—ä 2 6 3— e. F. W. Hackländer's Werke. ——————õÿõ—— F. W. Hackländer's Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Sechszehnter Band. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1855⁵. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Officin in Stuttgart. Europäiſches Sklavenleben. Erſtes Kapitel. Der Theaterwagen. Es iſt eigenthümlich, theurer und geneigter Leſer, daß man beim Beginn einer Geſchichte ſo gern Betrachtungen über das Wetter anſtellt,— eigenthümlich, aber durchaus nothwendig. Was wollte man zum Beiſpiel von einem Gemälde halten, wo ſich die Figuren— und wären ſie auch noch ſo intereſſant— in einer Staf⸗ fage bewegten, von der man nicht ſagen könnte, von welcher der vier Jahreszeiten ſie gerade beherrſcht werde. Es bringt den Leſer nichts ſo in eine angenehme Stimmung, als wenn er beim Beginn eines Kapitels erfährt, die Sonne habe mit voller Gluth geſchienen, der Wind habe geſaust oder der Regen in ſchweren Tropfen an die Fenſterſcheiben geklatſcht. Bei uns findet er aber von dieſen drei ebengenannten Dingen nichts; unſere einfache und dieſes Mal vorzugsweiſe ſehr wahrhaftige Geſchichte beginnt im Winter,— jener Jahreszeit, wo man die Natur als erſtorben betrachtet, ihr als unſchön ſo gern den Rücken kehrt, um in glänzende, durch⸗ wärmte Säle einzutreten und ſich an künſtlichen Blumen und Freuden zu ergötzen, da man lebendige und natürliche ſo wenige gefunden. Erſtes Kapitel. Aber man thut Unrecht, geneigter Leſer; es gibt Wintertage, deren eigenthümliche Schönheit wir nicht vertauſchen möchten für den blüthenreichſten Frühlingsmorgen, für den glänzendſten Som⸗ merabend. Wir meinen nänlich einen Wintertag, wo die Erde nach einem Thauwetter oder nach einem gelinden Regen mit ſchwe⸗ ren Nebeln bedeckt war, wo alsdann dieſe Nebel durch eine plötz⸗ liche Kälte zu dichtem Reif erſtarrten, wo ſich der Boden mit einem Male weiß bezog, ohne aber verhüllt zu ſein durch eine lang⸗ weilige einförmige Schneedecke, die in ihrem kalten Gleichheitsprinzip Berg und Thal zudeckt und ohne Unterſchied begräbt und verbirgt endloſe Wieſen und Moorgründe, ſtille Thäler, kleine Seen und allerliebſte Gärten.— Gewiß, jener ſo plötzlich angeſetzte Reif iſt wunderbar ſchön; jene Verhüllung, wo doch Alles in ſeiner ur⸗ ſprünglichen Geſtalt erſcheint, nur mit weißem, feinem Pelze bedeckt. Die dunkle Erde ſchimmert leicht durch den Flaum, es iſt kein Thal, keine Schlucht verdeckt: Alles behält die ihm eigene Geſtalt. Dort auf der Wieſe ſcheint weißes Gras zu wachſen; die kleinen Sträucher ſind mit den feinſten Kryſtallen bedeckt; wenn man einen Baum anſieht, ſo möchte man daranf ſchwören, ſeine Zweige ſeien von Zucker und er erwarte nur, wie er da iſt, auf irgend eine Weih⸗ nachtstafel geſetzt zu werden. Dabei iſt die Luft klar und ſcharf, und wenn du einen Berg hinanſteigſt, ſo zieht dein Athem in einer bläulichen Wolke dir vor⸗ aus; während du aber durch den Hohlweg gehſt, um zu dem Pla⸗ teau zu gelangen, wo die alte Straße mit der neuen Chauſſee zu⸗ ſammentrifft, und wo du die weite, große Stadt überſehen kannſt, verſäume es ja nicht, rechts und links zu blicken und dir genan zu betrachten einen Stein, einen Strauch, ja jeden Gegenſtand, den du willſt; denn wenn du am heutigen glückſeligen Tage irgend etwas genau unterſuchſt, ſo entdeckſt du Zaubereien ohne Ende, ganze Eiswelten in jedem Maßſtabe. Hier von der Wand des Hohl⸗ wegs herab hingen geſtern noch die kahlen erſtorbenen Zweige ☛ —yÿ— X Der Theaterwagen. 9 einer Brombeerſtaude, naß, faſt triefend von dem angeſetzten Ne⸗ bel, heute iſt daraus ein Brillantſchmuck geworden, würdig, den Hut einer Fürſtin zu zieren, ein Schmuck von Tauſenden von Diamantblumen in der phantaſtiſchſten Geſtalt, und jetzt, wo ein Strahl der Sonne darüber hingleitet, glänzend wie eine ganze Million von Lichtbergen. Ja, ſo ein Tag verſchönert mehr als Frühlingsluft und Sommerhitze; bemerken wir nicht hier neben uns einen Erdhaufen, geſtern noch kahl, mit einigen mageren Grashal⸗ men und zerſtreutem Stroh, der heute mit einem Mat eine ganze Eisreſidenz geworden! Weiße Steine bilden eine förmliche Stadt, die rings von Zaubergärten eingeſchloſſen iſt; man muß nur genau hinſehen und das Ding nicht oberflächlich betrachten. Es ſind da Straßen und Plätze mit den regelmäßigſten Alleen von weißbereif⸗ ten Grashalmen, auch impoſante Waldungen; nur Alles, was im Sommer grün erſcheint, iſt jetzt weiß und hat eine fabelhafte Form. — Ahl! es iſt Schade, daß unſere Illuſion durch einen Sperling geſtört wird, der jetzt plötzlich in die Stadt hineinfliegt und den größten Platz mit ſeinen beiden Füßen bedeckt. Aber auch er gehört zur Zauberwelt, denn wie er jetzt nach einem Regenwurme pickt, den Kopf in den Reif ſteckt, ihn wieder empor hebt, und ihn dann mit der Beute hin und her ſchlenkert, ſtieben von allen Seiten fun⸗ kelnde Brillanten davon.— Doch gehen wir weiter. Wenn wir uns auch nicht mehr ſo ins Detail einlaſſen wollen, ſo erblicken wir doch Sachen, die nicht minder merkwürdig ſind. Auf der Spitze des Berges ſteht eine kleine Laube, vom Ende eines Gehölzes blickt ſie ins Thal; ihre Mauern haben eine röth⸗ liche Farbe, zwei Fenſter funkeln wie Augen. Ueber das Dach ſchlingen ſich wilde Reben, vielleicht auch Geisblatt, und hängen an den Seiten herab, Alles mit Reif überzogen; ſie verleihen der Front des Häuschens, das in der Entfernung wie ein coloſſales Rieſenhaupt ausſieht, ſchneeweißes Haar und ſilberfarbenen Bart. Es iſt täuſchend, dies Rieſenhaupt, und wenn man es ſo über den 10 Erſtes Kapitel. Berg herüberlugen ſieht, ſo wendet man unwillkürlich ſeinen Blick, um zu ſehen, was es da unten Merkwürdiges gebe. Ahl es iſt die große Stadt, die vor uns weit ausgeſtreckt im Thale liegt; in allen Farben zeigen ſich die Häuſer, ein wahres Chaos von Grau, Grün, Roth, Blau, Schwarz mit ebenſo vielen Schattirungen und unbeſchreiblichen Tönen. Dazwiſchen heben ſich die rieſenhaften Thürme zahlreicher Kirchen hervor, ſind aber trotz ihrer ausgezeichneten Geſtalt nicht deutlich zu erkennen, denn der Nebel von geſtern und vorgeſtern erſcheint plötzlich wieder und zieht graue Schleier über die Stadt; dazu dampfen Tauſende von Schornſteinen und Alles das bildet in weniger als einer halben Stunde eine ziemlich dichte Decke, durch welche man nur noch in einzelnen Umriſſen die Häuſermaſſen ahnet. Doch wird der Nebel nicht oben bleiben: er ſinkt zuſehends tiefer und tiefer und gibt uns jetzt einen neuen unbeſchreiblich ſchönen Anblick. Gänzlich verſchwunden iſt die Stadt und es iſt gerade, als ſtänden wir am Rande eines ungeheuren See's— jenes verzauberten See’s, deſſen wir uns aus unſerer Kindheit erinnern, in welchem die verſunkene Stadt liegt, die wir, wenn wir ſie auch nicht ſehen, doch hören. An unſer Ohr ſchlägt dumpfes Murmeln und Raſſeln, zuweilen rollt es deutlich auf dem Pflaſter, und wenn wir noch nicht über⸗ zeugt waren, ſo ſind wir es im nächſten Augenblicke, denn viele Uhren ſchlagen hell und deutlich die vierte Nachmittagsſtunde. Da nun aber die vierte Nachmittagsſtunde an einem Tage im Monat Dezember nicht weit von der Nacht entfernt iſt, ſo wollen wir unſere Zauberlandſchaft verlaſſen und uns zur Stadt hinab begeben. Fürchte ſich der geneigte Leſer nicht vor dem Nebel: er ſcheint artig gegen uns zu ſein und ſinkt ſchneller hinab als wir gehen. Schon treten die höheren Gebäude wieder aus der ſcheinba⸗ ren Waſſerfluth empor, und jetzt, da wir das Thor erreichen, ſind die grauen Schleier mit Hülfe eines leichten Abendwindes zerriſſen und wehen nur noch in einzelnen Stücken um unſer Geſicht, wäh⸗ F Der Theaterwagen. 11 rend ſie eilig gen Süden fliehen. Auch die Sonne berührt uns mit einem letzten Blick und färbt die Landſchaft roſig und violett. Das Ende einer langen Straße, in der wir wandeln, führt ins Freie und zeigt, wie holdſelig die Sonne der Erde gute Nacht ſagt. In unnennbar ſüße beruhigende Farben hüllt ſich die Land⸗ ſchaft ein, bevor ſie in Schlummer ſinkt, und wie ein liebendes „gute Nacht!“ zittert der letzte Strahl der ſinkenden Sonne über ſie dahin.— Die ſtattlichen Gebäude zu unſerer Rechten empfan⸗ gen dieſen letzten Gruß ſchon kälter und geſetzter; es fallen tiefe ſcharf ausgeprägte Schatten der gegenüberliegenden Häuſer ſchon auf ihre oberen Stockwerke; nur Fries und Dach iſt noch hell be⸗ leuchtet. Dieſe Schatten ſteigen langſam empor, wie eine Schlaf⸗ decke; denn wenn ſie das ganze Haus eingehüllt haben, kommt die Nacht, und es ſchließt ſeine müden Augen.—— Daß die Sonne nun endlich hinter den Bergen niederſinkt, bemerkt man an einer Gaslaterne, die draußen einſam vor dem Thore ſteht, denn auf ihren Scheiben blitzte noch vor wenig Augenblicken ein helles Licht, ein Licht, das darauf tief röthlich niederſtrahlte und plötzlich ganz verſchwand. Um vier Uhr Nachmittags und auch noch etwas ſpäter ſind um dieſe Jahreszeit die Straßen einer großen Stadt ziemlich belebt; man beſorgt noch ſeine Gänge vor der einbrechenden Nacht, man ſchließt viele Gewölbe und Läden, und dann haben auch alle Schu⸗ len ihre Thore geöffnet und ausgeſpieen eine Legion kleiner Vagabun⸗ den, die nun in gewiſſer Beziehung Straßen und Plätze ziemlich unſicher machen. Da werden Trottoirs benützt zu Schleifbahnen, die kleinen Burſche faſſen Poſto hinter einander, ihre Torniſter auf dem Rücken und wer zufällig mitten zwiſchen ſie hinein und auf das glatte Eis geräth, wird ohne alle Barmherzigkeit niedergerannt. Was die Schneeballen anbelangt, ſo hat der Himmel bis jetzt ein Einſehen gehabt und gönnte der Jugend noch nicht dieſes Vergnü⸗ gen zum Schaden ihrer Nebenmenſchen. In der NRähe der Schule, 12 Erſtes Kapitel. wenn auch nicht unmittelbar vor dem Hauſe ſelbſt, iſt der Lärmen nun eine Zeit lang am ſtärkſten. Wenn ſo der ganze Strom aus dem Thore ſtürzt, ſo ſcheint jeden nur die Luſt zu treiben, endlich ins Freie zu kommen; ſind ſie aber draußen, ſo finden ſie ſich gleich wieder in einzelnen Gruppen zuſammen, einer der Schlimmſten gibt den Ton an, und dann ziehen ſie, wie es heißt, nach Hauſe, in Wahrheit aber auf ſo großen Umwegen, daß die Glocken ſchon alle Fünf geſchlagen haben, bis die letzten und wildeſten mit blauen Naſen und krumm gefrorenen Fingern in das warme Zimmer treten wo Mama ihnen den Kaffee aufgehoben hat. Auf den Straßen und Plätzen iſt es nunmehr wieder ruhiger geworden; wer draußen nichts zu thun hat, bleibt im geheizten Zimmer; zum Spazierengehen und Fahren iſt es zu ſpät, und die Zeit, wo man Geſellſchaften beſucht, noch nicht herangerückt. Es dämmert bereits; der Laternenanzünder mit ſeinem langen Stocke, an welchem oben ein kleines Lichtchen ſich befindet, läuft eilig durch die Straßen, und ſelbſt ernſthafte Vorübergehende unterbrechen zuweilen einen Augenblick ihren Gang, um zuzuſehen, wie die Flamme ſo plötzlich emporſtrahlt. Auch die Läden erleuchten ſich nach und nach, und helles Licht zeigt die ausgelegten Stoffe in doppelt ſchönen Farben und verlockt allenfallſige Käufer. Um dieſe Zeit, geneigter Leſer, rollt ein Wagen über die Straßen der Stadt, meiſtens durch jene Viertel, wo ſonſt nicht viele Equipagen zu ſehen ſind. Dieſer Wagen, eine breite Glas⸗ caleſche, kommt aus den königlichen Marſtallsgebäuden und iſt ge⸗ wöhnlich beſpannt mit zwei Rappen; auf dem Bock ſitzt ein alter Kutſcher mit weißen Haaren in einen dicken blauen Mantel gehüllt und mit ziemlich mürriſchem Geſicht. Als dieſer Würdige am heu⸗ tigen Tage die Zügel in die Hand nahm, fragte er einen Bedien⸗ ten im blauen Ueberrock, der im Begriff war, hinten aufzuklettern: „Wird Alles geholt?“ worauf dieſer erwiederte:„Alles.“— So rollt der Wagen dahin, und der Bediente hintenauf hält 8 Der Theaterwagen. 13 ſich bequem an den Riemen deſſelben feſt und ſchlenkert ſanft hin und her; er hat im Gegenſatz zum Kutſcher ein freundliches, ſtets lächelndes Geſicht, und er würde ſeinem Collegen gern ein Wort mittheilen, doch weiß er wohl, daß er von dem da vornen keine Antwort bekommt. In den entlegeneren Straßen, wohin der Wagen fährt, hält er meiſtens vor den kleinſten, unſcheinbarſten Häuſern. Dort ſpringt der Bediente vom Tritt herab, zieht heftig an einer Klingel, die außen am Hauſe angebracht iſt und wartet alsdaun, während der alte Kutſcher ſeine Zügel nachläßt, noch ein paar Zoll mehr zuſam⸗ menſinkt und die Peitſche auf den Schenkel aufſtützt. Nachdem die Klingel ertönt, öffnet ſich irgendwo im Haus ein Fenſter, ein Kopf ſieht heraus und es wird herabgerufen:„Gleich, gleich, Schwindel⸗ mann! Ich will nur meinen Kaffee austrinken;“ oder:„ich packe gerade meinen Korb zuſammen.“ Darauf brummt der Kutſcher etwas in den Bart, Schwindelmann aber pfeift eine Melodie und hüpft von einem Fuß auf den anderen, um ſich warm zu machen. Bald nachher hört man Tritte auf der Treppe des kleinen Hauſes; die Thüre öffnet ſich und ein junges Mädchen erſcheint in derſelben, feſt in ein großes Tuch oder einen Mantel gewickelt, während hin⸗ ter ihr eine Schweſter oder eine Mutter ein großes Paket, einen Korb oder dergleichen im Arme hat, welchen Schwindelmann ſogleich übernimmt und in den Wagen befördert. Dann läßt er den Tritt herunter, und wenn der Wagen dicht am Hauſe vorgefahren oder die Straße gerade trocken iſt, ſo hüpft die junge Dame, die unter der Hausthüre ſteht, gewöhnlich mit einem einzigen Sprung in den Wagen. Iſt es aber ſchmutzig oder die Caleſche hat nicht recht herangekonnt, ſo ſagt das Mädchen auf der Hausſchwelle:„Schwin⸗ delmann, ſei artig,“ und dann lacht Schwindelmann, hebt ſie ſo leicht auf, wie vorhin das Paket und befördert ſie mit einer ſchwin⸗ genden Bewegung in den Wagen, ſchließt den Schlag und läßt ſogleich weiter fahren. 14 Erſtes Kapitel. Das geſchieht ſo an vier bis fünf Häuſern nacheinander, und da hiebei der Wagen durch ebenſoviel junge Damen angefüllt wird, ſo tritt Schwindelmann an den Schlag und fragt:„haben wir noch Platz zu Einer oder Zwei, oder müſſen wir heimfahren?“ Er ſetzt auch wohl hinzu:„es wird kalt heute Abend und der alte Andreas möchte früh nach Haus; ihr könnt wohl ein Bischen zu⸗ ſammenrücken.“ Und dann lachen die drinnen meiſtens laut auf, es kreiſcht auch hie und da Eine, die ein wenig an ihre Füße ge⸗ ſtoßen wurde; da aber die Caleſche breit iſt und die Mädchen den alten Andreas gut leiden können, ſo drücken ſie ſich zuſammen und machen noch Platz für Zwei, Drei, ſo daß der Wagen oft mit Acht dahinrollt, nicht mitgerechnet ein paar kleine Kinder, die un⸗ terwegs ebenfalls noch mitgenommen werden, die ſich aber ſehr dünn machen und rechts und links am Schlage ſtehen bleiben müſſen. Die Pakete und Körbe allein verurſachen dem ehrlichen Schwindel⸗ mann einige Verlegenheiten. Wenn es gutes Wetter iſt, weiß er ſich zu helfen; er bepackt alsdann die ganze Decke der Caleſche, ſchiebt dem brummenden Andreas auch zuweilen eins der Paſſagier⸗ ſtücke auf den Sitz, er ſelbſt nimmt nicht ſelten einen großen Korb auf den Kopf, das heißt, wenn es unterdeſſen dunkel geworden iſt, und ſo rollt der Wagen dahin, die Pferde langſam trabend, An⸗ dreas mürriſch und verdrießlich, und die junge weibliche Welt im Innern meiſtens luſtig und heiter und tauſend gute und ſchlechte Witze machend. 4 Dieſe Equipage aber, geneigter Leſer, die du in der Reſidenz wöchentlich mehrere Male zwiſchen vier und fünf Uhr Nachmittags bei dir vorüberrollen ſiehſt, iſt der Theaterwagen, von Leuten mit wenig Witz und viel Behagen auch der Theſpiskarren genannt, ſei⸗ ner Abſtammung nach eine geborene Hofcaleſche, die ſo lange für die Ehrendamen und Ehrenfräulein benützt wurde, bis dieſe koſt⸗ baren Weſen behaupteten, nicht länger mit Ehren darin fahren zu können. Der Theaterwagen. 15 An dem Nachmittage nun, wo unſere Geſchichte beginnt, fuhr der Theaterwagen abermals und ziemlich früh durch die Straßen. Es wurde an dieſem Abend ein neues Ballet gegeben, und das ganze große tanzende Perſonal mußte zuſammengeholt werden. Der Wagen war ſchon ziemlich beſetzt und Schwindelmann trat an den Schlag, um ſich zu überzeugen, daß noch für Jemand Platz da ſei, oder genugſam guter Wille um zuſammenzurücken. „Wen holen wir noch?“ fragte eine Stimme aus dem Wagen. „Mamſell Clara,“ antwortete der Theaterdiener. „Ahl die Prinzeſſin!“ lachte eine andere Tänzerin aus dem Wagen.„Die vornehmen Plätze ſind beſetzt; ſie wird ſich mit einem Rückſitz bequemen müſſen.“ Und eine Dritte fügte hinzu:„ich fürchte, Mamſell Clara wird es übel nehmen, wenn wir ſie einladen, als Sechste bei uns zu ſitzen.“ Schwindelmann konnte unter Umſtänden grob werden, bevor aber dies geſchah, zupfte er ſich ſelbſt an einem ſeiner Ohren, als wenn er ſagen wollte:„mäßige dich.“ Heute that er auch alſo, mäßigte ſich aber nicht, ſondern entgegnete mit ziemlich lauter Stimme:„ſpart doch euer Geſchwätz; wenn Jede von euch auch nur halb ſo zufrieden wäre wie die Clara, ſo brauchte man in der Garderobe ein paar Ankleiderinnen weniger, und wir würden in der halben Zeit fertig. Pfui Teufel! ſo ein Aufheben zu machen! — Wollt ihr oder wollt ihr nicht?“ „Ich habe im Grunde nichts dagegen,“ ſagte lachend eine Stimme aus dem Wagen. Zwei Andere erwiderten:„ich auch nicht, wenn ſie ſich be⸗ helfen will.“ Und eine Vierte rief:„ich weiß was Neues: die Clara hat ein Verhältniß mit dem Schwindelmann; die wird protegirt,“— ein ſchlechter Witz, über den aber alle Fünf in Ermangelung eines beſſern laut hinaus lachten.. 16 Erſtes Kapitel. Unterdeſſen ſchlug Schwindelmann brummend und murrend den Schlag zu, und der Wagen pollte durch ein paar Straßen, um endlich vor einem alten aber ziemlich großen Hauſe zu halten. Dies Gebäude mit hohem, ſpitzem und ausgezacktem Giebeldach hatte vier Stockwerke, rechnete man aber die Wohnungen in benann⸗ tem hohem Giebel dazu, ſechs Etagen, in welchen jedoch wenigſtens fünfzehn Familien wohnten. Abends, wenn die Fenſter beleuchtet waren, ſah dies Haus aus wie eine Kaſerne oder eine Fabrik, hatte auch ſonſt mit dieſen beiden einige Aehnlichkeit, denn hier hörte man ein ewiges Summen und Rauſchen, und den ganzen Tag lief Groß und Klein geſchäftig die alten, ausgetretenen Trep⸗ pen auf und ab. Schwindelmann ſprang von ſeinem Tritt herab, zog an einer Glocke, die außen angebracht war, und kaum ertönte der Klang, als ſich auch ſchon oben hoch im Giebelfelde ein Fenſter öffnete und eine ſchwache, zitternde Stimme herabrief:„gleich, gleich— ſie kommt ſchon.“ „Sie wird ſich wieder recht abhetzen,“ ſagte nachdenkend Schwin⸗ delmann, worauf die Fünf in dem Wagen ein abermaliges Ge⸗ lächter erhoben, welches ihnen aber von dem Theaterdiener die Bemerkung eintrug, daß ſie ſammt und ſonders keine Schwäne ſeien. 3 Jetzt öffnete ſich die Hausthüre und zwei Geſtalten wurden ſichtbar, eine größere und eine kleinere. Die größere war Clara, die kleinere ihre ſechsjährige Schweſter, die ein Paketchen unter dem Arm hatte, während die Tänzerin ſelbſt ein größeres trug, das auch Schwindelmann ſogleich mit außerordentlicher Sorgfalt abnahm. „Haſt du die Näherei?“ fragte Clara darauf ihre kleine Schwe⸗ ſter.„Gib ſie her, mein Herz, und geh hinauf, es iſt kalt.“ Dar⸗ auf beugte ſie ſich zu dem Kinde nieder, nahm das Paketchen aus * Der Theaterwagen. 17 ihrer kleinen Hand und ſtrich ihr leicht über das Haar, ehe ſie in den Wagen ſtieg. Schwindelmann drückte den Schlag zu und ſagte zu dem Kut⸗ ſcher:„In's Theater!“ worauf der Wagen davonraſſelte. Clara hatte ſich leicht in eine Ecke gedrückt und ſprach mit einer ruhigen und ſanften Stimme:„ich kann in der Dunkelheit nicht ſehen, wer von euch da iſt, ich ſage euch aber insgeſammt guten Abend, und es thut mir wahrhaftig leid, daß ihr meinet⸗ wegen ſo eng zuſammenrücken müßt.“ „O, wir ſind das ſchon gewöhnt,“ entgegnete die Tänzerin ihr gegenüber. Und eine Audere verſetzte:„wenn du nur nicht immer ſo furchtbar viel Gepäck mitbrächteſt. Was thuſt du denn heute wieder mit den zwei Paketen?“ „In dem großen ſind meine Tanzröcke,“ erwiderte ſchüchtern das Mädchen,„und in dem kleinen—— ja, darin habe ich eine Arbeit.“ „Eine Arbeit?“ lachte eine Stimme aus der andern Ecke. „Bei deinem Fleiße mußt du am Ende noch reich werden.“ Clara antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, und da der Wagen, der bis jetzt auf einer chauſſirten Straße gefahren war, das Pflaſter erreichte, ſo wurde die Converſation plötzlich abge⸗ ſchnitten. Wenige Minuten nachher fuhr Andreas bei einem gro⸗ ßen Gebäude vor und hielt dicht an einer erleuchteten Treppe. Das Ausſteigen ging wie das Einſteigen vor ſich, nur in um⸗ gekehrter Ordnung; zuerſt empfing Schwindelmann die Pakete und Körbe, dann half er den Eigenthümerinnen ausſteigen. Clara, die zuletzt kam, wurde auch hier von dem Theaterdiener wieder einiger⸗ maßen begünſtigt.„Da Sie zwei Pakete haben,“ ſprach Schwin⸗ delmann,„ſo will ich Ihnen eins hinauftragen.“ Hierauf ſchloß er den Wagen, ſagte dem Kutſcher, er müſſe um neun Uhr wieder kommen und erſtieg hinter den Tänzerinnen die Treppen. Hackländers Werke. XVI. 2 18 Zweites Kapitel. Zweites Kapitel. Schwarze und rothe Schleifen. Wenige unſerer geneigten Leſerinnen werden ſchon in einer Theatergarderobe geweſen ſein. Von den Leſern gar nicht zu reden; denn für ſie ſind die Ankleidezimmer, namentlich die des Ballets, vor, während und nach einer Vorſtellung vollkommen verſchloſſene und unzugängliche Orte, wir wollen nicht ſagen ein verbotenes Paradies, obgleich ſich auch hier wie dort ein Hüter befindet: vor der Balletgarderobe freilich nicht mit flammendem Schwerte, wohl aber mit großem Stock, angehörend einem alten invaliden Por⸗ tier von ziemlich mürriſchem Gemüthe, und auf die Privilegien der Theaterankleidezimmer eiferſüchtig wachend wie ein alter Türke. An ihm ſcheitert alle Beſtechung, und nur wir vermögen es ver⸗ mittelſt der Macht, die uns verliehen, den geneigten Leſer unſicht⸗ bar einzuſchwärzen. Dieſe Balletgarderobe beſteht aus drei ineinandergehenden großen Zimmern; in jedem befinden ſich mehrere Ankleideſpiegel, rechts und links mit Armleuchtern verſehen, die aus der Wand heraustreten und aus welchen Gasflammen brennen. Dieſe Arm⸗ leuchter ſind zum Drehen eingerichtet, um dem Spiegelglas eine größere oder kleinere Helle zu verleihen; an den Wänden dieſer Zimmer befinden ſich kleine weiß angeſtrichene Käſten, die wie eben⸗ ſoviele Komoden ausſehen, nur daß ſie ſtatt der Schubladen Dop⸗ pelthüren haben. Jedes dieſer Schränkchen iſt mit dem Namen der Tänzerin verſehen, der es angehört, und hier verwahrt ſie die nothwendigen Gegenſtände zum täglichen Gebrauch, die ſie nicht jedesmal mit nach Hauſe nehmen will. Es iſt das wie der feld⸗ Schwarze und rothe Schleifen. 19 kriegsmäßig verpackte Torniſter eines guten Soldaten, und enthält alle Mittel für unvorhergeſehene Fälle. Da befinden ſich neuere und ältere, engere und weitere Tanzſchuhe, ſowie Vorrathsbänder zu denſelben, ein paar Tricots zum Auswechſeln, falls irgend ein Unglück geſchähe, kleine Lappen und Flecken von verſchiedenen Sorten, Nadeln und Faden von allen möglichen Größen und Far⸗ ben. Auch die Theatertoilettegegenſtände ſind hier verwahrt: rothe und weiße Schminke, Pomade, Kämme, Haarnadeln, eine Schachtel voll Magneſia zum Pudern und die nothwendige Pfote eines ver⸗ ſtorbenen Haſen, um die weiße Schminke auf dem Geſicht gleich⸗ mäßig zu vertheilen. Es mag ungefähr fünf Uhr ſein, und der letzte Wagen, den wir begleitet, hat mit ſeinem Inhalte das weibliche Balletperſonal vollſtändig zuſammengebracht. In den drei Zimmern befinden ſich vielleicht vierundzwanzig junge Mädchen, die lachend und plaudernd durcheinander rennen, ſich ihrer Mäntel und Halstücher entledigen, ihre verſchiedenen Anzüge ordnen und nun mit Hülfe der Anklei⸗ derinnen daran gehen, ſich von unten herauf anzuziehen. Son⸗ derbar iſt es, daß die Geſpräche, namentlich aber Scherzen und Lachen, ſo lange nicht zum rechten Durchbruch kommen wollen, bis die Kleider und Unteröcke den Tricots und enganliegenden Leibchen nicht Platz gemacht haben. Iſt aber erſt die ganze leichtfüßige Schaar unten vollſtändig gerüſtet und bis zur Taille mit den eng⸗ anliegenden Tricots verſehen, ſo ſcheint ein anderer Geiſt in ſie ge⸗ fahren zu ſein, und Späſſe, eigenthümliche Attitüden und unaus⸗ ſprechliche Pas wechſeln ſo drollig ab und werden mit ſo ſchallen⸗ dem Gelächter begleitet, daß ſich oftmals die Oberanzieherin ver⸗ anlaßt ſieht, die Hauptſchuldigen durch ihre Brille feſt anzuſehen und ernſtlich um Aufhören des Spektakels zu erſuchen. Hierauf wird aber das leiſe Gekicher und die anſcheinend harmloſen Späſſe doppelt eifrig fortgeſetzt. Ein lauter Schrei erhebt ſich dazwiſchen, denn es wurde heftig an eine der Thüren geklopft; es iſt Mon⸗ 20 Zweites Kapitel. ſieur Fritz, der Theaterfriſeur, der ſich von außen erkundigt, ob er eintreten dürfe. Alsbald ſetzen ſich die Damen des erſten Zimmers durch umgeworfene Mantillen oder Tücher, ſowie durch Tanzröcke, die proviſoriſchüber den Schooß gelegt werden, in gehörige Verfaſſung, um deu eintretenden jungen unglücklichen Mann gehörig empfangen zu können; was übrigens nicht ohne einiges Gekreiſch abgeht. Wir ſagen: unglücklichen jungen Mann, und zwar aus doppelten Gründen, denn einmal iſt es keine Kleinigkeit, vierundzwanzig junge Mädchen zur Zufriedenheit zu friſiren, und anderentheils hat Mon⸗ ſieur Fritz den Verſuch gemacht, gegen die eine oder die andere der hübſchen Tänzerinnen gelegentlich zu avanciren, was ihm nun bei jeder Veranlaſſung aufs Schonungsloſeſte vorgehalten wird. Der Theaterfriſeur und Schneider werden ſeltſamer Weiſe von den Tänzerinnen meiſtens für Weſen gehalten, welche der Liebe unfähig ſind, für geſchlechtsloſe Geſchöpfe; und es iſt eigentlich ſehr gut, daß dieſe Anſicht beſteht, denn ſonſt wäre des Zierens und Genirens kein Ende. Monſieur Fritz iſt alſo eingetreten; die Thüre zum zweiten Zimmer wird geſchloſſen, weil man dort noch nicht ſo weit ange⸗ zogen iſt, und das Friſiren nimmt unter Scherzen und Lachen ſei⸗ nen Anfang. Aber man muß nicht glauben, daß Alle in dieſen luſtigen Ton mit einſtimmen, daß es Allen gleichgültig iſt, wenn die um⸗ geworfene Mantille zufällig von den Schultern herabrutſcht, wenn der Friſeur das Haar lockt oder ein Diadem aufſetzt. Nein, dieſe Stunde des Anziehens und ſpäter des Heraustretens vor die Lam⸗ pen, vor das verſammelte Publikum, ſind für manche dieſer armen Mädchen Stunden der bitterſten Qual, ja tiefen Herzeleids. Man wird ſagen: warum brauchen ſie Tänzerinnen zu bleiben? Sie ſind es ja aus freiem Willen geworden.— Doch iſt dieſe Anſicht eine vollkommen falſche; ihr Wille wurde und wird nicht gefragt. Da iſt eine Mutter in dürftigen Verhältniſſen, die hat zwei kleine Schwarze und rothe Schleifen. 21 hübſche Mädchen; da ſie aber für das tägliche Brod zu Haus ar⸗ beiten muß und keine Magd anſchaffen kann, um ihre armen Kin⸗ der, wie ſo viele Reiche und Glückliche, zu beaufſichtigen und zu verpflegen, ſo betrachtet ſie die Balletſchule als eine gute Gelegen⸗ heit, die Kinder zu verſorgen und bedenkt nicht, wie theuer dieſel⸗ ben dieſer erſte Schritt meiſtens zu ſtehen kommt. Die kleinen Mädchen werden unterſucht, ob ſie gerade Glieder haben, auch hübſche Angen und geſunde Zähne, und dann werden ſie einge⸗ ſchrieben zu einem äußerlich oft glänzenden, aber innerlich meiſtens erbärmlichen Leben. Anfangs betrachtet man Alles mit dem glück⸗ lichen Leichtſinn der Jugend; die kleinen Weſen freuen ſich, wenn ſie in den engen Tricots mit einem goldenen Gürtel hinaus dürfen, und ahnen nicht, daß all' dieſes glänzende Schmuckwerk goldene Ketten ſind, die ſie zu Sclavinnen machen und an ein bewegtes, ja wildes Leben feſſeln. Dies Bewußtſein kommt erſt nach eini⸗ gen Jahren und meiſtens wenn es zu ſpät iſt, wenn die Tänzerin nichts Anderes gelernt hat und allein auf den Balletſaal und die Bühne angewieſen iſt, um von der geringen Gage ſich und oft noch Eltern und Geſchwiſter zu erhalten. Es iſt dies ein Leben, in vielen Fällen ſchlimmer als das einer wirklichen Sclavin; iſt dieſe traurig, iſt ihr Herz von Kum⸗ mer und Schmerz zerriſſen, ſo iſt es doch ihrem Herrn gleichgültig, ob ſie die Lippen zuſammenbeißt, ob eine Thräne über ihre Wange herabträufelt; aber die Tänzerin muß lachen, muß vor den Lampen eine Glückſeligkeit heucheln, wenn auch ihr Herz darüber brechen möchte.— Es iſt wahr, eine Sclavin wird wie eine Waare unter⸗ ſucht, ihre Geſtalt, ihr Wuchs, ihre Augen, ihre Zähne, aber das geſchieht nur einige Mal in ihrem Leben; die Tänzerin dagegen muß ſich allabendlich von dem geſammten Publikum unterſuchen laſſen: jedes Glas richtet ſich ſcharf auf ſie und jedes Auge prüft genau die Formen ihres Körpers, um dem Nachbar ſagen zu können: Zweites Kapitel. „ſie iſt ſchöner geworden, ſie blüht auf,“ oder:„ſie nimmt ab, es geht zu Ende mit ihr.“— Und das ſetzt ſich auch hinter den Couliſſen fort und ſpielt ins gewöhnliche Leben hinüber. Wem es nur irgend möglich iſt und wer hiezn ein Recht zu haben glaubt, macht ſich ein Vergnü⸗ gen daraus, zu unterſuchen, ob eine Tänzerin feſt geſchnürt ſei, und jeder Geck glaubt eine Verpflichtung zu haben, dieſem armen NMädchen nachzulaufen, eben weil es eine Tänzerin iſt.—— Und dabei hat ſie nicht einmal das Mitleid ihres Geſchlechtes für ſich. Was iſt eine Tänzerin?— Ein Geſchöpf, über welches die Naſe zu rümpfen man berechtigt iſt, der es ja ein Vergnügen macht, ſich ſo und ſo vor dem Publikum zu präſentiren.— Nein, ihr Damen vom erſten und zweiten Rang, es macht ihnen in den meiſten Fällen kein Vergnügen, und es iſt nur ein Beweis, daß es auch bei uns Sclaven und freie Menſchen gibt, ein Beweis, auf welch' traurige Weiſe auch bei uns die Glücksgüter vertheilt ſind; denn wenn immer nach der Reinheit der Geſinnung und den Ge⸗ fühlen des Anſtandes die Stellen des geſellſchaftlichen Lebens ver⸗ theilt wären, ſo ſäße manche Tänzerin in eurer Loge, nachläſſig zurückgelehnt mit verächtlich zugedrücktem Auge, und Manche von euch zeigte ſich da unten dem lachenden Publikum. Das heißt, wenn an ihr irgend etwas zu zeigen iſt.——— Im dritten Zimmer iſt daſſelbe Treiben, dieſelbe Geſchäftig⸗ keit wie in den beiden anderen. Hieher entlud ſich der Inhalt des letzten Wagens, den wir begleitet, und da dieſe Tänzerinnen ſpäter kamen als ihre Colleginnen, ſo iſt man hier auch noch weiter im Anzuge zurück. Doch iſt jede Tänzerin eifrig beſchäftigt; die An⸗ kleiderinnen helfen ihnen angelegentlichſt und bald ſchält ſich aus dem Chaos von Tricots, Weißzeug, geſtickten Kleidern, falſchen Blumen und dergleichen mehr etwas Solides und Fertiges heraus, und das ſtellt ſich nun vor die Spiegel, probirt vorläufig die neue Friſur, ſchminkt ſich nach der Lancaſterſchen Methode, oder läßt Schwarze und rothe Schleifen. 23 ſich von einer der Schneiderinnen noch hie und da etwas am An⸗ zuge ändern. Vor einen der Spiegel tritt gerade eine als Nymphe des Waldes gekleidete Tänzerin; fleiſchfarbene Tricots ſind oben mit einem äußerſt kurzen Rock bedeckt, der Oberkörper ſteckt in einem Leibchen von hellgrünem Atlas, das bei jeder Bewegung des Kör⸗ pers kracht und ſich dehnt. Neben ihr auf einem Stuhle ſitzt eine andere Tänzerin, die Arme über einander geſchlagen, die Füße weit von ſich abgeſtreckt, ſo daß der Tanzrock mehr als eine Spanne über dem Knie bleibt. Beide ſind ſehr ſchöne Mädchen; die vor dem Spiegel hat dunkle Haare, blitzende Augen und iſt tadellos gewachſen; die Andere, eine Blondine, hat ein ſauftes Geſicht und ruhige, weniger leidenſchaftliche Bewegungen. „Haſt du bemerkt,“ ſagte Letztere,„daß die Marie dort in der Ecke wieder eine Thräne um die andere fallen läßt? Warum nimmt das Mädchen auch keine Vernunft an!“ „Wird ſchon kommen,“ erwiderte die vor dem Spiegel, indem ſie ſich übermäßig ſtark zurückbog, um zu ſehen, ob die Verbindung zwiſchen Rock und Leibchen nichts zu wünſchen übrig ließe.„Wem iſt es am Ende nicht ſo ergangen? Wer von uns hat ein Verhält⸗ niß ganz vollkommen nach ſeiner Neigung anfangen können?“ „Ich,“ verſetzte die Blonde;„und deßhalb dauert mich die Marie.“ „Nun, du haſt was Rechtes,“ entgegnete die Andere lachend und hob mit einem gelinden Ausdruck der Verachtung ihre Ober⸗ lippe, während ſie mit den Händen ihre Hüfte umſpannte und ſich ſelbſtzufrieden in dem Spiegel beſah. „Aber er wird mich heirathen,“ fuhr die Blonde fort. „Und dann biſt du fertig! Nein, nein, Eliſe, da macht's unſereins ganz anders. Und wenn die Marie nun einmal nicht will, wer kann ſie zwingen?“ „Du weißt, daß ſie keine Eltern mehr hat und bei ihrer Tante wohnt.“ 24 Zweites Kapitel. „Bei dem Drachen am Kanal! Oeffentlich hat ſie Aepfel feil und verkauft Singvögel; was ſie aber im Geheimen treibt, wiſſen wir.— Pfui Teufel! Nun, zwingen ſoll ſie ſich nicht laſſen; man muß mit ihr ſprechen.“ „Thu' das, Thereſe,“ ſagte die Blondine.„Du weißt, die Marie iſt ein gutes Geſchöpf, ruhig und ſanft, ſie iſt keines großen Widerſtandes fähig, und eine intime Freundin hat ſie auch nicht.“ „Man muß mit ihr ſprechen,“ wiederholte ſtolz Thereſe.„Laß mich nur machen.“ Mit dieſen Worten trat ſie noch einmal feſt vor den Spiegel hin, hob den Kopf hochmüthig in die Höhe, beſah ſich rechts und links, griff nochmals, ſich lang ſtreckend, um ihre Taille, und wandte ſich dann höchlich zufrieden mit einer halben Pironette vom Spiegel, worauf ſie ſtolz wie eine Kaiſerin nach der vorhin angedenteten Ecke ſchritt. Hier war der unvortheilhafteſte Platz des ganzen Gemaches; er war neben einem Fenſter, wo wenig Licht hinfiel und ſich nur ein kleiner Wandſchrank befand. Hier mußten ſich die Jüngſten begnügen, bis ſie endlich älter und erfahrener wurden und durch den Abgang einer Collegin oder durch irgend eine Protection an einen beſſeren Platz vorrückten. Die zwei Mädchen, die ſich hier anzogen, waren beide jung, beide ſchön, ſie hatten beide dunkles Haar und dunkle Augen, und waren doch unendlich von einander verſchieden. Wir kennen Beide bereits; von der Einen ſprachen eben die beiden Tänzerinnen an dem großen Spiegel; die Andere war Mamſell Clara, welche zuletzt in den Wagen geſtiegen. Die Erſtere war ein Bild der Friſche und Ueppigkeit, dabei hatte ſie eine gute Taille, ſtarke Arme, ein rundes, blühendes Ge⸗ ſicht, und die Röthe ihrer Wangen drang ſo ſtark hervor, daß ſie mit keiner anderen Schminke zu bewältigen war; von Rothauflegen war gar keine Rede, und ſchon nach den erſten Schritten des Tan⸗ Schwarze und rothe Schleifen. 25 zes glühte ſie ſo, daß man ihr vorwarf, ſie ſei ungeſchickt und über⸗ mäßig geſchminkt. Ihre Augen waren dunkel und glänzend, der Geſichtsausdruck aber nicht ſehr geiſtvoll; Hände und Füße ließen auch etwas zu wünſchen übrig, woher es denn auch wohl kam, daß es ihr ſchwer wurde, eine graziöſe Stellung anzunehmen, und ſie, obgleich wie geſagt ein ſehr ſchönes Mädchen, doch nie in die erſten Reihen geſtellt wurde. Clara war von einer mittleren Größe und mit einer Zierlich⸗ keit und Eleganz gewachſen, die Jedermann in Erſtaunen ſetzte. Dabei hatte ſie den kleinſten Fuß, die kleinſte Hand; und ihre Taille, nicht unverhältnißmäßig ſchmal, ſtand zu dem langen und vollen Oberkörper in ſo richtigem Verhältniß, daß das ſchärfſte Kenner⸗ auge in dieſem Körper nur die vollkommenſte Harmonie entdecken mußte. Auch Hals und Kopf paßten vortrefflich zu dem Ganzen; ihr Geſicht war lang, doch nicht ſchmal, die Farbe deſſelben etwas blaß; dabei hatte ſie große Augen und zwiſchen friſchen Lippen glänzend weiße Zähne. Ihr faſt ſchwarzes Haar war wegen ſeiner Fülle der Kummer des Friſeurs; deun Monſieur Fritz war, wie er ſagte, nicht im Stande, irgend eine correcte Friſur damit herzuſtel⸗ len. Wenn wir dabei verſichern, daß dieſes Mädchen mit einer außerordentlichen natürlichen Grazie begabt war, daß keine ih⸗ rer Bewegungen etwas Eckiges hatte, daß ihr Körper und ihre Füße ſchmiegſam und biegſam wie bei keiner Anderen waren, daß ſie den größten Pas mit Leichtigkeit lernte und nach dem erſten Jahr vor allen ihren Colleginnen während des Tanzes auffallend hervortrat, ſo wird man ſich wundern, weßhalb ſie bei dem Corps de Ballet blieb und nicht zur Solotänzerin ausgebildet wurde. Doch hatte das ſeine guten Gründe, und Clara, die, wie wir ſpä⸗ ter ſehen werden, faſt ſchutzlos in der Welt ſtand, dagegen viel Schutz zu verleihen hatte, fand nicht die Zeit, täglich die langwie⸗ rigen Exercitien zu machen, die nothwendig ſind, wenn man es in der Tanzkunſt zu Etwas bringen will. Dabei fürchtete ſie ſich 26 Z weites Kapitel. auch vor dem erſten Tänzer, der ſich ihr anfänglich auffallend ge⸗ nähert hatte, dem ſie aber mit ihrem richtigen Gefühl ſchaudernd auswich. Ueberhaupt konnte ſie ſich nie mit dem wilden Treiben vieler der anderen Tänzerinnen befreunden und nahm deßhalb eine iſolirte Stellung ein, die häufig Veranlaſſung war, daß ſie Spott und Neckereien aller Art ertragen mußte. Mamſell Marie war die Einzige, welche mit großer Anhänglichkeit an Clara hing, ſie wahr⸗ haft verehrte und faſt unterthänig gegen ſie war, wie gegen eine Gebieterin. Die beiden Mädchen waren ſtillſchweigend übereingekommen, Monſieur Fritz ſo wenig als möglich in Anſpruch zu nehmen, und da ſie ſich ſchon ſeit längerer Zeit ſo gegenſeitig bedienten und, na⸗ mentlich Clara, eine große Fertigkeit erlangt hatten, ſo wurde es ihnen nicht ſchwer, ſich gegenſeitig die kunſtvollſten und ſchwierig⸗ ſten Friſuren zu machen. Dadurch waren ſie meiſtens vor allen Uebrigen fertig; ſo auch heute, und als in allen Zimmern und vor allen Schränken noch große Bewegung herrſchte, hatten ſie ihre gewöhnlichen Kleider ſchon aufgeräumt und beſchäftigten ſich, völlig angezogen, mit etwas Anderem. Dieſe Beſchäftigung war aber ſehr verſchiedener Art: Clara hatte ſich vor ihr Schränkchen geſetzt, das zweite Paketchen ihrer Näherei geöffnet und fing an zu arbeiten, während Marie an dem Fenſter lehnte und mit gefalteten Händen in die dunkle Nacht hin⸗ ausſah. Uebereinſtimmend aber waren die Geſichtszüge beider Mädchen: auf beiden lag ein tiefer Schmerz und die etwas geröthe⸗ ten Augen zeigten Spuren von häufigem Weinen. Clara hatte ſtark Roth auftragen müſſen, um die durchdringende Bläſſe ihres Geſichts zu bewältigen. Weßhalb die am Fenſter geweint, haben wir bereits erfahren, und wenn wir einen Blick auf die Arbeit der Anderen werfen, ſind wir auch hier über die Urſache des Schmerzes nicht mehr im Zweifel: Clara nähte an einem Kinderkleidchen, und war eben im Begriff, daſſelbe mit ſchwarzen Schleifen zu beſetzen. Schwarze und rothe Schleifen. 27 In dieſem Augenblick kam Mamſell Thereſe von ihrem Spie⸗ gel und trat mit erhobenem Kopfe vor die Beiden hin.„So, ihr ſeid ſchon fertig?“ ſagte ſie.„Und Clara iſt ſchon wieder am Ar⸗ beiten?— Was machſt du denn da?“ „Mir iſt heute Nacht meine kleine Schweſter geſtorben,“ ant⸗ wortete das Mädchen. Und als ſie ihren Kopf aufhob, um die Tänzerin anzuſchauen, ſtanden ihre großen Augen voll Thränen. „So, ſo.“ entgegnete Thereſe mitleidig,„deine arme kleine Schweſter iſt geſtorben? Ei, ich habe nichts davon gewußt. Und da machſt du ihr das letzte Kleidchen?“ Clara nickte ſtillſchweigend mit dem Kopfe. „Wie alt war denn das Kind?“ „Sie war zwei Jahre— aber ſo lieb— ſo lieb—“ „Nun ihr iſt wohl,“ verſetzte die Andere;„aber es thut mir leid für dich, du haſt das Kind gewiß ſehr gern gehabt.“ „Wie ihr eigenes,“ ſagte Marie am Fenſter; und unter dem Dunkel des Vorhanges glänzten ihre feuchten Augen hervor. Einige andere Tänzerinnen in der Nähe, namentlich die blonde Eliſe, welche ihrer Freundin gefolgt war, hatten dieſe Unterredung theilweiſe gehört und traten nun mitleidsvoll näher. Bald war Clara von allen Damen umringt, die ſich im Zimmer befanden, und es war ein eigener Anblick, wie die vorhin noch ſo lachenden Geſichter der jungen luſtigen Tänzerinnen auf das dürftige Todten⸗ hemdchen niederſchauten. Um daſſelbe herum ſtand nun ſo plötz⸗ lich ein lautloſer Kreis, glänzend in Spitzen, Atlas, Silberſtoffen und falſchen Brillanten. Dabei contraſtirte die Stille hier im Zim⸗ mer auffallend mit dem Lärmen in den andern; dort wurde geplau⸗ dert, gelacht, auch wohl ein luſtiges Lied geſungen, und zwiſchen hinein knatterten die Caſtagnetten und hörte man hin und wieder das taktmäßige Auftreten der Füße, wenn die Eine oder die An⸗ dere irgend einen Pas verſuchte. „Aber warum nähſt du ſchwarze Schleifen auf das Kleid?“ 28 Zweites Kapitel. fragte nach einer längeren Pauſe Thereſe, indem ſie ſich niederbeugte und das Kleidchen mit der Hand berührte.„Man ninmmt ja ge⸗ wöhnlich Roſaband; auch ſind die hier von Baumwollenzeug.“ Clara blickte in die Höhe und verſuchte zu lächeln, aber es wollte ihr nicht recht gelingen.„Schwarz iſt ja die Farbe der Trauer,“ ſagte ſie,„und dann hatte ich dieſe Bänder ſchon; Roth iſt ſo theuer.“ „Du haſt ſie von einem Kleid heruntergetrennt,“ fuhr die Andere fort, nachdem ſie genauer hingeſehen.—„Ich will das nicht leiden.“ Dabei richtete ſie ſich ſtolz in die Höhe.„Dein Schweſterchen ſoll nichts Schlechteres haben, als die anderen Kin⸗ der.— Allons!“ wandte ſie ſich an die Andern,„ſucht rothes At⸗ lasband zuſammen, aber eilt euch.— Wie viel Schleifen brauchſt du ungefähr?“ „Laß nur gut ſein, Thereſe,“ bat Clara,„meine Liebe zu dem armen Kind iſt nicht geringer, wenn ich auch ſchwarze Schlei⸗ fen hinnähe.“ „Aber es muß einmal ſo ſein,“ entgegnete Thereſe eigenſinnig, „du haſt ja kaum mit deinem ſchwarzen Band angefangen. Macht, daß wir rothe Schleifen bekommen!“ Schon auf den erſten Ruf hin waren mehrere der Tänzerin⸗ nen zu ihren Schränken geeilt, und eine brachte das Verlangte herbei. 3 Thereſe durchſchritt alle Zimmer und rief nach rothem At⸗ lasband. 4 „Wozu?“ fragten mehrere Stimmen.„Zu welchem Zweck?“ Und kaum hatte die Tänzerin erklärt, um was es ſich handle, ſo wurden bereitwillig Schränke und Schachteln geöffnet, und jede der glänzenden Nymphen, der ſtrahlenden Göttinnen und edlen Ritterfräuleins beeilte ſich, ihre rothe Schleife zu bringen, ſo daß Clara kaum mit dem Annähen fertig werden konnte. Wie wohl that ihr übrigens dieſe Theilnahme, und wie erfreut Schwarze und rothe Schleifen. 29 war ſie, als nun das Kleidchen fertig war und nicht mehr ſo düſter in Schwarz und Weiß ausſah, ſondern freundlich und roſig, wie es für das liebliche Geſichtchen des verſtorbenen Kindes paßte. „Wann wird dein Schweſterchen begraben?“ fragte die blonde Tänzerin, die jetzt in den Kreis trat, in ihrer Hand einen kleinen Kranz haltend von künſtlichen Orangenblüthen, faſt ihr einziges und beſtes Eigenthum, das ſie aber gerne hingab, um das Köpf⸗ chen der Verſtorbenen damit zu zieren.„Wann wird es begraben?“ wiederholte ſie.„Denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir Alle mitgehen.“ „Natürlich,“ ſagte Thereſe;„da wird gewiß keine fehlen. Und an Blumen bringen wir mit, was wir auftreiben können; die jetzt gewachſenen und blühenden ſind freilich theuer, aber es thut nichts, ſollte es auch ein gemachter Strauß ſein. Es hat die gleiche Wirkung, wenn es nur vom Herzen kommt.“ „Es ſoll mich freuen,“ erwiderte Clara,„wenn ihr auf den Kirchhof kommen wollt; das Begräbniß iſt übermorgen um zehn Uhr.“ „Verlaß' dich darauf, es fehlt keine,“ verſetzte Thereſe be⸗ ſtimmt. Und damit nahm ſie das fertig gewordene Kleidchen in die Höhe, und Alle betrachteten die wohlgelungene Arbeit. In dieſem Augenblicke ertönte eine Klingel dreimal und heftig; es war das Zeichen für die Tänzerinnen, auf die Bühne zu kommen, weßhalb die Schränke eilfertig zugeſchloſſen wurden. Jede trat noch einen Augenblick vor den Spiegel, ſtreckte den Oberkörper ſo weit als möglich in die Höhe, zog den Tanzrock herab, betrachtete prüfend die Schuhe, ob nirgendwo ein Fehler zu entdecken ſei, und darauf flatterte die leichte Schaar die Treppen hinab und rauſchte auf die Bühne, wie ein anderes wildes Heer. Drittes Kapitel. Drittes Kapitel. Sklavinnen. Wie meiſtens vor einem größeren Ballet ein kleines Luſtſpiel gegeben wird, ſo auch am heutigen Abend. Es geſchieht das, um den erſten Hunger des Publikums zu ſtillen, um den Zuſpätkom⸗ menden genügende Zeit zu laſſen, ihre Plätze einzunehmen, und um Alle, oftmals durch einige Langeweile, empfänglicher zu machen für den nun folgenden Spektakel, für Dekorationen, Coſtüme, Tän⸗ zer und Tänzerinnen. Hiezu wird meiſtens ein harmloſes Luſt⸗ ſpiel gewählt, an dem man nicht viel verliert, wenn man auch erſt in der Mitte deſſelben ins Theater kommt; es hat gewöhnlich eine einfache Dekoration, damit man hinten genugſam Platz hat für die Zurüſtungen, ſowie eine Stelle, wo ſich das Corps de Ballet aufhält und wo die Solotänzerinnen die verzweifeltſten An⸗ ſtrengungen machen, damit ihre Glieder nachher im höchſten Glanze der Gelenkigkeit erſcheinen. Es iſt heute Abend ein Ballet in vier Aufzügen, zwölf Tab⸗ leaux, mit viel Tyrannei, viel Liebesſchmerz und ungeheurem Gefühl. Eine Scene, wo viel des Letzteren vorkommt, muß als ſehr ſchwierig noch probirt werden. Der Herzog, ein gutmüthiger Kerl,— ſo ſcheint er wenigſtens im erſten Aufzug, obgleich der emporgewichste Schnurrbart und der lange drohende Knebelbart deutliche Vorzeichen ſind, daß ſpäter einiges Zähneknirſchen und Augenverdrehen ſtattfinden wird,— der Herzog alſo kommt, wie es in Balleten meiſtens der Fall iſt, unglücklicher Weiſe in dem Augenblick zu ſeiner Braut, wo deren eigentlicher Liebhaber, der junge Ritter Aſtolfo, ebenfalls bei ihr iſt. Das gibt eine furcht⸗ bare Scene; der Herzog bleibt wie angewurzelt ſtehen und gleitet dann mit einem fürchterlichen Blick, faſt ohne die Füße zu bewegen, 8 Sklavinnen. 31 bis auf die andere Seite der Bühne. Ritter Aſtolfo zieht ſein Schwert; einige zwanzig Tänzerinnen, die Begleitung der Braut, ſchaudern im Chor, die Cavaliere des Herzogs ſchlagen ein pan⸗ tomimiſches Hohngelächter auf, und die Braut reißt ſich endlich aus ihrer Erſtarrung in die Höhe, faßt ihren verzweifelnden Lieb⸗ haber an der Hand und tanzt vor den Augen des erſtaunten Herzogs ein Pas de deux, worin ſie ihm deutlich zu verſtehen gibt, hier, Aſtolfo, ſei ihr Jugendfreund und ſchon ſeit erſter Kindheit von ihr geliebt worden, ſie könne und werde ihn nie verlaſſen, ſie ſcheere ſich den Henker um den Herzog und ſein ganzes Reich, und werde eher ſterben als ihm angehören. 9 Dieſe Scene wurde, wie geſagt, nochmals in der Geſchwindigkeit durchgemacht, worauf der erſte Tänzer in Abweſenheit des Ballet⸗ meiſters das Corps de Ballet eine kleine Revue paſſiren ließ. Er ſchaute nach, ob die Friſuren übereinſtimmend mit der Vorſchrift waren, ob die Schuhe in gutem Zuſtande, ob die Tricots feſt und ſorgfältig angezogen ſeien. Die meiſten der jungen Damen ließen ſich dieſe Unterſuchung lachend gefallen, namentlich wenn der Tänzer, ein hagerer junger Mann mit ſehr lebhaften Augen, gerade nicht ins Detail einging. Andere, um geſchwind fertig zu ſein, drehten ſich vor ſeinen Augen lachend mit einer Pirouette, um ſich von allen Seiten zu präſentiren und machten darauf ein übermäßiges Battiment, um ſo Tricots und Schuhe im beſten Glanz vorzuzeigen und ſprangen dann in die Couliſſe zurück. Einige der Tänzerinnen beantworteten die Aufforderung ihres Collegen, näher zu treten, mit einem unbeſchreiblichen Blick, drehten ihm ganz einfach den Rücken, oder ließen ſich auch, die Hände auf den Hüften, nicht im Minde⸗ ſten in ihrer Unterhaltung ſtören. „Wo iſt Mamſell Clara?“ rief der Tänzer, nachdem er das NMädchen vergebens geſucht, obgleich ſie nicht weit von ihm hinter einem gemalten Baume ſtand.—„Wo iſt Demoiſelle Clara?“ ——ÿy 32 Drittes Kapitel. wiederholte er mit lauter Stimme.„Ich muß ſie bitten, augen⸗ blicklich vorzutreten.“ Dieſem zweiten Ruf mußte Folge geleiſtet werden, und das Mädchen trat, obgleich widerſtrebend, auf die halbdunkle Bühne, in deren Mitte der lange Tänzer allein ſtand. „Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte er mit einem häßlichen Lächeln, „daß man Sie immer zweimal rufen muß.— Es wäre wahrhaftig für Ihr Fortkommen beſſer,“ ſetzte er leiſe hinzu,„wenn Sie meinen Aufforderungen gleich auf das erſte Mal Gehör gäben.“ „Was wollen Sie von mir?“ fragte die Tänzerin mit unſicherer Stimme. „O, für jetzt nicht viel,“ entgegnete ihr College.„Sie tanzen in der vorderſten Reihe, Sie tanzen zu ſechs mit mir, ich möchte nach Ihrem Anzuge ſehen; dann könnten wir auch geſchwind die letzte Stellung probiren.“ „Mein Anzug iſt in Ordnung,“ verſetzte das Mädchen, indem es einen Schritt zurücktrat. „Ihre Schuhe nicht zu weit?“ „Ein wenig; aber ich habe ſie eingenäht.“ „Ihre Tricots feſt angezogen? Ich will keine Falten bemerken. — Laſſen Sie ſehen.“ Das Mädchen rührte ſich nicht. Doch wenn es auf der Bühne nicht ſo dunkel geweſen wäre, hätte man deutlich bemerken können, wie ſelbſt unter der Schminke eine glühende Röthe ihr Geſicht überfuhr. „Seien Sie nicht kindiſch,“ ſagte der Tänzer,„und laſſen Sie ſehen. Sie wiſſen, Clara, daß ich mit mir nicht ſpaſſen laſſe, und daß Sie auf eine Zulage nächſten Monat durchaus nicht zu rechnen haben, wenn ich Sie immerwährend wegen Ungehorſams und Widerſetzlichkeit anzeigen muß.— Nun!“ Das arme Mädchen knitterte mit der rechten Hand ihren ſei⸗ denen Tanzrock zu tauſend Falten zuſammen, dann erhob ſie ihn ein paar Zoll hoch, ſo daß ihr Knie ſichtbar wurde. Sklavinnen. 33 Der Tänzer wollte ſich genauer überzeugen, doch trat Demoi⸗ felle Clara abermals einen Schritt zurück. „Sie ſind ein kindiſches Mädchen,“ ſprach der Vorgeſetzte; „Sie werden noch viel lernen müſſen oder Sie bringen es zu gar nichts.— Sind Sie nicht zu feſt geſchnürt?“ „Ich ſchnüre mich nie feſt,“ entgegnete Clara kurz abgebrochen und wollte ſich entfernen. Der erſte Tänzer aber faßte ihren Arm und hielt ſie feſt.„Ich glaube,“ ſagte er mit leiſer Stimme,„die Schneiderinnen behandeln Sie mit gar keiner Aufmerkſamkeit; für Ihre unvergleichliche Taille findet ſich gar nichts Paſſendes in der Garderobe; man müßte Ih⸗ nen eigentlich immer neue Sachen machen. Und wenn Sie wol⸗ len, Clara—“ Das Mädchen verſuchte ihre Hand zwiſchen den feuchten Fin⸗ gern des dürren Tänzers hervorzuziehen; es durchſchauerte ſie eiſig. Doch hielt er ſie feſt. „Es ſcheint mir,“ fuhr er ſtockend fort, während er ſich auf ſie herabbeugte,„die Garderobidre will Ihnen nicht wohl; ſie gibt Ihnen immer alte zu ſtark wattirte Leibchen.— Ah! ich muß das unterſuchen!——„ Doch wurde dem dienſteifrigen Collegen zum Glücke des jun⸗ gen Mädchens für jetzt keine Zeit zu dieſer Unterſuchung gelaſſen, denn als er ſie beginnen wollte, kamen aus der Seitencouliſſe zwei der Tänzerinnen in einem ſo raſenden Walzer dahergeflogen, daß ſie kein Hinderniß beachten konnten und mit ſolcher Gewalt gegen den erſten Tänzer anprallten, daß dieſer weithin auf die Bühne flog und nur durch eine Säule, die er krampfhaft ergriff, vor einem gänzlichen Falle errettet wurde. Clara, die hocherfreut aber erſtaunt war, ſich ſo plötzlich be⸗ freit zu ſehen, fühlte ſich von den beiden Colleginnen ergriffen und mußte den tollen Wirbel mitmachen, der in einem weiten Bogen Hackländers Werke. XVI. 3 34 Drittes Kapitel. über die Bühne ging und nicht eher endigte, bis alle Drei wieder hinter den Conliſſen angekommen waren. Dort hielt die Eine, die Kräftigſte von Allen,— es war Demoiſelle Thereſe,— das Ter⸗ zett mit einem plötzlichen Rucke feſt, löſte ihre Arme aus denen der beiden Anderen und ließ ſich laut lachend auf eine gepolſterte Ra⸗ ſenbank niederfallen. Clara ſchöpfte einen Augenblick tief Athem, dann ſagte ſie:„Wie danke ich dir, Thereſe; du haſt mir da aus einer ſehr unangenehmen und ſchmerzlichen Scene weggeholfen.“ „Die aber morgen wiederkehren wird, mein Schatz,“ lachte die Andere. „O mein Gott, ich weiß das; aber was kann ich dagegen thun? Ich, ohne Schutz, hülflos und allein daſtehend!“ „Dagegen kannſt du zweierlei thun,“ entgegnete Demoiſelle Thereſe, indem ſie ihren rechten Fuß auf das linke Knie hinaufzog, um ihren Schuh anzuſehen, ob erbei dem raſchen Walzer keinen Scha⸗ den genommen.„Wie ich geſagt habe, zweierlei, entweder du läßt dir die Narrheiten gefallen, du läßt dem lächerlichen Kerl ſeine Grille—“ „Nie! nie!“ rief Clara entrüſtet. „Nun wohl,“ ſagte gleichmüthig die Andere,„ſo ſchaffſt du dir einen Liebhaber an, der unſerem erſten und zweiten Tänzer und allen Denen, die das Recht zu haben glauben, deine Taille unterſuchen zu dürfen, an einem ſchönen Morgen zwei Worte ſagt, ungefähr des Inhalts:„Mein lieber Freund! Wenn Sie ſich noch⸗ mals unterſtehen, der Demoiſelle Clara mit der Spitze Ihres Fin⸗ gers zu nahe zu kommen, ſo mache ich mir dagegen das Privat⸗ vergnügen, Sie dreimal nacheinander ausziſchen zu laſſen.“ „Oder,“ ſetzte die blonde Tänzerin, welche die Dritte im Bunde geweſen war, hinzu,„dein Liebhaber macht ſich das Vergnügen, Abends in einer dunklen Straße dem erſten Tänzer oder ſonſt Je⸗ mand ein paar freundliche Worte zu ſagen.“ „Darnach der Liebhaber iſt,“ antwortete Thereſe mit etwas Sklavinnen. 35⁵ verächtlichem Tone,„kann das auch geſchehen; doch iſt es nicht ſehr nobel.“ „Aber ich will keinen Liebhaber,“ verſetzte ſchüchtern das junge Mädchen, dem dieſe Rathſchläge gegeben wurden.„O mein Gott, ich bin eine Tänzerin, das iſt wahr, aber ich habe mich doch zu ſonſt nichts verkauft.“ „Aber verkauft haſt du dich,“ entgegnete Demoiſelle Thereſe, und umſpannte mit ihren beiden Händen ihre ſchlanke Taille.„Ver⸗ kauft haben wir uns Alle mit Leib und Seele.“ „Das wäre ja ſchrecklich!“ meinte die blonde Tänzerin.„Nein, Thereſe, du übertreibſt; ich habe mich nicht verkauft.“ „Du haſt dich nicht verkauft?“ fragte Thereſe hochmüthig, in⸗ dem ſie ſich ſtolz aufrichtete und ihre blitzenden Augen ſo feſt auf die Kollegin richtete, daß dieſe die ihrigen ſcheu zu Boden nieder⸗ ſchlug.„Wir ſind hier unter uns, und ich für meine Perſon will mich wahrhaftig nicht beſſer machen als ich bin. Erinnerſt du dich noch— es ſind jetzt drei Jahre, wir Beide waren damals Sechs⸗ zehn alt— weißt du noch, Schatz, wie man dir eine Zulage ver⸗ ſprochen und wie dich der Balletmeiſter da hinten in's blaue Zim⸗ mer beſtellte, in das blaue Zimmer mit dem gelben Sopha?— Ja, mein Kind, du bekamſt eine Zulage, das heißt, du erhielteſt ſie ſpäter, aber— ſprechen wir nicht mehr davon.— Hat man dir noch keine Zulage verſprochen, meine ſchöne Clara?“ „Nein, nein,“ entgegnete dieſe finſter,„wenn man mir ſie auch verſpricht, ſo gehe ich doch nicht ins blaue Zimmer.“ „Das wird man dir ſchon ſagen, mein Lieb,“ erwiderte fin⸗ ſter lachend Thereſe.„Man beſtellt dich und du kommſt. Damit iſt die Sache abgemacht.“ „Ich bin keine Sklavin,“ verſetzte ſtolz die junge Tänzerin. Und dabei warf ſie ihre Lippen auf und ihr Auge blitzte. Thereſe lächelte ſtill vor ſich hin, dann blickte ſie in die Höhe zu einem gemalten Palmbaume, der ſeine rieſige Blätterkrone über 36 Drittes Kapitel. die drei Mädchen ausſtreckte und ſagte:„wir ſtehen gerade unter dem rechten Symbol; du meinſt, wir ſeien keine Sklavinnen, das heißt Sklavinnen, was die Leute ſo darunter verſtehen, Sklavin⸗ nen, die in jenen Ländern wohnen unter einem freundlich lachenden und ſonnigen Himmel, von Blumen umgeben nnd ſchönen Früchten, die nicht Kälte und Hunger kennen. Nein, du haſt Recht, ſolche Sklavinnen ſind wir nicht.— Aber unſere Sklaverei iſt viel härter, viel dauernder, viel grauſamer. Diejenigen, welche mit einem dunkeln Geſichte auf die Welt kommen, wiſſen ganz genau, daß einmal eine Abſtufung zwiſchen ihnen und ihren weißen Schwe⸗ ſtern beſteht; warum hat Gott die beiden Racen geſchaffen? Er hat wohl ſeine Gründe dazu gehabt. Aber wir, Sklavinnen durch Geburt und Verhältniſſe, obgleich unſer Geſicht nicht eine Idee dunkler iſt als das der Anderen, die mit Verachtung auf uns herabſchauen— übrigens bin ich mit meinem Geſichte wohl zu⸗ frieden,— wir haben das volle Recht, unſeren Zuſtand bitterer zu empfinden als jene Anderen. Und welch Herzeleid thut man ihnen, das uns nicht doppelt geſchieht?