F. W. Hackländer's Werke. F. W. Hackländer's Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Siebenzehnter Band. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1856. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Offiein in Stuttgart. Europäiſches Sklavenleben. Zweiter Band. ₰ 8 A ᷣ 5 8 2 O 5 3 02Q A 2 S — 3 2 a. 9 85 8 2 2 R8 5 2 5 — 5 2 . 8 2 = G Europäiſches Sklavenleben. Zweiter Band. Einundzwanzigſtes Kapitel. Jäger und Kammerjungfer. Der Baron ſchaute in dieſem Augenblick über ſeine Zeitung hinweg, dann ließ er ſeine linke Hand, in der er ſie hielt, lang⸗ ſam ſinken und wandte den Kopf nach rechts und nach links, wäh⸗ rend er forſchend durch das ganze Zimmer blickte. Dabei war der Ausdruck ſeines Geſichtes auf einmal ein ganz anderer geworden: das Auge, das ſich gewöhnlich ſo affektirt und matt hinter den herabfallenden Augenlidern verbarg, blitzte unter den ſcharf zu⸗ ſammen gezogenen Augenbrauen hervor; ſeine Lippen, die meiſtens halb geöffnet waren und von einem ſüßen Lächeln umſpielt wur⸗ den, erſchienen voll Spannkraft und Energie, und ließen, als ſie ſich leicht empor zogen, zwei Reihen ſchneeweißer Zähne ſehen.— Er legte die Zeitung nieder, ſtützte die rechte Hand leicht auf den Tiſch und erhob ſich von ſeinem Stuhle, ohne das geringſte Ge⸗ räuſch zu machen. Dann wandte er ſich um, glitt durch den Sa⸗ lon nach dem Schreibtiſche des Grafen, wo ſich in einer breiten Schaale von Bronze Zleiſtifte und alle möglichen Schreibmate⸗ rialien befanden. Dazwiſchen lag ein kleines Petſchaft, deſſen Griff aus Gold in getriebener Arbeit beſtand und reich mit Stei⸗ 8 Einundzwanzigſtes Kapitel. nen beſetzt war. Dieſes Petſchaft nahm der Baron geräuſchlos aus der Schaale fort, betrachtete es einen Augenblick, ſteckte es in die Taſche ſeines Rocks und ging dann ebenſo leiſe wie er gekommen, zu ſeinem Stuhle zurück, wo er ſich wieder hinſetzte, die Zeitung abermals in die Hand nahm, den Kopf, wie vorhin beſchrieben, rechts und links wandte, um alle Ecken des Salons zu beſichtigen, worauf dann plötzlich ſein Geſicht wieder jenen weichen und ſchlaf⸗ fen Ausdruck annahm, den wir bereits kennen. Jetzt klingelte der Graf im Nebenzimmer und der alte Kam⸗ merdiener ging durch den Salon, kehrte aber gleich wieder dahin zurück, zündete eine Wachskerze an, nahm Siegellack und wühlte alsdann einige Augenblicke vergeblich in der Bronzeſchaale. Er ſchien überraſcht zu ſein, blickte im Zimmer umher, ging dann in's Nebenzimmer, wo er unter der Thüre ſtehen blieb und ſeinem Herrn einige Worte ſagte. „Mein Petſchaft muß da ſein,“ hörte man den Grafen ant⸗ worten;„das kleine mit dem goldenen Griff, es liegt in der Bronzeſchaale.“ „Euer Gnaden verzeihen,“ entgegnete der Kammerdiener,„es liegt nicht an ſeinem gewöhnlichen Platze.“ „Das müßte mit dem Teufel zugehen,“ erwiderte der Graf. „Ich habe es geſtern Abend noch da geſehen.“ Mit dieſen Worten trat er in den Salon, ein Briefchen in der Hand; der Kammerdiener folgte mit dem brennenden Lichte. „Jetzt bin ich vollkommen beruhigt hinſichtlich meines Odeurs,“ ſagte der Baron mit wichtigem Tone;„jener Fabrikant nennt es Roſenſaft. Ich bitte Sie, Roſenſaft! Dabei fällt mir gleich ſo 'ne ſchmutzige Brühe ein. Ah! coeur de rose iſt eine ſchöne Er⸗ findung.“ „Gewiß, gewiß!“ entgegnete zerſtreut und einigermaßen ärger⸗ lich der Graf, denn er hatte ebenfalls vergeblich in der Bronze⸗ Jäger und Kammerjungfer. 9 ſchaale und auf dem ganzen Tiſche nach dem Petſchaft geſucht. Er ſah den Kammerdiener an; dieſer zuckte die Achſeln. „Wer hat das Zimmer heute Früh in Ordnung gebracht?“ fragte er mit heftigem Tone. „Der Jäger, Euer Gnaden.“ „Wieder der Jäger!— Wann ſoll denn der Geſchichte ein⸗ mal ein Ende gemacht werden?“ „Es iſt eigenthümlich,“ ſprach der alte Mann,„der Menſch hatte ſo vortreffliche Empfehlungen und wie ſehr ich beſtändig aufgepaßt, ich habe nie etwas Unrechtes bemerkt.“ „Aber Sie werden mir nicht abläugnen können, daß ſeit einem halben Jahre, wo der Menſch in meinen Dienſten iſt, jeden Augen⸗ blick aus dieſem Salon etwas verſchwindet!“ „Leider!“ „Haben Sie ſonſt auf Jemand von den Leuten Verdacht, auf George vielleicht oder auf Karl?“ „Gott ſoll mich bewahren!“ „Nun, alſo bleibt's an dem Jäger hängen, und der Sache ſoll ein Ende gemacht werden; ich will's!“ „Aber, gnädigſter Herr, man kann ihm nichts beweiſen.“ „Das braucht's auch gar nicht; ich will gewiß nicht ſein Un⸗ glück; man zahlt ihm einen halbjährigen Lohn, ſagt ihm, er habe mir nicht convenirt und gibt ihm meinetwegen ein erträgliches Zeugniß.“. Der alte Mann nickte mit dem Kopfe. „Wie Sie ſelbſt ſagten, kann man ihm nichts beweiſen, alſo wollen wir auch ſeiner Zukunft nicht hinderlich ſein. Aber mir iſt es unheimlich, daß hier alle Augenblicke ſo was vorfällt.“ Der Graf hatte etwas heftig und laut geſprochen, während er ſich an dem Schreibtiſche im Salon niedergelaſſen, um beſſer in der Bronzeſchaale ſuchen zu können, ſo daß ſich ſogar der gleich⸗ müthige Baron veranlaßt ſah, aufzuſtehen und näher zu kommen. Einundzwanzigſtes Kapitel. „Ja, was iſt denn vorgefallen, mein beſter Graf?“ fragte er, indem er ſich in dem Spiegel über dem Kamin Haar und Bart zurecht ſtrich und dann an dem Feuer ſeine Fußſpitzen wärmte. „Sie ſind ja wahrhaftig ganz aufgeregt!“ Der Graf wollte von dem Petſchaft ſprechen, doch der Kam⸗ merdiener ſah ihn bittend an.„Ach!“ ſagte er mit verdrießlichem Tone,„ich bin mit einem meiner Leute nicht zufrieden, mit meinem Jäger, ich muß ihn fortſchicken, was mir ſehr unangenehm iſt. Es iſt überhaupt ſo ſchwer, ordentliche Leute zu bekommen.“ „Das weiß Gott!“ entgegnete der Baron, indem er ſich um⸗ wandte und die Hände auf den Rücken legte.„Aber da fällt mir was ein. Vor ein paar Tagen wurde mir Jemand empfohlen, von ſehr guter Hand und dringend empfohlen, ein Menſch, der ſchon längere Zeit in W. in den beſten Häuſern diente, und oben⸗ drein ein gelernter Jäger. Für ſeine Ehrlichkeit und Treue kann man garantiren; wenn Sie's mit dem verſuchen wollten!“ 4 „Warum nicht, auf Ihre Rekommandation!— Er ſoll ſich bei meinem Kammerdiener melden, ich nehme ihn an.“ „Schön,“ ſagte der Baron mit ſeinem ſanfteſten Lächeln;„da haben wir einmal wieder ein gutes Werk gethan.“— Er trat an den Tiſch, ſtützte ſich mit der linken Hand darauf und ſchlug mit einem Finger der rechten auf die Bronzeſchaale, daß ſie einen hel⸗ len Klang von ſich gab.—„Aecht?— Antik?“ fragte er. „Ich habe ſie von einem Bekannten erhalten, der ſie in Pom⸗ peji erbeutet.— Aber Teufel! es iſt ſchon drei Viertel auf Eilf. — Laſſen Sie meinen Wagen vorfahren,“ ſagte er zu dem Kam⸗ merdiener, der ſich verdrießlich entfernte.„Jetzt muß ich ſiegeln und habe mein Petſchaft verloren. Ah, Baron!“ rief er aus, „Sie können mir helfen.“ Dabei fielen ſeine Blicke auf die gol⸗ dene Uhrkette des Anderen, an welcher ſich eine Menge Kleinigkeiten, unter Anderem auch ein orientaliſcher Ring mit einem Carniol befand, auf den einige arabiſche Buchſtaben geſchnitten waren. Jäger und Kammerjungfer. 11 „Leihen Sie mir einen Augenblick Ihren Ring, um meinen Brief damit zuzuſiegeln, es iſt ja kein Wappen darauf.— Alſo kann es Sie in keiner Weiſe kompromittiren,“ ſetzte er lachend hinzu. Der Baron zuckte mit der Hand nach ſeiner Uhrkette und ſein gleichmüthiges, lächelndes Geſicht war im Begriff, einen ganz an⸗ deren Ausdruck anzunehmen. Wie aber ein geſchickter Equilibriſt ſich noch in dem Momente, wo er fallen will, kräftig und gewalt⸗ ſam in's Gleichgewicht hinein ſchwingt, ſo auch der Baron. Seine Finger, welche haſtig die Uhrkette wie um ſie zu verbergen, er⸗ greifen wollten, glitten jetzt leicht daran herunter und blieben an dem bewußten Ringe hängen.„Ah! Sie wollen mit meinem Ta⸗ lisman ſiegeln, beſter Graf!“ ſagte er alsdann mit ſeinem gewöhn⸗ lichen freundlichen Lächeln.„Nehmen Sie ſich in Acht; Sie wiſſen doch, daß dieſe myſteriös geſchnittenen Steine nur für den heil⸗ bringend ſind, der ſie beſitzt, und daß, wenn ſich ein Anderer der⸗ ſelben bedient, zum Beiſpiel wie Sie, lieber Graf, jetzt zum Siegeln, dies für den Empfänger von unangenehmen Folgen ſein kann!“ „Sind Sie denn wirklich abergläubiſch, Baron?“ fragte der Graf und hob eine Stange Siegellack an das brennende Licht, während er den Brief vor ſich hinlegte.—„Uebrigens,“ fuhr er lächelnd fort,„iſt mir am Wohl und Wehe des Empfängers oder der Empfängerin nicht viel gelegen, und wenn alſo Ihre Befürch⸗ tungen wirklich wahr wären, ſo könnte es derjenigen, welche dieſen Brief erhält, am Ende nichts ſchaden, wenn dieſer Brief einige Dornen auf ihren Pfad ſtreute.“ „Coeur de rose!“ ſagte der Baron, indem er ſich höchſt ver⸗ wundert ſtellte,„da führen Sie ja eigenthümliche Correſpondenzen. Ich will nicht hoffen, daß der Brief an Jemand aus der Geſell⸗ ſchaft geht!“ „Seien Sie ganz unbeſorgt, Baron! Glauben Sie denn, ich würde mich in dem Fall einer Ihrer Siegel bedienen? Ah! das wäre indiscret! Dieſes Schreiben geht an ein ganz obſcures Weſen, Einundzwanzigſtes Kapitel. von deſſen Exiſtenz Sie gar keine Ahnung haben; eine ſtille Wittwe, die hie und da meine gewiſſen kleinen Privatangelegenheiten ar⸗ rangirt.— Aber jetzt geben Sie Ihren Ring her, mein Siegel⸗ lack iſt flüſſig.“ 5„Armer Talisman!“ ſagte der Baron mit affektirter Weh⸗ muth, während er die Kette loshakte und den Ring ſeinem Be⸗ kannten darbot;„ein Abdruͤck von dir ſcheint mir da in ſchöne Hände zu kommen.— Coeur de rose! Das hätte ſich die reizende Griechin, die ihn mir verehrt, gewiß nicht träumen laſſen.“ Der Graf ſiegelte raſch und ſorgfältig das Billet, dann be⸗ trachtete er aufmerkſam die ſonderbaren, für ihn unleſerlichen Schriftzeichen und verſetzte:„ſo, der Abdruck iſt ſchön gelungen; meinen herzlichen Dank!— Jetzt muß ich aber eilen, ſonſt komme ich zu ſpät in's Schloß und das wäre entſetzlich.— Kann ich Sie mitnehmen?“ Der Baron ſann eine Sekunde nach.„Beſuch auf dem Kaſtell⸗ platz,“ murmelte er,„dann in der Königsſtraße, in der hohen und breiten Straße,— ja, ja, beſter Graf, ich nehme einen Sitz in Ihrem Wagen an! Sie laſſen mich an der Ecke des Kaſtellplatzes entſpringen.“ „Schön,“ erwiderte Graf Fohrbach;„gehen Sie nur voraus; ich folge in der Sekunde.“ Während nun der Baron in das Vorzimmer ging, ſich dort den Paletot anziehen ließ, einen dicken Cachemir um den Hals ſchlang, den Hut aufſetzte und nach dem Wagen ſchritt, eilte der Graf in ſein Arbeitskabinet, wo der Maler ſaß und ſagte dieſem: „Adieu, lieber Arthur, ich muß in den Dienſt. Bleiben Sie hier, ſo lange Sie wollen; Sie wiſſen, wo Cigarren und Pfeifen ſind. Aber wenn Sie fortgehen, erzeigen Sie mir, dem Freunde, eine Geſälligkeit. Werfen Sie dieſen Brief auf die Stadtpoſt, aber heute Morgen noch; es liegt mir Alles daran, daß er im Laufe des Tages an ſeine Adreſſe gelangt, beſonders aber, daß meine Die⸗ Jäger und Kammerjungfer. 13 nerſchaft die Adreſſe nicht ſieht. Ich ſtehe zu allen Gegendienſten bereit.“ „Mit großem Vergnügen,“ entgegnete Arthur, indem er das Billet neben ſich legte.„Wenn ich für meine Perſon die Adreſſe leſen darf, und es mir nicht zu ſehr aus meiner Route liegt, ſo werde ich ihn ſelbſt beſorgen, wenn es Ihnen recht iſt.“ „Natürlicher Weiſe!“ entgegnete der Graf lachend, während er fort eilte; und er ſagte noch unter der Thüre:„aber wenn Sie ihn ſelbſt überbringen, ſo nehmen Sie ſich in Acht; Sie könnten da in ein Kreuzfeuer von ſchönen Augen hinein kommen, das ſelbſt einem Maler gefährlich werden dürfte.— Adieu!“ Damit eilte er fort, ließ ſich im Fluge den Mantel umwerfen und traf den Baron ſchon an der Gartenthüre neben dem kleinen Coupé ſtehend. Beide ſetzten ſich ein und der Wagen ſchoß mit einer außerodentlichen Geſchwindigkeit davon. „Da fällt mir eben ein,“ ſagte der Baron, der ſich jetzt in ſeine Ecke geſchmiegt hatte,„Sie könnten mir einen kleinen Dienſt erzeigen, Graf Fohrbach, und ich bin überzeugt, keine Fehlbitte zu thun, da heute Ihr Herz gegen mich von Dankbarkeit erfüllt ſein muß. Bedenken Sie, daß ich Ihnen einen vortrefflichen Jäger verſchafft, und daß ich Sie mit meinem Talisman ſiegeln ließ. Coeur de rose! Das ſind keine Kleinigkeiten!“ „Sie wiſſen, beſter Baron, daß ich mir auch ohne das ein Vergnügen daraus machen würde, Ihnen nützlich ſein zu können. — Wovon handelt es ſich?“— „Ich komme mir ordentlich als Dienerſchafts⸗Commiſſionär vor,“ entgegnete gutmüthig lachend Herr von Brand.„Ich habe, wie geſagt, den Jäger placirt, jetzt habe ich noch eine vortreffliche Kammerjungfer zu vergeben, für die ich eine gute Stelle ſuche, wo möglich im Schloſſe. Es iſt ein ſehr braves und empfehlenswerthes Geſchöpf“ „Iſt ſie jung und hübſch?“ Einundzwanzigſtes Kapitel. „Ah! mein lieber Graf, Ihre Frage könnte mich beleidigen! Ich verſichere Sie, ich ſehe blos auf die inneren Eigenſchaften die⸗ ſes Mädchens. Aber um tugendhafte Bedenken Ihrer Seits zu beſchwichtigen, verſichere ich Sie, daß die erwähnte Perſon gerade nicht zu jung und auch gerade nicht zu hübſch iſt, ſo— ſo, wie ich glaube; aber ſie kann einer Toilette aſſiſtiren wie keine und ſpricht Franzöſiſch.“ „Das wird ſich machen laſſen,“ meinte Graf Fohrbach,„und wenn Ihnen wirklich ein Gefallen damit geſchieht, Baron, ſo kön⸗ nen Sie Ihrer Empfohlenen ſagen, ſie ſei ſchon ſo gut wie placirt. Und Sie wünſchen, daß ſie in's Schloß kommt?“ „Gerade daran wäre mir etwas gelegen;— ſie ſoll eine ſehr brave Perſon ſein.“ „Ich werde mit der Frau von B. gelegentlich davon ſprechen. Aber hier iſt der Kaſtellplatz, wo ich Sie abſetzen ſoll.“— Er zog bei dieſen Worten heftig an der Schnur, die zum Kutſcher draußen führte, worauf der kleine Wagen faſt augenblicklich ſtille hielt. „Meinen doppelten Dank!“ rief der Baron lachend, nachdem er ausgeſtiegen;„für die Kammerjungfer und die Fahrt.“ „Und meinen gleichfalls,“ entgegnete der Graf,„für den Jäger und den Talisman.“ 4 Und der Wagen rollte davon. Der Herr von Brand blieb an der Ecke des großen Kaſtell⸗ platzes ſtehen; es war dies, wie ſchon der Name beſagte, ein weiter Raum in der Nähe eines alten Schloſſes, in welchem ſich Archive und Möbelmagazine befanden. Dies alte düſtere Gebäude war mit Thürmen flankirt, und hatte eine Menge ein⸗ und ausſpringen⸗ der finſterer Winkel, von denen einige dazu dienten, das herabſtür⸗ zende Regenwaſſer aufzufangen, weßhalb ſich auf dem Boden der⸗ ſelben große zuſammengekittete Steinplatten mit einer vergitterten Oeffnung verſehen befanden, durch welche alle Feuchtigkeit ablief. Jäger und Kammerjungfer. 15 Heute Morgen, wo der Froſt der letzten Tage von einem ſtar⸗ ken Tauwetter verdrängt worden war, wo es ziemlich heftig reg⸗ nete und der Schnee auf den Dächern mit außerordentlicher Ge⸗ ſchwindigkeit ſchmolz, ſtürzte das Waſſer in kleinen Fällen aus den ſeltſam geformten Dachrinnen hervor in jene Winkel hinab, um alsdann durch die erwähnte Oeffnung ſprudelnd und ſchäumend unter der Erde zu verſchwinden. Der Baron ſchritt um das alte Kaſtell herum bis zur hinteren Seite, wo ſich zwiſchen einem Thurme und einem rieſenhaften Ka⸗ min der dunkelſte dieſer Winkel befand. Hier öffnete er behutſam Paletot und Rock, nahm das uns bekannte Petſchaft aus letzterem heraus und ließ es auf den Steinboden niederfallen, wo es als⸗ bald von der Fluth des Regen⸗ und Schneewaſſers in den Schoos der Erde hinab geſchwemmt wurde. Darauf lächelte er eigenthüm⸗ lich, knöpfte Rock und Paletot wieder zu, ſchob die Hände in die Taſchen und verſchwand in einer engen Straße, die auf den Kaſtell⸗ platz mündete. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Auf der Polizzeidirektion. Der Baron hatte ſich eine ſeltſame Tournure angewöhnt; er ging nämlich, wenn er allein über die Straßen ſchritt, ſcheinbar in Gedanken vertieft, den Kopf etwas vorn über gebeugt, die Au⸗ gen vor ſich auf die Fußſpitzen geheftet. Wir ſagen, er ſah nur ſcheinbar ſo achtungslos aus, denn in Wirklichkeit bemerkte er Alles, was ihm begegnete, und wenn er hie und da ſein Auge leicht aufſchlug und um ſich ſchaute, ſo faßte er in einer Sekunde die 16 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Häuſer der beiden Seiten auf, und wußte ganz genau, ob Jemand im zweiten, dritten oder vierten Stock am Fenſter geweſen. Seine Freunde ſpotteten darüber und ſagten ihm lachend, er kokettire mit ſeinem tiefen Nachdenken, mit ſeinem gänzlichen Un⸗ bedachtlaſſen der ganzen übrigen Welt,— wenn aber an einer Straßenecke, ſei es auch auf Tauſend Schritte Entfernung, der lumpigſte Junge ſeine Mütze ſchwenke, ſo ſehe er das augenblicklich, halte es für eine Begrüßung und lüpfe reſpektvollſt den Hut. Daß der Baron gerne grüßte, das läugnete er ſelbſt nicht.— —„Was wollt ihr?“ ſagte er,„ich bin einmal ein Menſch, der, das weiß ich ganz genau, keine glänzenden Eigenſchaften, keine überraſchenden Talente entwickeln kann; um aber nun etwas zu haben, das mich vielleicht vor vielen anderen Menſchen auszeichnet, ſo befleißige ich mich einer muſterhaften Höflichkeit und beſitze eine außerordentliche Artigkeit.“—„Und ein eigens für Sie erfunde⸗ nes Parfum,“ hatten die Freunde lachend hinzugeſetzt.— Worauf der Baron ſehr wichtig erwiderte:„das iſt wahr— coeur de rose.“— So ging er denn auch am heutigen Tage ſinnend dahin, ließ den Kaſtellplatz hinter ſich, ſah faſt immer auf den Boden und warf nur hie und da einen Blick auf die Vorübergehenden und auf die Häuſer zu beiden Seiten. Er durchſchritt mehrere Straßen, wandte ſich rechts, dann links und kam an einen auderen Platz der Re⸗ ſidenz, wo nämlich die eleganten und reichen Stadtviertel anfingen, deren zwei Hauptſtraßen hier zu beiden Seiten in eines der größten Kaffeehäuſer mündeten. Dieſem Café gegenüber lag ein ſtattliches Gebäude— die Polizeidirektion. Mit einem einzigen Blick überſchaute der Baron den ziemlich großen Platz, als er in der Nähe des Café's wie immer anſcheinend gedankenlos ſchlendernd aus einer der Seitenſtraßen heraustrat. Ihm gegenüber mußte aber plötzlich Etwas erſcheinen, was ſeine ganze Aufmerkſamkeit feſſelte, denn er blieb mit einem Male ſtehen, Auf der Polizeidirektion.„ 17 wandte ſich aber, um dem ihm Begegnenden nicht aufzufallen, nach einem Bilderladen, wo er angelegentlichſt ein paar Kupferſtiche zu betrachten ſchien, in der That aber ſeine Augen feſt auf die andere Seite des Platzes gerichtet hielt. Dort befand ſich ebenfalls ein eleganter Laden, und ein Strom von Menſchen trieb bei ihm vorbei; es war das eine ziemlich wirre Maſſe von Fußgängern aller Art: Herren in Paletots, Damen in Mänteln, viel Regenſchirme und viele Equipagen, die ab und zu fuhren und bald vor dieſem, bald vor jenem Gewölbe hielten. Während der Baron da ſtand und ſchaute, änderten ſich ſeine Geſichtszüge in der gleichen Art wie vorhin im Salon des Grafen Fohrbach, nur mit dem Unterſchiede, daß jetzt Entſchloſſenheit we⸗ niger vortrat, dagegen eine geſpannte Aufmerkſamkeit alle Muskeln ſeines Geſichtes zuſammenzog. Ohne unſere Hülfe wird der geneigte Leſer unmöglich erra⸗ then, was der Baron ſo aufmerkſam betrachtete, weßhalb wir es für unſere Schuldigkeit halten, dieſen Gegenſtand näher zu bezeichnen. Zwiſchen dem Gewühl der Wagen und Fußgänger bemerken wir einen Bedienten in anſtändiger Livree, ohne Regenſchirm, den himmliſchen Waſſern trotzend, der anſcheinend vollkommen ſorglos und durchaus nicht eilig an den Häuſern vorbei ſchleicht. Jetzt hatte er beide Hände in die Hoſentaſchen geſteckt, im nächſten Mo⸗ mente zog er ſie hervor und legte ſie auf dem Rücken zuſammen. Dabei blieb er zuweilen einen Augenblick ſtehen, ſchaute an den Himmel hinauf und ſchien etwas in Ueberlegung zu ziehen, worauf ihn das Reſultat dieſes Nachdenkens vorwärts trieb, denn er machte ein paar ſchnelle Schritte, um gleich darauf wieder nachdenkend ſtehen zu bleiben; endlich pflanzte er ſich vor einem der Gewölbe auf, beſchaute aber nicht die ausgelegten Waaren, ſondern blin⸗ zelte nach der Polizeidirektion, die nur noch wenige Schritte vor ihm lag. 3 Hackländers Werke. XVII. 2 1 18 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Das Alles bemerkte der Baron vor dem Bilderladen und ſprach leiſe zu ſich ſelber:„wenn der Kerl da einen Auftrag hätte, ſo würde er ſich bei dem ſcheußlichen Wetter wahrſcheinlich beeilen, da er aber auf Etwas zu ſpekuliren ſcheint und auf alle Fälle über etwas nachdenkt, ſo will mir ſein Herumſchlendern dort bei dem verdächtigen Gebäude durchaus nicht gefallen.— Paſſen wir auf.“ Jetzt hatte der Lakai wieder einige Schritte gethan und be⸗ fand ſich an dem großen Eingang der Polizeidirektion. Er bliebe hier abermals ſtehen, betrachtete das Haus von oben bis unten, blickte verſtohlen in das Veſtibul, las hierauf eifrig die an der Mauer aufgeklebten Anzeigen, dann ſetzte er einen Fuß auf die unterſte Treppenſtufe, zog ihn aber wieder zurück und ſchlich an dem Hauſe vorüber. Der Baron athmete tief auf.— Jetzt aber ballte er krampf⸗ haft die rechte Hand, ſtreckte ſich hoch empor und ſein Auge blitzte; drüben war der Bediente wieder umgekehrt’ und nach einem aber⸗ maligen Zaudern nun in der Thüre des Polizeidirektions⸗Gebäu⸗ des verſchwunden. Einen Augenblick verharrte der Baron in der eben beſchriebe⸗ nen Stellung, dann biß er die Zähne über einander, nickte mit dem Kopfe und murmelte:„das war ein glücklicher Zufall!“ werauf er in das Kaffeehaus trat, eine Cigarre verlangte, eine Zeitung nahm und ſich an die Thüre ſtellte; anſcheinend in das Journal vertieft, blickte er faſt jede Sekunde auf den Platz hinaus. Er mußte nun eine gute halbe Stunde warten, bis der Lakai drüben wieder aus dem Gebäude heraustrat.—„Ich will nun ſehen, wie er davon geht,“ dachte der Baron,„ſchleicht er unent⸗ ſchloſſen zurück, wie er gekommen, ſo iſt vielleicht nichts verloren; — wenn nicht—— ah! der Hallunke!“— Dieſer Aus⸗ ruf entfuhr ihm etwas lauter als er es gerade gewollt, da er be⸗ merkte, wie der Bediente drüben förmlich die Treppe herabſtürzte und als werde er gejagt über die Straße dahin flog. Auf der Polizeidirektion. 19 Ein paar harmloſe Zeitungsleſer in dem Kaffeehauſe, die das laute Wort des Barons vernommen, blickten erſtaunt in die Höhe, ſchrieben es aber wohl einem Artikel zu, den der Baron in ſeinem Journal geleſen, denn dieſer bezwang ſich angenblicklich und ſchaute ſo harmlos in die Spalten, als intereſſire ihn ſonſt nichts auf der ganzen weiten Welt; auch blieb er noch eine gute Viertelſtunde an der Thüre ſtehen, worauf er ruhig von dannen ging und ebenſo über den Platz ſchritt bis zum nächſten Fiakerſtand. Dort ſetzte er ſich in einen Wagen, gab dem Kutſcher eine Adreſſe, forderte ihn auf, ſchnell zu fahren und befand ſich kurze Zeit darauf an der Thüre ſeiner Wohnung. Da wir ſpäter und zu gelegenerer Zeit dem Baron einen Be⸗ ſuch zu machen gedenken, ſo wollen wir uns jetzt nicht mit einer Beſchreibung dieſer Wohnung aufhalten, um ſo weniger, da der Herr des Hauſes ſelbſt außerordentlich eilig zu ſein ſcheint. Schon auf der Treppe pfiff er auf eine eigenthümliche Art, worauf ein Bedienter berbeiſprang und die Glasthüre aufriß, die in den erſten Stock führte.„Sogleich meinen Wagen!“ befahl der Baron, indem vorüber ſchritt und ſich in ſein Ankleidezimmer begab, wo ihn der Kammerdiener erwartete. Kurze Zeit nachher hörte man einen Wagen vorfahren, und als der Bediente die Meldung davon brachte, hatte ſich der Baron bereits umgezogen. Er trug einen eleganten einfachen Morgenanzug, ließ von dem Kammerdiener ein rothes Band in das Knopfloch befeſtigen, zog einen leichten Paletot an, und eilte ebenſo geſchwind die Treppen hinab, wie er hinaufgeſtie⸗ gen war.. 6 „Nach der Polizeidirektion!“ rief er dem Kutſcher zu; das leichte Coupé flog davon und hielt kurze Zeit darauf vor dem uns bekannten Gebäude. Von dem Geſicht des Barons war unterdeſſen jede Wolke verſchwunden, und ein heiterer Sonnenſchein lächelte aus allen ſeinen Zügen. Er ſchritt leicht und gewandt die breite Treppe 20 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. hinauf, die ſich oben theilte, links zu den Kanzleien, rechts zu der Wohnung des Präſidenten führte. Die letztere Richtung nahm der Baron, und bei der großen Glasthüre angekommen, zog ereziem⸗ lich ſtark an der Klingel. Ein Bedienter, welcher öffnete, machte eine tiefe Verbeugung und führte ihn in einen eleganten Salon, wo er ihn mit den Worten allein ließ, er werde der gnädigen Frau augenblicklich den Beſuch des Herrn Baron melden und er zweifle auch nicht, daß die gnädige Frau ſichtbar ſeie. Das war denn auch der Fall; der Baron brauchte nur kurze Zeit zu warten, die er dazu anwandte, ſich vor das Bild einer ziem⸗ lich hübſchen und ſehr wohlbeleibten Frau zu ſtellen, und dort wie im Entzücken verſunken ſtehen zu bleiben. Endlich hörte er eine Thüre öffnen und fuhr mit einem halberſchreckten„ah!“ herum, als er das Original dieſes Bildes erblickte, welches ſanft lächelte, da es ſeine Verwirrung bemerkte. Dieſes Original, die Gemahlin des Polizei⸗Präſidenten, war nicht mehr ganz ſo hübſch wie das Portrait, wohl aber noch um Einiges beleibter. Sie verwandelte ihr ſanftes Lächeln in ein freundliches, als ihr der Baron, den Hut in beiden Händen hal⸗ tend, verbindlichſt näher trat und mit Beziehung auf das Gemälde, bei deſſen Anſchauung man ihn ertappt hatte, ausrief:„ah! gnä⸗ digſte Frau, ſo oft ich eben das Bild betrachte, haſſe ich unſern Künſtler immer mehr;— was hätte er daraus machen können!— Ein ſo lohnendes Werk!— Doch ſchweigen wir von der Copie, da ich ſo glücklich bin, dem ſchönen Original die Hand küſſen zu dürfen.“ Darauf führte er die dicken Finger der Präſidentin an ſeinen zierlich zuſammengezogenen Mund und ließ ſich auf einen Fauteuil nieder, wohin ihm die gnädige Frau dankbarlichſt winkte. „Sie werden gewiß erſtaunt ſein, daß ich Ihnen ſchon wieder käſtig falle,“ ſagte der Baron, nachdem er ſich auf's Zierlichſte ge⸗ ſetzt, mit einem ſüßen Lächeln;„aber es müſſen ſchon vier Wochen ſein, daß Sie die Gnade hatten, mich letztmals zu empfangen.“ * 4 Auf der Polizeidirektion. 21 „Ei, Baron,“ entgegnete lächelnd die Präſidentin,„es ſind noch nicht acht Tage.“ „Unmöglich!“ entgegnete er erſtaunt.„Ich verſichere Sie: volle vier Wochen.“ „Es war vergangenen Donnerſtag,“ beharrte ſie freundlich lächelnd,„und heute haben wir Mittwoch. Da Sie meinen Wor⸗ ten nicht zu glauben ſcheinen, beſter Baron, ſo will ich Auguſte rufen laſſen, die Ihnen gewiß genau ſagen wird, wann Sie da waren.“ 4 Der Baron verſtand die zarte Anſpielung der Mutter, doch ſchien ihm offenbar dieſes Glück zu groß. Er athmete tief auf, ſchlug die Augen nieder und betrachtete angelegentlich ſeine leder⸗ farbenen Handſchuhe. Die Präſidentin klingelte, und da ihre Tochter Auguſte ganz zufälliger Weiſe ſelbſt kam, um ſich nach ihren Befehlen zu erkun⸗ digen, ſo konnte ſie gleich da bleiben, was ſie denn auch nicht ohne einige ſehr gut an den Tag gelegte Verwirrung that. Auguſte war ein hübſches blondes Mädchen von einigen zwan⸗ zig Jahren.— Als Mama ihre Entſcheidung über den ſtreitigen Fall von vorhin verlangte, ſchlug ſie ſanft die Augen nieder und ſagte erröthend:„Sie waren in der That am vergangenen Donners⸗ tag hier, Herr Baron.“ „Und ich dachte, es ſeien volle vier Wochen,“ entgegnete er. —„Wie iſt mir die Zeit ſo lange geworden!“ ſetzte er leiſer hinzu, indem er der Mutter eine Sekunde in die Augen ſah und alsdann einen verheerenden Streifblick auf die Tochter warf⸗ Letztere antwortete mit einer vollen Lage aus ihren hübſchen blauen Augen und wandte ſich darauf, ſcheinbar in Verlegenheit, ab, doch manöverirte ſie wie ein gut geführtes Kriegsſchiff, und lud nach dieſer Bewegung ihre Geſchütze zu einem neuen Angriff. „So muß ich alſo doppelt um Verzeihung bitten,“ ſagte eifrig der Baron,„daß ich Sie heute ſchon wieder beläſtige.“ 22 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Ihre Beſuche ſind uns jeder Zeit angenehm,“ verſetzte die Mutter. „Ah!“ ſeufzte der Baron, indem er die Augen öffnete und ſchloß wie ein vollkommener Geck,„das iſt in Ihrem Munde nur ein freundliches Compliment; aber ich zähle Stunden und Tage, bis mir wieder das Glück zu Theil werden darf, mich nach Ihrer koſtbaren Geſundheit erkundigen zu dürfen.“ „Und verzählen ſich?“ ſprach lächelnd Auguſte. „Doch ohne meine Schuld,“ antwortete der Baron und machte eine Bewegung, als wolle er die rechte Hand zierlich auf ſein Herz legen, und mit einem Blick, der deutlich ſagte: kann ich dafür, daß entfernt von Ihnen mir Tage zu Wochen werden?— Es entſtand hier eine kleine liebliche Pauſe. Der Baron ſchien in tiefes Nachdenken verſunken, aus dem er jetzt aber empor fuhr und haſtig ſagte:„aber mein jetziger Beſuch, gnädige Frau, iſt nicht ganz ohne Grund. Denken Sie ſich, wir waren geſtern Abend beim Grafen Fohrbach und es kam die Rede auf Ihre letzte Soirée. Natürlicher Weiſe ſprachen wir über elegante Toiletten, und darauf behauptete ich, Sie, gnädigſte Frau, ſeien damals in einer veilchenblauen Atlaßrobe mit weißen Camelien im Haar er⸗ ſchienen; Graf Fohrbach ſtritt für eine von Roſafarbe, und ich muß geſtehen,“ ſetzte er faſt beſchämt hinzu,„daß wir darüber eine kleine Wette eingingen.— Nun war ich vorhin drüben in dem Kaffeehauſe—“ 4 „Gegenüber unſerem Hauſe?“ fragte Auguſte lächelnd, und wir glauben, daß ſie ein wenig erröthete.. „Ja, mein Fräulein,“ erwiderte der Baron, indem er abermals die Augen niederſchlug,„Ihren— Fenſtern gegenüber.“ Worauf ihn wiederholt eine volle Lage ihrer Blicke traf. Nachdem ſich der Baron einigermaßen erholt, nahm er ſeine Rede wieder auf und liſpelte:„ich war alſo in dem Kaffeehauſe. —— Auf der Polizeidirektion. 23 — Ich bin oft dort.— Heute aber erwartete ich mit Ungeduld die ſchickliche Stunde, um Ihnen meine Aufwartung machen zu können und Ihr Urtheil, unſere Wette betreffend, zu vernehmen. Da ſah ich denn, daß mir Graf Fohrbach leider ſchon zuvorgekommen.“— „Graf Fohrbach?“ fragte verwundert die Präſidentin.„Ich weiß nichts von ihm; du auch wohl nicht, Auguſte?“ wandte ſie ſich an ihre Tochter. „Er war nicht hier,“ verſicherte dieſe beſtimmt. „Nicht in Perſon,“ ſagte der Baron, ſetzte aber mit einem faſt ſchmerzlichen Lächeln hinzu:„doch ich bin vielleicht indiskret. — Nein, nein, ich kann mich nicht irren, ich erkannte deutlich die Livree des Grafen, der wahrſcheinlich ſchriftlich um Ihre Entſchei⸗ dung bat.“ „Theuerſter Baron, da haben Sie falſch geſehen,“ lachte die Präſidentin.„Wir Beide wiſſen von keinem Schreiben des Grafen Fohrbach,“ ſetzte ſie hinzu, nachdem ſie ihre Tochter mit einem Blicke befragt. „Es gibt allerdings Momente, wo man trüber als gewöhnlich ſieht, zum Beiſpiel, wenn man zu lange in ein helles Licht ge⸗ ſchaut,“ verſetzte der Baron mit Beziehung und in einem ſchwär⸗ meriſchen Tone,„aber diesmal irre ich mich nicht: es war einer der Leute des Grafen, der ungefähr vor einer halben Stunde in Ihr Haus trat. Ohl ich habe die Thüre genau beobachtet.“ „Vielleicht hat der Graf an Papa geſchrieben,“ meinte Auguſte mit einem kalten Blick auf das Nebenzimmer. „Ich glaube nicht,“ ſagte die Präſidentin;„und wenn auch, doch gewiß nicht in Ihrer Angelegenheit.“ „Es wäre mir aber ſehr intereſſant,“ erwiderte der Baron, „das genau zu erfahren. Sie wiſſen, gnädigſte Frau, wenn man einmal eine Wette eingegangen hat, ſo überwacht man gerne alle Schritte ſeines Gegners, ſelbſt die unſchuldigſten.“ 24 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Leichtſinnige junge Leute!“ rief die Präſidentin, indem ſie ſchalkhaft mit dem Finger drohte.—„Wetten da auf die Came⸗ lien, die ich im Haar trage,“ ſetzte ſie ſehr geſchmeichelt hinzu. „Wenn Sie wünſchen, will ich Papa fragen,“ ſagte Auguſte. „Ja, ja,“ meinte auch die Präſidentin,„das kann ja gleich geſchehen. Laß; dem Präſidenten ſagen, der Herr Baron von Brand ſei da, er wird ſich gewiß ein großes Vergnügen daraus machen, auf einen Augenblick herüber zu kommen.“ „Aber wir ſtören ihn in ſeinen wichtigen Amtsgeſchäften,“ ſprach der Baron. Worauf die Präſidentin ſich verbeugend erwiderte:„für einen Freund des Hauſes hat mein Mann immer eine Viertel⸗ ſtunde übrig.“ Auguſte ging hinaus, um den Papa zu benachrichtigen, und der Polizei⸗Präſident machte dem Worte ſeiner Gemahlin alle Chre, denn er erſchien faſt augenblicklich, rieb ſich vergnügt die Hände, und freute ſich auf's Außerordentlichſte, den ucenehuen Beſuch begrüßen zu dürfen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Räubergeſchichten. Der Polizei⸗Präſident war ein kleiner magerer Mann mit einem ernſten, dürren Geſichte, grauen ſtechenden Augen, einer langen Naſe, mit welcher er ſich übrigens viel zu thun machte. Er faßte ſie häufig, zog ſie bald rechts und bald links, und boshafte Spötter behaupteten, er ſteure damit ſeinen ganzen Körper, indem er zuerſt immer die Naſe gewaltſam in die Richtung brächte, welche Räubergeſchichten. 25 er einſchlagen wollte. So viel war übrigens gewiß, daß er ſeine Richtung oft veränderte; ſtand dieſer würdige Beamte aber ein⸗ mal ſtille, ſo drückte er ſanft an ſeiner Naſe herum, als wolle er ſie ſich für künftige Dienſte freundlichſt geneigt erhalten. Der Baron war aufgeſprungen und machte dem Chef der Polizei ein tiefes, ehrerbietiges Compliment, dann folgte ein freundſchaftlicher Händedruck, dann die Bitte, ſich gnädigſt nieder⸗ laſſen zu wollen, mit dem Verſprechen, es ebenſo zu machen, worauf Beide in ihre weichen Fauteuils zurückſanken, der Präſident ſteif, in aufrechter Haltung, nachdem er zuvor ſeine Naſe ſanft befühlt, der Baron elegant, graziös, dabei ſchlaff und zuſammengeſunken: jeder Zoll ein vollkommener Roué. „Ich hatte einen kleinen Streit mit den Damen,“ ſagte er mit niedergeſchlagenen Augen,„den Sie, Herr Präſident, allein im Stande ſind, zu ſchlichten.“ „Der Baron behauptet nämlich,“ ergriff die Präſidentin lachend das Wort,„der junge Graf Fohrbach habe heute Morgen an uns geſchrieben; es betrifft eine Wette, die dich übrigens nicht intereſſirt. Wir verſicherten den Baron, keinen der Leute des Grafen geſehen zu haben, er aber beharrte auf dem Gegentheil und be⸗ hauptete am Ende, wenn wir nichts davon wüßten, habeſt du ein Schreiben des Grafen Fohrbach erhalten.“ „Von Seiner Excellenz dem Kriegsminiſter?“ ſagte nachden⸗ kend der Präſident, indem er ſeine Naſe tief herabzog.—„Habe nichts von ihm erhalten.“ „Ach Gott! nein,“ entgegnete ſeine Gemahlin,„von dem jungen Grafen, dem Adjutanten Seiner Majeſtät.“ „Von dem noch viel weniger,“ erwiderte der Chef der Poli⸗ zei.„Worauf gründen Sie ihre Behauptung, beſter Baron?“ wandte er ſich an dieſen, wobei er ſeine Naſe losließ, die nun ein paar Zoll in die Höhe ſchnellte. „Auf meine beiden Augen,“ erwiderte der Baron;„vor einer 26 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. halben Stunde ſah ich die Livree des Grafen in dieſes Haus treten.“ „ Ahl mein Beſter, da haben Sie ſich gewaltig geirrt,“ ſagte der Präſident;„es kam in der That ein Bedienter in Livree in dieſes Haus, aber er trug einen dunkelgrünen Rock, während die Leute des Grafen Fohrbach dunkelbraun, faſt ſchwarz tragen.“ „Ah!— Ah!“ machte der Baron mit verblüfftem Tone, „dann habe ich mich gewaltig geirrt und ich bitte die Damen tau⸗ ſendmal um Verzeihung; dem Grafen Fohrbach habe ich in der That Unrecht gethan. Sprechen wir von was Anderem; wie geſagt, ich bitte inſtändigſt um Verzeihung.“ „ und wer war denn eigentlich bei dir?“ fragte die Präſiden⸗ tin, deren Neugierde erregt war, ihren Mann, der in Nachdenken verſunken ſchien und ſeine Naſe auf der linken Seite kratzte. „Das iſt eine ganz eigenthümliche Geſchichte,“ antwortete er nach einer Pauſe,„eine ganz ſonderbare Geſchichte.— Läßt ſich ein Bedienter bei meinem Sekretär melden und dieſer bringt ihn zu mir. Wie geſagt, dunkelgrüne Livree— amarant aufgeputzt und gelbe Knöpfe.“ Der Baron ſchüttelte nachdenkend und nachſinnend den Kopf. „Dunkelgrüne Livree,“ ſagte er,„amarant und goldene Knöpfe. Wiſſen Sie auch beſtimmt, Herr Präſident, daß es dunkelgrün und nicht dunkelbraun war, wie die Leute des Grafen Fohrbach?“ „O pfui, Baron! ſchämen Sie ſich,“ verſetzte lachend die Prä⸗ ſidentin.„Sind Sie immer noch nicht überzeugt?“ „Bolltommen, meine Gnädigſte; aber ich dachte eben darüber nach, welches Haus dunkelgrün mit Amarant und Gold hat, und ich kann nicht darüber in's Klare kommen.— Der Oberſthofmeiſter hat dunkelgrün mit Gelb; der Herzog Alfred dunkelgrün mit Blau; die Herzogin Schweſter die gleiche Farbe mit Violett, und das iſt Alles.— Es muß das ein ganz obſcures Haus ſein.“ 3 — Räubergeſchichten. 27 „Das iſt es auch,“ erwiderte der Präſident und ſetzte ſeine Naſe in Freiheit, da er mit der rechten Hand in die Rocktaſche griff und daraus ein Papier hervorzog.„Die Livree,⸗ fuhr er fort,„die auch mir ganz unbekannt war— und das will viel ſa⸗ gen, denn auf der Polizei ſind wir ſo ziemlich von Allem dem unterrichtet— gehört einem Herrn A., einem Privatmann, Ren⸗ tier,— was weiß ich?— kurz einem alten Herrn, der in ſeinem Hauſe vor dem E'ſchen Thore wohnt.“ „Richtig!“ rief der Baron, indem er ſich an die Stirne klopfte, „wie kann man ſo vergeßlich ſein? Dem alten A. gehört die Livree,— ganz recht! ganz recht! Nun, mein lieber Herr Prä⸗ ſident,“ ſetzte er mit einem vergnügten Lachen hinzu,„wenn Sie mit dem in Verbindung treten,— denn ich entnehme Ihren Wor⸗ ten, daß Sie ihn noch nicht kennen— ſo werden Sie die Bekannt⸗ ſchaft eines ganz närriſchen und ſonderbaren Kautzes machen.“ „Ei, ei!“ machte der Chef des Polizeidepartements, indem er ziemlich bedächtig drein ſchaute. „Ein ganz eigenthümlicher und ſonderbarer Kautz,“ fuhr Baron Brand fort;„ein Original.“ „So, ein Original?“ fragte lebhaft die Präſidentin.„Das iſt mir intereſſant. Wir ſind wohl nie mit ihm in Berührung gekommen?“. „Gewiß nicht, meine Gnädigſte,“ bemerkte der Baron, nach⸗ dem er vorher mit großer Aufmerkſamkeit die Glieder ſeiner gol⸗ denen Uhrkette geordnet, die ſich etwas verdreht hatten.„Gewiß nicht; es iſt das ein Mann hoch in den Sechzigen, der ſelten aus dem Hauſe geht, Geſellſchaften nie beſucht, auch faſt gar keinen Umgang hat. Sie werden bei ſeiner kleinen Villa vor dem E'ſchen Thor zuweilen vorbei gekommen ſein; es iſt das ein Gebäude ganz mit dem Ausſehen einer Feſtung en miniature, rings herum Grä⸗ ben, dahinter Maueru, mit Eiſen beſchlagene Thore, kurz alle Apparate, um ſich einen gewaltigen Feind vom Leibe zu halten.“ Dreiun dzwanzigſtes Kapitel. „Ah! Das iſt in der That merkwürdig,“ ſagte der Prä⸗ ſident.„Und was fürchtet der Mann in einem wohlgeordneten Polizeiſtaate, bei einer Geſetzgebung, die mit unnachſichtlicher Strenge die Verbrechen aufſucht und beſtraft?— Ja, Herr Baron, ich kann Sie verſichern: aufſucht und findet. Wollen Sie mir wohl glauben, daß von zwanzig Morden im vergangenen Jahre die betreffenden Thäter eingefangen wurden?“ „Mit dem größten Vergnügen glaube ich das,“ erwiderte der Baron mit ſanfter Stimme.„Aber als Sie die Thäter einfingen, waren die Mordthaten alle geſchehen.“ „Allerdings,“ ſprach der Chef der Polizei mit einiger Ent⸗ rüſtung,„es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Frevelthaten geſchehen waren; und das war an ſich ſehr gut, denn die Polizei muß doch, was das Einfangen anbelangt, in der Uebung bleiben.“ Und bei dieſen Worten ergriff er abermals ſeine unglückliche Naſe und zog ſie tief herab, wobei ſeine Augen ſo vergnüglich glänzten, als habe er eben einen Kapitalverbrecher eingefangen.„Ich denke darin wie jener berühmte engliſche Staatsmann, der, wie Sie wiſſen, ſagte: wenn es im Parlament keine Oppoſition gäbe, ſo würde ich mir eine kaufen.— Und wenn es bei uns keine Diebe und Mörder gäbe, ſo würde ich mir à tout prix welche anſchaffen, denn ſie ſind der Schleifſtein, auf welchem der Eifer der Beamten, um mich richterlich auszudrücken, ſtets ſcharf und blank erhal⸗ ten wird.“ „Ah Papa, das ſind ja ſchreckliche Grundſätze!“ meinte Au⸗ guſte, während ſie den Baron von der Seite anblickte. Worauf dieſer lächelnd erwiderte:„o ſeien Sie unbeſorgt, mein Fräulein, vorderhaud braucht Papa dergleichen nicht zu kau⸗ fen, es gibt noch genug davon im Lande, und iſt auch noch nicht Alles entdeckt, das kann ich Sie verſichern; die Polizei hat immer und vollauf zu thun; nicht wahr, Herr Präſident?“ Dieſer nickte ernſt und bedeutſam mit dem Kopfe, worauf Räubergeſchichten. 29 ſeine Gemahlin ſagte:„aber mit euren Räuber⸗ und Mordge⸗ ſchichten erfahren wir nimmermehr, welche Art von Original der Herr A. iſt!— Baron, ſeien Sie ſo artig und erzählen Sie uns das.“ Der Herr von Brand hatte unterdeſſen durch verſchiedene brennende Blicke mit der Tochter des Hauſes ſcharf geplänkelt, und ſein Feuer war lebhaft erwidert worden, ja er hatte ſchon eine kleine Pantomime riskirt, indem er ſeine rechte Hand ſanft auf die Stelle des Herzens legte, worauf ſie die Augen niederſchlug, faſt ein klein wenig erröthete und einen ſtillen Seufzer mühſam unter⸗ drückte. Man ſah das an der heftigen und dann plötzlich unter⸗ brochenen Hebung ihres Buſens.“ „Ja ſo!“ erwiederte der Baron auf die Frage der Präſiden⸗ tin, indem er plötzlich aus einem tiefen Traume aufzuwachen ſchien, „ja ſo,— richtig— vom Herrn A., Räubergeſchichten glaube ich. — Ah! Das hüätte ich beinahe rein vergeſſen.“ „Nein, keine Räubergeſchichten, beſter Baron,“ ſagte die Prä⸗ ſidentin mit einem zweifelhaften Lächeln,„Sie wollten von den Seltenheiten dieſes Herrn erzählen.“ „Ja, darin kommen auch Räunbergeſchichten vor,“ erwiderte der Baron mit einer graziöſen Verbeugung. „Ei der Tauſend!“ ſprach aufmerkſam der Präſident und ließ ſeine Naſe wieder ſo haſtig los, daß ſie augenblicklich empor ſchnellte und zu ſchnüffeln anfing, als wittere ſie arme Sünder. „Räuber und Mörder,“ fuhr Herr von Brand fort,„aber— nur in der Phantaſie. Stellen Sie ſich nämlich vor, meine Damen, dieſer Herr A., ein reicher Kapitaliſt, kann nun einmal von der Idee nicht loskommen, man laure ihm den ganzen Tag auf, man wolle ihn um's Leben bringen, man wolle ſein Geld rauben. Auf jedem Schritte fürchtet er Räuber und Mörder; deß⸗ halb iſt ſein Haus mit Graben und Mauer umgeben, und deßhalb hat dieſer arme Mann bei Tag und Nacht keine ruhige Minnte, er vertraut Niemand den Schlüſſel zum Hof⸗ und Hausthor an; Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſo oft es klingelt, öffnet er ſelbſt, und ſowie es anfängt dunkel zu werden, bewaffnet er ſich und ſeine Bedienten und macht drei⸗ bis viermal des Nachts eine förmliche Patrouille durch das ganze Gebäude. Er hat alsdann einen Säbel umgeſchnallt, ein paar Piſtolen im Gürtel ſtecken; ſein Bedienter trägt ein Gewehr ſowie eine Laterne an einer langen Stange, und ſo ziehen ſie denn vom Keller bis hinauf auf den Söller und unterſuchen jeden finſteren Winkel, jeden Riegel, jedes Schloß.“ „Ja, ja,— ſo, ſo,“ machte lächelnd der Präſident;„ich glaube, mir geht ein Licht auf.“ „Es iſt auffallend,“ fuhr der Baron in gleichmüthigem Tone fort,„wie eine ſolche Furcht vor Räubern und Mördern anſteckt.“ „Doch Sie nicht?“ fragte die Präſidentin. „O meine gnädige Frau, ich für meine Perſon wäre beinahe zur Furchtſamkeit geneigt, aber ich kenne das Schalten und Treiben unſerer vortrefflichen Polizei und bin deßhalb äußerſt ruhig.— Aber nein, ich wollte Ihnen nur ſagen, daß ein ſolches Beiſpiel der Furchtſamkeit auf ſehr merkwürdige Art ſchwache Charaktere mit ergreifen kann. Als ich nämlich vor zwei Jahren hier war, bekam ich zufällig einen Bedienten, den jener Herr A. entlaſſen; es war dies ein ganz brauchbarer und tüchtiger Menſch, bis auf ſeine Furcht vor Räubern und Mördern. Darin hatte ihn das Beiſpiel ſeines früheren Herrn ſo verdorben, daß ich faſt einen andern Burſchen gebraucht hätte, um jenem bei Tag und Nacht Geſellſchaft leiſten zu laſſen. Sobald es dunkel wurde ſcheute er ſich, allein über Corridore und Treppen zu gehen. Da er aber, wie geſagt, ſonſt ein ordentlicher Menſch war, ſo nahm ich ihn über dieſe Lächerlichkeiten vor und verſuchte es, ſie ihm auszu⸗ reden.— Umſonſt! Sein früherer Herr hatte die Phantaſie des Burſchen ſyſtematiſch mit Räubergeſchichten vollgepropft, wie man einen Kettenhund, um ihn ſchärfer zu machen, dadurch reizt, daß man von außen au's Hofthor oder an ſeine Hütte ſchlägt.“ N Räubergeſchichten. 31 „Und er glaubte an dieſe Räubergeſchichten?“ fragte ſehr auf⸗ merkſam der Präſident. „Vollkommen; in ſeiner Phantaſie exiſtirte eine ganze wohl⸗ organiſirte Räuberbande, die ſollte ihren Sitz— ich weiß nicht mehr wo— haben, und von der fabelte er mir ein Langes und Breites vor.“ „Ganz dieſelbe Geſchichte,“ ſagte der Präſident, wobei er ſeinem Riechwerkzeuge mehrere zärtliche Naſenſtüber gab. „Ich mußte ihn entlaſſen,“ fuhr Herr von Brand fort, ohne, wie es ſchien, auf jene Worte zu achten.„Er hätte mir die ganze Dienerſchaft angeſteckt, ja es war das ganz eigenthümlich, bei die⸗ ſem Menſchen complett zur fixen Idee geworden. Wenn er mit dem Wagen vor irgend einem Laden hielt, ſo konnte er mir ſagen, während er den Schlag öffnete: ſehen Sie, Herr Baron, hier oder dort das ſchlechte Geſicht; der gehört auch mit dazu.“ „Und ließen Sie ſich von ihm nie einen Ort nennen, von dem er glaubte, dort könne die Räuberbande ihren Sitz haben?“ „O ja!— Und darin hatte er eine lebhafte Phantaſie; da nannte er mir ſcheinbar verdächtig ausſehende Orte und Winkel, irgend ein einſames Haus in einem ſtillen Stadtviertel, oder eine halb verfallene Schenke vor den Thoren. Ich weiß das nicht mehr ſo genan; ich habe die Details vergeſſen.“ Der Polizeipräſident ſtreckte ſich würdevoll in die Höhe, ſchaute einen Augenblick an die Decke, dann ſagte er:„ja, es iſt kein Zweifel: ganz dieſelbe coufuſe Geſchichte.— Aber es iſt doch höchſt merkwürdig.“ Der Baron ſchien die Worte des Papa's gar nicht zu beach⸗ ten, ſondern beſchäftigte ſich bäufig mit der Tochter, deren Sitz er durch allerhand kleine Manöver mit ſeinem Fauteuil Zoll um Zoll näher rückte. Bald ließ er einen Handſchuh fallen, und um ihn zu erreichen, mußte er ſeinen kleinen Lehnſtuhl ein wenig vor⸗ „ 32 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. rollen, bald ſuchte er während des Sprechens ein Gemälde an der Wand aufmerkſam zu betrachten, und um das thun zu können, brauchte er nur eine für ſeine Zwecke entſchieden günſtige Bewegung zu machen. „Es ſcheint wohl heute einmal der Tag der Geſchichten zu ſein,“ ſagte neugierig die Präſidentin zu ihrem Gemahl.„Was iſt denn das, worauf du anſpielſt?“ „Daſſelbe, was der Baron ſo eben erzählte,“ erwiderte der Beamte, indem er das Papier, welches er vorhin aus der Rock⸗ taſche genommen, langſam entfaltete.„Wie ſchon geſagt, da kommt heute Morgen ein Bedienter zu meinem Secretär auf die Kanzlei—“ „Ah! der in der Livree: dunkelgrün, amarant ausgeputzt mit gelben Knöpfen!— Ich vergeſſe ſo was nicht: aber Sie müſſen mir zu meiner Entſchuldigung eingeſtehen, daß ſie der des Grafen Fohrbach auffallend ähnlich ſieht.—— Doch verzeihen Sie, Herr Präſident,“ unterbrach der Baron ſich ſelbſt,„tauſendmal bitte ich um Entſchuldigung;— Sie wollten eine Mittheilung machen?“ „Allerdings; dieſer Bediente alſo läßt ſich bei meinem Seere⸗ tär melden, thut anfänglich ſehr verlegen und ſpricht endlich von einer weitverzweigten Räuberbande in hieſiger Stadt.“ „Der Bediente des Herrn A.?“ rief lachend der Baron. „Sehen Sie, meine Damen, das iſt alſo in dem Hauſe noch immer dieſelbe Wirthſchaft,— eine wahre Manie.“ „Ich muß geſtehen,“ fuhr der Präſident fort,„daß ſowohl mir wie meinem Secretär dieſe Aufgabe eigentlich komiſch erſchien. — In hieſiger Reſidenz, wo wir die Zügel des Geſetzes mit Kraft und Umſicht führen, ſollte ſich eine Bande wohl organiſirt und faſt unſichtbar aufhalten können!— Lächerlich! Aber dieſer Menſch beharrte ſo feſt und entſchieden auf ſeiner Angabe, wollte uns ſo genaue Beweiſe vorlegen, ja machte ſich anheiſchig, uns das Haupt Räubergeſchichten. 33 jener Spitzbubenbande in die Hände zu ſpielen, daß es uns ordent⸗ lich ſtutzig machte.“ „Sehen Sie dieſe Phantaſieen!“ rief lachend der Baron.„Ja wahrhaftig, man ſollte dieſem Herrn A. alle Dienerſchaft verbieten; er macht aus den armen Teufeln complette Narren.“ „Ja, ich glaube auch, daß es dieſem Kerl nicht recht im Kopfe war; er verlangte zweitauſend Gulden, und dann wollte er uns den Ort, die Zeit der Zuſammenkünfte, Alles auf's Beſtimmteſte an⸗ geben; natürlich habe ich darüber nicht zu verfügen, und müßte zuerſt an die vorgeſetzte Behörde berichten.“ „Was du aber jetzt nicht thun wirſt,“ ſprach ziemlich entrüſtet die Präſidentin;„man könnte ja in die Gefahr kommen, ſich voll⸗ kommen ridicul zu machen.“ Der Präſident zuckte mit den Achſeln.„Es wäre wahrhaftig geſchehen,“ ſagte er,„ohne die intereſſanten Mittheilungen des vor⸗ trefflichen Barons; ich war eigentlich von Anfang an nicht dafür, die Sache zu beachten, aber mein Secretär meinte das Gegentheil.“ „Ueberflüſſiger Dienſteifer der Subalternen!“ ſprach wegwer⸗ fend die Präſidentin. Der Baron zuckte beiſtimmend mit den Achſeln. „Er wollte ihn ſogar da behalten,“ fuhr der Chef der Polizei fort,„ich aber, der die Lächerlichkeit dieſer Angabe halb und halb durchſchaute, begnügte mich damit, ihn ſeinen Namen und Wohn⸗ ort auf dies Papier ſchreiben zu laſſen und ſchickte ihn ſeiner Wege, wobei ich ihm anbefahl, er ſolle morgen wieder kommen.“ „Ohne mich im Geringſten in den Gang Ihrer Geſchäfte mi⸗ ſchen zu wollen,“ ſagte der Baron mit einer ehrerbietigen Hand⸗ bewegung,„muß ich mir doch erlauben, Ihrer Handlungsweiſe voll⸗ kommen beizupflichten. Es würde den alten Mann draußen un⸗ ſäglich alterirt haben, wenn ſein Bedienter ſo plötzlich verſchwunden wäre; es hätte ſeiner traurigen Phantaſie von Räubern und Mör⸗ dern neue Nahrung gegeben.“ Hackländers Werke. XVII. 3 34 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Das war auch meine Idee,“ erwiderte der Präſident,„weß⸗ halb ich glaube, Alles auf's Beſte arrangirt zu haben. Hier iſt das Papier, leſen Sie, Baron. Kommt der Burſche morgen wieder, ſo wollen wir ihm allerdings etwas genauer auf den Zahn fühlen, und ſollten wir darauf hin uns weiter mit ihm einlaſſen, ſo wäre es nur, daß er neue und glaubwürdige Angaben machte.“ „Woran ich ſehr zweifle,“ antwortete der Baron, während er mit gleichgültiger Miene das Papier in die Hand nahm. Doch zuckten ſeine Finger faſt unmerklich, als er es nun öffnete.—„Ja, ja,“ ſagte er,„das iſt die ungebildete Handſchrift eines Bedienten, und die Adreſſe auf's Genaueſte angegeben, auch beigefügt, auf welche Art man ihn benachrichtigen könne, ohne daß ſein Herr et⸗ was merkt. In der That, ich fürchte auch, der Verſtand dieſes Burſchen hat einigermaßen Noth gelitten.“ „Laſſen Sie das Papier ſehen,“ ſagte die Präſidentin und ſtreckte die Hand darnach aus. Der Baron reichte es ihr auf die graziöſeſte Art, doch folgte ſein blitzendes Auge ſcharf beobachtend allen ihren Bewegungen und ſeine Zähne preßten ſich unwillkürlich auf einander, als ſie das Papier, nachdem ſie es geleſen, zuſammen knitterte und Miene machte, es in den lodernden Kamin zu werfen. Der geneigte Leſer muß ſchon unſeren Worten glauben, daß dies ein qualvoller Moment für den Herrn von Brand war. Ob⸗ gleich ſein Geſicht die größte Gleichgültigkeit affektirte, ſo wagte er doch kaum zu athmen und fühlte ſich in die größte Spannung verſetzt; glücklicher Weiſe aber hielt Auguſte die Hand ihrer Mut⸗ ter auf, entnahm ihr das Papier und faltete es langſam aus ein⸗ ander, um es ebenfalls zu leſen. Hiebei durfte der Baron unge⸗ zwungen ihre kleinen weißen Hände betrachten, die das unglückſelige Blatt hielten, ſowie dem Lauf ihrer Augen folgen, welche die har⸗ ten Schriftzüge durchliefen. Nachdem ſie geleſen, knitterte ſie das Räubergeſchichten. 35 Papier ebenfalls zuſammen, warf es aber nicht in den Kamin, ſondern ließ es achtungslos neben ſich auf den Teppich fallen. Der Baron blickte mit gierigem Auge darauf hin, indem er mit Sehnſucht auf eine glückliche Gelegenheit lauerte, den kleinen Knäuel an ſich zu bringen. Doch ließ ſich dies nicht leicht ohne Aufſehen thun, er hätte zwiſchen Vater und Mutter hindurch ſchlüpfen oder es ſich noch einmal zur Anſicht reichen laſſen müſſen. Doch gab dies ſeine Klugheit nicht zu. Unterdeſſen hatte ſich auch ſein Beſuch über die gewöhnliche Zeit ausgedehnt und er mußte fürchten, dem Präſidenten beſchwer⸗ lich zu fallen. Doch half ihm ſein gutes Glück über dieſe Klippe hinweg. „Sie werden mir verzeihen,“ ſagte nämlich der alte Herr, daß ich Sie verlaſſen muß, aber meine Geſchäfte rufen mich in die Kanzlei. Es iſt meine Stunde, wo ich den Rapport der verſchie⸗ denen Polizei⸗Commiſſäre empfange; bleiben Sie aber ruhig bei den Damen. Ich glaube nicht, daß ihr etwas Beſonderes vorhabt.“ — Dabei ſah der Chef der Polizei ſeine Frau an, und der Baron warf auf Auguſte einen der glühendſten Blicke, den er aufwenden konnte, worauf Beide wie aus einem Munde ſagten, daß ſie ſich außerordentlich geſchmeichelt fühlten, wenn der liebenswürdige Freund des Hauſes ſie noch einige Zeit ſo vortrefflich unterhalten wolle wie bisher. Der Präſident erhob ſich ernſt und würdevoll, ſeine Finger glitten von der Naſe herab, als er ſeine Hand dem Baron zum Abſchied reichte. 4 Dieſer ſprang elaſtiſch in die Höhe, verſicherte, er verdanke dem Präſidenten eine angenehme Morgenſtunde, werde aber nächſtens um dieſelbe Zeit wieder kommen.—„wenn es mir nämlich,“ ſetzte er hinzu,„einmal erlaubt wäre, höchſt indiseret zu ſein.“ Der Präſident ſah ihn fragend an. 8 „Es iſt kindiſch, was ich da ſage,“ fuhr der Baron lachend 36 Vierundzwanzigſtes Kapitel. fort.„Aber es würde mich auf's Höchſte intereſſiren, wenn es mir vergönnt wäre, einmal ſo einem Polizeirapporte beizuwohnen. Da muüſſen doch ganz merkwürdige und ſeltſame Dinge zu Tage kommen.“ „Gewiß,“ verſetzte der Chef der Polizei,„dieſer Rapport iſt zuweilen ſehr intereſſant; man könnte ganze Romane daraus zu⸗ ſammen ſtellen. Wenn Sie in der That einmal anwohnen wollen, ſo ſoll es mir ein großes Vergnügen machen.— Ich werde Sie alsdann den Beamten,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„als einen neuen geheimen Secretär vorſtellen.“ „Zu viel Ehre und Glück für mich, Herr Präſident,“ erwiderte der Baron. Doch wenn er auch die Worte an den Papa richtete, ſo ſah er doch dabei die Tochter mit einem innigen Blicke an.— „Aber ich halte Sie beim Wort; nächſtens wird ſich Ihr geheimer Secretär bei Ihnen melden.“ „Abgemacht!“ ſprach der Präſident mit freundlicher Geberde, aber einem ziemlich ſteifen Kopfnicken, und verließ dann den Salon. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Papier und Schlüſſel. Der Baron war eine kleine Weile neben ſeinem Fauteuil ſtehen geblieben, nun aber wandte er ſich geſchickt gegen die Kaminecke, wobei er zur Präſidentin gewendet ſagte:„ich weiß wahrhaftig nicht, gnädige Frau, wie es kommt, aber wenn ich einmal in Ih⸗ rem Hauſe bin, ſo wird es mir ſchwer, daſſelbe zu verlaſſen; es iſt hier Alles ſo zuthunlich, ſo heimlich,— gewiß, ich darf nur ſelten Papier und Schlüſſel. 37 kommen, denn ſonſt müßte ich befürchten, Ihnen überläſtig zu werden.