——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur(. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morg 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vomn jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.“ 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende S. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatt wird. 8 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werd eträgt:“ für gachentlich 2 Bücher: 4 Bücher 1 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. „ 3„ 1 3„ 6 41,* 43. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendl der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. f. 6. Schadenersatz. 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Dritter Band. — Einundvierzigſtes Kapitel. „uℳ kt Erzählt von einer Entdeckungsreiſe, welche zu einem gewünſchten Reſultate zu führen ſcheint.* Dieſes Eſſen ging nun vorüber, wie manches andere Feſteſſen, nur mit dem Unterſchiede, daß hier keine Reden gehalten, vielmehr nur den Schüſſeln zugeſprochen wurde. Herr Holder ſaß neben den Kindern des Direktors, finſter und in ſich gekehrt, und warf zuweilen einen mißtrauiſchen Blick auf die neuen Kollegen, wogegen der würdige Herr Trommler ſein Möglichſtes that, um dieſelben, die an ſeiner Seite ſaßen, aufs Beſte zu unterhalten. Von dem Herrn Hannibal können wir nicht verſchweigen, daß er— wahr⸗ ſcheinlich unbewußt— an der Seite der Schwägerin des Schau⸗ ſpieldirektors(ſie hieß Thusnelde) niedergeſeſſen war und ſich dort ſehr wohl zu befinden ſchien; wenigſtens war ihm dieſer zweite Akt ſeines neu begonnenen Künſtlerdramas nicht minder angenehm, als der eben vorübergegangene erſte; denn hatte er droben fleißig mit Hammer und Säge gearbeitet, ſo that er jetzt hier unten mit Meſſer und Gabel deßgleichen, und fand dabei noch vollkommen Zeit, ſeine Nachbarin von der Seite anzuſehen, die ihm häufig etwas zuflüſterte. Auch brachte er es in Folge dieſer Zuflüſterun⸗ gen zuweilen zu einem Lächeln; doch kam dies nicht häufig vor, denn die großen Biſſen, mit denen er ſich verſah, drückten ſein 8 Eiinundvierzigſtes Kapitel. Geſicht ſo in die Breite, daß er trotz übergroßer Anſtrengung nur ſelten im Stande war, obendrein auch noch zu lachen. Daß der Reiz des Lebens in Abwechslung beſteht, wußte auch der Schauſpieldirektor; deßhalb arangirte er dieſes heitere Fami⸗ lienfeſt nach der harten Arbeit droben, und um dieſem Grundſatze treu zu bleiben, übergab er nach dem Diner dem Herrn Wellen, dem Herrn Müller und dem Herrn Hannibal jedem ein Paket alter vergilbter Papiere. Das waren Rollen zu verſchiedenen Schau⸗, Trauer⸗ und Luſtſpielen, womit ſich dieſe drei Herren in den näch⸗ ſten Tagen vertraut zu machen hatten. 8 Als nun die Tafel aufgehoben und die Geſellſchaft auseinan⸗ der gegangen war, Jedes ſeinem Geſchäfte nach, verließen Eugen und der luſtige Rath das Wirthshaus zur wilden Roſe, um dem Schloſſe droben in der Höhe einen Beſuch abzuſtatten. 4 Sie gingen durch das Dorf, bei der alten Kirche vorbei; dort, hatte Eugen ganz richtig vermuthet, müſſe ein Fußweg auf die Höhe führen. Da lag die kleine Kirche ſo ſtill und friedlich in⸗ mitten des von Mauern eingefaßten Friedhofes, und die warme Sonne umſchlang ſo freundlich und herzlich die alten Mauern, drang ſo unwiderſtehlich durch die langen, ſchmalen, vergitterten Fenſter, daß das alte Gebäude unter dieſen warmen Küſſen ordentlich auf⸗ zuleben ſchien. Es war ſo ſtill hier zwiſchen den Gräbern, ſo feierlich ſelbſt außerhalb der Kirche, daß unſere Freunde mit abge⸗ zogenem Hute durch das kleine Thor ſchritten. Der Friedhof ſchien nicht mehr zu dem, was er war, benutzt zu werden: da war kein friſch aufgeworfenes Grab, wo die ſchwarze Erde ausſah, als ſei ſie feucht von Thränen, hier war Alles bedeckt mit einem mit⸗ leidigen Raſen, einem vielfarbigen Blumenteppiche, den die freund⸗ liche Natur über diejenigen von ihren Kindern deckte, die den Mühen dieſer Welt erlegen waren und ſich vertrauensvoll in ihren Schooß geflüchtet hatten. Die alte niedrige Mauer war mit Grabſteinen hedeckt, von Eine Entdeckungsreiſe. denen die meiſten mit ganz geharniſchten Ritter figuren, oder mie Damen in dicken Halskrauſen und langen, ſteifen Schnürleibern, oder auch mit Helm und Wappen von einer längſt vergangenen Zeit erzählten, von alten Geſchlechtern, die droben auf dem Schloſſe eines nach dem andern gehaust, und die dann von der glänzenden Höhe ihres Berges und ihrer Stellung im Leben herabſteigen mußten in den engen Raum der kleinen Dorfkirche. Wie ſchön waren die zwei kleinen Thore an beiden Seiten des Friedhofes! Ein flacher Bogen bedeckte jedes, und in dem Schlußſtein war das Wappen der gräflichen Familie da droben eingemeißelt. Doch war die unnachſichtige Hand der Zeit darüber hingefahren und hatte die Linien dieſes Wappens verwiſcht, und es koſtete Mühe, aus den wenig übrig gebliebenen die Formen des Helms und des Wappenſchildes heraus zu bringen. Auch der Ephen, der neben dieſen Thoren an der Mauer luſtig emporwucherte, hatte ſeine langen, faſerigen Wurzeln in Zeichen und Schrift ein⸗ gedrängt, Beides beſchattend, und wenn man davor trat, um Worte oder Buchſtaben zu entziffern, ſo ſchüttelten ſich die Blätter lachend im ſanften Winde, als wollten ſie ſagen: Gebt euch keine Mühe mit den alten, moderigen Steinen, betrachtet uns lieber und denkt an euer eigenes Leben, das noch wie wir, friſch und grün vom Glanz der Sonne beſchienen wird.— So denkt der Epheu, und deßhalb hält er ſich auch ſo gern an alten Mauern 14 und Kirchhöfen auf, als Gegenſatz zu dieſen ein freundliches„Wir leben!“ wir leben neben den trüben Zeichen der Vergänglichkeit. Hinter dem Kirchhofe führte der Weg aufwärts in die Berge,. eine Zeit lang bei jener Mauer vorbei, welche die Freunde heute 4 Morgen aus ihrem Fenſter geſehen. Es war ein ſchmaler, wenig betretener Fußpfad, den die Kräuter, Blumen und Sträucher, welche unter dem Schutze der Mauer wuchſen, dem Menſchen beſtändig ſtreitig machten. Oft, wenn in der Länge der Zeit ein dichter Hollunderbuſch empor gewachſen war, zu deſſen Füßen ſich Gräſer 3 10 4 Einundvierzigſtes Kapitel. und Mooſe angeſetzt, hatten ſich dieſe hie und da ſo weit vorge⸗ ſchoben, daß ſich der Weg einen großen Bogen zu machen ge⸗ nöthigt ſah. „Kommt dir das nicht alles ſo heimlich und bekannt vor?“ ſagte Eugen zu ſeinem Freunde;„mir iſt es gerade, als ſei ich hier ſchon geweſen, als habe ich namentlich dieſen Weg der Mauer entlang ſchon hundert Mal gemacht.“ „Ja, ja,“ entgegnete Herr Sidel,„es geht einem zuweilen ſo. Hier iſt das nun eigentlich kein Wunder, denn das alte Kirchlein da unten hat ſo viel Aehnlichkeit mit anderen, wo wir ſchon waren, und auch das Gemäuer, neben dem wir wirklich dahergehen. Erinnere dich, es befindet ſich etwas ſo ſehr Aehnliches in E., daß man wohl die beiden Orte mit einander verwechſeln und glauben kann, man wäre hier ſchon geweſen, während einem doch nur das Andere vorſchwebt.“ „Ganz recht! dies mag hier der Fall ſein; aber dir iſt es gewiß auch ſchon im Leben begegnet, daß du Städts, Gegenden, wo du niemals geweſen, nun auf einmal auf deinen Reiſen vor dir ſiehſt und du dir plötzlich befremdet ſagen mußt: das iſt mir nicht unbekannt, das habe ich alles ſchon einmal geſehen.“ „Vielleicht in Abbildungen,“ meinte Herr Sidel. „O nein, gewiß nicht!“ fuhr Eugen fort.„Abbildungen zeigen dir nur eine einzige Seite, und wenn du nicht gerade auf den Punkt kommſt, von wo man ſie aufgenommen, ſo erkennſt du meiſtens das Original nicht wieder, und dann iſt die Kenntniß, welche du auf jene mir unbegreifliche Art von fremden Städten und Gegenden erhältſt, eine ſo wahre, eigentlich möchte ich ſagen, erſchreckend genaue. Wenn du mich nach deiner löblichen Gewohn⸗ heit nicht auslachen willſt, ſo möchte ich dir eingeſtehen, daß ich zuweilen im Traum glaube, ſolche Städte, ſolche Orte geſehen zu haben, die ich alſo nun ſpäter in der Wirklichkeit ſo plötzlich wieder erkenne.“ 8 — dergleichen noch nicht vorgekommen iſt.“ 3 „Du wirſt ſehen, daß ſich das, was ich dir vorhin ſagte, 4 Eine Enideckugg reſfe. „Ich gebe das zu,“ verſeßte der tuſtige Rath, obſchon mir droben bei dem Schloſſe, ja ſogar bei dem Wege, der dahin führt, vollkommen beſtätigen muß.“— Bei dieſen Worten war Eugen ſtehen geblieben und blickte ſeinen Freund lächelnd an.—„Da vor uns,“ fuhr er fort,„ſiehſt du jenes alte, halb verfallene Thürm⸗ chen; dort ſcheint der Weg, auf dem wir eben gehen, zu ver⸗ ſchwinden. Obgleich ich nun, wie du ſelber weißt, niemals hier in dieſer Gegend war, ſo will ich dir doch genau beſchreiben, wie und auf welche Art jener Weg von dem Thurm an weiter ge⸗ führt iſt.“ 8— „Darauf wäre ich begierig,“ meinte der luſtige Rath. „So höre mich an,“ ſagte Eugen.„Dort links hinter dem Thurme fällt der Weg plötzlich, ſtatt wie bis jetzt zu ſteigen. Wir gehen abwärts bis zu einem ſchattigen Grunde, dicht mit großen Bäumen bewachſen. Es iſt dort ein Waſſer, nur weiß ich nicht, ob ein kleiner Bach oder ein Teich oder nur eine laufende Quelle; von dort ſteigt der Weg wieder und wendet ſich auf der anderen Seite um den Berg bis zum Schloſſe empor.“ „Wenn dem ſo iſt,“ bemerkte lachend Herr Sidel,„ſo be⸗ komme ich einen ungeheueren Reſpekt vor dir und werde dir, einem Hellſeher und Propheten, meine vollſte Achtung nicht verſagen.“ „Deine Ungläubigkeit iſt bekannt, mein edler Thomas,“ ſprach Eugen ebenfalls lachend.„Aber viel lieber, als deine übergroße Achtung, wäre mir eine kleine Wette, die wir um den fraglichen Gegenſtand eingehen könnten.“ „Wozu das?“ meinte Herr Sidel,„du würdeſt von mir doch dein eigenes Geld gewinnen. Aber ſage mir, wenn du wirklich auf übernatürliche Weiſe Kenntniß von dem Weg und dem Schloſſe erlangt haſt, werden wir droben jene Kapelle finden oder nicht?“ „Wir werden ſie finden,“ ſagte Eugen feſt und beſtimmt. Und 4 3 3 12 Einundvierzigſtes Kapitel. da ſie nun an dem kleinen Thurme angelangt waren, ſo ſprang Engen bei dieſen Worten über das zerbröckelte Mauerwerk, um einen Blick in das Thal zu gewinnen. Der luſtige Nath, der ihm gefolgt war, konnte nicht umhin, ehe er ein Gleiches that, auf die Fortſetzung des ſchmalen Weges zu blicken, auf dem ſie hieher gekommen und der ſich nun hart am Fuße des Thurmes herum wand. Ja, es war ſo, wie Eugen geſagt. Dort ſenkte ſich der Weg hinab zu einem ſchattigen Grunde, der mit hochſtämmigen Bäumen bewachſen war. Der luſtige Rath trat kopfſchüttelnd und lächelnd an die Seite ſeines Freundes. Eugen blickte in das Thal hinab, das ſich weit, weit hinaus, rechts von ihnen, mit dem flachen Lande zu vereinigen ſchien. Die beiden Höhenzüge— der, auf welchem das Schloß ſtand, und der andere, von dem ſie geſtern Abend herabgeſtiegen waren— liefen jenſeits des Dorfes auseinander und verflachten ſcheinbar wenige Stunden von da. Es mußte ein fruchtbares Land ſein, das Thal⸗ zwiſchen dieſen beiden Höhenzügen. Da erblickte man große Strecken⸗ mit Kornfeldern und unendliche Wieſen, auf welchen man hier, wie aus der Vogelperſpektive, das zwerghafte Treiben der Menſchen ſah, wie ſie mit Pferd und Wagen hinauszogen, wie ſie hier Haufen des duftigen Heues zuſammen trugen, dort das friſche Gras erſt niedermähten. Die letztere Arbeit konnte man deutlich erkennen an dem Blitzen der Senſen, wenn ſie ſo gehalten wurden, daß ein Sonnenſtrahl darauf fiel. Zu ihren Füßen lag die Kirche und das Dorf, und ſie ſahen es wie heute Morgen, nur von einer anderen Seite; aber es war durch die Gleichheit der Dächer und der Schornſteine faſt ganz dieſelbe Anſicht. Dort war auch das Wirthshaus, die wilde Roſe, von der Sonne hell beſchienen, welche luſtig in den vielen Fenſtern glänzte. Auf der Terraſſe ſah man Leute, und die Frau Roſel ſaß vor der Hausthüre. 4 45 k Eine Entdeckungsreiſe. „Siehſt du dort den Weg, wie ich ihn dir beſchrieben?“ rief Eugen, als er nun wieder herabgeſtiegen war.„Gib nur Achtung, es trifft Alles genau zu, wie ich dir geſagt.“ „Ich muß dich in der That bewundern,“ entgegnete Herr Sidel mit vielem Ernſte;„und ſowie wir dort in jenem kühlen Grunde die mächtige Eiche erreicht haben, werde ich mich bemühen, einige Zweige davon abzubrechen, um dir, wie es in alten Zeiten der Brauch war, den wohlverdienten Seherkranz zu winden.“ So gingen ſie mit einander fort, und es war in der That ſo, wie Eugen vorausgeſagt. Zuerſt führte der Weg ſie abwärts zu jenem kleinen Thale, wo unter uralten Buchen und Eichen eine kleine Quelle aus den Felſen hervorrieſelte und, abwärts eilend, zwiſchen dem dunkelgrünen feuchten Mooſe, zwiſchen den Farren⸗ kräutern und Waſſerpflanzen verſchwand. Dann wandte ſich der Pfad um den Berg herum, und nachdem ſie hierauf eine gute halbe 4 Stunde empor geſtiegen waren, ſahen ſie das Schloß dicht über ſich und vor ſich liegen. .* Der Weg führte ſie zu einer kleinen Pforte, welche bis vor eine vorgeſchobene, tiefer liegende Terraſſe ging. Dieſe Pforte ſtand offen, und auf einer ſteinernen Treppe hinter derſelben ge⸗ langten ſie auf die Höhe jener Terraſſe. Hier war Alles ſorgfältig gehegt und gepflegt und aufs Beſte erhalten. Feiner Sand be⸗ deckte den Boden; neben zierlich angelegten Blumenbeeten wuchſen hohe Waldbäume, um deren Stämme Ruheplätze angebracht wa⸗ ren, und Alles hier zeigte eine ſchaffende, ordnende Hand. An einer zweiten, höher liegenden Terraſſe, die an dieſe ſtieß, wuchſen Epheu, wilde Reben und Schlingroſen, und die verſchiedenen Aeſte und Zweige dieſer Pflanzen waren künſtlich geordnet und befeſtigt.. Zur zweiten Terraſſe führte eine ähnliche Treppe wie zur erſten, und da die beiden Freunde Niemanden fanden, der ihnen den Eintritt verwehrt hätte, auch die kleine Pforte hier ebenfalls 8 8 1 Einundvierzigſtes Kapitel. offen ſtand, ſo ſtiegen ſie hinauf und ſahen nun einen Theil des Schloſſes vor ſich liegen. Die Terraſſe hier war ebenſo angelegt, wie die untere, nur daß die hohen Bäume, welche die Ausſicht benommen hätten, fehlten, und ſtatt derſelben zwiſchen Blumen⸗ beeten und Geſtellen mit duftigen Topfpflanzen überall kleine Par⸗ tieen der ſeltenſten und mannigfaltigſten Geſträuche waren, zwiſchen denen ſich der Weg hindurch wand. Das Schloß erſchien auch hier als ein ſtattliches und gewal⸗ tiges Gebäude; doch war man zu nahe, um auch nur einen Theil deſſelben genau überſehen zu können. Hier lag vor dem Blick ein Theil des Gebäudes neben dem anderen, und eines erhob ſich wieder über dem anderen. Da waren flache Dächer mit, Terraſſen und Zinnen neben hohen Giebeln, und zwiſchen zwei ſchlanken Thürmen wölbte ſich ein gothiſcher Bogen, der offenbar einem dahinter liegenden Zimmer zum Balkon diente. Eine ſchwere Stein⸗ baluſtrade ſchloß den Bogen von vorn, und hier ſah man die erſten Zeichen, daß das Schloß bewohnt ſei. Auf dieſem Balkon befand ſich ein Blumentiſch mit zierlichen blühenden Geſträuchen, daneben ſtand ein kleiner Tiſch mit einem Lehnſeſſel, auf der Ba⸗ luſtrade ſelbſt lag ein Buch, und neben demſelben hing ein Damen⸗ ſhawl herab in röthlicher Farbe, was zwiſchen den grauen, gewal⸗ tigen Steinmaſſen dem Auge angenehm und wohlthuend erſchien. „Jetzt müſſen wir Achtung geben,“ ſagte der luſtige Rath, „und auf jeden Fall mit der Hand bereit ſein, nach unſeren Hüten zu fahren; denn ich bin feſt überzeugt, im nächſten Augenblicke wird uns irgend ein knunrrender oder murrender Cerberus in den Weg ſpringen und uns fragen, warum wir uns zur Hinterpforte hereingeſchlichen, ſtatt den Haupteingang zu wählen, wie es anſtän⸗ dige Fremde ſonſt zu thun pflegen.“ „Die Beantwortung einer ſolchen Frage,“ entgegnete Eugen, „ſcheint mir ſehr leicht zu ſein; wir mieden den hellen, ſonnen⸗ beſchienenen Fahrweg, wir ſchwangen uns durch der Wälder Dickicht Eine Entdeckungsreiſe. hinauf, und als uns an der Hinterpforte kein„verbotener Ein⸗ gang“ entgegen glänzte, ſo traten wir unangemeldet ein. Aber es iſt doch merkwürdig, was das Schloß öde und leer erſcheint, und was dagegen Alles gut erhalten ausſieht, ſo wohnlich, wie ich noch nie ein ſolches Gebäude erblickte.— Sieh die Fenſter mit ihren ungeheueren Scheiben, alle die kunſtreichen Gitter am unteren Stockwerk unverletzt, da fehlt kein Blatt, kein Schnörkel. Dann die Zinnen auf den Mauern: Alles gut erhalten; ebenſo die Dächer mit ihren phantaſtiſchen Rinnen, aus welchen fabelhafte Unge⸗ thüme aller Art das Regenwaſſer ſpeien; vor allen Dingen aber die zierlichen Terraſſen. Ich ſah nie etwas Lieblicheres und An⸗ genehmeres, als namentlich die untere mit ihren dicken, ſchattigen Bäumen. Der Weg, den beide Freunde unter dieſen Worten verfolgten führte um einen runden Eckthurm herum, der am Ende der Terraſſe zu ſtehen ſchien; und ſo war es denn auch. Die Schutzmauer der letzteren ſtieß hinter dem Thurme an das Mauerwerk, ſich auf dieſe Art abſchließend, und ließ nur Platz zu einem kleinen Thore, das zwiſchen Thurm und Mauer durch einen breiten und dunkeln Bo⸗ gen in das Innere des Schloßhofes führte. Derſelbe war mit breiten Steinen gepflaſtert, und von dem großen Thore, welches die Beiden zur Rechten liegen ſahen, führte ein breiter, mit Kies bedeckter Weg nach dem gegenüber liegenden Haupteingange. In der Mitte des Weges und des Schloßhofes war ein runder Platz, der offenbar die Beſtimmung hatte, den Equipagen zum Ausweichen zu dienen. In der Mitte deſſelben erhob ſich ein marmorner Brunnen mit zwei übereinander liegenden Schalen, deren oberſte einen kleinen Waſſerſtrahl in die Höhe ſandte. Dieſer Brunnen mit ſeinem murmelnden, plätſchernden Waſſer belebte den Hof auf die angenehmſte Weiſe. Um das Mar⸗ morbaſſin herum ſtanden Sträucher und Blumen, ebenſo wie an allen Thüren, die in den Hof mündeten, was den vier grauen 16 Einundvierzigſtes Kapitel. hohen Steinmauern ein äußerſt angenehmes und freundliches An⸗ ſehen gab. Fenſter ſah man keine hier heraus, wohl aber zwei Reihen ſehr kunſtreicher Arkaden, welche um alle vier Mauern herum liefen und den erſten und zweiten Stock zu bezeichnen ſchie⸗ nen, auch zugleich für die Zimmer derſelben als Verbindungs⸗ gänge dienten. An einer der Thüren, links von dem kleinen Thore, durch welches die beiden Freunde eingetreten waren, bemerkten ſie nun die erſten lebendigen Weſen. Das war ein Reitpferd, ein Jagd⸗ hund, ein Stallknecht und ein alter Herr, welche, jedes auf ſeine Art, beſchäftigt waren. Der Hund ſpitzte die Ohren und ſah die Eintretenden überraſcht und neugierig an, das Pferd wandte den Kopf mit einem leiſen Wiehern herum, wahrſcheinlich nach den Ställen, wo ſich ſeine Kameraden befanden. Der Knecht hielt es am Zügel und mochte dem alten Herrn etwas geſagt haben, welcher ihn aber nicht zu hören ſchien, indem er in dieſem Augenblicke die beiden Fremden anſah, die ſo plötzlich durch das Thor und vor ſeinen Blick traten. Eugen trat auf den alten Herrn zu, nahm freundlich grüßend ſeinen Hut ab und bat um Entſchuldigung, ſo ohne Erlaubniß eingetreten zu ſein.„Mein Freund und ich,“ ſagte er,„haben, wie es ſcheint, den Hauptweg zum Schloſſe verfehlt, und erlaubten uns, zu der Hinterthüre einzutreten. Jetzt aber, da wir einmal oben ſind, bitte ich, uns geſtatten zu wollen, dieſes ſchöne Schloß und ſeine Umgebungen etwas näher zu betrachten.“ Der alte Herr, der, dem Aeußern nach zu urtheilen, ein Ver⸗ walter oder Rentamtmann ſein mußte, blickte die beiden Fremden mit klaren, freundlichen Augen feſt an; dann zog er eine Sammt⸗ kappe von grüner Farbe, die er auf dem Kopfe hatte, höflich grüßend herunter und erküderte, es mache ihm ein außerordentliches Vergnügen, ihnen dieſe Erlaubniß zu ertheilen, und wenn ſie ſpäter auch das Innere des Schloſſes zu ſehen wünſchten, bäte er nur, Eine Entdeckungsreiſe. 17 ſich dieſe Thüre zu merken, hinter welcher ſie zur Linken im Korri⸗ dor ſein Arbeitszimmer finden würden. Der alte Herr hatte etwas ſo außerordentlich Angenehmes und Vertrauliches in ſeinem Weſen, ſein Haupt war mit ſchneeweißem Haar bedeckt, und nachdem er die eben angedeuteten Worte geſagt, grüßte er nochmals auf eine liebenswürdige, herzliche Art. Eugen und der luſtige Rath ſchritten quer über den Hof dem Haupteingange zu, und als der Erſtere ſich nicht enthalten konnte, — er wußte ſelbſt nicht, warum— nochmals nach dem alten Herrn umzuſchauen, ſah er, wie dieſer noch an der Thüre ſtand und den beiden jungen Leuten ebenfalls nachzublicken ſchien. 3 Hatten dieſe auf jenen beiden Terraſſen die freundliche, hei⸗ tere, der Sonne zugekehrte Seite des Schloſſes geſehen, ſo bemerk⸗ tell ſie jetzt, nachdem ſie das Hauptthor hinter ſich hatten, die nördliche, ernſte und gewaltige. Hier war ein tiefer Graben in den Felſen geſprengt, über welchem an ſchweren Ketten die Zug⸗ brücke hing. Die dicken Mauern und Thürme neben dem Thore, über welchem in Stein gehauen ein rieſiges Wappen zu ſehen war, lagen im tiefſten Schatten; um ſo reizender aber war von hier aus der Blick in das ſonnenbeſchienene, helle und glänzende Thal zu ihren Füßen. Die Beiden ſetzten ſich einen Augenblick auf das Geländer der Brücke und verloren ſich ſo recht im Anſchauen des lieblichen Bildes. 1 Das Dörfchen Schloßfelden war von dieſem Punkte aus kaum ſichtbar; nur der Kirchthurm ragte empor, und ein paar von den letzten Häuſern, ſowie das Wirthshaus zur wilden Roſe; aber was man von dem Dorfe auch ſah, lag ebenfalls im Schatten, dunkel, in tiefe Farbentöne getaucht, aber duftig am Fuße der gegenüber lieg enden Bergwand, deren obere Theile jetzt von der Sonne hell beſchienen wurden. Aus den Hänuſern drunten ſtieg hie und da Rauch auf, der tief unten violett gefärbt erſchien, dann immer Hackländers Werke. XII. 2 3 „ 4 18 Zweiundvierzigſtes Kapitel. heller wurde und zuletzt, wie er das Sonnenlicht erreicht, glühend und durchſichtig erſchien. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Glaube, Liebe, Hoffnung. Nachdem die beiden Freunde eine Zeit lang dort hinab ge⸗ blickt, ſchritten ſie über die Brücke hinweg, und Eugen wandte ſich am Ende derſelben links, einem Platze zu, der an der äußern Ringmauer des Schloſſes zu liegen ſchien und wo viele uralten Buchen und Eichen ſtanden. „Dort hinten liegt die Kapelle,“ ſagte er lächelnd zu Herrn Sidel, der ihm ſchweigend folgte.„Ich bin nun feſt überzeugt, daß wir wirklich auf jenem Platze ſind, von welchem der Doktor Wellen damals ſo anziehend erzählte. Auch jener alte Herr kam mir ſo bekannt vor. Glaube mir, es iſt derſelbe, der mit in jene Geſchichte verwickelt iſt.“ „Ich muß geſtehen,“ entgegnete Herr Sidel,„daß ich es nicht mehr wage, an deiner prophetiſchen Gabe zu zweifeln; ja ich glaube, du haſt mich angeſteckt; denn ich weiß nicht, woher es kommt, aber dieſe gewaltigen Mauern, dieſe alten ſchattigen Bänme, das alles heimelt mich jetzt ebenfalls auf eine unbegreifliche Weiſe an.“ 4 „Ah,“ ſprach Eugen, indem er plötzlich ſtehen blieb,„wie das prächtig iſt!“ „Und dort iſt auch in der That die Kapelle,“ ſagte ernſt Herr Sidel. Da lag wirklich ein Kirchlein vor ihnen, hinaus gebaut auf 4 Glaube, Liebe, Hoffnung. 19 die äußerſte Spitze des Felſens— ſo ſchien es wenigſtens. Doch lief die Mauer noch ſo weit hinter dem Chore herum, daß man einen prächtigen Ruheplatz dort angebracht hatte; aber von dem Punkte aus, wo die beiden Freunde ſtanden, ſchien es, wie geſagt, als ſtehe die Kapelle dicht am Abhange. Die Buchen und Eichen, welche hier ſtolz empor wuchſen, hatten ſie bis jetzt den Blicken entzogen und bereiteten auch vor ihr ein dichtes undurchdringliches Schattendach aus, durch welches die Sonne nur mit einzelnen blitzenden Streiflichtern zu dringen vermochte. Deſto liebevoller und glänzender aber umſchlang das Licht das Chor der kleinen Kirche, drang durch die Fenſter deſſelben ein, erfüllte ſie mit Glanz und Pracht, ſo daß man glauben konnte, wenn man ſo davor ſtund und die Fenſter röthlich hell erleuchtet ſah, es werde dort ein Amt gehalten, und der Weihrauch dufte im Schimmer von Tauſenden von Kerzen. „Nich beſchleicht ein eigenthümliches Gefühl,“ ſagte Eugen, als ſie nun näher ſchritten;„und jene Erzählung tritt ſo lebendig und gewaltig vor mich hin, daß ich mich ordentlich fürchte, die Kirchthüre zu öffnen, um alles das zu finden, von dem ich über⸗ zeugt bin, daß es wirklich da iſt.“ „Wenn die Thüre wirklich zu öffnen iſt,“ bemerkte der prak⸗ tiſche Herr Sidel;„aber ich befürchte faſt, wir werden den alten Herrn in ſeinem Arbeitszimmer inkommodiren müſſen. Doch nein, ſie iſt offen; jetzt bin ich auch wirklich begierig darauf, was wir hier finden.“ Die Thüre der Kapelle war unverſchloſſen, und Eugen öffnete ſie und drückte ſie weit auf. Sie traten ein. Da lag das Schiff der kleinen Kirche, hoch gewölbt, von ſchlanken Säulen getragen, lichterfüllt und glänzend vor ihnen, namentlich das Chor derſelben, deſſen hohe, ſchmale Fenſter auf die freie Gegend hinaus gingen und durch deren bunte, vielfar⸗ —— Zweiundvierzigſtes Kapitel. bige Scheiben das volle Sonnenlicht hereindrang und eben durch dieſe viele Farben einen unausſprechlich angenehmen röthlichen Ton bildete. Ja, Eugen hatte richtig geahnet: das Wirthshaus zur wilden Roſe war daſſelbe, von dem jener Freiwillige in der Nacht von Pavia erzählt; dieſes Schloß war daſſelbe, das für ihn ſo glück⸗ lich und unglücklich geweſen war; und dieſe Kapelle war es, wo er mit Meiſterhand ſeine Gebilde aufgebaut. Dort ſtand das Werk im Chor der Kirche, aus weſßem Mar⸗ mor gehauen; die Hauptfigur war eine Mädchengeſtalt: der Glaube, welche ſich mit einem Arme auf die Hoffnung ſtützte, mit dem an⸗ deren die Liebe empor hielt, die gerade im Begriffe war, den Deckel des Sarkophages zu öffnen.— Keiner der beiden Freunde vermochte ein Wort zu ſprechen. Ihnen war der gegenwärtige Moment wahrhaft feierlich; Beide fühlten ſich in eine fromme, kirchliche Stimmung verſetzt, wie vor⸗. dem noch nie. War es die Erinnerung an jene rührende Ge⸗ ſchichte, die mit dieſem Werke zuſammen hing, war es die unend⸗ liche Schönheit deſſelben, was ihr Herz erfüllte? Genug, Keiner der Beiden fand Worte, ſich gegen den Anderen auszuſprechen. Eugen ließ ſich in einen kleinen Betſtuhl nieder und blickte die drei lieblichen Mädchenfiguren mit gefalteten Händen an, wogegen Herr Sidel, der ſelbſt in ſeinen gefühlvollſten Augenblicken die prak⸗ tiſche Seite des Lebens nicht aus dem Geſichte verlor, ſich ſtill⸗ ſchweigend zu der kleinen Orgel hinauf begab, welche gegenüber dem Chore angebracht war. Wenn auch die drei Figuren des Werkes gleich edel und ſchön gedacht, ſowie mit derſelben Meiſterſchaft ausgeführt waren, ſo waren doch die Köpfe derſelben unendlich verſchieden. Der Glaube war ein Geſicht voll Ernſt und Würde, ſtreng, gewaltig, wie er ſein ſoll, mit edlem kräftigem Ausdruck, zu welchem vertrauensvoll auf⸗ zublicken der arme Sterbliche ſchon im Stande iſt. Wie innig Glaube, Liebe, Hoffnung. und rührend umſtanden aber hier in dieſem Bilde Liebe und Hoffnung dieſen Glauben! wie war auch der Ausdruck ſo unendlich mild und ſchön, mit welchem die Liebe empor blickte! Ja, dieſes Geſicht aufzufinden und ſo darzuſtellen, wie es hier geſchehen, da⸗ rin hatte der Künſtler ſeine ganze Meiſterſchaft bewährt. Die Züge, obgleich für Eugen völlig fremd, hatten doch etwas unſäglich Be⸗ kanntes für ihn. Noch nie hatte ihn etwas ſo angeſprochen, wie dieſes Geſicht; ihm hätte er unbedingt vertrauen können, ihm hätte er ſein volles Herz ausſchütten mögen, wie noch vordem keinem menſchlichen Weſen.— Und das that er auch. Während er ſo in dem kleinen Betſtuhle mit gefalteten Händen ſaß, da klagte er ihr— der Liebe— ohne Worte auszuſprechen, von ſeiner freudeloſen Jugend und allem dem, was ihn vom Vaterhauſe vertrieben, von ſeinem unglückſeligen Verhältniß mit ſeiner Mutter; und dann ſagte er ihr ferner, wie er ſo Niemanden auf der ganzen weiten Welt habe, als jenes Mädchen, das er liebe, und fragte zugleich, ob er ſie lieben dürfe, ob er gegen den Willen ſeiner Mutter jenes Herz das ſeinige zu nennen berechtigt ſei, ob die Mutter ihn der⸗ einſt noch ſegnen werde, als ihren Sohn mit offenen Armen empfangen, wenn er, wie er denn nicht anders könne, an der Hand jenes Mädchens vor ſie hintrete. Das ſtumme Marmorbild gab auf all dieſe Fragen keine Antwort; aber es blickte fortwährend mit dem unausſprechlich rüh⸗ renden Ausdruck den Glauben an und reichte der Hoffnung die Hand, als wolle es ſagen: Glaube und hoffe! Auch waren ſeine Züge wie belebt; denn das Sonnenlicht, welches drüben durch eine rothe Scheibe herein fiel, warf ſo glänzende Farben auf den Mar⸗ morkopf, daß es die todten Züge ordentlich zu beleben ſchien.— Eugen war mit dem Geſichte auf das Betpult niedergeſunken; da zitterten oben von der Wölbung der Kirche herab ernſte, feierliche, Orgelklänge, zuerſt in rührender Klage, dann in einer lieblichen tröſtenden Melodie, und die Töne, die ganz leiſe anfingen, ſchwol⸗ l Zweiundvierzigſtes Kapitel. len jetzt gewaltig an und ſangen von glücklichen, frohen Tagen, wenn die Nacht der Prüfung vorbei ſei, und wurden immer lauter und lebhafter, und jubilirten und ſchmetterten endlich fröhlich durch einander. Eungen lag eine lange Zeit, das Geſicht auf ſeine Hände ge⸗ drückt, und er fühlte, wie die letzteren feucht von ſeinen Thränen wurden; aber unendlich wohlthuend und beruhigend drangen die Orgeltöne in ſein Herz, und es begann ruhiger zu ſchlagen, und folgte der Liebe, indem es dabei glaubte und hoffte. Langſam richtete er ſich wieder empor, und wie er nun zufällig neben ſich blickte, wo an der Seite des Chores eine andere kleine Thüre ins Freie führte, fuhr er entſetzt und erſtaunt in die Höhe, faßte an ſeine Stirn und glanbte zu träumen.— Waren die beiden Mar⸗ morfiguren, die Liebe und die Hoffnung, von ihrem Geſtelle herab⸗ geſtiegen, oder hatten ſich zwei überirdiſche Weſen dieſer Hüllen bedient und ſich dem erſtaunten Blicke des jungen Mannes vor⸗ geſtellt?— Er ſah neben ſich zwei Mädchengeſtalten ſtehen, die verkör⸗ perten Gegenbilder der beiden Steinfiguren— der Liebe und Hoffnung. Beide ſtanden, von dem Glanze des Sonnenlichtes roſig gefärbt, wie in überirdiſchem Scheine da. Die Liebe blickte ihn ernſt, faſt verwundert an, während die Hoffnung ſchelmiſch lächelte. 3 Eugen fuhr von ſeinem Sitz in die Höhe und trat nun auf die beiden Mädchen zu; doch als er ſah, daß ſie vor ſeinen weit aufgeriſſenen Augen erſchrocken zurück traten, blieb er ſtehen und verneigte ſich lächelnd vor ihnen. Es war ihm unmöglich, in die⸗ ſem Augenblicke zu Worte zu kommen; denn einestheils lähmte ihm die Ueberraſchung die Zunge, und anderntheils brauste da oben der Herr Sidel ſo gewaltig und kräftig durchs Regiſter, daß es nicht möglich war, ſich mit einer Sylbe verſtändlich zu machen. Er konnte denn auch nach einem Augenblicke gegenſeitigen Erſtaunens nichts Anderes thun, als achſelzuckend nach oben zu zeigen, wo der(uſtige Rath, verſunken in die Töne, die unter ſeinen Fingern hervorquollen, mit Füßen und Händen das Orgel⸗ werk bearbeitete. Die Mädchen baten, ebenfalls durch Pantomimen, den Spie⸗ ler droben nicht zu ſtören, und ließen ſich vor Eugen auf einer Bank nieder, geduldig erwartend, bis Herr Sidel mit ſeinem Choral, den er ins Unendliche variirte, fertig ſein würde. Endlich kehrte er aus dem bunten Gewebe der ſich tauſendfach kreuzenden Töne zur einfachen Melodie zurück, und am Schluſſe derſelben hielt er einen tiefen Ton noch unbeſchreiblich lange an; dann ſchwieg die Orgel, und er ſtolperte die Treppe herab. Unten angekommen, war er nicht wenig erſtaunt, Eugen in der Geſellſchaft dieſer jungen und ſchönen Mädchen zu finden; doch war dieſes Erſtaunen nicht ſo überſchwänglicher Art, nicht ſo un⸗ gläubig an das körperliche Daſein der beiden Geſtalten, wie es vorhin bei Eugen der Fall geweſen war. Nein, er als praktiſcher Mann nahm die Sache gleich, wie ſie war, begrüßte in der Einen die Wirthshaustochter von der wilden Roſe, in der Anderen— dem lieblichen Geſicht mit blondem Haar, nach dem dort jener Genius der Liebe gebildet war— wie eine gute Bekannte; denn er erinnerte ſich klar und deutlich der Erzählung jenes würdigen Präſidenten und wußte daraus genau, daß er hier die Tochter des Verwalters— wahrſcheinlich jenes alten Mannes mit weißem Haar— vor ſich habe. Er ſprach darauf von dem prächtigen Wege auf das Schloß, von der reizend gelegenen Kapelle und von der Aehnlichkeit der beiden Marmorbilder mit den Originalen, die hier vor ihm ſtänden. Eugen dagegen war nicht im Stande, ſich ſo ſchnell und gut in die Wirklichkeit zu finden. Wenn ihm auch die kleine Marie mit ihrem luſtigen, neckiſchen Weſen durchaus nicht geſpenſterhaft vorkam, ſo konnte er ſich dagegen nicht enthalten, ſo oft er die Glaube, Liebe, Hoffnung. 