten, ſich aber anders beſann, zuckte ſie leicht mit den Achſeln und befahl darauf ihrem Gondolier, heran zu kommen. Sie ſchien ihren Groll vergeſſen zu haben; denn ſie winkte dem Grafen leicht mit der Hand und ſagte lächelnd:„Ihr könnt mich ja begleiten, Vetter; ſetzt mich auf der Piazetta ab, das macht Euch keinen großen Umweg.“ „Ei, ei!“ verſetzte der junge Venetianer und ein Schatten flog über ſein ohnehin finſteres Geſicht.„Ihr ſcheint Schlimmes mit mir im Sinn zu haben, Signora. Am Ende verlangt Ihr noch, daß ich Euch über den Markusplatz führen ſoll.“ „Ich hoffe, daß Ihr Euch eine große Ehre daraus machen würdet.“ „Ja und nein, ſchöne Couſine. Sich mit der Marcheſa von C. öffentlich zu zeigen, müßte ſür jeden Cavalier die größte Auszeichnung ſein; aber mit einer Dame über den Markusplatz zu gehen, die aner⸗ kannter Weiſe die ſchwarzgelbe Flagge protegirt, könnte zu unange⸗ nehmen Erörterungen führen.— Apropos! bald hätte ich es ver⸗ geſſen: man hat mir von mehreren Deſerteuren erzählt, die kurze Zeit, ehe ſie verſchwanden, in der Nähe unſeres Palaſtes geſehen wur⸗ den. Wißt Ihr vielleicht etwas davon, Signora?“ Die Marcheſa zuckte verächtlich mit den Achſeln und wandte ſich ihrer Gondel zu. In dieſem Augenblick eilte ihre Kammerfrau, die oben an der Treppe gewartet, bei der Herrin vorbei, reichte ihr die Hand zum Einſteigen und ließ ſich darauf, dem Chrenplatze der Gon⸗ del gegenüber, auf einer der kleinen Bänke nieder. Antonio ſetzte ſein Ruder ein und die Barke glitt wie ein Vogel in die Mitte des Waſſers, wandte ſich darauf leicht und zierlich und ſchoß pfeilgeſchwind den Kanal Grande hinab. Die Kammerfrau, die mehr eine Vertraute der jungen Marcheſa war, legte ſanft den Mantel um die Füße ihrer Gebieterin und ſeufzte tief auf. Die junge Dame war aber zu ſehr mit ihren Gedanken Hackländers Werke. XXVI. 11 162 Venedig. beſchäftigt, um augenblicklich hierauf zu achten. Da aber dieſer Seufzer mehrmal wiederholt wurde, ſo hob ſie endlich ihr Auge von dem Waſſer empor und blickte in das ihrer Dienerin. „Ach, Signora,“ ſagte nun die Kammerfrau, welche durch dieſen Blick eine Erlaubniß zum Sprechen erhalten zu haben ſchien,„ach, Signora, es geht immer ſchlimmer hier in der unglückſeligen Stadt und wird immer trauriger im Palaſt des Herrn Marcheſe.—— Der Herr Graf ſcheint es darauf abgeſehen zu haben, Eure Dienerſchaft Tag und Nacht zu quälen.“ „Was iſt wieder geſchehen, Thereſe?“ fragte ruhig die Dame. „Als ich vorhin auf der Treppe ſtand,“ antwortete die Kammer⸗ frau,„mußte ich, ohne zu lauſchen, die letzten Worte des Herrn Grafen hören.“ „Welche?“ fragte zerſtreut die Marcheſa. „Wo er von einigen Deſerteuren ſprach, die um den Palaſt her⸗ umſchlichen.“ „Und was geht das dich an?“ „Ach, Signora, er hat uns deßhalb ſcharf examinirt, ſchon ſeit mehreren Tagen, und läßt nun den Palaſt unaufhörlich bewachen.“ „Meinetwegen,“ antwortete die Herrin;„mir iſt es gleichgültig.“ „Aber,“— entgegnete nach einer Pauſe ſtockend die Dienerin, —„ach, Signora, mir iſt es nicht gleichgültig.“ „Wie? Thereſe, was ſoll das heißen? Iſt etwa Wahres daran?“ „Leider, Signora!“ „Und du wußteſt darum?“ Die Kammerfrau nickte ſchüchtern mit dem Kopfe und blickte zu gleicher Zeit ihre Herrin forſchend an, um ſich zu überzeugen, ob ſie es wagen dürfe, weiter zu ſprechen. „Thereſe,“ ſagte die Marcheſa nach einem kleinen Stillſchweigen, „du haſt Unrecht, das ſind gefährliche Spiele.“ „Darf ich ſprechen, Signora?— In dem großen Spitale, wo⸗ hin ich Euch zuweilen begleitete, fand ich ein paar arme Deutſche, * Venedig. 163 die durch ſeltſame Schickſale hierhergekommen waren und die es nun bitter bereuten, gegen ihre eigenen Kameraden gekämpft zu haben und noch fortwährend kämpfen zu müſſen. Sie thaten ganz verzweifelt und beſchworen mich, ihnen zur Flucht behülflich zu ſein. Es fehlten ihnen Kleider und Geld— ich verſchaffte ihnen Beides.“ „Thereſe!“— „Ich konnte nicht anders, gnädigſte Herrin, und ich hatte einen guten Zweck dabei.“ „Ich will nicht hoffen, Thereſe!“ „Doch, doch! ich darf nichts läugnen. Antonio und ich wir halfen ihnen fort, und damit ſie drüben irgend eine Anſprache hätten, ſagte ich ihnen den Namen eines jungen Offiziers, und dabei mußten ſie mir verſprechen—“ „Um Gotteswillen!“ rief die Marcheſa,„was haſt du gethan?“— „Ich ließ mir nur von ihnen verſprechen,“ fuhr die Kammerfrau fort, „mir, wenn ſie glücklich ankämen, durch ein unverfängliches Schreiben ſagen zu laſſen, ob Jemand, den ſie geſucht, draußen in Meſtre ſei.“ Hier machte die kluge Dienerin eine Pauſe, und betrachtete nach⸗ denkend ihre Herrin. Eine plötzliche Röthe deckte das ſchöne Geſicht der Marcheſa; ſie lehnte den Kopf auf die Hand und es dauerte längere Zeit, bis ſie wieder aufblickte. Dann aber ſagte ſie mit ſehr leiſer Stimme:„Nun — und dann?“ „Dann,“ wiederholte freudig die Vertraute,„erhielt ich heute Morgen dieſen Zettel.“ 3 „Von wem?“ fragte raſch die Marcheſa. „Von dem alten Verwalter eurer Villa zwiſchen Meſtre und Tre⸗ viſo. Er ſchreibt: Bis vor wenigen Tagen war das Caſino unbe⸗ wohnt; wir hatten keinerlei Einquartirung. Es lag ihnen zu weit von Meſtre entfernt. Jetzt aber haben wir einen Huſarenofftzier, der ſich übrigens ſehr ſtill und ruhig verhält.“ 164 Venedig. „Einen Huſarenoffiz izier r2, fragte die Marcheſa mit dem Tone der Enttäuſchung. „Der ſich ſtill und ruhig verhält,“ las die Kammerfrau weiter. „Beſuche empfängt er wenige; nur ein Offizier des Geniecorps, Hauptmann Friedrich v. S., kommt häufig auf die Villa.“ „Ah!“ rief die junge Dame und erröthete abermals. „Das iſt ein ganz unverfänglicher Brief, den btts Jedermann leſen können.“ „Mit Ausnahme des Grafen,“ ſagte leiſe die Marcheſa. „Natürlicher Weiſe,“ erwiderte lachend die Kammerfrau,„ihn habe ich auch nicht z meinem Vertrauten gemacht; und was die Deſerteure anbelangt— 8 „So erſcheinen hoffentlich keine mehr,“ ſagte ernſt die junge Dame. „Nein, gewiß nicht!“ entgegnete lachend Thereſe,„der Graf läßt das Palais umſonſt bewachen.“— Jetzt war die Gondel in der Nähe der Piazettg agekommen, und Antonio warf einen fragenden Blick auf ſeine Herrin. Dieſe winkte ihm mit der Hand, an den beiden Säulen anzulegen. Che aber der alte, ſchlaue Gondolier dies that, konnte er ſich nicht ent⸗ halten zu ſagen:„Signora werden verzeihen, aber der Markusplatz wimmelt von Menſchen, auch höre ich Muſik. Es hemnt, man hält dort eine Parade ab.“ „Was kümmert's mich!“ bemerkte die junge Dame.„Ich werde doch wohl die Freiheit haben, meinen Weg zu nehmen, wohin es mir gefällt.“ „Nur möchten Euer Gnaden mir die Bemerkung erlauben,“ fuhr der Gondelführer fort,„daß das Volk nicht in der beſten Stimmung iſt. Die Räumung von Malghera hat ſie kopfſchen gemacht; man hört nichts als tradimento und traditore, und wenn Euch zufällig ein Feind des Hauſes erkennt— und wir haben deren genng— ſo wäre vielleicht Mancher keck genug, meiner verehrten Herrin Unange⸗ nehmes zu ſagen.“. Venedig. 165 „In dieſer freien Stadt?“ fragte die Marcheſa mit verächtlichem Lächeln.„Ich will es daraßft hin wagen.— Aus Ufer!“ Die junge Dame kannte keine Fut ht, doch 1* ſie ihren Schleier dichter um das Geſicht, aber nur aus dem Grunde, weil es in dieſen Tagen bei den Damen ſo d auch war. Dann ſtieg ſie mit feſten Schritten die Treppe hin Antonio blickte raſch um ſich her, winkte haſtig einem Gondel⸗ führer, der ſich nicht weit von ihm befand, ſagte ihm zwei Worte und verließ darauf ebenfalls die Gondel, um ſeiner Herrin nachzueilen. Auf dem Markusplatze herrſchte heute eine abſonderliche Bewegung; man hätte ſie einen kleinen Tumult nennen können. Das ganze weite Viereck war mit einer unermeßlichen Volksmenge bedeckt, die ab und zu, bis weit in die Piazetta hinein flutete. Man hörte unver⸗ ſtändliches Geſchrei, Pfeifen, Lachen, Singen, zuweilen auch verſtand man ein paar Worte, die eine beſonders äftige Lunge von ſich gab. Dazwiſchen tönte das Raſſeln der Trommeln und die Klänge der Militärmuſik. Der Präſident hielt eine Parade ab. An der Procu⸗ razia vorbei ſtand das Militär, und dann in einem rechten Winkel vor der Markuskirche bis hinter den berühmten drei Maſten, von welchen rieſenhaft die dreifarbigen Fahnen herabwallten. Die Parade war beendigt und der Präſident hatte den Venetianern geſagt, weßhalb es nothwendig geweſen ſei, das gänzlich demontirte Fort Malghera zu räumen. Er hatte dabei auf die Ausdauer der Mannſchaft hinge⸗ wieſen und den guten Venetianern erklärt, mit dem Verluſte der kleinen Feſtung ſei nichts verloren, ſondern gewonnen. Er habe die unge⸗ heuren Streitkräfte der glorreichen Republik kennen gelernt und ſei überzeugt, Land und Seemilizen verzagen nicht bei der Räumung von Malghera. Nur entſchloſſener und muthiger würden ſie ſich unter einander verbinden zur Abwehr des Feindes.„Fahret darum fort,“ ſchloß er ſeine Rede,„ausdauernd zu ſein, vertraut auf Maria, die Jungfrau, und wir werden ſiegen!“ 4 Doch waren alle dieſe ſchönen Worte, ja die Aufſtellung der .⸗ 5 Benedig. allerdings ziemlich anſehnlichen Streitkräfte nicht im Stande geweſen, die beunruhigten Herzen des dennhe Volkes zufrieden zu ſtellen. Wenn auch von einem Theil des katzes ein brauſendes evviva Manin! herüber flog, ſo hörte man doch auch auf anderen Stellen das laute Murmeln des Unwillens u die ſo beliebten Worte: tradimento und traditore. Dies galt freilich nicht dem Präſi⸗ denten, ſondern den in Wahrheit tapfern Vertheidigern von Malghera, Offizieren und Soldaten, die ſich draußen im Fort verſtümmeln und todtſchießen ließen, um dafür von dieſen müßigen Pflaſtertretern, die mit heiler Haut in Sicherheit in den Straßen Venedigs umher ſpazierten, auf ſolche ächt volksthümliche Weiſe belohnt zu werden. An dieſem Tage beſonders ſchien das gute Volk der Inſelſtadt durch⸗ aus nicht zu Scherzen aufgelegt, und der alte Antonio, der hinter den beiden Frauen bis an das Portal von St. Marko gelangt war, drückte an die Thüre, um in der Kirche ein Aſyl zu finden, da er in dieſem Augenblick, von den Maſſen gedrängt, weder vor⸗ noch rück⸗ wärts konnte. Doch war die Kirche verſchloſſen. „Hm!“ ſagte ein wild ausſehender Kerl, doch ſchien ſeine Wild⸗ heit halb und halb Maske zu ſein, der, die Hände in den Hoſen, an einer der Säulen lehnte, zu einem andern:„laßt ſie immer ſprechen, daß es nothwendig geweſen ſei, da unten die Feſtung zu verlaſſen. Wir wiſſen das beſſer; ich habe einen braven Kameraden, der mit drinnen war; faſt gar nichts haben die Deutſchen zerſchoſſen, faſt alle Kugeln ſind über die Feſtung hinausgeflogen; und doch mußten unſere Tapferen abziehen.“ „Und weßhalb mußten ſie abziehen?“ fragten ein vaar afere Männer, die hinzu traten. Der Erſtere zog ſein häßliches Geſicht zu einem wilden Grinſen, ſpuckte wild vor ſich hin und ſagte:„Was wollt ihr!— tra⸗ dimento!“ „Ja, ja!“ riefen Andere.„Die Offiziere haben, uns verrathen.“ „Ein doppelter Verrath!“ fuhr der Erſte fort. — — — Venedig. „Und weßhalb haben ſie uns verrathen?“ „Um den Oeſterreichern das Fort zu übergeben.“ „Ja, aber weßhalb?“ „Das will ich euch ſagen. Ich hab's von meinem braven Ka⸗ meraden. Weil die Oeſterreicher ausgehungert ſind, und weil das Fort voll Lebensmittel ſteckt. Alles tauſendweiſe; Fäſſer mit Mehl, Reis, Oel, Wein— eine Vorrathskammer, wovon ganz Venedig hätte acht Tage eſſen können. „Ha, traditore!“ Und traditore! riefen die Nächſten und die weiter Stehenden ſag⸗ ten das ihnen ſo geläufige Wort ebenfalls und bald ſchallte abermals der wilde Ruf: tradimento! traditore! über den weiten Platz dahin. Das waren aber nur allgemeine Vermuthungen, die jener wür⸗ dige Mann vorhin ausgeſprochen und die er ſich nun bemühte, in eine engere und greifbarere Form zu gießen. „Glaubt nicht,“ fuhr er fort,„daß die armen Soldaten und auch alle Offiziere zu den Verräthern gehören. Und im Grunde, was können die armen Teufel draußen thun, als gehorchen! Von woher kommen dieſe Befehle? wo ſteckt der Verrath?— Hier in Venedig— Tradimento in Venetia!“ „Tradimento in Venetia!“ ſcholl es abermals über den Platz dahin, und einzelne Stimmen hörte man kreiſchen: fori Manin!“ Das war dem Präſidenten der Republik nichts Neues, alſo her⸗ ausgerufen zu werden und dem Volke auf die unvernünftigſten Fragen eine genügende Antwort zu ertheilen. Doch hatte er ihnen heute ſchon in ähnlichem Sinne viel zu Gefallen gethan und ließ ſie deßhalb vor der Hand ſchreien, was ſie wollten und mochten. War aber der Präſident hartnäckig, ſo war es das Volk noch mehr. „Von hier kommt der Verrath,“ ſprach der Kerl am Portale von St. Marko.„Wie geſagt, wenn ſie hier befehlen, müſſen ſie draußen gehorchen— eine ganze Vorrathskammer haben die Oeſterreicher ge⸗ nommen, ein ganz unermeßliches Proviantmagazin.“ 168 Venedig. „Wer ſorgt für unſere Lebensmittel?“ rief eine kreiſchende Stimme aus dem Haufen.„Wofür haben wir eine Verproviantirungscommiſſion? — Warun ſchützt ſie uns nicht?“ „Da ſteckt's eben!“ ſagte der Sprecher kalt berechnend, indem er ſeine rothe Mütze ruhig über das rechte Ohr ſchob.„Wer iſt die Ver⸗ proviantirungscommiſſion? Vornehme Herren, die nichts von unſerer Noth wiſſen, die in ihren Paläſten kein Brod eſſen, weil ſie Fleiſch genug haben, die kein Oel brauchen, weil ſie ſüße Butter kaufen können. Gerade die Verproviantirungscommiſſion hat uns verrathen.“ Und abermals ſchallte es über den Platz dahin:„Verrath! Ver⸗ rath! die Verproviantirungscommiſſion hat uns verrathen!“ Und dazwiſchen hörte man jetzt aus Tauſenden von Stimmen den Fauben Ruf:„Manin! fori Manin!“ Antonio befand ſich ganz in der Nähe des Sprechers mit der rothen Mütze. Er hatte ſich vorgedrängt, um die beiden Frauen einigermaßen hinter ſich zu verbergen. Er ſtand Schulter an Schulter mit dem Manne, der die rothe Mütze auf dem Kopfe hatte. Der Ruf:„fori Manin!“ dauerte indeſſen immer noch fort, ja er verſtärkte ſi 9 von Minute zu Minute. Und der Präſident der Republik ſah ſich endlich genöthi gt, an das Fenſter zu treten und gebot mit der Hand Stillſchweigen. „Was wollt ihr?“ rief er. „Tradimento!“ ſchallte es ihm entgegen.„Wir ſind verrathen, Manin“ „Wieder dieſelbe Geſchichte! wer hat euch verrathen?“ „Nieder mit der Verproviantirungscommiſſion!“ rief der Kerl mit der rothen Mütze und ſein Anhang. Und„nieder mit der Ver⸗ proviantirungscommiſſion!“ erſchallten tauſend Stimmen. Der Präſident winkte verächtlich mit der Hand und erwiederte nach einer kleinen Pauſe:„Was wollt ihr? Immer daſſelbe Geſchrei! die Commiſſion beſteht aus ehrenwerthen Männern, die ihr gewählt habt und die ich kenne. Geht nach Hauſe!“ Venedig. 169 — „Einen Namen!“ flüſterte der Kerl mit der rothen Mütze.„Ihr müßt einen Namen nennen. Rennt den Marcheſe von C. Er hat es immer mit den Oeſterreichern gehalten.— Nennt ihn! nennt ihn! Es iſt das ein reiches Haus! Vielleicht ſetzen wir eine kleine Plünde⸗ rung durch.“ Und gehorſam dieſer Anweiſung ſchrieen zuerſt zehn, dann zwanzig, dann hundert volle Kehlen:„Der Marcheſe von C. iſt ein Verräther! Er hält es mit dem Feinde, er hat Malghera ver⸗ rathen!“ Dieſe Behauptung war nun an ſich ſo ungeheuer lächerlich, daß ſich der Präſident von ſeinem Fenſter verachtungsvoll abwandte. Der Marcheſe v. C., in Wahrheit einer der eifrigſten Patrioten, hatte ſich der traurigen Sache Venedigs auf's eifrigſte angenommen, hatte einen Theil ſeines Vermögens geopfert und ſollte nun für ſeine Anſtrengungen auf dieſe Art belohnt werden. Tauſende auf dem Markusplatz, die den Marcheſe bis jetzt für ſehr treu geſinnt hielten, waren nun auf einmal überzeugt, daß er ein Verräther ſei und ſchrieen das laut in die Luft hinauf. Sein Haus, ſein Leben ſchwebte einen Augenblick in Gefahr. Glücklicher Weiſe war das Militär noch auf dem Platze aufgeſtellt und im Nothfall bereit und im Stande, den frechen Pöbel zu Paaren zu treiben. Eine ſchnellere Juſtiz aber ereilte den MNann mit der rothen Mütze; denn kaum hatte Antonio den Namen ſeines Herrn vernommen, ſo ſiel er, alle Klugheit vergeſſend, über ſeinen Nebenmann, faßte ſeinen Hals, und der kräftige, wenn auch alte Gondelführer ſchnürte ihm die Kehle wie mit eiſernen Schrauben zuſammen. Natürlich wurden die beiden augenblicklich von einander geriſſen, getrennt, aber der ganze Haufen, der ſich nun plötzlich um⸗ wandte, bemerkte nun an dem Portal die beiden Frauen, welche von Einigen augenblicklich erkannt wurden. „Ah, Signora!“ rief eine Stimme aus dem Gewühl.„Hier will man hören, was das gute Volk unter ſich ausmacht.“ „Seht ihr wohl, Kameraden,“ ſagte ein Anderer,„ſind wir irgendwo vor Spähern ſicher?“ 170 Venedig. „Die Marcheſa von C.,“ rief der Kerl mit der rothen Mütze; „unter der glorreichen Fahne von Italien!— Die Dame iſt blaß,“ fuhr er fort,„und das begreift ſich wohl; denn ſie war bis jetzt ge⸗ wohnt, ſchwarz und gelb neben ſich flattern zu ſehen.“ „Wie bei der letzten Reggata!“ kreiſchte eine Weiberſtimme; „Giuſeppe, das wirſt du nicht vergeſſen haben.“ „Wir wiſſen es Alle,“ riefen mehrere Stimmen.„Aber den Ver⸗ rath wollen wir beſtrafen!“ ſetzten Andere hinzu. Und das Gewühl und Geſchrei, das ſich einen Augenblick vorher gegen die Mitte des Platzes concentrirt hatte, wandte ſich nun nach dem Portal der Markuskirche. Manin an ſeinem Fenſter hatte einige kräflige Worte geſprochen, von denen man aber nur verſtand:„adesso andate via tutti.“ Und darauf ſchwenkte das Militär, um ſich in ſeine Quartiere zurück zu begeben. Das Volk machte überall Platz, bis auf jene an der Markus⸗ kirche, wo Hunderte im Begriff waren, auf die beiden Frauen und den Gondelführer einzuſtürzen.. Zum Glück hatte eine Compagnie Schweizer, brav und diseiplinirt, die beſte der ganzen venetianiſchen Beſatzung, in der Nähe der drei Maſtbäume geſtanden, und als ſie nun abſchwenkte und wegmarſchirte, kam ſie dicht bei dem Portale der Kirche vorbei und fegte für einen Augenblick die Menſchenmaſſe dort weg. Autonio ſprang auf einen der Offiziere zu und ſagte mit wenigen Worten, was ſich hier begeben. Die Marcheſa war bleich wie der Tod und ließ ſich willenlos von dem braven Offizier zwiſchen zwei der abmarſchirenden Sektionen führen. Thereſe aber hatte ihren Schleier zurückgeſchlagen, da ſie unter den abmarſchirenden Schweizern einige bekannte Geſichter geſehen. .„Ci,“ ſagte einer der Soldaten,„das iſt die vornehme Dame, die ſo häufig in's große Spital kam.“. „Und ſo gut und freundlich war,“ ſetzte ein Anderer hinzu.„Was wollen die Welſchen von ihr?“ —— —-—— Venedig. 171 „Weiß nicht,“ entgegnete der Erſte.„Aber laßt die Galgenge⸗ ſichter nur heran kommen. Dort ſehe ich ſo ein paar Gauner, die ſich offenbar mit ſchlechten Abſichten zwiſchen die Colonne drängen wollen. — Zurück, ihr Schufte!“ In der That war auch die ganze Rotte, der Kerl mit der rothen Mütze voran, den Damen und den Schweizern gefolgt, und zuweilen drängte ſich Einer mit drohender Miene zwiſchen die Glieder der mar⸗ ſchirenden Mannſchaft, was aber den Volkshelden immer ſehr ſchlimm bekam, denn der betreffende Soldat nahm kaltblütig ſein Gewehr und ſtieß mit dem Kolben die Vordringenden unſanft von ſich. So ging's über die Piazetta hinweg, und am Ufer der Lagunen warteten ein paar große Barken auf die Schweizercompagnie, um ſie nach dem Fort St. Pietro in Volta überzuſchiffen. Antonio, der genau erkannte, was hier zu thun war, verließ die Reihen der Soldaten, ſprang in ſeine Gondel und legte ſie dicht neben den erwähnten großen Barken an die Steintreppe, worauf die Mar⸗ cheſa mit ihrer Dienerin das Fahrzeug beſtieg. Der alte Gondolier ſtellte ſich feſt an ſein Ruder, und nachdem die junge Dame dem freund⸗ lichen Offizier dankend zum Abſchied gewinkt, flog die Gondel mit der Schnelligkeit eines Windhauches über den Waſſerſpiegel dahin, verließ aber aus Vorſicht bald den großen Kanal, und rauſchte durch ein Labyrinth von kleinen Waſſerſtraßen dem Palaſte zu, an deſſen hin⸗ terer Seite, die der Leſer bereits kennt, ſich das Fahrzeug anlegte, worauf die Marcheſa ihren Gemächern zueilte. Obgleich es damals in Venedig nichts Neues war, daß Männer, die ſich der ſogenannten guten Sache auf's Eifrigſte annahmen, die Vermögen, Geſundheit, ja Leben dafür opferten, durch einige elende Schreier auf dem Marktplatze verunglimpft und mit dem Namen traditore beehrt wurden, obgleich das, wie geſagt, häufig vorkam, und man ſich deßhalb am Ende nicht mehr viel daraus machte, ſo konnte doch der ſtolze Marcheſe von C. die Mißhandlung, die heute ſeinem Namen widerfahren war, nicht verſchmerzen. Er ſaß finſter 172 Venedig. brütend in ſeinem Zimmer und ließ vor ſeinem Geiſte alles das vor⸗ übergehen, was er für dieſe undankbare Stadt gethan, und bedachte dann zähneknirſchend, was ihm heute widerfahren. Der Marcheſe war, wie wir wiſſen, einer der Erſten geweſen, welche vermittelſt geheimer Verbindungen die Geſetze verhöhnt, und durch unabläſſige Bemühungen im Sinne der ſogenannten Freiheitspartei den geſetzlichen Boden ſo aufgelockert, daß das im italieniſchen Grunde ſo ſchwach fundamentirte Staatsgebäude beim erſten Windſtoß von außen zuſam⸗ menbrechen mußte. Er hatte das alles, wie er glaubte, in beſter Abſicht gethan; aber wenn ihm ſchon im Laufe des letzten Jahres viele Zweifel aufſtießen, und er auch manchmal kopfſchüttelnd an das Ende dieſer Komödie dachte, ſo war doch die Frucht, die er bei dem end⸗ lichen Gelingen zu brechen hoffte, ſich nämlich wie mancher ſeiner Vorfahren einſtens Oberhaupt, ſei es Präſident oder Doge, dieſer Stadt nennen zu hören, zu verlockend für ihn, um nicht Alles an die Ausführung dieſes Planes zu ſetzen. Sein Name war in der neuen Republik genannt; er ſtand bis jetzt groß und mächtig da.— Und das alles hatte ſich heute in einem Schlage geändert. Er war nach des Volkes Ausſpruch ein Verräther; er war ausgeſtoßen aus den Reihen derer, für die er ſo viel gethan, ſo viel geopfert. Der Marcheſe war übrigens ein Mann von raſchen Entſchlüſſen und als ſich ſeine Tochter im Laufe des Abends bei ihm einfand und ſich Beide über den ſchrecklichen Vorfall auf dem Markusplatze be⸗ ſprachen, als ſich Emilie tröſtend an ſeine Bruſt lehnte, ſchloß er ſeit langer Zeit wieder zum erſten Male ſein Kind in die Arme, küßte ſie innig auf die hohe, weiße Stirn und ſagte:„O meine Tochter, es iſt möglich, daß ich ſehr geirrt; ich glaube es zu fühlen, wenn ich auch jetzt noch nicht davon überzeugt bin. Aber Dir werde ich es nie veergeſſen, daß du, obgleich anderer Anſicht, für mich ſo Vieles und Schmerzliches gelitten.—— Es war dies übrigens im Allgemeinen heute ein Unglückstag für Venedig; denn an demſelben Abend gegen zehn Ühr erſchütterte — — Venedig. 