“ Bei dieſen Worten hatte er ſich mit dem Rücken gegen das Kamin geſtellt; vor ihm ſaß Auguſte, zu deren Füßen der kleine Papierknäuel lag. Er hätte ihn mit der Spitze ſeines Stocks er⸗ reichen können. In dieſem Augenblicke trat ein Bedienter ein und meldete eine Frau von B., welche der Präſidentin aufzuwarten wünſche. „Ahl jetzt muß doch geſchieden ſein,“ ſagte ſeufzend Herr von Brand, worauf er die Augen niederſchlug, um ſie gleich darauf mit einem unausſprechlichen Ausdruck zu Auguſte zu erheben.— Er mußte jenes Papier mit ſich fortnehmen, mochte es koſten was es wolle, ja er war ſchon im Begriff, als letztes Mittel ſich ohne Weiteres darnach zu bücken und es aufzuheben, als Auguſte bei einer kleinen Wendung des Fauteuils ihren zierlichen Fuß darauf ſetzte. Die Präſidentin war raſch aufgeſtanden, um den neuen Beſuch zu empfangen, wobei ſie zu ihrem Gaſte ſagte:„bleiben Sie ja, Baron, bleiben Sie ohne Umſtände, ich kann die Dame im Neben⸗ zimmer empfangen, wenn du es nicht vielleicht vorziehſt, Auguſte, unſerem Freunde im Kabinete deine Zeichnungen und Blumen zu zeigen.“ Nun würde der Baron zu jeder anderen Zeit ſich nichts dar⸗ aus gemacht haben, die Zeichnungen und Blumen anzuſchauen; aber wenn er in dieſem Augenblicke den Salon verließ, ſo war jenes Papier, jetzt unter dem Fuße des jungen Mädchens, für ihn ver⸗ loren, weßhalb er um jeden Preis bleiben mußte.—„Wenn mir Fräulein Auguſte erlaubt,“ ſagte er ſo herzlich und verbindlich als möglich,„und mich für würdig hält, ihre herrlichen Zeichnungen und Blumen zu ſehen, ſo werde ich mir dafür morgen eine eigene Stunde ausbitten.— Sie ſehen, wie unbeſcheiden ich bin, doppelt unbeſcheiden, da ich, trotzdem ſich Ihnen ein neuer Beſuch anſagt, 38 Vierundzwanzigſtes Kapitel. doch noch zaudere, Ihren freundlichen Salon zu verlaſſen.— Aber ich muß wohl.“ Dies letzte Wort begleitete er mit einem tiefen Seufzer und warf dabei einen ſolch ſchwermüthigen Blick auf das junge Mädchen, daß dieſes ordentlich zuſammen ſchrak und ihre Augen auf den Boden herab ſenkte. Die Präſidentin dagegen lächelte äußerſt freundlich bei dieſen Worten, und verließ den Salon, indem ſie eifrig ſprach:„ich ver⸗ ſichere Sie, Baron, Sie erzeigen mir eine wahre Freundſchaft, wenn Sie noch einige Zeit bei uns verweilen; der Beſuch daneben wird mich nicht lange aufhalten, ich werde gleich wieder da ſein.“ Nachdem ſich die Thüre hinter der Präſidentin geſchloſſen, warf Herr von Brand einen forſchenden Blick im Zimmer umher; und er that das auf ſo auffallende Weiſe, damit Auguſte ſehe, er ſchaue nur um ſich, um zu erfahren, ob ſie auch wirklich recht allein ſeien. Dabei dachte er: ich habe vielleicht zehn Minuten Zeit, bis Madame zurückkehrt, während derſelben muß ich ohne Aufſehen das Papier erobern, koſte es mich ſelbſt eine Liebeser⸗ klärung.— Er verließ den Kamin, ſetzte ſich in den Fauteuil des Papa’s und brachte denſelben durch eine geſchickte Wendung in die Nähe des Kamins, dem Auguſtens dicht gegenüber. In dem Geſpräch entſtand eine kleine verlegene Pauſe, welche übrigens der Baron dazu benützte, dem jungen Mädchen ſchwär⸗ meriſch in die blauen Augen zu blicken. Sie erröthete leicht und griff ein Geſpräch gewaltſam wie⸗ der auf.. „Sie erwähnten vorhin einer Wette,“ ſagte ſie,„ich glaube, es betraf die Farbe der Camelie, welche Mama bei der letzten Soirée in ihrem Haare trug. Sie haben auf Weiß gewettet, Graf Fohrbach auf Roſa; er hat gewonnen: Mama trug aller⸗ dings eine Roſacamelie.“ „O ich wußte das, Fräulein Auguſte,“ erwiderte er und ſpielte befangen mit dem Knopfe ſeines Stockes;„ich wußte ganz —— Papier und Schlüſſel. 39 genau, wer in dem ſchönen blonden Haar eine weiße Camelie trug.— Ich muß es Ihnen geſtehen— es war in dem Augen⸗ blick nur der Wunſch, ja das Bedürfniß meines Herzens, von Ihrem Hauſe, von Ihrer Mutter, von— Ihnen ohne Verdächti⸗ gung reden zu können, was mich veranlaßt, jene Wette einzugehen. — Sie, Fräulein Auguſte, trugen eine weiße Camelie. Wie könnte ich ſo etwas vergeſſen!“ „Es iſt wahr,“ entgegnete das Mädchen, indem ſie die Augen niederſchlug,„ich trug eine ſolche Blume.“ „Und wäbrend der letzten Francaiſe entfiel derſelben ein ein⸗ ziges kleines Blättchen,“ fuhr der Baron inniger fort,„das ich — iederfallen ſah,“ verbeſſerte er ſeine Rede, welche dem Blicke nach, von welchem ſie begleitet war, hätte heißen müſ⸗ ſen:„das ich aufhob und nun, obgleich verwelkt, auf meinem Her⸗ zen verwahre.“ Auguſte hatte übrigens dieſen Blick verſtanden und ſeine Rede richtig ergänzt, denn als ſie nun ſcheu und erröthend zu ihm auf⸗ blickte, wurde ihre Bruſt offenbar von einem kleinen, aber ſüßen Seufzer geſchwellt. „So angenehm jener Ball Anfangs für mich war,“ ſagte der Baron nach einer kleinen Pauſe,„ſo fühlte ich mich doch im Verlauf deſſelben— ich kann es nicht läugnen— auf's Schmerz⸗ lichſte berührt. War es mir doch nur möglich, von Ihnen, theuer⸗ ſtes Fräulein, zwei Walzer, eine Francaiſe und eine Mazurka zu erhalten; ach! und ich hatte gehofft, ſo den ganzen Abend mit Ihnen dahin zu fliegen!— Gewiß, Auguſte, ich habe da ſchreck⸗ liche Stunden verlebt, und Sie fühlten das nicht einmal. Sie ſahen es nicht, wie ich in einer Ecke des Salons ſtand, wie Ihnen meine Augen folgten, während Sie ſo froh dahin flogen, Sie ahnten nicht, daß ich etwas Ungeheures darum gegeben hätte, wenn Sie nur ein einziges Mal den Kopf gewandt, wenn Sie mir, dem ferne Stehenden, nur einen einzigen Ihrer ſüßen Blicke geſchenkt.“ 40 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Während der Baron dieſe Worte ſprach, beugte er ſich vorn über, ſo daß der Hauch ſeines Mundes ihre Stirne berührte. Auch faßte er bei den letzten Worten eine ihrer Hände, hob ſie ſanft empor und drückte ſie feſt, innig und zu wiederholten Malen an ſeine Lippen. 3 Das Mädchen ſchrak zuſammen, ihr Körper zuckte ſichtlich, und dabei zog ſie den linken Fuß, der bis jetzt auf dem Papier geſtanden, zurück, während ſie zu gleicher Zeit das erröthende Ge⸗ ſicht gegen den Boden wandte.— Vielleicht um ihre Verlegenheit zu verbergen, vielleicht auch um ihre Hand auf ſchickliche Art denen des Barons entziehen zu können, beugte ſie ſich haſtig vorn über, ihre Blicke ſuchten irgend einen Gegenſtand, und da ſie ſo zufällig vor ſich das bewußte Papier erblickte, ſo bückte ſie ſich ſchnell darnach, hob es auf, glättete es auf ihrem Knie und legte es als⸗ dann zu einem langen Streifen zuſammen, den ſie ſich langſam um den Finger wand. Während dieſer bedeutungsvollen Pauſe hatte indeſſen Herr von Brand ſeine Zeit nicht verloren. Er rückte ſeinen Fauteuil noch etwas näher zu dem Mädchen hin, legte ſeinen Arm geſchickt auf die Lehne des Stuhles, von wo er nur langſam herabzuſinken brauchte, um genau die Stelle ihrer feinen Taille zu treffen. Da⸗ bei blickte er ihr von unten herauf ſanft lächelnd in die Augen, und während er natürlicher Weiſe für ſeine Kühnheit von vorhin — ihr nämlich die Hand geküßt zu haben— um Verzeihung bat, beging er eine noch weit größere, da ſie nicht ſogleich eine Ant⸗ wort gab, indem er ſeine Hand ihrem Kinne näherte und ihren Kopf ganz leiſe hob und aufwärts wandte; und er that das mit einem Blicke voll Innigkeit und Liebe.—— Dem konnte das Mädchen nicht widerſtehen, weil ſie hiezu nicht den feſten Willen hatte, doch ſchlug eine tiefe Röthe auf ihrem Geſicht empor, als ſie ihm, doch nur eine Sekunde lang, feſt in die glühenden Augen ſchaute. Aber ſein Blick war ſo feurig, daß er unmöglich zu er⸗ Papier und Schlüſſel. 41 tragen war, weßhalb denn auch das Mädchen mit einem leichten Seufzer ihre Augen ſchloß in der feſten Ueberzeugung, es ſchließe nun auch ihr Leben mit einem ſüßen Ende oder es geſchehe ihr ſonſt etwas Schreckliches.— Und ſo war es auch; denn kaum ſchloßen ſich ihre Augen, ſo fühlte ſie den weichen Druck zweier fremder Lippen auf den ihrigen, und ein unnennbares Gefühl durchzuckte ſie ſo heiß und ſtürmiſch, daß ſie in der That einer halben Ohnmacht nahe war. Wie ſchon oben angedeutet, hatte der rechte Arm des jungen Mannes die Lehne des Fauteuils zur gelegenen Zeit verlaſſen, hatte ſich um ihren ſchlanken Körper gelegt und drückte ſie leicht auf die Seite, während ſeine linke Hand langſam ihre rechte er⸗ hob,— dieſelbe rechte Hand, um deren Zeigefinger ſie das bewußte Papier geſchlungen hatte. Als der Baron ſo dieſe Hand erhob, that er es gewiß nur in der Abſicht, um zuerſt die kleinen nied⸗ lichen Fingerſpitzen zu küſſen, und darauf das gleiche Geſchäft bei den feinen Grübchen auf den Knöcheln zu verſehen. Begreiflicher Weiſe mußte er zu dieſem Zwecke den Papierſtreifen abwickeln, was er denn auch muthwillig, ſcherzend that. Auguſte, die nun das A des Liebesalphabets glücklich hinter ſich hatte, ging, wenn auch mit feuchten Augen gerne durch dieſen Scherz auf das B über, ja ſie lächelte recht freundlich, als nun der Baron das Papier neckend um jeden einzelnen Finger wickelte, dieſen darauf küßte und es dann wieder entfernte. Das war ein recht harmloſes Spiel, das auch ziemlich lange fortgeſetzt wurde; bald aber verſchwand der Streifen gänzlich von der Hand und alsdann begnügte ſich der junge Mann nicht mehr damit, daß er die Hand küßte, ſondern er wandte ſich nun an den Arm und avancirte dort über glattes Gold und kalte Steine hinweg und ſo weit hinauf, bis undurchdring⸗ liches Spitzengewebe und ein anſchließender ſeidener Aermel ſeinen weiteren Forſchungen für diesmal ein Ziel ſetzten. Es iſt wunderbar, wie ein erſter gelungener Kuß im Stande Vierundzwanzigſtes Kapitel. iſt, ſo viele bis dahin unüberſteigliche Schranken zu Boden zu werfen, wie er weite Klüfte ausfüllt, die uns bis dahin trennten, wie er eine Vertraulichkeit hervorzuzaubern vermag, an die man bis dahin in ſeinen kühnſten Träumen nicht gedacht. Das geht im Allgemeinen ſo, und man ſah es auch in dieſem ſpeziellen Falle; Auguſte zog ihre Hand nicht mehr zurück, ſondern ließ ſie in der des Barons ruhen, auch ſchloß ſie ihre Augen nicht wieder, ſon⸗ dern ſah den jungen Mann, der an ihrer Seite ſaß, zuweilen recht forſchend und feſt an, warf auch wohl zuweilen einen Blick auf die Thüre des Nebenzimmers, durch welche die Mama verſchwun⸗ den war. 3 „Wir haben nun zuſammen ein kleines, theures und liebens⸗ würdiges Geheimniß,“ ſagte der Baron ſchmeichelnd, indem er ihre Hand an ſeine nun wirklich brennende Stirne legte.„Bewahren wir es noch für eine kurze Zeit, Auguſte, laſſen wir es noch eine Weile verborgen vor den Augen der übrigen Welt, uns freuend, daß wir Beide etwas gemeinſchaftlich beſitzen, von dem die Uebri⸗ gen keine Ahnung haben. O, eine ſolche Heimlichkeit iſt ſo ſüß, mein Mädchen; es gibt nichts Seligeres, als ſo im Gewühle der Welt ſcheinbar fremd an einander vorbei zu ſtreifen, wo doch ein Blick, ein leiſer Druck der Hand, ein verſtandenes Wort deutlich zu einander ſpricht und vollſtändige kleine, liebe, heimliche Ge⸗ ſchichten erzählt, während wir öffentlich einem langweiligen Ge⸗ ſpräch zu lauſchen ſcheinen.“ „Gewiß, gewiß,“ verſetzte Auguſte,„ich freue mich darauf.“ „Und jetzt brauche ich nicht mehr mit tiefem Weh im Herzen von ferne zu ſtehen, wenn du im Arme anderer Tänzer an mir vorüberfliegſt, mein ſüßes Kind. Ja, ich werde ſogar glücklich ſein, wenn ſie dir ſchön thun, wenn ich ſehe, daß ſie in deiner Gunſt Fortſchritte zu machen ſcheinen, während ich doch weiß, daß die— mir Glücklichem ganz allein gehört.— Und dann wirſt du Papier und Schlüſſel. 43 auch zuweilen den Kopf nach mir wenden, wirſt mir einen kleinen, kleinen Blick ſchenken. Nicht wahr, meine liebe, ſüße Auguſte?“ „Ja, ich werde das thun und werde es gern thun,“ entgeg⸗ nete das Mädchen. Und dabei ſenkte ſie ihren Kopf etwas auf die Seite, wodurch es ihm möglich gemacht wurde, ſie leicht auf die Stirne zu küſſen. Der Baron hatte noch immer ihre Hand mit der ſeinen ge⸗ faßt, und beide ruhten auf ihrem Schooße auf der kühlen Fläche des glatten Atlaß, womit ſie bekleidet war. An dem Gürtel trug das Mädchen eine Chateleine von polirtem Eiſen, deren Ende mit den vielen bekannten Kleinigkeiten verſehen auf ihrem Knie ruhte. Zuweilen ließ der Baron ihre Hand los und faßte die glänzenden Kettchen an, die er leicht aufhob, um dann ein paar Sekunden lang mit dem Fingerhut, der Scheere, dem kleinen Büchlein und anderen Sachen, die daran hingen, zu ſpielen. Nach Augenblicken wie der vorhergegangene, iſt es angenehm, ſinnend und betrachtend ſtillſchweigen zu dürfen, oder Fragen über gleichgültige Dinge zu ſtellen, die aber, in einem gewiſſen unbe⸗ ſchreiblichen Tone geſtellt, liebenswürdig neckend und mit zärtlichem Ausdrucke der Stimme beantwortet werden. „Ah!“ ſagte der Baron nach einer Pauſe,„was iſt das für ein Schlüſſel?— Aber geſtehen Sie mir die Wahrheit, Auguſte; er iſt zu groß, als daß er zu irgend einem Neceſſaire oder Käſtchen der jungen Dame gehören könnte.“ 1 „Das iſt mein Geheimniß,“ entgegnete ſie ſchalkhaft,„und ich werde es Ihnen unter keiner Bedingung anvertrauen. „Jetzt gerade verlange ich es zu wiſſen. Sie haben meine Neugierde erregt und die muß befriedigt werden.— Nehmen Sie ſich in Acht, Auguſte,“ ſetzte er ſie zärtlich anblickend hinzu,„ich bin eiferſüchtig wie Othello. Und bei dieſem außergewöhnlichen Schlüſſel erwacht begreiflicher Weiſe mein Argwohn.“ „O Tyrann, der Sie ſind! Vorhin haben Sie kaum gewagt, 44 Vierundzwanzigſtes Kapitel. zu bitten, jetzt wollen Sie ſchon verlangen.— Nein, nein! Die Beſtimmung dieſes Schlüſſels ſage ich Ihnen nicht, denn ich will Ihnen nur geſtehen, das könnte wahrhaftig Ihren Argwohn er⸗ regen.“ „Ah! kleine Verrätherin!“ entgegnete der Baron neckend.„Sie ſind noch ſo jung und tragen ſchon verdächtige Schlüſſel bei ſich. Aber es iſt meine Pflicht, für Ihr Beſtes zu wachen, und ſomit lege ich feierlich auf dieſen Schlüſſel Beſchlag und nehme ihn an mich; denn das iſt eine Waffe, die in Ihrer unerfahrenen Hand gefährlich werden könnte.“ „Aber er hält feſt an mir,“ erwiderte lachend das Mädchen, als ſie ſah, daß er vergebliche Bemühungen machte, den Schlüſſel von dem Stahlringe zu trennen. Es war dies übrigens ein ge⸗ fährliches Spiel auf ihrem Knie, und der junge Mann beeilte ſich auch nicht, an der ihm wohl bekannten verborgenen Feder zu drücken, welche den Ring öffnete. Endlich that er dies doch und der Schlüſſel fiel in ſeine Hand. „Sehen Sie,“ ſprach er, indem er denſelben triumphirend in die Höhe hob,„hier wäre das Inſtrument, das ich, wie ſchon ge⸗ ſagt, verpflichtet bin, zu mir zu nehmen. Seien Sie aber jetzt ein artiges Kind und ſagen Sie mir, welche Thüre dieſer Schlüſſel aufmacht.⸗ „Ich ſage es nicht,“ entgegnete ſie kopfſchüttelnd;„gewiß nicht. Den Raub kann ich nicht hindern, doch ſoll es ein Räthſel in Ihrer Hand bleiben.“ „Aber wenn ich dich herzlich um die Auflöſung bitte, mein ſüßes, ſüßes Mädchen?“ ſagte der Baron ſchmeichelnd, indem er ihre Hand ergriff und ſie abermals an ſeine Lippen führte.— „Vertrau es mir an, es iſt das ein kleines, angenehmes Geheim⸗ niß mehr.“ „Nein, nein!“ verſetzte Auguſte eifrig. Und dabei ſuchte ſie den Schlüſſel zu fangen, den er neckiſch in die Höhe hielt.„Nein Papier und Schlüſſel. 45 nein, ich werde es nicht ſagen; deßhalb geben Sie mir ihn nur wieder, denn was nützt er Sie, da Sie ſeine Beſtimmung doch nicht wiſſen?“ „O ich werde ſie erfahren,“ entgegnete er heiter und vergnügt, „ich werde mich nächtlicher Weiſe einſchleichen wie ein Dieb, ich werde ſämmtliche Schlöſſer deines Hauſes unterſuchen, bis ich weiß, wo das rechte iſt.“ „Dazu wären Sie wahrhaftig im Stande,“ ſagte das junge Mädchen mit einem ſeltſamen Blicke;„weiß Gott, ich traue Ihnen ſo Etwas zu. Und das wäre ja ein wahres Unglück.“ „So beuge dieſem Unglücke vor und ſage die Wahrheit,— die kleine, ſüße, angenehme Wahrheit.“ „Und wenn ich es thue, erhalte ich meinen Schlüſſel wieder?“ „Wir wollen ſehen.“ „Nein, nein, von: wir wollen ſehen, darf keine Rede ſein, ein einfaches Ja oder Nein.— Bekomme ich alsdann meinen Schlüſ⸗ ſel wieder?“ „Wenn er nichts Gefährliches verſchließt, ja.“ „Keine Bedingungen; darauf laſſe ich mich gar nicht ein. Ich ſage Ihnen, zu welcher Thüre der Schlüſſel paßt, und Sie geben ihn mir zurück. Gehen Sie das ein?“ Der Baron zuckte lächelnd die Achſeln, dann ſagte er:„Sie ſind grauſam, Auguſte; aber was kann ich machen? Sie haben mich in der Hand.— Doch ich will Ihnen noch einen andern Vor⸗ ſchlag machen: Sie ſagen mir die Beſtimmung dieſes Schlüſſels, darauf gebe ich Ihnen denſelben zurück und dann erlauben Sie mir, Sie nach Umſtänden wieder darum zu bitten.“ Das Mädchen zauderte, eine Antwort zu geben, endlich aber ſprach ſie:„das iſt eine gefährliche Bedingung; wenn Sie ſich aufs Bitten legen, da weiß ich am Ende nicht, was ich machen ſoll. Nein, nein, es iſt mir zu gefährlich.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Aber Sie können mir ja meine Bitten abſchlagen,“ erwiderte er ſo innig und zärtlich als möglich. „Und wenn ich nun nicht im Stande wäre, Ihnen dieſe Bitte abzuſchlagen?“ ſagte das Mädchen nach einer kleinen Pauſe mit unſicherer Stimme. „O, dann wäre ich ja doppelt glücklich!“ rief der Baron, in⸗ dem er ſie leidenſchaftlich an ſich drückte und ihre Lippen ſuchte, deren Auffinden ſie ihm gerade nicht beſonders ſchwer machte.— „Doppeltes, ſeliges Glück!—— Hier iſt der Schlüſſel,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe;„darf ich nun wiſſen, was er ver⸗ ſchließt?“ „Gewiß, obgleich wir eigentlich viel Lärmen um nichts geſpielt haben. Sie kennen ja unſeren Garten hinter dem Hauſe; am Ende deſſelben befindet ſich ein kleiner Pavillon, von dem eine Thüre auf die Straße führt. Dieſe Thüre nun—“ „Oeffnet dieſer Schlüſſel!“ rief der Baron haſtig.„Ah! meine geliebte Auguſte, jetzt bitte ich Sie doppelt, zehnmal, tauſendmal darum.— Nicht wahr, Sie ſagten ja vorhin, Sie können mir nichts abſchlagen?“ Das Mädchen nickte mit dem Kopfe und reichte ſtillſchweigend den Schlüſſel wieder zurück, den er eifrig ergriff, zu gleicher Zeit aber auch ihre Hand, die er, ſowie den vollen weißen Arm, mit unzähligen heißen Küſſen bedeckte. In dieſem Augenblicke mußte der Beſuch im Nebenzimmer ent⸗ laſſen worden ſein. Die Präſidentin, eine kluge, verſtändige Frau und gewiß aufs Innigſte beſorgt für das Wohl ihrer einzigen und heirathsfähigen Tochter, huſtete laut und vernehmlich, ehe ſie die Thüre zum Salon öffnete. Gewandt rückte der Baron ſeinen Fau⸗ teuil zurück, ehe die Mutter eintrat, und gewandt griff das junge Mädchen ein plötzlich hingeworfenes Geſprächsthema auf, in das nun die Beiden ſo vertieft ſchienen, daß ſie den Eintritt der Prä⸗ ſidentin gar nicht bemerkten und ſie laut hinaus lachten über die -— 8 Papier und Schlüſſel. 47 köſtliche Geſchichte der Frau von A., die neulich Abends nach dem Theater zufälliger Weiſe in ein ganz fremdes Coupé geſtiegen ſei. Auf einmal aber bemerkte der Baron die Mutter, nun ſprang er leicht und graziös in die Höhe, indem er verſicherte, jetzt müſſe alle Geduld erſchöpft ſein und er habe die Damen mehr gelangweilt als bei der größten Freundlichkeit zu verantworten ſei. Umſonſt verſicherte die Präſidentin, die Unterhaltung des wer⸗ then Gaſtes werde ihr eine wahre Erholung ſein nach der Fatigue des eben gehabten Beſuches. Der Baron war nicht zu halten, obgleich ein langer und ſchmerzlicher Blick auf Auguſte dieſer deutlich zu verſte⸗ hen gab, wie ſchwer es ihm ſei, ſich jetzt loszureißen. Darauf küßte er die Hand der Mutter flüchtig, die der Tochter mit einer wahren Inbrunſt, und verſchwand leicht und gewandt aus dem Salon. Auf der Treppe athmete der Baron tief auf, ſchaute einen Au⸗ genblick wie forſchend um ſich her, ſprang dann flüchtig die Stufen hinab und warf ſich in ſeinen Wagen, nachdem er dem Kutſcher zu⸗ gerufen:„nach Hauſe!“ Die Pferde zogen an, das leichte Coupé flog dahin, und der junge Mann griff mit einem ſeltſamen Blicke des Triumphes in ſeine Bruſttaſche, wo er das bewußte Papier und den Schlüſſel verwahrte.„Das iſt viel auf einmal,“ ſprach er laut zu ſich ſelbſt, während ſein Auge blitzte,„dieſes für mich ſo koſtbare Blatt, un⸗ bezahlbar nach dem, was ich über den Schreiber deſſelben erfahren, und dann einen Schlüſſel, um ungehindert zu jeder Zeit in den Gartenpavillon des Polizeipräſidenten gelangen zu können.— Glück, du warſt mir günſtig!— Aber das arme Mädchen dro⸗ ben!— Ah! es war ein trauriges Mittel zum traurigen Zweck. Sie iſt ſchön und gut, auch noch ziemlich unerfahren.— Arme— arme Auguſte!“— An dieſe letzten Worte, die der junge Mann noch ziemlich heiter ausſprach, mußten ſich plötz⸗ lich ernſte, finſtere Gedanken reihen, Gedanken, die ihm in kur⸗ zer Zeit furchtbar wurden, denn das Auge verlor faſt mit einem 48 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Male ſeinen Glanz und ſtierte matt mit ſchrecklichem Ausdruck in die Ecke des Wagens, und der Kopf ſank auf die Bruſt herab, während er die Unterlippe heftig zwiſchen die Zähne klemmte. Dar⸗ auf wurde ſein Geſicht aſchfarben und fahl, und nach und nach trat ihm ein kalter Schweiß auf die Stirne. Man hätte glauben ſollen, es habe ihn ein heftiger Krampf befallen, der ſein Herz ſtille ſtehen ließ und ſeine Glieder löste; willenlos ſank er in ſich zu⸗ ſammen, und wenn er ſich nicht zuweilen aufgerafft hätte, tief ſeuf⸗ zend mit der Hand über die Stirne gefahren wäre, um einen Au⸗ genblick auf die Straße zu ſchauen, hätte man meinen können, auf dem weichen Kiſſen liege ein ſchwer Erkrankter— ein Sterbender. Ja, wer ihn vor einigen Minuten am Hauſe des Präſidenten ſo leicht und gewandt in den Wagen ſpringen und bei ſeiner Woh⸗ nung hätte ausſteigen ſehen, würde darauf geſchworen haben, das ſei nicht derſelbe Menſch: Dieſer hier, welcher langſam die Treppen hinauf ſchleiche, ſei mindeſtens um zehn Jahre älter als Jener, der dort die Stufen ſo flüchtig hinabgeſprungen. Wir können aber dem geneigten Leſer nicht verſchweigen, daß der Baron Brand zuweilen ſolche fürchterliche Augenblicke hatte, wo ihn ein entſetzliches Seelenleiden befiel und dahin warf, wie Jemand, den eine tödtliche Krankheit erfaßt. Sein alter Kammer⸗ diener kannte dieſen Zuſtand, und er führte alsdann ſeinen Herrn langſam zu einem weichen Fauteuil, miſchte ihm ein niederſchlagen⸗ des Pulver, verdüſterte das Zimmer, indem er die Vorhänge zuzog, und überließ ihn dann ſeinen finſteren Träumereien. So geſchah auch heute, und dann ſchlich der Kammerdiener leiſe auf den Zehen gehend zum Zimmer hinaus und trat in das anſtoßende Gemach, wo er einen großen Schrank von geſchnitztem Eichenholze ſorgfältig abſchloß und den Schlüſſel zu ſich ſteckte. In dieſem Schranke aber befanden ſich die Piſtolen und ſon⸗ ſtigen Waffen des Barons. Das Siegel des Herrn von Brand. 49 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Das Siegel des Herrn von Brand. Der Maler, Arthur Erichſen, hatte unterdeſſen in dem Ar⸗ beitszimmer des Grafen Fohrbach das Aauarell beendigt, es von dem Zeichenbrette herabgeſchnitten, auf einen großen weißen Carton befeſtigt, und es neben dem Original im günſtigſten Lichte aufge⸗ ſtellt. Hierauf nahm er das Billet, welches neben ihm lag, be⸗ trachtete einen Augenblick das Siegel und las die Adreſſe. „An Madame Becker, Kaualſtraße Nr. 8.“ „Kanalſtraße Nr. 8,“ ſagte Arthur,„das muß in einem der ſehr alten Häuſer ſein mit den langen unheimlichen Gängen. Nun, es bringt mich nicht gerade übermäßig weit von meinem Wege ab, und da dem Grafen viel daran gelegen zu ſein ſcheint, daß der Brief bald beſorgt wird, ſo will ich den Gang ſelbſt unternehmen. Ich treibe mich überdies gern in ſo einem alten Gebäude herum.“ Arthur ſteckte das Billet in die Taſche und ging durch den Salon in's Vorzimmer, wo er ſeinen Ueberrock fand, und wo der alte Kammerdiener neben einem Lehnſtuhle ſtand und mit dem bisherigen Jäger des Grafen verkehrte. Dieſer ſchien ſich mit Mühe aufrecht zu halten, während ſeine Finger krampfhaft mit den glänzenden Knöpfen ſeiner Uniform ſpielten, und während ſein Geſicht erſchrocken und bleich aus dem ſchwarzen Bart hervor⸗ leuchtete.. „Das iſt hart, Herr Kammerdiener,“ hörte ihn Arthur ſagen, „wenn man ſo plößlich fortgeſchickt wird. Sie haben gut reden von einem Zeugniſſe; alle Welt kennt den Herrn Grafen Fohrbach und weiß, daß er nicht leicht Jemand wegſchickt. Da werden alle Herrſchaften die Achſeln zucken und Wunder meinen, was ich be⸗ Hackländers Werke. XVII. 4 50 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. gangen hätte.— Und was habe ich denn begangen?— Ich weiß es nicht und Sie ſagen es ja nicht.“ „Von einem Vergehen wird ja auch nicht geſprochen,“ antwor⸗ tete der alte Mann, indem er ſeine Blicke auf die Schnupftabaks⸗ doſe, die er in der Hand hielt, heftete.„Der Herr iſt einmal der Herr, und wenn ihm unſere Naſe nicht mehr gefällt, ſo hat er das Recht, uns aus dem Dienſt zu ſchicken.“ „Und vielleicht für Zeit Lebens unglücklich zu machen!— O! das iſt ja entſetzlich! Ich habe meinen Dienſt gethan wie Jeder, das müſſen Sie mir bezeugen; ich war der Erſte und der Letzte auf dem Platze, denn ich hoffte hier ein dauerndes Brod zu finden.— Haben Sie mir je ein böſes Wort geſagt, Herr Kammerdiener?— Gewiß nicht! Ich nahm mich zuſammen, denn ich dachte an Weib und Kind. Bei Unſereinem geht es bitter zu, wenn man eine Zeit lang keine Condition hat.— Was werden ſie daheim ſagen, wenn ich ſo plötzlich fortgeſchickt bin!“ Der Kammerdiener zuckte die Achſeln und entgegnete:„ich kann darin nichts machen; der Herr Graf haben beſohlen und ich darf der Sache nicht einmal mehr erwähnen. Doch will ich Ihnen im Vertrauen einen guten Rath geben; daß er hilft, glaube ich kaum: wenden Sie ſich an einen der Freunde des Herrn, daß er ein gutes Wort für Sie bei dem Grafen einlegt.“ Das war ein ſogenannter Kanzleitroſt und als ſolchen ſchien ihn auch der verabſchiedete Jäger aufzunehmen. Er ſeufzte tief auf, fuhr ſich mit der Hand über die Augen und ging in ſein Zimmer. Dort legte er wahrſcheinlich ſeine glänzende Uniform ab, zog einen ärmlichen Rock an und ging nach ſeiner Wohnung, wo er der Frau und vier Kindern, die um eine Schüſſel mit Kar⸗ toffeln ſaßen, die Kunde von ſeiner unverhofften Entlaſſung zum Nachtiſch brachte. Arthur ging unangenehm erregt ſeines Weges und nahm an Das Siegel des Herrn von Brand. 51 der nächſten Ecke eine Drotſchke, die ihn in kurzer Zeit nach der Kanalſtraße brachte. Hier ſtieg er aus und ſchritt über den öden Hof, den wir dem geneigten Leſer in einem der vorigen Kapitel geſchildert, uach dem Hintergebäude mit der ſteinernen Wendeltreppe, die er hinaufging und ſich nun in einem der langen Gänge befand, wo er ungewiß war, an welche Thüre er klopfen ſollte. Der Zufall führte ihn übrigens ziemlich glücklich, denn nachdem er zwei Thüren vergeb⸗ lich geöffnet und in zwei Zimmer geblickt, aus denen ihm eine warme, unangenehme Atmosphäre entgegen drang, wo er zerlumpte und ſchlecht genährte Kinder auf dem Boden ſitzen ſah, und ſchel⸗ tende, ſchmierige Weiber am Kochfeuer ſtehen, welche ihn ziemlich un⸗ freundlich hinaus wieſen, kam er endlich an die Wohnung, die er ſuchte. Es war die dritte Thüre, an welche er klopfte; von innen rief man„Herein!“ und als Arthur in das Gemach trat, ſah er am Fenſter eine Frau ſtehen, die ihm augenblicklich ein paar Schritte entgegen kam, und, wohl in Folge ſeines feinen und eleganten An⸗ zugs, einen tiefen Knix machte. „Ich ſuche Madame Becker.“ „Ihnen aufzuwarten habe ich die Ehre vor Ihnen zu ſtehen,“ entgegnete die Frau mit ihrem beſten Lächeln, worauf ſie abermals knixgte und den jungen Mann mit einer Handbewegung bat, auf dem Sopha Platz zu nehmen. Arthur lehnte das aber ab, indem er entgegnete:„ich danke Ihnen recht ſehr; unſer Geſchäft iſt bald abgemacht.“ „Sie ſind an mich empfohlen?“ fragte verſchmitzt lächelnd die Frau. 3 „Das eigentlich nicht,“ verſetzte Arthur.„Ich komme nur im Auftrage eines Bekannten, des Grafen Fohrbach.“ „Ah! des Herrn Grafen!“ ſagte die Frau doppelt freundlich. Doch zog ſie gleich darauf ihren Mund lächelnd in die Breite, die Augenbrauen in die Höhe, ſchüttelte bedächtig den Kopf und meinte: 52 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „der Name des Herrn Grafen iſt eine der beſten Empfehlungen,— ein charmanter junger Herr! liebenswürdig und gutmüthig; aber ſchwer, ſchwer im Umgang, das kann ich Sie verſichern. Und doch war er nie unzufrieden mit mir.— Nun, wir wollen ſchon ſehen. Bitte recht ſehr, gefälligſt einen Augenblick Platz zu nehmen.“ Den Maler intereſſirte das Geſicht der Frau; er ſchaute ſie mit einem prüfenden Blicke an und ſtudirte offenbar in dieſen ſelt⸗ ſamen Zügen, die Verſchlagenheit, Gutmüthigkeit, Liſt neben anderen gewiß recht ſchlimmen Leidenſchaften ausdrückten.— Er zog das Billet aus der Taſche hervor, um es Madame Becker darzureichen. „Ah! noch eine ſchriftliche Empfehlung!“ ſagte dieſe;„das wäre vollkommen unnöthig geweſen, der Herr empfehlen ſich ſchon hinlänglich durch Ihr angenehmes Aeußere, und da ich durch den Namen des Herrn Grafen ſicher bin, auf alle Verſchwiegenheit rech⸗ nen zu können, ſo bitte ich, nur frei heraus zu ſagen, womit ich dienen ſoll.“ „Und womit können Sie mir eigentlich dienen?“ fragte lächelnd Arthur, den dieſe ſonderbare Unterhaltung zu intereſſiren begann. „Ah! Das iſt eine ſeltſame Frage,“ entgegnete Madame Becker, während ſie ihren Mund ſpitzte und den Verſuch machte, ſchelmiſch auszuſehen.„Ich erwarte nur Ihre Befehle, wie es Ihnen der Herr Graf auch wohl geſagt haben wird. Anbieten kann ich Ih⸗ nen nichts, das werden Sie natürlicher Weiſe bei mir vorausſetzen; aber die ganze Stadt kenne ich wie meine Taſche, und wenn Sie mir einen Namen nennen, Straße, Haus und Nummer, ſo erfah⸗ reu Sie in wenig Tagen, ob ein Beſuch möglich oder unmöglich iſt.“ „Ah ſo!“ verſetzte Arthur laut lachend.„Vorderhand iſt es mir nicht möglich, Ihnen irgend dergleichen anzugeben, da ich ſelbſt darüber noch im Unklaren bin.“ „Das thut auch nichts,“ antwortete wichtig die Frau, indem ſie die rechte Hand auf die Hüfte legte und mit dem Zeigefinger Das Siegel des Herrn von Brand. 53 der linken den jungen Mann vertraulich auf den Arm ſtieß.„Wir kennen unſer Geſchäft. Eine Beſchreibung der Perſon, eine Straße, wo ſie meiſtens geſehen wird, ein Haus, in das ſie häufig geht, das iſt Alles, und dann verlaſſen Sie ſich auf Madame Becker; es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir in acht Tagen nicht wüßten, woran wir ſind.“ 4 „Nun, ich will mir das merken,“ ſprach immer noch lachend der Maler; aber vorderhand bin ich nur bei Ihnen, um dieſen Brief zu übergeben.“ „Richtig, den Brief!“ entgegnete die Frau.„Das hätten wir bald vergeſſen. Nehmen Sie einſtweilen Platz; ich will meine Brille holen. In die Ferne ſehe ich natürlicher Weiſe wie ein Falke, aber mit dem Geſchriebenen geht's nicht mehr ſo leicht. Und dann haben der Herr Graf eine feine, kaum leſerliche Hand wie ein Frauenzimmer. Mit dieſen Worten eilte ſie in's Nebenzimmer und Arthur ließ ſich auf dem Sopha nieder. Gleich darauf kam Madame Becker zurück, ſetzte ſich neben den Maler und nahm aus einem Futteral eine Brille, die ſie mit gro⸗ ßer Bedächtigkeit auf ihrer Naſe befeſtigte. Dann nahm ſie den Brief in die Hand und ſagte:„gewiß, gewiß, lieber Herr, mit Seiner Gnaden, dem Grafen Fohrbach iſt es eigentlich ſchwer Ge⸗ ſchäfte zu machen. Das werden Sie wohl einſehen; es iſt nicht Alles möglich auf dieſer Welt, und meiſtens iſt er auf das Un⸗ mögliche verſeſſen.— Nun, wir wollen ſehen!“ Damit brachte ſie das Billet dicht an die Augengläſer, las die Adreſſe, nickte mit dem Kopfe und wandte alsdann das Schreiben auf die andere Seite, um als eine kluge Frau auch das Siegel zu betrachten. Doch kaum hatte ſie einen Blick auf die arabiſchen Buchſtaben deſſelben geworfen, ſo fuhr ſie erſchrocken zurück, ließ Hand und Brief abermals ſinken und betrachtete den neben ihr 54 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſitzendeu jungen Mann mit einem Ausdrucke der höchſten Ueber⸗ raſchung, ja eines unverkennbaren Schreckens, von oben bis unten. „Der Brief iſt von dem Herrn Grafen Fohrbach?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Allerdings; ich dachte mir, Sie kennten ja die Handſchrift,“ entgegnete Arthur, dem däs plötzliche ängſtliche Weſen der Frau auffiel. „Die Handſchrift wohl— aber das Siegel. Haben der Herr Graf dieſen Brief wohl ſelbſt geſiegelt?“ „Ohne Zweifel; ich glaube nicht, daß er ähnliche Schreiben von Anderen ſiegeln läßt.“ „Sehen wir, ſehen wir!“ ſprach eifrig Madame Becker, indem ſie das Couvert haſtig abriß.„Wenn er nur was Mögliches ver⸗ langt. Heiliger Pancratius! wenn er nur was Mögliches ver⸗ langt!“ Sie entfaltete das Schreiben, zog die Augenbrauen in die Höhe, und während ſie las, ließ ſie ihre Unterlippe ſchlaff herab⸗ hängen. Nachdem ſie geendigt, ſchüttelte ſie bedeutſam den Kopf und ſtieß einen tiefen Seufzer aus.—„Sie ſind natürlich der Vertraute des Herrn Grafen,“ ſagte ſie und blickte den jungen Mann lauernd an;„Sie wiſſen wahrſcheinlich, was in dem Brief ſteht?“ 5 „Nein, nein, ich weiß es nicht!“ entgegnete Arthur haſtig, dem das ſonderbare Weſen der Frau im höchſten Grade auffiel.— „Ich weiß es nicht und verlange es auch nicht zu wiſſen. Meinen Auftrag habe ich erfüllt: der Brief iſt in Ihrer Hand und ich bin fertig.“ Damit ſtand er auf. Gegen alle Regeln der Höflichkeit, die Madame Becker ſonſt gewiſſenhaft gegen ihre Kunden, wozu ſie auch im Geiſte ſchon den jungen Mann rechnete, beobachtet, blieb ſie nachdenkend auf dem Sopha ſitzen, legte die Hände in den Schoos und ſtarrte träume⸗ riſch vor ſich hin.„Das wird rein unmög lich ſein,“ murmelte ſie. Das Siegel des Herrn von Brand. 3 55 —„Aber das. Siegel!— Wie kommt das Siegel dahin? Das ſcheint mir ein gemeſſener Befehl zu ſein.— Nun, ich muß Alles verſuchen, helf' was helfen mag!“ Sie ſeußzte abermals tief auf, ſchien dann plötzlich aus ihrem Nachſinnen zu erwachen und ſprang eilig vom Sopha in die Höhe, als ſie ſah, daß ſich der junge Mann der Thüre bereits genähert hatte. Sie zupfte an ihrer Haube, ihre Züge nahmen das uns bekannte Lächeln an, dann rieb ſie ſich die Hände und ſagte:„wenn Sie den Herrn Grafen ſehen und etwas ſagen wollen, ſo bitte ich ihm zu vermerken—“ „Geben Sie mir keine Commiſſionen, Madame,“ antwortete Arthur.„Verſtehen Sie mich gar nicht falſch: ich ſollte nichts als Ihnen dieſen Brief übergeben, kann daher auch durchaus keine Antwort übernehmen.— Ich wünſche recht guten Morgen!“ „So habe ich denn die Ehre, mich Ihnen beſtens zu empfeh⸗ len,“ erwiderte die Frau mit einem tiefen Knix.„Bitte, vergeſſen Sie vorkommenden Falls meine Wohnung nicht und wenden ſich alsdann an Ihre unterthänigſte Dienerin.“ Die Thüre ſchloß ſich hinter dem Maler, Madame Becker öff⸗ nete ſie nochmals, um Höflichkeits halber auf den Gang hinaus zu grinſen, daun zog ſie ſich in ihr Zimmer zurück, nahm haſtig das Couvert von dem Sopha, und eilte an's Fenſter, wo ſie nochmals das Siegel genau betrachtete.—„Es iſt kein Zweifel,“ murmelte ſie,„es iſt ſein Petſchaft, er muß ihn kennen.— Oh je! Oh je! Das wirkt freilich mehr, als wenn er mir fünfhundert Gulden verſprochen hätte. Alſo er ſchreibt: Sie wohnt Balken⸗ ſtraße Nr. 40 über vier Treppen, ihr Vater iſt, wie ich höre, ein armer Schriftſteller, und das Mädchen müſſen Sie ken⸗ nen, ſie heißt Clara Staiger, und iſt Tänzerin am Hoftheater. Thun Sie alle Ihre Schritte, beſte Madame Becker, es kommt mir diesmal nicht auf die glänzendſte Belohnung an.—— Der braucht mir da wohl Name und Wohnort anzugeben! kenne ſie wohl mit ihrem Trotz und Hochmuth, kenn' die ganze Bagage, den 56 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 4 4 alten Simpel, ihren Vater, und weiß wohl, was ich da zu er⸗ warten habe.— Ei, Herr Graf, da haben wir ſchon mehrere Mal angebohrt und ſchöne Antworten bekommen. Der Teufel auch! Das iſt eine ſaubere Commiſſion!— Wenn nur das Siecgel nicht auf dem Briefe ſtände!— Aber da muß ſchon ein Uebriges ge⸗ ſchehen. Wir wollen das überlegen; ich darf gar nicht mehr in das Haus hinein. Ich glaube, der Alte macht' einen Höllenlärm und hetzt mir ſämmtliche Miethsleute auf den Hals.— Wir wollen doch einmal ſehen, ob da Niemand aus⸗ und eingezogen iſt. Ich habe mich um den Fratz lange nicht mehr bekümmert.“ Bei dieſen Worten holte ſie aus einem alten Schreibtiſche ein Buch hervor— es war ein Wegweiſer der Reſidenz— und blät⸗ terte eifrig darin.—„Balkenſtraße Nr. 36— 38— 40. Da iſt's! — Ah! ah! Unten wie früher, Belletage und zweiter Stock eben⸗ falls; dritter Stock: Steuerinſpektor Weiß— kenne ich nicht!— vierter Stock: Schriftſteller Staiger, Clara Staiger, Tänzerin.— Aha!“ fuhr ſie lächelnd fort,„da hat's eine Aenderung gegeben. — Schön! ſchön! die Frau Wundel iſt eingezogen. Na, das gibt einen Anhaltspunkt.— Und wohnt Thür an Thür mit dem hoch⸗ naſigen Balletmädchen. Die Wundel gehört zu meiner Bekannt⸗ ſchaft, und wenn man der ein paar Kronenthaler verſpricht, ſo läuft ſie für einen durch's Feuer.“ Hierauf ſchlug Madame Becker das Buch zu, worauf ſie be⸗ dächtlich und ſichtlich erheitert eine Priſe nahm.— Kopfſchüttelnd verließ Arthur das alte Haus, ſtieg nachdenkend 4 die Wendeltreppe wieder hinab und ſuchte ſeine Drotſchke auf, die er in einer Nebenſtraße wartend fand; er ſtieg hinein und fuhr fort. Wenn er auch als junger Mann von großem Vermögen, als luſtiger Geſellſchafter ſeiner vornehmen Freunde, ſowie als Maler in Manches des geheimnißvollen Lebens der großen Stadt, die er bewohnte, eingeweiht war, ſo hatte er doch bis jetzt von der Exiſtenz der Madame Becker, ſowie von deren eigentlichem Ge⸗ 2 * 3 ¹ Das Siegel des Herru von Brand. 57 ſchäftsbetrieb noch gar keine Ahnung gehabt. Das war ja förmlicher wohl organiſirter Sklavenhandel, nur daß ſich das arme Schlacht⸗ opfer, welches hier auserſehen und verkauft ward, dieſem Handel nicht durch die Flucht entziehen konnte, denn es wußte ja nicht, daß man es verfolgte. Leiſe und vorſichtig wurden ihm Fallen geſtellt, wurden ihm unſichtbare Schlingen um die Füße gelegt, und auf einmal ſtürzte es hin, verrathen, verkauft, in die Arme ſeiner Verfolger, um darauf hin immer tiefer zu fallen, hinab in den ſchmutzigſten Schlamm des menſchlichen Lebens, der, zäh und gewaltig, ſeine Beute nicht wieder fahren läßt. Dieſe Gedanken hatten den jungen Mann einigermaßen un⸗ muthig geſtimmt, und es war ihm leid, den Brief an ſeine Adreſſe überbracht zu haben.„Wer weiß,“ ſagte er ſich ſelbſt,„bin ich vielleicht ſomit die Urſache, daß jenes Weib ihre Creaturen auf irgend ein armes Mädchen losläßt!— Aber,“ tröſtete er ſich, „was ich nicht gethan, hätte morgen der Poſtbote beſorgt; gewiß nicht harmloſer und unwiſſender als ich heute.“ Arthurs Selbſtgeſpräch wurde hier unterbrochen, als er an einer vorher bezeichneten Stelle hielt; er ſprang aus dem Wagen, ſah ſich flüchtig um und eilte nun von den höheren Gegenden der Stadt einem tiefer gelegenen Viertel zu, durchkreuzte mehrere ſchmale Gaſſen mit hohen Häuſern, deren ſpitze Giebel vor Alter etwas gegen einander geneigt waren, was im Sommer dieſe Wege ange⸗ nehm kühl machte, im Winter aber frühzeitig dunkel und unendlich ſchmutzig. Auch über kleine Plätze kam er, ging wieder eine Zeit lang an den nächſten Kanal, wie an jenem Abend, wo wir ihn zum erſten Male geſehen, überſchritt einige glatte ſchlüpfrige Brücken und befand ſich jetzt am Eingange der Balkenſtraße. Der geneigte Leſer wird vielleicht das Ziel ſeiner Wanderung errathen. Waren doch ſchon mehrere Tage verfloſſen, ſeit er den alten Herrn Staiger bei ſeinem Buchhändler getroffen, ſeit er ihm einen Beſuch verſprochen, einen Beſuch, den er zu machen gedachte, 58 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. natürlicher Weiſe nur in der Abſicht, um ſich Raths zu erholen Behufs der Illuſtrationen zu Onkel Tom. Warum er jetzt gerade zur Mittagsſtunde hinging, dieſe Frage könnten wir dahin beant⸗ worten, daß es jetzt überhaupt zu Beſuchen die ſchicklichſte Zeit ſei, denn wir ſind weit entfernt, zu glauben, es habe Arthur ge⸗ wußt, daß der Balletſaal um Mittag geſchloſſen würde und die Tänzerinnen alsdann nach Hauſe gingen. So oft auch ſchon der Maler, das müſſen wir geſtehen, Clara V 3 bis an die Hausthüre begleitet hatte, ſo war er doch nie weiter als zwei bis drei Schritte in den Flur hinein gelangt, und das bei einem fruchtloſen Verſuch, ihre Hand noch länger feſtzuhalten, nachdem ſie einige Minuten mit ihm geplaudert. In Fällen wie der vorliegende aber haben ſich gewiß viele unſerer geneigten Leſer ſchon zurecht gefunden, und Arthur that dies ebenfalls ohne große Schwierigkeit. Er paſſirte den erſten, zweiten und dritten Stock, und nur auf dem vierten geſchah es ihm, daß er an eine falſche Thüre klopfte. Man rief„Herein!“ und er ſah eine ältliche Frau vor ſich, recht anſtändig gekleidet, die eine weiße Schürze umge⸗ bunden hatte und einen Kochlöffel in der linken Hand hielt. Sie kam augenſcheinlich von ihrem Herde und beſchäftigte ſich mit Be⸗ reitung ihres Mittageſſens, denn ein angenehmer Duft von Zwie⸗ beln und gebratenem Fleiſche drang auf den Gang heraus. Der junge Mann ſah gleich, daß er falſch gegangen war, denn er wußte, daß Claras Mutter ſchon vor mehreren Jahren geſtor⸗ ben war. „Verzeihen Sie,“ ſagte er,„ich ſuche Herrn Staiger.“ Worauf Madame Wundel, die es in eigener Perſon war, ihm freundlich erwiderte, gleich nebenan ſei die geſuchte Thüre, er möge aber nur ohne anzuklopfen durch das Vorzimmer gehen, indem ſich dort gewöhnlich Niemand aufhalte. Arthur dankte auf's Freundlichſte, was die Wittwe ſehr huld⸗ reich und herablaſſend hinnahm. Sie hatte offenbar ihr Wohlge⸗ Das Siegel des Herrn von Brand. 59 fallen an dem hübſchen jungen Manne, und da ſie eine brave Frau war, die möglicher Weiſe mit ihren Töchtern Alles gemeinſchaftlich genoß, ſo rief ſie dieſe durch ein leiſes Räuſpern herbei und zeigte ihnen durch die Thürſchwelle den Beſuch, der zu Staigers gehe. „Die Clara iſt aber nicht daheim,“ ſagte die ältere Tochter Emilie, indem ſie ihren Kopf ſo weit als möglich zur Thüre hin⸗ aus ſtreckte. 3 „Ach was Clara!“ entgegnete die Mutter;„der war von gu⸗ ter und ſtiller Familie. Der läuft keinen Tänzerinnen nach; ich wette Zehn gegen Eins, der hat den alten Schreiber wegen irgend einer Schuld zu mahnen.— Paßt mir auf, Emilie, der kommt bald wieder zurück.“ „Ich will ein paar Bücher und Noten draußen auf dem Gange abſtäuben,“ verſetzte die ältere und ſehr gelehrige Tochter. „Thu’ das, mein Kind,“ erwiderte die Mutter.„Aber ſtreich die Haare zurecht, du ſiehſt ein wenig zerzaust aus.“ Damit ging ſie an ihren Kochherd zurück, während Arthur zu gleicher Zeit durch das faſt dunkle Vorzimmer ſchritt und nun an die Thüre des Wohnzimmers klopfte. „Herein!“ klang es ihm entgegen; und eine feine Kinderſtimme ſetzte hinzu:„Wenn's kein Schneider iſt!“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Illuſtrationen. Arthur hatte ſich vorgenommen, die Wohnung des Mädchens, das er ſtill und wahr liebte, behaglich und angenehm zu finden, wenn auch gerade hier nicht viel von dem ſei, was zum Comfort 60 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. des Lebens gehöre. Das Vorzimmer erſchien ihm aber etwas zu ärmlich; er bemerkte nichts als in einer Ecke ein Bett und in der anderen einen alten Stuhl. Das Wohnzimmer kennt der geneigte Leſer bereits; wenn er es auch nur bei Nacht geſehen, ſo müſſen wir ihm leider die Verſicherung geben, daß es heute beim trüben Licht— einem falben Lichte, das ſich kaum nothdürftig durch die hohen, finſteren Dächer und den Schnee und Regen, der draußen fiel, herein ſtehlen konnte,— nicht viel wohnlicher ausſah. Herr Staiger in ſeinem unvermeidlichen blauen Ueberrock ſaß am Fenſter und ſchrieb wie immer eifrig darauf los. Wärmer war es heute freilich in dem Zimmer, als an jenem Abend, und das kam daher, weil das kleine Mädchen gerade im Begriff war, einen Topf Kartoffeln in dem Ofen ſieden zu laſſen. Die Thüre deſſel⸗ ben ſtand halb offen, und es drang ein leichter Waſſerdampf daraus hervor, der von dem Bübchen, das neben ſeiner Schweſter ſtand, begierig aufgeſogen wurde. Der alte Mann an dem Fenſter richtete ſeinen Blick von der Arbeit auf und ſah den Eingetretenen ſcharf an. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe er ihn erkannte, dann aber ſteckte er die Feder hinter das Ohr, erhob ſich freundlich und eilte ſeinem Bekannten entgegen, worauf er ihm herzlich die Hand ſchüttelte. Das Bübchen ſchaute aufmerkſam zu; es hatte auf ſeinem Kopfe einen Hut von Papier in militäriſcher Form und in der Hand ein ſehr kunſtlos gearbeitetes hölzernes Schwert. Es hatte vorhin von dem Schneider geſprochen, und als der Fremde eintrat, den Griff ſeines Schwertes erfaßt. Jetzt aber, als es ſah, daß der fremde Mann in friedlicher Abſicht zu kommen ſchien, fuhr es mit der Hand an ſeinen papiernen Hut und grüßte militäriſch. „Sehen Sie, ich halte Wort,“ ſagte Arthur,„und wäre ſchon früher gekommen, aber ich wollte Ihnen Zeit laſſen, um wegen unſeres Geſchäftes zu überlegen.“ „Ah! was die Illuſtrationen anbel angt! Ja, ich habe mich auch Illuſtrationen. 61 ſchon damit beſchäftigt und Einiges aufgeſchrieben. Kommen Sie an meinen Arbeitstiſch und nehmen Sie Platz.“ Arthur ſetzte ſich dem alten Manne gegenüber an's Fenſter und blickte nachdenkend hinaus. Es war dies daſſelbe Fenſter, durch welches er ſo oft Licht ſchimmern ſah, wenn es ihm erlaubt war, die Tänzerin bis an's Haus zu begleiten. Jetzt war er ohne ihr Vorwiſſen in ihr Aſyl gedrungen und hatte damit gewiſſermaßen ihren dringenden Wunſch, ihren Befehl übertreten. Doch entſchul⸗ digte er ſich mit den Umſtänden, welche ihn hieher geführt, und redete ſich ein, er würde ja im Auftrage des Buchhändlers den alten Herrn auch beſucht haben, ſelbſt wenn er nicht gerade Cla⸗ ra's Vater wäre, was auch ſo halb und halb ſeine Richtigkeit hatte. „Haben Sie ſchon an unſere Sache gedacht?“ fragte Herr Staiger.„Wird es Ihnen nicht ſchwer werden, hier in unſerem ſtillen Leben Phyſiognomien zu Ihren Gebilden zu finden, oder wollen Sie ſich ganz Ihrer Phantaſie überlaſſen?“ „Nein, nein!“ entgegnete Arthur,„ich werde mich ſo viel als möglich an Perſonen halten, die mir gerade aufſtoßen, natürlicher Weiſe, ohne gerade Portraits zu liefern. O, es gibt hier Köpfe genug, die ganz prächtig für Sklaven und ihre Käufer und Ver⸗ käufer paſſen.“ „Glauben Sie?“ ſagte der alte Mann und ſah ihn mit einem leuchtenden Blicke an.„Das habe ich mir auch ſchon gedacht; und meinen Sie nicht auch, daß es nicht nur hier bei uns Menſchen gibt, die den in dieſem Buche beſchriebenen gleichen, ſondern daß ſich auch manche unſerer Verhältniſſe ſehr ähnlich ſehen?“ „Gewiß!“ erwiderte Arthur lächelnd, und dachte an Madame Becker und Herrn Blaffer. Dem Gedanken an den Letzteren lieh er auch Worte, indem er ſagte:„ich würde mir gar gern das Vergnügen machen, unſeren gemeinſchaftlichen Buchhändler und Freund als Sklavenhändler darzuſtellen. Aber er wird es nicht zugeben, daß man ihn auf ſolche Art in Holz ſchneidet und verewigt.“ 62 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Nein, gewiß nicht!“ verſetzte Herr Staiger.„So Etwas wollen wir auch gar nicht unternehmen; Gott ſoll mich bewahren! Das müßte mich ohne Weiteres um ſeine Kundſchaft bringen.“ Das Bübchen war unterdeſſen näher geſchlichen, ſteckte den Kopf unter den Arm ſeines Vaters und ſah den fremden Mann mit ſeinen großen treuherzigen Augen an. Nothwendiger Weiſe mußte jetzt Arthur fragen:„das ſind Ihre Kinder, Herr Staiger?“ Und eben ſo ſicher war es, daß der alte Mann darauf ant⸗ wortete:„es ſind meine beiden jüngſten; meine älteſte Tochter wird bald nach Hanſe kommen. Die haben Sie gewiß ſchon oft geſehen?“ So unbefangen nun dieſe Frage an und für ſich war, ſo verurſachte ſie doch dem Maler einiges Herzklopfen, denn er wußte nicht, ob der Vater das öftere Sehen auf das Hoftheater bezog, oder ob er am Ende Kunde hatte, daß der vor ihm ſitzende junge Mann ſeine Clara ſchon zum öfteren Male nach der Balkenſtraße begleitet. Doch fuhr der alte Herr gleich darauf arglos fort:„meine Tochter iſt bei dem Ballet angeſtellt, und da wäre es doch möglich, daß Sie vielleicht ſchon ihren Namen geleſen und ſie geſehen.“ „Clara tanzt ſehr ſchön,“ ſagte das Bübchen mit Beſtimmtheit; worauf es ſich aber augenblicklich dieſer Worte ſchämte und ſeinen Kopf unter dem Arm des Vaters verbarg. „Woher weißt du das, kleiner Mann?“ fragte Arthur lachend. „Du gehſt doch gewiß noch nicht in's Theater.“ „Sie haben bei der Schweſter ſo lange gebettelt,“ antwortete Herr Staiger ſtatt des Gefragten,„bis Clara ſie einſtens in eine Generalprobe nahm. Auch übt ſie ſich zuweilen hier zu Hauſe.“ „Dort an der Stange,“ ſetzte der Knabe hinzu;„und dann hat ſie ein kurzes Röckchen an und einen ſchwarzen Spenſer. Wenn Illuſtrationen. 63 du es einmal ſehen willſt, ſo mußt du morgen früh kommen; jetzt iſt es dazu zu ſpät, denn wir werden gleich eſſen.“ „Das iſt wahr; daran habe ich nicht gedacht,“ entgegnete Ar⸗ thur,„und ich bin zu einer ganz ungelegenen Zeit gekommen.“ „Clara wird gleich nach Hauſe kommen,“ ſprach das Bübchen, „dann kannſt du ſie ſehen. Aber tanzen thut ſie nicht.“ „Ich wäre auch zu einer ſchicklicheren Stunde gekommen,“ fuhr Arthur fort, anſcheinend ohne auf das Geplauder des Kleinen zu achten,„aber Sie ſagten mir ſelbſt, von Zwölf bis Eins ſei die Stunde Ihrer Ruhe.“ Es iſt für alle Fälle des Lebens gut, wenn der Menſch mit Verſtand und Ueberlegung zu lügen verſteht. „Die Kinder plaudern immer von dem, was ſie am liebſten thun,“ erwiderte Herr Staiger;„und dazu gehört namentlich das Eſſen.“ „Wir haben heute Kartoffeln mit Gänſefett,“ ſagte Karl mit dem größten Ernſt;„und das mag ich; vielleicht bringt auch Clara eine Wurſt mit. Willſt du miteſſen?“ Die vorſichtigere und einige Jahre ältere Schweſter hatte ſich in dieſem Augenblicke hinter den Stuhl ihres Vaters geſchlichen und zog den kleinen Indiscreten ein paar Schritte zurück, erſtens, um ihm die Naſe zu putzen, und zweitens, um ihm artiges Be⸗ tragen einzuſchärfen. Doch war er nicht ſo leicht von dem Gaſte — ein ſolcher war nämlich in der Familie etwas Seltenes— weg⸗ zubringen, und Arthur ermunterte ihn, da ihm die unbefangenen Reden des Kleinen Spaß machten. Herr Staiger zog unter ſeinen Papieren einen beſchriebenen Bogen hervor und ſagte:„Sie haben mich neulich gebeten, einige Momente außzuſchreiben, die ich zu Illuſtrationen für beſonders geeignet hielte. Ich habe es mit Schüchternheit gethan, und hier ſind nun ein paar verzeichnet. Man muß natürlich die graſſeſten Epiſoden hervor heben, und daran fehlt es in dem Buche nicht. Es 64 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. iſt da zuſammen getragen, was ein Menſchenherz nur erſchüttern und zerſchmettern kann.“. „Und läßt ſich leicht zeichnen,“ verſetzte Arthur,„da dort Alles ohne Scheu und öffentlich vor ſich geht— Aber gerade dieſe Oef⸗ fentlichkeit,“ fuhr er fort,„mit der jene Sachen in den Sklaven⸗ ſtaaten betrieben werden, gewährt für die armen Schlachtopfer eine Art Troſt. Man bringt ſie auf den Markt. ſie wiſſen, daß ſie verkauft werden, es geht das Alles nach beſtimmten, wenn auch harten Geſetzen, nicht wie bei uns, wo dieſelben ſchauderhaften Ge⸗ ſchichten im Geheimen und mit raffinirter Grauſamkeit betrieben werden. Hier wäre es ſchwieriger, eine Onkel Tom's Hütte zu illuſtriren, denn man kann dem hieſigen Sklavenhändler nicht das Zeichen ſeiner Würde, die große Peitſche, anhängen. Der iſt hier gekleidet, wie jeder andere ehrliche Menſch auch, und verſchwindet förmlich unter der Menge ohne beſondere Kennzeichen.“ „Ein Merkmal haben ſie doch öfters an ſich,“ ſagte der alte Mann nachdenkend, indem ein leichtes Lächeln über ſeine Züge flog;„ſie ſchlagen gern die Augen nieder, befleißigen ſich eines ſcheinheiligen und äußerlich ſehr frommen Lebens.“ „Ah ja! von denen, die keine Betſtunde verſäumen und da⸗ gegen ihren ſündigen Nebenmenſchen mit ſo leichtem Gewicht meſſen!“ „Und Zehn vom Hundert nehmen.“ „Und Rechnungen zum zweiten Male ſchicken, wenn ſie viel⸗ leicht vorausſetzen, man habe die Quittung von der erſten verloren.“ „Ah! wir kommen da ins Zeug hinein,“ ſprach lachend der alte Mann,„wie ein paar böſe Klatſchſchweſtern bei ihrem Kaffee. Ich ertappe mich in jüngſter Zeit leider oftmals über ſo menſchen⸗ feindlichen Gedanken, die mir früher gänzlich fremd waren. Ich weiß nicht, was daran Schuld iſt.“ „Vielleicht die Ueberſetzung Ihres Buches; man ſtellt da Ver⸗⸗ gleichungen an über Menſchen und Zuſtände, die gerade nicht zur Erheiterung und zum Erhalten der guten Laune beitragen.“ Illuſtratio nen. 65⁵ „Darin haben Sie nicht ganz Unrecht,“ meinte der alte Mann.„Aber wenn ich lange überſetzt habe, ſo nehme ich ge⸗ wöhnlich ein angenehmes Gegengift; hier habe ich es in dieſen Büchern.“ „Ah! Charles Sealsfield!“ erwiederte Arthur freudig, indem er eins der dargereichten Bücher aufſchlug und den Titel las. „Das ſind herrliche, liebenswürdige Schilderungen deſſelben Le⸗ bens, welches uns die Verfaſſerin von Onkel Toms Hütte gibt. Ginge es dem Rechten nach, ſo müßten dieſe Lichtſtrahlen weit mehr Auflagen, weit größere Verbreitung finden, als dieſe tiefen Schatten. Aber leider gibt es ſo viele Menſchen, denen es nur im Trüben wohl iſt. „Und die das Licht ſcheuen,“ entgegnete Herr Staiger ernſt und feierlich und ſah wie träumend an die Decke des Zimmers.— —„Aber ſie ſind mächtig in ihrem Schatten,“ ſprach er nach einer längeren Pauſe,„und ſie beſchwören ihn von allen Seiten herauf durch heuchleriſche Gebete und Zuſchautragen von falſcher Buße. Wie dichter Nebel ſteigt es langſam empor und kämpft mit den heiteren Sonnenſtrahlen; aber glauben Sie mir, dieſe Nacht wird das Licht überwältigen; langſam aber ſicher wird der heitere Glanz eines luſtigen und darum doch nicht ſündenhafteren Erdenlebens verſchwinden. Der Geſang fröhlicher Vögel verſtummt, denn dieſe lieben das Sonnenlicht, und nur Geſchöpfe der Nacht werden ſich künftig gütlich thun in den dichten, grauen, ſtinkenden Nebeln, die ſich langſam aber ſicher um uns ſchlingen;— der Geſang der Freude verſtummt nach und nach, und der einzige Klang, der noch an unſer Ohr ſchlägt, ruft uns melancholiſch und traurig zu: thut Buße, geht in euch; ihr habt kein Recht auf das freundliche Sonnenlicht, das ein gütiger Schöpfer ausſtrömen läßt durch das Zanze Firmament; ihr habt kein Recht an den Genuß dieſer Er⸗ dengüter, an Luſt und Freude, denn ihr ſeid alleſammt geborene Hackländers Werke. XVII. 5 66 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Sünder und unwerth der Gnade!— Doch ich predige Ihnen da ſchreckliche Sachen vor,“ unterbrach ſich der alte Mann plötzlich, indem er mit der Hand über die Augen fuhr.„Sie ſind ja jung, gewiß auch glücklich, und ſehen mir gerade aus wie Jemand, der die Kraft in ſich fühlt, des Lebens Güter im rechten Maße zu genießen. Thun Sie alſo und es wird Sie nicht gereuen.— Aber wovon ſprachen wir doch, ehe ich ein ſo finſterer Seher ward?— Ah! richtig, von den Werken Sealfields!— Ja, das iſt wahr, an dieſen friſchen, kräftigen Schilderungen, an dieſem Buche, dem die Wahrheit aus den Augen ſpricht, erfreut ſich mein Herz. Das iſt ein Leben, wie es wirklich iſt; das ſind Geſchöpfe, wie ſie exiſtiren, keine krankhaften Geſtalten, die unter allen Ver⸗ hältniſſen die rechte Backe hinhalten, nachdem die linke ihren Schlag empfangen.