3465 „————-— Leihbibliothek 4 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.— . ceih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em. ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends⸗8 Uhr offen. 85 3 2. Lesepreis. Bei 9 ückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Einterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und peträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 355—————— — auf 1 Monat: 1 Mk. f. 4 M. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. . Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. .6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird peſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nich I 46 6 icht ſtattfinden darf, indem“ iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * F. W. Hackländer's Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Dreizehnter Band. — ,dOe Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. Märchen. ———— Schloß Schweigern. In der alten Zeit, aus der ſich die meiſten unſerer ſchönen Sagen und Märchen herſchreiben, prangten die herrlichen Gefilde am Neckar noch nicht, wie jetzt, im Schmuck der Getraide⸗ und Obſtfelder; die Höhen bedeckte damals noch dichter, finſterer Wald, aus dem nur hie und da ein Lug in'’s Land, auch Langerhans ge⸗ nannt, wie man ſie heute noch erblickt, emporragte. Doch dieſe alten Gemäuer, deren Thurm und Fenſter jetzt mit wehendem Epheu bedeckt ſind, und an deren Fuß das dichte Unkraut empor⸗ wuchert, faßten damals ein ganz anderes Leben in ſich. Da hörte man nicht den fröhlichen Geſang der Weingärtner oder das Ge⸗ knarr eines Wagens, der hinaus in's Feld fuhr, um die goldenen Früchte aufzuladen, ſondern der Knappe, der mit eherner Pickel⸗ haube und gewaltigem Spieß dort oben hinter der Bruſtwehr ſtand und in die Gegend hinausſah, vernahm nur zuweilen das Röhren eines Hirſches, den Schall eines Hüfthorns oder den Schlag der Axt, die einen mächtigen Eichbaum niederwarf. Der Neckar, der ſchöne klare Fluß, ſtrömte, wie auch noch jetzt, zwiſchen den Bergen dahin; doch ſahen ſeine Ufer keine reichen Städte oder —— ——— Schloß Schweigern. blühende Dörfer, ſondern ſie waren bedeckt mit Schilfgras und Weidengeſtrüpp, durch das ſich nur hie und da ein kleiner Pfad wand, der Wechſelgang der Hirſche, wo dieſe zu Waſſer gingen. Etwas abſeits von dem Fluſſe, ungefähr eine Stunde weit in’s Land hinein, iſt ein ſchönes Thal, rings von Bergen eingefaßt und beſchützt, eine Wohnung der ſüßen traulichen Einſamkeit, ein Thal, ruhig und ſtill, das klein genug war, um den vorüberziehen⸗ den Wanderern verborgen zu bleiben, und groß genug, um den Blicken ſeiner Bewohner die Abwechslung des dichten friſchen Wal⸗ des mit grünen, ſaftigen Wieſen und klarem Waſſer, das von den Bergen niederſtrömte, zu gewähren. 1 Von den umliegenden Bergen, die aus dem Thale ſauft auf⸗ wärts ſtiegen, ſah man weit hinaus in die Landſchaft, ſah den Neckar, wie er ſich in tauſend Krümmungen hindurchwand und endlich zwiſchen fernen Bergen verlor, hinter denen wieder höhere emporſtiegen. Und wenn man das Alles geſehen und ſich lange umgeſchaut in der reizenden Gegend, die rings herum wie ein ſchönes Gemälde aufgerollt war, ſo ſtieg man gern wieder hinab in das Thal, denn ſo ſchön, wie dieſes, war doch keines der um⸗ liegenden. Selbſt die Thiere des Waldes fanden es hier am heim⸗ lichſten, und wenn zahlreiche Rudel von Hirſchen und Rehen auch gerne unter den hochſtämmigen Eichen der umliegenden Berge her⸗ umſprangen, ſo war doch im Thal ſelbſt ihr Aufenthalt und ſie kehrten am Abend in luſtigen Sprüngen dahin zurück. Aber trotz der Schönheit, mit der die Natur dies Thal ge⸗ ſchmückt hatte, war es von keinem Menſchen bewohnt und wurde vielmehr von Allen, die in dieſe Gegend kamen, gemieden. Die Jäger und Edelknappen der umliegenden Schlöſſer, wenn ſie bei der Verfolgung eines Wildes in ſeine Nähe kamen, und im Eifer der Jagdluſt eine der Höhen beſtiegen hatten, von wo es hinab⸗ ging, ließen dem Wild ſeinen freien Lauf und verfolgten es nicht weiter. Wohl ſchauten die jüngſten und unerfahrenſten mit Begier Schloß Schweigern. dem enteilenden Hirſche nach und wären ihm gern gefolgt; allein jedesmal wurden ſie von den älteren Jägern zurückgehalten und den Unwiſſenden von der Sage erzählt, die im Munde des Volks lebte und nach der das Thal verrufen und gefährlich für Jeden ſei, der es wage, die Markung zu überſchreiten. Die älteſten Knappen und Waldmeiſter hatten daſſelbe von ihren Eltern gehört und wußten Beiſpiele anzuführen, daß Leute, die neugierig hinabgeſtiegen, nie zurückgekommen ſeien. Wohl habe man dieſelben von Zeit zu Zeit unten im Thale wandeln ſehen, auch ſeien ſie zuweilen an den Höhen hinaufgeſtiegen und in ihrer ältern Tracht oft nahe zu den Holzhauern und Jägern gekommen; allein niemals hätten ſie die Grenze des Thals überſchritten und auf keine an ſie gerichtete Frage Antwort gegeben, vielmehr wären ſie kopfſchüttelnd zurückgegangen, indem ſie ſich wie Stumme auf den Mund deuteten. Wenn die alten Jäger ſo bei der Ruhe, die ſie unter einem alten Eichbaum oben auf dem Berge hielten, von dem Thale drun⸗ ten erzählt hatten, führten ſie die jüngern an einen andern Theil deſſelben, wo die Waldung etwas lichter war und letztere hinab⸗ ſchauen konnten. Und da ſahen dieſe mit Verwunderung unten ein ſtattliches Schloß liegen, deſſen Aeußeres ſo wohl erhalten war, daß man glauben konnte, es ſei bis auf den heutigen Tag bewohnt. Die Fenſter deſſelben glänzten im Sonnenſtrahl, die Zugbrücken waren heruntergelaſſen, die Mauern ohne Fehl und zierlich gebaut, und ſelbſt die Windfahnen auf dem Dach ſahen nen aus, als wären ſie eben erſt dahin geſetzt. Aber über dieſen Gebäuden und dem weitläufigen Parke, der ſie umgab, lag eine unheimliche Stille; das Waſſer in den Seein ſchien gemalt und war unbeweglich; die Blätter der Bäume rauſch⸗ ten nicht, und keiner der Vögel, die um Schloß und Wald flogen, ließ ſeine Stimme erſchallen. Und ſo war es aber auch in dem ganzen Thale. Da gab das 10 Schloß Schweigern. zahlreiche Gewild, das herumlief, keinen Laut von ſich, da er⸗ ſchallte kein Vögelgeſang. Alles war ruhig und ſtill. Nie ſah man Jemand aus dem Schloſſe treten, der mit der äußern Welt in Verbindung gekommen wäre. Und deßhalb wußten die Jäger und Holzhauer von den benachbarten Schlöſſern, die, wenn ſie ihren Geſchäften nachgingen, zuweilen in dieſe Gegend kommen mußten, ſchon ſeit den Klteſten Zeiten keinen andern Namen, als den ihm das Volk wegen der Oede und Stille gegeben, und nann⸗ ten es Schloß Schweigen oder ſpäter Schloß Schweigern. Im Munde des Volkes hatte ſich über Thal und Schloß eine alte Sage erhalten. Nach dieſer lebte hier vor langen, langen Jahren ein mächtiger König, der eine ſchöne, aber ſehr wunderliche Tochter hatte, die einen gar ſonderbaren Schwur gethan. Wer nämlich ihr Herr und Gemahl werden wolle, müſſe verſprechen, ſie nicht zu überleben, das heißt, wenn ſie zuerſt ſtürbe, dürfe er ſich nicht ſcheuen, mit ſeiner Gemahlin ſich lebendig begraben zu laſſen. Durch dieſe ſonderbare Bedingung, die im Lande ſo ziemlich be⸗ kannt geworden war, hielt ſich Jeder abgeſchreckt, um die Prin⸗ zeſſin zu werben, und dieſe ſah ſchon mit innerlichem Grauſen die Zeit heran nahen, in der ihre außerordentliche Schönheit verblühen und ſich dann Niemand mehr finden würde, der ſo ſeltſame Ver⸗ pflichtungen auf ſich nähme. Da begab es ſich, daß der Sohn eines benachbarten Königs ſie ſah und ſich ſo heftig in ſie verliebte, daß er auf Erden keine Ruhe mehr zu finden glaubte, als nur in ihrem Beſitz. Dieſer bewarb ſich um die Prinzeſſin, worauf der König antwortete:„Wer meine Tochter heirathen will, muß ſich nicht fürchten, lebendig begraben zu werden,“ und erzählte ihm, was die Prinzeſſin für einen Schwur gethan. Aber die Liebe des jungen Prinzen war ſo groß, daß er an keine Gefahr dachte und das Verſprechen zu halten gelobte, worauf ihre Hochzeit mit großer Pracht gefeiert wurde. Nun lebte das neuvermählte Paar eine Zeit lang glücklich — — Schloß Schweigern. und vergnügt mit einander, da geſchah es, daß die junge Prin⸗ zeſſin krank ward und kein Arzt ihr helfen konnte, alſo daß ſie ſtarb. Und als ſie todt da lag, fiel dem jungen Prinzen mit Schrecken ein, was er verſprochen hatte, daß er ſich lebendig mit ihr wolle begraben laſſen, und der alte König, aus Furcht, ſein Tochtermann möchte das Verſprechen bereuen, ließ alle Thore mit Wachen beſetzen, damit dieſer nicht entfliehen könnte, und ſprach, nun müßte er halten, was er gelobt hätte. 85 Als der Tag kam, wo die Leiche in das königliche Gewöͤlbe beigeſetzt wurde, da ward er mit hinabgeführt und alsdann das Thor der Gruft verriegelt und verſchloſſen. Neben dem Sarg ſtand für den lebendig Begrabenen ein Tiſch, darauf ein Licht, vier Laibe Brod und vier Flaſchen Wein, wenn das zu Ende ging, mußte er verſchmachten. Nun ſaß er da bei dem Sarg voll Schmerz und Trauer und aß jeden Tag nur ein Bißlein Brod, trank nur einen Schluck Wein und ſah doch, wie der Tod ihm immer näher rückte. Da geſchah es, daß er einmal aus der Ecke des Gewölbes eine Schlange hervorkriechen ſah, die ſich der Leiche näherte. Und weil er dachte, die Schlange käme, um die todte Prinzeſſin zu verletzen, zog er ſein Schwert, und hieb die Schlange in vier Stücke, indem er ausrief:„ſo lange ich lebe, ſollſt du ſie nicht anrühren.“ Ueber eine Weile ſah er, wie eine zweite Schlange aus der Ecke herauskroch; doch als dieſe die andere todt und zer⸗ ſtückt da liegen fand, kroch ſie eilend zurück, kam aber bald wieder und hatte drei ſilberne Ringe im Munde. Alsdann nahm ſie die vier Stücke der getödteten Schlange, legte ſie zuſammen, wie ſich's gehörte und ſteckte über jede Wunde einen der Ringe. Alsbald fügte ſich das Getrennte aneinander und die Schlange regte ſich, war lebendig und beide eilten fort. Doch da das Loch, zu welchem ſie hereingekommen waren, kaum groß genug war, um den Schlan⸗ genleib durchzulaſſen, ſo ſtreifte die eine Schlange bei dem Hin⸗ Schloß Schweigern. ausſchlüpfen ihre drei ſilbernen Ringe ab, die auf der Erde liegen blieben. Der Prinz, der Alles mit größtem Erſtaunen angeſehen hatte, dachte: Welch' wunderbare Kraft muß in dieſen Ringen ſtecken! Haben ſie eine Schlange wieder lebendig gemacht, ſo helfen ſie vielleicht auch einem Menſchen. Er hob die Ringe auf und legte einen davon auf den Mund der Todten und auf jedes Auge einen. Alsbald bewegte ſich das Blut in ihrem Leib und ſtieg in das bleiche Angeſicht, daß es ſich wieder röthete. Da ſchlug ſie zur größten Freude des Prinzen die Augen auf und ſprach:„Ach Gott, wo bin ich?“—„Du biſt bei mir, liebes Weib,“ antwortete die⸗ ſer, gab ihr etwas Wein und Brod, um ſie zu ſtärken und erzählte ihr, wie Alles gekommen und wie er ſie wieder in's Leben erweckt. Da ſtand die Prinzeſſin fröhlich auf und der Prinz klopfte an die Thüre der Gruft ſo, laut, daß es die Wachen, die aufgeſtellt waren, hörten und dem alten König meldeten. Dieſer kam ſelbſt und öff⸗ nete die Thüre, da ſtanden Beide friſch und geſund, und er führte ſie hinauf und erfreute ſich mit ihnen, daß nun alle Noth überſtan⸗ den ſei. Die drei ſilbernen Ringe aber reihte der junge Prinz ſorg⸗ fältig an eine Schnur und hing ſie ſich um den Hals. Es war aber, als ob das Herz der Prinzeſſin, die ſonſt treu und gut geweſen war, ſeitdem ihr Mann ſie durch die Schlangen⸗ ringe wieder in's Leben gerufen, ſich ganz umgekehrt und verändert habe, denn es dauerte nicht lange, ſo faßte ſie eine unerlaubte hef⸗ tige Neigung zu einem der Ritter des alten Königs, und die Bei⸗ den trachteten nur, den jungen Prinzen ums Leben zu bringen. Zu dem Zweck ritt die Prinzeſſin eines Tages mit ihrem Gemahl zum Jagen in den dichten Wald und verließ ihn da wie von un⸗ gefähr; denn dort hatte ſie Meuchelmörder verſteckt, die plötzlich über ihn herfallen und ihn umbringen ſollten. Obgleich deren viele waren, ſo gaben doch die drei ſilbernen Ringe dem jungen Prinzen eine ſolche Kraft, daß er ſie alle darniederſchlug und unverletzt ſeine 1 Schloß Schweigern. 13 Gemahlin wieder fand. Dieſer erzählte er, was ihm eben paſſirt, und als ſie ſich fälſchlich darüber verwundert und erfreut ſtellte, daß er eine ſo große Anzahl Mörder habe niedermachen können, vertraute er ihr unvorſichtiger Weiſe, wie ihm, ſo lange er die Schlangenringe bei ſich trage, kein Leid geſchehen könne. Dies merkte ſich das böſe Weib und miſchte eines Tages, als der alte König gerade abweſend war, einen Schlaftrunk, den ihr Ge trinken mußte, worauf ſie ihn beredete, auf dem tiefen See, r vor dem Schloſſe lag, mit ihr eine Spazierfahrt zu machen. Kaum hatte ſie ſich mit jenem Ritter in den Nachen geſetzt, als der junge Prinz in einen tiefen Schlaf verſank. Alsbald nahm die Prinzeſſin eine Scheere zur Hand und durchſchnitt die ſeidene Schnur, um ſo die drei ſilbernen Ringe zu bekommen. Allein ſie benahm ſich ſo ungeſchickt dabei, daß die Ringe durch ihre Finger glitten und in den tiefen See ſielen. Zu gleicher Zeit hatte der Ritter den armen Prinzen erfaßt und über den Nachen hinaus in's Waſſer geworfen, wo dieſer ſogleich unterſank und nicht wieder zum Vorſchein kam. Kaum hatten ſie auf dieſe Art das Verbrechen be⸗ gangen, ſo war es, als ſei der böſe Zauber von der Prinzeſſin gewichen; ſie ſchauderte vor ihrer Unthat zurück, warf ſich auf die Kniee und gerieth in die ſchrecklichſte Verzweiflung. Als ſie wieder in's Schloß zurückgekommen waren, eilte ſie dem alten König ent⸗ gegen und bekannte ihr Verbrechen. Dieſer aber ſprach:„Wenn du das gethan haſt, iſt keine Gnade für dich; dein Gemahl hat für dich ſterben wollen, und du haſt ihn im Schlafe umgebracht. Da⸗ rum ſollſt du deinen verdienten Lohn haben.“ Da ward ſie hinaus an den See getragen und hineingeworfen, ſo daß ſie elend ertrin⸗ ken mußte. Der alte König aber legte ſich nach drei Tagen hin und kam vor lauter Gram zu ſterben. Doch ehe ihn der Tod er⸗ reichte, ſprach er wegen der Unthat ſeiner Tochter einen ſchrecklichen Fluch über das Schloß aus, auf daß es in Freude und Luſt nicht mehr bewohnt würde, bis jener Fluch gelöst ſei.—— 14 Schloß Schweigern. So erzählte die alte Volksſage und ſetzte noch hinzu, in Mit⸗ ten des See's, wo der arme Prinz verſank, ſei eine Pflanze mit ſchwarzen Blättern emporgewachſen, die blutroth geſäumt ſeien, und auf deren klaren Wellen zeige ſich bisweilen ein ſchwarzer Schwan, das ſei die junge Prinzeſſin, die in entſetzlicher Trauer über ihr Verbrechen umherſchwimmen müſſe, bis der Zauber gelöst ſei. Doch wie dies geſchehen könne, wußte Niemand. Das Alles hatte ſich, wie⸗ geſagt, vor langen Zeiten begeben, und man wußte ſelbſt nicht einmal genau, ob Thal und Schloß Schweigern jetzt noch einen Herrn habe oder nicht. Niemand küm⸗ merte ſich darum, und da in jenen Zeiten wie überall, ſo auch an den Ufern des Neckars, auf viel Land wenige Menſchen kamen, ſo ließ man das Thal links liegen und vergaß es allmälig. Die Wege, die früher hingeführt, überwuchſen nach und nach mit Gras und Unkraut oder es erhoben ſich ſogar mächtige Bäume auf den⸗ ſelben, mit ihren ſtarken Aeſten die Eingänge in's Thal gleich eiſer⸗ nen Gittern verſchließend. Und doch lebte noch Jemand auf der Erde, dem Schloß Schwei⸗ gern als rechtmäßige Erbſchaft zugefallen war. Allein dieſer hatte ſelten nach dem Erbgute Erkundigungen eingezogen, und wenn er es gethan, ſo waren die Nachrichten, die er darüber erhielt, nicht einladend genug, um dem unbekannten Beſitzthum einen Beſuch zu machen. Wäre er ein alter, lebensmüder Herr geweſen, der die Welt genugſam kennen gelernt hat und der das luſtige, muntere Hofleben ſo durch und durch genoſſen, daß ihm eine ſtille Einſamkeit, wo ihn nichts mehr an frühere Luſtbarkeiten und Thorheiten erin⸗ nerte, wohlthuend geweſen wäre, ſo hätte er ſich vielleicht entſchloſ⸗ ſen, das Gut einmal näher zu beſehen und den Reſt ſeiner Tage in der einſamen Gegend zu verbringen. Aber ſo war der Herr und Beſitzer von Schloß Schweigern ein junger lebensluſtiger Graf, der auf ſeiner Burg an der Donau hauste, wo Tag um Tag mit luſtigen Spielen und Turniere hingebracht wurde, und dem —— — Schloß Schweigern. 17 beamten behaupteten ſogar, dies holde Lächeln und die freundlichen Worte, die ſie dabei ſprach, wirkten auch auf die ſchweren Träume, die den König oft beim Nachmittagsſchlaf quälten, denn wenn er ſich auf dem ſeidenen Lager herumwarf, beugte ſich die Prinzeſſin über ihn, küßte ihm ſanft die Stirn und flüſterte leiſe, worauf die finſteren Mienen, die ihm die Träume verurſachten, plötzlich ent⸗ ſchwanden und er in einen ruhigen Schlaf verſank. Doch wir kehren in den Audienzſaal zurück, wo die Herolde fleißig ihre ſilbernen Trompeten gebrauchen und die Pauken jedes⸗ mal einen raſchen Wirbel erſchallen laſſen, ſobald von dem Obercere⸗ monienmeiſter ein neuer Name genannt wird, deſſen Beſitzer in reichem Kleide bei dem König und den Prinzeſſinnen vorbeiſchreitet, ſich verbeugt und alsdann unter dem großen Haufen, der den König und die Prinzeſſinnen umgibt, verliert. Für letztere, beſonders für die jüngſte Prinzeſſin, waren dieſe Vorſtellungen ſehr langweilig. Schon hundertmal ſah ſie dieſelben ehrenfeſten Ritter vor ſich wan⸗ deln, ohne mehr dabei zu denken, als ob die Farben des Kleides auch gut zuſammen paßten, oder wie ſchön der und der von dieſem und jenem beim letzten Turnier in den Sand gelegt worden ſei. Sie ſah alle gleich freundlich und theilnehmend oder theilnahmlos, wie man will, an und ſchien ſelbſt nicht einmal die feurigen Blicke, die von den benachbarten Königsſöhnen oder reichen Fürſten neben dem Papa vorbei auf ſie zudrangen, zu bemerken. Wenigſtens ſchaute ſie dem jungen blühenden Ritter, der ſich ihr zu Liebe auf's Beſte geſchmückt hatte, ebenſo freundlich und unbefangen in’'s Auge, wie einem alten, dem ſie ſchon als Kind auf den Armen der Wär⸗ terin an dem langen grauen Barte gezupft hatte. Jetzt ſchmetterten die Trompeten auf's Neue, die Pauken wir⸗ belten luſtig darein, und an den Thüren des Saals wurden fremde unbekannte Farben ſichtbar. Es war Graf Raimund mit ſeinem Gefolge, der glänzend, wie der junge Tag, und ſchön und ſchlank, Hackländers Werke. XIII. ℳ 2 18 Schloß Schweigern. wie eine Tanne des Hochwaldes, durch den Saal ſchritt und auf's Neue Aller Augen auf ſich zog. Er beugte vor dem König ein Knie, und bat um die Vergünſtigung, bei den Ringelrennen und Turnieren, die ausgeſchrieben ſeien, zu Ehren der hohen Vermähl⸗ ten einen Speer brechen zu dürfen. Der König bewillkommte ihn auf's Freundlichſte, und Graf Raimund, der ſich eines Armes von Stahl bewußt war, blickte, als er ſich von dem König erhob, for⸗ ſchend im Kreiſe der Ritter umher, ob ihm da nicht eine beſonders kräftige Geſtalt in's Auge ſalle, an der er ſich nachher verſuchen könne. Doch wenn er auch dieſe Muſterung mit feſten Blicken und etwas trotzigem Geſicht begonnen, ſo hatte er noch nicht die Hälfte des Kreiſes, der den König umgab, angeſchaut, als ſein Blick alle Sicherheit verlor und ſeine gebietenden Züge plötzlich den Ausdruck der tiefſten Unterwürfigkeit annahmen. Er hatte die Prinzeſſin er⸗ 4 blickt, die den ſchönen Grafen ebenſo verwundert anſah und zum erſten Mal in ihrem Leben die Verbeugung eines Mannes mit einer kleinen Befangenheit im Auge und einem leichten Erröthen erwi⸗ derte. Das war ein wichtiger Augenblick für Beide, und wenn das Chrenfräulein der Prinzeſſin nicht ebenſo unerfahren geweſen wäre, wie ihre Gebieterin, ſo hätte ſie wohl gewußt, warum dieſe, als der Hof aus einander und in ſeine Gemächer ging, ſo zerſtreut ge⸗ weſen wäre und auf ganz gewöhnliche Fragen die verkehrteſten Ant⸗ worten gab. Aber dem armen Grafen erging es noch ſchlimmer, denn der tiefe Blick, den er in das ſchöne Auge der Prinzeſſin gethan, hatte ſein ganzes Denken und Fühlen umgewandelt. Er erwachte wie aus einem langen Traume und ein neues glänzendes Licht, das in ſeinem Herzen aufgegangen, ſchien von ſeiner Bruſt trübe, düſtere Schleier zu entfernen, die ſein ganzes Denken und Trachten bisher eingehükllt. Er dachte jetzt mit Trauer und Beſchämung an die vielen Stunden, die ihm ſonſt im Toben der Jagd und im Kreiſe der luſtigen Freunde ſo ſchön erſchienen waren, und es war ihm, Schloß Schweigern. 19 als hätte er alle Tage, ehe er die Prinzeſſin geſehen, gar nicht ver⸗ lebt. Sein Pferd und ſeine Waffen waren ihm in dieſem Augen⸗ blicke nur deßhalb lieb und werth, weil er ſie mit noch größerer Tapferkeit als ſonſt zu führen hoffte, um ſich ſo durch Niederwer⸗ fung aller Gegner vor der Prinzeſſin bemerkbar zu machen. Bei⸗ des gelang ihm auch. Die neu erwachte Liebe ſtählte ſeinen ohne⸗ hin ſchon ſtarken Arm noch mehr und es wurde am Hof des Königs kein Turnier gehalten, in welchem Graf Raimund nicht einen Preis errungen hätte. Faſt alle bewährten Ritter wußten von ſeiner Fauſt zu erzählen, denn beim Turnier ſchien eine wahre Wuth über den Grafen zu kommen, und wen er mit dem Speer traf, der mußte zu Boden, da half kein Gott. Wenn die Feſtlichkeiten noch wenige Tage länger gedauert hätten, würde der Hof des Königs ein wah⸗ res Spital geworden ſein, und von den mannhaften Rittern wenige übrig geblieben, um den Fackeltanz mit aufzuführen. Aber trotz dieſen Heldenthaten, die Graf Raimund täglich ver⸗ übte, war er doch ſelbſt nie ſo ſehr überwunden worden, als gerade jetzt. Die Feſſeln, womit ihn die Prinzeſſin umwunden, wurden immer feſter und erpreßten ihm manchen Seufzer. Ach, der tapfere Graf war nur für den Augenblick des Turniers ein Held; wenn er in ſeine Gemächer zurückkehrte und entwappnet war, ſank er ſeuf⸗ zend und klagend in ſeinen Seſſel und blickte gegenüber nach den Fenſtern der Königsburg, wo ſeine Sonne, ſein Leben wohnte. Aber auch die Prinzeſſin ſchaute jetzt öfter als ſonſt zu den Fen⸗ ſtern hinaus, und die Zofen wußten lange nicht, warum ihre Ge⸗ bieterin ſo plötzlich an den alten Mauern drüben Geſchmack gefun⸗ den habe. Auch ſie war ſeit einiger Zeit ganz verändert, blickte nicht mehr jedem unbefangen und freundlich in'’s Geſicht, ſondern ſchlug oft ganze Minuten lang die Augen nieder, heftete ſie dann wohl mit ungemeiner Innigkeit gedankenlos auf einen alten Panzer, der in der Ecke des Saals hing, erröthete, wenn Graf Raimund 20 Schloß Schweigern. in's Gemach trat, und erbleichte, wenn man von ihm ſprach, kurz, die Stunde der guten Prinzeſſin hatte ebenfalls geſchlagen. In der erſten Zeit hatte das liebende Paar Niemand, dem es ſeine Noth klagen konnte. Es geht den vornehmen Perſonen darin weit ſchlimmer, als den geringen. Der Graf, wenn er ſich auch in einſamen Stunden manchen Blick der Prinzeſſin, manches Lächeln zu ſeinem Vortheil zuſammen zu reimen ſuchte, ſtürzte doch den Augenblick darauf dieſe glänzenden Luftſchlöſſer wieder um, glaubte nicht an ſein Glück, von der Prinzeſſin geliebt zu werden, und war der Unglückſeligſte aller Sterblichen. Wenn es auch der Prin⸗ zeſſin in einem Punkt beſſer erging, und ſie wohl an dem Beneh⸗ men Raimunds ſah, was er für ſie fühlte, ſo war ſie doch auf der andern Seite viel mehr gefeſſelt, und mußte auf ihre Mienen und Worte genauer Achtung geben, um den Zuſtand ihres liebenden Herzens nicht in einem unbewachten Augenblicke vor dem Papa, den Schweſtern oder dem Grafen zu verrathen. Dieſer hatte nur einen einzigen vertrauten Freund bei Hofe, ein biderber Ritter, der mehrere Züge in das heilige Land gethan. Dieſem erzählte er an einem ſchönen Morgen ſeine ganze Leidens⸗ geſchichte. Anfänglich ſtutzte derſelbe ob der vermeſſenen Idee, daß ſein Freund ſein Auge zur Tochter des Königs erhoben, doch da er wußte, daß ſich die Liebe nicht gebieten läßt, verſprach er dem Grafen ſeine Hülfe, und hatte auch bald Mittel und Wege entdeckt, durch die er erfuhr, daß die Prinzeſſin das Bild ſeines Freundes ebenfalls mit der glühendſten Liebe in ihrem Herzen aufgeſtellt hatte. Dieſe Nachricht, die den Grafen Raimund im erſten Augen⸗ blick vor Freuden außer ſich brachte, räumte manche Schranke, die ſich der Annäherung der beiden Liebenden entgegen geſtellt, hinweg und in kurzer Zeit ſahen ſie ſich zum erſten Mal ohne Beiſein des ganzen Hofes. Der Graf ſtürzte der Prinzeſſin zu Füßen, ſchwor, ohne ſie nicht leben zu können, und nachdem hin und wieder einige Thränen gefloſſen, reichte ſie ihm die Hand, und nahm ihn, vor⸗ 3 * — Schloß Schweigern. 21 läufig wenigſtens im Geheimen, zu ihrem Ritter an. Doch war damit noch nicht viel gewonnen und wenn auch in phantaſiereichen Augenblicken Graf Raimund ſich Hoffnung machte, daß ihm der König doch vielleicht ſeine jüngſte und geliebte Tochter zur Gemahlin geben würde, ſo fielen dieſe ſchimmernden Plane bei kälterem Be⸗ leuchten wieder gänzlich zuſammen und die beiden Freunde geſtan⸗ den ſich, daß ſie vor einer weiten Kluft ſtünden, die auszufüllen oder zu überſchreiten, wohl unmöglich ſein würde. und ſo war es auch. Nicht ſo bald hatte der König durch geſchäftige Zwiſchenträger, die ſich überall unberufen eindrängen, von einem Einverſtändniß erfahren, das zwiſchen ſeiner Tochter und dem Grafen Raimund ſtattfinden ſollte, als er in einen gelin⸗ den Zorn ausbrach und in einer vertraulichen Stunde die Prinzeſſin ausforſchte. Hier ſah denn nun der König zu ſeinem Schrecken ein, daß ſich die Sache wirklich ſo verhalte und das Herz der Toch⸗ ter ſehr zwiſchen väterlicher Liebe und der Treue, die ſie dem Gra⸗ fen zugeſchworen, ſchwanke. Da nun eine Verbindung zwiſchen Beiden das Letzte war, woran der König in ſeiner Ueberraſchung dachte, ſo bemerkte er dem Grafen in einer Unterredung, es ſchiene ihm ſehr, als bedürften ſeine weitläuftigen Güter der unmittelbaren Aufſicht ihres Herrn, und da Raimund dieſen Wink verſtand, ſo wurde er nicht wenig beſtürzt, und empfahl ſich mit halb ge⸗ brochenem Herzen dem Könige zu fernerer Gnade und weiterem Wohlwollen. Mit welchen Gefühlen der Graf in ſeine Wohnung zurückkam und dem Freunde Bericht erſtattete über alle fehlgeſchlagenen Hoff⸗ nungen, kann man ſich leicht denken. Sein Stolz erlaubte ihm nicht, auch nur einen Tag länger bei Hofe zu bleiben, und das zu ſchwören, mußte er ſeinem Freund überlaſſen und konnte nur Schlimmſte war, daß er nicht einmal mehr Gelegenheit fand, die Prinzeſſin zu ſehen. Ihr nochmals Liebe und Treue bis zum Grabe 22 Schloß Schweigern. der nachblickenden Geliebten durch Farben der Feldbinde und Klei⸗ dung ſeine traurigen Gefühle kund geben. So zog er am folgenden Morgen aus; ſeine Herolde blieſen wehmüthig das Lied: „Im Grab iſt Ruh“ und der ſchöne Graf, der in den reichſten, prächtigſten Gewändern eingeritten war, verließ das Hoflager in kohlſchwarzer Rüſtung und in einer Feldbinde von himmelblauer Farbe als Zeichen der Treue. 5 Wie ſehr hatten ſich ſeine Gedanken, ja ſein Herz verändert, ſeit er ſeine luſtige Burg an der Donau verlaſſen. So traurig ſich auch jetzt ſein Leben zu geſtalten begann, ſo kam ihm doch ſein damaliges Treiben unter ſeinen Freunden noch viel ſchaaler und nüchterner vor; denn das Bild, das er jetzt in ſeinem Herzen trug, war, wenn auch mit Trauer umgeben, doch von einem kleinen Hoff⸗ nungsſtrahl beglänzt, und füllte all ſein Denken ſo ſüß aus, daß Ler andern Gegenſtänden auch nicht den kleinſten Platz gönnen mochte. 4 Wenn er ſonſt von Streifzügen heimkehrte, dachte er mit Luſt an ſeine ſtattliche Burg und freute ſich, ſeine Pferde, Mannen, ia ſelbſt ſeine Hunde wieder zu ſehen, allein jetzt dachte er mit Unmuth an alle dieſe Sachen und an das laute Getümmel ſeiner Freunde, und wäre viel lieber für ſich geblieben, um ſeinen ſtillen Träumereien ungeſtört nachhängen zu können. Während er in dieſen Gedanken geſenkten Hauptes die Straße dahin ritt und ſei⸗ nem Roſſe die Zügel ließ, fiel ihm plötzlich ſein nie betretenes Beſitzthum, das einſame Schloß Schweigern, ein. Er ſuchte in ſeinem Gedächtniß all' die Erzählungen zuſammen, die man ihm von dem ſchönen ſtillen Thale gemacht, erbaute ſich daraus einen Aufenthalt, der ihm zu ſeiner betrübten Gemüthsverfaſſung ſehr paſſend erſchien, und führte augenblicklich den Gedanken aus, ſich 5 Schloß Schweigern. 23 auf den Weg nach ſeinem Schloſſe Schweigern zu machen. Die Schaar ſeiner Knappen und Reiſigen wußte anfänglich nicht, warum der Graf ſein Roß nach einer ihnen unbekannten Gegend hinwandte, und folgte ihm mehrere Tage lang, bis ſie zu den Ufern des Neckars kam, wo ihr der Graf ſeinen Entſchluß kund that. Anfänglich ſtutzte das Gefolge nicht wenig und verſuchte es, den Grafen von der Vermeſſenheit abzuhalten, in jenes verrufene Thal zu dringen, deſſen ſtille Schreckniſſe den Jüngern aus dem Munde der Aelteren bekannt waren. Allein da der Graf feſt auf ſeinem Vorhaben beſtand und all' denen, die ihn verlaſſen wollten, freien Urlaub bewilligte, befand ſich kein Einziger, der ſeinen Herrn im Ernſt hätte verlaſſen mögen, und alle erklärten ſich bereit, ihm nöthigen Falls in die Hölle zu folgen. Nachdem der Trupp an den Ufern des Neckars eine Weile ausgeruht hatte, ſchickte der Graf einen Reiſigen nach einigen jener Wartthürme hinauf, die an den Ufern des ſchönen Fluſſes ſtanden, und erbat ſich Jemand, der ihm den Pfad nach Thal und Schloß Schweigern zeige. Bei dieſer Bitte bekreuzte ſich anfänglich die edle Knappenſchaft droben, und erſt als ſie hörten, daß der recht⸗ mäßige Beſitzer von Schloß Schweigern dort unten halte, ſandten ſie einen hinab, der dem Grafen querfeldein vorritt. Bald ſah die kühne Schaar eine Bergkette vor ſich liegen, welche ihnen der Knappe als die Höhe bezeichnete, die das Thal Schweigern um⸗ ſchließt. Auch gab er ihnen die ungefähre Richtung an, nach wel⸗ cher ſie hinreiten müßten, um einen der Wege zu finden, die früher in's Thal geführt, beurlaubte ſich dann von dem Grafen, wandte ſein Roß und ſprengte im vollen Gallop den Weg nach ſeiner Heimath zurück. 4 Graf Raimund, der viel zu ſehr mit der entfernten Geliebten⸗ beſchäftigt war, um an gefährliche Abenteuer, die ihm hinter jenen Bergen aufſtoßen könnten, zu denken, ritt ruhig die Höhe hinan. Ihm folgte zwar die Schaar ſeiner Reiſigen, doch ſah man an den 24 Schloß Schweigern. Vorbereitungen, die hie und da gemacht wurden, daß die Ruhe, welche die Bruſt ihres Herrn ausfüllte, bei ihnen nicht ſehr zu finden war. Der Eine ſchnallte ſeine Pickelhaube feſter, der Andere lüftete das Schwert etwas in der Scheide und ein Dritter ſetzte ſich im Sattel zurecht und faßte die Hellebarde. So hatten ſie die Höhe erſtiegen und ſahen vor ſich einen Hohlweg, der in's Thal hinabführte, aber fürchterlich verwahrlost war. Die Eichen und Buchen, die an ſeinen Seiten wuchſen, hatten ſich mit Wurzel und Krone gegen einander geneigt und den Hohlweg mit dichtem Ge⸗ flechte ausgefüllt, ſo daß ſich der Graf ſelbſt einen Augenblick be⸗ dachte, ob er mit ſeinem Pferde durchkommen könnte. Judeſſen machte er den Verſuch, und wie er die Zweige berührte, ſchienen ſie ſich von ſelbſt aus einander zu thun und ließen ihn und die Schaar ungehindert durch. Stillſchweigend ritten ſie immer tiefer hinab, und den Wald, der die Thalwände bedeckte, verlaſſend, traten ſie auf friſche grüne Wieſen hinaus, die von klaren Waſſerbächen durchſchnitten waren, und ſahen vor ſich ein ſtattliches Schloß liegen. Die Furcht, allerlei ſeltſamen Schreckniſſen zu begegnen, ſowie die unheimliche Stille, die auf dem ganzen Thale ruhte, hatte die Schaar der Knappen und Reiſigen eingeſchüchtert, und keiner wagte es, den Mund zu öffnen. Doch jetzt, als ſie die ſichern Mauern einer Burg vor ſich liegen ſahen, kehrte ihnen der friſche Muth wieder und die Trompeter ſetzten ihre ſilbernen Hörner an den Mund, um beim Einreiten ein luſtiges Stücklein zu blaſen. Allein o Schrecken! ſo große Meiſter ſie auch auf ihren Inſtrumenten waren und ſo ſehr ſie ſich anſtrengten, recht ſchön zu blaſen, ſo brachte doch keiner einen Ton hervor. Sie ſetzten mit neuer Kraft an, daß ihnen die Geſichter blau aufliefen, aber vergebens! Kein Laut unterbrach die unheimliche Stille. Beſtürzt ſahen ſich Alle um und wollten in lauten Worten ihr Schrecken über dies Wunder kund geben, als die ganze Schaar ein neues Entſetzen befiel, Schloß Schweigern. 25 denn keiner konnte ein Wort hervorbringen: alle waren ſtumm ge⸗ worden. Graf Raimund, der vorn an der Spitze ritt, wandte ſein Pferd, um einen Blick in die herrliche Gegend zu werfen, als er die un⸗ ruhigen, verſtörten Geſichter ſeiner Knappen ſah, und im Begriffe, ſich nach der Urſache zu erkundigen, auch ohne Antwort gleich darü⸗ ber belehrt wurde; denn auch er konnte kein Wort von ſeinen Lippen bringen. Von dieſer Entdeckung nicht ſehr erbaut, blickte er gleichfalls beſtürzt zurück, und ſah, wie die letzten der Knappen einen vergeblichen Verſuch machten, dem Thal zu entrinnen; denn die zuſammen gewachſenen Gebüſche, die ihnen ſo bereitwillig den Eingang geſtattet, hatten ſich wieder zuſammen geſchloſſen und mach⸗ ten ſomit den Rückweg unmöglich. So gefangen, wandte der Graf kopfſchüttelnd ſein Pferd gegen das Schloß und ritt, von der beſtürzten Schaar umgeben, durch das gewölbte Thor in den Hof. Hier war Alles auf's Beſte ein⸗ gerichtet und in der ſchönſten Ordnung, und ſo ſehr ſich auch die Reiſigen ängſtlich in allen Ecken umſahen, ob nicht ein neues Un⸗ heil ſie überfallen werde, ſo fand ſich doch hier ſo wenig Unnatür⸗ liches, daß ſie nach kurzem Bedenken ihre Pferde abſattelten und in die geräumigen Ställe zogen. Der Graf, von ſeinem Stallmeiſter gefolgt, erſtieg die Trep⸗ pen des Schloſſes und wandelte durch einen langen Gang, der mit einer Sammlung der ſeltenſten und ſtärkſten Hirſchgeweihe geſchmückt war, einer Reihe Gemächer zu, die freilich etwas altmodiſch, aber auf das Prächtigſte eingerichtet waren. In einem der letzten, deſſen Fenſter eine Ausſicht auf den großen, aber verwilderten Park ge⸗ währten, ließ Raimund ſich die Waffen abnehmen, und erkor dies Zimmer zu ſeinem Schlafgemach. Auch die Knappen, die in dem untern Theil des Schloſſes herumſtöberten, beruhigten ſich einiger⸗ mmaßen, als ſie Alles ſo wohnlich fanden und endlich ſogar an eine wohlgefüllte Speiſekammer geriethen die an eine große Küche ſtieß, Schloß Schweigern. deren ſonderbare Geräthſchaften aus einer uralten Zeit herzuſtam⸗ men ſchienen. Noch mehr aber ſtieg ihre Zufriedenheit mit dem alten Schloſſe, als ſie an eine offene Kellerthür kamen und auf einer ſteinernen Treppe in ein großes Gewölbe hinabſtiegen, wo eine Menge großer und kleiner Fäſſer in ſchönſter Reihe neben einander ruhten. Anfänglich ſchien es ihnen etwas ſonderbar, daß die hölzernen Reifen und Dauben verfault waren, wofür ſich aber der Wein ein eigenes Faß geſchaffen, indem ſich unter demſelben ein fauſtdicker Weinſtein angeſetzt hatte. Da auf dieſe Art die ganze Schaar in dem Thal Schweigern nichts weiter vermißte, als ſich durch Worte ausdrücken zu können, ſo fanden ſie ſich bald in jenen Zuſtand und lernten ſich in kurzer Zeit durch Pantomimen ſo vortrefflich verſtehen, als hätten ſie ſich von Jugend auf nie anders mit einander unterhalten. Auch⸗ der Graf fing an, ſich in ſeiner ſtillen Verbannung heimiſch zu finden. 6 Störte ihn doch kein Gelärm der Hüfthörner, kein Geſchrei d Dienſtleute oder das Gebell der Hunde in ſeinen Gedanken an die entfernte Geliebte, der er jeden Augenblick die herzlichſten Grüße zuſandte. Seine Waffen hatte er bei Seite geſtellt und beſchäf⸗ tigte ſich mit der Knappenſchaar in dem großen Park, den er bald zu einem reizenden Aufenthalt umſchuf. Es war, als habe der Zauber, der über dem Thal Schweigern ruhte, auf die Pflanzen und Bäume vortheilhaft eingewirkt, denn mit der geringſten Mühe keimten und ſproßten überall die wundervollſten Gewächſe empor. Das Schloß mit ſeinen Terraſſen und dem Park glich in Kurzem einem üppigen Blumengarten und war ſo traulich und wohnlich geworden, daß der Graf nichts vermißte, als die Nähe des Bildes, das ſein ganzes Herz ausfüllte. Aber daß er von der Gebieterin ſeines Herzens auch nicht die geringſte Nachricht erhalten konnte, vermehrte ſeinen Kummer. Schomaft hatte er verſucht, einen ſeiner vertrauteſten Reiſigen mit einer Beuſcaf an den Hof des Königs Schloß Schweigern. zu ſenden, aber der böſe Zauber ließ keinen hinaus und alle kehr⸗ ten unverrichteter Sache in’'s Schloß zurück. So ſaß er eines Tages in dem Park unter ſeinen Blumen und unterhielt ſich mit ihnen, wie mit der entfernten Geliebten. Ihm war das ſchneeweiße, ſammtartige Blatt der Lilie der herr⸗ liche Grund ihres lieben Geſichtes, die heimliche Farbe der duftigen Nachtviole blickte ihn ſtill und liebend an, wie in der glücklichen Zeit ihre ſchönen Augen, und die eben aufgebrochene purpurrothe Roſe hauchte ihre wunderbaren Wohlgerüche an ſein Geſicht, und es war ihm, als vernähme er in dem zarten Duft eine heimliche Klage, ein leiſes Flüſtern, das ihm von ihren Grüßen ſprach. So ſaß er in Träume verſunken da, als eine von den ſchneeweißen Tauben, deren Flug um das Schloß und den Park er oft zugeſehen Ahatte, ſich auf ſeine Schultern ſetzte und den Kopf an ſeine Wan⸗ gen lehnte. Er ſtreichelte das hübſche Thierchen und fühlte plötz⸗ 8 lich unter ſeinen Fingern einen kleinen goldenen Reif, den die Taube an ihrem Hals befeſtigt hatte. Raſch unterſuchte er das Halsband und glaubte anfänglich, Noa's Bötin habe auch ihm ein Blatt der Hoffnung von der fernen Geliebten gebracht. Doch fand er nichts an dem Ringe, als einen kleinen Haken, an den man einen Brief zu befeſtigen pflegt. Nicht ſobald hatte er dieſen ent⸗ deckt, als ihm dieſe Taube wie ein Wink des Schickſals vorkam, um durch ſie einen neuen Verſuch zu machen, der Geliebten die 3 Verſicherung ſeiner unwandelbaren Treue zukommen zu laſſen. Ge⸗ dacht, gethan. Er beſchrieb in kurzen Worten ſeinen Aufenthalt im Schloſſe Schweigern, ſprach von dem Schmerze ſeines Herzens, die Geliebte nicht zu ſehen, und vielleicht auf ewig von ihr ge⸗ trennt zu ſein, befeſtigte dies Blättchen an dem Haken des Ringes und ließ das Thier auffliegen. Sogleich erhob ſich die Taube hoch in die Luft, ſchwang ſich höher und höher, und der Graf ſah mit Entzücken, wie ſie bald die Geenzen des verzauberten Thales 4 laſſen hatte und ſich in der Fün or ** 28 Schloß Schweigern. Am Hofe des Königs hatte ſich indeſſen auch ſeit dem Abzug des Grafen Raimund Vieles und Trauriges zugetragen, und der König, der geglaubt hatte, ſobald der Graf entfernt ſei, würde ſeine Tochter dieſen bald vergeſſen haben, ſah zu ſeinem Schrecken ein, daß er ſich ſehr geirrt. Von dem Tage an, wo die Herolde des Grafen zum Abſchiede blieſen: 4 „Im Grab iſt Ruh““ war es, als habe die arme ſchöne Prinzeſſin dieſen Gedanken er⸗ faßt und fände an dem lauten Getreibe des Hofes kein Behagen mehr. Ihre feurigen Augen erloſchen, ihr munteres Weſe ſchwand, und nicht genug, daß ſie die Launen des Königs durch ihr freundliches Geplauder nicht mehr verjagen konnte, mußte dieſer ſich dazu entſchließen, die trüben Stunden der Prinzeſſin zu erhei⸗ tern, was er denn auch mit allen möglichen Troſt⸗ und Vernunft⸗ 3 gründen zu thun verſuchte, ſich dabei anfänglich aber wohl hütete,“ des Einzigen, der ihrem Herzen wirklich Troſt bringen konnte, zu erwähnen. Doch nicht lange war das Vaterherz des Königs im Stande, den Schmerz ſeines liebſten Kindes mit anzuſehen. Ueber⸗ dies bemühte ſich der Freund des Grafen, der bei dem Herrn in hoher Gunſt ſtand, ihn zum Guten zu bewegen, wodurch der Kö⸗ nig am Ende erweicht wurde und geneigt ſchien, dem Grafen ſeine Tochter zur Gemahlin zu geben. Mit dieſer guten Botſchaft ſchickte der Freund ſechs Reitende nach einander mit Briefen der Prinzeſſin an den Grafen ab, von denen jeder ein Poſtſcriptum des vorangegangenen war. Allein Alle kehrten nach wenigen Tagen unverrichteter Sache mit der Nachricht zurück, der Graf ſei weder auf ſeine Burg an der Donau heimgekehrt, noch habe er Botſchaft geſandt, wo er hingeritten ſei. Jetzt erhob ſich der Jammer von Neuem und der gute König, der urch die Thränen ſeiner Tochter an Ende ſelbſt auf den Gedan⸗ ebracht wurde, der Graf habe ſich ein Leid gethan oder ſei Schloß Schweigern. 29 gegen die Ungläubigen gezogen, machte ſich heimliche Vorwürfe, daß er doch ein wenig zu hartherzig geweſen. Wer weiß, ob die Prinzeſſin in ihrem Schmerz nicht in ein Kloſter gegangen wäre, wenn nicht noch zu rechter Zeit, als ſie Abends auf ihrem Balkon ſaß und Thräte um Thräne dem ver⸗ lprenen Geliebten nachſandte, die Taube von Schloß Schweigern mit der Botſchaft angelangt wäre, wo ſich der Graf befände und welcher Zauber ihn gefangen halte. So erfreut die Prinzeſſin und ſelbſt der König über dieſe Nachricht war, ſo war doch dem Letztern der Umſtand, daß der Graf ſich nicht perſönlich bei Hofe einfinden könne, recht unangenehm, und um das Ceremoniell nicht zu ver⸗ letzen, beſchloß er endlich, in eigener Perſon nach Schloß Schwei⸗ gern zu ziehen und dort die Vermählung vollziehen zu laſſen. Der Freund des Grafen ritt noch an demſelben Tage dem Neckar zu, um Raimund die glückliche Wendung ſeines Schickſals zu erzählen, Einige Tage darauf ließ auch der König ſeinen gan⸗ zen Hofſtaat rüſten und zog mit vieler Pracht und Gepränge von dannen. Die Prinzeſſin ritt einen weißen Zelter und hatte ihre ganze muntere Laune wieder erhalten. Sie lebte ſichtlich wieder auf und wußte ihres Entzückens kein Ende. So zogen ſie dahin und am Abend wurden prächtige Zelte aufgeſchlagen, unter welchen ſich der ganze Hof lagerte, um die Nacht zu verbringen. Doch ſchien der Mond ſo hell und es war der Prinzeſſin ſo wohl um’s Herz, daß ſie unmöglich einſchlafen konnte. Sie trat deßhalb vor's Zelt und ſetzte ſich nieder, um ihre Träume dahin vorauszuſchicken, wo das Liebſte verweilte, das ſie auf der Welt beſaß. So hatte ſie noch nicht gar lange geſeſſen, als ſie über ſich etwas rauſchen hörte, und in die Höhe blickend, einen mächtigen Adler gewahrte, der in weiten Kreiſen über ihrem Haupte ſchwebte. Anfänglich blickte ſie dem Fluge des großen Vogels mit Vergnügen zu, doch als er ſich immer tiefer herabſenkte, ward es ihr unheimlich und ſie wollte aufſtehen, um in's Zelt zurückzukehren. Doch plötzlich 30 Schloß Schweigern. ließ ſich der Adler herab, umſchwebte ſie mit rauſchendem Flügel⸗ ſchlag ganz nahe, ſo daß die arme Prinzeſſin nicht von der Stelle konnte. Beſtürzt blickte ſie den Vogel an und verwunderte ſich nicht wenig, als er ehrerbietig den Kopf neigte und ſie anredete, „Schönſte Prinzeſſin,“ ſprach er,„vergib, daß ich dich beunruhige; doch ſah ich hoch in der Luft, wie hier unten im Mondſchein das goldene Krönlein ſo herrlich glänzte, das du auf deinem Haupte trägſt, und mich faßt ein unüberwindliches Verlangen, ſolches für mein Weib, die Frau Adlerin, zu erbitten. Ich kenne dein gutes Herz, und würde dir, wenn du meine Bitte gewährſt, dafür ſehr dankbar ſein.“ Als die Prinzeſſin den Vogel ſo anſtändig reden hörte, ver⸗ lor ſie alle Furcht, indem ſie innerlich über die Eitelkeit des Adlers, daß er ſeine Frau mit einer Krone ſchmücken wollte, lächeln mußte. Aber ſie machte das Geſchmeide von ihrem Haupte los, und reichte es dem Vogel. Dieſer nahm es mit ſeinen Krallen, bedankte ſich auf's Zierlichſte und ſchwang ſich den Wolken zu, wo er bald ver⸗ ſchwunden war. Die Prinzeſſin blickte ihm nach und als ſie darauf wieder in's Zelt gehen wollte, bemerkte ſie, daß vor ihr auf der Erde etwas Glänzendes lag. Sie betrachtete es näher und ſah, daß es eine glänzend ſchwarze Feder des Adlers war. Sie hob ſie auf und nahm ſie mit ſich in'’s Zelt. Den folgenden Tag zog der ganze Hofſtaat weſter und lagerte ſich den Abend wieder auf einem großen freien Plan unter den Zelten. Die Prinzeſſin, die ſich ihres geſtrigen Abenteuers erin⸗ nerte, ſetzte ſich abermals in den Mondſchein und dachte in ihrem guten lieben Herzen an die Freude, welche die Frau Adlerin über das Krönlein haben würde, blickte dabei zufällig aufwärts, und ſah mit Erſtaunen, daß der Adler wieder über ihrem Haupte ſchwebte und ſich langſam herabließ. Er kam näher, verneigte ſich wieder vor der Prinzeſſin; allein heute hatte ſein Auge einen traurigen Aus⸗ ————— —— Schloß Schweigern. 31 druck, als er ihr ſagte:„ach, gnädigſte Prinzeſſin, du wirſt deine Güte gegen mich verwünſchen, denn ich komme auf's Neue, dich um etwas zu bitten. Die Frau Adlerin hat dein Krönchen ſo nach ihrem Geſchmack gefunden, daß ſie mich quälte, dich auch um deine Halskette zu bitten, die herrlich dazu paſſen würde. Ich kenne dein gutes Herz und würde dir, wenn du meine Bitte ge⸗ währſt, dafür ſehr dankbar ſein.“ Die Prinzeſſin, die auf's Neue über den Stolz der Frau Ad⸗ lerin lächeln mußte, mochte in ihrem guten Herzen dem bedrängten Vogel ſeine Bitte nicht abſchlagen, ſondern löste ihre Halskette und gab ſie dem Adler, der alsbald damit verſchwand, nachdem er auf's Herzlichſte gedankt hatte. Auch diesmal ließ er wieder eine Feder zurück, welche die Prinzeſſin zu der erſten ſteckte. Der andere Tag brachte ſie an das Ziel ihrer Reiſe. Sie erreichten den ſchönen klaren Neckar und lagerten ſich ſo, daß ſie vor ſich die Höhen erblickten, welche Thal und Schloß Schweigern um⸗ gaben. Hier, ſo im Angeſichte des Ortes, wo ihr künftiger Ge⸗ mahl weilte, konnte die Prinzeſſin gar nicht in dem Zelte ver⸗ bleiben, ſondern trat hinaus und ſchickte manche Grüße jenem Thale zu. Wenn ſie auch an den Beſuch des Adlers von geſtern und vorgeſtern dachte, ſo hätte ſie ſich doch nicht träumen laſſen, daß er heute wieder kommen und nochmals um Etwas bitten würde. Und doch war dem ſo. Kaum hatte ſie den ſchönen Vollmond einen Augenblick angeſehen, ſo rauſchte es über ihrem Haupte, und der Adler ſenkte ſich wieder herab, ſah aber noch viel verdrießlicher und unmuthiger aus, als geſtern.„Ach, gütigſte Prinzeſſin,“ ſprach er,„ich werde vor deinem Herzen als ſehr un⸗ verſchämt erſcheinen, denn Frau Adlerin hat mich ſo lange gequält, bis ich ihr verſprach, dich auch noch um deine Armſpange zu bit⸗ ten, damit das ganze ſchöne Geſchmeide vollſtändig ſei. Wenn ich nicht dein gutes Herz kennte, würde ich dieſe Bitte nicht ge⸗ 32 Schloß Schweigern. wagt haben, doch ſei verſichert, daß ich dir aus allen Kräften da⸗ für dankbar ſein werde.“ Die gute Prinzeſſin mußte jetzt doch über den Stolz der Frau Adlerin herzlich laut lachen, machte aber ihre Armſpange los und reichte ſie dem Vogel, der ſich in Dankſagungen ergoß und vergnügt gen Himmel flog, nachdem er eine dritte Feder zurückge⸗ laſſen hatte, welche die Prinzeſſin gedankenlos aufhob und zu den zwei erſtern ſteckte. Dann ging ſie in's Zelt zurück und ſchlief mit der Hoffnung, den Grafen Raimund morgen wieder zu ſehen, recht froh und gücklich ein. Dieſer war indeſſen durch die Ankunft ſeines Freundes nicht wenig überraſcht worden und zugleich ungemein entzückt über die frohe Botſchaft, die er ihm mitgebracht. Da es aber dem bie⸗ dern Ritter nicht beſſer erging, als dem Grafen Raimund und der ganzen Knappenſchaar, indem er beim Eintritt in's Thal Schweigern ſtumm wie ein Fiſch wurde, ſo hatten die Beiden an⸗ fänglich manche Schwierigkeit, ſich zu verſtändigen, denn die ſonder⸗ bare Zeichenſprache, die im Schloſſe angewendet wurde, war dem Neuangekommenen gänzlich fremd. Graf Raimund wußte ſich vor Entzücken über ſein Glück nicht zu faſſen. Zum erſten Mal befahl er den Knappen, ihre Waffen zu putzen und in guten Stand zu ſetzen, und eilte dann ſtündlich hinaus an die Grenze ſeines Thales, um nach dem aurückenden Zuge auszuſpähen. Alles in Schloß Schweigern war in der größ⸗ ten Thätigkeit und bemühte ſich, Burg und Park aufs Beſte her⸗ auszuputzen; ja es war, als wüßten ſelbſt die lebloſen Gegenſtände, wen ſie zu empfangen hätten, denn die Blumen hatten nie ſo herr⸗ lich geduftet, nie in ſo ſchönen Farben geprangt, wie gerade an dieſem Tage. Selbſt in die uralten Eichen und Buchen ſchien die Begierde gefahren, ſich gegen die einreitende Prinzeſſin galant zu zeigen, denn die alten Stämme, die ſonſt mit ihren Zweigen mür⸗ riſch den Weg verſperrten, ſtreckten dieſe höher empor und bildeten Schloß Schweigern. 33 über dem Haupteingang zu Schloß Schweigern einen natürlichen ſchönen Schattenweg. Auf der Höhe des Berges, wo man den Neckar ſehen konnte und wo die Grenze von Thal Schweigern war, die des mächtigen Zaubers halber Niemand überſchreiten konnte, ließ der Graf einen ungemein zierlichen Pavillon erbauen, der zur Hälfte auf ſeinem Grund und Boden ſtand und deſſen andere Hälfte darüber hinaus⸗ ging, um den König und ſein Gefolge aufzunehmen, die nicht Luſt hatten durch den Eintritt in's Thal Schweigern auf Gott weiß wie lange Zeit ſtumm zu werden. An einem ſchönen Abend erblickte der Graf endlich den glän⸗ zenden Zug, wie dieſer ſich zwiſchen den Bergen an den Ufern des Neckars hervorwand und in der Ebene lagerte. Ihm war das Herz ſo voll, ſowohl vor Entzücken, ſeine geliebte Braut wieder zu ſehen, als auch, weil ihm eine innere Stimme ſagte, daß allein durch der Prinzeſſin treues reines Weſen der Zauber von Schloß und Thal Schweigern genommen werden könnte. So in angeneh⸗ men Träumen verging die Nacht, und der erſte Strahl der aufſtei⸗ genden Morgenſonne ſah ſämmtliche Reiſige und Knappen von Schloß Schweigern in ihren glänzenden geputzten Rüſtungen im innern Theil des Pavillons aufgeſtellt. Jetzt bewegte ſich auch der“ Zug des Königs näher und nach den erſten herzlichen Begrüßun⸗ gen von beiden Seiten ging der Act der Vermählung mit aller für die Verhältniſſe möglichen Pracht vor ſich. Allein ehe dies geſchah, konnte der König nicht unterlaſſen, ſeine geliebte Tochter nochmals mit einer feierlichen Rede auf Alles das aufmerkſam zu machen, was ſie ver⸗ laſſe, wenn ſie jene Grenze beträte, ſowie auf das mancherlei Unan⸗ genehme, was ihrer dort harre, worin er vor Allem die fatale Schweig⸗ ſamkeit für's ganze Leben recht ſcharf hervorhob. Allein die Treue und Liebe der Prinzeſſin zu dem Grafen war ſo groß, daß ſie dieſer Worte nicht achtete. Sie ſank ihrem Vater unter einigen Hackländers Werke. XIII. 3 34 Schloß Schweigern. Thränen nochmals an die Bruſt und trat über die Grenze von Thal Schweigern ihrem Gemahl entgegen, ein Schritt, der von dem ganzen Hofſtaat mit einem lauten Ausruf des Erſtaunens be⸗ gleitet war; denn Alle hatten geglaubt, wenn die Prinzeſſin die ſtumme Geſellſchaft drüben erſt recht anſähe, würde ſie ihren Ent⸗ ſchluß ſchon ändern. Kaum hatte die Prinzeſſin ihrem Gemahl die Hand gereicht, als ſich ein großes Wunder begab, indem ſie durchaus nicht ſtumm geworden war, ſondern in deutlichen klaren Worten ihre herzliche Freude über ihr Glück kund that. Den Ehrendamen, die der Prinzeſſin folgten, und dem Troß der Kammerjungfern ging es nicht ſo gut; denn ſo ſehr ſich dieſe auch bemühten, den Zurückgebliebenen ihre beſten Grüße in die Heimath mitzugeben, ſo konnte doch keine der⸗ ſelben einen Laut hervorbringen und ihre komiſchen Anſtrengungen zu ſprechen, brachten auf beiden Seiten trotz des ſchmerzlichen Abſchieds einige Fröhlichkeit hervor. Der König, ſehr erfreut und entzückt, daß die Prinzeſſin nicht die Sprache verloren, ertheilte ihr nochmals aus der Entfernung ſeinen Segen und zog zufriedener von dannen. Indeſſen kehrte mit der Ankunft der Prinzeſſin in Schloß Schweigern ein neues fröhliches Leben dort ein. Es war, als ſei die Luft um Feld und Bach würziger geworden und als blühten die Blumen mit verdoppelter Pracht. Allen, beſonders dem Gra⸗ fen, that es unendlich wohl, wieder eine menſchliche Stimme zu hören und beſonders die der Prinzeſſin, die ſo ſanft und melodiſch war, daß Jedem, der ſie hörte, das Herz vor Frende erzitterte. So lebte das edle Paar glücklich und vergnügt in ihrer Ein⸗ ſamkeit, und die Beſchäftigungen im Park, die der Graf früher allein verſah, theilte er jetzt mit der Prinzeſſin, unter deren Hand Alles ſchöner und herrlicher gedieh. Auch verſchmähte ſie es nicht, mit ihm hinauszureiten in den Wald und dem luſtigen Springen der Hirſche und Rehe zuzuſehen, die bei ihrem Erſcheinen zutraulich * Schloß Schweigern. 35 näher kamen, als wüßten ſie, daß der Jagdſpieß des Grafen es nicht wagen würde, ihnen ein Leid zu thun. Im Parke, der das Schloß umgab, war unter hohen Platanen und Buchen eine Stelle, wo die Prinzeſſin am liebſten verweilte. Dort ſah man Thal Schweigern vor ſich ausgebreitet liegen, und der Blick ſchweifte mit Entzücken über die kleinen Bäche, die es durchſchnitten, oder flog die Thalwände hinauf, die aus grünen friſchen Wieſen beſtanden, woran ſich die dichten Waldungen reih⸗ ten, deren wechſelnde gezackte Grenze ſich freundlich abzeichnete. Von dieſem Platze führte ein Weg abwärts bis an den Fuß des kleinen Hügels, auf welchem Schloß Schweigern lag und wo allem Anſchein nach ein kleiner See liegen mußte. Allein bis zu dieſer Stelle hatte weder der Graf, noch einer aus der Knappenſchaar je dringen können, denn am Ende des Weges hemmte ein undurch⸗ 3 dringliches Gebüſch jeden weitern Schritt, ſogar jeden neugierigen Blick. Schon oft hatte man verſucht, einen Theil des Gebüſches niederzuhauen, das wie eine Laube jenen See einfaſſen mußte, und deſſen Zweige gleichfalls oben zuſammen gewachſen waren, aber ver⸗ gebens. Da ſaß eines Abends die Prinzeſſin auf ihrem Lieblings⸗ platze und war in Träumereien verſunken, wie ſchön das Thal erſt werden müſſe, wenn der Zauber von ihm genommen ſei und es wieder mit der äußern Welt in Verbindung treten könne. So denkend, ſtand ſie auf und wandelte den Weg hinab bis an jenes Gebüſch und ſah, wie ſie ſich ihm näherte, zu ihrer nicht geringen Verwunderung vor ſich durch die dichten Zweige einen kleinen Weg, der ihrem Blick geſtattete, den klaren, aber regungs⸗ loſen Spiegel eines Sees zu entdecken. Im erſten Augenblick woollte ſie umkehren, doch wurde ſie durch eine unſichtbare Macht vorwärts getrieben, betrat den kleinen Pfad, der nie zuvor da ge⸗ weſen war und der ſie an das Ufer jenes kleinen Sees führte. Wie wuchs aber hier ihr Erſtaunen, als ſie auf demſelben in der Mitte des Waſſers eine Pflanze ſah, deren Blätter kohlſchwarz und 36 Schloß Schweigern. nur mit einem kleinen rothen Streifen geſäumt waren, und einen Schwan bemerkte, der ebenfalls ſchwarz war und beſtändig in wei⸗ ten Kreiſen um jene Pflanze ſchwamm. Dieſer Anblick, ſowie der ganze See, deſſen Waſſer durch die überhängenden Zweige dunkel gefärbt ſchien, war ſo unheimlich, daß die Prinzeſſin gern wieder umgekehrt wäre; doch ſie vermochte es nicht, vielmehr ſetzte ſie ſich ganz willenlos auf eine der kleinen Steinbänke, die am Ufer ſtanden, und ſo ſehr ſie auch ankämpfte gegen eine gewaltige Müdigkeit, die ſie überfiel, ſank ſie doch in einen tiefen Schlaf.——— Da war es ihr im Traume, als ſchwämme der ſchwarze Schwan ganz nahe an’'s Ufer und erzählte ihr, er ſei eine verzauberte Prin⸗ zeſſin, die ihren Mann, der ſie treu und wahr geliebt, verrathen und um's Leben gebracht hätte; ſie ſei deßhalb zur Strafe von ihrem Vater hieher verwünſcht, ſo lang in Trauer und Verzweiflung auf dem einſamen See zu verweilen, bis ſich eine Königstochter fände, die durch innige Treue und Liebe gegen ihren Gemahl im Stande ſei, den Zauber zu löſen.„Dein Anblick, ſchöne Schweſter,“ fuhr der Schwan fort mit trauriger Stimme zu ſingen,„hat nach einem Jahrtauſend vergeblichen Wartens die Hoffnung in mir rege ge⸗ macht, daß ſich der Zauber bald löſen könne. Daß du deinen Ge⸗ liebten nicht vergaßeſt, iſt ein Beweis deiner Treue, ſowie, daß du ihm in dies verzauberte Thal folgteſt, ein Zeichen deiner innigen Liebe. Auch muß dein Herz gänzlich rein und klar ſein, denn ſonſt würden dir die Gebüſche, die dieſen See umgeben, wie jedem An⸗ dern den Eintritt verwehrt haben. Doch trotzdem fehlen noch drei gewaltige Sachen, ohne welche der Zauber, der uns gefangen hält, uicht ſchwinden kann. Dieſe ſind ein Tropfen vom Waſſer des Lebens, ein Samenkorn der Blume Rok und ein Hauch jenes war⸗ men Windes, der über das glückliche Arabien weht. Aber dieſe drei Dinge ſind nur dem möglich zu erlangen, der nicht nur gegen ſeine Nebenmenſchen ſtets freundlich und mildthätig war, ſondern zu können.“ Die Prinzeſſin entgegnete ihm hierauf, daß ſie eine Schloß Schweig ern. 37 auch durch Güte und Herzlichkeit es vermochte, daß ihm die Thiere in den Lüften und auf der Erde zu Dank verpflichtet ſind.“ 3 So träumte die Prinzeſſin und als ſie wieder erwachte und den Schwan ruhig wie vorher auf dem See umher ſchwimmen ſah, gedachte ſie der Worte, die er zu ihr geſprochen, und ging ſtill und ſinnend dem Schloſſe zu. Ihrer unwandelbaren Liebe und Treue gegen den Gemahl, ſowie eines reinen Herzens war ſie ſich wohl bewußt. Doch wie ſie die drei Dinge, die außerdem zur Löſung des Zaubers erforderlich waren, herbeiſchaffen ſollte, wußte ſie nicht. Wie ſie ſo darüber nachdachte, ſielen ihr auf einmal die drei Adler⸗ federn in die Hände, die ſie ſeit jenen Abenden bei Seite gelegt und nicht mehr beachtet hatte. Plötzlich kam ihr der Gedanke, ob ſie nicht die Dankbarkeit des Vogels, die ihr dieſer ſo ſehr gerühmt, in Anſpruch nehmen ſolle. Voll von dieſem Gedanken, entſchlief ſie und beim Erwachen am andern Morgen beſchloß ſie, einen Verſuch zu machen, ob ſie den Adler durch die drei Federn herbeiwünſchen könne, und ob ſie wohl im Stande ſei, den Zauber von Schloß Schweigern zu löſen. Am Abend wandelte ſie einſam und allein dem See zu, deſſen Umgebungen ihr wieder bereitwillig den Durchgang gewährten, und ſetzte ſich auf dieſelbe Steinbank wie geſtern. Sie nahm eine der Adlerfedern und ſprach dabei den Wunſch aus, daß ſich der Vogel ihrer erinnern und aus den hohen Wolken droben herabkommen möchte. Kaum hatte ſie dieſen Wunſch ausgeſprochen, ſo rauſchte es über ihrem Haupte, und der Adler ſchwang ſich eilig herab, ſie mit freundlichen Worten begrüßend.„Schöne Prinzeſſin,“ ſagte er, „ich hoffe, du haſt mich gerufen, um jetzt deinerſeits eine Bitte aus⸗ zuſprechen, und es freut mich ſehr, dir meine Dankbarkeit bezeigen große, kaum zu erfüllende Bitte an ihn habe, die in nichts Gerin⸗ gerem beſtünde, als in Herbeiſchaffung eines Tropfens vom Waſſer des Lebens. Der Vogel verneigte ſich ehrerbietigſt und verſicherte 38 Schloß Schweigern. mit großer Freundlichkeit, daß ihm die Gewährung dieſer Bitte eine Kleinigkeit ſein würde. Er nahm eine der Adlerfedern, ſchwang ſich in die Wolken und war bald ihren Blicken entſchwunden. Der ſchwarze Schwan ſchien dieſe Verhandlungen verſtanden zu haben, näherte ſich dem Ufer, wo die Prinzeſſin ſaß, ſah ſie lange an, und als er gewahrte, daß er ihre Aufmerkſamkeit erregt, nahm er mit ſeinem Schnabel einen Tropfen Waſſer aus dem See, ſchwang ſich über die Pflanze und ließ den Tropfen darauf fallen. In weniger als einer Minute kehrte der Adler zurück und trug in ſeinem Schnabel das verlangte Waſſer, das er auf das Geheiß der Prinzeſſin, die den Schwan wohl verſtanden hatte, ebenfalls auf die Pflanze tröpfeln ließ. Kaum war dies geſchehen, ſo ver⸗ liefen die rothen Ränder und die ſchwarzen Blätter in einander und es wurde eine helle, freundlich grüne Farbe daraus. Auf gleiche Art bat die Prinzeſſin den Adler, ein Samenkorn der Blume Rok herbeizuholen, ſowie einen Hauch des warmen Windes, der über das glückliche Arabien weht, was dieſer auch Beides in weniger als einer Minute brachte. Kaum war das Sa⸗ menkorn auf die Pflanze im See gefallen, als ſich in Mitten der⸗ ſelben eine große Knospe erhob, über welche der Adler alsbald den Hauch jenes fruchtbringenden Windes hinſtrömen ließ.—— Da brauste eine gewaltiger Donner durch das Thal Schwei⸗ gern und die Wellen des See's, die früher ſpiegelglatt geweſen waren, gährten in furchtbarer Empörung. Mit heftigem Knall zer⸗ platzte die Knospe der Pflanze und aus ihr wuchs eine Blume, die aus einem einzigen großen Blatte beſtand, das von purpurrother Farbe war, und auf welchem drei ſilberne Ringe glänzten. Noch zweimal wiederholten ſich der betäubende Donnerſchlag und das ge⸗ 1 waltige Brauſen des See's ſo heftig, daß die arme ſchöne Prin⸗ zeſſin die Augen ſchloß und in tiefe Ohnmacht dahin ſank. Aber auch im Schloſſe Schweigern hatte man das heftige * Praſſeln des Donners gehört und Alle, vom Grafen bis zum nie⸗ Schloß Schweigern. drigſten Stalljungen, durchbebte dabei ein freudiger Schreck, denn anſtatt daß ſie ſonſt bei dergleichen Veranlaſſungen ihre Empfin⸗ dungen in Zeichen kund gaben, gelang es ihnen zum erſten Mal wieder, ein lautes Wort von ſich zu geben. Der Graf fuhr von ſeinem Seſſel auf und wunderte ſich ſehr, ſeinen Stallmeiſter fra⸗ gen zu können, woher aus heiterer Abendluft der plötzliche Donner⸗ ſchlag gekommen ſei. Die Zofen und Chrendamen ließen ihre Arbeit fallen und kreiſchten laut auf. Dem Kellermeiſter, der eben einen Schluck über Durſt thun wollte, fiel mit einem lauten Fluch das Glas aus der Hand, und ein paar Stalljungen, die ſich ſehr unvollkommen durch Geberden gezankt hatten, wunderten ſich ſehr, daß ſie plötzlich ihren Streit mit den nöthigen Schimpfworten be⸗ gleiten konnten. Die erſte Frage des Grafen, als er wieder auf ſeinen Sefel zurückgefallen, war nach der Prinzeſſin, und als er über den Cor⸗ ridor nach ihrem Zimmer eilte, begegneten ihm ſchon die Ehren⸗ damen, die ihre Herrin gleichfalls ſuchten und in den Park liefen, wohin ſie vor einiger Zeit gegangen ſei. Alle ſuchten die Prin⸗ zeſſin auf ihrem Lieblingsplatz, und der Graf, der zuerſt dorthin kam, war ſehr erſchreckt, ſie nicht dort zu finden, und ebenſo über⸗ raſcht, am Fuß des Hügels das Gebüſch verſchwunden zu ſehen. Doch an ſeiner Stelle eerblickte er einen ſtillen klaren See, der mit ſchönen Roſen umgeben war, die über einer Steinbank zu einer großen Laube zuſammengewachſen waren, unter welcher die Prin⸗ zeſſin ſaß. Dieſe erwachte in dem Augenblick von ihrer Ohnmacht und ſank ihrem Gemahl mit Freudenthränen an die Bruſt. Sie erzählte ihm mit kurzen Worten, auf welche Art ſie den Zauber von Thal und Schloß Schweigern gelöst. Alles Unheimliche und Finſtere des See's war verſchwunden, hoch in den Lüften ſchwebte ein mächtiger Adler und über einer purpurnen Wolke, die gen Oſten zog, ſchifften emſig ein paar weiße Schwäne. Der See ſelbſt war wieder klar und ruhig geworden und am uUfer, wo die Prinzeſſin 40 5 Schloß Schweigern. ſaß, ſchaukelte das rothe Blumenblatt mit den drei ſilbernen Ringen. 