23 ——— Zweiundvierzigſtes Kapitel. Andere betrachtete, zu gleicher Zeit einen forſchenden Blick auf das Marmorbild zu werfen, indem er nicht anders glaubte, als dies ſei verblaßt, verſchwunden, und die Stelle leer, wo es geſtanden. Und Roſalie— ſo war ja der Name der Tochter des Ver⸗ walters, wie ſich Eugen jetzt deutlich erinnerte— hatte hier in Wirklichkeit genau die ernſten, ruhigen, melancholiſchen Züge, wie jenes Steinbild, und ihre Geſichtsfarbe war über alle Beſchreibung blaß, ja bleich. Ein ſchmerzlicher Zug zuckte um ihren Mund, und wen ſie mit den großen, glänzend blauen Augen anſah, der bemerkte wohl, ſelbſt wenn der kleine Mund augenblicklich lächelte, daß der ſchmerzliche Ausdruck dieſes Geſichtes deßhalb nicht ge⸗ wichen war, ſondern jetzt— wenn auch verſtohlen— aus den Augen hervorblickte. Ueber der hohen Stirn dieſes Mädchens glänzte das ſchönſte hellblonde Haar; in dicken, goldenen Flechten umgab es den Hinterkopf und breitete ſich an den Schläfen fächerartig aus. Sie hätte, wie ihr Kopfputz heute geordnet war, auf jedem Balle erſcheinen können; denn die kleine Marie hatte ſie mit einem Kranz von blauen Kornblumen geſchmückt und dieſen ſo nett und anmuthig durch ihr Haar geſchlungen, daß man nichts Lieblicheres ſehen konnte. Roſaliens Geſtalt war ſchlank und von ſehr ſchönen Formen, auch ſchienen ihre Glieder zart und fein zu ſein. Sie war eine jener Geſtalten, die man neben anderen, glänzenden, vollen und kräftigen im erſten Augenblicke leicht überſieht, die man aber, wenn man ſie erſt näher betrachtet, wegen des feinen Ebenmaßes, wegen der anmuthigen und zierlichen Bewegung nicht leicht wieder vergißt. Roſalie mußte für jeden Künſtler ein Ideal ſein; denn in ihr erſchien Alles ſchön und wohlgeformt, von der hohen Stirn bis zu den kleinen, feinen Händen und den zierlichen Füßen. Es war für Eugen ein ſchmerzliches Gefühl, ſo dieſem Mäd⸗ chen, das ihn wunderbar anzog, gegenüber zu ſtehen, von ihr als ein völlig Fremder betrachtet zu werden, er, der doch durch jene Glaube, Liebe, Hoffnung. 25 Erzählung mit einem traurigen Theil der Geſchichte ihres Lebens bekannt geworden war. Es ſchauderte ihn, wenn er an jene Be⸗ gebenheit dachte, wenn er in das ehrliche, offene Auge des armen Mädchens ſah und wenn er ſich nun ſagen mußte: ſie weiß viel⸗ leicht nicht einmal, daß die Hand, welche die ihrige zärtlich ge⸗ drückt, und welche mit hoher Meiſterſchaft ihr Ebenbild hervor⸗ gebracht, jetzt fern von hier in kalter Erde ruht, und ſie ahnet nicht, daß das Auge, welches ſie ſo liebevoll angeblickt, für ewig verſchloſſen iſt. Eugen, welcher bemerkte, daß der luſtige Rath jetzt erſt die Marmorgruppe aufmerkſam betrachtete und ſeine Vergleichung an⸗ zuſtellen begann, erſchrak bei dem Gedanken, Herr Sidel in ſeiner Wißbegierde könnte das Geſpräch auf jenen Bildhauer bringen und am Ende mit dem, was er damals über den jungen Freiwilligen erfahren, vor den beiden jungen Mädchen herausrücken. Um dem vorzubeugen, wandte er ſich an Roſalie, indem er um Entſchul⸗ digung bat, daß er und ſein Freund hier ſo ohne Erlaubniß in das Heiligthum eingedrungen ſeien. „Es bedarf das keiner Entſchuldigung,“ entgegnete die Tochter des Verwalters freundlich mit einer Verneigung des Kopfes.„Alle Fremden, die durch Schloßfelden kommen und die einigermaßen Zeit haben, kommen auf das Schloß, um daſſelbe zu ſehen, ſowie die Gärten und die kleine Kapelle— mit den Marmorfiguren darin,“ ſetzte ſie mit leiſerer Stimme hinzu. Aber der Ton dieſer Stimme drang Engen zu Herzen; ja er erſchütterte ihn aufs Tiefſte. Es lag für ihn ſo etwas unaus⸗ ſprechlich Angenehmes in dem Klange derſelben, eine Erinnerung an frühere Tage, an ſeine Jugendzeit; er wußte ſelbſt nicht ge⸗ nau, an was, aber er konnte ſich nicht enthalten, dem Mädchen innig und herzlich in die Augen zu blicken; und dieſer Blick war ſo feſt und anhaltend, daß ſie darüber ihre Augen niederſchlug. „Sie ſind erſt geſtern Abend gekommen?“ ſagte Roſalie nach Zweiundvierzigſtes Kapitel. einer Pauſe, worauf Marie ſchnell antwortete:„Ja, erſt geſtern Abend, und ſie werden längere Zeit dableiben und Komödie ſpie⸗ len; und beinahe alle ſind ſie wieder mitgekommen; der finſtere Herr Holder und der luſtige Herr Trommler; und der Herr und der andere da hinten ſind neue Mitglieder der Geſellſchaft.“ Roſalie ſah bei dieſen Worten den jungen Mann überraſcht und fragend an, und ihn ſchmerzte dieſer fragende Blick, dieſe Ueberraſchung, die ſich in ihrem Auge ſpiegelte. Er hätte gar zu gern ſeinen jetzigen Stand verläugnet; aber das war unmöglich, deßhalb verbeugte er ſich ſtumm und gezwungen läch elnd. „Wir wollen die Herren nicht ſtören,“ ſagte hierauf Roſalie, indem ſie grüßend einen Schritt zurück trat.„Sehen Sie ſich Kapelle und Schloß nach Belieben an; es wird meinem Vater eine große Freude ſein.“ Damit wandten ſich die Beiden der Thüre zu und eilten davon. Eugen blickte ihnen gedankenvoll nach und fuhr mit der Hand über die Stirn, wie Jemand, der eine Erinnerung feſtzuhalten ſtrebt und ein unklares Bild ſich deutlich zu machen ſucht. Herr Sidel, der bis jetzt die Marmorgruppe betrachtet hatte und nun ebenfalls herbei kam, um auch noch ſeinen Theil an der Unterhaltung mit den beiden Mädchen zu nehmen, bedauerte ſehr, daß ſie die Kapelle ſchon verlaſſen. Dann blickte er ſeinen Freund befremdet an, der an die kleine Seitenthüre getreten war und dort, an dem Pfeiler lehnend, den Beiden gedankenvoll nachſah. „Ei, ei!“ ſagte der luſtige Rath, indem er Engen ſanft am Arme nahm,„welch' Intereſſe für jenes Mädchen! Wenn ich das nach Hauſe ſchreiben wollte?“ Eugen riß ſich mit einem kurzen Seufzer aus ſeiner Stellung los und ſagte:„Eigentlich haſt du nicht ganz Unrecht, Mephiſto. Gehen wir nach Hauſe zurück; ſteigen wir zur Atmoſphäre hinab, in die uns der Zufall geworfen, zu Herrn Trommler und Genoſ⸗ — Glaube, Liebe, Hoffnung. ſen; die Luft hier oben auf dem Berge iſt zu klar und rein für uns, ſie greift die Nerven an.“ Und damit verließen ſie die Kapelle und ſtiegen den Berg hinab zu dem kleinen Dorfe, ihrer nunmehrigen Heimat, das an⸗ fing, ſich wie ſchläfrig einzuhüllen in tiefen Schatten und Abendduft. Der Abend war ſo ſchön, wie der Tag es geweſen, und wie vom gleichen Gedanken getrieben, ließen ſich die Beiden in der Hälfte des Berges auf einer Steinbank nieder und ſahen, wie die Nacht herauf kam, ſo beruhigend, ſo ernſt und gewaltig. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Ein ſehr kurzes Kapitel, in welchem ſich der Erzähler erlaubt, eine an ihn geſtellte Frage 3 beſtmöglichſt zu beantworten. Als vorliegende Erzählung ſo weit gediehen war, drückte eine „achtbare Dame“ aus Hönningen in einem Inſerat der Kölniſchen Zeitung ihre Sympathieen für den treuen Hund Sultan, ſowie den Wunſch aus, denſelben einſtens zu beſitzen. Auch erkundigte ſie ſich auf zarte Weiſe nach ſeinem Alter, was er zu ſpeiſen pflege, und überhaupt nach vielen Gegenſtänden, welche der leichtſinnige Erzähler dieſer Geſchichte vergeſſen hatte, dem Leſer mitzutheilen. Es iſt für einen Autor ein außerordentlich angenehmes Ge⸗ fühl, wenn er erfährt, daß die Perſonen, von denen er ſchreibt, die Geſtalten, welche er erſcheinen läßt, in der gefühlvollen Bruſt des Leſers Theilnahme, ja Freundſchaft zu erwecken im Stande ſind. Es iſt dies ſchon bei einer kleinen Geſchichte ſehr beloh⸗ nend, die ſchnell erzählt, ſchnell geleſen und ſchnell wieder vergeſſen Dreiundvierzigſtes Kapitel. iſt; um ſo mehr aber ſind ſolche Zeichen der Aufmerkſamkeit aufs Höchſte belohnend bei einer Arbeit, wie die vorliegende, die viel⸗ leicht für Manchen theilweiſe nicht übermäßig kurzweilig iſt, die ſich aber trotzdem— und das kann mir der geehrte Leſer auf mein Wort glauben— weit leichter liest, als niederſchreibt. Dem mag nun ſein, wie ihm vill; die Zeichen der Theil⸗ 4 * nahme, welche der Erzähler dieſer Geſchichte ſchon ſo glücklich war, zu empfangen, haben ihn außerordentlich gerührt, und er ver⸗ ſpricht dafür, beim Schluſſe dieſer Geſchichte keine. Perſon im Nebel verſchwinden zu laſſen, ſondern getreulich zu berichten, wo jede ihr Plätzchen fand, auf dem ſie von den gehabten Strapazen auszu⸗ ruhen im Stande war. Es iſt aber in der That eigenthümlich und von unſerem lieben Gotte weiſe ſo eingerichtet, daß, wie in der Natur, ſo auch in der Erzählung, dem Einen Dies, dem Andern Das gefällt. Was Jener verwirft, findet Dieſer ſchön; was Dieſem eines Nachdenkens werth genug erſcheint, iſt für Jenen vollkommen unbedeutend; er legt es gleichgültig bei Seite. Aber wenn der Erzähler einer Ge⸗ ſchichte das unausſprechliche Glück hat, daß nicht nur die vernünf⸗ tigen Geſchöpfe, welche er reden und handeln läßt, das allgemeine Intereſſe zu feſſeln im Stande ſind, ſondern daß auch die unver⸗ nünftigen(Geſchöpfe nämlich) einen ſtillen Familienkreis ſinden, wo man über ſie ſpricht, an ſie denkt, von wo aus man über ſie Nachforſchungen anſtellt, das iſt wahrhaft rührend, ſo außerordent⸗ lich rührend, daß ich, der ich ſo glücklich bin, mich in dieſem Falle zu befinden, einige ſtille Thränen nicht unterdrücken konnte. Der geneigte Leſer, der mir ſchon Vieles verziehen hat, muß mir geneigteſt auch dieſe kleine Abſchweifung nachſehen, und da er es thut, gewinnt er dabei; denn ich hätte mich ſonſt veranlaßt ſehen müſſen, für eine ſehr achtbare Dame in Hönningen am Rhein ein eigenes Hundekapitel zu ſchreiben, was Manchem doch gerade nicht angenehm geweſen wäre. Ich werde mich deßhalb auch ſo 5 Beantwortung einer Anfrage. 29 kurz als möglich zu faſſen ſuchen, und der freundliche Leſer wird mich vollkommen verſtehen, wenn ich, ſtatt wie bisher, zu ihm als Publikum zu ſprechen, mich dieſes Mal an eine einzelne Perſon wende, die in des eben benannten Dörfleins beſcheidenem Grunde, ſanft gelegen zwiſchen Köln und Coblenz— ſo glaube ich,— wohnt, vielleicht auch an den flachen Ufern des Rheines zwiſchen Bonn und Colonia, oder weiter aufwärts, allwo der Rhein ſich verengt, wo ſteile Felſen ſich in die klare Flut herabſenken und ſich in ihr ſpiegeln mit ihrem grauen zerriſſenen Geſtein und den alten ernſten Burgen und Schlöſſern, wo Elfen und Meerweiblein ihr luſtiges, neckiſches Spiel treiben. Und daß ſie im letzteren Revier ſich aufhalte, iſt mir wahrſcheinlich.: Ja, Madame, Sultan lebt, Sultan iſt wohl! Sultan, obgleich nur ein Hund, iſt gerührt von der Gnade, die er vor Ihren Augen gefunden, und freut ſich wie ein Kind, bei einer dereinſtigen Rheinfahrt Hönningen und Sie kennen zu lernen. Von dem Ver⸗ kaufe dieſes treuen Thieres, den Sie ſo freundlich waren, vorzu⸗ ſchlagen, Madame, kann begreiflicher Weiſe keine Rede ſein. Sul⸗ tan, der treue Sultan, liebt ſeinen jetzigen Herrn und iſt als Hund auch geſchmacklos genug, die Ufer des Neckars, wo er geboren, ſelbſt den Ufern des Rheins vorzüziehen, ſogar jener maleriſchen, unaus⸗ ſprechlich ſchönen Stelle, an welcher Hönningen liegt. Aber, Madame, Sie haben Recht: Sie haben mich an eine Pflicht erinnert. Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß der treue Sultan nicht bis heute neben dem Wagen herſpringt, in welchem ſein Herr ſaß, ſondern aus dem beachtenswerthen Grunde, weil dieſer Wagen am anderen Morgen ſeinen Beſtimmungsort jenſeits der Grenze erreichte und dort ſtille hielt, that Sultan das Gleiche. Ja er that noch mehr. Er legte ſich, als es Nacht wurde, vor das Bett ſeines Herrn nieder, nachdem er porher von dem getreuen Pierrot gewaſchen und gekämmt worden war.— Sie pflegen das in Hönningen gerade ſo zu machen?— Darauf ſchlief Sultan; — 30 Dreiundvierzigſtes Kapitel. wir glauben auch, daß er träumte: es kommt dies bei Hunden zu⸗ weilen vor. Hönningens Jäger werden Ihnen dies beſtätigen. 6 Als hierauf der Morgen kam, erwachte er, wie ſich von ſelbſt verſteht, und lebte„ſtill und harmlos,“ wie Wilhelm Tell im vie⸗ 1 ten Akte, und das trieb er ſo fort, ſo lange ſein Herr in jenem 7 Grenzſtädtchen verweilte. Er machte wenig Bekanntſchaften, betrug ſich ruhig und anſtändig, wie denn überhaupt Sultan ein geſetzter Hund war und iſt. Das einzige Außergewöhnliche, was allenfalls von ihm zu berichten wäre, iſt, daß er die ſtärkſte. Neigung an den 3 Tag legte, mit Katzen, die ihm in den Weg liefen, kleine Zänker⸗ eien anzufangen.— Sie werden aus der Naturgeſchichte wiſſen, Madame, daß Hunde und Katzen in Feindſchaft zu leben pflegen; es iſt das ſo der Lauf der Welt, und wird auch in Hönningen nicht anders der Fall ſein. Sprechen wir nicht weiter darüber! Da kam jener Morgen, an welchem Eugen Stillfried, der luſtige Rath und der getreue Pierrot eine Fußreiſe unternahmen. Glauben Sie ja nicht, Madame, daß Sultan zurück blieb; im Gegentheil, er ſprang ſogar voraus; er zog mit über Kreuz⸗ und Feldwege, gerade wie ein vernünftiger Menſch, nur mit dem ein⸗ zigen Unterſchiede, daß jene Wanderung ſich aufs Sonderbarſte dadurch auszeichnete, daß er durch Vor⸗ und Zurücklaufen, durch Hin⸗ und Herſpringen den Weg drei bis vier Mal machte; doch ſoll ſich bei Hunden dieſe Erſcheinung zuweilen zeigen und für den Kenner durchaus zu keinen ernſten Beſorgniſſen Veranlaſſung geben.. Indem ich Ihnen, Madame, nun ferner berichte, daß Sultan unter jenem Baume— Sie wiſſen, wo das Heiligenbild ſtand— 0 an dem von Pierrot ſervirten Frühſtück den innigſten und gemüth⸗ lichſten Antheil nahm, ſehe ich mich veranlaßt, auf eine Ihrer Hauptfragen: was Sultan zu ſpeiſen pflege? durch die Thatſache zu antworten, daß er bei jenem Frühſtück kalten Braten und rohen Schinken dem gebackenen Geflügel vorzuziehen ſchien. Was das 4 Beantwortung einer Anfrage. 31 Getränk anbelangt, ſo liebt der getreue Sultan friſches, klares Waſſer über alles, weßhalb ich, Madame, da Hönningen ſehr waſſer⸗ reich ſein ſoll, in dieſer Hinſicht für das Schickſal Sultans ganz unbeſorgt wäre, wenn er je einmal in Ihre Hände gerathen ſollte. Nach Schloßfelden ging das getreue Thier ebenfalls mit und wurde dort aufs Beſte einquartiert. Der entſchlafene Hofhund der Frau Roſel hatte eine ſehr ſchöne Hundshütte hinterlaſſen, welche dem Gaſt angewieſen wurde. In dieſelbe wurde friſches Stroh hinein gethau, einfaches Weizen⸗ oder Gerſtenſtroh, wie es gewiß in Hönningens geſegneten Gefilden genugſam erzeugt und getrocknet wird. An jenem Abend nun, wo unſer voriges Kapitel ſchließt— Eugen hatte Schicklichkeitsgefühl genug, den getreuen Sultan nicht mit zum Spaziergange auf das Schloß hinauf zu nehmen, man nimmt überhaupt die Hunde nicht überall hin mit, Madame,— an jenem Abend alſo war Sultan zurückgeblieben, und während ſein Herr ſich auf dem Heimwege ſtillen Träumereien überließ, machte es drunten der Hund gerade ſo. Was er gedacht, bin ich unglück⸗ licher Weiſe nicht im Stande, Ihnen heute genau anzugeben. Sollte jedoch die menſchliche Wiſſenſchaft es noch ſo weit bringen, auch die Hundeſprache verſtehen zu lernen, ſo werde ich mich bemühen, Sie auch in dieſem Punkte vollkommen zu befriedigen; Sultans Erin⸗ nerungen, Träume und Wahrnehmungen ſollen alsdann— zu einem zierlichen Memoire vereinigt— Ihnen zu Füßen gelegt werden. Die Widmung an Sie, Madame, würde ich nicht ermangeln ſelbſt zu ſchreiben, um dadurch einigermaßen die Schuld abzutragen, die ich gegen Sie habe, indem ich es bis dahin unterlaſſen, Ihnen recht viel und Ausführliches über Sultan, den getreuen Hund, zu erzählen. Genehmigen Sie, ſogar in Hönningen, die Verſicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. Den geneigten Leſer im Allgemeinen muß ich für dieſe Ab⸗ ſchweifung um Verzeihung bitten; doch hat mir das Publikum vor⸗ 32 Vierundvierzigſtes Kapitel. . liegender Blätter, für welches ich bis jetzt geſchrieben, ſo viel er⸗ quickliche und freundliche Theilnahme bezeigt und für die Geſtalten, die ich aufgeſtellt, ſo warm und lebendig gefühlt, daß ich nicht umhin konnte— gewiß in der freundlichſten Abſicht,— jene Frage an mich, venn ſie auch nur einen Hund betraf, zu beantworten. Zugleich bekam ich hiedurch Gelegenheit, den treuen Sultan wieder in die Geſchichte hinein zu ziehen, was unterlaſſen zu haben ich mir zum großen und gerechten Vorwurf gemacht. Vierundvierzigſtes Kapitel. Handelt von Angenehmem und Unangenehmem in einer Familie, und zeigt, daß die Böſen, wenn ſie auch Einen Weg gehen, doch oftmals verſchiebener Meinung ſind. An jeuem ſo denkwürdigen Tage hatte ſich Madame Schoppel⸗ mann ſchon um halb vier Uhr mit ihrer Tochter auf den Weg begeben, um ja zur rechten Zeit im Stillfried'ſchen Hauſe zu er⸗ ſcheinen. Sie hatte in ihrem Anzuge das Uebermögliche geleiſtet und ſah ungemein ſtattlich aus; ſie war auch in die Nähe des Hauſes gekommen, ehe es noch drei Viertel geſchlagen hatte, und ſpazierte nun mit Katharina in einer entlegenen Straße auf und ab, indem ſie alles Ernſtes behauptete, es müſſe an den Kirchen⸗ uhren irgend etwas geſchehen ſein, denn nach dem richtigen Laufe der Zeit ſollte es ſchon lange vier Uhr geſchlagen haben. Endlich kam der erſehnte Moment herbei; der alte Jakob ſtand ſchon unter dem Thore, ſie erwartend, und führte ſie ſogleich die Treppen hin⸗ auf zur Staatsräthin. Dieſe hatte die Beiden ungemein freundlich empfangen und Angenehmes u. Unangenehmes in einer Familie. 33 machte nach einigem Hin⸗ und Herreden der hocherſtaunten und ſehr erfreuten Madame Schoppelmann einen Antrag, den dieſe eigentlich am allerwenigſten erwartet hatte. „Ich fühle mich einſam und ſehr allein,“ hatte die alte Dame geſagt;„es iſt hier in dem großen, öden Hauſe Niemand, mit dem ich mich unterhalten könnte; ich brauche Jemanden, der mit mir ſpricht, ein freundliches Weſen, das um mich iſt, und deßhalb habe ich Sie bitten wollen, mir Ihre Katharine zur Geſellſchafterin zu geben.“ Madame Schoppelmann wußte im erſten Augenblicke nicht zu antworten, und ſie ſchlug in großer Verlegenheit mehrere Male mit beiden Händen auf die ſchwarzſeidene Schürze; denn ſie konnte nicht gleich das Wort finden, womit dieſer Antrag anzunehmen ſei, ohne doch wie Jemand zu erſcheinen, der geneigt iſt, mit beiden Händen darnach zu greifen. Katharina hatte es leicht durchſchauert, als ſie in dieſes Zim⸗ mer trat. Sie erkannte augenblicklich die Züge des Sohnes im Geſichte der Mutter, und wenn ſie auch einige Verehrung für die alte Dame fühlte, ſo konnte ſie ſich doch nicht enthalten, all des Unangenehmen zu gedenken, was hier in dieſen vier Mauern zwiſchen Mutter und Sohn ſchon vorgefallen war. „Wenn Sie, was mein Anerbieten anbelangt, Bedenkzeit ver⸗ langen, ſo habe ich nichts dagegen einzuwenden; doch würde ich bitten, mir baldigſt eine Antwort zu ſagen.“ Madame Schoppelmann fand es aber durchaus ungeeignet, eine ſo vornehme Dame auch nur einen Tag warten zu laſſen, weßhalb ſie ſich veranlaßt ſah, ihrer Tochter, ohne daß es die Staatsräthin bemerkte, einen aufmunternden Blick zuzuwerfen. Katharina, deren Herz übervoll war, machte darauf eine kleine Verbeugung, einen Schritt gegen die Staatsräthin, welche ihr Ge⸗ ſicht dem Fenſter zugewendet hatte. Als ſie aber umſchaute und in Hackländers Werke. XII. 3 Vierundvierzigſtes Kapitel. das bleiche ſchöne Geſicht des jungen Mädchens ſah, die ſich ihr bittend nahte, mit einem unnennbar rührenden Ausdruck in den Zügen; als ſie ferner bemerkte, wie ſich Katharina erwartungsvoll und bittend vorbeugte, um von der Mutter ihres Geliebten ein freundliches, herzliches Wort zu erhalten: da füllten ſich unwillkür⸗ lich die Augen der alten Dame mit Thränen; ſie ſtreckte ihre Hand aus, welche das junge Mädchen ergriff und innig küßte. Zugleich mit dieſen Küſſen fühlte die Staatsräthin heiße Tropfen auf ihrer Hand, und ſie konnte nicht umhin, zu thun, was ſie ſich nicht vor⸗ genommen, zu thun. Sie zog das junge Mädchen an ſich und küßte ſie auf die Stirn, während Katharina auf den Tritt vor dem Fenſter unwillkürlich niedergekniet war, jenen mütterlichen Kuß em⸗ pfangend mit einem Gefühl, deſſen Wonne und Seligkeit über alle Beſchreibung war. 1 Auch Madame Schoppelmann fühlte ſich von dieſem Anblicke mächtig angeregt. Sie zog ein rothkarirtes Schnupftuch aus der Taſche, und ehe ſie verſchiedenen ſehr lauten Tönen ein heftiger Thränenſtrom darauf hernieder. Jetzt iſt Alles gut, dachte die dicke Frau; und da ſie in ihrem ganzen Leben nicht gewohnt war, Thränen zu vergießen, ohne ſich dabei traurigen oder freudigen Betr chtungen zu überlaſſen, ſo ſchaute ſie auch hier durch den Schleier ihrer Thränen hindurch die ſchönen großen Zimmer an und die prächtigen Möbel, dachte auch an das große Haus und Keller und Küche, und wenn ſie ſich dabei vorſtellte, daß ihre Katharina hier einmal als Gebieterin wandeln würde, ſo konnte ſie ihre Thränen unmöglich ſo ſchnell verſiegen laſſen und weinte, daß es— um uns eines gewöhnlichen Aus⸗ drucks zu bedienen— einen Stein hätte erbarmen können. „Laß es gut ſein, mein Kind,“ hatte die Staatsräthin darauf zu Katharina geſagt und hatte ſie abermals auf die Stirn geküßt und dann ſanft emporgehoben. 3. es noch an die Augen brachte, plätſcherte unter Angenehmes u. Unangenehmes in einer Familie. 35 Die dicke Gemüſehändlerin redete darauf Einiges von Gottes Fügung, von unermeßlichem Glück, und verſprach ſchließlich, ihre Tochter ſolle morgen früh, wenn es die Staatsräthin denn durch⸗ aus nicht anders haben wolle, ſie, die arme Mutter, verlaſſen und in das große ſchöne Haus ziehen. Das war denn auch am andern Morgen wirklich geſchehen, und die Nachricht von dieſem Ereigniß hatte in der Nähe des Schoppelmann'ſchen Hauſes Freude, Beſtürzung und Trauer hervor⸗ gebracht. Freude bei all den Leuten— und es waren ihrer ſehr viele,— die Katharinen gern hatten und durch dieſen Vorfall eine neue glückliche Zukunft für das ſchöne Mädchen angebahnt ſahen; Trauer dagegen bei Jungfer Clementine Strebeling, die ſich ſo einſam und verlaſſen ſah, und endlich Beſtürzung bei den Ge⸗ brüdern Schoppelmann, welche ſich dieſen Vorfall gar nicht erklären konnten und von demſelben nicht mit Unrecht eine unangenehme Rückwirkung für ſich fürchteten. Sie beſchloßen, einen Kriegsrath bei Madame Schilder zu veranſtalten, und ſaßen zu dem Zweck in der trüben Hinterſtube des kleinen Weinhauſes, ihnen gegenüber die ſchmierige Wirthin, welche einige Papiere vor ſich ausgebreitet hatte. „Ehe wir die neue Sache beſprechen,“ ſagte Madame Schilder, indem ſie ihr Kinn in die Hand ſtützte,„wollen wir die andere gehörig abmachen und ins Reine bringen.— Die Sache mit der alten Jungfer iſt über alle Erwartung gut abgelaufen und ich möchte nur wiſſen, welcher Liebesteufel ſie in ihren alten Tagen noch regiert.“ 3 Frau Schilder ſah bei dieſen Worten auf die Seite, und das benutzten die beiden Brüder, um ſich einen Blick des Einverſtänd⸗ niſſes zuzuwerfen. Dieſer Blick dauerte nicht eine halbe Sekunde, aber er war vielſagend. 3 „Wenn ſo eine alte Scheuer einmal anfängt zu brennen, da Vierundvierzigſtes Kapitel. hilft kein Löſchen,“ ſprach Konrad, der Jäger, mit gleichmüthi⸗ gem Tone. „Alſo die Sache wird ſich machen,“ warf der Fuhrmann leicht hin. „Sie hat ſich bereits gemacht,“ ſagte die Schilder, welche durch den großen Gewinn verblendet, ihre gewöhnliche Vorſicht ver⸗ gaß.„Das heißt, ſie wird ſich machen,“ fügte ſie nach einer Pauſe, ſich jetzt auf einmal erinnernd, hinzu.„Das ſind freilich vor der Hand nur Papiere—“ „ Die man aber leicht umſetzen kann,“ meinte der Jäger. „Aber wie iſt denn eigentlich die Geſchichte gegangen?“ fragte der Fuhrmann. 3 „Nun, wie wird ſie gegangen ſein?— Ich habe ihr alſo den lamentablen Brief vorgeleſen und ihr geſagt, daß den Herrn Jo⸗ hannes Müller nur eine Bürgſchaft von zweitauſend vierhundert Gulden zu retten im Stande ſei.— Dies iſt viel! gab mir die Strebeling zur Antwort, und ich denke ſchon, ſie wird's abſchlagen. Aber nein! nachdem ſie einige Augenblicke mit ſich überlegt, macht ſie mir, wie ich anfänglich gedacht, wirklich den Vorſchlag, ich ſolle die Bürgſchaft leiſten, und ſie wolle mir dafür die vollgültigſten Papiere geben.— Jetzt paßt auf, wie ich in eurein Intereſſe ge⸗ handelt.“ „Darauf bin ich begierig,“ ſagte der Fuhrmann und ſtrich ſich das Kinn, und als in dieſem Augenblicke die Wirthin ihre Papiere in die Höhe hielt, ſchielte er mit dem einen Auge zu ſeinem Bru⸗ der hinüber, der dieſen Blick auf gleiche Weiſe beantwortete. „Ich habe ihr alſo geſagt,“ fuhr Frau Schilder fort,„daß, wenn Papiere auch noch ſo gut ſeien, man, um zweitauſend vier⸗ hundert Gulden zu decken, wenigſtens Papiere im Werthe von drei⸗ tauſend brauche.“ „Das war nicht ſo dumm,“ meinte lächelnd der Fuhrmaun. „Und die hat ſie gegeben!“ fuhr triumphirend die Frau fort. Angenehmes⸗ u. Unangenehmes in einer Familie. 37 „Hier ſind ſie; gute, vollgültige Obligationen, drei Stücke, jede zu tauſend Gulden; und was noch mehr iſt, das iſt auch die Schrift der Strebeling, worin ſie erklärt, ſie ſei mir dieſe dreitauſend Gul⸗ den ſchuldig geweſen und habe mich mit Obligationen bezahlt. Somit ſind wir für alle Fälle gedeckt.“ „Das ſind wir,“ ſagte ruhig der Fuhrmann und that einen langen Zug aus ſeinem Glaſe. „Für alle Fälle,“ ſetzte der Jäger bei und klopfte mit dem Brodmeſſer auf den Tiſch. „Wie iſts aber jetzt mit der Theilung?“ fragte der Fuhrmann lächelnd. „Theilung?“ entgegnete die Frau eifrig und legte ihre magere gelbe Hand auf die Papiere.„Theilung?“ wiederholte ſie ängſtlich. „Das iſt ja doch alles bei uns vorher genau ausgemacht worden; was braucht ihr da noch zu fragen? Ich die Hälfte und ihr die Hälfte, ſo iſts billig.“ „Nun, billig iſts gerade nicht,“ ſagte der Fuhrmann mit einem ſonderbaren Lächeln;„aber wir haben uns von Euch einmal über das Ohr hauen laſſen. Sei's darum.“ „Die Schilder iſt eine gute Frau,“ ſprach freundlich der Jäger; „und wenn wir von unſerem Theil nichts mehr haben und ſie freundlich bitten, leiht ſie uns ſchon etwas von dem ihrigen.“ „Nicht ſo viel,“ verſetzte die Frau und hielt den Nagel ihres Daumens an den des Zeigefingers;„nicht Nagelsgroß.“ Und bei dieſen Worten blitzten ihre grauen Augen recht unheimlich.„Glaubt ihr, ich habe mein Gewiſſen wegen euch erſchwert?— Und was „ nützt euch auch das Geld? Ihr jagt es durch die Gurgel oder ver⸗ jubelt es ſonſtwo. Zehrt ihr mir nur euer Erbtheil im Voraus auf; die alte Schoppelmann hat für euch geſpart; ich aber bin eine arme Wittfrau ohne Verwandte und Bekannte, und wenn die ganze Welt ausſtirbt, erbe ich doch rechtmäßiger Weiſe keinen ¹ Pfennig.“ 4 84 —— Vierundvierzigſtes Kapitel. „Nun, nun, nicht ſo hitzig!“ ſagte der Fuhrmann;„es war ja nur unſer Spaß.“ „Man weiß aber nie,“ entgegnete die Frau,„wo bei euch der Spaß aufhört und der Ernſt anfängt. Namentlich im Punkte des Geldleihens verwechſelt ihr Beides beſtändig mit einander.“ „ Wie geſagt, es war unſer Spaß,“ antwortete der Fuhrmann mit grobem Tone und drückte die Fauſt auf den Tiſch;„Ihr ſeid aber ein ekelhaftes Weibsbild und könnt nicht einmal von Euren Verbündeten einen Scherz leiden.⸗ „Ja, von Euren Verbündeten,“ lachte der Jäger;„das könnt Ihr denn doch nicht läugnen, wir ſind feſt verbunden und vereint, wie es in dem Handwerksburſchen ſeinem Lied heißt. Und mir iſt ſo wohl dabei, daß ich Euch zu Lieb' überall mit hin ginge; ſei es auch ſogar in die geſchloſſene Geſellſchaft.“. „Ihr habt einen ſchlechten Humor,“ ſagte die Frau mit ge⸗ zwungenem Lächeln, indem ſie ihr Papier vom Tiſche wegnahm. „Aber führt mir keine ſo garſtigen Reden, oder wenigſtens ſo lange nicht, bis die Sache vollkommen in Ordnung iſt.“ „Das heißt, bis wir getheilt haben,“ bemerkte wichtig der Fuhrmann.. „Und wann wird das vor ſich gehen?“ meinte der Jäger. „Wann wird es vor ſich gehen!“ ſagte ärgerlich die Frau; „ich muß doch wahrhaftig zuerſt dieſe Papiere in Geld unſetzen, dann kann ich euch auszahlen.“ „Thut mir nur nicht ſo!“ verſetzte der Fuhrmann, und blin⸗ zelte ſeinem Bruder verſtohlener Weiſe zu, und als er von den raſtloſen Augen der Frau Schilder bei dieſem Blicke ertappt wurde, kratzte er ſich an der Naſe, als ſei ihm dort eine Fliege herum gelaufen.„Thut mir nur nicht ſo!“ wiederholte er;„Ihr werdet das da wechſeln laſſen, um uns die paar lumpigen Gulden zu be⸗ zahlen? Ihr habt zehn Mal mehr in Baarem in Eurer Kiſte ver⸗ wahrt.“ 3 6 — Angenehmes u. Unangenehmes in einer Familie. 33 d Da fuhr die Frau erſchrocken in die Höhe, und als ſie es trotzdem verſuchte, ihr Geſicht zu einem Lächeln zu zwingen, ſo entſtand durch dieſe verſchiedenen Gefühle, welche ſich auf demſelben abſpiegelten, eine ſo abſcheuliche Fratze, daß ſogar der Fuhrmann, dem ſonſt nicht ſo leicht etwas den Gleichmuth benahm, verlegen lachte und dazu ſeinen Bruder unter dem Tiſche mit dem Fuße anſtieß. „Wozu die ewigen Neckereien?“ ſagte der Jäger, indem er dieſen Druck mit dem Fuße kräftig erwiderte.„Laß die Frau Schilder gehen, ſie wird's ſchon recht machen. Und dann, wie lange kann es dauern, bis ſie die Papiere umgeſetzt hat?— Zwei, drei Tage, dann ruft ſie uns herüber, und bei einer Flaſche guten Vierunddreißiger wird getheilt. Nicht wahr, Frau?“ „Allerdings, allerdings!“ entgegnete die Wirthin, welche in tiefes Nachſinnen verſunken war und offenbar nicht wußte, was Konrad eben geſprochen. Sie hatte zwiſchen ihren zitternden Fin⸗ gern ihr Haubenband gefaßt, und zerknitterte es Zoll um Zoll.“ „Nicht wahr,“ fragte der Jäger,„einen guten Trunk bekom⸗ men wir extra?“ 4 „Einen guten Trunk? Verſteht ſich, verſteht ſich.“ „Nun alſo, das wäre abgemacht,“ ſprach Konrad, indem er aufſtand.„Gehen wir.“ „ Aber die andere Geſchichte,“ ſagte der Fuhrmann, indem er den Bruder wieder auf den Stuhl zudückzog;;z„wir wollten ja mit der Frau da über dieſen Punkt ſprechen.— Habt Ihr Luſt, uns anzuhören?“ wandte er ſich an die Wirthin. Dieſe mußte über etwas Unangenehmes nachgedacht haben, in ihren Gedanken aber am Ende zu einem freundlichen Reſultate ge⸗ kommen ſein; denn indem ſie jetzt aus ihren Träumereien empor⸗ fuhr, erhellten ſich ihre Mienen zuſehends, und ihr Geſicht wurde ſo freundlich und angenehm wie nur immer unglich * Vierundvierzigſtes Kapitel. „Was ſoll ich denn hören?“ ſagte ſie.„Sprecht nur zu, und wo euch mein Rath helfen kann, ſollt ihr ihn umſonſt haben.“ „Es iſt dies die Geſchichte mit der Katharine,“ ſprach der Fuhrmann.