— Sehen Sie, wenn ich müd und matt vom Arbeiten bin, da habe ich ſo meine Stellen, die ich durchleſe, wie dieſe hier, wo das Zeichen iſt.“ Das Bübchen, das ſich bei dieſen für ihn unverſtändlichen Reden offenbar gelangweilt hatte, war unterdeſſen dem Maler näher und näher gerückt, hatte zuerſt ſanft ſeinen Rock berührt, dann ſeinen Hut von einem benachbarten Stuhle genommen und pro⸗ birte ihn nun ſtatt der früheren militäriſchen Kopfbedeckung. „So einen Hut möchte ich auch,“ ſagte es plötzlich und ſtellte ſich vor Arthur hin, ſo daß dieſer laut auflachte über den komi⸗ ſchen Anblick des kleinen Mannes. „Da mußt du erſt groß werden,“ erwiderte er,„da wird es dir hoffentlich nicht an einem ſolchen Hute fehlen.“ „Vor allen Dingen mußt du aber erſt etwas Tüchtiges ler⸗ nen,“ meinte der Vater.„Aber jetzt T Hut wieder dahin; es iſt nicht ſchicklich, Sachen anzugreifen, die Einem nicht gehören. Wenn das Clara ſähe, würde ſie böſe werden.“ Auf dieſe Mahnung hin legte Karl den Hut wieder auf den Illuſtrationen. 67 Stuhl und wandte ſich hierauf mit der naiven Frage an Arthur: „haſt du denn auch Etwas gelernt?“ „O ja,“ entgegnete dieſer lächelnd;„und Etwas, das dir gewiß große Freude machen wird, wenn ich es dir zeige.“ „Was iſt denn das?“ „Ich habe Zeichnen und Malen gelernt. Wenn ich wieder komme und du haſt ein klein Blatt Papier und ein Bleiſtift, ſo will ich dir zeigen, was ich kann.“ „Eine Tafel habe ich,“ entgegnete das Bübchen,„und darauf malt Clara allerlei ſchöne Sachen.“ „So laß mich ſehen, was dir Clara malt,“ ſagte eifrig der junge Mann. „Jetzt habe ich es ausgewiſcht,“ erwiderte der Kleine;„aber ſie kann mir die ſchönſten Schlangen malen, auch Krokodille, Sol⸗ daten und Offiziere.“ „So, auch Offiziere?“ „Ja freilich; die haben Alle einen großen Schnurrbart, einen dünnen Leib und gerade Beine.“ In dieſem Augenblicke wandte das Bübchen haſtig ſeinen Kopf herum, dann brach es plötzlich alle Unterhaltung ab, indem es jubelnd rief:„Clara kommt!“ und zur Thüre hinaus ins Vor⸗ zimmer eilte. Die Schweſter mußte ebenfalls Tritte auf der Treppe gehört haben, denn auch ſie war hinaus gegangen, kluger Weiſe, um Clara auf den unbekannten Beſuch vorzubereiten. Arthur erhob ſich von ſeinem Stuhle; ihm klopfte das Herz und er fühlte ſich ungemgin befangen. Wie wird ſie dieſen plötz⸗ lichen Beſuch Aaaena aan er. Wird ſie nicht zürnen, da ſie dir ausdrücklich verboten, das Haus ihres Vaters zu beſuchen?— Daran war aber jetzt nichts mehr zu ändern, und der Maler hoffte, daß ſich ſchon Gelegenheit geben würde, eine kleine Verſtimmung 68 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. des geliebten Mädchens in die Erlaubniß umzuwandeln, von jetzt ab ferner kommen zu dürfen. „Und wer iſt es denn?“ vernahm er jetzt die Stimme Clara's im Vorzimmer. Worauf das kleine Mädchen etwas ziſchelte, was man nicht verſtand, das Bübchen aber laut erwiderte:„ein Mann mit einem ſchwärzen Hute, und er hat mir geſagt, er könne allerhand ſchöne Dinge malen, Schlangen und Krokodille, beſſer als du, und wenn er künftig wieder kommt, wird er mir auch Soldaten und Offiziere machen.— Haſt du eine Wurſt mitgebracht?“ „Pfui, Karl! ſei ſtille!— Ein Maler alſo?— Ah!“ Damit öffnete die Tänzerin die Thüre, blieb aber überraſcht auf der Schwelle ſtehen, und ihr Geſicht, Hals und Nacken über⸗ zog ſich mit tiefer Röthe. Sie erkannte ihn augenblicklich; ob⸗ gleich es eine Wirkung der Freude war, welche das Blut gewalt⸗ ſam nach ihren Wangen trieb, ſo war es doch auch wohl die Er⸗ wartung, was er hier bei dem Vater zu thun habe, und daneben auch ein klein wenig Verdruß, als ſie durch ſeine Anweſenheit erſah, daß er ihrem ſtrengen Befehl nicht Folge geleiſtet. „Meine Tochter Clara,“ ſagte Herr Staiger, der aber glück⸗ licher Weiſe gerade ſein Manuſcript zuſammen ſchob und das Buch von Sealfield darauf legte.—„Mein Aelteſte, der Stolz der Familie.“ 3 „Ah Papa!“ verſetzte das Mädchen in großer Verlegenheit. Und da hiedurch ihr liebes Geſicht das Recht erhielt, einige Ver⸗ wirrung zu zeigen, ſo brauchte ſie dieſe nicht zu verbergen, als nun der alte Mann lachend ſagte: „Ei mein Kind, du darfſt nicht erröthen: wer ſo mütterlich für uns Alle ſorgt, der darf in Wahrheit der Stolz der Familie genannt werden. Habe ich nicht Recht, Karl?“ Das Bübchen hatte ſich an ihren Arm gehängt und ergriff ſtatt aller Antwort ihre Hand, die er nun bald hier bald da an —— Illuſtrationen. 69 ſein Geſichtchen drückte. Die kleine Schweſter dagegen nahm Hut und Tuch in Empfang, die Clara eilig ablegte, dann verſtohlen einen Blick in den Spiegel warf und ſich nun leicht, graziös und unbefangen dem Fenſter näherte, wo Arthur ſtand. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Ein einfaches Mittageſſen. Wie war das Mädchen, erhitzt von dem Tanze und der Auf⸗ regung, ſo wunderbar ſchön! Wie glänzten ihre dunklen Augen, wie leicht und elegant ſchritt ſie daher! Arthur ſah mit der innig⸗ ſten Liebe auf ſie, und er mußte ſich geſtehen, lauge kein ſo lieb⸗ liches Bild geſehen zu haben. Er ſenkte ſeinen Blick in ihr Auge, tief, innig und bittend, und namentlich der letztere Ausdruck ſchien ihren Unmuth zu verſcheuchen. „Das iſt Herr Arthur Erichſen, ein junger Maler und ein neuer freundlicher Bekannter, den ich mir erworben. Wir trafen uns neulich beim Buchhändler Blaffer, von dem er den Auftrag hatte, Onkel Toms Hütte zu illuſtriren, und er kam nun hieher, um ſich mit mir über dieſe Illuſtrationen zu beſprechen.“ „Gewiß, mein Fräulein,“ nahm Arthur eifrig das Wort, „ich beſuchte Ihren Papa in der Abſicht, um mir ſeinen Rath zu erbitten, auf welche Art dieſe ſchwierige Arbeit am beſten an⸗ zugreifen ſei.“— Clara lächelte ein wenig, aber ſo unmerklich, daß nur Arthur es ſah. Ein Liebender bemerkt ja Alles, und auch für ihn nur war deßhalb der momentane Blitz in ihren Augen verſtändlich⸗ 70 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. ſowie ein unbedeutendes Zucken der Mundwinkel,— dieſer kleinen, reizenden Mundwinkel. Die Röthe von vorhin war von ihrem Geſichte gewichen, ja hatte einer leichten Bläſſe Platz gemacht, als ſie vor Arthur ſtand, die Hand auf den Tiſch geſtützt, und ihm ſagte:„es freut mich ſehr, daß Sie Papa beſucht haben und daß Sie ſo gütig waren, mit ihm über Ihre Arbeit zu plaudern.— Ach!“ ſetzte ſie hinzu, „es kommt ſo ſelten Jemand zu ihm, der mit ihm zu ſprechen ver⸗ ſteht, gegen den er ſeine Ideen und Anſichten austauſchen kann, daß es ihm gewiß, gewiß recht lieb war, daß Sie gekommen.“ Wir müſſen geſtehen, daß Arthur athemlos auf ihre Worte gelauſcht, und daß ſie ihn ſo treuherzig und lieb anſah und ihm ſagte, es ſei dem Papa gewiß— gewiß recht lieb, daß er gekom⸗ men, da durchzuckte ihn ein unnennbar ſüßes Gefühl, ſein Herz ſchien einen Augenblick die Pulsſchläge auszuſetzen und ſtill zu ſtehen vor übergroßer Freude und Seligkeit. Er geſtand ſich oft, dies ſei einer der ſüßeſten Momente ſeines Lebens geweſen, und es thue ihm nur leid, daß er gewaltſam ſeine Thränen zurückge⸗ halten habe, die im Begriffe waren, ihm in die Augen zu treten. Auch Clara fühlte Aehnliches, denn nachdem ſie geſprochen, wie wir ſo eben hier niedergeſchrieben, blieb ſie noch eine Sekunde ruhig vor ihm ſtehen, ſchaute ihn ſo herzlich an, wie er ſie, und Beide hatten den gleichen Gedanken: ſie waren froh, daß ſie ſich jetzt endlich einmal im hellen Licht des Tages ſahen,— und ſo nahe, nicht wie früher immer im Halbdunkel der Straße, wenn ſie aus dem Wagen ſprang, oder beim falſchen Glanz der Lichter. Wie lange dieſes gegenſeitige Beſchauen wohl gedauert hätte, weiß der liebe Gott. Glücklicher Weiſe aber legte ſich das Büb⸗ chen in's Mittel und zog die beiden hochfliegenden Seelen in den Bereich der Wirklichkeit zurück. „Die Kartoffeln ſind fertig,“ ſprach es mit beſtimmtem Tone, aſie platzen ſchon auf.“ Ein einfaches Mittageſſen. 71 „Dann iſt es Zeit!“ rief Arthur, indem er wie aus einem tiefen Traum erwachte;„und ich muß mich entfernen, um Sie nicht in Ihrem Mittageſſen zu ſtören.“ Bei dieſen Worten ſah der alte Mann ſeine Tochter bedeutſam an, und als Clara ſanft lächelte, ſagte er:„o, laſſen Sie ſich gar nicht ſtören, lieber Herr Erichſen, bleiben Sie noch eine Weile da; wir plaudern vielleicht noch ein wenig. Ich kann Ihnen leider von unſerer einfachen Koſt nichts anbieten,— nun— eben— weil ſie gar zu einfach iſt.— Aber draußen,“ ſetzte er hinzu, in⸗ dem er durch's Fenſter ſah,„ſchneit und ſtürmt es ſo gewaltig, daß Sie unmöglich in dieſem Augenblicke fort können; auch ſpei⸗ ſen Sie gewiß ſpäter.“ Wenn man etwas gerne thut, ſo läßt man ſich leicht dazu überreden. Arthur blickte fragend auf Clara, die lächelnd ihre Augen niederſchlug. Doch ſchien ihm dies Augenniederſchlagen von einem kleinen Kopfnicken begleitet zu ſein, weßhalb er ſich denn eifrigſt und gern bereit erklärte, noch eine halbe Stunde da zu bleiben. Die jüngere Schweſter hatte unterdeſſen den Tiſch gedeckt, Clara ging in das Vorzimmer, ihr folgte das Bübchen, welches eine richtige Ahnung hatte, daß ſie ſich vor dem Gaſte geniren würde, die bewußte Wurſt aus der Taſche zu ziehen, daß dies aber draußen unverzüglich geſchehen müſſe.— Und ſo war es denn auch. Die Tänzerin kam alsbald mit einem Teller wieder herein, auf dem der erwähnte Leckerbiſſen lag. Dann ſetzte ſich Alles um den Tiſch herum; er war ärmlich, aber reinlich gedeckt mit einem groben doch weißen Tiſchtuch und glänzenden Zinntellern. Der Maler, der eine Aufforderung zum Niteſſen ablehnte, ſetzte ſich einen halben Schritt rückwärts neben Clara. Er konnte ſo ſeinen Arm auf die Lehne ihres Stuhles ſtützen, und wenn er nun den Kopf vorn über lehnte, und ſie ihm plötzlich etwas ſagen 72 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. wollte, ſo berührte ihr kühles, volles, duftiges Haar ſeine heiße Stirne. „Karl, du mußt beten,“ ſagte die jüngere Schweſter zu ihrem Bruder, der an ſeinem Platze ſaß und die Augen unverwandt auf einen Punkt des Tiſches gerichtet hatte. Das dort auf dem Zinn⸗ teller nahm ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch, daß er mechaniſch ſeine Hände faltete und gedankenlos ſein Morgenge⸗ bet anfing: „Engelein komm', Mach' mich fromm!“ Doch wurde ihm dieſe Nachläßigkeit nicht geſtattet, und er brachte nun den uns ſchon bekannten Tiſchſpruch vor, natürlicher Weiſe mit unverbeſſerlichem Fehler, ſetzte auch hinter dem„Amen!“ raſch hinzu:„jetzt bekomme ich auch Wurſt.“ Nun nahm das Mahl ſeinen Anfang, der Vater und die jüngeren Kinder griffen herzhaft zu; nur Clara ſpielte mit ihrem Eſſen, und es ſchien ihr faſt unmöglich, einen Biſſen hinunter zu bringen. 5 Arthur munterte ſie lächelnd auf, ſich ſelbſt nicht zu vergeſſen, und er that dies, indem er das außerordentlich ſchöne Ausſehen der Kartoffeln lobte, worauf nun natürlicher Weiſe die Einladung des alten Herrn erfolgte, auch eine zu verſuchen, und er forderte Clara zu dieſem Zweck alsbald auf, einen Teller zu bringen. Dies lehnte aber Arthur eifrigſt ab, und nach einigem Hin⸗ und Herreden, Nöthigen und Weigern entſchloß er ſich endlich, einen Biſſen von dem Teller der Tänzerin und zwar mit deren Gabel zu nehmen. Hiebei bewährte ſich nun aber das Sprichwort, daß der Appetit während des Eſſens kommt, denn dem erſten Biſſen folgte ein zweiter, ein dritter und ein vierter, zwiſchen welchen aber jedes Mal die Gabel gewechſelt wurde, das heißt, einmal nahm ſie Clara, und dann erhielt ſie der Maler wieder. Da ſich auch hiebei ihre Hände berührten, ihre Blicke viel Schönes zu Ein einfaches Mittageſſen. 73 einander ſprachen, auch das Haar der Tänzerin häufig ſein Geſicht ſtreifte, ſo hielt Arthur ein Mittagsmahl, wie es kein König beſſer und köſtlicher haben konnte. Leider war das Diner bald zu Ende, und als ſich nun Arthur endlich alles Ernſtes entfernen wollte, denn ſein Herz war übervoll, meinte das Bübchen, nach dem Eſſen ginge man nicht gleich fort, wie es ſchon gehört habe, und bat den Maler, er möge nun ſo artig ſein, ihm eine Schlange oder ein Krokodill zu machen. Er brachte deßhalb ſeine Tafel herbei, zerrte den Künſtler an das Fenſter und zwang ihn, dort wieder Platz zu nehmen. Der alte Mann ſtellte ſich einen Augenblick daneben, und als er ſeinen Sohn vergeblich erſucht, den Herrn nicht zu plagen, ver⸗ lor er ſich in's Vorzimmer, wo er ſich auf einen Stuhl ſetzte, ein Taſchentuch über ſein Geſicht hing und ein kleines Mittagsſchläf⸗ chen machte. Die jüngere Schweſter und Clara räumten den Tiſch ab, dann ſetzte ſich Letztere an die andere Seite deſſelben. Arthur hatte die Tafel ergriffen und entwarf eine ſolch' rieſenhafte Schlange, daß die berühmte des Kapitän Boa dagegen nur ein wahrer Regen⸗ wurm war. Während des Zeichnens aber warf er einen Blick im Zimmer umher, und als er bemerkte, daß das kleine Mädchen in einer Ecke neben dem Ofen mit dem Spülen des Geſchirr's be⸗ ſchäftigt war, und die Thüre des Vorzimmers feſt zugezogen ſei, ſagte er zu Clara:„ſind Sie mir böſe, daß ich hergekommen?“ Worauf dieſe nach einer Pauſe erwiderte:„ich hatte mir wohl gedacht, daß dies am Ende geſchehen würde.“ „Aber erſt viel ſpäter,“ entgegnete Arthur,„denn ich hätte Ihren Befehl gewiß reſpektirt; aber es iſt ſo, wie Ihr Vater ge⸗ ſagt: wir trafen uns bei dem Buchhändler, und wenn es auch hier nicht Ihre Wohnung geweſen wäre, ſo hätte ich doch den Ueberſetzer von Onkel Tom's Hütte aufſuchen müſſen.— Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht?“ 74 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Clara ſchüttelte den Kopf und antwortete:„ich weiß nicht, was ich davon ſagen ſoll; ich kenne Sie ſchon ſeit einiger Zeit, aber ich kannte Sie bis jetzt nur wie Etwas, das kommt und ver⸗ ſchwindet, wie ein Traum— wie der Schein der Sonne; oder auch,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„wie Regen und Sturm.“ „Und wie Etwas,“ bemerkte Arthur, indem er den Griffel ſinken ließ,„was uns eigentlich nicht viel kümmert, was uns gleichgültig iſt, wenn es auf einmal ganz ausbleibt, an das wir nicht mehr denken, wenn es nicht wieder erſcheint.“ „O nein!“ erwiderte die Tänzerin,„nicht ſo ganz. Sagen wir lieber, wie etwas— Angenehmes, das uns widerfährt, und das wir dankbar hinnehmen, dem wir vielleicht betrübt nach⸗ blicken, weil es uns plöͤtzlich ganz verſchwindet, das wir aber kein Recht haben, zurückzurufen, weil— weil— wir nun einmal kein Recht dazu haben.“ „Aber die Schlange hat noch keine Zähne,“ ſprach das Büb⸗ chen.„Mach' ihr große. Und dann will ich auch ein Krokodill haben.“. „Soll ich dir nicht lieber deine Schweſter Clara zeichnen?“ fragte der Maler. 8 „Mir wäre ein Krokodill lieber,“ entgegnete das Kind;„Clara ſehe ich den ganzen Tag. Wenn du ſie aber nachher zeichnen willſt, iſt es mir auch recht.“ Arthur that wie ihm befohlen, dann aber nahm er das Ge⸗ ſpräch von vorhin wieder auf. „Und weßhalb,“ fragte er,„hätten Sie kein Recht, das ge⸗ wiſſe— mich zurückzurufen?“ „Und auf welche Art ſollte ich es thun, wenn Sie plötzlich ausgeblieben wären?— Wenn ich auch vielleicht gewollt, ich ſah Sie ja nur auf Augenblicke, bald hier, bald da, ich wußte ja kaum Ihren Namen. Und dann hatten Sie mir auch nie geſagt: mor⸗ Ein einfaches Mittageſſen. 75 gen ſehe ich Sie wieder, oder übermorgen,— ein ſolches Ver⸗ ſprechen hätte mich auch ängſtlich gemacht.“ „Weil Sie mir wohl hätten antworten müſſen: ja, es iſt mir recht, ich will Sie morgen oder übermorgen wieder ſehen,— und weil Ihnen das wie eine Verpflichtung vorgekommen wäre, und weil Sie keine Verpflichtungen gegen mich übernehmen wollen.“ „Es iſt vielleicht ſo,“ ſagte Clara, indem ſie ihn lächelnd an⸗ blickte,„ich habe mich immer davor gefürchtet. Und deßhalb bat ich Sie auch, nicht in unſer Haus zu kommen.“ „Sehen Sie, Clara,“ verſetzte der Maler halb und halb be⸗ trübt,„es iſt doch, wie ich mir dachte: Sie ſpielten mit mir, und wenn Sie mir einmal nicht mehr erlauben wollten, Ihnen an der Treppe des Theaters oder am Wagen gute Nacht zu ſagen, ſo wären Sie vielleicht raſch an mir vorübereeeilt und hätten mich gar nicht mehr angeſehen.“ 1 „Das hätte ich gewiß nie gethan, ſo lange Sie ſich mir ſo ruhig und ſtill gezeigt, wie Sie thaten. Glauben Sie mir, die anderen Tänzerinnen ſchelten mich kalt, gefühllos, ja hochmüthig, weil ich es nun einmal nicht machen kann wie ſie; aber ich bin es nicht. Von Hochmuth kann ja auch keine Rede ſein; da habe ich immer davor zurück gebebt, mit irgend Jemand in nähere Berüh⸗ rung zu kommen. Ich weiß ja wohl, daß ich eine arme Tänzerin bin, daß ich mich hinausſtellen muß vor die Lampen, daß mich Jedes anſieht, wie es mag, und daß nun Jeder das Recht zu ha⸗ ben glaubt, mit dem Mädchen ſo geradehin zu ſprechen, wie es ihm in den Mund kommt. Das fürchtete ich auch von Ihnen, und deßhalb ſchrak ich zurück, als Sie das erſte Mal mit mir ſprachen.“ „Aber Ihre Furcht war überflüſſig.“ 4 „Gewiß, und ich danke Ihnen herzlich dafür,“ erwiderte Clara. —„Aber wiſſen Sie wohl,“ fuhr ſie nach einem kleinen Still⸗ ſchweigen fort, in der Abſicht, das Geſpr äch zu ändern,„wiſſen Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Sie wohl, daß ein paar von den anderen Tänzerinnen es wohl gemerkt, daß ich mit Ihnen hie und da geſprochen?“ „Sie hatten mich ſchon auf der Bühne geſehen?“ „Nein, da nicht, aber neulich Abends, als Sie am Wagen ſtanden, wie wir einſtiegen. Da ſind Alle mit Reden über mich hergefallen. Ich hätte mich ſo lange verſtellt und immer Alles ab⸗ gelängnet, und nun käme es auf einmal heraus, und ich ſei furcht⸗ bar verſteckt, aber jetzt könne ich nicht mehr läugnen.“ „Und was ſollten Sie nicht läugnen können?“ „Daß ich Sie Abends am Wagen geſehen.“ „Und iſt das ſo ſchlimm?“ „Ah!“ ſagte Clara lachend,„nehmen Sie mir nicht übel, wenn man ſo plötzlich aus dem Dunkel daher ſchießt und einer Tänzerin ſagt: o wie vortrefflich haben Sie heute getanzt! O wie ſchön ſahen Sie aus!“— „Ja, das habe ich geſagt,“ unterbrach ſie Arthur träumeriſch. „Und wenn man Einen obendrein bei der Hand faßt, das iſt doch ſchlimm genug. Und an dem Abend habe ich mich auch eigent⸗ lich vor Ihnen gefürchtet.“ „Aber ich mußte Ihnen damals ein Wort ſagen, Clara. Ich konnte nicht nach Hauſe gehen, ohne Ihre Hand berührt zu haben; mein Herz war zu voll. Waren Sie wirklich böſe auf mich?“ „Nur eine Weile,“ entgegnete das Mädchen, indem ſie ihn mit ihren großen Augen anſchaute,„und eigentlich auch nur, weil mich die Andern ſo neckten.“ 4 „Was ſagten ſie denn?“ „Ob jetzt endlich ein Prinz gekommen ſei oder ein regierender Herr, den ich für würdig genug befunden, daß er mir den Hof machen dürfe.— Aber ich erzähle Ihnen da lauter dummes Zeug, worüber Sie lachen werden,“ ſetzte ſie ſchmollend hinzu. „Gewiß nicht, Clara, es intereſſirt mich auf's Höchſte.“ „Und der Schwindelmann hatte es ſogar bemerkt.“ — ——— Ein einfaches Mittageſſen. 77 „Wer iſt Schwindelmann?“ „Schwindelmann,“ entgegnete ſie einigermaßen erſtaunt,„iſt der Theaterdiener, der uns zu den Vorſtellungen abholt und im Wagen wieder nach Hauſe bringt.“ „Ein junger Mann?“ fragte Arthur mit einer eiferſüchtigen Regung. 1 „O, Sie müſſen Schwindelmann kennen!“ fuhr ſie fort, ohne den Sinn ſeiner Frage zu verſtehen.„Er läßt den großen Por⸗ talvorhang herab und kennt namentlich mich genau. Er und mein Vater ſind zuſammen in die Schule gegangen.“ „Ah ſo!“ ſagte Arthur ſichtlich erleichtert.„Und der Schwin⸗ delmann hat es geſehen, daß ich Ihnen die Hand gab 2“ „Das will ich meinen, und er war ſehr mürriſch. Sonſt trägt er mir immer meinen Korb und nimmt ihn hinten zu ſich auf den Wagen; aber an dem Abend ſchob er ihn zu mir herein und brummte allerlei in den Bart.“ „Das ſcheint mir ein braver Mann zu ſein, der Theaterdie⸗ ner,“ ſagte Arthur. „Auch fuhr er mich an dem Abend nicht zuerſt zu Haus wie ſonſt, ſondern zuletzt. Und dann ließ er den alten Andreas, den Kutſcher, nach Hauſe, blieb bei mir an der Treppe ſtehen und hielt mir eine ſtarke Predigt.“ „Und das Alles, weil ich Ihnen die Hand gereicht?“ „Allerdings; natürlicher Weiſe bildete er ſich noch viel mehr ein. Es ſei Schade um mich, ſagte er, ich hätte mich ſo gut ge⸗ halten, Alle hätten die größte Achtung vor mir, man könne mir nicht das geringſte Ueble nachſagen, und nun finge ich auf einmal ſo dumme Streiche an!“ „Schwindelmann ſcheint mir bösartig zu ſein,“ verſetzte Arthur einigermaßen ärgerlich. „Nein, er iſt ſehr gut,“ verſetzte die Tänzerin.„Wiſſen Sie, er hat beim Theater ſchon ſehr viel erlebt,“ ſprach ſie mit 78 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. ſehr ernſter Stimme;„er hat geſehen, wie ſchon manches Mädchen unglücklich wurde, und da er mich, wie geſagt, gern hat, ſo warnte er mich auf's Allerernſtlichſte.“ 4 „Vor einem Händedruck?“ „Nicht nur ganz davor,“ eutgegnete ſie heimlich lachend,„aber er ſagte, das wäre der Anfang, und er hatte nicht Unrecht darin. Es iſt bis jetzt Alles gekommen, wie der Schwindelmann mir vor⸗ her geſagt,“ ſprach ſie auf einmal ſehr ernſt werdend, indem ſie vor ſich niederſah.—„Zuerſt würden Sie ſich mir Abends in den Weg ſtellen, mit mir zu ſprechen; und das haben Sie auch ge⸗ than,— anfänglich weniger und dann hänfiger.— Und ſo war es auch. Dann aber“— hier ſtockte ſie einen Augenblick, und fuhr erſt fort, als ſie Arthur aufmerkſam und fragend anblickte— „dann aber würden Sie unter irgend einem Vorwand in unſer Haus kommen; und dann—— wäre ich auf dem Wege des Verderbens.— O mein Gott!“ Dieſe letzten Worte ſprach das Mädchen mit gepreßter Stimme und in ſichtlicher Angſt, und als ſie ausrief:„o mein Gott!“ preßte ſie ihre beiden Hände vor das Geſicht, ſprang auf und eilte zu ihrer kleinen Schweſter, der ſie emſig half, Teller und Gläſer zu ordnen, ohne ſich im Augenblick weiter um ihren Gaſt zu bekümmern. Arthur war überraſcht ſitzen geblieben und hatte die Tafel in den Händen des Bübchens gelaſſen, welches ſie eifrig an ſich nahm und mit zu den Schweſtern hin ſprang, um ihnen das Krokodill und die ſchöne Schlange zu zeigen. Auch der alte Herr trat jetzt nach vollbrachter Mittagsruhe wieder in's Zimmer und mußte ebenfalls die ſeltſamen Thiergeſtal⸗ ten bewundern. 1 Obgleich der Maler dem aufgeregten Mädchen gerne noch einige begütigende Worte geſagt, ſo war dies doch nicht möglich. Sie kam nicht an das Fenſter zurück, ſie ließ ihn ruhig ſeinen Hut Ein einfaches Mittageſſen. 79 nehmen und wandte ſich erſt nach ihm um, als er dem Vater die Hand reichte, dem Bübchen auf den Kopf pätſchelte und der jün⸗ geren Schweſter freundlich zunickte. Dann bot auch ſie ihm einen freundlichen guten Tag, wobei er allein bemerkte, wie ſie durch Thränen lächelte. Als er hierauf gedankenvoll die Treppe hinab ging, ſchüttelte er den Kopf und ſagte:„Thränen bei meinem erſten Beſuch, und Schlangen, die ich zeichnen mußte; wenn das nur keine böſen Vorzeichen ſind!“ Eine lange Zeit hatte, während Arthur bei Herrn Staiger war, draußen auf dem Gange Mademoiſelle Emilie Wundel Bücher und Noten ausgeklopft, auch hie und da einen Vers aus irgend einer Arie getrillert, ohne daß der angenehme junge Mann zurück gekommen wäre. Endlich war Clara erſchienen, und als er auch jetzt noch nicht kam, ging die Ausklopferin achſelzuckend in ihr Zimmer zurück.—„Da hätte ich ſchön warten können,“ ſagte ſie hohnlachend,„das iſt ja eine abgekartete Geſchichte! Wie man auch ſo dumm ſein kann!“— Damit meinte ſie die vorſorgliche Mutter.—„O die Clara! Ich für meine Perſon habe ihr nie was Gutes zugetraut, das kann ich euch verſichern; die hat's lange heimlich getrieben; jetzt wirft ſie alle Scham bei Seite und läßt ihre Liebhaber am hellen Tage in's Haus kommen. Ihr werdet ſchon ſehen: Einen nach dem Andern.— Pfui Teufel über dies Volk vom Ballet!“— 80 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Vetrachtungen. Wir wiſſen nicht, theurer und geneigter Leſer, ob du in dei⸗ nem Leben ſchon in den Fall gekommen biſt, in lebenden Bildern mitzuwirken. Daß du öfter welche geſehen, nehmen wir unbedingt an.— Es iſt das Stellen lebender Bilder in Familiencirkeln eine Krankheit, die hie und da einreißt, die oftmals ſporadiſch auftritt, dann aber auch für gewiſſe Winter ganze Städte epidemiſch be⸗ herrſcht. Das ſind Zeiten der foreirten Bewunderung, wo man oftmals nach ausgeſtandenem Jammer den Lenker aller Dinge an⸗ klagen möchte, daß es überhaupt Bilder gibt, und daß Jemand auf die— ſchöne Idee kam, lebende Bilder zu arrangiren. Wie ſchon bemerkt, ſo erfaßt die Luſt nach dieſem Vergnügen oftmals ganze Städte, und alsdann entgeht keiner ſeinem Schick⸗ ſale: wer nicht zum Mitſtehen gepreßt wird, der muß zuſehen; und welche Art von Schlachtopferei menſchlicher Grauſamkeit die ſchlimmere ſei, ſoll der Beurtheilung einer zweiten Miß Stowe vorbehalten bleiben. Man hat alle Arten von Vergnügen erſchöpft, man hat große Kaffeegeſellſchaften arrangirt, in welchen eine ungeheure Menge von Backwerken verzehrt, eine Anzahl guter Namen zerriſſen, ja eine Maſſe von Zukunften veknichtet wurde. Was das Letztere anbelangt,— die harmloſen Zuthaten zum Kaffee nämlich,— ſo müſſen wir den geneigten Leſer verſichern, daß die Vieruhr⸗, über⸗ haupt die Nachmittagskaffeegeſellſchaften die ſchlimmſten, die blut⸗ dürſtigſten ſind. Das Mittageſſen iſt vorüber gegangen, und der Gemahl, der vielleicht in der Kanzlei von einem Vorgeſetzten be⸗ deutend geärgert wurde, kam verdrießlich zu Tiſche und findet, daß die Suppe verſalzen, die lange Sauce des Gemüſes zu mehlig Betrachtungen. 81 und die Räucherung des Schweinefleiſches nicht vollkommen gelun⸗ gen ſei. Es gab das eine kleine häusliche Scene, die Kanzlei⸗ räthin erlebte einige ſcharfe Bemerkungen, welche in viel kräftigerer Touart, aus allen Regiſtern klingend, in der Küche wiedergeorgelt wurden. Darauf iſt das Bäbele verdrießlich geworden; es iſt überhaupt keine Freude in dem Hauſe, denkt ſie, und ſtatt daß ſie mit dem Spülen um halb Drei fertig wäre, zieht ſie dies Geſchäft bis halb Vier hinaus, wo ſie dann erſt langſam die Hände mit Seife waſcht, um darauf der ängſtlich harrenden Gebieterin das Kleid zuzumachen. Dieſe, geärgert, echauffirt, kann mit dem übri⸗ gen Anzug kaum fertig werden, und erſcheint nun ſtatt um vier Uhr eine Viertelſtunde ſpäter— der geneigte Leſer mag ſelbſt be⸗ urtheilen in welcher Laune— zum Kaffee. Wie ſchon angedeutet, dieſe Nachmittagsgeſellſchaften ſind ent⸗ ſetzlich, und der Geiſt der Verläumdung muß ſie einſtmals in höchſteigener Perſon erfunden haben und dazu geladen den gelben Neid, die grüne Bosheit, gräuliche Heuchelei und alle andern Schweſtern und Brüder dieſer Geſchlechter. Hier wird Alles, was in den Bereich der giftigen Zungen kommt, zerſtückelt, zerriſſen, verdammt ohne alle Gnade und Barmherzigkeit.— Abends bei einem harmloſen Thee geht es ſchon einige Grade ſanfter und ge⸗ müthlicher zu. Am Ende des Tages iſt man überhaupt verſöhn⸗ licher geſtimmt, iſt zu Liebe und Duldung geneigter jeder Menſch, ja ſogar die Zunge der ſchlimmſten Frau. Da geht es denn oft⸗ mals ohne bedeutendes Blutvergießen ab; es herrſcht hier— mit Ausnahmen natürlich— ein Geiſt der Sanftmuth; nur zuweilen wird ein guter Name geknickt, ein bis dahin guter Ruf vernichtet. — Aber im Laufe des Winters werden ſie langweilig dieſe Ge⸗ ſellſchaften, man hat ſich ſchon zum Oeſteren auf gleiche Art bei⸗ ſammen geſehen, man hat ſchon unzählige Mal die neu paattirte Theemaſchine bewundert oder das Porzellanſervice, das voriges Hackländers Werke. XVII. 6 82 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Jahr angeſchaffte; auch weiß man, daß der Silbervorrath aus achtzehn Löffeln beſteht; die neuen Ueberzüge des Sopha’'s und der Stühle geben keinen rechten Stoff mehr zur Unterhaltung, ja ſogar die eigenen Zungen ſind abgenutzt, und die Zähne haben ſich ſtumpf gebiſſen an dem Wohl und Wehe des lieben Nächſten. Was das Schlimmſte iſt, es iſt vielleicht keiner der glühenden Wünſche erfüllt worden, mit denen man die Winterſaiſon eröffnet, — es kamen die Waſſer all', die gebeten wurden, aber die Ein⸗ ladungen dagegen fielen ſpärlich aus. Madame konnte ſich trotz des großen Aufwands von Zucker, Thee und Backwerk nicht aus der ſiebenten Rangklaſſe erheben und hinein ſchmuggeln in höhere Regionen. Man vergrößert nun die Theegeſellſchaften; ſtatt daß man, wie bis jetzt, die Magd oder einen entlehnten Bedienten herum ſchickte und auf eine Taſſe mit Zuthaten einladen ließ, werden jetzt Karten geſchrieben, auf denen es heißt: Herr und Madame Backſtein bitten Frau Regierungsräthin Hintenüber mit vier Töch⸗ tern zu einem Thé dansant auf morgen Abend ꝛc. Unten links in der Ecke ſteht das bekannte: U. A. w. g.— Um Antwort wird gebeten; die jüngeren Damen überſetzen es ſich aber: Und Abends wird getanzt. 3 Zur gewöhnlichen Theegeſellſchaft war doch nur eine kleinere Anzahl von Gäſten verſammelt, die der Salon ohne viel Schwie⸗ rigkeiten in ſich aufnehmen konnte, eine Anzahl Auserwählter, ein Elitencorps, ein Cadre der Armee; zum tanzenden Thee dagegen iſt nun die ſämmtliche Mannſchaft einberufen worden: Kriegs⸗ reſerve, Landwehr erſten und zweiten Aufgebots, ja längſt ſchon nicht mehr dienſtfähige und ſehr ſtrapazirte Invaliden. Das rüſtet ſich nun Alles, dieſem Rufe Folge zu leiſten, und erſcheint zu Fuß und zu Wagen. Einige Zeit nach der angegebenen Stunde ſind dann die hinteren Zimmer auch glücklich mit Menſchen vollgepfropft, und die vorderen füllen ſich nach und nach ebenſo an. Man be⸗ Betrachtungen. 83 complimentirt ſich, man ſtößt einander, man tritt ſich auf die Hühneraugen, man kann nicht zu einer hübſchen Frau gelangen, denn ſie iſt von einem Kreis von Vaterlandsvertheidigern umgeben, und wenn man endlich glaubt, durchbrechen zu können, wird man von einem langweiligen Kerl zurückgehalten, der durch die hinten Stehenden faſt auf uns hinauf geſchoben wird, der mit ſtets offe⸗ nem Munde ſpricht, uns beſtändig in gelinder Anfeuchtung erhält, und der, ehe er ſich in eine Unterhaltung mit Jemand einläßt, auf alle Fälle vorher ein ſtärkeres Parfüm ſich hätte aufgießen ſollen. In einem der hinteren Zimmer ſitzt die corpulente Hauswir⸗ thin in ſchwitzender Selbſtwonne, zählt unruhig die Häupter ihrer Lieben und denkt mit Wallenſtein: —-————— So Vielen Gebieteſt du! Sie folgen deinen Sternen Und ſetzen, wie auf eine große Nummer, Ihr Alles auf dein einzig Haupt, und ſind In deines Glückes Schiff mit dir geſtiegen. Doch kommen wird der Tag, wo dieſe Alle Das Schickſal wieder aus einander ſtreut; Nur Wenge werden treu bei dir verharren. Den möcht' ich wiſſen, der der Treuſte mir Von Allen iſt, die dieſes Lager einſchließt. Gib mir ein Zeichen, Schickſal! Der ſoll's ſein, Der an dem nächſten Morgen mir zuerſt Entgegen kommt mit einem Liebeszeichen. Während dem ſteht der dürre Gemahl im altmodiſchen ſchwar⸗ zen Fräckchen an der äußeren Zimmerthüre und freut ſich, wie ein Kind auf die Weihnachtsbeſcheerung, über jeden neu Angekommenen. Rechts und links ſtreckt er die Hände zum ſanften Drucke aus, während er einem Dritten zuwinkt und zu einem Vierten ſagt: „ei, Sie kommen ſehr ſpät, Herr Hofkapellmeiſter.“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Letzterer iſt aber offenbar der Klügſte, denn zu einem ſolchen Thé dasant in einem ſtillen Bürgershauſe früh zu kommen und ſpät zu gehen, dazu gehört mehr Heldenmuth als mancher Menſch beſitzt. Hat man erſt einmal ſeine Pflicht gethan, der Frau vom Hauſe ein Compliment gemacht, hat ſich darauf wieder wie ein Krebs zurückgezogen— eigentlich ein ſchlechter Vergleich, denn ein Krebs braucht nicht rückwärts zu ſchauen und läuft behaglich im kühlen Waſſer, während an dir ſehr unbehaglich das Waſſer her⸗ unter läuft und du jeden Augenblick hinter dich ſehen mußt, um nicht die Perle irgend einer Rangklaſſe umzurennen— ſo kann man ſich ja das Uebrige am anderen Morgen von einem Freunde, der bis zum Ende geduldet und gelitten, der Morgens früh um drei Uhr, an allen Gliedern wie gerädert, der Hausfrau zum Ab⸗ ſchied die Hand geküßt und ihr verſichert, daß er lange keinen ſo charmanten Abend verlebt, erzählen laſſen, kann da behaglich den Bericht anhören, wie der Andere die Tanzmuſik noch von ferne ge⸗ hört, den Thee und manches Andere von Nahem gerochen, das Backwerk geſehen und das Souper geahnet habe. Aber auch die Gaſtgeberin fand nicht ihre Rechnung bei der Sache, keine Belohnung für die aufgewendeten großen Koſten: ihr Sohn, der angehende Referendär, hat umſonſt der Tochter des Prä⸗ ſidenten den Hof gemacht; ihre beiden Töchter waren vergeblich in der glänzendſten Toilette erſchienen, in ganz neuen blauen und roſa Baregekleidern; einige junge Leute, für welche man dieſe Fallen ge⸗ ſtellt, waren nur tändelnd um dieſelben hernm geflogen, keiner hatte ſich die Flügel am Strahlenlicht ihrer Augen verbrannt,— und Friederike war doch ſchon ſeit vier Jahren beinahe Zwanzig vor⸗ über und ihre Schweſter Louiſe ein paar Monate älter. Auch ſchien der Hausherr verdrießlich über die großen aufgewendeten Koſten und legte den Fascikel„Thé dansant vom vierten,“ ſeufzend zu ſeinen Haushaltungsrechnungen. Sein Chef und Kanzleidirektor hatte ihm nicht die gehörige Aufmerkſamkeit erwieſen, und die Frau des Betrachtungen. 8⁵ Miniſters war nur einen Augenblick da geweſen, hatte ſogar zwei und ein halbes Mal gegähnt und über ungeheure Fatigue geklagt, als ſie ſagte, ſie müſſe noch heute Abend in eine andere Soiré fah⸗ ren, zur Baronin Schnabilinsky.—— Das hat man unn Alles hinter ſich; man will keinen Thé dansant mehr veranſtalten, man will auch nicht zurückgreifen zu den langweiligen Theegeſellſchaften, und da taucht einem erfindungs⸗ reichen Kopfe die Idee auf, lebende Bilder zu ſtellen; es iſt das eine ſchöne Abwechslung und ein vielverſprechendes Vergnügen.— Aber wie es dem armen Menſchenkinde ſo oft geht: er ſieht nur die Außenſeite, ohne ſich um die Schattenpartien zu bekümmern. . Wir können ein Wort darüber mitſprechen, geneigter Leſer, denn wir kennen das Kapitel lebender Bilder, wir haben dieſes Vergnü⸗ gen durchgekoſtet und genoſſen in allen ſeinen betrübenden Einzel⸗ heiten. Wir haben in lebenden Bildern mitgewirkt in der unſchul⸗ digſten und angenehmſten Art derſelben, wo ſie harmlos improvi⸗ ſirt waren, wo eine einfache Stubenthüre das Proſcenium bildete, wo vorhandene Shawls, Tücher, Hüte, Hauben, Mäntel und Man⸗ tillen die ganze Garderobe ausmachten. Wir haben das ferner mitgemacht, wo in großen reichen Häu⸗ ſern appart eine Bühne aufgeſchlagen wurde und Coſtüme eigens für dieſen Abend gemacht waren, wo renommirte Künſtler die Ta⸗ bleaux arrangirten und wo nichts geſpart war an Dekorationen und Gewändern. Wir haben endlich mitgewirkt an der Aufführung lebender Bilder in großen öffentlichen Lokalen, wo keine Einladungen ſtatt⸗ fanden, wo die Zuſchauer ſich Billete kauften und wo die Einnahme für einen guten Zweck beſtimmt war, und haben dabei die traurig⸗ ſten Erfahrungen gemacht, haben dabei geſehen, welch' unendliche Schwächen das Menſchengeſchlecht hat, wie Wenige unter ihnen wirklich einer guten Sache zulieb, die man vorſchiebt, etwas thun, wie das eigene Ich überall ſelbſtſüchtig hervorbricht, wie ein ar⸗ 86 Achtundzwanzigſtes Kapitel. mer Unternehmer von dergleichen Geſchichten beſtändig am Rande des tiefen Abgrundes hintaumelt, in welchen er hinein ſtürzen kann und ſich auf's Allerſchönſte blamiren, weil Madame oder Fräulein A. am Tage vor der Aufführung abſagen läßt, weil ihr die Rollen nicht brillant genug ſind, den andern Abend aber dafür in ihrer Loge ſitzt und die ſchärfſte Kritik übt, weil ferner die Madame B. die Madame C., D. und F. dir abwendig macht, weil auch Mam⸗ ſell B. und Z. mitwirken ſollen, die, Beide einer anderen Rang⸗ klaſſe angehörend, nicht würdig genug befunden worden ſind, neben den Reichern und Vornehmern für die leidende Menſchheit zu wir⸗ ken. Man kann es Jenen eigentlich auch nicht übel nehmen, daß ſie ſich zurückziehen, denn es könnte da ja der traurige Fall ein⸗ treten, daß eine der Rangklaſſe nach geringere, in Wahrheit aber vielleicht viel beſſere und edlere Mitwirkerin der lebenden Bilder einen Tag nach der Aufführung es wagen würde, die Andere eines freundlichen Grußes zu würdigen und ihr dergeſtalt an ihrem Cre⸗ dit ſchaden bei Vettern, Nichten, Baſen und Muhmen, ja bei der ganzen hochpreislichen unfehlbaren wirklichen und Geldverwandt⸗ ſchaft.— Einer kleinen Andeutung des oben Geſagten konnten wir uns nicht enthalten, denn es wird gewiß auch anderswo zuweilen mit ähnlicher Liebloſigkeit verfahren, einer Liebloſigkeit der ſogenannten bevorzugten Klaſſen gegen andere, die in ihren Aeußerungen ſo ſehr nachhaltig und verletzend, ja die im Stande ſein können, Zukunft und Lebensglück zu untergraben, die ſich nicht in einer einzelnen Mißhandlung gegen ihren Nebenmenſchen Luft machen, ſondern die ein ſchwaches Gemüth, wie es deren ja viele gibt, durch fortgeſetzte Quälereien und Nadelſtiche zu Tode martern können. Es iſt das ein Kapitel, welches in keiner Sklavengeſchichte fehlen darf, und das auch in Onkel Toms Hütte vorkommen würde, wenn es dort bürgerliche Rang⸗ und Klaſſenunterſchiede gäbe und wenn ſich in Amerika eine ſchwarze Commerzienräthin zieren würde, mit einer Betrachtungen. 87 Gleichgefärbten am nämlichen Tiſche ihren Thee zu nehmen, weil ſie vielleicht nur die Urenkelin eines Barbiergehülfen iſt, während der Vater der Anderen vielleicht noch im gegenwärtigen Zeitpunkte ſeine Kunden einſeift.— Darin ſind die Schwarzen glücklicher, denn ſie kennen keine Standesunterſchiede und haben, wenn auch gleiche Leiden, doch auch in dieſer Beziehung gleiche Freuden, wo⸗ gegen bei uns freien Weißen neben der großen Peitſche, die das allgemeine Schickſal über uns ſchwingt, noch ſo viele Peitſchen um unſere Ohren ſauſen, deren Schlag, heimtückiſch und aus dem Dun⸗ kel nach uns geführt, viel ſchmerzlicher iſt als der Schlag der gro⸗ ßen Zuchtruthe. Dieſe Schläge aber, geliebter Leſer, ſind unſicht⸗ bar wie die gewiſſen zauberhaften Ohrfeigen, und es wäre gar zu komiſch, wenn es auf einmal möglich gemacht würde, all' die klei⸗ nen Geißeln zu ſehen, die ein Menſch gegen den andern ſchwingt. Das wäre erſtaunlich amuſant, wenn du zum Beiſpiel bemerken könnteſt, wie jener Mann, der dir ſo theilnehmend erzählt, man habe von dir ausgeſagt, du hätteſt neulich dieſe oder jene Schlech⸗ tigkeit begangen, aber es ſei eine niederträchtige Verläumdung, und er ſelbſt wiſſe das ganz genau,— wie er bei dieſen Worten ſeine kleine Peitſche ſchwingt und dich recht abſichtlich tief in's Herz trifft.— Ja, in der That, wir wüßten nicht, was wir um den Anblick geben würden, unſere lieben Nebenmenſchen ſo auf einmal zu ſehen bei Spaziergängen, in Geſellſchaften, im Theater, bei freundſchaftlichen Mittageſſen, Alle in gegenſeitiger Prügelbe⸗ ſchäftigung, Alle mit langen und ſcharfen Geißeln in der Hand. Aber es iſt doch beſſer, wenn ſie unſichtbar bleiben, denn es würde der geneigte Leſer auch wahrnehmen, wie wir, ſeine harmloſen und ganz unterthänigſten Erzähler, zuweilen eine tüchtige Schnur an unſere Feder binden, um rechts und links um uns zu hauen, zur Beluſtigung der Unparteiiſchen, aber auch zur Strafe unſerer weißen Sklavenbeſitzer. 88 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Eine Probe lebender Vilder. Der Commerzienrath Erichſen hatte in ſeinem Namen und in dem ſeiner Frau die nothwendigen Einladungen beſorgt und eine Auswahl unter den Honoratioren der Reſidenz freundlichſt gebeten, ſich zu einer erſten vorbereitenden Probe lebender Bilder an einem gewiſſen Tage bei ihm Nachmittags drei Uhr einfinden zu wollen. Das Gerücht von dieſen Einladungen hatte in den betreffenden Kreiſen keine kleine Aufregung hervorgebracht. Manche Dame, die wohl erwarten konnte, zur Aufführung eingeladen zu werden, hoffte aber mit Zittern und Zagen auch auf ein an ſie gerichtetes Ge⸗ ſuch zur Mitwirkung und ſchrak bei jedem Tone der Klingel zu⸗ ſammen, ob der erſehnte Bediente nicht erſcheine. Manch' ſchüch⸗ terne Frage an das Schickſal, das heißt in dieſen Fällen an die Mutter und den Spiegel, wurde gethan, ob es denn wohl möglich ſeie, ausgeſchloſſen zu werden, wo die Erwählten ſich in ſchönen Stellungen und noch ſchöneren Coſtümen vor der ganzen Geſellſchaft zeigen werden. Der Commerzienrath war der Erſte, der ſeit langen Jahren wieder die Tableaux in Aufnahme zu bringen verſuchte, und man bemerkte deutlich an ſo Vielem, daß dieſe Idee eine zeitgemäße ſei. Man hofirte dem alten Herrn, noch mehr aber der finſteren Räthin auf die auffallendſte Art von der Welt; es kamen Beſuche über Beſuche und deßhalb die alte Dame tagelang nicht von ihrem Sopha, der Bediente nicht von der Hausthüre hinweg. Im Theater ſchmachtete man im ganzen zweiten Range nach der Loge des Ban⸗ quiers, wie es der geſammte Adel im erſten Range bei feſtlichen Gelegenheiten nach der Loge Seiner Majeſtät zu machen pflegt. Der Commerzienrath war in dieſem Augenblicke nicht blos der Kö⸗ — — — ÿ/ — Eine Probe lebender Bilder. 89 nig der Börſe, er war auch der König ſeiner Geſellſchaft, und wenn er in ſeine Loge trat, ſo zuckte es rechts und links von den Stüh⸗ len empor; mancher lange Hals von der Weiße eines Schwans und der Kehlengelenkigkeit einer Gaus that das Uebermögliche, um ſich um einen neidiſchen Pfeiler herum biegen zu können. Unterneh⸗ mende Beamtentöchter der Commerzienräthin gegenüber bemühten ſich auf's Auffallendſte, ihre körperlichen Reize in's beſte Licht zu ſetzen; ſanfte Blondinen ſtützten ſich ſchüchtern und melancholiſch auf den Arm und ſchlugen in unnachahmlicher Weichheit zuweilen die Augen auf, um ihre Qualification zu irgend einer Heiligen oder gar zur Himmelskönigin darzuthun. Andere mit blitzenden Augen und vollen ſchwarzen Haaren ſahen verwegen über die linke Schulter irgend einen zuſammengehockten Rechnungsrath an, als fühlten ſie die Kraft einer Judith in ſich und ſähen ſich vielleicht veranlaßt, nächſtens ihrem ſtillen Nachbar den Kopf abzuſchlagen. Arthur hatte übrigens während dieſer Zeit zu Hauſe mit Mama bedeutende Kämpfe zu beſtehen. Die Coſtümfrage war glücklicher Weiſe zu Gunſten des Theaters entſchieden worden, und ſogar mit Beihülfe einer alten geizigen Oberregierungsräthin, die von Adel war, wenn gleich etwas zweifelhaftem, dabei drei eingeladene er⸗ wachſene Töchter beſaß, und die förmlich vor dem Gedanken zurück⸗ ſchauderte, denſelben Coſtüme machen zu laſſen. Was aber die Einladungen betraf, ſo konnte der Maler zu ſeiner großen Verzweiflung hierin nicht den Sinn der Mutter än⸗ dern. Er hatte natürlicher Weiſe die ſchönſten Frauen und Mäd⸗ chen aufgeſchrieben, ſowie Männer von guten Geſtalten und in⸗ tereſſanten Köpfen; die unbeugſame Mutter aber verfuhr ſtreng nach dem Geſetz: ſie fing oben bei ihrer Rangliſte an, und da die gelben Töchter des Kanzleidirektors begreiflicher Weiſe vor der ſchönen jungen Sekretärsfrau und vor den reizenden Töchtern des Poſtmeiſters kamen, ſo wurden Jene zur Aufführung eingeladen, Dieſe aber zum Zuſehen verdammt. 90 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Der verhängnißvolle Tag der erſten Probe kam ſo heran; Arthur hatte den größten Saal des väterlichen Hauſes dazu ein⸗ gerichtet, indem er vorn auf verſchiedenen Staffeleien die auser⸗ wählten Bilder ſtellte, im Hintergrunde aber eine kleine Eſtrade errichtet hatte, worauf probirt werden ſollte. Der Commerzienrath hatte ſich von dieſer Probe zu entſchuldigen gewußt— er war auch in Wahrheit gänzlich überflüſſig, und die alte Dame verſtand, wie wir wiſſen, auch ohne ihn das häusliche Scepter zu ſchwingen. Sie ſaß ſteif in ihrer Sophaecke; ihr hartes Geſicht war noch ern⸗ ſter als ſonſt, und wenn man die finſter herabgezogenen Augen⸗ brauen betrachtete, ſo bemerkte man, daß ſich die Dame in keiner freundlichen Gemüthsſtimmung befand. Außer dem alten Herrn war ſo ziemlich die ganze Familie verſammelt; Marianne ſaß wie damals neben ihrer Mutter in der anderen Ecke des Sopha's; Alfons, der Schwiegerſohn, ging mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab, und die bei⸗ den Söhne des Hauſes, Arthur und Eduard, ſtanden neben einan⸗ der am Fenſter. Ueber Alle aber ſchien ſich ein verdrießlicher Geiſt niedergelaſſen zu haben. Die Co merzienräthin hatte in den letzten Tagen mancherlei Aerger erlebt, ihre Schwiegertochter war mürriſcher und unauf⸗ merkſamer gegen Mann und Kinder als je geweſen, und Alfons hatte ebenfalls mit ſeiner Frau einige heftige Scenen, die lebenden Bilder betreffend, gehabt. Er erklärte es nämlich für unpaſſend, daß ſie ſelbſt mitwirke, hatte auch unter Anderem geſagt, er finde dieſe Tableauxgeſchichte durchaus nicht anſtändig und begreife nicht, wie Mama dergleichen arrangiren möge; er für ſeine Perſon werde ſich wohl hüten, in irgend einem Bilde mitzuwirken;— wofür ihm Arthur übrigens ſehr dankbar war. Auch halte er es für unſchick⸗ lich, hatte er ferner gemeint, mit jungen Männern oder auch mit jungen Damen in ſo vertrauliche Gruppen zuſammen zu treten, wie es ſo häufig die Bilder erforderten. Die Commerzienräthin Eine Probe lebender Bilder. 91 hatte darauf ziemlich heftig zu Gunſten ihrer Soirée geſprochen, doch war immer von dieſem ausgeſtrenten Samen ein Körnchen bei ihr aufgegangen, welches von einem dem Hauſe befreundeten Geiſt⸗ lichen genährt wurde, der unter Anderem mit niedergeſchlagenen aber dabei verdrehten Augen nur ganz ergebenſt darum gebeten hatte, keine Heiligenbilder oder Darſtellungen aus der heiligen Schrift zu wählen. Arthur ſtand, wie geſagt, bei ſeinem älteren Bruder am Fen⸗ ſter, und wenn auch Letzterer angelegentlich auf die Straße zu blicken ſchien, ſo warf er doch zuweilen verſtohlener Weiſe einen Blick in die hinterſte Ecke des Zimmers, wo ſeine Frau in einem Fauteuil lag, die Fingerſpitzen beider Hände an einander hielt und ſehr beruhigt an den winterlichen Himmel hinauf blickte. Eduard ſchien dagegen wie oft ſehr aufgeregt. „Du kannſt dir nicht denken,“ ſagte er leiſe zu ſeinem Bru⸗ der,„wie dieſe Frau es verſteht, mich zu plagen und zu quälen. Ich will nichts davon ſagen, daß ſie mir täglich ein finſteres, mürriſches Geſicht macht, ſo daß ich es im ganzen Jahre ohne Anſtrengung behalten kann, wenn ſie mich einmal heiter anblickt, — aber ihre Gleichgültigkeit gegen mein Haus, gegen ihre Ge⸗ ſchäfte als Frau, ja gegen meine Kinder iſt oft wahrhaft em⸗ pörend!“ Arthur zuckte die Achſeln.„Euch Beiden iſt ſchwer zu helfen,“ ſagte er. „Das ſehe ich leider Gottes ein. Aber ſoll ich denn dieſe Geſchichten ewig ertragen?— Ich mag nach Hauſe kommen, wenn ich will, ſo finde ich Urſache zum Klagen und zum Streit.“ „Du nimmſt auch Alles zu genau.“ „Ich nähme Alles zu genau!“ erwiderte Eduard vorwurfsvoll; „ich möchte dich ſehen, wenn du an meiner Stelle wäreſt! Du weißt zum Beiſpiel, wie ſehr ich auf Ordnung in meinem Schreib⸗ zimmer ſehe.“ 92 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Ja, ja; darin hat ja deine Frau nichts zu thun und kann alſo nichts in Unordnung bringen.“ „Sie geht ſelbſt auch nicht hinein; aber ſie läßt meine Pa⸗ piere, meine ſo zierlich aufgeſtellten Sachen den Kindern zum will⸗ kommenen Spielzeug.“ „Das iſt freilich arg.“ „So komme ich denn geſtern nach Hauſez; ſie iſt in ihrem Sa⸗ lon, unſre Mägde halten Kaffeegeſellſchaft im Hinterzimmer, und mein Herr Sohn und meine Fräulein Tochter beſchäftigen ſich ge⸗ rade damit, aus ganz wichtigen mediciniſchen Gutachten, die ich da liegen habe, Düten zu ſchneiden, in welchen ſie meinen feinen Tabak und Streuſand unter einander miſchen, um ſich einen Laden zu arrangiren. Dazu haben ſie meine Pfeifen von den Geſtellen herabgenommen, ein paar ſind ſchon zerbrochen, und ich komme noch gerade recht, um größeres Unheil zu verhüten.“ „Da würde ich in Zukunft mein Schreibzimmer abſchließen und den Schlüſſel beſtändig bei mir tragen.“ „Allerdings hätte ich vielleicht dort Ruhe, aber um nicht den ganzen Tag Urſache zum Aerger vor mir zu ſehen, müßte ich ſchon das ganze Haus abſchließen und Niemand darinnen laſſen als mich und meine Kinder. Du haſt gar keine Idee davon, Arthur, was dieſe Frau ein Talent zur Unordnung beſitzt; es iſt dies ein wah⸗ res Taleut zu nennen und wäre unter anderen Bedingungen er⸗ ſtaunenswerth. Sie ſchließt keine Thüre und kein Fenſter, ſie legt keinen einzigen Gegenſtand an den gehörigen Platz; läßt ſie ſich einmal herab, dem Hund ſein Futter zu geben, ſo bekommt er daſ⸗ ſelbe in irgend einer meiner koſtbaren japaniſchen Taſſen; zieht ſie eine Uhr auf, ſo ſprengt ſie entweder die Feder oder verwickelt die Ketten in einander.— Nun, von ihrer Toilette will ich gar nicht ſprechen, das haſt du ja vor Augen und wirſt es mir deßhalb glauben. Betrachte ſie ein ein einziges Mal, ob der Anzug, den ſie trägt, vollkommen zu einander paßt. Ich wette hundert gegen Eine Probe lebender Bilder. 93 eins, daß dir eine ganze Menge von Unordnungen beim erſten An⸗ blick in die Augen ſpringen werden.— Siehſt du, Arthur, und das macht mich unausſprechlich elend; ich befinde mich den ganzen Tag in einer krankhaften Aufregung.“ „Wodurch du aber die Sache nicht beſſer machſt,“ entgegnete der Maler.„Eben dieſe krankhafte Aufregung iſt Schuld, daß du wie ein Falke nach Allem ſpähſt und gewiſſermaßen froh biſt, wenn du etwas findeſt, was dir geſtattet, dieſe Aufregung explodiren zu laſſen.“ „Nein, gewiß nicht.“ „Was du mir da Alles erzählt haſt, ſind an ſich nur Kleinig⸗ keiten; aber obgleich ich mir wohl denken kann, daß ſie dich auf’s Tiefſte verſtimmen, wenn ſie beſtändig vorkommen, ſo ſollteſt du dir doch einmal feſt vornehmen, dich dadurch nicht zum Zorn hinreißen zu laſſen, ſondern ruhig und beſtimmt das zu ſagen, was du ſagen willſt, dann dich auf dem Abſatz umzudrehen und deiner Wege zu gehen.“ „Du haſt Recht, lieber Arthur,“ verſetzte ſeufzend der Bruder. „Wenn ich das nur könnte! Aber ich bin es nicht im Stande; wenn ich nur zu Hauſe einen einzigen Menſchen hätte, der es mit mir hielte, der mich unterſtützte! Aber ich verſichere dich, bis auf die Kinder hinab complottiren ſie gegen mich.— Und erſt unſere Dienerſchaft! Die handelt vollkommen nach dem Beiſpiel von Ma⸗ dame.— Unordnung und Gleichgültigkeit vornen und hinten.“ „Aber denen kannſt du doch befehlen!“ „Ich befehle auch, um von ganz gewöhnlichen Dingen zu re⸗ den, daß zum Beiſpiel meine Kinder Punkt acht Uhr jeden Mor⸗ gen ihren Kaffee haben ſollen, und zwar an einem beſtimmten Tiſche; ich ſetze es nicht durch, Gott bewahre! Eins wird im Bett gefüttert, das andere verzehrt ſein Frühſtück auf dem Waſchtiſch, und ich bin ſchon dazu gekommen, daß Oskar in aller Gemüthlichkeit * 94 Neun undzwanzigſtes Kapitel. ſein Brod in das Seifenwaſſer tunkte und dann aufaß. Sollen Einem da nicht die Haare zu Berge ſtehen?“ Arthur zuckte beiſtimmend die Achſeln. „Du weißt, ich will immer um ein Uhr zu Mittag ſpeiſen,“ fuhr Eduard fort;„aber ich bringe es nicht dahin. Bald will ſie Nachmittags etwas vorhaben, und es ſteht dann die Suppe ſchon nach zwölf Uhr auf dem Tiſch, bald iſt es Zwei und ich mag klin⸗ geln wie ich will, es erſcheint Niemand.— Das ſind freilich Alles keine großen Sachen, aber es iſt viel ſchlimmer als ein ſchweres Unglück, das uns betrifft und mit einem Mal zu Boden ſchlägt, — es martert uns mit beſtändigen Nadelſtichen zu Tode.“ „So wird alſo deinen Befehlen nicht Folge geleiſtet, und wenn du hie und da eine Scene aufführſt, was nicht ſelten bei dir vor⸗ kommt— „So habe ich ſelbſt den Schaden davon. Madame zieht bei dem leiſeſten Worte ein Geſicht und ſagt mir während vier Wo⸗ chen nicht die Tageszeit, ich bin in meinem eigenen Hauſe wie die reine Gottesluft, ich exiſtire als Gegenſtand für Niemand— man ſieht mich gar nicht an. Und das zu ertragen bin ich einmal nicht im Stande.“ „Und deßhalb biſt du der Erſte, der wieder gute Worte gibt!“ ſagte Arthur mit leiſem Tone. „Was ſoll ich machen?— Ich kann ſolch' ein Leben zu Haus nun einmal nicht ertragen. Du haſt gar keine Idee davon, was es heißt, ſo ein finſteres Geſicht vor ſich zu ſehen. Morgens vom Aufſtehen bis Abends, wo man zu Bette geht, kein Zorn, kein Aer⸗ ger, der ſich dem meinen entgegenſetzt, nein— nein, eine unheim⸗ liche Gleichgültigkeit, die Schwüle eines Gewitters, das nicht zum Ausbruch kommt, das keine wohlthätigen Blitze herabſendet, welche die Luft reinigen, und bei dem man nur in der Ferne ein gelindes Donnern hört.— Letzteres beſorgen an ſolchen Tagen meine freundlichen Dienſtboten, die im Verein mit Madame mich zu be⸗ Eine Probe lebender Bilder. 95 ſtrafen trachten, indem ſie meine Befehle ſchlecht und mürriſch aus⸗ führen, jeden Augenblick Gläſer und Schüſſeln hinfallen laſſen und die Thüren zuſchlagen, daß Einem Hören und Sehen vergeht.“ Obgleich Eduard dieſe Schilderung ſeiner häuslichen Sklaverei dem Bruder im Tone des tiefſten Schmerzes machte, ſo konnte ſich doch dieſer eines kleinen Lächelns nicht erwehren.—„Es ſind das allerdings Nadelſtiche,“ ſagte er,„aber du mußt ſie zu pariren wiſſen. Waffne deine Haut mit Geduld, tritt feſt auf, zeige dei⸗ nen Frauenzimmern den Herrn, und wenn ſie anfangen mit dir zu boudiren, ſo zwinge dich, darüber zu lachen und nimm die Sache ebenfalls gleichgültig.“ „Wie oft habe ich mir das ſchon vorgenommen!“ verſetzte Eduard mit betrübtem Tone;„aber ich kann nicht. Ach! wie könnten wir ſo glücklich ſein, wenn meine Frau anders wäre! Ich liebe ſie immer noch wie damals, und wenn hie und da ihr Ge⸗ müth freudig erregt iſt und ſich in ihrem Auge ein Sonnenſtrahl zeigt, ſo bin ich der glücklichſte Menſch von der Welt, vergeſſe und vergebe Alles, trage ſie auf den Händen und—“ „Verderbe damit Alles,“ warf Arthur ein.—„Aber ich habe gut predigen, wir haben vom Vater das weiche Gemüth, vielleicht ginge es mir gerade ſo. Du mußt dich in Geduld faſſen.“ „Ja,“ ſeufzte der Andere,„ich muß mich in Geduld faſſen. Aber wenn die Geduld bei mir einmal zu Ende iſt, wenn mein troſtloſes Hausweſen von keinem Strahl der Freude mehr erhellt wird und wenn es rings um mich immer finſterer wird, dann— — gibt es doch noch einmal ein gräßliches Unglück,“ ſetzte er mit ganz leiſer Stimme hinzu. Während dieſer Unterredung, die am Fenſter und natürlicher Weiſe nicht laut geführt wurde, ſchien für die Uebrigen ein Engel oder ein Polizeidiener, wie man zu ſagen pflegt, durch das Zim⸗ mer zu ſchweben, denn es ſprach weiter Niemand; nur die alte Dame machte hie und da einiges Geräuſch, indem ſie mit den Fin⸗ 8 96 Dreißigſtes Kapitel. gern leicht auf dem Tiſche trommelte, was bei ihr jedoch immer als ein Zeichen ziemlich übler Laune anzuſehen war. Dreißigſtes Kapitel. Geſellſchaftliche Correſpondenzen. Um drei Uhr ſollte die Probe beginnen, und man hatte bis dahin noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit. Der Bediente trat in das Zimmer und überreichte der Com⸗ merzienräthin zwei Briefe. Sie öffnete dieſelben, las ſie durch und reichte ſie dann ihrem Sohne Arthur. „Hochverehrteſte Frau Räthin,“ hieß es in dem einen;„Sie werden wahrſcheinlich überzeugt ſein, wie außerordentlich ſchätzens⸗ werth und höchſt angenehm mir jede Ihrer freundlichen Einladun⸗ gen iſt. Deßhalb kämpfte ich auch bis heute, ja bis um dieſe Stunde, ehe ich den Entſchluß faſſen konnte, Ihnen vorliegende Zeilen zu überſenden, mit denen ich Ihnen, hochgeſchätzte Frau, unter tiefſtem Bedauern anzeigen muß, daß es mir unmöglich iſt, in den lebenden Zillddern mitzuwirken. Natürlicher Weiſe können Sie verlangen, den Grund dieſes meines harten Kampfes und ſpäten Schreibens zu eerfahren; aber nehmen Sie mir nicht übel, werthgeſchätzte Frau, wenn ich Ihnen die Wahrheit ſage. Es wurde geſtern nämlich gerüchtsweiſe bei Obertribunalraths erzählt, es ſei durch Ihren Herrn Sohn Arthur auch eine Einladung zu den lebenden Bildern an den Doktor F. mit ſeiner Frau gelangt!