8* 1 „/ 7 8 4 Ma ₰ 4—₰ — —Zööſͤſſͤſſſſſ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 v Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirrd. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und peträgt:. für ichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk. Ff. 1 Nr. 50 PFf. 2 Nr. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1' 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird —beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — d v — F. W. Hackländer's Werke. f. W. Hackländer's Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Fünfzehnter Band. —SO Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1855, Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Officin in Stuttgart. Der geheime Agent. Luſtſpiel in fünf Aufzügen. Perſonen. Alfred, regierender Herzog. Die Herzogin Wittwe, ſeine Mutter. Prinzeſſin Eugenie, Nichte der Herzogin. Graf Steinhauſen, erſter Miniſter. Graf Oskar, deſſen Neffe.„ Der Oberſthofmeiſter. Ein Geheimer⸗Rath. Der Kammerherr vom Dienſte. George, Kammerdiener des Herzogs. Herren und Damen vom Hofe, Räthe, eine Kammerfrau, Bediente. Erſter Aufzug. Reicher Salon, Thüren im Fond und zu beiden Seiten, rechts iſt ein Fenſter.* Erſter Auftritt. Der Herzog. Graf Steinhauſen. Der Gebeimerath, zwei Räthe.(Der Herzog ſteht an dem Tiſche links— die Miniſter etwas im Hintergrunde.) 3 Herzog. Sind wir zu Ende, meine Herrn? (Alle bis auf den Grafen machen eine tiefe Verbeugung.) Ah, Graf, Sie haben noch etwas auf dem Herzen? Laſſen Sie hören! Graf. Euer Durchlaucht werden zu Gnaden halten, daß ich eine Sache abermals zur Sprache bringe. Herzog. Abermals? Doch nicht eine Sache, die ſchon erledigt iſt? (Der Graf verbeugt ſich tief.) Sie werden mich noch ungeduldig machen. Wird nicht jede Maßregel lange vorher, ehe ich noch darum weiß, von meinen wei⸗ ſen Räthen reiflich erwogen und dann durch meine Mutter gut * Rechts und links vom Zuſchauer. Der geheime Agent. geheißen? Wozu denn immer auf Sachen zurückkommen, die be⸗ endigt ſind? Graf. Ihre Durchlaucht, die Frau Herzogin ſelbſt— Herzog. Meine Mutter—?2 Graf. Hochdieſelben waren ſchon damals mit der vorzutragenden Maßregel durchaus nicht einverſtanden und nur die gewiſſenhafteſten Rückſichten für die hohe Mutter meines Herrn bewegen mich— Herzog(ungeduldigy. Von welcher Maßregel belieben Sie zu ſprechen? Ich wüßte doch wahrhaftig keine, die wir, Sie, meine Herren und ich, uns erkühnt hätten, in Kraft treten zu laſſen, ohne die vollſtändigſte Genehmigung meiner durchlauchtigen Frau Mutter, welche die Gnade hat, uns mit ihrem hocherleuchteten Verſtande und ihrer langjährigen Erfahrung beſtens an die Hand zu gehen. Das wiſſen Sie ſo gut wie ich, meine Herren. Alſo, was bin ich im Stande, ungeſchehen zu machen? was hätte ich befohlen, meine Herren, welche Maßregel getroffen, die nicht ſchon zur Genüge durchgeſprochen und vollſtändig erledigt wäre? (Der Graf will ſprechen.). Es ſei denn, daß Sie von etwas ſprechen wollen, was mein perſönliche Umgebung oder mich ſelbſt betrifft, über den einzigen Zweig meiner Verwaltung alſo, in welchem ich vielleicht Befehle er⸗ ließ, ohne Sie, die Räthe meines hochſeligen Herrn Vaters, davon in Kenntniß zu ſetzen. Doch ich will nicht hoffen, daß Sie verlangen, ich ſolle auch darüber Ihre Meinung hören! Graf. Wir— Euer Durchlaucht— mit Geſchäften der ernſteſten Art überhäuft, würden uns nicht unterſtehen, wenn nicht die durchlauch⸗ tigſte Frau Herzogin— 3 r Der geheime Agent. 4 Herzog. Alſo doch? Was iſt's denn? Ohne Unſchweife, laſſen Sie hören! Graf. Euer Durchlaucht geruhten zu befehlen, daß die Gärten Höchſt⸗ ihres Schloſſes— Herzog. „Was ich in Betreff meiner Gärten zu befehlen geruhte, wird, glaube ich, Niemand ſonderlich kümmern, denn ich geruhte nur über die Gärten zu befehlen, welche zu meinem kleinen Privatſchloß vor den Thoren unſerer Reſidenz gehören. Wünſchen Sie auch Befehle dieſer Art im Voraus zu controliren? Ich will nicht hof⸗ fen, Herr Graf. Graf. Ich? Wollen mich Euer Durchlaucht um Gotteswillen nicht mißverſtehen! Aber Ihre durchlauchtige Frau Mutter findet— Herzog. Was?— Ach ja, ich erinnere mich! Man findet es wohl unpaſſend, daß ich die Gärten meines Schloſſes, die ehedem ſtreng abgeſperrt waren, für Jedermann geöffnet habe. Man findet es unpaſſend, daß ich mich dort häufig im Kreiſe vergnügter Menſchen zeige, daß ich dort an Sonntagen die Muſik meines Leibregiments ſpielen laſſe! Graf. Ich bekenne es, Euer Durchlaucht; namentlich das Letztere hat das leidende Gemüth Ihrer durchlauchtigen Frau Mutter mit eini⸗ gem Schmerz erfüllt. Euer Durchlaucht erinnern ſich, wie ſehr von jeher darauf gehalten wurde, daß der Sabbath in feierlicher Stille begangen und nicht durch rauſchende Vergnügungen ſowohl vom Allerhöchſten Hofe, als von Hochdero Unterthanen geſtört und ent⸗ weiht würde. Der geheime Agent. Herzog Luſtig. Man hat am letzten Sonntage vor der Eremitage getanzt. Graf. Leider, Euer Durchlaucht, leider! Herzog. Vor der Eremitage und am Sonntag! Graf. Leider, gnädigſter Herr!(Wirft, während der Herzog umſchaut, den Collegen einen heftigen aufmunternden Blick zu.) Die Näthe(murmelnd).. Leider! Herzog Caufathmendd. Ah, auch Sie, meine Herren, ſehen hierin ein Ereigniß. Auch Sie finden, daß ich etwas gethan, was Sie mit Entſetzen erfüllen muß. Beruhigen Sie ſich, meine Herren, dieſe Angelegenheit be⸗ trifft mich ganz allein, und ich will ſie auch allein verantworten. — Sie ſind die Räthe meiner Mutter, des Staates, meine Räthe, und ſomit die Lenker aller Geſchäfte. Begnügen Sie ſich damit, und laſſen Sie mir in meinem Reiche einen kleinen, leider einge⸗ zäunten Winkel, in dem ich mir einbilden kann, unumſchränkter Herr zu ſein. Was das Wohl des Staates betrifft, ſollen Sie und meine durchlauchtige Frau Mutter unumſchränkt ſchalten und wal⸗ ten, was aber andere Dinge anbelangt, die mein Gewiſſen allein beſchweren könnten, ſo laſſen Sie mich dies auch mit mir ſelbſt ausmachen. Laſſen Sie mir dieſe kleine Freiheit, dieſe geringe Verantwortlichkeit! anit einer Handbewegund Guten Morgen, meine Herren! (Die Räthe ziehen ſich mit tiefem Bückling bis zur Thüre zurück.) Unerträglich! Das ſoll, das wird anders werden! Der geheime Agent. 11 Zweiter Auftritt. Vorige. Kammerherr. Kammerherr.* Ihre Durchlaucht, die Frau Herzogin, wünſcht nach ihrem Morgenſpaziergang die Herren Miniſter in ihrem Kabinet zu em⸗ pfangen. Herzog (der in einigen Papieren liest, macht, ohne aufzublicken, eine Bewegung mit der Hand nach der Thür rechts, wohin ſich die Räthe zurückziehen). Dritter Auftritt. Der Herzog Canein. Nicht einen Fuß breit komme ich weiter; nur in einem be⸗ ſtimmten Kreiſe herum darf ich mich frei bewegen; aber ſowie ich einmal den Verſuch mache, mit vorſichtigem Schritt gerade auszu⸗ gehen, ſo ſtoße ich augenblicklich auf Hinderniſſe, mit denen man mich umgeben. Ich fühle mich zurückgedrängt, und man wirft mir bei jeder Gelegenheit tauſenderlei Wenn und Aber in den Weg, oder man zeigt mir unüberwindliche Schwierigkeiten, die ich leider nicht im Stande bin, hinwegzuräumen. Die Regierung mei⸗ nes Landes, während meiner Minderjährigkeit und ſpäter während meiner langen Reiſen, durch die Hand meiner Mutter geleitet, ſoll ſo ſegensreich, ſo beglückend geweſen ſein.— Man ſagt mir das täglich, ſtündlich;— man reichte mir zwar ſeufzend die Zügel, als * Wo nicht angegeben iſt: aus dem Kabinet rechts oder links, kommt und geht alles durch die Mittelthüre. 12 Der geheime Agent. man ſie mir unmöglich länger vorenthalten konnte, aber man wie⸗ derholte häufig dabei, wie ungern mein Volk geſehen, daß die Per⸗ ſon des Regierenden gewechſelt werde, ja ſetzte hinzu, daß dies Volk es nicht ertragen würde, auch das Syſtem, unter welchem es ſo lange glücklich und friedlich gelebt, im Geringſten verändert zu ſehen. Und da das Syſtem vollkommen geblieben iſt, ſo habe ich nicht viel mehr, als den Namen des Regierenden; ſehe aber aus den vielen Klagen, die an mich kommen, da man ſie mir nicht vor⸗ enthalten kann, wie ſehr man vergeblich auf mich gehofft, wie ſehr man gewünſcht, daß ich Mißbräuche abſtelle, welche ſich unter einer Regierung von Miniſtern eingeſchlichen, die, geführt von der Hand einer herrſchſüchtigen, aber ſehr frommen Frau, ihr einziges Heil darin ſehen, daß Alles und auch ſie unverrückt beim guten Alten und bei ihrem hergebrachten ſteifen Weſen verbleibe.— Ich aber liebe das gute Neue, liebe fröhliche Geſichter um mich, und möchte es dahin bringen, daß, wenn ich mit der einen Hand ſtrenge noth⸗ wendige Befehle erlaſſe, ich zu gleicher Zeit die andere Hand zur Freude, zum Wohlthun öffnen könnte. Es iſt mir nicht genug, daß man mir gehorcht, man ſoll mir auch gern und freudig gehorchen; aber davon bin ich leider noch ſehr weit entfernt. Vierter Auftritt. Herzog. Herzogin. Prinzeſſin. Herzogin Gum Kammerherrn, der ihr die Thür öffnet). Sind die Miniſter in meinem Kabinet? Gum Herzog Guten Morgen, lieber Sohn! Ich habe einen Morgenſpaziergang ge⸗ macht und mich, wie immer, emſig mit dir beſchäftigt. Ich wünſchte dich nachher einen Augenblick zu ſprechen. Der geheime Agent. 4 8* Herzog. Zu Ihren Befehlen, Mama! (Sie geht in das Zimmer rechts, die Prinzeſſin macht eine Verbeugung und bleibt im Salon. Der Kammerherr durch die Mitte ab.) . Herzog (ſieht ſich forſchend nach allen Seiten um und eilt dann auf die Prinzeſſin zu). Endlich, Eugenie, iſt es mir vergönnt, Sie einen Augenblick allein zu ſehen! Prinzeſſin. Euer Durchlaucht— Herzog. Immer Euer Durchlaucht! O, Eugenie, ich habe mit Ihnen ein beſonderes Unglück. Sie allein ſehen in mir beſtändig nur den Herrn, während alle Andere vertraulich mit mir umgehen; cbitter lahend' bei Gott! vertraulicher, unendlich herablaſſender. Prinzeſſin. Weil ich eine von den Wenigen bin, die es mit Euer Durch⸗ laut offen und ehrlich meinen. Herzog. Thun Sie das wirklich, Eugenie?— Offen und ehrlich? Ja ich glaube es! Aber ich bekenne es Ihnen, Ihre Offenheit thut mir weher, als die Falſchheit der Uebrigen. Prinzeſſin. Durchlaucht! . Herzog. Wie war es ſonſt ſo anders mit uns, Eugenie? in jenen glück⸗ lichen Zeiten, wo ich nur Ihr Verwandter war? wo die Herzogs⸗ krone, die man endlich für gut fand, auf mein Haupt zu ſetzen, noch nicht dieſe entſetzliche Scheidewand zwiſchen uns gezogen? Waren es nicht beſſere Zeiten, in welchen ich Ihre mir ſo theure Liebe, Eugenie, und das ſüße Geheimniß dieſer Liebe mein nennen durfte? Ich bin in der That ſehr arm geworden, denn ich verlor Beides auf einmal. Sie erklärten die Liebe des unbefangenen 14 Der geheime Agent. Mädchens zu dem harmloſen Jüngling für ein Unrecht, nachdem dieſer Jüngling Herzog geworden. Seitdem habe ich Alles verlo⸗ ren, Eugenie, Alles; ich habe nichts mehr für mich allein! meine Freuden, ſowie meine Leiden, liegen offen vor Jedermanns Blicken da.— Es war grauſam von Ihnen, mir mein ſüßes, ſo au be⸗ wahrtes Geheimuiß zu rauben. Prinzeſſin. Nicht ſolche Worte, Durchlaucht! Bedenken Sie, wer wir ſind und— wo wir ſind; vor dem Kabinet der Herzogin! Herzog.. Laſſen wir meine Mutter, ſie denkt jetzt nicht an uns, ſie be⸗ ſchäftigt ſich mit ernſteren Dingen; was ſind in ſolchen Augen⸗ blicken, wo ſie für das Wohl des Staates ſorgt, wir für unbedeu⸗ tende Dinge in ihren Augen!— Seien Sie unbekümmert.— Doch was haben Sie, Eugenie? Prinzeſſin. O ſie denkt an uns, und gerade in dieſem Augenblicke eifriger als je; ich verſichere Euer Durchlaucht, man denkt ſehr ernſtlich an uns, ich wollte ſagen: an Sie— die Herzogin, die Mi⸗ niſter— Herzog. Sie machen mich neugierig. Seit wann hätten es meine Miniſter der Mühe werth gefunden, ſich ernſtlich mit mir zu be⸗ ſchäftigen? Prinzeſſin. Gerade in dieſem Augenblicke.— Doch was rede ich?— Es iſt ſehr unrecht, Ihnen die Geheimniſſe Ihrer Mutter zu verrathen, Geheimniſſe, die ich zufällig erfahren. Herzog. Geheimniſſe? Will man mich vielleicht wieder unter Vormund⸗ ſchaft ſtellen, erſcheint vielleicht ſogar der kleine Schein von Herr⸗ ſchaft, den ich habe, zu viel, zu unerträglich?— Nun, Eugenie? Der geheime Agent. 15 Prinzeſſin. Man will Sie vermählen! „ Herzog. Mich vermählen? mich vermählen!? Da Sie mir es ſagen, muß ich es glauben, will es gern glauben. Sehen Sie, wie ich vor Freude erzittere. Hat meine Mutter einmal wahr und warm für mich gefühlt, hat ſie mit ihrem ſcharfen Auge endlich entdeckt, was Sie mir ſind, Eugenie?— Sie ſchweigen, Sie ſchütteln den Kopf! Bei Gott! Sie machen mich ungeduldig! Prinzeſſin. Da ich es Ihnen ſage, mein Fürſt, daß die Herzogin an dem Hofe von Braunſchweig eine Gemahlin für Sie geſucht und für Sie gefunden hat, werden Sie es mir glauben und aus der Re⸗ ſignation, mit welcher ich vor Ihnen ſtehe, entnehmen, wie wahr und aufrichtig ich zu Ihrem Beſten allem, allem Glücke entſagt. Herzog. Und ich ſollte Ihnen entſagen?— nie!— Ich ſoll mich ver⸗ mählen, eine Frau nehmen, die ich nicht kenne, nicht liebe? und ich ſoll dulden, daß man das dort drinnen aktenmäßig ausmacht? Nein, das Maaß iſt voll, ich will zeigen, wer Herr iſt! Prinzeſſin. Unternehmen Sie nichts, Herzog! Was wollen Sie thun, ohne Sie, ohne mich zu compromittiren? Herzog. Rathen Sie mir, Eugenie! Sie ſind ein kluges Mädchen, Sie meinen es gut mit mir. Ihr Rath war ja immer, wenn auch bis⸗ weilen hart für mich, wohl gemeint, denn er kam aus einem füh⸗ lenden Herzen. Prinzeſſin. Jeder Schritt, den Sie gegen den Beſchluß Ihrer Miniſter thun, iſt, wie die Sachen ſtehen, leider gegen Ihre Mutter gerich⸗ tet, Sie können nicht auf einmal offen und kräftig auftreten, Sie 16 Der geheime Agent. haben zu ſorglos gelebt, Sie haben die Krone wie ein Spielzeug übernommen und durch Eingebungen Anderer bisher wie ein Spiel⸗ zeug behandelt. Man hat Sie überliſtet, indem man Sie glauben machte, nur auf ſolche Art könne das Regiment in Ihrer Hand für das Land ſegensreich wirken— nur ſo lange ſeien Sie bei Ihrem Volk ein beliebter Herrſcher, als Sie der Leitung Ihrer Mutter und Ihrer Räthe unbedingt folgen. Glauben Sie mir, jede gewaltſame Maßregel würde man Ihnen, der in gar keiner Verbindung mit ſeinem Volke ſteht, als freventlichen Uebermuth und als unüberlegte Zerſtörungsluſt an allem dem auslegen, was die Herzogin zum Glücke Ihrer Unterthanen gethan. Herzog. Ich will damit anfangen, ein neues Miniſterium zu ernennen, ich will es aus jüngeren, gut meinenden beliebten Leuten zuſam⸗ menſetzen. Ich will ihnen ſagen: gebt mir Euern Rath, leitet mich auf der ſchwierigen Bahn, bis ich ſelbſt ſicher gehen lerne. Prinzeſſin. Sie werden nicht durchdringen, mein Fürſt. Wer wird Ihre Portefeuilles ohne Zuſtimmung Ihrer Mutter annehmen? Ich ſetze den Fall, Sie wären wirklich im Stande, die alten Miniſter zu entfernen, würde dadurch in Ihrer Lage etwas geändert? O hätten Sie einen Freund, der Ihnen kräftig zur Seite ſtünde! Herzog. Ach würde mir ein Freund in dieſem Falle nützen, müßte er ſich nicht ſelbſt erſt das Vertrauen des Landes gewinnen, müßte er ſich nicht ſelbſt erſt hineinarbeiten in das Labyrinth von Intriguen, das mich rings umgibt. Und wo iſt ein Freund? Wie ſelten ha⸗ ben Fürſten wirkliche Freunde und ein ſcheinbarer, ein falſcher Freund, dem ich mich vollkommen anvertraute, wäre noch ſchlimmer für mich. Fände ſich wirklich eine kräftige Hand, die im Stande wäre, das Regiment den jetzigen Machthabern zu entwinden, ſo iſt Der geheime Agent. 17 zu bedenken, daß das Regieren ſüß iſt; er würde vielleicht die Zü⸗ gel nur in ſeiner Hand behalten. Prinzeſſin. Aber wo ein Ausweg?— Herzog. Ich wüßte vielleicht einen und möchte Ihren Rath darüber vernehmen. Hören Sie mich. Nehme ich zu meinen Räthen von meinen Unterthanen, welchen ich will, oder berufe ich einen Frem⸗ deu, es wird nichts helfen; er wird ſeine Schwächen haben, man wird dieſe zu benützen wiſſen und mich nur noch feſter umgarnen. Ich will regieren, aber mit Hülfe eines geheimen Agenten, der vollkommen mein Beſtes will, der keinen Beſtechungen zugänglich iſt, für Jedermann unſichtbar, nur von mir gekannt. Prinzeſſin. Und wo wäre ein ſolches Kleinod zu finden? Herzog. Nicht unter den lebenden Weſen, aber unſere Phantaſie ſoll ihn ſchaffen. Ich ſpreche gelegentlich aus, Jemand, den ich auf meinen Reiſen kennen gelernt, wolle ſich eine Zeit lang in dieſer Stadt aufhalten. Ich füge bei, daß er einer der gebildetſten, geiſtreichſten und dennoch einer der beſcheidenſten Menſchen ſei, und daß er deßhalb mein Rathgeber, mein Freund werden ſolle. Doch da ich wüßte, wie Viele ſich bemühen werden, dieſen Rath⸗ geber zum Werkzeuge ihres eigenen Ehrgeizes und ihrer Intrignen zu machen, ſo wolle ich, daß er unſichtbar für den ganzen Hof bleibe. Prinzeſſin. Ah, ich verſtehe Euer Durchlaucht— eine vortreffliche Idee! Sie ſchaffen ſich eine unſichtbare Macht, die um ſo gefürchteter iſt, gerade weil ſie unſichtbar wirkt und weil die Perſönlichkeit, in der ſie liegt, Jedermann unzugänglich bleibt. Schon der Glaube Hackländers Werke. XV. 2 18 Der geheime Agent. an das Daſein eines ſolchen Weſens wird Alle erſchrecken und Mißtrauen in die feſtgeſchloſſenen Glieder Ihrer Feinde werfen. Sie verlieren ihre Sicherheit, da ſie ſich unſichtbar beobachtet glauben. Herzog. Ja, ich fühle, dies iſt das einzige Mittel, um die Stellung, die mir gehört, zu erringen. Doch wie ſchwer wird mir die Arbeit werden, wenn Sie mir nicht einen ſüßen Lohn verheißen. Eugenie, ich kann den Gedanken nicht ertragen, Sie je zu verlieren, Sie, die ich ſo innig liebe, die ſo viel für mich gethan. Prinzeſſin. Was bin ich, gegen den herrlichen Gedanken, für Ihr Volk, Ihr Land zu arbeiten, Tauſende glücklich zu machen! Herzog. Zum Glücke meines Landes verſpreche ich, ſo viel in meinen Kräften ſteht, ein redlicher, guter Herrſcher zu ſein. Aber laſſen Sie mich dafür eine Belohnung hoffen, Eugenie! Prinzeſſin. Ihr Bewußtſein, Durchlaucht! Herzog. Und Ihre Hand, Eugenie; ſie ſei der ſchöne Preis, wenn wir ſiegen. Prinzeſſin. Nie ohne die Einwilligung Ihrer Mutter. Herzog. Aber mit dieſer Einwilligung?— Unſer geheimer Agent ſolſ mir dieſe Einwilligung verſchaffen. Prinzeſſin. Still! man kommt! Der geheime Agent. 19 Fünfter Auftritt. Vorige. Die Herzogin.(Die Prinzeſſin macht eine tiefe Verbeugung, die Herzogin küßt ſie dagegen auf die Stirn.) 3 Herzogin. Adieu, mein Kind; du hätteſt nicht auf mich zu warten ge⸗ braucht. Vor der Tafel ſehen wir uns wieder. Prinzeſſin. Ich wußte nicht, ob meine gnädige Tante noch Befehle für mich hätten. (Ab.) Sechster Auftritt. Herzog. Herzogin. Herzogin cihr nachſehend). Ein gutes, liebenswürdiges Kind, folgſam und mir ſo atta⸗ chirt; ich muß ſie wahrhaftig loben, mein Sohn, obgleich ich weiß, daß du ihr nicht beſonders zugethan biſt. Wir müſſen an ihre Zukunft denken, eine gute Partie für ſie finden. Herzog. Ich habe nichts gegen die Prinzeſſin, und wünſche ihr aufrich⸗ tig eine glückliche Zukunft. Doch wird eine Partie ſchwer für ſie zu finden ſein. Herzogin. Das ſei unſere Sorge. Herzog. Ihre, liebe Mama! Herzogin darb. Ich werde mich der Sache mit aller Kraft annehmen. Der geheime Agent. Herzog. Sie erlauben mir, liebe Mama, Ihnen meine Freude aus⸗ zudrücken, daß ich Sie heute Morgen in ſo erfreulichem Wohlſein finde. Der Morgenſpaziergang hat Sie außerordentlich geſtärkt. Sie ſehen ſo wohl aus, Sie ſprechen ſo lebendig. Herzogin(plötzlich mit ſchwacher und kranker Stimmed. O mein Gott! Geſundheit!— nichts als Aufregung, über⸗ ſpannte Nerven! Ich fühle mich ſehr leidend; laß mich nieder⸗ ſitzen. Herzog cführt ſie zu einem Fauteuil). Chère maman, Sie arbeiten zu viel, Sie ſtrengen ſich über⸗ mäßig an, das kann auf die Länge unmöglich ſo fortgehen. In der That, Sie müſſen ſich mehr ſchonen. Herzogin. O mein Sohn, dieſe Arbeit iſt mir ſüß, denn ich arbeite für dich, indem ich für das Wohl des Landes arbeite. Herzog. Aber die vielen unangenehmen Geſchäfte, Mama! Sie ſollten das mir überlaſſen; Ihre zarte Geſundheit kann dergleichen im⸗ merwährende fatiguante Scenen nicht ertragen. Herzogin. Gerade die unangenehmen Dinge nöchte ich dir erſparen. Ich will ganz für dich einſtehen und trifft irgend ein Vorwurf die Regierung, ſo ſoll er mich treffen.— Aber in der That, ich bin ſehr leidend. Das Sprechen greift mich an und doch hatte ich mir vorgenommen, heute noch etwas Wichtiges mit dir zu reden. Herzog. Da treffen wir uns glücklich auf demſelben Wege, chère ma- man. Auch ich möchte Ihnen etwas anvertrauen, Sie um etwas bitten. Der geheime Agent. 21 Herzogin. Ah, du haſt einen Wunſch! Herzog. So iſt es, Mama! Wenn ich ſo einen Blick auf mich werfe und dann meine Umgebung anſehe, lauter talentvolle, ehrwürdige Männer— Herzogin. Die Freunde deines Vaters, erprobte Leute— Herzog. Ganz recht; wenn ich mich aber ſo umſehe, ſo fühle ich mich unter dieſen Freunden meines Vaters, die ſo hoch an Jahren und — Verſtand über mir ſtehen, außerordentlich vereinzelt. Mir fehlt ein Weſen, welches denkt, wie ich, welches, wie ich, auch die hei⸗ tere Seite des Lebens noch gerne in das Auge faßt. Herzogin chorcht freundlich auf. Findeſt du das wirklich, mein Sohn? Du machſt mich glück⸗ lich. Daſſelbe wollte ich dir ſagen. Herzog. Gewiß, Mama? Das trifft ſich charmant.— An unſerem Hofe, im ganzen Herzogthum finde ich Niemanden, der dieſer mei⸗ ner Anforderung entſprechen könnte. Herzogin. Nein, gewiß nicht! Herzog.— Aber auf meinen Reiſen lernte ich einen jungen Mann kennen— Herzogin. Einen jungen Mann? Herzog. Der alle die Eigenſchaften beſitzt, mit welchen ich ſtets den Menſchen geſchmückt dachte, dem ich mich von ganzer Seele hinzu⸗ geben wünſchte. 4 Der geheime Agent. Herzogin. Par exemple? Herzog. Einem Geſellſchafter, einem Freunde? Herzogin. Einem Freunde?— Das iſt was Anderes. Herzog. Sprachen wir nicht von einem Freund, Mama? Meinten Sie nicht auch ſo? Herzogin. Nicht ſo ganz!— Aber weiter! 4 Herzog. Meine Bitte iſt alſo: mir zu geſtatten, daß ich dieſen Mann, den ich auf meinen Reiſen lieb gewann, für einige Zeit hieher zu mir nehmen dürfe. Ihrer gütigen Einwilligung im Voraus gewiß, habe ich ihm ſchon vor einigen Tagen geſchrieben und er kann vielleicht ſchon heute hier eintreffen. Herzogin. Das überraſcht mich. Ein Fremder an unſerem Hofe, ein Unbekannter, ein Vertrauter, ein Günſtling; man wird es im Lande nicht gerne ſehen, man wird ihn anfeinden und dir dadurch vielleicht vielen Verdruß verurſachen. Herzog. Ich habe daran gedacht, Mama, und um dem zu begegnen, wird mein Freund auf das Zurückgezogenſte leben, ſich nur auf den Umgang mit mir beſchränken. Herzogin.— Aber man muß ihn doch bei Hofe, bei der Geſellſchaft vorſtellen! Herzog. Das wird nicht angehen, Mama, er iſt nicht von Familie, haßt das Gewühl der großen Welt, lebt nur ſeinen Studien, mit einem Worte: er iſt ein Menſchenfeind.. Der geheime Agent. 23 Herzogin. Eine komiſche Grille! Aber wie kannſt du dich mit ſolchen Leuten einlaſſen? Herzog. Wir kennen uns ſeit lange. Er hat mir nicht unerhebliche Dienſte geleiſtet und was die Ehrenhaftigkeit ſeines Charakters anbelangt, ſo bürge ich für ihn, wie für mich ſelber, denn ich habe ihn von den vortheilhafteſten Seiten kennen gelernt. Herzogin. Aber man muß den Leuten doch ſagen können, wer der junge Menſch iſt, was er bei uns ſoll. Herzog. Da bin ich ganz Ihrer Meinung; man ſagt, er beſorge mir kleine auswärtige Privatgeſchäfte und ſei mit dem benachbarten Hofe liirt. Ich nenne ihn meinen geheimen Agenten. Herzogin. Aber dieſe Bezeichnung! Herzog. Iſt für den Hof nur ein Name; für mich aber iſt er wirklich ein geheimer Agent. Ich will Ihnen gleich zeigen, daß er ein Mann iſt, der genau unterrichtet iſt. Heute z. B. ſchreibt er mir von Braunſchweig. Herzogin. Von dem Hofe von Braunſchweig? Herzog(nickt mit dem Kopfe). Von da ſchreibt er mir eine allerliebſte Neuigkeit,— Sie kennen doch die Prinzeſſin Amalie? Herzogin(erſtaunt). Ja freilich und— Herzog. Nun von der Prinzeſſin Amalie ſchreibt mein geheimer Agent Einiges und unter Anderem— es i*ſt eigentlich lächerlich, Mama 24 Der geheime Agent. — man ſtehe von hier aus im Begriff, eine Heirath zwiſchen der Prinzeſſin und mir einzuleiten. Herzogin. Das ſchreibt— 2 Herzog. Mein geheimer Agent.— Mama, Mama! Sollte etwas Wah⸗ res daran ſein? Sollte man wieder hinter meinem Rücken Dinge unternehmen, die mich ſo nahe berühren? Herzogin. Nicht hinter deinem Rücken, mein Sohn. Ich geſtehe dir, ich habe dieſe Idee erfaßt, und war ſoeben im Begriff, mich hierüber auszuſprechen. Herzog. Ah, alſo das war's! Herzogin. Ja, ich halte es für nothwendig, daß man an eine paſſende Verbindung für dich denkt. Herzog. Allerdings, und was man mir von der Prinzeſſin Amalie ſchreibt—. Herzogin. Wer? Herzog. Mein geheimer Agent;— könnte mich beſtimmen, auf Ihre Idee, Mama, einzugehen. Er ſchildert mir die Prinzeſſin als eine ſehr liebenswürdige Dame: ſchön, jung, geiſtreich, mit allerliebſten Talenten; wahrhaftig, ich könnte vielleicht nicht abgeneigt ſein, eine Verbindung mit dem Hofe von Braunſchweig einzugehen. Herzogin. Dein geheimer Agent ſchreibt die Wahrheit. SFür ſich) Er iſt vielleicht von dort geſchickt. Laut) Herzlich danke ich dir, mein lie⸗ ber Sohn, für das ſoeben Ausgeſprochene, du machſt mich ganz Der geheime Agent. 25 glücklich dadurch. Deine verſtändige Bereitwilligkeit, mit welcher du auf jenen meinen großen Wunſch eingehſt, iſt allein im Stande, meine ſchwachen Lebensgeiſter zu erhalten. Herzog. Gönnen Sie ſich Ruhe, Mama. Sie ſcheinen mir angegriffen. Verſchieben wir die nähern Beſprechungen für eine andere Zeit. Herzogin. Du haſt recht, führe mich zu meinem Zimmer. Ich muß einen Augenblick ruhen. Ach, mein Alfred, ich wußte es immer, daß du meine Stütze werden würdeſt, die Stütze einer armen Frau, die allein ſtehend unter der Laſt der Geſchäfte faſt zuſammenbrach. Verzeihe mir die kleinen Grillen, meine Eigenheiten, die ich habe; aber wofür denke ich, wofür arbeite ich?— Nur zu deinem Beſten! — Apropos! mein Sohn, du haſt heute Morgen den guten Gra⸗ fen Steinhauſen etwas ungnädig entlaſſen, obgleich er in meinem Auftrage ſprach. Ich kann doch nicht glauben— Clarker betonend daß der Lärm der Muſik und das Gewühl, das gemeine Jauchzen der Menge deinem Ohre wohlgefälliger, als die Bitten deiner Mut⸗ ter erklingen! Laß mir meine ſtillen Freiſtunden! Herzog. Aber, Mama! Meine kleinen Sonntags⸗Vergnügungen können Sie unmöglich hier im Schloſſe ſtören. Herzogin(ſtärker ſprechend). Ja, ſie ſtören mich, mein Sohn, wenn auch nur meine Seelen⸗ ruhe. Es kann mir nicht gleichgültig ſein, wenn der regierende Herzog das Beiſpiel gibt, wie der Sonntag zu entheiligen iſt, wenn mein Sohn zu frivolen Tänzen an dem Tage aufſpielen läßt, wo nur fromme Gebete zum Himmel ſteigen ſollen. Ich wünſche das nicht.— GSehr ſchwach ſprechend) O meine Nerven! Die geringſte Alter⸗ ation ſpannt mich entſetzlich ab. Ich werde kaum an der Tafel erſcheinen können.— Nicht wahr, du ſagſt dem Grafen ein paar 26 Der geheime Agent. freundliche Worte? Laß mir meine Sonntagsruhe.—— Wenn ich einmal nicht mehr bin— Herzog. Aber um's Himmels willen, Mama! Laſſen Sie ſich doch durch ſolche Kleinigkeiten nicht ſo entſetzlich aufregen! Herzogin autey. Kleinigkeiten? 3 Herzog. Nun ja, mir ſind es Kleinigkeiten, und wenn es Ihnen den geringſten Kummer macht, ſo ſoll Sie kein lauter Ton mehr ver⸗ letzen. Herzogin(ſehr ſchwach nach ihrem Zimmer gehend). Ich danke dir von Herzen; Gott ſegne dich, mein Kind. Du, die Freude deiner alten Mutter, einſt der Stolz des Landes. Ab.) Herzog. Dazu ſoll mir mein geheimer Agent ſeine Hülfe leihen! Kungelt.) Siebenter Auftritt. Herzog. Kammerdiener. Herzog. Ich kann mich auf dich verlaſſen, George?— Keine Be⸗ theuerungen, ich glaube dir. Höre mich an und folge genau mei⸗ nen Befehlen. Es iſt bald vier Uhr, man wird ſich hier zur Tafel verſammeln. Zu gleicher Zeit erwarte ich Jemand, der nicht ge⸗ ſehen ſein will— auch nicht von dir— verſtanden?— der durch den Garten über die geheime Treppe in mein Kabinet kommt. Er wird ſehr pünktlich ſein, und du wirſt alſo, ſobald es fünf Uhr ſchlägt, dort aus meinem Vorzimmer in dieſen Salon treten und Der geheime Agent. 27 dem Kammerherrn vom Dienſte melden: mein geheimer Agent ſei angekommen. Kammerdiener. Euer Durchlaucht geheimer Agent? Herzog. Mein geheimer Agent, das iſt Alles;— haſt du mich wohl verſtanden? Kammerdiener. Zu Euer Durchlaucht Befehl: ja! Herzog(waͤhrend er links abgeht). Vergiß nicht, Punkt ſünf Uhr! Achter Auftritt. Kammerdiener. So, ſo! ein geheimer Agent! Ich würde auf eine geheime Agentin rathen, wenn Seine Durchlaucht mir nicht befohlen, dies geheimnißvolle Geſchöpf offen und frei im Salon anzukündigen. Geb nur Gott, daß dieſer geheime Agent für uns öffentlich agirt. Was hab' ich an dieſem Hofe für eine Stellung? Erſter Kammer⸗ diener des regierenden Herrn und nicht einmal ſo viel Macht, wie die letzte Kammerfrau der Frau Herzogin! Wir befinden uns auf Ehre in einer vollkommen falſchen Poſition. Xab.) Der geheime Agent. Neunter Auftritt. Der Graf. Der Oberſthofmeiſter. Oberſthofmeiſter. Wie ich Euer Excellenz die Ehre hatte zu verſichern, ſo wer⸗ den Sie diesmal, was die Schließung des Privatparkes anbelangt, nicht durchdringen. Seine Durchlaucht ſind auf dieſes Vergnügen verſeſſen. Denken Sie an mich, Excellenz werden nicht durch⸗ dringen. Graf. Wir werden, Herr Oberſthofmeiſter. Oberſthofmeiſter. 3 Aber das ſind Dinge, die den Herrn nur erbittern. Gott, er hat ja eigentlich ſo wenig zu befehlen, und da ſollte man ſolche Kleinigkeiten gar nicht releviren. Graf. Was Sie Kleinigkeiten nennen, iſt der Anfang zu großen Ereigniſſen. Auch ſie hätten alle Urſache, ſich darüber zu freuen, daß wir ſo gerade und feſt unſere Wege gehen. Wanken oder ſtraucheln wir ein einziges Mal, ſo ſind Sie einer der erſten, der zu Boden fällt. Oberſthofmeiſter. Das iſt vielleicht richtig, aber ich meine, durch kluges Nachge⸗ ben hie und da— Graf. Ich bin ſehr für kluges Nachgeben, und hätte es Seine Durch⸗ laucht der Mühe werth gefunden, mir, dem Miniſter, ehe Sie die Anordnung hinſichtlich ſeiner Gärten trafen, ein kleines Wort zu gönnen, ſo hätte ich gefunden— Der geheime Agent. 29 Oberſthofmeiſter decend. Daß eine heitere Muſik durchaus nichts Entheiligendes für den Sonntag iſt. Graf. Allerdings, und daß es ſogar wünſchenswerth iſt, ja ſehr er⸗ ſprießlich, das Volk durch kleine unſchuldige Vergnügungen hie und da zu zerſtreuen. Oberſthofmeiſter. O Sie luſtiger Miniſter! Graf. Die Herzogin! Zehnter Auftritt. Vorige. Die Herzogin.(Der Oberſthofmeiſter zieht ſich in den Hintergrund zurück, ruft den Bedienten und geht ab und zu.) Herzogin(mit kräftiger Stimme). Die Parks werden geſchloſſen, lieber Graf; mein Sohn wird Ihnen einige freundliche Worte darüber ſagen. Graf. Euer Durchlaucht ſehen mich gerührt, daß Sie ſich auch der kleinſten Dinge, ſowie ſie das Wohl des Staates berühren, ſo eifrigſt annehmen und in Allem Ihre Miniſter ſo kräftig ſouteniren.— Und das Andere, das Wichtigere? 1 Herzogin. Iſt eingeleitet. Ich kann nicht ſagen, daß ich auf Schwierig⸗ keiten geſtoßen wäre. Wir haben eine unbekannte Hülfe erhalten. Graf. Eine unbekannte Hülfe? 30 Der geheime Agent. Herzogin. Ein junger Menſch, den der Herzog auf ſeinen Reiſen kennen lernte, wird ſich einige Zeit hier bei ihm aufhalten, und dieſer ſchreibt ihm viel Schönes über die Prinzeſſin Amalie. Graf. Wer iſt dieſer Unbekannte? Tritt er eine Stellung bei Hof an? Herzogin. Durchaus nicht; er ſoll gänzlich unſichtbar bleiben. Es iſt dies eine Grille meines Sohnes. 4 Graf cnachdenkend). Aber, verzeihen mir euer Durchlaucht, eine gefährliche Grille. Ein namenloſer und unbekannter Menſch, der mit einem wichtigen Staats⸗Geheimniß debütirt, der mit Seiner Durchlaucht ſehr liirt ſein wird, der unter keiner Controle ſteht— Herzogin. Aber deſſen Schritte und Gänge Sie hoffentlich baldigſt er⸗ fahren werden. Graf. Das ſoll meine eifrigſte Sorge ſein, denn ein ſolches Weſen in der Nähe des Herzogs, aber für uns unſichtbar, unerreichbar, und welches man unmöglich in eine Intrigue fädeln könnte, erſcheint mir einigermaßen gefährlich.— Und wie nennt der Herzog ſeinen Unbekannten? Herzogin. Er nennt ihn ſeinen geheimen Agenten. Graf. Und macht ein Geheimniß aus deſſen Hierſein? Herzogin. Ich glaube nicht; er hat mir dies wenigſtens nicht geſagt. Der geheime Agent. 31 Eilfter Auftritt. Der Oberſthofmeiſter läßt die Thuͤren öffnen. Herren und Damen von Hof treten ein. Die Herzogin läßt ſich auf ein Fanteuil nieder und huſtet. Der Herzog aus ſeinem Kabinet tritt zu ſeiner Mutter. Sie reicht ihm die Hand, welche er küßt. Der Graf. Die Prinzeſſin. Herzogin(mit ſchwacher Stimme), Wie mich das Gewühl angreift! Herzog. Die läſtige Etiquette! Auf jedem Schritt und Tritt von müßi⸗ gen, über Alles lachenden Geſichtern umgeben zu ſein.— Guten Tag, Prinzeſſin!— Sie waren ausgeritten? Prinzeſſin. Verzeihen Euer Durchlaucht, nach dem Morgenſpaziergang, den ich das Glück hatte, mit der gnädigen Tante zu machen, beſchäftigte ich mich auf meinen Zimmern. Gzu der Herzogin.) Darf ich mich nach dem Befinden Euer Durchlaucht erkundigen? Herzogin. Ich danke dir, mein gutes Kind. Ich fühle mich wieder ſehr angegriffen.(Sie betrachtet angelegentlich den Herzog, der ſich zum Grafen wendet.) . Herzog. Ah, mein lieber Steinhauſen, haben Sie die Geſchäfte bei Seite gelegt, des Tages Laſt und Hitze getragen?— Apropos! Ich habe mir Ihren Vortrag von heute Morgen überlegt, und da mir auch der Schloßgärtner meldete, daß bei den Spaziergängen in meinem Park zu viel zertreten werde, ſo erließ ich ſoeben den Befehl, daß man meine Gärten bis auf Weiteres wieder ſchließe. Oberſthofmeiſter Cerſtaunt). 3 Alſo doch? Der geheime Agent. Herzog. Sind Sie zufrieden, mein lieber Graf? Graf. Euer Durchlaucht ſind allzugnädig, ich bin nur die unterthä⸗ nigſte und treugehorſamſte Mittelperſon. 3 Herzogin. Herzlich danke ich dir, mein Sohn! (Während des letzten Dialogs iſt der Kammerdiener ans dem Kabinet getreten und hat einem . der Kammerherrn etwas gemeldet, dieſer dem Oberſthofmeiſter, der ihn außerordentlich er⸗ ſtaunt anſieht.) Oberſthofmeiſter Gum Herzog meldend). Euer Durchlaucht geheimer Agent ſei ſoeben angekommen. Herzog. Ah!— Ich danke Ihnen! Herzogin Klcheind. - 4 Dein geheimer Agent? Herzog. Ja wohl, Mama. Ich bitte, mich einen Augenblick zu ent⸗ ſchuldigen, ich werde drüben aus meinen Zimmern in den Speiſe⸗ 1 ſaal kommen.—— Ich bin genöthigt, dieſen Herrn augenblicklich 1- zu empfangen. ab in ſein Kabinet.) Oberſthofmeiſter (zum Grafen, nachdem er ihn lange verblüfft angeſehen). Ein geheimer Agent? 4 Graf. Es ſcheint ſo! Oberſthofmeiſter. Was mag dahinter ſtecken? Graf GChnckt die Achſeln). Vielleicht für Manchen, den es betrifft, nichts Angenehmes. Ich glaube, daß der Titel: geheimer Agent! nur eine Maske iſt, hinter der nächſtens eine oberſte Hofcharge heraustreten könnte. Der geheime Agent. 33 Oberſthofmeiſter. Alle Stellen ſind ja beſetzt. Graf. Aber wie beſetzt, mein beſter Oberſthofmeiſter? Der Herr iſt jung, ſeine Diener alt, und ich nähme es Seiner Durchlaucht wahrhaftig nicht übel, wenn es ihm endlich einmal einfiele, heitere Geſichter um ſich zu ſehen. Oberſthofmeiſter. Aber das ſind ja entſetzliche Grundſätze! durchaus gegen das Wohl des Staates gerichtet, wie gegen das unſrige. Euer Excel⸗ lenz ſprachen vorhin à cause der Muſik im Park ganz anders. Graf. Das waren Staats⸗Geſchäfte, Herr Oberſthofmeiſter, die Hei⸗ ligkeit des Sonntags. Oberſthofmeiſter. Und die Heimlichkeit dieſes Agenten? Graf cwichtigy. Für Sie vielleicht— für mich nicht— Oberſthofmeiſter. Ah! (Die Herzogin, nachdem ſie einige Worte mit ihren Damen geſprochen, hat ſich ſehr ſchwach erhoben und winkt dem Oberſthofmeiſter. Dieſer ſieht es nicht, indem er angelegentlich in die offene Thüre des Kabinets links ſchaute. (Es darf hier eine Pauſe entſtehen.) Graf Cceiſe. Aber, beſter Oberſthofmeiſter, Sie ſind ja entſetzlich zerſtreut, Ihre Durchlaucht haben Ihnen ſchon zweimal gewinkt, und einmal gerufen. Auf ſolche Art erhält man ſich nicht bei Hofe. Oberſthofmeiſter. Gott! Sie haben recht!(Er tritt mit einem tiefen Bückling zur Herzogin, welche ihren Arm anf den ſeinigen legt, und mit den Damen und Herren abgeht.) Hackländers Werke. XV. 3 Der geheime Agent. Graf. Ich kann nicht ſagen, daß mir dieſes neue Engagement gefiele. Ein geheimer Agent! Wozu das an unſerem Hofe? Und die Her⸗ zogin ſchien gar nicht davon überraſcht;— wüßte ſie mehr, als ſie mir ſagte, und wäre es am Ende wahr, was ich vorhin dem Hofmarſchall im Scherze bemerkte, dächte man vielleicht daran, hier neue Sonnen aufſteigen zu laſſen? Hm, hm! Ich glaube es kaum, aber Vorſicht kann nicht ſchaden. Rüſten wir uns! Der Vorhang fällt. Zweiter Aufzug. Erſter Auftritt. Dieſelbe Decoration. Oberſthofmeiſter Cin einem Lehnſtuhle ſitzend, ſpäter der Grah. Dreißig Jahre bei Hofe— eine ſchöne Zeit! Nach einer mä⸗ ßigen Berechnung zehntauſend Tage und in dieſen zehntauſend Tagen zehntauſend Dejeuners, zehntauſend Diner's— eine un⸗ glaubliche Zahl. Und bei dieſen zwanzigtauſend Dejeuners und Diner's daſſelbe geſprochen, dieſelben Geſichter geſehen, nur mit dem Unterſchied, daß dieſe Geſichter immer älter, die Converſatio⸗ nen immer langweiliger geworden ſind.— Dreißig Jahre bei Hofe, und in dieſen dreißig Jahren mehrere bedeutende Intrignen glän⸗ Der geheime Agent. 35 zend durchgeführt, und während dieſer zehntauſend Tage der Mit⸗ wiſſer geweſen von Allem, was hier geſchehen. Dreißig Jahre Chef der Hofhaltung und erſter Kammerherr, vor deſſen Blick das ganze innere Getreibe dieſes Hofes offen lag, wie ein Glashaus. Mit Stolz kann ich es ſagen, während dreißig Jahren wußte ich Alles, was hier an dieſem Hofe vorging und nun— es über⸗ ſchleicht mich eine gewiſſe Wehmuth, ja ein niederdrückendes Ge⸗ fühl— und nun ſteh ich vor einem Geheimniß, das ſo fein durch das Verborgene ſchleicht, daß ich nicht im Stande bin, den Schleier deſſelben zu lüften.— Ein geheimer Agent!— und wozu?— es iſt empörend! Freilich hatten wir bisher geheime Kanzliſten, geheime Secretäre, geheime Räthe, aber da iſt das Prädikat: „geheim“ ein bloßes Anhängſel zu ihrem Titel. Dieſe braven Männer ſind alle ehrlich genug, in der That nichts Geheimes zu haben, und was man ihnen heute auvertraut, erfährt noch in der⸗ ſelben Stunde der Hof und morgen die ganze Stadt. Aber jetzt — bei dieſem geheimen Agenten?—— Ich befehle meinem Schloß⸗ verwalter, die Zimmer für denſelben einzurichten;— es iſt ſchon geſchehen! heißt es; ich laſſe ihm ein Souper anbieten, ein De⸗ jeuner ſerviren— unnöthig— ich frage, wo eine Equipage, die für ihn beſtimmt werden ſoll, vorzufahren hat;— nirgendwo! iſt die Antwort. O das ſind Heimlichkeiten, die einen Chef der Hof⸗ haltung zur Verzweiflung bringen müſſen! ich werde an dieſem Geheimniß ſterben; aber bevor ich es ſo weit kommen laſſe, bin ich es mir, ja dem ganzen Hofe ſchuldig, vor den Herzog hinzutre⸗ ten und ihm zu ſagen: Euer Durchlaucht haben einen Schritt ge⸗ than, der nicht ſowohl Allerhöchſtdero Hof und Allerhöchſtdero ge⸗ treuſte Räthe und Beamte, ſondern auch Allerhöchſtdero treuge⸗ horſamſte Unterthanen tief verletzen muß. So gut Euer Durch⸗ laucht auch das Incognito Höchſt⸗Ihres Agenten zu wahren geruh⸗ ten, ſo iſt trotzdem von der Vergangenheit dieſes Mannes Einiges in'’s Publikum gedrungen, was man außerordentlich mißbilligend 36 Der geheime Agent. vernommen.— Dieſer Mann— ja Euer Durchlaucht— die Ver⸗ gangenheit dieſes Mannes ſoll eine finſtere ſein, und ſchon beginnt man ſich auf's Lauteſte und Energiſchſte zuzuflüſtern, daß der Druck unter der Hand dieſer fremden, unbekannten und doch ſo bekann⸗ ten Creatur herzoglicher Huld und Gnade cer iſt bei den letzten Worten aufgeſtanden, als ſpreche er mit dem Herzog⸗ anfängt, unerträglich zu werden. (Der Graf, der ohne von Jenem bemerkt zu werden, tritt ein). Graf. So würden Sie ſprechen? Oberſthofmeiſter Cfährt zuſammen). Ah!— Sie ſind's? Aber um Gotteswillen, ſind denn Euer Excellenz nur in der Welt, die Leute in Schrecken zu verſetzen? Ich habe Sie gar nicht hereinkommen hören. Graf. Ach, mein lieber Oberſthofmeiſter, glauben Sie mir, es iſt beſſer, wenn wir vorderhand an dieſem Hofe ſo wenig Geräuſch machen, wie möglich. Oberſthofmeiſter. O Sie ſpaſſen! Graf. Seien Sie aufrichtig, ich habe Ihr Selbſtgeſpräch unwillkür⸗ lich belauſchen müſſen, da Sie zu vertieft waren, um meine ſchwe⸗ ren Tritte zu hören. Aber was Sie vorhin ſagten, das denkt Mancher, und ich habe auch ſo meine Gedanken. Oberſthofmeiſter. Nicht wahr? Graf. Und dann nehme ich es Ihnen nicht übel, wenn Sie dieſe Angelegenheit mehr wie jeden Andern alterirt.— Oberſthofmeiſter. Wie ſo, Excellenz? Der geheime Agent. 37 Graf. Nun ja, dies Geheimniß in Ihrem Departement und dann die kleine Ungnade der Frau Herzogin— Oberſthofmeiſter. Es iſt wahr! Graf. Fragte ſie nicht während der Tafel, ob das Vorzimmer Seiner Durchlaucht, in welches Sie geſtern vor dem Diner ſo eifrig hin⸗ eingeblickt, vielleicht neu eingerichtet worden ſei? Oberſthofmeiſter. Fürchterlich! Graf. Ja, es ſcheint mir gewiß, daß an dieſem Hofe irgend eine Veränderung bevorſteht. Eine ſchwüle Luft— Oberſthofmeiſter. Es kommt mir auch ſo vor. Graf. Seit geſtern ein ganz anderer Ausdruck in den Geſichtern. Ich verſichere Sie, beſter Oberſthofmeiſter, die kleine Ungnade der Frau Herzogin, in ſonſtigen Zeiten unbedeutend, fällt heute in's Gewicht, wir müſſen uns ſtützen, uns ſelbſt und gegenſeitig. Oberſthofmeiſter. Ja, das wollen wir, thue jeder das Seine; ich will einen Gang durch die Vorzimmer Ihrer Durchlaucht thun, um zu ver⸗ ſuchen, ob ich vielleicht vor der Morgen⸗Promenade noch im Stande bin, ein ganz ergebenes Wort anzubringen. Graf. Thun Sie das, ich will unterdeſſen hier beim Rapport das Terrain ſo gut wie möglich unterſuchen. (Oberhofmeiſter ab ins Vorzimmer der Herzogin.) 38 Der geheime Agent. Zweiter Auftritt. Graf. Später der Geheimerath. Graf cllein). Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich hatte immer gehofft, einmal in einem Kampf mit einem Günſtling oder mit etwas der⸗ gleichen meine Stärke zu probiren; doch daß der Herzog mit ſolch' außerordentlicher Klugheit zu Werke gehen würde, und mir nichts, dir nichts, einen Rathgeber kommen ließe, den er dadurch ganz un⸗ angreifbar macht, daß er ihn für uns unſichtbar erhält, das hätte ich nicht erwartet. Es gibt nun aber zwei Mittel, um gegen die⸗ ſen geheimen Agenten zu operiren. Entweder wir Gleichgeſinnten am Hofe ſchließen uns alle feſt an einander, verſchanzen uns hinter die Macht, die wir heute noch in Händen haben, und bieten Allem, was da kommt, trotzig die Stirn.— Oder wir handeln wie man⸗ cher große Feldherr, der durch kluges Aufgeben einer feſt und ſicher geglaubten Poſition ſich und ſeine Macht gerettet. Hm!— Hm! Wenn man die Sache vom Standpunkte der Billigkeit betrachtet, ſo begreife ich vollkommen, wie indignirt der Herr über die Art ſein muß, wie er und ſein Land regiert wird.— Ueberlegen wir die Sache genau. (Zwei andere Räthe treten ein.) Hören wir aber vor allen Dingen, ob mein College nichts Näheres weiß.„(Zu dem Geheimerathe, indem er ihn vorführt.) Nun, wie ſteht's? Haben Sie etwas erfahren? Geheimerath. 3 Wenig, ſo gut wie gar nichts. An keinem Thor der Stadt will man geſtern eine auffallende Equipage haben einpaſſiren ſehen. Nur die Wache an dem Südthore glaubt gegen vier Uhr geſtern Der geheime Agent. 39 Nachmittag einen ſehr eleganten Reiſewagen bemerkt zu haben, der auf der Straße vielleicht hundert Schritte vor der Barriere hielt. Graf. Das iſt unſer Feind! Geheimerath. Ein junger Mann ſei ausgeſtiegen und habe ſich durch eines der kleinen Thore in den Schloßgarten verloren. Graf. Das iſt er, ohne allen Zweifel!— Aber hier im Schloſſe geht jede Spur verloren und ſelbſt der Oberſthofmeiſter hat bis jetzt nichts entdecken können. Geheimerath. Sollte nicht vielleicht der Kammerdiener George?— Graf. Unmöglich!— eine Creatur des Herzogs! hat von jeher gegen uns gearbeitet, machte mir heute Morgen, wie ich über den Corri⸗ dor ſchritt, eine ſo heitere Verbeugung, daß es mich wahrhaft frap⸗ pirte(ſich zum dritten Rathe wendend:). Herr Rath, wollen Sie ſo freundlich ſein, und uns durch den Kammerherrn anmelden laſſen,'s iſt unſere Stunde. (Dieſer geht hinaus, der Kammerherr kommt und geht in das Kabinet des Herzogs links.) Geheimerath. Am meiſten überraſcht es mich, daß man in der Stadt ſchon von der Anweſenheit dieſes geheimen Agenten unterrichtet zu ſein ſcheint. Mich verſicherte heute Morgen mein Kanzlei⸗Direktor, daß man bereits geſtern Abend in verſchiedenen Cirkeln von dieſem Unbekannten geſprochen, daß man ſeiner als Werkzeng triumphirend erwähnt habe, vermittelſt welches der Herzog uns, die getreuen Räthe, in die nöthigen Schranken zurückweiſen würde. Graf. Sol ſo!— ei! ei! Der geheime Agent. Geheimerath. Dieſer Menſch wird populär, ehe er noch etwas gethan hat⸗ . Graf. So gehts Manchem, bis er anfängt zu handeln. Dritter Auftritt. Die Vorigen. Der Kammerdiener. Kammerdiener. Seine Durchlaucht laſſen den Herrn Miniſtern für den Rapport heute Morgen freundlichſt danken. Die Herrn Miniſter möchten ſich nur in das Kabinet der durchlauchtigen Frau Herzogin begeben, um dort wie gewöhnlich zu arbeiten. Seine Durchlaucht würden ohnedies das Nöthige erfahren.(die Räthe find erſtaunt.) Graf. Seine Durchlaucht befinden ſich vielleicht unwohl? Kammerdiener. Durchaus nicht, Euer Excellenz. Der Herr Herzog befindet ſich im erfreulichſten Wohlſein in ſeinem Kabinet und arbeitet in dieſem Augenblicke— Graf (ſieht ihn erſtaunt an). Kammerdiener. Mit ſeinem geheimen Agenten. (Die Räthe gehen zögernd nach der Thür der Herzogin, wihig öffnet, der Graf ziemlich erregt, ſpricht mit ſich ſelbſt, endlich faßt er einen Entſchluß.) Graf czu den Räthen). Gehen Sie voraus, meine Herren, ich habe Seiner Durchlaucht eine höchſt wichtige Meldung zu machen. Zum Kammerdienery Melden die ihnen der Kammerdiener bereit⸗ bleibt mehrere Mal ſtehen⸗ Der geheime Agent. 41 Sie mich dem Herzog in einer dringenden Angelegenheit.(die Raä⸗ the ins Kabinet der Herzogin.) Graf. Will uns nicht ſehen, will keinen Rapport, ſchickt uns zur Her⸗ zogin, wird das Nöthige ſeiner Zeit ſchon erfahren?— Ci, ei! hier hat ſich der Stand der Dinge ſchon ſehr verändert! Waren doch ſonſt Seine Durchlaucht durch die kleinſte Sache, die wir un⸗ terließen, ihm zu melden, ſehr unangenehm berührt, nahmen uns durch die verſchiedenſten Kreuz⸗ und Querfragen oftmals tüchtig ins Gebet, wollten von Allem Kenntniß haben, ſo daß es we⸗ niger gewandten Männern wie uns wohl ſchwerlich gelungen wäre, die wichtigſten Staatsgeheimniſſe vor dem regierenden Herrn zu verheimlichen— und jetzt keinen Rapport, will von uns nichts wiſſen. Das hat ſich ja gewaltig verſchlimmert. Vierter Auftritt. Die Vorigen. Der Herzog. Herzog. Ah! Unſer Staatsminiſter! Haben Sie etwas Wichtiges für mich, mein lieber Graf? Sie werden mich entſchuldigen, ich bin eilend. Graf. Euer Durchlaucht wünſchten heute Morgen keinen Rapport. Herzog. Laſſen wir das!— Wozu auch? Csutraulich.) Ich verſichere Sie, lieber Graf, ich erfahre jetzt Alles, was ich wiſſen will, auf die leichteſte und angenehmſte Art,— er weiß Alles, bis ins kleinſte Detail; über Finanzen, Stand des Heeres, die Rechtspflege, die Gefängniſſe; ah! Sie müſſen dieſe Bekanntſchaft machen! Der geheime Agent. Graf. Welche, gnädiger Herr?— die der Gefängniſſe? Herzog. O nein!— Die meines geheimen Agenten.— Aber Sie hatten mir eine Meldung zu machen, lieber Graf; laſſen Sie hören! — Graf. Nur eine perſönliche, gnädigſter Herr. Wenn aber Euer Durch⸗ laucht vielleicht mir vorher etwas zu befehlen hätten? ſo—— Herzog. Ich? Durchaus nichts.— Ich habe nur vorhin ſo geplaudert, weil ich offenherzig gegen Sie bin. Apropos! offenherziger, als Sie gegen mich.. b Graf. Ich, Durchlaucht?— Euer Durchlaucht könnten zweifeln? Herzog(lachend). Ganz und gar nicht, mein beſter Graf.— Aber Ihre Meldung? Graf(verſtört). Der Neffe unſeres Hauſes, Graf Oskar Stein von Steinhau⸗ ſen, von größeren Reiſen zurückgekehrt, bittet um die Ehre, im Laufe des Vormittags Euer Durchlaucht vorgeſtellt zu werden. Herzog. Aha! Ich erinnere mich ſeiner. Er iſt wenig Jahre jünger als ich, ein angenehmer junger Mann und guter Reiter. Er iſt mir willkommen. Graf coerbeugt ſich tief). Herzog. Er wird ſich eine Zeit lang bei uns aufhalten, nicht wahr? Graf(ſchluckt heftig und ſieht ſich ſcheu um). Euer Durchlaucht werden mir vielleicht erlauben, Ihnen in Be⸗ treff meines Neffen eine vertrauliche Mittheilung zu machen. Herrzog Kacelnd. Mir eine vertrauliche Mittheilung? Am Ende gar ein Ge⸗ Der geheime Agent. 