————— 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binteulegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 b aVe für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher, auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird das W beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5. e r A Erſte Geſammt⸗ Ausgabe. —9 Fünfundzw anzigſter Band. Stuttgart. Verlag von Ad olph Krabhe 1860. 3 Erlebtes. Erſter Band. Ein Geheimniß. und zittern und ſeufzen. Ach, ſie allein werden zurückgelaſſen, um Erſtes Kapitel. Handelt vom Herbſtwetter, von der Unterhaltung nach einem guten Diner und erzählt, wie der Baron nahe daran war, geſteinigt zu werden. Zu Anfang unſerer kleinen, aber wie immer außerordentlich wah⸗ ren Geſchichte müſſen wir dem geneigten Leſer ſagen, daß es ſpät im Herbſte iſt, ſo um die Mitte Oktober, jene Zeit, wo Berg und Haide, die den ganzen Sommer in einem einfachen, grünen Kleide prangten, nun noch vor dem Winter, ihrem Alter, anfangen recht kokett zu wer⸗ den und ſich mit den hübſcheſten und auffallendſten Farben zu ſchmücken. Die Natur weiß, daß bald ihre Anziehungskraft vorbei iſt, und ſie thut nun alles Mögliche, noch an ſich zu feſſeln. Gelb, Braun, Violet, Roth, Alles ſchimmert durch einander. Der Boden des Waldes iſt mit ſchon vertrockneten Blättern bedeckt, einem bunten Teppich gleich; das Weinlaub zeigt ein gelbes Grün, die Blätter verſchiedener Schling⸗ pflanzen haben ſich in Purpurroth verwandelt, und nur der Epheu iſt ſich gleich geblieben; er umrankt die grauen Mauern mit derſelben Liebe, mit derſelben Treue; er allein ſcheint nichts von dem nahenden Winter zu fühlen, und nur hie und da, wenn der Wind allzu heftig über die Stoppeln jagt, bewegen ſich die kleinen Blätter Winter zu frieren! 10 Ein Geheimniß. Ja, es iſt einer jener Herbſttage, die, wenn Morgens früh der Nebel in die Thäler hinab ſinkt, noch friſch, warm und angenehm ſein können, die aber, wenn das Sonnenlicht jene weißen dichten 1 Maſſen nicht zu überwältigen vermag und ſie nun langſam zum Him⸗ mel empor ſteigen, alles mit ihrem trüben Grau überziehen und als⸗* dann zu einem jener langweiligen, froſtigen Regenwetter werden, welche nie ſo empfindlich und unangenehm ſind, als gerade um dieſe Zeit. Die Wolken hangen ſo dicht herab, daß man ſie faſt mit den Händen greifen kann; hier vor uns in einer einfachen trüben Farbe, dort weiter wie in langen grauen Schleiern, welche zuweilen von einem froſtigen Winde emporgejagt werden, ohne etwas Angenehmeres, als ähnliche graue Schleier, hinter ſich zu zeigen. Der Regen fällt ſchräge herab, und es ſind recht kalte, unbehagliche Tropfen. Die armen Blät⸗ ter ſchaudern zuſammen, laſſen erſtarrt vor Kälte los und flattern zu Tauſenden nieder auf den Boden. Feld und Wald haben nichts An⸗ muthiges mehr, und der Anblick der Straßen der Stadt iſt auch nicht geeignet, ein trauriges Gemüth zu erheitern. Die Leute laufen umher mit rothen Händen und bläulichen Naſen, frierend und ſehr ſchlechten Humors. In dieſer Zwiſchenzeit hat man noch nicht die Winterkleider hervor geſucht; geſtern war es noch zu warm für den dicken Paletot, heute iſt es zu kalt für den dünnen. Und doch iſt man noch nicht durch Eis und Schnee in ſeine Wohnung eingeſchloſſen; man hat, auf das gute Wetter der letzten Tage vertrauend, ſich vorgenommen, heute noch Manches zu beſorgen, und rennt umher mit ſeinem Regenſchirme. 4 Man begegnet andern Regenſchirmen, man ſtößt an ſie hin und ent⸗ 8 ſchuldigt ſich, man wird vom herabtropfenden Waſſer beſpritzt, man erkennt ſeine Freunde nicht, die gekommen ſind, uns aufzuſuchen, und. 4 da man ſo bei einander vorüber rennt, macht man manchen vergeb⸗ lichen Gang. Und wenn es nun anfängt dunkel zu werden, wenn der Regen, wie um dieſe Zeit gewöhnlich, heftiger zu ſtrömen beginnt, wenn die Gaslaternen dunkelroth in eine Nebelmaſſe glühen, dann rettet man ſich ſo gern von dem feuchten Pflaſter zwiſchen die ſchützen⸗ Ein Geheimniß. den Wände des Hauſes in ein elegantes, behagliches Zimmer, in ein Gemach, in dem ſchon die Winterteppiche liegen, wo in einem kleinen, zierlichen Kamine leicht aufgeſchichtetes Holz luſtig flackert und kniſtert, und wo die Flamme deſſelben mehr eine moraliſche Sicherheit gegen die Kälte draußen iſt, als daß ſie das Zimmer, wie auch unnöthig wäre, übermäßig erwärmte. Es iſt ein kleiner, ſechseckiger Salon, in dem wir uns befinden; er hat zwei Fenſter und zwei Thüren, die erſteren mit ſchweren Vor⸗ hängen verhängt; von den letzteren iſt eine geſchloſſen, und die andere ſoll es in dieſem Augenblicke werden; denn ein Bedienter in einfacher Livree hat beide Flügel derſelben erfaßt und ſcheint nur auf einen Befehl zu warten, den ihm ein junger Mann im nächſten Augenblicke geben wird. Dieſer junge Mann, der Herr des Hauſes, hat ſich mit dem linken Arme auf den Kamin gelegt, und trägt den rechten in einer Binde. Vor dem flackernden Feuer ſtehen drei niedere Sammtfau⸗ teuils; zwei ſind mit anderen Herren beſetzt, und ein vierter Herr ſtützt ſich auf die Lehne des noch leeren Fauteuils, indem er den jungen Mann, der den Arm in der Binde trägt, forſchend anſieht. „Sobald meine Frau nach Hauſe zurückgekehrt iſt, ſoll man es mir ſagen.“ Der Bediente machte eine Verbeugung und ſchloß die Flügelthüren. „Ich werde ſie alsdann bitten, daß wir den Thee bei ihr neh⸗ men dürfen.“ „Wofür wir dir und der Gräfin ſehr dankbar ſein werden,“ ent⸗ gegnete der Herr, der am Fauteuil ſtand. „Dein Diner war vortrefflich,“ ſagte der augenſcheinlich jüngſte der Herren.„Und es iſt auch zur Aühwahalung ngenehm⸗ wieder einmal en garçon zu ſpeiſen.“ „Auch bringt es dich nicht aus deiner Gewohnheit, 4 Baſebie lachend ſein Nachbar. „Ach, das kann ich gerade nicht ſagen„ meinte der undere, in⸗ Ein Geheimniß. dem er mit ſeiner Uhrkette ſpielte.„Wenn der Chef verheirathet iſt, ſo gehören die Geſandtſchafts⸗Secretäre ebenfalls zur Familie.“ „Und da das bei dir der Fall iſt,“ fügte der Hausherr bei,„ſo ſehnſt du dich hie und da recht ſehr nach einem Garcondiner.“ „Namentlich wenn die Dame des Hauſes ſo unumſchränkt und abſolut regiert, wie Ihre Excellenz.“. „Iſt es wahr,“ fragte laut lachend der Vierte,„daß die kleinen Herrinnen des Hauſes ihren Platz zwiſchen dir und dem Attaché haben, und daß die Frau Geſandtin ſehr darauf ſieht, daß ihr Beiden ihnen keine Unarten durchgehen laßt?“ „Man hat mir erzählt,“ ſagte der Nachbar des Diplomaten, „daß das Umbinden der Servietten der Reihe nach gehe.“ „Dafür ſind aber die Diners auch recht kurz,“ bemerkte der, wel⸗ cher hinter dem Fauteuil ſtand,—„Hausmannskoſt, eine Suppe und zwei Platten. Wir kennen das.“ „Nun, wenn ihr es kennt, ſo laßt's gut ſein. Sprechen wir von was Anderem!“ 8 Die vier Herren, die ſich hier in dem Zimmer befanden, waren, wie wir aus obigem Geſpräche entnehmen können, genaue Bekannte, ja, gute Freunde. Der Hausherr, der den Arm in der Binde trug, Graf B., hatte zweien derſelben, die eben von weiten Reiſen heimge⸗ kehrt waren, dem Baron A. und dem Major v. S., ein kleines Diner veranſtaltet, und den Geſandtſchafts⸗Secretär, den wir als ſolchen be⸗ reits bezeichnet, dazu eingeladen. „Nehmen wir Cigarren!“ ſprach der Hausherr, indem er eine Bewegung nach dem Kamin machte, wo mehrere Sorten des Feinſten, was die Havannah bietet, in eleganten Kiſtchen lagen.„Es plaudert ſich beſſer, wenn man dazu raucht.“ Alle drei folgten dieſer Aufforderung, und der Major, ein großer, kräftiger Mann, ziemlich hoch in den Dreißigen, mit einem ſchwarzen, 3 wohlgepflegten Schnurrbart, ließ den Fauteuil, hinter dem er geſtan⸗ den, eine halbe Wendung machen, und warf ſich hinein. Ein Geheimniß. Der Hausherr war eine ſchlanke, zierliche Geſtalt, von eleganten und leichten Bewegungen; er hatte blondes Haar, einen eben ſolchen zierlich zugeſpitzten Bart, den er durch häufiges Drehen mit den Fin⸗ gern in ſeiner horizontalen Lage zu erhalten ſuchte. Sein Geſicht war offen und ehrlich, namentlich die blauen Augen unter der hohen Stirn, und dieſe glänzten und zeigten dem aufmerkſamen Beſchauer, daß das Herz des Grafen ohne Falſch war, und daß man ihm un⸗ bedingt vertrauen dürfte. Das wußten auch alle ſeine Freunde, und deßhalb liebten ſie ihn. Der Graf B. war ſehr reich und hatte vor ungefähr vier Mo⸗ naten nach ſeiner Neigung geheirathet. Die Gräfin war ebenfalls ſchön, jung, von guter und reicher Familie; beide liebten ſich zärtlich, mithin waren ſie ſehr glücklich. Der Baron A. war der Aelteſte der vier Freunde. Ein Mann an die Vierzig, hatte er ein bewegtes Leben geführt, lange und weite Reiſen gemacht und kam eben mit dem Major aus England zurück, wo ſie ſich ein halbes Jahr aufgehalten, nachdem ſie vorher im Orient zufällig ſich getroffen. Der Major war Adjutant des Königs und diente, da er gleiche falls ein großes Vermögen beſaß, nur aus Anhänglichkeit an ſeinen Monarchen. Er war ein Mann von anerkanntem Muth, von einer großen Körperkraft, ein vortrefflicher Reiter, kurz, ein Offizier, mit allen den Eigenſchaften verſehen, die nöthig ſind, um im Kriege eine große Carriere zu machen. Doch leider, für ihn herrſchte der tiefſte Frieden, und da er nun einmal nicht unthätig bleiben konnte, ſo hatte er, wie ſchon geſagt, große Reiſen gemacht und während derſelben Gefahren aller Art aufgeſucht und glücklich beſtanden. „ Ja, ja,“ ſagte Graf B.,„jetzt ſind wir wieder hier in dem Salon verſammelt, wo ſo oft Plane gemacht wurden, um das Knt⸗ gegengeſetzte auszuführen.“ „Das war namentlich bei dir der Fall,“ entge tete Aniar„Hatteſt du nicht den Entſchluß gefaßt Ein Geheimniß. Statt deſſen aber ſiehſt du die ſchönen Augen deiner Frau und bleibſt an die Scholle gefeſſelt.“ 1 „Die Wege des Schickſals ſind ſonderbar,“ antwortete beiſtim⸗ mend der Graf;„denn ihr Beiden zieht hinaus, beſteht Gefahren und Ungemach aller Art, und als ihr nun glücklich zurückkommt, geſund und unverletzt, findet ihr mich mit dem Arm in der Binde.“ Bei dieſen letzten Worten war der Graf ſehr ernſt geworden und fuhr mit der linken Hand an ſeinen Schnurrbart, während er mit dem rechten Arm ungeduldig zuckte. „Das ſind Sachen,“ meinte der Baron achſelzuckend,„die Jedem von uns paſſiren können. Heute dir, morgen mir. Namentlich wenn man einmal verheirathet iſt. Und ich bin noch froh, daß die Sache ſo ablief.— Haſt du es dem Major erzählt?“ 4 „Noch nicht— ſpäter,“ antwortete zerſtreut der Graf.—„Aber wie findet ihr meine Cigarren? Mögt ihr noch Havannah rauchen, da ihr wahrſcheinlich durch vortreffliche Nargileh und den feinſten Latakia aus unendlich langen Pfeifen verwöhnt ſeid... 2“ „Was mich anbelangt,“ verſetzte der Major,„ſo war ich unend⸗ lich froh, wieder einmal eine vernünftige Cigarre zu bekommen. Und die hat man in England, theuer, aber gut.“ Der Graf richtete, ohne eine Antwort zu geben, die Augen for⸗ ſchend auf den Kamin und ſagte, mehr zu ſich ſelber, als zu den Anderen:„Meine Frau bleibt lange aus!“— Auch hütte ein ſehr aufmerkſamer Beobachter bemerken können, daß bei dieſen Worten ein leichter Schatten über die ſonſt ſo offenen Züge des Grafen flog. „Wohin iſt die Gräfin?“ fragte der Baron. „Sie dinirt bei ihrer Mutter,“ entgegnete der Graf. „Ah, das müſſen wir uns zum Vorwurfe machen,“ warf der Legations⸗Secretär dazwiſchen.„Durch dein Garcondiner haben wir ſie vertrieben. Ich bedaure das ſehr. So gern ich, wie ſchon früher bemerkt, en garcon ſpeiſe, ſo möchte ich doch in deinem Hauſe nis anders als ein Diner en famille machen.“ farbigem Turban und ſehr wohlwollenden Geſichtszügen. Er winkte uns, näher zu kommen, und zwar mit dem bekannten orientaliſchen Zeichen, das einige Aehnlichkeit hat mit der Bewegung, als wolle man Jemanden die Augen auskratzen. Wir nahmen natürlicher Weiſe ſeine Einladung an, er überließ uns ein paar Kiſſen, auf die wir uns ſetzten, und ſchob zuerſt mir, als Beweis ſeiner innigen Freundſchaft, die eigene brennende Pfeife in den Mund. Es iſt das eine Artigkeit, die man ſehr ſchätzen muß, und bedeutet faſt eben ſo viel, als wenn der Araber Brod und Salz mit einem theilt. „Endlich kündigte ſich der Zug in der Ferne durch einen wahren Höllenlärmen an. Vielleicht ſechszig bis achtzig junge Kerle von ver⸗ ſchiedenen Regimentern mit kleinen und großen Trommeln, Triangeln, Becken, mehreren Schellbäumen bearbeiteten dieſe Inſtrumente mit all dem Feuer, welches Jugendkraft und fanatiſche Begeiſterung hervor⸗ zubringen im Stande iſt. Ein paar unglückſelige Poſaunen und Clarinetten konnten natürlicher Weiſe nicht zu Worte kommen und ergaben ſich ſcheinbar ſtillſchweigend in ihr Verhängniß. So rauſchte, dröhnte, gellte und klirrte dieſe ächt türkiſche Muſik immer näher und ſchien den Umſtehenden außerordentlich wohl zu gefallen. Auch unſer alter Türke wiegte den Kopf bald auf dieſe bald auf jene Seite und ſchmatzte, als genöſſe er etwas außerordentlich Gutes. „Nun zog die Muſik vorüber, und hinter ihr drein ergoß ſich der ganze Zug, der das Kameel mit dem heiligen Teppich begleitete, in all ſeiner phantaſtiſchen orientaliſchen Wildheit— Kameele, Pferde, Eſel, koſtbare Thiere und ſchäbiges Zeug durcheinander, ebenſo wie ihre Reiter. Dort ritt ein alter Emir, in grüne Lumpen gekleidet, neben ihm ein Mameluk im prächtigſten, reichſten Coſtüme. Ganze Schaaren von Derwiſchen zogen vorüber, Offiziere der ägyptiſchen Armee, ihnen folgten gewöhnliche Reiter und Infanterie, und die Menſchenmaſſe war ſo groß, daß ſich Alles wie ein brauſender, bunt⸗ farbiger Strom ſcheinbar nur etwas vorüber ſchob. Es war Ein Geheimniß. 19 feſten, ja ehrwürdigen Race mit langem gutgepflegtem Bart, bunt⸗ —— Ein Geheimniß. Bewegung einzelner Figuren mehr, es war nur eine wirre Maſſe. Unmittelbar hinter dem Kameele kam eine Schaar von vielleicht tau⸗ ſend bis fünfzehnhundert halberwachſener Jungen— es waren aber Kerle von meiner Größe darunter— in langen weißen oder hell⸗ gelben ſchlottrigen und ziemlich ſchmierigen Kaftans, mit knabenhaften trotzigen Augen, die recht herausfordernd umſchauten, weil ſie die Ehre hatten, unmittelbar hinter dem alten Kameel laufen zu dürfen. Ich muß geſtehen, daß ich nicht weiß, ob ſie zu irgend einer ägypti⸗ ſchen Brüderſchaft gehörten, oder ob es vielleicht die Gymnaſiaſten von Kairo waren; ich vermuthe das Letztere. Kaum war dieſe Rotte Korah vor unſerem Fenſter angekommen, ſo ſchienen wir, der Himmel mag wiſſen, weßhalb, ihre ungetheilte Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Sie blieben vor uns ſtehen, riſſen ihre Mäuler auf, ſtreckten die Zungen heraus und brachen dann in ägyptiſche Verwün⸗ ſchungen aus, die unüberſetzbar ſind. Was ſollten wir machen? Das Beſte war— was wir thaten,— ruhig ſitzen zu bleiben und ſie ſchreien zu laſſen. Aber es blieb nicht bei dem Schreien. Ein paar griffen in ihre Taſchen, holten Zwiebeln und Orangen hervor und fingen an, uns damit zu bewerfen. So lange hatte unſer alter guter Türke mit tiefer Verachtung lächelnd dem Treiben zugeſehen, ja, er hatte ſich vor ſie hingeſtellt, um uns ihren Blicken zu entziehen. Aber vergebens! Wie der Tiger, wenn er Blut geſchmeckt hat, ſo wurden dieſe Buben nach den erſten Würfen ganz des Teufels. Plötzlich ſprang unſer Wirth in die Höhe und ich muß geſtehen, ich hatte noch nie aus eines Menſchen Munde eine ſolche Fluth der gräßlichſten Flüche und Verwünſchungen gehört, wie ſie der alte Türke jetzt auf unſere Verfolger ergoß. Mittlerweile wurde die Kanonade heftiger, und zwiſchen die Orangen und Zwiebeln miſchten ſich ſchon harte Stücke Brod und Steine. Da riß unſerem Hausherrn vollends die Geduld. Er nahm die große eiſerne Stange, mit der er ſeine Laden zu verſchließen pflegte, ſprang auf die Straße hinab und an, mit dieſem improviſirten Schwerte zwiſchen die Reihen der⸗ Ein Geheimniß. fanatiſchen Leute hineinzuhauen. Als er das aber that, wurden wir gänzlich blosgeſtellt, und ich erhielt einen heftigen Steinwurf an die Schulter. Wer weiß auch, wie die Sache geendigt hätte, wenn nicht die ungeheure Menſchenmaſſe, die der heiligen Decke folgte, ſo unauf⸗ haltſam von hinten vorgedrängt hätte, daß unſere Feinde nothwendiger⸗ weiſe weggeſchoben wurden! Nur ein paar der ergrimmteſten lösten ſich von dem Haufen ab und faßten in der Nähe unſeres Hauſes Poſto. Daunter war Einer, ein langer, aufgeſchoſſener blaſſer Schlin⸗ gel, mit Augen wie eine Schlange.“ „Ah ha!“ ſagte lachend der Major. „Dieſer hatte ſich auch unſerem Hausherrn entgegen geworfen und ihm heftig in ſeinen langen grauen Bart geſpuckt. Freilich bekam er dafür einen Tritt vor den Magen, der ihn wie eine Feder zuſammen krümmte; aber er ging nicht vom Platze. Nun muß ich geſtehen, auf dieſen Kerl hatte ich eine ungeheure Malice. Ihn hoffte ich zu treffen, ihm Einiges heimzuzahlen. 3 „Bei allem dem ſaßen wir aber ſchön in der Klemme. Der ganze Zug mußte vielleicht in einer halben Stunde wieder hier vorbei kom⸗ men, und wenn ſie uns dann noch fanden, ſo ging der Tanz von Neuem los. Auch wollten wir unſeren guten Hauswirth nicht länger incommodiren, und da mittlerweile unſere Eſel zurückkamen, ſo beſchloſ⸗ ſen wir, durch die unzählige Menſchenmenge unſeren Rückzug zu neh⸗ men und uns dabei ſo gut wie möglich zu vertheidigen. Wir dankten für die genoſſene Gaſtfreundſchaft, ſaßen auf und ritten davon, natür⸗ lich im langſamſten Schritt, denn die Menge ſtand dicht an einander gepreßt auf der Straße. Ich ſah wohl, wie uns jener Kerl folgte, und war ſehr auf meiner Hut. Einen elaſtiſchen Stock mit bleiernem Knopf hielt ich ſo drohend, daß wir unangefochten auf einen breiteren Platz kamen. Doch kaum wollten wir unſere Eſel in einen kleinen Trab verſetzen, als mein Gefährte, der Engländer, einen ſolchen Schlag auf den Kopf erhielt, daß ihm ſein Hut über die Augen hineinfuhr. Natürlich wandte ich mich rückwärts; jener Kerl war dicht hinter uns, —* Ein Geheimniß. und ein Anderer ſprang von der Seite her und faßte meinen Eſel am Zügel. Dem Letzteren ließ ich aber meinen Stock ſo kräftig auf die Hand fallen, daß er heulend dieſelbe los ließ, um mich jedoch gleich darauf mit der anderen wieder zu faſſen. Wir ſaßen ſchön im Ge⸗ dränge und konnten im nächſten Augenblick zu Boden geſchlagen und zertreten ſein. Da trabte ein Reiter quer über den Platz dahin, dem zwei Kawaſſen folgten. Mir ſchien anfänglich jener Reiter ein vor⸗ nehmer Beduine zu ſein, denn er trug einen prächtigen Burnus und ein goldgeſticktes Kopftuch. Die drei Reiter kamen gerade auf uns zu, weßhalb die Menge einen Augenblick auf die Seite wich. Plötz⸗ V lich ſah ich, wie der Beduinen⸗Häuptling mit einem Satze ſeines Pfer⸗ des an meiner Seite war, und als ich mich umdrehte, hatte er jenen Kerl, der gerade einen Schlag nach mir führen wollte, am Halſe gefaßt und zog ihn ſo gewaltig in die Höhe, daß er einen Schuh vom Boden zappelte.“ „Der brave Major!“ ſagte laut lachend der Hausherr.„Das 6 war zur rechten Zeit gekommen.“ „Aber ſo konnte auch nur er kommen,“ fuhr der Barou fort. „Nachdem er unſeren Feind einen Augenblick hatte zappeln laſſen, warf er ihn mit einer Handbewegung in den dickſten Haufen hinein, ſo daß er ſelbſt zu Boden ſtürzend, Drei bis Vier mit ſich niederriß.“ „Ja, ja,“ nahm in dieſem Augenblicke der Major das Wort, „es war ſchade, daß damit die Geſchichte zu Ende war. Ich hätte mich auf eine kleine Rauferei unendlich gefreut. Wenn man ſo friſch aus der Wüſte kommt, tagelang im Sattel, immer unter freiem Him⸗ mel, hier und da eine kleine Attaque auf einen Trupp Raub⸗Beduinen mitmacht, da jucken Einem die Finger. Es war, wie geſagt, ſchade,* Baron, daß ich dich nicht ein Bischen tiefer im Gedränge fand. Aber ſie ſtoben auseinander wie aufgeſchreckte Hühner. Ich richtete mich in* den Steigbügeln empor, ſah mich ein paar Mal rings um— Alles. 5 umſonſt; ſie machten uns mehr Platz als wir brauchten. Und da 8 — Ein Geheimniß. 8 nahmen wir denn die beiden Bekannten in die Mitte und zogen nach unſerem Hotel.“— „Und ſo,“ ſagte der Baron,„traf ich mit dem Major in Kairo zuſammen.“ Zweites Kapitel. . urch einen zu kräftigen Händedruck die Bekanntſchaft eines Vaterset eer zwei Der Baron erzählt vom Bienentanze, von der Nilfahrt und vöm einem ſehr unangenehmen Paragraphen des Schiffs⸗Reglements. 3 Der Major macht du ſchöne Töchter hat. In dieſem Angenblicke rollte ein Wagen durch die Straßen, bog in den Thorbogen ein und raſſelte dröhnend durch das Haus in den Hof. „Ah, meine Frau!“ ſagte der Hausherr. Und ein freudiger Zug flog über ſein Geſicht. Bald darauf hörte man Schritte im Vorzim⸗ mer, der Graf wandte ſich nach der Thüre, und als dieſe geöffnet wurde, trat ihm ſtatt der Erwarteten einer der Bedienten entgegen und meldete, daß die Gräfin bei ihrer Mutter geblieben ſei, ihren Wagen nach Hauſe geſchickt habe und erſt ſpäter heimkehren werde. Ueberraſcht blieb der Graf ſtehen, preßte eine Sekunde lang die Lippen heftig auf einander, und wie ein leichter Blitz flammte es in ſeinen Augen auf. Doch nur eine Sekunde lang. Dann glätteten ſich ſeine Züge wieder, er ſagte dem Bedienten:„Es iſt gut,“ und wandte ſich mit vollkommen ruhigem Geſichte ſeinen Freunden wieder zu. Niemand ſah, daß er die Hand des verwundeten Armes mehrmals feſt zuſammen ballte, und daß es ihm Mühe machte, den hiedurch ver⸗ urſachten Schmerz nicht laut werden zu laſſen. Er ſtützte ſich aber⸗ mals auf den Kamin und ſprach:„Es thut mir unendlich leid, daß wir unſeren Thee gllein nehmen müſſen. Meine Frau iſt bei ihrer . 2 4 3 24 Ein Geheimniß. Mutter geblieben; ich glaube, Frau von D. iſt unpäßlich, und da iſt es ſehr natürlich, daß die Tochter der Mutter Geſellſchaft leiſtet.“ „Vollkommen begreiflich,“ entgegnete der Diplomat mit dem Tone der Ueberzeugung und ſetzte hinzu:„Du wirſt uns erlauben, unſer Bedauern darüber auszudrücken, daß wir die Gräfin heute Abend nicht ſehen können.“ Der Baron ſagte etwas Aehnliches und ſchien ebenfalls darin nichts Beſonderes zu finden. Er blickte in die Gluth des Kaminfeuers und war offenbar mit ſeinen Gedanken in Aegypten oder ſonſtwo. Nur der Major allein that einen forſchenden Blick auf den Freund, und ihm war es nicht entgangen, daß die Lippen des Grafen einige Mal gezuckt und daß derſelbe einen ernſten Blick auf das Zifferblatt der Ahr neben ſich warf. „Ihr ſeht,“ verſetzte der Hausherr nach einer kleinen Pauſe,„daß ich heute nicht im Stande bin, euch die verſprochene Geſellſchaft meiner Frau zu verſchaffen. Aber es wäre ſehr ſchön von euch, wenn ihr noch ein paar Stunden bliebet, um mit meinem Thee und mir fürlieb zu nehmen.“ „Ich kaun nichts Beſſeres thun,“ entgegnete der Baron. Und der Geſandtſchafts⸗Sekretär meinte: es könne vom Fortgehen keine Rede ſein, da der Baron ihnen eine Geſchichte von Malta ver⸗ ſprochen habe. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir bei dir bleiben,“ ſprach be⸗ ſtimmt der Major.„Gib uns eine Taſſe Thee und halte uns ſo lange du willſt. Vorausgeſetzt, daß du es uns ſagen wirſt, ſobald du oder vielmehr dein verwundeter Arm müde wird.“ „Ich bin euch für euer Auerbieten ſehr dankbar,“ entgegnete der Graf,„denn ich würde mich ſehr einſam fühlen; ich bleibe auf alle Fälle auf, bis meine Frau zurückkommt, und ſchätze mich glücklich, daß ihr mir Geſellſchaſt leiſten wollt.— Aber trinken wir unſeren Thee — nehmt neue Cigarren, und dann muß uns der Baron etwas Hei⸗ teres erzählen.“ Ein Geheimniß. „Ja,“ ſagte der Major mit beſtimmtem Tone,„der Baron muß 8 erzählen. Ich gebe ja auch unſere Geheimniſſe Preis. Wir ſind ja unter Freunden, und die Geſchichte drückt mich doch ſchon lange.“ „Mit Vergnügen denn,“ erwiderte der Baron.„Aber wie der Major eben durchblicken ließ, Alles unter uns; denn es ſind Geſchich⸗ ten, die nicht blos den Major und mich, ſondern auch Andere betreffen, welche uns ſehr theuer und werth ſind.“ Hierauf klapperten einen Augenblick die Taſſen, die Fauteuils wurden zurück⸗ und wieder vorgeſchoben und friſche Cigarren angeſteckt, wogegen ſich der Baron einige der langen türkiſchen Pfeifen ſeines Freundes erbat. „Denn,“ fügte er bei,„ich erzähle und muß es würdig und in des Königs Kambyſes Weiſe thun.“ /* „Der Beduinen⸗Häuptling,“ begann er ſodann nach einer Pauſe, „mit ſeinen beiden Kawaſſen begleitete uns alſe und mittlerweile hatte ſich unſere Escorte inſofern vergrößert, als ein paar Reiter mit Hand⸗ und Packpferden, die dem Beduinen⸗Häuptling folgten und ſein eigen waren, ſich an uns anſchloſſen. Es war aber heute der Tag der Rencontres. Denn als wir in das Thor des Gaſt⸗ hofes einritten— der Major und ich befanden uns ſchon im Hofe, — da carambulirte unſer Gefolge mit zwei Herren, die auf Eſeln rei⸗ tend hinter uns dreinkamen. Von dieſen Herren war der eine ein großer, dicker Mann von vorgerücktem Alter, mit grauem, faſt weißem Barte, der, wie die Mähne eines Tigers, nach allen Seiten aus dem Geſichte ſtarrte. Von der unerträglichen Hitze war dieſes Geſicht ſchon auffallend geröthet, begann aber ins Purpurfarbene zu ſpielen, als, wie geſagt, einer aus unſerem Gefolge dieſen Herrn, ohne es übrigens zu wollen, etwas unſanft gegen den Thorbogen quetſchte. Der andere Herr war ſehr mager, hatte ein blaſſes, ächt engliſches Geſicht, röth⸗ liches Haar und ſchielte ein wenig.“ „Kaum war der dicke Mann in dem Hofe angekommen, ſo glitt er von ſeinem Eſel herab, wandte ſich an den Beduinen, der ihn ge⸗ o in den Gaſthof zurück, 26 Ein Geheimniß. ſtoßen, und verſetzte ihm, ohne etwas dabei zu ſprechen, mit ſeiner Reitpeitſche einen derben Schlag über die Schultern. Der Sohn der Wüſte riß ſein Pferd zurück, ſein Auge blitzte, er zeigte unter den geöffneten Lippen die ſchneeweißen Zähne und riß ein Piſtol aus dem Gürtel, offenbar in der Abſicht, den dicken Herrn damit niederzu⸗ ſchießen. Glücklicher Weiſe aber hatte der Major dieſen Vorfall ge⸗ ſehen, warf ſein Pferd zwiſchen die Beiden und rief dem Beduinen ein paar arabiſche Worte zu, worauf dieſer ſein Piſtol wieder ein⸗ ſteckte. Mochte es nun ſein, daß der Major den dicken Herrn bei dem Dazwiſchenfahren geſtreift, oder mochte dieſer ihn ebenſo für einen Farbigen halten und deßhalb glauben, er könne ſich auch gegen ihn eine kleine Artigkeit herausnehmen, genug, er hob abermals die Hand mit der Reitpeitſche. Doch beugte ſich der Major in dieſem Augenblicke etwas von ſeinem Sattel nieder, faßte das Fauſtgelenk ſeines Gegners und drückte es ſo zuſammen, daß der alte Herr die Peitſche mit einem gelinden Schrei fallen ließ.“. „Es war der erſte Händedruck, den wir wechſelten,“ flocht der Major ein. „Und als die Peitſche am Boden lag,“ fuhr der Baron fort, da rief unſer Freund auf Engliſch: ‚Herr, bitte recht ſehr, zu bedenken, daß wir nicht in Indien und daß freie Beduinen keine Sclaven ſind.““ „Auf dieſes Wort hin blickte ſowohl der dicke wie der magere Gentleman den vermeintlichen Beduinen mit wahrem Erſtaunen an. Denn ſie hatten gewiß noch nie einen getroffen, der ſo fertig Eng⸗ liſch ſprach.“ 5 „Und wovon wußtet ihr, von welcher Nation die beiden Fremden waren,“ fragte der Hausherr,„und woher ſie kamen?“ „Ich hatte ſie in Suez geſehen,“ erwiderte der Major,„bei einem ähnlichen Act der Gewaltthätigkeit, der aber keine Folgen hatte, da der Matroſe, den jener dicke Herr mit ſeinem Pfeifenrohr über den Kopf ſchlug, ein Laskare war.“ „Dieſe Begegnung hatte auch vor der Hand keine Folgen,“ fuhr 4 84 Ein Geheimniß⸗ der Baron fort.„Die beiden Engländer, welche wohl einſahen, daß ſie hier den Kürzeren ziehen müßten, begaben ſich in den Gaſthof, freilich noch immer mit einigem Widerſtreben; denn der Dicke ballte 5 mehrere Mal ſeine Fäuſte, als ſuche er einen würdigen Gegner zu einer Box⸗Parthie. „Der Major legte ſeine Beduinen⸗Tracht ab, ließ ſich ſeinen zu langen Bart ſtutzen, und ſo dinirten wir ein paar Tag darauf ſeit längerer Zeit wieder zum erſten Male an der Table d'hòôte des Gaſt⸗ hofes, wo das Erſte, was uns in die Augen fiel, der dicke Gentle⸗ man war, der vor dem gedeckten Tiſche auf und ab ſpazierte. Bei unſerem Eintritt ſtutzte er, ſah den Major forſchend an, und dann flog ein leichtes, ich möchte ſagen, gutmüthiges Lächeln über ſeine dicken Züge, was mich veranlaßte, auf ihn zuzugehen, um von dem neulichen Vorfalle zu ſprechen, indem ich ihm ſagte, wir hätten un⸗ endlich bedauert, daß einer unſerer Diener ungebührlicher Weiſe mit ihm zuſammengeſtoßen ſei, und würden auch nicht verfehlt haben, ihm ſchon ſogleich damals unſere Entſchuldigungen zu machen; doch hätte er ſich auf eine Art ſelbſt Recht verſchafft, die es uns leider unmög⸗ lich gemacht, uns mit freundlichen Worten darein zu miſchen. „Auf das hin lachte der alte Herr heiter hinaus, reichte mir die erwiderte:„Ich bin Ihnen in der That dankbar dafür, daß ftigen Manne ſo artig entgegen kommen. Meine igkeit ſchafft mir nur zu oft ähnliche Auftritte Jugend auf ſehr reizbar, ſind lange Jahre, in indif zugebracht, leider nicht im Stande, das Blut abzukühlen. Sir Robert J.— wollen Sie mir freundlichſt Ihren Namen ſagen, um mich alsdann Ihrem Freunde vorzuſtellen? 8 ute mich, führte ihn zu dem Major, der ihm auf hal⸗ bem Wer gegen kam und ihm lachend die Hand ſchüttelte. „Wenn an meinem Betragen von neulich etwas verzeihlich iſt,“ ſagte der alte Engländer lachend, ‚ſo iſt es, daß ich Sie für einen Ein Geheimniß. wirklichen Beduinen hielt. Ihr ganzes Aeußeres war mehr als Ver⸗ kleidung— es war die vollkommenſte Natur. „Da Sie mir das eingeſtehen,“ antwortete der Major, ‚ſo wer⸗ den Sie es ebenfalls verzeihlich finden, daß ich auch vollſtändig in der Rolle des Beduinen blieb und meine Leute in Schutz nahm.“ „Sprechen wir nicht mehr davon!“ verſetzte Sir Robert. Ich bin dem unangenehmen Vorfalle nur Dank ſchuldig, daß er mich ſo angenehme Bekanntſchaften machen ließ. Wie ich zufällig gehört, werden Sie noch etwa vierzehn Tage hier bleiben, um über Alexan⸗ dria und Malta nach dem Feſtlande zurückzukehren. Das trifft ſich wirklich charmant, und wollen wir, wenn es Ihnen genehm iſt, dieſe Tour recht angenehm und friedlich zuſammen machen. „In dieſem Augenblicke trat ſein Begleiter, der ſehr blonde ſeid länder, mit zwei jungen Damen in den Saal.“ „Ei, ei, Baron!“ bemerkte der Diplomat,„ihr waret von den Engländern außerordentlich ſchnell eingenommen. Vorhin hatte der junge Gentleman rothes Haar, jetzt iſt er auf einmal hellblond ge⸗ worden.“ „Ich will euch nur geſtehen, daß ihr recht habt. Das Haar war eigentlich roth. Aber unter Bekannten nimmt man das nicht ſo ge⸗ nau. Er kam alſo in das Zimmer, und die beiden gen Damen wandten ſich augenblicklich an den alten Herrn und Was für ein Glück war es, daß wir uns mit ihm a Die beiden Mädchen waren— nun, ich kann es heit ſagen— bildſchön, gut erzogen, in jeder ſten Manieren. Auch kannten ſie eine ganze Me Franzöſiſch, Indiſch, von welch letzterem natürlicher Weiſe Begriff hatten. Wir wurden vorgeſtellt und zu Gnaden — von den beiden Miſſes wenigſtens. Der röthliche den man als Neffen präſentirte, ſchien ſich dagegen über kanntſchaft nicht beſonders zu freuen. Hatte er uns den Vorfall von neulich noch nicht vergeſſen, oder wollte er ſeinen liebenswürdigen Cou⸗ 4 . ſchauteſt den Mond an und triebſt allen möglichen poetiſchen Unſinn?“ Ein Geheimniß. ſinen Alles ſein— kurz, er benahm ſich ſo förmlich und ſteif möglich. Miſter B., engliſcher Offizier, in Indien ſtationirt, hat einen Jahres⸗Urlaub, um ſeinen Oheim zu begleiten. „Letzterer hatte bekanntlich in Indien ein Commando gehabt, ſi einen tüchtigen Namen gemacht, ungeheure Reichthümer erworben un kehrte nun für immer nach ſeiner Inſel zurück. „Ich kann euch verſichern, wir Beiden, der Major und ich, waren bei Tiſche die perſonificirte Liebenswürdigkeit und ſtiegen gleich ſo be⸗ deutend in der Gunſt des alten Herrn, daß er uns für den Nachmit⸗ tag zu einer Spazierfahrt nach Schuwra einlud.“ „Hattet ihr Abſichten auf die jungen Damen?“ fragte der Di⸗ plomat.. „Das iſt eine Gewiſſensfrage und eigentlich unmöglich zu beant⸗ worten. Nur muß ich mit einiger Indiscretion geſtehen, daß der gute Major am Abend dieſes Tages ſchwor, ſein Herz ſei nie ſo erregt geweſen, und er wüßte nicht, was geſchehen könnte.“ „Der gute Major!“ antwortete dieſer lachend.„Sag doch lie⸗ ber: der gute Baron! Standeſt du nicht nächtlicher Weile am Fenſter, „Wenn wir alſo vielleicht Abſichten hatten,“ fuhr der Baron in ſeiner Erzählung fort,„ſo könnt ihr euch denken, liebe Freunde, daß wir uns ſehr in Acht nahmen, etwas dergleichen merken zu laſſen. Der alte Herr war— ein ſonderbarer Kauz. Was ſeine eigene Hef⸗ tigkeit anbelangte, die er uns ſelbſt geſtanden, ſo überſchritt dieſelbe alles Maß des Erlaubten, ja, des Schicklichen. Ein Wort, eine Miene, die ihm mißfiel, konnte ihn plötzlich aus der heiterſten Laune zu einem wahren Ungeheuer machen. Dann färbte ſich ſein Teint dunkelroth, ſeine weißen Haare ſtarrten aus einander; der Neffe hu⸗ ſtete verlegen, und die beiden jungen Damen ſchauten zuſammen ſchre⸗ ckend und zitternd auf ihre Teller.* „Der erſte Auftritt der Art ging ſchon bei Tiſche los, als ihm der Kellner— er hatte Hochheimer verlangt— eine Flaſche recht guten —— — Ein Geheimniß. üdesheimer brachte. Er koſtete einen Tropfen und ſagte mit gerlichem Tone: ‚Das iſt kein guter Hochheimer!“ worauf der un⸗ glückliche Kellner antwortete, es ſei ſogar eine vorzügliche Qualität. Eine Sekunde nachher, und er hatte Glas und Qualität im Geſichte. Es erſchienen alle Anzeichen eines ſtarken Zornausbruches, und Sir Robert ſchaute herausfordernd ſeine beiden Töchter ſowie den Neffen an, ob ſich nicht vielleicht ein Opfer finden würde, das an der Stelle des davongeeilten Kellners zu ergreifen wäre.— Es trat eine pein⸗ liche Pauſe ein, bis der Major den kühnen, aber klugen Einfall hatte, dem Tiger in ſeiner derben, unerſchrockenen Manier direkt auf den Leib zu gehen. Er that prüfend einen Schluck, ſetzte das Glas nieder und ſagte:„Obgleich kein Hochheimer, iſt er doch in der That von vorzüglicher Qualität.— Ah, beſter Sir Robert, laſſen wir uns durch Kleinigkeiten nicht die gute Laune trüben.— Ein friſches Glas und angeſtoßen!— Auf glückliche Ankunft in England!“ „Die beiden Miſſes und der Neffe ſaßen erſtarrt ob dieſer Keck⸗ heit. Einen Augenblick auch zuckte die Hand des alten Generals, und ihm ſchien die Wahl wehe zu thun zwiſchen einer Flaſche und einem Ragout⸗Deckel, um Eines davon in die Ecke des Saales zu befördern. Doch ſah ihn der Major ſo feſt und eigenthümlich lächelnd an, und hielt ihm ſeine Hand entgegen, dieſelbe Hand, die der alte Herr neu⸗ lich hatte kennen gelernt, daß er ſich plötzlich eines Beſſeren beſann, hart den Athem von ſich blies und endlich ſagte:„Sie haben Recht, Herr Major. Warum uns über Kleinigkeiten ereifern: Mag der Teufel den Kellner holen!“ 2 „Er ſoll ihn holen!“ antwortete unſer Freund, und die Sache war beigelegt. Die armen jungen Damen athmeten tief und freudig auf, und die älteſte, Miß Eleonore, hob ihre großen, dunkeln Augen langſam auf und ſchmetterte dem Major einen Blick zu, ich möchte lieber ſagen: eine Legion Blicke in eine Sekunde zuſammen gedrängt, einen Blick, in dem ſich Dankbarkeit, Achtung ſo ſtark ausdrückten⸗ daß ich augenblicklich mit mir im Klaren war.“ —— 4 Ein Geheimniß. „Und worüber warſt du im Klaren?“ fragte der Hausherr. 8 „Darüber, daß, wenn ich mich je einer der beiden jungen Damen mit ernſten Abſichten nähern würde, dieß nicht Miß Ellen ſein ſollte.“ „Und er hielt ſeinen Entſchluß,“ warf der Major ein; worauf 84 die drei Freunde herzlich lachten. „Ich habe nur,“ fuhr der Baron fort,„dieſen kleinen Vorfall erzählt, um euch ein⸗ für allemal mit der Heftigkeit des alten Herrn au fait zu ſetzen. Dergleichen Geſchichten kamen täglich, ja, zuweilen ſtündlich vor, und dann trat entweder der Major oder ich als eine Art von Sicherheits⸗Ventil für die Damen oder als Blitzableiter auf. Den zweiten Vorfall, den wir erlebten, nahm ich natürlicher Weiſe auf mich.“ „Der Baron wollte auch ſeinen Blick haben,“ verſetzte der Di⸗ plomat. „Und er bekam ihn,“ bemerkte der Major. 3„Nun gut, wir lebten ſo weit ſehr angenehm zuſammen, bis auf den Neffen. Der konnte es begreiflicher Weiſe nicht ertragen, daß wir uns bei dem alten General in Gunſt ſetzten, und dann hatte er auch eines Tages die unglückſelige Idee, bei einem Zornausbruche des Oheims unſere Rolle ſpielen zu wollen. Das lief aber für ihn ſo traurig ab, daß mich Miß Thereſe, die andere Tochter, augenblicklich holen ließ.“. „Miß Ellen hatte nach mir geſchickt,“ ſagte trocken der Major. „Ich kam zuerſt und muß geſtehen, es koſtete einige Mühe, den armet Neffen aus dem Zimmer zu bringen. Denn der alte General umkreiste ihn wüthend, wie der Löwe ſein Opfer, und wollte es ſelbſt mir anfänglich gar keinen Dank wiſſen, daß ich daſſelbe aus ſeinen Händen befreite.“. „Der Baron erzählt außerordentlich angenehm und verſtändlich,“ bemerkte hier der junge Diplomat.„Miß Thereſe ſchickte nach ihm, Miß Ellen nach dem Major— wir wiſſen nun, woran wir ſind.“ „Das iſt jetzt gar kein Geheimniß mehr,“ antwortete der Erzäh⸗ 32 1 Ein Geheimniß. ler.„Damals war es freilich eines der gefährlichſten Art. Denn was ſeine beiden Töchter anbetraf, ſo verſtand Sir Robert nicht den geringſten Spaß, und ſelbſt der arme Neffe, der es eines Tages ge⸗ wagt, ſich der ſchönen Couſine etwas zu vertraulich zu nähern, wäre um ein Haar nach Indien zurückgeſchickt worden. Trotzdem muß ich aber geſtehen, daß wir bald bemerkten, wir ſeien mit unſerer Liebens⸗ würdigkeit und unſerer zlüa ichen Manier, den Papa zu behandeln, in der Gunſt der jungen Damen geſtiegen, natürlicher Weiſe, ſo weit eine gutgezogene Dame ſo etwas merken läßt.— Und fein erzogen waren ſie und dabei natürlich herzlich,— es thut mir wahrhaftig leid, daß ich durch die Situation verhindert bin, mich recht breit im Lobe von Miß Thereſe und Miß Ellen zu ergehen.“ „Wir begreifen deinen Kummer,“ ſagte lächelnd der Hausherr. „Aber wir erklären feierlich, du wirſt nicht im Stande ſein, ein Bild der beiden Damen zu entwerfen, das nicht von ihrer liebenswürdigen Wirklichkeit tauſendfach übertroffen würde.“ Der Baron verbeugte ſich dankend und ſchien weit beruhigter fortzufahren:„in Indien lernt man mit den Augen ſprechen und durch Zeichen ſich verſtändlich machen. Wir Beide lernten als eifrige Schüler und begriffen unſere Lehrerinnen bald. Glücklicher Weiſe aber begriff der Papa uns nicht. Denn obgleich auch er ſeine Zei⸗ chenſprache hatte und dieſelbe häufig genug anwandte, ſo war ſie doch ſehr verſchieden von der ſeiner Töchter,— handgreiflich derb, ein vollkommen anderes Alphabet. Der Neffe dagegen ſchien in Indien auch ſchon auf dem Felde manöverirt zu haben, auf welches wir uns 3 wagt, und obgleich wir uns ſo ſehr in Acht nahmen, wie möglich, ſo begriff er doch ſeinerſeits hier und da einen beredten Blick und er⸗ lauſchte die Wahrheit eines Händedruckes, der gleichgültig ausſehen ſollte, aber nichts weniger als das war. „Die vierzehn Tage, die wir noch in Kairo blieben, gingen in⸗ deſſen ziemlich glücklich vorüber. Wenn ich ſage„zemlich,“ ſo will ich damit ausdrücken, daß wir vor Entdeckung ſicher blieben, dagegen 8 Ein Geheimniß. 33 aber trotz der ſehr großen Hitze einige ſehr kühle Tage bei unſern Damen verlebten.“ „Aha!“ lachte der Major,„wo ſie mit uns ſchmollten!“ „Allerdings!“ fuhr der Baron fort.„Und daran war abermals der Vetter ſchuld. Als lernbegieriger Reiſender muß man Alles mit⸗ machen, und ſo trugen wir auch kein Bedenken, eine Einladung zu einer Abendunterhaltung anzunehmen, wobei ſich arabiſche Tänzerinnen producirten. Der Major hatte dabei die Unklugheit, den blonden Gentleman mitzunehmen; und das Ende vom Liede war, daß dieſer den alten General am Morgen darauf durch eine Erzählung des Ge⸗ ſehenen zu erheitern ſuchte. Weiß der Teufel, ob eine der jungen Damen im Nebenzimmer gelauſcht— kurz und gut, wir hatten Schnee⸗ wetter in Aegypten.“ „War denn dieſe Abendunterhaltung ſo außerordentlich gefährlicher Art?“ fragte wißbegierig der Geſandtſchafts⸗Secretär. „Das gerade nicht. Es kamen nur einige Nationaltänze, die für europäiſche, namentlich für engliſche Begriffe nicht ganz in den Grän⸗ zen des Schicklichen und Erlaubten zu bleiben ſchienen, z. B. der Bienentanz.“ „Ei der Tauſend!“ ſagte der Hausherr.„Wir wollen wiſſen, was der Bienentanz iſt.“ „Der Bienentanz iſt meiſtens das Finale einer ſolchen Abendunter⸗ haltung. Als das Schönſte in den Augen der Orientalen wird er zuletzt dargeſtellt. Ihr habt von dieſen arabiſchen Tänzerinnen ſchon gehört?— Es ſind junge Mädchen von ungefähr vierzehn bis acht⸗ zehn Jahren, von äußerſt elaſtiſchem, ſchlankem und ſchönem Körper⸗ bau. Ihr Teint iſt für Aegypten ziemlich hell, ungefähr wie der der Sicilianerinnen. Sie tragen weite, weiße oder blauſeidene, mit Gold. und Silber geſtickte Beinkleider, welche aber im Gegenſätze zu denen der anderen Orientalinnen unten nicht zuſammen geſchnürt ſind, viel⸗ mehr frei um die ſehr kleinen und zierlichen Füßchen flattern. Den Hacklaͤnders Werke. XXV, 3 3 34 Ein Geheimniß. Oberkörper bedeckt das bekannte, in unzählige Falten gelegte gelbe, ſeidene Hemd, über welches eine Art Weſte oder Mieder kommt, das ſehr tief ausgeſchnitten und meiſtens von violetter Farbe iſt, auf der Bruſt bis zu den Hüften herunter mit goldenen Troddeln und Quaſten öeſetzt. Ein rothſeidener Gürtel, ſehr knapp und tief um die Hüften gelegt, verbindet Hemd und Mieder; als Oberkleid tragen ſie ein Jäck⸗ Ichen von rother Seide mit Silberſtickereien und weiten weißen Aer⸗ meln. Dieſe fallen über die Finger herab, ohne am Handgelenke be⸗ feſtigt zu ſein, weshalb ſie beim Aufheben der Hände herab flattern und ſehr wohlgeformte Arme zeigen, an welchen goldene und ſilberne Spangen glänzen.“ „Nach deiner Beſchreibung,“ meinte der Diplomat,„kann ich es den beiden Damen nun gerade nicht übel nehmen, wenn ſie dieſe Abend⸗ unterhaltung nicht für ſehr paſſend hielten.“ „Still! Hören wir weiter über den Bienentanz.“ „Ah, die Sache iſt an ſich ſehr einfach, ſieht ſich aber recht gut an. Eine Tänzerin beginnt den Tanz, dann folgen die anderen. Die Grundidee dieſes eigenthümlichen Pas iſt eine Biene, die ſummend ins Zimmer geflogen kommt und plötlich ſich in die Kleider einer der Tän⸗ zerinnen verkriecht. Sie erſchrickt, wendet ſich ſchlangenartig umher, um zu erfahren, wo das Thierchen verborgen iſt. Jetzt endeckt ſie es unter ihrem Halſe. Hurtig wirft ſie ihr Jäckchen herunter, ſie hofft die Biene darin gefangen zu haben.— Aber umſonſt! Dieſelbe iſt weiter hinabgeſchlüpft. Jetzt folgt auch das Mieder in der gleichen Abſicht.— Abermals vergebens!— So unterſucht ſie weiter und da⸗ mit iſt die ganze Geſchichte beendigt.“ „Ich werde mich nächſtens nach Kairo verſetzen laſſen,“ ſagte der junge Diplomat nachdenkend. „Wie ich euch alſo erzählt,“ fuhr der Baron fort,„ſo hatte der Neffe einiges über dieſen Bienentanz bei dem Onkel fallen laſſen. Der alte Sir hatte ſich unſäglich darüber ergötzt, und um unſere Stellung gegenüber ſeinen Töchtern unbewußter Weiſe noch viel ſchwieriger zu Ein Geheimniß. 3⁵ machen, neckte er uns täglich mit dieſem Vorfalle. So oft wir bei Tiſch waren, ſummte er wie eine Biene und verſicherte lachend, man könne ſich vor dieſen Inſekten gar nicht mehr ſicher ſtellen. Im Grunde bedauerte er ſehr, dieſe Phantaſie nicht auch mitgemacht zu haben. „Endlich verließen wir Kairo und ſchifften uns in Boulak an Bord eines Nildampfbootes nach Alexandria ein. Es war das eine entzückende Fahrt, namentlich die Nächte prächtig und ſchön. Aus der erſtickenden Gluth der Straßen von Kairo ſchwammen wir jetzt auf dem kühlen Waſſer dahin; ein erfriſchender Nachtwind kam uns entgegen, mit Wohlgerüchen durchdrungen; wir hauchten ihn gierig ein. Unter uns hatten wir den breiten, majeſtätiſchen Spiegel des Nils, dieſe glatte, glänzende Waſſerfläche; über uns den ewig klaren Himmel, wie er namentlich Abends bei Sonnenuntergang in einer un⸗ beſchreiblichen Gluth und Pracht ſtrahlte. Dazu die für uns Euro⸗ päer ſo fremdartigen Ufer, die lichten Palmenwälder auf denſelben, und unter ihnen die ſo ſonderbar geformten ägyptiſchen Dörfer, ruhig wie⸗ derkäuende Kameele, nachdenkend in den Flußſpiegel niederſchauend, ſchwere Büffel, welche die Hitze ins Waſſer getrieben, und von denen man nur den breiten Rücken und den rieſigen Kopf ſah, der ſich ver⸗ wundert erhob und ein dumpfes Brüllen ertönen ließ, wenn wir vor⸗ über rauſchten; dazu Hunderte phantaſtiſch weißgekleideter Menſchen, die ans Ufer liefen, wenn wir uns demſelben etwas näherten, um das ſeltſame Feuerſchiff und die ſich drehenden Waſſerräder anzuſchauen; dann die üppig grünenden Felder; alles das machte auf uns einen unbeſchreiblichen Eindruck, namentlich aber die Landſchaft ſelbſt in der Stille der Nacht. Man fühlte ſich in die Jugend zurück verſetzt, man träumte wieder wie damals nach dem Leſen der Tauſend und Einen Nacht. So aufgeregt, vor uns die Heimat, welcher wir entgegen eil⸗ ten, an unſerer Seite ſchöne, liebenswürdige Weſen, deren Herzen wir gewonnen— es war wahrhaftig verzeihlich, wenn auch ſehr unklug, daß wir unſere Vorſicht bei Seite ließen und in Folge hiervon durch den alten General ertappt wurden. 8 36 Ein Geheimniß. „Wie weit dieſe Ertappung vor ſich ging, kann ich nicht genau ſagen. Hatte er geſehen, wie ich beim Scheine des Mondes Miß The⸗ reſen feurig die Hand küßte, oder hatte er bemerkt, wie der Major mit Ellen ſehr vertraulich am Steuerruder ſaß? Wir hatten ihn nicht bemerkt, und er mußte das Verdeck betreten und wieder verlaſſen haben, ſchleichend und vorſichtig, wie er es vielleicht von den indiſchen Kriegen her gewohnt war. Auch bin ich überzeugt, daß uns der Vetter bei dieſer Veranlaſſung irgend einen Liebesdienſt erzeigt hatte. Dem ſei nun, wie ihm wolle, verrathen waren wir einmal und bemerkten das ſogleich am andern Morgen, wo uns der alte General erſchien wie Jemand, der ſich alle Gewalt anthat, um nicht wenigſtens den Verſuch zu machen, uns Beide in den Nil zu werfen. Was uns ſehr über⸗ raſchte, war, daß trotzdem keine heftige Erklärung folgte. Wir werden ſehen, daß Sir Robert als ein kluger General manövrirte. Von Alexandria abreiſen mußte er; ein großer Theil ſeines Gepäcks und ſeiner Dienerſchaft befand ſich bereits auf dem Schiffe; auch hatte er in Malta Geſchäfte, weßhalb es ihm unmöglich war, über Trieſt oder Konſtantinopel zu gehen. „Er bezwang ſich gegen uns auf eine unbegreifliche Weiſe. Den erſten Tag ſtolzierte er freilich beſtändig allein auf dem Verdeck umher, die Hände auf dem Rücken, ohne uns eines Blickes zu würdigen, und ſchnaubte dabei ſtärker als die Dampfmaſchine. Aber ſchon Abends beim Diner fing er an aufzuthauen, trank ſein Glas Wein mit uns, ja, er trieb ſeine Heuchelei ſo weit, daß er ſchon am andern Morgen die alte Summſerei wegen des Bienentanzes wieder anfing. Er hatte offenbar ſeinen Entſchluß gefaßt. Und daß derſelbe nicht günſtig für unſere Wünſche war, entnahmen wir daraus, daß die beiden Damen nur in ſeiner oder des Neffen Begleitung auf dem Verdeck erſchienen. Endlich erreichten wir Adfeh und bald danach auf dem Mahmudikanal Alexandria. Es war Freitag, das Dampfboot nach Europa ging am Sonntag früh ab.— „Der alte General,“ erzählte der Varon weiter,„forderte uns Ein Geheimniß. 37 auf, mit ihm in demſelben Gaſthofe zu wohnen, was wir auf das Bereitwilligſte thaten. Unterweges, vom Hafen in die Stadt, plau⸗ derten wir natürlicher Weiſe mit den jungen Damen; doch blieb uns Sir Robert immer zur Seite, und einmal, als ich ihn ſehr plötzlich anſah, bemerkte ich, daß er ein Geſicht gegen mich machte, bei dem mir unwillkührlich ein Tiger einfiel, der ſeine gewiſſe Beute mit ein⸗ gezogenen Krallen ſtreichelt. Den Teufel auch! dachte ich; wir ſind nicht in Indien!— Seine Töchter behandelte er ziemlich barſch und rauh, und auch ſonſt machte ſich ſeine Heftigkeit wieder unerträglich breit. Dabei war es weder mir noch dem Major möglich, ihn durch ein luſtiges Wort zu beſänftigen. Wir hatten alle Gewalt über ihn verloren, und deß freute ſich der röthliche Gentleman auf's ſichtbar⸗ lichſte. „Samstag früh erhielten wir eine Einladung zum Diner bei Sir Robert. Das Diner war auf vier Uhr beſtimmt, um ſechs Uhr muß⸗ ten wir an Bord.„Meine Herren,“ ſagte er, als die Suppe kam, mit ſtrahlendem Geſicht und triumphirender Miene,„noch einmal wollen wir ſo recht angenehm zu Mittag ſpeiſen. Morgen kommt vielleicht die Seekrankhei wir haben vier Tage nach Malta.— Das Diner war eeanthägt rue ausgezeichnet, und zuletzt thaten wir noch einen Abſchiedstrunk aus dem Flaſchenkeller Sir Robert's, um von hier morgen Abſchied zu nehmen und frei der Heimat zuzuſteuern. Dann gingen wir auf unſere Zimmer und ließen unſer Gepäck abgehen. „Ich weiß nicht, mir war ganz ſonderbar zu Muthe. Ich hatte doch nur ſehr wenig Bordeaux und Champagner zu mir genommen, und doch ſtieg mir das Blut ſo in den Kopf, alles drehte ſich mit mir dergeſtalt herum, daß ich mich oftmals an einem Tiſche oder an einem Stuhle halten mußte. Der Major, der eine ungleich ſtärkere Konſtitntion beſitzt, ſah furchtbar blaß aus und ſpürte eine ſonderbare Bewegung in der Gegend des Magens. Wir ſahen uns achſelzuckend an; aber es war keine Zeit zu verlieren, um lange darüber zu ſprechen, wir mußten an Bord.. 4 Ein Geheimniß. „Obgleich wir uns vorgenommen hatten, bis ans Meer zu Fuß zu gehen, ſahen wir uns doch genöthigt, einen Wagen zu nehmen. Der alte General war ſchon voraus, und als wir an den Einſchiffungs⸗ polatz kamen, kletterte er gerade die Fallraffstreppe hinauf und verſchwand hinter der Bruſtwehr des hohen Schiffes. Wir ſtiegen ins Boot und fühlten uns im ſtärkſten Stadium der Seekrankheit. Als ich die ſteile Treppe hinan ſtieg, lief mir ein kalter Schweiß über das Geſicht, mein Haar klebte mir auf die Stirn. Dem Major war es ebenfalls hunde⸗ übel; nur befand er ſich immer einige Grade beſſer als ich. Unſere Bedienten, die uns droben erwarteten, erſchracken über unſeren Anblick; doch glaubten die guten Seelen, es ſei der erſte Anfall der Seekrank⸗ heit, und ſtauten uns ſo ſchnell wie möglich in die für uns bereit ſtehende Kajüte hinab. Da warfen wir uns auf die beiden Betten— der Major lag oben, ich unten. So elend wir waren, ſo tauſchten wir doch einige Bemerkungen über unſeren Zuſtand aus, und das Re⸗ ſultat unſerer Betrachtungen, das wir uns, aber von der Unmöglich⸗ keit deſſelben überzeugt, lachend mittheilten, war— Sir Robert habe uns auf die liebenswürdigſte Art von der Welt vergifte uns ſo in den Himmel zu befördern, ſtatt in die Arme ſeiner „Mein Bedienter trat ein und meldete mit der Kapitän verlange die beiden Herren zu ſeh 1, die auf der Liſte als Baron ſo und Major ſo verzeichnet wären. Ich ließ ihm zur Antwort geben, es ſei uns unmöglich aufzuſtehen, wir hofften aber, morgen früh, von der Seefahrt erfriſcht, ihm unſere Aufwartung ma⸗ chen zu können. „Gleich darauf kam der Kapitän ſelbſt herunter, hinter ihm ein. kurzer dicker Gentleman mit einer grauen Perrücke und blauer Brille — der Schiffsarzt. Der Kapitän hatte mehrere Papiere in der Hand, las darin und ſagt:„Herr Major von S.: „Hier! „Herr Baron von A.” „Hier!e 4 Ein Geheimniß. 39 „Ich muß die beiden Herren dringend erſuchen, einen Augenblick aufzuſtehen und mir aufs Verdeck zu folgen.“ Sie ſehen aber wohl, Herr Kapitän, daß dies unmöglich iſt, dergelegt, weil wir uns 1 antwortete der Major; denn wir haben uns nie unwohl fühlten.“ „Gerade deßhalb muß ich um ſo mehr darauf beſtehen, meine Herren,“ verſetzte der Kapitän. Und der Doktor hob die Stirn empor und drückte ſeine Brille feſter an die Augen. „Ah! mein Herr, fuhr der Major heftiger fort, ich habe noch nie gehört, daß man Kranke nöthigt, aus ihren Betten aufzuſtehen! Ge⸗ ſtattet Ihr Schiffs⸗Reglement, Paſſagiere ſo zu behandeln? gaſſagiere nicht, entgegnete ruhig der Seeoffizier. ‚Aber das und die Herren werden mir keine Karten Schiff iſt noch im Hafen, vorzeigen können.“ „Weil wir dieſelben,“ miſchte ich mich mit ſehr ſchwacher Stimme in das Geſpräch, ‚wie es immer der Fall iſt, hier an Bord zu nehmen beabſichtigten.“ „ Ich muß bitten!“ ſagte dringender der Kapitän. „Was ſoll das alles heißen? brauste der Major auf. „Ereifern Sie ſich nicht, meine Herren,“ verſetzte hierauf begüti⸗ gend der Doktor. ‚Der Herr Kapitän iſt in ſeinem vollen Rechte. Das Schiffs⸗Reglement verbietet uns, Kranke an Bord des Schiffes zu nehmen. Sie werden ſich freundlichſt erinnern, ſetzte er ſtockend hinzu, daß im gegenwärtigen Augenblicke die Peſt ſehr ſtark in Alexan⸗ dria graſſirt.⸗ „Das war allerdings wahr, und daran ſollten wir uns freund⸗ lichſt erinnern, verlangte das Ungethüm von einem Arzt. He! rief der Major zu mir herab. „Hoho!“ antwortete ich ihm auf Deutſch, das ſind verfluchte Ge⸗ ſchichten!” 3 „Dann wandte ich mich an den Kapitän und ſagte ihm: ‚Be⸗ 40 Ein Geheimniß. ruhigen Sie ſich, mein Herr, wir müſſen etwas Unverdauliches geſpeist haben. Vor zwei Stunden waren wir friſch und geſund.“ „Die Peſt kommt ſehr geſchwind, mein lieber Herr,“ bemerkte der verwünſchte Doktor. ‚Sie überfällt den geſundeſten Menſchen, vier Stunden nachher iſt er todt.— Damit nahm er eine Priſe, klopfte ruhig auf den Deckel und bemerkte gegen den Seeoffizier: Ich will gerade nicht behaupten, daß ſich die Herren in dieſem Falle befinden, aber die Sache iſt verdächtig.“ „Ich habe die Seekrankheit! ſchrie wüthend der Major, ‚und will Ihnen das ſogleich beweiſen.— Dabei langte er nach einem unaus⸗ ſprechlichen Geſchirr. „Der Kapitän zuckte mit den Achſeln und entgegnete: ‚Die See⸗ krankheit bekommt Niemand bei ſpiegelglattem Meer und ohne die ge⸗ ringſte Bewegung des Schiffes.— Meine Herren, fügte er bittend hinzu, ‚ſetzen Sie mich in keine unangenehme Lage. Ich bin überzeugt, die vollkommenſten Gentlemen vor mir zu haben, der eine Herr iſt ſogar Offizier; leſen Sie mein Reglement, es befiehlt mit kurzen und klaren Worten, Jeden, der auf den orientaliſchen Stationen erkränkt das Schiff betritt, ohne Anſehen der Perſon zurück zu weiſen. Wir haben hundert und zwanzig Paſſagiere an Bord, und ohne an die Gefahr Ihres Zuſtandes glauben zu wollen, kann ich mich doch der Gefahr nicht ausſetzen, die Peſt mit mir zu nehmen. Uebrigens ſteht es Ihnen frei, augenblicklich in Alexandria gegen mich Schritte zu thun. Ich werde doch um einer Laune willen nicht meine Stelle aufs⸗ Spiel ſetzen! k „Dagegen ließ ſich nun freilich nichts erwidern, und, um mich kurz zu faſſen, wir mußten das Schiff verlaſſen. Man hißte uns ſammt unſeren Sachen in ein Boot, das noch zufällig da lag, und während wir abſtießen, brachten die Matroſen des Dampfbootes den Anker an Bord. Keine Spur irgendwo von dem alten General, von ſeinen Töchtern, und ich für meine Perſon war auch viel zu elend, um in dem Augenblicke weiter darüber nachzudenken. Der Major Ein Geheimniß. 41 aber kochte vor Wuth. Jetzt probirte der Dampfer ſeine Räder im Waſſer, drehte ſich langſam herum und fuhr davon. Als ich ihm be⸗ trübt nachblickte, glaubte ich aus einem der Sternfenſter etwas Weißes flattern zu ſehen, vielleicht Thereſens Schnupftuch oder vielleicht auch 1 die weiße Nachtmütze des alten indiſchen Barbaren. „Wir fuhren nach Hauſe, legten uns zu Bette und ließen einen Arzt kommen. Dieſer ließ uns ſehr viel warmen Chamillenthee trin⸗ ken, und als darauf etwas Natürliches eintrat, meinte er, wir hätten vielleicht etwas Unverdauliches gegeſſen oder unvorſichtiger Weiſe— ein Brechmittel verſchluckt. „Wir Beiden, nämlich der Major und ich, ſahen uns erſtaunt an, und Jeder ſuchte in dem Auge des Anderen deſſen Gedanken zu leſen. Wir waren darüber einig, daß uns Sir Robert einen ſchänd⸗ lichen Streich geſpielt. Was ſollten wir machen?— darüber wüthen, toben? ihn bei dem Generalkonſul verklagen?— Wozu hätte das führen können?— Wir thaten das Geſcheidteſte, was wir thun konn⸗ ten, wir dankten dem Doktor für ſeine Bemühungen und erklärten ihm, er habe vollkommen Recht, wir müßten aus lauter Unvorſichtig⸗ keit ein Brechmittel verſchluckt haben, und dann fingen wir trotz un⸗ ſeres Unglückes nach einigen Minuten an zu lachen, bis uns die Thränen in die Augen traten. So lange die Welt ſteht, hat ein Papa noch niemals ſo kräftig und zugleich erfolgreich gegen ſeine zu⸗ künftigen Schwiegerſöhne operirt. Er hat uns am Lande zurückge⸗ halten und wenigſtens verſucht, uns lächerlich zu machen. „Aber es iſt ſchon ſpät,“ unterbrach ſich ſelbſt der Baron, indem er ſeine Uhr herauszog.„Ich muß wahrhaftig noch irgendwo hin.“ „Aber deine Geſchichte iſt noch nicht zu Ende?“ fragte der Diplo⸗ mat.„Du haſt unſere Neugierde erregt, ohne ſie zu befriedigen.“ „Das iſt wahr,“ bemerkte der Graf.„Wenn du Geſchäfte haſt, will ich dich nicht abhalten, ſo leid es mir thut, deine Geſellſchaft heute Abend zu verlieren. Aber deine Geſchichte kann unmöglich ſchon been⸗ digt ſein. Wir wollen erfahren, wie ihr von Alexandria weggekommen.“ 42 Ein Geheimniß. „Nicht mehr als billig,“ entgegnete der Major, indem er auf⸗ ſtand;„ich ſtehe morgen nach dem Diner zu Befehl.“ „Ich werde auch kommen,“ ſagte der Geſandtſchafts⸗Secretär. „Denn wenn man einen kranken Freund hat, ſo iſt es eine herrliche Gelegenheit, von irgend einer langweiligen Soirée wegzubleiben.— Und der Major wird ebenfalls erſcheinen?“ „Natürlich,“ erwiderte dieſer, indem er ſich in ſeinen Fauteuil⸗ zurücklehnte, während die anderen Beiden ihre Hüte nahmen.„Wenn es dir übrigens recht iſt,“ wandte er ſich an den Hausherrn,„ſo be⸗ endige ich erſt meine Cigarre vor deinem angenehm wärmenden Ka⸗ mine. Meine Frau erwartet mich nicht ſo früh—“ dabei warf er einen forſchenden Blick auf den Grafen, der ihm mit einem freund⸗ lichen, ja, herzlichen Miene dankte und darauf die Klingel zog, worauf ein Diener erſchien, der den beiden anderen Herren die Thüre zum Vorzimmer öffnete, wo ſie ihre Paletots fanden. „Alſo bis morgen!“ rief der Baron.„So gegen ſieben Uhr werde ich erſcheinen.— Gute Nacht!“ „Adieu, Baron!“ ſagten die beiden Herren, die zurück blieben. Und damit wurde die Thüre des Vorzimmers wieder zugemacht. Drittes Kapitel. Worin wir Näheres über ein Duell erfahren, auch, daß der Kriegsminiſter ein Ziehen in der linken Seite fühlt und die Gräfin ein Geheimniß verbirgt. Der Major ſaß in ſeinem Fauteuil, und der Graf ſpazierte einige Augenblicke in dem Salon auf und ab. Als er wieder an den Ka⸗ min trat, hob der Erſtere den Kopf empor und ſagte:„Es iſt dir recht, daß ich dageblieben bin?“ 3 Ein Geheimniß. 43 „Vollkommen, lieber Freund!“ antwortete der Hausherr mit einem einigermaßen trüben Lächeln.„Wir verſtehen einander. Ich bin in der That froh, daß du dageblieben; obgleich ich vor den Anderen eigentlich keine Geheimniſſe habe, ſo kann ich mich doch nur dir gegen⸗ über recht frei und offen ausſprechen.“ „Dir fehlt etwas!“ bemerkte der Major in einem Tone, der deutlich ausſprach, er irre ſich nicht. „Ja,“ antwortete der Graf. „Du biſt nicht glücklich?“ „Das will ich eigentlich nicht behaupten. Nur fürchte ich, un⸗ glücklich zu werden.“ „Ah, mein lieber Freund, du haſt nur Befürchtungen? Die zu haben, iſt eine ſchlimme Krankheit. Laß dich einmal von ihr ergrei⸗ fen, und du haſt bei den angenehmſten, beſten Verhältniſſen keine ruhige Stunde mehr.— Befürchtungen?— Ja, was kann der Menſch nicht alles befürchten! Du ſtehſt am Morgen geſund und munter auf, biſt aber unglücklich, weil du befürchteſt, im Laufe des Tages krank zu werden. Du beſteigſt ein junges, muthiges Pferd; aber deine Luſt an dem Thiere iſt plötzlich vorbei, denn du befürchteſt allerlei Unfälle, die dir begegnen können. Das— gewöhnlichen und traurigen Arten von Befürchtungen der Menſchen, ohne daß man ſie Furcht nennen könnte; denn die muthigſten Männer haben dergleichen Zufälle. Woher kommen ſie? Von mehr oder minder angegriffenen Nerven, von einer ſchlafloſen Nacht oder dergleichen.— Nur keine Befürchtungen ohne haltbare Gründe dazu!“ „Ich habe dich ruhig ausreden laſſen,“ entgegnete der Graf, „ohne daß du mir den gleichen Dienſt vorhin erzeigteſt. Wenn ich ſagte, ich fürchte, unglücklich zu werden, ſo wollte ich hinzufügen: und ich habe hiefür meine Gründe.“ „Ah, das iſt etwas Anderes!— Verzeihe mir, ich will dich ruhig anhören.“ „Du ſiehſt, ich trage meinem Arm in der Schlinge,“ fuhr der —— b —— 44. Ein Geheimniß. Graf fort.„Ich hatte ein kleines Rencontre. Ich ſah mich veranlaßt, mit einem jungen Manne, den ich wenig kenne, ein Paar Kugeln zu wechſeln. Es war eine unbedeutende Geſchichte, und ich ſehe es wohl ein, daß ich vielleicht Unrecht hatte.“ „Etwas zu befürchten,“ warf der Major ein. „Ah, davon war keine Rede!“ entgegnete der Graf und hob ſich ſtolz empor.„Wenigſtens nicht in deinem Sinne. Die Sache war einfach die: Ich erſchien mit meiner Frau in einer Soirée bei**. Meine Frau betrat zuerſt den Salon, ich folgte ihr. Zwei Reihen junger Herren, wie das leider der Brauch iſt, ließen uns durchpaſſi⸗ ren, und ich ärgerte mich ſchon darüber, daß ſie meine Frau ſo rück⸗ ſichtslos begafften.“ „Du hatteſt Unrecht. Wir haben es in unſerer Zeit gerade ſo gemacht.“ 3— „Einige hatten ſogar ihre Augengläſer eingeklemmt, was ich zu meiner Zeit niemals gethan.