173 ein furchtbares Krachen die Stadt, und die Einwohner zitterten in ihren Häuſern und glaubten, der Feind habe irgendwo unſichtbar eine Batterie aufgeführt und überſchütte ſie mit Bomben und Kugeln. Obgleich Letzteres nun nicht der Fall war, ſo hatte doch ein großes Unglück Venedig betroffen. Die große Pulverfabrik alle Grazie flog mit einer bedeutenden Menge vorräthigen Pulvers in die Luft; das Volk erfüllte abermals den Platz von St. Marko mit ſeinem Geſchrei um Rache an eingebildeten Verräthern. Wem es vergönnt war, der Belagerung einer Stadt auf eine ſo bequeme Art beizuwohnen, wie unſerem jungen Huſarenoffizier, von dem wir früher geſprochen, der mußte dieſes für die Theilnehmer ſo beſchwerliche Schauſpiel für irgend eine angenehme Vergnügungspartie anſehen. Er ritt freilich des Morgens, ſo oft es vorausſichtlich in Meſtre oder der Umgegend Etwas gab, nach dem Städtchen, ver⸗ weilte dort einen guten Theil des Tages in den Laufgräben, unbe⸗ kümmert wegen den hin⸗ und herfliegenden Kugeln, auch wohl ſelbſt den Säbel ziehend und in der Dämmerung mit der Tranchéwache hinausſtürzend, um einen Ausfall abzuſchlagen. Doch waren dies die Lichtſeiten des Aufenthaltes. Wenn ſich dagegen die Nacht hernieder⸗ ſenkte, von der Erde böſe Nebel aufſtiegen, welche mehr Opfer hin⸗ rafften, als die feindlichen Kugeln, dann hatte er nichts zu thun, als auf dem Marktplatze im allgemeinen Kaffeehauſe von den Freunden Abſchied zu nehmen, ſich eine Cigarre anzuzünden und auf's Pferd zu ſchwingen, das ihn dann in raſchem Trabe nach Hauſe brachte. Dieſe nächtlichen Ritte hatten für den jungen Offizier etwas * außerordentlich Angenehmes, etwas Schönes, Poetiſches,— die finſtere Nacht, in die er hinaustrabte, das Leuchten und Krachen der Geſchütze auf ſeiner rechten Seite von Malghera, San Giuliano, Campaldo, St. Secundo und anderen Batterien und, dies alles übertönend, zu⸗ 2 174 Venedig. weilen der Donner eines heftigen Gewitters, das über ſeinem Haupte dahinrollte, wohl auch einen tüchtigen Regen niederſendend, der ihm es alsdann auch um ſo lieber machte, wenn er endlich das ihm jetzt offenſtehende Thor der Villa L. erreicht hatte. Der alte Verwalter, der anfänglich kalt und zurückhaltend gegen ihn geweſen war, ſchien ihn plötzlich liebgewonnen zu haben und bot ihm alle möglichen Bequemlichkeiten an. Obgleich der junge Offizier ſeine Wohnung von zwei Zimmern für groß genug erachtete, ſo fand er doch jetzt jeden Abend, wenn er heimkehrte, die Flügel⸗ thüren der anſtoßenden Gemächer eröffnet und mehrere derſelben er⸗ leuchtet, ohne daß er ſich je auch nur flüchtig in denſelben umgeſehen hätte. Da er meiſtens in der Stadt ſpeiste, ſein Frühſtück aber ihm 2 von ſeinem Burſchen zubereitet wurde, ſo war er nie in den Fall gekommen, zu unterſuchen, ob ſich in der prächtigen Villa L. auch eine Küche der ganzen reichen Einrichtung gemäß befinde. Eines Tags, kurz nach der Einnahme von Malghera, kam er nach Hauſe zurück und ihn begleitete ſein Freund, Hauptmann von S., der in der vergangenen Nacht ſtark beſchäftigt geweſen war und nun ein paar Stunden mit ſeinem Kameraden verplaudern wollte. Die Beiden ritten im ſcharfen Trabe durch den Park und ſprangen vor dem Portal von ihren Pferden. Die Sonne war noch it untergegangen und beleuchtete prächtig durch eine Lichtung des Par 8 das elegante Caſino. Wie ſchon geſagt, war der Huſarenofftzier ſchon ſeit längerer Zeit nicht vor Einbruch der Nacht nach Hauſe gekommen und blieb deßhalb überraſcht ſtehen von der ſchönen Fär⸗ bung zwiſchen den mächtigen Bäumen und von der Glut, die auf dem ſchönen Gebäude ruhte.** 8„Ah!“ ſagte er,„es iſt doch ein prächtiger Aufenthalt, dieſe Villa L., und es wäre nicht ſo übel, ſie in Ruhe und Frieden zu genießen. Spazieren wir ein wenig in dem Park umher.“ Er legte ſeinen Arm in den ſeines Freundes und Beide gingen unter den Bäumen dahin. 175 Der Park, wenn auch nicht ſehr groß, war ſchön und geſchmack⸗ voll angelegt. Da die flache Gegend ringsum keine großartige Aus⸗ ſicht bot, ſo hatte man Alles gethan, um in dieſen dichten Laub⸗ gängen den Wandelnden vergeſſen zu machen, daß es überhaupt eine Außenwelt gebe. Der Park lag da wie in ſich gekehrt, ſinnend, ſtill träumend. Mit großer Kunſt hatte man der Abendſonne den Ein⸗ tritt verſchafft, ohne dadurch den Blick zu veranlaſſen, daß er über die Grenzen des Gartens hinaus ſchweife. Die Sonne kam wie ein gern geſehener Gaſt hier gleichſam auf Beſuch, und nahm wenig mehr für ſich in Anſpruch, als daß ſie hier eine Raſenfläche vergoldete, dort roſig leuchtend über den Spiegel eines kleinen Sees hinzitterte, und ſich zuletzt, ehe ſie Abſchied nahm, wie neugierig in den großen Spiegelſcheiben des Caſinos betrachtete. Nach einem kleinen Spaziergange gingen die beiden Freunde in die Zimmer hinauf. Der Huſarenoffizier legte Säbel und Mütze ab, und Friedrich von S. warf ſich in einen Fauteuil, der in der Nähe des Fenſters ſtand, wo ihm noch ein Blick vergönnt war zu dem Abendhimmel hinauf, der ſich mit ſanfter Röthe über den grünen Baumkronen ſpannte. 3„Wieder ein Tag vorüber,“ ſagte der Huſar.„Jetzt geht es ziemlich leidlich mit der Geſchwindigkeit der Zeit, denn man ſieht hh) wie und wo. Seit Malghera wieder unſer iſt, habe ich die ge⸗ gründete Hoffnung, daß wir bald über die Lagunen hinüber kommen.“ —„Und dann?“ fragte der Andere. „Nun! und dann—“ verſetzte der Huſar—„Was willſt Du? — Das gibt einen großen Moment, wenn der alte Herr, den Gott ſegnen möge, in die eroberte Stadt einzieht, wir hinten drein, wenn auch leider zu Fuß, Alles in größter Aufregung, Alles evviva! ſchreiend, und die ſchwarzgelbe Fahne wieder hochflatternd. Cospettol Darauf freue ich mich wie ein Kind.“— „Du haſt gut lachen,“ ſprach ernſt der Genieoffizier,„dir iſt die ganze Geſchichte hier wie ein Kelch voll brauſenden Champagners; Venedig. 176 8 Venedig. du trinkſt den Schaum davon und flatterſt weiter. Aber wir— du ein einfacher Zuſchauer, eilſt davon, wenn der Vorhang gefallen; aber wir Anderen—“ „Nun,“ unterbrach ihn lachend der Erſte,„von Allen, die ſehn⸗ ſüchtig nach Venedig blicken, wird doch dir das Herz am meiſten ſchlagen, wenn es dir endlich vergönnt iſt, in die feindliche Stadt einzuziehen. Du eroberſt zweifach.“ „Erſtens werde ich mit den Croaten dort nicht einziehen,“ ſagte finſter Friedrich von S.„Wenn ſie drüben das kaiſerliche Banner entfalten, liege ich vielleicht ſechs Fuß tief. Ich habe ſo meine Ahnungen.“ „Aber Deine Ahnungen ſind falſch,“ gab der Huſar lachend zur Antwort.„Weißt du noch, wie du mir an jenem Abend an den Laufgräben ſagteſt, deine Kugel liege in Malghera bereit. Nun, beſter Freund, haſt du da Recht oder Unrecht gehabt?“ 1 „Ich will es nicht läugnen,“ entgegnete der Ingenieur,„daß ich mich geirrt. Aber glaube mir, Eugen, mich trifft's doch noch bei dieſer Belagerung.— Aber gleichviel! Werde ich doch all' dieſer Gedanken los und komme auch nicht mehr in Verſuchung, mir in beſonders heiteren Momenten glückliche Träume zu machen, die ſich doch nie erfüllen können.“ „Ich kenne deine Geſchichte,“ antwortete der Huſarenoffizer, „und wenn ich mit dir darüber ſpreche, ſo weißt du, ich meine es ehrlich. Zum Teufel! deine Ausſichten ſind gar nicht ſchlecht, vor⸗ ausgeſetzt nämlich, daß du richtig gefühlt, und daß du der jungen ſchönen und reichen Venetianerin nicht gleichgültig biſt.“— „Und ihrem Vater—“ 4„Ah! der wird den feſten Willen der einzigen Tochter nicht ſo lieblos durchkreuzen.“ „Du ſcheinſt aber vergeſſen zu haben,“ bemerkte Friedrich von S. nach einer Pauſe,„daß der Marcheſe von C. unter den Namen drüben ſein wird, die nie und nimmer in eine Amneſtie eingeſchloſſen Venedig. 177 werden können, der vielleicht nach England, in die Schweiz geht und gewiß nicht unterlaſſen wird, fort und fort gegen uns zu conſpiriren. Geſetzt nun, alle anderen Hinderniſſe wären weggeräumt, hielteſt du es dann für thunlich, daß ein kaiſerlicher Offizier die Tochter eines ſolchen Mannes heirathet?“ „So lange er kaiſerlicher Offizier iſt,“ verſetzte nachdenkend der Huſar,„hat die Sache allerdings ihre Schwierigkeiten. Aber es gibt doch Verhältniſſe, unter denen man den Dienſt verlaſſen kann, vorausgeſetzt, nach ein paar beendigten Feldzügen, wo man ſich ſtets ſo tapfer benommen, und bei vielen Affairen ſo ausgezeichnet wie du.“ „Ich danke dir für die gute Meinung,“ antwortete Friedrich von S.„Aber du ſprichſt, wie ich vielleicht in deiner Stellung auch ſprechen würde, als der Sohn eines großen und reichen Hauſes, der alles Andere ſeinem Glück zum Opfer bringen kann.— Nein, nein! lieber Freund,“ ſetzte er düſter hinzu,„ich kenne die Sachlage beſſer und bin auch alt genug, um mich keiner kindiſchen Phantaſie hinzu⸗ geben. Ich verſichere dich, jener unglückſelige Augenblick in Venedig war entſcheidend für mein ganzes Leben. Ich liebe das Mädchen; ich weiß wohl, daß meine Kameraden mich für ernſt, ja kalt, vielleicht ſogar für berechnend halten. Aber ich liebe ſie, wie man das Leben liebt, und wie man in dieſem Leben nur einmal liebt. Für mich gibt es nur zwei Wege:— ihren Beſitz oder den Tod. Und da ich zu dem erſteren nicht gelangen kann, ſo ſoll mir der zweite will⸗ kommen ſein. Ich ſage das nicht als Phraſe, nur zu dir, meinem vertrauteſten Freunde.“ „Aber nimm mir nicht übel,“ entgegnete der Huſarenoffizier nach einem längeren Stillſchweigen,„die Marcheſa von C. verdient ſchon einige Anſtrengungen. Und doch, beim Lichte beſehen, wäre es auch ſelbſt für die ſtolze Venetianerin nicht ſo übel, wenn ſie ein⸗ willigte, ſich Majorin von S. zu nennen. Und die Auszeichnung erhältſt du in den nächſten Tagen.“ Hackländers Werke. XXVI. 12 178 Venedig. Einen Augenblick ſah Friedrich von S. träumeriſch an den dunklen Himmel empor, an dem ſchon einige Sterne glänzten. Ihm erſchienen die Worte des Freundes angenehm, ja des Nachdenkens werth. Aber auch nur eine Sekunde. Dann fuhr ein melancholiſches Lächeln über ſeine Züge; er ſtrich mit der Hand über ſein Geſicht und ſagte:„Du haſt nur vergeſſen, lieber Freund, daß ich damals durch jene Vorfälle im Hauſe des Marcheſe von C. in eine un⸗ angenehme, vielleicht anfänglich für Manchen zweideutige Stellung gerieth. Du wirſt dich erinnern, daß es mich einige Mühe und un⸗ angenehme Augenblicke koſtete, um gewiſſe wohlmeinende Kameraden zu überzeugen, auf welch' unſchuldige Weiſe ich in jenen finſteren Kreis trat. Du kennſt meine Erklärung und die meines würdigen Chefs, der ſich meiner in der Angelegenheit wie ein Vater annahm. — Du weißt, wie ich meinen Dienſt gethan— und doch,“ fuhr er heftig fort,„muß ich heute noch zuweilen verdeckte Worte hören, die mich tief verletzen müſſen, wenn ſie auch zu leicht hingeworfen ſind, als daß ich ſie aufgreifen könnte. Jetzt aber denke dir, die Marcheſa von C. würde, wie du vorhin vorſchlugſt, Majorin S.— Nein, nein! es iſt nicht daran zu denken!“ In dieſem Augenblick öffnete der alte Verwalter leiſe die Flügel⸗ thüre des anſtoßenden Gemachs und meldete, daß ein Souper ſervirt ſei. Ueberraſcht blickte ihn der Huſarenoffizier an und beantwortete den fragenden Blick des Freundes mit einem leichten Achſelzucken. „Ei, mein werther Herr,“ wandte er ſich darauf an den alten Mann, nich weiß weder etwas von einem Wunſche meinerſeits, noch von einer Einladung, die ich erhalten.“ 3 Der Verwalter verbeugte ſich und entgegnete:„Da Euer Gnaden heute ſo früh zurückkehrten, ſo dachte ich, ein kleines Souper würde Ihnen nicht unerwünſcht ſein. Ueberhaupt,“ ſetzte er lächelnd hinzu, „nehmen ſie die Gaſtfreundſchaft dieſes Hauſes ſo wenig in Anſpruch, daß ich ſchon lange auf eine Gelegenheit wartete, ſie Ihnen aufzudringen.“ „Nun meinetwegen!“ rief lachend der Huſarenoffizier.„Es wäre „ 5* Venedig. 179 wahrhaftig unhöflich, eine ſo freundliche Einladung auszuſchlagen. — Nicht wahr, Friedrich, wir nehmen das Souper an?“ „Gewiß, mit Vergnügen,“ entgegnete dieſer, der froh war, daß das Geſpräch von vorhin unterbrochen wurde. Beide erhoben ſich darauf und folgten dem alten Manne, der die Thüren weit öffnete und ihnen voranſchritt. An das Zimmer, aus welchem die beiden Offiziere kamen, ſtieß eine Bibliothek; dieſer folgte ein Billardzimmer, ein kleiner Muſikſaal, dann ein einfaches, aber ſehr elegantes Speiſezimmer. Alles war auf's Reichſte beleuchtet, und Friedrich von S., der ſich hierüber ver⸗ wundert ausſprach, erhielt von dem Verwalter lächelnd zur Antwort, man wiſſe auf dem Landhauſe ſeiner Herrſchaft werthe Gäſte zu ehren, die Zimmer ſeien jeden Abend auf dieſe Art erhellt; aber ihr Gaſt habe bis jetzt noch keinen Fuß hinein geſetzt. „Das iſt wahr,“ ſagte lachend der Huſarenoffizier.„Wer hätte aber auch denken können, daß Sie wegen meiner unbedentenden Per⸗ ſon eine ſolche Verſchwendung an Wachskerzen treiben würden!“ Uebrigens war das aufgetragene Mahl der ganzen fürſtlichen Einrichtung der Villa gemäß, und die beiden Freunde geſtanden ſich, ſeit ihrer Anweſenheit vor Venedig, ja ſeit ſie Wien verlaſſen, nicht mehr ſo vortrefflich ſoupirt zu haben. Das Eßzimmer bildete eine Ecke des Hauſes, und der Thüre gegenüber, zu welcher ſie hereinge⸗ kommen, fing eine andere Reihe von Zimmern an. Von dieſen war nur ein einziges Kabinet beleuchtet, welches nämlich an das Gemach ſtieß, wo ſich die Beiden befanden. Der alte Verwalter hatte mit Hülfe eines Bedienten ſelbſt ſervirt, und alles das ging mit einer Ruhe, mit einer Geräuſchloſigkeit von ſtatten, wie man ſie in vor⸗ nehmen Häuſern findet, und die ſo außerordentlich wohlthuend iſt. Zum Dank für die freundliche Bewirthung hielt ſich der Huſaren⸗ offizier für verpflichtet, ein Geſpräch mit dem Haushofmeiſter anzu⸗ knüpfen, und that das, indem er ſagte:„Dies iſt wohl das gewöhn⸗ liche Speiſezimmer der Familie L.?“ 180 Venedig. „Es iſt das Gemach für die kleinen Familiendiners,“ gab der alte Mann lächelnd zur Antwort. „Exiſtiren noch viele Mitglieder dieſer alten Familie?“ forſchte der Offizier weiter. „Welcher Familie?“ fragte der Haushofmeiſter. „Nun, der Familie L.!“ „Die iſt längſt ausgeſtorben.“ „Und bei wem ſind wir alsdann zu Gaſt?“ fragte überraſcht Friedrich von S. „Bei dem jetzigen Beſitzer vermittelſt deſſen gehorſamen Diener,“ ſagte der alte Mann. „Und welcher Familie ſind wir demnach dieſe Gaſtfreundſchaft ſchuldig?“ Der Haushofmeiſter ſchien dieſe Frage überhört zu haben, denn er nahm im ſelben Augenblicke die ſilberne richauds von der Tafel und übergab ſie einem Diener, der ſie hinaustrug. „Ja, Euer Gnaden,“ ſagte er darauf,„der große Speeiſeſaal iſt unten. Dies iſt das Zimmer für die kleineren Diners. Es liegt, wie Sie bemerkt haben, am Ende der Zimmerreihe, auf deren anderen Seite Euer Gnaden Schlafzimmer iſt. Von dort bis hier geht die Wohnung des Herrn, und ſteht durch eben dieſes Gemach mit der anderen Zimmerreihe in Verbindung, welche in guten Zeiten,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„von unſerer gnädigſten Herrin bewohnt wird.“ Friedrich von S. hatte gedankenvoll mit ſeinem ſilbernen Deſſert⸗ meſſer geſpielt; jetzt fielen ſeine Augen zufällig auf das Heft deſſelben und ſein Herz ſchlug ſchneller, er war auf's Höchſte überraſcht, als er auf demſelben eine Grafenkrone und die Chiffre C. gravirt ſah. Ah! dachte er im nächſten Augenblicke, das Zuſammentreffen wäre zu ſelt⸗ ſam. Wie viele Familien gibt es, deren Namen mit C. anfängt? „Ja, drüben ſind die Zimmer unſerer Herrin,“ fuhr der alte Mann fort.„Wenn es Euer Gnaden vielleicht intereſſirt,“ ſetzte er Venedig. 181 lächelnd hinzu,„ſo bitte ich mir einen Augenblick zu folgen; hier in dem Nebenkabinet iſt das Portrait der jungen Marcheſa.“ Wir brauchen wohl nicht zu ſagen, daß Friedrich von S., auf's Höchſte geſpannt, von ſeinem Stuhle emporſprang, und daß auch der Huſarenoffizier eilig dem alten Manne folgte, der die ſchweren Damaſt⸗ vorhänge des ebenfalls ſehr hell erleuchteten Nebenkabinets auf die Seite ſchob. Das können wir aber nicht verſchweigen, daß der Erſtere, nachdem er einen Schritt in die Thüre gethan, wie erſtarrt ſtehen blieb und halblaut ausrief:„Sie iſt's!“ während ſich der Andere mit einem Ausruf der Bewunderung einem lebensgroßen Bilde gegenüber ſtellte— dem Portrait der jungen Marcheſa von C., welches ſo prächtig gemalt und ſo glücklich aufgefaßt war, daß man hätte glau⸗ ben können, die gebietende Geſtalt erwarte nur eine tiefe Verbeugung der eingetretenen Fremden, um ihnen darauf mit ihrem ernſten und doch ſo ſüßen Lächeln entgegenzutreten. Nach einer längeren Pauſe, während welcher beide Freunde das ſchöne Bild gleicher Weiſe faſt mit den Augen verſchlungen, wenn auch mit ſehr ungleichen⸗ Gefühlen, faßte ſich Friedrich von S. zuerſt und ſagte zu dem alten Manne, der ehrerbietigſt hinter ihnen ſtand: „So gehört alſo dieſe Villa dem Marcheſe von C.?“ bei welchen Worten der Huſarenoffizier einen lächelnden Blick auf ſeinen Freund warf und darauf verwundert ſprach:„Wenn der Maler nicht geſchmeichelt, ſo iſt die Marcheſa das ſchönſte Mädchen, das ich in meinem ganzen Leben geſehen.“ „Der Maler hat kaum ſeine Schuldigkeit gethan,“ bemerkte der Haushofmeiſter mit einer Verbeugung.„Und doch konnte er das Schönſte an unſerer gnädigſten Herrin nicht darſtellen: ihr edles Ge⸗ müth, ihr gutes Herz. Zwei Sachen, Euer Gnaden, die wir, die Die⸗ nerſchaft, beſonders zu ſchätzen wiſſen.“ „Laßt uns hier weggehen,“ ſagte endlich der Hauptmann und drückte ſeinem Freunde feſt die Hand.„Es taugt mir wahrhaftig nicht, wenn ich das Bild lange anſehe.“ 182 Venedig. „Und ich,“ entgegnete dieſer,„möchte mich gerne ein paar Stun⸗ den davor feſtſetzen, wenn mir ein ſolches Unternehmen nicht auch etwas —— zu gefährlich erſchiene. Kehren wir zu unſeren Cigarren zurück!“ Friedrich von S. warf noch einen letzten ſchnellen Blick auf das Bild; dann wandte er ſich raſch um und ſie gingen in's Nebenzim⸗ mer. Doch war ihre Unterhaltung geſtört: der Hauptmann ſaß fin⸗ ſter und ſchweigend da; ſeine Gedanken ſchweiften offenbar über das Waſſer hinüber nach Venedig. Der junge Huſar blickte in ſeinem Fauteuil ausgeſtreckt zuweilen lächelnd an die Decke und ließ kunſt⸗ reiche Dampfkreiſe emporſteigen, deren Lauf er aufmerkſam zu folgen ſchien, bis ſie vergingen. Es iſt eigentlich Schade,“ redete er nach einem längeren Still⸗ ſchweigen;„aber der Anblick jenes Bildes hat uns Beiden nicht wohl⸗ gethan.“ 3 „Nein, wahrhaftig nicht,“ gab Friedrich von S. zur Antwort. „Als ich heute Nachmittag auf San Giuliano war und unter den Arbeitern ſtand, die emſig und furchtlos an dem Batteriebau beſchäf⸗ tigt waren und darüber lachten, wenn eine feindliche Kugel ihnen den Schanzkorb zwiſchen den Händen fortriß und uns mit Sand und Steinen bewarf, da hatte ich mich darauf gefreut, im Gegenſatz zu dem wilden Getümmel mit dir ein paar Stunden wie im tiefen Frie⸗ den verplaudern zu können. Ich fühlte eine angenehme Ruhe in mei⸗ nem Herzen; ich konnte Venedig ruhig überſchauen, ohne daß ich, wie ſonſt immer, einen herben Schmerz empfand. Jetzt iſt das Alles wie⸗ der dahin, meine Nerven ſind aufgeregt, mein Herz ſchlägt gewaltig; die Stille um dies kleine Schloß ſaust mir in den Ohren; ich möchte ausrufen: Luft! Luft!“ „ Wenn du dich nach etwas Spektakel ſehnſt,“ verſetzte der Hu⸗ ſar,„ſo laß uns auf den Balkon da drüben gehen. Oeffne dir ein Fenſter und wir werden augenblicklich unſere Lieblingsmuſik hören. Bumm!— bumm!— Bumm!— bumm! „Spotte nicht über mich, Eugen,“ ſagte der Andere ſanft.„Es Venedig. iſt mir in der That recht traurig und unheimlich zu Muthe. Wenn du mir es nicht übel nimmſt, ſo reite ich jetzt nach der Stadt zurück.“ „Gewiß nicht!“ entgegnete der Andere,„man muß ſeinen Freun⸗ den die perſönliche Freiheit nicht verkümmern. Wenn du allein ſein willſt, ſo bleibe ich hier. Gibſt du aber mir die Erlaubniß, dich zu begleiten, ſo erzeigſt du mir einen großen Gefallen.“ „Wie kannſt du nur fragen?“ ſagte der Hauptmann.„Wenn du dich dem Bette noch auf einige Stunden entziehen willſt und mit mir hinausreiteſt, ſo bin ich dir dankbar dafür. Aber du wirſt meine Gefühle begreifen; ich bin bewegt, unruhig. Erinnerungen und Ge⸗ danken quälen mich auf's Neue, ich möchte ſie gerne verſcheuchen.“ „Kein Wort weiter!“ antwortete der Huſar.„Reiten wir.“. Bald ſaßen Beide zu Pferde und trabten gen Meſtre. Die Lieb⸗ lingsmuſik, von welcher der Huſarenoffizier vorhin geſprochen, ließ ſich heute Abend deutlicher als gewöhnlich vernehmen. Auf allen Seiten krachte und blitzte es, und namentlich in der Nähe der Lagunenbrücke ſah man oft weite Strecken in rothe Glut gehüllt. Aus den Villen, wo die beiden Reiter vorbeikamen, ſah man ebenfalls hie und da Rei⸗ ter auftauchen und raſch gen Meſtre eilen. „Die ſcheinen's heute wieder ernſtlich zu betreiben!“ rief der Hu⸗ ſar einem Ordonnanzoffizier zu, der aus Caſa Papadopoli heraus ſprengte.„Iſt Seine Excellenz zu Hauſe?“ „Nein, er iſt draußen bei der Lagunenbrücke,“ entgegnete der Ge⸗ fragte.„Sie ſind heute Nacht auf ihren Inſeln wieder ganz des Teu⸗ fels. Sie müſſen wahrſcheinlich erfahren haben, daß die drei ſchönen Batterieen auf San Giuliano faſt beendigt ſind. Von San Secundo feuern ſie ohne Unterlaß herüber; auch bemerken die vorgeſchobenen Poſten, daß ſich ihnen eine Menge ihrer Schaluppen langſam nähern.“ „Ahl da iſt ja mein Werk in Gefahr!“ rief lebhaft der Inge⸗ nieur.„Auf alle Fälle müſſen wir ein Bischen nachſehen.“ Und ſie trieben die Pferde raſcher an und erreichten bald Meſtre.. Auf dem Marktplatz war heute Abend ein regeres Leben als ge⸗ Venedig. wöhnlich. Vor dem Cafs befanden ſich eine Menge Offtziere aller Grade, um die Tiſche herumſitzend oder in Gruppen ſtehend, und zu⸗ ſammenplaudernd; Ordonnanzen kamen und gingen; auch Mannſchaf⸗ ten, die von der Arbeit zurückkehrten, und die Offiziere, welche ſie führten, wurden umringt und ausgefragt. „Du, was gibt's draußen?“ „Nicht viel Neues. Aber ſie ſcheinen was vorzuhaben heute Nacht.“ „Habt ihr Verluſte?“ „Wir unbedeutend, aber die von San Giuliano mehr.“ Die beiden Freunde, nachdem ſie hin und her gefragt und geant⸗ wortet, und ihre Pferde zurückgelaſſen, eilten dem Erddamme zu, an welchen die Lagunenbrücke ſtößt und fanden dort eine Menge Ober⸗ offiziere und Generale verſammelt, die Meiſten ſtanden oben auf dem Damme und ſchauten angelegentlich in die Nacht hinaus. Doch war es nur geübten Augen möglich, in der großen Dunkelheit etwas zu erkennen, und auch dieſen nur, nachdem ſie ſich durch den Blitz eines Schuſſes orientirt. San Secundo und die feindlichen Brückenbatte⸗ rieen feuerten einzelne Schüſſe nach San Giuliano herüber und es war eigenthümlich ſchör anzuſehen, wie das trübe Waſſer der Lagunen für einen Augenblick erhellt wurde oder wie einer der rieſenhaften Brückenpfeiler plötzlich, aber nur für einen Augenblick, hell und glän⸗ zend aus der dichten Finſterniß hervor trat. „San Secundo fürchte ich nicht beſonders,“ ſagte eine helle Stimme aus dem Haufen der Offiziere;„ſie überſchießen bei Nacht häufig. Aber ich habe gute Nachrichten, daß ſie mit ihren Schalup⸗ pen irgend einen Angriff machen wollen; es wird ihnen aber nichts helfen, da wir vortrefflich gedeckt ſind, aber es koſtet wieder Menſchen⸗ leben, das iſt das Entſetzliche bei der Sache.“ 3 „Sollen wir nicht einige Leuchtraketen von San Giuliano auf⸗ ſteigen laſſen?“ fragte eine andere Stimme. „Wir geben ihnen nur ein beſſeres Ziel,“ antwortete der erſte Venedig. 185 Sprecher.„Ich habe drüben ſcharf auslugen laſſen und erwarte je⸗ den Augenblick Berichte.“ Wirklich kam auch einige Minuten ſpäter eine Ordonnanz haſtig daher gelaufen und drang durch den Kreis der Offtiziere. „Nun, wie ſteht's drüben?— Haben wir viel Verluſte?“ „Bis jetzt nicht, Excellenz,“ entgegnete der Offizier;„nur ein ſehr bedauerlicher Fall, Lieutenant T. vom Geniecorps, der auf der oberen Batterie war, iſt von einer Vollkugel ſchwer verwundet.“ „Ah, das iſt hart! Herr Oberſt, wir müſſen Jemand anders hin⸗ ſchicken.— Iſt vielleicht Jemand von den betreffenden Herren in der Nähe?“ Friedrich von S. trat raſch vor. „Ah! mein wackerer Hauptmann S.,“ fuhr der Sprecher von vorhin fort.„Sie haben ja das Werk kaum vor ein paar Stunden verlaſſen.“ „Aber ich freue mich, ſogleich dahin zurückkehren zu können,“ ant⸗ wortete der Hauptmann. „Es iſt mir ſehr lieb,“ ſagte eine dritte Stimme,„daß gerade Sie kommen. Hauptmann von S. hat den Bau von Anfang an geleitet. Eilen Sie hinauf, lieber Freund, und treiben Sie die Leute ſo gut wie möglich an. Es iſt nicht viel mehr zu thun, ja die Ar⸗ tillerie muß ſogar einen Theil der Bettungen ſchon gelegt haben.“ „Schön, ſchön!“ ſagte der erſte Sprecher.„Dann können wir ſie mit Tagesanbruch artig heimſchicken.“ Hauptmann von S. trat raſch zum Kreiſe der Offiziere zurück, eilte den Damm hinab, und ſuchte ſo gut wie möglich den unſicheren und ſchwer zu treffenden Weg nach ſeinem gefährlichen Beſtimmungs⸗ ort zu finden. Doch war er noch nicht weit gekommen, als er Jemand hinter ſich drein ſtolpern hörte und die Stimme ſeines Freundes ver⸗ nahm, der ihn leiſe bat, doch nicht gar zu ſchnell zu laufen. „Ja, was willſt denn du?“ fragte erſtaunt der Hauptmann. 186 Venedig. „Nun, dich begleiten,“ erwiderte der Andere.„Das kann eine luſtige Nacht werden.“ „Thu’ mir den Gefallen und bleibe zurück,“ ſagte der Haupt⸗ mann.„Ich gehe gern und bereitwillig da hinauf, es iſt mein Dienſt. Aber von dir wäre es tollkühn, dich in ſo gefährliche Sachen zu miſchen, wo du am Ende nur im Wege biſt und nichts nützen kannſt.“ „Den Teufel auch,“ entgegnete lachend der Huſar.„Mir ſcheint, es kommen da Sachen vor, wo ich recht gut nützen kann. Ich habe ſo was munkeln hören, als könnten die Lateiner mit ihren Schalup⸗ pen einen Angriff wagen; und wenn das der Fall iſt, da kann's zu einem artigen Handgemenge führen, und da gehöre ich in erſter Linie hin.