43 heimniß, von dem vielleicht bis jetzt Niemand Kenntniß hat, wie meine Mutter und Sie? Nein, nein, ich bin nicht ſo neugierig, ſolch' wichtige Dinge anvertraut zu erhalten. Graf. Aber es iſt eine Sache, die das Haus Euer Durchlaucht be⸗ trifft, und von der man Euer Durchlaucht wahrſcheinlich erſt in einigen Tagen Mittheilung aus dem Kabinete der Frau Herzogin machen wird. 4 Herzog. So, ſo! Nun, ich kann warten.—— Oder wenn ich am Ende ſchon etwas wüßte von dieſem Geheimniß, lieber Graf? Graf(überraſcht). Von den gnädigſten Abſichten— 2 Herzog. Meiner Mutter in Betreff— Graf cerſtaunt). Meines Neffen mit— Herzog. Natürlich! Graf. Mit der Prinzeſſin Eugenie? Herzog oei Seite. Was iſt das? Chast ſich, laut.) Sie ſucht ſchon lange eine Partie für die Prinzeſſin, und was Ihren Neffen anbelangt— Graf. Euer Durchlaucht waren von dem Projekt unterrichtet? Herzog.*½ Allerdings!.. Graf. 8 Durch Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin? Herzog. Nein, durch meinen geheimen Agenten. Der geheime Agent. Graf Cfar ſich. Alle Wetter! Er iſt gut verſehen, über dieſe Angelegenheit fielen erſt heute Morgen die erſten leiſen Andeutungen. Herzog(der kopfſchüttelnd in ein Zeitungsblatt geblickt). Sie haben ſonſt nichts mehr, lieber Graf? Sie ſehen, Ihre Geheimniſſe ſind heute werthlos für mich. Ich weiß ſie bereits. Graf. Ja, Euer Durchlaucht, und ich bin ganz überraſcht— nieder⸗ gedrückt. 3 Herzog. Es iſt freilich nicht recht von Ihnen, lieber Graf, daß Sie erſt heute anfangen, offenherzig zu ſein, wo mir Ihre Offenherzig⸗ keit nichts mehr hilft, da ich, wie Sie ſehen, von Allem unter⸗ richtet bin. Graf. Von Allem? Herzog. Durch meinen geheimen Agenten. Graf cnach einem kleinen Kampfe). Es iſt wahr, Euer Durchlaucht, ich machte mir beſtändige Vor⸗ würfe, daß es uns nicht vergönnt war, Euer Durchlaucht mit Allem, was vorging, ſo in Kenntniß zu ſetzen, wie es freilich meine Schul⸗ digkeit geweſen wäre. Aber Euer Durchlaucht kennen den heißen Wunſch der Frau Herzogin— Herzog. Ja, ja! * Graf. Stets im Geheimen für das Wohl Euer Durchlaucht zu ar⸗ beiten,— daß es alſo für uns unmöglich ward— * Herzog. Laſſen Sie dieſe Entſchuldigungen, beſter Graf! Geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern und für die Zukunft— Der geheime Ageut. 45 Graf. Habe ich mich feſt entſchloſſen, nur die Intereſſen meines aller⸗ gnädigſten Herrn zu wahren. Herzog. Warum das? Sie kämen dadurch nur in Ungelegenheiten mit meiner Frau Mutter. Ich erfahre ja doch Alles, was Sie mir mitzutheilen haben. 3 Graf. Alles, Euer Durchlaucht? Herzog. Alles, Herr Miniſter. Graf Gieht ein Papier aus der Brieftaſche). Auch den Inhalt dieſes Schreibens an den Hof von Bayern. Herzog coeist es mit der Hand zurüch. Auch den vielleicht und wenn nicht, ſo erfahre ich ihn heute noch auf eine für Sie minder compromittirende Weiſe— Graf Cſieht den Herzog an). Herzog. Durch meinen geheimen Agenten. CErnſt.) Ja, mein lieber Graf, die Zeit iſt vorüber, wo eine derartige Mittheilung Ihrerſeits, die vollkommen im Bereich Ihrer Schuldigkeit gegen mich gelegen, mir Dienſte geleiſtet hätte. Graf(wiſcht ſich den Schweiß ab). Ich werde troſtlos, Euer Durchlaucht! Aber wenn Hochdie⸗ ſelben wirklich von dem Inhalt dieſes Papieres in Kenntniß geſetzt ſind, ſo bitte ich, mir Höchſt Ihre Meinung hariber mitzutheilen, damit ich im Stande bin, in Ihrem Intereſſe zu handeln. Herzog(durchfliegt das Papier. Bewegung. Feſt und beſtimmth. Ich wußte um den Inhalt; ich will von Ihnen nichts darüber gehört haben, damit ich offen und frei meiner Mutter gegenüber meine eigene Meinung ausſprechen kann. Mühſam lächelnd) Aber ge⸗ 46 Der geheime Agent. hen Sie zu Ihrem Rapport, es könnte Sie compromittiren, wenn Sie bei dem regierenden Herzog zu lange allein blieben. Graf cim Abgehend. Dieſer Agent iſt ein Dämon, der ſich Zauberkünſte bedient. (In das Kabinet ab.) Herzog cklingelt. Zum eintretenden Kammerdiener). Meinen Hut, meinen Degen!— Ich muß einen Spaziergang in den Park machen, mir iſt das Herz zu voll, ich muß friſche Luft ſchöpfen. Intriguen ohne Ende! So hinter meinem Rücken zu handeln, die wichtigſten Sachen zu beſchließen, ohne mir nur ein Wort davon zu ſagen!(Er begegnet an der Thür der Prinzeſſin, welche in den Salon tritt.) Ah, Prinzeſſin, ich bin erfreut, Sie einen Augenblick zu ſehen! Ich muß Ihnen nur in zwei Worten mittheilen, daß unſer Plan vollkommen gelingt. Mein geheimer Agent iſt ſchon eine der gefürchtetſten Perſonen bei Hofe, Alles glaubt ſich von ihm beob⸗ achtet, Keiner traut dem andern mehr, ja kaum ſich ſelbſt und un⸗ ſere gefährlichſten Feinde beeilen ſich, uns ihre Geheimniſſe mitzu⸗ theilen.(Die Thür zu dem Kabinet der Herzogin hat ſich geöffnet, ohne daß es der Herzog bemerkt, die Prinzeſſin dagegen macht dem Herzog ein ſehr ſteifes Compliment.) — Warum ſo förmlich, Eugenie? Nehmen Sie keinen Antheil mehr an meinem Schickſal? Wenn Sie wüßten, was ich eben durch den Grafen erfahren— (Die Herzogin iſt in der Thür erſchienen) Fünfter Auftritt. Der Vorige. Die Prinzeſſin, dann die Herzogin. . 4 Prinzeſſin. Um Gotteswillen, Durchlaucht! ſprechen Sie von was Anderem! cLaut. Ich danke Euer Durchlaucht unterthänigſt, ich komme ſoeben Der geheime Agent. 47 von einem Spaziergang zurück, habe auch den neuen Irrgarten ſchon geſehen; die Wege ſind ſo geſchickt angelegt, daß man ſich ohne den dazu nöthigen Plan in der Hand faſt unmöglich heraus⸗ finden kann. 5 Herzog Cfast ſich. So muß ich alſo auf Ihre Geſellſchaft verzichten, Prinzeſſin? — Bis ein andermal denn! Prinzeſſin. Es wird mir eine außerordentliche Ehre ſein. 4 Herzogin(mit ſchwacher Stimme). Ah! mes enfants! cGeht langfam auf die linke Seite.) Herzog(wendet ſich plötzlich um). Die Prinzeſſin reyüſirt mir ſoeben eine Promenade in den Park; es iſt eine ſolch' herrliche Luft draußen. Prinzeſſin. Ich komme ſoeben von einem Spaziergange, wie ich Ihrer Durchlaucht bereits ſagte. Herzog cuſtig.. Nein, nein, Sie wollen mich täuſchen. Geſtehen Sie es nur, ich bin nicht in Ihrer Gnade, denn Sie theilen beſtändig Körbe an mich aus. Prinzeſſin. . Euer Durchlaucht! Herzogin Ctust ſie auf die Stirn). Mein gutes Kind! der Herzog meint es nicht ſo ſchlimm, er iſt dir gewiß ſehr gewogen, ich weiß das genau! Herzog. Allerdings, Mama, Sie haben Recht! Die Prinzeſſin h wahrhaftig keine Ahnung davon, wie gut ich es mit ihr meine Sehr gut, außerordentlich gut! Faſt ſo gut wie Sie, Mama! Herzogin Kachend. Faſt ſo gut, mein Sohn. Die Prinzeſſin hat an Uns eine 48 Der geheime Agent. mütterliche Freundin und weiß, daß Wir Uns eifrig mit ihrem Wohl beſchäftigen. Gerade in dieſem Augenblicke— Herzog. Herzogin. Gerade in dieſem Augenblicke ſprachen Wir mit Unſerem Mi⸗ niſter, dem Grafen Steinhauſen— Herzog (der die Converſation unterbrechen will, ſchaut in die offene Thür des Kabinets rechts). Ah, ich glaube, dort kommt der Graf! (Huſtet.) Herzogin. 8 Er eilte hieher, um dir ſeinen Neffen, den Grafen Oskar vorzuſtellen.— Ein ſehr liebenswürdiger und gebildeter junger Mann! Sechster Auftritt. Die Vorigen. Der Graf. Deſſen Neffe. Der Oberſthofmeiſter. Graf. Euer Durchlaucht hatten die Gnade, mir zu erlauben, Ihnen allerunterthänigſt meinen Neffen präſentiren zu dürfen. Herzog.„» Herr Graf, ſeien Sie mir willkommen. Ich glaube, wir ſahen uns vor zwei Jahren in Rom. Graf Oskar. — Während des Carnevals, Euer Durchlaucht. Herzog. Sie waren damals ſchon längere Zeit auf Reiſen? Graf Oskar. Seit vier Jahren. Der geheime Agent. 49 Herzog. Und ſeit der Zeit nicht mehr in der Heimath?— Wir müſſen wenig Anziehungskraft für Sie haben. Graf. Es war beſtändig ſein glühendſter Wunſch, Euer Durchlaucht und ſein Vaterland wieder zu ſehen, doch war die Reiſe noch auf längere Zeit projectirt und ſollte nicht unterbrochen werden. Herzogin. Ich finde das vollkommen begreiflich und wünſche nur, daß es Ihnen fortan am hieſigen Hofe gefallen möge. Graf Oskar, ich werde Sie der Prinzeſſin Eugenie vorſtellen. Graf Cfar ſichh. Ein ſchönes Mädchen! (Der Herzog iſt an's Fenſter getreten, Oberſthofmeiſter folgt ihm in einiger Entfernnng.) Prinzeſſin. Ich hoffe, Herr Graf, die Umgebungen unſerer Reſidenz wer⸗ den Ihnen nach all dem Schönen, was Sie auswärts geſehen, nicht zu unbedeutend vorkommen; aber ich fürchte, unſere kleine Stadt wird Ihnen leider nicht viel darzubieten vermögen, was im Stande iſt, Sie hier zu feſſeln. 3 Graf. Euer Durchlaucht halten zu Gnaden, ich glaube, wenn Graf Oskar erſt eine kurze Zeit hier iſt, wird er das, was er vielleicht bei uns findet, nicht um alle Schätze der Welt vertauſchen. Prinzeſſin. Ich hoffe, es ſoll Ihnen bei uns gefallen. Oberſthofmeiſter Gum Herzog. Ein ganz herrlicher Tag, ein wunderbar ſchönes Wetter! Herzog. Ich ſehe nicht nach dem Wetter, beſter Oberſthofmeiſter, Oberſthofmeiſter. 3 Haben Euer Durchlaucht vielleicht ſchon zufällig bemerkt, wie Hackländers Werke. XVv. 4 50 Der geheime Agent. deliziös ſich von dieſer Seite des Schloſſes aus, ja von dieſem Fenſter, der neue türkiſche Kiosk ausnimmt. Herzog. Ich ſehe nicht nach dem türkiſchen Kiosk. Herzogin czum Grafen). Was hat der Herzog? Graf cCtritt ebenfalls an's Fenſter). Euer Durchlaucht bemerken wohl jene rieſenhafte Aloe, die ihren Blüthenſtengel emportreibt?— Wirklich eine prachtvolle ſeltene Pflanze! Herzog. Ich habe nicht darnach geſehen, ſondern— Oberſthofmeiſter und Graf. (Drängen ſich näher.) Herzog. Sondern— wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo ging dort unten vor wenig Augenblicken— da bei der großen Allee, die nach dem Baſſin führt— Oberſthofmeiſter und Graf.„. Wer, Euer Durchlaucht? Herzog. O cer wendet ſich vom Fenſter abb mein geheimer Agent vorbei. Alle. Wo?— Der geheime Agent? Oberſthofmeiſter und Graf. (Drängen ſich an's Fenſter) Herzog czu Graf Osar). Alſo, mein beſter Graf Oskar, richten Sie ſich bei uns häus⸗ lich ein, ich hoffe, wir werden uns öfters ſehen; denn die Stadt iſt ſo klein, daß die Lebensluſtigen eng zuſammenhalten müſſen, ſonſt jagt Uns die Langeweile aus Unſerem eigenen Lande hinaus. — Auf baldiges Wiederſehen!— Adieu, Mama, ich bitte nachher Der geheime Agent. 51 um eine kleine Audienz; ich habe einige an ſich nicht bedeutende Dinge mit Ihnen zu beſprechen.— Guten Tag, Prinzeſſin. 2(Herzog ab.) (Herzogin und Prinzeſſin ſprechen leiſe zuſammen, dann geht die Prinzeſſin in's Kabinet.) Graf Gu ſeinem Neffen). 3 Geh' ſogleich in den Park hinab, ſuch' mir den geheimen Agenten auf, mach' ſeine Bekanntſchaft, aber ſei vorſichtig. Oberſthofmeiſter Cfur ſich. Der geheime Agent im Garten? Da werde ich ſeine Bekannt⸗ ſchaft zu machen ſuchen. Gelingt mir dies, ſo werde ich ihm die großen Waſſer ſpringen laſſen. Siebenter Auftritt. Der Graf. Die Herzogin. Herzogin(mit ſtarker Stimme). (Sieht dem jungen Grafen nach.) Ich verſichere Sie, Graf Steinhau⸗ ſen, die beiden jungen Leute paſſen vortrefflich zuſammen. . Graf. Durchdrungen von der Gnade Euer Durchlaucht, glaube ich im Namen meines Neffen verſprechen zu können, daß derſelbe ſich be⸗ mühen werde, durch die treueſte Ergebenheit, durch die unabläſſigſte Sorgfalt die Kluft einigermaßen vergeſſen zu machen, welche zwi⸗ ſchen der Prinzeſſin Eugenie und dem geringen Hauſe Euer Durch⸗ laucht unterthänigſtem Diener beſteht. Dieſe Verbindung iſt ein Ereigniß von ſo glücklicher und ſegensreicher Art, daß von da die ſpäteſten Nachkommen der Familie Steinhauſen mit Stolz ſprechen werden. Herzogin. Laſſen wir das, guter Steinhauſen! Ihre Ergebenheit für Unſer Haus hat ſich ſo glänzend bewieſen, daß es keine Belohnung 52 Der geheime Agent. gibt, die zu groß iſt für ſo treue, aufopfernde Dienſte. Ich werde wahrſcheinlich noch heute mit meinem Sohne über die Sache ſpre⸗ chen und dann vielleicht morgen die Verbindung bei Hof publi⸗ ziren. Graf. Aber haben Euer Durchlaucht auch den Fall bedacht, daß Seine Durchlaucht etwas gegen dieſe Verbindung einzuwenden hätten? — Herzogin. Mein Sohn etwas gegen eine Sache einwenden, die ich be⸗ ſchloſſen? Graf. Es iſt das freilich noch nicht vorgekommen, aber man hat Beiſpiele— Herzogin. Welche?— Graf. Beiſpiele wohl nicht, aber Seine Durchlaucht der Herzog könnte doch vielleicht anfangen, es übel zu vermerken, daß man ihn von manchen wichtigen Sachen erſt dann in Kenntniß ſetzt, nachdem dieſelben vollſtändig beſchloſſen und abgemacht ſind. Herzogin. Aber das iſt ja bis jetzt immer ſo gehalten worden! Graf.. Allerdings, aber Euer Durchlaucht ſelbſt geruhten mir heute Morgen zu ſagen, wie übel der Herr Herzog es aufgenommen, daß man Schritte gethan zu ſeiner Verbindung mit der Prinzeſſin von Braunſchweig. Herzogin. Hm! Wir können ſtreng genommen nicht verlangen, daß er dergleichen nicht übel nehmen ſoll; aber dabei bleibts auch; ich verſichere Sie, dabei bleibts auch! Der geheime Agent. 53 Graf. Trauen Euer Durchlaucht nicht ganz, ich glaube, eine kleine Aenderung des Syſtems gegen den Herzog könnte nichts ſchaden. Herzogin. Wie ſoll ich Sie verſtehen? Eine kleine Aenderung des Sy⸗ ſtems heißt es ganz aufgeben. O ſeien Sie unbeſorgt, er hat die⸗ ſes Heirathsprojekt zufällig erfahren, ganz zufällig. Graf. Das glaube ich nicht. Herzogin. Sie vermuthen— Graf Daß jener geheime Agent ihn trefflich bedient. Herzogin. Glauben Sie in vollem Ernſt? Graf. In vollem Ernſt!— Herzogin Jener unſichtbare geheimnißvolle Diener? Graf. Weiß in der That die geheimſten Dinge. Ich habe erſchreckende Beweiſe. Herzogin. Welche?— reden Sie! Achter Auftritt. Die Vorigen. Der Herzog. Herzog. Ah, Mama, noch immer Staats⸗Geſchäfte?— Bedaure ſehr, zu ſtören, Herr Graf, aber ich muß Sie einen Augenblick ablöſen, 54 Der geheime Agent. denn ich habe Einiges auf dem Herzen, was ich mit der Frau Her⸗ zogin beſprechen muß. Es ſind eigentlich keine Geheimniſſe und wenn es Sie vielleicht unterhalten ſollte, da zu bleiben, ſo habe ich durchaus nichts dagegen.. Graf. 3 Euer Durchlaucht belieben gnädigſt zu ſcherzen. Meine Ge⸗ ſchaſt⸗ ſind zu Ende, ich ziehe mich gern zurück. Sieht ſich zurück und ab.) Herzog. Wie Sie wollen, Herr Graf!— Mama, ich halte es an der Zeit, Ihnen nochmals meinen beſten Dank zu ſagen für die freund⸗ liche Aufnahme meines geheimen Agenten, vielmehr für die Erlaub⸗ niß, denſelben höchſtincognito bei mir aufnehmen zu dürfen. Herzogin(mit ſchwacher Stimme). Du biſt ſehr freundlich, auf dieſe Kleinigkeit ein Gewicht zu legen. Ich möchte aber nur wiſſen— Herzog. Womit wir uns beſchäftigen? Ich finde dieſen Wunſch durch⸗ aus gerechtfertigt, chore maman! Herzogin. Du mißverſtehſt mich, mein Sohn; es kann und wird mir durchaus nicht einfallen, mich in deine Privat⸗Angelegenheiten miſchen zu wollen... Herzog. Hm! Herzogin. Es ſei denn, daß dieſe Privat⸗Angelegenheiten die Staats⸗ Geſchäfte tangiren. Herzog. Was bei einem regierenden Herrn ſo außerordentlich leicht vorkommen kann. Herzogin. Wie? Der geheime Agent. 55 Herzog. Was bei einem regierenden Herrn— Herzogin Kächemd). Ah, ich verſtehe! Herzog Ciür ſich. Mama verſteht! claut: Bis jetzt, Mama, haben Sie ſich, wie ich glaube, durchaus nicht darüber beſchweren können, daß meine Privat⸗Angelegenheiten ſich den Staatsgeſchäften auffallend genä⸗ hert; jetzt aber— Herzogin. Wie? Herzog. Jetzt aber, das heißt, ſeit mein geheimer Agent hier iſt, ſehe ich mich in der That veranlaßt, durch mancherlei Mittheilungen, die er mir gemacht, mich etwas mehr um das Praktiſche der Staats⸗ Geſchäfte zu bekümmern. Herzogin Kächend). Man hat dir Mittheilungen gemacht? Am Ende gar ſolche, die ſich wie Staats⸗Geheimniſſe anhören? Herzog. Mein geheimer Agent— allerdings! Herzogin. Und dieſe wären? Herzog. Ich werde Ihnen Einiges davon nicht vorenthalten, Mama. Sie werden ſich erinnern, daß Sie mich geſtern mit der Nachricht zu überraſchen gedachten, Sie hätten für mich eine Gemahlin an dem benachbarten Hofe von Braunſchweig geſucht und gefunden. Ich wußte es bereits, legte auch auf dieſes Handeln hinter meinem Rücken durchaus keinen Werth, da ich über meine Heirath hoffent⸗ ich allein zu entſcheiden habe. 56 Der geheime Agent. Herzogin(mit ſtarker Stimme). Aber wenn die Unterhandlungen bis zu einem gewiſſen Grade vorgeſchritten ſind, ſo kann man unmöglich zurücktreten, ohne com⸗ promittirt zu werden. Herzog. Wir wollen das für jetzt nicht erörtern, aber, Mama, Sie ha⸗ ben in unſerer Familie eine andere Verbindung projektirt, ohne mit mir nur ein Wort darüber zu ſprechen. Ich bin der Chef des Hauſes, Mama, und ohne mir die geringſte Mittheilung zu machen, vergeben Sie die Hand der Prinzeſſin Eugenie an den Neffen des Grafen Steinbanſen⸗ Herzogin. Unerhört!— Wer hat dir das geſagt? Herzog. Mein geheimer Agent. Herzogin. Ich bin überraſcht, außer Faſſung!— meine Nerven! Herzog. Iſt die Mittheilung meines geheimen Agenten falſch? Herzogin(mit ſchwacher Stimme). Ich will das nicht behaupten, aber es gibt Dinge, die man vorher auf's Genaueſte prüfen und mit vertrauten Freunden be⸗ ſprechen muß, ehe man ſie der Oeffentlichkeit übergibt.— Herzog. Alſo mich, den Herzog— Ihren Sohn, rechnen Sie nicht unter die Zahl Ihrer vertrauten Freunde?.— Doch weiter, Mama! Ich bin nicht gekommen, Ihnen Vorwürfe zu machen, ſondern Ih⸗ nen nur zu erzählen, womit mich mein geheimer Agent unterhält. Herzogin(mit ſtarker Stimmed. Dein geheimer Agent iſt ein argliſtiger Spion. Ich bin in dieſem Schloſſe vor den Spähern meines Sohnes nicht mehr Der geheime Agent. 57 ſicher. Heute Morgen wußte außer dem Grafen Niemand um dieſe Angelegenheit. Herzog. Woraus Sie erſehen können, wie vortrefflich ich bedient bin⸗ — Aber weiter!.... Herzogin. Wie, du haſt noch mehr? Herzog. Das, Mama, waren nur Privat⸗Angelegenheiten unſeres Hau⸗ ſes. Jetzt muß ich mir aber erlauben, Regierungs⸗Geſchäfte zu berühren. Sie haben hinter meinem Rücken, Mama, einen Vertrag mit dem Hofe von Bayern abgeſchloſſen. Herzogin(erſtaunt). Wer ſagt das? Herzog. Einen Vertrag, in ſeinen Conſequenzen ebenſo unvortheilhaft für das Land, als erniedrigend für mich, den Herzog. Herzogin. Verrath! Heilloſer Verrath! Herzog. Ebenſo erniedrigend für den Herzog, der in dieſem Vertrag wie eine Perſon behandelt wird, die man nicht fragte, und die ſich fügen wird, ſobald es die durchlauchtigſte Mutter für gut findet. Herzogin. Wer hat mir das gethan? Wer hat dieſe Verläumdungen ge⸗ macht? Ich will es wiſſen! Herzog. Mein geheimer Agent, Mama.— Wollen Sie Beweiſe? Herzogin. Nein, nein! Ich habe genug gehört, vollkommen genug!— O dieſe Scene! Wie das meine Nerven angreift! Der Sohn gegen die eigene Mutter!. 58 Der geheime Agent. Herzog. Und die Mutter gegen den eigenen Sohn! Herzogin(mit ſchwacher Stimme). Verdiene ich dieſe Vorwürfe? Herzog. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Mama, ich habe, wie ge⸗ ſagt, nur pflichtſchuldigſt mitgetheilt, was mir— Herzogin Chefugd. Dein geheimer Agent,— ein verabſcheuungswürdiger Spion — zuflüſtert!— Wie ich dieſen Menſchen haſſe! Ich will nicht eher ruhen, bis ich ihn aus dem dunkeln Winkel, wo er ſein Gift ausbrütet, ans Tageslicht gezogen habe. Herzog.. Mama, ich bin fertig. Erlaube mir nur, Ihnen noch zu be⸗ merken, daß ich es für meine Schuldigkeit hielt, unſerem Geſandten am Hofe von Bayern neue Inſtruktionen zugehen zu laſſen— nur privatim, Mama— worin ich mich aber bemühte, ihm deutlich ins Gedächtniß zurückzuführen, wer denn eigentlich der Herr dieſes Landes iſt. c) Neunter Auftritt. Die Herzogin, ſpäter der Graf. Herzogin cklingelt heftig). Man ſuche den Grafen Steinhauſen! Kanmmerdiener der Herzogin. Seine Excellenz ſind noch im Schloſſe. Herzogin. Ich erwarte ihn!—— Meine Schritte zu belauſchen, meine Pläne zu durchkreuzen, mich vor dem Hofe von Bayern, vor dem Der geheime Agent. 59 eigenen Geſandten blos zu ſtellen! Und das Alles nicht aus eige⸗ nem Antrieb— o der Herzog hätte nie an ſo etwas gedacht, er folgte nur den Einflüſterungen jenes räthſelhaften Menſchen, der nicht nur meine Schritte, auch meine Gedanken aufſpürt, der un⸗ ſichtbar umherſchleicht, ſeine Ohren an jede Thür legt, aus ſeinem Verſteck heraus jede Miene beobachtet,— es iſt unerträglich! Das ſoll, das muß anders werden! Graf(tritt eilig ein). Euer Durchlaucht ließen mich ſo eilig rufen; Euer Durchlaucht ſind agitirt, um Gotteswillen! es iſt doch nichts vorgefallen?— Dieſe Unterredung mit dem Herzog!— Herzogin. Fing da an, wo Sie vorhin aufhörten! Graf. (Sieht ſie erſtaunt an.) Herzogin. Er legte mir Beweiſe vor, daß ihm alle unſere Schritte ver⸗ rathen werden. Graf. Was ich Euer Durchlaucht vorhin ſagte. Herzogin. Daß er bereits um die zwiſchen uns Beiden projektirte Heirath Ihres Neffen mit der Prinzeſſin wiſſe— Graf. Unbegreiflich! Herzogin. Daß er unſern geheimen Vertrag mit dem Hofe von Bayern kenne. Graf. Entſetzlich! Ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll? . Herzogin. Daß er in verſchiedener Beziehung beſſer bedient iſt, als ich⸗ 60 Der geheime Agent. Graf. Euer Durchlaucht! Herzogin. Unter der harmloſeſten Maske führte er einen Fremden bei uns ein; dieſer Fremde wohnt hier im Schloſſe, intriguirt gegen Uns, iſt Uns in den erſten Tagen ſchon höchſt gefährlich, und wir Alle zuſammen ſind nicht im Stande, zu erfahren, wer und was dieſer Fremde iſt, können keine Mittel finden, ihn in ſeinem Dun⸗ kel zu entdecken, während wir vor ihm im hellſten Lichte ſtehen, ſo daß er im Stande iſt, alle unſere Schritte zu beobachten. Graf. Euer Durchlaucht wollen die Gnade haben, nicht zu bezweifeln, daß wir unſer Möglichſtes gethan, etwas über jenen geheimen Agenten zu erfahren, ja ich glaube, daß in dieſem Augenblick mein Neffe, Graf Oskar, unten im Park ſeine Bekanntſchaft gemacht ha⸗ ben wird, und das wäre ein erſter Anknüpfungspunkt. Herzogin.. Ich habe meine Partie genommen; wir können nicht ferner auf einem Terrain arbeiten, das vor unſern Augen unterminirt wird, und jedem Handſtreich offen da liegt, da wir nicht wiſſen, von welcher Seite er gegen uns geführt wird. ceie kUngelt. Ju dem Kam⸗ merherrn, der hereintritt): Man rufe den Oberſthofmeiſter!— Ich ver⸗ laſſe dieſe Stadt. Graf. 3 Um Gotteswillen, Euer Durchlaucht, wollen uns doch nicht verlaſſen, die Zügel des Regiments aus den Händen geben, uns der Ungnade des Herzogs überlaſſen, in deſſen Augen wir, als Euer Durchlaucht allergetreueſte Räthe, von jeher als eine höchſt mißliebige Oppoſition erſchienen ſind? Herzogin. O mein beſter Graf, Sie irren gewaltig; ich will nur die Reſidenz für einige Zeit verlaſſen, um die Staatsgeſchäfte von ei⸗ Der geheime Agent. 61 nem Terrain leiten zu können, das ich von geheimen Agenteu frei zu erhalten vermag. Graf. Euer Durchlaucht wollten?— Herzogin. Noch heute mein kleines Schloß Caſerta beziehen; mir ſcheint, es liegt nichts Außerordentliches darin, daß ich dort einmal die Sommer⸗Monate zubringen will. Graf. Und der Herzog? Herzogin. Wird mit ſeinem geheimen Agenten hier bleiben, Caſerta iſt mein Privat⸗Eigenthum. Graf. Und wir— Euer Durchlaucht getreueſte Räthe? Herzogin. Sind freundlichſt eingeladen, mich zu begleiten. Graf(einigermaßen verlegen). Wird aber Seine Durchlaucht dieſen Schritt billigen? Weiß der Herzog darum?. Herzogin. Er wird es erfahren! nach der unangenehmen Scene, die wir vorhin gehabt, kann es ihm nur erwünſcht ſein, daß wir uns ein paar Tage nicht ſehen. Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Oberſthofmeiſter. Oberſthofmeiſter. Euer Durchlaucht haben befohlen!— 62 Der geheime Agent. Herzogin. Ich habe mich entſchloſſen, Herr Hofmarſchall, für einige Wo⸗ chen mein Schlößchen Caſerta zu beziehen, ich will noch heute Abend dahin abreiſen. Beſorgen Sie meinen Wagen und ſchicken Sie ſogleich einen Courier hinaus, damit man Wohnungen einrichte für den Grafen Steinhauſen und drei der übrigen Räthe mit dem nöthigen Perſonal.— Ich nehme die Prinzeſſin mit mir; meine Hofdamen können morgen folgen. Qberſthofmeiſter cerſtaunt). Aber Seine Durchlaucht der Herr Herzog? Herzogin. Es iſt jetzt ſieben Uhr, ich wünſche, daß in einer halben Stunde mein Wagen am Gartenthore vorfährt. Oberſthofmeiſter. Aber Herr Herzog ſcheinen nicht verreiſen zu wollen, Seine Durchlaucht ſind ſoeben zu einer Jagd ausgeritten. Herzogin Cfur ſich. Deſto beſſer! daud: Aber ich werde nach Caſerta gehen, Herr Oberſthofmeiſter. Oberſthofmeiſter cverblüfft). Ganz zu Euer Durchlaucht Befehl! Herzogin an das Kabinet rufend). Mein Schreibzeug!(Der Kammerdiener bringt es, ſie ſetzt ſich zum Schreiben). (Graf und Hofmarſchall auf der andern Seite nehmen eine Priſe.) Oberſthofmeiſter. Hm!— Hm!— Wie? Graf. (Zuckt mit den Achſeln.) Oberſthofmeiſter. Nach Caſerta? Graf. So ſcheint's! Der geheime Agent. 63 Oberſthofmeiſter. Ja, aber?— Graf. Staats⸗Geheimniſſe! Oberſthofmeiſter. Mit Euren Geheimniſſen! Es wird unerträglich an dieſem Hofe! 1 3 Graf. Finden Sie das? Oberſthofmeiſter. Nun ja, man kann ja keinen Schritt mehr thun, ohne daß man auf eine Heinmlichkeit ſtößt. Graf. Guckt mit den Achſeln.) Oberſthofmeiſter. Und der Herzog? Graf. Bleibt hier. Oberſthofmeiſter. Und ich? Graf. Ebenfalls. Oberſthofmeiſter. Und der Geheime? Graf(mit einem Blick auf die Herzogin). Bst! Oberſthofmeiſter. (Huſtet verlegen.) Herzogin Kaud. Herr Oberſthofmeiſter! Oberſthofmeiſter cerſchrocken). Euer Durchlaucht! 64 Der geheime Agent. Herzogin. Dieſen Brief geben Sie morgen früh dem Herzog.— Laſſen Sie meinen Wagen einſpannen. *(Hofmarſchall ab.) Herzogin. Dieſe Maßregel kann kein Aufſehen erregen, und ſie iſt noth⸗ wendig; ich darf es nicht wagen, im jetzigen Augenblicke mit mei⸗ nem Sohne mich offenbar zu überwerfen, namentlich nicht wegen jenes geheimen Agenten, ein Spielzeug, an dem der Herzog nun einmal Geſchmack gefunden. Erwarten Sie mich hier, Graf Stein⸗ hauſen, ich muß einige nothwendige Anordnungen treffen. 4.(Ab in'’s Kabinet) Eilfter Auftritt. Graf l(allein). (Geht heftig auf und ab.). Das geht zu weit, und wie ich mich auch hin und her beſinne, das läßt ſich mit meiner Dienſtpflicht gegen Seine Durchlaucht nicht vereinigen.— Aber was ſoll ich thun?— Die Herzogin iſt aufgeregt, ich kenne ihren feſten Willen, ſie wird von dieſem Ent⸗ ſchluß nicht abzubringen ſein. Wenn nur der Herzog da wäre! Eine ſo ſchöne Gelegenheit, mich als getreueſten Diener ihm dar⸗ zuſtellen, kommt nicht ſobald wieder; aber der Herzogin den Ge⸗ horſam verweigern, iſt unmöglich. Sie hat bis jetzt alle Befehle gegeben, es wäre Rebellion gegen die Allerhöchſte Gewalt. cEr gebt auf und ab.) Halt!— das ginge! So wäre es möglich; ja, ja, ich halte Ihre Durchlaucht von einem übereilten Schritt ab und der Herzog muß es mir danken. Der geheime Agent. 6⁵ Zwölfter Auftritt. Die Vorigen. Der Oberſthofmeiſter, dann die Herzogin und die Prinzeffin. Oberſthofmeiſter. Die Wagen ſind bereit;— aber ich bitte Sie, beſte Excellenz, geben Sie mir etwas an die Hand, woran ich mich halten kann. Der Kopf ſchwindelt mir. Schloß, Corridor, Treppen, Wagen, Alles läuft vor mir im Kreiſe herum. Graf Cvichtigd. Beſter Oberſthofmeiſter, wir befinden uns in einer äußerſt wichtigen Kriſis. Sie dürfen die Frau Herzogin nicht begleiten, ich fürchte— Oberſthofmeiſter. Eine Ungnade;— meine Zerſtreuung geſtern vor der Tafel! Graf. Möglich. Ich habe Ihnen neulich ſchon geſagt, daß hier Dinge geſchehen werden, vor deren Gewalt wir uns nur durch feſtes Aneinanderhalten ſchützen können. Oberſthofmeiſter cfaßt ſeinen Arm). Sie ſehen, wie ich mich an ſie anklammere. Graf. Wohlan denn! Stehen Sie mir kräftig zur Seite; ich kenne Ihre Geiſtesgegenwart. Oberſthofmeiſter. Mein Gott! Was ſoll ich thun? Graf. Nicht viel, nur der Herzogin melden, daß die Wagen bereit ſeien, und dann ſollen Sie mit einem verlegenen Geſichte auf mich hinzuſetzen: Aber— Hackländers Werke. XV.. 5 66 Der geheime Agent. Oberſthofmeiſter cſehr verlegen). Aber! Graf. Aber!— Ihr Geſicht iſt ganz vortrefflich!—— (Herzogin und Prinzeſſin treten ein.) Herzogin. 4 Wir ſind fertig!— Nun, meine Herrn— was ſoll das— Graf Steinhauſen?— Sie ſehen ſo nachdenklich aus!— Und Sie, Oberſthofmeiſter— was ſoll Ihr verſtörtes Ausſehen? Oberſthofmeiſter(ſehr beſtürzt). Aber!— 5 Graf cleiſe zu ihm). Noch nicht!— Herzogin. Nun, Herr Oberſthofmeiſter, haben Sie meine Befehle beſorgt? Oberſthofmeiſter. Zu Euer Durchlaucht Befehl, die Wagen ſind bereit, aber— (ſieht den Grafen and. Aber... Herzogin. Was ſoll das Aber, Herr Oberſthofmeiſter? Graf. 3 So ſprechen Sie doch, melden Sie Ihrer Durchlaucht, was Sie gehört!. Oberſthofmeiſter (in größter Verlegenheit, zuckt auffallend die Achſeln). Herzogin. Werde ich endlich erfahren? Graf. Der Oberſthofmeiſter iſt ganz außer ſich— es iſt aber auch ein ſeltſamer Umſtand. Man meldet nämlich von der Wache, daß dorthin ſoeben der gemeſſenſte Befehl gekommen, heute Abend kei⸗ nen Wagen, es ſei, welcher es wolle, aus dem Schloſſe zu laſſen. Der geheime Agent. 67 Herzogin. Keinen Wagen aus dem Schloſſe zu laſſen 2 Graf. So war der Befehl, nicht wahr, Herr Oberſt hofmeiſter? Oberſthofmeiſter (der den Grafen erſtaunt angeſehen, ſehr kläglich). Ja, allerdings. Herzogin. Und von wem kam dieſer Befehl? Graf. Von Seiner Durchlaucht, dem Herrn Herzog. Herzogin Gum Oberſthofmeiſter). Vom Herzog? Oberſthofmeiſter. Ja, allerdings! Herzogin. Und wer überbrachte dieſen Befehl? Graf. Der geheime Agent. Herzogin Czum Oberſthofmeiſter). Was muß ich hören, Herr Oberſthofmeiſter! wer überbrachte den Befehl? Oberſthofmeiſter(ſchwer Athem holend). Der geheime Agent. Herzogin Lcſignirt). Es iſt gut, meine Herren, ſo werde ich erſt morgen reiſen! Der Vorhang fällt. 68 Der geheime Agent. Dritter Aufzug. Erſter Auftritt. Dieſelbe Dekoration. Der Herzog. Der Kammerdiener. 3 Herzog. Und du ſagteſt, mein geheimer Agent— Kammerdiener. Gab geſtern im Namen Euer Durchlaucht Befehl, das Schloß um acht Uhr zu ſchließen und Niemand, namentlich aber keine Equi⸗ pagen mehr hinauszulaſſen. Herzog. Sonderbar!— Und dieſen Befehl erhielt die Schloßwache von meinem geheimen Agenten? Kammerdiener. Von Euer Durchlaucht geheimem Agenten. Herzog Cfir ſich. Sollte ſich dieſe Phantaſiegeſtalt plötzlich verkörpert haben? Die Sache iſt mir verdächtig;— oder ſollte ſich Jemand den Na⸗ men meines geheimen Agenten anmaßen, um ebenfalls im Gehei⸗ men irgend eine Macht auszuüben? Gaaut zu ſich ſelbſt redend) Zu wel⸗ chem Zweck konnte das Schloß geſperrt werden? Kammerdiener.. Euer Durchlaucht halten zu Gnaden, es iſt mir zufällig ver⸗ gönnt, darüber Auskunft ertheilen zu können. Herzog. Du?— In der That, ich bin neugierig, Monſieur George! Der geheime Agent. 69 Kammerdiener. Euer Durchlaucht, ich fange an, eine Größe zu werden; ich fange an, mich zu dem Platz zu erheben, der mir als der Erſte in Euer Durchlaucht privatimſten Dienſt gehört. Herzog Gerſtreut). Das wäre? Kammerdiener. Die Agenten der fremden Mächte— ich verſtehe darunter die Kammerfrauen Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin— fangen an, mir vertrauliche Mittheilungen zu machen und dieſen verdanke ich es, daß ich im Stande bin, den Vorfall von geſtern Abend zu melden. Herzog. Ei! ei! So laß hören! Kammerdiener. Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin beſchloßen geſtern Abend nach gehabter Unterredung mit Euer Durchlaucht, gefolgt von Aller⸗ höchſt Ihrem Hofſtaate, der Prinzeſſin Eugenie und den Herren Miniſtern nach Caſerta überzuſiedeln. Herzog. Was höre ich! Kammerdiener. Damit die Sache nicht verrathen werden ſollte, eröffneten die Frau Herzogin ihren Entſchluß erſt, nachdem Alle, welchen befohlen war, ſie zu begleiten, um ſie verſammelt waren. Doch kaum erließ der Oberſthofmeiſter den Befehl zum Vorfahren der Wagen am hin⸗ teren Schloß, ſo kam die Meldung zurück, das Schloß ſei auf allen Seiten geſperrt und Euer Durchlaucht geheimer Agent habe in Höchſt Ihrem Namen den Befehl gegeben, Niemanden mehr hin⸗ auszulaſſen. Herzog. Seltſam in der That! So ſonderbar die Sache klingt, ſo 70 Der geheime Agent. muß man ſie doch glauben. Wer hat mir dieſen Dienſt geleiſtet? — Die Prinzeſſin vielleicht?— Kaum glaublich! cam Fenſter.) Wer fährt da in den Hof? Kammerdiener. Es iſt die Equipage Sr. Excellenz des Grafen von Stein⸗ hauſen. Herzog. Der war geſtern Abend auch bei der Conferenz drüben, er nähert ſich mir auffallend; ein Schritt, wie ihn meine Mutter vor⸗ hatte, konnte ihm nicht gleichgültig ſein.— Richtig! er hat den geheimen Agenten vorgeſtellt— aber ſein Einlenken ſoll ihm nichts helfen! Er war und iſt doch die Seele aller Machinationen gegen mich.— George! Kammerdiener. Euer Durchlaucht! Herzog. Ich mag den Grafen in dieſem Augenblicke nicht ſehen, ver⸗ ſtehſt du? Mach ihm aber die vertrauliche Mittheilung, daß mein geheimer Agent ihn bei mir verklagt.— Höre, was er ſagt— (Ab in ſein Kabinet.) Zweiter Auftritt. Der Kammerdiener. Der Graf. Graf. Nun, Monſieur George, wie ſtehts? Viel beſchäftigt? Kammerdiener. Außerordentlich, Euer Excellenz; aber der Herr Graf wiſſen, daß der ſtärkſte Dienſt durchaus nicht drückt, wenn der Herr gut aufgelegt iſt. Der geheime Agent. 71 Graf. Und iſt das im Augenblick der Fall? Kammerdiener. Im höchſten Grade, Excellenz. Ich habe Seine Durchlaucht noch nie ſo heiter geſehen, wie in dieſen letzten Tagen. Graf. Das wäre? Alſo Seine Durchlaucht ſind vollkommen zufrie⸗ den, laſſen nicht hie und da ein böſes Wort fallen über irgend Jemand?— Sie verſtehen mich, Monſieur George. Kammerdiener. Ich erinnere mich nicht. Graf. Zum Beiſpiel über mich?— Sie wiſſen, ſo beim Ankleiden, oder wenn zufällig die Rede auf mich kommt, oder wenn ich da geweſen bin?— Was, Monſieur George? Kammerdiener. Nicht eine Silbe!— Doch halt! ich will gegen Euer Excel⸗ lenz offenherzig ſein. Graf. Nicht zu Ihrem Schaden, beſter George!— Alſo Seine Durch⸗ laucht ſagten von mir— 2 Kammerdiener. Seine Durchlaucht haben nichts geſagt. Graf. Aber Sie ſagten doch— Langerntenere Ich wollte offenherzig ſein. Der geheime Agent, Euer Excellenz— Graf(ſehr geſpannd. Der geheime Agent— Finnmordiener Frühſtückte heute Morgen wie gewöhnlich mit Seiner Durch⸗ laucht— 72 Der geheime Agent. Graf. Wie gewöhnlich Kammerdiener. Als ich hereinkam, um das Service hinwegzunehmen, nannte der geheime Agent Euer Excellenz Namen. Graf. Mit Wohlwollen? Kammerdiener. Das will ich gerade nicht behaupten, mir ſchien vielmehr der Ton, in welchem er ſagte: Es war ohne Zweifel der Graf Stein⸗ hauſen, etwas ärgerlich, ja gereizt. Graf. Nun? Kammerdiener. Ich blieb natürlich in der Nähe und vernahm, es ſoll geſtern Abend an die Wachen des Schloſſes der Befehl gekommen ſein, ſämmtliche Gitter um acht Uhr zu ſchließen, Niemanden und nament⸗ lich keine Wagen mehr hinauszulaſſen. Graf. Und weiter? Kammerdiener. Dieſen Befehl habe der geheime Agent überbracht— Graf. Weiter! weiter! Kammerdiener. Nun aber vernahm ich, wie ſich der geheime Agent bei Seiner Durchlaucht beſchwerte, daß man ſeinen Namen gemißbraucht, ihn in die Oeffentlichkeit hineingezogen, ihn compromittirt; und das habe Niemand anders gethan, wie Euer Excellenz der Herr Graf Steinhauſen. Graf. Das ſagte er vor Seiner Durchlaucht?— Und Hochdieſelben? 5 1 — Der geheime Agent. 73 Kammerdiener. Schienen ſehr ungehalten darüber und nahmen ſich vor, die Sache ſtrengſtens zu unterſuchen. Graf. Das iſt ſtark! Aber, Monſieur George, ich beſchwöre Sie, woher könnte dieſer geheime Agent eine Ahnung haben, daß ich es geweſen,, der in ſeinem Namen gehandelt?— Iſt denn dieſer Menſch überall und nirgends? Ich bitte Sie, lieber George, wer iſt dieſe räthſelhafte Perſon? Seien Sie ehrlich und wahr gegen mich, geben Sie mir ein Licht in dieſer Sache, Sie müſſen ja das Genaueſte darüber Sache wiſſen!— Umſonſt iſt der Tod, Mon⸗ ſieur George, alſo beſtimmen Sie einen Preis für Ihre Mittheilung, er mag ſo groß ſein wie er will, ich will ihn zahlen. Ich gebe Ihnen natürlich mein Ehrenwort zum Pfande, daß Alles, was Sie mir ſageu werden, ſtreng verſchwiegen bleibt. Kammerdiener. Aber was wünſchen Euer Excellenz? Graf. Nur zu wiſſen, wer jener Mann iſt, nur ſeine Bekanntſchaft zu machen und ihn— wenn auch nur einige Minuten— zu ſprechen. 4 Kammerdiener. Bedenken Euer Excellenz ſelbſt, das iſt unmöglich. Wie könn⸗ ten Sie die Bekanntſchaft des geheimen Agenten machen, ohne daß er ſelbſt damit einverſtanden wäre? Ich kann Sie doch nicht un⸗ ſichtbar zu ihm führen. Graf. Gewiß nicht; aber wenn Sie ihm vorſtellten, eine ſolche kurze Unterredung würde einen der getreueſten Diener Seiner Durchlaucht, einen Mann, dem das Wohl des Staates ſo ſehr am Herzen liegt, außerordentlich glücklich machen? Man wäre ſicher, Anknüpfungs⸗ punkte, Beziehungen zu einander zu finden, die es möglich mach⸗ 74 Der geheime Agent. ten, ſpäter vereint in gleichem Intereſſe den gleichen Weg zu wan⸗ deln, zum Glücke Seiner Durchlaucht und zum Heil des Landes. Kammerdiener. Wenn ich nur Euer Excellenz Worte ſo behalten könnte, es wäre doch am Ende möglich, daß ſie ihren Eindruck auf den ge⸗ heimen Agenten nicht verfehlten. Graf. Glauben Sie, Monſieur George? Meiner unbegränzten Dank⸗ barkeit ſind Sie gewiß. Kammerdiener. Euer Excellenz werden einſehen, daß dies ein ſehr ſchwieriges, gefährliches Unternehmen bleibt, hinter dem Rücken Seiner Durch⸗ laucht, ja gegen Seinen ausdrücklichen Befehl, Allerhöchſt Seinem geheimſten Agenten einen ſolchen Vorſchlag zu machen. Graf. Monſteur George, wir verſtehen uns; der Preis für Ihre Be⸗ mühungen ſoll dieſen Bemühungen glänzend gegenüberſtehen. Kammerdiener. Um mich Eurer Excellenz zu verbinden, will ich mein Mögliches verſuchen. 5 Graf. Und im Fall des Mißlingens wird der geheime Agent takt⸗ voll genug ſein, uns nicht zu verrathen. Kammerdiener. Der geheime Agent iſt ein Mann von Ehre. Graf. Darauf rechne ich. (Kammerdiener in das Kabinet links.) Graf Callein). 3 Aber wie iſt es möglich, daß der geheime Agent auch dies er⸗ fuhr! Die Sache wird immer räthſelhafter. War doch Niemand Der geheime Agent. 75 bei der Scene geſtern Abend zugegen, als die Herzogin, die Prin⸗ zeſſin und der Oberſthofmeiſter.— Der Oberſthofmeiſter!— Sollte der mich verrathen haben?— Unmöglich wäre es nicht! Schänd⸗ lich! Schändlich!— Aber nicht unwahrſcheinlich; er kommt mir überhaupt in der letzten Zeit ſehr verändert vor, ſchleicht ſo ſcheu umher, iſt ſo einſilbig, auch nimmt er die kleine Ungnade der Frau Herzogin ſehr zu Gemüth— es ſollte mich gar nicht wundern, daß er alle möglichen Schritte thut, um ſich dem Herzog zu nähern und da gibt es freilich keinen beſſern Weg, als indem er dem ge⸗ heimen Agenten vertrauliche Mittheilungen macht.— So iſt's! Es kann mich Niemand verrathen haben, als der Oberſthofmeiſter! Dritter Auftritt. Der Vorige. Graf Oskar. Graf. Ah! Mein Neffe! Sieht man dich endlich? Oskar. Ich habe Sie heute Morgen vergebens auf Ihrem Arbeits⸗ zimmer geſucht, beſter Oheim. Graf. Ueber euch junge Leute! Einer iſt gerade ſo leichtſinnig wie der Andere. Bis Mitternacht warſt du nicht zu Hauſe. 4 Oskar. Verzeihen Sie, beſter Oheim, ich war geſtern Abend in Ge⸗ ſellſchaft junger, vergnügter Leute, worunter mehrere alte Bekannte; wir ſprachen von vergangenen Zeiten, und da wurde es etwas ſpät. Graf. Aber du hätteſt dieſen Morgen in aller Frühe zu mir kommen 76 Der geheime Agent. ſollen, um mir jene Mittheilung von ſo hoher Wichtigkeit zu machen. Oskar. Welche? Graf. Ueber deine Vergeßlichkeit! Gingſt du denn geſtern Abend nicht in den Park hinab, um die Bekanntſchaft des geheimen Agenten zu machen?. — Oskar. Ja ſo, das hätte ich beinahe vergeſſen! Als ich in den Park hinabkam— Graf. Nun? Oskar.. Sah ich ihn an der großen Orangerie ſtehen. Graf. Alſo doch?— Weiter! Weiter! Oskar. Ein junger, ziemlich großer, gut ausſehender Mann mit ele⸗ ganter Tournure, friſchen aufgeweckten Geſichtszügen, einem hellen Blick, raſch in ſeinen Bewegungen, ſeinem Sprechen. Graf. Alſo du ſprachſt mit ihm? Oskar. 3 Natürlich! Wir wechſelten einige Worte über den ſchönen Park, über die neue Orangerie, über das herrliche Wetter, über Pferde und Hunde, aber ich fand ihn ziemlich einſilbig. Graf. Doch nicht unfreundlich? Oskar. Nein, aber ſo viel Mühe ich mir auch gab, die Unterredung auf ein pikanteres Terrain zu ſpielen— Der geheime Agent. 77 Graf. 1 Wobei du dich aber hoffentlich in Acht nahmeſt, ihm zu ver⸗ ſtehen zu geben, du wüßteſt, wer er ſei! Oskar. Wie können Sie ſo etwas denken?— ſo ging doch unſere Converſation bald zu Ende. Ich konnte nicht einmal dazu kom⸗ men, nach ſeiner Wohnung zu fragen, denn er grüßte mich ſehr höflich, und verſchwand in den Gebüſchen. Graf. Nun, es iſt doch ein kleiner Schritt geſchehen! Du wirſt ihn natürlich bei irgend einer Gelegenheit wieder erkennen, er wird ſich deiner ebenfalls erinnern und das kann ſchon zu etwas führen. Ich muß auf deine Hülfe rechnen, lieber Oskar, es iſt hier bei Hof nicht mehr Alles, wie ſonſt. Oskar. Ich bemerkte es. Graf. Du biſt eingeweiht in unſere Verhältniſſe;— ich habe es der Frau Herzogin oft geſagt, wie Unrecht ſie thue, Seiner Durchlaucht keine andere Stellung anzuweiſen, aber ſie gab meinen Rathſchlä⸗ gen kein Gehör; es ſollte Alles beim Alten bleiben. Oskar. Und daß dem Herzog dieſes Alte nicht beſonders gefalle, kann man ſich denken. Man lächelt ja auswärts darüber, ja hier im eigenen Lande hört man Vieles mißbilligen. Graf. Leider! Leider! Aber das Schlimmſte bei der Sache iſt, daß der Herzog einen außerordentlich klugen und fein angelegten Plan befolgt, um ſich ſeiner Feſſeln zu eutledigen. DOskar. Durch ſeinen geheimen Agenten? Der geheime Agent. Graf. Verſteht ſich! Er erforſcht unſere Entwürfe, er durchkrenzt un⸗ ſere Plane, ohne je ſeiner Mutter gegenüber zu treten. Er lockert den Boden unter unſern Füßen und wenn es einmal irgendwo an⸗ fängt zu brechen, ſo ſtürzen wir Alle zuſammen. Oskar. Das iſt ja entſetzlich! Und gibt es denn kein Mittel, das Sie vor dieſem Sturze bewahrt, beſter Oheim? Graf. Nur ein einziges, und dazu bedarf ich deiner Hülfe. Oskar. Rechnen Sie ganz auf mich. Graf. Nicht ſo ſchnell, junger Herr! Ich verlange viel von dir. Um mich zu unterſtützen, mußt du dich vermählen. Oskar. Wie, lieber Oheim? Graf Clächelnd. Erſchrick nicht, es iſt die glänzendſte Partie, die je Einer von unſerem Hauſe gemacht.— Die Prinzeſſin Eugenie! Oskar. Sie ſehen mich überraſcht. Graf. Aber angenehm überraſcht, wie ich hoffe. Eine Verbindung mit dem regierenden Hauſe durch die Hand des ſchönſten Müädchens im ganzen Lande. Oskar. Das iſt allerdings wahr; aber wird die Prinzeſſin mit dieſer Verbindung einverſtanden ſein? Ich möchte um Alles nicht, daß mir der Wille der Herzogin die Hand der jungen lieben swürdigen Dame verſchaffte. Der geheime Agent. 79 Graf. Unbeſorgt!— Ohne dir Complimente machen zu wollen, biſt du ſchon ein Mann, der im Stande iſt, ein weibliches Herz zu er⸗ obern. Die Prinzeſſin iſt vollkommen frei, und wenn mich nicht Alles trügt, haſt du geſtern keinen ungünſtigen Eindruck auf ſie gemacht. Oskar. Lieber Oheim, es iſt ein Schritt für's ganze Leben, er ſollte reiflich überlegt werden. Vierter Auftritt. Die Vorigen. Der Oberſthofmeiſter. Oberſthofmeiſter(ſpricht in den Gang hinaus). Das Diner iſt heute im kleinen Garten⸗Salon. Graf czu ſeinem Neffen). Eine unangenehme Unterbrechung! Und gerade durch ihn!— Nimm dich vor dem Oberſthofmeiſter in Acht, mache ihm durchaus keine Convidenzen; ich habe alle Urſache, ihm zu mißtrauen. Oberſthofmeiſter. Ah, meine Herren! Soeben komme ich von einer Promenade zurück. . Graf Lachelnd. Darin ſcheint mir nichts Außerordentliches zu liegen. Oberſthofmeiſter. Euer Excellenz laſſen mich nicht ausreden. Aber auf eben dieſer Promenade habe ich ihn wieder geſehen. Graf. Wen denn? 80 Der geheime Agent. Oberſthofmeiſter. Er grüßte mich recht freundlich. Graf.„ Wer denn? Oberſthofmeiſter. Nun, wer ſonſt, als mein Bekannter, der geheime Agent. Graf. Ihr Bekannter, der geheime Agent? Qskar. Kennen Sie ihn auch? Oberſthofmeiſter. Auch? Ich möchte wiſſen, wer an dieſem Hofe ſonſt ſeine Bekanntſchaft gemacht hat? . Graf Gu ſeinem Neffen, der ſprechen will). Bst!— Alſo Sie kennen den geheimen Agenten? Oberſthofmeiſter. Freilich! Ich machte geſtern in dem Park ſeine Bekanntſchaft. — Ein charmanter Mann! Ich ließ ihm ſämmtliche Waſſer ſpringen. Graf. Ei, ei! Und wo fanden ſie ihn? Oberſthofmeiſter. Sämmtliche Waſſer, was er ſehr hoch aufzunehmen ſchien. Graf. So! ſo! Oberſthofmeiſter. Ich fand ihn an dem großen Baſſin, es machte dieſem bedeu⸗ tenden Manne Freude, die Enten zu füttern. Graf. Ei, ei! Oberſthofmeiſter. Ein alter unterſetzter Herr, ſo in unſern Jahren. Der geheime Agent. 81 Graf und Oskar. Was? Graf. Du ſagteſt doch— 2 Oskar. Erlauben Sie, Herr Oberſthofmeiſter! Oberſthofmeiſter oeſtimmt). Ein alter unterſetzter Herr, hoch in den Fünfzigen. Graf. Ha! ha! ha! Oberſthofmeiſter. Worüber lachen Euer Excellenz? Graf. Ueber Ihren geheimen Agenten. Oberſthofmeiſter. Der iſt mir durchaus nicht lächerlich. Graf Lachend). Sie ſind im Irrthum, beſter Oberſthofmeiſter!— Oder hat er Ihnen vielleicht anvertraut, er ſei der geheime Agent? Oberſthofmeiſter. Das nicht, aber— Oskar. Nun dann haben Sie einen harmloſen Spaziergänger für den geheimen Agenten angeſehen. Oberſthofmeiſter. Unmöglich! Graf. Haben einem Fremden, Unbekannten ſämmtliche Waſſer ſprin⸗ gen laſſen.— Welche Verſchwendung! . Oberſthofmeiſter. Das wäre unangenehm! Hackländers Werke. XV. 4 6 82 Der geheime Agent. Graf. Ha! ha! ha! Und ihn auf der Straße freundlichſt gegrüßt. Oberſthofmeiſter cpikirt. 4 Aber woher können Euer Excellenz ſo genau wiſſen, daß es nicht der geheime Agent war, deſſen Bekanntſchaft ich gemacht? Oskar. Weil der geheime Agent ein junger Mann iſt, groß, ſchlank, in meinen Jahren. Oberſthofmeiſter. Alſo Sie kennen ihn? Graf cciſe, gefällig. Er kennt ihn ſehr genau.— uUniverſitäts⸗Freunde! Waren Beide außerordentlich überraſcht, ſich hier wieder zu finden. Oskar. Sehr überraſcht! 3 Oberſthofmeiſter. Das kann ich mir denken. 3 Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Der Kammerdiener. Kammerdiener caus dem Kabinet des Herzogs, rückt einen Fauteuil, der im Wege ſteht, etwas zurück). Oberſthofmeiſter(der ihm zunächſt ſteht). Was iſt, Monſieur George? Kammerdiener. Seine Durchlaucht werden ſich im Augenblick zu Höchſt⸗Ihrer Frau Mutter begeben. cEr ſagt auf dem Wege in das Kabinet der Herzogin leiſe zum Grafen“ Eure Excellenz werden mir verzeihen, aber ich glaube, 5 Der geheime Agent. 83 es wäre beſſer, wenn Seine Durchlaucht Euer Excellenz in dieſem Augenblicke hier nicht ſehen würden. Graf. Ich danke Ihnen. aut) Alſo, Herr Oberſthofmeiſter, auf Wie⸗ derſehen bei der Tafel. Aber nehmen Sie mir nicht übel, ich kann Ihrer Durchlaucht, der Frau Herzogin, die köſtliche Geſchichte mit den ſpringenden Waſſern nicht vorenthalten. Oberſthofmeiſter. Euer Excellenz werden beſſer thun, dieſe Neckereien zu unter⸗ laſſen. 3 Graf cim Abgehen). Adieu, adieu! à revoir! Ha! Ha! Ha! köſtlich! köſtlich! (Graf und Oskar ab.) Oberſthofmeiſter caueiw. Da geht er lachend ab; aber wir wollen ſehen, wer zuletzt lacht, und ich bin doch überzeugt, daß es der geheime Agent war, deſſen Bekanntſchaft ich gemacht. (Der Herzog geht über das Theater in die Thür rechts, der Oberſthofmeiſter macht ihm eine tiefe Verbeugung.) Ja, wer zuletzt lacht, lacht am Beſten, und ich glaube nicht, daß Seine Excellenz am Schluß von der fröhlichen Partie ſein ſoll. Wenigſtens wäre keine Gerechtigkeit darin zu finden. Dieſe Grafen Steinhauſen, Onkel und Neffe, ich traue ihnen durchaus nicht, man muß ſich vor ihnen in Acht nehmen. Der alte Graf, bisher in der heftigſten Oppoſition gegen Seine Durchlaucht, ſcheint von dem neuen Wind, der jetzt bei Hofe weht, ſcharf umgedreht zu ſein. Nun, wenn dieſe Windfahne auch jetzt gutes Wetter zeigt, wird Seine Durchlaucht doch hoffentlich nie vergeſſen, woher beſtän⸗ dig Sturm und Regen gekommen.— Und die Beiden wollen den geheimen Agenten ſchon ſo genau kennen?— Ich kann es nicht glauben, bin dagegen vollkommen überzeugt, daß ſie alle Minen ſpringen laſſen, um dieſe wichtige Bekanntſchaft zu machen. Und 84 Der geheime Agent. ich bin es mir und meiner Stellung ſchuldig, ein Gleiches zu thun. — Ah, beſter George! (Der Kammerdiener kommt aus dem Kabinet zurück.) Kammerdiener. Herr Oberſthofmeiſter, ganz zu Ihren Dienſten. Oberſthofmeiſter. Redensart, Redensart, mein Lieber! Sie ſind nicht zu meinen Dienſten, ich weiß das beſſer. Kammerdiener. Herr Oberſthofmeiſter könnten an meiner Bereitwilligkeit zwei⸗ feln, für Sie zu thun, was in meinen Kräften ſteht? DOdberſthofmeiſter gebt ſich. n kennt euch Herrn mit euren Ausreden!