3 Da dem Grafen wohl die Sage von den drei heilbringenden Schlangenringen bekannt war, und er durch die Erzählung ſeiner Gemahlin wußte, daß dieſelben bei der Entzauberung von Thal und Schloß Schweigern wieder aus der Tiefe des See's empor⸗ geſtiegen waren, ſo hielt er ſie gar hoch und that daran nicht Un⸗ recht; denn ihre Zauberkraft ging auf ihn und die Prinzeſſin über, und wenn ſie vorher ſchon von Jedermann geliebt waren, ſo fühlte ſich jeder jetzt doppelt wohl und glücklich, dem es vergönnt war, in ihrer Nähe zu weilen. Auch nahm der Graf die drei ſilbernen Ringe in ſein Wappen auf, wo ſie noch bis auf den heutigen Tag⸗ iede Felde zu ſehen ſind. Das Zwergenneſt. 4 Es war einmal ein Mann, der war ſeines Handwerks ein Weber, das heißt, er bekam von den Kaufleuten in der Stadt Seide und Wolle, aus denen er zu Haus auf ſeinem Webſtuhl ſchöne Zeuge zu verfertigen wußte. Da ihm das Leben in der Stadt, ſelbſt bei der ärmlichſten Koſt und der ſchlechteſten Wohnung, für ſein Bischen Verdienſt zu theuer gekommen wäre, ſo hatte er ſich nach einer andern Wohnung außerhalb umgeſehen und endlich eine gefunden, die, wenn auch nichts weniger als bequem oder ſchön ausſehend, ihn doch ſo ziemlich gegen heftigen Regen und rauhes Wetter ſchützte. Dieſe ſeine Wohnung ſtand nämlich in der Nähe eines benach⸗ barten Dorfes und war eine baufällige, ſchlechte Hütte, die an ein altes Gemäuer geklebt war. Von dem Gemäuer ſagte man, daß es in uralten Zeiten ein Gefängnißthurm geweſen ſei und zu einer weitläuftigen Burg gehört habe, deren Ruinen man noch auf einem benachbarten Fels ſah. An dieſen Gefängnißthurm nun hatte frü⸗ her der Schäfer des Orts von alten Balken und ſchlechten Brettern ein kleines Haus gebaut und darin gewohnt, um ſeine Se 42 Das Zwergenneſt. beaufſichtigen, die ſich gern zwiſchen den alten Mauern herumtrieben und denen das fußhohe, ſaftige Gras zwiſchen den ſchwarzen, halb verbrannten Steinen gut zu ſchmecken ſchien. Doch hatte der Schäfer hier noch nicht gar lange gehanst, als ihn ganz bedenkliche Umſtände zwangen, ſeine kleine Wohnung zu verlaſſen. Oftmals nämlich, mitten in der Nacht, gerieth ſeine Schafheerde, die ſich theils bei ſeiner Hütte, theils in dem alten Schloßhofe gelagert hatte, in eine ſolche Verwirrung und ſolchen Aufruhr, als ſeien ein Dutzend Wölfe unter ſie hineingerathen. Die armen Schafe blöckten jämmerlich und fuhren in einer wahren To⸗ desangſt aus einander, dahin und dorthin, wo ihnen eben gerade eine Oeffnung in den Mauern des alten Schloſſes den Durchgang geſtattete. Alsdann mußte der Schäfer aus Leibeskräften rufen und pfeifen, allein trotz dem war keins von den ſonſt ſo folgſamen Thieren, das ſeiner Lockung Gehör gegeben hätte und zurückgekom⸗ men wäre. Vielmehr ſahen dieſe in ihrer Angſt nicht auf den Weg, den ſie nahmen, und da kam es denn nicht ſelten, daß ſie zwiſchen die Felſen ſtürzten und jämmerlich umkamen. Die Hunde des Schäfers, die bei Tage ſchon manchmal den Wolf tüchtig zerzaust und zurückgetrieben hatten, zogen bei dieſem Spektakel, der mitten in der Nacht losging, ihre Schwänze ein, heulten vor Angſt und waren weder durch Prügel noch gute Worte dahin zu bringen, unter die Schafe zu gehen und ſie ordentlich zurück zu bringen. Der Schäfer, gerade auch nicht der furchtſamſte Menſch, war über den Verluſt ſeiner Schafe in Verzweiflung und deßhalb ſehr wachſam und gleich bei der Hand, ſo oft ſo ein toller Spektakel wieder an⸗ fing, was meiſtens in einer Vollmondnacht geſchah, und obgleich es dann ſo hell war, daß er ſeine ganze Umgebung überblicken konnte, ſo ſah er doch nie das Geringſte, weder Wölfe noch böſe Menſchen, die ſeine Schafheerde in Unordnung hätten bringen können. Wohl aber meinte der Schäfer, wenn er ſo zwiſchen den unbiten Thieren hin und her lief, als höre er bald hier bald Das Zwergenneſt. 43 dort ein leiſes Lachen oder den Jagdruf: Halloh, halloh! wie ihn d Jäger ausſtoßen, wenn ſie das Wild in den Wäldern vor ſich her jagen. Nachdem der Schäfer mit mehreren Leuten des Dorfs, die beim Verluſt ihrer Schafe anfangs auf den Hirten ſelbſt Verdacht hatten, viele Vollmondnächte gewacht und dieſe den Spektakel mit eigenen Au⸗ gen geſehen, auch das leiſe Lachen und den Hallohruf mit eigenen Ohren gehört hatten, waren alle darüber übereingekommen, daß es die Wichtelmänner oder Zwerge ſeien, die ſchon ſeit undenklichen Zeiten in den benachbarten Felſen und Gründen wohnten und ſich hier zum Schaden der Menſchen auf ihre eigene Fauſt ein Jagd⸗ vergnügen veranſtalteten. Es war nicht das erſte Mal, daß die Zwerge hervorkamen und den Menſchen durch ihre Spiele und loſe Streiche ſo offenbaren Schaden zufügten. Geſeben hatten ſie alte und auch jüngere Leute ſchon häufig, beſonders die, welche auf die nahe liegenden Orte zum Jahrmarkt gingen oder ſonſt in der Um⸗ gegend Geſchäfte hatten. Dieſe Leute mußten nämlich an gewiſſen Orten, gewöhnlich kleinen grünen Waldthälern, vorbei, die mit friſchem grünem Moos bedeckt, von uralten Bäumen umgeben wa⸗ rren. Stand in der Nitte eines dieſer Plätze ein einzeluer großer Baum, deſſen weit ausgeſtreckte Zweige eine Art von Laubzelt bil⸗ deten, ſo war ſolch ein Ort der Sammelplatz der Wichtelmänner und ſie kamen hier bei dem erſten Strahl des Mondes, der über die Berge ſtieg, ſchaarenweiſe zuſammen, um ihre Tänze auszufüh⸗ ren. Schon oft erzählten alte Jäger, die bei Verfolgung eines Hirſches noch ſpät in der Nacht ſich einem ſolchen Platze genähert, daß ſie die höchſt wunderbaren Spiele der Wichtelmänner geſehen, und wußten von den zierlichen hohen Sprüngen, dem allerliebſten Tanz und den pfeilſchnellen Wendungen der kleinen Zwerge und Zwerginnen nicht genug zu ſagen. Nur mußte ſich ſolch ein un⸗ berufener Zuſchauer ſo ſtill m möglich verhalten und gut verbor⸗ gen ſein, damit ihn das ſcharfe Auge der Zwerge nicht erſpähte, Das Zwergenneſt. denn ſonſt hörten dieſe oft mitten im Tanze auf, verſchwanden Ma rauſchten durch die Luft davon, wobei ſie ein Geräuſch machten, wie ein ſtarker Bienenſchwarm, der über ein Blumenfeld hinzieht. Zuweilen paſſirte es auch einem ſolchen Neugierigen, der ſich gar zu unvorſichtig genähert, daß ihm beim Verſchwinden der Elfen von unſichtbaren Händen eine ſolche Anzahl unſichtbarer, aber ſehr fühlbarer Ohrfeigen verabreicht wurde, daß er betäubt dahin fiel und am andern Morgen mit braunen und blauen Flecken aufſtand. Lange hatten die Elfen ſo ziemlich entfernt von den Dörfern ihr Weſen getrieben, doch da die Wälder immer mehr und mehr gelichtet und beſonders die alten ſtarken Bäume abgehauen wurden, hatten ſie ihre Tanzplätze bei alten Gemäuern anfgeſchlagen, die in ſteinigem, unfruchtbarem Boden ſtanden und von den habſüch⸗ tigen Menſchen in Ruhe gelaſſen wurden. Hierdurch wurde es nun ſchwerer, den nächtlichen Tänzen derſelben zuzuſchauen, denn durch das Vertreiben aus ihren einſamen Waldthälern waren ſie vorſich⸗ tiger geworden und tanzten ſelten dem menſchlichen Auge ſichtbar, auch wurden ſie durch den Vorwitz der Menſchen boshafter und es gelang ſelten mehr einem Sterblichen, ihnen unbeachtet und ohne geprügelt zu werden, zuzuſehen. Hierdurch war allmälig der Glaube an das kleine Volk etwas verſchwunden, und ſelbſt wenn ein neugieriger Burſche am andern Morgen braun und blau ge⸗ ſchlagen erſchien, und ſeine Abenteuer, die er mit den Wichtelmän⸗ nern gehabt, erzählen wollte, ſo lachte man ihn gewöhnlich aus und meinte, der Deckel der Bierkanne würde wohl ſeine Naſe blutig ge⸗ ſchlagen haben. Bei dem Vorfall mit dem Schäfer wurde man aber wieder auf die kleinen Männer aufmerkſam, und ſah erſt, nachdem den Beſitzern der Heerden ein bedeutender Schaden zugefügt war, daß man noth⸗ wendig den Wichtelmännern das Feld räumen und ſie in ihrem Zufluchtsort, dem einſamen Gemäuer, zufrieden laſſen müſſe. Der Schäfer verließ demnach ſeine Hütte und wurde anderwärts unter⸗ Das Zwergenneſt. gebracht, wo es ſich alsbald an ſeinen Schafheerden zeigte, daß die Wichtelmänner ſehr verſöhnlicher und im Grunde auch gutmüthiger Natur ſeien, denn als dieſe auf die vorhin erzählte Art ihren Spiel⸗ und Tummelplatz von dem Blöcken und Scharren der Schafe befreit fanden, ließen ſie durch geheime Zauberſprüche oder wer weiß was ſonſt, die Heerden des Dorfs dergeſtalt gedeihen, daß deren Beſitzer für die verlorenen Schafe bald vollkommen entſchädigt waren. 4 Mittlerweile ſtand die Hütte des Schäfers leer und da ſie vordem ſchon in nicht ſehr wohnlichem Zuſtand geweſen war, ſo zerfiel ſie immer mehr; die Feuſter waren zertrümmert und Sonne, Mond, Regen und Wind machten von allen Seiten im Innern derſelben Beſuche. Trotz dem hatten ſich die Wände, welche aus Raſenſtücken beſtanden, auf's Beſte erhalten, denn ſie waren zu einem Ganzen zuſammengewachſen. Obendrein war die Hütte von Sträuchern und Kräutern in Menge umgeben, ſo daß ſie von Wei⸗ tem wie ein grüner Hügel oder wie ein großes Vogelneſt ausſah und im Zuſammenhang mit den Wichtelmännern von den Leuten im Dorf das Zwergenneſt genannt wurde, und die Burg auf dem Benncue den Berge die Zwergenburg. So hatte das Häuschen eine lange Zeit leer geſtanden, bis der Weber, von dem ich oben erzählte, nach langen Wanderjahren in ſeine Heimath zurückkehrte. Da alle ſeine nahen Verwandten und Bekannten unterdeſſen geſtorben und ſeine Eltern vor ihrem Tode arm geworden waren, ſo wollten ſich die noch übrigen entfernten Verwandten des armen jungen Mannes keineswegs annehmen und Niemand that nur einmal ſo viel für ihn, um ihm eine elende Kammer zu vermiethen, worauf er ſeinen Webſtuhl hätte aufſchla⸗ gen und ſich von ſeiner Hände Arbeit ernähren können. Dies Be⸗ nehmen hatte freilich noch einen andern Grund, denn der Vater des Webers, der ein Waldſchütz geweſen war, hatte die Tochter eines Köhlers geheirathet, die mit heilkundigen Kräutern ſehr Be⸗ ſcheid wußte, und deßhalb von den Leuten für eine Zauberin aus⸗ 46 Das Zwergenneſt. geſchrien und gemieden wurde, obgleich ſie Niemanden etwas Böſes that. Von dieſem Glauben war auch ein guter Theil auf den Sohn übergegangen, über den die andern Weiber des Dorfs, als er noch ein Knabe war, ſchon neidiſch und erbost waren. Denn wenn ihre eigenen Kinder elend und krank ausſahen, ſo ſtrotzte Konrad, ſo hieß der Sohn des Waldſchützen, von Fülle und Geſundheit und war das ſchönſte Kind, das man nur ſehen konnte. Da ſeine El⸗ tern glücklicher Weiſe ſo lange lebten, bis er ſeine Lehrzeit bei dem Webermeiſter in der Stadt durchgemacht und auf die Wanderſchaft gehen konnte, ſo hatte er auch ſo lange keine Noth zu leiden und brauchte nicht für ſich ſelbſt zu ſorgen. Doch kaum hatten die El⸗ tern an ſeiner fleißig durchlebten Lehrzeit ihre Freude gehabt, kaum hatten ſie aus der Fremde einige Mal einen Brief von ihm erhal⸗ ten, worin er ihnen ſchrieb, wie auch dort die Meiſter mit ihm zu⸗ frieden ſeien, ſo ſtarben Beide raſch nach einander und hinterließen ihm gar nichts; denn ihr Bischen Hausrath, was ſie ſonſt noch hatten, wurde von den habſüchtigen Nachbarn für die Koſten des ärmlichen Begräbniſſes an ſich geriſſen. Endlich kam Konrad, der ſich unterdeſſen in mancher Herren Länder umgeſehen hatte, zurück und wollte in der Heimath ſeinen Webſtuhl aufſchlagen; doch wie ſchon geſagt, von ihm wollte keiner etwas wiſſen, und wenn nicht die mächtige Liebe, die jeden an die Heimath feſſelt, in ihm be⸗ ſonders ſtark geweſen wäre und ihn zurückhielt, den Ort zu ver⸗ laſſen, wo ſeine beiden Eltern begraben waren, ſo würde er ſchon am erſten Tage ſeiner Zurückkunft dem Dorfe den Rücken wieder zugekehrt haben und auf's Neue in die Welt hinausgegangen ſein. Allein ſo lief er geduldig verſchiedene Mal der Reihe nach bei den Leuten des Dorfs vorbei, um eine Wohnung für ſich zu finden, und wurde von den böſen Menſchen nicht ſelten mit rauhen Wor⸗ ten abgewieſen. Unter Anderm ſagte ihm einer; er habe keinen Platz für ihn übrig, und wenn er denn durchaus in dem Dorfe bleiben wolle, ſo ſolle er droben zu den Zwergen gehen, die wür⸗ Das Zwergenneſt. 47 den ihm vielleicht mit Vergnügen und für billigen Miethzins das Zwergenneſt überlaſſen. Ohne auf dieſe Spöttereien zu achten, erinnerte ſich plötzlich der Weber der kleinen Hütte, in welcher er als Knabe ſo oft geſpielt und die er bei ſeinem Eintritt in's Dorf mit ihrem grünen Dach und Wänden wie früher an dem Gefäng⸗ nißthurm geſehen hatte, und ihm kam plötzlich der Gedanke, daß es vielleicht nicht ſo übel wäre, den aus böſem Herzen gegebenen Rath zu befolgen. Eilig machte er ſich daher auf den Weg, öffnete die morſche Thüre der Hütte, die ihm anfangs einigen Widerſtand leiſtete, und ſah zu ſeiner großen Freude, daß das Innere des kleinen Häus⸗ chens wohl ſehr baufällig war, aber mit einiger Mühe und Arbeit ſich recht gut wieder herſtellen ließe. Sogleich begann er die Holz⸗ trümmer, das Laub und den Staub aus dem Innern zu entfernen, ging dann nach der Stadt, holte von dort einige ſeiner alten Freunde, die ihres Handwerks Zimmerleute, Glaſer und Dachdecker waren, und brachte mit deren Hülfe das Zwergenneſt bald in eine ſolche Verfaſſung, daß es ein ſtattliches Ausſehen bekam und er getroſt in demſelben ſeinen Webſtuhl aufſchlagen konnte. Die böſen Leute im Dorf ſahen dieſen Anſtalten und Zurich⸗ tungen mit nicht geringer Verwunderung zu, lachten aber dabei in ihr Fäuſtchen und freuten ſich, daß der arme Konrad bald wieder ausziehen würde, wenn einmal die Zwerge von ſeinem Daſein Kunde erhalten hätten. Obgleich der Weber ſelbſt ſich oft der Erzählungen erinnerte, die im Munde des Volks von dem Zwergen⸗ neſt lebten, ſo war er doch durch ſeine vielen Wanderſchaften, auf denen ihm nie etwas Unheimliches paſſirt war, ganz von dem Glau⸗ ben an dergleichen Weſen zurückgekommen und dachte in der erſten Nacht, die er in ſeinem Häuschen zubrachte, an ganz andere Sachen, als an das Erſcheinen der Zwerge, die kommen könnten, ihn in ſeinem kleinen Beſitzthum zu ſtören. Es war eine recht klare Vollmondnacht und ſeine Gedanken 48 Das Zwergenneſt. ließen ihn lange nicht ſchlafen. Er hörte im Dorfe die Kirchen⸗ uhr ſchlagen und endlich verkündigten ihm zwölf Schläge, daß Mitternacht herangekommen ſei. Jetzt nahm er ſich aber ernſtlich vor, einzuſchlafen, wandte ſich auf ſeinem Lager hberum und wollte die Augen ſchließen, als er im Zimmer ein leiſes Räuſpern und Huſten hörte. Er riß die Augen weit auf und wer beſchreibt ſein Erſtaunen, als er neben ſich ein kleines Männchen erblickte, das kaum eine Spanne lang war. Es war angethan mit einem zim⸗ metfarbenen Röckchen, kurzen Höschen und ſchwarzen Strümpfen mit Schuhen, auf. denen ſilberne Schnallen befeſtigt waren, die aber gegen die ganze Figur ſo groß erſchienen, daß er kaum begreifen kounte, wie ſie das kleine Weſen fortzuſchleppen vermochte. Anfänglich glaubte der Weber, er träume, und rieb ſich ganz beſtürzt die Augen. Er beſann ſich auf dies und jenes, fand aber, daß er vollkommen wach ſei. Das kleine Männchen indeſſen ſpa⸗ zierte im Zimmer hin und her, beſah ſich die neuen hölzernen Tiſche, ſprang mit einem Satz an die Fenſter hinan und klopfte mit einem kleinen Stöckchen, das es in der Hand trug, mit zu⸗ friedenem Lächeln an die neuen blanken Fenſterſcheiben. Auch die Reinlichkeit des Bodens und die friſchen weißen Wände ſchienen ihm zu gefallen, denn es wiegte zufrieden ſein kleines Haupt und gab durch allerhand murmelnde Töne ſein Wohlgefallen zu erkennen. Der Weber, der dies Alles mit Verwunderung angeſehen hatte, richtete ſich jetzt von ſeinem Lager in die Höhe und wollte durch ein bemerkbares Räuſpern und Huſten dem kleinen Manne eben⸗ falls ſeine Gegenwart kund thun. Doch dieſer ließ ſich anfänglich gar nicht ſtören, ſondern winkte ihm nur mit der Hand, als wollte er ihm ſagen:„Gleich, gleich!“ und ſetzte ſeine Unterſuchung fort. Endlich aber ſchien er Alles genau beſichtigt zu haben, ſchwang ſich mit einem Satz auf den Tiſch, der neben des Webers Bette ſtand, und ſetzte ſich da auf einem großen Laib Schwarzbrod zu⸗ recht, von dem er von Zeit zu Zeit ein Bröckchen in den Mund 1 V V Das Zwergenneſt. 49 ſteckte. Nachdem ſowohl der Weber als das Wichtelmännchen ſich eine Zeitlang ſtillſchweigend angeſehen, ſagte das Männchen mit einer feinen, krähenden Stimme, indem es vom Sitze aus nochmals ſeinen Blick in dem Zimmer herumfahren ließ:„wir freuen uns ſehr, mein lieber Freund, einen Miethsmann erhalten zu haben, der unſere Sachen ſo ordentlich in Stand geſetzt hat; wenn du. auch ſonſt die Bedingungen, die wir als die Eigenthümer dieſes Hau⸗ ſes von dir mit Recht fordern können, zu unſerer Zufriedenheit erfüllſt, ſo werden wir hoffentlich recht wohl mit einander fortleben können.“ Der Weber, dem es nicht eingefallen war, hier in dem früher ſo verfallenen Zwergenneſt noch eine Miethe zu bezahlen, horchte hoch auf, war aber zu klug, um es mit dieſen fürchterlichen Weſen zu verderben, und erkundigte ſich beſcheiden nach den Bedin⸗ gungen ſeines neuen ſonderbaren Miethsherrn. Der Zwerg erzählte ihm mit kurzen Worten die Geſchichte des Schäfers, deſſen unver⸗ nünftige Heerde ſein ganzes Volk auf's Schwerſte bedrängt und beläſtigt hatte, und ſetzte binzu, daß bei des Schäfers Vertreibung aus dieſem Hauſe das Zwergenvolk keine Bosheit gegen das Men⸗ ſchengeſchlecht habe ausüben wollen, ſondern es ſei ihnen nur darum zu thun geweſen, Ruhe zu bekommen. Konrad, der durch die freundliche Anrede des Männleins und durch den gutmüthigen Aus⸗ druck auf dem Geſichte deſſelben ſich von ſeiner anfänglichen Be⸗ ſtürzung erholt hatte, ſagte zu ihm, wie ſehr er ſich freue, unver⸗ muthet eine ſo vornehme Bekanntſchaft zu machen, und er hoffe, daß ihm die Miethsbedingungen ſo geſtellt würden, daß er darauf eingehen könne; freilich Geld oder Geldeswerth, Silber oder Gold ſei bei ihm nicht zu finden. Der Zwerg brach ſich ein ziemliches Stück Brod ab und erwiderte ihm lächelnd:„die unnützen Artikel, die du uns nennſt, ſind es nicht, welche uns erfreuen oder nützen können. Mit Gold und Edelſteinen ſind wir genugſam verſehen und deßwegen in euern Augen ein reiches Volk. Doch fehlt uns Hackländers Werke. XIII. 4 50 Das Zwergenneſt. Manches, was wir nur durch die Hülfe guter und fleißiger Men⸗ ſchen erwerben können. Wir haben dich ſeit deiner Kindheit nicht aus den Augen gelaſſen und mit Vergnügen geſehen, daß dein Herz ſich von Trug und Argliſt frei erhalten hat, und dies iſt mit ein Grund, warum wir uns deiner Beſitznahme unſeres Eigenthums, des kleinen Hauſes hier, nicht widerſetzt haben. Wir Zwerge wiſſen auch die menſchlichen Tugenden zu ſchätzen und halten uns lieber in der Nähe frommer und fleißiger Menſchen auf, als bei ſolchen, denen dieſe Eigenſchaften fehlen, zu denen, beiläufig geſagt, auch der Schäfer, der früher hier wohnte, gehörte. Bleibe deßhalb flei⸗ ßig, wie du bis jetzt geweſen, arbeite ſtill für dich und es ſoll dir an unſerem Beifall und unſerer Hülfe nicht fehlen. Jetzt aber höre auf unſere Miethsbedingungen, die darin beſtehen, daß du uns jeden Monat einmal in einer Nacht, wenn der Mond voll am Him⸗ mel ſteht, deine Geräthſchaften und ſelbſt deinen Webſtuhl zu un⸗ ſerem Gebrauche überläſſeſt. Sei in ſolchen Stunden nicht vor⸗ witzig, ſondern begib dich in deine Kammer und wir wollen ſchon dafür ſorgen, daß dich alsdann ein tiefer Schlaf überfällt, der dich verhindert, das Geräuſch unſerer Arbeit zu hören.“ Bei den letzten Worten wurde das Geſicht des Zwerges ernſter und er ſchloß ſeine Rede, indem er ſagte:„merke dir ja, daß du nicht vorwitzig ſein ſollſt, unſerer Arbeit zuzuſehen, und merke dir auch dabei, daß nur, ſo lange dein Herz frei von den gewöhnlichen Laſtern der Menſchen iſt, wir in ſolchen Stunden im Stande ſind, dich in Schlaf zu verſenken, daß es aber nicht in unſerer Macht liegt, Gedanken an böſe Thaten, die du vollbracht, zn beſeitigen oder dich von Gewiſſensbiſſen zu befreien.“ Der Weber hatte dies Alles ruhig mit ngehör und ſich freuend, ſo wohlfeile Miethsbedingungen erhalten zu haben, ſchlug er vergnügt in die dargebotene Hand des Zwerges ein, mit dem Verſprechen, das Seinige beitragen zu wollen, damit die Arbeit der Zwerge nie geſtört würde. 8 Nacht zu, wo Konrad den Zwergen durch Ueberlaſſung ſeines Web⸗ 5 Das Zwergenneſt. 51 Nach dieſem abgeſchloſſenen Bündniß ſprang das Männchen an dem Brode herunter, lächelte den jungen Mann noch einmal freund⸗ lich an und verſchwand. Der Weber legte ſich auf die andere Seite und ſchlief bis zum hellen Morgen. Am andern Tag war ſein erſter Gang in die Stadt, um ſich dort Arbeit zu ſuchen, und da war es auch ſchon, als ob ihn ein guter Geiſt begleitete; denn gleich bei dem erſten Kaufmann, wo er anfragte, wurde ihm eine gute Aufnahme zu Theil, und nachdem ihn der Werkmeiſter deſſelben gehörig geprüft und dadurch erſehen, daß der junge Mann wirklich in der Weberei gut erfahren ſei, ließ er ſeinen Namen in das große Buch eintragen, wog ihm Seide und Baumwolle zu, die er mitnehmen durfte, um einen ſchönen Stoff daraus anzufertigen. Zu Hauſe angekommen, machte ſich der Weber gleich mit allem Fleiß an das Geſchäft und es war ihm noch nie die Arbeit ſo ſchnell von der Hand gegangen, ſo daß er ſich ſelbſt darüber wundern mußte. Alle die kleinen Unfälle, die ſonſt dem geſchickteſten Meiſter begegnen, kamen bei ihm höchſt ſelten vor: es riſſen ihm ſelten die Fäden in der Kette, und die vielen Schnüre an ſeinem Webſtuhl verwickelten ſich nie in einander. Wenn er an ſeinem Spulrad ſaß, um die Seide auf die kleinen Röllchen zu wickeln, die dann in das Weberſchiffchen gelegt werden, ſo mußte er ſich oft darüber wundern, mit welcher Blitzesſchnelle das Rad herum lief und daß ſich der Faden nie verwirrte, ſondern immer glatt auf der Spule lag, als ſei er mit der größten Lang⸗ ſamkeit und Sorgfalt aufgewickelt. Andere Weber mußten zu die⸗ ſem Zweck ein paar kleine Buben halten, allein er verrichtete dieſes Geſchäft des Abends im Zvpielicht allein und hatte in kurzer Zeit für den ganzen folgenden Tag genug ſolcher Spulen vorräthig. Wenn der Mond Abends am Himmel wieder ſichtbar wurde und die weiße Sichel ſo ſtand, daß man mit der linken Hand hinein greifen konnte, ſo war der Mond im Wachſen und es ging auf die Das Zwergenneſt. ſtuhls den Miethzins zu entrichten hatte. In dieſen Zeitpunkten wußte er es immer ſo einzurichten, daß ſeine Arbeit für den Kauf⸗ mann in der Stadt beendigt war, und er bemühte ſich alsdann, den leeren Webſtuhl in ſchönſte Ordnung zu bringen, damit die kleinen Männer ſich in keiner Weiſe über ihn zu beklagen hätten. In der Nacht, da der Mond voll wurde, legte er ſich in ſein Fenſter und ſah hinaus in die Gegend, wo die blauen Nebel ſo langſam aufſtiegen, hörte, wie die Heimchen im Graſe ſangen, und ſchaute dem Allem vergnügt ſo lange zu, bis der Himmel in der Gegend der Zwergenburg anfing heller und heller zu werden und der Mond langſam aufſtieg. Dann begab er ſich auf ſein Lager und da ihn keine böſen Gedanken quälten, ſo entſchlief er bald. Zuweilen glaubte er ſo bei dem Einſchlafen ein ſonderbares Sum⸗ men und Getreibe zu hören, doch da er von Natur nicht vorwitzig war, bekümmerte er ſich nicht darum und fiel bald in einen feſten Schlaf. Als er nach einer ſolchen Nacht zum erſten Mal am an⸗ dern Morgen aufſtand und an ſeinen Webſtuhl trat, ſah er deutlich, daß die Zwerge in der Nacht gearbeitet hatten, denn hie und da zwiſchen den Schnüren und an dem Holz hing ein kleines Flöckchen Seide von wunderbarer Farbe und ein Goldfaden blitzte ihm von dem Boden entgegen. An dem Weberbaum, auf den die fertigen Stoffe aufgewickelt werden, bemerkte er einen ſchmalen Streifen Zeug, deu die Zwerge beim Abſchneiden hatten hängen laſſen, von ſo wundervoller Zeichnung und Farbe, wie er früher nie etwas Aehnliches geſehen. Er nahm daſſelbe herunter, unterſuchte es ge⸗ nau, und als er das nächſte Mal in die Stadt kam, bat er ſich von dem Werkmeiſter des Kaufmanns Seide in ähnlicher Farbe aus und ſchickte ſich dann zu Hauſe an, die Arbeit der Zwerge nachzumachen. Wenn ihm dies auch nicht vollkommen gelang, ſo brachte er doch einen ſo ſchönen Stoff zu Wege, wie der Werkmei⸗ ſter noch nie geſehen und der ihm mit theurem Gelde bezahlt wurde. Durch die letzte Arbeit wurde man in der Fabrik des Kauf⸗ ☛ —r— Das Zwergenneſt. 53 manns auf den jungen Weber aufmerkſamer und die Herren und Werkmeiſter, die ihn auch früher wohl als einen fleißigen Arbeiter angeſehen, aber nicht weiter beachtet hatten, beſchäftigten ſich mit ihm aus dem Grund, um zu erfahren, ob die ſchöne Zeichnung des Stoffes auch wirklich von ihm ſei und um ihn alsdann recht zu ihrem Nutzen zu gebrauchen, und der arme Weber, der, wie wir früher gehört haben, von ſeiner Kindheit an nie recht beachtet, noch weniger ausgezeichnet worden war, fühlte ſich durch das Benehmen des Werkmeiſters und der jungen Kaufleute außerordentlich geſchmei⸗ chelt. Dieſe zogen ihn Abends mit in ihre Geſellſchaften, und wenn er ſich auch anfangs in dieſen Kreiſen, wo viel Bier und Wein getrunken wurde, und wo ſich die Unterhaltung nicht gerade um die ſäuberſten Gegenſtände herumdrehte, nicht heimiſch fühlte, wozu hauptſächlich noch kam, daß ſein ſchlichtes Wamms neben dieſen Jüngern des Merkurs, die geſchniegelt und gebügelt, geſchnürt und friſirt waren, etwas ſehr abſtach, ſo löste doch der Dampf des Weines und die kunſtreiche Arbeit des geſchickten Webers dieſe Standes⸗ und Kleidungs⸗Unterſchiede leicht auf. Bisher hatte Konrad mit dem, was er durch ſeine Arbeit ver⸗ diente, ſehr gut leben können, ohne daß er ſich gerade hätte bei derſelben zu ſehr anſtrengen müſſen. Doch da bei dieſen nächilichen Schmäuſen und Trinkgelagen der Stadt ſein Geld unbegreiflich ſchnell verſchwand, ſo ſah er ſich bald gezwungen, zu den Stunden, die er bisher gearbeitet hatte, Morgens und Abends noch einige hinzuzufügen, um ſeinen Verdienſt zu erhöhen und das nöthige Geld zu den Abendunterhaltungen herbeizuſchaffen. Zuweilen, wenn er ſo ſpät in der Nacht nach Hauſe kam, fiel es ihm wohl ein, daß er bei ſeinem jetzigen Leben nicht ganz auf dem rechten Wege ſei, und wenn er alsdann durch die Ruinen der Zwergenburg zu ſeiner Wohnung hinabſtieg, ſo kam es ihm hie und da vor, als ſehe er ſeinen kleinen Miethsherrn drunten auf einem Stein ſitzen und ziemlich betrübt den Kopf gegen ihn ſchüt⸗ Das Zwergenneſt. teln. Doch überredete er ſich leicht, er habe nicht recht geſehen und wollte in ſeinem Herzen nicht begreifen, weßhalb der Zwerg nicht mit ihm zufrieden ſein könne; denn ſo oft ſich der Mond füllte, brachte er nach wie vor ſeinen Webſtuhl in Ordnung und hatte es noch nie gewagt, eine ſolche Nacht außer dem Hauſe zu⸗ zubringen, was aber hauptſächlich wohl daher kam, weil er begierig war, gleich am andern Morgen das ſchmale Streiſchen Zeug von dem Weberbaum zu nehmen, das ihm die Zwerge regelmäßig übrig ließen und wornach er die kunſtreichen Arbeiten machte, die den Werrkmeiſter in der Stadt und die Herren ſo in Bewunderung ſetzten. Doch einſtmals mochte er entweder mit ſeinem Kalender nicht in Ordnung ſein, oder denken, die Elfen könnten anch ohne ihn fertig werden, genug, er ſchnitt am Abend vor einer Vollmond⸗ nacht ſeine fertige Arbeit von dem Webſtuhl herunter und brachte ſie nach der Stadt, wo dieſelbe alsbald in Empfang genommen wurde und ſeine Bekannten ihn nicht eher losließen, bis der Mond hoch am Himmel ſtand. Beim Nachhauſegehen ſiel es ihm doch ein Bischen ängſtliche auf's Herz, daß er ſeinen Miethsmann vernachläßigt, indem er ihm den Webſtuhl nicht gehörig in Ordnung gebracht und die Nacht außer dem Hauſe geblieben ſei. Wenn ihm auch unter dieſen Betrachtungen der Gedanke aufſtieg: jetzt ſchnell nach Haus zu eilen, um die Zwerge bei ihrer vollen Arbeit zu ſehen, ſo hatte er doch zu viel Augſt vor den kleinen Weſen und zu viel Scheu vor ſeinem gegebenen Wort, ſie nicht zu belauſchen; war über⸗ haupt noch nicht verderbt genug, ſeine Verſprechungen ſo in den Wind zu ſchlagen. Da es auch gerade um dieſe Zeit Sommer war, ſo verbrachte er den Reſt der lauwarmen Nacht unter einer alten Tanne, wo er ſich in's Moos ſtreckte und bald einſchlief. Als er am andern Morgen erwachte, eilte er mit ſchnellen Schritten und nicht geringem Herzklopfen ſeiner Wohnung zu, weil er fürchtete, die Zwerge möchten ſich für dieſe Vernachläſſigung Das Zwergenneſt. 55 auf irgend eine Art an ihm gerächt haben. Doch war dies nicht der Fall; er öffnete die Thüre ſeines Häuschens und horchte zuerſt hinein, ob er nichts Ungewöhnliches hörte; aber da war Alles in der alten Ordnung. Die hölzerne Uhr, die über ſeinem Bette hing, pickte ruhig hin und her, und ſein Hänfling, den erein einem kleinen Bauer vor dem Fenſter hängen hatte, ſang dem aubrechen⸗ den Morgen luſtig entgegen. Er eilte raſch zu ſeinem Webſtuhle und fand auch hier nichts Außergewöhnliches. Wie immer ſah er an den kleinen Flöckchen Seide und Goldfaden, die umher lagen, daß die Zwerge gearbeitet hatten, nur fand er diesmal die Zeich⸗ nung an dem kleinen Stückchen Zeug, das ihm dieſelben wie immer zurückgelaſſen, von den früheren ganz verändert. Sonſt hatten die Farben neben einander ſo freundlich, ſo luſtig ausgeſehen und ſtanden in gutem Einklange und artig neben einander, ſo daß es einem beim Anſehen derſelben zu Muthe war, als höre man eine ſchöne Melodie, allein heute hatte Zeichnung und Farbe des zurück⸗ gebliebenen Stoffes etwas Unbehagliches, ja Unheimliches. Es ſchwamm viel Dunkelroth und Schwarz durch einander und dazwi⸗ ſchen kleine Silberfäden wie leuchtende Blitze, ſo daß es dem We⸗ ber beim Anublick des Stoffes einmal wieder recht auf's Herz fiel, daß er doch ſeine guten Miethsherrn ſchlecht behandle und über⸗ haupt ein Leben führe, wie es ſich nicht für ihn paſſe und vor welchem ihn der Zwerg ſo ſehr gewarnt hatte. Leider hatte ihn das böſe Beiſpiel der jungen Leute in der Stadt ſchon ſo verderbt, daß er dieſe leiſe Stimme ſeines Gewiſſens nicht achtete, und ſich gleich damit beſchäftigte, den neuen Stoff nachzumachen, deſſen ſonderbare wilde Zeichnung in Kurzem ſeinem leichtfertigen Sinne beſſer behagte, als die frühere. Den Herren, ſowie dem Werkmeiſter in der Stadt, der wohl noch mit ärgerem Leichtſinn begabt war, als der Weber, gefiel das neue Stück Arbeit ausnehmend gut. Letzterer war aber ein ſchlauer Fuchs, der es ſchon lange nicht begreifen konnte, daß ſo ein einfältiger Menſch, 56 Das Zwergenneſt. wie der Weber, all' dieſe ſchönen Muſter, ſelbſt erdacht und ausge⸗ führt habe. Wenn es ihm auch nicht in den Sinn kam, daß es das ſtille Volk der Zwerge ſei, deren Arbeit der Weber nachbildete, ſo glaubte er dagegen, daß Konrad von ſeinen Reiſen eine Menge Muſter und ſonderbarer Stoffe mitgebracht habe, die er jetzt ab⸗ ſichtlich erſt nach und nach zum Vorſchein brächte, um mehr Geld damit zu verdienen. Schon oftmals hatte der Werkmeiſter beim Glaſe Wein das Geſpräch auf die Muſter gebracht, aber die natürliche Klugheit des Webers war ihm ſtets verſtändig ausgewichen und hatte nichts verrathen. Dennoch ließ der Werkmeiſter nicht ab, in ihn zu drin⸗ gen und brachte es nach und nach durch ſeine Schlauheit ſo weit, daß ihm der Weber ſein ganzes Geheimniß mittheilte, auch bei ſeinem nächſten Beſuch etwas von der Arbeit der Zwerge mitbrachte, über deren Schönheit die Sachverſtändigen die Hände vor Ver⸗ wunderung über dem Kopf zuſammenſchlugen. Das Einzige, was er klüglicher Weiſe verſchwiegen hatte, war der Ort und die Zeit, wo die Zwerge ihre nächtliche Arbeit abhielten, indem er fürchtete, daß man ſie da belauſchen könnte und ihm alsdann ſeinen ganzen Verdienſt für immer zerſtören würde; denn durch die Lebensweiſe, die er ſeit einiger Zeit geführt, hatte auch ſein Fleiß nachgelaſſen, ſowie die Sorgfalt, mit der er früher ſeine Arbeiten anfertigte, und das Einzige, wodurch er Geld verdiente, war die Arbeit der Zwerge, deren ſelbſt ſchlechte Nach⸗ ahmung den Kauflenten ſo lieb war, daß ſie ihm viel dafür be⸗ zahlten. Der Werkmeiſter hatte die Quelle, woher der Weber ſeine Muſter erhielt, einigen guten Freunden entdeckt, und dieſe hatten es Andern nicht verſchwiegen, weßhalb Konrad bald in ein ſolches Gerede kam, daß ſeine bisherigen Freunde gezwungen waren oder gezwungen ſchienen, den Umgang mit ihm aufzuheben. Er aber hatte ſich ſo an luſtige Geſellſchaft gewöhnt, daß er ſich andere Cumpane aufſuchte, mit denen er die Nächte verjubelte, und wenn Das Zwergenneſt. 57 das früher bei einem Glaſe Wein oder Bier geſchehen war, ſo ſank er in kurzer Zeit ſo tief herab, daß er jetzt faſt nie ohne einen tüchtigen Branntweinrauſch nach Hauſe zurückging. Was ihm der Zwerg bei Abſchließung des Miethceontractes mit ernſter betrübter Miene geſagt hatte: daß ſie nur ſo lange gute Freunde bleiben und er ſich ihres Schutzes erfreuen würde, als ſein Herz von den Laſtern und Fehlern der Menſchen frei bleibe, und daß die Arbeit des ſtillen Volkes in ſeinem Hauſe nur ſo lange zu ſeinem Nutzen ſein werde, als ihn ſein Gewiſſen ruhig ſchlafen laſſe, ging nun allmälig in Erfüllung. Schon oft hatte er bei Vollmondnächten, wenn die Zwerge bei ihm arbeiteten, ſich unruhig auf dem Lager hin und her gewälzt und war auch dann und wann erwacht, um ein verworrenes Summen und leiſes Tönen in ſeinem Zimmer nebenan zu vernehmen, das ihm ſeine fünf Sinne auf eine zauberhafte Art zuſammen zu ſchütteln ſchien, ſo daß er in ſolchen Augenblicken nie zu einem klaren Bewußtſein gelangte, und unter heftigen Schmerzen und brennendem Fieber wieder in einen unruhigen Schlaf verſank. Da ſich ſeine Lebensart auch nicht beſſerte, ſondern er mit jedem Tage ausſchweifender und liederlicher wurde, ſo kamen dieſe Pauſen im Schlaf noch häufiger vor und er wälzte ſich oft Stunden lang unruhig auf ſeinem Lager herum, wenn nebenan die Zwerge in voller Arbeit waren. Bis hieher hatte er noch immer die Vorſchrift ſeines Miethsmannes reſpectirt und weder ſeinen Augen noch Ohren erlaubt, ſich genauer um das Getreibe des ſtillen Volkes zu bekümmern. Doch allmälig vergaß er ihre Ermahnungen und wenn er auch den Vorſatz, die Zwerge zu belauſchen, anfangs wieder verwarf, ſo richtete er ſich doch in einer dieſer Nächte auf ſeinem Lager empor, um wenigſtens mit den Ohren, ſo viel er konnte, von der Arbeit der Zwerge zu erlauſchen. Da hörte er deutlich den Webſtuhl arbeiten, das Schiff⸗ chen ſchoß mit außerordentlicher Geſchwindigkeit hin und her und die Spulräder liefen, als würden ſie vom Wirbelwind herumgeweht. 58 Das Zwergenneſt. Schon hatte er die Klinke der Thür gefaßt, um ſeine Miethsleute zu überraſchen, als der beſſere Theil ſeines Herzens ihn noch ein⸗ mal davon zurückhielt. Er riß ſich mit Gewalt von der Thüre fort und warf ſich wieder auf ſein Lager. Am andern Morgen eilte er zu ſeinem Webſtuhl, ſuchte überall herum nach dem Stückchen Zeug, das die Zwerge ihm bisher ge⸗ laſſen hatten, und ſuchte vergebens, da war nichts mehr zu finden. Auch der Webſtuhl, der ſich immer in der beſten Ordnung befand, war nicht mehr, wie früher. Die Schnüre und Latten waren durch einander geworfen, kurz Alles das zeigte dem Weber an, daß ſich die Geſinnung ſeines Miethsherrn gegen ihn geändert und er ſich nicht mehr deſſen mächtigen Schutzes zu erfreuen habe. Auch in der Stadt bei dem Werkmeiſter fand er zu ſeinem großen Schrecken, daß man nicht mehr ſo gegen ihn geſinnt ſei, wie früher, denn als er diesmal mit leeren Händen kam und ſelbſt nicht einmal das Muſter eines neuen Stoffes mitbringen konnte, wie er durch die Hülfe der Zwerge ſonſt immer gethan, empfing man ihn mit kurzen rauhen Worten und ſagte ihm, daß man mit ſeiner Lebensweiſe und ſeiner Arbeit gar nicht mehr zufrieden ſei. Aus beſonderer Gunſt, wie der Werkmeiſter ſagte, gab ihm dieſer noch einmal eine Partie Seide zu einem letzten Verſuch und bedeutete ihm, wenn er hieraus keine gute und ſorgfältige Arbeit liefere, müſſe man ihn aus der Fabrik entlaſſen. Konrad ging nach Hauſe unter mannigfaltigen ſonderbaren Gedanken, wobei ihm auch zuweilen mit einem ſehr unbehaglichen Gefühl die Erinnerung früherer Tage ankam, in denen er doch ein ganz anderes Leben geführt. Doch war es dieſe Erinnerung nicht, die ihn heute gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit nüchtern nach Haus trieb, vielmehr hatte er lange in ſeinen Taſchen nachgeſucht, ob er nicht noch einige Münze fände, um wenigſtens im Wirthshaus einen kleinen Anfang machen zu können, aber vergeblich; ſeine Taſchen waren ganz leer, und er wagte es auch nicht, noch einmal — — Das Zwergenneſt. 59 um einen Vorſchuß zu bitten, wie er ſchon oft gethan. Zu Hauſe gab er ſich daran, den Webſtuhl in Ordnung zu bringen, was ihm recht ſauer ankam und dann bemühte er ſich, die erhaltene Seide auf's Beſte aufzuſpannen, um wieder einmal ein gutes Stück Arbeit zu liefern, was ihm dann auch ſo ziemlich gelang; allein es war nicht die Luſt zu arbeiten, die ihn hiezu antrieb, ſondern vielmehr die Begierde, Geld zu erhalten, um ſeine Ausſchweifungen ferner fortſetzen zu können. So verging der Monat und er hatte gerade vor der Nacht, in welcher die Zwerge wieder erſcheinen ſollten, ſeinen Stoff fertig gemacht und glaubte, daß ihm derſelbe ſehr gut gelungen ſei. Als er ihn ſo betrachtete und dabei ausrechnete, wie wenig Geld er doch für die mühevolle Arbeit erhalten würde, kam ihm ein Ge⸗ danke, den er anfänglich zwar haſtig unterdrückte, der aber bald darauf noch heftiger in ihm rege wurde. Er dachte nämlich zum erſten Male in ſeinem Leben, wie es wohl zu machen wäre, ſeinen Herrn zu betrügen, indem er von dem ihm anvertrauten Zeug ein paar Ellen herunterſchnitte und ſie zu ſeinem eigenen Nutzen ver⸗ kaufte, um mehr Geld zu bekommen als der armſelige Weberlohn betrüge. Anfänglich ſträubte ſich ſein beſſeres Gefühl dagegen, allein es zeigte ſich bei ihm ſehr wahr, daß, wer einmal einen böſen Gedanken aufkommen läßt, von demſelben leicht überwältigt wird. Kurz, nach einigem Bedenken nahm er ſeine Scheere und ſchnitt für ſich ein ziemliches Stück von dem Stoff herunter. Da es für heute zu ſpät war, nach der Stadt zu gehen, ſo wickelte er das übrige Zeug zuſammen und warf ſich, nicht ohne ſtarkes Herzklopfen, auf ſein Lager. Er verſuchte zu ſchlafen, allein das wollte ihm heute gar nicht gelingen, denn er hörte ſeine Uhr Stunde um Stunde ſchlagen, ohne daß es ihm möglich geweſen wäre, die Augen zu ſchließen. Jetzt wurde es draußen hell und der Mond begann außzuſteigen. Zu gleicher Zeit rauſchte es um das Zwergenneſt, als zögen unzählige Bienenſchwärme in der Luft Das Zwergenneſt. herum; es trippelte und ſummte und er vernahm das Alles ſo deutlich, wie noch nie. Schon war das ſtille Volk in ſeine Stube gezogen, denn er hörte, wie es an dem Webſtuhl beſchäftigt war, und wie die Spulräder liefen, auch vernahm er dabei einen ſelt⸗ ſamen Geſang, der, obwohl ſehr einförmig klingend, doch eine wundervolle Melodie hatte, die ihm mit Gewalt die Angen zu ſchließen ſchien. Doch wenn er dieſem Drange folgen und ſich zum Schlafe anſchicken wollte, ſo kam ihm plötzlich der Diebſtahl in den Sinn, den er heute Abend begangen und ſein Herz klopfte ihm bei dieſem Gedanken immer ſtärker und ſtärker. So lag er eine Stunde ungefähr und wälzte ſich ſchlaflos auf ſeinem Lager. Mitunter kam ihm der Gedanke, dem Verbote ſei⸗ nes Miethsherrn zuwider aufzuſtehen und das Treiben der Zwerge zu beobachten. Doch lange kämpfte er gegen dieſen Vorwitz an, richtete ſich bald in die Höhe, legte ſich dann wieder hin, verdeckte ſich jetzt die Ohren, um nichts zu hören und lauſchte alsdann wie⸗ der um ſo ſorgfältiger. Kurz ihm war, als zögen ihn unſichtbare Gewalten auf ſeinem Lager hin und her, bald dahin, bald dort⸗ hin. Nun richtete er ſich wieder in die Höhe, erhob ſich und ſtand an der Thür, um die Zwerge in ihrer vollen Arbeit zu überraſchen. Noch in dieſem Angenblicke wollte er wieder zurücktreten, doch wi⸗ derſtand er der Verſuchung nicht länger, ein Druck, die Thür flog auf und anſtatt etwas zu ſehen, ſtürzte der Weber, von einem furchtbaren Schlage getroffen, beſinnungslos auf den Boden dahin.—— Als er wieder erwachte, rieb er ſich anfänglich die Augen, und wußte nicht, wie ihm geſchehen. Er ſtarrte um ſich und ſah, daß er, zwar in ſeiner Hütte lag, deren Wände aber nicht mehr ganz und rein ausſahen, wie früher, ſondern hie und da Spalten zeigten, durch welche der Morgenwind hineindrang, der mit den Neſſeln und dem Geſträuch ſpielte, das aus dem mit Schutt be⸗ deckten Boden hervorwucherte. Konrad, auf deſſen Kopf eine Be⸗ Das Zwergenneſt. 61 täubung lag, wie er ſie früher nie empfunden, richtete ſich mühſam auf und konnte ſich kaum daran erinnern, was er geſtern Abend gethan und im Sinn gehabt hatte. Neben ihm lagen die Stücke eines zerbrochenen Webſtuhls und vor ihm der eingewickelte Stoff. Erſt als er das Stück ſah, welches er von demſelben herunterge⸗ ſchnitten hatte, fiel ihm der ganze Verlauf des geſtrigen Tages und der geſtrigen Nacht ein, und er erkannte zu ſeinem Schrecken, auf welche Weiſe er ſich vergangen habe. Jetzt kam ihm zum erſten Male der Gedanke wieder recht lebhaft, wie ſchlecht er gehandelt und was für ein Menſch er geworden ſei. Er faßte den feſten Vorſatz, ein beſſeres Leben anzufangen, nahm das fertige Seiden⸗ zeug, nebſt dem Stück, das er heruntergeſchnitten in der Abſicht, Beides ſeinem Herrn einzuhändigen, wo er alsdann ſeinen Fehler eingeſtehen und auf's Feierlichſte geloben wolle, ſich ernſtlich zu beſſern. Von dieſem guten Gedanken innerlich erbaut, verließ er das zerſtörte Zwergenneſt, indem er ſich feſt vornahm, nicht mehr dahin zurückzukehren, da er den armen kleinen Männern ungerechter Weiſe die größte Schuld an dem Zuſtande beimaß, in dem er ſich jetzt befand. Als er ſo heraus aus ſeiner Hütte in die friſche Morgenluft trat, war es ihm, als ſei ein finſterer Bann von ihm gewichen und er ſchämte ſich ernſtlich ſeines ſchlechten Lebenswandels, wie er ihn bisher geführt. Zum erſten Mal nach langer Zeit be⸗ ſuchte er das Grab ſeiner Eltern und nachdem er ſich hier noch einmal Beſſerung gelobt, wandelte er getroſt der Stadt zu. Schon hatte er dieſelbe faſt erreicht, als er ſich am Wege nie⸗ derſetzte, ſein Päckchen öffnete, um den darin befindlichen Seiden⸗ ſtoff noch einmal genau durchzuſehen und ſchön zu ordnen. Doch wer beſchreibt ſeinen Schrecken, als er das Papier aus einander that und das Päckchen mit ſchwarzem Staub und Schutt angefüllt ſah. Verzweiflungsvoll ſchlug er ſich vor die Stirn und wälzte ſich im Graſe herum. Mit allen Verwünſchungen und Schimpf⸗ worten, die ihm gerade in den Sinn kamen, gedachte er der Zwerge, 62 Das Zwergenneſt. die er als die alleinige Urſache ſeines Unglücks anſah. Bald ſprang er auf, bald warf er ſich wieder nieder, dann erhob er ſich und lief Stunden lang zwiſchen den Thälern und Felſen umher, beſah hundertmal das Papier, das er in der Hand feſtklemmte, aber aus dem Staube wollte kein Seidenzeug werden. Darauf klagte er auf's Neue dem ganzen Weltall ſein Elend und ſeine Noth. Da⸗ zwiſchen glaubte er zuweilen ein heiſeres Lachen zu vernehmen, was ſeinen Zorn noch vermehrte, doch wenn er ſich dorthin wandte, von woher das Geränſch zu kommen ſchien, hörte er nichts mehr. So lief und tobte er umher, bis der Abend kam, und warf ſich dann erſchöpft am Fuße einiger Felsblöcke nieder. Laut weinend erklärte er ſich hier als den unglücklichſten der Menſchen, dem ge⸗ rade in dem Augenblick, wo er ſich ernſtliche Beſſerung vorgenom⸗ men, alle Mittel hiezu abgeſchnitten ſeien. Doch bald übermannte ihn ein verzweiflungsvoller Trotz, der zuweilen den Unglücklichen anwandelt, und er ſprach laut zu ſich ſelbſt:„wohlan denn, Gott weiß, daß ich mich habe beſſern wollen und ein anderes Leben an⸗ fangen, aber er hat den bußfertigen Sünder nicht aunnehmen wollen und mir Alles nehmen laſſen, wodurch ich mir hätte wieder empor helfen können. Jetzt mag mit mir geſchehen, was da will, und wer mich will, der hat mich!“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, ſo hörte er über ſeinem Haupte ein Geräuſch und ſah auf der Spitze eines Steines neben ſich eine kleine, ſonderbare Geſtalt ſitzen. Anfänglich glaubte er, es ſei ſein Miethsherr und wollte erſchreckt aufſpringen, um davon zu laufen. Doch ein genauerer Blick belehrte ihn, daß die Geſtalt des vor ihm ſitzenden Weſens eine ganz andere und ver⸗ ſchieden von der der Zwerge ſei. Sie war nur zwei Fuß hoch und hatte einen dicken, unförmlichen Kopf mit einem tückiſchen, bösarti⸗ gen Geſichte, aus dem beſonders die rothen Augen recht unheimlich hervorleuchteten. Die Kleidung beſtand in einem ſchwarzen, leder⸗ nen Wamms und eben ſolchen Hoſen; an den Füßen hütte ſie Das Zwergenneſt. 63 große Reitſtiefel, von denen ſie aber einen auf dem Schooße liegen hatte und ihn mit der Hand einzureiben und geſchmeidig zu machen ſchien. Der kleine Mann ränuſperte ſich und ſagte zu dem Weber, der ängſtlich aufhorchte:„ja, ja, mein Lieber, wenn Euch das Ernſt iſt, was Ihr eben verſichertet, daß Ihr Euch jedem gern verdingen wollt, ſo findet Ihr keinen beſſern Herrn als mich. Wollt Ihr bei mir in Dienſte treten?“ Der Weber, dem es ziemlich unheimlich wurde und der jetzt erſt einſah, daß er ſoeben läſterliche Worte geſprochen, wollte an⸗ fänglich davon laufen, doch fiel ihm ſchon beim erſten Schritt ſeine hülfloſe Lage und ſein ganzes Unglück wieder ein, und er dachte bei ſich, du kannſt doch erſt hören, was der kleine Geſelle mit dir im Schilde hat. Deßhalb wandte er ſich wieder um und fragte: „was wollt Ihr mir?“ Der Kleine wand und drehte ſeinen Stiefel eifrig in der Hand herum, grinste dazu und entgegnete:„lieber Freund, ich leſe in Euern Gedanken, daß Ihr am Ende glaubt, ich ſei der Böſe gar ſelbſt, doch thut Ihr mir damit zu viel Ehre an. Ich bin ein viel geringeres Weſen und gehöre den Geſchöpfen an, die ihr Menſchen mit dem Namen Kobolde belegt. Ich habe auch nicht im Minde⸗ ſten Abſicht auf Eure Seele, denn ich wüßte mit einem ſolchen Ding durchaus nichts anzufangen. Allein Ihr könntet mir dieſe Nacht einen Dienſt erzeigen, wenn Ihr wollt, und außer dem Lohn, den ich dafür in klingendem Golde bezahle, räche ich Euch überdies an Euren Feinden, die zugleich auch die meinigen ſind, an jenen kleinen, erbärmlichen Weſen nämlich, die Euch mit ihren ſonderba⸗ ren Bedingungen um Alles gebracht haben.“ Als der Weber auf dieſe Art ſah, daß ſeinem Seelenheil keine Gefahr drohe, ſo war ihm die Ausſicht, den Zwergen, die mit ihm ſo unbarmherzig verfahren, ebenfalls einen rechten Treffer zu ver⸗ ſetzen, ſehr erwünſcht, und er erklärte ſich deßhalb bereit, dem Ko⸗ bolde zu dienen. Dieſer zog nun grinſend und lachend ſeinen 64 Das Zwergenneſt. Stiefel wieder an, nahm hierauf einen kleinen Becher aus ſeinem Wammſe und ließ den Weber einen herzhaften Schluck thun, dann befahl er demſelben, zu einem benachbarten Teiche zu gehen und dort zwei ſtarke Halme Schwindelhaber zu holen. Konrad machte ſich ſogleich dahin auf den Weg, während der Kobold ſeinen an⸗ dern Stiefel auszog und ihn ebenfalls zu reiben begann. Unten an dem Waſſer ſuchte ſich der Weber zwei kräſtige Halme mit lan⸗ gen Büſcheln aus und brachte dieſelben dem Kobold, der ſich ſehr zufrieden damit bezeigte und ſeinen Stiefel alsdann wieder anzog. Höre mich. nun,“ ſprach derſelbe,„obgleich du nur mein Diener biſt, und ich alſo eigentlich nicht nöthig habe, dir zu ſagen, warum ich dieſes oder jenes thue, ſo will ich dir doch mit kurzen Worten erzählen, was ich heute Nacht auszuführen gedenke.“ Hier rieb ſich der Kobold vergnügt die Hände und grinste bedeutend dazu.„Die Zwerge, denen du in den Vollmondnächten deine? Wohnung einräumteſt, ſind mit dem ſehr achtungswerthen und ehrenhaften Stamme der Kobolde in beſtändigem Hader und Zwiſt. Die Stoffe und Gewänder, die ſie bei dir anfertigten, waren zu den Kleidern einer Hochzeit beſtimmt, die heute Nacht unter ihnen ſtattfinden wird und die ich zu ſtören gedenke. Hätteſt du die klei⸗ nen Männer geſtern Nacht in ihrer Arbeit nicht geſtört, ſo wären ſie mit ihren Webereien gänzlich fertig geworden, wodurch es mir unmöglich geweſen wäre, ihnen einen Schaden zuzufügen. So aber kann ich mich in ihr Gelage ſtehlen und die ſchöne Braut, der ich lange meine Liebe zugewandt habe, für mich entführen.“ Wenn dem Weber auch bei dieſer Erzählung anfänglich der Gedanke kam, daß er doch ſehr unrecht an ſeinem alten Mieths⸗ herrn handle, ſo fiel ihm dagegen ſein ganzes Unglück wieder ein und er freute ſich, Rache nehmen zu können. Der Kobold erhob ſich jetzt und befahl dem Weber, die beiden Halme ve Erde aufzuheben, ſteckte einen davon zwiſchen ſeine Beine u Vr An Das Zwergenneſt. 65 und ſchlug mit ſeinen Beinen, wie es der Reiter macht, wenn er ein faules Roß antreiben will; und wer vermag es, das Er⸗ ſtaunen Konrads zu beſchreiben, als er füͤlie. wie der Halm zwi⸗ ſchen ſeinen Beinen, in die Breite und Länge wachſend, zu einem vollkommenen Pferde wurde, das, über Gräben und Hecken ſetzend, pfeilſchnell mit ihm und dem Kobold davon flog. Doch o weh, bei dem Aufſitzen hatte er nicht genau Acht gegeben und die Haberkör⸗ ner in die Hand genommen, wodurch er jetzt verkehrt auf dem Pferde ſaß und ſtatt dem Zaum den Schwanz in der Hand hielt, an dem er ſich zum großen Ergötzen des Kobolds krampfhaft feſtklammerte. So ritten ſie durch die Nacht dahin, durch dichte Wälder, über öde Haiden, dann wieder jähs Felſenabhänge herunter und durch ſchäumende Flüſſe, und der Weber wunderte ſich über nichts ſo ſehr, als daß er von ſeinem Gaule nicht herabfiel. Freilich fühlte er keine Stöße und kein Rütteln, wie bei gewöhnlichen Pfer⸗ den, denn das Zauberpferd, auf dem er ritt, ſtrich nur ſo über dem Boden dahin, und wie es ſchien, ohne mit den Füßen außzutreten. Endlich ſchienen ſie den Ort ihrer Beſtimmung erreicht zu haben, denn ſie waren in einem Thal voll ſeltſam geformter Felſen ange⸗ kommen, wo der Kobold plötzlich ſein Pferd anhielt und ſich hinab⸗ purzeln ließ. Das Thier ſchrumpfte hierauf augenblicklich wieder ein und wurde ein Haberhalm, wie es früher geweſen. Der Weber, ein wenig ſchwindlich geworden von all' dem Wunderbaren, das er bisher geſehen, fühlte ſich auf einmal mit einem gewaltigen Ruck auf die Erde geſetzt und als er ſich nach ſeinem Roſſe umſah war es ebenfalls verſchwunden und er ſah nur einen geknickten Haberhalm zu ſeinen Füßen liegen.„Wir ſind auf der Stelle,“ ſprach der Kobold,„und wenn du dich jetzt klug benimmſt, ſo iſt in kurzer Zeit die hübſche kleine Braut mein und dein Lohn ſoll nicht gering ſein; nur folge genau meinen Worten, faſſe meinen Gürtel und laſſ' ihn nicht los, bis wir mit dem ſchö⸗ nen Elfenkinde wieder im Freien ſind. Vor Allem aber merke dir Hackländers Werke. XIII. * 66 Das Zwergenneſt. und behalte es wohl im Gedächtniß, daß du kein Wort ſprechen. darfſt, mag auch dſheene was da will.“ Der Weber verſprach dieſe leichte Bedingung auf's Pünktlichſte zu erfüllen und faßte den Gürtel des Kobolds, der nun auf einen der größten Felſen los⸗ ging und behend durch eine ſchmale Spalte ſchlüpfte, die ſich da vorfand. Hier hielt der Weber einen Augenblick ein, denn es wollte ihm doch nicht möglich erſcheinen, daß er mit ſeinem ziemlich dicken Körper durch eine ſolch enge Ritze ſchlüpfen könne, doch da er ſich ſchämte, den Kobold zu verlaſſen, und letzterer des Webers Anhalten bemerkte, ſo gab er ſich einen kleinen Ruck und Beide waren in dem Felſen. Der Weber konnte ſich nicht erwehren, an ſeinem Leibe herunterzufaſſen denn er glaubte, daß er bei dieſem Durchſchlüpfen wenigſtens ſo dünn wie Kartenblatt geworden ſei. Doch dem war nicht ſo. Er befand ſich mit ſeinem Herrn in einer großen Steinhalle, die mit tauſend Lichtern anf das Prächtigſte ver⸗ ziert war. Eine Menge Zwerge von der Größe ſeines Mieths⸗ mannes und auch ganz von deſſen Ausſehen liefen geſchäftig hin und her. und trugen in ihren Händen goldene und ſilberne Gefäſſe, denen ein ſo ausgezeichneter Duft entſtrömte, daß dem armen We⸗ ber, der ſeit dem frühen Morgen keinen Biſſen gegeſſen, ganz wohl und wehe wurde. Anfänglich hatte er große Furcht, als ihn der Kobold ſo mitten zwiſchen die Reihen der Zwerge hindurchführte, denn wenn er auch wohl wußte, daß ſie Beide für das Auge dieſer Weſen unſichtbar ſeien, ſo fürchtete er dennoch, von ihnen bemerkt zu werden und ſchloß deßhalb ſeine Augen feſt zu, wie es der Vo⸗ gel Strauß macht, wenn er von ſeinen Feinden nicht geſehen ſein will. Plötzlich aber drang eine wunderliebliche Muſik in ſeine Ohren und durch ſeine feſt zuſammen geſchloſſenen Augenli⸗ der zuckte der feine Strahl eines glänzenden Lichtes, ſo daß er un⸗ willkürlich genöthigt war, mit weit offenen Augen um ſich zu ſchauen. Da ſah er denn, daß er ſich mitten im Hochzeitſaal der Zwerge befand, die in langer bunter Reihe an einer Tafel ſahen 4 Das Zwergenneſt. 67 und ſich freuten und jubilirten. Oben auf einer Erhöhung ſaßen die Muſikanten, allerlei ſeltſame, prächtige Geräthſchaften in den Händen haltend, und machten eine Muſik ſo wunderlieblich und durch das Herz gehend, wie der Weber nie etwas Aehnliches ge⸗ hört. Trotz dem daß der Saal für die Größe der Zwerge ſehr hoch war, ſo mußte er doch gebückt daſtehen, und wenn er auch in einer Ecke des Gemachs ſtand, ſo reichte ſein Kopf doch bis über die Tafel der Zwerge, an deren oberem Ende der Bräutigam und die Braut ſaßen. Doch wie ward ihm, als er in dem luſtigen Hochzeiter ſeinen Miethsherrn erkanute und als er ferner ſah, daß ſowohl dieſer wie die andern Zwerge in Stoffe gekleidet waren, die ſie auf ſeinem Webſtuhl gefertigt hatten. Der Bräutigam ſchien außerordentlich vergnügt und koste freundlich mit der Braut, die ein ſo allerliebſtes, niedliches Geſchöpf⸗ chen war, daß der Weber ſchon von Herzen bedauerte, ſeinem neuen Herrn das Verſprechen gegeben zu haben, dieſelbe für ihn zu rau⸗ ben. Der Kobold war oben an die Decke des Saals geklettert und hatte ſich da an des Webers Kopf in der Nähe eines Kron⸗ leuchters feſtgeklammert. Jetzt kletterte er dem Ohr Konrads noch etwas näher und ſagte ihm grinſend vor Freude:„Du ſiehſt, daß der Augenblick ſehr günſtig iſt. Faſſe mit deiner Hand langſam hinunter, nimm mit einem kecken Griff die kleine Braut fort und ſetze ſie hier oben neben mich, daß ſie den Augen der Andern eben ſo unſichtbar wird, wie wir, alsdann wollen wir im Tumulte, der hierdurch entſteht, unbemerkt entſchleichen. Hörſt du, ſtrecke deine Hand hinunter und jetzt gleich.“ Plötzlich aber ward es dem armen Weber recht traurig um's Herz und es fiel ihm ein, daß es doch eigentlich unrecht wäre, wenn er ſo ſchlechte Rache an ſeinem Miethsherrn nähme, der ihm doch, im Grunde beſehen, nicht eher etwas zu Leide gethan habe, als bis er ihn durch Nachläßigkeiten und Schlechtigkeiten auf’s Bitterſte gekränkt. Er wollte dem Kobold beſcheidene Gegenvor⸗ „. 68 Das Zwerg enneſt. ſtellungen machen, doch dieſer, feſt an ſeinem Ohr, ließ ihn nicht zu Worte kommen, ſummte wie eine Weſpe und ſagte ihm mit bos⸗ hafter Stimme:„Höre, du darfſt dich nicht muckſen, denn du biſt mein Diener. Strecke augenblicklich die Hand aus und hole die Kleine herauf, ſonſt verlaſſe ich dich und wehe dir, wenn dich die Zwerge hier ſehen.“ Zitternd ob dieſer Drohung ſtreckte Konrad die Hand hinab, allein ſein beſſeres Gefühl ſiegte wieder, denn er brachte ſie aber⸗ mals leer herauf.„Was machſt du?“ ſummte ihm der Kobold in die Ohren.„Ach, Herr,“ entgegnete ihm der Weber,„mich hat es plötzlich in meiner Naſe gekitzelt und da habe ich gefürchtet, ich müßte laut nieſen.“—„Hm, hm! höre du,“ ſagte der Kleine, „mach' mir keine Ausreden und geh' an dein Geſchäft.“ Abermals ſtreckte der Weber die Hand hinab und wollte die arme kleine Braut ergreifen, doch da glaubte er, es zucke ihm ſo ſeltſam im Arm, daß er wieder leer mit der Hand herauffuhr. Jetzt biß ihn der Kobold ein wenig in's Ohr und brummte zornig, daß es klang, als fliege um ſeinen Kopf ein ganzer Schwarm Horniſſe. „Du! was ſoll das? Warum bringſt du die Braut nicht herauf?“ —„Ach, verzeiht, Herr,“ entgegnete ihm der Weber,„es iſt mir von dem Dampf der Speiſen da unten ſo heiß geworden, daß mir ein Schweißtropfen die Naſe herabgelaufen iſt, den ich erſt abwi⸗ ſchen muß; denn er könnte ſonſt auf den Tiſch fallen und uns verrathen.“ Dies war wenigſtens keine Lüge, nur daß es nicht der Dampf der Speiſen, ſondern die innere Angſt war, die ihm Schweißtropfen auf die Stirne trieb. Zum dritten Mal ſtreckte jetzt der Weber die Hand hinab und ſein innerer Kampf, ob er den Raub begehen ſolle oder nicht, war ſo groß, daß ſich ſeine Finger krampfhaft öffneten und ſchloßen. Schon würde er die Braut gefaßt haben, wenn ihr nicht der Bräutigam gerade in dieſem Augenblick einen Blumenſtrauß geboten hätte, den ſie lächelnd an Bruſt und Geſicht drückte. In der 8* Das Zwergen neſt. 69 Todesangſt, in der ſich Konrad befand, ſuchte er alle Mittel und Ausflüchte, um ſeine grauſame Handlung wenigſtens für einige Augenblicke zu verſchieben. Jetzt wollte er zugreifen, als die Braut bei dem Geruch der Blumen heftig anfing zu nieſen und der Weber, das Gebot des Kobolds vergeſſend, in ſeiner innerlichen Angſt laut die Worte hervorrief:„Gott ſegne Euch!“ Da krachte und blitzte es gewaltig in dem Felſen, die Zwerge und ihre Tafel wurden dunkler und dunkler und verſchwanden end⸗ lich ganz, und der Kobold an ſeinem Ohr ſummte ihm in höchſter Wuth zu:„So hältſt du dein Verſprechen, du ſchlechter menſchlicher Lump!“ und darauf trat er ihm mit einem ſeiner ſchweren Stiefel ſo heftig in's Genick, daß der arme Konrad beſinnungslos auf's Geſicht fiel und eine Zeitlang ſo liegen blieb. Als er wieder erwachte, fühlte er ſich wie an allen Gliedern zerſchlagen, und es dauerte lange, bis er ſich der vorhergehenden Stunden erinnern konnte. Er rieb ſich die Augen und wollte auf⸗ ſtehen, um langſam davon zu ſchleichen, als er zu ſeinem größten Erſtaunen und Schrecken neben ſich ſeinen Miethsherrn ſtehen ſah, der alſo zu ihm ſprach:„Fürchte dich nicht vor mir, denn ich bin nicht gekommen, dir ferner Uebles zuzufügen; das, was wir dir gethan, geſchah mit vollem Recht, denn du wirſt dich erinnern, wie du die feſtgeſetzten Bedingungen unſeres Miethsvertrags gebrochen haſt, und was du überhaupt für ein ſchlechter und unordentlicher Menſch in der letzten Zeit geworden biſt. Doch Alles ſei vergeſſen und vergeben. Da du in der vergangenen Nacht mir und meiner geliebten Gemahlin einen unbezahlbaren Dienſt erwieſen haſt, ſo will ich dir wieder helfen, damit du ein ordentlicher, glücklicher Menſch werdeſt. Zwar Gold und Koſtbarkeiten kann ich dir zu deinem eigenen Beſten nicht geben, denn mir iſt zu wohl bekannt, daß dieſe Sachen ſelten zum Glücke beitragen, ſondern im Gegen⸗ theil, daß durch dieſelben faſt immer Unglück und Elend in man⸗ nigfacher Geſtalt über euch Menſchen kommt. Doch kehre zu deinem 70 Das Zwergen neſt. Hauſe zurück und fange wie früher an zu arbeiten. Wir bedürfen deiner nicht mehr und werden deßhalb nicht wieder kommen, deine Neugierde auf die Probe zu ſtellen. Ich hoffe, du wirſt klug ge⸗ worden ſein und nicht wieder in dein altes Leben zurückfallen. Wenn ich dir auch keine ſichtbaren Beweiſe meiner Dankbarkeit einhändige, ſo wirſt du dich doch überzeugen, daß wir dir unſicht⸗ bar mit Rath und That beiſtehen.