— Du,“ ſetzte der junge Mann bittend hinzu,„ſei doch nicht kindiſch oder beſſer geſagt neidiſch, gönn' Unſereinem auch eine kleine Arbeit! Ich kann dich auf Ehre verſichern, ich ſchäme mich ordentlich, wie ein rechter Müßiggänger von der Ferne zuzuſchauen, während ſo manche brave Kameraden blutend davon getragen werden. Wir käm⸗ pfen hier alle für den Kaiſer, und wenn ich für den Ruhm unſerer Waffen etwas beitragen kann, ſo iſt das meine verdammte Schuldig⸗ keit. Erinnere dich doch an Mailand, wo ſo viele meiner Kameraden mit der Infanterie gegen die Barrikaden gingen. Kann ich euch zu Pferd nichts nützen, ſo will ich es einmal zu Land oder meinetwegen auch zu Waſſer verſuchen.— Komm!“ „Du biſt ein prächtiger Kerl,“ antwortete lachend der Hauptmann. „So geh' denn mit! Aber wenn dir— was ich nicht hoffen will— irgend ein Unglück zuſtößt, ſo wird man mich dafür anſehen.“ „Du haſt mir nichts zu befehlen!“ ſagte lachend der Huſaren⸗ offizier.„Ich gehöre nicht zu deinem Corps.“ „Und doch bin ich dein Vorgeſetzter und im Nothfall auch ſo viel älter, daß du mir ſchon deßhalb gehorchen ſollteſt.— Aber jetzt vorwärts, ſchweig' ſtill und ſchau' auf deine Füße.“ Dieſer letzte Befehl war ſehr nothwendig; denn wenn es heut⸗ zutage im hellen Sonnenſchein mit ziemlichen Schwierigkeiten verknüpft p Venedig. 187 wäre, vom Eiſenbahndamm querfeldein an jene Stelle zu gelangen, wo eine Brücke nach San Giuliano hinüberführte, ſo war dies in der jetzigen Verfaſſung des Bodens, durchſchnitten mit Gräben, voll Lö⸗ cher, welche die einſchlagenden Kugeln geriſſen, ein wahrhaft verzwei⸗ feltes Unternehmen. Dabei kamen die beiden Freunde, jemehr ſie ſich der Inſel näherten, um ſo mehr auch in den Schußbereich des feind⸗ lichen Feuers. Jetzt waren ſie an der Stelle angelangt, wo ein klei⸗ ner ſchwanker Steg von dem feſten Lande nach San Giunliano hinüber⸗ führte. Hier blieb der Hauptmann einen Augenblick ſtehen und ver⸗ ſuchte es nochmals, ſeinen Freund zu bewegen, daß er umkehre.„So⸗ wie wir einen Schritt auf dieſe Bretter ſetzen,“ ſagte er,„ſind wir dem Feuer der Brückenbatterieen und dem von San Secundo ſcho⸗ nungslos ausgeſetzt. Ich weiß, wo wir ſind; es iſt der Steg, den unſere Soldaten den Weg des Todes oder auch die Todtenbrücke be⸗ nennen. Du haſt mich jetzt höchſt angenehm bis hieher begleitet, es wäre jetzt weit beſſer, wenn du nach Hauſe zurückkehrteſt.“ „Vorwärts! vorwärts!“ entgegnete der Huſarenoffizier.„Was ſollen wir uns hier plaudernd zum Ziele der Kugeln machen? die Sache iſt abgemacht: ich gehe mit dir.“ Friedrich von S. zuckte die Achſeln und ging raſch voran. Die Bretter unter ihren Füßen ſchwankten, aber ſie achteten nicht darauf: vielmehr waren ihre Blicke auf den Boden gerichtet, um, ſo viel es die Dunkelheit zuließ, nicht in die Löcher hineinzuſtürzen, die ſich zahl⸗ reich vorfanden, wo die hereinſchlagenden feindlichen Kugeln die Plan⸗ ken zerriſſen hatten. Die Brücke verdiente heute Abend ihren Namen mit Recht; und es war als das größte Wunder anzuſehen, daß die beiden Freunde nicht bei jedem Schritte niedergeſchmettert wurden. Hegten vielleicht die Italiener die Vermuthung, man werde heute Abend Verſtärkungen nach San Giuliano ziehen und wollten ſie dies verhindern— genug, ſie unterhielten auf dieſem Punkt ein wahrhaft empörendes Feuer, und tückiſcher Weiſe waren es meiſtens Vollkugeln, die ſie herüberſandten. 188 Venedig. Den Flug der Bomben und Granaten würde man deutlich geſehen haben und ſchon bei Weitem mit leichtem Herzen bemerkt, daß ſie zu hoch oder zu niedrig gehen mürden. Auch war bei der ſchmalen Brücke für die Hohlgeſchoſſe weniger Wahrſcheinlichkeit des Treffens. Um ſo. zudringlicher und unheimlicher flogen dagegen die Vollkugeln vor, hin⸗ ter und über den Freunden vorbei, und machten ihre Gegenwart nur durch ein heiſeres Pfeifen bemerkbar, durch ein Klatſchen ins Waſſer oder durch eine ſtarke Bewegung des Steges, wenn eine derſelben einen der Hauptpfeiler auch nur leicht geſtreift. „s— s— 3—t!“ ſagte der Huſarenoffizier,„die war mir recht nah. Ueberhaupt ſind wir hier gerade wie Spatzen auf einem Futterbrett. Es iſt wahrhaftig ein Wunder, daß uns keine dieſer unſichtbaren Ku⸗ geln getroffen.“ „Jetzt ruhig,“ ermahnte der Hauptmann.„Wir haben die Inſel erreicht. Ich muß mich mit der Wache verſtändigen, ſonſt hätten wir auch noch von dort etwas zu befürchten.“. Letzteres war bald geſchehen, und die beiden Offiziere ſprangen ans Ufer. Hier befand ſich Alles in einer geheimnißvollen, aber ſehr rührigen Thätigkeit. Man hatte drei Batterien gebaut, die einander überragten. In die unteren wurden ſoeben die Geſchütze eingebracht; die obere war auch faſt vollendet. Zur letzteren begaben ſich die Freunde, und Friedrich von S. meldete ſich bei dem kommandirenden Major von der Artillerie und ſuchte zugleich ſeinen Kameraden auf, den verwundeten Genieoffizier, den er ablöſen ſollte. Derſelbe war ſchwer getroffen; man hatte ihn hinter einer Deckung niedergelegt, und ein Wundarzt war im Begriff, ihn ſo gut wie möglich zu verbinden. „Es iſt das eine unheimliche Nacht,“ ſagte der Artillerieoffizier, der einen Augenblick zu den Kameraden trat.„Ich mache Ihnen mein Kompliment, Hauptmann von S., daß Sie glücklich über die Brücke gekommen ſind. Es iſt das ein wahres Wunder. Ich fürchte noch immer, ſie ſchießen uns den miſerablen Steg zuſammen, und das wäre ſehr unangenehm.“ f Venedig. 189 „Erwartet ihr noch Verſtärkungen aus Meſtre?“ fragte der In⸗ genieurhauptmann. „Gott bewahre! Ich glaube, wir haben genug da.“ „Und meinen Sie, die drüben werden einen ſtärkeren Angriff wagen?“ „Zuverläſſig!“ antwortete der Arttillerieoffizier.„Sie haben dort links an den Lagunen verſchiedene Kriegsſchaluppen aufgeſtellt. Wir erwarten von Sekunde zu Sekunde, daß ſie anfangen uns zu bedienen.“ Die Leute in der Batterie nebenan arbeiteten mit der angeſtteng⸗ teſten Thätigkeit. Obgleich ſich dort ein ſcheinbar verwickelter Knäul von Menſchen umhertrieb, ging doch Alles mit der größten Umſicht und Ordnung vor ſich. Man vernahm kein Wort, keinen Laut; nur das Wegſchaufeln der Erde wurde gehört, das Knirſchen eines Schanz⸗ korbes, der feſtgeſtellt wurde, und der dumpfe Schlag der Hämmer, mit welchen die Pflöcke eingetrieben wurden. Plötzlich aber vernahm man zwiſchen den emſig arbeitenden Männern einen leichten Auſſchrei, der aber bald unterdrückt war durch das Zuſammenklirren eiſerner Geräthſchaften. „Was gibt's da?“ rief der Artilleriemajor, der herbei eilte. „Ein Vierundzwanzigpfünder hat eben zwiſchen die Leute herein⸗ geſchlagen,“ rapportirte einer der Unteroffiziere. „Todte?“— „Zwei.“ „Verwundete?“— „Vier.“ „Schafft ſie gleich nach rückwärts,“ befahl der Major.„Ich will ein paar Aerzte ſenden.“ Das war eine von den kleinen traurigen Unterbrechungen, wie ſie leider ſo häufig vorkamen. Doch machten ſich die braven Soldaten nicht viel daraus. Einen Augenblick ſtutzten wohl die Umſtehenden und ſchauderten auch wohl leiſe zuſammen, daß der Tod ſo hart bei 190 Venedig. ihnen vorbei geſtreift, dann aber faßten ſie ſtillſchweigend die gefalle⸗ nen Kameraden auf, trugen ſie zurück und gingen wieder wohlgemuth an ihre gefährliche Arbeit. Alles was heute Nacht zum Batteriebau und zur Wache gehörte, befand ſich in fieberhafter Aufregung. Die Ahnung, daß der Feind etwas vorhabe, hatte ſich auch unter den Soldaten verbreitet, und Jeder unterſuchte ohne Befehl ſein Gewehr auf's Genaueſte und drückte an das Bajonett, ob es auch recht feſt ſitze. Es mochte Mitternacht vorüber ſein, als das Feuer von den Brückenbatterieen und von San Secondo mit einem Male aufhörte. Die Nacht trat einen Augenblick in ihr Recht ein und es lag eine plötz⸗ liche Stille auf der weiten Waſſerfläche, die aber im Gegenſatz zu dem ungeheuren Spektakel von vorhin überraſchend und unheimlich war. „Das iſt eine Windſtille vor dem Sturm,“ ſagte flüſternd der Artillerioffizier und eilte nach den unteren Batterieen. „Ich glaube auch ſo,“ bemerkte Friedrich von S. zu ſeinem Freunde.„Wenn mich nicht Alles trügt, ſo ſehe ich dunkle Körper auf dem Waſſer daher ſchwimmen. Siehſt du, dort und dort!“ „Ja, ja,“ antwortete der Huſarenoffizier,„da ſchleichen ſie heran, Am Ende gibts ein kleines Seegefecht.“ Jetzt tauchten hinter ihnen aus dem Dunkel ein paar Infanterie⸗ offiziere hervor, und einer derſelben, ein älterer Stabsofftzier, theilte die Bemerkung der beiden Freunde und pflichtete ihnen bei.„Wir können nichts thun,“ ſprach er,„als uns ruhig verhalten, bis ſie zu einem ernſtlichen Angriff ſchreiten; denn ehe ſie den Verſuch machen, einen Fuß auf die Inſel zu ſetzen, werden ſie uns mit einem ſchönen Kartätſchenhagel begrüßen. Meine Leute ſtehen bereit.“. Damit trat er leiſe zurück. „Weißt du was?“ ſagte der Huſarenoffizier,„ich ſchließe mich der Infanterie an. Vielleicht finde ich ſpäter ein überflüſſiges Gewehr und bis dahin ſoll mein Säbel herhalten.“ Er drückte dem Freunde nochmals die Hand und verſchwand in der Nacht. Venedig. 191 Friedrich von S. blieb allein auf der faſt fertigen Bruſtwehr der Batterie und ſchaute angelegentlich in das Dunkel hinaus. Es lag ein tiefer Friede auf der Erde und dem Waſſer; die Luft war ruhig, und wenn nicht dichte Gewitterwolken den Himmel bedeckt hätten, würde man mit Hülfe des Sternenlichtes weit um ſich her geſchaut haben. Dort lag Venedig; man erkannte die Stadt an dem Glanze einer Menge von Lichtern, die hie und da vertheilt waren. Die Leute in dieſem Stadtviertel, die in der Nähe der Eiſenbahn wohnten, waren in letzterer Zeit auf ihrer Hut; denn ſeit der Ein⸗ nahme Malghera's hatte man öſterreichiſcher Seits auf der Lagunen⸗ brücke Mörſerbatterieen errichtet, welche ihre Geſchoſſe zuweilen bis in die erſten Häuſer der Stadt trieben. Die dunkeln Körper auf dem Waſſer ſchwammen jetzt immer näher, und bald erkannte man kleine leuchtende Punkte auf denſelben. Das Feuer von San Secondo ſchwieg noch immer, und Tauſende von Augen blickten jetzt angeſtrengt in die Nacht hinaus. Da mit einem Male ſchlug auf dem Waſſer eine feurige Lohe, weithin die trüben Fluten erhellend, empor. Ein erſchütterndes Krachen folgte und Vollkugeln, Granaten und Kartätſchen ſausten und ziſchten aus den großen Schaluppen gegen San Giuliano. Im gleichen Augenblick nahmen die Brückenbatterieen und die von San Secondo ihr Feuer mit der größten Heftigkeit wieder auf. Es ſchien, als gäben ſie nur ganze Lagen; denn es war nicht mehr der Knall eines einzelnen Schuſſes zu erkennen, ſondern ein wilder Donner brüllte fort und fort herüber. Im erſten Augenblick drückten ſich die Arbeiter hinter die Bruſt⸗ wehren. Die Wirkung der Kugeln war fürchterlich. Wie Strohbunde riſſen die ſtärkſten Faſchinen auseinander, flogen ſchon gefüllte und feſtgeſtellte Schanzkörbe nach allen Richtungen. Auch lautes Jammer⸗ geſchrei tönte durch die Nacht, einzelne Rufe, entſetzliches Stöhnen. Friedrich von S. war ein paar Sekunden überraſcht ſtehen ge⸗ blieben, da die einſchlagenden Kugeln das Erdreich unter ſeinen Füßen 192 Venedig. auseinander riſſen, und als er hinter ſich augenblickliche Beſtürzung und Verwirrung vernahm, ſprang er über die Batterie hinab, um durch freundliche Worte und ſtrenge Befehle die ſo plötzlich unterbrochene Arbeit wieder herzuſtellen. „Angefaßt, Leute!“ ſagte er mit leiſer Stimme.„Bleibt an eurem Poſten,— Hieher vier Mann mit einem Schanzkorb!— Dieſe Scharte hat am meiſten gelitten.“ Und damit legte er eben⸗ falls Hand an, und während die braven Soldaten dieſem Befehle pünktlich Folge leiſteten, ſtellte er ſich auf den gefährlichſten Platz und half ihnen den angerichteten Schaden wieder gut machen.—„Laßt nicht nach!“ ſprach er dazwiſchen.„Wir müſſen die Batterie in ein paar Stunden fertig haben.— Ihr da unten bei den Bettungen, tummelt euch. Vorwärts! vorwärts! Denkt nur an das Vergnügen, ihr Leute, wenn wir ihnen aus dieſen drei prächtigen Batterien mit Zinſen heimzahlen, was ſie uns heute Nacht geliehen.“ Unterdeſſen ſetzten Batterien und Schaluppen ihr verheerendes Feuer ununterbrochen fort. Letztere warfen ganze Maſſen Kartätſchen an das flache Ufer der Inſel. Jetzt konnte man auch deutlich die Körper der Schiffe erkennen und neben ihnen große flache Boote voll Soldaten. Da ſie wußten, daß die dieſſeitigen Batterieen noch nicht fertig waren, ſo hatten ſie augenſcheinlich vor, die Inſel direct anzu⸗ greifen und die Bauten zu zerſtören. Auch vermutheten ſie ohne Zweifel wenig Mannſchaft auf der Inſel, und hatten, um das Her⸗ anziehen von Verſtärkungen zu erſchweren, ſchon am Nachmittag und Abend jenes furchtbare Feuer auf die Brücke der Todten unterhalten. Der auf San Giuliano kommandirende umſichtige Major der Infanterie unterſtützte dieſen Glauben dadurch, indem er hie und da einzelne Musketenſchüſſe abfeuern ließ, wie um ihnen zu ſagen: wir vertheidigen uns, ſo gut wir können. Hiedurch getäuſcht, ſah man bald eine Anzahl der großen flachen Boote an's Ufer rudern, um ihre Mannſchaft an der Inſel auszuſetzen. Friedrich von S., deſſen Aufmerkſamkeit zwiſchen dem Bau der Veuedig. 1093 Batterie und dem Manöver des Feindes getheilt war, ſprang aber⸗ mals auf die Bruſtwehr und blickte angelegentlich nach einer Raketen⸗ batterie, die nicht weit von ihm aufgeſtellt war und nun plötzlich ihr Feuer begann. NRuhig und kaltblütig wie immer ſchoſſen die öſterreichiſchen Artilleriſten; und an dem Geſchrei und der Verwirrung, welche nun in den Booten und unter der Mannſchaft entſtand, die ſchon am Ufer war, hörte man deutlich, daß keine der Kugeln fehlging. Wie feurige Schlangen ſchoſſen die Raketen dem Waſſer zu, Tod und Verderben da bringend, wo ſie einſchlugen. Jetzt ſetzte ſich auch die Infanterie in Bewegung und warf ſich mit lautem Hurrah! den Eingedrungenen entgegen. Natürlich ſtellten in dieſem Augenblick ſowohl die Schaluppen wie die Raketenbatterieen ihr Feuer ein, um die eigenen Leute nicht niederzuſchmettern, und es entſpann ſich drunten am Ufer ein ſtilles, aber furchtbares und blutiges Handgemenge. Bajonnet focht gegen Bajonnet und ſuchte die feindliche Bruſt zu durchbohren; Säbel kreuzten ſich und die Aexte und Beile, mit denen die Arbeiter aus den Batterieen herbeiliefen, warfen die Gegner mit ſchweren Wunden zu Boden. Nur zuweilen erhellte der Blitz einer Muskette oder einer Piſtole das furchtbare Chaos, und bei dieſem unſichern Lichte erſah man denn bald, daß die Venetianer dem Waſſer zu flüchteten und ihre Boote zu erreichen ſuchten. Viele aber wurden unterwegs noch niedergemacht, und viele kamen in dem Waſſer um, in welches ſie ſprangen, um ihr Leben zu retten. Auch die Raketenbatterie nahm ihr Feuer wieder auf und ſandte den abziehenden Byoten Kugeln und Granaten nach. Bald aber hatten die Fahrzeuge ſich hinter den Schaluppen ge⸗ borgen und nun war es auch für die Oeſterreicher Zeit, ſich ſo gut wie möglich zu decken; denn das Kartätſchenfeuer von den Schiffen begann im gleichen Angenblick mit neuer Wuth. Hackländers Werke. XXVI. 13 19u9 Venedig. Der junge Huſarenoffizier hatte ſich wacker gehalten, und obgleich er einen leichten Bajonnetſtich in den Arm erhielt, eilte er doch ſo ſchnell wie möglich nach den oberen Batterieen, um ſeinem Freunde die Einzelnheiten des Kampfes zu erzählen. Friedrich v. S. hatte mit den Mannſchaften auf's Angeſtrengteſte gearbeitet. Doch hatten die Batterieen von drüben ihre Wuth wo möglich verdoppelt und unter den Arbeitern übel gehaust. Mehrere Offiziere waren verwun⸗ det und der Ingenieurhauptmann leitete nun den Bau allein. Da ſein Leben für das ſeiner Untergebenen ſo nothwendig war, denn es bedurfte ermunternder Worte und des beſten Beiſpiels, um ſie an der Arbeit zu erhalten, ſo hatte er ſich von dem gefährlichen Punkt auf der Bruſtwehr herab begeben und ſtand in einer der Schießſcharten, um in der Nähe die Arbeiten zu überwachen. Die Schäden hatte man ziemlich wieder ausgebeſſert, und die Bettungen wurden geſtreckt. Der Huſarenofftzier ſchlich ſich zwiſchen den Arbeitern daher und ſtand nun unter ſeinem Freunde in dem hinteren Graben. „Wie ein Kind freue ich mich auf den Moment, wo ihr fertig ſeid,“ rief er dieſem zu,„denn es iſt unerträglich, ſich ſo überſchütten zu laſſen, ohne antworten zu können.“ „Da du das einſiehſt,“ entgegnete der Hauptmann,„ſo begib dich von dieſer Stelle hinweg. Es iſt wahrhaftig hier nicht geheuer. Du haſt dich da unten wahrſcheinlich gut genug gewehrt, und es war das ein Vergnügen. Aber hier oben als Zielſcheibe zu ſtehen, iſt für dich wenigſtens unnöthig.“ „Immer Predigten!“ ſagte lachend der Andere.„Nun ich glaube, wir haben heute Glück, denn ihr müßt hier oben eine ſchöne Maſſe Eiſen gehört haben.— Und immer noch hören,“ fuhr er leiſer fort, denn in dem Augenblicke, wo er dieſes ſprach, trafen wieder einige der ſchweren Kugeln recht unglücklich in die Batterie, warfen Holz und Erde umher und riſſen manchen braven Soldaten zu Boden. —„Nun ja, ich will dir folgen!“ fuhr der junge Mann fort.„Ich — Venedig. 195 begebe mich wieder zur Infanterie. Aber wenn ihr anfangt zu ſchießen, ſollſt du von mir drei ungeheure Hurrahs hören.“ Der Ingenieuroffizier, der im Schatten der Schießſcharte ſtand, gab keine Antwort. „Bis nachher alſo!“ ſprach der Andere.„Reich mir deine Hand und haltet euch brav.“ Aber Friedrich von S. reichte ihm keine Hand zur Begrüßung und als ihm der Huſarenoffizier, einigermaßen unruhig über dies Stillſchweigen die ſeinige reichte und ihn ſanft am Aermel zupfte, glitt Friedrich von S. langſam an der Schartenwand hinab, ſank zuerſt auf die Knie und fiel dann auf das Geſicht. „Gerechter Gott!“ ſchrie der Huſar und ſprang aus dem Graben hervor.„Kommt her ein paar Leute!“ rief er den Arbeitern zu⸗ „Euer Offizier iſt erſchoſſen!“ Das war ein Opfer mehr heute Nacht, und wenn auch die Ka⸗ meraden den daliegendeu jungen Offizier, nachdem er hinter die Ver⸗ ſchanzungen gebracht war, mit tiefem Schmerz betrachteten, ſo war doch der Augenblick zu wichtig, als daß man ſich viel mit Klagen und langen Auseinanderſetzungen abgegeben hätte. Der Wundarzt, der den Gefallenen unterſuchte, erklärte den rechten Arm für zerſchmet⸗ tert, überhaupt die Verwundung für tödtlich, weil die Bruſt ſtark erſchüttert ſei. Der Huſarenoffizier ließ ſich ein paar Mann mit einer Trag⸗ bahre geben und trat tief erſchüttert den Rückweg nach Meſtre über die Brücke der Todten an, über dieſen gefährlichen Steg, den er mit dem lebenden unverletzten Freunde noch vor wenigen Stunden ſo glück⸗ lich zurückgelegt hatte. Als ſie die Stadt erreichten, und ſchweigend durch die ſtillen, verödeten Straßen zogen, waren die Batterieen auf San Giuliano fertig geworden, und als der Huſarenoffizier ſeinen Freund, der noch ſchwer athmete, in das Spital ablieferte, dachte draußen auf den Batterien ſchon Niemand mehr an ihn, der dort gefallen, denn der große Augenblick war gekommen, die Geſchütze 196 Venedig. wurden eingeführt, gerichtet und eröffneten mit anbrechendem Morgen ein furchtbares Feuer. In kurzer Zeit waren ein paar Schaluppen in den Grund gebohrt, andere ſchwer beſchädigt, eine Batterie auf der Lagunenbrücke faſt gänzlich demontirt, und die Venetianer er⸗ kannten mit Schrecken, daß die Belagerer ihnen einen guten Schritt näher gerückt ſeien. Der heftige Geſchützkampf, der längere Zeit in den Brücken⸗ Batterieen um San Secondo und San Giuliano gewüthet, hatte dem großen Theil der in Sicherheit zuſchauenden Venetianern ein gar willkommenes und prächtiges Schauſpiel gegeben. Die meiſten Ku⸗ geln kamen nicht über die Lagunen hinaus, ſelten eine bis zur Eiſen⸗ bahnſtation. Und wenn auch hie und da einige Bomben etwas ver⸗ dächtig nahe flogen, ſo platzten dieſelben doch meiſtens in der Luft, da man die Zünder für die weite Entfernung nicht einrichten konnte. Dies alles, zugleich mit der Thatſache, daß, nachdem die drei Batte⸗ rieen in San Giuliano gebaut waren und nachdem jener nächtliche Angriff abgeſchlagen wurde, die öſterreichiſchen Geſchühe zu feiern ſchienen, wiegte das ſorgloſe Volk der Stadt wieder in vollkommene Sicherheit. Der Glaube an die Uneinnehmbarkeit der alten Venetia begründete ſich abermals feſt in ihnen, und ſie gingen mit leichtem Herzen daran, ihre Hauptbatterie St. Antonio, auf der Mitte der Lagunenbrücke gelegen, auszubeſſern und zu verſtärken. Da nach den Vorgängen ihre Furcht vor einem wirkſamen Bombardement faſt gänzlich verſchwunden war und ſie nur einen Frontangriff erwarteten, der allein auf der Eiſenbahnbrücke ſtattfinden konnte, ſo ſprengten ſie immer mehr Bogen ab und bauten bei St. Antonio eine zweite Batterie, um, im Fall ſelbſt die erſtere genommen würde, ſich hinter die zweite zurückziehen zu können. In der Stadt ſelbſt begannen übrigens zwei andere Feinde auf⸗ zutreten, denen man nichts entgegenzuſetzen hatte: Krankheit und Venedig. 197 Hunger; und in Folge dieſer beiden Erſcheinungen war das Elend, was ſich anfing auf den Straßen Venedigs zur Schau zu ſtellen, wahrhaft entſetzlich und hätte die ſtarrſten Herzen wohl zum Nach⸗ denken bringen können. Ganze Schaaren von Bettlern ließen ſich auf den öffentlichen Plätzen ſehen, und wenn ſie ſo in Lumpen ge⸗ hüllt, mit eingefallenen Augen und hohlen Wangen den beſſer Ge⸗ kleideten um eine Gabe anſprachen, ſo klang dieſe Bitte mehr wie ein Recht, das ſie zu fordern hätten; und das per l'amor de Dio! füglich überſetzt werden: Wenn du mir heute nichts gibſt, ſo werde ich mir morgen was nehmen. Noch jammervoller war die Anhäufung des hungerigen Volkes der mittleren Stände vor den Brod⸗ and Spe⸗ zereiläden. Ein Bericht ſagt darüber:„Gewöhnlich reichte der Vor⸗ rath nicht für Alle aus, und die Letzten mußten dann leer abziehen. Darum warteten Viele ſchon lange vor der beſtimmten Stunde, um, wenn der Laden aufgehe, die Erſten zu ſein. Es war herzzerreißend, anzuſehen, wie dieſe armen Weiber, denen man Hunger und Elend auf allen Geſichtszügen ableſen konnte, ſich drückten und drängten um für ihr mühſam erworbenes, oder gar zuſammengebetteltes Geld das tägliche Brod zu erhalten. Manchmal kam es zu eigentlichem Handgemenge, und es iſt Thatſache, daß mehrere Perſonen bei dieſen Hungerſcenen zu Tode gedrückt worden ſind. In der Folge wurden an dieſen Orten Gensdarmen aufgeſtellt, welche zwar allerdings eine gewiſſe Ordnung handhabten, die fernerem Unglücke vorbot, nicht aber die Noth ſelbſt und den äußerſt ſchmerzhaften Eindruck, den dieſelbe hervorbrachte, mildern konnte.“ Bei all' der fortwährend größer werdenden Noth und dem Elend, was immer mehr zu Tage trat, gab der Markusplatz faſt zu allen Stunden des Tages noch immer das Bild eines regen, ja oft heiteren Treibens. Hier verſammelte ſich nach wie vor der wohlhabende Theil der Bevölkerung, um ſich von dem, was draußen vorging, die Einzel⸗ heiten erzählen zu laſſen und zu debattiren, Forderungen an die Re⸗ gierung zu ſtellen, kurz alles Mögliche zu thun, um Jenen, welche 198 Venedig. mit der Leitung der Angelegenheiten betraut waren, ihr Amt zu er⸗ ſchweren und das Leben ſo ſauer wie möglich zu machen. Militär aaller Waffen und Grade trieb ſich ebenfalls hier umher, und gewährte in ihren bunten Uniformen, rothen Hoſen, ihren verſchiedenen Waffen dem gaffenden Volke eine angenehme Abwechslung. 8 Doch waren dergleichen ruhige Stenen auf dem ehrwürdigen Platze faſt zur Seltenheit geworden. Mißtrauen gegen die Regierung, das früher oft von Einzeluen künſtlich angefacht wurde, hatte ſich jetzt der großen Mehrzahl bemächtigt. Dazu kam, daß Krankheiten aller Art täglich bösartiger und verheerender auftraten, und daß es der wohlhabenderen Klaſſe der Bürger ſogar an den nothwendigſten Lebensmitteln zu fehlen begann. Fleiſch und Fiſche mangelten faſt gänzlich, und der größere Theil der Einwohner war auf Polenta und Gemüſe beſchränkt. Vielleicht, daß durch dieſe Umſtände ſich bei Manchen, die anfingen, den wahren Stand der Dinge zu erkennen, die Ueberzeugung aufdrang, das Trauerſpiel in Venedig nähere ſich ſeinem Ende, und je bälder eine Unterwerfung ſtattfände, deſto beſſer ſei es. Doch hatte lange Niemand den Muth, auch nur mit ſeinem vertrauteſten Freunde von einer Capitulation zu ſprechen, und die Furcht, als Verräther zu gelten und der Volksjuſtiz zum Opfer zu fallen, ſchreckte Jeden von einem derartigen Verſuche ab. Da wagte es endlich der Erzbiſchof und Cardinal⸗Patriarch von Venedig in dieſer Sache einen entſcheidenden Schritt zu thun; er berief insgeheim eine Anzahl Männer der gemäßigten Partei, und bei einer Zuſammen⸗ kunft im Palaſt des Marcheſe von C. wurde der Beſchluß gefaßt, die Regierung zu bitten, ſie möge Unterhandlungen anbahnen, um ſo den unerträglich werdenden Leiden des armen Volkes ein Ziel zu ſetzen. Doch trat in Folge dieſer Verſammlung das Wort:„Ver⸗ rath,“ welches die Venetianer ſo oft als Geſpenſt erſchreckt, nun wirklich zu Tage, und ein Document, worin jene Männer ihre Wünſche niedergelegt und mit ihrer Unterſchrift bezeichnet, kam in die Hände des Volkes. Wie ein Lauffener verbreitete ſich dieſe Venedig.