— Was en ſteht?— Aber wenn man einmal etwas von leich nicht in euren Kräften. He, Mon⸗ Ja, ja, ma in meinen Kräft euch verlangt, ſo ſteht's g ſieur George! Kammerdiener. Herr Oberſthofmeiſter thun mir Unrecht. Ich weiß ſehr genau und werde es nie vergeſſen, wie viel ich Ihrer gnädigen Protektion verdanke. Oberſthofmeiſter. Nun, wir haben ſeiner Zeit das Unſrige gethan, Ihnen zum jetzigen Poſten zu verhelfen. Aber Undank iſt der Welt Lohn! Kammerdiener. 4 Aber nicht der meinige, ich verſichere Sie, Herr Oberſthof⸗ meiſter. Oberſthofmeiſter. Wirklich, lieber George? Ein Phänomen, ein Kleinod von einem Kammerdiener, der Dankbarkeit beſitzt? Kammerdiener. Stellen Sie mich auf die Probe; es gibt nur einen einzigen Der geheime Agent. 85 Punkt, in dem ich durchaus nichts ſagen, nichts thun, ja nichts denken darf. Oberſthofmeiſter. Sehen Sie—— ſchon Ausflüchte! Kammerdiener. Aber nur ein einziger Punkt, Herr Oberſthofmeiſter! Wie ſoll⸗ ten Sie gerade auf dieſen Punkt verfallen? Oberſthofmeiſter. Meine Frage, mein Wunſch betrifft den geheimen Agenten! Kammerdiener. Ich bin untröſtlich, Herr Oberſthofmeiſter, das iſt gerade der Punkt, den ich vorhin andeutete. Oberſthofmeiſter. Sehen Sie— Ihre Ausflüchte! O Dankbarkeit! Kammerdiener. Herr Oberſthofmeiſter, Sie ſehen, wie mich Ihre Vorwürfe quälen. Wohlan denn! ich will Ihnen zeigen, daß ich Ihrer Pro⸗ tektion auch in Zukunft nicht unwerth bin.— Was verlangen Sie von mir?— Ich will es thun, wenn es möglich iſt. Oberſthofmeiſter. Sehen Sie, lieber George, jetzt ſprechen Sie wie ein vernünf⸗ tiger Mann, der ſeinen Vortheil verſteht. Sie haben, wie ich hörte, das kleine Zimmer an der Ecke mit der Ausſicht in den Park zu Ihrem Arbeits⸗Kabinet gewünſcht.— Sie können heute noch einziehen. Kammerdiener. Ich danke von Herzen, Herr Oberſthofmeiſter; aber dürfte ich erfahren—? Oberſthofmeiſter. Verſteht ſich.— Sogleich!— Sie haben das Glück, den Ver⸗ trauten Seiner Durchlaucht, den geheimen Agenten, täglich zu ſehen. Es ſoll ein liebenswürdiger Mann ſein! 86 Der geheime Agent. Kammerdiener. Etwas Außerordentliches, Herr Oberſthofmeiſter. Oberſthofmeiſter. So hat man mir ihn geſchildert. Ein geſetzter. Mann in meinen Jahren. 4 Kammerdiener Cnach einer Pauſe). Ja! Oberſthofmeiſter ciür ſich. So war er es doch, mit dem ich geſtern im Park geſprochen, und dieſe Grafen Steinhauſen verſuchten es, mich mit ihrem Uni⸗ verſitäts⸗Freund hinters Licht zu führen.— Nicht ſo dumm! Caut.) Sie können ſich denken, lieber George, daß es mich außerordent⸗ lich drängt, die genaue Bekanntſchaft dieſes vortrefflichen, geiſtrei⸗ chen Mannes zu machen, ihm in meiner Eigenſchaft vorgeſtellt zu werden, mit ihm ein Geſpräch zu haben, wodurch wir vielleicht im Stande ſind, uns zu nähern und gemeinſchaftlich jene Schritte zu thun, welche für das Wohl Seiner Durchlaucht und des Landes ſo unumgänglich nothwendig ſind. Kammerdiener. Sie verlangen viel von mir, Herr Oberſthofmeiſter.— Sie kennen den gemeſſenen Befehl Seiner Durchlaucht, es ſoll Niemand dem geheimen Agenten vorgeſtellt, ja nur mit ihm bekannt gemacht werden. Oberſthofmeiſter. Seien Sie ruhig, das verlange ich auch nicht von Ihnen! Kammerdiener. Wie ſo, Herr Oberſthofmeiſt er? Oberſthofmeiſter. Ich kenne ja bereits den geheimen Agenten. Kammerdiener. Der Tauſend? Der geheime Agent.. 87 Oberſthofmeiſter. Ich traf ihn geſtern im Park. Sie ſollen mir nur in dieſen Tagen eine Unterredung mit ihm verſchaffen, eine kleine Unterre⸗ dung voilà tout. Kammerdiener Kacelh. Wenn die Sachen ſo ſtehen, kann ich ſchon etwas riskiren. Ich will mein Mögliches thun, Herr Oberſthofmeiſter. Oberſthofmeiſter. Aber bald, mein lieber George! Kammerdiener cmit Betonung). Noch heute will ich den geheimen Agenten mit dem Wunſche des Herrn Oberſthofmeiſters bekannt machen. CEr geht bis zur Thür des Kabinets lints) Ah, ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Herr Oberſt⸗ hofmeiſter. Ihre Durchlaucht, die Frau Herzogin haben mir ſoeben befohlen, Ihnen die Meldung zu machen, daß ſich Dieſelben zu unwohl fühlen, um dem Diner beizuwohnen und wollen deßhalb hier im Salon mit der Prinzeſſin Eugenie ſpeiſen. Oberſthofmeiſter. Bon! (eide ab.) Sechster Auftritt. Der Herzog und die Prinzeſſin(aus dem Kabinet rechts). Herzog. Es iſt alles umſonſt, Mama wird freiwillig nicht zurück treten, im Guten nicht nachgeben. Prinzeſſin. Haben das Euer Durchlaucht anders erwartet? „Der geheime Agent. Herzog. Leider nein, aber ich hätte gedacht, daß die wirkſame Hülfe unſeres geheimen Agenten ihren Eindruck auf ſie nicht verfehlen würde. 3 Prinzeſſin. Das thut er auch nicht, aber die Frau Herzogin ändert ihre Entſchlüſſe nicht leicht. Herzog. Leider, leider! Heute behauptet ſie nun, ihre Nervenzuſtände einmal wieder im höchſten Grade zu haben. Sie befolgt ihren alten Plan, ſie bittet mich um Gottes willen, ſie in Ruhe zu laſſen, das heißt, man ſolle ihr in nichts widerſprechen, man ſoll keinen eigenen Willen haben, man ſoll ſich all ihren Launen und Wünſchen fügen.— O es iſt unerträglich! Prinzeſſin. Verlieren Euer Durchlaucht die Geduld nicht, werden Sie um Gottes willen nicht heftig; Sie können und dürfen nicht gewaltſam gegen die Frau Herzogin, Ihre Mutter, auftreten. Herzog. Soeben, nachdem ihre bitteren und nicht ganz ungerechten Klagen wegen Schließung des Schloſſes geſtern Abend vorüber waren, bringt ſie die beiden unglückſeligen Heirathsprojekte wieder dringend zur Sprache. Prinzeſſin. Sie ſieht darin das Heil Euer Durchlaucht, das Wohl des Landes. Herzog Cärgerlich. Und auch Sie, Eugenie, ſcheinen mir faſt die gleichen An⸗ ſichten zu haben, auch Sie verlaſſen mich und ich ſtehe ganz allein. Prinzeſſin. Gewiß nicht, Euer Durchlaucht, aber wenn ich Ihnen auch Der geheime Agent. 89 vor einigen Tagen meine Beiſtimmung zu der Schöpfung des ge⸗ heimen Agenten gab, ſo hat ſich der Stand der Dinge in der Zeit hier ſo verändert, daß ich es mir und Ihnen ſchuldig bin, mich vollkommen paſſiv zu verhalten. Herzog. Vollkommen paſſiv, Eugenie? Prinzeſſin. Nun ja, bis auf einen gewiſſen Punkt. Herzog. Und dieſer gewiſſe Punkt, Eugenie? O ich bitte, ich beſchwöre Sie, geben Sie mir einmal das ſüße Geſtändniß von Ihren Lip⸗ pen, daß Sie mich lieben, geben Sie mir durch das kleine Wort die größten und ſeligſten Hoffnungen; bedenken Sie, Eugenie, daß, wie die Sachen jetzt ſtehen, meine Mutter, rückſichtslos wie ſo oft, im Stande iſt, heute Morgen, in den nächſten Tagen Ihre Ver⸗ lobung mit dem Grafen Steinhauſen zu veröffentlichen! Prinzeſſin. Sie wird das nicht thun, ohne mich vorher zu ſprechen. Herzog. Glauben Sie? Rechnen Sie nicht zu feſt darauf! Ich war vorhin im Begriff, ihr Alles zu geſtehen, die Geſchichte meines geheimen Agenten, meine Liebe zu Ihnen und zum Lohn für meine Aufrichtigkeit Ihre Hand zu verlangen. Prinzeſſin. Meine Hand und mit derſelben Ihre beſtändige Abhängigkeit — es wäre alles verloren geweſen. Vertrauen mir Euer Durch⸗ laucht meine eigene Sache an. Die Frau Herzogin hat mich zu ihrer Geſellſchaft hieher befohlen und ich bin überzeugt, daß die bewußte Angelegenheit noch in dieſer Stunde zur Sprache kommt. Herzog. Sie kommt!— O ſeien Sie klug, Eugenie, denken Sie, mit 90 Der geheime Agent. welcher Ungeduld ich auf das Reſultat dieſer Unterredung warte. Seien Sie vorſichtig, machen Sie keine Verſprechungen! Prinzeſſin Kachelnd. Ihr geheimer Agent ſoll mit mir zufrieden ſein. Herzog LKst ihr die Hand). O dann bin ich es auch. (Ab.) Siebenter Auftritt. Die Prinzeſſin. Die Herzogin, ſpäter der Herzog. Herzogin cauf eine ihrer Kammerfrauen geſtützt, läßt ſich auf ein Fauteuil nieder.) Ich danke, meine Gute! (Die Prinzeſſin befindet ſich im Hintergrunde, an dem Fenſter rechts.) Nach ſo vielen unangenehmen Geſchäften, nach dieſen ewigen Scenen voll Widerſpruch, voller Einwendungen, voller Aber— eine kleine ruhige Stunde.———— Endlich bin ich einmal im Stande, eine meiner Lieblingsideen, die Vermählung meiner guten Eugenie mit dem Grafen Oskar der Betreffenden gegenüber ausſprechen zu können, ohne daß ich gewärtig ſein müßte, auch hier Einwendungen zu hören, und auf Meinungen zu ſtoßen, die den meinigen entgegenſtehen.— Wie wird das gute Kind über⸗ raſcht ſein, wie dankbar wird ſie meine mütterliche Fürſorge auf⸗ nehmen?— Ja, nach all' dem Unangenehmen bin ich mir dieſe Belohnung ſchuldig, die erſte augenehme Unterredung des heutigen Tages.(Die Prinzeſſin iſt näher gekommen.) Ah, da iſt ſie ſchon! Prinzeſſin. Wie geht es Ihnen, gnädige Tante? Der geheime Agent. 91 Herzogin. Nicht gut, mein Kind. Ich fühle mich heute ſo entſetzlich 1 angegriffen, daß es mir unmöglich iſt, irgend welche Geſellſchaft um mich zu leiden, nur die deine iſt mir wohlthuend, liebe Eu⸗ genie. Setze dich zu mir. Prinzeſſin. Ja, gnädigſte Tante,— befehlen Sie, daß ich Ihnen etwas vorleſen ſoll? Herzogin. Laſſen wir das, mein Kind! Mein Gemüth iſt heute ſo zart geſtimmt, daß mich ſelbſt die melodiſchſten fremden Klänge wie Mißtöne angreifen. Du warſt heute ausgefahren? Prinzeſſin. Nur eine kleine Tour. Ich fuhr um die Stadt und durch den Park zurück. — Herzogin. Nichts Neues? Prinzeſſin. Durchaus nichts. Herzogin. Was wußte deine Hofdame? Prinzeſſin. Nicht viel, gnädige Tante! Herzogin. Sprach ſie nichts von dem Gerüchte, das ſich ſchon in der Stadt verbreitet haben ſoll, der Herzog werde ſich vermählen? 4 Prinzeſſin. Nicht das Geringſte. Herzogin. Mit der Prinzeſſin Amalie von Braunſchweig. Es wäre mir lieb, wenn etwas davon in's Publikum gedrungen wäre, da die Verhandlungen dem Abſchluß nahe ſind. Es iſt immer angenehm, 92 Der geheime Agent. zu erfahren, welchen Eindruck ſo etwas bei Hof und in der Stadt macht. Prinzeſſin. Allerdings! Herzogin. Dieſe Vermählung würde an unſerem Hofe eine große Ver⸗ änderung zur Folge haben; der Eintritt einer fremden Fürſtin! der Gemahlin des regierenden Herzogs. Cächelnd.) Wir werden für einige Zeit zurückſtehen müſſen, liebe Eugenie! Prinzeſſin. Mit Vergnügen, liebe Tante, was mich betrifft— Herzogin. Du wirſt nach wie vor mein liebes Kind ſein, meine gute Eu⸗ genie, und ich, wie bisher, deine zweite Mutter. Prinzeſſin. Ich habe nie daran gezweifelt. Herzogin. Ich bin davon überzeugt und ich hoffe, es ſoll zwiſchen uns nie anders werden bis zu meinem Tode. Prinzeſſin. O davon ſprechen Sie nicht, liebe Tante! Herzogin. Auch davon muß man ſprechen,— und ich habe oft daran gedacht und namentlich in letzterer Zeit, für den Fall ängſtlich überlegt, auf welche Weiſe dein künftiges Schickſal zu ſichern wäre. Der Herzog wird ſich verheirathen, ich werde nicht mehr ſein und du, vater⸗ und mutterlos, würdeſt allein in der Welt ſtehen cbetrachtet ſie forſchend, wenn es nicht meinen unabläſſigen Bemühungen gelungen wäre, ſchon jetzt deine Zukunft glänzend feſtzuſtellen,— glänzend feſtzuſtellen. Prinzeſſin. O dieſe Sorge um mich, dieſe Güte, Frau Herzogin! Der geheime Agent. 93 Herzogin(mit ſtärkerer Stimme). Ich habe es demnach für das Beſte gefunden, und beſchloſſen, dich, mein Kind, ebenfalls zu vermählen. Prinzeſſin. Mich zu vermählen? Herzogin. Der Herzog iſt derſelben Anſicht und du kannſt dir denken, liebe Eugenie, daß wir die beſte und glänzendſte Partie des Lan⸗ des für dich ausgeſucht. Prinzeſſin. Sie ſehen, wie ich überraſcht bin; daran hab' ich nicht gedacht. Herzogin cbeſtimmt). Ich glaube es wohl, mein Kind, und da ich vorausſetzte, daß du dich ſelbſt mit deiner Zukunft nicht beſchäftigen würdeſt, ſo war es meine Pflicht, dies für dich zu thun. Prinzeſſin. Aber, gnädige Tante— Herzogin. Ein Aber, Prinzeſſin? Und bevor ich dir noch den Namen deines künftigen Gemahls genannt?— Unſer Miniſter, der Graf Steinhauſen, hat auf Unſere Veranlaſſung für ſeinen Neffen, den Grafen Oskar um deine Hand angehalten. 1 Prinzeſſin. Aber man ſagte mir nichts davon, Frau Herzogin. 3 Herzogin cmit ſtarker Stimme). Weil Wir es nicht für zweckmäßig erachteten. Prinzeſſin. Das iſt was Anderes. Herzogin. Wir verfügten über deine Hand— ccveicher) doch du ſiehſt, mein Kind, ich ſpreche über dieſe Angelegenheit wie eine Mutter mit dir. Auch wünſchte ich deine Anſicht darüber zu vernehmen. Der geheime Agent. Prinzeſſin Ciür 8co. Nachdem über mich verfügt iſt! Herzogin. Theile mir deine Anſicht mit, mein Kind; ohne Scheu, frei und offen, du weißt, wie ſehr mir dein Glück am Herzen liegt. 3 Prinzeſſin. Da ich es weiß, gnädige Tante, ſo erlaube ich mir, für Ihre gütige Fürſorge meinen herzlichſten Dank auszuſprechen. Ich, das Kind Ihres Bruders, ſtand bei dem Tode meiner geliebten Mutter, meines vortrefflichen Vaters, der auf dem Schlachtfelde blieb, allein in der Welt. Sie, gnädige Tante, ſorgten aufs Glänzendſte für meine Erziehung und nahmen mich hieher an den Hof, wo man mich wie das Kind des Hauſes betrachtete. Es wurde mir ein glückliches Loos zu Theil, ich hatte alle Freiheiten, die einer jun⸗ gen Dame von Stande nur zu Theil werden können. Ich ſah die Welt, denn ich durfte Sie auf Ihren Reiſen begleiten, ich war voll⸗ kommen glücklich, mir fehlte nichts, Sie waren meine Mutter, ich hing an Ihnen, ich war Ihnen in inniger Liebe zugethan. Herzogin. Das iſt Alles wahr! Prinzeſſin. Meine Dankbarkeit für Sie war und iſt unergründlich, ich ſuchte Ihnen durch meine Liebe, durch meine Verehrung, durch die Achtſamkeit auf Ihre Befehle, auf Ihre Wünſche einigermaßen die Sorgfalt zu vergelten, mit der Sie meine Kindheit geleitet und geſchützt. Meine ganze Seele war Ihnen geweiht, nur von dem Wunſche beſeelt, für Sie zu leben, nur erfüllt mit Ihrem Bilde. Herzogin. Alles wahr; ich habe dich immer ſo erkannt, du haſt ein gutes Herz. Prinzeſſin. Aber dies Herz war das Herz eines jungen Mädchens, ein Der geheime Agent. 95 fühlendes Herz, gnädige Tante. In dies Herz drang ein Ton, der anfänglich wie im tiefen Traum erſcheint, wie der Klang eines Waldhorns unter blühenden Bäumen, ein ſüßer Klang mit zittern⸗ dem, lang anhaltendem Echo. Man vergißt ihn nimmer, dieſen Ton, er füllt das ganze Herz aus, in welchem er einmal leiſe an⸗ geklungen, er wird ſtärker und ſtärker; andere Töne, theils ſchmerz⸗ lich und trauernd, theils die höchſte Luſt athmend, klingen dazwi⸗ ſchen, und ehe wir es uns verſehen, geliebte Tante, lauſchen wir freudig der ſo entſtandenen Melodie, dieſen ewig beglückenden Tönen, einer Melodie, welche man im Leben die Liebe nennt. Herzogin. Was muß ich hören, Unglückſelige? Was muß ich verſtehen aus deinen träumeriſchen Bildern?— Du liebſt? (Der Herzog iſt in die Thür des Kabinets getreten.) Herzog Cfur ſich. Es iſt das Erſtemal, daß ich lauſche, und ich will es gewiß nimmer thun; aber wer würde jetzt dieſe Stelle verlaſſen? Prinzeſſin. Ja, ich liebe! Herzogin. Unerhört! Wo entſtand dieſe Neigung, wer iſt der Gegenſtand derſelben? Muß ich deine Antwort fürchten? 3 Prinzeſſin. Leider, Frau Herzogin, kann meine Antwort für Sie nicht be⸗ friedigend ſein. Ich liebe nicht den, den Sie mir zum Gemahl beſtimmt, den ich geſtern zum Erſtenmal geſehen; aber ihn, den ich liebe, liebe ich mit der vollen Kraft meines Herzens; würde ich es ſonſt gewagt haben, würde ich ſonſt im Stande geweſen ſein, Ihnen dies Geſtändniß zu machen, Ihrem Wunſche, Ihrem Befehle ent⸗ gegen zu handeln? Herzogin. Und dieſer Gegenſtand? 41 Der geheime Agent. Prinzeſſin. Ich wage ihn kaum zu nennen. Herzogin. Was werde ich hören? Prinzeſſin. O, Euer Durchlaucht, ich bin untröſtlich über dieſe Scene, untröſtlich vor Ihnen, den Gegenſtand meiner Liebe nennen zu müſſen. Ich weiß, daß ich ſchwer oder nie Ihre Einwilligung, Ihre Billigung erhalten werde, aber glauben Sie deßhalb nicht, Frau Herzogin, daß dieſer Gegenſtand meiner Liebe, meiner un⸗ werth ſei, o nein, gewiß nicht, er iſt einer der beſten und edelſten Menſchen an dieſem Hofe.— Herzogin cmacht ein Zeichen des Erſtaunens).. Prinzeſſin. Ja, am hieſigen Hofe; aber die Stellung, die er einnimmt, iſt ſo eigenthümlich, daß ich es kaum wage, mich näher zu erklären. (Neues Erſtaunen.) Ich weiß, daß die vollſte Ungnade meiner durchlauchtigſten Frau Tante auf mich niederfallen wird, und doch iſt der Augenblick gekommen, wo ich nicht verleugnen, nicht zurücktreten, nicht ſchwei⸗ gen kann. O Frau Herzogin, Sie ſehen mich niedergedrückt, un⸗ tröſtlich, ich fühle die ganze Bedeutung meiner in der That un⸗ glückſeligen Leidenſchaft. Ich liebe— ich liebe— den geheimen Agenten des Herzogs! (Die Herzogin hatte ſich bei den letzten Reden langſam erhoben, die Prinzeſſin fällt ihr zu Füßen.) 5 Herzogin. Horreur!— Sie ſollen mich kennen lernen, Prinzeſſin! cEilt heftig in ihr Kabinet. Der Herzog tritt vor, hebt die Prinzeſſin ſanft auf und küßt ihr die Hand.) Prinzeſſin. O Gott! Euer Durchlaucht haben mich belauſcht! „Der geheime Agent. 97 Herzog. Ja, Eungenie, es war der glücklichſte Augenblick meines Le⸗ bens. Wie danke ich Ihnen in meinem Namen— gächeiny und in dem meines geheimen Agenten. Der Vorhang fällt. Vierter Aufzug. Dieſelbe Dekoration. Erſter Auſtritt. Herzogin. Herzog. Herzog. Ich verſichere Sie, Mama, ich bin beſtürzt über dieſe eigen⸗ thümliche Leidenſchaft der Prinzeſſin. Herzogin. Beſtürzt?— Indignirt?— eigenthümliche Leidenſchaft? — Verbrecheriſche Leidenſchaft! O ein ſolcher horreur iſt an die⸗ ſem Hofe noch nicht vorgekommen, ſoll auch nicht ausgeſpielt wer⸗ den, ſo lange ich meine Augen offen und noch ein Wort zu ſagen habe. Herzog. Sie haben Recht, Mama, aber— Herzogin. Aber?— Hier kann es kein Aber geben, hier iſt jedes Aber Hackländers Werke. XV. 7 98 Der geheime Agent. ein Verbrechen, hier liegt eine klare Thatſache vor, bei der Sitte und Anſtand aufhört und hinter welcher ein ganzes Chaos von Entſetzlichkeiten beginnt. Die Prinzeſſin muß in ein Kloſter. Herzog. Ich bitte Sie, Mama, ſeien Sie nicht zu raſch! Herzogin. Zu raſch? Hier kann man nicht raſch genug handeln. O wie hätte ich ahnen können, daß dieſe letzten Tage eine ſolche Verwir⸗ rung an dieſem ſtillen Hofe, in dieſem ehrbaren Palais hervorbrin⸗ gen könnten! So etwas iſt unerhört und du, mein Sohn, trägſt daran die alleinige Schuld. Herzog. Ich bin wahrhaftig nicht ſo ſchuldig, wie Sie glauben. Herzogin. Du allein.— Du haſt jene verrätheriſche verbrecheriſche Per⸗ ſon in unſere Mitte gebracht, jene Macht hervorgerufen, die du nun ſelbſt nicht mehr zu bändigen im Stande biſt. Sprich, wenn du nur einige Liebe zu deiner Mutter haſt, wer iſt jener entſetzliche Menſch, der in dieſer kurzen Zeit geſpenſterhaft ſeine Fäden über⸗ all angeknüpft hat, der mir die Macht entreißen will, der verwegen in die Zügel des Staates greift und mit verruchter Hand in unſer Familienleben? Herzog dalb.— Der mir dagegen ſehr treu gedient, der mir die Macht zurück⸗ geben wird, die Sie und Ihre Räthe mir vorenthalten, Mama, der mir uneigennützig geholfen, ohne Anſpruch auf Belohnung, nur von dem Gedanken geleitet, mich aus der vollkommen falſchen Stellung herauszureißen, in welcher Sie mich bis jetzt gehalten. Ich werde ihn nicht verrathen, dieſen treuen Freund. Herzogin. Dieſen Freund, der die Mutter aufs Tiefſte gekränkt. —O.⸗——— Der geheime Agent. 99 Herzog. Leider! Herzogin. Der die treuen Räthe deines Vaters verfolgt, ihre Schritte belauſcht, ihre Füße mit verrätheriſchen Netzen umgibt. Herzog. Leider!— Herzogin. Der— o es iſt entſetzlich, es zu ſagen!— vielleicht von dir begünſtigt— ſich der Prinzeſſin zu nähern, ſie zu umſtricken wußte, daß ſie ſich erkühnte, ihn zu lieben, eine verbrecheriſche Liebe, eine eigenmächtige Liebe für ihn zu faſſen, etwas, was an dieſem Hofe bis jetzt noch nicht dageweſen. Herzog. Leider! Herzogin. Und du weißt mir nichts zu ſagen, als leider: und wieder lei⸗ der und immer leider!— Gut! wenn dir das, was du gethan, was du hervorgerufen, wirklich leid iſt, ſo ändere es. Sei wie bisher mein guter Sohn, opfere dieſen falſchen Freund, vertauſche ihn gegen die Liebe, gegen die Achtung deiner Mutter! Herzog. Und kehre zurück zum abhängigen Verhältniß meiner Mini⸗ ſter— wollten Sie hinzuſetzen, Mama. Nein, ich fühle meine Stellung, ich begreife ſie, ich will ſie ausfüllen. Ich will nicht wie bisher eine Null ſein, mir ſelbſt zur Verachtung, dem Lande zum Spott. Herzogin. Ah! Herzog. Ja, Mama, ich habe Sie oft gebeten⸗ mir die Stellung zu 100 Der geheime Agent. bewilligen, die mir gebührt, ich habe gebeten, wo ich verlangen, ja befehlen konnte. Herzogin. Und jetzt denkſt du fortan zu befehlen? Mir, deiner Mutter, zu befehlen? Mich und meine Räthe bei Seite zu ſchieben, wie eine unnütze Sache? Herzog. Wenn ich ſo denken ſollte, Mama, ſo ſind Sie es, die dieſen Gedanken hervorgerufen. Geben Sie mir, was mir gebührt. Tre⸗ ten Sie freiwillig von einer Stellung zurück, die mir, dem regie⸗ renden Herrn dieſes Landes, zukommt. Entlaſſen Sie unſere, Ihre Miniſter, ich brauche junge Leute um mich, die mit der Zeit vor⸗ angeſchritten ſind, die mit mir theilen das friſche, warme Gefühl, das ich in meinem Herzen trage, die innige Liebe zu meinem Lande, zu meinen Unterthanen. Herzogin. Nimmermehr! 3 Herzog. Erhalten Sie uns Ihren Rath, Ihre Lebenserfahrung. Ra⸗ then Sie Ihrem Sohne, wenn er auf dem ſchwierigen Wege, den er zu gehen hat, hie und da anſtößt, wachen Sie freundlich und weiſe über mich, aber laſſen Sie mir die Zügel, die ich fortan mit feſter Hand zu führen gedenke. Herzogin. Nimmermehr! Ich weiß, was dem Lande frommt, ich will und kann es nicht mit anſehen, daß das, was wir mühſam erbaut, leicht⸗ ſinnig und muthwillig zerſtört werde. Herzog. Dann habe ich Ihnen in dieſem Augenblicke nichts mehr zu ſagen, Sie ſind meine Mutter, ich muß Sie ehren und achten, Sie wiſſen, Mama, daß ich nie mit offener Gewalt gegen Sie auftreten kann und werde. (Er geht in ſein Kabinet.) Der geheime Agent. 101 Herzogin aingeld. Und ich habe die Gewalt noch feſt in meiner Hand. Zu dem Kammerherrn, der hereintritts: ich erwarte den Grafen Steinhauſen in meinem Kabinet! Zweiter Auftritt. Oberſthofmeiſter und Graf Oskar durch die Mittelthür, ſpäter der Graf an dem Kabinet mit Papieren. Oskar. Das ſchien mir eine kleine Scene, Herr Oberſthofmeiſter. Oberſthofmeiſter. Bst! So etwas ſieht man bei Hofe nicht! Oskar. Aber man hört es. Oberſthofmeiſter. Aber das Gehör darf es nicht weiter ſagen, nicht einmal dem eigenen Kopfe. b Oskar. Sie kennen das beſſer, Herr Oberſthofmeiſter, ich gebe Ihnen vollkommen Recht, aber angenommen, es wäre hier eine Scene vorgefallen— es iſt doch bei Hofe nicht verboten, etwas anzu⸗ nehmen? Oberſthofmeiſter achelnd. O, das iſt durchaus nicht verboten! Oskar. Alſo nehmen wir eine ſolche Scene an— Oberſthofmeiſter. Ich danke dafür! 102 Der geheime Agent. Oskar. Schherz bei Seite!— Nehmen wir an, es ſei hier eine etwas heftige Unterredung vorgefallen,— errathen Sie den Gegenſtand derſelben? Oberſthofmeiſter. Auf ſo etwas zu rathen, iſt gerade wie auf harte Nüſſe zu beißen, man verletzt ſich die Zähne, das iſt Alles. Oskar. Nun, ich riskire die meinigen und beiße herzhaft zu. Ich wette, der Wortwechſel drehte ſich um dieſelbe Urſache, die den Hof aufregt und in Parteien ſcheidet,— um den geheimen Agenten. Oberſthofmeiſter. Leider! Leider! Oskar. Ja, gewiß leider, Herr Oberſthofmeiſter! So ruhig Sie an⸗ ſcheinend einhergehen, ſo ſieht doch ein Unbefangener— zum Beiſpiel, ich bemerke es— wie ſehr Sie dieſe Angelegenheit an⸗ greift. Oberſthofmeiſter. Leider! Es iſt wahr. Oskar. Eigentlich begreife ich nicht, wie Sie und auch mein Oheim über dieſen deus ex machina ſich nur alteriren mögen! Laſſen Sie dem Herzog ſein Vergnügen, es muß ihm ja Spaß machen, die Komödie noch fortzuſetzen, denn Seine Durchlaucht ſehen mit großem Vergnügen, daß der ganze Hof wie elektriſirt iſt. Wie der Herzog die Maſchine dreht, ſo zuckt Alles in die Höhe, ſpringt auf und nieder, wendet ſich rechts und links— es iſt wirklich zum Todtlachen! Oberſthofmeiſter. Eher zum Todtweinen! Oskar. Ja, ja, für den, der Neigung hiezu hat!— Im Vertrauen Der geheime Agent. 103 geſagt, Herr Oberſthofmeiſter, mir iſt ſchon einigemal die Idee gekommen, als habe der Herzog in Betreff des geheimen Agenten ſeinen ganzen Hof eigentlich zum Beſten, als exiſtire derſelbe gar nicht, als ſei er nur eine Erfindung Seiner Durchlaucht. Oberſthofmeiſter. Und doch behaupten Sie deſſen Bekanntſchaft geſtern im Park gemacht zu haben! Oskar. Ah, das war ja nur ein Scherz! Was weiß ich, wer jener junge Menſch war? Oberſthofmeiſter. Alſo kein Univerſitätsfreund? Oskar. Pas du tout! Sie ſehen, wie offenherzig ich bin. Oberſthofmeiſter ür ſich. So war es mein alter Herr! Cächelnd) Ihre Anſicht, mein lie⸗ ber Oskar, iſt außerordentlich kühn. Sie trauen uns in der That wenig zu, wenn Sie glauben, wir ließen uns durch eine Sache ſchrecken, von der wir nicht überzeugt ſind, daß ſie wirklich exiſtirt. Und was jenen geheimen Agenten anbelangt, ſo haben wir leider die vollgültigſten Beweiſe von ſeinem Daſein. Oskar. Pah!— Ohne Scherz? Oberſthofmeiſter. Ohne Scherz! Oskar. Und welche?— Sie ſehen meine Neugierde; theilen Sie mir etwas darüber mit! Oberſthofmeiſter. Ein wichtiges Geheimniß! Oskar. Das Ihnen der geheime Agent unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit anvertraut? Der geheime Agent. Oberſthofmeiſter. Gott ſoll mich bewahren! Oskar. Oder das nur Sie allein wiſſen? Oberſthofmeiſter. Auch das nicht! Oskar. Nun, dann iſt es ja auch kein Geheimniß. Dann können Sie auch gegen mich ſo offenherzig ſein, wie ich es gegen Sie ge⸗ weſen. Oberſthofmeiſter. Es betrifft Jemand, der Sie durchaus nicht intereſſirt— die Prinzeſſin Eugenie. 5 Oskar Cür ſich. Alle Teufel! Was er ſagt! daut: Nun ja, Sie haben Recht, mich intereſſirt die Prinzeſſin nur im Allgemeinen, wie jedes Mit⸗ glied dieſes erlauchten Hauſes.— Alſo die Prinzeſſin Eugenie— Oberſthofmeiſter. Schreien Sie nicht ſo!— Wie kann man Ihnen ein Geheim⸗ niß anvertrauen?— Es iſt eine ſehr delikate Sache, und Sie werden mir verſprechen, keinen Gebrauch davon zu machen. 3 Oskar. Ich verſpreche es. Alſo die Prinzeſſin— Oberſthofmeiſter Cfährt ihn eiwas bei Seited. Liebt den geheimen Agenten des Herzogs. Oskar. Ah, das iſt unmöglich! Oberſthofmeiſter. Wie ich Ihnen ſage. Sie hat es der Frau Herzogin ſelbſt geſtanden! 3 Oskar Geftig. Aber das iſt ja unerhört, Herr Oberſthofmeiſter, das iſt noch — Der geheime Agent.. 10⁵ nie da geweſen! Ein ſolcher faux pas! eine Prinzeſſin dieſes durchlauchtigen Hauſes und ein geheimer Agent! Ah! das muß ich mir ausbitten!— Darüber ſollte ich ernſtlich mit dem Herzog ſprechen! Oberſthofmeiſter. Das werden Sie nicht thun, junger Herr!— Aber es nimmt mich Wunder, welch' lebhaften Antheil Sie an der Prinzeſſin nehmen. Oskar. Das nimmt Sie Wunder?— Mich durchaus nicht! GFür ſich, da ihn der Oberſthofmeiſter ſtaunend anſieht.) Ja ſo(laut): Ich habe natürlicher Weiſe ein Recht dazu, da es doch keinem loyalen Unterthan gleich⸗ gültig ſein kann, ſolche namenloſe Verirrungen zu erfahren. Graf Caus dem Kabinet). Meine Herren, ihr führt ja eine lebhafte Converſation! Oberſthofmeiſter(leiſe zu Oskar, der reden will). Sie werden ſchweigen! cLaut)z. Wir hatten eine kleine Strei⸗ tigkeit über das Piquet. Ich behauptete, vier Buben ſeien oftmals mehr werth, als die Könige. Graf. Das heißt, wenn man einen dieſer hohen Herrn weggeworfen. Oberſthofmeiſter dächend. Natürlich! Qskar Eärgerlichd. In dem Falle freilich! Wenn man einen dieſer Herren weg⸗ geworfen, zieht man die Buben vor. GFür ſcch) Jetzt werde ich mich bemühen, ſeine Bekanntſchaft zu machen.* Graf Gum Oberſthofmeiſter). Sie werden mich entſchuldigen, beſter Herr Oberſthofmeiſter ich komme nicht zur Tafel. Man dinirt en famille. Gür ſcch.) Alſo, ſobald es dunkel iſt, werde ich die Bekanntſchaft des ge⸗ heimen Agenten machen. 106 Der geheime Agent. Oberſthofmeiſter. So wünſche ich Euer Excellenz guten Appetit! Gür ſich.) Das kommt mir gelegen, ich fürchtete ſchon, er würde mich ſtören in meinem Rendez-vous mit dem geheimen Agenten. Oskar Cür ſich. Und wer dieſer geheime Agent auch ſein mag, ich werde ein ernſtes Wort mit ihm reden! (Alle ab.) Dritter Auftritt. Nach einer kleinen Pauſe ſchlendert der Kammerdiener aus dem Kabinet heraus. Kammerdiener (ſetzt ſich bequem in den Fauteuil, und nimmt ein Blatt Papier vom Tiſche, das er anſieht). Heute iſt diner en famille. Ich glaube es wohl, denn keine der hohen Herrſchaften wird gelaunt ſein, die Koſten der Unter⸗ haltung zu tragen.— Die Zeit des Diners iſt die Zeit der Ruhe für Unſereinen, und wenn ich dies Bischen Ruhe je nothwendig gebraucht, ſo iſt es gerade in dieſen bewegten Tagen. Es wäre wahrhaftig nicht zum Aushalten, wenn der Preis, der uns winkt, nicht ſo außerordentlich wäre. Endlich einmal der Kammerdiener eines Herrn zu ſein, der wirklich regiert; es beginnt die Zeit, wo ich protegiren kann, ich werde mir dieſe Zeit zu Nutzen machen.— Dann wünſchte ich aber auch, daß der geheime Agent wieder ver⸗ ſchwände, auch für mich, denn es iſt wahrlich kein Spaß, dies Ge⸗ heimniß zu bewahren, die Thüren ſorgfältig verſchloſſen zu halten, damit Niemand in die Appartements dringt, und ſie vollkommen leer findet.— Es iſt lächerlich, wie ſich Jedermann bei mir etwas zu ſchaffen macht, von oben herab bis zum letzten Schloßknecht! 2 Der geheime Agent. 107 (Steht auf und geht ans Fenſter.) Ach, die Zeit der Ruhe iſt ſo ſchnell vor⸗ über, da kommt ſchon der Herzog von ſeinem kleinen Spaziergang zurück, den er nach der Tafel mit Ihrer Durchlaucht, der Frau Herzogin gemacht. Alle Welt, die ſie ſo Arm in Arm danhinwan⸗ deln ſehen, wird die Köpfe ſchütteln und ſagen: wie wäre es denn möglich, daß dieſe beiden Herrſchaften geſtern und heute unange⸗ nehme Scenen gehabt, daß beide im ernſteſten Kampf um die Herr⸗ ſchaft des Landes begriffen ſind?— Keiner weiß aber auch, wie ich, was die Herzogin vor der Tafel zu dem Herrn ſagte. Wozu, ſprach ſie, unſere traurige Uneinigkeit Denen vom Hof ſo offen⸗ kundig machen? Sei ſo freundlich und begleite mich nach der Ta⸗ fel auf meinem kleinen Spaziergange, auch wenn du es nicht gern thun ſollteſt; worauf Seine Durchlaucht die großen Worte erwi⸗ derte: ich werde Sie mit wahrem Vergnügen begleiten, indem ich Ihre für mich ſo ehrwürdige Perſon vollkommen von Ihrem Re⸗ gierungsſyſtem zu trennen weiß.— Da kommen ſie nun Arm in Arm einher, und die Hofdamen haben gewaltig die Köpfe darüber geſchüttelt.— Oeffnen wir ihnen die Thüre. Cor fährt mit der Hand durchs Haar, zupft ſeine Halsbinde in die Höhe, öffnet eine Spalte der Mittelthür und die⸗ ſelbe ganz einen Augenblick vorher, ehe die Herrſchaften ſichtbar werden.) Vierter Auftritt. Herzog. Herzogin. Herzog. Chère maman, wenn die Sache nicht von ſo ernſten Folgen wäre, ſo könnte ſie wirklich komiſch erſcheinen. Wir Beide, von der Natur angewieſen, in beſter Harmonie zu leben, ſind auf dem Kriegsfuße und Jeder ſucht dem Andern, wo er kann, einen kleinen Vortheil abzujagen. 108 Der geheime Agent. Herzogin anit ſchwacher Stimme). Leider iſt es ſo weit mit uns gekommen. Du— ſonſt ein guter, folgſamer Sohn— opponirſt nun deiner Mutter in allen Dingen und mit einer nie gekannten Heftigkeit. Dieſer Widerſtand iſt um ſo trauriger für mich, da ich weiß, daß er nicht aus dei⸗ nem eigenen Herzen ſtammt; böſe Rathſchläge haben dich aufgereizt. Herzog. Glauben Sie das ja nicht, chore maman! Ich ſelbſt bin es, der einſieht, daß meine jetzige Stellung unrichtig iſt. Herzogin. Du nicht, mein Kind, du warſt von jeher harmlos, nie zu Intriguen aufgelegt; nur jener entſetzliche Menſch hat dich dazu gebracht. Herzog. Sie thun wahrhaftig meinem geheimen Agenten Unrecht; es wird gewiß die Zeit kommen, wo Sie ihn ſehen werden, ihn kennen lernen, ja wo Sie ihn ſchätzen müſſen. Herzogin. Das Letztere niemals! Wohl hoffe ich, daß du endlich ein⸗ ſehen wirſt, wie Unrecht du gethan, ihn hieher zu bringen. Laut.) Sollte ich ihn je ſehen müſſen, ſo würde dies nur in dem Augen⸗ blicke ſein, wo er von hier Abſchied nimmt, damit ich die Freude hätte, ihm ſagen zu können, wie ſehr ich ihn verabſcheue. Herzog.. Mama, Sie waren vorhin ſo weich, ſo verſöhnlich geſtimmt. Jetzt kommt wieder dieſer bekannte, harte Ton. Herzogin. Der Spaziergang in den Park hatte mich erfriſcht. Wie an⸗ genehm könnte unſer Leben dahin fließen? Herzog. Freilich, Mama, wenn Manches anders wäre. Herzogin. Deine Schuld, daß es nicht ſo iſt. Der geheime Agent. 109 Herzog. Die Ihrige, Mama, gewiß die Ihrige. Chère maman, ich bin ſeit geſtern ſo froh, ſo glücklich, gewiſſermaßen zum Nachgeben bereit. Cächelnv.) Schließen wir einen Frieden unter annehmbaren Bedingungen! Herzogin.. Du ſprichſt mir aus der Seele. Ich meines Theils verlange nur eine Kleinigkeit; ſchick' jenen Menſchen fort, entlaß deinen ge⸗ heimen Agenten! Herzog. Meinen treueſten Freund, meinen allwiſſenden Rathgeber? O. Mama! und das nennen Sie eine Kleinigkeit?— Sie thun ihm wahrhaftig Unrecht. Wenn Sie ihn kennen würden, ich glaube, Sie dächten anders über ihn. Herzogin. Gewiß nicht! Herzog. Wer weiß?— Ich will Ihnen einen Vorſchlag thun, Mama. Sie ſollen meinen geheimen Agenten ſehen! Herzogin. Wie iſt das möglich? Du ſagteſt mir doch, er könne mir nicht vorgeſtellt werden. Herzog. Damals erlaubte ich mir eine kleine Unwahrheit, liebe Mama, eine von jenen harmloſen Lügen, die man in der Politik nicht ſo genau nimmt.— Herzogin. So iſt dieſer Menſch, der ſich herabläßt, den Spion zu machen, von Stande? Herzog. Ja, Mama, ſogar von einem ſehr guten Hauſe. Herzogin. Entſetzlich!— Doch es ſei, ich nehme deinen Vorſchlag an! 110 Der geheime Agent. Herzog clachend). Aber hören Sie erſt meine Bedingung! Herzogin. Wie, eine Bedingung? Herzog. Natürlich! Denn ich opfere ja meinen geheimen Agenten, in⸗ dem Sie ihn ſehen dürfen, und— ja, ich will es eingehen,— alsdann nach Ihrem Gutdünken vom Hofe entlaſſen. Für dieſen wahrſcheinlichen Verluſt ſtelle ich eine Bedingung: meine vorhin projektirte Heirath mit der Prinzeſſin Amalie wird rückgängig.— Sie wiſſen das ſchon zu arrangiren, Mama, wenn Sie wollen. Herzogin. Du verlungf zu viel. Herzog. Für meinen geheimen Agenten? Herzogin. Und mir bleibt es überlaſſen, denſelben augenblicklich vom Hofe zu entfernen? Herzog. Ihn augenblicklich vom Hofe zu entfernen. Herzogin cnach einigem Nachdenken). Wohlan, ich bin damit einverſtanden!— Und wann werde ich ihn ſehen? Herzog. Er ſoll heute Abend, wenn Sie ſich mit der Geſellſchaft in dieſem Salon befinden, dort aus meiner Kabinetsthür kommen und Ihnen irgend ein gleichgültiges Papier überreichen. Herzogin. Aber wird das kein Aufſehen erregen? Herzog. Durchaus nicht, ich ſtehe dafür ein. (Er führt die Herzogin in ihr Kabinet.) Der geheime Agent. 1118 Fünfter Auftritt. Herzog. Ich kann mir nicht anders helfen, in dieſem Kriege gelten alle Mittel. cer klingelt. Kammerdiener kommt.) Nun, George, wie weit biſt du mit deiner Angelegenheit? Kammerdiener. Ich habe Alles aufs Beſte vorbereitet, gnädigſter Herr. Seine Excellenz der Herr Graf Steinhauſen, ſowie der Herr Oberſthof⸗ meiſter werden wahrſcheinlich in der nächſten Viertelſtunde, ſobald es nämlich vollkommen dunkel iſt, hier erſcheinen, um die Bekannt⸗ ſchaft von Euer Durchlaucht geheimen Agenten zu machen. erzog. Und im Dunkeln? Herzog Kammerdiener. Nur unter dieſer Bedingung will der geheime Agent die bei⸗ den Herrn empfangen. Herzog. Sehr gut, und wenn ſie einige Minuten da ſind, werde ich mein Kabinet verlaſſen und ſie unterbrechen, damit es zu keinen Aufklärungen zwiſchen ihnen kommt. (Ab.) Sechster Auftritt. Es wird dunkel. Der Graf Critt keiſe ein. Huſtet): Hm!— hm!— hm!— hm! Es ſcheint noch Niemand da zu ſein, ich bin der Erſte und hoffe, daß mich der geheime Agent nicht lange warten läßt; die Zeit iſt kurz, ich fürchte immer, daß irgend ein naſeweiſer Lakai mit Lichtern kommt.— Nun, es iſt 112 Der geheime Agent. hier dunkel genug.— Aus welcher Thür wird er kommen, der ge⸗ heime Agent? Schwerlich aus dem Kabinete des Herzogs, das wäre zu gefährlich!— Richtig!— Da öffnet ſchon Jemand die Mittelthür! Der Oberſthofmeiſter Gchreicht langſam vor Ob der geheime Agent ſchon da iſt! es ſchlug eben Acht. cSuſtet.) Hm!— hm! Graf. Hm! hm! Er iſts! Oberſthofmeiſter. Er iſt ſchon da! Graf. Soll ich mich anreden laſſen?— Ich glaube, es iſt beſſer ſo! Oberſthofmeiſter. Ich denke, ich warte, bis er ein freundliches Wort ſagt. (Eine kleine Pauſe.) Graf. Er hat doch in dieſe Unterredung eingewilligt! Oberſthofmeiſter. Er weiß doch, daß ich komme! Graf. Hm! hm! GLuſtet heftig⸗ Oberſthofmeiſter. Er ſcheint mir durch dieſen außerordentlichen Huſten anzeigen zu wollen, daß er meine Anrede erwartet. Graf. Gott! die Zeit vergeht!— Ich will ihn anreden. CLaut) Mein Herr! Seien Sie verſichert, daß ich erfreut bin, ja, daß ich es mir zur Ehre rechne, Ihre mir ſehr intereſſante Bekanntſchaft zu machen. Oberſthofmeiſter. Herr Gott im Himmel, dieſe Stimme! Den hätte ich nicht erwartet!— Soll ich ihm antworten? O dieſer Verräther! Ah, V Der geheime Agent. 113 er ſoll wiſſen, daß ich ihn kenne! cLaut. Auch mir, mein Herr, iſt es eine außerordentliche Ehre, Ihre Bekanntſchaft zu ern euern. Graf. Geht das mit rechten Dingen zu! iſt das nicht die Stimme des Oberſthofmeiſters? Oberſthofmeiſter ciir ſich. Aber es iſt kaum glaublich!— Eine ſolche Falſchheit, eine ſolche Doppelzüngigkeit! Graf Cfür ſich. Iſt das denkbar, der Oberſthofmeiſter wäre der geheime Agent, hätte uns alle auf unglaubliche Art hintergangen? Herzog(aus der Thür ſeines Kabinets). Man ſoll leuchten, es iſt ganz dunkel im Salon! Graf. Das fehlte noch— der Herzog! Oberſthofmeiſter. Herr Gott, er überraſcht mich bei ſeinem geheimen Agenten! (Sie ſuchen Beide die Mittelthür, die ſie aber nicht finden, und ſtoßen an einander.) Oberſthofmeiſter. Um Gottes willen, laſſen Sie mich! Graf. Ich will Sie nicht gekannt haben! Herzog(mit einen? Lakai, der ihm leuchtet). Ah! meine Herrn, eine Unterredung im Finſtern! Ei, ei, das müſſen dunkle Entſchlüſſe ſein, die Sie hier faſſen! Graf Cur ſich. Der Herzog wird mir dieſe Neugierde nie verzeihen! Oberſthofmeiſter ciur ſich. Daß ich mich in die Geheimniſſe Seiner Durchlaucht gemiſcht, wird der Herzog entſetzlich übel aufnehmen! Herzog. Nun, mein beſter Graf Steinhauſen, lieber Pberühoimneiſter Hackländers Werke. XV. Der geheime Agent. 114 Sie machen ja Beide Geſichter, als hätten Sie Geſpenſter geſehen. Iſt Ihnen was Außerordentliches begegnet? Graf Cfür ſich. Beſter Graf Steinhauſen hat er geſagt? Er iſt alſo nicht un⸗ gnädig! Oberſthofmeiſter. Er ſagte: lieber Oberſthofmeiſter, vielleicht nimmt er es nicht ſo übel auf! Graf. O Euer Durchlaucht, wir fanden uns zufällig hier zuſammen, der Herr Oberſthofmeiſter ſprach mit mir von neuen Einrichtungen ſeines Departements; gewiß nur von ſeinem Departement. Oberſthofmeiſter. Gewiß, Euer Durchlaucht, ich ſprach mit Seiner Excellenz nur von Sachen, die mein Departement betreffen. Herzog achend. Ich will mich wahrhaftig nicht in Ihre Converſation miſchen; 3 revoir!— Wir ſehen uns hoffentlich nachher bei der Frau Her⸗ zogin! Lieber Graf, kommen Sie in einer Viertelſtunde in mein Kabinet. „(Ab.) Graf Cfür ſich). Gott ſei Dank! er ſcheint es nicht ungnädig aufgenommen zu haben, daß ich ſeinen geheimen Agenten geſprochen.— Aber wie Recht hatte ich, dem Oberſthofmeiſter nicht zu trauen! Oberſthofmeiſter ciir ico. Den Schreck vergeß ich nie. Dieſer Graf Steinhauſen— aber ich bin jetzt nicht im Stande, die Converſation wieder auf⸗ zunehmen. Graf Cfür ſich. Vorderhand iſt mir genug, daß ich weiß, wer der geheime Agent iſt. (Sie gehen Beide zur Mittelthür und becomplementiren ſich lange, wer zuerſt hinaus, gehen ſolle.) Der geheime Agent. 115 Oberſthofmeiſter. Ich bin hier mehr zu Haus, als Euer Excellenz. Graf. Bitte recht ſehr; ich weiß, was ich Ihnen ſchuldig bin! Oberſthofmeiſter. Euer Excellenz haben jedenfalls den Vortritt— ich bleibe hier. (Graf ab.) (Lakaien mit Lichtern, Herren und Damen vem Hof durch die Mittelthür. Der Oberſthof⸗ meiſter, Graf Oskar, die beiden Räthe ꝛc.) Ich kann es immer noch nicht faſſen: dieſer unglückſelige Mann ein ſo gewagtes Spiel zu treiben, hinter dem Rücken der Frau Herzogin. O wenn ſie das erfährt, es muß eine fürchter⸗ liche Ungnade werden! Und wir Alle haben darunter zu leiden, und der Graf ſagte mir geſtern vollkommen wahr, wenn es bei uns erſt anfängt zu brechen, ſo ſtürzt Alles zuſammen. Auch ich werde ſtürzen— eine penſionirte Größe, Exoberſthofmeiſter. Oskar. Warum ſo gedankenvoll, Herr Oberſthofmeiſter? Wollen Sie auf dieſe Art das ſonderbare Geheimniß dieſes Hofes ergründen, oder denken Sie vielleicht über Fäden nach, die Sie auf die Spur leiten könnten? Seien Sie offenherzig, theilen Sie mir darüber etwas mit! 3 Oberſthofmeiſter. Sprechen wir beſſer nicht davon! cgar ſich.) Auch vor dem muß ich mich in Acht nehmen. Oskar. Warum das? Ich mache gar kein Hehl daraus, daß ich Alles anwende, den Aufenthalt des geheimen Agenten zu erfahren und ſeine Bekanntſchaft zu erneuern. Oberſthofmeiſter erſchrocken). So kennen Sie ihn alſo doch? Oskar(lachend). Sie ſind zerſtreut, Herr Oberſthofmeiſter. Hatte ja geſtern Der geheime Agent. ſchon die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß ich ihn drunten im Parke ‚kennen lernte. Oberſthofmeiſter. Ah ſo? GFür ſich Er weiß nichts! . Oskar. Ein ſauberer Herr das— offenherzig geſtanden, wegen der Politik meines Oheims hätte ich mir keine große Mühe gegeben, dieſe Bekanntſchaft zu machen, aber jetzt, wo er mir meine eige⸗ nen Wege durchkreuzt, hoffe ich ihn bald zu finden und ein ernſtes Wort mit ihm zu reden. D sberſthofmeiſter erſtreut) Aber auf welche Art durchkreuzt er Ihre Wege? Oskar. Verzeihen Sie mir, Herr Oberſthofmeiſter, aber Sie ſind wirk⸗ lich ſehr zerſtreut. Sie ſelbſt ſagten mir ja heute Morgen, dieſer geheime Agent habe ein Liebesverhältniß mit der Prinzeſſin Eu⸗ genie.— Nun denn, die Prinzeſſin iſt meine Braut. Oberſthofmeiſter daut. Gerechter Gott! die Prinzeſſin Eugenie Ihre Braut?— das hab' ich nicht gewußt! GFur ſic) Der Onkel liebt die Braut ſeines Neffen ceaut, Schrecklich! ſchrecklich! Oskar. Nicht wahr, das iſt freilich ſchrecklich!— aber verlaſſen Sie ſich darauf, ich werde in dieſer Sache keinen Spaß verſtehen. Oberſthofmeiſter. Aber Sie werden doch nicht?— 8 Oskar. Ihn vor die Klinge fordern?— Allerdings werde ich das! Oberſthofmeiſter. Ihren eigenen Oheim? Oskar Kächelnd. Meinen Oheim? Der geheime Agent. 117 Oberſthofmeiſter dir ſich. Ja ſo, bald hätte ich mich verrathen! Oskar. Weil er dieſe Partie arrangirte? Verzeihen Sie, Herr Oberſt⸗ hofmeiſter. Mein Oheim wußte auf keinen Fall die Liaiſon mit dem geheimen Agenten. Der Graf Steinhauſen iſt ein Ehren⸗ mann. Oberſthofmeiſter Cinr ſich). Armer junger Menſch! Laut) Allerdings! Fur ſch Wenn nur der Abend vorbei wäre! Oskar. Die Herzogin!— Siebenter Auftritt. Herzogin ett ſich in ihren Lehnſtuhd. Ich bin in einer großen Aufregung; ich habe ſeit langen Jah⸗ ren nichts ſo ängſtlich erwartet, wie jene unheilvolle Perſon, die im nächſten Augenblicke aus dieſem Kabinete kommen wird. Ich erwarte ſie mit Grauen, wie ein Geſpenſt, das uns lange unſichtbar umſchwebte und uns auf einmal vor die Augen treten ſoll. Oberſthofmeiſter. Befehlen mir Euer Durchlaucht vielleicht ein Spiel zu arran⸗ giren? Herzogin. Ich danke!— Vielleicht ſpäter! Oskar(Leiſe zum Oberſthofmeiſter). Sollen wir vielleicht„blinde Kuh“ ſpielen und der, welcher ergriffen wird, muß für den geheimen Agenten gelten.— Ich kann 118 Der geheime Agent. es nicht erwarten, bis ich Jemand finde, an dem ich meinen Un⸗ muth auslaſſen kann. Oberſthofmeiſter. Machen Sie keine ſo gefährlichen Späſſe! Gür ſich) Der arg⸗ loſe junge Menſch! Herzogin. Graf Oskar! Oskar. Euer Durchlaucht! 5 Herzogin. Wo iſt Ihr Oheim?— Sind Sie allein zu Hof gefahren? Oskar. Ja, Euer Durchlaucht; ich vermuthete Seine Excellenz bereits im Schloſſe. 3 Oberſthofmeiſter ur ſich. O wenn er nur nicht käme! Ich fürchte immer, er wird ſich einmal verrathen! Herzogin Cür ſich). Die Thür öffnet ſich! (Sie wendet ſich ſo auffallend mit dem Geſichte dorthin, daß alle, welche glauben, der Her⸗ zog käme, auf die Seite treten, der Oberſthofmeiſter hinter den Fauteuil der Herzogin. Der Graf kommt langſam aus dem Kabinet mit einem Papier in der Hand. Die Herzogin er⸗ kennt ihn entſetzt und erhebt ſich langſam und mühſam von ihrem Stuhle. Graf. Seine Durchlaucht der Herr Herzog beauftragt mich, Euer Durchlaucht dies Papier zu überreichen. Herzogin cſchreit auf. Mir aus den Augen, Undankbarer! Verlaſſen Sie das Schloß augenblicklich, bei meinem Zorn, Graf Steinhauſen! Ich haſſe, ja, ich verabſcheue Sie! (Allgemeine Aufregung.) Oberſthofmeiſter. Sie kennt ihn bereits! 13 Der geheime Agent. 119 Graf. Was ſoll das heißen; ich bitte Euer Durchlaucht, mir um Gotteswillen zu erklären— ich glaube, die vielen Dienſte, die ich geleiſtet, berechtigen mich zu dieſem Verlangen. Herzogin. Sie verlangen eine Erklärung?— Ja, Herr Graf, das An⸗ denken an Ihre früheren Dienſte iſt durch Ihre letzten vollkom⸗ men verwiſcht. Doch danken Sie es der Erinnerung an eben dieſe früheren Dienſte, daß ich Ihnen hier vor dem ganzen Hofe keine Erklärung gebe.— Entfernen Sie ſich! Alle, Alle! ich will allein ſein! Herr Oberſthofmeiſter, bleiben Sie! Oberſthofmeiſter(wiſcht ſich den Schweiß ab). Zu Euer Durchlaucht Befehl. Herzogin. Das hätte ich nicht erwartet, das hat meine innerſte Seele erſchüttert. Eine ſolche Undankbarkeit, eine ſolche Verrätherei! Wie ſchlecht ſind die Menſchen! Er, den ich mit meinem ganzen Vertrauen beehrte, der meine ſämmtlichen Pläne kannte, begibt ſich auf die Seite meines Sohnes, um gegen mich zu agiren, mich da zu verletzen, wo ich allein verwundbar war.— Jetzt wird mir Alles klar; ja, nur er allein war im Stande, dem Herzog unſere Geheimniſſe zu verrathen, da nur er allein darum wußte!— Meine Kraft iſt gebrochen, ich laſſe die Zügel fahren.— Herr Oberſt⸗ hofmeiſter! Oberſthofmeiſter. Ein entſetzlicher Vorfall, Euer Durchlaucht!— Wer hätte das denken können! Herzogin. Mein erſter Miniſter— der geheime Agent meines Sohnes. Oberſthofmeiſter. Entſetzlich! Der geheime Agent. Herzogin. Sie wußten darum, Herr Oberſthofmeiſter? Oberſthofmeiſter. Ich erfuhr es heute auf eine eigenthümliche Art. Herzogin. Und beeilten ſich nicht, mir dieſe wichtige Mittheilung zu machen! Oberſthofmeiſter. Ich konnte es nicht glauben, ich mußte an der Wahrheit dieſer Mittheilung zweifeln, ich unterſtand mich nicht, eine unbeſtimmte Sache von ſolcher Wichtigkeit Euer Durchlaucht vorzutragen. Herzogin. Folgen Sie mir in mein Kabinet! Geide ab.) Achter Auftritt. Graf orſichtig durch die Mittelthür). Ich kann das Schloß nicht verlaſſen. Ich bin geſchlagen, das iſt wahr, aber wenn ich ohne einen ferneren Verſuch des Wider⸗ ſtands vom Kampſplatz entfliehe, iſt meine Niederlage vollſtändig. Der Oberſthofmeiſter hat mich geſtürzt, er, der geheime Agent des Herzogs. Die Saat ſchien ihm reif zu ſein, doch ich glaube, er hat zu frühzeitig gemäht.— Welche Mittel man zu meinem Sturz angewendet hat?— noch weiß ich es nicht, aber mir gleich viel! Auch ich will meine Schritte thun; in dem Kampfe um meine Exi⸗ ſtenz gelten alle Mittel.— Ich weiche nicht aus dem Schloſſe, die Herzogin ſoll erfahren, daß der Oberſthofmeiſter der geheime Agent ihres Sohnes iſt.— Ah! da iſt er! Der geheime Agent. 121 Neunter Auftritt. Der Oberſthofmeiſter(mit einem Papier in der Hand, erſchrickt, wie er den Grafen ſieht.) Oberſthofmeiſter. Euer Excellenz noch hier?— Wenn es die Frau Herzogin erführe— ihr Zorn—! Graf. Nach dem, was mir heute Abend geſchehen, iſt dieſer Zorn nicht mehr im Stande, Eindruck auf mich zu machen. Oberſthofmeiſter. Aber was wollen Sie heute noch? Ich bitte Eure Excellenz! Graf. Die Herzogin ſprechen! Wenn ſie ruhig geworden iſt, kann ſie ihrem erſten Miniſter— eine Audienz nicht verſagen. Oberſthofmeiſter. Ihrem erſten Miniſter freilich, aber— Geſteht das Papier) Graf. Was ſoll Ihr Aber? Oberſthofmeiſter. Ich bin gegen Euer Excellenz offenherzig geweſen, ſo lange Sie in Allerhöchſter Gnade waren, ich will es auch jetzt ſein, trotz dieſer fürchterlichen Ungnade.— Leſen Sie dies Schreiben an den Herzog. 4 Graf ciest. Ich finde mich bewogen, unſer ganzes Miniſterium zu entlaſſen. Indem ich dich bitte, mein Sohn, ein neues zu erwählen, ver⸗ ſpreche ich, mich durchaus in keine Regierungs⸗Geſchäfte mehr zu miſchen, unter der einzigen Bedingung, daß kein Mitglied des früheren Miniſterinms in ſeinem Amte bleibe.— Das iſt deutlich! 122 Der geheime Agent. Oberſthofmeiſter. Sehr deutlich! Graf. Und darf ich dem Herrn Oberſthofmeiſter zum Portefeuille gratuliren? Oberſthofmeiſter. Mir?