“ Hierauf verſchwand der Zwerg, und als der Weber beim erſten Strahl des Tages, der über die Berge glänzte, um ſich ſchaute, ſah er, daß er ſich nicht weit von der Zwergenburg befand. Raſch eilte er ſeinem Häuschen zu, und da er an die Zerſtörung dachte, in der er es geſtern verlaſſen, ſo wunderte er ſich um ſo mehr, daß er heute davon nicht das Geringſte bemerkte. Die Thür war ver⸗ ſchloſſen, auch hörte er drinnen die Uhr picken und den Hänfling ſingen. Ebenſo fand er ſeinen Wehſtuhl in beſter Ordnung; den Stoff, von dem er geſtern ein Stück abgeſchnitten, unverſehrt da⸗ neben liegend, und obendrein ſah er, daß derſelbe von ſo wunder⸗ voller ſchöner Arbeit war, wie er früher nie etwas geſehen. Er trug ihn in die Stadt. Allein ihm waren die Orte ſeiner früheren Ausſchweifungen ſo verhaßt, daß er nach abgemachtem Geſchäfte alſogleich davon lief, als brenne es hinter ihm. Wenn er ſich auch durch ſeine ſchönen Arbeiten bald wieder das ganze Wohlwollen der Kauſleute erwarb und ſie ihm in kurzer Zeit freundlicher als je entgegenkamen, ſo vermied er doch von jetzt ab um ſo ſorgfältiger ihre Geſellſchaften, arbeitete ſtill und unermüdet für ſich zu Hauſe, wobei er aber deutlich ſah, daß ihm die Zwerge unſichtbar halfen, und wurde bald ein wohlhabender Mann. Später baute er ſich ein ſtattliches Haus, aber ohne das Zwergenneſt einzureißen, das noch nach langen, langen Jahren daſtand und erſt allmälig, wie der Glaube an die Zwerge und Elfen, unterging und verſchwand. Von der Prinzeſſin Morgana. Vor langen, langen Jahren herrſchte über Bagdad der Kalif Harun al Radſchid, einer der mächtigſten, reichſten und dabei wei⸗ ſeſten Fürſten, die je auf dem Throne ſaßen. Dafür war er aber geliebt und geehrt ſowohl von den Großen ſeines Reichs, als auch von den Geringſten ſeiner Unterthanen. Und obendrein ſchenkte ihm der Prophet auch noch die Gnade, beſtändig weiſe und gerechte Männer zu ſeinen Dienern zu haben: ſo ſein Großvezier Abdallah, in deſſen Hände der Kalif die ganze Verwaltung ſeines Reichs hätte legen können, denn es war nicht leicht ein Mann zu finden, wie dieſer; ein gerechter, unbeſtechlicher Richter und dabei ein ſpar⸗ ſamer Mann, der die Schätze ſeines Herrn beſtändig, aber ſtets auf rechtliche Art zu vermehren ſuchte. Dafür aber liebte ihn der Kalif auch wie einen Bruder und mochte keine Stunde ohne ſeinen Großvezier Abdallah ſein. Sie arbeiteten beſtändig zuſammen, oder ſie ſpielten Schach, worin Beide große Meiſter waren; ſelbſt wenn der Kalif auf die Jagd ritt, mußte ihn der Vezier begleiten. Nun aber hatte der Kalif in ſeiner Weisheit die Gewohnheit angenommen, verkleidet durch die Gaſſen nud Bazare Bagdads zu Von der Prinzeſſin Morgana. wandeln, um auf dieſe Art mancherlei Sachen erfahren zu können, die man ihm ſonſt wohl verſchwiegen hätte. Bei dieſen Spazier⸗ gängen hörte er alsdann auf die Klagen ſeiner Unterthanen und forſchte denſelben genau nach, um, im Falle ſie nicht ohne Grund waren, denſelben abzuhelfen, wo es möglich ſei. Auch wohnte er unerkannt den Gerichtsſitzungen bei und gab Acht, ob die Richter auch ohne Anſehen der Perſon Recht ſprächen. Hauptſächlich aber war es in der Stille der Nacht, wo er von ſeinem Großvezier Abdallah begleitet, durch die Straßen ging, und bei dieſen Spa⸗ ziergängen nicht ſelten Räubereien oder ſonſtigen Unfug verhin⸗ derte; denn in ſolchen Stunden betrat er die entfernteſten und ärmlichſten Stadtviertel, theils aus der oben angeführten Urſache, theils um arme Leute in ihren erbärmlichen Hütten aufzuſuchen, und ſie mit Geld oder irgend einem guten Rath zu unterſtützen. So wandelte er eines Abends in der gleichen Abſicht mit dem Großvezier aus ſeinem Palaſte und ging an den Ufern des Tigris dahin, ſich der ſchönen Nacht freuend. Der Kalif war luſtig und guter Dinge und ſprach mit ſeinem Begleiter über die verſchieden⸗ artigen Schickſale der Menſchen, wie es dem einen ſchlecht und dem andern⸗ gut gehe, und welche Hoffnungen und Wünſche täglich ein jedes Herz habe, von denen doch ſo wenig in Erfüllung gingen. „Jd ue entgegnete Abdallah, der Vezier,„wenn man jetzt ein⸗ mal in einem großen Spiegel die verſchiedenartigen Wünſche und Gedanken der Tauſende von Menſchen leſen könnte, die ſich unru⸗ hig auf ihrem Lager herumwerfen und häufig alle ihre Pläne ver⸗ eitelt ſehen!“ Uuter ähnlichen Gedanken und Geſprächen kamen die beiden Männer an eines der ärmſten Stadtviertel und traten in eine kleine winkliche Gaſſe, die ſich vielmals hin und her wandte und deren Lauf der Kalif und der Vezier verfolgten, wodurch ſie ſich bald in einer ihnen gänzlich fremden Gegend der Stadt ſahen. Plötzlich blieb der Kalif ſtehen, denn er hörte aus einem Seiten⸗ 4 — Von der Prinzeſſin Morgana. gäßchen das klägliche Geſchrei eines Menſchen, der vielleicht geprü⸗ gelt oder auf irgend eine andere Art mißhandelt wurde. Auch der Vezier hörte dies Geſchrei, und wenn daran im Allgemeinen nichts Beſonderes war, ſo klangen doch dieſe Klagelaute ſo ſonderbar und wurden ſo unaufhörlich fortgeſetzt, daß ſich die Beiden bewogen fanden, den Tönen nachzugehen. Sie traten zu dem Zweck in ein ſehr enges und ſchmutziges Gäßchen, das ſie zu einem alten halb⸗ verfallenen Thorbogen führte, durch welchen ſie auf einen kleinen Platz gelangten, der aber recht unheimlich und traurig ausſah. Die Häuſer, die denſelben umgaben, waren größtentheils zerfallen und hatten weder Thüren noch Fenſter. In die meiſten konnte man deßhalb von außen hinein ſehen und erblickte in den Zimmern und auf den Gängen, wo früher Menſchen gehaust, das Gras fuß⸗ hoch empor wuchern. Auch waren die Dächer der meiſten Gebäude eingefallen und große Bäume, als Platanen, Sykomoren oder Palmen blickten oben über die kahlen Mauern und gaben ein trau⸗ riges Zeugniß, daß dieſe Häuſer ſeit einem Menſchenalter nicht mehr bewohnt geweſen ſeien. Es war nur ein einziges Haus auf dem ganzen Platze, welches durch einen ſchwachen Lichtſchimmer, der durch einen zerbrochenen Fenſterladen drang, verrieth, daß ſich Jemand darin aufhalte. Aber zugleich mit dem freundlichen Strahl des Lichtes drangen aus dem Innern deſſelben jene Schmerzenstöne, die den Kalifen mit ſeinem Begleiter herbeigelockt. Wenn dies Gebäude auch frei⸗ lich ein zerfallenes Anſehen, wie alle übrigen auf dem Platze, hatte, ſo mußte es doch einſt viel beſſer als ſeine Nachbarn ausgeſehen haben; denn es war von Steinen aufgeführt und über der Haus⸗ thüre befand ſich ein Spruch des Korans ausgehauen, eine Verzie⸗ rung, die nur bemittelte Leute an ihren Häuſern anbringen laſſen. Allein auch hier hat der Zahn der Zeit die Mauern geſchwärzt und ſogar theilweiſe zerriſſen. Der Stein, der die Schriſtzüge gebildet 74 Von der Prinzeſſin Morgana. hatte, war verwittert und dieſe dadurch unleſerlich geworden, und eben⸗ ſo hielten die Thüre, ſowie die Fenſterladen kaum noch zuſammen. Von Zeit zu Zeit hörte man aus dem Innern des Hauſes das Klagegeſchrei ertönen, und die Beiden näherten ſich jetzt, um etwas von den Worten, die es begleiteten, zu vernehmen. „Ach!“ rief eine Stimme von innen;„gib mir doch zu eſſen und zu trinken; mich hungert und dürſtet auf die ſchrecklichſte Art. Bin ich denn nicht ſchon zu einem Gerippe zuſammen geſchwun⸗ den; ich kann doch ſchon vier Tage und vier Nächte ohne Speiſe und Trank zubringen, ohne daran zu ſterben!— Oh!— Oh!— Habe es überdies ſchon ſo weit gebracht, daß ich täglich meine hundert Stockprügel aushalten kann. Gib mir deßhalb nur we⸗ nigſtens zu trinken.“ Die Stimme, die dieſe ſeltſamen Worte mühſam hervorbrachte, ſchien einem jungen Manne anzugehören, allein ſie klang ſo matt und ſchwach, daß man wohl glauben konnte, die Mißhandlungen, von denen er ſprach, ſeien wirklich geſchehen und haben ihn ſo weit herunter gebracht. Jetzt antwortete eine andere Stimme, die aus dem Mund eines ältern Mannes zu kommen ſchien und nicht ſo erbärmlich klang, wie die erſtere:„Ach, Herr, wenn du doch ein⸗ mal Vernunft annehmen und wieder leben wollteſt, wie andere Menſchenkinder. Was nützen dir denn die Qualen, die du dir ſelbſt auferlegſt! Bei dem Barte des Propheten, es thut mir weh, dir dies ſagen zu müſſen, aber es iſt die Pflicht eines alten Die⸗ ners, wie ich bin, und wiederhole dir deßhalb zum tauſendſten Male, daß deine Handlungsweiſe an Wahnſinn grenzt und daß, wenn du nicht aufhörſt, dich ſo unnöthig zu quälen, du ſpäter gewiß deine Tage im Irrenhaus beſchließen wirſt. Hier iſt eine gute Speiſe und hier ein Krug mit Sorbeth. Iß und trink und kehre wieder zurück unter die Menſchen; was können dir deine Phantaſien auch nützen!“„ „Ha, ha,“ lachte darauf der Erſte wieder mit ſeiner heiſeren 4 4 4 —,— 4— — — —õ——— Von der Prinzeſſin Morgana. 75 kraftloſen Stimme und knirſchte die Zähne zuſammen, daß man es draußen hören konnte.„So machſt du es mir beſtändig, unge⸗ treuer Diener. Geh in die Hölle mit' deiner Speiſe und deinem Trank. Ich will hungern, ja, das will ich und ich will auch ge⸗ ſchlagen ſein, ſo lang es mir gefällt.“ „Nun, meinetwegen,“ entgegnete der Andere,„weun Ihr denn einmal auf elende Art verhungern wollt, ſo mögt Ihr in Gottes Namen Speiſe und Trank von Euch ſtoßen. Der Prophet weiß, daß ich keine Schuld daran trage. Aber das verſichere ich Euch, was mich anbelangt, ich hebe keinen Stock mehr auf, um Euch zu ſchlagen.“ „Ob, oh,“ jammerte der Andere,„du ungetreuer, unredlicher Knecht! Haſt du meinem Vater nicht auf ſeinem Sterbebett mit einem Handſchlag beſchworen, dich meiner anzunehmen und mich nicht zu verlaſſen und weißt du denn nicht ſehr gut, für wen ich all' die Leiden ertrage? Jetzt willſt du, daß ich Alles das umſonſt gethan habe. Oh, oh, du biſt ein Ungläubiger, der ſeines gegebe⸗ nen Wortes vergißt. Ich will geſchlagen ſein und ich will hun⸗ gern. Da, nimm den Stock, ich will die Prügel geduldig aus⸗ halten.“ Der Kalif und der Vezier vor der Thüre wußten nicht, was ſie von dieſem ſonderbaren Zwiegeſpräch denken ſollten; einer ſah den andern voll Verwunderung an, und Abdallah griff an ſeinen Turban und zwickte ſich in die Naſe, denn es kam ihm vor, als träume er dieſe ſeltſame Geſchichte. Der Kalif faßte ſeinen Beglei⸗ ter jetzt bei der Hand, und deutete ihm, ruhig zu ſein, denn drin⸗ nen wurde die Stimme des alten Mannes wieder laut, der in wei⸗ nerlichem Tone ſagte:„O Gott! o Gott! wenn ich doch auch da⸗ mals mit deinem Vater geſtorben wäre! Doch der Prophet kann in mein Herz ſehen, daß ich an all' dem Wahnſinn keine Schuld trage.“ 4 Darauf war es eine kurze Zeit lang ruhig, allein bald wurde 76 Von der Prinzeſſin Morgana. das Schmerzgeſchrei wieder hörbar, begleitet von einem Ton, wie wenn man einen Menſchen mit einem Stock ſchlüge. Dazwiſchen vernahmen ſie zuweilen die Worte:„O weh, o wehl! das ſchöne Bild! das ſchöne Bild! O die glänzenden Augen! und das ra⸗ benſchwarze Haar! Der Prophet möge mir gnädig ſein und mir helfen!“. Weiter mochte der Kalif dieſen unnatürlichen Auftritt nicht mit anhören. Er befahl leiſe ſeinem Vezier, ſich genau das Haus zu merken und Beide verließen alsdann den unheimlichen Platz, noch eine gute Strecke von dem Klagegeſchrei jenes Unglücklichen begleitet. Am andern Morgen nahm der Großvezier ein paar vertraute Diener mit ſich, um ſich auf Befehl des Kalifen in das Stadtvier⸗ tel zu begeben und daſelbſt das Haus aufzuſuchen, an dem der Kalif mit ſeinem Begleiter in der vergangenen Nacht gehorcht hat⸗ ten. Sie hatten daſſelbe auch bald gefunden und lauſchten eine Zeit lang, ob ſich nicht wieder das Klagegeſchrei wie geſtern hören ließe. Doch alles war ſtill und ruhig. Sie klopften an die Pforte, einmal, zweimal, ohne daß ſich von innen das Geringſte vernehmen ließ. Dann machten ſie ein Geräuſch an dem geſchloſ⸗ ſenen Fenſterladen und mußten auch hier mehrmal vergeblich pochen, bis ſie endlich in dem Zimmer eine Bewegung hörten. Jetzt wurde eine Thüre aufgemacht und ein paar Fußtritte näherten ſich der Hauspforte, worauf der Großvezier die Stimme des alten Mannes vernahm, der durch eine Spalte fragte, wer da ſei und was man wolle. „Im Namen des Kalifen aufgemacht!“ rief Abdallah von draußen und ſetzte hinzu, als der Alte drinnen zu zögern ſchien⸗ „nur gleich aufgemacht, oder ich befolge den Befehl des Kalifen Harun al Radſchid und erbreche die Thüre und laſſe Euch oben⸗ drein wegen Eurem Ungehorſam ſtrenge beſtrafen.“ Jetzt wurde der Eingang langſam geöffnet und die Geſtalt Von der Prinzeſſin Morgana. 77 eines alten Mannes in ſehr ärmlicher Kleidung ſichtbar, der die Hand an Bruſt und Stirn legte und mit demüthiger Stimme fragte:„Was beſiehlt mein Herr, der Kalif?“ Abdallah trat mit ſeinen beiden Begleitern in das Haus und wandte ſich nach dem Zimmer, aus dem er geſtern Abend das ſon⸗ derbare Geſpräch vernommen. Der alte Mann wollte ihm anfäng⸗ lich zwar den Weg verſperren, doch als er die bewaffneten Diener ſah, ſtieß er einen tiefen Seufzer aus und öffnete die Thüre des Gemachs. Obgleich ſich dies in einem ſehr ärmlichen Zuſtande befand, ſo zeigten doch die Ueberbleibſel der ehemaligen Einrichtung, daß ein wohlhabender Mann hier gewohnt habe. Die Wände waren mit zerbrochenen Schränken von vergoldetem Holz verziert und die Decke mit einem alten perſiſchen Shawl bekleidet, wie man es oft in orientaliſchen Häuſern findet. Die Laden des Zimmers waren verſchloſſen, weßhalb man kaum ſehen konnte, daß ſich in der Ecke deſſelben ein Divan befand, auf dem die Geſtalt eines Mannes ausgeſtreckt war. Zufällig warf die Sonne draußen durch ein Loch des Fenſterladens einen Lichtſtrahl iu das Gemach, wodurch dem Großvezier möglich wurde, das Antlitz jenes jungen Mannes genau zu ſehen. Wenn man in dies bleiche, eingefallene Geſicht ſah, ſo konnte man keinen Augenblick daran zweifeln, daß er es war, der geſtern Abend die Klagetöne ausgeſtoßen. Er mochte in einem Alter von ungefähr zwanzig Jahren ſein und ſchien ſich nicht um die Eingetretenen zu bekümmern. Sein Auge war ge⸗ ſchloſſen, ſeine Lippen, die ein leichter ſchwarzer Bart beſchattete, zuſammen gepreßt, und abgeſehen von der entſetzlichen Magerkeit und Bläſſe, war der Kopf, den ein dichtes ſchwarzes Haar dedeckte, von außerordentlicher Schönheit. Seine Kleidung, die zerriſſen war, zeigte deutlich, daß ſich der junge Mann einſt in beſſern Umſtän⸗ den befunden. In einer andern Ecke des Zimmers lag ein Hau⸗ fen großer Bücher, nebſt zerbrochenen gläſernen Flaſchen und ſelt⸗ 78 Von der Prinzeſſin Morgana. ſamen Inſtrumenten, wie ſie die Magier oder Zauberer früher zu gebrauchen pflegten. Nachdem der Großvezier das Innere dieſes Gemachs flüchtig überſehen, fragte er den alten Mann, der demüthig an der Thüre ſtehen geblieben war, wer dieſer Jüngling ſei, worauf der Alte mit einem ängſtlichen Zeichen um Stillſchweigen bat und dem Groß⸗ vezier winkte, das Zimmer mit ihm zu verlaſſen. Draußen flehte er ihn auf das Inſtändigſte an, nicht in ſeine Geheimniſſe zu dringen, worauf aber Abdallah erklärte, daß er vom Kalifen den Befehl habe, ihn vor das Antlitz des Herrſchers zu führen, damit er ihm Auskunft gebe über das, was geſtern Nacht hier vorgefallen ſei. Als der alte Mann den Namen des Kalifen hörte und den Befehl, vor dieſen geführt zu werden, vernommen hatte, ſtürzte er auf ſeine Knie nieder und ſchwor bei Gott und dem Propheten, daß er an Allem unſchuldig ſei und daß er in der That lieber be⸗ ſtraft werden wolle, als noch länger in dieſem Hauſe wohnen. „Doch,“ ſetzte er hinzu,„ich darf meinen jungen Herrn nicht ver⸗ laſſen, und wenn du mich, der ich doch ganz unſchuldig bin, in's Gefängniß wirfſt, ſo mußt du dich ſeiner annehmen, o Herr!“ Der Großvezier verſicherte ihm dagegen, es ſei von einer Be⸗ ſtrafung nicht die Rede: wenn er nur dem Kalifen die reine Wahr⸗ heit ſage, ſo werde dieſer in ſeiner Weisheit über ihn und ſeinen Herrn das Beſte beſchließen. Nach dieſen Verſprechungen trat der Alte noch einmal in das Gemach zu dem jungen Mann und wech⸗ ſelte einige Worte mit ihm, worauf er zurückkehrte und dem Groß⸗ vezier folgte, nachdem dieſer einen ſeiner Diener zur Bewachung des Hauſes zurückgelaſſen. Als ſie den großherrlichen Palaſt erreicht hatten, ließ ſie der Kalif augenblicklich vor ſein Angeſicht, um aus dem Mund des alten Mannes eine Auskunft über das ſonderbare Geſpräch zu ver⸗ nehmen, welches Harnn al Radſchid und ſein Vezier geſtern Nacht Von der Prinzeſſin Morgana. 79 gehört. Der alte Mann beugte ſich tief vor dem Kalifen zur Erde und ſprach:„Beherrſcher der Gläubigen, da ich wohl weiß, daß zu deinem erlauchten Ohr nur die reine Wahrheit dringen darf, ſo werde ich dir ohne alle Umſchweife und mit der größten Treue die Geſchichte meines jungen Herrn erzählen, der ſich in ſo traurigen Umſtänden befindet, wie wohl nie vor ihm ein Rechtglänbiger. Wiſſe denn, o Herr, in jenem Hauſe, vor deſſen zerbrochene Thüre dich der Prophet wahrſcheinlich zu unſerem Heile führte, wohnte noch vor ein paar Jahren Abn el Deri, ein weiſer und gelehrter⸗ Mann, von dem deine Hoheit gewiß ſchon gehört. Dieſer konnte die alten geheimnißvollen Bücher der Magier und Zauberer leſen und verſtand es, aus den Sternen Vergangenes und Zukünftiges zu enträthſeln. Ich war ſein Diener, o Herr, und begleitete ihn auf allen ſeinen Reiſen, die er in früheren Jahren nach allen Thei⸗ len der bekannten Welt machte. Wie oft durchzogen wir die Wüſte kreuz und quer, und es mag nicht leicht eine der größeren Oaſen geben, die wir nicht beſucht. Auch die Meere ſahen wir, die unſern Sand von allen Seiten beſpülen; indeſſen machte mein Herr dieſe großen Reiſen keineswegs, um aus dem Kauf und Verkauf koſtbarer Waaren Nutzen zu ziehen, ſondern in allen größern und kleinern Städten, die wir beſuchten, traf er mit weiſen und gelehrten Män⸗ nern zuſammen, mit denen er ſich eifrig über Sternkunde beſprach und ſie belehrte, oder von ihnen zu lernen ſuchte. Ach, Herr, es war eine Luſt, mit Abn el Deri Tage und Wochen lang durch die einſame Wüſte zu ziehen. Nie in meinem Leben habe ich Jemand gefunden, der ſo ſchöne und anmuthige Erzählungen gewußt hätte, wie er. Tage lang konnte er ſo fortſprechen und wir Alle hörten ihm mit Vergnügen zu. Wenn er aber auf ſeinen Reiſen noch ſo redſelig und unterhaltend war, ſo gab es doch Augenblicke, wo er ſehr in ſich gekehrt und ſtille wurde, und das waren die Stunden, in welchen ſich in der Wüſte fern am Horizonte die Fata Morgana ſehen ließ. Alsdann wurde er nachdenkend und konnte oft Stun⸗ 80 Von der Prinzeſſin Morgana. den lang die fabelhaften Bäume, die zierlichen Häuſer und das glänzende Waſſer anſtarren, welche das Wüſtengeſpenſt vor das Auge des Wanderers zaubert. Schon öfters hatte ich's verſucht, ihn in ſolchen Augenblicken anzureden, aber er bedeutete mir be⸗ ſtändig mit der Hand, ich ſolle ſchweigen, und nahm dann gewöhn⸗ lich eins ſeiner geheimnißvollen Bücher vor ſich auf's Kameel, worin er eifrig las und in welchem gar ſonderbare Zeichen ſtanden, die er mit den Figuren der Fata Morgana zu vergleichen ſchien. Einſt nach einem ſolchen Tage lagen wir Abends unter dem Zelte und Abn el Deri war freundlicher als je, weßhalb ich mir, von innerer Neugier getrieben, die Freiheit nahm und ihn fragte, weßhalb er denn dem Wüſtengeſpenſt beſtändig ſo eifrig und un⸗ verwandt zuſchaue und ſich an einem Anblick zu erfreuen ſcheine, der doch jedem andern Muſelmann abſchreckend und unheimlich ſei. Da lachte mein Herr und ſprach zu mir: höre, Ismael, ſo iſt näm⸗ lich mein Name, o Herr, du biſt mir lange ein treuer Diener ge⸗ weſen, weßhalb ich dir deine Neugierde verzeihen will, ja ſogar noch mehr, ich will dir, ſoweit es für deine Verſtandeskräfte faßlich iſt, mittheilen, was ſchon viele weiſe und gelehrte Männer vor mir über das Wüſtengeſpenſt gedacht und was ich ebenfalls davon halte. Schon öfter haſt du ſelber geſehen, beſonders an heißen Tagen, wenn die weite, weite Wüſte vor uns ausgebreitet liegt, daß es plötzlich war, als beginne der Sand am Horizont langſam in die Höhe zu ſteigen, es ſcheinen ſich da Hügel zu erheben, über deren Gipfel gelbe ſchwere Wolken langſam hin und her ziehen. Es wogt und brandet, wie ein fernes Meer und dazwiſchen bricht zu⸗ weilen ein Lichtſtrahl hervor, wie wenn die Sonne durch ſchwarze dichte Wolken einen feinen Strahl auf das Waſſer wirft. Immer ſtärker wird die Bewegung auf den Hügeln und die gelben Wolken, die erſt dicht zuſammen geballt ſcheinen, wickeln ſich wie lange dünne Schleier ab, flattern gegen den Himmel und ſteigen langſam aufwärts, ſo daß ſie ſich wie ein Vorhang von der Erde empor⸗ Von der Prinzeſſin Morgana. 81 heben, und dein geblendetes entzücktes Auge dort, wo du eben nichts als gelbe Sandhügel ſahſt, in eine ſchöne reiche Landſchaft blicken laſſen. Um dich brennt der heiße Sand, die Sonne wirft glühende Strahlen hinab. Schweigend ziehen Menſchen und Pferde in der Hitze dahin und um deſto mehr ergreift dich der Anblick der Fata Morgana, mit ſchattigen Palmenwäldern, rauſchenden kühlen Waſ⸗ ſern, mit ſtrahlenden luftigen Landhäuſern. Bei dieſem Anblick zieht der Reiſende den Burnus über den Kopf und ruft den Pro⸗ pheten an, indem er ſich von dem Anblick wegwendet, denn nicht dorthin, wo jene Palmen rauſchen, führt ihn ſein Weg, dort iſt für ihn nichts als Sand und unfehlbarer Tod. Indeſſen trägt die Fata Morgana nicht die Schuld, ſie will keinen Menſchen verlocken und iſt ſo unſchuldig, wie eine Inſel im fernen Meere, die der Schiffer nicht erreichen kann, weil ihm der leitende Compaß fehlt, und doch iſt es dem muthigen Manne vor⸗ behalten, jenessglückliche Eiland im Sand zu erreichen, das, blü⸗ hender und fruchtbarer als ſelbſt das Paradies, dem, der es erreicht, die ſchönſte Belohnung gibt. Ja, Ismael, fuhr mein Herr fort, ich kenne dich zu gut, und weiß, daß ich deinen Sinn nicht ver⸗ wirre, wenn ich dir ſage, daß die Fata Morgana mehr iſt, als eine bloße Erſcheinung, wenn ich dir ſage, daß dort die Prinzeſſin Mor⸗ gana regiert, ein Weib, ſo ſchön und herrlich, wie kein zweites im Himmel und auf Erden. Ihr Antlitz hat zwar noch keine Menſchen⸗ ſeele erblickt, obwohl meine Bücher, ſowie die weiſen und gelehr⸗ ten Männer bezeugen, daß es einem mächtigen Zauberer gelungen iſt, ein Bildniß von ihr zu entwerfen, das aber im Laufe der Zeit ſpurlos verſchwunden, und um dir jetzt Alles zu ſagen, der Zweck meines Studiums, ſowie meiner Reiſen iſt, dies gefährliche Bild aufzufinden,— gefährlich, weil es das Menſchenherz, das es an⸗ blickt, tödtlich erkranken läßt, vor Entzücken und Liebe. So erzählte mir mein Herr, und du kannſt dir denken, daß Hackländers Werke. XIII. Von der Prinzeſſin Morgana. 82² ich über ſeine Reden und Mittheilungen nicht wenig verwundert war und zuweilen bedenklich meinen Kopf ſchüttelte, weil mein Herr ſo viel Geld und Zeit verſchwendete, um ein fabelhaftes Bild auf⸗ zuſuchen. Einige Zeit nach dieſer Erzählung zogen wir mit einer Karawane nach Damaskus und Palmyra, auf welcher Reiſe wir unſägliches Ungemach zu erdulden hatten. Wir wurden vom Sand⸗ ſturm überraſcht, wobei ein großer Theil unſerer Karawane umkam, und nur durch die Schnelligkeit unſerer Pferde gelang es uns, dem allgemeinen Verderben zu entfliehen. Ach, Herr, es iſt ein ſchreck⸗ licher Anblick, eine Karawane, Menſchen und Thiere in der tödt⸗ lichſten Angſt vor dem Verderben, das hinter ihnen herrauſcht, da⸗ hin fliehen zu ſehen. Kameele und Pferde leiſten das Unmögliche und rennen ſchaumbedeckt über den Sand, bis ſie mitten im Lauf todt dahin ſtürzen. In unſerer Nähe bemerkten wir auf dieſer wilden Flucht lange Zeit ein ſchönes Weib, das auf einem edlen arabiſchen Pferde dahin jagte; in ihren Schleier gewickelt, hielt ſie ihr kleines Kind, das ſie erſt vor kurzer Zeit geboren, und in dem allgemeinen Lärmen und Sauſen der Sandwolken, die uns verfolg⸗ ten, hatte ſie nur Augen für das kleine Weſen und bedeckte es mit ihrem Körper, wenn der Sturm eine Wolke den andern voraus und über uns herjagte. Auch meinen Herrn rührte der Anblick dieſes Weibes und wir hielten uns ſo viel möglich in ihrer Nähe, um ſie vielleicht im Falle der Noth retten zu können. Doch der Pro⸗ phet hatte ihren Tod beſchloſſen. Ihr Pferd ſtürzte plötzlich todt dahin und unglücklicher Weiſe in einem Angenblick, wo uns der Sand dicht auf der Ferſe war. Da hielt das Weib ihr Kind fle⸗ hend empor und konnte nur noch meinem Herrn zurufen:„Rette es, rette es!“ Du kannſt dir denken, daß wir trotz der Gefahr unſere Pferde anhielten, ich ergriff haſtig das Kind und Abn el Deri wollte der Frau helfen. Doch ſie warf ihren Schleier über den Kopf und zeigte in verzweiflungsvoller Angſt auf den herannahenden Sand⸗ Von der Prinzeſſin Morgana. 83 ſturm, indem ſie uns bei Gott und dem Propheten beſchwor, zu entfliehen und nur das Kind zu retten. O Herr, es war ein ſchreck⸗ licher Anblick. Dicht an unſern Ferſen kam die Sandwolke heran, gleich einer feurigen Rieſenmauer und bog ſich über unſern Häup⸗ tern, wie die Wellen im ſtürmiſchen Meere, wenn ſie, ſich über⸗ ſtürzend, weit auf das Ufer hinaufſchlagen.„Flieht, flieht,“ ſchrie das Weib, und rettet mein Kind!“ worauf unſere Pferde, denen die Gefahr ebenſo bekannt, wie uns, ihre letzten Kräfte zuſammen nahmen und in großen Sätzen davon jagten. Hinter uns ſtürzte die Sandwolke zuſammen und bedeckte das verlorene Weib, ihr einen rieſenhaften Grabhügel bildend. 4. Wir entkamen durch die Gnade des Propheten und Abm el Deri betrachtete das Kind— es war ein Knabe— das ihm der Prophet ſo unverhofft geſchenkt hatte, als ſein eigenes, und ließ es auf's Sorgfältigſte erziehen. Trotz dem ſtellte er ſeine beſtändigen Reiſen nicht ein, und je älter er wurde, je emſiger forſchte er nach dem Bilde, von dem er mir geſprochen. So wurden wir Beide alt und die letzte Reiſe, die wir zuſammen machten, war weit hinter Palmyra nach einer Oaſe, in der ein überaus weiſer und gelehrter Mann wohnte. Ach, es war unſere letzte; denn nach jahrelangen Bemühungen hatte mein Herr doch gefunden, was er ſo lange ge⸗ ſucht: das Bild der Prinzeſſin Morgana. Doch was nützte es ihm jetzt, da er am Rande des Grabes ſtand und keine Kräfte, keine Jahre mehr zu verſchwenden hatte, um wenigſtens den Verſuch zu machen, jenes glückſelige Eiland zu erreichen, wofür er Zeit ſeines Lebens geſchwärmt und wonach er ſich beſtändig geſehnt hatte. Wir kehrten hieher nach Bagdad zurück und lebten eingezogen und ärmlich; denn das Vermögen meines Herrn war von ſeinen vielen Reiſen ſo erſchöpft, daß das Wenige, was er noch beſaß, kaum bis zum Ende ſeiner Tage reichte. Endlich kam er zum Sterben und in ſeiner letzten Stunde ſtand ich, ſowie ſein angenommener Sohn, der unterdeß zu einem ktäftigen Jüngling herangewachſen 84 Von der Prinzeſſin Morgana. war, an ſeinem Lager. Mit ſchwacher Stimme gab er dieſem zum letzten Mal gute Lehren und ermahnte ihn, wohlgefällig vor Gott und dem Propheten zu wandeln. Darauf händigte er ihm ein Amulet ein, das die unglückliche Mutter vor ihrem Tod in der Wüſte um den Hals ihres Kindes gebunden hatte, ertheilte ihm ſeinen Segen und bat ihn alsdann, auf einige Augenblicke fortzu⸗ gehen, indem er mir noch etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Ismael, ſprach er, als wir allein waren, in einigen Augen⸗ blicken werde ich nicht mehr ſein, und du wirſt deinen Herrn ver⸗ loren haben, ſowie mein Sohn ſeinen Vater. Verſprich mir, deine langjährigen Erfahrungen zu ſeinem Beſten zu benützen und ihm ſo viel wie möglich zu helfen. Dies gelobte ich ihm mit einem Handſchlage, worauf er mir das Verſprechen abnahm, jenes Bild, das er mir einhändigte, weder ſelbſt anzuſchauen, noch es ſeinem Sohne zu zeigen; denn, ſetzte er hinzu, der Anblick deſſel⸗ ben wird jedes Menſchenherz mit Krankheit erfüllen und es lang⸗ ſam vergehen laſſen vor Entzücken und Liebe. Darauf ſtarb er. Nun war ich allein mit dem jungen Manne, und was uns Abn el Deri hinterlaſſen, war nicht viel. Kiſten und Kaſten waren leer und Alles, womit wir unſer Leben eine Zeitlang friſten konn⸗ ten, waren einige alte Waffen, die mit Steinen und Gold reich geſchmückt waren, und die ich denn auch alsbald zum Verkauf in die Bazars trug. Unſer junger Pflegeſohn, er hatte den Namen Saladin empfangen, war ein ungeſtümes, feuriges und raſches Blut. Apbn el Deri hatte ihn bei weiſen Meiſtern ſeiner Zeit unterrichten laſſen und nebenbei, daß er in Schriften wohl bewandert war, verſtand er bald die Lanze zu führen und das Roß zu tummeln. Doch, o Herr, du kannſt dir leicht denken, daß nach dem Tode des alten Mannes dergleichen zeitraubende und koſtſpielige Beſchäfti⸗ gungen von ſelbſt wegfielen. Was ſollten wir auch anfangen? Das Pferd, das der junge Saladin beſaß, mußten wir bald ver⸗ kaufen; ebenſo ſeine koſtbaren Kleider, in denen er geglänzt hatte, „ * 1= Von der Prinzefſin Morgana. 85 wie ein junger Paſcha. Oſtmals, o Herr, machte ich den Verſuch, dem jungen Herrn irgend eine Beſchäftigung verſchaffen zu können, in welcher er ſein Brod auf eine für ihn würdige Art verdiene. Ich empfahl ihn dem Kommandeur der Leibwache, indem ich für den ſchönen, jungen und gewandten Mann um eine Anſtellung bei den Reitern bat; aber da ich keine mächtigen Beſchützer hatte, ja nicht einmal das nöthige Pferd und das Rüſtzeug anſchaffen konnte, ſo wurde ich überall abgewieſen. Ach, Herr, das war eine trau⸗ rige Zeit. Ich ſuchte jetzt den jungen Saladin zu bewegen, eine Beſchäftigung minderen Ranges zu ergreifen und brachte ihn end⸗ lich ſo weit, daß er mir verſprach, ſich eine Stelle als Diener in einem Laden gefallen zu laſſen. Aber auch hier hatte ich mir um⸗ ſonſt Mühe gegeben, ſeinen ſtolzen Sinn in ſo weit zu beugen, denn nicht einmal eine ſolche erhielt ich für ihn. Wenn man auch anfänglich nicht abgeneigt war, ihn anzunehmen, ſo hörten die alten Kaufleute doch kaum, daß er der Sohn Abn el Deri's ſei, des Magier und Teufelbeſchwörers, wie ſie ihn nannten, als ſie ſich alle von uns abwandten und uns die Thür verſchloſſen. Zu dieſer Zeit war das Geld, das wir aus unſern Waffen gelöst hatten, gänzlich verzehrt, und umſonſt ſuchte ich alle Winkel des Hauſes, alle Kiſten und Kaſten durch, um irgend ein verbor⸗ genes Kleinod zu finden. Sogar das eiſerne Käſtchen, in welchem das wundervolle Bild verwahrt war, und das ich nie unterſucht hatte, ſchloß ich auf, ohne etwas Anderes darin zu finden, als nur dies Bild in einem unſcheinbaren Futteral. Ich muß zu mei⸗ ner Schande geſtehen, daß mich bei dieſem Geſchäft die Neugier plagte, auf den kleinen Stahlknopf des Futterals zu drücken, wel⸗ ches das Bild umſchloß. Doch zu meinem Glück tönte in dieſem Augenblick die Stimme meines alten Herrn vor meinen Ohren und ich unterließ es. Unglücklicher Weiſe vergaß ich das eiſerne Käſt⸗ chen wieder zu verſchließen und ging darauf aus dem Hauſe, um einen alten Bekannten um ein Darlehen anzuſprechen. „ 86 Von der Prinzeſſin Morgana. Zu dieſer Stunde kam Saladin zurück und mochte wohl ſchon längſt jenes kleine Kiſtchen und daß daſſelbe beſtändig für ihn ver⸗ ſchloſſen ſei, bemerkt haben, genug, er benützte meine Abweſenheit, nahm das Futteral heraus und, o Herr, der Unglückliche betrachtete das Bild. Was darauf mit ihm geſchah, weiß ich nicht. Aber als ich nach Hauſe zurückkehrte, fand ich ihn in den heftigſten Fieberphan⸗ taſien auf ſeinem Lager liegen, das Futteral in ſeinen Händen haltend, das ihm zu entreißen keine menſchliche Macht im Stande war. Wohl hörte ich aus den irren Reden, die er in der Fieber⸗ hitze ausſtieß, daß er jenes Bild geſchaut, ſowie daß das Wort meines alten Herrn: jedes Menſchenherz müſſe bei dem Anblick die⸗ ſes Bildes krank werden vor Entzücken und Liebe, an ihm in trau⸗ rige Erfüllung gegangen ſei. Wochenlang lag er ſo auf ſeinem Lager an einem böſen, Mark verzehrenden Fieber und führte dabei beſtändig die ſonderbarſten, unzuſammenhängendſten Reden. Ge⸗ wöhnlich befand er ſich in ſolchen Augenblicken in der Sandwüſte und er ſah in weiter Ferne das Geſpenſt der Fata Morgana vor ſich ſchaukeln. Dies beſchrieb er denn auch, wie es früher Abn el Deri gethan, mit den glühendſten, lieblichſten Farben und malte es aus als ein Eiland voll Liebe und Entzücken. Ach, und in allen dieſen Träumen ſpielte das unglückſelige Bild eine Hauptrolle; denn dies war es, was ihm überall voran ſchwebte, und dem ſein wirrer Geiſt haſtig nachfolgte über ſchneebedeckte Berge, durch das wilde Meer und durch den glühenden Sand der Wüſte. Endlich ließ die Kraft des Fiebers nach und ich glaubte, jetzt würde der unglückliche Saladin zur Vernunft zurückkehren und das Andenken jenes Bildes aus ſeinem Herzen verbannen. Doch weit gefehlt. Wenn auch ſein Körper genas, ſo ſchien ihm Herz und Geiſt deſto kränker zu werden. Das erſte Mal, als ich an ſeinem Lager ſaß und er mich nach ſeiner mondenlangen Krankheit wieder erkannte und zuſammenhängend mit mir ſprach, zeigte er mir mit 6 1 Von der Prinzeſſin Morgana. 87 Entzücken das Futteral und ſagte: endlich habe er etwas gefunden, dem er ſein ganzes Leben weihen würde und welches er erreichen wolle, wenigſtens unabläſſig darnach ſtreben bis zu ſeinem Tode — nämlich das Original zu dieſem Bilde. Umſonſt ſtellte ich ihm vor, das Bild müſſe eine bloße Phantaſie des Malers ſein, allein er lächelte und ſprach mit matter Stimme:„O, Ismael, dein Un⸗ glaube thut mir weh, ich verſichere dich, es iſt das Bild der Prin⸗ zeſſin Morgana, die auf einem paradieſiſchen Eiland fern in der Wüſte herrſcht. Wohl weiß ich, daß noch kein Sterblicher das Glück hatte, daſſelbe zu erreichen und die Prinzeſſin zu ſehen. Doch warum kann es mir nicht vorbehalten ſein, den Weg dorthin zu finden; dies wird mir auch gelingen, Ismael, denn ich habe die Reiſe dorthin in den Phantaſien des Fiebers ſchon öfters gemacht. Es war zwar ein ſchrecklicher und müheſamer Weg und die Kara⸗ wane, der ich mich anſchloß, beſtand aus ſonderbaren Geſtalten, aber ich werde das Eiland dennoch erreichen und die Prinzeſſin ſehen; ja, ich werde ſie ſehen und ihr nahe ſein.“ Anfänglich glaubte ich bei dieſen Reden, ſie ſeien noch ein Ueberbleibſel des Fiebers, und dieſe ſonderbaren Ideen würden ſich mit der Zeit ſchon geben. Doch weit gefehlt. Saladin genas langſam wieder, ohne aber ſeinen Vorſatz vergeſſen zu haben, die Prinzeſſin Morgana, wie er das Bild nannte, aufzuſuchen;— viel⸗ mehr hatte er ſich in ſeinen Träumen etwas ausgedacht, das an Wahnſinn grenzte und wodurch er, wie er ſagte, ſeinen Körper an die ungeheuren Mühſeligkeiten gewöhnen wollte, die ihm auf jener Reiſe bevorſtehen würden. Er nahm nämlich Tage lang keine Speiſen und keinen Trank zu ſich, um ſich an Hunger und Durſt zu gewöhnen, und alle meine Ermahnungen dagegen waren ver⸗ gebens. Er gerieth ſogar in eine unbeſchreibliche Wuth, wenn ich ihm das Unſinnige ſeiner Handlungen vorſtellte, und wußte mich durch Bitten und Flehen dahin zu vermögen, ihm ſeinen thörich⸗ ten Willen zu thun. Oft hungerte er drei bis vier Tage und 88 Von der Prinzeſſin Morgana. obendrein zwang er mich noch, ihn mit einem Stocke zu ſchlagen, damit er den Mißhandlungen der Menſchen, die ihn von ſeinem Vorhaben abbringen wollten, Trotz bieten könne. Was mein Herz bei dieſem Wahnſinn litt, kannſt du dir leicht denken, o Herr; doch was ſollte ich armer alter Mann machen; wenn ich mir auch zuweilen feſt vornahm, ihm ſeinen Willen nicht mehr zu thun, ſo konnte ich doch bei dieſem Vorſatz nicht lange beharren, denn ſein Jammer über meine Untreue, wie er es nannte, ſeine Klage, daß ich ihm nicht behülflich ſein wolle, ſein Liebſtes auf der Welt zu erreichen, war mir ebenſo ſchrecklich, ja noch ſchrecklicher, als die Mißhandlungen, denen er ſich unterzog. Wenn ich ihn zuweilen befragte, wann und durch weſſen Hülfe er gedenke, ſeine Reiſe an⸗ treten zu können, ſo antwortete er lächelnd: das Schickſal, das ihm das Bild der Prinzeſſin Morgana zugeführt, werde es ihm auch, wenn die Zeit zur Reiſe herangekommen ſei, nicht an Mit⸗ teln dazu fehlen laſſen. So iſt die Erzählung von dem alten Abn el Deri und ſeinem Pflegeſohn, o Herr, und beim Barte des Propheten, ich habe dir nichts verſchwiegen, auch haſt du in der vergangenen Nacht ſelbſt zu vorcht, wie er mich mit ſeinem Wahnſinn quälte und wie ich ihn mißhandeln mußte. Beſtimme in deiner Weisheit nun, was mit uns geſchehen ſoll.“ Der Kalif, ſowie ſein Großvezier, hatten dieſer ſonderbaren Erzählung aufmerkſam zugelauſcht und Beide ſaßen nach Beendi⸗ gung derſelben ſtumm da und wußten nicht, was ſie davon denken ſollten.„Ei,“ meinte der Kalif,„was würdeſt du dazu ſagen, Abdallah, wenn wir uns jenes Bild kommen ließen und es auf alle Gefahr hin auch einmal anſchauten.“ „O Herr,“ entgegnete Ismael haſtig, nachdem er eine tiefe Verbeugung gemacht,„o Herr, beſchließe in deiner Weisheit nicht ſo etwas Schreckliches. Glaube mir, der böſe Zauber, der von — Von der Prinzeſſin Morgana. 89 dieſem Bilde ausſtrömt, würde auch dich Zeit deines Lebens un⸗ glücklich machen.“ „Es iſt in der That eine ſeltſame Geſchichte,“ ſagte der Groß⸗ vezier,„und wenn ich deiner Hoheit einen Rath geben dürfte, der deiner Großmuth ſicher nicht verwerflich erſcheint, ſo wäre es der, den unglücklichen jungen Mann mit den nöthigen Mitteln zu ver⸗ ſehen, um ihn wenigſtens ein Jahr lang mit den Karawanen durch die Wüſte ziehen zu laſſen. Vielleicht daß ihm der Prophet gnädig iſt und daß ſich ſein Wahnſinn zerſtreut.“ „Ja, du haſt Recht,“ antwortete der Kalif,„triff die nöthigen Anſtalten dazu und laß es dem Reiſenden an nichts fehlen. Schick ihn mit einer der großen Karawanen fort, die in kurzer Zeit nach Palmyra abgehen, und ertheile ihm den Befehl, nach Ablauf eines Jahres zurück zu kommen und alsdann werde ich ferner für ihn ſorgen.“ Ismael ſtürzte dem Kalifen zu Füßen, und indem er ſeinen Dank für die hohe Gnade ſtammelte, wagte er die Bitte, ſeinen jungen Herrn begleiten zu dürfen, eine Gunſt, die ihm der Kalif auch gern gewährte. Darauf befahl Harun al Radſchid, den jun⸗ gen Saladin, wenn er zu der Reiſe gehörig ausgerüſtet ſei, vor ſein Angeſicht zu führen, und entließ den alten Diener, der ſich vor Freude zitternd nach ſeiner Wohnung zurück begab und ſeinen Herrn durch die frohe Botſchaft nicht wenig ſtärkte. Saladin lag gerade auf ſeinem Lager ausgeſtreckt und hörte anfänglich ziemlich gleichgültig die Erzählung des Dieners, daß ihn der Kalif habe rufen laſſen und daß er dieſem ausführlich von Abn el Deri habe erzählen müſſen. Allein als Ismael im Ver⸗ lauf des Geſprächs von der Gnade des Kalifen ſprach, daß er ihnen die Mittel zu einer Reiſe in die Wüſte geben wolle, da richtete ſich der junge Mann von ſeinem Lager plötzlich in die Höhe und ſprach mit funkelnden Augen:„ſiehſt du, Ismael, daß meine Träume nicht Lügen, ſiehſt du wohl— die Zeit iſt gekommen, 90 Von der Prinzeſſin Morgaua. denn der Prophet ſchickt mir eine unverhoffte Hülfe, die Reiſe zu machen, nach der ſich mein Herz geſehnt und auf der ich finden werde, was ich ſuche.“ Schon andern Tags brachte man vor das Haus des jungen Saladin einige Kiſten mit ſchönen Kleidungsſtücken, mit Waffen und Reiſevorräthen aller Art. Auch ſchickte der großmüthige Kalif mehrere koſtbare Pferde, ſowie einige ſchwarze Sklaven, welche den jungen Mann auf ſeinen Reiſen begleiten ſollten. Dieſer war von dem Augenblicke an, wo ihm Ismael die Gnade des Kalifen verkündigt, wie umgewandelt und man merkte ihm ſchon nach eini⸗ gen Tagen gar nicht mehr an, daß er Monate lang krank gelegen, und ſich während dieſer Zeit mit den größten Mißhandlungen und Entbehrungen, wie ſie uns bekannt ſind, abgequält hatte. Schon der bloße Gedanke, den heißen, innigen Wunſch ſeiner Seele in Erfüllung gehen zu ſehen, goß ihm neue Lebenskraft durch alle Adern; die Friſche ſeiner Wangen kam wieder, ſein Auge glänzte wieder feurig unter ſeinen ſchwarzen Brauen, wie die glühende Sonne, wenn ſie Abends, von Wolken umgeben, hinter dem Ho⸗ rizonte verſinkt. Schon in der erſten Stunde nach des alten Die⸗ ners Zurückkunft aus dem Palaſte hatte er ſein Lager verlaſſen, und als die Geſchenke des Kalifen ankamen, wählte er daraus einen koſtbaren, ſchönen Anzug, ſchwang ſich auf eins der edlen perſiſchen Pferde und ritt, von ſeinem Diener Ismael begleitet, durch die Bazare und Gaſſen nach dem Palaſte des Kalifen, um ſich, dem Befehle Harun al Radſchids gemäß, vor deſſen erlauchtes Antlitz zu ſtellen. Die Leute auf den Straßen, bei denen er vorbeiritt, gingen erfurchtsvoll aus dem Wege und wurden von ſeiner ſchönen, ſtatt⸗ lichen Geſtalt, von ſeiner Haltung zu Pferde, kurz von ſeiner ganzen Erſcheinung ſo geblendet, daß ſie achtungsvoll zur Seite traten und ihn wie einen mächtigen Emir begrüßten. Auch die Kaufleute in den Bazars ſahen ihm erſtaunt nach und einer fragte v — Von der Prinzeſſin Morgana. 91 den andern, wer der fremde Prinz ſei? So gelangte er an den Palaſt des Kalifen, wo die Wachen ihn und ſeinen alten Begleiter auf's Ehrerbietigſte begrüßten und ſie ohne Verzug in das Innere der Burg ließen. Hier ſprangen einige Pagen herbei, die dem jungen Saladin den Steigbügel hielten und ihn nebſt ſeinem Die⸗ ner Ismael in die Gemächer des Kalifen geleiteten, wo ihn dieſer mit ſeinem Großvezier Abdallah empfing. Harun al Radſchid betrachtete den jungen Mann, der ſich tief vor ihm verbengte, lächelnd und mit Wohlgefallen und erneuerte ihm nochmals die Verſprechungen, die er dem alten Ismael ge⸗ geben. „Beherrſcher der Gläubigen,“ erwiderte Saladin,„du biſt in deiner Güte und Großmuth dem Verlaſſenen wie ein Engel des Himmels erſchienen und der Prophet wird dich dafür belohnen. Wie ſoll ich dir meinen Dank ausſprechen für das Unendliche, was du mir gethan. Ich werde finden, was ich lange geſucht, und ſo es der Wille Gottes iſt, glücklich werden.“ Der Kalif, der ſich anfänglich vorgenommen hatte, einen Ver⸗ ſuch zu machen, ob er den Jüngling nicht von ſeiner Schwärmerei heilen könne, ſah aus den letzten Worten deſſelben, daß er unab⸗ änderlich bei ſeiner Idee beharre, und beſchloß deßhalb, keinen vergeblichen Verſuch zu machen. Er entließ ihn hierauf mit ſeinen beſten Wünſchen, und Saladin kehrte freudetrunken in ſeine Woh⸗ nung zurück.. Die Einwohner Bagdads, deren Neugier durch die Erſcheinung des fremden Prinzen, wofür ſie Saladin hielten, ſehr erregt wor⸗ den war, gaben ſich alle Mühe, zu erfahren, wer dieſer junge Mann denn eigentlich ſei, und hatten nicht ſobald die Kunde er⸗ halten, daß es der Sohn des alten Magiers Abn el Deri wäre, dem der Kalif die Ausrüſtung und die Mittel zu einer weiten Reiſe geſchenkt, als ſie die Erzählung von dem Bildniß für ein Märchen erklärten, das der alte Spitzbube, der Ismael, erfunden habe, um 92 Von der Prinzeſſin Morgana. den Kalifen mit einer Summe Geldes zu prellen, und die böſen Menſchen bedauerten nur, daß des Alten Anſchlag ſo glücklich ge⸗ lungen war. Wenige Tage darauf zog die Karawane, der ſich der junge Mann mit ſeinem Diener anſchloß, von Kairo hinweg gen Palmyra und die Leute in den Bazars riefen einander lachend zu:„Seht doch den klugen Spitzbuben Ismael, wie er mit ſeinem Raube davon zieht!“ Wie es gewöhnlich mit Verläumdungen geht, daß ſie ſich von Stunde zu Stunde vergrößern, ſich mit Zuſätzen und Thatſachen vermehren und dadurch am Ende ſo glaublich werden, daß ſelbſt der Unbefangenſte nicht weiß, woran er iſt, ſo erging es auch hier. Daß der alte Ismael den Kalifen betrogen habe, war den Leuten ziemlich klar.„Seht,“ ſagten ſie zu einander,„hat doch der alte Abn el Deri nie einen Sohn gehabt, wer weiß, wo Ismael den jungen Menſchen aufgefunden nud ihn zu ſeinen Zwecken unter⸗ richtet.“—„Mir ſcheint es,“ ſagte ein Anderer,„ich habe den jungen Lügner ſchon irgendwo geſehen.“—„Richtig,“ ſetzte ein Dritter hinzu,„habt Ihr unicht noch vor einiger Zeit in der Bar⸗ bierſtube an der großen Karavanſerei einen Burſchen geſehen, der dieſem Saladin glich wie ein Ei dem andern?“—„Aha,“ fielen alle Andern ein,„richtig, der iſt's! O der gute Kalif!“ Bald darauf erfuhr auch Harun al Radſchid durch ſeinen Großvezier dieſe Gerüchte, und obgleich er ihnen anfangs keinen Glauben ſchenken wollte, ließ er ſich doch durch das Zureden Ab⸗ dallah's bewegen, den Herrn jener Barbierſtube zu hören, der auf die Frage des Kalifen nach jenem jungen Manne mit verſchmitztem Lachen antwortete:„Beherrſcher der Gläubigen, der Menſch kann ſich irren und der Prophet möge mir bezeugen, daß ich einem Mitmenſchen nicht gern etwas Böſes nachſage. Aber was jenen jungen Mann anbetrifft, ſo könnte ich denn doch beſchwören, daß er noch bis vor wenig Wochen meine Barbierbecken und Meſſer ge⸗ Von der Prinzeſſin Morgana. 93 putzt und geſäubert hat. Freilich hatte er ſpäter, als ich ihn wieder ſah, ein ganz anderes Ausſehen, aber das machten die koſt⸗ baren Kleider und Pferde, die ihm deine Hoheit geſchenkt.“ Der Kalif, ſo ſchwer es ihm auch wurde, daran zu glauben, auf eine ſolche Art betrogen worden zu ſein, konnte doch nicht umhin, dem alten Mann Glauben zu ſchenken und ſagte ſpäter lachend zu ſeinem Großvezier:„höre, Abdallah, wir wollen uns doch in Zukunft beſſer in Acht nehmen und die Leute in ihren Häuſern ſchreien und jammern laſſen, ohne uns darum zu beküm⸗ mern.“ Abdallah zuckte die Achſeln und entgegnete:„In der That, es iſt eine durchtriebene Spitzbüberei!“ Die Karawane, der ſich Saladin und Ismael angeſchloſſen hatten, zog indeſſen ruhig ihres Weges durch die Wüſte dahin und die beiden Pilger ahneten nichts von den Verläumdungen, die hinter ihrem Rücken ihren guten Namen zerſtört hatten. Der junge Mann war glücklich, endlich den erſten Schritt gethan zu haben, der ihn dem unbekannten Original ſeines Bildes näher führte, und auf dem Wege zu ſein, wo ihn ein glückliches Ungefähr an das Ziel ſeiner Wünſche führen könne. Ismael dagegen freute ſich ſeinerſeits, wieder einmal aus dem ſtillen Leben hinauszukommen und durch die Wüſte ſchweifen zu kͤnnen. Es war ihm gerade, als ſei er um zwanzig Jahre jünger geworden und als reite er wie ehemals neben ſeinem alten Herrn Abn el Deri. Die Karawane war ſehr zahlreich und hatte, da ſie viel Gold und Silber bei ſich führte, eine große Bedeckung bewaffneter Reiter, um Leute und Waaren vor den Ueberfällen der Beduinen zu ſichern. Schon in den erſten Tagen ließen ſich dieſe verwegenen Räuber in weiter Entfernung von der Karawane ſehen, um, wie es ſchien, die Stärke und Beſchaffenheit derſelben genau auszu⸗ forſchen. Auch überfielen ſie wohl zuweilen kleine Abtheilungen des Zuges, die des Morgens beim Aufbruch zu weit zurückblieben, 94 Von der Prinzeſſin Morgana. nahmen die beladenen Kameele mit ſich und machten die Mannſchaft, wenn ſie ſich zur Wehre ſetzte, nieder. Der größere Theil der Karawane aber zog dahin, ohne daß ihm ein Unglück widerfuhr, und Saladin mit ihm. Anfänglich hatte ihm das Reiſen durch die Wüſte, die Sonnenhitze und der Sand nicht wenig Beſchwerde verurſacht. Doch bald gewöhnte er ſich daran und erkannte das Schöne und Erhabene, welches in der Stille und Lebloſigkeit dieſes ungeheuren Sandſtrichs liegt, und wenn ihn auch zuweilen die Hitze der Sonne nicht wenig beläſtigte, ſo erfriſchte ihn wieder der Gedanke an die Fata Mor⸗ gana, die er noch nie geſehen und deren Anblick er jetzt ſo ſehnlich erwartete. Endlich an einem ſchönen Abend, nachdem die Sonne den ganzen Tag über mit unerhörter Glut auf den Köpfen der Reiter gebrannt, entwickelte ſich fern am Horizonte aus blauen Nebeln, die dort hinten empor zu ſteigen ſchienen, das Geſpenſt der Wüſte und die letzten Strahlen der Sonne zitterten herrlich auf jene fabelhaften Gebäude, auf jene unerreichbaren Wälder und auf das glänzende Waſſer, das kühlend und erfriſchend empor ſprudelte und doch noch nie eine menſchliche Zunge erquickt hat. Saladin ſaß voll Entzücken auf ſeinem Pferde und hing mit glühendem Auge an jenem Zauberbilde, das bald bläſſer wurde und nach und nach ganz wieder verſchwand. Als die beiden Reiſenden Abends unter ihrem Zelte lagen, ſagte der junge Mann zu ſeinem Diener:„Ach, Ismael, ich habe mir genau die Richtung gemerkt, nach welcher ich geſtern Abend das Eiland ſah, auf dem die Prinzeſſin Morgana thront. Laß uns dahin aufbrechen, wer weiß, ob wir es nicht ſchon am Morgen erreichen.“ „Beim Propheten!“ entgegnete Ismael traurig lächelnd.„Lieber Herr, du haſt gar ſonderbare Ideen. Schon unſere Reiſe an und für ſich, um zu einem Bild, welches wahrſcheinlich nie exiſtirt hat, das Original zu finden, iſt lächerlich genug. Allein der Vorſchlag, —yj V Von der Prinzeſſin Morgana. 95 den du mir eben machſt, die Karawane zu verlaſſen, um auf’'s Gerathewohl in die Wüſte hinauszuziehen, grenzt an Wahnſinn, und glaube mir, du wirſt das Geſpenſt der Wüſte, das dir jene ſchönen Gebäude, jene Palmen und Springbrunnen vormalt, ge⸗ wiß nie erreichen, denn wenn du dich einen Schritt dem Gebilde zu nähern glaubſt, ſo weicht es zehn Schritte vor dir zurück.“ „Aber,“ entgegnete Saladin unmuthig,„auf welche Art ſoll ich denn meinen Zweck erreichen und zu einem glücklichen Ende kommen, von dem die ganze Ruhe meines künftigen Lebens abhängt. Glaubſt du vielleicht, dieſer Zug durch die Wüſte würde meine Gedanken ändern und jenes Bild in meinem Herzen verſchwinden machen?“ „Ich hoffe das, o Herr,“ entgegnete Ismael.„Ich hoffe, deine Träumereien werden ſich zerſtreuen, und wenn wir nach einem Jahre gen Bagdad zurückkehren, wirſt du über dieſe Tage wie über einen ſeltſamen Traum lächeln.“ Saladin ſchüttelte traurig das Haupt und legte ſich hierauf zur Nuhe nieder.— Solche Geſpräche hielten die Beiden häufig zu⸗ ſammen, und ſo ſehr ſich auch Ismael bemühte, ſeinen jungen Herrn zur Vernunft zurückzubringen, ſo wenig konnte ihm dies gelingen. Saladin verwahrte das Bild ſorgfältig, und in mancher Stunde, wenn er allein war, öffnete er das Futteral und ſchwelgte im Anblick der wundervollen Züge. Aber es konnte auch nichts Schöneres im Himmel und auf Erden geben, als dieſes Bild. An einem Springbrunnen, der ſeinen klaren durchſichtigen Strahl hoch in die Lüfte ſchleuderte, lehnte die zarte Figur eines Mäd⸗ chens, den Kopf uachdenkend zur Erde geſenkt, ſo daß man nur die ſchöne glänzende Stirne, ſowie die halb verdeckten Augen ſah. Da dies ſchon im Stande war, ein Menſchenherz vor Liebe und Entzücken erkranken zu laſſen, wie unvergleichlich ſchön mußte nun erſt das ganze Geſicht ſein, wenn das Mädchen ihren Kopf erhob und freundlich um ſich blickte. Ach, wie oft hatte der junge 96 Von der Prinzeſſin Morgana. Mann in Stunden, wo er das Bild trunken vor Liebe anblickte, zu dem Propheten gefleht, er möge doch ein Wunder thun und ihn nur ein einziges Mal in jenes Antlitz ſchauen laſſen. Der Unbeſonnene! Schon bei dem halben Anblicke dieſes ſchönen Ge⸗ ſichts war ihm faſt ſein Herz gebrochen. Was würde alſo aus ihm geworden ſein, wenn erſt die Glut ihrer Blicke, verzehrender als die Strahlen der Sonne am Mittage ſein Blut entzündet hätten! In einigen Wochen hatte die Karawane Damaskus erreicht, und nachdem ſie hier einige Tage geraſtet, wandte man ſich gen Palmyra. Bald waren die Reiſenden wieder in die offene Wüſte hinausgekommen, wo ſie nichts ſahen, als Himmel und Sand. Kein Baum, kein Strauch, ſowie kein fließendes Waſſer. Die Waſſerportionen für Menſchen und Vieh wurden jetzt verkleinert, und je mehr man von der Hitze gequält wurde, um ſo gieriger und verlangender ſchauten die Menſchen das Spiel der Fata Mor⸗ gana an, das ſich hier reizender und größer, als ſonſt irgendwo allabendlich vor ihren Blicken ausbreitete. Saladin lag ganze Stunden unter ſeinem Zelte und ſtarrte hinaus in die Wüſte und träumte mit offenen Augen, wo er dann öfters glaubte, mit ſeinen Blicken durch jene phantaſtiſchen Wälder dringen zu können, und wo er den Springbrunnen zu erblicken meinte, an dem das wunder⸗ ſchöne Mädchen mit geſenktem Auge ſaß. Vergebliches Bemühen! wie das Licht der Sonne ſank, verſchwand auch jenes Zaubereiland, und Saladin warf ſich unruhig und fieberträumend auf ſeinem Lager umher.— Schon öfters hatte er bei ſich den Entſchluß gefaßt, die Kara⸗ wane, ja ſogar ſeinen alten Diener heimlich bei Nacht zu verlaſſen, ſich auf ſein Pferd zu werfen und in Gottes Namen nach jener Richtung hinzujagen, wo heute die Fata Morgana ihre Zauber⸗ ärten aufgebaut hatte. Doch war es immer, als ahnte der alte Diener etwas von dieſem Entſchluſſe, denn er erzählte ihm die Von der Prinzeſſin Morgana. 97 ſchrecklichſten Geſchichten von Reiſenden, welche, von heftigem Durſte gepeinigt, ihren Zug verlaſſen, um den betrüglichen Waſſerfluthen nachzugehen, die das Geſpenſt der Wüſte vor ihren Augen aus⸗ breitete, und alsdann im weiten Sande elend umgekommen ſeien. Dieſe Erzählungen verfehlten nicht, wenn auch nur auf kurze Zeit, einen Eindruck auf das Herz des jungen Mannes zu machen. Allein ſeine Sehnſucht und Liebe war zu groß, und nach und nach ſtellte ſich wirklich der Entſchluß bei ihm feſt, die Karawane heim⸗ licher Weiſe zu verlaſſen. Endlich— es war in einer ſchönen Nacht und beim Schim⸗ mer der untergehenden Sonne hatte man die Fata Morgana ſchöner als je in der Ferne glänzen geſehen,— ſchlich ſich der junge Mann von der Seite ſeines Dieners, ſchwang ſich auf ſein Roß und ritt leiſe aus den Reihen der Zelte hinaus in's Freie. Er hatte ſich die Richtung, nach welcher hin man heute Abend die Fata Morgana geſehen, ſo genau wie möglich gemerkt, gab ſeinem Roſſe die Sporen und jagte da hinaus. Die Sterne ſtiegen hell glänzend am Himmel auf und ſanken erbleichend wieder herab. In Oſten dämmerte der Morgen und der junge Mann jagte auf ſei⸗ nem Roſſe anhaltend durch die Wüſte der aufgehenden Sonne ent⸗ gegen. Das Grau der Nacht färbte ſich violett und wurde am Horizont immer heller und heller; das Violett ging endlich in dunkles Gelb über und bald erſchien die halbe Himmelsdecke mit einem goldenen Reif umzogen, der ſich langſam empor zu heben ſchien und jetzt den erſten Strahl der Sonne hindurch ließ, der die Wüſte in ihrer weiteſten Ausdehnung vergoldete. Saladin hielt hier ſein Roß an und ſchaute zuerſt in die Sonne, indem er den Propheten in einem kurzen Gebete anflehte, ihm gnädig zu ſein und ihm den rechten Weg zu ſeinem Glücke zu zeigen. Dann ſchaute er rückwärts auf die Fläche, wo er her⸗ gekommen war, und als er dort, ſo weit ſein Auge reichte, nichts Hackländers Werke. XIII. 7 98 Von der Prinzeſſin Morgana. als Sand und wieder Sand erblickte, wurde es ihm leichter um's Herz und er dachte freudig daran, daß er die beſchwerliche langſame Karawane verlaſſen und jetzt frei wie der Vogel ſeinem Glücke nacheilen dürfe. Alsbald gab er auch ſeinem Roſſe wieder die Sporen und jagte gen Oſten, hoffend, die Fata Morgana bald vor ſich zu ſehen und zu erreichen. Die Sonne ſtieg langſam am Himmel empor und ſchien alle ihre Glut auf den einſamen Reiter zu werfen, denn ihm ſelbſt kam die Hitze heute unerträglich vor. Schon neigte ſich die Sonne wieder hinab, als das ermüdete Pferd nicht weiter laufen konnte, weßhalb Saladin abſtieg und jetzt erſt zu ſeinem Schrecken einſah, daß er weder Gerſte, noch Waſſer habe, um das arme Thier nach dem langen Marſche zu erquicken. Glücklicher Weiſe fand er noch in einem kleinen Futterbeutel ein paar Hände voll Mais, die er dem Thiere gab. Obgleich auch ihn Hunger und Durſt nicht wenig quälten, ſo vergaß er dies doch plötzlich beim Anblick der Fata Morgana, die jetzt vor ſeinen Blicken langſam aufſtieg. Allein er ſchien ihr nicht viel näher ge⸗ kommen zu ſein, und es war nur ſeine Phantaſie, die ihm einredete, er ſähe ſie heute deutlicher und näher als geſtern. Ach, die zauber⸗ haften Palmenwälder und Gebäude gaukelten in der That ebenſo fern von ſeinen Augen, wie geſtern, weit vor ihm am Horizont. So kam die Nacht und der folgende Morgen fand den jungen Mann wieder zu Pferde wie er durch die einſame Wüſte einem Traumbild nachjagte, das mit derſelben Schnelligkeit zurückwich. Schon war ſein Roß vor Hunger, Durſt und Müdigkeit ſo angegriffen, daß es ihn, als der Abend dieſes Tages kam, nicht mehr tragen konnte, weßhalb er abſtieg und es am Zügel eifrig nach ſich zog; denn vor ihm ſtieg wieder das Geſpenſt der Fata Morgana empor; aber ach! er war ihm auch heute um keinen Schritt näher gekommen. Als die Nacht abermals herabſank, legte er ſich neben ſein Pferd hin und konnte vor Hunger und Durſt kaum das Auge ſchließen. Doch die Hoffnung, die ihn nicht verließ, ſtärkte ihn —,,— „ Von der Prinzeſſin Morgana. 99 auf's Neue, und als der neue Morgen kam, ſprang er kräftiger als je empor, um ſeinen Ritt fortzuſetzen. Aber ſein armes Roß, das kein Drang des Herzens vorwärts trieb, das durch keine Hoffnung geſtärkt und ermuntert wurde, machte nur einige mühevolle An⸗ ſtrengungen, ſich auf die Beine zu helfen, fiel aber wieder in den Sand zurück, da es wohl fühlte, ſeine Kraft ſei zu Ende. Jetzt ſtiegen zum erſten Male einige Zweifel in der Bruſt des jungen Mannes auf, und als er ſein ſterbendes Pferd ſah, dachte er mit Schrecken, daß auch ihm, wenn er das Ziel ſeiner Sehnſucht und ſeiner Mühen nicht erreiche, ein ähnliches Loos bevorſtehe. Doch die Hoffnung und der Blick auf das Bild, das er bei ſich trug, ließ ihn nicht dieſen trüben Gedanken nachhängen. Er ſagte deßhalb mit traurigem Herzen ſeinem treuen Roſſe Lebewohl und ſetzte ſeinen Weg zu Fuß fort. Allein zu ſeinem Schrecken fand er ſchon in den erſten Stun⸗ den dieſes Tages, daß ſeine jetzige Art, vorwärts zu kommen, un⸗ gleich langſamer und mühevoller ſei, als die, wo er noch hoch im Sattel ſaß. Auch war es, als wollten ſeine Glieder nicht mehr recht ihren Dienſt verſehen und als befände ſich etwas in ſeinem Körper, das ihre Kraft lähme; denn wenn er ſich noch ſo ſehr an⸗ ſtrengte, raſch vorwärts zu gehen, ſo hatte er doch kaum wenige Schritte mit verdoppelter Schnelligkeit gethan, als er wieder in den langſamen müden Schritt zurückfiel. Ach, es waren zwei ſchreck⸗ liche Feinde des Menſchen, Hunger und Durſt, die den armen Sa⸗ ladin von allen Seiten angriffen, die ſeine Glieder lähmten und ſein Herz krank machten. 1 Die Sonne ſenkte ſich jetzt wieder langſam am Himmelsbogen hinab und die Erſcheinung der Fata Morgana, welche abermals vor ſeinem Auge auftauchte, gab ihm auf's Neue Kraft und Muth, denn er bildete ſich ein, die Erſcheinung ſtehe ihm heute nicht ſo entfernt, wie geſtern, und er ſei ihr vielmehr um ein Bedeutendes näher gekommen. Die Müdigkeit ſtreckte ihn bald auf den Sand 100 Von der Prinzeſſin Morgana. hin und wenn auch, als er die Augen ſchloß, der Schlaf über ihn kam, ſo war es doch kein angenehmer erquickender Schlummer, der ihn ſtärkte, ſondern es lag eine Fieberglut auf ihm, die ihm die Augen gewaltig zudrückte, ohne ihm Ruhe zu gönnen. Als am andern Morgen die Sonne wieder empor ſtieg, hatte er ſchon die vierte Nacht ſeit ſeiner Flucht von der Karawane zurück⸗ gelegt, ohne während dieſer ganzen Zeit auch nur die geringſte Speiſe oder einen Tropfen Waſſer zu ſich genommen zu haben. Jeder andere Sterbliche würde ſchon jetzt verſchmachtet ſein und Saladin dankte es nur den Entbehrungen, denen er ſich in Bagdad freiwillig unterworfen, daß er nicht liegen blieb, ſondern vielmehr ſeinen ermatteten Koͤrper, wenn auch gleich ſehr langſam, dennoch fortſchleppen konnte. Indeſſen war ſein Gang mit dem Kriechen der Schnecke vergleichbar und zum erſten Mal kam ihm die Oede und die Einſamkeit der Wüſte ſchrecklich vor. Die leiſen Zweifel über das Gelingen ſeines Planes, die ſchon geſtern zuweilen in ihm aufgeſtiegen waren, wurden ihm nun zur Gewißheit und er ſeufzte nach ſeinem Diener Ismael und dachte auch jetzt zum erſten Male an den Schmerz, den er dem alten Manne durch ſeine Flucht ver⸗ urſacht. „Ach,“ ſeufzte er bei ſich,„wäre ich doch ſeinen Ermahnungen gefolgt, ſo könnte ich jetzt glücklich und vergnügt heimziehen, ich könnte eine beſſere Zeit abwarten, um dem Originale meines gelieb⸗ ten Bildes nahe zu kommen und brauchte hier nicht elend im Sande zu verderben.“ Fürchterlich brannte die Sonne auf ihn herab und drückte ſei⸗ nen ermatteten Körper gewaltig darnieder. Rings, ſo weit ſein entzündetes Auge umher ſtreifte, nichts als Sand und abermals Sand; kein rauſchendes Palmendach zeigte ſich ſeinem Blick, kein Murmeln einer friſchen Quelle traf ſein Ohr, und die Stille, die ihn rings umgab, die fürchterliche Stille;— ſelbſt kein wildes Thier floh neben ihm vorbei, kein Vogel durchſchnitt die Lüfte über 1 Von der Prinzeſſin Morgana. 101 ſeinem Haupte und dabei ſah der Himmel ſo drohend und erzürnt aus und hing glühend gelb wie ein flammendes Schild über ſei⸗ nem Haupte. 3 Saladin legte ſich jetzt in dem Sand nieder, denn ſeine Beine vermochten ihn nicht mehr zu tragen. Er nahm das Bild hervor, öffnete das Futteral und ſchaute das Gemälde zum letzten Male an. Ach, das Mädchen ſaß ruhig wie immer am Brunnen und blickte nicht in den kühlenden klaren Waſſerſtrahl, der hoch vor ihr empor ſprang und wovon der kleinſte Theil ihm, dem unglück⸗ lich Verſchmachtenden, das Leben gefriſtet hätte. Noch einmal übte das Bild ſeinen Zauber auf ſein Herz und flößte ſeinem Geiſte neue Hoffnung und neue Kraft ein. Er wollte ſich erheben, um ſich weiter fortzuſchleppen, allein ſeine Glieder verſagten ihm gänz⸗ lich den Dienſt. Er ſank in den Sand zurück, ſchloß die Augen und wähnte zu ſterben. 3 So ſtieg langſam die Nacht empor, und ein leiſer Wind, der über den Sand der Wüſte ſtrich, kühlte ſeine erhitzten Wangen ab und küßte ihm ſanft das geſchloſſene Auge. Zum letzten Mal blickte der arme junge Mann um ſich und ſein ganzes vergangenes Leben trat reger und lebendiger als jemals vor ſeine Seele. Er erinnerte ſich der Erzählungen Abn el Deri's, auf welch' ſonderbare Art der Prophet ihn vor dem Sandſturm errettet habe, und jener Tag, wo ihn ſein Pflegevater aus den Armen der ſterbenden Mut⸗ ter genommen, trat lebendiger als je vor ſeine Seele. „Warum,“ ſeufßzte er,„wurde ich damals gerettet, um jetzt hier in demſelben Sande unterzugehen, ohne durch mein Leben auf irgend eine Weiſe genützt zu haben? Warum das?“ fragte Sala⸗ din mit ſchwacher Stimme zum Himmel empor. Doch es war Nie⸗ mand da, der ihm Antwort gegeben hätte. Der Tag war jetzt gänzlich verſchwunden und mit der dunkeln Nacht, den freundlichen Sternen und dem glänzenden Monde kam zugleich die letzte bange Stunde des armen jungen Saladin. Das 102 Von der Prinzeſſin Morgana. Fieber raste noch einmal mit gewaltigen Schlägen durch ſeinen Körper, dann wurde ſein Herz ruhiger und immer ruhiger, ſeine Hände kreuzten ſich unwillkürlich über ſeine Bruſt und droben am Himmelsgewölbe fuhr ein erlöſchender Stern hernieder und ver⸗ ſchwand unter dem Horizont. Wer da glaubt, daß die Wüſte, die vor unſerm Auge ſo leer und öde daliegt, nicht ebenſo gut, wie alles übrige Land, in ge⸗ wiſſen Stunden der Nacht und zu gewiſſen Zeiten von höchſt ſeltſamen und räthſelhaften Geſtalten bevölkert werde, der irrt ge⸗ waltig. Nur ſind die Genien und Phantome, die in dem Sand ihr Weſen treiben, dem ganzen Charakter der Wüſte gemäß, ern⸗ ſterer und traurigerer Natur, als die Dſchinus und Kobolde, die allnächtlich um die geſegneten Fluren des Nils ſchwärmen. Mitten in der Nacht, wenn der Mond ſich abwärts neigt, ſtei⸗ gen ſeltſam geformte Nebel in die Höhe und verdecken das Geſtirn der Nacht, indem die traurigen Geiſter, die aus dem Staub und Sande der Wüſte emporſteigen, die graue Dämmerung dem hellen Schein des Mondes vorziehen. Ueber ſeltſam geformte Sandhügel, die in langer Strecke neben einander liegen, fährt ein leiſer Wind, der Sand und Staub von dieſen Hügeln hoch empor wirbelt. Doch ſonderbar: dieſe Sand⸗ und Staubwolken fallen nicht wieder hinab, ſondern heben ſich höher und höher und wogen und gleiten ſeltſam durch einander. Dort werden ſie heller, hier dunkler und Alle nehmen gar ſonderbare Formen an; ſie ballen ſich zuſammen und bilden Geſtalten von Meuſchen und Thieren, welche ſtumm und emſig durch einander ſchweben. Jetzt ſteigen aus den Sandhügeln weiß gebleichte Knochen empor und verſchwinden zwiſchen den Ge⸗ ſtalten, die ſich langſam in Bewegung ſetzen und einen langen Zug bilden;— dies iſt die Geiſterkarawane. Alle, die in der Wüſte ſtarben, Alle, die das Schwert oder die Kugel des Beduinen nieder⸗ warf, ſo wie Alle, die der Samum bedeckte und tödtete, ſind her⸗ vorgekommen aus ihren Sandgräbern und reihen ſich dem Zuge an, —— Von der Prinzeſſin Morgana. 