— Nun gut! Meine Frau ſchreitet voran, ich folge ihr; ich muß geſtehen, die jungen Leute verneigten ſich ehrfurchtsvoll; dabei bemerkte ich aber auf einmal, daß Einer meiner Frau auf eine ungemein verbindliche Art zuzulächeln ſchien.“ „Du hatteſt dich geirrt!“ „Es iſt möglich. Aber damals fuhr es mir wie ein Stich durch das Herz; ich blickte den jungen Mann feſt an, ich haßte den faſt mir Unbekannten aus tiefſter Seele. Vielleicht war ich aufgeregt. Wir traten ein; ſpäter wurde getanzt; jener junge Mann von guter Familie ließ ſich meiner Frau vorſtellen und tanzte mit ihr eine Francaiſe. Später bittet er noch um einen Walzer, was ich meiner Frau verbiete.“ „Daran thateſt du ſehr unrecht. Du verbieteſt deiner Frau etwas, was du nicht verbieten darfſt, und durch dieſes Verbot ſtellſt du ihr einen bis dahin gänzlich unbedeutenden Menſchen als etwas Wichtiges vor Augen. O, ich hätte dich für klüger gehalten!“ „Heute bin ich ganz deiner Anſicht. Aber, wie geſagt, an jenem Ein Geheimniß. 45 Abende war ich aufgeregt, ich ärgerte mich. Jener Herr trat freilich augenblicklich zurück, aber— nun, er ſuchte mich ſpäter auf, um mich zur Rede zu ſtellen.“ „Das finde ich begreiflich.“ „Ich ebenfalls, hatte mir auch feſt vorgenommen, es mir ein paar freundliche Worte koſten zu laſſen; denn ich ſah ein, daß ich im unrecht war. Aber du weißt, wie es bei ſolchen Gelegenheiten geht.“ „Namentlich bei heftigen, reizbaren Menſchen, wie du einer biſt,“ ſagte ernſt der Major. „Ein Wort, ein Blick,“ fuhr der Graf fort,„vielleicht an ſich unbedeutend, fällt wie der Funke ins Pulver. Es flammt auf, und ehe man ſichs verſieht, hat man ſo ein kleines Duell auf dem Halſe.“ „Beſter Ferdinand, du mußt deine Heftigkeit mäßigen, ſonſt fange ich in der That an zu befürchten, daß du in deiner Ehe noch unglücklich wirſt. Ich kenne deine Frau, als ob ſie meine Schweſter wäre. Du haſt eine unendlich glückliche Wahl getroffen. Bei ihr iſt Alles in der ſchönſten und glücklichſten Harmonie, ihr Aeußeres ſowie ihr Inneres, Kopf, Herz, Gedanken und Seele— ein zuſammen klingendes Ganzes. Nimm dich in Acht, mit einem rauhen, ja, nur mit einem harten Worte einen Mißton hinein zu bringen.— Lieber Freund,“ fuhr er heiterer fort, als er bemerkte, wie der Graf finſter in die glühenden Kohlen ſchaute,„man ſollte dich eine Zeit lang mit Sir Robert einſchließen; ich glaube, das könnte euch beide beſſern.— Aber weiter!“ „Ich erhielt einen leichten Streifſchuß in den Arm,“ antwortete der Graf.„Natürlicher Weiſe ſah ich bei kaltem Blute mein Unrecht ein und hätte um Alles in der Welt jenem jungen Menſchen kein Leides thun mögen, ſonſt...“ „Ach, ich weiß, du fehlſt nie ein Aß!“ „Das wußte mein Gegner auch, weßhalb er mich zu treffen ver⸗ ſuchte, und als dies mißlang und ich mein Piſtol ſenkte, ſagte er leiſe zu ſeinem Secundanten: Jetzt iſt Alles vorbei!— Wie geſagt, ſöö———ö—ͤ 46 Ein Geheimniß. ich ſchonte ihn, und das mochte ihn am Ende noch verſtimmen, denn wir trennten uns kalt und förmlich.“ Hier machte der Graf eine Pauſe und ſchritt einmal in dem Zimmer auf und ab. Als er darauf wieder zum Kamin trat, ſagte er:„Du haſt Recht, Major, du kennſt meine Frau. Du haſt ſie vorhin ſehr wahr geſchildert; und dieſe glückliche Ruhe ihrer Seele, dieſe wohlthuende Harmonie, dieſes klare, beſtändig ungetrübte Auge, ihre kindliche Heiterkeit bei ſo hohem Verſtande war mein Stolz, mein Glück.“ 3 „Es war dein Glück?“ fragte aufmerkſam der Major, indem er ſeinen Freund ernſt anblickte. „Ich bin jetzt fünf Monate verheirathet,“ verſetzte der Graf, ohne eine directe Antwort zu geben.„Vor vier Wochen war jene unange⸗ nehme, jene lächerliche⸗Duellgeſchichte. Wenige Tage darauf fand ich meine Frau merklich verändert.“ „Hat ſie jene Geſchichte erfahren?“ fragte beſorgt der Major. „Ich glaube nicht; denn mein Gegner, ſowie unſere Secundanten gaben ſich das feierliche Ehrenwort, nie darüber zu ſprechen.“ „Auf welche Art veränderte ſich deine Frau?“ Der Graf zuckte die Achſeln.„Kann ich das ſo genau ſagen?“ entgegnete er.„Man iſt nicht jeden Tag gleich geſtimmt, man iſt arglos, man beobachtet nicht immer. Aber eines Tages bemerkte ich, daß Marie nicht ſo heiter ſei wie gewöhnlich. Ihr Lächeln ſchien mir etwas Gezwungenes zu haben; ſie ſtarrte oft träumend vor ſich hin, ja, ſie blieb mir hier und da eine Antwort ſchuldig; dann fuhr ſie plötzlich empor, und wenn ſie mich anſchaute mit ihren großen dun⸗ keln Augen, ſo bemerkte ich einen ſeltſamen Schimmer darin, eigent⸗ lich keine Thränen, aber etwas Nebelhaftes, etwas, das den früheren Glanz ihres Blickes löſchte. Auch war ſie gern allein; ſie vermied ſogar zuweilen meine Geſellſchaft, und wenn ich zuweilen beſorgt ihre Hand faßte und ſie herzlich fragte, ob ihr etwas fehle, ſo zuckten ihre Lippen und eine tiefe Bläſſe flog über ihre Züge.“ —— — Ein Geheimniß. „Und dergleichen kam häufig vor?“ „Zuerſt ſeltener, dann häufiger,“ erwiderte der Graf mit einem tiefen Seufzer.„Marie iſt nicht mehr, wie ſie war; es iſt eine um⸗ 5 wandlung mit ihr vorgegangen, die ſie mir zu verbergen ſtrebt, die ich aber, trotz ihrer oft erkünſtelten Heiterkeit, entdeckte. O, mein Freund, das Auge der Liebe ſieht ſcharf! Und du weißt, wie ich meine Frau liebe! Du weißt, daß ſie mir Alles iſt— mein Denken, mein Fühlen! Ich bete ſie an!“ „Alſo eine Wirkung hätten wir entdeckt,“ entgegnete nachdenkend der Major,„aber keine Urſache.“ „Keine, die ich zu denken wage!“ entgegnete heftig der Graf. „Dieſe Umwandlung meiner Frau kam ſo leiſe und allmälig, daß ich mich oft frage: Irrſt du dich nicht? Iſt Marie vielleicht immer ſo geweſen, und du haſt es nicht bemerkt? Der Gedanke kann mich ſo beherrſchen, daß ich zuweilen meine Augen ſchließe und mir mit Gewalt ihr Bild zurückrufe, wie ich es immer vor mir geſehen; jung, heiter, blühend und glücklich. Wenn nun dieſes Bild in ſeinen glän⸗ zenden Farben ſo recht feſt vor mir ſteht und ich dann meine Augen öffne und mein geliebtes Weib anſchaue, wie ſie vor mir ruht in ihrem kleinen dunkeln Sammt⸗Fauteuil, die weißen Hände auf beide Lehnen geſtützt, tief in den Sitz geſchmiegt, als wolle ſie ſich vor der ganzen Welt verbergen, das ſonſt ſo glänzende Auge mit dem umflorten Blick weit hinausſtarrend und unter dem immer noch roſigen Teint eine krankhafte Bläſſe hervorlauſchend— ah, dann fahre ich erſchreckt empor und ſehe, daß ich mich nicht getäuſcht, daß Marie leidet!“ „SDeine Frau iſt ſiebzehn Jahre alt?“ fragte der Major. „Sie war ſiebenzehn an ihrem Hochzeitstage,“ antwortete Graf Ferdinand. „Und du haſt ſie nie befragt, ob ihr etwas fehle, ob ſie Kummer habe?“ „O, wie oft! Sie ſchüttelt den Kopf und ſagt Nein. Ich habe ſie angefteht, mir zu ſagen, warum ſie nicht mehr ſo heiter und 48 Ein Geheimniß. glücklich ſei, wie noch vor kurzer Zeit, und ſie antwortete mir ſchein⸗ bar erſtaunt, ſie habe ſich durchaus nicht verändert. Aber ihr bleiches Geſicht in ſolchen Augenblicken widerſpricht ihrer Rede. Ich habe ſie gebeten mit den herzlichſten Worten, die ein Liebender vor der Ge⸗ liebten ausſprechen kann. Ich habe ihr geſagt: Marie, verſchweige mir nichts! Fehlt dir etwas? Haſt du Kummer? obgleich ich mir nicht denken kann, wie das möglich iſt. Vertraue deinem beſten Freunde!— Umſonſt! ſie lächelte oft unter wirklichen Thränen und ſagte: Du irrſt dich, Ferdinand, mir fehlt nichts, ich bin ganz glücklich.“ „Ganz glücklich, ſagte ſie?“ „Ja, oder ganz zufrieden. Doch endlich fing ich an, mich über dieſe Antworten ein wenig zu ärgern.“ 3 „Du wurdeſt heftig?“ „Wenigſtens dringender in meinen Fragen. Ich wollte ihre Antworten nicht gelten laſſen. Ich verſicherte ihr, ſie habe Unrecht, mir nicht zu vertrauen.“ „Und darauf?“ „Ah, darauf!“ rief der Graf heftig aus und ſchritt abermals durch das Zimmer;„darauf zog ſie ſich vor mir zurück, verließ oft halbe Tage ihr Zimmer nicht, und wenn ſie endlich zum Vorſchein kam, ſo war es oft nur, um ihren Wagen zu verlangen und zu ihrer Mutter zu fahren.“ „Zu ihrer Mutter zu fahren!“ wiederholte ernſt der Major. Vei den Worten blieb der Graf auf ſeinem Spaziergange plötz⸗ lich vor dem Freunde ſtehen, ſah ihn feſt an, preßte ſeine Hand krampfhaft in die Lehne des Fauteuils und ſagte mit tiefer Stimme: „Warum wiederholteſt du meine Worte, Major?“ „Ich dachte darüber nach,“ entgegnete dieſer erſtaunt.„Ich wiederholte ſie eigentlich ohne alle Urſache, ohne allen Grund.— Doch deine Frage, mein lieber Ferdinand?“ „Hat ihren guten Grund,“ erwiderte der Graf raſch und heftig. . V V V Ein Geheimniß. Der Major ſtarrte fragend in die Höhe und richtete ſich halb * empor. Graf mit zitternder Stimme,„ſo fuhr ſie auch zuweilen nicht dahin. „Ah, Ferdinand!“ „Wie ich dir ſage! Du kannſt dir denken, daß ich nicht den Spion meiner Frau mache,— nein, was ich weiß, erfuhr ich zufällig. Ihr kleiner Wagen wurde vorgeſtern Abends zu der Zeit, wo ſie mir geſagt, ſie fahre zu ihrer Mutter, in der Schloßſtraße geſehen.“ „In der Schloßſtraße?“ „Du weißt dagegen, ihre Mutter wohnt beim herzoglichen Palais.“ „In der Schloßſtraße!“ wiederholte nachdenkend der Major. „Dort hielt er vor dem Hauſe Nro. 120.“ „Nr. 120.— Wer wohnt da?“ „Ich erfuhr das erſt durch den Adreß⸗Kalender; denn mit Schrecken erinnerte ich mich, daß dort Niemand aus der Geſellſchaft wohnt. Es iſt ein großes Haus, die Bel⸗Etage beſitzt der Doctor G., der Leibarzt des Königs.“ „Und dein Hausarzt!“ rief lachend der Major.„Nun, was iſt da weiter zu fragen?“ 3 „Noch ſehr viel!“ entgegnete finſter der Graf.„Der alte Medi⸗ cinalrath iſt freilich mein Hausarzt. Doch erinnere dich, daß er mich jede Woche ein paar Mal beſucht und daß Marie vollkommen geſund iſt. Auch nimmt der Doctor, wie bekannt, Abends nie Beſuche an. Da macht er zur beſtimmten Stunde ſein Spiel auf dem Caſino und iſt nur dort zu finden.— Alſo weiter!“ „Meinetwegen weiter! Was ſagt der Adreß⸗Kalender?“ Der Graf ſtützte den Kopf in die Hand, verbarg einen Augen⸗ blick ſein Geſicht und ſagte dann mit ſo leiſer Stimme, als wenn er zu ſich ſelbſt ſpräche:„In demſelben Hauſe, Schloßſtraße Nr. 120, wohnt jener junge Mann, mit dem ich das Duell gehabt.“* Hackländers Werke. XXV. 3 6 4 „Wenn ſie ſagte, ſie fahre zu ihrer Mutter,“ antwortete der 6 50 Ein Geheimniß. deer That unartig!“ Nal um Verzeihung.“ dieſe ſtille Lebensart, die du jetzt geführt haſt, iſt wahrhaftig an „Ah, Ferdinand!“ lefder Major aufſpringend.„Du biſt in „Habe ich etwas geſagt...?“ fragte erſchrocken der Graf. Nein, du haſt nur laut gedacht. Aber es war ein ſchrecklicher Gedanke! Was kommt dich um Gotteswillen an? Ich beſchwöre dich bei unſerer Freundſchaft, glaube mir, du biſt auf dem beſten Wege, dich und deine arme Frau unglücklich zu machen. Ein ſolcher Gedanke iſt wie ein böſer Geiſt, der aufs gehorſamſte erſcheint, den aber keine Macht der Erde wieder zu bannen im Stande iſt. Wirf ihn weg! wirf ihn weg! Schau in das klare, unſchuldige Auge deiner Frau, küſſe ihre beiden Hände und bitte ſie in deinem Innern tauſend „ „Ich hatte Unrecht,“ antwortete der Graf nach einem längeren Scttillſchweigen.„Aber was ich geſagt, ich dachte es wahrhaftig nicht. Gott ſoll mich in Gnaden bewahren! Du haſt Recht: es war ein böſer Geiſt, der über mich kam. Aber ich habe ihm mein Herz nicht geöffnet, gewiß nicht. Marie hat es gethan— wenn ich auch in Gottes Namen nichts Böſes glauben will, ſo iſt doch Eines wahr— ſie hat ein Geheimniß vor mir.“ Hier entſtand eine längere Pauſe, während welcher jetzt der Major ſeinerſeits kopfſchüttelnd auf und ab ging und der Graf finſter ſinnend 6 an dem Kamin ſtehen blieb. 43 Endlich trat der Major wieder zu Ferdinand, legte beide Hände auf ſeine Schultern und ſagte mit tiefer Stimme:„Lieber Freund, du warſt gezwungen, dich vier Wochen lang in dieſen Zimmern ein⸗ zuſchließen. Du biſt an Bewegung, an friſche Luft gewohnt, und deinen Grillen ſchuld; du ſiehſt Geſpenſter, die aber verſchwinden werden, ſobald du es nur ernſtlich willſt. Auf, wirf ſie weg, die finſteren Gedanken! Sprich mit deiner Frau ehrlich und aufrichtig, aber um Gottes willen ohne alle Leidenſchaft! Sie ſoll dir mit⸗ 3 theilen, was ihr Herz drückt! bitte ſie darum. Und wenn ſie es auf 8 Ein Geheimniß. das erſte Mal nicht thut, ſo verſuch's zum zweiten und zum dritten Male. O, dieſe jungen guten Herzen ſind leicht verſtimmt! Ein rauhes Wort ſchüchtert ſie ein, ja, ſogar oftmals eine Frage, die man geradezu thut. Erlauſche deinen Vortheil; ich bin überzeugt, du wirſt mir in wenigen Tagen ſagen, das Ganze ſei eine unbedeu⸗ tende Kleinigkeit geweſen.“ „Alſo das nimmſt du doch auch an, daß Marie etwas vor mir verbirgt?“ fragte traurig Graf Ferdinand. „Du lieber Gott!“ ſagte der Major,„das iſt wohl möglich; 5 du wirſt doch deiner Frau am Ende nicht übel nehmen, wenn ſie einmal ein kleines Geheimniß vor dir hat? Das kommt bei uns 8 auch vor.“— „Aber wegen eines kleinen Geheimniſſes, wie du es nennſt, ändert man nicht ſein ganzes Betragen. Man ſieht deßhalb nicht krankhaft aus, man zieht ſich nicht von ſeinem Manne zurück. O, unſere Angelegenheit hat einen tieferen Grund.“ Der Major zuckte mit den Achſeln und entgegnete:„Laſſen wir die Sache heute Abends ruhen. Du biſt aufgeregt, gereizt, du ſiehſt unklar. Ich will mir das Alles überlegen; ich will das Für und DPDitder bedenken. Darf ich mit meiner Frau darüber ſprechen?“ 1 1 4ꝓ„Warum nicht! Ich kenne ſie als im höchſten Grade discret.“ G 8* 3„Frauen haben einen beſonderen Blick. Aber laß die Sache ganz gehen; verdoppele deine Aufmerkſamkeit womöglich gegen Marie, 4 aber dringe nicht weiter in ſie. Du haſt ſie gefragt, ob ihr etwas fehle, ſie hat dies verneint— gut! Es wird alſo eine Grille ſein; ſie wird von ſelbſt wieder kommen.— Doch jetzt muß ich nach Hauſe, es iſt ſpät geworden; morgen nach dem Diner komme ich wieder. Der Baron ſoll uns ſeine Geſchichte zu Ende erzählen; wir müſſen 4 3 dich vor allen Dingen aufheitern, wir müſſen die Geſpenſter zu ver⸗ 3 aagen ſuchen, von denen ich vorhin ſprach.— Gute Nacht, lieber Freund!“ ¹„Gute Nacht, Major . — Bis morgen alſo!“ — 8 Ein Geheimniß. Der Graf blieb allein; er rückte einen Fauteuil vor den Kamin, ließ ſich auf denſelben nieder und ſtieß mit der Feuerzange die glühen⸗ den Kohlenſtücke durcheinander. In tiefe Gedanken verſunken, blickte er den auffliegenden Funken zu, und ſeine Phantaſie verwandelte die aufzüngelnden Flammen in allerlei ſeltſame Geſtalten. Endlich fuhr er mit einem Seufzer empor, ſtrich ſich die dichten Haare von der Stirn und ſagte:„Wie lag mein Leben vor mir, ſo ſchön, ſo roſig beglänzt!— Es ſind jetzt vier Monate, wo ich mit ihr in dieſem Zimmer war, wo draußen Alles blühte und grünte, wo wir von dem kommenden Winter ſprachen und uns wie Kinder darauf freuten, hier zuſammen vor der lodernden Flamme zu ſitzen— wir Beiden zuſammen. Und jetzt bin ich hier allein, ah, ſo ganz allein!—— Ich will dem Major recht geben, es ſoll vielleicht nur eine Grille ſein,— eine Grille in der erſten ſo glücklichen Zeit des Cheſtandes!— — Ein ſchöner Anfang! Und wenn es ſelbſt eine bloße Laune iſt, ſo verſpricht ſie mir ein ſchönes Leben für die Zukunft! Und es iſt mehr als eine Laune, ich fühle es, Marie hat ein Geheimniß vor mir!“ Ein Wagen rollte in den Hof. Der Graf lauſchte und ſtand haſtig auf. Er zog an der Klingel; der Bediente erſchien und meldete: „Die Frau Gräfin ſind ſo eben nach Hauſe zurückgekehrt.“ Einen Augenblick war der Graf im Begriffe, ſich an die Treppe zu begeben, wie er es ſonſt wohl gethan. Doch blieb er plötzlich ſtehen und ſprach zu ſich ſelber:„Ah, ſie wird vielleicht hieher kommen!“ Aber die Gräfin kam nicht— ſtatt ihrer erſchien nach einer Viertelſtunde die Kammerfrau und ſagte, die Frau Gräfin ſei ermüdet und habe ſich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen. Graf Ferdinand nickte ſtatt aller Antwort mit dem Kopfe, biß heftig die Zähne über einander und warf ſich abermals in den Fau⸗ teuil, wo er bis tief in die Nacht ſitzen blieb.— Der Major war eifrig mit ſich ſelbſt redend nach Hauſe gegangen. Was er vorhin gehört, hatte ihn tief bewegt, weit mehr, als er es ſeinen Freund merken ließ. Er kannte die beiden jungen Leute ſo — 2 2—— 2 2 1 ———— Ein Geheimniß. 53 genau, er liebte ſie wie ein älterer Bruder. Wie lebhaft erinnerte er ſich noch der Zeit, wo er der kleinen Gräfin Marie verſchiedene Bom⸗ bons zugeſteckt, die er von der königlichen Tafel für ſie mitgenommen — wie freudig klatſchte das kleine Mädchen in die Hände, wenn er ihr erzählte, dies und das von den glänzenden Papieren ſei von dem Teller Sr. Majeſtät! Auch den Grafen hatte er heranwachſen ſehen: derſelbe kam als blutjunger Offizier zu der Schwadron des Majors, und dieſer fühlte ſich mächtig hingezogen zu dem warmen und edeln Herzen voll Uebermuth und Jugendfeuer. Aber er hatte ſchon damals ſeine Fehler: er war heftig und gleich gereizt, und das hatte ihm von dem Vorgeſetzten manchen Verweis, manche väterliche Ermahnung zugezogen. Während der Major ſeine weiten Reiſen machte, hatte er nie an die Heimat gedacht, ohne ſich der beiden jungen Leute lebhaft zu erinnern. Ja, als er faſt im Vaterlande zum erſten Male wieder einen Bekannten ſah, der die Verhältniſſe der Reſidenz genau kannte, war ſeine erſte Frage:„Was macht meine kleine Gräfin Marie?“—„Sie iſt verheirathet.“—„Ei der Tauſend, das Kind!“—„Und Graf Ferdi⸗ nand?“—„Natürlicher Weiſe ebenfalls verheirathet, denn die Gräfin von E. iſt ſeine kleine Frau.“— Darauf hatte ſich der Major vergnügt die Hände gerieben; denn wenn er der Vater von Beiden geweſen wäre, er hätte für ſie keine beſſere Partie arrangiren können.— Und wie glücklich war das junge Paar, als er ſie nun zum erſten Male wieder ſah— zwei heitere, lebensfrohe Kinder! Die kleine Gräfin hatte bittend die Hand zu ihm emporgeſtreckt und abermals um Bonbons gebeten. Und wie freudig überraſcht war ſie, als er ihr ein kleines Paket übergab mit einem koſtbaren indiſchen Shawl! Sogleich hatte ſie ihn anprobirt, hatte ſich vor den Spieget ⸗geſtellt und ſich ſo herz⸗ lich, ſo kindlich, ſo aufrichtig gefreut! „Ah,“ ſagte der Major, indem er an alles das dachte,„dummes Zeug! Was kann dieſes Kind, dieſe Frau von vier Monaten für ein Geheimniß vor ihrem Manne haben?— Aber ihn kenne ich. So gut und edel ſein Herz iſt, ſo aufbrauſend und heftig kann er ſein. . 14 M Ae aee 54* Ein Geheimniß. Schon dieſe lächerliche Duellgeſchichte! Und wer weiß wie er ſonſt ſchon das arme Kind gekränkt hat! Der Teufel auch! ich will ihm den Kopf ſchon zurecht ſetzen!“ Kurz nach jenem erſten Wiederſehen hatte der Major die Stadt abermals verlaſſen und war erſt vor einigen Tagen zurückgekehrt, ohne daß es ihm bis jetzt möglich geweſen wäre, der Gräfin einen Beſuch zu machen. Er hatte ſich gefreut, ſie heute Abend begrüßen zu können. Am anderen Morgen rief den Major ſein Dienſt in das Vor⸗ zimmer des Königs. Er dachte wieder an die Geſchichte von geſtern Abend und ſpazierte in dem weiten„Gemache auf und ab. Er ließ alles, was er gehört, noch einmal an ſeinem Geiſte vorüber gehen— die Duell⸗Geſchichte, Schloßſtraße Nr. 120, wo jener junge Mann, aber auch der königliche Leibarzt wohnte.„Ich glaube, mir iſt Alles begreiflich,“ dachte er.„Wer weiß, ob man nicht vor der Gräfin allerlei über jenes Duell munkelt! Man kennt ja den liebenswürdigen Erfindungsgeiſt der jungen Leute hieſiger Stadt. Da hat man achſel⸗ zuckend von jener Begegnung geſprochen, hat die Urſache dazu viel⸗ leicht zurück verlegt in die Zeit, wo der Graf noch ledig war, irgend eine pikante Geſchichte daraus gemacht, eine frühere Verbindung zu Grunde genommen, und damit die junge Frau aufs Tiefſte verletzt. Ferdinand hatte, wie er ſelbſt geſtanden, das Duell verheimlicht, hatte angegeben, er ſei mit dem Pferde geſtürzt, und die kleine Frau— oh, entſchloſſen war ſie immer!— macht einen Beſuch bei ihrem Hausarzte, um die Wahrheit zu erfahren. So iſt es gegangen,“ ſprach der Major zu ſich ſelber,„es kann nicht anders ſein. Jene Zuflü⸗ ſterungen haben ſie verſtimmt, daher kleine Scenen; ſie hat Näheres erfahren über die Verwundung ihres Mannes, daher ihr Beſuch bei dem Leibarzte.“ In dieſem Augenblicke öffnete ein Kammerdiener leiſe die Flügel⸗ thüren, die aus dem Gang in das Vorzimmer führten. Der Major wandte ſich um und erkannte den alten Medieinalrath, der gekommen Ein Geheimniß. war, um ſeinen täglichen Beſuch bei der Majeſtät zu machen.„Er kommt mir wie gerufen,“ dachte der Offizier und ſchritt dem Leibarzt lächelnd entgegen. Der Doctor war ein kleiner, alter Herr mit wei⸗ ßen Haaren, durchdringenden Augen und ſehr lebhaften Bewegungen. Schon im Hereintreten rieb er ſich die Hände, ſagte:„Puh! puh! wie kalt!“ und ging auf den Thermometer zu, der an der Wand hing.„Zwöͤlf Grad!“ rief er dann aus.„Man ſieht wohl, daß Sie den Dienſt haben, Major— großer Reiſender, abgehärtet unter allen Zonen.— Wie geht’s? Wie geht's?“ fuhr er freundlich fort, indem er ihm die Hand reichte.„Aber was frage ich da?— Die feſteſte Geſundheit, das blühendſte Leben.“ „Unberufen,“ ſagte lachend der Major. „Natürlich unberufen,“ entgegnete der Leibarzt.„Wenn ein Doc⸗ tor über eine gute Geſundheit ſpricht, ſo verſteht ſich das von ſelbſt. Aber ich freue mich wirklich, beſter Major, wenn ich Sie ohne alle Fehler und Mängel ſo vor mir ſehe.“ „Fehler und Mängel vom medieiniſchen Standpunkte,“ erwiderte raſch der Major.„Sonſt habe ich auch die meinigen. Aber Gott ſei gedankt, ich fühle mich ziemlich geſund und habe deßhalb nur Einen Kummer, weil mir dieß nämlich das Glück verſagt, Sie zuweilen bei mir zu ſehen.“ „O, unbeſorgt!“ lachte der Leibarzt.„Ew. Geſtrengen haben ſich in den Stand der heiligen Ehe begeben, und da werden in Ihrem Hauſe auch nächſtens die Flickereien anfangen.— Aber ich plaudere hier und habe ſo viel zu thun. Kann ich zu dem Herrn hinein?“ „Sie müſſen mir ſchon einen Augenblick Geſellſchaft leiſten, be⸗ ſter Medieinalrath. Der Kriegsminiſter iſt Ihnen heute zuvorge⸗ kommen.“ „Puh!“ machte der Doctor. „Ich glaube kaum, denn es ſind keine Paraden wir leben ja in Frieden mit der ganzen Welt.“ „Aber die Uniformen, beſter Freund!“ ſagte wichtig der Leibarzt „Kann das lange dauern?“ in Ausſicht, und 56 Ein Geheimniß. und faßte einen Knopf des Offiziers, den er ſanft hin und her drehte. „Wenn da drinnen irgend eine neue Litze vorgeſchlagen wird oder die Aenderung der Kopfbedeckung, ſo bin ich ein verlorener Mann; dann ſterben mir zwanzig Kranke, ehe ich wieder aus dem Schloſſe komme.“ „Seien ſie unbeſorgt, es geht heute nichts dergleichen vor.“ „Aber dem Kriegsminiſter fehlt immer etwas. Und wenn er mich hier erwiſcht, ſo muß ich ihm eine Audienz geben.— Sie ſind erſt vor ein paar Tagen zurückgekehrt? Haben Sie Ihre Bekannten wohl angetroffen?“ „O ja,“ antwortete der Major, wohl und glücklich; das heißt alle diejenigen, die ſich nicht gerade unter Ihren Händen befinden.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte der Leibarzt.„Doch habe ich keinen Ihrer Freunde in der Arbeit.“ „Nur den Grafen B.,“ entgegnete der Major. „Ah ſo, eine Kleinigkeit,“ antwortete der Leibarzt.„Ein Schrammſchuß!“ „Doctor! Doctor!“ rief der Major.„Seien Sie nicht indis⸗ cret! Man ſpricht im Vorzimmer des Königs nicht von einem Schrammſchuſſe, den Jemand im Duell erhalten.— Alſo ſehr un⸗ bedeutend?“ „Vollkommen; er kann in den nächſten Tagen wieder ausgehen.“ „Ich habe mich recht ſehr gefreut, dieſen lieben Freund wieder zu ſehen,“ ſprach der Major, indem er leicht Säbelkuppel und Schärpe herabzog.„Das iſt ein glückliches Paar!“ „Sehr glücklich!“ ſagte der Leibarzt. „Iſt die junge Gräfin wohl? Ich habe ſie noch nicht wieder geſehen, hätte aber in der Begierde, ſie einen Augenblick zu ſprechen, neulich faſt eine Indiscretion begangen.“ „Wie ſo das?“ fragte der Doctor. „Ich ſah die junge Gräfin vor ein paar Abenden bei Ihnen vorfahren,“ antwortete der Major im ruhigſten Tone von der Welt und mit dem unbefaugenſten Blick auf das Geſicht des Arztes, obgleich —4 Ein Geheimniß. dieſer Blick aufs ängſtlichſte jede Zuckung im Auge des Anderen zu erfaſſen trachtete. Die Züge des Medieinalrathes blieben aber vollkommen ruhig und unbewegt, als er verwundert fragte:„Bei mir?“ „Bei Ihnen,“ entgegnete der Major.„Laſſen Sie ſehen, es mögen drei bis vier Tage ſein. Die Gräfin ſtieg aus und ging in Ihre Wohnung. Wahrhaftig, ich hätte mich faſt in dem Vorzimmer aufgeſtellt, ſo begierig war ich, die verehrte junge Dame einen Augen⸗ blick zu ſehen.“ „Da haben Sie ſich geirrt,“ erwiderte völlig ruhig und unbefan⸗ gen der Doctor.„Ich habe weder vor einigen Tagen noch überhaupt je das Glück gehabt, die Gräfin B. bei mir zu ſehen. Wozu das auch, da ich ſeit der Verwundung ihres Mannes faſt täglich ins Haus komme?“ „Dann habe ich mich wohl geirrt,“ ſagte der Major und that ſich allen Zwang an, um ſeine Stimme ihren gewöhnlichen Ton be⸗ halten zu laſſen. „Das haben Sie in der That, Theuerſter!“ lachte der Doctor. „Und an einem Abend wäre das geweſen, ſagen Sie? Die ganze Welt weiß, daß ich Abends nie zu Hauſe bin.“ Der Major dankte Gott im Stillen, daß der Kammerdiener vom Dienſt in dieſem Augenblicke die Thüre zum Nebenzimmer öffnete. Der Doctor wandte ſich lebhaft dahin, um am Kriegsminiſter vorbei zu ſchlüpfen, der eben heraustrat. „Ah,“ ſprach Seine Exeellenz,„mein lieber Doctor, Sie kommen mir ſehr erwünſcht. Ich fühle noch immer jenes unangenehme Ziehen in der ganzen linken Seite. Sie ſagen, es ſei kein Rheumatismus. Was kann es ſonſt ſein?“ Der Doctor warf dem Major einen verſchmitzten Blick zu, als wollte er ſagen:„Habe ich nicht Recht gehabt?“ Dann biß er ſich auf die Lippen, umfaßte den Säbel des Kriegsminiſters, den er lang⸗ ſam in der Hand wog. 8 58 Ein Geheimniß. „Und Euer Excellenz fühlen dieſes Ziehen am ſtärkſten, wenn Sie angezogen ſind?“ 2.„Natürlicher Weiſe. Im Schlafrock iſt mir beſſer.“ „Der Säbel iſt offenbar zu ſchwer,“ verſetzte der Leibarzt mit wichtiger Stimme.„Wir ſollten den Verſuch machen, ob das Ziehen nicht daher kommt. Könnten Euer Excellenz nicht einmal eine Zeit⸗ lang den Säbel an der rechten Seite tragen?“ „Unſinn, lieber Doctor!“ antwortete der Kriegsminiſter.„Hat man je gehört, daß Jemand den Säbel rechts trägt? Auch iſt der Schmerz weiter oben. Hier, wenn ich dahin drücke.“ „So kann ich Euer Excellenz nur den Rath geben,“ ſprach achſel⸗ zuckend der Arzt,„einmal eine Zeitlang durchaus nicht dahin zu drücken, und Sie werden Ihr Uebel vergeſſen.“. Damit eilte er davon; denn der Kammerdiener war mit leiſen Schritten näher getreten und hatte flüſternd geſagt:„Seine Majeſtät der König!“ „Es iſt ein eigener Mann, unſer Leibarzt,“ bemerkte Seine Ex⸗ cellenz dem Major, indem ſie abging.„Sehr geſchickt, hat aber einen großen Fehler; er hätte ein paar Jahre bei uns dienen müſſen— ihm fehlt die Subordination!“ Die Antwort des Leibarztes hatte in die Vermuthungen des Majors einen ſtarken Riß gemacht. Er ſchüttelte den Kopf, ſchritt lange hin und her und war im erſten Augenblicke— er konnte ſich das nicht verhehlen— einigermaßen betroffen. Doch bald faßte er ſich wieder, ließ noch einmal in ſeinem Gedächtniſſe alles Erzählte vorübergehen und ſagte zuletzt ziemlich beruhigt:„Ja, ja, ſo wird es ſein. Wer weiß, wer es ihm geſagt, daß man ſeinen Wagen an jenem Abend in der Schloßſtraße geſehen! Wer weiß, ob Jener über⸗ haupt im Dunkeln die Equipage des Grafen ſo genau kennt! Da muß der Jerthum ſtecken.“ Der Dienſt des Majors ging nach der königlichen Mittagstafel zu Ende. Darauf fuhr er nach Hauſe, zog ſich um und begab ſich —— Ein Geheimniß. zu ſeinem Freunde. Als er in den kleinen Salon trat, fand er Alle von geſtern ſchon verſammelt. Der Baron hatte es ſich vor dem hell lodernden Kamine bequem gemacht und ſchien ſchon irgend eine luſtige Geſchichte erzählt zu haben; denn der Diplomat lachte aus Leibes⸗ kräften, und ſelbſt über das Geſicht des Grafen Ferdinand flog ein heiteres Licht. Doch wurde er wieder ernſt, als er dem Major ent⸗ gegen trat und ihm herzlich die Hand drückte. „Nun?“ fragte dieſer. „Es iſt Alles beim Alten,“ entgegnete achſelzuckend der Graf. „Sie ſpeist abermals bei ihrer Mutter, hat mir aber verſprochen, früher nach Hauſe zu kommen.“ „Nun gut, wir wollen ſehen!“ Viertes Kapitel. Von den moraliſchen Folgen eines Brechmittels, ſowie ſehr Belehrendes über Theebereitung⸗ „Alſo ihr wollt meine Geſchichte zu Ende hören?“ ſagte der Baron. „Welche Frage!“ entgegnete der Diplomat.„Abgeſehen von dem Intereſſe, das wir daran nehmen, ſo haſt du deine Geſchichte in einem Zeitpunkt unterbrochen, wo ihr euch in einer gar zu komiſchen Situa⸗ tion befandet.“ „Ah, mit einem Brechmittel im Magen! Zum Teufel auch! Ich glaube erzählt zu haben, daß wir bei der erſten Entdeckung dieſes ſelt⸗ ſamen Giftes, welches uns Sir Robert aus ſeinem Flaſchenkeller ein⸗ geflößt, laut hinaus lachten. Nun, dieſe Heiterkeit dauerte indeſſen nicht lange. Denn als wir unſere Lage recht überlegt und beſprochen, kamen wir in ſolche Wuth über den alten General, daß es, unter uns geſagt, keine Verwünſchung gab, die wir ihm nicht über das — 60 Ein Geheimniß. Meer nachſandten. Hätten wir eine Hexe bei der Hand gehabt, wir würden ihm einen artigen Sturm gebraut haben. Zwei junge feu⸗ rige Liebhaber— und das waren wir— ſo bei ihrer erſten innigen Liebe— und das war ſie ebenfalls— zu unterbrechen, erſchien uns mit Recht als eine Barbarei, für die man ſich nicht genug rächen kann. Und dann— o pfui! über das jämmerliche Mittel, das er angewandt hatte, um uns von dem Schiffe zu vertreiben! Ich war davon, ſowie von dem Kummer, den mir die ganze Geſchichte machte, ganz elend und kraftlos. Der Major dagegen, den ſein Gleichmuth ebenfalls verlaſſen, malte mir mit wahrhaft hölliſchen Farben das Geſicht des indiſchen Ungeheuers, wenn er ſeinen beiden Töchtern die ganze Geſchichte erzählte. Und dazu lachte wahrſcheinlich der roth⸗ haarige Neffe, und dann ſummte der alte General ohne Zweifel noch obendrein und vergegenwärtigte dadurch den jungen Damen das Aben⸗ teuer mit dem Bienentanz und ließ ſie erkennen, wie väterlich er für ſie dadurch geſorgt, daß er ſie von zwei ſo unmoraliſchen Subjekten befreit. Ah, es war zum Teufelholen! Wir vergruben uns zeitig in unſere Betten, und nachdem wir ſehr lange und ſehr gut geſchlafen, erwachten wir am anderen Tage friſch und geſund. „Da ſaßen wir nun an der ägyptiſchen Küſte feſt, und das nächſte Schiff über Malta ging erſt in zehn Tagen. Freilich fuhr eines nach Trieſt früher ab; doch hatten wir uns einmal feſt vorge⸗ nommen, die Spur des alten Generals zu verfolgen und ihm wo möglich ſeinen Streich mit Zinſen heimzugeben. „Wer mit den Quarantaine⸗Verhältniſſen auf Malta bekannt war, wie wir, der mußte wiſſen, wie vortrefflich Sir Robert manövrirt und gerechnet. Die Quarantaine⸗Zeit war dort auf dreiundzwanzig Tage feſtgeſetzt; zehn Tage mußten wir in Alexandria warten: alſo wenn wir nach viertägiger Fahrt in Malta ankamen, hatte er ſchon zehn Tage abgeſeſſen und war nach dreizehn weiteren Tagen frei.⸗ oAber dreizehn Tage mit den jungen Damen in demſelben Hauſe iſt ſchon eine ſchöne Zeit!“ meinte Graf Ferdinand. . 7 4 Ein Geheimniß. „Lieber Freund, das verſtehſt du nicht,“ fuhr der Erzähler fort. „Da iſt von keinem Zuſammenleben die Rede; denn jede Geſellſchaft, 66 die ankommt, erhält ihr eigenes Quartier, ihren eigenen Hüter. Man geht ſich dort aus dem Wege, und die beſten Freunde ſprechen nur über ein Gitter zuſammen. Nicht daß man glaubt angeſteckt zu wer⸗ den, ſondern weil die Quarantaine⸗Regeln auf Malta ſo verflucht ſtreng ſind; wenn du nämlich zweiundzwanzig und einen halben Tag ſea biſt, und es kommt ein Fremder an, meinethalben ein Bekannter, dem du zufällig die Hand drückſt, ſo wirſt du ohne Gnade verurtheilt, nochmals dreiundzwanzig Tage abzuſitzen.“ deren Partei in Berührung zu treten,“ ſagte der Diplomat. „Natürlicher Weiſe hütet man ſich ſo viel wie möglich. Doch ſind auch die Quarantaine⸗Wächter dazu aufgeſtellt, einen ſolchen Ver⸗ kehr unmöglich zu machen. Mit ihren langen Stöcken folgen ſie euch auf Schritt und Tritt, beobachten euch mit der größten Sorgfalt, und haben das Recht, Gewalt zu brauchen, wenn es euch allenfalls einfiele, ihren Worten nicht zu folgen.“ „Und dieſe Quarantaine⸗Wächter,“ fragte der Hausherr,„treten nicht in Berührung mit ihren Pflegebefohlenen?“ 1„Gott bewahre! Wenn es euch aber an Bedienung mangelt, ſo könnt ihr von Malta herüber Leute bekommen, ſo viel ihr wollt. Nur werden die ebenfalls mit euch eingeſchloſſen und dürfen vor Eurer ab⸗ 4 1 gelaufenen Straßzeit ebenfalls nicht mehr mit der äußeren Welt in Ver⸗ bindung treten. Was ſich euch genähert hat, wird als angeſteckt be⸗ trachtet.“ 4 „Aber es gibt doch Sachen, durch die man unumgänglich mit der Außenwelt in Verbindung treten muß, und die auch nicht ſo ſtreng abgeſchieden werden können: z. B. eure Wäſche muß doch gemeinſchaft⸗ lich beſorgt werden.“ 3„Im Gegentheil,“" erwiderte der Baron,„darüber beſteht eine „In dem Falle wird ſich Jeder in Acht nehmen, mit einer an⸗ ganz eigenthümliche Verordnung, und wer dieſelbe kennt, ſieht ſich in 62 Ein Geheimniß. Alexandria, oder wo er ſonſt herkommt, ſo gut wie möglich vor. Denn wenn ihr friſcher Wäſche bedürft, ſo macht euch der Intendant der Quarantaine⸗Anſtalt durchaus keine Schwierigkeit. Ihr braucht nur zu ſagen, wie viel ihr Wäſcherinnen verlangt, und die erſcheinen pünkt⸗ lich, bleiben dann für die übrige Zeit eurer Quarantaine gleichfalls mit euch eingeſchloſſen.“ „Ei, der Tauſend!“ lachte der Diplomat.„Ich finde einigen Sinn in dieſer Einrichtung. Und wie ſind die Wäſcherinnen von Malta?“ „Wie ihr ſie verlangt, nach der Qualität eurer Wäſche.“ „Ich danke dir, Baron,“ antwortete der Andere.„Ich habe mich bis jetzt vor einer Verſetzung nach dem Orient gewaltig gefürch⸗ tet. Aber du erzählſt ſo angenehm, ſo geiſtreich, daß man ſich ſogar mit der wirklich unangenehmen Quarantaine⸗Anſtalt befreunden könnte.“ „Und dieſe Bedienten und Wäſcherinnen fürchten ſich nicht inficirt zu werden?“ 4 „Was wollen ſie machen? Es ſind meiſtens arme Leute, die ihr Geld ſo gut wie möglich zu verdienen ſuchen. Uebrigens weiß man auch ſchon ſeit langen, langen Jahren von keinem Peſtfall auf Malta.“ „Die zehn Tage,“ fuhr der Baron nach einer Pauſe fort,„gingen vorüber, wie Alles auf dieſer Welt. Das neue Schiff machte ſich zur Abfahrt bereit, und wir gingen an Bord, ſo roſig und geſundheit⸗ ſtrahlend, wie nur möglich. Ich betrat abwechſelnd ſingend und pfei⸗ fend das Verdeck, um dem Schiffsarzt die beſte Meinung von unſeren körperlichen Zuſtänden zu geben. Uebrigens war die See in unange⸗ nehmer Bewegung. Das Schiff ſchwankte ſchon im Hafen ziemlich ſtark, und der Kapitän meinte lächelnd, er wolle das Diner um eine Stunde vorrücken laſſen, denn er fürchte, einmal draußen vor der Rhede würde ſämmtlichen Paſſagieren der Appetit vergehen. Und der Mann hatte furchtbar Recht. Kaum hatten wir das Ufer eine halbe Stunde verlaſſen, ſo fing das Schiff an ſich zu bäumen, ſich rechts und links mir der Kapitän ein paar Matrazen überläßt, die ich natü wohl Ihre Bedienten bei der Hand? Bitte alſo, Ihren a Ein Geheimniß. Sterbender. Glücklicher Weiſe für uns und die Komödie, die wir zu ſpielen beabſichtigten, ging von den übrigen Paſſagieren nicht ein ein⸗ ziger in Malta vom Schiff. Am anderen Morgen wurden die Be⸗ wegungen des Dampfers ſanft und ſchaukelnd, die Ankerkette raſſelte nieder, und er ſchien ſich im Anblick der maleriſch ſchönen Stadt kokett und wohlgefällig auf dem tiefgrünen Waſſer zu wiegen. Leider konn⸗ ten wir die prächtig emporſteigenden Feſtungswerke und die an die Fel⸗ ſen angeklebten Häuſer von La Valette und St. Elmo nicht ſehen,— ich wenigſtens nicht, der ich in meinem Bette lag. „Der Major ging huſtend die Kajütentreppe hinauf und kehrte dann gebückt und ſchleichend mit dem Schiffsarzte zurück. Dieſer war erſtaunt, mich ſo regungslos auf meinem Bette ausgeſtreckt zu ſehen, hütete ſich aber wohl, meinen Puls anzufaſſen. ‚Sie haben Recht,⸗ ſagte er zu meinem Freunde, ‚das können keine Nachwehen der Seekrankheit ſein. Alles Andere auf dem Schiffe iſt wieder geſund, ſogar die zar⸗ teſten Damen. „Und Sie fühlen Schmerzen?“ wandte er ſich an mich. „Ungeheure!⸗ verſicherte ich ächzend.— Der Major hatte mich natürlicher Weiſe inſtruirt.—„Ich bin nicht im Stande, ein Glied zu rühren; vom Aufſtehen iſt gar keine Rede.⸗ „Aber was können wir für Sie thun?⸗ fragte haſtig der Doktor, der offenbar ängſtlich war, wir hätten vielleicht die Abſicht, an Bord des Schiffes zu bleiben. „Der Major zuckte die Achſeln und ſagte: ‚Unſer Beſtimmungs⸗ ort iſt Malta, ich muß meinen armen Freund hier ausſchiffen. Aber da er nicht aufſtehen und gehen kann, ſo bleibt nichts übrig, als daß rlich bezah⸗ len werde und auf denen ich den Kranken in das Boot hinablaſſe.⸗ „„Das wird offenbar keine Schwierigkeit haben,“ entgegnete eifrig der Doctor. Ich ſtehe für die Erlaubniß des Kapitäns; Sie haben rmen kranken 5 Kgackländers Werke. XXV. —— — 66 Ein Geheimniß. 8 Freund ſorgfältig auf die Matrazen ſchnüren zu laſſen, damit ihm beim Hinablaſſen kein Unfall begegnet.⸗ „Das thaten wir denn alsbald, obgleich unſere Leute bei dieſem Vorfall große Augen machten. Ich wurde hinaufgeſchafft, und Jeder⸗ mann, Paſſagiere und Matroſen, gingen uns ſorgfältig aus dem Wege. Nur die Leute, welche hierzu kommandirt wurden, faßten behutſam die vier Zipfel meiner Matraze, ſchoben ein Brett unter, hoben mich auf die Bruſtwehr hinauf und befeſtigten vier Ziehtaue an mein Lager. 6 Ich muß geſtehen, daß ich einiger Maßen unruhig von der beträcht⸗ lichen Höhe in das Waſſer hinab blinzelte. Wenn die Kerle mich un⸗ geſchickt behandelten, ſo hätte ich möglicher Weiſe in dem Hafen von Malta ertrinken können. Aber Alles ging vortrefflich von Statten. Der Kapitän ſprang auf das Hinterdeck, grüßte mich zum Abſchiede mit ſeinem Hut, machte ein Zeichen mit der Hand, worauf ſich eine gellende Pfeife vernehmen ließ und ich an meinen vier Tauen außer⸗ ordentlich ſanft in das Boot hinabrollte. „La Valette und St. Elmo ließen wir zu unſerer Linken und ſteuerten quer durch den Hafen nach dem Fort Emanuel, wo ſich die Quarantaine⸗Anſtalt befand. Unterwegs ſaß der Major neben mir, tief gebückt, das Schnupftuch vor dem Munde, ließ aber trotzdem ſeine Augen ſorgfältig auf den Wällen des vor uns liegenden Forts umher⸗ ſpazieren. Jetzt beugte er ſich dicht zu mir herab und ſagte mit leiſer Stimme: Alles geht vortrefflich. Dort oben auf dem Walle ſteht Sir Robert und neben ihm der rothhaarige Neffe, mit einem unendlichen Tubus bewaffnet. Er hat unſere klägliche Ausſchiffung mit angeſehen, und ſo iſt die Sache außerordentlich gut eingefädelt.. „Die Sanitätsbehörde am Fuße der großen Treppe empfing uns mit ziemlich langen Geſichtern, die ſich aber einigermaßen wieder auf⸗ heiterten, als der Major ein Papier übergab, welches er ſich von dem Schiffsarzte verſchafft hatte. Dieſer ſchrieb nemlich ſeinen Quarantaine⸗ Kollegen, er glaube nicht, daß der vorliegende Fall mit der Peſt in Verbindung zu urin= Nan möge ſich beruhigen; ihm ſcheine 67 der Zuſtand der beiden Herren nach dem, was er von dem Einen ver⸗ nommen, von einer ſeltſamen Vergiftung herzurühren; woher aber dieſe ſtamme, wüßten fich die beiden Kranken ſelbſt nicht zu erinnern. Sie befanden ſich auf einem Außenwerke und hätten, um zu uns ge⸗ langen zu können, einen ziemlichen Umweg machen müſſen, was uns ſehr lieb war. So wurde ich denn in das ſchloßähnliche Gebände hin⸗ aufgetragen, das im Fort Emanuel zur Quarantaine⸗Anſtalt benutzt wird. Der Major ging tiefgebückt neben mir her und huſtete, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. In Folge unſeres zahlreichen Gepäckes und auch wohl aus Sorgfalt, weil wir krank waren, erhielten wir ein ganz anſtändiges Quartier— drei Zimmer auf den Hof hin⸗ aus mit der Ausſicht auf La Valette, St. Elmo und das Meer; zwei andere gingen auf eine kleine Baſtion, einen niedlichen Kugelgarten, „ der uns zum Spazierengehen angewieſen war. Wir begaben uns ſo⸗ gleich in unſere Wohnung; ich wurde auf den Boden niedergelegt, der Major ſetzte ſich in Ermanglung eines anderen Sitzes höchſt erſchöpft auf eine Fenſterbrüſtung. Die Zimmer waren groß, hoch und gut erhalten, aber ohne alles Ameublement,— ein Mangel, dem aber in dieſer gut eingerichteten Anſtalt ſogleich abgeholfen wird. Kaum hatten wir uns nämlich niedergelaſſen, ſo erſchien ein Intendant, Haushof⸗ meiſter oder was er war, und übergab ein langes Papier, auf welchem alle Gegenſtände verzeichnet waren, die man braucht, um eine leere 3 Wohnung, wie die unſrige, zu möbliren. Dieſe Gegenſtände waren nach verſchiedenen Tarifen zuſammengeſtellt, von einer einfachen, noth⸗ 3 dürftigen Einrichtung an bis zum größten Comfort mit Teppichen, Kronleuchtern, Blumentiſchen, Fauteuils; man hatte alſo nur zu be⸗ ſtimmen, wie man wohnen wollte, d. h. wie viel man auszugeben beabſichtige; denn begreiflicher Weiſe liefert die Quarantaine⸗Anſtalt nur die nackten Wände; alles Uebrige muß der Reiſende auf ſeine ooſten anſchaffen. Mit dem Fruͤhſtück und Diner iſt es ebenfalls ſo. üEN — —— 68 Ein Geheimniß. Man braucht nur einen Preis zu beſtimmen und iſt im Verhältniß zur Zahlung immer recht gut bedient. Natürlich iſt engliſche Küche vorherrſchend und dazu engliſches Bier zu haben von ſehr guter Qualität. „Ich hatte einen mörderlichen Hunger; denn wenn man faſt vier Tage ſeekrank war, ſo iſt der Magen ziemlich ausgeleert. Was war aber zu thun? Wir mußten einmal die Kranken ſpielen, weßhalb der Major, nachdem er aus den vorgelegten Papieren eine anſtändige Zim⸗ mereinrichtung ausgeleſen, einfache Fleiſchbrühe für uns Beide befahl, dagegen ein ſehr reichliches Diner für unſere Bedienten, die, wie er ſagte, für das viertägige Faſten zu entſchädigen ſeien. „Unſere Wohnung war in weniger als einer Stunde vollkommen eingerichtet. Ich legte mich ſogleich zu Bett, und der Major wickelte ein gelbes Foulard um ſeinen Kopf, welches ihm ein äußerſt krank⸗ haftes Anſehen gab, und kämmte ſeinen widerſtrebenden kohlſchwarzen Bart, daß er melancholiſch herabhing. So gerüſtet erwarteten wir die Beſuche, die nothwendiger Weiſe bald erfolgen mußten. „. uerſt kam der Quarantaine⸗Arzt und ließ ſich unſeren Zuſtand ſchildern. Der Major erzählte ihm eine ſeltſame Geſchichte, wie wir uns, ohne eine Urſache angeben zu können, ſchon in Alexandria zum Sterben krank befunden hätten, wie man uns vom Schiffe zurückge⸗ wieſen, und wie ein franzöſiſcher Arzt, der uns behandelt, erklärt habe, wir müßten durch einen unglücklichen Zufall vergiftet worden ſein. „Dieſer vortreffliche Arzt,“ fuhr der Major fort, behandelte uns während zehn Tage mit der größten Sorgfalt und ſtellte uns ſo weit her, daß man uns an Bord des eben abfahrenden Schiffes aufnahm. Doch hat dieſe Seefahrt unſer Uebel bedeutend verſchlimmert. Mein Freund dort fühlt bedeutende Schmerzen und eine Erlahmung an allen Glie⸗ dern, und ich, der ich eine ſehr ſtarke Konſtitution habe, leide auf der Bruſt und huſte ſeit mehreren Tagen, daß es zum Erbarmen iſt.“⸗ „Der Quarantaine⸗Arzt, ſehr beruhigt, daß wir keine andere Krankheit nach Malta geſchleppt, verordnete uns einige leichte Sachen, .“ Ein Geheimniß. 69 empfahl uns Ruhe und Düät und verſprach, noch denſelben Abend wieder zu kommen. „Wir hatten abſichtlich keine Fragen an ihn geſtellt, wer noch außer uns in der Anſtalt ſei. Wir hatten uns vortrefflich benommen, wie zwei ſehr kranke Menſchen, die für nichts mehr Intereſſe haben, und überließen Alles andere dem Zufalle, feſt überzeugt, Sir Robert, der unſere klägliche Ankunft geſehen, werde ſich baldigſt nach uns er⸗ kundigen laſſen. Unſere Vermuthung war vollkommen richtig. Der Quarantaine⸗Arzt wurde, ſobald er uns verlaſſen, zu den Engländern geholt und berichtete da getreulich über unſeren Zuſtand, und die Folge davon war, daß unſer Quarantaine⸗Wächter nach einer kleinen halben Stunde eine Karte von dem alten General überbrachte, der uns zu ſprechen wünſchte. „Nehmen wir ihn an?“ fragte ich. „Allerdings, entgegnete der Major und machte ein Zeichen mit dem Kopfe, um den Beſuch eintreten zu laſſen. „Der alte General trat ein und ſah einigermaßen beſtürzt aus, als er uns Beide erblickte. Hinter ihm ging ſein Quarantaine⸗Wächter mit einem großen Lehnſtuhl, den er in die Mitte des Zimmers ſetzte, und auf welchen Sir Robert ſich niederließ, entfernt genug von uns Beiden, ſo daß keine Berührung ſtattfinden konnte. „Ei der Tauſend! ſagte der General nach einer Pauſe, ‚wie ſchmerzlich iſt es mir, Sie, meine Herren, ſo wieder zu ſehen!’— Bei dieſen Worten zitterte ſeine Stimme faſt unmerklich, und er fixirte den Major, dem er das Geſicht zuwandte, aufmerkſam mit ſeinem Blicke. „Ich ſtieß einen tiefen Seufzer aus, der Major entgegnete mit ſehr dumpfer Stimme: ‚So kann man überfallen werden, von dem Schickſal getroffen, ohne zu wiſſen, woher der Schlag kommt.“ *„Aber, meine Herren,“ fuhr Sir Robert fort, ‚Sie erſchrecken mich in der That. Was iſt denn geſchehen?⸗ „Wir ſind vergiftet worden.⸗ „„Vergiftet?!’ rief der Engländer mit wahrem Entſetzen.„‚Auf welche — — —— Ein Geheimniß. Art denn?— Durch Zufall?— Sie ſehen mich ganz begierig, etwas Näheres über dieſe ſchreckliche Geſchichte zu vernehmen.“ Dabei zog er ſein Taſchentuch heraus und wiſchte ſich einige Schweißtropfen von der Stirn. „Wir ſind überzeugt von dem Antheil, den Euere Herrlichkeit an uns nimmt,“ antwortete der Major. ‚Aber was können wir ſagen? Sie werden ſich erinnern, daß wir die Ehre hatten, in Alexandria vor Ihrer Abreiſe mit ihnen zu diniren.⸗ „Ganz recht; aber ich befand mich ſehr wohl darauf.⸗ „„Daß wir nach dieſem Diner mit Curer Herrlichkeit einen Ab⸗ ſchiedstrunk nahmen, nicht von dem Weine des Wirthes, aus Ihrem Flaſchenkeller.⸗ „ Mein Gott, ja!⸗ ſprach immer ängſtlicher der General. ‚Das war ein alter vortrefflicher ſpaniſcher Wein, der den Magen angenehm erwärmt und ſtärkt. Sollten Sie die ſchreckliche Idee haben, der hätte Ihnen ſchaden können?⸗ „Gewiß nicht,“ entgegnete ruhig der Major. Ich erzähle nur den Verlauf der Geſchichte. Wir gingen an Bord, als wir uns auf ein⸗ mal ſehr übel befanden.⸗ „„Das habe ich von unſerem Kapitän erfahren,⸗ ſagte verwirrt der alte Herr und ſchaute dabei aufmerkſam zum Fenſter hinaus.„Leider war ich in dem Augenblicke mit dem Unterbringen meines Gepäcks be⸗ ſchäftigt, ſonſt hätte ich Ihnen mein Beileid bezeugt. Als ich herauf⸗ kam, waren Sie ſchon abgefahren.— Und damals fühlten Sie ſich ſchon recht unwohl?⸗ 3 „Wir litten Beide die heftigſten Schmerzen mit Anwandlungen von Uebelkeit.⸗ „Ah!“ machte der General. „Wir kehrten nach Alexandria zurück, wir ließen einen Arzt kommen, dieſer zog noch einen zweiten zu Rathe, ſie unterſuchten uns, hielten eine förmliche Conſultation, deren Reſultat war, wir ſeien vergiftet worden.⸗ „Vergiftet!⸗ Ein Geheimniß. „Vergiftet, Herr General; mit einem hölliſchen Gebräu— ich habe den Namen vergeſſen,— welches man im Orient anzufertigen pflegt, und das auch in Indien bekannt ſein ſoll. Man gibt es vor⸗ kommenden Falls dem unglücklichen Schlachtopfer in Kaffee, Wein oder dergleichen. Sie werden davon gehört haben.“ „Der alte Engländer war ſehr blaß geworden; er athmete tief und ſchwer und ſchaute bald mich, bald den Major an. Letzterer fuhr fort:„Dank ſei es der kräftigen Conſtitution, die wir Beide haben, und den vortrefflichen Mitteln, die uns jener junge Arzt gab! Sie haben uns gerettet, ſonſt wären wir jetzt die todteſten Menſchen. „Die Sache iſt mir vollkommen unerklärlich!“ brachte mühſam der alte Herr hervor. „Auch wir haben nicht den geringſten Verdacht,“ antwortete der Major. Vielleicht war es ungeſchick, vielleicht ein Zufall— Gott mag es wiſſen,— was uns ſo weit gebracht. Denn das kann ich Eurer Herrlichkeit verſichern, wir ſind Beide noch recht elend.“ „Ich ſehe es, ich ſehe es! entgegnete haſtig der General, indem er aufſtand.„Gönnen Sie ſich Ruhe, meine Herren, und erlauben Sie mir, daß ich mich ſtündlich nach ihrem Befinden erkundigen laſſe.“— Darauf machte er ein paar wankende Schritte gegen uns, und ich glaube, er batcgein dem wirklichen Schrecken, den wir ihm eingejagt, ſogar vergeſſen, aß er uns nicht berühren durfte. Denn er trat an mein Bett und wollte mir die Hand reichen. Doch ſprang ſein Wächter wie ein Blitz dazwiſchen und erinnerte ihn an das Quarantaine⸗ Geſetz, worauf Sir Robert ſich beſinnend vor meiner ſchon ausgeſtreck⸗ ten Hand zurück fuhr, als bäume ſich eine indiſche Natter vor ihm. Dieſer Händedruck hätte ihm aber auch unfehlbar zehn weitere Tage Quarantaine eingetragen. Er verließ uns ganz erſchüttert, und kaum war er fort, ſo ſchickten wir unſeren Quarantaine⸗Wächter hinaus, ſchloſ⸗ ſen alle Thüren und begaben uns in das äußerſte Vorzimmer, wo das Diner für unſere Bedienten ſervirt war, dem wir alle Gerechtigkeit an⸗ gedeihen ließen.“ — 72. Ein Geheimniß. „Ich muß doch geſtehen, Baron,“ ſagte hier der Diplomat,„daß ihr ein Bischen zu arg Komödie geſpielt. Der alte Herr glaubte eurer Erzählung, wie ihr meint. Da muß er ja mit ſchrecklichen Gewiſſensbiſſen von euch gegangen ſein. Er hatte am Ende als Va⸗ ter gehandelt, der ſeine Töchter von zwei ihm läſtigen Bewerbern zu befreien ſuchte. Die Strafe war offenbar zu hart für ein gelindes Brechmittel.“ SDa haſt du vollkommen Unrecht,“ nahm der Major das Wort. „Wir klagten ihn freilich eines Mordverſuchs an; aber hatte er uns mit dem Brechmittel, ſeinen von uns geliebten Töchtern gegenüber, nicht moraliſch tödten wollen? Ich wiederhole es nochmals: Nichts läßt ſo leicht ſelbſt eine wahre Liebe verſchwinden, als die Lächerlich⸗ keit. Kamen wir friſch und geſund nach Malta, ſo rieb er ſich die Hände, lachte uns freundlich an, ſummste vielleicht ein wenig und hatte wohl gar die Kühnheit, gelegentlich, wenn auch ſehr verblümt, ſeines Heilmittels zu gedenken. Wir konnten doch mit dem alten Herrn keine ernſtlichen Händel anfangen! Dabei wirſt du begreifen, daß unſer Lebensglück auf dem Spiele ſtand; denn ich muß geſtehen, mich hätte der Verluſt des Mädchens, das ich ſo innig liebte, wahr⸗ haft unglücklich gemacht. Seine Handlung gegen uns war jedenfalls ſehr unüberlegt. Wir hatten Recht, ihn dafür zu beſtrafen, und es gelang uns vollkommen. Er rieb ſich nicht die Hände, er ſummste nicht und lachte noch viel weniger über uns. Er ging tief erſchüttert nach ſeiner Wohnung, ſchloß ſich mit ſeiner Familie ein und erzählte zitternd, was uns begegnet. Wir ſtanden da als Opfer einer hölliſchen Bosheit. Und der Papa kam jetzt erſt recht ſchlecht weg. Ellen, die überhaupt keinen Spaß verſtand, wollte augenblicklich zu uns herüber⸗ ſtürzen und war, wie auch Thereſe, nur mit Gewalt zurück zu halten. Dann aber ging ein Verhör los, wie der alte Herr nie eines beſtan⸗ den. Die Mädchen wollten wiſſen, ob eine Verwechſelung bei dem Weine möglich geweſen ſei und ob der alte indiſche Kammerdiener, der ihn in Alexandria verlaſſen, vielleicht ein Gift, wie das genannte, be⸗ Ein Geheimniß. ſeſſen. Sir Robert gab achſelzuckend zu, daß dies am Ende möglich ſei, und nun erfolgte, wie wir ſpäter vernahmen, ein ſolcher Ausbruch des Schmerzes, ja des Zornes bei den beiden jungen Damen, daß der rothhaarige Neffe ſchauderte und der alte General vollkommen wußte, woran er war.— So!“ unterbrach ſich der Major und ſagte zu ſeinem Freunde, dem Baron:„Jetzt nimm deine Geſchichte wieder auf und verzeihe, daß ich dich abgelöst.“ „Dafür bin ich dir ſehr verbunden,“ antwortete dieſer,„denn ich habe mich ganz trocken geſprochen.— Bekommgen wir eine Taſſe Thee?“ wandte er ſich an den Hausherrn. 6* 2„Ganz gewiß,“ verſetzte Graf Ferdinand in einger Verlegenheit, indem er auf die Uhr ſchaute, welche auf dem Kamine ſtand.„Ich hatte nur gehofft, meine Frau käme zeitig zurück— ſie ſpeist bei ihrer Mutter,— und wir würden den Thee gemeinſchaftlich nehmen.“ „Ah, das iſt etwas Anderes!“ rief eifrig der Baron.„Dann warten wir auf alle Fälle. Wie freue ich mich darauf, die kleine Gräfin zu ſehen! Ferdinand, du biſt ein ungeheuer glücklicher Menſch.“ „Du kannſt mit deinem Looſe ebenfalls zufrieden ſein,“ warf der Diplomat dazwiſchen.„Ihr ruht alle im ſchönſten Hafen, während ich wahrſcheinlich noch ſehr lange auf der See des Lebens umher ge⸗ trieben werde.“ 3 Der Graf hatte nachdenkend geſchwiegen und ſah alsdann den Major verſtohlener Weiſe mit einem fragenden Blicke an. „Nehmen wir immerhin unſeren Thee,“ ſagte dieſer mit ſeinem ruhigen Tone.„Wenn junge Damen ihre Eltern beſuchen, dauert's 8 immer ein Bischen länger. Man kennt das. Und dann dauert mich auch der gute Baron. Er kann nun ſeine Geſchichte zu Ende erzählen, und die würde doch, ſchon ſehr weit vorgerückt, wie ſie iſt, kein In⸗ tereſſe für die Gräfin haben.“ Der Major wußte wohl, was er that. Er hatte der Gräfin zwei Zeilen geſchrieben, worin er ſie bat, ihm nach ihrem Diner eine ——— Ein Geheimniß. Viertelſtunde zu gönnen. Er war überzeugt, ſie würde ſich freuen, ihn wieder zu ſehen, und ihn augenblicklich nach ihren Zimmern bitten. Wartete man aber mit dem Thee auf ſie, ſo war ſie genöthigt, augen⸗ blicklich in den Salon herüber zu kommen, und die Unterredung, auf die er gehofft, war für ihn verloren. Der Graf zog alſo die Klingel, gab ſeine Befehle, und einen Augenblick darauf waynder Thee auf einem kleinen Tiſche vor dem Kamine ſervirt, mit. jener Stille und Geräuſchloſigkeit, welche gut geleitete Häuſer wei angenehmer macht, als alle Pracht und Herrlich⸗ keit, welche ſie zu entwickeln im Stande ſind. „Man trinkt bei dir auch nur ſchwarzen Thee,“ ſagte der Ge⸗ ſandtſchafts⸗Secretär;„und da ich das weiß, ſo freue ich mich immer auf eine Taſſe. Man bekommt ſo oft mit grünem gemiſcht, und es iſt mir das unausſtehlich. Es koſtet mich ein paar Stunden Schlaf.“ „Der Major muß unſeren Thee machen,“ verſetzte der Hausherr. „Es iſt eine ſchwere Kunſt, die Niemand ſo wie er verſteht.“ „Meine Frau ausgenommen,“ ſprach wichtig der Baron.„Ich ſchließe mich der Anſicht unſeres diplomatiſchen Freundes an. Auch ich weiß wenig Häuſer, wo ich Thee nehmen mag. Es liegt mir un⸗ geheuer viel an der Art, wie er gemacht wird.“ „Und du haſt es doch ſchon ſo oft geſehen,“ erwiderte lachend der Major, indem er ſich an das ihm aufgedrungene Geſchäft machte. „Es kommt hier, wie bei allem, auf gute Stoffe an. Ein ächter ſchwarzer Thee, ſiedendes Waſſer und zwei Tropfen concentrirten Rahmes.“ „Ich war neulich in einer Geſellſchaft,“ bemerkte träumeriſch der Diplomat,„da warfen ſie Zimmt in den Thee.“ „Berrr!“ machte der Baron.„Das war bei einer Kanzleiräthin. Aber dieſes Gebräu wurde wieder gut gemacht durch die kleine Hand, die es dir darreichte, und die ſchönen ſchwarzen Augen, die dich dabei anblickten.“ 4 „Laß mich dem Major bei ſeinem Geſchäfte zuſehen„“ ſagte der —— 1 — Ein Geheimniß. 75 junge Mann ausweichend.„Er weiß die Portionen ſo ſicher zu neh⸗ men. Und dann ſeht ihr, wie er den Thee vorher ſo ſorgfältig ab⸗ ſpült, ehe er die Kanne mit kochendem Waſſer füllt 35 3 „Das iſt eine wahre Lauge, die ich zuerſt abgieße, die dem Magen wehe thut und die Nerven angreift,“ verſetzte der Major.„Sol jetzt bin ich fertig. Ich hoffe, ihr ſollt zufrieden ſein.“ 5 Fünftes Kapitel. Der Baron erzählt von den vortrefflichen Einrichtungen einer Quarantaine⸗Anſtalt, wie mang daſelbſt Whiſt ſpielt, und berichtet von Kampf und Sieg. Der Thee war in der That ausgezeichnet, und der Baron, nach⸗ dem er in die Taſſe nur eine Thräne Rahm geträufelt, ſchlürfte ſie aus, ſchob ſie auf den Tiſch, nahm eine neue Cigarre und fuhr in ſeiner Erzählung fort:„Natürlicher Weiſe hatte die mediciniſche Be⸗ handlung, welche uns der Quarantaine⸗Arzt angedeihen ließ, einen überraſchend ſchnellen und günſtigen Erfolg. Schon am zweiten Tage verſchwanden meine Schmerzen und huſtete der Major auffallend weniger. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Doctor hierüber außer⸗ ordentlich vergnügt war, daß wir ihn durch die Verehrung, welche wir ihm bezeugten, unauflöslich an uns ketteten, und daß es Nie⸗ manden gab, der eifriger und zuverſichtlicher über den hohen Grad unſerer Vergiftung ſprach, als dieſer vortreffliche Arzt. In wenigen Tagen verließen wir unſere Zimmer und begaben uns ſogleich nach dem vorhin erwähnten Kugelgarten; wir hofften auf das Glück, viel⸗ leicht die beiden jungen Damen ſehen zu können, hielten es aber auch für unſere Schuldigkeit, unſere Umgebung, unſer Gefängniß, die Mauern und Geräthe, die uns von der engliſchen Familie trennten, zu unterſuchen. 3 76 Ein Geheimniß. „Der alte General hatte uns gegenüber ſeine Wohnung gut ge⸗ wählt. Zu unſerem Kugelgarten mußten wir aus dem erſten Stock der Wohnung noch ein paar Treppen hinaufſteigen, denn er lag auf der Höhe des Walles, während Sir Robert aus dem Parterre der ſeinigen einige zwanzig Stufen hinab ſtieg, um auf den Grund des Grabens zu gelangen, wo ihm zu luſtwandeln vergönnt war. Ihr 8 ſeht demnach, daß wir durch eine recht ſolide Mauer getrennt waren. Zwanzig Stufen für ihn abwärts, zehn für uns aufwärts bilden eine recht anſtändige Entferung. „Uebrigens hatten wir ſchon das Glück, bei unſerem erſten Spa⸗ ziergange die beiden jungen Damen ſehen zu können. Ja, ich muß geſtehen, daß ſie uns mit unverhohlenen Ausrufen der Freude empfin⸗ gen. Doch war unſer Standpunkt, hoch oben, gar ſchlecht geeignet, um eine Unterredung zu führen. Das ſahen wir denn auch ein und begnügten uns mit den allergewöhnlichſten Fragen und Antworten. Auf einen Augenblick ſtieg auch Sir Robert in den Graben hinab und rieb ſich vergnügt die Hände, als er die Entfernung zwiſchen uns betrachtete. Hier brauchte er ſeine Töchter nicht zu bewachen; denn außer der hohen Mauer, die dieſes Geſchäft übernahm, befand ſich zum Ueberfluſſe auch noch der Quarantaine⸗Wächter da, der mit ſeinem langen Stock hinter den jungen Damen auf und ab ſpazierte. „Es war uns vor allen Dingen darum zu thun, ein wenig näher zu den beiden Mädchen zu kommen, um ein wichtiges Geſpräch, deſſen wir für unſere Zukunft ſo ſehr bedurften, mit ihnen führen zu können. Ich nahm unſeren Wächter auf die Seite, zeigte ihm eine Guinee und bat ihn um Auskunft, wie es möglich ſei, in jenen Graben hinab zu ſteigen, um ein paar Worte mit den Damen zu plaudern. Der Wächter, ein kluger Malteſer, der die Sache augen⸗ blicklich durchſchaute, lächelte und meinte, er handle nicht gegen die Quarantaine⸗Vorſchrift, wenn er uns in dem Kugelgarten eine Fall⸗ thüre zeige, die auf eine Treppe gehe und in den unteren Graben führe. Es verſteht ſich von ſelbſt,⸗ ſetzte er hinzu, daß Sie unten — Ein Geheimniß. eine ſtarke verſchloſſene Gitterthüre finden werden und daß ich Sie bitte, nicht den Verſuch zu machen, durch irgend etwas mit den beiden Damen in Berührung zu treten.— Ich will meinen Kameraden da unten von Ihrer Abſicht in Kenntniß ſetzen, und wenn... ich drückte ihm augenblicklich eine andere Guinee in die Hand... ſo werden Sie im Graben, nur durch das Gitter getrennt, eine angenehme Conver⸗ ſation führen können.“ 4“ „Geſagt, gethan! Der zweite Wächter hatte nichts dagegen zu erinnern; nur verlangte er auf die höflichſte Art von der Welt, er müſſe zunächſt am Gitter ſtehen, und man möchte keinen Verſuch machen, ſich eine Hand zu reichen oder dergleichen, da er eine Be⸗ rührung unter keinen Umſtänden geſtatten könne.“ „Was wollen ſie denn immer mit ihrer Berührung?“ fragte der Diplomat.„Es hatte doch wahrſcheinlich Niemand in der Anſtalt die Peſt und konnte alſo Keiner fürchten, angeſteckt zu werden.“ „In Wirklichkeit nicht,“ entgegnete der Baron.„Aber die Qua⸗ rantaine⸗Behörde, wie ich auch früher ſchon bemerkt habe, was ich nicht zu vergeſſen bitte, duldet, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, auch nicht die Möglichkeit einer moraliſchen Anſteckung und beſtimmt, daß, wo zwei Parteien mit einander in Berührung treten, die, welche am längſten da iſt, nach dieſer Berührung noch ſo lange bleiben muß, bis auch die andere ihre dreiundzwanzig Tage hinter ſich hat, nach deren Verlauf man annimmt, es könne ſich kein Peſtſtoff mehr ä „Richtig, richtig!