„Was uns das Mädchen für Kummer macht, es iſt nicht an den Himmel zu malen! Ihr habt doch ſchon Sehürt⸗ daß ſie bei Stillfried's iſt?“* 4 Die Frau nickte mit dem Kopfe. 8 3 „Was ſoll das bedeuten?“ fuhr eifrig der Fuhrmann fort. „Weßhalb iſt ſie da? was ſoll ſie dort?“ „Es iſt nicht gut für uns,“ ſagte ebenfalls kopfſchüttelnd der Jäger. Frau Schilder zuckte mit den Achſeln und meinte:„angenehm iſt es freilich nicht; aber daran läßt ſich nichts ändern. Ihr werdet ſehen, das läuft auf eine Heirath hinaus, und da die Sachen ſo ſtehen, ſo könnt ihr nichts Geſcheidteres thun, als eine gute Miene zum böſen Spiel machen. Wenn die Katharine heirathet, wird ihr an den paar Batzen von eurer Mutter nicht viel gelegen ſein, und wenn ihr euch ordentlich gegen ſie betragt, ſo kann euch das gewiß nicht entgehen.“ „Und wenn der Kerl ſie heirathet?“ fuhr der Fuhrmann anf. „So dankt Gott,“ ſagte die Frau,„daß ihr in eine vornehme Familie kommt, die euch aufhelfen kann.“ „So iſt es nicht gemeint.“ entgegnete der Fuhrmann kopf⸗ ſchüttelnd.„Abrechnung muß ich mit ihm halten; ſeinen Schädel muß ich ihm einſchlagen, und wenn ich es vor dem Altar in der Kirche thun müßte.“ „Und was habt ihr davon?“ meinte die Frau.„Man nimmt euch feſt und ſteckt euch zwanzig Jahre ein.“ „Was liegt mir daran! wenn ich einmal Rache geſchworen, das halte ich, und wenn ich zehnmal darüber zu Grunde ginge. Seht, Frau Schilder, es gibt Manchen, dem ich Eine hinauf Angenehmes u. Unangenehmes in einer Familie. 41 ſetzen könnte, Manchen und Manche; aber die Wuth, die ich auf jenen Kerl habe, da iſt alles Andere Kinderſpielerei dagegen.“ Der gute Fuhrmann hatte offenbar den Wein zu ſchnell getrun⸗ ken, denn ſeine Augen hatten ſich einigermaßen geröthet, ſein Mund ſchäumte, und bei den letzten Worten ſchlug er auf den Tiſch, daß er krachte. Dabei knirſchte er mit den Zähnen und ſchaute ſo an⸗ gelegentlich auf die Frau Schilder hin, und mit einem ſo unfreund⸗ ſchaftlichen Blicke, daß man hätte glauben ſollen, Herr Eugen Stillfried ſitze ihm leibhaftig gegenüber. Der beſonnenere Jäger, welcher fürchtete, Fritz möge in ſeinem aufgeregten Zuſtande mehr ſprechen, als gerade nothwendig, ſtand auf und ſagte:„nun ja, du haſt Recht; aber laß es jetzt gut ſein und komm mit nach Hauſe. Die Alte wird uns ſchon lange ver⸗ mißt haben.“ Anfänglich wollte der Fuhrmann hievon nichts hören, ſondern er ſtemmte die Arme auf den Tiſch, ſah die Frau Schilder frech und herausfordernd an, biß die Zähne auf einander, daß ſie laut krachten, und rief:„ja Frau, hin muß er ſein, und noch Mancher und Manche!“ 3 Konrad zuckte ärgerlich mit den Achſeln, und endlich faßte er den Bruder am Kragen und zog ihn vom Stuhle in die Höhe und mit ſich fort. Die Wirthin gab ihnen das Geleite bis an die Hausthüre; dort blieb ſie ſtehen und ſchaute den Beiden nach, wie ſie über die Gaſſe dahin gingen, nach dem Fenſter zu mit dem mobilen Gitter, und dort hineinſtiegen. So lange die Brüder noch ſichtbar waren, behielt Frau Schilder auf ihrem Geſichte ein freundlich ſein ſollen⸗ des, grinſendes Lächeln bei; doch als ſie nun verſchwunden waren und die Frau ſich in dem Hausflur herumdrehte, fielen ihre Mund⸗ winkel ſchlaff herab, ihre Augen verloren alle Lebhaftigkeit, und ſie ſah ängſtlich und forſchend vor ſich hin.— Das Haus lag düſter vor ihr da mit der dunkeln Treppe, die 42 Vierundvierzigſtes Kapitel. 4 in den erſten Stock führte, mit der finſteren, ſchmierigen Hinter⸗ ſtube; und alles das war ſo öde und unheimlich, erſchien ſo trau⸗ rig und verlaſſen, von dem gleichen Gefühle durchzogen, wie das Herz der ſchwarzgekleideten Frau, der Gebieterin und einzigen Be⸗ wohnerin dieſes troſtloſen Hauſes. Sie wußte ſelbſt nicht, woher es kam, aber es ſchauderte ſie, ſo allein zu ſein; ſie hätte ſich um Alles in der Welt ein Paar luſtige Gäſte gewünſcht, die lärmend und jubilirend die Stille aus dem Hanſe verjagt hätten. Aber von Gäſten war Niemand da, und was allein den dunkeln Gang und das Hinterzimmer bevölkerte, das waren unheimliche Gedanken, die geſpenſterartig ihrer Bruſt entſtiegen und wie verkörpert um ſie her ſchwebten.. Die Frau mußte ſich an dem Treppengeländer halten, denn es wurde ihr ganz dunkel vor den Augen. Sie hatte ſchreckliche Ge⸗ ſichte, und es war ihr, als zögen müßige neugierige Schatten aus der Hinterſtube auf den Gang heraus und Treppe auf und Treppe ab und drängten ſich um ſie herum und betrachteten ſie, die ſich krampfhaft am Geländer der Treppe hielt, als ſei ſie ſelbſt für ein Geſpenſt ein ſchrecklicher Anblick. „Das macht das Blut,“ ſagte die Frau und faßte mit der Hand an ihre kalte Stirn;„das Blut, das ſo wild durch meinen Kopf rast. Ich weiß nicht, wenn ich nur den Gedanken los wäre! — Ich weiß nicht, was das iſt,“ fuhr ſie nach einer längeren Pauſe fort und holte tief und mühſam Athem;„liegt mir doch das ganze Haus wie Blei auf der Bruſt. Wenn ich nur heute Abend ſchon fort könnte!—— Aber morgen früh, da ſoll es nicht fehlen, da werden die beiden Hallunken kommen und hier ein leeres Neſt finden, und werden nach der Frau Schilder und ihrem Gelde ſehen, während ich mit demſelben ſchon über alle Berge bin.— — Hahahaha!“ lachte ſie krampfhaft hinaus, und dann blickte ſie 4 erſchreckt um ſich, als lache auch Jemand anders dicht neben ihr. 4 „Ich mag nicht in das Zimmer gehen, und die Treppen hinauf —2— auch nicht,“ ſprach ſie nach einer Weile zu ſich ſelber;„es iſt doch eein verwünſchtes trauriges Haus! wie werde ich froh ſein, wenn ich dieſe elenden Gaſſen einmal hinter mir habe, und auch die Stadt, und hinaus komme in’'s Freie, wo die Sonne ſcheint und wo die grünen Bäume wachſen! Ach, Bäume und Sonne! Ich habe das ſchon lange nicht mehr recht geſehen! Ich möchte nur heute Abend noch einen Spaziergang machen; aber ich traue Denen da drüben nicht. Da liegen ſie auf der Lauer wie zwei wilde Thiere, und wenn ſie mich das Haus verlaſſen ſehen,— behüt' mich der Him⸗ mel! ſie wären im Stande und brächen bei mir ein und nähmen mir Alles, Alles, Alles!“— Während ſich die Frau Schilder ſo in Gedanken mit den Ge⸗ brüdern Schoppelmann beſchäftigte, hatten dieſe nicht ſobald ihr Zimmer erreicht und ſich auf ihrem gewöhnlichen Ruheplatze, dem Bette, niedergelaſſen, als ſie zugleich begannen, ſich ebenfalls in Gedanken mit der Wirthin drüben zu beſchäftigen. „Du biſt aber ein rechtes Vieh,“ ſagte der Jäger und ſtieß ſeinen Bruder frenndſchaftlich in die Rippen;„meinſt du denn. Die da drüben traue uns überhaupt viel Gutes zu? Du haſt wohl nöthig, ihr mit deinen dummen Redensarten: Mancher und Manche— Mucken in den Kopf zu ſetzen!“ „Ich war gereizt,“ entgegnete der Fuhrmann;„das Blut ſtieg mir in den Kopf.“ „Weil du immer ſo ſchnell in dich hineinſäufſt. Wenn du aber wirklich betrunken biſt, ſo will ich kein Wort zu dir ſprechen und dich ausſchlafen laſſen.— Nun, verſtehſt du mich recht?“ „O, was das anbetrifft,“ ſagte lachend der Fuhrmann,„ich kann dich verſichern, daß ich ganz nüchtern bin; ſo ein Paar er⸗ bärmliche Flaſchen Wein werden mir doch nichts thun! Aber der Aerger ſteigt mir zuweilen in den Kopf, und ich weiß wohl, daß ich dann dummes Zeug ſchwatze.“* Angenehmes u. Unangenehmes in einer Familie. 43 44 Vierundvierzigſtes Kapitel. „Alſo biſt du im Stande, mich anzuhören und zu begreifen?“ fragte der Jäger. gar ſchon, was du ſagen willſt.“ „Die da drüben— die Schilder— hat was vor. Sie will uns betrügen.“ 5 „Und uns wahrſcheinlich mit dem Gelde davon gehen.“ „So wollen wir ihr zuvor kommen.“ „Das iſt ganz meine Meinung.“— „Aber was geſchehen ſoll, muß gleich geſchehen!“ „Heute Abend?“ Der Jäger nickte ſtatt aller Antwort mit dem Kopfe; dann blickte er aber nach dem Nebenzimmer und ſagte:„Bſt!“ wobei er die rechte Hand aufhob und nach der Thüre zeigte. „Es iſt die Katze,“ meinte der Fuhrmann, der vollkommen und ganz nüchtern ſchien. „Laßt uns einmal rechnen,“ meinte der Jäger:„da hat ſie bei ſechshundert Gulden von früher, dann die letzte Geſchichte mit dreitauſend macht dreitauſend ſechshundert. Alles das iſt Geld von der Strebeling; aber gib nur Acht, ſonſt finden wir auch noch ein paar Kreuzer.“ „Finden?“ ſagte der Fuhrmann.„Du willſt alſo heimlicher Weiſe danach ſuchen?“ „Ja, meinſt du anders?“ fragte der Jäger. „Natürlich,“ antwortete der Fuhrmann;„nur keine halbe Geſchichte; entweder Alles oder gar nichts. Glaube mir nur, der alte Drache da drüben hat das Seinige ſo verſteckt, daß es ſchwer hält, etwas zu finden. Nein, nein, wir gehen ihr geradezu auf den Leib.“ 3 „Iſt das dein Ernſt?“ fragte zweifelnd der Jäger. „Vollkommen. Wir machen eine Zwangsanleihe bei ihr.“ „Und wenn ſie ſich weigert?“ 4* „Vollkommen!“ antwortete lächelnd der Fuhrmann;„weiß ſo⸗ — — Angenehmes u. Unangenehmes in einer Familie. 45 „So ſchlag' ich ſie todt,“ ſagte der Fuhrmann beſtimmt,„oder X drohe ihr wenigſtens damit.“ Der Jäger kratzte ſich am Kopfe und ſprach nach einer Pauſe: „Höre, Fritz! die Geſchichte will beſonders überlegt ſein. Die Schilder iſt ein Satan; noch ſchlimmer! denn der Teufel gibt eher eine arme Seele heraus, als die einen Kreuzer von ihrem Gelde.— Willſt du alſo wirklich Gewalt brauchen, wenn ſie ſich weigert?“ „Wir müſſen wohl!“ entgegnete düſter der Fuhrmann;„du ſo gut wie ich. Haben wir nicht in den letzten Tagen zwei Briefe bekommen von dem verfluchten Juden, der mit einer Klage droht, wenn wir ihn dieſes Mal nicht bezahlen? Glaube mir, der hält ſein Wort; und was dann?— dann werden wir alſo eingeklagt, worüber ſich unſere Alte freut, und da wir nicht zahlen können, läßt man uns einſtecken, und dann hilft uns kein Menſch. Madame Schoppelmann würde ſich darüber freuen, wenn ihre Söhne ein halbes Dutzend Jahre brummen müßten.“ „Ja, ja, es iſt freilich nicht anders zu machen,“ ſagte der Jäger nach einer längeren Pauſe.„Aber wir ſollten der Schilder doch eher gütlich zureden, bevor wir Gewalt brauchten.“ „Da haſt du Recht,“ entgegnete der Fuhrmann, und das iſt auch meine Anſicht, die uns aber nichts nützen wird.“ „Nun ja, man verſuchts.“ „Und wenn das, wie ich beſtimmt weiß, nichts hilft, ſo ſieht man zu, wie man mit ihr fertig wird.“ „Abgemacht!“ ſagte leiſe der Jäger und winkte abermals ſeinem Bruder, ſtill zu ſchweigen; denn im Nebenzimmer hörte man wieder ein Geräuſch, das aber dieſes Mal nicht von der Katze herkommen konnte, denn es war ein ſchwerer Fußtritt, und zugleich ließ ſich ein lautes Räuspern hören. 5* 46 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Madame Schoppelmann nimmt Gratulationen in Empfang, theilt gute Lehren aus und . findet ſchließlich, daß ſie ihr Gelerntes ſelbſt vergeſſen. Madame Schoppelmann hatte ſich in ihre Speiſekammer begeben, die, wie wir wiſſen, neben dem Gemach ihrer Söhne gelegen war. wo ſie hergekommen war, nämlich in ihre Vorhalle, wo ſich Frau Claaſen und Frau Klingler befanden, die gekommen waren, um der Frau wegen des ihrer Tochter Katharina wiederfahrenen großen Glückes beſtens zu gratuliren. Die demüthige Frau Claaſen ſtand unter der Thüre; ſie hatte einen Zipfel der Schürze mit beiden Händen gefaßt und ſchien noch nicht im Reinen mit ſich darüber zu ſein, ob es nicht bei dieſer Nun trat die dicke Gemüſehändlerin in die Vorhalle, ſetzte die Flaſche mit den beiden Gläſern auf den Tiſch, ſchenkte die letz⸗ teren voll und lud die beiden Weiber ein, ſich zu bedienen. Beim Anblicke des Schnapſes hielt ſich Frau Claaſen nun nicht mehr länger; ſelbſt auf die Gefahr hin, der Frau Klingler zu mißfallen, führte ſie den Schürzenzipfel an ihre Augen, flennte etwas Weniges und ſagte mit ſchluchzender Stimme:„Aber das iſt ſo ſchön, ſo ſchön, ach, ſo ſchön!“ Madame Schoppelmann empfängt Gratulationen. 47 Frau Klingler hatte jetzt erreicht, was ſie wollte. Sie ſchaute mit einem Blicke unbeſchreiblicher Verachtung auf die Kollegin. „Das muß immer weinen!“ ſagte ſie mit erkünſtelter Entrüſtung; „iſt denn das eine Gelegenheit, um traurige Geſichter zu ſchneiden?“ „Laſſ' Sie es gut ſein, Klinglere,“ meinte die dicke Gemüſe⸗ händlerin.„Es ſind Freudenthränen, und die kann man einem ſchwachen Weibsbild, wie die Claaſen iſt, ſchon verzeihen. Ihr ſeid freilich anderer Natur; Euch hat vielleicht noch Niemand weinen ſehen.“ 4 „Gewiß noch Niemand,“ meinte die demüthige Frau Claaſen. „Meint Ihr das wirklich, Frau Schoppelmann?“ ſagte die Klingler, indem ſie ihr Glas erhob;„und auch Ihr, Claaſen, glaubt ſo? Da ſeid Ihr beide auf dem Holzwege; wo es wirklich was Schmerzhaftes gibt, da kann auch ich weinen. Ja, ich ver⸗ ſichere Euch, wenn ich nur an jene Geſchichte denke mit dem Offizier, da gab's Thränen, na— was für Thränen!“ „Wir glauben es Euch gewiß, wir glauben es!“ ſprach lächelnd Frau Schoppelmann.„Nun trinkt Euer Glas aus. Ich habe heute Morgen meine Katharine geſehen; ſie iſt recht zufrieden, und die Staatsräthin auch, wie es ſcheint. Gott, der Gerechte! ich habe all das Leid rein vergeſſen.“ „Ja, das kann man auch bei einer ſolchen Veranlaſſung,“ meinte die Klingler;„wenn man bedenkt, was alles dahinter ſteckt.“ „Ja, was alles dahinter ſteckt,“ wiederholte Frau Claaſen, indem ſie lächelnd ihr Haupt hin und her wiegte. „Nun, was wird dahinter ſtecken?“ entgegnete die Klingler halb lächelnd und halb mit einem ernſten Blick und blinzelte der Frau Schoppelmann zu;„ſagt es mir, Frau Claaſen, wenn Ihr es wißt!“ „Nun, eine Hochzeit wird dahinter ſtecken,“ verſetzte das de⸗ müthige Weib und ſchlug ihre Hände zuſammen;„eine wirklich und wahrhaftige Hochzeit.“ 4 —— 852 Fünfundvierzigſtes Kapitel.. 48 Dem wußte die Andere durch nichts zu widerſprechen; ſie winkte alſo herablaſſend mit der Hand.„Es iſt gut, Frau Claaſen, Ihr könnt Recht haben; ich glaube auch, daß eine ſchöne und glänzende Hochzeit daraus wird.“ 4 „Das gebe Gott!“ ſagte die Gemüſehändlerin und faltete ihre Hände.„Nein, wie mich das Glück angreift, davon habt Ihr bei⸗ den Weiber gar keine Idee; aber es iſt gut ſo, gewiß ganz gut, denn ich werde ein Bischen mager dabei; ich verſichere Euch, Ihr könnt mir's glauben oder nicht, aber es iſt ſo. All' der Aerger, wenn er anch mein Gemüth angegriffen hat, hat mich nur immer dicker gemacht. Der Doktor ſagt es auch, er bringt das Blut durch 4 einander und ſtärkt die Nerven.“ „Wenn ich nur die Katharine bald einmal ſehen könntels ſagte Frau Klingler;„ich muß ſie abſolut baldigſt ſehen. du meine Güte! wenn ich denke, daß ich ihr nächſtens auf der Straße begegne, wie ſie in der Kutſche mit der Frau Staatsräthin aus⸗ 3 fährt— und. ſie wird mit ihr ausfahren— glaubt Ihr das nicht auch, Frau Claaſen?“. 4 Glücklicher Weiſe ſchien dieſe ganz derſelben Anſicht zu ſein, und, alſo beruhigt, konnte Frau Klingler fortfahren:„Und wenn ich ihr begegne, das ſag' ich Euch, Frau Schoppelmann, einen. Knix mach' ich ihr, als käm’ die Prinzeſſin daher gefahren. Ge⸗ rade ſo.“ 6 Die glückliche Mutter lächelte bei all' dieſem vergnügt in ſich hinein, und nur zuweilen überflog ein düſtrer Schatten ihre Züge, und das war, wenn ſie an ihre beiden Söhne dachte. Und ſie dachte gerade neben dem glücklichen Looſe, welches die Tochter zu betreffen ſchien und das ſie ſich ſo glänzend vorſtellte, recht häu⸗ ſig an ihre anderen Kinder, und ein tiefer Seufzer entwand ſich dann ihrer Bruſt. 3 Frau Claaſen ſeufzte ebenfalls, und Frau Klingler, die nicht wußte, wie ſie ſich zu verhalten hatte, da ſie das ernſte Geſicht der* —. 1 lsdann genau überlegen, auf welche 8 Madame Schoppelmann empfängt Gratulationen. 49 dicken Gemüſehändlerin ſah, wußte nichts Beſſeres zu thun, als die demüthige Frau an der Thüre finſter anzublicken. „Ja, meine beiden Buben!“ ſagte Madame Schoppelmann und ſeufzte abermals.„Wenn ich nur wüßte, was mit denen anzufan⸗ gen iſt! Glaubt mir,“ wandte ſie ſich ſpeziell an die beiden Wei⸗ ber,„daß ich gar nicht Luſt habe, bis ans Ende meiner Tage hier das mühſame Geſchäft fortzuſetzen. Gott ſoll mich bewahren! Wenn meine Tochter Katharine wirklich einmal verſorgt iſt, ſo ſehe auch ich mich nach einer Verſorgung um, das heißt, ich will da Art und Weiſe ich dann meine paar noch übrigen Tage verbringen will.“. „Es verſteht ſich ja von ſelbſt,“ erwiderte Frau Klingler hier⸗ auf,„daß Ihr alsdann zu Eurer Tochter geht; das iſt doch ein ewieſener Weg.“. „ Nicht ſo ganz,“ meinte die dicke Frau.„In ſo ein vorneh⸗ mes Haus paſſe ich nicht hinein, und wenn es mir auch außeror⸗ dentlichen Spaß machen würde, ſo hie und da wieder in die Kin⸗ derſtube zu gehen und meine kleinen Enkel zu pflegen, ſo würde ich mich doch in den andern— den ſchönen— Zimmern ganz un⸗ behaglich finden.“ „Ach ja, die kleinen, lieben Enkel!“ Claaſen, und dann machte ſie kine Bewegu als wiege ſie ſchon eines dieſer, beſtehenden Weſen hin und her. „Aber wie kann ich mich zurückziehen?“ fuhr die Gemüſehänd⸗ lerin fort.„Wem ſoll ich mein Geſchäft übergeben? Meinen bei⸗ den Söhnen?— Da ſoll mich Gott bewahren, daß ich meinen Namen ſo aufs Spiel ſetze! Nein, der ſoll bleiben, wie ich ihn geſchaffen, ſolid und ehrlich, und ſoll noch in ſpäteren Jahren mit Ach⸗ tung genannt werden. Ich müßte mich ja vor meiner Kundſchaft ſchämen, wollt' ich das Geſchäft in ſolche Hände geben, wie die der beiden Buben ſind.“ Hackländers Werke. XII. ſagte die demüthige Frau ng mit dem rechten Arme, bis jetzt blos in der Phantaſie 4 50 Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Leider!“ ſagte die Demüthige, und Frau Klingler konnte ſich ſogar nicht entſchließen, anderer Anſicht zu ſein, und ſagte eben⸗ alls:„Leider!“ „Was aber anfangen?“ fuhr die dicke Frau fort.„Du mein Gott im Himmel! Das macht mir recht betrübte und traurige Stunden. Wenn die Buben nur auswärts was Rechts anfangen wollten, ich würde ſie ja mit Geld, ſo viel ich kann, unterſtützen. Aber das hat auf der weiten Welt keinen anderen Trieb, als wie im Wirthshaus ſitzen, den ganzen lieben Tag nichts verdienen, und das Geld auf die unwürdigſte Art durchbringen.— Und dann be⸗ denkt nur, wenn ich einmal nicht mehr da bin! Ich bin noch die einzige Perſon, die im Stande iſt, mit den beiden Rangen fertig zu werden. Hab' mir ſchon gedacht, man ſollt' ihnen ein Stück Land in Amerika kaufen, da hätten ſie Platz genug, um auszutoben da iſt ſchon Mancher zahm geworden. Sie fänden da keine Nach⸗ barn, mit denen ſie Streit anfangen könnten, auch keine Wirths⸗ häuſer, und müßten, um ſich durchzubringen, tüchtig arbeiten. Es iſt ein geſegnetes Land, das Amerika.“ 5 „Ihr habt eine gute Idee,“ ſagte Frau Klingler.„Ihr ſoll⸗ tet das den Beiden vorſchlagen.“ 3 „Sie werden's nicht annehmen,“ entgegnete beſtimmt die dicke Frau.„Nur die Noth kann die Beiden zu einem ſolchen Schritt treiben, wenn ihnen einmal das Waſſer in den Kragen hinein läuft. So lange ſie im Trockenen ſind und die Füße unter meinen Tiſch ſtrecken können, denken ſie nicht ans Auswandern.— Nicht noch ein Gläschen Schnaps, Klinglere? Was meint Ihr, Claaſen, noch ein Halbes?“ Beide Weiber ließen ſich die Gabe gefallen, tranken die dar⸗ gebotenen Gläſer leer, und als ſie darauf ſahen, daß Madame Schoppelmann keine Luſt mehr zu haben ſchien, die vorhin begon⸗ nene Unterhaltung fortzuführen, ſondern daß ſie vielmehr die Hände in den Schooß legte und in tiefes Nachſinnen verſank, hielten ſie L. Madame Schoppelmann empfängt Gratulationen. 51 es für gerathener, ſich langſam zurück zu ziehen, was ſie auch aus⸗ führten, indem ſie von der Oberin des Gemüſemarktes mit einer freundlichen Verneigung des Kopfes verabſchiedet wurden. Madame Schoppelmann blieb auf dieſe Art allein an dem großen Tiſche ſitzen, hielt die gefalteten Hände im Schooße und dachte eifrigſt nach über Vergangenes und Zukünftiges; bald nickte ſie mit dem Kopfe, bald ſchüttelte ſie ihr Haupt hin und her; zu⸗ weilen fuhr ein Lächeln über ihre Züge, zuweilen aber ſeufzte ſie aus tiefſtem Herzensgrunde. Mehrmals begann ſie auch nach ihrer Ge⸗ wohnheit ein lautes Selbſtgeſpräch, doch waren die Worte, die man vernahm, anfänglich ſo abgeriſſen und ohne allen Sinn, daß es unmöglich war, zu errathen, was ſie damit eigentlich ſagen wollte, und erſt als dies eine gute Viertelſtunde gedauert, legte ſie ihre hee Hand auf den Tiſch, rückte auf dem Stuhle unruhig hin und her, und brachte ihre lauten Betrachtungen in eine ordentliche Reihen⸗ folge und ließ ſie ohne zu große Zwiſchenräume, wodurch ſie ver⸗ ſtändlicher wurden.„Das iſt eine verwetterte Geſchichte!“ mur⸗ melte ſie.„Soll ich denn in meinen alten Tagen wieder an⸗ fangen wie ein Schulkind und auf der Schiefertafel herum kratzen? Du wirſt es wohl müſſen, Margareth,“ gab ſie ſich ſelbſt zur Ant⸗ wort, und dann ſeufzte ſie wieder tief auf.„Und mit der Dinte kann ich gar nicht umgehen,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„und wenn ich auch zwei Buchſtaben geſchrieben habe, ſo ſind mir ſchon alle Finger davon ſchwarz geworden. Pfui Teufel!“ Und darauf ſeufzte die dicke Frau ſo entſetzlich tief und ungebührlich lange, daß ſie vor dieſem eigenen Seufzer erſchrak und in die Höhe fuhr. Dieſes in die Höhe Fahren der Frau Schoppelmann iſt nicht blos geiſtig, ſondern anch leiblich zu verſtehen; denn ſie erhob ſich wirklich von ihrem Stuhle, und das mit einer bei ihr ungewöhn⸗ lichen Geſchwindigkeit. 8 3 „Auch dazu kann man keinen von den Buben brauchen,“ murmelte ſie in ſich hinein, indem ſie von dem Kamine herunter Fünfundvierzigſtes Kapitel. eine große Schiefertafel holte und ſie auf den Tiſch legte. Dann brachte ſie aus ihrer Kommode, die ſich im Nebenzimmer befand, ein ziemlich dickes Buch herbei, ein paar außerordentlich ſtumpfe Federn und ein Dintenfaß, deſſen Inhalt ſo mit weißem Schim⸗ mel überzogen war, daß es des Umrührens mit einem ſtarken Holze bedurfte, um den Schimmel in die Tiefe zu verſenken und die klare ſchwarze Dinte zum Vorſchein zu bringen. Nachdem dieſes Geſchäft beſorgt war, das Buch aufgeſchlagen, die Schiefertafel in die Nähe gerückt, nachdem ſich Madame Schop⸗ pelmann geſetzt, die Federn durch mehrmaliges Anſchlagen an den Tiſch von einer harten, ſchwarzen Kruſte befreit hatte, ſetzte ſie eine kleine Hornbrille auf und begann mit vielem Geſeufze die Hiero⸗ glyphen auf der Schiefertafel vermittelſt anderer, ebenſo unleſer⸗ licher Charaktere in das große Buch zu übertragen. Aber Madame Schoppelmann fühlte ſich bei dieſem Geſchäfte ſehr unglücklich, und ihr Anblick bot etwas außerordentlich Komi⸗ ſches. Seit ihrer Mädchenzeit hatte ſie ſo recht keine Feder mehr in die Hand genommen; denn früher hatte dieſes Geſchäft der ſelige Schoppelmann beſorgt, und in ſpäterer Zeit Katharina. Madame Schoppelmann hatte demnach, was das Schreiben anbelangte, ſehr alte Traditionen aus der Schule aufbewahrt, die ſie jetzt zur Anwendung brachte. Die Ellbogen hielt ſie weit ausge⸗ breitet und bedeckte damit Buch und Schiefertafel. Mit dem Zeige⸗ finger der linken Hand folgte ſie den Schriftzügen auf letzterer, während ſie dieſelben mit der rechten Hand ſo gut als möglich niederſchrieb. Dabei hielt ſie die Feder in der geballten Fauſt und ſo nahe wie möglich an der Spitze, wodurch zuweilen eine artige Schmutzerei entſtand; denn ſie nahm die Feder zu voll, weßhalb die Dinte auf das Papier niederträufelte und von der Schreiberin, die in einem ſolchen Augenblicke vielleicht zufällig auf die Schiefer⸗ tafel blickte, zu einem ſchwarzen Fier. von n maͤßiger Ausdehnung zerrieben wurde.— 2 Madame Schoppelmann empfängt Gratulationen. 53 Nach einem ſolchen Unglücke ſeufzte die Frau tief auf, über⸗ ſchaute dann mit wahrem Schmerze die von der Hand ihrer Tochter ſo zierlich geſchriebenen vorangehenden Seiten. Das war aber auch ein Unterſchied wie Tag und Nacht, ein Elfentanz im Mondſchein, ſchlanke, zierliche, hin und her ſchwebende Geſtalten neben einem Hexenſabbath, wo Kobolde und böſe Geiſter mit Beſenſtielen und Heugabeln ſehr ungenirt einen Ball halten.— Dabei ſprach ſie jedes Wort, jede Zahl laut vor ſich hin, ſowohl wenn ſie es von der Schiefertafel ablas, als auch, wenn ſie ſolche in das Buch ein⸗ ſchrieb, wobei es dann auch zuweilen vorkam, daß ſie den Zeige⸗ finger ihrer linken Hand verrückte und dann während des Schrei⸗ bens las: Zwei Bündel Rettige... 4 fl. 30 kr., über welchen enormen Preis alsdann die Frau erſchrak und ſich überzeugte, daß die oben genannte Summe einigen Pfunden Lachsforellen galt, welche gleich nach den Rettigen kamen.* So ſchrieb ſie unter vielem Stöhnen und Klagen eine gute Weile fort, und wer ihre Lamentationen ſo mit angehört hätte, ohne zu ſehen, was die Frau eigentlich treibe, der hätte unbedingt auf den Glauben kommen müſſen, der Verſtand der Madame Schoppelmannn habe einigermaßen gelitten. „Vier Pfund Butter 1 fl. 12 kr.,“ ſagte ſie mit einem kläg⸗ lichen Tone und ſetzte ſeufzend hinzu:„2 Karpfen 48 kr.“ Dann ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus und ſprach wahrhaft jammernd: „24 Köpfe Antiviſalat thut 1 fl. 10 kr.“ Dann kam ein neuer Dintenfleck, und die unglückliche Schreiberin ſagte im kläglichſten Tone:„o du mein lieber Gott!“ und fuhr darauf mit höchſter Entrüſtung fort:„64 Krebſe, das Stück zu 6 kr., macht in Allem 48 kr.“—„Nein, es iſt ja unmöglich,“ unterbrach ſie ſich dann ſelber;„das ſind ja die 8 Büſchel Zellerie, die Krebſe dagegen machen 6 fl. 24 kr. So eine Plage habe ich noch in meinem gan⸗ zen Leben nicht durchgemacht. Ohl oh!“ 4 Da verdunkelte ſich die Helle, in welcher Frau Schoppelnann Fünfundvierzigſtes Kapitel. ſaß und ſchrieb, durch Jemand, der von außen in die Thüre trat, und die dicke Frau, welche über dieſe Unterbrechung nichts weniger als ungehalten war, legte ihre Feder hin und ſchaute in die Höhe. Es war Jungfer Clementine Strebeling, die einen kleinen Aus⸗ gang beſorgt hatte und nun, nach Hauſe zurückkehrend, der Frau Schoppelmann einen guten Tag bieten wollte, ehe ſie in ihr Zim⸗ mer hinaufſtieg. Die Jungfer hatte etwas Leidendes an ſich; ſie ließ ihr Köpfchen mehr als gewöhnlich hangen, ſie ſchlug die Augen zu Boden, ſie ſchien ſich auf ihren Sonnenſchirm zu ſtützen; kurz, Madame Schoppelmann, welche ſie einen Augenblick unter ihrer Brille hervor betrachtet, ſagte ihr mit dem wohlwollendſten Aus⸗ drucke, ſie ſähe ziemlich bummelig, ja miſerabel und hinfällig aus. „O lieber Gott!“ ſeufzte Clementine und ließ ſich auf einen der Stühle am Tiſche nieder. Man konnte es nicht niederſitzen heißen; es war ein Niederſchweben, ein Herabflattern. „Iſt Ihr etwas Unangenehmes begegnet?“ fragte die dicke Frau, die ſehr erfreut war, ihre Feder niederlegen zu dürfen. „Ach du mein lieber Gott! ich kann das eigentlich nicht ſagen, fehlt mir was oder fehlt mir nichts? ich weiß es ſelbſt nicht; aber ich fühle mich ſo elend, ſo hinfällig.,“.. „Laſſe Sie ſich einen Pfeffermünzthee machen,“ ſagte die alte Frau,„und wenn das nicht hilft, ſo lege Sie ſich heute Abend Senf⸗ teig unter die Füße.“ „Ach du lieber Gott!“ entgegnete Clementine.„Der Körper iſt's nicht, Frau Schoppelmann; ſieht Sie, das Gemüth iſt krank, da fehlt's mir.“. „Ja, für das Gemüth weiß ich nichts,“ ſagte die Gemüſehänd⸗ lerin;„dafür weiß auch kein Doktor was. Dem Gemüth kann man keinen Senfteig auflegen, ſonſt hätte ich auch das meinige ſchon ganz in Senfmehl eingeſchlagen. Was Gemüth! von dem muß man ſich nicht unterdrücken laſſen. Gemüth— das iſt der böſe Geiſt, der lauert nur darauf, wo er Fröhlichkeit und gute M adame Schoppelmann empfängt Gratulationen. 55 Laune anfaſſen kann und zum Tempel hinausjagen. Was hat Sie denn wieder ſo Schreckliches gehabt?“ „Ach, das weiß ich eigentlich ſelbſt nicht,“ verſetzte die alte Jungfer;„aber ich fühle mich ſo allein und einſam auf der Welt, und jetzt, ſeit die Katharine fort iſt, habe ich ſo gar Niemand mehr.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete die Frau;„das Mädel fehlt mir auch an allen Ecken.“ Dabei ſah ſie ſeufzend ihr bekleckstes Schreibbuch an.. „O lieber Gott!“ meinte Clementine,„es iſt ein trauriges Le⸗ ben, es iſt gar nichts mehr auf dieſer Welt!“ „Ich will nicht hoffen,“ ſprach auf einmal ſtreng und ernſt Madame Schoppelmann,„daß Sie wieder Briefe von Ihrem ſo⸗ genannten Herrn Vetter hat. Das ſind mir ſchöne Geſchichten, Jungfer Clementine! ich habe zufälliger Weiſe etwas darüber er⸗ fahren. Ein ſauberer Vetter, der Herr Müller! Na, geh' Sie mir! Aber nehm Sie mir's nicht übel, Strebelinge, mit dem Herrn iſt’s nicht ſauber.“ „Um Gotteswillen! was meint Ihr, Madame Schoppelmann?“ ſagte erſchreckt die alte Jungfer. „Mit dem Herrn, mit dem iſt's nicht ſauber,“ fuhr die Gemüſe⸗ händlerin fort und machte eine gewaltige Handbewegung, welche deutlich anzeigte, in dem Punkte laſſe ſie ſich keine Einwendung gefallen. „Aber du lieber Gott!“ fuhr Clementine ängſtlich fort,„was ſoll denn nicht ſauber ſein?“ „Die ganze Geſchichte. Ein ordentlicher Menſch nimmt kein Geld von einem Mädel, das er ſo gut wie gar nicht kennt, und am allerwenigſten von einer, mit der er ein Verhältniß anfangen möchte, das kann Sie mir auf's Wort glauben. Da geht ſo ein Menſch, wenn er brav iſt, lieber her und arbeitet und hungert und ſpringt am Ende reſolut ins Waſſer oder kann ſich gar auch meinetwegen auſbängen. Das iſt noch immer biel reſpektahler, als ſo einem ——— Fünfundvierzigſtes Kapitel. armen, alten, gebrechlichen Geſchöpf, wie Ihr ſeid, ſein Bischen Geld nehmen. Pfui Teufel!“ 3 „Ja, das hat er auch alles thun wollen,“ ſagte zaghaft Clementine. „Was hat er thun wollen?“ „Nun, arbeiten.— Und gehungert hat er auch.“ „Wird ihm nichts geſchadet haben.“ „Und ein Leid wollte er ſich auch anthun.“ „Hat's aber nicht gethan!“ rief entrüſtet die Gemüſehändlerin. „Der Lump! Sieht Sie, Strebelinge, da ſteckt eben die Schlech⸗ tigkeit! Wie ich vorhin geſagt, ein rechtſchaffener Kerl, der geht lieber aus der Welt, wenn es denn nicht anders möglich iſt, ehe er auf ſolche Art zu Geld kommt. Das iſt immer miſerabel. Sieht Sie,“ fuhr die dicke Frau nach einer Pauſe fort,„da war der ſelige Schoppelmann, der hatte einen Bruder, Johann Chriſtian Schoppelmaun. Nun, der war auch einmal in einer ſolch ver⸗ zweifelten Lage und hatte auch ein Mädel, die war viel reicher wie Sie; aber der ging nicht hin und ließ ſich von dem Mäͤdel Geld geben— Gott ſoll mich bewahren!— Das that er nicht, und die hätte ihm ſo viel Tauſend geben können, wie Ihr Hundert habt. Aber das fiel ihm nicht ein, und er hatte Schulden, der Johaun Chriſtian Schoppelmann, und konnte ſie nicht bezahlen und war ein reſoluter Menſch.“ „Um Gotteswillen!“ ſagte die alte Jungfer; denn ſie war überzeugt, daß ſie etwas Schreckliches zu hören bekomme. „Da war nirgends eine Hülfe, denn ſein Bruder, der ſelige Schoppelmann, hatte auch kein Geld. Was alſo machen? Der Termin war verfallen, die Schuld mußte bezahlt werden; im Geld⸗ ſack war kein Kreuzer.“ „Du lieber Gott!“ ſagte ſchaudernd Clementine. „Was that alſo der Johann Chriſtian Schoppelmann?“ fuhr die dicke Frau mit einem finſteren Blicke fort. Madame Schoppelmann empfängt Gratulationen. 57 „Nun?“ rief angſtvoll die alte Jungfer.„Was that er?“ „Was der Herr Müller auch hätte thun ſollen.“ „Um Gotteswillen! Er ſprang ins Waſſer?“ „Nein, das that er nicht,“ entgegnete ruhig die dicke Frau. „Oder— du lieber Gott! ich kann es gar nicht ausſprechen! — er hängte ſich wohl gar auf?“ „Nein,“ ſagte Madame Schoppelmann,„daran dachte er nicht; aber er hat—“ „Sich erſchoſſen!