103 der bei dem dumpfen Ton einer kleinen Pauke langſam durch die Wüſte dahin zieht. O, es iſt für ein menſchliches Auge nicht gut, die Geiſterkarawane zu erblicken; denn wer ſie geſehen, dem erkrankt Leib und Herz; er wird dann auch bald nachher ſterben und vielleicht ſchon in den nächſten Nächten der Karawane folgen. Manche ha⸗ ben ſie ſchon geſehen und erzählten vor ihrem Tode, daß der An⸗ blick ſchrecklich ſei. Die ruhig einherſchreitenden Kameele mit ſtieren lebloſen Augen, auf denen regungsloſe Männer ſitzen, deren Turban wie in tiefer Trauer herabwallt, und deren lange Mäntel ſchauerlich im Winde rauſchen. Die todten Weiber bei der Karawane ſitzen zu⸗ ſammengebeugt auf ihren Pferden und verhüllen den Kopf in ihren langen Schleier, wie ſie es bei Annäherung des Sandſturmes zu thun pflegen. Zuweilen erkennt dieſer oder jener, der das Unglück hat, die Karawane zu ſehen, einen Freund oder einen Verwandten, der ihm zuwinkt, und dann wehe dem, der den Gruß empfing, das Ende ſeiner Tage ſteht alsdann nahe— der Prophet möge ihn ſchützen! So lag in jener Nacht der junge Saladin auf dem Sande und rang mit dem Tode, wobei allerlei ſeltſame Gebilde vor ſein inneres Auge traten. Es war ihm, als öffne ſich das Futteral, das neben ihm an der Erde lag, und das Bild der Prinzeſſin Mor⸗ gana ſteige langſam daraus empor mit dem grünen Palmenwald, unter dem ſie ſaß und mit dem ſpringenden Waſſer, deſſen Mur⸗ meln der Unglückliche deutlich zu hören glaubte. Unverwandt ſchaute er auf die ſchöne Geſtalt und ſein Herz ſchien ſich auf's Neue zu beleben, denn ſte hob langſam den Kopf, und der himmliſche Blick, den ſie ihm zuwarf, goß neue Kraft in ſeine Glieder. Doch um⸗ ſonſt! Ihr Bild erblaßte wieder, wurde undeutlich und verſchwamm allmälig in die Luft. Saladin lag wieder allein da und fühlte, wie ſein Herz heftig und ängſtlich klopfte. Es war ein Ton, der zuerſt kaum hörbar anfing und immer lauter und lauter wurde. Jetzt däuchte es dem Sterbenden, als ſei es nicht ſein Herz, das ſo 4 4 104 Von der Prinzeſſin Morgana. ſchlüge, ſondern ein anderes Geräuſch, das aus weiter Ferne zu ihm herdringe; er hatte ſich nicht getäuſcht; und wirklich, dem war auch ſo. Deutlich hörte er den dumpfen Ton einer Pauke, auf der man regelmäßig ſchlug, weithin durch die Nacht hallen und lang⸗ ſam näher kommen. Plötzlich durchzuckte ihn der Gedanke, ob es vielleicht Menſchen ſeien, die zu ſeiner Rettung daher kämen; aber gleich darauf verſchwand ihm dieſe Hoffnung wieder, denn eine Karawane ſetzt ihren Weg nie bei Nacht fort; und doch kam das Geräuſch, welches er vorhin gehört, immer näher. Schon vernahm er den leiſen regelmäßigen Tritt der Kameele und das Rauſchen und Flattern der Turbane und langen Mäntel der Reiter. Müh⸗ ſam öffnete er jetzt die Augen, ſchloß ſie aber ſchaudernd wieder, denn er ſah die Geiſterkarawane dicht bei ſich vorbeiziehen. Leiſe ſchwebten die geſpenſtigen Reiter vorbei und er ſah ſie alle, trotz der feſt verſchloſſenen Augen. Es ſchien ihm auch, als wink⸗ ten ſie ihm, und ein todter Neger, der ebenfalls vorbei ritt, zeigte ihm grinſend die weißen Zähne und deutete auf ein lediges Pferd, das er an der Hand führte. In großer Menge zogen Kameele und Pferde vorbei, auf welchen die Reiter ſchweigend und tief in ihre Mäntel und Schleier gehüllt ſaßen, und Niemand bekümmerte ſich weiter um den, der ſterbend im Sande lag. Da erſchien eine neue Abtheilung des Zugs. Es waren große ſchwer beladene Kameele, denen eine Menge Sklaven zu Pferde folgten, die eine Frau umgaben, welche ein edles arabiſches Roß ritt. Die Frau hatte den Schleier ebenfalls um ihr Haupt ge⸗ wickelt und ſtarrte düſter vor ſich auf den Sattel. Plötzlich fing ſie an, ſich zu bewegen, hob den Kopf empor und blickte erſchreckt und verwundert um ſich. Ach, dieſes Geſicht kam dem jungen Manne ſo freundlich und bekannt vor, obgleich er ſich nie erinnerte, daſſelbe geſehen zu haben. Es war ihm wie die Melodie eines Liedes, die er einſt in früheſter Zeit gehört und die jetzt wieder vor ſeinem Ohre erklang. Die Frau richtete feſt das Auge auf ihn, — Xᷣ Von der Prinzeſſin Morgana. 105 der im Sande lag, und ihr blaſſes, regungsloſes Geſicht verzog ſich plötzlich zu einem freundlichen Lächeln. Haſtig warf ſie den Schleier von ihrem Kopf, wandte das Pferd aus der Reihe auf die Stelle zu, wo er lag, ſprang herunter und kniete neben ihn, wobei ſie ihre Hand auf ſein Herz und ſeine Stirne legte. Saladin wußte nicht, wie ihm geſchah und öffnete jetzt das Auge, um in das Geſicht der freundlichen Frau zu ſehen, die über ihn gebeugt, ſeine Mienen mit der geſpannteſten Freundlichkeit be⸗ trachtete.„Ja, er iſt's,“ ſagte ſie darauf mit leiſer tonloſer Stimme, „es iſt mein Sohn, der Sandſturm hat ihn verſchont und ich ſehe ihn wieder.“ Bei dieſen Worten durchſtrömte ein unnennbar ſüßes Gefühl die Adern des Sterbenden und ſo ſchauerlich ihm im An⸗ fang der Anblick der Geiſterkarawane geweſen war, ſo fühlte er ſich doch jetzt nicht mehr ſo verlaſſen, als wie er vorhin einſam im Sande lag. Die Sklaven, in deren Mitte die Frau geritten war, wandten gleichfalls ihre Pferde aus der Reihe und umſtanden den jungen Mann, ihn mit ſtieren Blicken anſchauend. Hierauf löste die Frau eine Flaſche von ihrem Gürtel, aus der ſie ihm einige Tropfen in den Mund goß, die wie flüſſiges Feuer durch ſeinen ganzen Körper zu laufen ſchienen und alle ſeine Glieder mit neuer Kraft erfüllten. Bald war er im Stande, ſich aufzurichten, und ſeine letzten Stunden kamen ihm wie ein Traum vor. Er ließ ſeine Blicke über die Geiſterkarawane hinſchweifen, die ſich in lan⸗ gem Zuge unaufhörlich bei ihm vorbei bewegte. Dann ſchaute er in das bleiche Geſicht der Frau, die ihn mit inniger Liebe anſah, und zum erſten Mal in ſeinem Leben ſprach er einen Namen aus, deſſen ſüßer Klang ihm bisher fremd geweſen war.„Mutter,“ ſagte er, „biſt du es? Biſt du meine Mutter, die ich in frühſter Kindheit verlor, und die jetzt erſcheint, mich vom Tode zu retten?“ Statt aller Antwort nickte die Frau traurig mit dem Kopfe, und ſagte:„Ja, wenn ich es vermag.“ Plötzlich blickte ſie raſch 106 Von der Prinzeſſin Morgana. empor, der vorausgeeilten Karawane nach und warf einen fragen⸗ den Blick auf ihre Begleiter, die theilnahmlos um ſie her ſtanden. Da kehrte auf einmal der Mohr zurück, den Saladin vorhin ſchon bemerkt und der ihm ſo ſeltſam zugelächelt hatte. Er ritt ein Pferd von ſchwarzer Farbe und führte ein ähnliches an der Hand, das er dem jungen Manne, ohne ein Wort zu ſprechen, anbot. Saladin richtete ſich am Arm ſeiner Mutter empor und ließ ſich an das Pferd des Negers begleiten, das er willenlos beſtieg. Im gleichen Augenblick beſtieg die Frau auch das ihrige, und der Zug ſetzte ſich ſchweigend, aber eilig, auf's Neue in Bewegung. Obgleich Saladin wohl fühlte, was in der letzten Zeit mit ihm vorgegangen ſei, und trotz dem, daß er ſeine Mutter erkannt hatte, die ihn von dem Verſchmachten gerettet, ſo kamen ihm doch dieſe ſeltſamen Ereigniſſe nur wie ein angenehmer Traum vor. Er ſah die Frau an ſeiner Seite reiten, wie ſie in liebend und mit Innig⸗ keit anblickte und ihm zuweilen die Hand auf ſeinen Arm legte. Aber ach, was er ſchon früher gefühlt hatte, empfand er auch jetzt wieder, ihre Hand war kalt, und jede Berührung derſelben zuckte ihm ſchmerzend durch den Körper. Auch ihr Geſicht, ſo freundlich es ihn anblickte und ſo angenehm ihm die Züge der Mutter er⸗ ſchienen, die er heut zum erſten Male ſah, ſo waren ſie doch leblos und ſtarr. Wenn es auch ſchien, als bewegten ſich die Pferde und Kameele der Karawane nur langſam vorwärts, ſo flogen ſie doch in der That mit einer unglaublichen Schnelligkeit dahin. Kaum tauchte vor dem Blicke Saladin'’s fern am Horizont eine neue Hügelreihe auf, ſo hatten ſie dieſelbe auch ſchon erreicht. Nachdem ſie auf dieſe Art eine Zeitlang fortgezogen, erblickte Saladin plötzlich am Horizont prachtvolle zierliche Gebäunde, um⸗ geben von ſchlanken Palmen, die wie durch Zaubermacht auf einmal aus dem Boden hervorgeſtiegen zu ſein ſchienen. — Von der Prinzeſſin Morgana. 107 Dies Alles bot ſelbſt bei Nacht einen wundervollen prächtigen Anblick. Die Paläſte ſchienen von innen erleuchtet und glänzten im Strahle der Lichter in den ſchönſten bunteſten Farben. Die dichten Wälder von Orangen, Sykomoren und Palmen, welche die Gebände umgaben, waren ebenfalls mit bunten Flammen er⸗ leuchtet, die aus den zahlreichen Quellen und Springbrunnen, mit welchen der grüne Raſen faſt bedeckt war, aufzuſteigen ſchienen, oder es war vielmehr das Waſſer ſelbſt, das einen wunderbaren Glanz in allen Farben ausſtrömte. Geblendet von dem Schimmer bedeckte Saladin die Augen mit ſeiner Hand beim Anblick dieſes prächtigen Eilandes mitten in der Wüſte, und indem er ſeine Mutter fragte, welchem mächtigen Fürſten dort jene Paläſte ſeien, durchzuckte eine ſeltſame freudige Ahnung ſeine Seele. „Ach, mein Sohn,“ entgegnete die Frau,„es iſt kein mächtiger Fürſt, der dort haust; alle jene Pracht und Herrlichkeit, die uns hier entgegen leuchtet, dient zum Aufenthalt der unglücklichen Prinzeſſin Morgana.“ Ihr könnt Euch leicht denken, welchen Eindruck dieſe Worte auf das Herz des jungen Mannes machten, und mit welchen Empfin⸗ dungen er jetzt das Eiland wenige Schritte vor ſich liegen ſah, nach deſſen Erreichung er ſein ganzes Leben getrachtet, und wofür er faſt den Tod erlitt. „Höre mich, mein Sohn,“ fuhr die Mutter fort,„was du jetzt dort zauberhaft beleuchtet vor dir ſiehſt, iſt die Erſcheinung, welche die Sterblichen in der Wüſte oft am Horizonte auftauchen ſehen, und die bei Annäherung der Menſchen beſtändig zurück⸗ weicht und entſchwindet. Es iſt die Fata Morgana; ein Paradies, das die Gnade des Propheten für die Unglücklichen erſtehen ließ, zu denen auch deine Mutter gehört, für jene nämlich, die in der Wüſte ſtarben, die der Sand bedeckt und denen deßhalb kein Be⸗ gräbniß zu Theil werden kann, wie es dem Rechtgläubigen zukommt. 108 Von der Prinzeſſin Morgana. Ach, für uns iſt deßhalb auch nicht die fortdauernde Luſt des Para⸗ dieſes, denn ſo lange die Sonne am Himmel ſteht, liegen wir re⸗ gungslos unter dem Sande und erſt, wenn die Nacht aufſteigt, verlaſſen auch wir unſere Gräber und ziehen in großen unabſeh⸗ baren Schaaren gen Oſten, in das Reich der Prinzeſſin Morgana, wo alsdann die Nacht in wilder Luſt und Fröhlichkeit zugebracht wird.“ 1 Saladin hörte kaum auf die Worte ſeiner Mutter, denn ſein Herz eilte dem Zuge voran und ſchwebte ſchon, von den kühnſten Wünſchen umgeben, unter jenen Palmen und Orangenbäumen; ſein Auge ſuchte ſchon die Stelle auf, wo der Springbrunnen wohl ſein könne, an dem er die Prinzeſſin finden würde. . Jetzt hatten die erſten der Karawane das Eiland erreicht, und die ſtillen regungsloſen Geſtalten ſtiegen langſam von ihren Pferden und Kameelen herab und verſchwanden darauf unter den Bäumen und zwiſchen den Gebäuden in das Innere der Oaſe, woher jetzt eine ſanfte, fröhliche Muſik ertönte. So rückten nach und nach alle Züge der Geiſterkarawane ein, bis auf den, bei welchem ſich Saladin befand, der ſich ſchon lange vor Ungeduld kaum auf ſeinem Pferde zu halten vermochte. Jetzt hatten auch ſie den Raſen erreicht und die Sklaven ſtiegen ſtill⸗ ſchweigend von ihren Roſſen, um ihrer Herrin, ſowie ihrem Sohne den Bügel zu halten. Haſtig warf ſich letzterer vom Pferde und wollte raſch in das Gebüſch ſtürzen, allein ſeine Mutter hielt ihn an der Hand zurück, 3 „Wo willſt du hin, mein Sohn?“ fragte ſie ängſtlich.„Was treibt dich ſo raſch vorwärts? O bleibe zurück von den luſtigen Tänzen, die meine Unglücksgefährten aufführen. Bleibe ihnen fern, denn ſie ſind für kein Auge, aus dem noch der Glanz des Lebens ſtrahlt.“ 3 „Ach, meine Mutter,“ entgegnete der Jüngling ungeduldig, „was kümmert mich Tanz und Muſik? Etwas Anderes, ein ſüßes ⁸ 3 —x—p 4 Von der Prinzeſſin Morgana. 109 ſchönes Bild trieb mich hinaus in die Wüſte und hätte mich dem ſichern Tode entgegen geführt, wenn dich der Prophet nicht zu mir geſandt und mich dadurch errettet hätte. Doch jetzt, o Mutter, bin ich dem Original dieſes Bildes nah, drum halte mich nicht länger zurück, denn ich muß ſie ſelber ſehen, muß mich der Prinzeſſin Mor⸗ gana zu Füßen werfen.“ Bei der Nennung dieſes Namens verhüllte die Frau ihr Geſicht mit dem Schleier und ſagte leiſe und traurig:„Wehe, wehe, mein Sohn, was iſt mit dir geworden? Wer hat den ſchrecklichen Ge⸗ danken in deine Bruſt gelegt, die Prinzeſſin Morgana aufzuſuchen? O mein Kind, bleibe zurück, folge nicht dem Zuge dieſer Unglück⸗ lichen, welche die paar ärmlichen Stunden, die ihnen der Prophet allnächtlich vergönnt, in wilder Luſt zubringen; denn es könnte dir leicht nach deinem Wunſch geſchehen, daß du die Prinzeſſin Morgana ſäheſt; alsdann würde der Tod plötzlich dein Auge be⸗ decken, und auch du würdeſt keine Ruhe haben und müßteſt bis in ewige Zeiten jede Nacht dein Grab verlaſſen und dich auf's Pferd ſchwingen, um der Geiſterkarawane zu folgen.“ Mit den Bitten einer Mutter hat es eine eigene Bewandtniß. So maͤchtig ſich auch Saladin nach dem zauberhaften Eiland ge⸗ zogen fühlte, ſo war es ihm doch nicht möglich, ſeine Mutter zu verlaſſen, die ihn mit flehenden Worten beſchwor, ſich nicht in jenes bunte Gewühl zu miſchen. Willenlos folgte er ihr und ließ ſich an einen ſtillen Ort der Oaſe führen, wohin der Glanz des Lichtes nicht drang und wohin ſich kein Ton der Muſik verirrte. Die Mut⸗ ter führte ihn zu einer Raſenbank, neben der ein kleiner Quell floß, den hochſtämmige Sykomoren und Palmen umſtanden, über der Bank und dem ganzen Platz mit ihren Zweigen eine große Laube bildend. Hier ſetzte ſich die Frau nieder und zog ihren Sohn neben ſich auf die Bank, indem ſie um Aufſchluß bat, was er von dem 110 Von der Prinzeſſin Morgana.. Daſein der Prinzeſſin Morgana wiſſe, und was ihn getrieben habe, dieſelbe aufzuſuchen. Mit möglichſter Umſtändlichkeit und mit der größten Begeiſter⸗ ung erzählte Saladin darauf ſeine Schickſale, erzählte, wie ihn Abn el Deri erzogen, wie ſein Pflegevater endlich geſtorben und ihn mit dem alten Ismael allein gelaſſen habe. Dann ſprach er in den glühendſten Worten von dem Bilde, das er zufällig gefunden, wie er nach dem Anſchauen deſſelben ſchwer erkrankt ſei und wie ihn von da eine unnennbare Sehnſucht, ſich dem Originale deſſelben, 4 der Prinzeſſin Morgana, zu nahen, nicht mehr verlaſſen habe; wie er darauf in Armuth und Elend verſunken ſei, bis ihn der Kalif Harun al Radſchid ausgerüſtet und mit der Karawane fortgeſchickt habe, die er aber nach einigen Tagen verlaſſen und, allein umher⸗ irrend, beinahe verſchmachtet wäre, wenn ihn in dieſer Nacht die Mutter nicht gefunden und gerettet hätte.„ Bei dieſen letzten Worten zog er aus ſeinem Gürtel das Bild⸗ niß, worauf ſeine Mutter daſſelbe betrachtete und ihm entgegnete: „Mein Sohn, mir iſt unerklärlich, welche Zaubermacht im Stande geweſen iſt, dies Bildniß zu entwerfen; wirklich, es ſind die getreuen Züge der Prinzeſſin Morgana.“ „Siehſt du, Mutter,“ entgegnete der junge Mann in freudigem Tone,„ſiehſt du, daß meine Träume nicht gelogen, ſiehſt du, daß ich meinen Wünſchen nahe bin. Drum halte mich nicht länger zu⸗ rück, den letzten Schritt zu thun, ſie zu ſehen, vielleicht ihre Liebe zu erwerben und glücklich zu ſein.“ —.,— Der Jüngling wollte bei dieſen Worten aufſpringen, aber V die Mutter zog ihn ſanft zu ſich nieder und bat ihn, aufmerkſam zuzuhören, was ſie ihm über das Weſen der Prinzeſſin Morgana mitzutheilen habe. 3 „Daß es dir gelang, mein Sohn,“ ſprach ſie,„in den Beſitz dieſes Bildniſſes zu kommen, iſt keine Gnade, die dir Gott und der Prophet erwies. O es iſt vielmehr ein großes Unglück. Denn 4 8 44 n. 1 Von der Prinzeſſin Morgana. 111 wenn du ſchon beim Betrachten dieſes Gemäldes krank vor Ent⸗ zücken und Liebe wurdeſt, ſo würde dich, wie ich dir ſchon geſagt, der Anblick der Prinzeſſin ſelbſt, deren Schönheit dieſes Bild noch tauſendfach übertrifft, unfehlbar tödten. Ach, die Glut ihres Auges ſtrahlt ſo mächtig, daß ſie ſelbſt unſere todten Herzen er⸗ wärmen und uns das Leben wieder geben könnte, wenn nicht der mächtige Wille des Propheten uns beim aufſteigenden Morgenlicht wieder in unſere Gräber zurückkehren hieße. „Die Prinzeſſin Morgana iſt die Tochter einer Fee, welche vor der Geburt dieſes Kindes die Königin der Feen um eine Gnade bat. Als ihr dieſe gewährt war, flehte ſie thörichter Weiſe in ihrem Stolz für die Tochter um eine ſolche Schönheit, die kein menſchliches Auge anſchauen könne, ohne vor Entzücken und Liebe zu ſterben. Ihr Wunſch wurde gewährt, und als die Prinzeſſin Morgana erwachſen war, richtete dieſe Gabe ſowohl unter den Menſchen, als auch unter den Geiſtern, das ſchrecklichſte Unheil an. Wenn letztere auch beim Anblick der Prinzeſſin nicht ſtarben, ſo verſanken ſie doch in tiefe Schwermuth, weil es keinem gelang, in dem Herzen der Prinzeſſin Gegenliebe zu erwecken; denn als die Königin den thörichten Wunſch der ſtolzen Fee erfüllte, fügte ſie, um die Prinzeſſin zu demüthigen, hinzu, daß nur ein Sterblicher im Stande ſein ſolle, ihr Liebe einzuflößen, ein Ausſpruch, der nie in Erfüllung gehen konnte, weil alle Menſchen, die ſie erblickten, von dem Strahl ihrer Schönheit getroffen, plötz lich ſtarben. Ach mein Sohn,“ ſchloß die Mutter,„ſo würde es dir auch ergehen und ich könnte nichts zu deiner Rettung thun.“ Nachdem Saladin dieſe Erzählung gehört, fühlte er in ſeinem Herzen wohl die Wahrheit derſelben und überlegte eine Zeitlang, in traurige Gedanken verſenkt, was wohl das Schlimmſte für ihn ſein würde, ob es wohl trauriger wäre, wenn er ſein ganzes Leben in ungeſtillter Sehnſucht und Liebe verbrächte, oder wenn er mit 112 Von der Prinzeſſin Morgana. einem Male durch den Anblick der Geliebten eines plötzlichen, aber doch ſchönen Todes ſtürbe. Während dieſer Zeit war indeſſen die Nacht vorgerückt und die Sterne begannen am Himmel zu erbleichen. Die Pferde, die draußen im Sande zuſammen ſtanden, fingen an unruhig zu werden, warfen die Köpfe in die Höhe und ſcharrten mit den Füßen; denn der Morgenwind, der ſich jetzt erhob und langſam über die Fläche dahin ſtrich, durchkältete ſie und ließ ſie vor Froſt erzittern. „Meine Zeit iſt um,“ ſprach jetzt die Frau zu Saladin,„und ich muß mit der Karawane hinaus in die Wüſte flüchten bis zu der Stelle, wo mich der Sandſturm erreichte und bedeckte. Willſt du mir folgen, mein Sohn, und bei meinem Grabe warten, bis wir in der nächſten Nacht wieder unſere Reiſe hieher antreten, oder willſt du hier bleiben und auf meine Zurückkunft harren?“ So gern der junge Mann ſeiner Mutter gefolgt wäre, ſo kann man ſich leicht denken, daß es ihm doch weit lieber war, wenigſtens in der Nähe der Geliebten zu bleiben; wobei er ſeiner Mutter ge⸗ lobte, daß er keinen Verſuch machen werde, die Prinzeſſin zu ſehen. Dieſe lächelte ihn mit trüber Miene an und entgegnete:„Wenn auch dein Wille gut iſt, mein Sohn, ſo möchte doch deine Sehn⸗ ſucht, die Prinzeſſin zu erſchauen, meine Worte vergeſſen machen, deßhalb nimm meinen Schleier, decke ihn über dein Geſicht und er wird dich vor Allem bewahren.“ Darauf drückte ſie ihm noch einmal die Hand und ſchwebte leiſe hinweg, oftmals zurückblickend und ihm zuwinkend, er möge ihr nicht folgen. Saladin hatte den Schleier aus ihrer Hand genommen und breitete ihn, ihrem Befehl gemäß, über ſein Haupt aus; doch wie ward ihm, als er plötzlich eine unwiderſtehliche Müdigkeit in ſeinem ganzen Körper fühlte. Er mußte ſich auf die Raſenbank nieder⸗ laſſen und nachdem er einige Augenblicke vergebens gegen eine Er⸗ ſtarrung angekämpft, die ſich aller ſeiner Glieder bemächtigte, lag Von der Prinzeſſin Morgana. 113 er regungslos wie ein Todter da. Es war kein Schlaf, der ihn gefeſſelt hielt, denn er ſah und hörte deutlich Alles, was um ihn her vorging, doch ſo, als wenn ſich Alles, was ſich um ihn bewegte, nicht in der Wirklichkeit, ſondern nur in ſeinen Gedanken vorhanden wäre. Er ſah, wie ſeine Mutter zur Karawane zurückging, wie ſie ſich auf ihr Pferd ſchwang und von ihren Dienern umgeben dahin flog; wie ſchwarze und graue Schleier ſchwebten die Geſtalten über den Sand, den die anbrechende Morgendämmerung ſchon heller färbte, und es dauerte nicht lange, ſo war der ganze Zug der Geiſterkarawane am fernen Horizont und verſchwand allmälig ſeinen Augen. Er lag ruhig da, und ermüdet, wie er nach der durch⸗ wachten Nacht war, hieß er den Schlaf herbeikommen, der ihn auch alsbald in ſeine Arme nahm. Unterdeſſen wurde es Tag. Die Sonne ſtie empor, vergoldete die Spitzen der P denen Saladin ſchlief. Obgleich ſein Schlaf ein ſehr feſter war, ſo fühlte er doch mitten in demſelben eine Bewegung, als ſei er auf einem großen Schiffe, das von den Wellen getrieben, ſanft auf dem Meere ſchaukelte. Ach, er ſchwamm ja auch auf einem Meere, freilich beſtanden die Wellen nur aus Sand und ſein Schiff war eine Oaſe, aber es war ja die Fata Morgana, auf welcher er ſich befand, die am Tage geiſterhaft über den Sand dahin gleitet und, wie das Menſchenherz, nie einen Ruhepunkt hat. Plötzlich war es dem jungen Manne, als hör er mitten im Schlaf ein leiſes Geräuſch in den Zweigen der Geſträuche, die ſein Lager umgaben, ſowie lleichte Fußtritte, die näher zu kommen ſchienen. Er verſuchte es, die Augen zu öffnen, und wenn ihm dies auch gelang, ſo erwachte er doch nicht, wie ſonſt ein Menſch, aus einem geſunden Schlaf zu vollkommenem Wachen, ſondern er befand ſich in demſelben ſonderbaren Zuſtande, in welchem ihn die Mutter zurückgelaſſen, nachdem er ihren Schleier über den Kopf Hackländers Werke. XIII. 8 g am Himmel almen und Sykomoren, nnter 114 Von der Prinzeſſin Morgana. gezogen. Er ſah Alles in einem gemilderten Lichte. Die grelle Farbe des Sandes draußen kam ihm wie ein leichtes Gelb vor, und er konnte ſogar in die glühende Sonne ſchauen, ohne von ihrem Glanz geblendet zu werden. Doch wer beſchreibt ſein Erſtaunen und ſein Entzücken, als er jetzt um ſich ſchaute und die Geſtalt eines Mädchens gewahrte, die ſinnend unter den Bäumen umher wandelte und auf ihn zukam, ſein Entzücken, ſage ich euch, denn er erkannte in der reizen den feenhaften Geſtalt die Prinzeſſin Morgana, wie ſie auf dem Bilde gemalt war. Auch jetzt hatte ſie den Kopf zur Erde geſenkt und wenn gleich Saladin der Worte ſeiner Mutter gedachte, daß der Blick des ſchönen Mädchens tödtlich ſei, ſo vergaß er doch Alles und bat im Stillen den Propheten, er möge ihm nur einmal den vollen Anblick in dies himmliſche Geſicht gewähren, er wolle als⸗ dann gern ſterben. Jetzt war die Prinzeſſin ganz nahe zu ihm herangekommen, hob plötzlich ihren Kopf empor und blieb mit einem erſtaunten Blick ſtehen, als ſie hier den fremden jungen Mann gewahrte. Was ſich auch Saladin von ihrer Schönheit und ihrem Lieb⸗ reiz gedacht und was er auch davon aus dem Bildniſſe entnommen hatte, es wurde unendlich übertroffen von der Wirklichkeit. Bei dem Blick, mit dem ihn die Prinzeſſin anſah, ſchien ſein Herz auf's Neue erkranken zu wollen. Das Blut tobte wild in ſeinen Adern und es war ihm, als könne nur der Tod das Feuer, das ihr Blick in ihm entzündet, auslöſchen. Doch Dank dem Schleier der todten Mutter, er brach, wie die Glut, die Sonne, auch den Glanz dieſer Schönheit, der auf ihn einſtrömte, und bewahrte ihn ſo vor dem Tode, der ihn ſonſt wie jeden andern Menſchen getroffen haben würde. Die Prinzeſſin ihrerſeits war nicht wenig betroffen als ſie ſah, daß der ſchöne junge Mann regungslos liegen blieb. Zwar entfernte ſie ſich nach wenigen Augenblicken wieder, doch nicht, ohne im Weg⸗ — * Von der Prinzeſſin Morgana. 115 gehen ſich noch einige Male nach ihm umzuſehen; nur in der Ab⸗ ſicht, um ſich zu überzeugen, ob der junge Mann nicht vielleicht todt ſei, da er ſich gar nicht bewege. Dieſe Gedanken mochte die Prinzeſſin Morgana im Lauf des Tages noch öfters hegen, denn Saladin bemerkte zu ſeiner höchſten Freude, daß ſie mehrere Male in die Nähe der Laube kam und aufmerkſam nach ihm blickte. Auch war es ihm ſehr beruhigend, an den Schlägen ſeines Herzens zu fühlen, daß der wilde Schmerz, der ihn beim Anblick der Prinzeſſin faſt getödtet hatte, ſich jedes⸗ mal verminderte, ſo oft er ſie wieder ſah und am Abend dieſes Tages nur in einem gelinden Stechen beſtand, wie es auch andere Menſchen in der linken Seite fühlen, wenn ſie ſich dem Gegenſtand ihrer Liebe nahen. So ſank die Sonne hinab und die Nacht ſtieg langſam her⸗ auf, und wie die Dunkelheit ſich über die Wüſte, ſowie über die Oaſe, in welcher Saladin lag, ausgebreitet hatte, begann in letzterer daſſelbe glänzende und bunte Leben wieder, wie in der vergangenen Nacht. Das Waſſer in den Springbrunnen und Quellen glänzte in den mannigfaltigſten Farben und zeigte die Bäume und Gebäude in einem zauberhaften Lichte. Muſik erſcholl von fern her und zugleich fühlte Saladin, wie die unſichtbaren Bande, die ſeinen Körper gefeſſelt hielten, allmälig lockerer wurden und er ſich wieder bewegen konnte. Er ſprang von ſeinem Lager auf und ſein erſter Gedanke war, ſich in das Innere der Oaſe zu begeben, ſich der Prinzeſſin Morgana zu Füßen zu werfen und ihr ſeine Liebe zu geſtehen. Allein er erinnerte ſich noch zur rechten Zeit an die Worte ſeiner Mutter und beſchloß daher, ihre Rückkehr vorerſt abzuwarten. Bald gewahrte er auch fern in der Wüſte die Geiſterkarawane, wie ſie heranzog und wenig Augenblicke darauf wogten die geſpen⸗ ſtigen Reiter in dichten Schaaren heran, verließen eilig ihre Pferde und Kameele und begaben ſich in das Innere der Inſel, um wie — V 116 Von der Prinzeſſin Morgana. geſtern die Nacht in toller Luſt zuzubringen. Auch die Mutter Saladin's erſchien wieder und eilte freudig auf ihren Sohn zu, als ſie ſah, daß er ſich noch wohlbehalten an dem Orte befand, wo ſie ihn geſtern verlaſſen. Er erzählte ihr eilig den Verlauf des verfloſſenen Tages, daß ihm die Prinzeſſin mehrere Male er⸗ ſchienen ſei, daß ſeine Liebe zu ihr ſich noch tanſendmal vergrößert hätte, und daß ihn keine Macht der Erde abhalten würde, ſie morgen aufzuſuchen, um ſich ihr zu Füßen zu werfen. „Ach, Mutter,“ fügte er hinzu,„wer weiß, ob es mir nicht vom Schickſal beſtimmt iſt, ihre Gegenliebe zu erlangen und der glücklichſte Menſch auf Erden zu werden. Wenn mich auch wahr⸗ ſcheinlich dein Schleier bei ihrem Anblick vor einem plötzlichen Tode bewahrt hat, ſo hat ſich mein Auge doch ſchon an den Strahl ihrer Schönheit einigermaßen gewöhnt und ich will morgen wenig⸗ ſtens den Verſuch wagen, ſie anzuſchauen, ſollte ich auch dabei zu Grunde gehen.“ Umſonſt waren alle Bitten und alles Flehen der Mutter; die Liebe für die ſchöne Prinzeſſin war in der Bruſt des jungen Man⸗ nes zu mächtig geworden, und er fühlte wohl, daß es ſich hier auf alle Fälle um Leben oder Tod handle, und als die Nacht vergangen war und die Mutter beim Abſchied wieder ihren Schleier zurück ließ, nahm er ihn zwar an, hütete ſich aber wohl, ihn wie geſtern über ſein Haupt auszubreiten. Hoffend und erwartend ſaß er da, dem Anbruch des Tages entgegenſchauend. Die Sonne ſtieg jetzt wieder empor und ſo ſehr es ihn auch gedrängt hatte, die Prinzeſſin aufzuſuchen, ſo zögerte er doch jetzt, als der Augenblick wirklich gekommen war, von Mi⸗ nute zu Minute, und es dauerte eine geraume Zeit, bis er ſich endlich erhob und in das Innere der Oaſe ging. 4 Wie hoch und herrlich waren hier die Bäume und mit welch! friſchem Grün der Raſen bedeckt. Er hatte nie etwas Aehnliches geſehen, die Kuellen rieſelten ſo klar über weißen Silberſand dahin . 4 e. Voll der Prinzeſſin Morgana. 117 und kühlten die Luft ringsum ab. Ach, und wie ſchön waren erſt die ihan len iniſheß Luſthäuſer, bei denen er vorbei kam! So konnte es nur im Paradieſe ſein. Wohin er auch den Blick wen⸗ den mochte, beſtändig zeigke ſich ihm eine neue entzückende Ausſicht. Licht und, Schatten, Bäume und Waſſer, verbunden mit den glän⸗ zenden Gebäude wechſelten beſtändig auf die reizendſte Art ab. Auf einmal fühlte Saladin an dem ängſtlichen Pochen ſeines Her⸗ zeus, daß er ſich delm Gegenſtande ſeines Suchens nähere; er ſtand aan Wenche en tißf Akhem ſchöpfend. Ja, er ſah jetzt durch die Bäume den Springbrunnen, den er auf ſeinem Gemälde ſo taufendmal angeſchältt, und an dem Brunnen ſaß die Prinzeſſin, den Kopf in die Hand gelegt, ganz ſo, wie auf dem Bilde. Mit leiſen zögernden Schritten nahte er ſich, und war es eine plötzliche Schwäche, Hie ihn anwandelte, oder ſeine übergroße Liebe, denn er ließ ſich ehkerbietig auf ein Knie nieder und wagte es kaum, die Augen zu erheben. Eine Zeit lang blieb er ihr ſo ge⸗ genüber, bis die Prinzeſſin mit einem Mal das Geſicht in die Höhe hob und einen lauten Schrei ausſtieß, als ſie den jungen Mann zu ihren Füßen knieen ſah. O hätte er doch in dieſem Augenblicke den Schleier der Mutter zur Hülfe gehabt, daß derſelbe den Strahl ihrer Schönheit etwas gemildert hätte! Wenn er ſich auch geſtern ſchon ziemlich an ihren Anblick gewöhnt hatte, ſo konnte er heute doch den Glanz ihren Schönheit nicht ertragen und ſank verwirrt und halb beſinnungslos zu den Füßen der Prinzeſſin. Als er nach einigen Augenblicken wieder zu ſich kam und die Augen öffnete, erblickte er zu ſeinem unausſprechlichen Entzücken, daß ſie ſich überbihn gebeugt hatte und mit ſchmerzlichem Blick aufmerkſam auf ihn nieder ſah. Obgleich er ſeine Augen wieder ſchloß, ſo fühlte er jetzt ſtatt der verzehrenden Glut, die vorhin ſein Herz bedroht, eine ſanfte angenehme Wärme durch ſeinen Körper ziehen. Er faßte die Hand der Prinzeſſin, drückte ſie an ſein Herz und konnte kaum die Worte hervorſtammeln:„ach, mög 118 Von der Prinzeſſin Morgana. mir der Prophet nur noch wenige Augenblicke ſchenken, damit ich dir ſagen könne, wie ſehr ich dich liebe.“ Die Prinzeſſin ſchien aber nicht weniger erfreut, als Saladin, und wie man ſo ſah, wie ihr Auge in ſeines ſchaute, ſo konnte man leicht auf den Gedanken kommen, daß eine plötzliche Liebe zu dem ſchönen Manne in ihrem Herzen Eingang gefunden und der Ausſpruch der Feenkönigin erfüllt ſei. Denn wenn auch die Schön⸗ heit der Prinzeſſin Morgana ſo ausgezeichnet war und blieb, daß es nichts Aehnliches mehr auf der Welt gab, ſo verwandelte ſich doch die verzehrende Glut ihrer Augen von dieſer Stunde an, wo ſie dem jungen Manne ihr Herz geſchenkt, in eine angenehme be⸗ hagliche Wärme, die jedem wohl that, der ihr in's Auge ſah. Ja, Beide liebten ſich innig und herzlich, und welch' glücklichen Tag ſie heute in der ſchönen Oaſe verlebten, kann man ſich leicht denken. Unter Scherzen und Spielen ging der Tag vorbei, und als der Abend heraufſtieg, erhob ſich die Prinzeſſin von der Seite ihres Geliebten, um ſich, wie ſie ſagte, in ihre Gemächer zurück⸗ zuziehen. „O mein Geliebter,“ ſprach ſie,„von dem Glücke, das mir der Prophet gegeben, indem ich dich fand, muß ich meine Mutter, die über das Schickſal ihrer Tochter beunruhigt iſt, in Kenntniß ſetzen. Der Bote, den ich ihr ſchicke, iſt ſchnell, und obgleich ſie tauſende von Meilen entfernt wohnt, wird er doch noch vor An⸗ bruch des Tages zurückkommen und mir die Erlaubniß bringen, dieſe einſame Oaſe verlaſſen zu können und ferner mit dir vereint zu leben.“ Nach dieſen Worten entwand ſie ſich ſanft den Armen des jungen Mannes, der es nicht wagte, ihr zu folgen und verſchwand zwiſchen den Gebüſchen. Ungeduldig erwartete Saladin den Eintritt der Nacht, ſowie ſeine Mutter, um ſie von dem Glück, das ihm widerfahren, in Kenntniß zu ſetzen. Es dauerte auch nicht lange, ſo ſchwebte die —— —,— 1 —, — Von der Prinzeſſin Morgana. 119 Geiſterkarawane heran und die Mutter des jungen Mannes eilte nach der Laube, nicht wenig erfreut, auch heute ihren Sohn wieder zu finden. Noch größer aber war ihr Entzücken, als Saladin ihr die Begebenheit des vergangenen Tags mittheilte, und wie es ihm gelungen ſei, die Liebe der Prinzeſſin Morgana zu erhalten. Er erzählte ihr, daß er wahrſcheinlich ſchon morgen die Oaſe verlaſſen werde, um mit ſeiner Geliebten unter die Menſchen zurückzukehren, und ſprach dabei ſeinen Schmerz aus, die Mutter heute zum letzten Male zu ſehen. Doch dieſe tröſtete ihn, und bat zugleich, ihrer nicht zu vergeſſen und ihrem Andenken eine Todtenfeier zu halten, wie ſie dens Rechtgläubigen zukomme, damit ihre Seele zu den Freuden des Paradieſes eingehen könne und ſie nicht mehr jede Nacht der Geiſterkarawane zu folgen brauche. Saladin verſprach dies unter häufiger Vergießung von Thränen, und als der Morgen kam, ſegnete ihn die Mutter, und trennte ſich beruhigt von ihm. Sie ſchwang ſich auf ihr Pferd und ſchwebte zum letzten Mal mit der Karawane dahin. Lange blickte ihr Sa⸗ ladin nach und bat in einem brünſtigen Gebete den Propheten, ihrer Seele gnädig zu ſein. Kaum röthete die aufſteigende Sonne die Gipfel der Bäume und ſpielte auf den vergoldeten Dächern der zierlichen Luſthäuſer, ſo vernahm der Jüngling im Innern der Oaſe ein verwirrtes Ge⸗ räuſch von menſchlichen Stimmen und dazwiſchen das Wiehern muthiger Pferde, ſowie das laute Geſchrei der Kameele, welches dieſe auszuſtoßen pflegen, wenn man ſie bepackt. Erſtaunt erhob er ſich von der Raſenbank und wandte ſeinen Schritt gegen das Gebüſch. Er glaubte im erſten Augenblicke, es ſei die Geiſter⸗ karawane, die noch einmal zurückkehre; allein ſeine Freude war um ſo größer, als er jetzt, auf einen freien Platz hinaustretend, der ſich in der Mitte der Oaſe befand, eine andere Karawane, die aus lebendigen Menſchen, Kameelen und Pferdeu beſtand, erblickte. Noch größer aber ſtieg ſein Entzücken, als mit ihm zu gleicher 120 Von der Prinzeſſin Morgana. Zeit von der andern Seite des Platzes her, die Prinzeſſin Mor⸗ gana erſchien, umgeben und gefolgt von einer Menge dienender Frauen und Sklaven, zwiſchen welchen ſie ſchöner hervorſtrahlte, als der leuchtende Mond unter den Sternen. 4 Sie trat dem Jüngling entgegen, reichte ihm die Hand und wandte ſich mit folgenden Worten an ihre Dienerſchaft, ſowie an die ganze Karawane:„ſeht hier euren Herrn!“ worauf die Wei⸗ ber freudig ihre Schleier wehen, und die Männer ein donnerndes Huſſah! erſchallen ließen. „Geliebter,“ ſprach darauf die Prinzeſſin zu n,„meine Mutter freut ſich über das Glück ihrer Tochter eh Kameele, die du hier mit Schätzen beladen ſiehſt, hat ſie zu meiner Aus⸗ ſtattung geſandt. Jedes von ihnen iſt reich mit Gold und Silber beladen, und ſeine unermeßlichen Schätze würden allein für ein ganzes Menſchenleben ausreichen. Darauf winkte die Prinzeſſin mit der Hand, und ſchwarze Sklaven brachten zwei prächtige arabiſche Pferde herbei, welche Saladin und die Prinzeſſin beſtiegen. Sie begaben ſich an die Spitze der Karawane, die nun alsbald in die Wüſte hinauszog. Als ſie die ſchöne Oaſe mit ihren friſchen grünen Bäumen und dem klaren Waſſer hinter ſich hatten, wandte die Prinzeſſin mit ihrem Gemahl ihre Pferde herum und Beide ſagten mit leiſer Stimme dem Orte Lebewohl, an welchem ſie ſich gefunden und ſo glücklich geworden waren. Ach, ſie mußten ihm auf ewig Lebe⸗ wohl ſagen. Denn wie ihr Fuß einmal dieſen grünen Raſen verlaſſen hatte, konnte er nie mehr dahin zurückkehren. Sie ſahen mit Erſtaunen und Ueberraſchung, wie ſich die Oaſe von ihnen entfernte, und über den Sand immer weiter und weiter dahin ſchwebte. Bald erblickten ſie ſie fern am Horizonte, ganz in der⸗ ſelben Geſtalt, wie ſie alle Reiſenden an ſchönen Tagen ſehen. Die Palmen zittern und ſchwanken hin und her, das Waſſer hebt ſich und fällt und die Enden der Fata Morgana verſchwimmen Von der Prinzeſſin Morgana. 121 allmälig im Sande, ſo daß man nicht mit Beſtimmtheit ſagen kann: hier fängt ſie an oder dort hört ſie auf— ein Bild der Liebe im Menſchenherzen.— Unter dem Schalle der kleinen Pauken und dem Schmettern großer krummer Hörner zog nun die Karawane ihres Wegs durch die Wüſte dahin.—— Kehren wir nun zu dem alten Ismael und der Karawane zurück, mit der Saladin in die Wüſte hinausgezogen war. Als auf die Nacht, in welcher Saladin ſein Zelt verlaſſen hatte, und ſeiner Karawane ſowie dem alten Diener entflohen war, der Morgen heraufdämmerte, erwachte Ismael aus einem feſten und geſunden Schlaf. Er ſchaute verwundert um ſich, als er das La⸗ ger ſeines Herrn leer erblickte, dachte aber anfänglich nichts Arges dabei, ſondern glaubte vielmehr, Saladin ſei hinaus bor die Zelte gegangen, um den friſchen ſchönen Morgen zu genießen. Doch als er nach Verlauf einer Stunde noch immer nicht zurück war, trat der Alte vor das Zelt und bemerkte, daß auch das Pferd ſeines Herrn fehle. Als ſich die Karawane endlich zum Aufbruch rüſtete und Saladin noch immer nicht erſchien, wurde Ismael unruhig und lief in den Reihen umher, und forſchte bei den Wachen, ob Niemand etwas von dem Jüngling geſehen habe. Allein Niemand wollte etwas von Saladin wiſſen, und ſomit konnte keiner den armen Ismael aus ſeiner tödtlichen Angſt reißen. Ach, dachte dieſer bei ſich, wo mag er hin gerathen ſein? wer weiß, was ihn verblendet hat, hinaus in die Wüſte zu ziehen, wo er ge⸗ wiß ſeinen Tod finden wird! Der Gedanke, daß Saladin im Wahnſinn ſeiner Liebe die Karawane heimlich verlaſſen, um allein in der Wüſte nach dem Original jenes unglückſeligen Bildes um⸗ herzuſchweifen, erfüllte den getreuen Diener mit bangem Schrecken, und als der Jüngling im Lauf dieſes und des folgenden Tages nicht zurückkehrte, ward es Ismael zur Gewißheit, daß Saladin allein in der Einöde umherirre. Wie gerne wäre er ihm gefolgt, 122 Von der Prinzeſſin Morgana. doch wohin ſollte er ſeine Schritte wenden. Wer hätte ihm kön⸗ nen den Weg angeben, den der unglückliche junge Mann genom⸗ men? So mußte denn der treue Diener bei der Karawane bleiben, mit der er traurig und niedergeſchlagen wieder nach Damaskus zurückkehrte, in welcher Stadt ihn ein neues Unglück betraf, indem die Sklaven, die ihm der Kalif mitgegeben, überdrüſſig, einen zu bedienen, der, wie ſie glaubten, ihres Gleichen war, an einem frü⸗ hen Morgen mit ſämmtlichen Pferden und allem Geld verſchwanden, ſo daß dem armen Ismael nichts blieb, als der Anzug, den er auf dem Leibe trug, und einige wenige Goldſtücke, die er in ſeinem Gürtel verwahrt hätte.— Was ſollte er jetzt machen? Das Räthlichſte ſchien ihm, mit der Karawane nach Bagdad zurückzukehren, denn er glaubte mit Beſtimmtheit, daß ſein junger Herr, im Falle er mit dem Leben da⸗ von komme, ebenfalls dahin zurückkehren werde, um ſeinen Diener aufzuſuchen. Er miethete deßhalb ein altes Kameel, und kehrte nach einer mühevollen und traurigen Reiſe nach Bagdad zurück. Wenn auch hier die Leute in den Bazars und auf den Straßen, die damals Uebles von dem alten Ismael und dem jungen Manne geſprochen, dieſe Geſchichte nach deren Abreiſe bald vergeſſen hat⸗ ten, ſo war denn doch die Karawane kaum zurückgekehrt, als hie und da einer fragte, was denn eigentlich aus jenem alten Spitzbu⸗ ben geworden ſei, und mit welchem Frohlocken vernahmen ſie als⸗ dann die Antwort, daß dem Alten unterwegs der junge Mann entlaufen, und Erſterer arm und nackt auf einem ſchäbigen Kameel allein zurückgekommen ſei. „Seht Ihr es wohl!“ rief laut lachend der Barbier an der großen Karavanſerei,„ſeht Ihr es wohl, wie recht ich gehabt! Ja, ſo geht's! Der Prophet iſt ſo gnädig und ſchlägt oft die Sünder durch ihre eigene Thaten. Hat doch der Alte geglaubt, den Kalifen zu prellen, und iſt nun von dem jungen Schlingel ſelbſt betrogen worden. Gott möge unſern Kalifen Harun al Rad⸗ ——y Von der Prinzeſſin Morgana. 123 ſchid beſchützen! Aber er wird ſich für die Zukunft ſchon in Acht nehmen.“ Der arme Ismael, der von den üblen Nachreden, die ſich über ihn verbreitet und ſogar bis zum Ohr des Kalifen gedrungen wa⸗ ren, keine Ahnung hatte, ſah ſich nicht ſo bald wieder in Bagdads Mauern, als er ſich Freitag Morgens in den innern Palaſthof begab, um ſich dem Kalifen, wenn dieſer in die Moſchee reiten wollte, zu Füßen zu werfen.. Er hatte hier noch nicht lange gewartet, als der Großvezier durch das Thor ritt, um ſich zum Kalifen zu begeben. Kaum wurde dieſer den Alten gewahr, als er die Augenbrauen zuſammen⸗ zog und den Wachen des Schloſſes befahl, ihn augenblicklich feſt zu nehmen; ein Befehl, der zu Ismaels größtem Schrecken auch pünktlich befolgt wurde. Zwei Soldaten nahmen ihn in die Mitte und brachten ihn vorläufig in eines der Gefängniſſe des Palaſtes, wo er bis zum folgenden Tag ſitzen mußte. Der arme Ismael, der in der letzten Zeit ſchon viel Unglück erfahren hatte, nahm auch dieſe Gefangennehmung als ein Schick⸗ ſal hin, womit ihn der Prophet prüfen wolle. Ueberdies glaubte er nicht anders, als daß man ihn mit einer andern Perſon ver⸗ wechſelt habe, weil er ſich keines Unrechts bewußt war. Nachdem er die Nacht unter ſehr traurigen Betrachtungen in ſeinem Gefäng⸗ niß zugebracht, wurde er am andern Morgen vor den Kalifen ge⸗ führt, der ſich mit ſeinem Großvezier allein in einem Saale befand, aber Beide hatten ganz und gar nicht das freundliche Ausſehen, wie das erſte Mal, als Ismael vor das Antlitz des Beherrſchers der Glänbigen getreten war. Harun al Radſchid runzelte bei ſeinem Eintritt die Stirn und der Großvezier befahl ihm, näher zu treten. „Wer biſt du?“ begann der Letztere; eine Frage, welche Is⸗ mael freudig alſo beantwortete:„Ach, Herr, ich habe die Gnade, von dir gekannt zu ſein, ich bin Ismael, der Diener Abn el Deri’s.“ 124 Von der Prinzeſſin Morgana. Der Aermſte glaubte nämlich immer noch, daß mit ihm eine Verwechslung vorgegangen ſei, und man habe ihn für einen An⸗ deren eingeſteckt. Aber wie ſehr erſchrak er, als ihn der Vezier mit zornigem Tone anfuhr:„Wie, du wagſt es noch, vor dem Angeſicht deines Herrn und Kalifen auf deiner Lüge zu beharren. Abn el Deri war ein rechtgläubiger Muſelmann, und hat nie Diebe und Betrüger zu ſeinen Dienern gehabt.“ „Ach, Herr,“ entgegnete Ismael, was ſagſt du da? Ich bin ein armer alter Mann, den das Unglück hart darniedergebeugt hat, aber ſo wahr mir der Prophet helfen ſoll, ich habe niemals auch nur den Werth eines Piaſters geſtohlen oder veruntreut, auch nie⸗ mals die Unwahrheit geſprochen.“ „Höre, Ismael,“ ſagte der gutmüthige Kalif,„dein Läugnen kaun zu nichts führen, geſtehe lieber dein Unrecht ein, damit ich dir ein gnädiger Herr ſein kann.“ „Aber was ſoll ich denn eigentlich geſtehen?“ jammerte der Alte, indem er ſich vor dem Kalifen auf die Knie warf. „Zuerſt,“ begann der Großvezier wieder,„wer war der junge Menſch, den du für den Pflegeſohn Abn el Deri's ausgabſt, und wo iſt er geblieben?“ „Ach, Herr, der junge Saladin,“ entgegnete der alte Mann, „es war ja der Pflegeſohn Abn el Deri's. Aber wo er geblieben iſt, das weiß nur Gott und der Prophet.“ „So,“ entgegnete der Vezier,„alſo beharrſt du bei deinen Lügen; nun ſo muß ich an deiner Statt dir ſelber die Wahrheit ſagen, damit du auch weißt, daß wir hinter deine Schliche gekom⸗ men ſind, und nicht etwa glaubſt, man habe dich widerrechtlich ge⸗ fangen geſetzt. Der junge Spitzbube, den du als den Pflegeſohn Abn el Deris bezeichneteſt, und den mein großmüthiger Herr, der Kalif, auf dein klug ausgeſonnenes Märchen reichlich beſchenkte, iſt ebenſo wenig der Pflegeſohn Abn el Deri's, als du deſſen Diener. Auch ward er nicht als Kind im Sande der Wüſte gefunden und — — Von der Prinzeſſin Morgana. 125 von dir auferzogen, ſondern du fandeſt ihn in einer Barbierſtube, woraus du ihn mitnahmſt und abrichteteſt, um deinen Herrn den Kalifen zu betrügen.“ Ismael wußte bei dieſer Anklage nicht, was er ſagen ſollte; ſo etwas hatte er nicht erwartet, und als er aus ſeinem erſten Schrecken wieder zu Worte kommen konnte, betheuerte er bei dem Barthe des Propheten und bei Allem, was ſonſt noch heilig, daß ſich der Großvezier irre, und daß Saladin wirklich der Pflege⸗ ſohn Abn el Deri's ſei. Allein was halfen ihm ſeine Betheuer⸗ ungen und Schwüre, was half es ihm, daß er ausführlich ſeine Reiſe beſchrieb bis zu dem Augenblicke, wo er ſeinen jungen Herrn verloren hatte. Der Großvezier glaubte ihm ebenſowenig wie der Kalif, und als Ismael geendigt hatte, klatſchte der Vezier in die Hände, und ließ den Barbier von der großen Caravanſerei herbei⸗ führen. Dieſer wiederholte ſeine Ausſage, daß der junge Menſch, der unter dem Namen Saladin vom Kalifen ſo reichlich beſchenkt wor⸗ den war, einer ſeiner Gehülfen geweſen, der ihm vor ein paar Monaten davon gelaufen ſei. Auch fügte er mit einem Seiten⸗ blick auf Ismael hinzu:„Beherrſcher der Gläubigen! Kein Menſch iſt im Stande zu behaupten, daß er ſich nicht irren könne, allein es iſt mir, als hätte ich gerade zu jener Zeit dieſen Alten mit dem jungen Menſchen oft im Geſpräche geſehen, wahrſcheinlich als ſie ſich darüber beriethen, wie es am beſten anzufangen ſei, die Groß⸗ muth deiner Hoheit zu mißbrauchen.“ Der Kalif hörte dieſen Verhandlungen mit finſterm Blicke zu, und als der Barbier geendigt hatte, ſagte er zu dem alten Manne: „Höre, Ismael, es thut mir leid, dich auf dieſer Untreue ertappt zu haben, und wenn meine Gnade dich auch gerne ungeſtraft ent⸗ ließe, ſo bin ich es doch der Gerechtigkeit ſchuldig, deinen Betrug zu ahnden. Da ich aber nicht Richter und Ankläger in einer Per⸗ ſon ſein will, ſo ſollſt du vor den Kadi meiner Stadt Bagdad 126 Von der Prinzeſſin Morgana. gebracht werden, welcher nach genauer Erwägung aller Umſtände Recht über dich ſprechen wird.“ Danach wurde Ismael wieder in's Gefängniß zurückgebracht und am andern Tage vor den Kadi geführt, bei dem der Barbier ſeine Ausſage von geſtern wiederholte, worauf der Oberrichter der Stadt Bagdad dahin urtheilte, daß Ismael ſich des Verbrechens ſchuldig gemacht, den Kalifen durch eine erdichtete Erzählung be⸗ trogen zu haben, und ihm als Strafe fünfhundert auf die Fuß⸗ ſohlen, ſowie zehn Jahre Gefängniß zuerkannte. Als Vergünſti⸗ gung gab ihm der Oberrichter noch eine Friſt von drei Tagen, binnen welcher Zeit der junge Mann vielleicht zurückkehren könne, um ſeine Unſchuld zu beweiſen. Die Gnade des Kalifen erließ ihm zwar die fünfhundert Hiebe auf die Fußſohlen, als aber die drei Tage verſtrichen waren, ohne daß Saladin zurückgekommen, wurde Ismael an die Gefängniſſe abgeliefert und mit Spitzbuben und Mördern dazu gebraucht, auf dem Tigris Schiffe zu ziehen und ähnliche ſchwere Arbeiten zu verrichten. So weit war der Unglückliche nun gekommen, durch die An⸗ hänglichkeit an ſeinen alten und ſeinen jungen Herrn, ſowie durch den Leichtſinn des Letztern. Ach, Ismael freute ſich nur, daß er nach dem Laufe der Dinge doch nur noch wenige Jahre dazu be⸗ ſtimmt ſei, unſchuldiger Weiſe dieſe harte Strafe zu erleiden. Jetzt erſt freute er ſich recht ſeines Alters, und ſah dem Tod als einer Wohlthat entgegen, der ihn alsdann von allem Unglück befreien würde. Es ſchmerzte ihn tief, daß ihn der gütige Kalif in der That für einen Betrüger hielt, und er würde ſich gern noch einer härteren Strafe unterworfen haben, wenn er nur den Kalifen Harun al Radſchid, ſowie deſſen Vezier von ſeiner Unſchuld hätte über⸗ zeugen können. Freilich blieb ihm noch eine ſchwache Hoffnung, ſein Herr könne doch noch wiederkehren, ja vielleicht glücklich wie⸗ derkehren, um ſeine Unſchuld auf's Glänzendſte zu bezeugen. Doch — —y — — verfloß Tag um Tag, und Woche um Woche— und Ismael hatte immer vergebens gehofft, und in das Land hineingeſchaut. Da traf es ſich eines Morgens, daß er mit mehreren andern ſeiner Mitgefangenen beſchäftigt war, ein großes Schiff den Fluß hinaufzuziehen. deßhalb durften die armen Gefangenen hin und wieder von der Ar⸗ beit ablaſſen und ſich in den Schatten der Bäume legen, die am in die Ferne, als er von Weitem eine große und reiche Karawane erblickte, die gen Bagdad zog. Beim Anblick der beladenen Ka⸗ meele und der zahlreichen Sklaven dachte er lebhaft an ſeine frü⸗ heren Zeiten, wie er mit ſeinem Herrn Abn el Deri froh und munter durch die Welt gezogen ſei. Indeſſen kam die Karawane näher und Ismael, ſowie die andern Gefangenen geſtanden ſich, in langer Zeit keinen ſo präch⸗ tigen Zug geſehen zu haben. Die Kameele waren alle von unge⸗ wöhnlicher Schönheit und Stärke, und auf's Sorgfältigſte und Reichſte beladen. Die Menge der Sklaven war kaum zu zählen und alle ritten kräftige und ſchöne Pferde, und ihre Anzüge waren daß man ſie alle für Herren hätte halten können, wenn nicht die Beſitzer der Karawane ſelbſt in der Mitte des Zuges durch lanz ihrer Gewänder und die Pracht ihrer Roſſe alle Blicke auf ſich gezogen hätten. Hier ſah man auch eine große Menge Sklavinnen, die eine ſchöne Frau umgaben, und den Glanz der goldgeſtickten Gewänder und Schleier konnte das Auge kaum er⸗ —õ——,— Ismael wandte ſein Auge ab und ging ſeufzend wieder an ſeine harte Arbeit, indeß die Karawane ſtolz und prächtig in die Mauern Bagdads einzog. Obgleich der arme Sklave ſchon viele Karawanen bei ſich hatte vorbeikommen ſehen, ſo hatte doch keine ſeine Einbildungskraft in ſo hohem Grade erregt, wie die von heute Morgen, und als er Von der Prinzeſſin Morgana. 127 Die Hitze des Tages war drückend und ſchwül, Hier lag denn Ismael und ſchaute betrübt hinaus 128 Von der Prinzeſſin Morgana. nach mehrſtündiger Arbeit mit ſeinen Mitgefangenen am Ufer des Tigris im Schatten ausruhen durfte, baute er ſich die angenehmſten und ſchön⸗ ſten Luftſchlöſſer und dachte:„Ach, wenn dein junger Herr auch einſt in ſolch prächtigem Aufzuge zurückkäme und dich erlöste, wenn er zurückkäme und vor den Kalifen Harun al Radſchid hinträte, um ihn zu fragen, was denn aus ſeinem treuen Diener Ismael gewor⸗ den ſei, und wenn er an ſeiner Hand die wunderſchöne Prinzeſſin führt, ein lebendiges Zeugniß, daß ich nicht gelogen, ſondern die Wahrheit geſprochen habe.“— So lag er da und verzehrte ſein hartes Brod, als plöͤtzlich der Oberaufſeher der Gefangenen, von zwei Sklaven begleitet, eiligſt daher geritten kam, und dem alten Manne befahl, ihm zu folgen. Ismael, der anfänglich fürchtete, der Oberrichter der Stadt Bagdad laſſe ihm nachträglich die geſchenkten fünfhundert Hiebe auf die Fußſohlen noch auszahlen, indem er ſonſt nicht wußte, was man von ihm, dem armen unbekannten Menſchen wolle, begleitete er den Oberaufſeher traurig in ſeine Wohnung und war nicht we⸗ nig erſtaunt, als man ihm hier ſeine alten ſchlechten Kleider ab⸗ nahm, und ihm dafür einen guten Kaftan und einen reinen Turban anzog. Auf ſeine Fragen ſagte ihm der Aufſeher der Gefangenen nur: er wiſſe nichts weiter, als daß er Befehl habe, ihn augen⸗ blicklich vor das Angeſicht des Kalifen zu bringen. Ach, ſchon dieſe Botſchaft erfüllte den alten Mann mit freudigem Schrecken; denn was konnte der großmüthige Kalif anders von ihm wollen, als ihn begnadigen. Vielleicht, dachte er, iſt deine Unſchuld an den Tag gekommen oder am Ende gar dein junger Herr zurückgekehrt. Doch dieſer letzte Gedanke war ihm zu groß und herrlich, als daß er es vermocht hätte, ihn ferner auszumalen. So gelangten ſie zum Palaſte des Kalifen und Ismael wurde in eine Vorhalle geführt, wo ihm der Großvezier Abdallah in eigener Perſon entgegen kam, ihm die Hand reichte und mit be⸗ ——— — Von der Prinzeſſin Morgana. 129 wegter Stimme ſagte:„Ismael, wir haben in unſerer Verblendung dir unrecht gethan; aber der Prophet, der deine Unſchuld an den Tag kommen ließ, wird dir dafür eine glänzende Belohnung geben. Folge mir nun zum Kalifen.“ Der alte treue Diener zitterte vor Freude und Entzücken und folgte dem Großvezier in das anſtoßende Gemach. Hier blieb er mit geſenktem Aug' an der Thür ſtehen und vermochte es im erſten Augenblicke nicht, dem Kalifen in's Geſicht zu ſchauen. Doch als ihn dieſer freundlich bei Namen rief, blickte er empor und wer be⸗ ſchreibt ſein Erſtaunen und ſeine unendliche Freude, als er ſeinen jungen todtgeglaubten Herrn erblickte, der ihm jetzt entgegen kam und ihm weinend um den Hals fiel. Faſt wäre der alte Mann dem Uebermaße der Freude erlegen, als ihm Saladin mit kurzen Worten ſeine Geſchichte erzählte; und als er ihn darauf bei der Hand nahm und vor ſeine Gemahlin, die Prinzeſſin Morgana führte, ward Ismael von all' dem Gehör⸗ ten, ſowie von der Schönheit der Prinzeſſin ſo überraſcht, daß es ihm dunkel vor den Augen ward, und er ſich auf den Divan nieder⸗ laſſen mußte, um nicht umzufallen.— Jetzt war Freude überall, der junge Saladin baute ſich einen prächtigen Palaſt am Ufer des Tigris und lebte hier mit ſeiner ſchönen Gemahlin und ſeinem treuen Diener, wegen ſeiner Freige⸗ bigkeit und ſeinem Reichthum von allen Menſchen geliebt, und wegen ſeinem edlen Herzen und ſeinen guten Eigenſchaften von dem Kalifen hoch geehrt. Da aber durch den Austritt Ismaels bei den Gefangenen eine Stelle frei wurde, beförderte der Kalif den ſpitzbübiſchen Barbier dahin, nachdem er vorher die fünfhundert Hiebe wohlgezählt auf die Fußſohlen erhalten hatte, die dem getreuen Diener beſtimmt geweſen waren. Sackländers Werte. XIII. Das Geſicht im Mond. Wer ging nicht ſchon in ſtillen Nächten nach Hauſe und fühlte den Blick aufwärts gezogen von der ſanft glänzenden Kugel, die zwiſchen den Thälern und Bergen rieſenhafter Wolken ruhig dahin ſchifft; wer ſchaute nicht wohl lange Zeit anhaltend empor zu jenem Körper, den wir Mond nennen, und fühlte, wie ſeine weißen Strahlen ſich ſo langſam in's Herz ſchleichen und ſelbſt in trau⸗ rigen Stunden das wilde Wogen und Drängen in der bewegten Bruſt zu beſänftigen im Stande iſt! Wenn man ſo. halb träu⸗ mend halb wachend, hinaufſieht, ſo erblickt man in der hellen Scheibe kleine Flecken, aus welchen ſich mit einiger Phantaſie ein Geſicht zuſammenſetzen läßt. Man ſieht deutlich zwei dunklé Stel⸗ len für die Augen, eine Naſe, die aber etwas nach der linken Seite gezogen iſt, und einen Mund, welcher ſich nach rechts neigt und dem fabelhaften Kopfe dort oben ein verzerrtes, ſchmerzliches Anſehen gibt. Wenn wir über jenes Mondgeſicht unſere gelehrten Bücher befragen, ſo ſagen dieſe uns freilich, das dort oben ſolle 3 kein Geſicht vorſtellen, ſondern es ſei der Mond ein Körper wie unſere Erde, ja er habe ſogar noch gewaltigere Felſen und Schluch⸗ —— von da in den dritten, vierten Stock bewegte, und nachdem es noch Das Geſicht im Mond. 131 ten, als dieſe, und namentlich letztere ſeien zum Theil ſo tief, daß ſie das Licht der Sonne nicht erhellen können, und ſie deßhalb, etwa wie ein Brunnen bei uns, ſtets dunkel blieben. Allein wer klug iſt, glaubt dieſen Büchern nicht. Daß das dort oben in dem Monde nichts Natürliches, keine Schluchten ſind, davon kann ſich ja Jeder durch ſein eigenes Anſchauen überzeugen; das wiſſen aber auch jene Herren, und ebenſo die Urſache, wie jenes Geſicht da hinauf kam; nur haben ſie, nnter uns geſagt, ſich einmal vorge⸗ nommen, Alles auf natürliche Weiſe zu erklären, weßhalb ſie die Wahrheit, die in der That unnatürlich klingt, verbergen, um uns etwas weis zu machen. Wie aber jenes Geſicht wirklich in den Mond kam, das will ich hier erzählen, doch bitte ich mir vorher aus, das ſtrengſte Stillſchweigen darüber zu beobachten, da mein Großvater mir die Geſchichte unter dem Siegel der Verſchwiegen⸗ heit erzählt hat, ganz wie er ſie unter gleichen Bedingungen von einer Tante gehört hatte, welche ſie aus einer Kaffeegeſellſchaft mit nach Hauſe brachte, und zwar aus einer Kaffeegeſellſchaft, wo nur Geheimniſſe verhandelt wurden. An einem ſchönen Abend gingen zwei Leute zuſammen aus einem Wirthshauſe, von denen der eine ſeines Zeichens ein Schnei⸗ der und der andere ein Handſchuhmacher war. Für Leſer, die ſich gern über Zeit und Verhältniſſe genau unterrichten, füge ich bei, daß es vermuthlich ein Winterabend war, denn die Beiden hatten ſtark eingeheizt. Es war zwar ſchon ſpät in der Nacht, allein der Mond, der hoch am Himmel ſtand, beleuchtete die Straßen ſo ziem⸗ lich. Da er den Schatten der einen Häuſerreihe auf den weißen Schnee warf, ſo ſah dieſer durch die zackigen Dächer einer Reihe coloſſaler Spitzzähne nicht unähnlich. Die beiden Zechbrüder wa⸗ ren die letzten im Wirthshauſe geweſen, denn als ſie es verlaſſen, wurde von innen der Riegel vorgeſchoben und die Lichter in der Gaſtſtube ausgelöſcht, bis auf eines, das ſich alsbald in den zweiten, 13² Das Geſicht im Mond. eine kurze Zeit in einem Dachſtübchen gebrannt, und dort wahr⸗ ſcheinlich dem Schenkbuben zur Ruhe geleuchtet, erloſch. Jetzt waren die Beiden allein auf der Straße und zogen ihres Weges, gewiß in der feſten Abſicht, ſobald es ſich thun ließ, ihre Häuſer zu finden. Beide waren aber wahrſcheinlich nicht recht mit ſich einig, nach welcher Seite ſie ſich zu wenden hatten, denn ſie drehten ſich einige Male im Kreiſe herum, wobei der Schneider, als der leichtere, den größeren Bogen beſchrieb, alsdann ſchoſſen ſie, wie ein paar angebrannte Schwärmer, von einer Seite der Straße zur andern, bis ſie endlich, nicht hundert Schritte von der Kneipe, die ſie eben verlaſſen, an einem Häuſervorſprung hängen blieben, um den herum ſie, trotz aller Anſtrengungen, nicht ſegeln konnten. Da ſich in dieſem Häuſervorſprung eine paſſende Thür fand, breit genug, um ihre zarten Schultern daran lehnen zu können, ſo tha⸗ ten ſie dergleichen. Der Schneider heftete ſeine Augen wohl eine gute Viertelſtunde lang vor ſich auf die Erde und machte oft einen vergeblichen Verſuch, an den Himmel hinauf zu ſehen, aber es wa⸗ ren ihm die Augenlider zu ſchwer. Endlich nach vielen Bemühun⸗ gen gelang es ihm, den Blick an das gegenüber liegende Haus zu heften, dort fand er einen Anhaltspunkt, um ſein Auge Stockwerk für Stockwerk hinaufklettern zu laſſen, bis zu dem Schornſtein, wo er mit einem lauten Ausruf der Verwunderung den Mond erblickte, der aus dem ſchwarzen Kamin emporzuſteigen ſchien. Der Handſchuhmacher, weniger berauſcht und weniger ſenti⸗ mental, als der Schneider, machte mit ſeinem Blick eine umgekehrte Bewegung, denn nachdem er eine Zeitlang in den Mond geſtarrt, begann er laut zu gähnen, mit einem hohen Tone abwärts, und ſeine Blicke folgten den Tönen, ſo daß ſie im Augenblick, wo er den Mund ſchloß, auf ſeine dürren Beine fielen, die er weit von ſich abgeſtreckt hatte. So ſtand das edle Paar eine Zeitlang da, ohne ein Wort zu ſprechen, und weil ſich durch die kühle Nachtluft ihre Ideen noch Das Geſicht im Mond. 133 mehr verwirrten, ſo glaubten am Ende Beide, ſie ſeien nicht mehr auf der Straße, ſondern zu Hauſe, und ließen ſich auf dem Schnee nieder, um ſich ſo bequem als möglich zum Schlafen anzuſchicken. Der Schneider, der ſich auf das linke Ohr legte, begann erſt leiſe, dann immer lauter zu ſeufzen und ſprach vor ſich hin:„Ach, was bin ich doch für ein erbärmlicher, ſchlechter Kerl, ſaufe da Nacht für Nacht, bis ich nicht mehr auf meinen Beinen ſtehen kann, und wenn ich dann am Morgen immer Katzenjammer habe und nichts verdiene, ſo beſtehle ich meine Kunden, um von dem entwendeten Tuch wieder Geld zum Zechen zu haben. Ich jammervoller, er⸗ bärmlicher Kerl, und an allem dem iſt der Handſchuhmacher Schuld, der hat mich verführt.“ Der Handſchuhmacher, der ſich auf das rechte Ohr gelegt hatte, hörte ſich gerade nicht ſchmeichelhaft von dem Schneider nennen, allein da er glaubte, es träume ihm blos, ſo lachte er laut auf und freute ſich darüber.„Ha, Ha!“ rief er laut,„jetzt liegt der armſelige Schneider wieder auf ſeinem Stroh⸗ ſack und ſchimpft über mich, der Lump, und greint, daß ich ihn verführt hätte; aber ich will ihn noch beſſer herunter bringen. Ge⸗ ſtern hab' ich wieder ein ſcharmantes Stück Tuch bei ihm geſehen. Das wollen wir morgen Abend ſchon durch die Gurgel jagen. Hahaha! der dumme Schneider!“ Jetzt gerieth der Schneider, der dieſe Worte wohl hörte und ſeinerſeits glaubte, er träume, wie ſich der Handſchuhmacher über ihn luſtig mache, in eine heftige Wuth, und fing an, auf einen dicken Stein zu ſchlagen, der neben ihm lag, indem er beſtändig ausrief:„Du ſchlechter Kerl, du Handſchuh⸗ macher, du ſchlechter! Haſt mich um meinen Credit und meinen ehrlichen Namen betrogen, haſt auf meinen Namen Geld geborgt und willſt mich obendrein noch auslachen, du niederträchtiger Kerl!“ Der auf dieſe Art Angeredete wurde durch die Wuth des Schneiders nur noch luſtiger und lachte in Einem fort.„Hahaha!“ ſchrie er,„ſo träume ich von dir, Bruder Schneider? Na, will's ſchon glauben, daß du zuweilen Luſt hätteſt, wieder ein ehrlicher 134 Das Geſichtim Mond. Kerl zu werden, aber das ſoll dir nicht gelingen, du ſauberer Zeiſig. So habe ich dich in meiner Hand und ſo will ich dich auch feſthalten.