“ „Weil wir Tänzerinnen ſind,“ ſeufzte Clara mit gefalteten Händen. „Nicht blos weil wir Tänzerinnen ſind,“ fuhr die Andere fort. Und bei jedem Worte, das ſie ſprach, blitzten ihre weißen Zähne. „Seht unter all' euren Bekannten nach der ganzen Claſſe, der wir angehören, alle wir, die wir keine Schuld daran haben, daß wir nicht vornehm geboren wurden, wir alle ſind Sklavinnen und ha⸗ ben ein härteres Loos als Jene, die wirklich ſo heißen.“ „Da iſt ein neues Buch geſchrieben worden,“ ſagte Clara; „habt ihr davon geleſen? Mein Vater überſetzt es zu Hauſe für einen Buchhändler und ich leſe die Correcturbogen.“ „Freilich habe ich es geleſen,“ erwiderte die andere Tänzerin. „Und die Abſicht der Verfaſſerin iſt gewiß lobenswerth; aber lä⸗ cherlich iſt es, wie man bei uns dafür ſchwärmt, wie man ſich an 3 Sklavinnen. 37 fremdem, vielfach eingebildetem und übertriebenem Elend wollüſtig erlabt, während man dicht vor der Naſe daſſelbe in noch viel grö⸗ ßerem Maßſtabe hat.“ „Thereſe ſpricht wie ein Buch,“ verſetzte die Blondine.„Aber es iſt begreiflich und ich beneide dich wahrhaftig um deine Sucht, Alles zu leſen und dich über Alles belehren zu laſſen.“ „Das kommt daher,“ bemerkte Thereſe mit ruhigem Tone, „weil ich nur mit gebildeten Leuten umgehe und vielen Sinn für alles Schöne und Gute habe. An mir iſt mindeſtens eine ganze Gräfin verloren gegangen.“ „Man ſagt ſogar, du ſeiſt eine halbe Prinzeſſin,“ meinte la⸗ chend die blonde Tänzerin. Thereſe zuckte mit den Achſeln, dann fuhr ſie fort:„und ſeht nur die Meiſten von Denen an, welche für die Leiden jener un⸗ glücklichen Geſchöpfe ſcheinbar ſo warm fühlen und Alles thun zur Verbreitung des Buches, um der Welt zu ſagen, wie ſchrecklich es in jenen fernen Ländern zugehe, wie es ſo chriſtlich und nothwen⸗ dig ſei, jenen Leuten ein paar ſtille Thränen zu weihen, ſeht ſie euch doch an! ich kenne ein Paar, die nach der Sklaverei ſo viele tauſend Meilen von ſich ausſchauen und die zu Hauſe darüber ſtol⸗ pern; die das Elend jener unglücklichen Menſchen täglich und ſtünd⸗ lich beklagen, und die in ihrem Hausweſen und für ihre Mitmen⸗ ſchen ſelbſt die ſcheußlichſten Sklavenhändler ſind.— Ah! ich rede mich in eine wahre Wuth hinein.“ „Und du übertreibſt,“ ſagte Eliſe. „Worin übertreibe ich? Biſt du nicht verkauft— bin ich nicht verkauft, ſind es nicht all die tauſend armen Mädchen, die für ihr tägliches Brod arbeiten? Vorausgeſetzt, daß ſie hübſch ſind.— Und an wen ſind ſie verkauft? Vielleicht wie jene Schwarzen an einen Herrn, der ſein Intereſſe dabei hat, ſie gut zu behandeln, damit er ſie erhält?— Nein! tauſendmal nein! Was kümmert ſich Dieſer oder Jener bei uns um ein armes Mädchen, das ihm heute — Drittes Kapitel. gefallen? Er läßt ſie durch die Finger gleiten, läßt ſie ſo tief ſinken als ihr beliebt; er fragt nicht, ob ſie Hunger und Kälte ausſtehen muß, und wenn er ihr nach Jahren begegnet, dem Mäd⸗ chen, jetzt abgehärmt und elend, das er früher jung und ſchön in ſeine Arme gedrückt, ſo zuckt er verächtlich die Achſeln oder er lacht über ſie.“ „Aber man kann mein Kind nicht wie dort verkaufen,“ ſprach nachſinnend die blonde Tänzerin. „Leider! leider!“ rief heftig die Andere.„Wo könnte man die armen Dinger verkaufen, daß ſie in Hände kämen, die ſie ordent⸗ lich nährten und verpflegten, ſtatt daß Tauſende bei ihren Müttern in Kummer und Elend zu Grunde gehen! Und wozu ſoll Manche ihr Kind erziehen? Zu dem Geſchäft, das ſie ſelbſt treibt?— Ah! das muß ich ſagen, da ſieht ſie ein glückliches Loos vor Augen und blickt in eine ſchöne Zukunft, wenn ſie ihrem armen kleinen Kinde den rothen Mund küßt!“ „Ja, es iſt für Manche beſſer, wenn ſie ſterben,“ ſagte Clara mit leiſem, traurigem Tone. „Aber wir leben,“ erwiderte Thereſe, dies energiſche und ſchöne Mädchen.„Und ich meines Theils will Allem trotzig die Stiru bieten, was über mich hereinbrechen will.— Denen da drau⸗ ßen,“— damit ſtreckte ſie ihre rechte Hand gegen das Publikum aus, das man lachen und applaudiren hörte,—„denen habe ich einen ewigen Krieg geſchworen, nnd ich führe ihn auf meine eigene Art. Es ſollte mich wahrhaftig gar nicht wundern, wenn ich nicht für meine vielen glücklichen Siege noch einmal General würde.“ Damit warf ſie den Kopf ſtolz in den Nacken und verſchwand in dem Dunkel der Couliſſen. 3 Clara blieb noch einen Augenblick nachſinnend ſtehen, dann ſagte ſie ſtill für ſich:„ſie hat nicht ganz Unrecht. Habe ich doch geſtern in dem Buche geleſen, daß die Sklavinnen, ehe man ſie verkauft, wie eine Waare unterſucht werden.— Ah! etwas Aehn⸗ Sklavinnen. 39 liches ſchien der da hinten auf der Bühne auch mit mir vorzu⸗ haben.— Und er wird in ſeinen Verſuchen nicht ablaſſen.— Fürchterlich! Fürchterlich!“ ſeufzte das junge Mädchen, und ein tie⸗ fer Schauder durchbebte ihren Körper. Viertes Kapitel. Ein Loch im Vorhange. Das kleine Luſtſpiel war zu Ende, der Vorhang ſank herab, und das Publikum, nachdem es einigen wenigen Applaus geſpen⸗ det, lehnte ſich bequem auf ſeine Sitze, lachte, ſcherzte, ſprach rechts und links, mit dem Hinter⸗ und dem Vordermann; und ſo entſtand ein artiges kleines Summen in dem weiten Hauſe. Dazwiſchen hörte man Logenthüren auf⸗ und zuſchlagen, Sperrſitze niederklap⸗ pen, kurz das Geräuſch der Eintretenden, welche das ihnen lang⸗ weilige Luſtſpiel vorbeigehen ließen, um ſich jetzt mit friſchem Sinn an dem Ballet zu ergötzen. Im Parterre unterhielt man ſich von den Schönheiten und den Mängeln des eben vorübergegangenen Stückchens, man ſprach von dem neuen Ballet, namentlich aber von der Beſetzung deſſelben, die nun natürlicher Weiſe, wie immer vor dieſen Kunſtrichtern, etwas zu wünſchen übrig ließ. Da hätte der dieſe Rolle übernehmen müſſen, und jene Tänzerin die Rolle der Anderen. Von den Dekorationen verſprach man ſich ohnehin nicht viel; und was die Maſchinerie anbelangt, was war da von einem Maſchiniſten zu erwarten, dem jeden Augenblick die Flug⸗ werke in der Luft hängen blieben, bei dem die Vorhänge auf hal⸗ bem Wege nachdenkend wurden, und nicht herab wollten, und durch deſſen Schuld die Leute, die nicht verſinken ſollten, verſanken, da⸗ 40 Viertes Kapitel. gegen Geiſter, Geſpenſter und Hexen, die unter die Erde gehörten, hartnäckig und trotz alles Stampfens auf der Oberfläche blieben!— Auf der Scene bewegte ſich ein noch regeres Leben durchein⸗ ander. Die Dekorationen des Luſtſpiels waren weggeräumt; das Theater ſtellte einen großen Feſtſaal vor mit weißen und vergolde⸗ ten Säulen; Kronleuchter wurden herabgelaſſen und angezündet; die Tänzerinnen des Balletcorps ſchwärmten ab und zu und hielten ſich viel in der Nähe des Vorhanges auf, wo an den beiden Lö⸗ chern, durch welche man auf das Publikum ſchauen kann, immer wenigſtens ein halbes Dutzend ſtand, die ſehnlich auf eine Ablöſung harrten, um nach irgend Jemand ſehen zu können. Geneigter Leſer, wenn du dich im Theater befindeſt und der Vorhang niedergefallen iſt, ſo erſcheint dir an demſelben alles ſo einfach und unſchuldig. Der langweilige rothe oder blaue Falten⸗ wurf, die Masken oder Köpfe, die darauf gemalt ſind, das Alles kommt dir außerordentlich harmlos vor; für dich iſt die Hauptgar⸗ dine nichts weiteres als ein Vorhang, der das Publikum von der Bühne vollkommen ſcheidet. Du bemerkſt keine Bewegung an dem⸗ ſelben, durchaus nichts Auffallendes, weun du nämlich kein Einge⸗ weihter biſt. Wir ſehen das Ding ſchon mit ganz anderen Augen an, heften unſeren Blick feſt auf den großen Vorhang und ſehen, daß derſelbe in Zeichen ſpricht wie der beſte Telegraph. In jeder anſtändigen Gardine befinden ſich wie geſagt zwei Löcher mit eini⸗ gen ſchwarzen Flecken umgeben, die von Weitem einem Geſichte nicht unähnlich ſind, wie man ſie deun auch faſt den Abdruck eines Geſichts nennen könnte, denn die dicken pomadiſirten Augbrauen, die ſich beſtändig dagegen drücken, dunkeln nach und nach durch, ebenſo die Schnurr⸗ und Kinnbärte, und treten ſo allmälig an der anderen Seite hervor. Durch dieſe beiden Löcher nun wird eine fortwährende und umſtändliche Converſation mit Dieſem oder Jenem aus dem Publikum unterhalten; natürlich hat Jeder ſeine Zeichen, die er verſteht. Eine neue Perſon, die hinter den Vorhang an Ein Loch im Vorhange. 41 jene Stelle tritt, iſt dadurch bemerkbar, daß ſich derſelbe ſanft be⸗ wegt, was ſo viel heißt, als: gebt Achtung! Nun wird ein Fin⸗ ger durchgeſteckt, mit oder ohne Handſchuh, denn das hat Beides ſeine Bedeutung; der Finger bewegt ſich nach rechts, nach links, nach oben oder nach unten, vier neue Zeichen, die wichtige Dinge telegraphiren. Der Finger bewegt ſich auf und ab und erzählt ſo eine ganze Geſchichte; der Finger verſchwindet mehrere Male und kommt mehrere Male wieder, und erklärt damit, wenn und was nach dem Theater geſchehen könnte. Oft erſcheint die Oeffnung ſchwarz, dann wird ſie plötzlich weiß; man hält ein Sacktuch daran, ein Zeichen von außerordentlicher Bedeutung. Spricht das Loch im Vorhang nicht, ſo ſpricht ſie ſelbſt, die ſonſt ſo langweilige Gar⸗ dine; man bemerkt an irgend einer Stelle, wie ſie ein Finger be⸗ rührt, der ſich längs eines Theils der Bühne fortbewegt, oder hin⸗ ter der Leinwand allerlei Figuren macht; man entdeckt ein paar Füßchen, die den Verſuch machen, ſich unter der Bordure einzu⸗ bohren; man ſieht endlich, wie der Vorhang an den beiden Seiten zuweilen, anſcheinend ohne alle Abſicht, eine kleine Bewegung macht. Alles das hat ſeinen Grund, lieber Leſer, und wenn du dir einmal zufällig die Mühe geben willſt, dieſe Zeichen und damit die ſtrah⸗ lenden Blicke deiner Nachbarn und Nachbarinnen, ſowie auch an⸗ dere Zeichen zu beobachten, welche dieſe gegen den Vorhang ma⸗ chen, ſo haſt du im Zwiſchenakt viel Vergnügen und du amuſirſt dich während deſſelben oft weit beſſer als in manchen langweiligen Stücken. Die Solotänzerinnen ſind jetzt auch anf der Bühne erſchienen. Doch iſt es im gegenwärtigen Augenblicke nicht der Mühe werth, viel von ihnen zu ſagen. Sie dienen dem Theater ſchon ſeit einer ziemlichen Reihe von Jahren und ſind dadurch wohl größere Künſtlerinnen, aber weder jünger noch hübſcher geworden. Es iſt das faſt bei jedem Theater anders: dort iſt das Balletcorps ver⸗ braucht und unanſehnlich und die Solotänzerinnen jung und friſch, 42 Viertes Kapitel. anderswo umgekehrt. Und gerade ſo war es auch hier der Fall. Dafür ergab ſich aber für die jungen hübſchen Mädchen vom Chor auch nicht die geringſte Ausſicht, einen Solotanz zu erhalten; die alte Garde hielt hartnäckig an ihrem Privilegium und nahm keine jungen Rekruten in ihre Reihen auf. Das Ballet begann wie immer mit einer langen Ouverture; endlich flog der Vorhang empor, das Publikum beklatſchte den Glanz und die Pracht der Dekoration, und die Geſchichte nahm mit einem ſtrahlenden Ballfeſte ihren Anfang. Die Muſik erklang luſtig und herausfordernd, Tänzer und Tänzerinnen wogten lebhaft durcheinander, jetzt in ſcheinbarer Unordnung, aus welcher ſich aber die ſchönſten Figuren entwickelten. Die ganze Bühne war ange⸗ füllt mit buntfarbenen ſeidenen Gewändern, mit Gold⸗ und Sil⸗ berſtickerei, mit fliegenden Schärpen, blitzenden Brillanten und wal⸗ lenden Federn. Vollkommen geblendet war das Auge der Zuſchauer und kam erſt wieder zur Ruhe nach der erſten Scene, nachdem das Balletcorps auf allen Seiten verſchwunden war, nachdem die Klin⸗ gel ertönt, die Dekorationen gewechſelt und das Theater einen Garten bei Mondſcheinbeleuchtung darſtellte, wo er und ſie ſich fanden und verſtanden. Nach ſo einem großen anſtrengenden Tanze kommen die armen Tänzerinnen gewöhnlich in einer Verfaſſung hinter den Couliſſen an, welche Aehnlichkeit mit der von jungen Rennpferden hat, welche trainirt werden. Die Stärkſten und Ausdauerndſten unter ihnen tanzen von der Bühne ab, um hinter derſelben ſchwer athmend ſtehen zu bleiben; Andere erreichen zur Noth wohl eine Bank oder einen Stuhl, wo ſie ſich niederlaſſen können. Die Schwachen und Unbehülflichen haben aber nicht ſobald die ſchützende Couliſſe er⸗ reicht, als ſie krampfhaft irgend einen Pfahl oder eine Latte faſſen, die Hand an das Herz preſſen, die Stirne irgendwo anſtützen und in Schweiß gebadet allmälig und keuchend ihren Athem an ſich ziehen. Alle aber ſind erſchöpft, und wenn Manche ſogar in dieſem Ein Loch im Vorhange. 43 Augenblicke lachen und plaudern, ſo geſchieht es doch mit großer Anſtrengung und mit auf⸗ und abwogender Bruſt. Dabei wird aber der Anzug und die Friſur nicht außer Acht gelaſſen und die Eine beſchäftigt ſich mit der Anderen, hier eine Locke wieder auf⸗ zuſtecken, dort eine Schleife zu befeſtigen, oder einen Schleier, der ſich gelöſt hat, wieder anzubinden. „Das muß ich ſchon ſagen,“ meinte Demoiſelle Thereſe, eine der Erſten, die wieder vollſtändig zu Athem kam,„der Kapellmeiſter iſt heute wieder einmal ganz von Sinnen. Hat man je ein ſo ra⸗ ſendes Tempo geſehen? Mir ward mein Leibchen zu eng, und das will doch viel ſagen.— Armer Schatz,“ wandte ſie ſich an eine ſchmächtige Collegin, welche, die heiße Stirne an einen Balken ge⸗ drückt, vergeblich darauf zu warten ſchien, daß ſich ihr Herzſchlag beruhige,„dich habe ich noch zu guter Zeit aufrecht erhalten; ich werd's aber dem da drunten ſtecken, wenn er im Zwiſchenakt herauf⸗ kommt.—— Fühlſt du dich unwohl?“ wandte ſie ſich abermals an die erſchöpfte Collegin. Dieſe ſchüttelte mit dem Kopfe und verſetzte nach einer länge⸗ ren Pauſe:„unwohl gerade nicht, aber es hat mich furchtbar an⸗ gegriffen; wenn du mich nicht aufrecht gehalten hätteſt, ſo wäre ich am Sonfleurkaſten niedergeſtürzt. Ich danke dir, Thereſe.“ „Keine Urſache,“ entgegnete dieſe,„aber ich will dir was ſa⸗ gen: du biſt zu feſt geſchnürt, laß dich ein Bischen loſer machen.“ „Ich kann nicht,“ ſagte die Andere mit leiſer Stimme,„mein Kleid iſt mir ſo eng genug; ich würde mich gerne krank melden, aber wenn ich das jetzt ſchon thue, ſo muß ich fürchten, entlaſſen zu werden, und wovon ſoll ich alsdann leben?“ Demoiſelle Thereſe zuckte die Achſeln und wandte ſich hinweg. „Armes Geſchöpf!“ murmelte ſie zwiſchen den Zähnen. Dann winkte ſie jener Tänzerin, die ſich in der Garderobe neben Clara angezogen, und die mit verweinten Augen in der Fenſterniſche ge⸗ 4 44 Viertes Kapitel. ſtanden. Die Beiden gingen etwas abſeits und ſtellten ſich hinter eine Felspartie, die im dritten Akte vorkommen ſollte. „Du haſt mir etwas mitzutheilen,“ ſprach Demoiſelle Thereſe hier zu ihrer Collegin.„Eliſe hat es mir geſagt.“ „Es iſt mir recht lieb, daß ich mit dir ſprechen darf,“ ant⸗ wortete die andere Tänzerin.—„Aber haben wir auch Zeit?“ „Ueber eine Viertelſtunde; die langweilige Gartenſcene dauert wenigſteus zehn Minuten, dann kommt der Chor der Ritter und Burgfräulein, bei dem wir ja nichts zu thun haben.— Nun, fängt deine Tante endlich an, dich zu plagen?“ Das junge Mädchen nickte mit dem Kopfe und ſah einen Augenblick ſtumm vor ſich nieder. Dann ſagte ſie:„du kennſt meine Tante?“ „Leider kenne ich ſie. Der Teufel ſoll ſie holen!— Aber weiter; ich habe immer geglaubt, du erfahreſt nichts von ihrem heimlichen Geſchäfte.“ „Lange erfuhr ich auch nichts davon,“ verſetzte Marie.„Gott! wenn man ſechszehn Jahre alt iſt, hat man ja keine böſen Gedanken. Und dann habe ich im Hauſe auch nie was Schlimmeres bemerkt; wir leben wie die ruhigſten Bürgersleute.“ „Ja, ja, das glaube ich wohl,“ lachte Thereſe.„Madame vermittelt blos. Nun, und endlich?“ „Was ſoll ich ſagen, endlich? Schon ſeit mehreren Wochen ſpricht ſie von der ſchweren Zeit, von dem wenigen Verdienſt, den ich habe; meine Wäſche allein koſte mehr, ſagt ſie, und daß es auf längere Zeit nicht ſo gehen könne.—— Warum ich mir keinen Geliebten anſchaffe? meinte ſie neulich.“ „Ah! zu einem Geliebten wird ſie ſchon Einen in Ausſicht haben. Tritt dir Jemand häufig in den Weg, auf den du Verdacht haſt, oder kommt irgend wer ins Haus, dem ſie dich verkaufen will?“ „Nein, nein,“ ſagte das junge Mädchen,„in meine Nähe kommt Niemand. Und doch hat ſie Jemand in Ausſicht für mich.“ 47 Ein Loch im Vorhange. 4⁵ „Alſo ein kalter Handel!“ ſprach verächtlich die ſchöne Tän⸗ zerin.„Pfui Teufel! das iſt ſebr unangenehm.“ „Nicht wahr, es iſt ſchrecklich, Thereſe? O gib mir einen Rath! Ich habe ja Niemand auf der Welt, dem ich mich anver⸗ trauen könnte, Niemand, der mir die geringſte Hülfe leiht, wenn ich mich weigere.“ „Es iſt eine vollkommene Niederträchtigkeit,“ entgegnete De⸗ moiſelle Thereſe nachdenkend.„Aber wenn du nichts Näheres weißt, ſo iſt dir ſchwer zu helfen.— Wer iſt's denn? Hat man dir kei⸗ nen Namen genannt?“ „Den Namen kann ich dir nicht ſagen, aber er kam einmal in unſer Haus und zufällig war ich im Nebenzimmer und habe an der Thüre gehorcht. Da hat ſie freilich geſagt, ſie wolle mich nicht zwingen, aber es wäre ihr recht, wenn ſie ſich ſo aus der Verlegen⸗ heit reißen könne.“ „Du haſt ihn alſo geſehen?“ „Ja!“ „Und kennſt du ihn nicht?“ „Nein.“ „Iſt es ein junger Mann?“ „So ziemlich; in die Dreißig.“ „Aber, liebes Kind,“ verſetzte halb ärgerlich Thereſe,„wenn du mir keine genaueren Kennzeichen anzugeben im Stande biſt, ſo kann ich dir keinen Rath ertheilen. Ich muß vor allen Dingen wiſſen, um wen es ſich handelt; ich muß den Feind kennen, wenn wir den Krieg beginnen wollen. Erkundige dich alſo, wenn du kannſt, nach ſeinem Namen.“ „Vielleicht kennſt du ihn.“ „Wohl möglich, wenn ich ihn ſehe.“ „Ich will ihn dir zeigen.“ „So iſt er alſo im Theater?“ „Ja, ich habe ihn geſehen.“ 46 Viertes Kapitel. „Ah! das iſt etwas Anderes,“ erwiderte die Tänzerin lachend. „Dann wollen wir ihn im Zwiſchenakt beobachten, und wenn ich ihn kenne, will ich dir aufrichtig ſagen, ob da viel oder wenig zu befürchten iſt.“. Hiemit hatte die Unterredung ein Ende, denn der Inſpicient rief in dieſem Augenblicke:„meine Damen, das dritte Tableaux beginnt!“ Die Klingel ertönte; die Dekoration wechſelte abermals; das Theater ſtellte einen weiten Park vor, die beiden unvorſichtig Liebenden freuen ſich ihres Lebens inmitten des ebenfalls luſtigen Hofſtaates, da erſcheint plötzlich der Herzog, begleitet von Fackel⸗ trägern, und jetzt erfolgt die Scene, wie wir ſie ſchon oben be⸗ ſchrieben. Fürchterlich ſchön war der Herzog anzuſehen, und als er ſo über die Bühne dahinglitt, angefüllt mit Wuth und Rachedurſt, die Fäuſte geballt, den Bart ordentlich emporgeſträubt, da wurde ihm ein unendlicher Applaus zu Theil. Die unglückliche Braut ſinkt nach ihrem großen Pas de deux in Ohnmacht, der ganze Chor macht übermäßige Anſtrengungen, Entſetzen, Schrecken, ſowie alle möglichen Leidenſchaften auszudrücken, und— der Vorhang fällt. Es war ein Glück, daß die Solotänzer und Tänzerinnen ſich im Zwiſchenakte umziehen mußten, denn ſonſt wäre an dem Vor⸗ hang nicht ſo bald eine Oeffnung frei geworden. Auch ohnedies mußte Demoiſelle Thereſe ihr ganzes nicht geringes Anſehen auf⸗ wenden, um ein halbes Dutzend verſchiedenartiger Geſpenſter und junger Teufel, die im letzten Akt vorkommen, zu verſcheuchen, bis ſie endlich an der Gardine einen Platz erobern konnte. Dann ſtellte ſie ihre Collegin vor ſich hin und ſagte:„jetzt ſchau durch und ſage mir, wo er ſitzt.“ Die andere Tänzerin legte ihr Auge eine kleine Weile an die Oeffnung, dann trat ſie zurück und bat Thereſe, hinauszuſchauen und mit dem Blick ihren Erklärungen zu folgen.„Du ſiehſt,“ ſagte ſie,„die königliche Mittelloge, von der zähle rechts vier Säu⸗ len.— Haſt du?“ Ein Loch im Vorhange. 47 „Allerdings, entgegnete Thereſe,„doch ich ſehe da Niemand als den alten General von L.“ „Ja, auf dem erſten Rang,“ erwiderte die Andere eifrig. „Ich meine aber den zweiten Rang.“ „Ah! du meinſt den zweiten Rang!“ verſetzte Demoiſelle Thereſe in gedehntem Tone.„Das wird ſich kaum der Mühe verlohnen. — Nun, wir wollen nochmals zählen. Die erſte, zweite, dritte, vierte Säule— halt!“ Hierauf ſchaute ſie einen Augenblick aufmerkſam hinaus, dann fuhr ſie heftig zurück und rief aus:„ah! Marie! du mußt dich irren; der Herr in der dritten Loge kann's doch nicht ſein! Oder iſt der, den du meinſt, vielleicht gerade weggegangen; ſieh' noch einmal hin.“ Die jüngere Tänzerin ſah nach dieſer Aufforderung über die Achſel ihrer Freundin, dann ſagte ſie ruhig:„nein, er ſitzt noch da; ſieh, er ſcheint ſich zu langweilen, er legt den Kopf in die Hand.“ „Ganz richtig. Und du irrſt dich nicht?“ „Wie ſollte ich mich irren! Ich habe ihn vorhin ganz deut⸗ lich geſehen und gleich erkannt.— Du weißt alſo, wer er iſt? Und die Dame, die neben ihm ſitzt?“— „Die Dame, die neben ihm ſitzt, iſt ſeine Frau.— Schöne Geſchichten!“ „Das wäre ſchrecklich!“ rief das junge Mädchen aus.„Was iſt da zu thun, Thereſe? O denke nach; du mußt mir helfen!“ Dieſe blickte, ohne eine Antwort zu geben, noch eine Zeit lang in das erleuchtete Haus, dann trat ſie einen Schritt zurück und auf ihrem ſchönen Geſichte zeigte ſich ein finſteres Lächeln. Sie preßte die Lippen zuſammen, ſtemmte die rechte Hand in die Hüfte und fuhr mit der linken über die Stirne, während ſie eifrig nachzudenken ſchien.—„Ja, ja, es wird gehen,“ ſagte ſie nach einer längeren Pauſe.„Warte, Heuchler!“ „Du kennſt ihn alſo?“ fragte Marie, 48 Viertes Kapitel. „O ja, ich kenne ihn, obgleich ich ihn nie geſprochen. Das iſt Einer von den ſcheinheiligen Böſewichtern, welche die Achſel zucken, wenn man nur vom Ballet ſpricht; mit dem Haus habe ich überhaupt eine Geſchichte abzumachen. Du weißt, meine Schweſter iſt eine Näherin; ſie ſuchte die Kundſchaft dieſes Hauſes nach; Ma⸗ dame war nicht abgeneigt dazu, und meine Schweſter glaubte ſchon ſo glücklich zu ſein, dort hie und da etwas verdienen zu können. Der Herr aber meinte, eine Arbeiterin von unbeſcholtener Familie wäre ihm lieber.— Von unbeſcholtener Familie!“ ſetzte die Tän⸗ zerin hinzu und biß ihre Zähne übereinander.„Das war vor vier Jahren, und die Aeußerung ging allein auf mich, und war ich doch damals ſo unbeſcholten wie nur eines der jungen Mädchen auf allen Gallerien; aber ich war eine Tänzerin und ſomit ein verlorenes, beſcholtenes Geſchöpf.— Doch wir wollen uns re⸗ vanchiren!“ „Was ſoll ich aber thun?“ „Vorderhand ſollſt du nichts thun, und mir nur genau be⸗ richten, wie die Angelegenheit ſteht,“ antwortete Thereſe.„Aha!“ fuhr ſie ſpöttiſch lachend fort und machte einen tiefen Knix gegen den Vorhang,„man will ſich mit dem Ballete einlaſſen— gut denn! ich erkläre dir da oben den Krieg; du ſollſt einen heftigen Kampf haben und keine Schonung.“ Fünftes Kapitel. Clara. Wie Alles in dieſer Welt ging auch das Ballet zu Ende; der Liebhaber der Braut wurde auf die eine oder andere Art tanzgemäß Clara. 49 weggeſchafft, der Herzog verzieh, und im letzten Akt fand eine un⸗ geheuer glänzende Vermählung Statt, wozu der magere Tänzer mit der erſten Tänzerin einen Pas de deux nach allen Regeln der Kunſt tanzte. Eines bemühte ſich, ſeinen Körper noch unſchöner zu ver⸗ drehen als das Andere, und beide zuſammen ſtrebten darnach, dem Publikum zu beweiſen, zu welch erſtauulich unzweckmäßigen Wen⸗ dungen und fürchterlichen Verzerrungen man die menſchlichen Glie⸗ der mit Kunſt und Ausdauer zu bringen im Stande ſei. Nament⸗ lich der magere Tänzer ſetzte Alles in Erſtaunen, und man hätte darauf ſchwören mögen, er habe im Rücken ein beſonderes Gelenk und ſeine Knie können ſich wie bei einem Rürnberger hölzernen Collegen einwärts und auswärts biegen. Dabei überboten ſich beide in übermäßigen Pirouetten und wahnſinnigen Sprüngen. Schnellte die Tänzerin bei einer ſanften Melodie einen Schuh vom Boden empor, ſo brachte es der Tänzer mit Pauken, Trompeten, mit Tſchambidibam und Bumbidibum, mindeſtens auf zwei und einen halben. Und hiebei nicht genug, daß er mit Gottes Hülfe wieder auf ſeine Füße niederfiel: er machte auch während des Her⸗ abfallens die ſchauerlichſten Verſuche, ſchief gegen den Fußboden zu kommen, was vielleicht außerordentlich ſchwierig, jedenfalls aber ſehr häßlich war. Dazu ſpielte die Muſik immer toller, Tänzer und Tänzerin lachten immer krampfhafter gegen einander und gegen das Publikum; zuletzt hatte die ganze Geſchichte etwas Hexenartiges, und man konnte der Befürchtung nicht los werden, es ſei für die Beiden da oben hier auf Erden Alles vorbei, irgend ein geſpenſtiger Wirbelwind führe ſie fort in unabſehbare Weiten nach öden, unend⸗ lichen Haiden, und dort müßten ſie ſich ohne Publikum fort drehen, immer fort bei Sonnenſchein und Mondeslicht; oder plötzlich ſäßen ſie à cheval auf ein paar tüchtigen Beſenſtielen und führen rechts und links in die Luft auf. Doch ehe es zu dieſem fürchterlichen Ende kam, ſiel glücklicher Weiſe der Vorhang, das Publikum applau⸗ dirte und verließ alsdann ſtürmiſch das Theater. Hackländers Werke. XVI. 4 50 Fünftes Kapitel. Auf der Bühne wurden die. Lampen ausgelöſcht und ſchon nach einer Viertelſtunde lagen die vorhin noch ſo erhellten und be⸗ lebten Räume in nächtlichem Dunkel und tiefem Schweigen da. Wenn einer der alten Zimmerleute, der über die Bühne hinweg und nach Hauſe ging, zufällig huſtete, ſo ſchallte es gerade in dem wei⸗ ten leeren Hauſe, als habe oben auf der vierten Gallerie eine ſehr bekannte Stimme ebenfalls gehuſtet. Die Garderoben allein waren noch voll Leben, Licht und Be⸗ wegung. Letztere aber hatte nichts mehr von der ruhigen Emſig⸗ keit des Anziehens; man ſah keine Tänzerinnen mehr behaglich vor dem Spiegel ſtehen, wie zu Anfang des Stückes; jede beeilte ſich mit dem Ausziehen, ſtreifte Leibchen und Röcke herunter ſo raſch wie möglich und ſchlüpfte in ihre gewöhnlichen Kleider. Die Tri⸗ cots auszuziehen, hätte für jetzt viel zu viel Zeit in Anſpruch ge⸗ nommen, weßhalb die meiſten ſie anbehielten, Strümpfe und Schuhe darüber zogen und durch dieſe kleinen Kunſtgriffe in einer unglaub⸗ lich geſchwinden Zeit zum Nachhauſefahren bereit ſtanden. Schwindelmann erſchien an der Thüre und die, welche zuerſt fertig waren, wurden auch zuerſt nach Hauſe geführt; daher auch der Wetteifer, mit welchem das Auskleiden vor ſich ging. Demoiſelle Clara hatte ihre Toilette mit größerer Ruhe ge⸗ macht, Tricots, Schuhe und was dazu gehört, ausgezogen und ordentlich hingelegt, alsdann ihre Sachen ſorgfältig zuſammenge⸗ packt, das Kleidchen mit den rothen Schleifen ebenfalls in ein Tuch gewickelt, und war gerade fertig geworden, als der Wagen wieder kam und Schwindelmann ihr winkte, mitzufahren. Es war ein kalter dunſtiger Abend; die Gaslaternen brannten mit einem röthlichen Lichte, und den Athem der Pferde ſah man deutlich wie weißen Dampf aus ihren Nüſtern hervorkommen. Das Rollen der Räder auf dem Pflaſter klang dumpf, und da die Ca⸗ leſche ringsum verſchloſſen war und fünf der ziemlich erhitzten Tän⸗ zerinnen in ſich ſchloß, ſo liefen die Scheiben ſo dicht an, daß keine Clara. 51 derſelben ihre Straße erkennen konnte und es bei jedesmaligem Anhalten eine kleine Debatte gab, wo man ſich eigentlich befinde. Schwindelmann ſchlichtete dieſen Streit aber augenblicklich, indem er die betreffende junge Dame bei ihrem Namen rief. Endlich er⸗ klang der von Domoiſelle Clara, worauf dieſe mit ihren beiden Paketen den Wagen verließ, ihren Colleginnen gute Nacht wünſchte und an die Hausthüre trat. „Soll ich für Sie anläuten?“ fragte der freundliche Schwin⸗ delmann.. Doch das Mädchen erwiderte eifrig:„ich danke recht ſehr; ich habe meinen Hausſchlüſſel, und wünſche eine gute Nacht.“ Ehe ſich aber Schwindelmann hierauf entfernte, ſagte er leiſe zu der jungen Tänzerin:„Sie werden mir ſchon erlauben, Fräulein Clara, daß ich morgen Früh ein Bouquet für Ihr kleines Schweſter⸗ chen bringe; ich habe einen Freund, der Handelsgärtner iſt und der es mir faſt umſonſt gibt.“ Nachdem der Theaterdiener dieſe Worte angebracht, wartete er keine Genehmigung oder keinen Dank ab, ſondern trat an ſeinen Wagen, ſchloß geräuſchlos den Schlag, nannte dem Kutſcher eine Straße und fuhr davon. Clara blieb an ihrer Hausthüre ſtehen, ohne den erwähnten Schlüſſel herauszuziehen. Sie horchte auf den davonrollenden Wagen, und als er ihr weit genug entfernt ſchien, verließ ſie das Haus wieder und ging die Straße hinab, bis ſie in der ſchon völ⸗ lig dunkeln Häuſerreihe den noch ſpärlich erleuchteten Laden eines Bäckers erreichte. Hier trat ſie ein, zog eine magere Börſe hervor, und nachdem ſie ein paar kleine Weißbrode gekauft, ging ſie ſehr langſam nach ihrem Hauſe zurück. Wir ſagen ſehr langſam; ja mehrere Male blieb ſie beinahe ſtehen, öfters aber ſchaute ſie hinter ſich, und jeden Augenblick horchte ſie auf das entfernte Rollen eines Wagens oder auf ſchallende Fußtritte, die ſich in irgend einer Nebenſtraße verloren. Dann ſchüttelte ſie den Kopf und ſagte mit leiſer Stimme:„Sonderbar! Es iſt heute das erſte Mal, daß ich 52 Fünftes Kapitel. ihn nicht geſehen; er war nicht im Theater auf ſeinem Platze, er ſtand nicht am Wagen, als wir einſtiegen, und auch hier iſt nichts von ihm zu ſehen.“ Mit dieſen Worten hatte ſie ihre Hausthüre wieder erreicht, ſuchte ihren Schlüſſel hervor, drehte das Schloß auf und wollte gerade in den finſtern Gang ſchlüpfen, als ſich eilige Schritte auf der Straße näherten, die Geſtalt eines Mannes ſichtbar wurde und eine leiſe Stimme rief:„Fräulein Clara— nur einen Augenblick!“ Die Tänzerin blieb in der geöffneten Thüre ſtehen und erwar⸗ tete ruhig die Ankunft dieſes Mannes, der darauf in drei Sprün⸗ gen neben ihr in dem dunkeln Flur ſtand. Er holte tief Athem und konnte kaum ſprechen.„Ich bin ſo gelaufen,“ ſprach er nach einer kleinen Pauſe,„um Sie noch einen Angenblick zu ſehen; wie froh bin ich, daß ich noch zur rechten Zeit komme.“ „Sie waren nicht im Theater,“ verſetzte das Mädchen.„Ich hatte nicht erwartet, Sie heute Abend noch zu ſehen.“ „Ich konnte nicht, Fräulein Clara, es war mir unmöglich, das Theater zu beſuchen. Ah! hören Sie, wie ich gelaufen bin; ich war in einer großen, ſehr langweiligen Geſellſchaft, und erſt vor einer Viertelſtunde gelang es mir, mich wegzuſchleichen. Ich bin nur gekommen, Ihnen gute Nacht zu wünſchen.“ „Das freut mich in der That,“ entgegnete das junge Mädchen und ſah ihn treuherzig mit ihren großen Augen an.„Sie haben mich ganz verwöhnt, und wenn ich Sie nicht im Theater ſehe oder am Wagen oder hier eine Sekunde, ſo fehlt mir etwas.“ „Wie danke ich Ihnen für dieſes Wort, und wie bin ich ſo froh, daß Sie mir wenigſtens erlauben, Sie einen Augenblick zu ſehen und zu ſprechen. Ach, Fräulein Clara, wenn Sie nicht ſo hart und unerbittlich wären, ſo hätte ich ſchon lange einen Vor⸗ wand gefunden, mich bei Ihrem Vater einzuführen.“ „Nein, nein,“ erwiderte eifrig das Mädchen;„ich will keine Clara. 53 Vorwände und kann Sie auch bei uns nicht ſehen. Iſt es nicht genug, daß ich Ihnen hier an der Thüre eine freundliche gute Nacht ſage? Ich habe ſo Etwas in meinem ganzen Leben noch nicht ge⸗ than. Sind Sie damit nicht zufrieden?“ „Doch, doch, liebe Clara! ich bin ja damit zufrieden.— Aber Ihre Hand werden Sie mir heute Abend nicht verſagen.“ „Nun meinetwegen!“ entgegnete freundlich lachend die Tän⸗ zerin.„Eine Hand will ich Ihnen reichen, aber dann müſſen Sie auch ſtill nach Hauſe gehen.“ „Und zufrieden,“ ſagte ebenfalls lachend der junge Mann. Clara nahm nicht ohne einige Mühe die Pakete, den Haus⸗ ſchlüſſel und das Brod in die eine Hand, um die andere ihrem jungen Freund reichen zu können. Er faßte ſie eifrig mit ſeinen beiden und drückte in aller Geſchwindigkeit mehrere Küſſe auf ihre niedlichen Finger, eine Ueberſchreitung der gegebenen Erlaubniß, welche Clara dadurch beſtrafte, daß ſie ihre Hand haſtig wegzog, flüchtig gute Nacht rief und die Thüre hinter ſich zudrückte und verſchloß. Der junge Mann blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle ſtehen, blickte an dem Hauſe hinauf, ohne irgend etwas ihn An⸗ ziehendes zu ſehen, als ein matt erleuchtetes Fenſter droben hoch in dem Giebelfelde. Nachdem er dieſes eine Weile betrachtet, und nachdem es ihm geſchienen, als bewege ſich ein weißer Vorhang an dieſem Fenſter, gerade ſo, als öffne Jemand die Thüre und trete ins Zimmer, verließ er ſeinen Standort und ging dann in der That höchſt zufrieden ſeiner Wege. Clara war unterdeſſen die dunklen Treppen hinaufgeſtiegen, hatte ein wahres Labyrinth von finſteren Biegungen und ſchmalen Gängen hinter ſich gelaſſen und erreichte nun den vierten Stock, wo ſie nach einigem Suchen mit der Hand eine Thüre fand, die ſie geräuſchlos öffnete. Sie trat in ein unerleuchtetes Zimmer, doch hatte ſie vor ſich eine andere Thüre, durch deren breite Spal⸗ 2ℳ 54 Fünftes Kapitel. ten und Riſſe einiges Licht in dies erſte Gemach ſiel, hier eine zweifelhafte Helle verbreitend, bei welcher man einen kleinen Tiſch entdeckte, auf dem etwas Bettwerk lag, über welche man ein weißes Tuch gebreitet hatte. Clara ging auf den Zehen durch dieſes Zim⸗ mer, öffnete die andere Thüre und trat in das Wohnzimmer der Familie, welches dem geneigten Leſer näher zu beſchreiben wir ge⸗ nöthigt ſind. Es war dies ein ziemlich großes und kahles Gemach mit ſchiefen Seitenwänden, welche der Stellung des Daches folgten, und einem einzigen Fenſter, das wir ſchon von unten beobachtet haben. Das Meublement beſtand aus einem großen eiſernen Ofen, von dem übrigens, der wenigen Wärme im Zimmer nach zu urthei⸗ len, ein ſehr beſcheidener Gebrauch gemacht wurde; neben demſel⸗ ben ſtand in einer Ecke ein Schreibtiſch, das heißt, ein großer Tiſch mit Büchern und Papieren aller Art bedeckt, hinter demſelben befand ſich ein Stuhl, auf welchem ein Kiſſen von rothgeſtreiftem Zeug lag; in einer anderen Ecke war ein gewöhnliches Bett und ein Kinderbett. Unter dem einzigen Fenſter ſtand ein Tiſch und ein paar Stühle, daneben eine große alte Kommode, über welcher ein Spiegel hing. Sonſt beſtanden die Verzierungen ſämmtlicher Wände aus einem Cruecifix mit halb vertrocknetem Zweig über dem großen Bette, ſowie aus dem Portrait einer berühmten Tänzerin, das dieſelbe bei ihrer Anweſenheit einer Jeden vom Ballet zum Geſchenk gemacht hatte. In dem Zimmer befanden ſich zwei kleine Kinder, ein Mädchen von ſechs und ein Bübchen von vier Jahren, die zuſammen in dem kleinen Bette lagen— Clara's Stiefgeſchwiſter, und ihr und Clara's Vater, ein alter Mann, der an dem Schreibtiſche ſtand und im Begriffe war, ſich eine Feder zu ſchneiden, wobei er gerade den Kindern einige Ermahnungen zurief, da ſie nicht einſchlafen woll⸗ ten, ſondern ſich unruhig hin und her warfen. Clara. 5⁵ Als Clara in das Zimmer trat, wurde ein Weinen, das aus der Ecke kam, wo die kleine Bettlade ſtand, plötzlich unterdrückt. Der alte Mann trug einen langen blauen, fadenſcheinigen Rock, den er bis zum Halſe zugeknöpft hatte, gelbe Sommerhoſen, ob⸗ gleich es Winter war, und ein paar große, dicke Hauspantoffeln. Trotzdem er auf der Naſe eine Brille hatte, mußte er doch die Fin⸗ ger mit der Feder ganz nahe vor die Augen halten, um den Spalt abinixen zu können. „Seid nur ruhig, ſeid nur ruhig,“ ſagte er gegen das Bett gewendet;„eure Leiden ſind noch klein, theilweiſe eingebildet; ihr ſteigt den Berg aufwärts und könnt ſchon einigermaßen Mühſelig⸗ keiten ertragen, da ihr dereinſt Hoffnung auf eine ſchöne Ausſicht habt. Nebrigens kann ich euch wahrhaftig nicht helfen und ihr müßt ſchon warten, bis die Clara kommt, unſer aller Hort und Stern.“ Darauf erfolgte das Weinen, von dem wir oben geſprochen, und wurde unterdrückt beim Eintritt der jungen Tänzerin. „Ahl da iſt ſie ja!“ ſprach der alte Mann.„Grüß dich Gott, liebe Clara. Du kannſt auch jetzt wieder eine Troſtſpenderin ſein; die beiden kleinen Geſchöpfe da haben allerlei Kummer, den ſie dir anvertrauen werden.“ Bei dieſen Worten ließ er ſich auf das Kiſſen von geſtreiftem Zeug nieder, ſchob das Schreibpapier zurecht, murmelte:„Seite zweiundvierzig,“ und machte ſich wieder an ſeine Arbeit. Die beiden kleinen Kinder hatten ſich beim Eintritt der Schwe⸗ ſter aufrecht in ihr Bettchen geſetzt und ſchauten aufmerkſam und mit leuchtenden Augen allen Bewegungen derſelben zu, wie ſie ihr großes Tuch ablegte und ihre Pakete, und wie ſie darauf das Weißbrod auf den Tiſch unter dem Fenſter legte. Namentlich das letzte Manöver ſchien ihren vollen Beifall zu erringen, denn wäh⸗ rend das kleine Mädchen blos ihren Mund ſpitzte, ſagte der Knabe halblaut und mit lächelndem Geſicht und indem die Thränenfluth auf ſeinen Wangen plötzlich ſtockte:„Ein Brod! ein Brod!“ mnmmeb 56 Fünftes Kapitel. Clara trat an den Tiſch, wo ihr Vater emſig ſchrieb, und bot ihm einen guten Abend.„Biſt du noch immer am Schreiben?“ ſagte ſie.„Es iſt ſchon ſpät, Vater; du ſollteſt deine Augen ſchonen.“ 3 „Ei, mein liebes Kind,“ entgegnete heiter der alte Mann, „vor Thorſchluß oder vor dem Läuten der Abendglocke legt man nicht die Hände in den Schooß, es kommt ja nächſtens doch eine lange, lange Zeit, wo ich meine Augen ſchonen kann und muß, deßhalb will ich ſie jetzt noch ein Bischen gebrauchen.— Aber ſiehſt du, Clara,“ fuhr er ſich emporrichtend fort, indem er ſte feſt anſchaute,„in dieſem Moment mache ich von meinen Augen den mir liebſten Gebrauch.“ „Und welchen?“ fragte lachend die Tänzerin. „Dich anzuſehen, mein Kind; das iſt Troſt und Licht in mei⸗ nen Tagen. Heute Abend ſieht dein Kopf aus wie der einer Fürſtin, und wenn ich mein Bischen Phantaſie zuſammennehme, ſo könnte ich mir eine Zeit vorſtellen, wo du ein wirkliches Diadem trägſt und dieſe falſchen Brillanten in deinem Haar echt und von großem Werthe ſind.“ „Wenn ich je dergleichen wünſchte,“ verſetzte Clara, während ſie eine der weißen mageren Hände ihres Vaters nahm und ſie küßte,„ſo thäte ich es nur um deinetwillen. Welch' ſchönes Leben würden wir führen!— Aber warum haben die Kinder vorhin ge⸗ weint? Haben ſie dich geärgert, muß ich ſie zanken?“ „O nein! o nein!“ erwiderte der alte Mann,„ſie haben den Abend über recht artig geſpielt; ich habe mich ſelbſt an ihren Kin⸗ dereien ergötzt,“ ſetzte er mit einem faſt unmerklichen Seufzer hinzu, und lehnte ſich in den Stuhl zurück;„es iſt eigenthümlich, ſie haben ſich große Gaſtmahle zubereitet und von herrlichem Eſſen und Trinken geſprochen.“ „Während ihr zu Nacht geſpeist?“ „Das könnte ich eigentlich nicht ſagen,“ antwortete der Va⸗ — Clara. 57 ter.„Richtig, jetzt fällt mir etwas ein, was ich faſt ganz ver⸗ geſſen hätte.“ „Doch nicht, das Geld von dem Buchhändler holen zu laſſen?“ fragte ängſtlich das Mädchen. „O nein! den Verſuch habe ich wohl gemacht,“ entgegnete ſchmerzlich lächelnd der alte Mann;„aber der Herr Blaffer ſei nicht zu Hauſe, ſagte man mir.“ „Und darauf bekamt ihr kein Geld?“ „Natürlicher Weiſe,“ antwortete gutmüthig der Vater.„Wenn man nicht zu Hauſe iſt, kann man auch nicht bezahlen.“ „Und euer Nachteſſen?— Ich hatte das ſo gut angeordnet.“ „Ja, das hatteſt du, liebes Kind; aber der Menſch denkt, Gott lenkt, und wo nichts iſt, hat der Kaiſer ſein Recht verloren. Uebrigens hatte ich mich mit an den Phantaſieen der Kinder ge⸗ labt, und während wir gemeinſchaftlich ein ſchwarzes, ſehr gutes Brod aßen, träumten wir von Torten und Paſteten und allerlei köſtlichen Leckerbiſſen.“ „Halb und halb habe ich mir das gedacht,“ ſagte Clara, in⸗ dem ſie zu lächeln verſuchte,„und wenigſtens einiges Weißbrod mit nach Hauſe gebracht; ich will geſchwind zur Nachbarin gehen, ich ſah noch Licht, als ich die Treppen herauf kam, und will mir etwas Milch von ihr geben laſſen, dann mache ich euch in aller, Geſchwindigkeit eine koſtbare Suppe.“ Dieſe letzten Worte ſprach ſie mehr gegen das kleine Bettchen gewendet, worauf die Kinder ſie mit ſtrahlenden Blicken anſahen und mit dem Kopfe nickten; der kleine Bube ſtand ſogar auf, als Clara eilig das Zimmer verließ, und verſuchte es, ihr nachzu⸗ ſchauen, was einen äußerſt komiſchen Anblick gab, da ſeine Kehr⸗ ſeite nicht gehörig bekleidet war.. Der alte Mann hatte ſein Buch aufgeſchlagen, die Feder ein⸗ getunkt und fing wieder an emſig zu ſchreiben. Clara ging mit einigem Widerſtreben zu der Nachbarin, von Fünftes Kapitel. der ſie vorhin geſprochen. Es war dies eine Wittwe mit zwei Töchtern, von, wenigſtens äußerlich, ſehr frommem und gottesfürch⸗ tigem Lebenswandel; ſo verſäumte ſie für ihre Perſon faſt keinen Gottesdienſt, und wenn ein Buß⸗ und Bettag angeſetzt war, ſo ſchlich ſie zerknirſcht über die Straßen und man hätte darauf ſchwö⸗ ren ſollen, ſie, obgleich frei von eigenen Laſtern und groben Feh⸗ lern, habe ſich aus Barmherzigkeit eine tüchtige Sündenlaſt ihrer Mitmenſchen aufgeladen und helfe ſo aus chriſtlicher Liebe die all⸗ gemeine Verderbniß geduldig mittragen. Was ihre Töchter anbe⸗ langte, ſo gingen dieſe nur in die Garniſonskirche und nur Vor⸗ mittags von Zehn bis halb Zwölf, zur gleichen Zeit, wo auch fromme Soldaten, von gläubigen Lieutenants geführt, auf hohen und höchſten Befehl zum wohlgefälligen Wandel angehalten wurden. Die Wittwe mit ihrer Familie gehörte in die Klaſſe der„ver⸗ ſchämten Hausarmen,“ und wurde von Glaubensgenoſſen ſo reich⸗ lich unterſtützt, daß ſie alle ihre Zeit der Beſchaulichkeit zuwenden konnte und nicht viel zu arbeiten brauchte. Sechstes Kapitel. Die Familie mundel. Als Clara auf höfliches Anklopfen in das Zimmer trat, das, obgleich ebenfalls im vierten Stock, doch recht wohnlich und ange⸗ nehm eingerichtet war, drang ihr der angenehme Duft eines guten Nachteſſens entgegen, der von geröſteten Kartoffeln und Bratwür⸗ ſten herzurühren ſchien, ein kräftiger Geruch, welcher der müden Tänzerin einen einzigen und ſtillen Seufzer abpreßte. Die Wittwe hatte ſich eben zu Tiſch begeben und ſaß in einem guten Stuhle; Die Familie Wundel. 59 die eine ihrer Töchter hatte ebenfalls Platz genommen, die andere befand ſich noch vor dem Spiegel, um ihre Friſur wieder in Ord⸗ nung zu bringen, die durch Abnahme des Hutes einigermaßen Schaden gelitten. Das Zimmer war von einer lieblichen Wärme erfüllt, denn in dem Ofen krachte und praſſelte ein gutes Holz. „Ei, Fräulein Clara,“ ſagte die Wittwe, indem ſie die ergrif⸗ fene Gabel wieder niederlegte,„was verſchafft uns noch ſo ſpät das Vergnügen?“ „Ich wollte Sie nur frenndlichſt bitten, Madame Wundel,“ entgegnete das Mädchen,„mir mit ein wenig Milch auszuhelfen; die unſere iſt alle geworden und ich bin ſo ſpät aus dem Theater gekommen, daß der Laden im Nachbarhaus bereits geſchloſſen war.“ „So, ſo, Milch wollen Sie haben?“— Du lieber Gott! wenn wir nur ſelbſt noch etwas haben. Ich fürchte faſt, wir ha⸗ ben heute wieder alle zum Kaffee gebraucht.— Weißt du nicht, Emilie,“ wandte ſie ſich an ihre Tochter, die am Tiſche ſaß,„iſt noch etwas da?“ Hiebei hätte aber ein mehr argwöhniſcher Beobachter als die junge Tänzerin deutlich bemerken können, wie Madame Wundel leicht mit ihren Augen zwinkerte. Emilie, als gelehrige Tochter, verſtand übrigens dies Zeichen vollkommen, denn während ſie die Schüſſel mit den Bratwürſten an ſich zog, ſprach ſie mit dem ruhigſten Tone von der Welt:„es thut uns wahrhaftig leid, Fräulein Clara, aber wir haben nicht einen Tropfen Milch mehr im Hauſe.“ „Richtig, ich beſinne mich,“ bekräftigte die Wittwe und ergriff ihre Gabel wieder,„es iſt kein Tropfen mehr da.“ „Und ihr irrt euch alle Beide,“ verſetzte ruhig die andere Toch⸗ ter, die vor dem Spiegel ſtand und ſich nun herumdrehte,„man hat heute Abend zwei Töpfe gebracht, und wir können der Clara ſchon bis morgen einen davon geben.“ Madame Wundel preßte krampfhaft ihre Hand, in der ſie die 60 Sechstes Kapitel. Gabel hielt, zuſammen und ſandte ihrer jüngeren Tochter einen nichts weniger als liebevollen Blick zu.„Wie die es ſo genau weiß!“ ſagte ſie alsdann.„So ſieh' du nach, Emilie. Wenn Milch da iſt, ſo ſteht ſie mit Vergnügen zu Dienſten.“ Emilie ſtieß die Schüſſel etwas ärgerlich zurück, und ſprang auf, um in die Nebenkammer zu gehen. Die arme Tänzerin ſtand wie auf Kohlen, denn trotz ihres argloſen Gemüthes fing ſie doch an, die fatalen Hin⸗ und Herreden ſowie die finſtere Miene der Madame Wundel zu begreifen. Die jüngere Tochter hatte ſich unterdeſſen an den Tiſch geſetzt und ſchien durchaus nicht von dem Blick der Mutter eingeſchüchtert zu ſein.—„Ich habe Ihnen auch noch meine Complimente zu machen,“ ſagte ſie ruhig zu Clara,„Sie haben heute Abend vor⸗ trefflich getanzt und ſehr ſchön ausgeſehen.“ Auf dieſe unvorſichtigen Worte ſtieß die würdige, aber vorſich⸗ tige Mutter ihre aufrichtige Tochter unter dem Tiſche ſo derb mit dem Fuße, daß dieſe zuſammenzuckte. „Sie waren alſo im Theater?“ fragte die Tänzerin, welche dieſen Ausbruch mütterlichen Gefühls nicht bemerkt hatte.„Ja, ich glaube, es iſt ein ſchönes Ballet; wir können das freilich nie genau ſagen, weil wir mitwirken, aber es wurde viel applaudirt. — Gehen Sie öfters in's Theater?“ „Sie geht zuweilen hin, natürlich höchſt ſelten,“ erwiderte Madame Wundel mit einem Ausdrucke ſittlicher Entrüſtung auf dem Geſichte.„Was wollen Sie? Jugend hat nicht Tugend. Ich und meine ältere Tochter betreten nie das Theatergebäude— nie⸗ mals; der Herr ſoll mich bewahren!“ „Es iſt aber doch ein angenehmes Vergnügen,“ ſagte Clara, um Etwas zu erwidern, mit einem unruhigen Blick auf das Nebenzimmer, denn ſie hörte dort ein ſtarkes und verdächtiges Plätſchern. Madame Wundel lehnte ſich in ihren Stuhl zurück und zuckte Die Familie Wundel. 61 die Achſeln, während ſie gen Himmel blickte.„Es wohnt in der Nachbarſchaft eine chriſtliche Familie,“ verſetzte ſie,„die zuweilen Billete geſchenkt erhält, und da bietet man hie und da meiner Tochter eines an. Sie können denken, daß es mir Kummer ver⸗ urſacht, aber was will ich machen? Es iſt traurig, aber wahr, daß trotz der größten Ermahnungen bei manchem Menſchen die Gnade nicht zum Durchbruch kommen will.“ In dieſem Augenblicke trat Emilie Wundel mit dem erſehnten Topfe aus dem Nebenzimmer, Clara empfing ihn dankend, verſprach auf morgen Früh die Wiedererſtattung und verließ das Zimmer. Wir können dem geneigten Leſer nicht verſchweigen, daß das Abendbrod dieſer verſchämten Hausarmen, beſtehend aus geröſteten Kartoffeln und Bratwurſt, wozu noch etwas Bier getrunken wurde, nicht ohne einige Streitigkeiten vorüberging. Von der älteren wurde die jüngere Tochter mit einer wahren Verachtung behandelt und Madame Wundel meinte, ihre Letztgeborene ſei und bleibe nun einmal eine koloſſale Gans, und es hätte ſie wahrhaftig gar nicht gewundert, wenn ſie vorhin noch hinzugeſetzt hätte, das Theater⸗ billet ſei nicht geſchenkt, ſondern gekauft worden,— was denn auch leider der Wahrheit ſehr nahe gekommen wäre. Unterdeſſen hatte im gegenüberliegenden Zimmer der alte Mann fleißig darauf losgeſchrieben und der kleine Knabe ſtand hartnäckig an ſeinem Bettchen aufrecht, obgleich ihn ſein entblöß⸗ tes Hintertheil in dem kühlen Zimmer einigermaßen fror. Es war aber auch kein Wunder, daß der kleine Mann ſeine Naſe beharrlich nach der Gegend hindrehte, wo die Schweſter verſchwunden war. Es kam nämlich aus dem Zimmer der Wittwe Wundel jener ange⸗ nehme Geruch, von dem wir vorhin geſprochen, und der, ſo ſchwach er herüberdrang, doch von dem Bübchen gleich entdeckt wurde. Kleine arme und hungrige Kinder haben eine gar feine Naſe. „Du,“ ſagte der Knabe zu ſeiner Schweſter,„Clara bringt uns was Gutes zum Eſſen.“ 62 Sechstes Kapitel. „Sie wird nichts mitbringen,“ entgegnete das verſtändigere Mädchen. „Aber ich rieche was, und was Gebratenes. Bekomm ich nichts davon?“ „Nein, davon kriegſt du nichts; das iſt für andere Leute, die es gekauft und gekocht haben.“ „Ihr ſeid recht dumm,“ antwortete das Bübchen;„warum kauft ihr nicht auch etwas und kocht es uns? Dann könnten wir es eſſen; denn wenn ihr etwas kauft und uns bratet, ſo gehört es uns und nicht anderen Leuten.“ Der alte Mann, der ebenfalls durch den Geruch aufmerkſam geworden war, erhob ſeinen Kopf und ſagte lächelnd:„das Kind ſpricht ſehr logiſch; ſeine Folgerungen ſind ganz richtig; nur ruht ſeine Theſis auf ſchwachen Füßen.“ „Komm herab in's Bett,“ ſprach das Mädchen, als drüben abermals die Thüre aufging;„du wirſt dich erkälten, und wenn dich Clara ſo blos daſtehen ſieht, ſo zankt ſie mit mir.“ Jetzt kam die Tänzerin mit ihrem Milchtopf zurück. Die beiden Kinder ſchauten vergnügt empor, das Bübchen klatſchte in ſeine kleinen Hände und rief:„ſiehſt du, jetzt kommt das Gebratene.“ „Nein, nein, es iſt nichts Gebratenes,“ entgegnete lachend die ältere Schweſter,„aber was viel Beſſeres. Jetzt mache ich eine Milchſuppe mit Brocken darin, und ihr ſollt ſehen, wie das ſchmeckt!“ „O laß mich zuſehen, wie du es machſt!“ ſagte das Bübchen. „Bitte, Clara, laß mich zuſehen!“ „Aber es wird dich frieren im Zimmer.“ „O, es thut nichts, wenn es mich friert; ich friere gern, wenn ich nur zuſehen darf.“ „Aber dann bekommſt du einen Huſten,“ erwiderte Clara, während ſie den Topf mit Milch in die verglimmenden Kohlen ſtellte,„und wirſt krank werden.“ 7 Die Familie Wundel. 63 „Das thut nichts,“ entgegnete entſchloſſen der Knabe,„wenn ich zuſehen darf, bekomme ich gern einen Huſten und werde auch gerne krank.“ „Nun meinetwegen;“ verſetzte die gutmüthige Schweſter,„dann könnt ihr helfen das Brod einſchneiden. Aber vorher muß ich dir ein Röckchen anziehen und Strümpfe.“ Und darauf nahm ſie den kleinen Bruder aus dem Bette, legte ein Kiſſen auf die Kommode und ſetzte ihn darauf. Das größere Mädchen zog ſich allein an. Wie war das Bübchen ſo froh, als es die Hoffnung hatte, zu⸗— ſehen zu dürfen, wie die Milchſuppe eingebrockt wurde. Er ſc=hlaag ſeine beiden Aermchen der Schweſter um den Hals, drückte ſein rundes Geſicht feſt auf ihre ſchwellenden Lippen und ſagte:„du biſt die allerbeſte Clara, und ich habe dich lieb— ſo viel und ſo groß wie— wie— ein ganz großes Haus.“— Nachdem der Knabe hinreichend bekleidet war, um die kühle Temperatur in dem Zim⸗ mer aushalten zu können, zu welchem Zweck ihm die Schweſter noch ein großes wollenes Tuch um ſeine Füße ſchlang, wurde er auf den Tiſch geſetzt, an welchem die jüngere Schweſter bereits auf einem Stuhle ſtand, nachdem ſie eine große irdene Suppen⸗ ſchüſſel herbeigeſchleppt. Die junge Tänzerin nahm die Milch von den Kohlen, und als ſie ſolche in die Schüſſel goß, bemerkte ſie an der bläulichen Farbe derſelben, daß es nicht räthlich ſei, um eine größere Menge zu erzielen, noch etwas Waſſer zuzuſetzen; dies Geſchäft hatte Mamſell Wundel im Nebenzimmer bereits gehörig ſelbſt verſehen. „Mir ſcheint,“ ſagte der alte Mann an ſeinem Schreibtiſch, indem er ſeine Feder einen Augenblick anhielt und durch die Brille nach dem Tiſche ſchaute,„wir bekommen noch ein Nachteſſen. Ei, ei! das iſt, obgleich Verſchwendung, doch ſehr wohlthätig. Auch trifft das prächtig mit meiner Arbeit hier zuſammen; ich überſetze 8 auch gerade ein Souper in Onkel Tom’s Hütte, und es iſt ſonder⸗ / 64 Sechstes Kapitel. bar, wenn ich von Eſſen und Trinken ſchreibe, da bekomme ich einen ſtärkeren Appetit.“ „Mir geht'’s auch ſo, Papa,“ antwortete Clara, wobei ſie lachend herum ſchaute.„Wenn ich zum Beiſpiel in einem Luſtſpiele bin und ſie fangen auf der Bühne an zu eſſen und zu trinken, da könnte Einem das Waſſer im Munde zuſammenlaufen; und es geht nicht allein mir ſo: Alle, die um mich herum ſitzen, haben begehr⸗ liche Augen und machen ſpitze Mäuler,— wie du, du kleiner Freſſer.“ Damit patſchte ſie dem Bübchen mit dem Löffel um den Mund, was dieſer aber gar nicht übel zu nehmen ſchien, ſondern die herabrinnenden Tropfen begierig ableckte. Der Vater hatte ſeine Feder niedergelegt, die Brille abgelegt und wiſchte ſich die trübe werdenden Augen. „Dieſes Innere von Onkel Tom's Hütte,“ ſagte er nach einer Pauſe,„iſt als recht komfortable geſchildert und kommt Einem gar nicht ſo unrecht vor; es iſt ein anſtändiges, feſtes Gebände mit einem kleinen Garten davor; auf dem Herde lodert ein Feuer und verbreitet in dem Zimmer eine behagliche Wärme.“— Er ſprach das mit leiſer Stimme und mehr zu ſich ſelber. Clara ſchien auch nicht darauf zu achten, denn ſie wandte ſich in dieſem Augenblick zu ihrer kleinen Schweſter und ſagte zu ihr: „aber warum haſt du es hier in dem Zimmer ſo kalt werden laſſen? So kann der arme Papa ja nicht ſchreiben; ſeine Finger müſſen ihm ganz ſtarr werden.“ „Schon die Idee eines Kamins hat etwas höchſt Behagliches,“ fuhr der alte Mann fort, indem er ſich die Hände rieb;„man ſieht in die ſpielenden Flammen, man ſtellt ſich behaglich davor hin und dreht die mächtigen Holzblöcke mit der Zange herum.“ „Ich hätte gern Holz nachgelegt,“ entgegnete das kleine Mäd⸗ chen,„aber Papa hat ſelbſt zugeſehen und meinte, wir müſſen noch acht Tage lang mit auskommen, ehe du neues kaufen könnteſt, und wenn man da zuviel brauche, werde es nicht langen.“ Die Familie Wundel. 6⁵ „Ich begreife nur nicht,“ ſprach Clara,„du biſt doch ſchon ſo ein erwachſenes und vernünftiges Mädchen, daß du nicht früher zur Madame Wundel gegangen und ſie um etwas Milch gebeten haſt; ſie hätte es dir auch nicht abgeſchlagen. Da muß man nach⸗ denken, mein Kind; ihr hättet ſchon um acht Uhr eure Milchſuppe eſſen können, und nun habt ihr bis jetzt gehungert.“ „Es war noch ein Stück Brod in der Schublade,“ erwiderte die jüngere Schweſter,„und das haben wir drei gegeſſen.“ Der alte Mann ſchaute träumeriſch an die Decke empor und ſagte:„Tante Cloe ſteht am Küchenfeuer und aus ihrer Brat⸗ pfanne hervor dringt der Geruch von was Gutem; ſie hat eben noch ein Stück Speck hineingethan und bemerkt, daß der Kuchen ſich wunderſchön färbt, daß er ſich zu einem prächtigen Braun anläßt: darauf hebt ſie den Deckel der Backpfanne weg und läßt einen ſchöngebackenen Pfundkuchen ſehen, deſſen ſich kein ſtädtiſcher Zuckerbäcker zu ſchämen gebraucht hätte.— Ah!“ fuhr er mit lau⸗ terer Stimme fort,„es iſt etwas ſehr Vortreffliches um ſo einen Kuchen.“ Bei dem Worte Kuchen wandte das Bübchen raſch den Kopf herum und ſeine Theilnahme für die Milchſuppe wurde augenſchein⸗ lich geringer. „Der Papa ſpricht von Kuchen,“ ſagte die kleine Schweſter zu Clara;„haben wir vielleicht welchen?“ „O nein!“ entgegnete die Tänzerin in bitterem Tone.„Papa ſpricht nur Einiges vor ſich hin aus dem Negerleben von Amerika.“ Das Bübchen aber gab ſich nicht ſo leicht zufrieden, ſondern es wandte den Kopf herum und rief laut:„haſt du Kuchen, Papa? Du haſt was von Kuchen geſagt?“ „Ich habe eigentlich nur laut gedacht,“ verſetzte der alte Mann mit einem trüben Lächeln;„ich hatte vorhin geleſen von den armen Negerſklaven— 3 „Die Kuchen eſſen?“ fragte das Mädchen. Hackländers Werke. XVI. 5 66 Sechstes Kapitel. „Allerdings, mein Kind,“ ſagte der Vater träumeriſch,„die Ku⸗ chen eſſen und ein warmes behagliches Zimmer haben.“ Dabei rieb er ſich die Hände und zog den alten fadenſcheinigen Ueberrock feſter um ſeine Schultern. „Ah!“ antwortete das kleine Mädchen, indem ſie ihren Kopf auf die Hände ſtützte und in die dünne Milchſuppe ſchaute,„wenn ſie Kuchen eſſen, ſo ſind ſie ja nicht arm.— Wir haben keinen Kuchen zu eſſen und oft kein warmes Zimmer; alſo ſind wir auf jeden Fall noch viel ſchlimmer daran.“ „Das Kind hat in mancher Beziehung nicht unrecht,“ ſprach kummervoll der alte Mann, indem er ſeinen Blick umherlaufen ließ auf den kahlen Wänden ſeiner Wohnung, auf den ärmlichen Mö⸗ beln und Betten, und ihn dann auf die kleine Schüſſel voll Milch heftete, in welche zwei Kreuzerbrode gebrockt waren, und die ein vollſtändiges Abendeſſen abgeben ſollte für vier Perſonen, die bis Abends zehn Uhr gefaſtet.—— „So, jetzt iſt es angerichtet!“ rief die Tänzerin mit luſtiger Stimme. Sie wollte dadurch alle trüben Gedanken verſcheuchen. „Jetzt laß deine Schreiberei ſein, Papa, und komm' zu Tiſch.“ „Das reicht ja kaum für euch aus,“ entgegnete dieſer,„eßt nur, eßt nur, ich ſchreibe noch.“ Doch blickte er, ſeinen eigenen Worten widerſtreitend, ſehn⸗ ſüchtig nach dem Tiſche, und als das kleine Mädchen ihm entgegen⸗ lief und ihn bei der Hand fortzog, brauchte ſie gar keine Kraft an⸗ zuwenden, um ihn bis an die Milchſchüſſel zu bringen.. Die Familie ſetzte ſich um den Tiſch herum; Jedes hatte ſei⸗ nen Löffel ergriffen, doch ehe das Abendeſſen eigentlich begann, mußte ſich das Bübchen entſchließen, ſein gewöhnliches Tiſchgebet herzuſagen. Es faltete die Hände und ſprach: „Komm, Herr Jeſu, ſei unſer Gaſt, und ſegne was ich be⸗ ſcheeret hab.