“ ſagte der Diplomat. „Sir Robert kannte dieſe Beſtimmung recht genau,“ Erzähler fort,„und hatte, wie wir ſpäter erfuhren, ſeinem Wächter oder vielmehr dem ſeiner Töchter eine ziemliche Belohnung verſprochen, wenn er ſeinen Dienſt recht ſtreng handhabe. Wir warteten alſo, bis der alte General ſich in ſein Zimmer eingeſchloſſen hatte, um Briefe zu ſchreiben oder zu ſchlafen, und dann ſtiegen wir die Treppe hinab in den unteren Graben. Unſere beiderſeitigen Wächter ſtanden unächſt dem Gitter und machten zum Ueberfluß noch eins weitere Ein Geheimniß. Schranke mit ihren Stöcken. Doch war es ſchon ein Troſt, uns ſo in der Nähe ſprechen zu können. Ihr könnt euch ja denken, worüber wir redeten, und will ich deßhalb kein Wort weiter darüber verlieren. Nach wenigen Tagen war Sir Robert mit ſeiner Familie frei und verließ alsdann die Quarantaine und wahrſcheinlich auch Malta, und bekam auf dieſe Art wieder einen Vorſprung von zehn Tagen. Es wurde alſo ausgemacht, die jungen Damen ſollten ſo viel wie möglich in den Städten, durch welche ſie kämen, für uns Erkennungs⸗ zeichen zurücklaſſen, um die Spur des alten Generals nicht zu ver⸗ lieren. Dabei meinte aber Miß Ellen, es ſei die größte Vorſicht zu beobachten; denn wenn der Papa, der an ein eigentliches Verhältniß noch nicht glaube, erführe, ein ſolches beſtehe in der That, ſo wäre er in ſeiner Hartnäckigkeit im Stande, nach Indien zurück zu kehren. „Leider muß ich geſtehen, daß wir nur dieſe einzige Unterredung an dem Gitter hatten. Traute der Quarantaine⸗Wächter der Ge⸗ ſchichte nicht, oder hatte uns der rothhaarige Vetter belauſcht— genug, die Fallthüre an unſerem Kugelgarten wurde noch an demſelben Abend mit einem äußerſt ſoliden Schloſſe verſehen, zu welchem unſer Wächter keinen Schlüſſel hatte. Auch waren wir demſelben, wie es ſchien, als ſehr gefährliche, unternehmende Leute in Betreff der Quarantaine⸗Regeln geſchildert worden; denn er verfolgte uns von da an bei unſeren Spaziergängen auf Schritt und Tritt, und als ich ein paar Tage ſpäter ein Briefchen an einen Stein band, um es in den unteren Graben zu werfen, ergriff er meine Hand und ver⸗ ſicherte mir alles Ernſtes, ſo leid es ihm thue, aber bei einem noch⸗ maligen derartigen Verſuch ſehe er ſich genöthigt, uns gar nicht mehr auf den Spaziergang zu laſſen, ſondern denſelben zu verſchließen. „Der Major machte Plane über Plane, und vor Allem ſetzte er großen Werth darauf, dem General ſo bald wie möglich einen Gegen⸗ beſuch zu machen. Endlich erhielten wir ein Schreiben von dieſem, worin er ſagte, er erwarte uns am anderen Morgen um zehn Uhr. Wir verließen um die beſtimmte Zeit unſere Wohnung, ſchritten über Ein Geheimniß. den breiten Hof des Forts, dieſes Mal gefolgt von zwei Quarantaine⸗ Wächtern— es hatte ſich ohne unſeren Wunſch noch ein anderer angeſchloſſen. „Die Wohnung Teppiche bedeckten die Tuches lag— uns. der Quarantai als von uns berührt, um dann für einen rzlich über dieſe Vorſi den Kopf. Nun wurd blieben aber bei unſerem Eintritt erſtaunt auf Das Zimmer war durch eine große, ſtarke en getheilt; dieſſeits waren wir, jenſeits der milie. Man ſtellte Lehnſtühle für uns hin, „Platz zu nehmen, und ließ ſich ebenfalls auf einen Fauteuil am Fenſter nieder; die beiden Damen ſaßen an einem Tiſchchen, und der rothhaarige Neffe lehnte an der Schranke, wo er alle unſere Bewegungen aufmerkſam verfolgte.— „Wir find erſtaunt, General,“ ſagte der Major nach einer Pauſe, daß Sie Ihr Zimmer, wahrſcheinlich uns zu Ehren, ſo außerordent⸗ lich merkwürdig möblirt haben. Sie zeigen uns da einen Argwohn, der im Stande wäre, uns tief zu kränken.⸗ „Da haben Sie Unrecht! erwiderte lachend der alte General. „Es ſind nur einfache Vorſichtsmaßregeln, die ich gebraucht. Sie wiſſen ganz genau, daß ich in ein paar Tagen meine goldene Freiheit wieder habe, während Sie noch weitere zehn Tage hier bleiben müſſen.⸗ „„Allerdings,⸗ verſetzte ruhig der Major, ‚Dank jenem traurigen Vorfalle, der uns faſt für immer die Rückkehr nach der Heimat abge⸗ ſchnitten hätte!— Aber ich bitte Sie, General, wozu jene mannshohe wenn Sie uns nicht im höchſten Grade mißtrauen 2* General lächelte in ſich hinein, ward aber plötzlich ſehr ntgegnete:„Die Jugend iſt ſchnell und unternehmend. Wir Ein Geheimniß. ſind das ſeiner Zeit auch geweſen, und es gibt Verhältniſſe, unter welchen man die ſonſt geachtetſten Männer für ſeine Feinde halten muß.⸗ „wUnd zwiſchen uns exiſtiren ſolche Verhältniſſe?⸗ fragte ſcheinbar erſtaunt der Major. „„Ich will es nicht läugnen, antwortete Sir Robert mit einem unruhigen Seitenblick auf ſeine Töchter. Laſſen Sie ſich durch dieſe Schranke nicht geniren,“ fuhr er luſtiger fort; zobgleich in Wahrheit eine hohe Schranke zwiſchen uns beſteht, ſo können wir doch, wenn Sie wollen, eine recht harmloſe und vergnügte Converſation zuſammen führen; nicht nur heute, ſondern auch morgen iſt mir Ihr Beſuch ſehr angenehm, natürlich unter den gleichen Vorſichtsmaßregeln.“ „Aber ich bitte Sie um Gottes willen, General,“ ſagte ich, was befürchten Sie denn eigentlich? Halten Sie uns für fähig, daß wir Ihnen gewaltſam eine Umarmung abzwingen, Sie ſo compro⸗ mittirten und zu noch längerem Dableiben nöthigten?⸗ „Meiner Treu'!⸗ entgegnete der Indier mit pfiffigem Lächeln, zes gibt in der That Verhältniſſe, unter welchen wir unternehmende Leute, wie Sie, zu Allem fähig halten.“ „„Alſo ſtehen wir uns auf dem Kriegsfuße einander gegenüber?⸗ fragte der Major. „Wenn Sie feindlich gegen mich geſinnt ſind, ja, erwiederte Sir Robert. 4 „„Sie hätten ſich alle dieſe unnützen Koſten ſparen können, Sir Robert, verſetzte lächelnd der Major: Sie brauchten uns Beiden nur das Wort abzuverlangen, das und das— enfin, was Sie befürchten — nicht zu thun, und Sie hätten weder Schranken noch alles das gebraucht.“ „Das iſt in der That wahr, ſprach der Engländer. Machen wir es alſo ſo, geben Sie mir Ihr Wort, und... 4„Halt, halt! rief der Major. Vertrauen um Vertrauen! Aber Sie hatten keines zu uns, deßhalb iſt es beſſer, es bleibt Alles, Ein Geheimniß. wie es iſt. Ste erklären uns den Quarantaine⸗Krieg— gur nehmen ihn an.⸗ „Recht gern!⸗ entgegnete heiter der alte General.„Ich verſi chere Ihnen, verehrteſter Major, ich brauche in dieſer verdammt langweiligen Anſtalt einige Aufregung. Aber nehmen Sie ſich in Acht. Jemand, der lange mit und gegen die Indier gekämpft, ſteckt voller Ränke und Pfiffe. Da Sie mi ſo errathe ich Ihre gefähr⸗ liche Abſicht. Ich könnte mich einfach ſicher ſtellen, indem ich Ihnen mein Haus verſchlöſſe. Aber, wie geſagt, die Sache beluſtigt mich. Sie ſind heute Abend freundlichſt zum Souper eingeladen.⸗ nde, die wir noch über allerhand gleich⸗ gültige Dinge verplauderten, n „ wobei ſich Sir Robert lä rieb, auch zuweilen leiſe ſummste i wir m acht Uhr zum Thee pünktlich wieder ein. Die Vorſichtsmaß zogen worden, unge⸗ jedem Ende dieſes Zwi ſchen⸗ rantaine Wächter ſerer Bewegungen beobachtend. „Auf unſerer Seite iſch, gegenüber ein anderer. ir wurden von unſerem Wä it ei bedient und heiterer,⸗ ſprach Thee getrunken und ſich in den Fau⸗ riſcher. Ich fürchtete in teuil zurückgelegt. mein altes Kopfweh würde wieder erſcheinen, weil ich Hackländers Werke. NXv. 81 Ein Geheimniß. aber mein Kopf iſt hell und rein.— Ellen,“ ſagte er zu der jungen Dame, ‚du würdeſt mich außerordentlich verbinden, wenn du den Knäul deiner Stickwolle nicht ſo gefährlich bis ans Ende des Tiſches rollen ließeſt. Wenn er zufällig herabfiele und zur Gegenpartei ge⸗ langte, ſo würdeſt du dieſe ſchöne rothe Farbe verlieren.“ „Oh! unbeſorgt, General!“ verſetzte ich lachend, ‚wir würden uns das größte Vergnügen daraus machen, den Knäul zurück zu geben. „Zum Teufel auch!e entgegnete der General,„nachdem Sie ihn berührt und für uns compromittirt;— Ueberhaupt, meine jungen Damen, ſetzte er ganz leiſe gegen ſie hinzu, ‚ich muß mir ausbitten, daß ihr vollkommen neutral bleibt. Ich kann nicht zu gleicher Zeit Feinde von außen und Feinde im eigenen Lager beaufſichtigen.” „Für das Letztere bin ich da, meinte ruhig der blonde Neffe. „Was meinen Sie, General, ſagte ich nach einer Pauſe,„zu einer Partie Whiſt, die wir zuſammen ſpielen können? Natürlich unter den außerordentlichſten Vorſichtsmaßregeln.“ „Das wäre ſchwer zu machen,“ meinte der Neffe. „Aber gerade dieſe Schwierigkeit wäre pikant,“ entgegnete ich. „Der General lächelte und dachte nach. „Natürlicher Weiſe,“ fuhr ich fort, ‚„muß Ihre Partei beſtändig geben. Einer von uns ſpielt mit dem Strohmann gegen Sie Beiden, oder wir Beiden gegen Sie und den Strohmann.“ „Das iſt originell!“ verſetzte Sir Robert. ‚Aber die Idee ge⸗ fällt mir. Nur müßte man ziemlich hoch ſpielen. Ich ſehne mich recht ſehr nach einem Whiſt. „Nur bedürfte es für jedes Spiel friſcher Karten,“ warf der Neſe dazwiſchen. 8 „Allerdings,“ entgegnete ich.„Denn Karten, die wir einmal berührt, dürfen nicht wieder in Ihre Hände kommen.. „ Nein, nein, es geht nicht, miſchte ſich der Major, der bis jetzt geſchwiegen, ins Geſpräch. ‚Wir müßten doch unſere Karten ſelbſt in Ein Geheimniß. der Hand halten, und wenn ich eine zu Ihrem Trique werfe, ſo iſt ſie ja von mir berührt, und Sie dürfen ſie nicht aufheben.⸗ „Richtig, erwiderte nachdenkend der General.„Das iſt recht ſchade. „Mir fiel ein Ausweg ein, mit dem ich, obgleich noch unbeſtimmt, eine weitere Idee verband. ‚Nehmen wir,“ ſprach ich,„Ihre beiden Quarantaine⸗Wächter, die halten unſer Spiel, wir deuten mit einem Stöckchen auf eine beliebige Karte, ſie ſpielen ſie aus, nehmen unſeren Trique, und auf dieſe Art brauchen wir die Spiele nicht ſo häufig zu wechſeln: Alles bleibt in ihren Händen. „„Das iſt wahr,“ antwortete der General nach einer Pauſe. „Verzeihen Sie mir,“ ſagte dagegen der blonde Neffe, ‚„aber wenn Ihre beiden Quarantaine⸗Wächter als Karten alter benutzt werden, ſo ſind unſere Feſtungswerke entblößt.⸗ „Verflucht geſcheidt, mein Junge!“ erwiderte Sir Robert lachend. „Dieſe Umſicht verſpricht für deine Zukunft. Holla hoh! Beinahe hätten wir uns fangen laſſen.“ „Ich machte das ehrlichſte Geſicht von der Welt und verſicherte, ich habe an keinen Hinterhalt gedacht und die Barrièren dadurch nicht ihrer Vertheidiger berauben wollen. „Gewiß nicht?“ fragte lauernd der Neffe. „Es iſt mir nicht eingefallen. —„Es wäre ſchade,“ ſagte der General mit einem ſonderbaren 7 . Lächeln, ‚wenn an dieſem kleinen Hinderniß unſere amuſante Partie ſcheitern ſollte. Wir können das aufs Beſte arrangiren, daß uns I die Herren ihr Ehrenwort geben, alle Feindſeligkeiten ſollen ruhen, ſoo lange Whiſt geſpielt wird.“ „Der Major hatte während dieſer etwas lebhaften Unterredung 3 einige halblaute Worte mit Miß Ellen gewechſelt. p„ Was meinſt du?“ rief ich ihm zu.„Man verlangt unſer Ehren⸗ woort, ſo lange das Spiel dauert, nichts Feindſeliges auszuüben. „So lange das Spiel dauert,“ ſprach nachſinnend der Major. und wann nehmen wir an, das Spiel ſei geendie t.. * — Ein Geheimniß. „Nun, ſobald wir unſere Karten niederlegen,“ ſagte ich. „Einen Augenblick Geduld!“ verſetzte der Neffe.„Das könnte gefährlich werden. Unſere Gegner hätten jeden Augenblick das Recht, die Karten hinzuwerfen, ſo das Spiel zu beendigen und die Feindſe⸗ ligkeiten zu beginnen. Nur wir dürfen das Zeichen zum Aufhören geben. „Richtig! ſagte der General.„Sobald ich und mein Neffe die Karten niederlegen, hört das Spiel auf, der Krieg beginnt. „Meinetwegen!“ antwortete ich. „So ſoll es ſein,“ verſicherte der Major. „Nach dieſen Präliminarien, die von allen Seiten mit einem aufrichtigen und herzlichen Lachen begleitet wurden, begann nun dieſes ſeltſame Spiel. Die Quarantaine⸗Wächter rückten zuſammen zwiſchen den beiden Barrièren und ſetzten ſich vor den Tiſch, deren andere Seite der General als Strohmann inne hatte. Wir lehnten uns auf die Schranken und deuteten mit unſern Stöcken die Karten an, die geſpielt werden ſollten. Doch war das Spiel nicht ſo recht amuſant. Man muß die Karten in der Hand haben. Es iſt wahrhaftig ſo, als wenn man zu Pferde ſitzt, und ein Anderer führt die Zügel, dem man zuweilen ſagt: jetzt rechts, jetzt links! Wenigſtens wurde aber ſehr hoch geſpielt und das, ſowie unſere ſeltſame Lage, hielt das Intereſſe gefeſſelt.„ „Ich will euch nun nicht damit ermüden, euch die Einzelnheiten des ſonderbaren Spiels zu erzählen. Wir, der Major und ich, hatten Unglück und eenh worüber ſich der alte General außer⸗ ordentlich zu freuen jien. Auf unſer Wort bauend, bewegte ſich die ſämmtliche Geſellſchaft während des Whiſtſpiels in außergewöhnlicher Freiheit. Doch die jungen Damen lehnten ſich, um hier und da in die Karten zu ſehen, weit über die Schranke auf ihrer Seite herüber, und wir machten es auf unſerer Seite gerade ſo. Zuweilen kam mir das Geſicht von Miß Thereſe ſo nahe, daß mich der Hauch ihres Mundes berührte. Das iſt nun eine gefährliche Probe für jeden Lieb⸗ haber; aber hier, gewaltſam getrennt durch die hindernden Schranken, 4 ——— 1 Ein Geheimniß. 85 durchzuckte es mich oft fieberhaft von oben bis unten. So lange je⸗ doch das Spiel dauerte, gab der alte General auf dergleichen durchaus nicht Acht: er war überzeugt, daß wir unſer Verſprechen pünktlich halten würden.“ „Ein Wort iſt heilig! ſagte Borgia,“ recitirte der Diplomat. „Allerdings!“ meinte der Baron.„Und ich habe immer gehofft, der Major würde das ſeinige nicht verpfänden.“ „Dann hätten wir keine Whiſtpartie gehabt,“ verſetzte dieſer. „Nachdem wir vielleicht zwölf Rubber geſpielt,“ fuhr der Baron fort,„erklärte der General, daß er genug habe, hielt ſeine Karten feſt in der Hand und befahl den Quarantaine⸗Wächtern, auf ihre Poſten zu gehen. Nachdem der Raum zwiſchen den Barrièren auf ſolche Weiſe wieder klar war, die jungen Damen und wir uns etwas zurückgezogen hatten, rückte Sir Robert ſeinen Stuhl zurück und warf die Karten auf den Tiſch. Der Waffenſtillſtand war zu Ende, die Feindſeligkeiten konnten wieder beginnen. Wir brachen alle in ein homeriſches Gelächter aus; der General rieb ſich die Hände und ver⸗ ſicherte ironiſch, es thue ihm wahrhaftig Leid, daß er nur noch wenige Spielabende habe; die Sache amuſire ihn außerordentlich. „Mittlerweile war es ſpät geworden, wir empfahlen uns bis morgen und kehrten auf unſere Zimmer zurück. „Der Major zündete ſich eine Cigarre an und ſchritt nachdenkend auf und ab. Er hatte einen Plan, das bemerkte ich an ihm und ließ ihn ungeſtört. Eine Viertelſtunde ſpäter ſchellte er einem Bedienten— es war Joſeph, den ihr alle kennt, ein gedientet Soldat. „„Was machen unſere Waffen?⸗ fragte ihn der Major. „„Alles iſt in beſtem Stande, Euer Gnaden.⸗ 3 „„Die Jagdflinten geputzt und eingepackt?— Und die Pulver⸗ hörner.. 2⸗ 1 „ Haben wir bei uns aufgehängt. Sie ſind noch faſt ganz voll.“ „Gut.— Du haſt ja bei der Artillerie gedient?⸗ „Ja wohl, Herr Major.— 86 Ein Geheimniß. — „Wirſt du noch einen kleinen Kanonenſchlag zu Stande bringen? „Der ehemalige Soldat lächelte und ſagte:„Das will ich meinen, Herr Major! Alle Arten von Feuerwerk. Wenn ich nur die Geräth⸗ ſchaften zur Anfertigung bekommen könnte! 1„Aber zu dem Mordſchlage braucht's dergleichen nicht.“ „O nein, das macht man aus der Hand. Ein Bischen Pappen⸗ deckel, Bindfaden und Leim.: „Schön. Alſo mach heute Abend ein paar.“ „Sollen Sie recht krachen?⸗ r⸗ „So ziemlich. Aber es iſt nur Spaß, wir wollen Jemanden erſchrecken.“ „Der Bediente wollte gehen. „Apropos!’ fuhr der Major fort; wie iſt's mit der Kiſte, wo⸗ rin die ägyptiſche Mumie iſt?⸗ 3„Ja, Herr Major, der iſt ein kleines unglück widerfahren, wie N ich mir ſchon erlaubte, Ihnen zu melden. Man hat die Kiſte auf dem großen Dampfboote wahrſcheinlich zu tief in den Raum hinab⸗ gelaſſen, da iſt ſie feucht geworden, und wenn man die Mumie jetzt nur anrührt, ſo fällt ſie in Stücke aus einander. „Hm! machte der Major, das iſt mir unangenehm. Hole mir geſchwind ſo ein kleines Stück. „Joſeyh ging hinaus und kehrte bald darauf mit einem Stüc 3 Oberarm zurück.— Ihr habt alle ſchon dergleichen geſehen? Dieſe Mumien ſind durchdrungen von harzigen Stoffen, daß ſie ſich auf dem f 8 Bruche glänzend ſchwarz zeigen, wie das ſchönſte Erdpech.“ . † 4 6„Das muß vortrefflich brennen,“ meinte der Diplomat.— 4„Wie die beſte Fackel,“ entgegnete der Baron.„Und Joſeph hatte A 4 augenſcheinlich darüber auch ſchon Experimente angeſtellt, denn er lächelte N 1 verſchmitzt auf die gleiche Frage des Majors, der alsdann den Befehl” gab, Kopf, Hände und Füße behutſam zu trocknen und in dünnes Pa⸗ pier einzuwickeln, den Reſt cber in einen Korb zu werfen, über den er befehlen werde. 4 Ein Geheimniß. „Sobald wir allein waren, konnte ich meine Verwunderung über die Anſtalten des Freundes nicht unterdrücken.„Gelten dieſe Anſtalten dem General?“ fragte ich ihn lachend.„Willſt du ihn mit Pulver und Feuer angreifen?“ „Wir müſſen einen Schritt vorwärts thun,“ entgegnete der Major. „Du biſt doch mit mir einverſtanden, daß wir den General nöthigen müſſen, noch ſo lange da zu bleiben, bis auch wir abreiſen? Mit Ge⸗ walt dürfen wir aber nichts unternehmen; er muß uns von ſelbſt in die Arme rennen, uns berühren und ſich ſo in den Augen der Qua⸗ rantaine⸗Anſtalt compromittiren.“. „Das wird ſchwer halten,“ meinte ich. ‚Und wann ſoll dieſer Coup ausgeführt werden? „Natürlich beim Whiſtſpiel. „Aber du vergiſſeſt, daß wir unſer Wort gegeben haben, wäh⸗ rend deſſelben alle Feindſeligkeiten einzuſtellen.“ Bis Sir Robert die Karten niederwirft.: „Und das wird er nicht eher thun, als bis ſeine beiden Schild⸗ wachen wieder auf ihrem Poſten ſind. „Wir wollen ſehen.“ „Nun ſetzte ich, wie immer, das unbedingteſte Vertrauen in die kluge Taktik meines Freundes und ließ ihn machen, was er wollte. Hätte er mich zu etwas gebraucht, ſo würde er es mir ſchon geſagt haben. Aber der gute Major, der wohl wußte, daß ich zuweilen ſehr nervös ſein kann und nicht ſeine Kaltblütigkeit beſitze, wollte mir eine unnöthige Aufregung erſparen und nahm deßhalb die ganze Sache auf ſich. So ſchrieb er den anderen Morgen einen Brief nach Malta an einen bekannten Oberoffizier der Garniſon und bat, ihm die Erlaub⸗ niß auswirken zu wollen, einem Freunde, dem engliſchen General, der mit ihm in Quarantaine ſei, zum Feſte von deſſen Geburtstag ein kleines Feuerwerk zu veranſtalten. Joſeph, ſowie mein Bedienter er⸗ hielten geheimnißvolle Befehle, und ich wurde dahin inſtruirt, am näch⸗ ſten Abend unbefangen Whiſt zu ſpielen, und nur bei der Hand zu 7 Ein Geheimniß. ſein, um einen glücklichen Zufall, der ſich für uns aufthun würde, beſtens zu benutzen. „Der andere Abend kam; wir gingen, wie geſtern, zum Whiſt. Zuerſt nahmen wir unſeren Thee. Sir Robert war von einer großen Heiterkeit. Auf der Treppe, wo auch dieſes Mal der graue Tuchſtreifen& nicht fehlte, ſtanden ſchwer bepackte Koffer, die uns offenbar deßhalb ſo in die Augen geſtellt waren, damit wir uns ein wenig darüber ärgern ſollten. „Unſer Thee war wie geſtern ſervirt; wir hatten einen beſonderen Tiſch und unſer eigenes Service. „Jetzt muß ich noch erwähnen, daß der Salon in welchem wir uns befanden, mit ſeinen Fenſtern auf eine kleine einſame Baſtion ging, auf welcher ungeheure Haufen von Stroh und Heu lagen. Auch — 1— — —: ſtieß dieſe Baſtion nicht unmittelbar an das Haus, ſondern es war ein kleiner, aber tiefer Graben dazwiſchen. Von La Valette oder St. Elmo aus konnten dieſe Fenſter nicht geſehen werden. Dann hatte das Gemach— es war das letzte in der Reihe, die Sir Robert be⸗ wohnte— außer dem Eingange, zu welchem wir herein kamen, noch 1 ¹ eine andere Thüre, die ſich zwiſchen den beiden Schranken befand und 3 in die Nebenzimmer führte. Das ganze Gebäude, wie überhaupt alle im Fort, war mit Corridors und Treppen aus den maſſivſten Steinen b gebaut, ja, ſogar die Scheidewände zwiſchen den Zimmern ebenfalls gemauert. So war das Schlachtfeld beſchaffen, auf welchem wir ope⸗ 1 riren wollten. 3 „Wir tranken friedlich unſeren Thee, und Sir Robert konnte es nicht unterlaſſen, in der Heiterkeit ſeines Herzens hier und da ganz leiſe vor ſich hin zu ſummſen. „Es iſt wahrhaftig ſchade,“ ſagte er, ‚daß wir ſo feindſelig ge⸗ trennt hier bei einander ſitzen. Ich ſchäme mich ordentlich, daß ich Ihnen Ihren Thee ſo an einem abgeſonderten Tiſche ſerviren laſſen ie de Barriere wegräumen,“ entgegnete ich, laſſen — ———:—— ———ͤ— Ein Geheimniß. die Wächter abtreten, und wir können uns viel harm⸗ und zwangloſer unterhalten.“ „Mit Vergnügen,“ meinte der General, ‚wenn Sie Ihr Ehrenwort, ſtatt nur für die Whiſt⸗Partie geltend, auf den ganzen Abend aus⸗ dehnen wollen.“ „Nein, nein!’ entgegnete lachend der Major. ‚Sie haben uns zu viel Mißtrauen bewieſen, das können wir unmöglich vergeſſen! „Denken Sie nur, fuhr der General fort, ‚was wir unſeren Wächtern für Arbeit verurſachen! Sehen Sie nur die Anſtalten, die ich habe machen laſſen müſſen! Die Leute haben mit uns doppelte Arbeit.⸗ „O, was das betrifft,“ verſetzte gleichgültig der Major, ‚ſo iſt unſer Scherz nur ein harmloſes Kriegsſpiel. Da haben die Leute in der Quarantaine mit ernſteren Sachen zu kämpfen.“ „Wie ſo, Major? Wie meinen Sie das?“ „Nun, Sie wiſſen ja ſelbſt, daß auf dem Fort Emanuel, für uns ein freiwilliges Gefängniß, alle Klaſſen der Menſchen vertreten ſind. Ich machte heute einen Spaziergang an das Meer hinunter und ging da hinten herum, dort hinter Ihren Fenſtern unterhalb der kleinen Baſtion vorbei.“ „Aber ich hoffe doch, Ihr Wächter war dabei! ſagte lächelnd der General. „Er verließ mich nicht einen Augenblick. Er war mein Führer, er gab mir Erläuterungen.— Alſo dort hinten in der Baſtion iſt auch eine Quarantaine⸗Anſtalt. Aber da ſieht’s natürlicher Weiſe ganz an⸗ ders aus, als hier. Da befinden ſich ihrer fünfzig bis ſechszig Geſel⸗ len, wild ausſehende, verfluchte Burſche, die viel eher einer Räuber⸗ bande gleichen, als Matroſen. Sie haben ein Schiff von Aegypten gebracht mit getrockneten Häuten. Die machen ihren Wächtern zu ſchaffen! Zuerſt hat man ſie mit Gewalt in die Quarantaine bringen müſſen, und ſie waren nur zu bewegen, ihr Schiff nach dem Fort zu rudern, nachdem ſie geſehen, wie von dem engliſchen Wachtſchiffe ein paar anſtändig große Kanonen ſanft auf ſie gerichtet wurden. Und 90 3 Ein Geheimniß. in der Baſtion dahinten ſind ſie jetzt vollkommen eingeſchloſſen; denn ein paar machten vor einigen Tagen den Verſuch, zu entweichen, was ihnen auch wahrſcheinlich gelungen wäre; denn dieſe Kerle, denen alle Mittel gelten, beabſichtigten, ſich unter dem Schutze einer Feuersbrunſt davon zu ſchleichen.⸗ „Einer Feuersbrunſt?“ fragten die jungen Damen erſchreckt. „Sie werden dort vor den Fenſtern die Heu⸗ und Strohmaga⸗ zine bemerken,“ fuhr der Major mit der größten Ruhe fort. ‚Die woll⸗ ten ſie in Brand ſtecken und dann aus der Quarantaine entfliehen. Sie hätten vielleicht auch ein Bischen bei uns geplündert, wenn es ihnen möglich geweſen wäre. So viel muß ich bekennen, ich habe in meinem ganzen Leben keine wildere und unheimlichere Bande bei einander geſehen.⸗ „Ich hoffe, ſie ſind vortrefflich eingeſchloſſen! ſagte der General. „Sie wiſſen,“ entgegnete der Major achſelzuckend, Fort Emanuel i*ſt eigentlich kein Gefängniß. Man thut, was man kann. Ich würde ihnen ein Piquet Soldaten beigegeben haben. „Haben ſie Waffen?“ fragte der blonde Neffe. „Was man gefunden, nahm man ihnen ab. Was ſie aber viel⸗ leicht bei ſich verſteckt haben, weiß Niemand.⸗ „„Ich bin nur froh,“ meinte Sir Robert, indem er ſich die Hände rieb, ‚daß meine Zeit bald vorbei iſt. Sollten Sie aber nach meiner Abreiſe zufälliger Weiſe mit jenen Kameraden ein kleines Scharmützel zu beſtehen haben, ſo bitte ich freundlich, es mich wiſſen zu laſſen. „Dazu müſſen wir aber Ihre Adreſſe haben, ſagte ich ruhig. „Allerdings, mein lieber Baron,“ entgegnete lachend der General. „Ich werde beim Abſchiede daran denken. Aber jetzt wollen wir unſere Whiſt⸗Partie aufnehmen, es wird ſonſt ſpät, und ich hätte wohl Luſt, Ihnen noch einige Points abzugewinnen.“ „Das wird dieſen Abend unmöglich ſein,“ verſetzte unerſchütter⸗ lich der Major. ‚Wir haben uns vorgenommen, Sie groß Schlemm —— 91 Ein Geheimniß. „Damit wurden die Spieltiſche auf ihre Plätze von geſtern ge⸗ rückt; die Quarantaine⸗Wächter nahmen auf unſerer Seite Platz, der Neffe gab die Karten, und ſowie der General ſein Spiel in die Hand nahm, ſagte er:„Alſo, meine Herren, auf die geſtrigen Bedingungen beginnt der Waffenſtillſtand.“ „Natürlicher Weiſe,“ verſetzte ich,, niederlegen.“—— der Baron war gerade im Begriff, In dieſem Augenblicke— d ſeine ausgebrannte Cigarre wegzuwerfen, und Graf Ferdinand reichte ihm eine neue— rollte ein Wagen in den Hof. Der Hausherr wandte ſich lebhaft um, denn ein Bedienter trat ein und meldete, die Frau Gräfin ſei eben zurück gekommen und habe ſich in den kleinen Salon begeben. Sie hoffe die Herren ſpäter zu ſehen, laſſe aber dem Herrn Major ſagen, ſie ſei ſogleich für ihn zu ſprechen. Graf Ferdinand warf ſeinem Freunde einen fragenden Blick zu, den der Major mit der größten Ruhe aushielt, dem Bedienten ein bejahendes Zeichen machte und ſich alsdann erhob.„Ihr müßt euch nicht wundern, meine Freunde,“ ſprach er lachend,„daß mir das Glück einer geheimen Audienz zu Theil wird. Ich habe darum gebeten, wie ein älterer lange abweſender Bru⸗ der oder, wenn ihr wollt, wie ein ſorgſamer Vater. Denn das war ich der Gräfin Marie von jeher.“ „Schon gut!“ ſagte der Diplomat.„ Vorzug zu verſchaffen.“ „Undankbarer!“ lachte der Major.„Ich verlaſſe euch ja nur, damit der Baron im Stande iſt, ſeine Geſchichte, die ich ja kenne, ohne Unterbrechung zu Ende zu bringen. Bleibe du auch da, Ferdi⸗ nand. Sobald ich ungefähr denke, daß die Whiſt⸗Partie in der Qua⸗ rantaine⸗Anſtalt zu Ende ſein kann, führe ich die Gräfin hieher.— Seid ihr damit zufrieden?“ Vollkommen,“ entgegnete der Geſandtſchafts⸗Secretär. Nur der Hausherr blieb etwas widerſtrebend am Kamin ſtehen. „Kommen wir zu Ende!“ fuhr der Baron fort.„Wir ſpielten bis Eure Herrlichkeit die Karten Du weißt dir immer einen 92. Ein Geheimniß. alſo unſere Whiſt⸗Partie mit aller Nuhe und Gemüthlichkeit, der Ma⸗ jor mit ſeiner unerſchütterlichen Kaltblütigkeit, ich— das muß ich allerdings geſtehen— leicht aufgeregt. Der alte General war in der beſten Laune, vollkommen unbeſorgt und heiter. Unter der Waffen⸗ ſtillſtands⸗Flagge hatten ſich, wie geſtern, unſere feindſeligen Stellun⸗ 4 gen vollkommen gelockert; die beiden jungen Damen lehnten an den Barriéren, ſchauten in das Spiel, wir flüſterten zuweilen ein leiſes Wort zuſammen, ich war aber nicht ſo ganz bei der Sache. „Der General bekam vortreffliche Karten. Er und ſein Neffe ſpiel⸗ ten gegen den Major, der den Strohmann hatte. Die Karten deſſel⸗ ben waren aufgelegt, und Sir Robert bemerkte triumphirend: dieſes Mal müſſe er zugeben, daß es ſchlechte Karten ſeien. Es ſei auch nicht ein Stich in den Papieren des Feindes. „Der Major hat Alles in der Hand,“ bemerkte der rothhaarige Neffe. ‚Deſto ſchlimmer für uns.⸗ „Bei dieſen Worten zwinkerte der General vergnügt mit den Augen, und ein Blick, den ich als Unparteiiſcher in ſeine Karten thun durfte, überzeugte mich, daß mein Freund groß Schlemm werden würde.“ „Aber es war unrecht, beim Whiſt zu ſprechen,“ meinte der Diplo⸗ mat.„Ein Engländer verfällt ſelten in dieſen Fehler.“ „Das weiß ich ganz genau,“ entgegnete der Erzähler.„Doch wir hatten bei dieſer überhaupt ſeltſamen Whiſt⸗Partie den Anlaß da⸗ zu gegeben, indem wir anfingen, über die Karten zu ſprechen, um auch 3 ſo die Erlaubniß zu erhalten, mit den Damen einige Worte zu xeden. Wie ich übrigens vorausgeſehen, wurde der Major groß Schlemm, und 1 während der Neffe notirte, gab der General, nicht ohne ein mächtiges Triumphgeſchrei, die Karten für den zweiten Robber.“ Da ſiel plötzlich ein Schuß in der Nähe der Fenſter. Der Ge⸗) neral blickte in die Höhe— ein zweiter Knall, ſehr nahe vor den Scheiben, folgte. „el was ſoll das bedeuten?“ rief der alte Herr, indem er ſeine Karten auf den Tiſch warf.. Ein Geheimniß. „Wir alle wandten uns den Fenſtern zu, die jetzt von einem hellen Pulverblitz erleuchtet wurden, dem ein ganz nahes und entſetz⸗ liches Krachen folgte. „Jetzt warf auch der Neffe ſein Spiel auf den Tiſch und ſprang an die Fenſter. Ein neues Pulverleuchten folgte, ſtärker und an⸗ dauernder als das erſte, und mit Einem Male bemerkte man eine kleine tiefrothe Flamme, die vor den Scheiben aufflackerte und an den Fenſterkreuzen zu lecken ſchien. „Alle Teufel!e rief der General, indem er eines der Fenſter auf⸗ riß, um hinauszuſchauen. „Doch hatte er kaum einen Flügel geöffnet, als ein ſolcher Qualm und Rauch herein drang, daß er im Augenblicke wieder ſchließen mußte.— ‚Was kann das ſein? „Vielleicht haben unſere Nachbarn in der Baſtion das Heuma⸗ gazin in Brand geſteckt,“ ſagte ich und ſah den Major an, der ruhig ſitzen blieb. „Mittlerweile waren auch die Quarantaine⸗Wächter aufgeſprun⸗ gen und an das Fenſter getreten, der Neffe aber in das Nebenzimmer geeilt, um dort zu den Fenſtern hinaus nach den Flammen zu ſehen. Ihm folgte eilig Sir Robert; die beiden jungen Damen drängten ſich ſchüchtern an die Barrièren, blieben aber ziemlich ruhig, da ſie be⸗ merkten, daß der Major und ich auf unſeren Plätzen verharrten. „Der Erſtere aber hatte nicht ſo bald bemerkt, daß das Feld ziemlich rein ſei, denn die beiden Wächter ſteckten ihre Köpfe, ſo weit als möglich, aus dem wieder geöffneten Fenſter hinaus, als er mir ein Zeichen machte, mich mit den beiden Mädchen etwas entfernt von ihm zu unterhalten. Dann ſtand er raſch von ſeinem Stuhle auf, drückte ihn unter der Barrière weg auf die Seite des Generals und zog deſſen Fauteuil an ſich, worauf er ſich ruhig auf dieſen niederließ. „In dieſem Augenblicke kamen der General und der Neffe aus dem Nebenzimmer zurück, indem Letzterer ſagte, er habe dort nichts Verdächtiges bemerkt. Auch fingen die Flammen vor den Fenſtern 94 Ein Geheimniß. des Salons an kleiner zu werden und ſchwächer zu brennen. Plötz⸗ lich ſchien den General ein Gedanke zu erleuchten. Raſch wandte er ſich gegen uns und überſah mit einem Blicke das Schlachtfeld, ſchüt⸗ telte aber zweifelnd den Kopf, als er durchaus nichts Verdächtiges zu bemerken ſchien. Die beiden Damen lehnten an der Barrisre, ich hielt mich in einer ziemlichen Entfernung von ihnen. Der Major hatte ſich, wie geſagt, ruhig wieder hingeſetzt. „Kopfſchüttelnd winkte Sir Robert den Quarantaine⸗Wächtern, welche augenblicklich ihren Platz zwiſchen den Barrieren wieder ein⸗ nahmen; dann ließ er ſich langſam auf ſeinen oder vielmehr des Ma⸗ jors Stuhl nieder. „Nun? fragte ich den Neffen, der an den Tiſch trat und uns verwundert anſchaute.. „Dieſer zuckte die Achſeln; doch der General drohte mit den Fin⸗ gern, indem er ſagte: ‚Das war ein Attaque von Ihnen— faſt hät⸗ ten wir uns überliſten laſſen! Sprechen Sie, Major, was hatte dieſe Geſchichte zu bedeuten?⸗ „Es war ein Freudenfeuer, Sir Robert, ſchaute den alten Herrn lächelnd an. gen dergleichen aufflammen läßt.“ „„Von welchem Sieg ſprechen Sie?⸗ verſetzte der General, indem eine tiefe Röthe auf ſeinem Geſichte erſchien.“ „Nun, natürlich von dem unfrigen!⸗ „Sie hätten geſiegt?— Darf ich bitten, mir das zu erklären „Sehr gern. Wir ſiegten auf die einfachſte Weiſe der Welt.⸗ „„Das iſt gar nicht möglich! entgegnete heftig der General. „Sie wiſſen genau, daß wir Ihr Wort hatten, nicht die Feindſeligkei⸗ ten wieder zu beginnen... „Bis Sie die Karten auf den Tiſch legten. Das haben Sie gethan— dort liegt Ihr Spiel. Es war bei allem dem meine Be⸗ fürchtung, Sie möchten ſich das Freudenfeuer draußen mit den Karten in der Hand anſchauen. Dann war natürlich unſere ganze Liſt vereitelt,“ „Sie wiſſen, daß man bei Sie⸗ entgegnete dieſer und —— Ein Geheimniß. Weiter! weiter!“ Dadurch, daß Sie ſowie Ihr Herr Neffe in das Nebenzimmer eilten und die Quarantaine⸗Wächter zum Fenſter hinausſchauten, lie⸗ ßen Sie uns im unbeſchränkten Beſitze des Salons. Wir brauchten alſo einfach nur über die Schranke zu ſteigen, um Ihnen beim Her⸗ auskommen freundſchaftlich die Hand zu drücken. Doch da wir dies nicht thaten, ſo können Sie ſich einen Begriff machen von unſerer ehrlichen und offenen Handlungsweiſe.“ „Und was iſt denn geſchehen, daß Sie ſich triumphirend den Sieg zuſchreiben?: fragte beſtürzt der alte Herr.“ „Etwas ſehr Einfaches,“ entgegnete der Major.„Ich habe un⸗ ſere beiden Fauteuils verwechſelt; Eure Herrlichkeit ſitzen auf dem mei⸗ nigen und ſind deßhalb nach den Quarantaine⸗Regeln aufs höchſte 7 7 compromittirt.“ „Sir Robert ſchnellte von ſeinem Stuhl in die Höhe und ſah die Quarantaine⸗Wächter fragend an. „Dieſe zuckten die Achſeln, und der altere von ihnen ſagte:„Eure Herrlichkeit werden uns verzeihen, aber es iſt unſere Schuldigkeit, die⸗ ſen Vorfall ſogleich der Intendanz anzuzeigen.“ „Der Neffe ballte die Fäuſte und knirſchte mit den Zähnen. Hätte er uns mit ſeinen Blicken vergiften können, ſo wären wir im nächſten Augenblicke ſchon todt geweſen. So aber begnügte er ſich, allerlei unverſtändliche Worte hervorzukollern und dann den Quaran⸗ taine⸗Wächter zu fragen:„‚Und was wird da geſchehen?“ „O! nicht viel Beſonderes,“ antwortete dieſer: Si dieſelbe Quarantaine⸗Zeit wie dieſe Herren auszuhalten.“ „Dafür aber,“ ſagte ich dem ro künftig keine Barrièren mehr zwiſchen uns aufzurichten.“ „Die Geſichtsfarbe des Generals ging indeſſen vom Purpurroth ins Violet über. Seine Augen ſchoſſen Blitze, ſein Bart ſträubte ſich unnatürlich aus e e haben nur then Gentleman, brauchen Sie inander. Wir erwarteten eine Eruption im groß⸗ „Ein Geheimniß. 97 —— „Freilich hatten wir dies nicht vermuthet,“ antwortete der Baron. „Auch überraſchte uns dieſer Ausſpruch für den Augenblick; doch hat⸗ ten wir das Unſrige gethan, und wenn uns die beiden Damen wirk⸗ lich liebten, ſo mochten ſie auch verſuchen, den Papa umzuſtimmen. Wir wollten das als einen Beweis ihrer Zuneigung anſehen.“ „Und ihr irrtet euch nicht,“ warf der Hausherr dazwiſchen, der ſchon verſchiedene Merkzeichen der Unruhe von ſich gegeben hatte und oöͤfter als nothwendig nach der Thüre blickte. Der Baron ſtreckte ſich in dem Fauteuil aus, wie Jemand, der anfängt, müde zu werden, und ſagte:„Wir hatten uns nicht getäuſcht. Natürlich verließen wir die Wohnung des Generals ſo bald als mög⸗ lich; aber ſchon den anderen Tag rief mich der Major triumphirend ans Fenſter und zeigte mir den General, der ſeine beiden Töchter am Arm, ſeinen gewöhnlichen Spaziergang machte. „Den folgenden Tag wurden wir zum Diner eingeladen, und ehe noch unſere Quarantaine⸗Zeit vorüber war, hatten wir den hoch⸗ blonden Neffen zur größtmöglichen Verzweiflung gebracht; denn Sir Robert nahm unſere Bewerbungen um ſeine beiden Töchter allergnä⸗ digſt an. 3 „Damit bin ich zu Ende; wenn ihr noch einige Details wollt, ſo laßt euch ſolche von meiner Frau oder der Majorin geben. Erſtere hat mich beauftragt, euch morgen zum Diner einzuladen. Du kommſt auch Ferdinand. Der Arzt hat mir verſprochen, er werde dich aus⸗ gehen laſſen.“ „Ja, wenn man reist, erlebt man allerlei,“ meinte aufſtehend der Diplomat.„Wo bleibt aber der Major? Dürfen wir nach ihm ſehen? Was meinſt du, Ferdinand? Oder iſt es Zeit, daß wir uns 5 zurückziehen?“ „Gewiß nicht!“ ſagte der Hausherr, wie aus tiefen Gedanken auffahrend.„Ich will den Major und meine Frau holen.“ „Aber der Tabaksrauch hier in dem Salon!“ ſagte der Baron⸗ 7. Hackländers Werke. XXV. 98 Ein Geheimniß. „O“ entgegnete Graf Ferdinand lächelnd Grund. Die Gräfin macht ſich nichts daraus.“ „Du biſt ſehr glücklich!“ ſprach der Geſandtſchafts⸗Secretär, worauf der Graf das Zimmer verließ und die beiden Freunde allein zurückblieben. „„hier iſt neutraler Sechstes Kapitel. Welches abermals von dem Geheimniß der Gräfin handelt, und worin ſchließlich der Erzähler 8 den geneigten Leſer verläßt, indem er ihm ein Räthſel aufgibt. Der Major war unterdeſſen durch das ihm wohlbekannte Haus gegangen, durch hohe, elegant möblirte Zimmer, in denen Kaminfeuer flackerten und Lichter brannten.— Es war das ein Comfort, auf den der Graf ſehr viel hielt— Wärme und Licht, die ein Haus außer⸗ ordentlich wohnlich machen. Der Major wußte genau den Salon, den er ſuchte, zu finden, und als er an die Thür deſſelben gelangte, öffnete ihm die Kammerfrau geräuſchlos und ließ ihn eintreten. Dieſes Gemach war mehr ein kleines, zierliches Bondoir und mit außerordentlichem Geſchmack, mit großer Eleganz eingerichtet. Man ſah hier die ſchaffende Hand, die jedem Möbel, jedem Gemälde, jeder kleinen Bronze⸗Statuette ihren Platz anwies, die verſtändig in Aus. wahl der hier ſtehenden Pflanzen war, die ihre Blumentiſche aufs reizendſte ſelbſt arrangirte. Dicke Teppiche bedeckten den Boden, lange, ſchwere Vorhänge verbargen die kalten, dunkeln Fenſterſcheiben, und das ganze kleine Gemach war von einem ſüßen, aber unbeſtimmten Wohlgeruche durchweht.* Die Gräfin ſaß in einem kleinen, ſehr niedrigen Fauteuil in der Kaminecke und hatte einen Schirm von bunten Federn in der Hand, den ſie zuweilen zwiſchen ſich und die lodernden Flammen hielt, dem ſie aber auch hier und da ihr Geſicht fächelte. — Ein Geheimniß. 99 Daß die Gräfin nicht aufſtand und ihrem Freunde wie ſonſt entgegen ſprang, befremdete den Major einiger Maßen. Doch rief ſie ihm ein Willkommen zu, ſo herzlich wohl klingend wie früher, nur nicht ſo freudig. Der Major ſetzte ſich ihr gegenüber, und da ſie in dieſem Augen⸗ 3 blicke gerade ihr Geſicht fächelte, ſo war es ihm deßhalb unmöglich, ihre Züge zu betrachten. Aber die Stimme, mit der ſie auf ſein Be⸗ fragen nach ihrem Befinden antwortete: O, ſehr gut, wie immer! zitterte ein klein wenig. Hier hat ſich- doch Einiges verändert, dachte der Major und ſprach von ſeiner Zurückkunft, von ſeinem neuen Hausweſen und von ſeiner Frau, die ſich ſehr darauf freue, die Gräfin häufig zu ſehen. „Ich hoffe, wir werden gute Freundinnen,“ antwortete die junge Dame.„Es wäre mir ſo recht angenehm, Jemanden zu finden, eine junge Frau namentlich, mit der ich ſehr, ſehr bekannt würde.“ 1„Ellen wird ſich darüber unendlich freuen,“ erwiderte der Major. „Doch Ihnen, beſte Gräfin, fehlt es wahrhaftig nicht an Bekannten, ja, ich möchte ſagen, Freundinnen.“ „In Ihrem Sinne nicht,“ entgegnete ſie,„aber in meinem wohl. Ein junges Mädchen, das heirathet, tritt aus dem Kreiſe ihrer Be⸗ kannten in einen ganz neuen ein, wo ſie ſich ebenfalls fremd fühlt. Für meinen bisherigen Umgang, die jungen, lachenden Fräulein, bin ich auf einmal eine geſetzte Frau geworden; die wirklich geſetzten Frauen dagegen ſchauen mich noch immer an wie einen kleinen Ein⸗ dringling, zählen mich noch immer zu der jungen luſtigen Welt, der* st angehörte. 44 e, Gräfin, Sie gehören auch noch immer zu dieſer jungen, 1 „ 1„Ach nein!“ ſagte ſie, halb traurig lächelnd, während ſie ihren her ſünn ließ und 34 dem Major zum erſten Male den volten An⸗ 98 100 Ein Geheimniß. geſtehen, nachdem er einen langen Blick auf ſie geworfen. Ihr Ge⸗ ſicht, obgleich zierlich und voll wie immer, ſah ermattet aus. Ihre Züge waren bleich, und ihr Blick war ſchwimmend, als ſammelten ſich in Einem fort Thränen in ihren großen blauen Augen. Dabei zuckten zuweilen ihre Lippen, was ſie früher nie gethan. Die Gräfin bemerkte den forſchenden Blick des Majors und ſagte: 7 „Warum ſehen Sie mich ſo an, lieber Freund? Finden Sie mich verändert?“ „Ich kann es nicht läugnen— ein wenig.“ „Ha!“ entgegnete ſie, und eine plötzliche Röthe überflog ihr Ge⸗ ſicht;„wenn Sie es alſo gern läugnen möchten, ſo muß mein Aus⸗ ſehen nicht vortheilhaft ſein.“ „Ich meine, Sie ſeien ein wenig blaß. Oder thut es der Schein der Lichter?“ „Ich glaube nicht,“ antwortete ſie, und der Federſchirm in ihrer Hand zitterte.„Ich meine wirklich, ich ſehe in der letzten Zeit etwas blaß aus.“ „Verzeihen ſie die Frage eines alten Freundes, Gräfin Marie,“ ſagte ernſt der Major:„Fehlt Ihnen etwas? Haben ſie einen kleinen Kummer?“ 5 „Auch Sie fragen mich das?“ antwortete ſie vorwurfsvoll und hob ihren Fächer vor das Geſicht. „Auch ich?— Und wer ſonſt?“ 7 Nun— Ferdinand!“— 1 1„Ah, Ferdinand? Richtig, ich erinnere mich, er ſprach mir davon, mein liebes Kind ſei ein wenig leidend. Aber er konnte mir keine„ Urſache angeben. Hat er Sie nicht oftmals ſelbſt gefragt?“ „O, ſehr oft! zu oft!“ entgegnete ſie unruhig.„Aber. „Aber?“ „Aber— ich ſagte ihm, was ich auch Ihnen ſagen muß: mir fehlt nichts, durchaus nichts. Ich bin glücklich, ganz glücklich, oh, ſoo ſehr glücklich!“ Dabei füllten ſich ihre Augen mit Thränen. ————— 4 Ein Geheimniß. 101 „Verzeihen Sie, Marie!“ ſprach ernſt der Major,„Sie wiſſen, welchen Freund Sie an mir haben. Sie haben mich oft um Rath gefragt, und mein Rath war, glaube ich, nie ſchlecht für Sie. Nun denken Sie daran. Fragen Sie mich auch heute um Rath!“ „Oh!“ machte die junge Frau und hob ihren Fächer dicht vor das Geſicht. Man wußte nicht, lächelte ſie hinter demſelben, oder floſſen ihre Thränen. Doch raſch faßte ſie ſich, warf ihren Fächer auf den Boden und reichte dem Major ihre beiden Hände, die er zulranlich und freund⸗ lich faßte. „Nicht wahr, beſter Major,“ ſagte ſie,„Sie Vaben mich ſchon als kleines Kind gekannt. Sie wiſſen, wie ich Ihnen beſtändig zuge⸗ than war, wie ich nie ein Geheimniß vor Ihnen hatte. Glauben Sie denn, ich habe mich geändert, können Sie denken, wenn ich Sie um einen Rath zu fragen hätte, ich würde es nicht unaufgefordert thun?“ „Hm!“ machte der Major nach einer Pauſe, während er beruhigt in dieſes offene, ehrliche Auge ſah.„Ja, ich glaube es Ihnen, Gräfin. Ich danke Ihnen für dieſes Wort; und da Sie mir meine alten Rechte als Ihr Rathgeber wieder einräumen, ſo erlaube ich mir, Ihnen auch einen Rath zu geben.“ „Darauf bin ich begierig und ſchon im Voraus dankbar!“ „Eine goldene Regel, die namentlich in der Ehe v n außerordent⸗ licher Wichtigkeit iſt.“ „Nun?“ „Wenn Sie glücklich ſind, ſo müſſen Sie es auch zu ſein ſcheinen.“ „Und ſcheine ich nicht glücklich?“ „Nein, Gräfin.“ „Wer ſagt das?“ „Zuerſt ich,“ ntmortete der Major,„als ich— in ae ſo e 4 . —— — — — — — — Ein Geheimniß. „Ferdinand?“ rief die junge Frau mit ſchmerzlichem Ausdrucke. „Ja, Ferdinand; und es hat ihn ſehr betrübt.“ Sie hatte ihre kleinen Hände vor ſich auf der Bruſt gefaltet und ſchaute dem Major forſchend und ängſtlich in die Augen.„Ferdi⸗ nand hat mich bei Ihnen verklagt?“ fragte ſie mit zitternder Stimme. „Gewiß nicht verklagt!“ antwortete der Major.„Aber Ferdinand, der kein Geheimniß vor mir hat, ſagte mir, Sie haben ſich gegen ihn verändert, Sie ſeien ſtiller geworden, gedankenvoll, ja, Sie vermieden ſeine Geſellſchaft, kurz, Sie hätten ein Geheimniß vor ihm.“ Die junge Frau war in ihren Fauteuil zurückgeſunken, drückte beide Hände vor ihr Geſicht und verharrte in dieſer Stellung mehrere Secunden. „Sie können Ferdinand darüber keinen Vorwurf machen,“ fuhr der Major fort.„Sie wiſſen, Marie, wie unendlich er Sie liebt, wie Sie ihm Alles ſind.“ „Ja, er liebt mich!“ rief ſie freudig.„Aber liebe ich ihn denn minder?“ „Das glaube ich gewiß nicht,“ antwortete raſch der Major.„Aber wozu etwas Geheimnißvolles zwiſchen euch? Er klagt mir, Sie meiden ſeine Geſellſchaft, Sie fahren ſehr häufig zu Ihrer Mutter, Sie diniren dort und laſſen ihn allein, ihn, der Sie ſo ſehr liebt und der im Augenblicke krank iſt.“ „Ach, das iſ wahr!“ rief ſie mit kindlich bewegter Stimme.„Ach, das iſt nur zu gewiß wahr! Ich habe Unrecht gehabt!“ „Und ein Geheimniß vor ihm?“ fragte lächelnd der Major. „Vielleicht!“ ſagte ſie ſtockend und roth werdend.„Aber es ſollte ihm kein Geheimniß bleiben— gewiß nicht!“ ſetzte ſie ſüß lächelnd hinzu. Dann ſprach ſie mit kaum vernehmbarer Stimme: Und es wird ihn gewiß recht glücklich machen.“ Dem Major kam plötzlich ein Gedanke; er faßte an ſeine Stirn, er ſtrich mit der Hand über ſeinen langen Schnurrbart hinab, und wir müſſen geſtehen, daß er in dieſem Augenblicke dieſer jungen Frau gegen⸗ — — ſtolz hinzu: Haben Sie keine Geheimniſſe mehr vor Ihrem Ein Geheimniß. 103 über, einem wahren Kinde, ziemlich albern drein ſchaute. Ja, er beugte ſich zu dem flammenden Kaminfeuer hinab, er warf die Kohlen durch einander, um eine kleine Röthe zu verbergen. Dann veränderte er das Geſpräch gewaltſam, ohne aber, wie ein kluger Feldherr, der ſeines Feindes ſicher ſein will, das Terrain zu verlaſſen.„Wiſſen Sie auch,“ ſagte er nach einer Pauſe,„daß ich Sie ſchon vor einigen Tagen geſehen, flüchtig, wie ein Schatten?“ „Mich?— Und wo das?“ fragte erſtaunt die Gräfin. „Schloßſtraße Nr. 120,“ entgegnete ſo unbefangen als möglich der Mojor.„Ihr Wagen hielt vor dem Hauſe Ihres Arztes.“ „Ah!“ machte die Gräfin überraſcht. Doch faßte ſie ſich ſchnell wieder und antwortete:„Ja, ich war da.“ „Ich konnte mir das denken,“ verſetzte ruhig der Major.„Hier ſehen Sie den Arzt freilich jeden Tag, aber nur in Gegenwart Fer⸗ dinands. Sie aber wollten ihn allein ſprechen, um...“ „Um?“ fragte erſchrocken und hoch erröthend die Gräfin, wäh⸗ rend ſie ihre Hand feſt in den weichen Sammt des Fauteuils drückte. „Nun, um ihn zu fragen— ob die Verwundung Ferdinand's etwas Gefährliches habe.“ „Richtig, Sie haben es errathen!“ ſagte aufathmend die junge Dame. Sie reichte ihrem Freunde die Hand und ſetzte hinzu:„Ihnen entgeht nichts, Major.“ „In der That nichts, liebe Gräfin.“ „In dieſem Augenblicke hörte man vor der Thüre eine kleine Bewegung. Raſch erhob ſich der Major.„Es iſt Ferdinand,“ ſagte er.„Er⸗ lauben Sie mir, beſte Gräfin, daß ich mich bei Ihnen verabſchiede und ihm entgegen gehe. Wir hatten drüben auf Ihre Geſellſchaft ge⸗ hofft; aber es iſt ſchon ſpät. Ich will mich mit meinen Freunden nach Hauſe begeben. Aber Eines verſprechen Sie mir, Ihrem beſten Freunde, Ihrem langjährigen Bekannten— Ihrem Erzieher, ſetze ich 8 8¾ Ein Geheimniß. Damit faßte er eine ihrer Hände und drückte einen freundlichen Kuß darauf. „Gewiß nicht,“ erwiderte die Gräfin und ſetzte ſtockend hinzu: „Und wenn ich ja eines habe, ſo will ich es Ferdinand mittheilen.“ . Draußen vor der Thüre traf der Major ſeinen Freund, der im Begriffe war, in das Boudoir ſeiner Frau zu treten. Er zog ihn zu⸗ rück in eine Fenſtervertiefung des Vorzimmers, ſah ihm lachend in die Augen und ſagte:„Thu mir den Gefallen und nenne mich einen Eſel!“ „Warum das?“ fragte der Graf erſtaunt und mit ernſter Miene. „Damit ich auch dir dieſe Benennung geben darf. Lieber Freund, wir waren Beide im Begriffe, uns vor unſeren Frauen lächerlich zu machen.“ 5 „Ah!“ machte der Graf, immer mehr erſtaunt. „Glücklicher Weiſe habe ich Ellen noch nichts von dem Geheim⸗ niſſe der Gräfin mitgetheilt. Geh hinein, ſie wird es dir anvertrauen.“ „Und hat ſie dir davon geſprochen?“ „Gott bewahre! Das iſt eine Sache, die den Ehemann zuerſt angeht.“ Das Geſicht des Grafen überflog eine plötzliche Röthe. Sein Auge glänzte, er drückte ſeinem Freunde die Hand und rief aus:„Ver⸗ ſtehe ich dich recht?“ „Vielleicht kann ich mich irren,“ entgegnete der Major,„was ich aber kaum glaube. Wenn ich mich aber nicht irre, ſo bitte ich mir aus, daß du meiner gedenkſt. Meine Vornamen ſind: Maximilian Paul Julius Karl. Ich meine, hier hätteſt du eine ſchöne Auswahl.“ Damit eilte er lachend von dannen und ſuchte ſeine Freunde auf, um mit ihnen nach Hauſe zu gehen. Der Graf ging bewegt in das Zimmer ſeiner Frau. Als er eine kurze Zeit lang mit der jungen Gräfin geſprochen, mußte er ſich ge⸗ ſtehen, daß es in dieſer Welt doch ruht ſüße und liebenswürdige Ge⸗ heimniſſe gübe. — —— Spitzen, tief in den Schluchten zwiſchen finſteren Bäumen die hohen Erſtes Kapitel. Vom Reiſen im Allgemeinen. Reiſen— ich weiß nicht, hat das Wort für mich allein einen ſo lieblichen, wunderbaren Klang, oder geht es anderen Leuten auch ſo— reiſen. Wenn ich Abends am flackernden Kaminfeuer ſitze, im halbdunklen Zimmer und mir das Wort recht eindringlich und etwas ſehnſüchtig vorſpreche, ſo iſt es wahrhaftig eine Zauberformel. Ein langgezogener feiner Poſthornton klingt in mein Ohr, eine luſtige Fanfare, und— ich fliege durch die Nacht dahin. Vor uns ſitzt der Schwager auf ſeinem ſtarken Sattelpferde, er fliegt im Sitz hin und her, hüpft auf und ab, und der gelbe Federbuſch auf ſeinem Hut karrikirt alle ſeine Bewegungen. Bald erhalten die beiden Vorder⸗ pferde durch einen künſtlich angebrachten Hieb zu gleicher Zeit einen tüchtigen Merks. Jetzt drückt er dem Sattelgaul die Sporen ein, hebt den Peitſchenſtiel empor und ſtößt ihn dem Handgaul recht kräftig vor den Widerriſt. Hurrah! wie fliegen ſie dahin! Staub und kleine Steinchen wirbeln auf und verdecken die ohnehin düſter brennende Lampe.— Aber wohin? Ach, bei dem Gedanken falle ich aus meinen ſüßen Phantaſien wieder in die rauhe Wirklichkeit. Nur keine Frage: wohin? Immer zu! bald an den Ufern mächtiger Flüſſe vorüber, bald durch wild romantiſche Thäler hin, mächtige Ruinen auf allen Reiſe⸗Abenteuer. Mauern einſamer Klöſter. Es wird Abend und melodiſch klingen die Glocken empor, dazwiſchen Heerdengeläute, und die freundlichen Grüße heimkehrender Landleute ſchlagen an Ohr und Herz. Dort im Hintergrunde dampft die Stadt. Hie und da blitzen Lichter auf, dumpfes Getöſe ſchallt mir entgegen.— Aber jetzt halt! Denn wenn auch viel Poeſie darin liegt, Abends durch beleuchtete Straßen über das klirrende Pflaſter zu fahren, ſo kommt doch jetzt des ächt Proſaiſchen ſo viel, daß ich es gern entbehre. Es gibt für mich im Keben nichts Schrecklicheres, als das Tönen einer großen Wirthshaus⸗ glocke und das Rennen einer ganzen Schaar Kellner, die Serviette auf dem rechten Arm, in der Linken das Licht, alle mit verzerrt freund⸗ lichen Geſichtern. Der erſte dieſes Haufens, mit der Feder hinter dem Ohr, bedauert unendlich, daß entweder gar kein Plaß oder nur noch im vierten Stock ein Zimmer frei iſt. Laſſen wir den Poſtwagen in Gottes deamen fahren. Dort vor uns liegt die große Stadt, aber ich mag nicht hinein. Viel lieber wünſche ich mir den Weg frei, ſetze mich auf einen Stein an der Landſtraße, mein Päckchen neben mir und denke nach und träume. Warm iſt die Luft, ſüß und duftig. Endlich ſtehe ich auf, laſſe die Stadt zu meiner Seite liegen und ſteige den Berg hinan, durch Oli⸗ venwälder und Citronengärten. Droben ſteht eine einſame Locanda, wo man mich gern aufnimmt. Ueber der Thüre ſchwankt ein Dach von leichten Latten, über welches ſich üppige Reben wiegen. Vater und Mutter ſind nicht daheim, aber die junge kräftige Tochter fürchtet ſich vor dem Fremden nicht. Sie weist ihn in's Zimmer hinein und ſetzt ſich ihm gegenüber; den Kopf mit den ſchwarzen Haaren und blitzenden Augen auf beide Hände geſtützt, lacht und ſcherzt ſie mit dem Fremden und iſt dabei ganz züchtig, zurückhaltend und voll Anſtand. Unterdeſſen iſt mir die Pfeife ausgegangen, und wenn ein Raucher 5 dieſe Zeilen liest, ſo wird er es für profan halten, mit ausgegangener Pfeife weiter träumen zu wollen.. 0 — Reiſe⸗Abenteuer. Reiſen— o Gott! ja reiſen!— Aber wohin? Ich fühle mich eigentlich recht unglücklich, ſchon ſo viel in der Welt herumgekommen zu ſein. Die Zauberformel hat doch viel von ihrer Kraft verloren. Vor langen Jahren— es war am Rhein— da brauchte ich mich. nur auf einen Haufen Stricke am Werft hinzuſetzen und den Dampf⸗ ſchiffen zuzuſchauen. Und ich muß geſtehen, ich dehnte dieſes Zu⸗ ſchauen nicht gerade zum Vortheil der Lectionen, die mir meine Lehrer aufgaben, ſtundenlang aus: meine Forſchungen ſollten gründlich ſein. Oft war ich ſchon da, wenn der Keſſel des Dampfboots den erſten knarrenden Laut von ſich gab, weil er von der ſanften Wärme des Feuers ſich nach allen Seiten auszudehnen begann. Jetzt entſteigt. dem Schornſtein eine mächtige ſchwarze Rauchſäule, der Kapitän und der Steuermann kommen von der Stadt her und begeben ſich auf's Verdeck, das von den Schiffsjungen mit einer großen Menge Ver⸗ ſchwendung an Waſſer abgewaſchen wird. Der erſte überflüſſige Waſ⸗ ſerdampf ziſcht weiß aus der Maſchine empor und einer der Matroſen ſteht an der Glocke, das erſte Zeichen zur Abfahrt zu geben. Schon kommen einzelne Paſſagiere an. Dieſe erſten, die vor den Signalen anlangen, finden ſich meiſtens in großer Begleitung. Das Schiff geht zur Bequemlichkeit der Reiſenden erſt Nachmittags ab, man kommt gerade von der Tafel, und die ſechs bis ſieben guten Freunde, die den Abreiſenden begleiten, können ihren Kaffee ebenſo gut auf dem Schiff, als irgendwo anders trinken. Dies waren aber nicht die Leute, an denen ich die Fäden meiner Phantaſie anzuknüpfen pflegte. 1 Der Kapitän auf dem Radkaſten gibt unterdeſſen ein Zeichen, und der Matroſe vornen, nachdem er ſich die Naſe geputzt, faßt den Schwengel der Glocke und läßt die Töne raſch aufeinander weithin klingen. Zwiſchen dieſem erſten Zeichen und dem zweiten kommen wenig Paſſagiere. Der Kapitän geht auf dem Radkaſten ſpazieren, und die Maſchiniſten und Heizer ſtecken ihre berußten Köpfe aus den Lucken, um friſche Luft zu ſchöpfen. Hinter einem großen Haufen Reiſe⸗Abenteuer. Fäſſer und Stricke verborgen, treiben die Schiffsjungen allerhand zarte Kurzweil, geben einander Kopfniſſe oder zerren ſich auf dem Verdeck umher. Und der Kapitän winkt wieder. Der Matroſe vornen ſchneuzt ſich abermals und gibt das zweite Zeichen. Nun beginnt es auf dem Werft lebendiger zu werden. Es kommt jene Klaſſe von Paſſagieren, die den richtigen Grundſatz, lieber eine Viertelſtunde zu früh als eine Minute zu ſpät zu kommen, übertrei⸗ ben: junge Leute, die die erſte Reiſe in die Welt machen, einen kleinen Ausflug in's Gebirge, mit Gamaſchen, in den Händen große Stöcke, über die Schulter die grüne Botaniſirbüchſe, auf dem Kopfe eine brennend rothe oder blaue oder weiße Mütze, worunter das lange, hellblonde Haar. Auch viele alte Damen werden ſichtbar, mit altmo⸗ diſchen ſeidenen Hüten und langen hochrothen oder hellgelben Shawls, am Arm einen weitläufigen Ridicüle und gefolgt von dem Kammer⸗ mädchen, das den Mops trägt. Das waren noch alle nicht meine Leute. Sie fahren vier oder fünf Stunden den Strom hinauf oder hinab, und da war ich ja auch ſchon. Ihnen kann ich nicht meine Träume und Wünſche mitgeben. Auch Engländer erſcheinen,— reiſende Engländer mit langweiligen Geſichtern, langen dürren Hälſen und weiten Staubmänteln. Die kommen ſchon weiter her, als alle die Anderen, und ihre Inſel, die ſie eben verlaſſen, ſchwebt mir auch intereſſant genug vor, aber ſie ſind ſo theilnahmlos, ſo kalt, ſie ſperren die Mäuler ſo auf, was, wie mein Lehrer mir ſagte, ein Zeichen von Dummheit ſein ſollte. Dann hatte man mir ferner erzählt, ſie tränken den ganzen Tag Thee und äßen Gebackenes dazu. Letzteres hätte ich mir ſchon gefallen laſſen, aber das Erſtere— ich hatte in meinem Leben ein einziges Mal Thee getrunken, und damals war ich ſehr krank und ſah blaß und hager aus, wie die reiſenden Engländer. Nein, nein, ich ließ ſie vorüiher⸗ ziehen, ihnen mochte ich mich nicht anvertrauen. 1 Reiſe⸗Abenteuer. Oft ſaß ich ſo am Werſt und wartete Stunden lang vergebens, denn was ich liebte, und woran ich ſo gerne meine Reiſepläne und Träume knüpfte, das waren die großen, ſchweren Equipagen mit glänzenden Wappenſchildern und beſtaubten und beſchmutzten Rädern, die weit herkamen und wieder weit, weit in die Ferne gingen— Reiſekometen! Ach, ich erinnere mich ſehr gut, wie ich lange ein Steinchen bewahrt, das ich von dem Wagen eines ruſſiſchen Fürſten abgebröckelt, der dirett vom Ural kam,— einen Stein vom Ural! Doch ging nach dem Norden eigentlich nicht mein Streben; meine Phantaſie, mein Herz war dem Süden zugekehrt, dem Lande Vo die Citronen blüh'n. Italien! das Land mit ſeinen Orangengärten, mit ſeinen ver⸗ fallenen Tempeln und Marmorpaläſten. Dafür ſchwärmte ich und das liebte ich. Dahin ſehnte mein Herz ſich ſehr. Ach, ich weiß es noch, wie ſehr es mich betrübte, als mein Lehrer, der ein ſehr praktiſcher Schulmann war, einen ſolchen Wunſch dahin berichtigte, daß ein Kameel eher durch ein Nadelöhr gehen würde, als ich nach Italien kommen. Italiener kamen von jeher wenig zu uns, und nur ein einziges Mal wurde mir bei meinem Aufenthalt auf dem Werft das Glück zu Theil, eine reiche italieniſche Familie in ihrem Wagen zu ſehen und zu bewundern. Ach, wie beneidete ich ſie, daß ſie zurückkehren durfte in ihr ſchönes Land; ich beneidete die ſchöne junge Dame, die in dem Wagen ſaß und etwas traurig ausſah, ich beneidete ihr Kind, das aus dem Wagenſchlag ſchaute und einen ſehr ſchwarzen Lockenkopf hatte; ich beneidete den Wagen ſelbſt und vor allen Dingen die Be⸗ dienten, die hinten recht hoch ſaßen, und alſo von der Höhe der Alpen herab Italien zuerſt wieder ſehen konnten. Das Kind ſagte zu ſeiner Mutter:„madre mia,“ und dies madre mia hatte für mich einen ſo ſchönen Klang, daß ich es nie vergeſſen konnte. Die Mutter ant⸗ wortete:„Carissima mia,“ und auch das habe ich behalten und ſeit⸗ dem ſehr häufig angewandt.— Reiſe⸗Abenteuer. Jetzt gab der Kapitän das dritte Zeichen, und als ſich der Ma⸗ troſe vornen zum dritten Mal geſchneuzt, läutete er nochmals mit aller Kraft und that dann drei einzelne Schläge, allen Zuſpätkommen⸗ den anzeigend, daß in Kurzem die Laufplanke weggenommen würde. Hui! wie ſpringen ſie herbei, die die Abfahrtsſtunde verſäumt hatten! Einigen gelingt es, noch über das Gangport in's Schiff zu kommen. Jetzt wird auch dies fortgenommen, und das Schiff fluthet langſam in den Strom hinein. Noch ſind ein paar zurückgeblieben. Einem gelingt es, mit einem verzweifelten Sprung das Schiff zu erreichen, ein Anderer überlegt, zaudert, trippelt auf und ab, und bleibt jammernd am Ufer ſtehen. Ein trauriges Schickſal! tief mit⸗ empfunden von einem Dutzend Straßenjungen, die dem davoneilenden Schiffe und dem zurückbleibenden Paſſagier ein lautes Hurrah ſpenden. Ach ja, reiſen möcht' ich— reiſen in alle Welt! Zweites Kapitel. Von verſchiedenen Arten des Reiſens, worunter vielleicht einige, die dem geneigten Leſer bis jetzt noch nicht bekannt waren.. Wenn ich verſpreche, auf den nachfolgenden Blättern dem Leſer zu Nutz und Frommen Bilder aus dem Reiſeleben mitzutheilen, ſo bitte ich aber keine Reiſebeſchreibung zu erwarten, Ich weiß, die Zeit derſelben iſt faſt vorüber. Jetzt, wo es faſt Jedem geſtattet iſt, die halbe Welt auf Eiſenbahnen und Dampfſchiffen mit wenig Zeit und Geld zu durchfliegen, iſt es erſtaunlich ſchwer, einen Winkel auf⸗ zuſtöbern, von dem man noch etwas Neues und Intereſſantes berich⸗ ten könnte, und die Zeit der Thümmel, auch wenn man ein Thümm wäre, wo man von dem Schreibtiſch aus die ſchönſten Reiſen in fernte Länder beſchrieb, Reiſen, die man nie gemacht,—— iſt leider dahin. Deßhalb will ich einen kleinen Abriß, eine Geſchichte des Reiſens ſelbſt zu geben verſuchen, aber durchaus nicht in chronologi⸗ ſcher Ordnung, und zum Beiſpiel mit deutlichem Nachweis, wo man anfing, vom Pferd auf den Eſel zu kommen, um welche Zeit man ſich der Sänfte bediente, und wann man ſich in der Maſchine auf Rädern, die man Cauipagen nennt, fortzubewegen begann. Nein, gewiß nicht! vielmehr frei, fröhlich, ohne große Ordnung, ohne Zwang. Da beim Reiſen das Fortkommen, das Sichfortbewegen von einem Ort zum andern ein nicht unweſentliches Haupterforderniß iſt, ſo verlohnt es ſich wohl der Mühe, zuerſt die verſchiedenen Arten dieſes Fortkommens in's Auge zu faſſen. Ich hatte das Glück, ſeit meiner Kindheit wohl eine ſolche Menge Reiſearten kennen zu lernen, wie ſie vielleicht ſelten einem Sterblichen geboten wurden, namentlich geſchah meine erſte Reiſe, die ich vom elterlichen Hauſe aus begann, durch ein außerordentlich ſeltſames Transportmittel. Im benachbarten Heimathsdorfe unſerer Dienſtmagd, einer langgedienten, treuen Perſon, war nämlich Kirchweih, und ich erhielt die Erlaubniß, mit dorthin gehen zu dürfen. Natürlich ver⸗ . ſprach der Bruder unſerer Magd, einen kleinen Wagen zu ſenden, um die Schweſter und mich zu transportiren. Aber vergeblich warteten wir am Tage unſerer projektirten Reiſe, ich natürlich in fieberhafter Ungeduld,— der erſehnte Wagen kam nicht. Endlich Nachmittags mußte ein Entſchluß gefaßt werden; das Dorf war vier Stunden von der Stadt, wo wir wohnten, entfernt, und wenn auch das Mäd⸗ 4 3— chen für ihre Perſon gerne zu Fuß dorthin gegangen wäre, ſo blieb dooch die Frage, wie ich zu transportiren ſei, und endlich kam ſie auf eine ganz originelle Idee, welche mir denn auch zu den Freuden der Kirchweih verhalf, und mich jetzt in den Stand ſetzt, ein Reiſetrans⸗ vortmittel anzugeben, an welches bis jetzt noch Niemand gedacht— den Schubkarren nämlich. „Hackländers Werke. XXV. Reiſe⸗Abenteuer. 113 8 114 Reiſe⸗Abenteuer. Sie verſchaffte ſich eine ſolche Maſchine, ſetzte einen Korb mit ihren Effekten oben hinauf, mich rittlings darüber, und ſo zogen wir V — doch man kann das eigentlich nicht ſagen, da ich geſchoben wurde⸗ — oder wir gingen, was auch nicht ganz richtig iſt, kurz wir kamen glücklich zum Thore hinaus und auf die Kirchweih, wo ich mich, nebenbei geſagt, außerordentlich amüſirte, denn ich kehrte zurück mit mehrfach zerriſſenen Hoſen, einer zerſchundenen Naſe und einem Auge in allen Farben des Regenbogens, einige Indigeſtionen, die nur vorübergehend waren, nicht mitgerechnet. Und trotz alledem kam ich mit einem großen Stolze heim, denn man hatte auf dem Dorf meine Cquipage für etwas Seltenes, noch nie Dageweſenes erklärt, und die ausgelaſſene Schuljugend war mir jauchzend gefolgt und hatte, da ich, weil aus der Stadt kommend, in ihren Augen als etwas Vornehmes erſchien, auf dieſe Art ihre Huldigung dargebracht.. Trotzdem ich dieſe erſte Reiſe auf einem Schubkarren als etwas 1 Außergewöhnliches auch für eine außergewöhnlich glückliche Vorbe⸗ deutung anſah, die mir lange und ſchöne Reiſen verhieß, und die mich auch ſpäter nicht getänſcht, kam damals in meinen Reiſen lange nichts Außerordentliches mehr vor. Ich ging zu Fuß, einen tüchtigen Stock in der Hand und einen kleinen Ranzen auf dem Rücken, mit einem Freunde meines Alters während der Ferienzeit Verwandte zu beſuchen. Wir fürchteten uns damals entſetzlich vor Räubern, und erzählten uns aus der Phantaſie die fürchterlichſten Geſchichten von Straßenraub und Mord, die irgend⸗ wo vielleicht einmal geſchehen waren, und als wir Abends in ein beſcheidenes Wirthshaus kamen, da hatten wir lange nicht den Muth, ein Zimmer zu verlangen, denn wir erwarteten in dem Falle, daß man alsdann ſogleich nach unſeren Päſſen fragen würde, um un da wir dergleichen Chrlichkeitspapiere nicht beſaßen, ſchleunigſt al⸗ Vagabunden ins Gefängniß zu werfen. Es ging aber alles das beſſer, wie wir erwartet. Nachdem wir das wohlfeilſte Gericht der Speiſe⸗ 5/ karte, Pfannenkuchen mit Kartoffeln, verzehrt, und uns ſogar die un⸗/ 3 Reiſe⸗Abenteuer. 