“ Mit dieſen letzten Worten griff er nach der an⸗ dern Seite, faßte den Haarſchopf des Schneiders, den er in ſeiner hölliſchen Freude tüchtig zuſammen ſchüttelte. Als dieſer den rau⸗ hen Griff ſeines Kumpans fühlte, glaubte eiß d. der Teufel habe ihn für ſein ruchloſes Leben gefaßt und wolle ihn ſtracks mit in die Hölle nehmen. Er wehrte ſich gegen dieſe vermeintliche Nie⸗ derfahrt mit aller Kraft der Verzweiflung, faßte ſeinem Freund Handſchuhmacher in's Geſicht und Beide balgten ſich auf eine er⸗ götzliche Art auf, der Straße im Schnee herum, ſo daß bald der Eine bald der Andere oben zu liegen kam. Dabei war es merk⸗ würdig, daß, ſo oft bei dieſen Umwälzungen das Geſicht des Hand⸗ ſchuhmachers in Berührung mit dem Schnee kam, derſelbe zu ziſchen anfing, als würde er vor einen heißen Ofen geworfen. Was aber auch das rothe, glühende Ausſehen dieſes Geſichts, ſowie die Hitze, die es abſtrahlte, betraf, glich es vollkommen einem gut geheizten Ofen, der hie und da Sprünge und Riſſe hat, zu welchen das Feuer mit verdoppelter Wuth herauszubrechen ſcheint. Es war dem Handſchuhmacher ſchon oft paſſirt, daß er, in der Dämmerung nach Hauſe gehend, von einer Schaar muthwilliger Buben verfolgt wurde, welche ihm die Spitznamen Saufaus, Feuermann nachriefen. Wie lange ſich die edle Zechgenoſſenſchaft auf der Straße her⸗ umbalgte, iſt nicht wohl zu beſtimmen; plötzlich aber fühlten ſie ſich von etwas berührt, das ihnen jedesmal einen zuckenden, bren⸗ nenden Schmerz verurſachte. Der Handſchuhmacher, als der nüch⸗ ternſte, riß zuerſt ſeine Augen auf, die er in der Hitze des Gefechts geſchloſſen, und ſah mit großer Verwunderung ein altes Weib vor ſich ſtehen, das ſo erſchrecklich häßlich war, wie er in ſeinem Leben nichts Aehnliches erblickt. Die Alte war nicht nach Art der ge⸗ wöhnlichen Hexen bucklig und klein, hatte kein langes, wackelndes Kinn, und ebenſo wenig Triefaugen, die bei aller Häßlichkeit doch ——-— —— — — Das Geſicht im Mond. 135 etwas Gutmüthiges haben, ſondern das Weib, welches die beiden“ Zechbrüder durch Anrühren mit einem ſehr ſpitzen Stock auf eine ſo ſchmerzhafte Art erweckt hatte, war groß und von einer unbe⸗ ſchreiblichen Magerkeit. Man hätte glauben können, die paar alten Lumpen, welche ſie bedeckten, ſeien um einen Beſenſtiel herumge⸗ wickelt, denn genau dieſe Form hatte der Körper der alten Hexe. Das bleiche, runzliche Geſicht, das auf dieſer Figur ſtand, war mit rothen Haaren bedeckt, die aber ſo kreuz und quer unter einer weißen Haube hervorſahen, als habe ſie der Wind zufällig dort hinaufgeweht. Sie trug außer dem erwähnten Stock eine kleine Laterne in der Hand, deren Licht auf die beiden Kämpfenden fiel. Der Schneider, als er merkte, daß die Schlägerei endlich aufgehört hatte, mochte noch immer glauben, er habe ſich mit einem böſen Geiſt gebalgt, denn er öffnete jetzt ſchwerfällig die Augen, wahr⸗ ſcheinlich um zu ſehen, in welchem Theil der Hölle er ſich denn eigentlich befände. Da der Anblick des alten Weibes, die grinſend vor ihm ſtand, eben auch nicht geeignet war, ihn dieſem Irrthume zu entreißen, ſo fing er auf's Neue an zu jammern über ſein ver⸗ lorenes Leben, wobei er, wie ſchon früher, den Handſchuhmacher anklagte, daß er allein ihn zu dem Ueblen verführt. Dieſer hatte endlich ſeine fünf Sinne wieder ſo weit zurecht geſetzt, um die Alte ſtammelnd zu fragen, wo ſie herkomme, wer ſie ſei und was ſie wolle. Auf dieſe Fragen riß die Hexe ihren zahnloſen Mund laut lachend ſo weit auf, daß es ausſah, als ſei ihr Geſicht von einem Ohr bis zum andern geſpalten, und ſagte mit beiſerer Stimme:„Ho ho, mein Söhnchen, du frägſt mich, wo ich herkomme? Ich bin eine arme alte Frau, die hier gerade vorbei kam, hahahaha! und euch hier im Schnee liegen ſah. Da that es mir leid, daß ſo ſchmuckes junges Blut in der Kälte umkommen ſoll, und da hab“ ich euch denn geweckt, um euch nach Haus zu bringen, hahaha!l nach Haus, wo ihr hingehört, haha! Nal ſteht nur auf, ihr Söhn⸗ lein, ſteht nur auf.“ Das Geſicht im Mond. War es der ſtechende Blick der Alten, oder die Berührung mit ihrem Stock, genug, die Beiden erhoben ſich nach einigen vergeb⸗ lichen Verſuchen und wußten wahrſcheinlich in Folge ihres körper⸗ lichen Zuſtandes nicht, was ſie aus dieſer Anrede zu machen hätten. „Ja, ja,“ fuhr die Alte lachend fort,„ihr ſeid ſo ein paar hübſche ſchmucke Burſchen, ſo luſtig und munter, und habt immer ſo ſchöne dumme Streiche gemacht, daß ich mich ſchon lange für euch intereſſirt habe. Du,“ ſagte ſie zum Handſchuhmacher,„haſt ein ſchönes rothes Geſicht, das ſo leuchtet und glüht, daß du be⸗ quem das Holz für den Winter erſparen kannſt, und da, der Schneider, der hat ſchon ſo viel Lappen in die Hölle fallen laſſen, daß ſich die Teufel unten ordentlich auf den Augenblick freuen, wo ſie ſeine Bekanntſchaft machen werden. Na, kommt nur mit, ſolche Leute hab' ich gern. Doch da ich ſehe, daß ihr ganz eingefroren ſeid, ſo wollen wir erſt ein Schlückchen zuſammen nehmen, das uns recht warm machen und gut thun ſoll.“ Bei dieſen Worten zog die Alte eine kleine Flaſche unter ihren Lumpen hervor und hielt ſie gegen den Mond, um den Beiden zu zeigen, daß der Inhalt derſelben recht glitzerte und klar ſei, wie der ſchönſte Franzbranntwein. So feindlich die Beiden noch einige Augenblicke vorher gegen einander geſinnt waren, ſo kam ihnen doch eht das alte Weib ſo unheimlich vor, daß ſie näher zuſam⸗ men rückten, um Einer am Andern Schutz zu ſuchen. Die Alte hatte dem Schneider die Flaſche in die Hand gedrückt und bat ihn mit den beſten Worten, doch ein Schlückchen daraus zu nehmen, und der arme Geſelle, der in ſeiner Angſt nicht wußte, was er machen ſollte, ſetzte die Flaſche an den Mund und that einen guten Zug. Als das der Handſchuhmacher ſah, begann er die Lippen abzulecken und ſpürte plötzlich auf das viele Bier und den Brannt⸗ wein, den er heut Abend getrunken, einen ſolchen Nachdurſt, daß er dem Schneider die Flaſche aus der Hand riß und ſie haſtig leerte, worüber die Alte in ein lautes Gelächter ausbrach und ihre Das Geſicht im Mond. 137 beiden Söhnlein ermahnte, jetzt raſch mit nach Hauſe zu gehen. Sie hinkte an ihrem Stocke voraus und die Beiden folgten ihr, wie von einer unſichtbaren Gewalt getrieben. War es ihnen ſchon früher ſonderbar zu Muth geweſen und hatte ſich Einer über den Andern gewundert, daß er nicht gerade gehen konnte, ſondern bei jedem Schritt die Füße mehr zur Seite ſetzte, als nöthig geweſen wäre, ſo fingen ſie jetzt erſt recht an, ſich mit mißtrauiſchen Blicken zu betrachten. Es wollte dem Handſchuhmacher ſonderbar bedünken, daß der Schneider, anſtatt wie ein ordentlicher, wenn auch etwas betrunkener Menſch auf ſeinen beiden Füßen zu gehen, ſich mit einem Mal auf die Hände niederließ und auf allen Vieren zugleich über den Schnee hinſprang— eine merkwürdige Entdeckung, die aber auch der Schneider ſeinerſeits an ſeinem Kameraden machte; denn auch dieſer hatte ſich auf die Hände niedergelaſſen und machte die ſonderbarſten Luftſprünge und Grimaſſen, und das nur, wie er ſich einbildete, aus Freude über das tolle Benehmen des Schnei⸗ ders. Dieſer konnte ſich nun gleichfalls nicht enthalten, über die Capriolen des Andern zu lachen, doch fand er bald zu ſeiner großen Verwunderung und Beſtürzung, daß dieſes Lachen ganz ſonderbar klang. Zuerſt glaubte er, er ſei von dem kalten Nachtlager heiſer geworden und räuſperte ſich und huſtete, ſo daß der Handſchuhmacher, aufmerkſam geworden, plötzlich ſtehen blieb, um ſeinen Freund zu fragen, was ihm denn eigentlich fehle. Die Frage verſtand denn auch der Schneider wohl, hätte aber darauf ſchwören wollen, daß das, was ihm ſein Freund geſagt, wie das Miauen einer Katze klänge. Indeſſen hatten ſie in dieſem Augenblick zu vieler Ueber⸗ legung keine Zeit mehr, denn ſie befanden ſich jetzt mit der Alten in einem ihnen ganz unbekannten Stadttheile vor einem kleinen Häuschen, das die Hexe aufſchloß und in das ſie ihr folgten. Dar⸗ auf ſchloß die Alte hinter ihnen wieder ſorgfältig die Thür ab, führte ſie in ein kleines Zimmer, deſſen ganze Einrichtung blos in einem Strohſacke beſtand, der auf der Erde lag, und entfernte ſich 138 Das Geſicht im Mond. alsdann. Von der durchſchwärmten Nacht ermüdet, fühlten ſich die Beiden in dem warmen Gemach ganz behaglich, kugelten ſich auf dem Strohſacke zuſammen, und nachdem ſich noch Einer über den Andern gewundert, daß Jeder wie eine Katze ſchnurre und knurre, entſchliefen ſie. 5 Doch wer beſchreibt den Schrecken der beiden Geſellen, als ſie am Morgen erwachten. Anfänglich glaubte jeder, er habe durch einen ſonderbaren Zufall ſein Lager neben einer Katze aufgeſchlagen und jeder machte den Verſuch, das zudringliche Thier fortzujagen; aber als ihnen allmälig die Erlebniſſe der vergangenen Nacht klar wurden, als ſie ſich. gegenſeitig der Stunde erinnerten, wo ſie aus dem Wirthshauſe gegangen waren, als ſie an den Streit, den ſie zuſammen gehabt, und an das alte Weib dachten, das ihnen etwas zu trinken gegeben, ſo wurde es ihnen plötzlich klar, daß ſie einer Zauberin in die Hände gefallen ſeien, die ſie vermittelſt jenes Trunkes in ein paar Katzen verwandelt habe. Man kann ſich leicht denken, wie ſchrecklich eine ſolche Entdeckung war, Beide fielen ſich laut weinend in die Vorderpfoten, und Beide verſicherten ſich unter dem kläglichſten Miauen, daß nach einer durchſchwärmten Nacht dies der ſchrecklichſte und ächteſte Katzenjammer ſei, den ſie 4 je gehabt. So über ihr Schickſal klagend, bemerkten ſie nicht, daß die alte Hexe die Thür geöffnet hatte und neben ihnen ſtand; erſt als ſie heiſer lachend zu ihnen ſprach:„ei, ei, guten Morgen, meine lieben Kinder, wie geht's euch? habt ihr gut geſchlafen?“ fuhren ſie aus der Umarmung auf, um aus der Verzweiflung in den hef⸗ tigſten Zorn überzugehen. Beſonders der Handſchuhmacher, deſſen Natur zorniger und rachſüchtiger war, als die des Schneiders, wußte ſich nicht zu faſſen. Er hob ſich auf ſeine Hinterpfoten und ſprang mit lautem Miauen der Alten nach dem Geſicht. Doch dieſe hatte ſich auf eine ſolche Begrüßung gefaßt gemacht und ſchlug dem Kater Handſchuhmacher mit ihrem Stocke dergeſtalt auf die —— Das Geſicht im Mond. 139 Naſe, daß er ſich einige Male überſchlug und zu den Füßen des ehemaligen Schneiders hinrollte, der, gutmüthiger Natur, nichts thun konnte, als ſein Schickſal in den grellſten Klagetönen, die man je von einem Kater gehört hat, zu bejammern. Die Alte ſchien indeſſen über den Angriff, den ſie ſo eben erlitten hatte, nicht entrüſtet zu ſein, vielmehr erhob ſie lächelnd den Zeigefinger und drohte leichthin dem Handſchuhmacher, wie man es mit einem un⸗ artigen Kinde thut.„Ei, ei,“ ſagte ſie,„wie undankbar, wie un⸗ dankbar! Wärt ihr nicht in der Nacht erfroren, wenn ich euch nicht geweckt und mit einem guten Schlückchen bewirthet hätte, das euch erwärmt und ſo ſchön bekleidet hatte.— Ihr habt ja Beide ſtatt eurer früheren abgetragenen Kleider einen Pelz ſo dicht und glatt, wie man ihn nur wünſchen kann. Denkt doch ein wenig nach, was wäret ihr ohne mich! Euer Sündenleben hätte mit der heutigen Nacht ein Ende gehabt, ihr wäret erfroren und läget jetzt ſtarr und ſteif da— und eure Seelen!—— daß die mit der Laſt von Sünden, die ſie zu tragen haben, nicht aufwärts geflogen wären, ſondern abwärts zur Hölle, könnt ihr euch wohl denken. Ich habe euch alſo gerettet, und es wird euch doch lieber ſein, noch vor der Hand einige Zeit in Gottes friſcher Luft und in ſo artigem Pelze zu leben, als todt und kalt zu ſein und in die Erde geſteckt zu werden. Ihr wißt ſelbſt am beſten, welch' ruchloſes, laſterhaftes Leben ihr geführt, da war keine Guade für euch.“ Die beiden Verwandelten hörten der Alten knurrend und mur⸗ rend zu, und als ſie ihnen ſo eindringlich von dem Erfrieren und der Hölle vorſprach, überlief Beide ein kleines Fröſteln, beſonders den Schneider, den der Handſchuhmacher eigentlich verführt hatte, und der von Natur ſo ein gar böſer Menſch nicht war. „Seht, meine Söhnchen,“ fuhr die Hexe fort,„ich habe mich ſchon oft ſolcher verlorener Kindlein angenommen und habe ſie in dem Augenblicke gerettet, wenn ich wußte, daß der Teufel ſeine 140 Das Geſicht im Mond. Krallen nach ihnen ausſtreckte. Einige Mal haben ſie ſich auch gebeſſert, um ſpäter, nachdem ſie bei mir Buße gethan, wieder ein glückliches und wohlgefälliges Leben zu führen. Aber ihr Beide, ja ihr Beide habt leider euer ganzes Leben lang nichts gethan, als geſündigt, weßhalb es euch ſchwer fallen möchte, dereinſt Ver⸗ gebung zu erlangen. Du,“ ſie wandte ſich zum Schneider,„als der Verführte, kannſt eher auf Gnade hoffen, hingegen wenn ſich dort der Handſchuhmacher auch in der That beſſert, ſo bleibt ſein Geſicht von ſeinem früheren Leben doch ſo gezeichnet, daß, wenn er einſtens an die Himmelsthür kommt, der Pförtner ihn nicht ein⸗ laſſen wird, weil er glauben muß, er ſei brennend der Hölle ent⸗ ſprungen. Da ich um euch beſorgt bin, ſo habe ich noch in der vergangenen Nacht in meinen wunderbaren Spiegel geſchaut und mit Leidweſen geſehen, wie ſchwer es euch halten wird, für eure begangenen Fehler und Sünden Vergebung zu finden. Darum laßt es euch in meinem Dienſt nicht ſauer werden, Seid fleißig und gehorſam und wer weiß dann, ob die Zeit, die ihr hier bei mir verlebt, euch nicht ſpäter anſtatt einer großen Buße angerech⸗ net wird.“. Nach dieſer Rede und Eröffnung der Hexe in Betreff ihres künftigen Schickſals kann man ſich leicht denken, daß die Beiden ſehr niedergeſchlagen und traurig waren, und doch geſtand ſich Jeder im Geheimen, daß es immer noch beſſer ſei, wenn auch nur als Katze zu leben, als todt, und auf ewig zur Hölle verwieſen zu ſein. Unter Thränen umarmten ſie ſich nochmals uünd gelobten einander das Schwierigſte zu thun, um aus dieſem kläglichen Zu⸗ ſtande bald erlöst zu werden und auf Vergebung ihrer Sünden reechnen zu können.— Jetzt wies ihnen die Alte ihre Geſchäfte an, welche hauptſächlich darin beſtanden, daß ſie nach Art aller Katzen Mäuſe zu fangen hatten, allein es durften nur weiße ſein, die ſie ganz unverſehrt der Alten bringen mußten. Dieſe zog dann den Mänſen die Felle ab, worauf ſie der Händſchuhmacher zube⸗ Das Geſicht im Mond. reiten mußte, um in Gemeinſchaft mit dem Schneider Handſchuhe und alle nur möglichen Sachen daraus zu verfertigen. Anfänglich war es den Beiden hart, daß ſie bei dieſer angeſtrengten und müh⸗ ſamen Arbeit nichts als Waſſer zu trinken bekamen, und Beide wollten vor Eckel vergehen, daß ihnen die Alte nichts zu eſſen gab, als die abgezogenen Körper der Mäuſe; deun wenn auch die beiden Geſellen der äußern Geſtalt nach ganz in Katzen verwandelt waren, ſo wußten ſie doch noch ſo viel von ihrem früheren Leben, daß ſie ſich wohl erinnerten, wie ihnen eine andere Speiſe beſſer behagt. So lebten ſie lange Zeit bei der Alten und gewöhnten ſich nach und nach an das Schreckliche ihrer Lage. Zuerſt hatte es ihnen manche Thräne gekoſtet, daß, wenn ſie am Abend ausgehen durften, und zufällig in die Nähe ihrer alten Bekannten kamen, dieſe gar zu ſchlimm von ihnen ſprachen. Ja,— hieß es alsdann, der Schneider und der Handſchuhmacher, Gott vergebe ihnen! das waren ein Paar liederliche Geſellen. Der Teufel hat ſie geholt und ſie ſind ſpurlos verſchwunden. Auf ſolche Reden hatte der Eine oder der Andere der Beiden es wohl verſucht, ſich zu erkennen zu geben, aber umſonſt. Sie konnten ſich in der Sprache der Men⸗ ſchen nicht mehr verſtändlich machen und mußten zu ihrem größten Leidweſen ſehen, daß ihre noch ſo zierlich geſtellten Reden in den Ohren ihrer alten Bekannten doch nur wie häßliche Katzenmuſik klang. Denn dieſe griffen bei ſolchen Lamentationen nicht ſelten nach einem Stock oder Stein, um ihre ehemaligen Zechgenoſſen auf eine unangenehme Art zu verjagen. Kamen alsdann die beiden Kater hinkend oder gar blutend zur Alten zurück, ſo wurden ſie noch obendrein von dieſer ausgelacht, und erhielten den Beſcheid, all' das Unangenehme für ihre Sünden hinzunehmen. So vergingen den Beiden ſieben volle Jahre, die ſie als Ka⸗ tzen verlebten und während dieſer Zeit hatte ſich viel in ihren Geſinnungen und Neigungen verändert. Sie ſahen jetzt wohl ein, welch' ein laſterhaftes Leben ſie früher geführt und erkannten 142 Das Geſicht im Mond. auch zu ihrer großen Betrübniß, daß ſie wohl nimmer im Stande ſeien, es wieder gut zu machen. Als dieſe ſieben Jahre bis auf die letzte Stunde abgelaufen waren, es war gerade wieder ein Morgen, wo draußen Schnee lag, wie der erſte, an welchem ſie ſich als Katzen auf dem Strohſack gefunden hatten, erwachten ſie ebenſo wie damals wieder, um an ihr Tagewerk zu gehen. Da öffnete ſich die Thür und die Alte trat herein. Das war nun weiter nichts Ungewöhnliches, nur verwunderten ſich die Beiden, daß ſie ſtatt einer Schaale mit Waſſer, ein kleines Fläſchchen nnter dem Arm trug, das mit einer Flüſſigkeit angefüllt war, ähnlich der, die ſie vor ſieben Jahren in der unglücklichen Nacht geſchluckt hatten. „Guten Morgen, meine Kinder,“ ſagte die Alte,„ich hoffe, ihr habt gut geſchlafen und ſeid fröhlich erwacht. Werdet aber noch fröhlicher und munterer werden, wenn ich euch ſage, daß heute eure Zeit um iſt, und ich euch aus ueinen Dienſten ent⸗ laſſen will. Jetzt hört mich an und merkt genau auf meine Worte. Ihr habt ſieben Jahre bei mir verbracht in Kummer, Mühſelig⸗ keiten und Elend, und mein Spiegel ſagte mir in vergangener Nacht, daß dieſe ſieben Jahre hinreichend wären, um euer ver⸗ gangenes böſes Leben abzubüßen. Doch ſagte mir der Spiegel ebenfalls, daß ihr von heute an nur noch ſieben Tage zu leben habt, wenn es euch während dieſer ſieben Tage nicht gelingt, einen Trunk aus jener Quelle zu thun, aus der das Waſſer des Lebens quillt. Um aber dieſe Quelle zu finden, müßt ihr von heute an fünf Tage in Einem fort gen Oſten wandern; alsdann kommt ihr an einen Wald, in deſſen Mitte ein frommer Mann wohnt, der jene Quelle hütet. Ihm erzählt euer vergangenes Leben, erzählt ihm von den ſieben Jahren, die ihr als Buße bei mir zugebracht, und es hängt dann von ſeinem Ermeſſen ab, ob er euch würdig findet, einen Trunk aus jener Quelle zu thun.“ 5 dieſen letzten Worten nahm die Alte das Fläſchchen in Das Geſicht im Mond. die Hand und beſprengte die Beiden mit der Flüſſigkeit, die es enthielt. Da richteten ſich die Katzen in die Höhe, ſtreckten ſich lang aus und waren in wenig Augenblicken wieder Menſchen, wie ſie vor ſieben Jahren geweſen. Sie umarmten ſich weinend vor Freude und dankten der Alten, daß ſie ſich ihrer angenommen und ſie vor dem zeitlichen und ewigen Verderben gerettet. Dieſe, welche das Fläſchchen noch immer in der Hand hielt, beſprengte nun noch die Wände und ſich ſelbſt und wer beſchreibt das Erſtaunen der Beiden, als ſie ſahen, wie ſich das ärmliche Gemach plötzlich mit einem roſenrothen Duft füllte, in welchem ihre bisherige Wirthin, in die ſchönſte Fee verwandelt, langſam verſchwand. Die beiden Geſellen fielen auf ihre Knie nieder und als ſie ſich etwas von ihrem Erſtaunen erholt, erinnerte ſich der Schneider, daß ihm einſt ſeine Mutter erzählt, juſt ſo, wie die Erſcheinung, die eben verſchwunden, ſehen die Schutzgeiſter der Menſchen aus, die ſelbſt die Schlechteſten hier auf der Erde unſichtbar umſchwebten und zu ihrer Rettung herbei eilten, wo es möglich ſei. Durch dieſen Gedanken geſtärkt, erhoben ſich die Beiden, eilten zur Stadt hinaus und wanderten raſtlos gen Oſten fort. Fünf Tage und fünf Nächte waren ſie unaufhaltſam fortge⸗ gangen, ſelbſt ohne ſich Zeit zum Schlafen zu nehmen. Ihre einzige Speiſe beſtand aus drei wenigen Schleen, die der Schnee noch an den Sträuchen gelaſſen, und aus Waſſer, das ſie mit der hohlen Hand aus den Bächen ſchöpften. Nach dieſen Mühſeligkeiten waren ſie nicht wenig erfreut, am Abend des fünften Tages einen Wald vor ſich zu ſehen, welchen ſie für den erkannten, wo der fromme Mann zu finden ſei, der die Quelle mit dem Lebenswaſſer hütete. Sie traten hinein und als ſie unter den Bäumen fortwandelten, wunderten ſie ſich ſehr, daß hier Alles im friſcheſten Grün des Frühlings prangte, während außerhalb des Waldes der Winter mit Schnee und Eis herrſchte. Endlich kamen ſie an eine Felſen⸗ höhle, in welcher das entzückte Ohr der Beiden eine Quelle mur⸗ Das Geſicht im Mond. meln hörte. Vor dem Felſen aber ſaß ein Mann von ſo ſtrengem und gebietendem Ausſehen, daß die Geſellen nicht wagten, näher zu treten, ſondern ehrerbietig in einiger Entfernung ſtehen blieben. Der Wächter des köſtlichen Waſſers, denn das war der Mann, ſchien ſich ebenſo wenig um die Beiden zu bekümmern, ſondern las, ohne aufzuſehen, in einem großen Buche. Ihm zur Seite ruhte ein fabelhaftes Thier, das faſt wie ein Löwe ausſah, aber auf jeder Seite des Körpers große Flügel hatte. Der Anblick dieſes Geſchöpfes war es, der den armen Geſellen faſt ebenſo große Angſt einflößte, wie der des alten Mannes. 3 Nachdem ſie einige Zeit ſo geſtanden, überredete der Hand⸗ ſchuhmacher ſeinen Freund Schneider, er ſolle den Anfang machen und den frommen Zauberer begrüßen,„denn,“ ſagte er,„ich bin ein armer, unbehülflicher Menſch, du aber haſt dein ganzes früheres Leben mit vornehmen Leuten verkehrt, und wirſt wohl wiſſen, wie du dich ſelbſt einem Zauberer gegenüber zu benehmen haſt.“ Der Schneider, durch das Compliment geſchmeichelt, ſtrich ſich das Haar empor, welches ihm der Angſtſchweiß auf der Stirne feſtge⸗ klebt hatte, und trat dem Zauberer näher. Da er hiebei abſicht⸗ lich mehr Geräuſch machte, als nöthig war, ſo blickte der Zauberer auf und fragte mit ſtrengem, aber doch freundlichem Blick.„Was wollt ihr?“ 3 Die Beiden, die nichts anders erwartet hatten, als daß der Zauberer in ſchrecklichen Zorn gerathen würde, weil ſie ihn in ſeiner Beſchäftigung geſtört, fühlten ſich durch dieſe Anrede ermu⸗ thigt und trugen ihr Anliegen vor. Zuerſt begann der Schneider ſeinen früheren Lebenslauf zu erzählen, und da er das mit einer ſeltenen Offenherzigkeit und Pünktlichkeit that, ſo kam ein ganzes Regiſter von merkwürdigen Betrügereien und Schlechtigkeiten zum Vorſchein. Da hatte er die Hälfte des Tuchs, das ſeinen Kunden gehörte, für ſich behalten, und von dem übrig gebliebenen Stück ————— natürlich die Kleider ſo eng gemacht, daß ſie ſchon in den erſten — 4 Das Geſicht im Mond. vier Wochen platzten; ein ander Mal hatte er feines Tuch gegen grobes verwechſelt, hatte ungebührlich viel für Futter, Knöpfe und ſonſtiges Zugehör angerechnet, hatte bei den Neujahrsrechnungen immer einige Poſten mehr aufgeführt und ſich obendrein bei dem Zuſammenzählen ſtets verrechnet, aber nie zu ſeinem Nachtheil, kurz, er konnte mit Erzählen der vielen Streiche, die er begangen, kaum fertig werden. Das Sündenregiſter des Handſchuhmachers war noch bei weitem größer, als das ſeines würdigen Collegen;z wenn er auch bei ſeinem Geſchäft weniger hatte betrügen können und die Leute nur dadurch ſchnellte, daß er ſchlechtes Leder zu ſeinen Handſchuhen nahm und die Knöpfe nicht gehörig annähte, ſo hatte er ſich nebenbei auf's Gröblichſte vergangen, indem er gar zu oft lange Finger gemacht, ein Umſtand, den nicht Jedermann vertragen kann. Der fromme Zauberer hörte mit Erſtaunen und wachſendem Zorn dieſen Bekenntniſſen zu, und man konnte deutlich an ſeinem Stirnrunzeln gewahren, daß er über die Schlechtigkeit der Menſchen ſehr erzürnt ſei. Freilich legte ſich ſein Grimm etwas, als ihm der Schneider von der ſiebenjährigen Buße erzählte, die ſie gethan; aber dennoch ſchüttelte er am Ende zum großen Entſetzen der Beiden den Kopf und ſagte:„Euch kann nicht verziehen werden. Ich finde euch in der That nicht würdig genug, um vom Waſſer des Lebens zu genießen.“ Bei dieſer Entſcheidung fielen die Beiden auf ihre Knie nieder und jammerten laut, ohne das Herz des Zauberers zu erweichen. Dieſer dachte einige Augenblicke nach, hielt ihnen nochmals die Sünden ihres vergangenen Lebens vor, ſo weit ſie ihm im Gedächtniß geblieben waren, und ſagte alsdann: „Nein, ich verſichere euch, eure Vergehen ſind zu großartig, als daß ſie vergeben werden könnten, und ich werde euch ebenſo wenig zu dem Quell des Lebens laſſen, als das Waſſer, dem Laufe der Natur zuwider, über die Brücke fließen wird. Du,“ wandte Hackländers Werke. XIII. 10 146 Das Geſicht im Mond. er ſich zum Handſchuhmacher,„könnteſt mit deinem rothen, glühen⸗ den Geſicht, das du deinem früheren Sündenleben zu danken haſt, ohnehin nicht zu der wunderbaren Quelle treten; denn ſie würde wahrſcheinlich bei dieſer heftigen Glut augenblicklich verſiegen.“ „Nach dieſem ſchrecklichen Beſcheid, welcher alle Hoffnungen des unglücklichen Paares vernichtete, fielen die Beiden der Länge nach. auf den Boden und begannen bitterlich zu weinen. Da ſie in die⸗ ſem Augenblick, um Troſt zu ſuchen, ihre Köpfe gegen einander wandten, ſo floſſen ihre reichlich ſtrömenden Thränen ſtatt die Wan⸗ gen herab auf dem gewöhnlichen Wege, quer über die Naſen und bildeten von da einen ziemlichen Waſſerfall auf die Erde. Als der Zauberer, der eine Weile nachgedacht hatte, dieſe heftige Reue der Beiden gewahrte, wurden die ſtrengen Züge ſeines Geſichts freund⸗ licher und man ſah deutlich, daß er ſich an der Zerknirſchung der armen Sünder erfreute; denn er erhob ſich, trat zu ihnen hin und ermunterte ſie mit freundlichen Worten aufzuſtehen, indem er zu ihnen ſprach:„Freuet euch, alle Noth hat nun ein Ende. Ich ſehe, daß ihr euer vergangenes Leben bitter bereut, und deßhalb könnt ihr den Quell des Lebens genießen, um ſo mehr, da mir der Himmel ein Zeichen gegeben hat, und meine Bedingung erfüllt, indem das Waſſer eurer Thränen über die Brücke eures Geſichts, die Naſe, gefloſſen iſt. Doch eine Schwierigkeit wäre noch zu überwinden, nämlich dein rothes Geſicht, o Handſchuhmacher, ab⸗ zukühlen und zu bleichen. Ich kenne die Flammen, die ſich auf demſelben abſpiegeln, und weiß, daß ſie ſchwerer zu löſchen ſind, als irgend ein anderes Feuer, das da brennt im Himmel und auf Erden, es iſt kein Waſſer, kein irdiſches Eis dazu kalt genug. Nur ein Verſuch wäre noch zu machen: es iſt bekannt, je höhere Berge man beſteigt, je ſtrenger wird die Kälte, und dieſem Grundſatz zu⸗ folge beſteht die Scheibe des Mondes, der dort hinter den Tannen hervorkommt, aus einem ſo entſetzlich kalten Stoff, daß das Eis 8 Das Geſicht im Mond. 147 der Erde wie ſiedendes Waſſer dagegen iſt. Dort alſo wäre nur der Verſuch zu machen, dein brennendes Geſicht abzukühlen.“ Die Beiden hörten dieſe lange Rede des Zauberers mit gro⸗ ßem Wohlgefallen an, trockneten ihre Thränen und würden ſich noch mehr gefreut haben, wenn der Abkühlungsprozeß mit weniger Schwierigkeiten zu erlangen geweſen wäre. Doch da der Zauberer ſich nun einmal ihrer angenommen hatte, fo half er den beiden reuigen Sündern auch über dieſe Klippe hinweg. Er rief das fabelhafte Thier herbei, das an ſeiner Seite lag, und befahl dem Handſchuhmacher, den Rücken deſſelben zu beſteigen. Hierauf ſprach er einige ſehr verhängnißvolle Zauberworte, der Greif breitete ſeine Schwingen aus und flog mit ſeinem Reiter unglaublich ſchnell dem Monde zu. Der Schneider hatte ſeine Hände gefaltet und ſah ſeinem Freunde nach. Jetzt hatte dieſer den Mond erreicht und drückte ſein Geſicht an die helle leuchtende Scheibe. Da ziſchte es gewaltig auf, und dem Schneider fuhr ein Stich durch's Herz, denn es war gerade wie das Ziſchen eines Bügeleiſens, wenn er wohl früher den Verſuch gemacht hatte, ein zu arg beſchnittenes Stück Tuch etwas in die Länge und Breite zu bügeln. Jetzt rauſchte der Greif wieder herab und der Schneider konnte ſein Entzücken nicht mäßigen, als er ſeinen Freund wohl behalten und mit ganz gebleichtem Geſicht wieder herunter kommen ſah. Sie fielen ſich auf's Neue in die Arme und nachdem ſie ſich gegen⸗ 1 ſeitig genugſam betrachtet, ſchickten ſie einen dankbaren Blick zum Monde hinauf, deſſen kaltes Eis die Flammen von dem Geſichte des Handſchuhmachers hinweggenommen. Doch wie ward ihnen, als ſie die leuchtende Scheibe betrach⸗ teten, die vor wenig Augenblicken noch ſo klar und ohne Flecken geweſen war, und als ſie ſahen, daß ſich das glühende Geſicht des Handſchuhmachers ſo darin abgedrückt hatte, daß man deutlich Naſe, Augen und Mund erkennen konnte. 148 Das Geſicht im Mond. Der Zauberer ermangelte nicht, ihnen dieſen Anblick nochmals als Beiſpiel aufzuſtellen, wie faſt unvertilgbar das Feuer ſei, welches die Sünde in ein Menſchengeſicht zeichnet. Dann führte er ſie in die Höhle, reichte ihnen das Waſſer des Lebens und entließ ſie mit mancher guten Lehre. Schließlich verſicherte mir mein Großvater, als er dieſe Sage erzählt, daß die Geſellen nie wieder in ihre alten Fehler verfallen wären und daß bis auf den heutigen Tag aus ihren Nachkommen noch all' die ehrlichen Schneider und Handſchuhmacher herſtammten, die kein Tuch in die Hölle fallen ließen, keine zu großen Neujahrs⸗ rechnungen machten, und die an ihren Handſchuhen von gutem Leder die Knöpfe recht feſt nähten. Auch führte er mich darauf ins Freie, und zeigte mir das Geſicht im Monde, wie es ſeit jener Begebenheit bis auf den heutigen Tag noch zu ſehen iſt. Der Zauberkrug. Auf einem hohen, hohen Berge lag einmal ein ſchönes, ſtatt⸗ liches Schloß mit ſtarken und feſten Thürmen, mit weitläuftigen Mauern und tiefen Gräben umgeben, über welche ſchwere Zug⸗ brücken hingen, und mit einem gewaltigen Burgthore, wo oberhalb deſſelben auf einem großen Steine das Wappen des tapferen Grafen eingehauen war, dem Berg und Schloß gehörte. Wie die Burg hieß, iſt nicht genau anzugeben, thut aber anch nichts zur Sache; denn Mauern und Thürme derſelben ſind zerbrochen worden, ſo daß kein Stein mehr auf dem andern liegt; nur das Geſchlecht, das darin gehaust— es war das der Schreckenberge— iſt uns wichtig und merkenswerth, da es bei der Zerſtörung der Burg nicht mit zu Grunde ging, ſondern ein junges Zweiglein dieſes berühmten Stammes ganz zufällig gerettet wurde. Die Schreckenberger hatten ſchon ſeit undenklichen Zeiten ihrem Namen alle Ehre gemacht, denn wenn ein Zug von Kaufleuten oder ſonſtigen Gewerbtreibenden ſich dieſem Berge nähern mußte, ſo thaten ſie es nur mit Schrecken, und hatten nicht Unrecht daran; denn ein Falke wird nicht leichter eine Taube gewahr, als die dort oben von ihrem hohen Wartthurme 7 1⁵0 Der Zauberkrug. die Züge der Krämer, ſelbſt wenn ſie der größeren Sicherheit halber des Nachts marſchirten, um in der Dunkelheit den gefürchteten Schreckenbergern zu entgehen. Es war ordentlich, als ſtünden die dort oben mit den böſen Geiſtern in Verbindung; denn noch nie war es bewaffneten Heerhaufen geglückt, die Krämer, die ſich in ihren Schutz begaben, ungefährdet vorbeizubringen; auch hatten ſich ſchon oftmals die benachbarten Städte zuſammengethan und ſich Monden lang abgemüht, die Burg des Schreckenbergers von allen Seiten zu berennen, aber immer vergebens. Die guten Bürger ſahen bei ſolchen Verſuchen immer früher oder ſpäter ein, daß es doch beſſer ſei, dem Schreckenberger hie und da einen Ballen Sei⸗ denzeug für ſeine erlauchte Gemahlin oder einen Wagen mit Häuten für die Knappen gutwillig zu überlaſſen, als ſich den Ballen ſeiner Wurfmaſchinen auszuſetzen und ſo ihre eigenen Häute zu Markte zu tragen. 4 Der letzte des hochanſehnlichen und weltberühmten Geſchlechts der Schreckenberge war Fratz von Schreckenberg und wohl der ſchlimmſte und räuberiſchſte, der je gelebt; allein trotz dem war er beliebter als ſeine Vorfahren. Er ließ zwar nie einen Zug Kauf⸗ leute, ohne dieſelben zu beſtehlen, vorüber, ließ ihnen aber dafür auch etwas übrig und begnügte ſich gewöhnlich mit der Hälfte der Waaren. Die Kaufleute ſelbſt oder ihre Reiſigen, die er bewältigte, ſchleppte er nie mit in ſeine Burg’, und ſo lange Fratz dort oben hauste, ſtand das Burgverließ beſtändig leer. Auch ſtreifte er nicht, wie ſeine Vorfahren, im Lande herum, ſondern ſaß wie eine Spinne in ihrem Netz auf ſeinem Berge und nahm nur, was in ſein Be⸗ reich kam. An dieſer Handlungsweiſe war neben ſeiner natürlichen Gutmüthigkeit noch eine böſe Prophezeihung Schuld, die man einem ſeiner Vorfahren gethan und welche Fratz von Schreckenberg als Denjenigen bezeichnete, unter welchem die Burg zerſtört werden ſollte, ſo daß kein Stein auf dem andern bleibe. Was aber den Herrn von Schreckenberg in ſpäteren Jahren wieder auf dieſe Pro⸗ Der Zauberkrug. 1⁵1 phezeihung aufmerkſam machte und ihn nicht ſelten ſehr betrübt ſtimmte, war der Tod ſeiner ſehr geliebten und guten Gemahlin. Fratz hatte ſich erſt, als er ſchon ein Mann geworden war, in den Stand der heiligen Ehe begeben, ſollte aber das Glück, im Beſitz eines ſo braven und guten Weibes zu ſein, nicht lange genießen; denn nachdem ihm ſeine Gemahlin ein Söhnlein geboren, welches er Kuno taufen ließ, lebte ſie nur noch ein Jahr, und ging dar⸗ auf in den Himmel, wo ſie eigentlich ihrer Frömmigkeit wegen hingehörte. Was aber den edlen Ritter beim Tode ſeiner Frau ſo ſehr an die alte Prophezeihung erinnerte, war ein Traum, den die Dame zu dreien Malen kurz vor ihrem Tode gehabt hatte. Ihr träumte nämlich, ſie ſehe oben vom Himmel zu, wie die Burg in hellen lichten Flammen ſtehe; ſie hörte das Getöſe der Mauerbrecher, das Schreien der Stürmenden, ſie ſah ihren Gemahl tapfer kämpfen und dann mit dem Schwert in der Hand fallen; doch hatte ſie gleich darauf den Troſt, ihn im Himmel mit ſich vereint zu ſehen. Nicht ſo erging es ihr mit ihrem Kind, dem armen Kuno; ſie er⸗ blickte deutlich das Gemach, wo der Kleine ſich bei dem Getöſe und Lärmen in einen großen Stuhl verſteckt hatte; ſie ſah, wie ſeine Wärterinnen vor Schrecken entliefen und ihn allein ließen. Sie zitterte heftig, als das Feuer und der Lärmen näher kam und faſt kein Ausweg für das Kind blieb. Da ſah ſie plötzlich, wie der Kleine achtſam aufblickte und in eine Ecke des Gemachs lief, wo ein großer kupferner Krug ſtand, den ſie früher nie geſehen. Das Kind faßte den Henkel deſſelben, und es war, als wenn der Krug plötzlich davon liefe und den Knaben hinter ſich drein zöge. So⸗ ſah ſie ihn entſchweben, die brennenden Treppen hinab, über die zertrümmerte Zugbrücke und die zerbrochenen Mauern in’s Freie, wo der Knabe mit dem Krug plötzlich verſchwand. Wie geſagt, dreimal träumte der armen Fran dieſelbe Geſchichte, genaun einmal ſo wie das andere Mal. Sie erzälte dieſen Traum ausführlich A 1⁵2 Der Zauberkrug. ihrem Gemahl, der gerade nicht ſehr davon erbaut war. Doch faßte er ſich und dachte als ein kluger Mann: Niemand kann ſeinem Geſchicke entgehen, alſo auch ich nicht, wir wollen daher erwarten, was da kommt. Auf das Bitten der kranken Gräfin hatte man alle Winkel des Schloſſes nach einem Kruge durchſucht, der mit dem, welchen ſie im Traume geſehen, einige Aehnlichkeit habe, und hatte auch wirklich unter alten Gerümpel einen ſolchen gefunden. Es war ein uraltes kupfernes Gefäß, das man oft hatte liegen ſehen und an das früher kein Menſch gedacht. Jetzt wurde es natürlich hervorgeholt, von Staub und Schmutz gereinigt, und da fand man denn, daß auf dem Bauche dieſes Krugs ſich allerlei ſchöne Schildereien befanden: Wappenſchilder, Turniere, Schlachten und dergleichen. Der Krug wurde nun auf Befehl der Gräfin förmlich zum Spielkameraden des kleinen Kuno gemacht, der ſich auch über dieſe neue Bekanntſchaft nicht wenig frente. Es war ordentlich, als wiſſe das Kind, wie wichtig ihm nach dem Traume der Mutter dies Geräthe einſtens werden ſolle; denn als man es ihm einmal gegeben, ließ es ihn nicht wieder von ſich, und konnte ſich Stunden lang damit unterhalten, indem es mit ſeinem kleinen Finger den wunderbaren Zeichnungen folgte, die ſich auf dem Kruge befanden. Es war, als ob das ſchwache Leben der armen Gräfin bis dahin gezögert hätte, ſich von ihrem Körper zu entfernen, und als glaube ſie wirklich, daß der Krug ihrem Kinde einſt zu ſeinem Schutzgeiſt werden würde; genug, ſie wurde ſeit dem Auffinden 1 deſſelben von Tage zu Tage ruhiger, und ſchloß kurz darauf die Augen, um dieſe verderbte Welt zu verlaſſen und ſich zu den beſſern Freuden des Himmels zu erheben. Der Graf war natürlich über den Tod ſeiner Gemablin ſehr betrübt und ſchien ſogar alle Luſt verloren zu haben, ſeine früheren Raubzüge wieder zu beginnen. Der Kuappe auf dem höchſten Thurme der Burg erſpähte vergebens ganze Züge reiſender Kaufleute, ſein Herr, der an die böſe Prophe⸗ —, ⸗— —.——— Der Zauberkrug. 1⁵³ zeihung dachte, hatte keine Luſt, die Rache des Himmels durch böſe Thaten aufzufordern, ſich ſeiner früher zu erinnern, als es ihr ſelbſt gut däuchte; er that vielmehr Alles, um ſich auf der Erde in dem Himmel in einen guten Geruch zu ſetzen, machte Stiftungen, beſchenkte arme Pilger auf's Reichlichſte und lebte ſtill und einge⸗ zogen für ſich. Es war ihm jetzt ein größeres Vergnügen, bei dem kleinen Kuno zu ſitzen, und aus jenem kupfernen Kruge von dem beſten Wein ſeines Kellers zu trinken, als draußen in Feld und Buſch herumzureiten und zu rauben. Er konnte jetzt Stunden lang von ſeinen früheren Fahrten erzählen oder ſo lange mit dem Kinde ſpielen, bis der Wein eine betäubende Kraft auf ihn übte und er ruhig entſchlief. Dies letztere widerfuhr ihm häufig, und wenn er dann aus jenem Gefäß getrunken, ſo hatte er weit angenehmere Träume, als ſonſt. Wohl erging es ihm dann wie ſeiner verſtor⸗ benen Gemahlin, und er träumte vom Untergang ſeines Schloſſes, aber er ſah dann beſtändig aus dem Schutt und den Trümmern eine von jenen Blumen wachſen, die man Königskerze nennt und die ſich gerade und ſtolz über alle Gräſer und Blumen erhob, die um ſie wuchſen. Jetzt war der kleine Kuno zehn Jahre alt geworden, und da der alte Herr Graf vom Schreckenberg keine Städter mehr beun⸗ ruhigte, auch unter den benachbarten Rittern keine Feinde hatte, ſo fing er doch allmälig an, ſich des Traumes ſeiner Gemahlin, ſowie der Prophezeihung als etwas Unwahrſcheinliches zu erinnern. Leider durfte er ſich dieſem beruhigenden Glauben nicht lange über⸗ laſſen; denn plötzlich fielen benachbarte rohe Völker in das Land, und es entſtand ein allgemeiner blutiger Krieg. Jetzt wußte Fratz Schreckenberg wohl, was die Stunde geſchlagen hatte; er berief ſeine Mannen und Reiſigen und wählte einige der Beſten unter ihnen, mit deren Hülfe er ſeine Schätze vergrub. Nachdem er die Männer auf's Reichlichſte beſchenkt, machte er ſie durch einen feier⸗ lichen Eid verbindlich, daß ſie, im Falle er nicht mit dem Leben 154 Der Zauberkrug. davon käme, für ſeinen Sohn ſorgen ſollten. Darauf wurde die Burg, ſo viel es ſich thun ließ, befeſtigt, und der Graf erwartete ruhig ſein ferneres Schickſal, das ſich auch raſch und traurig erfüllte. Alles geſchah, wie es die verſtorbene Gräfin im Traume ge⸗ ſehen. Die Burg wurde geſtürmt, der Graf Fratz von Schreckeu⸗ berg fiel, nachdem er wie ein Löwe gekämpft, und mit ihm die beſten ſeiner Mannen, ja, ſogar alle die, welche ihm früher den Eid in Betreff ſeines Sohnes geleiſtet hatten; denn ſie zogen es vor, den erſten Eid, den ſie ihrem Herrn geſchworen, den der Treue, zu halten, wonach ſie mit ihm ſtanden, fielen und ſtarben. Die Mauern des Schloſſes wurden gebrochen, ſo daß kein Stein auf dem andern blieb, und da die Wärterinnen des armen Kuno den Grundſatz befolgten: jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte, ſo ließen ſie das arme Kind im Stich und keine lebende Seele wußte, was aus ihm ge⸗ worden war. Wie auf dieſe Art all' das Schlimme geſchah, was die Gräfin vorausgeſehen, ſo erfüllte ſich zum Beſten des armen Kuno auch das Gute ihres Traumes und der Knabe wurde auf eine wunder⸗ bare und unerklärliche Weiſe gerettet. Als der Lärm um das Schloß losbrach, hatte er anfänglich dem Schallen der Hörner und dem Ruf der Stürmenden ohne Furcht zugehört. Aber dieſe kindiſche Freude dauerte nur ſo lange, bis die Fenſter des Gemachs, in welchem er ſich befand, von den Flammen des brennenden Schloſſes geröthet wurden und bis das Geſchrei der Kämpfenden, vermiſcht mit dem Geheul der Verwundeten, in den Gängen des Schloſſes und auf den Treppen hörbar wurde, denn jetzt hatte ihn eine namen⸗ loſe Angſt erfaßt; er verſuchte die Thür zu öffnen, welche ſeine treuloſen Wärterinnen hinter ſich in's Schloß geworfen. Als dies aber ſeinen ſchwachen Kräften nicht gelang, ſo eilte er zu ſeinem alten Spielkameraden, dem kupfernen Kruge, der in der Ecke ſtand, und faßte den Henkel deſſelben, wobei er kläglich nach ſeinem Vater ſchrie. — Der Zauberkrug. 155 Die Ideenverbindung des Krugs mit ſeinem Vater war ſehr natürlich, denn er hatte den alten Herrn in der letzten Zeit faſt nur mit dieſem Geräth in der Hand neben ſich ſitzen ſehen; aber Fratz von Schreckenberg hörte nicht mehr den Ruf ſeines Kindes, es war juſt in demſelben Augenblicke, wo ihn die Hellebarde eines Feindes über den Kopf traf, ſo daß er lautlos dahin ſtürzte. Das Kind, nachdem es einige Mal vergeblich nach dem Vater und ſeinen Wär⸗ terinnen geſchrien, fühlte ſich plötzlich auf eine Art fortgezogen, als ſei der Krug ein lebendes Weſen geworden, das ihn mit fort nähme. Die Thür ſprang auf und Kuno ging hindurch, die bren⸗ nende Treppe hinab, ohne von den Flammen verſehrt zu werden, und durch die ſtürzenden Mauern, ohne daß ihn ein Stein getroffen hätte; alsdann ging er im eiligen Laufe vorwärts durch die Höfe, dem großen Thore zu, und Kuno hatte bald das Freie erreicht; plötzlich vernahm er neben ſich aus einem brennenden Seitengebäude das Geſchrei eines Knaben, der in den guten, glücklichen Tagen häufig mit ihm geſpielt hatte: dieſer hieß Wolf und war der Sohn des Pförtners. Kuno hatte nicht ſobald die Stimme ſeines alten Spielkame⸗ raden gehört, als er ihm antwortete:„hier, hier!“ und ihm zu⸗ rief:„eile dich, lieber Wolf, und komme her, ſonſt müſſen wir Beide verbrennen!“ Dieſer ſäumte nicht, aus ſeinem Verſteck, einem großen, ſteinernen Waſſertrog, hervorzuſpringen und kam eilig herbeigelaufen. Er hatte kaum das Gewand Kuno's erfaßt, als die unſichtbare Macht, welche dieſen die brennenden Treppen im Fluge herabgetragen, wieder anfing zu wirken und mit den beiden Knaben in der größten Schnelligkeit davon eilte. Sie kamen den Berg hinab und wußten nicht wie; ſie liefen eine lange Strecke über das Feld, ohne zu ermüden, und wenn ſie ſich zuweilen im Laufe umwandten, um nach der Gegend zu ſehen, wo ſie herge⸗ kommen, ſo erblickten ſie das väterliche Schloß Kuno's in vollen Flammen,— ein Anblick, über den ſie Beide in Thränen aus⸗ 1⁵6 Der Zauberkrug. brachen, ohne aber in ihrem raſchen Laufe deßwegen einzuhalten. Darauf erſtiegen ſie andere Berge und die brennende Heimath hin⸗ ter ihnen fing ſchon an undeutlich zu werden; bald ſahen ſie nichts mehr davon, als einen rothen Widerſchein am Himmel, denn der Abend war bereits hereingebrochen. Jetzt fühlten die beiden Knaben auch plötzlich, daß ſie äußerſt ermüdet ſeien, und ſahen ſich deßhalb nach einem Orte um, wo ſie die Nacht verbringen könnten. Aber da war weit und breit nichts zu ſehen, als Haide und Wald, und Berg und Thal; kein Haus, ja nicht einmal eine ärmliche Scheune, wo ſie hätten hinein kriechen können, um die Nacht nicht unter freiem Himmel bleiben zu müſſen. Sie ſetzten ſich in's grüne Moos unter einen Baum, und nachdem ſie ſich gegenſeitig recht kläglich angeſehen und etwas dabei geſeufzt hatten, brachen ſie auf einmal in Thränen aus und fühlten jetzt zum erſten Mal, was ſie Alles verloren.„Ach,“ jam⸗ merte Kuno,„wo mag mein Papa jetzt ſein? ſie haben ihn gewiß todt geſchlagen und er lebt nicht mehr.“—„Ja,“ fuhr Wolf fort, „und der meinige, und meine Mutter, und das kleine Schweſter lein!“—„Alle, alle,“ fiel Kuno ſeinem Gefährten in die Rede, „ja, alle ſind todt, mauſetodt!“ Bei dieſem letzten Worte brachen ſie auf's Neue in heftigere Thränen aus und ſchluchzten eine Weile ſo fort. Da ſich aber Niemand in der Nähe befand, der ſie bedauert und gebeten hätte, nicht mehr zu weinen, ſo hörten ſie bald auf, und Wolf, der zwei Jahre älter war als Kuno, verſuchte es zuerſt, ſeinem Gefährten andere Gedanken einzuflößen.„Ja, lieber Kuno,“ ſagte er,„wir ſind einmal ſo unglücklich und haben Alles verloren. Was iſt da nun zu machen? Da kein Haus in der Nähe iſt, das uns aufneh⸗ men könnte, ſo müſſen wir unter freiem Himmel ſchlafen und wer⸗ den wahrſcheinlich davon nicht ſterben. Erinnerſt du dich noch, wie dein Vater uns einmal erzählte, daß er als ein kleiner Bube mitreiten mußte auf die Jagd, und daß ſie ſich dann alle verirrten⸗ — Der Zauberkrug. 1³7 und er ſo gut wie der älteſte Knappe im Moos geſchlafen hat, und es hat ihm nichts gethan. Daher wollen wir den Verſuch machen, uns feſt zuſammen legen und ſehen, ob wir nicht auch unter freiem Himmel ſchlafen können.“ Kuno fühlte ſich durch die Worte ſeines Unglücksgefährten in der That etwas geſtärkt, und da er ebenſo gut, wie Wolf, ein herzhafter Burſche war, ſo ſagte er Ja und ſie ſuchten ſich eine paſſende Stelle zum Schlafen aus. Den kupfernen Krug, dem die Beiden, ohne es zu wiſſen, ihre Rettung verdankten, hatte Kuno bis jetzt mit der einen Hand feſt gehalten, denn dies Gefäß, ſein einziges Erbſtück, brachte ihm eine ſo lebhafte Erinnerung an ſein verbranntes väterliches Haus, an Vater und Mutter, daß er ſich durch die Nähe deſſelben ordentlich getröſtet fühlte. Nachdem die beiden Knaben ſich eine Zeit lang an dem Orte, wo ſie ſich befanden, umgeſehen, entdeckten ſie eine hohle Eiche, die inwendig mit dem ſchönſten Moos bedeckt war. Wolf ließ ſeinen Gefährten zuerſt hineinkriechen, damit dieſer und der Krug den ſicherſten und beſten Platz hätten, er ſelbſt aber legte ſich vorne an den Eingang, um im Fall einer Gefahr ſeinen kleinen Freund beſchützen zu können. Beide entſchliefen auch bald, und da ſie ſehr ermüdet waren, erwachten ſie nicht eher, bis die Sonne über den fernen Bergen heraufſtieg und einen ihrer rothen, zitternden Strahlen in den Baum ſandte. Sie ſprangen auf, krochen aus ihrer Lagerſtatt hervor und hielten einen Rath, was nun zu thun ſei. Kuno meinte, ob es nicht am räthlichſten wäre, den Weg nach der ver⸗ brannten Burg zurück zu ſuchen, um nachzuſehen, ob nicht vielleicht noch einer von des Vaters Freunden am Leben ſei, der ihnen als⸗ dann helfen könne; doch Wolf verwarf dieſen Vorſchlag, indem er ſeinem kleinen Freunde erklärte, daß die Feinde dort überall her⸗ * umſchwärmen würden, um nach Beute zu ſuchen, und daß dieſe ſte unſehlbar umbringen würden, ſobald ſie ſich blicken Kießen. Das 158 Der Zauberkrug. Letztere leuchtete denn dem armen Kuno auch ein, und Beide be⸗ ſchloſſen, auf gut Glück in's Land hinaus zu wandern, um zu ſehen, auf welche Art ſie ſich durchhelfen könnten. Sie pflückten einige Beeren, die herum ſtanden, zum Frühſtück, und gingen dann zu einem kleinen Bache, der ſich auch nicht weit von dem Baume befand. Hier ſchöpften ſie mit dem Krug einen Trunk kla⸗ ren Waſſers und nachdem ſie Beide daraus getrunken hatten, ver⸗ wunderten ſie ſich nicht wenig, als ſie fühlten, daß ſie trotz dem Wenigen, was ſie gegeſſen, ganz geſättigt waren. Nun brachen ſie mit friſchen Kräften auf, und nachdem ſie ſich umgeſehen und nachgedacht, nach welcher Gegend zu ungefähr ihre Heimath liegen würde, wandten ſie derſelben den Rücken und gin⸗ gen auf der entgegengeſetzten Richtung buchſtäblich ihrer Naſe nach, ohne ein beſtimmtes Ziel. Das Einzige, was ſie allenfalls leitete, war der beſſere oder ſchlechtere Boden, über den ſie gingen. Bald machten ſie einen großen Umweg, um nicht mitten durch einen Sumpf waten zu müſſen; bald gingen ſie lange am Rande eines Waldes dahin, welcher von breiten Waſſergräben umzogen war, und ſo nahmen den ganzen Tag die Mühſeligkeiten kein Ende. Schon ſank die Sonne und noch immer hatten ſie keine Ausſicht, die Nacht beſſer zuzubringen als die vorige. Auch hatte die Ge⸗ gend rings umher nicht das Anſehen, als ſei ſie von menſchlichen Weſen bewohnt; denn man erblickte keine Fruchtfelder oder Obſt⸗ bäume, ſondern nichts als traurige Haide, durch welche ſich hie und da kümmerlich ein halb ausgetrocknetes Bächlein wand; was man dann und wann von Waldungen erblickte, waren ſchwarze, düſtere Tannen, die ihre Zweige traurig zum Boden hängen ließen und laut ſeufzten und klagten, wenn der friſche Wind über ſie hinſtrich. Es wurde jetzt dunkler und immer dunkler und die beiden Knaben ſetzten ſich ganz ermüdet an eines jener Bächlein hin, und da ſie auf ihrem heutigen Marſche keine Beeren gefunden hatten, um ihren Hunger zu ſtillen, ſo ſchöpften ſie mit ihrem Kruge aus der Der Zauberkrug. 159 Quelle etwas Waſſer. Doch wie erſtaunten ſie, als ſie einen Schluck gethan und dieſelbe Entdeckung machten, worüber ſie am Morgen aber nicht viel nachgedacht, nämlich die, daß ſie von dem wenigen Waſſer, was ſie getrunken ſo geſättigt waren, als hätten ſie die beſte Speiſe genoſſen. Sie ſchliefen nun getröſtet wieder ein, wachten am an⸗ dern Morgen geſtärkt und erquickt auf und ſetzten ihren Marſch fort. Es war nun der dritte Tag, daß ſie ihre Heimath verlaſſen hatten, und leider wußten ſie noch nicht, was ſie für die Zukunft beginnen ſollten. Sie gingen über die Haiden dahin, durch die Tannenwälder, hinter denen wieder neue Haiden kamen und ſo fort, bis Nachmittags; eben als die Sonne wieder anfing abwärts zu ſteigen, erblickten ſie vor ſich in der Ferne ein Gebirge, das mit anderem friſchem Grün und nicht mit Tannen bewachſen war und wo ſie endlich hofften, Menſchen zu finden, die ihnen helfen würden. Sie ſtärkten ſich wieder mit einem Trunk friſchen Waſſers und wanderten ſo rüſtig voran, daß ſie mit ſinkender Nacht die Berge erreicht hatten, die vor ihnen lagen. Ihre Hoffnung, dort endlich Menſchen und Häuſer zu finden, die ihnen eine andere La⸗ gerſtatt als die bisherige gewähren würden, ließ ſie nicht am Fuß des Gebirges unter freiem Himmel ihr Nachtlager aufſchlagen, ſon⸗ dern ſie begannen rüſtig aufwärts zu ſteigen, um ſich droben nach einer Stadt oder einem Hauſe umſehen zu können. Hinter ihnen ſtieg der Vollmond auf und beleuchtete ihren Weg auf's Beſte,— ein Umſtand, der den beiden Knaben heute Abend beſonders gut zu Statten kam; denn je höher ſie ſtiegen, je ſchlechter wurde ihr Weg. Bald ſtanden ihnen große Felſenzacken drohend entgegen, zwiſchen denen ſie erſt nach langem Suchen einen Weg fanden; dann waren wieder die Aeſte der Bäume und Geſträuche ſo dicht in einander verwachſen, daß ſie nicht hindurch konnten, ſondern darüber hinwegklettern mußten. Nach tauſend ſolchen Schwierig⸗ keiten erreichten ſie endlich die Höhe des Gebirges und warfen ſich ermüdet unter einer Eiche nieder, um eine Weile auszuruhen. Vor 160 Der Zauberkrug. ihnen ſenkte ſich der Wald wieder hinab und es ſchien ihnen, als umſchließe der Gebirgszug, auf dem ſie ſich befanden, in einem großen Bogen ein ſtilles Thal; und ſo war es auch. Nachdem ſie eine Zeit lang ausgeruht, kletterte Wolf auf die Eiche, unter wel⸗ cher ſie ſich befanden, und ſpähte nach beſten Kräften umher. Allein ſo ſehr er ſich bemühte, ein Haus oder dergleichen zu entdecken, ſo ſah er doch nichts, als die Spitzen der Bäume; wohl erblickte er hie und da aus dem Grün des Waldes etwas hervorblitzen; als er aber ſchärfer hinſah, gewahrte er, daß es ein großer runder See ſei, auf den die Strahlen des Mondes fielen. Kuno, der ſich mit dem troſtloſen Beſcheid nicht begnügen wollte, ſtieg ebenfalls auf den Baum, nahm aber ſeinen Krug mit, denn er hatte ihn zu lieb, um ihn nur einen Augenblick von ſich zu laſſen. Als er auf der Spitze des Baumes angelangt war, ließen die beiden Kna⸗ ben gemeinſchaftlich ihre Blicke umhergehen, und obgleich Wolf wiederholt verſicherte, es ſei nichts zu ſehen, ſo rief doch Kuno plötzlich aus: er erblicke da unten ein kleines Häuschen, und zeigte mit dem Finger darauf hin. So ſehr ſich auch Wolf die Augen wiſchte und ſo lange hinſchaute, bis ihm die Bäume rund herum zu tanzen ſchienen, ſo gewahrte er doch nichts, bis er ganz zufällig ſeine Hand auf den kupfernen Krug legte und dann ebenfalls das Häuschen erblickte, von dem Kuno geſprochen. Er konnte ſich nicht genug darüber verwundern, daß er eine Sache, die doch jetzt ſo deutlich vor ihm lag, früher nicht bemerkt. Nachdem er jetzt die Vorſicht gebraucht hatte und ſeine Mütze nach der Gegend zu, wo das Häuschen lag, vom Baume herabgeworfen, ſtiegen Beide ver⸗ gnügt herab und machten ſich eiligſt auf den Weg dahin. Sie gingen leichter in das Thal hinab, als ſie vorhin den Berg aufwärts geſtiegen waren, doch mußten ſie noch ein paar gute Stunden laufen, ehe ſie das kleine Haus erreicht, das ihnen von dem Baume droben ſo nahe zu liegen ſchien. Jetzt traten ſie aus dem Wald auf einen freien, mit Raſen 5 3 Der Zauberkrug. 161 bedeckten Platz, in deſſen Mitte ein kleines Gärtchen lag und in demſelben das Häuschen. Das Gärtchen war mit einem Zaun ein⸗ gefaßt, der aus lauter ſchneeweißen und roſenrothen Korallen be⸗ ſtand, deren Spitzen ſich in ſilbernen Schlangenköpfen endigten. Um dieſen wunderbaren Zaun gingen ſie mehrere Male herum und ſuchten lange vergeblich nach einem Pförtchen, das ihnen den Ein⸗ laß gewährte. Sie waren ſchon im Begriff, hinüber zu klettern, als Kuno, der den kupfernen Krug in ſeinem Arme trug, mit dem⸗ ſelben beim Vorbeigehen die Korallen berührte, und nun ſprang plötz⸗ lich ein Thürchen auf und ließ ſie eintreten. Hinter ihnen ſchlug es wieder zu, und obgleich ſie jetzt die Stelle wußten, wo es ſich be⸗ fand, ſo waren doch die Korallen ſo wunderbar in einander gefügt, daß ſie vergeblich die Oeffnung, zu der ſie hereingetreten waren, zu entdecken ſuchten. Hatten ſie ſich hierüber ſchon genug verwundert, ſo brachte ſie der Anblick des Gärtchens ſelbſt, das ſie in dem kla⸗ ren Mondſchein ſo ziemlich überſehen konnten, vor Erſtaunen faſt außer ſich. Die Wege, welche ſich zwiſchen den Blumenbeeten hin⸗ ſchlängelten, glänzten, als beſtänden ſie aus Silber, das man zu Staub zerſtoßen. Ach, und doch war dieſer Glanz noch Alles nichts gegen die Blumen ſelbſt, die auf den Beeten wuchſen. Es war nicht anders, als ſchüttle man Diamanten, Rubinen, Smar g⸗ den, Perlen, Gold und Silber immerfort durch einander, ſo glänzte und flimmerte es vor den Augen der erſtaunten Knaben. Vor lauter Glanz und Pracht war es ihnen nicht möglich, eins dieſer wunderbaren Gewächſe näher zu beſehen. Auch ermahnte Wolf ſeinen Gefährten, ſich nicht zu lange in dem fremden Garten auf⸗ zuhalten, ſondern auf das Häuschen zuzugehen, damit der Eigen⸗ thümer deſſeben nicht böſe würde, wenn ſie ſo lange in ſeinem Be⸗ ſitzthum herumgafften, ohne ihn erſt um Erlaubniß zu fragen. So demüthig und ſtill wie möglich näherten ſie ſich deßhalb dem kleinen Hauſe, das vor ihnen lag. Es war nicht minder ſchön Hackländers Werke. XIII. 11 162 Der Zauberkrug. und prächtig als der Garten. Seine vier Mauern beſtanden aus glattem weißem Marmor und die Fenſter, die ſich in denſelben be⸗ fanden, ſchienen ungeheure Brillanten zu ſein, die in Gold gefaßt und eingeſetzt waren. Das Dach beſtand aus rothen Korallen, deren Zacken alle in die Höhe wuchſen, und da ſich hier, wie an dem Zaune, auf jeder dieſer Spitzen ein filberner Schlangenkopf befand, ſo ſah es aus, als ringelten ſich dort oben Tauſende von rothen Schlangen zuſammen. Jetzt ſtanden die beiden Knaben vor der goldenen Thür und Wolf klöpfte beſcheiden an, um ſich dem Eigenthümer bemerkbar zu machen. Er klopfte einmal, zweimal, ja dreimal, aber es kam Niemand, der ihm die Thür geöffnet hätte. Da ſie nun glaubten, da drinnen ſei Alles im feſten Schlafe, ſo poch⸗ ten ſie ſtärker, und als auch dies nichts half, erhoben die beiden Kuaben ihre Stimme und baten ſo flehend wie möglich, man möchte ihnen doch aufmachen, ſie ſeien ein paar arme Kinder, die ſich ver⸗ irrt hätten und nicht wüßten, wo ſie die Nacht zubringen ſollten. Alles vergebens. Niemand erſchien und es wurde auch innen nicht das kleinſte Geräuſch vernehmbar. Kuno, der ſehr ermüdet war, ſetzte ſich vor der Thür auf die Erde und als er den kupfernen Krug neben ſich ſtellte, berührte dieſer von ungefähr die Thür, melche nun plötzlich aufſprang. Wolf, der hierüber ſehr erſtaunt war, trat einen Schritt zurück und wagte nicht hinein zu treten. Endlich aber faßten Beide Muth, und nachdem ſie noch einmal nach dem Eigenthümer gerufen, der ſich aber weder ſehen noch hören ließ, traten ſie in das Häuschen und kamen in ein kleines Zimmer, wo Alles mit der gleichen Pracht ausgeſtattet war. Was ſie am meiſten verwunderte und zugleich erfreute, war der Anblick zweier Betten, die hier ſtanden. Schüch⸗ tern und ängſtlich traten ſie zu einem derſelben, um nachzuſehen, ob nicht vielleicht Jemand darin liege. Aber wenn ſie die ſeidenen Decken und Kiſſen auch noch ſo genau unterſuchten und ſogar unter die Betten ſahen, ſie fanden Niemand, worauf ſie ſich nach einer beſonders merkwürdig vor. Sie waren ebenfalls von Gold und Der Zauberkrug. 163 kurzen Berathſchlagung in ihrer großen Ermüdung überreden ließen, ſelbſt in dieſen beiden Betten Platz zu nehmen. Sie zogen ſich alſo aus, krochen unter die ſeidenen Decken, ſprachen ihr Abendgebet und fielen bald in einen feſten Schlaf. Wie es oft den Kindern zu gehen pflegt, daß ſie an fremden Orten, auch wenn ihr Lager noch ſo weich und ihr Zimmer noch ſo ſchön iſt, früher erwachen als daheim, ſo geſchah es auch den beiden Knaben. Es war aber heute Morgen wohl noch eine Ne⸗ benurſache, die ihnen den Schlaf früher aus ihren Augen trieb. Sobald nämlich die erſten Strahlen des Tages über die Berge brachen, ſo begannen die Fenſter zu blitzen und zu leuchten und ſchoßen ſo tauſendfache rothe, gelbe, weiße, grüne Strahlen, daß ein Todter davon hätte erwachen müſſen. Kuno rieb ſich zuerſt die Augen und blickte mit dem lauten Ausruf der Verwunderung um ſich. Ihm hatte geträumt, ſie ſeien wieder wie früher unter einer Eiche eingeſchlafen und erwachten jetzt daſelbſt, durch die Feuchtigkeit des Mooſes und die ſcharfe Morgenluft durchſchauert und durch⸗ kältet. Deſto angenehmer aber war es dem Knaben, als er jetzt beim Erwachen fühlte, daß er in einem Bette lag, ſo fein und weich, wie er es kaum zu Hauſe gehabt. Wolf, der in ſeinem Leben nie ſo geſchlafen hatte, dehnte und wandte ſich behaglich unter der ſei⸗ denen Decke, und konnte ſich kaum dazu entſchließen, das Bett zu verlaſſen. Die Neugierde, welche in den Knaben wieder rege wurde, als ſie um ſich blickten und alle dieſe merkwürdigen, prächtigen Ge⸗ genſtände ſahen, ließ ſie nicht länger ruhen. Sie ſprangen auf, ſchlüpften in ihre Kleider und begannen das Gemach, in welchem ſie geruht, auf das Genaueſte anzuſehen. Ach, da war Alles von einer ſo ſeltſamen und ſonderbaren Pracht. Geſtern Abend im Dunkeln hatten ſie nicht Alles anſehen können und waren jetzt deſto mehr überraſcht, als ſie alle Geräthe genau betrachteten. Die Geſtelle der Betten, in welchen ſie geſchlafen, kamen ihnen Der Zauberkrug. die Füße beſtanden aus ſchönen geringelten Schlangen, die mit ihren Köpfen das Geſtell trugen. Nachdem die Beiden ſich in dem Gemach ſatt geſehen, traten ſie in das Gärtchen hinaus, und wenn ſie ſchon geſtern Abend über die Pracht erſtaunt waren, mit der hier die Blumen blühten, ſo war heute Morgen beim hellen Son⸗ nenlichte ihre Verwunderung noch viel größer. Ach, das Alles, was ſie hier ſahen, war ſo ſchön, daß Beide zugleich ausriefen, hier möchten ſie ihr Leben verbringen. Die umliegende Thalwand war mit dem ſaftigſten und ſchönſten Grün bewachſen, an welchem Tauſende von Thautropfen hingen, die in der Sonne wie Brillan⸗ ten funkelten. Ein kleiner Bach, der von der Höhe des Berges mit lautem Plätſchern herabſtürzte, ſammelte ſich unten im Thale in ein weißes Marmorbecken und floß aus dieſem ganz ruhig bei dem ſchönen Gärtchen vorbei. Nachdem ſich die Knaben mit einem Trunk Waſſer erquickt, beſchloſſen ſie, in dem Thale umher zu ſchweifen, ob ſie nicht viel⸗ leicht eine Spur von dem Eigenthümer des Häuschens fänden. Sie wollten ihn aufſuchen und ihn bitten, er möge ſie da laſſen, wofür ſie dann verſprechen wollten, nach ihren Kräften das Gärt⸗ chen in Ordnung zu halten und ihm überhaupt nützlich zu ſein, wo ſie könnten. Mit dieſem Vorſatz nahm Kuno den Krug an den Arm und Beide verließen den Garten. Sie folgten dem Laufe jenes Baches, welcher eine Zeitlang durch friſche grüne Wieſen lief und ſich dann dem Walde zuwandte, den die beiden Knaben jetzt vor ſich ſahen und aus dem der größte Theil des Thales zu be⸗ ſtehen ſchien. Auf die gut durchſchlafene Nacht waren die Beiden ſo vergnügt, daß ſie ihre Stimmen erhoben und laut ſangen und ſchrien. Nebenbei hatten ſie den Zweck, ihren Hausherrn, der ſich vielleicht in dem Walde befand, auf ſie aufmerkſam zu machen. Es wollte ihnen bei dieſem Singen anfänglich ſonderbar bedünken, daß in den dichtbelaubten Zweigen der hohen Bäume, unter denen ſie wandelten, keine Vögel zu hören waren, die ihnen mit muntern —— Der Zauberkrug. 165 Weiſen antworteten. Sie horchten bald hierhin, bald dahin, aber da war Alles todt und ſtill, und nur das Echo antwortete ihrem Rufe. Sie gingen weiter und weiter, und endlich ſchien ihnen der Wald etwas lichter zu werden. Auch glaubte Wolf, in der Ferne den Spiegel des See's durchblicken zu ſehen, den ſie geſtern Abend von dem Berge oben entdeckt. Sie eilten nach jener Richtung hin und ſahen bald, daß ſie ſich nicht getäuſcht, denn wie ſie aus dem Walde heraustraten, befanden ſie ſich am Rande eines großen See's, deſſen Waſſer eine ſchwarze Farbe hatte und recht unheimlich ausſah. Da bewegten ſich keine Wellen, und ob⸗ gleich es hoch im Sommer war, ſo ſah der Teich aus, als ob er gefroren wäre. Ja, wenn der Wind von den benachbarten Bäu⸗ men ein Blatt herunterjagte, ſo ſchwamm es nicht luſtig auf dem Waſſer dahin, ſondern, als fürchte es ſich vor demſelben, hüpfte es auf dem Spiegel des See's bis an die andere Seite und blieb dort erſt, auf dem Lande, liegen. Die beiden Knaben ſetzten ſich am Ufer des See's auf einen bemoosten Stein und wußten nicht, was ſie davon zu halten hat⸗ ten. Wolf, der zu Hauſe bei den Gelagen der Knappen viele glaubwürdige und wahrhafte Erzählungen von bezauberten Ländern, von Waſſernixen und Elfen mit angehört hatte, kam zuerſt anf den Gedanken, daß ſie ſich am Ende in einem ſolchen Zauberthale be⸗ fänden, eine Vermuthung, die den Beiden gar nicht angenehm war. Sie fingen ſich an zu fürchten, und ſo freundlich und ſchön ihnen früher ihre ganze Umgebung erſchienen war, ſo betrachteten ſie jetzt dieſelbe mit Mißtrauen und furchtſamen Blicken. Die Stille, die ſie rings umgab, das ſchwarze Waſſer, an dem ſie ſaßen, ja ſogar das ſchöne Häuschen, in dem ſie geſchlafen, das Alles erſchien ihnen jetzt fürchterlich, denn Wolf erinnerte ſich einer Geſchichte, in wel⸗ cher der Oger oder Menſchenfreſſer ſolche Sachen hinzauberte, und damit arme Kinder anlockte, um ſie nachher als Mahlzeit zu verſpeiſen.. 