“ Es war dies ein Sprachfehler, den man ihm trotz aller ange⸗ Die Familie Wundel. 67 wandten Mühe nicht abgewöhnt hatte, und den er ſich heute Abend vollends nicht verbeſſern ließ, denn ſeine ganze Seele ſchwamm in der Milchſchüſſel. So ging nun das Nachteſſen vor ſich, und die kleine Familie beim flackernden Scheine der Talgkerze wäre in ihrer Zuſammen⸗ ſtellung ein kleines, herrliches Genrebild geworden. Der alte Mann mit dem wohlwollenden, freundlichen Geſichte, der nur mit großen Zwiſchenpauſen aß, die junge ſchöne Tänzerin in dem ärmlichen Kleidchen, das volle ſchwarze Haar aber friſirt wie eine Fürſtin und aus demſelben hervor zahlloſe falſche Brillanten blitzend. Sie be⸗ hauptete, faſt gar keinen Hunger zu haben, und ſchaute mit dem liebenden Blick einer jungen Mutter den beiden kleinen Geſchwiſtern zu, die eine Wette eingegangen zu haben ſchienen, wer von ihnen zuerſt anf den Grund der Suppenſchüſſel gelange. Wir müſſen geſtehen, daß ſich das Bübchen am Tapferſten hielt, namentlich aber viel Milch ſchlürfte und die Brocken mehr oder weniger verſchmähte. Doch iſt hiebei nicht zu überſehen, daß es von dem Stück Brod vor ein paar Stunden das größte Drittel erhalten. „Karl, Karl!“ ſagte Clara, die ihm lächelnd zuſah,„du ver⸗ gißſt wieder ganz die Geſchichte von dem Kind und der Eidechſe. Das mußt du ihm erzählen, Marie.“ Und darauf ſprach die kleine verſtändige Schweſter:„das Kind ſaß vor der Hausthüre und hatte ein Schüſſelchen mit Milchſuppe vor ſich ſtehen, da kam die Eidechſe und aß mit, aber die Eidechſe trank blos die Milch und ließ die Brocken liegen, da nahm endlich das Kind ſein Löffelchen, ſchlug das Thier auf die Schnauze und rief:„wenn du mithalten willſt, ſo iß auch Brocken, du Ding!“ „So iß auch Brocken, du Ding!“ wiederholte Clara und ſchlug den kleinen Bruder zum Scherz abermals mit dem Löffel auf ſei⸗ nen milchtriefenden Mund, worüber dieſer in ein unauslöſchliches Gelächter ausbrach, ſo daß er faſt an einem Brocken, den er gehor⸗ ſam zu ſich genommen, erſtickt wäre, 68 Sechstes Kapitel. Jetzt war die Milch faſt verzehrt und es blieb auf dem Grunde der Schüſſel nur eine kleine bläuliche Fluth. „Seht ihr wohl,“ rief plötzlich das Bübchen mit großem Ernſt: „ihr alle habt wieder nicht an die arme Anna gedacht. Soll ſie denn gar Uichts zu eſſen bekommen?“— Er meinte damit die kleine todte Schweſter, die draußen im Vorzimmer lag und den ewigen Schlaf ſchlief. „Sie will nichts mehr eſſen,“ ſagte Marie;„ſie iſt ja geſtor⸗ ben und jetzt im Himmel.“ 3 Clara, die trotz ihrer Beſchäftigung den ganzen Abend an die Verſtorbene gedacht, die aber durch ihre Erwähnung den Schmerz des alten Mannes nicht vermehren wollte, zwinkerte leicht mit den Augen und blickte ihren Vater von der Seite an. Dieſer hatte, wie ſchon bemerkt, faſt gar nichts gegeſſen und ſaß ſchon lange da mit gefalteten Händen. Denn wenn er auch im Drange der Arbeit nicht ſo innig an das Kind gedacht, ſo ſiel ihm die Erinnerung an daſſelbe jetzt doppelt ſchmerzlich auf die Seele, als er nun am Tiſche den leeren Platz ſah, wo ſonſt die kleine Anna auf ihrem Stühlchen geſeſſen. Er ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſeine Augen funkelten auf eine ganz eigenthümliche Art. „Die Anna iſt nicht im Himmel,“ ſagte entſchieden das Büb⸗ chen;„wie kann ſie im Himmel ſein, da ſie draußen auf dem Kiſ⸗ ſen liegt? Sie kommt erſt in den Himmel, wenn ſie begraben iſt, und das geſchieht morgen.“ „Schon morgen?“ verſetzte der alte Mann und ſah ſeine ältere Tochter fragend an.—„Du haſt Alles beſorgt, nicht wahr, Clara?“ „Alles ſo gut wie möglich,“ erwiderte die Tänzerin;„und wenn die beiden Kinder brav ſein wollen, ſo zeige ich ihnen das Kleidchen, in welchem die Anna ein Engelein wird.“ Sie ſtand auf, um das kleine Paket zu holen, blieb aber an der Kommode länger als nöthig war ſtehen, um ihre hervorſtürzen⸗ Die Familie Wundel. 69 den Thränen, namentlich vor den beiden Kindern, zu verbergen. Da aber dieſe endlich ungeduldig wurden, ſo mußte ſie wieder kom⸗ men und ihnen das Kleidchen zeigen. Nachdem ſie den Tiſch ab⸗ geräumt, ſchlug ſie das Tuch auseinander und breitete es vor ihnen aus. „Das iſt ſchön,“ ſagte der Knabe;„ich möchte das Kleidchen wohl einmal anprobiren, mir müßte es recht gut ſtehen.“ „Warte nur, Karl,“ entgegnete ernſt der Vater, indem er mit der Hand über die Augen fuhr,„einem ſolchen Kleide entgehſt du nicht; wenn du aber recht brav und folgſam biſt, ſo möge der liebe Gott gnädigſt bewilligen, daß du eins bekommſt, das noch viermal ſo lang iſt.“ „Mir wäre dies ſchon recht,“ antwortete das Bübchen, wobei es die rothen Schleifen durch die Finger gleiten ließ,„das iſt wirk⸗ lich ſchön.— Und du haſt es ganz ſelbſt gemacht?“ fragte er die ältere Schweſter. „So ſchönes rothes Band!“ ſagte Marie.„Das ſieht doch beſſer aus als die ſchwarzen Schleifen.“ „Ja, ja, es iſt freundlicher,“ verſetzte der Vater.—„Wo haſt du denn das Band noch aufgefunden?“ „Die im Theater haben es mir gegeben,“ erwiderte Clara, „und es hat mich recht gefreut, daß ſie ſo viel Antheil nahmen.“ „Es iſt ſonderbar,“ ſprach lächelnd der alte Mann„„wie die Dinge in dieſer Welt ſo ſeltſam ihren Platz wechſeln. Dies rothe Band, das vielleicht noch geſtern in den Haaren einer Tänzerin ge⸗ flattert, kommt nun morgen in die kühle Erde. Aber es iſt ſchön, daß ſie dir ſo geholfen, es freut mich; und wenn mein Kind in den Himmel einſchwebt, ſo werden ihnen dieſe Schleifen dort oben keine üble Nachrede machen.— Amen!“—— „Amen!“ wiederholte auch Clara, und dann ſetzte ſie mit ge⸗ waltſam verändertem Tone hinzu:„Aber jetzt, Kinder, zu Bett! Ihr habt gegeſſen und getrunken und könnt nun ruhig ſchlafen.“ Sechstes Kapitel. Dabei lächelte ſie durch ihre Thränen und ſagte zu dem Bübchen: „Gaislein, biſt du ſatt?“ Worauf der Knabe lachend erwiderte: „Oh! wo ſollt ich ſatt von ſein? Ich ſprang über ein Gräbelein Und fand kaum ein Blättelein. Aber ich bin ſchläfrig und bitte dich, liebe Clara, mich zu Bett zu legen.“ Dies geſchah denn auch; Clara lockerte zuerſt die dünnen Kiſ⸗ ſen in dem Bett, dann zog ſie die Kinder aus und legte ſie hinein. Sie krochen dicht an einander hin, um ſich zu erwärmen und die ältere Schweſter deckte zu dem gleichen Zweck noch einen wollenen Rock über ſie hin. Danu ſprachen die Kleinen zu ihrem Spaſſe den Spruch von vorhin ein paar Mal gegenſeitig und entſchliefen bald unter Lachen und Scherzen. Siebentes Kapitel. Sklavenleben. Der Vater ſetzte ſich an den Schreibtiſch, um noch einen an⸗ gefangenen Bogen zu vollenden, und die Tänzerin zündete eine Lampe an, nahm das Kleidchen und den Kranz von Orangenblü⸗ then und ging in's Vorzimmer.— Hier lag das todte Schweſter⸗ chen auf einem weißen Kiſſen und war mit einem Tuche zugedeckt. Als Clara dieſes Tuch wegzog, durchſchauerte es ſie leicht, und als ſie darauf das Kind betrachtete, rollte eine Thräue um die andere aus ihrem Auge. Es lag da ſo ruhig als ob es ſchliefe, Sklavenleben. 71 die Augen halb geöffnet, die Händchen über der Bruſt gefaltet. Daß es wirklich todt war, ſah man nur an der gelblichweißen Ge⸗ ſichtsfarbe, an der glanzloſen Haut und an einem ſchmerzlichen Zug, der um den zuſammengepreßten Mund und das ſpitzige Näs⸗ chen ſpielte, und man fühlte das, wenn man, wie Clara es that, das warme lebensfriſche Geſicht an die bleichen Lippen des Kindes drückte und dann jene eiſige ſonderbare Kälte empfand,jene Kälte, die mit nichts Anderem zu vergleichen iſt; jene Kälte, welche die unerbittliche Hand des Todes zurückläßt. Clara deckte das Kleidchen mit den rothen Schleifen über ihre kleine Schweſter hin, legte den Blumenkranz auf ihr Haupt und ſank dann vor der Kleinen auf die Knie. Das Kind hatte viel gelitten und war in herben Schmerzen geſtorben. Vor dem inneren Auge der Tänzerin gingen Stunde um Stunde die zwei kummer⸗ vollen Jahre vorüber, welche dies arme Kind durchlebt und welche Clara mit ihm geduldet und gelitten. Das war eine harte Zeit geweſen ſeit der Geburt der kleinen Anna. Ihre Mutter, Clara's Stiefmutter, war wenige Tage nach der Geburt des kleinen Kindes geſtorben und die Tänzerin hatte es aufgezogen als wäre es ihr eigenes. Ah! ſie liebte das arme kränkliche Geſchöpf mehr als Alles in der Welt. Sie hing in ſeinen Leiden inniger an ihm, als an dem Vater und den anderen Geſchwiſtern; es war ihr Ei⸗ genthum, ſie hatte es ſich erobert durch die unermüdlichſte Sorg⸗ falt, durch unzählige Nachtwachen. Ein halbes Jahr nach der Geburt hatte der Hausarzt geſagt: es iſt ein Wunder, Fräulein Clara, daß Sie mit Gottes Hülfe das Kind durchgebracht haben. — Ja, es lebte, es gedieh, und das junge Mädchen ſah mit Ent⸗ zücken, wie es ſtärker und kräftiger wurde, wie es eines Tags zum erſten Mal lächelte, wie es endlich Mama zu ihr ſagte, dann lange Unterredungen mit ihr hielt, aber in unartikulirten Tönen, nur ihr allein verſtändlich———— Und doch mußte es ſterben! Wie hatte ſie dem Tode dieſe Beute ſtreitig gemacht! Wie hatte Siebentes Kapitel. ſie Tag und Nacht über ſeinem Lager gewacht, am Morgen ſeinen erſten Blick empfangen, am Abend ſeinen letzten! Wie war ſie athemlos die vier Treppen hinaufgerannt, um hineintretend zu fragen:„was macht das Kind?— Da endlich überfiel es eine neue Krankheit, und ſchon nach wenigen Tagen ging ſein Athem ſchnell und ſchwer, ſanken ſeine Augen ein und wurden Mund und Naſe ſpitzig. Wenn ſich auch Clara überreden wollte, das ſeien nur vorübergehende Symptome, und wenn ſie auch an jedem Abend die ganze Familie an das Bettchen führte und fragte:„nicht wahr, heute geht's mit der Anna beſſer? ihre Augen ſind lebhafter, ihr Athem leichter,“ ſo ſchüttelte doch der Hausarzt den Kopf, und der verzweifelte Blick, mit dem die junge Tänzerin an ſeinen Lippen hing, verhinderte ihn mehrere Tage, die Wahrheit zu ſagen. Endlich aber mußte er doch eingeſtehen, daß alle Hoffnung vergebens ſei.— An dem Tage war gerade ein neues Ballet, und Clara mußte tanzen und luſtig ſein; aber im Zwiſchenakte ſtahl ſie ſich von der Bühne weg und ging an eine kleine Thüre, welche auf die erſte Gallerie führte, und dort wartete ſie, bis der Leibarzt des Königs ſeine Loge verließ. Das war ein alter freundlicher Herr, und als er vorbeigehen wollte, hatte ſie ſich ihm beinahe zu Füßen ge⸗ worfen, auch konnte ſie lange vor ihren Thränen nicht ſprechen. Dem Arzte erſchien es natürlich ſonderbar, hier von der glänzend gekleideten, aber weinenden Tänzerin augehalten zu werden, doch da er ihr ein paar liebevolle Worte ſagte, ſo war Clara bald im Stande, ihm ihr Leid mitzutheilen. Er verſprach nach dem Kinde zu ſehen und kam auch noch an demſelben Abend zum Erſtaunen ſämmtlicher Hausbewohner, die ſeinen Wagen anfahren hörten. Doch zuckte er ebenſogut die Achſeln wie der Hausarzt, und nach⸗ dem er das Kind einige Minuten angeſchaut, auch ſich nach den Vorgängen erkundigt, tröſtete er das Mädchen ſo gut er konnte und ſagte richtig voraus, das kleine Kind werde die Nacht nicht Sklavenleben. 73 überleben.—— Am andern Morgen war es todt. In Clara's Leben entſtand eine große Lücke; ſie ſah vor ſich ein weites, graues Feld, in deſſen Mittelpunkte das todte Kind ſchwebte, das langſam vor ihren Augen verſank.— Das Alles überdachte ſie in der heutigen Nacht, und all' die Tage, welche das Kind gelebt, gingen in einem ſtillen Gebete vor ihrem Geiſt vorüber. Endlich erhob ſie ſich wieder, deckte das Tuch über das weiße Geſicht der Kleinen, nachdem ſie daſſelbe vor⸗ her noch mit ihren Küſſen und Thränen bedeckt; dann ging ſie gefaßter in das Wohnzimmer zurück. Der alte Mann ſchien eben ſeine Arbeit für heute Nacht be⸗ endigt zu haben, er klappte das Buch, aus welchem er überſetzte, zu, und legte die Feder darauf hin; dann lehnte er ſich in ſeinen Stuhl zurück und ſah nachdenkend vor ſich hin. Clara, welche noch keinen Schlaf verſpürte, ſetzte ſich ihm gegenüber und bedeckte ihre rothgeweinten Augen mit der Hand. „Das Buch iſt ein eigenes Stück Arbeit,“ ſagte der Vater, „wohl für Amerika berechnet, namentlich jene Diſtrikte, wo man Sklaven hält oder für deren Abſchaffung alle möglichen Schritte thut. Wie es aber mit ſeinem gewiß vielfach übertriebenen und eingebildeten Elend bei uns ſo großes Aufſehen machen konnte, iſt mir nur dadurch erklärlich, wenn ich überhaupt unſere kindiſche Sucht nach Fremdem ins Auge faſſe, oder eine Art wollüſtig kitzelnder Grauſamkeit annehme, mit der man nach weit entfernten fremden Leiden ſchaut, da man nicht den Muth hat, das Auge auf den eigenen Weg vor ſich zu ſenken, um hier eine ungleich härtere Sklaverei zu entdecken, tieferen Jammer, größeres Elend.“ „Glaubſt du das wirklich, Vater?“ fragte nachdenkend Clara, die an jene Unterredung auf der Bühne dachte. „Ob ich es glaube, mein Kind!“ entgegnete finſter der alte Mann.„Fragſt du mich das im Ernſt? Blick doch zunächſt auf uus Alle, auf dich ſelbſt. Sieh doche wie es uns bei angeſtreng⸗ 74 Siebentes Kapitel. tem Fleiß, bei der größten Thätigkeit nicht möglich iſt, unſere kümmerliche Lage zu ändern; ſieh doch zu, wie ich mich hier bis Mitternacht mit meiner Feder abmühe, und ohne deine Hülfe, mein gutes Kind, doch nicht im Stande wäre, ausreichend für unſern nothdürftigen Unterhalt zu ſorgen.“ „Es iſt wahr, Vater, es iſt ſehr wahr.“ „Jener Onkel Tom zum Beiſpiel iſt glücklich gegen mich zu nennen; er iſt ein Sklave geboren, und konnte, ich gebe zu, daß es ſehr traurig iſt, von einem Tage auf den anderen gewärtigen, was ihm endlich zugeſtoßen. Und wenn nun dieſe Geſchichte wirk⸗ lich wahr, wenn ſolche Grauſamkeiten dort jenſeits der Meere ver⸗ übt werden, ſo haben ſeine Leidensgenoſſen das Mitleid aller Nationen für ſich; man beklagt ihr Daſein, man bejammert ihr Schickſal, man thut durch Wort und Schrift, was man kann für Erleichterung des Looſes jener ſchwarzen Sklaven, während man dagegen zu Hauſe wieder Alles thut, um uns recht hinabzudrücken, recht den Fuß auf den Nacken zu ſetzen, uns, den weißen Sklaven der Armuth und Geburt.—— Die Verfaſſerin,“ fuhr der alte Mann nach einer Pauſe fort,„eine Amerikanerin, Augenzeuge des von ihr geſchilderten Sklavenlebens, hatte gewiß die ſchönſte und lobenswertheſte Abſicht. Glaubſt du vielleicht, mein Kind, daß der Gedanke, Etwas zur Beglückung jenes gedrückten Theiles des Menſchengeſchlechtes beizutragen, die zahlloſen Buchhändler in un⸗ ſeren damit und mit ſo vielem Anderem geſegneten deutſchen Lan⸗ den vermocht hat, das Publikum mit Onkel Tom's Hütten zu über⸗ ſchwemmen, in Wort und Bild, in Geſängen und Theaterſtücken?— Glaubſt du das?— Ich nicht! Ich habe von einem gehört, der ſeinen Enthuſiasmus ſo weit trieb, daß er ſeine ſämmtlichen Zim⸗ mer mit Schilderungen aus jenem Negerleben ausſchmückte, in übermäßiger Freude, daß er endlich etwas gefnnden, was in den jetzt intereſſeloſen Zeiten nach ſeinem Ausdrucke zieht. Tritt doch hin vor dieſen— geiſtigen Sklavenhändler, der dir die Arbeit, Sklavenleben. 75 ₰ ruheloſer Tage und ſchlafloſen Nächte, der dir ein Stück deines Inneren, das du ihn geſchrieben anbieteſt, abfeilſcht, ja abjaunert, der dir ein paar magere Kreuzer hinwirft für dein beſtes Herzblut; — tritt doch vor ihn hin und ſage ihm, du habeſt auch eine Eliſe gefunden, deren Mann, ein fleißiger Mann, ſich von ihr und ihrem Kinde trennen müſſe und weit über'’s Meer fliehen, weil er hier kein Brod für ſich und die Seinen mehr findet. Der hieſige Georg iſt freilich kein Sklave, und ſein Weib und ſein Kind ſind bei keiner guten Herrſchaft, die ſie aufs Freundlichſte pflegt, aufs Beſte erhält, die ihr Hülfe verſpricht und in guten tief gefühlten Worten Troſt ſpendet. O nein, mein Kind, die hieſige Eliſe, ob⸗ gleich auch einſtens ſchön, jung und blühend, iſt nun nach wenigen Jahren ein armes, verkümmertes Weib geworden und ſitzt auf einer ungeheizten Bodenkammer mit ein paar traurigen Geſellſchaftern, dem Hunger und der Kälte; und dazu pfeift der Wind höhnend durch die Riſſe des Daches; ſie ſelbſt friert gern und muß ja frie⸗ ren, denn in ihren letzten warmen Rock hat ſie ihr Kind gewickelt und es ſchlummert nun leiſe an ihrer Bruſt, und wenn es auch zuweilen ſtöhnt und ſich im Schlafe hin und her wendet, ſo iſt es doch im Augenblicke vor der Kälte geſchützt, und wenn der liebe Gott im Himmel ſie nicht gänzlich verlaſſen hat, ſo findet ſie wohl im Laufe des Tages eine mitleidige Seele, die ihr mit etwas Suppe aushilft.— Vorderhand aber hungert ſie und hofft, hofft auf ihren Gatten, daß er ihr Hülfe ſendet, hofft auf die Barmher⸗ zigkeit des Himmels, daß er ihren kränklichen Körper geneſen läßt, um ſich alsdann durch Arbeit wieder fortbringen zu können. —— Und wie ſie ſo ſinnt und denkt, erweitern ſich vor ihren Augen die zahlreichen Spalten und Riſſe im Dach, und ihr Blick fliegt hinaus über die Dächer der Stadt hinweg in das weite Land und über andere Städte und andere Länder, und endlich ſieht ſie vor ſich eine weite, graue, hie und da mit Schnee bedeckte Fläche, eine trügliche Ebene, die auf und nieder wankt.— Sie 76 Siebentes Kapitel. fühlt auch den Seewind, denn es fröſtelt ſie kalt und ſchaurig an; am Ufer des weiten Meeres aber ſtehen Leute und erzählen ſich von dem großen Sturm, der geſtern ſtattgefunden und von dem großen Auswandererſchiff, das mit ſo vielen Menſchen elend zu Grunde gegangen.—— „Wie das Weib an dieſe Stelle des Traumes gekommen, da ſchreckt ſie zuſammen und ein herzzerreißender Schrei erweckt faſt das Kind auf ihrem Schooße, ſie aber zum klaren Bewußtſein. Sie ſtreicht krampfhaft lachend das Haar aus ihrem Geſichte und redet ſich ein, es ſei doch lächerlich, eine ſolch' traurige, ſolch' ſchlimme Vorahnung zu haben.—— „Und ſie hat in ihrem Geiſte die Wahrheit geſehen,“ fuhr der alte Mann erſchüttert fort. Und dabei hatte er die Hände gefaltet und blickte mit einem ſeltſam ſtieren Geſicht an die Decke des Zim⸗ mers.„Aus der Tiefe auf ſtiegen nächtlich die Geiſter der Er⸗ trunkenen und ſie flogen unverwandten Blicks aufwärts gen Him⸗ mel. Es waren viele, viele darunter, wie ſie hier in dem Buche beſchrieben ſind, und auch ihnen wurden droben als armen Sklaven eilfertig die Thüren des Paradieſes aufgeriſſen und ſie trugen Alle an ſich ihr Sklavenzeichen, nicht jenes eingebrannte T. F. an der Hand, das man im Nothfall ausſchneiden oder mit einem eleganten Hand⸗ ſchuh bedecken kann, ſondern ihnen war daſſelbe auf die Stirne ge⸗ ſchrieben, und an den zuſammengebiſſenen Zähnen und auf den weißen eingefallenen Wangen las man ein ganzes Sklavenleben, ein Daſein ohne Luſt und Freude, dahingeſchleppt in Kummer und Entbehrungen.“ Clara hatte mit Entſetzen dieſen wilden, ſo heftig ausgeſtoße⸗ nen Worten ihres ſonſt gemüthlichen und ruhigen Vaters gelauſcht. Sie drückte ihre Hand auf ſeinen Arm, wie um ihn zu erwecken, zu beſänftigen, und es gelang ihr auch; ſeine Angen verloren ihren ſtarren Ausdruck und er blickte ſie mit inniger, väterlicher Zärtlich⸗ keit an, die aber nicht ohne eine tiefe Traurigkeit war. Dann Sklavenleben. 77 legte er ſeine Hand auf ihr dunkles Haar, auf ihre zierliche Fri⸗ ſur, und warf ſie leicht auseinander, daß ein paar falſche Perlen und Brillanten auf den Boden rollten, die er verächtlich mit dem Fuße von ſich ſtieß, dann die junge Tänzerin auf die Stirne küßte, wo⸗ bei ein paar Thränen aus ſeinen Augen auf die ihrigen herab⸗ träufelten. „Ich verſtehe dich wohl, mein Vater,“ ſagte Clara nach einer Pauſe;„auch ich bin ja eine arme Sklavin, tief erniedrigt durch meine Stellung und durch die Bösartigkeit der Menſchen.“ „Sei es, mein Kind,“ erwiderte ruhiger der alte Mann,„ſei es wenigſtens äußerlich; aber bewahre dein Inneres, bewahre dein Herz, dein gutes Gewiſſen, daß du frei und ſtolz um dich blicken kannſt, daß du das Auge Gottes nicht zu ſcheuen haſt. Was küm⸗ mern dich dann die Reden der Menſchen!“— Einen Augenblick blieb es hierauf ſtill in dem Gemach, und der Vater blickte während der kleinen Pauſe mit ungetrübter Zärt⸗ lichkeit auf das junge Mädchen, dann aber drückte er ſie ſanft an ſich, ſein Blick wurde wieder finſterer, und um ſeinen Mund ſpielte abermals ein hartes, ja verächtliches Lächeln.„Da haben ſte,“ ſagte er,„aus dem Buch ein Lied gemacht. Es behandelt den Moment, wo die Sklavin Eliſe mit ihrem Kinde über die auf⸗ und abſchwankenden Eisſchollen des Ohio flieht; allerdings eine entſchloſ⸗ ſene und ſchöne That. Dieſes Lied iſt nun von irgend Einem zier⸗ lich in Muſik geſetzt und wird nun ſchmachtend geſungen von Tauſenden deutſcher Frauen und Jungfrauen zu den Akkorden eines Klaviers oder dem Geklimper einer Guitarre, ſich ſelbſt und den Zuhörern zum unausſprechlichen Vergnügen, und es iſt eine Helden⸗ that, deren Vorbild man Tauſende von Meilen weit herholen mußte, weil ſie nichts Aehnliches aufzuweiſen hat im lieben Vaterlande.— So glauben ſie.—— „Ich aber habe eine Mutter gekannt,“ fuhr der alte Mann fort, indem er ſich erhob und im Zimmer auf⸗ und abſchritt,„die 78 Siebentes Kapitel. hat für ihr Kind noch unendlich mehr gethan, und man hat ſie nicht geprieſen in Büchern und Balladen. Dieſes Weib war ein armes unglückliches Weib, und obgleich ſie nicht von Sklavenhändlern gejagt wurde, ſo jagten ſie doch noch viel grimmigere Feinde: Noth und Hunger. Sie ſchrak nicht vor der Arbeit zurück, aber ſie hatte in ihren guten Tagen nur gelernt, mit der Nadel kunſtvolle Arbei⸗ ten zu machen, und nun waren ihre Finger vor Kälte ſteif gewor⸗ den, und da ſie zurückgekommen und verarmt war, ſo wollte ihr auch Niemand mehr etwas auvertrauen, womit ſie ſich einen Ver⸗ dienſt machen und das Leben ihres Kindes friſten konnte. Dieſes Weib war keine geborene Sklavin; ſie war von einer guten ehrli⸗ chen Familie, und deßhalb konnte es ihr in ihrem tiefen Jammer nicht gelingen, irgendwo nur ein Almoſen zu betteln; auch hatte ſie nicht das Geſchick dazu: glücklichere und erfahrenere Almoſen⸗ ſammler ließen ſie nicht aufkommen.— Da irrte ſie Abends herum, ihr Kind in ein ärmliches Tuch gewickelt,— ich glaube es war um die Weihnachtszeit, und da thut es doppelt weh, wenn man mit einem halberfrorenen hungerigen Wurm vor hellerleuchteten Fenſtern ſtehen muß, um zuzuſehen, wie andere glücklichere Kinder in der Fülle der Geſundheit jubelnd um den glänzenden Weih⸗ nachtsbaum ſpringen;— das arme Weib hatte gerade keinen Neid auf dieſe Eltern und Kinder, ſie wünſchte nur ein kleines Brod für das ihrige, und als ſie ſo an einem Bäckerladen vorbeikam, wo viel zierliches Backwerk ausgelegt war, kam ihr der Gedanke, dort etwas für ihr Kind zu ſtehlen.———— Anfangs ſchanderte ſie zurück, denn ſie war arm, aber ehrlich. Als aber das kleine Kind vor Hunger leiſe wimmerte, als ſie ſo gejagt war von Noth und Verzweiflung, da ſtreckte ſie die zitternde Hand aus und nahm ein kleines Brod hinweg, konnte aber damit nicht entfliehen, denn als das Verbrechen begangen war, ſtand ſie vor Schrecken feſtge⸗ bannt.— Die Sklavin entging nicht ihren Verfolgern, ſie wurde jenſeits ihres mit ſchlimmeren Eisſchollen bedeckten Ohio’s Sklavenleben. 79 nicht von freundlicher Hand aufgenommen.— Die weiße Sklavin erhielt für ſich und ihr Kind kein warmes Zimmer, kein gutes Bett; ſie fiel der ſtrafen den Gerechtigkeit anheim; ſie iſt verſchwunden und verſchollen, kein Buch beſchreibt ihre größere That, keine Ballade beſingt ihr Elend und das ihres Kindes.“ Nach dieſen Worten hob der alte Mann ſeine Hand wie be⸗ ſchwörend gen Himmel und durchſchritt mit haſtigen Schritten das Zimmer nach allen Richtungen. So oft er aber bei dem Stuhle ſeiner Tochter vorüberkam, berührte dieſe leicht ſeine Hand, worauf ſein Schritt jedes Mal ruhiger, ſein Blick ſanfter wurde. Endlich blieb er vor Clara ſtehen, faßte ihre Hand und ſagte, nachdem er ihr eine Zeitlang in die dunklen Augen geſehen, mit lächelndem Ausdruck im Geſicht:„ja, ja, es iſt leider wahr, mein Kind, wir Alle ſind Sklaven; ſieh' nur mich, deinen Vater, an, glaubſt du nicht, daß ich ebenſo gern ein Zuckerfeld bearbeiten würde, wenn das meine Kräfte zuließen, als dieſe geiſtigen Frohndienſte zu ver⸗ ſehen, die vielleicht hundertſte Ueberſetzung eines Buches zu machen, das mir unangenehm, ja unheimlich iſt!—— Aber ich weiß mich zu tröſten, liebe Clara,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher ſein Geſicht wieder den alten gemüthlichen und heiteren Ausdruck erlangt hatte, während ſeine Augen wieder ſanft und freundlich ſtrahlten und um den Mund wieder das alte zufriedene Lächeln erſchien.„Ja, ja, ich weiß mich zu tröſten,“ ſagte er, „denn ſiehſt du, mein Kind, wären wir, ich, du und vielleicht noch Tauſende von Menſchen der gleichen Klaſſe allein dazu berufen, die Sklaven aller Anderen zu machen, es wäre entſetzlich, es könnte das nicht lange fortbeſtehen, und bald müßten ſich die Niederge⸗ drückten mit einem einzigen Schrei der Verzweiflung gegen die uſur⸗ pirte Herrſchaft ihrer Unterdrücker auflehnen. Aber es iſt nicht ſo: Alle ſind Sklaven, Alle haben keinen freien Willen, auch die, welche Siehentes Kapitel. ſtolz auf uns herabblicken; und je höher ſie ſtehen, deſto herber fühlen ſie ihre Sklaverei.“ Das junge Mädchen ſah ihren Vater fragend an, und ſagte: „aber, lieber Vater, die Reichen, die ſich für ihr Geld alle Ge⸗ nüſſe dieſes Lebeus verſchaffen können— 2“ „Sind die Sklaven eben dieſes Geldes,“ verſetzte raſch der alte Mann,„die Sklaven ihrer Leidenſchaften, die Sklaven eines oft kranken und deßhalb für viele Genüſſe unbrauchbaren Körpers. Sieh' dich um, mein Kind, mit offenem, ruhigem Blick, frage durch alle Schichten der menſchlichen Geſellſchaft, erkundige dich, wer vollkommen glücklich und zufrieden ſei;— du wirſt Wenige finden, und wahrlich dieſe Wenigen am wenigſten in den hohen und reichen Ständen. Dort drückt die unzerreißbare Sklavenkette des ſogenann⸗ ten guten Tons, des Herkommens am ſtärkſten, wenn ſie auch der oberflächliche Beſchauer nicht ſieht, da ſie unter Gold und Blumen verſteckt iſt; dort verletzt ein Wort, ein Blick die kranken Herzen, dort gelten freundliche Augen und lachende Lippen nicht für den Ausdruck eines zufriedenen Gemüths; ſie dienen nur dazu, Ver⸗ druß, Haß, Wuth, Neid zu verdecken; ein Händedruck, ein freund⸗ liches Wort will dort nichts ſagen, es iſt das hundert Mal die Maske eines Sklaven, der viel lieber knirſchend in ſeine Kette beißen möchte, und den nur die Macht, das Anſehen des Anderen dazu zwingt, ein ſüßes Geſicht zu machen und den Rücken zu krümmen.— „Und alle ſchleppen dieſe Kette mit ſich herum und laſſen ſie erſt fallen, wenn der erſtarrten Hand mit ihr zugleich die Zeichen der Macht und des Reichthums entfallen.— Es iſt dies wahrlich in der Welt recht ſchön und klug eingerichtet,“ fuhr der alte Mann lächelnd fort;„Einer iſt wie geſagt der Sklave des Andern, und ſo hängen alle Menſchen an einer gewaltigen Kette, vom Bettler bis hinauf zum Könige.“ Arthur. 8¹1 „Aber der König iſt frei,“ ſagte lächelnd das Mädchen;„ihn kannſt du nicht zu den Sklaven rechnen.“ „Gewiß, mein Kind, ihn auch,“ antwortete der alte Mann und ſtarrte nachdenkend, doch nicht unfreundlich ausſehend vor ſich hin.„Er iſt auch Sklave der Verhältniſſe, ſeines Schickſals, ja theilweiſe ſeiner Umgebung; ſein Wille vermag nicht immer durch⸗ zudringen; und glaube mir, er in ſeiner Höhe fühlt es doppelt hart, wenn ſich ihm eine andere unſichtbare Gewalt gegenüberſtellt, wenn ſein Befehl an einer Intrigue abgleitet. Es ſind vielleicht nur Kleinigkeiten, die den Herrſcher mit den unſichtbaren Ketten umgeben und einengen, aber gerade weil er ſonſt herrſcht und ge⸗ bietet, fühlt er hier um ſo ſchmerzhafter, daß er gefeſſelt iſt.— Ja, Alle, Alle ſind Sklaven!“ Bei dieſen Worten erhob der alte Mann ſeine Augen, ließ ſte einige Minuten auf dem ſchönen Geſicht ſeiner Tochter ruhen, dann wandte er ſie ſinnend gegen die Mauer, welche das Gemach um⸗ grenzte, die aber ſeinen Blick nicht aufhielt; ſie ſchien ſich vor ihm zu öffnen und er in weite Fernen, in andere Verhältniſſe, in frem⸗ des Leben zu ſchauen. Seinen Mund umſpielte ein freundliches Lächeln; er ſah in Geſtalten und Bildern vor ſich, was er vorhin in Worten ausgeſprochen; er blickte in die Zukunft und zugleich in die nachfolgenden Kapitel dieſes Buches. Achtes Kapitel. Arthur. Es mochte etwas über zehn Uhr an dem Abend geweſen ſein, als der junge Mann, welcher der Tänzerin, Manſell Clara, ſo un⸗ Hackländers Werke. XVI. 6 82 Achtes Kapitel. verhofft, wenn auch vielleicht nicht unerwartet, einen guten Abend gewünſcht, das Haus verließ, nachdem ſie die Thüre ſanft hinter ihm zugemacht. Als er hierauf durch die Straße ging, konnte er ſich nicht enthalten, noch öfters nach dem Hauſe mit dem hohen Giebeldache zurückzuſchauen, und da bemerkte er nur noch ein ein⸗ ziges kleines Fenſter erhellt; das übrige Haus lag ſchon in tiefer nächtlicher Ruhe und Dunkelheit. An dem Lichte aber, das noch ſo freundlich hinaus ſchien, ſaß ſie wahrſcheinlich; ſie blickte viel⸗ leicht in die Flamme, die auch er jetzt von Weitem ſah— ſie mochte vielleicht ſogar an ihn denken. Unter dieſen angenehmen Träumereien ſetzte der junge Mann ſeinen Weg fort wie Jemand, der durchaus keine Eile hat. Er befand ſich, wie wir bereits wiſſen, in einem entlegenen Stadt⸗ theile, wo die Straßen krumm und winkelig liefen, bald mit Häu⸗ ſern beſetzt waren, bald nur mit einfachen Gartenmauern, hinter denen Bäume ihre nackten Aeſte emporſtreckten, und die ſeltſam angeſtrahlt waren von dem Schein einer Gaslaterne, die auf der Höhe der Mauer brannte und ſowohl dieſſeits als jenſeits das Terrain beleuchtete. Zuweilen wurde in dieſer Gegend der Stadt die Straße von Kanälen durchſchnitten, und dann paſſirte man kleine hölzerne Brücken, auf denen der Fußtritt in der nächtlichen Stille ſo ſelt⸗ ſam klang. Allerlei unregelmäßige Gebäude, Kirchen, große Frucht⸗ ſpeicher, alte Thürme ſtellten ſich dem Wanderer trotzig und ver⸗ ziert mit weißen Schneekappen in den Weg, und man mußte genau ſeine Richtung kennen, um ſich in dieſem Labyrinthe nicht zu ver⸗ irren. Es gab auch freilich noch einen andern Weg, um von dem erwähnten Hauſe mit dem Giebeldach in die beſſeren und vorneh⸗ meren Stadtviertel zu gelangen, doch ſuchte der junge Mann, den wir eben begleiten, deßhalb dieſe andere Straße zwiſchen den alten Häuſern hindurch, weil ihn die ſeltſamen Formen dieſer Gebäude anzogen und er ſich ergötzte an dem ſonderbaren Lichteffect, der Arthur. 83 dadurch hervorgebracht wurde, daß die Straßen immerfort in einer Schlangenlinie liefen, weßhalb oft jener Theil grell beleuchtet ward, während die vorſpringende Ecke im tiefſten Schatten lag. Bald befand ſich der einſame Spaziergänger in der Nähe des großen Fruchtmarktes, dem älteſten Theile der Stadt, wo es noch mehrere Häuſer gab, die durch ihren Aus⸗ und Eingang ein paar Straßen mit einander in Verbindung ſetzten. Einer dieſer Paſſagen pflegte der junge Mann nie aus dem Wege zu gehen, weder bei Tage noch bei Nacht, und er erfreute ſich jedesmal an der förm⸗ lichen Tunnelgeſtalt, welche der Hauptdurchgang zwiſchen den Ge⸗ bänden bildete. Das waren zwei alte, maſſive Häuſer mit großen Thoren und mehreren Höfen; zwiſchen jenen lag die Paſſage, von der wir oben geſprochen. Es war das eine Art gewölbter Gang, der unter dem einen Hauſe durchlief und mit der Straße in Verbindung ſtand. In dieſem Gange ſelbſt befand ſich eine einzige Thüre, welche durch ein eiſernes Gitter verſchloſſen wurde und vermittelſt einer ſteinernen Treppe in den erſten Stock des großen Gebändes führte, wo ſich eine ſonderbare Reſtauration und Gaſtwirthſchaft befand. Hier war nämlich der Aufenthalt ſämmtlicher Bänkel⸗ ſänger, Orgelmänner, Beſitzer von Naritätenkaſten, Poeten, welche den Leuten Mordgeſchichten erklärten, Harfenmädchen und ähnlichem Volk. Alle fanden hier für billiges Geld ein Unterkommen; man nahm es hier mit den Päſſen und Papieren nicht ſehr genau, und der Wirth dieſer mildthätigen Anſtalt, Herr Scharffer, galt nicht blos als ſehr entſchloſſen, wenn es darauf ankam, eine unſchuldige Harfeniſtin vor den Krallen der Polizei zu beſchützen, ſondern man munkelte auch, er habe ſchon zum öfteren Male ſehr gefährliche Mitglieder der menſchlichen Geſellſchaft längere Zeit vor den Au⸗ gen der Juſtiz zu verbergen gewußt. Dem ſei nun wie ihm wolle, dieſer Gaſthof— er hieß der Fuchsbau— war, wie geſagt, ſehr maleriſch gelegen, und ſchon 84 Achtes Kapitel. zum Oefteren von armen Künſtlern benützt worden, um das Album irgend einer vornehmen Dame mit einem intereſſanten Gegenſtand zu bereichern. Man fand hier Kloſter⸗ und andere Höfe, Theile irgend einer Burg, und wenn man dazu eins der Harfenmädchen nahm, die man zuweilen am Fenſter ſah, ſo war ein artiges Bild⸗ chen fertig. Der junge Mann, dem wir folgen, durchſchritt träumend den äußeren finſteren Hof und blieb, als er jenen Durchgang erreicht, ſtill betrachtend vor dem herrlichen Lichteffect ſtehen, der ſich ſeinem Auge darbot. Der ganze Schein einer Laterne war förmlich in dieſen Durchgang gepreßt und ſtrahlte nur in einzelnen Blitzen auf den Hof hinaus, hier die ſchönen Sculpturen eines Thorbogens erleuchtend, dort von den matten Scheiben irgend eines alten Fenſters abſtrahlend. Nachdem er ſich dies einige Augenblicke be⸗ trachtet, wollte er ſeinen Weg fortſetzen, als er hörte, wie das eiſerne Thor in dem Durchgange geöffnet wurde; er vernahm deut⸗ lich das Klirren der Schlüſſel und hörte Fußtritte, welche die Treppe herab kamen. Da man nicht wiſſen konnte, mit welcher Geſellſchaft man hier zuſammentraf, ſo blieb der junge Mann noch einen Augenblick ſtehen, um die Anderen vorangehen zu laſſen und ihnen alsdann zu folgen. Doch mußte er ſich eine Weile gedulden, denn zwei Männer, welche aus dem Hauſe traten, blieben vor der Gitterthüre plaudernd ſtehen. Der Eine war der Wirth, Herr Scharffer, ſelbſt, ein großer Mann in einer grauen Jacke, einer einfachen Hausmütze, unter der ein ſehr entſchloſſenes und mar⸗ kirtes Geſicht hervorſchaute; es war eine Phyſignomie, die man, wenn man ſie einmal geſehen, nicht ſo bald wieder vergißt, und die man mit ein paar Bleiſtiftſtrichen treffend hinzeichnen kann. Er hatte eine große und lange Naſe, einen breiten, ſtets lächelnden Mund und einen kohlſchwarzen, ſtruppig abſtechenden Backenbart. Der andere Mann, der neben ihm ſtand, hatte einen großen Rad⸗ mantel über die Schultern geſchlagen, der ihm bis über die Naſe Arthur. 85 reichte und ſo ſein Geſicht ſchwer erkennen ließ. Er trug einen gewöhnlichen runden Hut, und in der Hand unter dem Mantel ein Spazierſtöckchen, mit dem er heftig auf ſeine Stiefel ſchlug. Dem Zuſchauer im Hofe waren dieſe beiden Männer vollkom⸗ men gleichgültig, ja er hatte ſchon die Abſicht, bei ihnen vorbei zu gehen, als der Unbekannte mit dem Mantel einige Worte lauter ſprach, worauf der Klang dieſer Stimme den jungen Mann plötz⸗ lich aufmerkſam machte. „Aber ſie ſoll von hier fort,“ ſagte er mit klarem und be⸗ ſtimmtem Tone.„Sie ſoll unter allen Umſtänden und ſchon morgen fort. Teufel auch! Man hat ihr noch vor einem halben Jahre mit neuen Papieren ausgeholfen und ſie mobil gemacht. Ich kann mich nicht ſo überlaufen laſſen.“ „Sie hat ſo feſt darauf gerechnet,“ entgegnete der Wirth, „Sie werden ihr nochmals helfen. Deßhalb erlaubte ich mir auch, Sie hieher zu bitten; übrigens iſt ſie nicht unbrauchbar; es iſt ein Teufelsmädchen.“ „Ja, ja,“ meinte der Andere nachſinnend, ſetzte aber mit lau⸗ terer Stimme hinzu:„aber zu bekannt, hier viel zu bekannt.“ „Bah!“ verſetzte der Wirth,„dafür haben wir Mittel, und die iſt mit allen Hunden gehetzt. Was gilt die Wette, ſie ſtellt ſich Ihnen irgendwo als franzöſiſche Gouvernante vor, und Sie ſollen ſie nicht wieder erkennen. Mein Rath wäre wahrhaftig, ſie da zu behalten; ſeit die Liſette verſchwunden iſt, fehlt uns Jemand derartiges. Du lieber Gott! bei dem erſten größeren Unternehmen befinden wir uns in Verlegenheit.“ „Aber es kann nicht ſein, es kann wahrhaftig nicht ſein!“ erwiderte der Andere, wie es ſchien, ärgerlich;„wir wollen ihr Empſehlungen geben, ſie ſoll nach B. gehen, aber hier kann ich ſie nicht gebrauchen; das wäre comprommittirend.“ „Nur ein paar Tage,“ bat der Wirth;„ſprechen ſie ein kluges Wort mit ihm.“ 3 86 Achtes Kapitel. „Mit wem?“ „Nun, mit ihm,“ ſagte der Wirth mit leiſerer Stimme, indem er ſich ſcheu umblickte. „Ah! mit ihm iſt ſchlecht Kirſchen eſſen,“ entgegnete der An⸗ dere.„Und ſo Kleinigkeiten! Ich habe wichtigere Sachen für ihn!“ „Aber ich bitte herzlich darum,“ fuhr der Wirth dringender fort.„Man kann ihm auch einmal wieder einen Gefallen erweiſen.“ „Ihr ſeid wahrhaftig ein eigenſinniger Kerl, Scharffer,“ ſprach der im Mantel, indem er ungeduldig mit den Achſeln zuckte.„Laßt ſie laufen; glaubt mir, es iſt beſſer.“ „Ich habe es ihr ſo gut wie verſprochen.“ „Nun denn, ins Teufels Namen! Ich will ihn darum fragen; aber wenn er befiehlt, ſie ſolle abreiſen, dann macht mir keine Ge⸗ ſchichten, und verſteckt ſie nicht heimlich bei euch.“ nicht mehr, mit ihm auf unfreundliche Art zuſammenzukommen.“ „Ja, er kann hart ſein,“ erwiderte der Andere lachend, wäh⸗ rend er ſeinen Mantel, der herabgerutſcht war, wieder über die Schultern warf.—„Nun, gute Nacht! Vergeßt mir nicht Zeichen und Adreſſe für die nächſte Woche; ſichtbar bin ich für keinen Menſchen.“. „Will's ſchon behalten!“ verſetzte der Wirth.„Schneegäßchen Nummer vierundachtzig.“ „Schön,“ ſprach der Unbekannte im Mantel, und ging mit hallenden Tritten den Durchgang hinab. Der junge Mann, der dieſer Unterredung, ohne es zu wollen gelauſcht, wäre gerne gefolgt.— Dieſe Stimme war ihm nicht unbekannt; doch wenn er daran dachte, der, dem dieſe Stimme ge⸗ hörte, ſolle hier eine ſolch' vertrauliche Converſation mit dem ver⸗ rufenen Wirth zum Fuchsbau halten, ſo mußte er lächeln. Das Arthur. 87 war ja gar nicht möglich! Und doch— wie gern hätte er ſich überzeugt! Aber es war unmöglich, denn Meiſter Scharffer blieb, ſobald der Andere fortgegangen war, aufmerkſam lauſchend ſtehen und ſchaute bald auf die Straße, bald auf den Hof. Erſt als die Tritte des Mannes im Mantel gänzlich verklungen waren, trat der Wirth in das Haus zurück, ſchloß die Gitterthüre hinter ſich und ſtieg langſam die ſchmale, ſteinerne Treppe hinauf. So ſchnell als möglich eilte jetzt der junge Mann auf die Straße und bis zur nächſten Ecke, wo er horchend ſtehen blieb. Doch war es für dies Viertel ſchon Schlafenszeit, und man hörte nirgendwo auf der Straße ein Geräuſch; Alles war todtenſtill ſo ſehr er ſich auch anſtrengte, vernahm er doch keinen Ton von Fußtritten. Kopfſchüttelnd ſchritt er durch mehrere enge Straßen, über den großen Fruchtmarkt, und kam nach einer Viertelſtunde in einen belebteren Stadttheil und in die Nähe des Schloſſes. Dort blieb er vor dem hohen ſteinernen Portal einen Augenblick ſtehen, denn hier ſchieden ſich drei Wege, die er alle drei verfolgen konnte, den erſten nach Haus, den zweiten in ein beliebtes Kaffeehaus und den dritten zu einem Bekannten, dem jungen Grafen Fohrbach, der vielleicht ſchon in ſeiner Wohnung anzutreffen war, und es von jetzt ab bis ein paar Stunden nach Mitternacht gerne ſah, wenn man eine Taſſe Thee bei ihm nahm und eine Cigarre rauchte. Er entſchied ſich für das Letztere; er ließ das Schloß rechts liegen, beging die weitläufigen Nebengebäude deſſelben und gelangte nach kurzer Zeit in jene lange Straße, in welcher der geneigte Leſer zu Anfang dieſer wahrhaftigen Geſchichte bei Sonnenuntergang einen flüchtigen Blick geworfen. Da wir nun aber im Begriffe ſind, dem in der breiten Straße vor uns Wandelnden in eine kleine auserleſene Geſellſchaft zu fol⸗ gen, ſo halten wir es für unſere Schuldigkeit, dem geneigten Leſer zu ſagen, daß der junge Mann, dem wir heute Abend gefolgt, der Sohn eines reichen Banquiers der Reſidenz iſt, daß er in einer 88 Achtes Kapitel. Academie zugleich mit den Söhnen der erſten Familien des Landes erzogen wurde, daß er durch ſein gebildetes, feines und liebens⸗ würdiges Betragen in allen Kreiſen gern geſehen ward, daß er ſeines Zeichens ein Maler war und mit ſeinem Vornamen Arthur hieß;— den hiezu gehörigen Familiennamen werden wir ſpäter noch kennen lernen. Palaſtes. Der nachſichtige alte Herr hatte ihm in der Mauer, die Hof und Garten umgab, einen neuen Eingang herſtellen laſſen, an dem ſich eine Klingel befand, die mit dem kleinen Hanſe in Ver⸗ bindung ſtand. Eigentlich befanden ſich hier zwei Schellenzüge, jede für die Dienerſchaft des Grafen von beſonderer Bedeutung. Die eine war für die Vertrauten und Freunde, und wenn ſie er⸗ klang, ſo ſprang die kleine Thüre in der Mauer wie von ſich ſelbſt auf, um dann hinter den Eingetretenen ſogleich durch eine unſicht⸗ bare Macht wieder zugedrückt zu werden. Auf dieſe Art trat auch Arthur in den winterlichen Garten, deſſen Bäume in weißem Reif prangten; die Blumenbeete waren mit Tannenreiſern zugedeckt; Spaliere und Statuen unter ſtarren⸗ den Strohdecken gaben ſo recht das Bild des tiefen Winterſchlafs, in den die Natur verſunken war. Aus dem Schornſtein eines klei⸗ nen Gewächshauſes zur Seite qualmte eine dicke Rauchwolke, und das war das einzige Zeichen von Leben, das man im Hof und Garten ſah; ein Weg, der bei dem großen Hauſe vorbeiführte, war vom Schnee rein gefegt und brachte den Maler in wenig Au⸗ genblicken in die Thüre des Pavillons, in welchem Graf Fohrbach reſidirte. Auch hier öffneten ſich Haus⸗ und Vorthüre wie von ſelbſt, und erſt, als man die letztere hinter ſich hatte, trat man in Arthur. 89 den Ankommenden in ein Vorzimmer treten, wo ſich der Kammer⸗ diener des Grafen befand. Dieſer war ein alter Mann mit weißen ſorgfältig gebürſteten Haaren, und ſchien derſelbe im ſchwarzen Frack und weißer Hals⸗ binde auf die Welt gekommen zu ſein; wenigſtens erinnerte ſich von der jetzigen Generation Niemand, ihn je anders als in die⸗ ſem Anzuge geſehen zu haben. Er las gerade in einem Buche, er⸗ hob ſich aber aus ſeinem bequemen Fauteuil, als der Thürvorhang ranſchte und ging dem Eintretenden freundlich entgegen. „Ah! Herr Arthur kommen früh,“ ſagte der alte Mann, der ſich dieſen vertraulichen Ton ſeit den Zeiten der Schule, wohin er ſeinen Herrn begleitet, nicht mehr abgewöhnt hatte und ihn auch auf die genaueren Bekannten und Freunde deſſelben ausdehnte. Doch war es eine Auszeichnung, alſo von ihm angeredet zu werden; entfernteren Bekannten oder Leuten, über deren Charakter er nicht genau ins Klare kommen konnte, gab er ihre vollſtändigen Titel. —„Der Herr Graf iſt vor einer halben Stunde aus dem Theater gekommen.“ „Und iſt ſchon Beſuch da?“ fragte der Maler. „O ja,“ entgegnete der Kammerdiener mit freundlicher Stimme; „Herr Eduard, Herr Eugen ſind da, ſowie auch,“ ſetzte er mit plötzlich ernſter werdendem Tone und feierlichem Weſen hinzu,„der Herr Baron von Brand.“ Darauf nahm er halbverſtohlen eine Priſe— die goldne Doſe ließ er faſt nie aus der Hand— nickte ernſthaft mit dem Kopfe, als wollte er ausdrücken: es iſt gewiß ſo, wie ich geſagt, und ging ſodann auf die Thüre des Nebenzimmers zu, dieſe zu öffnen. „Iſt der Herr Baron ſchon längere Zeit im Salon?“ fragte Arthur.. „Er kam vor einer kleinen Viertelſtunde,“ entgegnete der Kammerdiener. „Zu Wagen oder zu Fuß?“ 90 Achtes Kapitel. „Zu Fuß,— wie die Lakaien ſagen, von dem Haupthauſe her; er ſchien drüben einen Beſuch gemacht zu haben.“ „So, ſo,“ erwiderte nachdenkend und mit leiſer Stimme der Maler, fuhr aber laut fort, als er den aufmerkſamen Blick ſah, mit dem ihn der Kammerdiener betrachtete:„ja, das habe ich mir gedacht; ich glaubte ſchon, ich hätte ihn anderswo geſehen, aber ich habe mich geirrt.“ Nach dieſen Worten grüßte er den alten Mann freundlich und trat in einen kleinen Salon, der mit ein paar Lam⸗ pen erhellt war, in dem ſich aber Niemand befand. Dicke Teppiche, die den Boden bedeckten, dämpften ſeinen Schritt und ſo konnte er einzelne Worte einer Converſation im Nebenzimmer hören, ohne daß man dort ſeine Annäherung bemerkte. Arthur hob den Thürvorhang auf und kam in ein achteckiges Gemach, von welchem noch nach drei anderen Seiten Thüren aus⸗ liefen: nach dem Eßzimmer, dem Schlafzimmer und nach einem anderen kleinen Vorſaal, der an ein Glashaus ſtieß, durch welches allein der Pavillon mit der Einfahrt des Haupthauſes in Ver⸗ bindung ſtand. Zu dieſem Eingang beſaß nur Graf Fohrbach die Schlüſſel, die er ſelten, faſt nie Jemand anvertraute. Das achteckige Gemach war mit einem außerordentlichen Com⸗ fort ausgeſtattet, und erſchien namentlich bei Nacht äußerſt wohn⸗ lich; ſilbergraue Tapeten widerſtrahlten das Licht eines kleinen Kronleuchters mit Lampen auf die freigebigſte Art; die Fenſter⸗ öffnungen ſah man nicht, da Vorhänge von roth geſtreifter Seide davor zuſammengezogen waren. Von dem gleichen Stoff waren die meiſten Möbel hergeſtellt, und alle von einer wahrhaft raffi⸗ nirten Bequemlichkeit. Der Salon war ziemlich groß und hatte Platz für eine Menge Divans, Fauteuils, Chaiſelongues, die aber alle ziemlich auffallend durcheinander geſchoben waren, und von denen drei und vier immer einen kleinen Plauderwinkel bildeten. Ein Smyrnateppich bedeckte den Boden, und überall, wo es mög⸗ lich war, ſah man obendrein noch kleine perſiſche Vorlagen. Et⸗ Coeur de Rose. 91 was Eigenthümliches hatte übrigens dieſer Salon oder vielmehr die Einrichtung deſſeben. Ueberall, wohin man blickte, herrſchte eine maleriſche Unordnung, ohne daß übrigens irgend etwas ver⸗ wahrlost geweſen wäre. So lagen zum Beiſpiel Handſchuhe, Bücher, ein Blumenbouquet zuſammen auf einem rothſeidenen Fau⸗ teuil, ein ſchwerer Kavallerieſäbel ſtand mitten in einer Gruppe von Blumen und Sträuchern aufgepflanzt, und über den Schultern eines marmornen Amors hing als Schärpe ein reicher perſiſcher Stoff, den der Graf Gott weiß zu welchem Zwecke gekauft. Obgleich das ganze Haus frei lag und der Wind nach Belieben um daſſelbe her ſauſen konnte, ſo bemerkte man doch in dem Salon nichts hievon, denn er ſtieß nur mit der Fenſterecke an das Freie; die übrigen Theile waren, wie bereits erwähnt, von anderen Ge⸗ mächern umgeben, woher es denn auch kam, daß das Zimmer ſo behaglich, warm und angenehm war. Im Kamin brannte ein helles Feuer, und vor demſelben ſtanden einige Fauteuils, in wel⸗ chen die jungen Leute, von denen der⸗ Kammerdiener vorhin ge⸗ ſprochen, ſo bequem wie möglich ausgeſtreckt lagen. Neuntes Kapitel. Coeur de Rose. In dem Augenblick, als Arthur eintrat, wurde die Unterhal⸗ tung nicht gerade beſonders lebendig geführt; irgend Einer hatte eine Bemerkung hingeworfen, welche den Anderen vielleicht nicht wichtig genug erſchien, um viel darauf zu antworten. Genug, man hörte einige beiſtimmende Ja, ein Ah! dann rauchten Alle ruhig .ihre Cigarren fort. Graf Fohrbach, der mit dem Rücken gegen den Kamin ſaß, winkte dem Eintretenden freundlich mit der Hand und 92 Neuntes Kapitel. ſagte:„Es freut mich, daß Sie noch kommen, Arthur; rollen Sie einen Stuhl herbei. Wo das kleine Rauchmaterial iſt, wiſſen Sie; wenn Sie aber eine lange Pfeife wollen, fo klopfen ſie nach gutem türkiſchen Gebrauch dreimal in die Hände.“ Der Maler dankte und nickte den drei anderen Herren zu, welche ſich im Zimmer befanden. Zwei von ihnen, welche der Kam⸗ merdiener mit Herr Eugen und Herr Eduard bezeichnet hatte, ſaßen vor dem lodernden Feuer, der Dritte, der Baron von Brand, lehnte dem Hausherrn gegenüber nachläßig an dem Kamingeſims, auf wel⸗ ches er den rechten Arm geſtützt hatte, während er die linke Hand zwiſchen dem zugeknöpften ſchwarzen Fracke verbarg. Arthur langte nach einer Cigarre und zündete ſie an; nachdem er die einfachen Fragen, als: ob er im Theater geweſen, ob es nicht heute Nacht verflucht kalt werde, mit Ja oder Nein beantwor⸗ tet hatte, lehnte er ſich in den Fauteuil zurück und konnte nicht unterlaſſen, ſeine Augen mehreremal über das Geſicht und die Ge⸗ ſtalt des Baron Brand hingleiten zu laſſen, was uns wir im In⸗ tereſſe des geneigten Leſers ebenfalls zu thun erlanben wollen. Der Baron Brand mochte einige Jahre über Dreißig zählen; er war von mittlerer Größe, ſchlanker Taille und, obgleich ziem⸗ lich mager, ſah man an ihm doch eine hochgewölbte Bruſt und ſehr breite Schultern. Nebenbei, daß die Körperformen dieſes Mannes etwas ſehr Elegantes, ja Graziöſes hatten, entnahm man noch an Allem, was er that, eine außerordentliche Gelenkigkeit, welche auf eine große Körperkraft hindeutete, welche er auch in der That beſaß und von der er gerne ſcherzweiſe Proben ablegte. Seine Kopfform war eher länglich als rund, ſein Teint weiß und friſch, die grauen Angen ſehr lebhaft, das Haar von ſehr hellem Blond, oder wenn man wollte ſtreifte es, aber kaum merklich, ins Röthliche. Er trug es aus dem Geſichte geſtrichen, kurz geſchnitten und emporſtehend, was zugleich mit dem aufgedrehten Schnurrbart ſeinem Geſichte etwas Keckes, ja Unternehmendes gab.— Goeur de Rose. 93 Von den zwei anderen jungen Herrn war Eugen von S. der Aelteſte dieſer Geſellſchaft,— er mochte vielleicht nahe an die Vier⸗ zig ſein— eine feſte, gedrungene Geſtalt mit ſchwarzem Haar und großem Schnurrbart gleicher Farbe, und trug als Major die Kö⸗ nigliche Adjutantenuniform. Der Andere, Eduard von B., war ein junger Aſſeſſor, der ſehnſüchtig nach dem Rathstitel verlangte und ſich ſchon darauf hin ein äußerſt bedächttges Reden und Be⸗ nehmen angewöhnt hatte. Graf Fohrbach endlich, der Hausherr, ebenfalls Adjutant des Königs, hatte höchſtens achtundzwanzig Jahre und war ein hüb⸗ ſcher, luſtiger Offizier von gutem, treuem Gemüthe, aber etwas zu fröhlicher Natur, und namentlich, wenn er Waffenrock nnd Säbel abgelegt hatte, zu allerlei kecken, zuweilen unüberlegten Handlungen aufgelegt. Es trat eine längere Pauſe ein, während welcher alle Vier rauchten, und ſich der Hausherr mit dem Kopf an das Kamin lehnte, um mit großer Aufmerkſamkeit dem blauen Dampfe zuzu⸗ ſchauen, wie er in kunſtreichen Ringeln an die Decke emporſtieg. „Was meinen Sie, Baron?“ ſagte er endlich.„Ich hätte wohl Luſt, die Wette von voriger Woche nochmals mit Ihnen durchzu⸗ machen.“ „Was iſt das für eine Wette?“ fragte der Major. „Wir ſaßen neulich beim Kaffee,“ erzählte der Hausherr,„als der Baron Brand auf ſeinem neuen Rappen vorüber kam. Du weißt, wie er mit der Flüchtigkeit dieſes Pferdes renommirt.“ „Und da man deine Leidenſchaft für Wetten kennt,“ ſagte der Aſſeſſor, ſo trugſt du ibm natürlicher Weiſe gleich eine an?“ „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ erwiederte lachend der Graf. „Ich ſchlug ihm alſo die bekannte Geſchichte vor, er ſolle nach dem eine Stunde weit entfernten A. hin und zurück reiten, und ich wolle unterdeſſen ein halbes Pfund kleiner Bisquite auf einem Sitze .eſſen. Wer zuerſt mit ſeinem Geſchäft zu Ende ſei, ich mit dem 94 Neuntes Kapitel. Eſſen oder er mit dem Hin⸗ und Herreiten, habe begreiflicher Weiſe gewonnen.“ „Und ebenſo begreiflich verlorſt du,“ verſetzte der Major. „Ich habe dieſe Wette ſchon oft machen und verlieren ſehen.“ „Freilich verlor ich,“ entgegnete der Hausherr,„aber es fehl⸗ ten keine ſechs Bisquit mehr; und ich hätte unfehlbar gewonnen, wenn ich nicht mit meinem verfluchten Huſten wenigſtens zwei Mi⸗ nuten eingebüßt hätte. Aber wie geſagt, ich proponire die Wette nochmals: ich kann mich nicht ſo ſchlagen laſſen.“ Der Baron, dem dieſe Worte galten, blickte auf den Sprecher nieder und lächelte dabei. Aber dieſes Lächeln paßte ſo gar nicht zu der hohen Stirne, zu dem ganzen kecken Kopfe; es war etwas Süßes und Geziertes darin, ebenſo wie in ſeiner Sprache, ja wie in den Worten, die er ſprach. Es war eine wirkliche Enttäuſchung, ihn, nachdem man ihn geſehen, auch reden zu hören. Dabei war der Klang ſeiner Stimme friſch und kräftig, aber die Manier, wie er ſeine Worte ausſprach, weichlich, ja läppiſch— eine böſe An⸗ gewohnheit oder der Beweis von einem ſchwachen, verzärtelten Gemüthe.. „Nein, nein,“ ſagte er lachend,„die kleine Wette hat mir zu wohl gethan; ich verſichere Sie auf Ehre, es iſt etwas Deliciöſes, eine Wette zu gewinnen. Und bei Ihnen kommt man ſelten dazu, lieber Graf. Aber wenn Sie dieſelbe vielleicht umgekehrt anneh⸗ men würden, ſo können Sie verſichert ſein, ich mache mir das un⸗ endlichſte Vergnügen daraus.“ .„Daß der Baron den Bisquit verſchluckte?“ fragte der Major mit ſeiner tiefen Stimme,„das wäre ein Anblick für Götter! Da betheilige ich mich bei der Wette, wenn ich zuſchauen darf; ich ſehe ihn ſchon vor mir, wie er mit dem Daumen und dem Zeigefinger jedes Bisquit auf die zierlichſte Weiſe herumdreht, um es mit An⸗ ſtand in den Mund zu ſchieben.— Nein, da würden Sie nicht weit kommen.“ Coeur de Rose. 95 Der Baron lächelte wohlgefällig, wobei er zwei Reihen ſchnee⸗ weißer Zähne zeigte, dann fuhr er mit der Hand durch das dichte Haar, zupfte ſeinen Hemdkragen in die Höhe und entgegnete:„Sie haben Recht, Major, ich könnte meine Wette verlieren, blos durch den Gedanken, vor den Augen Anderer haſtig und ungeſchickt zu eſſen. Ich halte das für fürchterlich; wenn ich überhaupt im Stande wäre, eine neue geſellſchaftliche Ordnung einzuführen, ſo gäbe es keine Diners, keine Soupers mehr. Es iſt doch in der That nichts unangenehmer und alle Illuſion zerſtörender, als wenn man um ſich herum eine ganze Menge eſſender Lippen und kauender Zähne ſteht.— Coeur de rose! ich verabſcheue das, und wenn ich na⸗ mentlich an einer Dame Antheil nehme, ſo bin ich völlig unglück⸗ lich, wenn ich mich neben ſie zu Tiſche ſetzen muß. Ich verbleibe alsdann das ganze Diner mit niedergeſchlagenen Augen.“ „Unglücklicher Baron!“ verſetzte Graf Fohrbach.„Man kennt Ihre niedergeſchlagenen Augen. Das iſt eines von Ihren unwi⸗ derſtehlichen Mitteln; Sie ſchauen nur auf Ihren Teller, um dann plötzlich das neben Ihnen ſitzende arme Schlachtopfer mit einem einzigen Blicke niederzuſchmettern.“ Der Baron lächelte wie ein vollendeter Geck, worauf er ver⸗ gnügt ſeine Fingerſpitzen beſah, dann den aufrecht ſtehenden Enden ſeines Schnurrbarts eine noch drohendere Stellung gab, nachdem er ſeine Cigarre auf das Kamingeſims niedergelegt.„Sie thun mir Unrecht,“ ſprach er;„ich verſichere Sie, wenn ich zuweilen meine Augen auch aufſchlage, ſo habe ich gewiß niemals die Idee, indis⸗ crete Blicke umherzuwerfen. Sagen Sie ſelbſt, meine Herren,“ wandte er ſich an die Uebrigen,„kann man überhaupt zurückgezo⸗ gener leben, kann man weniger aus ſich ſelbſt machen, als ich thue?“ Bei dieſen Worten und einem Lächeln, das augenſcheinlich dazu beſtimmt war, ſeine eigenen Worte Lügen zu ſtrafen, zog er ſein Tuch aus der Taſche, und fuhr zierlich damit an ſeinem Bart und 96 Neuntes Kapitel. ſeinen Lippen umher. Das Wehen des Tuches verbreitete einen eigenthümlichen, ſehr angenehmen Geruch.— „Da hat er wieder ein neues Odeur entdeckt,“ ſagte Graf Fohrbach, indem er mit der Hand die Luft gegen ſich fächelte und dann den Geruch eifrig einſog.„Was Teufel iſt das wieder?“ „Das ſind ſeine Geheimniſſe,“ verſetzte lächelnd der Major. „Aber es riecht in der That nicht unangenehm. Wo bekommen Sie das her, Baron? Wie heißt dieſes höchſt angenehme Parfum?“ Der alſo Gefragte wedelte mit ſeinem Schnupftuche hin und her, dann ſteckte er es in die Taſche und antwortete mit großer Wichtigkeit:„Sehen Sie, meine Herren, das ſind meine Geheim⸗ niſſe. Jeder Menſch hat die ſeinigen; der Major, als zweiter Chef der Adjutantur, kennt alle geheimen Ordonanzen Sr. Majeſtät; un⸗ ſer theurer angehender Rath blickt in die Entſtehung der Geſetzen hinein; Sie, Graf Fohrbach, beſchäftigen ſich mit den Geheim⸗ niſſen verſchiedener Anzüge, und unſer junger Maler unterſucht faſt dieſelben Geheimniſſe, nur daß er ſich ganz an's Aeußere hält. — Aber mein Departement iſt das der feinen Odeurs; meine For⸗ ſchungen ſind emſig darauf gerichtet, und meine Arbeiter und Ge⸗ ſandten darauf hingewieſen, mich im Fach des Wohlriechenden be⸗ ſtändig au fait zu halten.