— Wenn dieſe Leute auch hie und da in größeren Geſellſchaften geſehen wer⸗ den, ſo bin ich feſt überzeugt, daß Sie, werthgeſchätzte Frau, doch Anſtand nehmen, ſie zur Aufführung lebender Bilder einzuladen. —— Geſellſchaftliche Correſpondenzen. 97 In einer Soirée kann man ſich ausweichen, aber in einem Tableau — meine Töchter befinden ſich in unbeſchreiblicher Aufregung und Angſt. Denken Sie, wenn es Ihrem Herrn Sohn, dem Herrn Maler Arthur, am Ende einfiele, die Frau Doktor F. in einem Bild neben meine Julie oder meine Emilie zu placiren! Ich bin feſt überzeugt, die Frau würde darauf hin eine nähere Bekannt⸗ ſchaft verſuchen, und dafür müßte ich— doch ganz beſonders danken. Uebrigens bin ich wie immer mit aller Freundſchaft Ihre Albertine Waſſer, verwittwete Tutelar⸗Räthin.“ Die Commerzienräthin hatte, während ihr jüngſter Sohn las, jede Miene deſſelben mit Ruhe aber großer Beſtimmtheit betrachtet, ja, ſie war mit ihrer langen ſpitzen Naſe ſeinen Augen gefolgt, wie ſie auf dem Papiere hin und her liefen, und als bei Erwähnung des Doktor F. und Frau ein verächtliches Lächeln über ſeine Züge flog, drückte die alte Dame ihre Augenbrauen finſter herab und trommelte drohend und in einer unbeſchreiblichen Taktart auf dem Tiſche. „Nun?“ fragte ſie ſtreng, nachdem Arthur den Brief durch⸗ leſen und nun lächelnd aufſchaute.„Was iſt an dieſer Geſchichte?“ „Sie kennen ja den Doktor F. und ſeine liebenswürdige Frau,“ erwiderte Arthur,—„einen meiner beſten Freunde; ſie wurden Ihnen durch mich vorgeſtellt.“ „Das weiß ich;— aber die andere Geſchichte!“ „Sie machten mit Papa auch einen Gegeubeſuch.“ „Schicklichkeits halber. Aber—“ „Sie luden die Beiden im vergangenen Winter zu dem großen Thé dansant ein,“ fuhr der Sohn ruhig fort. „Das that ich, entgegnete ſehr ernſt die Mama,„erſtens, Hackländers Werke⸗ XVII. 74 in ſehr entſchiedenem Tone fort,„ſo bat ich ihn ebenfalls zur Dreißigſtes Kapitel. weil ich auf deine Bitten die Vorſtellung geduldet, zweitens, weil ſich die Leute, ſo lange ſie hier ſind, nicht unanſtändig aufgeführt, und drittens, weil, wie die verwittwete Tutelar⸗Räthin ganz richtig bemerkt— das bei einer großen Soirée in der Menge ver⸗ ſchwindet.“ „Aber F. s waren auch ſpäter noch einmal da,“ ſagte Arthur, 4 indem er den Brief leicht auf den Tiſch warf und die rechte Hand feſt auf dieſen ſtützte,— eine Haltung, die Jemand annimmt, der zum ernſteſten Widerſtand entſchloſſen iſt. Die Naſe der Commerzienräthin erhob ſich einen halben Zoll höher. Sie hörte auf zu trommeln und griff nach ihrem Sacktuche, in das ſie leiſe hinein huſtete.—„Allerdings haſt du Recht,“ fuhr ſie darauf mit nicht weniger Ruhe fort, als ihr Sohn;„das ge⸗ ſchah abermals auf deinen dringenden Wunſch und war eine ganz kleine Geſellſchaft, die ich mit großer Umſicht für die F.'s ausge⸗ ſucht. Dabei war unter Anderem der Buchhalter deines Papa's nebſt ſeiner Frau. Dein— Freund und College, der Pro⸗ 4 feſſor C. und ähnliche Leute.— Aber die Geſchichte, die in dem Briefe angedeutet iſt, wie iſt es damit?“ „Doktor F. wurde mit ſeiner Frau von Ihnen zum Zuſehen eingeladen, iſt alſo doch einmal von der Geſellſchaft. Da ich nun die Frau in einem der Bilder ſehr gut brauchen kann,“ fuhr Arthur Probe.— So iſt die Geſchichte, und alſo hat die verwittwete Tutelar⸗Räthin Recht.“ „Ah!“ machte die alte Dame, und ihre Augen ſchoßen ein paar Blitze auf den ungerathenen Sohn. Sie ergriff darauf aber⸗ mals ihr Taſchentuch und huſtete ſtärker hinein als früher. Dann— brachte ſie ihre rechte Hand wie vorhin auf den Tiſch und begann ihr Trommeln von Neuem. Diesmal aber war es unverkenubar der Rhythmus eines Sturmmarſches. Einen Augenblick ſchaute ſie alsdann fragend im Kreiſe umher, Geſellſchaftliche Correſpondenzen. 99 als wollte ſie jeden Einzelnen auffordern, über dieſe unerhörte That einige mißbilligende Worte zu ſagen. Aber Alle ſchwiegen; nur Alfons neigte den Kopf auf die Seite, lächelte fatal und ſagte:„das hätteſt du nicht thun ſollen, Arthur.“ „Und warum nicht?“ fuhr dieſer auf. „Weil die F.'s nun einmal nicht zu unſerer— Geſellſchaft gehören.“ „Sie ſind uns vorgeſtellt, ſie kommen in unſer Haus!“ „Aber ſie haben nicht das Recht, eine Einladung zu präten⸗ diren; ſie ſind nur geduldet,“ meinte Alfons, während er ſeine Brille näher an die Naſe drückte. „Und weßhalb ſind ſie blos geduldet?“ brauste der Maler ſtärker auf.„Wer hat das Recht, den Doktor F., deſſen Name, ja deſſen kleiner Finger mehr werth als zwei Dutzend Räthinnen mit ihrem Anhang, nur zu dulden? Wer kann ſich unterſtehen, dieſer braven Frau gegenüber von Duldung zu ſprechen?— einer ehrbaren, verſtändigen, muſterhaften Frau, in jeder andern Stadt eine Zierde der Geſellſchaft.“ „Und eine ſchöne Frau,“ ſagte Alfons höhniſch. „Ja wohl, eine ſchöne Frau, Alfons!“ rief der Maler.„Das wirſt du, wie ich mich erinnere, ganz genau wiſſen, und ebenſo kannſt du mir am beſten beiſtimmen: eine brave und tugend⸗ hafte Frau.— Nicht wahr, Alfons, davon—“ Er wollte ſagen: davon haſt du einſtens Beweiſe erhalten, aber er bemeiſterte ſich glücklicher Weiſe, doch wohl nur, weil er einem bittenden Blick ſeiner Schweſter Marianne begegnete. „Was iſt es denn eigentlich mit dieſer Frau?“ fragte die Schwiegertochter der Commerzienräthin von ihrem Fauteuil aus, ohne aber dabei ihre Lage im Geringſten zu verändern. „Das will ich dir ſagen, Bertha,“ fuhr der Maler fort.„Wir find ja hier unter uns.“. 100 Dreißigſtes Kapitel. „Stille!“ rief die Commerzienräthin.„Nach deinen heftigen Reden von vorhin zu ſchließen, bitte ich mir aus, daß du es unter⸗ läßt, dieſen Punkt vor den beiden Frauen zu erörtern. Ueberhaupt gehört das nicht hieher, und ich möchte mir faſt erlauben, den Papa herauf rufen zu laſſen, um mich mit ihm zu beſprechen, was in dieſen eigenthümlichen Falle zu thun wäre.“ „O, dazu brauchen Sie nicht den Papa,“ erwiderte Arthur nicht ohne Beziehung;„Sie werden ſchon ſelbſt einen Entſchluß faſſen, Mama. Aber Sie wiſſen um die Sachlage; ich habe den Doktor F. mit ſeiner Frau nun einmal eingeladen, er wird in einer Viertelſtunde da ſein. Haben Sie nun vor, etwas gegen ihn zu thun und mich ſo zu compromittiren, ſo verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich mich nicht ſcheuen werde, die Sache Jedermann zu erzählen, der ſie hören will.“ Während die Commerzienräthin, ohne viel auf die Rede ihres Sohnes zu achten, mit ſich zu Rathe ging, was hier zu beſchließen ſei, näherte ſich der arme Eduard ſeiner Frau; er hatte ſchon vor⸗ her alle Verſuche gemacht, einen freundlichen Blick von ihr zu er⸗ haſchen, aber ſie ſchien heute nun einmal für nichts Anderes Sinn zu haben als für den grauen winterlichen Himmel, den ſie mit der größten Aufmerkſamkeit betrachtete. Jetzt aber, wo ſie auf ihre Frage von vorhin keine Antwort erhalten, ſchien es dem unglück⸗ lichen zuvorkommenden Ehemann die paſſendſte Gelegenheit, ſeiner mißſtimmten Frau einige Aufmerkſamkeit zu widmen. Er näherte ſich dem Fauteuil und ſagte leiſe:„du haſt vorhin wiſſen wollen, was es mit den F. s für eine Bewandtniß habe, und weßhalb man ſie nicht gern in die Geſellſchaften ziehe?“ „O, es iſt mir ganz gleichgültig, wenn ich es auch nicht weiß,“ entgegnete Madame. „Aber du fragteſt ja darnach!“ ſprach Eduard effriger. „Ja, wie man ſo fragt.“ „So will ich es dir ſagen,“ flüſterte er.„Den Doktor F. Geſellſchaftliche Correſpondenzen. 101 kennſt du ja— einer unſerer geſchickteſten und talentvollſten Aerzte; er iſt noch ſehr jung, hat aber ſchon eine ſehr große Praxis.“ „Allerdings größer als die deinige,“ entgegnete die liebens⸗ würdige Frau. Eduard biß ſich auf die Lippen, bemeiſterte ſich aber und fuhr ruhig fort:„der Vater der Doktorin iſt ein unbedeutender Rech⸗ nungsbeamter— eine arme aber brave Familie. Doch iſt ein Fehltritt vorgekommen,—— mit ihrem jetzigen Manne natürlich. Die Sache konnte nicht verheimlicht werden, denn ihr älteſtes Kind kam etwas frühzeitig auf die Welt.“ „Das iſt die ganze Geſchichte?“ „Das iſt Alles, was man der Frau nachſagen kann, denn ſonſt iſt ſie ein Muſter von Ordnung, liebt ihren Mann und erzieht ihre Kinder aufs Sorgfältigſte.“ „Unbegreiflich!“ entgegnete hierauf Madame, und im Gegen⸗ ſatz zu dem ſoeben geführten Geſpräch mit ſo lauter Stimme, daß man es deutlich im ganzen Zimmer hören konnte.—„Das kommt ja zuweilen vor; iſt denn nicht euerer Couſine Emma, der jetzigen Hauptmännin S., ganz die gleiche Geſchichte paſſirt?“ „Nun ja; ſprich doch leiſe!“ „Und davon hat man ja gar kein Aufhebens gemacht; die kommt ja nach wie vor in alle Geſellſchaften,“ ſagte Madame noch lauter. Die Commerzienräthin war bei dieſen Worten heftig zuſammen geſchreckt, ſie huſtete und trommelte abwechſelnd und war ſchon im Begriffe, ihrer Schwiegertocher eine paſſende Antwort zuzuſchleudern, doch fragte Arthur in dieſem Augenblicke ziemlich gelaſſen: „Nun, Mama, was beſchließen Sie wegen— dieſer Geſchichte? Die Zeit drängt; wir haben nur noch einige Minuten Zeit, und ich bin überzeugt, daß Doktor F. ſehr pünktlich ſein wird.“ 102 Dreißigſtes Kapitel. „Das glaube ich auch,“ verſetzte Alfons höhniſch lachend. „Solch eine Gelegenheit kommt nicht ſobald wieder.“ Die Commerzienräthin hatte ihren Entſchluß gefaßt. Sie trommelte noch leiſe auf den Tiſch, daß es klang wie ein dumpfer entfernter Donner. Dann ſagte ſie:„die Sache iſt nun einmal geſchehen und kann ich, ohne den Anſtand des Hauſes zu verletzen, nichts mehr daran ändern; ich will dich alſo vor den Leuten nicht bloßſtellen, dagegen ſei es deine Aufgabe, die F. äußerſt wenig in den Bildern zu beſchäftigen, vielleicht nur in einem, wozu ich ſelbſt mit Sorgfalt die anderen Perſonen ausſuchen werde. Und dieſes Bild, worin ſie placirt werden ſoll, wird alsdaun in der Auffüh⸗ rung begreiflicher Weiſe nicht geſtellt; das haſt du alſo dem Dokter F. zu unterbreiten und ihn zu veranlaſſen, bei der Vorſtellung nicht unter den Mitwirkenden zu erſcheinen. Wie du das anfängſt, iſt deine Sache; möge es dir recht ſchwer werden, denn die Voreilig⸗ keit, die du begangen, verdient ihre Strafe.“ Arthur kannte ſeine Mutter und wußte, daß vorderhand eine Erwiderung zu nichts führen würde. Er trat an das Fenſter zu Eduard und zeichnete gedankenvoll mit ſeinem Nagel eine fürchter⸗ liche Fratze auf die angelaufene Scheibe. „Haſt du was mit— der Waſſer gehabt?“ fragte Eduard. „Nein,“ entgegnete Arthur;„aber ich mag die Familie nicht, das wiſſen ſie wohl. Ihre Töchter, die aufdringlichen Schnee⸗ gänſe, haſſen mich ganz beſonders; ich hätte ſie einmal zeichnen ſollen, habe mich jedoch für dieſe Ehre bedankt.“ „Weßhalb haßt denn die Tutelarräthin die Doktorin F. ſo grimmig?“ „Das iſt ſehr einfach; es hat der Waſſer ſelbſt die größte Mühe gemacht, in den Kreiſen der Geſellſchaft, wo ſie jetzt gelit⸗ ten iſt, durchzudringen. Und das mit einigem Recht, weil über deren Familie ein ſehr räthſelhaftes Dunkel ſchwebt und weil ſie eine boshafte, gallſüchtige kleine Perſon iſt. Hauptſächlich aber 8 * —— —— Geſellſchaftliche Correſpondenzen. 103 dringt ſie auf Ausſchließung der F., weil ſie doch gar zu ſchlecht neben ihr ausſehen würde. Denke dir die ſchöne Doktorin und die kleine, halbverwachſene Frau ohne alle Taille, mit ihrem gel⸗ ben Teint und dem bösartigen Blick.“ „Pfui, Arthur!“ ſagte Eduard lächelnd,„man ſollte ja glau⸗ ben, du ſeieſt in einer Kaffeegeſellſchaft. Wie kann man ſich ſo ereifern!— Sei jetzt ſtille, Mama hat ihren zweiten Brief geleſen und ihn Alfons übergeben. Er ſoll ihn vorleſen, ſagte ſie; geben wir Achtung.“ Alfons nahm in der That das zweite Billet aus den Händen ſeiner Schwiegermutter und nach einem gebieteriſchen Kopfnicken von Seiten derſelben las er: „Liebe Lotte! Deine Einladung habe ich allerdings erhalten, es iſt mir aber wahrhaftig unmöglich, davon Gebrauch zu machen. Wie ſich wohl von ſelbſt verſteht, wird dein Schwiegerſohn, Herr Alfons, mitwirken, und da kann ich meinem Sohn doch nicht zu⸗ muthen, mit von der für uns ſo angenehmen Partie zu ſein. Du weißt, daß ſie einige heftige Worte zuſammen hatten, und obgleich ſich dein Schwiegerſohn im größten Unrecht befand, ſo ſah er ſich doch bis heute nicht veranlaßt, meinem Karl einige verſöhnliche Worte zu ſchreiben. Sonſt wie immer . deine treue Freundin Louiſe.“ Marianne hatte bei dem Vorleſen dieſes Briefes die Lippen zuſammen gebiſſen, Alfons zuckte nach Beendigung deſſelben mit den Achſeln.„Ich kann da nichts ſagen und thun,“ meinte er. „Wenn Madame glaubt, ihr Herr Sohn habe Recht, ſo kann ich mir das ruhig gefallen laſſen, ich aber behaupte, er hat Unrecht, und ich habe mir nun einmal vorgenommen, dieſe jungen Herren ihre Zudringlichkeiten fühlen zu laſſen.“ 104 Dreißigſtes Kapitel. „Und was hat denn der, von dem es ſich handelt, ſo Schlim⸗ mes begangen?“ fragte ernſt die alte Dame. „Auf dem letzten Balle,“ ſagte Alfons ſehr wichtig und ruhig, „tanzte er mit Mariannen zweimal. Ich hatte nichts dagegen; als er ſie nun aber gar zum dritten Male auffordern wollte, verbat ich mir das, und da erlaubte er ſich einige unpaſſende Bemerkun⸗ gen, die ich ihm aber ſehr paſſend zurückgab. Ich halte ſehr auf den Anſtand, Mama, wie Sie wiſſen, und will nicht, daß meiner Frau gegenüber etwas geſchieht, worüber die Leute die Naſe rüm⸗ pfen können.“ „So etwas wird Marianne woh! ſchon ſelbſt nicht thun, Herr Schwiegerſohn,“ erwiderte die Commerzienräthin.„Uebrigens ſehe ich gar nicht ein, wie ein dreimaliges Tanzen mit dem Sohne eines ſehr befreundeten und ſehr achtbaren Hauſes unanſtändig ſein könnte.“ „Ich ſehe das auch nicht ein, Mama,“ ſagte die Tochter mit leiſer Stimme. „Das mag ſein,“ entgegnete Alfons mit erhobenen Augenbrauen, indem er die rechte Hand unter den Rock auf ſeine Bruſt ſteckte. „Es mag ſein,“ wiederholte er beſtimmt,„daß meine Begriffe von Schicklichkeit und Anſtand etwas genau und ſcharf ausgeprägt ſind, aber ich halte ſie einmal feſt wie ich ſie fühle; und man thut in dem Punkt lieber zu viel als zu wenig.“ „Sie hatten nachher in einer Ecke des Saals tüchtige Händel zuſammen,“ flüſterte Eduard dem Maler zu. Worauf Arthur beiſtimmend mit dem Kopfe nickte. „Und es ſollen da allerlei Dinge zur Sprache gekommen ſein,“ fuhr der Andere fort,„die ſich mit ſeinen ſcharf ausgeprägten Be⸗ griffen von Anſtand und Schicklichkeit nicht gut vereinigen ließen.“ „Ich war nicht da,“ entgegnete Arthur zerſtreut. 5 „Nun,“ ſagte Eduard,„der junge Mann ließ ein paar Worte fallen, die Marianne tief verletzen müßten, wenn ſie dieſelben er⸗ Geſellſchaftliche Correſpondenzen. 105⁵ fahren hätte. Es war das bekannte Thema, daß man Niemand hinter dem Buſch ſuche, wenn man nicht ſelbſt ſtark ſeinen Auf⸗ enthalt daſelbſt genommen.“ Man kann ſich denken, daß nach dem, was ſoeben in der Fa⸗ milie vorgefallen und was wir dem geneigten Leſer erzählt, die Geſichter der ſämmtlichen Anweſenden durchaus nicht, wie man zu ſagen pflegt, mit einem roſigen Schimmer übergoſſen waren, viel⸗ mehr ſchien Eins noch düſterer und verſtimmter als das Andere. Doch gab es ein gutes Mittel dagegen, der Anfang der Probe nämlich und das Erſcheinen der erſten Gäſte. Es iſt wahrhaft erſtaunlich, was der Menſch Alles kann, wenn er will, und wie ſich hier, ſobald man Schritte auf der Treppe hörte, die Züge Sämmtlicher aufheiterten, die Augen einen andern Ausdruck erhielten, und das ganze Geſicht mit einem freundlichen Lächeln überſtrahlt wurde. Bei Manchen gelang dieſe Umwandlung zwar erſt nach einiger Anſtrengung, aber ſie gelang doch. Die Commerzienräthin trommelte und huſtete nicht mehr, Marianne ſaß ſanft gegen ſie hingebeugt, als habe ſie ihr irgend eine zärt⸗ liche Bemerkung in's Ohr geflüſtert; ja Alfons, der eben noch ſo verſtimmte Alfons, ſtützte die rechte Hand auf den Tiſch, während die linke ſoeben erſt von der Schulter ſeiner Frau herabgeglitten zu ſein ſchien. Es war das in Wahrheit eine rührende Gruppe. Eduard hatte ſich ebenfalls an den Fauteuil ſeiner Frau be⸗ geben und flüſterte ihr zu:„es kommen Leute, wie du weißt, Bertha, mach' doch ein freundliches Geſicht und zeige wenigſtens nicht vor der Welt deine ewige und traurige Verſtimmung.“ Arthur zuckte verſtohlen die Achſeln und dachte:„laßt den Doktor F. und ſeine Frau nur einmal bei der Probe geweſen ſein, ſo wird das Andere ſich ſchon machen.“ Worauf auch er eine hei⸗ tere Miene annahm. Kurz es war erſtaunlich, wie das ganze commerzienräthliche Haus nun auf einmal das Bild der Zufriedenheit und Heiterkeit 106 Einumnddreißigſtes Kapitel. bot; Alle ſahen aus wie das perſonificirte Wohlwollen gegen ein⸗ ander und gegen die äußere Welt, und hätte die Commerzienräthin ihren ſtechenden Blick und ihre lange ſpitze Naſe verbergen kön⸗ nen, ſo würde die Gruppe auf dem Sopha ſogar eine liebliche geweſen ſein. Einunddreißigſtes Kapitel. minterhalter’s Decamerone. Da öffnete ſich die Thüre und es erſchien zuerſt die Familie des Oberregierungsraths von D., für heute aus drei erwachſenen Töchtern beſtehend, die von einem emporgeſchoſſenen, noch ziemlich grün ausſehenden Bruder, der die gegründetſte Hoffnung hatte, nächſtens zum Juſtizreferendär zu avanciren, in Abweſenheit von Mama chaponirt wurden. Mama, eine gute aber etwas dicke und alte Frau, hatte nur eine Einladung zum Zuſehen erhalten, wo⸗ gegen der Vater wegen ſeiner Amtsgeſchäfte unmöglich erſcheinen konnte. Wenn wir ſagen, daß Arthur die Töchter zur Ausfütterung irgend eines dunklen Hintergrundes beſtimmt hatte, ſo iſt ihr Aeu⸗ ßeres ſattſam beſchrieben. Was den Bruder anbelangt, ſo war es Schade, daß keine Thierſtücke geſtellt wurden: er hätte in ſeinen unbeholfenen, ſchweren Bewegungen die Stelle eines jungen Jagd⸗ hundes vortrefflich ausgefüllt. Ihnen folgte in majeſtätiſchem Aufzuge die Familie des Ober⸗ tribunal⸗Präſidenten. Er, ein großer korpulenter Mann mit einem breiten rothen Geſichte von etwas blutdürſtigem Ausdruck, ſie ſcharf und ſchneidend im Aeußern, in Reden und Bewegungen, konnte an ſeinem Arme ſehr wohl als Symbol des Schwertes der Ge⸗ Winterhalter's Decamerone. 107 rechtigkeit dienen. Beider Sohn ſchritt hinter ihnen drein, eine noch nicht vollkommen erklärte Größe, die ſich ebenfalls dem Cri⸗ minaliſtiſchen zugewendet hatte, dem Aeußern nach eine ſchlechte Copie des Vaters und bei allen jungen Damen ſehr gefürchtet war, denn da er nichts Beſſeres zu reden wußte, ſo unterhielt er ſich von ſeinen Gerichtsſitzungen und erzählte gern die ſchauderhaf⸗ teſten Mordgeſchichten.— Die ganze Familie ſchritt äußerſt würde⸗ voll daher, aufrechten Hauptes, ſteif und großartig, als eröffneten ſie den Zug irgend eines zum Tode Verurtheilten. Glücklicher Weiſe aber erſchien hinter ihnen das wohlgenährte freundliche Geſicht eines jovialen Steuerrathes mit Gemahlin, drei Töchtern und zwei Söhnen, und verwiſchte ſo das angedeutete trau⸗ rige Bild. Der Steuerrath begnügte ſich nicht mit einem ſtummen Kopfnicken, ſondern er verſicherte, daß er ſich ſchon den ganzen Morgen ungeheuer auf die Probe gefreut, daß er mitwirken werde, es aber unter einem Adonis oder Apollo ſchon gar nicht thue, und daß er ferner hoffe, es komme auch irgend eine Rolle in einem Genrebild vor, wo er ſich als Fiedler auf dem Faſſe auf's Präch⸗ tigſte ausnehmen würde. Er würde noch mehr dergleichen vergnügliches Zeug geſchwatzt haben, doch erſchien jetzt ſein Chef, der Oberſteuerdirector, ein noch nicht alter, vornehmer Herr, mit mehreren Ordensbändern und zwei blühenden Töchtern, bei deren Anblick der Maler, der wieder ziemlich verdroſſen nach ſeiner Fenſterecke zurückgekehrt war, ein freundlicheres Geſicht machte. Dieſen beiden Mädchen waren na⸗ türlicher Weiſe Hauptrollen zugedacht, und ſie wußten wohl, daß ſie hiezu berechtigt waren. Sie begrüßten die Commerzienräthin herablaſſend, Marianne freundlich, die anderen jungen Damen ſehr oben hinüber, und der junge Jagdhund, ſowie der blutdürſtige Criminaliſt, die ein freundliches Wort anbringen wollten, wurden gar nicht beachtet.. Nach und nach kamen jetzt immer mehr der Eingeladenen, unter 108 Einunddreißigſtes Kapitel. Anderem auch der Bankpräſident, ein bleicher, dicker Mann mit außerordentlich ſpärlichem Haarwuchs, das heißt auf dem Kopfe. Auf den Zähnen hatte er aber deſto mehr, und er war mehr wegen ſeiner außerordentlichen Grobheit als ſeiner Umſicht bei den Ge⸗ ſchäften der Bank berühmt. Als vornehmerer College des Com⸗ merzienraths wurde er von der Dame des Hauſes durch ein Auf⸗ ſtehen vom Sopha geehrt und ihm gleich ein Fauteuil untergeſcho⸗ ben, auf dem er ſich auch niederließ, ohne in ſeinem durch Nichts berechtigten unergründlichen Hochmuthe die übrige Geſellſchaft weiter eines Blickes zu würdigen. Als die Commerzienräthin vorhin aufſtand, verband ſie als kluge Frau dabei das Angenehme mit dem Nützlichen, denn nach dem Empfang des Bankdirektors begab ſie ſich in das anſtoßende eigentliche Vorzimmer, um dort jene Claſſe von Gäſten zu empfan⸗ gen, die es nicht ſo recht wagten, in das Gemach vorzudringen, wo ſich die höchſten und allerhöchſten Herrſchaften des Honoratioren⸗ ſtandes befanden. Auch Arthur folgte ſeiner Mutter in dieſes Nebenzimmer, denn er wußte, daß dort eine größere und angenehmere Auswahl für die lebenden Bilder ſein werde. Hier fand ſich denn auch bald eine zahlreiche Geſellſchaft zu⸗ ſammen, und wuchſen auf dieſer Schichte der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft, die um einige Grade tiefer ſtand, ſchon anmuthigere Blumen als droben auf der Höhe bei der dürren Vegetation. Hier waren jüngere Kaufleute mit ihren Frauen, verſprechende Beamtentöchter, jüngere Räthe und Räthinnen, und Alle lachten, plauderten und ſummten vergnügt durch einander, während drinnen nur hie und da ein ernſtes und gemeſſenes Wort fiel. Dort füllte es ſich aber auch nach und nach, denn es wanden ſich immer noch dürre Tannen in Geſtalt von Regierungs⸗ und Oberregierungsräthinnen, und kümmerliche Fichten, ſowie mageres Geſtrüpp aller Art, ältliche Gemahlinnen von Finanzdirektoren, Winterhalter's Decamerone. 109 geheimen Hofräthen und dergleichen mehr durch das friſche und noch grün belaubte Unterholz des Vorzimmers, um die Höhe des Lebens zu erreichen, wo ſie eigentlich hin gehörten. Arthur ſpähte nach ſeinem Freunde, dem Doktor F., der noch immer nicht erſchienen war; aber er hatte als Arzt viel zu thun und mußte vorerſt ſeine Geſchäfte beſorgen, ehe er an das Ver⸗ gnügen denken konnte. Da es übrigens drei Uhr geworden war, ſo ließ die Commer⸗ zienräthin die Flügelthüre zu dem beſprochenen grünen Salon öff⸗ nen und die Menge ſtrömte dort hinein. Das jüngere Volk eilte alsbald zu den Staffeleien und betrachtete die aufgeſtellten Bilder, wobei ſich beinahe Jedes eine Rolle ausſuchte, die, ſo ſagte man, für ſeine Perſönlichkeit wie gemacht ſei. Einige waren dabei be⸗ ſcheiden und meinten, ſie würden ſich mit dieſem und jenem begnü⸗ gen, Andere aber hielten ſich für jede Rolle paſſend; und leider befanden ſich Letztere in der Mehrzahl. Arthur wurde von allen Seiten beſtürmt, geſchwinde anzuge⸗ ben, auf welche Art er die Figuren vertheilt; doch war er klug ge⸗ nug, dies nicht zu thun und verſicherte, er müſſe nach der Ordnung verfahren und zu einem Tableau nach dem andern die betreffenden Namen aufrufen. Das ging nun ziemlich gut von Statten, doch nicht ohne leiſe Reclamationen der Commerzienräthin und ſehr laute Einreden der betreffenden Damen. Der Maler mußte ſchon in einen ſauern Apfel beißen, und manche gelbe und magere Räthin als jugendliche Erſcheinung vor⸗ ſchieben, während friſche Mädchengeſichter hinten zu ſtehen kamen. Dabei überließ ſich Arthur auch zuweilen einer luſtigen Laune; ſo übergab er zum Beiſpiel die Rolle des Holofernes dem Ober⸗ tribunal⸗Präſidenten mit dem wilden Geſichtsausdruck, ſtellte den Bankdirektor als Judas Iſchariot und bildete aus drei der vor⸗ nehmſten und ſtolzeſten Damen eine Gruppe, die er als Nymphen 110 Einunddreißigſtes Kapitel. bezeichnete, die aber in Wahrheit Furien vorſtellten, was ihm die⸗ ſelben außerordentlich übel nahmen, als ſie es ſpäter erfuhren. Jetzt wurde das Decamerone von Winterhalter vorgeſchoben, das duftige, ſchöne Bild, welches dem geneigten Leſer gewiß be⸗ kannt iſt. Es iſt jener herrliche Garten bei Florenz, wo an einem Springbrunnen die ſieben ſchönen Paare juuger Mädchen und Männer in anmuthigen Gruppen ruhen und der erwählten Königin zulauſchen, die erhaben zwiſchen ihnen ſitzt, das ſchöne Haupt mit Blumen bekränzt. „Ah!“ machten ſämmtliche Damen, umringten in einem weiten Kreiſe das Bild, und auch viele der jungen Herren ſtreckten die Hälſe vor, um ſich einen paſſenden Platz auszuſuchen. Wenn es allen Wünſchen der Anweſenden gemäß gegangen wäre, ſo hätte man das Bild wenigſtens achtmal beſetzen können, denn da war faſt Keine, die ſich nicht für berechtigt hielt, mindeſtens als Köni⸗ gin da zu ſitzen. Einige Ausnahmen fanden wohl Statt, das waren aber ſchon Solche, die mehrmals vortheilhaft beſchäftigt waren, oder ſehr ältliche Damen, in deren Herzen aber nun jener angedeutete Wunſch zu Gunſten ihrer verſchiedenen Töchter laut wurde. Da Arthur bei mehreren Tableaux ſchon bewieſen hatte, daß er nicht zu beſtimmen war, von ſeiner Liſte abzugehen, ſo wandten ſich mehrere vorſorgliche Mütter an die Commerzienräthin, um eine Einſprache zu Gunſten ihrer Angehörigen zu erwirken, wodurch die alte Dame in aungenſcheinliche Verlegenheit kam, denn es waren zu wenig Figuren in dem Bilde, um allen dieſen Privateinſprüchen genügen zu können. Sogar der Obertribunal⸗Präſident ließ ſich herbei, eine Figur als äußerſt paſſend für ſeine Emilie zu bezeich⸗ nen. Der junge Jagdhund verwandte ſich auf's Lebhafteſte für ſeine Schweſtern, ſo daß am Ende die Commerzienräthin in Folge aller dieſer Beſtürmungen ihren Sohn auf die Seite nahm und ihn in ernſten und dürren Worten anwies, den billigen Wünſchen eini⸗ Winterhalter's Decamerone.. 111 ger der vornehmſten Damen, die ſie ihm namentlich bezeichnete, nach⸗ zukommen und das Decamerone, welches Tableau den Glanzpunkt des Abends bilden ſollte, nach ihrer Angabe zu beſetzen. Verge⸗ bens waren die Einwendungen Arthur's: Mama hob ihre Naſe ſo hoch als möglich in die Höhe und ſagte kurz und beſtimmt, ſie habe ſchon während der früheren Bilder ſich manche Abänderungen Seitens ihres Sohnes gefallen laſſen, diesmal aber beharre ſie auf ihrem Wunſche, nöthigenfalls Befehle, und wolle von keiner Widerrede etwas wiſſen. Arthur dachte einen Augenblick nach, dann flog ein eigenthüm⸗ liches Lächeln über ſeine Züge; er nahm ſeine Liſte, änderte Eini⸗ ges darin ab und bat die zuſammen gedrängte Schaar der Damen und Herrn um etwas Platz, damit er im Stande ſei, das Bild ſtellen zu können. Erwartungsvoll wich Alles aus einander, der junge Maler arrangirte die Sitze auf der kleinen Eſtrade im Hintergrunde des Saales und ſagte dann, nachdem er einige Worte mit der Commer⸗ zienräthin geſprochen, mit lauter Stimme:„das Decamerone iſt ein Lieblingsbild von Mama und hat ſie die meiſten der Damen und Herren, die darin vorkommen, ſelbſt bezeichnet.“ „Vortrefflich!— Sehr ſchön!— Ah! das muß ein ſuperbes Bild werden!“ murmelte es vergnüglich durch einander, wobei na⸗ mentlich die Bittſteller und Bittſtellerinnen, die vorhin mit der alten Dame unterhandelt, heitere Geſichter zeigten. Andere aber, die dies wohl bemerkt, ſtießen ſich leicht an, ſchüttelten die Köpfe und man konnte verſchiedene Reden hören: wie man wohl denken könne, was dabei beſchäftigt ſei, daß man ſich an dergleichen Zu⸗ rückſetzungen gewöhnen müſſe, daß bei der Aufführung das Publi⸗ kum wohl ein richtiges Urtheil haben werde, und dergleichen mehr. . Arthur fing an die Namen der Damen und Herrn abzuleſen, und der geneigte Leſer wird unſerer Verſicherung glauben, daß das 112. Einunddreißigſtes Kapitel. Decamerone in dieſer Zuſammenſtellung wenn auch kein reizendes Bild doch ein vornehmes wurde. Was die Männer anbetraf, ſo konnte man ſchon zufrieden ſein und wurden auch dabei wenig Bemerkungen laut, obgleich ſich der junge Jagdhund eine Rolle herausgeſchlagen hatte und ſich hin⸗ ſtellte, wie ein unglücklich ausgeſtopfter Storch, der durch Selbſt⸗ mord in's Jenſeits gewandert und deßhalb ein melancholiſches Air behalten.— Die Damen aber, die nun erſchienen, und meiſtens ſtolz und ſicher ihre Plätze einnahmen, mußten ſchon ein gelindes Spießruthenlaufen aushalten. „Zwei Töchter des Herrn Oberregierungsraths von D. „Gott!“ ſagte eine dicke Kanzleiraths⸗Tochter,„die Emilie! und Auguſte! da wird viel weiße Schminke verbraucht werden.“ „Es iſt nur ein Glück,“ ſetzte eine ziemlich junge Kaufmanns⸗ frau hinzu,„daß die Emilie ſitzt und man ihren Rücken nicht ſehen wird.“ „Sie iſt wirklich ein Bischen ausgewachſen,“ meinte eine Andere. „Das nennſt du ein Bischen?“ ſprach eine Vierte.„Mich hat die Corſettmacherin verſichert, ſie ſei ganz in Eiſen eingeſchnürt, und wenn das nicht der Fall wäre, ſo müßte ſie zuſammen knicken wie ein Taſchenmeſſer.“ „Fräulein Pauline von W.,“ ſagte Arthur. „Ah! die häßliche Nichte des Miniſters!“ „Und in dem ſchönen Decamerone!“ „Florenz hatte damals eine betrübte Zeit,“ fagte boshaft eine andere Stimme;— Hungersnoth und Krankheit.— Pauline wird das recht natürlich darſtellen.“ „Aber nehme mir kein Menſch übel, das wird ja ein ſchreck⸗ liches Bild!“ bemerkte entrüſtet die Kanzleirathstochter.„Ich mache ja durchaus keine Anſprüche, da mitzuſtehen,— denn ich weiß, daß ich nicht ſchön bin,“ ſetzte ſie kokett hinzu;„aber wenn Winterhalter's Decamerone. 113 ich ſo ausſähe wie Pauline, ſo würde ich mich bedanken, wenn man mich ſo zur Schau ſtellte.“ Pauline hatte nun auch wirklich nicht die entfernteſte Aehn⸗ lichkeit mit einer dieſer hübſchen Geſtalten Winterhalter's, aber ſie war die Nichte des Finanzminiſters, und ihre Mutter, die ſtolz und breit vor dem Bilde ſaß und wohlgefällig auf ihre Tochter blickte, hatte Connexionen bei Hofe. Eine Vierte, die der Maler nun aufrief, gefiel ebenſowenig als die vorbenannten Drei, und die Vier bildeten auch, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, einen gar betrübten Anblick, der durchaus nicht vermindert wurde, als nun Arthur die beiden ‚ſchönen Töchter des Steuerdirektors dazu placirte, die in Jugendfriſche und Schönheit ſtrahlten. Der Platz der Königin war allein noch unbeſetzt. Arthur hatte ſich ſchon mehrmal im Saale umgeſehen und endlich gefunden, was er ſuchte. Es war das eine junge und ſchöne Blondine, ein herrliches, prachtvolles Weib, die beſcheiden zurückgezogen neben ihrem Manne, dem Doktor F., ſtand, der mit dem Steuerdirektor im eifrigen Geſpräch an einer Fenſterniſche lehnte. Das Umherſchauen des Malers war von verſchiedenen jun⸗ gen Damen falſch gedeutet worden, und Manche, die ſich wohl berufen fühlte, eine Königin darzuſtellen, drängte ſich auffallend hervor, ja die dicke Kanzleirathstochter, ein unternehmendes Weſen, lehnte ſich, um einen Contraſt hervorzubringen, ſchmachtend an eine dürre Hofräthin und ſagte zu dem Maler im Gegenſatz zu ihren früheren Aeußerungen:„ah! das wird ein ſchönes Bild; wie präch⸗ tig verſtehen Sie das zu arrangiren, Herr Arthur!“ Dieſer aber blickte nach einer andern Gegend hin und nickte der Doktorin F. freundlich zu, wobei er ihr ein lebhaftes Zeichen machte, näher zu kommen, was ſie aber mit einer graziöſen Handbewegung abzuleh⸗ nen ſchien, wobei ſie leicht die Achſeln zuckte und den Kopf neigte, als wollte ſie ſagen:„ich gehöre nicht in den vornehmen Kreis.“ Hackländers Werke. XVII. 8 114 Einunddreißigſtes Kapitel. „Nun, die Königin,“ ſprach freundlich die Commerzienräthin, die ſehr geſchmeichelt war über die vielen Complimente, die man ihrem Talente, Tableaux zu arrangiren, von allen Seiten machte. „Ach ja, die Königin!“ wiederholten ſehnſüchtig mehrere Da⸗ men und blickten erwartungsvoll auf Arthur, der nun durch die Reihen ſchritt und die widerſtrebende Doktorin F. auf den erhöh⸗ ten Sitz führte. Hätten aber mehrere Blitze vor der Herrin des Hauſes, vor der Frau von W. und den meiſten der alten Räthinnen dicht ein⸗ geſchlagen, die Geſichter hätten nicht länger, die Mienen nicht be⸗ ſtürzter ſein können, als nun, da die ſchöne Königin ſich elegant auf ihrem Sitz niederließ und— jeder Zoll eine Herrſcherin— ihre Untergebenen betrachtete. Die Gruppe des Decamerone glich nun einem Strauche, deſſen eine Seite voll duftender Blüthen hängt, während über die andere ein eiſiger Nordwind fuhr, der nicht nur keine Blume aufkeimen ließ, ſondern ſogar das Laub verwelkte und verdorrte. 3 Frau von W., die ſich zuerſt zu faſſen ſchien, warf der Com⸗ merzienräthin einen nichts weniger als freundſchaftlichen Blick zu, dann zuckte ſie die Achſeln und fragte hierauf ihre Tochter:„nicht wahr, mein Kind, du ſitzeſt ſehr ſchlecht?“ „Ja, Mama, erwiderte dieſe,„es iſt ſehr anſtrengend, und ich werde es an dem Abend kaum aushalten können.“ „Dann bitte ich, ſich nicht zu geniren,“ verſetzte Arthur, indem er ſich auf die Lippen biß.„Wenn es Ihnen wirklich zu anſtren⸗ gend iſt, ſo können wir die Sache anders einrichten.“. Da erhob ſich Fräulein von W., trat zu ihrer Mutter zurück, und ſagte ſo laut, daß es die Dame des Hauſes hören konnte: „das kann man doch nicht von mir verlangen, neben der—— Frau Doktorin F. zu ſtehen!“ „Unter ihr zu ſitzen!“ ſprach entrüſtet die Mutter.„Die Probe iſt doch bald zu Ende,“ wandte ſie ſich kalt an die Com⸗ Winterhalter's Decamerone. 115⁵ merzienräthin,„Sie werden erlauben, daß ich mich leiſe empfehle.“ Damit ſtand ſie auf, machte ein förmliches Compliment und rauſchte mit ihrer Tochter nicht ohne einiges Aufſehen zum Saale hinaus. Die Schweſtern des jungen Jagdhundes ſahen ſich bedeutſam an und fingen an unruhig auf ihren Sitzen hin und her zu rücken, er ſelbſt, der Juſtizreferendär⸗Aſpirant, hob die Naſe in die Höhe und ſagte geringſchätzend:„ihr habt doch eigentlich da einen ſchlech⸗ ten Platz bekommen.“ „O ja, das fühlen wir auch,“ eutgegneten die Beiden einſtim⸗ mig. Und Eine ſetzte boshaft hinzu:„wir ſcheinen doch nicht recht in dieſes Bild hinein zu paſſen.“ Worauf ſie ſich langſam erhoben, um ſachte auf die Seite und von der Eſtrade hinab zu rutſchen. Arthur hatte Alles dies vorher geſehen, und um in ſeine Schlachtordnung keine auffallende Lücke zu bringen, das zuerſt aus⸗ getretene Fräulein von W. durch die dicke Kanzleirathstochter erſetzt, was ihn allerdings einen ſüßen Blick und einen Händedruck koſtete, als er ſie auf ihren Platz führte. Der Doktor F. war unterdeſſen mit dem Oberſteuerdirektor näher getreten, und Beide hatten wohl bemerkt, um was es ſich handle. Der Doktor biß ſich gelind auf die Lippen und warf ſeiner Frau aus der Entfernung einen Blick zu, den ſie mit einem unbefangenen Lächeln erwiderte. Der Oberſteuerdirektor trat dicht an die Eſtrade heran und ſagte ſeinen beiden Töchtern:„ihr habt da einen vortrefflichen Platz; ſitzt nur recht ruhig und macht dem ſchönen Tableau alle Ehre,“— eine Bemerkung, wofür ihm die ſchöne Königin einen Blick des innigſten Dankes zuwarf, denn wir brauchen dem geneig⸗ ten Leſer nicht wohl erſt zu ſagen, daß dieſe Frau mit ihrem zar⸗ ten Gefühl augenblicklich die niedrige Unverſchämtheit begriffen, welche die ſchlecht erzogenen Töchter gebildet ſein wollender Stände gegen ſie begangen. 116 Einunddreißigſtes Kapitel. Auch das vierte von der Commerzienräthin octroyirte verwelkte Blatt entfiel dem Strauße und ſäuſelte den Töchtern des Ober⸗ regierungsraths nach, um ſich in einer Ecke des Saales über die erlittene Kränkung zu beſprechen. Natürlich wurden ſie von Arthur augenblicklich durch drei friſche Mädchen erſetzt, und als bald der junge Jagdhund, der ſich wiederholt eines ſonderbaren Hüſtelns befliſſen, von dem Maler ſcheinbar ruhig, aber mit einem gewiſſen feſten Blick gegen einen größeren Herrn umgetauſcht worden war, ſtand das Bild ſo vor⸗ trefflich und ſchön, daß die Unbefangenen aus der Geſellſchaft, als nun probirt wurde, einhellig in die Hände klatſchten. Den Gemüthszuſtand der alten Räthin bei dieſer für ſie ſo empörenden Scene brauchen wir wohl dem geneigten Leſer nicht zu ſchildern; ihre Finger umſpannten krampfhaft das Taſchentuch, und da ſie keinen Tiſch vor ſich zum Trommeln hatte, ſo machte ſie ihrem Zorn auf andere Art Luft und ſchien von einem wahren Krampfhuſten befallen zu ſein. Die Probe ging nun zu Ende, die Eingeladenen verſchwanden, nachdem ſie der Herrin des Hauſes verſichert, die Aufführung der lebenden Bilder werde einen köſtlichen Abend geben und ſie freuten ſich ungemein darauf. Arthur war mit dem Doktor F. weggegangen und die Räthin ſchloß ſich in ihr Bondoir ein, um ruhig zu überlegen, was auf dieſe ſcandalöſe Geſchichte zu thun ſei. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Im Fuchsbau. Der geneigte Leſer wird ſich vielleicht erinnern, daß wir ihn in einem früheren Kapitel in einen entlegenen Theil der Stadt —ͦ—ᷣ————— ——nij— Im Fuchsbau. 117 führten, wo ſich in der Nähe des großen Fruchtmarktes, dem älteſten Theile der Stadt, ein Zuſammenbau von alten maſſiven Häuſern befand, die mit zahlreichen Ein⸗ und Ausgängen auf verſchiedene Straßen ziemlich ſichere Schlupfwinkel waren für allerlei Leute, die Urſache hatten, die Oeffentlichkeit zu ſcheuen und der ſpähenden Polizei nicht unter die Augen zu kommen. Dieſe Gebäude, in früheren Zeiten einzeln ſtehend, waren nach und nach durch Anbaue der verſchiedenſten Art vereinigt worden; nach Bedürfniß hatte man Gänge angebracht, Mauern durchſchla⸗ gen, Höfe überbaut und ſolchergeſtalt die Wohnungen unter ein⸗ ander verbunden, wodurch aber das Ganze im Innern ein wahres Labyrinth wurde, durch welches den Ein⸗ und Ausgang zu finden für einen Uneingeweihten ſehr ſchwierig, ja in gewiſſen Theilen ganz unmöglich wurde. Hier befanden ſich Ausgänge, die auf irgend einen finſtern Hof mit vielen Thüren führten, wo ein des Weges Kundiger, wenn er gerade verfolgt wurde und er wenige Schritte Vorſprung hatte, plötzlich verſchwand und durch einen andern Eingang des Gebändes zurückkehrte, ehe der Verfolger ihn wieder zu Geſicht bekam. 3 Der wirklichen Ausgänge auf die Straßen waren es außer⸗ ordentlich viele, und obgleich man ſie alle kannte, und es nicht ſchwer geweſen wäre, ſie im Falle einer Durchſuchung zu beſetzen, was übrigens auch häufig genug geſchehen war, ſo zuckten doch die erfahrendſten Polizei⸗Offizianten bei ſolchen Veranlaſſungen die Achſeln und nannten das ein vergebliches Bemühen, denn ſie ſeien überzengt, ſo ſagten ſie, es befänden ſich da geheime Ein⸗ und Ausgänge durch benachbarte Keller oder Gott weiß wo ſonſt, von denen Keiner von ihnen eine Ahnung habe. Natürlicherweiſe war aber der Sicherheitsbehörde der Eintritt in dieſe Gebände durchaus nicht verwehrt und konnte ſie hier ihren Amtsgeſchäften nachgehen, ſo oft ſie es für nöthig erachtete. Es wohnten hier eine Menge Familien von den verſchieden⸗ 118 Zweiunddreißigſtes Kapitel. artigſten Gewerben, ja unten in einem Theile befanden ſich ein paar elegante Laden ſowie Werkſtätten von Schmieden, Wagnern, Sattlern und dergleichen mehr. Von dem Ganzen beſaß die hohe Polizei einen ſauber gearbeiteten und ſehr korrekten Grundriß, den man einſtens durch den Stadtbaumeiſter aufnehmen zu laſſen für nothwendig gefunden hatte, und darin waren auch die Familien verzeichnet, wo ſie wohnten, wie viel Zimmer ſie inne hatten, und es wurde ſtrenge darauf gehalten, daß die verſchiedenen Aus⸗ und Einzüge der Behörde augenblicklich gemeldet wurden. Obgleich nun auf dieſe Art das ganze Anweſen ſcheinbar klar und durchſichtig vorlag, ſo war der Fuchsbau, wie wir ſchon oben angedeutet, eine wahre Räuberhöhle und wimmelte von Dieben, Betrügern, allem möglichen Geſindel mit ihrem ſo nothwendigen und zahlreichen Anhang von Hehlern jeder Art. Wie oft ſchon hatte man auf dringenden Verdacht plötzliche Hausſuchungen ange⸗ ſtellt, ohne je etwas gefunden zu haben; der gegründetſte Verdacht war nie gerechtfertigt worden, und ſo fand denn auch die Gerech⸗ tigkeit keinen triftigen Grund, um den Fuchsbau, wie man ſchon mehrmals in Vorſchlag gebracht hatte, entweder ganz niederzureißen, oder in ſeiner ehemaligen Geſtalt wieder herzuſtellen durch Ent⸗ fernung der verſchiedenen Anbaue mit ihren labyrinthiſchen Treppen und Gängen,— ein Vorſchlag, deſſen Ausführung übrigens auch noch wegen des Koſtenpunkts und der Gefährlichkeit in baulicher Beziehung ſeine Schwierigkeiten gehabt hätte. Wir haben ſchon vorhin geſagt, daß das Ganze den Namen des Fuchsbaues hatte; ein beſonderer Theil hieß aber der Gaſthof zum Fuchsbau, und in dieſe ſtillen Gemächer wollen wir den ge⸗ neigten Leſer unſichtbar einzuführen uns erlauben, was ſo ohne Gefahr geſchehen kann, wogegen er in Wirklichkeit mit einem guten Rock bekleidet ein ſehr unwillkommener Gaſt ſein würde. Es iſt draußen ein unheimliches naßkaltes Wetter; Schnee, Regen und Wind jagen einander in den engen Durchgang hinein, Im Fuchsbau. 119 von dem wir ſchou früher ſprachen, und da bei dieſer Hetze die erſtgenannten leichten Geſellen verſchmolzen und verflogen, ehe ſie der Sturm recht erfaſſen konnte, ſo ließ er nun ſeine Wuth an einer alten Laterne aus, die an xoſtigen Ketten von dem Gewölbe niederhing und ächzend hin und her wehte. In dem Durchgang befindet ſich jene uns ſchon bekannte kleine eiſerne Gitterthüre, von ſchweren Stangen gemacht, mit einem ſehr ſoliden und künſtlichen Schloſſe, ſowie oben und unten mit Riegeln verſehen, die, wenn ſie vorgeſchoben ſind, ungreifbar in das Eiſen zurückfallen und nur durch eine künſtliche Vorrichtung wieder zurück⸗ gezogen werden können. Hinter dieſer Thüre beginnt eine ſchmale ſteinerne Wendeltreppe, die oben auf eine einzige, wieder verſchließbare Thüre führt; dann kommt ein gewölbter Gang, ſpärlich von einem ſtark eingetriebenen Gaslicht beleuchtet, auf welchen mehrere Thüren münden. Durch eine derſelben treten wir geräuſchlos ein und befinden uns nun in einem großen Gemache mit braunen Holzwänden, eben ſolcher Decke und einem mächtigen Kachelofen. Das Mobiliar deſſelben beſteht aus langen, ſchweren eichenen Tiſchen und Bänken; in einem hohen Eckſchranke ſind Gläſer und Flaſchen aller Art verwahrt. Neben dieſem Buffet befindet ſich ein einzelner Stuhl, ein alter Lehnſeſſel, in welchem ein kleines, vertrocknetes Weib ſitzt, welche die Hände in den Schooß gelegt hat und die eine Kellnerin vorſtellt. Sie ſcheint unachtſam vor ſich hinzuſtarren, doch ſieht ein aufmerkſamer Beobachter, daß ſie unter ihren grauen buſchigen Augenbrauen die glänzenden kleinen Augen unruhig hin und her laufen läßt. Vor ihr liegt ein großer Hund, deſſen zottiges Fell ihr als Fußſchemel dient; neben ihr, zwiſchen dem Eckſchranke und der Wand, befinden ſich, an ſtarken Drähten von der Decke herab⸗ hängend, mehrere Handgriffe, die wie Klingelzüge ausſehen; es ſind dies aber nicht ſo ganz harmloſe Gegenſtände und auf ihnen be⸗ ruht theilweiſe die Sicherheit des Hauſes. Der Zug an einem der⸗ 120 Zweiunddreißigſtes Kapitel. ſelben gibt dem Hausknecht ein Zeichen, die Thüren zu öffnen und zu ſchließen, ein anderer iſt eine Art Telegraph, der durch gewiſſe Zeichen mit den Nebenzimmern communiciren kann, ein dritter ſteht mit einer Allarmglocke für das ganze Haus in Verbindung, und der vierte endlich beherrſcht die Gasleitung des Gebäudes und kann durch einen einzigen Zug Alles in die dichteſte Finſterniß verſetzen. Das Zimmer, in dem wir uns befinden, iſt alſo, obgleich das allgemeine Schenkzimmer des Gaſthofes zum Fuchsbau, zugleich auch die Portierſtube für ſämmtliche Gebäude, und das alte Weib, ein hartes, verſchlagenes, liſtiges Weſen, wurde mit großer Sorgfalt zur Pförtnerin auserwählt. Und man hätte keine beſſere finden können: ſie hatte alle Abſtufungen des Diebslebens durchgemacht und wer ſie bei Vertheilung von Beute oder beim Verkauf geſtoh⸗ lener Gegenſtände überliſten wollte, der mußte ſich zuſammen nehmen. An einer der langen Tafeln befanden ſich vier Männer, von denen drei in eifrigem Geſpräch begriffen waren, der vierte aber mit dem Kopf an die Wand lehnte und zu ſchlafen ſchien. Dies war ein ſchlank gewachſener großer Mann in den Dreißigen, der regelmäßige Züge, ſchwarzes Haar und einen gut gepflegten dichten ganzen Bart hatte. Seine Kleidung dagegen war ſehr unordent⸗ lich und abgeriſſen; er trug einen fadenſcheinigen grauen Jagdrock, an dem ſich vorn auf der Bruſt nur ein einziger Knopf befand, ſchwarze, zerlumpte Hoſen, und wenn man den einen Fuß genau betrachtet, den er vor ſich auf die Bank gelegt, ſo ſah man, daß der Stiefel aufgetrennt und die Sohlen faſt gänzlich zerriſſen waren. Die drei Anderen ſaßen etwas entfernter; Einer mit krauſem röthlichem Haar hatte beide Ellenbogen auf den Tiſch geſtützt und den Kopf auf die Fäuſte gelegt. Er hatte ein plumpes, obgleich nicht unangenehmes Geſicht, das aber, beſonders die Naſe, ſtark geröthet war. Dieſer war einfach aber gut gekleidet; er trug Le⸗ derhoſen, hohe Stiefel und ein Wamms von dickem, dunkelblauem Wollenſtoff. Im Fuchsbau. 121 Der Zweite lehnte hinten über an die Bank, war mit ſchäbiger Eleganz gekleidet, hatte ein hiezu paſſendes mageres Geſicht mit abgefeimten Zügen. Derſelbe rauchte eine Cigarre, deren Dampf er empor blies und ihm behaglich nachſchaute. Der Dritte endlich beugte ſich über den Tiſch, ließ kleine Brod⸗ kugeln aus ſeinen Fingern fallen und ſchien irgend etwas erzählt zu haben. Dieſer, obgleich am Beſten gekleidet,— er trug eine gutgemachte und ſaubere herrſchaftliche Livree,— hatte das unan⸗ genehmſte, ein wahrhaft widerliches Geſicht. Sein vorn faſt nackter Schädel wurde von wenigen Haaren umflattert, die er von hinten hervorzukämmen verſuchte, und an denen er beſtändig mit der Hand ſtrich, um die Widerſpenſtigen nach ſeinem Willen zu gewöhnen. Er ſchielte ein klein wenig und machte beſtändig ein ſpitzes Maul, um welches faſt immer ein fades Lächeln ſpielte. Dieſen Männern gegenüber, faſt hinter dem Ofen, befanden ſich zwei Frauenzimmer, deren Gewerbe nicht zu verkennen war, denn neben der Einen lehnte eine Harfe an der Wand, während auf der Bank zwiſchen Beiden eine Guitarre mit einem Band von verblichener Farbe war. Zwei Bündel befanden ſich auf dem Tiſche neben einer Schüſſel, woraus Beide eine Suppe gegeſſen zu haben ſchienen; der Löffel der Einen lehnte am Rande des Gefäſſes, wäh⸗ rend die Andere den ihrigen vor ſich niedergelegt hatte. Sie wa⸗ ren von verſchiedenem Alter und ſehr ungleichem Aeußern; Eine mochte wohl an die Dreißig ſein, während die Andere das zwan⸗ zigſte Jahr kaum zurückgelegt hatte. Die Aeltere erſchien als eines jener leichtfertigen Weſen, welche Muſik treiben, ſo lange Jemand da iſt, der ihnen zuhört, dann aber gerne an einer freundlichen und innigeren Unterhaltung Theil nehmen. Sie hatte ein roth⸗ carrirtes Wollenkleid an, und da es ziemlich tief ausgeſchnitten war, ſo bemerkte man ihre vollen Formen, die ſie auch durchaus nicht zu verbergen ſtrebte, denn ein kleines Halstuch hatte ſie neben ſich auf die Bank gelegt. Ihr Geſicht war wettergebräunt, hatte einen 122 Zweiunddreißigſtes Kapitel. kecken, verwegenen Ausdruck, dicke, etwas aufgeworfene Lippen und dunkle, lebhafte Augen. Das Haar trug ſie in zwei ſchwarzen Flechten, die um die Ohren herum an den Hinterkopf liefen, dabei hatte ſie einen ſogenannten ſchiefen Scheitel, und war das offenbar ein Mittel, um einige ſehr dünne Stellen ihres Haarwuchſes zu verdecken. Die Andere, die, welche den Löffel neben ſich gelegt hatte, war ein ſchlankes, ſchmächtiges Mädchen mit einem ſchmalen, blei⸗ chen Geſichte und blondem Haar. Ihre blauen Augen konnte man ſelten ſehen, da ſie meiſtens vor ſich niederſah; ihre Züge drückten Beſcheidenheit, Furcht und Scham aus; auch ſchien ſie ſich in ihrer Umgebung gar nicht behaglich zu fühlen, denn wenn ſie, was bis⸗ weilen geſchah, einen ſchnellen Blick rings durch das Zimmer und über die nebenſitzenden Männer laufen ließ, ſo überflog ihre blaſſen Wangen eine leichte Röthe, und wenn je einer vom anderen Tiſche herüber ſah, ſo ſchrak ſie ordentlich zuſammen. Der in der Livree hob ſein faſt leeres Glas in die Höhe, ſchlürfte den letzten Tropfen daraus, und wandte alsdann ſeinen Kopf der Alten zu, die in ihrem Lehnſtuhle zu ſchlafen ſchien. „He da! Wein!“ rief er, indem er ſeine leere Flaſche auf den Tiſch ſtieß. „Zuerſt Geld,“ entgegnete die Alte, ohne ihre Stellung zu verändern. „Geld?“ ſagte der Andere gezwungen lachend.„Ich habe keins mehr; du kannſt ankreiden oder kannſt mich auch meinetwegen traktiren. Es wäre nicht mehr als billig, wenn wir Alle hier auf Unrechtskoſten lebten.“ „Gebt mir Geld, ſo bekommt ihr Wein,“ erwiderte ruhig die Alte. 1 „Ich ſage dir aber, ich habe keinen Kreuzer mehr.“ „Und Durſt für viele Gulden,“ meinte der mit dem rothen Haar. Im Fuchsbau. 123 „Es iſt mein Ernſt,“ fuhr der in der Livree fort,„daß du es aufſchreiben ſollſt, Alte. Man wird doch wohl hier in dem verfluchten Hauſe noch Credit haben?“ „Ihr aber habt in dem verfluchten Hauſe nicht den geringſten Credit mehr,“ erwiderte das Weib.„Ueberhaupt habt ihr genug geſoffen und könnt nach Hauſe gehen.“ „Du willſt uns heimſchicken!“ entgegnete der Andere höhniſch. „Ich habe nun einmal Luſt, die ganze Nacht da zu bleiben; ich will Wein haben und da die Harfenmädel ſollen aufſpielen. Nach⸗ her bitte ich mir ein Zimmer aus;— was meinſt du, Nanett?“ — Dabei kniff er gegen das ältere der beiden Mädchen das linke Auge zu. Die Alte würdigte ihn übrigens gar keiner Antwort mehr. „Na, ich gebe dir noch einen Schluck,“ ſagte der im ſchwarzen Frack, indem er ſeine Cigarre aus dem Munde nahm und ſeine etwas gelben Vatermörder in die Höhe zupfte.„Du biſt trotz dei⸗ ner glänzenden Livree doch ein armes Luder. Ich möchte nicht in deinem Rocke ſtecken.“ „Bah! Und warum nicht?— Wegen des elenden Meſſer⸗ ſtichs?“ „Ja, ja, wegen des elenden Meſſerſtichs!“ lachte der mit dem rothen Haar, indem er ſeinen Kopf erhob und mit der frei gewor⸗ denen Fauſt ſein Glas ergriff, das er austrank. „Wie war doch die Geſchichte eigentlich?“ fragte der elegant Ausſehende. Der Gefragte warf ihm einen prüfenden Blick zu, der ſagen wollte: kann ich dir auch trauen oder haſt du vielleicht im Sinne, die Geſchichte irgendwo zu berichten? Doch zuckte er gleich darauf die Achſeln und ſprach wie zu ſich ſelber:„Teufel! es iſt ja ziem⸗ lich bekannt und es fällt mir auch gar nicht ein, es zu läugnen. — Wir brachen in der Vorſtadt ein, wie ihr Alle wißt, Thomas, der ſchwarze Johann und ich.“—* 124 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Bei deinem Herrn?“ ſagte lachend der Eine. „Aber nicht in ſeiner Livree!“ meinte der Andere. „Laßt doch eure ſchlechten Späſſe!— Genug, wir brachen ein,— es iſt eigentlich kein Einbruch zu nennen, denn ich hatte ja alle Riegel zurückgeſchoben; auch ging Alles glücklich von Statten,— wir nahmen eine hübſche Summe, Silbergeſchirr, nachdem wir vorher den Alten gebunden, und kamen glücklich in's Freie.“ „Dabei hätteſt du es auch belaſſen ſollen,“ ſagte der mit dem rothen Haar.„Weßhalb gingſt du wieder zurück?“ „Eigentlich nur in der Abſicht, um nachzuſehen, ob wir ihn auch recht feſt gebunden. Und meine Vorſicht war nicht unnöthig, denn er hatte die rechte Hand frei gemacht und wollte ſich gerade den Knebel aus dem Munde ziehen; deßhalb gab ich ihm einen tüchtigen Meſſerſtich.“ „Falſch! falſch!“ verſetzte der im ſchwarzen Frack, indem er den Dampf der Cigarre weit von ſich blies.„Er wurde noch am andern Morgen feſt gebunden und geknebelt gefunden, und die Zeitungen machten nun ein großes Geſchrei wegen der Unmenſchlich⸗ keit der Räuber. Wie hieß es doch?— Eine ſolche That muß um Rache ſchreien, und die Vergeltung kann nicht ausbleiben. Nicht genug, daß die eingedrungenen Verbrecher den armen Mann knebelten, einer dieſer Böſewichte kehrte auch zurück und verſetzte ihm aus teufliſchem Muthwillen mehrere Meſſerſtiche.“ „Hörſt du?“ ſagte der Rothhaarige.„Aus teufliſchem Muth⸗ willen! Und das ſoll der Herr gewaltig übel genommen haben.“ „Welcher Herr?“ fragte der Andere in naſeweiſem Tone und warf verächtlich die Lippen auf. „O Bürſchlein, Bürſchlein!“ lachte der im ſchwarzen Frack; „nehm' dich zuſammen; hier haben die Wände Ohren.“ „Was geht das mich an?— Bin ich deßhalb ein Dieb ge⸗ worden, um mich ſchulmeiſtern zu laſſen? Das ſollte mir fehlen!“ Im Fuchsbau. 125⁵ „Er hat zu viel getrunken.— Ich will dir einen guten Rath geben: mach', daß du nach Hauſe kommſt, und wenn du aus⸗ nahmsweiſe einmal klug ſein willſt, ſo laß' dich in den nächſten vier Wochen nicht im Fuchsbau ſehen,“ „Das wird ihn wenig helfen, wenn er ihn ſuchen läßt; und ich glaube faſt, er hat ein Auge auf dich geworfen.“ „Gleichviel; jetzt will ich trinken!“ erwiderte der Andere, in⸗ dem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug.„Wein her!— Und wenn du mir nicht auf mein ehrliches Geſicht borgen willſt, alte Canaille, ſo nimm' hier meine Uhr; ich löſe ſie morgen wieder ein.“ Damit ſtand er auf, um zu dem Weibe zu gehen, die noch immer keine Sylbe geantwortet hatte. Als er aber in die Gegend des Ofens kam, wo die beiden Mädchen ſaßen, blieb er lächelnd ſtehen, ſtützte beide Arme auf den Tiſch und ſagte leiſe und wider⸗ lich lachend zu der Aelteren:„ich verſetze die Uhr nur um deinet⸗ willen, Schatz, denn ich weiß, daß du eine koſtbare Geliebte biſt.“ Das Mädchen zuckte verächtlich mit den Achſeln, ſchlug als⸗ dann die Arme über einander und ſchaute ihn mit einem feſten und unausſprechlich frechen Blicke an. „Nun, nun,“ ſagte er halb zurückfahrend,„beiß mich nur nicht! Willſt du denn nie und nimmer zahm werden, nie freundlich und nachgiebig?“ „O ja!“ entgegnete das Mädchen laut lachend;„gegen Jeden, der mir gefällt, aber nie gegen dich— dich, unſeres Herrgotts miſerabelſten Knecht.“ „Ich will dir was ſagen,“ verſetzte der Lakai;„was ſoll man ſich mit dem dürren Holze abplagen, wenn grünes daneben wächst! Mach' mir Platz, ich will mich ein wenig bei der kleinen Blonden niederlaſſen.— Gott verdamm' mich! mach Platz, ſag' ich, oder ich will dir zeigen, wo du her biſt, Harfenmenſch erbärmliches!“ Die Aeltere von den beiden Mädchen, die wohl wußte, daß hier eine kleine an ihr verübte Mißhandlung nicht ſehr beachtet 126 Zweiunddreißigſtes Kapitel. würde, beſonders da augenblicklich keiner ihrer Freunde und Be⸗ ſchützer da war, duckte ſich auf die Seite, um dem Kerl zwiſchen ſich und dem andern Mädchen Platz zu machen. Dieſe aber faßte verzweiflungsvoll ihren Arm, drückte ſich feſt an ſie und flehte mit leiſer Stimme, ſie möge ſie um Gotteswillen nicht in der Gewalt des rohen Menſchen laſſen. „Das pipst auch ſchon gegen mich,“ ſagte er hohnlachend; „die haſt du wahrſcheinlich dreſſirt; iſt mir aber gleichviel, ob du freiwillig oder unfreiwillig mit mir gehſt. Wer einmal hieher kommt, der bietet ſich an; das iſt von jeher ſo gehalten worden und wirſt du nicht ändern wollen.