— Wo denken Sie hin? Ich verſichere Euer Excellenz, ich halte es für das Beſte, wenigſtens für die nächſte Zeit, ſo leiſe als möglich an dieſem Hofe aufzutreten. Graf. Um deſto beſſer aus dem Hinterhalt agiren zu können!— Ich verſtehe! Oberſthofmeiſter. Aber ich verſtehe Euer Excellenz nicht. Graf. Sie werden es lernen. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen ſo freiwillig das Feld räume! Oberſthofmeiſter. Mir? Graf. Ja, Ihnen— Herr geheimer Agent! Oberſthofmeiſter. Excellenz, ich erſtarre!— Aber es kann nur Ihr Unglück ſein, was Sie zu dieſen eigenthümlichen Reden veranlaßt,— ſeien Sie 1 offenherzig. Graf. In was? Oberſthofmeiſter. Sie wollen alſo die ganze Sache verleugnen? Graf. Welche Sache? Oberſthofmeiſter. Den Herzog verleugnen, dem Sie ſo gut gedient?— O Sie Der geheime Agent. 123 ſehen mich lächeln— was kann Ihnen dies Papier eigentlich ſcha⸗ den?— Der erſte Miniſter iſt todt— es lebe der erſte Miniſter! Graf. Wie ſo? Oberſthofmeiſter. Allerdings iſt die Ungnade der Herzogin nicht angenehm, aber bleiben Sie nicht in der vollkommenſten Gunſt des jetzt wirklich regierenden Herrn? Graf. Herr Oberſthofmeiſter, Ihren Spott ertrage ich nicht. Sie ſehen mich entſchloſſen, dieſen Platz nicht zu verlaſſen, und ſoll ich warten bis morgen früh, ſoll ich mehrere Tage warten; zwiſchen uns gilt keine Schonung mehr, ich werde Ihrer Durchlaucht offen erklären, wer ſich eigentlich in das Vertraueu des Herzogs geſchli⸗ chen, ich werde ihr beweiſen, Herr Oberſthofmeiſter, daß Sie der geheime Agent des Herzogs waren. Oberſthofmeiſter. Iſt das Ihr Ernſt, eine ſolch falſche Anklage?— Ich der geheime Agent?— O dieſe Verſtellung, Excellenz! Ich habe Sie nicht verrathen, aber die Frau Herzogin erfuhr heute Abend, daß Sie der geheime Agent ſeien. Graf. Ich der geheime Agent?— Fein angelegt, Herr Oberſthof⸗ meiſter. Aber es ſoll Ihnen nichts nützen; ich werde die nöthigen Beweiſe beibringen! Zehnter Auftritt. Kammerdiener(aus dem Kabinet). Seine Durchlaucht fragte nach dem Herrn Oberſthofmeiſter. Der geheime Agent. Oberſthofmeiſter. Sogleich!— Wo iſt Seine Durchlaucht? Kammerdiener. Er wird im Augenblick in ſein Kabinet kommen. Er ſpricht eben mit ſeinem geheimen Agenten. (Kammerdiener ab.) 8 Oberſthofmeiſter cerſtaunt). Mit ſeinem geheimen Agenten? Graf(ebenſo). Mit ſeinem geheimen Agenten? Oberſthofmeiſter. Sie ſind ja der geheime Agent? Graf. Nein, Sie ſind der geheime Agent! Oberſthofmeiſter. Um Gotteswillen! Die Sache wird immer räthſelhafter!— Dann hätten wir ja ſchon drei geheime Agenten. Wenn das ſo fort geht, gibt es bei Hofe nichts Oeffentliches mehr.— Aber ich muß zu Seiner Durchlaucht! Wil in’s Kabinet eilen.) Graf. Und dies Papier?— Es iſt ja ein Mißverſtändniß! Oberſthofmeiſter. Muß ich dem Herzog übergeben. Graf(wirft ſich in einen Lehnſtuhl). Dann bin ich verloren! Der Vorhang fällt. Der geheime Agent. 125 Fünfter Aufzug. Dieſelbe Dekoration. Erſter Auftritt. Graf(Ein einem Lehnſtuhle ſitzend). Endlich iſt es Tag geworden, aber ein Tag, der mir nicht angenehm und freundlich anbricht;— aus einer ſorgenvoll durchwachten Nacht, aus tauſend ſich durchkreuzenden Gedanken, aus dem tiefſten Nachſinnen finde ich immer und immer wieder daſſelbe heraus; mit dieſem Tage bricht wahrſcheinlich der letzte meines langen Hoflebens heran.— O es iſt klar, wie die Sonne, man muß mächtige Hebel angeſetzt haben, um mich aus meiner Stellung zu verdrängen.—— Der Oberhofmeiſter— er allein hat es nicht gethan, er hat vielleicht die Hand dazu geliehen, aber er iſt es nicht, der die Maſchine organiſirt, der ſie geleitet hat.— Aber ſchlimmer für mich; wenn er es nicht iſt, ſo war es eine mächtigere Hand, gegen die ich noch viel weniger etwas auszu⸗ richten vermag.— Der Herzog ſelbſt hat mich geſtürzt!— Und wie kann ich mich von dieſem Falle aufrichten?— An wen mich lehnen, wer reicht mir die Hand?—— Der Herzog— hat ſein Spiel fein angelegt und meiſterhaft durchgeführt!— Wer hätte das auch erwarten können?— Es iſt Alles verloren, denn nach dieſer Probe, die er von ſeiner Kraft, ſeinem Talente abgelegt, wird er nimmermehr die Zügel aus der Hand geben,— und er hat Recht: wer eine ſolche Hof⸗Intrigue ſo glänzend durchführt, iſt befähigt, ſelbſtſtändig ſeinen eigenen Weg zu gehen.— Aber ich muß die Herzogin ſprechen, ich muß mich feſthalten an dem letzten Nothanker, den ich Angeſichts des drohenden Sturmes ausgewor⸗ 126 Der geheime Agent. fen, an jene Verbindung meines Neffen mit der Prinzeſſin Eugenie. Gelingt mir dies Eine, ſo bleibt mir ein Faden, der im Stande ſein kann, mich aus dem Labyrinth dieſer Ungnade zurückzuführen. Zweiter Auftritt. Graf Oskar iſt während der letzten Worte eingetreten). Oskar Cfür ſich, düſter). Ah, da iſt er! caut) Guten Morgen, mein Oheim! Graf. Du biſt es, Oskar? Wie freue ich mich, dich zu ſehen! Oskar. Ich danke Ihnen, ich hätte ſehnlichſt gewünſcht, Sie noch geſtern Abend zu ſprechen. Dieſe ganze Nacht— Graf. O eine ſchreckliche Nacht! So eine Nacht kann einen zum vollkommen alten Manne machen! Oskar. Das glaube ich auch; es ſind entſetzliche Dinge, die wir ver⸗ nommen, die wir erlebt. Graf.. Eine ſolche Ungnade, ein ſolcher Sturz! Wir müſſen feſt zu⸗ ſammenhalten, beſter Neffe! Oskar. Oheim! Graf. Es gibt nur ein einziges Mittel, was vielleicht im Stande iſt, uns zu retten: wir müſſen Alles anwenden, deine Verbindung mit der Prinzeſſin Eugenie zu beſchleunigen. 8 Der geheime Agent. 127 Oskar Hr ſichh. Das geht zu weit! ceaut.) Rechnen Sie nicht auf mich, Herr Graf, über Ihr finſteres Thun iſt ein helles Licht aufgegangen! Graf. Wie ſoll ich dies verſtehen? Oskar. Sie werden ſchon einen Sinn darin finden. Graf. Wenn ich dir aber ſage, ich finde keinen Sinn in deinen Reden! Oskar. So muß ich Ihnen antworten, daß ich das einem klugen Mann, dem geheimen Agenten des Herzogs, nicht glauben kann. Graf. Auch du haſt dieſe unglückſelige Idee, Oskar? Oskar Cald. Laſſen wir das! Graf. Das iſt ja eine entſetzliche Verwirrung! Ich beſchwöre dich, erkläre dich deutlicher. 8 Oskar. O ja, Herr Graf, ich habe Sie deßhalb aufgeſucht!— Sie betrieben eifrigſt eine Verbindung zwiſchen der Prinzeſſin Eugenie und mir. Graf. Aufs Eifrigſte! Mit Bewilligung der Frau Herzogin. Oskar. Ihre Durchlaucht hatten eine Unterredung mit der Prinzeſſin und die Letztere, trotz ihrer Verwirrung edel und offen, erklärt der Frau Herzogin, ſie könne meine Hand nicht annehmen, indem ſie einen Andern liebe. Graf. Pah! Das iſt unglaublich, unmöglich! 128 Der geheime Agent. Oskar. Unglaublich in der That, aber es iſt ſo,— ſie liebt einen Andern! Graf. Oskar. Einen Andern mit der ganzen Kraft ihrer Seele. Dies herr⸗ liche Mädchen, deſſen Beſitz mich vielleicht zum glücklichſten der Menſchen gemacht hutte! Und wen? Graf. Ich ſage, unmöglich!— Und wen liebt die Prinzeſſin? Oskar. Und ich ſoll es Ihnen ſagen?— Die Prinzeſſin liebt— Sie! Graf. Mich!?— Ums Gotteswillen, welche Idee? Oskar. Sie hat es der Frau Herzogin geſtanden! Graf. Mich liebe die Prinzeſſin?— Wach ich denn oder träume ich? Oskar. Endigen wir dieſe peinliche Unterredung!— Ich ſuchte Sie auf, Herr Graf, um Sie zur Rede zu ſtellen. Sie ſuchten eine Braut für Ihren Neffen, Sie räumten dieſem Neffen bereitwillig Ihr halbes Palais ein, und dieſer Neffe erfährt zufällig, daß die ihm beſtimmte Braut— die Geliebte des Onkels iſt.— Iſt das nicht eine luſtige Geſchichte? Graf. Ich bin nicht im Stande, dieſes Netz von Widerſprüchen zu zerreißen! Oskar. Wie geſagt, Herr Graf, ich ſuchte Sie auf, um Sie zur ſtrengſten Rechenſchaft zu ziehen über die Schande, die Sie im —,— Der geheime Agent. 129 Begriff waren, unſerem Namen zuzufügen. Aber, ich hatte nicht überlegt, daß Sie ein alter Mann ſind, der Bruder meines innigſt geliebten Vaters. (Die Thür zum Kabinet des Herzogs wird geöffnet.) Graf. Gott ſei gedankt, da kommt der Herzog! Herzog. Guten Morgen, meine Herrn! Schon ſo früh am Tage hier? Graf Cfar ſich. Er weiß nicht, daß ich von geſtern noch da bin. Herzog. Ei, ei, beſter Graf Steinhauſen, wie ſehen Sie verſtört aus! Und auch Sie, Graf Oskar, ſcheinen mir aufgeregt. Oskar. Euer Durchlaucht, es ſind entſetzliche Dinge geſchehen! 3 Graf. Ganz entſetzliche Dinge! Herzog. In meinem Schloſſe?— Ich will nicht hoffen! Graf. Euer Durchlaucht werden von der ſchrecklichen Scene, die ge⸗ ſtern Abend hier vorgefallen, bereits unterrichtet ſein? Herzog. Allerdings, ich hörte davon! Graf. Eine Scene, herbeigefüht durch die gränzenloſeſte Ungnade der Frau Herzogin, die uunerwartet auf mein unſchuldiges Haupt niederfiel. Herzog gächeind. Nun, mein lieber Graf, ſo unſchuldig wird dieſes Haugt nicht ſein, Oskar Cfür ſich. Dachte ich es dech! Hackländers Werke. XV. 9 Der geheime Agent. Graf. Eine ſchwere Anklage wurde gegen mich erhoben, eine ſehr ſchwere Anklage; und man urtheilte über mich, ohne mich gehört zu haben. Man beſchuldigt mich, ich ſei der geheime Agent Eurer Durchlaucht. 130 Herzog. Und das nennen Sie eine ſchwere Beſchuldigung?— Es iſt nicht ſchmeichelhaft für mich. GFür ſich) Warte einen Augenblick! cLaut.) Freilich war es nicht ſchön, Sie zu verrathen— Graf. Mich zu verrathen? Herzog. Nun ja, Sie zu verrathen! Das Geheimniß war ſo gut bewahrt. Oskar cCfar ſich. Es iſt alſo doch wahr. Caut. So erlauben mir Euer Durch⸗ laucht— Herzog dleiſe zum Grafen). Sie müſſen meinen geheimen Agenten vorſtellen. GLaut zu Sskar.) Ihr Oheim genirt ſich vor Ihnen, einzugeſtehen, welche ausgezeich⸗ nete Dienſte er ſeinem Fürſten geleiſtet. Oskar Cfür ſichd. Er hat alle Urſache dazu!— Dieſe Schlechtigkeit! Herzog. Sehr ausgezeichnete Dienſte! Erinnern Sie ſich, lieber Graf, wie Sie die Abreiſe meiner Mutter nach Caſerta hinderten? GZu Sstar⸗ Mein geheimer Agent, Ihr Herr Oheim, ließ kluger Weiſe die Gitter des Schloſſes ſchließen.— Thaten Sie das nicht, mein lieber Graf? Graf. Allerdings, das kann ich nicht leugnen! ü Der geheime Agent. 131 2 Oskar. Dann erlauben mir Euer Durchlaucht, mich zu entfernen. Was ich Cuer Durchlaucht geheimem Agenten zu ſagen habe, kann nur ohne Zeugen geſchehen. (Ab.) Herzog. Was hat denn der Graf?— Streitigkeiten in der Familie? — O das hätten Sie mir zu verſtehen geben ſollen! So was iſt am Beſten gleich abgemacht, denn je mehr Zeit über der Art Un⸗ annehmlichkeiten dahin geht, je tiefer dringen ſie ins Herz, ich kenne das!— Aber was hat der Graf?— Graf. Euer Durchlaucht, ich bin vernichtet, ich falle von einem Un⸗ glück in das andere; aber ich fühle es, nur Offenheit kann mich retten. Euer Durchlaucht wußten, daß die Frau Herzogin eine Verbindung zwiſchen der Prinzeſſin Eugenie und meinem Neffen projektirt. Herzog. Ich erfuhr es ganz zufällig. Graf. Die Prinzeſſin aber erklärte bei einer geſtrigen Unterredung, ſie könne meinen Neffen nicht heirathen, da ſie bereits einem An⸗ dern ihr Herz geſchenkt. Herzog Ciir ſich. Sollte er bereits etwas wiſſen? Graf. Einem Andern ihr Herz geſchenkt! Herzog. Und dieſer Andere,— wer iſt es? Reden Sie ohne Scheu! Graf. Dieſer Andere— ich wage kaum, ihn zu nennen! 132 Der geheime Agent. Herzog Car ſich. Er weiß es; das kommt mir ungelegen! coaut) Nun, ſprechen Sie, Graf!. Graf cnach einer Pauſe). Mich ſelbſt!— Aber ich ſchwöre Euer Durchlaucht, dieſe un⸗ glückliche Leidenſchaft iſt mir unbekannt geblieben, ich habe— auf Ehre!— nichts dazu beigetragen.— Ich bin der unglücklichſte aller Menſchen! Herzog Claut lachend). Das iſt in der That ſehr tragiſch!— Sie Unglücklicher!— Geheimer Agent des Herzogs und Geliebter unſerer Prinzeſſin! Eine der köſtlichſten Geſchichten, die ich je erlebt! . Graf. Aber, Euer Durchlaucht, ich erlaube mir, dies durchaus nicht köſtlich zu finden. 3 Herzog. Ich glaube es wohl!— Aber jetzt Scherz bei Seite! Ich bin ſehr zum Verzeihen geneigt. Sie haben zum Oefteren gegen mich gefehlt, als Sie noch Miniſter waren, doch hoffe ich, daß ich Ihrer eifrigſten Dienſte gewiß ſein kann, indem ich Sie zu meinem Oberſtſtallmeiſter ernenne. Auch haben Sie für mich und meinen geheimen Agenten gelitten, weßhalb es nicht mehr als billig iſt, daß Sie jetzt endlich die Bekanntſchaft deſſelben machen. Graf. Des geheimen Agenten? Herzog. Ja, meines geheimen Agenten.— Folgen Sie mir in mein Kabinet! Der geheime Agent. 133 Dritter Auftritt. Oberſthofmeiſter(aus dem Kabinet der Herzogin). Oberſthofmeiſter. Das iſt eine Zeit der Confuſion, der Beſtellungen und Abbe⸗ ſtellungen. Mußte ich doch noch während der Nacht alle Vorbe⸗ reitungen treffen, zu Ueberſiedlung der Frau Herzogin nach Caſerta. Auf zehn Uhr war die Abreiſe feſtgeſetzt, und als ich ſoeben melde, Alles ſei bereit, heißt es, man ſoll warten, man ſoll die Wagen nicht herausziehen. Gott! und dieſe Abreiſe Ihrer Durchlaucht kam mir ſo erwünſcht, es wäre eine ſo lange erſehnte und noth⸗ wendige Ruhe eingetreten, alle Intriguen hätten mit dem Ver⸗ ſchwinden der Gegenpartei aufgehört!— Sollte dieſer Graf Steinhauſen nochmals Mittel und Wege finden, zu dem Ohr der Herzogin zu gelangen?— Das wäre entſetzlich! Ich bin nicht im Stande, ſeine Drohung zu vergeſſen, er wolle mich als geheimen Agenten des Herzogs angeben!— Ich, der geheime Agent! Der Menſch hat eine Suada, er iſt im Stande, am hellen Mittag Zweifel zu erregen, ob es nicht Mitternacht iſt. Und dazu die Her⸗ zogin in ihrer fürchterlichen Laune! 3(Glockengeläute.) Müſſen die da ihre Freude über das neue Miniſterium ſo früh am Tage ſchon kund geben! Vierter Auftritt. Die Herzogin(aus ihrem Kabinet mit Reiſekleidern, geht mit haſtigen Schritten und nachdenkend über das Theater und ſieht den Oberſthofmeiſter nicht. der etwas 1 im Hintergrund ſteht.) Oberſthofmeiſter Cur ſich. Wie die Nerven⸗Aufregung die ſchwache Dame ſo wunderbar geſtärkt. 3 (Herzogin geht einigemal auf und ab) 134 Der geheime Agent. Herzogin(mit ſtarker Stimme). So hat man alſo ein ſolches Spiel mit mir gewagt, und ich habe es verloren, weil ich die Karten weggeworfen! Ich habe ge⸗ gen einen Schatten gekämpft, gegen ein Weſen, das nie exiſtirte und muß das durch den größten Zufall jetzt erſt erfahren, jetzt, da es zu ſpät iſt; da ich meinen Kampf verloren. Ich habe das Mi⸗ niſterium entlaſſen, ich habe meinen Sohn beauftragt, ein neues zu bilden, und ihm ſo die volle Gewalt in die Hand gegeben. Aber wäre es nicht möglich, dieſe Uebereilung wieder gut zu ma⸗ chen?— Der Herzog hat noch nicht Zeit gehabt, zu handeln, er kann unmöglich ſchon ein neues Miniſterium gebildet haben.— Wenn ich die Zügel wieder ergriffe!. (Glockengeläute und Militär⸗Muſik in der Ferne.) Was iſt das? CSie geht au's Fenſter.) Was mag es bedeuten?— Ahl der Oberſthofmeiſter!— Hören Sie die Glocken und die Mu— ſik? weßhalb wird geläutet, weßhalb ſpielt das Militär in dem Schloßhofe? Es iſt doch heute weder Sonn⸗ noch Feiertag? Wiſſen Sie nicht, was das ſoll? Oberſthofmeiſter Cuct die Achſeln). Euer Durchlaucht, ich weiß in der That nichts davon! Herzogin. Gehen Sie, erkundigen Sie ſich!— Doch nein, bleiben Sie! Sie übergaben geſtern Abend dem Herzog meinen Befehl; wiſſen Sie, ob etwas und was darauf erfolgt iſt? Oberſthofmeiſter. Seine Durchlaucht,— als ich ihm das Blatt übergab,— ſagten: ſoll beſtens beſorgt werden! Herzogin. Und der Herzog lächelte dazu? Oberſthofmeiſter. Seine Durchlaucht ſahen nicht unfreundlich aus. . —.— —.— Der geheime Agent. 13⁵ Herzogin Cr ſic). Ich habe mein Spiel verloren! ceaut) Und dann? Oberſthofmeiſter. Ließen Seine Durchlaucht der Herr Herzog den Grafen Brand, den geheimen Rath Pöllendorf und den Herrn von Bach ſchleunigſt zu ſich ins Schloß entbieten. Herzogin. Weiter! Oberſthofmeiſter. Die Herrn blieben bis nach Mitternacht und fuhren dann nach Hauſe. (Muſik in der Ferne) Herzogin. Dieſe unerträgliche Muſik!— Ich will es nicht hören! Man ſoll nach der Veranlaſſung fragen, und ſie ſollen augenblicklich aufhören! Oberſthofmeiſter Güchtern. Darf ich mir wohl erlauben, dieſen Wunſcch Euer Durchlaucht dem Herrn Herzog zu melden? Herzogin. Ein Wunſch?— Es iſt mein Befehl!— Und weßhalb dem Herzog melden? Oberſthofmeiſter. Damit der Befehl von dem Herrn Herzog ſelbſt ausgeht. Herzogin. Ah!— Ich verſtehe! Oberſthofmeiſter. Doch, da kommt Seine Durchlaucht ſelbſt! Der geheime Ageut. Fünfter Auftritt. Herzog(aus dem Kabinet, Graf Steinhauſen bleibt in der Thür ſtehen). Herzog. Soeben höre ich, daß Sie uns verlaſſen wollen, Mama; Sie haben Ihre Abreiſe nach Caſerta befohlen? Herzogin. Unter den gegenwärtigen hieſigen Verhältniſſen iſt es beſſer, ich räume das Feld. Herzog. Thun Sie das nicht, Mama, wenigſtens nicht in der eben ausgeſprochenen Abſicht! Laſſen Sie mich wiederholen, was ich⸗ Ihnen vor einigen Tagen ſagte: bleiben Sie bei mir, unterſtützen Sie mich mit Ihrem Rath und Ihrer Erfahrung. (Entfernte Muſik) Herzogin(mit Zeichen der Ungeduld). Ich kann nicht! Das Leben hier fängt an, mir zu geräuſch⸗ voll zu werden, ich will mich in die Einſamkeit zurückziehen. Ich weiche dem Sieger. itt Heftigkeit) Ich, die Ueberwundene!— Herzog. O, Mama, ſprechen Sie nicht ſo!— Nicht dieſes Spiel mit mir! Verſtellen Sie ſich nicht länger! Herzogin. Wäre ich im offenen, ehrlichen Kampfe unterlegen, ich hätte nichts dagegen!— Aber ſo!— mir ein Phantom gegenüber zu ſtellen, gegen das ich Streiche führe, welche nicht treffen, das iſt ſchändlich, unverzeihlich!— Herzog. Ein Phantom, Mama? Herzogin. Dein geheimer Agent! Der geheime Agent. 137 Herzog. Ihnen, Mama, bleibt nichts verborgen. Herzogin. Das weiß ich!— Aber um Etwas wollte ich dich bitten,— doch nein! es iſt beſſer ſo— laſſen wir die Sache ruhen! Herzog. Ein Wunſch von Ihnen iſt mir Befehl, ich muß darauf be⸗ ſtehen, daß Sie mir ihn ausſprechen. 3 Herzogin. So ſage: wer bezeichnete dir die Waffe, mit welcher du gegen mich ſo ſiegreich gekämpft? Herzog. Dieſe Frage könnte mich verletzen, Mama!— Glauben Sie, ich würde einen fremden, gegen meine Mutter gerichteten Rath verlangt und angenommen haben?— Aber wozu ſoll dieſe Erör⸗ terung führen, chère maman, da— Herzogin. Du doch geſiegt haſt! Herzog oerbindlich. Nein, da Sie mich ſiegen ließen, Mama. Herzogin. Wie? Herzog. Sich freiwillig zurückzogen, indem Sie einſahen, daß der Kampf, den ich mit Ihren Miniſtern einging, um meine Exiſtenz handle, deßhalb, Mama—(ie Herzogin will ſprechen)— gewiß nur deßhalb, Mama, unterſtützten Sie meine ſchwache Intrigue! erzogin. Ah! Herzog Herzog. 1 Gewährten mir als Preis dieſes leichten Sieges, was Sie jedenfalls im Begriff waren, mir d ch in Kurzem freiwillig zu übergeben.. 138 Der geheime Agent. Herzogin. Ich glaube nicht. Herzog. O ich bin davon überzeugt! Kaust ihr die Hand.) Sie gaben mir freiwillig das, was Sie glaubten, ich habe es Ihnen abgedrungen, —(der Herzog ſieht ſich um und erblickt den Oberſthofmeiſter, der wieder eingetreten)— ganz freiwillig, mit freundlichſter Miene, im herzlichſten Einver⸗ ſtändniß, und der Hof und das ganze Land ſoll es wiſſen; und wie dankbar werde ich Ihnen dafür ſein! (Die Herzogin, die bisher abgewendet geſtanden, dreht ſich raſch ihrem Sohne zu und reicht ihm beide Hände.) Herzogin. Ja, es iſt beſſer ſo!— Und Dein geheimer Agent? Herzog. Von dem Sie ſchon anfänglich gewußt, daß er nie exiſtirte.— Herzogin(droht ihm mit dem Finger). Nehmen wir an, es ſei ſo!— Herzog. Wird nicht mehr zum Vorſchein kommen! (Der Oberſthofmeiſter, der an der Mittelthür mit dem Kammerherrn und ein paar Bedienten geſprochen, kommt langſam vor und zieht ſich, um nicht zu ſtören, an die Kabinetsthür links.) Oberſthofmeiſter ur ſich. Sie ſcheinen vollkommen ausgeſöhnt, oder ſpielten vielleicht Beide zuſammen gegen den allmächtigen Miniſter.— Arme Ex⸗ cellenz! So plötzlich vom Hofe verſchwinden zu müſſen! (Der Graf kommt aus dem Kabinete links und tritt vor den Oberſthofmeiſter.) Oberſthofmeiſter cerſchrickt. Sehe ich recht? Herzog. Ihren geſtrigen Befehl habe ich befolgt, Mama, und meine Anordnungen getroffen. Darf ich bitten, dieſe Papiere durchzu⸗ ſehen.(Die Herzogin macht eine ablehnende Bewegung) Ich bitte darum. —y—— —y—— Der geheime Agent. 139 Oberſthofmeiſter Gum Grafen, der leiſe aus der Kabinetsthür in den Hintergrund getreten iſt). Und Euer Excellenz wollen nochmals vor die Frau Herzogin treten? Graf(freundlich). Ohne Gefahr für mich! Ich bin feſt dazu entſchloſſen! Oberſthofm eiſter Ciur ſich.— Es iſt klar, er will mich anklagen! czum Grafen. Seien Sie verſöhnlich, Excellenz, laſſen Sie das Vergangene vergangen ſein! Graf. Sie meinen über den geheimen Agenten? Oberſthofmeiſter. Nicht ſo laut! Ich bitte Euer Excellenz darum! Graf(gerührt). Es war ein edler Mann! Oberſthofmeiſter. Wer? 3 Graf. Der geheime Agent! Oberſthofmeiſter. So haben Sie ihn endlich geſehen? Graf. Leider nein, er iſt heute Nacht abgereist! Oberſthofmeiſter. Ich athme wieder auf! Graf. Aber in einem Schreiben, das er an den Herzog zurückließ, ſprach er mit Wärme von meinen vieljährigen Dienſten, von mei⸗ ner Anhänglichkeit an das herzogliche Haus— Seine Durchlaucht haben mich zu Ihrem Oberſtſtall meiſter ernannt. Oberſthofmeiſter. Euer Excellenz, ich gratulire von ganzem Herzen. 140 Der geheime Agent. Herzog czur Herzogin). Nachdem Sie dieſe Papiere durchgeleſen, erlaube ich mir eine Bitte, liebe Mama, die Sie mir, hoffe ich, nicht abſchlagen wer⸗ den; ſeien Sie ſo freundlich, die wichtigſten dieſer Dokumente mit Ihrem Namen zu verſehen und heute nicht nach Caſerta zu reiſen!— 3 Herzogin. In Gottes Namen! Oskar (aus dem Kabinet des Herzogs mit einem Brief. Reicht ſeinem Oheim die Hand). Verzeihen Sie mir, mein lieber Oheim, meine Uebereilung, meinen kindiſchen Zorn; verzeihen Sie mir, daß ich mich unter⸗ ſtanden, Sie einer unedlen Handlung für fähig zu halten. Es iſt Alles aufgeklärt, ich ſtehe tief beſchämt vor Ihnen.(Zum Oberſthof⸗ meiſter. Aber dieſer geheime Agent iſt wirklich ein edler Menſch, Herr Oberſthofmeiſter.. Oberſthofmeiſter. Alſo Sie haben ihn geſehen? Oskar. Leider, nein! Er verließ heute Nacht das Land, und wird wohl nie mehr zurückkehren. Aber in dieſem Schreiben— Graf.. Oskar. Spricht er mit der größten Freundlichkeit von mir und in Folge deſſen hatten Seine Durchlaucht die Gnade, mir eine diplo⸗ matiſche Sendung an den bairiſchen Hof anzuvertrauen. Herzog.. So, Mama, jetzt danke ich Ihnen herzlich und erlaube mir nur noch, Sie um ein paar freundliche Worte für meinen Oberſt⸗ ſtallmeiſter, den Grafen Steinhauſen, zu bitten. (Der Graf küßt der Herzogin die Hand.) Herzogin czum Grafen). Hören Sie jene Muſik? Nun? — Der geheime Agent. 141 Graf Guctt die Achſeln). Eine Serenade, die das Militär dem Herzog bringt. Herzogin. Sehr verſtändlich für uns Beide. Herzog Gzum Oberſthofmeiſter). Mein beſter Oberſthofmeiſter, Sie ließen vor ein paar Tagen meinem geheimen Agenten ſämmtliche Waſſer ſpringen? Oberſthofmeiſter. Ich war ſo glücklich. Herzog. Was Sie meinem Freunde gethan, erkenne auch ich dankbar an. Ich bleibe Ihnen beſtens und freundlichſt gewogen. Oberſthofmeiſter. Zu viel Gnade, Euer Durchlaucht! (Die Prinzeſfin iſt unterdeſſen mit ein paar Hofdamen eingetreten und hat ſich der Herzogin genähert.) Prinzeſſin. Gnädige Tante, wir ſind Alle zur Abreiſe nach Caſerta bereit. Wir warten nur Ihres Befehls. Herzog. O Prinzeſſin, damit eilt es nicht! Herzogin cfreundlich). Wir werden heute nicht reiſen, mein liebes Kind. Prinzeſſin. Euer Durchlaucht ſagten: mein liebes Kind; alſo zürnt mir meine gnädige Tante nicht mehr? Herzogin. Eigentlich ſollte ich dir doppelt zürnen, weil auch du im Complott gegen mich warſt, weil auch du unwahr gegen mich geweſen; ja, unwahr in den heiligſten Gefühlen eines weiblichen Herzens. Herzog. Verzeihen Sie, geliebte Mutter, daß ich der Prinzeſſin zu Der geheime Agent. Hülfe komme. Wir bekennen uns ſchuldig, ich vor allen Dingen, aber Eugenie allein war offen und wahr gegen Sie.(Er nimmt die Hand der Prinzefſin.) Herzogin. Wie ſoll ich das verſtehen? Herzog. Sie geſtand Ihnen Ihre Liebe zu— Herzogin. Deinem geheimen Agenten! Herzog. Alſo zu mir! Herzogin. Und dieſes Geſtändniß, Eugenie, würdeſt du es wiederholen? Prinzeſſin. Ja, meine gnädige Tante! Herzog. Seien Sie gütig gegen uns. Seit meiner Jugend liebte ich die Prinzeſſin und ich habe es mir feierlich gelobt, nie eine andere Gemahlin zu erwählen. Willigen Sie in dieſe Verbindung! Herzogin. Kann ich anders? Herzog. O Mama, meinen innigſten Dank! GZu den Andern) Meine Herrn und Damen, hier iſt meine geliebte Braut.— Sehen Sie, Eugenie, das freundliche Walten unſeres geheimen Agenten! Ende. Magnetiſche Kuren. Luſtſpiel in vier Aufzügen. Perſonen. Graf Schönmark. Die Gräfin, ſeine Frau. Gräfin Anna, ſeine Tochter aus erſter Che. Baron Steinbach. Die Baronin, ſeine Frau. Eugen v. Felſen, Neffe des Grafen. Jakob, Bedienter. Ferdinand v. Rahden, ein junger Advokat. Der Kammerdiener des Grafen. Ein Jäger. Dienerſchaft. Erſter Aufzug. Reicher Salon einer Villa, eine Thür im Fond, die offen ſteht und in den Park führt, rechts und links Seitenthüren,“*) an der Wand ein Barometer. Erſter Auftritt. Kammerdiener. Bedienter. Kammerdiener. Es iſt noch zu früh; ich darf Seine Excellenz, den Herrn Grafen nicht jetzt ſchon mit einer Meldung inkommodiren, am we⸗ nigſten mit der eines Unbekannten. Sage das dem da draußen. Bedienter. Ich ſagte es ihm ſchon, Herr Kammerdiener; aber er verlangte den Herrn Grafen augenblicklich zu ſprechen. Kammerdiener. Augenblicklich zu ſprechen?— den Herrn Grafen?— Das iſt wirklich ſpaßig! Sage ihm in meinem Namen, er möchte eine Promenade in den Park machen und ungefähr nach einer Stunde wieder vorſprechen. Bedienter. Das habe ich mir erlaubt, ihm ſchon in meinem eigenen Na⸗ *) Rechts und links vom Zuſchauer. Hackländers Werke. XV, 146. Magnetiſche Kuren. men zu ſagen, aber er entgegnete mir kurz, er habe friſche Luft genug geſchöpft und wünſche Seine Excellenz zu ſprechen. Kammerdiener. Und nannte ſich? Bedienter. Doktor Steiner. Kammerdiener. Doktor Steiner? Das muß ein Thierarzt ſein, den man nach dem Geſtüte oder nach der Meierei gerufen hat. Ich will ihn ſelbſt abfertigen. Laß' ihn herein kommen. Bedienter. Sehr wohl, Herr Kammerdiener. (Ab durch die Mitte.) Zweiter Auftritt. Ferdinand v. Rahden, Kammerdiener, Bedienter. Kammerdiener. Sie haben den Wunſch ausgedrückt, mein Freund, Seine Ex⸗ cellenz den Herrn Grafen zu ſprechen. Sie werden aber verzeihen, daß ich zu ſo früher Stunde keine Meldung über dergleichen Dinge machen darf. v. Nahden (ſetzt ſich ruhig in einen Fauteuil und legt ſeinen Hut ab). So werde ich warten, bis der Herr Graf ſichtbar iſt. cEr nimmt eine Zeitung vom Tiſche. Paufe) Bemühen Sie ſich meinethalben nicht. Gehen Sie ruhig Ihren Geſchäften nach. Bedienter Cfür ſich). Der iſt ſehr ungenirt. (Pauſe). Magnetiſche Kuren. Kammerdiener Gum Bedienten). Gib' dem Herrn einen— Stuhl. v. Nahden. Das iſt unnöthig. Ich bin es nicht gewohnt, im Vorzimmer zu warten und in Gegenwart der Dienerſchaft zu ſtehen. Ueber⸗ dies, Herr Kammerdiener, glaube ich, es könnte nichts ſchaden, wenn Sie Seiner Excellenz dem Herrn Grafen ausnahmsweiſe zu ſo früher Stunde die Meldung machten, Doktor Steiner ſei da. Kammerdiener. Doktor Steiner— Arzt? v. Nahden. Arzt. Kammerdiener. (Für ſich) Thierarzt! cgum Bedienten) Könnte vielleicht ein Mißver⸗ ſtändniß ſein.— Ich werde mir erlauben, zuerſt den Stallmeiſter zu fragen oder in die Meierei zu ſchicken, ob man dort vielleicht nach dieſem Herrn verlangt hat., v. Nahden(welcher dieſe Worte gehört, laut). Wenn der Herr Graf im Stall oder in der Meierei wohnen, ſo haben Sie Recht, dort zuerſt Ihre Erkundigung einzuziehen, denn ich bin perſönlich von dem Herrn Grafen gewünſcht worden. (Er zieht einen Brief heraus) Mir ſcheint, man muß ſich Ihnen legiti⸗ miren. Da leſen Sie! Kammerdiener. Jakob, nimm den Brief.(Kammerdiener wirft einen Blick hinein.) In der That, die Hand des Sekretärs. Schön, ſchön cgibt den Brief ſelbſt zurüch, Sie entſchuldigen, Herr Doktor! Aber Sie haben gar keinen Begriff davon, wie ſehr man überlaufen iſt, wenn die Herr⸗ ſchaft, wie jetzt, auf ihren Gütern iſt. Man kann nicht vorſichtig genug ſein. Ein Bittſteller jagt den andern. v. Nahden. Und ſehe ich vielleicht aus, wie ein Bittſteller? 148 Magnetiſche Kuren. Kammerdiener. Gewiß nicht. Aber mancher Bittſteller ſieht ebenſo radellos aus, wie der Herr Doktor. Wir wollen die Meldung wagen. (Er nimmt eine Priſe, zupft an ſeiner Halsbinde und geht links ab.) Dritter Auftritt. v. NRahden allein. (Der Bediente hat ſich zurückgezogen; man ſieht ihn vor der Thüre in dem Garten an einem Baum lehnen.) v. Nahden Gieht einen Brief aus der Taſche). Hier bin ich auf dem Schloſſe des Grafen Schönmark, ich der Advokat Ferdinand v. Rahden— als Doktor Magnetiſeur. Und weßhalb?— um meine geliebte Anna verſtohlener Weiſe wieder⸗ zuſehen. Da ſitzen wir geſtern in der Reſidenz bei unſerem kleinen Diner und einer der Freunde, der etwas ſpät kommt, entſchuldigt ſich damit— er habe einen Magnetiſeur ſuchen müſſen.— Für wen? fragen wir— für den Grafen Schönmark.— Iſt die junge Gräfin krank? rufe ich außer mir.— Ich weiß nicht, lautet die Antwort, ich bekam von dort dieſes Schreiben vom Sekretär Seiner Excellenz—„der Herr Graf Schönmark erſucht Sie aufs Freundlichſte, ihm einen jungen Arzt hieher zu ſenden, der den Magnetismus gründlich ſtudirt 2c.“— Mein Freund hat aber einen ſolchen nicht gefunden — und er verlacht die ganze Sache als eine Grille des Grafen, erklärt überhaupt den Magnetismus für eine Charlatanerie. Ich leide die peinlichſte Angſt, ob Auna wirklich erkrankt ſei— ich hatte in vierzehn Tagen keine Zeile von ihr erhalten.— Ich frage endlich: was willſt du dem Grafen antworten? er entgegnet mir: daß ich Niemand gefunden. Wenn ihr euer Ehrenwort gebt, 6 Magnetiſche Kuren. 149 daß die Sache unter uns bleibt, rufe ich den Freunden zu, ſo weiß ich vielleicht em Grafen— und mir ſelbſt— zu helfen— ich will als Magnetiſeur hinübergehen. Allgemeiner Beifall! Ich ſchreibe ſogleich dem Grafen! ſagte der Eine, daß ich den Verlang⸗ ten gefunden! man tauft mich Doktor Steiner— ich reiſe noch in der Nacht ab— und hier bin ich.— Daß Anna nicht unwohl iſt, erfuhr ich auf der Poſt, über⸗ haupt wußte man von keiner Krankheit auf dem Schloſſe.— Alſo Niemand hier krank und doch ſoll ich als Magnetiſeur helfen?— Ich habe vielleicht viel gewagt, aber nur ihr zu Liebe— ich werde Anna wiederſehen, ein paar Tage in ihrer Nähe leben. Wie mich das erfreut! Iſt es doch ein halbes Jahr, daß ich ſie nicht mehr geſprochen, nicht mehr geſehen. Vergangenen Winter auf dem letz⸗ ten Maskenballe, da durfte ich ihr verſtohlen die Hand drücken. Wie ſie reizend war! Ach! die Stunden ohen mit einer entſetz⸗ 3 h b b lichen Geſchwindigkeit, der Ball war beendigt und der Graf, der auf ſeine Güter zurückkehrte, nahm ſeine Tochter mit.— Doch ich muß meine Gedanken ſammeln, um hier keine Niederlage zu erle⸗ ben. Wenn ich nur einen ſchwachen Begriff hätte von der Kunſt, die ich hier ausüben ſoll!— Magnetiſeur— ich habe wohl das Eine oder das Andere darüber geleſen, aber ich weiß von dem Magnetismus als Heilkraft eben ſo wenig, wie von der übrigen Medizin. Wenn ich hier wirklich als Arzt auftreten ſoll, ſo muß ichs machen wie meine Kollegen, nach der alten Fabel—„da iſt die Krankheit, da der Kranke, hier ſtehe ich mit dem Stocke des Aesculap und ſchlage blindlings drein, mag es nun treffen, wen es will.“— Nun wir wollen ſehen! Das Beſte dabei iſt, daß ich ſie wieder ſehen werde und vielleicht ohne Zeugen mit ihr ſprechen kann.— Meine Hoffnung beruht nebenbei darauf, daß Seine Excellenz gerade ſo viel von dem Magnetismus verſtehen wird, wie ich ſelber und in dem Falle wollen wir uns ſo gut wie möglich aus der Affaire ziehen. Ein Advokat kommt überhaupt nicht ſo 150 Magnetiſche Kuren. leicht in Verlegenheit und es liegt ſchon in ſeinem Geſchäft, den Leuten ein X für U zu machen.(Er macht einige Zeichen des Magnetiſirens.) So ungefähr machte es der Künſtler neulich.— Doch da kommt Jemand! Vierter Auftritt. v. Rahden. Der Graf(von links). Kammerdiener. Der Herr Doktor Steiner. Graf. Laß uns allein!— Ah, guten Morgen, mein lieber Herr Doktor! 4 v. Nahden. Excellenz haben befohlen— Graf. Ich bin Ihnen wirklich ſehr verbunden, daß Sie bei Ihren vielen Geſchäften ſo freundlich waren, meinen Wunſch augenblicklich zu erfüllen. v. Nahden. Ich kann meine Kunſt und meine Zeit nicht beſſer anwenden, als wenn ich beide dem Dienſt Euer Excellenz widme. Graf. 3 Zu viel Güte. Ich weiß, was ich den vielen Leidenden, die nach Ihrer Hülfe ſchmachten, ſchuldig bin; ich habe von Ihrer ausgebreiteten Praxis gehört. v. Nahden. (Für ſich) Von meiner ausgedehnten Praxis? cLaut) Ich bin ganz zu Ihrem Befehl. —— Magnetiſche Kuren. 151 Graf. Nun denn zur Sache!— Nehmen Sie Platz. Sie ſind Mag⸗ netiſeur? v. Nahden. Schwache Verſuche, Excellenz! Graf. Sie haben jene bis jetzt unbekannte Kraft richtig erkannt und zum Heil der Menſchen angewendet. v. Nahden. Ich that nur meine Schuldigkeit. Graf. Sie haben herrliche Kuren gemacht. v. Nahden CIr ſich. Als Advokat. Die Gefängniſſe wiſſen davon zu erzählen. Graf. Alſo zur Sache!— Sie viſſen vielleicht, ich war Oberſt⸗ Kammerherr Seiner Majeſtät, und verſah dieſen ehrenvollen Poſten bis zum Tode meiner erſten Frau. Darauf erſchien mir das Hof⸗ leben entleidet, auch erforderten hier dieſe großen Güter dringend meine Anweſenheit. Ich verließ die Reſidenz und zog mich ſeit vier Jahren hieher zurück. Aus meiner erſten Ehe habe ich eine einzige Tochter— v. Nahden (macht ein Zeichen der Zuſtimmung). Sür ſich)) Was will er damit? Graf(fortfahrend). Hier in die Stille des Landlebens zurückgezogen, fand ich es für angemeſſen, meiner Tochter, die damals ſünfzehn Jahre alt war, eine gediegene Erzieherin zu geben. v. Nahden. Graf. Und nach langem Ueberlegen hielt ich es für das Beſte, mich Ah ſo— 2 152 Magnetiſche Kuren. zum zweiten Male zu vermählen. Aber, ehe ich weiter fortfahre, muß ich mir die Frage erlauben, ob Sie mit dem weiblichen Ge⸗ ſchlecht häufig verkehrten. v. Nahden(ſieht ihn erſtaunt an). Graf. In Betreff Ihrer Kunſt?— Die Beantwortung dieſer Frage iſt mir von großer Wichtigkeit. v. Rahden. Allerdings, Cxcellenz. Es gab Zeiten, wo ich den größten Theil des Tages damit zubrachte, das weibliche Herz zu ſtudiren. Graf. Ich ſehe, wir werden uns verſtehen. v. Nahden. Das hoffe ich ſehr, Excellenz. Ah, das Herz des Weibes iſt ein ſchweres Studium und der Sitz der meiſten Krankheiten. Graf. Das möchte ich gerade nicht behaupten. v. Rahden. O doch, Excellenz, das Herz bedingt ſo Manches, aus dem Herzen ſtrömt das Blut ab und zu. Es iſt der Mittelpunkt des ganzen menſchlichen Organismus. Gewiß, Excellenz! das Herz iſt der edelſte Theil, und wenn das Herz geſund iſt, ſo iſt durchaus nichts zu befürchten. CFür ſicho Ich wünſche, daß dieſes Geſpräch zu Ende wäre. Graf. Das Herz allein iſt es nicht, mein junger Freund. Ich darf dem erfahrenen Arzte nur ein Wort ſagen, und Sie werden mich vollkommen verſtehen. Die Nerven— v. Rahden. Ja, die Nerven allerdings, die Nerven ſind eine delikate Sache. Magnetiſche Kuren. Graf. Das weiß Gott! Und jetzt ſind wir dabei angekommen, weß⸗ halb ich Ihre Kunſt in Anſpruch nehmen möͤchte. v. Nahden. (Für ſich) Da könnte man freilich nervös werden! cLaut) Euer Excellenz leiden an den Nerven. Graf Klchelnd. Ich nicht. Sehe ich denn aus, wie Jemand, der an den Ner⸗ ven leidet? v. Nahden(wiſcht ſich die Stirne mit dem Sacktuche). Durchaus nicht; aber es gibt Leute, Excellenz, denen man es gar nicht anſieht, und die doch ſehr nervös ſind. GFär ſich. Wie ich zum Beiſpiel in dieſem Angenblick. Graf. 1 Es handelt ſich um meine Frau. Ich bemerke einen Anfang von Nervenleiden bei ihr, der mich aufs Höchſte beunruhigt; und deßhalb wünſchte ich Ihre Hülfe. Unſere Aerzte— Sie wiſſen das beſſer als ich— geſtehen es, daß ſie nicht im Stande ſind, auf die Nerven direkt zu wirken. Der Magnetismus aber ſoll nicht allein im Stande ſein, ſchwache Nerven zu ſtärken, ſondern auch ein unfehlbares Mittel, alle Nervenleiden mit einem Male zu be⸗ ſeitigen. Sie, beſter Doktor, ſollen ſchon herrliche Kuren gemacht haben. 3 3 v. Nahden. Die Beſcheidenheit verbietet mir, darüber zu ſprechen. Graf. Ach, Herr Doktor, ſeien Sie in dieſem Punkte nicht beſcheiden! Verkünden Sie es der leidenden Menſchheit, daß Ihre Kunſt im Stande iſt, aufgeregte Nerven zu beruhigen. Ihr Name wird mit Entzücken genannt werden— Tauſende armer Eheminne werden Ihnen unter Dankesthränen die Hand drücken.— Sie ſehen mich 154 Magnetiſche Kuren. erſtaunt an, junger Mann; ich begreife Ihr Erſtaunen. Sie ſind nicht verheirathet? v. Nahden. Bis jetzt nicht, Euer Excellenz. Graf. Ich aber war verheirathet, und bin es wieder, und aus mei⸗ ner erſten Ehe bewahr ich ſolch fürchterliche Erinnerungen von dem Nervenleiden meiner Frau, daß ich dicke Bände darüber ſchreiben könnte.— Uud obgleich ich leider gezwungen war, dieſe Nernenleiden lange Jahre zu ſtudiren, wäre ich doch nicht im Stande, dieſelben in ein richtiges Syſtem zu bringen; aber aus meinen langen und traurigen Erfahrungen habe ich noch den Glauben an eine Heilung dieſer Krankheit vermittelſt Magnetismus bewahrt, denn die Elek⸗ trizität und, im weiteren Begriff, der Blitzſtrahl hat in ſeinem plötz⸗ lichen Erſcheinen, in ſeinem Hin⸗ und Wiederzucken, in ſeinen ver⸗ heerenden Wirkungen die meiſte Aehnlichkeit mit den Aeußerungen dieſer Krankheit. v. Rahden Cfir ſich. Gott! jetzt fängt er an gelehrt zu ſprechen. Graf. Das Gemüth einer nervöſen Frau iſt wie ein ſchoͤner Som⸗ mertag, aber ringsum am Horizont lagern ſchwere Gewitterwolken; man kann nie mit Sicherheit eine Stunde gutes Wetter voraus⸗ ſagen, man muß immer, bildlich geſprochen, einen Regenſchirm bei ſich tragen. In der Frühe klarer warmer Sonnenſchein, eine Stunde darauf, ohne daß man weiß warum, plötzliches Wetter⸗ leuchten. Bei der geringſten unſchuldigen Handlung, bei dem un⸗ bedeutendſten Worte umzieht ſich der heitere Horizont finſter und immer finſterer. An guten Tagen wetterleuchtet es nur in der Ferne oder es fängt ſanft an zu regnen.(Pantomime mit der Hand über die Augenn An ſchlimmen Tagen aber entfaltet ſich das Gewitter mit all ſeinen ¹ „ „,— Magnetiſche Kuren. 155 Schrecken, es ſteigert ſich zu Strömen von Regen und Hagel, oft auch unter Donner und Blitz bis zum Einſchlagen. v. Nahden. Eine ſchreckliche Krankheit! Graf. Fürchterlich, mein junger Freund! Und ich habe ſie durchge⸗ macht während den glücklichen zwanzig Jahren meiner erſten Ehe, und konnte ſie nicht abwenden, nicht einmal durch die umſichtigſten Maßregeln vermindern. Ich will Ihnen keine Details angeben— Sie werden ſie von andern geplagten Ehemännern ſchon erfahren haben. Es iſt das ein Leben in beſtändiger Angſt, man fürchtet ſich nach Hauſe zu gehen— bald kommt man zu früh, bald zu ſpät; man hat immer die Uhr in der Hand. v. Nahden. Das iſt allerdings fürchterlich! Aber Excellenz ſprachen von Ihrer erſten Ehe, alſo liegt dieſer quälende Zuſtand hinter Ihnen. Graf. Er lag hinter mir. Meine zweite Frau war auch in dieſem Punkte bis vor einem halben Jahre ein vollkommener Engel, ewig heiter, ewig gleichmüthig. Sie hatte gar keine Nerven. v. Nahden. Und jetzt? Graf. Zeigen ſich beunruhigende Symptome des Anfangs jener ſchrecklichen Krankheit. v. Nahden. Und da wollen Sie vorbeugen? Graf. Mit Ihrer Hülfe, ja. Hören Sie mich. Eine Frau, die an⸗ fängt nervös zu werden, beginnt damit, daß ſie ohne alle urſache verdrießlich iſt; und dies iſt bei der Gräfin der Fall. Magnetiſche Kuren. v. Rahden. Alſo ſie iſt zuweilen verdrießlich und gibt eine Urſache an? Graf. Aber welche? lieber Doktor; es iſt kein Menſchenverſtand darin. Wir ſind jetzt im Sommer. Ein ſchöner Tag iſt ſo wohlthuend! Sobald die Sonne recht warm und angenehm ſcheint— v. Nahden. Iſt die Gräfin ebenfalis heiter. Ich finde das begreiflich. Graf. Ja, das fände ich auch begreiflich, aber es iſt gerade das Ge⸗ gentheil. An einem ſchönen Tage iſt ſie verdrießlich. Aber wenn es draußen ſtürmt, wenn der Regen in Strömen herabfließt, dann i*ſt ſie heiter und guter Dinge. v. Nahden. Das iſt eigenthümlich! Graf. An ſchönen Tagen reite ich ſpazieren, oder fahre auf den Gü⸗ tern umher, bin in meinen Gewächshänſern, kurz, ſo viel im Freien als möglich. Da dachte ich anfänglich, wenn ich meine Frau ver⸗ ſtimmt fand: ſie fühlt ſich einſam und allein, ſie ſchmollt mit dir, weil du gar nicht zu Haus biſt, und ich ſchmeichelte mir, es würde ſie beruhigen, wenn ich ſtatt auszureiten, hier bliebe. Und das that ich eine ganze Woche lang. v. Nahden. Und es brachte keine Wirkung hervor? Graf. 4 Leider eine ganz entgegengeſetzte. Ich konnte machen, was ich wollte; kein freundliches Wort. Nur beim Diner und Abends im Kreiſe der Familie heiterte ſie ſich wieder ein wenig auf.— Se⸗ hen Sie, lieber Doktor, jetzt lebe ich in der fürchterlichen Angſt, daß der ganze entſetzliche Zuſtand meiner erſten Frau bei dieſer zweiten wiederkehren möchte, und das brächte mich ins Grab. 4 8 — Magnetiſche Kuren. 157 v. Nahden. Hm! hm! das iſt eigenthümlich. Graf. Meine Hoffnung beruht allein auf Ihnen. Verſuchen Sie bei der Gräfin Ihre ganze Kunſt; ſtudiren Sie ihre Nerven, ändern Sie dieſen Zuſtand und verlangen Sie von mir, was Sie wollen. v. Nahden. Bitte recht ſehr, Excellenz! Ich wäre überglücklich, ſollte ich im Stande ſein, mir durch meine Kunſt Ihr Wohlwollen zu erringen. Graf. Betrachten Sie mein Haus als das Ihrige. Er klingelt. Kam⸗ merdiener und Bedienter kommen. Graf zum Kammerdiener.) Der Herr Doktor Steiner werden neben der Bibliothek wohnen. czum Ooktor Sie ſind gewiß ein guter Reiter? SCaut zum Kammerdiener) Der Stall⸗ meiſter ſoll ſich augenblicklich bei dem Herrn Doktor melden! (Zum Doktor) Meine ſämmtlichen Reitpferde ſind zu Ihrem Befehl. czum Kammerdiener) Alſo die Zimmer neben der Bibliothek ſind ſo⸗ gleich zu öffnen! Kammerdiener Czum Bedienten). Und der Stallmeiſter ſoll ſich bei dem Herrn Doktor melden! Bedienter ab durch die Mitte und das ganze Appartement neben der Bi⸗ bliothek!— Sür ſic.) Sonderbare Auszeichnung für einen Thierarzt. (Nach Links ab.) Graf. 4 Ich werde ſogleich nach der Gräfin ſehen. Ich will Sie als Doktor Steiner, Magnetiſeur, aufführen? Sie ſind auf der Durchreiſe— Sie ſind mir empfohlen— v. Rahden. Wenn Sie glauben, Herr Graf— Graf. Ihre Kunſt hat ſo etwas Geheimnißvolles, etwas Uebernatür⸗ liches, und das lieben die damen. Aber— es iſt ein klarer Magnetiſche Kuren. ſchöner Tag, und da werden Sie ſehen, wie richtig meine Befürch⸗ tungen ſind. Sie wird wieder unendlich verdrießlich ſein. v. Rahden. Das thut mir leid; die Gräfin wird mich alsdann nicht freundlich empfangen. Graf. Ihre Kunſt wird das ändern. Ich habe die größten Hoff⸗ nungen. Natürlicher Weiſe darf meine Frau keine Ahnung davon haben, weßhalb Sie hier ſind. v. Rahden. Da haben Sie vollkommen Recht. Graf. Kommen Sie, Doktor, ich will Ihnen Ihre Appartements ſelbſt zeigen und dann nach meiner Frau ſehen. (Beide durch die Mitte ab.) 1 Fünfter Auftritt. Kammerdiener. Bedienter(von liuks). Kammerdiener. Es iſt ſonderbar, wie die geſetzteſten Leute über alle Schranken hinausgehen, alle Etiquette bei Seite ſetzen, ſowie man ſich mit ihren Paſſionen abgibt. Der deutlichſte Beweis iſt Seine Excel⸗ lenz und dieſer Doktor Steiner— ein Thierarzt! Und Seine Excellenz befehlen für ihn nicht nur die Zimmer neben der Biblio⸗ thek, ſondern führen ihn ſogar ſelbet dahin— Zimmer, die ſonſt nur für das Gefolge Allerhöchſter Herrſchaften geöffnet werden, jetzt für einen Pferde⸗Doktor.— Pfuit Ich aber werde mich bemühen, Magnetiſche Kuren. 159 die Etiquette, welche Seine Excellenz verletzte, ſo viel es in meinen Kräften ſteht, wieder herzuſtellen! Bedienter. Herr Kammerdiener, das muß doch was anderes ſein, als ein Thierarzt. Der Herr Graf, als er mit ihm in den Garten kam, nahm ihn— denken Sie ſich!— unter den Arm, und führte ihn ſo nach dem rechten Schloßflügel. Kammerdiener. Er iſt Thierarzt, mein Lieber. Ich würde mich darüber wun⸗ dern, wenn mir nicht die außerordentliche Leidenſchaft Seiner Ex⸗ cellenz für die Pferde ſeines Marſtalles bekannt wären. Da wird über das Pferdereich im Allgemeinen geſprochen, da wird kurirt, getauſcht; ich kenne das! GFär ich) Man muß der Herrſchaft ſelbſt in ihren Lächerlichkeiten vor der Dienerſchaft keine Blößen geben. cLaut) Alſo das Appartement iſt hergerichtet? Bedienter. Vollkommen, Herr Kammerdiener. Kammerdiener eor wichtig). Gut.— Zur Bedienung des Herrn——— Doktor wird einer der Vorreiter kommandirt; kleine Stalllivree, ein Frühſtück von zwei Platten, weißer Wein,— Diner: vier Platten, eine halbe Flaſche Bordeaux, kleines Hausſervice von dem mit blauem Grund ohne Wappen und Chiffre.— Bedienter. Schön, Herr Kammerdiener! Kammerdiener (nimmt eine Priſe und behält die Doſe ſpielend in der Hand). Man muß Unterſchiede zu machen verſtehen. Bedienter. Ganz recht, Herr Kammerdiener! Kammerdiener. Apropos! es reißen mir wieder große Unordnungen ein; ich 160 Magnetiſche Kuren. kann das nicht ſo dulden und ich habe nicht Luſt, meinen Ruf eurer Nachläſſigkeit willen auf das Spiel zu ſetzen. Sage es dem Koch oder wer ſonſt daran Schuld war. Es war geſtern bei dem Diner bereits eine ganze Minute nach ſechs Uhr, ehe die Suppe kam.— Ich will das nicht mehr erleben! Bedienter. Es iſt leider wahr, Herr Kammerdiener; ich meldete es gleich in der Küche, aber der Koch kachte mich aus. Kammerdiener. Er lachte dich aus?— Wir wollen ihm das Lachen vertreiben! — Da kommt der— Doktor. (Winkt dem Bedienten, der abgeht.) Sechster Auftritt. v. Rahden cdurch die Mitte im Frack, mit einem Ordensband; für ſich). Wenn die Vorſtellung bei der Frau Gräfin vorbei iſt, ſo werde ich hoffentlich Zeit haben, das Terrain zu recognosciren, und viel⸗ leicht Anna endlich einmal ſehen. Sie wird erſchrecken, wenn ſie mich ſo unerwartet ſieht, aber ich kann ſie von meiner Ankunft unmöglich in Kenntniß ſetzen, ich muß mich in Geduld faſſen. Kammerdiener. Gür ſich.) Man muß gegen Fremde zuvorkommend ſein. Coöuftet. Laut.) Eine Priſe gefällig— Herr Collega? v. Rahden Lachendd. Herr Collega?— Ich danke recht ſehr!— So— Herr Collega. Kammerdiener. Auch ich habe in der Jugend meine Studien abſolvirt; freilich in einer anderen Branche als der Herr Doktor. Magnetiſche Kuren. 161 v. Nahden. Das glaube ich wohl. Und welches war Ihre Branche, Herr Kammerdiener? Kammerdiener. Chirurgiegehülfe zweiter Klaſſe.— Seine Excellenz nahmen von jeher wiſſenſchaftlich gebildete Leute zu ihren Kammerdienern. Ich diente der leidenden Menſchheit. v. Nahden. Und glauben Sie vielleicht, ich diene dem leidenden Thier⸗ reich? Kammerdiener. Allerdings, als— Thierarzt.— Keine Priſe? dmit Erſtaunen.) De⸗ corirt?! ; v. Nahden clachend). Zufällig, Herr Kammerdiener, ganz zufällig. Aber Sie haben mich in einem falſchen Verdacht. Ich bedaure unendlich, Ihnen ſagen zu müſſen, daß ich kein Thierarzt bin. Kammerdiener. Nicht? v. Nahden. Ich bin nur Magnetiſeur. Kammerdiener averraſcht. Nur Magnetiſeur?. v. Nahden Cläßt einen Handſchuh fallen und ſieht den Kammerdiener an. Dieſer hebt nach einigem Zögern den Handſchuh auf. Danke!— Nur NMagnetiſeur! Kammerdiner(überraſcht, mit einer ſteifen Neigung des Kopfes). Habe die Ehre mich zu empfehlen. (Gegen die Mittelthüre.) Hackländers Werke. XV. 11 162 Magnetiſche Kuren. Siebenter Auftritt. Vorige. Herr von Felſen(durch die Mitte). v. Rahden. Das iſt ein merkwürdiger alter Herrz ich möchte aber wiſſen, wie er darauf kommt, mich für einen Thierarzt zu halten. Nun, mir werden in dieſem Hauſe noch mehr Räthſel zu löſen vorkom⸗ men. Wenn wir am Ende nur eine geſcheidte Auflöſung zu Allem finden! aber das Band iſt hier vollkommen überflüſſig— cer nimmt das Ordensband wegd. Herr von Felſen caus dem Garten kommend, zum Kammerdiener). Wer iſt das?— Ein Magnetiſeur, den der Graf aus der Stadt kommen ließ? Kammerdiener. Ja wohl, Herr Baron. GAb.) v. Felſen. Ah, das wird für heute Abend eine Unterhaltung geben; ſo etwas Taſchenſpielereien. Nun, Gott ſei Dank! daß wir einmal eine Unterhaltung haben in dem langweiligen Einerlei dieſes Hauſes. 5 (Er kommt vor.) v. Nahden(der ſich umwendet). Was ſehe ich? Du hier? v. Felſen. Und du als Magnetiſeur? Ah, das iſt komiſch! v. Nahden. Als Magnetiſeur! Da kannſt du ſehen, was aus den Men⸗ ſchen nicht Alles werden kann! Magnetiſche Kuren. 163 v. Felſen. Nein, Scherz bei Seite! Eugen, wie ſoll ich das verſtehen? Vor allen Dingen freue ich mich herzlich, dich einmal wieder zu ſehen. Aber nun ſage mir, ſind das Poſſen oder Räthſel? v. Nahden. Vielleicht Beides, mein lieber Freund. Ich weiß es wahr⸗ haftig ſelbſt noch nicht. Sir ſicch Was ich ihm nur ſagen ſoll! v. Felſen.. Haſt du mich beſuchen wollen?