* 199 Nachricht über die Gaſſen und Kanäle Venedigs, und der Markus⸗ platz wurde, wie ſchon ſo oft, der Schauplatz eines fürchterlichen Tumultes. Selbſt das Anſehen des Präſidenten war im erſten Augenblick nicht im Stande, die aufgeregte Volkswuth zu beſchwich⸗ tigen.„Morte al patriarcha!“ dröhnte es über den Platz hin, und ein aufgeregter Haufe, dem ſich eine große Anzahl Soldaten anſchloß, ſtürmte den Palaſt des Erzbiſchofs. Mobilien, Bücher, Gemälde, Koſtbarkeiten aller Art wurden in den Kanal geworfen, und nachdem, man hier ſo viel wie möglich verwüſtet, zog die Menſchenmaſſe, die ſich immer mehr vergrößerte, auch nach anderen Paläſten von Solchen ab, welche ſich durch ihre Unterſchrift vor dem Volke compromittirt. Man hatte die Namen derſelben ſorgfältig aufgeſchrieben, und ein Kerl mit einer rothen Mütze, der dies Papier in den Händen hielt, ermunterte das Volk durch heftiges Geſchrei, jetzt auch nach dem Palaſte des Marcheſe von C. zu ziehen. „Der Herr Marcheſe ſteht oben an!“ rief er mit gellender Stimme. „Denkt an Malghera und die Verproviantirungs⸗Commiſſion! Denkt an Madamigella sua fllia, die uns mit ihrer ſchwarzgelben Fahne genug geärgert!— Auf! zum Palaſte des Marcheſe!“ Gehorſam dieſem Rufe ſetzte ſich der wilde Haufe in Bewegung; ein Theil warf ſich in bereit ſtehende Barken, ein anderer Theil eilte durch die engen Gaſſen nach dem bezeichneten Palaſte und kam auch bald dort in dichten Schwärmen an, alle Ausgänge vorn und hinten beſetzend. 3 Doch hatte die Regierung, obgleich ſie nicht im Stande geweſen, die Erſtürmung des erzbiſchöflichen Palaſtes zu verhindern, bereits ihre Maßregeln getroffen, um den weiter beabſichtigten Zerſtörungen Einhalt zu thun; und als die Aufrührer bei der Wohnung des Mar⸗ cheſe von C. anlangten, fanden ſie, daß dieſelbe von einer Gensdar⸗ merie⸗Abtheilung beſetzt war, welche trotz verſuchten Fraterniſirens ſehr geneigt ſchien, alles feindſelige Andringen mit guten Kugeln zu bee antworten. Dagegen konnte ſie nicht verhindern, daß der Palaſt von 200 Venedig. den Kanälen, den nebenan liegenden Häuſern und den Straßenwinkeln her auf's Heftigſte mit Steinen beworfen wurde, ſo daß bald an dem ganzen prächtigen Gebäude keine Fenſterſcheibe mehr ganz war, ſo weit man dieſelbe mit einem geſchickten Wurfe erreichen konnte. Auch Schüſſe fielen hie und da, und Kugeln zertrümmerten einzelne Stein⸗ verzierungen an den Fenſtern oder zerſchlitzten die ſchweren Damaſt⸗ vorhänge. Der Marcheſe hatte ſich mit ſeiner Tochter in jenes Zimmer zu⸗ rückgezogen, wo damals die Verſammlungen ſtattgefunden, und hier, wo er und ſeine Freunde die erſten Hebel angeſetzt, um eine feſtgefügte Wehr auseinander zu brechen, hier fand er nur noch den einzigen Schlupfwinkel, wo er vor Steinen und Kugeln ſicher war, vor den Waffen jener Haufen, für deren Wohl er jene Dämme gebrochen zu haben glaubte, die aber nur daher flutend ihn vor allen Andern mit Vernichtung ja Tod bedrohten.* Er ſtand an einem kleinen ſchmalen Fenſter, durch welches er einen Theil des wilden Volksſchwarmes ſehen konnte, ohne daß es dieſem gelungen wäre, ihn zu entdecken. Emilie hatte ihre Arme um ſeinen Hals geſchlungen, ihr Kopf ruhte an ſeiner Bruſt; doch wenn ſie auch zuweilen bei einem beſonders wilden Toben draußen einen Augenblick nicht erſchreckt, ſondern ergrimmt in die Höhe fuhr, ſo lag doch im Allgemeinen etwas auf ihren ſonſt ſo ernſten Zügen, das anzudeuten ſchien: es iſt gut, daß es ſo gekommen. Der Marcheſe knitterte in der einen Fauſt, die er oft drohend gegen das Fenſter emporhielt, ein Papier zuſammen. Oefter aber beugte er ſich auf das Geſicht ſeiner Tochter herab, küßte ſie auch wohl auf die Stirne und ſagte dann mit leiſer Stimme:„Mein ar⸗ mes, armes Kind, ich fühle jetzt wohl, was du Alles um mich in die⸗ ſer Stadt gelitten.“ Dann raffte er ſich aber wieder ſtolz empor, ſein Auge blitzte, während er auf die Straße ſchaute, und er biß ſich hef⸗ tig in die Lippen, ehe er ſagte:„Und doch war ich verblendet genug, mich mit dieſem Volke unter den Trümmern der Stadt begraben zu Venedig. 201 wollen, der Letzte zu ſein, der die dreifarbige Fahne geſchwungen— das wäre ein ſchönes Ende geweſen. Aber jetzt iſt mein feſter Wille dahin, meine Kraft gebrochen. Die da draußen, für welche ich ſo viel gelitten, haben ſelbſt die Liebe zu ihnen und ihrer Sache aus meinem Herzen geriſſen. Mögen ſie verdammt ſein und möge es ihnen erge⸗ hen, wie ſie es verdienen!“ „Mein Vater!“ bat ſchmeichelnd die junge Marcheſa.„Vergeſſen Sie die Undankbaren. Denken Sie an ſich; überlegen wir, was zu thun iſt!“ „Dies Papier,“ fuhr der Marcheſe fort und hob die Hand aber⸗ mals in die Höhe,„kam mir durch den Offizier der Gensdarmexie vom Präſidenten zu. Es enthält,“ ſagte er bitter lachend,„Einiges ſehr Beiſtimmendes zu unſerem Documente; er bittet mich aber als Freund und befiehlt mir als Chef der Regierung, um meiner eigenen Sicherheit wegen die Stadt zu verlaſſen.— Was ſoll ich thun?“ „Ihm folgen!“ verſetzte energiſch das Mädchen.„Ihm unbedingt folgen! Er hat nie etwas Beſſeres befohlen.“ „So ſei es darum!“ entgegnete der Marcheſe nach einer längeren Pauſe.„Ich werde noch heute Nacht Venedig verlaſſen.“ „Sie wollten ſagen, mein Vater, wir werden Venedig verlaſſen.“ „Allerdings, mein Kind; aber wir können nicht zuſammen gehen. Ich habe meine triftigen Gründe dafür. Ich werde verſuchen, durch Porto di Lido Burano zu erreichen und zwiſchen den Inſelgruppen bei Torcetto auf das feſte Land zu gelangen. Du weißt,“ ſetzte er bitter lächelnd hinzu,„ich bin verbannt— geächtet, hier wie dort, und ich werde eine ſchlimme Fahrt haben, ehe ich in Sicherheit bin. Dem kann ich dich nicht ausſetzen.“ „ und was ſoll ich thun? fragte die junge Marcheſa. „Du wirſt am beſten thun, mit deiner Kammerfrau und einigen vertrauten Dienern nach Fuſina zu gehen. Dort findeſt du leicht einen Wagen, der dich nach Meſtre und auf unſere Villa bringt, wo du Nachrichten von mir erwarteſt.“ 202 Venedig. Eiine leichte Röthe überfuhr das Geſicht der Tochter; doch ſchlang ſie ihre Arme einen Augenblick feſter um den Vater.„Ich werde thun, wie Sie befehlen.“ Der Marcheſe drückte ſein Kind ſchweigend an ſich, machte ihre Hände ſanft von ſeinem Halſe los und küßte ſie auf die Stirne. Als er darauf wieder ſein Geſicht von dem ihrigen entfernte, ſah ſie, daß ein paar Thränen in ſeinen Augen glänzten; er fuhr mit der Rechten darüber hin und legte ſie alsdann wie ſegnend auf das Haupt dert Tochter.„Ja, mein Kind, möge uns der Himmel nach dieſer dunkeln Zeit noch freudige, helle Tage ſchenken! Ich wünſche das nur für dich, Emilie, und wenn ich beſtimmt bin, ſolches Glück mit zu erleben, ſo ſoll es mein Beſtreben ſein, dir deinen kindlichen Gehorſam, all' deine innige Liebe zu vergelten.“ 1 Damit wandte er ſich ab und verließ das Gemach. 3 Nachdem der Volkshaufen draußen noch eine Zeit lang gelärmt und geſchrieen und darauf einſah, daß zum Schutze des Palaſtes zu gute Maßregeln getroffen ſeien, verlief er ſich allmälig, um anderswo ähnliche aber ebenſo vergebliche Verſuche zu machen.* Der Marcheſe traf ſeine Anſtalten zur Abreiſe; er wählte ſich eine Gondel mit einem einzigen vertrauten Diener, für ſeine Tochter dagegen, die eine weitere Waſſerfahrt zu machen hatte, auch die Stadt nicht ohne einige Vorbereitungen verlaſſen konnte, beſtimmte er ein größeres, halb bedecktes Boot, theilte demſelben vier ebenfalls erprobte Ruderer zu; der alte Antonio ſollte das Steuer führen. Der Palaſt ſelbſt blieb unter Aufſicht des Kammerdieners des Marcheſe. Wir haben ſchon früher bemerkt, daß die öſterreichiſchen Batterieen ſeit einiger Zeit höchſt ſelten gefeuert, daß die Venetianer es ebenſo gemacht und daß deßhalb eine unbegreifliche Ruhe auf den Lagunen und den Vorwerken herrſchte. Das Volk in ſeiner Sorgloſigkeit, auch durch falſche Berichte irre geleitet, gab ſich ſchon der Hoffnung hin, als haben ſich die Großmächte ihrer Sache angenommen und werde demnächſt die ganze Belagerung aufgehoben werden. Venedig befand 4 — Venedig. 203 ſich in Ruhe und Sicherheit wie lange nicht; Nachmittags ſtrömte zu dieſer Zeit eine große Menſchenmenge nach dem Giardino publico, um einem anderen Schauſpiel beizuwohnen. Es waren dies jene viel⸗ beſprochenen Luftballons, welche die Belagerer von ihren Schiffen auf⸗ ſteigen ließen und die den Zweck hatten, über der Stadt angekommen, eine gefüllte Bombe fallen zu laſſen. Doch war dieſe Erfindung, an ſich gewiß nicht unbeachtenswerth, noch zu ſehr in ihrer Kindheit, um ein günſtiges Reſultat zu geben. Die Bomben erreichten ſelten die Stadt, platzten in der Luft oder fielen brennend in die Kanäle. Wie geſagt, die Venetianer hatten dadurch eine Unterhaltung weiter und kehrten höchſt zufrieden über die geſicherte Lage der Inſelſtadt aus den öffentlichen Gärten zurück, füllten den Markusplatz und die Schau⸗ ſpielhäuſer zahlreicher als je und begaben ſich Abends beruhigt in ihre Wohnungen. Au der hinteren Seite des Palaſtes des Marcheſe von C. lag an einem dieſer Abende— wir glauben es war am 29. Juli— eine Gondel neben einem größern Fahrzeug. Die Gondel wurde von einem Manne beſtiegen, der in einen dunkeln Mantel gehüllt war, und ſetzte ſich darauf nach dem Kanal von St. Marko in Bewegung. Das andere Fahrzeug wurde mit mehreren ſchweren Koffern beladen, worauf die vier Ruderer ſich an ihre Plätze ſetzten, und der alte Antonio, nachdem er die Marcheſa von C. und ihre Kammerfrau in das Boot begleitet, ſich an das Steuerruder begab. „Jetzt vorwärts!“ ſprach der Gondolier mit leiſer Stimme, und die Barke wandte ſich ſchwerfällig um, glitt aus dem kleinen in den großen Kanal und bewegte ſich langſam vorwärts. Es war eine finſtere, regneriſche Nacht, alles befand ſich in den Häuſern, keine Gondel begegnete dem großen Boote, Venedig lag in tiefem Schlafe. Da auf einmal krachte es dumpf von San Giuliano herüber. Wie ein ferner Donner rollte es über die Lagunen hin, ſo daß die vier Ruderer zuſammen fuhren und kräftiger in das Waſſer ſchlugen, 204 Venedig. „Cospetto!“ ſagte der alte Gondolier.„Jetzt fangen ſie wieder an. Das wird einen ſchönen Spektakel geben! Für uns aber iſt es immer noch beſſer, denn wir laufen dann weniger Gefahr, angehalten zu werden.— Doch was iſt das?“ Ein ſonderbares Sauſen ließ ſich in der Luft vernehmen und eine ſchwere Kugel klatſchte hinter ihnen in den Kanal, daß das Waſ⸗ ſer hoch emporſpritzte. Dann ſauste es abermals, jetzt rechts, jetzt links, und ſie hörten das Krachen von Dächern, das Klirren von Fen⸗ ſterſcheiben, das dumpfe Getöne zuſammenbrechender Balken, und da⸗ bei wurde der Kanonendonner immer heftiger. Jetzt antworteten auch die Brückenbatterieen und blieben den Belagerern keinen Schuß ſchul⸗ dig. Wie lachten die italieniſchen Artilleriſten draußen auf St. An⸗ tonio und San Secondo über die vermeintliche Ungeſchicklichkeit der Oeſterreicher. Alle Geſchoſſe, Granaten und Vollkugeln ſausten hach über ihre Köpfe hinweg, aber— Venedig war verloren. Zitternd ſaßen die vier Ruderer auf ihren Bänken und es be⸗ durfte manches kräftigen Wortes Antonio's, um ſie zu vermögen, ru⸗ hig vorwärts zu arbeiten. Jeden Augenblick ließ Einer oder der An⸗ dere das Ruder fallen, bekreuzte ſich und ſagte:„Gott ſei uns gnädig!“ „Was kann das alles bedeuten?“ ſagte die Marcheſa zu dem Steuermann. „Das mag die Madonna wiſſen,“ erwiderte dieſer.„Die Kugeln fliegen ja über uns hinweg, ſie müſſen faſt den Markusplatz und das Arſenal erreichen. Ah! das iſt eine ſchauerliche Nacht! Gott ſoll uns helfen!“ „Was iſt das, was jetzt über uns hinflog? Es war mir, als Hhabe ich einen falben Schein in der Luft geſehen.“ „Eine Bombe macht einen größeren Spektakel,“ entgegnete der Gondolier, indem er zuſchaute.„Ja, bei Gott! das war eine glü⸗ hende Kugel. Seht, Signora, dort iſt ſie eingeſchlagen; das Haus brennt.“ Und es war nicht die einzige Feuersbrunſt, welche heute Abend —,— —,— Venedig. 20⁵ in der unglücklichen Stadt ausbrach. Bald ſah man hier, bald da die Flammen hervorbrechen. Dabei belebten und erleuchteten ſich wie durch einen Zauberſchlag Häuſer und Straßen. Händeringend ver⸗ ließen Weiber und Kinder ihre Häuſer, deren Dächer über ihnen herabgeſchmettert wurden. Nirgendwo ſchien mehr Schutz und Sicher⸗ heit. Die Menge flüchtete ſich unter die Vorhallen der Kirchen oder in den Giardino publico. Aber auch dorthin drangen einzelne Ku⸗ geln, auch von dort wurden die Entſetzten wieder vertrieben. Das Fahrzeug der Marcheſa ruderte unterdeſſen durch den Kanal der Giudecca, wo es einigermaßen geſchützt war, bis es an der Spitze der Batterie San Marte in die offenen Lagunen kam. Hier aber ge⸗ rieth es in die Schußlinie der feindlichen Batterieen, und immer zahl⸗ reicher ſchlugen Kugeln und Bomben vor und hinter demſelben in das Waſſer. Man hatte hier einen ſchrecklich ſchönen Anblick. Die Lagu⸗ nenbrücke in Nacht gehüllt, wurde von Zeit zu Zeit durch das Blitzen der Geſchütze taghell erleuchtet; ſprühende Bomben, glühende Kugeln und Granaten ziſchten feuerſprühend hin und her. Betäubend rollte der Kanonendonner, und man ſah auf Augenblicke, wie der Pulver⸗ rauch gleich einem dichten, weißen Nebel die Brücke und die Forts umhüllte. Die vier Ruderer hatten ſchon mehrmals Zeichen der größ⸗ ten Unzufriedenheit gegeben, und es gelang nur den kräftigſten Zure⸗ den des alten Gondoliers, ſie zu vermögen, weiter zu fahren. Und dabei mußten ſie mit aller Anſtrengung arbeiten, um das Boot vor⸗ wärts zu bringen, denn ein ſcharfer Nachtwind bewegte die Wellen und trieb ſie gegen Norden dem feſten Lande zu. Bis jetzt hatte ihnen keine der umherfliegenden Kugeln irgend einen Schaden zugefügt, auch war ihnen noch keine ſehr nahe gekommen. Plötzlich aber fuhr eine ſchwere Bombe, einen weiten Feuerkreis ausſpritzend, von rechts herüber und ſo dicht bei den vorderen Ruderern vorbei, warf ſie in das Boot zurück, daß man hätte glauben können, die Kugel habe ſie niederge⸗ ſchlagen. Doch war dem nicht ſo; die Bombe klatſchte hinter ihnen ins Waſſer, doch folgte das Boot im gleichen Augenblicke dem Steuer⸗ Venedig. ruder nicht mehr, und als Antonio emporſprang und vor ſich hin ſchaute, ſah er, daß alle vier Fährleute, von Todesangſt getrieben, mit ihren Rudern in's Waſſer geſprungen waren, um ſchwimmend das nahe Ufer zu erreichen. Das war ein fürchterlicher Augenblick, und ſelbſt dem alten fe⸗ ſten Mann begann eine Sekunde lang der Muth zu ſinken. Der Südwind faßte das ruderloſe Boot mit voller Gewalt und trieb es auf den bewegten Wellen der Lagunenbrücke und den Batterieen zu. Noch eine kleine Weile und es mußte einen der Pfeiler erreichen, viel⸗ leicht auch umſchlagen, wenn es nicht vorher ſchon von einer feind⸗ lichen Kugel getroffen wurde. Rechts neben ihnen lag die Batterie St. Antonio, und wenn ein Pulverblitz die Werke deſſelben erhellte, ſo ſah man deutlich das Gewühl der dunklen Geſtalten an ihren Geſchützen. 3 Die junge Marcheſa allein hatte ihre volle Geiſtesgegenwart be⸗ halten. Sie ſtand aufrecht in dem Boot und blickte, wenn auch er⸗ regt, doch furchtlos, auf das wunderbar prächtige Schauſpiel vor ihren Augen. Ja, ſie dachte daran, daß droben auf der Brücke ihr Ver⸗ wandter, der Graf C., ein Commando hatte und ſie ſchauderte einen Augenblick, wenn vor ihrem Geiſte lebhaft, wie nie die Bilder des vergangenen Jahrs vorüberflogen, eines Jahrs, welches ſo viel Leiden und Unglück gebracht, welches ihr Haus verödet hatte, welches die letzten Glieder ihrer alten Familie ſo ſchonungslos auseinanderriß, welches den jungen Mann da droben ſeinen ehemaligen Waffenbrüdern gegenüberſtellte und Tod und Verderben ſenden ließ in jene Reihen, denen er ſo lange angehört. Im gegenwärtigen Augenblicke aber beſchuldigte die Marcheſa ihren Verwandten unrechtmäßiger Weiſe. Denn während ſie unten auf dem ſchaukelnden Boote bei der Brücke vorüberfuhr, trugen ihn oben vier Männer nach der Stadt zurück. Eine Kugel hatte ſeine Laufbahn zerriſſen. Unter den jetzigen Verhältniſſen war es wohl ein Glück für ihn, daß er ſo ſchnell geendigt. Venedig. 207 Antonio war unterdeſſen an die vordere Seite des Boots geeilt, hatte zwei vorräthige Ruder ergriffen und ſeine junge Herrin gebeten, das Steuerruder in die Hand zu nehmen. Die Marcheſa, die in frü⸗ heren ſchönen Tagen oftmals ihr kleines Boot geſteuert, folgte uner⸗ ſchrocken, raſch und pünktlich ſeinen Vorſchriften, und ſo gelang es den faſt übermenſchlichen Anſtrengungen des treuen Dieners, das Boot langſam in die Lagunen hinauszubringen. Es war aber auch die höchſte Zeit, denn ſchon waren ſie bei einigen abgeſprengten Pfeilern vorbei getrieben worden und hatten ſich ſchon Stellen genähert, wo ſie deutlich ſahen, wie die feindlichen Arbeiter ihre Werke ausbeſſerten. Ja, ſie waren ſchon ein paarmal angerufen worden, und da ſie na⸗ türlicher Weiſe keine Antwort gaben, hatte man ihnen ein paar Mus⸗ ketenkugeln nachgeſchickt. Endlich kamen ſie in ziemliche Entfernung von der Brücke und erreichten Fuſina mit Tagesanbruch. Wenige Tage nach dieſen Vorfällen unterwarf ſich die Bevölke⸗ rung Venedigs den bekannten ſo milden Bedingungen des Feldmar⸗ ſchalls Radetzky. So lange ſich die Venetianer in ihren Lagunen ſicher gewußt, ſo lange ſelbſt die von den Batterieen heimkehrenden Kämpfer in ihren Häuſern vor den Kugeln des Feindes ſicher waren, und ſo lange die Geſchoſſe nicht in die Stadt ſelbſt drangen, und ſo phyſiſch und moraliſch niederſchlagend auf das Volk wirkten, ſo lange gab es, trotz Hunger und Seuchen, immer noch eine exaltirte Partei, die nichts von Capitulation wiſſen wollten, und die ſich perſchwor, lieber in und mit der Stadt zu Grunde zu gehen, als von den Thürmen wieder die ſchwarzgelbe Fahne flattern zu ſehen. So kam Ende Juli heran und jene Cataſtrophe, die wir vorhin zu ſchildern verſucht, wo nämlich der öſterreichiſche Artilleriemajor Truka auf dem Fort San Giuliano zwei ſchwere Batterieen errichten Venedig. ließ, in denen die Vierundzwanzigpfünder und Paixhans auf Balken⸗ ſchleifen gelegt waren und ſo gerichtet werden konnten, daß ſie in einer Erhöhung von 45 Grad mit 9 Pfd. Pulver Ladung Granaten und glühende Kugeln bis zu 3000 Klafter zu treiben im Stande waren.— Da verlor die Bevölkerung Venedigs mit einem Male den Glauben an die Unüberwindlichkeit ihrer Stadt. Die Granaten und glühenden Kugeln ſtürzten beinahe ſenkrecht auf die belebteſten Stadt⸗ theile hinab, zertrümmerten die Dächer, füllten die engen Straßen mit Steinen und Schutt, zündeten an vielen Orten und brachten Schrecken unter alles Volk. Als nun einmal die bis dahin ſo ge⸗ fürchtete Partei nachgab und ſich zu einer Capitulation herbei ließ, da vergrößerte ſich die Maſſe derer, welche für Unterwerfung waren, mit jeder Stunde, mit jeder Minute, jeder Sekunde. Wenn früher das Volk diejenigen mit dem Namen„traditore“ belegt hatte, welche irgend etwas von Uebergabe verlauten ließen, ſo galt das jetzt als der größte Verrath, wenn Jemand ſich weigerte, die Sache der Ueber⸗ gabe aufs ſchleunigſte zu betreiben. Und ſo kam denn der denkwür⸗ dige 31. Auguſt herbei, wo die öſterreichiſche Armee, nachdem ſie in den vorhergehenden Tagen vom 25ſten an die verſchiedenen Inſeln und Forts beſetzt hatte, nun endlich— Vater Radetzky an der Spitze — in die beſiegte Venetia einzog. Mit welcher Freude wurden von dem größten Theil der Einwohner die bekannten Fahnen wieder be⸗ grüßt. Tauſende, welche im März 1848 in unerfahrenem Sinn wider Oeſterreich geſchrieen und getobt hatten, ergoſſen ſich nun beim Anblick der kaiſerlichen Feldzeichen in aufrichtigem Jubel und gelobten aus voller Ueberzeugung ewige Treue dem milden Herrſcherhauſe. Was die öſterreichiſche Armee vor Venedig gelitten und erduldet, darüber ſchweigt die Geſchichte; aber um ſo lauter redeten die Begräb⸗ nißplätze bei Meſtre. Hatten doch die braven Truppen neben dem Feinde und deſſen Geſchoſſen zumeiſt mit der Ungunſt des Terrains und des Klima's zu kämpfen. Wie am Anfang Waſſer und Schlamm die Beharrlichkeit der Belagerer auf harte Proben geſtellt hatten, ſo Venedig. 209 waren es ſeit dem Juni die ſtechende Sonnenhitze und der tiefe glü⸗ hend heiße Sand der Ufer, welche die Beſchwerlichkeiten der Arbeit erhöhten und den Krankenſtand mehrten. Klein war die Zahl der getödteten und verwundeten Soldaten im Verhältniß zu denen, welche den bösartigen Sumpffiebern erlagen oder wenigſtens die traurige Ausſicht hatten, an den Folgen dieſes Uebels Zeit Lebens zu kränkeln. Als nun Venedig eingenommen war, da verwandelte ſich auch der Anblick von Meſtre, wenu auch nicht mit Einem Male, doch in für die Verhältniſſe kurzer Zeit. Der Soldat ſchirrt ab, der Bauer ſpannt ein. Die geflohenen Einwohner kehrten maſſenhaft zurück, die Batterie am Eingang des Kanals verſchwand, das Waſſer füllte ſich wieder mit Barken und Gondeln und auf der Höhe des Guelfenthurms, von dem zahlreiche Offiziere der verſchiedenſten Waffen ſo oft auf Malg⸗ hera hinüber geſchaut, war es wieder einſam und ſtille geworden. Doch wenn auch die kleine Stadt nicht mehr einem Feldlager glich, wenn man auch dem Soldatenrock und der Holzmitze ſelten in den Straßen begegnete, ſo waren doch in den Villen um Meſtre noch eine große Anzahl Kranker zurückgeblieben, welche jetzt bei größerer NRuhe und beſſerer Pflege langſam genaſen. Aber nicht Allen wurde dies Glück zu Theil, und der kleine Begräbnißplatz unfern der Lagu⸗ nen zeigte noch häufig friſch aufgeworfene Grabhügel. Als bei jenem nächtlichen Ueberfall auf San Giuliano der Haupt⸗ mann von S. gefallen war, hatte ihn ſein treuer Freund, der Huſa⸗ renoffizier, nach Meſtre zurückgebracht und raſch einen Arzt gefunden, der ſich des Verwundeten annahm. Doch hatte dieſer, nachdem er den Verwundeten ſorgfältig unterſucht, mit den Achſeln gezuckt.„Wir wollen uns da keine Illuſionen machen,“ ſagte er zu Eugen v. W., merſtens iſt der rechte Arm unwiderbringlich verloren, zweitens aber und ſchlimmſtens iſt die Bruſt nicht unbedeutend verletzt. Auch ſehen Sie ſelbſt, wie wir hier mit Kranken überfüllt ſind. Es iſt für Ihren Hackländers Werke. XXVI. 14 Venedig. Freund allerdings ſehr wenig Hoffnung vorhanden, und nur bei der größten Ruhe, bei der ſorgfältigſten Pflege wäre es eine Möglichkeit, daß die glücklicher Weiſe überaus kräftige Conſtitution des Haupt⸗ manns ſein Leben erhalten könnte. Aber wie geſagt: wir ſind hier zu überfüllt.“ Dieſe Worte gaben dem Huſarenoffizier einen kleinen Hoffnungs⸗ ſtrahl, und ſein Entſchluß war augenblicklich gefaßt. Auf's Bereit⸗ willigſte erhielt er die Erlaubniß, den Freund in ſein Quartier nach jener Villa transportiren zu laſſen, was dann auch mit der größten Umſicht und Sorgfalt geſchah. Der alte Verwalter nahm ſich des Verwundeten auf' Beſte, ja Liebevollſte an; er ließ einen geſchickten Arzt von Treviſo kommen, der auf dem Schloſſe wohnen mußte; und nachdem auf dieſe Art alles Mögliche zur Rettung des Freundes ge⸗ ſchehen, reiste Eugen von W., deſſen Urlaub abgelaufen war, mit ſchwerem Herzen nach Wien. 3 Hatte das kleine Caſino des Marquis von C. ſchon während des Lärms der Belagerung ziemlich ſtill und ruhig in ſeinem dichten grünen Parke gelegen, ſo war es jetzt, nachdem man von Malghera und Meſtre her keine Schüſſe mehr krachen hörte, und nachdem kein Hufſchlag weiter auf den Sandwegen knirſchte, als ſei das Haus von allen lebenden Weſen verlaſſen. Und doch hatte es im Gegentheil jetzt noch einmal ſo viele Bewohner als damals, wo Eugen von W. auf Huſarenart über den Waſſergraben des Parkes geſetzt hatte. Wer aber für dieſe Todtenſtille in und um die Villa auf's Eifrigſte ſorgte, war der Verwalter des Schloſſes, der, ſo freundlich und gutmüthig er ſonſt war, doch keinen Spaß verſtand, wenn ſich Jemand von der Dienerſchaft beifallen ließ, auch nur den geringſten Lärmen zu machen. Er konnte förmliche Wuthanfälle haben, wenn Jemand in den Gängen laut ſprach oder wenn irgend eine Thüre nicht ganz leiſe zugemacht wurde. Ja, er würde die unſchuldigen Vögel in den Bäumen vertilgt haben, wenn er nicht an das Knallen des Gewehrs gedacht hätte oder eine Windbüchſe bei der Hand gehabt. Venedig. 