“ Das Zunge Mädchen ſchaute ihre Gefährtin mit einem ver⸗ zweiflungsvollen, fragenden Blicke an, als wenn ſie ſagen wollte: iſt das ſo, ſpricht er die Wahrheit?— bin ich hier in die Gewalt eines Jeden gegeben, der ſeine Hand nach mir ausſtreckt?— Es war das ein entſetzlicher Blick, ein Blick voll Jammer und unaus⸗ ſprechlichem Elend, den ſie jetzt auf ihre ältere Gefährtin richtete. Dabei öffnete ſie erſchrocken den Mund, und zwei Thränen rollten langſam über ihre blaſſen Wangen hinab. Der Lakai bemühte ſich gerade, zwiſchen dem Tiſch und der Bank herum zu kommen und ſich neben ſeine Beute zu ſetzen, als er ſich auf einmal auf die Schulter gedupft fühlte. Er wandte ſich um und ſah den mit dem ſchwarzen Frack hinter ſich ſtehen; dieſer ſtreifte ruhig die Aſche ſeiner Cigarre mit den Fingern ab, dann ſagte er im freundlichſten Tone von der Welt:„laß deine Finger davon, Jakob, ich war eher da als du und habe mit der kleinen Mamſell ſchon Alles in's Reine gebracht.— Nicht wahr, mein Schatz?“ Das blonde Mädchen, dem ſein Beſchützer in dieſem Augen⸗ blicke nicht minder ſchrecklich erſchien wie ihr Verfolger, blickte in die Höhe und wußte nicht, was es antworten ſollte. Im Fuchsbau. 127 „Sage nur ja,“ flüſterte ihr Nanette zu,„das iſt doch Zeit gewonnen.“ „Nicht wahr, mein Kind?“ fuhr der Elegante fort, indem er ſich unternehmend durch ſein Haar ſtrich;„wir kennen uns ſchon; ſage nur ungenirt dieſem Herrn, daß du mir unbedingt den Vor⸗ zug einräumen wirſt. Ich denke, da wird keinem vernünftigen Mädchen die Wahl ſchwer werden.“ Als ihre Begleiterin ſie nochmals anſtieß, hauchte das arme Geſchöpf ein leiſes Ja, worauf eine tiefe Röthe ihr Geſicht über⸗ flog und ſie den Kopf weit herab auf die Bruſt ſinken ließ. „Ich bitte, ſich alſo nicht weiter zu bemühen,“ ſagte der neue Beſchützer zu dem Lakaien.„Komm hinter dem Tiſche vor und mach' keine Ungelegenheit. Wenn ich auch weiß, daß man Strei⸗ tigkeiten hier nicht gerne ſieht, ſo ſoll es mir doch gar nicht dar⸗ auf ankommen, dir nöthigenfalls ein paar Knochen im Leibe zu zerſchlagen.— Aber darum keine Feindſchaft!“. „Nein, um ſolche Waare gewiß keine Feindſchaft,“ entgegnete der Andere, der ſich ſchnell faßte, die Sache in einen Scherz verwan⸗ delte und darauf luſtig lachend hinter dem Tiſche vorkam, worauf Beide zuſammen ſich wieder an ihren alten Platz zurück begaben. Die Mädchen blieben ſtumm neben einander ſitzen; Nanette hatte ihre beiden Hände vor ſich auf den Tiſch gelegt und ſchien aufmerkſam ein paar Ringe an ihren Fingern zu betrachten, in Wahrheit aber ſchaute ſie darüber hinweg und war in tiefes Nach⸗ denken verſunken. Nach einiger Zeit ſtieß die Jüngere ſie an und ſagte leiſe: „Können wir nicht irgend wohin zu Bette gehen? ich bin ſo furcht⸗ bar müde.“ Nanette fuhr darauf aus ihren Träumereien empor, ließ ſich die Frage nochmals wiederholen und entgegnete alsdann:„haſt du Geld?“ „Noch zwei Gulden,“ verſetzte die Blonde, nund ich will ſie gern opfern, um mit Ihnen allein ſein zu können.“ 128 Dreiunddreißigſtes Kapitel. „Nun, es iſt mir am Ende auch lieber als hier auf der Bank,“ antwortete Nanette;„wir können noch ein wenig plaudern.“ Dann ſtand ſie auf, ging zu der Alten hin und ſagte ihr leiſe einige Worte. Dieſe nahm aus ihrem Schrank einen Schlüſſel und einen zinnernen Leuchter mit einem Talglichte und händigte Beides dem Mädchen ein, jedoch nicht eher, als bis ſie vorher ihre knöcherne Hand aufgehalten und dafür einiges Geld in Empfang genommen hatte. Nanette nahm die Harfe und ihr Bündel, die Andere ihre Guitarre, und darauf verließen Beide das Zimmer. Der mit dem ſchwarzen Frack wandte den Kopf herum.— „Welche Nummer?“ fragte er das Weib. „Vierundzwanzig,“ entgegnete dieſe; worauf derſelbe beruhigt mit dem Kopfe nickte. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Sklavengeſchichten. Die beiden Mädchen ſchritten unterdeſſen durch den langen Gang bis an eine Thüre, hinter welcher ſich eine Wendeltreppe befand. Nanette, die hier genau Beſcheid zu wiſſen ſchien, ſtieg voran, und ihre Gefährtin folgte ihr bei dem flackernden Scheine der Talgkerze abermals über einen langen Gang, dann wieder ein paar Stufen hinab, und ſo gelangten ſie in Nummer vierund⸗ zwanzig. Dies war ein ziemlich großes und kahles Gemach mit einem Sklavengeſchichten. 129 ſchlechten Tiſche und ein paar wackeligen Stühlen, einem Feldbett mit Strohſack und Wollenmatratze, über welche eine alte ſchwere Decke lag. Von Leintüchern war nichts zu ſehen. Das Zimmer hatte zwei Fenſter; in einem derſelben fehlten mehrere Scheiben, der Wind ſauste zuweilen herein, und Regen und Schnee hatten auf dem Boden eine artige Waſſerlache gebildet. „So, hier wären wir in unſerem Appartement,“ ſagte Na⸗ nette;„ſehr wohnlich ſieht es gerade nicht aus, aber ich habe ſchon ſchlechter geſchlafen. Du vielleicht auch?“ „Ich—— nicht,“ entgegnete die Andere, indem ſie ihre Guitarre auf den Boden niedergleiten ließ und einen troſtloſen Blick in dem öden Gemach umherwarf; 3% gewiß nicht. Doch wie Gott will!“ „Schätzchen!“ lachte Nanette,„ich glaube faſt, du biſt eine verwunſchene Prinzeß. Ich habe das gleich heute Abend gedacht, als du in der Scheune zu mir kamſt. Es war mir das recht auf⸗ fallend; aber du mußt geſtehen: naſeweis bin ich nicht, denn ich habe dich eigentlich noch gar nicht gefragt, woher du ſo plötzlich kamſt, weßhalb du ſo ängſtlich und erſchrocken thateſt.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete das blonde Mädchen,„und ich danke Ihnen recht ſehr dafür. Sie haben mich gerettet;— aber bin ich hier in dieſem Hauſe in Sicherheit?— Dabei ſchüttelte ſie den Kopf und warf einen troſtloſen Blick umher. „Ehe ich ſagen kann, ob du hier in Sicherheit biſt,“ verſetzte Nanette,„muß ich zuerſt wiſſen, was du zu fürchten haſt. Als du heute zu mir kamſt, da that mir dein Jammern weh, und glücklicher Weiſe konnte ich dir helfen. Die blonde Agnes war mir mit der ganzen Baarſchaft davon gelaufen, hatte mir aber ihre Guitarre und, was wichtiger iſt, unſere Legitimationspapiere hier gelaſſen, unter deren Schutz wir vorderhand ſicher reiſen können. — Daß du nichts von Muſik verſtehſt, habe ich ſchon gem erkt; Hackländers Werke. XVII. 9 130 Dreiunddreißigſtes Kapitel. dein Kleidchen da ſchaut auch nicht nach langem Herumreiſen aus; alſo denke ich, du biſt irgendwo davon gelaufen.“ Die Andere nickte ſtumm mit dem Kopfe und ein Schauder überflog ſie, vielleicht, weil ſie an die Vergangenheit dachte, viel⸗ leicht auch, weil in dieſem Augenblicke gerade der Wind wieder heftig durch das Fenſter herein ſauste. „Dich friert,“ ſagte Nanette.„Weißt du was: lege dich⸗ in’s Bett unter die Decke und wenn du warm geworden biſt, ſo erzähle mir von deiner Sache, was du magſt; ich höre gern allterlei Unglück;— und Gutes wirſt du mir nicht viel zu berich⸗ ten haben.“ „Können wir nicht die Thüre verſchließen?“ fragte ängſtlich das junge Mädchen.„Ich ſehe ja keinen Riegel.“ „Die gibt's hier nicht,“ erwiderte Nanette achſelzuckend;„das Verſchließen iſt gegen die Hausordnung und wird namentlich auf den Zimmern, die wir bekommen, nicht geduldet.“ Die Andere faltete die Hände und ſah ihre Gefährtin mit einem troſtloſen Blicke an. Dann giug ſie ſeufzend nach dem Bette und legte ſich, da ſie wirklich heftig fror, mit den Kleidern auf die Matratze und unter die Decke. Nanette nahm einen der Stühle, rückte ihn an das ärmliche Lager und ſetzte ſich ſo, daß ſie ſich mit dem Oberkörper und dem Kopfe ebenfalls auf das Bett legen konnte, worauf ſie einen Theil der Decke über ihren entblößten Buſen zog.—„Alſo,“ ſagte ſie, „wo kamſt du her, das heißt, wenn du mir dein Geheimniß an⸗ vertrauen willſt?“ „Es iſt nur ein ſchreckliches Unglück, aber kein Geheimniß,“ verſetzte das junge Mädchen.„Ich kam aus dem Städtchen N., wo ich geboren und aufgezogen wurde.“ „Von deinen Eltern?“ „Nur bis zum zehnten Jahre, dann waren Beide todt. Eine entfernte Verwandte nahm ſich meiner an; ſie hatte keine Kinder Sklavengeſchichten. 131 und ich durfte bei ihr bleiben, ſie lehrte mich ſtricken, nähen und dergleichen, und brachte mich ſo weit, daß ich mit ſechszehn Jah⸗ ren einen Dienſt annehmen konnte.“ „Du nahmſt alſo einen Dienſt an?“ „Ja, bei einem jungen Kaufmanne, der eine ältliche Frau und ein einziges Kind hatte.“ „Das war von deiner Verwandten nicht klug gewählt.“ „O doch! Er ſtand in dem Ruf eines chriſtlichen und from⸗ men Mannes, es ſprach Keiner ſo ſchön und gut wie er, und Nie⸗ mand beſuchte häufiger die Kirche.“ „Das ſind oft die Schlimmſten!“ ſagte Nanette. „Ja, ja, er war ſchlimm,“ fuhr das junge Mädchen fort; „aber ich hatte ja keine Ahnung davon, ich wußte ja lange nicht, was er von mir wollte. Ach! ſein Kind, das kleine Mädchen, hatte ich ſehr lieb und es mich gleichfalls, und er ſchien es gern zu ſehen, wenn ich mich ſo recht freundlich mit dem Kinde abgab. Die Frau war kränklich und reiste jeden Sommer in'’s Bad.“ „Dann warſt du mit ihm allein im Hauſe?“ „Ja,“ erwiderte die Andere mit leiſer Stimme. Dann fuhr ſie fort:„anfänglich fiel mir nichts Böſes dabei ein, daß er häufig lange dabei ſtand, wenn ich mit dem Kinde ſpielte oder es aus⸗ und anzog, daß er auch wohl ſeine Hand auf die meinige legte, ja daß er mich zuweilen ſcherzend um den Leib faßte. Ich nahm das Alles ganz unbefangen auf, und umſomehr, da er gleich dar⸗ auf wieder ernſte und belehrende Worte zu mir ſprach, von der Verdorbenheit der ſündigen Welt, daß die Menſchen im Allgemei⸗ nen ſo ſchlecht ſeien, voll Trug und Argliſt, und daß ſich nament⸗ lich ein junges Mädchen glücklich ſchätzen müſſe, die in einem guten Hanſe ein Aſyl gefunden und der treue Freunde zur Seite ſtänden: — Auch—— auch.“ ſagte ſie mit ſtockender Stimme,„auch be⸗ tete er oft mit mir und nahm mich alsdann bei der Hand und 132 Dreiunddreißigſtes Kapitel. ſchien ſo ergriffen zu ſein, daß er mich am Ende zuweilen auf die Stirne küßte.“ „Schön gemacht!“ rief lachend Nanette;„den möcht' ich kennen!“ „Ich lernte ihn kennen,“ fuhr das junge Mädchen fort, indem ein Schauder über ihren Körper flog.„Aber erſt, nachdem ich ein Jahr im Hauſe war und vor ein paar Tagen. Die Frau war auf kurze Zeit zu ihren Verwandten gereist, und da eines Abends, als ich in mein Zimmer gegangen war und—⸗ „Das Uebrige kann ich mir denken,“ ſagte Nanette, während ſie mit einer Hand ein Stück von der Decke zuſammen ballte;„du biſt ein ſchwaches Geſchöpf, du hatteſt nicht den Muth zu wider⸗ ſtehen, auch nicht die Kraft dazu—“ 1 „O ja!“ entgegnete die Andere,„ich hatte Kraft und Muth zum Widerſtand.— Und das war vielleicht gerade mein Unglück. Gott im Himmel! als er mich mit geballten Fäuſten verließ, da ſagte er es mir vorher, gab mir auch noch eine halbe Stunde Bedenkzeit, mich ſeinem Willen zu fügen, ſonſt wolle er mich zer⸗ treten wie einen Wurm. Er ſei der Herr und ich ein armes, wehr⸗ loſes Geſchöpf,— ſeine Sklavin, ich müſſe mich glücklich ſchätzen, wenn er ein Wohlgefallen an mir fände.— Eine halbe Stunde gäbe er mir Bedenkzeit, und wenn ich ferner ein angenehmes und vergnügtes Leben führen wolle, ſo ſolle ich meine Zimmerthüre, die er offen ſtehen ließ, hörbar ſchließen und wieder öffnen.— Aber ich that es nicht: ich warf die Thüre in's Schloß und ſchob den Riegel vor.“ „Du hatteſt einen Geliebten?“ fragte Nanette, indem ſie lä⸗ chelnd den Kopf herum wandte;„gewiß, du hatteſt einen!“ „Woher können Sie das wiſſen?“ fragte erſchreckt das junge Mädchen. Dann verbarg ſie verzweiflungsvoll ihr Geſicht in das grobe Kiſſen und verſetzte:„ja, ich hatte einen; aber ich habe ihn verloren, wie Alles auf dieſer Welt.“ Sklavengeſchichten. 133 „Das habe ich mir gedacht.— Aber nun weiter, obgleich ich mir denken kann, was erfolgte.“ Das Mädchen wiſchte ein paar Thränen aus ihren Augen, richtete ſich in dem Bette empor und ſagte mit leiſer Stimme: „nein, Sie können ſich das Schreckliche nicht denken, was nun er⸗ folgte. Ich wurde am andern Morgen aus dem Hauſe gejagt; — ich hätte geſtohlen, ſagte er. Was weiß ich, wie er es gemacht, aber als ich mit dem kleinen Kinde von der Straße herein kam, war er mit der Köchin aufemeinem Zimmer; ich mußte meinen Koffer öffnen und da fanden ſich allerlei Sachen, von denen nur der barmherzige Gott wiſſen kann, wie die hinein ge⸗ kommen.“. Bei dieſen Worten drehte ſich die Andere langſam herum und ſchaute ihre Gefährtin mit einem langen und prüfenden Blicke an. Dann warf ſie die Oberlippe in die Höhe, ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte:„das war ſehr dumm.— Und die Polizei—? Doch, was brauche ich da zu fragen! Ich kenn' das ja; was ſind wir arme niedergetretene Weſen, wenn ſo eine fromme, chriſtliche Seele Böſes gegen uns ausſagt, und wenn überdies noch der Schein ge⸗ gen uns ſpricht!— O,“ fuhr ſie fort und ihre Augen ſchoſſen Blitze,„ich hatte eine Schweſter, der es gerade ſo erging, eigent⸗ lich noch viel ſchlimmer, denn auch ſie, ein junges unſchuldiges Mädchen, ſollte ſich ihrem Herrn ergeben, und als ſie ſich weigerte, beſchuldigte man ſie allerhand ſchlimmer Sachen, worauf mein Va⸗ ter Jenem volle Macht verlieh, die Widerſpenſtige zur Ordnung und Zucht zurück zu bringen.— Das wurde denn auch mit Hunger und Schlägen probirt, und nachdem ſie das eine Zeit lang ertra⸗ gen, kehrte ſie denn freilich zur Ordnung zurück, aber die Zucht— war von der Stunde an beim Teufel.— Doch weiter!— Sie ſteckten dich ein?“ „Sie wollten es thun,“ fuhr das junge Mädchen unter nieder⸗ 134 Dreiunddreißigſtes Kapitel. ſtrömenden Thränen fort,„aber er hatte einen Buchhalter, der bat für mich.“ „Ah! der Buchhalter!—“ „Und darauf jagten ſie mich einfach aus dem Hauſe mit der Weiſung, nicht wieder zu kommen. O, das war von Allem der entſetzlichſte Moment; ich mußte mir ein Bündel mit dem Noth⸗ wendigſten zuſammen packen, und da ich vorn zur Hausthüre nicht hinaus wollte,— es waren da böſe Leute, die von der Geſchichte gehört hatten und die auf mich warteten,— ſo öffnete mir der Buchhalter die Thüre des Gartens, die auf das freie Feld führte. Ich faßte in meiner Verzweiflung mit der Hand ſo heftig in die Dornenhecke, daß mein Blut herausſprang und auf den Schnee tropfte; dann ſah ich hinauf an den grauen Winterhimmel und auf den weißen, weißen, einförmigen Schnee, der ſich ſo weit und un⸗ abſehbar vor mir ausbreitete. Da war nichts Lebendes zu ſehen als eine Schaar Raben, die ſchreiend über das Feld wegflogen.— Sehen Sie, Henriette, ſagte der Buchhalter, da hinaus wenden Sie Ihren Weg, und wenn Sie auch ſchwer gefehlt haben, er, der die Raben auf dem Felde nährt und die Lilien kleidet, wird ſich auch Ihrer erbarmen.“ 4 „Er war fromm wie der Herr,“ ſagte höhniſch Nanette. „Darauf wollte er durch den Garten zurück, aber ich ſchrie laut auf und verſuchte, freilich etwas verworren und unklar, ihm den Verlauf des Ganzen zu erzählen. Aber er ſchüttelte den Kopf und ſprach: Henriette, fügen Sie nicht zu dem, was Sie gethau, auch noch Verläumdung und Lüge. Ich kenne den Herrn,— das ehrbarſte und beſte Gemüth, und ſo gut, ſo gut, er könnte einem Kinde nichts zu Leid thun.— Da raffte ich mich zuſammen, erhob die Hand und ſagte: die Schande überlebe ich nicht, ich thue mir ein Leides an und mein Blut komme über ihn. Damit ſprang ich in das Feld hinaus und erſt, als ich ſchon ziemlich weit gelaufen war, blickte ich nochmals um. Da ſtand er noch immer an der Sklavengeſchichten. 135 ſchneebedeckten Hecke und blickte auf die rothen Blutstropfen, die dort von meinen Fingern niedergefallen waren.“ „Das war eine Strafe für ihn!“ rief Nanette.„Denn als er das Blut ſah, fürchtete er ſich und dachte an deine letzten Worte.“ „Ich that mir aber kein Leides an,“ fuhr bitter lächelnd das arme Mädchen fort;„ich hatte nicht den Muth dazu, und als ich an einen Fluß kam, wo die Eisſchollen neben und über einander hin ſchliffen, da ſchauderte mich und ich eilte wieder von dem Ufer hinweg. Ich lief, bis es Abend wurde, und dann kam ich an die offen ſtehende Scheune, wo ich Sie ſand.“ „Das iſt eigentlich eine ganz gewöhnliche Sklavengeſchichte, wie ſie zu Dutzenden vorkommen,“ ſagte das Harfenmädchen.— „Und wenn es dich intereſſirt, etwas von mir zu erfahren, ſo will ich dir gerne damit aufwarten. Eine Ehre iſt der andern werth. Doch iſt meine Geſchichte ein Bischen anders.— Schau mich an,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich aufrichtete,„ich ſehe nicht aus wie Je⸗ mand, der gern duldet und leidet, und damit habe ich mich auch in meinem Leben ſehr wenig abgegeben. Wir waren unſerer vier Geſchwiſter, die, als der Vater ſtarb und uns als Waiſen zurück ließ, ſich noch im Hauſe befanden, das heißt in zwei elenden Dach⸗ kammern, wo kein Nagel unſer war. Die Schweſter, von der ich vorhin ſprach, rechne ich gar nicht mit, denn die war damals ver⸗ ſorgt; ſpäter iſt ſie freilich im Spital geſtorben.— Nun, wir vier, das kann ich dich verſichern, wir waren gut ausſehende hübſche Mädchen; ich kann das ſchon ſagen, ohne mir zu ſchmeicheln, denn es iſt ja ſchon ziemlich lange her. Nun hielten wir einen Fami⸗ lienrath, dem eine alte Tante beiwohnte, welche uns verſicherte, es könne uns nicht fehlen, wenn wir arbeiten wollten und Luſt hätten, uns ehrlich durchzuſchlagen. Dabei ſprach ſie achſelzuckend von der fünften Schweſter und ermahnte uns, an der ein Exempel zu neh⸗ men und meinte, wir ſollen recht tugendhaft bleiben. Aber die Alte hatte gut reden! Die Tugend iſt eine ſchöne Sache für vor⸗ 136 Dreiunddreißigſtes Kapitel. nehme und reiche Mädchen; da leuchtet ſie und glänzt, und wenn ſie auch ſchon Schaden gelitten hat, das thut Alles nichts, da wird ſie doch als vollkommen unverletzt dargeſtellt und es wagt Niemand, öffentlich daran zu rühren.— Aber bei uns armen Geſchöpfen, da glaubt Jeder, in deſſen Klauen wir gerade fallen, wir ſeien für ein mageres Brod ſein mit Leib und Seele, als hätte er uns auf dem Sklavenmarkte gekauft.— Ich verſichere dich, anders ſehen es die Meiſten, bei denen wir um'’s Tagelohn arbeiten, gar nicht an. „Ich kam denn auch gleich in die Hände eines ſolchen Herrn, eines Fabrikanten, der ſeine Arbeiterinnen anſah wie der Türke ſeinen Harem, und der uns mit einem Draufgeld, was wir erhiel⸗ ten, förmlich von ſeinen Unterhändlern kanfte. Ich hatte Wind davon erhalten und wollte nicht zu ihm; aber ein altes Weib, das er zu mir ſchickte, und die er außerordentlich bezahlte, wußte mir die Sache recht lockend darzuſtellen. Ich ging alſo in die Fabrik, aber nicht in die Falle, und als nicht lange darauf der entſchei⸗ dende Moment kam, erhielt mein Herr ein paar tüchtige Ohrfeigen, was meine ſämmtlichen Colleginnen in's höchſte Erſtaunen ſetzte, denn die und— Gott verzeih' es ihnen— auch viele ihrer Eltern, hatten ſich oder die eigenen Kinder zu allen Dienſten förmlich ver⸗ kauft, und wenn ſo ein unglückliches Geſchöpf ſich wohl bisweilen gewaltig wehrte und um Schonung und Erbarmen flehte, da wurde ſie meiſtens von den Anverwandten zur Pflicht zurück geführt.— Ha! ha! ha!“ unterbrach ſich das Mädchen mit einem lauten Ge⸗ lächter,„ich verſichere dich, es gibt keine größere Sklaverei, als die der tauſend armen Mädchen, worunter auch wir gehören, mögen ſie nun ſein, was ſie wollen.— Sklaverei in jeder Richtung: harte Arbeit, kaum das tägliche Brod, um nicht Hungers zu ſter⸗ ben, Mißhandlung aller Art, geiſtige und körperliche; und zuletzt wirft man ſie weg, nachdem nichts mehr an ihnen zu verderben iſt. Und wenn man von Menſchenhandel ſprechen will, ſo laſſe man nur Einige von uns ihre Geſchichte erzählen, das gäbe ein artiges Buch Sklavengeſchichten. 137 zuſammen, daß Einem, der es leſen würde, die Haare zu Berge ſtehen könnten. „Natürlicher Weiſe verließ ich am gleichen Tage, wo ich mich mit dem Herrn entzweit, die Fabrik. Ein junger Muſiklehrer, den ich kennen lernte, fand, daß ich eine gute Stimme, auch hinreichen⸗ des Taktgefühl habe, er unterwies mich eine Zeit lang, und dann ſuchte und fand ich eine Anſtellung als Choriſtin bei unſerm Stadt⸗ theater.“ „Das war aber dieſelbe Skiavenanſtalt wie die Fabrik, das kann ich dich verſichern, ja inſofern noch viel ſchlimmer, weil es dort nur einen, hier aber viele Herren gab. Auch verſteht es ſich ja von ſelbſt, daß ſo eine junge anfangende Choriſtin in nichts widerſprechen darf, wenn ſie nur die geringſte Ausſicht haben will, zu Etwas zu kommen, um gerade vom Hungertode bewahrt zu ſein. Der Direktor ſelbſt warf mir freundliche Blicke zu: ſein Bruder, Regiſſeur und erſter Tenoriſt, trug ſich mir zum Lehrer an, er wolle meine Stimme ausbilden, ſagte er, und nebenbei ein klei⸗ nes Verhältniß mit mir eingehen. Ich wies das Alles anfänglich zurück und dachte, wenn ich recht fleißig ſeie, meine Schuldigkeit im Geſang thue, nie zu ſpät komme und dergleichen mehr, ſo könne man nichts weiter von mir verlangen. Ich wollt. damals trotz der gemachten Erfahrungen noch nicht einſehen, daß wir eine Klaſſe von Geſchöpfen ſind, die ſich einmal verkaufen müſſen, um ihr tägliches Brod zu erwerben. „Da war aber auf jenem Theater eine alte würdige Frau,— ſie ſpielte Anſtandsdamen und ſouflirte zuweilen,— ein ſehr prak⸗ tiſches Weib; ich ſehe ſie heute noch vor mir mit ihrem dicken roth⸗ karrirten Shawl, einem großen Beutel am Arm, worin ſie Bücher und Obſt hatte, einer Brille auf der Naſe und der Schnupftabaks⸗ doſe, die ſie beſtändig in der Hand hatte. Sie mochte mich wohl leiden, und eines Tags, als ich dem Bruder des Direktors eine recht ſchnippiſche Antwort gegeben und ihm geradezu den Rücken 138 Dreiunddreißigſtes Kapitel. gekehrt hatte, nahm ſie mich in den dunkelſten Winkel hinter die Couliſſen und ſagte mit ihrer ſchnarrenden Stimme: mein liebes Kind, mit der Sprödigkeit geht's nun leider einmal nicht in ſo vielen abhängigen Verhältniſſen, namentlich nicht beim Theater, und je mehr man ſich dagegen wehrt, um ſo größeres Herzeleid macht man ſich ſelber. Tugendhaft ſein, iſt eine ſchöne Sache, aber es gehört Geld dazu, dann iſt es ſehr angenehm und leicht. Was ſollen aber wir arme Geſchöpfe machen? So ein Vorgeſetzter, mag er nun heißen wie er will, peinigt dich bis auf's Blut, und wenn er dich am Ende fortſchickt, ſo treibt dich der Hunger zu noch viel Schlimmerem.— Aber das iſt ja mehr als Sklaverei! fuhr ich damals auf. Ich habe doch das Recht, zu thun und zu laſſen was ich will; wer will mich zwingen?— Mit Gewalt Niemand, ant⸗ wortete darauf die Alte, das geſchieht nur höchſt ſelten, und dann biſt du ein armes Schlachtopfer. Aber nein! nein! du mußt Alles freiwillig hergeben und doch gezwungen; das iſt die härteſte Nuß bei der ganzen Geſchichte.— Ich fühlte wohl, daß ſie Recht hatte, aber da ich es ſo recht deutlich fühlte, ballte ich meine Hände zu⸗ ſammen und biß mir die Lippen blutig. Doch wollte ich lange, lange dieſer Ermahnung nicht folgen. Aber ſie plagten und miß⸗ handelten mich auf alle Weiſe, ſie quälten mich, daß es einen Stein hätte erbarmen ſollen. Ich ſtand allein da, verlaſſen, und fühlte, daß ich ſo gar kein Recht gegen dieſe Behandlungen er⸗ langen konnte, ich fühlte es, daß ich nichts ſei als eine arme Sklavin, und wunderte mich nur über mich ſelbſt, daß ich nicht ſchon gleich Anfangs dem Befehl des Direktors nachgekommen ſei, als er mir ſagte, ich ſolle in ſeine Wohnung kommen, um mir eine kleine Solopartie zu übertragen und mit mir einzuſtudiren. — Ein ganzes Jahr lang hatte ich ertragen, was ein Mädchen zu ertragen im Stande iſt, wurde von meinen Colleginnen verſpottet, von den Männern beim Theater auf alle Weiſe geneckt und geplagt. — Ja, ein ganzes Jahr hatte ich es ausgehalten, da— nahm ich Sklavengeſchichten. 139 die mir dargebotene Rolle an und ſang eine kleine Solo⸗ partie.— „Warum blieben Sie aber nicht beim Theater?“ fragte die Andere;„namentlich wenn Sie Talent dazu hatten.“ „Ich hatte aber kein Talent,“ entgegnete das Harfenmädchen finſter; Alle, die mir das geſagt, hatten mich belogen: ich hatte nichts als ein hübſches Geſicht und einen Körper in der Friſche der erſten Jugend. Das verlor ſich aber bald, ich ſang keine So⸗ lopartien mehr, und da die Truppe, bei der ich mich befand, bald aufgelöst wurde, ſo ſtand ich mit vielen Anderen, die ſich um mich ſo wenig bekümmerten wie ich mich um ſie, auf der Straße. Glücklicher Weiſe hatte ich von einem der Orcheſter⸗Mitglieder etwas Harfenſpielen gelernt, mein altes Inſtrument, was ich jetzt hier habe, wurde mit allem Uebrigen verſteigert und ich erhielt es als Bezahlung, da ich einige Gegenanſprüche zu machen hatte.— So bin ich jetzt reiſende Virtuoſin geworden,“ ſetzte ſie lachend hinzu, und wenn ich in der erſten Zeit meiner Laufbahn Manches hinunter ſchlucken mußte, ſo habe ich mich jetzt an Vieles gewöhnt und lebe luſtig und vergnügt in den Tag hinein, bis ich einſtens — hinter einer Hecke ſterbe.“— Dieſe letzten Worte ſprach ſie ſo leiſe, daß ſie ihre Gefährtin nicht verſtehen konnte. Auch war dieſe in ein tiefes Nachdenken verſunken, und ſchrak jetzt, als Nanette ſchwieg, aus ihren Träu⸗ mereien auf. „Aber was ſoll mit mir werden?“ ſagte ſie und faltete ihre Hände.„Was bin ich ſchon geworden?— in welches Haus bin ich gerathen?“ „Das ſind drei Fragen auf einmal,“ entgegnete Nanette,„die ſchwer oder leicht zu beantworten ſind, wie man will.— Was aus dir werden ſoll?— Nun, bleibe vorderhand was du biſt, das heißt, behalte die Guitarre und ſinge mit mir herum. Du 140 Dreiunddreißigſtes Kapitel. dauerſt mich und wenn ich dich jetzt fahren laſſe, ſo bin ich über⸗ zeugt, daß du bald in ganz ſchlechte Geſellſchaft geräthſt.“ Das junge Mädchen ſah bei dieſen Worten ihre Gefährtin mit einem ſonderbaren Blicke an. Worauf dieſe lachend erwiderte:„ich weiß wohl, weßhalb du mich ſo komiſch betrachteſt: du meinſt, die Geſellſchaft, in der du dich gerade befindeſt, ſei auch eben nicht die reſpektabelſte. Aber glaube das nicht; ich bin reiſende Künſtlerin, und wenn ich will, kann ich mein Brod auf ganz ehrliche und unbeſcholtene Art ver⸗ dienen.— Aber,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„die Verführung iſt ſo groß.— Deine andere Frage, was aus dir ſchon geworden ſei, kannſt du dir am beſten ſelbſt beantworten; und drittens end⸗ lich, was die Beſchaffenheit des Hauſes, in dem wir uns gerade befinden, betrifft, ſo heißt daſſelbe der Fuchsbau, macht billige Ze⸗ chen und gewährt hinlänglichen Schutz vor der Polizei mit ihrem Anhang.— Für tugendhafte Frauenzimmer,“ fügte ſie bei, indem ſie ihren Kopf und Oberkörper auf die Decke zurückwarf und ſich lange ausſtreckte,„für tugendhafte Frauenzimmer iſt das Haus freilich ein wenig gefährlich, denn es ſind hier an den Thüren keine Riegel zum Verſchließen.— Und du ſcheinſt mir noch recht tugendhaft zu ſein?“ 4 „Ach mein Gott!“ ſeufzte das Mädchen und verbarg eine Zeit lang ihr Geſicht, das auf's Neue von Thränen überſtrömt wurde, in beide Hände.— Welch' unſägliches Elend war nicht ſeit ſo kurzer Zeit über dies arme Geſchöpf herein gebrochen! Vor ein paar Tagen noch in einem vor der Welt anſtändigen Hauſe, in einer guten Stellung, freundlich behandelt, ja zu freundlich, mit der Ausſicht auf eine ruhige behagliche Zukunft.— Und nun aus Allem dem herausgeriſſen, in dieſe unheimliche Welt hinein geſchleudert, ſah ſich das junge, bis jetzt noch unverdorbene Mäd⸗ chen an die Gefährtin, die vor ihr ſaß, gewieſen, und mußte ſich glücklich ſchätzen, daß das Harfenmädchen ſich ihrer annahm und „ Sklavengeſchichten. 141 ihr Schutz gewährte. Aus ihrem netten Stübchen, wo das Bett des kleinen Kindes ſtand, das ſie ſo ſehr liebte, befand ſie ſich jetzt mit einem Male in dem öden Gemache des verrufenen Hauſes, wo Wind und Schnee zu dem offenen Fenſter herein jagte, und wo einmal über das andere Mal ein Schander ihren Körper überflog und die Kälte ihre Glieder erſchütterte. Auf Augenblicke hielt ſie alles das für einen Traum, ſank in ſich zuſammen und ſchloß die Augen feſt, um vielleicht freundliche Bilder, die ſie umgaukelten, feſtzuhalten.— Jetzt aber fuhr ſie wieder empor, warf ihre Blicke auf die Gefährtin, die neben ihr ruhte, und fühlte alsdann, wie ſich ihr Herz in tiefem Schmerz krampfhaft zuſammen zog. „Nun, antworte mir,“ ſagte Nanette;„du haſt lange genug überlegt. Du behältſt Guitarre und Papier der fortgelaufenen Agnes, ich bringe dir morgen ein paar Akkorde bei, lehre dich einige Lieder, und mit deinem Geſichte, mit den verſchämt nieder⸗ geſchlagenen Augen, können wir in den Gaſthöfen gute Ernte ma⸗ chen.— Aber,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„ich fürchte, du wirſt zu vornehm thun, und was das anbetrifft, da muß ich wahr⸗ haftig zu dir ſprechen, wie ſeiner Zeit die alte Theaterprinzeß zu mir.— Reiſende Muſtkantin zu ſein iſt an ſich nicht ſo übel, aber du verkaufſt dich dadurch der ganzen Welt: der Sechſer, der in meinen Teller fällt, iſt ja nicht für unſer Spiel und Geſang,— er gilt meinem vollen Buſen oder deinen ſanften ſchmachtenden Augen, deinem ſchlanken Wuchſe. Und darauf glaubt der, der ihn geſpendet, ſich ein Anrecht erworben zu haben.“ „O Gott! mein Gott!“ jammerte das Mädchen. „Aber man gewöhnt ſich daran,“ fuhr finſter die Andere fort. „Es gibt freilich Leute, die das nicht glauben und die nicht be⸗ greifen wollen, warum ſo ein armes Harfenmädchen, die ſich auf's Unverſchämteſte muß begaffen laſſen, die jede freche Hand berühren darf, nicht lieber in's Waſſer ſpringt, um ſo ihrer Schande und ihrem Daſein ein Ende zu machen. Aber die das nicht begreifen, 142 Vierunddreißigſtes Kapitel. kennen unſere Lage nicht, obgleich ſie ſo gern aus ihrem warmen Zimmer, von ihrem guten Mittageſſen hinweg achſelzuckend über uns und unſeres Gleichen urtheilen.— Aber entſchließe dich! Es iſt das Beſte, was du ergreifen kannſt; denke nicht, daß du nach Hauſe zurückkehren kannſt: dein Herr iſt gezwungen, die Klage gegen dich aufrecht zu erhalten. In den Augen der Leute dort biſt und bleibſt du eine Diebin.“ „O ſtille! ſtille!“ bat das arme Mädchen, die ſich in den heftigſten Seelenleiden auf dem Bette krümmte wie ein zertretener Wurm. In dieſem Augenblicke hörte man etwas auf dem Gange ſchlei⸗ chen und eine Hand, welche an der Thüre vorbei rutſchend die Klinke ſuchte. Vierunddreißigſtes Kapitel. Er!— „Was iſt das?“ fragte entſetzt das junge Mädchen, indem ſie ſich erhob und ängſtlich lauſchte. „Es wird der im ſchwarzen Fracke ſein. dem du vorhin ſeine Frage bejahteſt. Er kommt nun, wie er mit dir ausgemacht.“ „Aber ich habe nichts mit ihm ausgemacht! ſchrie das Mäd⸗ chen im Tone der Verzweiflung.„Nichts! nichts! Gott erbarme ſich meiner!— O helfen Sie mir! was ſoll ich thun?“ „Mit mir ziehen, dich unter meinen Schutz begeben,“ entgeg⸗ nete ruhig das Harfenmädchen, ohne den Kopf zu erheben.— „Aber warun ſich auch ſo gewaltig ſperren?— Oder ihm folgen.“ Er!— 143 „Eher den Tod!— Ich ſtürze mich dort zu dem Fenſter hinaus.“ „Biſt du ſo tugendhaft?“ fragte Nanette mit einem zweifel⸗ haften Lächeln. Die Andere gab keine Antwort, ſondern ſtarrte mit weit auf⸗ geriſſenen Augen nach der Thüre. „Gewiß und vollkommen tugendhaft?“ fuhr das Harfenmäd⸗ chen dringender fort zu fragen, und richtete ſich halb empor, um die Antwort ihrer Gefährtin beſſer vernehmen zu können. Doch ſchien dieſe den Sinn der Frage nicht gleich zu ver⸗ ſtehen, und als ſie ihn endlich begriffen, zuckte ſie zuſammen, blickte empor und ſagte mit aufgehobener Hand:„ja, ja! bei Gott im Himmel! ja!“ „Ah! wenn das iſt,“ ſprach luſtig Nanette,„ſo wollen wir dieſen Tölpel ablaufen laſſen; das wären Perlen vor die Säue geworfen!“ Jetzt öffnete ſich langſam die Thüre; der Mann, von dem das Harfenmädchen vorhin geſprochen, und der ſich drunten zum Be⸗ ſchützer der Andern aufgeworfen, erſchien wirklich und blickte vor⸗ ſichtig in das Gemach. In der Hand trug er ein ausgelöſchtes Licht.—„Das iſt heute ein furchtbarer Sturm,“ ſagte er lächelnd; „wo der Wind die geringſte Oeffnung findet, da fährt er herein.“ „He! was ſoll's?“ rief Nanette, indem ſie ſich halb erhob und dabei eine Fauſt unternehmend in die Seite ſtemmte.„Wollt Ihr vielleicht Euer Licht bei uns anzünden?— Nun, darauf ſoll es mir meinetwegen nicht ankommen.“ „Das weniger,“ entgegnete grinſend der Eingetretene;„ich hätte wohl die Abſicht, euer Licht ebenfalls auszulöſchen.“ „Nun, ich will Euch was ſagen, Sträuber,“ erwiderte das Mädchen mit beſtimmtem Tone,„für Eure ſchlechten Späſſe ſucht Euch ein anderes Zimmer. Wir haben das unſrige bezahlt und wollen Ruhe haben.“ 144 Vierunddreißigſtes Kapitel. „Man will auch von dir nichts, du böſes Maul!“ ſagte der im ſchwarzen Frack.„Nimm dich in Acht, ſonſt ſollſt du es büßen.“ Trotz dieſer Drohung blieb er aber ruhig an der Thüre ſtehen. „Von wem willſt du denn ſonſt etwas?“ fuhr das Harfen⸗ mädchen fort, indem ſie ſich von ihrem Stuhle erhob.„Vielleicht von meiner Schweſter?— Willſtt du ſie vielleicht verkaufen, Skla⸗ venhändler, Seelenverkäufer!“ „Von deiner Schweſter?— hahaha!— du würdeſt dich freuen. Das iſt aber eine ganz andere feinere Race als die eurige.“ 3„Mag es nun eine Race ſein, welche es will, ſo ſage ich dir, ſie iſt für dich nicht gewachſen, und wenn du dich nicht bald aus dem Zimmer hinaus machſt, ſo komme ich dir entgegen; und ich glaube, du kennſt mich.“ 4 „Du biſt eine wilde Katze,“ verſetzte giftig der Andere.„Und wenn du meinſt, ich hätte Luſt, mich mit dir herumzuſchlagen, ſo irrſt du dich gewaltig. Ich will nur den Lakaien herauf holen, der ſoll dich halten und dann kannſt du zuſehen.“ „O, ich habe vor euch Beiden keine Angſt, ihr Jauner, ihr miſerable!— Nicht wahr, bei ein paar armen Mädchen habt ihr große Mäuler. Soll ich den Mathias bitten, herauf zu kommen? Warte nur, Sträuber; aber ich ſage dir im Guten, nimm dich in Acht!“ Dabei ging ſie einige Schritte vor, und während ſie ihm eine ihrer geballten Fäuſte entgegen warf, blitzten ihre Augen. „Dieſer Abend iſt noch nicht vorüber, und es müßte mich Alles trügen, wenn der Johann nicht noch käme. Da will ich dann ſehen, was du für ein Geſicht machſt, du Vieh, wenn ich mich über dich beklage.“ Dieſe Drohung, ſo verſteckt ſie auch war, machte doch auf den Herrn Sträuber einen ſichtlichen Eindruck. Er verſuchte zu lächeln und ſagte:„du biſt doch in Wahrheit eines der verwegenſten Weibsbilder, die ich je geſehen. Von dir will ja eigentlich Nie⸗ mand etwas, ich halte mich an die Andere; und bin ich nicht in Er!— 35 145 meinem vollkommenen Rechte, wenn ich herauf komme, hat ſie drunten nicht Ja geſagt?“ „Ja hat ſie allerdings geſagt,“ erwiderte das Harfenmädchen, indem ſie jetzt ihre beiden Arme in die Seite ſtemmte.„Aber weßhalb hat ſie es geſagt?— Du wirſt dir doch wohl nicht ein⸗ bilden, daß es ihr Ernſt war?— Sie hat Ja geſagt, weil ſie ſich vor dem Schuft, dem Lakaien, fürchtete. Das wirſt du wohl be⸗ greifen; für ſo dumm halte ich dich doch nicht.“ Jetzt hörte man drunten im Hauſe eine helle Glocke mehrmals anſchlagen, und der eigenthümliche Ton derſelben klang ſcharf durch die gewölbten Gänge. Herr Sträuber zog plötzlich die Augenbrauen in die Höhe, ließ die Unterlippe herab hängen und lauſchte aufmerkſam. „Das wird an der kleinen Hinterthüre ſein,“ ſprach Nanette; „Johann kann nach Hauſe kommen.“ „Nein, nein,“ entgegnete der im ſchwarzen Frack eifrig, indem er die Thürklinke wieder in die Hand nahm,„das iſt was ganz Anderes— horch! ich kenne die Glocke.“ Dabei erbebte er ſicht⸗ lich, gerade wie Jemand, den ein plötzlicher Froſt überweht oder ein großes Entſetzen anwandelt. „Was gibt es denn?“ fragte jetzt auf einmal das junge Mäd⸗ chen, welches die Veränderung an dem vorhin noch ſo kecken Herrn Sträuber bemerkte. „Ich weiß nicht,“ entgegnete dieſer mit leiſer Stimme;„aber es gibt was.— Horch!“ Dabei hielt er den Kopf auf den Gang hinaus.— Aber,“ ſagte er plötzlich,„löſcht euer Licht aus, es darf kein Schein davon die Treppe hinab fallen.“ „Iſt das nicht eine neue Finte von dir?“ fragte argwöhniſch Nanette. „Nein! nein! ſei verdammt!“ erwiderte er unruhig,—„aber halte dein Maul! wenn du das Licht nicht auslöſchen willſt, ſo komm mit vor die Thüre, oder bleib drinnen, wie du willſt, aber laß' ſie mich in's Schloß ziehen.— So— leiſe!“ Hackländers Werke. XVII.. 10 146 Vierunddreißigſtes Kapitel. Das Harfenmädchen hatte dem Mann einige Augenblicke for⸗ ſchend in's Geſicht geſehen, als ſie aber da nichts von Hinterliſt und Falſchheit entdecken konnte, vielmehr nur den Ausdruck des Schreckens ſah, ſo ſiegte die weibliche Neugierde und ſie trat mit ihm auf den finſteren Gang hinaus. Einen Augenblick herrſchte tiefe Stille in dem weiten Gebäude, dann aber hörte man den Klang der kleinen Glocke wieder, und darauf hin wurde in einem Stockwerke tiefer eine Thüre geöffnet und man vernahm ſchwere Männerſchritte auf den Steinplatten des Corridors. Dann wurde eine Stimme laut, welche ängſtlich fragte:„nun, was ſoll's denn eigentlich?— Treibt doch keinen ſchlechten Spaß mit mir!“ „Der Lakai!“ ſagte das Mädchen. „Ja der Lakai,“ antwortete ſchaudernd Herr Sträuber. Jetzt verwandelte ſich drunten die Stimme deſſelben aus einem ſcherzhaften und bittenden Tone in einen trotzigen und widerſpen⸗ ſtigen.—„Nun ja,“ hörte man ihn ſprechen,„was ſoll's denn? Darnach habe ich wohl ein Recht zu fragen. Wenn ich nach Hauſe will, ſo kann ich das thun.— Wer hat ein Recht, mich zu halten? Hierauf vernahm man die Schritte wieder, doch ſtatt daß ſie wie vorhin in gleichmäßigem Tempo klangen, trampelten ſie jetzt eine kleine Weile unordentlich durch einander. Dann hörte man ein Aechzen aus tiefer Bruſt und hierauf ein Schleifen, als ſchleppe man eine ſchwere Laſt mit ſich fort. „Alle Heiligen!“ ſagte das Mädchen,„ſteht uns in Gnaden bei.— Da hat's ein Unglück gegeben.“ „Noch nicht,“ entgegnete ſchaudernd Herr Sträuber,„aber es gibt wahrſcheinlich eins.“— Dabei horchte er mit erneuter Auf⸗ merkſamkeit. Nachdem das Schleifen drunten ein paar Sekunden gedauert, hörte man eine andere tiefe Stimme ſagen:„nun, wenn du lieber Er!— 147 auf den Füßen gehen willſt, iſt es mir auch recht; aber laß' allen Widerſtand, der iſt hier vergebens.“ Worauf der Lakai einen tiefen Seufzer ausſtieß und entgeg⸗ nete:„ich will ja thun, was man verlangt.“ Dann verklangen die Schritte in die Ferne, es ſchloß ſich wieder eine Thüre und Alles war todtenſtill wie vorher. Die Beiden oben an der Thüre lauſchten noch eine Weile, dann trat der Herr Sträuber langſam in das Zimmer zurück. Nanette folgte ihm.—„So ſprecht denn!“ ſagte ſie,„was kann es denn da unten geben?“ „Weiß ich's!“ entgeguete er verlegen, indem er die Achſeln zuckte. „Ihr wißt mehr, als Ihr ſagen wollt. Kanntet Ihr den Klang jener Glocke?“ „Bſt!— bſt!“ machte Herr Sträuber und zog das Mädchen weiter mit ſich in's Zimmer hinein.—„Er iſt im Hauſe—“ „Er?“ fragte das Mädchen erſchreckt. „Ja, ja, er,“ erwiderte der Andere.„Und ich mache, daß ich fort komme, wenn die Thüre überhaupt heute Nacht noch geöffnet wird,“ ſetzte er nachdenkend hinzu.—„Schlaft ruhig! was gehen euch die Geſchichten da unten an! Gute Nacht!“ Damit ſchlich Herr Sträuber zur Thüre hinaus und ſchritt leiſe durch den Gang und die Treppen hinab. Das junge Mädchen im Bette hatte ſich halb erhoben und ſaß da, ein Bild der Augſt und des Jammers. Ihr blondes Haar hatte ſich aufgelöst und hing über ihr bleiches Geſicht herab, ohne daß ſie den Verſuch machte, es wegzuſtreichen. Auch ſie hatte drunten verworrene Stimmen und Schritte gehört, hatte das natür⸗ licher Weiſe für eine Gefahr gehalten, die ſie bedrohe, und zitterte am ganzen Körper. Erſt nachdem Herr Sträuber wieder das Zim⸗ mer verlaſſen, athmete ſie tief auf und beruhigte ſich etwas. Nanette trat gedankenvoll an das Bett und ſagte:„leg' dich 148 Vierunddreißigſtes Kapitel. nur ruhig hin; an uns denkt heute Niemand mehr. Aber du kannſt ein klein wenig auf die Seite rücken, ich will mich auch niederlegen, wir haben Platz genug. Vorher aber will ich das Licht auslöſchen.“ „Laſſen Sie es lieber brennen,“ bat das junge Mädchen. „Nein, das iſt gegen die Hausordnung,“ entgegnete eifrig die Andere;„man ſähe drunten vom Hofe das erleuchtete Fenſter, und ich möchte um Alles in der Welt keine Urſache zu irgend einer Klage geben.— Nein, gewiß nicht!“ Damit that ſie, wie geſagt, drehte die Talgkerze in dem Leuchter um, um ſie auszulöſchen, warf ihr Oberkleid von ſich und legte ſich zu ihrer Gefährtin auf das ſchmale Feldbett, das unter der doppelten Laſt bedenklich krachte, auch kaum Platz für die Beiden bot. Die Mädchen aber behalfen ſich ſo gut wie möglich, theilten ſich in die Decke und bald zeigten die tiefen und regelmäßigen Athemzüge des Harfenmädchens an, daß ſie ruhig entſchlummert ſei. Die Andere wollte nicht ſo bald der freundliche Schlaf in ſeine Arme nehmen; wohl preßte ſie die Hand auf ihr heftig klopfen⸗ des Herz, wohl ſchloß ſie die Augen und ſuchte mit Gewalt die Erinnerung der vergangenen Tage zu verdrängen, und dann ſenkte ſich auch wohl auf Augenblicke ein leichter Schlummer wie ein durchſichtiger Nebel über ſie hin. Doch entrückte er ſie nicht der Wirklichkeit: er flog über ſie hin, ein leichter, durchſichtiger Hauch, hinter dem ſchreckliche, hohnlachende Geſtalten um ſo ſeltſamer ihr Weſen trieben, und den ein tieferer Athemzug, ein lauterer Herz⸗ ſchlag plötzlich durchriß und wieder auf ſie einſtrömen ließ die ſchreckliche, fürchterliche Erinnerung.— Dann fuhr das Mädchen empor, ſtrich ſich angſtvoll die Haare aus dem Geſicht und blickte um ſich; doch konnte ſie nichts erkennen: die dichteſte Finſterniß herrſchte in dem Gemach, und nur ein leichter unbeſtimmter Schein ließ die Stelle ahnen, wo ſich die Fenſter befanden. Nach wie vor ſauste der Wind durch die zerbrochenen Scheiben, er heulte um die Er!— 1 149 Ecke des Gebäudes und durch die winkeligten Hoͤfe. Der einzige, freundliche Ton, der an das Ohr des armen Mädchens ſchlug, war eine mitleidige Glocke, welche die zehnte Abendſtunde anzeigte. „O Gott! noch ſo früh!“ ſeufzte ſie. Und dann legte ſie ſich wieder neben ihre Gefährtin hin, bemühte ſich, ruhig zu ſein, und derſelbe ſchreckliche Zuſtand zwiſchen Wachen und Schlafen kam wieder über ſie.— Sie hatte jenen Diebſtahl in der That begangen, ſie floh, man verfolgte ſie. Jetzt ſtand ſie an der Dor⸗ nenhecke, die den kleinen Garten umſchloß, wo ſie ſchon ſo glücklich geweſen; jetzt ſah ſie die Blutflecken auf dem weißen Schnee und flog mit den Raben über das Feld hinweg; aber ſie wollten ſie nicht unter ſich dulden und hackten auf ſie los, ſo daß ſie zur Erde niederſtürzte und, an allen Gliedern gelähmt, langſam fortkroch.— So bewegte ſie ſich mühſam dahin, immer ihre Verfolger dicht hin⸗ ter ſich, immer eine Fauſt in ihrem Nacken, die nach ihr faßte und die mit jedem Pulsſchlage näher kam; und es ſchien Jahre zu dauern, bis ſie die ſchützenden Mauern erreichte, hinter denen ſie ſich jetzt befand.— Ah! endlich einen Augenblick Ruhe!— Die Nebel um ihr Haupt wurden dichter und dichter, die Geſtalten ver⸗ ſchwammen im einförmigen Grau; ſie ſchienen von unten herauf zu zerſchmelzen: Füße, Körper und Arme all' der phantaſtiſchen Geſtalten ſchwammen weit aus einander und wurden immer un⸗ deutlicher; nur die ſchrecklichen Köpfe waren noch längere Zeit zu erkennen, die Köpfe mit den ſeltſam lachenden und grinſenden Ge⸗ ſichtern, und vor Allem die unzähligen ſtarren Augen, die ſie leuch⸗ tend und unverwandt anblickten.— Lange, lange noch ſah ſie dieſe Augen durch den Nebel durchſchimmern, als die Geſichter ſchon längſt verſchwommen waren, zuerſt als wirkliche Augen, dann als glänzende Punkte, die langſam zurückwichen, und endlich nur noch lebhafte blaue und grüne Ringe, die dann zuletzt ebenfalls in Nichts zerfloſſen.— Fünfunddreißigſtes Kapitel. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Ein geheimes Gericht. So mochte das Mädchen eine Zeit lang ruhiger geſchlummert haben, da fühlte ſie im Schlafe, daß Jemand ihre Hand ergriff und daran zog. Augenblicklich erwachte ſie, griff um ſich, faßte den Arm ihrer Gefährtin, und als ſie an demſelben aufwärts taſtete, um ſich zu überzeugen, daß es auch das Harfenmädchen ſei, welches ihr Handgelenk feſthielt, bemerkte ſie, daß dieſe es wirklich war, aber daß ſie aufrecht neben ihr im Bette ſaß.—„Was iſt's?“ flüſterte das junge Mädchen angſtvoll. „Stille!“ antwortete Nanette mit leiſer Stimme;„ich muß erwacht ſein an dem Schlag der Uhren; es iſt elf Uhr. Doch jetzt ſoeben, als ich wieder einſchlafen wollte, hörte ich leiſes Schleichen auf den Treppen;— horch! und jetzt auf dem Gange.“ „Was kann das ſein?“ „Vielleicht noch ein ſpäter Gaſt, der nach ſeinem Zimmer geht. — Aber nein, das iſt der Schritt eines Weibes. O, ich habe ein feines Gehör. Weißt du, das wird geſchärft bei unſerem Leben.“ Und das Mädchen hatte Recht: es waren in der That leiſe, ſchlürfende Tritte, die langſam näher kamen. Die beiden Mädchen lauſchten mit zurückgehaltenem Athem. Jetzt faßte eine Hand die Thürklinke, drückte langſam das Schloß auf, die Thüre öffnete ſich und ein Lichtſtrahl fiel herein. Doch konnten die Mädchen augenblicklich nicht erkennen, wer der Träger dieſes Lichtes war, denn dieſer hielt die Hand vor das Ge⸗ ſicht und ließ den vollen Schein des Lichtes in das Zimmer fallen. „Was ſoll's?“ fragte Nanette ſcheinbar mit entſchloſſenem Tone, doch zitterte ihre Stimme etwas Weniges. Dann rutſchte Ein geheimes Gericht. 151 ſie mit voller Geiſtesgegenwart vom Lager herab, um ſtehenden Fußes erwarten zu können, was es gäbe. Das junge Mädchen hielt ihren Arm umklammert und drückte ſich feſt an ſie. „Ja, ich bin recht,“ ſprach eine Stimme an der Thüre;„ich hatte die Nummer vergeſſen. Richtig, es iſt doch vierundzwanzig.“ „Ah! ſeid Ihr es, Frau?“ ſagte Nanette nach einem tiefen Athemzuge, denn ſie erkannte die Stimme des alten Weibes drunten aus der Schenke.„Ich hatte Angſt, als Ihr ſo langſam die Thüre öffnetet.“. „Ei, ei!“ entgegnete grämlich das Weib,„du biſt doch ſonſt nicht ſo furchtſamer Natur.“ „Das iſt richtig, aber es war heute Abend ſo unruhig im Hauſe.— Aber was ſoll's, Frau, wollt Ihr zu uns?“ Die Alte drückte ſorgfältig die Thüre hinter ſich ins Schloß, dann ſtellte ſie das Licht auf den Tiſch und näherte ſich dem Bette. „Schläft die Andere?“ fragte ſie. „Nein, nein, ich ſchlafe nicht!“ entgegnete eifrig das junge Mädchen. „Nun, das iſt gut, mein Schatz, dann brauche ich dich nicht zu wecken.“ „Mich zu wecken?— Barmherziger Gott! wollt Ihr etwas von mir?“ „Ich eigentlich nicht, mein Kind, aber—“ „O Frau, laßt das arme Geſchöpf in Frieden!“ bat das Har⸗ fenmädchen.„Der Sträuber war da, wir haben Mühe gehabt, ihn hinaus zu bringen. Seht Ihr nicht, wie das unglückliche Ding vor Angſt zittert!“ „Was Sträuber!“ ſprach die Frau verächtlich.„Meinſt du, ich kümmere mich um ſolche Lumpen?— Da iſt ſchon was ganz Anderes im Spiel.— Er iſt im Hauſe,“ ſetzte ſie leiſer hinzu. 152 Fünfunddreißigſtes Kapitel. „Ich habe es gehört,“ erwiderte Nanette.„Aber das kann uns doch nicht betreffen; er weiß kaum, daß wir in der Welt ſind.“ „Er weiß Alles,“ ſagte ernſt die Frau.„Und der beſte Be⸗ weis iſt, daß ich hier bei euch bin. Ich habe den Befehl, die da zu holen.“ 3 „Die da?— das junge Mädchen!“ rief entſetzt die Harfen⸗ ſpielerin und ſprang vom Bette, auf welchem ſie bis jetzt ſaß, als habe ſie eine Schlange geſtochen.„Alle Heiligen! er läßt ſie holen?“ Die Alte nickte mit dem Kopfe. „So haſt du wahrſcheinlich Schlimmeres begangen, als du mir geſagt,“ fuhr Nanette zu dem Mädchen gewendet fort.„Wozu kann er dich ſonſt holen laſſen! Um Gotteswillen! wer biſt du? — Ahl! du haſt mir von Blut an deinen Händen erzählt!— Gräßlich!— Sollte das nicht ſo zufällig an deine Finger ge⸗ kommen ſein?“ Das junge Mädchen blickte um ſich, als ſei es noch immer in einem ſchweren, ſchrecklichen Traume befangen.—„Man will mich holen?“ brachte ſie endlich mühſam hervor. Und als die Alte ihr entgegnete:„ja, ja, drum ſtehe geſchwind auf!“ ſetzte ſie hände⸗ ringend hinzu:„wohin will man mich holen!— O, habt Erbar⸗ men! laßt mich da, ich habe Euch ja nichts zu Leide gethan!“ „Da iſt keine Zeit zu verlieren,“ ſagte kalt die Alte.„Steh auf und bring' deinen Anzug etwas in Ordnung.“ „O, Sie waren ſo gut für mich!“ flehte das arme Geſchöpf, indem ſie ſich an das Harfenmädchen wandte, die drei Schritte von dem Bette ſtehen blieb und mit einem wahren Ausdruck des Entſetzens auf ihre bisherige Gefährtin blickte.„Sie wollten mich ja beſchützen, laſſen Sie mich nieht von hier fort!— Wer kann etwas von mir wollen? Das muß ein Mißverſtändniß ſein; kenne ich doch außer euch keine Seele in dem Hauſe. Nicht wahr, Sie laſſen mich nicht fort von hier?“ Ein geheimes Gericht. 153 „Er hat's befohlen,“ verſetzte ernſt die Alte,„und da hilft kein Widerſtreben.“ Das arme Geſchöpf blickte fragend zu dem Harfenmädchen hin. „Nein, da hilft kein Widerſtreben,“ ſagte auch dieſes,„gewiß nicht. Komm, ſteh auf und— helfe dir Gott!“ ſetzte ſie leiſer hinzu. Darauf hin ließ das junge Mädchen willenlos geſchehen, daß ihr die Alte vom Bett in die Höhe half und daß ſich auf einen Wink derſelben das Harfenmädchen näherte, ihre herabgefallenen blonden Flechten in die Hand nahm, ſie etwas glättete und dann ſorgfältig über ihrem Kopf befeſtigte. Das alte Weib hackte ihr das Kleid zu und bat ſie, ihre Schuhe wieder anzuziehen und ſich überhaupt zu beeilen. Dann ſuchte ſie vom Stuhle das Tuch des Mädchens, hing es ihr um die Schultern und zog ſie dann an der Hand mit ſich fort. Nanette begleitete ſie bis an die Thüre, und als das Mädchen die⸗ ſer dort die Hand reichte und ihr dankte für die Freundlichkeit, mit welcher ſie ſie behandelt, blitzten die dunkeln Augen Nanettens ſtär⸗ ker als gewöhnlich, und als ſich nun die Thüre hinter den Beiden ſchloß, rollten ihr ein paar ſchwere Thränen über das Geſicht herab. Das junge Mädchen ließ ſich von der Frau führen; alle ihre Kraft war dahin und ihre Knie wankten ſo, daß ſie ſich mehrmals an die Wand ſtützen mußte, um nicht niederzufallen, weßhalb ſich das Weib veranlaßt ſah, ſie mit einigen Worten zu tröſten.„Habe nur keine Angſt,“ ſagte ſie,„es geſchieht dir gewiß nichts.— Nicht wahr, du biſt zum erſten Mal hier im Hauſe?“ „Ja gewiß,“ hauchte das Mädchen. „Und du kennſt keinen von den Geſellen, die du heute Abend drunten im Zimmer geſehen? Du haſt noch nie mit einem was zu thun gehabt?“. 154 Fünfunddreißigſtes Kapitel. „O mein Gott, nein! nein!“ erwiderte ſchaudernd die Ge⸗ fragte. „Nun, ſo weiß ich nicht, was er von dir will, und da kannſt du dich auch ziemlich beruhigen, es wird nichts ſo Schlimmes ſein. Aber jetzt laß' uns eilen, wir haben ſchon Zeit genug verloren.“ — Damit ſchritt ſie raſch voran, Treppen auf, Treppen ab, über lange Gänge hinweg, die ſich bald rechts, bald links bogen, dann kamen ſie ſogar quer durch einen Hof, wieder eine Treppe hinauf, und hielten endlich an einer Thüre ſtille. Die Alte klopfte dreimal an; es wurde augenblicklich geöffnet, und das Mädchen fühlte ſich plötzlich in ein erleuchtetes Zimmer geſchoben. Hinter ihr fiel die Thüre wieder ins Schloß, und als ſie ſich auf dieſes Geräuſch hin umwandte, bemerkte ſie, daß ihr das alte Weib nicht gefolgt war. Das Zimmer war groß, geräumig, mit anſtändigen Tiſchen und Stühlen verſehen, und ein mächtiger Ofen verbreitete eine be⸗ hagliche Wärme. Ein großer Mann, der in der Mitte des Ge⸗ machs auf und ab ging, wies das Mädchen an, ſich auf einen der Sitze niederzulaſſen, dann legte er wie vorhin die Hände auf den Rücken und ſchritt wieder gleichmüthig hin und her. Der geneigte Leſer, der uns bis hieher zutrauensvoll gefolgt, wolle ſich auch unſerem ferneren Schutz überlaſſen und mit uns in ein anderes Zimmer treten, das von dem, in welchem ſich das junge Mädchen befand, durch ein kleines, dunkles Kabinet ge⸗ trennt iſt. Es war dies ein Gemach, höher und weiter als ſelbſt das Schenkzimmer, doch auch wie dieſes mit eichenem Holz ausgetäfert. Wände und Decke aber waren beſſer erhalten, und an letzterer be⸗ merkte man auch ein ziemlich dunkel gewordenes Gemälde, ſowie gut erhaltene Vergoldungen. Wo hier Fenſter und Thüren waren, konnte man nicht gut beſtimmen, denn beide waren gleichmäßig mit großen dunkeln Vorhängen verſehen, die von dem Fries bis auf Ein geheimes Gericht. 155 den Boden herab hingen. In einer Ecke dieſes Zimmers befand ſich ein großes Kamin, in dem mächtige Holzblöcke flammten; da⸗ neben ſtand ein alter geſchnitzter Tiſch mit einer grünen Decke be⸗ hängt, und neben dieſem ein Stuhl mit hoher Lehne. Dieſem Tiſch und Stuhl gegenüber in der anderen Ecke des Zimmers befanden ſich mehrere Männer von ſtarkem, kräftigem Körperbau und ver⸗ wegenen Geſichtern, aus denen unternehmende Augen hervor blitz⸗ ten; Einige von ihnen hatten Bärte, Andere waren glatt raſirt. In ihrer Mitte war jener Mann in der Livree, den wir in der Schenkſtube geſehen und deſſen Stimme wir auf dem Gange ge⸗ hört. Er ſtand aber nicht ſo aufrecht da wie die Anderen, ſeine Knie ſchlotterten, ſein Rücken war gekrümmt und ſeine bleichen Züge vor Angſt verzerrt und entſtellt. Alle aber blickten unverwandten Auges nach jener anderen Ecke des Zimmers, und wir erſuchen den geneigten Leſer, gleichfalls dahin zu ſehen. Dort an dem Seſſel mit der langen Lehne ſtand ein junger Mann, ziemlich groß, dabei aber ſchlank und von den angenehmſten, gefälligſten Körperformen und Bewegungen, die Leich⸗ tigkeit und große Kraft ausdrückten. Er trug ein ſehr eng anlie⸗ gendes Beinkleid, hohe glänzende Reitſtiefel, die aber bis zu den langen, ſchweren Sporen hinunter, wie nach einem ſtarken Ritt, dicht mit Koth beſpritzt waren. Den Oberkörper bedeckte eine Art Blouſe von einem dunkelblauen wollenen Stoffe; die Aermel der⸗ ſelben waren ſehr weit, und wenn er die feine, jedoch etwas gebräunte Hand zufällig empor hob, ſo fielen ſie zurück und zeigten weiße, glänzende Wäſche. Um den Leib trug er einen ledernen Gürtel, und an der linken Seite deſſelben hing ein Tſcherkeſſendolch, eine jener furchtbaren Waffen, die ungefähr anderthalb Schuh lang, oben handbreit ſind, und nach unten ſpitzig zulaufen. Die Scheide war von dunklem Leder, mit Stahl und eingelegtem Golde verziert, und der Griff beſtand aus weißem Elfenbein, hatte aber an der Spitze 156 Fünfunddreißigſtes Kapitel. einen gewaltigen Eiſenknopf, der offenbar dazu diente, im Hand⸗ gemenge einen Gegner von oben herab niederzuſchlagen. Der Kopf dieſes Mannes war von ebenſo gefälligen und an⸗ genehmen Formen wie der Körper, nur war ſein Teint dunkel ge⸗ färbt wie der eines Zigeuners, und dazu paßte auch das kohlſchwarze Haar, ſowie der Bart von derſelben Farbe, den er lang herab⸗ hängend trug. Seltſam contraſtirten hiemit die blauen Augen. In dem Momente, wo wir unſichtbar eintreten, hatte er den rechten Arm auf die Lehne des Stuhles geſtützt, und die Finger des linken ſpielten mit dem Stahlknopfe des Dolchgriffs. „So ſtehen alſo die Sachen,“ ſprach er mit einer kräftigen, angenehmen Stimme.