“ „Teufel auch!“ rief der Major laut lachend,„das war eine ſchöne Rede.— Aber jetzt wiſſen wir gerade ſo viel wie vorher. Nun, ſeien Sie ehrlich, wie heißt dieſer koſtbare Wohlgeruch und wo iſt er zu haben?“ „Hier iſt er vorderhand nicht zu haben,“ entgegnete ſehr ernſt der Baron.„Ich bekomme ihn von einem Freunde aus Konſtantinopel, wo faſt das ganze Fabrikat in's Serail geht. Er wird nur von einem einzigen Künſtler, einem Armenier, gemacht und heißt coeur de rose.“ „Aha! Daher kommt denn auch Ihr neuer Schwur!“ erwi⸗ derte der Hausherr.—„Ihr werdet doch bemerkt haben, daß der gute Baron ſeit einiger Zeit nur bei coeur de rose ſchwört?— Goeur de Rose. 97 Aber ich kenne ihn,“ ſetzte er mit einer Handbewegung hinzu, „morgen Früh erhalten wir Alle einen Flacon coeur de rose.“ „Das wäre in der That zu viel verlangt,“ ſagte bedächtig der Aſſeſſor,„denn der gute Baron, der im Punkte des Geruchs ein Monopol haben will, müßte ſich augenblicklich ein anderes Odeur anſchaffen.“ „Aber halten Sie es nicht für gefährlich, Baron,“ meinte lachend der Graf,„ſo ausſchließlich ein Odeur für ſich zu be⸗ ſitzen? Das könnte doch bei Ihren vielen Eroberungen zu unan⸗ genehmen Verwicklungen führen. So ein armer Ehemann kommt in das Boudoir ſeiner Frau und merkt gleich, daß Sie da geweſen ſind.“ „Das iſt gewiß ſchon oft paſſirt,“ ſagte der Major.„Und wenn man das recht in's Auge faßt, ſo kann man ſich eine Ver⸗ ſtimmung, die man hie und da bemerkt, erklären.— Apropos! um von Verſtimmungen zu reden, ſo muß dem alten Baron von W. auch wieder was in die Quere gelaufen ſein.“ „Ei der Teufel!“ verſetzte Graf Fohrbach aufmerkſam,„erzähl uns das, Major.“ „Es war eigentlich nur ein Spaß,“ entgegnete dieſer,„denn wenn wirklich etwas daran wäre, ſo müßteſt du am Erſten davon wiſſen.“ „Von dem alten Baron weiß ich verflucht wenig,“ erwiderte der Hausherr.„Es iſt dir bekannt, daß ich gar nicht in ſeinem Vertrauen ſtehe.“ „Aber die Baronin kommt doch häufig in euer Haus.“ „Ah! die ſchöne junge Frau!“ ſprach melancholiſch der Baron Brand, indem er ſeufzend in die Höhe blickte. „In unſer Haus?“ ſagte der Graf.„Du weißt doch, daß ich mit Papa kein gemeinſchaftliches habe, und was drüben ge⸗ ſchieht, davon erfahre ich nicht beſonders viel.“ „Aber zu deiner Mutter kommt die Baronin häufig,“ erwi⸗ derte der Major. Hackländers Werke. XVI. 7 Neuntes Kapitel. „Das iſt wohl wahr, verſetzte Graf Fohrbach;„aber leider nie in den Stunden, wo ich drüben bin.“ „Er hat leider geſagt, dieſer vortreffliche Graf!“ miſchte ſich der Baron mit einem ſüßen Lächeln in das Geſpräch.„Das Leider klingt mir ungeheuer verdächtig.“ „Diesmal hat Sie Ihr gewöhnlicher Scharfſinn getäuſcht,“ entgegnete trocken der Hausherr.—„Aber was meinteſt du mit einem Auftritt?“ wandte er ſich an den Major. 3„Oh, es iſt eigentlich unbedeutend. Du weißt wohl, daß man von unſerem Dienſtzimmer in den gegenüberliegenden Flügel des Schloſſes ſieht, wo Seine Excellenz, der Generaladjutant des hochſeligen Königs, der Baron W., wohnt; und du weißt auch, daß ich ſehr gute Augen habe. Da ſtand ich nun vorgeſtern am Fenſter, halb hinter dem Vorhang verborgen, und betrachtete mir die gegenüberliegenden Fenſterreihen von oben bis unten. Au einem dieſer Fenſter ſteht Seine Excellenz mit dem gewöhnlichen finſtern Blick, aber nicht mit der gewöhnlichen Ruhe. Jetzt fängt er auf einmal an, auf den Fenſterſcheiben zu trommeln; es ſchien mir irgend ein Sturmmarſch zu ſein, aber er trommelte nur einige Takte.“ „Wahrſcheinlich zum Loslaſſen der Plänkler,“ meinte der Aſſeſſor. „Vielleicht wohl. Es mußte etwas vom Loslaſſen darin vor⸗ kommen, denn gleich darauf ließ er ſich ſelbſt los. Sein nicht ge⸗ rade ſchönes Geſicht wurde dunkelbraun, ſein eines Auge blickte eine Zeit lang ſtier in den Hof hinaus, dann wandte er ſich mit einer raſchen Bewegung um und geſticulirte und telegraphirte in's Zimmer hinein, was ich mir ungefähr mit den Worten überſetzte: Madame, ich kann und will Ihren Worten nicht glauben, hol' der Teufel die ganze Geſchichte! Aber wenn ich noch einmal ſehe, Madame, daß Sie die Vorhänge Ihres immer verſchloſſenen Wa⸗ geus hinaufziehen oder daß Sie Jemand Anders anblicken wie mich, ſo ſcheue ich einen öffentlichen Eclat ganz und gar nicht und CGoeur de Rose. 99 ſchicke Sie nach Schloß Werdenberg, wo Sie mit undurchdringlichen Waldungen und den alten Portraits meiner Familie kokettiren können!“ „Ich möchte den Major mir nicht gegenüber wohnen haben,“ ſagte der Baron; wobei er ſich indeſſen Mühe gab, ein ſtarkes Gäh⸗ nen zu unterdrücken. Offenbar war ihm die Erzählung langweilig. „Aber woher vermutheſt du, daß dieſe ganze Geſchichte ſich auf die arme Frau bezog?“ „Ich vermuthe nie,“ ſprach ernſt der Major,„ſondern ich urtheile nur nach Vorfällen und Thatſachen. Nachdem alſo Seine Excellenz den wahrſcheinlichen Sturmmarſch mehrmals auf die Fen⸗ ſterſcheibe getrommelt und öfters wie ein Kreiſel in das Zimmer hinein geflogen war, verſchwand er plötzlich vor dem Fenſter. Ich blieb an dem meinigen ſtehen und dachte: du willſt doch ſehen, ob da nichts weiter vorfällt. Nun dauerte es aber nicht lange, ſo fuhr drüben ein Wagen vor, Seine Excellenz kamen die Treppen herab, ſetzten ſich ein und fuhren davon. Eine lange Weile nach⸗ her wurde drüben an den Fenſtern nichts ſichtbar, und man be⸗ merkte nur etwas wie einen Schatten im Zimmer auf⸗ und abge⸗ hen. Endlich erſchien die Baronin zwiſchen den Vorhängen, ſie hatte ein weißes Tuch in der Hand, und ich ſah deutlich, wie ſie ihre vom heftigen Weinen gerötheten Augen an die Scheiben drückte. So blieb ſie einen Augenblick ſtehen, dann zog ſie ſich in's Zim⸗ mer zurück und die Geſchichte war zu Ende.“ „Iſt denn der Baron ſo außerordentlich eiferſüchtig und gibt ihm ſeine Frau Urſache dazu?“ fragte der Aſſeſſor. „Das erſte ja, das zweite gewiß nicht,“ erwiderte der Major. „Sie iſt ein armes, kleines, gedrücktes Weib, das bei dem alten Währwolf ein rechtes Sklavenleben führt. Wie hätte die Frau ſo glücklich ſein können, wenn ſie in die rechten Hände gefallen wäre! Ich kenne in der That kein freundlicheres, beſſeres und reicheres Gemüth. Daß ſie ſchön iſt, wißt ihr ſelbſt am Beſten zu beurtheilen.“ „Sehr ſchön,“ ſagte der Baron nun wirklich gähnend;„Figur, 100 Neuntes Kapitel. Geſicht, Alles. Es wäre eine vollendete Schönheit, nur will mir das Haar nicht gefallen.“ „Das Haar?— Ah! da muß ich bitten,“ entgegnete eifrig der junge Maler, der hier eine Veranlaſſung hatte, ſich in das Geſpräch zu miſchen.„Es gibt kein glänzenderes Haar, kein ſchöneres Blond.“ „Baron, geben Sie das zu!“ rief Graf Fohrbach luſtig. „Und Sie werden das Haar gewiß ſchön finden, wenn ich Ihnen ſage, daß es mit dem Ihrigen einige Aehnlichkeit hat.“ Alles lachte, doch Arthur ſagte ſehr ernſt:„der Graf hat Recht; es iſt da nichts zu lachen; das Haar der Baronin W. hat in der That mit dem unſeres Freundes hier eine große Aehnlichkeit; ja, ich möchte noch weiter gehen und behaupten, daß ich ſogar in der Geſichtsbildung der beiden Genannten eine gewiſſe Harmonie finde.“ „Baron, das ſchmeichelt,“ meinte der Hausherr.„Und der Teufel ſoll mich holen, Arthur hat nicht ganz Unrecht. Forſchen Sie einmal in Ihren Geſchlechtsregiſtern nach, am Ende ſind die Familien Brand und die der Baronin mit einander verwandt.“ Auf das hin flog ein düſterer Schatten über das lachende Ge⸗ ſicht des Barons, er preßte eine Sekunde lang die Lippen auf einander, worauf aber ſogleich wieder ſeine Züge von dem bekann⸗ ten ſüßen und unwiderſtehlichen Lächeln erheitert wurden. Er ſtellte ſich breit vor den Spiegel, der über dem Kamine hing, betrachtete ſich lange und forſchend, ſowie mit großer Selbſtzufriedenheit, und ſagte endlich mit entſchiedenem Tone:„nein, meine Herren, ihr irrt euch, die Baronin, ſo ſchön ſie iſt, kann keine Anſprüche ma⸗ chen, mir ähnlich zu ſehen.“ 2 Es ſollte das natürlicher Weiſe nur ein Scherz von dem jungen Manne ſein, doch alle Anweſenden, da ſie mit ſeinen Schwächen bekannt waren, konnten ſich eines ſchallenden Gelächters nicht erwehren. „Wir wollen die Sache nicht weiter unterſuchen,“ meinte der Major;„nur ſo viel iſt jetzt gewiß, daß die Baronin eine ſehr ſchöne Frau iſt.“ Herr von Dankwart. 101 „Und der Baron ein ſchöner Mann,“ ſagte galant der Haus⸗ herr.—„Aber,“ ſetzte er ungeduldig hinzu,„ich begreife nicht, wo unſer Thee bleibt. Es muß doch eilf Uhr vorüber ſein.— Klingeln wir.“ Dabei hob er ſeinen Arm empor und zog an der über ſeinem Haupte befindlichen Glockenſchnur. Zehntes Kapitel. Herr von Dankwart. Faſt zu gleicher Zeit öffnete ſich die Thüre und der alte Kam⸗ merdiener trat herein, gefolgt von einem Lakaien, der auf einem großen Präſentirteller das Theeſervice hereinbrachte, einen Tiſch in die Nähe des Kamins ſtellte und auf demſelben Geſchirr und Taſſen zu ordnen begann, dazu Butter und Brod, etwas kaltes Geflügel und eine einzige Flaſche Champagner. Er war mit die⸗ ſem Arrangement noch nicht zu Ende, als der Bediente, der das Service gebracht und ſich wieder entfernt hatte, abermals in das Zimmer ſchlich und dem alten Manne einige Worte in das Ohr flüſterte. Dieſer richtete ſich in die Höhe, dachte einen Augenblick nach, ſchüttelte leicht mit dem Kopfe und ging zu dem Grafen hin, dem er meldete:„Herr Baron von Dankwart ſind draußen und läſſen fragen, ob der Herr Graf zu Hauſe ſeien.“ „Nein,“ antwortete dieſer ganz ruhig, indem er die Achſeln zuckte.„Ich bin für den Herrn von Dankwart ſelbſt am Tage nicht zu Haus; er ſoll mich in der Nacht ungeſchoren laſſen!“. Der Kammerdiener blickte auf den Bedienten, dieſer zog mit einem ſehr verlegenen Geſicht die Achſeln in die Höhe, worauf der 102 Zehntes Kapitel. alte Maun ſeinem Herrn ſagte:„er hat die zweite Klingel ge⸗ zogen, weßhalb ihm der Portier ſogleich geöffnet.“ „Woher weiß er, beim Teufel! daß an meinem Hauſe zwei Klingeln ſind? Für ihn iſt nur die einzige da!“ In dieſem Augenblicke ſchien der Vorhang, der im äußeren Zimmer hing, ſich leicht zu bewegen. Der Bediente huſtete ver⸗ legen, näherte ſich ſeinem Herrn auf einige Schritte, und ſagte mit vorgeſtrecktem Halſe zu ihm:„Euer Erlaucht wollen gnädigſt ver⸗ zeihen, aber der Herr Baron von Dankwart ſind bereits draußen im Salon.“ Graf Fohrbach, der ebenfalls ganz genau geſehen, daß bei der Thüre ſich etwas bewege, blickte ſcheinbar nachſinnend zur Decke empor und rief dann mit ſo lauter Stimme, daß man ihn noth⸗ wendig draußen hören mußte:„ah! das kann nur ein Irrthum ſein; Baron von Dankwart kenne ich gar nicht; es gibt keinen Baron dieſes Namens hier.— Nicht wahr?“ wandte er ſich an den Aſſeſſor. „Ich kenne auch keinen Baron dieſes Namens,“ entgegnete der Gefragte mit vollen Backen, denn er hatte eben angefangen, dem kleinen Goutté zuzuſprechen. „Ah! welch' vortreffliche Späſſe!“ ließ ſich eine laute Stimme im Hinterhalt vernehmen, während ein kleiner Mann zwiſchen den Vorhängen der Thüre ſichtbar wurde, der ſich die Geſellſchaft ſchalk⸗ haft lachend betrachtete und ſich mit außerordentlicher Beweglichkeit und etwas geſpreitztem Weſen derſeiben näherte. Ein paar Mal ſchaute der kleine Mann mit vieler Wichtigkeit rechts und links, und ſeine Hände zuckten beſtändig, als wolle er ſie einer Menge unſichtbaren Bekannten zum Schütteln darreichen,— ein Manöver, das er nun, am Kamin angekommen, dort ebenfalls genau auszu⸗ führen trachtete, ohne aber großen Anklang zu finden. Der Graf hatte ſich einer Taſſe Thee bemächtigt, die er mit einer Hand hielt, während er in der andern die Cigarre hatte.— Herr von Dankwart. 103 „Ah! Sie ſind's, beſter Herr von Dankwart?“ ſprach er ſcheinbar erſtaunt.„Die Bedienten ſprechen alle Namen ſo furchtbar unge⸗ ſchickt aus; aber Sie werden verzeihen, daß ich Ihnen meine Hand nicht reichen kann, ich müßte ſonſt die Taſſe oder Cigarre fallen laſſen.“ Der kleine Mann, der ſeine gelben Glacehandſchuhe ſchon zu dem erwähnten Zwecke emporgehoben hatte, kam durchaus nicht aus dem Gleichgewicht; er hob ſeine Finger etwas höher, um dem Grafen ſanft auf die Schulter zu klopfen, wobei er lachend ſagte: „wie dieſer gute Graf ſo ungeheuer bequem iſt! Nun, unter Be⸗ kannten nimmt mans nicht ſo genau.“ Hierauf ſah er forſchend im Zimmer umher, rief dem Major einen guten Abend zu, grüßte den Aſſeſſor vertraulich, und ſtieß den Baron von Brand, der am Tiſche beſchäftigt war und ihm deßhalb den Rücken drehte, ſanft mit dem Finger in die Seite. Worauf dieſer ohne umzuſchauen, einfach mit dem Kopfe nickte, und dabei ſagte:„ah! Herr von Dankwart, ſo ſpät noch?— Es freut mich, Sie zu ſehen.“ „Das iſt in der That ein poſſirlicher Herr!“ erwiderte laut lachend der kleine Mann; dieſer theure Baron von Brand be⸗ hauptet, mich zu ſehen und dreht mir den Rücken; das iſt außer⸗ ordentlich komiſch!“ Alsdann legte er ſeinen Hut auf eine Chaiſe longue, ſah ſehr freundlich aber nicht ohne Wichtigkeit nochmals im Kreiſe umher, natürlicher Weiſe, ohne aber den Maler zu be⸗ merken, der ihm am nächſten ſaß, und ließ ſich dann mit einem leichten Seufzer in den neben ihm ſtehenden Fautenil hineinfallen. Der Graf konnte nicht umhin, Arthur dem eben Angekom⸗ menen vorzuſtellen.„Herr Arthur, ein junger talentvoller Maler,“ ſagte er—„Herr von Dankwart, Geſchäftsmann Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin.“ 4 Arthur verbeugte ſich, und der kleine Mann drehte mit großer Lebendigkeit ſeinen Kopf herum, indem er verſetzte:„habe noch 104 Zehntes Kapitel. nie die Ehre gehabt, in der That, noch niemals die Ehre, von Ihnen zu hören, was mir eigentlich ſehr befremdend iſt, denn die Herren alle hier werden mir bezeugen, daß ſich jeder Künſtler um meine Bekanntſchaft bemüht, daß— wie ſoll ich mich genau aus⸗ drücken?— es für jeden Künſtler von Wichtigkeit iſt, von mir gekannt zu ſein.“— „In dem Falle,“ entgegnete Arthur lächelnd,„muß ich dem heutigen Abend beſonders dankbar ſein, daß er mir das Glück ver⸗ ſchafft, Ihre Bekanntſchaft zu machen, und mir geſtattet, ſo viel Verſäumtes nachzuholen.“ Herr von Dankwart ſchaute einen Augenblick aufmerkſam in das Kamin; er ſchien die Antwort des Malers vollkommen über⸗ hört zu haben; wie es überhaupt eine Gewohnheit von ihm zu ſein ſchien, nur zu ſprechen und zu fragen, ohne eine genügende Antwort zu erwarten.—„Sollten Sie es glauben, beſter Graf,“ ſagte er nach einer Pauſe,„daß die jungen Künſtler völlig auf eigenen Füßen ſtehen wollen und die Protection tüchtiger Männer für gar nichts achten, keine gute Lehre, keinen Rath mehr anneh⸗ men wollen? Ich verſichere Sie— nun, ich brauche es eigentlich nicht zu betheuern; die Welt weiß, wie ich mich auf Anordnung und Colorit verſtehe,— aber die Herren wollen Alles beſſer wiſſen.— Haben Sie das Portrait Ihrer Hoheit geſehen, ſeit es fertig iſt— früher etwas mangelhaft, etwas leer in der Staffage, aber jetzt ſuperb, herrlich! gemalt von Herrn Wieſel— 2“ „Ein ſehr gutes Portrait!“ verſetzte Arthur. „Jetzt freilich,“ erwiderte Herr von Dankwart mit ſcharfer Betonung des erſten Wortes.„Ihre Hoheit ſteht vor dem Por⸗ tal Höchſt Ihres Landhauſes und ſchaut hinaus in die Gegend. Das war Alles recht ſchön und gut, die Allerhöchſte Figur kann man ſehr gelungen nennen, aber ſie ſchaute in eine Gegend, ohne daß ſich etwas Intereſſantes begibt; alſo blickte Ihre Hoheit, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, aufmerkſam in ein Nichts, denn die Herr von Dankwart. 105 bekaunte Gegend dürfte doch nicht im Stande ſein, die geſpannte Aufmerkſamkeit Ihrer Hoheit zu feſſeln. Darin lag der Fehler, ich fühlte das gleich, obgleich ich mich lange vergebens bemühte, dem Maler Wieſel dies ebenfalls begreiflich zu machen; aber es wäre Schade, wenn man es nicht geändert hätte. Ich weiß nicht, ob Sie mich verſtehen, aber es war eine Leere da, die dem verſtändi⸗ gen Beſchauer drückend erſchien.“ „Und dieſer Leere halfen Sie?“ fragte trocken der Major. „Allerdings,“ entgegnete wichtig Herr von Dankwart. „Was aber nicht ſchwer ſein mußte,“ warf der Baron von Brand dazwiſchen, indem er ſich mit dem Battiſttuch den Schnurr⸗ bart wiſchte.„Man brauchte ja nur ein zierliches Roſengebüſch anzubringen.“ „Diesmal hatte ich eine beſſere Idee,“ ſagte lächelnd der kleine Mann mit Selbſtzufriedenheit.„Wieſel war erſtaunt darüber; unter uns geſagt, er äußerte ſich, es ſchmerze ihn tief, daß ihm das nicht ſelbſt eingefallen.„Ich ließ alſo,“— fuhr Herr von Dankwart mit gehobener Stimme fort, wobei er Daumen und Zeigefinger der linken Hand vereinigte und ſie beſtimmt auf und ab richtete, während er dieſe Worte ſprach,—„ich ließ alſo hin⸗ ten aus dem Gebüſche den kleinen Hund der Frau Herzogin her⸗ austreten, wodurch die ganze Scene belebt wurde und ein Gegen⸗ ſtand da war, auf welchen ſich der fragende Blick der hohen Frau im nächſten Augenblicke richten würde.“ „Vortrefflich!“ meinte der Major, indem er große Wolken aus ſeiner Cigarre blies. „Und malte Wieſel den Hund?“ fragte Arthur. „Ob er ihn malte!“ entgegnete Herr von Dankwart im weg⸗ werfenden Tone,„auf allerhöchſten Befehl—“ „Ich dachte, Sie hätten es befohlen,“ ſagte bedenklich der Aſſeſſor. „Ich— nun ja, ich,“ erwiderte der kleine Mann mit vieler 106 Zehntes Kapitel. Würde. Natürlich ich, aber wie es ſich von ſelbſt verſteht, im hohen Auftrage, im Namen Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin. — Aber wiſſen Sie auch,“ fuhr er nach einer Pauſe in natür⸗ licherem Tone fort,„weßhalb ich eigentlich hieher gekommen?“ „Nein,“ verſetzte beſtimmt der Graf,„ich habe keine Idee davon.“ „Man hat mich verſichert, Sie hätten eine Sendung des vor⸗ 4 züglichſten Latakia erhalten, und nun bin ich da, um zu unter⸗ ſuchen, ob er wirklich von ſo guter Qualität iſt. Sie werden mir zugeſtehen, daß man bis jetzt die beſte Pfeife bei mir rauchte; iſt aber die Ihrige vorzüglicher, lieber Herr Graf Fohrbach, ſo kann ich Ihnen in der That nicht helfen; in dem Falle müſſen Sie mir einen Theil erlaſſen.— Soll ich in die Hände klatſchen?“— Nach dieſen Worten und einem vergeblichen Verſuche, mit den kurzen Füßchen den Fußboden zu erreichen, warf ſich Herr von Dankwart graziös in dem Fauteuil hin und her und ſtützte die Ellenbogen auf die Knie, die Handflächen ausgebreitet, um ſie leicht zuſam⸗ menſchlagen zu können. „Laſſen Sie das Klatſchen nur ſein,“ ſprach ruhig Graf Fohr⸗ bach,„wiſſen Sie, mein theurer Herr von Dankwart, man iſt hier im Hauſe nur an meine Befehle gewöhnt und Ihr Klatſchen könnte mißverſtanden werden. Aber ich will für Sie die Klingel ziehen; mit Vergnügen ſollen Sie eine Pfeife haben.“ Damit hob der Hausherr ſeinen Arm in die Höhe, ſchellte zweimal, worauf ſich in der Thüre des anſtoßenden Schlafzimmers der Jäger des Grafen zeigte und auf erhaltenen Befehl eine angezündete lange Pfeife brachte, die er dem kleinen Mann in den Mund ſteckte. Während demſelben auf dieſe Art das Maul geſtopft wurde und endlich einmal ſtille ſtand, und während er ſich mit Behaglich⸗ keit in dem Fauteuil ausſtreckte, haben wir Muße, ihn dem geneig⸗ ten Leſer näher zu beſchreiben. Herr von Dankwart war von ſehr kleiner Geſtalt, die, an ſich Herr von Dankwart. 107 in recht guten Verhältuiſſen, nur zu dem ziemlich dicken und un⸗ förmlichen Kopfe durchaus nicht paſſen wollte, welcher der ganzen Figur etwas Zwerghaftes verlieh. Der eben erwähnte Kopf bil⸗ dete ein vollkommenes Dreieck von dem ſpitzen Kinn an bis zu der breiten Stirne, die nach oben an eine außerordentlich dünne Haar⸗ lichtung ſtieß und ſich ſolchergeſtalt faſt bis zum Hinterkopf fortzu⸗ ſetzen ſchien. Das Geſicht hatte einen ganz eigenthümlichen Aus⸗ druck; es lag etwas Verſchmitztes und zugleich ſehr Hochmüthiges darin. Die Wangen waren ſehr eingefallen und ſelbſt das Ge⸗ ſträuch des dort wuchernden Bartes war nicht im Stande, dieſe tiefen Thäler auszufüllen. Der Mund war ziemlich klein, die Augen aber weit geöffnet und von einer unangenehmen bläulichen Farbe und geiſtloſem Ausdruck. Obgleich Haar und Bart ſo ſorgfältig als möglich gepflegt waren, ſo machte doch der ganze Kopf den Eindruck, als ſei er vernachläſſigt worden, habe lange Zeit ver⸗ geſſen in einem Winkel gelegen und ſei dort von den Ratten ab⸗ genagt worden.— Der Anzug des Herrn von Dankwart war untadelhaft von den fein lackirten Stiefeln an bis zu den ſteifen und hohen Halskrägen; er befand ſich im ſchwarzen Frack und ſchien aus einer Soirée zu kommen. Hier, beim Grafen Fohrbach, hatte ſein Erſcheinen indeß nicht zur Belebung der Unterhaltung beigetragen. Der Hausherr lehnte ziemlich verdrießlich an dem Kamin und ließ große Rauchwolken aus ſeiner Cigarre aufſteigen; der Major war ſtill und einſylbig geworden, und während ſich der Aſſeſſor bei einer ſoliden Reſtau⸗ ration mit Champagner und kaltem Geflügel beſchäftigte, tauchte der Baron von Brand verſchiedene Bisquits in Zuckerwaſſer— au fleur d'orange. Der kleine Mann rauchte ſeinen Tabak prüfend aus der langen Pfeife, ſog den Dampf ein, verſchluckte ihn unter verſchie⸗ denen Grimaſſen, trank eine Taſſe Thee darauf und ließ eine . Weile nachher den Tabaksrauch nach ächter orientaliſcher Manier 108 Zehntes Kapitel. wieder aus dem Magen herauf ſteigen, um ihn hierauf von ſich zu blaſen. „Der Latakia iſt gut,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ich möchte ſagen, faſt ſo gut wie der meinige, und wenn es Ihnen recht wäre, mein lieber Graf, ſo machten wir einen kleinen Tanſch.— Apro⸗ pos,“ fuhr er nach einem abermaligen tiefen Zuge fort, ohne vor⸗ her eine Antwort abzuwarten,„um vom Tauſchen zu reden, ſo kennen Sie, lieber Major, gewiß den kleinen Fuchſen des Prinzen A. Halten Sie ihn von einer guten Zucht, von einer unverfälſchten Race, würden Sie zum Beiſpiel zu einem Tauſche zwiſchen jenem Pferde und meinem Schimmel rathen?“— Der Major blickte einigermaßen erſtaunt empor und entgeg⸗ nete:„der Fuchs iſt ein vortreffliches Pferd, und bei allem Re⸗ ſpekt vor Ihrem Schimmel begreife ich doch nicht, wie einem Kenner hiebei ein Tauſch einfallen könnte.“ „Es iſt vielleicht dem Prinzen darum zu thun,“ meinte der Baron von Brand mit einem ſüßen Lächeln,„etwas zu bekommen, was dem Herrn von Dankwart gehörte; wie man auch ſonſt wohl die unbedeutendſten Sachen, wenn ſie großen Männern angehören, in hohem Werthe hält.“ Der Graf Fohrbach lächelte in ſich hinein, und Herr von Dankwart blickte verwundert auf den Sprecher; doch da er deſſen gleichmüthiges, unbewegliches Geſicht ſah und ſich gnädigſt erin⸗ nerte, man müſſe deſſen beſchränktem Verſtande ſchon etwas zu gute halten, ſo begnügte er ſich damit, die Achſeln zu zucken, die Backen aufzublaſen und alsdann aus ſeinem Pfeifenkopfe eine Menge Rauch zu ſtoßen. „Es wird ſpät,“ ſagte der Major,„ich gehe nach Hauſe.— Du kannſt morgen nicht auf die Jagd?“ wandte er ſich an den Grafen. „Herrendienſt!“ erwiderte dieſer;„ich bin morgen in das Vor⸗ zimmer gefeſſelt. Wenn du Nachmittags zurück kommſt, kannſt du mir erzählen, wie es draußen ausgeſehen.“ Herr von Dankwart. 109 „Ich komme gegen Abend und werde dich beſuchen,“ verſetzte der Major, indem er ſich erhob.„Nun, Aſſeſſor, du fährſt doch mit mir?“ „Ich hatte auf einen Platz bei Ihnen gerechnet, lieber Major,“ ſagte Herr von Dankwart,„und ſchickte deßhalb meinen Wagen nach Hauſe.“ „Daran haben Sie bei dieſem Wetter ſehr unrecht gethan,“ entgegnete der alſo Angeredete.„Den Teufel auch, man muß im Winter nicht ſo unvorſichtig ſein!— Ich könnte Ihnen nur ein kleines Bänkchen in meinem Coupé anbieten, aber es iſt voll Pelz⸗ fußſäcke und dergleichen.“ „Laſſen Sie ſich eine Drotſchke holen, Herr von Dankwart,“ meinte der Baron von Brand.„Sie können ſich denken, daß ich Ihnen mit großem Vergnügen einen Platz bei mir anbieten würde, aber erſtens habe ich da den Maler aufgeladen, und zweitens fahren wir nicht ganz direkt nach Hauſe.— Sie waren auch einmal ein fröhlicher Gargon und werden mich ſchon verſtehen.“ Bei dieſen Worten hatte er ſeinen Hut genommen und Arthur leicht ange⸗ ſtoßen, als er bei dieſem vorüber kam. Unter dem allgemeinen Aufbruch, der nun erfolgte, ſchien das ziemlich lange Geſicht des kleinen Mannes, mit dem er dieſe Ab⸗ weiſungen erhalten, nur von dem Hausherrn bemerkt zu werden. Dieſer führte den Major wie abſichtslos in eine Ecke, und ſagte dort leiſe zu ihm:„rückt in Gottesnamen zuſammen und nimmt mir den Kerl mit fort, ſonſt ſitzt er mir dahin, langweilt mich noch eine Stunde, und ich muß ihn am Ende nach Hauſe fahren laſſen.“ „Recht!“ erwiderte der Andere, indem er den Mund zum Lachen verzog,„wir wollen ihn in die Mitte nehmen.“ Dann wandte er ſich an Herrn von Dankwart und ſagte ihm:„Sie werden hoffentlich ſo gut von unſerer Galanterie denken, daß wir Sie nicht bei Nacht und Nebel allein und zu Fuß nach Hauſe gehen laſſen. Wenn Sie den Mittelplatz zwiſchen dieſen reſpekta⸗ 110 Zehntes Kapitel. beln Körpern einnehmen wollen“— dabei zeigte er auf den Aſſeſſor und ſich ſelbſt—„ſo wird's uns freuen.“ „Das iſt mir wahrhaftig angenehm,“ entgegnete hierauf Herr von Dankwart mit großer Lebhaftigkeit;„und ich verſichere Sie, den Weg zu Fuß zu machen, wäre mir eine Kleinigkeit, da ich be⸗ dingungsweiſe die kühle Nachtluft liebe; aber ich habe Ihnen eini⸗ ges nicht Unwichtiges mitzutheilen. Ihre Hoheit nannte beim Frühſtück Ihren Namen und— doch davon ſpäter! Bringen wir alſo dieſen guten Aſſeſſor nach Hauſe, er wohnt nicht weit von hier, und dann fahren wir äußerſt angenehm zu mir.“— Bei die⸗ ſen Worten erhob ſich Herr von Dankwart ſtolz und beruhigt, zog ſeinen ſchwarzen Frack in die Taille hinein, warf den Kopf mehr als gerade nöthig war, in die Höhe und reichte ſeine Finger mit vieler Grazie rechts und links zum Abſchiede. Da aber zu⸗ fälliger Weiſe Niemand beſonders darauf achtete, ſo gingen meh⸗ rere ſchöne Händedrücke für dieſe undankbare Welt verloren. An der Thüre ſagte der Baron von Brand zu dem Haus⸗ herrn:„ich hätte bald vergeſſen, Sie zu fragen, lieber Graf, wie Sie es morgen bei dem Begräbniß der Fräulein von M. halten?“ „O, ich ſchicke einfach einen geſchloſſenen Wagen hin.“ „Kutſcher und Bedienten?“ „Natürlicher Weiſe; je größer die Pracht, deſto mehr bezeugt man ſein Beileid.— Gute Nacht!— Gute Nacht!“— Der Wagen des Majors fuhr zuerſt ab, er ſelbſt darin mit dem Aſſeſſor und dem Herrn von Dankwart; doch muß man durch⸗ aus nicht glauben, es habe der Letztere ſich des angebotenen Mit⸗ telplatzes bedient; im Gegentheil, er ſetzte ſich unter vielen wichtig ausgeſprochenen, im Grunde aber ſehr unwichtigen Redensarten in die rechte Ecke des Coupé's und verſicherte, man könne ſagen was man wolle, die in hieſiger Reſidenz gebauten Wagen ſeien alle unerträglich, ein Uebelſtand, dem er aber abhelfen werde, indem Herr von Dankwart. 111 er gerade im Begriffe ſei, einen neuen Unterwagen zu conſtruiren, ſo vortrefflich, ja ſinnreich erdacht, daß er nothwendiger Weiſe bei der Ausführung die allgemeine Bewunderung erregen müſſe. Als Arthur im zweiten Wagen mit dem Baron durch die Straßen fuhr, und dieſer über gleichgültige Dinge ſprach, ſiel dem Maler abermals die Aehnlichkeit mit der Stimme auf, die er heute Abend an jenem Durchgange gehört. „Es iſt ſonderbar,“ ſagte er,„wie ſich zwei Organe gleichen können; heute Abend zog ich in den Straßen der Stadt umher, und hätte unter anderen Verhältniſſen darauf ſchwören wollen, Sie, Baron, da gehört zu haben.“ „Ei der Tauſend,“ entgegnete Herr von Brand,„und wo war das, wenn ich fragen darf?“ Dabei zog er ein Sacktuch hervor⸗ und der ganze Wagen füllte ſich mit dem eigenthümlichen Parfum des ſchon erwähnten coeur de rose. „Natürlich iſt es eine Täuſchung,“ fuhr der Maler fort,„es war in der Gegend des Marktplatzes, wo die alten merkwürdigen Häuſer ſtehen, für uns Künſtler ein intereſſanter Platz. Es iſt dort ein Durchgang.“ „So, ein Durchgang?— Ich erinnere mich nicht.“ „Das glaube ich wohl,“ ſagte Arthur lachend.„Dieſer Durch⸗ gang führt namentlich zu einer ſonderbaren Kneipe, wo ſich herum⸗ ziehende Muſikanten, Gaukler von der Meſſe, und allerhand Leute von noch weniger ausgeſprochenem, aber doch einträglichem Gewerbe zuſammen finden.“ „Ah! das muß nicht unintereſſant ſein!“ meinte der Baron. „Waren Sie ſchon da?“ „In dem Hauſe ſelbſt nie.“ „Das iſt Schade, ſonſt könnten Sie mich einmal hin führen;. man ſieht da luſtige und pikante—— Scenen; ich liebe der⸗ gleichen.— Wie heißt die Kneipe?“ „Zum Fuchsbau,“ entgegnete Arthur. 112 Zehntes Kapitel. „Habe den Namen nie gehört,“ verſetzte lachend der Baron, „will mir ihn aber merken.“ Damit war der Wagen an dem Hauſe Arthur's angekommen; der Kutſcher hielt die Pferde an, der junge Maler öffnete den Schlag, ſprang heraus und wünſchte dankend eine gute Nacht. Als der Baron ſeine Wohnung ebenfalls erreicht, verließ er das Coupé, welches nach den Stallungen fuhr, während er in den Thorweg ſeines Hauſes trat. Hier war er eben im Begriff, die Klingel zu ziehen, als er bemerkte, daß ihm Jemand von der Straße uachgefolgt war, der, dicht in einen Mantel gehüllt, ganz nahe vor ihn hintrat. Der Herr von Brand wich bei dieſer plötzlichen Begegnung einen Schritt zurück und griff mit der Hand in ſeine Bruſttaſche, vielleicht abſichtslos, vielleicht aber hatte er auch dort eine Waffe verborgen. Der Andere, welcher dieſe Bewegung ſah, rief laut lachend: „Gut Freund! Baron; laſſen Sie nur ſtecken!— Teufel auch! ich glaube, Sie hätten nicht übel Luſt, eine Piſtole gegen mich zu wenden.“ Der Baron, welcher augenblicklich dieſe Stimme zu erkennen ſchien, ſprach im Tone der höchſten Ueberraſchung:„Wie?“ Sie ſind es, gnädigſter Herr?— Ich muß geſtehen, ich hätte Euer Durchlaucht nicht zu der Zeit hier erwartet.“ „Daran ſind Sie ſelbſt Schuld; man findet Sie ja nie, und wo Sie oft ſind, habe ich nicht immer Luſt hinzugehen.“ „Ah! zum Grafen Fohrbach!“ „Ganz recht! ganz recht!— Haben Sie Zeit für mich zu zwei Worten?“ „Die ganze Nacht.— Aber wollen Euer Durchlaucht nicht zu mir hinauf ſpazieren?“ „Nein, nein, ich will nach Hauſe.— Kommen Sie einen Augenblick in die Straße, es iſt gleich abgemacht.“— Damit faßte Herr von Dankwart. 113 er den Baron unter dem Arm, und Beide traten aus dem Thorwege hinaus, um bei der Häuſerreihe in langſamem Schritt auf und ab zu gehen. „Sie wiſſen,“ ſagte der Unbekannte,„ich habe es mit vieler Mühe durchgeſetzt, daß Eugenie von S. zum Ehrenfräulein ernannt wurde.“ „Schön,“ entgegnete der Baron, indem er mit dem Kopfe nickte;„ſie wird im Schloſſe wohnen.— Euer Durchlaucht haben da die beſte Gelegenheit, ſich ihr zu nähern.“ „Teufel auch! wenn mich das nur was nützt!— Sie ſoll ſehr ſtreng ſein und wird hier bald einen Anhang von Leuten haben, die mir gerade nicht beſonders gewogen ſind; ihre Mutter war eine genaue Bekannte des Grafen Fohrbach, ſie ſelbſt iſt eine Nichte des Major von S.— Und dann iſt Eugenie zu ſchön, ſie muß Aufſehen erregen; man wird ſich um ſie bewerben.— Ich fürchte wahrhaftig den jungen Grafen Fohrbach.“ „Pah!“ lachte der Baron,„wen hätten Sie zu fürchten, gnä⸗ diger Herr?“ „Na, laſſen wir alle Schmeicheleien,“ entgegnete der Andere mit einer ungeduldigen Kopfbewegung;„ich ſtehe ſchon für mich ein, aber die Partie iſt ungleich: Sie wiſſen, ich bin weder bei den Fohrbach's noch bei Major S. ſehr gelitten, habe alſo keine Verbündeten.“ „Mit Ausnahme des Vaters,“ erwiderte der Baron mit ſelt⸗ ſamem Lächeln, das aber der Andere nicht ſehen konnte, denn er fuhr ungeduldig fort: „Was nützt mich der Vater? Ich muß hier auf dem Platze auf ſie einwirken können.“ „So muß man Ihnen Verbündete ſchaffen.“ „Deßhalb wende ich mich an Sie.— Glauben Sie, daß. das möglich iſt?“ Hackländers Werke. XVI. 8 Zehntes Kapitel. „Auf die großen Familien kann ich begreiflicher Weiſe nicht einwirken, aber ich ſehe wohl ein, es iſt nothwendig, daß wir vor⸗ derhand von allen ihren Schritten unterrichtet werden, daß wir erfahren, wohin ſie geht, wen ſie empfängt, mit Einem Wort, was ſie thut und treibt.“ „Und iſt das möglich?— Es wird ſchwierig ſein.“ „Nicht ſo ſehr,“ meinte der Baron nach einigem Nachdenken. „Was ich verſpreche, das pflege ich zu halten.— Aber auch Graf Fohrbach muß beobachtet werden.“ „Das iſt auch meine Anſicht, beſter Baron,“ ſprach eifrig der Andere;„ich wäre Ihnen zu tanſend Dank verpflichtet, wenn Sie im Stande ſind, ſo Etwas für mich anzurichten.“ „Verlaſſen ſich Euer Durchlaucht ganz auf mich; ich mache mich anheiſchig, Ihnen in kurzer Zeit täglich, ja ſtündlich die gründlichſten und getreuſten Berichte ſowohl über Fräulein von S., als auch über den Grafen zu machen.— Dagegen aber, gnädigſter Herr, hoffe ich, auch vorkommenden Falls vielleicht auf Sie rech⸗ nen zu können.“ „Sie wiſſen, beſter Baron, daß Ihnen mein ganzer Einfluß zu Befehl ſteht“— „Und ich werde mir erlauben,“ unterbrach ihn Herr von Brand, „Euer Dur hlaucht— einſtens daran zu erinnern.“ „Das hoffe ich, und— die Sache wäre abgemacht.“ „Vollkommen.“ „Ich erhalte meine Berichte“— „Sobald das Fräulein da iſt.“ „Nun denn, vorderhand meinen beſten Dank!— Gute Nacht, Baron!“ „Gute Nacht, gnädigſter Herr!“ Zwei Begräbniſſe. 115 Eilftes Kapitel. Zwei Vegräbniſſe. Es iſt ſeltſam, wie man erſt nach und nach dazu kommt, Kirch⸗ höfe zu beſuchen und ohne Scheu zwiſchen den kleinen Hügeln um⸗ herzuwandeln. Man geht zuweilen hin bei gewiſſen Veranlaſſun⸗ gen, dem großen Schwarm folgend und irgend eine Perſon zu ihrer letzten Ruheſtätte begleitend, die einem im Grunde ziemlich gleichgültig geweſen iſt. Zu der Zeit iſt für uns hinter den Mauern des Kirchhofes noch ein fremdes, ja faſt gänzlich unbekanntes Land. Vorübergehend ſchauten wir wohl durch das Gitterthor, und ſahen Steine, Kreuze, blühende Roſen und wehende Trauerweidenzweige, und wir liebten es, nicht mehr davon zu wiſſen, denn der ganze Garten war ein Räthſel, deſſen Löſung uns frühe genug klar wer⸗ den würde.— Wir ſchritten alſo im Zuge zwiſchen den Gräbern dahin, laſen hie und da einen bekaunten Namen, traten an ein offenes Grab, ſahen Den hinabſenken, den wir begleitet, und kehr⸗ ten dann wieder zurück, froh darüber, eine oftmals läſtige Pflicht erfüllt zu haben.— Da trat der Tod näher in den Kreis der Freunde und zum erſten Mal ſchritten wir im Zuge, mit wirklichen Thränen im Auge. Wir begleiten Jemand in ſein frühes Grab, deſſen Augen noch vor Kurzem in das unſrige geblickt, deſſen Hand die unſrige gedrückt. Und während wir dahin ſchreiten auf dem breiten Wege, ſchauen wir uns ſchon ſorgfältiger um, denn es iſt uns ſchon von größerem Intereſſe, die Umgebung kennen zu lernen, zwiſchen der unſer Freund ruhen, vielleicht träumen wird. Sie ſchauen uns nicht mehr ſo fremd an, die verſchiedenartig geform⸗ ten Steine, die kleinen Gärtchen, von Gitterwerk eingefaßt, die verſchiedenen Kreuze in ihrer einfachen Geſtalt, nur in der Aus⸗ Eilftes Kapitel. führung ſo verſchieden, vom künſtlich gebildeten Marmor bis zum ärmlichen Holz, alle Schichten der menſchlichen Geſellſchaft darſtel⸗ lend; nein, ſie tanſchen geheime Zeichen mit uns aus, ſie wiſſen es wohl, daß wir ſie auf dem heutigen Gange mit Intereſſe be⸗ trachten. Kommt aber erſt die Stunde, wo wir der feuchten Erde draußen etwas anvertrauen, das uns noch näher liegt als Bekannte oder Freunde, kommt jener Augenblick, wo man etwas von unſerem warmen Herzen losreißt, um es von den kalten Schollen zudecken zu laſſen, ſo haben wir auf dieſe Art ein Plätzchen erhalten, ein Eigenthum, an dem wir Stunden lang ſitzen können, um träume⸗ riſch an vergangene Tage zu denken, während wir auf die ſproſſen⸗ den Pflanzen und Gräſer blicken. Und dann hat der Kirchhof nichts Fremdes mehr für uns; wir haben alle Scheu vor ſeinem ſtillen Raume verloren, wir machen gerne Bekanntſchaft mit ſeinen We⸗ gen, ſeinen Bäumen, ſeinen verſchiedenen Monumenten; denn Alles das bildet ja für uns die Umgebung für einen einzigen, ſei es auch noch ſo beſcheidenen Platz, für einen Mittelpunkt, der unſer Alles ausmacht, für ein kleines Fleckchen Erde, in dem unſer Lieb⸗ ſtes ruht. 3 3 Von da an intereſſirt man ſich auch für die anderen Gräber; — Alles, was ſich auf dem Friedhofe befindet, ſcheint einer einzigen, großen Familie zu gehören, der Verwandtſchaft der Tod⸗ ten.—— NMan freut ſich über bunte Blüthen, die hier und dort entſtehen, über einen neuen Stein, der aufgerichtet wird, über ein kleines ärmliches Gipsfigürchen, das einen betenden Engel vorſtellt, und das herzliche Liebe auf ein ſtilles, lange verwildertes Grab geſetzt. 4 Es gibt Leute, welche ſich am Liebſten auf dem Kirchhofe er⸗ gehen bei einem düſteren, melancholiſchen Wetter, wenn ein leiſer Wind durch die Bäume rauſcht, wenn einzelne ſchwere Regentropfen melancholiſch herabrieſeln, oder wenn an den umliegenden Bergen dichte Nebel hangen, die wie graue Schleier tief in das Thal herab Zwei Begräbniſſe. 117 hängen, und Monumente, Bäume und Sträuche nur in undeutli⸗ chen Umriſſen ahnen laſſen: ſtilles verdrießliches Wetter, wo die Natur mit trauert, wo die Kapelle des Friedhoſes wie ein nebel⸗ haftes Geſpenſt ausſieht, wo an den Brettern, Hauen und Schau⸗ feln ein Tropfen nach dem andern hinabläuft, wo das offene Grab recht freundlich ausſieht, wie ein trockener Zufluchtsort gegen die naſſe und kalte Witterung draußen.— Wie geſagt, es gibt Leute, die dieſer Anſicht ſind. Wir aber können nus damit nicht einver⸗ ſtanden erklären; wir lieben den Kirchhof an einem klaren heitern Tage, wie der des gegenwärtigen Kapitels iſt, wo die Sonne mit aller Pracht aufſteigt.—— Auf dem Kreuze der Kapelle und dem Metalldache derſelben funkeln Blitze, mit den Bergen rings umher liebäugelnd, die wie im roſigen Licht freundlich lächelnd ins Thal herab blicken. Im hellen Glanze liegt die ganze Gegend, wie an einem Tag allgemeiner Freude. Obgleich es Winter iſt, haben doch die Son⸗ nenſtrahlen ſeit einigen Tagen eine eigene Kraft; halbverwelkte Blätter ſcheinen ein neues Leben zu empfinden, ein paar frühzeitige Blumen haben unbeſonnener Weiſe ihre Kelche geöffnet, um heute Nacht eines frühzeitigen Todes zu ſterben; der Reif an den Bäu⸗ men löst ſich auf und tropft als Waſſer herab; von dem weißen Schnee iſt faſt nichts mehr zu ſehen, und wo noch hie und da in einer Vertiefung etwas liegen blieb, da unterbricht das nicht un⸗ angenehm den einförmigen, blätterloſen Kirchhof. Und doch iſt hier Alles lebhafter, feſtlicher geſchmückt, als in jedem anderen Garten, denn die vielen Kreuze und Steine brauchen nicht auf neue Blätter und Blumen zu warten, ſie ſtehen da, immer fertig, immer geputzt, von der Soune beſtrahlt und von ihr mit tiefen, ſcharf ausgezackten Schatten geſchmückt.—— Ja, die Imortellenkränze, die hier hängen, ſind ſo warm und ſchön beleuchtet, daß man. glauben könnte, die todten Strohblumen hätten ſich eben jetzt geöffnet. Eilftes Kapitel. So liegt der Kirchhof da im hellen Morgenſonnenſcheine; die hohe Mauer, welche mit aus⸗ und einſpringenden Winkeln in einer ununterbrochen glänzenden Linie, hie und da tiefe Schatten wer⸗ fend, ihn umgibt, ſcheint darauf ſtolz zu ſein, und von ihrem Rande glänzen glatte Kieſelſtein, helle Glasſcherben und dergleichen mehr gar wunderbar in der Sonne.— Und Alles iſt hier ſo ſtill und aufmerkſam; die Arbeiter haben zwei Gräber beendigt, ein großes auf dem ſchönſten und freieſten Platze des Kirchhofs, ein kleines zwiſchen alten hölzernen und vermoderten Kreuzen und ein⸗ geſunkenen Hügeln in einem entfernten Theile, wo man viele Grä⸗ ber und wenig Wege ſieht, wo die Beſuchenden ſparſam, der blühen⸗ den Blumen wenige ſind. Die ſubalternen Kirchhofbeamten ſitzen auf der Treppe der Kapelle, ſie haben fadenſcheinige ſchwarze Fräcke an, und Einer läßt eine zinnerne Schnupftabaksdoſe herumgehen, welche mit den Emblemen ſeines Handwerks, einem Todtenkopf und zwei Knochen, geziert iſt. Jetzt ſchlagen die Glocken auf dem Kirchthurme in der Stadt an, und der Schall dringt durch die klare Morgenluft recht hell herüber. Einige Augenblicke ſcheinen ſelbſt die Kreuze und Steine dieſen bekannten Klängen zu lauſchen; man könnte glauben, hie und da ſtrecke ſich eines von ihnen, um auf den Weg zu ſchauen und früher zu erfahren, wer denn dort ſchon wieder gebracht werde. Der geneigte Leſer weiß es bereits, wenn er jetzt aus den Thoren der Stadt zwei Züge hervorkommen ſieht, an der Spitze des einen den großen Trauerwagen mit deu reich geſchirrten Pfer⸗ den, an der Spitze des anderen aber einen Kirchhofdiener, der un⸗ ter ſeinem langen breiten Mantel Etwas trägt; er wird mit uns den erſteren Zug vorbei laſſen: eine lange Reihe von reichen Equi⸗ pagen mit bunten Wappenſchildern am Schlag, Kutſcher und Be⸗ diente in großer Livree, und er will ſich dem zweiten Zug anſchlie⸗ ßen, welcher von dem Hauptwege, den jener andere ſtolz betritt, Zwei Begräbniſſe. 119 beſcheiden abweicht und ſich in den nämlichen Regionen des Kirch⸗ hofs verliert, von denen wir oben geſprochen. Bei beiden Zügen ſieht man unter den Sacktüchern Thränen fließen; wenn es aber von der tiefen Trauer der Anzüge abhinge, ſo müßte dort größerer Schmerz zu finden ſein als hier. Hinter dem Manne mit dem Mantel ſchreiten die beiden klei⸗ nen Geſchwiſter, und die gute ältere Schweſter hat das Mögliche gethan, um ſie der traurigen Handlung gemäß herauszuputzen. Das kleine Mädchen trägt ein ſchwarzes Merinokleid, das aber auf allen Nähten und den Aermeln ſchon ſtark ins Röthliche ſchimmert; dem hellbraunen Röckchen des Bübchens eine andere Farbe zu ge⸗ ben, war nicht wohl möglich, weßhalb ſich Clara begnügt hatte, an ſeiner Mütze eine ziemlich lange Florſchleife anzubringen, die an der Seite herunter hing und von dem kleinen Leidtragenden mit bedeutendem Stolze betrachtet wurde. Die junge Tänzerin ſelbſt ging mit ihrem Vater; hinter ihnen folgten die Colleginnen, die, ſowie ein paar Tänzer des Theaters mit dem würdigen Schwindelmann, es ſich nicht hatten nehmen laſſen, die kleine Leiche zu begleiten. Natürlicher Weiſe ſchritt Mademoi⸗ ſelle Thereſe in erſter Reihe; ſie trug ein ſchwarzes Atlaßkleid, ſehr zierliche Schuhe, einen violetten Sammthut, und das Geſicht mit einem dichten Schleier bedeckt. In ähnlicher Toilette, ſoviel wie möglich Trauer ausdrückend, befanden ſich die übrigen Tänzerinnen; alle hatten in ihren Händen Blumeubouquets, theils wirkliche blühende, theils künſtlich gemachte. Die beiden Züge kamen faſt zu gleicher Zeit an den betreffen⸗ den Stellen an, und von dem Glanz und der Pracht, mit der die verſtorbene Stiftsdame zur Erde beſtattet wurde, ging ein guter Theil auf das Begräbniß der kleinen Anna über.—„Und ohne daß es nur einen Kreuzer koſtete“— meinte Schwindelmann. Drüben am Grabe ſtand einer der erſten Geiſtlichen, und ein Muſikchor unterſtützte ſeine Bemühungen, die Umſtehenden in eine Eilftes Kapitel. recht traurige Stimmung zu verſetzen; ſie blieſen einen Choral, und einzelne Akkorde deſſelben hörte man deutlich auch am anderen Ende des Kirchhofs. Ja, die Muſik klang dort viel ſanfter und angenehmer, und dann vernahm man vor allen Dingen nicht das häßliche Echb der Kirchhofmauer, welche jeden lauten Ton hart und ohne Rückſicht den Takt zurückwarf. Als die Muſik geendigt, wurden die Beiden zu gleicher Zeit in ihre Ruheſtätte hinabgelaſſen, und jetzt müſſen wir geſtehen, daß hier bei der kleinen Anna weit mehr thränende Augen der in dem dunkeln Schooß der Erde Verſchwindenden nachſchauten, und daß hier alle die kleinen Hände der Tänzerinnen zitterten, als ſie eine Hand voll Erde hinab warfen, ja ſich dieſelben weit bewegter fühlten, als es drüben bei den Herrſchaften der Fall war, wo Einer nach dem Anderen, aber Alle in der Reihenſolge ihres Ranges, hervortrat, ſich offiziell die Augen wiſchte, und mit tiefer Trauer die Schaufel ergriff, um der Dahingeſchiedenen eine letzte Ehre zu erweiſen; dann betete der Pfarrer dort leiſe das herkömmliche Ge⸗ bet, hier aber Clara mit lauter Stimme, was ihr gerade ihr Herz eingab, und als ſie ſagte:„Leb wohl, mein Schweſterchen, es lag nicht in unſerer Macht, dich zu retten, obgleich wir Alles an dir nach unſeren Kräften gethan. Auch du mußteſt ſterben, ſo klein, ſo lieb und ſo unſchuldig; doch iſt es weit beſſer ſo: du hätteſt ein elendes Leben geführt voll Kummer, Noth und Entbehrungen!“ — als ſie das geſagt und ihre Thränen floßen, da weinte ihr Vater, der alte Mann, ebenfalls vor ſich hin, und das Bübchen, welches dies bemerkte und zu gleicher Zeit ſah, daß nun die kleine Schweſter völlig mit Erde bedeckt war, fing an ganz troſtlos zu werden und erhob ein gewaltiges Klagegeſchrei. Die umſtehenden Tänzerinnen, die bei den Worten Clara's Manches denken moch⸗ ten, blickten dem Arbeiter aufmerkſam zu, wie er nun das kleine Grab ebnete, und Manche hatte, in tiefe Gedanken verſunken und der Thränen nicht achtend, die von ihren Wangen herab floßen, Zwei Begräbniſſe. 121 die Hände auf einem nebenſtehenden naſſen Grabſtein gefaltet und ſchien nicht daran zu denken, daß ſie ihre neuen Glacehandſchuhe verderbe. Drüben, wo der Pfarrer eben ſeine Rede begonnen, war Alles ſtille wie in einer Kirche; nur hie und da hörte man ein unter⸗ drücktes Huſten und Räuſpern.—— Da auch faſt kein Windhauch die Luft des unermeßlichen glänzenden Himmelsgewölbes bewegte, ertönten die Worte des Geiſtlichen laut und klar, und drangen weit in die Ferne. Hier bei dem anderen Grabe hörte man wohl die einzelnen Töne, doch ohne den Zuſammenhang zu verſtehen, man vernahm nur zuweilen Worte und Ausrufungen, die aber trotzdem recht gut für die kleine Leiche paßten. Es klang herüber von der Liebe Gottes für alle ſeine Geſchöpfe, reich und arm, von einem freudigen Wiederſehn, von einer Vergeltung jenſeits nach den guten Thaten hier auf Erden, und nach dem, was man hier geduldet und ge⸗ litten.—— Amen! Dieſes letzte Wort klang lauter als alle übrigen, und dann vernahm man das Geränuſch einer Menge, die ſich zum Weggehen anſchickte, lautes Huſten, Stimmengemurmel, Fußtritte auf dem breiten harten Wege, endlich das Rollen von Wagen, in denen ſich Jeder eilfertig nach Hauſe begab.— Die anderen Leidtragenden im Winkel des Kirchhofes— es waren ihrer auch viel weniger— reichten der armen Clara die Hand, ſagten ihr ein paar freundliche Worte und ſchlichen darauf, nachdem ſie ihre Blumen in das friſche Grab geſteckt, leiſe davon. Von den Männern blieb Schwindelmann allein zurück, um die Blumen zu ordnen, die man ihm darreichte; es war eine recht hübſche Menge, und die künſtlich gemachten, die am längſten aushielten, rangirte er an dem Kopfende. Endlich war auch dieſes Geſchäft beſorgt, und ſchickten ſich die Letzten an, miteinander fortzugehen. Das war Clata, ihr alter Vater, die beiden kleinen Kinder und Thereſe; 122 Eilftes Kapitel. Letztere hatte draußen einen Wagen und ließ es ſich nicht nehmen, ihre Freundin nach Hauſe zu begleiten. Der alte Mann verließ die Kinder am Thor des Kirchhofes, denn er mußte in der ſchon geſtern beſprochenen Angelegenheit einen Gang zu ſeinem Buchhändler thun. Schwindelmann hatte Dienſtgeſchäfte und empfahl ſich mit einem Händedruck von Clara, worauf er in ſeinem gewöhnlichen kurzen Trabe in die Stadt zu⸗ rückkehrte. Demoiſelle Thereſe hob die Kinder in den Wagen, ließ Clara einſteigen und ſetzte ſich an ihre Seite. Bei dem Bübchen war dies Nachhauſefahren das beſte Linderungsmittel für den Schmerz um die kleine Schweſter; er ſchaukelte ſich in den weichen Kiſſen, lief mit den Pferden Trab, das heißt, in ſeinen Phantaſieen, und indem er ſeine Beine ſo ſchnell als möglich auf und ab bewegte, trommelte er zur Abwechslung auf die Fenſterſcheiben und verfiel endlich in ein langes und tiefes Nachſinnen, als deſſen endliches Reſultat er Thereſe fragte, wo ſie den Wagen eigentlich her habe und ob ſie ſeiner Schweſter Clara nicht auch einen ähnlichen ver⸗ ſchaffen könne.. Clara ſelbſt hatte dieſe Frage überhört, denn ſie dachte an allerlei, an verſchiedene Leute, die auf dem Kirchhof waren, ſowie an Andere, die ſie nicht da geſehen, und als jetzt der Wagen bei einem gewiſſen großen Hauſe vorbei rollte— es war ein ſehr ſtatt⸗ liches Gebäude, welches an der Spitze gothiſche Fenſter und meh⸗ rere Balkons hatte— da blickte ſie erröthend auf die Seite und ſeufzte tief auf.. Clara’s Vater war inzwiſchen auf einem anderen Wege zur Stadt zurückgekehrt, und wenn er auch, je näher er an die Häuſer kam, um ſo langſamer ging, ſo erreichte er dieſelben doch am Ende, ſowie auch das Ziel ſeines Ganges, obgleich er recht kleine Schritte, ja ſogar wohl abſichtlich einen Umweg gemacht; auch rechnete er unterwegs viel zuſammen, wenigſtens ſpreizte er im Dahingehen Zwei Begräbniſſe. 123 die Finger ſeiner linken Hand oftmals weit von einander und fuhr mit dem Zeigefinger der rechten daran herum, worauf er nachden⸗ kend zum Himmel aufblickte. Wir glauben aber nicht, daß das Reſultat dieſer Berechnungen für den alten Mann angenehm oder befriedigend ausfiel, denn ſo oft es beendigt zu ſein ſchien, ließ er ſeinen Kopf ein paar Linien tiefer zwiſchen die Schultern ſinken und zog auch wohl ein rothgelbes Sacktuch aus der Taſche, um damit über das Geſicht zu fahren. Endlich bog er aus der engen in eine breitere Straße ein und blieb vor einem Hauſe ſtehen, neben deſſen Thüre ein kleiner ſchwar⸗ zer Schild angebracht war, auf dem mit goldenen Buchſtaben ge⸗ ſchrieben ſtand:„Johann Chriſtian Blaffer und Comp.“ Da es uns, geneigter Leſer, kraft einer gewiſſen Zaubermacht, verliehen iſt, mit Leichtigkeit uns von einem Ort zum andern zu verſetzen, ohne Treppen, Wege und dergleichen benützen zu müſſen, ja ſogar ganz verſchloſſene Thüren für uns kein Hinderniß ſind, ſo wollen wir uns in den erſten Stock des gedachten Hauſes bege⸗ ben, und unſichtbar in ein Zimmer an der Treppe eintreten, wo wir den Herrn des Hauſes und des ſchwarzen Schildes, Johann Chriſtian Blaffer, Verlagsbuchhändler, antreffen. Zwölftes Kapitel. Johann Chriſtian Blaffer und Comp. Der würdige Mann, der dieſe Firma repräſentirte, ſaß bei ſeinem Frühſtückstiſch und hatte eine Menge Druckpapiere aller Art: Zeitungen, Broſchüren, Correcturbogen und dergleichen neben⸗ ſich liegen; er ſtöberte emſig darin herum, hatte aber die Gewohn⸗ heit, alle paar Minuten über das Blatt, das er gerade in der 124 Zwölftes Kapitel. Hand hatte, hinweg zu ſehen und einen Blick in das Nebenzimmer zu werfen, deſſen Thüre halb geöffnet war; meiſtens blieb es aber nicht bei dieſem Sehen, denn ſehr häufig ränſperte ſich Herr Blaf⸗ fer ſehr laut, oder er ſpuckte auf die Seite und rief alsdann mit heiſerem, ſchnarrendem Tone:„Herr Beil!— Herr Beil!— ich glaube nicht, daß ich Sie auf meinem Comptoir angeſtellt habe, um Decke und Wände zu betrachten. Sie thäten weit beſſer, Herr, wenn Sie ſich um Ihr Buch bekümmerten, oder die Beſtellzettel ſortirten. Was Teufel haben Sie denn immer an die Decke zu ſchauen?“ „Es iſt eine Art Naturwunder, Herr Blaffer, was meine Auf⸗ merkſamkeit zufällig in Anſpruch nimmt,“ antwortete eine tiefe Baßſtimme. „Ich huſte in Ihr Naturwunder!“ rief entrüſtet der Principal, und führte das auch wirklich aus; nur bediente er ſich des Spuck⸗ napfes dazu. „Eine Fliege, Herr Blaffer,“ fuhr die Baßſtimme fort,„im Monat Dezember eine luſtige Fliege; ſie ſpazierte ſoeben an den Wänden und an der Decke umher. Es wäre mir von Wichtigkeit, zu ergründen, ob dieſe Fliege ein übrig gebliebener Familienvater vom vorigen Jahre oder ob ſie ein zufällig neu geſchaffenes Ge⸗ ſchöpf iſt. Ich möchte eine Abhandlung darüber ſchreiben, vielleicht könnten wir ſie ſelbſt verlegen.“ „Sie ſind ein Narr!“ entgegnete ärgerlich der Principal, in⸗ dem er emſig in einer Zeitung blätterte; in Wahrheit blickte er aber ſchärfer als je in das Nebenzimmer. Es war dies das eigentliche Comptoir, ein Zimmer wie viele der Art, mit weiß getünchten Wänden, an welchen ein Poſttarif und ein paar Landkarten hingen, mit einem eiſernen Ofen, einem großen doppelten, zweiſitzigen Schreibpult und einem Bücherſchrank, worin ſich die Werke befanden, die Herr Blaffer verlegt oder von ſeinen Freunden zum Geſchenk erhalten. Johann Chriſtian Blaffer und Comp. 125 An dem Ende des Schreibpultes ſaß Herr Beil, ein Mann von einer merkwürdigen Perſönlichkeit. Er war klein, engbrüſtig, und ſah bis zum Halſe, von unten an gerechnet, etwas verwahr⸗ lost aus; aber auf dieſem Halſe, der ziemlich lang war, befand ſich ein Kopf, der wohl zu dem tiefen Baſſe der Stimme, aber durchaus nicht zum Körper des Mannes paßte. Dieſes lange Ge⸗ ſicht, die breite Stirne, dieſes ſchwarze Haupthaar und der wohl⸗ gepflegte Huſarenbart hätten einem ſechsfüßigen Untergeſtell alle Ehre gemacht, während das Alles zuſammen hier ziemlich lächerlich ausſah. Herr Beil war dabei ärmlich gekleidet und ſchien durchaus keine Vorliebe für weiße Wäſche zu haben; unter dem alten blauen Ueberrocke ſah man eine grane Weſte, welche ſo feſt an die hohe ſchwarze Merinohalsbinde anſchloß, daß man auf die Vermuthung kam, ſie ſei oben angenäht, was wohl auch der Fall ſein mochte. Dieſes unvortheilhafte Aeußere war ihm, obgleich er kein ſchlechter Arbeiter war, ſchon oftmals bei Erlangung guter Stellen hinder⸗ lich geweſen, und er mußte ſich daher mit ſehr mittelmäßigen be⸗ gnügen, was einer der Gründe war, weßhalb er ſich denn auch jetzt hier auf dem Comptoir des Herrn Blaffer befand. Da ihm aber die Beibehaltung ſeiner Condition nicht beſonders am Herzen lag, er auch wohl wußte, daß der Prinzipal für das wenige Geld, was er ihm gab, nicht leicht einen anderen Arbeiter bekomme, ſo nahm er ſich, wie wir bereits vorhin geſehen, hie und da einige Freiheiten heraus, wofür er ein dankbares Publikum an dem Lehr⸗ ling des Geſchäftes hatte, der, den Principal ſehr fürchtend, ſich außerordentlich darüber freute, wenn der Andere demſelben ein paar paſſende Worte ſagte. Beſagter Lehrling war ein blaſſer blonder Menſch mit einem immerwährenden, halb blödſinnigen Lächeln auf den Lippen, der, wie wir ſpäter genauer erfahren werden, bei dem Herrn Blaffer im Hanſe wohnte und in ſeinen Freiſtunden Dienſte verrichten mußte, die ge⸗ rade nicht mit dem Buchhandel und der Literatur zuſammenhängen. 126 Zwölftes Kapitel. Herr Beil warf einen durchdringenden Blick auf den Lehrling und zeigte ihm die bewußte Fliege, die in der That, aber ziemlich matt, an der Decke umher ſpazierte, rückte hierauf das große Buch vor ſich hin und fing an einzutragen. Der Principal trat in dieſem Augenblicke in das Comptoir. Dieſer war ein magerer, ziemlich großer Mann in die Vierzig; er ging etwas vorn übergebeugt und liebte es, die Hände auf dem Rücken zu halten. Seine Kleidung, ziemlich alt, abgeſchaben und nicht gewählt, beſtand aus einem blauen Frack, deſſen ſpitze Schöße hinten über einander gingen, aus einer grauen Hoſe, die, eng an⸗ liegend, die Mode der weiten Beinkleider glücklich überdauert hatte, und nun wieder elegant geworden wäre, wenn ſich nicht die Schwä⸗ chen des Alters an den Knieen ſehr bemerkbar gemacht hätten. Herr Blaffer trug ziemlich große Schlappſchuhe, und um dieſelben nicht von den Füßen zu verlieren, hatte er ſich einen Schlittſchuh⸗ gang angewöhnt, vermittelſt deſſen er nun, die lange dürre Naſe und das ſpitze Kinn emporgehoben, die gebogenen Knie vorgeſtreckt, in dem Zimmer auf und ab fuhr. Dabei hatte ſich dieſer Mann ein unangenehmes Geſichterſchneiden angewöhnt, indem er das linke Auge zukniff und den Mund höhniſch verzog. Dies that er namentlich, wenn er ſich in einer Gemüthsaufregung befand, was bei ſeinem giftigen reizbaren Temperament häufig genug vorkam. Nachdem Herr Blaffer einige Male im Comptoir auf und ab gefahren war, blieb er mit einer plötzlichen Wendung vor dem Lehrling ſtehen, ſchlug ihn leicht an den Kopf und ſagte:„Sie ſind ein junger verſchwenderiſcher Taugenichts. Meinen Sie denn, das Makulatur hätte kein Geld gekoſtet, daß Sie mit Ihren Füßen darauf herum trampeln?“ „Da haben Sie Recht, Herr Blaffer,“ verſetzte der Commis, indem er geräuſchvoll ein Blatt umwandte,„Makulatur iſt eine theure Geſchichte, namentlich die, womit er gerade einpackt.