166 Der Zauberkrug. Unter ſolchen Gedanken ſaßen die beiden Knaben traurig da und ſchauten vor ſich in das Waſſer, das, obgleich es ganz ſchwarz erſchien, doch ziemlich durchſichtig war. Sie beugten ſich über den Stein und ſchauten lange aufmerkſam hinab, und Kuno, der ſeinen Krug feſt im Arme hielt, war der Erſte, der auf dem Grund des See's etwas zu entdecken glaubte. Es kam ihm vor, als ſähe er dort Mauern, Dächer, ja, nach und nach ein ganzes ſtattliches Schloß, weit ſchöner und größer, als das ſeines Vaters geweſen war. Auch Wolf ſah hin und glaubte das Nänliche zu erblicken. Da Beide ſcharfe, geſunde Augen hatten und ihre Neugierde durch ihre erſte Vermuthung ſehr geſtachelt war, ſo nahmen ſie alle ihre Aufmerkſamkeit zuſammen und fanden, daß ſiee ſich nicht getäuſcht hatten. Auf dem Grund des See's lag wirklich ein großes, ſchö⸗ nes Schloß mit hohen Thürmen und Mauern, und ſie ſahen es jetzt in unbeſtimmten Umriſſen, etwa wie man einen Gegenſtand durch dichten Nebel erblickt. Dieſe Entdeckung war aber nicht dazu ge⸗ eignet, ihre Furcht zu zerſtreuen, vielmehr wurde es ihnen jetzt erſt recht klar, daß ſie ſich in einem verzauberten Thale befanden, daß dort unten der böſe Zauberer wohne und daß das Häuschen, in dem ſie geſchlafen, der Ort ſei, wo ſie der Zauberer ergreifen und verſpeiſen würde. Wenn auch dieſe Gedanken nicht geeignet waren, ſie dorthin zurück zu bringen, ſo erging es ihnen doch, wie oft den Menſchen, die, anſtatt eine Sache, welche ihnen ſchrecklich vorkommt, zu flie⸗ hen, mit einer ſchaudernden Neugierde ſich derſelben immer wieder nähern müſſen. Die Beiden ſtanden auf und wanderten längs dem Bache zurück, bis ſie das Häuschen wieder vor ſich liegen ſahen, in welchem ſie geſtern geſchlafen. So unruhig ſie hier auch umher ſpähten, ſo ſehr ſie auch fürchteten, hinter irgend einem Buſche eine Schreckensgeſtalt auftauchen zu ſehen, ſo fand ſich doch von allem dem nichts. Das Häuschen ſtand ſo ruhig da wie vorhin und auch im Innern deſſelben hatte ſich nichts verändert. Sie — Der Zauberkrug. 167 traten hinein und ſuchten noch einmal alle Winkel durch, um viel⸗ leicht ein anderes Gemach zu finden. Auf die Vermuthung, daß ſich in dem Häuschen mehr als ein Gemach befinden müſſe, waren ſie durch die Größe deſſelben von außen gekommen, welche mit dem kleinen Zimmer nicht im Verhältniß ſtand. Allein ſo ſehr ſie ſich auch abmühten, in der ſchönen glatten Wand die Fugen einer Thür zu finden, ſo war ihnen das doch unmöglich und ſie entdeckten nichts. Nachdem ſie ſich nun in dem Gärtchen noch etwas zu thun gemacht hatten, kleine Steine von den Beeten abgeleſen und einige von den ſchönen Blumen, die der Wind von ihren Stöcken losgeriſſen, wieder feſtgebunden hatten, war es Abend geworden, und die bei⸗ den Knaben begaben ſich wie geſtern zur Ruhe, aber weit beküm⸗ merteren Herzens, indem ſie fürchteten, in der Nachk würde der Zauberer erſcheinen, um ihrem Leben ein Ende zu machen; allein es geſchah nichts, was dieſe Beſorgniß hätte rechtfertigen können. Sie ſchliefen die lange liebe Nacht hindurch ruhig in den ſeidenen Betten und wurden erſt am andern Morgen von den funkelnden Sonnenſtrahlen erweckt, welche durch die hell glänzenden Fenſter hereinflimmerten. Munter ſtanden die Knaben wieder auf und ihre Furcht, daß ſie einem böſen Zauberer in die Hände gefallen ſeien, ſchien ſich etwas zu verlieren. In Ermangelung anderer Nahrungsmittel ſprachen ſie ihrem Kruge fleißig zu, welcher ſie auch nicht im Stiche ließ, ſondern ſie auf das Wunderbarſte erquickte und ſättigte. Dann nahmen ſie ſich bei der Hand, um wieder im Thale umher zu ſchwei⸗ fen. Diesmal wandten ſie ihre Schritte nicht nach dem ſchwarzen See, ſondern verſuchten an der Thalwand empor zu ſteigen, um ſich droben auf der Höhe umzuſehen. Anfänglich fanden ſie hier einen Weg, der empor zu führen ſchien; doch als ſie ihm einige hundert Schritte gefolgt, wandte er ſich wieder abwärts; ebenſo ging es mit einem zweiten und dritten Weg, den ſie fanden, und wenn die beiden Knaben uèet endlich verſuchten, ohne Pfad und 168. Der Zauberkrug. mitten zwiſchen den Bäumen empor zu klettern, ſo kamen ſie doch nicht hinauf, ſondern bald konnten ſie über zuſammen geſtürzte rieſenhafte Bäume nicht weg, bald verſperrte ihnen eine ungeheure Felſenwand den Weg. So mühten ſie ſich mehrere Stunden ver⸗ gebens ab und kehrten endlich wieder um, nachdem ſie beſchloſſen, da es ihnen nicht gelungen ſei, ſich droben umzuſehen, ſo wollten ſie einen Weg um den See herum ſuchen, um ſich auch die andere Seite deſſelben genau zu betrachten. So viel ſie von dem Ufer aus, an welchem ſie geſeſſen, ſehen konnten, zog ſich der See noch weit in das Thal hinein, allein jetzt verſperrte ihnen dichtes Gebüſch, zwiſchen welchem ſie nur hie und da das Waſſer durchſchimmern ſahen, die fernere Ausſicht. Sie wandten ſich zur linken Seite des See's, um den Verſuch zu machen, an ſeinem Ufer dahin zu gehen; doch gelang ihnen auch dies Vor⸗ haben nicht, indem dieſer Weg mit unendlichen Schwierigkeiten ver⸗ bunden war. Hier trat der See bis an die glatte Thalwand und ließ nicht einmal einen handbreiten Weg, dort hingen breite Fels⸗ maſſen über das Waſſer hinüber und die Beiden ſahen bald ein, daß ſie auf dieſer Seite ihre Entdeckungen einſtellen mußten. Da es bereits wieder zu dunkeln anfing, ſo nahmen ſie ſich vor, mor⸗ gen die Ufer des Sees auf der andern Seite zu unterſuchen, und kehrten darauf zu ihrem Häuschen zurück, um die dritte Nacht in demſelben zu ſchlafen. Der Abend war ſo ſchön und die beiden Knaben, durch ihre mißlungenen Entdeckungsreiſen aufgeregt, konnten ſich bei ihrer Nachhauſekunft unmöglich gleich zu Bette begeben. Die Sonne ſank hinter die Berge und bald ſtieg an der andern Seite der Mond empor, und lauſchte und ſpähte zwiſchen den dunklen Tan⸗ nen hinab in's Thal, als wollte er ſehen, wo die glänzende Sonne geblieben ſei, ſeine ungetreue Geliebte, die er raſtlos verfolgt. Das arme blaſſe Geſicht des Mondes war von der ruheloſen Jagd ganz roth angelaufen und dieſe Röthe verſchwand erſt, als er ſich über Der Zauberkrug. 169 den Bergen empor gehoben hatte und einſah, daß er die Soune nicht erreichen könne und all' ſeine Mühe vergeblich ſei. Die beiden Kuaben legten ſich hinter das Häuschen auf den. Naſen und dachten an ihre Heimath und an ihre lieben Eltern und Freunde, die ſie für immer verloren hatten. Sie erzählten einan⸗ der von ihren letzten Tagen, die ſie in der Burg verlebt, mit all' den kleinen Einzelnheiten, die einer ſo gut wie der andere wußte, und unterhielten ſich doch dabei. Sie beſchrieben einander das Getümmel der Stürmenden und Kuno machte ſeinem Kameraden den großen Schrecken anſchaulich, als er den erſten Schein des Feuers an den Fenſtern geſehen habe. So lagen ſie da und ſprachen und ſahen abwechſelnd auf das Thal, das, durch die ſtarken, dicht belaubten Bäume gegen die Strahlen des Monds geſchützt, dunkel vor ihnen lag, oder in den Mond ſelbſt, der an dem dunkeln Nacht⸗ himmel ruhig empor ſtieg. Plötzlich war es ihnen, als vernähmen ſie von dem Ufer des See's her ein leiſes Klingen und Tönen, ſo ungefähr, als wenn man mit dem Finger auf dem Rande des Gla⸗ ſes hin und her ſchleift, oder als wenn feine ſilberne Glöckchen ertönen. Da ſie früher keinen Lant in dem Thal gehört hatten, ſo lauſchten ſie dieſer ſeltſamen Muſik mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit. Sie ſchien näher und näher zu kommen und die Töne wurden immer lauter und deutlicher. Aber ſo ſehr die Beiden ſich auch anſtrengten, etwas zu ſehen, das dieſe Muſik veranlaſſen könnte, ſo bemerkten ſie doch anfänglich nichts. Jetzt aber auf einmal winkte Kuno ſeinem Gefährten, ſtille zu ſein und wies vor ſich in's Thal, wo ſich unter den Bäumen, die vor dem See ſtanden, etwas ſeltſam Glänzendes zeigte. Es war, als lägen dort in dem Graſe zwei feurig glänzende Faden, die ſich langſam näher bewegten. Wolf erblickte jetzt daſſelbe und erſchrak nicht wenig; denn da er ein ſchär⸗ feres Auge als ſein Freund hatte, ſo erkannte er bald ein paar kleine Schlangen, die aber außergewöhnlich glänzten und ſtrahlten. Wie ſie ſich ſo in dem Graſe dahin bewegten, ſo erklang die Muſik, 170 Der Zauberkrug. die ſie vorhin gehört, und es war, als ob ſie von dem Anſtreifen der Schlangenkörper an das Gras herkäme. Jetzt kamen die beiden ſonderbaren Weſen ganz aus dem Walde hervor und die Knaben konnten ſie deutlicher betrachten. Es waren wirklich ein paar Schlan⸗ gen, die aber gar nicht ſo ſchrecklich anzuſehen waren, wie gewöhn⸗ lich dergleichen Thiere. Sie bewegten ſich ſo zierlich und anmuthig auf dem Raſen dahin, hoben jetzt ihre Köpfe leicht in die Höhe, als ob ſie um ſich ſchauen wollten, und ſenkten ſie daun wieder nieder, um unter das Gras zu ſchlüpfen, wobei es ſchien, als ge⸗ falle ihnen die Muſik, die ſie hervorbrächten, denn wenn auch kein beſonderer Takt in derſelben herrſchte, ſo ſtimmte ſie doch mit den Wendungen und Drehungen der Schlangen genau überein. So ſehr ſich die Kuaben zuerſt gefürchtet hatten, ſo ergötzten ſie doch bald die beiden glänzenden Thiere und ſie ſahen mit Ver⸗ gnügen zu, wie ſie ſich in dem dunklen Graſe daher bewegten. Jetzt waren ſie nicht weit mehr von dem Garten entfernt, der das kleine Haus umgab, und wandten ſich gegen daſſelbe hin. Sie berührten das Korallengeländer, gingen durch das Pförtchen, das ſich in demſelben öffnete, und verſchwanden dann in dem Hauſe. Das hatten allerdings die Knaben nicht erwartet und ſie ſahen ſich betroffen an, indem es ihnen gar nicht recht war, daß die kalten Schlangen das ſchöne kleine Haus in Beſitz nahmen. Wolf kam indeſſen zuerſt auf den Gedanken, daß die Thiere vielleicht mehr Recht an dem Hauſe hätten, als ſie, und erinnerte ſich einer Erzählung, wo Schwäne in der Mitte eines Teichs ein Häuschen gehabt, das mit Betten und allem möglichen Hausrath auf's Beſte eingerichtet geweſen ſei und wo ſie die Nächte zugebracht hätten. Dieſem Gedanken nachhängend, wurde in den Knaben eine ſo gewaltige Neugierde rege, daß ſie, trotz der Angſt vor einem böſen Zauber, der ſie bedrohen könne, von ihrem Platze aufſtanden⸗ und in möglichſter Stille auf den Zehen nach dem Häuschen hin⸗ ſchlichen, um zu ſehen, was die beiden Schlangen dort wohl thun Der Zauberkrug. 171 möchten. Das Korallenthor öffnete ſich vor ihnen erſt, als Kuno nach manchem vergeblichen Verſuch zufällig mit dem kupfernen Kruge daran ſtieß. Sie ſchlichen durch das Gärtchen und ſtellten ſich an eins der Fenſter, um in das Häuschen zu ſehen. Da er⸗ blickten ſie denn die beiden Schlangen, wie ſie mit ihren Köpfen an einer der Marmorwände hinaufreichten und ſich dort plötzlich eine Thür öffnete, die in ein anderes, noch viel prächtigeres Ge⸗ mach, als das erſte, führte. Dort beſtanden die Wände aus purem Gold, und wenn auch keine Fenſter da waren, die von außen Licht hereingelaſſen hätten, ſo hing dafür von der Decke herab ein fauſt⸗ dicker Rubin, der das kleine Gemach mit einem dunkelrothen, ſehr hellen Lichtſchimmer erfüllte, wodurch ſie denn auch unterſcheiden konnten, daß das Zimmer mit allerhand ſchönen Geräthſchaften angefüllt war. Da waren kleine Tiſche, Seſſel, Waſchnäpfe und Becher, und Alles das war aus Metall getrieben und mit vielen ſinnreichen Figuren verziert. Wolf kam von ungefähr auf den Gedanken, daß der Krug, den Kuno an dem Arme trüge, ganz genau zu den andern Sachen in dem Zimmer paſſen würde; denn da ſtand auf einem Tiſch ein ähnliches Gefäß, nur nicht ſo groß und ſchön wie dieſer Krug. Die Schlangen ringelten ſich an einem der Tiſche empor und ſchlüpften dort in eines der Waſchbecken, das mit einer roſenrothen Flüſſigkeit angefüllt war, worin ſie ſich eine Zeitlang badeten. Dann verließen ſie das Becken wieder und glitten zur Erde hinab. Dort richteten ſie ſich an einander empor, die Schlangenhaut fiel von ihren Körpern herunter und ſie verwandelten ſich plötzlich in ein paar junge wunderſchöne Mädchen von etwa zehn bis zwölf Jahren, die ſich laut weinend in die Arme fielen. Mit dem größten Erſtaunen ſahen die beiden Knaben dieſer Verwandlung zu. Daß hier ein Zauber im Spiel ſei, fühlten ſie wohl; doch waren ſie über denſelben mehr erfreut als erſchreckt. Die beiden Mädchen ſahen ſo freundlich und ſchön aus, daß ſie 172 Der Zauberkrug. gar keine Angſt vor ihnen hatten; ſie hätten ſich ihnen vielmehr gern genähert, um zu erfahren, warum ſie noch vor wenig Augen⸗ blicken in Schlangen verwandelt geweſen wären. Kuno war be⸗ ſonders dafür, in das Zimmer hinein zu gehen und ſich den beiden Mädchen zu entdecken, doch Wolf hielt ihn zurück, indem er ihm bemerkte, daß ſich das durchaus nicht ſchicken würde; vielmehr ſei es ihre Pflicht, ſich ruhig von da zu entfernen und den beiden Prinzeſſinnen— denn daß ſie das waren, ſah man an den kleinen Kronen, die ſie auf dem Kopf trugen— das Häuschen, an dem die auf jeden Fall mehr Recht hätten als ſie, ganz zu überlaſſen. Kuno konnte ſich doch im erſten Augenblick nicht entſchließen, das Fenſter zu verlaſſen, ſondern ſah aufmerkſam den beiden Prinzeſ⸗ ſinnen zu, die jetzt das kleine Gemach verließen und in das größere traten, wo die beiden Betten ſtanden. Dort ſetzten ſie ſich auf einen Stuhl, hielten ſich mit ihren Armen umſchlungen und ſprachen mit einander auf das eifrigſte, wobei manche Thräne aus ihrem Auge floß, ohne daß man draußen etwas von ihren Reden ver⸗ ſtehen konnte. Nachdem ſie eine Zeitlang ſo geſeſſen, fielen ſie ſich nochmals in die Arme, küßten einander und jedes ſchlüpfte in eins der Betten, in welchen die Knaben die Nacht vorher geſchlafen hatten. Da in dieſem Augenblicke der Mond, der bisher mit ſeinen weißen Strahlen das erſte Zimmer erleuchtet hatte, hinter einem der Berge niederſank, ſo wurde es in dem Häuschen ganz dunkel und die Knaben ſahen nichts mehr. Erſtaunt über die Vorfälle des heutigen Abends, verließen ſie, um die kleinen hübſchen Herrinnen des Häuschens nicht zu ſtören, den Garten und legten ſich am Rande des Waldes in's Moos hin mit dem feſten Vorſatz, vor dem An⸗ bruch des Tages zu erwachen und dann zu ſehen, was aus den kleinen Schlangen oder vielmehr aus den beiden Prinzeſſinnen ferner werden würde. Doch war ihr Schlaf ſo feſt, weil ſie heute viel herumgelaufen waren, oder fand es der Schutzengel, der über ——— 8 —— Der Zauberkrug. 173 die verwaisten Kinder wacht, nicht für rathſam, daß ſie ihren Vor⸗ ſatz ausführten, und ließ ſie deßwegen länger ſchlafen, als ſie ſich vorgenommen, genug, als ſie erwachten, ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel, und als ſie nun raſch nach dem Hänuschen eilten, war daſſelbe ſo leer, wie ſie es am erſten Tage gefunden. Sie unterſuchten Alles auf das Genaneſte in den Betten, unter den Stühlen, ja ſelbſt in den Schubladen des Tiſches, aber ſie fanden eben ſo wenig eine Spur von den beiden Prinzeſſinnen, als ſie auch bei dem ſorgfältigſten Nachſuchen die Thür fanden, die in das andere Gemach führte. Sie gingen verdrießlich umher und es war jetzt Beiden leid, geſtern Abend nicht wenigſtens beſcheiden an das Fenſter geklopft und gethan zu haben, als ſeien ſie ein paar arme verirrte Wanderer, die zum erſten Mal in dieſe Gegend kämen. Da ſie übrigens der Hoffnung lebten, die beiden ſchönen Schlangen würden an einem andern Abend wieder kommen, ſo nahmen ſie ſich feſt vor, es als⸗ dann ſo zu machen, und begannen, da die Sache für heute nicht zu ändern war, ihre Wanderung durch das Thal auf's Neue. Sie gingen zum See hinab und verſuchten diesmal auf der linken Seite an ſeinem Ufer hinzugehen. Es gelang ihnen hier beſſer, als ge⸗ ſtern auf der andern Seite. Sie wandelten auf einem bequemen Pfade und kamen bald an die Stelle, die ſie von dem Anfang des See's aus geſehen hatten und wo ſich, wie es ſchien, das Waſſer zwiſchen den Bäumen verlor. Es war auch in der That ſo. Die beiden Ufer des See's traten hier, mit dichtem Buſchwerk be⸗ wachſen, näher zuſammen und bildeten eine Ecke, welche die Knaben nicht ungehen konnten, denn der Weg hörte hier plötzlich auf und führte vor eine ſchroffe Felſenwand, wo ſie natürlich nicht weiter konnten. 3 Nachdem ſie ſich nach allen Seiten umgeblickt und den vergeb⸗ lichen Verſuch gemacht, die Felswand zu erklimmen, entdeckte Wolf auf einmal neben ſich eine kleine Treppe, die zu dem See hinab 174 Der Zauberkrug. führte und vor welcher ein Nachen auf dem ſchwarzen Waſſer ſchaukelte. So gern ſich die beiden Knaben in das Schiffchen geſezt hätten, um ihre Entdeckungsreiſe, da es zu Land nicht mehr ging, auf dem Waſſer fortzuſetzen, ſo hielt ſie doch Anfangs die Furcht vor dem ſchwarzen See von ihrem Wagſtück ab. Beſonders Kuno rieth davon ab, dem weniger der See ſelbſt, als das Schloß auf deſſen Grunde, das ſie ſo deutlich geſehen, unheimlich war. „Denke dir nur, lieber Wolf,“ ſagte er,„wenn wir auf dem ſchwarzen Waſſer führen, und es öffnete ſich plötzlich da unten in dem Schloſſe eine Thür, und ein Reiter käme herauf, um uns zu fragen, wer wir ſeien und was wir wollen? Oder wenn der Na⸗ chen plötzlich unterginge und wir da unten in den Schloßhof fielen und dort auf ewig bei den Leuten bleiben müßten, die wahrſchein⸗ lich verzaubert ſind?“ Wolf pflichtete anfänglich dieſen Gründen bei, doch da ihm Alles daran gelegen war, das andere Ende des Seess zu erreichen, um zu ſehen, ob ſich nicht dort vielleicht Menſchen befanden, ſo gelang es ihm bald, ſeinen Freund zu überreden und ihm Muth einzuflößen, um die Fahrt auf dem Waſſer zu unternehmen. Nach einigem Hin⸗ und Herreden ſtiegen ſie endlich die Treppen hinab und ſetzten ſich in den Kahn; doch bemühten ſie ſich lange verge⸗ bens, die Kette zu löſen, die mit einem ſtarken Schloß an der Treppe feſthing. Endlich ſtreifte Kuno, der am Ende des Nachens ſaß, bei einem nenen Verſuch, das Schloß zu öffnen, mit dem Krug, den er an ſeinem Arme trug, die Kette, welche darauf augenblicklich zerriß und dem Nachen ſeinen freien Lauf ließ. Wolf hatte öfters zu Hauſe geſehen, daß die Knappen, wenn ſie ohne Ruder an dem Ufer des großen Schloßteiches umher fuhren, um die ausgeſtellten Fiſchnetze wieder einzuziehen, mit den Händen die Sträucher und Zweige der Bäume erfaßten und ſich ſo vorwärts halfen. Er wollte es, als die Kette zerſprungen war, ebenſo machen, wäre aber bei dem Verſuche faſt in's Waſſer gefallen, denn der ———ᷣOᷣY’;— ——— Der Zauberkrug. 175⁵ Kahn war nicht ſo bald gelöst, als er ſich plötzlich vom Ufer ab⸗ wandte und zum Erſtaunen und Schrecken der beiden Knaben ohne Nuder und Segel mitten in den See hinein fuhr. Vergebens war ihr Verſuch, den Nachen, wie man es einem unartigen Pferde thut, durch Zurufen zum Stehen zu bringen, ein Mittel, das ſie in ihrer Herzensangſt wirklich verſuchten. Beſonders Wolf, als er fühlte, daß er unaufhaltſam fortgeriſſen wurde, bat den Nachen zuerſt mit den höflichſten Schmeichelreden und dann ſogar mit Schimpfworten, er möchte gefälligſt Halt machen und umkehren:— Alles vergebens, unaufhaltſam ſchoß er dahin. Schon waren ſie bei der Stelle vorbei, wo die Ufer des See's etwas näher zu⸗ ſammen traten, und jetzt kamen ſie auf die andere Seite jener Felsecke, die ſie vorhin aufgehalten, und ſahen vor ſich den ganzen See, der dort noch einmal ſo groß und breit war, wie der Theil hinter ihnen. Obgleich ſich der Kahn auf dem Waſſer ſchnell dahin bewegte, ſo durchſchnitt ſeine Spitze nicht die Wellen, ſondern es war, als wenn das Fahrzeug über dem Waſſer, wie auf einer Eisdecke, da⸗ hin glitt. Auch hörte man an den Seiten nicht das Plätſchern der heranſchlagenden Wellen und nicht das vergnügliche Murmeln des Waſſers. Alles war ruhig und ſtill. Anfänglich fürchteten die Knaben, der See möchte ſich, wenn ſie mitten darauf wären, nach allen Seiten in's Unendliche ausdehnen und ſie wie auf einem wil⸗ den einſamen Meere allein laſſen. Doch dem war nicht ſo. Die Ufer blieben unverrückt ſtehen und die Knaben entdeckten nur, daß der Kahn nach einer Inſel ſteure, die am Ende des ſchwarzen See's zu liegen ſchien. Dieſe Inſel konnte nicht ſehr groß ſein, doch ſchien das Gebüſch, das rings auf ihr wuchs, undurchdringlich zu ſein. Da ſtand Baum an Baum, mit dem dichteſten Laub eine grüne Mauer bildend, und dazwiſchen wuchſen niedrige Geſträuche, das Ganze noch mehr zuſammen flechtend. Bald ſahen die Kna⸗ . ben, daß ſich auch dort an der Inſel eine kleine Treppe befinde, Der Zauberkrug. die hinab auf den See führe, und dorthin wandte ſich der Kahn. Bald hatte er das Ufer erreicht und fuhr zwiſchen dem dichten Schilf, das vor der Treppe wucherte, mit Gewalt bis an dieſelbe, wo er ſeinen Lauf hemmte, ſich wandte und ſeiner Länge nach ge⸗ gen die unterſte Stufe gedrückt, ruhig liegen blieb. Wolf batte ſich zuerſt von ſeinem Staunen und Schrecken er⸗ holt, ſprang an den Strand und half auch ſeinem Kameraden her⸗. aus, dem das Abenteuer, als es ſo ohne Gefahr und Schreckniß ablief, ebenfalls nicht unangenehm ſchien und dem die Waſſerfahrt ſogar vielen Spaß gemacht hatte. Sie berathſchlagten, was weiter zu thun ſei, und Kuno meinte, das Beſte wäre wohl, dem Nachen ein gutes Wort zu geben, damit er ſich umwende und ſie wieder an das andere Ufer des See's brächte, denn hier auf dieſer Inſel möchte doch nicht viel Beſonderes und Merkwürdiges zu ſehen ſein. Wolf dagegen war der Meinung, weil ſie doch nun einmal da ſeien, ſollten ſie auch in das Innere derſelben dringen, denn ihm ſcheine es nicht glaubwürdig, daß ſie der Nachen ſo ohne Urſache wider ihren Willen hieher geführt. Er überredete auch ſeinen Freund und Beide wandelten längs dem Ufer hin, um durch das dichte Gebüſch einen Eingang zu finden. Doch gelang ihnen dies nicht. Sie umgingen die Inſel mehrere Mal, unterſuchten auf's Genaueſte die Baumwand, ob ſie nicht ein kleines Loch fänden, durch welches ſie hindurch ſchlüpfen könnten; aber vergebens. Es mußte hier ein Zauber walten, denn es war, als preßten ſich die Zweige enger zu⸗ ſammen, wenn einer der Beiden verſuchte, hindurch zu kriechen. Unter dieſen vergeblichen Anſtrengungen wurde es Mittag. Die Sonne ſtand hoch am Himmel und die Knaben ſetzten ſich auf den Strand der Inſel, um ſich von dem vielen Umherlaufen zu er⸗ holen. Auch ſtellte ſich Durſt und Hunger bei ihnen ein, und da kein Bach in der Nähe war, aus dem ſie hätten ſchöpfen können, ſo machte Wolf den Vorſchlag, einmal das Waſſer des See's zu verſuchen. Er ſchöpfte einen Krug voll daraus, that einen guten ——— —— Der Zauberkrug. 177 Schluck und da er fand, daß das Waſſer ſehr gut ſchmeckte, reichte er ihn Kuno hin, der ſich aber nicht entſchließen konnte, ihn an die Lippen zu ſetzen. Er dachte an das Schloß auf dem Grunde des See's und daß vielleicht dort verzauberte Menſcheu lägen, und verſicherte bei dieſen Betrachtungen, er wolle lieber Hunger und Durſt leiden, als von dem ſchwarzen Waſſer trinken. Er nahm den Krug und ſchüttete das Waſſer hinter ſich in das Gebüſch. Doch wer beſchreibt das Erſtannen der Beiden, als ſie ſahen, daß, ſobald das Waſſer die Zweige berührt hatte, dieſelben aus einander wichen und einen freien Durchgang geſtatteten. Die Knaben ſpran⸗ gen auf und nachdem ſie ſich einige Zeit mit überraſchten Blicken angeſchaut, trat Wolf in das Gebüſch und Kuno folgte ihm. Einige Schritte gingen ſie unter den Bäumen umher, die hier ganz ohne Ordnung zu ſtehen ſchienen. Doch bald entdeckten ſie einen Weg zu ihren Füßen, an dem rechts und links kleine Grup⸗ pen von Bäumen und Sträuchern ſtanden, denen man wohl anſah, daß eine kunſtreiche Hand ſie ſo geordnet hatte. Sie folgten die⸗ ſem Weg, der in das Innere der Inſel führte, hatten in kurzer Zeit das dichte Gebüſch hinter ſich und ſtanden auf einem freien Raſenplatz, bei deſſen Anblick ſie mit einem lauten Ausruf des Er⸗ ſtaunens wie angefeſſelt ſtehen blieben. Dort erblickten ſie nämlich eine große Tafel, an welcher wohl zwanzig bis dreßig Männer ſaßen, die, obgleich es ausſah, als ſeien ſie eben in luſtigem Zechen und Plaudern begriffen, doch alle ſtarr und ohne Bewegung waren. Zuerſt glaubten die Beiden, ihr plötzliches Eintreten habe die ſtatt⸗ liche Geſellſchaft für einen Augenblick überraſcht und in der Stel⸗ lung erhalten, in der ſie ſich gerade befanden. Kuno wandte ſich, um zu entfliehen, doch Wolf hielt ihn zurück und ſchaute mit weit aufgeriſſenen Augen athemlos dieſem ſonderbaren Gelage zu. Nichts regte ſich, und die Figuren ſaßen ſo ſtarr und ſteif da, als ſeien ſie aus Stein gehauen. Wolf, deſſen Muth wiederkehrte, machte Hackländers Werke. XIII, 12 178 Der Zauberkrug. zuerſt ein leiſes Geräuſch, dann huſtete und räuſperte er lanter, und als dies Alles ohne Erfolg blieb, ſchrie er laut: Halloh! Hal⸗ loh! und Kuno ſtimmte endlich, als er ſah, daß ſich Niemand regte, kräftig in dies Geſchrei ein. Als die Knaben ſo zu ihrem eigenen Troſte ſahen, daß ihre Bemühungen, die ſtarre Geſellſchaft zu erwecken, vergeblich ſeien, traten ſie ganz aus dem Gebüſche hervor und näherten ſich behutſam der Tafel, um ſich die ſeltſame Erſcheinung näher zu betrachten. Es war, als ſei eine Geſellſchaft ehrenfeſter Ritter mitten in einem Feſtmahl von einem böſen Fluche überraſcht und zu Stein erſtarrt worden. Oben an dem Tiſche, auf welchem große Humpen, Becher und Kannen mit dicken Bäuchen ſtanden, ſaß ein alter ſtattlicher Mann im prächtigſten Waffenſchmuck mit einer Krone auf dem Kopfe, und hinter demſelben ſtanden zwei Pagen, von denen er dem Einen einen Befehl zu ertheilen ſchien, während der Andere ihm die Trinkſchaale darreichte. In dem Geſichte des alten Man⸗ nes lag etwas ſo Ernſtes und Gutmüthiges zugleich, daß es jedem Zutrauen einflößen mußte, und die beiden Knaben bedauerten ſehr, daß dieſer ebenſo wie die übrigen aus Stein zu beſtehen ſchien und keinen freundlichen Blick und keine Antwort für ſie hatte. Die Ritter, welche rechts und links neben ihm an der Tafel ſaßen, ſchienen in eifrigen Geſprächen vertieft zu ſein. Einige hatten mit der einen Hand den Humpen erfaßt und ſtützten ſich mit der andern auf den Tiſch oder ihre Schwerter, wobei ſie einander aufmerkſam in's Geſicht ſchauten, und dieſe Geſichter, obgleich ſie hart und ſteif waren, hatten doch einen ſo lebhaften Ausdruck behalten, daß man genau ſehen konnte, welcher geſprochen und welcher zugehört hatte. Dort ſaßen ein paar, die ſich mit den Armen umſchlungen hiel⸗ ten und in die Höhe ſchauten. Der Ausdruck ihres Geſichts zeugte von einer ungemeinen Heiterkeit, und wenn man dazu ihren halb geöffneten, lächelnden Mund ſah, ſo hätte man glauben können, ein luſtiges Trinklied ſchwebe auf ihren Lippen, Die beiden Knaben Der Zauberkrug. 179 gingen ſtaunend um den Tiſch und als ſie hinter den alten Mann mit der Krone traten, ſahen ſie, daß rechts und links von dieſem an der Tafel ein paar zierlich geſchnitzte Stühle ſtanden, die aber leer waren. Kuno, der nicht ſo beherzt war wie Wolf, fürchtete ſich doch ein wenig und nahm ſich wohl in Acht, zu nahe zu der Geſellſchaft hinzutreten, und hielt ſich mehr an das Gebüſch, wel⸗ ches den Raſenplatz umgab. Doch plötzlich fuhr er auch hier mit einem lauten Schrei zurück, denn er erblickte auf einmal zu ſeinen Füßen einen großen Hund gelagert, während ein paar Pferde, die unter den Bäumen ſtanden und von einem Knappen am Zügel ge⸗ halten wurden, auf ihn herabſahen. Wolf eilte überraſcht herbei, doch ergab ſich bald, daß dieſe Pferde, von denen weiter im Ge⸗ büſch noch mehrere, ſowie auch viele Knappen und Hunde zu ſehen waren, ebenſo ſtarr und regungslos waren, wie ihre Herren. Die Knaben wandelten jetzt ganz um den Tiſch herum und ſahen am Ende deſſelben noch ein paar Figuren ſitzen, die ihre be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit feſſelten. Es waren ſchon ältliche Männer und einer derſelben blickte forſchend den See hinab und ſeine ſpä⸗ henden Züge hatten einen leiſen Anflug von Schreck und Entſetzen. Er hielt eine Hand an ſein Ohr, als horche er genau auf etwas, und hatte mit der andern Hand die Schulter ſeines Nebenmanns gefaßt, um deſſen Aufmerkſamkeit rege zu machen. Dieſer aber ließ ſich nicht ſtören, ſondern ſaß in ſeinen Stuhl zurückgelehnt und ſetzte eben einen großen Becher an den Mund, den er mit vielem Wohlbehagen zu leeren ſchien. Wolf und Kuno betrachteten dieſe Beiden lange und erſchöpf⸗ ten ſich in Muthmaßungen, wornach der Eine der alten Herren wohl geblickt haben möge. Kuno ſah ihm über die Schulter und verſuchte ſeinen Augen dieſelbe Richtung zu geben, um dort etwas Beſonderes zu erblicken. Aber er ſah nichts als den ſchwarzen Spiegel des Sees. Wolf betrachtete ſich indeſſen den andern Herrn genauer und bedauerte unendlich, daß er wahrſcheinlich mitten im 180 Der Zauberkrug. Trinken geſtört worden ſei; auch unterließ er nicht, ſeine lächer⸗ lichen Bemerkungen über den alten Herrn zu machen und ſtellte die Vermuthung auf: dieſer möge wohl von der ganzen Tiſchgeſellſchaft den meiſten Durſt gehabt haben. Die Furcht, welche die beiden Knaben anfänglich gehabt hatten, verſchwand gänzlich, und da ſie nicht ausklügeln konnten, ob dieſe Figuren von einem kunſtreichen Meiſter aus Stein gehauen ſeien, oder durch Zauber ſo verwandelt, ſo nahmen ſie die Sache, wie ſie war, und beluſtigten ſich eine Zeitlang mit Betrachten der Waffen, der Trinkgeräthe, der Kleider und endlich der Pferde und Hunde. Wolf wurde ganz muthwillig und kletterte auf eins der Streitroſſe, und als Kuno ſah, daß er ſich da oben recht ſtattlich ausnahm, ſtieg er ſelbſt auf ein anderes und Beide jauchzten vor Freude. Nachdem ſie eine Zeitlang verſucht, die Pferde durch Zurufen oder Treten mit ihren Ferſen in Bewegung zu ſetzen— wobei ſie aber den tödtlichſten Schreck gehabt hätten, wenn dies wirklich geſchehen wäre— ſtiegen ſie wieder herab und machten ſich andere Beſchäf⸗ tigungen. Sie ſetzten ſich auf die beiden leeren Stühle oben am Tiſche, verließen ſie aber bald wieder, denn das Geſicht des alten Mannes mit der Krone ſah ihnen gar zu ehrfurchtgebietend aus. Dann ſchlenderten ſie um den Tiſch herum und Wolf ſtellte ſich vor den Trinker hin und machte endlich lachend den Vorſchlag, dem alten Herrn etwas Waſſer in ſeinen Becher zu ſchütten, damit er ſeinen Durſt löſchen könne. Kuno fand auch dieſen Einfall gar nicht übel und ſprang mit ſeinem kupfernen Krug zum See hinab, wo er ihn mit Waſſer füllte. Daun nahm ihn Wolf in Empfang, hob ſich auf ſeinen Zehen empor und goß den Becher ſo voll, als es bei der ſchiefen Haltung, in welcher ihn der Ritter hielt, mög⸗ lich war, aber daß das Waſſer die Lippen deſſelben benetzte. Sich über ihre luſtige That freuend, ſtellten ſich die Beiden dahin und lachten laut auf. Doch plötzlich hielt Wolf mit ſeinem Lachen inne Der Zauberkrug. 181 und ſtarrte das Geſicht des Ritters an; auch Kuno ſah ihn und klammerte ſich mit einem lauten Ausruf des Entſetzens an Wolf feſt. Ver vermag den Schrecken der Beiden zu ſchildern, als ſie ſahen, wie ſich in dem ſteinernen, kalten Geſicht die Lippen langſam öffneten, und das Waſſer, welches Wolf in den Becher gegoſſen, ſchlürfend austranken, wie ſich die früher ſo todten Augen langſam belebten, Glanz und Farbe bekamen und mit einem ſeltſamen Aus⸗ druck vor ſich hinſtarrten. Als das Waſſer langſam durch den Hals floß, begann die Bruſt der ſteinernen Figur zu athmen und in allen Gliedern des Körpers zeigte ſich Leben. Der alte Ritter that einige tiefe Athemzüge hinter einander, ſtieß ein paar Seußzer aus und ließ ſeine Hand mit dem Becher langſam auf den Tiſch nieder, dann wandte er den Hals und ſah mit einem Blicke des Staunens und Schreckens ſeinen Nebenmann an, deſſen kalte ſtei⸗ nerne Hand, die auf ſeiner Schulter lag, er jetzt mit Verwunderung befühlte. Die beiden Knaben, denen der Schreck in die Glieder gefahren, waren auf ihre Knie niedergeſunken und blickten mit bleichen Ge⸗ ſichtern und gefalteten Händen zu dem Ritter auf, und obgleich ſie kein Wort hervorbringen konnten, ſah man doch an der Bewegung ihrer Lippen, daß ſie Vergebung erflehten für ihre vorwitzige That. Der Neubelebte, nachdem er mit demſelben Erſtaunen, mit dem er ſeinen Nebenmann angeſehen, die ganze Tiſchgeſellſchaft erblickt, bemerkte jetzt die beiden knieenden Kinder und ſprang mit einem Ausruf der Ueberraſchung von ſeinem Stuhle auf. Wolf, der jetzt einſah, daß ſie am Ende doch keine ſo üble That verrichtet, indem aus dem früheren Steinblock ein gehörig lebendiger Menſch gewor⸗ den, faßte ſich zuerſt wieder und erzählte dem Ritter in kurzen Wor⸗ ten, wer ſie wären und was ſie angefangen hätten, bis zu dem Augenblick, wo ſie ihn zufällig wieder in's Leben gerufen. Die⸗ ſer ſah die beiden Kinder ganz verwundert an und hörte ihrer Erzählung mit demſelben Erſtaunen zu, mit dem ſie ihn betrachteten. 182 Der Zauberkrug. Als die Rede auf den Krug kam, trat er aufmerkſam näher, und als ihn Kuno in die Höhe reichte und vorzeigte, ſtieß der Rit er einen lauten Schrei des Entzückens aus, drückte bald die Knaben, bald den Krug an ſeine Bruſt und rief laut, wobei ihm die Thrä⸗ nen in den grauen Bart rollten:„Nun hat alle, alle Noth ein Ende!“ So ungern ſich Kuno auch von ſeinem Krug trennte, ſo ließ er ihn doch dem Ritter, der ihn an ſeinen Arm hing, und da der Abend bereits hereinbrach, die Knaben aufforderte, ihm zu folgen. Sie gingen alle drei auf den Strand der Inſel, ſtiegen die Trep⸗ pen hinab und ſetzten ſich in den Kahn, der ſich alsbald umwandte und ohne Hülfe von Rudern und Segeln eilig nach der Richtung hinſchwamm, wo die beiden Knaben heute Morgen hergekommen. Bald erreichten ſie das andere Ufer, ſtiegen aus und führten den Ritter an die Stelle des See's, wo man das Schloß deutlich auf dem Grunde deſſelben ſehen konnte. Da ſetzten ſie ſich hin, und der alte Ritter ſah lange in die Tiefe und winkte freudig mit der Hand hinab.„Ja,“ rief er laut,„bald werdet ihr Armen dort unten erlöst ſein, und bald wird das Schloß wieder hervortauchen aus dem ſchwarzen Waſſer und wie ehedem ſtolz und ſtattlich in das Thal ſchauen.“ Wolf und Kuno, die aufmerkſam den Reden des Ritters zuhörten, waren ſehr neugierig, zu erfahren, was es mit dem Schloß dort unten für eine Bewandtniß habe, und Wolf hatte den Muth, den Ritter darum zu fragen. Dieſer ſchaute noch eine Weile nachdenkend in den See, als wollte er dort unten etwas erſpähen, dann wandte er ſich zu den Knaben und erzählte ihnen die Geſchichte des Schloſſes folgender⸗ maßen. „Das Thal, in welchem wir uns befinden, gehörte vor noch nicht langer Zeit dem Könige Dagobert, den ihr auf der Inſel oben an dem Tiſche mit der Krone auf dem Haupte ſitzen ſaht. Er lebte froh und glücklich auf ſeinem Schloſſe, das aber damals —— 2 Der Zauberkrug. 183 nicht wie jetzt auf dem Grunde des See's lag, ſondern traulich zwiſchen den umliegenden Bergen verſteckt, tief im Thale, inmitten von ſchönen Gärten und fruchtbaren Wieſen. Der König war heiter und zufrieden, denn er hatte Alles, was das Leben angenehm machen kann. Leider war ihm ſeine Gemahlin geſtorben, doch hatte⸗ ſie ihm zwei Töchter geboren, denen das Glück zu Theil wurde, daß an ihren Wiegen zwei jener mächtigen Weſen ſtanden, die man Feen nennt. Dieſe vertraten denn Mutterſtelle bei den kleinen Prinzeſſinnen und beſchützten und pflegten ſie ſo gut, daß ſie in Fülle der Geſundheit und ausgezeichneter Schönheit kräftig heran⸗ wuchſen. Statt Gold, Silber und Edelſteinen, das ſie ihnen hätten zum Pathengeſchenk machen können, ſegnete die eine den Brunnen des Schloßhofes und ließ ſein Waſſer heilſam ſein, ſowohl für alle Krankheiten, als auch für jenes Uebel, dem kein Menſch entfliehen kann, das Alter, indem auch der älteſte Greis nach einem Trunk aus jener Quelle, wenn auch nicht die Friſche und das Ausſehen der Jugend wieder erhielt, doch noch lange Jahre in guter Geſund⸗ heit und fröhlich fortleben konnte. Die andere gab einen kupfernen Krug— es iſt derſelbe, den ich durch Eure Hülfe wieder erlangt habe— um mit ihm allein jenes heilſame Waſſer zu ſchöpfen. Als die beiden Prinzeſſinnen ziemlich herangewachſen waren, mußten die Feen auf Befehl ihrer Königin das Thal verlaſſen, zu welcher Zeit ſie dem Könige nicht verhehlten, daß durch den Schutz, den ſie ſeinen Kindern haben angedeihen laſſen, ein böſer, aber mächti⸗ ger Geiſt, der ihre Werke ſtets zu verderben ſuche, aufmerkſam ge⸗ worden und auch hier nicht ſäumen würde, wenn es ihm möglich wäre, Unheil zu ſtiften. Da ihm alle Dinge, die dem finſtern Schoos der Erde entſtiegen, unterthan ſeien, ſo habe er auch Ge⸗ walt über alles Waſſer, was dem Boden entquelle, und alſo auch über die Fluthen des heilſamen Brunnens. Um nun dieſer Gewalt entgegen zu wirken, die, wo es ihr möglich ſei, nur das Böſe voll⸗ bringe, ſolle der König den unſcheinbaren kupfernen Krug hoch in 184 Der Zauberkrug. Ehren halten und es nie zugeben, daß mit einem andern Gefäß als mit dieſem aus dem Brunnen im Hofe geſchöpft würde; denn ſo nur könne der mächtige unterirdiſche Geiſt im Zaume gehalten und ihm die Kraft benommen werden, damit er nicht dem Waſſer einen böſen Zauber beimiſche, oder die Fluthen ſo gewaltig aus⸗ ſtrömen laſſe, daß ſie Allen, die in dem Thale lebten, den Unter⸗ gang brächten. „Der König verſprach, dieſe Vorſchrift ſorgfältig zu beobachten und die Feen ſchieden, nachdem ſie noch einmal allen Segen auf die beiden Prinzeſſinnen herabgewünſcht. Darauf ließ der König den alten, unſcheinbären Brunnen auf die koſtbarſte Art mit ge⸗ ſchliffenem Marmor umgeben und es wurde von dem ſchönſten Roſenholze ein Dach darüber gebaut, das nur eine einzige kleine Thür hatte, zu welcher der König ein überaus künſtliches Schloß machen ließ, deſſen Schlüſſel er beſtändig im Gürtel verwahrte und nie von ſich gab. Da er nicht geizig war und gerne Jedermann den Genuß des heilſamen Waſſers unentgeldlich gönnte, ſo durfte Alt und Jung, Reich und Arm zu gewiſſen Stunden in den Schloß⸗ hof kommen, wo ſich alsdann König Dagobert ſelbſt an dem Brun⸗ nen einfand, mit eigener Hand das Schloß fortnahm und ſorgfäl⸗ tig darauf Acht hatte, daß aus dem Brunnen mit keinem andern Gefäß als mit dem kupfernen Krug geſchöpft wurde. Das Waſſer hatte in kurzer Zeit ſchon ſo viele gute Dienſte gethan, daß es leicht erklärlich war, wie darob der Neid jenes böſen unterirdiſchen Geiſtes rege werden konnte, weßhalb dieſer ſchon in mancherlei Ge⸗ ſtalt verſucht hatte, den Krug zu rauben oder das Schloß zu zer⸗ trümmern, womit König Dagobert den Brunnen verwahrte. Schon einige Mal fand der König zwei Krüge von der gleichen Geſtalt, ſo daß es ihm ſchwer geworden wäre, den rechten zu erkennen und er vielleicht den falſchen für den ächten genommen hätte, wenn die Feen den beiden Prinzeſſinnen nicht ein ſo richtiges Gefühl einge⸗ flößt hätten, daß ſie das Falſche und Unrichtige augenblicklich er⸗ * Der Zauberkrug. 18⁵ kennen konnten. Auch waren ſchon zum Oefteren Geſandte fremder Könige oder deren Prinzen ſelbſt gekommen, um von dem Waſſer zu koſten, und ſchon mehr als einer hatte den König Dagobert erſucht, ihn mit ſeinen eigenen Gefäßen das Waſſer ſchöpfen zu laſſen. Doch dieſer bedachte zu gut den Spruch der Feen und war zu wohl überzeugt, daß jener böſe unterirdiſche Geiſt alle ihm nur zu Gebot ſtehenden Künſte aufbieten würde, um das Geſchenk der Feen zum Nachtheil zu wenden.“ Bei dieſen Worten hielt der Ritter einen Augenblick inne, ſah ſeufzend in den ſchwarzen See und fuhr fort:„ach, ſo ernſtlich der König auch darauf bedacht war, dies gefährliche Geſchenk mit möglichſter Sorgfalt zu beaufſichtigen, ſo wurde er doch überliſtet. Es begab ſich eines Tages, daß König Dagobert befahl, auf jenem Platze, wo ihr mich fandet, die Mittagstafel aufzuſchlagen, auf jener Inſel, die damals aber nur ein ſchöner grün bewachſener Hügel war, der ſanft aus dem Thale aufſtieg. Es war ein herr⸗ licher Tag, und nachdem der König mit den beiden Prinzeſſinnen und uns, ſeinem Gefolge, einen Ritt über die benachbarten Berge gemacht, erreichten wir jenen Hügel, wo die Tafel bereit ſtand. Die Knappen zogen ſich mit den Pferden und Hunden in's Gebüſch und wir lagerten uns unter fröhlichen Scherzen um den Tiſch, die Freuden des Bechers, ſowie der vollen Schüſſeln zu genießen. Oben am Tiſche ſaß der König und zu ſeinen beiden Seiten die Prinzeſſinnen, während hinter ſeinem Stuhle mehrere Leibpagen bereit waren, ſeine Befehle zu erfüllen. Der kupferne Krug, den er ſogar auf ſeinen Spazierritten mitnahm und der alsdann zur Seite an ſeinem Sattelknopf hing, ſtand vor ihm auf dem Tiſche. So tafelten wir und die Luft war ſo rein und gewürzig, der Tag ſo ſchön, daß aus eines Jeden Bruſt Sorgen und ſchwere. Gedan⸗ ken verſchwanden, und Alles heiter und guter Dinge war. Da bemerkte ich auf einmal, daß ein zerlumpter Bettler, der mehrmals um den Fuß des Hügels herumgegangen war, jetzt die Anhöhen 186 Der Zauberkrug. hinanſtieg und ſich dem König Dagobert näherte. Bei der Tafel angekommen, ließ er ſich auf die Knie nieder und flehte den König in den demüthigſten und rührendſten Ausdrücken um einen Trunk des heilſamen Waſſers an. Der König, der nicht gern von der Tafel aufgeſtanden wäre, forderte ihn auf, in einer Stunde in's Schloß zu kommen, wogegen der Bettler betheuerte, das Waſſer könne ihm nur in dieſem Augenblicke helfen, da er gerade von⸗ fürchterlichen Schmerzen geplagt ſei. Als die Prinzeſſinnen ſahen, daß der König in dieſem Augenblicke nur ungern ſeinen Becher verließ, wandten ſie ſich an ihn und baten, er möchte ihnen den Krug und den Schlüſſel anvertrauen und ſie allein mit dem Bettler hinab in’s Schloß gehen laſſen, um dieſem mit einem Trunk Waſſer zu helfen. Die beiden jungen Damen waren des Sitzens überdrüſſig und lagen daher ihrem Vater ſo lange mit Bitten an, bis er ihnen Krug und Schlüſſel gab. Er empfahl ihnen auf's Neue die größte Vorſicht und ließ ſie den Hügel hinab in's Schloß ſpringen. Der Bettler folgte ihnen. Uns Allen, die wir um den König herum ſaßen, kam bei dieſem Vorfall nicht ein argwöhniſcher Gedanke. Das Schloß lag ganz nahe und wir konnten den Prin⸗ zeſſinnen mit unſern Blicken folgen. Dieſe kamen an den Brunnen, ſchloßen das Dach auf, ſchöpften mit dem kupfernen Kruge das Waſſer und ſchienen dann den Bettler zu fragen, ob er kein Ge⸗ fäß mitgebracht habe, in welches ſie das heilſame Waſſer ſchütten könnten. Dieſer verneinte es, und da ich, an nichts Böſes denkend, im gleichen Augenblick meinen Becher an die Lippen ſetzte, ſo konnte ich nicht ſehen, ob die beiden Prinzeſſinnen dem Bettler den kupfer⸗ nen Krug in die Hand gegeben, oder ob er ihnen denſelben ent⸗ riſſen hat. Genug, er ſchwang den Krug triumphirend gegen uns, und als er darnach in die Erde verſank, ſahen wir wohl, daß uns jener mächtige Geiſt überliſtet. Ich wollte von meinem Sitz auf⸗ fahren, doch ich vermochte es nicht, ja, ich konnte nicht einmal meinen Becher vom Munde bringen, ſondern hatte vielmehr ein Der Zauberkrug. 187 Gefühl, als ſei derſelbe, an meine Lippen feſtgewachſen. Ich wun⸗ derte mich, daß keiner der andern Ritter aufſpringe und den beiden Prinzeſſinnen zu Hülſe eile, die ſich vergebens bemühten, das Brunnendach vor der heraufſtürmenden Fluth zu verſchließen. Doch alle, die an der Tafel ſaßen, ſchienen im gleichen Augenblick wie ich erſtarrt zu ſein. Kein Laut entfuhr ihrem Munde und ſogar das Gebell der Rüden, die ſich munter im Graſe gewälzt, endete mit einem ſchmerzlichen Schrei und dann war Alles um uns ſtill. Vor meinen Augen ſchwamm es wie dichter Nebel, aber trotzdem ich Brunnen und Schloßhof nur undeutlich erblickte, konnte ich doch ſehen, daß immer neue und gewaltigere Waſſerſtröme dem Brunnen entſtürzten. Die Prinzeſſinnen riefen um Hülfe, aber Niemand ſprang zu ihrer Rettung herbei. Schon hatte das Waſſer den ganzen Schloßhof überſtrömt und ſtieg an den Mauern und Thalwänden langſam empor. Bald war von den beiden unglück⸗ lichen Prinzeſſinnen nichts mehr zu ſehen; jetzt ſtand das Waſſer ſchon in der Hälfte des großen Thurmes, hatte nun das Dach er⸗ reicht, deſſen Spitze im nächſten Augenblick nur noch hervorſah. Auch dieſe verſchwand und wie ſich das Waſſer über ihr zuſammen⸗ ſchloß, zeigte ein kleiner zitternder Ring, der ſich immer größer und größer ausbreitete, nur noch wenige Augenblicke an, daß die ſchwarze Waſſerfläche ein ſtattliches Schloß bedekt hatte. „Und wir waren während der Zeit erſtarrt, nicht nur vor Schrecken, ſondern durch Zaubergewalt; nicht blos für den Augen⸗ blick ſaßen wir da und konnten kein Glied regen, nein, es war, als wandelte ſich unſer Blut langſam zu Stein, als erkaltete alles Leben in uns. Jeder blieb in derſelben Stellung, ja, mit denſel⸗ ben Mienen ſitzen, die er in dem Augenblicke gehabt hatte, wo der verruchte Zauberer mit dem Kruge gegen uns gewinkt. Auch ver⸗ dunkelten ſich unſere Augen und es ward Nacht vor unſern Blicken. Und ſo ſaßen wir Tag um Tag, Nacht um Nacht, Wochen und Monate, und es ſind jetzt beinahe drei Jahre ſo hingeſchwunden.“ Der Zauberkrug. So erzählte der Ritter und die beiden Knaben hatten ängſtlich zugelauſcht. Die Nacht war jetzt ganz heraufgeſtiegen und ſie führten den Ritter nach dem Häuschen hin und erzählten ihm von den beiden Schlangen, die ſich in der letzten Nacht in zwei ſchöne Mädchen verwandelt hatten. Wolf ſprach von den Kronen, die ſie auf ihrem Haupte getragen, und der Ritter erkannte alsbald zu ſeiner großen Freude, daß es die beiden Prinzeſſinnen ſeien und daß ſie noch immer unter dem Schutze der guten Feen ſtünden; denn dieſe hatten wahrſcheinlich das ſchöne Häuschen hier hinge⸗ zaubert und halfen ihnen jedesmal nach dem dritten Tage den See verlaſſen, um die Nacht in ihrer natürlichen Geſtalt hier zuzu⸗ bringen. Die beiden Knaben legten ſich auf die ſeidenen Betten, der alte Ritter auf den Boden und ſo ſchliefen alle drei, bis der gol⸗ dene Morgen herauf kam. Da erwachten ſie fröhlich und der Ritter begann eifrig nachzudenken, wie er die Entzauberung des Schloſſes wohl bewerkſtelligen könne. So leicht ihm dies geſtern erſchienen war, ſo fand er doch bei näherem Betrachten, daß die Sache doch ihre Schwierigkeiten habe; denn er hatte freilich den Zauber, der die Macht jenes böſen Geiſtes wieder bändigen mußte, aber wie er das vermittelſt des Kruges anzufangen habe, das wollte ihm nicht recht klar werden. Wußte er doch keinen Spruch, kein Zauberwort, daß er die ſchwarzen Waſſer hätte bändigen und zwingen können. Der gute Ritter war wahrlich in keiner geringen Verlegenheit; er ging mit den beiden Knaben am Ufer des See's auf und ab und war ſchon im Begriff, nach der Inſel zu ſchiffen, um dort den Verſuch zu machen, jeden von der Tafelrunde zu erwecken, auf die gleiche Art, wie die Knaben ihn erweckt hatten. Da kam ihm plötzlich ein anderer Gedanke.„Ei,“ dachte der ehrenfeſte Ritter, „es wäre auf jeden Fall beſſer, wenn du deinen Herrn erſt dann erwecken würdeſt, nachdem Schloß und Thal entzaubert und wieder lieblich vor ſeinen Blicken daliegt, und wenn dir auch der Zauber⸗ ———— —— Der Zauberkrug. 189 ſpruch hiezu nicht bekannt iſt, ſo iſt es deine Pflicht, für deinen Herrn und König ein Wagniß zu beſtehen, mag es nun enden, wie es will.“ Unter dieſen Gedanken ſetzte ſich der Ritter mit den beiden Knaben in den Nachen, der alsbald in den See hinausfuhr. Als ſie in die Mitte des ſchwarzen Waſſers gekommen waren, ſtand der Ritter plötzlich auf und ſagte:„meine lieben Kinder, bleibt ruhig ſitzen und laßt mich einen Verſuch machen, ob es mir nicht gelingt, den Zauber mit einem Male von dem Thale zu nehmen, indem ich es verſuche, mit Hülfe des Kruges dort unten das Brun⸗ nendach zu ſchließen, damit die Fluth ferner nicht mehr ausſtrömen kann.“ 3 Die Knaben wußten nicht, was dieſe Rede des Ritters zu be⸗ deuten habe, ſtießen aber einen lauten Schrei des Schreckens aus, als ſie ſahen, wie der Ritter in den ſchwarzen See hinabſprang und augenblicklich verſchwand. Kuno ſchlug jammernd die Hände zuſammen, mehr über ſeinen Krug als über den Ritter, und Wolf konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, als ſei dieſer ein anderer böſer Geiſt, der ihnen den Krug unn auch entführt habe. Doch während ſie noch ſo ſaßen und Kuno laut weinte, hörten ſie auf einmal tief unter ſich auf dem Grunde des See's ein lautes Ge⸗ räuſch, als würde eine Thür heftig zugeſchlagen, und wenig Au⸗ genblicke nachher bemerkten die erſtaunten Knaben, daß mit dem See eine gewaltige Veränderung vor ſich gehe. Er fing an, un⸗ ruhig zu werden und dann aufzubrauſen, auch bemerkten ſie an den Ufern rings herum, daß das Waſſer zuſehends abnehme. Da⸗ bei überzog ſich der Himmel plötzlich mit ſchwarzen Wolken, die ſich an einigen Stellen bis auf den See herabließen und das Waſſer aufzutrinken ſchienen. Mit jedem Augenblick wurden die Wolken von dem ſchwarzen Waſſer dunkler und als ſie ſo vollge⸗ trunken waren, zogen ſie ſchwerfällig über die Berge, um andern durſtigen Wolken Platz zu machen. Das Waſſer in dem See ſank indeſſen ſchneller und ſchneller. Jetzt tauchte dicht neben dem ſchau⸗ 2 Der Zauberkrug. kelnden Nachen die Spitze eines Thurmes auf und bald ſahen ſie das ganze Dach deſſelben aus dem Waſſer hervorragen. Auf der Spitze und unter dem hervorſpringenden Dach bemerkten die Bei⸗ den zu ihrem Erſtaunen Krähen, Schwalben und anderes Gevögel, welches die Köpfe unter die Flügel geſteckt hatte und zu ſchlafen ſchien. Doch nicht ſobald war das Waſſer unter ihnen herabge⸗ ſunken, als alle erwachten. Die Habichte und Krähen flogen hoch in die Luft, um ſich umzuſehen, was es denn eigentlich gebe, und die Schwalben ſchoßen hungrig über dem Waſſer dahin, da ſie lange nichts gegeſſen, um ſich Mücken und andere Inſekten zu ihrem Frühſtück zu holen. Bald darauf kamen rechts und links neben den Knaben andere Gemäuer hervor, kleinere Thürme mit Schieß⸗ ſcharten, hinter denen Knappen an ihre Spieße gelehnt ſtanden und ebenfalls zu ſchlafen ſchienen. Doch hatte auch dieſe nicht ſobald, ſtatt des ſchwarzen Waſſers, die friſche Luft umſpült, als ſie ſich dehnten und reckten, laut gähnten und verwundert um ſich ſchauten. Nun tauchte das Dach des Schloſſes ſelbſt auf und wenn die Knaben ſchon das Erwachen der Vögel und der Knappen auf den Thürmen in Erſtaunen geſetzt hatte, ſo ſtieg ihre Verwunderung jetzt auf's Höchſte, als ſie ſahen, wie ſich Menſchen und Thiere in jedem Stockwerk belebten, ſobald das Waſſer geſunken war. Dort ſtreckten ein paar Stallbuben die Köpfe zu dem Söllerfenſter her⸗ aus und andere fuhren fort, den Hafer auszumeſſen. Tiefer unten öffneten Mägde die großen Flügelfenſter und ließen friſche Luft hinein in die Gemächer des Königs; in der Küche aber war das Gewimmel am mannigfaltigſten und größten; denn als vor drei Jahren die Verzauberung vor ſich gegangen war, hatte der Küchen⸗ meiſter gerade das Deſſert für des Königs Tafel zugerichtet und war in dieſem wichtigen Geſchäft geſtört worden. Hier liefen die Küchenjungen umher und ſtellten Schüſſeln voll Paſteten, voll Zuckerwerk, ſeltenen Früchten und andern köſtlichen Sachen zurecht⸗ Der Zauberkrug. 191 und die Tafeldecker in ihren goldbordirten Röcken nahmen die Schüſſeln eilig auf, um ſie den Hügel hinan zu tragen. Die Knaben ſanken tiefer, und tiefer; jetzt ſtand das ganze Schloß ſo hoch und ſeattlich, wie es der Ritter beſchrieben, vor ihnen, und ſie befanden ſich hinter demſelben in einem ſchön ange⸗ legten Garten und ſahen plötzlich, daß der Kahn auf einem kleinen Teiche ſchwamm, an deſſen Ufern er ſich anlegte, worauf Beide hin⸗ aus in den ſchönen Garten ſprangen. Eilig liefen ſie um das Schloß herum, um den alten Ritter aufzuſuchen, und als ſie in den Schloßhof kamen, ſahen ſie ihn an dem Brunnen des heilſamen Waſſers ſtehen, auf deſſen Rande der kupferne Krug ſtand. Die beiden Prinzeſſinnen aber, die ſie in dem kleinen Häuschen geſehen hatten, lagen in ſeinen Armen und alle drei weinten vor Freude, Rührung und Entzücken. Die Knaben waren zu ſchüchtern, um näher zu treten, und hielten ſich in beſcheidener Entfernung, doch waren auch ſie von all' dem Wunderbaren, was ſie geſehen, ſo er⸗ griffen und gerührt, daß ihnen ebenfalls die Thränen die Wangen hinabliefen. Plötzlich begann es droben auf dem Hügel, der noch vor wenig Augenblicken als Inſel aus dem ſchwarzen See hervor⸗ ſah, lebendig zu werden. Jagdhörner ſchallten, Pferde wieherten und die Hunde bellten. Jetzt bogen ſich die Sträucher aus einander oder wurden niedergetreten von den Hufen der daher ſtürmenden Roſſe. Alles war dort oben wieder zum Leben erwacht und an der Spitze ſeiner Tafelrunde ſtürmte König Dagobert daher, ſchon von Weitem ſeinen Kindern mit lautem Gruße zurufend. Im Schloß⸗ hof ſprang Alles von den Pferden und der Freude und des Ent⸗ zückens war kein Ende. Darauf erzählte der alte Ritter von den beiden Knaben, daß ſie es wären, welche den böſen Fluch von dem Thale genommen, und ſtellte ſie dem Könige vor. Dieſer erkundigte ſich nach ihren früheren Schickſalen und da ihm das berühmte Geſchlecht der Schreckenberger wohl bekannt war, ſo nahm er deß⸗ wegen, ſowie guch aus Dankbarkeit den letzten Sproß deſſelben 192 Der Zauberkrug. mit der größten Freundlichkeit und Gnade auf, und ebenſo auch Wolf, der durch ſein reiferes Alter und ſeinen Muth nicht wenig zu der glücklichen Entwicklung der Geſchichte beigetragen. Im Schloß des Königs begann das alte fröhliche Leben wieder und wurde fortan durch keinen böſen Feind mehr geſtört. Als Kuno und Wolf einige Jahre in allen ritterlichen Uebungen unterrichtet waren, unternahmen ſie Streifzüge in das Land, um NRieſen zu bekämpfen und der Unſchuld beizuſtehen, wobei ſie auch eines Tages das Schloß der Schreckenberger beſuchten und dort in einem elenden Häuschen durch Gottes Fügung noch einen jener alten Mannen trafen, der mit dem alten Fratz von Schreckenberg geſtanden, gefallen, aber nicht geſtorben war. Da er um die ver⸗ grabenen unermeßlichen Schätze gewußt, ſo hatte er ſie ſorgfältig verwahrt und händigte ſie jetzt dem Erben ein, worauf ihn dieſer mit an den Hof des Königs Dagobert nahm. Im Lauf der Zeit wußten ſich die beiden edlen Ritter, Kuno und Wolf— denn auch letzterer hatte den Ritterſchlag empfangen— die Liebe der beiden Prinzeſſinnen zu erwerben, ſo daß der alte König Dagobert nicht umhin konnte, in eine doppelte Vermählung zu willigen. Von dem kupfernen Krug erzählte der alte Manne des Fratz von Schreckenberg, daß ihn ſein Herr einſt von einem Streifzuge mitgebracht. Doch ſei er ſeines ſchlechten Anſehens halber in die Rumpelkamer geworfen und vergeſſen worden. König Dagobert aber erkannte in dem Traum, den die gute ſelige Gräfin von Schrecken⸗ berg gehabt hatte, das Walten der ſchützenden Feen, die Alles zum Guten gelenkt hatten. Weihnachtsmärchen. * Wenn im Winter der Schnee die Aeſte der Bäume nieder⸗ beugt und der rauhe Nordwind durch die Straßen ſaust, wenn die Tage kürzer und die Abende länger und immer länger werden, ſo fragen die Kinder einander: wie viele Sonntage gibt's noch bis Weihnachten? Und da heißt es dann noch vier, ſpäter noch drei, endlich zwei und dann gar noch einen, worauf eine andere Rechnung beginnt und die Kinder davon ſprechen: wie oft ſie noch zu Bett gehen und wieder aufſtehen müſſen, bis der heilige Chriſt⸗ abend da ſei. So denken aber alle Kinder, reiche und arme, und wenn für letztere auch keine Tannenbäume geputzt werden und wenn ihnen leider der heilige Chriſt keine ſchönen Sachen beſcheert, ſo jubeln ſie doch bei dem Glanz der vielen Lichtchen, die überall her⸗ vorfunkeln, und erfreuen ſich an der kleinen Gabe, ſei ſie auch noch 4 ſo gering, die ihnen die armen Eltern beſcheeren können. Aber ein ſolcher Abend iſt traurig für das Kind, das keine Eltern und keine Verwandten mehr hat, und das von der Gnade fremder Menſchen lebend, am Weinachtsabend zuſehen muß, wie überall ſchöne Tan⸗ nenbäume leuchten und überall beſcheert wird, ohne daß es r Hackländers Werke. XIII. 13 194 Weihnachtsmärchen. davon hat als den bloßen Anblick, und dieſer wird ihm oft nicht einmal vergönnt. Solch ein armes elternloſes Kind war zur Zeit, in der unſere wunderſame Geſchichte ſpielt, in dem Hauſe eines reichen Handels⸗ herrn, der ſelbſt viele Kinder hatte und dazu eine böſe Stiefmutter, mit der er ſich nach dem Tode ſeiner erſten Frau verheirathete, und die dem Kaufmann noch ein Söhnlein ſchenkte, das ſie auf alle Weiſe verzog und hätſchelte. Wenn es auch der Vater nicht leiden mochte, daß die böſe Stiefmutter, wie ſie wohl gern gethan hätte, ihren Sohn den andern eigenen Kindern vorzog, und er mit Strenge darauf ſah, daß alle gleich gut behandelt wurden, ſo konnte eer es doch nicht dahin bringen, daß der arme elternloſe Knabe, welcher Guſtav hieß, von der Stiefmutter mit Liebe und Freund⸗ lichkeit betrachtet wurde. Wenn er ihr hierüber zuweilen Vorſtel⸗ lungen machte, ſo pflegte ſie zu ſagen:„Ah, was, der kleine Balg muß glücklich ſein, wenn er Eſſen und Trinken bekommt und einen Platz zum Schlafen. Das wäre eine ganz neue und ſeltſame Mode, wenn Bettelkinder verlangen wollten, daß man ſie mit Gott weiß welcher Aufmerkſamkeit pflegen ſollte.“ Ach, der arme Guſtav ver⸗ langte dergleichen nicht und machte nie eine betrübte Miene darüber, wenn er ſchlechteres Eſſen und ſchlechtere Kleider bekam als die übrigen Kinder, nur ſchmerzte es ihn tief in ſeinem kleinen Herzen und er konnte nicht begreifen, warum die andern Kinder, die doch gerade ſo ausſahen wie er und doch nicht mehr wußten und konnten als ker, es ſo vielmal beſſer hatten. Beſonders wenn der Weih⸗ nachtmorgen kam und die Kinder des Kaufmanns all die wunderbar ſchönen Sachen zeigten, die ſie erhalten hatten, und wenn ihm dann der rechte Sohn der böſen Stiefmutter, der ihn überhaupt nicht leiden konnte, ſchadenfroh verſicherte: für ihn wäre nichts angekommen, denn das Chriſtkindchen dächte an die kleinen Bettelkinder gar nicht, ſo ward er ſehr betrübt und nahm ſich jedesmal feſt vor, ſobald Weihnachtsmärchen. 195 ihm das Chriſtkindlein einmal in den Weg käme, wolle er es an⸗ halten und fragen, warum es ihn denn beſtändig vergeſſe. Jetzt kam wieder einmal ein Weihnachtabend und der arme Guſtav erfuhr von den Mägden und Knechten in der Küche, daß in der Mitternacht ein ſilbernes Glöcklein erklinge und daß alsdann der heilige Chriſt auf einem kleinen Eſel einher geritten komme, um den Kindern all die ſchönen Sachen zu beſcheeren, die ſie am andern Morgen auf Tiſchen und Stühlen ausgebreitet fänden. Aha, dachte er bei ſich: heute Nacht wirſt du genau Achtung ge⸗ ben, bis das Glöcklein erklingt, und alsdann wirſt du dem Chriſt⸗ kindlein in den Weg treten und es demüthigſt um etwas bitten. Geſagt, gethan; Guſtav konnte auf ſeinem ſchlechten Lager unter dem Dache aus lauter Erwartung nicht einſchlafen und wand ſich hin und her, indem er alle Schläge der Uhr zählte. Endlich ſchlug es zwölfmal und gleich darauf glaubte er unten im Hauſe ein lei⸗ ſes Raſcheln, ſowie das Klingeln eines Glöckleins zu vernehmen. Leiſe erhob er ſich jetzt von ſeinem Lager und die Kälte der Nacht, ſowie die Erwartung der Dinge, die er ſchauen würde, machten, daß er fröſtelnd mit den Zähnen klapperte. Langſam ſtieg er die Treppen hinab und horchte überall in dem Hauſe, aber da war Alles todt und ſtill wie in einer Kirche und auch nicht das leiſeſte Geräuſch ließ ſich vernehmen. Endlich ſah er eine Thür, die nicht feſt verſchloſſen war und durch welche ein feiner Lichtſtrahl auf den Gang fiel. Er näherte ſich behutſam und als er die Thür erreicht hatte und durch die Spalte hineinſah, ward er ſehr traurig, als er ſah, daß er zu ſpät komme, denn das Chriſtkind⸗ lein war ſchon weggeritten, nachdem es auf allen Tiſchen die wun⸗ derbarſten Sachen aufgeſtellt hatte. Anfänglich wollte Guſtav, der Arme, wieder auf ſeine Boden⸗ kammer ſchleichen, allein er konnte der Neugier nicht widerſtehen und öffnete langſam die Thür, um die aufgeſtellten ſchönen Sachen näher zu beſehen. O Gott, was war da nicht Alles. Verwirrt 196 Weihnachtsmärchen. und überraſcht blieb das Kind ſtehen und ließ ſeine Blicke lang im Kreis umherſchweifen, ehe es ihm möglich war, Alles ruhig an⸗ zuſehen. Da ſtand auf dem mittlern Tiſche ein großer, großer Tannenbaum mit vielen Wachskerzen und einer Menge ſchöner Sachen. Oben an der Spitze des Baumes waren ein paar große Fahnen von Gold, das leiſe von dem Zugwind zu rauſchen an⸗ ſing, als der Knabe die Thür öffnete. Unter dem Baum auf dem Tiſche lagen alle möglichen Spielſachen in bunter Reihe. Hier ſtand ein großer Frachtwagen mit Kiſten und Ballen beladen, und daneben ſah man den Fuhrmann, der die Peitſche hochgeſchwungen in der Hand hielt, und die Pferde und der Wagen, das war Alles ſo natürlich gemacht, daß man überzeugt war, ſowie die Peitſche anfing zu knallen, würden die Pferde ziehen und luſtig davon lau⸗ fen. Ach und daneben ſtand gar ein hübſcher anderer Wagen, in dem die vornehmen Leute zu fahren pflegen, er war blau angeſtri⸗ chen und hatte rothe Räder, und in demſelben ſaß eine wunderſchöne kleine Dame, dieſe trug ein weiß ſeidenes Kleid mit Spitzen be⸗ ſetzt; auf dem Kopf hatte ſie einen Myrthenkranz mit einem lang herabwallenden Schleier, und ſah mit ihrem runden hübſchen Ge⸗ ſichtchen den armen Guſtav ſo freundlich an, daß er kaum von ihr wegſehen konnte und ſich immer wieder nach ihr zurückwandte. Neben dem Wagen ſtanden ganze Regimenter Zinnſoldaten aufmar⸗ ſchirt, die hatten große Bärenmützen auf und das Gewehr im Arm, und ſahen ernſt und ſteif vor ſich hin. Vorn waren die Tambonrs und hielten die Schlegel ihrer Trommeln bereit, um auf das Kom⸗ mandowort tapfer zuſchlagen zu können. Auf der andern Seite des Tiſches waren kleine niedliche Häuſer, ja eine ganze Stadt, mit Kirchen und Brücken, ſogar ein großer Garten war dabei, mit ſchö⸗ nen Bäumen und kleinen Fontainen, und in dem Garten ſtanden ſchön geputzte Menſchen, die ſpazieren gingen; auch waren Jäger da, das Gewehr auf der Schulter, die emſig auf ganze Rudel von — —— Weihnachtsmärchen. 