115 geheure Verſchwendung eines Glaſes Weins erlaubt hatten, führte man uns in ein Zimmer mit einem Bette, wo wir bis zum anbre⸗ chenden Morgen ſanft und ruhig ſchliefen. Doch kann ich nicht um⸗ hin, zu geſtehen, daß mich vor dem Auskleiden ein paar Dintenflecken auf dem Boden ſehr beunruhigten, die ich für ſchwarze Blutstropfen anſah, und analog denſelben das Haus, in welchem wir uns befanden, für eine Mörderhöhle. Dieſe beſcheidenen Fußreiſen verwandelten ſich allmälig und ganz folgerecht in Fahrten auf dem Trittbrett einer zufällig vorüberraſſeln⸗ den Cquipage, oder auf dem ſchwebenden Brett eines Leiterwagens, oder um den Preis von ſechs Pfennigen für einen Schnaps auf dem Bock eines vornehmen Hauderers.— Des Tages aber, wo ich als wirklicher und berechtigter Beſitzer in eine ſolche Lohnkutſche ſelbſt hineinſitzen durfte, erinnere ich mich heute noch mit Entzücken. Es war zugleich meine erſte größere Reiſe von Burtſcheid bei Aachen, wo ich einſt geboren, nach Düſſeldorf,— ich erkenne dieſen meinen Geburtsort hiemit öffentlich an, damit derſelbe nicht ſpäter in den Fall komme, ſich mit ſechs anderen Städten dieſer Ehre wegen herum⸗ zanken zu müſſen. Da lagen in der Phantaſie des Knaben in der Perſpektive dieſer Reiſe ſtundenlange unbekannte Länder, Städte und Dörfer, ein kleines Gebirge, vielleicht mit einigen Räubern, eine kleine Feſtung— Jülich— mit Soldaten und Kanonen, und endlich der Rhein. Ja der Rhein; das war das Ziel des Sehnens und Trachtens, der breite ſchöne Fluß mit ſeinen Schiffen und Brücken. Es war eiine glückſelige Reiſe, und als ich morgens früh um vier Uhr Som⸗ mers bei aufleuchtender Sonne in die Chaiſe gepackt wurde, und als ddeer Vater Abends um eilf Uhr, als wir nach Düſſeldorf kamen, er⸗ klärte, er ſei wie gerädert, war ich tief betrübt, daß die ſchöne Fahrt ſchon zu Ende ſeir. 4* Vom wirklichen und berechtigten Lohnkutſcher⸗Beiſitzer wurde ich R geheimer Oberpoſtamts„Paſſagier; geheim inſofern, als ich für ein Drriittel der Fahrtaxe als blinder Reiſender mitgenommen wurde, und — 1 8 Reiſe⸗Abenteuer. da wäre ich, zwiſchen zwei dicke Damen hineingepreßt, um ein Haar eines unnatürlichen Todes geſtorben. Ach, es war dies noch die roſige Jugendzeit der Poſtkutſchen. Conducteur und Poſtillon hatten noch menſchliche Gefühle, und wenn Letzterer ſich hie und da einen Schnaps einſchenken ließ, war der Erſtere menſchenfreundlich genug, bei irgend einem dichten Gebüſch halten zu laſſen, um einem beliebigen Paſſagier — friſche Luft zu gönnen. Das Innere dieſer Poſtkutſche war zu ſechs Perſonen berechnet, wir ſaßen aber unſerer zehn darin, mich ein⸗ gerechnet, ferner ein Kanarienvogel, ein Affe und ein kleiner Hund. Nachdem ich nun vom geheimen und blinden Paſſagier endlich auch hier ein wirklicher und berechtigter geworden war, blieb ich lange dieſem Transportmittel getreu, und bin daher aus jener Zeit nicht im Stande, eine neue Reiſeart aufzuzählen. Darauf folgten aber die Dampfſchiffe, deren ich ſchon Eingangs dieſer Blätter erwähnt. An⸗ fänglich waren dies ebenfalls harmloſe, gemüthliche Weſen, die an einem Tage höchſtens von Köln nach Koblenz fuhren, mit engliſchem Kapitän, engliſchem Condukteur, engliſchen Heizern und Maſchiniſten, auf welchen Eſſen und Trinken außerordentlich ſchlecht war, auf wel⸗ chen man ſich gar nicht heimiſch und zu Hauſe fühlte, und in welchen man immer vermuthete, der Dampf werde jetzt endlich die Quälereien ſatt bekommen und, plötlich explodirend, Alles mit ſich in die Luft nehmen. Alte ehrwürdige Frauen warnten auch vor dieſen Fahrzeugen auf den Dampfbooten, indem ſie das Ganze für eine hölliſche Erfin⸗ dung erklärten. Gott, wie iſt die Ehrfurcht verſchwunden, die man früher vor dieſer entſetzlichen dämoniſchen Kraft hatte! Heute ſieht man eine Dampfmaſchine, eine Lokomotive, und denkt eben nichts weiter, als daß es eine Dampfmaſchine oder eine Lokomotive iſt. Ja man hat den Dampf traurig heruntergebracht, indem man ihn unter Anderem zum Auskochen und Reinigen ſchmutziger Pfeifen und noch ſchmutzigerer Wäſche braucht. Da verbreitete ſich, wie eine Sage aus alter fabelhafter Zeit, wo die Menſchen noch auf Wolken fuhren und auf Drachen ritten,„ 1 * 8 4 Reiſe⸗Abenteuner. das Gerücht, man fange an, die Erde mit einem eiſernen Reifen zu beſchlagen, und um auf dieſen Reifen ebenfalls mit Dampf in der unglaublichſten Geſchwindigkeit nun auch zu Lande von Ort zu Ort 4 zu gelangen. Ruhigere geſetztere Männer lächelten darüber und doch 8 zeigte ſich die Geſchichte als wahr. Nürnberg und Fürth reichten ſich zuerſt die eiſernen Hände, und ich erinnere mich noch ganz wohl, wie in der erſtern induſtriellen Stadt gleich darauf kleine Anſichten von Eiſenbahnen erſchienen, dies neue Wunder ſichtbarlich darſtellend. Bald ſah man überall Eiſenbahnen ausſtecken, Berge durchwühlen, Thäler ausfüllen, Flüſſe überbrücken, und die geduldige Chauſſee, die 8 ſich ſo harmlos bergauf bergab ſchlängelte, ſah gelb vor Neid und 1— Lehmmwaſſer dieſe gefährliche Concurrenz. Da wurde auch zwiſchen Elberfeld und Düſſeldorf ein Schienenweg projektirt und um Weih⸗ nachten irgend eines Jahrs war ein Stückchen derſelben fertig und 3 wurde mit Lokomotiven befahren. Natürlich ſetzte ſich Alles in Be⸗ * wegung, dies neue Wunder ſelbſt zu erleben, und zu dem Ende fuhr man mit Omnibus, Poſtwagen und Hauderern ungefähr drei Stunden bei Regenwetter und Sturm durch Schmutz und Schneewaſſer, um jene Abfahrtſtation, mitten im Walde gelegen, zu erreichen. Dort hatte man das Vergnügen, unter einer elenden Holzbaracke, in welche von allen Seiten Regen und Schnee hineinpfiff, einige Stunden auf die Abfahrt warten zu müſſe en, indem die Lokomotive bei unſerer An⸗ kunft eben im Begriffe war, den erſten Mund voll Kohlen und Waſſer zu verſpeiſen. Es war ein troſtloſer Anblick, die frierenden Damen und Herren, die durchnäßten Röcke und Mäntel, die zerſtörten Hüte und Coifuren, die bleichen und rothen Geſichter, alle ſo begierig auf den endlichen Anfang des großen Vergnügens. Von der Station, wo es gerade einen ſteilen Berg hinab ging, hatten wir einen ungemein komiſchen Anblick. Da lag eine Mieth⸗ kutſche umgeworfen im Wege, und es war entſetzlich anzuſehen, wie pohne Aufhören die Paſſagiere paarweiſe, wie aus der Arche Noah, Ne Wagen entkletterten. Zuletzt tauchte ein unendlich langer Menſch —— 118 Reiſe⸗Abenteuer. auf, aus dem oberen Kutſchenfenſter, und er war ſo groß, daß ihm daſſelbe nicht bis an das Knie reichte, und er hielt, in dem Wagen ſtehend, eine donnernde Rede gegen den eben vorüberfahrenden Poſt⸗ wagen, indem er behauptete, dieſer ſei nicht gehörig ausgewichen, und habe ſo das Unglück herbeigeführt. Eine alte Frau, die mit den übrigen Paſſagieren rüſtig den Berg vollends zu Fuß hinab ging, klagte in einem fort und jammerte:„Ach Gott! wenn ich nur in meinem Leibe nichts zerbrochen habe!“— Endlich war die Lokomotive eingeſpannt, Alles ſaß in die Waggons und erwartete mit Ungeduld das Zeichen der Abfahrt. Da erklärte plötzlich der Maſchiniſt, an der Lokomotive müſſe etwas nicht ganz richtig ſein und ſelbe ſei nochmals genau zu unterſuchen. Dieſe Unterſuchung dauerte wieder eine gute Stunde, und dann endlich fuhren wir ab, erfroren, hungrig, durchnäßt, ermüdet und gelangweilt.— Es war meine erſte Eiſen⸗ bahnfahrt.. Jetzt bediente ich mich lange Zeit wieder des ſoliden Poſtwagens als Transportmittel, ſaß bald im Coupée bei dem Conducteur, mit ihm Cigarren rauchend und plaudernd, oder auch zuweilen im Innern des Wagens, zwiſchen zwei dicken alten Damen eingepreßt, das Feg⸗ feuer im Voraus abverdienend. Auf einer größeren Reiſe, die ich ſpäter das Glück hatte, machen zu können, und welche über die Grenzen der Civiliſation hinaus in die Wüſten des todten Meeres und von Gaza ging, mußte ich mich zu meinem Fortkommen noch einiger ſeltſamer Reiſemittel bedienen. Eine Tour zu Mauleſel iſt bei uns zu Land nicht ganz außergewöhn⸗ lich, gehört aber auch nicht zu den täglichen Ereigniſſen. Dagegen möchte es ſchwer ſein, eine Reiſe zu Kameel zu machen, es ſei denn, daß man ſich, um dieſe Seltenheit zu genießen, an einen Bärenführer wendete, die meiſtens ein ſolches Schiff der Wüſte mit ſich herum⸗ führen. Das Riſen zu Kameel kommt aber, was Unannehmlichkeiten anbelangt, noch vor dem Reiſen in einer überſetzten Lohnkutſche. Man ſitzt mit weit geſpreizten Beinen auf dem breiten und hohen Rücken Reiſe⸗Abenteuer. des Thiers, das heißt, man kann ſich glücklich ſchätzen, wenn man ein⸗ mal ruhig droben ſitzt, ohne während des Aufſteigens einigemal herab⸗ geworfen worden zu ſein, da das Kameel am Boden liegt, und nachdem der Reiter auf ſeinen Rücken geklettert, ſehr ſchnell und ruckweiſe in die Höhe ſpringt. Iſt man nun aber droben und hat ſich das Thier in Bewegung geſetzt, ſo erleidet man eine ſolche unangenehme, ſchau⸗ kelnde Bewegung, daß es Leute genug gibt, die davon ſchwindlicht, ja völlig ſeekrank werden. Jetzt hebt ſich das Kameel vornen, und man ſtarrt in den Himmel, jetzt hebt es ſich hinten, und man blickt über ſeinen Kopf hinaus in den Sand, jetzt hebt es ſich an der rechten Seite, und man rutſcht auf die linke, jetzt hebt es ſich auf der linken, und man rutſcht auf die rechte Seite. Und das geht den ganzen Tag ſo fort, abgemeſſen und gleichförmig, wie ein Uhrwerk, in dieſen vier höchſt unangenehmen Tempo's. Ohne der kleinen Fuhrwerk⸗Variationen beſonders gedenken zu wollen, deren man ſich auf einer ſolchen orientaliſchen Reiſe oft bedie⸗ nen muß, als da ſind: Eſelswagen, Ochſenkarren, muß ich dagegen unbedingt noch eines ſeltſamen Rittes erwähnen, den ich in der Nähe der Pyramiden in Ghizet bei Kairo gemacht. Dies war nämlich ein Ritt zu— Neger. Um einen Arm des Nil zu paſſiren, auf dem ſich 4 zufällig keine Barken befinden, ſtehen dort immer eine Anzahl für dieſen Dienſt verwendbarer armer Kreaturen, die um ein Geringes an Geld den Reiſenden auf ihre Schultern laden. Man ſchwingt ſich 5 auf, man nimmt das Stück eines alten Shawls, das der Neger um den Hals geſchlungen hat, in die Hand, und fort geht es in einem kurzen Trabe— in den Nil hinein. Anfänglich reicht ihm das , Waſſer bis an das Knie, ſteigt dann immer höher und zuletzt ſchwebt man nur noch über dem Waſſer, unter ſich den ſchwarzen Wollkopf des Negers, der, indem er auf die Tiefe der Fluth aufmerkſam macht, uns zuweilen das Geſicht zukehrt und uns mit den lebhaften blitzenden Augen und den fürchterlichen ſchneeweißen Zähnen auf's Freundſchaft⸗ lichſte angrinst. — Reiſe⸗Abenteuer. Drittes Kapitel. * Von einem deutſchen Gaſthofe, ineluſive ſeiner Leiden und Freuden. Weenn man in früheren Zeiten vom Eilwagen geſtiegen war und ſeinen Effekten, die auf den rüſtigen Schultern eines Poſtſubaltern⸗ beamten ruhten, vorausſchlenderte, und ſo das Hotel erreichte, welches man zu beglücken gedacht, ſo ſah man vielleicht einen Kellner am Thore lehnen, die Naſe des Portiers aus ſeiner Loge hervorragen, und bemerkte den Lohnbedienten, der, nach herrſchaftlichen Wagen ausſpähend, an der Ecke ſtand. Aber alle drei bekümmerten ſich nicht ſonderlich viel um den mit Staub bedeckten, zu Fuß ankommenden Paſſagier.„Höchſtens etwas für den vierten Stock!“ dachte der Kellner!„kein Trinkgeld!“ ſeufzte der Portier, und der Lohnbediente klagte in ſeinem Herzen:„wenn der die Merkwürdigkeiten der Stadt anſchaut, ſo fragt er lieber an jeder Straßenecke zehnmal, ehe er mir etwas zu verdienen gibt!“ Und gemäß dieſer kühlen Anſichten war denn auch der Empfang des Gaſtes. Der Kellner, ohne ſeine Stellung am Thore zu verändern, beſah dich von oben bis unten, meinte: es ſei Alles zu ſehr überfüllt, und murmelte etwas von einem kleinen Zimmer im fünften Stock, hinten heraus, mit der Ausſicht auf die Brandmauer des Nachbars. — Du wiünſchteſt ein Zimmer im zweiten oder dritten Stock,— der Kellner lächelt mitleidig und zuckt die Achſel, die Naſe des Portier verſchwindet indignirt: denn er ſelbſt iſt nicht im Stande zu begreifen, wie Jemand, der zu Fuß ankommt, und vorderhand noch gar kein Gepäck bei ſich hat, in den zweiten und dritten Stock verlangen kann. Du mietheſt alſo das Zimmer mit der Brandmauerausſicht, der Kell⸗ ner zieht ſchläfrig die Glocke und überliefert dich einem Collegen, der vor dir die Treppe hinaufeilt. Im zweiten und dritten Stock ſiehſt du genug Zimmer leer ſtehen.„Könnte ich nicht vielleicht hier ein Reiſe⸗Abentener. 121 Zimmer haben?“—„Sind für ruſſiſche, engliſche, franzöſiſche Herrſchaften beſtimmt!“ Da iſt keine Gnade, du kommſt doch unter das Dach und der Poſtbeamte, der endlich nachkeucht, verlangt das Doppelte, da er ſo hoch ſteigen muß. Das iſt nun heutzutage, Dank ſei es den Eiſenbahnen und Dampf⸗ ſchiffen, ganz anders geworden. Der Standpunkt der Reiſenden iſt vollkommen verrückt worden, und demnach haben auch die Anſichten des Kellners, Portiers und Lohnbedienten eine Veränderung erlitten. Die vornehmſten Leute kommen zu Fuß von der Eiſenbahn, ohne Ge⸗ päck, und die Reiſe⸗Cquipage des beſtaubten Mannes, der auf das Hotel zueilt, ſteht vielleicht noch draußen auf dem Waggon. Der Por⸗ tier reißt an der großen Glocke, daß es durch alle Stockwerke ſchallt, der Oberkellner ſtürzt an ſein Bureau, die Feder hinterm Ohr., ſtreicht ſich durch das Haar und zupft die Halsbinde in die Höhe. Ihm folgt eine ganze Schaar vom zweiten, dritten und vierten, von Salon⸗ und Zimmerkellnern. Es präſentirt ſich der Lohnbediente mit einem freund⸗ lichen Geſicht, der Hausknecht macht eine kühne Bewegung mit ſeiner Bürſte, aber Alle bleiben ehrfurchtsvoll hinter dem Oberkellner, der nun händereibend auf dich zutritt, dich ſüß anlächelt, oder auch wohl liſpelnd ſeine Freude ausdrückt, daß du das Hotel, in welchem du niemals warſt, abermals mit deiner Gegenwart beehrſt. Der Empfang iſt ſo herzlich, Alle ſehen aus, als haben ſie eigentlich nur auf dich gewar⸗ tet, als ſei blos dir zu Ehren die Treppe mit Blumen garnirt und mit Teppichen belegt. Der Oberkellner ſagt:„die Dienerſchaft des Herrn—— kommt wohl nach?“ Er hat angenſcheinlih ſagen wol⸗ len: des Herrn Grafen oder des Herrn Baron, aber er ehrt dein In⸗ cognito.—„Ich habe keine Dienerſchaft, ich bin allein.“— Der Ober⸗ kellner huſtet. Allein! und ſämmtliche Kellner räuſpern ſich gelinde. „Für den erſten Stock muß ich bedauern!“ ſagt er alsdann,„aber vielleicht ein hübſches Appartement im zweiten oder dritten?“—„Mir iſt ein kleines beſcheidenes Zimmer im dritten Stock ſchon recht!“— Der Oberkellner zupft abermals ſeine Halsbinde, aber mit einer ganz Reiſe⸗Abenteuer. anderen Miene.„Ein kleines Zimmer im dritten!“ ſagt er alsdann, worauf der Portier plötzlich in ſeiner Loge verſchwindet und der Lohn⸗ bediente angelegentlich die Landkarten an den Wänden betrachtet, der Hausknecht pfeifend in den Hof geht, und die meiſten Kellner voll Ab⸗ ſcheu verſchwinden. Der Oberkellner allein, der Würde des Hauſes be⸗ wußt, ſteht groß und erhaben vor dir.„Nummer 124!“ bemerkt er würdevoll, und dieſe ſchwere Zahl klingt wie ein Verdammungsurtheil. „Werft das Scheuſal in die Wolfsſchlucht.“ Darauf macht er dir eine ſehr leichte Verbeugung, und der Zim⸗ merkellner klettert mit dir von Stockwerk zu Stockwerk, bei Blumen und Teppichen und Bronze⸗Candelabern, Springbrunnen und lakirten Thüren vorbei, immer höher und höher. Zuerſt bleiben die Spring⸗ brunnen hinter dir, die Bronze⸗Candelaber verwandeln ſich in einfache Gaslichter, die Teppiche der Treppe in harmloſe Strohmatten, die Blumen endlich in ein melancholiſches halbverwelktes Bouquet an der Treppe des zweiten Stocks und auch die lakirten Thüren, die dir bis in den dritten Stock treu geblieben ſind, verſchwinden ebenfalls in einer noch höheren Region. Du wandelſt über unendliche Corridors, zwei Treppen hinab, eine hinauf, du ſiehſt mehrere Thüren mit 0 bemalt, oder zur Abwechslung mit„igi.“ Du ſtehſt vor Nummer 124.— ein ſchlechtes, miſerables Zimmer, mit einem Bette für einen Zwerg eingerichtet, die alten wackeligen Stühle dagegen breit und hoch wie für eine Rieſenfamilie. Aber warum in dieſem elenden Zimmer verweilen? Freilich wenn du als ſchüchierner Neuling in das Gaſthofleben trittſt, ſo folgſt du, ein wehrloſes Lamm, dem Zimmerkellner zur Schlachtbank auf Numero 124.; bleibſt du aber plötzlich auf der Treppe zum dritten Stock ſtehen, ſiehſt hier deinen Führer ernſt und würdevoll an und ſagſt ihm:„Lieber Freund, Sie ſind gewaltig im Irrthum, wenn Sie ſich einbilden, ich ſei in ihren Gaſthof gekommen, um unter das Dach logirt zu werden. Ich bitte“— dies„bitte“ ſpreche man ſehr ſcharf und beſtimmt aus —„um ein gutes Zimmer im zweiten Stock, oder im anderen Fall Reiſe⸗Abenteuer. um den Befehl, meine Sachen drunten zu laſſen!“ ſo kannſt du ver⸗ ſichert ſein, daß er eilig hinab zum Oberkellner ſpringt, um dich, wenn wirklich kein Platz iſt, ziehen zu laſſen, oder auf ein anſtändiges Zim⸗ mer im zweiten Stock unterzubringen. Deine Fenſter, ſie gehen ſogar auf die Straße, dein Zimmer iſt nicht groß, aber der Boden iſt mit Teppichen belegt, Bett, Sopha und die übrigen Möbel ſind gut, und du fängſt ganz behaglich an, deine nun endlich nachgekommenen Sachen auszupacken, denn bald kommt die Zeit der table d'hôte, wo du an⸗ ſtändig zu erſcheinen haſt, erſtens, weil alle Welt dort anſtändig er⸗ ſcheint, und zweitens, da beſonders du, der ſich ein Zimmer im zweiten Stock gewaltſam errungen, der Zielpunkt ſämmtlicher Kellnerblicke ſein wirſt und du dir deßhalb keine Blöße geben darfſt. Tritt würdevoll aber höflich in den Saal, erſuche den Kellner freundlichſt, dich nicht in die Nähe einer offenſtehenden Thüre zu placiren, da du am Rheuma leideſt, und doch nicht zu weit von den täglichen vornehmen Gäſten der table d'hôte entfernt, da du Bekannte unter ihnen zu finden hof⸗ feſt. Aber um Alles in der Welt keine Vertraulichkeit mit dem Per⸗ ſonal, ja nicht einmal mit dem Oberkellner! Erinnere dich ja nicht, denſelben anderswo geſehen zu haben, nimm fremd und förmlich deinen Platz ein, trink einige Tropfen des ſauren Tiſchweins, und bitte als⸗ dann den Kellner, wenn er gerade in deine Nähe kommt, auf die freund⸗ lichſte Art und flüſternd um die Weinkarte. Rufe um Gotteswillen ja nicht laut darnach, überhaupt verhalte dich ſtill, ruhig, feierlich, auch mit deinen Nachbarn, und wenn du alsdann bemerkſt, daß die Kellner dich mit einer gewiſſen Hochachtung, ja Ehrfurcht anſehen, bedienen, ſo kannſt du dir ſchon am Ende der Tafel erlauben, einen derſelben höflichſt und im Geheimen um etwas Mundwaſſer zu bitten. Dieſes i*ſt ein Hauptcoup und gut ausgeführt, vollkommen im Stande, deinem griſtokratiſchen Air die Krone außzuſetzen. Erſt Abends kommſt du nun endlich dazu, von deinem Zimmer förmlich Beſitz zu nehmen, dich in deinen vier Pfählen gehörig umzu⸗ ſehen. Du warſt den Tag über in der Stadt, Abends im Theater; „ ———— — —— Reiſe⸗Abentener. du liegſt behaglich im Sopha, der Kellner hat deine beiden Stearin⸗ lichter angezündet, Stearinlichter, in neuerer Zeit ein Surrogat für Bougis auf der Rechnung, wo die Wachskerzen in ihrem mit Ausnahme alten Namen und Preiſe prangen.— Draußen auf den Treppen des Gaſthofs läuft es auf und ab, klirren Schlüſſel, klappern Teller, rufen die Kellner einander zu, und unten herauf läutet die große Glocke, hie und da fährt ein Wagen an und davon, kurz, es iſt ein immerwährender Spektakel. Auch zu beiden Seiten deines Zimmers lacht und flüſtert es— wer mögen deine Nach⸗ barn ſein?— Es iſt eilf Uhr und ſie ſind ſchon vor dir nach Hauſe gekommen, denn als du bei den langen Zimmerreihen vorbei kamſt, ſahſt du an jeder Thüre irgend eine Art Fußbekleidung ſtehen, hier Stiefel, da Halbſchuhe, an jener Seite ſchwere Reiſeſchuhe, dort leichte Brodequins— wer mag nun neben dir wohnen? Du warſt leichtſinnig genug, an der andern Seite der Thüre die Schuhe oder was ſonſt da⸗ ſtand, nicht in's Auge zu faſſen. Iſt's eine Dame, iſt's ein Herr?— iſt’s Beides? Aber was es auch ſein mag, Luſt zum Schlafengehen haben deine Nachbarn noch nicht, der Eine pfeift:„Als ich jüngſt die Nor⸗ mandie verlaſſen,“ der Andere ſpricht, wahrſcheinlich mit ſich ſelbſt, von der Stelle:„wo die letzten Häuſer ſtanden.“ Dazwiſchen aber kichert und lacht es und man müßte offenbar blödſinnig ſein, wenn man ſo mit ſich ſelbſt kichern und lachen wollte. Wenn man nur wüßte, ob das eine Dame wäre! Aber man kann in der That nichts deutlich hören, denn der links, offenbar ein Herr mit einer Baßſtimme, hört nicht auf, die Normandie zu verlaſſen.— Ein unerträglicher Narr! Du haſt leſen wollen, aber das geht nicht. Jetzt kichert es rechts wieder ſo fein und luſtig.— Wenn ich nur wüßte, ob das eine Dame wäre! Es könnte auch ein ganz junger Menſch ſein, der auf ſo weibiſche Art lacht.— Doch— was gehts dich eigentlich an?— Nun ja— frei⸗ lich— gar nichts!— Das iſt ſchon richtig; und doch ſpazierſt du mit großen Schritten auf und ab und ſchielſt nach der Thüre rechts. Der Nachbar links hat endlich die Normandie glücklich hinter ſich und Reiſe⸗Abenteuer. iſt plötzlich ganz ſtill geworden. Iſt er vielleicht ſchon zu Bett oder— beobachtet er dich vielleicht durch irgend ein geheimes Loch in der Thüre? — Dergleichen Löcher ſind auf beiden Seiten genug vorhanden, wie du vorhin entdeckteſt, große und kleine, mit Holz verſtopft und mit Papier. Auch haben die Schlüſſellöcher keine Klappen. Behutſam näherſt du dich demſelben auf der linken Seite, doch wie du dein Auge davor bringſt, fährſt du plötzlich zurück, denn auch von drüben iſt das Schlüſſelloch durch ein anderes Auge bedeckt, welches geſpenſterhaft in deines blickt. Indignirt über dieſen naſeweiſen Nach⸗ bar drehſt du einen Zipfel des Handtuchs in das Schlüſſelloch, und der da drüben macht es gerade ſo, unterſuchſt auch alle Löcher in die⸗ ſer Thüre und dein Nachbar thut das Gleiche.— Jetzt biſt du von der linken Seite ſicher und du kannſt beruhigt zur Unterſuchung ſchrei⸗ ten, wer da drüben beſtändig ſo luſtig kichert. Eine paſſende Oeffnung iſt bald gefunden, du ſteigſt auf einen Stuhl und ſchauſt hindurch. Was Teufel! Das Weſen in dem Zimmer nebenan befindet ſich in je⸗ nem Zuſtande, wo es von ſeinen Kleidungsſtücken zu viel und zu wenig abgelegt hat, um mit Beſtimmtheit ſagen zu können, welchem Geſchlecht es angehört und iſt merkwürdiger Weiſe ſo intereſſant beſchäftigt, wie du ſelber. Ei, ei, dieſe Neugierde!— Wenn ich nur wüßte, ob es eine Dame iſt! Viertes Kapitel. Was in einem Gaſthofe um die Geiſterſtunde geſchieht. Bei ſchlafloſen Nächten, deren es leider im Menſchenleben ſo viele gibt, und deren im Gaſthof wohl mehr als zu Haus auf deinen Theil kommen, denn dyu haſt ein fremdes Bett, haſt viel gegeſſen und viel ge⸗ Reiſe⸗Abenteuer. plaudert, dich amuſirt, echauffirt, aufgeregt; alſo in ſolchen Nächten, wo du dich unmuthig von einer Seite auf die andere wälzeſt, wo du vergeblich nach dem Schlafe greifſt, ihn, der neckiſch um dich herum⸗ gaukelt, vergeblich zu erfaſſen ſtrebſt, haſt du oft gehört, wie das Leben in dem weiten Hauſe allmälig abſtirbt. Zuerſt beruhigen ſich die obe⸗— 4 ren Stockwerke, und die Stille der Nacht, bleiern und unwiderſtehlich, ſinkt langſam immer tiefer hinab, ertödtet das Geſpräch im Speiſezim⸗ mer, drückt den Kellnern die Augen zu, entwendet dem Koch ſein großes Meſſer, löſcht Gaslichter und Herdfeuer aus und läßt den Portier einnicken. Alles iſt ſtille um die Mitternachtsſtunde,—— da hört der Schlafloſe, wie es langſam Treppe auf und Treppe ab ſchleicht und ſchlürft über die Vorplätze und über die langen Corridors, wie es vor jeder Thür ſtehen bleibt— vielleicht ein unheimliches Geſpenſt— als überlege es, in welchem dieſer Zimmer es den Schlafenden durch ſeine Erſcheinung außer ſich bringen ſolle; aber es tritt zu keiner Thür hin⸗ ein, es huſtet hohl und dumpf, es raſchelt auf dem Fußboden und ent⸗ fernt ſich mit denſelben leiſen und geiſterhaften Schritten, mit denen es gekommen. “ Das Geſpenſt aber, welches ſo um die Mitternachtsſtunde im Gaſt⸗ hof herumſchleicht, iſt der Hausknecht oder ſein Subſtitut, der ſämmt⸗ liche Stiefel und Schuhe aller Stockwerke zuſammenſchleppt, um ſie morgen früh vor Tagesanbruch wieder gereinigt an ihren Platz zu ſtellen. Aber der elegante Hausknecht eines eleganten Hotels befaßt 6 ſich mit dieſer niedrigen Arbeit nicht ſelbſt. Er hat ſeine Unterbeam⸗ ten, welche dies Geſchäft verſehen, meiſtens arme alte Leute, die, wenn Alles ſchläft, huſtend daherſchleichen, das ſämmtliche Schuhwerk zuſam⸗ 4 menzubringen. Ein alter Mann, eine Brille auf der Naſe, eine Zipfel⸗ mütze auf dem Kopf, ausſehend wie eine Erſcheinung,— und es iſt auch eine ſolche, da er erſt in der Mitternachtsſtunde ſichtbar wird und mit dem erſten Hahnenſchrei in den unterirdiſchen Räumen des Gaſt⸗ hofs wieder verſchwindet— ein ſolcher hebt das Schuhwerk vom Boden —— 4f 3 Reiſe⸗Abenteuer. 127 auf, betrachtet durch die trübe Brille angelegentlichſt die Zimmernum⸗ mer und malt dieſelbe mit Kreide auf die betreffenden Sohlen. Unten in einem ſtillen Gemach wird das ſämmtliche Schuhwerk nun ſortirt und nach verſchiedenen Nangklaſſen eingetheilt. Plebejiſche, beſchmutzte Stiefel ſind für den Waſſerkübel beſtimmt und werden mit der Dreckbürſte bearbeitet. Anſtändigere Schuhe werden gleich mit der Glanzbürſte geſäubert, und das geht ſo aufwärts bis zu der feinen Zeugbürſte und dem Lackpinſel für das zierliche, liebenswürdige Geſchlecht der Brodequin's. Endlich ſtehen alle gereinigt auf einem großen Geſtelle einträchtig bei einander; der Hausknechtsſubſtitut zieht ſich nach been⸗ digter Arbeit zurück, es iſt die Mitternachtsſtunde. Stille rings und tiefes Ruhen, Plötzlich— horch! ein leiſes Flüſtern, In den Stiefeln, in den Schuhen Liſpelt es und rauſcht es lüſtern. Es kracht und rauſcht auf dem Geſtelle, es knarrt und ſcharrt, es ſeufzt und murmelt, und nachdem ein langer, tiefer Ton durch die Stiefelreihen gezogen, ſind ſie wie vom drückenden Banne erlöst und im Stande, ſich ihre Gedanken und Gefühle mitzutheilen. Da werden Bekanntſchaften gemacht und erneuert, kleine Intriguen ange⸗ fangen und fortgeſponnen, und man theilt die Erlebniſſe des vergan⸗ genen Tags einander mit. „Wo waren Sie heute Mittag?“ fragt ein feiner Lackſtiefel einen ſchwerfälligen, groben Schuh, ein altes, geſetztes Weſen mit Runzeln und Falten, glänzend vor Wohlbehagen und Thran; und der Schuh antwortet mit einer rauhen, knarrenden Stimme:„Habe meine Frucht⸗ einkäufe beſorgt, auch mir ein paar neue Schimmel angeſchaut, meine alten Pferde werden abgängig.— Aber wo habt Ihr Euch indeſſen herumgetrieben?— Was?— wieder einmal allen Mädels nachgelau⸗ ſen und Euch im Theater allerhand dummes Zeug vorſchwätzen laſſen?“ Die Lackſtiefel glänzen vergnügt bei dem Ausfall des alten Land⸗ 3 128 Reiſe⸗Abenteuer. edelmanns, und wie ſie ſo daſtehen, ſo herausfordernd, ſo außeror⸗ dentlich auswärts, ſo ſiegreich, verſteht man leicht das Schmunzeln, das in ihnen ertönt und das leichte Gekicher.„Haben uns ſuperbe amuſirt!“ ſagen ſie darauf und ſchielen nach ein paar feinen ſchwar⸗ zen Stiefelchen, die bei dieſem herausfordernden Blick ſtill und be⸗ ſchämt vor ſich niederſehen. Etwas weiter unten auf dem Geſtell klirrt ein feiner ſilberner Sporn ſo wehmüthig und leiſe und ſchmachtet aufwärts zu ein paar zierlichen hellbraunen Brodequin's und ſagt mit einer Silberſtimme: „Grauſame Eleonore! warum zogſt du dich bei meiner Annäherung heute Abend immer ſo ſcheu zurück?“ und die Stiefelchen liſpeln: „Konnte ich anders, mein Hugo? Du haſt ja ſelbſt geſehen, daß der Whiſttiſch einen einzigen pöbelhaften und dicken Fuß in der Mitte hat, und daß mein Mann beſtändig etwas unter den Tiſch fallen ließ.“ Neben den hellbraunen Brodequin's ſtehen zwei Paar ehrenfeſte, ſolide Stiefel, ehrwürdige Gebäude bei Jahren, mit ſoliden, dicken Fundamenten.„Ich muß geſtehen,“ ſpricht das eine Paar zu dem andern,„ich hätte dieſem jungen Laffen von Offizier ſchon lange ge⸗ ſagt, wo er her wäre!— Was iſt das für eine Aufführung? Rennt dir oder vielmehr deiner Frau überall nach, führt ſie auf der Prome⸗ nade am Arm, ſo daß du nebenher laufen kannſt, ein vollkommen lächerlicher Elephant.“ Wieder klirrte das Spörnlein:„Ach Eleonore, dein Mann iſt ein guter alter Mann, aber der Freund, den er bei ſich hat, iſt ein grober Eſel. Sollte man nicht glauben, er ſei dir zum Vormund geſetzt? Auf Chre, ich werde nächſtens mit ihm anbinden.“ „Schlechte Zeiten!“ brummten unten ein paar Schuhe, zu denen Gamaſchen gehörten,„auf Chre, Herr Bruder, ganz ſchlechte Zeiten, fürchterliche Concurrenz! Ich erinnere mich noch ganz gut— es mö⸗ gen jetzt vielleicht zwanzig Jahre her ſein— da machte ich faſt allein in Cigarren, und wenn ich mich ſehen ließ, riß man die Ladenthüren 4 auf und ſchrie:„Da iſt er endlich, nur herein! nur herein!“— Jetzt — Reiſe⸗Abentener. aber ſchließt man die Ladenthüren zu und ſchreit mir entgegen:„Da iſt er ſchon wieder! hinaus! hinaus!“ Die anderen Gamaſchenſchuhe, die nebenan ſtanden, ein paar, arme, geflickte Weſen, ſeufzten recht traurig und huſteten kläglich da⸗ zwiſchen.—„Ach,“ ſagten ſie zum Collegen,„Ihr erfreut Euch doch einer guten Geſundheit und könnt mit Euren ſtarken Sohlen herzhaft durch Dick und Dünn laufen. Aber ſeht mich an— wenn man ſo draußen in der Meßbude ſtehen muß, das greift die Geſundheit an, ich verſicher; Euch, ich bin eine elende, gebrechliche Schuhkreatur, und mit mir thut's nicht lange mehr.“ Dabei ſeufzte das arme Weſen traurig auf und ſchaute betrübt nach ein paar Gummi⸗Elaſticumüber⸗ ſchuhen, die nicht weit davon ſtanden, und die ſein ganzes gekuicktes Leben noch eine Zeitlang hätten conſerviren können. Aber die Gummi⸗ Elaſticumüberſchuhe waren vornehme diplomatiſche, achteten nicht auf das geringe Volk nebenan und unterhielten ſich auf's Angelegentlichſte mit ein paar ruſſiſchen Pelzſtiefeln über den Ausgang der Pariſer Friedens⸗Conferenzen. Das untere Brett des Geſtelles nahm das Bedientenſchuhwerk und ſonſtiges dergleichen Volk ein. Doch gab es ſehr anſtändige und nette Leute darunter, namentlich bei dem weiblichen Perſonal. Es iſt traurig, wie wenig Bedacht zuweilen die Natur auf Rang und Stand nimmt, denn hier unten im Departement der Kammerjungfern gab es ariſtokratiſchere Stiefelchen, als droben bei der hohen Ariſtokratie ſelbſt, und man konnte es den Schuhen der deutſchen Baronin, die ſo viel Platz einnahmen wie ein paar Dragonerſtiefel, durchaus nicht ver⸗ übeln, daß ſie ſo erbost mit den Fußſpitzen über das Brett hinab⸗ ſahen auf die Brodequin's ihrer Kammerjungfer, die einem zwölfjäh⸗ rigen Kinde anzugehören ſchienen. Unter den Gummi⸗Claſticumüberſchuhen unterhielten ſich zwei Paar Bedientenſtiefel, und ein Paar derſelben roch entſetzlich ſtark nach Juchten, hatten auch einen röthlichen Glanz und waren ſtark „Hackländers Werke. XXV. 4 9 Reiſe⸗Abenteuer. geſchmiert. Sie ſagten:„Wenn ich ſo hinten auf meinem Bocke ſitze und durch das weite Land fahre, ſo kommt es mir immer unheimlich vor, ſo oft ich unter einem Telegraphendraht dahin fahre. Ich meine immer, der Blitz, der da hin und herzuckt, könnte einmal eine falſche Richtung nehmen und mir gelegentlich auf meinen Kopf fahren, deß⸗ halb ducke ich mich auch bei einer ſolchen Gelegenheit ſoviel wie möglich.“ „Jott noch!“ entgegneten die andern Stiefel,„was ihr Ruſſen in der Bildung zurück ſeid! Das ſind ja keine Blitze, die an den Telegraphendraht dahinfliegen, ſondern rein nichts als Depeſchen.“ „Ci,“ ſagte der Ruſſe,„das macht man uns nur weiß, das ſind ganz andere, geheimnißvolle Geſchichten!— was Depeſchen!“ „Nein, ich verſichere Sie, es ſind einfache Depeſchen! Die Diplo⸗ maten können ſie ja leſen.“ „Ja, wer das glaubt!“ ſagte der Ruſſe. „Nun, auf Ehre, ich kann Sie verſichern, ich habe das hundert⸗ mal mit angeſehen. Wenn wir über die Landſtraße dahin fuhren und bei einem Telegraphendraht vorbeikamen, da juckte es meinen Herrn Baron immer im rechten Auge, und dann nahm er ein kleines Fern⸗ glas heraus, das er ſehr ſorgfältig zu verwahren pflegte, und beſchaute damit den Draht, und darauf ſah er immer ſehr geheimnißvoll und wichtig aus und wußte Alles, was in der Welt vorging, ganz genau.“ „Schrecklich!“ meinten die Juchtenſtiefel.„Und haben Sie nicht ein einziges Mal ſelbſt durch dies merkwürdige Glas geſehen?“ „O ja!“ entgegneten die Andern,„zweimal in meinem Leben; das war vor den Pariſer Conferenzen, da fuhr ich mit dem Wagen allein voraus, und als ich auf einer weiten Ebene den Telegraphen⸗ draht ſah, richtete ich das Glas dahin und ſah Couriere und Depe⸗ ſchen in fürchterlicher Eile dahinfliegen.“ „Und das andere Mal?“ fragte der Ruſſe. „Das war,“ entgegnete der Andere,„nach den Pariſer Confe⸗ renzen, da kamen ſie nicht ganz ſo eilig von dorther zurück.“ So rauſchte und knarrte es auf dem Schuh⸗ und Stiefelgeſtelle Reiſe⸗Abenteuer. Nachts um die zwölfte Stunde, und ſonderbar genug hatten oben in ihren Betten die Beſitzer der verſchiedenartigen Schuhwerke faſt die⸗ ſelben Gedanken und Träume. Der Landedelmann lachte, daß er das Korn um ein paar Kreu⸗ zer wohlfeiler erhandelt, der junge Stutzer zählte die Herzen, die er heute erobert, der alte Ehemann träumte von einer Whiſtpartie, er ließ alle Augenblick die Karten unter den Tiſch fallen, und ſo oft er mit dem Kopfe wieder auftauchte, bemerkte er, wie der junge Offizier die Hand auf ſein Herz legte und freundlich liſpelte:„Coeur iſt à tout!“ Dieſe ſchrecklichen Träume ließen ihn in der Nacht oftmals erwachen, und dann machte er Licht und ſah nach ſeiner Frau, die unruhig zu ſchlafen ſchien.— Der Cigarrenhändler aber kämpfte mit einem gewaltigen Alp, der ſein reiſendes Herz hart ängſtigte. Er machte in Cigarren, und ſo oft er aus einem Laden vornen hinaus⸗ geworfen wurde, trieb ihn eine geſpenſterhafte Gewalt an, hinten wie⸗ der hinein zu treten.— Der arme Handelsmann aus der Meßbude huſtete die ganze Nacht an Einem fort und trank zuweilen Kamillen⸗ thee. Er hatte naſſe Füße bekommen, ſich eine ſtarke Erkältung ge⸗ holt, und wenn er zuweilen in einen leichten Schlummer verfiel, ſo träumte er von ein paar neuen, ſchönen Gummigaloſchen. Die bei⸗ den Diplomaten dagegen, der deutſche ſowie der ruſſiſche, hatten keine eigenen Träume, ſondern beſchäftigten ſich merkwürdiger Weiſe mit dem, was ihre Kammerdiener vorhin beſprachen. Der Deutſche bil⸗ dete ſich wirklich ein, ein ſolches Wunderglas zu beſitzen und Alles zu wiſſen, was in der Welt ſichtbar und unſichtbar vorgeht, und erzählte das ſeinem ſchlauen Collegen. Dieſer hörte ihm pfiffig lächelnd zu, und der gute Deutſche in der Freude ſeines Herzens, Jemand hinters Licht geführt zu haben, bemerkte nicht, wie ihm der Andere allerlei ſeltſame Marionetten vor ſein trübes Glas hielt, und berichtete darauf froh und heiter als über etwas wirklich Geſchehenes und Geſehenes nach Hauſe. Reiſe⸗Abenteuer. 3. 8 Fünftes Kapitel. Von dem Innern einer Portier⸗Loge und was da Merkwürdiges vorkommen kann. Es iſt ein Winkel in jedem ſoliden Gaſthof, nicht beſonders ſchön gelegen, ebenſowenig elegant möblirt, der aber nichts deſtoweniger un⸗ ſere Beachtung ebenſo gut verdient, wie ein Appartement in dem erſten Stock, ja noch viel mehr, weil letzteres oft Monate lang öde und leer daliegt, der gedachte Winkel aber ſtets bewohnt und belebt iſt. Mei⸗ ſtens befindet er ſich neben dem großen Thor des Gaſthofes, von wel⸗ chem zu ihm eine Glasthür lühri. Er iſt eigentlich ein Binuner. Fenſter gebildet, welches die niedrige Decke kurzweg durchſchneidet, ſo⸗ wie die andere Seite durch den Treppenwinkel. Das Ameublement dieſes Zimmers iſt nicht beſonders reich. Es beſteht aus einem klei⸗ nen Schreibpulte, auf welchem vorräthiges Papier liegt, damit die aus⸗ und eingehenden Fremden ſich die nöthigen Notizen machen kön⸗ nen, und vor welchem der einzige Stuhl dieſes Gemaches ſteht. An den Wänden, wenn ſo viel Platz da iſt, hängen alte vergilbte Wand⸗ karten, Eilwagen⸗Courſe, Eiſenbahn⸗Tarife und Dampfboot⸗Tabellen. Auf dem Fenſtergeſims bemerkt man zuweilen, das heißt, hie und da in großen Gaſthöfen, eine Reihe von Reiſehandbüchern nach allen Län⸗ dern, in welchen man zum Gebrauche nachſchlagen kann. Doch wenn man eines dieſer Werke in die Hände nehmen will, findet man zu ſei⸗ ner großen Ueberraſchnng, daß der untere Deckel des Buchs auf dem Fenſterbrette feſtgenagelt iſt und ſich daſſelbe wohl öffnen, aber nicht mitnehmen läßt. Das nothwendigſte und bedeutendſte Geräth im Zimmer aber iſt das Bett des Portiers, welches ſich mit der kühnen Hoffnung ſchmeichelt⸗ man ſehe es am Tage für eine rieſenhafte Kommode oder für einen harmloſen Kaſten an, denn ſo ſieht es aus, wenn es gemacht iſt. — — Reiſe⸗Abentener. Aber es iſt merkwürdig, ein ſolches Bettgeſtell, mag man ihm eine Form geben, welche man will; es kann ſeinen Inhalt nicht verleugnen, mag es nun als Kaſten, als Kommode, als Schrank, als Sopha maskirt ſein, es kichert dir freundlich zu und ſagt:„Siehſt du nicht, daß ich eigentlich ein Bett bin?“— Auch der Portier in ſeiner Loge thut das Uebermögliche, ſeinen Bettkaſten während des Tags in einen Sopha umzuwandeln: er breitet eine Decke darüber, legt die Kiſſen hinauf, ſetzt ſich mit guten Freunden auf dieſe Kiſſen, plaudernd und zeitungsleſend.— Umſonſt! das Bett läßt ſich nicht wegleugnen, es i*ſt da und bleibt da in ſeiner ganzen breiten Geſtalt, und zum Ueber⸗ fluß ſchaut nicht ſelten ein Zipfel des Leintuchs oder eine Ecke des Ueberbetts vorwitzig ins Zimmer hinein.„. Neben der Glasthüre befindet ſich ein großes, ſchwarzes Brett mit Nummern bis zu 124,— wenn nämlich ſo viel Zimmer im Gaſthofe ſind— beſtimmt, die verſchiedenen Schlüſſel dieſer verſchiedenen Zim⸗ mer aufzunehmen. Dies Schlüſſelbrett in ſeinen mannigfachen Ver⸗ änderungen zu ſtudiren, iſt nicht nur für den Portier außerordentlich wichtig, ja nothwendig, ſondern auch für einen Unbefangenen ſehr lehr⸗ reich. Der Portier wirft einen Blick auf die Tafel, und er ſieht, wenn neue Gäſte kommen, welche Zimmer noch frei ſind. Es iſt ein einfaches Thema, aber verwendbar zu den mannig⸗ fachſten Variationen. Im Winter iſt das Schlüſſelbrett gewöhnlich öde und leer, da ſind nur einige wenige Nummern beſetzt: alte Pen⸗ ſionäre, Stammgäſte, Handlungsreiſende der verſchiedenſten Branchen, faſt Alles Bewohner des dritten, ja vierten Stockes; aber wenn draußen der Schnee geſchmolzen iſt, wenn die Schneeglöckchen verblüht, die Beilchen etwas Alltägliches geworden— wir meinen die wirklichen, nicht die Gelbveilchen in zarten Minneliedern, dieſe ſind ſogar im Dezember nicht mehr zu ertragen— wenn alſo draußen in der Natur Alles grünt und blüht, wenn der Storch klappernd wiederkehrt, ſoz fängt es auf dem Schlüſſelbrette ebenfalls an zu klappern. Die leeren Nägel füllen ſich an und mit denſelben die öden Gänge und Treppen des Gaſthofs. ℳ Reiſe⸗Abenteuer. Der Portier, der den Winter über wie ein Murmelthier in ſeiner Höhle geſeſſen, dehnt ſich und wird geſchmeidig, und lebendige Kellner, die im Herbſte urplötzlich verſchwanden, erſcheinen wieder in weißer Halsbinde und ewig lächelnden Geſichtern; arme Lohnbediente, die während des Winters unter Froſt und Mangel verkümmerten, ſproßen aus dem Boden, wie die Pilze, mit frohen Phyſiognomien, hoffnungs⸗ reichen Herzen und weiß gewaſchenen Baumwollhandſchuhen. Und für all' dies Getreibe iſt das Schlüſſelbrett in der Portier⸗ loge das Zifferblatt einer richtig gehenden Uhr; je lebhafter der Ver⸗ kehr in dem Hauſe iſt, um ſo toller bewegen ſich die Schlüſſel, und nicht blos zeigt dieſes Zifferblatt dem aufmerkſamen Beſchauer, ob alle Zimmer beſetzt ſind, und nicht blos liest er an Briefen und Karten, die dort hingeſteckt werden, Namen und Charakter dieſer Zimmerbewohner, o nicht blos das, ſondern er iſt bei einiger Beobachtungsgabe im Stande, von dieſem Schlüſſelbrett allerlei andere intereſſante Bemer⸗ kungen abzuleſen. Da ſind zwei entfernte Zimmer, Nummer 24 und 64, und die Bewohner dieſer beiden Zimmer, ein Herr und eine Dame, ſah man an zwei verſchiedenen Tagen von zwei verſchiedenen Seiten ankommen. Auch ſcheinen ſie ſich durchaus nicht zu kennen, denn man ſieht ſie weder bei der table d'hôte, noch bei ſonſtigen Veranlaſſungen auch nur das kleinſte Wort zuſammen wechſeln, und doch bemerkt der alte Portier, daß zwiſchen den beiden Schlüſſeln eine eigenthümliche Sym⸗ pathie herrſcht. Kaum hängt Numero 24 an ſeinem Platz,— ein Zeichen, daß ſeine Beſitzerin ausgegangen— ſo erſcheint Numero 64 ebenfalls; verſchwindet Numero 64 vom Schlüſſelbrett, weil ſein Eigen⸗ thümer zurückgekehrt, ſo wird faſt in derſelben Minute auch Numero 24 unſichtbar. Das dauert eine Zeit lang ſo fort, bis eines Abends Numero 64 verſchwand, Numero 24 aber hängen blieb, obgleich der Zimmerkellner verſicherte, er habe die Dame von Numero 24 nach Hauſe kommen ſehen. Dieſer Schlüſſel machte dem Portier viel zu ſchaffen, denn er konnte lange nicht begreifen, weßhalb Numero 24 in — —y Reiſe⸗Abentener. dieſer iſolirten Stellung verharre, bis ihm endlich beim Auslöſchen ſämmtlicher Gaslichter im Hauſe, und nachdem er bemerkt, daß alle Lichter bis auf Numero 64 erloſchen ſeien, ein außerordentliches Licht aufſtieg, und er dadurch ins Klare kam, daß dieſe iſolirte Stellung eigentlich keine iſolirte Stellung war. Ueberhaupt gibt das Schlüſſelbrett zu Nacht Stoff zu den ſchönſten Betrachtungen, da die Heerde der ruhigen Reiſenden und Staatsbürger heimgekehrt in die gaſthöfliche Hürde, und doch ſind die Schlüſſelreihen noch verdächtig gelichtet. Eilf bis zwölf Uhr— es fehlen noch auf allen Stockwerken verlorene Schafe.— Ein bis zwei Uhr— faſt alle Nägel ſind leer, nur hie da befindet ſich noch ein Schlüſſel melancholiſch allein hängend und gibt Zeugniß von dem unſoliden Lebenswandel ſeines zeitweiligen Beſitzers.— Drei bis vier Uhr— es ſind immer noch Schlüſſel da— fünf bis ſechs— der Portier hat eine unruhige Nacht gehabt, denn die übrig gebliebenen Schlüſſel haben ſich trauer⸗ volle Geſchichten erzählt. Endlich kommt der Tag; die ſoliden Leute verlaſſen Bett und Zimmer, das Schlüſſelbrett füllt ſich auffallend ſchnell, und der Portier bemerkt, daß jetzt erſt jene andern Schlüſſel langſam verſchwinden, zwiſchen ihren ſoliden Kameraden eine traurige moraliſche Lücke laſſend. Es hat mir von jeher außerordentliches Vergnügen gemacht, mich Abends, wenn ich in meinen Gaſthof zurückkehrte und noch keine Neigung zum Schlafen verſpürte, mit meinem Portier in ein Geſpräch einzu⸗ laſſen, wo er mir die oben mitgetheilten Bemerkungen anvertraute. Da ſaßen wir bei einem Glaſe Punſch. auf dem Bettkaſten einträchtig neben einander, er hatte ſein Glas auf die rechte Ecke geſtellt, ich das meine auf die linke, und dabei rauchten wir gute Cigarren. Doch gelang es mir ſelten, ihn zu Mittheilungen aus dem Gaſthofsleben zu bewegen: er verſtand ſeine Stellung vollkommen und war im höchſten Grade discret. Wenn ich in ihn drang, mir die Geſchichte dieſes oder jenes räthſelhaften Paſſagiers, der viel mit ihm verkehrt, anzuvertrauen, ſo ſchüttelte er ſeinen Kopf und meinte, das gienge nicht gut an. War Reiſe⸗Abenteuer. er aber in ſolchen Stunden bei guter Laune, ſo gab er mir etwas Anderes zum Beſten. Er hatte ſeinen großen Stock mit dem ſilbernen Knopf zwiſchen die Beine geſtellt und ſah mich bei ſeinen Erzählungen immer pfiffig lächelnd von der Seite an, als wolle er ſagen:„Glaubſt du mir auch? nimmſt du auch Antheil an dem, was ich dir ſage?“ 8 Oftmals waren dieſe Seitenblicke ſehr verzeihlich, denn ſeine Erzählungen, wie zum Beiſpiel die des folgenden Kapitels ſtreiften ſehr an'’s Un⸗ glaubliche, und doch verſicherte er hoch und theuer, ſie ſei vollkommen wahr, nicht das Geringſte daran erfunden. Sechstes Kapitel. Allein auf der Welt. Erzählung des alten Portiers. 4„Da war in unſerer Familie ein ſonderbarer Kauz, ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, ein weitläufiger Vetter von mir— von dem alten Portier nämlich. Dieſer Mann war Aſſiſtent auf dem Haupt⸗ Zoll⸗Amt und das Haupt⸗Zoll⸗Amt befand ſich in den Feſtungswerken in großen kaſſemattirten Räumen, worin ein kleiner, ſehr kaſemattirter 3 Raum das Bureau dieſes Mannes war. 5 Dieſer Zoll⸗Aſſiſtent und Vetter des Portiers hieß Herr Schnipfel, 3 und die Natur hatte unter dieſem Namen etwas ſehr Bezeichnendes geſchaffen, denn der Zoll⸗Aſſiſtent ſah in der That aus, nicht wie ein, Glied des Menſchengeſchlechts, ſondern wie ein Schnipfel deſſelben; 4 ſeine Figur war lang und dürftig, ſein Geſicht blaß und mit kaum erkennbaren Zügen, ungefähr ſo, als ſei er einmal von Schnee geweſen 3 und das Beſte an ihm weggeſchmolzen. Ebenſo ſchattenhaft wie ſein 3 Aeußeres war ſein Gang, ſein Weſen, ſeine Sprache. Auf der Straße 8 huſchte er nur ſo dahin, ohne den Blick vom Boden zu erheben, ohne) — —— —— Reiſe⸗Abenteuer. 137 einen Menſchen anzuſehen— von Begrüßen irgend Jemandens war natürlich keine Rede. Auch vermied er auf ſeinen Gängen nach dem Bureau und von da nach Hauſe,— andere hatte er nicht— das Sonnen⸗ und Mondenlicht, und wenn er einmal über eine Straße mußte, die hell beſchienen war, ſo fuhr er ſo geſpenſterhaft darüber her, daß man darauf hätte ſchwören mögen, es bewege ſich da nichts Körperhaftes, ſondern nur ein Schatten, der irgendwo verloren ge⸗ gangen ſei. Das Innere des Herrn Schnipfel war analog ſeinem Aeußeren, ebenſo troſtlos und unheimlich beſtellt; ſo menſchenſcheu er überhaupt war, ſo bösartig ließ er ſich an, wenn er mit Menſchen in irgend eine Berührung kam, und das geſchah auf ſeinem Bureau in der Kaſematte ſehr häufig. Er hatte das Berechuen der Steuerſätze ein⸗ geführter fremder Waaren und ſo ſaß er den ganzen Tag in ſeinem kleinen feuchten Gewölbe, wie eine Spinne in ihrem Netz, auf un⸗ glückliche Fliegen lauernd. Dieſe Fliegen waren harmloſe Laden⸗Jüng⸗ linge, welche er auf alle Weiſe plagte und quälte, auch wohl bedeutend über das Ohr hieb, zum Nachtheil ihrer Prinzipale, aber nur zum Vortheil der Steuerkaſſe, denn der Herr Schnipfel war ein ehrlicher Mann. Die Kaſematte hatte zwei Oeffnungen, eine Thür, zu welcher er herein kam, und ein kleines Fenſter, zu welchem er hinausſchaute. Die Thür ſchloß er ſorgfältig hinter ſich ab und wälzte obendrein zur Vorſicht jedesmal einen großen Aktenſtoß davor. Dann ſetzte er ſeine Brille auf, zog den Kanzleirock an und ſtreifte die Schreibärmel dar⸗ über, die von anklebender Tinte entſetzlich geſteift waren. So gerüſtet vöffnete er den Laden des kleinen Fenſters— ſeinen Anzug hatte er natürlicher Weiſe im Dunkeln beſorgt— ſchloß aber das Fenſter ſelbſt augenblicklich wieder, ſobald er davor eine ziemliche Anzahl Wartender erblickte. Nachdem er ſich eine Zeitlang die Hände gerieben, mehrere Federn geſpitzt, die Tinte umgerührt, Papier für ein ganzes Jahr zu⸗ recht gelegt, öffnete er langſam das Fenſter wieder und ließ ſich einen Reiſe⸗Abenteuer. Zettel hereinreichen. Wehe aber dem Beſitzer des Zettels, wenn das Geringſte an der Ausfertigung deſſelben fehlte, wenn die Signatur nicht bis auf Punkt und Komma übereinſtimmte, wenn zum Beiſpiel auf dem Frachtbrief eine lange magere Flaſche, auf der Waarenkiſte dagegen, die der Vorzeiger zu empfangen hatte, eine dickbauchige gemalt war! Da kam der Zettel wieder aus dem Fenſter heraus—„unrichtig 1 und da konnte der arme Handlungslehrling ſich ſtundenlang den Kopf zerbrechen, wo denn eigentlich der Fehler ſtecke. Wenn ſich Neulinge in Geſchäften des Hauptzoll⸗Amts wohl die ſchüchterne Frage erlaubten, welcher Steuerſatz wohl auf ein neu ein⸗ zuführendes Fabrikat anzuwenden ſei, ſo überflog ein düſteres Lächeln die ſchattenhaften Züge des Herrn Schnipfel— das war ein glücklicher Moment in ſeinem Geſchäftsleben. Eifrig blätterte er in ſeinem großen Buche, und wenn auch nur eine Möglichkeit vorhanden war, daß zum Beiſpiel das Fabrikat einen Schimmer von Seide beſaß, ſo rieth der Zoll⸗Aſſiſtent, und alsdann ſogar freundlich, es als Seide⸗ waare zu verzollen, wobei eine ungeheure Summe herauskam, und der junge Handlungsbefliſſene zu Haus die nachdrücklichſte und un⸗ vergeßlichſte Naſe erhielt. Wehe dann aber dieſem Unglücklichen, wenn er kurze Zeit nachher ſchweißtriefend, erhitzt und athemlos wie⸗ der vor der Kaſſematte erſchien, und um Aenderung des Steuerzettels nachſuchte! Bei ſolchen Gelegenheiten mußte meiſtentheils eine obere Zollbehörde einſchreiten, und es gelang faſt nur mit Gewalt und der Anwendung der vollen Amts⸗Autorität, den einmal ergriffenen Fang ſeinen Zähnen, reſpective ſeinen Büchern zu entreißen. Auch ſchloß er bei ſolchen Fällen gewöhnlich ſeine Fenſterläden mehrere Stunden lang und blieb dann in finſteren Betrachtungen allein daſitzen. Ein ſolch' unbehagliches und unheimliches Leben führte der Zoll⸗ Aſſiſtent Schnipfel als ſolcher. Als gewöhnlicher Menſch machte er es ebenſo, ja ſeine Beſchäftigungen zu Haus waren jedenfalls noch einförmiger und nicht im Geringſten menſchenfreundlicher. In einer kleinen Straße des abgelegenſten Stadtviertels bewohnte er im dritten e Reiſe⸗Abenteuer. Stock hinten hinaus zwei ärmliche Zimmer. Man muß aber hieraus nicht den Schluß ziehen, als ob ſeine Vermögensumſtände gar ſo ſchlecht beſchaffken geweſen wären— im Gegentheil! Herr Schnipfel hatte ſich in früheren Zeiten einiges Vermögen erübrigt, und oben⸗ drein erzählte man ſich noch, er habe einſtmals in der Lotterie einen bedeutenden Treffer gezogen. Dem ſei nun wie ihm wolle; in ſeiner Wohnung ſah es nicht darnach aus, als ſei der Beſitzer derſelben ein Mann, welcher über Kapitalien gebieten könne. Von ſeinen beiden Zimmern hielt er immer eins verſchloſſen; Morgens, wenn man im äußern Gemach den Kaffee hinſtellte, blieb er in ſeinem Schlafzimmer, wurde dies in Ordnung gebracht, ſo be⸗ trat er ſein Wohnzimmer, welches ſich von dem anderen nur dadurch unterſchied, daß ſich in jenem ein Bett befand. Beim Mittageſſen machte er es gerade ſo. In ein Koſthaus zu gehen, war ihm un⸗ möglich, ich glaube, er wäre lieber verhungert, und aus dieſer Men⸗ ſchenſcheu kam es denn, daß die Frau, welche ihn ſeit zehn Jahren bediente, mit Wahrheit behaupten konnte, ſie habe ihn während all der Zeit nur ein einziges Mal geſehen und das war an dem erſten Tage, wo er mit ihr die nothwendigen Verabredungen traf. Sein Abendeſſen, das einfachſte von der Welt, denn es beſtand Jahr aus Jahr ein aus einem Weißbrod und einer Wurſt, verſchaffte er ſich ſelbſt, indem er bei einem Bäckerladen vorbei ging, durch das Fenſter nach ſeinem Brod langte, das Geld dafür hinwarf und alsdann ſo ſchnell davoneilte, als habe er geſtohlen. Ebenſo machte er es auch bei dem Metzger, und man war das ſeit einer Reihe von Jahren ſchon ſo gewöhnt, daß man ihm ſeinen täglichen Bedarf jedesmal zurecht legte, und das Geld dafür, ohne nach ihm zu ſchauen einſtrich. Es iſt wohl überflüſſig zu ſagen, daß der Herr Schnipfel nie Jemand auf der ganzen weiten Welt einen Dienſt erwies. Arme Leute, die ihn um etwas anſprachen, pflegte er dagegen ruhig anzu⸗ hören; ja er ließ ſich mit ihnen nicht ſelten in ein längeres Geſpräch ein, worin die Bittenden in der Hoffnung auf eine größere Gabe ihm 1 Reiſe⸗Abenteuer. ihre ganzen Leidensgeſchichten auf's Umſtändlichſte mittheilten. Doch wenn der Bettler glaubte, jetzt werde der gutmüthige Herr ſeine Börſe ziehen, ſo drückte der Zoll⸗Aſſiſtent ſeinen Hut feſter in den Kopf, und ging nicht ſelten lachend, ja ſogar pfeifend davon. Seinen Collegen machte er den beſtändigen Aufpaſſer und ver⸗ rieth es pünktlich ſeinen Vorgeſetzten, wenn irgend Einer einmal einen Nachmittag fehlte, oder ſich ſonſt etwas zu Schulden kommen ließ. Dies war aber eigentlich eine Art Wiedervergeltung, die er dieſen ſeinen Collegen angedeihen ließ, denn da ſie ſeine Menſchenſcheu kannten, ſowie ſeine Unluſt, auch nur das Geringſte zu ſprechen, ſo machte es ihnen ein beſonderes Vergnügen, ihn anzureden, ihm eine Menge Leute auf den Hals zu ſchicken, ihm in den Weg zu treten, kurz ihn auf das Empfindlichſte zu kränken. Daher kam es denn auch, daß er jeden Abend mit größerem Haß ſeine Kaſematte zu⸗ ſchloß und mit Verwünſchungen auf den Lippen wie ein ſcheues Wild nach Hauſe lief, um ſich dort einzuriegeln, um endlich einſam und glücklich zu ſein. Da ging er in ſeinem Stübchen auf und ab und horchte auf das verſchiedenartige Geräuſch auf der Straße, ärgerte ſich, wenn in der Nachbarſchaft eine helle Stimme ein fröhliches Lied ſang, lief heftiger auf und ab, wenn die Wagen auf der Straße raſſelten und ballte ingrimmig die Fauſt, wenn Frühjahrs und Sommers das Jubeln und Jauchzen der Kinder zu ihm hinaufdrang. Wurde es aber ſpäter und erſtarb das Leben in der Nachbarſchaft, wurde es ſtiller und im⸗ mer ſtiller im Hauſe und auf der Straße, dann athmete der Herr Schnipfel freier und beruhigter, dann lauſchte er wohl auf den Gang hinaus, ob ſich auf den Treppen und Gängen nichts mehr rege und kehrte darauf in ſein Zimmer zurück. Hier beendigte er alsdann ſein Abendeſſen und ging dann nicht ſelten mit ſchleichendem Schritt nach ſeinem alten Koffer in der Ecke des Zimmers, eine kleine Kaſſette zu holen, die er vor ſich auf den Tiſch ſtellte. Dieſe Kaſſette öffnete er mit einem kleinen Schlüſſel, ſchaute aber Reiſe⸗Abenteuer. 141 dabei ängſtlich in dem halbdunkeln Zimmer umher, ob ihm nicht zu⸗ fällig Jemand über die Achſel ſchaue, und nahm dann alle Papiere heraus, die er vor ſich auf dem Tiſche ausbreitete. Werthvolle Papiere waren es, die aus dem Käſtchen hervorkamen: Staats⸗Obligationen, Sparkaſſen⸗Quittungen, Staats⸗Papiere, kurz, ein kleines Vermögen, das er hier vor Jedermanns Blicken ſorgfältig verſchloſſen hielt. Zu⸗ letzt aber nahm er ein kleines, vergilbtes Packetchen heraus, öffnete es behutſam und entwickelte aus demſelben ein Bildniß, das er recht in den Schein der flackernden Talgkerze ſtellte. Es war das Portrait eines ſehr jungen Mädchens, vielleicht von fünfzehn, ſechszehn Jahren, ein liebes, rundes, friſches, lebensheiteres Geſichtchen; dicke ſchwarze Flechten faßten den Kopf ein, helle, luſtige Augen blickten ihn an, und unter der etwas emporgezogenen Ober⸗ lippe lachten ihm ſchneeweiße Zähne entgegen. Um dies Bild herum gruppirte er ſämmtliche Papiere, und be⸗ gann alsdann leiſe ſeinen Schatz zu überzählen.„Fünfhundert Thaler,“ ſagte er,„tauſend, zweitauſend, drei⸗, vier⸗, ſechs⸗, achttauſend Thaler — und das wäre Alles dein geweſen— Alles dein und noch viel mehr dazu, denn ich wär' heute nicht mehr Zoll⸗Aſſiſtent, hätte mich emporgeſchwungen und wäre vielleicht Inſpektor geworden, ja am Ende Steuerrath— verdammt!— und was hätten wir für ein angenehmes Leben geführt! ha! ha! ha!“— dabei lachte er laut hinaus—„und jetzt iſt das Alles ganz anders geworden, habe es dir auch immer prophezeit— nun, wie der Teufel will, mir kann's ſchon recht ſein; aber nicht wahr,“ fuhr er fort und ballte ſeine Hand gegen das Por⸗ trait,„jetzt könnteſt du dieſes Geld nothwendig brauchen, o wie ſehr nothwendig, Madame! Die Hälfte, der zehnte Theil, ja der hundertſte Theil wäre im Stande, dich überglücklich zu machen, damit du deinen Kindern etwas Gutes kaufen, damit ſie ſich einmal ſatt eſſen könnten. — Aber hier ſoll Alles vermodern und Niemand ſoll es haben, und wenn ich einmal denke, daß es mit mir zu Ende gebt ſo werde ich es in den Fluß werfen, da wo er am tieſſten iſt.“ Reiſe⸗Abenteuer. Dieſe herrliche Abendunterhaltung, und genau faſt immer auf die gleiche Art, machte ſich der Zoll⸗Aſſiſtent wöchentlich ein paarmal, und nachdem dies geſchehen, legte er die Arme auf den Tiſch, den Kopf darauf und perſank in ſtundenlanges Dahinbrüten.“ Da zog Jemand die Glocke an dem großen Thor des Gaſthofs und der alte Portier wurde für einige Augenblicke in ſeiner Erzählung unterbrochen. Siebentes Kapitel. Fortſetzung des vorigen: Allein auf der Welt. „Der Zoll⸗Aſſiſtent, Herr Schnipfel, hatte einſt nicht ſo ganz allein in der Welt geſtanden: er hatte nämlich einen Vater gehabt und zwei Mütter, d. h. eine rechte Mutter und eine Stiefmutter. Der Erſteren, vor langen, langen Jahren verſtorben, war die Stief⸗ mutter gefolgt, nach einem längeren Wittwenſtand des ſeligen Herrn Schnipfel. Warum dieſer Chrenmann ſich eigentlich ſo ſpät wieder verheirathete, bin ich nicht im Stand anzugeben,“ ſagte der Portier, „ich weiß wirklich keinen Grund hiefür, denn ſein Sohn, der Held meiner Geſchichte, war damals ſchon ſechszehn Jahre alt; auch brachte die Stiefmutter ein kleines Töchterchen von vier Jahren mit in die Che; mir ſcheint aber, die Vorſehung hatte dieſe Heirath eben dieſes Mädchens wegen eingerichtet, denn einige Jahre nachher ſtarb der alte Herr Schnipfel, ihm folgte kurz darauf ſeine zweite Frau und ſo blieb das Töchterchen der Obhut des jungen Herrn Schnipfel an⸗ vertraut, der ſich ihrer auch auf's Väterlichſte und Brüderlichſte an⸗ nahm. Das Bildniß aber, was der Zoll⸗Aſſiſtent in ſeinen Muße⸗ ſtunden vor ſich auf dem Tiſche aufſtellte, war das Portrait eben dieſer Stiefſchweſter, nachdem ſie zu einem hübſchen ſechszehnjährigen Mäd⸗ chen herangewachſen war. Reiſe⸗Abenteuner. Der Zoll⸗Aſſiſtent hatte, wie ſchon geſagt, etwas weniges Ver⸗ mögen von ſeinem Vater, war bald bei der Steuerpartie angeſtellt worden, und war ſolchergeſtalt im Stande, für die Erziehung jenes Mädchens, das ihm mit jedem Tage lieber wurde, auf's Beſte zu ſorgen. Die kleine Roſine wurde ein allerliebſtes Mädchen und wuchs heiter und fröhlich auf. Herr Schnipfel, ihr Stiefbruder, ließ ſie in Allem unterrichten, was ihm niützlich erſchien, und lehrte ſie ſogar in den Freiſtunden ſelbſt Einiges, was ihm ſelbſt ſehr wichtig war, aber für ein junges Mädchen nie von großem Nutzen ſein konnte. Er brachte ihr z. B. einige Anfangsgründe im Lateiniſchen bei und bemühte ſich, ihr einen Begriff zu geben von der verwickelten und höchſt complicirten Zoll⸗Einrichtung des Staates. In dieſen Privatlehrſtunden dagegen lernte Herr Schnipfel etwas kennen, was ihm noch von viel wenigerem Nutzen war, als ihr das Latein und das Zollweſen— die Liebe nämlich, und als er darauf an einem ſchönen Morgen bemerkte, er fühle für ſeine Schweſter Ro⸗ ſine mehr als brüderliche Zuneigung, ſo machte er einen verzweiflungs⸗ vollen Spaziergang und hielt ſich für ein entſetzliches Ungeheuer. Auch bekämpfte er kräftigſt und mit beſtem Erfolg dieſe Liebe, was ihm um ſo leichter war, da Roſine nicht im Geringſten etwas davon zu verſtehen ſchien. Aber er bewachte jetzt das Mädchen wie ſeinen Augapfel, er hütete ihre Blicke, ja wo möglich ihre Gedanken, wie der Greif die verzauberten Schätze. Er träumte von einem immerwähren⸗ den Zuſammenleben, von einem freundlichen Wandel durch das Dies⸗ ſeits und von einem endlich geläuterten Wiederſehen in dem Jenſeits. Wenn dagegen eutfernte Verwandte von der Zukunft ſeiner Stief⸗ ſchweſter ſprachen, von einer guten Heirath, die man für ſie ſuchen müſſe, ſo pflichtete er dieſer Anſicht ſeufzend bei und war edelmüthig genug, ſein ganzes Ererbtes und Erſpartes für einen ſolchen Fall zu einer Mitgift Roſinens zu beſtimmen. — Da kam das Schickſal in Geſtalt eines jungen Handlungsbe⸗ fliſſenen, welcher Roſinen zuerſt auf der Straße, dann bei einer Ver⸗ Reiſe⸗Abenteuer. wandten, dann oft zufällig in der Kirche, ſpäter nicht mehr zufällig in der Kirche, kurz an vielen Orten ſah, ohne daß der gute Schnipfel die geringſte Ahnung davon hatte. Als er einige Zeit darauf durch einen guten Freund von dieſer Angelegenheit unterrichtet wurde, ge⸗ rieth er zum erſten Mal in ſeinem Leben in einen unbändigen Zorn, verbot dieſes Verhältniß auf das Beſtimmteſte und ſchloß ſeine Schweſter in ihrem Zimmer ein, um daſſelbe mit einem Male abzubrechen. Doch war dies nicht ſo leicht wieder zu löſen und die beiden Liebenden blieben durch obwaltende Umſtände feſt an einander gekettet. Der Zoll⸗Aſſiſtent wurde von einer alten Tante hievon unter⸗ richtet mit dem Bemerken, daß man Alles anwenden müſſe, um eine Heirath zwiſchen den beiden jungen Leuten zu Stande zu bringen. Die alte Tante meinte, das Geld des Herrn Schnipfel ſei das beſte Mittel zu dieſem Zweck, dieſer aber mit gebrochenem Herzen dachte anders, verſchaffte ſich irgendwo eine alte roſtige Piſtole, lud ſie mit überflüſſigem Pulver und Blei, und machte ſo bewaffnet dem jungen Kaufmann einen freundſchaftlichen Beſuch. Er ſchwur dabei den gräßlichſten Eid, ihn— ſei es heute oder morgen— todtzuſchießen, im Fall er nicht geſonnen ſei, ſeine Stiefſchweſter augenblicklich zu heirathen, und der unglückliche Liebhaber fand ſich durch dieſe Gründe 6 und auch, weil er das Mädchen wirklich liebte, bewogen, in die Ver⸗ bindung zu willigen. Die Hochzeit ging vor ſich, von der alten Tante beſorgt, der Zoll⸗Aſſiſtent aber weder mit auf's Rathhaus, noch in die Kirche, noch ſagte er ſeiner heißgeliebten Stiefſchweſter ein Wort zum Abſchied; unter Thränen verließ ſie ſeine Wohnung und er blieb allein zurück, ganz allein. Lange ſpielte er an dem Abend mit der alten roſtigen Piſtole, doch legte er ſie nach langem Kampfe ſtill bei Seite, packte ſeine Staatspapiere und das Portrait Roſinens in jenes Käſtchen, und be⸗ gann von jenem Augenblick das Menſchengeſchlecht im Allgemeinen außs Nachdrücklichſte zu haſſen. „So vergingen einige Jahre. Umſonſt gab ſich die ze danie — Reiſe⸗Abenteuer. 