“ „Ich habe Sie nicht um Ihre Anſichten gefragt,“ antwortete Johann Chriſtian Blaffer und Comp. 127 entrüſtet der Principal, während er ſein Geſicht auf die oben be⸗ ſchriebene Art verzog. „Es iſt die Geſchichte des türkiſchen Reiches,“ fuhr der Andere mit lauter Stimme fort,„die vor vier Jahren gedruckt wurde, und von welcher von der erſten Oſtermeſſe ein Exemplar mehr zurück⸗ kehrte, als fortgeſchickt worden.— Ja, ja, ſo iſt’s, und Sie mach⸗ ten mir von dieſem merkwürdigen Buch ein Exemplar zum Geſchenk, das dient mir von da ab jede Nacht zum Einſchlafen.— Ein ſchö⸗ nes Werk!— Pagina ſechsunddreißig— Roſtbraten und Comp. — ſechs Exemplare: keine Hühneraugen mehr!— 1850, bei Jo⸗ hann Chriſtian Blaffer.“— Dieſe letzten Worte ſprach Herr Beil mit großer Gemüthlich⸗ keit, während er dabei das eben Bemerkte eintrug. Der Principal hatte Anfangs Luſt, ſich ernſtlich zu ärgern; da er aber ſeinen Untergebenen kannte, ſo begnügte er ſich damit, die Arme über einander zu ſchlagen, ſeinen Commis mit einem feſten Blicke anzuſehen und zu ſagen:„Herr Beil, werden Sie denn eigentlich nie vernünſtig werden?— Es iſt wahrhaftig Schade, daß ein Menſch von wirklich einigen guten Anlagen durch ſeine ewigen Faſeleien nie auf einen grünen Zweig kommt.“ „Da haben Sie wieder einmal Recht,“ antwortete der Com⸗ mis ſcheinbar mit großem Ernſte.„Ich bin fürchterlich herunter gekommen, wie geſagt— 1850, bei Johann Chriſtian Blaffer.— Es iſt ganz entſetzlich!“ Der Principal hatte keine Antwort erwartet„ ſondern ſich in das Poſtpaket vertieft, das am frühen Morgen gekommen war, dann ſah er nochmals die Beſtellzettel durch, bald mit einem Lächeln auf den Lippen, bald mit einem finſteren Stirnerunzeln. Letzteres trat aber hänfiger ein als erſteres, denn da Herr Blaffer zugleich ein Commiſſionsgeſchäft hatte, ſo gehörten die dickleibigen Poſtpakete, welche jeden Montag und Donnerſtag ka⸗ men, dem größten Theile ſeinen glücklicheren Collegen, und ihm 128 Zwölftes Kapitel. ſelbſt blieb nur äußerſt wenig, und noch dazu meiſtens Artikel, die ſich ſchlecht ausnahmen gegen die ſchweren Zahlen, die hinter anderen Werken prangten. „Bah! bah!“ machte der Buchhändler zuweilen und warf ir⸗ gend einen Zettel mit geringſchätzender Miene auf den Tiſch.— „Was das deutſche Publikum nach und nach verwildert!“ ſagte er dann ſeufzend,„es iſt fabelhaft. Nichts als Schund, Schund und wieder Schund!— Das zieht!— Die ſchönſten Ueberſetzungen gehen nicht mehr und die beſten deutſchen Originalwerke, für die der Verleger Zeit und Koſten aufgewendet, bleiben ſchmachvoll liegen. Pfui Teufel!— Die beſten, beſten Werke!“ „Vierhundert Mittel gegen die Engbrüſtigkeit und den Huſten,“ ſprach Herr Beil, indem er ſeine Feder tiefer als gewöhnlich ins Dintenfaß tauchte— Geſtatten Sie davon Diſponenda?“ fragte er den Principal, indem er ſein linkes Auge, welches Herr Blaffer nicht ſehen konnte, gegen den Lehrling auf eine bedeutungsvolle Art zukniff, ſo daß dieſer harmloſe junge Menſch beinahe laut auf⸗ gelacht hätte. Herr Blaffer legte nach einer kleinen Weile das Poſtpaket ſeufzend nieder und verſetzte:„wenn Onkel Tom nicht wäre, oder ein paar gangbare Dumas'ſche Romane, ſo ſollte mich der Teufel holen, wenn ich noch länger deutſcher Buchhändler bliebe. Da haben wir vierzig anſtändige Beſtellungen auf die Hütte; nehmen Sie und laſſen Sie ſolche gut verſenden.“— Damit reichte er ein Paket über den Pult hinüber.—„Ich hätte weiß Gott nie ge⸗ dacht,“ fuhr er nach einer Pauſe mit einem grinſenden Lachen fort, „daß der Sklavenhandel ſo ergiebig wäre. Es iſt doch was Schö⸗ nes darum, wenn man ſo jeden Poſttag ſeine vierzig Schwarze verhandelt.“ „Ja, ja,“ entgegnete der Commis wie tiefſinnig,„dazu haben Sie auch alles Zeug, Herr Blaffer; Sie haben eigentlich Ihre Be⸗ ſtimmung verfehlt.“ Johann Chriſtian Blaffer und Comp. 129 „Und welche Beſtimmung, Herr Beil, wenn ich fragen darf?“ „Sie hätten Ihren Papa ſeliger bitten ſollen, daß er Sie in irgend einem Sklavenlande geboren werden ließ, da würden Sie mit der Zeit ganz artige Beiträge zu einer zweiten Ausgabe irgend einer Onkel Tom'’s Hütte geliefert haben.“ Der Principal begnügte ſich, die Achſeln zu zucken und dann mit der Hand an ſeine Stirne zu fahren, als wollte er auf ſolche Art pantomimiſch anzeigen, wo die ſchwache Seite ſeines Commis eigentlich zu finden ſei. Herr Beil ſtöberte unterdeſſen eifrig in den Beſtellzetteln und ſortirte unter den vierzig, die ihm übergeben, mit ſichtlichem Wohl⸗ behagen einige Zehn heraus, die er lächelnd über den Pult zurück ſchob, indem er ſagte:„Sie haben ſich ein wenig geirrt, Herr Blaffer; auf dieſen Zetteln werden allerdings Onkel Tom's Hütten verlangt, aber von anderen Firmen.“ Der Buchhändler, der unterdeſſen das Beſtellbuch eifrig durch⸗ geſehen, würdigte dieſe Einwendung gar keiner Antwort, ſondern ſchob die Zettel mit der Hand wieder zurück und verſetzte anſchei⸗ nend ruhig und beſtimmt:„wenn ich Ihnen Zettel zur Ausliefe⸗ rung übergebe, ſo liefern Sie aus und machen mir weiter keine unnütze Bemerkungen, denn——⸗ Da der Prinzipal ſeinen Satz nicht beendigte, ſo hielt ſich der Commis hiezu für verpflichtet und ſagte:„ich bin der Herr und ihr ſeid die Sklaven.— Alſo vierzig Onkel Tom's Hütte, erſter Theil.— Gut!“ 1 In dieſem Augenblicke wurde leiſe und ſehr beſcheiden an die Thüre geklopft. Der Buchhändler, der dies wohl hörte, that übrigens nicht, als ob ihn das Klopfen im Geringſten anginge, Herr Beil eben⸗ ſowenig, obgleich er einen Augenblick in die Höhe ſchaute. Nur der harmloſe Lehrling, der ſich am nächſten bei der Thüre befand, Hackländers Werke. XVI.. 9 Zwölftes Kapitel. wandte das Geſicht herum und rief von„Herein!“ die erſte Sylbe, die zweite aber blieb ihm in der Kehle ſtecken, denn er erinnerte ſich augenblicklich eines Verbots des Principals, nicht„Herein!“ zu rufen, bis ein zwei⸗ oder dreimaliges Klopfen erfolgt ſei. Herr Blaffer hatte dafür ſeine guten Gründe, und er pflegte zu ſagen: wer zwei⸗ oder dreimal klopft, der verlangt ſelten was von uns, wer aber einmal und ſo beſcheiden anpocht, iſt größten⸗ theils ein Bettler oder unbekannter Schriftſteller. „Habe ich Ihnen nicht ſchon hundertmal geſagt,“ liſpelte der Principal mit gedämpfter Stimme, aber trotzdem ſehr eindrucks⸗ voll,„daß Sie Ihr Maul halten ſollen, wenn angeklopft wird! Wie können Sie überhaupt Herein! rufen?— Wer will zu Ihnen? — Niemand! Sie—“ „Junger Sklave!“ ergänzte Herr Beil, wobei er aufmerkſam eine Illuſtration zum bewußten Buche anſchaute, als gälte biefer der beſagte Ausruf. Indeſſen klopfte es zum zweiten Male und etwas lauter. Auch diesmal gab der Buchhändler keine Antwort; doch wurde der erſte Commis von einem gewaltigen Huſten überfallen, der ihm einen böſen Blick des Chefs eintrug, und worauf ſich dieſer denn nun veranlaßt ſah, ſein gaſtliches„Herein!“ erſchallen zu laſſen. Die Thüre öffnete ſich und der alte Mann trat herein, den wir vom Kirchhofe, vom Grabe ſeiner Tochter, hieher begleiteten und dem wir vorausgeeilt ſind. Begreiflicher Weiſe hatte er ſeinen Hut ſchon draußen abge⸗ nommen, und als er nun ſo demüthig an der Thüre ſtehen hlieb, ſtrich er verlegen ſein weißes Haar von der Stirne zurück, begrüßte den Principal, den Commis und ſogar den Lehrling. „Ah! Herr Staiger!“ ſagte der Principal, indem er ihn mit einer Handbewegung begrüßte.„Setzen Sie ſich einen Augenblick dort auf die Kiſte, ich muß hier eben einen wichtigen Artikel in Johann Chriſtian Blaffer und Comp. 131 der Buchhändlerzeitung durchleſen, der auch auf Sie einige Be⸗ ziehung hat.“ Bei dieſen Worten warf Herr Blaffer einen ſchnellen Blick auf ſeinen Commis; doch war Herr Beil anſcheinend gänzlich ver⸗ tieft in die Beſchauung ſeiner Zettel. Der alte Mann ließ ſich auf die Kiſte nieder, nahm ſeinen Hut zwiſchen die Knie und richtete die hellen, klaren Augen auf den Buchhändler, welcher übrigens nicht geneigt ſchien, dieſen offe⸗ nen Blick zu erwidern. „Ja,“ fuhr Herr Blaffer fort, indem er mit ſeinem knöchernen Zeigefinger der rechten Hand über die Zeitung fuhr und etwas zu ſuchen ſchien;„hier ſteht's.— Richtig! Onkel Tom's Hütte bei Johann Chriſtian Blaffer.— Geben Sie Achtung, ich muß es Ihnen vorleſen, obgleich es nicht gerade ſehr angenehm klingt.— Von dieſer neuen Ueberſetzung, der vierundvierzigſten in hieſiger Stadt, und, wenn wir nicht irren, der ſechshundertſten im geſamm⸗ ten Deutſchland, tritt uns als Ueberſetzer ein ganz obſcurer Name entgegen.— Wer iſt dieſer Herr Staiger, der u. ſ. w. u. ſw.— Man muß indeſſen nicht zu viel auf Recenſionen geben,“ ſagte Herr Blaffer, indem ſein Blick das Zeitungsblatt verließ.„Wiſſen Sie, der Beurtheiler macht eigentlich mir allein den Vorwurf; ich hätte mir ſollen einen bekannten Namen erwerben, um ihn auf den Titel zu ſetzen, wiſſen Sie, einen Doktor ſo und ſo. Es hat ja deren genug, vollkommen genug, die außerordentlich zufrieden ſind, wenn man ihnen Veranlaſſung gibt, ein anſtändiges Honorar zu erwerben.“ „Bei dieſen Worten ſah der alte Mann ſchmerzlich in die Höhe. „Dann ſpricht der Artikel ferner,“ fuhr Herr Blaffer fort,. „von mangelhaften Stellen in der Ueberſetzung, und vor allen Din⸗ gen beklagt er ſich über die Langſamkeit, mit der die einzelnen Lieferungen bei mir erſcheinen.— Und das. muß wahr ſein, Herr 132 Zwölftes Kapitel. Staiger, langſam geht die Geſchichte vorwärts. An dem wieviel⸗ ſten Hefte ſind wir eigentlich? „Am vierten,“ entgegnete ruhig Herr Beil,„während vierund⸗ zwanzig andere Buchhandlungen hieſiger Stadt das zweite kaum ausgegeben haben.“ „Die zweite Lieferung!“ rief Blaffer mit einem wahren Gift⸗ blick auf ſeinen Gehülfen.„Den zweiten Band wollen Sie ſagen. — Doch das iſt gleich viel. Sie müſſen ſich wahrhaftig beeilen, mein lieber Herr Staiger, ſonſt kommen uns die anderen weit zuvor.“ „Ich arbeite Tag und Nacht,“ erwiderte der alte Mann,„denn es iſt mir ſelbſt darum zu thun, etwas für mich und die Kinder zu verdienen. Hier iſt Manuſcript zur fünften Lieferung; ſie wäre ſchon ganz fertig, doch habe ich in den letzten Tagen einiges Herze⸗ leid zu Haus gehabt, was mich am Arbeiten verhindert. Wenn man ein ſterbendes Kind vor ſich ſieht, Herr Blaffer, ſo will es einmal ſo gar nicht recht vor ſich gehen mit der Ueberſetzung des Sklavenlebens eines anderen Welttheils.“ „Es iſt Ihnen ein Kind geſtorben?“ fragte theilnehmend der Commis.„Doch nicht Mamſell Clara?“ „Nein, nein!“ entgegnete eifrig der alte Mann;„das hat der liebe Gott denn doch nicht gewollt. Mein kleinſtes Mädchen ſtarb, ein armes Kind, das immer kränklich war.“ „Nun, ſo danken Sie dem Schöpfer, daß er es zu ſich ge⸗ nommen. Kinder ſind ein Segen, aber auch eine Laſt.— Nun geben Sie Ihr Manuſcript her.— Aber da fehlen noch zwei Bogen, bis die Lieferung fertig iſt. Ah! ich wollte, wir hätten ſie ganz!“ .„Das wollte ich auch,“ ſprach Herr Staiger mit einem verle⸗ genen Lächeln, indem er den Hut zwiſchen den Händen herum drehte und von der Kiſte aufſtand.—„Das wollte ich in der That auch, mein verehrter Herr Blaffer; denn ſehen Sie, ich hatte darauf ge⸗ Johann Chriſtiau Blaffer und Comp. 133 rechnet, die fünfte Lieferung heute Früh noch zu beendigen,— es iſt Mitte des Monats„das Bischen Einkommen meiner Tochter Clara iſt längſt verbraucht, die kleine Leiche hat meine Kaſſe in Anſpruch genommen, und ſo wäre ich denn außerordentlich glücklich und zufrieden, wenn die fünfte Lieferung fertig wäre, um— um — das Geld dafür——⸗ „Auch ich wäre ſehr zufrieden, wenn die fünfte Lieferung fer⸗ tig wäre,“ unterbrach ihn raſch der Buchhändler.„Es iſt ſehr traurig, daß ſie nicht fertig iſt. Da wartet das Publikum, da wird man hinaus geſchoben, da kommt man mit dem Buch in's neue Jahr hinein, und da muß man mit der Heimbezahlung warten, daß Einem Hören und Sehen vergeht.— Ah! ihr Schriftſteller ſeid glücklich gegen uns zu nennen: hier das Manuſcript, hier das Geld. Aber wiſſen Sie, wie lange ich warten muß, wie lange ſich der Buchhändler überhaupt gedulden muß?“ „Nein, ich weiß es nicht,“ ſagte geduldig der alte Mann. .„Oft zwei Jahre,“ fuhr der Buchhändler mit lauter Stimme fort, und betonte die„zwei Jahre“ außerordentlich ſtark.„Zwei volle Jahre! Ja, das iſt entſetzlich!“ „Alsdann nehmen Sie aber auch große Summen ein,“ entgeg⸗ nete Herr Staiger.„Aber hier handelt es ſich nur um ein paar Gulden, die ich in zwei, höchſtens drei Tagen wieder abgearbeitet habe, nur eine Kleinigkeit als——— Vorſchuß.“ „Kommen Sie einem Buchhändler nicht mit Vorſchüſſen!“ rief entrüſtet Herr Blaffer.„Dieſe Vorſchüſſe bringen doppelten Schaden. Erſtens koſten ſie uns Geld, das man noch nicht einmal ſchuldig iſt, alſo verlieren wir Zins, und zweitens entfremdet es den Autor dem Verleger. Nur um Gotteswillen keine Vorſchüſſe!“ „Aber bei dem wirklich kleinen Honorar, welches Sie mir zah⸗ len,“ erlaubte ſich der alte Mann mit großer Aengſtlichkeit zu ſagen, „könnten Sie mir wohl für einmal dieſen Gefallen thun. Ich brauche nur vier Gulden.“ 4 134 Zwölftes Kapitel. „Kleines Honorar!“ rief entrüſtet der Buchhändler.„Ich bitte Sie um Gotteswillen, Herr Staiger, Sie erhalteu für den Druck⸗ bogen, glaube ich, einen Gulden und dreißig Kreuzer; und das nennen Sie ein kleines Honorar!— Wer ſchrieb uns doch geſtern,“ wandte ſich Herr Blaffer an den Commis,„und bot uns eine Ueberſetzung zu einem Gulden und zwölf Kreuzern per Bogen an? — Es war ſogar ein bekannter Name.— War es nicht Doktor Hintermaier?— Soll ich Ihnen den Brief zeigen?“ fragte er raſch den alten Mann.—„Beil, ſehen Sie in H nach und ſuchen Sie nach dem letzten Schreiben von Doktor Hintermaier.“ „Da werde ich vergebens ſuchen,“ erwiderte ruhig der Com⸗ mis,„das iſt einer von den Briefen, die Sie angeblich in Ihrer Privatſammlung aufzuheben pflegen.“ „Möglich! möglich!“ unterbrach ihn raſch der Prinzipal, denn er fürchtete, noch Unangenehmeres zu hören.„Ich werde ihn wohl in der Taſche meines Ueberrocks haben.— Nun, es iſt ja gleich⸗ viel! Aber ich verſichere Sie: den Bogen zu einem Gulden zwölf Kreuzern.“ Herr Staiger ſchüttelte den Kopf und entgegnete gedankenvoll: „Das kann nicht mit redlichen Dingen zugehen; da müßte man von anderen Ueberſetzungen abſchreiben.“ „Ja, das iſt auch eine Kunſt,“ verſetzte der Buchhändler, in⸗ dem er mit dem Daumen und Zeigefinger ſeine lange Naſe zwickte. „Das iſt nicht ſo ganz ſchlecht, aus drei Ueberſetzungen eine vierte machen. Wenn man es geſchickt anfängt, merkt’'s das Publikum nicht und der Verleger erſpart ſein theures Geld.— Aber das kann ich Sie verſichern, mein lieber Herr Staiger: von Vorſchüſſen müſſen Sie mir nicht ſprechen. Vorſchüſſe bewillige ich ſelten, und nie bei Artikeln, an denen man ſo wenig verdient, wie bei dieſem unglückſeligen Buche.“ Der Buchhändler hatte ſich ordentlich in die Hitze hineingeſpro⸗ chen, und ſeine Rede klang um ſo überzeugter, als er auf dem Ge⸗ * Johann Chriſtian Blaffer und Comp. 135 ſichte ſeines erſten Commis zu leſen glaubte, daß dieſer mit ihm übereinſtimme, was äußerſt ſelten geſchah. Herr Beil hatte die Augenbrauen in die Höhe gezogen, den Kopf nachdenkend auf die Seite geneigt und ſagte nach einer Pauſe mit der größten Ruhe und Ueberzeugung:„ſehen Sie, mein ver⸗ ehrter Herr Staiger, diesmal iſt der Herr Blaffer vollkommen in ſeinem Recht. Sie wünſchen einen Vorſchuß— zu welchem Zwecke? Wahrſcheinlich um Holz zu kaufen, weil es Sie und Ihre kleinen Kinder zu Hauſe frieret. Ferner um Brod zu kaufen, weil es Ihre Familie hungert; dann endlich, um die Koſten des kleinen Begräb⸗ niſſes zu bezahlen, weil dies, namentlich für arme Leute, ein theu⸗ rer Spaß iſt—— Ernſt wollte ich eigentlich ſagen. wollen Sie Vorſchuß?— Habe ich nicht Recht?“ Der alte Mann nickte traurig lächelnd mit dem Kopfe. „Aber der Herr Blaffer verweigert Ihnen dieſen Vorſchuß, ob⸗ gleich es nur ein paar armſelige, lumpige Gulden ſind. Und der Herr Blaffer, obgleich ein ſehr ehrenwerther Mann wie der ſelige Bru⸗ tus, kann nicht anders handeln. Sie ſollen für ihn ein Buch über⸗ ſetzen, das von allerlei großen und kleinen Leiden einer Menſchen⸗ klaſſe handelt, die man Sklaven nennt. Darin kommen Hunger, Durſt, frierende, auch ſterbende Kinder und dergleichen ſchöne Sa⸗ chen mehr vor. Das aber mit dem richtigen Tone wieder zu er⸗ zählen, würde Ihnen ſchwer fallen, wenn Ihnen nicht die große Güte des Herrn Blaffer Veranlaſſung gäbe, all' dieſe ſchönen Dinge bei ſich ſelbſt zu erleben. Sehen Sie, nur aus dem Grund ver⸗ weigert er Ihnen den Vorſchuß.— Sie frieren zu Haus, Sie hun⸗ gern auch ein klein wenig, Ihre Kinder ebenfalls, und Alles das macht Sie geſchickt, die vortrefflichſte Ueberſetzung zu liefern für das bekannte Haus Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie.“ 3 Damit ſchlug Herr Beil dröhnend ſein Buch zu, rutſchte von dem Comptoirſtuhl herab und verließ das Zimmer, nachdem er zu⸗ vor vor einem armſeligen Spiegel in der Ecke ſeinen großen ſchwarzen Dazu alſo 136 Dreizehntes Kapitel. Schnurrbart ſo horizontal als möglich nach beiden Seiten hinaus geſtrichen. Der Buchhändler hatte Anfangs nicht gewußt, was die Rede ſeines Commis bedeuten ſolle. Ja, ſie war ihm zuerſt ſehr gut⸗ meinend vorgekommen“ und er hatte ſie mit einem beiſtimmenden Kopfnicken begleitet. Bald aber hörte dieſes Kopfnicken auf, die Naſe hob ſich drohend und immer drohender, ſein aſchgraues Auge blitzte und die zuckenden Finger ſuchten uach irgend etwas Schwe⸗ rem, um es ſeinem Gegenüber an den Kopf zu werfen. Doch bezwang er ſich männlich, that einen tiefen Athemzug, und indem er mit der einen Hand verächtlich auf Herrn Beil zeigte, wie er noch vor dem Spiegel ſtand, wiederholte er mit der anderen die Pantomime von vorhin nach der Stirne. Während jener Rede hatte der alte Mann auf ſeinen Hut ge⸗ blickt und den Commis nur ein einziges Mal angeſehen. Aber dieſer Blick, den er ihm zuwarf, war freundlich, ja dankend. Er ſchien auch jetzt vollkommen reſignirt zu ſein und zog ſich nach der Thüre zurück, um das Zimmer zu verlaſſen, als dieſelbe uach einem kurzen aber heftigen Anklopfen von außen ſo raſch geöffnet wurde, daß ſie Herrn Staiger beinahe auf die Seite drückte. Dreizehntes Kapitel. Ueberſetzungs-Angelegenheiten. Der junge Mann, der unter die Thüre des Zimmers trat und ſich in dieſem einen Augenblick umſchaute, ehe er näher kam, war der Maler Arthur, der dem geneigten Leſer bereits bekannt iſt. Er⸗ . Ueberſetzuugs⸗Angelegenheiten. 137 überzeugte ſich durch einen Blick, daß ſich Herr Blaffer auf ſeinem Comptoirſtuhl befand, dann nahm er ſeinen Hut ab und trat in das Gemach. „Ah! Sie ſind's, mein vortrefflicher junger Freund!“ rief der Principal, indem er von ſeinem Sitz herab hüpfte und mit vorge⸗ ſtreckten Händen und Knieen auf den Eingetretenen zurutſchte.„Ah! Sie ſind pünktlich, wie ich es liebe und wie ich es ſelbſt in allen Geſchäften bin. Schlag eilf Uhr.— Wollen wir nicht in mein Wohnzimmer ſpazieren?“ „Ich meines Theils befinde mich ganz gut hier,“ ſagte der Maler, nachdem er für die freundliche Begrüßung mit einem Kopf⸗ nicken gedankt, ohne jedoch den doppelten Händedruck beſonders ſtark erwidert zu haben.—„Geſchäfte macht man am Beſten im Ge⸗ ſchäftslokal ab, und Anderes führt mich nicht daher.“ Bei dieſen Worten trat er an den Pult, um Hut und Stock abzulegen; und als er ſich darauf umwandte, entdeckte er erſt den alten Mann, der den Griff der Thüre erfaßt hatte und ſich eben hinausſchleichen wollte. Herr Blaffer ſah ſich genöthigt, die beiden Herren mit einan⸗ der bekannt zu machen.—„Herr Staiger,“ ſprach er,„einer mei⸗ ner Ueberſetzer,— Herr Arthur Erichſen, einer unſerer talentvoll⸗ ſten, geachtetſten jungen Maler, ein Talent, welches ſo Großes ver⸗ ſpricht, und ſich dennoch herablaſſen will, unſer geringes Werk zu illuſtriren.“ Arthur ſchüttelte unmuthig den Kopf über dieſe Worte des Buchhändlers; doch konnte einem aufmerkſamen Beſchauer nicht entgehen, daß er dies eigentlich nur that, um eine augenblickliche Verlegenheit, ja eine gelinde Röthe, die ſich über ſein Geſicht ver⸗ breitete, zu verbergen. Er kannte ganz genau den alten Mann, der vor ihm ſtand, und er hatte eigentlich gehofft, ihn hier zu treffen. Daß ihn der Vater der ſchönen Tänzerin, die er ſo ſehr liebte, noch mit keinem Auge geſehen, machte er ſich gewiſſermaßen zum 138 Dreizehntes Kapitel. Vorwurf und ging deßhalb auf den alten Mann mit einiger Be⸗ fangenheit zu, wobei er ihm aber freundlich ſeine Hand entgegen reichte. „Ich freue mich in der That, Sie zu ſehen,“ ſagte Arthur; „recht ſehr freue ich mich, und obgleich Sie wohl im Begriff zu ſein ſcheinen, wieder hinweg zu gehen, ſo bitte ich Sie doch, da zu bleiben, indem mir Ihre Anſicht bei der Unterhandlung mit Herrn Blaffer von Wichtigkeit iſt.“ Herr Staiger blickte einigermaßen überraſcht in das freund⸗ liche Geſicht des unbekannten jungen Mannes, der, ſeinem Aeuße⸗ ren nach, offenbar den beſten Ständen angehörend, ſich nicht an ſein abgeſchabtes Röckchen zu kehren ſchien und ihm ſo freundlich entgegen kam. Der Buchhändler zuckte leicht die Achſeln, bat den Maler, ihm gegenüber den Platz des Herrn Beil einzunehmen, und kletterte dann ebenfalls wieder auf ſeinen Schreibbock hinauf. Arthur blickte fragend auf den alten Mann, der hinter der Thüre neben der Kiſte ſtehen geblieben war, dann wandte er ſich an den Lehrling und ſagte ihm ruhig und beſtimmt:„bringen Sie doch dem Herrn einen Stuhl; Sie ſehen ja, daß wir ſitzen und Herr Staiger uns zu Liebe da bleibt. Der Buchhändler nickte verdrießlich mit dem Kopfe, und der junge blonde Menſch eilte nicht ohne ein kaum bemerkbares Lächeln in’s Nebenzimmer, von wo er alsbald mit einem der beſten Stüble ſeines Principals zurück kam. In dieſem Aungenblicke trat Herr Beil in das Zimmer, wollte ſich aber wieder zurückziehen, da er ſeinen Platz beſetzt fand. Arthur blickte in die Höhe und als er den Commis ſah, der ihm wohl bekannt war, nickte er ihm freundlich entgegen und ſagte: „Sie werden entſchuldigen, lieber Herr Beil, daß ich einen Augen⸗ blick Ihren Stuhl eingenommen, ich werde übrigens nicht lange Gebrauch davon machen, da wir bald im Reinen ſein werden.“ Ueberſetzungs⸗Angelegenheiten. 139 Bei dieſen Worten flog an dieſem Morgen das erſte freund⸗ liche Lächeln über das Geſicht des Buchhändler⸗ Commis.„Ah! Sie ſind es!“ verſetzte er;„freut mich recht, Sie zu ſehen. War⸗ ten Sie, ich will Ihnen gleich einen Bogen Papier unterbreiten, denn ich ſehe, Sie haben ſchon den Bleiſtift in der Hand; ſonſt zeichnen Sie mir wieder allerlei Ungeheuer in mein Hauptbuch.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ entgegnete Arthur lächelnd,„ich habe mir Ihre Lektion von neulich gemerkt.“ „Nun endlich zur Sache!“ rief ungeduldig der Buchhändler. „Laſſen Sie uns in Frieden, Herr Beil! Schauen Sie lieber die⸗ ſem jungen faulen Schlingel da zu, der mit einer Langſamkeit ein⸗ packt, daß es wahrhaftig zum Erbarmen iſt.— Alſo, Herr Stai⸗ ger,“ wandte er ſich an den alten Mann,„da Sie nun einmal da ſind, iſt es mir lieb, wenn Sie zuhören, auch vielleicht Ihren Rath geben. Herr Erichſen will alſo die Freundlichkeit haben, zu unſerer Ausgabe von Onkel Tom'’s Hütte vortreffliche Illuſtrationen zu machen. Es iſt mir ein Bedürfniß, Originalzeichnungen zu erhal⸗ ten, denn ich haſſe den Nachdruck, ſelbſt wenn er vollkommen er⸗ laubt iſt wie hier, wo es ſich nur darum handelt, engliſche Ori⸗ ginale zu benutzen.“ Während dieſer Rede ſah Herr Blaffer ſo ſalbungsvoll an die Decke des Zimmers empor, und machte ein ſo merkwürdig ehrlich ſein ſollendes Geſicht, daß ſich Arthur nicht enthalten konnte, dieſe herausfordernden Züge mit einigen kecken Umriſſen auf das Blatt Papier zu ſtizziren. 5 „Was meinen Sie nun,“ fuhr der Buchhändler fort,„ſollen wir zu jeder Lieferung eine Illuſtration geben, was allerdings acht für den Band machen würde, oder wollen wir uns damit begnügen, für zwei Lieferungen eine herzuſtellen?— Was meinen Sie dazu, Herr Staiger?“ „Wenn man zu jeder Lieferung eine Illuſtration machte,“ 140 Dreizehntes Kapitel. ſagte ſchüchtern dieſer,„ſo würde das wohl die Koſten bedeutend erhöhen.“ „Auf die Koſten kommt es Herrn Blaffer nicht an,“ verſetzte der junge Mann, während er ruhig fortzeichnete,„wenn die Arbeit nur gut wird.“ „Allerdings,“ meinte kleinlaut der Principal;„nur iſt das Holzſchneiden eine ſehr theure Geſchichte.“ „Dafür koſten Sie ja aber die Zeichnungen faſt gar nichts,“ warf der Maler leicht hin.„Sie haben mich gebeten ſie zu ma⸗ chen, und da ich mich gerade einmal in dem Genre verſuchen möchte, ſo zeichne ich Ihnen die Illuſtrationen für eine Kleinigkeit.“ „Ja, ja,“ ſprach mühſam lachend der Buchhändler,„was ihr Herren Kleinigkeiten nennt.— Nun, es kommt mir ja nicht darauf an. Alſo machen wir zu jeder Lieferung eine Illuſtration, und Sie werden ſie mir gleich auf's Holz zeichnen.“ Arthur nickte mit dem Kopfe. „So wären wir vorderhand im Reinen,“ fuhr Herr Blaffer fort, und ſagte, indem er ſich an den alten Mann wandte:„jetzt hätten wir für heute nichts mehr mit einander abzumachen; beſor⸗ gen Sie mir alſo das Manuſcript zur fünften Lieferung und Sie ſollen alsbald haben, was Sie gewünſcht.— Guten Morgen, Herr Staiger!“ „Noch einen Augenblick!“ bat der Maler, ohne aber von ſei⸗ nem Papier in die Höhe zu ſehen.„Im Intereſſe der Illuſtrationen wäre es mir ſehr erwünſcht, mich zuweilen mit dem Herrn Staiger beſprechen zu können. Wir wollen doch nicht gerade die gleichen Scenen wie in der engliſchen Ausgabe illuſtriren; der Anſicht wer⸗ den Sie doch auch ſein, Herr Blaffer?“ „Jedenfalls etwas ganz Neues,“ antwortete der Buchhändler. „Herr Staiger wird gewiß gern zuweilen in Ihre Wohnung kommen.“ Ueberſetzungs⸗Angelegenheiten. 141 „Gewiß,“ ſagte der alte Mann,„wenn Herr Erichſen mir nur ſagen will, wenn ich ihn zu Hauſe treffe.“ „Gott bewahre!“ entgegnete eifrig der Maler, indem er ſich aber noch tiefer auf das Blatt Papier niederbeugte.„Das werde ich nimmermehr zugeben, daß Sie Ihre koſtbare Zeit in Gängen nach meiner Wohnung verſchleudern. Ein Künſtler wie ich, der bald hier bald da ein Stück von der Außenwelt gebraucht, ſchlen⸗ dert viel in den Straßen umher, und wenn Sie mir—— Ihre Wohnung angeben wollen und mir ſagen, wenn ich Sie am Beſten treffe, ſo mache ich mit dem größten Vergnügen,—. gewiß mit dem größten Vergnügen hie und da einen Sprung zu Ihnen.“ „Es wird mir eine große Ehre ſein,“ antwortete Herr Stai⸗ ger,„wenn Sie meine Dachkammern aufſuchen wollen; aber ſie find etwas entlegen— Balgengaſſe Nummer vierzig über vier Stiegen.— Was die Zeit anbetrifft, wo Sie mich zu Hauſe fin⸗ den, ſo bin ich gemeiniglich den ganzen Tag da; wenn ich je ein⸗ mal ausgehe, ſo geſchieht das zwiſchen zwölf und ein Uhr nach meinem Mittageſſen.“ „Balkengaſſe Nummer vierzig,“ ſprach der Maler mit leiſer Stimme, während er eifrig fortzeichnete.„Ich will mir's gewiß merken.“ Unterdeſſen war Herr Beil an den Pult getreten, und wäh⸗ rend er that, als betrachte er ſich die Zeichnung, welche Arthur auf das Blatt Papier hinwarf, ſchob er dieſem unbemerkt ein kleines Zet⸗ telchen zwiſchen die Finger, worauf die Worte ſtanden:„Erkundi⸗ gen Sie ſich unbefangen nach dem Honorar, was für eine Ueber⸗ ſetzung bezahlt wird.“ Herr Staiger hatte bereits den Drücker der Thüre in der Hand und wollte ſich entfernen.„ „Apropos!“ ſagte Arthur ganz gleichgültig,„das Ueberſetzen muß doch eigentlich ein gutes Geſchäft ſein. Man braucht keine Vorſtudien zu machen, man ſchreibt eigentlich nur ab, man bezahlt 142 Dreizehntes Kapitel. gute Honorare; es muß doch etwas dabei zu verdienen ſein. Nicht wahr, Herr Staiger?“ „O gewiß, wenn man fleißig iſt,“ entgegnete ſtatt des Ge⸗ fragten der Buchhändler,„wenn es Einem raſch von der Hand geht.“ „Wäre es indiscret von mir,“ fuhr der Maler fort,„wenn ich Sie fragte, wie viel zum Beiſpiel für einen ſolchen gedruckten Bogen dieſer Onkel Tom's Hütte bezahlt wird?“ Dieſe Frage mußte allerdings an gegenwärtigem Orte ſehr indiscret erſcheinen, denn Herr Blaffer zog ſeine Augenbrauen fin⸗ ſter zuſammen, Herr Staiger blickte zur Erde, und während Herr Beil eine ungemein freundliche Grimaſſe zog, ſperrte der blonde Lehrling ſeinen Mund vor Verwunderung und Freude weit auf. „Das iſt eigentlich ſchwer zu ſagen,“ nahm der Buchhändler nach einer längeren Pauſe das Wort;„ich bemerkte ſchon, wer fleißig iſt, wems von der Hand geht, der kann es ſchon zu was bringen.“ „Da wäre alſo die erſte Frage,“ fuhr der Maler unerſchütter⸗ lich fort, während er die Geſichtszüge des Principals in einer er⸗ ſchreckenden Aehnlichkeit auf das Papier feſtſtellte,„wie lange ſchreibt man an ſo einem Druckbogen?— Nun Herr Staiger, Sie ſind doch gewiß ein recht fleißiger Mann, was bringen Sie alſo an einem Tage vor ſich?“ Der Gefragte wußte nicht recht, ob und was für eine Antwort er geben ſollte. Er blickte auf den Buchhändler, der ein Lineal heftig zwiſchen den Fingern drehte, dann ſah er den Herrn Beil an, der ihm auf eine ſo heftige und eindringliche Art zunickte, daß er ſich eines kleinen Lächelns nicht erwehren konnte. „Nun?“ fragte der Maler. „Ja— a, ja— a— a, es iſt eigentlich ſo, wie Herr Blaf⸗ fer ſagt,“ meinte der alte Mann,„wenn man viel arbeitet, ſo kann man Etwas verdienen; ich zum Beiſpiel—“ „Aber was kann Sie das intereſſiren!“ warf der Buchhändler Ueberſetzungs⸗Angelegenheiten. 143 dazwiſchen.„Kommen Sie einen Augenblick in meine Wohnſtube, wir wollen unſere Conditionen wegen der Zeichnungen feſtſetzen, und dann will ich Ihnen auch wohl gern Einiges über die Ueber⸗ ſetzungsgeſchichten ſagen.“ „Laſſen Sie doch den Herrn Staiger ſprechen,“ entgegnete Arthur gleichgültig.„Gott! mein verehrter Herr Blaffer, wir kennen ja einander. Wenn Sie zu Papa auf die Kaſſe kommen, ſo weiß ich, daß man Sie dort gern über alles Mögliche belehrt.“ — Dies war eigentlich ein Stich auf den Buchhändler, denn wenn er Geldgeſchäfte hatte, Wechſel umſetzte, oder fremde Papiere ein⸗ handelte, ſo ſtudirte Niemand genauer die Kurszettel als der Herr Blaffer, der oftmals unbeſcheiden genug geweſen war, wegen eini⸗ ger Gulden die Einſicht in Correſpondenzen zu verlangen. „Nun alſo— 2* „Gewöhnlich ſtehe ich des Morgens um vier Uhr auf,“ ſagte der alte Mann,„mache mir ein kleines Feuer an, rücke meinen Tiſch an den Ofen, und wenn meine Finger, die während der ebengenannten häuslichen Geſchäfte etwas einfrieren, wieder warm geworden ſind, ſo nehme ich meine Feder und fange an zu arbeiten. Allemal aber habe ich ſchon eine Stunde vorher in meinem Bette einige Kapitel durchleſen müſſen, damit mir die Arbeit nicht ganz fremd iſt. So arbeite ich fort bis um ſieben Uhr, wo die Kinder aufſtehen und— nach ihrem Frühſtück verlangen.“— Dies ſagte Herr Staiger mit einem trüben Lächeln.—„Darum habe ich mich Dieſe fünf Stunden nun, von Vier bis Neun, ſind mir aber die koſtbarſten, denn da Clara um neun Uhr fortgeht, ſo befinde ich mich von der Zeit an mit den kleinen Kindern allein und werde alle Augenblicke von ihnen geſtört, beſonders von meinem Buben, der noch nicht in die Schule geht. Bald muß ich ihn vom Fenſter wegholen, bald ihm irgend ein Spielzeug machen, damit er ruhig Dreizehntes Kapitel. 144 3 ſitzt, und wenn es eilf Uhr geworden iſt, ſo muß ich auch ſehen, daß das Feuer wieder beſſer brennt, damit Clara, welche um Mit⸗ tag kommt, in ſehr kurzer Zeit unſer Eſſen fertig bringt. Von Zwölf bis Eins nun iſt meine Erholung; nach dieſer Zeit fange ich wieder an zu arbeiten, und ſchreibe dann ſo fort bis neun, zehn, auch wohl eilf Uhr.“ „Und was haben Sie dann vor ſich gebracht,“ fragte eifrig der Maler,„in der Zeit eines ſolchen langen Tages?“ „Wenn es mir gut von der Hand geht, einen ganzen Bogen,“ antwortete Herr Staiger.„Wiſſen Sie, mein lieber Herr, ſechs⸗ zehn enggedruckte Seiten wie das hier iſt keine Kleinigkeit.“ „Das kann ich mir denken,“ ſagte Arthur ſeufzend.„Gott! wenn ich mir das vorſtelle, unſereins, ſo an Luft und Freiheit gewöhnt, ſollte ſo hinſitzen über das Papier gebeugt, Stunde um Stunde arbeiten, mit dem Geiſte und mit der Hand, immer in zwei Sprachen denken; ah! ich bin überzeugt, ich eines Theils würfe die Feder nach der erſten Stunde weg!— Nun aber ha⸗ ben Sie einen ganzen Bogen beendigt. Jetzt hoffe ich doch, Sie wiſſen warum? Sie werden nun doch ein Anſtändiges verdient haben, ſo daß Sie zum Beiſpiel nach dreitägiger ange⸗ ſtrengter Arbeit in der Woche die übrige Zeit Ihrer Erholung widmen können oder etwas zurücklegen für Ihre Kinder.“ Dem Herrn Blaffer war dieſe Unterredung offenbar peinlich ückte mißmuthig hin und her, er ſchnappte g an ſeiner ohnedies ſehr langen r nicht ganz logiſch, ver⸗ und unangenehm; er r nach rechts und nach links, er zo Naſe, und ſagte endlich, indem er es, abe ſuchte, ein anderes Thema anzuſchlagen:„o, was wollen Sie, beſter Freund! arbeiten muß ein Jeder, ich, Sie, der größte Theil der Menſchen, die da leben, und wenn auch Manche von uns ange⸗ ſtrengter arbeiten, als die Anderen ſchaffen müſſen, ſo leben ſie da⸗ für in einem wohlgeordneten civiliſirten Staate, der ihr Eigenthum ſchützt, ihren Herd, Weib und Kind beſchirmt vor roher Gewalt. Ueberſetzungs⸗Angelegenheiten. 14⁵ — Das muß man einſehen; man muß mit ſeinem Schickſal zu⸗ frieden ſein, man muß bedenken, wie viele Tauſende von Menſchen viel ſchlimmer daran ſind als wir, wie Unzählige in einer Skla⸗ verei leben, gegen deren Leiden unſere Mühe und Noth wahrhaftes Labſal zu nennen iſt,— wahrhaftig, aus dem Geſichtspunkte kann man dies vortreffliche Buch der amerikaniſchen Dame nicht genug⸗ ſam preiſen und loben. Freilich, materielle Entbehrungen haben jene unglücklichen Sklaven im Allgemeinen nicht zu ertragen; ſie wohnen gut, ſie eſſen und trinken nicht ſchlecht, ſie ſollen ſich auch, wie aufmerkſame Beobachter verſichern, bei der Arbeit nicht über⸗ mäßig anſtrengen, und überhaupt nur da arbeiten, wo ſie durch Drohungen hiezu angehalten werden— eine Erſcheinung, die aber rein aus ihrem geknechteten Zuſtand herzuleiten iſt. Sie dürfen Sonn⸗ und Feſttage halten, ſie haben freilich ihre Tanz⸗ und an⸗ deren Vergnügungen; der größte Theil der Herren pflegt ſeine Sklaven, wenn ſie krank werden, hält meiſtens einen eigenen Arzt hiezu auf ſeiner Pflanzung, füttert ſie ans der Vorrathskammer, wenn zufällig einmal Mißwachs eintritt;— und gerade in dieſer guten Behandlung liegt das Empörende. Denn glauben Sie nicht, daß der Pflanzer mit ſeinen Sklaven aus⸗ Mitleid ſo umgeht! Nein, er thut es nur, weil ſie ihm als bloße Waare gelten; er nährt, kleidet, pflegt ſie, ſorgt auch, wie geſagt, für ihr Vergnügen, aber er thut das nur, um ſie, als Waare betrachtet, nicht unter ihren Werth herab zu bringen.“ „Aber er thut es,“ verſetzte ruhig Herr Beil,„und da er es nun einmal thut, ſind die Schwarzen jenſeits des Oceans wahrhaf⸗ tig nicht ſo ſchlimm daran, wie ihre weißen Brüder dieſſeits.“ „Das iſt ihr materielles Wohl, das thieriſche, gemeine Leben. Sehen wir aber die andere, die Schattenſeite dieſes Bildes, wie ſie uns die geiſtreiche Amerikanerin in dieſen vortrefflichen Heften ſchildert.“ Hackländers Werke. XVI. 10 146 Dreizehntes Kapitel. „Bei Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie,“ murmelte der Commis.„Halten Sie gefälligſt Ihr Maul, Herr Beil,“ ent⸗ gegnete der Buchhändler⸗Principal, der für ſein Buch die Lanze eingelegt hatte, und nun, ein zweiter Don Quixote, gegen etwelche Windmühlen loszurennen im Begriff war.—„Alſo die andere Seite, die eigentliche Knechtſchaft! Man achtet nicht das Heiligſte, was der Menſch beſitzt, die Familienbande; man reißt ſie gewaltſam aus einander, damit der Vater hier untergehe in Noth und Jam⸗ mer, die Mutter dort, die Kinder verkümmern unter der Peitſche ihrer Peiniger.“ „Das kommt auch bei uns vor,“ ſagte gedankenvoll der alte Mann,„nur daß es nicht gerade öffentlich geſchieht auf dem Skla⸗ venmarkt unter dem Hammer des Auctionärs, aber dafür deſto mehr im Geheimen. Auch ſind es nicht wohlbeleibte Pflanzer, die hier ſo die Familien zerreißen und Mutter von Kind trennen, ſondern viel ſchlimmere Gebieter: Hunger, Noth und Laſter aller Art, und ich möchte in der That wiſſen, ob jene ſchwarze Mutter, deren Kind man verkauft, das alſo den Herrn wechſelt, ohne aber deßhalb ſchlechter gehalten zu werden, ſchlimmer daran iſt, als eine weiße, die gezwungen iſt, ihr Kind zum Betteln herzugeben, und die ſehen muß, wie es ſiech und elend wird, langſam dahin ſtirbt oder ſich durchreißt, um ſpäter jedem Laſter in die Hände zu fallen.“ Auch kauft man bei uns Kinder genug,“ ſagte gleichmüthig Herr Beil,„namentlich Kinder weiblichen Geſchlechts, wenn ſie über ſechszehn Jahre alt ſind.“ Der Blick des Principals, welchen er für dieſe Bemerkung ſeinem Commis zuſchleuderte, war ein entſetzlicher Blick, und die Bewegung, die er hervorgerufen, brachte den würdigen Buchhändler ganz aus ſeinem Vortrag heraus. Er fuhr mit der Hand über die Stirne, ſchnappte nach Luft und bemerkte nach einem augenblickli⸗ chen Stillſchweigen mit erzwungenem Lächeln:„es iſt eigentlich ſonderbar, wie ſo ein gewaltiger Stoff einem die Nerven aufregt.“ Ueberſetzungs⸗Angelegenheiten. 147 „Ja, ja,“ erwiderte Arthur, der unterdeſſen die Geſtalt des Buchhändlers, den er als Sklavenhändler ſkizzirt, mit ein paar Strichen vollendete,„wir ſind dadurch ganz von unſerem Thema abgekommen.“ „O es iſt nicht der Mühe werth,“ meinte Herr Blaffer. Worauf der Commis halblaut ſagte:„es iſt freilich nicht der Mühe werth, das Honorar nämlich;— aber er muß es Ihnen ausſprechen; dringen ſie nur darauf.“ „Nun, Herr Staiger,“ fuhr der Maler fort,„was bringt Ih⸗ nen ſo ein mühevolles Tagewerk? Was verdienen Sie bei der Ueber⸗ ſetzung eines Bogens?“ „Das Honorar iſt ein Gulden und dreißig Kreuzer,“ ſagte der alte Mann. Welche Worte Arthur mit einem Tone wiederholte, als habe er nicht recht gehört.—„Ein Gulden und dreißig Kreuzer für vierzehnſtündige mühevolle Arbeit des Geiſtes und des Körpers! Ein Gulden dreißig Kreuzer, die Ihnen nur ſo lange bezahlt wer⸗ den, bis Ihr Verſtand die Marter nicht mehr erträgt, Tage, Wo⸗ chen lang die Punkte und Striche hinzumalen, die man Buchſtaben nennt! Die Sie ſogar nicht erhalten, wenn es Ihnen einmal nicht gelingt, einen Tag Ihrer Frohnarbeiten zu vollenden, die Sie an Sonn⸗ und Feſttagen nicht haben, wenn Sie auch dieſe Tage, die doch zur Ruhe beſtimmt ſind, nicht ebenfalls mit Ihrer ſchweren, ſchweren Arbeit ausfüllen!“ „Aber, mein lieber Herr,“ entgegnete der alte Mann mit einem ſanften Tone,„ich theile da das Schickſal von Tauſenden und aber Tauſenden meiner Mitmenſchen, von allen Denen, die um Tag⸗ lohn arbeiten, und bin am Ende weit beſſer daran als dieſe. Mich hindert doch keine Witterung an meiner Arbeit, ich kann an mei⸗ nem Schreibtiſch ſitzen, mag die Sonne ſcheinen oder mag es reg⸗ nen oder ſchneien.“ „Ja, das iſt wahr,“ verſetzte der Maler;„was das anbelangt, Dreizehntes Kapitel. leben Millionen unſerer Arbeiter in traurigeren Verhältniſſen als Sie, verehrteſter Herr, aber auch als jene Schwarzen, deren Jam⸗ mer uns ſo nachdrücklich vor Augen geführt wird, den Sie über⸗ ſetzen, den ich illuſtrire. Mag ihnen dort die Sonne ſcheinen oder mag Sturm und Regen den Himmel verfinſtern, das iſt jenen Skla⸗ ven gleichgültig: ihr Herr ſorgt für ſie und ihre Kinder, und ihnen iſt es ganz recht, wenn ſie wochenlang im angenehmen Nichtsthun vor ihren Hütten ſitzen können; ihnen ſchmilzt nicht jeder fallende Regentropfen das Brod im Schranke wie unſerem Taglöhner.— Ahl es wären wahrhaftig für unſere deutſchen Leſer keine Ueber⸗ ſetzungen und keine Illuſtrationen nothwendig; ſie ſollten nur verſtehen, auf Straße und Feld zu leſen und zu ſchauen; aber das Elend, das wir täglich vor uns erblicken, hat für die empfindſamen Leſer und Leſerinnen jenes Romans nicht das Pikante, das Ap⸗ petitliche, nicht das wollüſtig die Nerven Kitzelnde, wie die Ge⸗ ſchichte der jungen ſchönen Mulattin, die von ihrem Herrn verfolgt wird und bereit iſt, eher ihr Leben herzugeben als ihre Ehre.— Ah! das liest ſich vortrefflich und ſieht ſich außerordentlich ſchön an. Aber wie ſchon geſagt, um auch das lebendiger und wahrer zu haben, dazu braucht man nicht nach Onkel Tom's Hütte zu gehen; das haben wir Alles bei uns ebenſo ſchön in der lieben Heimath.“ 3 „Sehr wahr,“ meinte Herr Beil, wobei er es nicht unterlaſſen konnte, einen feſten Blick auf ſeinen Principal zu werfen, der unter⸗ deſſen von ſeinem Stuhl herabgerutſcht war, und nun der ernſten Converſation durch ein ziemlich mißtöniges Lachen eine heitere Wendung zu geben verſuchte. „Eigentlich haben Sie mit Ihrem Lachen Recht, Herr Blaffer,“ fuhr Arthur fort.„Warum auch trübſelige Gedanken! Kurz iſt das Leben, treten wir ſo viel wie möglich auf die Sommerſeite deſſelben, und wenn wir ja einmal durch ſchwarze Schatten hin⸗ durch müſſen, nun, ſo wollen wir uns bemühen, auch daraus etwas Ueberſetzungs⸗Angelegenheiten. 149 zu lernen.— Jetzt erſuche ich Sie aber, einen Augenblick mit in's Nebenzimmer zu kommen, ich will Ihnen da in der Geſchwindigkeit meine Bedingungen wegen der Illuſtrationen mittheilen.— Herr Staiger,“ wandte er ſich an dieſen,„Sie bitte ich, noch einen Au⸗ genblick zu bleiben;z wir gehen zuſammen fort, wenn es Ihnen recht iſt.“ 5. Was nun der Künſtler im Nebenzimmer mit dem Buchhänd⸗ ler verkehrte, halten wir nicht für unſere Pflicht, dem geneigten Leſer genau anzugeben; nur das Reſultat der Unterredung ſoll er erfahren, weil es für den alten Mann draußen ein angenehmes war. Der Buchhändler nämlich, als er in's Comptoir zurück kam, ſchritt mit einem gerade nicht zu ſauren Geſichte gegen ſeinen Pult, öff⸗ nete die Kaſſe und händigte dem überraſchten Herrn Staiger den gewünſchten Vorſchuß von vier Gulden ein, wobei er lächelnd ſagte: „ſehen Sie, mein Verehrteſter, ich mache mir eigentlich ein Ver⸗ gnügen daraus, Ihren Wunſch zu erfüllen: es iſt nur meine Ge⸗ wohnheit, jede Sache reiflich vorher zu überlegen. Wahrhaftig, ich bin nicht unerkenntlich für Ihre au ſich gar nicht ſo ſchlechte Ueberſetzung, und ſowie ſich die Zahl der Abnehmer unſeres Ro⸗ mans anf zweitauſend ſteigert, mache ich es mir zur Pflicht, Ihr Honorar auf drei Gulden zu erhöhen, ja, ſobald ſich die Abnehmer vermehren, was vorausſichtlich in den nächſten Monaten geſchehen kann—— wollte ſagen in den nächſten Wochen,“ verbeſ⸗ ſerte ſich Herr Blaffer, denn er fing einen bedeutſamen Blick des Malers auf,„ja vielleicht mit dem nächſten Poſttage; wir wollen ſehen, wir wollen ſehen!“ Herr Blaffer hatte durch all' das Vorgegangene einen anſtren⸗ genden Morgen gehabt, und als ſich nun der alte Mann mit Ar⸗ thur unter vielen Dankſagungen entfernt, zog der Principal einen dicken Paletot an, verſchloß ſeinen Pult ſorgfältig, nahm Hut und Stock und entfernte ſich, um, wie er ſagte, noch einen wichtigen Geſchäftsgang zu machen. Dergleichen wichtige Geſchäftsgänge Dreizehntes Kapitel. kamen übrigens um die Eſſensſtunde einige Mal in der Woche vor; Herr Blaffer war nämlich Junggeſelle, alſo ließ er nicht die zarte Hälfte ſeines Ich's zu Hauſe zurück und konnte ſich beruhigt in das Wirthshaus begeben, um dort etwas Beſſeres zu verzehren, als dem Herrn Beil, der ebenfalls im Hauſe beköſtigt wurde, und dem Lehr⸗ ling vorgeſetzt zu werden pflegte. Der Buchhändler verließ alſo ſein Haus, und der blaſſe Lehr⸗ ling, der bis jetzt Bücher eingepackt, eilte an ein Fenſter, das auf die Straße ging, und wartete da, bis der Principal um die nächſte Ecke verſchwunden war. Herr Beil hatte ſich wieder auf ſeinen Comptoirſtuhl geſetzt und nahm mit triumphirendem Lachen das Blatt in die Hand, welches Arthur zurückgelaſſen.„Sehen Sie,“ rief er ſeinem ſchmäch⸗ tigen Untergebenen zu,„da ſteht er, wie er leibt und lebt, der Sklavenhändler Blaffer, und auch wir ſind nicht vergeſſen, mich hat er auf Ehre als Onkel Tom dahin conterfeit, und da unten das miſerable Ding mit den auffallend gekrümmten Schienbeinen und dem verwahrlosten Kopfe gleicht Ihnen wie ein faules Ei dem andern.“ Der Lehrling ſchien aber keine beſondere Luſt zu haben, auf dieſe Späſſe einzugehen. Er ſetzte ſich auf die Kiſte hinter der Thüre, ließ den Kopf melancholiſch auf die Bruſt ſinken und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Nun,“ ſagte Herr Beil, indem er über den Bogen Papier hinweg ſah,„wo fehlt's Ihnen, junger Buchhändler? Sehen Sie nicht wahrhaftig aus wie unſer würdiger Chef, wenn er einen Retourzettel erhält, auf dem geſchrieben ſteht: Wird nur gegen Baar expedirt.— Hat Sie die Unterredung von heute Morgen angegriffen?“ 3 Der Lehrling ſchüttelte betrübt den Kopf. „Oder iſt Ihr Hunger ſtärker als gewöhnlich?— Auch das Ueberſetzungs⸗Angelegenheiten. 151 nicht?— Nun, dann weiß ich nicht, was Ihnen fehlt. Bitte, ſprechen Sie ſich deutlicher aus, theuerſter Anton!“ „Sie wiſſen wohl, daß ich nicht Anton, ſondern Auguſt heiße,“ entgegnete betrübt der Lehrling.—„Haben Sie den Herrn Erich⸗ ſen geſehen?“ „Sonderbare Frage!“ meinte Herr Beil, indem er den Bogen Papier weit von ſich abhielt, um den Totaleindruck der Zeichnung beſſer zu genießen. „Ach! iſt das nicht ein angenehmer junger Mann!“ fuhr Auguſt fort,„ſo elegant gekleidet, feine helle Handſchuhe, ſo ein ſchönes und freies Benehmen, und hat was gelernt. Wenn ich da⸗ gegen unſereins anſehe—“ „Unſereins!“entgegnete der Commis ſcheinbar entrüſtet, indem er die eine Spitze ſeines gewaltigen Schnurrbarts in die Höhe drehte. —„unſereins! Nun ich denke, meine Repräſentation iſt auch nicht ganz Ohne, und wenn Sie fleißig Brochuren verpacken, pünktlich Ihre Pakete austragen, und wenn dann einſtens Herr Blaffer ſtirbt und Sie zum Erben einſetzt, ſo können Sie auch gute Paletots tragen und feine Handſchuhe.“ 4 „Ach, machen Sie doch nicht immer Ihre Späſſe, mit denen es Ihnen doch nicht Ernſt iſt!“ „Das iſt mein blutiger Ernſt, Sie junger Wortklauber; ich halte was auf mich, und wenn ich einmal zufälliger Weiſe in die rechte Carriere hinein gerathe, ſo ſollen Sie Ihr blaues Wunder ſehen.— Der Buchhandel,“ ſetzte er mit anderem Tone hinzu, „iſt freilich auch nicht das, was mir in meinen ſüßen Träumen vorſchwebt.“ „Ach, Herr Beil,“ fuhr der Lehrling fort, ohne ſeinen Blick vom Boden zu erheben,„hätte man mich nur was Rechtes lernen laſſen, glauben Sie mir, ich habe den Kopf dazu. Wollte ich doch. auch ein Zeichner und Maler werden, und als ich noch in die Schule Dreizehntes Kapitel. ging, da ſagten die Lehrer, ich hätte ein ſchönes Talent und es könnte auch einmal etwas Gutes aus mir werden.“ 8 „Immer die alte Jeremiade!“ antwortete Herr Beil, indem er das Papier ſinken ließ und den Lehrling nicht ohne Intereſſe be⸗ trachtete.—„Sie ſind aber ein junges Ungeheuer,“ fuhr er nach einer Weile im früheren Tone fort;„lehrt Sie der Herr Blaffer nicht täglich und ſtündlich etwas Gutes und Neues, Sie und Ihre Schweſter Maria?“ „Ich kann eigentlich nicht verlangen, daß er mich hätte ſollen viel lernen laſſen,“ entgegnete der Audere,„aber ſo ein paar Privatſtunden hätte ich wohl noch haben ſollen.“ „Wie nahe iſt Ihnen der Herr Blaffer verwandt?“ fragte nachdenkend der Commis, der die vorige Rede überhört zu haben ſchien. 3 „Eine eigentliche Verwandtſchaft exiſtirt gar nicht zwiſchen uns; nur war er mit meinem Vater ſehr befreundet.“ „Und als Ihre Mutter ſtarb, hatte unſer ehrbedürftiger Prin⸗ cipal, den Gott erhalten möge, diverſe Forderungen an ſie zu machen. Sie aber hatten keine lebende Seele, weßhalb Sie in's Blaffer'ſche Haus kamen!“ „Mit meiner Schweſter Marie.“ „Und Ihrem Vermögen, was ſchon lange darauf gegangen ſein ſoll für Ihren Lebensunterhalt.— So ſagt man nänlich, und damit ihr Beide auch als nützliche Mitglieder der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft heran gebildet würdet, avancirten Sie zum zehnjährigen Lehrling, und ſie— Maria nämlich— verſieht die Stelle unſeres Dienſtmädchens.“— Dieſe letzten Worte ſprach Herr Beil mit einer merkwürdigen Weichheit, während er nachdenkend an die Decke des Zimmers blickte.— Einige Augenblicke darauf aber kehrte er wie gewaltſam zu ſeinem früheren Humor zurück, indem er laut lachend nochmals auf die Zeichnung ſchaute, ſie alsdann zuſammen faltete und in die Taſche ſteckte.„Meiner Seel'!“ ſagte er,„es iſt zwölf Ueberſetzungs⸗Angelegenheiten. 153 Uhr vorüber, jetzt will ich einmal Hausinſpection halten und nach Küche und Köchin ſehen.“ Ehe Herr Beil hierauf das Comptoir verließ, zog er einen beſſern Rock an, der hinter der Thüre hing, brachte Haar und Bart in Ordnung und ging in's Nebenzimmer, von wo man unter⸗ deſſen Tellergeklapper vernahm. Hier befand ſich die Schweſter des Lehrlings, welche wir dem Leſer mit einigen Worten vorzuſtellen uns veranlaßt ſehen. Es iſt das ein junges Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren, von feiner Geſtalt, kleinen Händen und Füßen, einem runden, friſchen Geſicht, welches dunkelblondes Haar umgibt, kurz von einem Aeußeren, das eigentlich gar nicht zu der groben Kleidung paßt, die es be⸗ deckt. Noch weniger harmonirt damit ihr eleganter, ſchlanker Oberkörper, der an der Taille zu umſpannen iſt, und der gegen oben zu einer wahrhaft bewunderungswürdigen Breite und Fülle aus einander geht. Wenn man die Schweſter neben dem Bruder, dem Lehrling nämlich, ſah, ſo hätte man ihrem Weſen nach glauben können, er ſei das Mädchen und ſie der Knabe. Auguſt war zärtlich, erſchrocken, mit weichem, biegſamen Gemüth, ſie dagegen keck, luſtig, ja trotzig und widerſtrebend. Herr Blaffer hatte mit dem Mädchen eine gar eigenthümliche Erziehungs⸗ und Behandlungsweiſe eingeſchlagen, welche übrigens nicht dazu beitrug, ihren Charakter weicher zu machen. Bald ſchien er in ihr die Tochter eines Freundes zu ſehen, und redete ihr lieblich, ja ſchmeichelnd zu, ja auffallend ſchmeichelnd, wie Herr Beil behauptete; bald aber behandelte er ſie mit der größten Härte, ließ ſie alle niedrigen Dienſte verrichten und ſtrafte ſie un⸗ nachſichtlich für die kleinſten Vergehungen. Er behauptete, ſie habe ein etwas leichtſinniges Temperament und ein ſehr undank⸗ bares Gemüth, was ſie namentlich darin bewies, daß ſie die Freund⸗ lichkeit, mit der ſie meiſtens die Männer behandelte, die mit ihr⸗ in einige Berührung kamen, durchaus nicht auf ihren Umgang mit 154 Dreizehntes Kapitel. ihrem Herrn und Meiſter ausdehnen wollte; ſie war eine wider⸗ ſpenſtige Sklavin, wie ſich der Buchhändler ſchon hatte vernehmen laſſen, wenn er nämlich nicht daran gedacht, daß ſich Herr Beil in ſeiner Gehörweite befand. Der Commis aber befand ſich oft in dieſer Gehörweite, ohne daß es der Principal wußte, und wir können dieſes an ſich tadelnswerthe Betragen nur dadurch entſchul⸗ digen, daß ſich Herr Beil auf's Heftigſte in das Mädchen verliebt hatte und in beſtändiger Angſt lebte, die Zwiſtigkeiten zwiſchen Herr und Dienerin, die oftmals ausbrachen, könnten einmal für das Mädchen auf ſehr unangenehme Art endigen. Das mußte ſchon wahr ſein, Maria gab ſich häufig nicht ein⸗ mal die Mühe, ihre Schen, ja ihren Widerwillen vor ihrem Herrn zu verbergen, namentlich in jenen Tagen nicht, wo er es verſuchte, ſie durch Liebe und Sanſtmuth zu erziehen. Dann war ihre Laune unerträglich, wogegen ſie ordentlich aufzuleben ſchien, und ſich auf ihrem ſchönen Geſichte Frohſinn und Heiterkeit abſpiegelte, wenn ſie Scheltworte und die ſchlechteſte Behandlung mit oder ohne Ver⸗ anlaſſung zu ertragen hatte. Seit einigen Tagen war in dem Hauſe vollkommen ruhiges Wetter geweſen, ja Herr Blaffer hatte ſich auffallend ſanft benom⸗ men und ſogar einmal die Aeußerung gethan, er ſehe ein, das paſſe ſich eigentlich nicht, daß Maria in ſeinem Hauſe alle die niedrigen Dienſte verſehe, und er finde es angemeſſen, nächſteus ein wirkliches Dienſtmädchen anzuſtellen. Dieſe Aeußerung hatte dem Herrn Beil einen Stich in's Herz gegeben, und er ſetzte ſeine Beobach⸗ tungen um ſo eifriger und genauer fort, als Maria ihm ſichtlich auswich, oft in tiefen Gedanken vor ſich hinſtarrte und ſich durch keinen luſtigen Einfall aufheitern ließ. Obgleich der Commis, wie ſchon geſagt, das Mädchen liebte, ſo ſind wir doch durchaus nicht berechtigt, an eine Gegenliebe zu glauben. Sie benahm ſich gegen ihn nicht freundlicher und zu⸗ vorkommender als gegen jeden Anderen, und Herr Beil warf wäh⸗ Ueberſetzungs⸗Angelegenheiten. 15⁵ rend vieler ſchlimmen Stunden in ſeinem Kopfe die ſchreckliche Vermuthung umher, irgend ein unternehmender junger Mann habe ſich vielleicht in ihr Herz geſchlichen und mache es unempfänglich für all' die Beweiſe von Zuneigung und Liebe, die er ihr ſchon gegeben. Unterdeſſen hatte ſie den Tiſch gedeckt, das mehr als beſcheidene Eſſen aufgetragen, und die Drei ſetzten ſich dazu hin, ziemlich ſtumm und einſilbig; der Lehrling ließ den Kopf hängen, der Com⸗ mis hatte keine guten Einfäl;: und wenn er einen höchſtens halb⸗ wegs ordentlichen zu Tage brechte, ſo hatte dieſer nur die Wirkung, daß das Mädchen, das, ohne einen Biſſen anzurühren, auf ihren Teller hinſtarrte, erſchrocken in die Höhe fuhr und mit einem ſehr erkünſtelten Lächeln um ſich ſchaute. Vierzehntes Kapitel. Häusliche Scenen. Auf dem Kirchhofe der Stadt, den wir in einem der vorigen Kapitel verließen, fanden, wie der geneigte Leſer bereits weiß, an jenem Morgen zwei Begräbniſſe Statt. Das erſte, das vornehmere, war das einer ſehr alten und ſehr adeligen Stiftsdame, die es ihren nun lachenden Erben recht ſauer gemacht hatte. Es war eins von jenen kränklichen Weſen, von denen man achſelzuckend ſpricht: „und ſie lebt immer noch?“— eine Frage, die aber Jahrzehnte und Jahrzehnte mit einem„Ja!“ beantwortet wird. Endlich aber hatte der unerbittliche Tod das hochadelige Wappen nicht länger. geachtet und der alten Dame zum letzten Reigen die Hand gereicht, 156 Vierzehntes Kapitel. was ihr gerade in dieſem Augenblicke ſehr unangenehm und uner⸗ wartet kam, denn es kreuzte einige Entwürfe, die ſie nächſtens aus⸗ zuführen beſchloſſen hatte. Aber da wir Alle des Todes allerleib⸗ eigenſte Sklaven ſind, ſo genügte, wie ſchon geſagt, ein Wink von dieſem Tyrannen, und ſie, die geſtern noch in dem Hofcercle ſo außerordentlich recherchirt war, und ſo angenehm mit den hohen und höchſten Herrſchaften geplaudert hatte, ließ nun Fächer und Blumen plötzlich den ſteifen Fingern entgleiten und ſtreckte ſich lang aus, jenen gewiſſen eigenthümlichen Zug im Geſichte, den alle glück⸗ lichen, zufriedenen Menſchen, wie zum Beiſpiel ihre geſtrige Ge⸗ ſellſchaft, nicht ohne einen unerklärlichen Schauder anzuſehen ver⸗ mögen. Die Stiftsdame war ſehr vornehm und ſehr ſtolz geweſen; doch hatte ſie ſich in allen Ständen der Geſellſchaft einen freund⸗ lichen Namen erworben, denn ſie gab den Armen und ſonſtigen Hülfsbedürftigen nicht ungern, namentlich aber da, wo die öffent⸗ lichen Blätter ihre Gabe, Größe und Zweeck derſelben, in mehreren dankerfüllten Zeilen dem allgemeinen Publikum tiefgehorſamſt er⸗ ſterbend hinſtammelten. Sie war zur ſelben Stunde geſtorben, wie das kleine Schwe⸗ ſterchen der Tänzerin, nächtlicher Weile, als noch tiefe Schatten über Wald und Flur lagen. Vielleicht hatten die beiden auf⸗ ſchwebenden Seelen einen und denſelben Weg, und zogen, nach⸗ dem alle Standesunterſchiede abgeſtreift, Hand in Hand dahin. Sollte aber auch ſogar der Tod dieſes Gleichheitsprinzip nicht durchzuſetzen vermögen, ſo könnten wir auch vielleicht annehmen, der arme kleine Engel ſei gerade zur rechten Zeit mit der alten Stiftsdame geſtorben, um, hinter ihr drein gleitend, die lange weiße Schleppe zu tragen. Wenn ſich aber zufällig ihre Wege theilten, und die kleine unſchuldige Seele, an Freuden und Er⸗ lebniſſen leicht, luſtig aufwärts flatterte, während die andere, an Thaten und an Chren reich, nicht im Stande war, ſich ſo weit Häusliche Scenen. 