„Und da ich nicht gern Jemand ungehört verdamme, ſo kannſt du ſagen, was du noch zu deiner Entſchuldi⸗ gung vorzubringen haſt. Oder auch ſonſt Jemand, der für ihn ſprechen will, kann vortreten.“ Der Lakai ſchluckte mehrere Male heftig und blickte ſcheu und zitternd die Männer an, welche um ihn ſtanden, die ihn aber kei⸗ nes Blickes würdigten und noch viel weniger eine Silbe laut wer⸗ den ließen. „So ſprich denn ſelbſt!“ „Ach Herr! ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll!“ jammerte der Gefragte.„Und wenn es denn gar ſo arg iſt, daß ich jenen frei⸗ lich überflüſſigen Meſſerſtich gethan, ſo beſtrafen Sie mich; aber ich flehe Sie an, machen Sie es nicht ſo ſtreng mit mir!“ „So ſei,“ antwortete der junge Mann,—„vielleicht zum erſten Mal in deinem Leben— ehrlich und offenherzig. Jener ſchändliche, niederträchtige Meſſerſtich iſt freilich ſchlimm genug, aber ich will ihn dir verzeihen, wenn du mir geſtehen willſt, was du ſonſt noch gegen uns begangen.“ „Ich ſonſt noch gegen Sie begangen?“ entgegnete beſtürzt der Lakai und ließ ſeine Augen im Kreiſe umherlaufen;„will ich Ein geheimes Gericht. 15⁵⁷ doch verkrummen und verderben, wenn ich etwas gegen Sie gethan habe.“ „Sei ehrlich!“ ſagte ernſt der Frager.„Ich rathe dir, ſei ehrlich oder es nimmt mit dir ein fürchterliches Ende.“ „Worin ſoll ich ehrlich ſein?— Ich weiß nichts.“ „Du weißt nichts?“ „Nein, nein!“ jammerte der Lakai.„Blickt mich nicht ſo ent⸗ ſetzlich an— ich— weiß nichts.“ 3 „Nun, ſo will ich für dich ſprechen,“ fuhr der junge Mann fort, indem er vor den Stuhl trat, ſich ein paar Zoll höher ſtreckte und die rechte Hand in die Seite ſtemmte, ohne daß aber die linke den Griff des Dolches fahren ließ.—„Paßt mir auf, ihr Män⸗ ner, und erinnert euch, was ich euch ſchon vor längerer Zeit von dieſem Menſchen ſagte. Denkt daran, wie ihr für ihn gebeten, als ich ihn ſchon vor einem halben Jahre wollte verſchwinden laſſen, denkt daran!“— Dieſe Worte ſprach er langſam, beſtimmt, aber mit ſolch ſchauerlicher Kraft und Kälte, daß jedes derſelben wie ein Keulenſchlag auf das Hanpt des Lakaien niederfiel. Worauf er in gefälligerem Tone hinzu ſetzte:„weißt du noch nichts, haſt du mir noch nichts zu ſagen?“ „Nein,“ entgegnete der Andere, während er die Zähne über einander biß. „Nun wohlan, ſo will ich für dich ſprechen. Ich erfuhr vor ein paar Tagen zufällig, daß er, dort jener Menſch ſich— zum Polizeidirektor begeben.“ Dieſes Wort wirkte wie ein Donnerſchlag ſowohl auf den Be⸗ treffenden, als auf die umſtehenden Männer. Wie auf ein Kom⸗ mando faßten ihn zwei derſelben an den Schultern, als ſcheine es ihnen, er habe die Abſicht, zu eutfliehen, woran der Elende jedoch nicht dachte, vielmehr ſchienen die Knie unter ihm zuſammen zu knicken, und er wäre vielleicht auf den Boden geſtürzt, wenn ihn die Beiden nicht gehalten. 3 158 Fünfunddreißigſtes Kapitel. „Er war alſo beim Polizeidirektor, ſprach dort von einer Ver⸗ bindung gefährlicher Menſchen, die ihm bekannt ſei, und machte ſich anheiſchig, deren Aufenthalt, Schlupfwinkel, kurz Alles, was nöthig ſei, um ſich ihrer zu bemächtigen, anzugeben, wenn ihm da⸗ für eine große Summe Geld ausbezahlt würde.— Er verlangte zwei⸗ tauſend Gulden; der Polizeidirektor aber, ein kluger Mann, der überzeugt war, es ſei unmöglich, daß ſich im Gebiete ſeines Bezirks eine ſolche Bande aufhalten könne, glaubte dieſen Worten nur halb, und ſtatt den Angeber, wie ich gethan hätte, feſtzuhalten, ließ er ihn laufen, ſagte ihm, er ſolle wieder kommen, einige Beweiſe liefern, und machte ihm ſogar darauf hin einige Hoffnung auf die gewünſchte Belohnung.— Seht, ihr Männer, ich wache über euch, denn ich erfuhr dieſen Anſchlag noch am ſelben Tage; eure Freiheit und euer Leben hingen an einem Haare; vergeßt das nicht: nur die eure, ich bin ja ein Weſen, das nicht exiſtirt, das euch beſchützt und nur zuweilen hervortritt, um zu beſtrafen, um zu belohnen,— eure Vorſehung, wenn ihr wollt und wie auch dieſer Fall wieder be⸗ weiſen wird.— Denn,“ fuhr er kälter fort,„der Secretär des Direktors war nicht ganz ſo arglos, wie dieſer ſelbſt; er beauf⸗ tragte einen ſichern Polizeidiener, euren Genoſſen da zu beobachten, ihn auf Schritt und Tritt zu beſpähen. Aber habt keine Angſt,“ ſetzte er hinzu, als er ſah, daß die Männer ſich unruhig beweg⸗ ten,„ich lenkte ihn auf eine ander Fährte und er verfolgt in die⸗ ſem Augenblicke einen vollkommen harmloſen Menſchen.— Sprich' du nun, habe ich die Wahrheit geſagt?— Verhält ſich die Sache ſo?“ „Es iſt ein Irrthum, Herr!“ heulte der Angeklagte;„gewiß, gewiß ein entſetzlicher Irrthum! O wie käme ich dazu!“ Statt aller Antwort ſteckte der junge Mann die rechte Hand unter ſeine Blonſe, zog eine Brieftaſche hervor, nahm aus derſelben ein Blatt Papier, das er entfaltete und ihn dann ruhig fragte: „wie heißeſt du?“ Ein geheimes Gericht. 1⁵⁹ Der Lakai ließ den Kopf auf die Bruſt niederſinken und gab keine Antwort. „Nun, ihr Andern wißt doch, wie er heißt. So lest dieſes Blatt, das er dem Polizeidirektor gab, als ihn dieſer um ſeine Adreſſe fragte. Vielleicht kennt Jemand von euch die Handſchrift; den Namen aber werdet ihr auf alle Fälle kennen.“ Auf einen Wink trat einer der Männer vor, nahm das Blatt, blickte hin, übergab es dem Nebenſtehenden, und ſo machte es die Runde bei ſämmtlichen Anweſenden. Der Letzte, der ſich die Schriftzüge betrachtete, überreichte es dem jungen Manne wieder, indem er ſagte:„ja, Herr, es iſt ſo, wir ſind vollkommen überzeugt.“ „Nun denn, ſo wißt ihr auch, wie ihr einen Verräther be⸗ ſtraft. Nehmt ihn hinweg! Fort mit ihm!“ Umſonſt verſuchte es der Verurtheilte, das Herz ſeiner Richter zu erweichen; er brachte auch keinen zuſammenhängenden Satz zu Stande und ſtotterte nur unverſtändliche Worte, dazwiſchen ſchluchzte er, ſchluckte krampfhaft und wand ſich in Todesangſt unter den Händen der zwei Männer, die ihn feſt bei den Armen und Schul⸗ tern hielten.„Gnade! Gnade!“ flehte er und wollte vorwärts ſtürzen zu den Füßen des jungen Mannes, der verächtlich den Kopf abwandte und in die Gluth des Kaminfeuers blickte; dabei ſtreckte er die rechte Hand gegen die Männer aus und ſagte:„es bleibt dabei! laßt ihn ohne Aufſehen verſchwinden.“ Während zwei derſelben den Verurtheilten zu einer Thüre hin⸗ aus zogen, welche in entgegengeſetzter Richtung von der lag, die zu dem Zimmer führte, wo ſich das Mädchen befand, trat einer in jenes Gemach zu dem Manne, welcher bis jetzt ruhig auf und ab geſchritten war, nun aber plötzlich ſtehen blieb und ſich an den Eintretenden mit der Frage wandte:„wie iſt's?— Hat er ge⸗ ſtanden?“ „Nichts, aber der Herr hat ihn vollkommen überführt.“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. „So wird er verſchwinden?“ „Ja, ich ſoll es dir ſagen.— Aber ohne alles Aufſehen.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ ſprach der Andere mit einem unangenehmen Lächeln.„Es iſt ſpät am Abend, die Straßen einſam, führt ihn hinaus.— Er kann zufrieden ſein, denn er erhält ſicherlich einen Nachruf; morgen wird man in den Blättern leſen, es habe ſich ein bedauerliches Unglück zugetragen, der Lakai eines guten Hauſes, ſo und ſo mit Namen, ſei wahrſcheinlich etwas berauſcht aus dem Wirthshaus gekommen und in den Kanal ge⸗ fallen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Jäger und Kammerjungfer. Nachdem die Leute das Zimmer verlaſſen, in dem ſich der junge Mann befand, machte dieſer ein paar raſche Gänge durch daſſelbe, dann trat er vor das hohe Kamin, ſtützte ſeinen Arm auf das Geſims und verſank in tiefes Nachſinnen.—„Bah!“ ſagte er nach einer längeren Pauſe, indem er ſich erhob und um ſich ſchaute, „laß die Sache gehen, wie ſie eben geht. Einer iſt einmal der Sklave des Andern, und der Stärkere hat Recht. Die Idee von einer Wiedervergeltung kann und will ich nicht läugnen; was heute dem Einen geſchieht, kann morgen dem Andern begegnen, und ich— heute noch Herr dieſer ungeachtet alles Trotzes und aller Wildheit doch ſklaviſchen Naturen— könnte vielleicht morgen vor ihnen ſtehen und mein Urtheil erwarten.— Ah! es iſt doch etwas Schönes darum,“ fuhr er fort und erfaßte den Griff ſeines Dolches⸗ „ſo Herr zu ſein über die ganze Welt, der Gebieter des Geringſten * Jäger und Kammerjungfer. 161 und des Höchſten, des alten reichen Podagriſten, der uns mit Ent⸗ ſetzen kommen hört und des jungen, reizenden Mädchens, die von uns erzählt und vielleicht verſtohlen und erſchrocken ihrer Vertrauten ſagt, indem ſie dabei auf die andere Seite ſchaut: ach! es war eine ſchreckliche Nacht, und der Letzte, der das Zimmer verließ, trat noch einmal an mein Bett und hob die Lampe hoch empor. O, ich würde ihn wieder erkennen, denn ich that ja nur als ob ich ſchliefe.— Und das haben mir ſolch' ſchöne Lippen ſchon ſelbſt erzählt. O, dies Leben iſt zu beneidenswerth, als daß— es ewig dauern könnte.“ Nach dieſem Selbſtgeſpräch war er wieder in tiefe Träumereien verſunken; doch raffte er ſich raſch empor, ſchritt durch das Zimmer und zog an einer Klingelſchnur, die ſich in der Ecke befand. Gleich darauf trat einer der Männer herein, der Andere ſagte ihm ein leiſes Wort, worauf ſich Jener wieder zurückzog und nach einer kleinen Weile die Thüre abermals öffnete, durch welche jetzt der Mann mit dem ſchwarzen Haar und Bart, den wir in der Schenkſtube ſchlafend gefunden, herein trat. Dieſer hielt ſich ſchüchtern in der Ecke, erhob nur ein paarmal den Blick verſtohlen, um den jungen Mann zu betrachten, der wieder neben dem Lehnſtuhle ſtand, ihn langſam und forſchend anſah und dann zu ihm ſprach:„es iſt dir ſchlecht ergangen, wie mir ſcheint, Joſef?“ „Sehr ſchlecht, Herr,“ entgegnete der Gefragte. „Es iſt ſeltſam aber wahr: was der Teufel einmal gefaßt hat, läßt er nicht ſobald wieder fahren. Wenn wir auch unſeren Neben⸗ menſchen ziemlich freie Geſchöpfe ſind, ſo ſind wir anderntheils doch wieder erbärmliche Sklaven— Sklaven unſerer Thaten, Skla⸗ ven unſeres Gewiſſens.“ „Keines von dieſen hat mich wieder hergebracht, obgleich Beide mich oft ſehr gequält,“ entgegnete Joſef. Hackländers Werke. XVII. 11 1 162 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Ich habe erfahren, daß du kommen werdeſt.“ „Ich glaube es, Herr; ſo was bleibt nicht lange verſchwiegen.“ „Es thut mir eigentlich leid um dich, Joſef, denn ich bin überzeugt, daß du nicht freiwillig zu uns zurückkehrſt.“ „Gewiß nicht, Herr. Aber da ich Sie als gut und groß⸗ müthig kenne, da Sie mich damals bereitwillig ziehen ließen, als ich Ihnen ſagte, ich könne es nicht mehr unter den Genoſſen hier aushalten und es dränge mich, wieder ein anderer beſſerer Menſch zu werden—“ „Ein beſſerer, Joſef?“ fragte lächelnd der junge Mann. „Verzeiht, Herr, ein anderer denn!— Als Sie mich alſo ziehen ließen und mich ſo freundlich und gütig unterſtützten mit Empfeh⸗ lungen, daß ich alsbald eine gute Stelle fand und wieder frei athmend unter meines Gleichen treten konnte, da dachte ich immer an Sie und ſegnete Ihr Andenken, und als das Unglück geſchehen war, als ich nach dem traurigen Schuſſe nun wieder ausgeſtoßen aus der Menſchheit daſtand, war wieder mein erſter Gedanke an Sie und es drängte mich, zu Ihnen zurückzukehren.“ „Und zu den Genoſſen—“ „Wenn es nicht anders ſein kann, was will ich thun?“ „Du weißt, Joſef, daß ich von jeher große Stücke auf dich gehalten; ich hätte dich in meine eigenen Dienſte genommen, aber Jemand, der wie ich, wenn ich mich ſo ausdrücken kann, nur hie und da erſcheint, bedient ſich am Beſten ſelbſt. Doch ſcheint mir, du haſt deinen größten Fehler, die Heftigkeit, immer noch nicht abgelegt. Teufel guch! man ſchießt nicht gleich auf ſeinen Vorge⸗ ſetzten.“ „Wenn er uns aber als ſein Vieh, als ſeinen Sklaven behan⸗ delt? O Herr, ich hätte Sie ſehen mögen!“ „Ja, ich ſtehe für mich gar nicht ein!— Du haſt dich ver⸗ heirathet?“ „Ja Herr, es war ein ſchönes junges Weib.“ Jäger und Kammerjungfer. 163 „Das war unklug, Joſef, ſiehſt du, die Welt liegt im Argen⸗ Wenn man Jägerburſche iſt und in einem kleinen einſamen Hauſe im Walde wohnt, da bleibt man für ſich allein und läßt ſeine ganze Familie aus ein paar guten Jagdhunden beſtehen.“ „Wenn er mich in meinem Revier gelaſſen hätte,“ ſprach der Andere mit einem trüben Lächeln,„ſo hätte das gar nichts gemacht. Mein Häuschen lag mitten darin und ich konnte Alles mit Muße beaufſichtigen.“ „Und er ſchickte dich in andere Waldungen?“ „Meilenweit, ſo daß ich Tage und Nächte von Hauſe ſein mußte. O Herr, es war nicht klug von ihm gethan, daß er mich ſo auf die einſamen Waldplätze hinaus ſandte. Wenn ich da ſtand, ſo Stunden lang an irgend eine alte Eiche gelehnt und an mein Haus und das Alles dachte, und wenn nun der Abend aufſtieg und ich mußte bleiben, wo ich war und ſtellte mir vor, daß ſich vielleicht ein Anderer nach meinem Hauſe ſchlich,— Herr, ich ver⸗ ſichere Sie, da ſtand ich Qualen aus, die kein Menſchenherz auf lange zu ertragen im Stande iſt. Das Blut ſtieg mir ſiedend zu Kopf, es war mir oft, als hörte ich weit entfernten Hülferuf; doch war es Täuſchung, denn der Hund lag ruhig neben mir und ſpitzte nicht einmal die Ohren. Auch wäre es zu weit geweſen.“ „Und eines Tags verließeſt du deinen Poſten und gingſt nach Haus?“ „Ja, Herr.“ „Und fandeſt Unrechtes?“ „Ich weiß es nicht genau, Herr; aber es mußte wohl ſo ſein. Er kam aus meinem Hauſe, und da nahm ich, meiner ſelbſt nicht mehr mächtig, die Büchſe—“ „Genug! genug!“ ſagte der junge Mann, indem er ſich gegen das Feuer umwandte.„Das Andere wiſſen wir bereits, auch dachte ich, daß du kommen würdeſt, und da ich dir, wie ſchon frü⸗ her geſagt, wohl will, ſorgte ich für dich. Der Waldſchütze, von 164 Sechsunddreißigſtes Kapitel. dem du ſo eben erzählteſt, hat den Seehafen erreicht und iſt über's Meer—“ „Ich, Herr?“ „Der Waldſchütze; ſo ſtand es in allen unſeren Journalen. Auch war ſeine That für ihn ſo vortheilhaft beleuchtet, daß Man⸗ cher mitleidig an ihn dachte.— Du biſt alſo ein ganz neuer Menſch und heißeſt von heute an Franz Karner. Hier ſind die Papiere, mit denen du dich legitimiren kannſt.“ Mit dieſen Worten hatte der junge Mann die Brieftaſche wie⸗ der hervor gezogen und nachdem er dem Andern ein Zeichen gege⸗ ben, näher zu kommen, überreichte er ihm ein zuſammen gefaltetes Blatt. „Dann iſt ferner hier ein Brief,“ fuhr er fort,„den bringſt du morgen an ſeine Adreſſe.— Lies die Auſſchrift.“ „Herrn Baron von Brand.“ „Richtig! Dieſer Herr wird dir Anweiſung ertheilen, wohin du dich zu begeben haſt, und ſoviel ich vernommen, ſollſt du in einem ſehr guten und vornehmen Hauſe die Stelle als Jäger er⸗ halten.“ „O wie danke ich Ihnen, Herr!“ erwiderte der Andere ge⸗ rührt, während er die Hand des jungen Mannes ergriff und ſie an ſeinen ſchwarzen Bart drückte.„Möge Gott mich vergeſſen, wenn ich Ihrer je vergeſſe! Aber,“ ſprach er auf einmal mit ernſtem Tone,„wie kann ich meinem neuen Herrn und zugleich Ihnen dienen?“ „Auf die einfachſte. Art: du haſt deine Berichte zu machen über Alles, was in dem Hauſe geſchieht, vornämlich aber haſt du in einem anderen Hauſe, in welchem der Vater deines neuen Herrn wohnt, irgend eine ſolide Verbindung anzuknüpfen, wenn dies ge⸗ ſchehen, es zu melden und darauf meine Befehle in Empfang zu nehmen.“ Der junge Mann zog ſofort abermals die Klingel und ſagte Jäger und Kammerjungfer. 165 als er die Thüre öffnen hörte, in's Vorzimmer hinaus:„der Jäger wird anſtändig gekleidet, du haſt dafür zu ſorgen, daß er morgen auf unverfängliche Art das Haus verläßt.— Laß' das Mädchen kommen.“— Dann winkte er Joſef enudiii mit der Hand und dieſer zog ſich zurück. Gleich darauf wurde die Thüre zum kleinen Vorzimmer lang⸗ ſam geöffnet und das Mädchen, welches unter derſelben erſchien, ſanft hinein geſchoben. Sie hatte ihre Thränen getrocknet, doch war ihr Geſicht mit einer erſchreckenden Bläſſe bedeckt; dabei irrten ihre Augen ängſtlich in dem Gemache umher, blieben eine kleine Weile auf dem lodernden Kaminfeuer haften und erblickten erſt dann den jungen Mann, der ſich wie abſichtlich hinter die Lehne des Stuhls zurückgezogen hatte. Sie zuckte erſchreckt zuſammen; er trat einen Schritt vor. „Komm näher, mein Kind,“ ſagte er.„Nur näher, fürchte dich nicht,— ganz nah.“ Das zitternde Mädchen that wie ihr befohlen wurde, doch machte es ſo kleine Schritte, daß es trotz vieler derſelben kaum die Mitte des Zimmers erreichte. „Hör’ auf meine Worte und antworte mir deutlich auf meine Fragen.— Willſt du?“ „Ja,“ brachte ſie mühſam hervor. „Du kamſt heute Abend hier an in Geſellſchaft einer Harfen⸗ ſpielerin.— Ich will dir etwas ſagen,“ unterbrach er ſich, indem er das erſchreckte Geſicht des armen Geſchöpfes bemerkte und ihre in dieſem Momente faſt glanzloſen, weit aufgeriſſenen Augen ſah, „wenn ich dich etwas frage und es iſt ſo, ſo brauchſt du meinet⸗ wegen nichts zu antworten, wenn es dir ſchwer wird; dein Schwei⸗ gen iſt mir Bejahung.— Du trafſt alſo mit dem Harfenmädchen heute Abend in A. zuſammen? Du kamſt von N., wo du einem anſtändigen, frommen Hauſe entlaufen, nachdem du geſtohlen.“ 166 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Nein, Herr! nein!“ erwiderte jammervoll das Mädchen,„bei Gott im Himmel! das iſt nicht ſo.“ „Man klagte dich aber an, du habeſt geſtohlen, man jagte dich deßhalb fort, alle Menſchen, welche die Sachen erfuhren, glaubten deinem Herrn und hielten dich für eine Diebin.“ „Aber bei Gott dem Allmächtigen! ich bin's nicht, gewiß, ich bin'’s nicht!“ „Möglich,“ verſetzte der junge Mann,„aber bringe Beweiſe dafür; gegen dich liegen deren genug vor. Du biſt ausgeſtoßen voͤn der Welt, Jedermann wendet ſich mit Abſcheu von dir, was bleibt dir übrig?— Du mußteſt Schutz bei jenem Mädchen ſu⸗ chen. Und worin beſteht der Schutz derſelben? Das will ich dir ſagen: ſie wird dich einige Accorde auf der Guitarre lehren, dann ein paar Schelmenlieder, ſie zieht mit dir herum in Gaſthöfen und Kneipen, und wenn du heute noch keine Diebin biſt, ſo kannſt du es doch in ganz kurzer Zeit werden.“ Das Mädchen faltete ihre Hände, blickte mit einem Ausdruck des tiefſten Jammers zu dem Manne auf, der allwiſſend ſchien und der ihre Vergangenheit und Zukunft ſo ſchonungslos enthüllte. „Ich weiß nun nicht,“ fuhr dieſer fort,„ob du nicht im Grunde eine leichtfertige Dirne biſt, ob dir das Leben, welches ich dir ſo eben bezeichnet, nicht vielleicht ſehr gut gefällt, ob dir das Herum⸗ treiben nicht lieber iſt, als wenn man es dir möglich machte, auf anſtändige Art dein Brod zu verdienen.“ „Nein! nein!“ rief das Mädchen aus, und zum erſten Male drückte der Ton ihrer Stimme nicht Furcht und Entſetzen aus; es war ein Ton der Hoffnung, die das Wort des Fremden in ihrer Bruſt geweckt, der ihr Herz plötzlich erfüllte, und der ſich auch in den zitternden Lauten kund gab, mit denen ſie„Nein! nein!“ rief.* „Nun denn,“ ſprach der junge Mann,„man hat Mitleiden mit dir, man will dich vom Abgrund zurück reißen, in den du unfehl⸗ * Jäger und Kammerjungfer. 167 bar gefallen wäreſt. Du ſollſt eine anſtändige ſichere Exiſtenz ha⸗ ben; du ſollſt in ein gutes Haus kommen, und es wird von dir abhängen, ob deine Zukunft gut oder ſchlecht iſt.“ Das Mädchen erhob bei dieſen Worten die Hände, doch zitter⸗ ten dieſelben ſo heftig, daß ſie kaum im Stande war, ſie zuſammen zu legen; dann hielt ſie dieſelben an ihre Stirne, bedeckte ihre Augen und ſchien eine Sekunde nachzuſinnen, ob ſie vielleicht nur träume und ob ſie nicht etwa in irgend einer Scheune oder wie vorhin in dem Bette neben ihrer Gefährtin erwachen würde. Als ſie aber ihre Hände wieder langſam ſinken ließ und bemerkte, daß ſie ſich noch in dem Gemache befand, in das ſie vorhin eingetreten, als ſie das Kaminfeuer noch immer lodern ſah und den Zlick des jungen Mannes wahrnahm, der theilnehmend auf ihr ruhte, da war es ihr, als ſei dieſer ein Engel, vom Himmel zu ihrer Rettung geſandt. Ihren Augen entfielen die Thränen in großen Tropfen und ſie ſank mit einem lauten Aufſchrei zu den Füßen des Frem⸗ den nieder, der ſie lächelnd aufhob. „Dieſen Zeichen glaube ich,“ ſprach er. Worauf das Mädchen erwiderte:„Gott lohne es Ihnen, wenn Sie nichts Uebles von mir denken. Gewiß! ich habe nicht ge⸗ ſtohlen, ich bin nicht ſchlecht; ich bin nur ein armes, unglückliches Geſchöpf.“ „Nun gut denn,“ erwiderte der junge Mann, der wieder an den Kamin zurückgetreten war,„man hat ſich vorgenommen, für dich zu ſorgen. Du ſollſt in die Garderobe einer vornehmen Dame kommen, natürlicher Weiſe als ihre letzte Dienerin, denn ich kann mir denken, daß du nicht viel gelernt haſt. Was man im Allge⸗ meinen von einem Frauenzimmer verlangen kann, wirſt du zu lei⸗ ſten vermögen; das Andere lernt ſich bald, wenn man Luſt und Liebe zu ſeinen Geſchäften hat.— Haſt du zufällig eine Sprache gelernt?“ „Etwas franzöſiſch,“ ſagte das Mädchen,„in früher Jugend 168 Sechsunddreißigſtes Kapitel. von meiner Mutter, die mit ihren Eltern von Frankreich einge⸗ wandert.“ „Gut.— Man wird dich nachher in ein ordentliches Zimmer führen, du wirſt dort anſtändige Kleider finden und morgen früh erhältſt du neben der Adreſſe, an welche du dich zu wenden haſt, einen Paß und eine Inſtruktion. Letztere wirſt du eifrig ſtudiren und dir genau merken, wie du von heute an heißeſt, denn du er⸗ hältſt einen anderen Namen, ferner, wo du früher geweſen biſt, woher du gerade kommſt, wer deine Eltern ſind und dergleichen mehr. Lerne dies genau, denn man wird dich gewiß darüber examiniren. Verwiſch deinen Namen und deine Vergangenheit aus deinem Gedächtniſſe, es iſt das für deine eigene Sicherheit noth⸗ wendig.— Haſt du mich genau verſtanden?“ „Gewiß, gewiß!“ entgegnete das Mädchen.„Aber womit kann ich meinen Dank ausdrücken, womit kann ich Ihnen, meinem Wohl⸗ thäter, beweiſen, wie ſehr ich die unendliche Gnade anerkenne, die mich von einem fürchterlichen Leben zurück reißt, die mir erlaubt, anderen Menſchen wieder frei in die Augen ſehen zu dürfen?“ „Womit du mir danken kannſt?— Das ſoll dir nicht verbor⸗ gen bleiben,“ verſetzte der junge Mann mit ruhigem Tone.„In deiner Inſtruktion wirſt du eine andere Adreſſe finden, eine Haus⸗ nummer, den Namen eines Mannes, zu welchem du dich anfäng⸗ lich in der Woche einmal zu begeben und dort alle Fragen, die er dir ſtellt, mit der vollſten Wahrheit zu beantworten haſt. Er wird zum Beiſpiel wiſſen wollen, wann deine neue Herrin ausgeht, wo⸗ hin ſie geht, wer zu ihr kommt, was ſie zu Hauſe macht, an wen ſie ſchreibt und dergleichen mehr. Auch wird dir jener Mann zu⸗ weilen einen Auftrag geben, den du pünktlich zu erfüllen haſt.“ Die Rede machte auf das Gemüth des Mädchens ſichtlich einen niederſchlagenden Eindruck; ſie athmete tief auf, ſchaute dann zu dem Geſichte des vor ihr Stehenden empor, und als ſie auf dem⸗ Jäger und Kammerjungfer.. 169 ſelben keine Spur von Scherz, ſondern den tiefſten Ernſt erblickte, ließ ſie ihren Kopf auf die Bruſt herab ſinken. „Mein Wunſch mag dir hart erſcheinen,“ fuhr er fort,„aber ein Dienſt iſt des andern werth, und was ich dir gebe iſt mehr, als was ich von dir verlange. Du haſt aber noch die Wahl, ſage Nein und du ſollſt ungehindert zurückkehren in das Zimmer, wo du geweſen, zu der Geſellſchaft, die du ſo eben verlaſſen.“ Er erwartete eine Antwort, da dieſe aber nicht erfolgte, ſon⸗ dern das Mädchen eifrig mit dem Kopfe ſchüttelte, ſo ſprach er mit erhobener Stimme und feierlichem Tone, indem er dicht vor ſie hintrat:„wohlan denn! Willſt du die Bedingungen eingehen, die ich dir vorgeſchlagen, ſo reiche mir die Hand und ſage: ich ſchwöre bei Gott, der mich ſtrafen ſoll, wenn ich meinen Schwur breche.“ Das arme Geſchöpf zuckte zuſammen, blickte zweifelnd um ſich und darauf in das Geſicht des ernſten Fragers. Als ſie aber ſah, wie trotz der finſtern Worte ſeine Züge freundlich waren und ſein Auge ſie mit Theilnahme betrachtete, als ſie ſich die Schilderung zurückrief, die er ihr von dem Leben gemacht, welches ſie mit dem Harfenmädchen führen würde, und als ſie an die vergangenen Tage dachte, an das Haus, aus welchem man ſie als Diebin verſtoßen, da ſchrak ſie zuſammen, blickte ſcheu hinter ſich, als verfolge ſie Jemand, und indem ſie ſich dem jungen Manne haſtig entgegen warf, reichte ſie ihm die Hand und ſagte:„ich ſchwöre es!“— Doch war in den letzten Tagen, namentlich aber an dem heu⸗ tigen Abend zu viel Entſetzliches auf das Herz des bis jetzt ſo un⸗ erfahrenen Mädchens eingeſtürmt. Ihre Kraft verließ ſie, ſie ſah das Feuer des Kamins vor ihren Augen hoch emporlodern, dann fühlte ſie, wie ſie in die Knie ſank, worauf ſich dichte Schleier um ihr Haupt zu ziehen ſchienen, diesmal aber ohne Traum, ohne ſchreckliche Geſtalten. Als der junge Mann ſah, daß ſie ohnmächtig wurde, umſchlang er mit ſeinem linken Arm ihren Leib und hielt ſie ſanft aufrecht, 170 Sechsunddreißigſtes Kapitel. während er mit ſeiner Rechten aus der Blouſe ein Taſchentuch hervorzog und ihr damit über das Geſicht fächelte. Sie lag da wie ſchlafend in ſeinen Armen, und als er ſich über ſie niederbeugte, um den wiederkehrenden Athem zu erſpähen, bemerkte er erſt das liebliche Geſicht des jungen Geſchöpfes, die ſchönen, regelmäßigen Züge, die feinen, jetzt ſchmerzhaft zuſammen gepreßten Lippen. Es war nichts Derbes, nichts Ungraziöſes an ihrer Geſtalt, und er hielt es leicht in ſeinem Arm, das kleine warme, eben erſt auf⸗ geblühte Mädchen. „„Wenn ich nun ein gewöhnlicher Sklavenhändler wäre, wie ſo viele meiner geringen und vornehmen Collegen,“ ſagte er,„ſo könnte ich mir leicht für meine Wohlthaten einen ſüßeren Dank nehmen. Doch begnüge ich mich mit einem einfachen Kuſſe auf dieſe gewiß unentweihten Lippen, einem Kuſſe, der ihren Seclen⸗ frieden nicht ſtören wird, da ſie ihn unbewußt empfängt.“ Damit beugte er ſich auf ſie nieder, küßte ſie leicht auf den kleinen Mund, und als er nun ſah, wie ihre Bruſt, von ſtärkerem Athem geſchwellt, ſich wieder höher hob, hielt er ihr abermals das Taſchentuch vor das Geſicht und bald ſchlug ſie die Augen auf. „Das iſt mir nie geſchehen,“ ſagte das Mädchen nach einer längeren Pauſe, indem ſie leicht erröthend einen Schritt von dem Manne zurück trat.„Ich bin in den letzten Tagen recht ſchwach geworden.“ 6 „Das ungewohnte Leben,“ verſetzte er.„Nun, du wirſt dich ſchon wieder erholen.— Jetzt aber verlaß' mich, geh' zurück in das Gemach hier nebenan, da wirſt du die alte Frau finden, die dich hergeleitet. Sie zeigt dir ein Zimmer und ein gutes Bett; lege dich ohne Furcht hinein, du könnteſt im Himmel nicht mit größerer Sicherheit ruhen als jetzt hier in dieſem Hauſe.“ Das Mädchen, im Begriffe dieſem Befehl Folge zu leiſten, blieb einen Augenblick ſchüchtern an der Thüre ſtehen und ſagte Jäger und Kammerjungfer. 171 mit niedergeſchlagenen Augen:„und Ihnen darf ich ſpäter nicht mehr danken, wenn ich in dem Hauſe aufgenommen bin?“ „Nein, nein!“ entgegnete eifrig der junge Mann,„ich glaube und hoffe nicht. Wir Beide werden uns wahrſcheinlich niemals wieder ſehen.“ „So will ich denn für Sie beten,“ erwiderte ſie,„recht innig und inbrünſtig für Sie beten, indem ich Ihnen oftmals und herz⸗ lich danke für das, was Sie an mir gethan. Und ſo oft ich die⸗ ſen Dank ausſpreche, werde ich gern an Sie denken.“ „Amen!“ ſprach er mit lauter Stimme, nachdem die Thüre hinter ihr geſchloſſen war und der Vorhang wieder herab fiel. „Hätte ich in meiner erſten Jugend,“ ſagte er nachſinnend,„viel⸗ leicht ein ſolches Mädchen gefunden, es wäre Manches anders ge⸗ kommen. Aber ſo geht es, wenn man immer aufwärts blickt und deßhalb mit den Füßen ſo Vieles zertritt. Dies Geſchöpf, gut erzogen, in Sammet und Seide gekleidet, könnte eine Herzogin vorſtellen.— Wir wollen ſie nicht aus den Augen verlieren.“ Nachdem er dieſe Worte laut vor ſich hin geſprochen, hob er raſch den Kopf empor, ging abermals an das Vorzimmer und ſagte dem Manne, der draußen war, einige Worte; dann kehrte er zu⸗ rück, nahm von einem Tiſche einen breitkrämpigen Hut, trat wie⸗ derholt hinter den großen Lehnſtuhl und war plötzlich aus dem Zimmer verſchwunden, ohne daß eine Thüre im Geringſten ge⸗ knarrt hätte, ohne daß einer der Vorhänge ſich nur im Mindeſten bewegt. Da wir aber in einem aufgeklärten Zeitalter, das nicht an Hexerei glaubt, leben, und wir auch nicht die Abſicht haben, ein Märchen zu ſchreiben, ſo verſichern wir den geneigten Leſer, daß Alles auf die natürlichſte Art von der Welt zuging. Neben dem Kamine befand ſich eine verborgene Thüre, durch einen Druck an einer gewiſſen Stelle ſpielte eine Feder, und die Thüre drehte und ſchloß ſich vollkommen geräuſchlos. 172 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Der junge Mann aber ſtieg eine Wendeltreppe hinab, ſchritt durch ein paar lange dunkle Gänge und trat durch eine gleiche Thüre, wie die neben dem Kamin war, in's Freie. Ehe er aber dieſes betrat, nahm er aus einer Niſche im eben erwähnten Gange einen Mantel, den er leicht über ſich warf und ſo Blouſe und Dolch verdeckte. Hierauf ſchritt er eilig durch die Straßen dahin, in welchen noch immer Wind, Regen und Schnee ihr tolles Weſen trieben, und verſchwand bald in der Dunkelheit. Dem Mädchen geſchah droben, wie er voraus geſagt: die Alte führte ſie auf’s Freundlichſte in ein kleines behagliches, warmes Zimmer, ſie half ihr beim Entkleiden, legte ſie ſorgſam zu Bette, indem ſie ihr freundliche Worte ſagte und ſie ſchmunzelnd pätſchelte, wie es vielleicht eine Mutter mit ihrem Kinde zu machen pflegt. — Bald ſchloß ſie ihre Augen, doch konnte ſie nicht begreifen, daß ſie ohnmächtig geworden, und nicht vergeſſen, wie ſie darauf ſo plötzlich in den Armen des jungen Mannes erwacht ſei. Und vor⸗ her hatte ſie ein eigenthümlicher Duft umweht, ſo merkwürdig fein, als wenn ſie in Roſen gelegen, oder als hätte Jemand eine der prachtvollſten Centifolien recht nahe an ihr Geſicht gedrückt. — ₰ 8 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Ueber das Huſten bei Hofe. Der junge Graf Fohrbach hatte wieder einmal Dienſt im Vorzimmer Seiner Majeſtät. Da es der Adjutanten gerade nicht viele waren, ſo kam die Reihe ziemlich häufig an ihn. Ehe er ſich in das Schloß begab, war zu Hauſe nichts Wichtiges vorgefallen; er Ueber das Huſten bei Hofe. 173 hatte keinen Beſuch wie damals, deßhalb frühſtückte er auch in aller Stille allein, zündete ſich darauf eine Cigarre an, die heute mit beſonderem Genuß geraucht wurde, denn ſie war für dieſen Tag, wenigſtens bis zum ſpäten Abend, die einzige und letzte. Dazu waren die Thüren in's Ankleidezimmer wie immer feſt verſchloſſen, damit nicht die leiſeſte Ahnung eines Tabakgeruchs ſich in der Uniform feſtſetzen könne und ſo eingeſchwärzt werde in das önig⸗ liche Reſidenzſchloß, Seiner Excellenz dem Herrn Oberſthofmeiſter zum größten Entſetzen, zu einem wahren Horreur aber für ſämmt⸗ liche Hofdamen, mochten die Letzteren auch in ihren reſpektiven, oft ſehr beſchränkten Familienappartements von Papa, Bruder oder ſonſt Jemand ſeit früheſter Jugend gehörig eingeräuchert ge⸗ worden ſein.— Das thut die Hofluft. Sie iſt ſo rein, ſo äthe⸗ riſch, und Lungen und Herzen werden in derſelben ſo zart und gefühlvoll, daß der geringſte befremdende Duft und oft das kleinſte Wort ein ſehr bemerkbares Hüſteln zur Folge hat. Ueberhaupt ließe ſich über das Huſten bei Hof ein ganzes Buch ſchreiben. Da iſt die Art, der Ton, die Stärke und Schwäche deſſelben von der allergrößten Bedeutung. Einer der Prinzen des allerhöchſten Hofes zum Beiſpiel ſtellt ſich herablaſſend zu irgend einer Gruppe Kammerherren, Offiziere und höherer Hofbeamten; er tritt anſcheinend ganz vertraulich heran und ein leichtes Hüſteln macht ihn bemerkbar und will andenten, er wünſche nicht, daß man ſich ſeinetwegen genire. Augenblicklich erweitert ſich der bis jetzt kleine Kreis und will damit ſymboliſch das große und weite Vergnügen ausdrücken, welches Alle empfinden, daß Seine König⸗ liche Hoheit die außerordentliche Gnade hat, ſich ſo freundlichſt zu nähern. Die Keckſten oder Erfahrenſten bringen dieſes Gefühl der Treue und Anhänglichkeit durch einige tiefgefühlte Worte zu Tage, die Anderen aber begnügen ſich mit einem reſpektvollen Räuſpern, worauf der Prinz, wenn er zufälliger Weiſe nichts Anderes zu ſa⸗ gen weiß, was zuweilen vorkommen ſoll, ſtärker huſtet und darauf 174 Siebenunddreißigſtes Kapitel. laut verſichert, das naßkalte Wetter ſei unausſtehlich, und wenn es ſich nicht bald ändere, ſo würde es keinem Menſchen möglich ſein, den Katarrh los zu bringen. Natürlich ſtimmt Alles bei mit Wor⸗ ten und mit Huſten; es zeigen ſich auf einmal ſehr viele Schnu⸗ pfenanfälle, und ein junger Kammerherr, der begierig iſt, ſeine tiefe Ergebenheit an den Tag zu legen, blickt verſtohlener Weiſe zum Fenſter hinaus und liebäugelt mit einem einſamen Sonnen⸗ ſtrahl ſo lange, bis ihn ein heftiges Nieſen befällt, wodurch er ſo glücklich iſt, auf's Allerdeutlichſte die Bemerkung Seiner König⸗ lichen Hoheit zu bewahrheiten Darauf erſucht vielleicht der Prinz, die angefangene Conver⸗ ſation fortſetzen zu wollen.—„Hm! hm!“ macht er,„wie es ſcheint, wurde ſoeben eine pikante Geſchichte erzählt. Darf ich daran Theil nehmen?“ Der ganze Kreis lächelt verſtohlen, und nur ein Einziger hu⸗ ſtet auffallend und verlegen. Es iſt das ein ſo bedeutungsvoller Huſten, daß ſich Seine Königliche Hoheit veranlaßt ſieht, ihn in der gleichen Tonart zu beantworten, wobei er leicht mit einem Auge zwinkert und dann freundlich ſagt, er bitte, dennoch fortzufahren, er liebe zuweilen eine recht pikante Geſchichte. Die Geſchichte wird nun erzählt, nicht ohne viele hm! hm!hm! hm! von allen Seiten, und als nun die Pointe kommt, die einiger⸗ maßen ſaftig zu nennen iſt, ſo ergeht ſich Seine Königliche Hoheit in einem auffallenden Gehuſte, vielleicht der Erzählung beiſtimmend, worauf ſich Alle bemühen, einen ähnlichen Ton von ſich zu geben, bis zu dem Erzähler, der nun vor Freude einem völligen Erſtickungs⸗ anfall faſt zu erliegen ſcheint. Iſt dagegen die Geſchichte höchſten Orts nicht recht ergriffen oder begriffen worden, ſo werden die Augenbrauen in die Höhe gezogen, der Huſten iſt bei Seiner Kö⸗ niglichen Hoheit ein ziemlich trockener, bei den Anderen ein miß⸗ billigender, der Erzähler aber, um ſeine Verlegenheit zu verbergen, Ueber das Huſten bei Hofe. 175 zieht ſein Tuch aus der Taſche und huſtet lange und anhaltend da hinein. Wie verſchieden aber von all' dieſem der Ton des Huſtens, den vielleicht in der Mitte der Geſchichte plötzlich der Kammerherr von ſich gibt, als er mit ſcharfem Auge erſpäht, daß ſich ein paar unſchuldige Hofdamen zufällig dem Kreiſe nähern. Es iſt das wie der Pfiff einer auf Vorpoſten ausgeſtellten Gemſe; die Geſchichte wird plötzlich unterbrochen, und der ganze Kreis ſpitzt die Ohren.— Wir erſuchen den geneigten Leſer, dies jedoch natürlicher Weiſe nur bildlich verſtehen zu wollen.. Sind nun die unſchuldigen Hofdamen, die ſich nähern, wirklich unſchuldige Damen, ſo huſten ſie mit einer kleinen Verlegenheit, daß ſie ſo plötzlich an einem Kreis tangiren, in welchem ſich Seine Königliche Hoheit befindet. Sind ſie aber ſchon vollkommen erfah⸗ ren in der Sitte des Hofes und leſen an dem Ausdruck der Ge⸗ ſichter, an der Stellung und Haltung einer Gruppe, um was es ſich gerade handelt, ſo wird der erzählende Kreis in einem großen Bo⸗ gen umgangen, die älteſte der Hofdamen blickt hinter ihrem Fächer auf den Kreis, huſtet ſehr laut und auf eigenthümliche Art und gibt die Ueberſetzung dieſes Huſtens ihrer Gefährtin, indem ſie ihr zuflüſtert:„da werden wieder ſchöne Geſchichten abgemacht!“ Um einige Stufen tiefer hinabzuſteigen, ſo wiſſen namentlich alte gediente Lakaien, Tafeldecker und Kammerdiener ihre verſchie⸗ denen Huſten auf's Feinſte zu nuanciren. Der Lakai, der den Schlag des Wagens ſchließt, räuſpert ſich gelinde, wenn vielleicht eine Hofdame in tiefen Gedanken verſunken nicht angibt, wohin ſie fahren will, wonach er ſich hintenauf ſchwingt und nun oftmals den Kutſcher mit lautem Gehuſte dirigirt. Der Kammerdiener im Zimmer des Herrn blickt huſtend auf die Uhr, wenn irgend eine beſtimmte Stunde herangekommen iſt, und erweckt mit einem lauten Gehuſte den Thürſteher aus ſeinen 176 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Träumereien, der faſt vergeſſen hätte, voraus zu ſpringen und den Wagen vorfahren zu laſſen. Endlich bei Tafel dirigirt der Hoffourier mit einer wahren Verſchwendung von dem feinſten und leiſeſten Huſten das ganze Diner, der Tafeldecker macht den Lakaien auf gleiche Art mit viel⸗ ſagendem Räuſpern auf ſeine Dummheit aufmerkſam, die er began⸗ gen, auf einen zerbrochenen Teller oder ein leeres Glas, und ein junger Hofbedienter prallt erſchreckt und gelinde huſtend vor dem fürchterlichen Abgrund zurück, in den er faſt geſtürzt wäre, da er im Begriffe war, dem erſten Kammerherrn einen wilden Schweinskopf von der rechten Seite zu präſentiren. Um nicht zu ausführlich zu werden, wollen wir nur noch des vielſagenden Huſtens gedenken, in welchem ſich zwei vornehme Staats⸗ beamte, die ſich durchaus nicht leiden können und die nun plötzlich im Vorzimmer zuſammen geſtoßen, ſteif und gemeſſen begrüßen. Jeder hat geglaubt, er komme dem Andern zuvor und könne aller⸗ höchſten Ortes ſeinem Collegen eine nnangenehme Suppe einbrocken. Dieſer Huſten klingt wahrhaft nervenerregend, und wir ſind über⸗ zeugt, daß ſich in gleicher Weiſe zwei Tigerkatzen begrüßen würden, die nur durch ein breites Waſſer verhindert ſind, ſich ihrem glüh⸗ endſten Wunſche gemäß die Augen auszukratzen. Ein Huſten der furchtbarſten Art aber ſtört oft den Miniſter in ſeinem Vortrage, wenn er zum Beiſpiel irgend eine Auszeich⸗ nung, einen Orden, ein Geſchenk für einen armen Künſtler verlangt und er mit eindringlichen Worten ſpricht, wie aufmunternd ein ſol⸗ cher Sonnenſtrahl der allerhöchſten Huld ſei, wie das Talent nur wachſen und gedeihen könne im warmen Schein der Königlichen Gnade: ein Huſten Seiner Majeſtät nämlich, wobei ſie ſich an das Fenſter wendet und die Excellenz verſichert, es werde doch jetzt end⸗ lich ein beſtändigeres Wetter eintreten.—— Doch kehren wir in die Wohnung des Grafen Fohrbach zurück, der unterdeſſen Cigarre und Toilette beendigt hat, und nun, im Ueber das Huſten bei Hofe. 177 Begriff an den Wagen zu gehen, durch den Kammerdiener einen Augenblick aufgehalten wird, der ſich erlaubt, ihm den neuen Jä⸗ ger vorzuſtellen. Das war, wie wir bereits wiſſen, ein großer, ſchlank gewach⸗ ſener Mann; und jetzt, in der glänzenden Livree, den ſchwarzen Bart wohl gekämmt und friſirt, nahm er ſich ungemein ſtattlich aus. Dabei hatte ſein Geſicht ein angenehmes Ausſehen und ſein Auge hielt den feſten Blick des Grafen, der ihm einige Fragen ſtellte, ſehr gut aus. Um drei Viertel auf eilf Uhr fuhr Graf Fohrbach am Schloſſe vor und ſtieg die breiten Treppen hinauf bei zahlreichen Wachen, Thürſtehern und Lakaien vorbei. Ein verſchmitzt ausſehender Kammerdiener legte die Hand an den Drücker, um die Thüre zu öffnen und huſtete in dem Augenblicke ziemlich bedeutungsvoll. Es war dies wieder einer jener Huſten, von denen wir vorhin ge⸗ ſprochen. Der Adjutant wandte augenblicklich den Kopf herum und der Kammerdiener lächelte. „Gibt es was Neues?“ fragte Graf Fohrbach leicht hin. „Nicht viel Beſonderes,“ entgegnete der Kammerdiener, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog.„Die Herren und Damen vom Dienſte frühſtücken in der gelben Gallerie und es erſcheiut heute zum erſten Mal das neue Ehrenfräulein Ihrer Majeſtät.“ Nach dieſen Worten öffnete der Kammerdiener leiſe die Thüre, und nachdem der Adjutant eingetreten war, zog er ſie geräuſchlos wieder in's Schloß, zupfte ſeine weiße Halsbinde in die Höhe und rieb ſich alsdann ſtill lächelnd die Hände. Graf Fohrbach ſchritt durch mehrere Vorzimmer, die, wie in den Königlichen Schlöſſern gewöhnlich, einander ziemlich ähnlich ſahen, nur daß die Farben der Tapeten und Möbelſtoffe in jedem verſchieden waren, daß in dieſem Alabaſter⸗ und Marmor⸗Vaſen, Hackländers Werke. XVII. 12— 178 Siebenunddreißigſtes Kapitel. dort welche aus China und Japan ſtanden. Um dieſe kleine Ver⸗ ſchiedenheit aber wieder auszugleichen und eine gewiſſe Harmonie herzuſtellen, waren die Gemälde an den Wänden meiſtens Protek⸗ tionskäufe, gleich unbedeutend, gleich langweilig. In der gelben Gallerie, wo der Frühſtückstiſch ſervirt war, befand ſich außer einigen Lakaien, die emſig und wichtig, geräuſch⸗ los und ſchnell auf einem Nebentiſche Porcellan und Silber ord⸗ neten, vorderhand nur ein alter einſilbiger Kammerherr, der damit beſchäftigt war, nachdem er den Barometer prüfend betrachtet, die grauen am Himmel hinziehenden Schneewolken zu beobachten, und unſer Bekannter, der Major S., den Graf Fohrbach heute ablöste. Der Major ſtand in einer Fenſtervertiefung, und als er bemerkte, daß ihn der Graf mit den Augen ſuche, huſtete er leicht. „Wie geht's?“ ſagte der neue Adjutant, während er zu ſeinem Freunde in die Ecke trat. „So, ſo!— Das Wetter iſt nicht ganz klar, es ſcheinen mir trübe Wolken umher zu ziehen; auch haben wir noch keine Rapporte gehabt, was kein gutes Zeichen iſt. Ferner wurde der Intendant des Hoftheaters auf ein Uhr beſtellt.“ „Da wird man aufpaſſen müſſen.“ „Für dich gibt's eigentlich nicht viel zu thun. Nach dem Rapport ſind einige Audienzen, deren Namen du im Vorzimmer aufgeſchrieben findeſt; das Papier liegt im Pult.“ „Schön.— Wirſt du mit uns frühſtücken?“ „Ich habe nicht Luſt, muß auch nach Hauſe.— Apropos! du wirſt eine Bekanntſchaft machen: das neue Ehrenfräulein Ihrer Majeſtät hat heute den erſten Dienſt und kommt zum Frühſtück.“ „Iſt ſie ſchön?“— Der Major erhob den Kopf, zog die Augenbrauen in die Höhe und entgeguete:„ob ſie ſchön iſt!— Ein glänzender Stern am dunkeln Nachthimmel.“ „Nun, wir können dergleichen Sterne brauchen, es war zuweilen Ueber das Huſten bei Hofe. 179 recht finſter bei uns.— Wie heißt ſie?— Nicht wahr, es iſt eine Fräulein von S.? Ihr ſeid ja wohl weitläufig verwandt.“ „Ziemlich entfernt. Sie heißt Eugenie von S.— eine vor⸗ nehme aber nicht reiche Familie. Das Mädchen iſt kaum Neun⸗ zehn, aber groß und majeſtätiſch gewachſen, eine Figur wie Ihre Majeſtät; dabei dunkles Haar, ein glänzendes Auge und die herr⸗ lichſten Zähne von der Welt, ah! ich ſage dir. Zähne, glänzend weiß; man iſt glücklich, wenn ſie den Mund öffnet.“ „Nur wegen der Zähne?“ fragte lachend der Graf. „O nein, ſie iſt zugleich eines der gebildetſten und geſcheidtſten jungen Mädchen, die ich ſeit längerer Zeit kennen lernte.“ „Natürlicher Weiſe wird ſie häufig in euer Haus kommen?“ „Ich hoffe ſo; weißt du— eine Verwandte—“ „So werde ich mich bemühen, deine Frau zu warnen.“ „Damit du einen Vorwand haſt, öfters zu kommen,“ erwiderte lachend der Major.„Nimm dich in Acht, junger Mann, wenn ſie dich anblitzt und du haſt gerade einen erregbaren Moment, ſo iſt's um deine Ruhe geſchehen.— Aber,“ fuhr er lebhafter fort, wäh⸗ rend er einen Schritt vortrat,„ſage mir offenherzig, haſt du ſie ſchon irgendwo geſehen— kennſt du ſie?“ „Ich gewiß nicht.“ „Du wußteſt nicht, daß ſie ſo außerordentlich ſchön und lie⸗ benswürdig iſt?“ „Auf mein Wort, nein. Ich habe nur im Allgemeinen von ihr ſprechen gehört.— Aber wozu dieſe Fragen?“ „Nun, ich glaube dir. Vorhin unterhielt ich mich mit der Frau von B.—“ „Mit der Oberſthofmeiſterin?“ Der Major nickte mit dem Kopfe.„Wir ſprachen über die Einrichtung der jungen Dame, über ihre Wohnung und der⸗ gleichen—“ „So, über ihre Wohnung! Wird die im Schloſſe ſelbſt ſein?“ 180 Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Natürlicher Weiſe; ſie iſt aber ſehr gut ausgewählt, das kleine Appartement Numero ſechszehn, die Fenſter der Zimmer gehen auf den geſchloſſenen Hof, wo es euch nicht vergönnt iſt, mit euren armen Pferden halsbrechende Courbetten zu machen.— Aber jetzt höre: wir ſprachen auch von ihrer Dienerſchaft, eine ältere Kammerfran brachte ſie mit, ein jüngeres Kammermädchen bekommt ſie hier.“ 3 „Ja, was geht das mich an!“ „Ein jüngeres Kammermädchen, das— du empfohlen.“ „Ich empfohlen?— Und an wen?“ „Beſinne dich. Du haſt der Frau von B. neulich von einem Kammermädchen geſprochen, das eine Stelle ſuche.“ „Ah richtig!“ ſagte ſich erinnernd der Adjutant.„Ich kenne ſie aber nicht; der Baron Brand hat mich darum gebeten.“ „So, ſo, Baron Brand,“ erwiderte der Major nachdenkend. „Das iſt ein gefährlicher Menſch bei den Damen; ſogar die alte Oberſthofmeiſterin ſchwärmt für ihn, und das will viel ſagen. Er war geſtern Abend bei ihr zum Thee, zugleich mit Fräulein Eu⸗ genie von S.; da kam die Rede auf deine Empfohlene und ob ſie vielleicht paſſend ſei für das neue Ehrenfräulein. Die Oberſthof⸗ meiſterin ſchüttelte lächelnd den Kopf und meinte, ſie wiſſe doch nicht recht, ob deine Rekommandationen in dieſer Richtung zu be⸗ achten ſeien; aber Baron Brand erinnerte ſich zufällig deſſelben Mädchens,— was weiß ich! ſie habe bei einer ſeiner Couſinen gedient und beſitze die glänzendſten Zeugniſſe.— Was glaubſt du wohl? Darauf änderte ſich mit einem Mal die Anſicht Ihrer Ex⸗ cellenz und deine Empfohlene iſt angeſtellt.“ 3 „Das ſind ſchöne Geſchichten!“ ſprach lachend Graf Fohrbach, indem er ſeine Säbelkuppel herabzog.„Nun ich hoffe, die Perſon wird vorkommenden Falles einiges Dankbarkeitsgefühl beſitzen.“ „Gegen dich oder gegen den Baron?“ Ueber das Huſten bei Hofe. 181 „Ich denke gegen mich, denn ich bin doch der unmittelbare Empfehler.“ „Aber nimm dich in Acht, coeur de rose iſt ein verfluchter Kerl. Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn er der ſchönen Eugenie nächſtens ein Parfum aufſchwätzt.“ „Nein, dazu iſt er zu klug; das könnte ſie in einen übeln Geruch bringen.— Aber ſtille! der Kammerdiener an der Thüre hat ſich ſchon dreimal geräuſpert,— man kommt.“ Die Flügelthüren des anſtoßenden Saales wurden jetzt in der That geöffnet und die Damen vom Dienſte erſchienen. Es waren das meiſtentheils gereifte Schönheiten, künſtlich erhaltene Blumen, aber ohne erquickenden Duft, gerade ſo wie ihre Schweſtern von Papier und Seide, und ebenſo wie dieſe rauſchend und klappernd. Eugenie von S., die beſcheiden als die Letzte kam, hätte nicht ſo wunderbar ſchön zu ſein gebraucht, wie ſie wirklich war, um zwiſchen ihren Colleginnen wie eine Sonne aus grauem Gewölk hervorzuſtrahlen. Graf Fohrbach war in der That überraſcht von der lieblichen Erſcheinung der jungen Dame und einigermaßen befangen, als er ihr von ſeinem Freunde, dem Major, vorgeſtellt wurde. Sie ver⸗ neigte ſich auf's Freundlichſte und verſicherte im Laufe des Ge⸗ ſpräches, ſie wiſſe ganz genan, daß ſie von ihrer Mutter Sr. Ex⸗ cellenz dem Herrn Kriegsminiſter empfohlen ſei, ſie hoffe, dieſe Empfehlung werde freundlich aufgenommen worden ſein und ihr ſo recht bald Gelegenheit werden, einen Mann kennen zu lernen, den ſie ſehr ſchätze und verehre. Natürlicher Weiſe erwiderte der Graf etwas auf dieſe Worte Paſſendes, dann ſetzte man ſich zum Frühſtück, der Major empfahl ſich, Meſſer und Gabeln fingen an zu klappern, die Bedienten ſchoßen hin und her wie emſige Schwalben, und bald war das Frühſtück beendigt, worauf ſich die Damen dahin zurückzogen, woher ſie gekommen, der einſylbige Kammerherr und der. Adjutant 182 Acht unddreißigſtes Kapitel. begleiteten ſie bis an die Thüre, und hier hoffte der Letztere noch einen Blick der ſchönen Eugenie aufzufangen. Sie verneigte ſich auch freundlich gegen die beiden Herren, doch galt ihnen Gruß und Blick zu gleichen Theilen, worüber der Graf eben nicht beſon⸗ ders erfreut war. Achtunddreißigſtes Kapitel. Goldene Feſſeln. Den von ſeinem Freunde erhaltenen Inſtruktionen gemäß, das hentige Wetter betreffend, nahm nun der neue Adjutant, nachdem er das Vorzimmer zur Wohnung Seiner Majeſtät betreten, ſeiner Stellung, als Barometer gemäß, eine ſehr ernſte und würdevolle Haltung an. Der Säbel hing correkt eingehakt an der Kuppel, die Uniform war faſt hermetiſch verſchloſſen, der Federhut wurde mit beiden Händen auf dem Rücken gehalten und darauf ging der Adjutant mit gemeſſenen Schritten auf und ab, hie und da den Kammerdiener betrachtend, der ſich zwiſchen der Thüre und einer großen Standuhr befand, die er beide zugleich im Auge behielt. Bald nachher hörte man draußen ECquipagen vorfahren, die Tritte fielen herab, die Schläge wieder zu, dann ſchlürften leiſe Schritte auf den Steinplatten des Corridors, die Thüren öffneten ſich und die oberſten Staatsbeamten traten ein. Graf Fohrbach ging ihnen entgegen und empfing Jeden ernſt, würdevoll, aber Alle auf verſchiedene Art. Die Miniſter erhielten ein ſehr tiefes Compliment, begleitet von einem vollkommen gleich⸗ gültigen Geſichte; nur bei dem des Königlichen Hauſes— es war —— — Goldene Feſſeln. 183 ein genauerer Bekannter des Grafen— zog dieſer auf einen fra⸗ genden Blick die Augenbrauen etwas in die Höhe und zuckte leicht mit den Achſeln. Die Excellenz nahm den Adjutanten beim Arm und zog ihn in eine Fenſtervertiefung, wohin bald nachher noch einige der Ver⸗ trauten, nachdem ſie den Größen des Staats einige verbindliche Worte geſagt, folgten. Dieſe, die Miniſter, gingen zu Zwei und Zwei auf der an⸗ deren Seite des Zimmers mit leiſen Schritten und faſt unhörba⸗ rem Geflüſter auf und nieder oder blieben auch an dem Marmor⸗ kamine ſtehen, Hut und Papier in der Hand, mit langen Geſichtern, ernſten Blicken und dem allerwürdevollſten Ausſehen. Sie führten eigentlich keine zuſammenhängende Converſation; ſie ſprachen nur Vermuthungen aus und räuſperten ſich häufig mit vorgehaltener Hand, nickten zuweilen taktmäßig mit dem Kopfe und warfen jede Sekunde die ſehnſüchtigſten Blicke nach der gewiſſen Thüre, nach dem Kammerdiener und nach der Uhr. Die Gruppe an der Fenſterniſche war ſchon etwas lebendiger und geſprächiger; man handelte das innere und äußere Wetter ab und brachte Beides mit einander in Verbindung. „Wird Seine Majeſtät heute ausreiten?“ fragte der Miuiſter des Hauſes den Oberſtſtallmeiſter, welcher dieſe Frage mit einem bedeutſamen Achſelzucken beantwortete, und darauf verſetzte: „Ich weiß nicht, ob es räthlich iſt.“ „Es iſt auf drei Uhr ein Pferd beſtellt,“ flüſterte der Kam⸗ merdiener aus ſeiner Ecke in der demüthigſten Haltung und einem ganz unterthänigen Spitzen des Mundes, begab ſich aber hierauf augenblicklich an die andere Seite der Thüre, nachdem ihm der Hofmarſchall für dieſe Einmiſchung einen ſehr ſtrengen Blick zu⸗ geworfen. „Man kann Seine Majeſtät bei dem Wetter unmöglich aus⸗ reiten laſſen,“ ſagte der Miniſter des Innern.„Der König iſt 184 Achtunddreißigſtes Kapitel. ohnedies etwas erkältet, und das Wetter iſt, wie mich der Leibarzt verſichert, ſeiner Conſtitution durchaus nicht zuträglich.“ „Aber wenn Seine Majeſtät befohlen hat,“ bemerkte ſchüchtern der Hofmarſchall,„ſo ſind Allerhöchſtdieſelben nicht wohl anders zu beſtimmen.“ 1 Der Miniſter des Hauſes warf dem Oberſtſtallmeiſter einen bedeutſamen Blick zu, worauf ſich der Letztere durch ſein ſpärliches Haar fuhr und, nachdem er dieſen Blick zurückgegeben, ruhig ſagte: „Seine Majeſtät kann unmöglich bei dieſem Wetter ausreiten, Seine Majeſtät wiſſen nicht, welch' kalter Wind draußen geht.“ „O ja,“ warf der Hofmarſchall ein,„Sie machten vor dem Frühſtück einen kleinen Spaziergang.“ Die Excellenzen wandten ſich hierauf gleichmäßig dem Fenſter zu, und die beiden Anderen verſtanden dieſe Bewegung und zogen ſich discreter Weiſe etwas zurück. „Seine Majeſtät ſoll heute nicht reiten,“ ſagte der Miniſter; „ich werde mir auf drei Uhr eine Audienz erbitten, ich habe da etwas Wichtiges vorzutkagen und will ihn ſchon eine halbe Stunde beſchäftigen.“ Mittlerweile waren die Miniſter einzeln in das königliche Ka⸗ binet getreten und kamen wieder zurück, Einer an der Thüre noch mit einem ziemlich verdrießlichen Geſicht, das er aber gewaltſam aufzuklären bemüht war, ſobald er in's Vorzimmer zurück kam, um dem Collegen eine Niederlage, die er erlitten, nicht anmerken zu laſſen. Ein Anderer aber kehrte äußerſt ſtrahlend wieder und befolgte das umgekehrte Manöver, weil ihm Alles daran gelegen war, daß die Uebrigen nicht erfahren ſollten, es ſei ihm ein wich⸗ tiger Vorſchlag durchgegangen. Zu denen am Fenſter war noch der Intendant des Hoftheaters getreten, der ein ſehr verdrießliches und unbehagliches Geſicht machte.„Ich bin da in großer Verlegenheit,“ ſagte er.„Seine Majeſtät haben auf heute Abend den ſchwarzen Domino zu befeh⸗ — Goldene Feſſeln. 185 len geruht und das wirft mir mein ganzes Repertoire durchein⸗ ander.“ „Wie ſo, beſter Baron? meinte der Oberſtſtallmeiſter,„Das ſind Kleinigkeiten! Es kann Ihnen ja gleichviel ſein, was Sie heute Abend geben.— Und dann verlangt Seine Majeſtät durch⸗ aus nichts Unmögliches: der ſchwarze Domino iſt vollkommen mon⸗ tirt, war in den letzten vier Wochen glaube ich fünfmal und macht deßhalb durchaus keine Schwierigkeiten.“ „Excellenz halten mir zu Gnaden, das iſt in Wahrheit ſchwie⸗ riger als es ſich anſieht. Allerdings war dieſe Oper fünfmal in. den letzten Wochen; aber gerade das iſt mein Kummer: ich wollte ſie für den nächſten Sonntag aufheben.“ „Um eine beſſere Einnahme zu machen?“ fragte lachend der Miniſter des Hauſes. „Nicht ſo ganz, Excellenz; viclmeßr um der erſten Sängerin ihren Willen zu thun.“ „Wie ſo?“— „Wie Sie wiſſen, Excellenz, war die Oper fünfmal an Wochen⸗ tagen bei mäßig beſetztem Hauſe, alſo natürlicher Weiſe auch ohne viel Spektakel, ohne großen Applaus, weßhalb Frau Wieſengrün⸗ Spibkopfin⸗ meine Coloraturſängerin, erklärte, ſie werde den ſchwarzen Domino das nächſte Mal nur an einem Sonntage ſingen.“ „Wer hat denn beim Theater eigentlich zu befehlen?“ Dem Namen nach ich, Excellenz, in Wirklichkeit dagegen ſämmtliche Künſtler und Künſtlerinnen, die Regiſſeure, der Inſpi⸗ cient, die Maſchiniſten, die Schneider und dann die Zimmerleute.“ „Ja, ja, es iſt ein eigenthümliches Verhältniß,“ meinte der Oberſtſtallmeiſter, indem er ſtill vor ſich hin lächelte.„Wir ken⸗ nen das; namentlich die erſten Damen der ſingenden und der tan⸗ zenden Kunſt haben mir vor der Zeit graue Haare gemacht.“ 186 Achtunddreißigſtes Kapitel. „Das iſt ja die umgekehrte Welt,“ ſagte der Miniſter des Hauſes;„da wären Sie ja der Sklave Ihrer Untergebenen.“ „Und welcher Sklave!“ verſetzte wehmüthig der Intendant, der nachdenkend zum Fenſter hinaus blickte.„Von welchen Launen bin ich abhängig, von welchen Kleinigkeiten! Ich will nicht ſprechen von großen Ereigniſſen, die überall vorkommen können, von einem Unwohlſein, das ohne alle Verſchuldung eintritt, von der Krank⸗ heit, welche ſich eine Sängerin geholt, weil ſie die Laune hatte, am erſten feuchten, kalten Frühlingstage den Kaffee im Freien trin⸗ ken zu wollen. Ich klage nicht über Störungen, die oftmals beim Theater entſtehen, wenn ſich ein zartes Verhältniß knüpft oder löst, oder über eine heftige Migräne, die gewöhnlich eintritt, weil eine Collegin beſſer gefallen oder mehr applaudirt wurde. Gott der Gerechte! davon will ich nicht ſprechen; nein! nein! aber ich werde auf dem Bureau, in meinem Hauſe, zu jeder Tagesſtunde, geärgert, geplagt, geſchunden wegen einer nichtswürdigen Grille, einer Laune, wegen einem neuen Kleide, oder einem Beſatz auf ein altes, wegen einer Schleife, wegen eines Wortes, das der Regiſſeur oder der Kapellmeiſter einer dieſer Prinzeſſinnen zu viel ſagte, wegen eines Zeitungsartikels, und Gott weiß, wegen was Allem ſonſt noch.