“ rief die alte Jungfer mit gerungenen Händen. Madame Schoppelmann ſah ihr Gegenüber einige Augenblicke feſt an, dann ſprach ſie mit ernſtem, faſt finſterem Blicke:„Nein, auch das that er nicht, ſondern als ſein Gläubiger kam und ihn mahnte, da ſagte er zuerſt: heute habe ich kein Geld, aber in vier Wochen will ich Euch bezahlen. Und darauf hin wurde der Gläu⸗ biger grob und drohte ihm mit Verklagen und Arreſt; und darauf geſchah das, was ich für viel reſpektabler halte, als dem armen Mädel ſein Geld abborgen.“ „Und was that er?“ fragte geſpannt Clementine. „Er warf ſeinen Gläubiger zur Thüre hinaus,““ ſagte ruͤhig und groß die dicke Frau,„und bezahlte ſpäter, ſobald er Geld bekam.. „Ah!“ entgegnete Clementine, einigermaßen unangenehm über⸗ raſcht, denn ſie hatte etwas Poetiſcheres, etwas Zarteres erwartet. —„Nein, das würde er doch nicht thun,“ fuhr ſie nach einer Pauſe mit großer Befriedigung fort;„nein, gewiß nicht, er würde das niemals thun.“ „Das glaube ich auch,“ murmelte die Gemüſehändlerin.„Wird ſich auch ſo was ſo ein kleines Ding, wie der Herr Müller ſein mag, ſo eine Vogelſcheuche herausnehmen? Sie wird das nicht thun, darauf ſchwöre ich Euch.— Nun, laſſen wir eben die ganze Geſchichte ruhen, Strebelinge, das hilft vor der Hand nichts; Sie wird ſchon noch einſehen lernen, daß die alte Schoppelmann Recht 888 Fünfundvierzigſtes Kapitel. gehabt, und dann kann Sie wieder zu mir kommen; ich helfe Ihr alsdann doch aus der Patſche, wenn es noch möglich iſt.“ Clementine ſeufzte tief auf, faltete ihre Hände und ſagte, indem ſie das Köpfchen ſchüttelte:„So weit wird es hoffentlich nie kom⸗ men. Aber ſprechen wir nicht mehr davon, es iſt beſſer.“ Die Gemüſehändlerin ſetzte ſich nach dieſen Worten wieder zum Schreiben zurecht, d. h. ſie tunkte die Feder ein, bis dieſelbe auf dem Boden des Dintenfaſſes aufſtieß, und da ſie dadurch natürlicher Weiſe zu voll mit Dinte wurde, ſo klopfte die Gemüſehändlerin ſie alsdann auf dem Tiſche wieder aus, wodurch um das Dintenfaß herum ein artiger Kreis von ſchwarzen Flecken entſtand. Dann ſchob ſie ihre Ellbogen wieder ſo weit auseinander, daß ihr fettes Unterkinn faſt auf dem Buche zu ruhen ſchien, und nachdem dieſe Vorbereitungen beendigt, ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus. Jungfer Clementine Strebeling hatte dieſen Vorbereitungen mit nicht geringer Verwunderung zugeſchaut; denn die Anſtalten, welche die dicke Frau traf, um wieder mit dem Schreiben anfangen zu können, waren, wie geſagt, ſo ſeltſamer und ungeheuerlicher Art, daß ein Uneingeweihter nicht eher wußte, was ſie beginnen wolle, als bis ſie mit dem Zeigefinger der linken Hand auf der Schiefer⸗ tafel die richtige Stelle aufgefunden hatte und alsdann vor ſich hin ſprach:„Vierundzwanzig Stück Borsdorfer Aepfel,“ und darauf anfing, Zahlen und Gegenſtände in der ſpäter nur ihr allein leſer⸗ lichen Keilſchrift in das Buch zu malen. „Ich glaube, Ihr ſchreibt!“ rief endlich die alte Jungfer, nachdem ſie eine Zeit lang mit großem Erſtaunen geſehen, wie der Oberkörper der dicken Frau eine Weile auf dem Tiſche hin⸗ und hergerutſcht.„Das habe ich ja von Euch noch nie geſehen, ſo lange ich Euch kenne.“ „Daß ich ſchreibe,“ entgegnete die Gemüſehändlerin, welche froh war, einen Augenblick innehalten zu können,„das will ich glauben, mein Schätzchen; hab's auch ſeit zwanzig Jahren nicht Madame Schoppelmann empfängt Gratulationen. 599 mehr praktizirt, kommt mich unbeſchreiblich ſauer an. Das war das Geſchäft der Katharine. Was will ich aber nun machen? Das Mädel iſt fort; aufgeſchrieben muß ſein.“ 1 Bei dieſen Worten der Frau leuchtete es freundlich auf in dem Geſichte der Jungfer Strebeling.„Ei,“ ſagte ſie, indem ſie aufſtand und ſich dem Tiſche näherte,„was meint Ihr denn, Frau Schoppelmann, wenn ich das für Euch beſorgte? Ich verſichere Euch, ich ſchreibe eine recht brave Handſchrift und bin außerordent⸗ lich pünktlich.“. „Ja, das glaube ich wohl,“ verſetzte die Gemüſehändlerin freudig überraſcht und blickte mit lächelndem, ſtrahlendem Geſicht in die Höhe.„Jungfer Clementine hat was gelernt.— Aber es geht doch nicht,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe verdrießlich hinzu. „Und warum geht's nicht?“ „Das will ich Euch ſagen,“ fuhr Madame Schoppelmann fort. 6 „Wenn Ihr mein Buch auch für einmal einſchreibt, was hilft mich das? Wahrhaflig nicht viel. Seht Ihr, das Geſchäft kommt jede Woche vier Mal vor, nach jedem großen Markttage, und da—“ „Deſto beſſer!“ meinte Clementine, und ihr Blick war ganz glücklich und verklärt;„ſo ſchreibe ich Euch das Buch vier Male die Woche und bemerke obendrein noch auf der Schiefertafel, was Ihr mir jeden Tag diktirt, gerade ſo, wie es die Katharine gemacht. — Wißt Ihr was, Frau?“ fuhr Clementine nach einer Pauſe, während welcher die Gemüſehändlerin ſie erſtaunt betrachtet, zu ſprechen fort,„wißt Ihr was, Frau? wiederholte ſie, und dabei war es, wie wenn ihre Stimme ein klein wenig zitterte;„nehmt mich mit in Euer Geſchäft, ich will redlich für Euch thun, was ich kann, und wenn Ihr mir etwas dafür geben wollt, ſo bin ich wohl zufrieden.“ „Ja, wie iſt mir denn?“ fragte mehr und mehr überraſcht die 2 dicke Frau;„Ihr, eine Kapitaliſtin, wollt Dienſte nehmen, und Dienſte bei mir, der Gemüſehändlerin?“ —— 60 Fünfundviorzigſtes Kapitel. „Nennt es nicht ſo,“ bat Clementine mit leiſer Stimme. „Bedenkt doch, ſeit wie viel Jahren ich bei Euch aus und ein gehe, wie lange ich mit angeſehen, was Katharine alles gethan, und daß es mir in der Seele weh thut, Euch ſo allein das ganze Geſchäft beſorgen zu ſehen. O, glaubt mir, ich köunte Euch Vieles beſorgen, wie z. B. die Schreiberei und was im Hausweſen ſo vorkommt, während Ihr auf dem Markte ſeid.— Denn,“ ſetzte ſie ſtockend hinzu,„für den Markt ſelbſt tauge ich gar nicht; das würde ich auch nicht einmal gern thun. Man muß das von Kindheit auf gewohnt ſein, ſich ſo dahin zu ſetzen und ſich angaffen zu laſſen.“ „Und man muß ſich vor allen Dingen dabei zu benehmen wiſſen,“ ſagte die alte Frau mit großem Stolz;„da habt Ihr Recht, Clementine, das Auf⸗dem⸗Markt⸗Sitzen iſt keine Kleinigkeit; ich mußte dahin als eine Jungfer von ſechszehn Jahren, und das kann ich Euch verſichern, mein Ausſehen war ſo, daß alles, was über den Markt bei meinen Körben vorbei kam, vor mir ſtehen blieb, und die alten Herren nahmen bedächtig eine Priſe, und die jungen Laffen ſagten: Sapperment, die iſt einmal ſchön! Eines Tages— aber da ſchwätz ich dummes Zeug in den Tag hinein,“ unterbrach ſie ſich ſelber,„ſtatt Euch eine vernünftige Antwort auf Euren angenehmen Vorſchlag zu machen.“ 3 Clementine, welche wohl wußte, daß das Herz der Madame Schoppelmann ſich nie froher bewegt fühlte, als wenn ſie etwas aus ihrem vergangenen Leben erzählte, war klug genug, auf's Dringendſte darum zu bitten, die Frau möge ihr zuerſt erzählen, gas eines Tages auf dem Markte paſſirt ſei; ihre Sache habe immer noch Zeit. „O, es iſt gar nicht der Rede werth,“ entgegnete Madame Schoppelmann geſchmeichelt.„Alſo die jungen Laffen, welche um die Körbe herum ſtanden, ſagten—“ 5 „Die iſt einmal ſchön!“ ſchaltete Clementine ein. „Das ſagten ſie wahrhaftig,“ fuhr die Frau fort,„und da⸗ Madame Schoppelmaun empfängt Gratulationen. 61 gegen konnte ich nichts machen. Meine Mutter hatte mir auch geſagt: laß ſie nur ſagen und dich anſchauen, wie ſie wollen, aber wie einer zudringlich wird, ſo ſchlägſt du zu. Sieht Sie, Jungfer Clementine, ſo ſagte meine Mutter— Gott hab' ſie ſelig!— und andere Moral hat ſie mir nie gepredigt; war aber auch gar nicht nothwendig: in dem war Alles inbegriffen. Da gehen ſie her und ſchreiben ganze Bücher über das Verhalten der Jungfern von mitt⸗ leren und höheren Ständen, wie ſie es nennen. Wozu das?— Luxus iſt's, der helle Ueberfluß! Und hätte ich zehn Töchter ge⸗ habt, ich hätte ſie Alle mit dem Wort von meiner Mutter ſelig erzogen, denn darin liegt das ganze Geheimniß. Laßt ſie euch an⸗ gaffen und reden, was ſie wollen, danach ſchüttelt man kein Ohr; aber wenn ſie zudringlich werden, zugeſchlagen und tüchtig zuge⸗ ſchlagen, treff es, wohin es wolle und wen es wolle?“ Die Gemüſehändlerin holte nach dieſer längeren Rede tief Athem, und dann fuhr ſie fort:„So ſitz' ich alſo eines Tages bei meinen Körben, kommt Einer daher und will Blumen von mir kaufen. Ich ſage: da ſind genng, wählt Euch aus. Er ſucht und ſucht, und zu gleicher Zeit kommen noch mehrere ſo Pflaſtertreter heran und lachen mit dem Erſten und ſtoßen ihn an und ſagen: nur zu, nur zu! und ich ſehe, daß ſie irgend eine Schelmerei vorhaben. „Endlich ſagte der Erſte mit ſo einer dünnen, piepſenden Stimme: wiſſen Sie was, Mamſelle, Sie können wohl ſo gut ſein und mir Ihren Strauß geben.— Meinen Strauß, Jungfer Strebe⸗ ling! Das war nämlich ein Bouqust von Roſen, das ich mir vorn ins Mieder geſteckt hatte. Ich entgegnete ihm auch ganz ruhig, das ſeien meine Blumen und das bleiben auch meine Blumen. Da lachten die Anderen wieder und ſtupften ihn in die Seite, und Einer ſagte: ſiehſt du wohl, das habe ich mir gleich gedacht.— Und nun, Jungfer Strebeling, was denkt Sie? Nun kommt der Erſte dicht auf mich und— 62 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Damit ſah die Frau ihr Gegenüber mit einem fragenden Blicke an, als ſollte Dieſe errathen, was denn eigentlich ge⸗ ſchehen ſei. „Ich will nicht hoffen——“ ſagte Clementine ſchüchtern. „Hoff' Sie nur immer zu!“ entgegnete die dicke Frau.„Er geht alſo bei Gott her und will mir den Blumenſtrauß von mei⸗ nem Mieder herausziehen. Das war doch offenbar zudringlich, und ſo nahm ich es auch, und hatte gerade in meiner rechten Hand eine ganze Menge wilder Roſen, aus denen ich einen Kranz machen ſollte, und wie Der alſo meinen Strauß nehmen wollte, ſpring' ich in die Höhe und ſchlage ihm meine wilden Roſen— es waren recht ſchöne Dornen daran, und obendrein waren die Blätter ganz naß— rechts und links um das Geſicht herum, und ſo nachdrück⸗ lich, daß Roſenblätter und Laub und Stengel und die Waſſer⸗ tropfen nach allen Richtungen hinaus flogen.“. „Nun?“ fragte ängſtlich Clementine, da die Frau einen Au⸗ genblick ſchwieg. „Nun,“ fuhr Madame Schoppelmann mit großem Selbſt⸗ gefühl fort,„damit war die Geſchichte aus. Er ſagte wohl, ich ſei ein wilder Teufel, aber dann gingen ſie lachend davon; und das waren vornehme Herren, ein paar Barone und ein Graf. Und für ihn, den ich ſo bedient, habe ich ſpäter lange Zeit in die Küche geliefert. Ja, das kann ich Sie verſichern, Strebelinge, ſo was gibt Reſpekt.— Aber jetzt ſchwätz ich da fort und fort, und Ihr hättet mich wahrhaftig unterbrechen ſollen. Nun, wie war's denn mit Eurem Vorſchlage vorhin? War das Scherz oder Ernſt?“ „Mir war's vollkommen Ernſt,“ ſagte ſchüchtern Clementine; „ich habe ja doch nichts zu thun, und wenn ich Euch helfen kann, ſo will ich es von Herzen gern thun.“.. „Aber umſonſt iſt der Tod,⸗ verſetzte ernſt die alte Frau. „Wenn Ihr für mich arbeiten wollt, ſo muß ich Euch auch dafür bezahlen.“ 4 Madame Schoppelmann empfängt Gratulationen. 63 .„Nein, nein,“ ſprach eifrig Clementine,„von Bezahlen, d. h. von Geld, kann keine Rede ſein. Ich helfe Euch, wie Euch Ka⸗ tharine geholfen, mit Ausnahme des Marktgeſchäftes, und dafür — wenn Euch das nicht zu viel erſcheint— wohne ich umſonſt bei Euch und eſſe bei Euch.“ Die alte Jungfer ſeufzte tief auf, als ſie die letzten Worte⸗ ſprach.„Das laſſ' ich mir ſchon gefallen,“ entgegnete lachend Madame Schoppelmann;„ſo wohlfeil hätt' ich nicht gedacht, einen Buchhalter zu bekommen. Im Grunde kann ich mir auch denken, daß Sie es nicht thut, um Geld zu verdienen, denn Sie iſt ja, was man ſo bei uns nennt, eine reiche Perſon.“ „Das war ich wohl,“ dachte Clementine, und einen Augenblick wollte ein trauriges Gefühl ihr Herz beſchleichen. Dann aber rich⸗ tete ſie ſich an dem ſüßen Gedanken, daß ſie ja für ihn das glles geopfert, wieder in die Höhe, und dabei glänzte ihr Auge freudig auf.„Und wenn ich jetzt anfange zu arbeiten,“ ſprach ſie zu ſich ſelber,„ſo thue ich es ja ebenfalls für ihn, und dafür muß mir doch einmal ein ſchöner Lohn werden.“ Aber wenn ſie genauer an dieſen Lohn dachte, ſo ſchanderte ſie leiſe in ſich zuſammen. „Wenn das alſo Ernſt iſt,“ nahm höchſt vergnügt die Ge⸗ müſehändlerin das Wort,„ſo können wir in Gottes Namen gleich anfangen. Das Buch liegt ſchon ſeit zwei Markttagen ungeſchrie⸗ ben, und meine Schiefertafel ſteht in die Kreuz und quer ſo voll, daß ich ſelbſt kaum daraus komme.“ „So muß Sie mir andiktiren,“ ſagte Clementine und ſetzte ſich vor das Buch hin. Ehe ſie aber anfing zu ſchreiben, nahm ſie einen feuchten Lappen und vertilgte die vielen Seen und Ströme von ſchwarzer Dinte, die zahlreich auf dem Tiſche glänzten. Dann begann die Arbeit, und wir können verſichern, daß ſie raſch von Statten ging. Madame Schoppelmann wiſchte mit zufriedener Miene einen Tag um den anderen aus, und da der neue Buch⸗ halter erſt dann zu ruhen beſchloß, wenn das Buͤch in Ordnung 64 Sechsundvierzigſtes Kapitel. ſei, ſo wurde nach ein paar Stunden die Lampe angezündet, und während draußen der Abend herabſank und es ringsum dunkel wurde, arbeiteten die Beiden emſig darauf los. Sechsundvierzigſtes Kapitel. DBerichtet von einem Vorfall, der anzeigt, daß die ewige Gerechtigkeit ſchon hier zuweilen den Schuldigen trifft. Die Gebrüder Schoppelmann, welche in den Nachmittagsſtun⸗ den einen kleinen Ausgang gemacht, waren nach Hauſe zurückge⸗ kehrt und ſaßen neben einander auf dem Bette des Fuhrmanns. Ihre Unterhaltung war ziemlich einſylbig; Beide ſchienen mit ihren Gedanken beſchäftigt. Zwiſchen den hohen Mauern des Neben⸗ hauſes hindurch drang von der breiten Straße, in welche die enge, ſchmutzige Gaſſe endete, ein ſchmaler Strahl des Gaslichtes der Laternen, leuchtete auf den Gitterſtäben vor den Fenſtern und warf einen bleichen Schein auf die beiden Köpfe der würdigen Brüder. Der Winkel war faſt ganz dunkel und nur in dem muſikali⸗ ſchen Hauſe, wie gewöhnlich, ein Fenſter erhellt, hinter welchem man den Schatten eines Schulgehülfen erblickte, der nach des Tages Laſt und Hitze ſein Gemüth mit ſanften Melodieen erhei⸗ terte. Sanft und angenehm waren dieſe Melodieen, aber wohl nur für ſein eigenes Ohr; denn in Wahrheit zu ſagen, brachte er auf dem alten Klavier zuweilen entſetzliche Mißtöne hervor und ſang dazu ein Lied, woran das Bemerkenswertheſte war, daß es trotz Inſtrument und Noten beſtändig durch verſchiedene Tonarten klang, und daß jeder Vers faſt einen ganzen Ton tiefer en⸗ digte, als ihn der Sänger begonnen und als ihn das eigenſin⸗ nige Klavier vorſchrieb. Das war aber für den Künſtler da Ein Vorfall. droben gleichgültig; es ſchien wenigſtens ſo, und er mußte ſich offenbar an den Tönen erfreuen, die er hervorbrachte; denn er ſang alle Verſe des Liedes durch, dann präludirte er ein wenig und fing wieder von vorn an: Der Sänger hält im Feld die Fahnenwacht, An ſeiner Seite klirrt das Schwert, das ſcharfe. Die Gebrüder Schoppelmann ſaßen ſchon ziemlich lange auf dem Bette des Fuhrmanns, ohne viel mit einander zu ſprechen. Jeder war mit ſich ſelbſt beſchäftigt, und nur zuweilen, wenn der Sänger droben gar zu laut hinaus jammerte und zu kläglich ver⸗ ſicherte, daß er die Dame, ſo er liebe, um keinen Preis nennen wolle, ſchaute der Jäger ſeinen Bruder an, worauf dieſer entgeg⸗ nete:„das ſind langweilige Kerle!— Das Wetter draußen mochte neben anderen rſachen auch wohl niederdrückend auf das Gemüth der Beiden wirken; denn der Himmel, der ſchon ſeit ein paar Tagen mit dunkeln Wolken bedeckt war, ſandte heute Abend einen kalten, unfreundlichen, ſchon recht herbſtlichen Regen herab. Draußen plätſcherten die Rinnen; man hörte das Waſſer rieſeln, und wenn man ſo in den Schein der Laternen hineinſah, ſo bemerkte man die ſchweren Tropfen, die vom Winde in ſchiefer Richtung gegen die Wände der Häuſer getrieben wurden. Mittlerweile hatte der Singende droben ein höchſt unme⸗ lodiſches Accompagnement gefunden; denn ein Hund, der draußen im Winkel vor dem Regen irgendwo untergekrochen war, fing an zu heulen, zuerſt leiſe und ſchmerzlich, dann lauter und jammer⸗ voll; oft ſtieß er auch kurze traurige Töne aus, dann erhob ſich aber ſeine Stimme wieder zu einem wahren Klaggeſange, der ſich zuletzt in unendlich hohen Tönen verlor.— Anfänglich hatte es die Beiden gefreut, daß der Schulmann droben auf ſo unangenehme Art geſtört wuͤrde; denn dieſer war Hackländers Werke. XII. 5 66 Sechsundvierzigſtes Kapitel. ſchon einige Mal aus Fenſter getreten, hatte es geöffnet und ſehr laut hinab gerufen: Bſt! Bſt! indem er hoffte, den Hund auf ſolche Weiſe zum Schweigen zu bringen. „Das iſt doch eine rechte Beſtie!“ ſagte der Fuhrmann nach einer Pauſe.„Warum henlt das Vieh eigentlich?“ „Das macht die Muſik da droben,“ verſetzte der Jäger,„oder auch vielleicht der Regen.“ „Es könnte doch vielleicht heute Nacht Jemand pier in der Nähe ſterben,“ entgegnete der Fuhrmann;„dann heulen dieſe Beſtien auch immer.“ „So.— o.—o⸗!“ erwiderte der Jäger gedehnt und ſah feinen Bruder an.„Das iſt ein dummer Aberglaube; es iſt ja Niemand krank in der Nähe. Ich weiß wenigſtens Niemand.“ „Ja, man ſagt ſo,“ ſagte gleichmüthig der Fuhrmann.— „Aber ich weiß nicht,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„mich ſrieets. heute Abend; es fängt doch ſchon an kalt zu werden.“ 28 „Ach ja, der Herbſt kommt,“ meinte der Jäger und warf einen ſehnſüchtigen Blick nach den Gewehren, die über ſeinem Bette hingen.„Jetzt wird es im Walde lebendig und ſchön, und wir ſitzen hier und können nicht einmal hinaus.“ „Das muß man ändern,“ ſagte beſtimmt der Fuhrmann.„Ich verſichere dich, ich habe das Leben ſatt und will lieber irgendwo als Knecht arbeiten, als wie hier ſo miſerabel meine Tage ver⸗ bringen. Wir leben, d. h. wir eſſen und trinken; das iſt aber auch Alles; wir ſind wie die Schulbuben, die angezogen werden, die ihren Kaffee und ihr Mittageſſen erhalten, aber wenn ſie ein Taſchengeld verlangen, auf die Finger geklopft werden.“— „s iſt empörend,“ erwiderte der Jäger,„und du wirſt ſehen, mit uns wird's nicht mehr anders. Die Alte verdient viel lieber des Jahres ihre Tauſend Gulden weniger, als daß ſie uns wieder hinaus läßt, wie früher. Wir ſollen hier in der Unthätigkeit ver⸗ derben und verlahmen.“ 4 Ein Vorfall. 69 das Licht der Gaslaterne, die ihren falben Schein i über ſein Ge⸗ ſicht ergoß, über ſein Geſicht und das des Bruders; und als ſich nach einem Augenblicke Beide gegenſeitig betrachteten, ſo machte Jeder die Bemerkung, der Andere ſehe ſehr bleich aus.— Zehn Uhr war's an demſelben Abend. Es regnete noch immer trübſelig und langſam fort, die Dachrinnen ſprudelten und klap⸗ perten, die kleinen, faſt vertrockneten Rinnen waren angeſchwollen und brausten durch die Straßen, und in den feuchten Pflaſter⸗ ſteinen ſpiegelte ſich das Licht der Straßenlaternen in langen, röthlich zitternden Streifen; und wenn der Wind, der ſich zuweilen erhob, in das gläſerne Gehäuſe dieſer Laternen dranlg und die Flammen hin und her wehte, ſo zerriß der Schein auf dem Boden, und Licht und Schatten jagten und verdrängten einander. Es war ein Wetter, von dem der ruhige Bürger ſagt, man ſolle bei einem ſolchen keinen Hund auf die Straße jagen, und deßhalb waren Plätze und Gaſſen weit und breit leer. Die Bewohner der unteren Stadtviertel um den Markt, welche früh am Tage an ihre Geſchäfte mußten, ſuchten dafür auch zu guter Zeit ihre Betten, woher es denn kam, daß um dieſe Nachtſtunde hier Alles in tiefer Ruhe und Finſterniß begraben lag. Das Schoppelmann'ſche Haus machte hievon keine Ausnahme. Das große Hofthor war verſchloſſen und klapperte nur zuweilen in ſeinen Angeln, wenn ein Windſtoß durch den Hof und durch den Thorweg ſauste. Dann erzitterte es leiſe und ſtöhnte, und die großen Hunde, die dahinter lagen, fuhren in die Höhe und knurrten und ſchlugen auch wohl ein paar Mal laut an; dann aber ſchienen ſie zu merken, daß es blos der Lufizug ſei, was ſie bbeunruhigte, und legten ihren Kopf wieder auf die Vorderpfoten, um fortzuſchlafen. Da klang es vor dem Fenſter der Gebrüder Schoppelmann ſcharf und durchdringend, wie wenn man Eiſen auf Stein wetzt, und darauf hörte man die Stimme des Fuhrmanns, welcher leiſe, 70 Sechsundvierzigſtes Kapitel. aber eindringlich ſagte:„heb' doch ins Teufels Namen das Gitter mehr in die Höhe! Die Muſik wird uns noch die Alte aus dem Schlafe auf den Hals laden. Halte feſt!— So. Steig' ruhig hinaus.“ „Ich habe doch noch heute dieſes alte Eiſenwerk mit Oel geſchmiert!“ brummte der Jäger.„Weiß der Henker, was dem einfällt!“. „Die Näſſe,“ antwortete der Fuhrmann.„Aber jetzt komm!“ Und damit waren ſie von der Fenſterbank herabgeglitten und wandten ſich dem muſikaliſchen Hauſe zu, an deſſen Mauern ſie dicht vorbei bis zur Schenke der Frau Schilder gingen. Hier war Alles ſo dunkel und öde, wie in den anderen Häu⸗ ſern, die Thüre feſt verſchloſſen, die Läden zugemacht; kein Licht⸗ ſtrahl ſagte denen da draußen, ob die Beſitzerin noch auf ſei und daß ſie Hoffnung hätten, noch eingelaſſen zu werden. „Sollen wir das gewöhnliche Zeichen machen?“ fragte leiſe der Jäger. „Gewiß nicht,“ entgegnete der Fuhrmann;„auf das hin wird ſie uns nicht öffnen. Ich will dir etwas ſagen: du bleibſt hier an der Thüre ſtehen; ich gehe hinten um's Haus herum, ſpringe über die Mauer in den Hof des alten Kloſters, wo das Fenſter der Hinterſtube hinaus geht, da wird ſie ſitzen und mir gutwillig aufmachen.— Gutwillig,“ ſetzte er leiſe lachend hinzu,„wenn ich ſie überraſche und erſchrecke. Du mußt aber hier bleiben; denn wenn ich hinten anklopfe, könnte ſie am Ende hier zur Thüre hin⸗ aus das Haus verlaſſen wollen.“ „Alſo wenn ſie hier hinaus wollte—?“ fragte der Jäger. „So hältſt du ſie zurück,“ antwortete beſtimmt der Fuhrmann, „verhinderſt ſie vor allen Dingen am Schreien; das wirſt du doch wohl können. Du nimmſt ſie einfach am Halſe und hältſt ſie feſt.“ „Gut!“ ſagte der Bruder;„ich will'’s beſorgen.“ Damit drückte er ſich ſo dicht wie möglich an die Hausthüre, einestheils 8 4 — Ein Vorfall. um im tiefen Schatten derſelben nicht geſehen zu werden, anderen⸗ theils um den herabfallenden Regentropfen zu entgehen. Der Fuhrmann ging um das Haus herum; da war hinter demſelben eine kleine Mauer, die er leicht überſprang und ſich nun auf einem öden Platze befand, einem ehemaligen Kloſterkirchhofe, den aber die herandrängenden Häuſer nach und nach verengt hat⸗ ten, ſo daß derſelbe, der ehemals eine weite Fläche einnahm, jetzt auf etwa hundert Schuh im Quadrat zuſammen gedrückt war. Aber alles Unheimliche des ehemaligen weiten Platzes mit ſeinen Grabſteinen, Kreuzen, zerbrochenen Sarkophagen hatte ſich eben⸗ falls hier zuſammen gedrängt, und um zu dem Fenſter zu gelangen, welches von der Hinterſtube der Madame Schilder auf dieſen Platz führte, mußte man über große Haufen dieſer Gegenſtände hinweg⸗ klettern, was denn auch der Fuhrmann leiſe und umſichtig that. Er hatte ichtig geahnet; die Fenſter waren, wenn auch ſchwach, erleuchtet, und als er langſam näher ſchlich, ſah er die Frau Schilder an ihrem Tiſche ſitzen; ſie hatte den Kopf in die Hand geſtützt und las in einem großen⸗Buche. Es war augen⸗ ſcheinlich eine Bibel. 3 Im erſten Augenblicke lächelte der Fuhrmann darüber und ſchüttelte den Kopf, im nächſten Augenblicke aber befremdete ihn doch das Treiben der Frau, als er ſah wie ſie mit ihren Augen gierig über die Blätter hinfuhr, wie ihr Haar ſo zerſtört, ihr Ge⸗ ſicht ſo bleich war. Zuweilen blickte ſie in die Höhe und ſchüttelte mit einem unſäglich troſtloſen Blicke den Kopf, als wollte ſie ſagen: das alles, was ſie hier leſe, bringe ihr doch keinen Troſt. Und ſo mochte es auch wohl ſein; denn nachdem ſie eine Zeit lang in die Blätter geſtarrt, nahm ſie ein Meſſer, das neben ihr auf dem Tiſche lag, ſchlug das Buch zu, ſteckte alsdann das Meſſer aufs Gerathewohl zwiſchen die Blätter und begann dann wieder eifrigſt eine ſo durch den Zufall aufgeſchlagene Stelle zu leſen. Da rollte ein Stein unter den Füßen des Fuhrmanus hinweg 72 Sechsundvierzigſtes Kapitel. 5 und polterte dumpf an die Wand des Hauſes. Entſetzt fuhr die Frau in die Höhe und ſtarrte mit einem ſchrecklichen Blicke nach dem Fenſter. Ihre Angſt ſchien ſich auch nicht zu vermindern, als nun der Fuhrmann leiſe an die Scheiben klopfte. Einen Augen⸗ blick blieb die Frau unſchlüſſig ſtehen, dann machte ſie eine zuckende Bewegung gegen das Fenſter hin, wandte ſich aber, ehe dieſe noch ganz ausgeführt war, wieder nach der Thüre, ohne auch dieſe erreichen zu können; denn ſie war zu jedem Schritte unfähig, ſie zitterte an allen Gliedern. Jetzt klopfte der Fuhrmann ſtärker an das Fenſter, legte auch ſeinen Mund dicht an die Scheiben und ſagte:„macht doch keine Faxen, Schilderin! Ich bin's ja, Fritz Schoppelmann; wir wollen nur ein kleines Glas Wein bei euch trinken. Vojjnet die Thüre oder das Fenſter, wie Ihr wollt.“ Auf dieſe Worte hin machte die Frau eine haftige Bewegung, das Zimmer zu verlaſſen. Doch ſchien ſie ſich an der Thüre eines anderen zu beſinnen; ſie warf einen troſtloſen Blick rings um ſich, dann trat ſie ſeufzend an das Fenſter. „Was wollt ihr?“ fragte ſie den Fuhrmann, der jetzt ſein ganzes Geſicht und ſo lächelnd als möglich am Fenſter zeigte. „Was ich will?“ entgegnete er.„Nun, das iſt einmal wieder eine lächerliche Frage! Ich habe es Euch ja ſchon geſagt: ein Glas Wein trinken. Oeffnet nur jetzt das Fenſter oder vorn die Haus⸗. thüre.“ „Wollt ihr denn bei mir einſteigen wie ein Dieb in der Nacht?“ verſetzte die Frau, indem ſie ſich an einer Tiſchecke feſt⸗ hielt, und ihren Körper ſchien ein leichter Schauder zu überfliegen. „Was Dieb!“ antwortete grinſend der Fuhrmann.„Sind wir nicht eure guten Freunde, mein Bruder und ich?“ „So, iſt der Jäger auch da?“ fragte die Frau, und blickte aufmerkſam zum Fenſter hinaus, wobei man auf ihrem Geſichte —— — — — —— Ein Vorfall. 73 ſah, daß ihr die Anweſenheit des jüngeren Bruders nicht ſo un⸗ angenehm war, wie die des älteren. „Er ſteht draußen vor der Hausthüre,“ murrte der Fuhrmann. „Aber jetzt macht endlich einmal auf! Ich habe es ſatt, hier im Regen zu ſtehen.“ Der Fuhrmann, der ſich nun an die Scheiben legte, hörte, wie die Frau wirklich die Hausthüre öffnete, und gleich darauf ſah⸗ er ſie mit ſeinem Bruder zurückkommen. Der Jäger konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, als er den Anderen ſo draußen vor dem Fenſter im Regen ſtehen ſah und als er vernahm, wie die Wirthin hoch und theuer ſchwor, ihr Fenſter öffne ſie nicht, und wenn der Fuhrmann in's Haus wolle, ſo ſolle er nur getroſt vorn zur Thüre hereinkommen. Das that er denn auch, und wenige Minuten nachher trat er in's Zimmer und ſetzte ſich an dem alten ſchwarzen Tiſche nieder, vorn hin in den Schein der Lampe, während der Jäger ſich etwas zurückzog und ſich abſichtlich oder unabſichtlich in dem Schatten niederließ. Die Frau ſtand an dem Tiſche und blickte den Fuhrmann feſt an. Dieſer hatte die Hände in die Hoſentaſchen geſteckt, ſtreckte die Beine weit von ſich und pfiff eine Melodie dazu, während er den— wir möchten ſagen: ſtarren— Blick der Frau feſt aushielt. „Was wollt ihr alſo?“ fragte dieſe. „Vorderhand ein Glas Wein trinken,“ entgegnete ruhig der ältere Schoppelmann. Einen Augenblick ſchwieg die Frau ſtill, dann ſagte ſie trotzig und beſtimmt:„ich habe keinen mehr, das Faß iſt leer.“ „Keinen Wein mehr im Hauſe?“ fragte der Fuhrmann lächelnd und verſuchte es, mit ſeinem Bruder einen Blick zu wechſeln, was aber unmöglich war, da dieſer faſt hinter ihm ſaß. „Nicht einen Tropfen!“ ſagte die Frau, ohne irgend eine Be⸗ 74 Sechsundvierzigſtes Kapitel. wegung zu verrathen.„Auf morgen erhalte ich neuen, und dann ſteht mein Haus wieder zu euren Dienſten.“ „So, alſo auf morgen?“ antwortete lächelnd der Fuhrmann. „Das iſt doch eine ſchlechte Wirthſchaft, die ihren Wein ausgehen läßt; das thut man nur dann, wenn man das ganze Geſchäft auf⸗ geben will. Habt Ihr das vielleicht im Sinn, Frau Schilder?“ Dabei blickte er die Frau lauernd an. Dieſe zuckte die Achſeln und entgegnete:„wer weiß, was ge⸗ ſchieht über kurz oder lang! Es kann wohl ſein, daß ich es nicht wünſche, mein Leben hier in dieſem Winkel zu verbringen.— So Gott nämlich will,“ ſetzte ſie leiſer hinzu und blickte auf eine ſon⸗ derbare Art um ſich. 4 1 „Wenn Ihr alſo keinen Wein habt,“ fuhr der unerſchütterliche Fuhrmann fort, indem er ſeine rechte Hand aus der Hoſentaſche hervorzog, zu gleicher Zeit aber ein großes Einſchlagmeſſer, das er langſam öffnete und damit den Rand des Tiſches beſchnitzelte; „wenn Ihr alſo keinen Wein mehr habt,“ wiederholte er,„ſo wol⸗ len wir trocken von Geſchäften reden; denn Waſſer mag ich keines ſaufen.“ In dem Herausziehen des Meſſers lag an ſich nichts Beſonde⸗ res und ebenſowenig darin, daß er von dem Tiſche kleine Stücke herunterſchnitt. Er pflegte das beſtändig ſo zu machen, es war das, während er Wein trank, ein kleines Privatvergnügen für ihn. Obgleich nun die Frau dieſe Spielerei hundert Mal geſehen hatte und nie etwas dahinter geſucht, ſo erblaßte ſie jetzt doch, als der Fuhrmann ſein blitzendes Meſſer öffnete, und ſogar der Jäger in der Zimmerecke ſchien unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her zu rücken. „Wir wollen alſo von Geſchäften reden,“ ſagte der Fuhrmann, ohne in die Höhe zu blicken. „Von Geſchäften?“ wiederholte die Frau mit tonloſer Stimme; „das haben wir ja ſchon hente Mittag gethan.“ —— Ein Vorfall. „Gatzz richtig!“ meinte der Fuhrmann,„ohne aber zu einem Reſultat zu kommen.“ „Zu welchem Reſultat?“ „Nun, zu einem klingenden!“ lachte der Fuhrmann. Doch war dieſes Lachen ein erkünſteltes, und ſeine Züge nahmen gleich darauf einen fürchterlichen Ernſt an.„Wir brauchen Geld!“ ſagte er finſter und trotzig,„ich und mein Bruder, viel Geld; wir haben keinen Kreuzer, Ihr habt genug.“ „Du mein Gott!“ unterbrach ihn die Frau und wollte lächeln. Aber dieſes Lächeln verwandelte ſich in den Ausdruck h Schreckens, als der Fuhrmann ſie jetzt mit ſeinen ſeltſam Augen feſt anſah.—„Geld?“ fuhr ſie mit leiſer Stimme fort. „Woher ſoll ich ſolches nehmen?—— Nun ja, wenn ihr es denn wollt, ſo will ich morgen früh nachſehen, wo ich etwas bekomme.“ „Morgen früh?“ lachte hämiſch der Fuhrmann.„Wie Ihr ſo ſchlau ſeid!— Was morgen früh!“ fuhr er plötzlich mit barſcher Stimme fort,„ſollen wir uns wieder von euch zum Narren halten laſſen? Rückt heraus damit!“ rief er aufſpringend,„Ihr habt Geld genug im Hauſe; ich rathe euch, laßt euch nicht lumpig finden! 's könnte euer Schaden ſein!“ „Aber was wollt ihr denn?“ entgegnete erbleichend die Frau und machte ein paar Schritte rückwärts der Thüre zu. „Nicht von der Stelle!“ ſchrie erbost der Fuhrmann und faßte ſie mit ſeiner ſchweren Fauſt am Handgelenk.„Ich will euch ſagen, was wir wollen: das Geld der alten Jungfer wollen wir.“ „Ihr habt ja euren Theil,“ ſagte zitternd die Fran. „Was Theil!“ fuhr der Fuhrmann fort.„Ihr habt an tau⸗ ſend Gulden baar da liegen, die will ich und das Papier von dreitauſend Gulden als Pfand nehmen. Seht, euch traue ich nicht ſo weit.— Ja als Pfand will ich ſie nehmen, die Verſchreibung, denn Ihr würdet uns doch keinen Kreuzer davon geben. Ja und Sechsundvierzigſtes Kapitel. lieber noch will ich das Papier zerreißen, als es in Euren Fingern laſſen.