— Das würde mich außer⸗ ordentlich freuen.— Bleibſt du eine lange Zeit bei uns?— Biſt du dem Grafen vorgeſtellt oder der Gräfin? v. Nahden. Eines nach dem Andern. 3 v. Felſen. Nun alſo vor allen Dingen, wie kommſt du hieher? v. Rahden Cfir ſich. Ich muß etwas erfinden, den glaubt mir doch nicht, daß ich mich mit magnetiſchen Kuren 3b.. und mein Verhältniß zu Anna möchte ich ihm nicht verrathen.(Laut) Alſo, lieber Felſen, ich freue mich vor allen Dingen aufrichtig, daß ich dich, meinen alten Freund, hier finde. v. Felſen. Aber warum biſt du hier? v. Nahden. Du weißt, lieber Felſen, daß ich in der Reſidenz praktizire. v. Felſen. v. Rahden. Du weißt zu gleicher Zeit, daß ich gern in den Staatsdienſt treten möchte. v. Felſen. Das kann dir gar nicht fehlen. Ich ſehe dich ſchon als Juſtiz⸗ Miniſter. Als Advokat. Magnetiſche Kuren. v. Nahden. Scherz bei Seite! Man will mir in höheren Kreiſen wohl. v. Felſen. Das bin ich überzeugt; du haſt Glück. v. Nahden. Man gibt mir zuweilen wichtige Aufträge. v. Felſen. Diplomatiſcher Natur? v. Nahden. Das nicht— ich glaube nicht, daß ich dazu Talent habe. v. Felſen. Ich fürchte doch, du haſt Talent dazu.— Pfuſch mir nicht in's Handwerk! v. Nahden. Dir? v. Felſen. Davon ſpäter!— Alſo jetzt biſt du hier in ſolch' einem wich⸗ tigen Auftrage? v. Rahden. Wenn du willſt, ja. v. Felſen. Hier im Schloſſe? v. Nahden. Das nicht; ich befinde mich blos hier auf der Durchreiſe nach Wien, ich muß hier neue Inſtruktionen erwarten,— mein Auf⸗ trag iſt ſehr geheimnißvoll,— ich wußte nicht, daß du hier warſt — ich ließ mir deßhalb Empfehlungen an den Grafen geben— als Magnetiſeur.— Der Gaſthof drunten im Dorf iſt entſetzlich ſchlecht, hier iſt es beſſer und hier bin ich auch vor Nachforſchun⸗ gen ſicher— 1 v. Felſen Cüür ſich. Das klingt nicht ganz glaublich, aber ich achte ſein Geheim⸗ niß. aut) Ah ſo! Alſo ein paar Tage bleibſt du hier? Magnetiſche Kuren. 165 v. Nahden. Ich reiſe, ſobald ich fort kann. v. Felſen. Beneidenswerther! Und in wichtigen Aufträgen? GSeufzend.) Du biſt ein glücklicher Menſch! v. Nahden. Sehr wichtige Aufträge! Gur ſich.) Aber fragt mich der Menſch nicht aus! cLaut. Jetzt aber vergönne mir auch ein Wort. Und was machſt du hier? Ich habe geglaubt, du ſeieſt ſchon lange irgendwo Regierungsrath oder ſo etwas. Haſt du deine Carriere verlaſſen? v. Felſen. Eigentlich hat die Carriere mich verlaſſen. Ich wurde Re⸗ ferendär, aber das Referiren ward mir außerordentlich ſchwer. Ich hatte keine Luſt, mich Jahre lang bei den Gerichtshöfen herumzu⸗ plagen; und da kam ich auf die Idee, mich für die Diplomatie vorzubereiten, und deßhalb ging ich hieher zu meinem Onkel Schönmark. v. Nahden. Da biſt du an der allerbeſten Quelle. Man ſpricht in der Stadt davon, Seine Majeſtät wolle dem Grafen das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten übertragen. v. Felſen. Was? Spricht man davon? v. Nahden. Freilich! Du weißt, der alte Baron Bergen hat wiederholt um ſeine Entlaſſung gebeten. v. Felſen. Ei, ei! Da muß ich mich zuſammen nehmen. Wenn der Onkel das Miniſterium übernimmt, ſo kann mir ein angemeſſener Geſandtſchaftspoſten nicht fehlen. 166 Magnetiſche Kuren. v. Nahden. Das glaube ich auch.— Alſo hier machſt du deine diploma⸗ tiſchen Studien? v. Felſen. Wenn du willſt, ja. Ich plaudere mit den Damen, ich dinire vortrefflich, ich ſpiele mit dem Onkel Piquet, ich mache den hüb⸗ ſchen Mädchen in der Umgegend die Cour, ich beobachte darüber ein geheimnißvolles Schweigen, und ſo gewöhne ich mir nach und nach ein diplomatiſches Air an. v. Nahden. Das iſt wenigſtens ein angenehmes Fundament für deine Laufbahn. v. Felſen. Aber doch langweilig, lieber Freund, höchſt langweilig. Ich bin nun über ein halbes Jahr hier, aber wenn ich nicht bald wohin geſchickt werde, ſei es meinetwegen nach der Türkei oder nach China, ſo laufe ich davon. v. Nahden Cfr ſich. Bei dem muß ich Erkundigungen einziehen.(Laut) Hier kann man es aber aushalten; ich finde die Lage des Schloſſes reizend, und der Graf Schönmark iſt ein liebenswürdiger alter Herr. v. Felſen. Freilich, aber es iſt hier ſo einſam. v. Nahden. Keine Geſellſchaft? v. Felſen. Keine als die im Schloſſe. Da iſt zuerſt der Graf, der hat ſeine Geſchäfte, und reitet und fährt den ganzen Tag in Wald und Flur herum, und ich muß ihn begleiten. Nun, das wäre nicht das Schlimmſte, aber dann iſt hier im Schloſſe die Gräfin— eine gute liebenswürdige Dame. Magnetiſche Kuren. 4 167 v. Nahden. Jung und ſchön? v. Felſen. Nicht übel, ſo an die Dreißig, und die hat ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, mich zu erziehen. v. Nahden. Das iſt freilich eine ſchwere Aufgabe. v. Felſen. Ja, das ſage ich auch; aber ſie thut's einmal nicht anders. Bald muß ich ihr vorleſen, bald hält ſie mit mir eine Converſa⸗ tion in allen erdenklichen Sprachen, dann muß ich mit ihr Spa⸗ ziergänge machen oder ihre Blumen bewundern, und das wirſt auch du ſehr langweilig finden. 4 v. Nahden(nachdenkend). Ja, ja.— Und iſt ſie dabei heiter? v. Felſen. Darüber kann ich nicht klagen; ich habe ſie ſelten oder nie verdrießlich geſehen. Nun, das fehlte mir noch! Nein, wenn ich ins Zimmer komme, dann lächelt ſie und weiß immer etwas mit mir zu ſprechen. v. Nahden cnachdenkend). Ah ſo! v. Felſen. 3 Der Ontkel freilich klagt hie und da, daß ſie an den Nerven leide und dann verſtimmt ſei. v. Nahden. Aha, ſie leidet an den Nerven und dann iſt ſie verdrießlich? — Aber gegen dich iſt ſie das nie? v. Felſen. Niemals.— Dann iſt hier im Schloſſe ſeit zwei Monaten der Baron Steinbach mit ſeiner Gemahlin. Sie iſt eine angenehme hübſche Frau und lacht beſtändig, aber er iſt ein langweiliger Magnetiſche Kuren. Herr. Du kannſt dir alſo einen Begriff machen von unſerem Amüſement. Ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich noch eine Mazurka zu Stande bringe, und du weißt doch, ſonſt cer macht einen kleinen Pas) konnt' ich was leiſten. v. Nahden. Der Graf hat aber eine Tochter. Iſt die junge Gräfin nicht auf dem Schloſſe? v. Felſen. Ah, das iſt ein Engel! Freilich iſt ſie hier, und das iſt gerade mein Hauptkummer. 2 v. Nahden. Du biſt natürlich in ſie verliebt? v. Felſen. Ach nein; ich hatte mir freilich vorgenommen, mich in ſie zu verlieben, und machte auch in der erſten Zeit meines Hierſeins alle Anſtalten dazu, aber es ging nicht. v. Nahden. Wie, du Unwiderſtehlicher? das muß eine hartherzige Dame ſein. v. Felſen. Nun, was das anbelangt, da hätte ich nicht nachgelaſſen; aber cfeufzend) andere Verhältniſſe zwangen mich, an die Sache nicht mehr zu denken. v. Nahden. Andere Verhältniſſe? Iſt da ſchon was arrangirt? v. Felſen. Das nicht; aber ſchon in der erſten Zeit nahm mich der Onkel eines Tags bei Seite und ſagte mir ſehr freundlich aber ſehr be⸗ ſtimmt, ich ſoll das bleiben laſſen. v. Nahden. So? v. Felſen. Gegen meine Perſon hat er gewiß nichts, aber die Schönmark —— Magnetiſche Kuren. 169 haben es von jeher ungeheuer theuer gegeben. Der alte Graf be⸗ trachtet einen einfachen Herrn„von“ wie ich bin, für nicht viel mehr, als einen gewöhnlichen Bürgerlichen.— Ich ließ darauf die Sache beruhen; wir ſprachen nicht mehr davon.— Aber jetzt ſage, was fangen wir an? Soll ich dich ausfahren? reiten wir ſpazieren? v. Nahden. Ich muß hier warten; Seine Excellenz wollen mich der Gräfin vorſtellen. v. Felſen. So, ſie kommt daher? Nun, da mache ich einen Ritt, denn wenn ſie mich ſieht, ſo hält ſie mich feſt und dann geht das ge⸗ linde Hofmeiſtern wieder los. Thu' mir den einzigen Gefallen und ſei ungeheuer liebenswürdig, vielleicht läßt ſie mich dann in Frie⸗ den. Löſe mich ab, laß du dich ein Bischen erziehen, das kann auch dir nichts ſchaden. v. Nahden. Ich danke recht ſehr. v. Felſen. Wenn die Vorſtellung vorüber iſt, ſo laſſe dir ein Pferd ſat⸗ teln und den Weg nach dem Waldhof zeigen. Da wirſt du mich finden; es ſind da ein paar allerliebſte Mädchen, charmante, natür⸗ liche Kinder. Alſo Gott behüte dich; vergiß nicht den Waldhof; v. Nahden. 3c will ſehen, wenn ich loskomme. (Felſen rechts ab.) Magnetiſche Kuren. Achter Auftritt. v. Rahden, nachher der Graf und die Gräfin(von links). v. Rahden. Iſt es mir doch, als ob mir in Betreff der Nervenleiden ein kleines Licht aufdämmerte. Doch da wird ſchwer zu kuriren ſein— oder leicht. Csiebt auf die uhr.) Nun bin ich ſchon eine gute Stunde hier und habe noch nichts von Anna vernommen. Freilich iſt es noch früh am Tage, aber ſie hätte doch zufälligerweiſe einen Spa⸗ ziergang machen können. Ich höre Jemand! Jetzt wieder ganz Doktor⸗Magnetiſeur! Gräfin cim Hereintreten, ſehr verdrießlich). Es iſt mir durchaus nicht gleichgültig, wenn dein Herr Gärt⸗ ner jeden Tag die Arrangements, die ich mit meinen Blumen treffe, umznändern für gut findet. Meine Roſen ſollen im Freien und nicht unter den langweiligen Strohdächern ſtehen, wo ſie kein Menſch ſieht. 3 Graf. Aber, mein liebes Kind, er hat es ja nur gethan, damit ſie in der heißen Sonne nicht zu ſchnell verwelken. Gräfin. Das iſt meine Sache! Wenn die Roſen verwelkt ſind— nun, ſo ſind ſie eben verwelkt! voila tout.— Es iſt ja doch nichts von Beſtand auf dieſer Welt. Auch wir ſtehen in der unerträg⸗ lichſten Hitze des Lebens; warum ſollen die Roſen Vorrechte vor uns Menſchen haben?— Kurz, ich finde das eine lächerliche Sorg⸗ falt von deinem Gärtner. (Sie wirft ſich in einen Fauteuil) Magnetiſche Kuren. 171 Graf. Der Herr Doktor Steiner, von dem ich dir ſchon ſprach, mein Kind. Gräfin Kuickt leicht mit dem Kopfe). Nicht wahr, das wird geändert? Du haſt die Güte, dieſen Befehl zu geben, denn meine Befehle werden leider Gottes nicht reſpektirt. 1 Graf(macht dem Doktor ein Zeichen). Gewiß, mein Kind. Aber ich erlaube mir nur zu bemerken, daß du geſtern bei dem großen Regen nichts ſagteſt, als der Gärt⸗ ner auch eigenmächtig die Blumen verſetzte. Gräſin. Das war etwas ganz anderes, das that er— aus guter Ab⸗ ſicht. Sollen die armen Roſen im Regen ſtehen bleiben, wo ſie verderben? Graf Cfür ſichd. Nein, aber in der Sonne, wo ſie ebenfalls verderben. CLaut. Doch du ſcheinſt mich nicht verſtanden zu haben, mein Kind.— Der Herr Doktor Steiner, ein junger Mann von großen Kennt⸗ niſſen, berühmter Magnetiſeur, mir beſtens empfohlen, wird auf der Durchreiſe ein paar Tage bei uns verweilen. Gräſin. Ah, erfreut, Sie zu ſehen! Sie gehen nach Wien, Herr Doktor? 4 3 v. Rahden. Aufzuwarten, meine gnädige Gräfin! Gräfin. Sie werden dort Vorleſungen über Magnetismus halten? v. Rahden. Ich hoffe. Gräſin. Sie werden dort ein großes Publikum für Ihre Kunſt finden. — Aber zieht es nicht abſcheulich in dieſem Salon? 172 Magnetiſche Kuren. G Graf. Das iſt unmöglich, denn es iſt nur eine Thüre offen. Gräſin. Ich kenne Wien. Man liebt dort das Geheimnißvolle; man wird an Ihre Kunſt glauben. v. Nahden. Und Sie, Gräfin, glauben nicht an die Heilmittel, die im Magnetismus liegen? Gräfin. Ich? Gewiß nicht! Ich glaube nur, was ich ſehen und be⸗ greifen kann.. Graf. Damit kommſt du in vielen Dingen nicht durch. v. Nahden. In manchen Beziehungen hat die Frau Gräfin Recht, nament⸗ lich in der Wiſſenſchaft. Da glaube auch ich nur, was ich ſehen und begreifen kann. Gräfin. Aber Sie ſprechen da gegen ſich ſelber, gegen Ihre— Kunſt. v. Rahden. Durchaus nicht, gnädige Gräfin. Man kann freilich die Mittel, mit denen ich wirke, nicht ſehen, aber ihre Wirkungen um ſo beſſer. Graf Cfür ſich. Das hoffe ich zu Gott! Gräfin. Aber es zieht nnerträglich! Daß du mir nie glauben willſt! Ich werde dieſen Salon nicht mehr betreteu können.— Wo iſt denn Eugen ſchon ſo frühe hingeritten? 1 Graf. Nun, du weißt, daß der keine Ruhe zu Hauſe hat. Wo wird er ſein?— Er macht ſeinen Morgenritt. Magnetiſche Kuren. 173 Gräfin Czum Doktor). Ich freue mich recht ſehr, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu ha⸗ ben. Ich hoffe vielleicht einen beſſeren Glauben an Ihre Kunſt zu bekommen, wenn wir ein paar Tage zuſammen leben. v. Nahden. Das hoffe ich auch. und ich! Graf(ſeufzend). v. Nahden Gum Grafen). Soll ich mich zurückziehen? Graf cCeeiſe. Nein, nein, bleiben Sie in der Nähe! (Doktor ſpaziert nach der Mittelthüre.) Gräſin. Du ſollteſt Eugen das ewige Herumſchwärmen verbieten. Weßhalb iſt er hier bei uns? Um zu ſtudiren, um etwas zu ler⸗ nen! Aber da treibt er ſich den ganzen Tag draußen in den Wäl⸗ dern und Feldern herum. Ich finde dies wilde Weſen unausſteh⸗ lich. Wo iſt er nur jetzt ſchon wieder? Graf Caachelnd). Ich meine, er ſei nach dem Waldhof geritten; da wird er den Verwalterstöchtern ein wenig den Hof machen. Gräfin Geftig. Ich will das nicht hoffen! Graf. Nun, es iſt nur ein Scherz. Gräfin. Aber ein ſehr unzeitiger, 174 Magnetiſche Kuren. Neunter Auftritt. Die Vorigen. Baron und Baronin Steinbach(durch die Mitte). Baronin. Ah, ma chère Adelaide, wie geht dir's? Ich habe dich im ganzen Garten geſucht, ich fand dich nirgends. Es iſt draußen ſo köſtlich! Die friſche Morgenluft, der Duft der Blumen, ach! das Alles ſtimmt mich ſo froh und heiter! Gräfin. Mich gar nicht— ich kann das heiße Wetter nicht ertragen. Baron. Ach ja, ich weiß das. Pauvre amie! die Hitze thut deinen Nerven weh; wie geht dir's denn heute Morgen? Gräfin. Ich bin fatiguirt, unluſtig, verdrießlich. 4 Baronin. Das iſt aber ein trauriger Zuſtand. czum Grafen) Guten Mor⸗ gen, Graf; noch nicht zu Pferd? ur Grafin.) Arme Adelaide! (Zum Grafen.) Sie leidet wieder ſehr, die Aermſte. Graf. Leider! Baronin. Da muß auf jeden Fall etwas geſchehen. Ich werde den Leib⸗ arzt des Königs bitten, einmal zu uns herauszukommen.— Graf. Ja, man muß helfen. Gräſin.. Aber ich will keine Hülfe, ich will keinen Arzt. Gott! ihr quält mich mehr als meine Nervenleiden. Magnetiſche Kuren. 175 Baronin. Ach, Graf, es iſt etwas Gräßliches um die Nerven! Ich bin in beſtändiger Todesangſt, daß auch mich dieſes ſchreckliche Uebel einmal erfaßt. Graf. Liebſte Baronin, Sie haben keine Anlage dazu. Baronin. Doch, Graf! Wiſſen Sie, ich erſchrecke zuweilen ohne alle Urſache, und dann fahre ich zuſammen.— So— Ich habe eine Averſion gegen Spinnen und Fröſche, einen wahren horreur vor dem Knallen des Gewehrs; und mit ſolchen Erſcheinungen beginnt dieſe unangenehme Krankheit. 4 (Der Baron, der in einem Buch geleſen, klappt es heftig zu.) Ah!— Wie mich das erſchreckt hat!— Siehſt du, Adelaide, ſehen Sie, Graf— ich fürchte wahrhaftig, du ſteckſt mich an. Aber wie kann man auch ſein Buch ſo ungeſchickt zumachen, wenn Leute in dem Zimmer ſind?— Arme Adelaide.— Du biſt wohl ſehr er⸗ ſchrocken? 3 Gräfin. Ich? Ganz und gar nicht. v. Nahden Cfür ſch. Die hat keine ſchwache Nerven. 1 Baron cruhig). Da war eine Fliege, die hat mich ſchon lange genirt, denn ſie flog mit der größten Hartnäckigkeit um meine Naſenſpitze herum. Hier iſt ſie— ich habe ſie zuſammen geklappst. Baronin. Ha! ha! ha! Nun, ſo hat dein ewiges Bücherleſen doch ein⸗ mal einen reellen Nutzen gehabt. Die Literatur hat einen Fang gethan. Ha! ha! ha!(Plötzlich ernſt zum Grafen, nach dem Doktor zeigend) Aber wer iſt denn das? Sie ſtellen fremde Leute auch nie vor. Graf. Sie waren ſo beſchäftigt. czum Doktorh Sie erlauben, Doktor, 176 Magnetiſche Kuren. daß ich Sie der Baronin Steinbach vorſtelle— Herr Doktor Stei⸗ ner, ein berühmter Magnetiſeur! Baronin. Was Sie ſagen, lieber Graf! Wie ich mich freue, die Bekannt⸗ ſchaft des Herrn Doktor zu machen! Ein Magnetiſeur— das iſt amüſant. Magnetismus— ah! das iſt unterhaltend und lehrreich. — Werden Sie uns vielleicht heute Abend eine Vorſtellung geben? v. Nahden. Vielleicht, gnädige Frau. Baronin. O geben Sie uns die ſchlafende Griechin! Ich habe das neu⸗ lich in der Reſidenz geſehen. Es iſt zum Erſtaunen, was der Magnetismus zu leiſten im Stande iſt.— Adelaide, haſt du die ſchlafende Griechin geſehen? Sie auch nicht, Graf?— Ah, das müſſen Sie auf alle Fälle für uns arrangiren. Bitte, Herr Doktor! v. Rahden. Ich will mein Möglichſtes thun. Baron. Aber, mein liebes Kind, zu einer ſchlafenden Griechin braucht man neben der Kraft, die dieſe zum Schlafen bringt, auch noth⸗ wendig eine Griechin und ich weiß nicht, ob der Herr Doktor eine ſolche bei ſich führt. v. Nahden. Das freilich nicht. 8 Baronin. Aber das läßt ſich ja machen. Man nimmt eine von unſern Leuten; eine ſchlafende Kammerjungfer müßte ſich auch ſchön aus⸗ nehmen— oder, Graf, was meinen Sie zu Ihrem alten Kammer⸗ diener?(Sie thut, als wenn ſie heimlich ſchnupfte und ſpricht mit gravitätiſchem Tone.) Sechs Uhr, weniger zwei Sekunden, Excellenz.— Ha! ha! ha! Magnetiſche Kuren. Gräfin. Du biſt ſo ausgelaſſen, liebe Clara. Was du für ein glück⸗ ſeliges Temperament haſt! Baronin Ceeußzend). Ach, Adelaide, nur äußerlich, gewiß nur äußerlich. Ich bin oft entſetzlich verſtimmt. Baron Cum Doktor). Ich achte Ihre Kunſt ſehr, Herr Doktor: doch habe ich mich leider mit Ergründung dieſer geheimnißvollen Wiſſenſchaft nie beſchäftigt. v. Nahden Cfür ſich.. Das iſt mir ſehr lieb. Laut. Herr Baron, Sie ſind als Be⸗ ſchützer der Wiſſenſchaft bekannt. Baron. Das nicht, aber wir werden, hoffe ich, Gelegenheit finden, unſere Ideen auszutauſchen. Ich möchte mich beſtens von Ihnen belehren laſſen. v. Rahden Cfür ſich. Da ſteh' mir Gott bei! Baronin. Aber Geiſter können Sie doch erſcheinen laſſen? Nicht wahr, Herr Doktor, das macht Ihnen wohl keine Schwierigkeiten? Ich liebe ſolche Geiſtererſcheinungen. Baron. 4 Verlange nichts Unmögliches von dem Herrn Doktor. Es gibt keine Geiſter. v. Nahden. Meine gnädige Frau, es gibt keine Geiſter. Baronin. Aber doch Elfen und Genien? Baron. In Menſchengeſtalt, ja. Dort kommt eben eine dieſer liebens⸗ würdigen Gattung von Geiſtern. Hackländers Werke. XV. 12 178 Magnetiſche Kuren. Baronin Gur Gräfin). Gott, Adelaide, wie galant er iſt! Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Gräfin Anna(durch die Mitte). Anna. Guten Morgen, Papa!— Ah, Baron, Sie ſtudiren ſchon wie⸗ der? Guten Tag, liebſte Mutter! Wie geht es Ihnen? v. Nahden Cfür ſich. Da iſt ſie— ich konnte ſie nicht benachrichtigen— ſie wird ſich und mich verrathen— (Gräfin küßt ſie auf die Stirne.) Baronin. Adelaide iſt fatiguirt, liebes Kind; aber mich drückt auch die Hitze heute Morgen. Es liegt mir ſo ſchwer auf den Nerven. Anna. Das iſt kein Wunder, beſte Baronin; es kann in dieſem Som⸗ mer nicht einen Tag ſchönes Wetter bleiben. Ueber dem Walde ziehen ſchwarze Wolken auf. Wir haben in ganz kurzer Zeit ein ſchweres Gewitter. Baron. Ich habe das heute Morgen ſchon bemerkt; die Luft ſteckt voll Elektrizität. cZu v. Rahden) Das muß Ihnen nicht entgangen ſein, mein Beſter. Anna Cüür ſich. Großer Gott was iſt das?— ſehe ich recht— Ferdinand? v. Nahden anit Beziehungh. Gewiß nicht, Herr Baron, aber ein ſolch' heranziehendes Ge⸗ witter wirkt auf mich ganz plötzlich mit großer Kraft. Magnetiſche Kuren. 179 Baron. Ah, das iſt intereſſant!— Und wie iſt Ihnen in ſolchen Augenblicken? v. Nahden. Ich fühle mich zuerſt beengt und dann wieder ſchlägt mein Herz ſchneller und freudiger. GSlict auf Anna) Ich fühle mich ſo hei⸗ ter und glücklich. Baron. Es iſt ganz eigenthümlich; uns drückt das Gewitter nieder. v. Nahden. O nein, mich erhebt es. Ich bin in ſolchen Augenblicken ein ganz anderer Menſch. Baronin. Das iſt wahr. Ihr Auge glänzt, Sie ſehen mit einem Mal ſo heiter, ja beſeligt aus. Baron ceer ihm den Puls gefühlt hat). Und Ihr Puls jagt, als wenn Sie das Fieber hätten. Graf can der Mittelthür). Anna hat Recht; dort zieht ein ſchweres Gewitter herauf. Gräſin. Das iſt ſo wohlthuend bei der Hitze. Baron. Mir iſt es intereſſant, zu ſehen, welche Wirkungen die Elek⸗ trizität in der Luft auf Sie, den Magnetiſeur, ausübt. 3 Baronin. Und das Gleiche fühlen Sie bei jedem heranziehenden Gewitter? v. Nahden. Nicht immer, gnädige Frau, es kommt ſehr darauf an, in welcher Umgebung ich mich befinde. Graf Czum Doktor). Ich will Sie meiner Tochter vorſtellen— Doktor Steiner, ein berühmter Magnetiſeur!— 180 Magnetiſche Kuren. Anna. Sehr erfreut, Herr Doktor, Sie hier zu ſehen. Sie bleiben einige Zeit bei uns? v. Rahden. Ich hoffe ſo, Gräfin. ceeiſe) Ich werde Ihnen alles erklären. cLaut.) Ihr Herr Vater hat mich ſo freundlich aufgenommen. Anna C Cfür ſich. Was ſoll ich ihm ſagen? ceaut) Die Lage des Schloſſes iſt ſehr angenehm. v. Nahden. Ich finde ſie reizend. Baron. Und es gibt hier ſo ſchöne Gewitter. v. Nahden cſeufzend, indem er auf Anna ſiehth. Das iſt wahr. Gräfin. Anna, iſt es wirklich ein ſtarkes Gewitter, was dort her⸗ aufzieht? Anna. Sehr ſtark, Mama. Baronin ctommt von der Mittelthüre). Der halbe Horizont iſt ſchwarz überzogen. Gräſin. Wird es regnen, meine Liebe? Baronin. Natürlich; es fallen ſchon einzelne Tropfen. Gräfin. Wie mich das erfriſcht! Graf czu v. Rahden). Sie hätten zu keinem günſtigeren Zeitp unkte eintreten können. Sie werden ſogleich ſehen, welch' wunderbare Wirkung das Regen⸗ wetter auf die Nerven der armen Frau ausübt. Magnetiſche Kuren. 181 v. Nahden. Ich bin wirklich begierig darauf. Graf. 1 5 Sehen Sie, ſie ſteht ganz heiter auf und geht der Garten⸗ thüre zu. Baron am Hintergrund). Es fängt ſchon an, tüchtig zu regnen. Aha! dort kommt auch Eugen. Gräfin Kebhafb. Wo kommt— das Gewitter? Baronin. Siehſt du nicht, liebſte Adelaide, jetzt iſt ſchon der ganze Himmel überzogen. Ah, wie Eugen daher ſprengt! Dem Wild⸗ fang würde es nichts ſchaden, wenn er tüchtig naß würde, der kann nie zu Haus bleiben. Baron. Aber ich denke, wir ſchließen die Gartenthüre, ſonſt ſchlägt der Regen in dieſen Salon. Graf cleiſe zum Doktor). Sie beobachten doch ganz genau? v. Nahden. Gewiß!— Gräſin gebhaft. Nein, nein, Baron! Laſſen Sie die Thüre offen. Denken Sie, der arme Eugen wolle nicht auch zu uns herein? Dort ſpringt er ſchon vom Pferde. Es iſt der nächſte Weg von der Terraſſe hieher.— Ah! dort kommt er ſchon. Graf. Sehen Sie jetzt dieſe Lebendigkeit, ich möchte ſagen, dieſe Heiterkeit? Und das thut Alles der Regen. v. Nahden. Ja, es iſt höchſt merkwürdig! 182 Magnetiſche Kuren. Graf. Und glauben Sie, daß man da helfen kann? v. Nahden(geht mit dem Grafen nach dem Hintergrunde). Ich denke, es ſollte mir gelingen. (Unterdeſſen iſt Eugen heftig in den Salon geſprungen.) Eugen. Meine Damen, ich bitte um Verzeihung, aber wenn man vor ſo einem Regen flieht, da iſt man eilig.— Liebe Tante, ich habe Sie heute Morgen nicht geſehen. GKüst ihr die Hand.) Es geht Ihnen wohl? Baronin. Sie leidet wieder ſehr, die arme Adelaide. Gräſin. Es iſt mir weit beſſer; ich glaube, das Regenwetter hat mich erfriſcht. Graf. Hören Sie? v. Nahden. Ja, ja, das Regenwetter! Gräfin. Aber ich muß wieder anfangen, mit Ihnen zu zanken, Eugen. Haben Sie denn gar keine Ruhe zu Hauſe? Gott! und Sie ſind naß geworden. Ihr Haar iſt ganz feucht; Sie werden ſich noch erkälten. Eugen. O beſte Tante, das thut mir nichts; unſereiner iſt ſo ein Bischen Regen gewöhnt. Gräſin. Aber heute dürfen Sie mir nicht mehr hinaus. Sie ſind wie ein kleines Kind, nur nicht ſo folgſam. Heute müſſen Sie da bleiben, Sie müſſen mir aus einem neuen Werke vorleſen, auch müſſen Sie mit dem Grafen eine Partie Piquet machen. Sie ſind gar nicht liebenswürdig. Magnetiſche Kuren. 183 Baronin. Oder wir ſpielen Whiſt zuſammen. Eugen iſt mir noch Re⸗ vanche ſchuldig. 3 Gräfin. Apropos, wo waren Sie denn? Der Graf meinte, Sie wären nach dem Waldhof geritten; Sie wiſſen, ich mag das nicht leiden. Da ſind die Wege ſo ſchlecht, es iſt da ſehr gefährlich. Eugen. Gott bewahre! Ich war droben auf der Haide. Graf(der mit dem Doktor angekommen iſt). Herr Doktor Steiner— mein Neffe, Eugen von Felſen! Gzur Gräfin, Ich bin entzückt, daß du dich wohler befindeſt. Eugen cleiſe zum Doktor). Es iſt Schade, daß das verfluchte Gewitter kam; ich hatte dich ſchon annoncirt, es ſind ein paar hübſche Mädchen, die da droben. Gräſin Gum Grafen). Eugen war nicht auf dem Waldhof, er hat es mir ſoeben geſagt. Graf. Es war von mir ja nur Scherz.— Gräfin. Eugen! Eugen Gum Doktor). Siehſt du, keinen Augenblick Ruhe! Gräfin. Eugen, ſehen Sie dieſes Buch durch, es iſt das Werk, von dem ich vorhin geſprochen. (Baronin kommt mit Anna aus dem Hintergrund.) Baron Gum Doktor). Und die Gewitterluft, Herr Doktor, ſtimmt Sie immer ſo heiter? v. Nahden. Immer; aber ſo wohl, ſo ſelig, wie in dieſem Augenblicke fühlte ich mich lange nicht. 3 184 Magnetiſche Kuren. Baron Gzum Grafen). Das iſt ſehr intereſſant. (Kammerdiener erſcheint an der Thüre rechts mit der Uhr in der Hand.) v. Nahden(leiſe zu Anna). O Anna, Sie werden alles das unbegreiflich finden, ich kann Ihnen jetzt nur ſagen, wie glücklich ich bin, daß ich mich in Ihrer Nähe befinde. Anna. Ich zittre, Ferdinand; ſprechen Sie keine Silbe weiter,— erregen Sie keinen Verdacht. v. NRahden. Bewilligen Sie mir ſpäter einen Augenblick, um Ihnen alles zu erklären. Kammerdiener Cireat ſeine Uhr ein. Für ſich. Eilf Uhr— CLaut) Das Dejeuner iſt ſervirt. Graf(der der Baronin den Arm bietet, zum Doktor). Kommen Sie, lieber Freund! Eugen(wirft das Buch auf den Tiſch). Ah, das Dejeuner! EEr führt die Gräfin.) Anna. Ihren Arm, Herr Doktor! Graf Czu v. Rahden, indem er auf ſeine Frau zeigt). Sehen Sie, wie ſich meine Frau jetzt ſo wohl fühlt! Iſt die Wirkung nicht erſtaunlich? v. Nahden. Gewiß! Und die Urſache ſo einfach. 3 Kammerdiener an höchſtem Erſtaunen). Zwei Platten ſervirt, blaues Service, ohne Chiffre und Wap⸗ pen für den Magnetiſeur, und dejeunirt mit der Familie. So was habe ich noch nie erlebt! (Alle ab.) Magnetiſche Kuren. 18⁵ Zweiter Aufzug. Dieſelbe Dekoration. Erſter Auftritt. v. Rahden und v. Felſen(durch die Thüre rechts. v. Nahden. Das Frühſtück war ganz vortrefflich. v. Felſen. Ja, nicht ſo übel.— Apropos, du biſt ein guter Reiter? v. Nahden. So ziemlich. v. Felſen. Schön. So will ich gleich ein Paar von den Jagdpferden beſtellen, und dann machen wir für unſeren Privatſpaß ein kleines Kirchthurmrennen.— Nicht? v. Rahden. So gerne ich mit dir hinaus möchte, ſo gehts doch in dieſem Augenblicke nicht. Seine Excellenz will mich hier im Salon fin⸗ den. Er hat einige Fragen über Dinge aus der Reſidenz; und dann darf ich mich unmöglich von hier entfernen, da jeden Augen⸗ blick eine Staffette eintreffen kann, die mir neue Inſtruktionen bringt. v. Felſen. Das iſt wahr, aber ſehr unangenehm. Dann muß ich eben allein reiten. v. Nahden. Du weißt, ich bleibe nur ein paar Tage hier, und da könnteſt 186 Magnetiſche Kuren. du wohl ein kleines Opfer bringen, indem du ebenfalls in der Nähe bliebeſt. Du biſt hier im Schloſſe mein einziger Bekannter. v. Felſen. Herzlich gern. Wenn nur die Tante nicht wäre, die kann es nun einmal nicht laſſen, mich den ganzen Tag zu hofmeiſtern. Jetzt hat ſie wieder ſo ein langweiliges Buch entdeckt, und daraus ſoll ich ihr vorleſen. 3 v. Nahden. Nun, du übſt dabei deinen Vortrag; und wenn ich Diplomat werden wollte und eine Tante hätte, deren Mann ſo nah' am Portefeuille des Auswärtigen ſteht, ich würde derſelben mit dem größten Vergnügen vorleſen. v. Felſen. Meinſt du? v. Nahden. Das iſt doch natürlich. Alſo du thuſt mir den Gefallen und bleibſt heute einmal in der Nähe. Geh' in den Park, ſuche die Damen auf, ſei liebenswürdig, das kann dir für die Zukunft ge⸗ wiß nicht ſchaden. v. Felſen. Aber die Tante kann wirklich ſehr langweilig ſein. Meinſt du nicht, ich ſoll der Gräfin Anna wieder einmal die Cour machen? v. Rahden. Laß das lieber bleiben. Du weißt, der Graf ſieht es nicht gern. v. Felſen.. Richtig! richtig! Nun denn, ich will heute da bleiben; aber morgen reiten wir nach dem Waldhof. Ich ſage dir, da ſind zwei liebenswürdige kleine Dinger— v. Nahden. Nun ja, laß jetzt nur gut ſein. Suche die Damen im Garten auf; der Graf kommt im Augenblicke. Magnetiſche Kuren. 187 v. Felſen. Alſo bis ſpäter! (Ab durch die Mitte.) Zweiter Auftritt. v. Nahden allein. Nachher der Graf. v. Nahden. Das Wetter hat ſich aufgeklärt, der Himmel iſt blau, die Sonne ſcheint wärmer als heute früh, jetzt müſſen alſo die Nervenleiden wieder anfangen. Ich habe aber meine magnetiſche Kur begonnen. (Auf die Mittelthüre zeigend, durch welche v. Felſen abgegangen.) Dort ſpaziert mein Mittel, aber da es ſehr ungefährlicher Art iſt, ſo kann ich mir ſchon ein kleines Experiment mit der Kranken erlauben. Ich muß überhaupt erſt vollkommene Gewißheit haben, und dann wollen wir handeln. (Der Graf kommt durch die Thüre links.) Graf. Nun, lieber Doktor, was denken Sie von der Krankheit mei⸗ ner Frau? Sie ſahen ſie in ihrer üblen Laune, Sie bemerkten auch, wie ſie ruhig und heiter wurde, ſobald draußen der Regen anfing. Sind Ihnen ſo ſonderbare Erſcheinungen ſchon vorge⸗ kommen? v. Nahden. Nicht oft, aber zuweilen. Graf. Alſo doch? Nun das gibt mir Muth; und glauben Sie, daß es bei meiner Frau Nervenleiden iſt? 188 Magnetiſche Kuren. v. Nahden. Nicht ſo ganz, es köunte auch der Keim einer anderen Krank⸗ heit ſein. Graf. Sie erſchrecken mich!— Einer gefährlichen Krankheit? v. Rahden. In ihrem erſten Auftreten durchaus nicht. Graf. Und Ihre Kunſt kann da helfen? v. Nahden. Ich hoffe zuverſichtlich. Graf. Und wie nennen Sie dieſe Krankheit, lieber Doktor? v. Nahden für ſich. Das kann ich ihm doch nicht ſagen. aut) Der Name thut hier nichts zur Sache. Ich glaube, es gibt nicht einmal eine genaue Bezeichnung dafür. Es iſt ein allgemeines Leiden, bald im Kopfe, bald im Herzen. Graf. Und iſt es anſteckend?— Könnte ſich am Ende die Krankheit meiner Frau auf mich ausdehnen? v. Nahden. Das iſt durchaus nicht wahrſcheinlich. Graf. Aber wenn es einträte, würde ich auch bei Sonnenſchein oder bei Regen leiden? v. Nahden Cfir ſich. Das iſt wieder ein Examen! Ccaaut,) Nein, Excellenz. Sie würden höchſtens Cauf die Stirne zeigend) hier einen kleinen Druck em⸗ pfinden. Graf. Noch iſt mein Kopf vollkommen frei. Magnetiſche Kuren. 189 v. Nahden. Davon bin ich überzeugt. Es hat auch vorderhand keine Gefahr. Graf. Schön! Sie wiſſen ſelbſt, lieber Doktor, in Krankheitsfällen iſt man immer ängſtlich. Die Medizin iſt für uns Andere ein ewiges Räthſel, etwas Geſpenſterhaftes, das umher ſchleicht, vor dem wir uns fürchten, und nach dem wir uns dennoch umſchauen. Ich bin in dem Punkt unerfahren wie ein Kind. v. Rahden Cfr ſich. Das iſt mir außerordentlich lieb. Graf. Ich glaube meinem Arzte unbedingt, und ſo auch Ihnen, lieber Freund. v. Nahden. Ich danke Ihnen für dies Zutrauen. Graf. Aber ſagen Sie mir, werden Sie Ihre Kur bald anfangen? v. Nahden (wiſcht ſich mit einem Blicke nach hinten die Stirne mit dem Sacktuch)⸗ Ich habe ſchon angefangen. Graf. Wie iſt das möglich? Ich habe ja noch nichts bemerkt. v. Nahden. Das iſt eben das Geheimnißvolle des Magnetismus. Man ſieht wohl die Wirkung, aber nie die Urſache. GFür ſic Ich wollte, dieſe Unterredung wäre zu Ende! Graf. Es ſcheint Ihnen warm zu ſein? v. Nahden. Sehr, Herr Graf; das iſt immer der Fall, wenn ich mag⸗ netiſire. 190 Magnetiſche Kuren. Graf. Aber geben Sie mir doch einen kleinen Begriff, wie Sie eine ſo unſichtbare, magnetiſche Kur anfangen. Die anderen Aerzte machen bei den ihrigen immer gewaltigen Lärm. v. Nahden Wahr, ſehr wahr. Aber— Excellenz— wiſſen doch, was Allopathie iſt? 3 Graf. Nur im Allgemeinen. v. Nahden Ckir ſich. Ich weiß auch nicht mehr davon. ceaut) Und Hombopathie? Graf. Davon weiß ich ſo gut wie gar nichts. v. Nahden Cfür ſich. Ich ebenfalls. aut) Alſo Excellenz: ich bitte zu bemerken und nicht zu überhören, daß cer huſtet) mit dem Magnetismus ſowohl Allopathie wie Homöopathie verbunden werden kann. Natürlich — nach magnetiſchen Begriffen, das heißt— Excellenz werden mich vielleicht verſtehen?— ich kann eine magnetiſche Kur auf allopa⸗ thiſche oder auf homöopathiſche Weiſe zu Wege bringen. Graf. Ich verſtehe. Die Homöopathie wirkt, wie ich glaube, mit der allerkleinſten Doſis Arznei. v. Nahden Cüär ſich. Gott ſei Dank! er hilft mir. ceaut.) Ganz richtig, Excellenz. Magnetiſch⸗allopathiſche Kuren werden mit großen ſichtbaren Mitteln— hervorgebracht;— wiſſen Sie, ſo— cer macht eine Bewegung mit der Hand) magnetiſch⸗homöopathiſche dagegen durch unſichtbare, aber nicht weniger kräftige Manipulationen. Graf. Und Sie kuriren alſo die Gräfin magnetiſch⸗homöopathiſch? Magnetiſche Kuren. 191 v. Nahden ganz erſchöpft. Ja, allerdings— durchaus unſichtbar.— Britter Auftritt. Die Vorigen. Die Gräfin. Die Baronin. Eugen.(Durch die Mittelthür). Gräſin(lachend und vergnügt). Eugen, laſſen Sie Ihre Kindereien! Sie ſind ein unaus⸗ ſtehlicher junger Menſch! Baronin. Ja, ja, er übertreibt den Scherz. Und Ihre ſchönen Roſen, die er abgepflückt hat! czu Eugen⸗ Schämen Sie ſich, Sie großes Kind!— Adelaide, Ihre ſchöͤnen Roſen! Gräfin. Laſſen Sie, wenn es ihm Spaß macht. Er iſt wahrhaftig noch wie ein Kind. Baronin. Aber wo iſt er geblieben, der Wildfang? Gräfin. Er hat ſich hinter die Thüre verſteckt. 4 Graf Gum Doktor).— Das iſt wirklich erſtaunlich! Das ſchönſte Wetter von der Welt und meine Frau iſt vollkommen heiter. Doktor, Sie ſind ein Wundermann! Aber was habt ihr dahinten? Gräfin. Ein harmloſer Scherz; Eugen iſt ſo albern. 192 Magnetiſche Kuren. Baronin czur Thüre hinaus rufend). Jetzt kommen Sie hervor, und ſeien Sie artig! Hier ſind lauter geſetzte ernſte Leute. Graf. Und ſehr wichtig beſchäftigt. Eugen can der Thilre, die Hände voll Roſenblätter). Iſt die Partie zu Ende! Ich habe noch ſehr viel Munition. Gräſin. Vorderhand wenigſtens Wafefenſtillſtand. Baronin. Der Herr Graf und der Herr Doktor ſind beſchäftigt, und da wollen wir nicht ſtören. v. Nahden. Bitte ſehr, gnädigſte Baronin, wir ſind, wie ich glaube, zu Ende. Graf czum Doktor).. Noch nicht, ich habe noch Einiges auf dem Herzen. v. Rahden Cfir ſich. O Gott! Graf. Warum ſeid ihr nicht in dem Garten geblieben, wir wollten eben nach euch ſehen. Baronin(uu Eugen, der Miene macht zu werfen). Waffenſtillſtand! Vergeſſen Sie das nicht. Eunugen. So will ich als Sieger wenigſtens triumphirend einziehen und dazu mir meinen Weg mit Blumen beſtreuen. Er ſtreut die Blumen⸗ blätter vor ſich hin und geht tänzelnd in einem Bogen auf v. Rahden zu. Leiſe zu ihm) Aber der Waldhof! Ich habe verſprochen, noch hinauf zu reiten. v. Nahden cbeſtimmt). Heute nicht; du haſt es mir zugeſagt. Magnetiſche Kuren. 193 Graf. Eugen, hier iſt das Buch. Du kannſt deiner Tante vorleſen. Gräfin. Ja, Eugen. Kommen Sie in den Garten! Baronin. Charmant, charmant! Komm, Adelaide! Eugen Cungend. „O welche Luſt, Soldat zu ſein!“ (Mit den beiden Damen ab.) Vierter Auftritt. Der Graf. v. Rahden. Nachher Bedienter. . Graf. Seit langer Zeit habe ich jedesmal gezittert, ſowie der Baro⸗ meter ſtieg und der Himmel klar wurde, denn dann zogen über mein Haupt die finſterſten Wolken. Aber heute bei dem ſchönſten Wetter iſt die Gräfin heiter und— ich bewundere Sie. v. Nahden. Zu gütig, Excellenz! Bedienter (in der Thüre rechts, Hut, Handſchuhe und Stock des Doktors in der Hand). Excellenz werden gnädigſt verzeihen— Graf. Was gibts? Dieſe ewigen Unterbrechungen! Bedienter. Der Herr Sekretär wünſchen einen Augenblick zu Euer Excel⸗ Hackländers Werke. XV. 13 194 Magnetiſche Kuren. lenz kommen zu dürfen. Er brauche eine Unterſchrift von Euer Excellenz, die ſehr dringend iſt. Graf. Er ſoll kommen!— Doch nein, Gum Doktor) Sie entſchuldigen einen Augenblick; ich bin gleich wieder hier. Sorf ab5 (Bedienter ſchleicht auf den Zehen nach dem Hintergrunde und bleibt dort ſtehen.) v. Nahden(wirft ſich in einen Fauteuih). Ich bin ganz erſchöpft. Man ſagt von den Magnetiſeuren, die Ausübung ihrer Wiſſenſchaft greife ihre eigenen Nerven an, und wenn ich von dieſem Zuſtand auf meine Kunſt als Magneti⸗ ſeur ſchließen kann, ſo muß ich ein enormer Künſtler ſein. Bei Allem dem iſt der einzige Menſch, den ich fürchte, der Baron Steinbach mit ſeinen Büchern. Ich bin überzeugt, er ſitzt jetzt wieder in der Bibliothek und verſchlingt ganze Bände über Mag⸗ netismus.— Wenn ich nur weuigſtens die Manipulation wüßte! (Er macht einige Bewegungen mit den Händen. So— ſo und ſo— das iſt Alles gut und ſchön für die Damen— doer Bediente im Hintergrund nimmt den Hut zwiſchen die Knie und macht dieſelben Zeichen) oder für Jemand, der nichts davon verſteht; aber— ich fürchte, der Baron. Ich habe mich da in eine böſe Geſchichte eingelaſſen. cEr ſpringt unrnhig auf und ſieht den Bedienten die Zeichen machen.) Nun, was ſoll das? Bedienter. Ach, Sie verzeihen, Herr Doktor! v. Nahden. Nun? 3 Bedienter Hier iſt der Hut und der Stock des Herrn Doktor— und ich hätte eine große Bitte an den Herrn Doktor. Eigentlich nicht ich, oder vielmehr nicht ich allein, ſondern faſt die ganze Dienerſchaft. v. Rahden Cfur ſich.) Der Dienerſchaft muß man gefällig ſein, cLaut) Nun, womit kann ich helfen? Magnetiſche Kuren. 195 Bedienter. Nun ja, Herr Doktor, wir haben Alle erfahren, der Kutſcher, der Jäger, die Kammerfrauen, die Bedienten, daß der Herr Doktor ein großer Magnetiſeur ſind, und der Kutſcher hat uns erklärt, was dies eigentlich zu bedeuten hat. v. Nahden. Nun, darauf bin ich begierig. Bedienter. Der Kutſcher hatte einmal auf dem Jahrmarkt einen Magne⸗ tiſeur geſehen, der betrieb den thieriſchen Magnetismus, denn er gab ſich nur mit Pferden und Eſeln ab. v. Rahden. Das thu' ich auch zuweilen. Bedienter. Ah, das iſt ſchön! Der Andere nämlich auf dem Jahrmarkt der hat es vortrefflich verſtanden, die Pferde und Eſel zu bändigen. Da hätt' er ſich vor ſie hingeſtellt— vor die wilden nämlich— und hätt' ihnen was in das Ohr hineingeſprochen, und„ſo“ ge⸗ macht cer wiederholt die Zeichen von vorhin und dann ſind die wildeſten Viecher auf einmal zahm geworden. Und darum wollten auch wir ganz gehorſamſt gebeten haben. v. Nahden clachend). Was, ich ſoll Ochſen und Eſel zähmen? Bedienter. Das nicht, Herr Doktor, Sie ſind ja Magnetiſeur für die Menſchen. . v. Nahden. Ah, es handelt ſich um keinen Eſel? Bedienter. Nein, Herr Doktor. Es handelt ſich nur um den Kammer⸗ diener. 196 Magnetiſche Kuren. v. Rahden. Um den Kammerdiener Seiner Excellenz? Bedienter. Ach, ja wohl, Herr Doktor. Was der uns ſchindet und plagt, und die ganze Dienerſchaft täglich und ſtündlich herunterputzt, da⸗ von haben Sie gar keinen Begriff. v. Nahden. Wirklich? Bedienter. Das Hudeln nimmt gar kein Ende; und wo er Abends auf⸗ hört, da fängt er Morgens wieder an, und Alles verklagt er bei dem gnädigen Herrn; und wenn er Jemand verklagt, der muß fort aus dem Dienſt.— Und der Dienſt iſt hier ſehr angenehm, Herr Doktor. v. Nahden. Und da ſoll ich den Kammerdiener magnetiſiren? Bedienter. Ach ja, ein Bischen zahm machen. Im Vertrauen geſagt, Herr Doktor, er meint es auch nicht gut mit Ihnen. v. Nahden. So? Bedienter. Nach dem Frühſtück hat er der Kammerfrau geſagt— aber es iſt eigentlich gegen den Reſpekt, das zu wiederholen, was er geſagt hat— der Magnetismus ſei nichts wie Betrügerei, er wolle Ihnen auf die Finger paſſen, Sie ſeien ein Scharlachtan. v. Nahden. Ein Scharlachtan? Bedienter. Und er iſt gewiß frech genug, das ſogar nächſtens dem Herrn Grafen zu ſagen. 3 Magnetiſche Kuren. 197 v. Nahden. Hört denn der Graf ſeine Schwätzereien an? Bedienter(näher kommend). Wiſſen Sie, Herr Doktor, der muß wohl. Unter uns geſagt, der Kammerdiener friſirt den Herrn Grafen täglich, und ſo lange er ihn friſirt, muß er ſtill halten. Ach, und dann gehts über uns her; da muß die gute Excellenz Alles hören, was ihr der Kam⸗ merdiener ſagt. Das Friſiren iſt ſein Glück und unſer Unglück. v. Nahden. Sehr wichtig. Ein gefährlicher Moment, ich kenne das. Bedienter. Und Allen im Hauſe hat er ſchon Verdruß gemacht, dem Se⸗ kretär, der gnädigen Gräfin, und ſogar der Gräfin Anna, und die iſt doch ein wahrer Engel. v. RNahden. Ei, ei! Da muß man euch helfen. — Bedienter. Nicht wahr, Herr Doktor? Ach, das ganze Haus wird Ihnen dankbar dafür ſein. v. Nahden. Aber ſo ein Kammerdiener iſt nicht leicht zu bändigen. Bedienter. Das weiß der liebe Herrgott!— Können wir hoffen, Herr Doktor? Ich will mein Möglichſtes verſuchen. Aber jetzt geh', ich höre den Herrn Grafen kommen. (Bedienter ab.) Magnetiſche Kuren. Fünfter Auftritt. v. Rahden, nachher der Graf. v. Nahden. Meine Praxis vermehrt ſich. Nachdenkend.) Wenn ich auch kein Arzt bin, und auch gewiß nie einer werde, ſo finde ich doch nie entdeckte Anlagen zur Diplomatie in mir. Schade, daß ich zum Juſtizdepartement gehöre. Ich glaube, ich wäre ein vortrefflicher Geſandter geworden.— Ei, ei, der Kammerdiener, der College, wagt es, mich für einen Charlatan zu erklären und hat die Ver⸗ wegenheit, der jungen Gräfin Verdruß zu machen. Wie könnten wir der ganzen Dienerſchaft helfen? achdenkend.) Ja, ja, ſo könnte es doch gehen.— Ich hoffe den Kammerdiener zu kuriren. Graf. Da bin ich wieder. Seien Sie mir nur nicht böſe, beſter Doktor. Gerade wenn man keine Zeit hat, kommen die meiſten Geſchäfte. v. Rahden. Sie wiſſen, Herr Graf, daß Ihnen meine Zeit ganz gewid⸗ met iſt. Graf. Sehr dankbar! Ich muß aber Ihre Kunſt diesmal für mich in Anſpruch nehmen. v. Nahden. Sie, Herr Graf? Graf. Nur ein kleines Leiden. v. Nahden Cfir ſich) Gott! ein dritter Patient.(Laut und feierlich, er hält ſeinen Stock an den Mund.) Wollen ſich Euer Excellenz nicht ſetzen? Magnetiſche Kuren. 199 Graf(ſetzt ſich auf einen Stuhl). Ja, das Stehen wird mir zuweilen ſauer. v. Nahden. Ah, fehlt es da? Graf. Leider, leider!(auf ſein ninkes Knie zeigenv.) Da bin ich manchmal ſehr geplagt. v. Rahden. Ein klein wenig Gicht, Excellenz? GFär ſch.) Wie ſoll ich da helfen? Graf. Eher viel als wenig, und das quält mich auf eine unange⸗ nehme Art, namentlich bei Gewittern, oder wenn ſich ſonſt das Wetter ändert. v. Rahden. Das iſt immer ſo. Graf. Heute Morgen namentlich leide ich wieder ganz unbeſchreib⸗ lich. Es wird Ihnen gewiß nicht ſchwer werden, durch Ihre aus⸗ gezeichnete Kunſt meine Schmerzen zu lindern. Sie haben auch darin gewiß ſchon herrliche Kuren gemacht? v. Nahden. O ja— gewiß— ohne allen Zweifel— aber die Gicht iſt ein hartnäckiges Uebel. Graf. Ich weiß das aus Erfahrung. Aber Ihre große Kunſt, mein lieber Doktor.— v. Nahden irſch. Sie ſoll verdammt ſein! Jetzt muß mir der Kammer⸗ diener herhalten. Laut) Ich werde mein Möglichſtes verſuchen. Wünſchen Sie hombopathiſch⸗magnetiſch, oder allopathiſch⸗magne⸗ tiſch behandelt zu werden? 200 Magnetiſche Kuren. Graf. Allopathiſch, mein beſter Doktor!— Sichtbar. v. Nahden. Ah, ſichtbar? Alſo!(Er ſchlägt mit großer Wichtigkeit ſeine Aermelauf⸗ ſchläge in die Höhe, und macht ſeine Bewegungen vom Herzen abwärts und aufwärts nach dem Kopfe. So oft er aber an den Kopf kommt, läßt er ſeine Hände gewaltſam auseinan⸗ der fahren) Unbegreiflich! ich weiß gar nicht, was das iſt; das iſt mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen. Graf. Was denn, lieber Doktor. v. Nahden Cfar ſich. Ja, was denn? Da fehlen mir die Ausdrücke. Schäm dich, Advokat. CLaut) Ja, wiſſen Euer Excellenz, der mag⸗ netiſche Strom hier aus meinen beiden Händen geht auf Sie über und verbindet ſich zu einem angenehmen harmoniſchen Ganzen. Ich fühle mit großem Behagen, wenn dieſer elektriſche Strom ſanft dahinfließt, aber ebenſo gewaltſam empfinde ich die Erſchütterung, wenn derſelbe unharmoniſcher Weiſe unterbrochen wird. SSeine Hände fahren abermals vom Kopfe des Grafen zurück.) Wie jetzt.— Hier ſtockt der magnetiſche Strom auf eine unbegreifliche Weiſe. Graf coedenklich. An meinem Kopfe? v. Nahden. An Ihrem Kopfe. Graf. Sollte das der Anfang jener Krankheit ſein, die von meiner Frau auf mich übergegangen, und die ſich hier cauf die Süirne zeigend) äußern ſoll? v. Nahden. Ich glaube verſichern zu können, daß dem nicht ſo iſt.— Euer Excellenz erlauben mir eine ſehr delikate Frage? Graf. Mit Vergnügen. Magnetiſche Kuren. 201 v. Nahden. Aber ich darf nicht indiskret erſcheinen. Graf. Gewiß nicht! v. Nahden. Nun denn, Herr Graf— tragen Sie eigenes Haar oder vielleicht— eine Perrücke? Graf. Ah, mein Lieber, mein eigenes Haar. v. Nahden. Dann iſt mir die Sache vollkommen räthſelhaft. Graf. Wie? v. Nahden. An Ihrem Haare ſtockt eben der magnetiſche Strom auf eine heftige und ſeltſame Art. Wenn das Haar falſch wäre, ſo ver⸗ ſtünde ich das vollkommen; aber ſo— es muß ein fremder Stoff in Ihren Haaren ſein. Graf. Nun, etwas Pomade oder Cosmetique. v. Nahden. Nein, etwas Anderes. Graf(lächelnd. Nun, unter uns geſagt, etwas ſchwarze Farbe, aber— cer legt den Finger auf den Mund). v. Rahden. 1 Ich bin Arzt, Excellenz. Aber das iſt es auch nicht. Cer denkt einen Augenblick nac) Hat Ihr Haar vielleicht eine fremde Hand be⸗ rührt, Herr Graf? Ja es muß ſo ſein! Nicht die Hand der Frau Gräfin, ſondern eine unſympathetiſche Hand? Graf cnachdenkend). Nur die meines Kammerdieners, der mich jeden Tag frifirt. 202 Magnetiſche Kuren. 3 v. Nahden. Ahl jetzt wird mir Alles klar. Graf. Und das ſollte Einfluß haben? v. Nahden. Den allerwichtigſten. Sie wiſſen, Herr Graf, es gibt Natu⸗ ren, die ſympathetiſch ſind, und andere, die uns abſtoßen; eine ſolch' letztere iſt für mich als Magnetiſeur der Kammerdiener. Graf. Ganz richtig, er iſt etwas abſtoßend. v. Rahden. Nur nach magnetiſchen Begriffen. Aber es thut mir unendlich leid, ich bin dadurch nicht im Stande, mit Euer Excellenz eine magnetiſche Kur mit Erfolg zu beginnen. Graf. Das iſt weiter kein Hinderniß. Ich kann das Geſchäft eine Zeit lang allein verſehen. v. Nahden. Das wäre ſehr heilſam, Herr Graf. Graf. Wir könnten dann unſere Kur wieder aufnehmen? v. Nahden. Später bin ich wieder ganz zu Ihren Befehlen, aber in die⸗ ſem Augenblicke fühle ich mich erſchöpft, angegriffen. Ich muß mich einen Augenblick zurückziehen, friſche Luft athmen. Das Gewitter—— die Kur der Gräfin.—— Graf. Geniren Sie ſich nicht, lieber Doktor. Wir haben ja die vollkommenſte Zeit.— Auf ſpäter alſo!— v. Rahden. Ich brauche nur ſehr wenig Ruhe, Excellenz. (Er geht ab.) Magnetiſche Kuren. 203 Sechster Auftritt. Der Graf. Nachher der Kammerdiener. Graf. V Ein braver junger Mann, und ſcheint in ſeiner Kunſt ſo ſicher zu ſein. Ich befürchtete immer, in jedem Magnetiſeur eine Art Charlatan zu finden, und bin unendlich froh, daß dies bei dem Doktor Steiner nicht der Fall iſt. Er hat etwas außerordentlich Anſtändiges in ſeinem Aeußern, ſogar Bekanntes; ich meine immer, ich hätte dies Geſicht ſchon irgendwo geſehen, aber wo— wo? (Er reibt ſich die Stirn. Nein, nein, denn wenn das der Fall wäre, ſo würde er mich gewiß daran erinnert haben. cKlingelt.) (Der Bediente tritt aus der Thüre rechts.) Bedienter. Excellenz befehlen? Graf. Der Kammerdiener ſoll kommen.— Es iſt mir im Grunde recht, daß ich einen guten Vorwand habe, mich dieſes langweiligen Friſirens zu entziehen. Ich bin der ewigen Schwätzereien des alten Mannes vollkommen müde. Kammerdiener(in der Thüre links). Excellenz befehlen wahrſcheinlich Hut und Reitpeitſche? Die Zeit, in welcher Euer Excellenz vor dem Frühſtück auszureiten pfle⸗ gen, iſt ſchon ſeit zwei Minuten vorüber. 1 Graf. Es handelt ſich diesmal um meine Haare. Kammerdiener cin's Zimmer rufend). Jakob, die Haarbürſten Numero vier und acht! 204 Magnetiſche Kuren. Graf. Ich brauche Ihre Haarbürſten nicht! (Kammerdiener kommt vor, hinter ihm der Bediente mit den beiden Haarbürſten.) Kammerdiener. In der That, ich finde das Haar Euer Excellenz einigermaßen in Unordnung. Wollen Euer Excellenz die Gnade haben, ſich einen Augenblick zu ſetzen.— Haarbürſte Numero vier! Graf. Geben Sie einmal her. CEr fährt damit durchs Haar) Sehen Sie, das geht vortrefflich.(Kammerdiener und Bedienter in ſprachloſem Erſtaunen.) Vortrefflich und ich will's künftig immer ſo machen, es iſt bequemer. Kammerdiener. Excellenz wollten— 2 Bedienter Crreudig überraſcht). Ah! Kammerdiener. Excellenz wollten in der That—? Graf. Mich künftig ſelbſt friſiren. Kammerdiener. Excellenz wollten— 2 Graf. Nun, Sie ſehen es ja. Hier iſt Ihre Bürſte. Ich reite heute Morgen nicht ſpazieren, laſſen Sie mein Pferd abbeſtellen. (In der rechten Seitenthüre ab.) Kammerdiener der noch immer unbeweglich ſteht). Excellenz wollten—? Jakob, einen Stuhl! Cder Bediente, nach⸗ dem ſich der Kammerdiener geſetzt, trägt lächelnd die Bürſten in's Nebenzimmer.) Seit fünfundzwanzig Jahren, acht Monaten und vier Tagen habe ich Seine Excellenz jeden Morgen friſirt, habe auch im Laufe des Tages die Friſur Seiner Excellenz wieder hergeſtellt, ſobald dieſe in Unordnung gebracht war, und jetzt wollten Seine Excellenz Magnetiſche Kuren. 20⁵ anfangen, ſich ſelbſt zu friſiren?