“ „Sie ſind wirklich ein beklagenswerther Mann,“ antwortete lächelud der Oberſtſtallmeiſter.„Aber mein lieber Baron, keing Roſen ohne Dornen;— und das müſſen Sie ſchon zugeben: Roſen wachſen genug in Ihrem Garten. 3 „Euer Excellenz haben gut reden,“ entgegnete der Intendant des Hoftheaters, indem er ſich verbeugte;„aber ich verſichere Sie nochmals, die Sklaverei, in der ich lebe, iſt oft unerträglich. Ich ſitze zitternd an meinem Kaffee,— es klingelt. Der Theaterdiener. — Das Stück kann heute Abend nicht ſein, Herr H. iſt unwohl und kann nicht ſpielen; das heißt in Wahrheit, er hat ſich ein paar neue himmelblaue Tricots von Paris verſchrieben und die ſind noch nicht angekommen, oder ſeine Frau hat ihm geſagt, er Goldene Feſſeln. 187 plage ſich in der letzten Zeit übermäßig und ſolle nun auch ein⸗ mal einen Anderen für ſich arbeiten laſſen.— Bei meinem Mittag⸗ eſſen dieſelbe Geſchichte; mein Ohr hört oft nicht auf das, was meine Frau ſpricht, nicht auf das Geplauder der Kinder, es erwar⸗ tet nur den fatalen Ton der Klingel. Das quält mich ſo fort den ganzen Tag, beunruhigt Nachts meine Träume; ja, da erſcheint mir der Theaterdiener mit der Meldung, das ganze Perſonal ſei plötzlich davon gelaufen oder geſtorben und ich müſſe heute Abend Robert den Teufel ganz allein ſpielen.“ „Das mag allerdings hart ſein, mein beſter Baron,“ ſagte die Excellenz vom Stalle.„Aber glauben Sie mir, auch ich muß Meldungen der unangenehmſten Art anhören.“ „O, Excellenz können Ihr Departement nicht mit dem meini⸗ gen vergleichen!“ entgegnete eifrig der Intendant.„Sie haben es mit ruhigen, ſanften, ja man kann ſagen mit vernünſtigen Thieren zu thun.— Ich aber—“ „Stille! ſtille!“ bat der Miniſter des Hauſes.„Lieber Baron, wenn das Ihre Primadonna hörte, wir hätten wahrhaftig in dem erſten halben Jahr keine Oper.— Aber um wieder auf beſagten ſchwarzen Domino zurückzukommen—“ „Euer Excellenz ſcheinen ſich gern mit dem ſchwarzen Domino zu befaſſen?“ „O lieber Freund,“ lächelte einigermaßen geſchmeichelt der Mi⸗ niſter,„ein ältlicher Mann wie ich!“— Wobei er aber doch einen verſtohlenen Blick in den Spiegel warf und dort bemerkte, daß die neue ſanft melirte Perrücke eine vortreffliche Wirkung hervor⸗ bringe.—„Was ich alſo bemerken wollte,“ fuhr er fort,„ſo hat der Herr für heute Abend ausdrücklich den ſchwarzen Domino be⸗ fohlen. Sie wiſſen, er war die letzten dreimal verhindert, die Oper zu beſuchen.“ 3 „Ich kann Seiner Majeſtät diesmal wahrhaftig nicht helfen,“ ſprach achſelzuckend der Intendant.„Gott der Gerechte! ich habe Achtunddreißigſtes Kapitel. es ja bei Madame Wieſengrün⸗Spitzkopfin auf's Allerdringlichſte verſucht, aber ſchon bei der leiſen Andeutung fuhr ſie mit der Hand über die Stirne und verſicherte mich, es werde ihr jetzt ſchon ganz dunkel vor den Augen.“ Während dieſes Geſpräches war der Hofmarſchall ebenfalls leiſe wieder näher getreten, wurde aber in ſeiner Aufmerkſamkeit durch einen der Oberhoffourire geſtört, der ihm ein Blatt Papier überreichte und ihm ein paar Worte zuflüſterte. „Das iſt ja ganz unmöglich!“ rief der Hofmarſchall, während Jener ſich wieder entfernte.—„Vollkommen unmöglich!— gar nicht zu machen!“ „Was haben Sio, beſter Freund?“ „Seine Majeſtät läßt mir ſo eben ſagen,“ antwortete er,„Sie wünſchen Ihr Diner im kleinen blauen Saale zu halten. Ich bitte Sie, meine Herren, bei der jetzigen Jahreszeit!“ „O! das wird ganz gut gehen,“ bemerkte der Miniſter des Hauſes. „Im kleinen blauen Saale?“ fragte mit einem wahren Schrecken der Hofmarſchall.„Ich verſichere Sie— ganz unmöglich.“ „Aber wenn der Herr befiehlt,“ ſagte lachend der Oberſtſtall⸗ meiſter, indem er ſich der Worte des Andern von vorhin bediente. „Der blaue Saal iſt zu klein und zu groß,“ verſetzte wichtig der Hofmarſchall.„Laſſe ich einheizen, ſo haben wir dort gleich eine unerträgliche Hitze; laſſe ich nicht einheizen, ſo klappern die Zähne vor Kälte. Das iſt ein Lokal für den Sommer; man muß die Hausordnung nicht ſo unterbrechen wollen.“ Der Miniſter des Hauſes war unterdeſſen in das innere Zim⸗ mer getreten, kehrte aber bald ſtill lächelnd wieder zurück, und ſagte dann:„ich habe um drei Uhr meine Audienz.“ Ihm folgte der Oberſtſtallmeiſter zum Rapport. Doch blieben Seine Excellenz auch nicht lange im kleinen Kabinet, und als er zurückkam, ſagte er zu dem Miniſter, indem er ſanft die Augen zu⸗ Goldene Feſſeln. 189 fallen ließ und dabei ſchmatzte, als genöſſe er etwas ſehr Angeneh⸗ mes:„Seine Majeſtät werden nicht ausreiten, Sie haben nach drei Uhr einen Ihrer kleinen Wagen befohlen und dabei ausdrück⸗ lich gewünſcht, die neuen Rappen zu probiren.“ „Iſt das möglich?“ fragte die andere Excellenz. „Es wird ſich thun laſſen,“ entgegnete der Oberſtſtallmeiſter; „natürlicher Weiſe hänge ich auch von meinen Untergebenen ab, namentlich von meinem erſten Stallmeiſter, denn er muß mir die Verſicherung geben, daß die beiden Rappen vollkommen eingefah⸗ ren ſind, und das wird er auch ſchon thun, wenn er bei guter Laune iſt.“ Jetzt kehrte auch der Intendant von dem Rapport zurück und⸗ ſtellte ſich wieder achſelzuckend zu der Gruppe am Fenſter.„Der ſchwarze Domino!“ ſeufzte er kläglich. Ich weiß in der That nicht, weßhalb Seine Majeſtät auf dieſe an ſich langweilige Muſik ſo verſeſſen iſt.“ „Sie werden aber doch den allerhöchſten Befehl befolgen müſſen?“ „Ich befinde mich da zwiſchen zwei Feuern; hier befiehlt Seine Majeſtät, dort will die erſte Sängerin nicht.“ „Ich fürchte, wir haben den ſchwarzen Domino nicht,“ ſagte der Oberſtſtallmeiſter, denn Madame Wieſengrün⸗Spitzkopfin wird ſich nicht erweichen laſſen.“ „Ich glaube es auch nicht,“ meinte der Intendant des Hof⸗ theaters.„Ich muß auf die Nachſicht Seiner Majeſtät bauen; um mit Schiller zu ſprechen:— der See kann ſich, der Landvogt nicht erbarmen.“ „Aber diesmal wird es ſchwer halten,“ verſetzte der Hofmar⸗ ſchall.„Seine Majeſtät ſagten mir, Sie freuen ſich auf die heu⸗ tige Vorſtellung außerordentlich.“ „Und zu mir ſprach der Herr,“ entgegnete einigermaßen pikirt 190 Achtunddreißigſtes Kapitel. der Intendant,„es ſpeiſe ſich im blauen Salon vortrefflich, und er liebe es ebenfalls außerordentlich, da zu diniren. „Jeder ſo gut er kann!“ antwortete der Hofmarſchall.„Was geſchehen kann, geſchieht ja gerne. Aber Seine Majeſtät haben ſicherlich nicht an die Beſchaffenheit des blauen Saales gedacht.“ „Es thut freilich Jeder, was ihm möglich iſt,“ meinte wichtig der Oberſtſtallmeiſter;„es iſt ja unſere Pflicht, für das Wohl und die Geſundheit des Herrn zu ſorgen. Aber bei ſolchem Wetter auszureiten, iſt gewiß unthunlich.“ Damit entfernten ſich die beiden Excellenzen Arm in Arm, nachdem ſie den Grafen Fohrbach freundlichſt gegrüßt. Der In⸗ tendant ging ebenfalls ſeufzend ſeiner Wege. Der Hofmarſchall gab, ehe er ſich entfernte, einem der Hof⸗ fouriere noch einige geheime Befehle, und da wir auf die Discretion des geneigten Leſers bauen, ſo wollen wir demſelben in's Ohr flüſtern, daß der Hofmarſchall anordnete, in dem blauen Salon die Vorhänge und Portièren Behufs nothwendiger Ausbeſſerung herunter zu nehmen, auch die Kette des großen Kronleuchters zu unterſuchen, die ſo ſchadhaft ſein müſſe, daß es dringend noth⸗ wendig ſei, ſie noch heute durch eine neue zu erſetzen. Das Vorzimmer blieb einen Augenblick leer und der Adjutant ging nachdenkend auf und ab, hie und da luſtig in ſich hinein lachend über Alles, was er während des Rapports vernommen. Es dauerte indeſſen nicht lange, ſo fuhr draußen abermals ein Wagen an; es näherten ſich Schritte, doch waren ſie nicht leiſe wie die der Miniſter und Hofbeamten, ſondern man vernahm Spo⸗ rengeklirr und hie und da ein leichtes Aufſtoßen eines Kavallerie⸗ ſäbels, auch hörte man, wie die Wachen ihr Gewehr präſentirten, worauf der Kammerdiener beide Thüren aufriß, um Seine Excellenz den Herrn Kriegsminiſter einzulaſſen, der nun in das Zimmer trat im eifrigen Geſpräche mit dem Generalſtabsarzte der Armee, der zuͤgleich als zweiter Leibarzt fungirte. —,— —,— Goldene Feſſeln. 191 Der Adjutant nahm ſeine ſchöuſte Haltung an, um den hohen Chef und Vater beſtens zu begrüßen. Der Kriegsminiſter war ein großer, ſtattlicher Mann mit ſtark ergrautem Haar und Bart, ein ſchöner alter Herr, der in der Ge⸗ neralsuniform vortrefflich ausſah und deſſen zahlreiche Orden eben⸗ ſoviele Gefechte und Schlachten zu bedeuten hatten. Der Generalſtabsarzt dagegen war klein, wohlbeleibt, von beweglichem Weſen. Wenn er eifrig ſprach, ſo fuhren ſeine Augen lebhaft hin und her und ſein Arm arbeitete wie ein Telegraph. Seine Excellenz begrüßten den Sohn freundlich mit der Hand, wobei ſie ihm zurief:„bon jour, mon gargçon!” Dann wandte ſie ſich wieder zu dem Arzte, der ſein Geſpräch einen Augenblick unterbrochen hatte, und nun zu dem Adjutanten hinlief, mit ſeiner Rechten deſſen Hand freundlich ſchüttelte und zu gleicher Zeit die Linke auf die breite, gewölbte Bruſt des jungen Offtziers legte. Dann wandte er den Kopf pfiffig lächelnd gegen den Kriegsmini⸗ ſter, indem er ſagte:„ſehen Euer Excellenz, hier in Ihrem Sohne kann ich meine Behauptung ad oculos demonſtriren; das iſt eine Kavallerie⸗, überhaupt eine Militärgeſtalt, das kann was im Sattel aushalten. Bemerken Sie wohl die gut geformte Taille, die auf⸗ ſchwellende Bruſt und die breiten Schultern?“ Der alte General ſah zufrieden lächelnd auf ſeinen Sohn und ſchien dem Arzte Recht zu geben. „Hier kann man die Schultern zuſammendrücken, wie man will, da zeigt ſich keine Spur von Huſten, und wenn man vornen hinklopft, da iſt es gerade als höre man ein entferntes Glockenge⸗ läute. Und das Untergeſtell,— ſolches Zeug braucht man zum Dienſt, wenn man es zu Etwas bringen will.— Aber gehen Sie mir nur mit Ihrem Herzog!“ ſchloß er achſelzuckend. „Aber, lieber Freund,“ entgegnete ruhig der Kriegsminiſter, „Sie verkennen offenbar den Standpunkt der Sache. Seine Ma⸗ jeſtät der König, vielleicht von Bitten beſtürmt, haben einmal 192 Achtunddreißigſtes Kapitel. nachgegeben, haben erlaubt,— nein, haben hefohlen, daß der Herzog die Univerſität und mithin auch die Civilcarriere verlaſſen ſoll, um in das Gardedragonerregiment einzutreten.“ „In das Gardedragonerregiment!“ rief der Arzt mit einem wahren Aufſchrei, indem er beide Hände auf dem hervortretenden Bäuchlein zuſammenlegte.„In das Gardedragonerregiment!“ wie⸗ derholte er und blickte kopfſchüttelnd in die Höhe. „So iſt es,“ verſetzte die Excellenz.„Sie wiſſen, wie ſehr ſich Ihre Majeſtät die Königin dafür intereſſirt, den Sohn Ihrer 1 Schweſter—“ „Statt im ſchwarzen Frack in der glänzenden Uniform zu ſehen,“ ſagte der Arzt krampfhaft lachend. „Meinetwegen ſoll es ſo ſein; aber wie bemerkt, Ihre Maje⸗ ſtät baten mich ſogar darum, erſuchten mich auf's Freundlichſte, mich bei dem König für die Sache zu verwenden.“ „Und Seine Majeſtät— ²“ entgegnete der Arzt mit einem pfiffigen Geſichtsausdruck. „Seine Majeſtät verlangt natürlich Ihr Gutachten,“ erwiderte der Kriegsminiſter. „Weil Seine Majeſtät,“ verſetzte der Doktor mit erhobenem und wichtigem Tone der Stimme, indem er zu gleicher Zeit mit der rechten Hand zu jedem Wort den Takt in der Luft ſchlug,„ein Herr von der größten Ueberlegung ſind, ein Herr, der ſelbſt genau weiß, was zum Militär nöthig iſt, wie man zu einem Gardedra⸗ goneroffizier ausſehen muß, ein Herr, der mit einem Worte— ſelbſt ein vollkommener Soldat iſt.“ „Aber, lieber Doktor, ſind Sie nicht kindiſch!“ ſagte faſt bit⸗ tend der alte General.„Mir kann es ja am Ende gleichgiltig ſein, aber ich verſichere Sie, Ihre Majeſtät hat ſich einmal auf dieſes Projekt capricirt; es iſt in der That ein Wunſch von ihr, und es würde ſie ſchmerzen, wenn der Herzog nicht unter das Gardedra⸗ gonerregiment käme,“ 7 Goldene Feſſeln. 193 „So ſoll man ihn nehmen!— nehmen!— nehmen!— aber man ſoll mich nicht fragen. Dann können Sie ihn meinetwegen zum Dragoner, zum Artilleriſten, ja zum Küraſſier machen;— oder,“ ſprach der Arzt plötzlich in einem anderen Tone, während er die Hände auf den Rücken legte,„ſagen doch Euer Excellenz: der Generalſtabsarzt hat diesmal total Unrecht; garantiren Sie für ſeine Geſundheit, Sie— ein langgedienter Kavalleriegeneral, und ich will Ihnen in keinem Titelchen widerſprechen.“ Bei dieſen Worten huſtete der Kammerdiener an der Thüre bedeutungsvoll, öffnete dann die Flügelthüre, und die beiden Her⸗ ren, welche wußten, was es zu bedeuten habe, beeilten ſich, in das Kabinet zu treten. Sie blieben nicht ſehr lange darin, und als ſie wieder heraus traten, ſagte der Kriegsminiſter, indem er den Arzt ſcheinbar ärger⸗ lich am Arme ſchüttelte:„Sie ſind ein alter hartherziger Kerl; nächſtens halte ich eine große Kavallerieparade und laſſe Sie in der Suite mitreiten, bis Sie ſchwarz werden.“ „O Excellenz,“ entgegnete pfiffig lachend der Doktor,„warum desavouirten Sie mich nicht ſoeben? Der Herr ſchien das faſt zu erwarten, aber Sie ſind ein— Ihnen iſt der Herzog auch lieber auf der Univerſität als unter dem Gardedragonerregiment. Spre⸗ chen Sie über mich bei Ihrer Majeſtät was Sie wollen und mö⸗ gen: ich halte ſtill,— denn Recht habe ich.— Sie, Graf Fohrbach,“ wandte er ſich an den Adjutanten,„müſſen mir bei⸗ ſtimmen, Sie kennen den Herzog.— Iſt das ein Kavalleriſt?— Nie! nie! ebenſowenig als ich ſelber, und wenn mir Einer das Gegentheil beweist, ſo will ich alles Practiciren bleiben laſſen und Bärte ſcheeren.“— „Was vielleicht ein großer Vortheil wäre für die leidende Menſchheit,“ ſagte lachend der Kriegsminiſter, während er ſeinem Sohne vertraulich die Hand ſchüttelte und dann mit dem Arzte das Zimmer verließ. Hackländers Werke. XVII. 194 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Damit war der Rapport beendigt, und der geneigte Leſer, den wir nun einmal in die Geheimniſſe eingeführt, kann auch von uns verlangen, daß wir ihm ferner mittheilen, wie der heutige Tag bei Hofe zu Ende ging. Wir thun dies um ſo lieber, als wir ihm dadurch der Tendenz unſerer wahrhaftigen Geſchichten gemäß be⸗ weiſen, daß kein Menſch auf dieſer Welt der Sklaverei entgeht und im Stande iſt, beſtändig ſeinen Willen durchzuſetzen, nicht die Bettler, nicht die Höchſten dieſer Erde. Seine Majeſtät der König ritt nicht ſpazieren wie Sie ge⸗ wünſcht, Dieſelben fuhren auch nicht mit zwei Rappen, wie Sie befohlen, und das aus einem ganz eigenthümlichen Grunde. Der dienſtthuende Stallmeiſter nämlich hatte ſich herausgenommen, die Pferde vor dem kleinen bekannten Wagen zu verſchiedenartigen te⸗ legraphiſchen Depeſchen zu benützen, vermittelſt deren er mit einer Dame zu korreſpondiren pflegte. Fuhr Seine Majeſtät mit Brau⸗ nen, ſo hieß das Ja, hatten dagegen Höchſtdieſelben Rappen vor dem Wagen, ſo bedeutete das Nein. Weil nun aber am heutigen Tage dieſer dienſtthuende Stallmeiſter aus den angegebenen Grün⸗ den für nothwendig hielt, zwei Braunen einſpannen zu laſſen, ſo waren die Rappen noch nicht vollkommen ſicher und vertraut, weß⸗ halb Seine Majeſtät auf den gewiß ſehr billigen Wunſch, mit ihnen zu fahren, verzichten mußte. Ferner war auch das Diner nicht in dem kleinen blauen Saale, ſondern in dem großen rothen; daſſelbe ging auch ziemlich einſylbig und unerfreulich vorüber, denn Ihre Majeſtät die Königin hatte rothgeweinte Augen, und ließ ſich deßhalb entſchuldigen. Sie ſpeiste auf dem Zimmer mit ihrer Schweſter, der Frau Herzogin, das heißt, ſie ſpeisten vielmehr nicht, ſondern ergingen ſich in ver⸗ ſchiedenen Klagen über verfehlte Wünſche im Einzelnen und über den Druck dieſes Lebens im Allgemeinen. Dafür endete aber auch dieſer Tag wie er angefangen, und als Seine Majeſtät in's Theater trat, wurde ihm gemeldet, daß — Goldene Feſſeln. 195 Madame Wieſengrün⸗Spitzkopfin erkrankt ſei und daß dafür Fräu⸗ lein Topf die—— Norma ſingen werde, was an ſich auch eine ſehr ſchöne Gegend iſt. Neununddreißigſtes Kapitel. Unter dem Dache. In dem Hauſe des Buchhändlers Blaffer, Firma Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie, befanden ſich unter dem Dache einige Kammern, von denen ein paar, um den Kunſtausdruck zu gebrauchen, gegipst waren, die Wände anderer dagegen die ganz gewöhnliche Holzvertäfelung zeigten, mit welcher auch das Dach unterhalb beſchlagen war. Eine dieſer gegipsten Kammern war die Wohnung des Herrn Beil, welche durch einige höchſt merkwürdige Lithographien, durch ein paar alte zerriſſene Vorhänge, ſowie durch ein Stück Teppich vor dem Bette, ſo comfortable als möglich gemacht war. Da zu⸗ fälliger Weiſe durch dieſe Kammer das große Kamin des Hauſes lief, ſo befand ſich hier ein kleiner Ofen, was eigentlich polizei⸗ widrig war. Doch wußte Herr Beil die Behörde hinter's Licht zu führen, denn ſo oft eine Bauſchau oder ein Schornſteinfeger in's Haus kam, ſo brach er die Röhre dieſes unbedentenden Ofens ab und ſtellte dieſen ſelbſt in eine Ecke wie ein altes Rumpelwerk. An Möbeln war in dieſem Zimmer nicht viel vorhanden, ein altes Bett, ein paar Stühle, und in einer Ecke eine Kiſte, auf welche der erfinderiſche Eigenthümer einen kleinen Strohſack gelegt, ein Stück carrirten Zeng darüber gebreitet und ſolchergeſtalt zu einem Sopha eingerichtet hatte. 3 1 96 Neununddreißigſtes Kapitel. Auf dieſem Sopha nun ſaßen Herr Beil und Auguſt, der Lehrling, ſtillſchweigend neben einander. Es mochte vielleicht ſieben Uhr Abends ſein; auf einem kleinen wackeligen Tiſche, den wir ſei⸗ ner Unbedeutenheit wegen beinahe anzuführen vergeſſen hätten, ſtand ein ſogenanntes Sparlicht in einem abgenutzten blechernen Leuchter, und die trübe, rothe Flamme deſſelben verbreitete eine zweifelhafte Helle in der Kammer. Hiezu kamen noch verſchiedene Luftſtrömungen, die ſich von mehreren Seiten bemerkbar machten und das Licht hin und her wehten, auch der Beleuchtung noch mehr Eintrag thaten, indem nun lange dunkle Schatten bald hierhin bald dorthin flogen. Herr Beil hatte ſeinen Kopf gegen die Wand gelegt, die Naſe erhoben und ſchaute an das Dach empor, während er die Füße weit von ſich abgeſtreckt hatte, und die gefalteten Hände auf ſeinen Knieen ruhen ließ. Der Lehrling dagegen ſaß vorn über gebeugt, hatte ſeine Ell⸗ bogen auf die Beine aufgeſtützt, betrachtete aufmerkſam den Fuß⸗ voden und ſtieß hie und da einen tiefen Seufzer aus. Herr Beil rauchte eine Papiercigarre, in deren Bereitung er ſehr kunſtfertig war.—„Aecht ſpaniſch,“ pflegte er zu ſagen,„ich glaube wahrhaftig, ich habe etwas von dem Blute irgend eines Don Joſe di Mendoza ben Calatravera Bajazzo in mir.“ Heute Abend aber war er nicht zu Späſſen aufgelegt, denn wenn der Lehrling häufig laut ſeufzte, ſo that der Commis nicht ſelten dergleichen leiſe. In dem Zimmer befand ſich in dem Augenblick noch eine dritte Perſon; das war eine alte Magd, die eben im Begriffe war, die wenigen Reſte eines ſehr ſpärlichen Abendeſſens abzuräumen. Bald war ſie damit fertig, wünſchte gute Nacht und verließ dann die Kammer, worauf es hier ganz ſtill wurde. Man hörte nichts als zuweilen das Picken der ſilbernen Taſchenuhr des Lehrlings die auf dem Tiſche lag, und dann wieder das Sauſen eines Wind⸗ 1 Unter dem Dache. 197 ſtoßes, der gegen die Dachziegel ſtrich und ihnen durch dieſe un⸗ ſanfte Bewegung einen eigenthümlichen Ton des Mißbehagens entlockte. „So iſt denn Alles aus!“ ergriff nach einer längeren Pauſe der Lehrling das Wort, während er kummervoll ſein Geſicht in die Höhe wandte,„Alles!— Alles!“ „Für Sie nicht, junger Anfänger,“ entgegnete Herr Beil. „Was thut's auch, wenn ich morgen dies Haus verlaſſe; Sie wer⸗ den ſchon einen anderen Commis an die Seite bekommen, der Sie ſogar wahrſcheinlich viel weniger ſchuhriegeln wird als ich, der viel behaglicher und freundlicher iſt.⸗ „Möglich, möglich.“ „Sehen Sie, undankbares Krokodill, Sie finden das ſelbſt ſchon möglich. O, ich werde bald gänzlich vergeſſen ſein.“ Dieſe letzten Worte ſprach Herr Beil mit ſolch ſchneidendem Tone des tiefſten Weh's, daß der junge Menſch an ſeiner Seite ſanft die Haud auf ſeinen Arm legte und haſtig entgegnete: „Ich habe geſagt, es ſei möglich, daß nach Ihnen Jemand zu uns käme, der weniger— wie ſoll ich ſagen?— ja, der zuweilen vielleicht weniger rauh mit mir wäre, der mich aber gewiß nicht ſo lieb hat wie Sie.“ „Hm! dieſe Möglichkeit will ich zugeben; aber ſprechen wir nicht weiter davon. Wenn ich am heutigen Tage ein Wort von Liebe höre, ſo möchte ich vor Vergnügen aus der Haut fahren.“ „Was haben Sie denn eigentlich mit dem Herrn Blaffer ge⸗ habt?“ fragte Auguſt nach einer Pauſe. „Das kann ich Ihnen ſo genau nicht ſagen,“ entgegnete der Commis, wobei er dichte Rauchwolken aus ſeiner Cigarre blies. —„uUnd doch ſollte ich es Ihnen eigentlich ſagen; ich will ſehen, ob ich eine Handhabe finde, mit der ich die Sache ergreifen kann. — Aber iſt es hier nicht unerträglich heiß?“ ſagte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen, während er ſeinen Rock auffnöpfte; 198 Neununddreißigſtes Kapitel. „man merkt wahrhaftig, daß der Winter in den letzten Tagen keine rechte Kraft hatte, ſo ein Bischen elendes Holz erwärmt das kleine Zimmer übermäßig.“ „Ja, ich finde es angenehm warm hier; doch wenn es Ihnen zu heiß iſt, können wir die Thüre öffnen.“ „Gut, öffnen Sie die Thüre,“ erwiderte der Commis,„oder noch beſſer, verlaſſen wir einen Augenblick dieſe Kammer und gehen wir in die andere da gegenüber. Es iſt das eine gute Abkühlung für mich.“ „In die meinige?“ fragte der Lehrling. „Nein, in die andere da neben an.“ „Alſo in die, wo Marie gewohnt hat?“ „In dieſelbe, theuerſter Bruder,“ ſagte Herr Beil. Worauf er ſich langſam von ſeinem Sitze erhob und an den Tiſch trat, um den langen Docht des Lichtes mit einer alten Scheere zu putzen. Nachdem er dies gethan und die Flamme wieder heller brannte und ſein Geſicht, das über dieſelbe hingebeugt war, vollkommen be⸗ leuchtete, konnte man deutlich ſehen, wie blaß er war, wie abge⸗ ſpannt ſeine Züge erſchienen. Sein Haar, ſonſt gut gepflegt und geordnet, hing wild und wüſt an ſeinem Kopfe herunter; nur ſeine Augen glänzten, doch war der Glanz mehr ein unheimliches, fieber⸗ haftes Brennen. „Gehen wir alſo,“ ſagte er. Und damit verließen die Beiden die Kammer, um in eine gegenüber liegende einzutreten. Dieſe hatte ebenfalls weiße Wände, war aber noch unbehag⸗ licher als die andere, indem das ganze Ameublement hier aus einer alten Bettſtelle beſtand, in welcher ein Strohſack lag, der in der Mitte aus einander klaffte und ſeine Eingeweide ſehen ließ. Ferner war hier eine große Bücherkiſte, die zu Häupten des Bettes ſtand und auf welche ſich Her Beil niederließ. Unter dem Dache. 199 Der Lehrling trat an das Fußende und blickte betrübt zu ſei⸗ uem Freunde hinüber. „Da iſt ein gewiſſer Göthe,“ ſagte der Commis nach einem längeren Stillſchweigen,„der läßt einen ſicheren Fauſt bei einer ähnlichen Veranlaſſung ſehr ſchöne Worte ſagen; ungefähr ſo: Mich faßt ein wahrer Wonnegraus; Hier möcht' ich volle Stunden träumen. Und ich möchte gerade ſo ſprechen, nur daß mich ſtatt der Wonne ein tiefer, tiefer Schmerz ergreift, ein Schmerz, den zu ertragen ich nicht im Stande bin, der mein Herz brechen wird.— O Gott! wie kann ein vernünftiger Menſch ein ſolches Vieh ſein! So ſein Alles, ſein ganzes Denken und Fühlen, ſein Leben und ſeine Zukunft an ein Mädchen zu hängen!— Es iſt wahr, aber unbegreiflich.“ „O nein,“ entgegnete Auguſt ſchüchtern,„ich begreife es.“ „Was begreifen Sie, junger angehender Weltbürger, was begreifen Sie von allem dem, was im Stande iſt, mich raſend zu machen?“ „Ich begreife, daß Sie meine Schweſter Marie lieben,“ er⸗ widerte der junge Menſch. „Das wäre an ſich gerade kein Unglück,“ ſagte der Andere, indem er ſeinen Kopf auf das hölzerne Geſtell ſtützte und in das leere Bett ſchaute.—„Lieben iſt eine ſchöne Sache, aber hoffnungs⸗ los lieben iſt die Hölle.— Hoffnungslos, weil ich ein armer Teu⸗ fel bin, weil es dem reichen Manne gefällt, die ſchöne Frucht zu pfluͤcken, da er gerade Appetit darnach verſpürt.— Es iſt das wie⸗ der eine ſchöne Sklavengeſchichte: der Herr befiehlt, dieſes ſchöne und reizende Mädchen ſolle ihre Mitſklaven verlaſſen und aus der elenden Dachkammer hinab ſteigen in die ſchönſten Gemächer des Hauſes, damit ſie— glücklich werde. Ein anderer Mit⸗ ſklave, dem das harte Leben, das er Jahre lang geführt, und da⸗ durch erträglich wurde, daß ſie hie und da über ſeinen Weg ſchritt, 200 Neununddreißigſtes Kapitel. daß ſie ihn zuweilen freundlich anſah, daß es ihm dann und wann erlaubt war, ihre Hand zu ſtreifen oder mit ſchauerndem Vergnü⸗ gen ihren Arm, ihre Schulter zu berühren, wagt es, darüber Vor⸗ ſtellungen zu machen, und da man ihn nicht durchpeitſchen kann, ſo öffnet man ihm die Thüre und ſtößt ihn wie einen Hund hin⸗ aus.— Mich— mich— mich ſtößt man hinaus in das kalte naſſe Wetter, in den Winter der Jahreszeit und meines freude⸗ loſen Lebens, während er mit ihr im warmen behaglichen Zimmer bleibt, um lächelnd von ihrem Lager hinweg an die dunſtigen Fen⸗ ſterſcheiben zu treten, die er mit einem Tuche abwiſcht, das vielleicht von ihren Thränen feucht iſt, und hinaus ſieht auf die finſtere Straße, wo ein bleiches Geſpenſt vorüber ſchreitet, das im Grabe keine Ruhe finden kann, weil es die Sehnſucht empor zieht und an jenes Haus zwingt. daß es dort hinſtehen muß und hinauf ſchauen an das matt erleuchtete Zimmer. O, ich begreife jetzt, wie ein Menſch nach und nach wahnſinnig werden kann und dabei deutlich fühlt, wie die Narrheit über ihn herfällt.“ Der junge Menſch hatte ſeine Hände gefaltet und ſchaute auf den Anderen mit ängſtlichen Blicken.„Aber lieber Herr Beil,“ ſagte er,„was führen Sie für gräßliche und verworrene Reden?— Reden, die mich auf's Tieſſte ängſtigen, wenn ich ſie auch nicht ganz verſtehe.“ Der Commis ſchien ruhiger geworden zu ſein und hatte ſich wieder auf die Kiſte geſetzt, die er vorhiu verlaſſen.„Ja, ja,“ ſprach er, tief Athem ſchöpfend,„das ſind Narrheiten, aber es iſt doch ein Körnchen Verſtand darin. Und dies Körnchen Verſtand will ich Ihnen zu Ihrem eigenen Nutzen und Frommen mittheilen, ſoweit es Ihnen dienlich iſt und ſoweit Sie es begreifen können. — Hören Sie mich an.“ „Sie kennen ſattſam unſeren großen Sklavenhändler Blaffer; er hatte der Sklaven nicht viele, aber einige; er hat ſie auch nicht gekauft, denn das iſt bei uns unmöglich, aber ſie waren an ihn Unter dem Dache. 201 gekettet durch drückende Verhältniſſe— Verhältniſſe, die ihnen nicht erlaubten zu thun wie unſere glücklichen Brüder in Amerika, näm⸗ lich davon zu laufen. Wiſſen Sie, mein lieber junger Sklave, darin haben wir es nämlich ſehr ſchlimm; wenn die es drüben nicht mehr aushalten können und davon laufen, ſo finden ſie überall Unter⸗ ſtützung und Hülfe und man nimmt ſich ihrer an, man ſorgt für ſie, man hilft ihnen zu ibrem Fortkommen, man unterſtützt ſie mit Rath und That, und verſchafft ihnen, wenn es irgendwie möglich iſt, eine angenehme, ſorgenfreie Exiſtenz. Wir aber, wenn wir einmal nicht mehr im Stande ſind, die ſchlechte Behandlung, die wir erfahren müſſen, die wirklichen und moraliſchen Fußtritte zu ertragen, die uns ein tyranniſcher Dienſtherr verſetzt, wir können nicht davon laufen, denn wir werden nicht weit kommen; wir ſind alsdann faule und nichtsnutzige Diener, widerſpenſtige Buben oder ich ſpreche auch für das andere Geſchlecht— liederliche Mädchen, für die ſich auzunehmen eine Schande wäre, die nirgendwo Hülfe und Unterſtützung finden, und die, wenn ſie eine mitleidige Polizei in’s Loch ſteckt, zurückkommen müſſen und die Ruthe küſſen und ſie bitten, daß man ſie wieder gnädig aufnimmt. „So ſtehen unter Anderem die Sklaven des Herrn Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie, namentlich ſeine beiden Leib⸗ ſklaven, das ſind Sie und Ihre Schweſter Marie.— Neulich kam ich zufälliger Weiſe dazu, wie Sie, junger Menſch, in einer der vielen Nachahmungen von Onkel Tom's Hütte laſen, und ich er⸗ wiſchte Sie gerade an einer pikanten Stelle, ſo daß ich mich nicht enthalten konnte, Ihnen einen kleinen Katzenkopf zu appliciren. Ich bin feſt überzeugt, daß Sie, ſobald ich Ihnen den Rücken ge⸗ kehrt hatte, jene Stelle mehrmals laſen und ſie Ihrem ſonſt ſehr ſchlechten Gedächtniſſe vollkommen einprägten.— Iſt es wahr oder iſt es nicht wahr? Seien Sie ehrlich.“ „Ich weiß nicht, welche Stelle Sie meinen,“ ſtotterte der Lehr⸗ ling; doch merkte man ihm deutlich an, daß er eine Lüge ſprach. 202 Neununddreißigſtes Kapitel. „Denken Sie an den Katzenkopf,“ ſagte ernſt Herr Beil,„und erinnern Sie ſich jener Stelle, es war, wo der Pflanzer das Mäd⸗ chen nöthigen wollte, ſein— Zimmer zu theilen, wo er ſie mit Hunger und Schlägen traktirte, um ſie willfährig zu machen.“ „Ach ja, ich erinnere mich!— Und dann entſprang ſie.“ „Richtig, ſie entſprang und kam glücklich zu zwei reichen und vornehmen Damen, die außerordentlich erfreut waren, eine entſprun⸗ gene Sklavin unterſtützen zu dürfen.“ „Sie nahmen ſie mit ſich.“ „Und lobten ſie, daß ſie ſtandhaft Hunger und Schläge aus⸗ gehalten und doch unſchuldig geblieben ſei.“ „Und davon gelaufen, um ihre Ehre zu retten.“ „Sie nahmen ſie dann mit ſich in ihren Wagen, gaben ihr ſchöne Kleider, machten ſie zu einer Art Kammerjungfer, ſie befand ſich darauf froh und munter wie Gott in Frankreich—“ „Ja, es ging ihr ſehr gut.“ „Und wenn ſie nicht geſtorben iſt, ſo lebt ſie noch, wie es in den alten Märchen heißt.“— Damit fuhr ſich Herr Beil durch ſein ſtruppiges Haar, und der Lehrling ſetzte lächelnd hinzu: „Das war eine recht ſchöne und angenehme Geſchichte, und ich habe den gewiſſen Katzenkopf gern dafür in Empfang ge⸗ nommen.“ „Und doch nichts dabei gelernt,“ ſagte faſt wehmüthig Herr Beil.—„Denken Sie einmal ein wenig nach, finden Sie denn zwiſchen jener Sklavengeſchichte und Manchem, was hier im Hauſe geſchehen iſt, nicht eine gewiſſe Aehnlichkeit?“ „Nicht ſogleich,“ entgegnete Auguſt. „Na, beſinnen Sie ſich einmal, iſt Ihnen nie was von Hun⸗ ger und Schlägen paſſirt?“ „O ja doch, deſſen erinnere ich mich wohl.“ „Und Ihre Schweſter?—“ Unter dem Dache. 203 „Auch ſie hat mir manchmal geklagt, er habe ſie geſtoßen und dergleichen.“ „Und dann ſie wieder gehätſchelt und ihr gute Worte ge⸗ geben— 2“ „Ja, und jetzt fällt mir noch eine Aehnlichkeit ein.“ „Nun, Gott ſei Dank! daß Ihnen endlich ein Licht aufgeht.“ „Meine Schweſter iſt auch einmal heimlicher Weiſe fortge⸗ gangen.“ „Sehen Sie wohl,“ ſagte Herr Beil, indem er die Zähne auf einander biß.— Und da fanden ſich auch zwei vornehme und reiche Damen, die ihr halfen?“ „Nein,“ erwiderte traurig der junge Menſch,„ſie ging zu ihrer Pathin, einer wohlhabenden und ſehr frommen Frau. Die hat ſie aber ſchön empfangen. Wie kannſt du dich unterſtehen, ſprach ſie, von einem ſo braven Herrn wegzulaufen, wie der Herr Blaffer iſt! Glaubſt du, ich werde dich in deinem Ungehorſam unterſtützen? Nicht eine Stunde darfſt du hier in meinem Hauſe bleiben, darfſt mich überhaupt nie mehr beſuchen, bis du mir ſchriftlich von dei⸗ nem Herrn bringſt, daß er dir deine Unart verziehen und wieder vollkommen mit dir zufrieden iſt.“ „Das Zeugniß wird er ihr jetzt geben können,“ ſagte düſter und wie zu ſich ſelbſt ſprechend Herr Beil. Dann wandte er ſich wieder an den Lehrling.—„Und Marie hat der Alten nicht ge⸗ ſagt, weßhalb ſie das Haus verlaſſen?“ „O ja, das that ſie; aber da hob die Pathin die Hände zum Himmel auf, verdrehte andächtig ihre Augen und erwiderte: Gott ſei uns Sündern gnädig; der Menſch iſt ſchwach und wenn dein Herr je ſo etwas geſagt hat, ſo haſt du ihn gewiß durch ein leicht⸗ fertiges Betragen hiezu aufgemuntert.“ „Amen!“ ſprach laut lachend der Commis. „Darauf ſchickte die Pathin meine Schweſter aus dem Hauſe, und Marie kam wieder hieher zurück.“ Neununddreißigſtes Kapitel. „O ich weiß, ich weiß das!“ rief gewaltſam ausbrechend der Andere.„Sie blieb einen Tag auf ihrem Zimmer; hier in dieſer Kammer, auf dieſem Bette ſaß ſie, ein Bild des Jammers; und ich ſchlich mich zu ihr herauf, nahm ihre Hand und verſuchte ſie zu tröſten.“ „Ich weiß, ich weiß.“ „Da kam jener ſchreckliche Auftritt: der Sklavenhändler kam hier herauf, und da er mich ſah, übermannte ihn eine eiferſüchtige Wuth und er ſchlug mir mit dem Stocke, den er in der Hand trug, über den Kopf; die Narbe wird nie vergehen. Aber nur Marie iſt Schuld, daß ich ihn damals nicht umgebracht. Ja, ich hätte ihn doch niedergeworfen, obgleich er feſter auf ſeinen Füßen ſteht als ich.— Darauf mußte ſie hinunter ziehen in den erſten Stock, und dort blieb ſie ein paar Tage eingeſchloſſen; wir haben ſie Beide nicht mehr geſehen. Es wurde eine Magd angeſchafft, wir beide ſpeisten Mittags und Abends allein, und ich— bekam meinen Abſchied.— Hurrah! das vergnügte Leben fängt an!“ „Aber nach allem dem, was Sie hier erduldet, muß es Ihnen doch im Ganzen angenehm ſein, wenn Sie dieſes Haus verlaſſen können,“ meinte der Lehrling. „Lieber Freund, Sie ſprechen wie Sie es verſtehen. Glauben Sie denn, daß ich es ohne die gewichtigſten Gründe überhaupt länger als ein paar Tage bei dem Herrn Blaffer ausgehalten hätte? Ach! durch gewiſſe Sachen, deren Mittheilung Ihnen nichts nützen würde, hatte er mich von Anfang an in der Hand; dann erſchien auch Ihre Schweſter, und das war ein ſtarkes Band, welches mich an dieſes Haus kettete; ja, das würde mich an die Hölle feſt⸗ ſchließen, wenn ich am Ende aller Qualen nur den kleinſten Hoff⸗ nungsſtrahl glänzen ſähe.— Aber ſo iſt Alles Nacht,— tiefe, dunkle Nacht,“ „Aber wenn Sie meine Schweſter wirklich ſo gerne haben, wie Sie ſagen, ſo müßte es Sie doch eigentlich freuen, daß ſie nicht Unter dem Dache. 205 mehr die Magd hier im Hauſe zu machen braucht und daß ſie nicht mehr nöthig hat, hier oben in der kalten Kammer zu ſchlafen. Ich verſichere Sie, es geht ihr jetzt recht gut, ſie bewohnt drunten ein angenehmes Zimmer und näht und ſtickt den ganzen Tag.“ Der Commis ſchaute bei dieſen Worten den jungen Menſchen achſelzuckend an, dann murmelte er zwiſchen den Zähnen:„da hel⸗ fen keine Katzenköpfe, um den zur Erkenntniß zu bringen.— Alſo ſie näht und ſtickt?“ fuhr er lauter fortz„und was treibt ſie ne⸗ benbei? lacht ſie oder weint ſie?“ „Singen habe ich ſie freilich lange nicht gehört, auch ſchaut ſie ziemlich betrübt aus; aber Sie wiſſen, daß ſie ſchon ſeit langer Zeit nicht recht heiter war.“ „Ja, ich weiß das,“ entgegnete Herr Beil,„und ich kann mir auch die Urſachen davon erklären. Aber jetzt will ich Ihnen etwas ſagen: gehen Sie in mein Zimmer zurück, ich folge Ihnen ſogleich; Sie können auch das Licht mitnehmen, ich brauche es nicht, denn ich will nur ein wenig da zum Fenſter hinaus ſehen; es iſt hier die Wetterſeite, und ich möchte wiſſen, ob es ſchneien oder frieren wird. Gehen Sie nur, ich komme gleich. Auguſt nahm das dünne Talglicht und verließ das Gemach, worauf er nach der gegenüber liegenden Kammer ging. Vierzigſtes Kapitel. Ein Abſchied. Der Commis ließ ſich auf das Bett nieder, ſtützte Hände und Kopf auf das hölzerne Geſtell und verſank in tiefes, finſteres Hin⸗ brüten. Es waren ſchreckliche, wilde Gedanken, die in ſeinem Kopfe Vierzigſtes Kapitel. erſchienen, und die gleich drohenden Geſpenſtern all' ſein beſſeres Denken und Fühlen faſt erſtickten.— Wie hatte er dieſes Mädchen geliebt, wie hatte er ſich im Dienſte ſeines Herrn geplagt, indem ihm lange die Hoffnung blieb, es würde möglich ſein, daß ihm doch noch einmal das Glück lächle und daß er im Stande ſei, ihren Beſitz zu erringen. Bei ſolchen Gedanken hatte er vor Wonne geſchaudert; wenn er ſich recht heitere Stunden machen wollte, ſo träumte er glänzende Träume, wie er endlich vor ſie hintreten würde und ihr Alles anbieten, was er habe— eine kleine aber ſorgenfreie Exiſtenz. Freilich würde ſie ihm vielleicht ſagen: ſehen Sie, Herr Beil, ich fühle gerade keine übermenſchliche Liebe zu Ihnen, aber das wird ſich vielleicht ſpäter finden; vorderhand achte ich Sie, ſchätze ich Sie hoch und nehme Ihren höchſt achtbaren Antrag an.— Das wäre Alles ganz im Geheimen abgemacht, und der Herr Blaffer damit fürchterlich überraſcht worden,— fürchter⸗ lich, indem man ihm eine ſo ſicher geglaubte Beute entriß.— Aber das hatte das Schickſal nicht gewollt, es ſandte keine Lichtblicke hernieder in ſein Leben, es ſtreute nicht irgend eine kleine Gabe auf ſeinen Pfad, es ſchien nicht zwei Weſen vor dem Verderben retten zu wollen,— es rauſchte finſter, gewaltig und unaufhaltſam über ſie dahin, und ſchmetterte ſie zu Boden, ſie, die vielleicht unter anderen Verhältniſſen ein beſcheidenes, glückliches Loos hät⸗ ten finden können. 3 Er mochte ziemlich kange ſo geſeſſen haben auf dem Rande des Bettes, und allmälig lösten ſich die wilden Schmerzen ſeiner Bruſt in tiefe Wehmuth auf er fühlte erquickende Thränen in ſeinen Au⸗ gen aufſteigen und dann über die Finger, die er davor gepreßt hielt, herabrieſeln. Er dachte eigentlich gar nichts mehr; der ſte⸗ chende, wilde Schmerz ſeiner Seele war verſchwunden, und nur ein allgemeineres, aber ſanfteres Weh erfüllte ihn vollſtändig. Endlich ſtand er auf, doch wie er ſich dabei mit der Hand auf das Lager ſtützte, raſchelte das Stroh unter ſeinen Fingern, — p- Ein Abſchied. 207 worauf er ein paar zerknitterte Halme herauszog, ſie in der Hand zerdrückte und in die Taſche ſchob. Dann kehrte er in ſein Zimmer zurück, wo Auguſt an dem Tiſche ſaß, den Kopf auf die Hände gelegt und finſter in das flackernde Licht ſtarrend. 3„Ich will Ihnen Etwas ſagen,“ ſprach der Commis nach einer Pauſe, während welcher er ein paarmal durch das Zimmer ge⸗ ſchritten war,„ich hatte mir anfänglich vorgenommen, dieſes Haus morgen zu verlaſſen; aber ich kann es unmöglich noch eine Nacht mit ihm und ihr unter demſelben Dache aushalten und bin deßhalb entſchloſſen, noch heute Abend fortzugehen.“ „Aber es iſt ja finſtere Nacht,“ verſetzte erſchrocken der Lehr⸗ ling.„Und wo wollen Sie denn eigentlich hin?“ „O, ich finde wohl noch einen ſtillen Ort, der mich freundlich aufnimmt,“ entgegnete wehmüthig lächelnd der Andere.„Sorgen Sie nicht für mich, machen Sie überhaupt keine ſo trübe Miene; wenn es einmal geſchieden ſein muß,— und dieſer große Moment iſt unwiderruflich da,— ſo wollen wir das in guter Laune und mit beſtem Humor thun.“ „Sie ſehen aber gar nicht aus wie Jemand, der zum Scherzen aufgelegt iſt,“ ſagte Auguſt, indem er bedenklich in das verſtörte Geſicht ſeines Freundes ſah, in deſſen Augen und auf den einge⸗ fallenen Wangen noch die deutlichen Spuren der eben vergoſſenen Thränen zu bemerken waren. „Da irren Sie ſich ſehr,“ erwiderte Herr Beil, der gewaltſam Athem holte;„ich ſehe nur von Außen ein wenig griesgrämig aus, bin aber dafür innerlich um ſo vergnügter; es geht mir in dem Punkte wie den Maikäfern.“ „Wenn es wirklich wahr wäre, ſo ſollte es mich freuen, denn Sie haben mir mit Ihren Worten vorhin und mit Ihren Seufzern förmlich Angſt gemacht.“ „Das iſt möglich; aber in der That, Sie können mir glau⸗ 208 Vierzigſtes Kapitel. ben, die ſchwarze Stunde iſt vorüber; was jetzt noch hinten drein folgt, iſt Alles Kinderſpiel.“ „Und iſt es Ihr feſter Entſchluß, heute Abend noch dies Haus zu verlaſſen?“ „Dazu bin ich entſchloſſen ohne Widerrede; und da ich ziem⸗ lich leicht reiſen möchte, ſo will ich mich auch nicht mit viel Gepäck behängen. Sie ſollen mein Haupterbe ſein, und wenn Sie etwas von meinen Habſeligkeiten benutzen können, ſo thun Sie es ja. Daß mein Inventarium leider nicht groß iſt, dafür hat ſchon der „Herr Blaffer ſeiner Zeit geſorgt; wahrhaftig, das allein könnte mich traurig machen, wenn ich nämlich bedenke, daß die Früchte meiner langjährigen Arbeit in ein paar alten Anzügen und etwas defekter Leibwäſche beſtehen. Nun, es iſt einmal meine Beſtimmung geweſen und ich will mich nicht dagegen auflehnen.— Kürzlich hatte ich auch noch eine Uhr, aber ich verſetzte ſie vor einiger Zeit bei einer gewiſſen Gelegenheit, die ich Ihnen nicht nennen kann, will Ihnen aber den Schein des Leihhauſes da laſſen, und wenn Sie ſie je einlöſen ſollten, ſo zeigen Sie ſolche Ihrer Schweſter Marie,— die Uhr iſt damals ſtehen geblieben,— und ſagen ihr dazu, das ſei die gewiſſe Stunde.— Hier iſt ferner noch ein klei⸗ ner Ring, den bitte ich Marien ſobald als möglich einzuhändigen; bemerken Sie ihr hiebei, es habe unſer Leben viel Unglück betroffen, aber es werde wahrſcheinlich eine Zeit kommen, wo wir Beide in eine gewiſſe Klarheit kämen, und in einen Zuſtand, den man ein ſchöneres Wiederſehen nennt. Wenn das, wie ich nicht anders glaube, körperlich vor ſich geht, ſo werde ich ſogleich nach ihrer Hand ſchielen und nach jenem Ringe, und es ſollte mich innig, innig freuen, wenn ich ihn an einem ihrer Finger bemerken, das heißt, wenn ich ahnen würde, daß ſie ihn mir zum Andenken ſo lange getragen.“ Auguſt ſchüttelte den Kopf und ſah ſeinen Freund verwundert an.—„Sie ſprechen da Worte,“ ſagte er,„die ich nicht völlig b V V b Ein Abſchied. 209 verſtehe, und thun Dinge, die ich nicht begreife.— Warum wollen Sie alle Ihre Sachen hier laſſen, da Sie doch nicht mehr in dies Haus zurückkehren werden, und da Sie keine anderen haben, wie ich wohl weiß?“ „Das Letzte iſt vollkommen richtig,“ entgegnete lächelnd Herr Beil;„aber unter uns geſagt, ich bin eben im Begriff, in eine neue Carriere zu treten, und einen ganz anderen Menſchen anzu⸗ ziehen. Und daran würden mich dieſe Fetzen hindern; ſprechen wir alſo nicht weiter darüber, thun Sie, was ich Ihnen geſagt und laſſen Sie mich ohne Sang und Klang meiner Wege ziehen.“ „O, es kann Ihr Ernſt nicht ſein, heute Nacht dies Haus zu verlaſſen! Es iſt ſchon ſpät, Sie werden kaum noch ſonſt irgendwo eine Thüre offen finden.“ „O ja, ich finde ſchon noch ein Haus offen,“ verſetzte der Andere mit einem leichten Schauder,„und wenn ich da einmal eingetreten bin, ſo wird meine Ankunft einiges Geräuſch verurſa⸗ chen; es werden ſich um mich Leute bemühen, die mich bis jetzt gar nicht gekannt, man wird mich auf's Feinſte bedienen und ich werde mehrere Kammerdiener haben, die für meinen Anzug und meine Friſur ſorgen; darauf wird man ſich auch bemühen, mir ein eigenes Haus zu bauen, und wenn ich dort eingezogen ſein werde, ſo könnte es mir am Ende auch wie einem hohen Herrn ergehen, der von ſeiner Grafſchaft Beſitz nimmt, bei deſſen Ankunſt die Glocken zuſammen läuten und das Volk herbeiſtrömt.“ „Ach! Sie machen wieder Ihre Späſſe,“ entgegnete der Lehr⸗ ling.„Wenn Sie ein ſolches Haus haben könnten, ſo würden Sie ſchon lange dahin gegangen ſein und hätten nicht Jahre lang dieſes Leben geführt.“ „Da haben Sie wieder einmal Recht,“ ſagte tief bewegt Herr Beil, während er ſeine Hand auf die Schulter des jungen Men⸗ ſchen legte.„Kinder und Narren ſprechen die Wahrheit. Ich hätte Hackländers Werke. XVII. 3 14 210 Vierzigſtes Kapitel. allerdings meinem Herzen Manches erſpart, wenn ich früher heim⸗ gegangen wäre, vielleicht ganz früh, als ich noch ein kleines Kind war und nichts von Sklavengeſchichten wußte. Damals hätte es meine Eltern gefreut, wenn ich ihnen gefolgt wäre.“ „Aber Sie werden mir doch Nachrichten von ſich geben,“ meinte Auguſt.„Thun Sie das doch ja, und wenn Sie nicht gar zu weit weg wohnen, ſo werde ich Sie, ſobald ich kann, be⸗ ſuchen.“ „Ihnen Nachrichten zu geben wird etwas ſchwer ſein; von dort „hieher ſind die Poſteinrichtungen noch ziemlich mangelhaft; aber was einen Beſuch betrifft, ſo können Sie darüber ganz ruhig ſein, ich bin überzeugt, daß es über kurz oder lang dazu kommen wird und wir alsdann ein freudiges Wiederſehen feiern.“ Auguſt ſchüttelte den Kopf und meinte nach einer Pauſe: „Sie ſprechen immer in ſo unbeſtimmten Ausdrücken, und ich be⸗ greife nicht, weßhalb Sie vor mir all' die Heimlichkeiten haben, Sie könnten mir wenigſtens eine Adreſſe da laſſen, damit ich im Stande wäre, Ihnen nächſtens einmal Nachrichten von uns zu geben; es wird Sie doch gewiß intereſſiren, zu erfahren, wie es mir und Marie eigentlich geht.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiderte der Commis,„ich werde das ſeiner Zeit gewiß ſchon erfahren.— Viſſen Sie,“ ſetzte er eigenthümlich lächelnd hinzu,„wenn auch das Haus, in das man mich dringend eingeladen hat, ziemlich abgelegen iſt, ſo bin ich doch überzeugt, daß es in mannigfaltigem Rapport mit der äuße⸗ ren Welt ſteht, namentlich Sommers, wo die Nachtigallen ſchlagen, wo die Roſen blühen und verſchiedenartige Blumen ihre kleinen Wurzeln tief, tief hinab in die Erde treiben.—— Es iſt das ein ganz merkwürdiges Haus,“ fuhr er nach einem längeren Stillſchweigen fort,„und es hat Aehnlichkeit mit den Paläſten und hängenden Gärten der Semiramis, denn man wohnt dort parterre Ein Abſchied. 211 und hat über ſich die ſchönſten Terraſſen, bedeckt mit Grün und blühenden Blumen.— Aber jetzt genng der Faſeleien: die Zeit verrinnt; leben Sie wohl, theurer Antonius.“ Der junge Menſch nahm mit ſeinen beiden Händen traurig die dargebotene Rechte und ſagte mit wehmüthiger Stimme:„leider weiß ich wohl, daß, wenn Sie einmal einen Entſchluß gefaßt ha⸗ ben, es ganz unmöglich iſt, Sie davon abzubringen. Aber Sie hätten wohl das Haus morgen Früh verlaſſen können; wer weiß, es hätte ſich doch vielleicht noch Manches beſſer gemacht.“ „Das iſt Alles vorbei, vorbei!“ rief der Andere aus, während er ſeine Rechte an ſich zog und darauf beide Hände auf die Schul⸗ tern des jungen Menſchen legte.„Es iſt vorbei, Auguſt, voll⸗ kommen vorbei; machen Sie mir doch eine Roſe wieder, die der Sturm zerblättert, oder ein Spiegelglas, das zerſchlagen; jene wird Sie nie mehr durch ihren Geruch entzücken, die Stücke des letzteren werden Ihnen nur verzerrte Bilder entgegen werfen.— Ja, es muß geſchieden ſein.“ Darauf hin zog er den Lehrling einen Augenblick an ſich, hob ihm das Geſicht empor, und wie er in die blaſſen und noch ſo ganz kindlichen Züge ſah, füllten ſich ſeine Augen abermals mit Thränen.—„Du ſiehſt ihr doch ſehr ähnlich, Auguſt,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe,„erſchrecklich ähnlich, nur daß ſie dunklere Augen hat und einen kleineren Mund.— O, dieſe Augen und die⸗ ſer Mund! Wenn ich daran denke, ſo ſehe ich auf allen Seiten die wahnſinnigſten Bilder auftauchen.— Bei Gott im Himmel!“ ſprach er mit tiefem, klagendem Tone, während er ſeine Hände ſchlaff herabſinken ließ,„ich kann nicht mehr da bleiben, und wenn du ſelbſt einen Engel herab ſenden würdeſt, um mich zu tröſten. Was wäre mir ein Engel in Reinheit und Tugend gegen ihre Schönheit in Laſter und Sünde!— Fort!— fort!“ Damit riß er nochmals den Knaben an ſich, drückte leiden⸗ 212 Vierzigſtes Kapitel. ſchaftlich einen Kuß auf ſeine Stirne und eilte zu der Kammer hinaus. An der Treppe blieb er tief athmend und lauſchend ſtehen, und ſchlich alsdann Stufe um Stufe hinab. Das Haus lag ruhig und ſtill da; man hörte keinen Laut, als von oben herab das Heulen des Windes und von unten das Picken einer Uhr in der Küche. So kam er langſam in den zweiten Stock, und war ſchon die halbe Treppe zum erſten hinabgeſtiegen, als er auf einmal den „vorgeſtreckten Fuß wieder zurückzog und ſich feſt an die Wand drückte, um nicht geſehen zu werden, denn es öffnete ſich unten in dieſem Augenblick eine Thüre und Jemand kam mit einem Lichte heraus und ſchritt über den Gang daher, um in die Zimmer zu gelangen, welche hinten nach dem Hofe hinaus lagen, wo der Prin⸗ zipal wohnte.— Er war es ſelbſt, er kehrte aus den vorderen Zimmern zurück, und da er die rechte Hand vor das Licht hielt, ſo warf daſſelbe glücklicher Weiſe keinen Schein auf die Treppe zum zweiten Stock, wohl aber beleuchtete es ſeine Züge aufs hellſte und ließ ſie deutlich erkennen. Das Geſicht des Herrn Blaffer war immer das gleiche unan⸗ genehme und hagere; nur hatte er jetzt ſeinen Mund lächelnd ge⸗ öffnet, ſeine Augen ſtrahlten heiter und zufrieden, und in allen ſei⸗ nen Mienen ſprach ſich eine gewiſſe Befriedigung aus. Seine Hal⸗ tung und ſein Gang dagegen war ebenſo ſchlaff wie früher; er hatte die Knie gebogen und ſchlürfte auf ſeinen weiten Pantoffeln über den Gang, beinahe ohne die Füße aufzuheben. Als er an die Thüre ſeines Schlafzimmers kam, nahm er langſam einen Schlüſſel aus der Taſche ſeines langen Rockes, ſchloß auf, trat in das Zimmer und machte die Thüre wieder hinter ſich zu. Der Andere ſtand während dieſer Zeit regungslos auf der Treppe, und wenn er ſich auch im tiefen Schatten befand, ſo war V Ein Abſchied. 213 es doch ein Glück, daß Herr Blaffer nicht zufällig aufblickte, denn er hätte ſonſt das Leuchten der beiden Augen ſehen müſſen, die feſt und mit ſchrecklichem Ausdrucke auf ihn gerichtet waren; es war ein Glück, ſagen wir, denn auf eine ſolche Entdeckung wäre viel⸗ leicht ein gräßlicher Auftritt gefolgt. Noch einige Sekunden verharrte der Commis in ſeiner Stel⸗ lung, dann ſchritt er noch behutſamer als früher die weiteren Trep⸗ pen hinab bis auf den erſten Stock, und dort ſtand er eine Weile unſchlüſſig, tief aufathmend, in eifriger Ueberlegung. Neben ihm war die Treppe, die weiter hinab führte, gerade vor ihm befand ſich eine Thüre, die ihn mächtig anzog. Doch hatte er ſich ſchon der Treppe zugewandt, um aus dem Hauſe zu entfliehen, als er einen kleinen Lichtſchein bemerkte, der nicht breiter als ein Meſſer⸗ rücken von dieſem Zimmer auf den Gang heraus fiel. In dem Gemach auf der andern Seite hörte er jetzt den Prinzipal laut huſten, und bei dieſem Geräuſche machte er einen Schritt gegen die leuchtende Spalte, er that auch noch einen zweiten, dritten und vierten, und endlich ſtand er dicht vor der Thüre, die, wie er ſah, nicht verſchloſſen war. Sie gab dem Drucke ſeiner Hand nach, und er trat in ein kleines Zimmer, welches in ein anderes führte, aus dem auch der Lichtſtrahl kam, den er vorhin auf dem Gange bemerkt. Leiſe näherte er ſich dem letzteren, deſſen Thüre geöffnet war und als er jetzt auf der Schwelle ſtand, ſah er in das Schlafzim⸗ mer des Mädchens und bemerkte ſie ſelbſt, die halb entkleidet auf ihrem Bette ſaß, die Hand auf dem Schooße gefaltet hatte; und obgleich ſie den Kopf tief auf die Bruſt herabgeſenkt, bemerkte er doch, daß ſie weinte, denn dicke Tropfen ſielen, glänzend in dem Strahl des Lichtes, auf ihre Knie herab. Das Geräuſch, das er machte, als er unter die Thüre trat, hörte ſie augenblicklich, denn ſie erhob ihren Kopf, erſchrak auch 214 Vierzigſtes Kapitel. wohl ein wenig, doch faßte ſie ſich gleich wieder, als ſie ſah, daß es Herr Beil war, der nun langſam in ihr Zimmer trat. Wenn auch zwiſchen dieſen beiden Leuten nie ein Verhältniß geherrſcht, das mit gegenſeitiger Liebe etwas zu thun hatte,— obgleich wir wohl wiſſen, wie er das Mädchen anbetete,— ſo be⸗ ſtand doch zwiſchen ihnen jener Grad von Vertraulichkeit, der ihnen erlaubte, ihre Geheimniſſe einander anzuvertrauen und ohne Scheu über die ſeltſamſten Dinge ſprechen zu können. Als der junge Mann nun aber einige Schritte vortrat, erſchrak ſie mehr als bei ſeinem erſten Anblick, denn ſein Ausſehen war fürchterlich, ſeine ſonſt ſo ruhigen Züge entſtellt, ſeine Augen roth unterlaufen, ſeine Blicke glühend. Sie machte eine Bewegung, als wollte ſie aufſpringen und das Zimmer verlaſſen, doch als er ſich hierauf langſam in eine Ecke zurückzog und ihr die Hände wie be⸗ ſchwörend entgegen ſtreckte, auch ſie bittend, ja flehend anſah, da ſank ſie wieder auf das Bett zurück, preßte die Hände vor das Ge⸗ ſicht und weinte laut und bitterlich. „Ja, ja,“ ſagte er nach einer ſchrecklichen Pauſe,„es mußte am Ende ſo kommen.“ „Ja, es mußte ſo kommen,“ erwiderte das Mädchen mit ton⸗ loſer Stimme. „Und es kam ſo.“ „Ja, es kam ſo.“ „Und ſonſt keine Hülfe und Rettung?“ „Keine! keine!“ „Aber ich hätte doch noch ein wenig widerſtrebt,“ ſprach er mit einem ſchrecklichen Lächeln und einem eiſigen Tone.„Man muß nicht ſo gleich nachgeben.“ Statt aller Antwort entblößte das Mädchen ruhig und ſchwei⸗ gend, in dieſem Moment, wie es ſchien, ohne alle Scheu, ihre linke Schulter, nachdem ſie das weiße Nachtkleid vorher auf der Bruſt Ein Abſchied. 215 geöffnet. Und auf dieſer weißen vollen Schulter ſah man ver⸗ dächtige dunkle blaue Flecken.—„Das war die letzte Unterredung,“ ſagte ſie mit einem matten Lächeln. „Sehr triftig und überzeugend,“ erwiderte er;„aber ehe es ſo weit kam, hätte man noch etwas Anderes thun können.“ „Und was denn?“ fragte ſie, wobei ihr Auge aufflammte. „Man hätte zum Beiſpiel ins Waſſer ſpringen können.“ „Ach ja!“ entgegnete ſie mit einem tiefen, ſchneidenden Wehe⸗ laute.—„Ach ja, ich habe das auch gedacht, aber ich hatte nicht den Muth dazu.“ „Das iſt freilich etwas Anderes,“ verſetzte er ſcheinbar ganz ruhig.„Sie hatten Angſt, Marie, weil Sie ſich fürchteten, dieſen unbekannten Weg allein zu machen.— Aber ich wäre mit Ihnen gegangen, o, ſo gerne wäre ich mit Ihnen gegangen.“ „Mit mir in den Tod?“ „Mit Ihnen in den Tod.— Und wenn wir zuſammen in das Waſſer geſprungen wären, ſo hätte ich nur Eine Bitte gehabt; Sie hätten mich dann nur bei der Hand feſthalten müſſen und ſagen: ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mich nicht allein ließen, Sie, mein einziger und treuer Begleiter.— Ein ſo inniger Dank von Ihnen, wenn auch im letzten Augenblick, hätte mich glücklich ge⸗ macht.— Und dann ſchon die Wonne, mit Ihnen ſterben zu dür⸗ fen!— Wiſſen Sie wohl,“ fügte er ſeltſam lächelnd hinzu,„daß ich an einen ſolchen gemeinſchaftlichen Tod die ausſchweifendſten Hoffnungen knüpfte?— Daß ich in meiner jetzigen Geſtalt wohl nicht geliebt werden kann,“ ſprach er, indem er an ſeinem ſeltſam geformten Körper hinab ſah,„weiß ich ſelbſt wohl am Beſten; aber man läßt ja alles das hier zurück, und wenn wir Beide ſo zuſammen hinauf geſchwebt wären, wer weiß, Marie, ob Sie nicht ruhig Ihre Hand in der meinigen gelaſſen hätten und ob Sie nicht vielleicht auf die Frage: willſt du mit dieſer Seele vereint bleiben? 216 Vierzigſtes Kapitel. in lautes und freudiges Ja geantwortet.— Doch genug der Worte; ich komme, um Abſchied zu nehmen.“ „So verlaſſen Sie wirklich dies Haus?“ fragte erſchrocken das Mädchen. „Heute freiwillig,“ entgegnete 15„morgen würde mich der Herr Blaffer vor die Thüre werfen.“ „Und mein Bruder, der ſo ſehr an Ihnen hing— „Hat jetzt den Schutz der Schweſter, die allmächtig im Hauſe iſt,“ entgegnete er mit Bitterkeit.—„Doch will ich an Alles das nicht mehr denken,“ fuhr er gleich darauf fort, indem er ſich mit der Hand über die Augen wiſchte;„ich will Sie nur ſehen, Marie, wie Sie waren, als ich zu Ihnen, einer himmliſchen Erſcheinung, aufgeblickt, will es nicht wiſſen, daß dies herrliche Bild von ſchmutziger Hand zerſtört wurde, will nur einmal und zum erſten Mal vor Sie hinknien, Ihre beiden Hände ergreifen und ſie an meine Lippen drücken.“ Bei dieſen Worten hatte er ſich zu ihren Füßen niedergewor⸗ fen, hatte wirklich ihre beiden Hände ergriffen, und während er ſie in ſeinen ſchwarzen Bart drückte, träufelten ſeine heißen Thränen darauf hin.—„So leben Sie wohl, Marie,“ ſagte er,„möge es Ihnen beſſer gehen als bisher; gedenken Sie meiner zuweilen, und wenn Sie noch von vollem Herzen beten können, ſo nennen Sie auch meinen Namen, wenn Sie ſich nach oben um Erbarmen wenden.