8 197 Hirſchen und Rehen ſpähten, welche unter den Bäumen umher zu ſpringen ſchienen. Jetzt bemerkte Guſtav dicht unter dem Tannenbaum eine Fi⸗ gur, vor der er ſich anfänglich nicht wenig entſetzte. Sie war noch kinmal ſo groß als die andern, die auf dem Tiſch umher ſtanden, und hatte einen unförmlich dicken, faſt viereckigen Kopf; das Maul, das ſich in dieſem Kopfe befand, war ſelbſt für dieſen viel zu groß und unförmlich, und obendrein ſtand es noch weit offen und ließ eine Reihe weißer, ſcharfer Zähne ſehen. Die Augen der Figur waren roth mit einem kleinen ſchwarzen Flecken und ſahen recht grimmig in die Welt hinaus. Die Kleidung des Kerls beſtand in einer rothen Hoſe, kleinen gelben Stiefeln und in einer Huſaren⸗ jacke. An der Seite hatte er einen großen Säbel, ſowie an den Stiefeln unförmliche Sporen. Guſtav aber erſtaunte noch mehr, als er jetzt bemerkte, daß ihm hinten am Kopf ein unendlich langer Zopf herabhing, der faſt bis an die Füße reichte. Dieſer grimmig ausſehende Mann war aber Niemand anders, als der bekannte Herr Nußknacker, der den Kindern ſeine ſcharfen Zähne leiht und ſich, ſo lange er gut gelaunt iſt, dazu hergibt, die Rüſſe aufzu⸗ knacken. Das arme Kind war noch nie in den Fall gekommen, dieſen geſtrengen Herrn zu benutzen, und da es ihn alſo nicht kannte, fürchtete es ſich ſehr vor ſeinem grimmigen Aeußern. Ob⸗ gleich ihn Guſtav uach näherem Betrachten bald wieder verließ und auf die andere Seite des Tiſches zu der kleinen Dame in dem weiß ſeidenen Kleid trat, die ihn ſo freundlich anſah, ſo ſchielte er doch zuweilen nach dem Nußknacker hinüber, und da kam es ihm dann vor, als drehe dieſer die rothen Augen nach ihm hin und ſchnappe die Zähne auf einander. Aber in dem Zimmer war es ſo behaglich warm, ſo angenehm, und der Tannenbaum duftete ſo lieblich und ſonderbar, daß dem Kinde anfingen die Augen zuzu⸗ fallen. Wenn es jetzt auch daran dachte, wieder in ſeine Boden⸗ kammer hinauf zu gehen und ſich auf ſein Bett zu legen, ſo ſah 1193 Weihnachtsmärchen. die kleine Dame wieder ſo lieb und freundlich aus dem Wagen heraus, daß es ihm unmöglich war, von ihr zu ſcheiden, weßhalb ſich Guſtav nach einigem Ueberlegen auf eine kleine Bank ſetzte, die vor dem Tiſche ſtand; obgleich er ſich feſt vornahm, hier nicht einzuſchlafen, ſo nickte er doch bald mit dem Kopfe und ſeine Augen ſchloßen ſich unwillkürlich. Da war es ihm plötzlich, als rauſchten die goldenen Fahnen ſtärker auf dem Tannenbaum und die Nadeln der Zweige beweg⸗ ten ſich flüſternd durch einander. Auch ſchien es ihm, als hebe der Nußknacker ſeinen Kopf langſam in die Höhe und fletſche zor⸗ nig ſeine Zähne gegen den Baum. Selbſt die ſteifen Zinnſoldaten ſchienen unruhig mit den Füßen zu zucken, als möchten ſie gern marſchiren, und der Knabe meinte deutlich zu ſehen, daß ſich die Peitſche des Fuhrmanns in der Luft bewege, als wolle ſie laut an⸗ fangen zu knallen. Einen Augenblick darauf war Alles wieder ruhig, und halb zwiſchen Schlaf und Wachen, wandte der Knabe ſeinen Kopf empor zu der ſchönen Dame im Wagen, und wenn auch ſein Mund nichts ſprach, ſo fragte der Schlag ſeines Herzens: warum der Nußknacker ſo zornig auf den Tannenbaum ſchaue und warum Soldaten und Fuhrmann ſo große Luſt bezeugten, lebendig zu werden. Die ſchöne Dame in dem weiß ſeidenen Kleid wandte ihren Kopf etwas auf die Seite und flüſterte ſo leiſe, daß es klang, als bewegten ſich blos die Tannennadeln an dem Baum:„Ach, ach, in dem Moos unter dem Tannenbaum ſitzt der böſe Zauberer, der uns alle gefangen hält, ſo daß wir uns nicht bewegen und le⸗ ben können, und wenn der todt wäre, ja, wenn der todt wäre, ſo könnten wir uns freuen, wie du, und könnten Beide in die Welt hinaus ziehen, um ein vergnügteres Leben zu führen, als hier unter den Händen der böſen Kinder allmälig zerriſſen und verdorben werden.“ Bei den letzten Worten ſchien die ſchöne kleine Dame ein paar Thränen zu weinen, und man konnte deutlich hören, daß der Nußknacker ingrimmig mit Säbel und Sporen klirrte, Weihnachtsmärchen. 199 Dem Knaben kam das, was er von dem Zauberer hörte, recht ſonderbar vor, und er wollte ſchon anfangen, ſich zu fürchten. Doch plötzlich dachte er ſich unter dem Zauberer Jemanden, der die arme kleine Dame quälte, wie auch er von der böſen Stiefmutter im Hauſe gequält wurde. Und da fühlte er ſein kleines Herz ſo zor⸗ nig werden, daß er plötzlich erwachte, aufſtand und an den Tan⸗ nenbaum hinlief, um den Zauberer zu ſuchen, mit dem feſten Vor⸗ ſatz, ihm alsbald den Hals umzudrehen. Es war aber, als ent⸗ fahre allen Herrſchaften auf dem Tiſche ein leiſer Ausruf der Freude und Verwunderung, und als er mit ſeinen kleinen Händen emſig das Moos unter dem Baume durchwühlte, glaubte er, die junge Dame im weißen Seidenkleid ſchaue nach ihm hin und nicke freund⸗ lich mit dem Kopfe. Lange fand er unter dem Baume nichts Ver⸗ dächtiges. Endlich zog er aber aus dem Mooſe eine kleine, kaum zwei Zoll hohe Figur hervor, die keine Beine und keine Arme hatte, wohl aber einen feuerrothen Kopf mit kleinen tückiſchen Augen und einem Maul, das von einem Ohr bis zum andern ging.„Aha,“ dachte Guſtav,„das wird der böſe Zauberer ſein,“ und nahm ihn mit. auf den Tiſchrand, denn er hatte doch viel zu viel Gerechtigkeits⸗ gefühl, um den kleinen Kerl, mochte er auch ein noch ſo ſchlechter Zauberer ſein, ungehört zu verdammen. Er ſtellte ihn vor ſich hin, den Kopf nach oben, ihn allen Ernſtes zu befragen, warum er die arme kleine Dame im Wagen, den tapfern Herrn Nußknacker, kurz alle hohen und niedern Herrſchaften mit ſeinem böſen Zauber ver⸗ folge und ihnen nicht die Freiheit geben wolle. Doch kaum ließ er die Finger von dem Zauberer ab, ſo purzelte dieſer um und ſtellte ſich wie zum Trotz und Schabernack behende auf ſeinen rothen Kopf. Guſtav fand ein ſolches Benehmen höchſt unanſtändig und er ſah darin eine Tücke des kleinen Kerls, der ihn wegen ſeiner Frage auslachen wolle. Er richtete ihn wieder auf, doch ſo wie er glaubte, ihn recht feſt hingeſtellt zu haben, ſtürzte er abermals um 200 Weihnachtsmärchen. und noch behender als früher, und es ſchien dem Knaben, als wackle er mit ſeinem kleinen Körper aus Bosheit und Trotz hin und her. Jetzt ärgerte ſich der Knabe noch mehr über dieſe Un⸗ verſchämtheit, nahm ihn zum dritten Mal empor, ſprach nochmals zu ihm:„Höre, du böſer Zauberer, jetzt gebe ich dir aber allen Ernſtes den Rath, laß deine garſtigen Grimaſſen bleiben und ſage mir frei und offen: willſt du die armen kleinen Leute hier ent⸗ zaubern oder nicht?“ Aber auch zum dritten Mal ſprang er auf ſeinen Kopf und ſchien den Knaben auszulachen, ſo daß ihm, wie früher, ſein kleiner, unförmlicher Körper in der Luft vor Vergnü⸗ gen wackelte. Das war zu arg. Guſtav faßte ihn am Kragen und war einen Augenblick unſchlüſſig, ob er ihm eigenhändig den Hals um⸗ drehen ſollte, oder ob es nicht beſſer wäre, ihn dem ehrenfeſten Herrn Nußknacker zu übergeben. Endlich entſchied er ſich für das Letztere, indem es ihm doch wehe that, ein Weſen zu tödten, und ſelbſt wenn dieſes Weſen nur ein Zauberer war, der ihn obendrein noch gar verſpotttet hatte. Auch ſchien Nußknacker ſein Maul noch weiter aufzureißen als früher und es war, als zitterten ſeine Zähne ordentlich vor Vergnügen, den Feind zu zermalmen, weßhalb der Knabe den kleinen Zauberer in die Hand nahm und ihn raſch dem Nußknacker in's Maul ſteckte. Das war ein merkwürdig ſchreckli⸗ cher Augenblick, der dem Knaben faſt Thränen entlockt hätte, in⸗ dem er ſah wie der tapfere Nußknacker die entſetzlichſten Anſtreng⸗ ungen machte, ſein großes Maul zu ſchließen, was ihm durchaus nicht gelingen wollte. Er funkelte ingrimmig mit den Augen und Säbel und Sporen klirrten vor unnennbarer Wuth; aber verge⸗ bens, er konnte das Maul nicht ſchließen, um den Zauberer zu zer⸗ malmen. Plötzlich fiel dem Knaben ein, ob ihn der ſchwere Zopf nicht an dieſer Bewegung hindere, und um dem Nußknacker zu helfen, daß er den Zauberer tödte, ging er hin und hob den Zopf etwas in die Höhe. Da ſchlug der Nußknacker die Zähne auf ein⸗ * Weihnachtsmärchen. 201 ander, daß es weithin im Zimmer ſchallte, und öffnete den Mund wieder und ſchlug ſie abermals zuſammen, und nachdem er ſie auch zum letzten Mal auf einander geklappt hatte, ſchien er den Zauberer tödtlich getroffen zu haben und mahlte ihn ordentlich mit den Zäh⸗ nen zuſammen, daß es gerade ſo klang, als ſei eine große Kaffee⸗ mühle in Bewegung. Der Knabe ſtand da und ſchaute verwundert um ſich, denn was er jetzt ſah und hörte, ſo etwas war ihm in ſeinem Leben nicht vorgekommen. Nachdem der Nußknacker den Zauberer getöd⸗ tet, jauchzte er vor Freuden laut auf, nahm ſeinen Säbel unter 3 den Arm und that einen gewaltigen Luftſprung. Dann eilte er zu dem Wagen hin, in welchem die kleine Dame ſaß, legte die Hand an den Hut und ſprach:„Schönſte Prinzeſſin, ich erwarte deine Befehle!“ Auch auf dem Tiſche begann plötzlich ein ganz merk⸗ würdiges Leben. Der Fuhrmann knallte mit ſeiner Peitſche und die Pferde vor dem Wagen zogen plötzlich an, worauf ihnen aber der Fuhrmann zurief:„O ha hi!“ und ſie ſtanden augenblicklich und ſchüttelten ſich unter ihren Geſchirren vor Vergnügen. Die Tam⸗ bours vor den Zinnſoldaten ſchlugen einen kleinen Wirbel und darauf kommandirte einer der Herren Lieutenants:„Gewehr bei Fuß! rührt euch!“ und die ſteifen zinnernen Kerls wurden beweg⸗ lich, hier beſah einer ſein Gewehr, dort nahm ein Anderer die Bä⸗ renmütze ab und fragte einen Dritten etwas. Vor der Fronte aber ſtellten ſich die Herren Offiziere zuſammen und einer verſicherte dem andern auf Ehre: das Wetter ſei unvergleichlich ſchön, worauf der andere geiſtreich entgegnete: es ſei ein ſchönes unvergleichliches Wetter. Auch in dem Garten fing nun plötzlich alles an, lebendig zu werden. Die Bäume ſchüttelten ihre Aeſte, wie vom Wind be⸗ wegt, die Hirſche und Rehe ſprangen pfeilſchnell über die grünen Flächen dahin, und die Jäger ſetzten ihnen nach mit Hurrahgeſchrei und Hörnerklang, ja alle die Gruppen von Leuten, die früher in den Wegen des Gartens ſtanden und nur ſo thaten, als gingen 20² Weihnachtsmärchen. ſie wirklich ſpazieren, kamen in Bewegung, ſetzten ihre hölzernen Füße von einander und liefen luſtig unter den Bäumen dahin. Der Knabe wußte nicht, was er von Allem dem denken ſolle, und ſtand mit gefalteten Händen da, alle die außerordentlichen und wun⸗ derbaren Sachen anſtaunend; beſonders aber intereſſirte ihn die kleine Dame im weißen Seidenkleid, die ſich öfters nach ihm um⸗ ſah und ihm dann und wann freundlich zunickte, weßhalb er ſich auch an der Seite des Tiſches hielt, wo ihr Wagen ſtand. Nachdem Herr Nußknacker auf dem ganzen Tiſch umhergelaufen war und Alles ſorgſam angeſchaut, trat er zu dem Wagenſchlag, legte die Hand abermals an den Hut und ſagte:„Gnädigſte Prin⸗ zeſſin, der Zauber iſt gelöst und das Volk harrt mit Ungeduld deines Befehls, um hinauszuziehen in die Welt. Jeder Augenblick, den wir länger hier verbringen, kann uns auf's Neue gefährlich werden. Drum gib den Befehl, o Prinzeſſin, zum Aufbruch.“ Darauf nickte ſie leicht mit dem Kopfe und entgegnete dem Nuß⸗ knacker:„Hochanſehnlicher Getreuer! bevor wir uns von dieſem Ort entfernen, iſt es nicht mehr als billig, daß ich meinen Dank gegen dies Menſchenkind ausſpreche, welches durch ſeine kluge und tapfere That den Zauberer aus ſeinem Verſteck hervorgezogen und ihn dir, edler Nußknacker, zur Beſtrafung überliefert hat.“ Bei dieſen letzten Worten kratzte der Edelſte des Reichs hinten aus, daß ſeine großen Sporen klirrten, und brachte in den gewählteſten Ausdrücken dem armen Knaben den Dank der Prinzeſſin, ſowie des ganzen kleinen Volkes dar, worauf Erſtere von ihrem Finger⸗ chen einen ganz kleinen, kleinen goldenen Ring mit einem weißen Steinchen, das wie ein Thautropfen funkelte, abzog und ihn dem Knaben darreichte. Dieſer war äußerſt beſtürzt, daß ihn die ſchöne kleine Dame, ſowie Zinnſoldaten und Nußknacker, ſo bald verlaſſen wollten, und da er ſich auch entſetzlich vor Schlägen fürchtete, wenn nämlich morgen früh die böſe Frau im Hauſe aufſtand und wenn ſie ſah, Weihnachtsmärchen. 203 daß alle Sachen fort waren, denn er glaubte nicht anders, als man müßte ihm auf den erſten Blick anſehen können, daß er es geweſen, der ſie befreit, ſo machte er noch ein paar vergebliche Berſuche, um ſie zum Dableiben zu vermögen. Als aber die kleine Dame traurig ihr Köpfchen ſchüttelte und als der Edle von Nußknacker auf Ehre verſicherte, daß eine fernere Zögerung gefährlich und rein unnütz wäre, ſo faßte er auf einmal den Vorſatz, die kleinen Leute zu begleiten, worüber die Prinzeſſin mehr erfreut ſchien, als Herr Nußknacker. Letzterer machte einige Einwendungen; doch da die kleine Dame dem Knaben alsbald erlaubte, mit zu ziehen, mußte er ſein großes Maul zuziehen und durfte ihm höchſtens ein paar unfreundliche Blicke zuſchleudern, was er auch nicht unterließ. Alsbald verkündigte Nußknacker dem ganzen Volke, daß ihn die Prinzeſſin zum Regenten des künftigen Reichs ernannt habe, weßhalb Alles ſich bemühen möge, ſeine Befehle auf's Pünktlichſte zu befolgen. Darauf gab er Befehl zum Aufbruch, worauf die Herrn Lieutenants mit ihren Zinnſoldaten unter Trommelſchlag vorausmarſchirten und Alle ſtiegen ſo leicht und behend von den Tiſchen herunter, als befinde ſich von da bis auf den Fußboden die ſchönſte Fahrſtraße. Auch manches andere Wunder begab ſich noch bei dieſem Auszug, indem nämlich von einigen kleinen Kiſt⸗ chen und Schachteln, die bisher verſchloſſen waren, der Deckel ab⸗ ſprang und alle darin befindlichen Figuren ebenfalls anfingen, die Tiſche hinab zu ſpazieren. Da kamen die Zünfte mit ihrem Hand⸗ werksgeräth, da kam eine ganze Schauſpielergeſellſchaft mit ihrem Oberregiſſeur an der Spitze und alle erſte Helden und Heldinnen gingen paarweiſe und dann folgten die komiſchen Perſonen bis zu den Lampiſten herunter. Auch ein Regiment Küraſſiere, ſowie ein anderes Regiment Dragoner erhoben ſich nach und nach und folgten. Der Fuhrmann knallte mit ſeiner Peitſche, die Pferde zogen an, und hinter dem ſchwer bepackten Frachtwagen kamen die Spazier⸗ gänger aus dem Garten, darauf folgten die Jäger und Jägerbur⸗ 204 Weihnachtsmärchen. ſchen, und Hirſche und Rehe ſprangen wohlgemuth nebenbei. Nuß⸗ knacker, dem es nicht anſtändig erſchien, daß er als Regent des Königreichs zu Fuß gehen mußte, ließ ſich ein kleines hölzernes Kameel vorführen, welches er beſtieg, worauf das arme Thier mit ſeiner ſchweren Laſt geduldig neben dem Wagen einherſchritt, in welchem die ſchöne kleine Dame ſaß. Guſtav hielt ſich an der andern Seite, und wenn er auch ſchon des Wunderbaren heute Nacht genug erlebt hatte, ſo war er doch nicht wenig erſtaunt, als er ſah, wie ruhig und behende der ganze Zug die Treppen des Hauſes hinab marſchirte, und wie ſich die Hausthüre von ſelbſt öffnete und ſich auch ſpäter wieder von ſelbſt ſchloß, als alle auf der Straße ange⸗ kommen waren. Droben im Zimmer aber brannte die Nachtlampe trübe und düſter, in den Zweigen des Tannenbaumes rauſchte es traurig und die vergoldeten Nüſſe und Zuckerwaaren drehten ſich ſeufzend hin und her. Aber aus dem Moos unter dem Baumſtamme erhob ſich plötzlich der zweite Zauberer, ſtellte ſich vor Ingrimm und Zorn auf den Kopf und fletſchte gegen die Abziehenden grimmig die Zähne, indem er leiſe ausrief:„Wartet nur, ihr Lumpenpack, wartet nur bis morgen!“ Draußen auf der Straße aber herrſchte die ſchönſte, klarſte Nacht, und wenn auch der Mond um Mitternacht ſchon unterge⸗ gangen war, ſo funkelten die Sterne doch ſo hell und rein, daß man bei ihrem Schein deutlich alle Wege und Pfade unterſcheiden konnte. Das Haus, in welchem Guſtav bis jetzt gewohnt, lag faſt am Ende der Stadt, weßhalb ſich das kleine Volk bald im Freien befand, wo große Wälder und unabſehbare Haiden anfingen. Eng geſchloſſen marſchirte das Militär und war ſehr vor einem nächt⸗ lichen Ueberfall auf der Hut, und ſie hatten daran nicht unrecht, denn furchtbare, rieſenhafte Ungeheuer, wie Ratten, Katzen und Hunde, ließen ſich hie und da ſehen und ſprangen zähnefletſchend und ingrimmig zuweilen rechts und links gegen das kleine Volk . Weihnachtsmärchen. 205 an. Ach, es koſtete ſogar in dieſer Nacht einem kleinen tapfern Lieutenant das Leben; denn er wollte ſich auszeichnen, zog ſein kleines Säbelchen und ſprang aus dem Gliede heraus einer jungen Katze entgegen, die ihn mit rothglühenden Augen anſtarrte. Doch vergebens war ſein Heldenmuth und die Kraft ſeines Armes, das Unthier that einen Schlag mit der Pfote nach ihm und der arme Lieutenant ſtürzte nieder, indem er ſterbend die Worte rief:„Hoch lebe die Prinzeſſin, ſowie der Regent Nußknacker!“ Nach dieſem ſchrecklichen, aber doch zu erſetzenden Verluſte— denn es war nur ein aggregirter Herr Lieutenant— zog das kleine Volk ruhig weiter und erreichte bald die Haide, wo ſich der Regent Nußknacker mit den Großen des Reichs berieth, was für dieſe Nacht zu machen ſei und wo man einen Zufluchtsort ſuchen ſollte, damit, wenn der Tag anbräche, die entſetzlichen Menſchen das arme Volk nicht wieder fänden und zurück in neue Gefangenſchaft ſchleppten. Obgleich es mitten im Winter war, ſo fühlte Guſtav, der munter neben dem Wagen einherſpazierte, gar nichts von Kälte, vielmehr war es ihm ſo angenehm und warm, wie an einem ſchönen Maitage, beſonders wenn er der kleinen freundlichen Dame in die ſchwarzen Augen blickte. Doch an dem Rathe, der nun gehalten wurde, nahm auch er den lebhafteſten Antheil, denn ihn beunruhigte der Gedanke nicht wenig, daß man morgen früh ſeine Spur ver⸗ folgen und ihn wieder zurück bringen könne. Nach vielem Hin⸗ und Herſprechen ſagten die Jäger endlich aus, auf ſolchen Haiden, wie dieſe, wo man ſich gerade befand, hauſen furchtbare Unthiere, die man Füchſe nenne, und welche ſich unter der Erde die ſchönſten, kunſtvollſten Burgen erbauten, die man nur ſehen könne.„Ja,“ ſagten ſie,„tief unter der Erde liegt die Höhle dieſes Thiers, auf's Kunſtvollſte gebaut, mit weiten Nebenkammern verſehen, und rund herum laufen große Gänge, die nach verſchiedenen Seiten an das Tageslicht führen. Wenn wir ſolch ein Unthier überwältigen könn⸗ ten, ſo hätten wir die ſchönſte Reſidenz erworben, die man nur 206 Weihnachtsmärchen. ſehen kann. Aber,“ ſetzten die Jäger und tapfern Offiziere hinzu, „manches Heldenblut wird dabei fließen.“ Doch was war zu thun? Ein Unterkommen für die Nacht mußte geſucht werden; wenn auch die Prinzeſſin anfänglich nichts davon wiſſen wollte, daß man das Blut ihrer Unterthanen in einem ſo ungleichen fürchterlichen Kampfe verſpritze, ſo gab ſie doch endlich den Bitten Nußknackers und des geſammten Adels nach, und der Regent ſchied unter den Truppen die Tapferſten aus, die auf der Haide umher ſtreifen ſollten, um die Höhle eines ſolchen Unthiers aufzufinden. Der Knabe, der auch ſchon viel von den Füchſen hatte ſprechen hören, daß es böſe, garſtige Thiere ſeien, welche des Nachts die Hühner holten, ja, die ſogar im Walde Haſen und die armen kleinen Rehe anfielen, wurde von dem Regenten befehligt, die Truppen auf der Haide umher zu führen und die Burg eines ſolchen Thiers zu ſuchen. Nußknacker ſelbſt blieb bei dem Wagen zurück, um, wie er ſagte, die Prinzeſſin zu ſchützen, und ermuthigte die abziehenden Offiziere durch die Ausſicht auf glänzende Beförderungen und auf einen Orden mit großem Stern, der noch errichtet werden ſollte. Guſtav, der wohl die Wichtigkeit ſeines Auftrags fühlte, hatte ſich nicht ſo bald von der kleinen ſchönen Dame verabſchiedet, als er dem ſämmtlichen Kriegsheer, das er befehligte, den Vorſchlag machte, er wolle Soldaten und Offiziere auf ſeinen Arm nehmen, damit ſie, weil er größere Schritte machen könnte, raſcher vorwärts kämen. 3 Es dauerte auch nicht lange, ſo kamen ſie an eine Waldecke, wo der Knabe an einem Rain kleine runde Oeffnungen erblickte, welche die Jäger, die er alsbald auf den Boden ſetzte, für die Wohnung des Unthiers erklärten. Sogleich ſetzte Guſtav ſeine Armee ebenfalls auf die Erde, doch als dieſe ſich ordnete, ehe ſie zum Angriff ging, fand es ſich, daß viele Offiziere fehlten. Ach, dieſe ſonſt ſo Tapfern hatte bei dem Anblick der ſchrecklichen Höhle eine unnennbare Augſt befallen, oder ſie hatten ſich Gott weiß wohin verirrt, Weihnachtsmärchen. 207 und erſt als die Tambours mehrmals einen raſſelnden Generalmarſch ſchlugen, fanden ſich einige davon wieder, die ſich in den Taſchen des Knaben verſteckt hatten. Doch behaupteten ſie auf Ehre, ſie wären wider ihren Willen da hinab gerutſcht. Sogleich wurde die ganze Höhle von allen Seiten unſtellt und der Kommandeur der Truppen ließ Freiwillige vortreten, die es wagen wollten, als Vortrab zuerſt in die Höhle des Unthiers zu dringen. Bald waren einige zwanzig bärtige Krieger beiſammen, alte gediente Soldaten mit großen Bärenmützen, und dieſe drangen paarweiſe mit gefälltem Bajonet von allen Seiten in die kleinen Oeffnungen und marſchirten langſam vorwärts. Der Knabe hatte einen tüchtigen Prügel ergriffen, den er auf der Erde gefunden, und ſtellte ſich vor das größte der Löcher, um, im Falle der Fuchs erſcheinen würde, ihm einen tüchtigen Merks auf die Naſe zu ver⸗ ſetzen. Die ganze Armee ſtand um die Höhle herum und war in Erwartung der Dinge, die da kommen konnten, nicht wenig ge⸗ ſpannt. Da es wohl möglich ſein konnte, daß das Unthier nicht zu Hauſe war, ſondern auf freiem Felde mordluſtig nach Beute umher ſchweifte, ſo hatte man die Vorſicht gebraucht, auch im Rücken der Armee eine Kette Vorpoſten auszuſtellen, und dieſe wichtige militäriſche Maßregel bewährte ſich heut Abend in ihrer ganzen Tüchtigkeit. Kaum waren nämlich die tapfern Soldaten im Bauche der Erde verſchwunden, ſo ſtürzten ſich die äußerſten Vorpoſten auf die nächſten, dieſe wieder auf ihre Vormänner und verkündeten mit lautem Geſchrei: das gräßliche Unthier nahe ſich in aller Eile. O Gott, wie viele Stoßſeufzer und leiſe Gebete mögen in dieſem Augenblicke dem Munde aller tapfern Offiziere und Soldaten ent⸗ flogen ſein! Und in der That, das Ungethüm näherte ſich. Leider muß ich hiebei geſtehen, daß in dieſem großen Augenblicke die meiſten Truppenkommandeurs den Kopf verloren. Sie befahlen bunt durch einander bald dies bald das und die armen Soldaten, 208 Weihnachtsmärchen. die am Ende nicht mehr wußten, was hier am beſten zu thun ſei, folgten dem plötzlichen Triebe, der in ihnen rege wurde, und liefen auf allen Seiten davon. Nur die Jäger und Jägerburſchen ahmten nicht dieſes glorreiche Beiſpiel nach, ſondern ſie verſteckten ſich hinter große Sträucher und kleine Steine, um das Unthier mit wohl ge⸗ zielten Schüſſen zu empfangen. Richtig, es war der alte Herr Fuchs, der eben nach ſeiner Wohnung zurückkehren wollte. Von weit her kam er in vollem Laufe, doch mochte er merken, je näher er ſeiner Höhle kam, daß hier nicht Alles in Richtigkeit ſei, genug, er verkleinerte ſeine Schritte und näherte ſich bedachtſam, wobei er ſorgfältig um ſich her ſpähte. Der Knabe hatte ſich oberhalb des Baumes ſo verſteckt, daß er mit ſeinem Prügel bis an den Eingang reichen konnte, und da er mehr Muth hatte, als die ganze Nußkuacker'ſche Armee zuſammen genommen, ſo wich er keinen Fuß breit, ſondern ließ den Fuchs ganz nahe kommen, und ſobald dieſer vor dem Loche angekommen war und eben ſeinen Kopf hinein ſtecken wollte, gab er ihm einen ſo kräftigen Schlag auf die Naſe, daß Reinecke ſich plötzlich umwandte und nachdem er ein paar Mal ſei⸗ nen ſchmerzlich berührten Kopf geſchüttelt, in langen Sätzen über das Feld davon jagte. Unglücklicher Weiſe nahm er die Richtung, nach welcher hin der größte Theil der Armee ſo eben geflohen war, und bald verkündigte dem Knaben ein vielſtimmiges Angſtgeſchrei, daß der Fuchs das Heer erreicht habe. Doch da er ſehr auf eilige Flucht bedacht war, ſo that er keinem dieſer Tapfern Schaden, ſondern er überrannte nur einige Bataillons Infanterie, ſowie einige Schwadronen Dragoner und verſchwand dann im eiligſten Laufe in der Nacht... Als auf dieſe Art alle Gefahr abgewendet war, ſo kehrten Offiziere und Soldaten eilig zu dem Fuchsbau zurück, und da mittlerweile aus dem Innern deſſelben die tapfern Freiwilligen heraus gekommen waren, welche erzählten, daß Alles leer ſei und daß das Innere des Berges auf das Paſſendſte mit ſchönen Ge⸗ Weihnachtsmärchen. 209 mächern und langen Gängen verſehen ſei, ſo ſchickte man eilig einige Reitende mit dieſer frohen Botſchaft an den Regenten Nuß⸗ knacker ab, der auch wenige Zeit darauf auf ſeinem Kameel mit einiger Reiterei erſchien. Ihm folgte die Prinzeſſin in ihrem Wa⸗ gen, ſowie der ganze Troß und Alles fiel, bei dem Fuchsbau an⸗ gekommen, einander vor Freuden in die Arme, daß nun alle Noth vorüber ſei und man eine ſo ſtattliche Reſidenz erobert habe. Der Regent ließ die Freiwilligen vortreten und in Betreff der außerordentlichen Verdienſte, die ſie in dieſer Nacht dem Staate geleiſtet, ließ er ſich herab, ſie eigenmündig zu loben, ſämmtliche Offiziere aber, diejenigen mit eingerechnet, die davon gelaufen wa⸗ ren, wurden zu Rittern des neu zu errichtenden Ordens ernannt, deſſen Großkreuz ſich der Edle von Nußknacker natürlicher Weiſe ſelbſt ertheilte. Der Knabe, der an dem glücklichen Erfolg in dieſer Nacht eigentlich das Meiſte beigetragen hatte, wunderte ſich ſehr, von dem Regenten Nußknacker kein Lob zu erhalten, und war nicht wenig erſtaunt, als ihm befohlen wurde, ſeinen Prügel bei Seite zu le⸗ gen,— eine Behandlungsweiſe, die ihn ſehr ſchmerzte. Doch fühlte er ſich einigermaßen dadurch getröſtet, daß ihm die kleine Dame mit ihrem freundlichen Geſichtchen zunickte; auch glaubte er zu be⸗ merken, daß ihr Blick nicht mehr ſo heiter ſei, wie früher, und es ſchien ihm, als ſei ihr Auge mit Thränen angefüllt und als ſeufzte ſie tief auf. Der Regent kletterte von ſeinem Kameel herab und befahl den Fuhrleuten, die mit Kiſten und Kaſten auf ihren Wagen da ſtanden, in die Höhle hinein zu fahren, die Handwerker mußten folgen, um, ſo gut es die Zeit erlaubte, das Innere für die Prin⸗ zeſſin einzurichten. Mit einer unglaublichen Schnelligkeit arbeiteten die kleinen Männer und man hörte ſie hämmern und ſägen, daß es eine Freude war. Die Soldaten mußten ebenfalls helfen, die Gänge, die in das Innere des Baues führten, zu reinigen und ſie Hackländers Werke. XIII. 14 210 Weihnachtsmärchen. 5 eben und fahrbar zu machen. Auch wurden zahlreiche Schildwachen ausgeſucht, die ſich vor allen Oeffnungen aufpflanzen mußten, und als dies beſorgt war, befahl der Regent, Alles ſolle hinabziehen, worauf er ſelbſt ſein Kameel wieder beſtieg und vor den Wagen der Prinzeſſin ritt. Der arme Knabe, der alle dieſe Anſtalten mit anſah, merkte wohl, daß er hier zurückbleiben müſſe, weßhalb er ſich betrübt dem Wagen näherte und zu der kleinen hübſchen Dame ſagte:„ach, ſchönſte Prinzeſſin, was ſoll denn aus mir werden? wollt ihr mich zurück laſſen, allein hier auf der Erde und in der Nacht, die mich vor Kälte tödten wird, ſobald du entſchwunden biſt, du, deren guter, freundlicher Blick mich allein erwärmte.“ Bei dieſen Worten wandte ſich der Regent auf ſeinem Kameel herum und ſagte dem Knaben in ziemlich hochmüthigem Tone: „im Namen des Reichs danken Wir dir für den Dienſt, den du Uns erwieſen. Du haſt deine Schuldigkeit gethan und Wir bleiben dir wohl gewogen Zeit Unſeres Lebens.“ Der Knabe, der nicht auf den Regenten ſah, bemerkte, wie bei dieſen Worten das Geſicht der kleinen Dame noch trauriger wurde als früher und ſah, daß wirklich große Thränen ihren Wangen entſtrömten. Sie reichte ihm ihre kleine weiße Hand und ſagte leiſe:„ach, mein lieber Freund, ich werde dich gewiß wieder ſehen;“ worauf der edle Nußknacker ein Zeichen mit ſeiner Hand gab, die Pferde zogen an und blitzſchnell verſchwand der Wagen im Innern der Höhle. Darauf marſchirten auch die Soldaten in gleichen Reihen hinten drein, zuerſt die Infanterie, dann die Kavallerie, darauf folgten die Jäger und Jägerburſchen und ſelbſt die Rehe und Hirſche, die ſich vor den Gewehren nicht zu fürchten ſchienen, eilten in den Bauch der Höhle hinab, und bald war Alles von der Erde verſchwunden. Eine Zeitlang hörte man noch das Raſſeln der Wagen, den gleichmäßigen Tritt der Soldaten, der immer ent⸗ Weihnachtsmärchen. 211 fernter klang und immer dumpfer und dumpfer wurde, und end⸗ lich war Alles ſtill. Erſtaunt ſah der Knabe um ſich und bemerkte jetzt erſt, mit welch durchdringender Kälte der Morgen herannahe, und zitternd vor Froſt ſchaute er betrübt auf der weiten Haide umher. Was ſollte er machen? Obgleich ihm die ganze Begebenheit dieſer Nacht ſo wunderbar vorkam, daß er geneigt war, ſie für einen ſchönen Traum zu halten, ſo war er doch anderer Seits zu ſehr von der Wirklichkeit des Erlebten überzeugt, um nicht fürchten zu müſſen, bei ſeiner Zurückkunft von der böſen Frau des Hauſes und den Kindern arg mißhandelt zu werden, da man ihn wahrſcheinlich für einen Dieb halten würde, der alle dieſe Sachen geſtohlen und fortgeſchleppt. Leider hatte er unr zu richtig geahnet. Als nämlich kaum der Tag graute, ſtand die böſe Frau im Hauſe von ihrem Lager auf und ging in die Bodenkammer, wo der arme Guſtav gewöhnlich ſchlief, um ihn zu erwecken, damit er ihr Waſſer hole und das Feuer anmache. Doch ſie war nicht wenig erſtaunt, das Lager leer zu finden.„Ei, ei,“ dachte ſie,„iſt der einmal fleißig geworden; wird wahrſcheinlich ſchon an den Brunnen gegangen ſein, um ſich da zu waſchen.“ Sie ſtieg die Treppen wieder hinab und ſah in den Hof, doch da war kein Knabe zu ſehen noch zu hören. Noch eine kleine Weile wartete ſie auf ihn, dann ſchüttelte ſie zornig den Kopf und ſuchte ſich einen Stock hervor, womit ſie ihn tüchtig ſchlagen wolle, wenn er zurück käme. Da er aber auch nach einer kleinen Weile noch nicht kam, ging ſie nach dem Zimmer, wo der Weihnachtsbaum und die ſchönen Sachen alle ſtanden, um dort ſelbſt Feuer anzumachen. Doch wer beſchreibt ihren Schrecken, als ſie hereintrat und von all' den ſchönen Spielſachen, die ſie geſtern eingekauft und aufgeſtellt hatte, auch nicht eine Spur mehr fand. Aufänglich glaubte ſie, ſie ſähe nicht recht, weßhalb ſie die Fenſter 212 Weihnachtsmärchen. weit aufriß. Doch das half nichts, Alles war und blieb ver⸗ ſchwunden. Jetzt eilte ſie zu ihrem Manne hin, der, von ihrem Geſchrei erſchreckt, in die Kleider fuhr und ſchnell nach dem Zimmer eilte, wo er aber ebenſo wenig ſah, wie ſeine Frau. Auch die Kinder wurden von dem Lärmen wach, liefen den Eltern nach, und wenn ſie auch der große Tannenbaum nicht wenig freute, ſo fingen ſie doch laut an zu heulen und zu ſchreien, als ihnen die Frau Mama von den ſchönen Spielſachen ſprach, die der Chriſt in dieſer Nacht gebracht und die nun alle verſchwunden wären. Im erſten Augenblick dieſes Schreckens hatte die Frau ver⸗ geſſen, daß der arme Guſtav noch immer nicht da ſei. Doch jetzt dachte ſie plötzlich daran und rief laut aus: er hätte die Sachen geſtohlen und Gott weiß wohin gebracht. Auch dem Manne, als er gehört, daß der Knabe fort ſei, ſchien dieſe Beſchuldigung ſehr gegründet, und die Kinder ſchrieen und jammerten und verſicherten, daß Niemand anders im Stande ſei, ſo etwas zu thun, als der Guſtav. Sogleich machte man Anſtalten, ihn zu verfolgen und wieder einzuholen, und die Bedienten und Mägde wurden zu ſeiner Ver⸗ folgung alle in die Stadt hinausgeſandt, und ſelbſt der Herr des Hauſes machte Anſtalten, den Knaben ebenfalls ſuchen zu helfen. Die Kinder, nachdem ſie ſich ſatt geſchrieen und geweint, ſuchten überall unter dem Moos, das den Tannenbaum umgab, und end⸗ lich hatte eins eine ſonderbare Geſtalt gefunden, die es hervorzog und den Andern zeigte. Es war ein kleines Ding, das keine Arme und Beine hatte, wohl aber ein rothes Geſicht wie ein Menſch und in demſelben ein großes Maul und kleine grüne Augen. Die Kinder beſahen es, ſtellten es vor ſich hin und ergötzten ſich nicht wenig, als ſie ſahen, daß ſich das Ding auf den Kopf ſtellte und mit den Beinen oben hin und her wackelte. Als der Vater aber ſah, daß von der ganzen Weihnachtsbeſcheerung nichts übrig ge⸗ Weihnachtsmärchen. 213 blieben war, wie dieſer einzige garſtige Purzelmann, ward er ſo zor⸗ nig, daß er ihn in die Hand nahm und zerbrechen wollte. Ach, hätte er es nur gethan, ſo wäre es weit beſſer geweſen. Aber die Kin⸗ der baten ſo inſtändig, er möchte dem armen Kerl nichts zu Leide thun, daß er ihm nicht den Kragen umdrehte, ſondern ihn ohne Abſicht in ſeine Taſche gleiten ließ. Hierauf nahm er ſeinen Hut und Stock und eilte vor das Haus, um ebenfalls nach dem fortge⸗ laufenen Knaben zu ſuchen. Unterdeſſen war es Tag geworden, ſo daß man alle Gegen⸗ ſtände erkennen konnte. Wenige Schritte vor dem Hauſe auf dem Boden bemerkte er etwas Glänzendes. Er hob es auf und ſah mit Erſtaunen, daß es ein Offizier der Zinnſoldaten war, dem aber der Kopf jämmerlich auf einer Seite herabhing.„Aha,“ dachte er,„hier werde ich auf der rechten Spur ſein,“ und leider war es auch, als führe ihn eine unſichtbare Macht, denn er folgte genau allen Straßen, die das kleine Volk heute Nacht gegangen war, kam auf die Haide hinaus und ſah bald den armen Knaben, wie er auf dem Fuchsbau lag und vor Kälte eingeſchlafen war. Unſanft rüttelte er ihn empor und den Schrecken Guſtavs kann man ſich leicht denken. Es half ihm nichts, daß er auf ſeine Knie niederfiel und um Erbarmen und Schonung flehte, ſondern der Vater nahm den Stock, womit der Knabe heute Nacht auf den Fuchs geſchlagen, und prügelte ihn weidlich damit durch, wobei er immerfort rief: er ſolle geſtehen, wohin er alle die ſchönen Spiel⸗ ſachen gebracht habe. Umſonſt verſicherte der Knabe: er habe ſie nicht mitgenommen,— und das log er nicht, denn ſie waren ja von ſelbſt gegangen— der Vater behauptete, er ſei ein ſchlechter Dieb und zerrte ihn am Kragen mit nach Hauſe, wo ihn die Stiefmutter mit einer zweiten Tracht Prügel empfing, ihn darauf in ein dunkles Kellerloch ſperrte, wo er ſo lange ſollte ſitzen bleiben, bis er ge⸗ ſtände, was aus den ſchönen Spielſachen allen geworden ſei. Als der Vater wieder ruhiger geworden war, verlangten die 214 Weihnachtsmärchen. Kinder, er ſolle ihnen das Purzelmännchen, das er vorhin in die Taſche geſteckt, wieder geben; aber vergebens ſuchte er überall nach, es war nicht mehr zu finden. Doch da er glaubte, er habe es auf dem Platz, wo er den Knaben gefunden, verloren, ſo ſchickte er die Kinder dorthin, daß ſie den kleinen garſtigen Kerl ſuchen möchten. Nach einiger Zeit kehrten ſie aber zurück, ohne ihn gefunden zu ha⸗ ben. Doch brachten ſie eine ganze Menge Zinnſoldaten mit, die, wie ſie erzählten, an verſchiedenen kleinen Oeffnungen des Hügels gelegen hätten. Jetzt ward es der böſen Stiefmutter klar, daß der Knabe das ſämmtliche Spielzeug geſtohlen und mitgenommen habe, und ſie drang mit Schlägen und Scheltworten in ihn, damit er die Wahrheit geſtehen ſolle. Ach, das Kellerloch, in welchem der arme Guſtav gefangen ſaß, war entſetzlich dumpf und ſchauerlich. Obgleich es ihm recht lieb geweſen wäre, wenn man den Regenten Nußknacker und die ganze übrige Sippſchaft wieder bekommen hätte, ſo mußte er dagegen bittere Thränen weinen, wenn er ſich vorſtellte, daß man auch die arme kleine Dame zurückbringen würde, ohne das freundliche Lächeln, mit dem ſie ihn angeſchaut, nachdem ſie leben⸗ dig geworden, und wenn er bedachte, daß die unartigen Kinder des Hauſes ſie hin und her werfen, ihr ſchönes, allerliebſtes Ge⸗ ſichtchen zerbrechen und das herrliche weiße Seidenkleid beſchmutzen würden. Endlich aber verfiel er auf einen Ausweg. Er geſtand der böſen Stiefmutter, daß er wohl wiſſe, wo die Spielſachen hin⸗ gekommen ſeien, und daß er ſie wieder holen würde, wenn man ihn allein gehen ließe; wolle man das aber nicht thun, ſo würde er ſich eher todt ſchlagen laſſen, ehe er ferner das Geringſte ſage. Dabei hatte er die Hoffnung, er könnte vielleicht eines der Löcher, die in den Fuchsbau hineinführten, erweitern und ſelbſt nach⸗ kriechen, um den Regenten Nußknacker und das ganze Volk gefan⸗ gen zu nehmen. Doch nahm er ſich feſt vor, die kleine weiße Dame nicht zurückzubringen, ſondern ſie lieber für immer in dem Erd⸗ palaſte zu laſſen, als ſie in die Hand der böſen Menſchen zu geben. Weihnachtsmärchen. 215 Als die Stiefmutter ſah, daß nichts mit ihm anzufangen ſei, ließ ſie dem armen Knaben ſeinen Willen und er ging mit einem kleinen Spaten hinaus auf die Haide, um dort ſogleich ſeine Arbeit auch anzufangen. Doch wer beſchreibt ſein Erſtaunen und ſeinen Schrecken, als er ſah, daß vor dem Fuchsbau ein Jäger ſtand und um ihn herum mehrere kleine Hunde, die ſich bemühten, in die Oeffnungen des Fuchsbaues hineinzukriechen. Der Jäger, ſchon ein alter Mann, hatte ein ſehr freundliches, ehrwürdiges Geſicht, und bot dem Knaben einen guten Morgen, worauf dieſer ſeine Hand ergriff und ihn um Gotteswillen bat, die Hunde nicht in den Berg hinein zu laſſen. Der Jäger ſagte darauf lächelnd zu dem Knaben: er könne ihm nicht gut ſeinen Willen thun, indem ſich in dem Baue ein mächtiger Fuchs befände, der im Wald ſchon ſehr vielen Schaden gethan und deſſen man wunderbarer Weiſe nie habe hab⸗ haft werden können. Der glte Mann erzählte das aber ſo freund⸗ lich, und erregte überhaupt in dem Knaben ein ſolches Zutrauen, daß dieſer ihm mit wenigen Worten die ſonderbare Begebenheit der vergangenen Nacht erzählte. Der Jäger horchte aufmerkſam zu und wurde ſichtlich gerührt, als ihm der Knabe in ſeiner Unſchuld ſagte, wie er in der Nacht den heiligen Chriſt habe anſprechen wollen, daß er ihm doch auch möge einmal ein kleines Geſchenk mitbringen. Zwar ſchüttelte er anfänglich bei der Erzählung von den wandernden Spielſachen den Kopf; doch der Knabe verſicherte die Wahrheit derſelben ſo hoch und theuer, daß der Jäger nicht wußte, was er denken ſollte, ſich aber, durch die Bitten des Knaben bewogen, nach ſeinen Hunden umſah, um ſie von dem Fuchsbau abzuhalten. Doch, es war zu ſpät, ſie waren ſchon zu den Oeffnungen hin⸗ eingedrungen und man hörte ſie im Innern der Höhle tüchtig knur⸗ ren und bellen. „Ach,“ rief der Knabe,„jetzt iſt Alles, Alles verloren. Sie werden die arme ſchöne kleine Dame in dem weißen Seidenkleid 218 Weihnachtsmärchen. todt beißen, jene arme liebe kleine Dame, die mir ſo freundlich ihre Hand gab; und ſie, die ſich ſo gefürchtet hat, von den Händen der Kinder beſchmutzt zu werden, wird jetzt von den Hunden zerriſſen.“ Der alte Mann, durch den Jammer des Knaben gerührt, nahm eine kleine ſilberne Pfeife aus ſeinem Gürtel, und nachdem er ſeine Hunde einige Mal bei ihren Namen gerufen, pfiff er drei⸗ mal, um ſie zum ſchleunigen Zurückkommen zu bewegen. Jetzt wurde das Bellen und Lärmen der Hunde in dem Fuchsbau immer heftiger, und man konnte deutlich hören, daß ſie etwas vor ſich hatten, womit ſie ſich tüchtig herum balgten. Aber dennoch kamen ſie immer näher an die Oberfläche der Erde und jetzt kroch einer der Hunde aus der Oeffnung hervor, und wer beſchreibt das Er⸗ ſtaunen des Knaben, als er in der Figur, die er nach ſich ſchleppte, den tapfern Regenten von Nußknacker erkannte, der aber mit ſeinen unförmlichen Gliedmaßen und dem dicken Kopfe regungslos auf dem Sande liegen blieb. Guſtav ſprang hinzu, hob ihn empor und zeigte ihn dem Jäger. Ach, es war keine Spur von Leben mehr in ihm zu entdecken. Der Zopf hinten ſtand ihm ungewöhn⸗ lich in die Höhe, ſeine Kinnladen waren auf einander gepreßt und als der Knabe ſie öffnen wollte, fand er, daß das Gelenk derſelben zerbrochen und unbrauchbar war. So unfreundlich auch der Regent den armen Guſtav behandelt hatte, ſo hätte ihm dieſer dennoch eine Thräne des Mitleids ge⸗ weiht, wenn er nicht plötzlich bedacht, daß der ſchändliche Nußknacker die arme Prinzeſſin verlaſſen habe und daß dieſe nun wahrſchein⸗ lich auch getödtet wäre. Jetzt kroch ein Hund nach dem andern hervor und ſeltſamer Weiſe ſchleppte jeder eine Menge der ver⸗ ſchwundenen Spielſachen herbei. Der eine hatte einen ganzen Hau⸗ fen Zinnſoldaten zuſammengeſcharrt und die armen Kerls lagen da, ſteif und ſtarr, das Gewehr im Arm, die Bärenmütze auf dem Kopf und rührten ſich nicht. Ein anderer hatte ein Pferd beim Hals gefaßt und ſchleppte ſo den ganzen Zug des Fuhrmanns Weihnachtsmärchen. 217 ſammt Wagen und Allem, was darauf war, hervor. Ein dritter zerrte eine ganze Menge harmloſer Spaziergänger hervor, kurz, die Hunde brachten nach und nach die ſämmtlichen Spielſachen, und der Knabe fürchtete jeden Augenblick, daß auch die arme kleine Dame erſcheinen würde, zerzauſt und häßlich zugerichtet, wie alle übrigen Sachen. Doch ſie kam immer noch nicht zum Vorſchein. Jetzt erſchien auch der letzte Hund in einer der S Oeffnungen und Guſtav fürchtete ſchon, er werde die arme Prinzeſſin heranſchleifen, aber an ihrer Statt hatte er eine kleine Figur in ſeinem Maul, die ihm der Knabe haſtig abnahm, denn ſie ſah gerade aus, wie der kleine boshafte Kerl, der ſich heute Nacht ſo trotzig vor ihm auf den Kopf geſtellt hatte. Ach, dachte Guſtav bei ſich, das iſt ja der böſe Zauberer, der iſt gewiß Schuld daran, daß man mich hier aufgefunden hat, und auch, daß alle die armen Figuren wieder todt und ſtarr geworden ſind, und von einem plötzlichen Zorn über⸗ meiſtert, riß er ihm ſeinen rothen Kopf herunter und warf ihn weit weg. Da ſchien es, als zucken alle die Figuren, die todt am Boden lagen, noch einmal ein wenig empor, ja, der Edle von Nuß⸗ knacker machte einen vergeblichen Verſuch, ſeine großen Kinnladen zu öffnen, aber der Lebensfunke war aus ihnen gewichen und alle blieben ſtarr und todt. Jetzt raffte der Knabe alle die Spielſachen zuſammen und that ſie in ein Tuch hinein, das er mitgebracht hatte. Der Jäger ſcharrte die Oeffnungen des Fuchsbaues nach allen Seiten hin zu und machte mit ſeinem Hirſchfänger ein ſonderbares Zeichen davor, was, wie er ſagte, alle Thiere abhalten werde, je wieder da hinein zu kriechen,„damit,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„deine arme kleine Prin⸗ zeſſin in ihrem Schlafe nicht geſtört werde.“ Dem alten Manne hatte die Theilnahme gefallen, die der Kleine an den lebloſen Figuren genommen, überhaupt ſchien er an dem offenen freundlichen Weſen des Knaben ſeine Freude zu haben und er ging mit ihm in die Stadt hinein bis in das Haus des ihre Heftigkeit, worüber ſie ſich ſehr erzürnte und ihn fragte, was 218 Weihnachtsmärchen. Kaufmanns, wo die böſe Frau beim Anblick der verdorbenen err ſachen gleich wieder mit Scheltworten und Schlägen über Guſtav herfallen wollte. Doch der Jäger verwies ihr mit rauhen 8 er ſich in fremde Sachen zu miſchen habe, die ihn nichts angingen. Als aber der Jäger hierauf erwiderte, er ſei der Förſter aus dem benachbarten Walde und er wolle den Knaben mit ſich nehmen, um ihn auch zu einem tüchtigen Jäger zu erziehen, wurde das böſe Weib freundlicher, und da ſie bedachte, daß ſie auf eine beſſere Art des Knaben nie los werden könne, überredete ſie ihren Mann und Beide willigten zur großen Freude Guſtavs ein, der den alten freundlichen Jäger in kurzer Zeit ſehr lieb gewonnen hatte. Sogleich gingen ſie mit einander fort, und als ſie draußen auf der Haide zu dem Fuchsbau kamen, blieb der Knabe noch einen Angenblick ſtehen, faltete ſeine Hände und ſchaute den Hügel an, wehmüthig und traurig, wie man ein Grab betrachtet; ach für ihn war es ja auch ein Grab, denn dort unten lag die ſchöne kleine Dame, in ihrem weißen Seidenkleid mit dem kleinen freundlichen Geſichtchen und war vielleicht wieder kalt und todt geworden, wie alle übrigen Figuren, vielleicht aber ſchlief ſie auch nur und träumte. Jetzt nahm der alte Jäger den Knaben bei der Hand und Beide ſchritten rüſtig über die Haide fort dem Walde zu. Unterwegs aber mußte Guſtav nochmals die Geſchichte der vergangenen Nacht erzählen, und der Alte, der Anfangs nicht recht geglaubt hatte, was ihm der Knabe über die wandernden Spielſachen erzählt, ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Mein Kind, du haſt ein empfäng⸗ liches Gemüth für die Dinge, die die Phantaſie eines gewöhnlichen Menſchen unberührt laſſen; für dich wird deßhalb der Wald ein aufgeſchlagenes Buch ſein und du wirſt aus dem Rauſchen der Blätter, aus dem Dufte der Nachtviolen, aus dem Rieſeln der Bergwaſſer und aus ſo manch tauſend andern Sachen des Schönen . und Seltſamen viel verſtehen und erkennen lernen. O der Wald iſt ſo ſchön, ſo heilig ſchön!“. 2 3 So gelangten ſie endlich, als die Sonne Nachmittags abwärts zu ſteigen begann, an das Haus des Förſters, das auf einem üügel mitten im Walde lag. Ach, wenn auch der Winter die armen 3 ne ihres ſchönen Schmuckes beraubt hatte, und ſie mit ihren nackten Aeſten traurig daſtanden und vor Froſt zitterten, ſo fand es der Knabe doch unter ihnen viel ſchöner und herrlicher, als früher zwiſchen den dunkeln Häuſer der Stadt. Hier im Walde war der Boden mit weißem Schnee bedeckt, aus dem nur kleine ſchwarze Sträucher und Mooſe, denen Bruder Wind auf ihre Bitte den Schnee von den Blättern abgekehrt, neugierig empor ſchauten. Die Aeſte der großen Bäume, beſonders der Tannen, waren von dem Schnee beſchwert und hingen tief herab, und doch ſah man unter ihnen hinweg weit, weit in den Wald hinein. Wie dort die Rehe ſo luſtig hin und her ſprangen und zuweilen ein ſtarker, ſtattlicher Hirſch, nachdem er eine Zeit lang ſtehen geblieben war, um auf die knarrenden Fußtritte der näher Kommenden zu horchen, jetzt auf einmal mit ein paar großen Sätzen verſchwand. Langſam ſank die Sonne hinab und w rf ihre rothglühenden Strahlen mächtig in den Wald hinein, die eine Seite der Bäume wie vergoldet ausſah. Aus den Thälern empor ſtieg ein feiner blauer Duft, der ſich immer dunkler und grauer färbte, und als die beiden Wanderer nahe bei dem Jägerhauſe waren, waren die Nebel ſchon ganz dunkel und nächtlich geworden, und zwiſchen ihnen durch ſchimmerte wie ein leitender Stern ein Licht in den Wald hinaus, das der Jäger dem Knaben mit den Worten zeigte, daß ſie dort, wo es glänze, wohnen würden. Als ſie näher kamen, fingen große Hunde laut an zu bellen und ſprangen den Ankom⸗ menden luſtig entgegen. Eine alte Frau, die Schweſter des I Jägers, öffnete die Thüre und als ihr der Bruder die Geſchichte des Kna⸗ ben erzählte, wie er ihn aus den Händen der böſen Frau fortge⸗ Weihnachtsmärchen. 219. 220 Weihnachtsmärchen. nommen, ſtrich ſie ihm freundlich die Haare aus dem Geſicht und hieß ihn herzlich willkommen. Ach, dem armen Guſtav war noch nie ſo wohl und heimlich geweſen, wie heute Abend im Jä⸗ gerhauſe. Er durfte ſich um das hell lodernde Feuer ſetzen, und ſtatt der Scheltworte, die er früher immer erhalten, gab ihm der Jäger auf ſeine kindlichen Fragen freundlich Beſcheid und plauderte mit ihm; ſelbſt die großen Hunde kamen an ihn heran, legten ihre Köpfe zutraulich auf ſeine Knie und ſahen ihn ſo treuherzig mit den großen glänzenden Augen an. Als es darauf Zeit zum Sch lafengehen wurde, wies man ihn nicht, wie in dem Hauſe des Kaufmanns, unter das Dach auf einen elenden Strohſack, ſondern die Schweſter des Jägers machte ihm in einem netten Kämmerchen ein kleines Bett zurecht, wo er die Nacht ſchlafen konnte, und darauf wünſchte ſie ihm eine gute Nacht, was ihm in ſeinem Leben zum erſten Mal widerfahren war, und er entſchlief ſanft und ruhig. 8 Wohl keine Nacht hatte er ſo gut geſchlafen, wie dieſe, und er träumte von allerhand ſchönen Sachen und zuweilen erſchien ihm auch im Traume der Regent Nußknacker, grinste mit den Zähnen gegen ihn und ſagte hohnlachend:„ſiehſt du, wir werden freilich jetzt von den Händen der böſen Kinder zerriſſen, aber die gnädige Prinzeſſin ruht tief im Berge und du wirſt ſie auch nicht mehr zu ſehen bekommen. Ha, ha, ha!“ Ach das machte den Knaben ſehr traurig und er fühlte im Schlaf, wie ihm die Thränen über das Geſicht hinabliefen; aber dann verſchwand der Nußknacker plötzlich wieder und er ſah die kleine Dame, auf den ſeidenen Polſtern ihres Wagens liegend, den Kopf in die Hand geſtützt und ruhig ſchla⸗ fend. Der Kutſcher vorn auf dem Bock hatte ebenfalls ſeinen Kopf auf die Bruſt gelegt, und auch die Pferde ſtanden da mit geſchlof⸗ ſenen Augen. Aber die Sonne des freundlichen Wintermorgens verſcheuchte dieſe bunten Träume von dem Lager des Knaben, und er erwachte Weihnachtsmärchen. 221 ch und heiter. Bald rief ihm der Jäger und nahm ihn mit hin⸗ in den Wald, wo er ihn überall umher führte und ihm hier sttte, wie die kleinen Bäumchen aus der Erde empor wachſen, id ihm dort auf dem Schnee die Spuren der verſchiedenen Thiere erklärte, und ihm ſagte, da ſei der Edelhirſch gelaufen, das ſei die Spur eines Rehes und dort ſei der Meiſter Fuchs umher ge⸗ ſprungen, nachdem er wahrſcheinlich ein Huhn oder gar ein junges Häslein getödtet. So aufmerkſam der Knabe alle dieſe Lehren anhörte und ſich merkte, ſo intereſſirte er ſich doch am meiſten für die Spuren des Fuchſes und lernte ſie am eheſten kennen; denn dabei dachte er immer der kleinen hübſchen Dame, wie er ſie viel⸗ leicht einmal wieder finden könne, da es doch wohl möglich ſei, daß der alte Herr Fuchs ſeinen Bau aufſuchen und wieder zugäng⸗ lich machen werde. Der alte Jäger blieb ſich in ſeiner Freundlichkeit gegen den Knaben immer gleich und lehrte ihn täglich etwas Neues, und es war dem Knaben nichts lieber, als wenn er im Walde umher⸗ ſchweifen konnte. Doch als nun erſt der Frühling kam, als der Schnee verſchwand und die Erde wieder grün und herrlich wurde, wie lieblich und angenehm ging ihm da erſt das Leben auf. Es war das erſte Mal in ſeinem Leben, daß er ſo zuſah, wie die Knospen der Bäume anſchwollen und immer dicker und dicker wurden, und wie darauf ein einziger warmer Wind ſie aufküßte und die kleinen zarten Blätter hervorlockte, die, kaum von ihren Banden befreit, luſtig anfingen zu wachſen, und bald die zarte Moosdecke des Bodens beſchatteten. Da konnte er auch ſtunden⸗ lang freudig den kleinen Bäumen zuſchauen, die eben erſt aus der Erde aufſtiegen, wie ſie von Tag zu Tag wuchſen und ſtärker wurden. Und ihm ſelbſt erging es gerade ſo, auch er wurde unter der Pflege des Jägers und in der friſchen Luft des Waldes all⸗ mälig groß und ſtark. Wochen und Monate vergingen und ſchon mehrmals war der Weihnachtstag wieder gekommen und allemal, 222 Weihnachtsmärchen. wenn die Zeit heran kam, dachte Guſtav lebhafter als ſonſt an jene Chriſtnacht, wo er mit den Spielſachen ausgezogen war. weilen beſuchte er auch das Haus des Kaufmanns in der Sta und auf dem Wege dahin ſpähte er ſorgſam umher nach dem Fuchs⸗ bau, in welchem die kleine ſchöne Dame ſchlief, aber ſo genau er ſich auch aus jener Zeit her Alles erinnerte, ſo bemühte er ſich doch vergebens, den Platz wieder zu finden, wo der tapfere Regent Nußknacker von ſeinem Kameel geſtiegen war und wo der ganze Hofſtaat in das Innere des Berges gezogen. Deßhalb ging er auch nicht gern den Weg zur Stadt, und da er auch dort im Hauſe des Kaufmanns eben nicht ſehr freundlich aufgenommen wurde, ſo blieb er lieber daheim in ſeinen Wäldern, bei ſeinen Hunden, die ihn alle herzlich liebten. Das Einzige, was er noch aus der da⸗ maligen Zeit her bewahrte, war der kleine Ring, den ihm die Prinzeſſin geſchenkt und den er hoch in Ehren hielt. Er trug ihn an einem kleinen Schnürchen am Hals und ließ ihn nicht von ſich. Unterdeſſen war Guſtav ſechszehn Jahre alt geworden und hatte ſich zu einem geſchickten Jäger ausgebildet. Da ſein Pflege⸗ vater, der Förſter, alt und kränklich wurde, ſo blieb dieſer häufig zu Hauſe, und Guſtav zog alsdann mit den Hunden allein in den Wald, das ſtattliche Gewehr auf der Schulter und den ſcharfen glänzenden Hirſchfänger an der Seite. So ſchlenderte er auch eines Tages unter den Bäumen daher, und wie ihm dies öfters geſchah, war's ihm nicht darum zu thun, ein Wild zu erlegen. Vielmehr ließ er die Hirſche und Rehe un⸗ geſtört neben ſich herſpringen und war in tiefe Träumereien ver⸗ ſunken, bei denen die kleine Dame mit dem weißen Seidenkleide eine große Rolle ſpielte. So ging er langſam durch den Wald und kam auf eine Anhöhe, wo die Bäume nicht ſo dicht ſtanden und wo man weit hinausſchauen konnte in das Land. Da ſah der Jüngling unter einer der ſtärkſten Eichen einen alten Mann ſitzen, der hatte neben ſich einige Stücke ſchneeweißes Tannen⸗ und Lin⸗ Weihnachtsmärchen. 223 denholz liegen, woraus er mit ſeinem Meſſer allerhand Sachen und Figuren ſchnitzte. Da hatte er Löffel, Gabeln, kleine Thiere und menſchliche Figuren, und Alles war ſo hübſch gemacht, als man es nur ſehen konnte. Der Jäger trat näher, und nachdem er dem alten Mann einen guten Morgen geboten, den dieſer freund⸗ lich erwiderte, ließ er ſich mit ihm in ein Geſpräch ein. „Ei,“ ſagte Guſtav,„Ihr ſchnitzt da allerlei ſchöne Sachen, die Ihr ſpäter dann in die Stadt zum Verkauf bringt?“ „Ja wohl,“ entgegnete der alte Mann,„ich arbeite hier im Freien, in der ſchönen Natur, denn das iſt doch die prachtvollſte und zugleich wohlfeilſte Werkſtatt, die es gibt. Auch koſtet mich mein Unterhalt nicht viel, denn das Waſſer läuft dort neben mir den Berg hinab und murmelt mir im Vorbeilaufen zu: he, Alter, trink mich. Und dann die rothen und ſchwarzen Beeren an den Sträuchern nicken mit ihren Köpfchen und laden mich ein, daß ich ſie ſpeiſen ſoll. Kommt dann der Abend, ſo zieh ich meinen Mantel über den Kopf, lege mich in's Moos und ſchlafe in Gottes Na⸗ men ein.“ „Aber,“ entgegnete der Jäger,„wirft denn die kunſtvolle Arbeit, die Ihr da macht, ſo weuig ab, daß Ihr ein ſo kümmer⸗ liches Leben dabei führen müßt?“ „Ach, mein lieber Jäger,“ ſagte der Holzſchnitzer,„es gibt ſo viele Leute, die auch ſo ſchöne Sachen, wie Ihr es nennt, und noch ſchönere machen, daß Keiner etwas damit verdient; denn Einer verkauft ſie immer wohlfeiler als der Andere. Ja, wenn man dabei Glück hätte, wenn es mir z. B. glänge, von dem Holze des Elfenbaums zu bekommen, da könnte man wohl etwas Rechts verdienen, aber den Baum findet man ſelten, und wer ihn findet, weiß ihn gewöhnlich nicht einmal zu gebrauchen.“ „Ei,“ ſagte der Jäger,„Elfenbaum? der Name iſt mir noch nie vorgekommen, und obgleich ich ſo ziemlich alle Bäume und 224 Weihnachtsmärchen. Sträucher des Waldes kenne, ſo habe ich doch von dem noch nie etwas gehört. „Das will ich wohl glauben,“ lachte der alte Mann,„alle Leute ſind nicht ſo dumm, und plaudern Alles aus, wie ich. Doch Ihr habt mir ein ſo harmloſes offenes Geſicht, daß es mir gerade ſchien, als ſpräche ich zum blauen Himmel hinauf, und da iſt mir das Wort entfahren, vergeßt'’s.“. Dem jungen Jäger aber war bei Nennung des wunderbaren Baumes auf einmal plötzlich ein Blitz durch die Seele gefahren und hatte dort ſeltſame Wünſche und Gedanken beleuchtet, von denen er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft geben konnte. Aber er war ſo begierig, etwas Näheres von dem Elfenbaum zu erfahren, daß er nicht abließ, in den alten Mann zu dringen, bis dieſer ihm lachend ſagte:„Nun, nun, Ihr ſeid mir ein recht neugieriges Blut. Doch da Ihr ſo ehrlich und offen ausſeht und auch nicht zu meinem Handwerk gehört, ſo kann ich Euch ſchon mittheilen, was ich von dem Elfenbaum weiß. Nur müßt Ihr mir verſpre⸗ chen,“ fügte der Holzſchnitzer lachend hinzu,„daß, wenn Ihr einmal ſo glücklich ſein ſolltet, einen ſolchen Baum zu finden— was ge⸗ rade nicht unmöglich wäre, denn die Jäger, wenn ſie ſo in Nacht und Nebel zwiſchen den Bergen umherſchweifen, ſehen und hören allerlei— ich auch von dem Holz etwas bekomme.“ Nachdem Guſtav dem Holzſchnitzer dies verſprochen, nahm die⸗ ſer ein neues Stück Holz, und während er begann, einen Loͤffel daraus zu ſchneiden, erzählte er dem Jäger, wie folgt. 3 „Ihr werdet recht wohl wiſſen, daß außer uns Menſchen noch eine große Menge anderer Geſchöpfe auf und unter der Erde leben, die wie wir ausſehen, und die, obgleich ſie kleinere und theilweiſe auch elendere Gliedmaßen haben, doch geiſtiger viel mächtiger ſind und Manches thun und treiben, das auch die Men⸗ ſchen gern nachmachen möchten, was ihnen aber mit ihrem plum⸗ pen Körper nicht gelingt. Zu dieſen Weſen gehören nun, um von Weihnachtsmärchen. 225 Unten anzufangen, die Alraunen, ein böſes, garſtiges Volk,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu, indem er ſich beſorglich umſah; „frecher, gemeiner Pöbel iſt das, welche den Menſchen und Thieren, wo ſie nur können, Schaden zufügen. Dieſe Alraunen heißen auch Wurzelmänner, denn ſie ſehen aus, wie ein ſchwarzer Rettich, der unten geſpalten iſt, und haben grünes Haar, das ihnen wie Kraut oben hinauswächst. Nach ihnen kommen die Kobolde, kleine, krumme und buckligte Kerls, mit denen aber ſchon beſſer auszukommen iſt, denn obgleich auch dieſe boshaft und ſchlecht ſind, ſo kommt es doch zuweilen vor, daß ſie zu irgend einem Menſchen Neigung faſſen und ihm von Zeit zu Zeit helfen. Auf dieſe folgen die Zwerge, ein recht gutes, braves Volk, das aber ſehr muth⸗ willig iſt und deßhalb Menſchen und Vieh zuweilen aus bloßem Uebermuthe plagt. Die beſte, edelſte und ſchönſte Claſſe von dieſen Weſen aber ſind die Elfen, die weder Muthwillen noch Falſch in ihrem Herzen haben und die harmlos in der Nacht auf duftenden Kräutern und Waldblumen umherſchweben und das Menſchenherz, das ſie hört, durch den wunderbarſten Geſang erfreuen und erqui⸗ cken. Von den Zwergen und Kobolden halten ſie ſich entfernt, ohne ſich zu fürchten; denn wenn die Letztern ihnen auch an Kraft überlegen ſind, ſo ſind dagegen die Zauberkünſte der Elfen weit mächtiger und gewaltiger. Trotzdem aber die Elfen viel ſchöner und beſſer als die Menſchen ſind, ſo kommt es doch häufig vor, daß ein Elfenkind einen Menſchen lieb gewinnt und ihm in heitern Sommernächten erſcheint, um freundlich mit ihm zu koſen und zu ſcherzen. Doch dauert ſolch ein Spiel nicht lange; denn entweder verläßt der Menſch treulos die arme Elfe, oder ſie muß ihn ver⸗ laſſen, um ſich der grauſamen Strafe zu unterwerfen, die über ſie verhängt wird, weil ſie einen Sterblichen liebte. Alsdann wird ſie nämlich auf hundert Jahre in einen Baum verwandelt und muß aus dieſem ihrem Kerker zuſehen, wie ihre Schweſtern luſtig um Hackländers Werke. XIII. 15 226 Weihnachtsmärchen. ſie herum tanzen, und wenn dieſe bei rauhem ſtürmiſchem Wetter in ihre Kryſtallpaläſte ſchlüpfen, muß ſie droben bleiben, und Wind und Eis ſpielen grauſam mit ihren zarten Gliedern, die doch nur für warme Sommerluft und Mondſchein gemacht ſind. Auf den unwegſamſten Felſen und Pfaden oder in tiefen Abgründen ſteht dieſer Baum, und rings herum hat Alles einen Zauber angenom⸗ men, ſo daß der Menſch, der von ungefähr in dieſe Gegend kommt, ihn doch nur in höchſt ſeltenen Fällen entdeckt, weil er wie im Kreiſe um ihn herumgeführt wird. Obendrein ſieht der Elfenbaum wie eine gewöhnliche Tanne aus und ſo kann man hundertmal vorbeigehen, ohne ihn zu bemerken. Wer aber dage⸗ gen das Glück hat, durch Zufall einen ſolchen Baum zu erlangen, der könnte ſich auch ſein Leben lang glücklich preiſen; denn ſeht, Herr Jäger, ich muß mich hier abplagen, um aus meinem Holze die Sachen heraus zu ſchnitzen, aber wenn man das Holz des Elfenbaumes hat, braucht man nur ungefähr einen Wunſch auszu⸗ ſprechen, was unter dem Meſſer hervorkommen ſoll, ſei es ein Thier oder Menſch, oder, was es immer will, ſo iſt es im nächſten. Augenblicke fertig, und von der wunderbarſten Arbeit. Und was noch mehr iſt,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu,„die Figuren aus dieſem Holze werden in der Chriſtnacht, ſobald ein böſer 3 Zauber, der über ihnen ruht, vernichtet iſt, lebendig, und wer es verſteht, dem geben ſie auf alle möglichen Fragen die richtige Antwort, z. B. ſie zeigen an, wo Gold in der Erde iſt, oder wo ein Schatz vergraben liegt, und dergleichen mehr.“ Der junge Jäger hatte dieſer Erzählung aufmerkſam zugehört und man kann ſich leicht denken, daß ihm plötzlich die ſchöne weiße Dame, ſowie der Herr Nußknacker und die ganze kleine Ge⸗ ſellſchaft ins Gedächtniß kam, und es ſchien ihm gar nicht unmög⸗ lich, daß ſie aus dem Holze des Elfenbaums gemacht ſeien, den irgend einer aufgefunden, ohne es zu wiſſen. Eine Zeitlang bedachte er ſich, ob er dem alten Holzſchnitzer ſeine höchſt merk⸗ Weihnachtsmärchen. 