211 Wem alle dieſe Sorgfalt und Liebe galt, brauchen wir dem ge⸗ neigten Leſer wohl nicht zu ſagen und ebenſowenig, daß ein höherer Befehl im Schloſſe waltete und auf den Verwalter eingewirkt hätte, wenn das nöthig geweſen wäre. Friedrich von S. lag aber auch in den erſten Tagen nach ſeiner Verwundung ſo hoffnungslos darnieder, daß der Arzt aus Treviſo bedenklich den Kopf geſchüttelt und erklärt hatte, wenn an dem Leben des deutſchen Offiziers ſo außerordentlich viel gelegen ſei, ſo möge er es doch nicht wagen, die Behandlung des Kranken allein zu leiten. Auf dies hin hatte der Verwalter im Stillen ganz unbändig geflucht, und dann alle Schritte gethan, um den deutſchen Oberarzt des Laza⸗ rethes von Meſtre zu vermögen, jeden Tag einmal nach dem Kranken zu ſehen, und hatte, um ihm das möglich zu machen, die Cquipage des Hauſes zur Verfügung geſtellt. So kam es denn, daß ſich ſchon nach einer Woche die kräftige Conſtitution des jungen Offiziers zu regen anfing, und im Verein mit der ſorgfältigen Pflege die angegriffene Bruſt Zeichen der Beſſe⸗ rung gab. Was den Arm anbelangt, ſo war die Amputation über dem Ellbogen glücklich von Statten gegangen und die Wunde, raſch in der Heilung begriffen, gab zu keinen großen Beſorgniſſen Veran⸗ laſſung.. Als der Kranke von dem eingetretenen heftigen Wundfieber über⸗ fallen wurde, erging er ſich in wilden Phantaſien und beſchäftigte ſich gewöhnlich mit dem Sturm auf San Giuliano. So bald aber die Wuth des Fiebers nachließ, das Blut nicht mehr ſo heftig durch die Adern raste und ſich die Bruſt langſamer hob und ſenkte, dann konnte er ſagen:„So, das wäre glücklich überſtanden. Auf zu Pferde, Eugen, und nach Hauſe.“ Kurze Zeit darauf lächelte er auch wohl im Schlafe und aus ſeinen kurz abgebrochenen Worten konnte man ver⸗ nehmen, daß er jetzt glaube, er habe die Villa des Marcheſe von C. erreicht, und daß er an jenen Abend dachte, wo der Verwalter nach dem kleinen Souper das Bild der Marcheſa gezeigt. Da ſchien er Venedig. in deſſen Anblick verſunken und ſagte:„O wie es ähnlich iſt, o wie ſchön und lieb!— Doch er hatte Recht, der Maler hatte ſeine Schuldigkeit gethan, aber das Schönſte hat er nicht darſtellen können, — ihr edles Gemüth, ihr gutes Herz.“ Wenn er ſo geſprochen, verſank er in einen ſanften feſten Schlaf, und wenn darauf der Arzt von Treviſo, der nicht von ſeinem Lager wich, flüſternd ſagte:„Jetzt wird er nicht ſobald erwachen,“ ſo ſchwebte eine edle Mädchengeſtalt leicht und geräuſchlos vor das Bett des Kranken, beugte ſich über ihn herab, um auf ſeine Athemzüge zu lauſchen, und legte auch wohl ihre kleinen Finger leicht und behutſam auf die Hand des jungen Offiziers. Aus einer ſchweren Krankheit zu geneſen, iſt unter allen Um⸗ ſtänden ein köſtliches Gefühl. Glückſelig aber der, auf welchen zu⸗ gleich mit der Geneſung Glück und Liebe ihre reichſten Gaben aus⸗ ſchütten. Der gute Doktor von Treviſo hatte ſich lange geſträubt, mit dem Kranken, wie er es nannte, vernünftig zu reden, d. h. ihm über vielerlei Fragen, vor allen Dingen nach der Marcheſa, nach der Armee, nach ſeinem Freunde Eugen und dergleichen mehr Antwort zu ertheilen. Endlich aber mußte er nachgeben, und ihn für ſtark genug erklären, um einen guten Stoß des Glückes aushalten zu können. Dieſer beſtand in Briefen von ſeiner Familie und in einem Schreiben des Generalkommando's, welches ihm ſein Avancement zum Major anzeigte, ſowie das von ſeinem Kaiſer für ſein tapferes Verhalten bei dem Sturm auf San Giuliano gnädigſt verliehene Ritterkreuz der eiſernen Krone einhändigte. Dies war aber Alles nichts gegen den Augenblick, wo er an einem ſchönen Septembermorgen am Fenſter ſtehend einen Beſuch empfangen durfte, auf den man ihn vorbereitet, welchem er aber trotzdem mit Freude, mit Entzücken, aber auch mit Bangen entgegenſah.— Dieſen Augenblick zu ſchildern halten wir indeſſen für ebenſo un⸗ nöthig als auch mit voller Wahrheit unmöglich. Die Folge dieſes Augen⸗ blickes aber war unbegreiflich raſche und gänzliche Wiederherſtellung. Venedig. 213 Darauf hin hatte der alte Verwalter den Leuten erklärt, das ſtrenge Mandat wegen der gänzlichen Stille höre nun auf, und um die Leute einigermaßen zu entſchädigen, wolle er ihnen ſogar geſtatten, ſich ein paar Stunden lang in lärmenden Gratulationen und Epvvivarufen ergehen zu dürfen. Das geſchah denn auch in vollem Maße und Villa und Park waren wie verwandelt. Daß dieſe Gratulationen und Evviva nicht allein der Wiederherſtellung des Majors gelten, iſt wohl ſelbſtredend, und wer noch an dem voll⸗ kommenen Glücke deſſelben hätte zweifeln wollen, der mußte ſich wohl überzeugen laſſen, als vielleicht vierzehn Tage ſpäter der von des Kaiſers Majeſtät amneſtirte Marcheſe von C. und am ſelben Tage auch Eugen von W. eintraf, welche letzterer als Zeuge bei der Hoch⸗ zeit des jungen Paares fungiren ſollte. „Du biſt eigentlich ein ganz merkwürdiger Kerl,“ ſagte der Huſarenoffizier zu ſeinem Freunde, als ſie ſich vor der Trauung allein in des letzteren Zimmer befanden.„Gehſt da her und verlierſt eine Hand, um zwei viel ſchönere wieder zu bekommen. Läßt dich halb todt ſchießen um wieder aufzuerſtehen zu einem neuen und ſeligern Leben. O du Ggoiſt!“ 4 Die Marcheſa hatte ſich von den in Venedig ausgeſtandenen Leiden wieder vollkommen erholt und war ſchöner als je. Nur ſah ſie während der Trauung, die in der Kapelle des kleinen Schloſſes ſtattfand, etwas blaß aus. Auch traten ihr leichte Thränen in die Augen, aber Thränen der Freude und des Entzückens, als ihr der Bräutigam bei der feierlichen Handlung ſtatt der fehlenden rechten Hand die linke darreichte und dabei ſprach:„Sie iſt dem Herzen näher.“ Darauf nahm Alles ſeinen gewöhnlichen Verlauf. Ein kleines Diner vereinigte die glücklichen Menſchen nochmals für eine Stunde, dann fuhr der Reiſewagen vor, der das junge Paar durch Verona, Mailand nach Nizza bringen ſollte, wo ſie den Spätherbſt zuzubringen gedachten. Eugen von W. gab ihnen zu Pferde das Geleite bis vor 211 Venedig. Meſtre, und als er einen herzlichen Abſchied von ihnen genommen, von Friedrich auf Soldatenart:„Tſchau! auf Wiederſehen!“ kehrte er langſam zurück durch die Gaſſen von Meſtre und betrachtete ſich nachdenklich die vielen Orte, die ihm bald heitere, bald traurige Epiſoden aus der Belagerung ins Gedächtniß zurückriefen. Hier auf dem Marktplatz hatte er ſo oft mit den Bekannten zuſammen geſeſſen, rauchend und Kaffee trinkend. Dort war der alte Guelfenthurm, und es war ihm immer, als müßte Haynau dort oben erſcheinen, und ſeinen langen grauen Bart im Winde flattern laſſen. Links fing der Kanal an, der in die Lagunen führte, und wo ſich jetzt wieder zahl⸗ reiche Barken drängten. Rechts war der einzige Gaſthof des Orts, wo ſich während der Belagerung der größte Theil der Offiziere zu ihrem einfachen Diner einfand, in welchem ſie mehr als einmal durch eine einſchlagende Kugel geſtört worden waren.— Oh! es waren doch ſchöne Zeiten, dachte der Huſarenoffizier, als er langſam auf der Straße von Treviſo Meſtre verließ. Er warf noch einen langen Blick dorthin, wo Vicenza lag, welches ſein Freund jetzt erreicht haben konnte, und während er ſein Pferd in einen kurzen Galopp verſetzte, rief er aus:„Dir, du Glücklicher, wird Venedig vor Allen unvergeß⸗ lich ſein!?“ Die erſte Verſammlung deutſcher bildender Künſtler. Der gute alte Vater Rhein, der während ſeines langen Laufes und vielbewegten Lebens ſchon eine unendliche Menge von Flaggen und Fahnen aller Art geſchaut, ſah doch am 27. September einen Wimpel, der ihm, wenn nicht gänzlich fremd, doch gewiß lange nicht mehr zu Geſicht gekommen war— das Künſtlerwappen Albrecht Dü⸗ rers, welches die Künſtlergeſellſchaft„Malkaſten“ für heute angenom⸗ men, auf dem Hauptmaſt eines der ſtattlichen Rheindampfer aufgehißt hatte und unter deſſen Schutze eine beträchtliche Menge Künſtler den Rhein hinauf fuhren, um in Bingen zu tagen. Von dem Malkaſten in Düſſeldorf war ein Aufruf an alle deut⸗ ſchen bildenden Künſtler ergangen, wodurch dieſelben gebeten wurden, ſich in den letzten Tagen des September in Bingen zu verſammeln, um ſo Gelegenheit zu ſchaffen, ſich perſönlich kennen zu lernen, eine freundliche Annäherung anzuregen und zu befeſtigen, ſowie manche Gegenſtände und Fragen zu erörtern, welche die deutſche Kunſt und ihre Intereſſen berührend, ein gemeinſchaftliches Uebereinkommen und gemeinſchaftliche Beſtrebungen der deutſchen Künſtler erheiſchen. Es war das eine tüchtige und, um ein oft gebrauchtes Wort nochmals zu gebrauchen, auch zeitgemäße Idee; halten doch die Träger faſt aller Wiſſenſchaften ihre jährlichen Zuſammenkünfte, und wenn man im Herbſte die Zeitungen zur Hand nimmt, ſo liest man, daß in dieſer Stadt die Naturforſcher berathen, dort die Philologen geredet, 218 Die erſte Verſammlung hier die Landwirthe getagt, gepflügt und die gewachſenen Gottesgaben gründlich unterſucht haben. Haben doch ſelbſt auch ſchon einmal die deutſchen Schriftſteller den Verſuch gemacht, ſich irgendwo zu verſam⸗ meln; doch war das zu einer Zeit, wo Feder und Papier ziemlich mißliebig waren, weßhalb denn auch die damals projektirte Zuſam⸗ menkunft nicht zuſammen kam. Die Idee einer Verſammlung deutſcher bildender Künſtler fand denn auch im lieben Vaterlande recht viel Anklang, und nicht nur die Kunſtgenoſſen ſelbſt intereſſirten ſich dafür, ſondern auch hohe und höchſte Kunſtfreunde nahmen die Sache beifällig auf. Der Gemeinde⸗ rath der Stadt Bingen erwählte ein Comité aus ſeiner Mitte, um die Künſtler würdig zu empfangen und für ihre Unterbringung in Privat⸗ häuſern, im Fall die Gaſthöfe nicht ausgereicht hätten, Sorge zu tragen. Wenn nun ſchon ein gelungener Vorgang da geweſen wäre, ſo hätte gewiß das ſchöne Feſt noch zahlreichere Theilnehmer gefunden, als dies wirklich der Fall war; das Abwarten und Zuſchauen bei vielen Gelegenheiten gehört mit zu unſerem Charakter; man will ſehen, wie eine Sache ausfällt, ob ſie gelingt, ob man keinen Schiff⸗ bruch zu befürchten hat, und dann das zweite ähnliche Feſt ebenfalls mitmachen. Aus dieſen Gründen aber verdienen die Männer, welche die erſte deutſche Künſtlerverſammlung, unbekümmert, ob die Sache gelingen werde oder nicht, ins Leben riefen, den doppelten Dank ihrer Zeitgenoſſen. Und dieſen Dank ſind wir dem von dem Düſſeldorfer Malkaſten aus ſeiner Mitte erwählten Comité ſchuldig, welches das gelungene Feſt projektirte und die Haupturſache war, daß es ſo ſchön und glänzend ausfiel, wie es ausgefallen. Am 26. September fuhr ich mit ein paar befreundeten Malern von Düſſeldorf mittelſt der Eiſenbahn über Köln nach Rolandseck, wo wir am andern Tag das Schiff beſteigen wollten, welches uns, mit den andern Genoſſen vereint, aufwärts nach Bingen bringen ſollte. Wie iſt jetzt durch den eröffneten Schienenweg das ſchöne Siebenge⸗ birg den Städten Düſſeldorf und Köln näher gerückt! Als wir ſo an —— deutſcher bildender Künſtler. 219 den Ufern des Rheins dahin ſausten, erinnerte ich mich noch genau der Zeit, wo um von Düſſeldorf nach Rolandseck zu kommen ſchon für eine ziemlich bedeutende Reiſe galt, wo man in erſtgenannter Stadt Abends um zehn Uhr den Dampfer beſtieg, um am andern Morgen früh Köln zu erreichen, wie man darauf in ſechs bis ſieben Stunden nach Bonn fuhr und dort ſeinen Weg weiter fortſetzte vermittelſt eines Einſpänners oder zu Fuß, voll von Begeiſterung und Aarbleicher lu⸗ ſtige Lieder ſingend, bei der maleriſchen Ruine Godesberg vorbei nach dem Fels mit dem romantiſchen Rolandsbogen, deſſen Füße der Rhein beſpülte und jene Inſel umflutet, wo das Kloſter aus der Mitte düſtrer Linden ſah. Zur Linken ragte der Fels des Drachen in ſeiner unübertroffenen wunderbaren Form, und die andern ſechs Berge gruppirten ſich wie in ſtiller Ehrfurcht um den hoch emporragenden Rieſen, aus deſſen Körper man die Kölner Domruine erbaut, und der wie ein Merk⸗ zeichen Bewunderung erheiſchend daſteht an der Grenze des herrlichen Rheinthales, dort wo es anfängt lebendig und maleriſch zu werden und ſich zu ſchmücken mit eigenthümlichen Felſen, alten Thürmen und zerſtörten Ritterburgen. Ach, das Siebengebirge bleibt uns immer eine liebe Erinnerung, und wenn wir faſt ermüdet durch die Schönheiten des Rheingaues gegen Rolandseck herabſchwimmen und das Kloſter vor uns ſehen, rechts den Drachenfels, links Rolandseck, dann zieht wieder durch unſer Herz ein Klang aus der freudigen Jugendzeit, dann erinnern wir uns der glücklichen Tage, wo wir jene Ruinen, jene Berge und Thäler beſuchten, wo wir funkelnden Wein tranken aus bekränztem Glaſe, zu⸗ rückgelehnt an ein moosbewachſenes Felſenſtück, aufblickend an den Himmel—— ſchöner ſtrahlender Mädchenaugen.———— Vor⸗ bei iſt jene Zeit, ach ſo ſchnell vorübergeſaust liegt ſie weit, weit hinter uns, als hätten wir auch die Fahrt durchs Leben hinter die keuchende Lokomotive geſpannt zurückgelegt.— 220 Die erſte Verſammlung Jetzt ſtößt dieſe in Wirklichkeit ihr ſchrilles Pfeifen aus; vor uns und links neben uns in der Tiefe, wo der Rhein ſilbern funkelt, be⸗ merken wir blitzende Lichter— Station Rolandseck! Wir ſind im Bahnhofe bald im freundlichen Hotel Groyen, ebenfalls eine Erinne⸗ rung früherer ſchöner Tage; nur hat ſich das kleine Haus von damals beſcheiden neben einem neuen großartigen Gebäude verborgen, das aber kaum ausreicht, die vielen Fremden zu beherbergen, welche die Schön⸗ heit des Siebengebirges meiſtens auf mehrere Tage hier gefeſſelt hält. Dem windigen und trüben Tage unſerer Ankunft war ein heiterer klarer Morgen gefolgt, der Himmel blickte blau hernieder, einzelne Wolken zogen über den Rhein und das Siebengebirge und ließen den ruhig dahinſtrömenden Fluß zeitweiſe aufleuchten unter dem Kuß der Morgenſonne. Einige von uns benutzten das ſchöne Wetter, dem Ro⸗ landsbogen einen Beſuch zu machen. Seit deſſen Einſturz— ich glaube im Jahr 1840— den Freiligrath damals ſo ſchön beſungen, wo er um Beiträge für den Wiederaufbau bat, hat ſich Berg und Ruine doch einigermaßen verändert: der wilde Pfad, mit Steingeröll bedeckt, überwuchert von Ginſter und Brombeerſträuchen, iſt einem bequemen Wege gewichen; unterhalb der Ruine über dem Rheine hängt ein neumodiſches Tempelein, was dem alten Gemäuer da oben eben⸗ ſowenig zu behagen ſcheint, wie der Neubau eines koloſſalen Thurmes weiter oben, welcher alle Blicke auf ſich zu ziehen und dem Vorüber⸗ fahrenden zu ſagen ſcheint: laßt doch das alte Gerümpel da unten, betrachtet mich, da ſeht ihr was Rechtes.— Es iſt ſchade, daß der Bogen Rolands die ſtille Einſamkeit verloren, die ihn ſonſt umgab; aber wir wollen deßhalb weder mit dem Tempel, noch dem neuen Thurme rechten, braust ja in dieſem Augenblicke neben uns durch die Schlucht der Eiſenbahnzug mit gellendem Pfeifen. Wie er ſo höhniſch zwiſchen die alten Bäume ſeinen Dampf hinauf ſchleudert, der nun wie durchſichtige Elfenſchleier für Augenblicke an den Zweigen hängen bleibt.— Leb wohl, du alte Ruine, die neue Zeit iſt dir traurig nah auf den Leib gerückt. —,— deutſcher bildender Künſtler. 221 Für uns hatte übrigens der ankommende Zug das Gute, daß er Freunde und Genoſſen, die geſtern Abend in Köln und Bonn zu⸗ rückgeblieben waren, nachbrachte und ein ganzes Dutzend heiterer und fröhlicher Geſellen in den Frühſtücksſaal hineinwarf, wo wir in Wahr⸗ heit geblendet von Licht und Sonne— denn der Rhein vor den Fen⸗ ſtern ſpiegelte alle Strahlen zurück— gemüthlich unſern Kaffee tran⸗ ken. Darauf ſagten wir dem freundlichen Gaſthofe Adieu und gingen ein paar hundert Schritte den Rhein aufwärts bis zur Landungs⸗ brücke der Dampfer, den unſrigen erwartend. Der arbeitete ſich denn auch nicht lange nachher rauſchend und Dampf auswerfend zwiſchen den beiden Inſeln Nonnenwerth und Grafenwerth hindurch und war, was uns alle mit einigem Stolz erfüllte, ſtattlich beflaggt wie zu einer anderen großen Feuer; oben an dem Hauptmaſte ſeatterte die weiße Fahne mit dem Künſtlerwappen, an den Tauen die der ver⸗ ſchiedenen Uferſtaaten, und hinten über dem Pavillon ſah man breit und lang die preußiſchen Fahnen. Mit lautem Hurrah wurde das Schiff begrüßt, und wir, die am Ufer ſtanden, ebenſo von den An⸗ kommenden aus Düſſeldorf. Eine ziemliche Menge, namentlich der jüngeren Künſtler, hatte es vorgezogen, geſtern Abend um elf Uhr von Düſſeldorf abzufahren und die Nacht auf dem Rheine zu bleiben. Wir ſelbſt haben das in früheren Jahren auch gethan und uns nur vielleicht in den Morgenſtunden etwas unbehaglich gefühlt, wenn nach mancher Flaſche und manchem Lied der Schlaf doch ſein Recht for⸗ derte und ſich das müde Haupt alsdann vergeblich nach einer ſtillen Ecke umſah. Unterdeſſen haben wir Rolandseck hinter uns gelaſſen und Freunde und Bekannte ſuchen ſich auf und begrüßen ſich herzlich. Auch ohne die fünfzig bis ſechzig Künſtler, die von Düſſeldorf herauf gekommen waren, hatte das Schiff eine ziemliche Anzahl von Paſſagieren, weß⸗ halb es in den Kajüten heiß und unangenehm war und auch auf dem Verdecke ziemlich enge herging. Aber in guter angenehmer Geſellſchaft erträgt man das leicht und gern; Freunde fanden ſich zu Freunden, 222 Die erſte Verſammlung blinkénde Rheinweinflaſchen mit verzierten Zetteln wurden auch ſichtbar, Cigarren dampften und hie und da hörte man zwiſchen dem Rauſchen der Räder hindurch den Anfang irgend eines luſtigen Liedes. Der klare Himmel wie heute Morgen war über unſere Künſtlerfahrt nicht hold geblieben, die Sonne hatte dichte Schleier über ihr Angeſicht gezogen und hielt den ungezogenen Wind nicht mit ſtremgem Antlitz in Ordnung, ſo daß wir viel von dieſem tollen Geſellen zu leiden hatten, der durch das Rheinthal fegte und dicke Oberröcke nothwendig machte. Verzeihlich war es deßhalb auch, daß einige, worunter auch ich, im Rauchzimmer eine kleine Kartenpartie veranſtalteten; wir ſpiel⸗ ten dort ein für mich neues Spiel, Juckern genannt, welches ich dem geneigten Leſer, der Unterhaltung ohne irgend geiſtige Anſtrengung liebt, hiemit beſtens empfehle. An des Rheines kühlem Strande Stehen Burgen hoch und kühn, ſingt das bekannte Lied, und an all dieſen oft geſehenen, Burgen und Ruinen fuhren wir denn abermals dahin. Aber wo iſt die Zeit un⸗ ſerer erſten wunderbaren Neugierde geblieben, wo wir dem geplagten Kondukteur und dem überbeſchäftigten Kellner den Namen keiner Fels⸗ wand, keines alten Steinhaufens ſchenkten, wo wir es für unſere Pflicht hielten, den Namen jedes Städtchens, jedes Dörfchens zu er⸗ fahren, um ihn gleich darauf wieder zu vergeſſen, wo wir Namen wollten, nur Namen, wo wir die Katze für die Maus anſahen, und ebenſo verzeihlich St. Goar für Oberweſel. Bei den bedeutendſten Stellen, für die ſich unſere Phantaſie ernſtlich intereſſirte, ſo z. B. bei der Pfalz oder dem Lorleyfelſen, kamen wir doch wieder in den richtigen Takt hinein. Da liegt denn auch heute der letztere wieder vor uns, und wenn wir gegenüber dem ſteilen, mit herbſtlich abſterbendem Laub bedeckten Felſen vorüberkommen, ſo erblicken wir ihn maleriſcher gefärbt als im Frühjahr und Sommer, und ſehen rechts den Invaliden aus ſeinem deutſcher bildender Künſtler. 223 Steinhäuschen hervorſpringen, regelmäßig wie der Hahn auf einer Nürnberger Uhr ſein Liedel blaſen und ſeine roſtige Muskete abfeuern, was Beides aber nur einen ſchwachen Widerhall zwiſchen den Felſen hervorruft. Namentlich heute klang mir derſelbe ſo unbedeutend, daß ich faſt glaube, die gute Lorley fängt an, für ihren Verehrer unem⸗ pfindlich zu werden, oder der alte Mann dort drüben hat nicht mehr Kraft genug, tüchtig in die Trompete zu ſtoßen oder den Schuß in ſeiner Muskete feſt anzuſetzen. Ach, wie bald, ach, wie bald Schwinden Schönheit und Geſtalt. Noch ein paar Jahre und der Invalide wird zu ſeinen Vätern verſammelt ſein, die Direktion wird keinen neuen zum Blaſen und Schießen aufſtellen, und dann wird die Sache erſt in der Tradition recht bekannt und berühmt. Ja damals, werden ältere Reiſende ſagen, wurde hier geſchoſſen, und den donnernden Widerhall hättet ihr hören ſollen! Damals war ſo eine Rheinfahrt noch intereſſant, heute— du lieber Gott!— iſt das alles nichts mehr. Ein Mitreiſender erzählte uns, daß neulich hier eine Batterie preußiſcher Artillerie vorbei mar⸗ ſchirt ſei, der kommandirende Offizier ließ einen Sechspfünder abprotzen und einen Schuß gegen die Felswand der Lorley thun. Das krachte denn freilich anſtändig genug, und die weiter rückwärts liegenden Berge warfen jubelnd den Widerhall einander zu, bis er am Ende weiterhin verklang wie ein dumpfer Donner, der Invalide aber ſtürzte bei dieſem Getöſe aus ſeiner Steinhütte hervor und rief in komiſchem Zorne: Jeſus, Maria und Joſeph! hört doch auf, ihr ſchießt mir das ganze Echo kaput! Wer es noch nicht weiß, daß ſich hoch an der Felswand der Lorley ein paar eigenthümlich geformte Felszacken befinden, die, wenn man zu Thal ſchaut, einen koloſſalen Kopf im Profil zeigen, welcher dem des Königs der Franzoſen, Louis Philipp, außerordentlich ähnlich iſt, den erlauben wir uns hier gratis darauf aufmerkſam zu machen; der 8 224 Die erſte Verſammlung Anblick iſt wirklich überraſchend und ſogar der Backenbart nicht ver⸗ geſſen, der durch ein paar hervorwuchernde Sträucher gebildet wird. An den Bergwänden hier herum war an verſchiedenen Stellen Heidekraut angebrannt und weißer Dampf quoll, zuweilen vom ſchar⸗ fen Winde niedergehalten, dann auf einmal wieder auf verſchiedenen Punkten in die Höhe, was artig ausſah, als feuerten Gnomen in den Felsſpalten eifrig auf einander. Als wir in die Nähe von Oberweſel kamen und uns dem Ziel der heutigen Reiſe näherten, gerieth die Genoſſenſchaft der Künſtler auf dem Dampfer in Bewegung; ſämmtliches Gepäck derſelben wurde unter die Obhut der beiden Diener des Malkaſtens gegeben und die prachtvolle Fahne enthüllt, welche, ein Geſchenk Düſſeldorfer Frauen und Jungfrauen, beim Einzug in Bingen vorangetragen werden ſollte. Man hatte ſchon erfahren, daß die Ankunft der Künſtler von der Stadt Bingen ſo feſtlich wie möglich begangen werden ſollte, und da der Kapitän unſeres Dampfers nicht dahinten bleiben wollte, wo es galt, Artigkeiten zu erwidern, die man ſeinen Paſſagieren erzeigt, ſo hatte er ſich in Koblenz mit gehöriger Munition für ſeine Schiffsartillerie, zwei kleine Böller, verſehen, und ſchon in Oberweſel, wo man uns durch aufgeſteckte Flaggen willkommen hieß, krachte es von unſerem Schiffe zum Gegengruße hinüber. Noch ein paar Biegungen und wir ſahen den Rheinſtein vor uns liegen, dieſe kleine, aber außerordentlich maleriſche Burg des Prinzen Friedrich von Preußen. Da hing ſie mit ihrem dunklen Gemäuer von derſelben Farbe wie der Stein, auf dem ſie erbaut, an der Bergwand mit ihren ein⸗ und ausſpringenden gezackten Zinnen, mit ihren Thürmen und Außentreppen, alles wale⸗ riſch neben und über einander gebaut und überragt von dem Haupt⸗ thurm mit der hohen Flaggenſtange und dem eiſernen Pechkorbe. Wie Prinz Friedrich von Preußen der Erſte war, der hier im ſchönen Rheinthale eines der Schlöſſer der Vorzeit im reinen Geſchmacke, edel und zweckmäßig wiederherſtellen ließ, ſo hat er ſich auch den ſchönſten Punkt erwählt, und es muß dem hohen Beſchützer der Kunſt zur Freude ——Q—OB˖—VQ—— —C—C—O——:ͤ deutſcher bildender Künſtler. 