— Das wird mein Tod ſein; eine 4 ſolche Unordnung überlebe ich nicht. Es iſt überhaupt heute Mor⸗ gen ſchon ſo Manches hier vorgefallen, was mich mit Kummer und Schmerz erfüllt. Ich fürchte, es geht rückwärts mit dieſem erlauchten Hauſe, denn wenn Magnetiſeure und Charlatane mit der hochgräflichen Familie dejeuniren, und wenn man ſich ſelbſt friſirt, da iſt es wahrlich ſchon weit gekommen. (Jakob iſt aus dem Zimmer zurückgekommen.) Jakob. Befinden ſich der Herr Kammerdiener nicht wohl? Sie ſehen angegriffen aus. Kammerdiener. Ich bin es auch, mein lieber Jakob. Bedienter Cuar ſich. Mein lieber Jakob?— Das hat gewirkt! Laut. O der Herr Kammerdiener ſollten ſich ſo etwas nicht zu Herzen nehmen. Kammerdiener. Das verſteht Er nicht. Sieht Er, der Dienſt in dieſem Hauſe hängt ſo zu ſagen an einer langen Kette und das Ende dieſer Kette habe ich, der Kammerdiener, in der Hand. Verletzt man mir aber ein Glied in derſelben, ſo iſt es nicht blos dieſes Glied, was Schaden leidet, ſondern das Ganze fällt auseinander. Es hat mich in der That angegriffen. Ich werde mich auf mein Zim⸗ mer zurückziehen und dort über das Weitere nachdenken. Sollte ich nicht dieſen Vorfall zu einer Kabinetsfrage machen und meine Entlaſſung anbieten? Ich will mir das überlegen. Laut) Man melde Seiner Excellenz dem Herrn Grafen ſogleich: ich, der Kam⸗ merdiener, ſei unwohl geworden. Gärſic. Das wird ſeine Wir⸗ kung nicht verfehlen.(Er nimmt heftig eine Priſe und geht ſtolzen Hauptes durch die Mittelthüre ab). Bedienter. Biktoria! Hurrah! Ich werd's freilich dem Herrn Grafen mel⸗ 206 Magnetiſche Kuren. den, aber vorher muß ich die ganze Dienerſchaft davon in Kennt⸗ niß ſetzen, wie der Magnetismus gewirkt. Siebenter Auftritt. Der Baron. Später die Baronin. (Bedienter ſtößt im Hinausgehen durch die Mittelthüre an zwei andere Bedienten, die dem Baron zwei große Päcke Bücher tragen.) Baron. Nun, nun, mein Freund! Am hellen Tage Jemand umrennen, iſt doch ſtark. Nehme Er ſich doch in Acht, es ſind koſtbare Werke darunter. Laßt mir nichts fallen, liebe Leute! Leg du deine Bü⸗ cher da auf den Boden und du die deinigen auf den Tiſch.— Ich danke euch, jetzt könnt ihr gehen. cEr wiſcht feine Brille ab und ſetzt ſte auf.) Es iſt ſonderbar, warum es mir früher nie in den Sinn gekom⸗ men, mich mit dieſer tiefen und höchſt anziehenden Viſſeenſchaft, mit dem Magnetismus, zu beſchäftigen. Ich denke das Verſäumte indeß nachzuholen, und will mir vorderhand die Anweſenheit die⸗ ſes jungen vortrefflichen Arztes zu Nutze machen. Er ſoll mir durch einen gediegenen Vortrag über ſeine Wiſſenſchaft ein ſolides Funda⸗ ment legen helfen. Hier habe ich anſehnliche Hülfsquellen in der Bibliothek gefunden. CSett ſeine Brille auf) Ich glaube, dort kommt der Doktor. Nein, ich habe mich geirrt, es iſt nur meine Frau. cer hat ſich an den Tiſch zu den Büchern geſetzt und dieſelben während ſeiner Rede aufmerkſam beobachtet.) Baronin. Da ſitzt er ſchon wieder über ſeinen Büchern. Ich weiß nicht, was er ewig darin zu ſuchen hat. Zuerſt kommt die Bibliothek und r Magnetiſche Kuren. 207 die Manuſkripte, und dann ſämmtliche Buchladen in der Reſidenz, und dann ich noch lange nicht. Baron. Ah, du biſt's, meine Liebe? Baronin. Ja ich. Baron. Kommſt du zufällig, oder haſt du mich aufgeſucht, meine Beſte? Baronin. Diesmal habe ich mir erlaubt, dich aufzuſuchen. Baron. Du haſt alſo etwas, was du mir ſagen möchteſt? So thu es, ich bin ſehr beſchäftigt. Baronin. Wie immer mit deinen Büchern. Baron. Mit dem Geiſt, der aus dieſen beſtaubten Blättern weht. Baronin(ſeufzend). Ach Gott! Baron. Sagteſt du etwas! Ich habe es nicht recht verſtanden. 3 Baronin(ſeufzt lauter). Ach mein Gott! 3 Baron. Du haſt geſeußzt. Baronin. Und was folgt daraus? Baron. Daß du irgendwo Schmerzen empfindeſt, und weiter, daß ich, dein Mann, mich zu erkundigen habe, was dir fehle. 208 Magnetiſche Kuren. Baronin. Und wenn ich dir geſagt, was mir fehlt, was ich wünſche, was mich betrübt, was mich langweilt, ſo erwiderſt du wie ge⸗ wöhnlich: am Tone des Barons)„das kann man nicht ändern, mein Kind.“ Deßhalb erſpare ich mir auch in Zukunft alle Mühe, über irgend etwas zu klagen und wenn mir einmal die Langeweile in deiner Gegenwart einen tiefen Seufzer auspreßt, ſo kannſt du ja thun, als habeſt du es gar nicht gehört. Baron. Aber ich habe es gehört und frage, warum du geſeufzt? Baronin. Ich wiederhole es nicht. Baron. Wie du willſt, mein Kind! Baronin. Ich hab es dir ſchon tauſendmal wiederholt; hat es etwas geholfen? Baron. Ich entſinne mich nicht. Baronin. O das glaube ich recht gern. Worüber du nicht nachdenken willſt, das iſt für dich gar nicht da.— Wir ſind hieher zu Schön⸗ marks gegangen nur auf vierzehn Tage, hieß es, auf der Durch⸗ reiſe nach Wien. Dort wollte ich meine Schweſter beſuchen. Ich wäre recht gern ein paar Wochen hier geblieben, aber jetzt ſind aus dieſen vierzehn Tagen zwei Monate geworden, meine Schyeſter iſt unterdeſſen auf ihre Güter nach Böhmen gereist und wenn ich ſie ſehen will, muß ich ebenfalls dahin und dann mein liebes Wien links liegen laſſen. Wie oft habe ich dich ſchon an unſere Abreiſe erinnert? Da heißt es immer: die nächſte Woche und wieder die nächſte Woche, oder wenn ich dies Werk durchgeleſen habe, oder dieſe alten Handſchriften entziffert. Pfui über dieſe alten gelben Magnetiſche Kuren. 209 Papierblätter! Du wirſt uns ſo lange hier aufhalten, bis auch die Blätter der Bäume gelb werden und dann rufen dich deine Geſchäfte nach der Reſidenz zurück. Nicht wahr? Baron. Das wäre möglich. Baronin. Aber ich danke dafür! Vorgeſtern haſt du mir feierlich zuge⸗ ſagt, wir würden Ende dieſer Woche reiſen. Baron ccinfallend). Wenn mich nicht ein wichtiges Ereigniß zurückhielte. Baronin. Natürlich! Aber woher kann hier ein wichtiges Ereigniß kommen? Baron. Es iſt ſchon eingetreten. Baronin. Welches— um's Himmelswillen? Baron. Der Doktor Steiner ſoll mir einige gediegene Vorleſungen über ſeine Wiſſenſchaft halten, mir einige nützliche Anleitungen geben und dann werde ich vermittelſt der Bibliothek des Grafen in circa vierzehn Tagen oder drei Wochen in das Studium einiger⸗ maßen eingedrungen ſein. . Baronin. Barmherziger Gott! Alſo noch drei bis vier Wochen willſt du hier bleiben? Baron. Ich ſagte vorhin drei Wochen, aber es könnten wohl vier werden. Doch ſehe ich nicht ein, weßhalb du dich zu beklagen haſt; wir ſcheinen gern geſehen, ein angenehmes Haus, der Graf höchſt liebenswürdig, die Gräfin charmant. Cspöttiſch.) Da iſt ja auch Hackländers Werke. XV.. 14 210 Magnetiſche Kuren. Eugen; der hat doch wahrhaftig die richtige Art, euch zu unter⸗ halten.„Bon jour!— wie geht's?— chère comtesse, gnädige Baronin.“ Und der lacht mit euch und fährt mit euch ſpazieren und iſt ungeheuer aimable. Baronin. Eugen macht mir nicht den Hof. Ich gebe auch keine Ver⸗ anlaſſung dazu.— Aber iſt es wirklich dein Ernſt, noch vier Wo⸗ chen hier bleiben zu wollen? Ich bitte dich, laß uns abreiſen. Du kannſt deine Studien über Magnetismus anderswo fortſetzen. Baron. Unmöglich, mein Kind, ich finde eine ſolch' günſtige Gelegen⸗ heit nicht wieder. Baronin. So reiſe ich allein ab. Baron. Das wird nicht gehen, da wir zuſammen hieher kamen, ſonſt— Baronin ceinfallend). Hätteſt du nichts dagegen? O du biſt ein vortrefflicher Ehe⸗ mann! Eugen wird mich gern nach Wien begleiten. Baron aufſchauend). Was?— Ich liebe dergleichen Scherze nicht. Doch beruhige dich. Ich will meine Studien ſo viel wie möglich abkürzen. Baronin Autt die Achſeln).„ Das haſt du ſchon oft geſagt. Baron. Genug davon.— Haſt du nicht zufällig den Herrn Doktor irgendwo geſehen? 3 Baronin. Mir ſchien, er war vorhin mit Gräfin Anna in der großen Allee. 3 1 Baron.. Ich hoffe, er kommt gleich hieher. Du wirſt mich verbinden, Magnetiſche Kuren. 211 mein liebes Kind, wenn du mich vorderhand nicht weiter ſtören wollteſt. Baronin. Gut, fahre ſo fort, ich werde mich auch nach einem Zeitver⸗ treib umſehen. (Nach rechts ab.) Baron. Was war das?— Sich nach einem Zeitvertreib umſehen. Sor nachrufend.) Eliſe!— Sie iſt ſchon fort.— Ein Zeitvertreib und Monſieur Eugen, der ſie nach Wien begleiten ſollte. cSohlagt ſein Buch zu) Ich muß mir eine nähere Erklärung darüber ausbit⸗ ten.(Er ſteht auf nnd wie er nach rechts ſeiner Frau folgen will, bemerkt er v. Rahden der ſich aus dem Garten nähert) Da kommt ſchon der Doktor. Nun, ich bin gleich wieder da, aber das muß eiligſt aufgeklärt werden; ich wäre neugierig, dieſen Zeitvertreib kennen zu lernen. (Nach rechts ab.) Achter Auftritt. v. Rahden. Die Gräfin Anna. Später die Baronin und Eugen. v. Nahden. Hier iſt Niemand, theuerſte Gräfin, und es iſt mir endlich einmal vergönnt, Ihnen ohne Zeugen ſagen zu können, wie glück⸗ lich es mich gemacht, daß ich Sie ſehen— Ihnen mein Herz aus⸗ ſchütten darf. Anna. Aber ſo unüberlegt zu handeln— hier als Magnetiſeur auf⸗ zutreten— ich lebe in einer fürchterlichen Angſt— 212 Magnetiſche Kuren. v. Rahden. Warum das, Gräfin Anna? Die Liebe zu Ihnen wird mich ſchützen.— O, Gräfin, es iſt ein langes halbes Jahr, ſeitdem ich das Glück hatte, in Ihr Auge zu ſehen, Ihre liebe Stimme zu hören. t Anna. Es iſt gewiß weit länger. v. Rahden. Ich danke Ihnen für dieſes Wort. Anna ängſtlich umſchauend). Herr von Rahden! Sie ſagten vorhin, Sie hätten mir Wich⸗ tiges mitzutheilen. Benützen wir dieſen Augenblick. Sie erhielten alſo einen Brief im Laufe des geſtrigen Tages? v. Nahden. Ich nicht, ein Freund von mir.— Seine Excellenz verlangten einen Magnetiſeur. Anna CGfeußend. Und Sie reisten hieher.— Aber um Gotteswillen, was haben Sie dabei gedacht? v. Nahden. Wenn das, was ich gedacht, nur einen Schimmer von Wahr⸗ heit für ſich hat, ſo bin ich der glücklichſte Menſch auf dieſer weiten Erde. Wiſſen Sie, Anna, was ich beſtändig während meiner Fahrt gefürchtet? Anna. Was denn? 1 v. Nahden. Hören Sie: Sie erlaubten mir, Ihnen zu ſchreiben. Ich that es vielleicht zu häufig. Ich fragte Sie in jedem neuen Briefe— wenn mir das Glück wieder vergönnt ſein würde, Sie wieder zu ſehen. Seit vierzehn Tagen erhielt ich keinen Brief von Ihnen, Magnetiſche Kuren. 213 da kam mir nun der Gedanke; Anna hat dich vergeſſen ein An⸗ derer, glücklicher als ich, hat ihr Herz gewonnen.— Anna. Haben Sie das wirklich von mir geglaubt? v. Nahden. Nur in einzelnen Augenblicken während meiner nächtlichen Fahrt, aber ich ſehe es ein, ich war ein Thor. Sie verzeihen mir dieſe Gedanken, Anna? Csie reicht ihm die Hand, die er heftig küßt.) Anna. Wie konnten Sie ſo etwas glauben! Ich habe Ihnen zwar ein paarmal Ihre Briefe beantwortet— aber immer in größter Angſt und mit der größten Gefahr— deßhalb konnte ich nicht häufiger ſchreiben. v. Rahden. Sonſt hätten Sie mir alſo öfter geantwortet? Anna Gieht ihre Hand zurüch. Das habe ich nicht geſagt. v. Nahden. Anna!— Sie ſchrieben mir nicht ungern?— Anna. Ich habe es gethan, und— ich bereue es nicht. cer win haſtts ihre Hand wieder ergreifen) Aber jetzt Ihre Mittheilungen. v. Rahden. In den letzten Tagen ging in gut unterrichteten Kreiſen das Gerücht, Seine Majeſtät habe beſchloſſen, Ihrem Herrn Vater das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten zu übertragen. Anna. Papa würde es nicht annehmen. v. Nahden. Der König würde es im Nothfall Seiner Excellenz oktroyiren. Anna. Das glaube ich nicht! 214 Magnetiſche Kuren. v. Nahden. Hören Sie weiter! Als ich mich bei dem Juſtizminiſter per⸗ ſönlich verabſchiedete, klopfte er mir auf die Schulter und ſagte freundlich lächelnd:„nun, bei uns würden Sie eine ſehr langwei⸗ lige Carriere machen; ich nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie bei Ihren— Talenten“— ich muß ſeine Worte gebrauchen— „uns untreu werden und zur Diplomatie übergehen.“ Anna. Was folgt daraus? v. Nahden. Nimmt man hiezu das Gerücht von jenem Miniſterwechſel, ſo könnte der Juſtizminiſter gedacht haben, Ihr Herr Vater wüßte ſchon um ſeine Ernennung und habe mich hieher kommen laſſen. Anna. Kennt Sie denn Papa? v. Nahden. Ich wurde ihm einmal vorgeſtellt— aber er hat mich für jetzt glücklicher Weiſe vergeſſen. O, wenn mich Ihr Herr Vater einſtens zu ſich beriefe, das wäre ein Hoffnungsſtrahl. Anna. Wie ſo, Herr von Rahden? v. Nahden. Anna, wenn Ihr Vater mich je in ſeine Nähe ziehen würde⸗ wenn ich ihm je nützlich werden könnte,— und ich fühle die Kraft, das zu können— das wär' ein Stern in finſterer Nacht. Wenn er mich zu ſchweren Arbeiten gebrauchen wollte, welche Kraft zur Ausführung würde mir— die Liebe zu Ihnen geben, Anna!— Sie ſchütteln den Kopf, Sie blicken zu Boden; o laſſen Sie mir wenigſtens meine beglückenden Träume! Ich werde ohnedieß bald genug wieder traurig erwachen. Anna ceicht ihm beide Hände). Und wenn Sie traurig erwachen, glauben Sie, der Tag wäre für mich ein glücklicher? Magnetiſche Kuren. 215⁵ v. Rahden. Verſtehe ich Sie recht, Anna? Dürfte ich mich zu der ſchwin⸗ delnden Höhe erheben und den Gedanken faſſen, daß mein Weh auch das Ihrige wäre, daß mein Wohl auch Sie beglücken könnte? Dürfte ich dies hoffen, meine Anna? Anna. Um Gotteswillen, Herr von Rahden, fragen Sie mich nicht. v. Nahden. Ja, Anna, ich fühle es an dem ſeligen Gefühl, das mich durchſchauert, während ich Ihre lieben Hände ergreife, ich bin Ihnen nicht gleichgültig— Sie lieben mich; o ſelige Gewißheit! Sehen Sie mich an, Anna, blicken Sie auf, Anna, ſchämen Sie ſich dieſes Gefühles nicht. Bei Gott, ich will es verdienen, ich will darnach ſtreben, die unendliche Kluft auszufüllen, die zwiſchen der Tochter des Grafen Schönmark und mir liegt. Ich habe die Kraft dazu; und den Muth zu dieſem Streben kann mir ein ein⸗ ziges Wort von Ihnen geben. Anna. Nicht weiter, nicht weiter!. v. Rahden. Ein einziges Wort von dir, mein angebetetes Mädchen. Anna. Ferdinand! (Baronin erſcheint in der Mittelthüre und geht von hinten nach rechts.) v. Nahden. Anna! (Er drückt ſie einen Augenblick an ſein Herz, dann reißt ſie ſich heftig los, da ſie die Baronin ſieht und ſtürzt in den Garten.) Baronin gaie ſich mühſam an der Thüre hält). Großer Gott! ein Skandal in dieſem Hauſe.— Habe ich recht geſehen?— v. Nahden claut und jubelnd). Jetzt bin ich gerüſtet. Sieg oder Untergang! 216* Magnetiſche Kuren. Baronin ctalt zum Doktor). Ich glaube das Letztere! mein Herr, und dazu will ich das Meinige beitragen. v. Nahden rrſchreckt für ſichd. Um Gotteswillen, die Baronin! cLaut) Gnädigſte Frau! Baronin. Schweigen Sie! Ein ſolcher Mißbrauch der Gaſtfreundſchaft, das iſt mehr als ſchlecht, es iſt erbärmlich. 1 v. Nahden(indem er ihr nacheilt). So hören Sie mich an, gnädigſte Frau, nur einen Augen⸗ blick; ich bitte, ich beſchwöre Sie darum! 3 (Sie macht eine abwehrende Bewegung mit der Hand und eilt rechts ab. Die Thüre bleibt offen.) v. Nahden. Ich kann ihr nicht folgen, ohne Aufſehen zu erregen; und doch, ich muß mit ihr ſprechen, ſie muß mich hören. Himmel, was fang' ich an? (Er eilt an die Mittelthüre und ſtößt auf Eugen, der herein kommt.) (Dieſe Scene muß ſehr ſchnell geſpielt werden.) Eugen. Wohin denn ſo eilig? Du rennſt mich ja faſt um. v. Nahden. Ah, Eugen, du mußt mir helfen. Kann ich mich auf dich 1 verlaſſen? Eugen. Wie auf dich ſelbſt. v. Nahden. Du ſiehſt dort die Baronin? Eugen. Sie eilt nach dem äußern Park. v. Nahden. So eile ihr nach. Magnetiſche Kuren. 217 Eugen. Ich? v. Nahden. Ja, du. Hol'ſie ein und bleibe an ihrer Seite, verlaſſe ſie nicht eine Sekunde. Eugen. Ah, das iſt ſonderbar! v. Rahden. Nicht eine Sekunde, bis ſie hieher zurückgekehrt iſt. Ich muß mit ihr ſprechen, bevor es ihr möglich war, mit Jemand anders zu redeu. Eugen. Wenn ſie aber nicht hieher zurückkehren will? v. Nahden. Du ſagſt ihr, ich laſſe Sie um Gotteswillen bitten, mir eine Unterredung zu ſchenken. Eugen. Erſt ein paar Stunden hier und ſchon ſolche Streiche! v. Nahden. Nur fort! nur fort! Eugen. Aber wenn zufällig ihr Mann mit ihr allein ſprechen will? v. Nahden. So bleibſt du auch da. Eugen. Das iſt aber indiskret. v. Rahden. Sei indiskret. Du gehſt der Baronin nicht mehr von der Seite, bis ich ſie geſprochen? (Reicht ihm die Hand.) Eugen(einſchlagend). Ich verſpreche es dir feierlich. 3 218 Magnetiſche Kuren. v. Nahden. Nun denn, fort! fort! v. Nahden. Ich bin in der tödtlichſten Angſt.(Der Baron kommt eilig durch die Mitte.) Wenn ſie zufällig dem Baron begegnete, und das iſt ſehr möglich, kann Eugen ſie auch verhindern, daß ſie ihrem Manne Alles entdeckt? O, wenn nur jetzt der Baron bei ſeinen Büchern bliebe! (Eugen ab.) Baron. Haben Sie meine Frau nicht geſehn? v. Nahden Cfür ſich. Da iſt er ſchon. Baron. Sahen Sie meine Frau nicht? v. Nahden. Leider! Herr Baron. Baron cerſtaunt). Leider? Wie verſteh' ich das? v. Nahden. Bitt' um Entſchuldigung. Ich war zerſtreut. Herr Baron ſuchen— Baron Coefremdet). Meine Frau. War ſie nicht eben hier? v. Rahden. Allerdings. Baron. Und wo ging ſie hin? v. Nahden. Sie ging, ſie eilte—— Ceigt nach lints dorthin. Baron (mit befremdetem und ſehr gedehntem Tone). Ich danke Ihnen, Herr Doktor. Ich hoffe, meine Frau ſo⸗ gleich zu finden.(Sieht ſich an der Thüre nochmals um und ſchüttelt den Kopf.) — Magnetiſche Kuren. 219 v. Nahden Ja, er wird ſie finden, er wird ſie ſprechen.— Ich bin verloren! Dritter Aufzug. Dieſelbe Dekoration. Erſter Auftritt. Der Graf. Der Baron(rechts. Die Gräfin(links in einem Fauteuil). Graf. Erlauben Sie mir, beſter Baron, ich finde die Sache gar nicht ſo auffallend, und wenn Sie mir es nicht übel nehmen, ſo ſcheint mir Ihre Entrüſtung faſt lächerlich. Baron. Meine Entrüſtung iſt durchaus nicht lächerlich. Graf. Sie, ein beſonnener Mann, werfen auf einmal wegen einer Kleinigkeit, einen wenn auch nur entfernten Verdacht auf Ihre Frau. Baron. Nicht mit Unrecht. Wenn Sie freilich jede einzelne Thatſache aus ihrem Zuſammenhange reißen, ſo verliert ſie an Gewicht, aber wenn Sie ſehen, wie eine aus der anderen folgt, ſo iſt die Sache nicht unbedeutend.. Graf. Sehr unbedeutend. 220 Magnetiſche Kuren. Gräſin(die in einem Buche geleſen). Was habt ihr denn? Ihr ſprecht ſo leiſe und doch ſo eifrig zuſammen. Graf. O nichts von Bedeutung! Baron. Doch, Gräfin; es iſt bedeutend. Graf. Nicht der Rede werth! Gräſin. Geheimniſſe!— Da will ich nicht ſtören. Caie legt ihr Buch hin und thut, als wolle ſie aufſtehen.) Baron. Nein. Bitte Gräfin! Es iſt für Sie kein Geheimniß. Graf. Seien Sie klug! Was ſoll meine Frau denken? Baron. Die Anſicht der Gräfin iſt mir wichtig, und ſie wird ihre Meinung offen gegen mich ausſprechen. Davon bin ich feſt überzeugt. Gräſin. Um was handelt es ſich denn? Baron, Sie ſind ja ſo auf⸗ geregt. Graf. Eine fixe Idee. In Gottes Namen denn, wenn Sie ſprechen wollen! Du wirſt ſchon hören, wie komiſch die Sache iſt. Baron. Duſ häus nicht komiſch, Gräfin. Gräſin. Wenn Sie mir Ihr Vertrauen ſchenken, ſo will ich Sie auf⸗ merkſam anhören. Varon. Darum bitte ich.— Ich hatte vor einer Stunde ein Geſpräch Magnetiſche Kuren. 221 mit meiner Frau; wir redeten auch über unſere Abreiſe, da gab ein Wort das andere und Eliſe wurde wie gewöhnlich heftig, ſie verlangte zu ihrer Schweſter nach Wien zu reiſen. Ich dagegen wollte die Anweſenheit des Doktor Steiner, ſowie Ihre vortreff⸗ liche Bibliothek noch eine Zeit lang benützen und bleiben. Graf. Was mir ſehr angenehm wäre. Baron. Dagegen erklärte mir die Baronin, daß wenn ich nicht mit ihr reiſen wolle, ſo fände ſie ſchon eine andere Begleitung. Graf Gur Gräſin). Das frappirte ihn. Gräfin. Welche Begleitung meinte ſie? Baron. Natürlich die eines jungen Mannes. Graf. Und darüber hat er ſich ereifert. Iſt das nicht komiſch? Gräfin. Ein harmloſer Scherz; darüber ſollten Sie lachen, Baron.— Und nannte ſie die Begleitung? Baron Gzuckt die Achſeln und ſieht den Grafen an). Graf. Ja, lieber Freund, wenn Sie einmal beichten, dann müſſen Sie's auch gründlich thun. Jetzt nennen Sie den Namen des jungen Entführers. Gräſin clachend). Ich glaube, Sie könnten ſich beruhigen. Das iſt eine kleine Neckerei.— Und wer hat ſo ungegründet ihren Verdacht erregt? Baron. Nun denn, Eugen. 222 Magnetiſche Kuren. Gräſin cſehr ernſt). Eugen? Ah, das iſt ſtark! Graf. Iſt das nicht ſehr komiſch? Eugen, der junge harmloſe Menſch! Gräfin. Allerdings könnte man es komiſch finden. Aber die Sache hat trotzdem ihre ernſten Seiten. Graf. Was? Baron. Nicht wahr, Gräfin? O ich gebe Ihnen vollkommen Recht. Aber hören Sie, die Sache iſt noch nicht zu Ende. Gräfin. Noch nicht einmal zu Ende?— Hat ſie denn überhaupt an⸗ gefangen?— Graf. Das Weitere iſt ebenſo unbedeutend. Gräſin. In ſolchen Sachen iſt nichts unbedeutend. Dieſer Eugen⸗ iſt ein leichtſinniger, junger Menſch, den man ſcharf im Auge behalten muß. Bitte, beſter Baron, erzählen Sie weiter! Ihre Angelegen⸗ heit intereſſirt mich ſehr. Baron. Ich muß zugeben, daß ich ſelbſt die Aeußerung Eliſens an⸗ fänglich für einen Scherz nahm; aber ihr ſonderbares Betragen ſo eben im Garten— 3 Gräfin. Ihr ſonderbares Betragen im Garten?— Baron. Ja und noch mehr das Betragen des Herrn Eugen mußte meinen Verdacht erwecken. Magnetiſche Kuren. 223 Gräfin Czum Grafen). Hörſt du's wohl, wie ſich Eugen wieder betragen hat? Du biſt zu gut mit dem jungen Menſchen. Graf. Ich habe noch gar nichts gehört, und ich glaube, du ebenſo wenig, und wenn du den Baron immer mit deinen Akklamationen unterbrichſt, ſo werden wir auch nicht viel zu hören bekommen. Gräſin. So etwas alterirt mich.— Aber weiter, Baron! Baron. Ich ſuchte meine Frau und als ich ſie endlich einholte, war ſich. ſie außer ſich Gräfin. Außer ſich?— Und Eugen? Baron. Sie eilte davon dem äußeren Parke zu, und wenn ich nicht irre, ſo drückte ſie ihr Schnupftuch zu wiederholten Malen an die Augen. Gräfin czum Grafen). Hörſt du?— Und Eugen? Baron. Eugen war neben ihr und geberdete ſich wie ein Wahn⸗ ſinniger. Gräfin Gum Graſend.— Haſt Du's gehört? Er geberdete ſich wie ein Wahnſinniger. Ja, das iſt zu arg! Graf. Was iſt denn Arges dabei? Eugen hat ſich ſowohl mit Eliſen wie mit dir ſchon hundertmal wahnſinnig geberdet. Baron. Die Gräfin iſt ſeine Tante. Aber hören ſie nur weiter! Gräfin. Höre nur weiter.— Ich hätte das nie gedacht. 224 Magnetiſche Kuren. Baron. Ich auch nicht.— Natürlich eilte ich ebenfalls nach dem äußeren Park. Graf. Das war ja ein kleines Wettrennen; ich hätte es ſehen mögen. Gräfin. Sei nicht ſo herzlos!— Baron. Alſo im äußeren Park traf ich Beide, heftig zuſammen ſpre⸗ chend, namentlich Eugen ſchien meine Frau dringend um etwas zu bitten. Gräfin. Schändlich! ſchändlich! Graf Gzuckt die Achſeln). Sagen wir leichtſinnig, meinetwegen ſehr leichtſinnig. Gräfin. Und als Beide Sie ſahen? Baron. Erſchrak Eugen heftig. Aber jetzt kommt das Stärkſte.— Gräfin. Nun? Baron. Ich bot meiner Frau den Arm, ich führte ſie in den Park. — Eungen blieb neben uns. Ich that, als habe ich ihr etwas Wichtiges mitzutheilen, und denke, der junge Menſch wird doch aus Achtung vor mir zurückbleiben. Pas du tout! er ſpaziert ruhig neben meiner Frau daher.— Ich bitte ihn endlich, er möchte im Schloſſe ſagen, wir hätten keine Luſt ſpazieren zu fahren— ich woll te ihm damit nur zu verſtehen geben, daß er mir läſtig ſei— aber er wollte es nicht verſtehen, er ſagte: oh! man wird nicht auf Sie warten! und blieb an der Seite meiner Frau.— Nun, wenn das nicht Verdacht erregend iſt, was ſonſt ſoll dies ſein? Magnetiſche Kuren. 225 Gräfin. Ich fühle das vollkommen.— In der That ein höchſt zwei⸗ deutiges, unartiges Betragen!— Schändlich!— Graf. Das Betragen Eugen's iſt allerdings auffallend; aber Ihre Frau, lieber Freund, was kann ſie dafür, wenn der junge Menſch zudringlich geweſen iſt? Ich werde ihm das verweiſen. Gräſin. Daran thuſt du ſehr wohl. Fürſic.) Eliſe iſt eine Kokette.— Baron. Aber ich kann mir nicht verhehlen— und es iſt mir ſchmerz⸗ haft es ſagen zu müſſen— meine Frau muß doch irgend eine Ur⸗ ſache hiezu gegeben haben. Gräfin. Allerdings, es kommt mir auch ſo vor; ich hätte das nie ge⸗ glaubt, ah c'est trop! Man muß dieſem jungen Menſchen auf's Allerernſthafteſte in's Gewiſſen reden. Graf. Aber nicht unüberlegt. Man könute dadurch die Sache nur ſchlimmer machen.— Ruhig! Da kommen Beide aus dem Garten zurück; thut mir den Gefallen und verhaltet euch ruhig, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich bin der Unbefangenſte, laßt mich handeln. Baron. Das iſt mir ganz recht. Gräfin. Ich werde nur meinen eigenen Augen trauen. Cür ich.) Mir ſoll nicht eine Miene entgehen. Hackländers Werke. XV. 15 226 Magnetiſche Kuren. Zweiter Auftritt. Die Vorigen. Eugen. Die Baronin.(Cetztere ſieht etwas blaß aus.) Baronin. Ihr ſeid Alle hier verſammelt? Ich glaubte, ihr hättet einen kleinen Spaziergang gemacht. Gräfin. Das hatteſt du geglaubt? Gür ſich) Wie ſie blaß iſt! Baronin. Was liest du da? Gräſin. Das Werk, von dem wir heute Morgen geſprochen. Baronin. Laß' doch ſehen. Gräfin(für ſich). Aha, ſie will ein Geſpräch vermeiden. Baronin clehnt ſich in ein Fauteuil und hält das Buch vor die Augen). Graf. Nun, wo wart ihr denn? Eugen. Ich zeigte der Baronin die neuen Anlagen in dem Park; ich ſpa⸗ ziere mit der Baronin außerordentlich gern. Sie hat ſo vielen Sinn für das Schöne, und ich muß Ihnen geſtehen, Baronin: Sie haben einen vortrefflichen Geſchmack. Baron (huſtet bedeutſam). Gräfin Cfür ſich. Der unverſchämte junge Menſch! Magnetiſche Kuren. 227 . Eugen (der während dieſer ganzen Scene ſich bemüht, luſtig zu ſein, und dabei die Baronin nicht aus den Augen läßt, für ſich). Wenn nur der Doktor käme, daß er ſeine Rolle ſelbſt ſpielen könnte! cLaut.) Ja, wir haben zuſammen geſchwärmt, die Baronin und ich. Es war auch ſo herrlich im Park, und der Blick in das Thal hinab ſo reizend, der Himmel mit ſeinen Wolken, und da⸗ durch auf den Fruchtfeldern Schatten und Licht. GFuür ſich. Aber was machen die alle für ſonderbare Geſichter? cZum Grafen. Reiten Sie nicht ſpazieren, lieber Onkel? Graf Cfür ſich. Es iſt vielleicht gut, wenn ich ihm den Kopf ein wenig zurecht ſetze. Oie Sache kommt mir nicht ganz richtig vor; er ſpricht ſo dummes Zeug. CLaut. Ja, es iſt unſere Stunde, Eugen; wir wol⸗ len in den Wald reiten— komm! Eugen. Mit Vergnügen! cFür ſc Alle Wetter! ich darf nicht von hier fort; ſo eine Commiſſion übernehme ich in meinem ganzen Leben nicht mehr. CEr reibt ſich das Knie.) Graf. Nun, ſo komm' doch! Gräfin Lar ſich. Er wird nicht gehen; der Baron hat Recht. Eugen. Ich kann wahrhaftig nicht reiten, lieber Onkel, ich habe bei den Felſen für die Baronin eine Blume holen wollen, und da bin ich hingefallen und habe mir wehe gethan. Baron Cfir ſich. Er iſt hingefallen. Eugen. Nicht wahr, Baronin? Baronin. Ja— ich glaube— es war ſo.— 228 Magnetiſche Kuren. * Baron für ſich. Und ſie bezeugt ihm das! Gräfin Cr ſich. Wie ſie verlegen iſt! Ha, ich hätte das niemals gedacht! daaut.) Und was war es für eine Blume, Eliſe? Baronin. Ich weiß nicht, ſo eine Felſenblume. Graf Cfür ſich. Die Sache iſt nicht richtig. Caut zu Cugen.) Nun, ſo gib doch du deiner Tante Auskunft. Was war es für eine Blume? du wirſt doch deine Botanik nicht ganz vergeſſen haben? . Gräfin(Cpitig. Wenn man ſo eifrig botaniſirt. — Baronin cfür ſich. Was war das? 3 Eugen. Nun ja— es war— ſo eine— mirabilis, glaube ich, heißt ſie. Baron. Das iſt freilich mirabilis. Eugen. Nicht wahr, Baron? Sie kennen das beſſer als ich. So eine blaue und rothe Blume, lange und wollige Blätter, andt ich, wie — wie ſagten Sie vorhin? Baron. Laſſen Sie mich mit Ihren wolligen Blättern zufrieden, jun⸗ ger Mann! Sie thäten überhaupt beſſer— Graf cleiſe zum Baron). Bſt! bſt! das iſt nicht die Art. Eugen ceer ſich. Ja, was wollen die denn Alle? Magnetiſche Kuren. 229 Baronin Cur ſich. Ich muß mit dem Doktor ſprechen! Wenn ſie mich nur allein ließen! cgaut zut Gräfnd Adelaide, erzeige mir eine Gefälligkeit: laß mich einen Augenblick hier allein. Gräfin(gereizt). Dieſe Zumuthung, Eliſe! Baronin. Eine Bitte, die man einer Freundin wohl ausſprechen darf. Gräfin Ciur Kc. Sie will mit ihm allein ſein, die Falſche! Baronin. Nur ein paar Augenblicke. Nimm den Grafen und meinen Mann mit. Ich werde dir ſpäter Alles erklären. Gräfin cindem ſie aufſteht). Ich danke für dieſe Erklärung. Baronin. Adelaide! Ich begreife dich nicht. Gräfin. Dein Betragen iſt mir noch unbegreiflicher. Eugen Cfur ſich. Was mögen die zuſammen haben? Ich muß meinem Freunde Wort halten, ich muß wiſſen, was ſie ſprechen.(Er geht auf die Baronin zu und ſetzt ſich auf den Fauteuil, den die Gräfin verlaſſen.) Gräſin. Das iſt zu arg! Eugen Gzur Baronin). Nicht wahr, ein vortreffliches Buch!— Sehr amüſant. GCFür ſc.) Wenn nur der verwünſchte Doktor endlich käme! Baron czum Grafen). Habe ich recht oder unrecht? Graf Ich glaube, es iſt etwas dahinter. 230 Magnetiſche Kuren. Eugen. Soll ich wieder vorleſen? Was meinen Sie, Tante?— und Sie, Baronin? 3 Baronin. Ich danke Ihnen. Ich fühle, daß ich nicht aufmerkſam ſein. kann. Gräſin Cfür ſich. Richtig, ſie will allein ſein. Graf czum Baron). Nur kein Aufſehen erregen. Ich ſehe ſoeben den Doktor ſich dem Hauſe nähern. Nur keinen Skandal vor fremden Leuten! Adelaide, ich bitte dich, einen Augenblick mit uns in den Garten zu gehen. Kommen Sie auch, Baron. Baron. Dann bleiben ſie aber allein. Gräfin. Du willſt ſie allein laſſen? Graf. Nur einen Augenblick; ich kehre dann zurück, und ſpreche mit ihnen. Ich kann noch immer nicht daran glauben. Gräſin. Ich begreife dieſe Ungläubigkeit nicht. Gzur Baronin.) Du gehſt natürlich nicht mit, Eliſe? Baronin. Ich folge gleich, ich will nur dieſen Abſchnitt beendigen. Graf czu ſeiner Frau). So kommt nur. . Baron. Nun, Herr Eugen, Sie gehen auch nicht mit in den Garten? Graf. Warum dieſe Frage? eAb durch die Mitte.) Magnetiſche Kuren. 231 Eugen. Den Augenblick folge ich. EEr eilt bis an die Thüre) Gott ſei Dank, dort kommt der Doktor! ich bin erlöst.— ccr eilt zur Baronin zurück) Gnädige Frau, da kommt mein Freund; glauben Sie mei⸗ nen Worten, er iſt ein vollkommener Ehrenmann. (Rechts ab.) Dritter Auftritt. v. Rahden. Die Baronin. v. Nahden. Gnädige Frau, ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet, daß Sie meiner Bitte, mich einen Augenblick anzuhören, nachge⸗ kommen ſind; dieſer dringenden Bitte, welche mein Freund Engen in meinem Namen Ihnen ausgeſprochen. Baronin. Ihr Freund Eugen. . v. Rahden. Ja, gnädige Frau; und dieſer Name möge Ihnen ein kleiner Beweis ſein, daß ich nicht ſo ganz unwürdig vor Ihnen ſtehe. Baronin. Ich zweifle ſehr, daß Sie dieſen Beweis zu führen im Stande ſind. Ich geſtehe Ihnen, mein Herr, daß mich in langer Zeit nichts ſo erſchüttert hat, wie jene Scene, die ich ſo unglücklich ſein mußte mit anzuſehen. v. Nahden. Ehe ich etwas zu meiner Entſchuldigung ſage, erlauben Sie mir die Frage: ſprachen Sie ſchon mit irgend Jemand darüber? Magnetiſche Kuren. Baronin. Nein. v. Nahden. Ich danke Ihnen dafür. Baronin. Ich verdiene dieſen Dank nicht, ich war nicht im Stande, über dieſe empörende Scene zu ſprechen, weil mich Eugen ſeit derſelben nicht eine Sekunde verließ. Sonſt glauben Sie ja nicht, daß ich geſchwiegen hätte. v. Nahden. Ich habe das gefürchtet, und deßhalb— Baronin. Durfte mich Ihr Freund nicht aus den Augen laſſen; kein ſchlechter Plan. v. Nahden. Den mir die Verzweiflung eingegeben. Baronin. Reden Sie in Gottes Namen, aber ich fürchte, Ihre Worte werden mir kein Stillſchweigen auferlegen. v. Nahden. Nun denn— ich bin nicht der, für welchen Sig mich halten.— Baronin. Nicht Magnetiſeur? v. Nahden. Doch— ich beſchäftige mich nebenbei auch mit Magnetismus. Baronin(verächtlich). Sie haben viele Beſchäftigungen, wie es ſcheint. v. Nahden. Sehr verbunden für die gute Meinung. Baronin. Nun denn, wer ſind Sie? Magnetiſche Kuren. 233 v. Rahden. Mein Name iſt Ihnen vielleicht nicht unbekannt.— Ferdinand von Rahden. Baronin. Unmöglich! Der Sohn des Präſidenten? v. Nahden. Derſelbe, gnädige Frau. Baronin. Aber ich ſah Sie nie in der Geſellſchaft. v. Nahden. Weil ich, mit meinem Studium beſchäftigt, äußerſt ſelten in die Welt ging, und weil eine gefeierte Dame, wie die Baronin Steinbach, den unbedeutenden Advokaten begreiflicher Weiſe überſah. Baronin. Sie ſehen mich erſtaunt. v. Nahden. Erſcheine ich Ihnen weniger ſchuldig? Baronin. Weniger, ja, aber nicht ſchuldlos. Welche Rolle ſpielen Sie hier? v. Nahden. Hier bin ich Magnetiſeur. Baronin. Das iſt lächerlich. Was führte Sie hieher? v. Nahden. Meine magnetiſchen Kuren. Baronin. Und jene Scene mit Anna, war wohl auch— v. Nahden Aaͤchelnd. Aeußerung meiner magnetiſchen Kraft. Baronin. Halten Sie ſich in der That für ſo anziehend? 234 Magnetiſche Kuren. . v. Nahden. Diesmal wurde ich angezogen. Ja, Baronin,— ich kann es Ihnen nicht verſchweigen: ich liebe die Gräfin. Baronin. Das arme Kind! v. Nahden. Dieſe Aeußerung iſt nicht ſchmeichelhaft für mich. Baronin. Aufrichtig geſtanden, Ihre Schuld iſt in meinen Augen aller⸗ dings kleiner geworden; ich erinnere mich Ihres Namens recht wohl, er wurde von meinem Manne immer mit Auszeichnung genannt. v. Nahden. Sie ſind zu freundlich. Baronin.. Aber wie können Sie, ein geſcheidter junger Mann, ein kluger Advokat, ſo unkluge Schritte thun, die Sie und die arme Anna in die grenzenloſeſte Verlegenheit führen mußten? Kennen Sie den Grafen Schönmark, wiſſen Sie, daß Anna ſchon die glänzendſten Partien machen konnte, daß ſich die erſten Söhne des Landes um ihre Hand bewarben, und daß ihr Vater alles ablehnte, weil ihm die einzige Tochter unſchätzbar iſt? v. Nahden Ceufzend). Jal ſie iſt unſchätzbar. Baronin. Wenn ich an die ganze Sache denke, ſo ſchwindelt mir. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber nach dem, was ich von Ihnen hier geſehen, halte ich Sie für leichtſinnig genug;— Anna, das ſtille, ſanfte Mädchen! Sagen Sie mir ums Himmels willen, wie ent⸗ ſtand dies Verhältniß?. v. Nahden Cfr ſichd. Gott ſei DankV! ſie wird neugierig. Magnetiſche Kuren. 235 Baronin. v. Nahden. Das, Frau Baronin, geſchah durch— meine magnetiſche Kraft. Baronin. Pah, Unſinn!(Sie geht heftig von ihm weg.) v. Nahden. Gewiß, Frau Baronin, nur magnetiſche Kraft. Ich bin unter⸗ nehmend und leichtſinnig, doch dabei ſo unbedeutend, daß es nur möglich war, durch dieſe mächtige Wiſſenſchaft mir einige Theil⸗ nahme bei der jungen Gräfin zu erwecken. (Pauſe.) Baronin AKachelnd). Alſo in der That magnetiſche Kraft? Wenn Ihnen ein Ge⸗ fallen damit geſchieht, ſo will ich das glauben. Aber wie wollen Sie zu einem glücklichen Ziele kommen? v. Rahden. Vielleicht durch Ihre Hülfe, Frau Baronin; ich rechne deauf. Baronin. Da rechnen Sie ganz falſch. v. Nahden. Aber auf Ihre Verſchwiegenheit; Frau Baronin. Baronin. Auf meine Verſchwiegenheit?— Ich verſichere Sie, mir iſt bei dieſer Angelegenheit gar nicht wohl. Ich kenne den Grafen. (Für ſich) O Gott, wenn ich nur den Baron dazu brächte, das Schloß ſo bald als möglich zu verlaſſen! Ich mag bei Explika⸗ tionen wie die, welche nothwendig folgen müſſen, nicht zugegen ſein. v. Nahden. Sie überlegen ſehr lange, gnädige Frau. Baronin Kaach einer kleinen Pauſe. Fr ſichd. Ja, ja, das wäre möglich.— Warte Magnetiſeur! cLaut. Nun ja, ich will ſchweigen, aber unter einer Bedingung. Nun? 1 1 4 b 236 Magnetiſche Kuren. v. Nahden. Wenn es in meiner Kraft ſteht, ſie zu erfüllen.— Baronin. In Ihrer Macht? einer ſolchen magnetiſchen Kraft iſt nichts unmöglich. v. Rahden. Es betrifft alſo meine Wiſſenſchaft? Baronin(achelnd. Wenn Sie wollen, ja. Hören Sie mich. Ich kann nur in einem Falle ſchweigen, wenn es mir nämlich möglich gemacht wird, dies Schloß ſpäteſtens morgen zu verlaſſen. Sie werden ſelbſt einſehen, daß bei einem Eclat, der nothwendig erfolgen muß, meine Anweſenheit als Mitwiſſerin nicht angenehm wäre. v. Nahden. Allerdings; aber ich ſehe nicht ein— Baronin. Was mich hier zurückhält, wollen Sie ſagen? v. Nahden (verbeugt ſich). Baronin. Das will ich Ihnen nicht verſchweigen. Mein Mann hat ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, noch drei bis vier Wochen hier zu bleiben. Er will unter Anderem mit Ihnen magnetiſche Studien machen. v. Nahden Car ſich. Da wird er nicht viel profitiren. . Baronin. Der Preis meines Schweigens iſt alſo, daß Sie den Baron vermögen, morgen mit mir abzureiſen. v. Rahden. Aber das iſt ja eine Unmöglichkeit. Magnetiſche Kuren. 237 Baronin Kachelnd). Ihnen iſt nichts unmöglich. v. Rahden. Womit kann ich den Baron zur Abreiſe nöthigen? Baronin Klächennd). Durch Ihre magnetiſche Kraft. v. Nahden Cfür ſich. Ah ſo! ich werde mit meinen eigenen Worten geſchlagen. Caut) Und im andern Falle? Baronin. Bin ich der Gräfin Schönmark die Erklärung ſchuldig, auf welche Art Sie mit deren Tochter magnetiſche Studien treiben. v. Rahden Ar ſich. Das war boshaft; ſie iſt eine energiſche Frau, ich muß mit Sicherheit auftreten. csaut) Alſo das iſt Ihr ganzer Wunſch, Frau Baronin? Baronin. Allerdings. v. Nahden. Eine Kleinigkeit.(Für ſich.) Wenn ich nur wüßte, wie ich das anfangen ſoll. Baronin« cerſtaunt). Sie gehen auf meinen Vorſchlag ein? v. Nahden acheind). Gewiß, Frau Baronin.— Meiner magnetiſchen Kraft iſt nichts unmöglich. 4 Baronin. Glauben Sie nicht, daß ich die Großmüthige ſpielen werde; unſere Bedingungen müſſen eingehalten werden, ſonſt gilt keine Schonung. 238 Magnetiſche Kuren. v. Nahden. Sie behandeln mich hart, aber Sie ſehen mich nicht muthlos. Ich werde Ihre Bedingungen zu erfüllen im Stande ſein. Baronin fir ſich. Es iſt mir unbegreiflich! cLaut) Nun, dann können Sie Ihre Experimente ſogleich anfangen. Dort kommt der Baron.— Auf Wiederſehen, Herr Doktor! (Sie geht nach hinten, er folgt ihr.) Vierter Auftritt. v. Nahden. Die Gräfin. Der Baron. v. Nahden. Richtig, dort kommt der Baron, glücklicher Weiſe nicht allein, er führt die Gräfin und Beide ſehen ſehr melancholiſch aus. Das iſt eine ganz verwünſchte Lage; dieſe Baronin bringt mich noch zur Verzweiflung. Wie kann ich ihren Mann zu dem Entſchluſſe bringen, dies Schloß zu verlaſſen? Der hat ſich hier in der Biblio⸗ thek ordentlich feſtgebiſſen; da hat er Bücher aufgehäuft, Namen, die ich in meinem ganzen Leben kaum gehört. Cer nimmt einige Bücher zur Hand.) Villers, Albers, Treviranus, Kieſer, Kerner, Eſchen⸗ maier, auch Stieglitz und Hufeland über den thieriſchen Magnetis⸗ mus. Das ſſt ein artiger Scheiterhaufen, um mich bei lebendigem Leibe langſam zu röſten, und dem habe ich nichts entgegen zu ſetzen, als mein ſchlechtes Gewiſſen, eingewickelt in ein Blatt des Con⸗ verſationslexikons sub magnetismus. Den Kopf hoch und das Steuerruder feſt in der Hand; laßt ſie ankommen! Magnetiſche Kuren. 239 Gräfin Gum Baron in der Mittelthüre). Ich habe noch zwei Worte mit dem Doktor zu ſprechen, dann bleibt er Ihnen überlaſſen. Baron. 23. Sie haben zu befehlen, Gräfin! e v. Nahden Cfir ſich. Was mag die Gräfin wollen? Baron cindem er rechts abgeht). Nicht wahr, mein beſter Doktor, Sie werden mich hier erwar⸗ ten? Ich freue mich, Sie ein paar Augenblicke zu ſprechen. v. Nahden.. Ich bin ganz zu Ihrem Befehl, Herr Baron. (Die Gräfin ſetzt ſich in ein Fauteuil und ſtützt den Kopf mit der Hand.) v. Nahden fir ſich. Aber was hat denn die Gräfin? Gräfin. Herr Doktor, ich bitte Sie, ſich mir ein wenig zu nähern. Ich fühle mich angegriffen und das laute Sprechen wird mir ſchwer. Nehmen Sie einen Stuhl.— Ich hatte heute Morgen noch nicht Zeit, Sie zu begrüßen, wie es einem Manne von Ihren Kennt⸗ niſſen gebührt. v. Rahden. Unbedeutende Erfolge, Gräfin! Gräfin. Keine falſche Beſcheidenheit! Der Graf ſprach mir nicht nur von dem großen Anſehen, in welchem Sie ſowohl beim Publikum, als auch bei Ihren Collegen ſtehen, ſondern er erzählte mir auch von bedeutenden Kuren, die er erfahren, ja ſogar von einer, die Sie unter ſeinen Augen mit großem Erfolg angefangen. v. Rahden. Davon alſo ſprachen der Herr Graf? 240 Magnetiſche Kuren. Gräfin. Allerdings. Es handelte ſich um die Nervenleiden einer Dame, die Sie mit einer Sicherheit beſeitigt hätten, welche Staunen erregte. v. Nahden. Der Herr Graf haben zu viel Rühmenswerthes von mir geſagt. cFür ſich) Die Gräfin ſpricht von ſich ſelber. Gräſin. Ich faßte durch dieſe Erzählung des Grafen das vollkommenſte Zutrauen zu Ihnen und möchte Sie um Ihren Rath und Ihre Hülfe bitten. v. Nahden Cürr ſich. Das iſt eigentlich indiscret von dem Grafen. cLaut) Ich bin ganz zu Ihren Befehlen, gnädige Gräfin. Gräfin. Ich kann über meinen Geſundheitszuſtand im Allgemeinen nicht klagen; Sie begreifen aber wohl, daß die Hitze des Sommers mich zuweilen verſtimmt. v. Rahden cCfür ſich. Ich habe es bemerkt. Gräſin. Aber heute hatten wir ein Gewitter, was mich außerordentlich erfriſchte. v. Nahden. Das iſt häufig der Fall. Gräſin. Jetzt ſeit einer Stunde fühle ich aber meine Nerven ſo auf⸗ geregt, ich habe ſtarkes Herzilohſen, kurz, ich befinde mich in einem unerträglichen Zuſtande. v. Nahden cfür ſich). Der verwünſchte Eugen wird wieder nach dem Waldhof ge⸗ Magnetiſche Kuren. 241 ritten ſein. EEr faßt ſehr förmlich ihren Puls.) Wenn nur wieder ein Ge⸗ witter kommen wollte! Gräfin. Ich habe nicht gewußt, daß Sie als Magnetiſeur auch den Puls Ihrer Kranken anfühlen. v. Nahden ür ſichd. Ich weiß es auch nicht beſtimmt. aut) Gnädige Gräfin, der Puls eines Leidenden iſt in ſeinen Schlägen auch für uns ein Zeichen, wie ſtark die Krankheit auftritt. Gräfin. Ach ja, und Sie ſind auch nebenbei Arzt— nach unſern Begriffen. v. Rahden. Auch unſere Wiſſenſchaft, der Magnetismus, iſt ebenfalls auf die allgemeine Arzneiwiſſenſchaft fundirt. cgür ſic) Wieder ein Examen! Gräfin. Ich weiß, daß Sie Arzt ſind; Eugen hat es mir geſagt. v. Nahden. Eugen? Gräfin. Eugen von Felſen, der ſich in unſerem Schloſſe zuſ iitz er kennt Sie ſehr genau, wie er mir geſagt. v. Nahden cfür ſichd. Der Schwätzer! Laut. O ja, wir kennen uns ſehr genau, wir ſtudirten zuſammen. Gräfin. Eugen iſt doch wohl mehrere Jahre jünger als Sie. v. Rahden. Allerdings, Gräfin; er kam auf die Univerſität, als ich ſchon einige Jahre da war. Hackländers Werke. XV. 4 16 242 Magnetiſche Kuren. Gräfin. Er iſt im Grunde ein ſehr guter junger Menſch— aber etwas leichtſinnig. v. Nahden Cfr ſich). Da hat's was gegeben. Kaut) Ja, Gräfin, wie alle jungen Leute in ſeinem Alter. Gräfin. Sie ſprachen ihn ſchon? v. Nahden. Nur flüchtig, bei meiner Ankunft. Er wollte mich hier wieder aufſuchen, aber ich habe ihn nicht geſehen.(Indem er die Gräfin aufmerk⸗ ſam betrachtet) Er wird wohl wieder einen Spazierritt machen? Gräfin. Nein, er iſt auf ſeinem Zimmer. v. Nahden Cfür ſich. Und doch Nervenleiden? Da muß etwas vorgefallen ſein. Gräfin. Sie ſtanden ihm früher ſehr nahe. v. Nahden. Ja, wir kannten uns genau. Gräſin. Er nahm gewiß Rath und Belehrung von Ihnen an? v. Nahden. Ich kann das nicht läugnen. Gräfin. Er iſt ſehr lebhaft. v. Nahden. Etwas eigenſinnig. Gräfin. Und auffahrend. Er hatte vorhin eine Scene mit dem Grafen. v. Nahden. Eugen mit ſeiner Excellenz? Magnetiſche Kuren.. 243 Gräfin. Die Urſache war eine unbedeutende; aber ein Wort gab das andere und am Ende erklärte er dem Grafen, er wolle das Schloß verlaſſen und zu ſeinem Bruder nach Wien gehen. Er hat nämlich einen Bruder in Wien. v. Nahden Cfur ſich. Jetzt erkläre ich mir die Nervenleiden; aber woher dieſe Strei⸗ tigkeit mit dem Grafen? ceaut) Und glauben Sie wirklich, gnä⸗ digſte Gräfin, daß Eugen in Folge jenes Wortwechſels dieſen Ent⸗ ſchluß gefaßt? Gewiß nur deßhalb. Gräſin. v. Nahden. Er könnte ja die Abſicht haben, ſich dem Baron Steinbach anzuſchließen, der, wie ich glaube, ebenfalls nach Wien reist. Gräſin(ſehr heftig und aufgeregt). Ah, Sie haben vollkommen Recht; die Baronin geht ebenfalls nach Wien. Das iſt es. v. Nahden cerſtaunt). Die Baronin? Ich meinte den Herrn Baron. Gräfin. Ah, was kümmert ihn der Baron? Der Baronin folgt er. v. Nahden Cfur ſich. Ich fange an zu begreifen. (Pauſe, während der die Gräfin, die aufgeſtanden, am Tiſche ſteht und in heftiger Aufregung einige Papiere zerknittert.) v. Rahden. Ich finde das ein ſonderbares Betragen von Eugen. Gräfin. Nicht wahr, Herr Doktor? ſehr ſonderbar— ja undankbar— v. Nahden. Allerdings; aber gnädige Gräfin ſollten Ihre Geſundheit be⸗ 244 Magnetiſche Kuren. denken und ſich von Dergleichen nicht ſo aufregen laſſen. Ich fand ſchon vorhin Ihren Puls ſehr irritirt. Gräfin. Es iſt das kein Wunder. Wenn man für die ſorgfältige Er⸗ ziehung eines jungen Menſchen Alles thut, wenn man ihm die be⸗ ſten Rathſchläge, die mütterlichſten Ermahnungen gibt, und Alles iſt in din Wind geſprochen. v. Nahden. Man ſollte dieſem jungen Menſchen einmal tüchtig den Kopf zurecht ſetzen. Gräfin. Ja, wer ſoll das thun? Der Graf hat gar nicht die richtige Art zu ſo etwas. Man muß da behutſam und zart zu Werke gehen. v. Nahden. Sehr zart. Und glauben die gnädige Gräfin, daß ich vielleicht im Stande wäre, ein wirkſames Wort mit Eugen zu ſprechen? Gräſin. Ja, das wäre am Beſten. Sie müßten ihm ſagen— v. Nahden. Daß er vor allen Dingen zu Ihnen, Gräfin, mit der kindlich⸗ ſten Ehrfurcht aufzublicken habe. Gräfin. Ja, ja. v. Nahden. Daß es ſchon Pflicht der Dankbarkeit wäre, Ihren guten Er⸗ mahnungen auf's Strengſte Folge zu leiſten. 4 Gräſin. Ganz recht! v. Nahden. Daß er Ihren Befehlen in jeder Hinſicht aufs Gewiſſenhafteſte nachkommen müſſe. ———— Magnetiſche Kuren. 245 Gräfin. Das iſt auch meine Meinung. v. Nahden. Daß er hier auf dem Schloſſe ruhig abzuwarten hat, was Seine Excellenz, die ſo mächtige Verbindungen haben, über ihn zu be⸗ ſchließen Willens ſind. Gräfin. Sie verſtehen mich. v. Nahden Und daß er vor allen Dingen nicht daran denken ſoll, nach Wien zu reiſen. Gräſin. Das iſt's. Würden Sie ihm das wirklich ſagen? v. Rahden. Mit dem größten Vergnügen. 3 Gräfin. Ich wäre Ihnen ſehr dankbar dafür.— Aber glauben Sie, daß Sie noch einen ſolchen Einfluß auf ihn haben, um ihn von dieſem taktloſen und übereilten Schritte abzuhalten. v. Nahden. Ich zweifle nicht daran. Gräfin. Seien Sie meines Dankes im Voraus verſichert; wenn es mir möglich iſt, will ich Eugen veranlaſſen, hieher zu kommen. Ach, er hat mich heute ſehr betrübt. v. Rahden. Aber gewiß ohne alle Abſicht; Unüberlegtheit, jugendlicher Leichtſinn, weiter nichts! Gräfin. Nicht wahr? ich glaube das auch. Gür ſich) Und wenn die Baronin abgereist iſt, wird er nicht mehr an dergleichen Dinge denken. Ceaut. Bis nachher denn, Herr Doktor! Ich glaube, es 246 Magnetiſche Kuren. muß doch etwas Wahres ſein an der magnetiſchen Kraft, die in Ihnen wohnt. Ich fühle mich wirklich erleichtert, viel zufriedener, glücklicher. (Sie geht links ab.) v. Nahden. Wozu der Magnetismus nicht gebraucht wird? Aber wie hängt dieſe Geſchichte eigentlich zuſammen? Eugen hat mit dem Grafen eine Scene gehabt; alſo muß jedenfalls etwas vorgefallen ſein.— Bei dem Namen der Baronin Steinbach fuhr die Gräfin heftig auf— ahl da ſteckt die Verwickelung! Sollte der leicht⸗ ſinnige junge Menſch der Baronin auffallend den Hof gemacht haben? Doch da kommt der Gemahl, vielleicht erfahren wir in der Unterhaltung über Magnetismus etwas, was mir ſehr nützlich ſein könnte zur glücklichen Entwicklung meiner magnetiſchen Kuren. Sechster Auftritt. Voriger. Der Baron. Baron. Ich hatte auf der Bibliothek ein intereſſantes Werkchen liegen laſſen, das ſehr in Ihr Fach ſchlägt, und das Sie auf jeden Fall kennen werden:„Selma Wiener, die jüdiſche Seherin.“ v. Rahden cfir ſich. Komm’ mir zu Hülfe, Converſationslexikon! csaut) Ah, der Herr Baron befaſſen ſich mit dem Somnambulismus, jenem Zu⸗ ſtande, wo ſich die Beziehung des Magnetiſeurs zum Magnetiſirten vermittelſt des ſogenannten magnetiſchen Rapports bis zur wahren Sympathie ſteigert? Iirſich, Das war ſchön geſagt! Magnetiſche Kuren. 247 Baron. Allerdings, lieber Doktor; es iſt dies ein Theil Ihrer Kunſt, der uns Laien durch den geheimnißvollen Schleier, von dem er umgeben iſt, am meiſten zuſagt. v. Nahden. Ich begreife das. Das Hellſehen iſt etwas ſehr Schönes. Baron Ceeufzend. Ach ja. Gr nch) Ich fühle, daß ich zerſtreut bin. v. Nahden Cfür ſich. Ich fürchte, meine Wiſſenſchaft wird mich bald im Stich laſſen. d Baron. Welche Studien machten Sie hauptſächlich, um in Ihrer Wiſſenſchaft zu der Klarheit zu gelangen, welche uns ſo in Erſtau⸗ nen ſetzt? v. Nahden. Meine Erfolge ſind nicht ſo glänzend. Baron. Doch, doch. Ich weiß, daß man das größte Vertrauen in Ihre Kunſt ſetzt; auch in dieſem Hauſe haben Sie große Erobe⸗ rungen gemacht. v. Rahden. Man iſt zu gütig. Baron. Gewiß nicht; der Graf, ein ſehr beſonnener Mann, iſt außeror⸗ dentlich für Sie eingenommen; die Gräfin, heute Morgen voll⸗ kommen ungläubig, hat ſich an Sie gewandt, ſelbſt meine Frau hält große Stücke auf Sie. v. NRahden Cür ſich. Für die gute Meinung der Baronin danke ich. CLaut. Aber Sie ſelbſt, Herr Baron— ich geſtehe, daß ein Wort von Ihnen, 248 Magnetiſche Kuren. dem wiſſenſchaftlich ſo hoch gebildeten Manne, mir mehr gelten würde, als— Baron Laſch einfallend). Ich ſchätze Sie ſehr hoch, Herr Doktor. Sie können das an dieſer Maſſe von Literatur ſehen, die ich hier angehäuft, um mich durch deren Hülfe ein Stündchen angenehm mit Ihnen zu unter⸗ halten. v. Mahden Cfür ſich. Das nennt er ſich angenehm unterhalten! Mir ſteht der Schweiß auf der Stirne. Baron. Alſo Sie begannen Ihre Studien mit— 2 Gett ſeine Brille auf. v. Rahden. Ich— meine Studien?