“ Damit wollte er ſich erheben, doch faßte das Mädchen mit ihren beiden Händen krampfhaft ſeine Arme und verſuchte es, ihn feſtzuhalten; er dagegen wandte alle Kraft an, ſich los zu machen, und wie ſie ſo mit einander rangen, zog er ſie empor, da er der Stärkere war; doch ließ ſie ihn darum nicht los, ſie ſchlang ihre Arme um ſeine Schultern, indem ſie ausrief:„gehen Sie nicht ſo Ein Abſchied. 217 fort, verlaſſen Sie nicht dieſes Haus, Ihr Blick iſt ſchrecklich, Sie haben Entſetzliches vor!“ „Ganz und gar nicht,“ entgegnete er, nachdem er ſanft ihre Hände los gemacht, ſie aber feſt in den ſeinigen hielt,„ich habe nichts Schlimmes vor.— Aber Sie ſehen ja wohl,“ ſetzte er hinzu, indem er die Zähne zuſammen biß,„daß hier meines Blei⸗ bens nicht iſt, jetzt nicht mehr, und könnte ich damit Millionen verdienen. Sie waren mir eine heilige und reine Blume, deren Anblick, deren ſüßer Duft mich glücklich machte, Sie waren das Ideal, zu dem ich empor blickte; und nun— iſt ja Alles dahin, mein Tempel iſt zertrümmert, meine Altäre ſind umgeſtürzt, ich habe nichts mehr, an das ich glauben kann auf der ganzen weiten Welt.— Darum will ich mir Beſſeres ſuchen und gewiß, ich werde es finden.“—— Er ließ ihre Hände los, ſie ſauk laut weinend auf das Bett zurück; nachdem er ſie noch mit einem ſchmerzlichen Blick betrachtet hatte, eilte er geräuſchlos durch das Vorzimmer auf den Gang hinaus und die Treppen hinab. Vielleicht wäre ſie ihm gefolgt, um noch einen Verſuch zu machen, ihn feſtzuhalten, aber ſie fürchtete, es möchte Jemand im Hauſe erwachen, und weil ſie das fürchtete, ließ ſie ihn ziehen, obgleich ihr wohl ahnete, wohin ihn ſeine Schritte führen würden. Einundvierzigſtes Kapitel. Einundvierzigſtes Kapitel. Am Kanal. Herr Beil eilte durch eine Hinterthüre auf den Hof, und da er hier mit der Oertlichkeit wohl vertraut war, ſo überſtieg er ein paar Zäune und befand ſich in kurzer Zeit auf der offenen Straße. Es mochte nahe an Mitternacht ſein, als er ſo einſam zwi⸗ ſchen den Häuſern langſamen Schrittes dahin ging; er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und war ſo in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken, daß er es nicht einmal bemerkte, wie der ſcharfe Nachtwind, da er ohne Hut war, ſein Haar empor lüpfte und von der Stirne wehte. Auf den Weg, den er machte, achtete er nicht, wenigſtens blickte er nicht in die Höhe und ſchien ſogar nach einiger Zeit verwundert, als er ſich auf einmal durch eine Barridère aufgehalten fühlte, gegen die er hingeſchlendert war, ohne gerade heftig daran zu ſtoßen. Dieſe Barrière befand ſich ziemlich weit außerhalb des Mittel⸗ punkts der Stadt, in einer öden und verlaſſenen Gegend, wo nur noch hie und da einige Häuſer ſtanden; ſie lief am Ufer des Kanals hin und hatte den Zweck, Jemand, der vielleicht ſorglos umher⸗ ſpazierte, vor dem Hineinfallen in das Waſſer zu bewahren, denn der Kanal war ſehr tief, auch ziemlich reißend, da er ein paar hundert Schritte abwärts von dieſer Stelle in deun Fluß mündete, der eine Seite der Stadt in einem weiten Bogen unſchloß. Unſer Nachtwandler lehnte ſich mit beiden Armen auf das Geländer und ſchaute gedankenvoll in das dunkle Waſſer hinab. Man mußte das Auge zuerſt an die Finſterniß da unten gewöh⸗ Am Kanal. 219 nen, ehe man bemerken konnte, wie ſich der Waſſerſtrom zwiſchen den engen Ufern dahin bewegte, oder man mußte abwarten, bis droben am Himmel die fliegenden Wolken zuweilen ein Stück des Mondes oder ein paar Sterne entſchleierten, deren Licht alsdann auf das trübe Waſſer fiel und es auf Augenblicke erhellte. Das Ohr vernahm ſchon deutlicher das feindſelige Element drunten, denn wie dieſes bei den Ufermauern vorbeifloß, ſchliff es in aller⸗ hand Tönen gegen die Steine derſelben, rauſchte in einer unfernen Ecke, und gluckste dort, Wirbel bildend, als lechze es nach irgend einer Beute.. Lange ſchante Herr Beil ſo hinab auf den Kanal, und immer folgten ſeine Blicke dem Laufe des Waſſers. Es war ihm gerade, als winke es ihm zu folgen, und nachdem er ſo eine Zeit lang träumend geſtanden, hatte er alle Schauer vor einem kalten naſſen Tode überwunden und fühlte eine wahre Sehnſucht, den flüſtern⸗ den Waſſern zu folgen. Anfangs rauſchte das eintönig an ſeinem Ohr vorüber; nach und nach aber kam ein gewiſſer Takt und eine Melodie hinein, eine einfache, kindliche Melodie, welche die Flu⸗ then mit leiſem Tone immer und immer fort zu ſingen ſchienen. Er hatte ſie ſchon oft gehört, dieſe Weiſe, und wie er nun die Hand vor die Stirne legte und darüber nachdachte, ſo fiel ihm ein, es ſei ja nichts Anderes, als das Wiegenlied, mit welchem ihn die früh verſtorbeue Mutter ſo oft in den Schlaf geſungen. Richtig! Das war es; es waren dieſelben weichen, ſchläfrigen Töne, und als er wieder eine Zeit lang hinab gelauſcht, da meinte er auch Worte zu vernehmen; nur waren ſie anders als die, welche damals zum Wiegenlied geſungen wurden. Die hier erzähl⸗ ten von einem hellen lichten Tage, dem ſie aus der finſteren Nacht entgegen fließen, und von lachenden Gefilden, mit Blüthen und Früchten bedeckt, fo unendlich verſchieden von dem kalten, ſchmutzi⸗ gen Lande, das jetzt ihre Ufer bildete.— Und Ruhe, Nuhe gibt's 220 Einundvierzigſtes Kapitel. da unten, flüſterten ſie,— angenehme behagliche Ruhe;— komm und folge uns.— Er beugte ſich tief auf das Waſſer hinab und dachte auf ein⸗ mal klar und hell an ſeine Jugendzeit, wo er ſich oftmals im Strome gebadet bei einer Stelle, die beſonders reißend war, wo tückiſche Wirbel Alles in die Tiefe zogen, was er damals als rüſtiger Schwimmer nicht beachtet. Aber eines Tags, als er auch wieder ſo keck hinein ſprang, ſchien ſich der Flußgott über dieſe Verwegenheit zu erzürnen und hielt ihn drunten beim Fuße feſt,— das war in der That ſeine erſte ſchreckliche Idee, als er ſich unten gehalten fühlte: in Wahrheit aber war er mit dem Fuße in eine Faſchine gerathen und konnte nicht wieder los kommen. Die Se⸗ kunden, welche er ſich da unten bemüht hatte, den Fuß loszureißen, ſchienen ihm lange, lange Jahre zu ſein, als er aber fühlte, daß es nicht ging, ergab er ſich ruhig in ſein Schickſal, öffnete weit die Augen und ſah tief unten im grünen Waſſer mit Verwunde⸗ rung, wie ſo ſeltſam das Sonnenlicht auf der Oberfläche ſich ſpiegelte und ſtrahlte, wie der ganze Fluß einem hellgrünen Kryſtallgewölbe glich, auf dem ſich tauſendfache Strahlen brachen,— einem Feenpallaſt mit unſichtbarer, ſeltſam klingender Muſik, denn auch hier ſummten und rauſchten ihm die Waſſer in den Ohren und tönten jenes bekannte Lied; nur ward es ſchwächer und immer ſchwächer, vielmehr wurde die Melodie zerriſſen und unverſtänd⸗ lich, obgleich die unſichtbaren Sänger immer näher zu kommen ſchienen, bis ſie zuletzt dicht ſein Haupt umringten und ihn be⸗ täubten mit wilden Tönen, mit Sauſen, Rauſchen und Klingen; in ganz leiſer Weiſe und doch ſo eindringlich und verſtändlich.— Und darauf war er todt, geſtorben ohne Schmerz und Klage,— ſo glaubte man wenigſtens damals, in Wirklichkeit aber brachte den Ohnmächtigen ein tüchtiger Taucher an die Oberfläche und ſomit in'’s Leben zurück.— Am Kanal. 221 Daran dachte er jetzt, und wie der Waſſertod ſo gar nichts Unbehagliches oder Schreckliches habe. Heute war es freilich dun⸗ kel; kein Sonnenſtrahl erhellte das Waſſer, aber das erſchien ihm um ſo beſſer; er ſah da nichts mehr, was ihn an das freundliche Leben draußen gemahnt hätte, er konnte die Augen getroſt ſchließen, um abzuwarten, bis jener geheimnißvolle Geſang näher und immer näher komme. Schlafen, ſchlafen— Ruhe! flüſterte es drunten; und eine andere Stimme ſagte etwas dazwiſchen, was ihm ſchrecklich war, aber doch wieder Troſt verlieh. Er hatte nämlich den Blick einen Moment gegen den Himmel erhoben und bemerkte da einen klaren, glänzenden Stern, der ſtrahlend im blauen Lichte die Wolkenmaſſe durchbrechen zu wollen ſchien. Dabei hatte er plötzlich an ſie ge⸗ dacht, wie ein Blitz hatte ihr Bild ſeine ganze Seele erfüllt, und darauf grauste es ihm eine Sekunde lang vor dem finſteren Waſ⸗ ſer, um ihn gleich darauf wieder mächtiger hinzutreiben. Der Stern verſchwand, das Licht in ſeinem Herzen erloſch, und es war dort wieder nächtlich finſter. Er beugte ſich abermals über das Waſſer herab und ſogleich begannen die Wellen wieder ihre beruhigende, verſtändliche Melodie; ſchlafen, ſchlafen— Ruhe, ſangen einige, und andere, die vielleicht wußten, daß er ein paar Augenblicke vorher an das Mädchen gedacht, rauſchten dazwiſchen und murmelten: ſie wird dir folgen,— ſie wird dir gewiß nach⸗ folgen,— o, ſie kommt auch noch zu dieſer Stelle, und wenn ſie vor uns zurückſchaudert, ſo ſingen wir ihr alsdann gerade wie dir heute ein beruhigendes Wiegenlied, und wollen ihr getreulich erzählen, daß du voran gegangen und drüben auf ſie warten wer⸗ deſt.— Gewiß, ſie kommt, glaube uns, wir ſind mitleidig und gut, und wir wollen ihre Seele rein waſchen, daß ſie es vermag, in herrlicher Klarheit vor dich hinzutreten.—— Ach! jede Waſſerfläche hat für ein tief betrübtes und zerbro⸗ Einundvierzigſtes Kapitel. chenes Herz etwas ſo unendlich Beruhigendes und zugleich Ver⸗ führeriſches. Es iſt gefährlich, an ſtillen Waſſern vorüber zu gehen, wenn Einem die Seele mit Kummer und Schmerz beladen iſt; anfänglich beugt man ſich ohne Abſicht auf die Fluthen nieder, tiefer und immer tiefer, und kann den Blick nicht mehr wegwenden von der geheimnißvollen Fläche. Iſt doch da unten ein ewiges Vergeſſen zu finden für Alles, was uns hier im Leben geängſtigt und bedrückt.— Er, der einſam hier au der Barridre ſtand, hatte dieſelben Gedanken, und ſein Auge erweiterte ſich, als er nun mit ſich im Reinen war und ſo tief ſinnend auf das dunkle Waſſer ſah. Er vermochte es nicht, den Blick abzuwenden, während er haſtig die letzte Scheidewand überkletterte, die zwiſchen ihm und dem Tode ſtand. Erſt, als er tief athmend ſich jenſeits derſelben befand, brachte er es über ſich, noch einen Blick rückwärts zu werfen auf die Stadt, deren Häuſer ſtill und finſter da lagen.—— — Doch wie er ſo um ſich ſchaute, faßte er unwillkür⸗ lich wieder die Schranke hinter ſich feſter mit den Händen, denn mit einem unerklärlichen Entſetzen bemerkte er, nicht zwei Schritte von ſich, in unbeſtimmten Umriſſen eine Geſtalt, die gerade ſo an der Barrisre lehnte, wie er einen Augenblick vorher. Sie war in einen weiten dunkeln Mantel gewickelt und hatte entweder ein Ende deſſelben um den Kopf geſchlungen oder ihn mit einer Kaputze ver⸗ hüllt, denn man bemerkte weder Schultern noch Hals; das Ganze war nur eine unförmliche ſchwarze Maſſe, die aber ein Geſicht hatte, denn Herr Beil ſah deutlich zwei Augen glänzen, die ihn forſchend zu betrachten ſchienen. Daß ſich ſeine Nerven in dieſem Augenblick in höchſter Auf⸗ regung befanden, wird uns Jeder glauben, und ebenſo, daß er mehr als überraſcht war, hier in der ſtillen Nacht in tiefer Einſamkeit, wo er ſich fern von jedem menſchlichen Weſen glaubte, ſo plötzlich 8 Am Kanal. 223 und unverhofft beobachtet zu werden. Seine Seele war noch we⸗ nige Momente vorher trotz ſeines ſchrecklichen Vorhabens ſo ruhig geweſen, und jetzt fühlte er mit einem Male ſein Herz heftiger ſchla⸗ gen; eine unerklärliche Furcht bemächtigte ſich ſeiner, bannte ihn feſt und zwang ihn ſogar, fortwährend die beiden leuchtenden Augen zu betrachten, die ihn bewegungslos anſtarrten. Wußte die unheimliche Geſtalt, was ihn hieher getrieben, hatte ſie ſein Inneres ergründet,— konnte es wohl ein menſch⸗ liches Weſen ſein, was ſo unbeweglich da lehnte, und, wie es ſchien, auf den Moment begierig war, wo er als Selbſtmörder enden würde? Er wich unwillkürlich einen Schritt auf die Seite, hielt aber das Geländer mit beiden Händen feſt, und er vermochte es nicht, den Blick von dem Weſen neben ihm abzuwenden. Seine uner⸗ klärliche Angſt vor dieſer Geſellſchaft vergrößerte ſich immer mehr, und es iſt unbegreiflich aber wahr: er, der einen Augenblick vorher den Tod geſucht, fürchtete ſich jetzt, dieſem Weſen den Rücken zu kehren, indem er dachte, es könnte vielleicht unvermuthet über ihn herfallen und ihn in den Kanal hinabſtürzen. Aber es blieb ruhig an ſeiner Stelle; nichts regte ſich an ihm; nur blickten die geſpenſtigen Augen immer herüber. Was ſollte er thun? Er hatte ſich mit dem Gedanken an den Tod vertraut gemacht, doch wollte er endigen in ſtiller, verſchwie⸗ gener Nacht, aber nicht indem er einen ſo ſonderbaren Zuſchauer hinter ſeinem Rücken laſſe, der Gott weiß was beginnen möchte, ſobald er in den Kanal geſprungen. Und das konnte ihm am Ende doch gleichgültig ſein!—— Aber es war ihm nicht gleichgültig; er hätte nicht ruhig ſterben können bei dem Gedanken, dieſe ſeltſamen Augen würden jetzt nach ihm ſchauen, während er unterſinke, und das Weſen ſelbſt eine laute Lache aufſchlagen, ſobald ihn die Fluthen verſchlungen. 224 Einundvierzigſtes Kapitel. Es trat eine peinliche Pauſe ein, während welcher die Augen immerfort herüber blickten und Herr Beil abermals einen halben Schritt auf die Seite wich. Endlich machte die Geſtalt eine kleine Bewegung, ſie richtete ſich etwas in die Höhe, man bemerkte, wie ſie mit großer Ruhe unter dem Mantel die Arme über einander ſchlug. Dann ſprach ſie mit einer tiefen klangvollen Stimme ein einziges Wort, aber dies Wort, an ſich unbedeutend, durchzuckte den Körper des Anderen auf eine ſehr unangenehme Art. Die Geſtalt ſagte nämlich wie Jemand, der lange verdeblich gewartet, mit fragendem Tone:„Nun— 2“ „Nun,“ wiederholte Herr Beil, indem er ſcheu auf die Seite blickte.—„Nun?— Was nun?“ „Ich meine, ob es bald vor ſich geht,“ erwiderte das ſeltſame Weſen;„ich habe jetzt ſchon lange genug darauf gewartet.“ „Und was ſoll vor ſich gehen?“ fragte ſchaudernd der An⸗ dere mit kleinlauter Stimme.„Ich glaube nicht, daß ich Jemand hieher gerufen, um zuzuſchauen, was hier vielleicht geſchehen könnte.“ „Gewiß nicht,“ ſagte die Geſtalt,„ich bin nicht mit Worten gerufen worden, aber es zog mich auf eigenthümliche Weiſe daher, und da ich nun einmal da bin, möchte ich nicht lange mehr ver⸗ geblich warten; die Sache könnte wohl vor ſich gehen, das Vorſpiel war lange genug.“ „Und wer biſt du?“ fragte Herr Beil mit geſteigertem Entſetzen, „daß es dir ein teufliſches Vergnügen macht, zuzuſchauen, wie ein unglücklicher Menſch, dem das Daſein zur Laſt wurde, ſeinem trau⸗ rigen Leben ein Ende macht?“ „Wer ich bin, thut nichts zur Sache,“ entgegnete die Geſtalt: „vielleicht bin ich der Schutzengel der Selbſtmörder und habe die Macht, ihnen ein ſanftes Ende zu geben, vielleicht bin ich auch Am Kanal. 225 ſonſt ein Weſen, das beſonderen Geſchmack an den Narrheiten der Menſchen findet.“ „An den Narrheiten der Menſchen!“ wiederholte der Andere; „kann man wohl eine That Narrheit nennen, deren Beweggründe man nicht kennt und begreift?“ „Jeder Selbſtmord iſt Narrheit und Feigheit,“ antwortete das Phantom, indem es ſich abermals behaglich an die Brüſtung lehnte. „Nur ein Narrund ein Feiger verläßt freiwillig dieſe Welt; der Erſtere, weil er ſeine Verhältniſſe Herr über ſich werden ließ, der Andere, weil er nicht den Muth hat, ein vielleicht trauriges Leben bis an ſein natürliches Ende zu tragen.“ „Ah! du fühlſt es nicht, wie ſchwer es iſt, von dem Licht der Sonne, von einem Daſein, ſelbſt dem ärmlichſten, Abſchied zu neh⸗ men, ſonſt würdeſt du eine ſolche That nicht feige nennen.“ „Der Muth, der vor den Augen der gewöhnlichen Welt viel⸗ leicht dazu gehört, eine Piſtole vor ſeiner eigenen Stirne abzubren⸗ nen, oder ins Waſſer zu ſpringen, iſt kein wirklicher Muth; es iſt das mehr ein Ausbruch der Verzweiflung, unterſtützt von Nerven⸗ aufregungen, der ſo mit einem Schlage ein ganzes Leben hinter ſich wirft, weil der Selbſtmörder, wie ſchon geſagt, zu ſchwach war, um eine lange Reihe von traurigen Jahren zu durchleben.“ „Und du glaubſt, es ſei kein Fall denkbar, wo der Selbſtmord zu entſchuldigen ſei?“ meinte Herr Beil mit bitterem Lachen. „Zu entſchuldigen nie,“ entgegnete die Geſtalt,„zu verzeihen unr in einem einzigen.“ „Und dieſer einzige Fall— 2“ „Es iſt nicht der deinige.“ „Aber nenne ihn mir.“ „Du wirſt ihn vielleicht nicht einmal begreifen, ja du kannſt ihn unmöglich verſtehen.“ „Wer weiß! Nach den harten Worten, die du vorhin zu mir Hackländers Werke. XVII. 15 — 226 Einundvierzigſtes Kapitel. geſprochen, möchte ich wohl wiſſen, unter welchen Bedingungen du den Selbſtmord entſchuldigen würdeſt.“ „Nun meinetwegen,“ ſagte die Geſtalt, indem ſie ſich wieder etwas empor richtete;„man ſolle einem Sterbenden keine Bitte abſchlagen, und da du ein ſolcher biſt, ſo will ich dir meine An⸗ ſicht mittheilen.— Das Verbrechen, von dem wir eben ſprachen, könnte ich, wie geſagt, nur in einem einzigen Falle entſchuldigen. Das wäre nämlich, wenn ein Selbſtmörder wieder in's Leben zu⸗ rückgerufen würde und er dann von Neuem Hand an ſich legte, um ſo dem Schlimmſten, was einen Menſchen treffen kann, dem allgemeinen Hohne, der allgemeinen und verdienten Verachtung zu entgehen.“ „Dem Hohne und der Verachtung!“ verſetzte der Andere, und ſeine Zähne klapperten auf einander.—„Aber nein, nein!“ rief er nach einer Pauſe leidenſchaftlich,„ich weiß, wer du biſt, du biſt der Teufel! du willſt mich von meinem Glücke zurückhalten, um die Luſt zu haben, mich noch Jahre lang quälen zu können.“ Nach dieſen Worten lachte das Phantom laut auf, aber es war ein gellendes, unheimliches Gelächter.—„Nein, nein,“ ſagte es,„ich bin nicht der Teufel,— vielleicht mit ihm verwandt; die trüben Leidenſchaften, die ſich deines Gehirns bemeiſtert haben, laſſen dich völlig unklar denken; wenn ich der Teufel nach euren Begriffen wäre, ſo müßte ich an deinem Schritt meine Freude ha⸗ ben, denn deine Seele wäre mir gewiß und ich bekäme ſie bald.— Aber beruhige dich: für euch Selbſtmörder gibt es weder Teufel noch Engel, weder Belohnung noch Strafe, und das iſt gerade eure Strafe; mit dem Sprung in's Waſſer laßt ihr all' eure Hoffnung hinter euch, dieſſeits könnt ihr nicht mehr Buße thun, um ein ewi⸗ ges Leben, an das wir ja Alle glauben wollen, zu erringen. Denn ein ewiges Leben, wenn auch voll Noth und Qual, aber doch mit Am Kanal. 227 einem Schimmer von Hoffnung, iſt nicht für euch: ihr habt das Anrecht daran freiwillig weggeworfen.“ „Ah!“ machte der Andere,„das iſt eine ſeltſame Anſicht. Ich hoffe ſehr auf eine beſſere Zukunft.“ „Aber vergeblich; was du dieſſeits verachtungsvoll wegwirfſt, wird man dir nicht jenſeits entgegen bringen.— Aber nun laß' uns den unnützen Wortſtreit enden. Mache dein Geſchäft ab; ich möchte gern nach Hauſe.“ „So geh' deiner Wege!“ rief Herr Beil mit ſchmerzlichem Tone. „O, wärſt du nie gekommen, um mich zu belauſchen, Alles wäre nun vorüber, während ſo— „Dein Entſchluß wankend geworden iſt?“ fragte die Geſtalt. „Deine Augen, die ſo ſtarr auf mich geheftet ſind, beunruhigen mich. Ich glaube, während ich in's Waſſer ſpränge, würden ſie ſchrecklich, entſetzlich immer näher auf mich eindringen.“ „Da haſt du Recht; das wird auch der Fall ſein, denn ich habe mir einmal feſt vorgenommen, deinem Ende beizuwohnen, ich intereſſire mich dafür und werde nicht von der Stelle weichen.“ „Das will ich erwarten,“ ſprach Herr Beil zähneklappernd, indem er ſich an das Geländer lehnte, und, wie es vorhin die Ge⸗ ſtalt gemacht, ebenfalls ſeine Arme, die aber heftig zitterten, über einander ſchlug. Es entſtand eine längere Pauſe; endlich ſagte der im Mantel mit einem Anflug von Heiterkeit in ſeiner Stimme:„mir ſcheint, wir haben hier Beide vor, eine ſeltſame Soirée zu begehen. Du biſt der Wirth, ich bin zur Komödie eingeladen oder meinetwegen auch unberufen erſchienen. Nehmen wir alſo an, ich ſei der Gaſt, ſo finde ich es doch nicht mehr als billig, daß du für meine Unter⸗ haltung Sorge trägſt. Und dazu will ich dir ein gutes Mittel vorſchlagen: erzähle mir deine Geſchichte ſo kurz oder ſo lang du magſt, erzähle mir vor allen Dingen, was dich hieher getrieben, Einundvierzigſtes Kapitel. und ich will dir nachher meine offenherzige Meinung ſagen, wie groß deine Narrheit eigentlich iſt.“ „Und wenn du meine Narrheit, wie du es nennſt, alsdann nicht übermäßig groß findeſt,“ entgegnete Herr Beil,„willſt du dann ruhig deiner Wege gehen und mich meinem Schickſal über⸗ laſſen?“. „ Das iſt eine Bedingung,“ verſetzte nun wirklich lachend das Geſpenſt,„und wenn ich ſie eingehe, ſo kann ich das nur thun, indem ich dir ebenfalls eine ſtelle.“ „So laß' hören!“ „Wenn ich zugebe, daß deine Narrheit klein iſt, ſo will ich mir alſo das Vergnügen verſagen, dich in den Kanal ſpringen zu ſehen; iſt aber deine Narrheit groß, ſo ſchiebſt du dein Vorhaben auf, bis— wir uns wieder geſehen.“ „Es gilt,“ ſprach Herr Beil nach längerem Ueberlegen. Und darauf wandte er ſich, obwohl zögernd, gegen die ſonderbare Geſtalt, die wieder unbeweglich wie vorher an dem Geländer lehnte, und erzählte mit geflügelten Worten ſeinen traurigen Lebenslauf, wie er ſchon als Kind mit ſeiner ſchwächlichen, halbverwachſenen Geſtalt der Spielball aller Launen ſeiner Kameraden geweſen, wie ſeine Eltern ihn nicht geliebt, ſondern den andern Geſchwiſtern zurückgeſetzt, und wie bei all' den Kränkungen, die er erduldet, das Schlimmſte geweſen ſei, daß er ein weiches, fühlendes Herz erhal⸗ ten, das alle Menſchen mit inniger Liebe umfaßt, und das nun doppelt ſchmerzlich empfunden, wie man ihn überall zurückgeſtoßen. — Seine Leiden vermehrten ſich mit den Jahren, man brachte ihn mit großer Mühe als Lehrling unter, und als er ausgelernt hatte, fand ſich lange keine Stelle für ihn, er mußte Jahre lang in ſei⸗ nem Geſchäfte die niedrigſten Arbeiten verſehen, und als er endlich die Stelle erhielt, in der wir ihn kennen gelernt, mußte er ſich mit einem Gehalt begnügen, der zu wenig zum Leben, zu viel zum Am Kanal. 229 Sterben war; er mußte dabei alle Launen des Prinzipals ertragen und er that das wohlgemuth, bis jene beiden Kinder in das Haus kamen, bis ihm Marie erſchien, bis ſein Herz durch die Liebe zu ihr ſo namenlos unglücklich wurde. Als er in ſeiner Erzählung an dieſe letzte Zeit ſeines Lebens kam, zitterte ſeien Stimme und die Thränen tropften ihm langſam aus den Augen. Er ſchilderte mit glühenden Farben ſeine Liebe zu dem Mädchen und die thörichten Hoffnungen, die er genährt,— Hoffnungen, die er aber gern unterdrückt hätte, wenn ſie glücklich geworden wäre. Nun aber kamen jene Vorfälle, und davon ſprach er dem Phantome gegenüber mit fieberhafter Haſt; es drängte ihn, über dieſe ſchreckliche Stunden hinüber zu kommen: er erzählte von dem vergangenen Abend, von ſeiner Unterredung mit ihr, von ſei⸗ nem feſten Entſchluſſe, das Leben endigen zu wollen, von ſeinem Gange durch die dunkeln Straßen, von ſeiner Ankunft hier am Kanale und ſogar von der Melodie, die ihm das Waſſer vorgeſun⸗ gen, von dem alten Wiegenliede— ſchlafen— ſchlafen— Ruhe.— „Und nun bin ich fertig,“ ſagte er, als er geendet;„aber die Ruhe, mit der ich hieher ging, iſt aus meinem Herzen verſchwun⸗ den. Ich war nicht mehr unglücklich, jetzt bin ich es wieder, o namenlos, namenlos unglücklich!— Und nun ſprecht nach eurer Ue⸗ berzeugung: bin ich thöricht oder bin ich es nicht?“ Bei dieſen letzten Worten ſchlug er die Hände vor's Geſicht und beugte den Kopf tief hinab auf das Geländer. Einige Augenblicke hörte er nichts als das Rauſchen des Waſſers, dann aber vernahm er die Stimme des ſeltſamen Weſens neben ihm; und dieſe Stimme, bis jetzt hart und ſcharf, klang nun weich und milde.„Ich habe deine Geſchichte angehört,“ ſagte es „und muß geſtehen, daß allerdings viel Unglück darin vorkommt, aber nicht genug, daß ich dir, wie wir bedungen, mit einem Worte die Erlaubniß geben dürfte, dein Leben zu endigen. Denk daran, 230 Zweiundvierzigſtes Kapitel. was du mir verſprochen, lebe, bis wir uns wieder ſehen, und glaube mir, wir ſehen uns bald wieder. Sei auch verſichert, daß du meinem Blicke nicht entgehſt, und wenn du je dein gegebenes Wort brechen wollteſt und doch zum Selbſtmörder werden, ſo ſchaue vorher auf die Seite, du wirſt meine Augen auf dich gerich⸗ tet finden, dich warnend und zurückziehend, wie ich es in dieſer Stunde gethan.— Und nun lebe, und lebe ſo gut du kannſt.“— Damit ſchwieg die Stimme, und als ſich der junge Mann ein paar Minuten nachher empor richtete, um einige Worte zu entgeg⸗ enen, bemerkte er zu ſeinem größten Entſetzen, daß die Geſtalt ne⸗ ben ihm verſchwunden und nirgends mehr zu ſehen war. Und doch hatte er weder einen Tritt noch das Rauſchen des Mantels vernommen. Er war wieder ganz allein in der Nacht, Alles um ihn her in tiefe Finſterniß gehüllt, nur der Himmel über ihm ſah etwas lichter aus, und der glänzende Stern mit dem bläulichen Lichte ſtrahlte in heller Pracht auf ihn hernieder. Zu gleicher Zeit ſchlugen die Kirchenglocken klar und deutlich ein Uhr nach Mitternacht. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Spaziergänge des Herrn Sträuber. Noch in der letzten Hälfte der Nacht, von der wir im vorigen Kapitel erzählten, änderte ſich das Wetter; der Wind war nach Oſten herumgeſprungen, hatte die trüben Wolken vor ſich hergejagt — Spaziergänge des Herrn Sträuber. 231 und Alles friſch und blank gefegt für eine blitzende Winterſonne, die, wenn auch in dieſem Monat ſpät, doch klar und freundlich aufging.— Wie ſah in ihrem Lichte Alles ſo ganz anders aus, als geſtern im Schatten der Nacht! Da war der Kanal, da die Barrièren, an welchen Herr Beil jene Geſtalt geſehen, die ihn glück⸗ licher Weiſe von ſeinem traurigen Vorhaben abgebracht; aber heute Morgen hatte das Alles durchaus nichts Unheimliches, und wenn jetzt auch noch ſo viele Weſen in ſchwarzen Mänteln und mit noch blitzenderen Augen dort gelehnt hätten, es würde ſich Niemand weiter um ſie bekümmert haben. Auf dem Waſſer des Kanals lag ein heller, freundlicher Schein; ſeine Ufer hatten ſich mit Reif bedeckt, auf welchem die Sonnen⸗ ſtrahlen zahlloſe Brillanten hervorzauberten. Die kahlen Aeſte der Bäume waren auf einer Seite wie vergoldet, während die andere eine bläulich unbeſtimmte Farbe hatte. Auch die Barrisre war hell angeſtrahlt und warf einen koketten Schatten auf den Weg, der an ihr vorüber führte. Die einzelnen Häuſer, die in der geſtri⸗ gen Nacht ſo ſehr entfernt zu ſtehen ſchienen,— denn man ſah durch Dunkelheit und Nebel kaum ihre Umriſſe,— waren jetzt im hellen Lichte näher gekommen und ſtanden friſch und wohlgemuth da mit ihren glänzenden Fenſterſcheiben, mit den ſpitzen rothen Dächern, die wie eine Morgenmütze ausſahen, und an deren Spitze der hellblaue Rauch empor wirbelte,— eine luſtig aufgeſteckte Feder. Auch an mannigfaltiger Staffage fehlte es nicht: kleine Buben ſprangen ſich ſcheu umſehend und eilfertig dem Waſſer zu, um nachzuſchauen, ob nicht bald für eine ſolide Eisdecke Hoffnung ſei; Hunde aller Racen machten ihren Morgenſpaziergang und trieben ſich namentlich in der Nähe der Barrisre herum, an der ſie jeden Pfuhl beſchnüffelten und hierauf zarte Erinnerungszeichen zurück⸗ ließen; Weiber mit großen Körben voll Wäſche auf dem Kopfe drängten ſich an die Treppen, die zum Kanal hinab führten, und 232 Zweiundvierzigſtes Kapitel. hatten einander, ehe ſie ihre Arbeit begannen, wichtige Begeben⸗ heiten mitzutheilen. Von draußen herein kamen Bäuerinnen und brachten Eier und Butter auf den Markt, ſie hatten meiſtens ſchon einen weiten Weg zurückgelegt, ſahen etwas übernächtig und ver⸗ ſchlafen aus, und wenn ſie zuweilen tief aufathmend einen Augen⸗ blick ſtehen blieben, ſo kam der Hauch aus ihrem Munde wie eine blaue Wolke hervor.— Das ging aber Alles an einander vorüber und Keines bekümmerte ſich viel um die Begegnenden; die Buben liefen in das Haus zurück oder auf ihre Spielplätze, die Hunde ſuchten den warmen Ofen wieder auf und die Wäſcherinnen began⸗ nen, immerfort plaudernd, ihr Geſchäft. So mochte es vielleicht neun Uhr geworden ſein, als von draußen herein gegen die Stadt zwei Leute kamen, die in eifrigem Geſpräch neben einander gingen. Es war ein Mann und eine Frau, Letztere in der Tracht der Bauernweiber, und, daß wir es dem geneigten Leſer nur geſtehen, Beide gehören bereits zu unſerer Bekanntſchaft: ſie war jene Bauersfrau, welche wir bei Madame Becker geſehen, wo ſie der unglücklichen Näherin den Tod ihres Kindes angezeigt; und wenn wir von dem Manne, der neben ihr ging, ſagen, daß er trotz der Kälte des Morgens einen ziemlich dünnen, abgeſchabten ſchwarzen Frack trug, hohe, etwas gelbe Hemdkragen hatte, dazu einen fuchſigen Hut, und daß er mit gro⸗ ßem Anſtande daher ſchritt, ſo wird Niemand mehr im Zweifel ſein, daß es der ſehr ehrenwerthe Herr Sträuber war, den wir in jener Nacht im Fuchsbau kennen zu lernen das Vergnügen hatten. Herr Sträuber trug heute zur Vervollſtändigung ſeiner Toi⸗ lette graue baumwollene Handſchuhe, auch dampfte in ſeinem Munde eine Cigarre. Er ging mit großer Würde neben der Frau her, und wenn er ſo zuweilen im Geſpräche ſteif und wichtig mit dem Kopfe nickte, ſo gab er ſich das Anſehen eines vornehmen Herrn, der zufällig mit einer ganz geringen Perſon ſpazieren geht und 2 Spaziergänge des Herrn Sträuber. 233 ſich vorgenommen hat, dabei ſehr herablaſſend zu thun. Zuweilen blieb er auch ſtehen, ſtemmte beide Arme in die Seite und hob ſeine Naſe gewaltig hoch empor, und dann ſtellte ſich die Frau vor ihn hin, ſprach eifrig mit ihm, und je ärger ſie mit den Händen geſtikulirte, deſto ruhiger und würdevoller ſah er auf ſie herab; dann erfolgte ein abermaliges ernſtes Kopfnicken und ſie zogen weiter. Als ſie ſo an die Barrière kamen, wo geſtern Nacht der Herr Beil geſtanden und wo jetzt die Wäſcherinnen lachten und plätſcher⸗ ten, verſuchte es Herr Sträuber, einen großen Bogen zu machen, um nicht zu nah bei dieſen Damen vorbei zu müſſen. Die Bauers⸗ frau achtete aber nicht darauf, daß ſie in dieſem Augenblicke be⸗ ſonders lebhaft erzählte, ſondern ſie ging ſo hart an der Schranke vorbei, daß ſie im Eifer ihres Vortrags zuweilen ihre Hand auf dieſelbe legte und den darauf gefallenen Reifen herab wiſchte, daß er ſprühend auf die Erde fiel. „Bſt! bſt!“ machte eines der Waſchweiber, als die Beiden näher kamen, mit leiſer Stimme zu den andern,„ſchaut euch den an, der da kommt, das iſt ein Seelenverkäufer, ein Sklaven⸗ händler.“ „Ei der Tauſend!“ meinte eine Andere, die ſehr ſtämmig aus⸗ ſah,„ſollen wir ihn nicht ein wenig unter die ſchmutzige Wäſche tauchen und ſauber waſchen ² „Das wäre vergebliche Mühe,“ entgegnete die Erſte;„wenn man den hundert Jahre in den Kanal verſenkte, ſo käm' er doch wieder ſchwarz wie eine Kohle an Leib und Seele heraus.“ Die Bauersfrau, die dieſe Worte gehört, ging abſichtlich lang⸗ ſam und zuckte verächtlich mit den Achſeln. Ihr Begleiter dagegen machte einige lange Schritte, eilte ihr voraus, und als ſie ihn in kurzer Zeit darauf wieder eingeholt, ſpuckte er ingrimmig aus und ſagte:„dieſe Beſtien!“ 234 Zweiundvierzigſtes Kapitel. „Es weiß aber auch der Teufel,“ meinte die Bauersfrau,„wo⸗ her es kommt, daß Ihr in ein ſo ſchlechtes Renommée gerathen ſeid und daß Euch alle Welt kennt wie einen bunten Hund.“ „Ich weiß es wohl,“ entgegnete er mit zorniger Stimme; „ich kann mich nun einmal mit dem Pack nicht gemein machen; es iſt eine Leidenſchaft von mir, auf mein Aeußeres was zu halten. Ginge ich in einer ſchmierigen Jacke einher wie die Anderen, ſo wäre es freilich beſſer; aber dazu kann ich mich nun eben nicht entſchließen.“ „Ja, ja,“ erwiderte die Bauersfrau, indem ſie ihn lächelnd von der Seite anſah,„Euer Aeußeres iſt ſchon von dem unſrigen verſchieden; aber ich möchte aus Eitelkeit nicht ſo frieren wie Ihr.“ Herr Sträuber zuckte mit den Achſeln, während er entgegnete: „das verſteht Ihr nicht. Leider Gottes! kann ich wohl ſagen, bin ich auf einer anderen Stufe als Ihr geboren, und kann das nun einmal nicht verläugnen. Und dann glaubt mir auch, es iſt für uns Alle beſſer, daß auch Jemand, wie ich bin, da iſt, mit dem honnette Leute ein vertrauliches Wort ſprechen können.“— Bei dieſen Worten ſtrich er ſanft ſeinen Hemdkragen, zupfte darauf an den Handſchuhen und drückte den Hut etwas näher an's rechte Ohr, ehe er fortfuhr:„deßhalb halte ich es auch für Pflicht, etwas auf meine Reputation zu ſehen, und darum wäre beſſer, Frau Bilz, wenn wir uns hier, wo die Straßen anfangen, für kurze Zeit trennten; in einer kleinen halben Stunde komme ich zu Meiſter Schwemmer und da ſehen wir uns wieder.“ „Mir iſt das auch ſchon recht,“ ſprach die Frau lachend; „aber haltet Euch nicht zu lange bei Euren eri hänen Velannt. ſchaften auf und kommt pünktlich.“ Herr Stränuber nickte ſtatt aller Antwort mit dem Kopfe, ſteckte die rechte Hand unter den zugeknöpften Frack und lenkte mit erho⸗ Spaziergänge des Herrn Sträuber. 235 benem Kopfe in eine der breiteren Straßen ein, die hier anfingen; die Frau dagegen verlor ſich in eine Seitengaſſe. Er ſchritt mit ruhiger Behaglichkeit weiter, ſchaute rechts und links an die Häuſer, blieb hier vor einem Laden ſtehen, betrachtete dort einen Augenblick die Leute, welche in's Kaffeehaus gingen oder heraus kamen, und gewann darauf immer wieder die Mitte der Straße, namentlich wo andere Gaſſen ſeinen Weg kreuzten. Da blieb er auch wohl einen Augenblick ſtehen, ſah ſich forſchend nach allen Seiten um und veränderte hierauf nicht ſelten ſeine Richtung. So that er auch jetzt wieder und ſchoß mit großer Geſchwin⸗ digkeit in eine Seitenſtraße, wobei er den Blick nicht von einer Stelle auf dem Pflaſter verwandte. Als er ſie erreicht, ſchaute er um ſich her, bückte ſich und griff etwas vom Boden auf, das er hierauf lächelnd in ſeine Taſche ſteckte. Es war ein kleines Por⸗ temonnai, das Jemand da verloren haben mußte. Und ſo war es auch, denn kaum hatte Herr Sträuber einige Schritte weiter gethan, ſo ſtürzte aus einem Hauſe ein junges Mädchen heraus, die ſich überall auf dem Boden umſah, und dann auch den im ſchwarzen Frack im Vorübergehen fragte, ob er nicht Etwas gefun⸗ den, worauf dieſer begreiflicher Weiſe die Auhſeln zuckte und be⸗ dauernd verneinte. „Das iſt kein ſchlechter Anfang,“ ſprach er zu ſich ſelber, als er wieder in eine belebtere Straße eingebogen war,„und da uns der Zufall ſo günſtig iſt, ſo könnte auch am Ende mit leichter Hand⸗ arbeit Etwas zu verdienen ſein.“ So denkend, ſtellte ſich Herr Sträuber wenige Augenblicke nachher vor einen großen Bilderladen, vor dem ſich ſchon eine Menge Perſonen befanden, und ſchien ſich angelegentlich die Kupfer⸗ ſtiche und Lithographien zu betrachten, in Wahrheit aber erforſchte er genau die Phyſiognomien ſeiner Nachbarſchaft, und mochte end⸗ lich ſeinen Mann gefunden haben, denn er ſchob ſich leiſe hinter 236 Zweiundvierzigſtes Kapitel. einen jungen Herrn, der eine Dame am Arm hatte und eifrig be⸗ müht war, derſelben die Schönheit irgend eines großen Blattes zu erklären. Die Dame trug einen mit Pelz beſetzten Sammet⸗ mantel und einen grauen Muff, aus welchem ein zierlich geſticktes Sacktuch hervor ſah. Herr Sträuber, der voll Enthuſiasmus für eine büßende Mag⸗ dalene zu ſein ſchien, die ſich in Kupferſtich ebenfalls an dem Fen⸗ ſter befand, drängte ſich, dabei ſehr um Entſchuldigung bittend, zwiſchen die junge Dame und einen dicken Herrn, der auf der an⸗ „deren Seite ſtand, worauf denn auch geſchah, was er ſich gedacht: die Dame in ihrer Artigkeit, wahrſcheinlich befürchtend, mit ihrem vorgehaltenen Muff zu viel Platz für ſich wegzunehmen, zog die rechte Hand heraus und nahm ihn leicht in die linke, worauf ſich „Herr Sträuber augenblicklich tief herabbückte, um am Kupferſtich der büßenden Magdalene den Namen des Künſtlers, der das Blatt, geſtochen, leſen zu können, zu gleicher Zeit aber auch, um durch einen unbemerkbaren Ruck das reichgeſtickte Taſchentuch an ſich zu bringen, worauf er nichts Eiligeres zu thun hatte, als, ſich zurück⸗ ziehend, dem Gedränge zu entſchlüpfen und mit möglichſter Schnel⸗ ligkeit in einen benachbarten Laden zu treten, wo er ſich von dem gefundenen Gelde eine neue Cigarre kaufte. Er zündete dieſe mit äußerſter Langſamkeit an, dann fragte er nach dem Preiſe verſchiedener Artikel, ließ ſich auch einige Sorten feinen Taback vorlegen, ſprach über dies und das mit dem einfältig ausſehenden Ladendiener, und als er, faſt eine Viertelſtunde nach⸗ her, den Laden verließ und wieder auf die Straße trat,— er hatte natürlicher Weiſe vorher auf’s Sorgfältigſte nach dem Bil⸗ derladen hinüber geſpäht,— fand er zu ſeinem größten Erſtaunen, daß ſich ein ganzes Paket Cigarren zufällig unter die Schöße ſeines Rocks verirrt hatte und nun freiwillig mitgegangen war. Er hielt Spaziergaͤnge des Herrn Sträuber. 237 aber die Sache für zu geringfügig, um deßhalb nochmals in den Laden zurückzukehren. Hierauf verließ Herr Sträuber die Hauptſtraßen und wandte ſich den ſtilleren und entlegenern Stadtvierteln zu. Er ſchritt ge⸗ dankenvoll durch eine enge Gaſſe, die auf einen freien Platz mün⸗ dete, wo ſich eine Kirche befand. Es war dies ein altes Gebäude mit dicken Strebepfeilern, zwiſchen denen man kleine Kramladen eingebaut hatte. Die Kirche ſtieß mit dem Chor an ein altes Klo⸗ ſter, das den Platz abſperrte, und in welchem ſich nur ein langer und finſterer Thorweg befand, der die einzige Verbindung zwiſchen hier und den hinten liegenden Straßen war. Dieſem Eingange ſchlenderte Herr Sträuber zu, mit außerordentlich langſamen Schritten, und zwar ſo langſam, daß er ein kleines Mädchen von acht bis zehn Jahren, welches mit einem Körbchen in der Hand vor ihm ging, nicht einmal überholte, doch blieb er dicht hinter ihr und betrat faſt zu gleicher Zeit mit der Kleinen das einſame halbdunkle Gewölbe. Dann blickte er ſcharf ausſpähend vorwärts und rückwärts, und als er kein menſchliches Weſen weder auf dem Platze noch in der anderen Straße gewahrte, hatte er mit einem Schritt das Mädchen erreicht, faßte ſie mit raſchem Griff feſt an ihrem Hals und ſagte:„ſobald du ſchreiſt, bring' ich dich um!“ — Das arme Geſchöpf war wie vom Schlage gerührt, und wenn ſich auch ihr Mund krampfhaft öffnete, ſo brachte ſie doch keinen Laut hervor, fing aber an leiſe zu weinen, als er ſie nun bis in die Mitte des Thorwegs ſchleppte, ihr dort mit großer Geſchick⸗ lichkeit die kleinen goldenen Ohrringe entriß, und dann, ihr noch⸗ mals mit der Fauſt drohend, in raſchen Sprüngen entſchwand. Hinter dem Gewölbe bog er rechts in eine kleine Gaſſe, dann links in eine andere, und beeilte ſich ſoviel als möglich, in ein anderes Stadtviertel zu kommen, was ihm auch nach einer kleinen Viertel⸗ ſtunde ungefährdet gelang. 238 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Hier ging er langſamer, zog ruhig ſeinen Frack in die Taille herab, der ihm bei dem raſchen Laufe etwas in die Höhe gerutſcht war, richtete auch ſeine Vatermörder auf und ſchob den Hut wie⸗ der auf die Mitte des Kopfes. Als dies geſchehen, betrachtete er die Straße, wo er ſich befand, und ſchlug dann eine neue Rich⸗ tung ein, die ihn bald in die Nähe des Fuchsbaus brachte. Doch ging er hier vorüber, durchſchritt noch einige kleine Gäßchen und kam ſo in die Nähe der alten Stadtmauer, wo die Hänuſer lichter wurden und hie und da kleine Gärten zwiſchen ihnen zerſtreut lagen. Auf einen der letzteren ſchritt er zu; dieſer war mit einer ziemlich hohen Mauer umgeben und hatte ein kleines Thor, das nur angelehnt war. Er öffnete es, ging zwiſchen den kahlen Gar⸗ tenbeeten einem kleinen und baufällig ausſehenden Hauſe zu, wel⸗ ches eigentlich das Anſehen hatte, als ſei es unbewohnt und werde nur von dem Gartenbeſitzer als Scheune benutzt. Die Fundamente dieſes Hauſes mußten auf einer Seite gewichen ſein, denn es ſtand vollſtändig ſchief und ſah deßwegen ſowie auch, weil ſämmtliche Fenſterladen verſchloſſen waren, recht troſtlos aus. Wenn man es betrachtete, ſo drängte ſich Einem unwillkürlich die Idee auf, es habe ſich dort einmal ein Selbſtmörder aufgeknüpft, und ſei da lange, lange Jahre vergeſſen hängen geblieben. Dies Haus wurde in ſeinen unteren Theilen auch nur zum Aufbewahren von Stroh und alten Geräthſchaften benützt, oben ſchien nur noch ein einziges Zimmer praktikabel zu ſein, und das war die Wohnung unſeres Bekannten, des Theaterſchneider⸗Gehül⸗ fen Schellinger. Von der Treppe exiſtirten nur noch einige halb⸗ morſche Balken und Bretter, die in ihrer traurigen Geſtalt nur ſehr undeutlich anzeigten, wo es für einen Wagehals möglich ſei, hinauf zu ſteigen. Herr Sträuber öffnete dieſes Haus, trat hinein und ſchloß die Thüre wieder ſorgfältig hinter ſich zu, dann ſchritt er durch den — ———= — ———= Hehlerei. 239 öden Gang und zu einer hinteren Thüre wieder hinaus auf einen kleinen Hof, an deſſen Ende ſich ein anderes und beſſer erhaltenes Gebäude befand. Augenſcheinlich bildete das verlaſſene Haus vorn eine Art von Schutz und Schirm für das hintere, denn dieſes, in einem Winkel der Stadtmauer gelegen, und vorne gedeckt, verbarg ſich ſo voll⸗ kommen vor den Blicken aller Unberufenen. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Hehlexrei. Nachdem Herr Sträuber durch den Hof geſchritten war, klopfte er leiſe an die Thüre des anderen Hauſes; dieſe wurde augenblick⸗ lich geöffnet und er trat in einen Gang und von da in ein Zim⸗ mer, in welchem eine ſehr unangenehme warme Atmoſphäre herrſchte. Der Ofen ſchien übermäßig geheizt zu ſein, und es roch hier nach kleinen Kindern, mit deren Reinlichkeit man es nicht gerade ſehr genau zu nehmen pflegt. Frau Bilz ſaß am Fenſter, ſie hatte ihren Kopf in die Hand geſtützt und ſprach mit einem Manne, der neben dem Ofen in einem alten ledernen ſchmutzigen Lehnſeſſel ruhte. Dieſer Mann war nicht über vierzig Jahre, ſah aber aus wie ein kranker Sech⸗ ziger; er war angethan mit einem dunkeln Schlafrock von nicht mehr zu erkennender Farbe, und ſeine Füße, die in dicken Filz⸗ ſchuhen ſtaken, lagen über einander auf einem kleinen Fußſchemel; 240 Dreiundvierzigſtes Kapitel. auf ſeinen Knien hatte er ein rothkarrirtes Schnupftuch ausge⸗ breitet, mit dem er ſich häufig die Naſe putzte und das er oft vor ſeinen Mund hielt, wenn er nämlich anfing zu huſten, was alle Augenblicke geſchah. Es war ein ſchlimmer Huſten, der ihn ſehr zu plagen ſchien; er brachte ihn ganz außer Athem und röthete dann auf Sekunden ſeine tief eingefallenen bleichen Wangen. Auf dieſen Mann ging Herr Sträuber zu, reichte ihm nach⸗ läſſig ſeine Hand und begrüßte ihn, wobei er aber ſeinen Hut auf dem Kopfe behielt. Jener dagegen nickte ihm lächelnd zu und nahm dann eine Schnupftabaksdoſe, die neben ihm auf einem Tiſche ſtand, öffnete ſie und bot dem eben Eingetretenen eine Priſe. Herr Sträuber nahm einige Körner und that nur ſo, als ſchnupfe er, indem er ſeine Finger leicht hinauf an die Naſe warf, in Wahr⸗ heit aber ließ er den Tabak auf den Boden fallen und ſchnüffelte dazu auf eine unangenehme Art. „Aber es iſt hier verdammt heiß,“ ſagte er hierauf, während er ſich auf einen Sitz am Fenſter niederließ, ſeinen Hut abnahm und mit dem bewußten feinen Spitzentuch, das er aus der Bruſt⸗ taſche gezogen, ſeine Stirne abtrocknete. Die Frau neben ihm ſah dieſe Bewegung, und da ſie wohl wiſſen mochte, welcher Art Taſchentücher ſich der Herr Sträuber gewöhnlich zu bedienen pflegte, ſo lächelte ſie verſchmitzt und ſtreckte die Hand nach dem koſtbaren Spitzengewebe aus, indem ſie ſagte:„was ſoll der Lappen koſten?“ „Ich habe Euch den Lappen noch gar nicht angeboten,“ ent⸗ gegnete der Andere, während er Miene machte, das Tuch wieder in eine Bruſttaſche zu ſtecken.„Ihr ſeid ein furchtbar rohes und habgieriges Weib, Frau Bilz; aber ich will Euch verzeihen, da Ihr nicht eine Spur von Bildung genoſſen habt, ſonſt müßte offenbar dies zudringliche Fragen nach Sachen, die Euch durchaus nichts angehen, mit einem ſtolzen Stillſchweigen beantwortet werden.— — Heh lerei. 241 Im Uebrigen koſtet das Tuch zwei Gulden, nicht einen Kreuziger weniger.“ „Zwei Gulden!“ lachte die Frau mit geringſchätzender Miene, erfaßte aber eifrig einen Zipfel des fraglichen Gegenſtandes, um ihn näher zu betrachten. „Halt da!“ ſprach Herr Sträuber mit großer Gelaſſenheit, „zwei Gulden und dann das Tuch.“ „Aber ich darf es doch vorher anſehen?“ „Nicht die Idee einer Tertie vorher; das Tuch hat zehnmal ſo viel wirklichen Werth.— Dann kommt es auch,“ ſetzte er ſeuf⸗ zend hinzu,„von einer ſchönen Herzogin, die—“ Der Mann am Ofen wollte laut hinaus lachen, brachte es aber nur zu einem gräßlichen Huſtenanfall. Worauf ſich der Andere geringſchätzend nach ihm umwandte und verächtlich die Achſeln zuckte. „Nun, ich will Euch was ſagen,“ meinte Frau Bilz,„für das Tuch gebe ich Euch einen Gulden, und lege noch dreißig Kreuzer darauf für das Andenken an die ſchöne Herzogin.— Hier iſt klin⸗ gendes Geld, nehmt es, denn ich weiß, daß Ihr ſehr auf dem Trockenen ſeid.“. „Da irrt Ihr Euch,“ entgegnete gelaſſen Herr Sträuber, und zog das gefundene Portemonnai heraus.„Seht her, wie ich bei Kaſſe bin,— das Honorar eines Clienten, für den ich einen ſchwierigen Prozeß gewonnen; es handelte ſich dabei um nichts Geringeres, als die erſten Advokaten des Gerichtshofs total hinter das Licht zu führen.— Ich that es.“ „O weh! er hat Geld,“ rief die Frau;„da koſtet mich das lumpige Tuch zwei Gulden.“ „Und vierundzwanzig Kreuzer,“ ſagte gravitätiſch Herr Sträu⸗ ber;„ſein Werth ſteigt mit jedem Zaudern.“ „Nun denn, ins Teufels Namen, gebt her!“ verſetzte ärgerlich Hackländers Werke. XVII. 16 242 Dreiundvierzigſtes Kapitel. das Weib, warf einen Fünffrankenthaler auf den Tiſch und zog dann das Tuch haſtig an ſich.—„Das ſind vier Kreuzer weniger, das hält uns an einander.“ Bei dieſen Worten breitete ſie das Tuch gegen das Licht aus, und als ſie ſah, daß es vollkommen unverſehrt war, ſteckte ſie es ſchmunzelnd ein. 4 „Braucht Ihr auch Ohrringe?“ fragte Herr Sträuber nach einer kleinen Pauſe, während welcher er aus ſeiner Cigarre mäch⸗ tige Züge gethan.—„Faſt neue goldene Ohrringe.“ „Auch von einer Herzogin?“ „Nein, Herzoginnen tragen nur Brillanten. Doch wie ſolltet Ihr das wiſſen? Dieſe Ohrringe ließ ich für ein Pathchen von mir machen, ſie waren aber etwas zu groß ausgefallen, und nun will der Spitzbub von Juwelier ſie nur für den Goldwerth zurück⸗ nehmen.— Da ſind ſie.“ „Ei!“ rief der Mann am Ofen,„Goldſachen!— Das iſt mein Geſchäft; laßt die Finger davon, Frau Bilz, und begnügt Euch mit Euren Lumpen.— Gebt mir die Ohrringe einmal her.“ „Hier ſind ſie,“ ſagte die Frau; worauf ſie dem Meiſter Schwemmer die Ringe gab.„Aber Euer Pathchen,“ wandte ſie ſich hierauf an Herrn Sträuber,„muß ein recht ungewaſchenes Ding ſein: von einmaligem Anprobiren ſind die Ohrringe ſchon ganz angelaufen!— Da iſt auch ein Blutflecken.“ „Laßt mich aus mit Euren Dummheiten!“ ſchnautzte ſie Herr Sträuber an.—„Blut, Blut! Mit Eurem miſerablen Gewäſch! Ihr wißt wohl, daß ich das nicht leiden kann.“ „Richtig,“ ſprach der Mann am Ofen,„er kann das nicht leiden, kann's auch weder ſehen noch riechen, das hat er bei vielen Veranlaſſungen bewieſen.— Nun, Ihr braucht Euch nicht zu är⸗ gern, es iſt einmal Eure Art ſo, Ihr habt Sympathien für ſchöne Herzoginnen, aber nicht für das Dreinſchlagen.“ —— —— Hehlerei. 243 Meiſter Schwemmer huſtete hierauf gewaltig, dann erhob er ſeinen Knotenſtock und klopfte damit auf ein Blech hinter dem Ofen, worauf eine Weiberſtimme aus dem Nebenzimmer ſogleich fragte: „was gibt's denn?“ „Bring' mir den Probirſtein und die Goldwage.“ Bei dem Schlag auf das Blech war der Herr Sträuber er⸗ ſchrocken zuſammen gefahren. Wahrſcheinlich hatte das Geſpräch von Blut ſeine Nerven irritirt, denn er warf haſtig ſeinen Kopf herum und murmelte alsdann etwas von rohem Volk, von Mangel an Erziehung und Bildung und vom Unglück eines honetten Men⸗ ſchen, der durch Ungunſt der Verhältniſſe gezwungen ſei, unter ſolcher Canaille zu leben. „Das Gold iſt gut,“ ſagte Meiſter Schwemmer,„ſechszehn⸗ karätig; ich zahle Euch dafür einen Gulden und dreißig Kreuzer; und wahrhaftig nur ſo viel, weil der Blutflecken daran iſt; ſeit ich meinen Bluthuſten habe, macht es mir doppeltes Vergnügen, der⸗ gleichen auch von anderen zu ſehen.— Wollt Ihr einen Gulden und dreißig Kreuzer?“ „Meinetwegen! meinetwegen!“ verſetzte haſtig Herr Sträuber, „obgleich ich den bitterſten Schaden daran habe, denn mich koſten ſie ſechs Gulden.“ Beide Theile ſchienen indeſſen mit dem gemachten Handel wohl zufrieden zu ſein. Herr Sträuber ſtrich ſein Geld ein und Meiſter Schwemmer polirte mit dem rothkarrirten Taſchentuch eifrigſt an den Ohrringen, bis ſie wieder in hellem Glanze ſtrahlten. Es trat hier eine Pauſe ein, nur zuweilen unterbrochen von einem leiſen Huſten des Mannes am Ofen, oder von einem Ge⸗ klapper im Nebenzimmer, wo das Weib, welches vorhin die Gold⸗ wage gebracht, mit allerlei Keſſeln und Eiſenwaaren herumhan⸗ thierte; dazwiſchen hindurch vernahm man zuweilen, aber aus weiterer Entfernung, das halb unterdrückte Geſchrei von kleinen 244 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Kindern, bald ein lautes Aufkreiſchen, bald leiſes Wimmer derſelben. 5 „Ich bin auf neun Uhr herbeſtellt,“ ſagte endlich Herr Sträu⸗ ber;„jetzt iſt es wenigſtens halb Zehn. Was ſoll ich eigentlich und warum muß ich unnütz warten? Ihr wißt, daß meine Zeit koſtbar iſt.“ 3 „Wir wiſſen das,“ entgegnete ruhig Meiſter Schwemmer, „und da Ihr nichts umſonſt thut, ſo braucht Ihr auch nicht auf⸗ zubegehren.“ „Aber was ſoll ich denn?“ „Der Mathias wird gleich herkommen; es iſt wieder ein artiger Transport bei einander, und den ſoll er in den nächſten Tagen fortführen. Ihr wißt, daß wir immer was Schriftliches mit einander machen, und da wir Eure geübte Feder kennen, ſo ſollt Ihr das Nöthige aufſetzen und nebenbei wieder einige Briefe ſchreiben über die Geſundheit und das Wohlergehen der Koſtkinder.“ „Das Erſtere meinetwegen,“ verſetzte finſter Herr Sträuber, „aber die Briefe zu ſchreiben iſt mir unangenehm; ich lüge nicht gern.— Auch muß ich ſagen, daß ich mit jedem Anderen gerner zu thun habe als mit dem Mathias; wir paſſen nicht zu einander.“ „Das iſt wahr,“ lachte Frau Bilz,„Ihr lebt immer wie Hunde und Katzen mit einander.“ „Sagen wir lieber, wie Katze und Maus,“ meinte Meiſter Schwemmer huſtend,„denn wenn Ihr den Mathias erblickt, ſo ſeht Ihr Euch gleich nach einem Schlupfwinkel um.“ Herr Sträuber wollte etwas Heftiges erwidern, doch hielt er ſich im nächſten Augenblick die Ohren zu, zuckte zuſammen und verzog das Geſicht auf eine höchſt unangenehme Art. Seine zarten Nerven waren durch das erneuerte Kindergeſchrei unangenehm be⸗ rührt worden, das ſich jetzt in den verſchiedenſten Tönen und wahr⸗ haft ohrenzerreißend vernehmen ließ. — — Hehlerei. 4 245 Meiſter Schwemmer klopfte wieder auf das Blech und rief hinüber:„was iſt denn das heute Morgen für ein niederträchtiges Geheul? Schaff' doch in's Teufels Namen einmal Ruhe!— Wo iſt denn die Catharine, das ſchlampige Weibsbild?“ „Ich habe ſie ausgeſchickt,“ entgegnete die Stimme im Neben⸗ zimmer.„Kann ich doch den Beſtien da draußen nicht beſtändig eine eigene Magd hinſtellen; ich möchte wiſſen, wo das herein kommen ſollte!“ „Geh' Sie einen Augenblick hinaus, Frau Bilz,“ ſagte Meiſter Schwemmer,„bring' Sie die Rangen zur Ruhe.“ Die Frau am Fenſter erhob ſich und trat in das Nebenzim⸗ mer, wo ſich Madame Schwemmer befand, ein altes, ſchmutzig ausſehendes Weib; ſie hatte einen abgeſchoſſenen Rock an, eine gelb gewordene Schlafjacke, ihre bloßen Füße ſtaken in niederge⸗ tretenen Schuhen, und auf dem Kopfe hatte ſie eine alte Haube, unter der nach allen Richtungen das graue, zerzauste Haar hervor⸗ ſtand. Das Geſicht der Dame paßte vollkommen zur ganzen Er⸗ ſcheinung, das einzige Lebhafte in demſelben waren ihre unheimlich glänzenden Augen, die aber in einigem Rapport zu der ſtark ge⸗ rötheten Naſe zu ſtehen ſchienen,— einer Röthe, die erklärbar war, wenn man die Schnapsflaſche betrachtete, die vor der Frau ſtand, und wenn man die Düfte roch, die ihrem Munde entſtröm⸗ ten, wenn ſie ſprach. Madame Schwemmer ſtand in dieſem Augenblicke vor einer Fallthüre, die ſich im Boden befand und die in irgend einen Keller oder ſonſtiges Gelaß führte, und war beſchäftigt, dort hin⸗ unter allerlei alte Geräthſchaften, namentlich Eiſen⸗ und Kupfer⸗ waaren, zu werfen. „Geh' Sie einen Augenblick in den Stall!“ rief ſie der ein⸗ tretenden Frau Bilz entgegen,„nehm' Sie aber die Peitſche mit, dort hängt ſie am Nagel; hau Sie drunter wie unter altes Eiſen, Dreinndvierzigſtes Kapitel. da verdient Jedes ſeine Schläge;— kann das Volk nicht einmal eine halbe Stunde allein und ruhig ſein!“ „Aber die kleinſten Kinder ſchreien auch,“ entgegnete die Frau, „und da hilft das Prügeln nicht viel.“ „So ſchaut einmal dort auf dem Herde nach, da muß die Catharine ihren Mohnblumenthee ſtehen haben. Gießt ihnen da⸗ von etwas in's Maul, damit ſie wieder einduſeln.“ „Aber wenn ſie heute Morgen ſchon bekommen haben, ſo „könnte es ihnen doch zu viel werden.“ „Ach! denen wird's nicht zu viel,“ entgegnete Madame Schwem⸗ mer;„ich ſage Euch, Frau, je weniger man ſich aus dem Zeug macht, und je ſchlechter man es behandelt, um ſo beſſer gedeiht’s. Nehmt nur die Peitſche und den Thee.“ „Na, was das Gedeihen anbelangt, da wollen wir lieber ſtill ſchweigen.“ 8 „Gedeihen?“ erwiderte Madame Schwemmer verwundert.„Aller⸗ dings gedeiht's, das heißt, wie es für uns gedeihen muß, ſo lang⸗ ſam in den Himmel hinein. Man wird die Geſchöpfe doch nicht aufziehen ſollen bis ſie groß ſind? Da käme man weit mit ſeinem Geſchäft; da muß eins dem andern Platz machen, das gibt neues Eintrittsgeld; und an den Begräbnißkoſten iſt auch was zu ver⸗ dienen.“ 4 Frau Bilz ging achſelzuckend nach der Thüre, drehte ſich aber unter derſelben herum und ſagte:„und das Eine iſt auch drüben? — das, was ich vor acht Tagen hergeliefert?“ „Allerdings,“ verſetzte Madame Schwemmer, indem ſie ihre Schnapsflaſche haſtig verbarg, die ſie an den Mund führen wollte, ſobald ihr Jene den Rücken gewendet.—„Das iſt zäh wie Eiſen, ſieht auch nicht viel ſchlechter aus wie damals, als Ihr es herge⸗ bracht; Ihr hattet es offenbar zu gut gehalten. Ich weiß wohl, —y —,. — Hehlerei. 247 Ihr könnt nicht anders, deßhalb taugt Ihr auch zu dem Geſchäft gar nicht.“ „Ich habe es auch gänzlich aufgegeben,“ ſagte Frau Bilz mit einem ſeltſamen Blick. Und damit ging ſie zur Thüre hinaus, in der einen Hand die Peitſche, in der andern den gewiſſen Thee, der auf arme kleine Kinder betäubend wirkt und mit welchem gewiſſen⸗ loſe Wärterinnen dieſelben in einen unruhigen und nervenzerſtören⸗ den Schlaf verſenken. Die Frau ging durch den halbdunkeln Gang, wobei ſie die Hausthüre in ihrem Rücken ließ und am Ende deſſelben rechts an eine Thüre kam, an der von außen ein großer Riegel vorgeſchoben war. Dies war der Stall, wie ſich Madame Schwemmer ausdrückte. Und gewiß, er verdiente dieſe Benennung. Es war ein viereckiges, ziemlich niederes Gemach mit einſt weiß geweſenen Kalkwänden, die aber nach und nach von all' dem Duft, der hier herrſchte, eine gelblich graue Farbe angenommen hatte. Da nur ein einziges Fenſter in dieſem Zimmer war, deſſen wenige Scheiben noch obendrein trüb angelaufen, hie und da in gelbem und grünem Schimmer ſpielten, ſo war das Gemach ver⸗ hältnißmäßig ziemlich dunkel, aber hell genug, um all' das Elend überſehen zu können, was ſich hier dem Blicke darbot. 1, eeeen ſmfffffffffffffffſſff iſſſſſſff ſſffffffffff Nnfänfffnfſinffſrſfſnſſſſfinſſſſſſünſſſſſſſ 3 14 15 16 17 18