225 und Genugthuung gereichen, wenn die Vorüberfahrenden mit Luſt und Bewunderung zu ſeiner Felſenfeſte emporſchauen. Freundlich und prächtig zugleich begrüßte ſie uns, als wir unter ihr dahin fuhren; von ihrer Plattform donnerten die Kanonen über den Rhein dahin, rings umher das Echo wach rufend. Es war in der That ein ſchö⸗ ner Anblick, wie man es aus den Schießſcharten blitzen ſah, wie der weiße Dampf herausquoll und ſich darauf lang geſtreckt um die Fels⸗ zacken herum wand. Auch der alte im Neubau begriffene Mäuſethurm hatte Flaggen aufgeſteckt, doch ging ſein Anblick verloren durch die wirklich ſchöne Ausſchmückung der Stadt Bingen, vor der jetzt unſer Dampfboot unter immerwährendem Feuern rundete. Das ganze Ufer war mit unzähligen Flaggen beſteckt und aus allen Häuſern am Ufer flatterte es bunt durcheinander in den verſchiedenſten Farben. Auch über die hintern Häuſerreihen ragten Fahnen hervor in Roth, Weiß, Blau, Gelb, und das ſetzte ſich ſo fort bis zu der alten Burg Klopp hinauf, die mit einer koloſſalen Flagge geziert war und von ihren Wällen unſer Schiff luſtig mit krachenden Schüſſen begrüßte. Links neben Bingen aufwärts des Rheines lag ein Schiff mit bunten Wim⸗ peln, und dort ſchloß die prachtvolle Villa Landy, die ſich mit ihren ausgedehnten weißen Gebäulichkeiten und zackigen Mauern den Berg bis zur Rochuskapelle hinanzieht, wie ein lichter, hellglänzender Rahmen die Feſtlichkeit. Auch dort flatterten von Warten und Thürmen bunte Fahnen, auch von dorther krachten die Schüſſe ein Willkomm herüber. Auf dem Radkaſten unſeres Dampfers hatte ſich der Bannerträger des Malkaſtens mit der Fahne aufgeſtellt und viele waren nachgeklettert, um mit geſchwungenem Hute das Hurrah zu erwidern, mit dem die Künſtlerſchaft vom Ufer her empfangen wurde. Die Stadt ſchien ſich zu dem Zwecke entleert zu haben, denn auf dem Quai bis zur Lan⸗ dungsbrücke ſah man Kopf an Kopf, und eine Deputation des Ge⸗ meinderathes mit dem Kreisrath an der Spitze hatte Mühe, bis zu uns durchzudringen. Der Empfang beſtand aus einigen herzlichen Worten, die freundlich dankend erwidert wurden. Hackländers Werke. XXVI, 15 226 Die erſte Verſammlung Schon auf dem Schiffe waren die Quartierbillets ausgetheilt worden, doch zogen ſämmtliche Angekommene vom Dampfer weg in das neue Badehaus, welches den Künſtlern zu ihrer erſten Verſamm⸗ lung freundlichſt zur Verfügung geſtellt worden war. Die Zimmer⸗ wände des großen, noch nicht fertigen Gebäudes, aus rohem Mauer⸗ werk beſtehend, hatte man freundlich mit Epheuranken, Fahnen und Draperieen geſchmückt, und es ſah aus, als wenn es grade ſo und nicht anders ſein mußte. Maler Leutze aus Düſſeldorf, den man wohl als die ſchaffende Kraft des ganzen Unternehmens anſehen kann, be⸗ ſtieg die Rednerbühne, begrüßte die Verſammlung mit wenigen herz⸗ lichen Worten, worin er auch den Dank für die freundliche Aufnahme der Stadt Bingen einzuflechten wußte, und lud die Anweſenden ein, ſich am andern Morgen um neun Uhr wieder einzufinden, um alsdann zuerſt zur Wahl von Präſidenten und Comité zu ſchreiten. Darauf zog ſich jeder in die angewieſenen Quartiere zurück, und da ich als Gaſt betrachtet wurde, ſo traf ich es ſo angenehm, mit dem größten Theil des Düſſeldorfer vorbereitenden Comité's, meiſtens lauter guten Bekannten, in der vorhin ſchon erwähnten Villa Landy untergebracht zu werden, deren freundlicher Beſitzer uns in Bingen in Empfang nahm und auf ſeinen wirklich prachtvollen Landſitz hinausbrachte. Dort fanden ſich nach und nach noch viele der Genoſſen ein, die von dem gaſtfreien Wirthe Einladungen erhalten hatten, und ſo verbrachten wir den erſten Abend bei einem guten Souper in den koloſſalen Glashäu⸗ ſern der Villa arrangirt, die bei der Beleuchtung unzähliger Lichter, auf Kron⸗ und Armleuchtern von der Glasdecke herabglänzend, oder auf der langen Tafel brennend, bei Bäumen fremder Zonen, durch deren Zweige Lampenkugeln leuchteten, bei ſpringendem Waſſer wahr⸗ haft feenhaft ausſahen, die liebenswürdige Hauswirthin präſidirte dem Feſt und gab demſelben durch ihre Anweſenheit, ſowie durch die einer anderen befreundeten Dame erſt die rechte Weihe. Daß den guten Gewächſen des Rheinganes, in deſſen Herzen wir uns gerade befanden, und die freigebigſt aufgetiſcht waren, alle Ehren — ⏑⏑B——ͦ—::——:——— deutſcher bildender Künſtler. 227 angethan wurden, brauche ich wohl nicht zu ſagen. Ja, alle Ehren, aber in allen Ehren, und wenn auch herzliche Lebehochs ausgebracht wurden, ſo ſiel doch, ſelbſt als die Damen ſich entfernt hatten, ſonſt kein zu lautes und die Fröhlichkeit ſtörendes Wort. Nach einer etwas unruhig vollbrachten Nacht, woran wohl das ungewohnte Feuer des Scharlachbergers Schuld war und theilweiſe auch die muſikaliſche Nachbarſchaft eines ſonſt gemüthlichen Freundes, der ſeine Unruhe demſelben Motiv zuſchrieb, das mich wach erhielt, fanden wir uns am Kaffeetiſch wieder zuſammen, von unſerem freund⸗ lichen Hauswirthe begrüßt, der nicht nur ein vortreffliches Frühſtück für uns hatte bereiten laſſen, ſondern uns auch neben dem Wunſche einer gut vollbrachten Nacht mit den vortrefflichſten Cigarren regalirte — ein Edelmuth, der in unſerer jetzigen leider ſo verdorbenen Zeit in ſolchem Umfange ſchwerlich mehr gefunden wird. Als die Andern, welche ihre dringende Pflicht rief, gegen 9 Uhr nach der Stadt zu ihrer Sitzung gingen, wurde ich, bei dem man vorausſetzte, daß er ſich ſchon eher eine Verſäumniß könne zu Schulden kommen laſſen, von Herrn v. Landy zurückbehalten, was ich mir um ſo lieber gefallen ließ, da ich dadurch Gelegenheit bekam, deſſen ganzes ſchönes Gut im Detail zu beſehen. Der Beſitzer hat hier in einem Zeitraum von 4 Jahren etwas Außerordentliches geſchaffen; gerade unter der Rochuskapelle kaufte er ſo viel Terrain, als er erhalten konnte; dieſe Ankäufe wurden ihm, was eigentlich unglaublich klingt, nicht erleichtert; das Gut be⸗ ginnt nun an der Chauſſee von Bingen nach Mainz und zwar mit ſehr ſauber gehaltenen Weinbergen, bei welchen die bisherige Art des Anbindens an Pfähle vermieden wird und die Reben an den durch das ganze Stück parallel laufenden Eiſendrähten gezogen werden; kleine einfache Räder von Gußeiſen, von Hrn. v. Landy ſelbſt konſtruirt und angebracht, laſſen dieſe Drähte beliebig anſpannen. Ein breiter Fahr⸗ weg führt durch die Weinberge nach einem zweiten Thor, welches durch zwei Veranden gebildet wird, die quer das ganze Anweſen durchſchneiden und an die Umfaſſungsmauern des Gutes ſtoßen, welche grenelirt den 228 Die erſte Verſammlung Berg hinauf das ganze Anweſen eingrenzen. Hinter der Veranda be⸗ ginnt eine Art pleasure ground ſanft anſteigend mit Blumenpartieen, gut erhaltenem Raſen, Springbrunnen, an deſſen Ende ſich die Villa erhebt. Dies Gebände, zu welchem eine hohe breite Treppe führt, iſt nicht übermäßig groß, einfach und geſchmackvoll. Sehr angenehm für den Beſitzer und deſſen Familie iſt der anſtoßende, außerordentlich große Wintergarten, an deſſen Ende ſich ein Warmhaus mit ſehr ſchönen Palm⸗ und anderen Pflanzenarten befindet. Hier lebt man ſelbſt im Winter wie im Freien, umduftet von Blumen unter dem immerwährenden Grün der Orangen, Lorbeer, Cypreſſen und Cedern; hier wird faſt Jahr aus Jahr ein dinirt, und hier haben die Kinder bei jedem Wechſel der Witterung einen außerordentlich angenehmen Spielplatz. Man ſieht, alles was der Beſitzer geſchaffen, iſt von der Idee durchdrungen, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und den erreichbaren Comfort ſelbſt nicht auf Koſten einer vielleicht noch größeren Eleganz zu opfern. Hinter Villa und Glashaus ſehen wir die Wirthſchafts⸗ gebäude, Stallung und Remiſen verſteckt an der Mauer liegen und reinlich erhaltene Zickzackwege führen uns den Berg hinan zu einer kleinen Kapelle, die mit neuen ſchönen Glasmalereien, ſehr verſtändig den Alten nachgeahmt, ausgeſchmückt iſt. Herr v. Landy, der faſt alles, was hier entſtand, ſo weit wie möglich auf dem Platze anfer⸗ tigen ließ, der z. B. ſeine kleine Dampfmaſchine, die das Waſſer pumpt, zum Schneiden von eichenen Stäben benutzte, woraus er einen großen Gartenpavillon im mauriſchen Geſchmack erbaute, hat ebenfalls ein Atelier für Glasmalerei angelegt, das ſchon ſehr hübſche Reſultate geliefert, und wo man auch anfängt, für Beſtellungen von auswärts zu arbeiten. Hinter der Kapelle ſteigt man abermals aufwärts, bis zu einer Terraſſe mit Böllern beſetzt, wo ſich ein hoher Thurm von zwei Stockwerken erhebt, welche freundliche Gemächer bilden und mit alten und neuen Waffen und Möbeln ausgeſchmückt ſind. Indeſſen war mir bei Beſichtigung all' dieſes Schönen die Zeit ſo ſchnell vergangen, daß ich— für einen Berichterſtatter ſchlimm ge⸗ — — — — QQQ-—— 8 deutſcher bildender Künſtler. 229 nug— kaum zum Schluß der erſten Sitzung im Badehaus anlangte. Um aber ſo genau als möglich zu ſagen, was hier vorgefallen, ſowie auch nach dem Ausſpruche Molisre's:„Man nimmt das Gute, wo man es findet,“ muß ich mich für die heutige erſte Sitzung des Be⸗ richts meines Collegen Kaulen aus Düſſeldorf bedienen, der mit Pünktlichkeit nachgeſchrieben. Eine beſſere Einweihung als durch die erſte Verſammlung deut⸗ ſcher bildender Künſtler konnte ſich das neu erbaute Badehaus nicht wünſchen. In hunderterlei Dialekten hörte man ringsumher die Re⸗ präſentanten aller deutſchen Vaterländer und Ländchen, von der breiten Kehle des Weſtfalen bis zum überſtürzenden halbverſchluckenden Sing⸗ laut des Frankfurt am Mainers. Allmählig verſtummten die Ein⸗ zelſtimmen, als nun im hübſch dekorirten Raume Platz genommen war, und dann ein Ueberblick der etwa 160 beſetzten Stühle ein freu⸗ diges Gemurmel der Befriedigung hervorrief. Jetzt wußte man, wie viel da waren, aber man wußte noch nicht wer, und mit vielem Scherz wurde der Plan einer Generalbeicht durchgeführt, nach der Reihe auf⸗ ſtehend, nannte jeder ſeinen Namen, Wohnort und Charakter. Düſſel⸗ dorf hatte als Urſprung des Planes ſelbſtverſtändlich die meiſten Re⸗ präſentanten, einige vierzig; das nahe Frankfurt erreichte beinahe die⸗ ſelbe Zahl. Außerdem waren die ſüddeutſchen Städte Hanau, Darm⸗ ſtadt, Wiesbaden durch eine Anzahl Künſtler vertreten. Von Köln waren einige, von Berlin ein Deputirter; Münchens Künſtler ſandten eine Kommiſſion mit offiziellem Mandat, und ein deutſcher Meiſter aus der Fremde, Profeſſor Chauvin von Lüttich, hatte ſich ächt kosmo⸗ politiſch angeſchloſſen. Vor allen gebührendermaßen beſonders freund⸗ lich begrüßt wurde Phil. Veit von Mainz, einer der Neſtoren, die vor 40 Jahren in Rom den Plan der Reorganiſation der arg verwaisten deutſchen Kunſt faßten und ihn ſo glänzend durchführten, daß der Ruhm derſelben jetzt ſich über die entfernteſten Länder der Welt erſtreckt. Der liebenswürdige Greis nahm die ſofort einſtimmig auf ihn fal⸗ ——— * 230 3 Die erſte Verſammlung lende Wahl zum Präſidenten an, nachdem er das Düſſeldorfer Comité gebeten, zuvor kurz die leitende Idee ihres Aufrufes darzulegen. Auf den Wunſch des interimiſtiſchen Vorſitzenden E. Leutze be⸗ richtete der Vereinsſekretär, Hermann Becker, in kurzen Worten über die Entſtehung des Planes. Es ſei im Kreiſe des„Malkaſtens“ bei Gelegenheit eines Beſuches aus München Klage darüber geführt wor⸗ den, daß die Genoſſen der Malerzunft im Süden und Norden Deutſch⸗ lands ſich und ihre Werke gar nicht kennten. Man habe friſch beim Schopf die Idee erfaßt, dem abzuhelfen durch eine allgemeine deutſche Künſtlerverſammlung, und zwar außer Vermittelung der perſönlichen Bekanntſchaft auch ſofort jene der Werke in's Auge gefaßt. Somit brächten die Düſſeldorfer für heute auf die Tagesordnung den Plan einer allgemeinen deutſchen Kunſtausſtellung. Man möge bei Diskuſſion dieſer Idee nicht überſehen, daß es ſich hier weniger um einen Markt für die Bilder handle, etwa wie ihn die Kunſtvereine böten, als vielmehr um eine Ehren⸗Repräſentation gegenüber den Ge⸗ noſſen und dem Publikum.. Direktor Veit nahm, nachdem er ſich mit dieſem ſchönen Plane aus vollem Herzen einverſtanden erklärt, alsbald den Vorſitz ein, und ihm geſellte ſich zur Seite als Vicepräſident Herr Direktor Peliſſier aus Hanau. Dann konſtituirte ſich das Bureau aus Delegirten der verſchiedenen hier vertretenen Schulen: Profeſſor Jacob Becker von Frankfurt, Profeſſor Jacob Felſing von Darmſtadt, Schleich und Frank aus München, Profeſſor Ruſtige und Maler Herdtle aus Stuttgart, — und dem Düſſeldorfer Comité. Wie ſehr die Idee der allgemeinen Ausſtellung Anklang fand, zeigte ſich dadurch, daß nur eine Oppoſition erhoben wurde und zwar„ von dem Präſidenten der ſüddeutſchen Kunſtvereine, Felſing, der wie⸗ derholt die Befürchtung ausſprach, die Geſammtausſtellung möchte mit den bereits beſtehenden Einzeluausſtellungen der Kunſtvereine collidiren und dann eins dem andern ſchaden. Seine wohlgemeinten Gründe wurden indeß widerlegt und von anderer Seite hervorgehoben, daß V V V 4 ——— deutſcher bildender Künſtler. 231 nur eine größere deutſche Stadt in jedem Jahr an die Reihe käme und daß nur eine Ausſtellung alljährig würde ſtattfinden können. Man ging inzwiſchen konſequent zu Werke, abſtrahirte von allen De⸗ tails und ſetzte einſtimmig als Beſchluß feſt: „Es ſoll eine allgemeine deutſche Kunſtausſtellung ſtattfinden, welche periodiſch in verſchiedenen größeren Städten wiederkeh⸗ ren ſoll.“ Das wann, wie und wo konnte man um ſo beſſer einer ſpäteren Berathung vorbehalten, als die Wiederkehr der deutſchen Künſtler⸗ Verſammlung für das nächſtfolgende Jahr a priori zum einſtimmigen Beſchluß erhoben war. Einſtweilen war die Idee im Prinzip feſtge⸗ ſtellt. Jeder Künſtler in Deutſchland weiß, daß ihm künftig ein Ueberblick über die Geſammtleiſtungen aller Schulen geboten wird; er kann dort ſehen, was anderswo gemacht wird, welche Richtungen verfolgt werden und an den Leiſtungen anderer den Maſßſtab für die eigenen nehmen. Nach dem Schluſſe dieſer erſten Sitzung zog man zu einem ge⸗ meinſchaftlichen Mittageſſen im engliſchen Hofe, wo in einem großen, hübſch verzierten Saale an drei Tafeln ungefähr zweihundert Cou⸗ verts gedeckt waren. Das Eſſen war erträglich, und mehr konnte man auch für eine ſo große Anzahl von Gäſten nicht verlaugen. Dafür aber herrſchte laute Fröhlichkeit, man fand Bekannte, man wurde von Freunden entdeckt und dem flüchtigen Gruße, womit man ſich heute Morgen während der ernſten Berathung hatte begnügen müſſen, folgte jetzt luſtiger Zuruf und herzlicher Handſchlag. Auch au Toaſten fehlte es nicht, und nachdem der auch hier vorſitzende Direktor Veit auf den Landesherrn ein ſtürmiſches Lebehoch hervorgerufen, wurde König Lud⸗ wigs von Baiern gedacht, des edlen und hochherzigen Beſchützers der Künſte, und dem hochgefeierten Namen im freudigſten Dankbarkeits⸗ gefühle ſo zahlreiche und lärmende Lebehochrufe gebracht, daß ordent⸗ lich die Fenſterſcheiben erdröhnten. Leutze ſagte für die Anordnungen 932 Die erſte Verſammlung der Bingner Bürgerſchaft den beſten Dank der Verſammlung, worauf Herr Baumeiſter Soherr freundlich antwortete. Trotzdem man bei dieſem Diner in Bingen ſo recht im Herzen des beſten deutſchen Weines ſaß, trotzdem zahlreiche Flaſchen Rüdes⸗ heimer, Scharlachberger und Aßmannshäuſer auf den langen Tafeln blinkten, ging doch das heitere Mahl in jeder Beziehung ſo ruhig und geſetzt vorüber, daß ſelbſt ein bekanntes Witzblatt, welches die außer⸗ ordentliche Freundlichkeit hatte, die tagenden Künſtler vor dem Genuß des 1848er Weines zu warnen, ſeine Frende gehabt hätte, im Falle es nämlich dieſem Witzblatt überhaupt möglich iſt, an der harmloſen Fröhlichkeit anderer Menſchen Freude zu empfinden. Da das Wetter am Morgen zweifelhaft geweſen war, es auch einigemal geregnet, ſo war von Seiten des Comité's keine allgemeine Künſtlerfahrt für den Nachmittag beſchloſſen worden, weßhalb ſich ein⸗ zelne Partieen nach verſchiedenen Orten in der Umgebung Bingens begaben. Einige fuhren nach Rüdesheim, andere nach Aßmannshauſen, die meiſten aber erſtiegen trotz Wind und trübem Wetter den Schar⸗ lachkopf, um einen Blick in das prachtvolle Nahethal zu thun, und gingen darauf zur Rochuskapelle, wo aber die ſonſt ſo herrliche Aus⸗ ſicht durch tiefhängende Wolken und Regen verſchleiert war. Abends fanden ſich ſämmtliche Künſtler wieder im Saale des engliſchen Hofes, wo man bis ſpät in der Nacht ſitzen blieb unter Abſingung deutſcher Lieder, unter ernſten und ſcherzhaften Toaſten, unterhalten durch die Talente einzelner, welche ſich unter allgemeinem Belfall in Gedichten und dramatiſchen Scenen produzirten. War die Form der erſten Berathung etwas locker und nicht ganz ſtreng parlamentariſch geweſen, ſo war die des zweiten Tages, Mon⸗ tag, ſchon ſo feſt und ſo ſicher, als habe man bereits Wochen lang getagt. Da der Alterspräſident Veit bereits abgereist war, ſo trat Profeſſor Peliſſier aus Hanau an ſeine Stelle, und v. Launitz aus Frankfurt wurde zum Vizepräſidenten erwählt. Im erſten Theile der Berathung wurde zum Beſchluß erhoben, daß eine große Kunſtausſtel⸗ d5 deutſcher bildender Künſtler. 233 lung deutſcher Künſtler abwechſelnd vorläufig in ſechs Städten, näm⸗ lich Frankfurt, Wien, Berlin, München, Dresden und Düſſeldorf ſtatt⸗ finden ſolle, und zwar das erſtemal in Frankfurt im Herbſte des Jah⸗ res 1857. Den zweiten Theil der Berathung bildete ein Antrag Beckers aus Düſſeldorf, die deutſchen Regierungen im Einzelnen und den Bundestag anzugehen, zum Schutz des geiſtigen Eigenthums in Kunſtwerken ein Geſetz zu geben. Der Antragſteller brachte in der Motivirung ſeines Antrags eine Menge der ans Unglaubliche ſtreifen⸗ den Beiſpiele bei, wie gegenwärtig durch einzelne Subjekte der Handel mit Kunſtwerken betrieben werde. Dieſe Menſchen laſſen auf den öffentlichen und permanenten Ausſtellungen die Bilder der großen Mei⸗ ſter, wie Achenbach, Leſſing, Leutze 2c. in Maſſe copiren und verkaufen ſie unter dem Namen und dazu mit dem Monogramm derſelben zu Spottpreiſen, ſo daß es häufig vorkommt, daß die Ausſteller, wie Kunſtvereine u. dgl., die Originalbilder als unverkauft zurückſchicken, während die Kopieen reißend abgingen. Daß von den Vorſtänden der Kunſtvereine Norddeutſchlands nichts gethan werde, dieſen ſchändlichen Betrug zu verhindern, bedauerte der Redner, ohne jedoch wie es in einem Bericht aus Bingen heißt, die Kunſtfreunde zu verdächtigen, als beförderten ſie ein ſolches Treiben. Außerdem, fuhr der Redner fort, werden im Norden maſſenhaft Bilder unter dem Namen großer Künſt⸗ ler verkauft, von denen dieſe nie etwas geſehen, und was ſie zum Theil ihrer ganzen Richtung nach gar nicht malen konnten. Vizepräſident v. Launitz, der ſich den Intereſſen der Verſammlung mit ganzer Seele hingab, verſprach die Sache beim Bundestag möglichſt zu fördern; es ſei ihm bereits vom oldenburgiſchen Geſandten mitgetheilt, daß der Bundestag dieſe Frage demnächſt in Berathung ziehen werde. Das Comité, welches bis zur nächſten Verſammlung als permanent erklärt wurde, iſt mit der Ausführung der Beſchlüſſe beauftragt. Man hört von manchen Seiten die Hoffnung oder Befürchtung ausſprechen, als ſei ein Hauptzweck des Zuſammentritts deutſcher bil⸗ dender Künſtler, dem einſeitigen Treiben mancher Kunſtvereine ein Ende 234 Die erſte Verſammlung zu machen, und wenn es auch, was dieſe anbetrifft, vielleicht dankbar anerkannt werden muß, daß ſie durch ihre Ausſtellungen und Verloo⸗ ſungen auch weniger bekannten Künſtlern behülflich waren, ihre Arbei⸗ ten zu verkaufen, ſo wird doch bei vielen über eine ſehr unerquickliche Protektion Einzelner geklagt, ſowie über ein Schiedsrichteramt beim Ankauf von Bildern, welches ſich die Vorſtände mancher Kunſtvereine angemaßt, ohne ſelbſt Künſtler oder auch nur Kunſtkenner im wahren Sinne des Wortes zu ſein. Es iſt ſelbſtredend: jeder Arbeiter ſoll ſeines Lohnes gewiß ſein, und wenn ein Bild mit noch ſo großer Liebe entworfen und ausgeführt wird, ſo iſt es doch für den Maler die angenehmſte Perſpektive, es durch Kauf in gute verſtändige Hände übergehen zu ſehen, und hiezu die Vermittler zu ſpielen, ſchienen ſich die Kunſtvereine anfänglich zu ihrer Aufgabe machen zu wollen. Aber auch darin haben viele derſelben ihr Wort nicht gehalten; ſtatt als deutſche Kunſtfreunde die deutſchen Künſtler zu unterſtützen, könnten wir Vereine namhaft machen, die bei ihren Ankäufen über die Hälfte belgiſche und franzöſiſche Bilder erwarben, und bei ihren Ausſtellungen den ausländiſchen Malern Rechte einräumten, die leider ohne Recipro⸗ cität blieben. So verſendet z. B. ein Pariſer Maler durch ganz Deutſchland nach Wien oder Königsberg portofrei ſeine Bilder unter der Adreſſe des betreffenden Kunſtvereines, welcher dafür beſorgt iſt, daß das zugeſandte Bild ausgepackt und aufgeſtellt wird; der deutſche Künſtler dagegen kann es kaum erlangen, daß von der Grenze des betreffenden Landes ſein Bild ohne Koſten bis an den Ausſtellungs⸗ platz geht, dort aber muß er für einen Kommiſſionär ſorgen, der das Bild in Empfang nimmt und das Weitere beſorgt. Nach dieſer zweiten Sitzung war das gemeinſchaftliche Mittageſſen in den geräumigen Sälen des Badehauſes ſelbſt arrangirt und verlief unter den mannigfaltigſten Toaſten ebenſo heiter wie das geſtrige. Da ſich das Wetter heute ſchon beſſer anließ, ſo war eine allgemeine Partie von Aßmannshauſen über den Niederwald auf die Roſſel und auf den Apollotempel und von da nach Rüdesheim verabredet worden, — — 6 — deutſcher bildender Künſtler. 235⁵ von der ſich, glaube ich, nicht ein einziger der Anweſenden ausſchloß. Und ſo zogen denn die luſtigen Völker Arm in Arm, ſingend und lachend vom Badehaus nach den Ufern des Rheins, wo eine große Menge Nachen bereit lag, in welche ſich die Geſellſchaft theilte. Ob einer oder der andere ein wenig ſtärker beladen war oder einen mehr oder minder geſchickten Steuermann aus der Künſtlerſchaft ſelbſt hatte, darauf wurde gerade nicht beſonders geſehen, woher es denn wohl kam, daß mancher Nachen tüchtig ſchwankend ſich in eigenthümlichen Schlan⸗ genlinien fortbewegte und Fährleute und Steuermann große Anſtren⸗ gungen machten, um Scylla und Charybdis zu vermeiden: Scylla das Bingerloch mit ſeinen ſtrudelnden Untiefen nämlich, und Charybdis ein paar ſich raſch folgende Dampfer und Remorqueurs. Eins der Boote zeigte dabei einen bedenklichen Leck und alle Hand mußte an die Pumpen, d. h. das Waſſer mit den Händen ausſchöpfen, um Aßmanns⸗ hauſen glücklich zu erreichen. Hier am Ufer war nun wohl die ganze Einwohnerſchaft verſam⸗ melt mit den getreuen Laſtthieren, kleinen Pferden und Eſeln, aufs Mannigfaltigſte und Abenteuerlichſte geſattelt und geſchirrt, und man hatte ſich nicht geringe Mühe gegeben, um die ganze Künſtlerſchaft beritten zu machen. Der drängte ſich zu einem Eſel durch, dieſer zu einem Pferde. Dabei wählte man hier ein Thier mit altem engliſchem Sattel, dort eines, deſſen überzogener Reitſitz, vorn und hinten hoch aufgepolſtert, an die Rüſtzeuge des Mittelalters erinnerte; Steigbügel wurden probirt und Zügel ſo ernſthaft betrachtet, als gälte es weniger eines harmloſen Rittes über die Berge als des Angriffs auf irgend einen feindlichen Volksſtamm. Sowie ein Trupp beritten war, ſo machte er ſich unter lautem Halloh, unter Hurrahrufen und Singen auf den Weg. Es war ein komiſcher, ergötzlicher Anblick, die man⸗ nigſaltigen Reiter zu ſehen, ſich ſelbſt und andere karrikirend, auf den armen Thieren, die ihr Möglichſtes thaten, ihre ſteifen Beine mit dem friſchen Muth ihrer Beſteiger in Einklang zu' bringen. Dabei habe ich Eſel geſehen, die mit wackelnden Ohren förmlich trabten, und Die erſte Verſammlung Pferdchen, die es zu einem wirklichen ſichtbaren Galopp brachten. Wie eine Karawane zog ſich der Reiterzug ſchon gleich zu Anfang weit auseinander und nahm ſich in den Schlangenwindungen des Berg⸗ pfades allerliebſt und maleriſch aus; dabei tönten luſtige Lieder und lauter, herzlicher Zuruf, wenn man einen Freund einholte, den man ſeit dem Ausritte vermißt, kurz es war ein luſtiger Zug lebensfroher, gemüthlicher Leute, wie ſie der alte Niederwald gewiß lange nicht geſehen. Am Jägerhauſe ſammelte ſich das wilde Heer und über hundert Stimmen riefen nach Kaffee. Daß dieſes ſehr angenehme Getränk hie und da einem Glücklichen zu theil wurde, habe ich für meine Perſon gerochen und am Klappern der Taſſen entnommen; trotzdem aber ſo⸗ gleich bei der Ankunft ein Kaffepräſident, ſowie ein ditto für Milch und Zucker ernannt wurden, gingen doch die meiſten leer aus und mußten ſich mit dem guten Willen der Wirthsleute begnügen, die treppauf und ab ſtürmten, um nur einem kleinen Theil der Forderun⸗ gen gerecht werden zu können.. Vom Jägerhauſe erreichten wir in weniger Zeit den Apollotempel auf der Höhe des Niederwaldes über Rüdesheim gelegen mit ſeiner großartigen und wunderherrlichen Ausſicht auf das hier ſo weite und majeſtätiſche Rheinthal. Wer im Jägerhaus keinen Kaffee erhalten hatte, konnte ſich hier an Pfirſichen und guten Weintrauben erlaben, die in ziemlicher Menge zum Verkauf ausgeboten wurden. Abwärts war der Anblick des Reiterzuges eigentlich noch komiſcher als aufwärts, denn hier iſt es ſchon leichter, eine heroiſche Haltung anzunehmen, wogegen der Sitz manches Reiters hinunter auf ſteilem Wege mit zu⸗ rückgelegtem Oberkörper, die Fußſpitzen faſt an den langen Eſelsohren haltend, alles ritterlichen Anſtandes entbehrte. Vor Rüdesheim wurde übrigens Sitz und Haltung corrigirt, und als man ſo einzog, froh und heiter, als die Hufe der Thiere in den engen Straßen gewaltig klapperten und die kräftigen Geſtalten der Reiter keck an den Häuſern hinauf ſchauten, da bin ich überzeugt, daß deutſcher bildender Künſtler. 