1⁵⁷ empor zu ſchwingen, ſo blickte ſie vielleicht zum erſten Male ſehn⸗ ſüchtig nach dem armen Kinde und ſprach ein leiſes Gebet, es möge droben ein ſtilles Fürwort für ſie einlegen, oder es möge die kleinen Händchen niederſtrecken und ſie mit ſich empor ziehen. Das ſind übrigens Anſichten und Phantaſieen, und das Wahre an der Sache iſt, daß das Kind, wie wir bereits wiſſen, in einem Winkel beerdigt wurde, während der Leichenconduct der Stiftsdame ſich über den ſchönſten Theil des Kirchhofes verbreitete, und dort bei der Begierde, die vortreffliche Rede zu hören, von manchem ſtillem, beſcheidenem Grab Immergrün und Epheu ſcho⸗ nungslos niedertrat. Der Zug war in jeder Hinſicht impoſant zu nennen. Da waren alle Schichten der Geſellſchaft vertreten, da fuhren glän⸗ zende Wagen in der königlichen Livree, denen der Prinzen, der hohen Würdeträger bei Hof, der Miniſter, des niederen Adels, der reichen Bürgerſchaft, der Beamtenwelt, kurz, wer eine Equi⸗ page hatte, die ſich anſtändiger Weiſe hinter die lange Reihe an⸗ ſchließen konnte. Da ſaßen die Kutſcher der höchſten Herrſchaften gravitätiſch auf ihrer Bockdecke, die Peitſche hoch, das wetterge⸗ bräunte Geſicht und die rothen Naſen mit einem leichten künſtlichen Anflug von Schwermuth ſchattirt; da kamen ihre minder vor⸗ nehmen Collegen mit minder vornehmer Haltung, aber in ihren reichſten Anzügen; ihnen folgten endlich die Kutſcher der Anver⸗ wandten in der ſchwarzen Trauerlivree, Florepaulettes auf den Schultern, ganz in ſchwarzes Tuch gekleidet und mit ziemlich zer⸗ knirſchter Miene. Daß die meiſten Wagen leer fuhren, verſteht ſich von ſelbſt; ihnen ſchloß ſich erſt eine unendliche Reihe Fuß⸗ gänger aller Stände an, würdevoll einher ſchreitend, den Blick zu Boden, die eine Hand vielleicht in die Bruſt des Paletots ver⸗ graben, und in leiſem Geſpräch, natürlicher Weiſe handelnd von den Tugenden der Verblichenen. Wenn man aber auch über an⸗ dere Dinge ſprach, ſo gab man ſich doch das Anſehen, als ſei 158 Vierzehntes Kapitel. man mit Leib und Seele bei dem traurigen Geſchäfte, und es wurde vielleicht über einen Proceß, ein Avancement, über die Fünfprocentigen oder die Preiſe von Baumwolle und Käſe nur mit hoch empor gezogenen Augenbrauen geſprochen, begleitet von ernſtem, würdigem Kopfnicken und ſalbungsvoll herabhängender Unterlippe.. Die Gefühle der meiſten Leidtragenden, wenn ſie nicht ge⸗ rade den nächſten Verwandten angehören, treten in ihren Con⸗ traſten während des Hin⸗ und Herweges am ſchärfſten bei einem militäriſchen Begräbniſſe hervor. Wie dumpf und ſchauerlich wir⸗ beln die Trommeln, wie klagen die Hörner in einzelnen ſchwer⸗ müthigen Accorden auf dem Hinwege, wie abgemeſſen und lang⸗ ſam iſt der Schritt der Colonne, die mit dem Kameraden geht, und wie ernſt und düſter die Haltung, mit der ſie um das Grab ſtehen, bis es zugeſchaufelt iſt. Sobald dies aber geſchehen, hebt der kleine Tambour ſeine Trommel in die Höhe, ſchraubt das Kalbfell ſchraffer und ſpuckt auch gelegentlich und verſtohlen in die Hände, um ſeine Schlegel recht behend und flink rühren zu können, denn kaum haben ſie dem Kirchhof den Rücken gekehrt, ſo ſchwingt der Tambour⸗Major ſchon mit einer ganz anderen Miene ſeinen Stock, und die Trommeln, auf denen es vorhin klang: drum— drrum— drrrrrum— drrum— drum— drrrrum! ſchallen jetzt: Rataplan— rataplan— rataplan— plan— plan, und darauf fällt die Muſik ein, aber luſtig, heiter und ſchmetternd; der Choral iſt vergeſſen und irgend ein klingender Marſch führt die Truppen, nun um einen ſtillen Mann weniger, nach der Kaſerne zurück. 5 Bei bürgerlichen Begräbniſſen iſt das, wenn auch mit we⸗ niger Geräuſch und weniger auffallend, die gleiche Geſchichte. Die würdigen Kutſcher wenden ihre Wagen nach der Ceremonie um und ſuchen einer an dem andern vorbei im vollen Trabe nach Hauſe zu kommen, wobei es denn nicht ſelten eine Bemerkung, Häusliche Scenen. 1⁵59 ein Wort ſetzt, das durchaus nicht paſſen will zu der ernſten Haltung von ſo eben. Von den Fußgängern ſind manche drau⸗ ßen vor dem Thore geblieben, denn der Raſen iſt feucht, Erkäl⸗ tungen in dieſer Jahreszeit ſehr gefährlich, und der Anblick der ſtillen Hügel mahnt auf ſo unangenehme Art an die Vergäng⸗ lichkeit alles Irdiſchen. Was nun aber, erbaut von der Predigt, wieder heraus kommt, löst ſich in einzelne Gruppen auf und geht plaudernd, guter Dinge, auch wohl lachend nach Hauſe; Mancher ſchlägt für ſich ſein Rataplan und denkt: es iſt gut, daß ich dies⸗ mal noch zu den Begleitern gehöre. Unter den Haufen, die ſich an dieſem Morgen nun nach allen Seiten hin zerſtreuen, bemerken wir einen dicken Herrn, mit ſtatt⸗ lichem, umfangreichem Oberkörper, aber etwas gekrümmten Beinen, die wahrſcheinlich der Laſt, die ſie Jahre lang tragen mußten am Ende erlagen, nachgaben und etwas Sichelförmiges annahmen. Der ſchon ziemlich alte Herr hat ein volles, wohlwollendes Geſicht und gibt ſich offenbar die Mühe, namentlich wenn er grüßt, ſehr würdevoll und gravitätiſch auszuſehen. Zu dieſem Zweck zieht er alsdann ſeine Augenbrauen finſter zuſammen, iſt aber nicht im Stande, einen lachenden Zug um den gutmüthigen Mund zu ver⸗ tilgen, weßhalb ſein Geſicht bei dieſen Veranlaſſungen meiſtens in einer luſtigen Compoſition von Ernſt und Scherz erſcheint. Zu beiden Seiten deſſelben gehen zwei junge Männer von einigen dreißig Jahren, der Eine blond, mit einem offenen, gutmüthigen Geſicht, nachdenkenden Augen, in welchen man hie und da Zer⸗ ſtreutheit liest, der Andere mit dunklem Haar und Backenbart, mit einer Brille auf der Naſe, hinter der ſich ein paar dunkle, ſtechende Augen befinden. „Ich ſage euch,“ bemerkte der alte Herr, indem er ruhig eine Priſe nahm,„die verſtorbene Stiftsdame war eine reſpek⸗ table Frau. Was hat ſie nicht Alles den Armenanſtalten unſerer Stadt gethan, und wie herablaſſend war ſie nicht gegen Jeden⸗ 160 Vierzehntes Kapitel. der mit ihr umging!—— Herablaſſend ſage ich und wiederhole es; ſie, eine Baroneſſe von einem der beſten Häuſer! Hat ſie nicht meine Frau, ſo oft ſie uns beſuchte, mit— mit— wie ſoll ich ſagen?— ja, mit wahrer Freundſchaft behandelt!“ „So oft ſte zu uns kam!“ verſetzte ſpöttiſch der Herr mit der Brille.„Aber welches waren die Veranlaſſungen zu dieſen Beſuchen?“ „Nun,“ entgegnete der alte Herr, indem er die Hände von ſich ſtreckte,„die Veranlaſſungen waren die edelſten und beſten; ſie veranſtaltete Sammlungen zur Ausſtattung armer Mädchen und zur Unterſtützung hülfsbedürftiger alter—“ „Schnapstrinker.“ „Wa— s?“ fragte der alte Herr, der dies Wort nicht recht verſtanden hatte.—„Und abgeſehen von dieſen Beſuchen begeg⸗ neten wir ihr nie am dritten Orte, ohne daß ſie ein charmantes Lächeln, eine freundliche Begrüßung für uns hatte.“ „Und für unſere Kaſſe,“ warf der Andere ein.„Sonſt aber ließ ſie uns, wie ich es auch begreiflich finde, auf der Stufe ſtehen, zu der wir gehören, und wenn ſie auch gnädiger Weiſe zu uns herabſtieg, ſo konnten wir doch verſchloſſene Thüren finden, wenn wir es uns einfallen ließen, einmal eine Treppe höher anzuklopfen.“ Der alte Herr zuckte die Achſeln und ſagte:„das finde ich ganz in der Ordnung; ſtreng geſchiedener Rang und Stand iſt durchaus nothwendig, und daß das auch in meinem Hauſe ſo ge⸗ halten wird, darein ſetze ich meinen Stolz.“ „Namentlich Mama,“ ſagte träumeriſch der andere junge Mann mit dem blonden Haar. „Allerdings; deine Mutter iſt von ſtrengen Grundſätzen, und das iſt ein Segen, der im ganzen Hausweſen ſichtbar wird.“ „Nur bei Einem dieſes Hausweſens,“ bemerkte lachend der mit der Brille,„iſt von dieſem Segen nicht viel zu ſehen. Arthur hat von den Grundſätzen Mama's nie viel profitirt.“ Häusliche Scenen. 161 „Arthur iſt leider ein Künſtler,“ entgegnete der alte Herr, „und kommt hiedurch in Kreiſe und Berührungen, die freilich nicht beſonders gut auf ihn einwirken, aber—“ „Laßt doch die Geſchichten gehen!“ meinte der mit dem blonden Haar.„Ich weiß nicht, Alfons, daß du nie mit deinen Neckereien und Sticheleien aufhören kannſt; wahrhaftig, das wird am Ende unerträglich, und du kannſt keine Stunde damit ſtill ſein. Ich möchte nicht deine Frau ſein.“ „Und ich nicht der Mann deiner Frau,“ entgegnete Alfons mit einem unangenehmen Lächeln. Bei welchen Worten über das Geſicht des anderen jungen Mannes etwas wie ein leichter Schmerz zuckte. Er biß ſich auf die Lippen, reichte dem dicken Herrn die Hand und ſagte:„ich muß einen Augenblick nach Hauſe, komme aber ſpäter. Adieu Papa!“ Das Zwiegeſpräch der beiden jungen Leute war ziemlich leiſe geführt worden, und der alte Herr, der einen Schritt voraus war, hatte es nicht ſo recht verſtanden. Er reichte dem Abſchiednehmenden die Hand und rief ihm dann nach:„vergiß nicht zu Tiſche zu kommen, Eduard; du weißt, Mama hat euch eingeladen.“ Darauf ging er mit dem Herrn, welcher die Brille trug und der ſein Schwiegerſohn war, die gerade Straße hinab, der Andere dagegen, ſein wirklicher Sohn, bog links ein und ſchritt langſam einem großen Hauſe zu, in deſſen erſtem Stock er wohnte. Es war, wie wir wiſſen, Winter, und ein ziemlich kalter und rauher Morgen. Auf der Treppe des Hauſes ſaß ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren, in einem eleganten feinwol⸗ lenen Kleidchen, aber es ſaß auf dem kalten Steine, und ſeine Aermchen und Nacken waren ganz roth vor Kälte. Der junge Mann trat erſchrocken näher, hob das Kind auf. und fragte:„Was thuſt du hier, Anna? Warun biſt du nicht Hackländers Werke. XVI. 11 162 Vierzehntes Kapitel. droben im warmen Zimmer?— Wer hat dich ſo allein auf die Straße gelaſſen?— Iſt Oscar droben oder wo iſt er?“ Das kleine Mädchen, ein hübſches Kind mit klaren braunen Augen, lächelte über die haſtigen Fragen des Papa's.„Ich bin herunter gegangen,“ entgegnete es,„die Thüre war offen, Oscar iſt freilich auch mit gegangen, aber er iſt um die Ecke gelaufen, und will ſich um einen Sechſer Bindfaden kaufen.“ „Und Mama iſt oben?“ „Ich glaube wohl,“ erwiderte das Kind gleichgültig,„habe ſie aber ſchon lange nicht mehr geſehen.“ Der junge Mann biß die Zähne über einander, nahm ſeine Tochter auf den Arm und ſtieg haſtig in den erſten Stock des Hauſes, vor dem dies kleine Zwiegeſpräch geführt wurde. Eine breite und hohe Glasthüre, die von der Treppe auf den Gang führte, ſtand offen; links befand ſich Küche und Kinderzimmer, und aus dem letzteren erſcholl ein lautes und luſtiges Lachen. Der Hausherr ſetzte das Kind auf den Boden und ſchritt raſch auf die Thüre zu, hinter welcher es ſo fröhlich zuging. Er öffnete ſie heftig und ſah, was er auch nicht anders erwartet, ſeine ſämmt⸗ liche Dienerſchaft, Köchin, Stubenmädchen und Kindsfrau in hei⸗ terer Unterhaltung begriffen, während draußen die Thüre offen ſtand und während eines ſeiner lieben Kinder faſt Anangezogen in der Kälte vor der Hausthüre ſaß, und das andere, ein Bübchen von vier Jahren, ohne Aufſicht in der Nachbarſchaft herum lief. Man hätte es dem Vater nicht verdenken können, wenn er in dieſem Augenblicke ſeinen Spazierſtock zu einem anderen Zwecke benutzt hätte; doch bezwang er ſich und fragte mit ernſter und feſter Stimme: „Wo ſind die Kinder?“ In dem Augenblicke, wo der Hausherr erſchien, hatte jede der drei dienenden Damen mit einer unglaublichen Geſchwindig⸗ keit und Geiſtesgegenwart irgend ein Stück Arbeit ergriffen; die Köchin that, als habe ſie ſich ein Haushaltungsbuch geholt, das ———————B—B———4jq Häusliche Scenen. 163 Stubenmädchen fuhr mit der Schürze leicht über den Tiſch, und die gewiſſenhafte Hüterin der Kinder nahm etwas Wäſche aus einem neben ihr ſtehenden Korbe. „Die Kinder waren im Augenblicke da,“ ſagte die Letztere mit ziemlich Lleichsültigem Tone,„ſie werden im Salon oder Schlaf⸗ zimmer ſein.“ „Sie werden ſein!“ entgegnete heftig der junge Mann.„Iſt das auch eine Antwort: ſie werden ſein? Sind Sie vielleicht dazu da, um mir ſo unbeſtimmte Antwort über das Ihnen Anver⸗ traute zu geben?“ Die alſo Angeſprochene zuckte die Achſeln; die Köchin ſah ihren Herrn mit einem unfreundlichen Blick an, und das Stu⸗ benmädchen eilte naſerümpfend hinweg, und man hörte ſie draußen auf dem Gange ſagen:„es iſt doch in dem Hauſe keine Ruhe, jetzt haben wir ſchon wieder Aerger und Lärmen!“ „Anna ſaß vor der Thüre auf der kalten Treppe,“ ſprach der Vater des kleinen Mädchens, indem er ſich gewaltſam bezwang, „und mein Bube läuft ohne Aufſicht in der Nachbarſchaft herum. Heißt das vielleicht Ihre Pflicht erfüllen?“ „Die Kinder ſind erſt vor ein paar Sekunden fort gegangen. Anna kann ſich kaum niedergeſetzt haben und Oscar muß da unten vor dem Hauſe ſein.“ „So gehen Sie augenblicklich und holen ihn; ſchließen Sie die Glasthüre zu und behalten hier die Kinder bei ſich im warmen Zimmer. Ich ſage Ihnen, Frau Bendel, nehmen Sie ſich ja in Acht oder es geht mit uns Beiden auf eine ſehr unangenehme Art auseinander.“ „Ich thue was ich kann,“ entgegnete die Perſon weinerlich; „aber ich weiß, Sie mögen mich nicht leiden und wenn Madame nicht ſo mit mir zufrieden wäre, ſo hätte ich ſchon lang dieſes Haus verlaſſen.“ Der Hausherr gab weiter keine Antwort, doch ballte er die 164 Vierzehntes Kapitel. rechte Fauſt heftig zuſammen, ſeufzte tief auf und trat anſcheinend ruhig in das Zimmer ſeiner Frau. Obgleich es bereits eilf Uhr war, hatte Madame doch eben Mkeiſt ihren Kaffee getrunken. Sie war eine junge und hübſche Frau mit ſtark blondem Haar, welches noch vollkommen unfriſirt unter einer zerzausten, aber mit Blumen beſetzten Haube ſtak. Der übrige Anzug paßte hiezu: ſie trug einen wohl feinen und elegan⸗ ten Morgenrock, doch hatte ſie ihn weder um ihre ſchlanke Taille zuſammen gezogen, noch oben gehörig befeſtigt, und hatte, um die hiedurch entſtandenen Blößen zu bedecken, darüber eine Sammt⸗ Mantille geworfen, die, nur für die Straße beſtimmt, jetzt an der Rücklehne und auf dem Sitz grauſam zerknittert wurde. Madame erhob nicht den Kopf beim Eintritte ihres Gemahls, ja ſie gab dem kleinen Fauteuil, in welchem ſie ſaß, durch einen heftigen Ruck eine ſolche Richtung, daß ſie dem Eintretenden den größten Theil ihres Rückens zuwendete. „Ich bin es, mein Kind,“ ſagte der junge Mann mit ziemlich ſanfter Stimme. Er erhielt keine Antwort. „Ich bin ſo eben von dem Begräbniß der Fräulein von M. zurückgekehrt; du warſt noch nicht auf, als ich ging. Wie befindeſt du dich, haſt du gut geſchlafen?“ Madame zuckte ſtatt aller Antwort die Achſeln und öffnete phlegmatiſch ein Buch, das in ihrem Schooße lag. „Ich möchte wiſſen, wie du geſchlafen haſt,“ fuhr der junge Mann mit etwas ſtärkerer Stimme fort. Worauf ſie abermals die Achſeln zuckte, den Kopf halb herum warf und mit moquantem Tone entgegnete:„was kümmert dich meine Nachtruhe, überhaupt meine Ruhe? Man hat ja vor dir dooch keinen Frieden, nicht bei Tag, nicht bei Nacht.“ N„Wie, du haſt vor mir keinen Frieden?“ „Oh!“ entgegnete Madame mit aufgeworfener Oberlippe,„es Häusliche Scenen. 165 war recht ruhig, ſo lange du fort warſt, aber kaum betrittſt du das Haus, ſo beginnt gleich wieder dein Schelten mit den armen Dienſtboten.“ „Mit den armen Dienſtboten!“ erwiderte er, indem ſein ſonſt ſo ſanftes Auge anfing aufzuflammen.„Ah! mit den armen Dienſtboten! Hat Jungfer Babett wieder rapportirt? Es iſt übri⸗ gens gar nicht einmal der Fall, daß ich beſonders heftig geworden bin, obgleich ich, bei Gott im Himmell! die gegründetſte Urſache ge⸗ habt hätte.“ Es erfolgte keine Antwort, vielmehr ſchien ſich Madame eifrig in die Lectüre ihres Buches zu vertiefen. „Du weißt natürlicher Weiſe nicht, wo die beiden Kinder ſind?“ „In ſehr guten Händen, hoffe ich; die Kindsfrau hat mein volles Vertrauen.“ „Nun denn, als ich eben nach Hauſe komme— es hat bei⸗ läufig geſagt zwölf Grad Kälte— ſitzt Anna in einem dünnen Kleidchen vor der Hausthüre, und Oscar läuft in der Nachbar⸗ ſchaft herum, die drei Frauensperſonen aber ſitzen drüben in dem Zimmer, plaudern auf's Eifrigſte und thun nicht, als ob überhaupt Kinder für ſie in der Welt wären.“ „Und das wundert dich?“ ſagte Madame nach einer peinlichen Pauſe. ℳ₰. „Wie verſtehe ich deine Frage?“ „Anna wird an die Treppe gelaufen ſein, ihren lieben Papa zu empfangen, ihm ihren guten Morgen zu bringen, ihm zu ſchmei⸗ cheln. Es könnte das eigentlich komiſch erſcheinen; die Kinder werden ja förmlich dreſſirt, dich als erſte, ja ich möchte ſagen, als einzige Perſon im Hauſe zu betrachten.“ „Und wer dreſſirt die Kinder ſo, um mich deines Ausdrucks zu bedienen?“ „Nun, wahrſcheinlich du.“ „Und wenn dir nun meine Dreſſur zuwider iſt, warum über⸗ 166 Vierzehntes Kapitel. nimmſt du nicht einmal dieſe Mühe? Es wäre doch wahrhaftig deine Pflicht als Mutter, die Kinder zu unterweiſen.— Aber,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„dann müßteſt du ſie freilich ein paar Stunden des Tages um dich haben, und das wäre zu viel verlangt.“ „Ich ſehe die Kinder, ſo oft es nothwendig iſt,“ entgegnete Madame gereizt. „Heute Morgen ſchien es dir alſo noch nicht nothwendig, denn wie mir Anna ſagte, haſt du noch nicht ein einziges Wörtchen zu ihr geſprochen.— O Bertha! Bertha!“ ſetzte er mit weicherer Stimme hinzu,„es iſt faſt ſchon die Hälfte des Tages vorüber und du haſt deine Kinder noch gar nicht geſehen. Ich muß dir geſtehen, ich begreife das nicht, mir iſt es am Morgen der ſüßeſte und liebſte Anblick, wenn ich die lieben und unſchuldigen Geſicht⸗ chen ſehe.“ „Ha! ha! ha!“ lachte Madame überlaut,„natürlicher Weiſe dein ſüßeſter Augenblick, du haſt mich ja vorher geſehen, und dar⸗ auf brauchſt du begreiflich eine Erholung.— Aber der kleinen Katze,“ fuhr ſie fort und nickte heftig mit dem Kopfe,„werde ich's doch noch ernſtlich und fühlbar vertreiben, beſtändig meine An⸗ geberin zu machen.— Ein anderer Mann freilich würde auf das Gerede der Kinder nichts geben, aber du biſt glückſelig, ſobald es dir gelungen iſt, eine Gelegenheit zum Zanken vom Zaune zu brechen.“ „Hat das Kind Unwahrheit geſprochen, haſt du ihm vielleicht ſchon heute Morgen ein freundliches Wort geſagt?“ Es erfolgte wieder einmal keine Antwort, vielmehr ſchlug Madame eifrig ein paar Blätter des Buches um. Der junge Mann wiederholte gelaſſen ſeine Frage zwei bis M dreimal, dann ſchwoll aber die Ader ſeiner Stirne und er klemmte die Unterlippe zwiſchen die Zähne.„Du wirfſt mir immer vor,“ ſagte er endlich mit gepreßter Stimme,„ich bräche die Gelegen⸗ heit, mit dir zu zanken vom Zaune. Daß es Zank und Streit in Häusliche Sceneu. 1 167 dieſem Hauſe genug gibt, iſt nur zu wahr; der Friede iſt leider aus dieſen Gemächern und hier aus dieſem Herzen gewichen, aber freilich nicht meine Anhänglichkeit an dich, meine innige Liebe zu den Kindern.“ Madame zuckte verächtlich mit den Achſeln. „Dieſe Anhänglichkeit und Liebe fuhrzsr mit erhöhter Stimme fort,„halten mich wie Ken an dich, an dies Haus, das mir ſchon oft zur Hölle, zu einem Orte der fürchterlichſten Marter geworden iſt. Dafür ſind es aber auch wirkliche Ketten, die ich tragen muß; ich bin leider nicht Mann genng, ſie zu brechen, und ſie machen mich zum Sklaven deiner Laune, die fürchterlich, unerträglich iſt.“ v“ Madame blickte finſter in die Höhe. „Ich habe geſagt, deiner Laune, denn ih will dir zu meiner eigenen Beruhigung nicht einmal wirkliche Fehler zuſchreiben, ſondern es ſollen meinetwegen nur Launen ſein, die dich veran⸗ laſſen, deine Kinder den Dienſtboten zu überlaſſen, und wenn ich, dein Mann, mich über die Nachläßigkeit deiner Dienſtboten beklage, ihnen noch Recht zu geben.— Es ſoll Laune ſein, Bertha, wenn deine fürchterliche Gleichgültigkeit gegen Alles, was mir, den Kindern im Hanſe geſchieht, mich zur Verzweiflung bringt. Es ſoll Laune ſein, wenn aus deinem Munde Tage, Wochen lang kein angenehmes, liebreiches Wort kommt, wenn du Alles mit ver⸗ drießlichem, moquantem Blick betrachteſt, wenn dich im reichſten Sonnenſcheine des Lebens jener Glanz nicht freut, der dich umgibt, ſondern dich jede Fliege ärgert, die um dich ſummt, wenn du das tauſendfach Gute und Schöne, was dir Gott verliehen, nicht ſehen willſt, und du dagegen emſig nach einer kleinen Wolke ſpähſt, damit du einen Vorwand haſt, mir ein verdrießliches Geſicht zu machen.“ „Phraſen! Phraſen! unausſtehliche Phraſen!“ entgegnete achſelzuckend Madame,„Reden, die ich ſchon zum Ueberdruß gehört.“ „ 4 4 168 Vierzehntes Kapitel. „Und ich nenne ferner Laune,“ fuhr nnerſchütterlich der Ge⸗ mahl fort,„wenn du— ja, ich will es ſagen— eine junge ſchöne Frau, die in der Nettigkeit ihres Anzugs dem ganzen Hauſe ein Muſter geben ſollte, um eilf Uhr Morgens ſo erſcheinſt——— wie du hier vor mir ſitzeſt.“ Einen Augenblick ſchien Madame über dieſe letzte Rede, wie ſie es ſchon einigemal vorher gethan, mitleidig lächeln zu wollen. Doch warf ſie verſtohlen einen Blick in den Spiegel, und da ſie vielleicht finden mochte, daß ihr Gemahl nicht ſo ganz Unrecht, ja vielmehr vollkommen Recht habe, ſo flog eine tiefe Röthe über ihr Geſicht, ſie preßte die Lippen heftig auf einander und öffnete ſie alsdann wieder, als wolle ſie etwas zornig erwidern, doch ſiegte ihr angebornes Phlegma, jene Gleichgültigkeit, von der ihr Mann ſagte, daß ſie ihn zur Verzweiflung brächte, über dieſe Aufwallung. Sie warf ihm einen finſteren, verdrießlichen Blick zu, dann ſenkte ſie den Kopf auf ihr Buch herab und vergrub ſich tief in den Fauteuil. Der junge Mann war, wie er vorhin ſagte, in der That der Sklave ſeiner Frau; und ſeine Sklaverei war von der härteſten Art. Hätte er ihr Gemüth beſeſſen, hätte er Gleichgültigkeit mit Gleichgültigkeit erwidern können, ſo würden die Beiden eine Ehe geführt haben, wie leider ſo viele andere. Ja, oder wäre ſie bei ſeinen Reden ebenfalls heftig geworden, hätte ihr volles Herz aus⸗ geſprochen, hätte ihre Anſichten, ihre Ideen, ihre Gründe für dies und das mitgetheilt, ſo wäre nach einem kleinen, oft wohlthätigen Sturme Alles wieder im gleichen Geleiſe gegangen. Da ſie aber das nicht that, da ſie bei jeder Veranlaſſung die Gekränkte und Mißhandelte ſpielte, wenn er, ein offener, ehrlicher Charakter, ein raſches Wort dazwiſchen warf, und da ſie dies Spiel mit außer⸗ ordentlicher Gewandtheit fortſetzte— es war auch wohl ihr wirk⸗ liches Gefühl— ſo glaubte er am Ende faſt beſtändig, er ſei zu weit gegangen, und bot alſo wieder die Hand zur Verſöhnung. Häusliche Scenen. 169 Auch heute ging er, die Hände auf den Rücken gelegt, eine Zeit lang unmuthig auf und ab, wobei er es aber nicht unter⸗ laſſen konnte, von Zeit zu Zeit einen Blick nach ſeiner Frau zu werfen und dann jedesmal zuſammen zuckte, wenn ſie ſo ruhig und theilnahmlos in ihrem Buche weiter las. „Ah! Bertha,“ ſagte ex endlich nach einem längeren Still⸗ ſchweigen,„es kann wahrhaftig nicht ſo fortdauern, das mußt du einſehen. Glaube mir, unſer ganzes Hausweſen geht dabei zu Grunde.“. Es erfolgte natürlicher Weiſe keine Antwort. „Unſere Kinder, die armen, kleinen, lieben Kinder leiden ſehr darunter Noth, wenn du, ihre Mutter, dich nicht um ſie be⸗ kümmerſt.“ Keine Antwort. „Es ſollte dir ja ein Vergnügen ſein,“ fuhr er zitternd vor Aufregung und doch mit erzwungener Ruhe fort,„ihre kleinen Spiele zu überwachen, ſie zu beaufſichtigen, oder wenn du das nicht willſt, nur deinen Dienſtboten einzuſchärfen, daß ſie ihre Pflicht thun. Es iſt das ja eine Kleinigkeit.“ Madame ſchien eifrig und mit großer Aufmerkſamkeit zu leſen. „Ueberhaupt,“ fuhr er wärmer fort,„wäre es deine Pflicht und Schuldigkeit, nach deinem Hausweſen, deinen Dienſtboten zu ſehen; ich will dir ja gewiß nicht verwehren, zu thun, was jede Frau deines Standes thun darf: Beſuche zu machen, zu leſen; aber es muß doch auch eine Zeit geben, wo dyu begreifſt, daß du nicht blos dazu auf der Welt biſt.“ Madame zog ihre Augenbrauen in die Höhe, als intereſſire ſie eine Stelle in dem Buche außerordentlich. „Dann kann ich dich auch verſichern, Bertha, daß du eine große Beruhigung in der Erfüllung deiner Pflichten finden wirſt⸗ daß das dein an ſich etwas trauriges Gemüth erheitern wird, und dich der Wahn verläßt, als ſeieſt du eine unglückliche Frau.— 170 Vierzehntes Kapitel. — Ja ein Wahn, ein ſchrecklicher Wahn, mein Kind,“ ſetzte er etwas heftiger hinzu;„du biſt von Gott begünſtigt wie wenige, du lebſt nicht nur behaglich, ſondern ſogar glänzend; dein Mann, deine Kinder ſind geſund— ſage, was willſt du mehr? Haſt du kein beneidenswerthes Loos, haſt du keine glückliche Exi⸗ ſtenz getroffen?— Und doch beſtändig traurig, beſtändig verdrieß⸗ lich!— Oh! das iſt unerträglich!“ rief er er ausbrechend,„ganz unerträglich, und wenn ich es auch ſchon lange in Geduld ertra⸗ gen,„ſo wird dieſelbe doch bald zu Ende ſein, denn ein ſolches Leben führe ich länger nicht mehr!“ Nachdem der junge Mann an der Thüre, wohin er geeilt, noch .einen Augenblick gewartet, ob ſie nicht vielleicht doch noch ein verſöhnendes Wort von ſich hören ließe, ein einziges kleines Wort, ja nur einen ſanften oder freundlichen Blick, der ihm— wir ſagen leider!— Veranlaſſung gegeben hätte, wieder gegen die Frau ein⸗ zulenken, nachdem er ſo eine Zeit lang vergebens gewartet, ging er in erneuertem Zorne durch die Thüre und ſtieß ſie hinter ſich ziemlich unſanft in's Schloß. Auf ſeinem Arbeitszimmer angekommen, warf er ſich in ſeinen Schreibſtuhl und blickte, tiefes Weh im Herzen, rings in dem ele⸗ gant, ja reich möblirten Gemache umher. Hier war für jede Be⸗ quemlichkeit des Lebens geſorgt, hier ſtanden Luxusgegenſtände aller Art, und die ganze Einrichtung verkündigte einen reichen Beſitzer. Er ſtützte die Arme auf die beiden Lehnen des Seſſels und ließ den Kopf tief auf die Bruſt herab ſinken. Wie hatte er ſeine Frau geliebt! Wie hatte er ſich ein häusliches Glück ſo ſchön und zart ausgemalt, einen Familienkreis mit lieben Kindern, eine behagliche Exiſtenz in ſeinen vier Pfählen, unberührt vom Sturme des Lebens. Ach! und wie war die Wirklichkeit geworden! Hier in ſeinem Innern ſauste der Sturm und riß die ſchönſten Blüthen ab, und wenn er ja einmal Friede haben wollte, mußte er ſein Haus verlaſſen, um unnatürlicher Weiſe Ruhe und Frieden im Häusliche Scenen. 171 Gewühl der Welt zu ſuchen und zu finden. Wie hatte er ſich jene Abende ſo freundlich und ſchön ausgemalt, an dem großen runden Tiſche ſitzend, beim hellen Schein der Lampe, mit ihr ſo vergnügt und freundlich zu plaudern, Beide traulich in die Ecke des Sopha's geſchmiegt, während draußen die Feinde aller Geſelligkeit, Wind und Regen, an die Fenſter ſchlugen.— Ach! auch das hatte er nicht gefunden, und wenn zu Hauſe die Lampe angezündet wurde, ſo verließ er meiſtens ſeine Wohnung und ſuchte in einem Kreis von Bekannten, was er zu Haus nicht fand.— Lange ſaß er ſo vor ſeinem Pulte in tiefe Träumereien ver⸗ ſunken, um endlich achſelzuckend in die Höhe zu fahren und ſich ſelbſt zu verſichern, daß er vor der Hand kein Mittel wiſſe, dieſen Zuſtand zu ändern. Er ſah ſein Leben dahin ziehen in einer Ab⸗ hängigkeit, in einer Sklaverei, ärger als die, welche mit hochge⸗ ſchwungener Peitſche zur angeſtrengteſten Arbeit treibt. Madame ihrerſeits hatte nicht ſobald die Thüre ſich ſchließen geſehen, als ſie das Buch, welches ſie in der Hand hielt, heftig auf den Boden warf und mit den Füßen weit von ſich ſtieß. Sie legte ihren Kopf in den Fauteuil zurück, kaute heftig an den Nä⸗ geln und murmelte endlich, während ſich ihre Bruſt heftig hob: „nein, dieſe ewigen Quälereien ſind nicht mehr zu ertragen! Iſt es nicht, bald ſo weit mit mir gekommen, daß ich auf Commando bald lachen, bald weinen ſoll? Auf welch' empörende Art bin ich von ihm überwacht! Nicht blos, was ich ſage, was ich thue, nein! nein! jeden meiner Blicke beobachtet er und glaubt, es brauche nichts mehr als ſeinen Befehl, um mich heiter und glücklich zu ſtimmen. — Ah! das iſt ein unerträgliches Leben, ein Leben voll Elend und Knechtſchaft! Was nützt mich der Reichthum, der mich um⸗ gibt, bin ich nicht in all' dieſer Pracht und Herrlichkeit eine elende Sklavin?“ 6 Der geneigte Leſer kann ſich denken, daß nach dieſer häuslichen 172 Fünfzehutes Kapitel. Scene der junge Mann allein zum Diner in's elterliche Haus ging, Madame ſchützte Kopfweh vor und blieb zu Hauſe. Fünfzehntes Kapitel. Lebende Bilder. Das Haus des Commerzienrathes Erichſen war in jeder Be⸗ ziehung auf das Reichſte und Comfortabelſte eingerichtet. Die Fa⸗ milie bewohnte den erſten Stock; unten waren Comptoir und Kaſſen. Den Chef des Hauſes haben wir bereits kennen gelernt, ebenſo ſeinen Schwiegerſohn, Herrn Alfons, den Mann mit dem ſchwar⸗ zen Haar und der Brille. Er hatte Marianne, die einzige Toch⸗ ter des Banquiers, geheirathet, und die Mutter, die ſich eher ent⸗ ſchließen konnte, den Sohn als die Tochter aus dem Hauſe zu laſ⸗ ſen, räumte der Letzteren den zweiten Stock ihrer Wohnung ein, was um ſo weniger auffiel, da Herr Alfons Theilhaber des Ban⸗ quiergeſchäfts war, und in geſchäftlicher Beziehung die rechte Hand des Commerzienrathes. Dieſer würdige Herr war nominell das Haupt der Familie; in Wahrheit aber ſchwang die Commerzienräthin ein eiſernes Scepter und regierte faſt völlig unumſchränkt. Wir ſagen faſt völlig unum⸗ ſchränkt, denn der Einzige im ganzen Hauſe, der es hie und da wagte, ihr offen entgegen zu treten und der auch zuweilen ihr ge⸗ genüber Recht behielt, war ihr Schwiegerſohn. Der Commerzienrath, ein heiterer Mann, der gern lebte und leben ließ, hatte ſich ſchon zu Anfang der Ehe die Zügel aus den Händen winden laſſen, indem er viele Conceſſionen machen mußte, Lebende Bilder. 173 um die Hand der reichen Bürgerstochter zu erhalten. Er wurde von dieſer ſtolzen Sippſchaft durchaus nicht als ebenbürtig betrach⸗ tet, denn einige freundliche Baſen hatten nachgewieſen, daß ſein Großvater zwei Brüder gehabt, von denen der Eine als Rathsdiener ſtarb, und der Andere lange Jahre der ſelbſt eigenhändige Betreiber und ſchaumſchlagende Beſitzer einer Barbierſtube geweſen. Wenn man dagegen die lange Linie ſtolzer Vorfahren der jetzigen Com⸗ merzienräthin betrachtete, ſo konnte man eine Mißheirath nicht läugnen. Da folgten ſich in ſtolzer Reihe Stadt⸗, Kanzlei⸗, Ju⸗ ſtiz⸗, Regierungs⸗, Hof⸗ und andere Räthe, und eine Seitenlinie hatte ſich ſogar in ein adeliges Geſchlecht verwachſen, während von dem Urahnherrn der Familie zweifelhaft war, ob er nicht ſogar ein heruntergekommener Edelmann geweſen ſei; wenigſtens deutete mau ſo das Wappen mit zwei Beilen, während dagegen boshafte Neider verſicherten, dieſe Emblemen bezögen ſich auf die ehrbare Metzgerei, deren Oberzunftmeiſter jener erwähnte Ahnherr geweſen. Dem ſei nun aber, wie ihm wolle, das Haus der Commerzien⸗ räthin war in ſeiner Sphäre Ton angebend, und wer zu ihren Ge⸗ ſellſchaften gezogen wurde, der konnte ſich überall präſentiren laſſen. Familienunglück hatte man freilich auch gehabt, aber es war mit dem Mantel chriſtlicher Liebe und mit ſchweren Wechſelbriefen be⸗ deckt worden. Man ſprach in übelwollenden Kreiſen von dem zar⸗ ten Verhältniß einer Nichte des Hauſes mit einem unternehmenden Lieutenant der Infanterie, den man am Ende in die Familie auf⸗ nehmen mußte, weil es ſeltſame Umſtände ziemlich gebieteriſch ver⸗ langten. Nachdem aber die Commerzienräthin hiezu, freilich nach langen Bitten, einmal ihren Conſens gegeben und ihre wichtige Hand auf das junge Paar gelegt, war es rein gewaſchen und brauchte ſich nicht ſchüchtern zu bewegen wie andere minder reiche und vornehme Colleginnen, denen etwas Aehnliches, ſehr Menſchliches paſſirt.— Es iſt das ſo der Welt Lauf und kommt häufig vor. Im Gegenſatz zu ihrem Gemahl war die Commerzienräthin 174 Fünfzehntes Kapitel. eine große, hagere Frau mit einem ſtrengen, magern Geſichte, aus dem die lange ſpitze Naſe wie ein Zeigefinger hervorſah. Wir ge⸗ brauchen dieſes Bild, um dadurch die Wirkung auszudrücken, die es auf Jeden ausübte, gegen den dieſe Naſe gedreht wurde; es war eine unmittelbare Aufforderung, ein förmliches Hinweiſen, eine Erlaubniß, jetzt endlich zu ſprechen oder jetzt endlich das Maul zu halten. Dieſe Naſe wurde von den beiden ſtechenden Augen gleich zweien Trabanten unterſtützt, von denen es nur eines Blinzelns be⸗ durfte, um genan zu wiſſen, waß die Commerzienräthin eigentlich wünſchte. Hierüber blieb ſelten Jemand im Zweifel, und wenn ſie obendrein ihre Blicke durch ein Wort unterſtützte, ſo wußte man gleich, woran man war; und wie ſchon vorhin bemerkt, gehorchte alsdann faſt Alles ohne Widerrede.. Das Diner war vorüber, der alte Herr, der wie immer ſehr gut geſpeist hatte, beſchäftigte ſich mit ſeiner Verdauung, indem er, die Hände auf den Rücken gelegt, in dem weiten Gemach auf und ab ſpazierte. Dabei nickte er zuweilen mit dem Kopfe und hob wohl auch hie und da die Naſe ſchnüffelnd in die Höhe, als wolle er erforſchen, ob ſich nicht bald durch eine Thürritze hindurch ein angenehmer Kaffeeduft bemerklich mache. Die Commerzienräthin ſaß in der rechten Sophaecke kerzen⸗ gerade aufrecht, denn ſie hielt es nicht für anſtändig, daß ihr Rücken die weichen Kiſſen berühre. In der linken Ecke ſaß ihre Tochter Marianne, die Frau des Herrn Alfons, und da dieſe ſchon mit der Zeit vorgeſchritten war, ſo lehnte ſie behaglich hinten über, während ihre Füße einen Stützpunkt auf denen des Tiſches gefun⸗ den hatten. Es war ein hübſches kleines Weib, blond wie ihre Brüder, und wie der ältere, der neben ihr ſaß, mit Augen, die viel Sanftmuth, ja Duldung verriethen. Sie hatte ihren Kopf auf die Seite geneigt, und ſchien ihrem Bruder zuzulauſchen, der ihr eifrig etwas zuflüſterte, wahrſcheinlich die Erzählung des Auftrittes von heute Morgen; ſie hörte ruhig und aufmerkſam zu, und nur Lebende Bilder. 175 zuweilen, wenn ſich ſeine Stimme etwas laut erheben wollte, drückte ſie ihre Hand auf ſeinen Arm, wobei ſie von der Seite einen Blick auf die Mutter warf, die indeſſen theilnahmlos, mit hoch erhobener Naſe, für Niemand Auge und Ohr zu haben ſchien, und zuweilen mit ihren Fingern gleichgültig auf dem Tiſche trommelte. Wir ſagen ſchien, denn in Wahrheit entging ihr keine Miene, keine Bewegung all' derer, welche ſich im Zimmer befanden. Die lebhafteſte Gruppe von der Familie bildete übrigens Ar⸗ thur und Herr Alfons, die an einem der hohen Fenſter ſtanden und zuſammen ſprachen, auch wohl lachten. Alfons hatte den hoch er⸗ hobenen Arm auf den Fenſterrahmen geſtützt, den Kopf darauf ge⸗ legt und ſchaute ſeinem Schwager zu, der, während er hie und da eine Bemerkung hinwarf, zu gleicher Zeit beſchäftigt war, mit einem umgekehrten Zahnſtocher allerlei Figuren auf die angelaufenen Fen⸗ ſterſcheiben zu zeichnen. „— Sehr gut!— ſehr gut!— ſehr brav!“ ſagte Alfons indem er die vergängliche Arbeit aufmerkſam betrachtete;„das wird ein ſchöner Kopf, und eine Aehnlichkeit.— Jetzt keinen Strich weiter, ſo ſteht's vor mir. Wahrhaftig, ich möchte ſchwören, daß dies Geſicht exiſtirt.“— „Wie kann man nur ſo etwas ſagen!“ antwortete lächelnd der Maler,„eine Phantaſie, eine Idee. Aber ſchau nur, wie ſich die Geſichtszüge ändern, wie der Hauch auf der Scheibe nach und nach ſchmilzt. Das Geſicht war vordem lachend und freundlich, jetzt wird es ernſt, finſter, drohend, und jetzt iſt es wie von ſchmerzlichen Thränen überzogen.— Das iſt der Lauf der Welt.“ „Ja, man erlebt das häufig,“ entgegnete der Schwager; „Freude, Glück verſchwinden ſo ſchnell, und hat erſt ſo ein Geſicht den kleinſten Anflug von einer Schmerzenslinie angenommen, ſo greift er immer weiter um ſich, und am Ende entſtellt und verſtört er Alles.“ „Ganz recht,“ verſetzte Arthur, wie es ſchien, nicht ohne Be⸗ 176 Fünfzehntes Kapitel. ziehung,„aber man muß ſich auch hüten, auf einem Geſicht, das uns lieb und freundlich angelächelt, jenen erſten kaum bemerkbaren Zug des Schmerzes hervorzurufen. „O, das kommt ganz von ſelbſt. Du, Glücklicher, haſt nur keine Gelegenheit, das zu bemerken; du flatterſt von Blume zu Blume, und wenn in deiner Praxis ſo ein Schmerzenszug ſichtbar wird, ſuchſt du ſchon nach einer neuen und friſchen Blüthe.“ „Nicht immer,“ ſagte ernſt der Maler. „Apropos,“ fuhr der Andere leiſer fort, indem er ſich tiefer hinab beugte,„du biſt doch ein wahrhaft lockerer Zeiſig. Aus welchem Zweck treibſt du dich denn ſo viel in der Nähe der Balken⸗ gaſſe umher? Ich habe das neulich zufällig erfahren. Iſt denn da wieder was Beſonderes los?“ „Ich?“ fragte ſcheinbar verwundert Arthur.„Daß ich öfter da wäre, als an anderen intereſſanteren Orten wüßte ich gerade nicht.“ „Ahl ſo gehört die Balkengaſſe zu den intereſſanten Orten „Allerdings, nach den Begriffen des Malers. Da ſind die alten pittoresken Häuſer, der Kanal, das beſtändige Gewühl von Menſchen; man kann da die beſten Studien machen.“ „O, ihr Maler ſeid in der That ein glückſeliges Volk, euch iſt gar nicht beizukommen und wenn man euch auf der That ertappt. Streift ihr in der Mitternacht herum, ſo werden Mond⸗ oder Schattenſtudien gemacht, attrapirt man euch am allerfrüheſten Mor⸗ gen in irgend einem verdächtigen Viertel, ſo habt ihr die wunder⸗ baren Abwechslungen des jungen aufſteigenden Lichtes beobachtet, und trifft man euch in Perſon bei einer ſonderbar ausſchauenden Unbekannten, ſo verſteht ſich das ganz von ſelbſt, denn ihr waret gezwungen, an ihr äußerſt intereſſante Studien zu machen. Ja, ja, in der That, ihr habt ein beneidenswerthes Gewerbe.“ „Es iſt eigentlich Schade, daß du nicht auch ein Maler geworden 2 Lebende Bilder. 177 biſt,“ ſagte Arthur, indem er auf die Fenſterſcheibe hauchte, und mit wenigen Strichen den Kopf eines Satyrs entwarf. Der alte Herr, der auf ſeinem Spaziergange durch's Zimmer zufällig hinter den Beiden ſtehen geblieben war, hatte die letzten Worte gehört und ſprach nun lächelnd:„nein, nein, Alfons,'s iſt beſſer ſo; Gott ſoll uns bewahren! Wir haben an Einem Künſtler genug; nicht wahr, Mama?“ Die Commerzienräthin wandte ihre ſpitze Naſe ruhig nach dem Fenſter, glättete den Kragen ihres Chemiſettes und entgegnete: „das will ich meinen, mehr als genug!“ „Hörſt du es, Arthur, was Mama geſagt, mehr als genug— 2 „O, ich habe das ſchon tauſend Mal gehört.“ „Und Mama hat Recht,“ fuhr der Commerzienrath fort. „Künſtler,— nun ja, es ſoll am Ende auch ſolche Leute geben, und wer einmal angewieſen iſt, ſein Brod auf dieſe Art verdienen zu müſſen, der kann es in Gottes Namen thun; aber in unſerer Familie biſt du der Erſte, der ſich— wie ſoll ich ſagen?— ver⸗ anlaßt ſah, keinen— eigentlich ſoliden Geſchäftszweig zu ergreifen.“ „Der Erſte,“ ſagte beſtimmt die Commerzienräthin;„und von der ganzen Malerei haſt du, wie es mir ſcheint und wie ich mir ſagen ließ, die unſolideſte Branche erwählt.“ „Eine unſolide Branche?“ fragte Arthur verwundert, indem er ſein Geſicht vom Fenſter ins Zimmer wandte.„Ah, Mama! das genau zu erfahren wäre ich neugierig.“ „Die unſolideſte,“ entgegnete feſt die Commerzienräthin.„Was bringſt du eigentlich zu Stande?— Eine Landſchaft, an der man ſein Vergnügen haben könnte?— Nein!— Oder ein würdiges Portrait?— Auch das nicht! Da zeichneſt und malſt du allerlei Firlefanz, ſo daß man den Leuten, die für deine Kunſtfertigkeit ſchwärmen, nichts von deinen Arbeiten zeigen kann, ohne in Ver⸗ legenheit zu gerathen.“ 3 Hackländers Werke. XVI. 12 178 Fünfzehntes Kapitel. „Das iſt ſchon wahr,“ ſagte Alfons leiſe und lachend,„Venus malſt du zu oft, und badende Mädchen, auch Tänzerinnen und dergleichen.“ „Mama, hat Recht,“ ſprach wichtig der Commerzienrath, indem er den Verſuch machte, ſeine Weſte herab zu ziehen;„das eigentlich Solide fehlt dir. Haſt du nicht vor einem halben Jahr das Por⸗ trait unſerer Freundin, der Oberregierungsräthin, ganz vergeblich angefangen? Haſt du es nicht trotz ihres oftmaligen Erinnerns bis jetzt unvollendet gelaſſen?“ „Einer ſo würdigen Frau von ſo gutem Hauſe,“ ſetzte ernſt die Commerzienräthin hinzu. „Allerdings,“ ſagte Arthur,„eine würdige Dame mit rothem Geſichte, röthlichem Haar, die gemalt zu ſein wünſchte in einer Haube mit rothen Bändern, in einem rothen Kleid und rothem Shawl. Das war nicht auszuhalten. Es hätte meine Augen ruinirt.“ 3 „Es wäre aber ein artiges Bild geworden,“ meinte Alfons ironiſch,„das vielleicht irgend einmal bei einem Stierkampf hätte verwendet werden können.“ 3 „Thomas,“ rief die alte Frau ihrem Gatten, ohne den Wor⸗ ten ihres Sohnes und Schwiegerſohnes weiter Aufmerkſamkeit zu ſchenken,„wir ſind jetzt Alle ſo ziemlich hier verſammelt— nur deine Frau fehlt wie gewöhnlich,“ wandte ſie ſich mit Beziehung an ihren älteren Sohn,—„und könnten alſo in einige Ueber⸗ legung ziehen, wann und auf welche Art wir die große Soirée veranſtalten wollen, die ich für unumgänglich nothwendig gefunden habe, nächſtens den uns befreundeten Familien zu arrangiren.“ „Ganz recht, mein Kind,“ entgegnete der Commerzienrath, während er ſich die Hände rieb;„wir müſſen ziemlich ausgedehnte Einladungen machen.“ „Aber in gehörigen Grenzen,“ antwortete ernſt die alte Dame. „Das verſteht ſich ganz von ſelbſt.“ Lebende Bilder. 179 „Bis zur ſechsten Rangklaſſe,“ ſagte Alfons lächelnd aber leiſe zu Arthur. „Soll getanzt werden, Mama?“ fragte Marianne. „Ueber die Art dieſer Soirée bin ich noch nicht mit mir im Reinen,“ entgegnete die Commerzienräthin;„ein Ball, ein einfacher Thé dansant iſt etwas Gewöhnliches, ich möchte wieder etwas Neues arrangiren, etwas, von dem man auch ſpräche, das uns Veranlaſſung gäbe, ſo viel wie möglich der Bekannten und Freunde einzuladen.“ „So warten Sie doch bis Carneval, und arrangieen Sie als⸗ dann einen maskirten Ball.“ 1 „Ich haſſe die Maskeraden. Aber ich habe etwas Anderes ausgedacht.“ „Das iſt auf jeden Fall vortrefflich,“ ſagte der alte Herr, wo⸗ bei er ſich dem Sopha näherte.—„So laß hören!“ „Ich denke,“ fuhr die Frau würdevoll fort,„wir veranſtalten lebende Bilder; der grüne Saal wäre ganz paſſend dazu, es ließe ſich da ſehr gut ein Vorhang anbringen, und dann hat auch Ar⸗ thur bei dieſer Veranlaſſung die beſte Gelegenheit, den Leuten zu beweiſen, daß er auch in ſeiner Kunſt etwas Reelles zu leiſten verſteht.“ „Die Idee, Frau Mama, iſt charmant,“ ſprach der Maler. „Lebende Bilder, hübſch arrangirt— wahrhaftig ein vortrefflicher Gedanke! Ich werde mich der Sache mit allem Eifer annehmen.“ „Der grüne Saal iſt ganz paſſend dazu,“ meinte der Com⸗ merzienrath.“. „Nicht übel,“ ſagte Alfons mit einem beiſtimmenden Kopfnicken. Und Marianne flüſterte ihrem Bruder zu:„ich würde mich gern darauf freuen, aber du wirſt ſehen, mein Mann erlaubt mir nicht, daß ich ebenfalls mitmachen darf.“ „Und meine Frau,“ entgegnete der Bruder verſtimmt,„wird an ſo dummem Zeug, wie ſie ſagt, keinen Spaß finden— nachdem 180 Fünfzehntes Kapitel. nämlich ihre Laune iſt— und mir ſchon zum Voraus den ganzen Abend verderben.“ 4 „Gewiß, mein Kind,“ verſetzte der Commerzienrath,„wir ſind ſtolz auf deine Erfindung.“ Die alte Dame fühlte ſich einigermaßen geſchmeichelt, daß ihr Vorſchlag mit Akklamation gut geheißen wurde. Wenn ſie auch ihren Willen auf alle Fälle durchgeſetzt hätte, ſo war es ihr doch angenehm, auf keine großen Widerreden zu ſtoßen. „Darf ich auch mitmachen?“ fragte Marianne ihren Gemahl. Worauf Alfons, der am Fenſter ein ziemlich freundliches Ge⸗ ſicht gemacht hatte, jetzt die Augenbrauen finſter zuſammen zog, die Brille empor rückte und in wegwerfendem Tone entgegnete:„lie⸗ bes Kind, das muß man jüngeren Frauen und Mädchen überlaſſen. Ueberhaupt kannſt du als Tochter des Hauſes nur vielleicht daran denken, einen Platz im Hintergrunde einzunehmen, wenn gerade ein ſolcher vorhanden wäre, und ihn niemand Anders ausfüllen will. Da ſtehe ich für meine Perſon in keinem lebenden Bilde, und es würde mir am Ende nicht gerade paſſend erſcheinen, wenn du mit fremden jungen Leuten da in allerhand ſonderbare Stellungen kämeſt.“ Die Commerzienräthin hob ihre Naſe um einige Zoll empor und antwortete mit einem ſcharfen Blick aus ihren grauen Augen: „die Arrangements ſind meine Sache, Herr Schwiegerſohn, und wenn ich es vielleicht für gut finde, Marianne irgendwo zu plaziren, ſo würden Sie wohl nichts dagegen haben.“ „Und warum nicht?“ fragte Herr Alfons ziemlich hochmüthig. „Sie wiſſen, Mama, ich achte Ihre Arrangements bis an die Thüre meiner Wohnung; was dahinter zu befehlen iſt, beſorge ich ſelbſt.“ „Ruhig! ruhig!“ ſagte beſchwichtigend der Commerzienrath, denn er ſah, wie der Teint ſeiner Ehehälfte anfing etwas gelblich zu unterlaufen.„Hat man denn keine Ruhe vor euch? Das wird Lebende Bilder. 181 ſich ja Alles finden; Madame wird arrangiren, wie ſich von ſelbſt verſteht.“ Alfons lächelte ſeltſam in ſich hinein. „Der ſollte deine Frau haben,“ ſagte die Schweſter in der Sophaecke mißmuthig zu Eduard. „Oder ich etwas von ſeinem harten und feſten Temperament,“ entgegnete dieſer ſeufzend. „Alſo lebende Bilder!“ rief Arthur freudig.„Vortrefflich in der That, Mama!— Und Sie überlaſſen mir die Anordnungen?“ „Du wirſt den Saal unter meiner Aufſicht herrichten,“ erwi⸗ derte ernſt die Dame,„du wirſt über einige Bilder nachſinnen und ſie mir zur Auswahl vorlegen.“ „Schön, ſchön.— Und welche Arten von Bildern wünſchen Sie hauptſächlich, Mama? Sollen es Genrebilder ſein oder ſollen wir auch ſtellen nach bekannten hiſtoriſchen Gemälden, nach heiligen Bildern und dergleichen?“ „Von Allem etwas,“ meinte die Commerzienräthin.„Ich werde dir eine Liſte anfertigen von den achtbarſten Perſonen, die ich zur Mitwirkung einladen will.“ „Nur von den achtbarſten Perſonen?“ fragte der Sohn kleinlaut. „Wie ſo?“ „Nun, ich dachte, Mama, man ſollte eigentlich auf die ſchön⸗ ſten Geſichter und Figuren ſehen, und wer am Beſten hier und dort zu gebrauchen iſt.“ „Auch das, aber ich kann den Rang und Stand nicht ganz außer Augen laſſen.“ „O weh, Mama!“ „Ich weiß was ſich ſchickt,“ fuhr unerſchütterlich die alte Frau fort.„Ich kann doch zum Beiſpiel in einem Bilde einer Kanzlei⸗ räthin nicht eine beſonders ſchöne Figur zutheilen, und von einer 18² Fünfzehntes Kapitel. Oberregierungsräthin verlangen, daß ſie ſich mit Geringerem begnüge!“ „Dann laſſen Sie lieber Beide weg, Mama, und nehmen nur jüngere Perſonen.“ „Jüngere Perſonen?“ fragte ernſt die Mutter.„Und wer will da eine Grenzlinie ziehen? In lebenden Bildern zu ſtehen, fühlt ſich jede jung genug, und mit Coſtüm und Schminke läßt ſich ſchon viel ausrichten.“ „Da Sie von Coſtümen ſprechen, Mama,“ ſagte Arthur nach einer längeren Pauſe,„wie wollen Sie, daß es damit gehalten wird? Wenn Sie wünſchen, ſo bitte ich den Intendanten des Hof⸗ theaters, uns mit Einigem auszuhelfen.“ „Coſtüme des Theaters!“ verſetzte ernſt die Commerzienräthin, indem ſie den Kopf ſchüttelte.„Das wird nicht wohl angehen. Kleider von Leuten wie Sängerinnen, Schauſpielerinnen, Tänzerin⸗ nen und dergleichen Perſonen in mein Haus bringen zu laſſen, wäre mir nicht angenehm; auch würde mir das manche Mutter einer unſchuldigen Tochter wegen verübeln.“ „Aber die Kleider können doch ihrer Sittſamkeit nichts ſchaden!“ meinte Arthur halb ärgerlich. „Solche Perſonen,“ fuhr ernſt die Mutter fort,„Tänzerinnen und dergleichen können ſich etwas darauf einbilden, auf dieſe Art mit uns in Berührung gekommen zu ſein. Und ich mag das nicht.“ „Aber der Zweck heiligt die Mittel,“ ſprach begütigend der Commerzienrath.„Und ich glaube, wenn man etwas Schönes ar⸗ rangiren will, ſo kann man wahrhaftig nicht ohne die Coſtüme des Theaters ſein.“ „Sie thun gerade, Mama,“ bemerkte Arthur,„als würden uns dieſelben angeboten und wir hätten nur ſo das Recht, ſie zu verwerfen. Es iſt überhaupt noch eine große Frage, ob man uns Coſtüme bewilligt. Und dann nehmen Sie mir nicht übel, wenn auch die meiſten der eingeladenen Damen es ſich leider für keine Lebende Bilder. 183 Ehre rechnen, mit Schauſpielerinnen und Tänzerinnen in Berüh⸗ rung zu kommen, ſo werden ſie dagegen, wo es ſich um Vergnü⸗ gen handelt, die Kleider derſelben nicht verſchmähen. Es iſt gerade ſo mit dem Theaterbeſuch; ich kenne Herren und Damen genug, die vor einem Ballet auf ihrem Geſicht die außerordentlichſte Ver⸗ achtung zeigen, und die es im Gefühl ihrer Würde und Unſchuld nicht begreifen können, wie es einer der Tänzer und namentlich der Täuzerinnen wagen könne, ein paar Hand breit Tricots zu zeigen, die aber, wenn einmal der Vorhang aufgezogen iſt, ihr Glas nicht mehr vom Auge laſſen.“ „Ah! lieber Freund, das thue ich auch,“ ſagte ſalbungsvoll und mit ernſtem Geſichtsausdruck Herr Alfons;„aber du wirſt mir glauben, daß ich es nicht thue, um die unanſtändigen Bewegungen zu ſehen, ſondern daß ich bei mir denke: du willſt doch einmal ſehen, wie weit eigentlich die Verworfenheit des menſchlichen Ge⸗ ſchlechtes zu gehen im Stande iſt.“ „Ah! mein lieber Schwager,“ entgegnete entrüſtet der Maler, „dazu brauchſt du weder das Theater noch dein Opernglas; das kannſt du viel näher haben.“ „Arthur! Arthur!“ rief der Commerzienrath.„Muß man denn beſtändig bei euch den Vermittler machen! Immer Reibereien und unangenehme Reden! Ihr werdet Mama noch verdrießlich machen.“ „Das iſt möglich; aber auf die Gefahr hin, Mama verdrießlich zu machen, erkläre ich, daß wenn ihr lebende Bilder aufführen wollt und dazu keine ordentlichen Coſtüme anſchafft, mögt ihr dieſe her bekommen, woher ihr wollt, aus der ganzen Sache nichts Rech⸗ tes werden wird und ich mich nicht da hinein miſchen kann.“ Die Commerzienräthin verſicherte, ſie würde das Beſte in dieſer Sache auszuwählen wiſſen, und es dann wie immer verſtehen, ihren Willen durchzuſetzen. Darauf erhob ſie ſich mit aufrechtem Haupte aus ihrer Sophaecke und gab damit das Zeichen zum allgemeinen 184 Sechszehntes Kapitel. Aufbruch. Marianne ging in ihre Wohnung hinauf, nachdem ſie einen faſt vergeblichen Verſuch gemacht, von dem Gemahl ein freund⸗ liches Wort zu erhalten. Herr Alfons drückte die Brille feſter an die Augen, knöpfte ſeinen Rock zu und ſchickte ſich an, in das Comp⸗ toir hinab zu ſteigen, wo Commis und Lehrlinge dieſem Augenblicke mit einem unbehaglichen Gefühl entgegen ſahen. Der Commerzien⸗ rath ſchloß ſich in ſein Kabinet ein, um ſeine Zeitungen zu leſen und über das Fallen und Steigen der Papiere nachzudenken. Arthur aber ging in ſein Atelier, das er nur im Hintergebäude des elterlichen Hauſes haben durfte; Mama hatte ſich ein für alle⸗ mal dahin ausgeſprochen: ſie wolle ihr Haus rein erhalten. Sechszehntes Kapitel. Eine Mutter und ihr Kind. Es war nun vollkommen Winter geworden, das heißt, die Erde war nicht blos vor ſtarkem Froſt erſtarrt, ſondern ſie hatte auch die bekannte weiße Livree angezogen und verſchwunden waren von ihrer Oberfläche all' die kleinen Poeſien und Merkwürdigkeiten, die wir bei unſerem Spaziergang im erſten Kapitel dieſer denkwürdigen Geſchichte entdeckt und dem geneigten Leſer mitgetheilt haben. Alle feinen Nuancirungen draußen hatten aufgehört, Feld und Wieſe waren gleichförmig bezogen; wo ſich ein Wald befand, da erſchien die Gegend etwas mit Grau ſchattirt; einzelne Bäume waren kaum noch ſichtbar, der Schnee lag ſchwer auf den Zweigen und ſchien jedem einzelnen Strauche, jedem Baume eine Pelzmütze aufgeſtülpt zu haben, woruntex er ſich behaglich und warm verſtecken konnte. Iſolirt ſtehende Häuſer rings um die Stadt ſahen aus dem allge⸗ Eine Mutter und ihr Kind. 18⁵ meinen Weiß recht langweilig hervor, namentlich ſolche, die ſich an der Landſtraße befanden, denn hier war es öde und leer. Von den ſonſt ſo zahlreichen Fuhrwerken aller Art bemerkte man heute nicht viel; in dem tiefen Schnee gab es keine rechte Bahn, weßhalb ſich auch draußen noch keine Schlitten ſehen ließen; nur Holzwagen fuhren langſam dahin, und ein einſamer gelber Poſtwagen aus irgend einem Orte der Nachbarſchaft, welchem die Eiſenbahn zur Seite lag. In der Stadt dagegen wurde der tiefe Schnee wie immer als eine Einladung des Winters betrachtet, ſich ſeiner als Schlittenbahn zu bedienen, und nachdem man am Morgen nothdürftig Bahn ge⸗ macht, hörte man auf allen Straßen das Klingeln der Schellen und luſtigen Peitſchenknall, und mußte ſich bei dem allgemeinen Leben recht in Acht nehmen, daß man nicht von einem Schlitten umgerannt oder von einem Wagen überfahren wurde, wobei nament⸗ lich letztere gefährlich waren, da man kaum das Rollen der Räder vernahm. Heute ſchienen denn auch die Straßen der Stadt nur dem Vergnügen geweiht, und wer draußen nichts zu thun hatte, der blieb gerne zu Haus. In den vornehmeren Stadtvierteln be⸗ wegten ſich glänzende Schlitten, das Geſtell vergoldet, die Sitze mit Teppichen und Pelzen bedeckt, aus denen heitere Geſichter, fanft geröthet von Froſt und eifrigem Geſpräch, hervor blickten. Die Fiaker⸗ und Droſchkenführer hatten ebenfalls ihre Wagen zu Haus gelaſſen und hielten in langen Reihen, die Pferde vor einfachere Schlitten geſpannt, welche von der lieben Jugend umſtanden wur⸗ den, die ſehnſüchtig Jedem nachblickte, der ſich eines ſolchen Fuhr⸗ werks bediente.. Wenn es ſo auf den breiten Straßen geräuſchvoll und leben⸗ dig war, ſo erſchienen dagegen die ſchmalen Gaſſen und abgelegenen Plätze um ſo einſamer und ſtiller. Schlitten ſah man hier keine, Wagen rollten ſelten vorüber, und wenn hie und da einer vorbei kam, ſo hörte man nur das Klingeln von ein paar kleinen Schellen; 186 Sechszehntes Kapitel. das Rollen der Räder ſelbſt war ebenſo unhörbar wie der Fußtritt der Vorüberwandelnden. In den meiſten dieſer Straßen war nur eine nothdürftige Bahn an den Häuſern gekehrt, die noch obendrein ſelten betreten wurde, und wenn nicht da und dort auf einem Platze eine Schaar Knaben ihre Spiele getrieben hätte, ſich gegenſeitig bombardirt und Schneemänner gemacht, ſo hätte man glauben können, Häuſer und Menſchen befänden ſich alle zuſammen in einem ſeltſamen Winterſchlafe. Nur jene Viertel, durch welche der Kanal floß, von dem wir ſchon früher ſprachen, ſahen einigermaßen leben⸗ diger aus. Hier wohnten viele Handwerker, namentlich Schmiede, vor deren Häuſern ſich der weiße Schnee bald rußig und ſchwarz färbte oder ganz weggeſchmolzen wurde, wo man eine heiße Rad⸗ ſchiene zur Abkühlung hinausgewälzt hatte. Auch viele Wäſcherin⸗ nen befanden ſich in dieſer Gegend, und weil die Trockenplätze bei dieſem Wetter für ſie unbrauchbar waren, ſo hatten ſie längs dem Kanal lange Seile gezogen, und hier hingen nun die verſchieden⸗ artigſten gewaſchenen Zeuge, deren bunte Farben: grün, blau, roth, gelb, recht lebendig von dem weißen Schnee abſtachen. Wenn uns der geneigte Leſer folgen will, ſo wenden wir uns nach einem dieſer Häuſer hier, einem alten, finſteren Gebände mit hohem Giebeldach, deſſen vordere Seite, die uns erſt mit ihren ver⸗ gitterten Fenſtern anblickt, zur Fruchtkammer benützt wird, während ſich im hinteren Theile, der auf den Kanal geht, verſchiedene Wohn⸗ ungen befinden. Zu ihnen gelangt man durch den Hof des eben genannten Hauſes über eine alte Wendeltreppe, deren Stufen aus⸗ getreten ſind, deren Steinwände wie polirt glänzen, und wo ein alter ſchmieriger Strick ſich dem unſicher Umhertappenden als treuer Führer in der halben Finſterniß darbietet. In dem erſten Stocke angekommen, betreten wir ein weites, mit Steinplatten belegtes Veſtibul, auf das lange Gänge münden, die entweder um den Hof herum nach der Fruchtkammer führen, oder ein anderes ebenſo großes Neben gebäude mit dem, welches Eine Mutter und ihr Kind. 187 wir gerade betreten, verbinden. Beides iſt übrigens der Fall, und die zwei Gebäude, die hier an der hinteren Seite an dem Kanale liegen, wurden in früheren Zeiten einmal zu einer Kaſerne benützt, und durch die eben erwähnten Gänge verbunden. Später hatte man aber für das Militär beſſere und hellere Räume erbaut und alsdann die vielen Zimmer hier zu zwei und drei abgetheilt und ſolche an die verſchiedenſten Leute und Gewerbe zu Wohnungen vermiethet. Ueber einzelnen Thüren bemerkte man die Nummern der ehemaligen Kaſernenzimmer, bei anderen aber waren ſie ver⸗ wiſcht oder hatte man ſie abſichtlich übertüncht. Auf dem Veſtibul ſtand alter Hausrath; hier ſchliffen ein paar Knaben auf dem glat⸗ ten Steinboden wie auf einer Eisbahn, vermittelſt einigen Schnee's, den der Wind durch ein Fenſter ohne Scheiben herein geweht hatte. Die Atmosphäre hier roch etwas moderig und feucht, was ſich durch die Nähe des Kanals erklären ließ, ſowie auch dadurch, daß die Hausthüren ſelten oder nie verſchloſſen wurden und allem Wet⸗ ter Einlaß gewährten. 