227 würdige Sache mittheilen ſollte, doch da ihm dieſer ſo viel Zu⸗ trauen bewieſen und ihm von dem Elfenbaum erzählt, was er ge⸗ wußt, ſo hielt er's für ſeine Schuldigkeit, ihm auch ſeinerſeits das mitzutheilen, was er in der Chriſtnacht erlebt. Wer aber beſchreibt das Erſtaunen des alten Mannes, als ihm Guſtav die ganze Begebenheit erzählt, wie er den böſen Zau⸗ berer getödtet und wie die ganze Geſellſchaft in die Welt hinausge⸗ zogen ſei; wie er darauf mitgegangen wäre und geholfen hätte, den Fuchs zu verjagen, in deſſen Höhle alsdann die ganze Geſell⸗ ſchaft eingezogen ſei. Kurz, er erzählte ihm Alles auf's Genaueſte, ſprach am Ende die Vermuthung aus, daß die ſchöne kleine Dame im weißen Seidenkleid wahrſcheinlich ruhig unter der Erde ſchlafe und vielleicht noch zu erlöſen ſei. Als er geendigt, ſprang der alte Mann in die Höhe, jauchzte vor Freude laut auf, umarmte den jungen Jäger und verſicherte ihm einmal über das andere, er ſei ein wahres Glückskind und müſſe mindeſtens noch regierender Herr des Landes werden. Nachdem er ſo in ſeiner Freude eine Zeitlang fortgefahren hatte, ſetzte er ſich wieder ruhig neben Guſtav hin, legte plötzlich ſeinen Kopf auf die Hand und ſagte, ernſter werdend:„O weh! o weh! da habe ich alter Eſel nicht bedacht, daß es wohl für immer unmöglich ſein wird, die kleine junge Dame aus der Erde hervorzuholen und zu entzaubern, denn dazu bedürfen wir eines andern Elfenbaums, den wir Beide aber wahrſcheinlich nie finden werden. 1 Wie ein Donnerſchlag traf dies Wort den armen Jäger, der ſchon im Geiſte geſehen, wie die kleine Prinzeſſin aus der Erde hervorkam, wie ſie immer größer und größer wurde und ohne zu wiſſen, wer ihm das geſagt, hatte er ſie in den Arm genommen und auf den ſchönen rothen Mund geküßt— verſteht ſich, Alles in Gedanken. Ach, jetzt waren alle ſeine Träume dahin und er Weihnachtsmärchen. hörte nur mit halbem Ohr, daß ihm der alte Mann erzählte, es ſeien eine Menge Tannenzapfen des Elfenbaums nöthig, der auf der Stelle, wo die kleine Dame in der Erde läge, gepflanzt wer⸗ den müſſe. „Schon in der erſten Mitternacht,“ fuhr er fort,„treibt der Tannenzapfen ein ganz kleines Bäumchen in die Höhe, das aber von da an nicht größer wird, ſondern nun beginnen die Wurzeln hinab in die Erde zu wachſen, immer tiefer hinab und dehnen ſich gewaltig nach allen Seiten hin aus. Darauf würden ſie das La⸗ ger umflechten, auf welchem die kleine Dame ruht und der Baum würde die ganze Kraft, die er nöthig hat, um hoch in die Wolken hinein zu wachſen, jetzt dagegen auf die Prinzeſſin ausſtrömen, die davon lebendig würde, und immer ſchöner und herrlicher, bis ſie in der Größe wie die Menſchen in außerordentlicher Schönheit erblühend aus dem Berge hervorgehen könnte. Gewiß,“ ſetzte der alte Mann hinzu,„würdeſt du darauf der glücklichſte der Menſchen; denn die Jungfrau würde mit der Schönheit der Elfen auch deren Treue, ſowie die Erfahrenheit in allen möglichen geheimnißvollen Dingen vereinigen. Der Ring, den ſie dir gegeben, und den du ſo treu bewahrt, hat ſie allein geſchützt, daß ſie nicht ebenſo wie der Regent Nußknacker und die andern Figuren ihr Leben wieder verlor und eben dieſer Ring wird ſie für ihr ganzes Leben an dich ketten.“ Unterdeſſen war die Sonne untergegangen und es begann all⸗ mälig Nacht zu werden, weßhalb der Jäger aufſtand, dem alten Manne traurig eine gute Nacht bot, indem er ſagte: die Pflege⸗ eltern erwarteten ihn zu Hauſe und ſeien unruhig, wenn er ſo ſpät aus dem Walde zurückkäme. Darauf verabredeten Beide, daß ſie nach drei Tagen um dieſelbe Stunde wieder auf dem Platz zuſam⸗ mentreffen wollten, um ſich zu beſprechen, wie und durch weſſen Hülfe es wohl möglich ſei, den Elfenbaum aufzufinden. Der alte Mann hatte mehr Muth, als Guſtav und verſuchte, ihm Hoffnung Weihnachtsmärchen. 229 einzuſprechen. Doch dieſer ſchüttelte traurig den Kopf und ſagte, indem er fortging:„Ach, ich werde wohl Zeit meines Lebens be⸗ trübt in den Wäldern umher ſtreifen müſſen und werde wohl nimmermehr die ſchöne kleine Dame wiederſehen, die ich ſo herzlich und innig liebe.“ Jetzt trennten ſie ſich und der Jäger, der nicht bedacht hatte, daß er ſehr weit von Haus entfernt ſei, ſah nun ein, daß er einen weiten Weg bis dahin zu machen habe, und daß es ſehr ſpät werden würde. Es war das erſte Mal, daß er ſich ſo in der Nacht allein in den Wäldern befand, und wenn er auch vor Räubern und dergleichen keine Angſt hatte, ſo kam er dagegen auf ſeinem Wege in ein kleines tiefes Thal, von dem die Leute behaupteten, daß es dort gar nicht geheuer ſei. Es hieß, die Zwerge halten dort ihre Zuſammenkünfte und wer ihnen von den Menſchen in ſo nächtlicher Stunde begegnete, dem würde übel von ihnen mitge⸗ ſpielt. An dieſe Erzählung dachte der Jäger, während er ſo durch den Wald dahin ſchritt. Doch nahm er ſein Gewehr feſter in den Arm, dachte an die kleine junge Dame und fürchtete ſich nicht. Als er ſchon ein gutes Stück Weges zurückgelegt hatte, begann der Mond langſam vor ihm aufzuſteigen und glitzerte ihm ſo recht freundlich durch die grünen Zweige in's Geſicht. Auch er mußte in die helle Scheibe hinein ſchauen, er mochte wollen oder nicht. So kam er allmälig in die Gegend jenes Thals, wo die Zwerge hauſen ſollten, und bald ſah er es dunkel vor ſich liegen. Ohne Furcht ſtieg er rüſtig hinab, und war ſchon faſt ganz hindurchge⸗ ſchritten, als er neben ſich auf der Höhe der Thalwand die Schläge einer Axt zu vernehmen glaubte. Unwilkürlich hemmte der Jäger ſeinen Schritt und dachte bei ſich: ei, wer wird hier in ſo ſpäter Nacht noch Holz ſchlagen, und plötzlich kam ihm der Gedanke, es möchten wohl Diebe ſein, die die Stille der Nacht benützten, um den Wald und ſeinen Pflegevater zu beſtehlen. Augenblicklich wandte er ſich nach der Gegend hin, wo der Schall herkam, und Weihnachtsmärchen. begann die Thalwände hinaufzuklettern. Doch wenn er auch an⸗ fänglich geglaubt hatte, hier müßten die Holzfrevler ſein, ſo hörte er, als er oben angekommen war, den Klang der Axt wieder wei⸗ ter entfernt. Ohne ſich zu bedenken, folgte er abermals dem Ge⸗ räuſch und nachdem er eine geraume Zeit Berg auf⸗ und abgeklettert war, hörte er, daß er dem Tone viel näher gekommen ſei, doch als er glaubte, er könne jetzt nur noch einige Schritte von ihm entfernt ſein, hörte er plötzlich auf, und dagegen fing ein höchſt ſonderbares Geſchrei an, das mit dem heftigen Weinen eines Kin⸗ des viel Aehnlichkeit hatte. Raſch eilte der Jäger dieſen neuen Tönen nach, trat jetzt auf einen kleinen freien Platz und blieb über das, was er hier ſah, vor Erſtaunen wie angefeſſelt ſtehen. Auf der Mitte dieſes Platzes nämlich war der Stumpf einer mittelgroßen Tanne zu ſehen, deren Stamm und Krone abgehauen auf der Erde lag. Neben dem Stumpf aber befand ſich ein kaum zwei Fuß hoher Zwerg, der eine kleine Axt in ſeinen Händen trug, womit er, wie es ſchien, die Tanne abgehauen hatte. Anfänglich befremdete es den Jäger nicht wenig, als er ſah, daß der Zwerg unter dem eben beſchriebenen Geſchrei wie toll und unſinnig um den Stumpf herum ſprang. Doch als er einige Schritte näher trat, bemerkte er zu ſeinem Erſtaunen, daß der Bart des Zwerges, der faſt ſo lang wie die ganze Figur war, feſt geklemmt in dem Holze ſaß. Umſonſt hatte der kleine Mann ihn mit beiden Hän⸗ den erfaßt und verſuchte es, ihn heraus zu reißen, und ſo oft er eine ſolch' vergebliche Anſtrengung machte, ſchrie er lant auf und machte die ſeltſamſten Luftſprünge. Nachdem der Jäger einige Augenblicke dem kleinen Manne zugeſehen, näherte er ſich und fragte ihn theilnehmend, wie er in dieſen Zuſtand gekommen ſei. Der Zwerg betrachtete ihn einen Augenblick mit ſeinen kleinen rothen Augen, ſtieß darauf eine Menge Verwünſchungen aus und ſagte dem Jäger: er ſolle nicht ſo dumm fragen, ſondern ihn augenblicklich erlöſen. Trotzdem ihm Weihnachtsmärchen. 231 der Kleine eine ſo unartige Antwort gab, war Guſtav in ſeiner Gutmüthigkeit doch bereit, ihm zu helfen, und hob zu dieſem Zweck einen großen Keil von der Erde, mit dem der Zwerg wahrſcheinlich verſucht hatte, den Baum zu ſpalten. Kaum hatte der Jäger den Keil vom Boden aufgehoben, ſo ſchrie ihn der Zwerg ſchon wieder zornig an und ſagte:„Willſt du nicht etwas ſchneller machen, du fauler dummer Kerl! Ihr Menſchenvolk ſeid doch zu gar nichts zu gebrauchen. Mach fort, oder ich will dir helfen!“ Bei dieſen letzten Worten hob der Zwerg eines ſeiner kleinen Beine auf und trat damit in höchſter Wuth nach dem Jäger. Dieſer, dem die erſte unartige Antwort des Zwer⸗ ges lächerlich vorgekommen war, erzürnte ſich jetzt über die Frech⸗ heit des kleinen Dings und ſagte ihm:„Höre, kleiner Wicht, wenn es auch bei euch Mode iſt, Gefälligkeiten in ſolchen Worten zu verlangen, ſo iſt dagegen dies Verfahren bei uns nicht anwendbar, und wenn du nicht augenblicklich höflicher und artiger wirſt, ſo hätte ich große Luſt, dich ſtecken zu laſſen.“ Jetzt gerieth der Zwerg in eine unbeſchreibliche Wuth, ſeine Augen funkelten ihm ordentlich im Kopfe, und er ſtieß über den Jäger und über die Menſchen die erſchrecklichſten Verwünſchungen aus, und am Ende nahm er ſogar ſeine Axrt und warf ſie mit ſolcher Kraft nach dem Kopfe des jungen Mannes, daß, wenn dieſer nicht ausgewichen wäre, ſie ihm ſicher den Kopf zerſchmettert hätte. So aber fuhr ſie in einen dicken Eichbaum tief hinein, daß der Schaft der Axt noch eine Zeitlang zitterte. Ah, dachte der Jäger, kommſt du mir ſo, ſo begegne ich dir nicht anders, und darauf zog er ſeinen langen, breiten Hirſchfänger heraus, auf deſſen Klinge er, wie jeder fromme Waidmann, ein großes Kreuz eingegraben hatte, und begann einen gewiſſen un⸗ ausſprechlichen Theil des Zwerges aus Leibeskräften zu bear⸗ beiten. Anfänglich ſchien bei dieſer eindringlichen Behandlungsweiſe Weihnachtsmärchen. ſich die Wuth des Zwerges von Secunde zu Secunde zu vermeh⸗ ren. Wie ein Fiſch im Waſſer ſchnellte er an ſeinem langen Bart in die Höhe und wand ſich hin und her, um den gewichtigen Schlä⸗ gen zu entgehen. Doch er mochte ſich drehen, wie er wollte, ſo⸗ wußte der Jäger doch den rechten Augenblick und die rechte Lage abzupaſſen und es ging kein einziger Streich verloren, worauf der kleine Kerl nach und nach ruhiger wurde. Aus dem Schimpfen verfiel er in's Weinen und es dauerte nicht lange, ſo bat er auf's Kläglichſte, der Jäger möge aufhören und ihn erlöſen. Guſtav, der ſehr gutmüthig war, hielt auch ſogleich in ſeiner Arbeit inne und war ſchon im Begriff, den Keil anzuſetzen, um den Baum auseinander zu treiben, als ihm plötzlich der Gedanke kam: wie wenn du dem Zwerg zur Bedingung machteſt, daß er dir, weil du ihn erlöst, anzeigen müſſe, wo ein Elfenbaum zu finden ſei. Gedacht, gethan. Er nahm den Keil in die Hand und eröffnete dem Zwerge ſein Begehren. Doch dieſer wollte anfänglich nichts von einem ſolchen Baume wiſſen und entgegnete mürriſch: er könne ihm damit nicht dienen. „Gut,“ ſagte darauf der Jäger,„wenn du mir nicht freiwillig ſagſt, wo ich einen ſolchen Baum finden kann, ſo will ich dich ſchon dazu zwingen,“ und er legte den Keil wieder auf deu Boden hin und griff abermals zu ſeinem Hirſchfänger. „Laſſ nur ſtecken, laſſ' nur ſtecken,“ ſchrie der Kobold in gro⸗ ßer Angſt, als er dieſe Bewegung ſah,„laſſ' nur ſtecken, das hier iſt ja eben ein Elfenbaum, der mich bei meinem ſchönen Barte feſthält.“ 3 Mit welcher Freude hierauf der Jäger ſeinen Hirſchfänger wie⸗ der fahren ließ und den Keil ergriff, um dem Zwerg zu helfen, kann man ſich leicht denken. Sah er ſich doch ſo auf einmal der Erfüllung ſeines heißeſten Wunſches nahe gekommen und war nun im Stande, die junge ſchöne Dame zu beleben und zu erlö⸗ ſen. Cilig riß er die Axt aus dem Eichbaume heraus und mit Weihnachtsmärchen. 233 wenig Schlägen hatte er den Keil ſo weit in den Tannenſtumpf hineingetrieben, daß der Zwerg ſeinen Bart herausziehen konnte. Der Kobold fühlte aber nicht ſo bald ſeine Freiheit, als er mit einem gewaltigen Fluch in das Dickicht hineinſprang und augen⸗ blicklich zwiſchen den Bäumen verſchwand. Guſtav ließ ihn ruhig ſeiner Wege ziehen, hieb ſich aber mit der Axt des Zwerges ein gutes Stück von dem Elfenbaum herunter und füllte ſeine Jagdtaſche mit den ſchönſten Tannenzapfen an, die auf der Krone des umgehauenen Baumes zu finden waren. Darauf nahm er ſein Gewehr auf die Schulter und begab ſich eilig nach Hauſe. Seine Pflegeeltern waren nicht wenig in Angſt um ihn gewe⸗ ſen; doch erzählte er ihnen, er habe ſich im Walde verirrt und als ſie ihn ſo wohlbehalten zurückkommen ſahen, legten ſie ſich auf ihr Lager und ſchliefen ein. Guſtav aber nahm die kleinen Dachs⸗ hunde mit ſich, die damals den Regenten Nußknacker und die Zinn⸗ ſoldaten aus dem Fuchsbaue hervorgeholt hatten, und eilte mit ihnen hinaus auf die Haide, indem er durch ihre Hülfe den Platz wieder zu finden hoffte, wo tief in der Erde die kleine ſchöne Dame ſchlief. Doch würde er ohne das Stück von dem Elfenbaum ſchwerlich ſeinen Zweck erreicht haben; denn die Hunde ſtreiften kreuz und quer auf dem Felde herum, wogegen Guſtav fühlte, daß er wie von unſicht⸗ barer Macht auf eine Stelle hingeführt wurde, wo es ihm alsbald klar wurde, daß dies der Ort ſei, den er lange vergeblich geſucht. Es mochte mitten in der Nacht ſein, als er aus ſeiner Jagd⸗ taſche einen der Tannenzapfen hervorzog und ihn in den Boden ſteckte. Noch zweifelte er an dem Gelingen ſeines Vorhabens, doch wer beſchreibt ſein Erſtaunen, als vor ihm plötzlich ein kleiner Tannenbaum hervorſtieg, der, obgleich er nur wenige Zoll hoch, doch gerade ſo ausgewachſen war, als ſei er ſchon mehrere Jahre alt. Guſtav wußte ſich vor Freude nicht zu faſſen, als er auf dieſe Art ſah, daß die Rettung der ſchönen kleinen Dame nahe ſei. * 234 Weihnachtsmärchen. Nach drei Tagen machte er ſich verabredeter Maßen auf den Weg, um den Holzſchnitzer anzutreffen. Vorher aber ſuchte er im Walde umher, ob er den Platz nicht wieder finden könne, wo der Elfenbaum ſtehe, aus dem er geſtern den Zwerg erlöst, um dort noch mehr von dem wunderbaren Holze mitzunehmen. Doch wenn er auch den Platz wieder fand, ſo entdeckte er dort, wo der Holz⸗ ſtumpf geſtanden, nichts als einen kleinen ſchmutzigen Sumpf, aus dem Kröten und anderes Ungeziefer die Köpfe in die Höhe ſtreckten und ihm entgegen ſchrieen. Eilig wandte er ſich hinweg und ging an die Lichtung des Waldes, wo er, wie vor drei Tagen, mit dem alten Manne wieder zuſammentraf, der ihm mit trauriger Miene erzählte, trotz aller ſeiner Bemühungen wiſſe er noch gar nicht, wie man einen Elfenbaum auffinden könne. Dagegen aber, fuhr er fort, ſei er in der Stadt im Hauſe des Kaufmanns geweſen und habe dort unter alten Spielſachen, die er gekauft, einen Nußknacker er⸗ halten, der wahrſcheinlich derſelbe ſei, der in jener Chriſtnacht lebendig geworden. Er zog ihn hervor und Guſtav erkannte ihn augenblicklich wieder; doch wie hatte ſich der edle Regent ſeit der Zeit verändert! Seine rothen Hoſen waren ſchwarz geworden, ſeine Sporen abgebrochen und der Säbel fehlte gänzlich. Auch ſein Maul, das freilich noch eben ſo groß war, wie damals, hatte ſei⸗ nen Schmuck, die langen ſpitzen Zähne verloren, und als ihm Gu⸗ ſtav hinten den langen Zopf unterſuchte, fand ſich, daß die Kinn⸗ laden feſt ſtanden und gar nicht mehr zu ſchließen waren. Guſtav wartete abſichtlich eine Weile, ehe er dem alten Manne erzählte, was ihm in den letzten drei Tagen begegnet. Da hätte man aber die Freude des Holzſchneiders ſehen ſollen. Er ſprang auf, fiel dem jungen Jäger um den Hals und als dieſer nun gar das Stück von dem Elfenbaum hervorzog, nahm es der alte Mann haſtig, ſteckte es ein und verſprach ſpäter einmal, wenn es nöthig ſei, die ſchönſten Spielſachen daraus zu verfertigen. Nun berathſchlagten die Beiden, was noch weiter zu thun ſei, Weihnachtsmärchen. 235 und der Holzſchneider ſagte dem Jäger, er müſſe jetzt den kleinen Baum der aus dem Tannenzapfen hervorgekommen ſei, ruhig wachſen laſſen, bis er nach einer beſtimmten Zeit plötzlch anfange in die Höhe zu wachſen;„dann wird er ſich in der dritten Nacht unter ſeinen Wurzeln öffnen und der entzauberten Prinzeſſin den Ausgang gewähren. Wenn dies geſchehen wird, werde ich zurückkehren, wo ich auch ſein mag, denn der kleinſte Splitter vom Baum eines Elfenholzes, den ich noch übrig habe, wird mir dieſe Stunde genau anzeigen.“ Nach dieſer Verabredung reichten ſie ſich ihre Hände, nahmen herzlichen Abſchied von einander und der Eine ging hierhin, der Andere dorthin. Um eben dieſe Zeit ſprach der Pflegevater des jungen Jägers oftmals mit ſeiner Schweſter darüber, daß es jetzt wohl Zeit ſei, ſich nach einer Frau für Guſtav umzuſehen. Doch wollte er gern eine für ihn ſuchen, die alle möglichen guten Eigenſchaften in ſich vereinigte; ſie ſollte ſchön und brav ſein, nebenbei, meinte der Förſter, könne es auch nicht ſchaden, wenn ſie mit ziemlichem Gelde verſehen ſei. Aber er hatte bisher immer vergeblich nach einer ſolchen geſucht, denn wenn er ſich auch zuweilen im Stillen bei ſeinen Nachbarn umgeſehen, ſo fand er wohl hie und da ein Mäd⸗ chen, das ihm zu ſeinem Zwecke zu paſſen ſchien; doch wenn er als Freiwerber für ſeinen Pflegeſohn auftrat, ſo entgegnete man ihm meiſtens:„ja, lieber Herr Förſter, wir würden wohl nichts dage⸗ gen haben, wenn der junge Jäger wirklich Euer Sohn wäre, aber ſo möchten wir doch unſer Kind nicht gern Jemanden zur Frau geben, der ſo ganz ohne Familie und Namen iſt.“ Das verdroß nun den alten Mann nicht wenig und wenn er nach Haus kam, erzählte er es dann ſeiner Schweſter und Guſtav; Letzterer konnte ſich nie enthalten, darüber zu lächeln und pflegte dann gewöhnlich zu ſagen:„ach, lieber Vater, macht Euch meinethalben keine Mühe ich werde ſchon finden, was mir Gott beſcheert hat.“ Bei dieſen Worten blickte er verſtohlen durch das Fenſter nach der Haide, wo 236 Weihnachtsmärchen. auf dem Fuchsbau der kleine Tannenbaum ſtand, der aber noch immer nicht in die Höhe wachſen wollte. Schon waren, ſeit er den alten Holzſchnitzer verlaſſen, einige Monate vergangen und die Blätter der Bäume begannen gelb zu werden und abzufallen; auch fingen ſchon Morgens und Abends an, dichte Nebel den Wald einzuhüllen, und die Jagd beſchäftigte die Jäger den ganzen Tag im Walde. Doch wenn auch Guſtav mit ſinkender Nacht noch ſo ermüdet nach Hauſe kam, ſo unterließ er dennoch nicht, auf die Haide zu gehen und ſich nach ſeinem lie⸗ ben Tannenbäumchen umzuſehen. So ging der November vorüber, es wurde December und die Zeit kam heran, wo die Leute aus der Stadt täglich nach dem Förſterhauſe ſchickten und ſich Tannen⸗ bäume holen ließen, um ſie für den Weihnachtsabend aufzuputzen. Ach, der junge Jäger, dem das Bild der ſchönen Dame im weißen Seidenkleid mehr als je im Herzen lebendig wurde, hoffte auch auf eine Beſcheerung unter dem Tannenbaum; er ging jetzt des Tages mehrmals hinaus auf die Haide und wer beſchreibt ſein Entzücken und ſeine Freude, als er nun endlich drei Tage vor Weihnachten ſah, daß das Bäumchen wenigſtens einen Schuh gewachſen war, Jetzt verging faſt keine Stunde des Tages, wo er nicht zu. ihm hin eilte, um mit der größten Freude zuzuſehen, wie faſt ſicht⸗ bar Zweige nnd Nadeln größer und größer wurden. So kam der heilige Weihnachtsabend heran und als es anfing dunkel zu werden, ſagte der alte Jäger ſchmunzelnd zu ſeinem Pflegeſohn: er möchte doch ein wenig hinaus in den Wald gehen, um ſich nach dieſem und jenem umzuſchauen. Guſtav, der wohl wußte, daß ihm der gute Förſter, wie immer, auch dieſes Jahr eine kleine Weihnachts⸗ freude machen würde, dachke lächelnd bei ſich: nun, ſo Gott der Herr will, werde auch ich Euch heute Abend eine Beſcheerung zu⸗ führen, die Euch nicht mißfallen wird. Und das Herz voll Erwar⸗ tung, voll Seligkeit und Liebe eilte er hinaus auf die Haide. Der alte Förſter ging jetzt mit ſeiner Schweſter in das Gaſt⸗ Weihnachtsmärchen. 237 zimmer, wo die großen geſchnitzten Tiſche und Stühle ſtanden und die Wände mit gewaltigen Hirſchgeweihen verziert waren. Dort ſtand ein großer Tannenbaum, mit vielen Lichtchen beſteckt, und oben an der Spitze hingen zwei große goldene Fahnen, die ganz geheimnißvoll rauſchten. Unter dem Baume legte die Schweſter des Förſters einen ſchönen neuen Jagdanzug hin und ein pracht⸗ volles reich mit Silber eingelegtes Gewehr. Draußen heulte der Nord⸗ wind durch den Wald und die Zweige der Bäume, ſowie die Wald⸗ bächlein rauſchten und murmelten in ſeltſamen Weiſen dazwiſchen. Da legte plötzlich der Förſter ſeine Hand an das Ohr, denn es war ihm, als vernehme er in der Ferne das Rollen eines Wagens. „Höre,“ ſagte er zu ſeiner Schweſter,„vernimmſt du nichts? Es iſt mir doch gerade, als käme noch ſo ſpät ein Wagen den breiten Waldweg heraufgefahren.“ Jetzt eilte die Schweſter an's Fenſter. Das Rollen und Raſ⸗ ſeln kam immer näher und ſie rief auf einmal verwundert aus: „du haſt Recht. Sieh, dort biegt eben ein Wagen aus dem Walde heraus und fährt gerade auf unſer Haus zu. Jetzt hält er ſchon vor der Thüre. Was mag das ſein?“—— Da wurde die Thür des Zimmers haſtig geöffnet und Guſtav trat herein und führte an der Hand eine wunderſchöne Dame, die hatte ein weißes ſeidenes Kleid an, das war mit Spitzen beſetzt, und auf dem Kopfe trug ſie einen Myrthenkranz mit einem langen wallenden Schleier. „Seht, Vater,“ rief der junge Jäger freudig aus,„das iſt meine liebe Braut, die Ihr hoffentlich mit Freuden aufnehmen werdet.“ Ach, die junge Dame war ſo ſchön und lieblich anzuſehen; der alte Förſter und ſeine Schweſter nahmen ſie bei der Hand und wußten gar nicht, wie ihnen geſchah. Und als darauf die junge Dame zu ihnen ſprach, daß es klang wie lauter Silberglöcklein: „ja, wenn Ihr mich aufnehmen wollt, bleibe ich bei Euch als r 238 Weihnachtsmärchen. eine liebe Tochter!“ da dachten ſie vor Entzücken nicht mehr da⸗ ran, wer ſie wäre und wo ſie herkäme, ſondern ſie weinten Freu⸗ denthränen und umarmten ſie auf's Herzlichſte. Mitten in dieſer Freude dachte Guſtav an ſeinen Freund, den alten Holzſchnitzer und bedauerte, daß er die Stunde verſäumt und ſich nicht eingeſtellt habe. Da blickte er zufällig durch's Fenſter und ſah, wie plötzlich im hellen Mondlicht über einem Hügel, dem Förſterhauſe gegeuüber, ein Mann geſchritten kam, der trug einen großen Korb auf dem Rücken und begann dort oben auszupacken, als wolle er den Thieren im Walde eine Weinachtsbeſcheerung be⸗ reiten. Mit Erſtaunen ſah der junge Jäger, daß er ein kleines niedliches Schloß dort hinſtellte, deſſen zierliche Fenſter ſich plötzlich beleuchteten. Jetzt erhob ſich der Mann wieder und als er nun mit raſchen Schritten gegen das Förſterhaus kam, ſah Guſtav zu ſeiner großen Freude, daß es der Holzſchnitzer war. Doch wer be⸗ ſchreibt ſein Erſtaunen und ſeine Ueberraſchung, als er bemerkte, daß, je weiter ſich ſein alter Freund von dem kleinen Schlößchen droben entfernte, dieſes immer größer und größer und endlich ein ſtattliches Gebäude wurde. Die Feuſter ſtrahlten von Tauſenden von Lichtern, die innen brannten, und vor dem Schloßthor ent⸗ zündeten ſich große Pechfackeln und daneben ſtanden Soldaten mit Bärenmützen und das Gewehr im Arm. Jetzt öffnete der Holz⸗ ſchnitzer die Thür und als er die ſchöne junge Dame erblickte, ver⸗ beugte er ſich tief und umarmte darauf den jungen Jäger, indem er ſagte:„ich ſehe mit Freuden, daß du den böſen Zauber gelöst haſt, ich habe das Meinige gethan und das Elfenholz, das du mir gegeben, auf's Beſte benutzt.“ Dabei zeigte er durch das Fenſter nach dem ſchönen Schloſſe. Der alte Förſter wußte vor Freude nicht, was er zu all dem ſagen ſollte, und als nun alle den Hügel hinan zu dem neuen prächtigen Schloſſe ſchritten, glaubte er, er träume einen ſüßen Traum. Hier war aber auch Alles ſo ſchön und vortrefflich her⸗ Weihnachtsmärchen. 239 gerichtet, als es nur in der Reſidenz des mächtigſten Königs ſein kann. Der junge Jäger glaubte in den Soldaten mit den Bären⸗ mützen, die vor ihm und ſeiner Gemahlin das Gewehr präſentir⸗ ten, lauter alte Bekannte zu erkennen, ja ſelbſt die Jäger, die dro⸗ ben am Schloßportal ſtanden und die Thüren aufriſſen, hatten alle bekannte Geſichter. Aber als ſie au die große Treppe kamen, um in die prachtvollen Gemächer zu ſteigen, mußte der junge Jäger, der jetzt Prinz Guſtav hieß, vor Freuden laut auflachen, denn hier ſtand der Regent Nußknacker, wie er leibte und lebte, und hatte zwei große ſilberne Leuchter in Händen. Er verbeugte ſich tief, indem er ſagte: er ſei der Haushofmeiſter und halte ſich zu Gna⸗ den empfohlen. Sein Anzug, den die Kinder im Hauſe des Kauf⸗ manns ſehr verdorben hatten, war wieder, ſo weit es ſich thun ließ, hergeſtellt, doch fehlten Sporen und Säbel, und ſtatt des Hutes hatte er eine farbige Mütze auf, an der eine große Menge von Schellchen luſtig klingelten. Jetzt ſtiegen alle die Treppen hinauf, droben wurde mit vieler Pracht die Vermählung gefeiert und danach wohnten ſie lange, lange Jahre zuſammen in Luſt und Freude, und leben vielleicht noch, wenn ſie nicht unterdeſſen geſtorben ſind. Der Leibſchneider der Zwerge. Vor langer, langer Zeit lebte zu Aachen, in der alten Kaiſer⸗ ſtadt, ein Schneidermeiſter, wie es deren heute noch viele gibt. Doch hatte Meiſter Caspar damals das beſondere Vorrecht, die kaiſerlichen Stalldecken und ſonſtige Kleidungsſtücke für Pferde und Dienerſchaft mit ſeiner kunſtreichen Nadel verfertigen zu dürfen. Er bildete ſich auf dies Amt nicht wenig ein, und wenn man ihn auf ſeinem Tiſche ſitzen ſah, mit der ſpitzen weißen Mütze auf dem Kopf, die Elle wie ein Scepter in der Hand ſchwingend, ſo hätte man wohl glauben können, Meiſter Caspar ſei der Kaiſer ſelbſt geweſen. Obgleich er aber nur ein kleines dürres Kerlchen war, ſo beſaß er doch bei ſeinen Geſellen und Lehrjungen einen faſt unglaublichen Reſpekt, was um ſo unbegreiflicher war, da er mit ſeinen Leuten nie lärmte und ſchimpfte, ſondern bei vorkommenden Gelegenheiten ſeine feine krähende Stimme erhob, um ſeinen Schnei⸗ derburſchen mit aller Artigkeit zu ſagen, daß ſie Lumpen und bis unter die Haut ſchlechte Kerle ſeien. Es war merkwürdig, was die wildeſten und verwegenſten Schneidergeſellen zahm und gelenkig wurden, wenn ſie erſt eine kurze Zeit in Meiſter Caspars Werkſtatt gearbeitet hatten. Die Faulen wurden fleißig und die, welche lieber Geſchichtchen erzählten oder Lieder ſangen, als Stiche machten, ſchienen bald in dem Punkt ihr ganzes Gedächtniß verloren zu haben und waren ſtumm wie die Fiſche. An dieſer guten Zucht mochte nun der ſtrenge Meiſter ſelbſt viel Schuld ſein. Doch wollten Der Leibſchneider der Zwerge. 241 andere Leute behaupten, daß die Geſellen, wenn ihnen der kleine dürre Mann mit der haarfeinen Stimme eine Standrede hielt, eher darüber zum Lachen geneigt ſeien, als zu Befolgung ſeiner Vor⸗ ſchriften, und daß im Haus ein anderer Zauber walte, der im Stande ſei, die kecken trotzigen Gemüther der Schneider zu bändigen. Der Zauber war aber Niemand anders, als das ſechszehnjährige Töchterlein des Meiſter Caspar, die ihm, da die Frau Schneider⸗ meiſterin geſtorben war, die Wirthſchaft führte. Sie kochte für die Geſellen das Eſſen, legte Allen bei Tiſche vor, und wenn hier unter ihnen mancher war, der von Hauſe her die ſchöne Gewohn⸗ heit hatte, auf gut türkiſch zu eſſen, das heißt: mit der Fauſt in die Schüſſel zu fahren, ſo ließ er es wohl bleiben, wenn ihm Roſa, ſo hieß Meiſter Caspars Töchterlein, einmal ein ſchiefes Geſicht darüber gezogen. Wenn nun anf dieſe Art Meiſter Caspars Zucht in ſeiner Werkſtatt und Roſa's Freundlichkeit in ihrem Hausweſen ſich all⸗ mälig über die fremden Geſellen und Lehreurſchen verbreitet hatte, ſo war dies doch bei einem Einzigen nicht der Fall, der noch oben⸗ drein aus des Meiſters Caspars Sippſchaft und ſeiner Schweſter Sohn war. Philipp, ſo hieß dieſer Neffe, war eigentlich von Natur ein gutmüthiger Menſch, und, wenn er wollte, ein geſchickter und fleißiger Arbeiter. Doch hatte er die fatale Gewohnheit, bei keiner Arbeit eifrig aushalten zu könnenen Nahm er ein neues Kleid oder ſo etwas vor, ſo nähte er zum iſpiel die erſte halbe Stunde unverdroſſen darauf los und machte dabei unvergleichlich ſchöne regelmäßige Stiche, daß dem Meiſter Caspar vor Freuden das Herz im Leibe lachte. Doch länger, als höchſtens eine halbe Stunde, hielt der gute Philipp das ruhige Arbeiten, beſonders aber das Stillſchweigen dabei nicht aus. Daun ſtieß er gewöhnlich ſeinen Nebenmann an und plauderte mit ihm über Sachen, die gar nicht dahin gehörten; oder er ſang, lachte, trieb Späße, kurz, brachte in wenig Zeit die ganze Werkſtatt in Unordnung und Aufruhr. Dieſe Unart hatte ihm der Meiſter ſchon oftmals in Güte und Strenge verwieſen, hatte ihm ſowohl im Beiſein der Geſellen als wie geheim auf ſeiner Kammer tüchtig den Text geleſen; aber das backländers Werke. XIII. 18* 242 Der Leibſchneider half Alles nichts: Philipp trieb ſeine Späße fort und da er neben⸗ bei die Andern auf alle mögliche Art neckte, ſo gab er auf dieſe mehr, als auf ſein Geſchäft Acht, und verdarb gewöhnlich bei ſolchen Anläſſen eine Arbeit, die er aufs Kunſtreichſte angefangen. Seine Stiche wurden dann lang und immer länger, und anſtatt einen Mantelkragen in kunſtreiche Falten zu ſchlagen, nähte er ohne Bedacht darauf los, als wollte er dem Koch oder irgend einem andern Bedienten eine Schürze machen. 3 So hatte Philipp dem Meiſter ſchon manches Stück Arbeit verdorben, und war von dieſem oftmals bedroht worden, daß er ihn bei der nächſten Veranlaſſung in die Fremde ſchicken wollte, doch immer hatte eine angelobte Beſſerung oder die Bitten Roſa's, die den unartigen Vetter wohl leiden mochte, den Zorn des Vaters gedämpft. Auch hätte es dieſem ſelbſt leid gethan, ſo alle ſchönen Luftſchlöſſer verſchwinden zu ſehen, die er auf ſeinen Schweſterſohn gebaut hatte. Der Meiſter hatte ſich einiges Vermögen erworben und eine glänzende Kundſchaft, in welche er gern Philipp, als in ein warmes Neſt, hineingeſetzt hätte. Bei dieſem Vorhaben ſah er auch in der Zukunft ſeine Tochter Roſa verſorgt, die er ihm dann zur Frau würde gegeben haben. Doch vor der Unbedachtſam⸗ keit und Plauderhaftigkeit des Vetters zerfloſſen alle die Projecte in Waſſer. Je mehr Nachſicht der Meiſter übte, je wilder und unartiger wurde Philipp, und verſchlimmerte ſich trotz Roſa's Bitten jeden Tag mehr und mehr. Er lieferte kein Stück Arbeit mehr ab, in welchem ſich nicht ein grober Fehler befand, und neben der Nach⸗ läßigkeit, welche dieſen Fehler begehen ließ, machte er aus Muthwillen aandere, die noch viel ſchlimmer waren. So kam es ihm gar nicht darauf an, auf das ſchwarze ehrbare Kleid eines Rathsherrn einige bunte Lappen zu ſetzen, die anfänglich vom Mantelkragen verdeckt wurden und bald darauf, wenn ſich auf der Straße ein kleiner Wind erhob, die ehrbare Magiſtratsperſon dem Geſpött der Gaſſen⸗ buben ausſetzte. Das Sprichwort: der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht, zeigte ſich auch an Philipp in voller Kraft; denn am Ende einer bedeutungsvollen Woche, in der ſich der Vetter beſonders ſchlecht aufgeführt, nahm Meiſter Caspar ein großes der Zwerge. 243 Stück Kreide, und machte durch den Namen ſeines Neffen an der Wand einen vielſagenden Strich. Er kündigte ihm darauf an, daß er morgen früh ſein Haus zu verlaſſen habe, und da Meiſter Caspar fürchtete, daß er gegen Philipps Bitten und Roſa's Thränen doch wieder nachgeben würde, ſo that er einen kräftigen Schwur darauf, ihn nicht eher wieder in ſein Haus und ſeine Werkſtätte aufzunehmen, bis er ſich gebeſſert und ihm zum Zeichen dafür wenigſteus ſechs wohl erworbene Goldgulden auf den Tiſch legen könne, eine für die damalige Zeit ſehr große Summe. Die Geſellen und Lehrburſchen, die umher ſtanden, erblaßten bei dieſem feierlichen Act und nur Philipp, als er hierdurch ſah, daß er unvermeidlich fort müſſe, war der Gefaßteſte, packte ſein Felleiſen zuſammen, band Scheere und Bügeleiſen oben hinauf und trat noch an demſelben Nachmittage vor den Meiſter Caspar und Roſa hin, um ſich bei ihnen zu verabſchieden. Ach, hätte er lieber ſein Mühmchen nicht wieder geſehen und wäre ſtillſchweigend fortgegangen! Doch als er jetzt Abſchied nehmend vor ihr ſtand, ſah er wohl, wie ſchön ihr blaues Auge war, wie ſchlank und lieblich ihre ganze Geſtalt, und fühlte wohl in ſeinem Herzen, warum das ihrige ſo ſchlug, als ſie ihm zum letzten Male die Hand reichte. Sie hielt in ihrer Hand ein kleines Beutelchen mit Scheidemünze, das ſie dem Vetter einhändigen wollte. Sie hatte es ihm ſchon in die Hand gedrückt, als zwei Thränen ihren Augen entrollten und dem armen Burſchen auf das Herz fielen, ſo daß er auf einmal ſeinen Leichtſinn und die Größe ſeiner Schuld einſah, und eilig aus dem Hauſe lief, um ſeine Thränen zu ver⸗ bergen. In der damaligen Zeit war es für einen Handwerksburſchen weit ſchwerer, ein Unterkommen und Arbeit zu finden, als jetzt. Das wußte auch Philipp wohl, und da er nebenbei jetzt die Größe ſeiner Fehler recht einſah, ſo hatte er gar nicht den Muth, ſich auf die Straße nach irgend einer großen Stadt zu machen, ſondern ſtieg träumend und nachdenkend hinter ſeiner Vaterſtadt Aachen die Höhen hinan. Hier verirrte er ſich bald zwiſchen den Felſen und Kaſtanienwäldern des Berges, den man heutzutage den Louis⸗ nnd Der Leibſchneider 244 Losberg heißt. Dies machte ihn recht traurig, denn es fielen ihm bei jedem Stein, bei jedem Hügel ſo maunche Stunden ſeiner Kind⸗ heit ein, wo er mit andern Knaben hier geſpielt. Da liegen große Sandſteinfelſen umher, in denen ſich die ſchönſten verſteinerten Muſcheln und kleine Seethiere befinden, welche die Kinder aus den Steinen heraushauen und als artiges Spielzeug gebrauchen. Wie manche Taſche voll verſteinerter Schneckenhäuſer, Wendeltreppen und andere Muſcheln hatte er hier zuſammengetragen und mit nach Hauſe genommen. Hinter dieſen Plätzen, wo man die ſchönſten Verſteinerungen mit leichter Mühe findet, fingen dichte weitläuftige Tannenwälder an, bis zu deren Grenze die Kinder und Erwachſenen gingen, aber weiter nicht. Denn hinter dieſen alten ſchwarzen Bäumen ſollte es nicht recht geheuer ſein, wie die Leute ſagten. Da fand man freilich zwiſchen den Bergen die ſchönſten Verſteinerungen, aber man wollte behaupten, daß Alles, was von dort herkäme, etwas Unheimliches an ſich hätte. Oftmals brachten Holzhauer die ſchön⸗ ſten Muſcheln von dort mit, um ſie zu Haus anf Geſims und Wand⸗ ſchränke zu legen; doch trugen ſie ſie bald wieder fort, denn mitten in der Nacht fing es zuweilen aus den Steinen an zu ſingen und leiſe zu wispern; es klagte und ſeufzte wie mit den Stimmen kleiner Kinder, denen man wehe gethan. Das thaten die Hurlemänner, die in den Steinen und Muſcheln wohnten, wie alte Leute ver⸗ ſicherten, und die man ſich nicht zum Feinde machen durfte, weßhalb man auch jenen Theil des Losberges in Frieden ließ und dort keine Verſteinerungen mitnahm. Philipp, nachdem er auf allen Plätzen umhergewandelt, wo er ſich früher mit Knaben ſeines Alters beluſtigt, ſtieg träumend und nachdenkend fort und dachte traurig an Aachen, an den Meiſter Caspar, aber noch mehr an Roſa. So hatte er bald die Grenze jener Tannenwälder erreicht, von wo es zwiſchen den Bergen bald auf, bald abgeht. Er achtete nicht auf Weg noch Steg, und ſah ſich bald dergeſtalt zwiſchen den hohen und dichten Bäumen, daß er nicht mehr wußte, wo er hergekommen war und wo er wieder hinaus ſollte. Auch ſank die Sonne allmälig und jetzt fiel es — der Zwerge. 245 dem armen Burſchen plötzlich ein, in welchem Revier er ſich befinde. Er lief bald rechts, bald links, um einen Ausweg zu ſuchen, fand aber keinen, und wenn er zuweilen ſeine Stimme erhob und laut nach Jemand rief, der ihm den richtigen Weg zeigen könnte, ſo war es nur das Echo, das ihm antwortete, und das— ſo kam es ihm zu ſeinem Entſetzen vor— hier wie ein feines Hohngelächter klang. Indeſſen kam die Nacht heran, und da Philipp nun wohl einſah, daß er jetzt keinen Ausweg aus dem Tannenwald mehr fände, ſo ergab er ſich in ſein Schickſal, und ſuchte nach einem Platz, wo er vor dem kalten Winde geſchützt wäre und vielleicht etwas ſchlafen könnte. Bald hatte er auch einen ſolchen Platz gefunden und ſetzte ſich in's Moos an den Stamm einer Tanne, betete ein paar Vater⸗ unſer und ſchlief darauf ein. Plötzlich war es ihm im Schlafe, als rufe ihn Jemand beim Namen, und da ihn ſonſt Roſa des Morgens weckte, indem ſie ihn vor der Kammerthür bei ſeinem Namen rief, ſo glaubte er auch jetzt, es ſei Zeit, in die Werkſtätte zu gehen und antwortete ſchlaftrunken wie ſonſt:„gleich, gleich, Roſa!“ Doch ein langes feines Lachen, das ihm darauf entgegen ſcholl, weckte ihn aus ſeinen Träumen. Er öffnete die Augen und glaubte ſeinen Blicken nicht trauen zu können, als er ſich mitten im Walde ſah und bei einer ſchwachen Beleuchtung, die weder vom Mond noch von der Sonne herkommen konnte, vor ſich ein Männlein erblickte, das kaum einen Fuß hoch war. Es ſah recht gutmüthig aus, hatte ein langes ſchneeweißes Bärt⸗ chen und ſtützte ſich auf einen Stock. Philipp glaubte zu träumen und rieb ſich wiederholt die Augen, huſtete, nannte ſich ſelbſt beim Na⸗ men; doch das kleine Männlein wollte nicht verſchwinden, hob viel⸗ mehr ſeine Hand empor und winkte ihm, er ſolle folgen. Anfänglich hatte Philipp große Luſt, davon zu laufen. Doch da das kleine Männlein gar nicht bösartig ausſah und ihm auch gegen ſeine eigene Größe zu klein und unbedeutend erſchien, ſo nahm er ſeinen Ranzen auf die Schulter und folgte dem Hurle⸗ männchen, denn anders konnte es doch nichts ſein. Sie gingen bei der matten Beleuchtung, die Philipp bei ſeinem Erwachen ſchon bemerkt, tiefer in den Wald hinein, und Letzterer ſah bald, daß der 246 Der Leibſchneider Schein von einem Feuer herkam, das ſich zwiſchen einigen großen Sandſteinen befand. Um das Feuer herum ſaßen aber auf der Erde noch fünf andere Hurlemännchen, die alle recht traurig aus⸗ ſahen und zu welchen ſich der Führer Philipps hinſetzte, ihm be⸗ deutend, es ebenſo zu machen. Da die Nacht ziemlich kühl war, ſo that ihm die Wärme wohl; er ſtreckte ſich neben das Feuer hin und rieb ſich die erſtarrten Hände. Doch bald begann es ihm bei der ſtummen Geſellſchaft etwas langweilig zu werden. Er hatte ſchon einige Male verſucht, einen von ſeinen kleinen Nachbarn zum Sprechen zu bewegen, wenn er ſich aber mit einer Frage an einen wandte, oder gar durch einen freundſchaftlichen Rippenſtoß zur Antwort bringen wollte, ſo knirſch⸗ ten die Hurlemänner mit den Zähnen und ſahen ihn recht wüthend an; ja als Philipp es doch nicht aufgab, zu ſchwatzen und zu fra⸗ gen, ſo ſchlug der Zwerg, der ihn hieher gebracht, mit ſeinem Stöckchen ins Feuer, ſo daß ihm die glühenden Kohlen in Geſicht und Haar flogen und ihn nicht ſchlecht verbrannten. Philipp war im erſten Augenblick bereit, dem Hurlemann mit ſeinem Knotenſtock eins ins Genick zu geben. Doch fielen ihm glücklicherweiſe einige Erzählungen ſeiner Amme bei, wo in ähnlichen Fällen die erbosten Zwerge einem armen Menſchenkinde elend das Geſicht nach hinten gedreht hätten. Und ſo gab er ſich in Ruhe, und da der Schlaf gänzlich von ihm gewichen war, ſo nahm er ſein Felleiſen vor ſich und fing es an auszupacken. Bei dieſem Anblick ſah er, wie ſämmtliche Hurlemänner lange Geſichter machten und neugierig in den geöffneten Ranzen hinein⸗ ſahen. Philipp ſeinerſeits ſtellte ſich auch jetzt ganz theilnahmslos, und breitete ein Tuch vor ſich hin, worauf er Nadel und Scheere, Faden und Zwirn legte, Alles in ſchönſter Ordnung und daneben das blanke Bügeleiſen. Die Hurlemänner rückten auf dem Boden hin und her und machten lange Hälſe, um genau zu ſehen, was der Burſche jetzt anfangen würde. 5 Philipp, der bei ſich dachte: aha, jetzt fangt ihr an aufzu⸗ paſſen, that, als wenn er die Neugierde der kleinen Männchen gar nicht bemerkte, ſondern nahm ein altes Wamms vor und fing an, — α — ſſ — 4 V der Zwerge. 247 ein großes Loch in demſelben mit ſeiner Nadel recht kunſtreich zu⸗ zuflicken. Bei dieſer Arbeit wurden die Blicke der Zwerge lebhaf⸗ ter und Alle regten ſich auf den Fußſpitzen zu dem Schneider hin⸗ über, um genau zuzuſehen. Dabei entfuhr allen Sechſen ein tiefer Seußzer, ſo daß Philipp von ſeiner Nadel emporſah und bemerkte, wie die Männchen noch viel trauriger ausſahen, als früher. Das jammerte ihn und da er zugleich glaubte, jetzt eine Antwort zu erhalten, ſo fing er wieder auf's Neue an, ſie auszufragen. Doch kaum hatte er das erſte Wort geſprochen, ſo ſetzten ſich Alle mit erbosten Mienen hin, und Philipp erhielt von hinten eine ſo ge⸗ waltige Ohrfeige, daß er mit dem Kopf in das Moos ſtürzte. Zu⸗ erſt glaubte er, es ſei der Meiſter Caspar, der ihn aufgeſucht und aus einem ſchweren Schlaf erwecken wollte. Doch als er ſich um⸗ ſah, war es nur ein Baumaſt, der auf eine ſo merkwürdige und nachdrückliche Art auf ſein Ohr gefallen war. Ergrimmt ſetzte er ſich wieder hin und begann ſeine Arbeit von Neuem; bei jedem Stich, den er machte, kamen die Hurlemän⸗ ner wieder näher und ſeufzten gar kläglich. Da dachte Philipp in ſeiner gutmüthigen Art: was mag den kleinen Kerls nur fehlen? und als ſein Führer von vorhin ziemlich nahe trat, ihn mit einem ſonderbaren Blick anſah und dabei mit der Hand über ſeinen Rücken fuhr, da dachte Philipp: aha, ſoll ich vielleicht den Zwergen ihre Camiſöler und Hoſen flicken; und es war, als wenn der Zwerg ſeine Gedanken verſtanden hätte, denn über ſein kummervolles Ge⸗ ſicht flog ein freundliches Lächeln. Hiedurch aufgemuntert, griff der Schneider nach ihm, faßte ihn ins Genick und legte ihn auf das eine Knie, um ſeine Kleider zu unterſuchen. Da fand ſich denn freilich in dem Rücken des Camiſols ein großer Riß, und als der Schneider das Zeug auseinander that, ſah er, daß der Schnitt nicht nur durch Unterfutter und Hemd lief, ſondern ſogar bis auf das Körperchen des Hurlemanns. Dieſer Körper war aber von ganz beſonderer Art. Er beſtand nicht aus Fleiſch, ſondern war mit einer Zwiebel zu vergleichen, nur daß die Schaalen, die über ein⸗ ander lagen, aus einem feinen Stoffe, wie lauter Roſenblätter be⸗ ſtanden. Doch bald darauf fiel ihm ein, wie ihm ſeine Großmut⸗ 248 Der Leibſchneider. ter einmal erzählt, daß die Hurlemänner, ſowie alle Zwerge und Alraunen, von den Wurzelmännern herkämen, welche Nachkommen von den Zwiebelleuten ſeien. 5 Wie ſchon früher geſagt, war unſer Schneider, wenn er einmal zum Arbeiten aufgelegt war, ein fleißiger und pünktlicher Menſch, weßwegen er gleich hier bedachte, daß er doch wenigſtens den Ver⸗ ſuch machen müſſe, auch den kleinen Körper des Zwerges zu flicken, ehe er ihm Unterfutter und Camiſol darüber zuſammen nähe. Auch war er muthwillig genug, in Erinnerung an das Feuer und die Ohrfeige von vorhin, dem Zwerge hie und da einen Stich tiefer zu thun, als nothwendig war, und begann mit der feinſten Nadel, die er hatte, die Arbeit. Neugierig rückten die andern Zwerge näher, und ihr Geſicht begann ſich etwas aufzuklären, als ſie ſahen, wie der Schneider mit großer Gründlichkeit die unterſten Blätter des Schnittes zuerſt zunähte. Jetzt, dachte Philipp, wäre es nicht mehr als recht und billig, daß ihm die kleinen Krabbelinsky auch ein⸗ mal auf ſeine Fragen Antwort gäben. Und als er ſich gerade eine neue Nadel einfädelte, that er den Mund weit auf, und bat die Zwerge, ihm doch zu ſagen, wer ſie eigentlich wären. Doch, o weh! Kaum hatte er das Wort geſprochen, ſo wurde die Nadel zwiſchen ſeinen Fingern glühend und fuhr ihm einen Zoll tief in die Hand, ſo daß er vor Schmerz laut aufſchrie. Auch bekam er jetzt von der andern Seite eine Ohrfeige, die aber nicht minder kräftig war, als die erſte. Was war zu thun? Philipp griff hin⸗ ter ſich nach ſeinem Knotenſtock, doch glaubte er zu bemerken, wie bei dieſer Bewegung die Hurlemänner plötzlich anfingen, in die Breite und Länge zu wachſen. Deßwegen ließ er die Hand mit einem Seufzer ſinken, und begann ſeine Arbeit von Neuem. Doch da waren alle Stiche, die er ſchon gethan, wieder aufgeriſſen und es danerte eine gute halbe Stunde, ehe er wieder ſo weit war, wie vorhin. Innerlich ſeufzte er tief über die ſchlechte Geſellſchaft, in die er gerahten und dachte betrübt an ſeine Werkſtau in Aachen, an Meiſter Caspar und Roſa. Es war ja wahrhaftig hier noch ſchlim⸗ mier als dort. Dort hätte er einen ganzen Tag ſchwatzen können, und doch hätte er keine Ohrfeige bekommen oder wäre ihm die Nadel glühend geworden. 3 der Zwerge. Ach, dachte er, das Schwatzen bei einer Arbeit muß doch eine böſe Angewohnheit ſein und wenn das ſchon eine Stunde von Aachen ſo ſchwer beſtraft wird, und das ſo fortgeht. ſo werden ſie mir in der nächſten Stadt für das unſchuldigſte Wort am Ende den Kopf abſchlagen; zum erſtenmal in ſeinem Leben dachte er dar⸗ auf an eine ernſtliche Beſſerung. Die Arbeit ging ihm indeſſen raſch von Statten, nur kam es ihm ſonderbar vor, daß er, ſo oft er einen größeren Stich machte, als nöthig, in der Hand einen ſchmerzlichen Stich empfand, wie von einer Nadel. Während der Zeit trugen die andern Männchen beſonders trockenes Reiſig zuſammen und unterhielten das Feuer auf's Beſte. Jetzt war auch Philipp fertig geworden und da er doch das Bügel⸗ eiſen nicht gebrauchen durfte, um das Camiſol auszubügeln, ſo nahm er ſeine große Scheere und klopfte die Nähte auf dem Rücken des Zwerges breit, wobei er übrigens heftiger zuſchlug, als gerade nöthig war. Darauf nahm er den Zwerg auf die Hand, beſah ihn nochmals genau, und bemerkte mit Freuden, daß alle Traurigkeit von deſſen Geſicht verſchwunden war, worauf er ihm mit der flachen Hand einen Klaps auf einen gewiſſen Theil des Körpers gab, daß er über das Feuer hinüber in das weiche Moos fiel. Doch ſchien dieſe Behandlung den Zwerg gar nicht böſe zu machen, vielmehr raffte er ſich auf und tanzte wie unſinnig vor Freuden eine Zeit lang herum. Dann aber trat er vor den Schneider hin, zog aus der Taſche ein großes Goldſtück heraus und legte es ihm auf die Hand. Ueberraſcht ſah Philipp das Gepräge und bemerkte, daß es ein wohlausſehender Goldgulden war, der dem Gewicht und Klange nach wohl ächt ſein könnte. Während dieſer Geſchichten war die Nacht vorgerückt, und ſchon fühlte man den kühlen Wind, der dem Morgen voraus eilt, als Philipp begann, ſein Handwerkszeug zuſammen zu packen und nach ſeinem Knotenſtock langte, um ſich den Zwergen zu empfehlen. Er reichte Allen nach einander die Hand und es that ihm wirklich leid, daß die fünf noch viel trauriger ausſahen, und nur der, den er geflickt, ein munteres und fröhliches Geſicht machte. Dieſer zog einen kleinen goldenen Becher aus der Taſche, ſetzte ihn an den Mund und reichte ihn darauf dem Schneider, der kein Arg hatte, 250. Der Leibſchneider das ſüße Getränk, was darin war, bis auf den letzten Tropfen auszuſaugen. Doch wie ward ihm plötzlich! Zuerſt ſchien es ihm, als falle er von einem Berg herunter, daͤnn aber fühlte er mit Schrecken und Entſetzen, daß ſein Körper allmälig einſchrumpfte und er in wenig Augenblicken ebenſo klein war, wie die Zwerge. Das war ein ſchrecklicher Moment für den armen Philipp, und er war ſo betrübt, daß er anfänglich keine Gedanken hatte; dann entſtürzten ihm heftige Thränen und er dachte an Roſa, zu der er als ſo ein kleiner Knirps doch nimmermehr zurückkehren durfte. Als er wieder bei voller Beſinnung war, gebrauchte er ſeinen Mund, der ſo lange geſchwiegen, auf das Heftigſte und warf den Zwergen unter bitterlichen Thränen ihren Undank vor. Doch alle zuckten die Achſeln und zeigten in die Höhe, als wollten ſie ihm andeuten, daß er doch wieder ſo groß werden würde und er möge nur Geduld haben. Was war zu thun? Der arme Schneider mußte ſich in Geduld fügen und den Zwergen folgen, die vorangingen und ihm winkten nachzukommen. Wie ungeheuer erſchienen ihm jetzt die Tannen⸗ bäume, zu deren Spitzen er kaum hinaufſehen konnte. Das nie⸗ dere Wachholder⸗ und Diſtelgebüſch, das er geſtern noch mit dem Fuß zertreten, ragte ihm jetzt hoch über den Kopf, und Käfer und Spinnen, die der ankommende Morgen erweckt, und die luſtig ihren Geſchäften nachliefen, erſchienen ihm jetzt groß und fürchterlich. Nach kurzer Zeit gelangte er mit den Hurlemännern an einen hohen Fels, ſo hoch, wie er früher nie einen geſehen, und hier ſtanden ſie ſtill, vor einer verſteinerten Wendeltreppe, wie er ſie ſonſt mit andern Muſcheln aus den Felſen heraus gehauen hatte und die ihm jetzt ungeheuer groß vorkam. Einer der Zwerge nahm ein goldenes Horn hervor und ſtieß hinein, worauf ſich die Wen⸗ deltreppe langſam herumdrehte und eine Oeffnung zeigte, zu welcher die Geſellſchaft hinein und langſam aufwärts ſtieg. Die nie geſehene ungeheure Pracht, die ſich jetzt vor den Blicken Philipps entwickelte, ließ ihn für Augenblicke ſein Leid vergeſſen. Von der Treppe kamen ſie in eine große Vorhalle, aus den ſchönſten glänzendſten Steinen zuſammen geſetzt und von Säu⸗ len getragen, die aus roſenrothem und weißem Kryſtall beſtauden. der Zwerge. 251 Von hier kamen ſie in große Säle, von denen einer prächtiger geſchmückt war, als der andere. Doch war in all' den Zimmern und Gängen keine Menſchenſeele zu ſehen. Daß aber hier noch vor wenigen Stunden Leute geweſen waren, ſah man an den gol⸗ denen und ſilbernen Geſchirren, die hie und da unordentlich auf den Tiſchen umherſtanden, ſowie an den Kronleuchtern, die mit halb herabgebrannten Lichtern beſteckt waren. Es war gerade, als ſeien in dieſen Gemächern große Feſte und Gaſtmähler gefeiert worden, und auch Muſik hatte nicht ge⸗ fehlt, denn in einem der größten Säle ſtanden auf dem Orcheſter noch die verſchiedenartigſten Inſtrumente. Die Zwerge gingen durch dieſe geſchmückten Hallen ſtumm und traurig, und Philipp folgte ihnen mit größter Verwunderung. Jetzt hatten ſie die Säle hinter ſich und befanden ſich vor einer Menge vielfach verſchlungener Gänge, wo ſich die ſechs Hurlemänner die Hand reichten und jeder in einen beſondern Gang hineintrat. Der Eine winkte Philipp, ihm zu folgen, und Beide traten in einen gewölbten Corridor, von deſſen Ende ihnen eine ſanfte leiſe Muſik entgegentönte. Es war wie einzelne Klänge, die der Wind den Saiten entlockte: es war wie die Klage von Aeolsharfen. In dieſem Corridor befand ſich Thür an Thür und faſt am Ende deſſelben öffnete der Zwerg ein Pförtchen, hieß den Schneider hineintreten und ſchloß hinter ihm zu. Philipp, dem von all' dem Wunderbaren, das ihm heute vor⸗ gekommen, der Kopf wie verwirrt war, wagte anfänglich nicht, ſich umzuſehen, aus Furcht, etwas Neuem, Unheimlichem zu be⸗ gegnen; doch dem war nicht ſo. Als er endlich ſein kleines Zim⸗ mer unterſuchte, fand er, daß es freilich nur in Stein gehauen, aber weit zierlicher und geſchmackvoller eingerichtet war, als ſeine Schlafſtube bei Meiſter Caspar. Nur kam ihm die Bettlade ſon⸗ derbar vor, die aus einer großen verſteinerten Muſchel beſtand. Doch da Kiſſen und Decke in demſelben überaus weich und fein waren, ſo zog er ſich in Gottes Namen aus und legte ſich hinein. Anfänglich drückte ihn der Gedanke an Roſa ſchwer und wie er ihr ſo nahe und doch ſo fern ſei; doch ließ die Muſik, die immer⸗ fort in den Gängen ertönte, keinen trüben Gedanken aufkommen, 2⁵² Der Leibſchneider vielmehr verwandelten ſich alle ſchweren Träume und Seufzer in luſtige fröhliche Geſichter, die ihn umtanzten, und ſo entſchlief er. Wie lange er ſo mochte geſchlafen haben, wußte er nicht; wie ihm däuchte, nach mehreren Stunden, fühlte er ſich am Aermel gezupft; ſein Führer von geſtern Abend ſtand vor ihm und er⸗ mahnte ihn aufzuſtehen und ihm zu folgen. Der arme Schneider, dem jetzt wieder ſeine ganze Verwandlung und Alles, was ihm paſſirt, ſchwer auf's Herz ſiel, ſtand ſeufzend auf und folgte dem Zwerg in den Gang hinaus, wo man jetzt die ſanften Klänge nicht mehr hörte, wohl aber eine andere rauſchende luſtige Muſik, die von den prächtigen Sälen herzukommen ſchien, durch welche ſie ge⸗ ſtern gewandelt. Am Ende des Corridors traten die fünf andern Hurlemänner wieder zu ihnen und Alle gingen ſchweigend durch ſeitwärts gelegene, glänzend erleuchtete Hallen fort. Die ſechs Zwerge ſenkten ſtumm und traurig die Blicke zu Boden, Philipp aber konnte es nicht unterlaſſen, ſeine Augen überall herumzu⸗ ſchicken und da ſah er denn, wie ſich hie und da ein Thürlein öffnete und ein Zwerg oder eine Zwergin heraustrat, auf das Prächtigſte angethan mit ſchönen geſtickten Kleidern, die aber alle beim Anblick der traurigen Geſellſchaft ſchnell wieder verſchwanden. Jetzt kamen ſie von einer andern Seite her wieder in die große Halle mit den kryſtallnen weißen und rothen Pfeilern; der Eine ſtieß wieder in's Horn, die Wendeltreppe drehte ſich und wie ſie langſam auf ihr hinabſtiegen, wurde die rauſchende Muſik und der laute Jubel in der Zwergenburg immer ſchwächer und ſchwächer und hörte endlich ganz auf, als ſie wieder in den Wald hinaus⸗ traten unter die Tannenbäume. Da war es wieder Nacht wie geſtern; nur wollte es⸗ Philipp bedünken, daß es heute weit kälter ſei. Doch machten die Zwerge gleich ein Feuer an, bei deſſen hellem Schein ſich der Schneider ſeine Finger erwärmen konnte. Auch ſah er jetzt, daß der Zwerg, der ihn aus dem Bette geholt, ſeinen Ranzen über die Schulter gehängt hatte, den er jetzt neben ihn hinlegte. Die Geſellſchaft ſetzte ſich um das Feuer und war ſtumm wie geſtern. Auch Philipp, der an die glühende Nadel und die Ohrfeige dachte, wagte es nicht den Mund zu öffnen. Doch bald ergriff ihn die Langeweile und 8 der Zwerge. 2⁵3 er öffnete ſeinen Ranzen, nahm Nadel und Zwirn heraus und machte den Zwergen durch Mienen verſtändlich, ob vielleicht noch einer von ihnen geflickt ſein wolle, worauf fünf von ihnen freudig in die Höhe ſprangen und ſich zu ihm drängten. Er faßte einen am Aermel, unterſuchte ihm die Jacke, wo er dann fand, daß die⸗ ſer eben einen ſolchen Riß an der Seite hatte, wie der geſtrige auf dem Rücken. Er brachte den kleinen Kerl alſo in die gehörige Lage, und nähte unverdroſſen darauf los. Doch da er heute eben⸗ ſo kleine Hände hatte, wie die Zwerge, ſo ging es mit der Arbeit langſamer als geſtern, und wenn er ſich auch wohl in Acht nahm, damit das Zugenähte nicht wieder aufſpränge, ſo wurde er doch erſt fertig, nachdem ſich der Himmel im Oſten röthete und die Sonne langſam aufßzuſteigen begann. Nachdem der Zwerg, der heute geflickt worden war, eine Zeit lang ebenſo luſtig im Graſe herum geſprungen, wie der geſtrige, zog auch er einen Goldgulden aus der Taſche und gab ihn dem Schneider. Jetzt gingen ſie wie geſtern zur Zwergenburg zurück, ſtiegen die Wendeltreppe hinauf, kamen durch die wieder leer ge⸗ wordenen Säle, und Philipp legte ſich in ſeine Muſchel und ſchlief bei dem Klange der Harfentöne wieder ein. Ebenſo erging es dem Schneider in der dritten, vierten und fünften Nacht. Er nahm jedesmal draußen im Wald einen der Hurlemänner vor, und nähte ihm Haut, Unterfutter und Rock auf das Sorgfältigſte zuſammen, erhielt dafür ſeinen Goldgulden und fügte ſich, da es einmal nicht anders war, in das traurige Schick⸗ ſal, im wahren Sinne des Wortes Leibſchneider der Zwerge zu ſein und nicht mehr zu den Seinen zurückkehren zu können. Nur kam es ihm bei dieſen nächtlichen Beſuchen des Tannenwaldes ſon⸗ derbar vor, daß dieſes Jahr der Winter ſo raſch eintrat; denn ſchon in der dritten Nacht war es ſo empfindlich kalt, daß ihm ohne das Feuer der Zwerge die Finger erfroren ſein würden, und doch war es erſt Ende des Monats Auguſt geweſen, als er Aachen verlaſſen. In der vierten Nacht traute er kaum ſeinen Augen, als er ſah, daß die Zweige der Tannenbäume dicht mit Schnee bedeckt waren und vom eiskalten Winde bewegt traurig ſeufzten; ebenſo 254 Der Leibſchneider in der fünften Nacht und in der ſechsten, wo er den letzten Zwerg vornahm, um ihn ebenfalls wie die Andern, auszubeſſern. Er nähte heute eifriger, um ſich in der kalten Luft warm zu machen, und war ſchon fertig, als Mitternacht kaum vorüber ſein mochte. Dann entließ er den Zwerg mit einem gelinden Klaps wie auch die übrigen, und ſah zu ſeinem großen Erſtaunen, wie ſie alle ſechs aufſtanden, ſich bei den Händen nahmen und mit lu⸗ ſtigen Geberden wild um ihn herumtanzten. Nachdem es einige Sekunden gedauert hatte, ſtanden die Hurlemänner ſtill, und der, den er zuerſt zuſammengenäht hatte, trat auf ihn zu, öffnete den Mund und ſprach zum erſten Mal zu ihm folgende Worte:„nimm für das, was du an uns gethan haſt, unſern herzlichſten innigſten Dank und erfahre, welchen ungeheuren Dienſt du uns geleiſtet. Du haſt unſere Burg geſehen und an der glänzenden Einrichtung der⸗ ſelben, ſowie an den prächtigen Sälen, die bei unſerer Rückkehr eben erſt das luſtige Zwergenvolk verlaſſen, daß wir ein angeneh⸗ mes und behagliches Leben führen. In der Zeit, die ihr Menſchen Tag nennt, und wo der große Stern, die Sonne, euch mit ſeinem unausſtehlichen Licht faſt blendet, ſchlafen wir und erſt wenn die Nacht heraufſteigt, wird es in unſern Burgen lebendig und wir erfreuen uns bei Spiel und Tanz der vergnügteſten Stunden. Wiſſe, daß wir Zwerge ein noch viel reizbareres Temperament haben, als ihr Menſchen. Und ſo geſchah es denn in einer Nacht, daß wir ſechs in der Burg eines fremden Zwergenkönigs durch Tanz und Spiel aufgeregt, eines unſerer Hauptgeſetze, dasjenige nämlich, zur rechten Zeit zu ſchweigen, ganz vergaßen, und dadurch mit den andern Zwergen zuerſt in Wortwechſel, dann aber in blu⸗ tige Händel geriethen. Du haſt geſehen, welche Wunden wir da⸗ von trugen und nur dem Vorzug eines tauſendjährigen Lebens hatten wir es zu danken, daß wir an unſern Wunden nicht ſtarben. Auch ſprach bei unſerer Rückkehr unſer König eeine ſchwere Strafe über uns aus, welche dahin lautete, daß wir ſo lange von den Feſten der luſtigen Burg entfernt bleiben und die Stunden, in denen ſich die andern Bewohner der Zwergenburg mit Spiel und Tanz unterhielten, im dunkeln Walde zubringen ſollten, bis ſich ein Menſch fände, der unaufgefordert von uns und ohne dabei ein * der Zwerge. 255⁵ Wort zu ſprechen, nach eurer Art unſere Kleider und Wunden zu⸗ nähe. Um dieſen Fluch zu ſchärfen, und ſeine Löſung recht lange hinauszuziehen, war es uns nicht einmal vergönnt, jede Nacht dem Blicke der Menſchen, die vielleicht vorbeikamen, ſichtbar zu ſein; ſondern nur beim Mondeswechſel durften wir uns in unſerem er⸗ barmungswürdigen Zuſtande ſehen laſſen, um in tiefem Schweigen um Hülfe zu flehen. Du wirſſt erſtaunen und erſchrecken, wenn ich dir die Länge der Zeit nenne, die wir hier vergebens geharrt. Es ſind weit über hundert Jahre, weßhalb unſere Schuld gegen dich unbezahlbar iſt.“ Philipp ſtand ſtumm vor Erſtaunen da bei dieſer Rede des Zwerges und wußte nicht, was er ſagen ſollte. Dieſer zog hierauf unter ſeinem Mantel den wohlbekannten goldenen Becher hervor und reichte ihn Philipp, der ihn zweifelnd nahm, ihn doch im Ver⸗ trauen auf die Zwerge raſch leerte. Da fühlte er plötzlich in allen ſeinen Gliedern eine gewaltige Luſt, ſich zu recken und zu dehnen. Er wuchs ſichtlich in die Länge und Breite und bemerkte in wenig Minuten zu ſeiner größten Freude, daß er ſeine vorige Geſtalt wieder angenommen hatte. „Nimm,“ fuhr der Zwerg fort zu ſprechen,„die ſechs Gold⸗ ſtücke, die wir dir in ſechs Nächten gegeben, als eine Belohnung des Dienſtes an, den du uns geleiſtet. Ich weiß, euch Menſchen geht nichts über das blanke Metall. Doch laſſe keins dieſer Gold⸗ ſtücke aus deinem Beſitze kommen, ſondern verſchließe ſie in eine Truhe, wo du bei ihnen jedesmal das nöthige Geld zu deinen Ausgaben finden wirſt. Vererbe ſie auf deine Kinder und Kindes⸗ kinder, denen ſie einſt noch größere Dienſte leiſten werden; denn in ihnen wohnt eine geheime Kraft, die erſt nach einigen hundert Jah⸗ ren ihre Reife erlangt. Jetzt lebe wohl und merke dir die goldene Regel, deren Vernachläſſigung uns in's Unglück brachte, und in deren Ausübung du auch nicht ſtark zu ſein ſcheinſt:„Schweige zur rechten Zeit!“ Bei dieſen letzten Worten reichte er und die fünf andern Hur⸗ lemänner dem erſtaunten Schneider die Hand und im Augenblicke darauf waren alle Sechs verſchwunden. Jetzt drang auch der erſte Strahl der Morgenſonne über die Berge herüber und beleuchtete „ 256 Der Leibſchneider der Zwerge. den Schnee, der auf dem Boden lag und an den Zweigen der Tannenbänme hing. Nun erſt wurde es dem glücklichen Philipp klar, woher er plötzlich in ſechs Nächten aus dem Sommer mitten in den Winter verſetzt worden war; denn da die Zwerge ſich ihm nur von Monat zu Monat zeigen durften, ſo hatten ſie in den Zwiſchenzeiten ihn mit einem Zauber umgeben, der ihn jedesmal einen ganzen Monat ſchlafen ließ. Obgleich es ſo Februar und ziemlich kalt geworden war, ſo hatte doch Philipp den Vortheil, daß er jetzt den Weg aus dem Tannenwalde finden konnte, da an den niedern Sträuchern keine Blätter mehr hingen, die ihm die Ausſicht verſperrten. Rüſtig ſchritt er zu und jauchzte vor Freuden laut auf, als vor ihm aus dem Thal der majeſtätiſche Dom Kaiſer Karls emporſtieg. Bald hatte er die Mauern der Stadt erreicht und durchlief eilig die Straßen nach Meiſter Caspars Hauſe. Dieſem hatte unterdeſſen ſeine Härte gegen Plilipp leid ge⸗ than und er ſowohl wie Roſa weinten heiße Thränen, als der Vetter, freilich in etwas abgeſchabtem Anzuge, in's Zimmer ſtürzte. Doch wie groß war das Erſtaunen und die Freude, als Philipp nun aus ſeinem Ranzen ſechs vollwichtige ſchwere Goldgulden hervor⸗ zog und ſie nebſt der Erzählung alles Wunderbaren, was ihm paſſirt, vor des Meiſters Augen ausbreitete. Dieſer gab ihm der Formalität wegen noch eine kleine Probezeit auf, um zu ſehen, ob er ſeine Plauderhaftigkeit abgelegt, und fand darnach, daß Philipp ſich ſo gebeſſert hatte, daß er ihm in kurzer Zeit ſeine Kundſchaft übergeben und ihn mit der glücklichen Roſa verheirathen konnte. Seit der Zeit gab es aber auch keinen fleißigeren und ausdanern⸗ dern Arbeiter als Philipp; denn wenn ihn anfänglich auch die Luſt anwandelte, aufzuſchauen und zu plaudern, ſo empfand er in ſeinen Ohren ein leiſes Jucken, ſowie einen feinen Stich in der Hand, was ſich aber auch nach und nach verlor. Das Verſprechen der Zwerge bewährte ſich und die Goldgulden, die in einer beſondern Truhe verſchloſſen wurden, gaben bei kleinen Verlegenheiten das nöthige Geld willig her und blieben ſo unangetaſtet im Beſitz der milie.