237 die Einwohner einen guten Begriff bekamen von den deutſchen Künſt⸗ lern, die in Bingen zuſammengekommen, um wegen ihres guten Rech⸗ tes zu tagen. Die Nachen, welche uns nach Aßmannshauſen gebracht, hatten ſich hier wieder eingefunden, und es war ſchon ganz dunkel geworden, als wir uns einſchifften, um ans andere Ufer zurückzukehren. Vorher war noch manches Glas Rüdesheimer verſucht worden, die Genoſſen munter und froh geſtimmt, und ſo war es denn leicht erklärlich, daß bald eine kräftige Stimme ein bekanntes Lied anhob, worein die An⸗ dern jubelnd einfielen. Daß es grade das Lied von der Lorley war, gab ſich, wie ich glaube, von ſelbſt, denn war es doch um uns her grade ſo, wie es der Fiſcherknabe geſehen, als er das Lied der ge⸗ fährlichen Schönen vernommen. Die Luft iſt ſtill und es dunkelt Und ruhig fließet der Rhein, Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendſonnenſchein. Es war eine prächtige nächtliche Fahrt, und um der heitern Scene ihre Vollendung zu geben, fehlte nur noch Fackelſchein, der denn auch mit einemmale improviſirt wurde und darum um ſo gelun⸗ gener erſchien. Gott weiß, woher die Menge von Journalen und Zei⸗ tungen kamen, die nun plötzlich aus allen Rocktaſchen hervorgezogen, zuſammengedreht und angezündet wurden; ich glaube, um unſer Schiff loderten zuerſt die dunkelrothen Flammen, und dieſe phantaſtiſche Be⸗ leuchtung wurde von denen in den andern Nachen jubelnd bemerkt und nachgeahmt. So ſchwammen wir leuchtend und beſtrahlt im röthlichen Rheine, umtanzt von unzähligen Stücken halbverbrannten Papiers, das über Bord geworfen wurde, nach Bingen und erreichten das Ufer, als es hundertſtimmig, vielleicht nicht ohne Bedeutung, über den ſtil⸗ len Rhein hinüberſchallte: Die erſte Verſammlung Ueber's Jahr, über's Jahr, wenn i wiederum komm, Kehr' i ein, mein Schatz, bei dir. Der heitere Abend wurde ebenſo heiter mit einem gemeinſchaftli⸗ chen Nachtmahle in den Sälen des Badhauſes beſchloſſen, wo zwang⸗ loſer Scherz und ächter Künſtlerhumor aufs Freieſte waltete. Jeder Augenblick brachte für den Zuhörer und Zuſchauer eine neue Ueber⸗ raſchung; originelle Figuren, trotz des Wenigen, was man finden konnte, aufs zweckmäßigſte koſtumirt, ließen ſich ſehen, führten Scenen auf und deklamirten. Ja ſpäter wurde quer durch eine Seite des Saals vermittelſt zuſammengerückter Tiſche eine förmliche kleine Bühne gebildet, wo Räuberſcenen, Bekanntes parodirend, mit köſtlichem Hu⸗ mor ſpielten, wo deklamirt wurde und wo man berühmte Virtuoſen in ſchrecklicher Wahrheit karrikirt erſcheinen ſah. Es war ſpät, als man ſich trennte, aber alle geſtanden, einen köſtlichen Abend verlebt zu haben. In der am nächſten Morgen ab⸗ gehaltenen dritten und ketzten Sitzung wurde der Beſchluß gefaßt, Frankfurt am Main als Verſammlungsort, ſowie als Ausſtellungsort für das nächſts Jahr zu beſtimmen. Dieſer Beſchluß hat nun zwei ſehr verſchiedene Seiten. Wenn es am Ende für jeden der Theilneh⸗ mer und Ausſteller angenehm ſein wird, zugleich in der Stadt, wo die Bilder zuſammen kommen, auch die Freunde zu finden und mit ihnen ein paar Tage vergnügt zu verleben, ſo iſt Frankfurt als große Stadt, welche ſich durch den Zuſammenfluß vieler Fremden ganz vor⸗ trefflich zur beabſichtigten großen Ausſtellung eignet, zu dem andern Zwecke eines Beiſammenlebens der Künſtler wis hier in Bingen durch⸗ aus nicht paſſend. Dazu iſt Frankfurt zu groß; man wird ſich dort zerſplittern, man wird vielleicht in den Berathungsſtunden zuſammen kommen, um ſich alsdann hierhin und dorthin zu verlieren. Man hätte auch zur zweiten Verſammlung eine kleine Stadt wählen ſollen; die erſte nach Bingen zu verlegen war eine vortreffliche Idee des Düſ⸗ ſeldofer Comités. Hoffen wir, daß darin noch etwas geändert wer⸗ 88 deutſcher bildender Künſtler. 239 den kann, und wenn Frankfurt auch für die große Ausſtellung bleibt, ſich die deutſchen Künſtler, die nächſtes Jahr wohl noch viel zahlreicher erſcheinen werden, in einer nicht ſo geräuſchvollen ausgedehnten Stadt finden mögen. Für das heutige gemeinſchaftliche Mittageſſen im Badhaus fehlte es nicht an angenehmen Ueberraſchungen. Profeſſor Ruſtige von Stutt⸗ gart erbob ſich und ſprach folgenden launigen Toaſt: Ihr Düſſeldorfer wart gar ſchlau, Daß ihr uns rief't nach Bingen, Hier muß, das wußtet ihr genau, Das Künſtlerfeſt gelingen. Hier, wo vereint die Nahe und Der Rhein zuſammenlaufen, Bis ſie im fernen Meeresgrund Vor lauter Lieb' verſaufen. Hier, wo der Sonne erſter Koch Das Rebenblut bereitet Und ſelbſt das enge Bingerloch Dem Schiffenden ſich weitet. Hier, wo man voll Barmherzigkeit Gern jede Blöße decket, Und in ein nagelneues Kleid 1 Den Mauſethurm geſtecket. Hier, wo der Durſt'ge ſeinen Brand In wenig Geld ertränket, Dieweil das kleine Heſſenland Die größten Schoppen ſchenket. 240 Die erſte Verſammlung Hier, wo— doch was ich ſeh' und hör', 's iſt alles zum Entzücken! Auf, Brüder, trinkt die Gläſer leer Und laßt die Hand uns drücken. Dem Künſtlerbund dies Glas und topp! Dem Binger— dieſen Schoppen, Damit uns ſeine alte Klopp Die Bilder hilft verkloppen. Das Bingener Feſtcomité, welches überhaupt alles gethan, um den Fremden den Aufenthalt angenehm zu machen, hatte uns auch noch eine weitere Ergötzlichkeit bereitet. An den beiden vorhergehenden Ta⸗ gen hatten einige Muſikanten mit Violine, Clarinette und Contrebaß ihre harmloſen Weiſen aufgeſpielt, heute aber erſchallte mit einemmale rauſchende Militärmuſik, und eine Abtheilung der öſterreichiſchen Bande aus Mainz marſchirte geſchloſſen in den Saal und erhöhte die Luſtig⸗ keit der Tafelnden zu lautem Jubel. Dabei war es eigentlich traurig anzuſehen, wie unſer armes bisheriges Orcheſter mit einem wehmüthi⸗ gen Akkorde plötzlich abbrach, ſeine Noten und Inſtrumente zuſammen⸗ packte und ſich vor den rauſchenden Klängen der neu Angekommenen ſtill aus dem Saale ſchlich— ein treues Bild unſerer gegenwärtigen Zeit. Leutze aus Düſſeldorf dankte dem Bingener Comité in beredten Worten für dieſe neue Aufmerkſamkeit, worauf Herr Kreisrath Parcus im Namen der Uebrigen noch einmal ſeine Freude darüber zu erken⸗ nen gab, daß die deutſchen Künſtler Bingen zu ihrem Verſammlungs⸗ ort gewählt.—„Um aber auch,“ ſetzte er hinzu,„die Damen der Stadt, die bisher dem feſtlichen Treiben theilnehmend von ferne zuge⸗ ſchaut, nicht ganz auszuſchließen, habe das Bingener Comité für heute Abend einen Ball arrangirt, wo Fröhlichkeit ohne Zwang und ſtrenge Formen herrſchen ſollte.“ Dieſe Eröffnung wurde mit außerordentli⸗ chem Jubel entgegengenommen, und als ſich bald darauf nach been⸗ 1 deutſcher bildender Künſtler. 241 digter Tafel die ganze Künſtlerſchaft in geordneter Reihe, Fahne und Muſik voran, durch die Straßen der Stadt nach der Rochuskapelle begab, wurde der Dank für den freundlichen Entſchluß der Bingener Damen manch ſchöner Repräſentantin derſelben, die ſich am Fenſter ſehen ließ, durch lautes Hurrah dargebracht. In einem einſam ſtehenden Hauſe auf der Höhe der Rochuskapelle mit Gärtchen und Veranda wurde Halt gemacht und Kaffee genommen. Wer an die Geſchirre ſelbſt keine übermäßigen hier gewiß ungerecht⸗ fertigten Anſprüche ſtellte, konnte ſchon zufrieden ſein; für die Löffel ſah man ſehr idylliſche Surrogate, dafür herrſchte aber eine Unmaſſe von Luſt und Heiterkeit, und bei den Klängen der rauſchenden Mili⸗ tärmuſik verfloſſen die Stunden wie Minuten. Bald ſetzte man ſich wieder in Bewegung und zog hinüber zur Rochuskapelle, wo ſich die ganze Verſammlung am Abhange eines Berges in einer muldenförmi⸗ gen Vertiefung lagerte. Das war ein prächtiger Anblick, die kräftigen Geſtalten in allen Stellungen hier ruhen zu ſehen, begeiſtert von dem Feſte überhaupt und hier noch beſonders durch den ſchönen Abend und die weite, wunderbare Ausſicht von der Bergeshöhe, auf der wir uns befanden. Schimmernd und glänzend in Duft und Abendſonnenglut lag das Rheinthal vor uns, und während der majeſtätiſche Fluß ſelbſt oberhalb noch hell beſtrahlt war, waren die Felſen um Bingen mit dem Mäuſethurm ſchon in tiefe Schatten gehüllt, und aus dem ein⸗ geſchloſſenen Keſſel dort ſchienen ſchwarze Dämpfe aufzuſteigen, die als nächtlich dunkle Wolken mit der glühenden Sonne um die Herrſchaft rangen. Einen ſolch ſchönen Abend auf den Bergeshöhen am Rhein zu genießen, iſt an ſich ſchon etwas werth; daß er aber tauſendfach ſchö⸗ ner iſt, wenn der letzte Strahl der Sonne den funkelnden Wein im Glaſe vergoldet, hatte unſer freundlicher Wirth, Baron von Landy, deſſen Villa ſich am Fuße des Berges, auf dem wir lagerten, befindet, tief empfunden.— Und auf einmal erklommen zwei kräftige Geſtalten Hackländers Werke. XXVI. 16 Die erſte Verſammlung die Anhöhe, an einer Stange ein mächtiges Faß Wein tragend, das mit Blumen bekränzt war— es war das wie ein verkörperter Klang aus dem Nibelungenlied. Auf dem noch hellen Abendhimmel zeich⸗ neten ſich die Conturen der Träger ſcharf ab, und ſie und ihre Laſt wurden mit lautem Jubel begrüßt. Dem erſten Faß folgte bald ein zweites, Gläſer waren zahlreich vorhanden, man trank den funkelnden Wein, man bekränzte ihn mit Farrenkräutern und wilden Eriken, lu⸗ ſtige, ſehr improviſirte Toaſte folgten einander, man ſtieß an auf das Wohlſein der Lieben zu Hauſe, ſowie der Freunde in der Ferne, und die Muſik, welche auch ihr reichlich Theil bekam, ſpielte: Heil dir im Siegeskranz und: Gott erhalte unſern Kaiſer. Nachdem ſich der Himmel gänzlich verdunkelt, trotzdem aber man⸗ ches Auge heller ſah, zog man von der Rochuskapelle hinab nach dem Parke der Villa Landy und durch denſelben an das Wohnhaus, wo man durch die Vorſorge des Bingener Comités Fackeln fand, welche nun angezündet wurden, und nachdem ſich die ganze Verſammlung in wohlgeordneten Reihen vor die Haupttreppe der Villa begeben, brachte man dem freundlichen gaſtfreien Beſitzer, ſowie der liebenswürdigen Hausfrau ein dreifaches donnerndes Lebehoch. Fackellicht hat einen eigenen Reiz, wenn man die rothen Flammen auflodern ſieht, hoch hinauf ſendend Qualm und Dunſt, der die Gegenſtände, welche die Glut unten hell und deutlich ſehen laſſen, oben nur in ungewiſſen phantaſtiſchen Umriſſen durchſchimmern läßt; hier aber machte ſich der Anblick des wohl geordneten Fackelzuges, wie er durch die Schlangen⸗ pfade des Parkes ſich abwärts dem Rheine zu bewegte, außerordent⸗ lich maleriſch und ſchön. Durch die verſchiedenartigen Biegungen der Wege ſchienen jetzt die Fackellichter ohne Ordnung durcheinander zu tanzen, um ſich gleich darauf, wo der Weg grade lief, wieder als langer, glühender Streifen zu zeigen. So ging es hinab zum Rheine, wo an zwanzig Boote bereit lagen, um die Geſellſchaft nach Bingen zurück zu bringen; laut hallten die Klänge der Muſik von dem ſtillen Waſſer und den aufhorchenden Bergen zurück, und von Flammen um⸗ deutſcher bildender Künſtler. 243 ſpült, magiſch rothe Glut ausſtrahlend, die das Waſſer ſpiegelnd zu⸗ rückwarf, glitten die Fahrzeuge hinab. Wirklich prachtvoll ſah es aus, als ſich zahlloſe Pechkränze entzündeten, die unabhängig von den Schiffen auf dem Waſſer ſchwammen, nun vor, hinter und neben den Nachen durch einander loderten. Der heutige Abend war eine wür⸗ dige Beſchließung des dreitägigen Feſtes. Eigentlich müßte man den Ball im Badehauſe als Schluß erwähnen, doch wenn man auch dort ſchöne Frauen und Mädchen in hübſchen Toiletten ſah, ſo war es doch eben nur ein Ball, wie ein anderer auch. Das Feſt der Künſt⸗ ler hatte mit dem Fackelzug geendet, der ſich nach der Ankunft in Bingen noch vor das Rathhaus begab, wo dem Gemeinderathe von Bingen nochmals der beſte Dank der anweſenden Fremden in herzli⸗ chen Worten dargebracht wurde. Abends drückte man den Freunden, die ſich am andern Morgen nach verſchiedenen Richtungen hin zer⸗ ſtreuen würden, zum Abſchiede nochmals die Hand und geſtand ſich dabei, daß das Feſt ein wohlgelungenes geweſen ſei und aus dem erſten glänzenden Anfange auch herrliche Früchte für das allgemeine Beſte deutſcher bildender Künſtler tragen werde. Wir, die Gäſte der Villa Landy, hatten noch eine kleine Nach⸗ feier, für die ich dem freundlichen Wirthe, ſowie der liebenswürdigen Wirthin noch ein paar Worte des Dankes ſagen muß. Eine Anzahl der Bekannten, welche am frühen Morgen noch nicht abgereist waren, fanden ſich in dem uns ſo wohl bekannten Glashauſe zu einem ge⸗ meinſchaftlichen Frühſtücke zuſammen; wir gedachten nochmals der ver⸗ gangenen Tage, und in den ausgeſprochenen herzlichen Dank miſchte ſich ein kleiner Ton der Wehmuth. Die Stunden der Freude ziehen ſo ſchnell vorüber und das Leben iſt ſo kurz. Um zu guter letzt auch die tiefunterſten Räume des gaſtlichen Hauſes, die uns ſo viel ſchönes geliefert, perſönlich kennen zu lernen, zogen wir, vom Hausherrn ge⸗ führt, in die Keller, die von einer Sauberkeit und Ordnung waren, wie ich nie etwas geſehen; dabei waren ſie heute feſtlich geſchmückt, jedes Faß mit einem Lichte beſteckt, und ſo bildeten die langen Rei⸗ 244 Die erſte Verſammlung deutſcher bildender Künſtler. hen derſelben eine überraſchende Illumination. Ueberdem waren die edlen Sorten und guten Jahrgänge noch mit Blumengewinden geziert, und in ihrer Nähe hielt ſich der Kellermeiſter mit Gläſern und Heber bereit, um die Proben abzugeben. Es waren köſtliche, rein gehaltene Tropfen, die wir hier in dem Keller der Villa Landy tranken; ich ſage der Wahrheit gemäß Tropfen, denn wer einen rheiniſchen Keller kennt, wird ſich wohl hüten, die Scharlachberger, die Aßmannshäuſer und die Rüdesheimer Hinterhäuſer hier unten glasweiſe zu verſuchen. Was wir denn ſo auch mäßig genoßen, erhöhte die angemeſſene Heiter⸗ keit, und ſo ſchieden wir denn eine Stunde ſpäter froh, heiter, dank⸗ bar geſtimmt von dem gaſtlichen Dache. Als wir auf dem Rheine gegen Rüdesheim fuhren, blickten wir noch lange zurück nach der Villa Landy; ſie war uns und den Ge⸗ noſſen, eingedenk des geſtrigen Tages, zu einem Glanzpunkt des Feſtes geworden, und ich glaube, jeder von uns, wenn er ſpäter einmal wieder den Rhein hinabfährt, wird die weißen Gebäude und zackigen Mauern aufs freundlichſte grüßen, wenn er ſich Bingen nähert, der lieben Stadt am Rhein, die ihre Thore ſo herzlich geöffnet der erſten Verſammlung deutſcher bildender Küſtler. Der Clubb für unbegränzte Freiheit. 5 Das kleine unſcheinbare Haus, in welchem ſich die kleine unſchein⸗ bare Kneipe befand, von der wir unſerm Leſer erzählen wollen, ſtand an den Ecken zweier kleinen Gäßchen, wo weder Sonne noch Mond hineinſchien. Die beiden Himmelslichter machten wohl hie und da den ſchüchternen Verſuch, in dieſen dunkeln, feuchten Winkel zu ge⸗ langen; doch mochte es ihnen da unten zu finſter und unheimlich ſein, denn ſie ſtreiften nur ſo oben an den ſchwarzen Giebeln der Häuſer vorbei und verſchwanden bald wieder. Dieß Eckhaus nun, vor welchem, als Wirthshausſchild ein gelber, vertrockneter Buſch prangte, war klein, zweiſtockig und litt unzweifelhaft an erſchreckender Altersſchwäche. Die Mauern waren grau, und da die Dachrinne zerbrochen war, ſo hatten Regen und Schneewaſſer ganz geheimnißvolle Hieroglyphen auf das Haus hingeworfen. Der Eingang war nie verſchloſſen, und nur in den Stunden von Morgens 2 bis 6 Uhr wurde eine geweſene Thür vor den Eingang gelehnt. Dieſer Eingang führte auf eine enge und gänzlich finſtere Hausflur und in eine Art Vorzimmer, hinter welcher das Gaſtzimmer war. 4 Dieſes ganze untere Apartement war früher einmal ein Stall ge⸗ weſen und erſt ſpäter zu wohnlichen Zwecken eingerichtet worden. Da ſich aber ſtatt der Fenſter nur kleine Luftlöcher dort befanden, ſo eta⸗ 248 Der Clubb für unbegränzte Freiheit. blirte der Hausherr eigenhändig eine kleine Weinkneipe, ein Geſchäft, zu welchem das Tageslicht vollkommen überflüſſig iſt; denn erſt wenn es draußen anfängt zu dunkeln, wird's innen hell. In früherer Zeit wurde das Local mit Talglichtern erleuchtet, als aber das Gaslicht überhand nahm, wurde in die Mauer ein Loch gebrochen, von Außen eine bleierne Röhre hineingezogen, dieſelbe an der Wand und Decke durch Nägel feſtgemacht, zwei Schuh vor letzterer unten umgebogen, ein kupferner Brenner hineingeſteckt— ſo— und der Kronenleuchter war fertig. Wenn Abends das Gaslicht angezündet wurde und die ewige Dämmerung aus dem Zimmer verſchwand, ſo war es, als zöge ein tiefer Seufzer bei den trüben Wänden vorbei; der alte Hund hinter dem Ofen ſchüttelte ſich, ſtreckte die Naſe empor und meinte, es würde Tag.— Durch den finſtern Gang trat man in das Vorzimmer, die Wohnſtube des Wirthes und Hausbeſitzers. Hier war ein großes, zweiſchläfriges Bett, ein paar hölzerne Stühle, ein Ofen, um denſelben ein großer verblichener Papierſchirm, auf welchem Adam und Eva im Naturzuſtande und ſämmtliche Thiere, wie ſie im Paradieſe luſtwandeln, gemalt waren. Da die Gäſte allemal durch dieſes Vorzimmer mußten, ſo zog ſich der Wirth mit ſeiner Frau am Abend hinter dieſen Schirm am Ofen zurück, und die beiden alten Leute blieben, bis der Letzte der Gäſte heimwankte. Der Wein wurde in das Gaſtzimmer in ein paar großen ſteinernen Krügen hingeſtellt, aus welchen ſich die Gäſte bedienten, nachher die Zeche ſelbſt berechneten und das Geld auf dem Tiſche zurückließen. Aus dieſer Einrichtung kann man erſehen, daß das Local nur von Stammgäſten beſucht wurde. Dieſe Stammgäſte nun gingen bei dem großen Ofenſchirm vorbei und jeder derſelben klopfte mit der Hand daran, und das war ein Zeichen für den Wirth, daß ein guter Bekannter eintrat; wenn aber zufälliger Weiſe Jemand in das Gaſtzimmer kam, der den Schirm nicht berührte, ſo ſtreckte der Wirth ſeinen Kopf oben hinaus und verſicherte den fremden Gaſt, das Zimmer ſei für heute Abend an einige gute Bekannte vermiethet. Der Clubb für unbegränzte Freiheit. 249 Man wird uns fragen, welche Klaſſe von Menſchen hier zuſammen⸗ kam, ob es ein geheimer Clubb war, ob hier Verſchwörungen angezettelt wurden, ob man hier, verborgen vor den Augen der Polizei, hoch ſpielte, und es wäre eigentlich ſehr intereſſant für uns, wenn wir etwas derartig bejahen könnten und dadurch Hoffnung gäben, daß eine ſchauer⸗ liche Geſchichte hier paſſirt ſei. Leider ſind wir nicht ſo glücklich: Hieher kamen keine Landſtreicher und ſonſtige Vagabunden, keine Diebe oder Mörder, nicht einmal Verſchwörer, es fielen hier wohl zuweilen ſchreckliche Redensarten, aber im Ganzen waren es harmloſe Leute, die hier in der Kneipe zuſammenkamen und von denen die meiſten am andern Morgen in ihren Geſchäften ganz anders ſprachen, wie Abends hinter dem Weinglaſe! 4 Was aber geſchah hier im Dunkel der Nacht?———— Hier verſammelte ſich allabendlich der Clubb für unbegränzte Freiheit. Hier wurde politiſirt: das Wohl Deutſchlands, das Wohl der ganzen Welt berathen. 4 Die Glocke ſchlägt ſieben, ein ſchwerer Tritt in der Hausflur, ein ſchwerer Schlag an den Ofenſchirm, eine tiefe Baßſtimme ſagt:„guten Abend“ und geht in's Wirthszimmer. Es iſt ein großer breitſchulteriger Mann, der eingetreten iſt, auf ſeinem Geſicht liegt ein roſiger Schein, aber nicht der Schimmer der Jugend, eine Röthe, dem Nordlicht ver⸗ gleichbar, deren Centrum die Naſe iſt. Dieß Geſicht iſt eingefaßt mit einem großen Bart, alle Unterabtheilungen dieſes männlichen Schmuckes, Schnauz⸗, Backen⸗, Knebel⸗ und Kinnbart zu einem wirren Ganzen zuſammengewachſen; der Mann ſieht unter ſeinem grauen Hut mit Hahnenfedern ganz fürchterlich aus, er trinkt ein großes Glas Wein auf einen Zug aus, ſtellt ſich vor die Bildniſſe von Robert Blum und Hecker, die an der Wand hängen, einen Augenblick hin, ſeufzt tief auf; dieſer Seufzer aber klingt wie ein leiſes Brüllen, er murrt etwas von verrathener Freiheit und ſetzt ſich nieder. 8 Nach ihm ſäuſelt eine leichte Geſtalt durch die Flur, berührt ganz 4 leicht den Schirm und bleibt unter der Thür des Gaſtzimmers einen 250 Der Clu bb für unbegränzte Freiheit. Augenblick ſtehen; es iſt ein ſchmächtiges Männchen mit einem frommen Geſicht, das ſich aber mühſam den Anſchein gibt, ingrimmig auszu⸗ ſehen, es vergräbt das Kinn in die Halsbinde, ſchiebt den Hut ver⸗ wegen auf ein Ohr: Alſo hieher hat ſich das Bischen übrig gebliebene Freiheit geflüchtet, hier müſſen wahre Vaterlandsfreunde tagen, ver⸗ borgen vor der Welt in einem dürftigen Winkel der Erde! Ach, es iſt ſchauerlich! Darauf ſalutirt er vor dem Portrait Heckers und ſetzt ſich an den Tiſch. Der Andere ſchenkt ihm wenig Aufmerkſamkeit, ſtützt den Kopf auf beide Arme und ſtößt dichte Rauchwolken aus ſeiner Cigarre.— Eine dritte behäbige Figur ſchiebt ſich jetzt ins Zimmer, trommelt ein paar Takte auf den Ofenſchirm und ſchaut mit einem wohlge⸗ nährten freundlichen Geſichte hinter denſelben:— Guten Abend, Alter, wie geht's?— dann tritt ſie ins Gaſtzimmer und läßt ſich nieder, nachdem ſie dem Hecker pfiffig lächelnd zugewinkt. 8 So erſcheint nach und nach die ganze Geſellſchaft, bunt gemiſcht, aber die Meiſten anſtändig ausſchauend. Viel Bartwerk iſt vorhanden, viele rothe Hahnenfedern und ſchwarz⸗roth⸗goldene Bänder. Der Krug macht den leeren Gläſern tiefe Complimente und bald geht ein leb⸗ haftes Geſpräch durch's Zimmer. Der Zweite, der vorhin eintrat, die kleine luftige Geſtalt, ein Handſchuhmacher, taucht nun ſein Geſicht ſo erſchrecklich tief in die Halsbinde hinab, daß nur die funkelnden Augen herausſchauen, und deklamirt: Die Freiheit, ſie iſt ein leerer Wahn; worauf der Mann mit der rothen Naſe, der zuerſt eintrat, ingrimmig aufſchaute. Was iſt ein leerer Wahn? brüllt er. Die Freiheit? Wer wagt zu behaupten, daß die Freiheit ein leerer Wahn iſt? Ich ſagte: k⸗ ein leerer Wahn, aber Sie wiſſen ja, ich kann das K nicht gut ausſprechen. Ja ſo, kein leerer Wahn. So ſprechen Sie künftig deutlicher. Aber das iſt der Fluch des Sklaventhums und der Unterdrückung, daß A— A— Der Clubb für unbegränzte Freiheit. 251 der freie Mann an ein freies Wort nicht mehr gewöhnt, ſogar eine ſklaviſchliſpelnde Ausſprache angenommen hat. Der dicke Mann, ein Spezereihändler, ſtieß ſeinen Nachbar klug lächelnd an, als wollte er ſagen: der hat's, jetzt kann's losgehen. Dieß ſchien auch ein junger Menſch mit bleichem Geſicht und langem blondem Haar zu fühlen, denn er ſchrie, nebenbei— um ſich bei der rothen Naſe in Reſpekt zu ſetzen: Es lebe der Hecker! Und Alle tranken ihre Gläſer aus, Einige mit ſchwärmeriſchem Blick an die Wand hin, Andere ſchüchtern auf ihre Naſenſpitze ſehend. Die rothe Naſe verbeugte ſich dankend, als ſei ſie der Hecker, mur⸗ melte dabei aber von Reactionären und politiſchen Feiglingen, wobei ſie namentlich den Gewürzkrämer und ſeinen Nachbar ſcharf anſah, worauf der erſtere mehrere Gläſer Wein haſtig hinabſtürzte, wie er hier allabendlich zu thun pflegte, um ſich in eine muthvolle Stimmung zu verſetzen und damit er Widerſtand zu leiſten vermöge den Be⸗ mühungen, ihn auf die äußerſter Linke hinüberzuziehen; denn der Spe⸗ zereihändler war, im Vertrauen geſagt, äußerſt conſervativ, ja etwas reactionär. „Meine Herren,“ ſprach die rothe Naſe,„was ſind wir denn eigent⸗ lich, daß man es wagt, uns tagtäglich in den Staub zu treten, daß man uns unſere koſtbarſten Freiheiten vorenthält? Was heißt Deutſch? Was heißt Deutſcher? Heißt Deutſcher etwa ſo viel, als ein Individuum, ein Weſen, das dazu gemacht iſt, und erſchaffen wurde, um Fußtritte auszuhalten, um Stockſchläge zu empfangen, ein Reibeiſen, an dem Jedermann die Schuhe abputzen darf, ein Geſchöpf der Finſterniß, dem nie der roſige Morgen der Freiheit tagen ſoll? Ich wenigſtens dulde dieſe Knechtung nicht länger. Ich will kein Sklave ſein. Ich will mich nicht krümmen unter den Fußtritten der Gewaltigen. Ich will mir die Freiheit mit meinem Herzolut erkaufen, ich will ein freier, deutſcher Mann ſein.