“. Die Frau wußte einen Augenblick nicht, was ſie darauf ant⸗ worten ſollte. Sie hatte wohl ſchon mit dem Fuhrmann ähnliche Scenen erlebt, doch war ſein Blick bei dieſen Veranlaſſungen nie ſo abſcheulich geweſen, wie heute Abend; ſie hatte ſich nie ſo er⸗ ſchüttert und rathlos gefunden, wie in dieſem Augenblicke. „So wollt ihr mich alſo berauben?“ ſagte ſie nach einer län⸗ geren Pauſe.„Ihr— zwei Männer eine ſchwache Frau? Es iſt weit mit euch gekommen.“ „Da habt Ihr Recht!“ entgegnete ingrimmig der Fuhrmann, „es iſt weit mit uns gekommen. Aber wer iſt daran Schuld, als Ihr ſchlechtes Weibsbild? Wer hat uns ſeit Jahren in dieſes Haus gezogen, wer hat uns leichtſinniger Weiſe geborgt, Geld und Wein? Wer hat an Zahlungs Statt lachend die Waaren angenommen, die wir unſerer Mutter drüben geſtohlen?— Ihr— Ihr und wieder Ihr!“ „Ja, das könnt Ihr nicht läugnen,“ miſchte ſich der Jäger in's Geſpräch,„das habt Ihr alles gethan, und auch den Gedanken angegeben zu der Geſchichte mit der alten Jungfer drüben.“ 4 „Und wer hat den Kopf in die Schlinge geſteckt?“ fuhr der Fuhrmann fort.„Wir Beiden!— Und was haben wir davon? — Nichts, gar nichts! Unſeren Theil habt Ihr wieder an Euch gezogen: uns iſt, wie geſagt, nicht ein Kreuzer geblieben.“ „Das iſt alles wahr,“ bekräftigte der Jäger die Rede ſeines Bruders. „Deßhalb rückt heraus,“ fuhr der Andere mit gepreßter Stimme fort,„mit Papier und Geld, oder— es geſchieht ein Unglück!“ „Papier und Geld!“ wiederholte die Frau; doch klangen dieſe Worte faſt unverſtändlich.„Alles ſoll ich hergeben?“.. „Alles!“ ſagte beſtimmt der Fuhrmann. —— — keuchend. Ein Vorfall. „Wenigſtens das baare Geld,“ meinte der Jäger.„Seid klug und thut, wie Euch der Fritz geſagt.“ „Alſo das baare Geld?“ fragte die Frau mit einem tiefen Seufzer und blickte rathlos um ſich. „Geld und Papier!“ entgegnete mit feſtem Tone der Fuhrmann. 2„Nein, nein! gewiß nicht!“ kreiſchte jetzt die Frau laut auf. „Nein, ihr bekommt es nicht! Lieber könnt ihr mich jetzt gleich auf der Stelle todt ſchlagen— Räuber und Mörder ſein. Aber ihr ſollt nicht Alles haben.“ Der Fuhrmann ließ den Arm der Frau los und griff nach ſeinem Meſſer, das er auf den Tiſch geworfen. Doch drängte ihn der jüngere Bruder in dieſem Augenblicke zurück und rief:„ſo ſeid doch Beide klug und verſtändig! Gebe Jedes von euch die Hälfte nach! Holt das baare Geld, tauſend Gulden voll. gezählt, und dafür laſſen wir Euch das Papier, bis es umgewechſelt iſt. Dann wird wieder redlich getheilt.“ Der Fuhrmann wollte etwas heftig entgegnen, doch zog ihn der Bruder einen Schritt zurück und flüſterte ihm zu:„Was nützen dich die Papiere? Sie gehen ja auf ihren Namen; wir können ſie doch nicht verkaufen.“ Hierauf entſtand eine längere Pauſe, während welcher der Fuhrmann ſein Meſſer feſt in der Hand hielt und die Frau mit einem tückiſchen Blicke von oben bis unten maß. Seine linke Hand ballte ſich auf und zu, und er war anzuſehen wie ein wildes Thier, das jeden Augenblick bereit iſt, ſich vernichtend auf ſeine Beute zu ſtürzen. Die Frau ſah und fühlte genau, was in ihrem Feinde vor⸗ ging, und während ſie heftig zitterte, brauchte ſie zur Abwehr die einzige Waffe, die ihr übrig blieb: ſie gab ihm Blick um Blick zurück und hielt ſein Auge feſt mit dem ihrigen. Dabei rieſelte ihr der Schweiß über das Geſicht herab, und ihre Bruſt hob ſich Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Tauſend Gulden baares Geld,“ ſagte beſchwichtigend der Jäger.— „Sei es darum!“ rief nach einer abermaligen längeren Pauſe der Fuhrmann und warf ſein Meſſer hinweg. „So will ich ſie holen,“ brachte die Frau mühſam heraus und ging mit wankenden Schritten zur Thüre hinaus. Ihr folgten die beiden Brüder, und während der Fuhrmann dicht hinter der Frau ging, blickte ſie ſich jeden Augenblick ſcheu um; ſie ſchien etwas Entſetzliches zu befürchten. An der Treppe brachen ihr faſt die Knie zuſammen, und während ſie langſam hinaufſtieg, wiſchte ſie ſich mit der linken Hand über das Geſicht und hielt ſich mit der rechten krampfhaft am Geländer. Der Fuhrmann blickte finſter vor ſich hin und ſtützte ſich mit dem Arm auf den Treppenpfoſten. Konrad ſchlich an die Haus⸗ thüre und horchte hinaus, ob ſich auf der Straße nichts rege. Aber da vernahm er nichts, als das Plätſchern der Regentropfen und das Sauſen des Windes, wenn er um die Straßenecke her⸗ umfuhr. Die Frau blieb ziemlich lange aus. „Was meinſt du,“ ſagte der Fuhrmann, nachdem ſie einen Augenblick gewartet,„ſollen wir nicht ebenfalls hinaufſteigen und nachſehen, was ſie droben in ihrer Kiſte hat?“ Doch der Jäger ſchüttelte mit dem Kopfe und erwiderte ſonder⸗ bar lächelnd:„laſſen wir das; wir wollen ihr ja nichts gewalt⸗ ſam wegnehmen. Was ſie uns freiwillig anleiht, damit ſind wir zufrieden.“— Jetzt erſchien auch die Frau wieder oben an der Treppe. Sie trug eine Lampe in der rechten Hand und hielt mit der linken ihre ſchwarze Merinoſchürze feſt, in welcher ſich etwas Schweres zu befinden ſchien. Ihr Geſicht war furchtbar bleich und eutſtellt. Schon rhob ſie den Fuß, um die erſte Stufe hinab zu ſteigen, da zog ſie ihn wieder zurück und blieb plötzlich droben wie ange⸗ Ein Vorfall. 79 bannt ſtehen. Ihre Augen öfnfneten ſich entſetzlich weit und ſtarr⸗ ten ohne allen Ausdruck vor ſich hin. Es war ein ſo unheim⸗ licher Aublick, daß Konrad die Augen wegwandte und ſelbſt der Fuhrmann mit der Hand über das Geſicht fuhr. Immer noch ſtand die Frau oben, und ihr Blick wurde gläſern und kalt. Plötzlich fing ſie an zu ſchwanken, die Lampe entſtürzte ihrer Hand und erloſch. 1 Die beiden Brüder ſahen nichts mehr. Das Licht aus der Hinterſtube warf noch einen zweifelhaften Schein in den Hausflur. Sie ſahen nichts mehr; aber was ſie hörten, war um ſo fürchterlicher. Es klang wie ein tiefer, entſetz⸗ licher Seufzer, wie ein kurzer, troſtloſer Hülferuf; dann klapperte es auf der Treppe und klingelte wie Geldrollen, die herab gewor⸗ fen werden, und wie wenn aus den zerborſtenen Hülſen die ein⸗ zelnen Geldſtücke herausrollten. Darauf hörten ſie einen harten Fall; ein ſchwerer Körper rollte die Treppe herab, und der Fuhr⸗ mann, der ſich entſetzt vorbeugte, um in der Dunkelheit etwas zu ſehen, fuhr erſchreckt zurück, denn eine kalte, lebloſe Hand ſtreifte ſein Geſicht. Da ſträubte ſich ſein Haar empor, und obgleich er ſich bezwang und in die Hinterſtube eilte, das Licht zu holen, ſo zitterte doch ſeine Hand, und die Knie brachen faſt unter ihm zuſammen. Der Jäger hielt ſich an dem Treppenpfoſten, und als ſein Bruder mit der Lampe zurückkam, um das Gräßliche, das ſich hier begeben, zu beleuchten, kehrte er ſcheu ſeinen Blick ab und wandte ſich der Hausthüre zu. Das Leben der Frau Schilder hatte ein plötzliches Ende ge⸗ nommen; die kalte Hand des Todes hatte den Faden deſſelben zerriſſen in dem Augenblicke, als man ſie gezwungen, ihr Liebſtes zu opfern. Sie war mit dem ſchrecklichſten Bewußtſein geſtorben, und die letzte Viertelſtunde ihres Lebens mit dieſer entſetzlichen Qual, vielleicht vermiſcht mit der Aihunng ihres nahen Todes, Sechsundvierzigſtes Kapitel. war eine fürchterliche Strafe für alles, was ſie Uebles auf dieſer Welt gethan. Der Fuhrmann hatte es auch nur eine Sekunde vermocht, dieſen Anblick zu beleuchten. Da lag die Frau blutend an der Treppe in ihrem verſchoſſenen ſchwarzen Merinokleide mit erdfahlem Geſichte. Und das Gräßlichſte dabei war: um ſie herum ausge⸗ ſchüttet— dieſer Todten zu einer fürchterlichen Verzierung— la⸗ gen goldene und ſilberne Münzen. Wie geſagt, nur einen Augen⸗ blick vermochte es der Fuhrmann, dorthin zu blicken. Haſtig ſtellte er die Lampe auf den Boden, riß ſeinen Bruder, der zitternd an der Thüre ſtand, am Arm und eilte mit ihm hinaus auf die Straße, die Hausthüre haſtig hinter ſich zuwerfend. 8 Erſt als die Beiden wieder in ihrem Zimmer waren und das ausgenommene Gitter wieder vor dem Fenſter befeſtigt hatten, war es ihnen möglich, das, was ſoeben geſchehen, mit etwas ruhigerem Blute zu überlegen. Der Fuhrmann faßte ſich zuerſt und ſchlug ſich vor den Kopf, ſeine Dummheit verfluchend, daß er nicht wenigſtens ſo viel als möglich von dem Gelde aufgerafft, wogegen der Jäger verſicherte: nicht um alle Schätze der Welt möchte er ein Stück von dem Geld in ſeiner Hand wiſſen. Der Fuhrmann hatte auch noch an andere Sachen gedacht; denn nachdem er eine Zeit lang in ſich verſunken auf ſeinem Bette geſeſſen, fuhr er plötzlich in die Höhe und ſagte mit unſicherer Stimme:„das iſt ein großes Unglück, Konrad! Wir müſſen fort, noch heute Nacht. Man wird uns für— die Mörder der Frau drüben halten.“ „Um ſo gewiſſer wird man das thun,“ entgegnete der Jäger, „wenn wir entfliehen. Bah! welches Anzeichen könnte auf uns deuten?“ „Viele!“ ſprach ernſt der Fuhrmann;„unter anderen mein Meſſer, das ich drüben weggeworfen.“. Ein Vorfall. 81 „Haſt du das gethan?“ fragte ſchaudernd der Jäger.„Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm! Wir können es nicht wieder holen.“ „Leider nicht; die Thüre iſt verſchloſſen,“ antwortete der Fuhrmann.. 7„Auch wenn ſie offen ſtände,“ ſagte der Jäger„brächten mich vier Pferde nicht in das Haus hinein. Mir graut davor; ich kann morgen unmöglich dort vorbei gehen.“ „Ich auch nicht,“ entgegnete der Fuhrmann.„Deßhalb laß uns für eine Zeit lang unſichtbar werden, bis der Spektakel vorüber iſt.“ „Aber wohin?“ „Das iſt deine Sache; ich kenne nur die offenen Landſtraßen; die Wälder mit den Schlupfwinkeln ſind dir bekannt.“ „Gut! ſo gehen wir über die Grenze bei D. Ich habe dort in der Umgegend einen alten Bekannten, der uns gern eine Zeit lang aufnimmt. Wahrhaftig, du haſt Recht, wir wollen fort! Ich hätte doch beim Anblick des verſchloſſenen Hauſes drüben keine ruhige Stunde mehr.“ „Und Verdacht erregt es gewiß nicht, daß wir fort ſind,“ meinte der Fuhrmann.„Der Franu drüben iſt von Menſchenhand nichts geſchehen, das werden die Doktors ſchon heraus doktern; und wenn ſie auch mein Meſſer entdecken, ſo werden ſie es neben dem Tiſche finden, von dem ich Holzſplitter abgeſchnitten.—— Aber was meinſt du, Konrad— einen kleinen Zehrpfennig ſollten wir doch mitnehmen?“ Bei dieſen Worten ſtieß er ihn mit der Schulter an und machte ein Zeichen mit dem Kopfe nach der Thüre des Neben⸗ zimmers. 3 „Thu, was du willſt,“ erwiderte der Jäger;„ich will zu Allem Ja ſagen; aber ich bin ſo abgeſchlagen, daß ich weder Hand noch Fuß rühren kann und zu Allem unfähig bin.“ „ Sackländers Werke. XII. 6 82 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Laß mich nur machen!“ ſagte der Fuhrmann, zog ſeine Stiefel aus und ſchlich ſich auf den Strümpfen zur Thüre hinaus. Konrad, der Jäger, blieb auf dem Bette ſitzen und ſah wieder in die Nacht hinaus und auf den Schein der Gaslaterne drüben an der Straßenecke. Doch kehrte ſein Blick wieder von dort zurück und heftete ſich mit einem unbeſchreiblichen Grauen auf die Thüre des kleinen Wirthshauſes drüben, die ſie vorhin ſo feſt verſchloſſen hatten. Wenn aber der Schein der Laterne darüber hinfiel und das Licht, vom Winde bewegt, hin und her flackerte, ſo war es ihm gerade, als bewege ſich die Thüre, als öffne ſie ſich leiſe, und als ſchaue eine ſchwarze Geſtalt heraus: die Frau Schilder mit einem blendend weißen Geſichte— und zeige auf ihn und nicke ihm zu, und alsdann glaubte er die Worte zu hören: das iſt auch einer von den Beiden, die mich in den Tod gejagt. Da ſitzt er. Nach ſolchen Bildern, die ihm ſeine Phantaſie vorſpiegelte, ſprang der Jäger entſetzt von dem Bette auf und fand, daß es ihm unmöglich ſei, in dieſem Hauſe zu bleiben und ſo Tag und Nacht die Thüre drüben vor ſeinem Blicke zu haben. Er langte ſein Gewehr von der Wand herunter, ſeine Jagdtaſche und ſeinen Hut, ſah nach Pulver und Blei und hielt nur in dieſer Arbeit inne, um auf leiſe Schrittez u lauſchen, die ſich vom Nebenzimmer her näherten. Es war der Fuhrmann, der von dort zurück kam und nun die Worte ſprach:„es iſt Zeit— komm!“ Fritz nahm ebenfalls einen alten Jagdranzen von der Wand, den er ſich umhängte, und als dies geſchehen, ließ er etwas hin⸗ eingleiten, das klang, als ſeien es ſchwere Geldſtücke in einem Säckchen. Darauf verließen Beide das elterliche Haus, ohne ſich viel umzuſchauen, ohne viel zu reden. Als ſie an dem Hauſe der Frau Schilder vorbei kamen, blieb der Jäger zitternd einen Augenblick w Ein Vorfall. ſtehen und horchte. Er meinte, er höre etwas in dem Hauſe; doch zog ihn der Bruder brummend mit fort.— Die Fran Schilder hatte wenig Bekannte, Freunde wohl gar keine, weßhalb es denn auch wohl kam, daß Niemand darauf achtete, daß ihr Haus ein paar Tage verſchloſſen blieb und kein Menſch aus und ein ging. Es war ſchon oftmals vorgekommen, daß ſich die Thüre längere Zeit nicht geöffnet, und Niemand hatte Arges dabei gedacht. Wer weiß auch, wie lange es noch gedauert hätte, bis man Verdacht geſchöpft, daß hier etwas Unheimliches geſchehen, und man das Haus gewaltſam erbrochen, wenn nicht ein paar Buben, die zwei Tage nachher auf der Treppe vor der verſchloſſenen Thüre ſpielten, einen vorübergehenden Mann auf⸗ merkſam gemacht hätten auf kleine ſchwarze Tropfen, die über der Thürſchwelle herabgerieſelt, dort feſt getrocknet waren und die wie Blut ausſahen. 3 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Erzählt von einigen Theatervorſtellungen, und ſetzt den Leſer in Kenntniß, auf welche Art . Herr Hannibal zum Künſtler gebildet wird. In Schloßfelden hatte man unterdeſſen unter dem Schutz und der Fürſorge des conceſſionirten Schauſpieldirektors Müller, unſeres guten Bekannten, das Publikum ſchon einige Mal mit klaſſiſchen Vorſtellungen beglückt, und wir müſſen geſtehen, daß die Saiſon ſich außerordentlich gut anließ. Der Saal war zum Erdrücken voll und kein Platz mehr zu haben geweſen, ſowohl bei der Vor⸗ ſtellung„die Räuber auf Maria⸗Culm,“ als der des„Hans Sachs,“ 84 Siebenundvierzigſtes Kapitel. noch mehr aber bei einer neuen Bearbeitung der„Genovefa,“ dem Meiſterwerk eines jüngeren Dramatikers, das ſich der Schauſpiel⸗ direktor unter der Hand zu verſchaffen gewußt hatte. In dieſes letztgenannte Stück— es hatte ſechs Akte und ein Vorſpiel— war alles hineingelegt, was ſich in der menſchlichen Bruſt an Lei⸗ denſchaften, an Tugenden und Fehlern bewegt und je bewegt hat, ferner alle Situationen, die einem geſchickten Theatermeiſter einen Raum ließen, ſich in der Luft und auf der Erde in Feuer und Waſſer, im Orient und Occident vermittelſt Maſchinerieen und De⸗ korationen bewegen zu können. Ja, eine Scene ſpielte in der Wüſte, und hier führten ſich die wilden Thiere des Waldes ſo lieb⸗ lich und anſtändig redend ein, daß es zum Erſtaunen war. In dieſem Stücke nun hatte unſer vortrefflicher Herr Wellen den Ritter Siegfried geſpielt(es war ſeine Antrittsrolle), und Herr Müller, ebenfalls als ſolche, den granſamen Golo. Herr Hannibal, auf deſſen Dreſſur ſich nun nicht abſonderlich zu verlaſſen war, gab einige Thiere des Waldes in höchſter Natürlichkeit und zum größten Vergnügen namentlich der letzten Plätze.. Engen fand dieſes Publikum außerordentlich dankbar und be⸗ merkte zu ſeiner großen Freude, mit wie Wenigem man es zufrie⸗ den ſtellen könne. Da fiel es Keinem ein, zu bemerken, daß der Mantel des Ritters Siegfried im nächſten Augenblicke auf den Schultern des grauſamen Golo erſchien; noch viel weniger aber ſchien das Auditorium eine Ahnung davon zu haben, daß die bei⸗ den anſtändigen Ritterſchwerter, die ſich in der Requiſitenkammer vorfanden, zum beſtändigen Dienſt auf der Bühne verurtheilt waren. Und doch ging es einmal nicht anders: der Abſtürzende hatte nichts Eiligeres zu thun, als, hinter den Kouliſſen angekommen, das Schwert ſammt Scheide, oftmals auch Hut und Mantel, abzuwer⸗ fen, worein ſich nun der Feind kleidete und, nachdem dies geſche⸗ hen, von der anderen Seite ruhig, aber majeſtätiſch auftrat.„Ha!“ ſprach er,„dorthin eilt der Verräther! Noch ſeh' ich die Federn —— ——— Wie Herr Hannibal zum Künſtler gebildet wird. 85 ſeines Hutes flattern, noch ſeh' ich ſein Schwert blitzen.— Woh ihm!“* Wie geſagt, die Zuſchauer Schloßfeldens waren genügſam und zufrieden, und jede Vorſtellung wurde von einer anſtändigen Ein⸗ nahme, ſowie von donnerndem Applaus gekrönt. Der Schauſpiel⸗ direktor war äußerſt zufrieden mit dem Engagement unſerer drei Bekannten und ſprach dies bei der erſten Theilung, am Abend der erſten Vorſtellung, unverhohlen aus. Das war bei dem ſchönen Momente, wo der Vorhang wieder aufgezogen und ein paar Fenſter geöffnet wurden, um einige friſche Luft herein zu laſſen. Da fand ſich die ganze Geſellſchaft, nachdem ſie ſich wieder in ihren gewöhn⸗ lichen Anzug geworfen, auf der Bühne zuſammen; die Prinzipalin ſaß an einem kleinen Tiſche, hatte vor ſich die Kaſſe ſtehen und ein ziemlich ſchmieriges Papierheft, worin die Namen der Künſtler, ſowie der Antheil, der ihnen zukam, verzeichnet war. Aber Alles im Leben hat ſeine Schattenſeiten, ſo auch dieſes Buch: denn es war zugleich ein Abrechnungsconto zwiſchen den Mitgliedern und dem Prinzipal, and das„Soll“ deſſelben oftmals, wie z. B. bei dem Herrn Trommler, mit unangenehmen Zahlen bedeckt. Die Theilung ging vor ſich; der Heldenſpieler, Herr Holder, ſtrich ſein Geld mit einer Miene der Geringſchätzung ein, mit der Geberde des Kapitaliſten, dem es einmal Spaß macht, ſtatt ſich immer in großen Zahlen zu bewegen, einen kleinen, unbedentenden Verdienſt der Merkwürdigkeit halber in Empfang zu nehmen. Herr Trommler ging leicht und gewandt auf die Prinzipalin los, ſchaute mit einem ſchmerzlichen Blicke auf die rechte Seite des Buches, wohin der Finger der Madame Müller wies, und ſtrich ſeufzend das Geld ein, das ihm hingezählt worden. Jetzt kam die Reihe an die drei neu Engagirten, denen man, wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, eine friſche Seité eingeräumt hatte. Mit einem wohlwollen⸗ den Lächeln zählte die Prinzipalin ihren Abendantheil hin, wäh⸗ rend ſich der Prinzipal ſchmunzelnd auf den Tiſch ſtützte, wobei —— —— 86 Siebenundvierzigſtes Kapitel. ſeine heitere Miene ſagen wollte: nicht wahr, das iſt ſchon etwas? Man ſtellt ſich nicht ſo ſchlecht bei mir. Doch wer beſchreibt das Erſtaunen dieſes würdigen Mannes, als Eugen ſeinen Antheil, ſowie den des Herrn Müller leicht mit der Hand zurück ſchob und die Verſicherung gab, es ſei ihm unmöglich, für die jetzige Zeit, die er als eine Lehrzeit betrachte, ſich bezahlen zu laſſen.„Ich, ſowie mein Kollege, der Herr Müller,“ ſetzte er hinzu,„haben, Gott ſei Dank, noch einiges Erſparte und werden uns nur dann entſchließen, eine Gage von Ihnen zu nehmen, wenn wir einmal einſehen, daß wir Ihnen von wirklichem Nutzen ſind. Was dage⸗ gen den Herrn Hannibal anbettifft,“ fuhr er fort, indem er dieſem herbei rief,„ſo verhält ſich die Sache anders. Er ſoll ſein Geld nehmen,“ ſetzte Eugen leiſe hinzu;„ſo ungeſchickt, er ſich auch an⸗ zuſtellen pflegt, ſo iſt doch dieſer junge Mann im Stande, Ihnen den allergrößten Nutzen zu bringen.“ 4 Der Schauſpieldirektor ſah ihn erſtaunt an. „Er hat ſeine Launen,“ fuhr Herr Wellen ruhig fort;„aber wenn er in ſeinem eigentlichen Fache arbeiten will, ſo ſetzt er die Welt in Erſtaunen.“ „Und was iſt ſein eigentliches Fach?“ fragte der Prinzipal. „Das ſteht ihm doch auf ſeinem Geſichte geſchrieben,“ ent⸗ gegnete Eugen.„Haben Sie je Züge geſehen, die mit einer kleinen Aufbeſſerung von Kreide und Schminke eine vollkommenere und herrlichere Pierrotmaske geben würden? Vergrößern Sie dieſen an ſich großen Mund nur um ein Weniges, malen Sie dieſe Unter⸗ lippe nur ein Geringes dicker, und das Publikum, das ihn ſieht, ſtirbt vor Lachen.“ Der getreue Diener, der bei Nennung ſeines Namens näher herbei geſchlichen war, hörte mit nicht geringem Erſtaunen ſo viel zu ſeinem Lobe ſagen, und da ihn dies ungemein überraſchte, und ſich dieſe Ueberraſchung auf ſeinem ohnehin nicht geiſtreichen Ge⸗ ſichte deutlich und vortheilhaft ausſprach, ſo hatte er in dieſem Wie Herr Hannibal zum Künſtler gebildet wird. 87 Augenblicke wirklich ganz das Anſehen eines Pierrot, der ſo eben von Harlekin die ſchönſten Schläge bekommen. —„Sie bringen mich da auf eine Idee,“ ſagte lächelnd der Schauſpieldirektor, indem er ſeine rechte Hand in die Seite ſtemmte und mit der linken das Kinn unterſtützte.„Pantomimen und der⸗ gleichen iſt eine Leibſpeiſe für das Publikum; aber ſeit mein armer, dicker Komiker ſtarb—“ „Der von der Kugel herabrollte?“ „Derſelbe.— Seit er nicht mehr iſt, war ich nicht mehr im Stande, dergleichen zuſammen zu bringen.“ „Mit Hannibal iſt Ihnen geholfen,“ ſagte Eugen mit einer Beſtimmtheit, die allen und jeden Zweifel niederſchlug. Er faßte den Arm des Direktors und fuhr fort:„Wenn ich Ihnen erzählen könnte, was dieſer junge Mann in ſeinem Fache alles ſchon ge⸗ leiſtet hat, Sie würden erſtaunen. Aber—“ Hannibal ſtand noch immer da, ſtumm bei den Lobeserhebun⸗ gen ſeines Herrn, und war nicht im Stande, zu begreifen, wie dieſe Rede eigentlich zu verſtehen ſei. Doch ſtrengte er ſeine großen Ohren übermäßig an, um nicht ein Wort von dem zu verlieren, was Engen im Begriffe war, noch ferner zu ſeinem Lobe oder Tadel vorzubringen. Er fand ſich jedoch in der Ausübung dieſes guten Vorſatzes dadurch gehindert, daß ihm ſein Herr mit der freundlichſten Miene von der Welt den Rath gab, ſein Geld einzuſtreichen und ſich ein Bischen auf die Seite zu begeben. Die Prinzipalin ſchloß ſchmunzelnd ihre Kaſſe und ließ ſie von ihrer Schweſter auf das Zimmer zurück bringen. Herr Wellen und Herr Müller hatten in ihrer Achtung enorm zugenommen, und da Erſterer noch immer bei dem Schauſpieldirektor ſtehen blieb, um mit ihm zu plaudern, ſo konnte ſich die Dame ebenfalls nicht entſchließen, wegzugehen. Die untere Hälfte ihres Körpers war noch mit einigem Coſtume verſehen; ſie hatte die Genovefa geſpielt und noch nicht die Zeit gehabt, ſich ihres farbigen Rockes, der 88 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Trikots und Stiefelchen zu entledigen; auch ſtak ihr Kopf noch in der halben Wüſtenfriſur, wie ſie der getreue Gatte in der Wildniß wieder ſindet. Ueber ihre Schultern aber hatte ſie ein großes, ſchwarzes Umſchlagtuch genommen, das ſo ziemlich alles, was man nicht ſehen ſollte, verdeckte.* „Sie werden ſehen, daß ich Recht habe,“ fuhr Eugen fort, nachdem ſich der Herr Hannibal entfernt hatte.„Aus dieſem jungen Manne iſt für Ihre Anſtalt der größte Nutzen zu ziehen; er iſt ein Künſtler im beſten Sinne des Wortes. Aber er will mit Strenge und Ernſt behandelt ſein.“ „Ah!“ machte der Direktor, und die Prinzipalin nickte bei⸗ ſtimmned mit dem Kopfe. „Mit Ernſt und großer Strenge,“ fuhr Eugen fort.„Ueber⸗ geben Sie ihm morgen in irgend einer Pantomime eine beliebige Nolle, ſo wird er auf die Probe kommen und Ihnen ſagen, er könne das nicht machen— weil er nicht will. Hartnäckigkeit und Eigenſinn ſind die Grundlagen ſeines Charakters. Aber wie ich Ihnen ſchon ſagte: er iſt ein vortrefflicher Künſtler.“ „Alſo man müßte ihn mit großer Strenge behandeln?“ meinte der Direktor und ſtreichelte ſeinen langen weißen Rock. „Mit großer Strenge! zu ſeinem eigenen Beſten allerdings. Und das Gute an dieſem Künſtler iſt, daß er, ſobald man ihn ernſt und ſtreng behandelt, baldigſt einſteht, man habe nur ſein Beſtes gewollt, und ſich alsdann ſehr dankbar für die Mühe be⸗ zeigt, die man ſich mit ihm gegeben.“ „Glauben Sie?“ fragte der Direktor und ſtemmte beide Arme in die Seiten.„Und ſind Sie nicht vielmehr der Anſicht, daß ihn eine etwas harte Anſprache widerwärtig und rappelköpfiſch machen wird?“ „Gewiß nicht!“ entgegnete Eugen.„Ich kenne dieſen Charak⸗ ter zu genau; mit Güte erreicht man bei ihm gar nichts, mit der größten Strenge aber Alles.“ a Wie Herr Hannibal zum Künſtler gebildet wird. 89 „Nun, wir wollen ſehen!“ ſagte der Direktor ſchmunzelnd. „Aber ich befürchte nur Eines, daß es ihm nämlich bei ſolchen künſtleriſchen Anſtrengungen ferner nicht mehr bei uns gefallen möge und er auf und davon gehe. Es wäre mir das doch ſehr unangenehm, einen Ihrer Freunde vertrieben zu haben.“ „Unbeſorgt!“ erwiderte Eugen lachend;„ſo lange wir dablei⸗ ben, iſt Herr Hannibal ebenfalls engagirt; und wenn er ſich je mit Worten oder Mienen Ihrer Zucht oder Ihrem Unterrichte wider⸗ ſetzen wollte, ſo ſagen Sie ihm einfach, Sie ſähen ſich veranlaßt, ihn von der Geſellſchaft zu entlaſſen, und wollten hingehen und mir dies anzeigen.“ „Schön, ſchön,“ meinte der Schauſpieldirektor und ſchnalzte mit den Fingern.„Auf dieſe Art wäre es denn doch möglich, wie⸗ der eine gute Pantomime zuſammen zu bringen.“ Die Prinzipalin hatte einfach mit dem Kopfe genickt, und da ihr Herr Hannibal, dem ſie eine Gage ausbezahlen mußte, bisher als ein ſehr unwichtiges Mitglied der Geſellſchaft erſchienen war, ſo gab ſie dem Herrn Wellen vollkommen Recht, indem er einen Weg anzeigte, wie dieſer junge Künſtler brauchbar und nutzbrin⸗ gend zu machen ſei. Demgemäß hatte nun auch der Prinzipal ſchon am folgenden Morgen die Mitglieder davon benachrichtigt, daß er eine Panto⸗ mime einzuſtudiren Willens ſei. Auch wurden die Rollen vertheilt und Herrn Hannibal die des Pierrot übertragen. Herr Trommler galt als ein vortrefflicher Harlekin. Doch fand dieſe Rollenver⸗ theilung zuerſt einigen Widerſpruch bei der Schwägerin des Direk⸗ tors, welche in Pantomimen die Columbine, in Balleten aber die gefallene Prinzeſſin oder ſonſt irgend eine unterdrückte Unſchuld zu machen pflegte. Sie hatte ſich den Herrn Hannibal, der ſich bereits ihrer Zuneigung in bedeutendem Grade erfreute, als Arlequino gedacht und ſich in ihrem Geiſte ausgemalt, wie ſchön es ſein würde, wenn ſie, ſeine zarte Columbina, hier mehrmals Gelegen⸗ 90 Siebenundvierzigſtes Kapitel. heit hätte, in ſeine Arme zu flattern. Dieſer Geiſt des Wider⸗ ſpruches hatte ſich durch ſie auch des Herrn Hannibal bemächtigt, und er trat vor den Direktor hin, jeder Zoll ein Künſtler. Er hatte den Hut etwas auf das linke Ohr gerückt, hielt die eine Hand in der Rocktaſche, während er die andere dazu benutzte, die zu ſeiner Rede nöthigen Geſten zu machen. So trat er alſo vor den Prinzipal, der, in ſeinen langen, weißen Ueberrock eingeknöpft, die Hände auf den Rücken gelegt, ruhig wartend daſtand. Wir glauben ſchon geſagt zu haben, daß der Prinzipal, Herr Müller, eine große und breite Geſtalt hatte, und fügen noch hinzu, daß Herr Hannibal um ſo viel kleiner war, ſo daß er, vor dem Prinzipal ſtehend, an ihm ordentlich in die Höhe blicken mußte. 3 Kaum hatte der getreue Perriot in ernſtem und beſtimmtem Tone ſeinen dringenden Wunſch ausgeſprochen, von der für ihn ſo paſſenden Rolle verſchont zu bleiben, als ihn der Direktor ſtreng, faſt finſter erſuchte, ſich vor allen Dingen der Regeln der Höflich⸗ keit zu befleißigen und ſeinen Hut herab zu nehmen, wenn er mit ihm, als ſeinem Vorgeſetzten, zu ſprechen ſich erlaube. Bei dieſen Worten hatte ein kleines Lächeln auf den Zügen des jungen Künſt⸗ lers aufzudämmern faſt begonnen, doch unterdrückte er es vermit⸗ telſt eines kräftigen Huſtens, als er bemerkte, wie der Prinzipal ſeine Augenbrauen finſter zuſammen kniff. Auch wurde nicht nur der Hut ſanft herab gezogen, ſondern die Hand verlor ſich ſachte aus der Rocktaſche und nahm eine etwas ungezwungenere Stel⸗ lung ein. „Was wollen Sie?“ fragte Herr Müller ziemlich barſch. Herr Hannibal ſah ſich einigermaßen eingeſchüchtert und ant⸗ wortete demgemäß, er habe nur den Wunſch ausſprechen wollen, man möge ihm die Rolle des Pierrot nicht übertragen, er bitte vielmehr um die des Harlekin. 1 „Sie werden die Rolle nehmen, die man ihnen gibt,“ ſagte Wie Herr Hannibal zum Künſtler gebildet wird. 91 ſtreng der Prinzipal,„und werden ſich bemühen, aus dieſer Rolle etwas Tüchtiges zu machen. Sie haben alles Zeug dazu; auch weiß ich, daß Sie auf bedeutenderen Theatern, wie das meinige, in dieſem Fache ſchon Tüchtiges geleiſtet haben. Alſo gehen Sie mit Luſt und Liebe an die Arbeit und laſſen Sie mich vor allen Dingen nicht eines Tages zu der Bemerkung kommen, daß es Ihnen an gutem Willen fehle.“ Nun hatten die Proben begonnen, und der unglückliche Pierrot war mit ſo komiſch dummem Geſichtsausdruck und ſo unendlich tappig auf den Brettern erſchienen, daß dieſes Auftreten unter den Mitgliedern der Truppe einen wahren Beifallsſturm hervor rief. „Sehen Sie wohl,“ ſagte Eugen zu dem Direktor,„wie er dieſe Rolle aufzufaſſen verſteht!“ „Aber geben Sie nur Achtung,“ nahm der luſtige Rath das Wort,„ſein guter Wille wird bald zu Ende ſein, und er wird ſie ſchmählich fallen laſſen.“ Dem war nun auch in der That ſo, und Herr Hannibal ſchien ſich in den Kopf geſetzt zu haben, die einfachſten Dinge nicht begreifen zu wollen. Statt rechts trat er links auf, ſtatt links ging er rechts ab, und der majeſtätiſche Schritt, mit dem ſich Pierrot auf der Bühne zu bewegen pflegt, wollte ihm um Alles in der Welt nicht gelingen. Umſonſt zeigte es ihm der Direktor mehrmals, umſonſt bat und warnte er. „Sehen Sie,“ ſagte Eugen,„jetzt iſt der gute Wille ſchon vorbei; aber es iſt wahrhaftig ſchade— dieſe Vorſtellung hätte glänzend werden müſſen.“ „Und ſie ſoll es auch werden,“ verſetzte kurz der Direktor und hob die Probe auf. Darauf begannen ſchwere, unerhörte Leiden für den unglück⸗ lichen Hannibal; denn der Prinzipal, der ſich nun für überzeugt hielt, daß ſeinem Pierrot der gute Wille ſehle, ſah ſich veranlaßt, 92 Siebenundvierzigſtes Kapitel. ihm Morgens in aller Frühe einige Privatlektionen zu ertheilen. Was hiebei vorfiel, iſt in ſeinen Einzelheiten nie bekannt geworden; nur ſo viel vernahm man, daß der Herr Hannibal ſehr heftig an⸗ fing zu ſprechen, worauf der Herr Müller noch heftigere Erwide⸗ rungen gemacht; dann hörte man hie und da einen Stuhl umfallen, ein kurzes Geheul des Herrn Hannibal, was aber alles zur Rolle zu gehören ſchien und durchaus die Probe nicht unterbrach; denn der Prinzipal hörte nicht eher auf, während einer ganzen Stunde lang den jungen Künſtler zu lehren, wie man in den Geiſt einer Rolle eindringe; und nach Beendigung dieſer Lektion erſchien der Schauſpieldirektor wieder, das Geſicht einigermaßen geröthet, der junge Künſtler dagegen ſehr matt und abgeſchlagen. Wir können dagegen nicht ſagen, daß Herr Hannibal dieſe Lehrmethode ſehr angenehm und für ſich zuträglich gefunden, oder daß er dieſelbe ohne ernſtliches Widerſtreben ſeinerſeits hingenom⸗ men hätte, müſſen dagegen verſichern, daß dieſes Widerſtreben zu keinem erwünſchten Ziele führte; denn als er ſich eines Tages über dieſe ſonderbare Lehrmethode bei ſeinem Herrn beklagte und dabei nicht undeutlich zu verſtehen gab, er ſehe ſich bei ſolch fort⸗ geſetzten Proben veranlaßt, ſeine Künſtlerlaufbahn aufzugeben und ſich ein anderes Brod zu ſuchen, ſo verwies ihn ſein Herr freund⸗ lich an den luſtigen Rath, der ihm mit großer Sanftmuth ausein⸗ ander ſetzte, wie ihm ſeinerſeits ebenſo wenig als von Seiten des Herrn Stillfried etwas in den Weg gelegt werden ſollte, ein voll⸗ kommen freier Menſch zu werden.„Ja,“ ſetzte Herr Sidel lächelnd hinzu,„die Sehnſucht, die du, mein Freund, nach der Reſidenz verſpürſt, ſcheint in dieſer Stadt ebenfalls nach deiner werthen Perſon zu beſtehen; denn ich las neulich in mehreren Blättern einige Zeilen, aus welchen ich zu entnehmen ſchien, man fordere dich zärtlich und dringend auf, wieder jenſeits der Grenze zu er⸗ ſcheinen.— Da lebt, wenn ich nicht irre,“ fuhr der unerſchütterliche — Wie Herr Hannibal zum Künſtler gebildet wird. 93 Rath fort,„ein gewiſſer Juſtizrath Werner, den es außerordentlich zu freuen ſcheint, deine Bekanutſchaft zu erneuern.