145 bevor ſie ſtarb, alle Mühe, eine Ausſöhnung zwiſchen den Beiden zu Stande zu bringen, umſonſt verſuchte Roſine daſſelbe: Herr Schnipfel war unbeugſam und behauptete, er habe auf der ganzen weiten Welt keinen Bekannten und Verwandten als ſich ſelbſt. Dem jungen Paar ging es unterdeſſen nicht nach Wunſch, ihre Che wurde freilich mit zwei Kindern beglückt, aber ſonſt mit wenig Er⸗ freulichem. Das Einkommen des Mannes war zu gering, um ſeine Familie anſtändig zu ernähren, er fiel zuerſt in Schulden, dann in eine ſchwere Krankheit, und als er in Folge derſelben ſtarb, beſaß die Frau mit ihren beiden Kindern nur das, was ſie auf dem Leibe trug. Das war eine freudige Nachricht für das verhärtete Gemüth des Zoll⸗Aſſiſtenten, an dieſem Tage hörte man ihn ſeit längerer Zeit zum Erſtenmal wieder ein luſtiges Lied pfeifen. Roſine aber nahm ſich zuſammen, arbeitete Tag und Nacht, und erhielt ſich und ihre Kinder durch hartes Schaffen, wenn auch armſelig doch ehrlich. Häufig machte ſie Verſuche zu einer Ausſöhnung mit Herrn Schnipfel, aber nicht in der Abſicht, um etwas von ihm zu verlangen, ſondern nur, um ihn ſeinem troſtloſen und menſchenſchenen Weſen zu entreißen. Er war ordentlich zum Stadtgeſpräch geworden. Doch dauerte auch das nicht lange, man vergaß ihn endlich, wie man Alles vergißt, und das war ihm ſehr lieb. Sein früheres freundliches Bureau auf dem Hauptzoll⸗ amte hatte er verlaſſen, und um Verſetzung nach ſeiner halbdunklen Kaſematte gebeten, einem höchſt unangenehmen Aufenthalt, den die Angeſtellten als eine Art Fegefeuer betrachteten, durch das ſie hindurch mußten, um zu etwas Beſſerem zu gelangen. Da kam einmal wieder im Laufe des Jahrs jener Abend heran, dem tauſend Herzen mit Freuden entgegenſehen, jener Abend voll Luſt und Vergnügen, voll Tannengeruch und Lichterglanz— der Weihnachts⸗ abend, einer der traurigſten für Herrn Schnipfel, denn wenn er an dieſem Abend durch die Straßen nach Hauſe ſchlich, ſo ſah er überall die Fenſter beleuchtet, hörte jubilirende Kinderſtimmen und wußte, daß Hackländers Werke. XXV. 10 2 1 „ 4 6 — Reiſe⸗Abenteuer. ſich jetzt auch der Aermſte auf's Herzlichſte freute. An ſolchen Abenden arbeitete er länger, als gewöhnlich in ſeiner Kaſſematte und ſuchte die finſterſten und entlegenſten Gaſſen auf, um zu ſeinem Hauſe zu gelan⸗ gen. Aber auch hier bei den Wohnungen der Armuth ſchimmerte ihm durch niedrige Fenſter, durch zerbrochene Laden das heilige Chriſtfeſt entgegen.— Ach, wie war auch er früher an ſolchen Abenden glücklich geweſen, wie hatte er ihre Wünſche belauſcht, die kleinſten Anſpielun⸗ gen erfaßt, um eine Gabe zu finden, die ihr Freude mache! Jetzt kam er an ſein entlegenes Haus, auch da vernahm er aus allen Stockwerken Töne des Jubels, der Freude. Er eilte die Treppen hinauf und als er ſeine Thür erreichte, ſah er auf einem Stuhle vor derſelben ein kleines Laternchen ſtehen und beim Scheine deſſelben drei Tannenbäume auf dem Boden, ein größerer, zwei kleinere. An allen dreien waren Lichtchen aufgeſteckt und vergoldete Rüſſe angehängt, aber die Lichtchen waren herabgebrannt und man ſah nichts mehr, als die Tropfen des Wachſes, die wie ſchwere Thränen an den Zweigen hiengen— wirkliche Thränen waren auf die Zweige gefloſſen und vielleicht da erſtarrt.— Es ſah in der That aus, als weinten die Bäumchen ſelbſt zu ihm empor, und ſtreckten ihre Zweige wie ebenſoviele Aermchen flehend in die Höhe, als wollten ſie ſagen: „Nimm uns freundlich auf 4 Herr Schnipfel aber beachtete dieſe rührende Bitte nicht, er öffnete ſeine Thür und da ihm die drei Tannenbäume im Wege ſtanden, ſo ſtieß er ſie mit dem Fuße rechts und links von ſich ab, daß die Nüſſe auf dem Boden klapperten und die Zweige wehmüthig rauſchten.— Gott ſei Dank, jetzt war er zwiſchen ſeinen vier Wänden, und da ſah man nichts von Weihnachtsfreude: hier war es ſtill und betrübt wie immer, und dieſe Stille that dem Zoll⸗Aſſiſtenten ſo wohl. Er hatte zum Erſtenmal wieder am heutigen Tage eine behagliche Stunde; er zündete ſein Feuer an, verzehrte ſein mitgebrachtes Abend⸗ eſſen und verſank in tiefes Nachſinnen. Stunde um Stunde verrann, der Lärm guf den Straßen und in den Häuſern hörte auf, die Lichter — —— ** Reiſe⸗Abenteuer. 147 wurden ausgelöſcht und endlich kam die Mitternachtsſtunde, und als die klingenden Glockenzungen ſie laut und tönend anſagten, traf jeder Schlag ſein Herz, wie ein Keulenſtreich, denn nun begann von dem Hauptthurme der Stadt, dicht bei ſeiner Wohnung, jene ſanfte erhebende Muſik, die er ſchon vor langen, langen Jahren, in ſchönen frohen Zeiten ſo oft gehört, jener Pſalm, der jubilirend die Geburt des heiligen Chriſt verkündet. Wenn er als Kind jene feierlichen Klänge in der ſtillen Nacht gehört, ſo hatte er andächtig ſeine Händchen ge⸗ faltet, indem er geglaubt, es ſeien die himmliſchen Heerſchaaren ſelbſt, welche über die Erde dahinſchwebten, um der Menſchheit jenes freudige Ereigniß ſingend und klingend zu verkünden. Später hatte ſich die kleine Roſine auf den Sang eben dieſer Engel innig gefreut, und in der Chriſtnacht, nachdem ſie auf dem alten Lehnſtuhle eingeſchlummert, die dunklen großen Augen ſchlaftrunken geöffnet, wenn die himmliſchen Klänge erſchallten.— Jetzt war er allein, ganz allein: es blickte kein freundliches Auge blinzelnd zu ihm auf, auf dem Tiſche lag kein weißes Tuch mit freundlichen Gaben, die ihm die Liebe geſpendet, es ſtand da kein Chriſtbaum mit herabgebrannten Lichtern, mit glitzernden Nüſſen, mit rauſchendem Golde. Er war allein, o ſo allein, ganz allein in der Mitternachtsſtunde— ach, und daß er allein war, ſo ganz allein— war ſeine größte Luſt.— Die Muſik draußen hatte geendigt, da— nein, es war keine Täuſchung— glaubte er draußen auf dem Gange vor ſeiner Zimmer⸗ thür ein leiſes Klingen und Singen zu vernehmen. Er horchte auf, unwillig, verdrießlich und wollte ſchon hinausfahren, um ſich zu er⸗ kundigen, wer ſich erlaube, vor ſeiner Wohnung einen ſo dummen unzeitigen Scherz zu machen. Doch hielten ihn die Töne, die er ver⸗ nahm, unwillkürlich auf ſeinem Lehnſtuhle gefeſſelt— es war ein Lied, das dort erklang, von feinen Kinderſtimmen geſungen, wie ein leißes Echo vom Thurme und jetzt— ging das mit rechten Dingen zu?— öffnete ſh langſam ſeine Stubenthür, und er ſah nicht nur jene drei Tannenbäume, die er ſo unbarmherzig bei Seite geſtoßen, —— V Reiſe⸗Abenteuer. nein zehnmal ſo viel, hundertmal ſo viel, den langen Corridor und die Treppe bedeckt mit hunderten von Tannenbäumen, alle mit unzäh⸗ ligen Lichtern beſteckt, und von den Zweigen derſelben tönte jenes ge⸗ heimnißvolle Lied.— Entſetzlich, was konnte das ſein?— Die Bäume ſchoben ſich langſam vorwärts und immer weiter vorwärts und füllten jetzt das ganze Zimmer aus, und umgaben ſeinen Lehnſtuhl und ihn, der auf demſelben ſaß, und ehe er es ſich verſah, ehe er recht etwas denken konnte, war er ringsum von den Tannenbäumen umgeben, und es war ihm, als ſitze er in einem weiten unahſehbaren Tannen⸗ wald, gebildet aus lauter glänzenden und glitzernden Weihnachtsbäumen. Der Geſang in den Zweigen dauerte noch eine Zeitlaug fort, dann erſtarb er allmälig, und man vernahm zuletzt nichts mehr, als das Rauſchen des Goldes und der Nadeln.— Fernhin im Walde aber bemerkte nun der Zoll⸗Aſſiſtent einen lichten Punkt, der ſich immer mehr zu vergrößern ſchien, und nach und nach die Geſtalt eines hold⸗ ſeligen Kindes annahm, und obgleich dieſes Kind, als es nun anfing zu ſprechen, mit leiſe klingender Stimme ſprach, ſo vernahm er doch jedes Wort, als werde es ihm mit Poſaunen in die Ohren gerufen. „Du biſt allein, ſo ganz allein,“ ſagte das Kind,„an dieſem Abend, wo die übrige Menſchheit vergnügt bei einander iſt, und ſich eines an der Luſt des andern erfreut.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Herr Schnipfel,„ich bin ganz allein, und es iſt ſo mein Wille und mein Vergnügen; ich habe dieſe Zim⸗ mer für mich gemiethet und es ſoll mich Niemand darin ſtören, und ich begreife eigentlich nicht, wer dieſer ganzen Weihnachtsbeſcheerung das Recht gibt, ſich hier einzudringen.“ „Du haſt uns gerufen,“ ſagte das Kind;„als du vorhin jener nächtlichen Muſik zulauſchteſt, gelang es einigen Tönen derſelben, in die Tiefe deines Herzens zu dringen und da ein Sehnen zu erwecken nach der Luſt längſt vergangener Tage.“ „Nicht, daß ich wüßte,“ antwortete Herr Schnipfel,„und wenn — Reiſe⸗Abenteuer. 149 mein Herz wirklich einen Augenblick ſchwach geweſen wäre, ſo fühle ich, daß es jetzt wieder erſtarkt und feſt verſchloſſen iſt.“ „Du haſt an vergangene Tage gedacht,“ fuhr das Kind fort, „und haſt mit tiefem Schmerze geſehen, wie einſam und allein du hier biſt, wie verlaſſen von aller Welt.“ „Mit meinem beſten Willen.“ „Ich bin das heilige Chriſtfeſt,“ ſagte das Kind,„das umherzieht mit einem freundlichen Gefolge, um namentlich die zu beglücken, deren Herz mit Kummer und Schmerz exfüllt iſt.“ „Mein Herz iſt wirklich in dieſem Augenblicke mit Schmerz er⸗ füllt,“ ſagte hohnlachend der Zoll⸗Aſſiſtent,„denn ich ſehe, daß es mir nicht einmal bei verſchloſſenen Thüren gelingt, allein zu bleiben, laßt mich ungeſchoren und geht zu denen hin, die euch rufen, ich ver⸗ lange nichts vom Chriſtfeſt, denn was ich von ihm verlange, kannſt du mir doch nicht bewilligen.“ „Alſo haſt du einen Wunſch?“ fragte das Kind mit froher Stimme,„o wenn dein Herz zu wünſchen anfängt, ſo wird es auch wieder die ſchweren Feſſeln brechen, mit denen es ſich freiwillig um⸗ geben. Nenn' mir deinen Wunſch, ich werde gewiß im Stande ſein, ihn zu erfüllen.“ Da rieb ſich der Zoll⸗Aſſiſtent vergnügt die Hände und lächelte zum Erſtenmal in dem Jahre.„Nun denn,“ ſagte er,„wenn du in der That mächtig biſt und im Stande, mir jeden Wunſch, auch den kühnſten, zu erfüllen, ſo will ich dir ihn nennen.“ „Laß hören!“ ſagte das Kind mit trauriger Stimme. „So laß' mich denn,“ ſagte der Zoll⸗Aſſiſtent,„allein ſein, nicht blos für heute Abend und in dieſem Zimmer, nein, auch für morgen, für das nächſte Jahr, für mein ganzes übriges Leben, und nicht blos allein ſein in dieſem Zimmer, in dieſem Hauſe, nein auch draußen auf der Straße, in dieſer Stadt, ja laß mich allein ſein auf der ganzen Welt! Ich kann nicht behaupten, ob dieſer Wunſch des Herrn Schnipfel Reiſe⸗Abenteuer. ſein vollkommener Ernſt war, oder ob er ihn blos ausſprach, um einer ihm läſtigen Geſellſchaft los zu werden, aber kaum hatte er ihn ausgeſprochen, ſo verlöſchte an den Weihnachts⸗Bäumen um ihn her ein Licht nach dem andern, und es blieb zuletzt keine Helle mehr übrig, als der Schein, der von dem Kinde ausging, und der ſah blutig aus, wie die untergehende Sonne, verſchwand auch wie dieſe nach und nach, und als es ſo in ſeinem Zimmer vollkommen dunkel geworden war, — denn auch die Talgkerze des Herrn Schnipfel war herabgebrannt, vernahm er von weither eine leiſe, ſchmerzerfüllte Stimme, die ihm deutlich ſagte:„dein Wunſch iſt erfüllt, ſei allein auf der Welt!“ Das Feuer in dem Ofen war ausgebrannt und es fröſtelte den Zoll⸗Aſſiſtenten, doch wußte er nicht recht, ob in Folge der Kälte, die um ihn herrſchte, oder in Folge jener Worte, die ihn ſeltſam erſchüttert. Er trat au's Fenſter und ſah in die Nacht hinaus: da war Alles todt und ſtill.„Das iſt ja immer ſo um dieſe Zeit,“ ſagte er zu ſich ſelber,—„ein merkwürdiger Traum!— Und wenn es am Ende kein Traum wäre!“ ſetzte er hinzu und rieb ſich die Hände,„ſo glaube ich, es müßte außerordentlich vergnügt ſein, keinen Spektakel der Menſchen zu vernehmen, nie mehr all' die lachenden Geſichter zu ſehen, überhaupt — allein auf der Welt zu ſein.“ Mit dieſen Worten ging er zufrieden zu Bette, wie Jemand, der ein gutes Tagewerk vollbracht.“ ——— 3 — Achtes Kapitel. Fortſetzung des ſechsten und ſiebenten: Allein auf der Welt. Nachdem der Portier während der Erzählung des vorigen Ka⸗ pitels mehreremal das große Thor geöffnet und faſt alle Schlüſſel bis auf einige wenige übrig gebliebene abgegeben, fuhr er in ſeiner Er⸗ zählung fort: „Als nun nach dieſem höchſt ſonderbaren Weihnachts⸗Abend der Zoll⸗Aſſiſtent, Herr Schnipfel, aus einem tiefen und geſunden Schlafe erwacht, und auf ſeine Uhr ſah, erſchrak er faſt, als er bemerkte, daß es ſchon ſehr ſpät geworden ſei. Der Lärm im Hauſe, das Geräuſch auf der Straße, das Läuten der Glocken hatten ihn, namentlich an Sonn⸗ und Feiertagen ſonſt ziemlich frühzeitig erweckt. Heute hatte er aber nichts von allem dem vernommen: eine wohlthuende Stille lag über dem Hauſe, man hätte eine Maus huſten gehört. Während ſich Herr Schnipfel anzog, bedachte er bei ſich, wie angenehm es ſei, daß ſich die Menſchheit, namentlich an hohen Feſttagen einer ſolchen exemplariſchen Stille befleißige. Das Feuer in dem Ofen brannte, im äußern Zimmer ſtand ſein Frühſtück auf dem Tiſch. Da Herr Schnipfel von ſeinem Zimmer hinten heraus keine bedeutende Ausſicht hatte, namentlich aber vom Verkehr der Menſchen wenig ſah, ſo wunderte er ſich auch nicht weiter, als er an's Fenſter trat und in den Häuſern, welche er vor ſich ſah und auf den engen Gaſſen, in welche er von oben hineinblickte, nicht das geringſte Leben entdeckte. Nur als er ſich vor der Zimmerthür ſeine Stiefel holte, die, wie immer, blank geputzt dort ſtanden, wun⸗ derte er ſich, daß er in dem weiten Gebäude nicht den geringſten Lärm vernahm. Da klapperte es nicht in den Küchen und Zimmern, da erſchollen keine luſtigen Kinderſtimmen: Alles war todtenſtill. Kopf⸗ 152 Reiſe⸗Abenteuner. ſchüttelnd ging der Zoll⸗Aſſiſteut in ſein Zimmer zurück, ſetzte ſich nachdenkend in ſeinen Stuhl, und begann ſeine Stieſel anzuziehen. Er hatte ſo gut und feſt geſchlafen, daß es lange dauerte, bis er ſich des geſtrigen Traumgeſichtes erinnerte, und als ihm endlich daſſelbe klar vor die Seele trat, und er ſeine Worte abermals hörte: ſei allein auf der Welt!— er hatte gerade den linken Stiefel bei beiden Struppen erfaßt und zog heftig daran,— da hörte er mitten im Ziehen auf, hielt das Bein eine Zeitlang wagrecht in die Höhe und verſank in tiefes Nachſinnen. Ein leiſes Fröſteln überflog ſeinen Körper und er bildete ſich ein, das ſei ein Freudenſchauer, in der Hoffnung, daß das Geſicht, das er gehabt, wirklich wahr ſei, und er allein auf der Welt. Gegen ſeine Gewohnheit ging er heute früher aus, und blieb auf der Treppe ebenfalls ſehr gegen ſeine Gewohnheit einigemal ſtehen, um zu horchen, ob ſich in den verſchiedenen Stockwerken nichts rege. Aber er hörte nicht das Geringſte. Jetzt trat er vor die Hausthüre und das ſonderbare Fröſteln überfuhr ihn noch ſtärker, als er die lange Straße hinabſah und dieſelbe, ſonſt ſo belebt an Sonn⸗ und Feiertagen, ganz todt und leer vor ſich liegen ſah.„Merkwürdig!“ ſagte er, und blickte an den Häuſern empor,— was er ſeit langen, langen Jahren nicht mehr gethan; aber auch da bemerkte er kein leben⸗ des Weſen, er rieb ſich die Hände und ſuchte die Sache außerordent⸗ lich angenehm zu finden, ja er wandelte anfänglich mit einem wirk⸗ lichen Wohlbehagen durch die leeren Gaſſen, über die öden Plätze; aber dieſe Freude dauerte nicht lange. Er blieb hier kopfſchüttelnd ſtehen, er ſah da bekümmert eine große, ſonſt ſo volkreiche Straße hinab, und ſchüttelte den Kopf über die verſchloſſenen Hausthüren, über die entſetzliche Oede, die ihn rings umgab. Sein leiſer ſchleichen⸗ der Tritt hallte in den Straßen wieder, als marſchire ein Regiment neben ihm, und wenn er ſich räuſperte— und das that er ſehr häufig an dieſem Morgen— ſo ſchien ſich eine Legion unſichtbarer Zoll⸗ Aſſiſtenten rings umher ebenfalls zu räuſpern. 3 5 Reiſe⸗Abenteuer. 153 Stunde um Stunde verrann, er hatte die ganze Stadt durch⸗ laufen, es ließ ſich kein lebendes Weſen ſehen. Der Abend kam, und die Nacht ſank herab in dieſer furchtbaren Stille, ſo entſetzlich geſpen⸗ ſterhaft; der Zoll⸗Aſſiſtent ging nach Hauſe, ſetzte ſich auf ſein Bett, rieb ſich die Stirn, zog ſich an ſeiner Naſe und bemühte ſich vergeb⸗ lich, aus ſeinem böſen Traume zu erwachen. Endlich legte er ſich zu Bett und ſchlief mit der frohen Hoffnung ein, ihm träume nur, wenn er morgen früh erwache, werde es ſchon wieder anders ſein.— Aber es war nicht anders: dieſelbe Stille umgab ihn, als er bei anbrechen⸗ dem Morgen die Augen wieder öffnete. „Allein auf der Welt!“ ſagte er ſchaudernd zu ſich ſelber, und er hielt das Fröſteln, was ihn jetzt überfiel, nicht mehr für einen Freudenſchauer, vielmehr überrieſelte ihn tiefer Schrecken und ſein Haar ſträubte ſich, als er abermals in die todten, menſchenleeren Stra⸗ ßen hinaustrat. Er eilte an den Fluß; da lagen die Schiffe und ſchaukelten ſich auf dem ſtillen Waſſer, aber keine Hand regte ſich wie ſonſt, die bun⸗ ten Wimpel aufzuziehen, und die lange Brücke, früher überfüllt mit Menſchen, ſchwankte öde auf dem Waſſer und knarrte nicht unter dem Fußtritte von Tauſenden. Auch nach ſeinem Bureau eilte der Zoll⸗ Aſſiſtent: da war Niemand, keine Seele, weder in Schreibſtuben, noch in dem weitläufigen Magazine. „Allein auf der Welt!“ So klang die Stimme des Kindes in ſeinem Innern, und er eilte vor die Stadt hinaus in einen kleinen Wald, um ſich dort an dem Anblick kleiner frierender Vögel zu freuen, die durch die entlaubten Zweige huſchten. Das waren doch wenig⸗ ſtens lebendige Weſen; aber auch hier war Alles erſtorben, hier im Walde und auf dem Felde, er hörte nichts, wie das Rauſchen des Windes, und das klang ihm in die Ohren wie jene Worte:„Allein auf der Welt!“ Lange ſaß er auf einem Stein am Thore und blickte.⸗ ſtraße hinab, und wenn er auch oftmals glaubte, in da 154 Reiſe⸗Abenteuer. Fußgänger, einen Wagen, einen Reiter zu ſehen, ſo war dies doch immer Täuſchung, und er— allein auf der Welt. Abermals kam die Nacht— die Feiertage waren längſt vergan⸗ gen, und der Zoll⸗Aſſiſtent eilte verzweifelnd durch die Straßen, ein lebendiges Weſen zu ſuchen. O wie viele Jahre ſeines Lebens hätte er für den Anblick irgend eines Menſchen gegeben! Er drang in die Häuſer ein und fand Niemand. Oft blieb er auf der Straße ſtehen und glaubte neben ſich oder vor ſich aus einem Gebäude heraus ein Geräuſch zu vernehmen, und wenn er angſtvoll hinlauſchte, und ſeine Hand auf die Bruſt drückte, damit ſein Herz nicht ſo gewaltſam ſchlage, ſo hörte er bald mit tiefem Grauſen, daß er ſich getäuſcht habe und daß er— allein auf der Welt ſei. Wäre nur außer ihm noch ein einziges menſchliches Weſen da geweſen, mit dem er hätte ſprechen können, es befragen um dieſe fürchterliche Veränderung, bei ihm Troſt ſuchen, in ſein lebendes Auge zu ſchauen.— Aber Nie⸗ mand, Niemand! Wenn er in ſeinem Zimmer war und bei ſeinem Spiegel vorüber ging, ſo erſchrack er vor ſeinem eigenen Anblick, er kam ſich ſelbſt wie ein Geſpenſt vor,— er eilte in die Kirche, er warf ſich vor dem Altar auf die kalten Steine, er betete lange und inbrünſtig, und ge⸗ ſtand, wie ſehr er gefehlt, daß er ſich von Seinesgleichen abgewandt, daß er die ganze Welt gehaßt. Er bat nur noch um kurze Zeit, die ihm vergönnt ſein möge, unter den Menſchen herumzuwandeln, um ſeine Fehler wieder gut zu machen— umſonſt! Die weiten Räume der Kirche blieben leer und hallten Nichts wieder, als ſein Gebet der Verzweiflung. Die heiligen Bilder an den Wänden blickten ſtarr auf ihn herab, und die todten Augen mit ihrem durchbohrenden Blick jagten ihn wieder auf die Straße hinaus. Er ſuchte den Friedhof auf, und da war ihm noch am Wohlſten. Hier fühlte er weniger ie Oede und Einſamkeit, die ihn umgab, denn hier war es immer ud feierlich geweſen, auch waren ja Menſchen auf dem Kirchhof, todte, und tief unter der Erde, aber ſie waren doch da, Reiſe⸗Abenteuer. 155 und nicht nur fremde und unbekannte, nein, auch die Seinigen ſchlie⸗ fen hier unter kleinen Kreuzen, ſein Vater und ſeine Mutter, und auf dieſen Gräbern ſaß er ſtundenlang und ſprach mit ihnen und glaubte hie und da ihre Antworten zu vernehmen. Auch war es ihm ein Troſt, die vielen Monumente und Steine zu ſehen, und die Namen zu leſen Aller, die hier wohnten. An dem erſten der Tage, wo er ſich allein auf der Welt befand, hatte er nicht an dies ſchreckliche Schickſal geglaubt, dann war er ver⸗ zweifelt und jetzt ergoß ſich eine fürchterliche Ruhe über ſein zerſtörtes Gemüth. Als er Abends wieder auf ſeinem Zimmer ſaß, ſtellte er abermals das Bild ſeiner Schweſter vor ſich hin und betrachtete es lange und innig, aber nicht mit Gedanken des Haſſes, nein, mit thrä⸗ nendem Blick, mit den herzlichſten und beſten Wünſchen.„Könnte ich dich noch einmal ſehen!“ ſagte er,„dich und die armen Kinder, und könnte ich dir ſagen, wie elend mich mein Haß gemacht hat, könnte ich nur einmal in dein liebes, freundliches Auge ſehen, deine warme Hand drücken und dann— ſterben!“— Ja— ſterben!— daran hatte er bis jetzt noch nicht gedacht. Das war das Ende ſei⸗ ner Qual, darin lag ſeine Erlöſung. Er ſteckte das Bildchen in ſeine Taſche, ſtürzte aus dem Hauſe, dem Fluſſe zu, der im Dunkel der Nacht mit ſeinen flüſternden Wel⸗ len ſo ſchauerlich und farblos dahin rauſchte. Rettung! Rettung! jubelte es laut in ihm, und er ſprang von der Brücke hinab in den tiefen Strom, und als er unterſank und allmälig die Beſinnung ver⸗ lor, dachte er nichts, als:„Gott verzeih' mir die ſchwere Sünde, aber jetzt bin ich doch nicht mehr— allein auf der Welt!“ „Das iſt ja eine höchſt ſchauerliche und ſonderbare Geſchichte,“ ſagte ich zu dem alten Portier, der mich bei den letzten Worten des eben Erzählten forſchend anſah, und eine große Kunſtpauſe machte. „Aber wie wollen Sie die Wahrhaftigkeit derſelben beweiſen? denn ohne Beweis kann ich ſie nicht wiedererzählen, ich darf mein bischen Credit als Erzähler nicht ſo leichtſinnig auf's Spiel ſetzen.“ 156 Reiſe⸗Abenteuer. „Hören Sie zu Ende,“ ſagte der Portier, nachdem er den Reſt ſeines Punſches ruhig ausgetrunken. „Ah, wenn da noch ein Ende kommt, ſo bin ich beruhigt!“ — Sei es auch du, geliebter Leſer! „Nachdem alſo der Zoll⸗Aſſiſtent Herr Schnipfel,“ ſo fuhr der Portier fort,„untergeſunken war, und, wie er nie anders glaubte, eines ſehr traurigen Todes verſtorben, erwachte er plötzlich und riß ſeine Augen weit auf.“ „Trotz des Waſſers?“ „Ja, Waſſer hatte er genug in den Augen, aber keins des Fluſ⸗ ſes, ſondern das ſeiner Thränen, die ſtromweiſe über ſeine Backen herabliefen. Auch faltete er die Hände, nachdem er erwacht war, denn die Sonne ſchien freundlich in ſein Zimmer, und an ſein Ohr, das ſo lange nichts gehört, das ſo lange die ſchauerlichſte Stille umgeben, ſchlugen die tiefen Klänge ſämmtlicher Glocken der Stadt, allen Ein⸗ wohnern verkündend, daß der erſte Morgen des heiligen Chriſttages angebrochen. Zitternd vor Erwartung entſprang der Herr Schnipfel ſeinem Bette, und eilte, wie er war, vor ſeine Zimmerthür, um in das Haus hinabzulauſchen; da— o wer beſchreibt ſeine Seligkeit!— klapperten in den verſchiedenen Stockwerken die Taſſen, raſſelten die Kaffeemühlen und jubilirten die Kinder, die ſich nun bei Tageslicht betrachteten, was ihnen der heilige Chriſt am Abend vorher beſcheert. Der Zoll⸗Aſſiſtent hatte einen fürchterlichen Traum gehabt, und in Folge deſſen nahm er die drei Tannenbäumchen, die er geſtern Abend mit dem Fuße von ſich geſtoßen, freudig zu ſich in's Zimmer, ſtellte ſie behutſam auf den Tiſch, und auf die Wachsthränen herab träufelten ſeine eigenen wirklichen, und in Folge dieſes Traumes zog er ſich haſtig an, und eilte auf die Straße hinab, und ſah Menſchen, viele Menſchen und Geſichter, freundliche Geſichter. Aber das freund⸗ lichſte all dieſer Geſichter war ſein eigenes. Wie erſtaunten die Haus⸗ leute, als Herr Schnipfel ihnen mit ſtrahlendem Geſicht ein vergnügtes und gutes Chriſtfeſt wünſchte, wie erſtaunten Bekannte, die ihn auf — Reiſe⸗Abenteuer. 157 der Straße ſahen, auf die er zueilte und ihnen herzlich die Hand drückte, und wie erſtaunte erſt der benachbarte Ladenbeſitzer, als der Herr Schnipfel in ſein Zimmer ſtürzte, und ihn um Gotteswillen bat, ihn in das verſchloſſene Gewölbe hinabzuführen, und ihm am heiligen Chriſtmorgen einige Sachen zu verkaufen!— Am meiſten aber er⸗ ſtaunte ſeine arme Schweſter, als ſich plötzlich ihre Thür öffnete und Herr Schnipfel hereintrat, bepackt mit einem ganzen Magazin Nürn⸗ berger Spielwaaren, und als er, außer Athem gelaufen, ſie kaum um Verzeihung bitten konnte, und ihr ſchluchzend und weinend ſagte: „Von nun an trennen wir uns nicht mehr, deine Kinder ſind auch die meinigen.“ und ſo geſchah es.— Die ganze Stadt zerbrach ſich den Kopf über dieſe Umwandlung des Zoll⸗Aſſiſtenten. Die kleine Kaſematte im Hauptzollamt, ſonſt der Schrecken aller Handlungs⸗Lehrlinge, war fortan ein wahrer Platz der Erholung für dieſelben. Niemand war fortan ſo freundlich und artig, wie der Zoll⸗Aſſiſtent, Herr Schnipfel. Niemand fertigte die jungen Leute ſo ſchnell wie er ab und Niemand wußte ſo außerordentlich ſchöne Späße zu machen, wie er. 3 Der Metzger und der Bäcker allein ſchüttelten ihre Köpfe und begriffen lange nicht, weßhalb Weißbrod und Wurſt ſo unberührt lie⸗ gen blieben; aber Herr Schnipfel bedurfte ihrer nicht mehr, denn er war der Welt wiedergegeben, ſpeiste im Kreiſe der Seinigen zu Nacht, ſuchte luſtige Geſellſchaft auf, ſo viel wie möglich, und freute ſich herzlich an dem Glücke und der Zufriedenheit ſeiner Nebenmenſchen, denn er hatte erfahren, was es heißt— allein auf der Welt zu ſein.“ —— — — — — O =— — — — —— — 4 Es iſt eigenthümlich, daß ein hohes und weites Gemach mit braunen Holzwänden, mit einer ähnlichen Decke und dunkel eingeleg⸗ tem Fußboden, mit einem hohen Steinkamine recht heimlich und an⸗ genehm ſein kann an einem trüben, rauhen Herbſtabend, wo die Sonne ſchlafen gegangen, ohne daß es ihr, der dichten Wolkenmaſſen wegen, möglich war, von der Erde mit einem freundlichen Gruß Abſchied zu nehmen. Es iſt eigenthümlich, aber wahr, daß ſo ein alterthümliches, finſteres Gemach uns wohnlicher erſcheint, wenn draußen um die Ecken des Hauſes der kalte Wind ſaust, während im Kamin ein paar tüch⸗ tige Holzblöcke luſtig knatternd brennen, als wenn eine warme Sonne glänzend auf Berg und Thal ſcheint, hie und da einen goldenen Strahl in das düſtere Gemach ſendet, ſo den Contraſt von Schatten und Licht um ſo ſchärfer zeigt, und wenn der Kamin traurig verlaſſen da liegt, eine leergebrannte Stätte, wo man vielleicht noch Ueberreſte von Koh⸗ len und Aſche aus dem vergangenen Herbſte findet. Um den geneigten Leſer in eine paſſende Stimmung zu verſetzen, nehmen wir alſo an, es iſt ein trüber Spätherbſttag mit bewölktem Himmel; um die Ecken des Hauſes fegt der Wind, und wenn wir uns an eines der zgroßen Fenſter ſtellen, um hinauszuſchauen, ſo blicken wir in die Straßen der Stadt, wir ſehen, daß das Pflaſter mit Schnee bedeckt iſt, ebenſo die Dächer der Häuſer; wir bemerken ferner, daß Hackländers Werke. XXVv. 11 1 Ein Schickſal. die Leute eilfertig dahin ſchreiten und ſich bemühen, recht bald aus der kalten Luft in das warme Zimmer zu gelangen. Die Equipagen machen es ebenſo, und wenn wir ſehen, wie die zitternden Wagen⸗ laternen, ſo ängſtlich eilfertig ihren rothen Schein auf den weißen Schnee werfen und der warmen Remiſe zuſtreben, ſo begreifen wir vollkommen, warum ſich die Gasflamme in ihrem gläſernen Gehäuſe ſo mißmuthig ſchüttelt: ſie muß allein zurückbleiben in der kalten Nacht, ohne das Glück zu haben, anderen freundlichen und lebenden Weſen leuchten zu dürfen, als ſolchen, die ſich von ihr wegſehnen. Es iſt das einmal ihr Schickſal; ſie ſeufzt eine Weile, flackert betrübt hin und her und brennt dann in ſtiller Reſignation wieder ruhig in die Höhe. Blicken wir in das Gemach ſelbſt hinein, von deſſen Fenſtern wir eben hinausſahen, ſo bemerken wir, daß es weit und hoch iſt, daß die untere Hälfte der Wände aus faſt ſchwarzem Cichenholz und die obere aus einer dunkelblauen Seidentapete beſteht. Hiezu paßt die Decke vollkommen: ſie iſt ſchwer, geſchnitzt, in Quadrate eingetheilt, deren Mittelpunkt eine Höhlung bildend ſich hoch emporzieht, während an den Rändern ſeltſam geformte Zapfen tief herabhängen; noch tiefer aber als dieſe hängt ein ſchwerer Kronleuchter mit aufgeſteckten Ker⸗ zen, welche indeſſen nicht brennen. Gleichförmig mit Wänden und Decke iſt auch die ganze Zimmereinrichtung; in der Mitte ſteht ein maſſiver Tiſch, über den eine violettſammetne Decke herabhängt und mit ihren ſchweren Franſen den Boden berührt; die Stühle ſind breit, mit hohen geſchnitzten Rückenlehnen, gepolſterten Armen, ebenfalls mit violettem Sammet überzogen; alle Geräthſchaften ſtehen aber ſo will⸗ kürlich durcheinander, daß man glauben könnte, es mache ſich hier Jemand das ſonderbare Vergnügen, ſie beſtändig von ihrem Platze zu ſchieben. Eine gleich auffallende Unordnung herrſcht auch bei den vie⸗ lerlei Gegenſtänden auf Tiſchen, Stühlen, Bänken, ſowie auf dem dicken Teppich des Bodens; da liegen und ſtehen überall umher zer⸗ ſtreut Bücher, Sophakiſſen, Cigarren⸗Etuis, Bronzeſtatuetten, nament⸗ Ein Schickſal. lich prachtvoll ausgeführte Thiergruppen, das iſt, wie bemerkt, nur ſo hingeworfen. An einem Tabourette lehnt eine prachtvoll eingelegte ſpaniſche Laute, während nicht weit davon die neun Kegel eines Kegelſpiels durcheinanderliegen, von den Kugeln aber, die dazu gehören, ruht eine behaglich in einem neumodiſchen, mit ſchwerem Seidenzeug überzogenen Fauteuil und die andere auf dem Rand eines koſtbaren venetianiſchen Glaspokals, wo ſie ſo unbe⸗ holfen und ſchwer ausſteht, daß man jeden Augenblick glaubt, ſie müſſe den feinen Kryſtall zerdrücken. Auch alte Waffen befinden ſich in einer Ecke des Zimmers: ein ſchöner Bruſtharniſch, ein paar Mailän⸗ der Helme, große Stoßdegen, Schwerter und Streitkolben; doch wol⸗ len wir dem Leſer nicht verheimlichen, daß alle dieſe Waffen und Rüſt⸗ werkzeuge künſtliche Erzeugniſſe aus Steinpappe ſind, und daß ein Knabe von ſechs Jahren die ſcheinbar ſchwerſte Streitaxt mit Leichtig⸗ keit handhaben könnte. Nicht weit von dem Tiſche in der Mitte be⸗ findet ſich ein anderer kleinerer Tiſch, er iſt mit einem weißen Tuch bedeckt, und aus unordentlich durcheinander ſtehenden Tellern und Glä⸗ ſern mit den Reſten von Speiſen und Getränken, ſowie aus den darüber hingeworfenen Servietten ſehen wir, daß dort vor kurzer Zeit Jemand vom Souper aufgeſtanden iſt. Auffallend iſt es, daß wir auf dieſem Tiſche weder Meſſer noch Gabeln ſehen, ſondern nur elfen⸗ beinerne Löffel von verſchiedener Größe. Dieſes Gemach iſt erhellt von mehreren Carcelllampen, die da und dort ſtehen, ſowie von einem tüchtigen Feuer, welches im Kamin brennt. Vor dieſem Kamine zeigt ſich ein großer geſchnitzter Lehn⸗ ſtuhl, und in demſelben ſitzt ein Mann von ungefähr vierzig Jahren mit einem runden, fetten Geſichte, in dem ſich lebhafte Augen befin⸗ den, und das faſt immer von einem angenehm ſein ſollenden, aber in der That widerwärtigen Lächeln erhellt iſt. Der Mann hat es ſich bequem gemacht; ſeine Füße ſtecken in Pantoffeln, welche behaglich auf 3 einer vorſpringenden Stange des Kaminroſtes ruhen. Auf dem Schooße dieſes Mannes liegt eine Serviette ausgebreitet, und während er mit ſeltſame Krüge; aber alles — 2— 164 Ein Schickſal. der linken Hand einiges Backwerk verſpeist, hält die Rechte einen zier⸗ lichen Glaskelch, den er jetzt langſam emporhebt, worauf ein anderer Mann in der einfachen Livree eines vornehmen Hauſes, der neben ihm ſteht, das Glas mit rothem Wein füllt, das jener dann gegen die Ka⸗ minflamme hält, zum Munde führt und langſam ausſchlürft. „Und Ihr mögt ſagen, was Ihr wollt, Francois, der Bordeaux, den wir ſeit zwei Tagen bekommen, iſt nicht mehr der gleiche wie früher; es hat dem Hausmeiſter wieder einmal beliebt, zu wechſeln. Aber ich mag das nicht, und wenn ich das dem Doctor ſage, ſo kann das dem da drunten eine gewaltige Naſe einbringen.“ Der Bediente betrachtete aufmerkſam die Etikette der Flaſche, roch einmal in dieſe hinein und zuckte die Achſeln.„Ihr ſeid noch zu neu im Hauſe, Frangois,“ fuhr der Andere fort,„um darüber ein Urtheil abgeben zu können, wer aber wie ich nun ſchon anderthalb Jahre lang dieſes ſaure Brod eſſen muß, der kennt ſich leider aus.“ Nach dieſen letzten Worten ſteckte er ein großes Stück Kuchen in ſeinen Mund und ſpülte daſſelbe mit einem friſch eingeſchenkten Glaſe Wein hinunter.„Die ganze Wirthſchaft da drunten,“ fing er nach einer Pauſe wieder an, während er ſich behaglich den Leib ſtrich,„taugt den Teufel nicht, Hausmeiſter, Kammerdiener, Kutſcher und Koch— will ſich doch all das Geſindel in mein ſaures Amt miſchen; verlaſſe ich einmal einen Augenblick das Zimmer und komme zurück, ſo finde ich dieſen oder jenen neugierig hereinlugen oder gar in Unterredungen mit dem Herrn.— Du lieber Gott!“ ſetzte er ſcheinheilig hinzu, wäh⸗ rend er gen Himmel blickte,„wenn ich Unterredungen ſage, ſo meine ich Worte, die man an ihn hinſpricht, und worauf er leider Gottes keine zuſammenhängende Antwort geben kann. Deßhalb habe ich auch Euren Vorgänger entfernt, und ich hoffe, Francois, Ihr werdet Dank⸗ barkeitsgefühl genug haben, oder wenigſtens auf Euren Vortheil bedacht ſein, um ſo feſt als möglich an mich zu halten.“ Der Bediente verbeugte ſich ehrerbietig und neigte dabei den Kopf ſo tief gegen den Andern herab, als wollte er die Füße oder wenig⸗ Ein Schickſal. ſtens die Hände küſſen, dann ſagte er:„Was das Feſthalten anbelangt, Herr Krämer, ſo werden Sie von mir überzeugt ſein, daß wo ich ein⸗ mal im Dienſt bin, ich auch treu diene.“ Damit legte er die Hand auf ſein Herz und blickte mit einer ehrlich ſein ſollenden Miene an die Zimmerdecke. Dieſes Geſicht ſchien aber nicht zum Ehrlichausſehen ge⸗ ſchaffen zu ſein, es war vielmehr eine wahre Gauner⸗Phyſiognomie, aber kein ehrlicher Spitzbubenkopf mit trotzigem Mund oder zuſammen⸗ gekniffenen Lippen und böſen, ſtechenden Augen, ſondern dies Geſicht hier war ſo nichtsſagend und ſchlecht, ſchlaff und feige, daß ein Menſchenkenner angenblicklich wußte, er habe es mit einem Subjecte zu thun, welches vielleicht vor offenem Raub und Einbruch zurückſchaudere, dagegen zu feigem Betrug, zu Fälſchung und Schwindeleien aller Art ſtets bereit ſei. Das Geſicht des Bedienten war lang, ſchmal und bleich, und das einzige Beſondere in demſelben waren ſo hochgewölbte Augenbrauen, daß es ſchien, Frangois betrachte alle Dinge umher ſtets mit der größ⸗ ten Verwunderung. Herr Krämer ſchüttelte ruhig die Krumen von der Serviette auf ſeinem Schooß und reichte dann dieſelbe Francois, welcher ſie in ehr⸗ erbietiger Haltung zuſammenfaltete und dann liſpelnd ſagte:„Wäre es vielleicht unbeſcheiden von mir, wenn ich den Herrn Krämer um einige Aufſchlüſſe über das erſuchte, was ich ſeit acht Tagen hier vor mir ſehe und nicht recht begreife? Vielleicht könnte es für meinen Dienſt nicht ſchaden, wenn ich erführe— was ich erfahren ſoll,“ ſetzte er mit geſenktem Kopfe hinzu.—„Gewiß,“ erwiderte der Andere,„ich habe ſchon daran gedacht.— Was macht der Herr?“ Francois warf einen Blick in den Spiegel, der ſich über dem Kamin befand, und da dies uns ebenfalls nicht verwehrt iſt, ſo bemerken wir, daß dieſer Spiegel aus mehreren Stücken beſteht und kreisförmig auswärts gebogen ſo aufgeſtellt iſt, daß man von demſelben nicht nur das ganze Zimmer überſehen konnte, ſondern auch noch ein Nebenkabinet, eigentlich einen Alkoven, deſſen Oeffnung gerade ſo breit als das Kabinet iſt. „Er ſitzt im andern Zimmer am Fenſter an ſeinem gewöhnlichen 166 Ein Schickſal. Platze,“ ſagte der Bediente nach einer Pauſe;„er ſtützt den Kopf auf die Hand und ſchaut in die Nacht hinaus.“—„Gut,“ entgegnete Herr Krämer,„du weißt, Frangois, daß der Beſitzer dieſes Hauſes, der alte Baron von Breda, vor einem Jahre ſtarb.“—„Aus Kum⸗ mer,“ ſeufzte François.—„Allerdings aus Kummer,“ bemerkte der Andere,„und dazu hatte er Urſache genug. Es iſt keine Kleinigkeit, das zu erleben, was über den alten Herrn ſo plötzlich hereinbrach. Wie ſtand er in der Welt! Aus einem der beſten Häuſer des Landes, reich, angeſehen bei Vornehm und Gering, hatte er einen einzigen Sohn, ſeinen Stolz, ſeine Freude, einen der prächtigſten und lebens⸗ luſtigſten Cavaliere, die je zu Pferde ſtiegen, und dem alten Herrn ſchien ja alles nach Wunſch zu gehen. Wie oft hat ſo ein Vater von aller⸗ lei verliebten und anderen Launen ſeines Sohnes zu leiden, muß hie und da mit Geld nachhelfen oder alles Mögliche thun, um irgend eine Mesalliance zu verhindern. Derartige Geſchichten kamen eben hier nicht vor; alles wickelte ſich ab, wie ein gut geſponnenes Garn; daß der junge Herr der Tochter eines befreundeten Hauſes, der liebenswürdigen Gräfin Eliſe von Heeren, den Hof machte, wußte der alte Baron und rieb ſich ſchmunzelnd darüber die Hände. Nur Eins war ihm nicht ganz recht: die kleine Gräfin— ſchön, ſag' ich Euch, Frangois, wie Ihr nie was geſehen— hatte einen einzigen Fehler, der eigentlich für ein Mädchen kein Fehler iſt,— ſie war noch zu jung, erſt vierzehn Jahre alt, als der Baron ſie kennen lernte. Und wer ſeine Liebe zu ihr, ſowie ſeinen leidenſchaftlichen Charakter kannte, der begriff leicht, daß er nach zwei Jahren des Wartens überdrüſſig war und, da Eliſe jetzt Sechszehn geworden, hartnäckig auf die endliche Verbindung drang.“— Obgleich Frangois immer ſehr erſtaunt ausſah, nickte er jetzt doch auch noch beipflichtend mit dem Kopfe. 4 „Umſonſt baten die Eltern der Braut, namentlich die Mutter, um Aufſchub von wenigſtens noch einem Jahre, die beiden alten Her⸗ ren hatten längere Unterredungen mit einander, nahmen auch in Folge —— Ein Schickſal. 167 davon den jungen Herrn ernſtlich vor, deſſen ganze, aber einigermaßen heftige Antwort war:„wenn Eliſe noch warten will, ſo liebt ſie mich nicht und dann— kann auch ich warten.“— Seht Ihr, Francois, darauf hin hätte ich alles gut ſein laſſen; Gott! ſo ein junges Mäd⸗ chen ſtirbt nicht am Heirathen. Aber nein, da hatten ſie keine Ruhe, namentlich die Gräfin Mutter, ſie meinte, ihr würde es gelingen, den jungen Herrn nachgiebig zu machen. Ja, gehorſamer Diener! was ſie erreichten, war, daß ſich bei ihm die fixe Idee feſtſetzte, Eliſe liebe ihn nicht mehr, und als deren Mutter nun auch das Mädchen ſelbſt be⸗ ſtimmte, mit ihrem Verlobten darüber zu ſprechen, hätte es bald einen Celat gegeben; er rannte wie wahnſinnig nach Hauſe, ſie ſtürzte der Gräfin weinend in die Arme, und da war nichts Andres zu machen, als den Hochzeitstag ſo bald wie möglich zu beſtimmen.“ „Man hätte Eines oder das Andere auf Reiſen ſchicken ſollen,“ meinte Francois. Herr Krämer zuckte mit den Achſeln, ließ ſich ein neues Glas Wein eingießen, um ſeine vom mühſamen leiſen Sprechen trocken gewordene Kehle anzufeuchten, und ſagte dann nach einer Pauſe: „Unſereins ſieht freilich oft ſchärfer als die da droben, aber ſie glau⸗ ben's nicht; wäre ich nicht damals noch ganz fremd im Hauſe geweſen, hätte ich mir ſchon ein vernünftiges Wort erlaubt.— Nun der Hoch⸗ zeitstag kam heran,— doch ehe ich von demſelben ſpreche, muß ich noch des andern jungen Herrn im Hauſe erwähnen.“ „Ah, des Neffen von Herrn Eugen, des Herrn Paul!“— Herr Krämer nickte mit dem Kopfe, dann fuhr er fort:„Geſchwiſterkind des alten Herrn Baron, und nun, da es Gott ſo gewollt, muthmaß⸗ licher Erbe des ganzen ungeheuren Vermögens.“—„Ein braver Herr!“ ſagte Francois begeiſtert.—„Ein vollkommener Cavalier, freigebig, und weiß ſeine Leute nach Verdienſt zu behandeln.“— Der Bediente neigte demüthig ſeinen Kopf, der Andere ſchaute mit vielſagendem Blicke in die Höhe und bemerkte ruhig, aber ausdrucksvoll:„jetzt unſer Herr! — Jugend hat nicht Tugend,“ fuhr er nach einer Pauſe in leichtem gefälligem Tone ſort.„Herr Baron Paul war allerdings weniger leb⸗ 8* 168 Ein Schickſal. haft und wild, als der junge gnädige Herr, aber er iſt auch um mehrere Jahre älter, hat ſein Leben genoſſen und, wie er ſagt, die Weiber ken⸗ nen gelernt. Wir Beide, Francois, wollen es ihm nicht übel nehmen, daß er ſich den Wunſch der Gräfin Heeren auf ſeine Art auslegte. Er zuckte die Achſeln darüber und lachte ſo vor ſich hin; wenn ich mich unterſtehen dürfte, über einen Angehörigen unſeres Hauſes meine offen⸗ herzige Meinung zu äußern, ſo würde ich ſagen, er hätte das allenfalls bleiben laſſen können, aber du mein Gott! man ſagt etwas und meint es nicht ſo böſe.— Genug, der Hochzeitstag kam heran. Seht Ihr, lieber Francois, ich, der ich zum Haushofmeiſter für das junge Paar angenommen war und ſchon ſeit einem halben Jahre mich damit be⸗ ſchäftigte, alles in den gehörigen Stand zu ſetzen, ich hätte mir nicht träumen laſſen, jetzt mein gegenwärtiges Amt verſehen zu müſſen. Die Stelle eines Haushofmeiſters iſt ein ſchöner, angenehmer Poſten, man kann ſich überall umthun, man lebt frei und behaglich, kann ohne Scheu von der Gabe Gottes eſſen und trinken, allen möglichen Leuten gefällig ſein und darum auch wieder auf die Gefälligkeit Anderer rechnen. Ach, es iſt traurig, hier nun den ganzen Tag eingeſperrt zu ſein! Freilich bin ich nicht ſchlecht geſtellt, Ihr könnt das an Euch abmeſſen, lieber Francois, aber die Freiheit! die Freiheit!“ Francois legte ſein Mitgefühl für den unmittelbaren Vorgeſetzten dadurch an den Tag, daß er ſeine Unterlippe betrübt herunterhängen ließz weil aber die Augenbrauen trotz ſeiner Anſtrengung nicht auf⸗ hörten, höchſt erſtaunt auszuſehen, ſo bekam dadurch der Kopf etwas ungemein Komiſches.„Was nicht iſt, kann noch werden,“ meinte er nach einer Weile.„So können die Sachen hier doch nicht fortgehen, und wenn der Herr Baron Paul,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„das Haus antritt, ſo kann es Ihnen nicht fehlen.“ Herr Krämer antwortete mit einem tiefen Seufzer, und nachdem er vorſichtig in den Spiegel geſchaut und ſich überzeugt, daß der junge Herr im Nebenzimmer noch immer in derſelben Stellung ver⸗ harre, fuhr er in der Erzählung fort und ſagte:„Alle dieſe Reden von Ein Schickſal. 169 — der Aufſchiebung der Hochzeit hatten auf das Gemüth der jungen Gräfin ſehr nachtheilig eingewirkt; ich kann Euch das nicht ſo erklären, aber ich hörte ſpäter den Doctor mit dem alten Baron darüber reden, und der ſagte was von ahnungsvollem Bangen, was ein junges Mädchen⸗ herz bewege, von Gemüthsbewegung und gewaltigem Nervenreiz, kurz von einem Zuſtande, den man durchaus nicht ſteigern dürfe, um nicht die nachtheiligſten und ſchrecklichſten Folgen zu verleben. Am beſtimm⸗ ten Tage nun fuhr unſer Herr mit dem Baron Paul, der ſein Braut⸗ führer war, zu Heerens. Wie war er ſo vergnügt, als ich ihm beim Anziehen half, ja vergnügt, aber doch ſchrecklich aufgeregt.„Siehſt du,“ ſagte er zu mir,„wie meine Hand zittert, und doch halte ich nur ein Glas Waſſer,— dieſe Hand, die ſonſt nicht die geringſte Bewegung machte, wenn ich den ſchwerſten Säbel minutenlang in ihr ausgeſtreckt hielt. Das thut die Freude.“— So kam er nun bei ſeiner Braut an, oder vielmehr im Hauſe derſelben, aber ſtatt lachender, freudiger Geſichter, wie ſie einen Bräutigam empfangen ſollen, bemerkte er zer⸗ ſtörte Mienen, ängſtliches Hin⸗ und Herlaufenz ſtatt zu Eliſen führte man ihn in ein Zimmer des Parterreſtocks, wo der alte Graf Heeren mit dem Hausarzte erſchien.— Daß ich den Jammer mit wenig Wor⸗ ten ſage: die junge Gräfin hatte während des Ankleidens einen Anfall gehabt, ſie war zuſammengeſchaudert, als man ihr Schleier und Kranz brachte, ſie hatte geweint und gefleht, ſie nicht zum Tode zu ſchmücken, dann war ſie ohnmächtig geworden, und jetzt lag ſie ſtill brütend in einem Fauteuil und fuhr jeden Augenblick erſchreckt in die Höhe, indem ſie fürchtete, ihn, den ſie ſo ſehr geliebt, kommen zu hören. Er durfte ſie nicht einmal ſehen und fuhr in ſchrecklicher Bewegung nach Hauſe. Der Herr Baron Paul, obgleich er ihn zu tröſten verſuchte, war doch anfänglich ſehr karg mit ſeinen Antworten auf die ſtürmiſchen Fragen ſeines Vetters, dieſer wollte des Andern Vermuthungen hören über den furchtbaren Vorfall, und je verſchloſſener derſelbe blieb, deſto mehr drang der junge Herr in ihn. Was ſie eigentlich zuſammen ge⸗ ſprochen, das hat nie Jemand erfahren; ſo ein heftiger, aufgeregter 170 Ein Schickſal. junger Mann wie der Baron war wohl im Stande, den ruhigeren Vetter ſo lange zu quälen, bis er vielleicht ſeiner Anſicht, ſeiner Be⸗ fürchtung, ſeiner fixen Idee, Eliſe liebe ihn nicht mehr, beitrat. Was weiß ich, genug, ein Wort gab das andere; laß dich zehn⸗ und hun⸗ dertmal von einem Exaltirten fragen: warum liebt mich dieſes Mäd⸗ chen nicht mehr? ſo wirſt du ihm auch zur Antwort geben: vielleicht hat ſie dich nie ſo recht von Herzen gemocht, vielleicht zieht ſie einen Andern vor,— der Blitzſtrahl in ein Pulverfaß. Was half alles Ver⸗ nunftpredigen! Der junge Baron hatte nur einen Gedanken: wer? wer? wer? Und wenn man eifrig ſucht, ſo findet man.— Wohl hatte vielleicht der Baron Paul,“ ſetzte Herr Krämer nach einer kleinen Pauſe mit kaum vernehmlicher Stimme hinzu,„mit ſuchen helfen, wer weiß das? Vor dem alten Herrn wurden dieſe Sachen natürlicherweiſe heimlich betrie⸗ ben, genug, an einem ſchönen Abend brachte Baron Paul unſeren jun⸗ gen Herrn ſchwer verwundet nach Hauſe. Mit einem Herrn von W. hatte er ſich auf Säbel geſchlagen, hatte ſeinen Gegner tief in die Bruſt gehauen, ſelbſt aber einen Hieb in den Kopf erhalten, an dem er Mo⸗ nate lang zu Bette lag. Die Wunde heilte endlich zu, als aber der unglückliche junge Herr zum erſtenmal wieder aufſtand, war er in dem Zuſtande, in dem er ſich jetzt beſindet.— Doch ruhig, er ſteht auf.“ —„Und Gräfin Eliſe,“ flüſterte Frangois,„was ward mit ihr?“ B s— s— st!“ machte Herr Krämer, wobei ſein Geſicht plötzlich einen ganz andern, ſehr ernſten Ausdruck annahm, während er ſich in ſeinem Lehnſtuhle gerade ſetzte und, wie es ſchien, unbefangen vor ſich hin blickte. Ein aufmerkſamer Beobachter aber hätte deutlich ſehen können, daß dieſes unbefangene Weſen erkünſtelt war, daß er vielmehr häufig forſchende Blicke vor ſich in den Spiegel warf und daß er mit ungetheilter Aufmerkſamkeit auf ein kleines Geräuſch im Nebenzimmer, ſowie auf ſich langſam nähernde Fußtritte lauſchte. Unter der Thüre des Nebenkabinets oder Alkovens, von dem 4 wir vorhin ſprachen, ward die Geſtalt eines jungen Mannes ſichtbar, /1 der gegen das Kamin zuſchritt. Er mochte ungefähr vier oder ſechs⸗ —— Ein Schickſal. 171 undzwanzig Jahre haben, war hoch und ſchlank gewachſen, und wenn er etwas vorn übergebeugt ging, ſo mochte das wohl daher kommen, weil er den Kopf tief herabſinken ließ, ihn nur ſcheinbar mit der linken Hand unterſtützend, welche er an die Stirne gelegt hatte. Zwiſchen ſeinen weißen Fingern drängte ſich ſein lockiges blondes Haar hervor, welches ſeine hohe edle Stirne umgab. Sein Geſicht im Ganzen war angenehm, ohne ſchön zu ſein, es mußte früher einen unbeſchreiblich gut⸗ müthigen Ausdruck gehabt haben; jetzt aber gaben ihm die zuſammen⸗ gekniffenen Lippen und ein ſeltſamer Glanz in den hellbraunen Augen, ſowie ein unſteter Blick etwas Abſtoßendes, ja Unheimliches. Nachdem er einige Schritte in das Zimmer hineingethan, ließ er die linke Hand herabſinken, richtete den Kopf haſtig in die Höhe und blickte um ſich, anfänglich mit aufmerkſamem Geſichtsausdrucke, dann zuckten ſeine Lip⸗ pen wie ungeduldig, und wenige Minuten nachher flog eine tiefe Trauer über ſeine Züge. Mittlerweile war er vor den Kamin getreten, hatte ſich neben den Stuhl geſtellt, in welchem Herr Krämer ſaß, und ſagte mit einer tief⸗ klingenden Stimme:„Es iſt ſchon ſo lange dunkel da draußen auf den Straßen, daß ich's endlich genug habe. Es könnte wieder Tag werden,— o ja, Tag werden,— ich liebe die Nacht nicht.— Ah! fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er den Bedien⸗ ten mit zuſammengezogenen Augenbrauen angeſehen,„wie kann es auch Tag ſein, wo ſolche Figuren ſind! Ich habe ja ſchon oft geſagt, daß du ein Kind der Finſterniß biſt. Nun, du haſt das Recht dazu; aber du haſt kein Recht, dich hier einzudrängen und ein Stück Dun⸗ kelheit hereinzuſchleppen in meine hellen Zimmer.— Hebe dich weg, Ver—“. Ehe er aber dieſes Wort ausſprach, drückte er beide Hände mit einem ſchneidenden Seufzer an die Stirne und ſagte, als er ſie nach einer Weile wieder herabſinken ließ:„Doch wozu dich wegſchicken, Kamerad? Sind wir doch alle verdammt, der Eine ein bischen mehr, der Andere ein bischen weniger; ich vielleicht am wenigſten, dann kommſt du meinetwegen. Wer aber die Qual der Verdammniß am — 5 172 Ein Schickſal. verdienteſten trägt, das iſt da unſer Freund, der vor dem Kamine ſitzt, — der behaglich ſitzt,“ ſprach er nach einer Weile, wobei ſeine Augen anfingen zu blitzen und der Ton der Stimme immer heftiger wurde, „der da ſitzt, wenn ich ſtehe. Erhebe dich, Hallunke, ich dein Herr, ſtehe vor dir!“ Obgleich Herr Krämer mitleidig und höhniſch lächelte, beeilte er ſich doch, dem erhaltenen Befehle auf das Schnellſte zu willfahren, dann Aber, als er den ſchweren Seſſel zwiſchen ſich und den unglück⸗ lichen jungen Mann gebracht, veränderte er auf einmal ſeine Phy⸗ ſiognomie, ſeine Augen blickten ſtarr vor ſich hin, wie um den Gegen⸗ ſtand, den ſie erfaßt, zu bannen. Dabei kniff er die Lippen auf ein⸗ ander und ſtreckte den Hals ſo weit als möglich vor.„Alſo ſo weit wären wir wieder!“ rief er nach einer Pauſe,„das iſt der Dank für meine Mühe, daß man mir nicht einmal einen Augenblick Ruhe am Kamine gönnt! Habe ich darum Ihren Kopfſchmerz aufhören laſſen und ſo viele ſchöne Lichter angezündet? Ah! das Ding kann ſich än⸗ dern,“ ſetzte er grob und pöbelhaft hinzu;„bin ich vielleicht Ihr Narr, oder ſind—“. Glücklicherweiſe ſprach er dieſen furchtbaren Satz nicht aus.„Jetzt iſt mir ſchon alles einerlei. Allons, Frangois, löſchen wir die Lichter aus, der Herr Baron lieben die Dunkelheit.“ Es war ſchmerzhaſt anzuſehen, wie der unglückliche junge Mann in dieſem Augenblick ſich zu einem Lächeln zwang, zu einem Lächeln ſo voll furchtbaren Schmerzes, daß ihm unwillkürlich während deſſelben zwei Thränen über die Wangen hinabrollten; aber das Lächeln ſiegte und als nun gerade von der Glut im Kamine einer der Holzblcke auseinanderborſt und unzählige Funken herumſprühten, wurde das Lachen ſehr laut, natürlich und herzlich, und die Augen des jungen Mannes folgten mit offenbarem Wohlbehagen dem Feuerregen, der übrigens nur eine Sekunde währte. „Wie viel Uhr iſt es?“ fragte Herr Krämer ruhig den Bedienten. „Mir ſcheint, es iſt ſchon ſpät,“—„O nein, es iſt noch ſehr früh 5 rief haſtig der junge Mann,„für mich noch ſehr früh; ich will noch Ein Schickſal. nicht ſchlafen, ich kann noch nicht ſchlafen. Oh, Gerard,“ wandte er ſich an den Hüter,„wenn du einmal ſo furchtbare Träume hätteſt, wie ich, dann gingſt du gar nicht mehr zu Bette.“—„Und was thäte ich dann?“ ſprach der Andere.—„Du bliebſt am Fenſter ſitzen und ſchauteſt in die Nacht hinaus lange, lange, lange und betrachteteſt dir den dunklen Himmel und die ſchwarzen Wolken, bis es allmälig heller würde und immer heller und der helle Tag anbräche. Denn wenn du ruhig abwarteſt, Gerard, ſo kommt doch der Tag zuletzt immer wieder, und darauf habe ich meine Hoffnung gebaut.— Einen Stuhl!“— Dieſe letzten Worte galten dem Bedienten, der ſich auch beeilte, einen Fauteuil aus der Ecke herbeizu⸗ holen, in den ſich der junge Baron niederließ. Er ſtützte den Kopf in die Hand und blickte eine Zeit lang düſter in die Glut des Kamin⸗ feuers, lächelte dann eigenthümlich und ſagte:„Glaube mir, Gerard, ich habe in meinem Kopf viele gute Gedanken, das fühle ich wohl; aber verflucht! ich weiß ſie nie auszuſprechen. Iſt mir doch gerade, als habe ich hinter meiner Stirne ein eiſernes Gitterwerk, einen Käfig, ein Gedankengefängniß, und darin toben ſie oft wild durcheinander und ringen nach Freiheit, daß es mir ſchwindlig und Angſt wird. In ſolchen Augenblicken drücke ich meine beiden Hände an den Kopf, um die toll durcheinanderſpringenden Ideen zu beruhigen.— Gibt es kein Mittel, Gerard, dieſes Gitter aufzuſprengen? Du ſollteſt ſehen, was für prachtvolle Gedanken dann zum Vorſchein kommen.— Gibt es kein Mittel?“ fragte er nach einer längeren Pauſe abermals. „Nein, es gibt keins,“ erwiderte der Hüter ziemlich barſch, und als der junge Mann bei dieſer Antwort den Kopf tief in ſeine Hände verbarg, ſagte jener flüſternd zu dem Bedienten:„Gott ſei Dank, daß das eiſerne Gitter da iſt; wenn wir all dieſe Gedanken hören ſollten, das wäre um ſelbſt närriſch zu werden.“ Dabei bemerkte er übrigens nicht, wie ſchon bei den erſten Worten, die er ausſprach, der junge Mann einen Blick herüberwarf, einen Blick, der ſchrecklich war, und wie er darauf die Zähne zuſammenbiß; doch lehnte er ſich im nächſten Augenblick ruhig in den Fauteuil zurück, faltete die Hände und ſagte 174 Ein Schickſal. mit weicher Stimme:„Lies mir etwas vor.“—„Es iſt ſchon ſo ſpät, verſetzte Herr Krämer mürriſch.—„Lies mir vor!“ wiederholte heftig der Kranke.—„Auch habe ich Bruſtſchmerzen,“ fuhr der Hüter fort; „Frangois, bring das große Bilderbuch her.“ „Und ich will kein Bilderbuch!“ rief nun der junge Mann mit ausbrechendem Zorn.„Verflucht ſei dein Bilderbuch, deine Hunde und Affen, ſelbſt Hund und Affe!— Das Buch! ich will das Buch! Du weißt ſchon, was ich meine, und kennſt auch, was ich will, daß du mir vorleſen ſollſt. Ja, ſchaue mich nur mit deinen giftigen Augen an und winke deinem Henkersknecht.“—„Francois!“ ſagte der Hüter mit einer unangenehmen Kälte,„löſche die Lichter aus, es iſt kein gut Wetter heute Abend.“—„Ja, löſche die Lichter aus!“ ſchrie der unglückliche Kranke, indem er mit den Zähnen knirſchte;„aber wenn es auch finſter iſt, will ich dich doch treffen; ich ſehe dich auch in der Nacht.“ Und bei dieſen Worten griff er mit ſicherer Hand in den Kamin, ergriff eine kleine Schürſtange von polirtem Eiſen, die an der Seite lehnte, und ſchwang ſie drohend gegen Gerard. Dieſer aber, dem dergleichen Auftritte ſchon zuweilen begegnet ſein mußten, und dem nichts der Art unerwartet kam, ergriff ruhig eine andere Stange, die an ſeiner Seite lehnte und ſagte:„Nur zu; das wird ein artiges Duell geben, eine Quart auf die Bruſt hieher und eine Prim in den Kopf dahin.“ Bei dieſen letzten Worten fuhr er ſich mit dem Nagel des Daumens über die Hirnſchaale, genau an derſelben Stelle, wo der Baron Breda damals jenen fürchterlichen Hieb erhalten. Und als ob er ſo eben erſt den Schlag bekommen, ſank der unglückliche junge Mann in den Stuhl zurück, ließ die Stange fallen und fuhr mit beiden Händen an ſeine Stirne. Herr Krämer blickte triumphirend lächelnd zu Frangois auf, der jetzt ſeine Augbrauen noch höher emporzog und in Wahrheit ein Bild des Erſtaunens abgab.„Da wir nun wieder Freunde ſind,“ fuhr der Hüter nach einem längeren Stillſchweigen und mit einem fatalen Lächeln fort,„ſo ſoll auch Frangois das Buch holen, dort auf dem Tiſche ——— Ein Schickſal. 175 das kleine rothe.“ Der Bediente that wie ihm befohlen, Herr Krämer öffnete es, ſuchte eine Weile und las dann: 3 „Du biſt wie eine Blume, So hold und ſchön und rein.“ „Ja, ſie war wie eine Blume!“ ſeufzte der Unglückliche,„ſo ſchön, ſo hold und auch gewiß ſo rein. Ich habe ſie lange angeſchaut— und ſehe ſie noch vor mir,“ ſagte er träumeriſch;„ich kann jedoch ihr Bild nicht mehr erkennen. Aber wenn ich nur daran denke, fließt Wehmuth in mein Herz.“ „Mir iſt, als ob ich die Hände Aufs Haupt dir legen ſollt“, las Herr Krämer weiter. Betend, daß Gott dich erhalte So ſchön, ſo rein, ſo hold. „So das iſt's,“ ſchloß der Wärter. Betend, daß Gott dich erhalte So ſchön, ſo rein, ſo hold,“ wiederholte der Unglückliche mit leiſer, vor Wehmuth zitternder Stimme, wobei er ſeine Hände aufhob, als wollte er ſie ſanft Jemand auf das Haupt legen. Dann ſtand er auf, warf einen vielſagenden Blick auf ſeinen Hüter und fing darauf an, im Hintergrunde des Zimmers mit großen Schritten auf und ab zu gehen. 1 „So, das gilt für den Abendſegen,“ ſagte Herr Krämer jetzt wie zu ſich ſelbſt, indem er ſeine Stimme, die ohnehin beim Vorleſen nicht viel Schwung bewieſen hatte, zum allergewöhnlichſten Geſprächs⸗ ton herabſtimmte und als er bemerkte, daß der Kranke haſtig hin und her ging, fuhr er fort:„Das kann er zehnmal des Tags hören und iſt hernach ruhig wie ein Lamm.“— Und er meint ſeine Braut da⸗ 176 Ein Schickſal. mit?“ fragte der Bediente flüſternd.„Aber was ſagte er vorhin? er könne ſich kein Bild von ihr machen? das iſt in der That ſonderbar.“ — Eigentlich nicht ſo ſonderbar, als Ihr glaubt, Frangois,“ meinte wichtig Herr Krämer.„Die Aerzte und Gelehrten ſagen: jeder Theil des Gehirns von Thier und Menſchen habe eine beſtimmte und ab⸗ ſonderliche Funktion, man hat darüber an Tauben Verſuche angeſtellt, das Gehen eines ſolchen Geſchöpfes z. B. an irgend einer gewiſſen Stelle verletzt, und es ging nun beſtändig rückwärts, an einer andern ſtürzte es unaufhaltſam vorwärts, bei einem dritten und vierten drehte es ſich in Einem fort rechts oder links herum. Das ſoll bei einem Men⸗ ſchen nun gerade ſo ſein, und der Hieb dort,“ ſagte er ſo leiſe, daß es nur für den Bedienten verſtändlich war,„muß gewiſſermaßen, wie ſie es nennen, einen Theil des Gedächtniſſes getroffen haben, denn wenn ſich der Herr auch gewiſſer Sachen, die früher vorfielen, außerordentlich gut erinnert, ſo hat er dagegen alle Perſonen ſeiner früheren Bekannt⸗ ſchaft total vergeſſen, ſogar den alten Herrn erkannte er nicht wieder, ebenſo wenig mich, den er doch früher täglich geſehen. Und was nun ſeine Braut anbelangt, ſo hat er wohl eine Ahnung von der ganzen Geſchichte und blättert oft dort in dem großen Buche, wo die ſchönen Mädchenköpfe abgezeichnet ſind; da kann er ſtundenlang überlegen und ſuchen, ohne zu finden, denn das ſieht man an der Trauer und dem Unmuthe, mit dem er das Buch jedesmal von ſich wegwirft.“ „Alſo weiß er, daß er eine Braut gehabt und ſie verloren?“— „Gewiß, aber gerade, daß er fort und fort nachgrübelt und ihr Bild wieder zu finden ſucht, wird ſeiner Geneſung, wenn überhaupt eine mög⸗ lich wäre, ſehr hinderlich ſein.“—„Und die junge Gräfin?“ fragte flüſternd der Bediente,„hat ſich ihr Zuſtand geändert, oder iſt ſie ſchwermüthig geblieben?“—„Wir wiſſen nicht viel von ihr,“ entgeg⸗ nete Herr Krämer nach einer Pauſe.„Die Aerzte riethen ihr Luft⸗ veränderung, ſie machte mit ihren Eltern eine Reiſe nach Südfrankreich und Italien, und ich weiß in der That nicht, ob ſie zurückgekehrt iſt.“ —„Alſo ſind die beiden Häuſer durch die Geſchichte ein wenig aus⸗— ———— Ein Schickſal. 177 einander gekommen?“—„Schon vor dem Tode unſeres alten Herrn; und doch, ſeit Herr Baron Paul die Sachen verwaltet, hat es ſich wieder gut gemacht. Nur als vor einem halben Jahre die Aerzte zu einer Zuſammenkunft der beiden jungen Leute riethen, welche vielleicht auf das Gemüth des Kranken heilſam einwirken könnte—“—„So widerſetzte ſich der Herr Baron Paul dieſer Zuſammenkunft?“ fragte Francois mit einem ſeltſamen Lächeln;„ich verſtehe.“—„So, Ihr verſteht?“ erwiederte der Andere mit einem kurzen und raſchen Kopf⸗ nicken.„Nun, das freut mich, und da Ihr nicht ganz ohne Verſtand ſeid, ſo werdet Ihr auch hoffentlich einſehen, wie die Geſchäfte hier geführt ſein wollen.“ „Aber eins begreife ich nicht,“ meinte der Bediente,„warum Ihr mit dem Kranken hier in der Stadt und dem Hauſe bleibt? Da gibt es doch ſtille und ruhige Aufbewahrungsorte, wo man glücklicher⸗ weiſe nicht ſo viel Umſtände zu machen brancht.“ Herr Krämer ſchüttelte verächtlich mit dem Kopfe, dann deutete er achſelzuckend auf ſeine Stirne und ſagte hierauf:„Es iſt ein Unglück, wenn man nicht weiter ſieht, als Einem die Naſe gewachſen iſt. Meinet Ihr vielleicht, man ſtecke den einzigen Herrn eines großen Namens und ungeheuren Vermögens nur ſo mir nichts, dir nichts in irgend eine Anſtalt hinein? Das will zart behandelt ſein. Das iſt ein Grund; der andere aber iſt der, daß unſer Kranker in eine wahre Wuth geräth, wenn er nur aus irgend etwas zu merken glaubt, man wolle ihn aus der Stadt entfernen.“ „Alſo hat er ſehr lichte Momente?“ fragte der Bediente.—„Viel zu viel, um ein Narr zu ſein, und zu wenig, um vernünftig leben zu können. Ich ſage Euch, Frangois, es gibt Tage, wo wir Beide ſo ruhige Converſation führen und wo er ſo geſcheidt fragt und ant⸗ wortet, daß ein Dritter, der uns zuhörte, wahrhaftig kaum im Stande wäre, zu ſagen, wer von uns Beiden der Geſcheidteſte iſt.— Jetzt aber geht hinaus, ich habe ſchon ein paarmal bemerkt, daß er un⸗ Hackländers Werke. XXV. 4 12. 178 Ein Schickſal. willige Blicke herüberſchießt; mir ſcheint, er will allein ſein, vielleicht ſchlafen. Du grundgütiger Herrgott!