“ Auf dieſe glänzende Rede ließ ſich ein vielſtimmiges Bravo hören. Nur der Spezereihändler ſtützte ſeine Arme auf den Tiſch und wollte der 252 Der Clubb für unbegränzte Freiheit. rothen Naſe in die Rede fallen. Aber die rothe Naſe war im Zug wie eine überheizte Lokomotive und fuhr ſauſend und ſchnaubend fort: „Was iſt Freiheit? Iſt das bischen Preßfreiheit Freiheit? Iſt ein volksthümliches Miniſterium Freiheit? Iſt Oeffentlichkeit und Münd⸗ lichkeit, iſt Vereinsrecht Freiheit? O nein! Das verſteht ſich Alles von ſelber, denn da der freie Mann Alles das thun kann und ſoll, was ihm beliebt, ſo fallen ihm dieſe Lappalien, dieſe Brocken, die man ihm wie dem hungrigen Hunde hinwirft, von ſelbſt zu. Der wahre freie Mann iſt der, der wahrhaft frei iſt, und der wahrhaft frei iſt, das iſt ein freier Mann! Aber Ihr Alle,“ dieß ſprach der Mann mit unbe⸗ ſchreiblichem Pathos,„ſeid Geknechtete, Unterdrückte, ſeid Sklaven!“ Jetzt war der kleine Spezereihändler nicht länger zu halten. Zuerſt brach er in ein lautes Lachen aus, das höhniſch klingen ſollte. „Hör' mir einer an,“ ſagte er dann, nich ſei ein Sklave, wagen Sie zu behaupten. Ich ſei ein Gefeſſelter, Unterdrückter? Weßhalb bin. ich ein Sklave? Kann ich nicht thun und laſſen, was mir beliebt? Habe ich nicht Alles errungen, was man erringen kann? Und dann,“ ſetzte er in einem etwas weinerlichen Tone hinzu,„begreife ich eigentlich nicht, warum ich mich in den Clubb für unbeſchränkte Freiheit habe aufnehmen laſſen, damit man mich jeden Abend auf's Allerſcheußlichſte herunterſchimpft! Und damit ich nicht einmal die Freiheit habe, zu ſagen, daß ich mich unter den jetzigen Einrichtungen vollkommen frei⸗ genug fühle!“ „Er hat hat ganz recht,“ ſagte leiſe ſein Nachbar, und mehrere Andere nickten ihm beifällig zu, obgleich die rothe Naſe in ihrer Wuth unzählige Gläſer Wein hinter einander austrank. „Warum,“ fuhr der Spezereihändler fort,„warum nutzt mich die Freiheit nichts, die wir einmal errungen haben? Warum, das möchte ich wiſſen?“ „Weil das keine Freiheit iſt,“ ſagte der Handſchuhmacher;„nur auf den Bergen iſt Freiheit. Ich will thun und laſſen können, was mir beliebt.“ — —y Der Clubb für unbegränzte Freiheit. Die rothe Naſe ſah den Spezereihändler mit einem Blick unbe⸗ ſchreiblicher Verachtung an; dann ſagte ſie:„Iſt ein ſtehendes Heer Frei⸗ heit? Iſt Polizei Freiheit? Sind Steuern Freiheit? Sind Capitaliſten Freiheit? Oh, Ihr ſeid blind mit ſehenden Augen. Seht Ihr denn nichts von der Reaktion, die ihr geiferndes Haupt emporſtreckt, eine rieſige Schlange, die Euch langſam, aber unfehlbar einſchnürt?“ „Ha,“ eiferte der Spezereihändler,„Reaktion, was iſt Reaktion? Wo iſt Reaktion?“ „Reaktion!“ ſagte die rothe Naſe, und warf einen mitleidigen Blick hinüber;„weßhalb gehen alle Geſchäfte ſchlecht? Weßhalb ſtockt Handel und Wandel? Weßhalb geht der brave Gewerbsmann zu Grunde?“ 3 „Das iſt keine Reaktion, das iſt ein Unglück,“ ſagte der Spezerei⸗ händler.„Die Gewerbe gehen ſchlecht, weil es an Vertrauen fehlt, nicht einmal weil es an Geld fehlt. Ich muß es am Beſten wiſſen. Wer früher den Zucker bei mir Hutweiſe kaufte, der läßt jetzt täglich einige Loth holen, und wer ein Paar neue Stiefeln ſehr nöthig braucht, der läßt heute, dennoch die alten flicken, da er nicht weiß, ob ihm die goldene Freiheit, von der Ihr immer predigt, nicht morgen die neuen Stiefel vielleicht ausziehen würde.“ „Ja,“ fiel jetzt ſein Nachbar in's Wort, der ein Möbelſchreiner war,„ſo iſt's, bei Gott, ſo iſt's! Hab' ich doch von zwanzig Geſellen nur noch zwei, und von denen iſt obendrein der eine ein Schneider, der nur Fenſtervorhänge flickt. Ja, Ihr ſeid es, die Handel und Wandel darniederdrücken, mit Eurem loſen Maul und Euern auf⸗ rühreriſchen Reden und Euern Wühlereien. Nennt mir einen einzigen Menſchen, der durch Eure fortgeſetzten Aufhetzereien was profitirt hätte. Die Steuern ſind erhöht, Arbeit gibt's keine, und wenn bei dem armen Gewerbsmann das Bischen, was er in früheren Jahren verdient hat, aufgezehrt iſt, ſo hat er Eure Freiheit errungen, dann iſt er frei, wie der Vogel auf dem Zweig, ohne Nahrung und Obdach, frei, daß ſich Gott erbarme!“ 254 Der Clubb für unbegränzte Freiheit. Der junge Menſch mit den blonden Haaren hatte ſchon mehrmals verſucht darein zu ſprechen, konnte aber mit ſeiner dünnen Stimme nicht durchdringen. „Warum,“ ſchrie er jetzt,„haben bei den ſogenannten Vornehmen und Reichen alle Feſte, Bälle aufgehört? Warum anders, als um den armen Mann zu drücken?“ „Warum?“ entgegnete der Möbelhändler,„warum ſoll der Reiche und Vornehme nach den Verluſten, die er ohnedieß erlitten, noch ſein Geld hinauswerfen, wofür er nur Undank hat? Bellt Ihr nicht mit Euerm giftigen Neid Jeden an, der einen beſſern Rock trägt, als Ihr? Was ſchreit Ihr in die Welt hinaus, wenn Ihr irgendwo ein Gaſtmahl oder einen Ball wittert? Schreit Ihr nicht über Reaktionäre, Ariſtokraten, die den Schweiß des armen Volkes verpraſſen? Und das iſt erlogen, das kommt dem Arbeiter und Handwerksmann zu gut, wären nur viele Feſtivitäten und Geſchichten, ſo ſtände es mit dem Gange der Geſchäfte beſſer. Und verpraßt Ihr nicht ebenſo den Schweiß des armen Volkes? Z. B. Sie,“ ſagte er zu der rothen Naſe,„haben da einen warmen Rock an, und einen Paletot darüber. Damit könnten Sie einen kleiden, der nichts hat. Sie trinken bei Ihrem Schreien nach Freiheit, das Ihnen natürlich die Kehle austrocknet, täglich Ihre zehn Schoppen Wein. Das würde für neun arme Familienväter langen, und es bliebe Ihnen doch noch ein Schoppen. Aber ich will darüber nichts ſagen, denn das Geld für die zehn Schoppen nimmt der Wirth ein, und das fließt wieder in eine Menge Hände und kommt Vielen zu gut.“ „Schade, Schade,“ ſeufzte der Spezereihändler,„wie unſere ſchönen Gewerbe ruinirt ſind, unſere Stadt ihrem Untergang entgegengeht! Ich ſehe ſchon die Zeit kommen, wo die Häuſer zerfallen, wo auf den Straßen das Gras wächst, und wo wir Alle eine große, große Brüder⸗ gemeinde von lauter Lumpen bilden.“ So weit war die Sache in der Ordnung, und manche Mitgliede des Clubbs für unbegrenzte Freiheit neigten ſich auf die rechte See 4 9* 255 Der Clubb für unbegränzte Freiheit. Es hätte dazu kommen können, daß die rothe Naſe und ihre Conſorten überſtimmt worden wären, und der Möbelhändler wagte ſchon den ſchüchternen Vorſchlag, der Geſellſchäft ſtatt des bisherigen den Namen: „Clubb für geſetzmäßige Freiheit“ zu geben, wodurch man für die Wohlfahrt Deutſchlands ſchon viel gewonnen hätte, und mit welcher Errungenſchaft ſich die exaltirteſten Conſervativen zufrieden geſtellt hätten. Aber da geſchah etwas, was der Sache eine ganz andere Wendung gab, und was in dem Clubb für unbegränzte Freiheit bis jetzt nicht da geweſen war. Es war nämlich 11 Uhr geworden, das Geſpräch hatte man außergewöhnlich laut geführt, und es öffnete ſich die Thür, und herein trat ein Diener der Polizei, feierlich verkündend, daß die Polizeiſtunde längſt vorüber ſei.———— Trauriger Moment! Wie wahr iſt das Sprüchwort: Gott bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich ſchon fertig werden. Die rothe Naſe, wie ſie im Begriff war zu thun, eine Rede gehalten für unbegränzte Freiheit, eine Rede, übermenſchlich ſchön, ſie hätte weder den Spezereihändler noch den Möbelſchreiner verlockt, ihren Antrag auf Aenderung des Namens in Clubb für geſetzmäßige Freiheit aufzugeben. Aber das Erſcheinen der Polizei in dieſem Augenblick, das Verkündigen der Polizeiſtunde, ſo etwas verträgt kein deutſcher Bürgersmann und Patriot. Das ſah auch die rothe Naſe ein; die rothe Naſe wußte ganz genau, daß jetzt ihre Sache die ſiegreiche ſei. Ruhig und groß ſetzte ſie ſich nieder, ruhig und groß füllte ſie ihr Glas, trank es aus und ſprach: „Freie deutſche Männer, die Polizeiſtunde iſt vprüber!“ Der junge blonde Menſch, nachdem er ſich überzeugt, daß die Polizei das Haus verlaſſen, ließ den Hecker leben; die rothe Naſe ver⸗ kündigte, ſie behalte ſich vor, morgen eine Adreſſe an die National⸗ verſammlung vorzulegen, worin das Miniſterium anzuklagen ſei, daß es durch die fluchwürdige, an das alte verdammliche Syſtem erinnernde Einrichtung der Polizeiſtunde das freie Vereinsrecht der Bürger unge⸗ 8 256 Der Clubb für unbegränzte Freiheit. ſetzlich ſchmälere und daß ſie, hierauf fußend, morgen den Antrag ein⸗ bringen wolle, den Namen der Geſollſchaf in libt für geſetzloſe Freiheit“ umzuändern. Und hierauf trennte man ſich. Wirth und Wirthin gingen zu Bett. Die Thüre wurde an den Eingang gelehnt, der Hund legte ſich zum Schlafen hinter den Ofen, das Gaslicht wurde ausgelöſcht, und ringsum war es troſtlos dunkel. Es ſollte mich wundern, wenn nicht jeder meiner lieben Leſer ſchon einen anonymen Brief bekommen hätte. Vorausgeſetzt nämlich, daß der Leſer ein ehrenwerther Charakter iſt: denn die Lumpen und ſchlechten Charaktere bekommen keine anonymen Briefe, ſie ſchreiben blos welche. Alles iſt in der Natur von Gott dem Herrn weislich ein⸗ gerichtet. Man ſoll eine giftige Blüthe nicht eſſen, ſondern es verſtehen, wie die Bienen, aus den allergiftigſten Blüthen Honig zu ſaugen. Lieber Leſer, flattere mit mir in das fette Miſtbeet, worauf die gif⸗ tigen Blumen wachſen, deren Früchte die anonymen Briefe ſind. Sie ſind gepflanzt in Neid und giftiger Mißgunſt, gepflegt von Bosheit und übler Laune, und ſtatt des himmliſchen Thau's, der andere Ge⸗ wächſe erfreut, ziehen ſie ihre Nahrung aus ſtillen Schmerzensthränen, jenen armen Geſchöpfen erpreßt, die leider Gottes dumm genug waren — verzeih' mir den Ausdruck— eine anonyme Zuſchrift ſich zu Herzen zu nehmen. Um mich minder blumig auszudrücken, ſo iſt der anonyme Brief eine moraliſche Ohrfeige, die aus dem Dunkeln nach Deiner Wange gerichtet iſt, die Du aber durch ein kluges, vernünftiges Benehmen jeder Zeit pariren kannſt. Biſt Du Privatmann, ſo öffne nur ſolche Briefe, deren Siegel und Handſchrift Dir bekannt iſt. Neben den Schriftzügen Deiner Freunde wirſt Du es ja wohl gelernt haben, die Handzeichen Deiner achtungswerthen Gläubiger zu erkennen, denen Du, außer vielem Geld, von Zeit zu Zeit eine geringe Antwort ſchuldig biſt. ——————;:;;:-ů— Anonyme Briefe. Biſt Du Geſchäftsmann, ſo werden Dir die anonymen Briefe vorgelegt, wie man dem unſchuldigen Hühnervolke Giftkörner unter die nahrhafte Gerſte ſtreut; aber mach' es wie dies kluge Vieh, wel⸗ ches die Giftkörner augenblicklich wieder ausſpuckt. Schau jedem geöffneten Brief ſogleich in's Geſicht, d. h. auf die Unterſchrift, und i*ſt der Brief ein namenloſer—„ſtürzt das Scheuſal in die Wolfs⸗ ſchlucht,“ d. h. in den Papierkorb. Ich habe es freilich nicht ſo gemacht, lieber Leſer, ſondern zu meinem Vergnügen und Deiner Belehrung habe ich mir eine feine Sammlung jener guten Freunde angelegt, welche mir ſchon manche angenehme Stunde bereitet hat. Ich betrachte die anonyme Brieſſtellerei vom objektiven Standpunkt; mir ſind ihre Erzeugniſſe ein Thermometer, an dem ich die Schlechtigkeiten mancher Menſchen meſſe, und mein Queckſilber in demſelben iſt ſchon ſo hoch geſtiegen, daß es bald keinen Platz mehr hat. 3 Die anonymen Briefe ſind nur bedingungsweiſe anonym. Die meiſten tragen eine Unterſchrift, wie z. B.„Ein Feund, der's mit Ihnen gut meint.“— Unter dieſer Unterſchrift aber kommen die ſchlimmſten.— Ferner:„Ein hieſiger Bürgersmann;“ oder:„Im Auf⸗ trag eines braven Mannes, der es gut mit Ihnen meint;“ oder:„Jemand, der von Ihrer bodenloſen Schlechtigkeit vollkommen überzeugt iſt;“ oder endlich:„Eine Anzahl hieſiger Bürger und Gewerbsmänner.“ Anonyme Briefe laſſen ſich meiſtens ihrem Innern und ihrer Unterſchrift nach in drei Claſſen eintheilen, von denen die erſte Claſſe, meiſtens mit N. unterzeichnet, oder mit„Ihre † † †“, die harmloſeſte iſt. Es ſind meiſtens gerechte oder ungerechte Klagen über zarte und unzarte Verhältniſſe, ſchüchterne und unſchüchterne Bekanntſchaft⸗An⸗ knüpfungs⸗Verſuche, unter dem Titel der Entdeckung wichtiger Ge⸗ heimniſſe, z. B.: „Verehrter Herr! 4 Eine Perſon, die, ohne von Ihnen gekannt zu ſein, es ſehr gut mit Ihnen meint, wünſcht Sie in einer dringenden Angelegenheit Anonyme Briefe. 261 heute Abend zwiſchen 8 und halb 9 Uhr zu ſprechen. Sie wird ſich in der Nähe des Schiller aufhalten, und ein dreimaliges Huſten ſei das Zeichen. Dieſe Perſon, die es ſehr gut mit Ihnen meint, wird von heute ab drei Abende auf Sie warten. N. N.“ In der zweiten Claſſe bewegen ſich anſcheinend wohlgemeinte, aber deſto gefährlichere Correſpondenzen. Sie tragen oft die Unterſchrift eines braven Mannes,„der es gut mit Ihnen meint.“ Sie erzählen mit einer gewiſſen Entrüſtung von ſchlechten Gerüchten, die über Dich im Umlauf ſind, und fordern Dich auf, denſelben öffentlich entgegen zu treten. Nimm Dich aber in Acht, dieſen braven Männern un⸗ bedingt zu folgen; denn meint es ein braver Mann wirklich gut mit Dir, ſo wird er Dir ein derartiges Gerücht ſelber mittheilen und Dir helfen, der Quelle nachzuſpüren. In dieſe Claſſe kann man auch, biſt Du, geneigter Leſer, vielleicht ein Künſtler oder eine Künſtlerin, jene Briefe rechnen, welche ungefähr an eine Schauſpielerin ſprechen: „Mein Fräulein! Es thut mir ſehr leid, Ihnen anvertrauen zu müſſen, daß ein gewiſſer Kreis von ſchlechten Menſchen es auf Ihre Demüthigung ab⸗ geſehen hat. Vermeiden Sie es, in dem Stücke heute Abend aufzu⸗ treten. Sie können ſich unſern Schmerz denken, wenn Sie das Publikum, das Sie ohnedieß nicht liebt, mit lautem Pfeifen und Ziſchen empfinge. Ueberhaupt rathen Ihnen wohlmeinende Freunde, Ihr hieſiges Engagement baldmöglichſt mit einem andern zu ver⸗ tauſchen, da Sie ſelbſt fühlen müſſen, daß Sie dem Publikum und der Intentanz gleich ſehr zur Laſt ſind.“ Iſt die unglückliche Künſtlerin furchtſamer Natur, ſo hat der un⸗ bekannte Wohlthäter ſeinen Zweck erreicht, die Schauſpielerin iſt be⸗ fangen, und in den Applaus ihrer Freunde und Verehrer miſcht ſich hie und da ein leiſes Pfeifen. Es iſt aber hundert gegen eins zu wetten, daß dieſes pfeifende Vögelein daſſelbe i*ſt, aus deſſen anonymem Schweif die bewußte Feder gefallen. 262 Anonyme Briefe. Die dritte, an ſich ungefährliche Claſſe iſt die, welche, geſchult im Style moderner und geſinnungstüchtiger Tagblätter, jegliche Zu⸗ ſchrift ungefähr wie deren Artikel einzuleiten pflegt. Alſo ungefähr: 1)„Mit tiefem Schmerz und großer Entrüſtung ꝛc.“ 2)„Ueberzeugt von Ihrer bodenloſen Schlechtigkeit ꝛc.“ 3)(à la Cicero):„Wie lange noch, elender Hoſſpeichellecker ꝛc.“ Dieſe Claſſe ſchließt gewöhnlich ihrem Schlangencharakter treu, indem ſie mit dem Kopf ſich in den Schwanz beißt, alſo mit den Worten, wie ſie angefangen. Doch wir brechen ab. Der Stoff iſt ſo reichhaltig, daß er in einem einzelnen Blatt nicht zu verarbeiten iſt. Auch ſind wir den betreffenden und betroffenen Schlachtopfern menſchlicher Grauſamkeit ſchuldig, eine Waffe anzugeben, womit dem finſtern Treiben der anonymen Briefe zu begegnen iſt. Weßhalb wir uns vornehmen, den⸗ ſelben in unſerm nächſten Blatte einen reichhaltigen anonymen Brief⸗ ſteller, nach vorhandenen Muſtern, nebſt Gebrauchsanweiſung, zu übergeben.— Jemand, 3 mein verehrter Leſer, der es gut mit Dir meint. Zeitungsartitel in aufſteigender Potenz. —õx—— ——y—— Ein Blatt aus der Reſidenz. Es iſt wirklich zu verwundern, daß die geſtrige Volksverſammlung nach den aufreizenden Redensarten, die gehalten wurden, im Ganzen ruhig vorüberging; nur iſt ein kleiner Unfall zu beklagen, der nach Beendigung derſelben ſtattfand. Auf dem Heimweg ſtolperte ein Bürger, von dem man übrigens durch ſeinen früheren Lebenswandel berechtigt iſt zu glauben, daß er etwas betrunken geweſen, über den Schleppſäbel eines Cavalleriſten und fiel ſich die Naſe blutig. Andere ſagen, es ſei eine kleine Streitigkeit zwiſchen ihnen vorgefallen. Ein anderes Blatt der Reſidenz. Die erhebende Volksverſammlung, von einer unzähligen geſin⸗ nungstüchtigen Menſchenmenge beſucht, ging auf ſolche Weiſe mit Ehrfurcht gebietender Ordnung und Stille vorüber. Sie können ſich denken, wie die ſchnöde Reaction die Einigkeit des Volkes mit ſcheelen Augen anſieht. Auch ſpricht man bereits von böſen Conflicten, in welche die Soldateska mit dem ruhig heimkehrenden Bürger gerathen ſein ſoll. Nachſchrift. Leider hat ſich das, was ich von Conflicten zwiſchen Militär und Bürgern nach dem Schluß der geſtrigen Volksverſammlung ſagte, . 266 Zeitungsartikel in aufſteigender Potenz. beſtätigt. Augenzeugen ſprechen von zahlreichen Verwundungen und es ſoll jetzt ſchon gewiß ſein, daß das Militär ohne den geringſten Vorwand und ohne von den vorüberwndelnden Bürgern gereizt zu ſeein, auf die ſchonungsloſeſte Art von ſeinen Waffen Gebrauch machte. Wird man denn nun nicht einmal bald der Volksſtimme Gehör geben und dem Militär das höchſt unnöthige Tragen der Waffen außer des Dienſtes verbieten? Das Volk iſt ja bewaffnet, und geſinnungstüchtige Männer vom zarteſten Alter ſieht man bewaffnet einherziehen; wozu alſo noch bewaffnetes Militär? Zwei Stunden von der Reſidenz. Mit tiefem Schmerz und gerechter Entrüſtung haben wir unſern Leſern neue Schandthaten zu erzählen, welche ſich das verwilderte Militär gegen harmlos einherwandelnde Bürger erlaubte. Sie haben von der zahlreich beſuchten Volksverſammlung gehört, wo das ſonveräne Volk feſt und beſtimmt, aber ohne den Rechtsboden zu verlaſſen, deutlich ausſprach, was ihm fehle und wo ihm geholfen werden müſſe. Schon während der herzerhebenden Reden, die dort gehalten wurden, bemerkte man herumſchleichende Spione und Emiſſäre der Reactionäre, welche ſich bemühten, die goldenen Worte geſinnungstüchtiger Redner dem Volke zu verdächtigen und, ſie mit reactionärem Geifer be⸗ ſchmutzend, als unlauteres Metall darzuſtellen. Auf dem Heimwege nun wurden mehrere unſerer ehrenhafteſten Bürger von einer großen Anzahl Soldaten mit der blanken Waffe überfallen. Vergebens war das Abwehren dieſer unſchuldigen Schlachtopfer, die verthierte Sol⸗ dateska hieb ſchonungslos ein, einem Bürger ſollen mehrere Naſen abgehauen worden ſein. Man fürchtet Unruhen in der Stadt, und ſo traurig es iſt, wenn wir neue Unruhen erleben, ſo iſt es endlich einmal Zeit, daß der grenzenloſen Willkühr des Militärs entgegen⸗ getreten wird. Zeitungsartikel in aufſteigender Potenz. 267 Berichtigung. In unſerem geſtrigen Artikel über die Schandthaten in der Reſi⸗ denz muß es heißen ſtatt: es wurden einem Bürger mehrere Naſen abgehauen, es wurde mehreren Bürgern eine Naſe abgehauen. Nachſchrift. Ueber die unverantwortliche, ſchmähliche Schandthat in der Re⸗ ſidenz ſoll man dorten, wie wir von glaubwürdigen Freunden erfahren, immer mehr Details entdecken. Man ſoll einem Verein auf die Spur gekommen ſein, der es ſich zur Aufgabe geſtellt hat, durch Aufhetzen des Militärs gegen ruhige Bürger der Reaction kräftig in die Hand zu arbeiten. Bezeichnend und nicht zu überſehen iſt, daß, während auf offener Straße die beſprochenen Schandthaten vorfielen, mehrere Of⸗ fiziere, Cigarren rauchend, vorüberritten. Glaubwürdige Zeugen ver⸗ ſichern ſogar, daß einer dieſer Offiziere mit dem andern einige leiſe Worte wechſelte, und daß dieſelben alsdann davon geritten, mit Mie⸗ nen, welche deutlich ihr Wohlgefallen an der verübten Schandthat ausſprachen. Vier Stunden von der Reſidenz. Ein Schrei des Entſetzens geht durch's ganze Land. Wir er⸗ halten ſoeben Nachricht von einer Militärverſchwörung gegen das Leben ruhiger Bürger, eine Verſchwörung, welche glücklicherweiſe übereilt, aber mit ſolch furchtbaren Symptomen an das Tageslicht herantrat, daß dem unparteiiſchen Zuſchauer die Haut ſchaudert. Die Metzelei ſoll unerhört geweſen ſein, und man ſpricht von 7 bis 8 Todten und die doppelte Anzahl Verwundeter auf Seiten der Bürger. Auch ſah man Offiziere zu Pferde in der Nähe, welche das ganze Gemetzel 268 Zeitungsartikel in aufſteigender Potenz. commandirten. Man ſagt, es ſei Generalmarſch geſchlagen worden und die Stadt ſei vollkommen im Aufruhr. Wird man jetzt auch wieder ſe hhonend verfahren, wird man jetzt nicht endlich einmal ein⸗ ſchreiten gegen die Urheber ſolcher Gräuelthaten? Oder wird man ab⸗ warten, bis das ganze Volk entrüſtet aufſteht und ſelbſt zu Gericht ſitzt? Sechs Stunden von der Reſidenz. Es iſt eine der ſchreiendſten Unthaten begangen worden, ein namenloſes Verbrechen, welches noch nie ſtattfand, ſeit die Welt ſteht. Sie haben von der äußerſt würdigen Art und Weiſe gehört, mit welcher die letzte Volksverſammlung begann. Aber leider konnten die Männer, welche für das Wohl des Volkes ihr Leben einſetzten, ihre glorreiche Sache nicht zum Ende führen. Kaum hatte Herr X. mit erhebenden Worten von den Rechten des Volkes geſprochen und ihm die Banden und Ketten gezeigt, mit denen es täglich mehr geknechtet wird, ſo überfiel eine zu dieſem Zweck von der fluchwürdigſten Reaction bis dahin verſteckt gehaltene Militärmacht die harmloſe Verſammlung. Man ſpricht von mehreren Regimentern, welche zu dieſer Schandthat aufgeboten wurden. Schonungslos metzelten dieſe Wütheriche, dieſe Thiere in militäriſchen Röcken, Alles nieder, was ihnen in den Weg kam.„Zu den Waffen!“ ſchrien die Bürger. Es wurde General⸗ marſch geſchlagen, und nachdem die Bürgerwehr dem Kampf ein Ende gemacht, beſchloß ſie auf dem Philipp'ſchen Bierkeller unter dem Donner reactionärer Geſchütze und unter dem Blinken reactionärer Bajonnete eine Petition an die Regierung, die militäriſchen Horden augenblicklich aus der Stadt zurückzuziehen. Nachſchrift. Am Schluſſe dieſes entſetzlichen Tages war es rührend anzuſehen, wie einige der ſchwer getroffenen armen Schlachtopfer den, wie man jetzt Zeitungsartikel in aufſteigender Potenz. 269 ganz genau weiß, verführten Soldaten ihre Miſſethat vergaben und in verſchiedenen Wirthshäuſern auf's Neue mit ihnen fraterniſirten. ihut 2) 3) 4) 5) 6) Acht Stunden von der Reſidenz. Mit Bezug auf die in der Reſidenz begangene unerhürte Greuel⸗ verlangen wir Folgendes: ) Es ſollen alle ſtehenden Heere aufgelöst und nach Hauſe geſchickt werden. Es ſoll den Militärs das Waffentragen außer Dienſt unter⸗ ſagt ſein. Es ſollen ſämmtlichen Militärs Civilanzüge beſchafft werden, damit der Bürger nicht mehr genöthigt iſt, die verhaßten Uni⸗ formen zu ſehen. Es ſoll jedem Soldaten freiſtehen, ſich zu erklären, ob er Monar⸗ chiſt iſt oder Republikaner ſein will. Man ſoll dieſe alsdann gebildeten Parteien gegen einander kämpfen laſſen, um zu ſehen, welche Partei die ſtärkere iſt; denn ſo werden wir auf eine ſchickliche Art beide Parteien los, und das ſouveräne Volk tritt in die Rechte ein, die ihm gebühren. Erklärung, welche wir zwei Beiden ganz gehorſamſt Unterzeichneten die ſämmtlich verehrten Redaktionen aller Blätter bitten gratis aufzudrucken. 8 und mein guter Freund, der Tuchmachergeſelle Carl Mucken⸗ old, gingen von der neulichen Volksverſammlung Arm in Arm nach aur zu ſpazieren. Pl ötzlich blieb ich ſtehen und ſagte zu meinem Freund Muckenbold:„Muckenbold, du bluteſt allbereits aus deiner 270 geitungsartikel in aufſteigender Potenz. Naſe.“—„So,“ ſagte mein Freund Muckenbold, ich blute aus meiner Nafe?“ Und darauf zog er ſein rothes Sacktuch aus der Taſche, und ich putzte ihm ſeine Naſe ab. Darauf blieben einige Leute ſtehen und frugten mich, ob wir Beide uns geſchlagen denn. darauf ant⸗ wortete mein Freund Muckenbold: wir hätten fraterniſirt, und wenn wir uns auch geſchlagen hätten, ginge es ihnen doch nichts an. So iſt der gewiſſe und wahrhaftige Hergang dieſer ganzen Sache. Darauf gingen wir ins Wirthshaus zuſammen und deßhalb bitten wir alle verehrlichen Redactionen, dieſen Aufſatz gratis aufzunehmen. Philipp Katzenwadel und ſein Freund Muckenbold, Unteroffizier im 64. Regiment, das heißt Ich. Nachſchrift. Was von meinem früheren Lebenswandel geſagt worden iſt, geht keinen Menſchen nichts an, und wenn ich zuweilen betrunken war, ſo habe ich es bezahlt. Die Obigen.