“ Bei Nennung dieſes Namens war der getreueſte Pierrot eini⸗ germaßen erblaßt und ſtammelte einige Worte, welche aber durch⸗ aus nicht ſo klangen, als beſtehe er hartnäckig darauf, ſeinen Ab⸗ ſchied zu erhalten. Damit war dieſe kleine Unterredung beendigt, jedoch nicht ſo die unangenehmen Proben bei dem Schauſpieldirektor. Joſeph aber ergab ſich ſeufzend in ſein Schickſal, und da der Menſch ge⸗ wöhnlich trachtet, für irgend welche Leiden, die ihn treffen, ſich eine Entſchädigung durch Freuden zu verſchaffen, ſo ſchien er ſich der Liebe der blonden Schwägerin auf Gnade und Ungnade ergeben zu haben, um dort Erſatz zu finden und ſich einigermaßen zu zerſtreuen. Achtundvierzigſtes Kapitel. Frau Roſel beweist, daß die Eiſenbahnen eine ſchädliche Erfindung ſind; ſie tauſcht Geheim⸗ niſſe aus, wodurch ſie und der geneigte Leſer etwas Neues erfahren. Eugen und der luſtige Rath hatten nach jenem Abend, wo ſie droben auf dem Schloßberge Kapelle und Monument und ſo den Schauplatz einer für ſie intereſſanten Geſchichte gefunden, ſich nicht vergeblich bemüht, etwas Näheres über die Sache zu erfahren, was übrigens alles mit der Erzählung des Doktor Wellen zuſam⸗ mentraf. Frau Roſel, die Wirthin, war mit unſeren beiden Freunden außerordentlich zufrieden; ſie verzehrten ein ziemliches Geld, an⸗ ſtändig für Reiſende, außerordentlich dagegen für die Mitglieder 1 94 Achtundvierzigſtes Kapitel. einer herumziehenden Schanſpielergeſellſchaft. Auch war Alles bei dieſen beiden Herren ſo außerordentlich ſolid, von einem guten Hauſe herſtammend, Kleidung, Wäſche, daß ſie oftmals ihrer Tochter Marie verſicherte: dergleichen ſei ihr bei den anſtändigſten Reiſenden noch nicht vorgekommen. Dies alles, ſowie Eugen's und des luſtigen Rathes artiges Benehmen hatte ſie denn auch außerordentlich für die Beiden eingenommen, und wenn ſie ſich, mit Ausnahme des Direktors, mit der übrigen Schauſpielergeſell⸗ ſchaft nicht viel abgab, ſo ſchien es ihr dagegen nicht übel zu gefallen, wenn ſich Eugen oder der luſtige Rath in ein Geſpräch mit ihr einließ. 8 Nachdem ſie des Vormittags der Küche große Laſt und Hitze getragen, pflegte ſie Nachmittags vor der Hausthüre zu ſitzen, und dies war die Stunde, wo ſie am liebſten ihre Audienzen gab. Auch war ſie in dieſem Augenblicke am meiſten zum Ernſt geneigt; denn Marie hatte alsdann mit der Anfertigung des Kaffee's zu thun und demnach keine Zeit, ſie mit ihrem ſchelmiſchen Auge anzublin⸗ zeln oder ihr eine ungemein lächerliche Geſchichte ins Gedächtniß zu rufen. Eugen hatte ſich eine Cigarre angezündet und lehnte unter der Hausthüre, während Frau Roſel davor ſaß, in dem Schatten der großen Lindenbäume. Es war einige Tage nach dem, an welchem Eugen mit dem luſtigen Rath auf dem Schloſſe geweſen war. „Nun, Frau Roſel,“ ſagte der junge Mann,„jetzt ſind Sie wieder einmal für heute fertig. Das muß für Sie keine Kleinig⸗ keit ſein, ſo den ganzeu Morgen an dem praſſelnden Herdfeuer zu ſtehen.“ 3 „Gewohnheit, Herr Wellen,“ entgegnete die freundliche Wirthin; „nur Gewohnheit! Zuweilen wird's einem wohl ein Bischen warm, wenn. Pohr herumjagen und bewegen muß, aber ich halte das für mich jen geſund. Ich könnte freilich die Hände in den Schooß legen und mein Geſchäft durch die Köchin und Marie ver⸗ 1 „ 4 Frau Roſel tauſcht Geheimniſſe aus. 95 ſehen laſſen; aber es iſt jedenfalls beſſer, wenn ich ſelbſt dabei bin. Jetzt iſt die Plagerei auch nicht arg groß, es iſt mit dem Wirths⸗ hausgeſchäft nichts mehr. Da hätten Sie einmal vor ein paar Jahren da ſein ſollen, noch vor vier bis ſechs, ehe ſie da hinten herum die verdammte Eiſenbahn— Gott verzeih' mir's!— gebaut haben: Damals mußte Alles hier durch; es war die große Straße, und Kaiſer und König, die an den Rhein wollten, mußten ſich halt bequemen und über den Berg hinüber. Das war einmal nicht an⸗ ders, und ſie mußten die Berge hinnehmen, wie ſie gerade waren; hätte auch nie anders werden ſollen.— Ich bitte Sie, Herr Wel⸗ len, haben wir nicht eine prächtige Chauſſee und ſeit hundert Jah⸗ ren daran genug gehabt? Hätte es wohl einem vernünftigen Ge⸗ ſchöpf einfallen mögen, daß ſie nun auf einmal hergehen wollen und eine Eiſenbahn bauen, immer gerade zu, durch Alles hindurch, über Thäler hinweg und durch Berge? hätte man das vor zwanzig Jah⸗ ren geglaubt?“ Die Frau ſah bei dieſen Worten ziemlich entrüſtet und fragend in die Höhe. „Nein,“ ſagte Eugen,„man hätte es nicht geglaubt. Es iſt aber auch in der That merkwürdig.“ „Merkwürdig, ſehr merkwürdig!“ entgegnete Frau Roſel.„Wiſ⸗ ſen Sie, wir bekümmern uns hier nicht viel darum, was ſie in die Zeitungen ſchreiben, und wenn wir auch ſchon lange von den Eiſen⸗ bahnen laſen, ſo dachten wir: nun, damit hat's gute Wege, das iſt ſo eine Planmacherei wie viele andere. Da kommt eines Tages mein Pferdeknecht nach Hauſe— er war in Schmalzhauſen geweſen, und nachdem er ausgeſpannt hat und in die Stube tritt, ſeufzt er tief auf. Nun, was gibt's denn, Heiner?— Ach, Frau, ſagt er, jetzt wird's doch Ernſt mit der Eiſenbahn! Da drüben am Ameiſen⸗ berg haben ſie ſchon angefangen, da ſieht's aus wie bei der Völker⸗ wanderung, da ſind zweitauſend Italiener angekomw pen Geſichtern und ſchwarzen Bärten, ſie ſchlafen auf der Erde und fzeſſen nichts als Zwiebeln, und die wühlen eine Straße mitten durch „ 96 Achtundvierzigſtes Kapitel. den Ameiſenberg durch, daß die Wände vierzig, fünfzig Fuß hoch an der Seite ſtehen bleiben. Ich lachte ihn aus und dachte: das Ding mußt du ſelbſt ſehen, und des anderen Tages fuhr ich da hinaus. Aber es war, weiß Gott, wie er geſagt: da waren ſie am Wühlen, am Krabbeln und am Graben, und das dauerte faſt zwei Jahre, und jetzt iſt die Eiſenbahn da, und wir haben den Schaden davon. Wenn ich wir ſage, ſo meine ich nicht ſo ſehr mich hier in der wilden Roſe, als vielmehr die einſamen Fuhrmannsherbergen an der Straße. Die Leute ſind merkwürdig ruinirt, und wo frü⸗ her allnächtlich in den Ställen zwanzig, dreißig Pferde ſtanden und vier Hausknechte waren, da wächst jetzt das Gras vor der Thüre, und der einzige Knecht, der da iſt, ſpielt den langen lieben Tag durch mit dem Wirth einen Biergaigel, daß es zum Erbarmen iſt.⸗ Eugen, der ganz gut wußte, daß er den erſten Redeſtrom der Wirthin geduldig mußte ablaufen laſſen, ehe er ihn dahin zu lei⸗ ten vermochte, wo er ihn haben wollte, pflichtete ihr vollkommen bei über die Nutzloſigkeit der Eiſenbahn und ſagte nach einer klei⸗ nen Pauſe:„Aber Ihnen hier in dem wohlhabenden Dorfe hat ſie eigentlich doch nicht viel geſchadet.“ „Geſchadet genug!“ ſagte die Wirthin.„Was war das früher hier für ein Leben mit Extrapoſten! Eins gab dem Anderen die Thüre in die Hand. Wir hatten oft bei achtzehn Pferde; jetzt kommt noch ein einziges Paar, das den unbedeutenden Dienſt nach Schmalzhauſen verſieht.“ In dieſem Augenblicke kicherte es leicht hinter Eugen, und als er ſich umwandte, ſtand Marie am Hausgange, putzte eine porzel⸗ lanene Kaffekanne mit einem weißen Tuche und machte ein außer⸗ ordentlich vergnügtes Geſicht. 4 „Haſt du wieder was zum Lachen?“ ſagte die Wirthin. Doch verzog ſich auch ihr Geſicht auf eine komiſche Art, und ihre beiden Ellbogen fingen an zu zucken, wie es gewöhnlich in ſolchen Augen⸗ blicken der Fall war.. ———— bänlichkeiten und Alles iſt es Frau Roſel tauſcht Geheimniſſe aus. 97 „O, es iſt nichts!“ verſetzte Marie mit ſcheinbarem Ernſte; „ich wollte nur ſagen, daß es recht ſchade iſt, daß keine Extrapoſten mehr kommen; es paſſiren auch gar keine Geſchichten mehr.“ Da⸗ mit fuhr ſie lachend in die Küche zurück. „Das iſt ein gottloſes Kind!“ bemerkte Frau Roſel.„Sie muß immer ihre Mutter plagen.“ Dabei aber lächelte ſie im Ge⸗ genſatze zu ihren Worten aufs Allerfreundlichſte. Eugen nahm ſich einen Stuhl und ſetzte ſich neben die Wirthin. „Die wilde Roſe,“ ſprach er alsdann nach einer kleinen Weile, „liegt aber doch vortrefflich, und wenn droben in dem Schloſſe die Herrſchaft iſt, ſo muß doch zuweilen ein Beſuch kommen, der Ihnen auch etwas Gutes einbringt.“. „Wenn die Herrſchaft droben iſt?“ ſagte die Frau und zuckte mit den Achſeln.„Die alte war ſeit langen Jahren nicht da, und die jetzige ſcheint's auch nicht beſſer machen zu wollen.“ „Gehört denn das Schloß nicht mehr dem Grafen D.?“ „Es iſt vor einem Jahre verkauft worden.“ „Ah!“ machte Eugen,„das habe ich nicht gewußt.“ „Wir haben es auch nur zufällig erfahren. Der alte Verwalter iſt ein Geheimnißkrämer, und ehe der was ſagt, dauert's lange.“ „Alſo verkauft iſt die ganze ſchöne Herrſchaft?— Und an wen, Frau Roſel?“ „An eine Herrſchaft im Württembergiſchen,“ entgegnete die Wirthin.„Aber wie ſie heißt, weiß ich wahrhaftig nicht. Es hat ſich noch Niemand von ihnen ſehen laſſen. Eine Gerichtsperſon hat den Kauf beſorgt; weiter wiſſen wir nichts. Aber für die Ge⸗ G gut, daß das Schloß in andere Hände kam, denn jetzt wird etwas darauf verwendet. Sie werden geſehen haben, in welch' ſchönem Stand Alles da droben iſt.“ „Allerdings habe ich das geſehen,“ entgegnete Eugen;„ich ließ mir Alles zeigen; nur Eines wundert mich: warum verkaufte Hackländers Werke. XII. 7 5 ben— unter keiner Bedingung zugeben wollte.“ ſiſt Ihnen dabei nichts aufgefallen?“ 98 Achtundvierzigſtes Kapitel. die frühere Herrſchaft das Schloß, da ſie doch noch vor ein paar Jahren in der Kapelle deſſelben ein ſo ſchönes Monument ſetzen ließ?“ „Wer weiß, was ſo reichen Leuten oft durch den Sinn fährt!“* antwortete Frau Roſel.„Aber das Monument wäre bald die Ur⸗ ſache geworden, daß der Gutsverkauf wieder rückgängig wurde;. denn die frühere Herrſchaft wollte die Marmorfiguren wegführen laſſen, was aber der neue Käufer— eigentlich der Verwalter dro⸗ „Lag denn beiden Theilen ſo viel an den marmornen Fi⸗ guren?“ fragte Eugen. „So ſcheint es. Sie ſtehen auf dem Grabmal einer Gemahlin des früheren Beſitzers.“ „Aber was konnte dem jetzigen daran liegen?“ „Das iſt eine eigene Geſchichte,“ ſagte Frau Roſel und ſchlug die Arme über einander.„Eigentlich eine dumme Geſchichte; mich 4 hat ſie ſchon oft genug geärgert. Aber Sie waren ja ſelbſt dro⸗ ben,“ fuhr ſie fort und blickte ihren Gaſt an;„Marie hat es mir geſagt. Sie haben ja zufällig die beiden Mädchen daneben geſehen; „Richtig!“ ſprach Eugen nach einer abſichtlichen Pauſe des Nachdenkens und einer erkünſtelten Ueberraſchung;„das iſt wahr, Frau Roſel, jetzt fällt mir's ein. Das ſind ja die Portraits der beiden Mädchen. Wie man auch ſo was nicht gleich merkt!— Und das iſt doch abſichtlich geſchehen?“ „Natürlich abſichtlich! Hier im Hauſe hat der Bildhauer ge⸗ wohnt, der das Ding droben gemacht hat. Es war ein bräver r 8— junger Mann!“ ſagte die Frau mit einem Seufzer;„hier, wo ich 1 jetzt ſitze, hat er oft geſeſſen.“ „Ei, ei, Frau Roſel! Das Portrait der Marie hat er auch gemacht; da hat er wohl Ihr Schwiegerſohn werden wollen, nicht waht?: 22 4 Frau Roſel tauſcht Geheimniſſe aus. „Ach, gehen Sie mir weg mit Ihren Poſſen!“ ſagte die Frau ſo ernſt, als es bei ihrem freundlichen Geſichte möglich war.„Wenn das der Fall geweſen wäre, ſo hätte ich bei Gott Amen dazu ge⸗ ſagt; denn, wenn ich auch im Ganzen all das Künſtlervolk— nehmt mir's nicht übel,— mögen es nun Muſikanten oder Schau⸗ . ſpieler, oder Maler oder Steinhauer ſein, nicht beſonders leiden kann, ſo weiß ich doch Ausnahmen zu machen. Und der Profeſſor das war eine ſolide Ausnahme. Aber der hat nie an meine Marie gedacht.“. 1 „Und an wen dachte er denn?“ „Nun, an die Andere, an die Roſalie. eine Liebe! So was Schönes und Jammer mehr erleben.“ „Sie machen mich neugierig, Frau Roſel,“ antwortete Eugen. „Alſo der Bildhauer liebte die Tochter des Verwalters?“ „Die Roſalie, allerdings, und ſie liebte ihn auch; die Marie wußte Alles. Und mit dem Verwalter hat er auch darüber ge⸗ ſprochen und hat ſein gutes Auskommen nachgewieſen und wollte das Mädchen heirathen.— Umſonſt! Wiſſen Sie, Herr Wellen, ich ſage Ihnen da, was ich weiß. Aber da droben in dem Schloſſe ſind Geſchichten, über die man nicht klar werden kann. Der Ver⸗ walter mochte den jun gen Mann ebenfalls leiden und jammerte über die Geſchichte.“ „Und gab ihm das Mädchen doch nicht?“ Frau Roſel ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte:„Er wollte nicht. Er that die Roſalia fort, und als ſie abgereist war und e der Profeſſor ſah, daß nichts zu machen ſei, ging er ebenfalls in Ach, das war Ihnen volles will ich nicht die weite Welt.“— „Das iſt ſehr traurig!“ meinte Eugen. „Freilich iſt es ſehr traurig,“ entgegnete Frau Roſel.„Ach! er hat als noch geſchrieben, Wiſſen Sie,“ fuhr die Wirth 6 99 und was für herzbrechende Briefe! in fort und ſah ſich vorſichtig um, 100 Achtundvierzigſtes Kapitel. „mit der Marie habe ich nie etwas von den Briefen geſprochen. Frau Roſel— ſagte der Verwalter in der Zeit zu mir,— laſſen Sie die Geſchichte gehen; als ehrlicher Mann ſchwöre ich Ihnen zu, daß da nichts zu machen iſt. Sagen Sie auch der Marie, ſie ſoll mit meiner Tochter nicht mehr darüber ſprechen, und wenn Briefe kommen, ſo laſſen Sie ſie nichts davon wiſſen. Verſprechen Sie mir das. Nun, ich habe es ihm verſprochen und Wort ge⸗ halten.“— „Und er ſchrieb Ihnen mehrmals?“ fragte Eugen nach einem längeren Nachdenken;„und in letzter Zeit?“ 3 „In letzter Zeit nicht mehr,“ entgegnete die Frau.„Es mögen nun über zwei Jahre ſein, daß ich nichts mehr von ihm gehört. Ich weiß auch beſtimmt, warum er nicht mehr geſchrieben. Glau⸗ ben Sie mir, Herr Wellen, er iſt zu Grunde gegangen.“ „Ah!“ machte Eugen. „Gewiß!“ fuhr die Frau fort;„ich bin davon überzeugt. Da war im Jahre 1849 ein Krieg drunten in Italien“— das ſagte ſie mit ganz leiſer Stimme, nachdem ſie ſich vorher umgeſchaut,— „dahin iſt er gegangen; denn er ſchrieb mir das und ſetzte hinzu, er wolle in die Schlacht gehen, er wolle ſeinen Tod ſuchen.“ „Und Roſalie?“ fragte Eugen. „Das arme Herz träumt ſich auch nichts Gutes. Ach, wie haben ſich die Beiden ſo lieb gehabt! Ja, es iſt nicht zum Ver⸗ antworten! Sehen Sie ſich das Mädchen an; ſchön iſt ſie noch immer, aber bleich wie der Tod. Es geht ihr ans Leben, und wenn ſie auch nicht klagt und weint, ſo bricht es ihr langſam das Herz ab.“ „Und hat der junge Bildhauer an Roſalie nie geſchrieben?“ fragte Eugen.„Hat er ihr ſeinen Entſchluß nicht mitgetheilt?“ „Ich glaube wohl, daß ſie etwas der Art weiß,“ entgegnete die Frau;„denn ſchon ſeit zwei Jahren weint und klagt ſie auch gegen die Marie nicht mehr; ſie iſt ruhig und ſtill geworden, und —— b Frau Roſel tauſcht Geheimniſſe aus. 101 wenn ſie über jene Zeit ſpricht, ſo kann ſie wohl ſagen: ach, Marie, ich habe auf der Welt doch nichts, als Leid und Schmerz; wenn es nicht ſündhaft wäre, ſo zu denken, ſo möchte ich wohl, ich könnte ſterben. Dann ſehe ich ihn wohl wieder!— Und dann haben die Beiden zuſammen geweint, und meine Tochter, die ihre Freundin ſehr lieb hat, erzählte mir das wieder und ſetzte hinzu: ach, ich möchte mit der Roſalie ſterben, gewiß recht gern, wenn ich nur Jemanden da droben zu erwarten hätte!— Ich habe ſie aber heimgeſchickt und ihr den Kopf ordentlich zurecht geſetzt.“ Eugen wußte nicht, was er machen ſollte, ob es thunlich ſei, die Mittheilungen, die er über jenen jungen Mann von Doktor Wellen erhalten, ſei es durch Marie oder den Verwalter ſelbſt, an Roſalie gelangen zu laſſen. Er verſtand wohl die trüben Ahnun⸗ gen, die das Herz des armen Mädchens erfüllten, die Ahnungen über das Schickſal des Mannes, den ſie ſo innig geliebt, und es dünkte ihm nicht grauſam, wenn er ihr die traurige Gewißheit hierüber verſchaffte. Iſt doch die traurigſte Gewißheit weit beſſer und nicht ſo quälend, als immerwährende bange Zweifel. Die Wirthin ſchien, ohne es zu wiſſen oder zu wollen, in ſeine Gedanken einzugehen; denn ſie ſagte:„Wenn man nur etwas Be⸗ ſtimmtes wüßte über das Schickſal des armen jungen Mannes, wenn man es nur Schwarz auf Weiß hätte! Es läge doch eine Art von Beruhigung für das unglückliche Mädchen darin. Ueber Jemand, der geſtorben iſt, klagt ſich weit ſanfter und beſſer, über ihn beruhigt ſich das Herz leichter, als über Jemand, von dem man keine Sylbe weiß, wo er geblieben iſt.“ „Aber Roſalie glaubt, daß er todt ſei?“ fragte Eugen be⸗ kümmert.* „Sie ſagt, ſie wiſſe es gewiß,“ entgegnete Frau Roſel.„Es iſt ihr etwas Eigenthümliches paſſirt. Sie können ſich denken, daß die Kapelle ihr Lieblingsplatz iſt. Da ſaß und ſitzt ſie oft Stun⸗ den lang und betrachtet die Marmorbilder und denkt an ihn. Und 102 Achtundvierzigſtes Kapitel. vor zwei Jahren, im Jahre 1849, war ſie ebenfalls da, an einem trüben Nachmittage im Frühjahre— Marie war nicht droben; die arme Roſalie war ganz allein in der Kapelle. Da habe ſie inniger als je an ihn gedacht und habe ihn im Geiſte vor ſich geſehen, als ſie unwillkürlich ihre Augen geſchloſſen; aber nicht lebend und geſund, wie ſonſt wohl, ſondern bleich und mit Blut bedeckt. Und ſie habe plötzlich die Augen wiehnr geöffnet, denn es ſei ihr gewe⸗ ſen, als fahre Jemand mit der Hand über die Marmorfiguren. Aber das war nichts Unnatürliches, ſondern nur ein verwelkter Blumenkranz, der von ſelbſt losgeriſſen und herabgefallen war. Aber den Blumenkranz hatte ſie damals als ein Zeichen um ihr eigenes Bild gehängt und hatte zu ſich ſelber geſagt: dort ſoll er hangen bleiben, bis ich von ihm ſichere Nachricht erhalte. Der fiel nun herunter, und das durchſchauerte ſie. Als Marie an dem Abend hinauf kam, warf ſie ſich ihr weinend um den Hals und ſagte: du kannſt mir glauben, heute iſt er geſtorben. Das war am 23. März.“ „Ja, ſie hatte Recht!“ rief Eugen erſchüttert,„das war der Tag der Schlacht von Novara.“ Die Wirthin ſah den jungen Mann ängſtlich fragend an und nickte mehrere Mal mit dem Kopfe.!„Ja, ja,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„ſo hätte es geheißen, meinen Sie— Novara. Ja, ich habe es nicht vergeſſen. Aber ſprechen Sie, Herr Wellen, was wiſſen Sie um Gottes willen davon? Sagten Sie nicht, es wäre ſo, er wäre geſtorben?“ „Das ſagte ich gerade nicht, gute Frau Roſel,“ ſprach Eugen einigermaßen beſtürzt;„ſondern ich meinte nur— *„Macht mir keine Flauſen!“ antwortete die Frau.„Habe ich mit Ihnen offenherzig geſprochen, ſo thun Sie es auch mit mir. Sie ſind mir ein feiner Vogel! Gehen Sie da het und forſchen mich aus und wiſſen am Ende mehr als ich! Pfui! ſchämen Sie ſich!“ naueres über dieſe troſtloſe Geſ Frau Roſel tauſcht Geheimniſſe aus. 103 r wahrhaftig Unrecht! Ich well Ihnen gern „Sie thun mi 8 be ich durch Zufall eine Ge⸗ ſagen, was ich weiß. Allerdings ha ſchichte erfahren, die ſehr viel Aehnlichkeit mit der Ihres jungen Bildhauers hat. Aber wie hätte ich ahnen können— und ich glaube es noch nicht,— daß es Eine und dieſelbe Perſon iſt.“ „Aber die Schlacht von Novara 1“ meinte ängſtlich die Frau, „am 23. März— das trifft doch zuſammen.“ „Ach, meine gute Frau,“ entgegnete Eugen,„das will am Ende nichts ſagen. Da ſind Viele geblieben, ſehr Viele, und haben ihren Eltern und Verwandten nicht mehr ſchreiben können, wie es ihnen ergangen iſt. „Ziehen Sie ſich nicht ſo zurück!“ „Gottes Wunder! es wäre wahrhaftig beſſer, chichte erführen.“ rief emſig die Wirthin. wenn wir etwas Ge⸗ n,“ ſagte Eu⸗ „So ſchicken Sie wenigſtens Ihre Tochter hinei „Ich glaube, gen, indem er ſich zu der Wirthin vornüber neigte. die braucht das jetzt nicht zu hören.“ „Da haben Sie recht,“ antwortete die Frau und rief mit lau⸗ ter Stimme:„Marie, geh in mein Zimmer hinauf, in der dritten oder vierten Schublade der großen Komode wirſt du ein Tuch finden, roth mit weiß. Setz dich damit gleich oben hin und ſäume es; ich brauch’'s nachher.— So,“ wandte ſie ſich zu dem jungen Manne,„jetzt iſt die Luft rein, jetzt ſagen Sie mir, was Sie wiſſen.“ Darauf hin erzählte Engen, was er damals in jener Sitzung der Leimſudia über den Freiwilligen, der in der Schlacht von No⸗ vara geblieben war, von dem Doktor Wellen erfahren, und alle Einzelnheiten, die ſich auf den Aufenthalt des jungen Mannes in dem Dorfe hier bezogen, fand die Wirthin ſo getreu und wahr, daß man unmöglich daran zweifeln konnte, der Bildhauer, der dro⸗ ben das Denkmal gearbeitet, ſei derſelbe, der ſich in Italien ſo brav gehalten und dort den Tod geſucht und gefunden. Frau Roſel legte die Hände in den Schooß, und wir müſſen 104 Achtundvierzigſtes Kapitel. geſtehen, daß über die ſonſt immer lächelnden und freundlichen Wangen der guten Wirthin ein paar dicke Thränen herab rollten. „So hat alſo das arme Mädel in ihrem Herzen richtig ge⸗ wußt, wann ihr Liebſter geendet,“ ſagte die Frau nach einer Weile. „Aber was meinen Sie, Herr Wellen? Ich halte es für unbedingt nothwendig, den Verwalter droben, der im Allgemeinen ein ſehr braver Mann iſt, von dieſem traurigen Ende in Kenntniß zu ſetzen. Es iſt beſſer, daß ſowohl er wie Roſalie wiſſen, woran ſie ſind.“ Eugen konnte nicht umhin, der Frau in dieſem Punkte Recht zu geben, und nach einigem Ueberlegen entſchloß ſich die Wirthin, trotz des heißen Tages, ſelbſt den Berg hinauf zu ſteigen, um mit dem Verwalter über dieſe Angelegenheit zu ſprechen. Eugen ſollte ſie begleiten doch mochte er ſich dazu nicht ent⸗ ſchließen. Er nahm einen un 3 Mädchen; er wußte ſelbſt nicht, weßhalb.„Was nützt es,“ ſagte er der Wirthin,„daß ich bei einer ſo traurigen Scene gegenwärtig bin? Will mich Noſalie nach ein paar Tagen ſprechen und von mir nochmals alle Ein Aheiten hören, ſo bin ich gern dazu bereit. Aber glauben Sie mir, es iſt beſſer, wenn ſie ihr Unglück vom Vater erfährt ohne Beiſein von Zeugen.“ Frau Roſel fand dies begründet und ſchickte ſich darauf an, den bei dem heißen Nachmittage für ſie doppelt ſauren Gang zu machen. Da ſie aber die vorwitzigen Fragen ihrer Tochter fürch⸗ tete, ſo ging ſie, ohne ein Wort weiter. zu ſprechen, in das hintere Gaſtzimmer, rückte ſich dort vor dem Spiegel ihre Haube zurecht, band eine friſ he weiße Schürze vor und verlor ſich, ohne viel Geräuſch und Aufſehen, aus dem Hauſe, gerade, als wollte ſie in die nächſte Nachbarſchaft einen Gaug machen.“ Eugen ging hin und ſuchte den luſtigen Rath auf. Doch fand er ihn nicht in ihren gemeinſchaftlichen Zimmern, auch nicht auf der Terraſſe neben dem Hauſe, noch weniger bei dem vortreff⸗ lichen Herrn Trommler, der im Garten unter einem großen Linden⸗ greiflich innigen Autheil an dem ——— ———ͤͤ — V Frau Roſel tauſcht Geheimniſſe aus. 105 baum ausgeſtreckt lag und Hinko, den Freiknecht, ſtudirte. Am Ende iſt er gar im Theaterlokale, dachte Eugen, als er ſo gar keine Spur von dem Freunde fand, und ſtieg abermals die Treppe hinauf, um droben zu ſuchen.— Hier war er auch nicht. Der Saal lag öde und finſter, und es war Niemand da, als Herr Holder, der mit dröhnenden Schritten auf der Bühne hin und her ging und ebenfalls eine Rolle zu memoriren ſchien. Eugen, dem es gar nicht darum zu thun war, dieſen wür⸗ digen Collegen zu ſtören, zog ſachte den Kopf wieder zurück und wollte eben die Treppe wieder hinabſteigen, als er neben ſich laut lachen hörte und dazwiſchen die Stimme des Herrn Sidel vernahm.— Da die Thüre, aus welcher dieſes Lachen erſcholl, zu den all⸗ gemeinen Wirthſchaftszimmern gehörte, dieſelbe auch nur angelehnt war, ſo drückte Eugen ſie leiſe auf, ſah hinein und erblickte zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen den luſtigen Rath, wie er eben beſchäftigt war, der kleinen Marie zu helfen, die dem Befehl ihrer Mutter gemäß eifrigſt an dem roth und weißen Tuche zu nähen ſchien. Obgleich ſich nun die Hülfe des luſtigen Rathes darauf beſchränkte, daß er ſehr unnöthiger Weiſe zwei Zipfel des Tuches mit ſeinen Händen ausgebreitet hielt, ſo ſchien doch Marie über dieſe Unterſtützung nicht ſehr ungehalten zu ſein; denn ſie lachte laut auf, ſo oft Herr Sidel ſich den harmloſen Spaß machte, das Tuch ihrer Hand zu entreißen, und ſchien gar nicht einmal ſehr böſe darüber, daß ſie dadurch genöthigt war, ihre Nadel nicht nur wieder zu ſuchen, ſondern auch aufs Neue einzufädeln. Nachdem Eugen dieſem Spiele einen Augenblick zugeſchaut, trat er leiſe wieder zurück, ging an die Treppe, trat dann mit ſtarken Schritten auf die halb geöffnete Thüre zu und ſagte darauf ſehr laut, als ſpreche er mit Jemand drunten:„Haben Sie Herrn Müller nicht geſehen?“ und alsdann ſchritt er wieder auf die Thüre zu und trat geräuſchvoll in das Zimmer. 4 106 Achtundvierzigſtes Kapitel. Hier hatte ſich unterdeſſen die Scene verändert. Der luſtige Rath und Marie hatten ihre Stühle einen guten Schritt aus einan⸗ der gerückt und ſchien Erſterer beim Nähen nicht mehr behülflich zu ſein, vielmehr hatte er das roth und weiße Tuch fahren laſſen, ſich ſogar halb abgewandt und blickte mit einem außerordentlich gleichgültigen Geſichte zum Fenſter hinaus. „Ah, da biſt du!“ rief er dem eintretenden Eugen entgegen. „Ja, da bin ich,“ ſagte dieſer.„Du haſt mich vielleicht geſucht?“ „Geſucht nun gerade nicht,“ meinte der luſtige Rath,„aber ich habe dich erwartet; du willſt wahrſcheinlich ſpazieren gehen.“ „Wenn es dir recht iſt,“ antwortete Eugen lachend,„ſo⸗ gehen wir zuſammen. Willſt du aber da bleiben, ſo gehe ich allein.“ Narie, die ſich ſelbſt nicht ſo in der Gewalt hatte, wie der ehemalige Schullehrer, war roth geworden wie das Tuch, welches ſie in ihren Händen hielt. Es mochte vielleicht der Widerſchein eben dieſes Tuches ſein; und der lächelnde Blick, mit dem Eugen ſie betrachtete, brachte ſie ſo außer Faſſung, daß ſie aufſtand und davon lief. „Warum länuft ſie fort?“ fragte Eugen ſo unbefangen wie möglich. „Nun, begreiflicher Weiſe vor dir,“ entgegnete der luſtige Rath mit einem leichten Aerger.„Du haſt aber auch eine Manier, die Leute anzuſchauen—“ 4 „Daß ſie in Verlegenheit kommen müſſen,“ antwortete laut lachend Engen. 5 „Danach die Leute ſind,“ entgegnete achſelzuckend Herr Sidel. Und damit gingen die Beiden fort, um einen kleinen Spazier⸗ gang zu machen. An dieſem Nachmittage mußte übrigens der Genius der Zu⸗— ſammenkünfte, wenn es einen ſolchen gibt, ſeine Flügel über dem“ ſchwingen. Denn in einer ſchattigen Wirthshauſe zur wilden Roſe 3 8 * 8 1 Frau Roſel tauſcht Geheimniſſe aus. 107 Partie des Gartens, ziemlich entfernt von dem Lindenbaume, unter welchem Herr Trommler lag, ſaß ein anderes Paar und ſchien ſehr vertraulich mit einander zu ſprechen. Es war dies Herr Hannibal und die blonde Schweſter der Prinzipalin. 3 Beide hatten offenbar eine Rolle zuſammen ſtudirt; denn ein paar vergilbte Papierhefte lagen zu ihren Füßen im Graſe. Doch mußten ſie eben dieſe Rollen bereits auswendig kennen, denn ſie blickten nicht hinein und ſprachen doch Worte, die ſicher⸗ lich irgend einem Drama angehören mußten. Die blonde Schwe⸗ ſter ſaß auf einer Raſenbank und hatte den Kopf in maleriſch ſchöner Haltung an einen Baumſtamm gelehnt, der zufällig hinter ihr empor wuchs. Herr Hannibal ſaß etwas tiefer auf einem um⸗ gekehrten Fäßchen und ſchaute zu ihr in die Höhe. Die Unterhelltung ſchien einen Augenblick ins Stocken zu gerathen. Endlich nahm ſie das Wort.„Herr Hannibal,“ ſagte ſie und bewegte eine Aſter mit langem Stiele vor ihrem Geſichte hin und her,„Sie ſehen, welchen Antheil ich an Ihnen als Künſtler und Menſch nehme. Deßhalb iſt es nicht recht von Ihnen, mir gegenüber den Geheimnißvollen zu ſpielen. Daß Sie früher in einer anderen Laufbahn waren, als Ihre jetzige iſt, ſah ich auf den erſten Blick, Sie und Ihre beiden Collegen; warum nun fort⸗ während läugnen?— Sie ſind nicht das, was Sie ſcheinen.“ Hannibal ſeufzte. 3 „Ja,“ fuhr die Dame fort,„auch der Name, mit dem Sie bei vns auftreten, der Name Hannibal, obgleich von ſehr ſchönem Klange, iſt ein anderer, angenommener; Sie heißen in Wahrheit anders.“. Hannibal ſeufzte abermals. „Glauben Sie,“ nahm die Blonde wieder das Wort,„daß Sie ſich in meinen Augen herabſetzen würden, indem Sie mir eingeſtehen, daß Sie früher in anderen Kreiſen gelebt, Sie und 108 Achtundvierzigſtes Kapitel. Ihre Freunde? O, Herr Hannibal“(hier ſeufzte die Dame ihrer⸗ ſeits),„ich weiß wohl, daß es oft ſonderbare Motive ſind, welche junge Leute von Stand veranlaſſen oder nöthigen, ihre bisherige Stellung aufzugeben und ſich an uns anzuſchließen. Nennen Sie mir die Gründe, welche Sie und Ihre Freunde dazu bewogen, hie⸗ her zu kommen, namentlich das Motiv, das Sie dazu antrieb, theurer Herr Hannibal! Ich bin darauf gefaßt, Alles zu hören, ſelbſt wenn dieſes Motiv eine unglückliche Liebe geweſen wäre.“ Bei dieſen Worten ſah der junge Künſtler die Dame mit offenem Blicke an und ſagte:„Nein, es war keine unglückliche Liebe!“— Und das war keine Unwahrheit. „Aber Sie geſtehen mir ein,“ ſagte ſie mit einem freundlichen Lächeln,„daß Sie ſich früher in anderen Kreiſen bewegt haben.“ „Ich will Ihnen dies eingeſtehen. Aber weiter kann und darf ich Ihnen nichts ſagen.“ „Sie lebten in guter Geſellſchaft?“ „Vielleicht.“ „Sie und Ihre Freunde ſind von Stande!“ fuhr ſie mit be⸗ ſtimmtem Tone fort und ſetzte hinzu, indem ſie ihn mit ihrer Aſter ſanft auf den Kopf ſchlug:„O, nur Eines geſtehen Sie mir; gewiß, es hat Sie nur die Luſt, eine Zeit lang unſer Leben zu führen, zur Geſellſchaft gebracht? Sie ſind unabhängig, reich, Sie können morgen ein anderes Leben beginnen, es hat Sie keine trau⸗ rige, finſtere Vergangenheit zu uns geführt?“ Hannibal ſchauderte gelinde zuſammen, als er dieſe Worte vernahm und an den Iuſtizrath Werner dachte und an den Akten⸗ fascikel, welcher jetzt vielleicht auf deſſen Schreibtiſch lag. Sie aber blickte ihn ſchmachtend. an und wiederholte mit ſüßem Lächeln:„nicht wahr, theuerſter Herr Hannibal, Sie haben es nicht nöthig, Künſtler zu bleiben, um ſich in dieſer Welt fortzubringen? Im Verein mit Ihren beiden anderen Col⸗ legen, Ihren beiden Freunden, werden Sie uns morgen, über⸗ Frau Roſel tauſcht Geheimniſſe aus. 109 morgen verlaſſen und, in der rothſammtnen Loge irgend eines Hoftheaters ſitzend, über die Stunden lachen und ſpotten, die Sie bei uns zugebracht?“ „Dieſes Letztere gewiß nicht!“ ſagte ernſt und beſtimmt der junge Künſtler und ſchaute einigermaßen verlegen um ſich; denn es wäre ihm ſehr erwünſcht geweſen, wenn irgend ein kleines Na⸗ turereigniß ihm von dieſer Unterredung weggeholfen hätte. Doch der Himmel blickte klar und blau auf die beiden Lie⸗ benden herunter, ebenſo wie auf andere Menſchen, unter ihnen auch auf die Frau Roſel, welche, ſo ſchnell es ihr möglich war, den Schloßberg hinauf ſtieg. Neunundvierzigſtes Kapitel. . Unterredungen verſchiedener Art— angenehme und unangenehme. Schließlich erfährt der geneigte Leſer, wem das Schloß gehört. Droben fand ſie denn auch alsbald den Verwalter; doch war Roſalie bei ihm, und ſie hätte um Alles in der Welt nicht vermocht, ſo in ihrer Gegenwart mit der traurigen Botſchaft, die ſie zu überbringen hatte, heraus zu platzen. Es dauerte auch eine Zeit lang, bis die Wirthin im Stande war, dem Verwalter einen Wink zu geben, worauf dieſer ſeine Tochter unter irgend einem Vorwande (pentfernte. Dann ſagte ſie ihm Alles. Es zog ein düſterer Schatten über das Geſicht des alten, braven Mannes, er biß die Lippen auf einander, faltete die Hände und ſchaute bekümmert vor ſich nieder. Dann ſeußzte er tief auf und ſagte nach einem längeren Nachdenken:„es iſt traurig, aber beſſer ſo. Sie kennen mich lange genug, Frau Roſel⸗ um zu wiſ⸗ — ———:::: —ÿ —— 110 Neunundvierzigſtes Kapitel. ſen, ob ich hartherzig oder grauſam bin.“ Dabei zitterte eine Thräne in ſeinem Auge.