4 Eine dieſer Wohnungen in der alten Kaſerne nun, die wir unſichtbarer Weiſe betreten, beſtand aus einem ziemlich großen Ge⸗ mache, deſſen Wände weiß getüncht waren, und das durch zwei ziemlich hohe Fenſter erhellt wurde. Ein großer Ofen erwärmte dieſen Raum recht behaglich; zwiſchen beiden Fenſtern an der Wand befand ſich ein großer Tiſch, vor demſelben gepolſterte Stühle mit geſtreiftem Kattunüberzug, in der Ecke ein alter Sopha, an den Wänden ein kleiner Spiegel und ein paar vergilbte Kupferſtiche in nußbraunen Rahmen. Zwei Thüren, je eine an jeder Seite dieſes Zimmers, führten in andere Gelaſſe, die außer einer Küche auf der andern Seite des Veſtibuls noch zu dieſem Appartement gehörten. Auf dem Tiſche des Wohnzimmers ſtand ein Kafefeggeſchirr, und wenn auch daſſelbe von grobem Steingute war, ſo duftete doch der Inhalt nicht unangenehm, die Milch ſah recht gut aus, und auf einem Suppenteller befand ſich Zucker in großen Stücken, wäh⸗ 188 Sechszehntes Kapitel. rend weißes Brod daneben lag. Eine Frau⸗ ſaß an dem Tiſche und ſchien ſich eine große Taſſe Kaffee gemiſcht zu haben, denn ſie rührte langſam mit einem Löffel darin herum. Dieſe Fran mochte un⸗ gefähr fünfzig Jahre alt ſein, war von mittlerer Figur, einfach geklei⸗ det, und hatte ein ziemlich breites aber kluges Geſicht, auf dem ſich Spuren von früherer Schönheit zeigten; ihr Mund hatte etwas Gutmüthiges, namentlich wenn ſie lachte, was ſie häufig und wie es ſchien abſichtlich that, um ſich ein wohlwollendes Anſehen zu geben, denn ſobald ſich ihre Geſichtszüge beruhigten, erſchienen ſie ſchlaff, ausdruckslos, und dann trat ein ſcharfer, unheimlicher und zurückſtoßender Glanz der Augen hervor. Ihr gegenüber an dem Tiſche befand ſich eine junge Perſon, die ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt war, obgleich ihr Aeußeres auf höheres Alter deutete. Es war das ein ſchmächtiges Mädchen, ziemlich dürftig angezogen, mit eingefallenen blaſſen Wangen, auf denen jene leichte Röthe ſpielte, die man im Munde des Volkes „Kirchhofsroſen“ nennt. Dabei hatten ihre Augen einen unheim⸗ lichen trockenen Glanz, und die weißen Hände, die ſie vor ſich auf dem Tiſch gefaltet hielt, zitterten öfters, wenn auch kaum merklich. An dem einen Fenſter ſaß auf einem Stuhle ein anderes Mädchen, welches in der Friſche und dem Schimmer einer blühenden Geſund⸗ heit den vollkommenſten Gegenſatz zu der eben Geſchilderten bildete, und die wir bereits kennen; denn es war Mademoiſelle Marie vom Balletcorps. Die Frau am Tiſche iſt ihre Tante, Madame Becker, und die ſchwindſüchtige Perſon ihr gegenüber eine Näherin aus der Stadt, die vor einigen Augenblicken eingetreten war, und über deren ziemlich unverhoffte Erſcheinung die Frau nicht gerade erfreut zu ſein ſchien. Sie hatte ihr ziemlich mürriſch einen Platz ange⸗ boten und rührte nun laugſam ihren Kaffee herum, während ſie ſagte: „Nun, ſprech' Sie, Katharine was führt Sie eigentlich daher? Wenn ich Ihr helfen kann, ſo wollen wir ſehen, was ſich machen läßt. Aber in der Angelegenheit iſt nicht viel zu thnn.“ Eine Mutter und ihr Kind. 189 Die Näherin war offenbar zu ſehr aufgeregt, um augenblicklich mit vollkommener Ruhe antworten zu können. Sie verſuchte es, einen tiefen Athemzug zu thun, wobei ihre Naſenflügel leicht er⸗ zitterten und die Röthe auf den Wangen noch mehr hervor trat. 4 „Ich bin wirklich etwas zu ſchnell gegangen,“ ſprach ſie nach einer Panſe.„Wenn man im Tagelohn arbeitet, ſo muß man ſo wenig Zeit als möglich verlieren.— Ich wäre gerne ſchon geſtern Abend gekommen— aber ich weiß, daß Sie nach acht Uhr nicht geſtört ſein wollen, und heute Morgen um ſieben Uhr war es auch noch zu früh.“. 3 „Sie hätte ja die Agnes ſchicken können,“ warf Madame Becker leicht hin,„Ihre jüngere Schweſter.“ Ein eigenthümliches Lächeln überflog die bleichen Züge der Anderen, während ſie haſtig erwiderte:„nein, nein, die Agnes hat keine Zeit, gewiß nicht, gar keine Zeit.—— Aber ich bin ſo unruhig, daß ich eigentlich gar nicht ſprechen kann.“ Damit wandte ſie ihren Kopf nach der hinter ihr ſitzenden Tänzerin, und ſah darauf die Frau an, als ob ſie fragen wollte, ob ſie vor dem jungen Mädchen ſprechen dürfe. Madame Becker nickte mit dem Kopfe und verſetzte halblaut: „nur ungenirt, es kann nichts ſchaden, wenn ſie weiß, wie's im Leben zugeht. Halb und halb kann ich mir ſchon denken, was Sie von mir will, Katharine.“ „Nicht wahr, das können Sie ſich denken?“ entgegnete haſtig die Näherin, und ihr Auge flammte heftiger.„O, das können Sie ſich gewiß denken; aber ich habe keine Ruhe mehr. Sie wiſſen, die Woche über kann ich nicht fort, nun war ich aber ſchon zwei Sonntage draußen bei der Frau, und jedesmal war ſie nicht zu Hauſe, das Kind ebenfalls nicht. Ach! und das iſt hart für mich!“ Madame Becker zuckte ſcheinbar gleichgültig mit den Achſeln. „Das iſt zufällig,“ ſagte ſie;„Sie will doch nicht verlangen, 190 Sechszehntes Kapitel. Katharine, daß die Frau Ihretwegen am Sonntag zu Haus bleibt? Sie hat auch ihre Gänge zu machen.“ „Aber es iſt hart für mich,“ entgegnete die Andere, während ſie die Hände faltete.„Wofür arbeite ich die ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht hinein? Was hält mich aufrecht, wenn ich oft glaube, nun kann ich nicht mehr?— Nichts, nichts, als das kleine Kind; das iſt meine Freude, mein Glück, das iſt die Feier meines Sonntags, ſein liebes Geſichtchen zu ſehen, es tauſend und tauſendmal zu küſſen, ſeine Haare, ſeine Stirne, ſeine Augen, ſeine Aermchen und Hände.— Ach! und es kannte mich recht gut! — Jeden Sonntag habe ich ihm was mitgebracht;— und das blaue Wollenkleidchen war ſo hübſch!—— Und nun habe ich es ſeit vierzehn Tagen nicht geſehen!“— Die arme Perſon hatte das Alles in fieberhafter Erregung geſprochen; dabei blitzte ihr Auge umher; ohne die Frau vor ſich anzuſehen, ſchien ſie weit, weit in die Ferne zu blicken, als ſähe ſie dort das Lächeln ihres Kindes, als drücke ſie ihm die Küſſe auf, wie ſie eben beſchrieben. Madame Becker zuckte die Achſeln, trank ihre Kaffeetaſſe leer, dann ſagte ſie:„Katharine, Sie iſt immer noch ſo lebhaft und ſtürmiſch wie früher, immer oben hinaus, nie eine ruhige Ueber⸗ legung.“ „Nein, ich bin nicht mehr wie früher,“ entgegnete ſchmerzlich die Näherin:„ich habe vierzehn Tage gewartet, nachdem ich zwei Sonntage vergebens draußen war und ruhig heim ging, ohne mein Kind geſehen zu haben, da man mir ſagte, die Frau käme wahrſcheinlich nicht vor ſpäter Nacht nach Hauſe.—— Das hätte ich freilich früher nicht gethan,“ fuhr ſie lebhafter fort, während ſie ihre Augen weit öffnete.—„Früher wäre ich auf der Treppe ſitzen geblieben, die ganze Nacht und den anderen Tag, und ſo viel Nächte und ſo viel Tage, bis ſie mit meinem Kinde nach Hauſe gekommen wäre.— Aber es thut ſich nimmermehr,“ Eine Mutter und ihr Kind. 191 fuhr ſie zuſammen ſinkend fort;„wenn auch der Wille da iſt, die Kraft fehlt.“ „Jetzt habe ich Sie ruhig ausreden laſſen,“ verſetzte Madame Becker nach einer längeren Pauſe, während welcher ſie ihre Haube zurecht zog und einigemal freundlich zu lächeln verſuchte, doch wollte ihr das nicht recht gelingen, und der unheimliche Blick ihres Auges drang überwiegend vor.„Jetzt habe ich Sie alſo ruhig ausreden laſſen; jetzt ſag' Sie mir, was will Sie eigentlich; ſoll ich vielleicht hinaus gehen und nach Ihrem Kinde ſehen, oder was muthet Sie mir ſonſt zu?“ Die Tänzerin am Fenſter, die beſchäftigt war, ein paar fleiſchfarbene Schuhe mit neuem Band zu verſehen, hatte die Hände mit dieſer Arbeit in den Schooß ſinken laſſen und lauſchte auf⸗ merkſam den Reden der Näherin. Ja, ſie erhob ſich langſam und ſtellte ſich in die Fenſtervertiefung, ſcheinbar, um auf die Straße hinaus zu ſehen, in Wahrheit aber, um beſſer zu hören, was Jene ſprächen. Die Näherin hatte ihre beiden weißen Hände auf den Tiſch gelegt und beugte ſich ſo weit wie möglich zu der ihr gegenüber ſitzenden Frau hin, die ſie feſt anſchaute und mit ihrem Blick zu bannen ſchien. „Sie wiſſen, Frau Becker,“ ſagte ſie alsdann mit leiſer aber eindringlicher Stimme,„was damals mit ihm ausgemacht wurde. — Sie haben das ja ſelbſt beſorgt.— Als er mich verlaſſen, habe ich jede Hülfe von ihm zurückgeſtoßen, jede Unterſtützung für mich und mein Kind;— das wiſſen Sie ganz genau,— denn ich wollte nichts mehr von ihm; es war ein Fluch an dem, was aus ſeiner Hand kam.— O, ich habe das lange geahnet! Er ſollte alſo gehen, wohin er wollte, und machen was ihm beliebte, aber dafür mußte er mir mein Kind laſſen,— mein Kind, für das zu arbeiten mir eine wahre Luſt iſt.— O ein Vergnügen, Frau Becker; denn wenn ich Abends müd und matt 192 Sechszehntes Kapitel. nach Hauſe komme und ich küſſe die Locken, die ich von ihm habe, ſo bin ich wahrhaft friſch und munter und ſchlafe ohne viel Beſchwerden, weil es mir dann im Traume erſcheint und ſich an meine Bruſt drückt, an meine Bruſt, die mich oft ſo ſehr ſchmerzt!—“ 8 Die Frau machte ein Zeichen der Ungeduld. „Ich komme ſchon zu Ende,“ fuhr die Andere fort, nachdem ſie tief Athem geholt und einen Augenblick geſchwiegen.„Aber wiſſen Sie, Frau Becker,“ ſagte ſie matt lächelnd,„Sie müſſen mir ſchon verzeihen, wenn ich das Kind ſo oft erwähne, ich habe ja Anderes nicht zu denken.— Nun alſo! Er ſchien ſich auch, Gott ſei Dank! um das kleine Ding gar nicht mehr zu bekümmern, ich erfuhr überhaupt nichts mehr von ihm, bis vor drei oder vier Wochen, da ſagte mir die Babett, die mit mir zuſammen nähte: weißt du auch ſchon, daß er heirathen will?— Es iſt mir gleich⸗ gültig, entgegnete ich; habe ich doch mein Kind.— Ja, aber das Kind möchten ſie gern haben.— Wer? rief ich erſchrocken. — Nun, ſie, ſeine Familie; ſei doch nicht ſo dumm, das kannſt du dir ja denken, es kann ihnen doch wahrhaftig nicht gleichgültig ſein, daß ein Kind von ihm und dir lebt und gedeiht.“ „Das dumme Schwatzmaul!“ murmelte die Frau in ſich hinein. „Bei den Worten,“ fuhr die arme Perſon fort, indem ſie ſich über die Stirne wiſchte,„brach mir der kalte Angſtſchweiß aus,— wie jetzt, und ich wäre gleich zu der Frau hinaus gerannt, aber es war mir unmöglich. Auch war es Freitag, und den Sonn⸗ tag darauf ging ich ja hin, das war, wie ich Ihnen vorhin ⸗ſagte: ſie war ausgegangen und hatte das Kind mitgenommen.— Wie mich das beſtürzt machte, Sie können es ſich gar nicht denken, Frau Becker. Ich konnte mich nur etwas wieder tröſten, als ich das kleine Bettchen ſah und ſeine Alltagsſchuhe, die daneben ſtan⸗ den.—— Nun, nehmen Sie mir' nicht übel, deßhalb bin ich eigentlich hier, Sie will ich ja nur fragen, auf's Gewiſſen Cine Mutter und ihr Kind. 193 fragen, wie es mit der Sache ſteht. Sie kennen ja die Familie und habeu vielleicht ſogar mit ihm zu thun. Ob er ſich verhei⸗ rathet, iſt mir ja ganz gleichgültig, aber das Kind iſt mein; von dem Kinde darf er nichts mehr wollen. Nicht wahr, das ſehen Sie auch ein?— Und er hat ja kein Recht an das Kind, hat ſich ja auch nie darum bekümmert, und ich habe auf der weiten, weiten Welt nichts Anderes, was mich an dies Leben feſthält!“ Madame Becker hatte ſich bei dieſer längeren Rede eine neue Taſſe Kaffee zurecht gemacht und beſorgte dies Geſchäft abſichtlich ſehr langſam, wahrſcheinlich um Zeit zu gewinnen, ihre Antwort zu überlegen. Sie mußte von der Sache wiſſen, denn während die arme Perſon ihr gegenüber ſprach, räuſperte ſie ſich ein paar⸗ mal nicht ohne Verlegenheit, ſchaute auch wohl gegen die Straße hinaus und nach ihrer Nichte, der Tänzerin, hin, die ſich aber ſo feſt in die Fenſterniſche hinein gedrückt hatte, daß die Frau nicht wußte, ob das Mädchen da ſei oder ob ſie in's Nebenzimmer gegangen. „Sieht Sie, Katharine,“ ſprach ſie endlich ſehr langſam, um ihre Worte überlegen zu können,„was ich vorhin ſagte iſt wahr. Sie handelt immer vorſchnell und oben hinaus und denkt immer das Schlimmſte von den Männern. Das muß man nicht thun. Am Ende freilich iſt was Unangenehmes paſſirt; wer kann für ſo ein kleines Kind einſtehen?“ „Nicht wahr?— nicht wahr?— o mein Gott!“ „Ja, ich ſage, es ſei möglich, ohne daß ich das weiß. Daß die Frau Bilz zweimal nach einander uicht zu Haus war, hätte an ſich nicht viel zu bedeuten; das kann vorkommen. Aber neulich iſt ſie mir begegnet und hat den Kopf geſchüttelt, als ich nach dem Kinde fragte,— ich frage immer darnach, Katharine,— da ſagte ſie: ja, es iſt recht kränklich, und ſelbſt bei der ſorgfältigſten Pflege weiß man doch nicht, was mit dem armen Wurm geſchieht?“ Hackländers Werke. XVI. 13 194 Sechszehntes Kapitel. „Aber mein Kind war nicht kränklich,“ ſagte ängſtlich die Nä⸗ herin, wenigſtens noch nicht vor vierzehn Tagen; da fand ich es friſch und geſund.“ „Na! friſch und geſund wollen wir gerade nicht behaupten,“ entgegnete die Frau, nachdem ſie aus einer kleinen Doſe verſtohlen eine Priſe genommen;„einen Treff hat das Kind leider ſchon bei der Geburt gehabt. Denkt nur an den Jammer, mit dem Ihr es getragen.“ 3 „Ja, ich habe dama ls unendlich viel Jammer ausgeſtanden.“ „Und das feſte Schnüren in der erſten Zeit! Ihr hattet damals eine reputirliche Kundſchaft, Katharine, lauter feine, ſolide Häuſer, und da läßt man ſo was nicht gern merken. Aber die armen Würmer leiden darunter.“ Die Näherin ſchüttelte ungläubig den Kopf und ſah gedan⸗ kenvoll vor ſich hin.„Nein, nein!“ ſagte ſie nach einer Pauſe, „dem Kinde hat nichts gefehlt, das hat mich der Arzt verſichert. Ich habe ihn ja faſt auf den Knieen gebeten, mir die Wahrheit zu ſagen.“ „So glaubt, was ihr wollt,“ verſetzte Madame Becker ſchein⸗ bar ereifert;„mir kann es ja recht ſein. Aber wie ich Euch ſchon ſagte, die Frau Bilz machte über den Zuſtand des Kindes ſo ein bedenkliches Geſicht, daß ich ſchon im Begriffe war, Euch aufzu⸗ ſuchen; doch wußte ich nicht, wo Ihr den Tag über ſeid und Abends habe ich keine Zeit.“ „Dann hätte die Frau aber zu mir kommen ſollen, das wäre doch nicht mehr als recht und billig geweſen.“ „Ja, ja, ſie hätte es gekonnt, aber ſie hat auch viel zu thun. Nun, hoffen wir das Beſte!“ „Was kann ich machen!“ ſeufzte die Näherin betrübt, in⸗ dem ſie die Hände faltete.„Und wenn das Kind krank würde und ſtürbe— du lieber Gott im Himmel! das wär' auch mein Endez aber ich müßte es über mich ergehen laſſen.— Das Andere Eine Mutter und ihr Kind. 195 aber, Frau Becker,“ fuhr ſie heftiger fort, indem ſie ihre rechte Hand drohend erhob,„das Andere aber ließe ich nicht ruhig ge⸗ ſchehen, ſo ſchwach ich bin, das können Sie mir glauben.— Aber nicht wahr, ich habe nichts zu befürchten, ſie wollen mir das Kind nicht nehmen?“ „Ei! wo denkt Ihr hin? Es fällt gewiß Niemand ein, das zu thun,“ antwortete die Frau und wandte ihren Kopf der Thüre zu, wo ſich ein leiſes Klopfen vernehmen ließ. „Wenn Sie nur das denken, ſo beruhigt es mich,“ erwiderte Katharine;„und nur um ein wenig Troſt zu haben, kam ich hie⸗ her. Ich habe einen halben Tag Arbeit verſäumen müſſen,“ fuhr ſie ſchmerzlich lächelnd fort,„und das fällt mir ſchwer.— Aber nicht wahr, Frau Becker, noch einmal, es geſchieht mir gewiß nichts Schlimmes?“ Es klopfte zum zweiten Male an die Thüre. „Was ſoll ich wiſſen?“ meinte Frau Becker, die ungeduldig den Kopf herum wandte, und dann ihrer Nichte rief und ihr auf⸗ trug, ſie ſolle nachſehen, wer an der Thüre ſei. Die Näherin erhob ſich langſam, wobei ſie ihre eine Hand auf den Tiſch ſtützte und leiſe huſtete. Siebenzehntes Kapitel. Falſches Zeugniß. Die Tänzerin ging nach der Thüre, öffnete ſie geräuſchlos, und ſprach einige Worte mit Jemand, der draußen ſtand und ließ als⸗ dann eine ältliche Bauersfrau ins Zimmer treten, die ziemlich ver⸗. legen an der Thüre ſtehen blieb und die ihre Blicke fragend nach⸗ 196 Siebenzehntes Kapitel der Madame Becker richtete, welche ebenfalls aufgeſtanden war und etwas erſchrocken auf die Eingetretene ſah. Katharine wandte gleich⸗ falls ihren Kopf herum und ſtieß einen lauten Schrei aus, worauf Madame Becker ungeduldig mit dem Fuß ſtampfte und einen leiſen Fluch zwiſchen den Zähnen murmelte. „Da iſt die Frau!“ ſagte das Mädchen, indem ſie ihre Augen weit aufriß und die Bläſſe ihres Geſichts wahrhaft geſpenſtig wurde. —„Da iſt die Frau!— Jetzt werde ich doch etwas erfahren über mein Kind!“ Die Bauersfrau kam ziemlich unbehülflich näher, ſtreckte ihre beiden Hände aus und verwandte kein Auge von dem Geſicht der Madame Becker; that ſie das nun, um ſich an den Mienen derſel⸗ ben Raths zu erholen, oder ſcheute ſie ſich vielleicht, die unglück⸗ liche Mutter des Kindes anzuſehen. „Nun?“ rief ihr Madame Becker ziemlich eifrig entgegen.— „Was will Sie eigentlich?— Zu mir?— Gewiß zu Katharine. — Da ſteht ſie. Sag' Sie, was Sie weiß.— Iſt vielleicht ein Unglück geſchehen?“ Die Bauersfrau zog ihre Achſeln entſetzlich in die Höhe, wobei ſie mit einiger Anſtrengung nach dem Himmel hinauf zu ſchielen verſuchte, es aber nur zu einem häßlichen, verdrehten Blick brachte. 3. Madame Becker zuckte hierauf ebenfalls mit den Achſeln und warf einen mitleidig ſein ſollenden Blick auf die Näherin, die da ſtand, ein Bild des Jammers, mit bleichen Wangen, auf denen jetzt allmälig kleine rothe Punkte ſichtbar wurden,— die ſchon er⸗ wähnten Kirchhofsroſen, die nun bald in ihrer ganzen ſchrecklichen Pracht auf dem ſtillen Geſichte wieder aufflammen ſollten. „So iſt dem Kind etwas paſſirt?“ fragte Madame Becker nach einer langen und ſchrecklichen Pauſe.„Was hat's da ge⸗ geben?“—— „Todt!“ entgegnete die Bauersfrau, ohne daß ſie es wagte Falſches Zeugniß. 197 dem flammenden Blick der Mutter zu begegnen.—„Todt— todt! — Das Kind iſt todt!“—— In dieſem Augenblicke trat die Täuzerin vor und legte ihre warme Hand ſanft auf die kalte Rechte Katharinens, ſchlang ihren Arm um ſie und drückte ſie in tiefſtem Mitgefühl feſt an die Bruſt, die, ſein leiſes Schluchzen unterdrückend, ſich hoch und gewaltſam hob und ſenkte. „Alſotodt!“ ſagte Madame Becker.„Und wie iſt das gekommen?“ „Wie kommt das bei ſo kleinen Kindern!“ entgegnete die Bauersfrau, indem ſie den Kopf auf die rechte Seite ſenkte;„vorige Woche noch ziemlich geſund und wohl, geſtern Nacht mauſe⸗ todt.— Hier iſt der Schein, Alles in Ordnung ausgeſtellt.— Ja, es iſt traurig aber wahr.“ Katharine blickte mit trockenen und heißen Augen wie in einem tiefen Traume um ſich her. Lange ſchaute ſie die beiden Weiber vor ſich an, bald die Eine, bald die Andere, und keine konnte die⸗ ſen Blick ertragen. Dann aber bog ſie ihren Kopf leicht zurück und ſtreifte ſo die glühende Wange der Tänzerin; und es war, als ob dieſe Berührung eines guten, mitfühlenden Weſens eine Be⸗ ruhigung über ihre Seele gebracht hätte, denn ein paar Sekunden nachher ſenkte ſie ihren Kopf auf ihre Bruſt und brach zwiſchen den Armen des jungen Mädchens zuſammen, die ſie ſanft auf einen Stuhl niedergleiten ließ und dann neben ihr kniete, um ihr Haupt zu unterſtützen. Jetzt erſt wagte die Bauersfrau das unglückliche junge Weib anzuſehen; doch that ſie es ſcheu und verlegen, machte auch gar keine Miene, der Niedergeſunkenen beizuſpringen, ſondern ſagte zu Madame Becker:„es iſt wahrhaftig ein Jammer; aber was kann man machen? Jetzt überſteht ſie es auf einmal und ſonſt wäre es doch für ihr Leben eine immerwährende Laſt und Plage geweſen.“. Die Angeredete hatte beide Arme auf den Tiſch geſtützt und blickte in das bleiche Geſicht der Ohnmächtigen.„Ob es beſſer iſt,“ 198 Siebenzehntes Kapitel. ſprach ſie mit ſcharfem unangenehmem Tone,„was geht es uns eigentlich an? Geſchehen ſollt' es und geſchehen iſt es; und ich hoffe,“ ſetzte ſie leiſe hinzu,„daß Sie Alles gut beſorgt hat, Frau, denn es iſt im Grunde eine kitzliche Geſchichte, für welche Sie den größten Theil empfangen und für welche Sie auch mit Ihrer Haut einſtehen muß.“ „Bſt! bſt!“ entgegnete die Bauersfrau, indem ſie ihre Augen einen Moment auf die Tänzerin heftete und ſich dann der Frau näherte, zu der ſie ſagte:„kommt doch da weg, wenn Ihr ſchwä⸗ tzen wollt, geht mit in's Nebenzimmer! Ich habe Euch noch allerlei mitzutheilen.“ Damit gingen die beiden Weiber in das andere Gemach und ließen die Tänzerin bei der Unglücklichen allein. Marie befand ſich in großer Gemüthsbewegung; ſie athmete ſchnell und heftig und ſandte den beiden Weibern einen forſchenden Blick nach. Dann lehnte ſie ſanft das Haupt Katharinens an die Stuhllehne und eilte in ihr Schlafzimmer, wo ſie vom Bett ein Kiſſen, von der ärmlichen Toilette ein kleines Fläſchchen mit köl⸗ niſchem Waſſer nahm. Das Kiſſen ſchob ſie unter den Kopf der noch immer bewußtlos Daliegenden, drückte dieſen ſauft hinein, und goß dann einige Tropfen des wohlriechenden Waſſers auf ihr Tuch, worauf ſie Schläfe und Stirn des armen Mädchens leicht damit rieb. Das Alles that ſie mit einer ſeltſamen Haſt und warf dabei verſtohlen die Blicke auf die Thüre des Nebenzimmers, welche Ma⸗ dame Becker nicht feſt hinter ſich zugezogen hatte. Nachdem ſie darauf wieder ein paar Sekunden lang aufmerkſam in das bleiche Geſicht der Kranken geblickt, erhob ſie ſich raſch, als ſie ſah, wie ſich deren Lippen langſam öffneten und ein leichter Seufzer aus der Bruſt emporſtieg. Darauf öffnete Katharine matt ihre Augen und ſah die Tänzerin mit einem dankbaren Blicke an. Marie lächelte ihr zu, zeigte mit der linken Hand auf's Falſches Zeugniß. 199 Nebenzimmer und legte alsdann einen Finger der rechten Hand auf ihren Mund, als wollte ſie ſagen: ſtille! ſprich kein Wort; mach' kein Geräuſch! Katharine ſchien das vollkommen zu verſtehen und auch wohl zu begreifen, daß dort im Nebenzimmer etwas verhandelt würde, was für ſie von großem Intereſſe ſei, denn ſie ſchloß ihre Augen und öffnete ſie wieder zur Beiſtimmung, faßte die Lehne des Stuhls mit ihren Händen und folgte dann mit den Augen der Tänzerin, welche ſich geräuſchlos und geſchmeidig wie eine Schlange um den Tiſch herum wandte, an die etwas geöffnete Thüre des Nebenzim⸗ mers gelangte, ohne daß man nur einen Fußtritt gehört hätte. Dort blieb ſie einige Minuten lauſchend ſtehen und kehrte dann ebenſo vorſichtig und leiſe zu Katharine zurück, kniete vor ſie nie⸗ der, legte abermals den Finger auf den Mund und drückte darauf ihre beiden Hände feſt auf die der armen Perſon, wobei ſie ihr bedeutungsvoll in die Augen ſah. „Sprich kein Wort!“ flüſterte ſie,„ja, wenn die Beiden heraus kommen, ſo ſchließe deine Augen wieder. Kannſt du es ertragen, wenn ich dir was ſage, das nicht ſo ſchlimm iſt, als was du eben gehört?“ Katharine nickte mit dem Kopfe. „Lange nicht ſo ſchlimm, aber auch nicht angenehm.— Sei ruhig— im Grunde doch angenehm. Aber du mußt nicht auf⸗ ſchreien!“ Katharine machte mit den Augen ein verneinendes Zeichen. „Bſt!“ fuhr die Tänzerin fort, indem ſie einen ängſtlichen Blick nach der Thüre warf;„es iſt wahr, was du vorhin ſagteſt: er wird ſich verheirathen.“ Katharine ſeufzte. „Und das Kind—“ fuhr Marie leiſe fort;— „Nun, das Kind?—— Das Kind— 2“ 200 Siebenzehntes Kapitel. „Es iſt nicht todt,“ hauchte das Mädchen kaum vernehmlich. —„Es lebt, aber ſie haben es fort gebracht.“ —„Mir geſtohlen—!“ „Wohin ſie es gebracht haben, weiß ich nicht, aber ich erfahre es; ſei ganz ruhig. Wir haben auch unſere Freunde!“ „Sie haben es fort gebracht! O ich kann mir denken, um es zu verderben— das arme kleine Kind! Glaubſt du nicht auch, Marie?“ Jetzt nickte die Tänzerin traurig mit dem Kopfe. „Sie hätten es geſchwind umgebracht, aber ſie fürchteten ſich. O ich kann mir denken, wohin ſie es gebracht haben. Zu ſo einem ſchrecklichen Weib, da wollte er damals ſchon, ich ſollt' es hinthun. Gott! mein Gott! Da brauchen ſie es nicht auf einmal umzubrin⸗ gen, da geht es langſam zu Grunde, da ſtirbt es ſtündlich— täglich— an— Hunger— Kälte—— Elend!—“ Bei dieſen letzten Worten ſank das arme Geſchöpf abermals in die Kiſſen zurück, ihre Augen ſchloſſen ſich und fielen tief ein, und zwiſchen den bleichen Lippen zeigte ſich ein einziger Bluts⸗ tropfen. „Sie ſtirbt!“ rief die Tänzerin.„Sie ſtirbt!“ ſchrie ſie laut hinaus. Und auf dieſen Ruf hin kamen die beiden Weiber aus dem Nebenzimmer heraus und traten an den Seſſel. „Die arme Creatur!“ ſagte Madame Becker und ſtellte ihre Schnupftabaksdoſe auf den Tiſch, um eine der kalten Hände Ka⸗ tharinens zu ergreifen, die jetzt ſchlaff herunter hingen. Der Puls⸗ ſchlag zitterte nur noch in den Adern und ſchien nächſtens ganz erlöſchen zu wollen. Aber das menſchliche Herz iſt ſtark und leiſtet faſt das Unmög⸗ liche im Ertragen von Jammer und Elend. „Wenn ſie ſterben würde,“ ſprach die Bauerfrau,„es wär das wahrhaftig kein Unglück für ſie. Was ſoll die auch ein wenig Falſches Zengniß. 1 201 länger auf der Welt? Wenn ſie heute nicht erliegt, treibt ſie es doch vielleicht kein halbes Jahr mehr.“ Unterdeſſen hatte ſich die Tänzerin über die Ohnmächtige hin⸗ gebeugt und ihre friſchen Lippen berührten faſt den bleichen Mund der Anderen, während eine ſchwere Thräne um die andere aus ih⸗ ren Augen herabrann. „Seid doch ſtille!“ bat ſie nach einer Pauſe.„Sprecht nicht ſo laut, man ſagt, ſo Ohnmächtige könnten manchmal Alles hören, was man neben ihnen ſpricht. Seht, ſie iſt gewiß nicht todt, ihre Lippen zittern, ihre Augen fangen an ſich zu bewegen.“ „Ich habe genug von vorhin,“ ſagte die Bauersfrau,„und habe nicht Luſt noch einmal dieſelbe Geſchichte zu hören. Wenn ſie wirklich wieder aufwacht, ſo gebt ihr den Todtenſchein, er iſt ächt und richtig.“— Sie warf Madame Becker einen bedeutſamen Blick zu.—„Auch kann ſie die Bettchen und Kleider holen, wenn ſie will.“ „Ich werde es ihr ſagen,“ entgegnete Madame Becker mit einem ſcheinheiligen Ausdruck im Geſicht;„und was die Begräb⸗ nißkoſten anbelangt, ſo kann Sie ſich an mich halten, Frau. Du lieber Gott! man hilft gern ſo einer armen Creatur ihren Kum⸗ mer lindern.“. „Sind nicht groß, die Koſten,“ verſetzte kopfſchüttelnd die Bauersfrau;„meine Schweſter hat's heute Früh beſorgt in ihrem Dorfe. Es war das ein kleines Loch, wenig Arbeit. Jetzt liegt ſchon der Schnee darauf; das wird ihr ein Troſt ſein,— denn wenn ſie's nächſtes Frühjahr aufſuchen kann,“ ſetzte ſie mit be⸗ deutſamem Achſelzucken hinzu,„ſo iſt ihr Jammer auch ſchwächer geworden.— Adieu, Jungfer Marie!“ Die Tänzerin nickte ſtumm mit dem Kopfe ohne aufzublicken, denn ſie war beſchäftigt, das Geſicht der Ohnmächtigen abermals zu waſchen. Madame Becker ſteckte ihre Schnupftabaksdoſe in die Taſche, 202 Siebenzehntes Kapitel. nahm ein warmes Tuch vom Nagel, das ſie umhing, und ſchickte ſich an, mit der Bauersfrau das Zimmer zu verlaſſen. An der Thüre warf ſie noch einen ſcheuen Blick auf die Kranke.—„Es kommt mir doch etwas grauſelich vor,“ ſagte ſie dann leiſe zu ihrer Begleiterin.„Wenn ich mir das Mädchen ſo von hier aus be⸗ trachte, ſo meine ich wahrhaftig, es ſei todt und wir trügen da⸗ von die Schuld.“ „Ach was!“ entgegnete die Andere;„ſeid nur nicht ſo klein⸗ müthig, ſo was kommt ſchon im Leben vor. Todt iſt ſie auch nicht; ſeht, ſie reißt ihre Augen auf und ſchaut nach uns her.“ „Ja, ja, Frau, Ihr habt Recht, ſie blickt nach uns her, aber mit einem ſchauerlichen Blick.“ Damit zog ſie die Andere zur Thüre hinaus. Es brauchte wohl eine Viertelſtunde Zeit, ehe ſich Katharine ſo weit erholt, daß ſie die Tänzerin um die näheren Umſtände be⸗ fragen konnte. 5. Marie ſagte, was ſie gehört: Das Kind war alſo nicht geſtorben, aber man hatte ein ande⸗ res, das geſtern Nacht ſeinen Leiden erlegen, unterſchoben und ſo wirklich einen Todtenſchein erhalten. Wohin ſie das lebende Kind gebracht, hatte keines der Weiber geſagt, wohl aber, daß es auf den Antrieb ſein er Familie geſchehen, die damit das letzte Band zwiſchen ihm und ſeiner ehemaligen Geliebten zerreißen wollte. „Sei nur ruhig,“ ſagte die Tänzerin zu der Unglücklichen, deren Hände heftig zitterten,„ſei ruhig, wir wollen ſchon erfahren, wohin ſie das Kind gebracht.“ „Von deiner Tante glaubſt du es zu erfahren?“ „Nein! nein! die ſagt mir nichts; ich habe ſchon meine Wege.“ „Aber bald, Marie, nicht wahr? Bald, bald ſuchſt du es zu erfahren, denn glaube mir, wohin ſie auch das Kind gebracht ha⸗ ben, es befindet ſich an einem Orte, wo es nicht lange leben kann; ich kenne ſolche Anſtalten.— Du ſiehſt mich ſchaudernd an?— Falſches Zeugniß. 203 ja, Marie. Gott erhalte deine Unſchuld; ſie nennen das keinen Mord, wenn ſo ein Kind langſam dahin ſiecht.— Es iſt dann geſtorben.“— Die Tänzerin bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen und fin⸗ ſtere Gedanken bewegten ihr Herz. Hatte ſie in der Umgebung, wo ſie ſich befand, vielleicht eine beſſere Zukunft zu gewärtigen, als die Unglückliche, die vor ihr ſaß? Hatte ihre Tante nicht ſchon Andeutungen genug fallen laſſen über nutzlos verſchwendete Ju⸗ gend und Zeit, über ein Kapital, das man nicht ruhig könne liegen laſſen und das ſeine Zinſen tragen müſſe!— Gräßlich! gräßlich!—— Und das unglückliche Mädchen vor ihr hatte doch der Liebe Alles gegeben, was ſie beſaß, ſie aber ſtand in Ge⸗ fahr, verkauft zu werden wie die geringſte Sklavin!— 4 Wie dank' ich dir, Marie,“ ſagte die Näherin, die ſich allmä⸗ lig wieder erholt,„wie dank' ich dir für deine Güte, für deine Hülfe! Glaube mir, ich will für dich beten und es wird dir keinen Unſegen bringen.— Für mich ſelbſt wag' ich es kaum; du biſt ſo gut, ſo unſchuldig, ſo friſch und geſund und kannſt einmal recht glücklich werden. Dann denke auch zuweilen an mich, die gewiß lange todt iſt. Und wenn du, liebe, gute Marie,“ fuhr ſie leiſer fort, indem ſie ihre beiden Arme um den Hals der Tänzerin ſchlang, „wenn du einmal einen braven Mann haſt und es dir gut geht, und du haſt eine halbe Stunde Zeit, ſo beſuche mein Grab und gib meinem armen Kinde, wenn es noch lebt, und du es an irgend einer Ecke ſtehen ſiehſt, ein kleines Almoſen.“ Bei dieſen Worten ſtürzte ein erleichternder Thränenſtrom aus den Augen Katharinens, und beide Mädchen hielten ſich eine Zeit lang umſchlungen und weinten heftig; die Eine, indem ſie mit trübem Blick an die Vergangenheit dachte, die Andere, indem ſie finſter in die Zukunft ſchaute.—— Der laute Klang eines Glöckchens vor dem Fenſter riß ſie aus ihren Träumereien empor. 20141 Siebenzehntes Kapitel. „Iſt es denn ſchon ſo ſpät,“ fragte die Tänzerin,„daß der Theaterwagen drunten hält, mich abzuholen? Verzeih', Katharine, da muß ich mich eilen; ich darf den Schwindelmann nicht warten laſſen.“ „Und ich will auch gehen,“ ſprach ſeufzend die Andere, indem ſie ſich ſchwankend erhob.„Aber nicht wahr, Marie, ich ſehe dich morgen oder ſobald du etwas weißt?“ „Gewiß, Katharine, gewiß!“ antwortete die Tänzerin, während ſie ihren großen Korb auf den Tiſch ſtellte, noch einmal flüchtig die Gegenſtände darin überſah, und die Tanzſchuhe, an denen ſie vor⸗ hin gearbeitet, dazu legte.„Ich werde heute Abend noch mit Eini⸗ gen darüber ſprechen. O, die Mädchen bei uns wiſſen recht gut Beſcheid und Manche kennen die ganze Stadt.“ „Und du kommſt dann zu mir, Abends nach acht Uhr?— Mit welcher Ungeduld will ich dich erwarten!“ „Verlaß dich auf mich; ich thu, was ich kann.“ Damit band die Tänzerin ein Tuch um ihren Kopf, wickelte ſich in einen alten verblichenen Shawl, noch ein Erbſtück ihrer verſtorbenen Mutter, nahm den großen Korb unter den linken Arm und begleitete mit dem rechten Katharinen ſorgfältig nach der Thüre, die ſie abſchloß und den Schlüſſel im Ofenloch verſteckte. Es ging etwas langſam die Treppe hinunter, und Schwin⸗ delmann, der unten an der Thüre ſtand, trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Drei bis vier Colleginnen ſtreckten ihre Geſichter aus dem Wagenfenſter hervor und blickten neugierig auf das bleiche Mädchen, das mit einem Händedruck und bittenden Blick ſich von Marie verabſchiedete und nun langſam an den Häuſern dahin ſchlich. „Der Teufel auch!“ ſagte Schwindelmann,„Mamſell Marie, Sie laſſen uns lange warten. Das ſind wir bei Ihnen nicht ge⸗ wöhnt.“ Falſches Zeugniß. 205 „Es thut mir leid,“ entgegnete die Tänzerin,„und iſt wahr⸗ haftig nicht meine Schuld.“ „Wer iſt denn das?“ fragte Schwindelmann, indem er auf Katharine zeigte, die ſchon an den nächſten Häuſern erſchöpft ſtehen blieb. „Eine unglückliche Perſon, der es ſehr ſchlecht ergangen,“ er⸗ widerte Mamſell Marie. „Und wo wohnt ſie?“ fragte eine der Tänzerinnen aus dem Wagen. „In der Schloſſergaſſe.“ „Dahin fahren wir gerade auch,“ ſagte nachdenkend Schwin⸗ delmann. Und als ihn ein bittender Blick des jungen Mädchens traf, rief er in den Wagen hinein:„was meint ihr da drinnen, haben wir bis zur Schloſſergaſſe noch Platz für eine arme kranke Perſon, die ſonſt vielleicht im Schnee ſtecken bleibt?— Es hat nicht Jedermann einen Wagen wie ihr Prinzeſſinen, und was man ſeinem Nächſten thut, das wird Einem im Himmel gut geſchrieben.“ „Gott! der Schwindelmann wird fromm!“ lachte eine luſtige Stimme aus dem Wagen.„Mir iſt es gleich viel.“ „Mir auch!“ riefen ein paar Andere. Und darauf ſprang Mamſell Marie in den Wagen, der Schlag blieb offen. Andreas fuhr fort, und Schwindelmann trabte neben der Cquipage her, bis zur armen Katharine, die zu ihrer großen Verwunderung ſolchergeſtalt auf die angenehmſte und bequemſte Art nach ihrer Wohnung in der Schloſſergaſſe befördert wurde. Schwindelmann aber wurde ſeit jenem Abend von den Tänze⸗ rinnen zum Hoftheater⸗Samariter ernaunt. 206 Achtzehntes Kapitel. Achtzehntes Kapitel. Hinter der achten Couliſſe. Wenn auch ſchon in Schrift und Zeichnung ſo tauſenderlei mitgetheilt worden iſt von dem Leben und Treiben hinter den Couliſſen, ſo war das inſofern recht oberflächlich, als es nur jenen Theil derſelben behandelte, welcher, ziemlich hell vom Lam⸗ penlicht beſchienen, dicht an der Bühne liegt. In die weiter zu⸗ rückgezogenen Räume, namentlich in die Tiefen des Theaters hinter dem letzten Vorhang, ſowie in die dunkeln Niſchen zwiſchen Einſchlag⸗, Donner⸗ und Regen⸗Apparat, oder jenem ſtillen Raume, wo die Seile der verſchiedenen Glockengeläute hängen, drangen wenig neugierige Blicke Uneingeweihter; von all⸗ dieſen dunkeln Orten wurde noch wenig Intereſſantes und Wahres berichtet, und dieſe ſind doch, wie alle Räume im Himmel und auf Erden, mit Weſen, und zwar mit geſchäftigen und ſehr wichtigen Weſen be⸗ völkert.. Hier haust nämlich ſeit unvordenklichen Zeiten und ſobald die Dekoration eines jedesmaligen Actes ſteht, das Geſchlecht der Maſchiniſten und Zimmerleute, der Feuerwächter und der Aus⸗ helfer. Der Glanz und der Lärm der Bühne iſt ihnen verhaßt, ſie ſuchen gern ein ſtilles Plätzchen, wo ſie ruhig zuſammen plau⸗ dern oder auch einzeln über ſo Manches nachdenken können. Das ſind meiſtens keine ganz gewöhnlichen Menſchen, und Viele von ihnen haben ſchon verſchiedene Carrieren verſucht, ehe ſie endlich hier als die unſichtbaren Lenker der Pracht und Herrlichkeit des Theaters hängen geblieben ſind. Den ganzen Tag hier in einem ewigen Halbdunkel beſchäftigt, haben ſie ſich allmälig daran ge⸗ wöhnt und lieben die ſtillen Räume mit ihrem ſanften, zweifel⸗ Hiuter der achten Couliſſe. 207 haften Lichte mehr wie den Glanz der Sonne. Ja, wenn ſie Mittags nach Hauſe gehen, ſo drücken ſie ihre Mützen tief in's Geſicht und ſcheinen ordentlich ſcheu auf der Straße dahin zu flattern, wie aufgeſtörte Nachtvögel. Unlieb iſt ihnen bei der Ar⸗. beit der neugierige ſcharf blitzende Sonnenſtrahl, der zuweilen bei einer Tagesprobe durch eine Oeffnung auf die finſtere Bühne zuckt und mit einem langen, ſchmalen Streifen ſo reines Gold, ſo glühendes Licht zwiſchen die ſchwarzen Schatten hinein wirft, daß die gemalten Blumen erbleichen und das abendlich noch ſo friſche Grün grau und moderig ausſieht, Sie, dieſe armen Arbeiter, den ganzen Tag in der Finſter⸗ niß umhertappend, lieben überhaupt den Sommer und den Sonnen⸗ ſchein wenig, wenn letzterer draußen über Berg und Thal ſcheint und alle Menſchen ſich an ſeinem Strahle erfreuen, ſich an der friſchen Luft erlaben, welche die duftenden Blumen und Bäume aus⸗ hauchen, während ſie die knarrenden Seile auf und ab ziehen, be⸗ ſtaubte Couliſſen aufhängen und einen künſtlichen Donner und Regen hervorbringen, der nichts Erquickendes hat und nur Legionen von Motten und einige Fledermäuſe aufjagt. Der Winter iſt ihnen lieber; da ſind die anderen Menſchen auch in's Haus gebannt, und da ſitzt es ſich gar nicht unbehaglich an dem breiten eiſernen Ofen hinter der achten Couliſſe, während draußen der Sturm heult oder der Regen auf das Zinndach des Theaters niederpraſſelt. Ja, hinter der achten Couliſſe iſt ein recht heimliches Plätz⸗ chen, wie gemacht zum Verſammlungsort der Maſchiniſten und Zimmerleute. Gleich rechts daneben iſt die Flugmaſchine, mit der es auf den Schnürboden hinauf geht, und links die eine Treppe, welche unter das Podium führt; die Zeichen zum Donner und Regen hängen dicht daneben, und zwei Sprachrohre münden hier ebenfalls, durch welche man Befehle augenblicklich nach allen Theilen der Bühne hinſchleudern kann. Da ſtehen meiſtens Fauteuils und 208 Achtzehntes Kapitel. ſonſtige Sitzgelegenheiten, die in den nächſten Akten gebraucht werden und worauf man es ſich bequem macht. Auch in anderer Beziehung hat dieſes Plätzchen ſo weit nach hinten ſeine guten Eigenſchaften. Das unangenehme Volk der Statiſten in ihren ſeltſam duftenden Anzügen treibt ſich mehr vorn am Eingange herum und tritt hier Niemand in den Weg und auf die Hühneraugen; den Künſtlern erſten und zweiten Ranges iſt es da hinten natürlicher Weiſe viel zu dunkel und einſam, und ſelbſt das leichtfüßige Corps de Ballet hüpft, wenn es ja ein⸗ mal auf die andere Seite des Theaters muß, mit einem großen Sprunge bei der achten Coulliſſe vorbei, denn es zieht da manch⸗ mal ſehr ſtark, namentlich dringt gewöhnlich eine kalte Luft unten aus dem Podium hervor. Die Decoration des erſten Aktes ſteht, und es iſt eine jener angenehmen Opern, in denen allaktlich die Scene ſtehen bleibt, weßhalb die meiſten Maſchiniſten und Zimmerleute nichts zu thun haben. Hinter der achten Couliſſe iſt nun ein artiges Plauder⸗ ſtübchen eingerichtet, und wer nicht gerade einen beſtimmten Poſten auf der anderen Seite hat, der findet ſich hier ein. Da iſt ein königlicher Thron, der nachher gebraucht wird und auf welchem der erſte Maſchiniſt ſitzt; doch hat er das Kiſſen von rothem Sammt herumgedreht und begnügt ſich mit dem ledernen Unterfutter. Dieſer erſte Maſchiniſt war Herr Hammer, ein ſchon ältlicher Mann, der ſehr ſtark ſchnupfte, ſehr gerne erzählte und dazu be⸗ ſtändig mit dem Kopfe nickte, welches Nicken er vielfach mit dem Ausrufe:„Ja— a! ja— al“ begleitete, was er wahrſcheinlich that, um ſeine Zuhörer zu verſichern, ſeine Erzählung ſei wahr und nicht erfunden, welch' Erſteres von dem ganzen Theaterperſonal ſtark bezweifelt wurde, denn der erſte Maſchiniſt war dafür bekannt, daß er etwas heftig lüge, beſonders wenn er auf die Feldzüge zu ſprechen kam, die er mitgemacht. Wir können hier eine andere Perſönlichkeit nicht übergehen, Hinter der achten Couliſſe. 209 die ſich ebenfalls oft hinter der achten Couliſſe einfindet, aber dem Range nach eigentlich ſpäter genannt werden müßte. Es iſt dies der Schneidergehülfe Herr Schellinger, eine kleine dürftige Geſtalt mit ſtark gekrümmtem Rücken und etwas zitternden Händen. Herr Schellinger war an die Sechszig, hatte Zeit ſeines Lebens in jeder Beziehung ſtark gearbeitet und erfreute ſich nun dafür ziemlich dürftiger Umſtände und einer mangelhaften Geſundheit. Er war ein denkender Künſtler geweſen, ein Mann von tiefer Phan⸗ taſie, und da er auf dem Schneidertiſche ſo viele freie Stunden hatte, in denen ſein Geiſt unabhängig von der Knechtſchaft der Nadel umher ziehen konnte in der weiten Welt, ſo reiste er be⸗ ſtändig, das heißt immer in Gedanken, und hatte dabei die Eigen⸗ thümlichkeit, daß er ſich nach der Rückkehr von einer ſo weit aus⸗ geſponnenen Tour ſteif und feſt einbildete, er habe wirklich dieſe Reiſen gemacht, und daß er die wunderbarſten Dinge davon er⸗ zählte.— Wenn er in der Garderobe mit dem Anziehen fertig war, ſo ſtahl er ſich auf die Bühne und placirte ſich meiſtens in die Nähe des erſten Maſchiniſten, von dem er komiſcher Weiſe behaup⸗ tete, es ſei auf der ganzen Welt Niemand, der ſo lügen könne wie der Herr Hammer. Deßhalb paßte er auch jedem Worte deſſelben auf und ſuchte ihm augenblicklich nachzuweiſen, wo er blau färbe. Auf der linken Seite des Thronſeſſels befand ſich ein ſchwarzer Sarg, der aus der letzten Scene von Romeo und Julie, die geſtern Abend auf der Bühne geliebt und gelitten, ſtehen geblieben war. Auf dem Kopfende deſſelben ſaß der Garderobegehülfe, die Hände über den Knieen gefaltet, den Kopf etwas nach der linken Seite geneigt, um beſſer hören zu können. Neben ihm be⸗ fanden ſich ein paar Zimmerleute: rechts vom Throne ſtand eine Geſtalt, die des näheren Betrachtens werth iſt. Es war dies ein kleines zartes Männchen in einem abgeſchabten. Hackländers Werke. XVI. 14 210 Achtzehntes Kapitel. ſchwarzen Frack, mit einem klugen Geſichte, auf welchem das Alter und vielleicht auch ein luſtiges Leben tiefe Furchen gezogen hatten. Aus dem ſchwarzen Halstuche ragte ein ziemlich hoher Hemdkragen hervor, aſchfarben wie der Teint dieſes Mannes, welchem nur ein paar ſcharfe dunkelblaue Augen etwas Lebhaftes verliehen; den Scheitel bedeckte eine kleine fuchſige Perrücke, die aber nirgendwo mehr feſtliegen wollte und rings herum ſtruppig und drohend in die Höhe ſtand. Das Merkwürdigſte an dieſem Manne aber war unbedingt eine ziemlich große Waſſerſpritze, die er geladen und aufgezogen an ſeinem linken Arme trug. Dies war Herr Wander, ein Mann, der ſeltſame Schickſale gehabt. Von guter, vermöglicher Familie, hätte er in ſeiner Jugend ein unabhängiges Leben führen können, wenn ihn nicht eine unüberwindliche Leidenſchaft zum Theaterleben an den Theſpiskarren geſpannt hätte, wo er übrigens mehr zum eigenen Vergnügen als zur wirklichen Hülfe mit lief. Das ging Alles ſo lange gut, als Jugend und Geld ausreichte; dann aber wollte ſich kein Theaterdirektor mehr mit dem Heern Wander einlaſſen, er durfte die geliebten Bretter nicht ferner be⸗ treten, und da es ihm denn doch einmal unmöglich war, von dem für ihn ſo anziehenden Leben und Treiben zu laſſen, ſo half er aus, wo man gerade ſeiner kleinen Dienſte bedurfte. So diente er nach und nach als Inſpicient, Requiſeur, Souffleur, ja er friſirte ſogar eine Zeit lang in der Herrengarderobe, und als das Alles nicht mehr ging und ihn Niemand mehr haben wollte, ſo kehrte er in ſeine Heimath, die Reſidenz, zurück, wo er das doppelte Glück hatte, eine kleine Erbſchaft zu machen, ſowie von dem Intendanten die gnädigſte Erlaubniß zu erhalten, bei großen Vorſtellungen als überzähliger Spritzenmann aushelfen zu dürfen. Der Spritzenmann, geneigter Leſer, iſt eine Perſon, welche mit dem ſehr großen Exemplare eines Inſtrumentes, das dir unter einem unausſprechlichen Namen bekannt iſt, hinter den Conliſſen Hinter der achten Couliſſe. 211 auf und ab wandelt und ſorgſam an Lampen und Decorationen umher ſpäht, um zuzuſpritzen, wo ſich ein verdächtiger Funke zeigt. Vor dem Thronſeſſel auf einer künſtlichen Raſenbank ſaß Herr Schwindelmann, der jetzt ebenfalls, ſobald ſich ſämmtliche Künſtler und Künſtlerinnen im Theater befanden, nur am Ende eines jeden Aktes zu thun hatte, denn ſeine Nebenbeſchäftigung war alsdann, den großen Portalvorhang herab zu laſſen. An der Couliſſe Numero acht, die ſehr weit hineingeſchoben war, lehnte der Sohn des Herrn Hammer, ein junger Menſch von einigen zwanzig Jahren, eine ſchöne, kräftige Geſtalt. Er war ebenfalls Maſchiniſt und ſprach gerade mit einem Kameraden, der neben ihm auf einem hölzernen Blocke ſaß, und der dem Aeußern nach den vollkommenſten Gegenſatz zu ihm bildete. War der junge Hammer mit ſeiner breiten und muskulöſen Geſtalt, mit dem friſchen, gutmüthigen Geſichte ein Bild der Geſundheit und des Lebens, ſo war der Andere ein leibhaftiges Conterfei der Krankheit, ja des Todes. Er ſaß mit gefalteten Händen, an den Fuß der Couliſſe gelehnt, und wenn er ſo ſchwer und tief athmete, ſo bemerkte man auf dem Rücken durch das dünne Röckchen hin⸗ durch, womit er bedeckt war, wie die Schulterblätter zitternd auf und ab gingen. Sein Geſicht war eingefallen, und er ſchien, in tiefes Nachdenken verſunken, auf die ſchwarze ſchauerliche Bank zu ſtieren, auf welcher Herr Schellinger ſaß. „Ja— a, ja— a,“ ſagte der erſte Maſchiniſt mit dem Kopfe nickend, indem er ſich an den kranken Mann wandte,„nur nicht den Muth verloren, Albert. Das kann und wird Alles gut gehen. Wenn einmal der Winter vorbei iſt, mit ſeinem ewigen Schuee und Froſt— wenn der Frühling kommt—“ „Und wenn er reiſen könnte,“ meinte der Garderobegehülfe mit näſelnder Stimme und aufgehobenem Zeigefinger.„Wenn er reiſen könnte, da links herüber nach Italien, wo die meiſten 212 Achtzehntes Kapitel. Leute über hundert Jahre alt werden.— Als ich damals dort war—. „Wir wiſſen die Geſchichte ſchon, ja— a, ja— a,“ unter⸗ brach ihn Herr Hammer.„Als Ihr in Italien waret und eben⸗ falls krank, und als ſie Euch mit dem bewußten Mückenfett kurirt.“ „Nein, es war Schlangenhaut,“ entgegnete ruhig der Schnei⸗ der,„von der großen Schlange, die ſich am Baume aufhängt und dann ſelbſt ihren Balg abſtreift. Ich habe ein Stück davon mit⸗ gebracht.— Wollt ihr es ſehen?“—— „Später! ſpäter!“ ſprach ungeduldig Herr Hammer, und fuhr dann zu dem Anderen gewendet fort:„wie ich Euch ſagte, Albert, laßt Euch nur zuweilen vor den Regiſſeuren und dem Obermaſchi⸗ niſten ſehen. Faßt nur hie und da ein Tau an und thut, als wenn Ihr was ſchafftet. Haltet Euch dabei immer nur an meinen Sohn Richard, der reißt Euch ſchon durch. Und im Grunde iſt es ja ganz einerlei, man thut damit der Theaterkaſſe keinen Ab⸗ bruch, denn Richard arbeitet für zwei.“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar dafür,“ erwiderte der Kranke, „denn wie ſollte ich exiſtiren, wenn man mich als untauglich ent⸗ ließe! Da wäre mein letztes Brod gebacken und ich müßte gerade Hungers ſterben. Sie haben überhaupt ſchon ſo viel an mir ge⸗ than, daß ich gar nicht weiß, wie ich es wieder gut machen ſoll. — Ach! wer würde mich als Taglöhner nehmen!“ „Ja, es iſt eigentlich ein prekäres Geſchäft, ſo von ſeiner Händearbeit im Taglohn leben zu müſſen,“ ſagte Herr Wander. „Ich habe das oft mit angeſehen, wenn man ſechs Tage ſchafft, ſo hat man ſechs Tage Lohn; aber nun kommt der Sonntag, der doch zur Ruhe und zur Freude für Menſchen und Vieh geſchaffen iſt, und an dem iſt nichts da zu beißen und zu nagen, wenn man nicht von den paar Kreuzern der Wochentage ſich etwas aufhebt. Das iſt ſchlecht eingerichtet.“ „Und wenn man erſt krank wird,“ verſetzte Albert, indem er Hinter der achten Conliſſe. 213 langſam den Kopf erhob;„ich ſage es noch einmal: wenn ich von euch keine Hülfe hätte, ich wäre mit Weib und Kindern ein ver⸗ lorener Mann!“ „Dafür ſollte dem, für den man ſchafft, auch die Verpflichtung obliegen, Einen zu unterhalten, wenn man keine Hand mehr regen kann,“ meinte der junge Hammer. „Das wäre nicht ſo übel,“ ſagte nachdenkend der Schneider. „Und ich will dir was ſagen, Richard, das kannſt du haben. Da mußt du dich ſchwarz anſtreichen laſſen und zu die Geſchlafen gehen; da haſt du's, wie es dein Herz begehrt: du arbeiteſt da ziemlich hart, das iſt wahr—“ „Bah!“ erwiderte der junge Zimmermanu,„was das harte Arbeiten anbelangt, davon kann unſereins auch erzählen. Ich will am Ende nicht einmal vom Theater ſprechen; aber man ſollte ein⸗ mal ſo ein Dutzend lumpige Neger, die ſich in ihrem Baumwollen⸗ feld bei ihrem Schaffen und ein Bischen Prügel beklagen, man ſollt' die fein thuenden Hallunken einmal auf einen Zimmerplatz hinaus thun, ſo wo es gilt, mit achtziger Balken zu arbeiten, na⸗ mentlich im Spätherbſt, wenn ein Dach aufzuſetzen iſt, und wo jeden Morgen das helle Glatteis auf den Balken ſitzt. Da hat man immer ſein Todtenhemd an; und was die Prügel anbelangt, da braucht man nur einen jähzornigen Obergeſellen zu haben, der ein Lattenſtück gut anzugreifen verſteht; da fliegen die Funken da⸗ von, das kann ich euch verſichern.“ „Aber dafür ſeid Ihr ein freier Mann,“ meinte Herr Wan⸗ der, indem er ſeine Spritze vorſichtig auf den Boden ſtellte, und eine Priſe aus der dargebotenen Doſe des erſten Maſchiniſten nahm.. „Ein freier Mann!“ lachte der Andere.„Ja, Ihr verſteht's! — Jetzt bin ich frei, dachte auch der Eſel eines Tags, an welchem er die Säcke abgeworfen, und ſagte das dem Wolf einen Augen⸗ blick vorher, ehe dieſer ihn auffraß.“ 214 Achtzehntes Kapitel. „Der Richard hat nicht ganz Unrecht,“ ſagte leiſe Herr Schel⸗ linger.„So ein Geſchlaf hat's gar nicht ſchlecht; ich möchte auch eins ſein. So ein Kerl ſitzt in ſeiner Hütte, ißt den ganzen Tag die theuerſten Früchte, nährt ſich von Reißbrei und jungen Hüh⸗ nern, und wenn er einmal nicht ſchaffen will, ſo gibt er Bauch⸗ ſchmerzen vor und bleibt zu Hauſe.“ „Das kannſt du auch thun,“ bemerkte Schwindelmann. „Ja, aber nicht unter den vorhin angegebenen Bedingungen,“ entgegnete der Schneider.„Wo bleibt dann der Reißbrei und die Früchte?“ „Pfui, Schellinger!“ ſagte lachend Herr Wander,„du biſt eine knechtiſch geſinnte Natur! Was nutzt dich das Bischen Eſſen und Trinken, wenn du dafür von allem Erhabenen und Schönen, was die Freiheit bietet, nichts erreichen kannſt?“ „Was habe denn ich armer Schneider je Erhabenes und Schö⸗ nes zu erreichen gehabt?“ „Wenn du ein Geſchlaf biſt,“ entgegnete lachend Richard, „ſo kannſt du dir kein eigenes Vermögen erwerben, kein Haus beſitzen.“ „O, das wäre Schade!“ grinste der Schneider. „Ja— a, ja— al!“ ſprach der erſte Maſchiniſt,„und könnte niemals Abgeordneter oder Stadtrath werden.“ „Wozu ich als freier Mann freilich hier alle Ausſicht habe,“ meinte höhniſch Herr Schellinger. „Aber Spaß bei Seite!“ warf der Schwindelmann dazwiſchen, indem er ſeinen Nachbar verſtohlen an die Seite ſtieß,„über das Geſchlafenleben kann uns Niemand beſſer aufklären wie der Schel⸗ linger. Nicht wahr, du biſt ja da hinten in Südamerika geweſen, und haſt den Onkel Tom beſucht?“ „Es iſt das ſchon lange her,“ entgegnete kopfnickend und träu⸗ meriſch der Schneider;„ich glaube ſo an die zwanzig Jahre, aber ich erinnere mich ſeiner noch recht gut.— Unter uns geſagt, der On⸗ Hinter der achten Couliſſe. 215 kel Tom“— damit ſchob er wichtig die Unterlippe vor, zog die Augenbrauen in die Höhe und ſchüttelte mit dem Kopfe—„der Onkel Tom,— nal ihr verſteht mich!“ „War er ein etwas verwegener Burſche?“ fragte Richard, indem er ſich, um beſſer zu hören, feſter in die Couliſſen hinein drückte. „Der Hafer hat ihn geſtochen,“ fuhr Herr Schellinger fort. „Er hatte es zu gut; es war ſo ein Bischen Wühlerei dabei, was Demokratiſches, weßhalb er auch verkauft wurde. Und das Buch,“ ſagte er geheimnißvoll, indem er den Zeigefinger erhob,„ſoll auch eigentlich keine Bibel geweſen ſein, ſondern eine Verfaſſungsurkunde, die er für die Schwarzen entworfen.— Ich habe es in der Hand gehabt.“ „Aber das Verkaufen wirſt du nicht rechtfertigen wollen? Denke dir, du haſt Weib und Kind, mit denen du ſchon lange Jahre lebſt, nun will man dir deine Frau verkaufen.“ „Ja, das hätte er ſich ſchon gefallen laſſen,“ ſagte Herr Wan⸗ der.„Nicht wahr, Schellinger, darüber hätteſt du kein Buch ge⸗ ſchrieben? 24 Der Schneider gab über dieſe ſchlechten Späſſe keine Antwort, er blickte nachdenkend an den Schnürboden hinauf und erwiderte dann:„das Verkaufen iſt allerdings ſehr hart. Aber als ich da hinten war, da hat mich ſo ein amerikaniſcher Oberamtmann dar⸗ über aufgeklärt. Man muß das Ding nicht mit unſerem Maßſtab meſſen. Was Teufel! Wenn ich hier bei uns heirathe und Kin⸗ der bekomme, ſo hat kein Menſch ein Wort darein zu ſprechen; Frau und Kinder ſind mein, das weiß ich, denn ich lebe in einem Lande, wo man mir alles Andere, nur nicht die Familie verkau⸗ fen kann.“ „Wenigſtens nicht öffentlich,“ ſagte Richard finſter. „Nun alſo,“ fuhr der Schneider fort,„ich verſichere euch, als ich damals da hinten war— ich kam gerade von Mexico herüber, 216 Achtzehntes Kapitel. wo ich mich eine Zeit lang bei den Schwarzen aufhielt— da hatte ich auch nicht übel Luſt, mich zu verheirathen.“ „Wenn das deine Alte gewußt hätte!“ meinte Schwindelmann. „Wir waren ſo zu ſagen ſchon einig, da ging ich eben zu jenem Oberamtmann und trug ihm die Sache vor. Er dachte eine Zeit lang nach, ſpuckte— mit Reſpekt zu vermelden— meh⸗ reremals gerade aus an die Bäume, und das mit ſolcher Kraft und Geſchicklichkeit, daß ein Kolibri, den er treffen wollte, todt herunter fiel.“ „Ah!— Schellinger!“ „Gott ſtraf mich, es iſt wahr!— Seht ihr, die Honoratioren da hinten herum, die zu faul ſind, ein Gewehr zu tragen, gehen auf ſolche Art auf die Vögeljagd, und wenn man ſo durch den Wald geht, da ſieht man ſie bald hier und bald da mit geſpitztem Maule ſtehen, und auf einmal patſch!— patſch dich!— prrrdautz! Da rappelt's droben und herunter fallt euch ſo ein Lämmergeier, der mit ausgeſpreitzten Flügeln ſeine ſechsunddreißig Fuß mißt.“ „Lüg' du und der Teufel!“ rief Schwindelmannn.—„Schel⸗ linger, wie kann man ſo unverſchämt ſein!“ „Es iſt leider wahr,“ entgegnete traurig der Schneider; „man gewöhnt ſich in Amerika das Spucken auf dieſe heftige Art ſo leicht an. Als ich hieher zurück kam, konnt' ich's nimmer laſſen, und eines Tags paſſirte mir ein großes Unglück. Da ſtand mein älteſter Sohn vor mir, ich— patſch dich! und fliegt ihm die linke Hand fort.“ „Aber, Schellinger,“ ſagte ziemlich ernſt der erſte Maſchiniſt „du haſt ja nie einen Sohn gehabt!“ „Das iſt leicht möglich— aber gewiß ohne meine Schuld,“ verſetzte unerſchütterlich der Schneider.„Ich habe es meiner Frau immer geſagt. Nun, dann war es der älteſte Sohn von ſonſt Jemand. Aber wahr iſt die Geſchichte, und wenn Einer die Probe davon machen will, da ſteh' ich zu Befehl.“ — Hinter der achten Couliſſe. 217 7 „Na, wir glauben es ja!“ erwiderte Schwindelmann.„Aber jetzt bleib' bei deinem Oberamtmann. Er rieth dir alſo vom Hei⸗ rathen ab?“ „Das verſteht ſich,“ erzählte Schellinger weiter.—„Siehſt du, ſagte der Oberamtmann,— er ſprach natürlicher Weiſe ame⸗ rikaniſch— wenn du hier heiratheſt, ſo haſt du freilich den Schutz der Geſetze, aber der iſt verflucht gering, und wenn du Kinder kriegſt und es gibt ſo'ne rare Race, wie du ſelber biſt, da geht dein Herr gleich her, ehe ſie noch ausgeflogen ſind—“ „Was, Schellinger, ehe ſie noch ausgeflogen ſind?— Was ſoll das heißen?“ „Habt ihr denn nie gehört, daß es da gewiſſe Stämme gibt, die ſich ordentliche Vogelneſter in die Bäume hinein bauen; es ſind eigentlich Menſchenneſter, und darin führen ſie ihre Haus⸗ haltung, und wenn die Kleinen anfangen zu laufen, da müſſen ſie zuerſt den Baum herunter und herauf krabbeln, und das neunt man ausfliegen. Das iſt nämlich der Stamm der ſogenannten Vögelneger.“’. „Und darunter habt Ihr Euch vorzugsweiſe wohl aufnehmen laſſen?“ fragte Herr Hammer. „Es war nur ein vorübergehendes Gelüſte,“ antwortete der Schneider, indem er die Hände auf ſeine Knie legte und den Kopf tief herab ſinken ließ.—„Aber was nutzen mich meine ſchönen Geſchichten! Ihr ſeid wahrhaftig zu dumm, die Moral davon heraus zu finden.“ Der erſte Maſchiniſt legte den Finger an die Naſe, nickte mit dem Kopfe und ſprach:„ja— a, ja— a, es iſt nicht ganz ohne, was der Schellinger meint; er will nämlich ſagen, wenn es auch eine totale Ungerechtigkeit iſt, ſo einem armen Geſchlafen ſein Weib und ſeine Kinder zu verkaufen, ſo iſt es doch lange nicht ſo ſchlimm, als wenn ſo was bei uns geſchähe. Der Ge⸗ ſchlaf weiß vorher, wenn er ſich verheirathet, daß das dort ſo Mode —— 218 Achtzehntes Kapitel. iſt, ſein Vater iſt vielleicht verkauft worden, ſeine Mutter, ſeine Brüder, was weiß ich! Und da kann es ihm mit ſeiner Familie auch ſo gehen; er ſieht das immer vor Augen, meint der Schellin⸗ ger, und gewöhnt ſich am Ende daran, und ſo wäre es denn lange nicht ſo ſchlimm, denkt der Schellinger, als wenn man unſereins Frau und Kinder verkaufen wollte.