— Ja ſo— nun ja— ich begann meine Studien, wie das gewöhnlich der Brauch iſt, mit den älte⸗ ſten Schriftſtellern— mit ſehr alten Autoren. Baron. Sehr richtig, ſchon bei arabiſchen Aerzten finden wir die magnetiſche Kraft bei Behandlung von Krankheiten angewendet. CEr ſchlägt ein paar Blätter um Das gerieth aber wieder in Vergeſſenheit. v. Nahden. Er gerieth ſehr in Vergeſſenheit. cFür ſich) Ich habe meinen ganzen Artikel aus dem Converſationslexikon vergeſſen. Baron. Erſt der große Paracelſus wandte ſich ihr wieder zu— v. Rahden. Ganz richtig, Paracelſus. Ich muß geſtehen, daß ich mich mit deſſen Werk über Magnetismus viel befaßt habe. Baron cumblätternd). Auch wohl mit deſſen Nachfolgern van Helmont und Agricola? v. Rahden. Verſteht ſich. Agricola iſt einer meiner liebſten Autoren und Helmont ſchätze ich außerordentlich hoch. Magnetiſche Kuren. 249 Baron. Wären Sie wohl im Stande, mein lieber junger Freund, mir mit kurzen Worten dieſe drei Syſteme zuſammenzufaſſen und mir es klar zu machen, wie Paracelſus, Helmont und Agricola den Magnetismus begriffen haben? v. Nahden(in großer Verlegenheit. Für ſich). Da ſitz' ich! cLaut) Herr Baron, das iſt unendlich ſchwer zu ſagen und mit kurzen Worten rein unmöglich. Baron. Das dächte ich doch nicht. Wichen denn ihre Meinungen ſo vollkommen von einander ab? v. Nahden. Das iſt ebenfalls ſehr ſchwer zu ſagen. Sehen Sie, Herr Baron, obgleich— wenn auch— Paracelſus ebenſo wie van Hel⸗ mout und nicht minder der dritte dieſer Gelehrten, der ausgezeich⸗ nete Agricola, in den Grundzügen der magnetiſchen Kenntniß vollkommen von einander abwichen— jeder ſeinen eigenen Weg ging, ohne Rückſicht auf den Andern— in der That, ohne die mindeſte Rückſicht auf den Andern— ſo— aber Sie verſtehen mich vollkommen, Herr Baron? Baron. Vollkommen! v. Nahden Cfir ſich. Das iſt ein Wunder. Kaut. Alſo wenn auch dieſe drei Ge⸗ lehrten in ihren Grundſätzen ſehr von einander abwichen, ſo ver⸗ zweigten ſich doch dieſe Grundſätze in ſo mannigfaltiger Richtung, daß eben dieſe Verzweigungen in ihren äußerſten Spitzen ſich noth⸗ wendiger Weiſe wieder berühren mußten.— Nennen Sie dieſe Verzweigungen nun Calculationen der Viſſenſchaft oder nennen Sie ſie Auswüchſe der Phantaſie— gleichviel! Wenn auch der Magnetismus mit einer Pflanze verglichen werden könnte, ich wollte ſagen, wenn dieſe drei Syſteme des Magnetismus in drei ver⸗ 250 Magnetiſche Kuren. ſchiedenen Zweigen aufſproßten und getrennt daſtanden, ſo blieb doch die Wurzel deſſelben— ein ungetrenntes Ganze, aber in ihrem Zuſammenhange für uns unſichtbar; ja, Herr Baron, voll⸗ kommen unſichtbar, wie ſo Manches dieſer geheimnißvollen Kraft dem blöden Auge des menſchlichen Geſchlechts es ſtets bleiben wird. Eür ſich. Jetzt wird er genug haben! Baron. Sie haben ſich zwar ſehr phantaſiereich ausgedrückt, aber Manches iſt mir nicht ganz klar geworden. Gurſch. Ich höre mit halbem Ohre— ich bin wirklich zerſtreut— v. Nahden. Das würde ſich ſchon finden, wenn der Herr Baron einmal die Zeit hätten, mir einen gründlichen Vortrag zu erlauben, aber unter fünf bis ſechs Stunden wäre ich kaum im Stande etwas ganz Erſchöpfendes zu bieten. Baron. So viel Zeit habe ich leider im Augenblicke nicht; auch fühle ich, daß mir heute meine gewohnte Faſſungskraft abgeht. v. Nahden cfur ſich. Gott ſei Dank! Baron. Jedoch laſſe ich Sie nicht los, beſter Doktor; morgen, über⸗ morgen, ſowie wir einmal Zeit haben, müſſen Sie mir nothwendig dieſe Stunden ſchenken. v. Nahden. Recht gerne. Gär ſich) Ich athme freier. Baron. Apropos, wäre es Ihnen nicht möglich, liebſter Doktor, uns heute Abend irgend ein intereſſantes Experiment zu machen? v. Nahden. Doch nicht etwas wie den ſchlafenden Knaben des Magiers Herrmann? Magnetiſche Kuren. 251 Baron. Ach nein, das iſt der ſchamloſeſte Charlatanismus, womit man die leichtgläubige Menge betrügt. Ich habe dies leider auf unſerem Hoftheater mit anſehen müſſen.— Aber könnten Sie uns vielleicht eine Somnambüle präpariren? v. Nahden. Das wird in ſo kurzer Zeit ſehr ſchwer ſein. Baron. Sind viele Vorbereitungen dazu nöthig? v. Nahden Cfur ſich. Jetzt geht das Examiniren wieder los. Ich muß ihn auf ein anderes Kapitel bringen und zugleich meinem Ziele näher kommen. Caut) Die Vorbereitungen zu dieſem Akt ſind nicht groß, aber die Hauptſache iſt, eine empfängliche Perſon zu finden, die man leicht in magnetiſchen Schlaf verſetzen kann; aber ich wüßte hier Nie⸗ mand, mit dem ich operiren könnte; und doch, vielleicht könnte mir Eugen dazu dienen! Baron. Nein! Von dem werden wir nicht viel Geſcheidtes vernehmen. — Und warum gerade den? v. Rahden. Sie wiſſen recht gut, Herr Baron, um magnetifirt zu werden, bedarf es einer gewiſſen Erregtheit der Nerven, und dieſe bemerke ich gerade an ihm, 3 Baron Gest die Brille ab). So, ſo? er ſcheint Ihnen aufgeregt? v. Nahden careichgültg. Sehr. Ich kam vorhin zufällig zu einer Unterredung, mit der Frau Baronin, und da machte ſein Anblick auf mich, den Magnetiſeur, einen ſehr wohlthätigen Eindruck. Baron. So, ſo? Sprechen Sie, lieber Doktor! 1 252 Magnetiſche Kuren. v. Nahden. Sein Weſen erſchien in der höchſten Aufregung, ſein Auge flammte, und doch hatte ich ihn wenige Augenblicke vorher ſehr ruhig geſehen; ich glaube, er würde zu unſerem Experiment voll⸗ kommen paſſen. Baron. Mit dem Herrn mache ich keine Experimente. v. Nahden. Wie ſo?— Hätten Sie ihn nur bei jener Unterredung geſehen; es war mir unbegreiflich, wie er plötzlich ſo verwandelt ſein konnte. Baron. Mir iſt das nicht unbegreiflich, mit großer Entrüſtung) gar nicht unbegreiflich! leider nur zu begreiflich! v. Rahden. Wie das? Baron. Sie ſind ein Mann von Welt, ein ausgezeichneter Gelehrter. Nun denn, ſo will ich es Ihnen anvertrauen. Herr Eugen von Felſen unterſteht ſich ſeit kurzer Zeit, meiner Frau den Hof zu machen. v. Nahden. Unbegreiflich! Baron. Empörend! v. Nahden. Aber ſehr beachtenswerth. Baron. Wie ſo? 1 v. Nahden. Weil viel magnetiſche Kraft in dieſem jungen Menſchen iſt. Baron. Was geht das uns an? Magnetiſche Kuren. 253 v. Nahden. Der Magnet zieht an. Baron. Ja wohl, aber nur das Eiſen. v. Nahden. Im menſchlichen Blut iſt aber ſehr viel Eiſen. 8 Baron. Und meine Frau? v. Rahden. Ohne indiscret ſein zu wollen, muß ich mir die Bemerkung erlauben, daß die Unterredung vorhin ſehr lebhaft geführt wurde. Baron. Sie erſchrecken mich. Was können wir arme Ehemänner machen, wenn ſogar der Magnetismus den leichtſinnigen jungen Leuten hilft? v. Nahden. Wenig! Baron. Ich kenne ein ſicheres Mittel gegen ſolche Zuſtände, eins, das immer wirkt— die Entfernung. v. Rahden. Das iſt wahr; man entfernt die beiden Pole von einander. Baron. Und das ſoll geſchehen; verlaſſen Sie ſich auf den Baron Steinbach. Nur Eins iſt mir ſehr unangenehm, junger Freund, daß ich Ihre ſchätzbare Geſellſchaft alsdann nicht mehr genießen kann. v. Nahden. Ich bin untröſtlich darüber; aber da ich in der nächſten Zeit auch nach der Reſidenz zurückkehre, ſo bin ich dort ganz zu den Befehlen des Herrn Baron. 254 Magnetiſche Kuren. Baron. Vortrefflich! Ich will jetzt die Gräfin aufſuchen, und gedenke, ſchon morgen von hier abzureiſen.— Eine ſolche Geſchichte fehlte mir noch! v. Nahden Cfr ſich. Gott ſei Dank! das iſt leichter gegangen, als ich mir gedacht. Baron. Bis ſpäter, lieber Doktor! ich danke Ihnen eine angenehme, (ihm die Hand drückend) eine wichtige Viertelſtunde.(Ab.) v. Nahden. Es iſt richtig, der leichtfertige junge Menſch hatte zu meinem Glück und Heil irgend Etwas mit der Baronin unternommen. Nun, wenn dieſe Dame ihr Wort ſo gut hält, wie ich das mei⸗ nige, ſo bin ich für jetzt gerettet; aber ſo ſchmerzlich es mir auch iſt, ich muß mich ſo bald wie möglich von hier entfernen. Die Sache wächst mir bedentend über den Kopf. CEr geht nach der Mittel⸗ thüre.) 4 Siebenter Auftritt. v. Rahden. Eugen v. Felſen. Eugen. Ich bin froh, daß ich dich hier finde, lieber Ferdinand. v. Nahden. Nimm meinen herzlichen Dank, daß du die Baronin zurück gehalten. Eugen. Dafür bin ich in ſchöne Verwicklungen gerathen! Magnetiſche Kuren. 255 v. Nahden. Wie ſo? Eugen. Auf deinen Wunſch ſuchte ich die Baronin auf, ging ihr nicht von der Seite; und es iſt wahr, das mußte auffallen. Nun denkt das ganze Haus— v. Nahden. Du machſt der Baronin den Hof. Eugen. Woher weißt du das ſchon? v. Nahden Kachemd. Als Magnetiſeur; wie kannſt du fragen? Eugen. Und in Folge davon— v. Nahden. Machte dir der Graf ernſtliche Vorſtellungen über dein Be⸗ tragen. Eugen. Ja, und wer hat dir das geſagt? v. Nahden(macht einige magnetiſche Zeichen mit der Hand). Die hohe Wiſſenſchaft. Eugen. Das iſt erſtaunlich. Aber du wirſt einſehen, lieber Ferdinand, daß man kein Kind mehr iſt, und daß man ſich in unſeren Jahren dergleichen Sittenpredigten nicht mehr gefallen läßt. v. Nahden. Aber wenn der Neffe zur Diplomatie übergehen will, und der Onkel das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten ſo gut wie in der Hand hat.— Eugen. Iſt das ſo gewiß? 256 Magnetiſche Kuren. v. Rahden. Ich habe Briefe aus der Reſidenz.— Wenn alſo die Sachen ſo ſtehen, ſo ſollte ſich der Neffe nicht auf's hohe Pferd ſetzen. Eugen. Das habe ich auch nicht gethan. Ich habe dem Oheim nur erwidert— v. Nahden. Du würdeſt abreiſen. Du haſt dich ſchon als Geſandter ge⸗ fühlt; du haſt deine Päſſe verlangt. Eugen. Ei zum Kukuck! woher weißt du auch dies ſchon wieder? v. Nahden. Mir iſt nichts verborgen, und deßhalb kannſt du wohl einen guten Rath von mir annehmen. Eugen. Recht gerne. v. Nahden. Du gehſt zum Grafen oder noch beſſer zur Gräfin, und ſagſt ihr, du habeſt in Betreff deiner Abreiſe einen Scherz gemacht, blos weil man dich ſo falſch beſchuldigt. Du machſt ein paar ſchöne Redensarten und biſt mit deiner Tante recht liebenswürdig; das kann dir nur nützen. Eugen. Soll ich der Baronin auch ſo etwas ſagen? v. Rahden. Nein. Gegen ſie benimmſt du dich, als ſei gar nichts vor⸗ gefallen. 3 Eugen. Nun, das kann man ſchon thun. v. Nahden. Es wird dir von großem Nutzen ſein.— Aber was geſchieht jetzt im Hauſe? Magnetiſche Kuren. 257 Eugen. Es iſt vier Uhr; man wird ſpazieren fahren, und du biſt auch wohl dabei?— Da kommt der Graf ſchon. 4 v. Nahden. Ich danke, ich bin fatiguirt. Fort, fort, ich muß mich ein wenig ſammeln. Eugen. Sammeln wir uns— aber ſage mir, was haſt du mit der Dienerſchaft, ſie ließ dich in der Küche hoch leben? v. Nahden Kachemd. Auch der Kammerdiener? Eugen. Nein, der alte Narr hat ſich krank gemeldet; was ſoll das Alles? 4 v. Rahden Gzuckt die Achſeln). Eugen. Geh— Diplomat— ach rechts ab.) Achter Auftritt. Der Graf. Bedienter(von links). Graf. Alſo der Kammerdiener hat ſich krank gemeldet? Bedienter. Ja wohl, Excellenz; er befände ſich in einem ſehr leidenden Zuſtande. 3 Hackländers Werke. XV. 17 258 Magnetiſche Kuren. Graf. Schon gutz; ich kenne das. Dieſe alten Diener ſind lächerlich empfindlich; aber ich will mir das nicht gefallen laſſen.— Er iſt auf ſein Zimmer gegangen? Bedienter. Ich glaube, er hat ſich zu Bette gelegt, Excellenz. Graf. Dann ſoll er liegen bleiben; oder wenn er glaubt, eine Luft⸗ veränderung wäre ihm zuträglich, ſo kann er auf vierzehn Tage nach dem Waldhof gehen zu ſeinem Vetter, dem Verwalter, und wenn er will, auch noch länger da privatiſiren, bis er wieder ge⸗ ſund iſt. Bedienter. Sehr wohl, Excellenz. Graf. Sag' ihm das.— Noch eins; haſt du de geſehen? n Herrn Doktor 4 Bedienter. Er wird auf ſeinem Zimmer ſein. Graf cfür ich. Ich will ihm ſelbſt ſagen, daß wir ſpazieren fahren; vielleicht begleitet er uns. (Ab nach rechts.) Bedienter. Das geht vortrefflich. Aber der Doktor iſt ein Wundermann, was der ſo im Umſehen macht, das hat noch kein Menſch und ſelbſt mit jahrelanger Mühe gekonnt; nicht einmal der Sekretär oder die alte und junge Gräfin. Es iſt wirklich unglaublich! EEr will nach links abgehen; Kammerdiener erſcheint in der Mittelthüre, er hat einen Ueberrock an und eine Nachtmütze auf.) Kammerdiener. Bſt! Jakob, iſt Jemand in der Nähe? Magnetiſche Kuren. 259 Bedienter. Ich glaube nicht, Herr Kammerdiener. . Kammerdiener. Haſt du Seiner Excellenz meinen Auftrag ausgerichtet? Bedienter. Auf's Allerbeſte! Kammerdiener. Und wie nahm der Herr Graf meine plötzliche Krankheit aufe Bedienter. Sie ſchien Seine Excellenz auf's Tiefſte zu erſchüttern. Seine Excellenz waren ganz ſprachlos und ſahen mich erſtaunt an. Kammerdiener. Das habe ich mir gedacht! Bedienter. Der Herr Graf meinten, ich ſolle ſogleich den neuen Herrn Doktor zu Ihnen ſchicken. Kammerdiener. Pfui! den Thierarzt— wollte ſagen den Magnetiſeur! csuftet.) Aber ich huſte bedeutend, und dieſer Huſten klingt ſehr verdächtig; das kannſt du dem Herrn Grafen gelegentlich zu verſtehen geben. Bedienter. Das ſoll nicht fehlen. Kammerdiener. Und Seine Excellenz gaben keinen direkten Auftrag an mich? Bedienter. Ja,— ja— Seine Excellenz meinten, wenn Ihre Krankheit wirklich ſo bedeutend ſei, da wäre es doch beſſer, wenn Sie ſich zu Ihrem Vetter nach dem Waldhof fahren ließen. Da ſei ſo eine außerordentlich friſche Luft. Kammerdiener. Was? das ſagten Seine Exckllenz? Magnetiſche Kuren. Bedienter. Gewiß in der allerbeſten Abſicht. Kammerdiener. Und du glaubſt, daß es dem Herrn Grafen damit Ernſt war? Bedienter. Gott bewahre! Das glaube ich nicht, das heißt, es war ihm vielleicht wohl Ernſt, aber er würde es doch ſehr ungerne ſehen. Kammerdiener. Meinſt du? Bedienter. Ich habe ſo etwas gemerkt. Wiſſen Sie, Herr Kammerdiener, ohne Sie thut ſich's hier im Hauſe nicht, und wenn Sie heute nach dem Waldhof gehen, ſo läßt Sie morgen Seine Excellenz vier⸗ ſpännig zurückholen. Kammerdiener. Sprachen ſich der Herr Graf dahin aus? Bedienter. Ich kann Ihnen nur ſagen, daß Seine Excellenz ganz nieder⸗ geſchlagen waren. Kammerdiener. Gut, ſo werde ich nach dem Waldhof gehen. (Er geht ſehr ernſt ab.) Bedienter. Und ich wünſche glückliche Reiſe, und auf Nimmerwiederſehen! Dem Doktor ſind wir wahrhaftig etwas ſchuldig. Ah, da iſt er! (Ab.) Magnetiſche Kuren. 261 Neunter Auftritt. Graf. v. Rahden(aus der Thüre rechts). Graf hat einen Blumenſtrauß in der Hand). Nachher Gräfin und Eugen v. Felſen. Baron und Baronin. Graf. Sie wollen uns nicht begleiten? Wir machen eine kleine Fahrt durch den Wald, und ſind zum Diner wieder zurück. Ich kann Ihnen da Manches zeigen, was Ihnen gefallen wird. Wahrhaftig, ich möchte gern für Sie thun, was ich kann, ich bin Ihnen ſehr dankbar. v. Rahden. Excellenz, Sie ſchätzen meine kleinen Verdienſte zu hoch. Graf. Gewiß nicht. Sie haben ſchon Wunder gethan; es iſt das klarſte Wetter, und meine Frau von der heiterſten Laune. Ja, Sie ſahen ſelbſt, als ſie uns eben mit Eugen begegnete, da gab ſie mir mit der größten Freundlichkeit dieſen Blumenſtrauß. v. Rahden. Ich hoffe, die Wirkung meiner Kur ſoll ſich noch dauernder erweiſen. Für ſich) Man muß dem jungen Menſchen einen Poſten in der Türkei anweiſen— und das bald. Graf. Wenn ich auf dem Geſichte meiner Frau Zufriedenheit und Heiterkeit leſe, dann bin ich ein glücklicher Mann. Sehen Sie, da kommt ſie, und auch Eugen. Wie heiter ſie iſt! Unter uns ge⸗ ſagt, Eugen iſt ein etwas leichtſinniger junger Menſch. v. Nahden. Jugend, Excellenz! 262 Magnetiſche Kuren. Graf. Ei, was Jugend? Sie ſind auch jung, aber Sie haben nichts im Kopf, wie Ihre Wiſſenſchaften, keine ſo faden Liebeleien. Ceicht ihm die Hand.) Sie ſind ein prächtiger Menſch, ein Wundermann. v. Nahden Cfr ſich. Wenn nach all' dieſen Illuſionen die Enttäuſchungen folgen, dann werde ich in eine ſchöne Lage kommen; Gott ſteh' mir bei! Graf Gu Eugen, der die Gräfin bis an den Salon geführt). Du willſt uns heute vierſpännig fahren? Nimm dich zu⸗ ſammen! Eugen. Unbeſorgt, lieber Onkel!— Haben Sie ſchon die vier Brau⸗ nen in dem neuen Geſchirr geſehen? Schauen Sie einmal, mag⸗ nifique!(Sie gehen nach hinten.) Gräfin Cum Dokto r). Nehmen Sie meinen herzlichſten Dank, Herr Doktor. Sie haben dieſem jungen Menſchen die Wahrheit geſagt, er hat ſein Unrecht eingeſehen; die Sache war auch nicht ſo ſchlimm. (Der Baron und die Baronin treten in die Mittelthüre. Letztere betrachtet ſich ebenfalls die Equipage, der Baron kommt vor.) v. Rahden. Ich habe nur unbedeutend geholfen. Gräfſin. Nein, nein! der iſt wie umgewandelt. deächennd) Sie haben da eine vortreffliche Kur gemacht.(Sie geht nach hinten.) Baron czum Doktor). Ich habe über Ihre Explikationen der drei Syſteme nachge⸗ dacht, und es ſcheint mir viel Wahres darin zu ſein. Ich freue mich, ſpäter in der Reſidenz die ernſteſten Studien mit Ihnen zu machen.— v. Nahden werbeugt ſich ſtumm). Magnetiſche Kuren. 263 Eugen cim Hintergrund). Ah, der Baron intereſſirt ſich nicht für Pferde; ja, wenn es Bücher wären! Baron andem er nach hinten geht). Alles zu ſeiner Zeit! wie Salomo ſagt; im jetzigen Augen⸗ blicke ſind mir die Pferde ſehr angenehm. Anna (aus der Thüre rechts, indem ſie an v. Rahden vorbeigeht). Sie fahren nicht mit uns? v. Nahden. Ich kann nicht, Anna; mein Herz iſt zu voll und zu glücklich. Anna. Sie haben die Baronin für ſich gewonnen. Gott ſei ge⸗ dankt! Wie haben Sie das angefangen?— Ich habe mich ent⸗ ſetzlich geängſtigt. 4 v. Nahden Kachelnd). Meine magnetiſche Kraft, Anna. Anna. Ich will es ſo annehmen.— Die Baronin küßte mich freund⸗ lich mit den Worten auf die Stirne: mein liebes Kind, möge es dir gut gehen! v. Nahden. O könnte ich ein glückliches Amen ſagen! Baronin (die nach vorne gegangen iſt, zu Anna leiſe). Sei klug, mein Kind! cLaut) Die Wagen ſind bereit! (Anna geht nach hinten.) Anna. Hier bin ich, Papa! Baronin czu Rahden). Herr Doktor, ich bewundere Sie. Wir reiſen morgen nach Wien.— 264 Magnetiſche Kuren.. Graf. Der Doktor will nicht mitfahren, à revoir donc! Eugen. Wenn du vielleicht allein nach dem Waldhof reiten willſt— der Blonden mache ich die Cour, du kannſt dich an die Schwarze halten!— 8 v. Nahden AKchelnd). Das erlaubſt du alſo? Eugen.. Verſteht ſich— à revoir! (Alle bis auf v. Rahden ab.) Zehnter Auftritt. v. Nahden. Endlich einen Augenblick Ruhe! Und es iſt Zeit, denn ich bin zu Ende mit meinen magnetiſchen Kenntniſſen.— Wenn auch der heutige Tag gut endigt, was wird mir der morgige bringen? Der Jäger (wo möglich eine koloſſale Figur mit Federhut und Bandelier, einen mächtigen Blumenſtrauß in der Hand. An die Mittelthüre drängt ſich ein großer Theil der Dienerſchaft: Lakaien, Reitknechte, der Koch, Kammerjungfer ꝛc) Herr Doktor, ich bin von der ganzen verſammelten Dienerſchaft abgeſchickt worden, um Ihnen im Namen dieſer verſammelten Diener⸗ ſchaft den Dank auszuſprechen für das, was Sie an uns gethan, indem Sie den Kammerdiener magnetiſch gebändigt.— Nehmen Sie dieſen ⸗Blumenſtrauß und die Verſicherung unſer Aller Hochachtung.. 3 v. Nahden. Ich danke euch für dies freundliche Honorar. — — Magnetiſche Kuren. 265 Jäger. Der Herr Doktor, er lebe! (Die Dienerſchaft hinten einfallend): Hoch! hoch! und abermals hoch! (Der Kammerdiener ſtreckt den Kopf mit der Nachtmütze zur Thuͤre rechts heraus mit einem äußerſt beſtürzten Geſichte.) Vierter Aufzug. Dieſelbe Dekoration. Erſter Auftritt. Zum Zwiſchenakt Muſik, wo es möglich iſt, die Tempeſta aus dem Barbier von Sevilla. Die Muſik ſpielt noch einige Takte bei geöffne⸗ ter Bühne. Es iſt Abend, die Thüre im Hintergrunde geſchloſſen und mit einem Vorhang verſehen. Das Zimmer iſt reich erleuchtet mit Lam⸗ pen und Lichtern und die Bedienten noch mit dieſen Arrangements be⸗ ſchäftigt. Es donnert leicht. Kammerdiener ger in der Mitte ſteht). Nun, hurtig! Macht, daß ihr fertig werdet. Es wird im Augenblick acht Uhr ſchlagen, und da muß der Salon für die Herr⸗ ſchaften in Ordnung ſein. Ich bemerke eine große Schlaffheit in allen euren Bewegungen; das muß ſich ändern, darauf verlaßt euch. (Die Bedienten nach rechts ab.). Jakob, bleib' Er einen Augenblick da!— Ei, mein Freund, das war eine vortreffliche Demonſtration vorhin.— Keine Antwort! Aber ihr habt zu voreilig triumphirt, meine Freunde; haltet mich 266 Magnetiſche Kuren. nicht für ſo dumm. Was eigentlich gegen mich gethan worden iſt, weiß ich freilich noch nicht, aber daß ihr euch Alle ſammt eurem Herrn Magnetiſeur die Hände gereicht habt, um mir eins zu ver⸗ ſetzen, weiß ich nun ganz gewiß.— Schau, ſchau, lieber Jakob; ich, der Kammerdiener, ſollte nach dem Waldhof ſpedirt werden; und dann ſollte es hier gehen nach dem alten Sprüchwort:„ſobald die Katze aus dem Hauſe iſt, machen ſich die Mäuſe luſtig.“— Aber ſage es dem Jäger und der ganzen übrigen Sippſchaft: die Katze ſei da geblieben, und ſei ſehr hungrig.— Marſch! Bedienter dndem er abgeht). O weh! o weh! Das war ein kurzes Vergnügen! Kammerdiener Cnimmt eine Priſe). Eine Verſchwörung gegen mich, den Haushofmeiſter, bei der ſich ſelbſt Seine Excellenz betheiligte. Wem habe ich das zu ver⸗ danken?— Niemand anders, als dem Magnetiſeur.— Aber nehm' Er ſich in Acht, Quackſalber, ich komme hinter Seine Schliche!— Mit dem iſt es nicht richtig, das iſt ein Spion und gefährlicher Menſch; ich will ihn ſo umgeben, daß mir jede Miene, die er macht, jedes Wort, das er ſpricht, verrathen wird. (Er will nach rechts abgehen.) Zweiter Auftritt. Der Graf. v. Rahden. Graf Czum Kammerdiener). Ah! Sie ſind wieder hergeſtellt? Die Krankheit war nicht von langer Dauer— nun das freut mich, ich mag ein ſolches Unwohlſein nicht. Magnetiſche Kuren. 267 v. Rahden. Aber er ſieht doch etwas blaß aus, der Herr Kammerdiener.— Kammerdiener(Undem er rechts abgeht, für ſichd. Warte nur! v. Nahden. Das war ein ſtarkes Unwetter, Excellenz, der ganze Himmel iſt überzogen; ich fürchte, wir bekommen ein paar Regentage. Graf. Ich habe das auch bemerkt, und es iſt mir unerklärlich— v. Nahden. Was, Excellenz? Graf cbetrachtet den Barometer). Sehen Sie, wie der Barometer geſunken iſt, Regen und Wind — ganz unerklärlich, und ich habe Sie gerade auf Ihrem Zim⸗ mer aufgeſucht, um Ihnen das mitzutheilen. Es iſt in der That ſeltſam. v. Rahden (ſieht ihn fragend an). Graf. Ihre magnetiſche Kur mit meiner Frau hatte ſo glücklich und glänzend begonnen. Sie war ſogar heute bei dem warmen ſchönen Wetter heiter, faſt luſtig. v. Rahden Kerſtaunt). Und das hat ſich geändert? Graf. Mit Einemmale. O dieſe Nervenleiden ſind nicht zu berechnen. v. Rahden Das iſt wahr, aber ich begreife nicht— Graf. Ich auch nicht,— Sie wiſſen, meine Frau iſt bei ſchlechtem Wetter ruhig und heiter,— Sie haben es ja ſelbſt heute Morgen 268 Magnetiſche Kuren. geſehen, wie ſie bei dem eintretenden erſten Gewitter plötzlich ihre üblen Launen verließen. v. Nahden. Ja gewiß. CFür ſcch) Auch die Urſache davon. ceaut. Aber mir ſchien die Frau Gräfin bei dem Ausfahren gänzlich frei von Laune. Graf. Das war ſie auch, ſo lange die Sonne ſchien. Als ſich aber eine halbe Stunde nach unſerem Wegfahren der Himmel bezog, wurde ſie gegen alle bisherigen Vorgänge mit Einemmal verſtimmt. v. Rahden. Das iſt mir unbegreiflich. Für ſich) Eugen war doch auch von der Partie. Graf. Ganz unbegreiflich. v. Nahden. Es könnte vielleicht eine Kriſe eingetreten ſein, bei welcher häufig die Krankheit noch einmal mit ganzer Kraft auftritt, um alsdann völlig zu verſchwinden. Graf. Sie machen mich durch dieſe Worte ſehr glücklich. v. Nahden Cür ſich. Wenn ich nur erfahren kann, ob irgend etwas vorgefallen iſt! céaut) Wollten mir Excellenz nicht mittheilen, wann dieſe Verän⸗ derung eintrat? Graf. Sobald ſich der Himmel verfinſterte. v. Rahden. Das iſt mir räthſelhaft. Graf. Die Gräfin wollte nach dem Waldhof fahren; ich weiß nicht, weßhalb ſie auf dieſe Idee kam, ſonſt behauptet ſie immer, die Magnetiſche Kuren. 269 Wege dorthin ſeien gefährlich. Sie hat das Eugen ſchon hundert⸗ mal geſagt. v. Rahden. Und doch fuhr man nach dem Waldhof? Graf. Ich mochte nicht widerſprechen, denn ich bemerkte ſchon an dem Winde, ſowie auch an meinem Barometer hier cer zeigt auf ſeinen linten Fuß), daß ſich das Wetter ändern müſſe. Ich dachte, auf dem Waldhof können wir den Regen abwarten und im Nothfall vom Schloß bedeckte Wagen kommen laſſen. v. Rahden. Ah ſo? Und darauf fuhren Sie nach dem Waldhof? Graf. Wir ſtiegen aus,— ich habe dort ein paar Zimmer für mich reſervirt— wir betraten eins derſelben und ſoweit war Alles in Ordnung.— Dann aber trat plötzlich bei meiner Frau eine gänz⸗ lich veränderte Stimmung ein. v. Nahden. Und es begab ſich vorher nichts Außergewöhnliches? Graf. Nicht das Geringſte. Ich hatte ſogar mit Eugen eine kleine Neckerei. Auf dem Tiſche des Zimmers nämlich bemerkten wir ein Bouquet, und der Baron entdeckte daneben Eugens Cigarrendoſe⸗ v. Nahden. Ah! Die Cigarrendoſe Eugens und ein Bouquet? : Graf. Das war nichts Beſonderes. Eugen war den Morgen da geweſen; ſo ſagte uns die Schweſter des Verwalters, eine alte Jungfer, die ich nicht leiden kann. v. Rahden. Sie ſagt alſo— 2 270 Magnetiſche Kuren. Graf. Daß Eugen den Morgen da geraucht, und daß ihm ihre Nichte Clara— ein ſehr friſches, hübſches Mädchen— dieſe Blumen ge⸗ ſchenkt.— Nun das war doch ganz gleichgültig. v. Rahden. O gewiß ganz gleichgültig.— Und die Frau Gräfin? Graf. Sie miſchte ſich gar nicht in das Geſpräch, ſie ſah zum Fen⸗ ſter hinaus, ich glaube, ſie hat es gar nicht gehört. v. Rahden Caar ſich. Sie hat's gehört. Ich verſtehe Alles. Graf. Dann kam plötzlich das Gewitter.— Es fing an zu donnern und zu regnen, und wie der helle Himmel verſchwand, war auch die gute Laune der Gräfin fort. Ich wollte den großen vierſitzigen Wagen kommen laſſen,— nein, ſie verlangte ihr Coupé. Das waren alſo zwei Equipagen, die in den Schmutz hinaus mußten; aber ſie that es nicht anders. v. Nahden. Und als das Coupé kam? Graf. Fuhr ſie mit der Baronin allein nach Hauſe. Jetzt iſt ſie auf ihrem Zimmer, und ich fürchte, ſie kommt den Abend nicht mehr zum Vorſchein. v. Mahden cüür ſich. Dieſer verwünſchte Eugen! Aber er muß fort ſobald als mög⸗ lich. cLaut.) Beruhigen Sie ſich, Excellenz, es iſt wie ich ſagte, nichts als eine Kriſe. Graf. Und Sie verzweifeln nicht an der Heilung? v. Rahden. Im Gegentheil, dieſe Kriſe iſt mir willkommen. Far c.) Wenn Magnetiſche Kuren. 271 ich nur wüßte, wie ich ihn für einige Zeit fortbringen könnte! (Er denkt nach.) Graf. Sie überlegen— v. Nahden. Ueber den Verlauf der magnetiſchen Kur— caar ſich. Ich muß ihn bei dem Onkel verklagen; es geht wahrhaftig nicht anders. Graf. Wenn es nur kein Rückfall iſt.— v. Rahden. Eine Kriſis iſt immer eine Art Rückfall; aber hier wird zu helfen ſein. Graf. Beſter Doktor, Sie machen mich zum Glücklichſten! v. Rahden. Hoffentlich, Herr Graf, werde ich das zu Stande bringen. (Kleine Pauſe.) Erlauben Sie mir aber, Excellenz, etwas Anderes mit Ihnen zu beſprechen, freilich nichts von ſo großem Intereſſe. Graf. Sprechen Sie, lieber Doktor. v. Nahden.. Excellenz werden mir glauben, daß— ein Mann wie ich, der ſich— ſo in den Magnetismus vertiefte, empfänglicher, reizbarer wird, als jeder Andere. Graf. Ich bin davon überzeugt. v. Nahden. Wir Magnetiſeure beſitzen eine Gabe, aus irgend etwas, was dem gewöhnlichen Beſchauer ganz gleichgültig erſcheint, Vorfälle zu errathen. 272 Magnetiſche Kuren. Graf. Ein gewiſſes Ahnungsvermögen. v. Nahden. Nennen Sie es ſo.— Ich halte es aber für meine Pflicht, Ihnen anzuvertrauen, daß dieſer Eugen hier nicht vollkommen an ſeinem Platze iſt. Graf. Sie glauben wegen der kleinen Verwalterstochter? Ja, er iſt ein leichtſinniger junger Menſch. v. Nahden. Die Verwalterstochter wäre Nebenſache, Excellenz, aber— es ſind andere Dinge hier vorgefallen.— Graf. Ah ja! Hat Ihnen Eugen davon erzählt? v. Rahden. Nein, ich ſtehe nicht ſo in ſeinem Vertrauen. Graf. Oder der Baron? v. Nahden. Auch nicht. Ich erlaubte mir vorhin, mit Ihnen von einem gewiſſen magnetiſchen Ahnungsvermögen zu ſprechen. Graf. Das iſt ganz wunderbar. GFür ſich) Ein marbwürdiger Menſch! v. Nahden. Ich glaube, Sie hatten— ohne mich in Details einlaſſen zu wollen,— eine Unterredung mit Eugen? Graf. In welcher ich ihn dringend bat, mit der Baronin Steinbach ſich vorſichtiger zu benehmen. v. Rahden. Ich möchte um Alles in der Welt keinen Namen genannt haben, Excellenz. Magnetiſche Kuren. 273 Graf. Ich verſtehe Ihr Zartgefühl. v. Nahden. Aber Eugen iſt nicht ſo ſchuldig, wie Sie glauben, Herr Graf. Jene Dame— Graf. Die Bar nin v. Rahden. Eine Dame, Herr Graf. Graf. Nun denn, dieſe Dame? v. Nahden. Liebt den jungen Menſchen, und gibt ihm das durch kleine Aufmerkſamkeiten und Neckereien täglich und ſtündlich zu verſtehen. Graf. Sie ſehen, wie ich erſchrecke, mein lieber Doktor.— Die Baronin Steinbach— eine ſo ruhige, geſetzte Fra u v. Nahden. Herr Graf, ich nannte keinen Namen— Graf. Ich verſtehe! Nun alſo für uns eine Dame, Und ſind Sie Ihrer Sache ganz gewiß? v. Nahden. Eine Dame in dieſem Hauſe beſchäftigt ſich mehr als nöthig iſt, mit dem Wohl und Wehe des jungen Herrn von Felſen. Aber ich will durchaus nicht behaupten, daß dies Gefüh! ſchon Liebe iſt; ich bin ſogar überzeugt, daß bis jetzt nur ein vielleicht großes Intereſſe vorherrſcht. Aber was daraus entſtehen kann, werden Excellenz ſelbſt ermeſſen. Graf. Allerdings! So etwas kann höchſt gefährlich werden. Hackländers Werke. XV. 18 Magnetiſche Kuren. v. Nahden. Iſt es aber bis jetzt noch nicht, Herr Graf, darauf könnte ich ſchwören. Ja, Eugen hat bis jetzt keine Ahnung davon. Graf. Aber er machte doch heute Morgen der Baronin aufeallend die Cour! v. Rahden. Ohne mich auf die Nennung eines Namens einzulaſſen, möchte ich das nicht gerade behaupten. Er iſt artig, liebenswürdig, mehr nicht. Graf. Ihre Worte ſind mir eine wahre Beruhigung.— Aber da muß etwas geſchehen. v. Nahden. Das glaube ich auch. Graf Cfar ſich). Freilich reist die Baronin morgen ab; aber was nützt das? Da kann er in den nächſten Tagen eine Reiſe nach Wien unter⸗ nehmen, ich kann ihn am Ende doch nicht mit Gewalt halten. cLaut) Man muß ihn weit wegſenden. v. Nahden. Das iſt auch meine Meinung, und das ſollte auch Euer Ex⸗ cellenz nicht ſchwer fallen. Eugen iſt von ſehr guter Familie— hat viel gelernt.— Graf. Nun— was das anbelangt— v. Rahden. Und es würde nur eines Worts von Euer Excellenz an das Miniſterium bedürfen, um ihn zu irgend einer Geſandtſchaft zu bringen; nach Spanien, nach Perſien etwa.— Graf. Ei, ei, kennen Sie dieſen Empfehlungsweg auch ſchon? Magnetiſche Kuren. 275 v. Nahden. Ein Arzt erfährt ſo Manches, Excellenz. Graf. Sie haben Recht; ich haſſe ſonſt dergleichen Protektionsanſtel⸗ lungen, aber diesmal will ich eine Ausnahme machen. v. Nahden. Das ſollte aber bald geſchehen. Graf. Sogleich. Ich will noch heute Abend ein paar Zeilen an das auswärtige Amt ſchreiben. v. Nahden Cfar ſich. Jetzt wäre es von großem Nutzen, wenn er ſelbſt ſchon dieſes auswärtige Amt wäre.(Laut. Excellenz erweiſen dieſem jungen Mann eine große Gnade. Graf. Gewiß, ich will es thun.— Was meinen Sie?— Man ſagt dem Baron nichts davon? v. Nahden. Gewiß nicht, Excellenz! Graf. Aber meiner Frau muß ich es mittheilen, es wird ſie vielleicht zerſtreuen. v. Nahden Hnr ſich. Das glaube ich nicht, aber ſie muß es erfahren. cLaut. Wenn Excellenz glauben, daß es nicht ſchaden kann— Graf. Im Gegentheil, ſo ein kleiner Spiegel ſchadet nie; ich bin, was mein Alter und das meiner Frau anbelangt, mit dem Baron und deſſen Frau in gleichem Verhältniß.— v. Nahden. Aber Excellenz, ich bitte dringend, gegen die Frau Gräfin keinen Namen auszuſprechen. 276 Magnetiſche Kuren. Graf. Wenn Sie glauben.— Aber die Gräfin iſt klug, mein lieber Freund, ſie wird den Namen ſchon errathen. v. Nahden. Davon bin ich überzeugt. Jedenfalls iſt es beſſer, wenn Sie ihn nicht ausſprechen. Graf. Nun, gut!— Aber, beſter Doktor, welch ein Scharffinn! v. Nahden. Excellenz ſind den ganzen Tag beſchäftigt, ich beobachte da⸗ gegen. Dann ſtehen Sie, Herr Graf, mit unbefangenem Herzen dieſer Sache viel zu nah, um klar ſehen zu können. Für mich, der ſich außer dieſem Kreiſe befindet, iſt es viel leichter, Manches zu ſehen, was Sie gar nicht beachten. Graf. Sie ſind zu beſcheiden,— ich ſchätze Ihre Umſicht;— ich habe Sie lieb gewonnen— leider habe ich beim Medicinal⸗Collegium keinen Einfluß; wenn ich Ihnen ſonſt wo niützlich ſein kann, ſo befehlen Sie ganz über mich. v. Nahden Kächelnd. Aber das Protektionsweſen, Herr Graf? Graf.. Für Sie mache ich eine Ausnahme. Ein junger Mann von Ihren Kenntniſſen, ſo ſicher auftretend, iſt mir ſelten vorgekommen. Es iſt ſchade, daß Sie keiner großen Familie angehören, denn wäre dies, ich würde Sie dem Miniſter des Answärtigen aufs Dringendſte empfehlen. v. Nahden. Dieſe Worte machen mich ganz glücklich. Weit ſchätzbarer aber als eine Empfehlung an den Miniſter iſt mir das Wohlwol⸗ len Euer Excellenz. Magnetiſche Kuren. 277 Graf. Rechnen Sie in vorkommenden Fällen ganz auf mich. v. Nahden. Das werde ich gewiß thun, Excellenz. (Als der Graf links abgehen will, öffnet der Kammerdiener links die Thüre und ſagt: die Frau Gräſin!) v. Rahden (mit einer tiefen Verbeugung ab). Dritter Auftritt. Die Vorigen. Die Gräfin. Graf(dihm nachrufend). Wir erwarten Sie hier zum Thee.— Ah, mein Kind, ich hatte ſchon gefürchtet, wir würden dich heute Abend nicht ſehen. Gräſin. Und weßhalb hätte ich auf meinen Zimmern bleiben ſollen? Graf. Ich dachte, du ſeieſt unwohl. Gräſin(ſcharf). Und weßhalb? Graf. Droben auf dem Waldhof brachte mich deine Verſtimmung auf ſolche Vermuthungen. Gräfin. Ich bin nicht krank. Graf. Wenn auch nicht krank, doch wohl ſchlecht gelaunt. Gräfin. Das nimmt dich Wunder? 11 278 Magnetiſche Kuren. Graf Cfur ſich. Bei Regenwetter allerdings. Gräfin. Doch laſſen wir das; ich habe etwas Anderes mit dir zu beſprechen. . Graf. Auch ich wollte au dich ein paar ernſte Worte richten. Gräfin cin gereiztem Tone). Dieſer Eugen— Graf. Richtig! um den handelt es ſich. Gräſin. Wie ſo? Graf. Nun, rede du! Gräfſin Gr ſich. Was will er mit Eugen? cLaut. Nein, ich will zuerſt hören, was du ſagſt! 3 Graf. Eugen iſt ein leichtſinniger gedankenloſer junger Menſch. Gräfin. Leider! Graf. Der in mein Haus nichts wie Unfrieden bringt. Und den ich ſobald wie möglich und ſo weit wie möglich entfernen will. Gräfin. Ah, das darfſt du nicht! Er hat ſich uns anvertraut— Graf. Gerade deßhalb ſoll er fort. Als Attaché, nach China oder Perſien meinetwegen. Gräfin Cfuͤr ſich. Was ſoll das bedeuten? csaut) Aber wenn wir ihn ganz ohne Aufſicht laſſen—? Magnetiſche Kuren. 279 Graf. Die Aufſicht hier im Hauſe taugt ihm auch nichts. cErnſt.) Ich habe Dinge erfahren, die mir höchſt unangenehm ſind. Gräfin. Nun, ſo Schlimmes wird er nichts gethan haben. Graf. Er freilich nicht, aber An dere waren im Begriff, ſehr Schlim⸗ mes zu thun. Gräfin Cfür ſich. Um Gotteswillen! Was ſoll das? Graf. Ich will es dir nicht vorenthalten, Adelaide; es iſt meine Schuldigkeit, dich zu warnen. Gräfin. Mich zu warnen?! cMahſam lachend.) Ha! ha! ha! Nun, das iſt vortrefflich! Graf. Dein Lachen beruhigt mich nicht; denn ich bin meiner Sache gewiß. Gräfin. Ah! Graf. Eine Dame— in unſerem Hauſe— liebt Eugen, ſie bezeugt ihm das durch allerlei Aufmerkſamkeiten, dadurch, daß ſie ihn in ihre Nähe zieht, daß ſie ſich beſtändig mit ihm beſchäftigt, daß ſie nicht ohne ihn leben kann.— Man hat das bemerkt, wie?— Gräſin Cfür ſich. Großer Gott! Faſſung! cLaut) Gräfin Anna? Graf eſchüttelt den Kopf. Viel ſchlimmer als das— eine verheirathete Frau. Gräfin cfällt in ihren Fauteuih. Ah, das iſt zu viel! 280 Magnetiſche Kuren. Graf. Es erſchreckt dich, Adelaide, daß ich darum weiß. cpauſe. Zuckt die Achſeln.) Die Sache iſt einmal nicht zu ändern. Gpauſe.) Gräfin(aufipringend). O ja, es wird zu ändern ſein! Graf. Glaubſt du? Gräfin. Gewiß! Jene Frau— von welcher du ſprachſt, wenn die Sache überhaupt nicht eine Erfindung müßiger Leute iſt, hat ge⸗ wiß nur unvorſichtig ohne alle Abſicht gehandelt; als ſie ſich jenes jungen Menſchen— vielleicht zu lebhaft— annahm. Graf. Deine Worte beruhigen mich einigermaßen, denn du kennſt jene Frau genau. Gräſin(mit leiſer Stimme). Ja, ich kenne ſie. Graf. Alſo du glaubſt, ſie hat nur unbedachtſam gehandelt? Gräfin. Das könnte ich beſchwören, ſie wird dankbar dafür ſein, daß man ihr die Augen geöffnet. Graf. Das iſt mir lieb; jene Frau hat einen braven Mann. Gräſin(mit leiſer Stimme). Ich weiß es. Graf. Der es gut mit ihr meint. 3 Gräfin. Gewiß. Graf. Er iſt von meinem Alter. Magnetiſche Kuren. 281 Gräſin. Ja. Graf. Jene Frau aber iſt viel jünger. Gräfin. Das iſt ſie. Graf. Deßhalb ſollte ſie um ſo mehr allen Schein meiden; die Welt iſt böſe. Adelaide, denke dir, wenn eine Ahnung von dieſer Sache in die Geſellſchaft käme! ein ſolches Verhältniß in meinem Hauſe, unter meinen Augen, mit einem Neffen von mir! Gräfin. Um Gotteswillen! laß es genng ſein! Mir ſchwindelt, ich bin einer Ohnmacht nahe. Graf. Jene Frau wäre der Abſchen aller ihrer Bekannten.— Man kann ſo etwas nicht ernſt genug nehmen. Gräfin Cfur ſich. Wie edel er iſt, mich auf ſo zarte Weiſe vom Abgrunde zurück⸗ zuziehen! Graf. Die Sache iſt mir in der That unbegreiflich, oder jene Frau müßte ihren Mann gar nicht mehr lieben. Gräfin(wirft ſich ihm in die Arme). Doch ſie liebt ihn; ſie liebt ihn inniger als je! Und wie dankbar wird ſie dafür ſein, daß man ſie auf ſo liebreiche Art mit ihrem Fehler bekannt macht! Graf. Das ſei deine Sorge, mein liebes Kind.(Für ſich) Dieſer Dok⸗ tor iſt ein Wunderthäter!(Laut.) Du kannſt dir nicht denken, Adelaide, wie froh ich bin, daß dieſer Vorfall dein Herz wieder 282 Magnetiſche Kuren. gegen mich öffnet und dich in meine Arme zurückführt. Du warſt in der letzten Zeit oft ſo mürriſch, ſo übel gelaunt— Gräfin. Ja ich war es, will es aber gewiß nicht mehr ſein. Graf. Nie mehr? Gräfin. Gewiß nicht, es ſoll mein Beſtreben ſein, durch ungetrübte Heiterkeit deine Tage zu beglücken. Graf Cfür ſich. Dem Doktor bin ich eine Million ſchuldig! ceaut. Und Eugen— 2 Gräfin. Muß fort, ſobald und ſo weit wie möglich! Ich bitte dich herzlich darum. Graf. Dein Wunſch iſt mir Befehl. Vierter Auftritt. Die Vorigen. Gräfin Anna. Graf Cfür ſich). Ich bin überglücklich. cLaut) Ah, mein Kind, du kommſt ſchon zum Thee? Iſt es bereits ſo ſpät? Anna. Faſt acht Uhr, Papa. Gräfin Gum Grafen). Ich muß noch ein paar Worte mit der Baronin ſprechen, die eben ihre Befehle zum Einpacken gibt. (Nach links ab.) Magnetiſche Kuren. 283 Anna. Der Baron will ſchon morgen reiſen, Papa; das iſt ſehr ſchnell gekommen. Es thut mir recht leid. Graf. Dann wird es wieder ſtill und einſam hier werden. Ich be⸗ daure das nur deinetwegen, liebe Anna. Anna. O Papa, ich fühle mich ſo wohl, ſo glücklich! Graf. Du biſt ein gutes Kind; aber die Einſamkeit hier iſt doch nichts für dich. Ich verſpreche auch dir die Reſidenz für den nächſten Winter— Bälle, Conzerte, Schlittenpartieen, Maskeraden— aber cer droht mit dem Finger) keinen ſchwarzen Domino, der dir ſo eifrig die Hand küßt! Anna. Papa, Sie ſcherzen! Graf. Nun ich hoffe, daß es Scherz war. Aber man hat mir da⸗ mals von mehreren Seiten einen Namen zugeflüſtert. Sage mir, mein liebes Kind, wer war jener ſchwarze Domino? War Etwas an der Sache? Anna. Papa, das iſt lange vorüber. Graf.. Alſo es war doch etwas?— Nun, rede nur! Ich bin heute in einer glücklichen Stimmung, weil der Doktor deine Mutter von ihren Nervenleiden vollſtändig kurirt hat.— Doch, wer war der verwegene junge Herr, der damals meiner Tochter den Hof machte? Anna. Das that er nicht! Graf. Doch, doch! Du kannſt das ſchon geſtehen, Auna; ein ſo wohl 284 Magnetiſche Kuren. erzogenes, taktvolles junges Mädchen wie du, braucht nicht zu er⸗ röthen, du gabſt gewiß keine Veranlaſſung dazu.— Nun wer war es? . Anna. Papa, ich weiß nicht— Graf. Ei, ei, ei! Deine Weigerung erregt Verdacht.— Aus dem Scherz ſcheint Ernſt zu werden. Anna Ciür ſich. Jetzt oder nie! cLaut. Papa, ich will Ihnen nichts verſchweigen. Sie fragen mich ſo liebevoll, daß mir dies den Muth gibt, Ihnen aufrichtig zu antworten. Graf. Was werde ich hören? Anna. Gewiß nichts, was Sie erzürnen müßte, was den Glauben an Ihre Tochter erſchüttern könnte! Jener Domino, von dem Sie ſprachen— Graf. Derſelbe, der dir die Hand küßte? Anna. Ja, Papa, derſelbe. Aber ich hatte ihn nicht erſt an jenem Abend kennen gelernt.. Graf. Nicht? Die Sache wird immer ernſthafter!— Und wo ſahſt du ihn früher? Anna. In vielen guten Häuſern, wo er gerne geſehen war. Graf. Alſo der ſchwarze Domino iſt von guter Familie? Anna. Gewiß, Papa,— und was noch mehr iſt, ich liebe ihn von ganzer Seele; ich will es Ihnen bekennen. Magnetiſche Kuren. 285⁵ Graf. Ruhig, ruhig, Gräfin Schönmark! So weit ſind wir noch nicht, das letzte Wort will ich nicht gehört haben. Anna. Papa, Sie fragten mich ſo liebevoll! Graf. Das iſt ein ſchöner Dank für meine Freundlichkeit.— Anna, das hat mich ſehr überraſcht, und was du mir eben geſagt— Anna.. Iſt die Wahrheit, Papa; und ich will es nicht läugnen. Ja, ich liebe ihn mit der ganzen Kraft meines Herzens. Graf. Und wer iſt dieſer verwegene junge Menſch? Ich hoffe, daß ich ſeinen Namen wenigſtens ſchon gehört habe. Anna. Ohne Zweifel, Papa— Ferdinand von Rahden. Graf. Des Präſidenten Sohn? Mein Kind, du haſt mir den ganzen Abend verdorben. Anna. Mein Gott! Papa, haben Sie etwas gegen dieſen Namen? Graf. Er iſt nicht ſo übel; der Präſident iſt ein Ehrenmann, und der Sohn ſoll ein geſchickter Advokat ſein.— Du aber biſt eine Gräfin Schönmark.— 4 Anna. Ich weiß es, Papa. Graf. Du hätteſt das auch nie vergeſſen ſollen. Magnetiſche Kuren. Fünfter Auftritt. Die Vorigen. v. Rahden(in der Thüre rechts). Anna(ſchmiegt ſich an ihren Vater). Papa, ſeien Sie gütig gegen mich! Graf Das iſt unmöglich, mein Kind. ceaut.) Dieſer Herr v. Rahden— v. Nahden cerſchrocken). Excellenz! cFür ſic) Was iſt das? Graf Czu Anna). Nichts weiter davon, Anna! Dein Bekenntniß hat mich wahr⸗ haft erſchüttert, ich muß mit deiner Mutter darüber ſprechen. v. Nahden cnäher tretend). Excellenz! Graf. Ah! lieber Doktor. v. Nahden. Excellenz nannten vorhin einen Namen— (Anna macht ihm Zeichen zu ſchweigen.) raf. Nichts, was Sie betrifft, beſter Freund!— Wir ſprechen von einer Familie aus der Reſidenz, von Ferdinand v. Rahden.— Sie ſehen mich ſo erſtaunt an. Kennen Sie dieſen Herrn? v. Nahden. Gewiß, Excellenz! ſehr genau!(Er bemerkt das Zeichen der jungen Gräfin.) — So ziemlich, wollt' ich ſagen. Ich habe ihn einigemal geſehen. Graf cführt ihn auf die andere Seite). Ein Advokat. v. Nahden. . Ja. Maguetiſche Kuren. 287 Graf. So ein leichtſinniger Obenhinaus,— der ſeine Geſchäfte ver⸗ nachläſſigt, und ſtatt im Gerichtsſaal, nur auf Bällen und Mas⸗ keraden zu finden iſt?— Wie? v. Rahden Cfür üich. Was ſoll ich da antworten? Graf. Nun, ich ſehe ſchon, Sie wiſſen auch nicht viel zu ſeinem Lobe zu ſagen. v. Nahden. Doch Einiges, Excellenz! Graf. Gewiß wenig! Die jungen Leute heut zu Tage ſind ſehr verdorben. v. Rahden. Excellenz, ich muß Sie in der That bitten— Graf. Beſter Doktor? Sie werden mich doch nicht mißverſtehen?— Sie wiſſen, welche große Stücke ich auf Sie halte. Cceiſe,) Ich kenne Ihre Diskretion; ich will Ihnen ſpäter ſagen, was es mit dem Rahden für eine Bewandtniß hat. Wenn alle jungen Männer wie Sie wären, dann könnte jeder Vater ruhig ſein. (Er geht nach links ab.) Sechster Auftritt. v. Rahden. Gräfin Anna. v. Nahden Was war das, Anna? Um Gotteswillen! was iſt hier vor gefallen? (Sie hat ſich auf der linken Seite in einen Fanteuil geſetzt, er ſteht vor ihr, und faßt ihr e beiden Hände.) Magnetiſche Kuren. Anna. Ich habe meinem Vater Alles entdeckt. v. Nahden. Was denn, Anna? Anna. Daß ich Sie liebe,— nein, daß ich ihn liebe! v. Nahden. Wen, Anna?. Anna. Ferdinand v. Rahden. v. Rahden(iubelnd). Alſo mich? Gott, wie danke ich dir! Anna. Nicht Sie, Sie ſind ja hier der Doktor Steiner. v. Rahden. Alſo der Graf weiß nicht, wer ich bin? Anna. Nein, Ferdinand. Er darf es auch nicht erfahren; Sie haben ja gehört, wie er meine Erklärung aufgenommen. v. Nahden. Das iſt leider wahr; er hat mir über den Herrn v. Rahden nicht viel Schmeichelhaftes geſagt. Anna. Gott, wenn mein Vater eine Ahnung hätte, daß Sie hier wären, daß Sie ihn betrogen, er würde uns nie verzeihen. v. Nahden. Wie danke ich Ihnen, Anna, für das, was Sie für mich ge⸗ than!— Gewiß, es muß Alles gut werden; die Vorſehung kann nicht ſo grauſam ſein! cDer Kammerdiener hat langſam die Thüre geöffnet und erblickt die Beiden. v. Rahden ſieht ihn ebenfalls, erſchrickt, faßt ſich aber gleich wieder.) v. Nahden. Wir ſind verrathen, Anna, dort an der Thüre war der Kam⸗ Magnetiſche Kuren. 289 merdiener Ihres Vaters. Bleiben Sie ruhig, nur eine Liſt kann uns retten. Anna. Aber was ſoll geſchehen, Ferdinand? Mein Gott, wenn er den Papa herbeiruft. v. Nahden. Das wird er thun ohne allen Zweifel, deßhalb ſchließen Sie Ihre Augen; ich habe Sie magnetiſirt. . Anna. Ferdinand, wie ich mich fürchte! Ich könnte ja das Zimmer verlaſſen, ehe Papa kommt. v. Rahden. Das geht nicht, denn der Kammerdiener ſah, wie ich Ihre beiden Hände faßte. Anna(ſeufzend). O Gott! v. Nabden. Still—— man kommt! Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Der Graf. Die Gräfin. Später der Baron und die Baronin. Kammerdiener Ser dem Grafen die Thüre öffnet). Ich ſah es ganz genau, Excellenz. Graf. Unmöglich!— Was ſoll das? v. Rahden Lſteht vor der Gräfin und macht eifrig ſeine Zeichen über ſie. Er winkt dem Grafen mit der linken Hand, ruhig zu ſein und zuckt die Achſeln). Hackländers Werke. XV. 19 Magnetiſche Kuren. Graf cleiſe). Was ſoll das bedeuten, Herr Doktor? v. Nahden. Excellenz werden mir verzeihen; ich habe vielleicht unbedacht⸗ ſam gehandelt; aber welcher Magnetiſeur an meiner Stelle hätte eine ſolche herrliche Gelegenheit vorüber gehen laſſen? Baron (der mit der Baronin von rechts kommt). Ah, das iſt ſehr intereſſant! . Graf. Aber meine Tochter? Wie kamen Sie dazu? v. Rahden. Sehen Sie, ſie ſchläft ganz ruhig. Baron. Erſtaunlich! v. Nahden czum Grafen). Als Sie uns vorhin verließen, fand ich die Gräfin in einem ſolch aufgeregten Zuſtand, daß ich mich verſucht fühlte, ihre Ner⸗ ven zu beruhigen. Das gelang mir vollkommen; denn die Gräfin ſchloß ihre Augen und ſchlief— wie Sie ſehen— ein. Graf. Ja, ſie war ſehr aufgeregt. Baron. Das iſt köſtlich! Ich danke Ihnen ſehr für dies Experiment, lieber Doktor. Graf. Es wird ihr doch nicht ſchaden? v. Nahden. Unbeſorgt, Herr Graf! Das Wohl der Gräfin iſt mir ſehr theuer. Baronin Gur Gräfin, die ſich rechts in ein Fauteuil geſetzt und die bis jetzt eifrig zuſammen geſprochen). Und ſie hat ihrem Vater offen geſtanden, daß ſie Herrn v. Rahden liebt? Magnetiſche Kuren. 291 Gräfin. Ohne Rückhalt!— Haſt du in der Reſidenz dieſen jungen Mann irgendwo geſehen? Baronin. O ja, ich—— ich ſehe ihn noch. Gräfin. Was, Eliſe? Baronin cauf v. Rahden zeigend). Dort ſteht er. Gräfin. Mein Gott, wäre es möglich! wie mich das erſchreckt! Baron Gzu v. Rahden). Würden Sie's jetzt für ſchwer halten, die Gräfin hellſehend zu machen; ſie zu vermögen, daß ſie Etwas ſagte? v. Nahden. Das wär nicht ſo ſchwer; doch weiß ich nicht, ob Seine Excellenz— Graf. Wenn Sie mir die Verſicherung geben, daß es ihr nicht nach⸗ theilig iſt. v. Nahden. Dafür ſtehe ich mit meinem Leben. Graf czur Gräfin). Was meinſt du, Adelaide? Gräfin. Oh, ich glaube, zu dieſem Herrn Doktor können wir Zu⸗ trauen faſſen. v. Nahden. Wenn Sie alſo befehlen?— Baron.. So darf ich ſie vielleicht etwas fragen? 292 Magnetiſche Kuren. v. Nahden Cacſeetzuckend). Ich weiß nicht, ob Sie der Gräfin ſympathetiſch ſind. Eugen ckommt auf den Zehenſpitzen gehend herein). Hier gibt es ja etwas ſehr Intereſſantes! Baronin. Es iſt beſſer, wenn eine von uns Damen ſie frägt. Was meinſt du, Adelaide? Gräfin. Allerdings! Darf ich ihr eine Frage ſtellen, Herr Doktor? v. Nahden cin Verlegenheit). Nur müſſen Sie der Gräfin keine Frage ſtellen, die ihr un⸗ möglich iſt zu beantworten. Sie müſſen erwägen, daß es nur der Verſuch eines magnetiſchen Schlafs iſt. Gräſin cindem ſie bei v. Rahden vorbeigeht). Seien Sie unbeſorgt— Ceiſe zum Doktor) Herr v. Rahden! v. Nahden cerſchreckt). Was iſt das? Baron. Aber jetzt ruhig! ganz ruhig! Das iſt ein feierlicher Moment. Baronin Cfär ſich. Was mag ſie fragen! v. Nahden Cfr ſich. Ich ſtehe wie auf Nadeln. Gräſin czu Anna). Mein Kind— du liebſt? Anna Guckt zuſammen). Eugen. Ah, das iſt intereſſant! Graf. Adelaide, das war indiskret! Baron. Was ſie darauf antworten mag? Magnetiſche Kuren. 