—„Niemand weiß auch beſſer als ich, wie ſehr ſich die beiden jungen Leute geliebt, wie ſehr ſie zuſam⸗ men gepaßt, ja, ich will es Ihnen geſtehen, wie glücklich mich,— den Vater, dieſe Verbindung gemacht. Aber,“ ſiel er mit einer Handbewegung der Wirthin in's Wort, welche ihm eifrigſt erwas ſagen wollte,„aber ich bin leider nicht der Herr meiner Handlun⸗ gen; ich habe nicht allein über das Schickſal dieſes Mädchens zu beſtimmen.— Sprechen wir nicht weiter darüber! Sie wiſſen es, Frau, daß mir damals das Herz faſt gebrochen iſt, als ich dem unglücklichen jungen Manne jene Antwort geben mußte, und daß mich der Jammer faſt niederdrückte, als ich Roſalten von hier ent⸗ fernte.— Liebe ich denn das Mädchen nicht,“ fuhr der alte Mann mit emporgehobenen Händen fort,„liebe ich ſie denn nicht, als wäre ſie—“ Da unterbrach er ſich plötzlich und ſprach nach einer kleinen Pauſe mit leiſer Stimme wieder:„liebe ich denn nicht meine Tochter? Dabei aber können Sie mir glauben, wenn er nicht geſtorben wäre, wenn er heute wieder vor mich hinträte, lebendig, friſch und geſund wie damals, und wie damals das Mädchen lie⸗ bend, und wenn mir Beide zu Füßen ſielen und mich anflehten, ihnen meine Einwilligung zu geben, ich könnte heute nicht anders handeln, als ich es an jenem Tage gethan.“. Frau Roſel warf einigermaßen empurt ihren Kopf in die Höhe, dann zuckte ſie mit den Achſeln und ſagte:„verzeihen Sie mir, Herr Verwalter, Sie haben immer mit vornehmen Leuten gelebt und zu thun gehabt, und die vornehmen Leute ſollen zuweilen, was das Glück ihrer Kinder anbelangt, ganz ſonderbare Anſichten haben; und davon haben Sie was profitirt, wie mir ſcheint. Ich aber, eine einfache, ſchlichte Frau, denke nun einmal ganz anders, und wenn mein Kind eine rechtſchaffene Neigung zu einem braven jungen Manne hätte, und ſelbſt wenn der junge Mann nur ein — Angenehme und unangenehme Unterredungen. 111 4 Künſtler wäre, da würde ich auf Ehre nicht Nein ſagen. Das iſt ſo meine Anſicht. Und damit Gott befohlen!“ „Sehen Sie, Frau Roſel,“ ſprach traurig lächelnd der Ver⸗ walter,„da werfen Sie wieder Alles über das Haus hinüber, Kern und Schale.— Wie lange kennen wir uns denn eigentlich?“ „Nun,“ entgegnete die Frau, von dieſer Frage überraſcht,„ich ſollte meinen, das ſind jetzt beinahe zwanzig Jahre. Sie kamen damals hieher, ein Wittwer, mit der kleinen Roſalie, die kaum geboren war. Ihre Frau ſtarb in Ihrem früheren Wohnorte, nach⸗ dem ſie den armen Wurm auf die Welt geſetzt.“ „So iſt es,“ ſagte nachdenkend der Verwalter.„Alſo wir kennen uns zwanzig Jahre. Nun hören Sie mich an, Frau Roſel. Iſt Ihnen von mir in dieſen zwanzig Jahren etwas Unrechtes be⸗ kannt geworden, etwas Liebloſes, etwas Hartherziges? Habe ich nicht alle meine Nebenmenſchen geliebt und denſelben das bewieſen, nicht nur mit Worten, ſondern auch mit Werken?— Wie, Frau Roſel?“ „Dazu muß ich freilich Ja ſagen,“ antwortete die Frau; „man kann Ihnen nichts Uebles nachreden.“ „Nun alſo!“ fuhr der alte Mann fort.„Und jetzt, wo ich nach zwanzigjähriger Bekanntſchaft irgend etwas thun muß, was Sie— nicht begreifen können, was Ihnen hartherzig erſcheint, wollen Sie mich verdammen und wollen nicht meinem Worte glau⸗ ben, wenn ich Ihnen mit tiefbetrübtem Herzen ſage: bei Gott im Himmel, ich konnte nicht anders!— Gehen Sie ruhig nach Hauſe, Frau Roſel, und glauben Sie, das Herz thut mir weh, glauben Sie auch, daß eine Zeit kommen wird, wo ich mich zu Ihnen hinſetze und wo Sie ſagen werden: jetzt ſehe ich es ein, es war anicht anders zu machen.“ „Nun ja, ich will es glauben,“ ſagte die Frau mit gepreßter Stimme, nachdem ſie einen Augenblick in das offene, ehrliche Auge des alten Mannes geſchaut.„Was nützt auch all das Gerede? —— 1 112 Neunundvierzigſtes Kapitel. Todt iſt todt, und wenn Sie ſelbſt jetzt den beſten Willen hätten, Den machten Sie doch nicht wieder lebendig.“ Damit ging die Frau nach der Thüre, und im Hinausgehen reichte ihr der Verwalter die Hand.„Bleiben wir gute Freunde,“ ſprach er,„und thun Sie mir einen Gefallen. Sagen Sie Ihrem jungen Schauſpieler da drunten, er würde mir ein großes Ver⸗ gnügen machen, wenn er mich morgen einen Augenblick beſuchte. Ich möchte gar zu gern wiſſen, woher er jene Nachricht hat.“ Frau Roſel ſtieg ziemlich betrübten Herzens den Berg wieder hinab, erzählte ihrem Gaſte, wie ſie droben ihre Botſchaft ausge⸗ richtet, und wiederholte ihm die Bitte des Verwalters. „Jetzt wird ſie es wiſſen,“ ſagte Eugen zu ſich ſelber und trat mit untergeſchlagenen Armen an das Fenſter, von wo er aufwärts nach dem Schloſſe blicken konnte,„die Beſtätigung ihres Unglücks, das arme Mädchen! Und es iſt am Ende beſſer für ſie,“ wieder⸗ holte er nachſinnend.„Jetzt iſt ſie frei; ſie kann noch glücklich werden.“ 8 Droben am Horizont rechts neben dem Schloſſe zeichneten⸗ ſich die breiten dunkeln Wipfel der Bäume ab, unter denen die Kapelle lag. Dort hatte er ſie zum erſten Male geſehen, unerklärlich, aber tief überraſcht beim Anblicke dieſes lieben, leidenden Geſichtes, von ihr angezogen auf eine unbegreifliche Weiſe. Ja, er hatte in den letzten Tagen weniger an Katharina gedacht, als ſonſt wohl, und wenn er ſich das auf Augenblicke zum Vorwurf machte, ſo lächelte er ſtill in ſich hinein und ſagte:„Ach, das iſt ganz was Anderes 1u Er wußte ſelbſt nicht, weßhalb, aber das Mädchen droben erſchien ihm ſo gut, ſo rein, ſo edel, und den jungen Bildhauer kannte er ja blos aus der Erzählung des Doktor Wellen.„Wer weiß auch,“ dachte er,„ob dieſe Verbindung für ſie ſegensreich geweſen wäre!“ Und dann wiederholte er ſeine früheren Worte:„jetzt iſt ſie frei; ſte kann noch glücklich werden.“ 3 Am anderen Nachmittage kleidete ſich Eugen wieder ſorgfältiger Angenehme und unangenehme Unterredungen. 113 * 3 an, zum erſten Mal, ſeit er die Reſidenz verlaſſen, und er ſchien ſo auffallend verändert, daß ihn der luſtige Rath kopfſchüttelnd aublickte und ſich nicht enthalten konnte, ihm zu ſagen:„nimm mir nicht übel, du bewahrſt uncer Incognito ſchlecht. Du haſt heute viel mehr das Anſehen eines reiſenden Grafen, als das eines rei⸗ ſenden Künſtlers.“ „Laß mir dieſe Grille!“ entgegnete lächelnd Eugen.„Du weißt, ich muß droben auf dem Schloß als Zeuge erſcheinen, und da muß ich ſchon ein Uebriges an meinem Aeußeren thun, daß man meinem Zeugniſſe Kredit gibt. Leider iſt die Welt einmal ſo ver⸗ derbt, daß man Jemandem in Frack und Glacshandſchuhen eher meint Glauben ſchenken zu können, als Jemandem, der im leich⸗ ten Somterrock und einem zerriebenen Strohhut auf dem Kopfe erſcheint.“ „Und dir iſt Alles daran gelegen,“ antwortete Herr Sidel, „dein Zeugniß recht und bündig hinzuſtellen.“ „Das iſt natürlich,“ meinte Eugen.. „„Ich verſtehe!“ ſagte laut lachend der luſtige Rath.„Der arme Bildhauer ſoll todt ſein— mauſetodt— arme Katharine!“ Eugen, welcher dergleichen Ausfälle von Seiten des luſtigen Raths ſchon gewohnt war, antwortete nicht eine Sylbe darauf, ſondern vervollſtändigte ſeinen Anzug, indem er ein Paar leder⸗ farbene Handſchuhe anzog, die ihm der getreue Pierrot darreichte. War dieſer letztere brave junge Künſtler nunmehr mürbe gewor⸗ den durch die Schläge des Schickſals, welche ihm daſſelbe vermittelſt der Perſon des Schauſpieldirektors zukommen ließ, oder war es, weil er heute ſeinen Herrn zum erſten Male wieder in einem an⸗ deren Kleide erblickte, oder that es die Erinnerung an eine beſſere Zeit: genug, Herr Hannibal war von einer Unterwürfigkeit, einem Dienſteifer, ſo daß ſich ſogar ſein Herr veranlaßt ſah, ihm dieſelben. Vorſtellungen zu machen, wie der luſtige Rath einen Augenblick vorher ihm ſelbſt— das Incognito nämlich zu bewahren. Hackländers Werke. XII. 8 1141 Neunundvierzigſtes Kapitel. Darauf ging Eugen die Treppen hinab, und der luſtige Rath legte ſich in's Fenſter, um ſeine ſtillen und lauten Bemerkungen zu machen. Frau Roſel, welche unten im Gange ſtand, erkannte ihren Gaſt im erſten Augenblicke nicht wieder und machte vor dem eleganten Fremden einen tiefen Knix. Dann lachte ſie freundlich hinaus und ſo laut, daß Marie alsbald an der Küchenthüre erſchien. „Ei⸗ ei!“ ſagte ſie,„das nenne ich einmal zu ſeinem Vortheil ſich voerändern! Der Tanſend, Herr Wellen!“ Und darauf ſtieß ſie ihre Tochter mit dem Ellbogen an, als wollte ſie ſagen:„was häl tſt du davon?“ Und als die Tochter hierauf ebenfalls ganz verwun⸗ dert drein blickte, ſchüttelte ſie den Kopf und meinte:„ja, wer lange lebt, erfährt mancherlei.“ Mutter und Tochter konnten ſich auch nicht enthalten, ihren Gaſt bis zur Hausthüre zu begleiten, allwo der würdige Herr Trommler ſtand und mit nicht geringem Erſtaunen die Erſcheinung ſeines Collegen betrachtete. Er beſah ihn von oben bis unten, dann wandte er ſich wie ein Kenner zu der Wirthin und ſagte mit leiſem, aber beſtimmtem Tone:„untadelhaft! So ſoll in einem Luſtſpiel der Herzog gekleidet ſein.“ Der luſtige Rath beugte ſich faſt mit dem halben Leibe aus dem Fenſter; denn er konnte nicht begreifen, wo Eugen ſo lange blieb, und hatte eine eiferſüchtige Ahnung, als befleißige er ſich einiger zierlichen Complimente gegen die hübſche Marie. Als er nun endlich an der Hausthüre erſchien, huſtete Herr Sidel gewal⸗ tig und rief dann in die leere Straße hinaus:„vorfahren— ſo⸗ gleich!“ Eugen lächelte dem Spötter zu und ſagte ihm hinauf: „du hätteſt eigentlich recht und würdeſt wohl daran gethan haben, für einen Wagen zu ſorgen,“ worauf der Andere entgegnete:„ich bedaure recht ſehr, es iſt nichts dergleichen im ganzen Dorfe zu finden; Euer Excellenz mtüßten ſich denn mit einem kleinen zierlichen Heuwagen behelfen.“ Eugen machte lachend eine Handbewegung hinauf, als danke ——— Angenehme und unangenehme Unterredungen. 115 er, grüßte die Wirthin und Marien auf eine ungezwungene und höchſt elegante Art, und ging dem breiten Fahrwege zu, den er heute benutzen wollte, um den Schloßberg zu beſteigen. 2 Der getreue Pierrot war ihm in liebenswürdiger Selbſtver⸗ geſſenheit, die Kleiderbürſte in der Hand, bis vor das Haus ge⸗ folgt, und als er ſich uun umwandte, um wieder hinein zu gehen, begegnete ſein Blick den grauen Augen in dem geblichen Geſichte der blonden Schwägerin. Dieſe Augen drückten ein ſehr potenzir⸗ tes Erſtaunen aus, und die Beſitzerin dieſer beiden Sterne konnte ſich nicht enthalten, mit etwas ſpitzigem Tone zu fragen,„warum ſich Herr Hannibal ſo außerordentlich dienſtfertig bewieſen.“ Der arme Künſtler ſtotterte etwas von inniger Anhänglichkeit, die zwiſchen ihm und jenem Anderen beſtehe, und daß man unter Freunden ſo etwas nicht ſo genau nehme; und verſicherte ſchließ⸗ lich auf ſein Ehrenwort, dieſe Dienſtleiſtungen ſeien ganz gegen⸗ ſeitig und Herr Wellen habe ihm, Hannibal, auch ſchon hie und da ausgeklopft. 3 Eugen ſtieg unterdeſſen rüſtig den Berg⸗ hinan und gelangte nach einer halben Stunde unter den dunkeln Thorbogen und über den Schloßhof hin an die Thüre des Verwalters, die ihm von einem Bedienten augenblicklich geöffnet wurde. Man führte ihn in ein kleines, einfach möblirtes Zimmer, und der Vater Roſa⸗ liens trat faſt zu gleicher Zeit mit ihm zu der anderen Thüre herein. Beide Männer machten einander eine Verbeugung und be⸗ grüßten ſich ſtumm. Doch, während Eugen ernſt und ruhig blieb, drückte das Auge des alten Mannes Ueberraſchung aus. „Ich habe die Ehre, Herrn Wellen vor mir zu ſehen?“ ſagte er nach einer Pauſe, während er dem jungen Manne artig einen Stuhl anbot. 5— Eugen ſetzte ſich und entgegnete:„ſo heiße ich; Sie hatten den Wunſch ausgedrückt, mich zu ſprechen.“ — f 116 Neunundvierzigſtes Kapitel. — „Allerdings,“ antwortete der Verwalter, indem er ſich ebenfalls niederließ.„Und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie ſo freundlich waren, mir dieſen Wunſch zu erfüllen und ſich hieher aufs Schloß zu bemühen.— Sie ſind, wenn ich nicht irre, drunten—* Hier ſtockte der alte Herr und blickte ſein elegantes Geozenilber fragend an. „Ich bin drunten bei der Geſellſchaft des Herrn Ditektors Müller,“ ergänzte Eugen.„Ein reiſender Schauſpieler.“ Der Verwalter verbeugte ſich lächelnd, als wollte er ſagen: „nehmen wir an, es ſei ſo!“ und dann fuhr er fort:„es ſind ſon⸗ derbare Verhältniſſe, Herr Wellen, welche Sie zur Kenntniß ge⸗ wiſſer Sachen kommen ließen, die mich veranlaſſen, über eben dieſe Sachen mit Ihnen zu ſprechen, als ſeien Sie ein langjähriger Freund unſeres Hauſes.“ Bei dieſen Worten wurde die Stimme des alten Manues ernſt, und ſeine Züge beſchatteten ſich. „Sie ſprachen zufällig,“ fuhr er fort,„mit der Wirthin drun⸗ ten über dieſe Vorfälle, und ich wollte Sie nur bitten, mir Ihre Erzählung zu beſtätigen, und Sie vielleicht veranlaſſen— wenn dies nicht indiskret erſcheint,— mir die Quelle zu nennen, woher Sie dieſe Mittheilungen erhielten. Ohne nur den geringſten Zwei⸗ fel in Ihre Worte zu ſetzen, können Sie ſich denken, Herr Wellen, daß es mir als Vater des armen Mädchens von der größten Wich⸗ tigkeit iſt, zu erfahren, ob Sie nicht vielleicht getäuſcht wurden oder ob Sie mich verſichern, daß ich dieſen ſchlimmen Nachrichten unbedingten Glauben ſchenken kann.“ Eugen ſchwieg einen Augenblick nachdenkend ſtill, dann ſagte er, ohne die Fragen des Verwalters zu beantworten:„und dieſe ſchlimmen Nachrichten theilten Sie Ihrer Tochter mit?“ „So that ich,“ entgegnete der Vater. Eugen blickte ihn fragend an. Der alte Mann, der dieſen Blick vollkommen verſtand, zuckte mit den Achſeln und ſagte:„was wollten wir machen? Obgleich Angenehme und unangenehme Unterredungen. 117 Roſalie überzeugt war, daß es ein ſolches Ende mit dem jungen Manne genommen, ſo hat dieſe Nachricht ſie doch begreiflicher Weiſe aufs Tiefſte erſchüttert.“ „Sie weinte und klagte?“ „Nein, das that ſie nicht; es war das nie ihre Art, ihrem Schmerze Linderung zu verſchaffen. Sie begab ſich heute Morgen in die kleine Kapelle, und da iſt ſie jetzt wieder.— Aber bitte, Herr Wellen, würden Sie mir nicht ſagen, woher Sie jene Nach⸗ richten erhielten? Oder haben Sie vielleicht ſelbſt jenen Feldzug mitgemacht?“. „Das nicht,“ ſagte Eugen.„Aber ich erhielt jenen Bericht von einem meiner bewährteſten Freunde, einem in meiner Vater⸗ ſtadt ſehr bekannten Arzte, Doktor Wellen.“ „Ah, einem Verwandten!“ ſagte der Verwalter.— Eugen, der einen Augenblick vergeſſen, daß er jetzt ebenfalls Wellen hieß, entgegnete einigermaßen befremdet:„nein, verwandt iſt dieſer Arzt nicht mit mir,“ worauf der Verwalter erwiderte: „verzeihen Sie, ich glaubte das nur, weil Sie den gleichen Namen führen.— Doch bitte, fahren Sie fort!“ „Dieſer Doktor Wellen,“ ſagte Eugen ein wenig verwirrt, „machte den italieniſchen Feldzug mit und lernte dort im Haupt⸗ quartier einen Freiwilligen kennen, den er in kurzer Zeit lieb ge⸗ wann und der ihm eine ſeltſame Geſchichte erzählte von dieſer Ge⸗ gend, dieſem Schloſſe, jener Kapelle und den Marmorbildern, die er dort aufgeſtellt, dann vor allen Dingen von einem Mädchen, das er geliebt, und— verzeihen Sie mir— von einem hartherzigen Vater, der, Gott weiß, welchem Plane zu Liebe, durch ein ein⸗ faches Nein ſein ganzes Lebensglück zerſtört.“ „Ja,“ verſetzte der alte Maun mit einem tiefen Seufzer, wäh⸗ rend ein ſonderbares Lächeln über ſeine Züge flog, nes iſt eine ſeltſame und traurige Geſchichte. Es iſt nicht daran zu zweifeln⸗ ich war jener hartherzige Vater.—— Und das Ende jenes un⸗ —-— Neunundvierzigſtes Kapitel. 118 glücklichen jungen Mannes war alſo in der That ſo, wie ich ver⸗ nommen?— Es iſt fürchterlich!“ „Er blieb in der Schlacht von Novara,“ ſagte Eugen mit ziem⸗ lich kaltem Tone; denn er konnte ſich nicht verhehlen, er ſitze hier einem harten, wenigſtens räthſelhaften Manne gegenüber. Deßhalb fuhr er auch nach einer Pauſe fort:„ich glaube nicht, daß Sie, mein Herr, dieſes traurige Ende des jungen Bildhauers befremden kann. So viel ich mich erinnere von Dokkor Wellen gehört zu haben, hatte er mit Ihnen vor ſeinem Weggehen eine Unterredung, worin er Ihnen, dem Vater, nicht undeutlich zu verſtehen gab, er könne ohne den Beſitz Roſalieus nicht leben und ſei entſchloſſen, einen anſtändigen, aber ſicheren Tod zu ſuchen.“ „So etwas ſagte er allerdings,“ entgegnete der alte Mann in ernſtem Tone, ſetzte aber mit trübem Lächeln hinzu:„Sie müſſen mir jedoch zugeſtehen, Herr Wellen, wer von euch jungen Leuten ſagte nicht ſchon etwas Aehnliches bei einer gleichen Veranlaſſung? Daß das Schickſal ſo ſchnellen und fürchterlichen Ernſt machen würde, das hätte ich, bei Gott! nicht geglaubt.“. „Alſo wenn er nicht in Italien geblieben wäre,“ fiel Eugen raſch und aufathmend ein,„ſo wäre es Ihnen lieber? Oder wenn Sie gewußt hätten, ſeine Worte würden ſich ſo ſchnell und blutig er⸗ füllen, ſo hätten Sie damals anders an ihm gehandelt?“ „Wozu dieſe Fragen?“ ſprach düſter der alte Mann.„Kaun ich Geſchehenes ungeſchehen machen 24⸗ „So iſt es Ihnen alſo lieb,“ ſagte Eugen mit einigermaßen heftigem Tone,„daß ihn die fremde Erde deckt, daß er nicht zurück⸗ kommen kann, um nochmals ehrlich um die Hand Ihrer Tochter zu werben? So iſt es Ihnen alſo lieber, daß Ihr armes Kind viel⸗ leicht vergeht in Gram und Verzweiflung?“ „Sie ſprechen da harte Worte zu mir,“ bemerkte der Verwal⸗ ter in mildem Tone,„und ich begreife in der That nicht, woher es — Angenehme und unangenehme Unterredungen. 119 kommt, daß ich von Ihnen dieſe Worte, wenn auch mit tiefem Schmerze, doch mit großer Ruhe anhören kann.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Eugen ſo gefaßt als möglich, indem er aufſtand.„Ich vergaß mich. Sie baten mich um Beſtätigung jener Nachricht, und ich erlaubte mir, zu Ihnen zu ſprechen, als ſei jener unglückliche junge Mann, den ich nicht gekannt, mein Frennd geweſen, oder als habe ich die Ehre, Ihr langjähriger Be⸗ kannter zu ſein.“ Der alte Mann war bei dieſen Worten ebenfalls aufgeſtanden und trat an eines der großen Fenſter, die auf die Blumenterraſſe gingen. Er fuhr ſich mit der Hand über die Augen. 3 „Sie baten mich,“ fuhr Eugen fort,„jene Nachricht zu beſtä⸗ tigen. Das habe ich gethan; ich glaube, wir haben weiter kein Geſchäft mit einander.“ „Bleiben Sie noch einen Augenblick,“ antwortete der alte Mann, ohne ſich von dem Fenſter, an welchem er ſtand, abzuwen⸗ den.„Wie Sie über mich denken, ſo wird es Jeder thun, der dieſe traurige Geſchichte erfährt, und Sie und Jeder vielleicht beim erſten Anblick der Sache vollkommen Recht haben. Ein junger, angeſehener Mann, ein braver Künſtler mit ſicherem Auskommen wirbt um die Hand meiner Tochter. Ich ſage Nein; nehmen wir an aus Eigenſinn, nehmen wir an, ich habe erſt prüfen wollen, ob die Liebe jenes jungen Mannes mehr als eine vorübergehende Leidenſchaft geweſen ſei. Ich ſpielte gewagt, und da ich dieſes Spiel ſo blutig verloren, ſo ſchreit man entſetzt auf, ich ſei der Mörder jenes Unglücklichen. Das iſt allerdings ſehr traurig; aber ich bin zu entſchuldigen. Nun aber erfahre ich jenes tragiſche Ende, und da ich hierüber⸗ ſcheinbar nicht in Verzweiflung gerathe, mir nicht das Haar ausraufe und nicht ſage: o, hätte ich das gewußt! ſo bin ich in Ihren Augen hartherzig, grauſam.“ „Wenigſtens räthſelhaft und ſehr unbegreiflich,“ ſagte Eugen. „Und ſo möchte ich nicht daſtehen in den Augen der Welt, .— 120 Neunundvierzigſtes Kapitel. namentlich aber nicht in den Ihrigen,“ entgegnete der Verwalter, ſich raſch umwendend.„O, glauben Sie mir, junger Mann, mein Wille war und iſt gebunden; ich gebe Ihnen die heiligſte Verſiche⸗ rung: hätte ich frei handeln können, Alles, Alles wäre anders ge⸗ kommen.“ „Ich muß Ihnen glauben,“ ſprach Eugen ſehr kalt,„weil Sie es ſagen.“ „Nein, Sie ſollen mir glauben, weil Sie von meinen Worten überzeugt ſind.“ „So überzeugen Sie mich!“ „Ich halte Sie für einen Ehrenmann,“ erwiderte bewegt der Verwalter, indem er vor Eugen hintrat und ſeine beiden Hände faßte.„Sie ſcheinen an dem unglücklichen Mädchen und an jenem Anderen den innigſten Antheil zu nehmen. Sie verlaſſen dieſe Gegend nicht ſo bald, Sie bleiben wenigſtens noch einige Wochen hier. Nun denn, ich ſchwöre. Ihnen zu, daß ſich ſchon nach Ver⸗ lauf weniger Tage Ihre Anſicht über mich vollkommen geändert haben ſoll.“ 3 „Nach wenigen Tagen,“ ſagte Eugen mit harten Worten. „Wozu ſoll das führen? Ueberhaupt will ich mich ja gern mit Ihren heutigen Worten beſcheiden. Es iſt wahr, ich nehme an Ihrer Tochter einen unbegreiflichen Antheil, einen ſo innigen An⸗ theil, daß, wenn Sie mir geſagt hätten: das iſt ein fürchterliches Unglück, o, wenn es doch nicht geſchehen wäre, dieſes Unglück! wenn jener junge Mann uur jetzt vor mich hinträte und ſpräche:: hier bin ich, gewährt mir die Hand Eurer Tochter! ſo würde ich mit tauſend Freuden Ja ſagen— ich Ihnen gerührt die Hand gedrückt haben würde. Aber wozu die vielen. Reden? Ihnen iſt dieſer Tod erwünſcht gekommen; Sie würden heute nicht anders handeln, als damals.“ 3 „Sagen Sie, ich könnte nicht anders handeln!“ rief ver⸗ zweiflungsvoll der glie Mann.„Ich würde nicht anders handeln; Angenehme und unangenehme Unterredungen. 121 ja, damit Sie mich ganz kennen lernen: ich bin gezwungen, noch viel Schlimmeres zu thun. Ja, Roſalie hat ihn geliebt, wie nie vielleicht ein Mädchen einen Mann liebte, das weiß ich alles; ſie hängt heute noch mit derſelben Innigkeit an ihm wie damals; ſie wird ihn nie vergeſſen. Und doch muß ich, will ich ſie zwingen, in nächſter Zeit eine andere Verbindung einzugehen.“ „Ah! das iſt zu viel!“ brachte Eugen mühſam hervor. „Ja, es iſt zu viel!“ wiederholte der alte Mann mit einem Blicke gegen den Himmel.„Und doch wird es geſchehen! Die Macht, die über uns gebietet, hatte noch ganz andere Dinge be⸗ gonnen und durchgeſetzt.“ „Und welche Macht kann einen Vater zwingen, ſeine Tochter zu tödten?“ rief Eugen empört.„Was ſage ich— zu tödten? Der Begriff dieſes Wortes iſt unbedeutend gegen das, was Sie jenem armen Mädchen ſchon gethan, was Sie ihm noch zu thun gedenken! Mein Herr!“ fuhr er heftig fort,„entweder ſind Sie ein Narr oder ein Verbrecher!“ „Keines von Beiden,“ entgegnete der alte Mann mit einem unbegreiflich ruhigen Tone, indem er aber ſeine Zähne auf einan⸗ der biß, daß ſie knirſchten.„Ich bin nur der Diener meines Herrn.“ „Ah!“ machte Eugen mit dem Tone der tiefſten Verachtung. „So hören Sie auf, ein ſolcher Diener zu ſein! Sprengen Sie ein ſolch fluchwürdiges Band! Brauchen Sie dazu menſchliche Hülfe, hier iſt meine Hand.“ „Die eines reiſenden Schauſpielers,“ ſagte der Verwalter mit einem ſeltſamen Blicke. 1 „Vielleicht auch mehr,“ entgegnete Eugen.„Oeffnen Sie mir Ihr Herz, ſchenken Sie mir Ihr Zutrauen!“ „Ihnen,“ ſagte der Verwalter mit einem ſonderbaren Lächeln. „Ihnen, einem unbekannten, jungen Manne? Ihnen in einer Frage, die das Schickſal, das Glück eines ſo guten und edlen —y n 122 Neunundvierzigſtes Kapitel. Weſens, wie das meiner Roſalie, betrifft?— Von mir gar nicht zu reden!— Ihnen, der unter der Maske eines reiſenden Schau⸗ ſpielers auftritt, einer Maske, ſo wenig gut gemacht, daß ſie den Unbefangenſten nicht täuſchen wird?— Vertrauen um Vertrauen! Wollen Sie mir helfen und rathen— wohl! Deßhalb vor allen Dingen: wer ſind Sie?—— Doch nein!“ fuhr er nach einem Augenblicke fort,„reden Sie nicht, folgen Sie mir!“ Mit dieſen Worten wandte ſich der alte Mann um, nahm einen Bund Schlüſſel von der Wand, winkte ſeinem Beſuche mit der Hand und ging vor ihm zur Thüre des Kabinets hinaus. Eugen folgte in ängſtlicher Erwartung ſeltſamer Dinge, die ſich dieſem räthſelhaften Manne gegenüber begeben könnten. Beide gingen über einen langen Korridor, ſtiegen am Ende deſſelben eine kleine ſteinerne Treppe hinauf und gelangten ſo in den erſten Stock des weitläufigen Gebäudes. Dort öffnete der Ver⸗ walter eine Thüre und bat den jungen Mann, einzutreten. Ein kleines Vorzimmer, in welchem ſie ſich nun befanden, führte auf eine große Reihe von Zimmern, durch deren geöffnete Flügelthüren man von dem einen ins andere ſchauen konnte. Raſch ſchritt der Verwalter durch das erſte, zweite, dritte und vierte, dann öffnete er eine zweite Thüre; ſie traten in ein Eckzimmer und kamen durch dieſes in den andern Flügel des Schloſſes. Hier drückte der alte Mann eine Thüre auf, die nur angelehnt war, und bat ſeinen Be⸗ gleiter hinein zu treten. Eugen wußte nicht, wie ihm geſchah. Alles, was ihn in die⸗ ſem Gemache, ſowie in dem nächſtfolgenden umgab, die Möbel, Teppiche, Kupferſtiche— Alles hatte für ihn etwas Bekanntes, Hei⸗ mathliches. Sein Erſtaunen wuchs, je näher er hier die Sachen betrachtete, je weiter er in den Zimmern voranſchritt. Er fragte ſich, ob er wache oder träume, und ob es möglich ſei, was er vor ſich ſehe.— Ja, das waren die alten bekannten Geräthe, die ſchwer geſchnitzten Stühle, Tiſche, Schränke des elterlichen Hauſes; —— 1 4 Angenehme und unangenehme Unterredungen. 123 vor denen der Knabe ſo oft neugierig geſtanden und es verſucht hatte, die ſeltſamen Zeichnungen zu entziffern und zu begreifen, den ſonderbaren Gewinden der Blumen, die ſich hin und her zogen, dort verſchwanden, hier wieder zum Vorſchein kamen, zu folgen. Das waren die ſo oft geſehenen Kupferſtiche in den dunkelbraunen Rahmen, die Jagd⸗ und Pferdeſtücke, die Liebhaberei des verſtor⸗ benen Vaters; in anderen Zimmern bekannte Oelbilder, die ſich oft durch eine gewiſſe Farbe oder durch eine merkwürdige Figur in dem Gedächtniſſe des Knaben feſt eingeprägt hatten. Eugen faßte ſeine Stirn; träumte er oder wachte er? Und wenn er wachte, wie konnte er es begreifen, daß er hier dieſe be⸗ kannten Gegenſtände wieder ſah? wenn auch zuweilen eine Idee in ihm aufblitzte, die vielleicht die richtige war, ſo verwarf er ſie doch lächelnd wieder als eine Unmöglichkeit. Der alte Mann, der ihm ruhig von Zimmer zu Zimmer folgte, drückte ſich ſachte in die Fenſtervertiefungen hinter die großen Vor⸗ hänge, um den jungen Mann ganz ſich ſelbſt zu überlaſſen und ſeine Gedanken durch nichts zu zerſtreuen. Eugen ſchien ihn auch vergeſſen zu haben und eilte, mehr und mehr überraſcht, durch die Zimmer, bis er an eine Thür kam, welche wie die erſte ebenfalls nur angelehnt war. Haſtig drückte 4 er ſie auf und blieb mit einem Rufe der Ueberraſchung auf der Schwelle ſtehen. Er blickte in ein kleines, achteckiges Gemach, und an der Wand, ihm gerade gegenüber, von einem einzigen Fenſter aufs Schönſte beleuchtet, ſah er— das Portrait ſeiner Mutter in weißſeidenem Kleide, ihr wohlbekanntes ſchönes Geſicht aus Spitzen, Brillanten und Blumen hervorlächelnd— dieſes Ge⸗ ſicht, wie es ihm noch in der Erinnerung aus den Zeiten der Kinderjahre vorſchwebte; die ganze, hohe Geſtalt ſo, wie er ſich erinnerte, ſie oftmals geſehen zu haben, wenn er Abends in ſeinem Bettchen lag und ſchlief und durch ihren warmen Kuß aufgeweckt wurde, wo er dann aber die Augen gleich wieder ſchloß vor der ——-— 124 Neunundvierzigſtes Kapitel. ſchönen Erſcheinung, die vor ihm ſtand— eine gute Fee, wie er& glaubte, ſchimmernd und ſtrahlend.— Wie er ſo vor dem Bilde ſtand und es anſchaute, ſo begann er langſam ſich zu erinnern, daß er vor langen, langen Jahren dieſes Bild ebenfalls irgendwo geſehen; dann war es aber plötzlich und ſpurlos verſchwunden. In dieſem Augenblicke fühlte er ſich bei der Hand gefaßt; er ſchien es völlig vergeſſen zu haben, daß außer ihm noch Jemand durch dieſe Zimmer ſchritt, und blickte haſtig und überraſcht auf die Seite. 3 3 3 Es war der alte Verwalter, der neben ihm ſtand, der ſeine Hand gefaßt hielt, der ihn fragend anſah und alsdann auf das Bild wies. „Meine Mutter!“ rief Eugen. Ein freudiges Laͤcheln flog über die Züge des alten Mannes, indem er ſagte:„ich habe es geahnt, und ich bin glücklich, daß es ſo iſt.“ Jetzt erſt trat Eugen mit ſeinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück und blickte ſeinen Begleiter überraſcht an.„Was ſoll das alles bedeuten?“ ſagte er. Warum finde ich hier ein gutes Theil des elterlichen Hauſes? warum finde ich hier auf dem fremden Schloſſe das Porträt meiner Mutter?“ „Es iſt dies kein fremdes Schloß,“ ſagte freudig der alte Mann.„Dort iſt die Beſitzerin deſſelben.“ Und er wies abermals auf das Bildniß. „Ahl“ ſagte Eugen, immer mehr überraſcht,„ſpielen wir in⸗ einem Märchen? Sagen Sie mir offen und ehrlich: was ſoll dies alles bedeuten?“ 3 Bei dieſen Worten verbeugte ſich der Verwalter vor dem jun⸗ gen Manne und erwiderte:„es iſt weder Fabel noch Märchen. Auch ſpreche ich offen und ehrlich mit Ihnen, wenn ich Ihnen ſage: ich heiße den Herrn Stillfried willkommen auf der Beſitzung ſeiner Mutterl“ —— Angenehme und unangenehme Unterredungen. 125 Kopfſchüttelnd blickte Eugen bald den Verwalter, bald das Bild an. Dann trat er einen Augenblick an das Fenſter, faltete die Hände und ſchaute hinab. Fünfzigſtes Kapitel. In welchem Eugen Stillfried ſeine Schweſter findet und der luſtige Rath die Entdeckung zu . machen glaubt, daß ſein Freund ein Ungeheuer iſt. * —— Dort unten zwiſchen den dichten, dunkeln Bäumen lag die kleine Kapelle, und bei dieſem Anblicke fühlte der junge Mann ſein Herz ſich ſchmerzlich zuſammen ziehen und ſich darauf wieder freudig erweitern. Bange und tief athmete er auf; ein Gedanke durchfuhr ihn, ein glücklicher, herrlicher Gedanke, ein Gedanke, den er mit aller Kraft der Seele feſtzuhalten ſtrebte, ein Gedanke, der ihn glücklich und ſelig machte. Er faßte die Hand des Ver⸗ walters, der neben ihm ſtand, drückte ſie kräftig zuſammen und 1 4 zeigte auf die Kapelle, indem er ſagte:„und ſie?— Roſalie?“ b 8 Dann blickte er ängſtlich fragend auf das Geſicht des alten Mannes, in deſſen Augen, wo ſich aber im erſten Momente nicht 4 8 viel erkennen ließ; denn ſie waren durch Thränen verdunkelt, und erſt, als dieſelben in zwei großen Tropfen herabrollten und als der alte Mann ſtumm mit dem Kopf nickte, da ließ Eugen deſſen 2 Hand los und ſah in dem Blicke ſeines Begleiters, ja fühlte er an ſ dem ungeſtümen Klopfen ſeines eigenen Herzeus, daß er ſich nicht getäuſcht, daß ſie da unten— das arme Mädchen— daß Roſalie ſeine Schweſter ſei. Haſtig wandte er ſich gegen die Thüre, um den Weg durch die 4⁴ Zimmerreihe zurück zu eilen; doch hielt ihn der Verwalter lächelnd — * .* 126 Fünfzigſtes Kapitel. zurück, öffnete eine andere Thüre in dem kleinen Kabinet und führte ihn eine Treppe hinunter, ähnlich derjenigen, durch welche ſie her⸗ aufgeſtiegen waren. Am Fuße derſelben ging eine kleine Pforte in's Freie, auf den dunkeln, ſchattigen Platz, au deſſen Ende jene Kapelle lag. „Iſt ſie dort?“ fragte Eugen und wollte abermals vorauseilen. Doch ſagte ihm der Verwalter, der ihn wieder zurückhielt:„Gemach, lieber Herr! Sie werden ſie erſchrecken.“. „So weiß ſie von allem dem nichts?“ rief Eugen erſtaunt. „Doch, doch!“ ſagte der alte Mann;„ſo viel ſie wiſſen durfte. Erſt vor Kurzem erhielt ich die Erlaubniß, ihr zu ſagen, daß ſie— nicht meine Tochter ſei,“ ſetzte er mit betrübtem Tone hinzu, fuhr aber freudiger fort:„doch iſt ihre Liebe zu mir gleich geblieben. Sie weiß nur, daß jene Dame droben ihre Mut⸗ ter iſt.“ 3 „Und nicht ihren Namen, nicht, daß ſie einen Bruder hat?“ „Nichts von allem dem.“ „Ha! daran erkenn ich ihn!“ ſagte heftig der junge Mann. „Und erſt kürzlich entdeckte man ihr das Wenige, was ſie weiß? Die arme Schweſter!— Und bei welcher Veranlaſſung 2“ „Dieſe Veraulaſſung,“ entgegnete der alte Mann mit finſterer Miene,„erlaubte ich mir Ihnen ſchon früher in meinem Zimmer anzudeuten, als ich noch vor Ihnen da ſtand, ein grauſamer Vater, der nicht nur das Herz ſeiner Tochter brach, indem er ihre erſte und einzige Liebe zerriß, ſondern der auch hartherzig genug war, ſie zu einer anderen Verbindung zwingen zu wollen.