“ Der Schneider nickte ſtumm mit dem Kopfe, als wollte er ſagen, ſeine Rede ſei vollkommen richtig ausgelegt worden. „Ja,“ meinte Richard, indem er die Arme über einander ſchlug, „ſo Eines weiß es nicht beſſer, wie die Köchin von dem Aal ſagte, als ſie ihm lebendig das Fell abzog. Und dagegen müßte man ſchon Schritte thun.“ „Das muß man aber den Amerikanern überlaſſen,“ miſchte ſich Herr Wander in's Geſpräch.„Gott! was geht uns die Ge⸗ ſchichte eigentlich an, und was können wir dazu thun? Ich be⸗ greife nur eigentlich nicht, wie die Geſchichten der amerikaniſchen Miß, die das Buch geſchrieben, bei uns ſo viel Spektakel haben machen können.“ Der Schneider lächelte kopfſchüttelnd vor ſich hin, wurde aber nicht beachtet. „Aber da finden ſie ein Vergnügen daran, ſich Grauſamkeiten erzählen zu laſſen, die weit weg von uns geſchehen, darüber ein Maul zu machen und zu jammern.—— Und weßhalb haben die meiſten dieſer Enthuſiaſten kein Herz, wenn man ihnen vom Un⸗ glück zu Hauſe erzählt, und ſchmachten über den Ozean hinüber, wenn da einmal ein Onkel Tom verkauft wird oder irgend eine Mulattin davon läuft?— Ich will es euch ſagen: den Jammer haben ſie wohlfeil, da hat man ihnen gut ſagen: na! wenn euch denn das Elend da hinten in Amerika ſo ungeheuer ſchmerzt, ſo thut was dafür,— da zucken ſie die Achſeln und entgegnen: was können wir thun? Wir haben nur unſere Thränen.— Ja, Thrä⸗ nen ſind wohlfeil!“ Hinter der achten Couliſſe. 219 „Sie haben aber auch Adreſſen an die Amerikanerinnen ge⸗ macht, die Weiber in England,“ ſagte Schwindelmann. „Ganz richtig!“ lachte Herr Wander;„aber die geſcheidten Amerikanerinnen haben ihnen artig heimgegeigt und ihnen geſagt: bekümmert euch um die Sklaverei bei euch, die iſt viel härter und grauſamer als die unſrige.“ „Ja— a, ja— a, und haben Recht gehabt. Es gibt bei uns wahrhaftig mehr Sklavenhalter als in Amerika.— Apropos, es heißt ja, ſie ſoll auch hieher kommen, die Amerikanerin; ſie macht eine Rundreiſe durch Europa und läßt ſich ſehen.“ „Da wollen wir ihr ein feſtlich beleuchtetes Haus veranſtalten,“ meinte Richard.—„Aber etwas muß man dem Buch doch laſſen, man ſieht, daß es Jemand geſchriebeu hat, der das Leben in Ame⸗ rika genau kennt.“ Der Schneider ſchüttelte abermals und mit ziemlich verächtli⸗ chem Lächeln den Kopf. „Nicht, Schellinger? Hat die Amerikanerin ihr Land nicht gut beſchrieben?“ „Das hat gar keine Amerikanerin geſchrieben,“ ſprach der Schnei⸗ der mit ſchmerzlichem Tone. „Was Teufels! iſt denn Madame—— Stowe keine Ameri⸗ kanerin?“ „O ja,“ entgegnete Schellinger, indem er das ſpitze Kinn in ſein rechtes, mageres Händchen ſtützte;„die Stowe iſt eine Ameri⸗ kanerin; ich kenne ſie ganz genau, eine recht brave Frau, ſie wohnte da links um die Ecke; wenn man nach Amerika fährt, kommt man dicht am Hauſe vorbei, gleich nebenan iſt das Wirthshaus zum weißen Roß, wo man einen ſehr guten Clevner trinkt. Der Wirth i*ſt ein Spanier und heißt Schwitzgäbele.“— Das Alles erzählte er mit ſo melancholiſchem Tone und ſtierte dabei vor ſich hin, daß man glauben konnte, ihn ſchmerze tief die Erinnerung an jene 220 Achtzehntes Kapitel. ſchöne Reiſe, und der ſehe leibhaftig vor ſich das weiße Roß und den Spanier Don Schwitzgäbele.— „Und da wohnte die Stowe?“ „Da wohnte ſie gleich nebenan. Ich reiste damals mit einem Preußen, der den Spleen hatte und überall Berlin vor ſich ſah, denn als er den Miſſiſippi erblickte, rief er aus: ganz wie bei uns zu Hauſe; nur iſt die Spree zur Regenzeit ein wenig größer und meiſtens viel klarer.— Die Stowe nahm uns freundlich auf, wir ſpeisten bei ihr zu Mittag, ſehr gut und fein. Alles war von Bernſtein, die Schüſſeln, Gabeln und Löffeln, kurz Alles, Alles.“ „Von Bernſtein?“ fragte Herr Wander erſtaunt.„Hat man in Amerika ſo viel Bernſtein?? „Da wird er gefunden,“ entgegnete ruhig Herr Schellinger. „Ah! der kommt ja aus der Oſtſee, das weiß ich beſſer!“ rief Schwindelmann. „Das iſt ein großer Irrthum,“ fuhr der Garderobegehülfe fort.„Von den amerikaniſchen Pferden kommt der Bernſtein her; wenn ſie wild aufgefangen werden, ſo hebt man ihnen den linken Vorderfuß auf, und da hat jedes ein großes Stück Bernſtein, das ſchlägt man los und macht die ſchönſten Sachen daraus.“ „Aber, Schellinger!“ „Als wir bei der Madame Stowe gegeſſen hatten, ließ ſie ein paar wild gefangene Pferde herein kommen, ſchlug den Bernſtein vor unſeren Augen los und gab Jedem von uns ein Stück.— Ich weiß wohl, daß ihr mir nicht glaubt, aber ich will euch über⸗ zeugen.— Seht her.“ Bei dieſen Worten fuhr er mit der Hand in ſeine Rocktaſche und brachte eine unbedeutende Cigarrenſpitze von Meerſchaum hervor, an welcher ſich ein kaum nennenswerthes Stück Bernſtein befand.—„Da ſchaut her,“ fuhr er fort,„das habe ich mir davon machen laſſen, und wenn ihr mir bei allem dem nicht glauben wollt, ſo ſchreibt in Gottes Namen an den Preußen in Berlin, der mit mir gereist iſt. Seine Adreſſe weiß ich frei⸗ —-———— Hinter der achten Couliſſe. 221 lich nicht mehr, aber er iſt nicht ſchwer zu finden, denn er heißt Müller.“ „Was machen ſie draußen auf der Bühne?“ fragte der erſte Maſchiniſt ſeinen Sohn.„Haben wir bald Actus?“ „O nein, es ſind noch vier lange Scenen. Der Schellinger kann ſchon noch ſeine Geſchichten zu Ende bringen.— Alſo die Stowe iſt nicht die Verfaſſerin von dem bekannten Buch?“ Der Schneider ſchüttelte mit dem Kopfe, rieb ſich die Hände und blickte, ſeit längerer Zeit zum erſten Mal, in die Höhe, als er mit großer Beſtimmtheit ſagte:„die Frau denkt nicht daran; das iſt ein braves Weib, die ihre Hühner und Gänſe füttert, ihren Kindern die Strümpfe ſtoppt und ihre Wäſche pünktlich beſorgt, viel zu pünktlich— die ſchreibt keine Bücher.— Stowe, ſagt' ich zu ihr, als wir nach Tiſche eine Cigarre mit einander rauchten—“ „Wie? ſie rauchte auch?“ „Alle Amerikanerinnen rauchen zu Hauſe. Alſo ich ſagte zu ihr: Stowe, hat Se das Buch geſchrieben oder nicht?“ „Wenn haſt du dieſe Reiſe eigentlich gemacht, Schellinger?“ fragte Richard lächend. „Ich habe euch ſchon eiumal geſagt, daß es ungefähr zwan⸗ zig Jahre her ſein mögen,“ entgegnete der Garderobegehülfe. „So, vor zwanzig Jahren haſt du ſie gefragt, ob ſie das Buch geſchrieben hat?— Na, das hab' ich nur wiſſen wollen.“ „Auf ihr Ehrenwort habe ich ſie damals gefragt,“ verſetzte ruhig der Schneider, indem er außblickte,„und ſie ſagte: nein Schellinger, ich hab' es nicht geſchrieben, Gott ſtraf' mich! Ich kenne aber den Verfaſſer: es iſt von einem pietiſtiſchen Pfarrer in Rheinpreußen.“ Die Zuhörer hatten lange an ſich gehalten, jetzt aber brachen ſie in ein ſo lautes Gelächter aus, daß der Inſpicient, der mit ſei⸗ nem Buche hinter den Couliſſen hin und her ging, erſchrocken herum fuhr und eifrigſt Ruhe gebot. Schellinger zuckte die Achſeln und ſprach nach einer Pauſe 222 Achtzehntes Kapitel. „Ihr ſeid ſo verwildert, daß man euch gar nichts Vernünftiges mehr erzählen kann, und ich bin einmal ſo ein Narr nnd kann es nicht laſſen, an jene Zeit, welche die glücklichſte meines Lebens war, zurück zu denken. Ich verſichere euch, wenn man hier unſere miſerable Kälte annimmt, ſo iſt es eine wahre Wonne, da mit den Negern ſo ſtill und friedlich zu leben, unter den Palmbäumen zu ſitzen und reife Orangen zu verſpeiſen. So ein Negerdorf hat et⸗ was ſehr Angenehmes, und ſie wohnen ganz charmant. Na! ihr habt das ja in der Beſchreibung geleſen; auch eſſen ſie vortreffliche Kuchen, trinken Dattelwein und ſingen dazu:„noch iſt Polen nicht verloren.“ Das kann ich euch verſichern— Gott ſtraf' mich!— an das lumpige Leben hier zu Land habe ich nicht mehr gedacht, wenn ich ſo Abends mit ihnen vor ihren Hütten auf der feinen Matte lag, neben ſo einem behaglichen Schwarzen; die Weiber ſaßen daneben und vor ihnen im Graſe ſpielten die weißen Kinder.“ „Die weißen Kinder, Schellinger?“ „Die weißen Kinder!“ entgegnete nachdrücklich der Schneider. „Wißt ihr denn nicht, weßhalb die Schwarzen ſo ſchwarz ſind?— Nun, das will ich euch ſagen. Die Sonne hat eine ſo furchtbare Kraft, daß ſie einen dort in fünf, ſechs Jahren ganz ſchwarz brennt.“ „Du biſt aber weiß geblieben, Schellinger!“ „Ja, ich hatte keine Anlage zum Schwarzwerden,“ erwi⸗ derte der Garderobegehülfe;„man muß dazu geſtimmt ſein wie die Neger—“ „Aber, Schellinger—“ wollte Richard fortfahren ihn zu exa⸗ miniren. „Laßt ihn doch,“ rief Schwindelmann,„daß wir fertig wer⸗ den; draußen der Herzog hat ſchon ſeinen Degen gezogen und wird im nächſten Augenblick ſeinen Freund erſtechen, dann fällt der Vorhang.— Alſo die Negerkinder kommen weiß auf die Welt?“ „Und mit einer Anlage zum Schwarzwerden?“ fragte Richard lachend. Hinter der achten Couliſſe. 223 „So iſt es,“ entgegnete der Schneider, indem er ſich ruhig er⸗ hob, denn auch ſeine Zeit war gekommen, in die Garderobe zu gehen.„Die Negerkinder kommen weiß auf die Welt, aber ſie ha⸗ ben um den Bauchnabel einen kleinen ſchwarzen Ring, der immer größer und größer wird, bis ſie zuletzt vollkommene Neger ſind.“ Nach dieſen Worten legte Herr Schellinger ſeine beiden Hände auf den Rücken und ging geſenkten Hauptes ruhig davon, ohne ſich weiter um ſeine Zuhörerſchaft zu bekümmern, die aber auch im nächſten Augenblick aus einander ſtob; Jeder eilte an ſeinen Poſten und Schwindelmann ließ den großen Portalvorhang herab. Neunzehntes Kapitel. Richard und Marie. Der Zwiſchenakt auf einem großen Theater bietet wieder ein ganz anderes belebtes und nicht minder intereſſantes Bild dar, als das Treiben hinter den Couliſſen. Dort befindet ſich nun Niemand, als die Arbeiter, welche neue Couliſſen aufhängen, Verſatzſtücke heran tragen,„aus dem Wege!“ rufen, dort plötzlich ſtehen bleiben, wenn ihnen ein Vorgeſetzter des Theaters in den Weg kommt, hier Einen der niederen Völker, der nicht ſchnell genug ausweicht, un⸗ ſauft auf die Seite ſtoßen. Alles Andere ſtrömt auf der halbdun⸗ keln Bühne zuſammen, wo ſich auch gewöhnlich der Intendant ein⸗ findet, ſeine kleinen Andienzen ertheilt, ſowie Tadel und Lob ſpen⸗ det. Die erſten Künſtlerinnen ſind in die Garderoben geeilt, nach⸗ dem ihnen vorher die Sängerin⸗Mutter vor einer der Couliſſen einen warmen Shawl umgeworfen. 224 Neunzehntes Kapitel. Lieber Leſer, der du vielleicht nicht weißt, wie eine Sängerin⸗ Mutter beſchaffen iſt und woran ſie zu erkennen, betrachte dir wäh⸗ rend der Vorſtellung eine Dame, die, ehe der Akt anfängt, hinter der Prima⸗Donna die Bühne betritt, ihr während des Gehens den Schleier in maleriſche Falten wirft oder eine Feder etwas kokett herab biegt; die ihr bei langen Kleidern die Schleppe ſorgfältig nachträgt und meiſtens eine große Taſche am Arm hat, worin ſich kölniſches Waſſer, Eibiſchſaft, etwas Huſtenzucker und ein Fläſchchen mit Gerſtenſchleim befindet,— eine Frau, gewöhnlich nicht ſehr groß, aber meiſtens wohlbeleibt, gekleidet mit einer halb verbliche⸗ nen, kümmerlichen Eleganz. Wenn du ſie näher anſchauſt, erinnerſt du dich dunkel, jene Mantille oder dieſen Kopfputz früher einmal auf der Bühne geſehen zu haben.— Sie lobt ihre Tochter in den Zwiſchenakten, damit dieſe den Muth nicht verliert, ſie bringt ihr einen Stuhl, bis eine neue Scene kommt, und dann ſchickt ſie die⸗ ſelbe mit einer guten Ermahnung hinaus vor die Lampen. Iſt die Sängerin⸗Mutter früher ſelbſt Sängerin geweſen, ſo bleibt ſie an der Couliſſe ſtehen und ſingt die ganze Partie mit, natürlich leiſe, wobei ſie ſich geſteht, daß ſie das zu ihrer Zeit Alles viel beſſer und ſchöner gemacht, daß es keine Stimme mehr gäbe, daß die Kunſt zu Grabe gehe und daß ſie ſelbſt der letzte Mohikaner ge⸗ weſen.— Iſt die Sängerin⸗Mutter aber eins jener harmloſen We⸗ ſen, das zu Hauſe kocht, waſcht, bügelt, auf der Straße die Son⸗ nen⸗ und Regenſchirme trägt, ihre Tochter auf allen Reiſen be⸗ gleitet, im Vorzimmer ſchläft, die zudringlichen Courmacher abweist, ſowie die guten Freunde des Hauſes unterhält, bis Mademoiſelle ihre Toilette gemacht, die aber dafür keine Vergangenheit hat, und, wenn ſie einmal nach Hauſe ſchreibt, nur verſtohlener Weiſe den Na⸗ men des kleinen Gäßchens auf die Adreſſe ſetzt, wo ſie einſtens ge⸗ lebt,— ſo trippelt ſie hinter den Couliſſen auf und ab, folgt ſeit⸗ wärts der Tochter in großer Angſt, bald vor⸗ bald rückwärts, ent⸗ ſetzt ſich über die Todtenſtille des Hauſes oder athmet tief auf bei ————, Richard und Marie. 225 dem kleinſten Applaus, iſt in beſtändiger Furcht, ihre Tochter möchte irgend ein Unglück haben, einen Fehltritt thun, kurz, iſt das rührende Bild einer jener unglückſeligen Hennen, die zufälliger Weiſe ſtatt Hühnern Enten ausgebrütet und die nun verzweiflungs⸗ voll am Ufer des Teiches zurück bleiben müſſen, während jene in dem gefährlichen Element luſtig umher plätſchern. Auch die Tänzerinnen erſcheinen im Zwiſchenakte, leicht geſchürzt, kurz geröckt, mit feinen Knöcheln und ſehr ſtarken Waden, und drängen ſich eifrig um den großen Portalvorhang, deſſen beide Oeff⸗ nungen beſtändig von einem nengierigen Auge benützt werden. Man ſieht, ob dieſer oder jener Platz beſetzt iſt; man gibt ſich kleine Zeichen und tritt endlich ſeine Stelle ſchmollend einer An⸗ deren ab. Nachdem das wichtige Geſchäft des Hinausſehens beendigt, umgaukelt die Sylphidenſchaar den Intendanten, der ruhig und groß in dieſer Brandung ſtehen bleibt, ein unerbittlicher und hier wenigſtens unerſchütterlicher Fels. Da naht ſich eine von ihnen tänzelnd und ſchwänzelnd, die Hände auf die Hüften geſtützt, mit hin und her wiegendem Oberkörper, und trägt keck eine Bitte vor um Urlaub, Zulage, von der ſie übrigens zum Voraus weiß, daß ſie nicht bewilligt wird. Dort pirouettirt eine aus der Couliſſe in raſendem Umdrehen und ſteht endlich vor dem Beherrſcher dieſer Bretter mit einem großen Applomb ſtill, indem ſie erſchreckt thut, als habe ſie ihn jetzt erſt geſehen. Auch junge Schauſpieler treiben ſich in dem Zwiſchenact auf der Bühne umher, ſchauen ebenfalls gelegentlich durch den Vorhang, ſprechen mit Sängerinnen nnd Tänzerinnen, machen dem Inten⸗ danten eine tiefe Verbeugung, des Winks gewärtig, wo er die Gnade haben wird, ſich zu erinnern daß ſie ebenfalls auf der Welt ſind. Auch würdige alte Männer ſtehen da, ruhig und groß; der Regiſ⸗ ſeur im dicken Paletot und großen Filzſchuhen, grämlich und ver⸗ Hackländers Werke. XVI. 15 226 Neunzehntes Kapitel. drießlich, wenn nicht Alles nach Wunſch gegangen; der Inſpicient, der ſich entſchuldigt, daß die Piſtole nicht zur rechten Zeit los ge⸗ gangen, oder daß Herr KX einen Augenblick zu ſpät aufgetreten. Und zu ihnen tritt der Kapellmeiſter, wiſcht ſeine Brille ab, ver⸗ theilt eine Priſe und meint, der erſte Akt ſei nicht ganz ſchlecht gegangen, nur ſeien es der Bäſſe zu wenig, die Violinen zu ſchwach beſetzt, und wenn dem nicht abgeholfen würde, ſolle der Henker dirigiren. Die Choriſten und Choriſtinnen halten ſich in der Nähe der großen Oefen auf; Erſtere ſind gelangweilt, denn ſie haben den ganzen Abend draußen zu ſtehen, und dann wird die Geſchichte vorausſichtlich bis gegen zehn Uhr dauern; von den Choriſtinnen ſtehen Einige in Gruppen bei einander, unterhalten ſich nicht ohne Neid von den neuen und viel geſchmackvolleren Coſtümen der Tän⸗ zerinnen, daß da nichts geſpart werde an Sammt und Seide, daß die Tricots immer ſchöner und die Röcke immer kürzer würden. So ſprechen die Jüngeren vom Chor, während die alte Garde da⸗ neben auf einigen Bänken von dem langen, ermüdenden Stehen ausruht und wollene Strümpfe ſtrickt. Das dauert hier Alles ſo lange, bis der Obermaſchiniſt ge⸗ meldet, die neue Decoration ſtehe, meiſtens aber, bis der Inſpicient aus den Garderoben zurückkommt und dem Regiſſeur anzeigt, daß Madame& oder Fräulein Y mit ihrer Toilette ſo weit gediehen ſei, daß der zweite Akt beginnen könne. Das Umkleiden der Damen iſt ein ſchrecklicher Hemmſchuh im Theater, und manches Stück, das durch ein raſches Spiel ſich die Gunſt des Publikums erwerben würde, wird zu Grabe getragen, weil der erſte Liebhaber oder die erſte Liebhaberin es für nöthig findet, ſich jeden Akt in einem neuen Coſtüm zu zeigen. Von einer Dame kann man ſich das ſchon gefallen laſſen, aber bei einem Manne grenzt ſolch maßloße Eitelkeit ſchon an's Fabelhafte, und ſollte nicht ge⸗ duldet werden. Richard und Marie. 227 „Platz vom Theater!“ ruft der Regiſſeur. Und das hat die⸗ ſelbe Wirkung, wie der erſte Hahnenſchrei nach der Walpurgisnacht. Rechts und links ſtieben ſie aus einander die glänzenden, luftigen Geſtalten, verbergen ſich vor dem Lichte, das gleich von den Pros⸗ ceniumslampen aufſteigen wird und flattern in die dunkeln Win⸗ kel zurück, wo ſie angewieſen ſind, ſich ruhig und ſtill zu verhalten, bis abermals ihre Zeit gekommen. Wenn ſie aber auch nach dem Theaterreglement angewieſen ſind, kein Geräuſch zu machen, nicht hörbar zu plaudern und nicht laut zu lachen, ſo wird dieſem Be⸗ fehle doch zum Oefteren keine Folge geleiſtet, und der Inſpicient muß ſein„bssst— bsssst!— ſeien Sie doch ſtill in's Kukuks Namen?—“ vielmal und meiſtens ohne großen Erfolg wiederholen. Jetzt zum zweiten Akt iſt noch ein Zuwachs auf die Bühne ge⸗ kommen, der während des erſten Akts mit dem Ankleiden beſchäftigt war, das Ballet nämlich, welches nun auch gerade nicht zur Ver⸗ größerung der Ruhe beiträgt. Hinter dem letzten Vorhang arbeitet ein Pas de cinque und macht einen ſchwierigen Pas nochmals durch; dazu klopft der erſte Tänzer, der ihn arrangirt, ſo leiſe wie mög⸗ lich in die Hände, um ſich vornen nicht bemerkbar zu machen; aber die Prima Donna auf der Scene hört dieſen Lärmen doch; nament⸗ lich wenn ſie an das große Bogenfenſter im Hintergrunde tritt, um nach ihrem Geliebten auszuſchauen, bemerkt ſie deutlich, wie die vier Tänzerinnen auf die Bretter ſpringen, daß es jedesmal einen dumpfen Schlag gibt, was gerade nicht zu ihrer Erheiterung bei⸗ trägt, vielmehr ſagt ſie ein paar ſpitzige Worte, als ſie nach der nächſten Scene abgeht, welche ſich aber die Tänzerinnen nicht ſehr zu Herzen nehmen, denn die Prima Donna iſt verhaßt, weil ſie neulich einmal geſagt, der Tanz ſei keine Kunſt, und die Tänzerin⸗ nen nur beziehungsweiſe Künſtlerinnen.— Mademoiſelle Marie hatte ſich während des Anziehens fort⸗ während mit dem Schickſal der armen Katharine beſchäftigt; ſte ſprach mit ihrer Freundin Clara darüber, doch hatte dieſe ſie mit 228 Neunzehntes Kapitel. ihren großen klaren Augen ſo unbefangen und unſchuldig ange⸗ ſehen, und eine ſo unpraktiſche Antwort gegeben, daß Marie wohl einſah, die Andere wiſſe in dem Falle eben ſo wenig zu helſen als ſie ſelbſt.— „Weißt du was,“ hatte Clara geſagt,„ſprich mit Thereſe darüber, die wird dir einen guten Rath ertheilen können, denn wie ſie kennt Niemand die Stadt und ihre Verhältniſſe.“ Darauf hatte Marie ihre Toilette beendigt, indem ſie ein Hütchen mit Blumen recht keck und verwegen auf der linken Seite des Kopfes befeſtigte, Unter demſelben wallten die üppigen Haare hervor, und als ſie ſich im Spiegel beſah, mußte ſie geſtehen, daß ſie gar nicht unvortheilhaft ausſehe. Und darin hatte ſie Recht: ſie war nett und zierlich vom Kopf bis zu den Fußſpitzen. Mit ſich ſelbſt zufrieden, tänzelte ſie die Treppen hinab, und als ſie auf die Bühne trat, warf ſie einen forſchenden Blick rechts und links, vielleicht um Mademoiſelle Thereſe zu finden, vielleicht auch nicht; und Letzteres erſcheint uns ſehr wahrſcheinlich, denn Thereſe lehnte an der erſten Couliſſe und ſchien gleichgültige Dinge mit einem der Tenoriſten zu ſprechen. Marie aber wandte ſich nach dem Hintergrunde und ſchritt, die Füße ſehr auswärts, mit dem Rock hin und her wedelnd, langſam bei der achten Couliſſe vorbei, wo ſich wieder Einige aus der Geſellſchaft des erſten Aktes verſam⸗ melt hatten. Andere aber fehlten, unter dieſen Richard, der ganz hinten beſchäftigt war, irgend ein neues Seil über eine Rolle zu werfen. Daß er dies ſehr ungeſchickt that, wollen wir ihm im ge⸗ genwärtigen Augenblicke nicht übel nehmen, denn er ſah weder auf das Tau noch auf die Rolle, vielmehr aufmerkſam hinter die Cou⸗ liſſe, wo ſich die Tänzerin vorſichtig näherte. Dieſe bemerkte beim Näherkommen den Zimmermann recht wohl, that aber nicht dergleichen, ſondern wandelte über die Bühne, ſcheinbar in der einzigen Abſicht, um auf die andere Seite zu gelangen. Richard und Marie. 229 Richard ließ das Seil los, das er in der Hand hatte, wel⸗ ches nun mit ziemlichem Geräuſch auf den Boden niederpolterte, und die natürliche Folge hievon war, daß die Tänzerin heftig er⸗ ſchrak, ſtehen blieb und ſich umſchaute, wer ihr dieſen Schrecken eingejagt. „Ah! verzeihen Sie, Marie!“ ſagte der Zimmermann,„wenn ich Sie ein wenig erſchreckt, aber ich konnte nicht dafür; als ich Sie kommen ſah, glitt mir das Tau aus der Hand, und da liegt es.“ „So, ſo, Sie ſind es, Richard?“ entgegnete das junge Mäd⸗ chen unbefangen.„Ich habe wahrhaftig geglaubt, es fiele mir etwas auf den Kopf.— Man muß ſich ſehr in Acht nehmen,“ ſetzte ſie altklug hinzu,„denn alle Augenblicke paſſirt hier Etwas, wie der Regiſſeur ſagt.“ „Ei der Tauſend!“ verſetzte ſchmunzelnd der Zimmermann, „beim Ballet iſt doch lange nichts vorgefallen, denn da geben wir alle doppelt Achtung, das können Sie mir glauben.“ „Und weßhalb geben Sie beim Ballet doppelt Achtung, Herr Richard?— Das wird den meiſten von euch ebenſo gleichgültig ſein, als wenn einmal bei der Oper oder beim Schauſpiel ein Un⸗ glück geſchieht.“ „Den meiſten freilich,“ erwiderte Richard, indem er die Hände reibend näher trat,„aber mir iſt ganz beſonders daran gelegen, das können Sie mir glauben, Marie. Und wenn Sie auf eine Flugmaſchine müſſen,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„da ſchau ich die Drähte ganz beſonders an und habe meine Augen überall. Wehe denen drunten an der Wende, wenn ſie mir nicht genau aufpaſſen! Ja wahrhaftig, ich würfe ihnen einen Gewichtſtein an den Kopf.“ „Dafür bin ich Ihnen ſehr dankbar,“ ſagte das Mädchen, die bereitwillig ſtehen geblieben war;„es iſt immer angenehm, wenn Jemand da iſt, der ein klein wenig Intereſſe an Einem nimmt, wenn man auf der Bühne iſt.“. „„Nun, ein klein wenig brauchen Sie gerade nicht zu ſagen,“ 230 Neunzehntes Kapitel. entgegnete der Zimmermann, indem er ſich durch das volle Haar ſtrich;„ſagen Sie nur keck ein großes Intereſſe. Sie wiſſen doch, Marie, daß es ſo iſt, und auch nicht blos auf dem Theater, ſon⸗ dern auch ſonſt,— wo es nun gerade iſt, auf der Straße, in Ihrem Hauſe, wo ich Sie ſehe und wo ich Sie nicht ſehe.“ „Ei der Tauſend! Sie machen mir ja eine förmliche Liebeser⸗ klärung, Richard!“ „Wenn Sie es ſo nennen wollen, ſo thun Sie es, Marie; aber der Name iſt gleichgültig. Die Sache iſt jedoch wie ich geſagt — ſoll mich der— na!l ich will nicht fluchen!— ich habe es Ih⸗ nen ſchon lange einmal geſtehen wollen, aber ich weiß wohl, ihr vom Ballet ſeid ganz eigenthümliche Frauenzimmer; da mag jeder Narr kommen und euch ſchöne Sachen vorſchwätzen, das iſt euch ſchon recht und ihr hört gerne zu; aber wenn es Unſereins mit euch gut meint und euch das gerade heraus ſagt, ſo lacht ihr ihn aus und lauft nachher zu den Anderen und ſprecht: denkt euch nur, das und das hat mir der Richard geſagt. Aber wenn ich ſo etwas erführe, Marie, das wäre mir— hart, recht hart.“ Nun müſſen wir dem geneigten Leſer verſichern, daß dieſe Lie⸗ beserklärung, wie die Tänzerin es nannte, ihr eigentlich nicht ſo unverhofft kam, wie man von einem Blitz ſagt, der aus heiterem Himmel herabfährt. Der junge Zimmermann hatte ihr ſchon un⸗ terſchiedliche Proben ſeines Wohlwollens gegeben, hatte, wie er vor⸗ hin angedeutet, bei allen vorgekommenen Schwierigkeiten gewiſſer⸗ maßen über ſie gewacht, die Verſenkungen, wenn es ihm möglich war, ſelbſt geleitet, die Flugmaſchine durch ſein eigenes beträcht⸗ liches Gewicht jedesmal vorher probirt. Auch waren alle dieſe klei⸗ nen Aufmerkſamkeiten nicht unbemerkt an dem Herzen der Tänzerin abgeglitten; wir müſſen das eingeſtehen, wie wir auch vorhin nicht verſchwiegen, daß Marie vielleicht etwas Anderes geſucht als ihre Collegin Thereſe. Bis jetzt hatte ſie aber dies Benehmen Richards gegen ſie nur für Scherz gehalten und demſelben weiter keine Folge Richard und Marie. 231 gegeben. Was wollte ſie auch? Er war der einzige Sohn eines ziemlich vermöglichen Vaters, ein hübſcher Menſch, dem wohlhabende Bürgerstöchter nachſchauten, und in ſeinem Handwerke, der Zimmerei, ſo wohl erfahren, dabei mit der Mechanik des Theaters ſo wohl vertraut, daß ihm hier eine dauernde Anſtellung nicht fehlen konnte. — Und nun ſagte er ihr mit einfachen Worten, daß er nur an ſie denke, daß er ſie liebe.— Das Mädchen ſchrak ordentlich zuſammen und in ihrem Geiſte tauchten allerlei ſeltſame und ſchöne Phantaſieen auf. Sie glaubte, daß er wahr ſpreche; ach! und dieſer Gedanke war doch zu ſüß, um ihn unbedingt annehemen zu können. Sie, in den traurigſten und gedrückteſtn Verhältniſſen geboren und erzogen, bis jetzt von dem fürchterlichen Willen ihrer Tante abhängig, ſollte einſtens noch glücklich werden können, ſollte nicht untergehen in dem Abgrund, neben dem ſie ſchon lange gewandelt; denn daß es Richard mit ihr ehrlich meine, wenn er es einmal geſagt, davon war ſie feſt über⸗ zeugt. Er war als ſehr ſolid und arbeitſam ſelbſt bei den Thea⸗ terleuten bekannt, und ſogar der Intendant hielt große Stücke auf ſeine Redlichkeit und gab Alles auf ſein Wort, denn bei ſchwieri⸗ gen Flugwerken zum Beiſpiel mußte ſich Richard immer zuletzt überzeugen, ob Rollen und Taue auch in Ordnung ſeien, und erſt wenn er geſagt, es ſei Alles richtig, gab ſich der Chef zufrieden. Marie hatte nicht bemerkt, daß während ſie ſo träumte, Ri⸗ chard ihre beiden Hände ergriffen hatte und freundlich lachend den Verſuch machte, ihr in die niedergeſchlagenen Augen zu blicken. Sie ſah das lange nicht, denn jetzt plötzlich fielen ihr die Worte der armen Katbarine ein, als ſie zu ihr geſagt: wenn du einmal einen braven Mann haſt und es dir gut geht, und du haſt eine halbe Stunde Zeit, ſo beſuche mein Grab und gib meinem armen 3 Kinde, wenn es noch lebt und du es in einer Ecke ſtehen ſiehſt, ein kleines Almoſen.—— Dieſe Worte verwandelten ſich in ein freundliches Bild, und ſie ſtand mit Richard Hand in Hand 232 Neunzehntes Kapitel. an einem kleinen armſeligen Grabe und legte auf Dornen und Di⸗ ſteln, die dort wucherten, einen friſchen Kranz von duftenden Roſen. — Ah! wenn das wahr würde! Da ſchrak ſie empor, denn draußen im Saale applaudirte gerade das Publikum lang und heftig;— etwas von ihren Phan⸗ taſteen war der Wahrheit gemäß, denn wenn auch nicht neben einem Grabe, ſo ſtand ſie doch Hand in Hand mit Richard auf der halb dunkeln Bühne, und er ſagte lachend:„na, Mädel, lange genug haſt du dich bedacht, ob du Ja oder Nein ſagen ſollſt.—— Nun, was iſt's, Marie? Bin ich dir angenehm oder nicht? Willſt du es mit mir wagen oder haſt du auch ſo verfluchte Liebſchaften im Kopf wie die Anderen und willſt lieber ein kurzes luſtiges Leben führen?“ „Nein, nein,“ entgegnete eifrig das Mädchen,„gewiß nicht, Richard.“ 1. „Na, ich glaub's ſchon,“ verſetzte er gutmüthig.„Ich glaube, daß du ein braves, ehrliches Mädchen biſt; es iſt das freilich ein Wunder, wenn man deine Tante— die Gott verdammen ſoll!— anſieht. Aber glaub' mir, Marie, ich habe dir aufgepaßt, ſo ge⸗ nau ich konnte, und namentlich immer auf deine Arme und Hände geſehen—“ „Und warum das?“ fragte ſie lächelnd unter Thränen, die langſam aus ihren Augen hervor quollen. Ci, das will ich dir ſagen,“ entgegnete er luſtig.„An den Armen und Fingern ſieht man's gewöhnlich bei euch zuerſt, weißt du, da laſſen ſich auf einmal verdächtige Ringe ſehen und eine Armſpange; und das ſind des Teufels Ketten, mit denen ihr feſt geſchloſſen werdet.— Neulich hatt' ich dich ſchwer im Verdacht.“ „Ich weiß, ich weiß,“ erwiderte ſie fröhlich.„Da hatte mir auf der Bühne Thereſe eins von ihren Armbändern geliehen. Ich mußte doch als Hofdame geſchmückt kommen!“ „Jetzt aber plaudern wir bald eine Viertelſtunde zuſamuten,“ Richard und Marie. 23³3 ſagte er nun ſcheinbar ungeduldig,„und ich weiß noch nicht ein⸗ mal, woran ich bin. Gleich muß ich hinüber zum Verwandeln, deßhalb ſage mir, wie du es meinſt, einfach Ja oder Nein. Wenn du Ja ſagſt, ſo iſt die Sache abgemacht und ich komme dann nächſtens zu deinem alten Drachen, um mit ihr ein ernſtes Wort zu reden.— Nun?— Wenn du aber Ja geſagt, ſo habe ich ein Recht auf dich wie du auf mich, und dann, Marie, nimm dich in Acht und ſtelle dich ſo, daß die böſeſten Leute nur Gutes von dir ſagen können; denn wenn mir einmal Einer her käme und ſo allerlei ſchlechtes Zeug in die Ohren ziſchelte, da gäb's ein Unglück, das kann ich dich verſichern.— Nun, wie iſt’'s?“ „Ja— ja!“ ſagte die Tänzerin, nachdem ſie ihre beiden Hände zurückgezogen;„ich mag dich wohl leiden, Richard; und was das Andere anbelangt, da kannſt du ganz ruhig ſein. Du weißt, wie mir das Treiben ſo vieler junger Mädchen verhaßt iſt.“ „Amen!“ ſprach er, indem er ihre rechte Hand ergriff und ſie ſchüttelte.„Wenn es nicht ſo ſtrenge gegen das Theaterreglement ginge, dann müßteſt du mir einen Kuß geben; aber ich hole mir ihn ſpäter nach; wenn du an deinem Kanale ausſteigſt, wirſt du mich ſchon ſehen.— Adieu, Marie!“ Damit ging er an ſein Tau zurück, während die Tänzerin über die Bühne hinüber flog und ſich an einem einſamen Plätzchen auf eine Raſenbank unter einer Gruppe von gemalten Palmbäumen niederließ. Warum ſie hier ihre Hände faltete und eine Zeit lang heftig weinte, wußte ſie nicht. Aber endlich erſchrak ſie, daß ſie es gethan, denn ſie dachte an ihre rothe Schminke, und als ſie er⸗ ſchrocken auf ihren Buſen ſah, bemerkte ſie auf dem hellgrünen Atlas große dunkle Flecken. Bald waren dieſe Schäden übrigens wieder vertilgt; Clara hatte ihr geholfen, ſich auf's Neue zu ſchminken und dabei einen. Theil des ſüßen Geheimniſſes erfahren. Clara war hiedurch eben⸗ Neunzehntes Kapitel. falls nachdenkend geworden, und als die Andere nun abermals hinab hüpfte, um Thereſe aufzuſuchen, blieb ſie droben in der Fen⸗ ſterecke ſitzen, ſtützte den Kopf auf die Hand und verſank in tiefe Träumereien. Thereſe befand ſich noch immer hinter der erſten Couliſſe; ſie hatte ihren rechten Fuß auf einen kleinen Schemel geſtellt und hielt ſich mit der einen Hand an der Ranke einer Waldblume, die über ihrem Kopfe herab hing.„Wo ſteckſt du denn, mein Schatz?“ rief ſie der heran kommenden Marie zu.„Ich habe ſchon nach dir geſehen, aber du warſt verſchwunden.— Ich hoffe doch nicht—⸗ „Ich ſuchte dich auf der anderen Seite,“ entgegnete Marie. „Haſt du was Neues erfahren?— Von ihm— von dem ſau⸗ beren Herrn auf der zweiten Gallerie?“ „Nein, nein! Meine Tante läßt mich, Gott ſei Dank! in Frieden; ſie hat in den letzten Tagen nichts darüber geſprochen; ich hoffe ſchon, ſie hat meinen inſtändigen Bitten Gehör gegeben.“ „So, das hoffſt du?“ erwiderte Thereſe.„Da kennſt du die Alte ſchlecht. Ich will dir gelegentlich einmal erzählen, wie ſie es mir gemacht hat. Nimm dich aber zuſammen, das rathe ich dir. Der, den du mir da oben gezeigt haſt, läßt nicht ſo leicht nach, das iſt einer von den ſtillen Scheinheiligen, die im Trüben fiſchen und im Dunkeln langſam aber ſicher gehen.“ „Aber am Ende habe ich dech meinen freien Willen!“ ſagte ängſtlich Marie. „Den haſt du nicht, arme Sklavin,“ entgegnete die Andere, indem ſie ſich hoch aufrichtete. Schau mich an, ich ſehe auch ge⸗ rade nicht aus wie Jemand, der ſich leicht zwingen ließe. Und doch— man wird am Ende müde.— Aber ſprechen wir nicht mehr darüber!“ Damit warf ſie die Oberlippe trotzig in die Höhe, ließ die Federn ihres Kopfputzes langſam durch ihre Richard und Marie. 235 Finger gleiten und ſetzte mit ruhigem Tone hinzu:„du haſt mich alſo geſucht! nun denn, was ſolls?“ Marie erzählte nun ihrer Collegin von der armen Näherin, von dem Kinde, das man derſelben geraubt, von dem man aber den Todtenſchein beigebracht, und das ſich nun wahrſcheinlich irgendwo befände, wo es, ſo befürchte die Mutter, langſam dahin ſiechen werde. Ueber die Züge Thereſens hatte ſich während dieſer Erzählung ein ſo höhniſches, ja böſes Lächeln gelagert, daß man ordentlich davor zurück ſchrecken konnte. Sie biß ihre Zähne auf einander und ſchien angelegentlich die Spitze ihres ſeidenen Schuhes zu be⸗ trachten. In Wahrheit aber ſchaute ſie weit hinaus durch Gebälk und Fundament, tief in die Erde und mußte dort etwas Schreck⸗ liches erblicken, denn plötzlich ſchrak ſie auf, ſchauderte zurück und preßte ihre Hand mit einem tiefen Athemzuge auf's Herz. „Du haſt mich nicht angehört,“ ſagte Marie, während ſie ihre Freundin ängſtlich betrachtete.„Du haſt mich gewiß nicht verſtanden.“ „Oh! es iſt leicht, das zu verſtehen,“ entgegnete Thereſe;„ich begreife dich vollkommen und weiß was du willſt. Es gibt ſolche Orte, wo man kleine Kinder aufbewahrt, bis der gnädige Gott ſie zu ſich abruft. Aber dahin zu kommen, iſt ſehr ſchwer; ſie ſind verſchloſſen wie das Grab, deſſen Vorzimmer ſie ja auch ſind.— Laß' mich nachdenken; mit Gewalt durch die Polizei iſt nichts zu machen, ſie hat ja einen Todtenſchein erhalten, alſo exiſtirt das Kind eigentlich nicht mehr.— Wenn ich mich auch irgendwo hinwenden wollte, wo eine ſolche Anſtalt beſteht, glaube mir, man läßt mich eben ſo wenig eindringen, wie die Mutter jenes Kindes. O, die ſind ſchlau wie der Teufel!“. „Aber du könnteſt mir doch eine Adreſſe geben, damit ich's ihr mittheile.“ „Die ziehen bald hierhin, bald dorthin.— Aber wart' ein⸗ X 236 Neunzehntes Kapitel. mal,— da fällt mir eben ein, in dem Hauſe, wo der alte Schel⸗ linger wohnt— du kennſt ihn doch, unſern armen Freund, da hinten ſteht er,— da ſoll ſich ſo was befinden.“ „So wollen wir hin und ihn fragen.“ „Das wäre ſehr unklug; bei dir hätte es am Ende nichts zu ſagen, aber ich könnte mich in ein ſchönes Licht bringen,“ entgeg⸗ nete Thereſe ſonderbar lächelnd.„Nein, nein, das müſſen wir ge⸗ ſcheidter anfangen. Ich traue in dem Punkt dem alten Fuchſen nicht recht, wir müſſen Jemand an ihn abſchicken, der ihn vorſich⸗ tig ausholt.“ „Du haſt Recht, Thereſe,“ verſetzte das junge Mädchen.„Aber wem ſagen wir es?“ Die Andere zuckte die Achſeln und antwortete nach einigem Nachdenken:„das iſt für mich eine unangenehme Commiſſion; wenn ich es auch Einem ſage, ſo machen ſie ihre ſchlechten Witze; und ich haſſe das.“ „Ich weiß ſchon, was ich thue,“ ſagte eifrig Marie.„Ich er⸗ zähle die ganze Geſchichte dem Zimmermann Richard, der ſoll mit dem Schellinger ſprechen.“ „So, dem Richard erzählſt du es, mein Schätzchen?“ entgeg⸗ nete die andere Tänzerin lachend.„Ah! das iſt dein Vertrauter! Ja, ja, man treibt ſo allerlei, wenn man mich ſucht und ſich dann erſt ungeheuer lange hinter dem letzten Vorhange aufhält.— Nun, erſchrick nur nicht; du brauchſt dich deſſen nicht zu ſchämen, und wenn er es gut mit dir meint, was ich hoffe und glaube, ſo greif⸗ zu, und wie ich ſchon früher geſagt, nimm dich zu Hauſe doppelt in Acht.— Aber jetzt geh' und ſprich mit Richard darüber, erzähle ihm offen die ganze Geſchichte, wie du mir ſo eben gethan.“ Dieſen Rath befolgte denn auch Marie, und man kann ſich leicht denken, daß ſich der Zimmermann von der Tänzerin gerne hinter eine Couliſſe führen und ſie da unter vielen Neckereien die traurige Geſchichte vortragen ließ. Richard und Marie. 237 Das Reſultat dieſer Erzählung war, daß er während des drit⸗ ten Aktes den Garderobegehülfen auf die Seite nahm und ein längeres Geſpräch mit ihm hielt, worauf er von ihm zurück hinter die achte Couliſſe trat, wo diesmal der erſte Maſchiniſt ſelbſt, der Herr Hammer Vater, die Converſation leitete und von ſeinen Kriegsthaten erzählte. Der alte Schellinger hatte ſich indeſſen auch bald wieder näher geſchlichen; er zuckte oftmals die Achſeln, wenn der Andere irgend etwas beſonders Seltſames vorbrachte, ſchüttelte bedeutſam den Kopf und flüſterte auch wohl dem Schwindelmann zu:„ich ver⸗ ſichere dich, er lügt fürchterlich!“ Bald ging die Oper zu Ende, der Vorhang fiel für heute Abend zum letzten Male, wurde dann langſam wieder empor ge⸗ zogen, nachdem die Zuſchauermenge faſt das Haus verlaſſen. An den Eingangsthüren wogten und drängten noch die letzten Maſſen und in den Gängen ſah man noch Kopf an Kopf. Richard, der heute Abend gar keine Eile zu haben ſchien, be⸗ fand ſich auf der halb dunkeln Bühne und neben ihm ſtand Schel⸗ linger, während etwas rückwärts Herr Hammer einigen der Zim⸗ merleute und Maſchiniſten noch eine merkwürdige Geſchichte erzählte. „Ja- a, ja—a,“ ſagte er,„das habe ich noch vergeſſen, wie es damals in dem Kriege bei uns zuging. Als mich eines Tags der ſelige Bernadotte zu ſich kommen ließ und mir eine Depeſche auftrug— es handelt ſich vom Auswendiglernen und ich erzähle euch das nur, weil heutigen Tages unſere Schauſpieler ſo viel Weſens daraus machen, wenn ſie einmal in ein paar Tagen eine lumpige Rolle memoriren müſſen,— Hammer, ſagte Bernadotte zu mir, hier iſt eine Depeſche an Napoleon. Haſt du wohl Courage, ſie durch die feindliche Armee an den Kaiſer zu briugen? Wenn ſie dich aber damit erwiſchen, ſo ſchießen ſie dich todt.— Iſt denn der Inhalt ſo gefährlich, Excellenz? fragte ich.— Sehr wichtig und gefährlich, entgegnete er und zeigte ſie mir. Das waren 238 Neunzehntes Kapitel. ſechszehn enggeſchriebene Seiten Franzöſiſch.— Wiſſen Sie was, Excellenz, ſagte ich ihm, vertrauen Sie mir die Depeſche eine halbe Stunde an, dann komme ich wieder und Sie ſollen mit dem Ham⸗ mer zufrieden ſein.— Und er gab ſie mir und eine halbe Stunde nachher brachte ich ihm ſeine Depeſche wieder und ſprach: Excellenz wollen die Gnade haben und mich gefälligſt überhören zu wollen. — Und das that er, und ich ſagte ihm die Depeſche her, alle ſechs⸗ zehn Seiten und irrte mich nur zweimal, indem ich Allerhöchſtdie⸗ ſelben ſagte, wo nur Höchſtdieſelben ſtand.“ „Brrrr!“ machte Schwindelmann. Die Anderen lächelten ver⸗ ſtohlen und Schellinger blickte melancholiſch im Kreiſe umher, als ſei er betrübt, daß man ihm den Rang abgelaufen. Dann ſchlich er zu dem Theaterdiener hin und ſagte ihm abermals:„nein, der Hammer übertreibt; was der Mann ſich das Lügen ange⸗ wöhnt hat!“ „So, nun ſind wir fertig!“ rief der erſte Maſchiniſt;„das dauert immer lange, bis das Haus leer iſt. Ja— a, ja—a, wenn ich mir denke, daß es hier einmal brennen könnte, das müßte ein fürchterliches Unglück geben.“ „Noch ſchlimmer als in C.,“ ſagte Schellinger,„denn da hatten ſie doch weite Treppen und Gänge, und Viele konnten ent⸗ fliehen; die da verbrannten, blieben ſitzen, weil ſie vor Schrecken wie erſtarrt waren.“ „Nein, nein,“ entgegnete Herr Wander, ſo iſt es nicht, Schellinger; der Rauch hat ſie gleich betäubt und erſtickt.“ „Vor Schrecken blieben ſie ſitzen,“ ſprach hartnäckig der Schnei⸗ der;„ich war dabei.“ „O Schellinger, wie kannſt du lügen!“ ſagte der erſte Ma⸗ ſchiniſt.„Haben wir nicht an dem Abend zuſammen hier geſtan⸗ den, gerade wie heute?“ 4 „Ja, ja, es iſt möglich,“ entgegnete traurig der Garderobe⸗ gehülfe;„aber es iſt doch wahr, daß ſie vor Schrecken geſtorben Richard und Marie. 239 ſind, ich habe die beſten Nachrichten. Den Tag nach dem Unglück hatte ich Briefe von C.— ganz ausführliche und unzweifelhafte, denn ſie kamen— von Einem, der ſelbſt mit verbrannt iſt.“ In dieſem Augenblick erloſchen ſämmtliche Lichter am Kron⸗ leuchter, Alle entfernten ſich lachend, und die Bühne blieb öde und leer. Zwanzigſtes Kapitel. Toiletten-Geheimniſſe. Das kleine Appartement des Grafen Fohrbach nahm ſich bei Tage, trotzdem, daß es Winter war, außerordentlich reizend und elegant aus. Wenn auch die meiſten der Fenſter auf den Garten gingen und man dort nichts ſah als ſchneebedeckte Wege, kahle Aeſte, eingehüllte Bäume und hie und da durch die nackten Ge⸗ ſträuche ein Stück der Gartenmauer, ſo bildete dagegen der Salon, in dem wir uns neulich Abends befanden, einen höchſt angenehmen und wohlthuenden Contraſt. An dieſen Salon nänlich ſtieß ein großes Glashaus, welches den Pavillon des jungen Grafen mit dem elterlichen Hauſe verband, und auf Befehl der alten Excellenz als neutraler Grund betrachtet wurde, das heißt, der junge Graf konnte hier wohl auch mit einigen Bekannteu ſpazieren gehen, ſeinen Kaffee da nehmen, eine Cigarre rauchen; doch war ihm nicht erlaubt, dies allerliebſte Gewächshaus inſofern zu ſeinen Apparte⸗ ments mit heran zu ziehen, um auch hier kleine Fôten und Geſell⸗ ſchaften zu geben. Dies Recht hatte ſich der Papa vorbehalten, weßhalb denn auch der Kammerdiener des jungen Grafen ange⸗ 240 Zwanzigſtes Kapitel. wieſen war, ſo oft ſich größere Geſellſchaft bei ſeinem Herrn be⸗ fand, dieſe Eingänge zum Gewächshaus zu ſchließen, damit nicht unwillkürlich gegen den Befehl des Papa und Kriegsminiſters gehandelt werde. Heute Morgen dagegen— es mochte zehn Uhr vorüber ſein— ſtanden die weiten Flügelthüren, die vom Salon aus ins Ge⸗ wächshaus führten, offen, und es iſt uns ſchon erlaubt, einen neu⸗ gierigen Blick hinein zu werfen. Das Glashaus bildete den vierten Theil eines Kreiſes, ſowie oben ein ſpitzes Gewölbe in gothiſcher Form, beſtand auf beiden Seiten aus Eiſen und Glas, und enthielt einen fömlichen Winter⸗ garten. Von dem Salon des jungen Grafen aus ſtieg man ein paar Stufen hinab. Auf den hohen Ruhebänken dieſer kleinen Treppe ſtanden rechts und links Marmorfiguren in einem wahren Wald von blühenden Pflanzen aller Art, an deren Poſtament Schlinggewächſe empor rankten und ſich oben mit anderen Wucher⸗ ſtauden zuſammen ſchlangen, die an der Decke des Glashauſes empor krochen und ihre ſonderbaren Blüthen, tiefblaue und weiße Glocken, über die Häupter jener Figuren herab hängen ließen. Dunkler Epheu umſchlang die Wände der kleinen Treppe ſowie die Ruhebänke, und aus dem tiefen Grün dieſer Blätter glänzte hie und da eine brennend rothe fremdländiſche Blume, die jetzt ihren Sommer hatte, wo bei uns Schnee und Eis lag, hervor. Die Wege des Glashauſes waren mit dem feinſten hellgelben Sande bedeckt und ſchlängelten ſich in der willkürlichſten, eigenſin⸗ nigſten Form um Gruppen und Bosquetten herum, die aus Oran⸗ gen, Lorbeer, Citronen, fremden Nadelhölzern beſtand und deren Ecken meiſtens mit Kryſtallgefäßen geſchmückt waren, in welchen Goldfiſche herum ſchwammen oder irgend eine ſeltene Blume ſich recht auffallend präſentirte. Die ⸗Mitte des ganzen Glashauſes bildete eine große Kuppel mit hochſtämmigen Bäumen beſetzt, die einen marmornen Spring⸗ Toiletten⸗Geheimniſſe. 241 brunnen umſtanden, aus deſſen oberſter Etage ein Strahl empor ſprang, der, ſich in der Luft vertheilend, von Schaale zu Schaale mit melodiſchem Plätſchern zurück fiel. An vier Seiten dieſer Kuppel befanden ſich Volièren, deren gefiederte Bewohner, arme Sklaven, ſchon jetzt freudig ihre muntere Lieder ſangen, während draußen ihre freien Kameraden noch mit allen Mühen des Lebens, mit Hunger und Froſt, zu kämpfen hatten. Jenſeits der Kuppel ſetzte ſich das Glashaus in gleicher Weiſe wie dieſſeits fort; dort befand ſich ebenfalls eine kleine Treppe mit Ruhebänken, Epheugewinden, mit Blüthen, Blumen, Schlingpflan⸗ zen und Marmorſtatuen; doch waren die Flügelthüren, welche in das Haus Seiner Excellenz führten, feſt verſchloſſen, ſowie die inwendigen Vorhänge herab gelaſſen. Aus dem dieſſeits geöffneten Glashauſe drang in den Salon des jungen Grafen ein äußerſt angenehmer Duft; es ſtrich die duftige Atmoſphäre herüber, die in gut erhaltenen Glashäuſern herrſcht, jener nicht zu bezeichnende Geruch, beſtehend aus den verſchiedenſten zarten Dünſten, welche die Pflanzen aushauchen, wenn nach dem Beſpritzen mit friſchem Waſſer über die erquickten Blätter ſo langſam ein Tropfen nach dem andern herab rieſelt. Im Salon des Grafen war es behaglich warm, ohne heiß zu ſein. Aus dem Glashauſe ſtrömte auch erwärmte Luft herein, und im Kamin ſpielte ein luſtiges Feuer. In der Nähe des letz⸗ teren ſtand ein großer runder Tiſch mit Geſchirren verſchiedener Art beladen, aus deren Unordnung man erſah, daß dort eben ge⸗ frühſtückt worden war; es befanden ſich hier zwei Couverts mit darüber hingeworfener Serviette und leeren Stühlen davor, wäh⸗ rend ein dritter Seſſel noch beſetzt war und zwar durch den Baron Brand, der behaglich in demſelben ausgeſtreckt war, von Zeit zu Zeit eine neben ihm ſtehende Chocoladetaſſe an den Mund brachte, dazu eine Cigarre rauchte und in einem Journale las. Hackländers Werke. XVI. 16 Zwanzigſtes Kapitel. An dieſen Salon ſtieß, wie wir bereits wiſſen, das Arbeits⸗ zimmer des Grafen, ſowie Garderobe und Schlafgemach. In letz⸗ terem befand ſich der Hausherr; vor einem großen Spiegel ſtehend war er beſchäftigt, ſich anzuziehen. Die Thüre ins Arbeitszimmer ſtand offen, und hier bemerkte man den Maler Arthur, der an einem Fenſter ſaß, vor ſich ein weibliches Portrait hatte und im Begriffe war, von demſelben eine Copie in Aquarell zu machen. Der Eingang in den Salon war verſchloſſen und es hing dieſſeits vor demſelben ein dicker perſiſcher Teppich herab. Graf Fohrbach hatte ſeine Toilette ungefähr halb beendigt, und an ſeinen Stiefeln mit Sporen und an einem Beinkleid mit rothen Streifen bemerken wir, daß er im Begriff iſt, ſich in Uni⸗ form zu werfen. Der alte Kammerdiener ſtand mit dem ernſteſten Geſichte von der Welt neben ihm und reichte ihm die verſchiedenen nöthigen und unnöthigen Geräthſchaften, die das wichtige Geſchäft des Ankleidens erforderte. Jetzt hatte er eine kleine ſilberne Büchſe mit weißer Bartwichſe aufgeſchraubt, der Graf nahm etwas davon mit Daumen und Zeigefinger und drehte mit Hülfe dieſer wohl⸗ riechenden Maſſe ſeinen Schnurrbart keck in die Höhe, wobei er ſich nicht ohne Wohlgefallen im Spiegel beſah. „Wenn man euch Herrn ſo bei der Toilette ſieht,“ rief der Maler aus dem Nebenzimmer,„ſo begreift man vollkommen, daß euch von der vielen Zeit, die ihr habt, doch ſo wenig übrig bleibt. Jetzt ſind Sie bereits eine halbe Stunde mit Ihrem Anzug be⸗ ſchäftigt und, wie ich ſehe, noch nicht übermäßig vorgerückt.“ „Der Anzug, mein Lieber, iſt eine wichtige Sache,“ gab der Graf zur Antwort,„namentlich wenn man, wie ich heute, den Dienſt hat. Ich verſichere Sie, da kommen eine ſolche Menge Leute ins Vorzimmer, die oft Stunden lang warten, Fremde, Herren vom Civil, Vorgeſetzte und Kameraden, und das fängt zu⸗ erſt an, die Wände zu beſehen, Plafond und Fußboden, und dann Toiletten⸗Geheimniſſe. 243 kommen wir an die Reihe. Ahl! ich verſichere Sie, das Alles be⸗ trachtet uns genauer, als es eine Geliebte oder junge Frau macht.“ „Das habe ich nicht gewußt,“ entgegnete Arthur lachend. „Deßhalb müſſen wir in unſerem Anzug ſo außerordentlich, ja übermäßig correct ſein. Glauben Sie mir, für die Miniſter und dergleichen, die zum täglichen Rapport kommen, oder überhaupt für Alle, die Audienz haben, ſind wir Adjutanten ein wahrer Baro⸗ meter. Auf uns fiel der erſte allerhöchſte Sonnenblick, wenn ein ſolcher da war, oder wir bemerkten die erſten Wolken am Horizont aufſteigen, und dieſe Witterung zeigen wir nun an und verheim⸗ lichen ſie, je nach Umſtänden.“ „Durch den Anzug?“ „Durch den Anzug, durch den Ausdruck unſeres Geſichtes, ja durch die Stellung unſeres Bartes.“ „Ahl das iſt ja erſtaunlich!“ rief Arthur.„Und wer verſteht ſich auf dieſe kleinen und feinen Nuancen?“ „Alle, denen was daran gelegen iſt. Ja, ihr meint, das Ding ſei ſo leicht, man habe da nur im Vorzimmer zu ſtehen und eine Meldung zu machen. Nein, nein! Das will Alles durchdacht ſein, denn ich verſichere Sie, ſo gut es bei den Schauſpielern denkende Künſtler gibt, ſo gibt es auch bei uns denkende Adjutanten.“ „Erſtaunlich!“ entgegnete luſtig der Maler.—„Und wie be⸗ trachtet man einen ſolchen Barometer, den Sie heute vorzuſtellen das Glück haben; das heißt, wie liest und verſteht man ſeine Zeichen?“ „Das iſt nicht leicht zu ſagen,“ erwiderte der Graf, indem er ſeinen Waffenrock zuknöpfte, den ihm der Kammerdiener zu glei⸗ cher Zeit feſt in die Taille hinein zog.„Sehen Sie, zum Beiſpiel man hat ſeine Freunde, die man gerne avertirt, wie es drinnen aus⸗ ſieht, ohne ein Wort zu ſprechen, denn Sie wiſſen, in dem Vor⸗ zimmer halten ſich oft die Kammerdiener auf, die immens feine 244 Zwanzigſtes Kapitel. Ohren haben. Iſt es ein ſchönes klares Wetter, ſo geht man ver⸗ gnügt auf und ab, ſummt auch, natürlicher Weiſe pianiſſimo, eine kleine Arie oder ſteht in ruhiger Beſchaulichkeit an einem der Fen⸗ ſter. Gibt es dagegen Wolken, ſo macht man ein ernſtes Compli⸗ ment, dreht den Schnurrbart ein klein wenig in die Höhe, oder rückt häufig an Säbel und Schärpe, um ja Alles in beſter Ord⸗ nung zu haben.“ „Und wenn nun der Barometer Sturm anzeigen ſoll?“ „Daun lehnt man ſich gedankenvoll an eine Tiſchecke,“ erwi⸗ derte der Graf, indem er ſeinen Säbel feſthakte,„und hält vor allen Dingen den Federhut unter dem Arm. Es zeigt das an, daß man jeden Augenblick gewärtig ſein kann, zu irgend einer un⸗ angenehmen Commiſſion hinaus geſprengt zu werden.“ Jetzt war die Toilette beendigt; der Kammerdiener ſteckte ſei⸗ nem Herrn ein parfumirtes Sacktuch in die linke Taſche des Waffen⸗ rocks, reichte ihm Federhut und Handſchuhe, und verließ darauf mit unhörbaren Schritten das Zimmer. Der Graf trat in das Nebengemach, ſtellte ſich hinter den Stuhl des Künſtlers, indem er das bald fertige Aquarell mit Wohlgefallen betrachtete. 4 Es war das Portrait einer ſchönen Frau, deren Jugend in die letzte Hälfte des vorigen Jahrhunderts fiel;z das ſah man an dem gepuderten Haar, und dem eigenthümlichen Schnitt des Kleides, — das Bild der Großmutter des Grafen, von welchem Arthur ſei⸗ nem Freunde gerne eine ſchöne Copie machte. „Ich bin Ihnen für Ihre gelungene Arbeit ſehr dankbar,“ ſagte der Hausherr;„ich habe ſchon lange gewünſcht, dies Bild zu beſitzen.“ „Von Dank kann keine Rede ſein,“ entgegnete der Maler. „Ich bin noch ſtark in Ihrer Schuld; die beiden alten köſtlichen Reiterpiſtolen, die Sie mir neulich verehrten, ſind wahre Meiſter⸗ werke, und machen den ſchönſten Theil meiner Sammlung aus.“ —-.f— . —-.— . Toiletten⸗Geheimniſſe. 245 „Kleinigkeiten!“ verſetzte der Graf, indem er ſich auf die Lehne des Stuhles ſtützte.„Wenn das Aauarell fertig iſt, ſo werde ich noch eine Büchſe dazu auftreiben. Es iſt Schade, daß ich Ihre Liebhaberei für alte Waffen nicht früher kannte, ich habe ſchon ſo manches werthvolle Stück verſchleudert.— Doch indem ich hier plaudere, fällt mir ein, daß draußen der Baron ſitzt und wahr⸗ ſcheinlich ungeduldig meine Rückkunft erwartet.“ „Das glaube ich nicht; er ſitzt ruhig am Tiſche, trinkt ſeine Chocolade und liest die Zeitung.— Eigentlich ein ſeltſamer Herr.“ „Allerdings iſt er in manchen Beziehungen ein ſonderbarer Menſch, aber ein guter Kerl und ich mag ihn wohl leiden.“ Der Maler ſchaute ſich nach dem Salon um; als er aber ſah, daß der Teppich vor der Thüre hing, bſlikte er wieder auf ſeine Arbeit. „Unbeſorgt!“ lachte Graf Fohrbach, der dieſe Bewegung ge⸗ ſehen;„das iſt Alles bei mir wohlweislich eingerichtet. Ich mag es nicht leiden, wenn die Bedienten zu viel hören; ich muß doch irgend ein Aſyl haben, wo ich vollkommen allein ſein kann.— Beide Thüren, die zum Schlafzimmer und die zum Salon, haben geheime Federn und bleiben nie offen ſtehen. Sie fallen geräuſch⸗ los ins Schloß und ſind ſo ſorgfältig gearbeitet, daß nicht das lauteſte Wort durchdringen kann.“ „Kennen Sie den Baron ſchon lange?“ fragte anſcheinend gleichgültig der junge Maler. „Seit ungefähr einem halben Jahre; ich geh⸗ ſonſt nicht leicht neue Bekanntſchaften ein, aber er brachte mir von W., woher er kam, ganz außerordentliche Empfehlungen von guten Freunden. Auch amuſirt mich zuweilen ſein geziertes Weſen; er iſt dabei gut⸗ müthig, ſehr gebildet, hat viel geſehen und, wenn er will, erzählt er vortrefflich. Eine innige Freundſchaft möchte ich gerade nicht mit ihm eingehen, aber zum gewöhnlichen Umgang gefällt mir die 246 Zwanzigſtes Kapitel. Art, wie er ſich gehen läßt und wie man ihn ebenfalls gehen laſſen kann. Jetzt ſitzt er zum Beiſpiel draußen; wenn ich ihn ruhig da laſſe und mich durch die Hinterthüre entferne, um meinen Geſchäften nachzugehen, ſo findet er das ganz natürlich und kommt Abends zum Thee mit demſelben freundlichen und unbefangenen Geſicht.“ „Ich brachte das Geſpräch nicht ohne Abſicht auf den Baron,“ ſagte Arthur. „Wie ſo?“ „Ich will Ihnen das gelegentlich einmal erzählen, es iſt ein höchſt eigenthümlicher Vorfall und doch vielleicht wieder ganz unbe⸗ deutend; ich weiß ſelbſt nicht, was ich davon denken ſoll.— Aber Sie ſind eilig, und ich will Sie heute Morgen nicht aufhalten.“ „Aufrichtig geſagt, ja, lieber Arthur,“ erwiderte Graf Fohrbach. „Aber vergeſſen Sie Ihre Geſchichte nicht, ich geſtehe wohl, daß ich mich für den Baron intereſſire.“ „Hat er Vermögen?“ „Für das was er ausgibt, muß er reich ſein. Ich traf ihn neulich bei Ihrem liebenswürdigen Papa— meinem Banquier, der ihm auf die freundlichſte Art von der Welt ein Paket Banknoten einhändigte. Der Kaſſier verbeugte ſich tief vor ihm, und das iſt ein guter Barometer— wie Sie wohl am beſten wiſſen—“ „Wie Sie im Vorzimmer Seiner Majeſtät!“ „Allerdings, junger Spötter!— Doch—— Teufel! wie ver⸗ geßlich ich bin! Da habe ich Sie um etwas bitten wollen— was war es doch?— Richtig, jetzt fällt mirs ein.— Wie viel Uhr iſt es wohl?“ unterbrach er ſich.—„Laſſen Sie nur ſtecken, ich will im Salon nachſehen, da iſt eine Standuhr, die täglich nach der im Schloß gerichtet wird.“ Damit hob er den Thürvorhang auf und ging ins Rebenzimer Der Baron ſaß noch ruhig bei ſeiner Chocolade und las auf⸗ Toiletten⸗Geheimniſſe. 247 merkſam ſeine Zeitungen. Doch ſtudierte er beſonders die hinteren Seiten derſelben, wo ſich die Annoncen befanden. Als der Graf eintrat, wandte er kaum den Kopf herum, nickte vielmehr nur leicht, als ihm dieſer ſagte:„verzeihen Sie, Baron, daß ich Sie ſitzen ließ, aber Sie wiſſen, Herrendienſt geht vor allem Anderen. Ich muß um elf Uhr ins Schloß, und es iſt wahrſcheinlich ſchon halb vorbei; da muß ich mich ungeheuer beeilen.“ „Ei, mein lieber Graf,“ entgegnete der Baron mit ſanfter Stimme, indem er ſeine Taſſe niederſetzte und ſich auf die zierlichſte Art von der Welt den Schnurrbart ſtrich,„da haben Sie Zeit genug. Ihr vortrefflicher Kutſcher bringt Sie ja in zwei Minuten an die Thüre der Freitreppe.“ „Da haben Sie Recht, mein Beſter,“ verſetzte der Graf, der aus einer reich mit Gold und Steinen incruſtirten Mappe eine Lage Poſtpapier heraus nahm.„Aber ich bin Geſchäftsmann und muß vorher noch einen wichtigen Brief ſchreiben. Doch um Sie nicht in Ihrer Lectüre zu ſtören, will ich mich ins Nebenzimmer begeben.“ „Ich leſe Anzeigen,“ ſprach gähnend der Baron,„fand aber da etwas, was mich erſchreckte. Da iſt ein Kerl, der kündigt einen Odeur an, von dem er ſagt, es ſei das feinſte Oel, was man den Roſen entziehen könne und habe den ſanften Geruch dieſer Blume, ohne jedoch an das Scharfe, Unangenehme des gemeinen Roſenöls zu erinnern.“ „Das wäre Ihr coeur de rose!“ entgegnete Graf Fohrbach. „Ei, ei! Baron, am Ende hat Sie Ihr Armenier verrathen und Ihr Geheimniß iſt in Jedermanns Munde.“ „Unbeſorgt!“ ſagte der Baron, indem er ſein Battiſttuch her⸗ vorzog und es unter die Naſe preßte;„dieſe Feinheit bringt nur er hervor, und wenn der Kerl da in in der Zeitung wirklich etwas Aehnliches anpreist und verkauft, ſo wird doch die gemeinſte Naſe den Unterſchied deutlich riechen.“ 248 Zwanzigſtes Kapitel. „Das iſt ein Troſt für Sie,“ erwiderte der Graf, der bei die⸗ ſen Worten ins Nebenzimmer eilte. Doch rief er noch durch die Thüre:„nur einen Augenblick, Baron! Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“ Die Thüre fiel zu und man hörte deutlich, wie das Schloß einſchnappte. ſmfffffffffffffffſſff iſſſſſſff ſſffffffffff Nnfänfffnfſinffſrſfſnſſſſfinſſſſſſünſſſſſſſ 3 14 15 16 17 18