“ ſetzte er mit einem ſcheinheili⸗ gen Seufzer hinzu,„dann wäre dieſes mühſame Tagewerk auch wieder vorüber! Iſt noch ein Tropfen in der Flaſche?“ Statt aller Ant⸗ wort füllte der Bediente den dargereichten Kelch nochmals, ſchlug dann den Pfropfen mit der Handfläche in die leere Flaſche und entfernte ſich mit leiſem Schritt. Der Baron Breda ſtand am Fenſter und hatte die Stirne an die kalten Scheiben gedrückt, nun wandte er ſich mit einemmale raſch herum.„Wiſſen Sie was, Gerard,“ ſagte er mit lauter Stimme, „ich habe das Leben hier in dem Zimmer ſatt und will hinaus. Teufel auch! ein junger Mann von meinem Alter braucht nicht ge⸗ hütet zu werden wie ein kleines Kind, und keinen Wärter wie Sie ſind.“ Statt aller Antwort zuckte Herr Krämer mit den Achſeln und blickte lächelnd vor ſich hin in die Kaminglut. Der junge Mann ſchaute ihn ein paar Sekunden mit weit geöffneten Augen an, dann ſeufzte er ſchmerzlich auf, legte die Hand an die Stirne und ballte ſie gleich darauf wie im heftigen Zorn. Doch ging das wieder vorüber, wie es gekommen, worauf ſich der Kranke abermals ein paar Schritte dem Kamin näherte und dann mit ſanfter, ſchmeichelnder Stimme ſagte:„Lieber Gerard, wir kennen uns doch ſchon ziemlich lange, ich glaube ſeit jenem unglücklichen Tage, wo ich zu Bette liegen mußte. Ganz richtig, mir wird es ſo ſchwer, eine Erinnerung feſtzuhalten,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, während welcher er ſeine Augen mit der Hand bedeckt hatte.„Sie ſagten mir öfters, Sie ſeien mein ganz ergebener Diener.“ „Allerdings habe ich das oft geſagt und meine es auch ehrlich; Ihnen fehlt auch nichts, ich bin ja beſorgt für Sie, wie man es nur ſein kann.“—„O ja, zu viel,“ murmelte der junge Mann,„aber — was wollte ich doch ſagen? das Gitter, das verfluchte Gitter! es läßt meine Gedanken nicht hinaus. O, ich habe ſchöne Gedanken, Gerard, gute Gedanken, und auch für Sie.“ Bei dieſen Worten —— Ein Schickſal. 179 war er ganz nahe an den Lehnſtuhl getreten, an welchem der Hüter ſaß, der vollkommen gleichgültig ſchien und auch nicht eine Miene machte, den Kopf herumzudrehen. Dagegen blickte er aufmerkſam in das Spiegelglas vor ſich, auf welche Art er die geringſte Bewegung des Kranken zu überwachen im Stande war.—„Gerard,“ fuhr dieſer fort,„ich bin der Herr dieſes Hauſes, laßt dieſes elende Spiel auf⸗ hören. Warum bewacht man mich? Warum läßt man mich nicht frei ziehen? Wiſſen Sie was, Gerard,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„wir wollen zuſammen fliehen in die weite Welt hinaus; Sie machen mich frei, ich mache Sie reich.— O hinaus! hinaus! immer weiter! durch Thäler über Berge, daß ich den weißen, garſtigen Schnee nicht mehr ſehe. Denken Sie, Gerard, welches Entzücken, welch' Vergnügen, wenn des weißen kalten Schnees immer weniger wird, wenn ſich dazwiſchen grüne Streifen zeigen, liebe grüne Streifen, unendlich far⸗ bige Blumen, weiße Glocken und blaue Veilchen, und davon machen wir einen Kranz und ziehen damit immer weiter und weiter hinaus, bis wir ſie wieder finden, die Blume aller Blumen, ſo ſchön, ſo hold, ſo rein!“— Dieſe Worte hatte er wie in ſteigender Angſt ge⸗ ſprochen und dabei ſeinen Kopf tief herabgeſenkt, um beſſer in das unbewegliche Geſicht ſeines Hüters blicken zu können, ob vielleicht aus demſelben eine kleine Hoffnung zu ſchöpfen ſei.—„Willſt du, Gerard?“ Doch hatte ſich in der Phyſiognomie des Herrn Krämer durch⸗ aus nicht das Mindeſte verändert; höchſtens ſchien er gelangweilt, eine Sache abermals hören zu müſſen, die nach ſeinen Begriffen voll⸗ kommen kindiſch, ja verrückt war; er ſchien auch gar keine Luſt zu haben, ſich in Crörterungen einzulaſſen, ſondern erwiderte einfach: „Es iſt wahrhaftig ſchon ſpät, wir müſſen die Lichter auslöſchen, alle Welt geht zu Bette, und das wollen wir auch thun.“— Das Geſicht des jungen Mannes zeigte in dieſem Augenblicke einen ver⸗ zweifelten Kampf, eine Stufenleiter von der höchſten beſeligendſten Hoffnung zur tiefſten ſchmerzlichſten Enttäuſchung.—„Nein, nein!“ Ein Schickſal. ſagte er zähneknirſchend,„nur Licht! Licht!— ich will nicht ſchlafen, Gerard!“ rief er darauf laut, indem er an das Fenſter eilte und den Vorhang zurückriß.„Siehſt du wohl, daß nicht alle Welt ſchläft; dort fahren ſie herum mit ſchnellen Pferden und glänzenden Livreen. Glückliche, frohe Menſchen!“ Die heſtige Aufregung, welche in dem Tone der Stimme des Kranken lag, bewogen Herrn Krämer, lang⸗ ſam aufzuſtehen und ſich ebenfalls dem Fenſter zu nähern.„Bah!“ ſagte er,„wie kann man wieder ſo aufgeregt ſein! Es iſt wahrhaftig beſſer, wenn wir ruhig zu Bette gehen. Denken Sie an was Anderes! man muß das alles vergeſſen.“ „O wie kann ich ſie vergeſſen!“ ſprach der junge Mann leiſe zu ſich ſelber,„ſ ie vergeſſen, da ſie einmal mein war! Nie!— nie! — nie!“ Nach dieſen Worten blickte er eine Weile ſtarr zum Fenſter hinaus, wobei ſeine Züge ſich augenſcheinlich beruhigten, dann blitzte ſein Auge eigenthümlich, und momentan ſchien es, als zucke ein ſelt⸗ ſames Lächeln um ſeinen Mund. Nachdem er noch eine Zeitlang die heiße Stirne an die kalten Scheiben gedrückt, wandte er ſich ruhig um und trat zum Tiſche, wo die ſchwere Kegelkugel auf dem venetianiſchen Glaſe lag. Er nahm ſie leicht in die Hand und rollte ſie mit ſo großer Kraft über den Teppich weg nach den Kegeln, daß ſie an der Wand hoch emporfuhr. Herr Krämer ſchüttelte den Kopf und bat, das Spiel jetzt zu unterlaſſen, da es bereits neun Uhr ſei und zu ſpät, um jetzt noch Derartiges zu treiben.„Ich will aber noch nicht ſchlafen!“ entgegnete der Kranke,„meinetwegen will ich die Kugeln liegen laſſen, aber dann eine andere Unterhaltung haben.“ Der Hüter, welcher zufrieden war, daß der Paroxismus von vorhin ſo glücklich und leicht ſich gelegt hatte, mochte nun auch nicht darauf beſtehen, den Kranken in's Bett zu bringen, und ſagte:„Nun, mir ſoll es auf eine Stunde weiter nicht ankommen; ich will Sie ſo⸗ gar noch eine Zeit lang unterhalten, wenn Sie gut und ruhig ſein wollen. Wünſchen Sie etwas zu ſpielen?“— Der junge Mann, der hoch aufgerichtet im Zimmer ſtand und jede Miene ſeines Hüters — — Ein Schickſal. 181 aufmerkſam betrachtete, fragte mit einem lauernden Blicke:„Wo iſt das Schachbrett?“—„Dort auf dem Nebentiſche,“ entgegnete Herr Krämer.— Der Kranke zuckte mißmuthig mit den Achſeln.„Ach nein,“ ſagte er,„warum mit den Schachfiguren ſpielen? Das ſind arme Gefangene wie ich, ſie können nur ihre vorgeſchriebenen Schritte thun und dürfen nicht rechts noch links; das eckelt mich an. Wo ſind meine Federbälle? Das fliegt, wohin es Luſt hat.“—„Ah!l“ meinte der Hüter,„wie kann man Ball ſchlagen bei Licht! Warten Sie bis morgen früh!“—„Wo ſind meine Federbälle?“ fragte der junge Mann mit demſelben eigenthümlich lauernden Blicke wie vorhin. —„Dort in dem Wandſchranke, glaube ich.“—„So will ich damit ſpielen!“ Bei dieſen Worten preßte der Kranke die Lippen heftig aufeinander. Herr Krämer, der es vorzog, lieber eine halbe Stunde Ball zu ſchlagen, als eine ganze unruhige Nacht durchmachen zu müſſen, wie das ſchon bei ähnlichen Veranlaſſungen vorgekommen war, ging nach der Ecke des Zimmers, wo ſich der bezeichnete Wandſchrank befand. Derſelbe war ſehr tief und in einem Winkel angebracht, den die Mauern des Nebenzimmers, mit dem dieſes Gemach verbunden war, bildeten; verſchloſſen war er durch eine Thüre mit einem kunſtvoll gearbeiteten feſten Schloß. Der Hüter öffnete denſelben und bückte ſich brummend nieder, um Bälle und Raquette herauszulangen. Der Baron ſtand in der Mitte des Zimmers und hatte die rechte Hand auf den großen Tiſch geſtützt, während er die Nägel ſeiner linken aufmerlſam zu betrachten ſchien;— ſchien ſagen wir, denn in Wahrheit verfolgten ſeine Blicke mit größter Aufmerkſamkeit die Bewegungen ſeines Wärters. Kaum hatte ſich derſelbe niedergebückt und befand ſich mit dem Oberkörper in dem Wandſchrank, als der junge Mann mit einem einzigen Sprunge hinter ihm war, ihn mit Rieſenkraft in den dunklen Raum warf, die Thüre zuſtieß und den Schlüſſel umdrehte. Das alles war das Werk einer Sekunde und der Ueberfall ſo plötzlich und unerwartet gekommen, daß Herr Krämer Ein Schickſal. während demſelben nicht einmal einen Schrei ausſtieß. Nachdem die ſchwere Thüre aber einmal verſchloſſen, war ſein Rufen ſelbſt in dem Gemache nur dumpf zu vernehmen. Einen Augenblick blieb der junge Mann wie überraſcht vor der Thüre ſtehen, dann lächelte er eigenthümlich und ſagte zu ſich ſelber: „Ruhig, ruhig— ruhig,“ während er, wie um ſeine Gedanken feſt⸗ zuhalten, beide Hände feſt an den Kopf drückte. Indem fing der eingeſchloſſene Wächter an zu rufen und zu poltern; man vernahm deutlich ſeine grobe Stimme:„Was ſoll das heißen?— Wollen Sie augenblicklich öffnen?— Nehmen Sie ſich in acht, das ſoll Ihnen theuer zu ſtehen kommen! Auf meine Chre ſchwöre ich Ihnen! vier Wochen lang ſollen Sie nicht Sonne und Mond ſehen, auch nicht den geringſten Lichtſtrahl.“ Kopfnickend horchte der Baron auf die Stimme ſeines Feindes, und ſtatt aller Antwort drehte er den Schlüſſel in dem Schloſſe noch⸗ mals herum, zog ihn dann ab und warf ihn in die Kaminglut; dann beſann er ſich einen Augenblick und verſchloß darauf auch die Thüre, die auf den Korridor führte und zu welcher Frangois hinausgegangen war. Nun fühlte er ſich frei und ſagte ſich das zehnmal nach ein⸗ auder mit tiefen Athemzügen.„Frei! frei! frei?“ jubelte er aus voller Bruſt; dann begann er zu überlegen, wie die gewonnene Frei⸗ heit am beſten zu benutzen ſei, und um darüber nachdenken zu können, ſetzte er ſich in den Lehnſtuhl ſeines Wärters am Kamin und blickte in die glühenden Kohlen, wobei aber ſeine Geſichtszüge auf eine er⸗ ſchreckende Art beſtändig wechſelten. Jetzt ſchien er zufrieden mit dem, was er gethan, gleich darauf ſchaute er überraſcht um ſich und ſchien erſchrocken, ſich ſo allein im Zimmer zu ſehenz dann verſank er wie⸗ der in tiefes Nachſinnen. Am räthlichſten erſchien es ihm nach einer Weile, Stühle und Tiſche zuſammenzutragen und ein Feuer darunter zu machen, um in dem Tumulte, der dann nothwendig entſtehen müſſe, das Haus zu verlaſſen. Gleich darauf wollte er das Fenſter öffnen und auf die Straße hinaus um Hülfe rufen, doch verwarf er e— — — Ein Schickſal. 183 das kopfſchüttelnd und lauſchte dann wieder aufmerkſam nach dem Wandſchranke hin, wo der eingeſperrte Hüter ſchon längſt angefangen hatte, gelinde Saiten aufzuziehen und freundliche Worte zu geben. Dazwiſchen hörte man ihn aber wieder fluchen und toben und mit aller Kraft auf den Fußboden klopfen, indem er dadurch Jemand zu ſeiner Hülfe herbeizuziehen hoffte. Der junge Mann ſchien unterdeſſen einen andern und beſſern Entſchluß gefaßt zu haben, und die Idee hiezu war ihm offenbar beim Anblick des Schlüſſelbundes gekommen, den Herr Krämer auf dem Tiſche, wo er ſoupirt hatte, liegen gelaſſen; er nahm ihn zu ſich und ging zu einer Thür neben dem Eingang zu dem erwähnten Schlaf⸗ kabinet. Nachdem er mehrere Schlüſſel probirt, fand er endlich den richtigen, öffnete und ging, nachdem er ſich ein Licht angezündet, in das anſtoßende Zimmer. Die kleine Flamme der Kerze drohte vom Luftzuge zu verlöſchen, als der junge Mann in das Nebenzimmer trat, weßhalb er einen Augenblick ſtehen blieb, um die Flamme mit der Hand zu ſchützen. Auch Erinnerungen, die mächtig auf ihn ein⸗ ſtürmten, ſchienen ihn auf der Schwelle zu feſſeln; er blickte um ſich, und nach und nach, als das Licht heller brannte und die ruhig auf⸗ ſteigende Flamme mehr und mehr leuchtete, ſchien es auch in ihm klarer zu werden; aber zu gleicher Zeit lagerte wieder ein Zug tiefen Schmerzes über ſeine Züge, er erkannte das Zimmer wieder, wo er ſich befand; es war ja ſein eigenes, ganz in demſelben Zuſtande ge⸗ blieben, in welchem er es vor anderthalb Jahren verlaſſen. Da waren all die ihm wohlbekannten Geräthſchaften, und es war ihm zu Muthe, als kehre er von einer langen Reiſe zurück und trete nun zum erſteu⸗ mal wieder bei ſich ein. Doch leuchtete die einzige Kerze zu ſchwach, weßhalb er zurück in das große Gemach ging und dort ein paar Carcelllampen holte, nicht ohne nach dem Wandſchranke hinzulauſchen, wo er aber nichts vernahm als ein ſchwaches Geſeufze. Er trat zurück in ſein Zimmer und überließ ſich der Freude des Wiederfindens. Von einem Tiſche 184 Ein Schickſal. eilte er an den anderen, betrachtete und befühlte alle Gegenſtände, die um ihn herumſtanden. Ach! und es wollte ihm faſt das Herz zerreißen, wenn er irgend etwas fand, woran ſich eine ſüße Erinnerung knüpfte, und er fand viel dergleichen: Bücher; die er ihr zum Leſen geſchickt und die ſie ihm zurückgeſandt, kleine, zierliche Sachen, die ſie ihm bei verſchiedenen Gelegenheiten zum Geſchenk gemacht; und vor allem das Koſtbarſte, was er gierig empornahm und an ſeine Lippen riß, waren verwelkte, vertrocknete Blumen in einem Glaſe. Etwas aber ſuchte er vergebens: ihr Bild. Dort an der Wand, wo es ſonſt hing, hier auf dem Schreibtiſche, wo eine kleine Kopie davon geſtanden, war nichts mehr davon zu ſehen.— Obgleich die Gedanken in ſeinem Kopfe heftig tobten und wütheten und an dem eiſernen Gitter rüttelten, ſo daß es ihm war, als ſtröme über ihn hinweg ein brauſender Waſſerfall, deſſen Getöſe er nur zuweilen zu dämpfen ver⸗ mochte, wenn er den Kopf recht feſt mit beiden Händen drückte, ſo fühlte er doch, wie beim Anblick all der bekannten Gegenſtände auch ihr Bild langſam bei ihm auftauchte und wie ſo nach und nach ein⸗ zelne Züge deſſelben wie leuchtende Blitze durch die Nacht zuckten, welche ſein Gedächtniß umgab. Umſonſt aber verſuchte er dieſe ein⸗ zelnen Züge feſtzuhalten, um ein Ganzes daraus zu formen; er brachte es trotz der unſäglichſten Mühe nicht zu Stande, und da er das fühlte, faltete er ſeine Hände und hob ſie wie flehend in die Höhe. —⁴ʃ———— Ein lautes Klopfen an die äußere Thüre des Nebenzimmers, dem der Hüter im Wandſchranke mit doppelten Schlägen und Rufen ant⸗ wortete, ließ ihn zuſammenfahren und brachte ihn aus ſüßen und ſchrecklichen Träumen in die Wirklichkeit zurück; er blickte raſch um ſich her und als er auf einem Nebentiſche ein kleines Käſtchen bemerkte, nahm er dieſes zu ſich und ging damit in das äußere Zimmer zurück. Dort ſtellte er es auf den Tiſch, und da er keinen Schlüſſel fand, um es zu öffnen, ſo drückte er das Ende eines elfenbeinernen Lineals ſo kräftig in den Spalt unter dem Deckel, daß das ſchwache Schloß nachgab und das Käſtchen aufflog. In demſelben befanden ſich zwei Ein Schickſal. 3 185 Doppelpiſtolen der feinſten engliſchen Arbeit; der junge Mann lächelte eigenthümlich, als er ſie betrachtete; dann horchte er einen Augenblick- auf das Geräuſch an der äußern Thüre, an der noch zuweilen geklopft wurde, und wo ſich'alsdann ein paar Stimmen vernehmen ließen, die zuſammen ſprachen, worauf er vorſichtig, aber eilig die Schuß⸗ waffen herausnahm, ſie mit einem guten Schuſſe lud, dann auf jeden Lauf eine Zündkapſel ſetzte und hierauf die beiden kleinen Piſtolen vor ſich auf den Tiſch legte. Nachdem dies gethan, ſchien der Kranke einen Augenblick zu überlegen und ſchritt dann gegen die äußere Thüre, an welcher wiederholt geklopft wurde und vor welcher er immer noch ſprechen hörte, ohne etwas verſtehen zu können.„Wer iſt draußen?“ fragte der Baron nach einer kleinen Pauſe, wobei er ſeine Hände an den Drücker und den Riegel der Thüre lehnte.„Francois!“ erklang es von draußen;„er will herein.“—„Francois wird hereinkommen, wenn es mir gut dünkt.“—„Oho!“ hörte man die Stimme des Bedienten. Und dann rief er lauter:„Ich bin's ja, Herr Krämer, machen Sie doch auf!“ Einen Augenblick ſchaute der junge Mann im Zimmer umher, nach der Thüre des Wandſchranks, vor allem aber nach dem Tiſche, wo die Piſtolen lagen, dann zog er den Riegel zurück, öffnete die Thüre und ging rückwärts gegen den Tiſch, wo er ſtehen blieb und die rechte Hand aufſtützte, ſo daß er die Schießwaffen leicht erreichen konnte. Francois trat haſtig ein und blickte nach Herrn Krämer um⸗ her; als er ihn nicht ſah, blieb er erſtaunt an der Thüre ſtehen, und dieſes Erſtaunen wuchs, als ihm der Baron den Befehl gab, näher zu kommen und die Thüre zu ſchließen; ehe er aber dieſem Befehl Folge leiſtete, winkte er einem andern Mann, der draußen ſtand, und erſt als dieſer, ebenfalls in der Livree des Hauſes, in das Gemach getreten war, drückte er die Thüre hinter ſich zu.. „Du wunderſt dich, mich hier allein zu finden,“ ſagte der junge Mann mit einem durchdringenden Blick auf den Bedienten, der ſich ſcheu und ſchüchtern umſah und nicht begreifen konnte, wo Herr Krä⸗ * 186 Ein Schickſal. mer eigentlich bleibe. Plötzlich aber ſchlug dieſer heftig an die Thüre ſeines Gefängniſſes und man hörte ſeine Stimme kaum vernehmlich hervordringen:„Frangois, öffne die Thüre des Wandſchrankes, öffne geſchwind, oder es geſchieht ein großes Unglück.“ „So öffne denn,“ ſagte der Kranke. Und als ſich der Bediente haſtig dem Wandkaſten näherte, ergriff er eine der Piſtolen und ließ die Batterie knacken. Bei dieſem Tone wandte ſich der Bediente plötz⸗ lich um, und als er ſah, wie der junge Herr langſam die Piſtole er⸗ hob, bedeckte ſich ſein Geſicht mit einer erſchreckenden Bläſſe, die Knie ſchienen ihm ihren Dienſt verſagen zu wollen, und er hielt ſich an der Wand, um nicht umzufallen. Der andere Bediente, der mit eingetre⸗ ten war, machte große Augen, in denen ſich übrigens weniger Schrecken als vielmehr ein freudiges Erſtaunen zeigte: auch machte er gar keine Miene, ſich zum Schutz ſeines Kameraden zwiſchen Beide werfen zu wollen, ſo verzweiflungsvoll auch Francois zu ihm herüberblickte. „Du ſiehſt, ich bin wieder der Herr,“ ſagte nun der junge Mann. Dann wandte er ſich an den Andern mit den Worten:„Dein Geſicht erinnere ich mich noch nicht geſehen zu haben. Was willſt du?“ Der Angeredete war ein älterer Mann von gutem Aeußern; ſein Kopf hatte eine Vertrauen erregende Phyſiognomie, und als er ent⸗ gegnete:„O Euer Gnaden ſollten mich kennen! ich bin ſchon lange Jahre im Hauſe,“ klang das ſo herzlich, daß es dem Kranken in der That vorkam, als habe er dieſe Stimme ſchon früher gehört, und daß er ſich, obwohl vergeblich abmühte, in ſeinem umflorten Gedächtniß die Geſichtszüge dieſes Mannes hervorzurufen. Als ihm dies nicht gelang, ſchüttelte er mit dem Kopfe und erwiderte:„Nun gut, wenn du ſchon lange in dieſem Hauſe biſt, ſo wirſt du auch wiſſen, daß ich der Herr deſſelben bin, was dieſer da und der Andere vollkommen vergeſſen haben. Denn, ſollteſt du es glauben? ſie haben mich hier eingeſperrt, ſie haben das Licht von mir abgehalten und mich lange Tage in ſchrecklicher Finſterniß gelaſſen, blos weil ich ihnen geſagt, ich wolle hinaus in's Freie, und ich wüßte wohl, was ſie mit mir — ——— —— — Ein Schickſal. 187 vorhätten. Das Gitter in meinem Kopfe habe ich ja nie geläugnet; es hält meine ſchönſten Gedanken feſt, und— und— und— Dies hatte er mit ſehr trauriger Miene geſprochen, dann aber wurde ſeine Stimme heftiger, und zornig fuhr er fort:„Jetzt bin ich aber frei und will frei ſein. Es ſoll mich nichts hier zurückhalten, ich will hinaus.“—„Aber wohin wollen Sie, gnädiger Herr,“ ſagte ſchüch⸗ tern der ältere Diener.„Es iſt ſchon ziemlich ſpät, auch dunkle Nacht draußen.“ 1 „Wo ich hin will?“ fragte der junge Mann erſtaunt.„Zu ihr! ſie ſehen und ihr ſagen, daß ich nicht der bin, für welchen man mich ausgibt. O ich denke recht klar, und wenn ich an meinen Kopf faſſe, ſo iſt mir's gerade, als fange das Gitter an ein wenig nachzugeben und als ſchlüpfe hie und da ein prächtiger Gedanke hindurch.— Laß doch einmal ſehen! Draußen liegt der Schnee, es iſt kalt, alſo Win⸗ ter; ich höre einen Wagen nach dem andern vorbeifahren; in dem Wagen ſitzen Menſchen, lebende Weſen, grade ſolche wie ich, die ſich freuen wollen, grade wie ich. Und wo jene Wagen hinfahren, da wird man auch mir die Thüre öffnen, mir— dem Baron Hugo von Breda,“ ſetzte er ſtolz und hochaufgerichtet hinzu. Frangois hatte ſich durch Zeichen mit dem andern Bedienten in's Vernehmen ſetzen wollen; doch ſchien dieſer geneigt, ſeinem Herrn bei⸗ zuſtehen, ſei es auch nur aus Haß gegen Francois und Herrn Krä⸗ mer, die von dem ganzen Hauſe verabſcheut wurden.. „Aber, gnädiger Herr,“ erlaubte ſich Francois, dem ein vortreff⸗ licher Gedanke gekommen zu ſein ſchien, mit unterthäniger Stimme zu ſagen,„wir ſollten die Sache ruhig überlegen, namentlich aber den Herrn Baron Paul von Ihrem Wunſch in Kenntniß ſetzen laſſen, der gewiß nichts dagegen einzuwenden haben wird.“ „Ah, mein Vetter Paul!“ rief der Kranke mit einem ſchrecklichen Lachen,„er, der mir alles Entſetzliche zugefügt, der mir von ihr ge⸗ ſprochen und der mich veranlaßt zu thun, was ich gethan; der mich hier eingeſperrt und gefangen gehalten!— Ah, beim Teufel, laßt ihn 188 Ein Schickſal. kommen! Ich habe Kugeln genug in meinen Piſtolen.— Aber dir,“ wandte er ſich heftig gegen Frangois,„dir befehle ich, kein Wort mehr zu ſagen. Bei der nächſten Silbe, die ungefragt aus deinem Munde kommt, liegſt du zu meinen Füßen. Glaube mir, meine Hand zittert nicht mehr.“ Damit hob er langſam die Piſtole in die Höhe und zielte in der That feſt und ſicher auf den Bedienten, der faſt zuſam⸗ menknickte und in der Angſt ſein Geſicht abwandte.—„Bah! mit dem ſchlechten Kerl,“ fuhr der Baron fort und ließ die Hand mit der Piſtole wieder ſinken.„Sprechen wir von Geſchäften,“ wandte er ſich an den andern Bedienten.„Du wirſt mir die Wahrheit ſagen. Wo⸗ hin fahren jene Wagen?— Nun?“—„Zum Herrn Grafen Heeren,“ erwiderte der Gefragte nach einer kleinen Pauſe;„es iſt dort ein Balffeſt.“ „Ein Ballfeſt?“ rief ſchmerzlich der junge Mann.„Ein Ballfeſt bei ihr und ich bin nicht eingeladen? Und ich ſoll hier bleiben in dunkler Nacht bei verſchloſſenen Fenſtern, bei dieſen beiden Elenden, die mir ſo lange vorgeſagt haben, ich ſei wie ein kleines hülfloſes Kind, daß ich es faſt ſelbſt geglaubt.— Aber es iſt noch Zeit, alles das wieder gut zu machen. Fort! gehen wir auf den Ball. Ich will dort als Teufel oder Tod erſcheinen und alle zur Rechenſchaft ziehen, welche jenes Gitter geſchmiedet, das meine Gedanken zurückhält.“ Frangois ſchien ſich vor der Ausführung dieſes Entſchluſſes ebenſo ſehr zu fürchten, wie vorhin vor den Kugeln; er rang ſeine Hände flehend gegen den andern Bedienten, ja ſeine Rechte griff ſogar nach dem Schloß des Wandſchrankes, glitt aber kraftlos herab, als er fand, daß dort der Schlüſſel abgezogen war. „Ich habe mich ſo lange nicht mehr angekleidet,“ ſprach der Kranke nachdenkend,„daß ich vergaß, was dazu gehört. Du,“— wandte er ſich an den ältern Bedienten,„der du mich ſchon ſeit vielen Jahren kennſt, wirſt mir helfen.— Komm!— Doch halt! Wir kön⸗ nen dieſen nicht allein laſſen.“ Damit zeigte er auf Franois.„Das iſt ein gefährlicher Narr, ſage ich dir; er wäre im Stande, uns das Ein Schickſal. 189 Haus über dem Kopf anzuzünden, daß wir verbrennen müßten und nicht hinaus könnten. Er ſoll vorangehen, du, riegle die äußere Thüre und dann vorwärts! O ich habe meine Zimmer wieder erkannt.“ Nachdem Francois noch einen verzweiflungsvollen Blick auf den geſchloſſenen Wandſchrank geworfen, ging er wankend voran, machte aber ſehr kleine Schritte, wozu ihn der Baron freundlichſt ermahnt, indem er ihm geſagt:„Nimm dich in acht, daß du für meine Abſich⸗ ten nicht zu ſchnell gehſt; es könnte dein Unglück ſein.“ So durchſchritten ſie das anſtoßende Zimmer und wieder ſchaute der junge Mann an die Wand und auf den Tiſch, wo ehedem ihre Bilder waren, und ſchüttelte darauf betrübt mit dem Kopfe, während er leiſe vor ſich hin ſagte:„Was ich fürchte, iſt, daß ich Sie nicht wieder erkenne. Denn wenn ich meinen armen Kopf noch ſo ſehr anſtrenge, ſo kann ich doch ihr ganzes Bild nicht mehr zuſammenbrin⸗ gen vor meiner Seele. Wie Blitze ſehe ich wohl hie und da ihre ſüßen dunkeln Augen, umflort und faſt verdeckt von den langen Wim⸗ pern,— die lieben Augen, nicht hell und glänzend wie andere, aber mit träumeriſchem Blick, der zu Herzen dringt, wie eine weiche Muſik, wie ein ſüßes, ſüßes Lied.— Auch ihr Mund lächelt mir zuweilen, die feinen Lippen, die ſie ſo komiſch trotzig aufwerfen konnte; ja ko⸗ miſch und trotzig, ein ſüßer Zorn, wenn ſie mir ſagte:„Ach, du biſt kalt, du haſt mir heute ja erſt hundertmal geſagt, daß du mich lie⸗ beſt wie nie ein Mädchen geliebt worden ſei.— Ja,“ fuhr er fort und drückte die Hand an die Stirne,„wenn ich Auge und Mund nicht mehr zuſammenfände! Das ganze liebe Geſicht nicht wieder er⸗ kennen könnte! O Gott im Himmel! dann wäre es doch wahr, was jene Beiden oft zuſammengeflüſtert.— Ich ſei—— ah, gräßlich!“ So durchſchritten die Drei einige Zimmer, Frangois mit ängſt⸗ licher Genauigkeit, in derſelben Entfernung voraus bleibend, der ältere Diener neben ſeinem unglücklichen jungen Herrn, den er zuweilen kopf⸗ ſchüttelnd betrachtete, und deſſen Auge ſich ſogar mit Thränen füllte, wenn er die halblauten Selbſtgeſpräche hörte, die jener von Zeit zu Zeit Ein Schickſal. hielt. Das Schlafzimmer war ebenfalls geblieben, wie er es damals verlaſſen. Dort ſtand ſein Bett, vor demſelben das Fell eines Bären, den er einſtens geſchoſſen; an der Wand gegenüber hingen alte präch⸗ tige Waffen, deren falſche Kopien wir im erſten Gemache bemerkt. Auch hier blickte der unglückliche junge Mann eifrig nach Bildern von ihr, deren er damals eine große Menge beſeſſen; aber auch hier war keines derſelben mehr zu finden. In kurzer Zeit war die Toilette beendigt, und Francois, der ebenfalls mithalf, hatte Zeit gefunden, ſeinem Kameraden zuzuflüſtern: „Aber wo ſoll das hinaus? Das muß ja nothwendiger Weiſe ein furchtbares Unglück geben. Der Herr Baron Paul werden auch bei Graf Heeren ſein oder doch hinkommen; er hat ſeinen Wagen auf zehn Uhr befohlen, es geſchieht ja dort etwas Wichtiges.“ Der Andere zuckte mit den Achſeln und meinte, man könne nicht wiſſen, was ge⸗ ſchehe, er habe nicht Luſt, ſich gegen die Gewalt oder gegen den Be⸗ fehl ſeines Herrn aufzulehnen. „So,“ meinte dieſer, als alles beendigt war und er ſich nun im Spiegel beſchaute,„jetzt ſind wir fertig; aber wenn ich fürchten muß, daß ich ſie nicht wieder kenne, ſo bin ich ebenſo überzeugt, daß auch ſie nicht wiſſen wird, wer der bleiche Mann iſt, der vor ſie hintritt. — Und meine Augen!— Wie ich mich ſelbſt ſo ſeltſam anſtarre. O mir kommt der ſchreckliche Gedanke, daß man meine Augen ver⸗ tauſcht hat, und daß man mir ſtatt der meinigen die eines Verrückten gegeben.— Das wäre ungeheuer komiſch.“ Dabei zwang er ſich zu lächeln, lachte aber ſo furchtbar und verſtört, daß Francois zuſam⸗ menſchrak und der Andere mit der Handfläche über ſeine Augen fuhr. In derſelben Art, wie ſie in das Schlafzimmer gegangen, ſchrit⸗ ten ſie auch in den großen Salon zurück, und der Kranke vergaß nicht, jede Thüre hinter ſich abzuſchließen und die Schlüſſel zu ſich zu ſtecken. Dann öffnete er die änßere Thüre, die auf Korridor und Treppe führte und horchte in das ſtille Haus hinab. Nach einiger Zeit ſchlug eine Uhr im Hauſe die zehnte Stunde, dann hörte man — — Ein Schickſal. 191 den Klang der andern aus verſchiedenen Zimmern; gleich darauf wurde eine Thüre geöffnet und eine Stimme rief:„Der Wagen des Herrn Baron ſoll vorfahren!“—„Meinen Mantel!“ befahl nun der Kranke mit Heftigkeit. Der ältere Bediente gab ihm denſelben um und trat auf eine drohende Miene des jungen Mannes in das Zimmer zurück. Die Thüre zu demſelben verſchloß der Letztere ebenfalls und dann glitt er lautlos die Treppe hinab, nicht ohne ſeine Piſtole, die er un⸗ ter dem Mantel in der rechten Hand hielt. Die breite Steintreppe mündete auf ein rundes Veſtibül, rechts befand ſich die Loge des Portiers, geradeaus die Hausthüre. Vor derſelben fuhr in dieſem Augenblick ein Wagen vor, ein Lakai, der auf der Außentreppe gewartet, öffnete den Schlag, als er den Baron die Treppe herabkommen ſah. Dieſer hatte das rechte Mantelende ſo um die linke Schulter geworfen, daß ſein Geſicht faſt ganz verdeckt war. Er ſchritt leicht über den Vorplatz und ſprang, ohne ſich um⸗ zuſehen, in das niedere Coupé.„Du weißt wohl, wohin?“ fragte er,„zu Graf Heeren.“—„So iſt es dem Kutſcher befohlen,“ erwi⸗ derte der Bediente, indem er die Wagenthüre ſchloß. Doch wieder⸗ holte er den Befehl noch einmal:„zu Graf Heeren!— fort!“ Die Pferde zogen an. Doch hatten ſie erſt wenige Schritte gethan, als der Wagen plötzlich hielt, der Schlag an der rechten Seite geöffnet wurde und ein junger Herr hereinſprang, der ſich mit dem Ausrufe:„Aber zum Teufel! Paul, das heiße ich die Pünktlichkeit zu weit treiben!“ in die weichen Kiſſen warf.„Die Glocken von den Kirchenuhren brummen noch vom Schlage der zehnten Stunde; du hätteſt mich um ein Haar ſitzen laſſen. Nun, daß es dir preſſirt, begreife ich.“—„Ja, mir preſſirt's,“ erwiderte der Andere mit leiſer Stimme.—„Uff! bin ich deinem Wagen nachgelaufen; und das ſag' ich dir, wenn ich die Idee von einem Spritzer an meinen Stiefeln habe, ſo verklage ich dich vor der ganzen Geſellſchaft bei deiner Braut—“—„Bei meiner Braut?“ entgegnete der Baron, und der Ton ſeiner Stimme mußte etwas Er⸗ 192 Ein Schickſal. ſtaunen oder Ueberraſchung zeigen, denn der Andere lachte laut hinaus und rief luſtig:„Das iſt in der That ſchön! Du willſt wohl auch gegen mich den Geheimnißvollen ſpielen! Und doch haſt du eigentlich recht: heute Abend ſoll ja erſt einem kleinen Kreiſe deine Verlobung mit der Gräfin Eliſe proklamirt werden.“ „A— a— ah!“ machte der Kranke, und es war gut, daß die Räder auf dem Pflaſter raſſelten, ſonſt hätte der Andere unfehlbar hören müſſen, mit welch' fürchterlichem Zähneknirſchen das Ah! be⸗ gleitet war. Dabei preßte er beide Hände an die Schläfe und drückte den Kopf noch tiefer in die Ecke des Wagens, als er es bisher ge⸗ than. Der Andere, welcher glaubte, das Uebermaß von Glück mache ſeinen Freund einſilbig, blickte zum Wagenſchlag hinaus, und erſt, als ſie ein paar Minuten, ohne zu ſprechen, fortgefahren waren, ſagte er:„Apropos, wie geht es dem armen Hugo? Schlimmer als je, wie ich höre.“—„O nein,“ erwiderte der Gefragte,„es geht ihm beſſer; ich glaube, er iſt auf dem Wege, daß es ihm ſogar ganz gut gehen kann.“—„Aber du ſprachſt doch geſtern ganz anders, du ſagteſt, er tobe und es ſei lebensgefährlich, ſich ihm zu nahen.“—„Nicht für alle, nur für Einzelne,“ verſetzte der Kranke mit dumpfer Stimme, wobei er ſeine Piſtole in die Höhe hob. Mochten nun die langſam geſprochenen Worte oder der Ton der Stimme dem Andern endlich auffallen, genug, er wandte den Kopf herum und ſuchte ſeinem vermeintlichen Freunde in's Geſicht zu ſehen; doch lehnte dieſer zu tief in der Wagenecke, hatte ſich auch zu feſt mit dem Mantel drapirt, als daß es bei der herrſchenden Dunkelheit möglich geweſen wäre, etwas von ſeinem Geſichte zu erkennen. Was aber der Andere ſah, als der Wagen bei einer Straßenlaterne vorbei⸗ fuhr, war das Leuchten eines der Piſtolenläufe. Seine Nachbarſchaft kam ihm verdächtig vor, und er überlegte einen Augenblick, ob er nicht den Kutſcher halten laſſen ſolle. Doch wozu konnte das nützen? Als umſichtiger Mann dachte er: iſt da Jemand neben dir, der Uebles vor⸗ hat, ſo wäre es unklug, eine Kataſtrophe zu beſchleunigen; ſeien wir Ein Schickſal. 193 auf unſerer Hut; wir ſind bald am Ziele und da wird ſich zeigen, was zu machen iſt. Glücklicher Weiſe für ihn mußte der Wagen ſo anfahren, daß er ſelbſt zuerſt hinausſtürzen konnte; das Beſte war auf jeden Fall, ruhig und unbefangen fortzuſprechen. Das that er auch, ſprach über das Wetter und den bedeckten Himmel, ſang zuweilen ein paar Takte dazwiſchen oder pfiff eine Melodie. Dabei unterließ er nicht, zuweilen einen Blick auf ſeinen Nachbar zu werfen. „Jetzt ſind wir da!“ rief er endlich. Und bei dieſem Worte warf der Baron Hugo ſeinen Mantel von der Schulter und beugte ſich vor, um auf die Straße zu ſehen.— Nichts hätte übrigens den jungen Mann neben ihm ſo erſchrecken können, als das bleiche Geſicht des Ver⸗ rückten, das er nun augenblicklich erkannte, des Tobſüchtigen, von dem man ihm geſagt, daß es lebensgefährlich ſei, ſich ihm zu nähern. — Eben dieſer Tobſüchtige ſaß nun neben ihm und hatte, als ob das zum Anzuge gehöre, eine artige Piſtole mit zwei Läufen in der Hand. Unangenehme Situation! Da mußte plötzlich ein Entſchluß gefaßt werden, und der kam auch zur rechten Zeit. Der Wagen hielt, er öffnete den Schlag, ſprang hinaus und als der Kranke folgen wollte, rief er ihm zu:„Wart einen Augenblick, Paul, der Eſel von Kutſcher hat das Haus verfehlt, er muß noch zwei Schritte fahren; ich werde es ihm ſagen.“ Mit dieſen Worten drückte er den Schlag zu, ſprang zum Kutſcher und flüſterte ihm in die Ohren:„Wenn dir das Glück deines Herrn und dein Dienſt etwas werth ſind, George, ſo fahre, was die Pferde laufen können, nach Hauſe, du haſt ſtatt des Barons Paul den Baron Hugo im Wagen.“—„Alle Teufel!“ ent⸗ gegnete der Kutſcher, warf einen ſchüchternen Blick hinter ſich und hieb hierauf ſeinen Pferden eins über, die, an eine ſo ſchlechte Behand⸗ lung nicht gewöhnt, mit einem tüchtigen Satze das leichte Coupé vorwärts riſſen und dann im vollen Galopp durch die dunklen Straßen dahinjagten.— „Die zwei Schritte ſind lang,“ dachte der Unglückliche im Wagen, Hackländers Werke. XXV. 13 Ein Schickſal. da dieſer ſo dahinſchoß; als ſich aber nach einigen Minuten deſſen Geſchwindigkeit nicht verminderte, ſondern vermehrte, als er erſtaunt ſah, wie Häuſer, Laternen, Bäume und Querſtraßen eilfertig vor⸗ überhuſchten, da ſchüttelte er zuerſt mit dem Kopfe, biß ſich die Lip⸗ pen blutig und rief endlich dem Kutſcher zu:„halt! halt!“ Doch dachte dieſer nicht daran, dem Befehle Folge zu leiſten; bald rechts, bald links ſauste der Wagen um die Ecken und wilde, finſtere Gedanken fingen an, in dem Kopfe des Kranken aufzuſteigen. Er hatte von einer Braut gehört, und dann hatte man auch ihren Namen genannt. „Eliſe— Eliſe!“ Zwiſchen dem Rollen und Raſſeln der Räder glaubte er eine klagende Stimme zu hören, die ihm nachrief, aber ſie verſchwand in dem Lärmen, den die Räder auf dem Pflaſter mach⸗ ten. War jener klagende Ruf hinter oder vor ihm erſchallt? Ja, ja, gewiß vor ihm; dort ſchleppte man ſie mit Gewalt davon und ſie rief um Hülfe. So dachte er und blickte wild um ſich. Dann aber war es ihm, als verdichte ſich das Gitter in ſeinem Kopfe zu einer undurchdringlichen Wand, und dann rasten und tobten ſeine Gedanken wie wilde Waſſer an einem hohen Wehr, und ſie tobten fort und überflutheten ſein Gehirn, bis er einige Sekunden gar nichts mehr denken konnte und ſich dann wieder beſinnen mußte, wo er eigentlich ſei und wohin der Wagen mit ihm fahre. Jetzt glaubte er dagegen, es ſei Herr Krämer, ſein Hüter, der hinter ihm dreinjage, dann aber dachte er, der Teufel in eigener Per⸗ ſon ſitze auf dem Bocke und fahre mit ihm der ewigen Finſterniß zu. Bei dem erſteren Gedanken wollte er die Pferde antreiben mit Zuruf und Zungenſchlag, bei dem andern aber ſtemmte er die Füße gegen die Wagenwand vor ſich, als könne er das Coupé zurückhalten. Da ſprang bei dem wilden Fahren die nur ſchlecht eingeklinkte Thüre auf, und dem unglücklichen jungen Manne war es, als haben ſich ihm draußen hülfreiche Arme geöffnet und als winkten ihm unzählige Hände zu, hinauszuſpringen und ſich zu retten. Noch einmal rief er dem Kutſcher„halt!“ zu, und als dieſer ſtatt aller Antwort wieder Ein Schickſal. 195 auf die Pferde hieb, warf ſich der Kranke aus dem Wagen und ſchmetterte begreiflicherweiſe mit einem furchtbaren Schlage auf das Straßenpflaſter nieder. Wenige Schritte davon hielt der Wagen;— an dem elterlichen Hauſe lag der einzige und rechtmäßige Erbe deſſelben lang ausgeſtreckt, in der krampfhaft zuſammengepreßten Rechten noch die Piſtole haltend. Als die Bedienten mit Lichtern herbeieilten und ihn aufrichteten, hob ſich ſeine Bruſt mühſam athmend, das Blut rieſelte aus ſeinem Munde, und unter einem tiefen Seufzer ſchloß er die halbgebrochenen Augen.—— Das hohe Gemach mit den Holzwänden und der Holzdecke haben wir zu Anfang dieſer Geſchichte bei Abend geſehen und zur Winter⸗ zeit; es war damals recht heimlich, im Kamin praſſelte ein luſtiges Feuer und hellſtrahlende Lampen warfen ihren freundlichen Schein rings umher. Beobachten wir es nun ein halbes Jahr ſpäter, da es unterdeſſen Frühling geworden, Frühling, die ſchöne Jahreszeit, wo am wolkenloſen Himmel eine warme, glühende Sonne ſtrahlt, ein Meer von Licht rings ausgießend und Blumen und Blätter in der ganzen vielfarbigen Pracht zeigend, wie ſie unter ihrem heißen Kuſſe entſtanden. Mit dem Stolz einer glücklichen Mutter that die Sonne ſchon ein Uebriges und zeigte ihre ſchönen Kinder auf Berg und Thal aufgeputzt mit Gold und Edelſteinen.. Bei ſo viel Pracht und Glanz draußen erſcheint ein tieſes Ge⸗ mach mit braunen Holzwänden traurig, faſt unheimlich. Auch belebt der Kamin den dunkeln Raum nicht durch ein freundliches Leuchten und Glänzen; er ſtarrt ſchwarz und verdrießlich und zeigt nur Aſchen⸗ haufen und halbverbrannte Papiere. Herr Krämer, der Hüter, ſaß am heutigen Tage nicht vor ihm, ſondern in einer Ecke am Fenſter, aber mit derſelben Beſchäftigung, in der wir damals die Chre hatten, ſeine Bekanntſchaft zu machen; er trank Rothwein, hielt aber vorher ddas Glas gegen das Tageslicht, ſtatt wie damals gegen die Flammen ———J Ein Schickſal. des Kamins. Auch Frangois befand ſich wieder im Zimmer und räumte den Tiſch ab, gerade wie damals.— Auch noch eine dritte Perſon werden wir endlich gewahr, nachdem wir uns ſorgfältig um⸗ geſchaut, denn dieſe dritte Perſon ſitzt etwas verborgen. Wir würden ſie nicht wieder erkennen, wenn wir ſie in anderer Umgebung ſähen. Es iſt ein junger Mann, der aber in den ſechs Monaten um doppelt ſo viele Jahre älter geworden iſt; auch hat er kein blondes, lockiges Haar mehr, ſondern daſſelbe iſt glatt abgeſchnitten und wird obendrein durch lange ſchwarze Pflaſter verdeckt, die in Streifen über ſeinen Kopf laufen,— der arme Baron Hugo von Breda.— Aber er iſt ſtärker geworden, viel ſtärker, und ſeine Wangen ſind durchaus nicht mehr eingefallen. Auch ſein Auge hat ſich verändert, es blickt nicht mehr zornig oder traurig, es iſt gleichförmig, ruhig, ja lächelnd, ebenſo das ganze Geſicht,— die Ruhe eines Kirchhofes oder eines prachtvollen Saatfeldes, das der Hagelſchlag vernichtet und auf wel⸗ ches, nachdem das ſchwere Wetter vorüber, jetzt gemüthlich die Abend⸗ ſonne lacht. Herr Krämer braucht nicht mehr in ſeinen Spiegel zu ſchauen, um ſeinen Anvertrauten zu überwachen, er braucht auch den Wandſchrank nicht mehr zu ſcheuen und kann alle Thüren offen ſtehen aaſſen; er braucht in dem rothen Buche nicht mehr zu leſen:„Du biſt wie eine Blume ſo ſchön, ſo hold, ſo rein,“ auch nicht mehr Kegel zu ſchieben oder die nachgemachten Waffen hie und da anders aufzuhängen,— alle dieſe Dinge ſind aus dem Zimmer verſchwunden. Der Unglückliche hat nur noch ein paar Wünſche, die leicht zu befrie⸗ digen ſind: je mehr Lichter am Abend brennen, deſto lieber iſt es ihm, nebenbei beſchaut er auch gerne große Bilderbücher und liebt es, die Blätter herauszureißen und auf dem Boden umherzuſtreuen. Er ſcheint dies ohne Abſicht zu thun, doch war Herr Krämer auch ſchon auf die Idee gekommen, als ſuche er vielleicht etwas, das er nicht finden könne. An dem Tage, von dem wir gerade reden, war übrigens viel Lärmen im Hauſe; Koffer waren gepackt worden und Vormittags ging ein ſchwerer Fourgon mit vier Pferden vom Hauſe weg. Ueber 2. 3 Ein Schickſal. 197 dieſes Lärmen und dieſes Laufen im Hauſe ſprach Herr Krämer und Frangois, und der Letztere ſagte:„Die Trauung war ſehr glänzend; natürlich, wenn ſich ſo zwei Häuſer verbinden, da fehlt der Spektakel nicht.“—„Und wann reiſen ſie?“ fragte Herr Krämer.—„Heute Abend um ſechs Uhr.“—„Von dort oder von hier?“—„Von hier,“ ſagte der Bediente;„ſie ſind vor einer halben Stunde gekommen, und der Baron Paul zeigte der Baronin die Appartements.“—„Hm! hm!“ machte Herr Krämer. Wie an jedem Tage wurde es auch heute ſechs Uhr und dann hörte man drunten eine Equipage vorfahren; es war ein ſchwerer Reiſewagen mit vier Pferden beſpannt, man konnte das von den Fenſtern des dunkeln Gemachs aus deutlich ſehen, und alle Drei, die im Zimmer waren, ſahen es auch, und alle Drei freuten ſich darüber. Vor der Thüre erſchien der Haushofmeiſter und der Kutſcher, der Reitknecht und die Bedienten, ſogar der Koch und der Küchenjunge und machten tiefe Verbeugungen, als nun zwei Perſonen aus dem Hauſe traten, eine Dame und ein Herr. Die Dame trug ein ſchwarz⸗ ſeidenes Reiſekleid, war ſchlank und fein gebaut; das ſah man, als ihr beim Einſteigen der Shawl von den Schultern herabrutſchte.— Blickte ſie in dieſem Augenblicke an dem Hauſe in die Höhe oder that ſie es nicht? Ganz genau können wir es nicht ſagen, aber wir glauben, daß ſie es that. Das war dieſelbe Dame, von der der Un⸗ glückliche droben geſagt, ſie habe ſo ſüße dunkle Augen, umflort und faſt verdeckt von den langen Wimpern;— liebe Augen, nicht hell und glänzend wie andere, aber mit träumeriſchem Blicke, der zu Herzen dringt, wie eine weiche Muſik, wie ein ſüßes, ſüßes Lied.— Als ſie im Wagen ſaß, ſtieg auch der Herr Baron Paul von Breda ein, dann wurde der Schlag geſchloſſen, die Bedienten hintenauf winkten ihren zurückbleibenden Kameraden; die Poſtillone, feſttäglich aufgeputzt, hieben auf die Pferde, und bald war der Reiſewagen um die nächſte Ecke verſchwunden.— Der Herr Baron Hugo von Breda, der oben am Fenſter ſtand 198 und lächelnd zuſchaute, ſchien ſich über dieſe Abwechslung in ſeiner einförmigen Ausſicht gefreut zu haben, wenigſtens ſchaute er dem Wagen vergnügt nach und nickte mit dem Kopfe.„Wie lange dauert die Reiſe?“ fragte Francois Herrn Krämer.—„Vier Monate; ſie gehen nach Frankreich und Italien.“—„Und wenn ſie zurückkommen,“ ſagte kopfſchüttelnd der Lakai,„ſo wird unſeres Bleibens hier auch nicht lange mehr ſein.“—„Nun, was Euch anbetrifft,“ entgegnete Herr Krämer,„Ihr werdet Dienſte im Hauſe thun, wie alle Uebrigen; ich aber werde den da begleiten.“ Damit zeigte er auf den unglück⸗ lichen jungen Mann,„und mich dann vorderhand mit meiner wohl⸗ verdienten Penſion zur Ruhe ſetzen.“ „Und weiß man ſchon, wohin es geht?“ meinte Francois.— „O ja, die Anſtalt iſt ſchon beſtimmt. Was meinſt du,“ wandte er ſich lächelnd an den Kranken,„haſt du auch Luſt, bald zu reiſen, in einem ſchönen Wagen mit vier Pferden?“ Der arme junge Mann nickte ſonderlich lächelnd mit dem Kopfe.„Er hat ſeine Fahrt von damals rein vergeſſen,“ ſagte Frangois.—„Nun ja, wenn Du recht brav biſt,“ fuhr Herr Krämer fort,„ſo reiſen wir nächſtens nach einem ſchönen großen Hauſe mit hohen Mauern und einem feſten Thor; da gibt es auch Lichter und Bilderbücher für die, welche folg⸗ Ein Schickſal. ſam ſind, für ſolche aber, die Lärmen machen, hat man auch andere Sachen dort.“ „Lichter und Bilderbücher,“ wiederholte der Kranke freundlich lächelnd. Und darauf ſetzte er ſich ruhig auf ſeinen Stuhl und ſtarrte ſo lange zum Fenſter hinaus, bis die Sonne untergangen war. —₰s Gefährliche Blumenſträuße. Wer die Freuden des Herbſtes recht genießen will, der muß ſich im Monat Oktober einige Zeit in einer Stadt aufhalten, die von Weinbergen umgeben iſt. Kann er ſich zu ſeinem Beſuch ein vortreff⸗ liches Jahr auswählen, ſo iſt das um ſo beſſer, denn nur wenn der Trauben viele ſind, wenn die Sonne ſie recht gezeitigt und gebraten hat, ſtrahlt alles in beſonderer Luſt und Freude und iſt das Feſt des „Herbſtes“ ein wahres Volksfeſt. Iſt alsdann doch ſchon der Kreuzer in der Hand des Schulknaben eine ganz genügende Summe, um ſich ein paar gute Weintrauben anzuſchaffen, und ſieht man den vergnügt lächelnden Geſichtern derſelben wohl an, daß die Beeren weich, der Saft ſüß iſt. Das gewöhnliche Getreibe auf den Straßen hat ſich um dieſe Zeit noch durch eine Menge einſpänniger Karren vermehrt, auf denen ein großes Faß ruht, welches von einem gewöhnlichen Arbeits⸗ pferde, meiſtens in ſchwerfälligem Trabe, zu den Thoren herein durch die Straßen geführt wird. Das Faß iſt von dem überfließenden Moſt roſig gefärbt, ebenſo das Geſicht, des Fuhrmanns, der überhaupt vor Wonne und jungem Wein ſtrahlt, und nun den Vorüberwandelnden zunickt, die dem neuen Bacchus lachend nachblicken, der mit geſpreizten Beinen vor ſeinem Faſſe ſteht. Alle Höhen, welche die Stadt um⸗ geben, ſind belebt; Spaziergänger klettern aufwärts, neben ihnen Wein⸗ „gärtner mit den ſchweren Bütten auf dem Rücken, um die Trauben zuſammen zu tragen. Hier auf einem Kreuzwege ſind große Fäſſer 4 9 202 Gefährliche Blumenſträuße. aufgeſtellt, bis zum Rande mit den glänzenden, farbigen Beeren an⸗ gefüllt, auf denen ein paar Buben luſtig herumtreten, um ſie zu zer⸗ quetſchen und den Saft zu befreien. Dieſe kleinen Arbeiter werden beneidet von den Stadtkindern, die vorübergehen, denn, denken ſie, jene brauchen ſich nur zu bücken, und können eſſen ſo viel ſie wollen. Zwiſchen den grünen und gelben Blättern der Weinſtöcke hervor jauchzt und jodelt es, auch Schüſſe knallen, denn man ſchießt mit Schlüſſelbüchſen, mit Piſtolen und kleinen Kanonen. Dazu macht der Himmel ein recht freundliches Geſicht und ſpannt ſich glänzend blau und klar über die vergnügte Menſchheit aus. Goldener Sonnen⸗ ſchein liegt über Berg und Thal, die Fernen ſind tiefblau und doch ſo herrlich klar, in den näher liegenden Wieſen und Wäldern zeichnet ſich ſcharf jede Biegung des Terrains, ſowie einzelne Gebüſchgruppen, ja hie und da erkennt man jeden Baum an der eigenthümlichen Fär⸗ bung, die er angenommen; dieſer ſcheint röthlich, jener gelblich, andere Blätter ſind noch friſch und grün wie in den erſten Tagen ihrer glück⸗ lichen Jugend. 2 Ja, die Sonne iſt lieb und freundlich; wie glänzen in ihrem Strahle dort die ſchönen Augen und die weißen Zähne, wenn der liebliche Mund ſich ſchelmiſch lachend öffnet, wie färbt ſie das ganze Geſichtchen ſo reizend, das, halb unter dem Rebenlaub verſteckt, durch einzelne Streiflichter der Sonne ſo prächtig beleuchtet wird. Aber auch ernſtere Dinge beſcheint ſie. Die weiße Weſte des Herrn Stadt⸗ directors und die röthliche Naſe des Obertribunalraths, nicht zu ver⸗ geſſen die bunten flatternden Bänder von deren Chegattinnen und die forſchenden Blicke junger, beuteluſtiger Aſſeſſoren und Offtziere, die ſo gern unter das Rebenlaub ſchauen, weniger auf die Trauben, als auf die hübſchen Augen, von denen wir vorhin ſprachen. Zu ihrem Privatvergnügen kokettirt die Sonne noch mit dem funkelnden Wein, ihren lieben Kindern früherer Jahre in Gläſern und Flaſchen, vergißt aber dabei nicht, auch einen Blick dem Säuglinge von dieſem Jahre zu ſchenken, der noch unbeholfen und ungelenkig iſt wie alle Neugeborenen. ————— läufiger Park; letzterer ſtößt an das Wohnhaus, und auf dem freien Gefährliche Blumenſträuße. Die gleiche Luſt herrſcht aber in guten Jahren um dieſe Zeit überall; mag das Beſitzthum groß oder klein ſein, man veranſtaltet ſeinen Freunden einen Herbſt, ja, wer nur ein Kartoffelland ſein eigen nennt, mit einer Laube von wildem Wein oder Feuerbohnen überrankt, der bittet einige Bekannte zuſammen und ſollte er auch den nöthigen Korb voll Trauben beim benachbarten Weingärtner kaufen müſſen. Und hier amüſirt man ſich vielleicht ebenſogut wie dort bei dem reichen Baumeiſter, der ſeine achtzig Eimer jedes Jahr macht und den Eingeladenen nur vortrefflichen 1846er vorſetzt; ja, an dieſen Tagen iſt die Luſt gleich groß hier unter dem Bretterdache wie dort im ſchönen Garten des Landhauſes oder wie auf den Terraſſen jener Villa, die nicht weit von den Thoren der Stadt auf einem kleinen Hügel liegt. An all den Orten wird der Herbſt gefeiert, und ſobald es anfängt dunkel zu werden, erreicht die Luſt ihren Gipfel. Da ziſchen Schwärmer und werden übertönt von dem Knallen der Fröſche, die wieder überſchrieen werden von luſtigen Mädchenſtimmen, welche um Hülfe rufen, weil irgend ein brennendes Ungethüm in ihrer Nähe loskracht. Zuweilen ſieht dann die ganze weite Fläche rings um uns aus wie der Garten eines Zauberers, auf deſſen Geheiß feurige Blumen überall empor ſproſſen, rothe, blaue, gelbe und grüne Leuchtſterne, dazwiſchen flimmert rothglühendes oder weißglänzendes Blätterwerk, und über alles hinaus erheben ſich feurige Raketenblumen, hoch in die Höhe wachſend, oben den Stengel zierlich neigend, um alsdann vor den er⸗ ſtaunten Augen einen Blüthenbüſchel in den glühendſten Farben zu entfalten. So ſproßt und leuchtet es auf allen Punkten, hier ſpärlich, dort reicher; auf dieſem Punkte ſind kleine Schwärmer und Fröſche vorherrſchend und eine einzelne Rakete ein Ereigniß, dort ſteigen dieſe maſſenhaft auf und werden überboten von Kanonenſchlägen und über⸗ ſtrahlt von gewaltigen Sonnen. In letzterer Beziehung zeichnet ſich die Villa aus, von der wir vorhin ſprachen. Zu ihr gehören zahlreiche Weinberge und ein weit⸗ 1— 5 4 4 204 Gefährliche Blumenſträuße. Platze, in welchem das zierliche Gebäude liegt, praſſelt und kracht eine ſolche Menge von Feuerwerk empor, daß alles, was ſich auf den umliegenden Höhen befindet, mehr dorthin ſchaut, als auf die eigenen mageren Schwärmer und Fröſche. Die kleine Villa gehört einem liebenswürdigen jungen Mann, dem Baron von C., ſeit einem Vierteljahr glücklicher Gatte; er hatte zur Feier des Herbſtes einige befreundete Familien zum Diner eingeladen, und nach Beendigung deſſelben wurde das Feuerwerk abgebrannt, deſſen wir eben erwähnten. Hier waren die Gäſte denn auch mehr Zuſchauer als Theilnehmer. Doch hat auch dies manch Angenehmes, ja noch mehr als das, wenn man ſich in liebenswürdiger Geſellſchaft befindet, wenn man aus einem halbdunkeln Raume zuſchauend bei dem auf⸗ flammenden Lichte mehr nach den Augen der Nachbarin, als nach der emporziſchenden Rakete blickt, und wenn man bemerkt, daß ſich eben dieſe Augen im gleichen Momente auch nach uns richten. Das iſt ein ſüßes und liebes Spiel und wiederholt ſich, ſo oft aufs Neue die Flammen drunten aufzucken. Vielleicht ſtützen wir uns auch ganz harm⸗ los auf die Brüſtung der Terraſſe und berühren dabei eine kleine Hand, die dort ebenfalls ruhte— Ah!l ſuperb! außerordentlich ſchön! ruft aber in dieſem Augenblick der Kreis der Zuſchauer, wir zucken zurück, ja wir klatſchen, um ganz unbefangen zu ſcheinen, begeiſtert in die Hände, mit klopfendem Herzen, außer uns vor Entzücken— natür⸗ licher Weiſe nur der bunten Flammen wegen. So haben wir denn zwei Feuerwerke, und wenn draußen die Raketen erlöſchen, ſo erfüllt ſich unſer Herz mit einem anderen, weit gefährlicheren Feuer. So fühlten denn auch auf der Terraſſe der benannten Villa zwei junge Leute, die ſich gewiß ganz zufällig dort zuſammen gefunden. Er war ein ſchöner junger Mann von vielleicht dreißig Jahren, ein genauer Freund des Hausherrn, war Maler, hatte einen berühmten Namen, ein großes Einkommen, und wenn er in Geſellſchaft ging, ſo konnte er ſeine gewählte Toilette dadurch vervollſtändigen, daß er ſich ein Band von irgend einer beliebigen Farbe ins Knopfloch ſteckte; ☛ —— nOnngqnn-— Gefährliche Blumenſträuße. 205 dagegen war er, wenn auch von anſtändiger, doch von ſehr einfacher Geburt; kein Wörtchen„von“ hatte ihm die Thüren zu der— Geſell⸗ ſchaft geöffnet, die es ſich jetzt zur CEhre macht, ihn zu empfangen, und hatte ihn leider dieſer Geſellſchaft, wenn er auch die Meiſten der⸗ ſelben an innerem Gehalt weit überragte, doch nicht ebenbürtig gemacht. Wir ſprachen das leider nur für den vorliegenden Fall aus, in Be⸗ treff der beiden Arten von Feuerwerk, mit welchem er ſich heute Abend beſchäftigte; denn ſie, die neben ihm ſtand und die Berührung ſeiner Hand ſo gern duldete, gehörte eben dieſer— Geſellſchaft an. Sie war ein zwanzigjähriges, reizendes und geiſtreiches Mädchen, aber— leider die Tochter eines alten Generals, der noch obendrein Baron von W. hieß. Wenn man die beiden jungen Leute bei einander ſtehen ſah, ſo war man verſucht, Bravo! zu rufen über das prächtige Doppel⸗ werk, welches die Natur hier geſchaffen, und Unbefangene von Geſchmack und Einſicht mußten unwillkürlich ausrufen: welch ſchönes Paar! Beide hatten ſich früher wohl gekannt, ſich, auch wohl allerlei Schönes denkend, betrachtet; daß ſie ſich aber näher kennen lernten und aufs Innigſte liebten, daran war die Unvorſichtigkeit des alten Generals Schuld, der ein lebensgroßes Porträt ſeiner Tochter befohlen. Der Maler hatte ſich Anfangs gegen dieſen Auftrag geſträubt und dringende Arbeiten vorgeſchützt— vergebens! Doch ließ er ſich endlich zwingen nachzugeben, das Gemälde wurde ein Meiſterwerk, aber das Original nahm er ſo tief in ſein Herz auf, daß er ſich nicht mehr davon los machen konnte. Engen, der Maler, hatte es ſeinem Freunde, dem Baron von C., öfter geſagt, daß die junge Dame oft ſtundenlang, wenn gleich im elterlichen Haufe, mit ihm allein ſei, worauf dieſer lachend erwiderte:„Das iſt ein ſchlimmes Compliment für deine Liebens⸗ würdigkeit; der General hält dich für gänzlich ungefährlich, und dafür würde ich mich an ihm rächen.“ „und dann,“ hatte der Maler gefragt. „Nun, und dann? ſieht man weiter.“ Am heutigen Tage hatte ſich übrigens die ganze intimere Mit⸗ ——— K 206 Gefährliche Blumenſträuße. theilung zwiſchen den Beiden auf das beſchränkt, deſſen wir ſoeben erwähnten, einen innigen Blick, einen leichten Druck der Hand,— ſo unendlich viel— und doch ſo wenig. Vergebens hatte Baron von C. es eingerichtet, daß Eugen die junge Dame zu Tiſch führen durfte und nach der Tafel in den Garten; hatte ihm auch in den Glashäuſern bald hier bald dort allerlei ſeltene oder unbedeutende Blumen gezeigt. Vergeblich, Julie von W. war wie die Bienen⸗ königin: wohin ſie ſich wendete, folgte ihr ein ganzer Schwarm. Und doch hätte ihr Eugen ſo gern eine Frage geſtellt, er war bekümmert, denn er hatte in ihrem ſonſt ſo klaren und freundlichen Auge einen Schatten bemerkt, er hatte in unbedeutenden Worten, die ſie an ihn gerichtet, einen Kummer entdeckt, der auf ihrem Herzen laſtete. Das Feuerwerk war unterdeſſen beendigt, und nachdem der Raum um das Schloß einen Augenblick dunkel gelegen, ward er plötzlich wieder er⸗ hellt, diesmal von der rothen Gluth der Fackeln, welche die Diener⸗ ſchaft am Portal aufſteckte, um den Weg für die anfahrenden Cquipagen zu erhellen. Auch das Zimmer und die Terraſſe, wo ſich die Geſell⸗ ſchaft befand, wurden plötzlich erleuchtet, doch nicht ſo ſchnell, daß es Eugen nicht noch gelungen wäre, durch eine ſchnelle Wendung eine alte Hofdame zwiſchen ſich und Julie zu bringen. Der Vater General, der ſich zum Gehen eines Stockes bediente, hinkte herbei, um ſeiner Tochter zu ſagen, daß ihr Wagen vorgefahren ſei. Mit Ausnahme einiger weniger Herren, worunter auch Eugen, die noch dablieben, um bei der liebenswürdigen Wirthin des Hauſes eine Taſſe Thee zu nehmen, empfahlen ſich die Uebrigen, und plau⸗ dernd und lachend rauſchte es über die breiten Corridors nach der Treppe des Hauſes hin. Auch hier war der Hausherr wieder für ſeinen Freund thätig. Denn unter dem Vorwand, dem alten General das Gehen zu erleichtern, nahm er ihn unter dem Arme und machte in ſeiner liebenswürdigen Sorgfalt unendlich kleine Schritte, ſo daß Julie, von Eugen geführt, ſchon faſt auf der unterſten Stufe war, ehe der Papa noch die oberſte erreicht hatte. 1 —— —— Gefährliche Blumenſträuße. 207 Das Treppenhaus war auch der Glanzpunkt der kleinen Villa; von Marmor waren Stufen und Wände, letztere mit weißen Säulen gekrönt, die leicht den kühnen Bogen der Wölbung trugen. Dort oben hatte Eugen für ſeinen Freund ein reizendes Bild gemalt, ein Bild, das ohne Uebertreibung den Werth der Villa bedeutend vergrößerte. Auf der unterſten Stufe der Treppe befanden ſich auf paſſenden Pie⸗ deſtalen zwei Knaben aus Bronze in Lebensgröße, welche aufrecht Füllhörner hielten, aus denen Lichter⸗Bouquete flammten. Julie war ſchon auf der zweiten Stufe; ſie hatte ihre kleine feine Hand auf den Arm eines der Knaben gelegt, während Eugen tiefer vor ihr ſtand, beide aber angelegentlich das Deckengemälde, ſein Werk, betrach⸗ teten und darüber zu ſprechen ſchienen; in Wahrheit aber beſchäftigte ſie nicht die Schaar der Götter dort oben, und wenn auch der Maler die Hand erhoben hatte, und bald auf dieſe, bald auf jene Geſtalt deutete, auch ſein Geſicht lächelnd und ruhig erſchien, ſo drangen doch die Worte, die er ſprach, haſtig zwiſchen den Lippen hervor. „Julie, es iſt etwas geſchehen, was Sie bekümmert. Ich habe das im Verlaufe des Nachmittags wohl bemerkt, und es hat mir den ſonſt ſo herrlichen Tag verdorben.“ Sie nickte mit dem Kopfe, wobei ſie aufwärts blickte, als habe ſie ſeine Erklärung, die Figuren betreffend, wohl verſtanden. „Was iſt es denn, Julie? Muß es ein Geheimniß für mich bleiben?“. „O nein, gewiß nicht,“ entgegnete ſie,„wenn ich es nur ſelbſt genau wäßte; Papa hat während dem Hieherfahren einige Worte zu mir geſprochen, die mich aufs Tiefſte erſchreckten.“ „Um des Himmels willen, Julie, was ſagte er?“ „Er ſprach von meiner Zukunft, daß es Zeit ſei, daran zu den⸗ ken, daß eine Verbindung, die er projectirt, mir gewiß paſſend und annehmbar erſcheinen würde.“ „O Gott, das habe ich ſchon lange erwartet,“ murmelte er durch die zuſammengepreßten Zähne. Gefährliche Blumenſträuße. „Sie meinen die Pferde des Sonnengottes,“ ſagte ſie plötzlich ſehr laut, während ſie lächelnd den Kopf ſchüttelte und mit der rechten Hand emporzeigte;„und man macht Ihnen einen Vorwurf, daß Sie die arabiſche Race anzeigen? O, das iſt in der That komiſch. Apollo hat ſich ja gewiß zu ſeiner Zeit des ſchnellſten, feurigſten Geſpanns bedient. Und das ſind Eigenſchaften, die man den Arabern nicht abſprechen kann.“ „Nicht ſchlecht geurtheilt, Julie,“ hörte man jetzt die tiefe Stimme des Generals, der nun dicht hinter dem Paare ſtand.„Doch habe ich nie gehört, daß man unſerem Künſtler darüber einen Vor⸗ wurf gemacht. Scharfe Kritiker fanden dagegen das Geſicht der Liebesgöttin etwas zu nachdenkend, ja traurigz die Göttin der Liebe ſoll heiter und glücklich ſein.“ 1 „Ganz recht, Papa,“ erwiderte Julie,„das wollte ich auch ſo⸗ eben anführen, denn man ſagt, ihre Macht ſei groß, nichts könne derſelben widerſtehen.“ Dies ſprach das junge Mädchen mit einem innigen Blick auf Eugen, der ſich mit der Hand über die Augen fuhr und wie aus einem tiefen Traum erwachte. So ſchnell als möglich fuhren die Wagen vor, doch da der des Generals nicht der erſte in der Reihe war, ſo mußte die Gruppe noch einen Augenblick an der Treppe ſtehen bleiben, und gerade als ſeine Equipage vorfahren wollte, zeigte ſich unerwartet ein neues Hinderniß, ein Reiter nämlich, der im Jagdgalopp über den Hof daher kam und die Rampe hinaufritt, vor dem Treppenhauſe anhielt, und vom Pferde ſtieg. Draußen, wo es ziemlich dunkel war, ſah man nur ſeine lange Geſtalt, die ſich eilig der Treppe näherte und nun, als ſie in den Lichterſchein trat, vom General erkannt zu werden ſchien, denn dieſer machte ſich plötz⸗ lich vom Arme des Hausherrn los und rief freudig aus:„Beſter Graf, welch angenehme Ueberraſchung!“ Der alſo Angeredete, der ziemlich ſteif und förmlich näher trat, hatte ein langes, dünnes Geſicht, das zu der mageren Geſtalt voll⸗ 3* 4 kommen paßte; auch die Stirne war hoch und ſchmal, ja, ſo hoch, — 2 Gefährliche Blumenſträuße. daß wenn man das ſorgfältig behandelte Haar anſah, man auf die Vermuthung kommen konnte, daſſelbe habe einſtens weiter hinabge⸗ reicht. Der Graf ſchaute im Kreiſe umher, machte eine leichte Neigung mit dem Kopfe und reichte dem General die Hand, welche dieſer herzlich ſchüttelte. „In der That eine liebenswürdige Ueberraſchung,“ wiederholte der General,„Sie erfuhren wohl in der Stadt, daß wir hier außen ſeien.“ „Allerdings,“ erwiderte lächelnd der Fremde,„und ich ſäumte nicht, mich ſo ſchnell wie möglich hieher zu begeben, will aber Ihre Rückfahrt, welche Sie ſoeben anzutreten im Begriffe ſind, nicht um eine Sekunde verzögern.“ „Meiner Tochter werden Sie ſich noch erinnern,“ ſagte der General mit einer Handbewegung gegen Julie, welche ſich erröthend verneigte und die Augen niederſchlug, da ſie bemerkte, wie die Blicke des Grafen feſt auf ihr hafteten. Dieſer hatte ſich dem jungen Mäd⸗ chen mit einer tiefen Verbeugung genähert und verſetzte:„Wenn ich mich auch noch lebendig jener Zeit erinnere, wo ich das Glück hatte, Fräulein Julie zu ſehen, ſo muß ich doch eingeſtehen, daß ich Sie unter andern Verhältniſſen nicht wieder erkannt hätte.“ „Erlauben Sie, beſter Graf, daß ich Sie dem Herrn dieſer gaſt⸗ freien Villa, dem Baron von C. vorſtelle.“ ‚Mir ſcheint,“ entgegnete der Fremde lächelnd,„ich erneuere da auch eine Bekanntſchaft aus früherer Zeit.“ „So iſt es, Herr Graf,“ entgegnete der Baron,„wenn ich nicht irre, trafen wir in Italien zuſammen.“ „Ja, ganz recht, in Neapel.“ „Und an den Waſſerfällen von Terni 2“ „Ahl das iſt wahr, Sie haben ein vortreffliches Gedächtniß.