293 Anna. Ja, ich liebe. . Baron. Ei der Tauſend! Eugen. Das wird pikant! Wen kann ſie meinen? Graf Czur Gräfin). Laß es genug ſein! Baron. Sie ſteht langſam auf. Ruhig, ruhig! Anna Die ſich langſam erhoben hat, öffnet die Augen, ſchaut einen Augenblick um ſich und macht ein Paar Schritte gegen v. Rahden. Dieſer fängt ſie mit ſeinen Armen auf. Laut:) Ja, ich liebe ihn! v. Nahden (führt ſie in ein Fauteuil rechts). Baron. Iſt das ernſtlich, lieber Freund; oder iſt es nur des Doktors magnetiſche Kraft? Graf. Sehr ernſtlich. Ich habe es gewußt. Eugen. Daß Anna ihn liebt? Baron. Den Magnetiſeur? Graf. Nicht den Doktor Steiner! Wie kann man ſo etwas denken? Baron. Aber ſie eilte doch auf ihn zu! Graf. Das ſchien mir durch magnetiſche Kraft bewirkt. Gräfſin Gzu Anna). Sei ruhig, mein Kind. Vielleicht geht noch Alles gut. 294 Magnetiſche Kuren. v. Nahden GCzur Gräfin). Gräfin, nehmen Sie unſere Partie! Helfen Sie! Gräfin. Sie haben ſich ſchön verwickelt, Herr v. Rahden. Da ſehe ich keinen Ausweg. Baron czum Grafen). Wen liebt denn die junge Gräfin. Iſt es ein Geheimniß? Graf. Das nicht, aber leider einen gewiſſen Herrn v. Rahden. Baron. Ah, den jungen Advokaten! Ich habe von ihm gehört, ein talentvoller, geiſtreicher Mann!— Eugen(der zu v. Rahden vorgegangen iſt). Aber ſo erkläre mir doch, was bedeutet dies? v. Nahden. Später— ich habe jetzt keine Zeit! Kammerdiener(der von rechts gekommen iſt und ein großes Schreiben in der Hand trägt für ſich). Jetzt wollen wir ſehen, wer dieſer Herr Doktor iſt. cLaut zum Grafen. Excellenz, ſo eben bringt eine Eſtafette dieſes Schreiben aus der Reſidenz. Da aber die Perſon, an die es gerichtet iſt, ſich nicht im Schloſſe befindet, ſo ſoll es vielleicht wieder zurückgeſandt werden? . Graf. Laß ſehen!— Ein Schreiben aus dem Kabinet— an Fer⸗ dinand von Rahden— das verſtehe ich nicht— (Pauſe.) v. Nahden. Excellenz, der Brief iſt an mich. Magnetiſche Kuren. 295 Graf(ſieht ihn erſtaunt and. Was ſoll das bedeuten, Herr—? v. Nahden. Ich bin Ferdinand von Rahden und bitte Sie um Gehör. (Der Graf geht mit ihm auf die rechte Seite die Andern ziehen ſich links zurück. v. Rah⸗ den reißt das Couvert von dem Schreiben und übergibt eins, was darin liegt, dem Grafen.) Mit meiner aufrichtigſten Gratulation, Excellenz. Graf(durchfliegt den Brief). Was ſoll das? Seine Majeſtät übergeben mir das Portefeuille der auswärtigen Augelegenheiten? v. Rahden (der ein Schreiben ebenfalls durchflogen). Und ich war ſo glücklich, da ich mich gerade hier befinde, von dem Staatsſekretär mit Uebergabe dieſes Schreibens betraut zu werden. Graf(gerührt). Die Gnade Seiner Majeſtät hat mich auf's Tieſſte ergriffen. Aber ich begreife doch nicht, Herr— Doktor— v. Nahden(mit einer tiefen Verbeugung). Der Herr Juſtizminiſter, mein Chef, läßt mir ſchreiben, daß er mich Euer Excellenz beſtens empfohlen habe. Graf. Das iſt wahr, Herr von Rahden. Der JIuſtizminiſter ſchreibt mir, Sie hätten Luſt, in die Diplomatie zu treten und empfiehlt Sie auf's Allerdringendſte.— Aber nehmen Sie mir nicht übel, Sie haben hier eine ſonderbare Rolle geſpielt. Weßhalb kamen Sie hieher? v. Rahden. Ich erfuhr zufällig, daß Seine Majeſtät die Abſicht hatten, Euer Excellenz das Miniſterium zu übertragen. Ich ſehnte mich ſchon lange, unter den Augen Euer Excellenz zu arbeiten. 296 Magnetiſche Kuren. Graf anit einem Blick auf ſeine Tochter). Ah, ich verſtehe! v. Rahden. Da mir jedoch bekannt war, wie ſehr Euer Excellenz das Protektionsweſen verhaßt iſt,— Graf. Weiter, weiter! 3 v. Nahden. Daß Euer Excellenz Sich von der Brauchbarkeit Ihrer Beam⸗ ten ſelbſt zu überzeugen pflegen— Graf. So kamen Sie hierher? v. Nahden(mit einer Verbeugung). Um unter Ihren Augen mein Staatsexamen zu machen. Graf. Der Miniſter könnte das vielleicht verzeihen und Ihnen ge⸗ neigt bleiben; aber nicht ſo der Vater. v. Nahden. Das wäre auch des Glücks zuviel auf einmal. Wenn es der Miniſter mit mir wagen will, ſo werde ich hoffentlich in nächſter Zeit demſelben Veranlaſſung geben, ein günſtiges Wort für mich bei dem Vater einzulegen. Graf. Das läßt ſich hören.— Meine Damen, ich habe hier ſo eben eine erfreuliche Nachricht erhalten. Seine Majeſtät übertrugen mir das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten, und dies gnädige Schreiben überbrachte mir Herr von Rahden— unſer erſter Geſandtſchafts ſekretär in Wien. v. Nahden. Wie danke ich Euer Excellenz. Magnetiſche Kuren. 297 Baron. Ah, lieber Freund, ich mache meine Gratulation. Da hat Seine Majeſtät ſehr gut gewählt. Baronin Kacelmd zu Anna) Wien iſt ſehr angenehm, mein Kind. Eugen Gzu v. Rahden). Du biſt ein Schelm. Du drängſt dich in meine Carriere. Geh’, Egoiſt. Das waren deine magnetiſchen Kuren? v. Rahden. Auch für dich iſt geſorgt.(Zum Grafen.) Und in Betreff Ihres Neffen, Excellenz,— Gräfin(von der andern Seite). Und in Betreff deiner Tochter! 1 Anna. Wirſt du mir verzeihen, Papa? 1 Baron. Aber, lieber Freund, Sie hätten den— Doktor da wohl in der Reſidenz laſſen können. Wir hätten ſo vortreffliche magnetiſche Studien zuſammen getrieben. Graf. Dies Alles auf einmal zu beantworten, iſt mir unmöglich. Aber hört mein Wort, und das iſt unwiderruflich, wie ein Dekret: Herr von Rahden geht nach Wien; Eugen wird ebenfalls dort attachirt, und das Uebrige, wird ſich ſeiner Zeit finden; Herr von Rahden, Sie gehen noch heute Nacht nach der Reſidenz zurück; Sie dürfen Sich aber bei der Gräfin Anna verabſchieden. . Anna. Papa, wie innig, wie herzlich danke ich dir! v. Rahden. Excellenz, Sie ſollen mit mir zufrieden ſein. 298 Magnetiſche Kuren. Baron. Aber ich rathe Ihnen, die Viſſenſchaft nicht zu vernachläſſigen. Baronin Aachelnd. Und ſtets Ihre magnetiſche Kraft zu üben. v. Rahden. Gewiß, Baronin. Verdanke ich doch Alles, was ich heute er⸗ langte,— meinen magnetiſchen Kuren. 3 S8 * 5 5 8 8 S8 G Perſonen. Müller, Kanzlei⸗Aſſiſtent beim Finanz⸗Miniſterium. Kratzer, Kanzlei⸗Aſſiſtent beim Polizeiamt. Eduard. Eliſe. Frau Bendel, Hauswirthin. Babett, die Magd. Ein beſcheidenes Zimmer, im Hintergrund ein Fenſter mit Blumen, daneben ein unberührtes Bett mit einer ſpaniſchen Wand. Seitenthü⸗ ren, vornen links ein Tiſch mit einem großen Lehnſtuhle. Erſter Auftritt. Müller, ſpäter Eduard und Eliſe. Müller (ſitzt auf dem Lehnſtuhle ausgeſtreckt und ſchläft, es ſcheinen ihn heftige Träume zu plagen). Oh! Oh! cEr ſchläͤft weiter.) (Eduard und Eliſe ſchleichen ſich vorſichtig herein, Eliſe ſchaut ſich ängſtlich um) Eliſe. Ach! welch' ein Unglück, man wird uns entdecken; ich bin verloren! Eduard. Es iſt allerdings fatal. Aber wer hätte auch denken können, daß um vier Uhr Morgens ſchon ſo viel Leute auf der Straße um⸗ her laufen! Eliſe. Das ſchöne Wetter! Da wollen Manche ihren Spaziergang machen, ſo gut wie wir.— Aber du magſt ſagen, was du willſt: ich folge dir nicht mehr. Gott, wenn es mein Vater erfährt! Wird er wohl glauben, daß wir eine harmloſe kleine Promenade machen wollten? Schuldig! . Eduard. So beruhige dich doch, mein Kind. Der Herr Polizeirath, dein Vater, ſoll es ja auch nicht erfahren; deßhalb haben wir uns ja eben in das Haus geflüchtet. Eliſe. Wenn man mich ſieht, iſt mein Ruf auf ewig dahin. O Eduard, wir waren recht leichtſinnig! Eduard. Nein, wir haben Unglück gehabt. Iſt es denn nicht Unglück, daß gerade, als wir um die Ecke biegen wollten, ein Wagen voll Bekannter uns begegnet, die eine Landpartie machen? Aber es⸗ ſoll noch Alles gut werden! Der Kanzlei⸗Aſſiſtent hier iſt mein Bekannter, ein alter, ruhiger Menſch. Ich will ihn wecken, bleibe du hier nur an der Thüre ſtehen, ich will ihm die Sache ausein⸗ ander ſetzen; hier unten wohnt ja deine Putzmacherin, zu ihr gehſt du, ſobald ſich ihre Thüre öffnet. Der ſchöne Sommermorgen er⸗ klärt den frühen Ausgang.(Er ſchleicht ſich um die ſpaniſche Wand, während Eliſe einen Schritt vorwärts macht.) Aber, was ſeh' ich! Er iſt nicht in ſeinem Bette. Eiliſe cerſchrict). Ah! Cceiſe, behutſamy. Er ſchläft dort auf dem Stuhle. Aber wir können ihm nicht trauen, er iſt mit der Frau Bendel ſehr liirt, er kann ihr dieſen Spaß nicht verſchweigen und ſie wird es aller Welt wieder erzählen.— Ach, Eduard, was wird daraus werden? Eduard. Verzweifle nur nicht gleich! Soll ich ihn wecken? Eliſe. Nein, um Gotteswillen nicht! Eduard. Dann weiß ich nur noch einen Ausweg. Hier nebenan iſt eine Kammer, in welche er ſelten kommt. Cor geht zur Thüre und ſieht, ob ſie nicht verſchloſſen iſ.) Er bewahrt hier ſeine Kleider, aber da er Schuldig! 303 ſchon angezogen iſt, wird er heute nicht mehr hinein gehen. Ich kenne alle ſeine Gewohnheiten, er lebt nach der Uhr. Sowie es Fünf ſchlägt, geht er in den Hof und läßt ſeinen Hund los, den er nicht auf dem Zimmer behalten darf. Dann gehſt du zur Putz⸗ macherin hier unten. CsSchaut vorſichtig zur Thüre hinaus.) Aber es ſcheint mir Alles ruhig, jetzt könnte ich mich hinab ſchleichen, man darf uns hier nicht beiſammen finden. Eliſe. Ach, gewiß nicht! Aber— ich ſoll allein—? Eduard.. Nur fort in die Kammer, thue, wie ich dir ſagte— Eliſe. Ach, wenn es nur gut geht,— Eduard! ich vergehe vor Angſt— Eduard. Muth! Muth überwindet die Gefahr, und hier iſt keine.— Gewiß, es wird und muß gut gehen! Eliſe. Nun denn, in Gottes Namen! Eduard. Du weißt ja, daß ich unſchuldig bin. (Er führt ſte zur Kammer. Eliſe läßt ihr Schnupftuch dicht beim Lehnſtuhl fallen und geht hinein.) Eduard. Der Himmel ſteh' ihr bei. Mir iſt nicht ſo gut zu Muthe, als ich mich anſtelle!(Ab.) Schuldig! Zweiter Auftritt. Müller allein. (Spricht im Schlaf.) Nein!— nein! nein!— ſchreckliche Geſchichten!— Ich halte mich nicht!— Oh!— oh!— oh!— Wir fallen!— wir fallen — Oh! oh!— Hülfe!— Hülfe!(Er erwacht und ſchaut erſchrocken um ſich.) Ja, wo bin ich denn? Nicht in meinem Bette? Habe ich mich denn geſtern Abend nicht hineingelegt?— Es muß nicht ſein, denn ſonſt läge ich noch darin. Ah! ich merke, ich bin wieder einmal auf dem Stuhl eingeſchlafen; es iſt das eine verfluchte Gewohn⸗ heit. SSieht auf ſeine uhr) Halb fünf Uhr— und um elf Uhr bin ich nach Haus gekommen. Schlecht habe ich eigentlich nicht geſchla⸗ fen, aber einen böſen Traum hab'’ ich gehabt, einen ganz merk⸗ würdigen Traum.— Wie man nur ſo etwas träumen kann!— Und ſo lebhaft! Habe alles das vor mir geſehen, und der Traum war eigentlich auch nicht ſo übel.— Ah pfui! Mathias! es war doch garſtig, es war ein ganz unmoraliſcher Traum. Ecr beſieht ſich in einem Handſpiegel.) Etwas verſchlafen ſehe ich aus, und habe meinen Sonntagsrock noch an.— Wo waren wir geſtern Abend?— Richtig!— ha! ha! Das Doppelbier iſt auch wohl Schuld— 's war eigentlich eine Verſchwendung: fünf Kreuzer für den Schoppen; will jetzt aber den ganzen Sommer keines mehr trinken. (Legt die Hand auf das Herz. Mathias, ich verſprech' es dir— abgemacht! (Er macht ein paar Schritte nach der Nebenthüre, bleibt aber nachdenkend ſtehen.) Ja, ja— dieſer Traum, er will mich gar nicht verlaſſen, und das Mädchen, was darin vorkam, das ich, mir ſchaudert die Haut— entführt hatte— es ſteht noch wie leibhaftig vor mir!— Wenn das Madame Bendel erführe, ſie hätte keine Achtung mehr vor mir.— Um die ganze Geſchichte mit einem Male hinter mir zu haben, will ich zu meinen täglichen Morgenzerſtreuungen greifen— Schuldig! 3⁰0⁵ das heißt zuerſt den Hund loslaſſen und dann ihr, meiner lieben Bendel, vorerſt noch Hausfrau, bald aber mehr! einen guten Mor⸗ gen wünſchen. Ja, ja, ein guter, aber auch ein ſchöner Morgen iſt das! Alles ſo friſch und duftig draußen. CoEr beugt ſich zum Fen⸗ ſter hinaus. Auch meine Amſel beginnt ihre Morgenſtücke! So nicht— wart'— ich pfeife dir's vor!(Er pfeift die erſte Zeile der Fahnenwacht, die Amſel draußen antwortet ihm in einer andern Tonart.). (Man klopft. Fährt zurück aus dem Fenſter.) Wie ich doch ſo leicht erſchrecken kann! Wahrhaftig, das macht der Traum und das ent⸗ führte Mädchen— cEs klopft noch einmal) Wer kann ſo früh kommen? — Herein! Dritter Auftritt. Voriger. Frau Bendel t(tritt berein, wirft einen Blick im Zimmer umher und ſieht den Aſſiſtenten forſchend an). Müller. Ah, Frau Bendel, ſo früh?— Ein ſchöner Tag! Hat Sie das ſchöne Wetter ſo früh aus den Federn gejagt? Frau Bendel. Ich habe mich noch nicht nach dem Wetter umgeſehen, ich war noch nicht aus dem Hauſe. Ich pflege nicht ſo früh auszugehen oder— ſo früh nach Hauſe zu kommen. Müller. Ich auch nicht, Frau Bendel. Ich habe kaum einen Blick zum Fenſter hinaus geworfen.— Es muß ein ganz prächtiger Tag werden. Frau Bendel cetwas ſpitzigh. Das frägt ſich noch ſehr, ob der Morgen ſchön wird. Müller ur ſich. Die gute Frau Bendel ſcheint übel gelaunt zu ſein. CLaut.) Haben Sie gut geſchlafen? Hackländers Werke. XV. 20 — ͦ äq4— 306 Schuldig! Frau Bendel (mit einem Blick auf das unberührte Bett). Ich?— vortrefflich!— Und Sie, Herr Müller? Müller. Ich?— O, auch ich nicht ſchlecht— ſo ziemlich, wollt' ich ſagen! Frau Bendel. Das kann ich mir denken. CsSie holt tief Athem) Hm! hm! CLebhaft) Nein, Herr Müller, nehmen Sie mir es nicht übel, Herr Müller, daß ich mich unterſtanden, Sie ſo früh zu ſtören, Herr Müller, aber— aber— Müller. Aber, was haben Sie denn, beſte Frau Bendel? Frau Bendel. Beſte Frau Bendel? Csie ſchlucktheftig. O, ich— ich habe gar nichts, nicht das Geringſte. Ich wäre nicht gekom men, Sie ſo früh zu ſtören, aber als Hausfrau iſt es meine Schuldigkeit, darauf zu ſehen, daß nicht ſchon Morgens Früh um vier Uhr meine Haus⸗ thüre offen ſteht, und ich wollte Sie deßhalb recht ſehr bitten, Herr Müller, wenn Sie künftig die Nächte außer dem Hauſe herum⸗ ſchwärmen, die Thüre hinter ſich zuzuſchließen, wenn Sie am Mor⸗ gen nach Hanſe kommen. Müller. Ich, Frau Bendel? Frau Bendel. Sie!— Oder waren Sie vielleicht dieſe Nacht nicht aus dem Hauſe?— Sehen Sie doch Ihr Bett an. Müller. Mein Bett?— ja! Frau Bendel.* Und Ihren Rock von geſtern, Ihren ſchönen Sonntagsrock! Sehen Sie, wie er voll Staub iſt. 3 Schuldig! Müller. Ja, das iſt wahr, mein Sonntagsrock! Frau Bendel. Pfui! Sie ſollten Ihr Bischen Geld nicht dazu anwenden, ganze Nächte durch herumzuſchwärmen! Müller. Aber, Frau Bendel, Sie bringen mich in Verzweiflung. Die Wahrheit iſt, daß ich geſtern Abend gegen elf Uhr nach Haus ge⸗ kommen und hier eingeſchlafen bin. Frau Bendel. So!— Müller. Auf dieſem Stuhl; ich weiß nicht, wie das gekommen ſein mag— Frau Bendel. In Ihrem Sonntagsrocke? Müller. Es ſcheint ſo. Vierter Auftritt. Vorige. Kratzer(iſt eingetreten und kommt langſam vor). Frau Bendel. Herr Müller! Herr Müller! Sie müſſen draußen nichts Gutes getrieben haben, weil Sie es mir verheimlichen wollen.— Aber was hilft das Läugnen?— Hat Sie die Magd nicht vorhin die Treppen herauf ſchleichen hören? Müller. Mich die Treppen herauf ſchleichen?— das iſt ja ganz un⸗ möglich! 308 Schuldig! Frau Bendel. Ich glaube auch, ſogar geſehen. Müller. Mich auf der Treppe geſehen, während ich hier im Stuhle ſchlief?— O Frau Bendel, Sie ſprechen da entſetzliche Sachen! Da müßte ich ja einen Doppelgänger haben. Frau Bendel Gärtlich. O, Herr Müller, ich habe das nicht um Sie verdient. Ich kannte Ihre ſchönen und edlen Abſichten; und nun mit einem Male— Kratzer(der dazwiſchen tritt). Guten Morgen! Frau Bendel. Ach ſo! der Herr Kratzer ſind auch da?— Jetzt wird mir Alles klar, jetzt zweifle ich an gar nichts mehr.— Der Herr Kratzer— natürlich! 1 Kratzer. Ja, der Herr Kratzer! Er heißt ſo und iſt da, was ſoll's weiter! Frau Bendel(macht einen Knip). Nichts! o gar nichts! Jetzt finde ich ja Alles begreiflich.— Habe die Ehre, einen guten Morgen zu wünſchen. Kratzer. Müller. Frau Bendel! hören Sie doch!— Sie iſt böſe, ſie geht fort! (Frau Bendel ab.) Gleichfalls. Fünfter Auftritt. Die Vorigen ohne Frau Bendel. Kratzer. Was will denn die alte Schachtel eigentlich? Schuldig! 309 Müller. Du mußt die gute Frau nicht ſo nennen, ich kann das nicht leiden. Sie meint es gut mit mir. Kratzer. Was geht es ſie an, wenn du einmal eine Nacht aus dem Hauſe bleibſt? denn davon war doch die Rede. Es iſt recht, wenn du endlich einmal anfängſt, fidel zu werden. Müller. Aber ich will nicht fidel werden!— Ich war die ganze Nacht zu Hauſe. Kratzer. Liederliche Fliege! Mir brauchſt du nichts weiß zu machen. Gott! ich finde das ſo begreiflich! Müller. Es iſt aber nicht begreiflich! Kratzer. Du biſt noch zu unſchuldig. Wenn man ſo in gewiſſen Ban⸗ den iſt und will den Schein meiden, da wirft man ſein Bett durcheinander, wenn man nach Haus kommt, und zieht den Rock aus. Man muß es ein Bischen glaubwürdig machen. Müller. Ich habe dort auf dem Stuhl geſchlafen. Kratzer. Meinetwegen. Müller. Ich war ſchon um eilf Uhr zu Haus. 3 Kratzer. Es iſt mir ganz einerlei. Müller. Geh, du biſt ein hartherziger, ungläubiger Menſch, ich will dir das auch gar nicht übel nehmen. So einer von der Polizei, 310 Schuldig! der mit lauter ſchlechten Leuten umgeht, traut Keinem was Gutes zu.— Wo kommſt du denn ſchon ſo früh her? Kratzer. Geſchäfte! causes célèbres! ich hatte über einen verwickel⸗ ten Fall nachzudenken, und das trieb mich aus dem Bette und in’s Freie, ein ſchöner, prächtiger Fall, der ſeinen ganzen Mann fordert! Müller. So, ein Verbrechen? Erzähle mir das ein Bischen, während ich den Kaffee mache. EEr hott Alles herbei, was dazu nöthig iſt) So etwas Schauderhaftes intereſſirt mich zuweilen. Kratzer. Intereſſirt dich wirklich ſo etwas zuweilen? Nun ich kann mir denken, warum dies heute der Fall iſt. Wenn man Nächte durch⸗ ſchwärmt hat, da ſind die Nerven aufgeregt. Müller. Schon einmal habe ich dir geſagt, daß ich die Nacht ruhig im Stuhle geſchlafen habe. Kratzer. Geh', Heuchler!— Was thut's denn? Unſereins leugnet das nicht, aber du— Ausbund der Tugend, du Heimlichthuer. Müller. Sage, was du willſt. Kratzer. Du biſt ein merkwürdiger Kerl; ich kenne dich ſchon ſeit ziem⸗ lich lange und beſitze Menſchenkenntniß. Aber mich ſoll der Teufel holen, wenn ich aus dir ſo recht klug werden kann. Muüller. Aus mir?— Wie ſo? Kratzer. Weißt du, wir von der Polizei, combiniren, ſtellen uns die kleinſten Handlungen der Menſchen zuſammen; aber wenn Schuldig! 311 ich bei dir alles zuſammen thue, ſo komme ich zu dem Reſultat, du könnteſt ebenſogut, wie du jetzt eine grundehrliche Haut, auch ein Cartouche oder Schinderhannes ſein! Müller. Pfui, wie kann man ſo etwas ſagen! Kratzer.. Nun, es iſt ja nur ſo eine Idee. Ich kann dich verſichern, daß die ſcheußlichen Verbrecher, die mir ſchon durch die Finger ge⸗ laufen ſind, immer das Anſehen von gutmüthigen, freundlichen, harmloſen Menſchen hatten.— Nun, was treibſt du denn da? Müller. Ich habe mir die Finger am Spiritus verbrannt.— Aber was war den das für ein Fall, von dem du vorhin ſprachſt? Kratzer. Ein prächtiger Raubanfall mit einem ſehr ſchönen Mordverſuch. Müller. Und das nennſt du prächtig und ſchön? Kratzer. Wir hatten es mit einem verzweifelt geſcheidten Kerl zu thun: auch ſo ein ſtilles, behagliches Weſen wie du. Müller. Ach! mit deinen unpaſſenden Vergleichen! Jetzt habe ich mein Waſſer verſchüttet. 8 Kratzer. Das kommt von dem Nachtſchwärmen, lieber Freund, da zittert die Hand. Müller. Du biſt ein entſetzlicher Menſch! Es wird doch einem Staats⸗ bürger, der ſeine Wohnſteuer bezahlt, erlaubt ſein, auf dem Stuhle zu ſchlafen!— Ich war die ganze Nacht zu Haus. Kratzer. Beweiſe!— 312 Schuldig! Müller. Was Beweiſe!— Da ſteht mein Stuhl, darin habe ich ge⸗ ſchlafen. Kratzer. Das iſt kein Beweis, das Bett iſt unberührt.— Ich bin heute Morgen zum Inquiriren aufgelegt. CEr wirft ſich in Poſttur) Neh⸗ men wir an, du ſeiſt ein Verbrecher— Müller. Ich danke für ſolche Annahmen; du verderbſt mir meinen gan⸗ zen Morgen. Kratzer Careich wie plaidirend. In der Nähe z. B. ſei eine ſchöne Mordthat verübt worden, ein Einbruch, eine Erdroſſelung, ſo was der Art. Auf dich fällt der Verdacht. 5 Müller(erſchrocken). Wie? auf mich fällt der Verdacht? Gur ſich Ah, der ver⸗ fluchte Traum! Kratzer. Siehſt du, du biſt erſchrocken; das nehmen wir gleich zu Pro⸗ tokoll. Müller. Nun ja, ich bin erſchrocken, etwas aufgeregt, ich geb's zu! Kratzer. Du gibſt es zu?— Zu Protokoll! Müller. Weil ich dort auf dem Stuhl einen Traum hatte, oh! einen wüſten Traum! Einen Traum, mir ſchaudert noch! Kratzer. Verbrecher haben oft dergleichen Träume. Alſo, um wieder auf unſer Thema zurückzukommen, du wollteſt um dich zu reinigen, ein Alibi beweiſen. Schuldig!. 313 Müller. Daß ich die ganze Nacht zu Haus geweſen ſei. Nun, das würde mir doch ſehr leicht werden. Kratzer(ſich die Hände reibend). Leicht? lieber Freund, ſchwer, ſchwer! rein unmöglich! Es ſah dich Niemand in's Haus gehen, vielmehr behauptet die Magd, du ſeiſt vor einer halben Stunde erſt herauf geſchlichen, dein Bett iſt unberührt, deine Hand zittert, du ſprichſt von ſchreckli⸗ chen Träumen, deine Nerven ſind aufgeregtz ja ſiehſt du, lie⸗ ber Müller, und wenn du mein Bruder wärſt, ich ließ dich ein⸗ ſtecken. Müller(erzürnt). Jetzt bin ich deiner Dummheiten ſatt. Biſt du denn gekom⸗ men, mir meinen Morgen zu verderben? Iſt denn das der Dank dafür, daß ich dir einen ſo guten Kaffee mache? Kratzer. Was den guten Kaffee anbelangt, ſo beweist das gerade deine heilloſe Zerſtreuung. Du haſt Waſſer in die Maſchine gethan und den Hahn aufgedreht. Müller. Alle Teufel! das iſt wahr. Da müſſen wir geſchwinde auf⸗ wiſchen.(Er ſucht in der Taſche nach ſeinem Sacktuch, da er es aber nicht findet, ſo nimmt Kratzer das Taſchentuch vom Boden auf und wiſcht damit den Tiſch ab.) 1 Kratzer(beſteht das Tuch). Du haſt feine Taſchentücher. Müller cärgerlich). Nun, mir ſind ſie fein genug. Jeder ſchafft ſich an, wozu er die Mittel hat.(Er macht auf's Neue und brummend die Kaffeemaſchine in Ord⸗ nung. Kratzer ſetzt ſich rittlings auf einen Stuhl.) Kratzer. Ich habe noch eine andere ſehr intereſſante Geſchichte im Referat.. 314 Schuldig! Müller cerzurnt). Wieder eine Mordgeſchichte? Kratzer(ruhig). Raub und NMädchenentführung. Seltſamer Fall, denn der Angeklagte entſchuldigt ſich damit, er ſei ein Nachtwandler, er gibt beziehungsweiſe zu, das Verbrechen begangen zu haben, aber er ſchwört, es ſei im Schlafe geſchehen, ihm ſelbſt unbewußt, während ihm blos davon geträumt habe. Müller(läßt ſeine Taſſe fallen, erſchrocken). Ihm hätte geträumt von Raub und Entführung? während er ſelbſt dieſe Verbrechen im Schlafe begangen? SGezwungen lachend.) O, das iſt ungeheuer komiſch! Kratzer. Das iſt gar nicht komiſch, das iſt ungeheuer ernſthaft. Die Aerzte ſprachen ſich für die Möglichkeit aus. Müller. Für die Möglichkeit des Nachtwandelns? Kratzer. Allerdings, mit Raub und Entführung. Müller. Und er wurde freigeſprochen? Kratzer. Das weniger— zwanzig Jahre in Eiſen. Es verhielt ſich mit dem Kerl faſt ſo wie mit dir. Mlüller. Wie mit mir?— Jetzt laß deine ſchlechten Späſſe bleiben! (Während der nächſten Rede will er den Kaffee in die Kanne thun, läßt aber den Deckel mit hinein fallen und begeht ſonſt noch allerlei Ungeſchicklichkeiten.) Kratzer cſehr langſam). Wie mit dir. Er gab an, er habe geträumt und ſei ein Nachtwandler: aber als man am andern Morgen in ſein Zimmer drang, fand man ihn erſtens angekleidet in ſeinem Lehnſtuhle Schuldig! 315 ſitzen, zweitens ſein Bett unberührt, drittens ihn, zitternd an allen Gliedern, und viertens in großer Nervenaufregung. (Müller ſchaut ihn bei jeder Nummer, die er aufzählt, verwirrt an und begeht immer größere Ungeſchicklichkeiten) Aber auf dieſe Art bekommen wir heute keinen Kaffee. Was treibſt du denn eigentlich? Müller. Und was fragſt du noch? Ich bin ein Mann des gemüthlichen Friedens, und ſchon als Kind war mir die Erzählung von Mord⸗ thaten und dergleichen verhaßt. Nun kommſt du her mit kalter Blutgier, wie eine Hyäne, und erzählſt mir ſolche Grenelthaten. Kratzer. Das iſt eine ſehr lehrreiche Geſchichte mit ſchönem Erfolg. Wie geſagt der Kerl kam zwanzig Jahre in Eiſen. Müller. Das nennt er einen ſchönen Erfolg— zwanzig Jahre in Eiſen, weil er ein Nachtwandler war! cseußzend.) Solche Juſtizmorde noch in unſern Tagen! Kratzer. Kein Juſtizmord; aber du läßt einen nie ausreden. Die voll⸗ gültigſten Beweiſe waren ja vorhanden. Müller. Ah ſo! das iſt was Anderes. Kratzer. Man fand nämlich im Nebenzimmer ſeiner Wohnung das ge⸗ raubte Mädchen verſteckt. Müller(erleichtert). Verſteckt hatte er das Mädchen, der Menſch?— Allerdings bei ſo ſprechenden Beweiſen hätt' ich auch nicht länger gezweifelt. — Nun iſt der Kaffee fertig und ich will hier aus dem Nebenzim⸗ mer den Zucker holen.(Er geht an die Thüre deſſelben und zelgt große Heiterkeit.) Siehſt du, alter Junge! Ich habe geglaubt, auf bloßen Verdacht * 316 Schuldig! hättet ihr ihn auf zwanzig Jahre in Eiſen geſteckt. Aber wenn man das Mädchen bei ihm gefunden, ſo hätte ich als Obmann der Geſchworenen auch laut und feierlich gerufen cer öoͤffnet die Thüre, erblickt das Mädchen und ſchreit laut und entſetzt). Schuldig!(Zieht ſchnell den Schlüſ⸗ ſel ab, dann erſchöpft und abgewandt) ja— vielleicht— ſchuldig. Kratzer(der ihm den Rücken kehrte). Du brauchſt das Schuldig nicht ſo hinaus zu ſchreien. Man ſieht wohl, daß du noch nie erſter Geſchworeuer warſt, oder daß du noch nie auf der Armenſünderbank geſeſſen. (Müller ſchaut unterdeſſen alle Augenblicke mit dem größten Schrecken nach der Thüre und ſcheint abgeſpannt und zitternd.) Da du aber ein unbeſcholtener Mann biſt— Müller Chatb keiſe). Das habe ich auch ſtets geglaubt. Kratzer. Dem Niemand etwas Uebles nachſagen kann— Müller Lwie vorhin). Das war bisher mein Stolz. Kratzer. 1 Und was du da vorhin von Juſtizmord ſchwatzteſt, das iſt Zopf, Rococo, davon kann jetzt bei unſerer Verfahrungsweiſe gar nicht mehr die Rede ſein. Stelle dir z. B. vor, du ſeiſt der Miſſe⸗ thäter— Muleer lacht, als ob er weinte) du ſpielſt deine Rolle recht na⸗ türlich!(Müller gibt ſich Mühe, ſeine Faſſung wieder zu erhalten.) Der Staats⸗ anwalt reſumirt alſo: anit Pathosh der Angeklagte iſt beſchuldigt, in der Nacht von dem auf den einen Raub begangen und ſich zu glei⸗ cher Zeit einer Entführung ſchuldig gemacht zu haben. Derſelbe läugnet jedoch dieſe Verbrechen und gibt blos zu, ihm habe etwas Aehnliches geträumt und er müſſe die That, wenn ſie ſich überhaupt zugetragen, im Zuſtande des Nachtwandelns verübt haben. Trotz des ihm gemachten Vorhalts der Unwahrſcheinlichkeit ſeiner Be⸗ hauptung beharrt der Angeklagte doch auf ſeinem Vorbringen des Traumes. b Schuldig! Müller haſtigh. Der Traum iſt aber wahr. Kratzer. Stille!— Bei einer Durchſuchung ſeiner Wohnung fand ſich jedoch das corpus delicti, das Mädchen, vor, wodurch das Vor⸗ bringen des Delinquenten als ein durchaus unbegründetes, aller Wahrſcheinlichkeit entbehrendes und ſomit erdichtetes erſcheint. Müller(ſeufzend). Das Mädchen iſt wirklich da! Kratzer. Du benimmſt dich vortrefflich als Angeklagter. Mit Pathos.) Die erſte Frage an die Geſchworenen lautet nunmehr: iſt der An⸗ geklagte des Raubs und der Entführung ſchuldig?— Gpauſe)— Jetzt ſchau in's Publikum; das iſt ein großer Moment, Alles blickt auf den Richter und den Verbrecher, die Augen und Gläſer ſtren⸗ gen ſich übermäßig an, um den geringſten deiner Geſichtszüge(du ſtellſt ja den Verbrecher vor) zu erſpähen.— Ich trete— nun wieder erſter Geſchworener— einen halben Schritt vor, räuſpere mich und ſage:— aber jetzt gib' auf den Ton Achtung— Schul⸗ dig!(In ſeinen gewöhnlichen Ton verfallend.) Und nun hilft dir Niemand mehr'’ auf der ganzen weiten Welt. Du biſt verurtheilt, du wirſt eingeſteckt, der Kanzlei⸗Aſſiſtent Müller iſt todt, es exiſtirt ferner nur noch Nummer 400, wenn ſie dir nämlich ſo eine ſchöne Num⸗ mer geben.— Doch jetzt ſchenk' ein, daß der Kaffee nicht kalt wird; wo haſt du denn den ⸗Zucker? Müller (Eindem er wieder an den Lehnſtuhl geht). Ja ſo, ſchuldig— Zucker— ſchuldiger Zucker.— Mntt Entriü⸗ ſtung auffpringend Aber wozu brauche ich hier in meinem Zimmer Staatsanwalt, Geſchworene, Richter und Verbrecher? Wozu brauche ich alle dieſe Geſchichten?— Habe ich dir deßhalb Kaffe gekocht? 318 Schuldig! Kratzer. Ich will nur Zucker zu meinem Kaffee. Müller. Zucker! Du verbitterſt mir meine Morgenſtunden, und dafür ſoll ich dir den Kaffee verſüßen?— Geh' meinetwegen zum Teufel oder auf die Polizei, das iſt gleichviel! Kratzer. Warum biſt du denn ſo aufgebracht? Müller Kerbittert). Weil du dich um meinen Schlaf, um meine unſchuldigen Träume bekümmerſt. Meine Träume gehen dich aber nichts an. Geh', Störefried, geh', verlaß' mich— ich will in den Hof gehen und meinen Hund loslaſſen— Cür ſich aber nein! Gott im Him⸗ mell ich kann ja gar nicht von hier fort. Laaut in größter Verwirrung⸗ Komm, ich will dich loslaſſen— das heißt, ich will meinen Hund loslaſſen— ich weiß gar nicht mehr, was ich denke und ſage. Aber das ſchwöre ich! ehe ich noch einmal Doppelbier Abends trinke, eher will ich doch lieber, daß— daß mich der Teufel hole! Kratzer(ruhig). Dort kommt ſchon Jemand aus ſeiner Verwandtſchaft. Sechster Auftritt. Die Vorigen. Frau Bendel. Frau Bendel 5 Cſtürzt eifrig in's Zimmer; krampfhaft lachend). Ha! ha! ha! 4 Müller. Die Frau Bendel! Die Sache wird immer ſchöner! ——ÿ—ÿ—x—:ͦ—ỹ:O:—:O:˖:—ꝛñLp/ñ˖ʒñ—jñ— Schuldig! 319 Frau Bendel. Ah, guten Morgen, Herr Kratzer! Verzeihen Sie mir, ich war vorhin etwas heftig gegen Sie. Kratzer. O, ich bin das ſchon gewohnt. 8 Frau Bendel. Nehmen Sie mir's nicht übel. Ja, ich geſtehe meinen Fehler, ich fürchtete immer, Ihre häufigen Beſuche würden meinen ſanften ruhigen, vortrefflichen Miethsmann verderben.— Aber jetzt bin ich darüber beruhigt. Kratzer. Haben Sie meine Solidität erkannt? Müller. Was wollen Sie damit ſagen, Frau Bendel? Frau Bendel. Was ich damit ſagen will?— Was ich damit ſagen will?— Daß an Ihnen nichts mehr zu verderben iſt. Schau Einer doch den ſoliden Herrn an! Hat auf ſeinem Lehnſtuhl geſchlafen die ganze Nacht! Wer ſollte ſo dumm ſein, das zu glauben? Kratzer. Es iſt allerdings höchſt unwahrſcheinlich. Frau Bendel an höchſter Aufregung). Auf dem Lehnſtuhl geſchlafen die ganze Nacht! Das ſollte ich glauben?— nimmermehr! Haben Sie es geglaubt, Herr Kratzer?— nimmermehr! Würde es die ganze Welt glauben? Nein! nein! nein! und abermals nein! Müller cgeht zu ihr). Aber, Frau Bendel, ich weiß ja gar nicht, was ſie wollen; gſehr ſanfo nehmen Sie mir nicht übel, das iſt doch eigentlich mein Zimmer. Frau Bendel cerhaben). Ihr Zimmer— aber mein Haus. Was habe ich Ihnen 320 Schuldig! geſagt an jenem Tage, wo ich Ihnen den Hausſchlüſſel anvertraute? — Herr Müller, ſagte ich, es gibt etwas, worauf ich ſtreng halte; dies Haus iſt ein ruhiges, ehrbares Haus, ich vermiethe nur an ledige Herren, an ſolide Herren. Sollte es aber je vorkommen, daß dieſe ledige Herren ledige— cich ſchamhaft die Augen zuhaltend) v ich kann es nicht ausſprechen!— Kratzer. Sie wollten ſagen: ledige Frauenzimmer mitbrächten— Frau Bendel. Ja, ja!— dann, dann wäre es aus mit uns. Kratzer. 1 Und er hat das gewagt? O du Tugendſpiegel! Müller. Nein, nein, das iſt nicht wahr! SFürſich.) O Gott! das Ne⸗ benzimmer— ich werde toll! Frau Bendel. Er hat's gewagt.— Ja— ich Unglückſelige! Müller cin tiefem Nachdenken). Ich hätte es gewagt? Frau Bendel. Man hat ihn geſehen— Müller. Man hat mich geſehen? O! Mein Traum heute Nacht von Raub und Mädchenentführung Ccchaudernd, die da im Nebenzimmer! — Wenn dieſer Traum kein Traum geweſen wäre, wenn ich viel⸗ leicht nachtgewandelt hätte!— Aber nein! es iſt nicht wahr, es iſt nicht wahr! A Frau Bendel. Sie läugnen noch?— Babett, komm' Sie herein! CSielauft bald an die Thüre, bald an den Liſch.) Sie wollen nicht geſtehen? Babett! im Augenblick komm' Sie herein! Schuldig! Müller. Laſſe mich zufrieden! Kratzer. 3 Ein Zeugenverhör, das iſt ſehr wichtig, lieber Freund, und das erſte und einzige Mittel, um deine Unſchuld an den Tag zu bringen. Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Die Magd. Kratzer Cur ſich, die Hände reibend). Wir wollen ſie ein wenig verhetzen. czu Müͤller) Ich ſehe aber gar nicht ein, weßhalb du dir das Alles gefallen läßt? Zeig' doch den beiden Weibsleuten die Thüre, du biſt doch Herr auf deiner Stube. Müller cniedergeſchmettert). O, lieber Freund, unglücklicher Zuſammenhang— ich ſtehe mit der Frau Bendel nicht blos in miethlichem Verhältniß, du weißt, ich liebe ſie. Kratzer(ſcheinbar erſtaunt). Ja ſo! Gir ſich) Ich habe es ſchon längſt gewußt. Czu Frau Bendet) Es iſt freilich unrecht, den Hausſchlüſſel auf ſolche Art zu mißbrauchen; aber ſeien Sie geſcheidt, Frau Bendel, Jugend hat nicht Tugend. Eine kluge Miethsfrau drückt manchmal beide Au⸗ gen zu. Frau Bendel cheimlich zu ihm). O Herr Kratzer, wenn Sie blos die Miethsfrau vor ſich ſähen — aber nein— gewiſſe geheime Verhältniſſe, die nächſtens öffent⸗ lich werden ſollten; können Sie ſich denken, jenes Ungeheuer hat mich ſeiner Liebe verſichert! Kratzer. Ah, das iſt fürchterlich! Dann müſſen wir die Babett hören. Hackländers Werke. XV. 21 Schuldig! Frau Bendel u Müllen. Iſt denn nicht ein Reſt von Schamgefühl in Ihrem Herzen übrig? Können Sie es ertragen, daß die Magd in meiner Gegen⸗ wart Ihre Schande aufdecke? 4 Müller. Sie ſoll Alles aufdecken, ich weiß von keiner Schande. Sie ſoll von mir ſagen, was ſie mag, ſtill will ich bleiben, wie Gott will. Frau Bendel. Nun denn, Babett, was hat Sie vorhin geſehen? Wer ſchlich die Treppen hinauf? Babett. Nun ja, der Herr Müller, ganz ſcheu und heimlich. Müller. Babett. Ich bin keine Creatur, ich ſage, was wahr iſt, und das iſt Wann das? Creatur! wahr: heimlich und ſcheu ſind Sie hinauf geſchlichen mit— mit— Müller (im Vordergrund ruhig zum Himmel blickend). Sprich es nur aus, der Himmel hat mich verlaſſen. Ich bin ein armes, wehrloſes Schlachtopfer. Frau Bendel. Sprech' Sie, Babett! Babett. Mit einem Frauenzimmer. Müller. Gerechter Gott! Entweder habe ich in der That einen Dop⸗ pelgänger, oder ich bin ein unglückſeliger Nachtwandler. Kratzer. Sieh da, ſieh da, unſer Freund! Ei der Tauſend! hätt' Je⸗ mand das gedacht?— Und wie iſt der Geſchmack unſeres Freun⸗ des Müller? War das Franenzimmer jung und hübſch? Schuldig! Babett. Davon werden Sie ſich wohl noch überzeugen können. Die Treppen herabgekommen iſt ſie nicht wieder, dafür ſtehe ich Ihnen, ich habe ſehr gut aufgepaßt; alſo muß ſie noch hier oben ſein. Frau Bendel(wehmüthig). Noch hier oben ſein! In meinem Hauſe, in ſeinem Zimmer, in meiner Gegenwart! O, ich bin ein miſerables Geſchöpf, ich muß einſtens ſchwere Sünden begangen haben, weil ich ſo viel abbüßen muß. Ach, ich ertrage es nicht! Csie fäut in den L Tiſch, nimmt das Taſchentuch, um ſich die Augen damit zu wiſchen. iſt, beſieht ſie es genauer und entdeckt zu ihrem größten Schrecken, tuch iſt.) Auch das noch! ehnſtuhl am Da es aber ſehr naß daß es ein Damentaſchen⸗ Müller. Nein, ſage ich, und zehntanſendmal nein! Wenn ſich auch Alles gegen mich verſchworen hat, und wenn mich Babett auch will geſehen haben und es feierlich beſchwört, ſo lügt ſie doch. Ich bin mit keinem Frauenzimmer die Treppen herauf gegangen, ich bin geſtern Nacht um elf Uhr ruhig nach Hauſe gekommen, an hoͤch⸗ ſter Wuth“ ich habe in meinem Lehnſeſſel geſchlafen und habe das vollkommenſte Recht dazu, denn ich bin kein Kind mehr, das Nachts zu Bette gebracht werden muß, und brauche in meiner Stube das Examiniren nicht noch dazu über Sachen, die alle erlogen ſind.— Jetzt läuft mir endlich die Galle über! (Frau Bendel fällt mit einem lauten Schrei in Ohnmacht, hält ab geſtreckt von ſich aus, damit man den Namen auf demſelb⸗ Babett. Ach, die Frau ſtirbt!— Zu Hülfe! zu Hülfe! Kratzer. Halt Sie Ihr Maul, dumme Gans! Hol' Sie eine Flaſche friſches Waſſer; ich wette hundert gegen eins, die Frau Bendel ſtirbt nicht eher, bis die Sache ſich aufgeklärt hat. (Babett ab.) er das Taſchentuch ſo ab⸗ een leſen könne.) Schuldig! Achter Auftritt. Die Vorigen, ohne Babett. Müller chat ſich ängſtlich der Frau Bendel genähert und beſieht erſtarrt das Schnupftuchd. Eliſe!— Eliſe? Kratzer cder das Tuch der Frau Bendel aus der Hand nimmt, worauf dieſe den Arm ſchlaff herunder fallen läßt). Das iſt ja das Tuch, welches ich vorhin von der Erde aufgeho⸗ ben habe. In der That, ein recht feines Taſchentuch.— Müller! Müller! ſtille Waſſer ſind tief, ich wußte nicht, daß du ſo anſtän⸗ dige Bekanntſchaften haſt. Müller(ganz niedergeſchmettert). Ich wußte es auch nicht. Mach Luft ſchnappend, indem er Kratzer auf die andere Seite führt, wobei Frau Bendel verſtohlen den Kopf nach ihnen umwendet.) Höre, Kratzer, du biſt mein Freund, du biſt ein Mann von Fach, du beobachteſt, du ſtellſt die Umſtände zuſammen und bildeſt dir daraus deine Meinung.— Welche Meinung haſt du von mir? Kratzer. Hm, hm! Das kann man an den Fingern herzählen: Du biſt ein ſtiller, verſchlagener Menſch, der bis jetzt die ganze Welt getäuſcht hat, ein Menſch, von dem man glaubt, er ſei die Soli⸗ dität ſelber, ein Menſch, der aber Nachts herumſchwärmt, ja damit noch nicht genug, ſeinen Hausſchlüſſel mißbraucht, wie Frau Bendel ſagte.. Müller(mit gefalteten Händen). Und du glaubſt nicht, daß dieſe deine Meinung falſch iſt? 4 Kratzer. Müller. Wenn ich dir aber einen feierlichen Schwur leiſte, daß ich nichts davon weiß, wie jenes Mädchen in mein Zimmer gekommen iſt? Nein. Schuldig! 325 Kratzer Cerſtaunt). Alſo iſt ſie noch da?— Müller creſignirt). Ja, ſie iſt noch da.— Aber wenn ich dir ſchwöre, bei Allem—? Kratzer. Schwöre nicht falſch! Entweder biſt du ein ungeheurer Heuchler oder ein wirklicher Nachtwandler. Müller(entſetzt). Ich fürchte faſt das Letztere.— Aber, Freund, gib mir einen Rath, ſage mir, was ich anfangen ſoll. Kratzer. Läugnen kannſt du nicht mehr, ſage daher die Wahrheit, die volle Wahrheit. cFür ſic.) Ich bin doch neugierig, wie das Dämchen ausſieht. (Frau Bendel hat die Beiden ſcharf beobachtet, aber immer den Kopf wieder umgewandt ſowie ſich einer nach ihr umdrehte. Müller geht zögernd auf ſie zu, bleibt aber einigemal fragend ſtehen, um ſeinen Freund anzuſehen, wodurch dann daſſelbe Spiel wiederholt wird. Müller. Frau Bendel, hören Sie mich! Es iſt hier etwas Unerklär⸗ liches vor ſich gegangen, mir aber gänzlich unbewußt.— So hören Sie doch!— Ja, es iſt etwas vorgegangen, ich geſtehe das ohne es erklären zu können.— Die Frau hört nicht. EErſrrend.) Kratzer, dieſe Ohnmacht fängt an, mir Schrecken einzujagen. Kratzer. Sei unbeſorgt. Gur ſich) Wir wollen ſie ſchon aufwecken. cLaut) Wo iſt denn das Mädchen? Müller. Schrei doch nicht ſo! Kratzer. Wo haſt du ſie verſteckt? Müller (deutet verſtohlen und ängſtlich auf's Nebenzimmer. Hm!— Aber ſchrei nur nicht ſo! 326 Schuldig! Frau Bendel cnatt). Er— hat— das— Mädchen— im Nebenzimmer— ver⸗ ſteckt.— Jetzt geb' ich den Geiſt auf.— Müller. Sieh doch nur, ſie ſtirbt! Kratzer(indem er Theilnahme affektirt). Ja, ſie ſtirbt! Frau Bendel aufſpringend). Nein, ſie ſtirbt nicht! Und wenn ich ſchon geſtorben wäre, das, was ich gehört und geſehen, müßte mich wieder erwecken.— Ha! ha! ha! ha! Alſo im Nebenzimmer iſt ſie verſteckt!— O Müller! Müller! Sie ſind ein Ungeheuer! Kratzer. Nein, er iſt kein Ungeheuer; er weiß ja nichts davon. Frau Bendel. Was? er wüßte nichts davon?— Halten Sie mich denn für toll?— Dort im Nebenzimmer!— Und wo iſt der Schlüſſel zum Nebenzimmer, wenn ich fragen darf? Müller (wie Jemand, der Alles über ſich ergehen läßt). Den Schlüſſel habe ich! Selbſt ſcloſſen? Kratzer. elbſt zugeſchloſſen?. Müller. Ja. Frau Bendel. Selbſt abgezogen? 3 Müller. Ja. 3 Frau Bendel. Sie hören es, Herr Kratzer! Kratzer! Aber, Frau Bendel, ich glaube dennoch, daß er unſchuldig iſt. Er fürchtet ja ſelbſt, er ſei ein Nachtwandler. Schuldig! 3 327 Frau Bendel oerächtlich). Er ein Nachtwandler?— Das müßte ich als Hausfrau auch wiſſen; ich habe nie etwas davon an ihm verſpürt. Ein Nacht⸗ ſchwärmer iſt er, aber kein Nachtwandler. Kratzer Czu ſeinem Freunde). Nur Offenheit!— Oeffne deßhalb jene Thüre. GZu Frau Bendel.) Es gibt Nachtwandler, die das Ding lange treiben, ehe man es merkt, das ſpaziert zum Fenſter hinaus, über die Dächer hinweg, wie wir auf dem Fußboden— ganz und gar Katzennatur! Neunter Auftritt. Die Vorigen. Eliſe. (Müller, welcher die Thüre aufſchließt, wagt Eliſe nicht anzuſehen.) Kratzer czu Frau Bendel, welche auffahren will). Mäßigen Sie ſich; das ſcheint mir eine ſehr anſtändige Per⸗ ſon zu ſein. 4 Frau Bendel oerächtlichd. Anſtändig? Kratzer. Machen Sie keinen Eclat! Goshaft) Vielleicht lieben ſich die Beiden. Man muß den jungen Leuten behülflich ſein. Frau Bendel. Ich will zu nichts behülflich ſein— Manſell! Eliſe Cfür ſich). Ich darf Eduard nicht verrathen, ich werde ſchweigen. Frau Bendel. Mamſell, wie kommen Sie in dies Haus? (Müller ſteht in der Mitte, links das junge Mädchen, rechts Frau Bendel, welche Kratzer zu beſänftigen und zurückzuhalten ſucht.). 328 Schuldig! Frau Bendel. Noch einmal— Wie kommen Sie in dies Haus? Müller (der bald Eliſe anſieht, bald die Bendel, Erſtere aber mit ungleich freundlicherem Auge)⸗ Ja, wie kommen Sie in dieſes Zimmer? Eliſe. O, mein Herr! Frau Bendel. Das iſt keine Antwort! Müller(Beide betrachtend). Nein, das iſt keine Antwort. Eliſe. Schonen Sie mich, Herr Müller! Frau Bendel. Sehen Sie, ſie kennt ihn!. Kratzer. Allerdings kennt ſie ihn. Müller. Sie weiß meinen Namen! Frau Bendel. Wiſſen Sie, Mamſell, was man von einem Mädchenehält, welche man— unter ſo ſeltſamen Umſtänden findet? Kratzer. Ja, für ein Mädchen ſind dieſe Umſtände ſehr ſeltſam. Aber man hat Beiſpiele— Müller iſt ſo eine ſtille, berſchlagen⸗ Natur — vielleicht gar eine heimliche Ehe. Müller. Eine heimliche Ehe! Kratzer. Oder ich bleibe dabei, er nachtwandelt— Schuldig! 329 Zehnter Auftritt. Vorige. Babett Babett. (mit einer Waſſerflaſche bereinſtürzend). Ach, Frau Bendel, ein Unglück, ein großes Unglück! Frau Bendel. Was gibt's denn ſchon wieder? Babett. Ach Frau Bendel, die Polizei beſetzt eben das Haus! Frau Bendel. Die Polizei?„ Müller cerſchrocken). Die Polizei? Kratzer drichtig. Babett. Soldaten, ein Commiſſär, ſelbſt der Herr Polizeirath. Eliſe. Gott! mein Vater! Ich bin verloren! Frau Bendel. Ja, was will denn aber die Polizei? Babett. Bei dem Herrn Polizeirath, der nur drei Häuſer von hier 3 wohnt, iſt man dieſe Nacht eingebrochen, hat die Kaſſen geöffnet, es fehlen tauſend Thaler in Gold, und obendrein die Tochter des Herrn Polizeiraths. Eliſe Kindem ſie ſich umwendet). O mein Gott! Ahl die Polizei! Kratzer cerſtaunt. Sie iſt's! Babett(aufſchreiend). Fräulein Eliſe! 330 Schuldig! Kratzer (betrachtet einen Augenblick Müller mit einem Anflug von Mitleiden, für ſich). Einbruch und Diebſtahl noch dazu! Armer unglücklicher Freund! Mußteſt du ſo enden?— Aber für jetzt ſchweigt alle Freundſchaft, ich muß meine Schuldigkeit thun— Müller cträumeriſch). Tauſend Thaler in Gold! In meinem Traume habe ich das Gold glänzen ſehen! 3 (Babett iſt wieder hinausgeeilt.) Kratzer Lwirft ſich in Poſitur, ſtreicht ſich durch das Haar, zupft ſeine Halsbinde empor. Er geht auf Müller zu, dem er ſcheinbar gerührt beide Hände bietet). Du weißt, lieber Müller, daß wir Alle unter der unerbittlichen Pflicht des Berufs ſeufzen. Müller. Ja, was willſt du denn ſchon wieder? Kratzer. Das Geſetz kennt keine Freundſchaft, der Vollſtrecker des Ge⸗ ſetzes cer zeigt auf ſich) ebenſowenig. Ich kann dich nur beklagen, und wenn auf zwanzig Jahre Eiſen du verurtheilt ſein wirſt, werde ich dir ein paar ſtille Thränen nachweinen. f Müller(faſt weinend). Mir ſcheint, daß hier Alles toll iſt! Babett chereineilend). Sie kommen ſchon die Treppe herauf. Ach! das Unglück! Der Polizeiſoldat Kramer hat es mir geſagt, die Nachtwächter ha⸗ ben ihn geſehen. . Frau Bendel. Wen? Ihn? Um Gotteswillen! Babett. Ja, den unglücklichen Herrn Müller, als er in der Morgen⸗ —— Schuldig! 331 dämmerung mit dem jungen Frauenzimmer und dem geſtohlenen Geld dort aus dem Hauſe hier in das unſrige ſchlich. (Müller ſteht unbeweglich, den Blick gen Himmel gerichtet.) Kratzer Cnit Pathos). Nun denn, im Namen des Königs verhafte ich dich! Frau Bendel u Müned. Und Sie haben nichts zu Ihrer Vertheidigung zu ſagen, Un⸗ glücklicher? Sehen Sie, bei all' der Schande, die Sie mir ins Haus brachten, ſpricht doch mein Herz wieder für Sie. Müller(ſeufzend und abgebrochen). Ich— bin— ein— Nachtwandler. Kratzer. Damit kommſt du nicht durch, Unglückſeliger! Alle Umſtände ſprechen gegen dich. Babett. Da iſt die Polizei! . Frau Bendel. Gebt ihm einen Stuhl! gebt ihm einen Stuhl! (Man rückt den Lehnſtuhl vor, Müller fällt hinein.) Neunter Auftritt. Die Vorigen. Eduard. Eduard. Verzeihen Sie mir, daß ich ſtöre, ich komme im Auftrag des Herrn Polizeirathes. (Müller ſieht ihn ſchmerzlich an.) Eliſe(in größter Angſt, ſich ihm nähernd, halbleiſe). Eduard! Schuldig! Eduard (macht ihr ein Zeichen, ſich nicht zu nähern, zur Hausfran). Sie ſind Frau Bendel?— Der Herr Polizeirath beauftragen mich, Sie um Entſchuldigung zu bitten wegen der Unruhe, die man Ihnen und Ihrem Hauſe verurſacht. Frau Bendel. Es iſt ein ſchmerzlicher Fall, Herr Aſſeſſor.— Kratzer. Wir haben inzwiſchen ſchon den Verbrecher. Eduard. Welchen Verbrecher? Kratzer. Hier ſitzt er; die ganze Laſt der Schuld ſpiegelt ſich auf ſeinem welken Geſichte. Eduard Laſch zu Eliſe. Ich habe deinem Vater Alles geſtanden, er hat uns verziehen. Eliſe. Und jener Raub in unſerem Hauſe? 3 Eduard chalblaut). Man hat den Thäter bereits. Kratzer cno. Ja, man hat den Thäter. Tauſend Thaler Gold und das Frauenzimmer. Gerbindlich zu Eliſen gewendet) Um Vergebung! Polizei⸗ pflicht und Galanterie in edelm Wettſtreite— Müller(faltet die Hände). Gott kennt meine Unſchuld! Eduard. Nicht blos Gott allein kennt Ihre Unſchuld, auch der Herr Polizeirath hat ſie anerkannt. Sür ſcchh) So muß ich mir und ihm helfen. Frau Bendel. Seine Unſchuld? — Schuldig! 333 Kratzer. Was iſt das? Eduard. Herr Müller— iſt wirklich nur ein Nachtwandler. Müller. Alſo nicht Verbrecher! 3 Kratzer. Und nimmt nachtwandelnderweiſe tauſend Thaler in Gold mit ſich fort? Eduard. Auch dies Verbrechen fällt ihm nicht zur Laſt. Frau Bendel. Aber er entführt nachtwandelndermaßen junge Mädchen, was noch ſchlimmer iſt. Eduard. Das vielleicht, aber dennoch gänzlich unbewußt. Frau Bendel cvild. Das machen Sie einer Andern weiß. Eduard(u Frau Bendeh. Sie ſind eine kluge Frau. Glauben Sie mir, wenn ich Sie verſichere, daß Herr Müller vollkommen unſchuldig iſt. Frau Bendel. Sie treiben Ihren Spott mit mir! Eduard ceeiſe zu ihr). Verhältniſſe, die ſich ſpäter aufklären werden. Sie werden mir glauben, Sie werden Herrn Müller für vollkommen unſchuldig halten, wenn ich Ihnen ſage, daß dort Fräulein Eliſe meine Braut iſt— meine geliebte Braut. Frau Bendel u Etiſe). Kann ich mich beruhigen? Eliſe. Mein Wort darauf! 334 Schuldig! Eduard. Und das meinige.— Leben Sie wohl, ich werde mich ohne Aufſehen entfernen. (Eduard und Eliſe ab.) Zwölfter Auftritt. Müller. Frau Bendel. Kratzer. Babett. Müller ab ging, und zuweilen vor ihm ſtehen blieb und ihn betrachtete). Kratzer, weißt du, daß es ein fürchterliches Gefühl iſt, wenn man am Morgen aufwacht und plötzlich erfährt, daß man ein 1 Nachtwandler iſt. Kratzer. Später ohne Kratzer. Gu Kratzer, der finſter auf und Narr!! Frau Bendel(ſchmeichelnd). O, beruhigen Sie ſich, beſter Herr Müller, das iſt eine Krank⸗ heit, die wieder von ſelbſt verſchwindet. Kratzer(mit Reſignation). Du biſt gar kein Nachtwandler, du biſt ein ſchlechter Kerl! Man hat dir ſchnöder Weiſe durchgeholfen. Hätteſt du nicht aus Freundſchaft für mich geſtehen können, daß du die tauſend lum⸗ pigen Thaler wirklich geſtohlen? Ich wär' Polizei⸗Commiſſär ge⸗ worden. Aber ich erkenne es immer klarer, man kann ſeinen beſten. Freunden nicht mehr trauen! Nun, ich wünſche euch Beiden Ge⸗ duld und gute Beſſerung! Frau Bendel Gzur Magd). Babett! hol' Sie friſchen Kaffee für den Herrn Müller. ¹ Babett ab.) (Ab.) Schuldig! Müller. Gottlob! jetzt ſind wir allein! Creſcentia! Frau Bendel. Matthias! (Blicken ſich an.) Müller. Kannſt du es jetzt noch mit mir wagen wollen? Frau Bendel Colaͤgt die Augen nieder). Noch eine kurze Probezeit— Müller. O Creſcentia! GFänt vor ihr nieder. Ich bitte, ſchließ' mich ein, wenn der Mond ſcheint— oder vielleicht— wenn das beſſer wäre — kürze die Probezeit ab— dann— Frau Bendel cſpielt verlegen mit ihren Schürzenbändern). Müller, kein Wort weiter.— Gib mir acht Tage Bedenkzeit 1— dann tritt ja erſt mit dem Vollmond die Gefahr ein— Müller. Himmliſches Weib! (Müller ſpitzt den Mund, Frau Bendel beugt ſich ſchüchtern auf ihn hernieder.) Babhett gnit lauter Stimme). Hier iſt der Kaffee! (Sie fahren auseinander, der Vorhang fällt)