“ 5„Ich behalte manches,“ erwiderte lächelnd der Hausherr. Und woiährend ſich der General ſeinen Paletot umgeben ließ, näherte ſich Hackländers Werke. XXV. 14 4* Gefährliche Blumenſträuße. der Graf der jungen Dame, wobei der Hausherr nach ſeinem Freunde ſchaute, der während des kurzen Geſprächs von vorhin unſichtbar ge⸗ worden war. Doch hatte Eugen die Treppe nicht verlaſſen, ſich nur hinter die bronzenen Lichthalter zurückgezogen, und indem er den rech⸗ ten Arm auf einen der Träger ſtützte, hatte er die Stirn auf die Hand gelegt und blickte nachdenkend zu Boden. „Eugen!“ ſprach leiſe der Baron, und als Jener aufblickte, zeigte er ein bleiches, verſtörtes Geſicht. „War denn nicht vorhin unſer Maler da?“ rief laut der General, „da hätte ich bald was vergeſſen, wo iſt Herr Eugen?“ Der Maler trat vor, der alte Herr hinkte ihm ghaſtig entgegen, faßte ſeinen Rockknopf und zog ihn ein paar Schritte abſeits.„Lieber Freund, Sie müſſen mir einen großen Gefallen thun.“ „Mit Vergnügen, Herr General.“ „Sagen Sie das nicht, denn mein Verlangen iſt Künſtlern Ihres Ranges gerade nicht angenehm. Aber verzeihen Sie, ich kann mich nur an Sie wenden. Es betrifft das Bild, welches Sie von meiner Tochter gemalt haben; ich brauche davon eine Copie, eine kleine, zier⸗ liche Copie.“ 3 „Eine zierliche Copie, Excellenz; ich verſtehe.“ „Nicht wahr, Sie verſtehen mich, Sie ſind ein verſtändiger jun⸗ ger Mann; ich verſichere Sie, ich ſetze ein unbegrenztes Zutrauen in Sie. Es muß eine Copie ſein in einem kleinen hübſchen Format, die man— Jemand zum Geſchenk machen kann.“ „Einem Bräutigam zum Beiſpiel, Herr General,“ ſagte der Maler mit leiſer, tonloſer Stimme. „Parbleu! Sie haben Recht,“ erwiderte lachend der General, ſetzte aber hinzu, indem er den Zeigefinger aufhob:„Das bleibt aber vor der Hand ganz unter uns.“ Der Maler verbeugte ſich, dann verſetzte er nach einer kleinen Pauſe:„Und wann wünſchen Sie, Herr General, daß ich die Copie anfange?“ 3 ——õꝛè Gefährliche Blumenſträuße. 211 „Anfangen? Wenn Sie mich lieb haben, längſtens morgen, und beendigen ſo ſchnell wie möglich.“ „Ah! es iſt eilig,“ ſprach der Maler, indem er ſich die Lippen faſt blutig biß. „Recht eilig, alſo ich verlaſſe mich auf Sie.“ Unterdeſſen hatte der vorhin Angekommene mit Julie und dem Hausherrn ebenfalls einige Worte gewechſelt, glücklicher Weiſe aber ſprachen ſie über die reizende Beſitzung, auf welcher man ſich gerade befand, und ſo war es der jungen Dame erlaubt, bei Erwähnung des Treppenhauſes auch mit großem Intereſſe die Bronzefiguren zu betrachten, neben welchen Eugen und der General ſtanden. Wie hatten ſich die Züge des jungen Mannes, die während des Feuerwerks noch ſo glücklich und heiter ſtrahlten, jetzt verändert! Wie zuckten ſeine Lippen, wie ſuchten ſeine Augen ihre Blicke, nachdem der General dem Maler die Hand geſchüttelt und ſich von ihm entfernte. Wie haſtig griff Eugen nach dem bronzenen Arm des Knaben, es ſchien, er müſſe etwas ſuchen, um ſich daran zu halten. „Allons, Kinder!“ rief der General.„Wir haben unſeren liebens⸗ würdigen Wirth jetzt lange genug zwiſchen Thüre und Treppe in der kühlen Nachtluft hingeſtellt, machen wir, daß wir nach Hauſe kommen. Und Sie, Graf, Sie fahren doch mit uns?“ „Wie könnte ich ohne gegründete Urſache eine ſolche Einladung ausſchlagen!“ entgegnete dieſer.„Doch verzeihen mir Excellenz, ich muß es doch thun, denn ich habe mich warm geritten und geſtehe, daß ich mich in Ihrem offenen Wagen vor der kalten Nacht fürchte.“ „Und nicht mit Unrecht,“ ſagte der General.„Daran dachte ich wahrhaftig nicht.“ „In der Eile noch zeitig hieher zu kommen,“ fuhr der Andere lächelnd fort,„vergaß ich durch den Reitknecht meinen Ueberzieher mitnehmen zu laſſen, bedaure das aber jetzt aufs Schmerzlichſte.“ „Aber ich bitte Sie, beſter Graf!“ rief eifrig der Hausherr, „dem iſt ja augenblicklich abzuhelfen; darf ich Ihnen einen Paletot Gefährliche Blumenſträuße. von mir anbieten? Ich hoffe, Sie werden mir das nicht abſchlagen, haben wir uns doch auch ſchon früher kleine Dienſte geleiſtet.“ In dieſem Augenblicke eilte auch ſchon einer der Bedienten, welche hinter den Herrſchaften auf der Treppe warteten, die Stufen hinan.„Du wirſt meinen weiten dicken Paletot vor meinem Zimmer finden!“ rief ihm der Hausherr nach;„ich habe ihn dort auf den Tiſch gelegt.“ Dann ſetzte er lächelnd gegen den Anderen gewendet hinzu:„Ich muß ſchon das weiteſte Kleidungsſtück geben, das ich habe, um die fehlende Länge zu erſetzen.“ Der Paletot, der augenblicklich gebracht wurde, erwies ſich übri⸗ gens als zur Genüge paſſend, der Graf wickelte ſich hinein, Julie verabſchiedete ſich von dem liebenswürdigen Wirthe, nicht ohne die herzlichen Worte, mit welchen ſie dies that, durch einen innigen Blick anderswohin zu dirigiren. Die Pferde zogen an, der Wagen rollte dahin. Der Baron von C. trat zu ſeinem Freunde hin, der noch immer wie in tiefem Traume daſtand, faßte ſeinen Arm und ſagte mit weicher Stimme:„Komm, Eugen, gehen wir hinauf. Sei ruhig, mein Freund; glaube mir, ich verſtehe deinen Schmerz. Ah! das iſt eine ſchreckliche Lage.“ Darauf ſtiegen Beide ſchweigend die Treppen hin⸗ auf, und als ſie oben auf das Veſtibul kamen, ſchritt der Maler einem großen Fenſter zu, welches eine weite Ausſicht gewährte. Da lag vor ihnen in der Dunkelheit die Stadt mit einem weißen Nebel⸗ ſchleier bedeckt, durch welchen die Lichter von den Straßen und aus den Häuſern hervorblitzten und ſich ausnahmen wie glänzende Stickereien. Hie und da leuchtete und blitzte es noch auf den Höhen, man ſah bald nah, bald fern ſprühende Schwärmer und hoch aufſteigende Raketen. Ringsum herrſchte noch Luſt und Freude, nur ein Herz, welches vorhin alles das noch ſo warm und glücklich mitempfunden, fühlte ſich jetzt kalt und elend. Eugen lehnte die brennende Stirn an die kühlen Scheiben, der Baron ſtand neben ihm und legte die Hand ſanft auf ſeine Schulter.„Sei ruhig, Eugen,“ ſagte er.„Wohl „— „— Gefährliche Blumenſträuße. 213 begreife ich, wie ſchwer dein empfängliches Gemüth von dem Schlag getroffen wurde. Aber wenn er auch unerwartet kam, ſo mußteſt du doch darauf vorbereitet ſein. Wie oft ſprachen wir darüber, wie oft ſagteſt du ſelbſt dies Ende deinem ſtillen Glücke voraus.“ „O ja, das that ich,“ entgegnete der Andere mit zitternder Stimme,„aber jetzt, wo ſich ſo plötzlich die fürchterliche Kluft vor meinen Füßen öffnet, jetzt iſt mir, als könne ich das Unglück nicht ertragen. O meine Julie!“ fuhr er ſchmerzlich fort, indem er ſein Geſicht mit beiden Händen bedeckte,„ſo habe ich dich alſo verloren! O mein ſüßes Mädchen, ſo hat man dich alſo von mir weggeriſſen ohne Gnade und Barmherzigkeit! Nicht wahr?“ wandte er ſich haſtig an ſeinen Freund,„das iſt auch deine Anſicht? Alles iſt für mich verloren.“ „Ich glaube, ja, mein armer Eugen,“ erwiderte ſanft der Baron von C.„Nimm es auf wie ein Mann; geſtehe mir zu, daß du ſelbſt an einem guten Erfolg gezweifelt. Erinnere dich, wie oft wir dir ſagten, Eliſe und ich, in Gottes Namen einen verſuchenden Schritt zu thun, obgleich,“ ſetzte er beruhigend bei, als er ſah, daß der Andere ſich heftig gegen ihn umwandte,„wir gewiß an ein Ge⸗ lingen nimmermehr glaubten.“ „Und ich ebenſowenig,“ murmelte Eugen.„Hätte ich denn im anderen Falle jenen Schritt nicht ſchon längſt gethan? Und doch redete ich mir ſelbſt Hoffnungen ein. O es war für mich ſo ſüß zu hoffen, ich fühlte wohl, was ich leiden würde, ſobald ich die traurige Gewißheit meines Unglücks hätte. Und jetzt habe ich ſie, und jetzt leide ich— furchtbar.“ Abermals lehnte er ſich gegen das Fenſter und blickte in die Nacht hinaus. Und wieder faßte der Baron ſeinen Arm, ihn ſanft empor⸗ ziehend.„Laſſ' uns nicht hier ſtehen bleiben, Eugen,“ bat er mit be⸗ wegter Stimme.„Komm, gehen wir zu meiner Frau, ſie erwartet uns.“ „Aber ſie iſt nicht allein,“ ſprach Eugen.„Sieh mein Geſicht 214 Gefährliche Blumenſträuße. an; wie kann ich mich ſo vor Menſchen blicken laſſen! Auch wäre es wohlthuend für mich, allein ſein zu können.“ „Im Gegentheil, Eugen,“ erwiderte der Baron,„ich kenne das; zwinge dich, für eine Stunde an unſerer Unterhaltung Theil zu neh⸗ men. Glaube mir, es iſt beſſer für dich, du wirſt doch nachher lange genug allein ſein.“ „Ja, ſehr allein!“ entgegnete der Andere mit einem tiefen Seufzer. „Auch werden dich ein paar gute Freunde, die du in meinem Zimmer findeſt, nicht geniren. Aber nimm dich zuſammen; weißt du, lieber Freund,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„man ſoll dich ruhig ſehen, man ſoll nicht ſagen, du ſeieſt wie ein Unglücklicher davon ge⸗ rannt; man ſoll nicht über dich ſpotten.“ „Und wer weiß denn ſchon bei dir um die für mich fürchterliche Geſchichte?“ „Komiſche Frage! der Vicomte, der drsben iſt, war auf der Treppe, als der Graf unten vom Pferde ſtieg. So ein Diplomat iſt neu⸗ gierig; er war es ja auch, der ſchon unlängſt eine Anſpielung fallen über eine projectirte Heirath im Hauſe des Generals. Wir lach⸗ ten darüber.“ „Und du ſagteſt mir nichts davon?“ „Ich verſichere dich, wir lachten darüber.“ „Und doch hatte er recht,“ ſprach Eugen mit tiefem Schmerze. „So ſcheint es; aber der kleine Vicomte hatte nun gewiß nichts Eiligeres zu thun, als meiner Frau die Ankunft des Bräutigams mit großem Geräuſch zu verkünden, und daran würde er ohne Zweifel von ſeinen pikanten Bemerkungen reihen, wenn du, von dem man weiß, daß er noch eine Stunde dableiben wollte, plötzlich verſchwunden wäreſt.“ Eugen biß die Zähne feſt auf einander. „Alſo komm und ſei verſtändig.“ „Vielleicht auch luſtig?“ fragte der Andere bitter,„geſprächig mit 8 —— Gefährliche Blumenſträuße. 215 der Hölle im Herzen? doch ſei es darum. Was ich heute nicht thue, müßte ich morgen doch thun. Und darin haſt du recht: einen lauern⸗ den Blick oder das leiſeſte Wort des Spottes— bei Gott! ich ertrüg es nicht.“ Damit raffte er ſich auf und Beide ſchritten durch das Beſtubil nach dem Zimmer der Hausfrau, einem kleinen heimlichen Salon, welcher durch dicke Teppiche, die den Boden bedeckten, durch zugezogene Vorhänge von ſchwerem Seidenzeuge und durch ein flackern⸗ des Feuer in dem zierlichen Kamin von polirtem Eiſen einen ſo an⸗ genehmen Gegenſatz zu der kalten Nacht bildete, daß Jeden, der von draußen hineintrat, ſchon auf der Schwelle ein behagliches Gefühl überſchlich. Die Baronin von C., eine junge, ſchöne und heitere Frau, ſaß auf einem Divan, der ſich in der Ecke des Zimmers befand. Vor ſich hatte ſie einen Lichtſchirm und war ſo gedeckt vor den grellen Flam⸗ men des Kaminfeuers, an welchem drei Herren ſaßen, von denen der Eine, eine kleine bewegliche Figur, etwas Komiſches erzählt haben mußte, denn die Baronin lachte ſo herzlich, daß man beide Reihen ihrer ſchönen weißen Zähne ſah.„Hören Sie auf, Vicomte!“ Falf ſie luſtig,„man kennt Ihre Uebertreibungen. Dort kommt Georg⸗ der wird uns die nackte Wahrheit ſagen.“ „Wenn er das thut, gnädige Frau,“ rief der Vicomte,„ſo wer⸗ den Sie erfahren, daß ich mit keiner Sylbe übertrieben.“ „Von Allem, was ſich drunten zugetragen, ſollt ihr einen genauen Bericht haben,“ ſagte der Hausherr,„ich bin das ja meiner Frau ſchuldig.“ Damit ging er zu ihr hin, küßte ſie auf die Stirn und ſagte ihr leiſe:„Laß Eugen neben dir Platz nehmen.“ Sie ſah einen Augenblick fragend in das Geſicht ihres Mannes, dann aber preßte ſie die Lippen auf einander und ein leichter Schatten überflog ihre vorher ſo heiteren Züge. Sie hob haſtig ihre Rechte und reichte ſie dem Maler, der ſich darauf niederbeugte und die kleine Hand küßte. Der Hausherr hatte ſich in dieſem Augenblicke zu den anderen —y— 216 Herrn an das Kamin geſtellt. Der Handkuß des Malers mußte übri⸗ gens von etwas Außerordentlichem begleitet geweſen ſein, denn die Baronin blickte faſt erſchrocken auf die ſeltſam glänzenden Augen des jungen Mannes, dann ſagte ſie heiter und luſtig, wobei aber ihre Stimme kaum merklich bebte:„Alſo endlich laſſen Sie ſich auch in meiner Nähe ſehen? den ganzen Nachmittag ſind Sie nur ſo herum geſchwärmt, bald hier, bald dort, und haben mich total vernachläſſigt. Zur Strafe dafür nehme ich Sie jetzt für mich in Beſchlag.“ Sie zog ihn ſanft auf einen kleinen Fauteuil nieder, der neben dem Divan ſtand. „Das iſt eine ſchöne Strafe,“ meinte lachend der Vicomte,„und hätte ich das früher gewußt, ſo würde auch ich mich den ganzen Nach⸗ mittag fern gehalten haben, um Abends ſo angenehm beſtraft zu werden.“ „O was das anbelangt,“ lachte die ſchöne Frau,„ſo kann man bei mir auf verſchiedene Art Buße thun. Sie hätte ich vielleicht doch an den Kamin verwieſen, Sie lieben es, in die Flammen zu ſchauen, aber die koſtbaren Augen unſeres Freundes hier muß ich ſchonen. Deß⸗ halb,“ wandte ſie ſich an Eugen,„bekommen Sie auch die Hälfte meines Lichtſchirmes— ſo— jetzt wird Ihnen die Gluth des Feuers nicht wehe thun.“ Damit hatte ſie den kleinen Schirm, der vor ihr ſtand, ſo gedreht, daß der Schatten, den derſelbe warf, zum größten Theile auf das Geſicht des Malers fiel. „Ja, dieſe Künſtler werden doch auf jede Art bevorzugt,“ meinte der Vicomte. Und das Gleiche mochte auch Eugen fühlen, denn er heftete auf die Baronin einen Blick mit dem Ausdruck der innigſten Dankbarkeit. „Aber jetzt will ich von dir hören, George, was ſich drunten zu⸗ getragen. Hat uns doch der Vicomte Sachen erzählt, die ganz außer⸗ ordentlich ſind.“ „Ich wette, er hat falſch geſehen,“ meinte einer der anderen bei⸗ den Herren, ein Rittmeiſter von B., der wenig ſprach und von dem Gefährliche Blumenſträuße. 2 Gefährliche Blumeuſträuße. 217 man faſt ſicher ſein konnte, daß unter dem Wenigen, was er ſagte, faſt jedesmal die Propoſition zu einer Wette war.—„Zehn gegen fünf,“ fuhr er fort,„der Vicomte hat componirt.“ Dieſer ſtreckte ſich bei der Behauptung des Rittmeiſters ſo lang wie möglich, erhob feier⸗ lich ſeine Hand und ſagte mit der Ruhe eines guten Gewiſſens:„Eine ſolche Wette wäre wenig beſſer als Diebſtahl. Hören wir den Haus⸗ herrn, und dann urtheilt.“ „Nun ſo Außerordentliches hat ſich nicht zugetragen,“ verſetzte lachend der Baron, indem er ſich in ein Fauteuil niederliß.„Als wir den General die Treppen hinab begleiteten— Eugen war bei mir—“ „Und führte die ſchöne Julie, wette ich,“ warf der Rittmeiſter dazwiſchen. „Eben als ſie drunten in den Wagen ſteigen wollten,“ fuhr der Hausherr fort,„erſchien ein Reiter.“ „Ein langer Reiter, Graf Rieden, der Mann mit dem Blumen⸗ ſtrauß,“ ſagte der Vicomte. „Den der General aufs Freundlichſte empfing, wobei er von großer Freude und Ueberraſchung ſprach. Auch ich erneuerte eine alte Be⸗ kanntſchaft. Erinnerſt du dich noch, Julius, an den Waſſerfall von Terni?“ wandte er ſich an den dritten der Herren, der ſchweigend in die Flamme des Kamins ſchaute und jetzt mit dem Kopfe nickte.„Da ſah ich dieſen Graf Rieden und erinnerte mich ſeiner ſogleich. Nach⸗ dem drunten die erſten Begrüßungen vorbei waren, nöthigte der Ge⸗ neral den eben Angekommenen in ſeinen Wagen, um ihn nach der Stadt zurückzubringen. Der Graf war zu Pferde gekommen, und da er ſcharf geritten und erhitzt war, ſo bot ich ihm meinen Paletot an, den er auch annahm. Das iſt die ganze Geſchichte.“ 1 „Ja, das Gerippe der Geſchichte. Aber ich habe ungeheuer viel mehr geſehen.“ „Wenigſtens viel mehr erzählt,“ ſagte lachend die Baronin. „Nein, nein,“ erwiderte der Andere,„keine Uebertreibung, nur die Gefährliche Blumenſträuße. Wahrheit. Schon vor einigen Tagen erfuhr ich vom.... ſchen Ge⸗ ſandten, Graf Rieden werde hieher kommen, und man ſpreche von einer Verbindung zwiſchen ihm und der Tochter des General von W. Ob die ſchöne Julie dabei dem Zuge ihres Herzens folgt, iſt eine andere Frage, die ich nicht entſcheiden kann. Daß ſie aber beim Anblick des Grafen, von deſſen bevorſtehender Ankunft ſie unterrichtet war, kein entzücktes Geſicht machte, das kann ich beſchwören. Ja ich verſichere nochmals, ich habe nie den heiteren Ausdruck eines ſo lieben, freund⸗ lichen Geſichts wie das der kleinen Baronin ſich ſo plötzlich in Schrecken verwandeln ſehen. Sie ſchauderte ordentlich zurück, und wandte ihre Augen flehend unſerem lieben Wirthe zu, als wolle ſie bei ihm Hülfe ſuchen.“ „Par exemple!“ rief lachend der Baron von C.„Vicomte! Vicomte! wiſſen Sie wohl, daß Sie damit ſehr viel geſagt haben?“ „Aber da ich es in Ihrer Gegenwart und in der der Baronin ſage, hat es weiter keine Bedeutung, das werden Sie zugeben. Und nun, habe ich vorhin zu viel geſprochen, als ich behauptete, der Bräu⸗ tigam ſei angelangt, der Bräutigam ſei nichts weniger als liebens⸗ würdig und angenehm, und die ſchöne Julie ſei förmlich vor ihm zurückgeſchaudert? Weiß der liebe Gott,“ fuhr er luſtig fort,„weßhalb ich in den Ruf gekommen bin, als übertreibe ich gern. Und es hilft der armen kleinen Julie nichts, ſie wird den Grafen doch heirathen müſſen.“ „Ich wette nein,“ ſprach der Rittmeiſter mit großer Ruhe. Worauf Alles lachte und Julius ſich veranlaßt ſah, den Kopf ſeinem Nachbar zuzuwenden und ihm zu ſagen:„Ich wollte doch wahr⸗ haftig, es fände ſich Jemand, der dich und deine Wetten einmal beim Wort nähme.“ „Ich ſtehe zu Befehl für Jeden, der Luſt hat; alles Ernſtes, eine gleiche Wette: der Graf wird die Baronin nicht heirathen.“ „Und weßhalb?“ fragte der Hausherr. „Das weiß er ebenſo wenig als wir Andere; Gründe hat er nie. 58 Er will nur wie gewöhnlich eine Wette vorſchlagen.“ —— Gefährliche Blumenſträuße. 219 „Die ich annehme,“ rief Eugen vom Eckdivan herüber.„Aber gleich gegen gleich hat zu viel Chancen für mich,“ ſetzte er mit ſelt⸗ ſam klingender Stimme hinzu,„weßhalb ich Ihnen vorſchlage, lieber Rittmeiſter: Zehn gegen Eins, der Graf wird die Baronin heirathen.“ „Wenn Sie wollen, verlange ich es nicht beſſer,“ erwiderte der Rittmeiſter lachend.„Alſo zehn Louisd'or gegen hundert, wenn es Ihnen ſo recht iſt. Heirathet der Graf, ſo zahle ich ſie und umge⸗ kehrt erhalte ich die hundert Louisd'or.“ „Abgemacht!“ „ Womit du für heute Abend befriedigt ſein wirſt,“ ſagte Julius. „Glaube mir, Eugen, die zehn Louisd'or ſind dir ſicher. Es iſt eigent⸗ thümlich,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wie ein Name, der uns mit einemmal aufs Neue wieder anklingt, ſo lebendige Erinnerungen längſtvergangener Zeiten wach rufen kann— Graf Rieden. Iſt mirs doch gerade, als ſtände ich wieder vor dem alten Poſthauſe in Terni, wo die lange Geſtalt dieſes Herrn vor mich hintrat und ſeinen Namen nannte,— Graf Rieden, der ſich ein Vergnügen daraus machen würde, uns zu den Waſſerfällen zu begleiten.“ „Ja, das waren ſchöne Zeiten,“ ſeufzte der Vicomte;„ſo was kommt nur einmal im Leben.“. „Ich wette, Sie waren damals verliebt,“ ſprach der Rittmeiſter. „Dagegen kann er nie wetten,“ bemerkte lachend der Hausherr, „denn der glückliche Vicomte fällt von einer Roſenkette in die andere.“ „Aber damals,“ ſagte Julius. „Ja damals,“ ſeufzte der Vicomte. „Das müſſen ja fürchterliche Erinnerungen ſein,“ miſchte ſich die Baronin ins Geſpräch,„und jetzt begreife ich vollkommen, daß Sie der Anblick des Grafen Rieden ſo erſchüttert hat und Sie ihn mit ge⸗ brochenen Herzen in Verbindung brachten.“ „Es war eine komiſche Zeit,“ meinte Julius nachdenkend. „Ich habe doch auch ſchon viel über jene Reiſe gehört,“ ſagte die Baronin,„aber an etwas beſonders Merkwürdiges erinnere ich mich —— Gefährliche Blumenſträuße. nicht; George, George, du ſcheinſt mir von deinen Erlebniſſen viel verſchwiegen zu haben!“ „Aber was Terni anbelangt, gewiß mit Unrecht, gnädige Frau,“ ſprach Julius;„da war er liebenswürdiger Freund und mehr nicht.“ „Nun, wie war denn die Geſchichte?⸗ warf die junge Frau hin. „Der Hauptheld derſelben ſoll erzählen.“ „Das iſt der Graf Rieden,“ ſagte lachend der Vicomte, und der iſt Gott ſei Dank zu weit entfernt, um uns unterhalten zu können. Ihm aber folgt Julius im Nange, und er ſoll uns mit ſeiner bekann⸗ ten Schärfe den Tag von Terni und was darauf folgte vor die Augen führen.“—. „Wofür wir außerordentlich dankbar ſein werden,“ ſagte die Ba⸗ ronin.—„Che aber unſer freundlicher Erzähler beginnt, bitte ich eine Taſſe Thee anzunehmen, er muß im Augenblicke kommen.“ Sie zog an einer Klingelſchnur, die neben ihrem Platze hing, und wenige Mi⸗ nuten nachher ſtellte der Kammerdiener das Theeſervice vor der Dame des Hauſes auf. Die Baronin beſaß eine eigene Fertigkeit, das duf⸗ tende Getränk zu bereiten, und es war nebenbei ein wahres Vergnügen, ſie ſo zierlich und elegant ihre ſchwere ſilberne Batterie bedienen zu ſehen. Jeder empfing die volle Taſſe aus ihren Händen, der Eine oder der Andere ließ ſich auch eine zweite geben, dann wurden die leeren auf einen nebenſtehenden Marmortiſch geſchoben und hierauf alles von der Dienerſchaft wieder geräuſchlos abgeräumt. „So,“ ſagte die ſchöne Frau,„jetzt bin ich bereit zum Zuhören.“ „und ich zum Erzählen, aber unter einer Bedingung,“ entgegnete Julius.„Nehmen Sie den Vicomte von meiner Seite, ihm zucken ſchon die Mundwinkel, und ich bin feſt überzeugt, er wird mich jeden Augenblick mit irgend einer Bemerkung unterbrechen, oder wenn das nicht iſt, wenigſtens ſo merkwürdige Geſichter ſchneiden, daß ich mei⸗ nen Faden nicht ruhig abwickeln kann.“ „Pfui, Vicomte! ſeien Sie artig!“ rief die Baronin. Doch er⸗ wiederte dieſer:„Nein, nein, ich will unartig ſein und in Folge davon 8. Gefährliche Blumenſträuße. 221 Buße thun. Eugen dort neben Ihnen hat ſich auffallend gebeſſert, er ſoll ſeinen Platz einem ärgeren Sünder überlaſſen.“ „Gott ſoll mich bewahren,“ antwortete die Baronin,„daß ich es verſuchen ſollte, Sie zu bekehren. Alles, was ich leiſten kann, iſt der Verſuch, Sie unter Aufſicht zu nehmen, und zu dem Ende will ich mich ebenfalls ans Kamin ſetzen. Kommen Sie, Eugen.“ Damit waren Alle einverſtanden, man rückte zuſammen, die Baronin ſetzte ſich in eine Kaminecke, der Maler ſtellte ſich in die andere und zwar ſo, daß der vorſpringende ſchwere Spiegelrahmen einen leichten Schat⸗ ten auf ſein Geſicht warf; doch hatte er ſich gefaßt, und wenn er auch etwas bleich ausſah, ſo las man doch in ſeinen Zügen nichts von dem tiefen Weh, das in ſeinem Herzen wühlte. „Alſo wir ſind in Terni,“ ſagte die Baronin. „So iſt es, gnädige Frau, und wir kamen dorthin am frühen Morgen, und zwar in zwei Wagen. George und ich zuſammen in unſerer Caleſche, der Vicomte dort in der ſeinigen. Terni iſt ein klei⸗ nes ächt italieniſches Neſt; es liegt tief im Thale der wild ſtrömenden Nera, bekanntlich an der Straße von Perugia nach Rom, und würde wohl nie genannt werden, wenn ſich nicht in ſeiner Nähe die wunder⸗ baren Waſſerfälle befänden, vielleicht die ſchönſten und maleriſchſten in Europa. Da iſt Eugen, der muß mir das bezeugen.“ „Sie ſind in der That wunderbar und herrlich,“ ſagte dieſer. „Der Ort ſelbſt iſt finſter und ſchmutzig,“ fuhr der Erzähler fort, „hat aber intereſſante Häuſer. Ich weiß nicht, wie die Italiener es machen, aber faſt jedes ihrer Gebäude gäbe ein kleines Bild. Die altersgrauen Mauern mit den unregelmäßig angebrachten Fenſtern, das flache Dach mit einer Bruſtwehr, die hier hoch, dort niedrig iſt, und auf die eigenſinnigſte Art verziert, vorn durch eine Reihe halbzer⸗ brochener Blumentöpfen mit Aloén und kleinen Granatbäumen, rechts mit flatternder Wäſche, und auf den andern Seiten durch die über⸗ ragenden Zweige eines mächtigen Lorbeerbaums, deſſen ſaftiges Grün auf der Schmutzfarbe des ganzen Gebäudes ſo unendlich wohl thut. —— 222 Gefährliche Blumenſträuße. Am hübſcheſten aber machen ſich an dieſen Häuſern die zahlreichen Veranden, die ſo willkürlich kunſtlos angebracht ſind und wohl nur dadurch einen ſo maleriſchen Effekt erreichen; ein paar roh aufgemauerte Pfeiler, darüber einige Stangen, eine coloſſale Weinrebe am Hauſe, die weit und breit ihre Zweige ausſtreckt und mit einer Fülle von breiten Blättern das Ganze zudeckt: das iſt überall ſo einfach und ſchön, daß wir es mit aller Kunſt nicht zu erreichen vermögen.“ „So war auch der Gaſthof in Terni, vor welchem wir abſtiegen. Unſere beiden Caleſchen hatten kaum⸗ Platz im Hofe, denn dort befand ſich das Coupé des Grafen Rieden, ſowie ein coloſſaler Reiſewagen, ſchwer bepackt, mit hohem, verdecktem Hinterſitz; wo an letzterem irgend noch ein Platz war, ſah man große, mit Leder überzogene Schachteln aufgeſchnallt. Dieſe Cquipage mußte doch offenbar mehr als eine Dame beherbergen, das merkte man ihrem Aeußeren wohl an.“ Der Vicomte ſchnitt eine Grimaſſe, wagte es aber nicht, den Er⸗ zähler zu unterbrechen. „Man gab uns Zimmer, einen ungeheuren Saal zum Speiſen, die Wände von dunklem Holzwerk mit alten Vergoldungen und einem ſo nachgedunkelten Deckengemälde, daß George, der damals die Bilder⸗ liebhaberei hatte, nicht unterſcheiden konnte, ob das eine Landſchaft oder eine Hiſtorie behandle. Wir frühſtückten und verlangten Führer zu den Waſſerfällen, ſowie Pferde, um hinauf zu reiten. Der Wirth rieb ſich die Hände, und verſicherte, es thue ihm unendlich leid, aber mit Pferden könne er uns nicht dienen. Drei Damen, die vor einer Stunde mit ihrer Dienerſchaft hinauf ſeien, hätten ſeinen Stall aus⸗ geleert, und was er uns anſchaffen könne, ſeien zwei kleine Wagen, jeder mit einem, übrigens ſehr ſoliden Maulthier beſpannt, die aber nicht zum Reiten tauglich ſeien. Was war zu machen? Bekanntlich hat der Gaſtwirth und Poſtmeiſter von Terni das Recht, alle Reiſen⸗ den nach den Waſſerfällen zu befördern.“ „Ja,“ unterbrach der Vicomte lachend den Erzähler,„er hat das Gefährliche Blumenſträuße. vom römiſchen Governo theuer genug erkauft, bringt aber ſeine Aus⸗ lagen mit hundert Prozent wieder von den Fremden ein.“ „Wir ließen die Wagen vorfahren, und ſie hatten das Ausſehen von alten ruſſiſchen Drotſchken und ſtießen bedeutend, weßhalb denn auch unſer Vicomte mit dem Grafen den ſeinigen nach kurzer Zeit verließ, um mit dem Führer einen näheren Weg auf den Berg zu machen. Es drängte ihn gewaltig vorwärts.“ „Ich wette, er wollte baldigſt die Damen ſehen,“ lachte der Ritt⸗ meiſter.. „Darauf wette ich ebenfalls,“ ſagte luſtig der Vicomte,„und Sie hätten es, glaube ich, gerade ſo gemacht.“ „O nein,“ entgegnete der Andere ruhig, ich wäre in einem ähn⸗ lichen Falle nicht gelaufen; ich hätte das Maulthier ausgeſpannt und mich hinaufgeſchwungen, was gilt die Wette?“ „Und der gute Graf, der mich mit ſeiner Geſellſchaft beehrte?“ fragte der Vicomte.„Ich danke für einen Ritt à la demi Haimons⸗ kinder.“ „Der Vicomte ging alſo mit dem Grafen zu Fuß und unſere ſoliden Maulthiere kletterten ſo langſam aufwärts, daß wir die Beiden bald aus dem Geſicht verloren. Wir befanden uns übrigens vortreff⸗ lich,— denkſt du daran, George?“ „Allerdings,“ erwiderte dieſer,„es war eine herrliche Umgebung.“ „Zuerſt kamen wir durch dichte Olivenwälder,“ fuhr der Erzähler fort„es war gerade Ernte, an der faſt die ganze Bevölkerung von Terni Theil nahm, Männer, Weiber, Kinder ſah man plaudernd und lachend unter den Bäumen, man hätte glauben können, ſie feierten ein Volks⸗ feſt. Um die Stämme herum lagen am Boden genblick ruhten, ſo ſtellte ſich alsbald das junge Volk in Gruppen und tanzte zu den Klaängen einer ſchnarrenden Guitarre, die alsdann zum Vorſchein kam. ——j 222) Gefährliche Blumenſträuße. 1 Bald aber ſtieg der Weg aufwärts und die üppige Vegetation, welche, von der Fluth der Nera und der Waſſerfälle hervorgerufen, dies Thal wie keins ſonſt in Italien auszeichnet, blieb hinter uns. Wie iſt das Thal ſo prächtig, wie entwickeln ſich ſeine Schönheiten, je mehr man aufwärts ſteigt! Terni liegt in einem Wald von Orangen, und in ₰ den Schluchten der felſigen Gründe, wo dieſer edle Baum nicht fort⸗ kommt, breiten mächtige Steineichen ihre immergrünen Blätter aus. 4 Und wie phantaſtiſch iſt das Flußbett, das ſich die Nera gebahnt, wie 8 rauſcht und ſchäumt das hellgrüne, klare Waſſer daher, mit dieſer Farbe an den heimathlichen Rhein erinnernd. Wie glitzert es im Sonnen⸗ ſchein, wie liebend beugen ſich Schlingpflanzen, ſelbſt die Zweige mäch⸗ tiger Bäume nieder auf ſeinen kryſtallnen Spiegel!“ „Ei, ei,“ ſagte lächelnd der Hausherr,„deine lebhafte Beſchrei⸗ bung des ſchönen Thales ſcheint mir nicht allein aus der Erinnerung an die Fluthen der Nera, an Orangen und Steineichen herzuſtammen. Für dich war gewiß alles das noch eigenthümlicher belebt.“ 1 Der Erzähler ließ ſich auf keine Antwort ein, ſondern fuhr fort: „Der gute und breite Weg, auf dem wir fuhren, wand ſich an der nackten gelben Felswand in die Höhe, und bald hörten wir das Rauſchen und Toben des Falles und erreichten endlich das Plateau, über welches der Velino gegen die Schlucht ſtrömt, in der dreizehn⸗ hundert Fuß tiefer die Nera fließt. Prächtig iſt von hier der Anblick der Gebirgsgegend rings umher. Erinnerſt du dich wohl daran,* George, wie öde und einſam uns die Zacken der Felsgebirge erſchie⸗ nen und wie die gewaltige Natur gleichſam ohne alles Leben war? 5 Ich werde nie den Augenblick vergeſſen, als wir die Höhe erreicht hatten und über die breiten Felſenplatten durch Brombeergeſtrüpp 4 gegen den Fluß hinkamen. Und wie überraſcht es ſo ſeltſam, hier, wo man glaubt, daß nur die Natur geſchafft und gewirkt, großartige Spuren von Menſchenhänden zu erblicken, welche den wilden Waſſern ihren Weg bahnten. Man findet hier ſtaunend ein Römerwerk, wahr⸗ lich nicht geringer als die coloſſalen Bauten in Rom oder die Waſſer⸗ Gefährliche Blumenſträuße. leitungen in der Campagna. Der Vicomte wird uns genau ſagen können, welcher alte Römer ſich hier verewigt.“ „Ich will euch meine Schulweisheit nicht vorenthalten,“ ent⸗ gegnete dieſer.„Es war Manius Curius Dentatus, Samniums Beſieger, derſelbe Mann, welcher, wie die Geſchichte erzählt, gerade Rüben zu ſeinem Mittagsmahl in der Aſche briet, als meine ſamni⸗ tiſchen Collegen ihn mit ſchwerem Golde vergeblich verſuchten.“ „Ich wette,“ ſagte der Rittmeiſter,„daß der Vicomte heute zu⸗ fällig im Converſationslexikon geleſen.“. Worauf der Andere achſelzuckend erwiderte:„Ihr vom Säbel begreift freilich nicht, daß man noch Einiges aus der Schule gerettet. Aber weiter, Julius.“ „Che Sie fortfahren, verzeihen Sie mir eine Frage,“ ſagte die Baronin.„Aus welchem Grunde half man denn dem Fluſſe nach und ließ ihn nicht in die Schlucht hinabſtürzen, wie und wo er ge⸗ rade wollte?“ „So ganz zuverläſſig kann ich das nicht angeben, gnädige Frau,“ entgegnete der Erzähler,„aber den alten römiſchen Republikaner trieben gewiß triftige Gründe zu der coloſſalen Arbeit. Einige behaupten, der Fluß hätte ſich, ehe er über die Felſen herabſtürzt, nach und nach einen tiefen See gewühlt und darauf Miene gemacht, umzukehren und den Sprung in das Nerathal zu vermeiden. Andere meinen, der Fluß habe durch Anſetzung von Kalkſtein im Verlauf der Zeit das natürliche Felſenwehr, über das er in die Nera ſtürzt, ſelbſt erhöht, auf dieſe Art ſein Waſſer geſtaut und den ebengedachten See gebildet. Genug, der Römer brach durch die Felſen einen breiten und tiefen Kanal über eine Meile lang bis an den Rand des Thales, und zwang nun den Fluß, da hinabzuſtürzen.“ „Es iſt ein wunderherrlicher Anblick, die Waſſermaſſe zu ſehen, wie ſie weit ausgebreitet über die Hochebene daher kommt, ſchäumend und ſtrudelnd an unzähligen Steinen anprallt und endlich den An⸗ fang jenes Kanals erreicht. Hier iſt es, als ſtutzten die Wellen einen Hackländers Werke. XXV. 15 1 1 b —————— 1 4 8 — — —— —-——n — n — 226 Gefährliche Blumenſträuße. Augenblick, wie die gewaltige ſteinerne Feſſel ahnend, die ihrem freien Laufe nun angelegt wird. Dumpf grollend und murmelnd drängt ſich das Waſſer zuſammen und ſtürzt mit einer raſenden Schnelle über den ebenen Boden und zwiſchen den glatten Wänden des Felſenkanals dahin. Man ſieht keine Bewegung mehr in der Waſſermaſſe, kein Tanzen und Spielen einzelner Wellen: wie eine feſte, geſchloſſene Maſſe von grünlichem Kryſtall mit ganz glatter Oberfläche rauſcht der Strom dem Abgrunde zu. Es ergreift uns ein eigenthümliches Bangen, ein Schwindel, wenn wir hart am Rande ſtehend irgend etwas in das Waſſer werfen und zuſchauen, wie ſelbſt ein ſchwererer Körper pfeilgeſchwind viele Schritte fortgeriſſen wird, ehe er zu Boden ſinken kann.“ „Einen hübſchen Anblick gewährten Schlingpflanzen und Sträu⸗ cher, die an den Rändern des Kanals wuchſen und ihre Blätter und Zweige auf das Waſſer niederſenkten. Die waren in einer ewig zit⸗ ternden, ich möchte ſagen, aufſchreckenden Bewegung, denn ſobald ein Blatt den Spiegel des Fluſſes berührte, wurde es haſtig wieder em⸗ porgeſchnellt, um gleich darauf abermals niederzuſinken. Wenn man übrigens hier am Kanal ſteht, ſo ſieht man natürlicher Weiſe vom Velinofalle nichts als eine glänzende, glatte, abgerundete Waſſerfläche, die hinter dem Felſenkamm verſchwindet, und einige Waſſerſtaubwolken, die aus der grünen Schlucht langſam aufſteigen und im Sonnenlichte wie glänzende, leuchtende Schleiermaſſen ausſchauen.“ „Dafür aber ſahen wir etwas Anderes da oben,“ meinte der Hausherr, indem er den Vicomte lachend anblickte. „Unſere beiden vorausgeeilten Gefährten nämlich,“ fuhr Julius fort;„ſie ſtanden am Kanale, ſtatt aber in Betrachtung der Waſſer⸗ maſſe verſunken fanden wir ſie im Geſpräch mit drei Damen, den Beſitzerinnen des coloſſalen Reiſewagens drunten.“ „Daran war der Graf Rieden ſchuld,“ ſagte der Vicomte; „ſchon unterwegs hatte er mir erzählt, wenn er ſich nicht ſehr irre, ſo habe er die Equipage— er wollte das Wappen wieder erkannt —ͤͤͤͤͤͤ Gefährliche Blumenſträuße. 227 haben— bereits auf der See zwiſchen Genua und Neapel geſehen. Es ſeien Engländerinnen, ſagte er, eine intereſſante, noch ſehr hübſche Mutter mit zwei reizenden Töchtern. Das zur Erklärung; jetzt kannſt du fortfahren, Julius.“ „Nein, nein,“ erwiderte dieſer,„in dem Departement biſt du beſſer zu Haus. Ihr kamt, ihr ſaht und ſiegtet, nicht wahr?“ „Kalter Spötter, das weißt du beſſer. Nun denn, der Graf hatte ſich nicht geirrt, angenehmer Weiſe war er den Damen bereits vorgeſtellt worden und konnte uns den gleichen Dienſt erzeigen.“ „Uns?“ fragte die Baronin mit komiſchem Ernſte. „Nun ja, wir wurden alle aufgeführt,“ verſetzte lachend der Vicomte.„Aber was George anbelangt, meine Gnädige, ſo beſchäf⸗ tigte ihn das blitzende Waſſer mehr als die glänzenden Augen der ſchönen Engländerinnen.“ „Wie wir im Verlauf der Geſchichte erfahren werden,“ ſchaltete Baron von C. ein. „Wir wurden alſo bekannt,“ erzählte Julius weiter,„Graf Rieden erwies der Lady alle Aufmerkſamkeiten, und wir hatten das Glück, die beiden Miſſes geleiten zu dürfen. Ich ſage: das Glück, denn die Schönheiten einer herrlichen Natur laſſen ſich nur dann recht genießen, wenn man ſich an der Seite eines geiſtreichen und ſchönen weiblichen Weſens befindet. Und beide Eigenſchaften beſaßen die Damen, dabei waren ſie heiter und luſtig, ſie empfanden alles Schöne, das ſie um⸗ gab, und ihre friſchen Lippen ſtrömten über zum Lobe deſſelben.“ „Und wie angenehm klettertet ihr den Berg auf der Seite der Waſſerfälle hinab, je enger der Weg und je ſteiler er war, um ſo deliciöſer fandet ihr ihn.“ 3 „Natürlich,“ ſagte der Erzähler;„die Damen hatten ſich in unſeren Schutz begeben und waren dankbar für die Sorgfalt, mit der wir ſie die gefährlichen Stellen hinabgeleiteten.“ „Ihr hattet übrigens keine Augen für die Schönheiten dieſes Weges,“ bemerkte der Hausherr,„aber mir ſteht das heute noch leben⸗ 8 4 Gefährliche Blumenſträuße. dig vor der Seele. Die Felſen, droben ſo nackt und kahl, waren hier, wo die Waſſer hinabſtürzten, mit dem friſcheſten, ſaftigſten Grün bedeckt; ich habe nie ſchöneres Moos, prächtigere Farrenkräuter geſehen. Und die herrlichſten Steineichen, zwiſchen welchen ſich der ſchmale Fußweg hinabſchlängelte, und die oben angehaucht waren von dem Dunſte des Waſſers, und wo ſie dem Falle nahe ſtanden, leicht er⸗ zitterten und prächtig glänzten; dazu der herrliche Tag, den wir hatten, ein klarer Himmel, der ſich dunkelblau über die grüne Schlucht ausſpannte, die glühende Sonne in einem Streiflicht hereinfallend, wo ſie die niederſtäubende, gewaltige Waſſermaſſe berührte und den weißen, ſilberglänzenden Schaum mit allen Farben des Regenbogens aufs Brillanteſte durchwirkte.“. „Ach, George,“ ſprach träumeriſch die ſchöne Frau,„wie gerne hätte ich das mit dir genoſſen.“ „Und dann wäre ich in der That glücklicher geweſen, als meine beiden Freunde,“ entgegnete der Baron mit ſtrahlendem Blick. Worauf der Erzähler mit leiſer Stimme ſagte:„Vollkommen zugeſtanden!“ und der Vicomte das Gleiche mit einem tiefen Seufzer ausdrückte. Der Baron hatte einen Moment ſeine Augen mit der Hand be⸗ deckt, dann redete er:„Wenn man einmal angefangen, den Schleier der Vergangenheit von einem Tage, wie der eben erzählte, wegzuziehen, ſo treten nach und nach wieder taufend Kleinigkeiten lebendig vor unſere Seele, ſeltſam geformte Bäume, die wir betrachteten, kleine gebrechliche Brücken oder große Felsblöcke, vermittelſt welcher wir die Abläufer des Waſſerfalls überſchritten, ja ein einzelner mächtiger Steinblock mit dickem Moos, von dem wir ein Stück abriſſen. Und dann erinnert ihr euch ſelbſt wohl noch der vielen bildſchönen Kinder, die ärmlich gekleidet vor und neben uns herſprangen, die uns bald einen glänzenden Kieſel, bald eine ſeltene Blume anboten und den Weg hie und da mit Zweigen und Reiſern zugedeckt hatten, welche ſie bei unſerem Näherkommen eilig wegräumten, um dafür ein paar Kupfermünzen zu erhalten. Ah, die Erinnerung iſt ſchön!“* —— Gefährliche Blumenſträuße. 229 „Erſt wenn man im Grunde der Schlucht ankommt,“ fuhr er nach einer Pauſe ruhiger fort,„genießt man den Anblick des ganzen majeſtätiſchen Waſſerfalles. Neben dem Hauptfalle, der wie ein breites, ſilbernes Band zwiſchen dem dunklen Grün herabſtäubt, befinden ſich noch andere Waſſerſtreifen, die das Ganze dadurch noch lebendiger machen, daß ſie ein paarmal an die Felsblöcke prallen, wo ſie große Schaummaſſen nach allen Seiten hinausſpritzen. Tief unten treffen aber ſämmtliche Waſſer mit donnerähnlichem Getöſe grollend und murmelnd zuſammen, wo denn auch der Waſſerdunſt über tauſend Fuß hoch gen Himmel ſteigt. So oft Freunde aus Italien kommen, die Terni beſuchten, erkundige ich mich jedesmal, ob an dieſem wunder⸗ baren Punkte auch noch die kleine Hütte ſteht, in einer engen Fels⸗ ſpalte mit dem Dach von alten morſchen Stangen, welches die Natur mit Jelängerjelieber⸗ und Brombeergeſträuch zugedeckt. Wie ruht man hier ſo behaglich aus; der Körper iſt angenehm ermüdet, das Herz, weit geöffnet, ſo empfänglich und ſchlägt ſchneller als gewöhnlich, nicht wahr?“ „Das in Parentheſe,“ warf der Vicomte dazwiſchen,„denn es gehört eigentlich nicht zur Geſchichte.“ „Bald mußten wir indeſſen an die Heimkehr denken. Der Sonnen⸗ ſchein hatte uns längſt verlaſſen, und Waſſerſtaub und Nebel, welche vor einer Stunde noch Alles mit Licht und Glanz erfüllt, färbten nun die Felſen und Schluchten mit bläulichen, dunklen Tinten. Durch eine herrliche Kaſtanienallee bei einem alten Schloſſe vorbei, welches auf einem ſchwarzen, rings von der Nera umflutheten Felſen ſtand, kamen wir nach Terni zurück, wo wir mit den drei Damen, gemeinſchaftlich dinirten. Dann wurde über die Abreiſe berathſchlagt welche noch am ſelben Abend ſtattfinden ſollte, da es uns Alle drängte, aam nächſten Tage Rom zu erreichen. Die Gegend um Terni, nament⸗ lich der Weg nach Narni und Otricoli, war uns ſchon in Perugia als wieder einmal unſicher geſchildert worden. Den Damen hatte man recht Angſt gemacht, und unſer Wirth in Terni, deſſen Meinung wir — —— Gefährliche Blumenſträuße. ebenfalls hören wollten, war klug genug, bedeutſam die Achſeln zu zucken und ein ſehr bedenkliches Geſicht zu machen. Natürlicher Weiſe wäre es ihm viel lieber geweſen, wenn wir in ſeinem Gaſthof über⸗ nachtet hätten, weßhalb er uns auch die Nachtfahrt abrieth und meinte, 3 es ſei auf jeden Fall ſicherer, die vorhin genannten Räuberneſter Narni und Otricoli bei Tage zu paſſiren. Doch ließen wir uns nicht ſo leicht einſchüchtern und da wir den Damen für alle Fälle unſeren Schutz verſprachen, ſo entſchloſſen ſich dieſe ebenfalls, Terni noch heute zu verlaſſen. Graf Rieden entwarf einen Feldzugsplan, der nicht ohne Geſchick war.“. „Namentlich für euch,“ ſagte Baron v. C. lachend.„Und du mußt mir geſtehen, Julius, daß ich mit Vergnügen die mir zuge⸗ dachte Rolle annahm?“ „Das iſt nicht zu läugnen, und du wirſt dich erinnern, wie warm wir Dir beim Abſchiede die Hand drückten.“ „Alſo Ihr trenntet euch?“ fragte die Baronin. „Nur für wenige Stunden,“ antwortete der Erzähler;„George ging mit ſeinem Bedienten als Avantgarde voraus, und der Reiſe⸗ wagen der Damen, ſowie die Caleſche des Vicomte und des Grafen bildeten das Haupteorps. Zum Schutze der Damen blieben wir drei bei ihnen, indem abwechſelud Einer im Wagen ſelbſt Platz nahm, während die beiden Andern hinten auf den Bedientenſitz kletterten. In der Caleſche des Vicomte folgte ſämmtliche Dienerſchaft. So fuhren wir gegen zehn Uhr ab und—“ „Halt, halt!“ rief der Baron, nich kann die höchſt merkwürdige Fahrt, welche ich in jener Nacht machte, nicht ſo vorübergehen laſſen, ohne ihrer mit ein paar Worten zu gedenken. Um halb neun ſandte 3 2 ich eine Staffete voraus, welche aber, um kein Aufſehen zu erregen, nur die drei Pferde für meinen Wagen beſtellen ſollte. Ich, der um 4 eine halbe Stunde ſpäter folgte, war dann wieder der Andern Couri⸗ und Reiſemarſchall. Mit vielem Halloh und Peitſchengeknall itt dann auch der Poſtillon, den ich vorausſchickte, durch die ſchon ſtillen* Gefährliche Blumenſträuße. 231 Straßen von Terni; ich folgte wie geſagt, eine halbe Stunde ſpäter. Es war eine klare Nacht mit hellem Mondſchein; oft wenn ich den Gipfel eines höheren Berges erreicht hatte, ſah ich die weißbeglänzte Straße meilenweit vor mir. Meine Staffette mußte gut geritten ſein, ich entdeckte nirgends eine Spur von ihr. Vor Nitternacht erreichte ich Narni. Alles lag hier im tiefſten Schlaf; das einzige Geräuſch, welches man hörte, war das Murmeln eines Springbrunnens, und nirgends ſah man ein Licht, ſelbſt nicht einmal am Poſthofe, vor deſſen Thüre übrigens mein Poſtillon ſtand und mit einem Stein auf dieſelbe loshämmerte. Nach meiltr Rechnung hatte er ſchon faſt eine Stunde dort ſein können, und es war mir unbegreiflich, warum es ihm nicht gelungen war, in all der Zeit ſeine Kameraden zu erwecken. Endlich erſchien oben im Hauſe ein Licht, welches jetzt im erſten Stocke und dann an der Hausthüre ſichtbar wurde, eine ſchlaftrunkene Stimme fragte, was wir wollten.„Corpo di bacco!“ rief mein Kerl,„ſchon faſt eine Stunde ſtehe ich hier und klopfe, Pferde wollen wir.“—„Ah! du biſt's, Giuſeppe!“ entgegnete der drinnen und riegelte die Hausthüre auf. Mein Vorreiter hatte mich gar nichts genützt, denn es dauerte eine halbe Stunde, ehe man friſche Pferde für mich eingeſpannt. Doch hatte ich vor allen Dingen eine neue Staffette abgeſchickt, und derſelben eingeſchärſt, daß ich bei meiner Ankunft auf der nächſten Station die Pferde aufgeſchirrt zu finden hoffe. Er verſprach es hoch und theuer und galoppirte mit demſelben Spektakel wie der erſte davon. Ich machte meine Beſtellungen für euch und folgte ihm. In Otricoli dieſelbe Geſchichte; kein Menſch im Poſthauſe wach, geſchweige denn ein Pferd bereit. Das war mir verdächtig. Ich erſuche meinen Vorreiter, mir doch ſein warm gerit⸗ tenes Pferd zu zeigen.„Ja,“ ſagte er, ‚das habe ich im andern Theil des Orts eingeſtellt. Schweißtriefend, wie es war, mochte ich es nicht hier in der kalten Nacht ſtehen laſſen. Bin ich doch faſt ſchon eine halbe Stunde hier, und Sie ſehen ſelbſt, die Spitzbuben im Hauſe wollen gar nicht aufwachen. Gut. Ich that, als glaube ich ihm ——— —— Gefährliche Blumenſträuße. vollkommen, und ſchickte abermals eine Staffette voraus, beſchloß aber jetzt der räthſelhaften Geſchichte mit meinen Poſtillons auf den Grund zu ſehen. Ich warf mich in den Wagen, wir fuhren davon. Meine Caleſche hatte ein Halbdeck, hinten mit einem Fenſter, durch welches ich nach halbſtündiger Fahrt vorſichtig hinausſchaute; meine Ver⸗ muthungen hatten ſich beſtätigt und meine Staffetten mich auf die frechſte Art von der Welt betrogen. Dieſe Kerle waren nämlich nur jedes⸗ mal bis vor die Station geritten, hatten dort ihr Pferd einem Kameraden gegeben, der es zurückführte, während ſie ihren Weg auf weit beque⸗ mere Art fortſetzten, nämlich hinten auf meinem aufgeſchraubten Koffer, den ſie heimlich beſtiegen, ſobald mein Wagen bei ihnen vorbeirollte. Den Augenblick hatten ſie aber im Chauſſeegraben verſteckt abgewartet.“ „Verfluchte Kerle!“ rief der Vicomte.„Und du ſprangſt wohl heraus, um ihn tüchtig abzuſtrafen?“ „Im Gegentheil,“ fuhr der Barbn fort,„wozu hätte mich das genützt? ich fuhr ruhig weiter bis zur nächſten Station. Vor dem Orte war der Burſche natürlich herabgeſprungen und hatte auf einem näheren Wege das Poſthaus vor mir erreicht; wie ihr wißt, liegen die Neſter dort meiſtens auf der Spitze eines Berges, den die Pferde nur im langſamſten Schritt erſteigen; gewöhnlich muß man noch Ochſenvorſpann nehmen, und dabei hatte mein Gauner genügend Zeit, mir vorzukommen. Am Poſtſtall wiederholte ſich die nämliche Ge⸗ ſchichte der früheren Stationen, meine Staffette polterte mit aller Macht gegen die Thüre, was er ſeiner Behauptung nach ſchon über eine halbe Stunde gethan. Endlich wird geöffnet, ich laß ihn ruhig in den Stall gehen, um ſeine Beſtellung auszurichten. Ihr wißt, mein damaliger Bedienter war ein baumſtarker Menſch, auf den ich mich ſchon verlaſſen konnte. Ich fürchtete mich auch nicht, und ſo waren wir wohl im Stande, es mit einem halben Dutzend dieſer lum⸗ pigen Italiener aufzunehmen, denn ſo viel waren ihrer mindeſtens her⸗ beigeeilt, ſobald die Nachricht im Poſthof erſcholl, es komme eine große Herrſchaft, welche viele Pferde brauche. Mein Bedienter nahm eine Gefährliche Blumenſträuße. 233 unſerer doppelläufigen Reiſepiſtolen in den Arm und ſo traten wir Beide in den Stall, wo die wild ausſehenden Kerle in den tollſten Coſtümen mit vielem Geſchrei ihre Pferde aufſchirrten. Meine Staf⸗ fette lehnte an einem Ständerpfoſten, freundlich grinſend, als ich nä⸗ her trat, und ſeine rechte Hand zuckte vor, als wolle er ſein Trink⸗ geld in Empfang nehmen. Du biſt wohl gut geritten?⸗ fragte ich ihn.— ‚Per Dio, Signor, das will ich glauben,⸗ entgegnete er mir. „Und das iſt eine ganz verfluchte Straße, immer Berg auf und ab, man riskirt bei jedem Schritt ſeinen Hals. Glaubt mir, ich habe ein gutes Trinkgeld verdient.:— ‚Und wo iſt dein Pferd?— ‚Mein Pferd? Dort hinten in der Ecke ſtehts. Aber um der Mutter Gottes willen gehen Sie nicht nah zu ihm hin, es ſchlägt und beißt.⸗— Die Frechheit war mir denn doch zu viel, der Zorn übermannte mich, ich faßte den ſchlanken Römer bei ſeiner Halsbinde, ſchüttelte ihn tüch⸗ tig durch, und während ich ihm eine ziemliche Maulſchelle gab, flog er in das Stroh des Ständers. Natürlicher Weiſe kam der ganze Stall in Aufruhr, von allen Lippen erſchallten maledetto's, die wild ausſehenden Kerle zogen die Meſſer aus ihren Hoſentaſchen und dran⸗ gen auf mich ein. Ich kann euch verſichern, es waren die ausgepräg⸗ teſten Räuberphyſiognomien, deren ſich kein Bild von Horace Vernet hätte zu ſchämen brauchen; zwiſchen den halb geöffneten Lippen glänz⸗ ten die weißen Zähne hervor, die großen Augen blitzten mir wild ent⸗ gegen, kurz ſämmtliche gelben Geſichter mit den kohlſchwarzen Haaren und den beiden langen Locken, die meiſtens an den Schläfen des rö⸗ miſchen Poſtillons herabhängen, ſchauten mich blutgierig, ja teufliſch an, ihr hättet für mein Leben keinen Kreuzer bezahlt. Mein vortreff⸗ licher Schabel mit ſeiner merkwürdigen Gelaſſenheit ließ unterdeſſen ruhig die Hähne ſeiner Doppelpiſtole knacken und richtete ſie bedächtig über meine Schulter nach dem tollen Haufen, aus dem hervor einer der Wildeſten ſchrie: ‚Ein Römer läßt ſich nicht ungerächt ſchlagen, das fordert Blut.“— Halt!“ rief ich ihnen entgegen, ‚da habt ihr vollkommen recht, aber der da— ich wies auf meine Staffette— Poſtmeiſter unter d 234 Gefährliche Blumenſträuße. ‚iſt kein Römer, das iſt ein Birbante, Gott weiß aus welcher Pro⸗ vinz; ein ächter Römer betrügt keinen Fremden. Und der da hat mich auf doppelte Art betrogen, um meine Zeit und um mein Geld.“ Und nun erzählte ich ihnen mit kurzen Worten, wie ich ihn als Staf⸗ fette gedungen, ihm ein ſehr gutes Trinkgeld verſprochen, wie er aber, anſtatt zu eiten, hinten auf meinem eigenen Wagen gefahren. Ich verſichen, euch, meine kleine Rede war des Antonius würdig, und als ich nhehe Frage ſchloß: ‚kann das ein Römer ſein? hatte ich ſämmt⸗ liche Poſtillons für mich geſtimmt, ſie ſteckten ihr Meſſer ein, und Je⸗ der von ihnen, der mir wahrſcheinlich ohne dieſen Auftritt den glei⸗ chen Streich geſpielt hätte, ſchwor hoch und theuer, das ſei eine ganz niederträchtige Handlung und ich habe volles Recht gehabt. So war denn der Friede wieder hergeſtellt ich ſchickte abermals einen Poſtillon voraus, und als ich ihr kurze Zeit darauf folgend nach vielleicht zwei Stunden die 4 tion erreichte, ſtand dort bereits der Thüe meine Pferde waren herausgezogen und die neue Staffette befand ſich ſchon im Sattel.“ „Vortrefflich!“ rieſ der Vicomte,„dem ſchuftigen Römer geſchah ſein Recht.. „Ich wette, der Kerl hit ſich auf keinen Wagen mehr geſetzt,“ ſagte der Rittmeiſter. „Bald darauf,“ fuhr der Hausherr fort,„brach der Tag an, für mich ein unvergeßlicher Morgen, denn ich ſah zum erſtenmal die herr⸗ liche Campagna ſich vor mir ausdehnen, dieſe gewaltige Einöde ſo ſtumm und doch ſo beredt, ſo eintönig und doch wieder ſo mannig⸗ faltig und peachtig⸗ gefärbt. Glücklich wer ſie zum erſtenmale ſo er⸗ ſchaut wie ich, wenn der erſte Strahl der Sonne über ſie dahinblitzt, und wenn ſich aus dem tiefen, dunſtigen Blau, das ſie noch ſo eben bedeckte, langſam die glühenden Farben entwickeln, die ihr eigen ſind und die man ſonſt nirgends erblickt. Rechts auf der Höhe bemerken wir vielleicht einen rieſenhaften Trümmerhaufen, aus dem ein einziger Pfeiler hervorragt, doch: Gefährliche Blumenſträuße. 235 Auch dieſer, ſchon geborſten, kann ſtürzen über Nacht,—— wie der Dichter ſagt; aber der Anblick dieſer Stätte wird gemildert durch eine Ziegenheerde, die mit ihren Glocken klingelnd das magere Grün zwiſchen den Steinen emſig herausſucht. Der Hirt in ſeinem weißen Schafpelze ſchaut lange, lange dem Wagen nach und at dabei gewiß ganz ſeltſame Gedanken von manchen Freuden dieſer Welt, die für ihn unerreichbar bleiben. Links von uns reiht ſich ein Kügel an den anderen, und getäuſcht durch die verſchiedenen Farben vom dun⸗ kelſten Violett bis zum hellſten Gelb glaubt man ein wogendes Feld zu ſehen. Und doch iſt alles unbeweglich und ſtill, weit, weit hinaus ohne eine menſchliche Wohnung, und was man hier von Werken der Menſchenhand ſieht: die majeſtätiſchen und ernſten Bogen einer zer⸗ trümmerten Waſſerleitung oder nin warftlales Baſſin, von rieſenhaften Quadern eingefaßt, deſſen Waſſerſpieg in dernaufgehenden Sonne leuchtet und ſtrahlt, vermehrt noch die ki Dede und Melancholie.“ „So,“ unterbrach ſich der Erzähler me einer gefälligen Handbe⸗ wegung gegen Julins,„jetzt habe ich euch glücklich die bewußte Nacht durchgebracht, von der ihr uns doch wahrſcheinlich keine intereſſanten Daten zu berichten wiſſen werdet, und hoffe ich nun von dir ein öf⸗ fentliches Lob zu erhalten über meine vortrefflichen Arrangements.“ „Die waren in der That über alles Lob erhaben,“ entgegnete der Andere.„Wir fanden während der Nacht überall unſere Pferde in Bereitſchaft und kamen ſehr raſch von der Stelle.“ „Außerordentlich raſch,“ ſeufzte der Vicomte. „Und dann das vortrefflich arrangirte Frühſtück krönte deine Ver⸗ dienſte als Reiſemarſchall. Du wirſt übrigens zugeſtehen, daß wir — dich bei unſerer Ankunft dankbarſt umarmten.“ „Ja, ja, ihr waret Alle außerordentlich erfreut und glückſelig,“ ſagte der Baron mit einem leichten, ſeltſamen Lächeln,„und ich muß geſtehen, unſre Fahrt nach Rom an dem damaligen Tage gehört zu meinen angenehmſten Reiſeerinnerungen.“ ——— ——— —— Gefährliche Blumenſträuße. „Ja, wenn die Reiſe nur länger gedauert hätte,“ bemerkte nach⸗ denkend der Vicomte.„Allen Scherz bei Seite! die drei Damen waren ebenſo liebenswürdig wie ſchön, ebenſo fein gehildet wie ange⸗ nehm in der Unterhaltung.“* Wer will das läugnen?“ erwiderte der Hausherr. „Ich gewiß nicht,“ ſprach bedächtig Julius,„und weiß Gott was geſchehen wäre ohne die Geſchichte mit den Blumenſträußen.“ „Ahl die gefährlichen Blumenſträuße,“ ſeufzte der Vicomte. Und darauf trat einen Augenblick tiefe Stille ein. Julius und der Vicomte waren in der That ſehr nachdenkend geworden, der Baron konnte ſich eines abermaligen Lächelns nicht erwehren, und ſelbſt über das Geſicht Eugens leuchtete es wie die Erinnerung an eine komiſche Begebenheit. „Ah, meine Herren,“ ſagte die Baronin nach einer Pauſe,„wenn auch Ihre Schilderungen von Terni und der Campagna nicht ſo ganz übel waren, ſo finde ich es doch mir gegenüber unverantwortlich, daß Sie die drei Damen, deren ferneres Schickſal mich intereſſiren muß, ſo ohne Umſtände vor den Thoren Roms ſitzen laſſen. Auch wünſchte ich die Geſchichte der Blumenſträuße zu erfahren, wenn— damit wandte ſie ſich an ihren Mann—„die Geſchichte erzählbar und meine Forderung nicht indiseret iſt.“ 3 „Das letztere gewiß nicht,“ erwiderte Julius, und der Hausherr ſetzte hinzu:„Es iſt ein recht hübſcher Nachtrag zu der Reiſe von Terni, den Jedermann hören kann.“ „Der Vicomte mag das erzählen,“ ſprach Julius entſchieden, in⸗ dem er ſich in ſeinen Fanteuil zurücklehnte und vor ſich hin in die glühenden Kohlen ſchaute. „Und warum ſoll ich das erzählen?“ 8 „Weil dabei ein bischen Ausſchmückung nichts ſchadet, da die einfache Thatſache weniger intereſſiren könnte.. „Nun denn, Vicomte,“ rief die junge Frau,„ſeien Sie liebens⸗ würdig!“ 4 * 5 Gefährliche Blumenſträuße. „Meinetwegen, es iſt eine alte Geſchichte, doch— „Ohne Citate, Vicomte!“ ſagte Julius. 3 „Auch das, fuhr Jener fort. „Wir kamen alſo nach Rom, leider waren unſere Quartiere im Voraus beſtellt, leider, denn die Damen wählten einen anderen Gaſt⸗ hof. Wir erhielten übrigens die Erlaubniß, ſie beſuchen zu dürfen und machten davon einen umfaſſenden Gebrauch. Graf Rieden war uns dabei unbezahlbar, denn er machte der Lady aufs Beſtimmteſte ſeine Cour, und er war der Erſte, der von einer Verbindung mit ihr als einer ganz paſſenden Partie ſprach.“ „Sie war ungeheuer reich,“ ſchaltete Julius ein.„Grade wie die Tochter unſeres Generals, die ſchöne Julie,“ fuhr boshaft der Vicomte fort, wobei Eugen einen leichten Seufzer nicht unterdrücken konnte.—„Ob die Damen unſere Bewerbungen günſtig aufnahmen, bin ich nicht im Stande zu ſagen; Keiner hatte noch eine direkte An⸗ näherung gewagt, aber Jeder bereitete im Stillen einen heftigen Sturm vor auf das Herz ſeiner Auserwählten.“ „Per Blumenſtrauß,“ ſagte der Baron.. „Ja, es iſt ſonderbar, wie wahr das Sprüchwort iſt, daß ſich die ſchönen Geiſter finden. Eigentlich fanden ſich jedoch nur Graf —-—— — Rieden und Julius, ich war Nachahmer. Will ich doch Zeit meines 4 Lebens den Augenblick nicht vergeſſen, als ich an meinem Fenſter ſte⸗ hend den Bedienten des Grafen über den Hof kommen ſah, einen 1 wunderbaren Blumenſtrauß in der Hand, gleich darauf den von Julius mit einem nicht minder ſchönen Bouquet. Aha, dachte ich, für die † Lady und für Miß Eveline! in der That, eine hübſche, kleine Auf⸗ merkſamkeit, bei der es Miß Eliſabeth höchlich übel nehmen würde, wenn du zurückbliebeſt. Ich klingelte dem Lohnbedienten.„In wie viel Minuten,“ rief ich ihm zu, kann ich den prachtvollſten Blumen⸗ ſtrauß haben, der aufzutreiben iſt? Für jede Minute weniger als die angegebene Zeit zahle ich einen Paolo.“ Das wirkte ungemein; der pfiffige Italiener verlangte eine Viertelſtunde, verdiente ſich aber acht — — 238 Gefährliche Blumenſträuße. Paolo, denn ſchon nach einer halben Viertelſtunde hielt ich mein Bou⸗ quet in der Hand. Es war ſehr ſchön und der Platz in der Mitte zwiſchen einer rothen und weißen Camelie ſchien mir außerordentlich paſſend, um ein Zettelchen anzubringen, auf dem ich im beſten Eng⸗ liſch, welches ich vermochte, Miß Eliſabeth von den Flammen meines Herzens in Kenntniß ſetzte. Mich zu unterzeichnen hielt ich für un⸗ poetiſch und überflüſſig, denn ich fügte meine Karte bei, die der Lohn⸗ bediente zu gleicher Zeit übergeben ſollte.“ Julius nickte lächelnd mit dem Kopfe. „Der Lohnbediente kannte Miß Eliſabeth. Zum Ueberfluſſe gab ich ihm noch eine Perſonenbeſchreibung, deren ſich kein deutſcher Poli⸗ zeibeamter zu ſchämen gebraucht hätte. Ich fügte noch als beſonderes Kennzeichen hinzu, daß ſie die ſchönſte der drei Damen ſei und wahr⸗ ſcheinlich in Verwirrung gerathen und lächeln würde, wenn er Bou⸗ quet und Karte übergäbe. So inſtruirt entließ ich ihn, indem ich ihm große Strafe oder große Belohnung in Ausſicht ſtellte, ich ſah ihn die Straßen dahineilen und blieb zurück in ſpannender Erwartung. Erſt nach Verlauf einer Stunde kam er wieder.„Nun?“ rief ich ihm entgegen.— ‚Richtig beſorgt, Euer Gnaden,“ antwortete er.— ‚Und was ſagte die Dame?:— ‚Sie hat freundlich gelacht.— ‚Gelacht, Unglückſeliger! Laut gelacht oder nur ſanft’ gelächelt? Beſinne dich darauf. Er konnte ſich aber nicht darauf beſinnen, oder verſtand viel⸗ mehr nicht den großen Unterſchied zwiſchen Lachen und Lächeln. war verſtimmt und kam ſo in ſchlechter Laune zum Diner. Hier fan ich denn nun, daß Julius und der Graf nicht beſſer aufgelegt ſeien. Aha! dachte ich, für die iſt auch vielleicht gelacht ſtatt gelächelt wor⸗ den.„Gehen wir ins Theater?— ‚Ich mag nicht.“— Auf den Ball zum Herzog Torlonia?— ‚Das iſt ennuyant.“— Bitten wir um eine Taſſe Thee bei der Lady?“ fragte ich endlich ſchüchtern.— Ich nicht.“— Ich auch nicht, riefen beide aufs Beſtimmteſte. Jetzt war ich ſicher, daß man auch für ſie gela cht und nicht gelächelt hatte.“ * Gefährliche Blumenſträuße. 239 „Nun, an Uebertreibungen läſſeſt du's nicht fehlen,“ ſagte Julius. „Ich bitte dich, Vicomte, komm einmal zum Abſchluß.“ „Bis dahin verging noch eine qualvolle Nacht,“ entgegnete dieſer luſtig.„Mir träumte von Teufeln, die lächelten, und von Engeln, die lachten. Wir trafen uns am anderen Morgen wie gewöhnlich beim Frühſtück und zum Deſſert brachte der Lohnbediente einen ziemlichen Korb von Seiten der Lady.“ „Es war eine Schachtel,“ ſagte Julius ernſt. „Meinetwegen. In der Schachtel waren drei kleine Körbe.“ „Schachteln!“ wiederholte Julius. „Du ſollſt recht haben, aber mir kamen ſie gleich Körben vor. Auf jeder ſtand die Adreſſe von einem von uns, und wir nahmen ſchweigend die ominöſen Geſchenke in Empfang. Ehe wir aber die Schachteln öffneten, lächelten wir zuerſt alle drei wie ertappte Schul⸗ buben, und dann als die Deckel abgehoben waren, brachen wir in ein gemeinſames Lachen aus. Ich erhielt den Blumenſtrauß des Grafen Nieden, den dieſer an die Lady adreſſirt und den der Lohnbediente mit meiner Karte abgegeben hatte. Eliſabeth ſandte dem Grafen das Bouquet von Julius, und Eveline verehrte dieſem das meinige. War je eine ſolche Confuſion erhört worden? Daß wir uns gewaltig ärgerten, vird uns Niemand übel nehmen, die Sache hatte ſich in der That unangenehm entwickelt, und wem verdankten wir die ganze Beſcheerung? — Der Unachtſamkeit unſerer Bedienten.“ „Aber das iſt köſtlich, Vicomte,“ rief heiter die Baronin.„Ver⸗ zeihen Sie mir, daß ich nicht lächle, ich muß gegen allen Anſtand laut lachen. Aber wie die Verwechslung eigentlich geſchah, begreife ich immer noch nicht recht.“ „Es war das Schickſal roh und kalt,“ ſprach der Vicomte,„das Schickſal in Geſtalt unſerer Bedienten und eines Weinhauſes. Die Geſandten unſeres Freundes Julius und des Grafen glaubten ſich zu ihrer Botſchaft durch ein Glas guten Orvietos ſtärken zu müſſen, und da der Lohnbediente der gleichen Anſicht war, fand ſich das liederliche „— 240 Gefährliche Blumenſträuße. Kleeblatt in einer Locanda zuſammen. Daß es hier dieſen Herren ſehr überflüſſig erſchien, die drei Blumenſträuße von drei verſchiedenen Perſonen überbringen zu laſſen, begreife ich vollkommen; Einer über⸗ nahm die Commiſſion allein und machte ſich kein Gewiſſen daraus, Bouquets und Karten zu verwechſeln. Ich hätte an dem Tage einen Mord begehen können.“ „Laß es gut ſein, Vicomte,“ bemerkte Julius achſelzuckend.„Du haſt dich bald getröſtet.“ 5 „Nicht früher als du,“ fuhr der Andere fort,„und ich muß ge⸗ ſtehen, dem Grafen Rieden ging die Geſchichte am längſten nach. In⸗ deſſen vergaß ich zu ſagen, daß die zurückgeſchickten Blumenſträuße von einem Handſchreiben der Lady begleitet waren, worin ſie uns im Augen⸗ blick ihrer Abreiſe aufs Verbindlichſte dankte für alle ihr bewieſenen Aufmerkſamkeiten; was die Bouquets anbelange, ſo müſſe ſie dieſelben zurückſchicken, da ſie vielleicht verwechſelt worden ſeien,— das „vielleicht“ ärgerte mich am meiſten,— und ſie unmöglich im Stande ſei, die eigentliche Beſtimmung derſelben zu errathen.“ „Das war boshaft,“ ſagte die Baronin. „So dachte ich auch,“ erwiderte der Vicomte.„Daß ſie wirklich abgereist waren, erfuhren wir durch den Grafen, der wahrſcheinlich dem Reiſewagen lange nachgeblickt hatte, als derſelbe durch die Porta del popolo gegen Florenz fuhr.“ Damit endigte der Vicomte, Julius zuckte die Achſeln, der Ritt⸗ meiſter lachte nachträglich und die Baronin lächelte ſtill in ſich hinein. Eugen allein ſchien dem Erzähler nur bis zu dem Punkte mit völliger Aufmerkſamkeit gefolgt zu ſein, wo er des kleinen Briefchens erwähnte, das er zwiſchen die Blumen geſchoben. Da veränderte ſich plötzlich der Geſichtsausdruck des Malers; er preßte die Lippen auf einander, bedeckte ſeine Augen mit der Hand und fuhr darauf mit derſelben an die linke Seite ſeines Frackes, wo er zu unterſuchen ſchien, ob ſich in der Bruſttaſche deſſelben noch ein Gegenſtand befände, deſſen er ſich erinnerte. Das Reſultat ſeiner Nachforſchungen mußte aber kein Gefährliche Blumenſträuße. günſtiges geweſen ſein, denn er zuckte zuſammen, richtete ſich hoch auf, ſein Geſicht nahm einen nachdenkenden Ausdruck an, worauf er leicht mit dem Kopfe ſchüttelte, ſich unbemerkt aus der Kaminecke entfernte und geräuſchlos das Zimmer verließ, gerade im Augenblicke, als der Rittmeiſter heftig lachte.„Ich wette,“ rief dieſer nach einer Pauſe, „die Geſchichte hat den Damen doch am Ende leid gethan. Zehn gegen Eins möchte ich wetten, denn abgeſehen von Graf Rieden waret ihr beide doch ganz famoſe Partien. Uebrigens iſt mit ſolchen Blumen⸗ ſträußen nicht zu ſpaſſen, das kann ich euch verſichern, und bei der Verheirathung eines genauen Freundes von mir ſpielt auch ein ſolcher eine große Rolle. Mein Freund war der einzige Sohn ſeiner Mutter, einer Wittwe, ein reicher Gutsbeſitzer. Eine andere Wittwe hatte eine Tochter, aber gar kein Vermögen. Die Tochter war, verſichere ich euch, merkwürdig ſchön. Na, ich kann nicht mehr ſagen, als daß ich ſelbſt rmal in ſie verliebt war.“ „Das iſt ein Beweis,“ meinte Julius, indem er aufſtand. „Nun gut, beide Wittwen waren befreundet, und mein kleiner Gutsbeſitzer hatte ſchon lange ſein Auge auf das Mädchen geworfen, aber nicht den Muth, ſich ihr zu nähern. Ihre Mutter hätte begreif⸗ licher Weiſe die Partie gar zu gern geſehen. Da zeigt ſich auf ein⸗ mal ein ſchon etwas ältlicher Kanzleirath, der das ſchöne Mädchen heimzuführen gedenkt. Gut. Die pfiffige Mutter rechnet: du willſt doch vorher noch einmal zu deiner Freundin hinausfahren, ihr die Sache mittheilen, vielleicht daß das Veranlaſſung zu einer Erklärung gibt. Ich wette aber Hundert gegen Eins, daß keine Erklärung er⸗ folgt wäre, wenn ſich nicht ein Blumenſtrauß ins Spiel gemiſcht hätte. Mutter und Tochter fahren nämlich auf der Eiſenbahn, und als ſie ausſteigen wollen, bemerkt letztere ein prachtvolles, ganz friſches Bouquet, das im Gedränge liegen geblieben war. Der befragte Conducteur zuckte die Achſeln und ſagte, ſie ſollten es nur mitnehmen. Das ge⸗ ſchieht, ſie kommen auf dem Gute an, und mein kleiner Gutsbeſitzer, Hackländers Werke. XXV. 16 — — Gefährliche Blumenſträuße. der ſie im Hofe empfängt, ſchielt ſo bedeutſam nach dem Blumenbouquet, daß man es ihm anbieten muß. Während die Mama die Gäſte ebenfalls begrüßt und unterhält, eilt mein junger Tectoſage mit dem Blumenſtrauß auf ſein Zimmer, und da er irgendwo geleſen haben muß, daß ſo ein Ding oft merkwürdige Sachen verbirgt, ſo reißt er die Blüthen aus einander und findet einen Papierſtreifen, auf dem deutlich geſchrieben ſteht: Haſt du es denn nicht ſchon lange gemerkt, wie ſehr ich dich liebe und wie unglücklich es mich macht, daß ich mich von dir trennen ſoll?— Das war in Verſen geſagt, aber die habe ich vergeſſen. Gut. Mein kleiner Freund geht nach den Zimmern ſeiner Mutter, läßt ſie herausrufen und ſagt ihr, er wolle die Auguſte heirathen und ſonſt keine. Was war da zu machen? Mama ſagt: in Gottes Namen, und ſo ſind ſie denn jetzt ein glückliches Paar, und das alles durch einen Blumenſtrauß.— Ich wette, das iſt keine ſchlechte Geſchichte.“ Die Baronin als freundliche Wirthin hatte der Erzählung mit Aufmerkſamkeit gelauſcht. Der Hausherr ſchien ſie ſchon gehört zu haben, auch mochte ihn das Verſchwinden Eugens beſchäftigen, genug, er ſah einigermaßen zerſtreut aus, lehnte ſich weit in ſeinen Fauteuil zurück und blickte nach der Thüre. Julius, der gewöhnlich auf ſeine Nebenmenſchen nur ſo viel Rückſicht nahm, als ihm gerade beliebte, hatte ſich ſchon erhoben, als der Rittmeiſter anfing zu erzählen und war ans Fenſter getreten, vor welchem er ſtehen blieb und in die Nacht hinaus ſchaute, während er einen der Vorhänge auf die Seite drückte:„Wenn mich nicht alles trügt,“ ſagte er nach einer Pauſe, „ſo kommt dort noch ein Wagen. Oder haben Sie vielleicht eine Drotſchke herausbeſtellt, Vicomte?“ wandte er ſich an dieſen, welcher neben der Baronin ſaß und eifrig mit derſelben über die erwähnte Heirath ſprach. „Ich nicht,“ Zantwortete der kWi auutg kurz,„ich gehe wie abge⸗ redet mit euch zu Fuß.“„ 1 „Es iſt ein niederes Gongs,“ fuhr der am Fenſter fort, nich er⸗ Gefährliche Blumenſträuße. 243 kenne das an der Stellung der Laternen; jetzt biegt der Wagen von der Landſtraße ab, er kommt hieher. Sieh doch, George, wer kann das ſein?“ Der Hausherr trat nun ebenfalls ans Fenſter, währenddem auch ſchon die Anderen im Zimmer das dumpfe Rollen eines Wagens hörten, welcher die Rampe hinauffuhr und vor dem Treppenhauſe ſtill hielt. Im gleichen Augenblicke trat Eugen ziemlich aufgeregt in das Zimmer, ſchritt eilig zu dem Hausherrn hin und wollte ihn ab⸗ ſeits ziehen, indem er haſtig ſagte:„Du, George, ich bitte dich drin⸗ gend, höre nur zwei Worte.“ „Gleich, gleich, lieber Freund,“ erwiderte der Baron, wobei er ſich jedoch, ohne den Maler anzuhören, der Thüre näherte, durch welche der Kammerdiener eintrat. Dabei hielt er Eugens Hand feſt, wie um ihm anzuzeigen, daß er in der nächſten Sekunde ganz für ihn ſei. „Seine Excellenz, der Herr General von W. ſind ſoeben ange⸗ fahren und kommen ſchon die Treppen herauf,“ meldete der Kammer⸗ diener. 1 „Das habe ich mir gedacht!“ rief erſchreckt der Maler.„Nur einen Augenblick, George.“ „Gleich, gleich,“ verſetzte der Baron.„Seine. Excellenz iſt mir ſehr willkommen, ich werde ihm entgegen eilen.“ „Aber, George, es iſt wichtig, daß du mich hörſt.“ „Aber, lieber Eugen, im Augenblick; ich muß doch dem alten Herrn entgegen gehen. Da iſt er ſchon.“ „Ja, da iſt er ſchon,“ wiederholte der Maler, ſtützte ſich mit der Hand auf den Tiſch und obgleich auch ſeine Züge ruhig ſchienen, ſah man doch, wie er ſchwer und mühſam athmete. „Der alte General trat in das Zimmer, und der Ausdruck ſeines Geſichtes war ſo ganz anders als vor einer Stunſbe, wo er das Haus verlaſſen. Jetzt hatte er die Augenbrauen finſter zuſammen gezogen, die Lippen auf einander gepreßt, und die Verbeugung, welche er den Gefährliche Blumenſträuße. Anweſenden machte, war ſteif und förmlich. An der Thüre blieb er übrigens ſtehen, wandte ſich zu ſeinem Bedienten, der ihm folgte, und nahm demſelben einen Paletot ab, den er nun über ſeinen eigenen Arm hing und darauf langſam vorwärts ſchritt.„Sie waren ſo gütig, Herr Baron,“ ſagte er mit ernſter Stimme,„meinem— dem Grafen Rieden wollt' ich ſagen,— einen Paletot zu leihen, den ich mir erlaube Ihnen ſelbſt zurückzubringen.“ „Aber, Excellenz,“ erwiderte der Hausherr mit einer tiefen Ver⸗ beugung,„Sie bringen mich wahrhaftig in Verlegenheit.“ „Das könnte möglich ſein,“ meinte ruhig der General. „O, George, wenn du mich nur einen Augenblick angehört hätteſt!“ flüſterte der Maler. Seine Excellenz ſchaute indeſſen ernſt im Kreiſe umher, und ſagte dann noch förmlicher als früher:„Herr Baron von C., ich würde Sie dringend um ein paar Worte unter vier Augen erſuchen.“ Alle Anweſenden waren aufs Höchſte überraſcht, ja erſtaunt. Die Baronin hatte ſich bei dieſem Vorgange einigermaßen verlegen erhoben und ſtand neben ihrem Fauteuil; der Vicomte ſchaute mit großen Augen darein, und ſelbſt Julius hatte ſich erwartungsvoll umgewandt. „Eure Excellenz werden mir verzeihen,“ ſprach befremdet der Haus⸗ herr,„ich bin natürlicher Weiſe ganz zu Ihren Befehlen, doch wenn das, was ich hören ſoll, nicht ein Geheimniß Eurer Exeellenz betrifft, ſo würde ich vorziehen, es hier vor meinen Freunden anzuhören.“ „Wie Sie wünſchen,“ entgegnete kalt der General.„Doch wür⸗ den Sie mir vielleicht Dank wiſſen, wenn ich einer unangenehmen Sache nicht gerade vor Madame und dieſen Herren erwähnte.“ „Nach dieſen mir unbegreiflichen Worten,“ verſetzte lächelnd der Baron,„muß ich ganz beſonders auf Oeffentlichkeit beſtehen. Darf ich Euerer Excellenz einen Fauteuil anbieten und Sie geziemend er⸗ ſuchen, mir zu ſagen, wovon die Rede iſt?“ Der General machte, was das erſtere anbelangte, eine abweh⸗ rende Handbewegung, dann ſagte er ziemlich ruhig, aber ernſt;„Wie Gefährliche Blumenſträuße. 245 ſchon bemerkt, hatten Sie die Freundlichkeit, dem Grafen Rieden einen Paletot anzubieten, den er dankbar annahm und mit mir nach der Stadt zurückfuhr.“ „Ganz richtig,“ bemerkte der Baron. „Zu Hauſe,“ fuhr der General fort,„übergab ich dem Grafen einige Briefe, die für ihn angekommen waren und die er erbrach, flüchtig durchlas und in die Taſche eben dieſes Paletots ſteckte. Er begab ſich in ſein Hotel, um eine Viertelſtunde nachher in größter Aufregung wieder zu mir zu kommen. In größter Aufregung, und er hatte Urſache dazu; ich weiß nicht, ob die Frau Baronin oder einer der anweſenden Herren etwas darüber hörten, daß eine Ver⸗ bindung zwiſchen dem Grafen Rieden und meiner Tochter projectirt ſei? O doch, es muß ſo ſein, denn ich erinnere mich, daß Herr Eugen mich ſogleich zu verſtehen ſchien, als ich ihn um ein kleines Porträt meiner Tochter bat.“ „Ich, Herr General?“ ſprach der Maler aufs Höchſte beſtürzt und mit bleicherem Geſicht, als ſelbſt in jenem Augenblicke drunten an der Treppe.„Ach, ja, ich erinnere mich, aber Euere Excellenz erklärten ſich ſo deutlich, daß ich— die Sache nicht mißverſtehen konnte.“ „Das iſt auch höchſt gleichgültig, ich geſtehe das Faktum ein, und Sie können ſich deßhalb meinen Schrecken, meinen Schmerz denken, als er mir den verhängnißvollen Paletot zurückbringt,— den Ihrigen, Herr Baron von C.— als er mir erzählt, er habe arglos ſeine Briefſchaften aus der Taſche nehmen wollen und— zu— gleicher Zeit— etwas Anderes— gefunden.“ „ Der Hausherr zuckte die Achſeln mit dem Ausdrucke des größten Erſtaunens, während die Baronin näher trat und erſchreckt ausrief: „Um Gotteswillen, was ſoll denn das, George? O, Herr General, halten Sie ein!“ 3 „Ich bitte dagegen, fahren Sie fort,“ ſagte ruhig der Baron. Der Maler wollte vortreten, doch hielt ihn Julius am Arme 246 Gefährliche Blumenſträuße. feſt, indem er ihm trocken zuflüſterte:„Miſch dich nicht in Sachen, die dich durchaus nichts angehen.“ „Hier ſind die Briefe des Grafen,“ fuhr der General fort, indem er Papiere aus der Bruſttaſche zog,„und zwiſchen denſelben befand ſich ein kleiner Blumenſtrauß.“ „Teufel, ein Blumenſtrauß!“ brach der Vicomte aus. „Ja, ein Blumenſtrauß,“ ſprach der General mit erhöhter Stimme, „und in demſelben verſteckt ein Briefchen, ein Schreiben meiner— Tochter Julie— an Sie, Herr Baron.“ „O George!“ rief die junge Frau mit einem Ausdruck des Schmerzes und des Vorwurfes, indem ſie ſich an ihren Mann wandte. Dieſer ſtand einen Augenblick ruhig, ja lächelnd, dann zog er die Klingel, die neben dem Divan hing, wobei ihn alle erſtaunt anblickten, und als der Kammerdiener herein trat, ſagte er:„Friedrich ſoll kom⸗ men.“ Der Bediente erſchien augenblicklich.„Du haſt vorhin einen Paletot von mir herunter geholt; wo fandeſt du ihn?“ „Wo der Herr Baron mir geſagt, vor dem Zimmer auf dem Tiſch.“ „Sonſt lag keiner da?“ „O ja, Herr Baron, noch mehrere.“ „Darf ich Euere Excellenz nun bitten, mir den Paletot übergeben zu wollen? Schau ihn an, Friedrich, aber diesmal genauer, das muß ich mir ausbitten; iſt das mein Paletot?“ Der Bediente nahm das Kleidungsſtück in die Hand, beſchaute es von allen Seiten, und er hätte nicht nöthig gehabt, eine Antwort zu geben, ſein Geſicht ſagte genug, ſowie auch das Kopfſchütteln des Kammerdieners, welcher die Garderobe ſeines Herrn genauer zu kennen ſchien. Der Baron machte eine Handbewegung, worauf die Diener ſich zurückzogen, dann ſprach er ruhig:„Sie ſehen wohl, Excellenz, daß hier eine Verwechslung vorgegangen.“ „Allerdings,“ erwiderte dieſer aufs Höchſte beſtürzt,„aber Einem muß doch dieſer unangenehme Paletot gehören.“ Er blickte fragend im Kreiſe umher, während der Vicomte der Baronin zuflüſterte: 8 3 J Gefährliche Blumenſträuße. 247 „Wenn ich mich dazu bekenne, ſo käme ich vielleicht unverhofft zu einer ſchönen Braut. Was meinen Sie, gnädige Frau 22 Dieſe aber winkte ihm abwehrend mit der Hand und ſchaute athemlos auf Eugen, der langſam vortrat und nach einer Pauſe ruhig ſagte:„Ich kann und will Euerer Excellenz nicht verſchweigen, daß der Paletot mir gehört.“ Der General trat einen Schritt zurück.„Und Blumenſtrauß und Brief?“ fragte er im Tone höchſten Erſtaunens. „Gleichfalls, Excellenz.“ „Und damit die Liebe Ihrer Tochter, Herr General,“ meinte Julius ſehr trocken,„und wenn man die Sache bei Licht beſieht, ſo—“ „Und das Licht, bei dem wir ſie betrachten,“ fiel ihm der General heftig ins Wort, niſt ſo ſcharf, daß mich die Augen beißen. Ver⸗ zeihen Sie, Baron, meinen Ueberfall, und vor allen Dingen Sie, gnädige Frau; weiter habe ich hier nichts zu ſagen, und wünſche aller⸗ ſeits eine geruhſame Nacht.“ Damit wandte er ſich zornig um und hinkte zum Zimmer hinaus. 3 Der Baron eilte ihm nach, Eugen wollte ebenfalls folgen; doch hielt ihn Julius am Arme feſt und ſagte mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe:„Bleib da, unbeſonnener Kerl, du machſt ſchöne Geſchichten.“ „Laß mich, laß mich!“ rief der Maler haſtig,„ich muß ihn zu beſänftigen ſuchen, ſonſt fällt all ſein Zorn auf die arme Julie.“ „Bah!“ erwiderte der Andere,„ſie hat auch ihr Theil verdient. Aber bleib nur, bleib; wie ich den General kenne, iſt das jedenfalls beſſer. Vor allen Dingen aber ſage, iſt Juliens Liebe für dich ſo groß, daß ſie dem Papa gegenüber feſt bleiben wird?“ 3 „O mein Gott ja, ich glaube und hoffe es,“ antwortete Eugen, während die Baronin leicht mit dem Kopfe nickte. „Dann wird ſie mit ihm fertig,“ fuhr Julius mit unerſchütter⸗ licher Ruhe fort,„und wenn du einen Brautführer brauchſt, ſo ſtehe ich zu Befehl.“ „Hat aber dieſer Graf Rieden mit ſein gluͤck!“ rief lachend der Vicomte. nen Blumenſträußen Un⸗ Gefährliche Blumenſträuße. „Apropos,“ wandte ſich der Rittmeiſter an Eugen, der im tiefen Nachdenken daſtand,„ich wette Hundert gegen Eins, daß ich meine Wette mit Ihnen gewonnen; Baronin Julie wird den Grafen nicht heirathen, hundert Louisd'or, das iſt keine Kleinigkeit. Aber, beſter Freund, Sie werden ſo gefällig ſein und mir die Art der Zahlung überlaſſen, und Sie würden mich glücklich machen, wenn dies in Leinwand und Farben geſchähe; ſo ein hübſches Porträt von mir, wiſſen Sie zu Pferde vor der Schwadron, auf irgend einen beliebigen Feind einhauend.“ 6. „Ja, ja,“ meinte Julius trocken,„an einem Schlachttage, der kein Datum hat; thu' ihm den Gefallen. Ich bin überzeugt, er bietet dir eine Wette an, du werdeſt niemals ein ſchöneres Bild malen.“ „Und die Veranlaſſung dazu!“ lachte der Rittmeiſter,„es iſt das Pendant zu meiner Geſchichte. Ja, es gibt gefährliche Blumen⸗ ſträuße.“. „Simmliſch iſt das allerdings,“ ſagte der Vicomte, indem er ſich die Hände rieb.„Wenn ich es nur bald irgendwo erzählen kann.“ „Nach einer gewiſſen Hochzeit bekommſt du die Erlaubniß dazu,“ ſprach Julius. Und um den geneigten Leſer nicht länger zu ermüden, wollen wir nur noch ſagen, daß der General, welcher ſeine Tochter zärtlich liebte und den jungen Künſtler achtete, mehrere Tage vergeblich getobt und gemurrt, und daß in Folge hiervon Eugen von dem großen Bilde keine kleine Copie zu machen brauchte, indem Papa mit komi⸗ ſchem Zorn ausgerufen:„Die Mühe mit Leinwand und Farben kann er ſich jetzt ſparen!“ und daß endlich der Vicomte nach einem halben Jahre wirklich die Erlaubniß erhielt, und nun überall und zwar mit vielen Ausſchmückungen die Geſchichte auch dieſes gefährlichen Blumen⸗ ſtraußes erzählte.. Uebrigens wünſchen wir ähnliche gefährliche Blumenſträuße allen unſern geneigten, liebenswürdigen Leſerinnen. —— — Familien⸗Concert. Herr Regierungsrath Zwicker mit Prau gibt sich die Ehre, den Herrn Hofrath cClaß mit Frau demahlin, Herrn Sohn und Fräulein Töchtern auf eine Tasse Thee und 5 5 6 zu musikalischer Unterhaltung für Dienstag den 4. März, Abends 7 Uhr, ganz ergebenst einzuladen. Wenn du, geneigter Leſer, eine ſolche Karte empfängſt, zierlich gedruckt, ſauber beſchrieben, ſo denkſt du nicht daran, welche Mühe, welcher Kummer, wie harte Tage und ſchlafloſe Nächte unter dem Spiegel dieſer glatten Linien verborgen liegen. Warſt du nicht ſelbſt ſchon Unternehmer von Familien⸗Concerten und Hausbällen, ſo haſt du keinen Begriff davon, wie viel ſaure Arbeit vorhergehen mußte, ehe dieſe Einladungskarten zum Austragen bereit da liegen. Du überſiehſt dein Haus, du rechneſt nach, wie viele deiner Bekannten du unterzubringen vermagſt, wenn du dein Appartement vergrößert haſt durch Ausräumen der Schlafzimmer und durch Herrichtung des Hausflures, der vermittelſt eines Teppichs und ein paar Wandleuchter zu einem comfortablen Entrée umgeſchaffen wird. Ich glaube, es gibt eine mäßige Berechnung, wie viel Platz ein Menſch haben muß, um ohne Schaden für ſeine Geſundheit eine Zeit lang athmen zu 252 Familien⸗Concert. können; wenn ich nicht irre, gibt es für Sklaven⸗ und Auswanderer⸗ ſchiffe darüber eine Verordnung. Leider nicht für Familien⸗Concerte und Hausbälle! Iſt man doch da Augenzeuge von Erſcheinungen, die an's Fabelhafte ſtreifen. Und wollteſt du am andern Tag nach einem Familien⸗Concerte Jemanden in den Appartements herumführen und ihm ſagen: hier zwiſchen der Tiſchecke und dem Ofen ſtand ſtun⸗ denlang ein Menſch, dort hinter der Sophalehne ein anderer, in der engen Thüre aber, die du dort ſiehſt, ſechs neben einander, von ſieben bis neun, und noch obendrein auf ihren Zehenſpitzen, dabei huthal⸗ tend, ſchweißrieſelnd und applaudirend,— er würde dich mit einem Blicke beſchenken, wie man em verächtlichen Lügner zollt. Doch ſehen wir weiter. Das Appartement kann alſo ſo und ſo viele Perſonen faſſen, dazu ſchlägt man noch zwanzig Procent für Abmeldungen wegen plötlichen Unwohlſeins und ferner zehn vom Hundert weiter, was man in der Verpackungsſprache„Einſtreuſel“ nennt, junge Supernumeräre, Kanzlei⸗Aſſiſtenten, ganz neue Lieu⸗ tenants und angehende Aerzte ohne Praxis. Das iſt jung, ſchmieg⸗ ſam, vor allen Dingen aber für die bejahrten Töchter ehrbarer Fami⸗ lien hoffnungsvoll, wird geduldet, zwiſchen ſich verſteckt und findet ſchon ſein Plätzchen. Wo? i*ſt freilich eine andere Frage. Auch ich war einmal jung und wurde gern gelitten und befand mich in ähn⸗ lichem Falle als Mittelſtück zwiſchen einer ſtarken Directorstochter und einer wohlbeleibten Wittwe,— ich als dünne Fleiſchſchnitte, das Ganze einem ungeheuren Sandwich vergleichbar, einem rieſenhaften Butterbrode mit Schinken. Iſt die Frage des Wieviel? glücklich erledigt, ſo kommt die wich⸗ rathe vorgelegt wurde. Dieſer Familienrath beſtand aus Madame Zwicker, einer ziemlich corpulenten Frau mit freundlichem Geſichte, etwas ſtark röthlichem Teint und hellblonden Haaren, ſowie aus den Familien⸗Concert. 253 beiden Fräulein Zwicker, reſignirten, zuweilen ſeufzenden Weſen von ungefähr achtundzwanzig bis dreißig Jahren, die es von dem großen Schiller ziemlich abſurd fanden, daß er einſtens geſungen: O daß ſie ewig grünen bliebe Die ſchöne Zeit der erſten Liebe! Denn Amalie meinte:„was iſt eine erſte Liebe?— ein Unding, ein Probirſtein, um zu erfahren, ob das eigene Herz auch ächtes acht⸗ zehnkarätiges Gold iſt.“—„Ein Wahnſinn,“ ſagte dabei Laura, die Jüngere,„die erſten ungenießbaren Schößlinge eines Spargelfeldes, das Durchblättern von Titeln und Vazreden eines jungen Romans.“ Ausgeſchloſſen von dieſem Fam ienrathe war der junge Herr Zwicker, Kanzlei⸗Aſſiſtent und Mitglied der Liedertafel. Er hatte bei einer ähnlichen Gelegenheit zu extravagante Ideen an den Tag gelegt und gemeint, das Schöne ſei und bleibe ſchön, auch wenn es in der allerletzten Rangklaſſe erſcheine. Der Regierungsrath, ein kleiner, ſehr lebhafter Mann mit einer ſehr hohen Stirne, die ſich von Jahr zu Jahr vergrößerte, auf welche er ſich aber etwas einbildete, ſchritt im Zimmer auf und ab, las die betreffenden Namen vor, und wo weder Frau und Töchter etwas zu erinnern hatten, fügte er einen dicken Bleiſtiftſtrich hinzu.„Herr Di⸗ rector von W.“ Die Regierungsräthin machte eine zuſtimmende, tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung.—„Mit zwei Töchtern.“— Ebenſo. „Und ſeiner ſchönen Nichte.“—„Die könnte man weglaſſen,“ meinte Amalie entſchieden, während Laura, boshaft lächelnd, auf ihre Kafſee⸗ taſſe ſah.—„Wo denkſt du hin!“ entgegnete der Regierungsrath; „es wäre eine Unhöflichkeit gegen den Herrn Director, und dann—“ ſetzte er ſchüchtern hinzu.—„Und dann?“ fragte Amalie, etwas ge⸗ reizt.—„Nun ja, und dann—“ fuhr der Vater fort, indem er wie zur eigenen Ermuthigung mit ſeinem Papier in der Luft herumfuch⸗ telte,„dann muß man auch Rückſicht nehmen. Du weißt, daß der Herr Referendär von Strammer von jeher die Zierde unſerer Concerte — Familien⸗Concert. war. Er ſingt göttlich.“—„O nur zu wahr!“ ſeufzte Amalie ſtill in ſich hinein.—„Und,“ fuhr der Papa fort,„warum ſoll man den jungen Leuten nicht ein unſchuldiges Vergnügen gönnen? Seine Stimme iſt unbedingt ſchöner, ſein Vortrag feuriger, ſowie er der ſchönen Clara gegenüber ſingt.“ Amalie warf einen kleinen Blick gen Himmel, dann einen zweiten auf ihr Butterbrod, und als Mama ernſt und bedächtig mit dem Kopfe genickt, wurde die ſchöne Nichte des Directors von W. mit einem Striche verſehen. Eine Menge Namen, die nun folgten, wurden ſtillſchweigend gut⸗ geheißen; man merkte es bei dieſen auch der Stimme und dem Ge⸗ ſichte des Regierungsraths an daß er vor jedem Widerſpruch ſicher ſei. Dies war nicht der F er nun fortfuhr und mit etwas ſchüchterner Stimme und ohne aufzublicken, las:„Herr Doctor A. mit zwei Töchtern.“—„Niemals!“ ſagte entſchieden die Regierungs⸗ räthin; Amalie zuckte verächtlich mit den Achſeln und Laura lächelte höhniſch.„Ich will keine Mädchen einladen,“ fuhr Madame Zwicker nach einer Pauſe fort,„die es beſtändig darauf anlegen, ſich vor meine Töchter zu drängen, ſie zu verdunkeln.“—„Zu verdunkeln iſt nicht das wahre Wort, Mama,“ ſprach geringſchätzend die ältere Tochter. „Ich würde ſagen: die ſich bemühen, immer aufdringlich und naſeweis zu ſein.“—„Aber es ſind doch eure Freundinnen,“ meinte der Papa. „Junge Affen ſind es!“ ſagte entrüſtet die Regierungsräthin;„kaum aus der Schule, die ſich ein Anſehen geben wollen, indem ſie mit älteren und geſetzten Mädchen umgehen.“—„Kaum aus der Schule?“ lachte krampfhaft Laura.—„Aeltere und geſetztere Mädchen?“ meinte Amalie.„Was man ſich von dir nicht alles muß ſagen laſſen, Mama. Aber mir iſt es gleichgültig, ladet ſie nur ein. Wo denkt Papa über⸗ haupt an etwas, was uns Vergnügen macht. Iſt's nicht wahr, Laura? Auf der ganzen Liſte bis jetzt keine zwanzig junge Herren.“ Der Re⸗ gierungsrath ſah fragend in die Höhe, und Mama ſagte:„Das kommt noch.“ Dann fuhr ſie fort:„Nein, Eduard, den Doctor und ſeine Töchter laß fort; ich verſichere dich, ſie haben ein aufdringliches Weſen. Familien⸗Concert. 255 Ich ſehe das auf den Muſeumsbällen; ſprechen meine Töchter mit ein paar jungen Herren, gleich ſind die A.'s da. Und dann iſt es nicht wegzudisputiren, daß ſie, Gott weiß, auf welche Art, ausſpioniren, was Amalie oder Laura anzieht. Neulich kamen unſere beiden Mäd⸗ chen in gelben Baregekleidern; was ſehen meine Augen, als die A.'s ankommen? Ebenfalls gelbe Baregekleider und hochroth aufgeputzt. Ach, ich ſage dir, das hat mich tief empört. Ich hatte gelb gewählt, weil es etwas hervorſticht; blan, weiß, roth iſt ordinär; es fragt ſich ſo gut auf ſo nem Ball: wer ſind die in Gelb?— Regierungsrath Zwickers u. ſ. w. Nein, nein, die A.“s läßt du mir fort, darauf be⸗ ſtehe ich feſt.“ Hienach erhält der Doctor A. mit ſeinen Töchtern keinen Strich und der Regierungsrath las weiter, lauter an ſich unbedeutende Na⸗ men, aber wohlgefällig klingend in den Ohren der beiden Töchter. Papa holte hier das Verſäumte nach und der Lieutenants, Supernu⸗ meräre, Referendäre, Candidaten und Aſſiſtenten durch alle Rubriken war kein Ende. Zuletzt kam das eigene Kanzlei⸗Perſonal, und dabei horchte Laura mit ungetheilter Aufmerkſamkeit. Doch es ſchien ihr wie der Prinzeſſin im Taucher zu gehen: wenn auch alle Waſſer her⸗ aufrauſchten, alle möglichen Namen genannt wurden, der des Jüng⸗ lings, den ſie meinte, wurde nicht genannt. Nur nahm ſie ihr Schick⸗ ſal mit weniger Reſignation hin, denn als der Vater geendigt, warf ſie den Kopf in die Höhe, zuckte unmuthig zuſammen und blickte dann auf Amalie, worauf ſich dieſe beeilte, dem Zorne ihrer Schweſter Worte zu geben.„Aber, Papa,“ ſagte die ältere Tochter,„haſt du abſichtlich den Herrn Volontär Schmelzing vergeſſen? Iſt er doch ein anſtändiger junger Mann von ſehr guter Familie und hat ſich beſtens bei uns vorſtellen laſſen.“ Der Regierungsrath ſchüttelte mit ernſtem Stirnrunzeln ſein Haupt und bemerkte:„Nicht vergeſſen, abſichtlich weggelaſſen, ſehr abſichtlich. Dieſer Herr Schmelzing iſt ein leicht⸗ ſinniger junger Menſch, wird nie eine Carriere machen, und bemüht ſich nicht einmal, durch Achtung gegen ſeine Vorgeſetzten, ſowie durch 256 Familien⸗Concert. Fleiß ſein früheres Betragen vergeſſen zu machen. Erhält auf der Univerſität das consilium abeundi und treibt bei uns ſeine Wirth⸗ ſchaft fort, ſo daß, wenn ich unparteiiſch und gerecht ſein dürfte, ich ihn von meiner Kanzlei ſchon lange nach Haus geſchickt hätte.— „Aber Protectionen!“ ſagte Mama wichtig.—„Ja leider Protectio⸗ nen,“ wiederholte der Regierungsrath,„Protectionen von oben herab, und auch in meiner Familie. Aber hier bin ich Herr und will keine Schmelzings bei meinen Soiréen.“ Dies ſagte er ſo entſchieden und ſchlug dabei ſo beſtimmt mit der Papierrolle auf ſeine Frackſchöße, daß Mutter und Töchter wohl einſahen, es ſei in dieſem Augenblicke nicht möglich, zu Gunſten Schmelzings zu operiren. Doch waren noch mehrere Tage bis zur Soirée, und wir bitten den geneigten Le⸗ ſer nicht erſtaunt zu ſein, wenn eine der erſten Perſonen, die ihm beim Familien⸗Concerte aufſtoßen, der Herr Schmelzing iſt. Manus ma- num lavat, und nach dieſem ſehr richtigen Satze erhielt Lauras Pro⸗ tegé ſeine Einladung zu gleicher Zeit mit dem Herrn Doctor A. und ſeinen beiden Töchtern. Nachdem die Einladungsliſte auf die eben bezeichnete Art bera⸗ then und feſtgeſtellt war, rollte Papa Zwicker ſie zuſammen und über⸗ gab ſie ſeiner älteſten Tochter Amalie zur Ausfertigung. Danach legte er die Hände auf dem Rücken zuſammen und ſchritt nachdenkend mehreremale im Zimmer auf und ab; eigentlich tänzelte oder hüpfte der Regierungsrath, denn er liebte in allem die ſchnelle Gangart.— „Apropos,“ ſagte er nach einer Pauſe, während er vor Laura ſtehen blieb,„am Concertprogramme wird doch hoffentlich nichts mehr geän⸗ dert? Sei ſo gut und lies es mir noch einmal vor, es macht mir immer Vergnügen, wenn ich ſo eine fertige Arbeit betrachte, deren Zuſammenſtellung viel Mühe gekoſtet und die nun glatt und fertig vor uns liegt.— Habt ihr euch zu zwei Abtheilungen mit einer Pauſe entſchloſſen?—„Natürlich,“ entgegnete Madame Zwicker würdevoll. „Man kann doch die Sachen nicht ſo in einem fort herunter leiern. Ich habe noch nie ein Concert gehört ohne zwei Abtheilungen, und Familien⸗Concert. 257 dann iſt eine Zwiſchenpauſe ſo nöthig; man muß doch eine kleine Converſation machen laſſen, man muß doch ein paar kleine Erfriſchun⸗ gen herumreichen.“ Bei dieſen Worten blickte, die Regierungsräthin auf ihre Kaffeetaſſe und dachte an Himbeerwaſſer und Mandelmilch. Der Regierungsrath ſah an die Decke des Zimmers empor und verge⸗ genwärtigte ſich den Augenblick, wo in der Pauſe der Departements⸗ chef zu ihm treten, ihm herablaſſend die Hand drücken und zu ihm ſprechen würde:„Ihre Arrangements ſind vortrefflich, mein lieber Zwicker; man iſt nirgends ſo comfortable wie bei Ihnen.“ Amalie ſtarrte in die Einladungsliſte hinein, wobei ſie an Herrn Strammer dachte; Laura trommelte mit den Fingern auf dem Tiſch den Men⸗ delſohn'ſchen Hochzeitsmarſch aus dem Sommernachtstraum. Jede Note widmete ſie Schmelzing, und ſo war die ganze Familie glücklich. „Wir haben alſo,“ ſagte Vater Zwicker nach einer Pauſe,„zur Introduction die Sonate pathetique von Beethoven, drei famoſe Theile, t⸗ welche Herr Schwicheler außerordentlich ſchön ausführen wird. Dann folgt Prumes Melancholie, und ich bin feſt überzeugt, daß die erſten Geiger der Hofkapelle ſich ein Muſter an dem jungen Sternbach neh⸗ men können. Darauf Fräulein Windel, der kleine Rekrut von Kücken. 7— Es gefällt mir eigentlich,“ unterbrach der Regierungsrath ſeinen Vortrag,„daß Fräulein Windel, die ſonſt auf die großen Arien ver⸗ ſeſſen iſt, Kückens kleines reizendes Lied gewählt hat. Sie fängt an, beſcheiden zu werden und das freut mich.“— Bei dieſen Worten lächelte Madame Zwicker ironiſch und ihre beiden Töchter lachten laut und höhniſch hinaus.„Beſcheiden?“ meinte Laura achſelzuckend.„Das iſt der Beweggrund nicht, Gott, wer weiß nicht, wie auffallend ſie mit dem Lieutenant v. W. ſchmachtet. Dem zu Chren ſingt ſie das Sol⸗ datenlied.“—„Bah,“ ſagte der Regierungsrath einigermaßen verdutzt, „wär's möglich? Ja, wie kann unſereins auf ſolche Schwänke kom⸗ men! Aber das Lied iſt ſchön, ich habe nichts dagegen einzuwenden. — Weiter! Phantaſie von Böhm für Flöte und Pianoforte— Fräu⸗ lein Laura Zwicker— Herr Wölfel.— Kind, die Phantaſie iſt ſchwer, Hackländers Werke. XXV. 17 Familien⸗Concert. 259 vielleicht auch:„Und Abends wird geſungen,“ während ein alter, er⸗ grauter Kämpfer in der Arena familienconcertlicher Freuden nachden⸗ kend murmelt:„Um Ausdauer wird gebeten.“ So iſt denn der große Abend gekommen; Regierungsrath Zwickers wohnen im erſten Stock, die Treppe iſt mit einer Spiegellampe tag⸗ hell beleuchtet, oben ſind die Glasthüren entfernt und im Gange ſtehen rechts und links in Kübeln zwei Oleander, auf einer Seite die Küchen⸗ thüre verdeckend und zu gleicher Zeit ein mäßiges Spalier bildend, welches die Ankömmlinge in den Salon weist. Dieſer iſt vortrefflich erhellt und ſanft erwärmt. Rechts und links ſind die Thüren in die anſtoßenden Zimmer ausgehoben, und wenn ein Unkundiger die fünf geöffneten Piecen durchwandelt, alle zum Empfang der Gäſte herge⸗ richtet, ſo muß er eine große Meinung haben von den Appartements des Regierungsraths. Denn natürlich iſt alles feſttäglich, nirgendwo Betten und gewöhnliche Haushaltungsgeräthe; die Räumlichkeiten dazu, denkt man, werden hinter der letzten Thüre anfangen, und dort noch eine Enfilade von wenigſtens vier weitern Zimmern ſein. Aber nur die Freunde des Hauſes wiſſen, daß dort das Ganze mit einer kleinen Kammer abſchließt, die aber am heutigen Abend wie ein vollgepfropf⸗ tes Möbel⸗Magazin ausſieht. Dort iſt eine förmliche Wagenburg von Betten und Möbeln dritten Ranges, eine Wagenburg, die nur eine kleine Ecke frei läßt, in welcher ſich auf dieſe Art eng umſchloſſen die beiden jüngſten Sprößlinge der Zwicker'ſchen Familie befinden. Dieſe erſchienen, nachdem das eheliche Glück der Familie eine längere Zeit pauſirt,— zwei Buben von vier bis ſechs Jahren, verwegene Geſellen, zu allen möglichen tollen Streichen aufgelegt. Nicht einmal durch die aufgethürmte Wagenburg ſind ſie zu bändigen, denn dieſe wurde von dem älteren ſchon einmal erklettert, worauf er, an der anderen Seite hinabrutſchend, eine Waſchſchüſſel und ein paar Gläſer mit herunter⸗ riß, was einen erſchrecklichen Lärmen verurſachte. Dies geſchah glück⸗ licherweiſe vor Anfang der Soirée und veranlaßte den Vater Zwicker zu einer ernſten Rede, welche Belohnung und Strafe verhieß,— ſehr viel Kuchen nämlich oder ſehr viel Prügel. Endlich kommen die Gäſte, zu Fuß oder zu Droſchke; die letz⸗ teren werden von der Regierungsräthin freundlicher begrüßt. Zuerſt ——— 4„. — 260 füllt ſich der Salon, dann fließt die Maſſe der Eingeladenen in die angrenzenden Zimmer, und ſo immer weiter, bis endlich der ganze Boden bedeckt iſt. Man freut ſich, einander zu ſehen, man ſtellt vor und wird vorgeſtellt, man lacht und plaudert; junge, angehende Kanzleibeamte, nachdem ſie ſo glücklich waren, einen freundlichen Gruß, ja vielleicht einen Händedruck ihrer Vorgeſetzten zu erhalten, drücken krampfhaft den Hut auf den eingezogenen Bauch und tapeziren Ecken und Wände.— Der Thermometer zeigt achtzehn Grad.— Selbſt⸗ bewußte Damen der höheren Beamtenklaſſe, ſowie anerkannte Schön⸗ heiten halten die Mitte der verſchiedenen Zimmer und ſtehen da wie Felſen im brandenden Meer, empfangen Huldigungen und theilen gnädige Blicke aus. Junge Damen von verſprechender Zukunft, die aber noch nicht alt genug ſind, um ſelbſtſtändig auftreten zu können, umgeben dieſe Felſen der Geſellſchaft wie friſches Moos oder faftige Pflanzen die altersgrauen Steine und vor ſie hin wirft die ab- und zuſtrömende Flut unterſchiedliche Seethiere dieſes Geſellſchaftsmeeres, Krabben und Seekrebſe in Geſtalt von ſchwarzen, ernſthaften Aſſeſſoren und Referendären mit ſeltſamen Frackſchößen und Brillen auf der Naſe; Sterune in Form von dicken Kanzleiräthen mit dem Verdienſt⸗ kreuz auf der Bruſt; ſchillernde, bewegliche und zappelnde Molusken, dargeſtellt durch bunte, gelenke Lieutenants, und als ordinäres Muſchel⸗ und Schneckenwerk Kaufleute, Maler, Bildhauer, Schrifſteller und der⸗ gleichen Geſindel.— Der Thermometer hat ſich unterdeſſen beeilt, auf vierundzwanzig Grad zu ſteigen, und das Lächeln der Regierungsräthin Zwicker, welches bei achtzehn Graden bald majeſtätiſch, bald gnädig oder ſchalkhaft war, fängt an krampfhaft zu werden, wobei ſie ſchwer athmet und ihre röthliche Geſichtsfarbe ſtark ins Bläuliche ſchimmert. Der Regierungsrath ſteht noch immer an der Thüre, noch fehlt der Departementschef, und ihn nicht am Eingang zu empfangen, wäre mehr als Majeſtätsverbrechen. Endlich kommt er, und nachdem er ſich an der Thür die Brillengläſer abgewiſcht, die ihm von der furchtbaren Hitze ſogleich anliefen, ſchreitet er an der Seite ſeines Untergebenen durch die Zimmer, begrüßt Madame Zwicker, winkt und nickt nach allen Seiten und iſt ſo freundlich, das Appartement außer⸗ ordentlich charmant zu finden. Nach ihm erſcheinen durch die Thüre des Familien⸗Concert. Familien⸗Concert. 261 Nebenzimmers, die aber ſogleich wieder verſchloſſen wird, zwei Dienſt⸗ mädchen, Thee und Backwerk tragend: die Magd des Regierungsraths und Hofraths Ricke von ihrer Herrſchaft der Regierungsräthin freund⸗ ſchaftlichſt geliehen. So oft die Ricke in die Nähe der Hofräthin kommt, ermangelt dieſe nicht, ihr nach Verhalten einen ſtrafenden oder billigenden Blick zuzuwerfen. In dieſem Gewühl eine Taſſe Thee oder etwas Backwerk zu erhalten, iſt ſchon nicht ſo ſchwierig, als das Erlangte in Ruhe und Frieden zu verzehren. Bald wird man ange⸗ redet und muß eine Mandelſchnitte, ohne ſie noch geſchmeckt zu haben, hinunterwürgen; bald wird man geſtoßen, und in der Angſt der Nach⸗ barin das Kleid zu begießen, ſchüttet man ſich ſelbſt die halbe Taſſe auf die eigene weiße Weſte, und iſt für den ganzen Abend ruinirt. In dieſem wichtigen Zeitpunkte ſind jene die Glücklichen, die an den Wänden ſtehend, einen rückenfreien Platz erobert haben. Leicht kann man den Hut irgendwo unterbringen und ſteht nun da, in der Hand die Taſſe, deren Rand hoch mit Backwerk belegt iſt, im beruhi⸗ genden Gefühle der Sicherheit.— Unterdeſſen ſcheint der Alkohol im Thermometerglaſe ſeinem Gefängniß entwiſchen zu wollen und ſteigt auf dreißig Grad. Eigentlich braucht man ihn gar nicht mehr zu betrachten, um die vergnügliche Hitze des Appartements, namentlich des Mittelſalons, zu ermeſſen; rothe und blaue Geſichter, thränende Augen, lang herabfallende Locken, ſchwitzende Stirnen und halb unter⸗ drückte Seufzer ſprechen deutlich genug. Ja durch alle fünf Sinne kann man die in den Zimmern herrſchenden dreißig Grade erkennen. Obgleich die Geſellſchaft obenhin betrachtet ein unabſehbares Gewirre zu bilden ſcheint, ſo gehört doch keine große Beobachtungs⸗ gabe dazu, um zu erkennen, daß ſich alles wieder vergnügt oder ver⸗ ſtimmt, jedenfalls aber zu beſonderen Zwecken in verſchiedenen Grup⸗ pen zuſammenfindet. Was ſich liebt oder durch andere Beweggründe zu einander hingezogen wird, weiß ſich zu finden und hie und da verſtohlen zu plandern; was ſich haßt, weiß ſich zu ärgern, indem es ſich auf gewiſſe Art bald den beſten Platz im Saale ſtreitig macht, jetzt zu viele Trabanten um ſich zu verſammeln ſucht, um mi dieſen über den geringfügigſten Gegenſtand ein lautes, für den andern Theil verletzendes Gelächter erſchallen zu laſſen und ſich dann wieder gegen⸗ 262 Familien⸗Concert. ſeitig und auffallender Weiſe den Rücken zukehrt, und, als ſei in der Nachbarſchaft plötzlich was Schreckliches bemerkt worden, raſch davon⸗ rauſcht. Wofür man ſich intereſſirt, das läßt man nicht aus den Augen. So folgte Madame Zpicker ihren beiden Dienſtmädchen be⸗ ſtändig mit den Augen, wobei ſie bald erröthete, bald erbleichte, wenn irgend eine Ungeſchicklichkeit vorfiel. Dabei aber eilte die geplagte Frau häufig an das Ende des ganzen Appartements, ſcheinbar, um mit ihren Gäſten freundliche Worte zu wechſeln, in Wahrheit aber, um an der Thüre des Nebenzimmers zu lauſchen, ob von dort kein Getöſe oder Siegesgeſchrei zu hören ſei, wenn nämlich ihre beiden Sprößlinge vielleicht abermals die Wagenburg erklettert hätten.— Gott ſei Dank! alles war dort ruhig. Die beiden Buben hatten nämlich ein anderes Amuſement entdeckt, eine gefüllte Waſchſchüſſel, und darin ließen ſie kleine Schiffe von Papier ſchwimmen. Vater Zwicker folgte dem Departementschef, wo das nur eben thunlich war, Amalie ließ die beiden Fräulein A., ſowie den Herrn Strammer nicht aus den Augen, was ihr aber zu ihrem großen Schmerze ſehr leicht gemacht wurde, denn dieſer junge Herr war immer in der Nähe der Töchter des Doctors zu finden und folgte denſelben ſchwenzelnd von Zimmer zu Zimmer. Einen würdigen Gegenſatz zu ihm bildete der Herr Volontär Schmelzing; er ſtand in einer Ecke des Salons zwiſchen einem Tiſche und einem Sopha, mit dem Rücken an einer kleinen Etagere gelehnt, auf der ſich Porzellan⸗ figuren befanden, aß viel Backwert, welches neben ihm auf dem Tiſche ſtand; ſeine Blicke aber eilten dabei beſtändig durch den ganzen Saal. Glückliche Laura! du haſt alle Urſache anzunehmen, daß du es biſt, die von den grauen, aber glänzenden Sternen aufgeſucht wird. Nach vielen verzweifelten Anſtrengungen iſt es dem Regierungsrath deſſen Frau, den beiden Töchtern und dem halberwachſenen Sohne, der ſich bisher unbeachtet unter der Menge umhergetrieben, endlich gelungen, die Maſſen der Gäſte ſo lange aus dem mittleren Salon zu entfernen, bis man dort für die Damen einige Reihen Stühle ge⸗ ſtellt, bis man das Piano in die Mitte des Zimmers gerollt und durch Oeffnung eines Fenſterflügels einige friſche Luft hereingelaſſen. Zu letzterem war es aber auch die höchſte Zeit, denn der Thermometer 4 Familien⸗Concert. 263 drohte, einen Selbſtmord zu begehen, die Stimmung des Klaviers war faſt um einen halben Ton gewichen und Herr Sternbach, der die Melancholie geigen ſollte, meinte, das ſei bei einer ſolchen tropiſchen Hitze, um ſelbſt melancholiſch zu werden. Als die Vorbereitungen ſo weit gediehen waren, räuſperte ſich Herr Regierungsrath Zwicker laut, lange und auffallend. Die jüngeren Beamten ſeiner Kanzlei verſtanden dies Zeichen und forderten durch zahlreiche Bst! zur Stille auf. Bald legte ſich auch Gemurmel und Geräuſch im Salon, dann ebenfalls im anſtoßenden Zimmer und nach einer kleinen Viertelſtunde trat Herr Schwicheler vor, ein hoch aufgeſchoſſener, bleicher, junger Menſch, mit lang herabwallendem, blondem Haar und ſehr nichtsſagenden blauen Augen. Er ſtrich das Haar aus dem Geſicht, öffnete lächelnd ſeinen großen Mund, was er beſſer unterlaſſen hätte, dann zog er die Handſchuhe aus, warf ſie nachläſſig von ſich und ſank mehr auf den Stuhl, als er ſich darauf hinſetzte; auch knickte er hiebei ſo auffallend zuſammen, daß man hätte glauben können, es wandle ihn plötzlich eine Schwäche an, ſchnellte aber gleich darauf wieder in die Höhe, hob die Hände und fing an, auf das unglückliche Piano loszuhämmern, daß es zitterte, klagte und in allen Fugen krachte.. So ging der erſte Satz des Allegro vorüber, und beim Andante ſchien Herr Schwicheler etwas weniger ergrimmt. Er neigte ſein Haupt, und wenn man ſeine Finger ſo matt über die Taſten hin⸗ ſchleichen ſah, ſo hätte man meinen können, es gehe mit dem Mann zu Ende und in der nächſten Sekunde werde er mit einem unheimlich pfeifenden Tone ein für allemal aufhören. Aber leider hörte er nicht auf, wurde vielmehr beim dritten und letzten Satze, dem Rondo, gelenkig wie ein Froſch im Waſſer, der in großer Behaglichkeit mit allen Vieren zappelt. Dabei hüpfte Herr Schwicheler munter auf ſeinem Sitze hin und her, ſeine Füße hüpften für ſich allein, ſeine Finger ebenfalls, ja ſeine Naſe ſchien zu hüpfen und ſein langes blondes Haar.— Endlich hatte er ausgehüpft und das Publikum aus⸗ gelitten. Beethoven iſt ein großer Meiſter, aber ſeine Sonate pathe⸗ tique ſtehend hören zu müſſen bei einigen dreißig Graden Hitze, ein⸗ gekeilt in einen Menſchenhaufen, das iſt ſogar für ein klaſſiſches 264 Familien⸗Concert. Gemüth zu viel. Das Publikum ſchien ſichtlich befriedigt, aber drei Viertheile deſſelben gewiß wegen endlichem Aufhören dieſer Marter; alles applaudirte dem Spieler und beglückwünſchte ſich ſelbſt. Nummer Zwei trat vor: Herr Sternbach, ein ſtrammer, unter⸗ ſetzter, junger Herr, der ſchon im Nebenzimmer, wo er nochmals ge⸗ ſtimmt hatte, die Geige zwiſchen Kinn und Halsbinde feſtklemmte den Bogen hoch erhob und ſo gerüſtet vortrat in die Schranken, wie ein biderber Ritter der alten Zeit mit Schild und Lanze. Den rechten Fuß feſt vorgeſetzt, riß er ſeine Melancholie herunter, daß es eine Freude und ein Vergnügen war. Da er ſelbſt durchaus nicht melan⸗ choliſch ausſah und es auch in der That nicht war, ſo ſchien er zu denken: warte, Melancholie, wir wollen dir zeigen, wo du her biſt! Er faßte ſeine Aufgabe ironiſch auf, ging der Melancholie im Allge⸗ meinen zu Leibe und riß das Publikum zu Beifall und Heiterkeit hin. Fräulein Windel, die nun folgte, ließ dem denkenden Virtuoſen kaum Zeit, gehörig abzutreten; ſie ſchien den kleinen Rekruten in allen Gliedern zu fühlen und gab das Lied keck und unverzagt von ſich. Jeder Vers war für das allgemeine Publikum, der Refrain aber jedesmal für ihn, der hinter dem Ofen hervorſah und die Nuancen, welche ſie hineinlegte, wohl zu verſtehen ſchien. Als Fräulein Windel unter einem wahren Beifallsſturm geendigt, küßte ihr Lieutenant von W. zärtlich die Hand und ſagte:„Unter Ihrer Fahne einzutreten, mein Fräulein, wäre das höchſte Glück meines Lebens.“ „Bs— s— st!— Bs—— st!“ riefen nun die Kanzleibeamten Vater Zwickers, und Herr Wölfel, von dem nicht viel mehr zu ſagen iſt, als daß er ein kleiner Mann war mit einer großen Flöte und ſich in einem ſchwarzen Frack befand, führte Fräulein Laura ans Klavier, die ſehr ſchüchtern that und nur dann und wann aufzuleben ſchien, wenn ſie einen Blick gethan in jene Ecke, wo ſich die Porzellan⸗ figuren⸗Etagère befand. Die Phantaſie ſäuſelte los und machte bei den Zuhörern den Effekt, als wollte ſich Klavier und Flöte überbieten, welches von dieſen beiden Inſtrumenten am langweiligſten ſein könne. Die ganze Nummer wirkte nervenberuhigend; einige ältere Damen ließen, wie um die Muſik beſſer genießen zu können, ihre müden Häupter niederſinken, und ein alter Domänenrath hätte ſich faſt durch einen lauten Schnarcher —yyy—aaſſſſſſbſbſſbſ ——ᷣ—ÿͦ—ꝛ—ꝛ—ꝛ:’BU—V—õN—x—xxxxʃ Familien⸗Concert. 265 verrathen, wenn ſein Sohn, der neben ihm ſtand, denſelben nicht noch zur rechten Zeit durch einen kräftigen Huſten verdeckt hätte. Pauſe mit Komplimenten und Erfriſchungen. Es floßen Ströme von Mandelmilch und Himbeerwaſſer; Stühle wurden gerückt, die Damen erhoben ſich fächernd und mit gelähmtem Geiſt und Körper; junge, lebenskräftige Mädchen ſandten einen ergebungsvollen Blick gen Himmel, und der Menſchenkenner konnte auf manchen gefurchten männ⸗ lichen Stirnen die erſten Anfänge von Selbſtmordgedanken leſen. Aber glücklich, wer nur unter den allgemeinen Freuden des Familien⸗Concerts zu leiden hatte; glücklich, wer nicht noch daneben einen nagenden Schmerz im Buſen trug, wie die unglückliche Amalie, welche ſich von jenem Ungeheuer, Strammer genannt, nicht nur total vernachläſſigt ſah, ſondern es ſogar mit anſehen mußte, daß er der jüngeren Fräulein A. auf Schritt und Tritt nachging. Strammer, ſonſt ein taktvoller junger Mann, dem die ſtille Neigung der Re⸗ gierungsrathstochter für ihn nicht entgangen war und der es mit einem Hauſe nicht verderben mochte, wo man im Familienkreiſe gut zu Mittag ſpeiste, bemühte ſich heute in der That gar zu auffallend um Fcäulein A. Dieſem ſeltſamen Benehmen lag eine triftige Urſache zu Grunde, und zwar in der Geſtalt eines jungen, unternehmenden Kavallerie⸗Lieutenants, welcher ſich der Fräulein A. gleichfalls auf⸗ fallend näherte, und dem dieſes hübſche, aber leichtſinnige junge Mäd⸗ chen den unglücklichen Herrn Strammer opferte. Wer ruhiger Beob⸗ achter war, ſah zwiſchen dieſen betreffenden Perſonen ein kleines Rennen mit Hinderniſſen. Wo ſich der Kavallerie⸗Lieutenant befand, dahin wurde auch Fräulein A. durch ſeine bezaubernden Blicke gezogen; dieſer folgte Herr Strammer, glühend vor Eiferſucht, und wo es galt, in ihre Nähe zu kommen, da gab es für ihn kein Hinderniß, weder eine dicke Kanzleiräthin, noch die unermüdliche Zunge einer dürren Hofräthin: er ſetzte kühn über alles hinweg, um die Ungetreue beob⸗ achten zu können. Gekränkt im tiefſten Herzen folgte ihm die unglück⸗ liche Amalie, und in dem Zimmer, wo er ſich befand, da wußte ſie, nicht fern von ihm, irgend ein Geſpräch anzuknüpfen, ſo unbedeutend, ſo nichtsſagend, daß es ihr vollkommen Zeit ließ, den ſchlechtdenkenden Strammer zu überwachen. — 266 Familien⸗Concert. Da die Regierungsräthin Zwicker nie eine Soirée ohne Souper gab, ſo war auch heute eins vorbereitet, ſollte aber erſt am Schluſſe des Concertes eingenommen werden. Doch hatte der fühlende Vater Zwicker im letzten Zimmer ſchon während der Pauſe einige Weinflaſchen aufſtellen laſſen und ſeinen Bekannten einen Wink gegeben, ſich dort für die zweite Abtheilung zu ſtärken. Viele machten von dieſer Freundlichkeit einen mäßigen Gebrauch, wie das denn auch ſelbſtredend war, nahmen ein Glas und entfernten ſich wieder. Dabei aber kön⸗ nen wir unmöglich verſchweigen, daß der Herr Volontär Schmelzing dieſes Weinzimmer häufiger als jeder andere betrat und ſich auch dort viel länger aufhielt als nothwendig geweſen. Um aber dem Gange unſerer Geſchichte nicht vorzugreifen, müſſen wir ſagen, daß er zu Anfang der zweiten Abtheilung wieder an der Porzellan⸗Etagere lehnte, daß Amalie zitterte, als ſie ſehen mußte, wie der treuloſe Strammer nur Blicke für Fräulein A. hatte, welche vor ihm auf einem der erſten Stühle ſaß, nicht weit von dem entſetzlichen Kavallerie⸗Lieutenant, der ein fades und ſchmachtendes Geſicht machte. So erſchien es näm⸗ lich dem unglücklichen Sänger. Alles hatte die früheren Plätze wieder eingenommen, ſelbſt die Regierungsräthin, nachdem ſie am Nebenzim⸗ mer gelauſcht und dort von ihren beiden Sprößlingen kein unanſtändiges Geräuſch vernommen. Die beiden Kinder ſpielten nach wie vor mit ihrer Waſchſchüſſel, die ſie durch Hinzuthun von weiterer Flüſſigkeit bis an den Rand gefüllt. 3 „Bs— 8— s—t! Bs— 8— 8— st!“ riefen die Kanzleibeamten und als Herr Strammer neben das Piano hintrat, war es wieder ziemlich ſtill im Salon und den angrenzenden Zimmern geworden; aber es war größtentheils nicht mehr die Stille eines aufmerkſamen und er⸗ wartungsvollen Publikums, es war die Stille der Ermattung, der Verzweiflung. 4 Herr Strammer ſtand alſo da, die linke Hand auf die Hüfte ge⸗ ſtützt, mit der rechten das Notenblatt zierlich zum Munde führend, und dann machte er den Verſuch, der ſchönen Fräulein A. durch Zei⸗ chen an den Tag zu legen, daß er nur für ſie allein lebe, athme, ſinge!— Leider aber ſchien Amalie Zwicker dieſe Zeichen beſſer zu ver⸗ ſtehen, als diejenige, der ſie galten. Jetzt ſchlug der begleitende Muſiker Familien⸗Concert. 267 die erſten Töne an und Herr Strammer begann. Es iſt eigenthüm⸗ lich, daß bei dieſem Geſange das Auge größere Unterhaltung hatte, als das Ohr. Es war in der That höchſt ergötzlich, anzuſehen, wie der Sänger ſein Notenblatt bald tief herabſenkte, bald hoch gegen das Herz erhob, dabei blickte er ſchmachtend gegen die Decke des Zimmers, öffnete und ſchloß die Augen, machte einen ſeltſam melancholiſchen Mund, und da dieſer Mund, ſowie das ganze Geſicht ſehr breit war, die Stirne aber höchſt niedrig, ſo ſah der Kopf des Herrn Strammer dem eines Froſches nicht unähnlich, der ſeine Serenade in die dunſtige Nachtluft hinausſingt; nur waren beide in der Farbe ſehr verſchieden, denn die unſeres Sängers ſpielte ſchon nach den erſten Takten in's Röthliche und ging bei einem hohen Tone, der ausgehalten werden mußte, ſo entſetzlich in's Bläuliche, daß man jeden Augenblick einen Schlagfluß befürchten konnte. Von dem Geſange ſelbſt iſt wenig zu ſagen; es war, als habe Herr Strammer einen eiſernen Ring um den Hals, der ſich bei jeder Anſtrengung noch mehr verengte und jeden Ton einzeln zerdrückte und erſtickte. Endlich waren ſeine Leiden zu Ende, man applaudirte und er trat ab. Dem Programm nach hätte er gleich darauf Kückens Lied ſingen ſollen, doch hatte ſich noch ein vielver⸗ ſprechender Baritoniſt gemeldet, eine viereckige Geſtalt, mit einer ge⸗ waltigen Bruſt, mit der er kokettirte, und langem, ſtraffem Haare, das er trotzig mit ſeinen fünf Fingern von der Stirne wegwarf. Er brüllte — den Mönch von Meyerbeer, und es war ein Glück, daß er ſich hören ließ, denn ſeine gellende und krächzende Stimme erweckte die halb Eingenickten und ſchon Schlummernden in allen Zimmern. Abermals Herr Strammer,— diesmal war ſein Auftreten ſchmach⸗ tender, hingebender, auch zuverſichtlicher.„Ach, wenn du wärſt mein eigen,“ lag ſeiner Stimme vortrefflich, und er hatte es bei ſich zu Hauſe ſo lange einſtudirt, bis es die Nachbarn überdrüſſig waren und ſein Hausherr ihm mit Aufkündigung gedroht. Jeder fühlende Leſer wird begreifen, was es ſagen will, vor einem geliebten Gegenſtande ſingen zu dürfen: „Ach, wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollt'ſt du mir ſein!“ In dieſe wenigen Worte und Töne kann man eine ganze Liebes⸗ (— 268 Familien⸗Concert. geſchichte legen, und wenn ein weibliches Herz hierdurch nicht gerührt wird, ſo iſt es gar nicht zu rühren. Ach, wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollt'ſt du mir ſein, Wie wollt ich tief im Herzen Nur hegen dich allein.— So ſang Herr Strammer, und bei der letzten Strophe—„Nur hegen dich allein“— blickte er gegen die Zimmerdecke, um gleich dar⸗ auf alle Glut ſeiner Blicke, ja ſeine ganze Seele auf den geliebten Gegenſtand ausſtrömen zu laſſen, der kaum vier Schritte vor ihm ſaß. Und alle Wonn' und alles Glück Mir ſchöpfen nur aus deinem Blick. Leider aber ſchien der unglückliche Sänger weder Wonne noch Glück in dieſem Augenblick aus dem⸗Blick der Geliebten zu ſchöpfen. Fräulein A. hatte bei der Stelle „Wie wollt ich tief im Herzen Nur hegen dich allein,“ ihren Blumenſtrauß fallen laſſen und der unternehmende Kavallerie⸗ offizier war mit einem zierlichen Schleifer auf den Blumenſtrauß los⸗ geſtürzt, hatte ihn ergriffen, und indem er ihn der Fräulein A. zurück⸗ gab, den Augenblick benutzt, um hinter den Stuhl derſelben zu manövriren. Er gab den Blumenſtrauß, ſie nahm ihn lächelnd an, und als der unglückliche Strammer ſang: Und alle Wonn’' und alles Glück Mir ſchöpfen nur aus deinem Blick, hob Fräulein A. ihr Köpfchen in die Höhe, der Kavallerieoffizier ſenkte ſein Haupt herab, und der leiſe gelispelte Dank drang dem Sänger wie ein Dolchſtoß in's Herz und zog ihm den eiſernen Ring, von dem wir vorhin zu ſprechen die Ehre hatten, ſo feſt zuſammen, daß, als er wieder anſetzte Ach, wenn du wärſt mein eigen, ſeine Kehle gar keinen Ton mehr von ſich gab, ſondern er nur gur⸗ gelte und quackste, was auf Amalie Zwicker, deren gebrochenes Herz Familien⸗Concert. 269 alles wohl verſtanden, einen ſo fürchterlichen Eindruck machte, daß ſie mit einem lauten Aufſchrei in ihren Stuhl zurückfiel. Herr Strammer hatte indeſſen ſeine Haltung gänzlich verloren. Er verſuchte es noch einmal wieder anzufangen, aber er brachte keinen Ton aus der trockenen Kehle hervor, worauf er den beſten Ausweg ergriff, ſein Notenblatt ſinken ließ, ſchnell ſein Schnupftuch hervor⸗ holte, und indem er Naſenbluten affektirte, nicht ohne einen wahrhaft entſetzlichen Blick auf den Kavallerieoffizier davonſtürzte. Naſenbluten iſt nichts Gefährliches, vielmehr nur eine Erleichte⸗ rung, und die ſchien ſich der ganzen Zuhörerſchaft in dieſem Augen⸗ blicke mitzutheilen, denn alle hofften, nach dieſem Zwiſchenfalle würde das Concert zu Ende ſein und ihnen die Polonaiſe geſchenkt werden. — Vergebliche Hoffnung!— Fräulein Laura Zwicker, die ihre Schweſter mit einem ſanften Ellenbogenſtoß wieder zu ſich ſelbſt ge⸗ bracht hatte, ſchritt erbarmungslos auf das Piano zu, der Flötiſt Herr Wölfel legte die Noten auf und blieb zum Umwenden an ihrer Seite. Glücklicherweiſe hatte das Abſtürzen des Herrn Strammer einige Aufregung, einiges Stuhlrücken verurſacht, und dieſes Ge⸗ räuſch den Herrn Volontär Schmelzing aus ſeinem Halbſchlummer erweckt, in den er, gelehnt an die Porzellan⸗Etagére, verſunken war. Jetzt blickte er auf, ſah Laura am Klavier ſitzen und hatte die Geiſtes⸗ gegenwart nicht nur freundlich zu lächeln, ſondern ſeine Hände zu erheben und pantomimiſch im Voraus zu applaudiren. Daß jetzt ringsumher tiefe Stille herrſchte, dafür ſorgten die Kanzleibeamten des Regierungsraths Zwicker. Laura ſpielte nicht übel, und Liszts Polonaiſe begann, würdig des ſchönen Werkes; aber ein tückiſcher Dämon ſchien ſich nun einmal vorgenommen zu haben, das Familien⸗ Concert zu keinem glänzenden Ende gelangen zu laſſen. Schmelzing, das Ungeheuer, war nach den erſten Takten wieder ſanft entſchlummert. Laura, die häufig auf ihn blickte, mochte vielleicht ſein geſchloſſenes Auge für ein inniges Genießen der Muſik halten, denn daß ſein Kopf keine auffallende Bewegung machen konnte, dafür ſorgte die Porzellan⸗ Etagsre, an welcher er ſich feſtlehnte. Eine Stelle der Polonaiſe, wo die Finger ſanft über die Taſten hingleiteten, piano pianiſſimo, hatte Laura meiſterhaft vorgetragen r ———O —— Familien⸗Concert. und die Zuhörer fühlten ſich wirklich erfriſcht davon,— da, mit einemmale vernahm man einen tiefen, ſchnarrenden Ton, es war gerade, als wenn eine Säge von kräftiger Hand geführt, ſich bemüht, durch ein aſtvolles, hartes Holz zu dringen. Entſetzlich, dieſer Ton wiederholte ſich zwei⸗ und dreimal. Laura, die erſchrocken aufblickte, fühlte, noch ehe ſie ſah, wer der Urheber dieſer Unterbrechung ſei. Ihr Auge irrte umſonſt durch die Noten, ihre Hand zitterte, vergeb⸗ lich taktirte Herr Wölfel mit Fuß und Hand, die unglückliche Spie⸗ lerin war aus ihrer Bahn geworfen, wie Jammerrufe klang noch der Anſchlag einzelner Taſten hie und da, dann warf Laura einen ſcheuen Blick ringsumher auf die Verſammlung, und als ſie bemerkte, wie die Umſitzenden bald ſie, bald den Herrn Schmelzing anſtarrten, nicht nur mit Erſtaunen und Schrecken, ſondern verſchiedene auch mit höh⸗ niſchem Lächeln, da preßte ſie ihr Taſchentuch vor die Augen und fing an zu weinen. Hätte nur in dieſem Augenblick der Kavallerieoffizier, der ſich dicht neben Herrn Schmelzing befand, denſelben nicht auf ſo unſanfte Art erweckt! Doch vielleicht in der guten Abſicht, dies nicht auf auf⸗ fallende Art zu thun, indem er ihn z. B. am Arm rüttelte, ſtieß er ihn mit dem Fuße an, aber leider ſo kräftig, daß Herr Schmelzing ausrutſchte, niederſtürzte und indem er ſich an der ſchwachen Etagere zu halten verſuchte, dieſe ſammt den Porzellanfiguren anf den Boden niederſchmetterte. Nachdem der Unglückliche bei dem erſten Verſuche, ſich wieder außzurichten, noch einen Fenſtervorhang herabriß, auch mehrere Damen auf die Füße trat, dabei eine furchtbare Verwir⸗ rung anrichtete, in welcher er ſich ohne augenblicklich einen Answeg finden zu können, wie ein Kreiſel umherdrehte, fand er endlich mit Beihülfe des Kavallerieoffiziers die Thüre, ſtürzte in das hinterſte Zimmer, dort wo es zur Schlafſtube hineinging, in welcher ſich die beiden kleinen Zwicker befanden.— Zerknirſcht und beſchämt, auch etwas betäubt von dem Falle, den er gethan, lehnte er ſich mit dem Kopfe an die Thüre, und ſeine Gedanken beſchäftigten ſich eifrig damit, wie ſein Paletot und Hut zu erlangen ſei und wie es möglich zu machen, daß er nicht mehr in die Kanzleiſtube und vor das An⸗ geſicht des Regierungsraths Zwicker zu treten brauche.— 3 ——-———O—O—O—’V———Cꝑ—B;— Familien⸗Concert. 271 So fand ihn nach wenigen Minuten der Regierungsrath Zwicker, der ihm gefolgt. War deſſen Geſicht ſchon vorher vom Zorne geröthet, ſo wurde daſſelbe bei der Stellung, in der er Herrn Schmelzing traf, und die allerdings auch auf einen andern Zuſtand, als den der Ver⸗ zweiflung gedeutet werden konnte, jetzt⸗dunkelblau; ſeine Hände ballten ſich ein wenig, und wer weiß, was geſchehen wäre, hätte es Herr Zwicker nicht vortrefflich verſtanden, ſich zu bemeiſtern. So zuckte er einfach mit den Achſeln und ſagte ruhig und groß:„Herr, verlaſſen Sie mein Haus, Sie ſind unverbeſſerlich und in einem unzurechnungs⸗ fähigen Zuſtand.“ Daß die Polonaiſe nicht zu Ende geſpielt wurde, brauchen wir dem geneigten Leſer wohl nicht zu ſagen. Wenigen der Zuhörer war dies übrigens ein Kummer, denn das Familien⸗Concert hatte bis nach elf Uhr gedauert. Madame Zwicker, eine Frau von Takt und Ein⸗ ſicht, ließ übrigens die Verwirrung im Salon nicht überhand nehmen, vielmehr öffnete ſie im entſcheidenden Momente die Thüre des Zim⸗ mers neben der Küche, die am Anfang des Concerts geſchloſſen wor⸗ den, und bald ging der angenehme Ruf von Mund zu Munde: Wenn es gefällig wäre— zum Souper. Mit wahrem Heroismus vermochte ſie einſtweilen zu überhören, daß von fern Lärm und Geſchrei der beiden kleinen eingeſperrten Buben zu ihren mütterlichen Ohren her⸗ überklang. Nach längerem Spielen mit ihrer Waſchſchüſſel ſollte der See, den dieſelbe vorſtellte, in bewegtem Zuſtande dargeſtellt werden; dieſe Bewegung wurde aber zu heftig ausgeführt, die Schüſſel fiel um, und das Waſſer übergoß die Spieler und floß unter der Thüre durch in das letzte Geſellſchaftssimmer. Erſt nachdem die Ordnung am Tiſch hergeſtellt, ſchlüpfte Madame Zwicker hinaus, um die Ur⸗ ſache des Lärms zu erkunden. Dann aber überließ ſie einer in der Küche helfenden Frau das Waſſer aufzutrocknen und die kleinen Un⸗ holde zu beruhigen, und nahm in ruhiger Größe ihren Platz am Tiſche ein. Die meiſten Gerichte des Soupers waren gut zubereitet, und da nichts ſo geeignet iſt, eine augenblickliche Aufregung und Verſtim⸗ mung zu beſchwichtigen, wie ein gutes Eſſen, ſo fanden ſchon nach der erſten Schüſſel die meiſten, daß Abtheilung I. des Concertes glän⸗ ** gingen Amalie und Laura zu B Familien⸗Concert. zend geweſen, daß die Störung der Abtheilung II. höchſt bedauerlich ſei, daß man ſich aber im Allgemeinen vortrefflich amuſirt habe. An verſchiedenen Torten und Punſch zum Schluſſe fehlte es auch nicht, und ſo trennte man ſich denn um Mitternacht tziemlich heiter und zu⸗ frieden, wobei ein alter Kanzleirath meinte, man müſſe alles An⸗ genehme in dieſer elenden Welt mühſam erkaufen, aber wenn ſpäter noch ein gutes Souper folge, könne man ſich die Qualen einer muſi⸗ kaliſchen Unterhaltung ſchon gefallen laſſen.» Vier Perſonen aus der Geſellſchaft aber waren und blieben wäh⸗ rend des größten Theils der darauf folgenden Nacht mißgeſtimmt und unglücklich. Davon fanden, ſich Herr Strammer und Herr Schmelzing noch im Kaffeehauſe zuſammen, aßen und tranken viel, ſprachen wenig, und als ſie nach Hauſe gingen, begegneten ſie dem Doctor A. und ſeinen beiden Töchtern, deren eine von dem glücklichen Kavallerie⸗ Lieutenant geführt wurde. Vielleicht war es ein Glück, daß Herr Strammer in dieſem Augenblick keine Waffen bei ſich führte; wohl dachte er einige Augenblicke an Selbſtmord, verwarf ihn aber hohn⸗ lachend und zähneknirſchend als ein feiges Vergnügen.— Später noch ette; letztere ſang dabei halblaut und klagend jene Stelle der Polonaiſe vor ſich hin, jene ſchreckliche Stelle, bei welcher der Schnarcher des Herrn Schmelzing ihr Spiel und ihr Herz zerriſſen. Amalie öffnete aber noch einen Fenſterflügel, blickte in die Nacht hinaus, das Auge von Weinen getrübt, und lispelte ſtill vor ſich hin: „Ach wenn— Trotz alle dem, was geſchehen!— du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollt'ſt du mir ſein—— fff Muauunnaunrrwnamxuunm 14 15 16 17