“ „Zu einer andern Verbindung— ½* „So iſt es, Herr Stillfried. Sie ſcheinen das vergeſſen zu haben. Wenn ich auch von Ihrer Mutter nicht den Befehl erhielt, Sie in die Geheimniſſe dieſes Hauſes einweihen zu dürfen, ſo habe ich es doch auf meine Gefahr hin gewagt. Es iſt, wie ich Ihnen ſagte: Ihre Schweſter iſt ſeit einigen Tagen die Verlobte eines eer usee — Eugen Stillfried findet ſeine Schweſter. 127 jungen Herrn, den ich natürlicher Weiſe nicht die Ehre habe zu kennen.“ „Und das erfuhren Sie von meiner Mutter?“ fragte heftig Eugen, indem er ſeine Hand zuſammen ballte. „Indirekt,“ erwiderte der Verwalter mit ſonderbarer Miene. „Durch den Geſchäftsfreund Ihrer Frau Mutter, den Herrn Juſtiz⸗ rath Werner.“ „Natürlich, durch ihn!“ ſprach Eugen im Tone der tiefſten Verachtung.—„Doch kommen Sie zu ihr— zu meiner Schweſter. Sprechen wir von nichts Anderem; dieſer Augenblick iſt mir zu wichtig, zu heilig, ich will ihn nicht entweihen. Später mehr von den Angelegenheiten meines Hauſes; darauf können Sie ſich ver⸗ laſſen.“ „Das hoff' ich zu Gott!“ ſagte der alte Mann und öffnete leiſe die Thüre der Kapelle. Da kniete Roſalie in demſelben Betſtuhle, wo Eugen ein paar Tage vorher geſeſſen. Sie hatte den Kopf auf ihre Hand gelegt, und durch das Geräuſch der Schritte, mit welchen die Beiden ein⸗ traten, aus ihren tiefen Gedanken erweckt, ſchaute ſie mit ihrem bleichen, tief betrübten Blicke empor und lächelte dem Verwalter freundlich, wenn auch etwas ſchmerzlich, entgegen. „Roſalie,“ ſagte der alte Mann, und hielt Eugen, der ſich heftig dem Mädchen nähern wollte, an der Hand zurück;„ſieh dieſen Herrn; er hat das Recht, von dir freundlich empfangen zu werden.“ Roſalie öffnete ihre großen Augen weit und blickte erſchrocken in die Höhe. Ein Zittern, ein Schaudern überflog ihren Körper, und ſie ſagte mit kaum vernehmlicher Stimme:„Jetzt ſchon?— O du mein Gott!“ „Nein, nein, mein armes Kind!“ verſetzte haſtig der alte Mann,„es iſt nicht der, den du fürchteſt, es iſt—“ „Dein Bruder!“ rief leidenſchaftlich Eugen, der nicht mehr —— 128 Fünfzigſtes Kapitel. länger an ſich halten konnte, indem er neben Roſalie auf den Bo⸗ den niederkniete.„Dein Bruder iſt's, dein Bruder, der dich herz⸗ lich und innig liebt— Meine arme Schweſter!“ Das zitternde Mädchen wandte ſich bei dieſer heftigen Bewe⸗ gung des ihr ſo wenig bekannten Mannes wie erſchrocken ab und wollte ſich in die Arme, an die Bruſt ihres bisherigen Vaters flüchten. Doch wies dieſer ſie ſanft von ſich, indem er ſprach: „ja, es iſt ſo, mein Kind, wie er geſagt: er iſt dein Bruder, der Sohn deiner Mutter.“ Einen Augenblick betrachtete das Mädchen den jungen Mann, deſſen Auge voll Thränen zu ihr empor blickte; dann zog ein un⸗ nennbar freudiges, glückſeliges Lächeln⸗ über ihre bleichen Züge; ſie reichte ihm beide Hände dar, und als er ſie ergriff, zog ſie ihn willenlos, aber gewaltig zu ſich in die Höhe, warf ſich alsdann heftig in ſeine Arme, und ein Strom wohlthätiger Thränen tropfte von ihrem Geſichte herab auf ſeine Bruſt. Lange hielten ſich die Beiden ſo feſt und innig umſchloß und als darauf Roſalie freudig lächelnd ihren Kopf erhob, um auf dem Geſichte ihres Bruders Zug um Zug neugierig und emſig zu ſtudiren, da bemerkte Eugen, daß der alte Verwalter verſchwunden war und ſie ſich allein in der Kapelle befanden. „Komm! komm!“ redete nun das Mädchen nach einer längeren Pauſe;„laß uns hinaus in die freie Luft; es iſt mir hier zu eng. Die Mauern, das Gewölbe drücken mir das Herz zuſammen.“ Und dann nahm ſie ihn bei der Hand und führte ihn zur Kapelle hinaus, um das Chor herum, auf eine kleine Steinbank, die hinter dem Kirchlein angebracht war, dicht an der Ringmauer des Schloſſes, wo ſich nun die Beiden niederſetzten; hinter ſich die hohen ſpitzen Fenſter des Chores, vor ſich die weite herrliche Landſchaft im Abendſonnenſcheine, reich vor ihnen ausgebreitet in herbſtlicher Färbung. Das Mädchen hielf Eugen's Rechte mit ihren beiden kleinen 1* Eugen Stillfried findet ſeine Schweſter. 129 Händen und ſchaute ihm fortwährend forſchend und glückſelig in's Geſicht. „Alſo du biſt mein Bruder,“ ſagte ſie,„und ich bin deine Schweſter!— Ja, es muß ſo ſein; denn als ich dich neulich zum erſten Male ſah, da warſt du für mich gar nicht wie ein ganz Fremder.“ „Ich hatte daſſelbe Gefühl,“ entgegnete Eugen.„Aber, ob⸗ gleich ich wußte, daß ich eine Schweſter habe, wäre es mir doch nicht eingefallen, dich hier zu ſuchen.“ „Das wußteſt du alſo? Ach, da warſt du doch viel glücklicher als ich! Seit mein lieber Vater mir geſagt, daß ich nicht ſeine Tochter ſei, hatte ich ſo gar Niemanden mehr auf der Welt, war ganz verlaſſen und allein. O, es iſt ſehr traurig, wenn man von aall' ſeinen Angehörigen nichts kennt, als ein gemaltes Bild, und da droben die ſchöne Frau mit den vielen Brillanten und Blumen r meine ganze Verwandtſchaft.“ „Unſere Mutter!“ ſagte Eugen mit ſchmerzlichem Tone. „Du kennſt ſie?“ fragte eifrig das Mädchen.„Natürlich, du warſt bis jetzt bei ihr, du hatteſt ſie gern, und ſie liebte dich! Wie ihr Beiden ſo glücklich waret!“ „Ja, meine liebe Roſakie,“ ſagte bekümmert der Bruder,„wir waren ſchon recht glücklich.“ „Ei,“ entgegnete das Mädchen,„du nennſt mich immer bei meinem Namen, Roſalie, kann ich nicht auch wiſſen, wie du heißeſt?“— „Eugen,“ ſagte der junge Mann. „Mein lieber Eugen!“ „Meine gute, gute Roſalie!“ „Und— 2“ fragte das Mädchen. „Und—“ wiederholte Eugen; denn er wußte, was ſie ſagen wollte. Hackländers Werke. XII. 8 9 130 Fünfzigſtes Kapitel. „Und weiter?“ „Ja ſo!“ erwiderte der junge Mann mit tiefem Schmerze. „Ja ſo, mein armes, armes Mädchen!— Eugen Stillfried.“ „Alſo Roſalie Stillfried?“ „Roſalie Stillfried,“ wiederholte Eugen, und während er die Hand ſeiner Schweſter an die Lippen drückte, floſſen langſam ſeine Thränen darauf hin. „O mein Gott,“ rief ſie nach einer kleinen Pauſe,„wie viel hätt' ich noch zu fragen! Aber wenn ich einmal anfinge, ſo würde es die ganze Nacht hindurch dauern. Ich weiß ja gar nichts von dir und von uns. Wo haſt du bis jetzt gewohnt?— Wo wohnſt du jetzt?— Wo iſt die Mutter?— Siehſt du, ich frage wie ein Kind⸗ — Ach Gott! ja, und mein wirklicher Vater?— Nach dem habe ich noch gar nicht gefragt.“ Eugen hatte bei all dieſen Fragen gelächelt; nur bei der letzten wurde er ſehr ernſt.„Darauf kann ich dir nur eine traurige Ant⸗ wort geben,“ ſagte er,„auf deine letzte nämlich, was— meinen guten Vater betrifft. Der iſt ſchon lange, lange todt. Ich ſelbſt, der ich viel älter bin, als du, habe ihn nur ſehr wenig gekannt.“ „Ach, unſer Vatzy iſt zodt!“ ſag gt, tief betrübt das Mädchen und faltete ihre Hände.„Alſo werde ich ihn nie ſehen?— Das iſt ſehr ſchlimm!“ 4 „Aber die Mutter wirſt du ſehen,“ ſiel ihr Eugen ſchnell ins Wort. Er wollte ſie auf einen anderen Gedanken bringen.„Die Mutter wirſt du vielleicht bald ſehen. Und dann bleiben wir zu⸗ ſammen, lange und glücklich.“ b 6 „Ach, mich ſchauert’s ordentlich!“ erwiderte Roſalie.„Wie mich all das Glück freut!— Aber du bleibſt jetzt bei mir?“ „Gewiß, meine Schweſter! Drunten im Dorſ⸗ wohne ich bei deiner Freundin.“. „Ah, in der wilden Koſel⸗ „Ja, und ih komme jeden Tag, dich zu ſehen.“ Eugen Stillfried findet ſeine Schweſter. 131 „Nicht wahr, mein vieles Fragen beläſtigt dich? Und ich habe noch gar nicht einmal recht angefangen. Aber eine große und ſchwere Frage habe ich noch auf dem Herzen; wenn du mir die beantworten könnteſt!“ „So laß ſie hören!“ ſagte Eugen.„Wenn ich kann, werde ich ſie dir gewiß beantworten.“ „Nun denn— ſo ſage mir, warum habe ich dich erſt heute geſehen? Warum hat man mir erſt vor ein paar Tagen geſagt, daß jene Dame droben meine Mutter iſt? Warum bin ich immer allein hier, ſo entfernt von euch geweſen?“ „Verzeihe mir, Roſalie,“ entgegnete Eugen nach einer Pauſe, „du fragſt mich da in der That etwas, das ich heute nicht im Stande bin, dir zu beantworten. Aber glaube mir, liebe Schweſter, das wirſt du alles erfahren, und ſo bald wie möglich.“ „Ich glaube dir! ich glaube dir!“ ſagte eifrig das Mädchen. „Gewiß, Eugen, ich habe ein ſolches Zutrauen zu dir, daß, wenn du etwas ſagſt, ich weiß, es muß ſo und nicht anders ſein.“ Dabei drückte ſie herzlich ſeine Hand, blickte ihm längere Zeit in die Augen und ſah dann träumeriſch in die weite Gegend hinab, die ſich dunkler zu färben begann, denn die Sonne war untergegangen. Eugen war lange nicht ſo glücklich geweſen, wie an dieſem Abend. Bisher hatte das Bild der unbekannten Schweſter wie ein finſterer, unheimlicher Geiſt vor ihm geſchwebt, er hatte ſich davor gefürchtet, ſie einſtens zu treffen. Wie würde er ſie finden? wie konnte ſie ſein?— Jetzt hatte er ſie ſo unverhofft geſehen, ſie gefunden, ſo ſchön, ſo lieb, ſo gut! Sie hatte ſich vertrauens⸗ voll in ſeine Arme geworfen, die Stimme ihres Herzens hatte ſie an die Bruſt des Bruders geführt, und jetzt, nach Verlauf einer Stunde, war es ihm, als habe er ſie von jeher gekannt; jetzt ſaßen ſie hier zuſammen, ſich herzlich liebend, wie bie Kinder eines und deſſelben Vaters. 4 ————-——————— ———ÿy— 132 Fünfzigſtes Kapitel. Nach einem längeren Stillſchweigen, während deſſen Roſalie ſchwärmeriſch in die glühenden Farben geblickt, welche die Sonne jenſeits der Berge zurückgelaſſen, legte ſie ſanft den Kopf auf die Schulter ihres Bruders und ſagte mit leiſer, zitternder Stimme: „Aber du hatteſt ſchon von mir gehört, nicht wahr, mein Bruder?“ „Ja, liebe Roſalie,“ gab er zur Antwort. „Du weißt vielleicht,“ fuhr ſie fort,„daß ich, ſo jung ich bin, ſchon unendlich viel Leid ertragen mußte?“ „Ich weiß es,“ verſetzte Eugen bekümmert und drückte das Mädchen feſter an ſich.. „Alles?“ „Alles, meine Schweſter!“ „Nicht wahr, Eugen, das iſt fürchterlich?“ ſagte ſie, und ihre Thränen floßen aufs Neue.„Dir will ich's geſtehen— es iſt mir eine Beruhigung, ein ſüßes Gefühl, es dir zu ſagen— o Eugen, ich habe ihn ſo unausſprechlich geliebt!— Aber wie gütig iſt Gott im Himmel! Da ich ihn verloren habe, fand ich dich. O, hätteſt du ihn nur gekannt! Er war ſo lieb und gut!“ „Ich glaube es dir gern, mein armes Kind.“ „Und nun iſt er todt!“ fuhr ſie ſchaudernd fort mit dem Aus⸗ drucke des tiefſten Schmerzes.„Ich werde ihn nie wiederſehen!“ Ruhig und ſtill hielt Eugen die weinende Schweſter in ſeinen „Armen, ohne zu ihr zu ſprechen. Was konnten tröſtende Worte helfen? Und wußte er überhaupt dergleichen? Ja, da er jenen jungen Mann nicht gekannt, ſo war es ihm nicht einmal möglich, etwas über deſſen Vergangenheit zu ſagen.— Er küßte die Schweſter ſchweigend, aber innig auf die Stirn, dann ſtand er auf, hob ſie ſanft in die Höhe und führte ſie nach dem Schloſſe zurück. Als ſie durch das Hauptthor gingen, meinte Eugen, er ſehe Jemanden im Schatten des Brückenpfeilers ſitzen. Doch war es ſchon zu dunkel, um die Gegenſtände unterſcheiden zu können. Er führte die Schweſter ins Haus, wünſchte ihr herzlich eine gute Eugen Stillfried findet ſeine Schweſter. 133 Nacht, indem er ihr verſprach, morgen wieder zu kommen, und verließ ſinnend und träumend den Schloßhof. Als er abermals über die Brücke ging, ſah er, daß er ſich vorhin nicht getäuſcht; es ſaß dort wirklich Jemand, und dieſer Jemand war Herr Sidel, der hier ſeinen Freund zu erwarten ſchien. Eugen war erfreut über dieſes Zuſammentreffen und trat raſch auf den luſtigen Rath zu, ihm freundlich einen guten Abend bietend. Doch Herr Sidel trat einen Schritt zurück und wehrte ihn mit der Hand von ſich. Eugen wußte nicht, was das zu bedeuten habe, und dachte, er irre ſich vielleicht; doch war es der luſtige Rath— daran konnte Niemand zweifeln— der jetzt ſich raſch umwandte und haſtig ſeinem Freunde voraus den Berg hinabzu⸗ ſteigen begann.— „Heh!“ rief Eugen ihm zu,„was ſoll denn das heißen? Was fliehſt du denn davon wie ein Schatten? Biſt du es, oder iſt es nur dein Geiſt, der mir hier erſcheint, um mich vor etwas Schreck⸗ lichem zu warnen?“ „Da hätte ich früher kommen müſſen,“ ſprach jetzt der luſtige Nath mit ſehr ernſter Stimme, und blieb an der Biegung des Weges ſtehen;„freilich ohne viel zu helfen, denn nicht einmal Zei⸗ chen und Wunder würden im Stande ſein, deinen ſchrecklichen Lebenswandel zu ändern.“ „Dieſe Predigt hätte ich heute nicht mehr erwartet!“ antwortete laut lachend Eugen.„Aber ſage, was ſicht dich an, daß du wie ein drohendes Geſpenſt da in der Dunkelheit Stimme und Arm warnend gegen mich erhebſt? Scherz bei Seite, was willſt du?“ „Ja, Scherz bei Seite!“ wiederholte finſter Herr Sidel.„Du vermagſt es noch, mich zu fragen? Weßhalb ich nicht wie immer lächelnd und freundlich vor dich hintrete, das kannſt du mit deinem ſchlechten Gewiſſen—“. „Ich habe aber kein ſchlechtes Gewiſſen!“ 134 Fünfzigſtes Kapitel. „Wo kommſt du her?“ „Nun, vom Schloſſe droben.“ „Was machteſt du da? Kannſt du mir darauf Antwort geben, ohne zu erröthen?“ 3 „O ja,“ meinte Eugen lachend.„Ich könnte das ſchon wa⸗ gen; denn es wäre auf alle Fälle zu dunkel, als daß du die Schaam auf meinen Wangen ſehen könnteſt.“ „Das hätte ich nimmer von dir gedacht!“ ſagte der luſtige Rath mit lauter und feierlicher Stimme, und ſeine Worte konnten unmöglich ſcherzhaft gemeint ſein, denn er ſprach ſie mit dem ern⸗ ſteſten Tone.„Nimmer und nimmermehr! Du biſt ein arger Sün⸗ der— Eugen Stillfried!“— „Vor allen Dingen, beſter Rath,“ entgegnete Eugen luſtig, „ruf' meinen Namen oder vielmehr einen Namen nicht ſo laut in die Nacht hinaus, der hier nicht genannt, noch gekannt ſein ſoll. Und was die Sache an ſich betrifft, ſo hätteſt du weit beſſer gethan, bevor du nach deiner gewöhnlichen Art anfingſt, zu lärmen und mir Vorwürfe zu machen, mich um Näheres über dasjenige zu be⸗ fragen, was du heimlich erlauſcht und geſehen haſt.“ In dieſem Augenblicke raſchelte etwas wenige Schritte entfernt im Geſträuch, das den Weg einfaßte, ſo daß die beiden Freunde erſtaunt ſtehen blieben und aufmerkſam horchten. Es war gerade als ſchleiche dort ein Menſch, der in der Dunkelheit ausglitt, und ſich nun an den rauſchenden Zweigen wieder zum Stehen brachte. „Haſt du das gehört?“ fragte Eugen.„Es ſcheint mir, wir wandeln in Geſellſchaft.“ „Aber in keiner menſchlichen,“ antwortete mürriſch der luſtige Rath.„Mir ſcheint, es iſt ein Thier, das nächtlicher Weile herum⸗ ſchleicht, vielleicht ein Fuchs oder ein Vogel, ein Uhu oder derglei⸗ chen.— So viel kann ich dich verſichern, daß mich das, was ich ſo eben gehört, nicht ſo alterirt, als das, was ich droben vernommen.“ „So will ich dich denn über das droben mit einem einzigen 513— Eugen Stillfried findet ſeine Schweſter. 135⁵ Worte aufklären, das heißt, wenn du einen Augenblick näher zu mir herkommen willſt; denn ich habe nicht Luſt, ſo in die Nacht hinauszurufen, wie du eben gethan.“ Widerſtrebend näherte ſich Herr Sidel, und als ihn Eugen mit der Hand erreichen konnte, zog er ihn ganz nahe zu ſich hin und ſagte ihm leiſe ins Ohr:„Luſtiger Rath, du biſt ein Narr; aber die du droben auf dem Schloſſe— iſt meine Schweſter.“ „Pah!“ machte Herr Sidel und prallte erſtaunt zurück. „Es iſt ſo, wie ich dir ſage,“ fuhr Engen mit beſtimmtem Tone fort;„ich bin da auf eine merkwürdige Spur gekommen, die aber zu ſehr viel Gutem führen kann. Glaube mir, Roſalie iſt meine Schweſter, von der ich früher öfters mit dir geſprochen.“ „Hurrah!“ ſchrie nun plötzlich der luſtige Rath mit voller indem er mit gleichen Füßen ſo hoch empor⸗ Kraft ſeiner Lungen, als es ſeine dicke, unterſetzte Figur erlaubte.„Hurrah ſprang, und nochmals Hurrah!“ wiederholte er,„es wird Licht, mit rollt ein ganzes Gebirge von der Bruſt.“ wahnſinnigen rnünftigen Schreien und den Geberden wirſt du noch von dem Gebirge hinabrollen, Eugen und faßte ihn am Arme.„Stille einen Augenblick!“ ſetzte er hinzu und blieb ſtehen.„Da habe ich das Raſcheln wieder ge⸗ hört; wir ſind nicht allein, d. h. neben dem Wege in der Vertie⸗ fung ſchleicht Jemand; es iſt mir gerade, als ſähe ich ſogar einen Schatten hingleiten.“ „Phantaſie! Phantaſie!“ meinte luſtig Herr Sidel.„Und wenn auch! Es wird ein harmloſer Holzhauer ſein, der von ſeiner Arbeit zurückkehrt.— Aber was du eben geſagt, macht mich ganz glücklich.“ „Schweige nur jetzt darüber,“ erwiderte Eugen⸗„ich will dir drunten auf unſerem Zimmer Alles aufs Beſte erklären.. Damit ſchritten die Beiden rüſtig bergab⸗ und bald ſahen ſie Schloßfelden dicht vor ſich liegen. 3. Hier ſchien ſchon Alles zur Ruhe zu ſein. Die Bewohner⸗ „Und bei dem unve „ antwortete 136 Fünfzigſtes Kapitel. müde von des Tages Laſt und Hitze, hatten mit der ſinkenden Nacht ihre Lagerſtätten geſucht; man ſah nirgends einen Lichtſtrahl, und der einzige Laut, den man durch die Stille der Nacht vernahm, war hie und da das leiſe Knurren und Bellen irgend eines Hun⸗ des, den etwas aus ſeiner Nachtruhe aufgeſtört. Anf der anderen Seite des Dorfes ſahen ſie das Wirthshaus zur wilden Roſe mit hell erleuchteten Fenſtern, die ihnen gaſtlich entgegen winkten. Noch eine Biegung hatten ſie zu machen, um den Berg hinter ſich zu haben, und der luſtige Rath, der ſich eine Cigarre anzündete, blieb deßhalb einen Augenblick zurück; Eugen war ein paar Schritte voraus, da— krachte ein Schuß neben ihnen auf der Seite, wo ſie das Rauſchen in den Zweigen gehört, und Eugen glaubte das Pfeifen einer Kugel zu vernehmen, welche ganz nahe bei ſeinem Kopfe vorüber fuhr. 4 3 Langſam wälzte ſich das Echo des Schuſſes in den Bergen fort, und Eugen, der überraſcht, erſchrocken und feſtgebannt ſtehen blieb, hörte drunten im Dorfe die Hunde laut werden und anſchla⸗ gen, und vernahm darauf Schritte in dem rauſchenden Laube, Schritte, die ſich eilig zu entfernen ſchienen. „Was war das?“ rief Herr Sidel, der hinzu ſprang.„Wem hat dieſer Schuß gegolten?“ „Genau kann ich es nicht ſagen,“ entgegnete Eugen,„aber ich glaube faſt, einem von uns; denn ſo viel iſt gewiß, daß ich es gehört, ja gefühlt, wie eine Kugel dicht an meinem Kopfe vor⸗ bei fuhr.“ „Vorwärts! vorwärts!“ rief der luſtige Rath und drängte den Berg hinab.„Hier an der Bergwand iſt es unheimlich. Eilen wir hinab; dort erreichen wir ſogleich die erſten Häuſer des Dorfes.“ So war es denn auch, und ſchon ein paar Schritte vor den⸗ ſelben kam ihnen der Nachtwächter von Schloßfelden entgegen. Dieſer würdige Beamte ſchien trotz ſeines langen Spießes und ſeines großen Hundes keine ſtarke Luſt zu haben, ſich weit von den — Eugen Stillfried findet ſeine Schweſter. 137 ſchützenden Mauern ſeines Ortes zu entfernen. Auch machte er beim Anblick unſerer beiden Freunde eine halbe Wendung nach rückwärts, blieb aber wieder ſtehen, als ihm Herr Sidel ein lau⸗ tes: Gut Freund! zurief. „Haben Sie denn geſchoſſen?“ fragte er, als die Beiden nä⸗ her kamen, wobei er ſich neugierig nach einem Gewehr oder einer ſonſtigen Schießwaffe umſah. Doch als er ihre leeren Hände be⸗ merkte, wiederholte er bedenklich:„Sie haben alſo nicht geſchoſſen?“ „Nein, mein Freund,“ ſagte Eugen;„mir ſcheint, wir wären beinahe ſelbſt geſchoſſen worden. Ich muß geſtehen, das iſt hier zu Lande eine ſchlechte Manier, geladene Gewehre gegen einen Weg abzuſchießen.“ Der Nachtwächter, ein ehrlicher Bauer, ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Das verſtehe ich nicht; man kann Sie doch wahrhaf⸗ tig nicht für ein Stück Wild, für einen Fuchs oder Rehbock gehal⸗ ten haben!“ 3 „Und die Jäger,“ ſiel ihm Herr Sidel ins Wort,„werden doch hier nicht in der Dunkelheit auf die Jagd gehen!“ „Die gewöhnlichen Jäger freilich nicht,“ erwiderte lächelnd der Bauer,„aber wißt, ihr Herren, da droben hinter dem Schloſſe hat's große und prächtige Waldungen; ſie ziehen ſich links herum auf dem Gebirge fort, und die württembergiſche Grenze führt mitten hindurch. Da hat's auch einige wilde Jäger, denen es gleich viel iſt, ob ſie einen Hirſch bei Tage oder bei Nacht ſchießen.“ „Aber wir ſind doch keine Hirſche!“ meinte Herr Sidel.„Das ſoll der Teufel holen, daß man nicht einmal ruhig nach Hauſe gehen kann, ohne daß man befürchten muß, von einer Kugel ge⸗ troffen zu werden! Das iſt ein ſchlechter Spaß!“ „Ja, ich begreife es auch nicht recht,“ ſagte der Nachtwächter, „will aber gleich zum Förſter gehen und dem das Ding melden. — Gute Nacht, ihr Herren!“ Damit ging der Beamte ſeines Weges, und die beiden Freunde 5 1 138 Einundfünfzigſtes Kapitel. eilten durch das Dorf und erreichten in kurzer Zeit das Gaſthaus zur wilden Roſe. Hier war noch Licht und Leben genug, und in allen Räumen noch Gäſte. In dem Honoratiorenzimmer befanden ſich der Herr Direktor, deſſen Bruder, ſowie der große Holder und der vortreff⸗ liche Herr Trommler. Eugen hatte aber nach den wichtigen Er⸗ eigniſſen dieſes Tages keine Luſt, noch eine gewöhnliche Conver⸗ ſation zu führen, und begab ſich deßhalb mit dem Herrn Sidel nach ihren Zimmern. Auf der Treppe kam ihnen die Frau Roſel entgegen; ſie hatte ein Licht in der Hand und ſah ſehr blaß, ja angegriffen aus. Als ſie ihren Gaſt erblickte, hielt ſie ſich wie erſchrocken an dem Trep⸗ pengeländer feſt und brachte auf die Frage Eugen's, ob ihr etwas zugeſtoßen ſei und was ihr fehle, mühſam die Worte hervor:„ach, Herr Wellen, es geſchehen merkwürdige Dinge auf dieſer Welt!“ Einundfünfzigſtes Kapitel. Der geneigte Leſer erfährt nicht viel Neues, wird aber eingeſtehen, daß der Erzähler in manchen Theilen Recht hat. Es war der Staatsräthin nicht leicht geworden, den Entſchluß zu faſſen, Katharinen zu ſich ins Haus zu nehmen. Sie hatte dieſelbe früher einmal kaum flüchtig geſehen und ſte unter den ob⸗ waltenden Verhältniſſen natürlicher Weiſe ſehr wenig beachtet; doch fühlte die alte Dame in ihrer Einſamkeit das Bedürfniß, ein We⸗ ſen in ihrer Nähe zu wiſſen, von dem ſie überzeugt ſein durfte, daß es ſich feſt an ſie anſchließen würde, daß es ihr mit kindlicher Der Leſer erfährt nicht viel Neues. 139 Liebe zugethan ſei, ein Weſen, dem auch ſie nach Befund und Um⸗ ſtänden ein mütterliches Herz öffnen könnte. 1 Die Unterredung mit ihrem Sohne, die Offenheit, mit der ihr Eugen entgegen getreten war, die Bereitwilligkeit, mit der er auf ihren Wunſch einzugehen ſchien und ihr jene Papiere zur Verfü⸗ gung zu ſtellen verſprach, welche zu erlangen der Juſtizrath ſo viele verkehrte und unnöthige Schritte gethan, hatten einen tiefen Ein⸗ druck auf das Herz der Staatsräthin gemacht. Hatte nicht ein einziges Wort der Mutter den Sohn dazu vermocht, ein einziges freundliches, liebevolles Wort? Ja, ſie fühlte es bitter und beklagte es tief, nicht eher eine Annäherung geſucht zu haben, die früher noch leichter geweſen wäre und ſo Manches anders gemacht hätte. Glücklicher Weiſe war es noch nicht zu Allem zu ſpät, und die Staatsräthin fühlte wohl, daß es ihr ohne große Schwierig⸗ keiten gelingen würde, das Herz ihres Sohnes wieder an ſich zu ziehen, mit ihm in Gemeinſchaft zu leben, vielleicht glücklich zu ſein, vor allen Dingen aber Eugen wieder in die Stellung einzu⸗ ſetzen, die ihm gebührte: in die ihres natürlichen Beſchützers. Das hatte ſie anfänglich kaum zu denken gewagt; aber nachdem ſie ſich erſt einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht, verfolgte ſie ihn unabläſſig Tag und Nacht, und hiedurch kam ſie darauf, ſich ſelbſt ſagen zu müſſen, daß die Herrſchaft, welche der Juſtizrath über ſie ausübte, unnatürlich und unerträglich ſei. All' das hatte ſie denn auch beſtimmt, entſcheidendere Schritte anzubahnen, zuerſt Katherinen zu ſich zu nehmen, in der feſten Hoff⸗ nung, das Mädchen würdig zu finden, um ihr auch ſpäter andere Rechte einräumen zu können. Und hierin hatte ſich die alte Dame glücklicher Weiſe nicht getäuſcht. Wenige Tage reichten hin, und die kluge Frau erkannte und würdigte das reine, unſchuldige Herz des ſchönen Mädchens und fand in ihren natürlichen, geſunden Gedanken, in ihrem angeborenen tiefen ſittlichen Gefühl einen bieg⸗ ſamen, dankbaren Grundſtock, aus dem ſich etwas Schönes und 140 Einundfünfzigſtes Kapitel. Glänzendes herausbilden ließ. Und damit gab ſich die Staats⸗ räthin alle Mühe. Anfänglich war es von ihr beſtimmt worden, das Verhältniß Katharinens zu ihr ſollte das der Dienerin zur Herrin ſein. Doch ſchon nach den erſten Tagen wurde Madame Schoppelmann zu einer zweiten Audienz entboten, und nach einer längern Unterredung hatte ſie mit Freuden ihre Einwilligung gegeben, daß ihre Tochter Katharina von nun an wie das Kind vom Hauſe angeſehen würde. Ob dabei auch etwas von ſpäteren Planen in Betreff des Herrn Eugen ausgemacht wurde, ſind wir nicht im Stande anzugeben, hoffen aber das Beſte und wollen nur wenigſtens ſo viel verrathen, daß die Dienerſchaft des Stillfriedſchen Hauſes der Anſicht war, ſie ſehe in dem jungen ſchönen Mädchen ihre künftige Gebieterin; und wir wiſſen bereits, daß die Anſicht der Dienerſchaft dieſes Hauſes nicht zu verachten war. Die alte Dame hatte kluger Weiſe dem Juſtizrath gegenüber ihren Wunſch, das junge Mädchen zu ſich zu nehmen, in einem Augenblicke ausgeſprochen, wo ihr Geſchäftsfreund ſehr mit uns bekannten Projekten beſchäftigt war und hiebei die Einwilligung der Nutter zu ſehr gebrauchte, um ihrer Grille, wie er es nannte, ernſtlich etwas in den Weg zu legen. Seine Augelegenheit ging vortrefflich von Statten; Herr von Steinbeck wurde von der alten Dame, wenn auch nicht herzlich, doch freundlich empfangen; ja, der Juſtizrath hatte es ſogar dahin gebracht, die Staatsräthin zu vermögen, daß ſie, von jahrelanger Gewohnheit abgehend, obgleich einigermaßen widerſtrebend, eine kleine Geſellſchaft bei ſich veranſtaltete, freilich nur von ſehr weni⸗ gen Perſonen, aber von dem Juſtizrathe ausgewählt und Alle ſeinen Planen geneigt und denſelben ſehr förderlich. Wir nennen nur den Major und die Majorin von Brander, welche verſtcherten, auf die Freundſchaft der Mutter ein ſpezielles Recht zu haben; Der Leſer erfährt nicht viel Neues. 141 denn der verlorene Sohn habe ihr Haus vor allen anderen gern und häufig beſucht. Wir müſſen geſtehen, daß in dieſer Geſellſchaft die ſchöne Katharina nicht geringe Aufmerkſamkeit erregte; ja, wir wollen dem geneigten Leſer anvertrauen, daß die Staatsräthin hauptſächlich deßwegen wieder Leute bei ſich geſehen, um ihre Pflegetochter, wie ſie das Mädchen nannte, anſtändig vorſtellen und einführen zu können. Und dieſe Vorſtellung war ſehr glänzend ausgefallen. Katharina, die ſich früher nie in Salons bewegt, hatte eine ſolche glückliche Gabe, ſich leicht und geſchickt in ihr neues Ver⸗ hältniß zu finden, daß die ſchärfſten Augen der unnachſichtigſten Damen— und welche Dame ſieht in dieſem Punkte nicht unnach⸗ ſichtig und ſcharf?— nichts an ihrem Benehmen auszuſetzen wuß⸗ ten, als nur das Eine, was aber Jede kluger Weiſe für ſich be⸗ hielt, und das war: der Kummer, daß ihre eigenen Kinder, die Töchter eines Regierungsrathes, eines Kanzleirathes und mehrerer Hofräthe, von der Tochter der Gemüſehändlerin völlig verdunkelt wurden; und dabei dachten ſie, es ſei doch eigentlich ſonderbar von dem lieben Gott, daß er dieſen Mädchen der unteren Regionen Anſtand und ſittſames Betragen ertheilt; Mädchen, deren Eltern doch gar keiner Rangklaſſe angehören, ebenſo viel, ja oft noch mehr Schönheit des Körpers, als ihren Nachkömmlingen, hervor⸗ gegangen und gezogen, in die Welkt eingeführt und bewundert unter dem Schutze der vierten bis achten Rangklaſſe. Die Majorin Brander hatte, wie wir wiſſen, keine Töchter, und deßhalb, und auch weil ſie Dichterin war, fand ſie in dieſer ganzen Geſchichte etwas Schönes und Hochpoetiſches und verſprach ſich von einer ähnlichen Situation ſehr viel für irgend ein Kapitel ihres neuen Romans. „Stifeler,“ hatte der Major zu ſeinem Adjutanten auf dem Heinnwege geſagt,„Stifeler, das iſt ein ſchönes Mädchen! Dic 3 142 Einundfünfzigſtes Kapitel. ſoll der Teufel holen, aber da hätten Sie ſich früher umſehen ſollen!“ Hierauf ſprach der Adjutant achſelzuckend, nachdem er aber vorher die Lippen zuſammen gepreßt:„Zu Befehl, Herr Oberſt⸗ wachtmeiſter! nur bitte ich zu bemerken, daß die Mutter eine Ge⸗ müſehändlerin iſt.“ „Aber reich, lieber Stifeler,“ hatte der Major geantwortet, „ſehr reich! und was deckt ſo ein alter Adel, wie der Ihrige, nicht zu? Gehen Sie mir wegl das hätte Ihnen nicht entgehen ſollen!“ Ebenſo wie der Major dachte auch noch mancher Andere, und viele junge Herren, die früher über Eugen Stillfried höhniſch die Naſe gerümpft, blieben jetzt mit einem lauten Ah! auf der Straße ſtehen, wenn die Staatsräthin mit ihrer Pflegetochter vorüber fuhr. Dieſe freundlichen Bemerkungen in Betreff Katharinens wurden aber im vollen Gleichgewicht, ja, niedergehalten durch die äußerſt liebenswürdige Art und Weiſe, mit der die neue Stellung des früher unbekannten Mädchens bei den ſämmtlichen Kaffeegeſellſchaften der Reſidenz beſprochen und demgemäß zerfleiſcht wurde. Eine Staatsräthin, alſo eine Frau zur ſechsten Nangklaſſe gehörig, hatte ſolches zu thun gewagt, hatte in den reinen Dunſt⸗ kreis der höheren Schichte menſchlicher Geſellſchaft ein Weſen ein⸗ geführt, das, tief unten, wo man nicht mehr deutlich hinſchauen kann, geboren, kaum das Recht hatte, auf der Welt zu ſein; ein Weſen, das doch unmöglich verlangen konnte, von ihren Mit⸗ ſchweſtern freundlich gegrüßt zu werden, von ihren Mitſchweſtern, die obgleich lange nicht ſo ſchön, lange nicht ſo tugendhaft, lange nicht ſo ſittſam, dafür das Vorrecht der Geburt hatten und denen es geſtattet war, ihre Fehler und Vergehen, die weiter unten ſo klar und ſchonungslos vor Augen liegen, deßhalb ungeſehen zu machen, weil ſie dieſelben mit dem mächtigen Familiennamen ihrer Mutter oder mit dem Anſtellungsdekret ihres Vaters bedecken dſta. Der Leſer erfährt nicht viel Neues. 143 Was mußte die arme Katharina nicht ſchon alles gethan haben, wenn man dieſe Läſterzungen hörte!— War ſie ſchön?— Das konnte man ihr nicht abſprecheu. Mein Gott, jal ſie ſieht nicht übel aus; aber hat man je gehört, daß der Art Mädchen häßlich ſind? Gott bewahre! Das iſt ja ihr einziges Verdienſt, und wenn ſie nicht das Bischen Schönheit hätte, ſo wären all' dieſe Geſchichten nicht— paſſirt. Der einzige Troſt dieſer Damen beſtand darin, daß dergleichen im Stillfried'ſchen Hauſe vorgefallen war.—„Das Haus iſt ſchon was gewohnt!“ ſagte wehmuthsvoll eine alte Regierungsräthin,„dahin paßt dergleichen. In der Familie iſt ſchon mehr vorgefallen, worüber ſich nicht in guter Geſellſchaft ſprechen läßt.“ Das beruhigte denn auch offenbar die zürnenden Gemüther, und neben dem ſchloßen ſie eine feſte Ver⸗ bindung, es die arme Katharina entgelten zu laſſen, daß ſie die Tochter einer Gemüſehändlerin ſei, und, ſollte ſie den Herrn Eugen Stillfried wirklich heirathen, ſie mit ihrem Haſſe zu verfolgen bis ins dritte und vierte Glied. Hievon hatte das arme Mädchen nun gar keine Ahnung; ſie war in Grundſätzen erzogen worden, daß man bei ſeinem Neben⸗ menſchen auf das Herz zu ſchauen habe und nicht auf das Kleid, und daß, wenn ſich nur Jemand brav und ehrlich aufführe, es keine Schande ſei, aus einem tieferen Stande ſich in einen höheren hinauf gearbeitet zu haben. Sie wußte ſo wenig von der Stim⸗ mung, die in den Kreiſen, zu denen ſie jetzt gehörte, gegen ſie herrſchte, daß ſie mit der Liebe, welche ſie gegen ihre Nebenmenſchen im warmen Herzen trug, überall anſtieß und ihre Stellung eher verſchlimmerte als verbeſſerte. Sie lächelte Jedem freundlich zu, grüßte auf der Straße, wenn ſie mit der Staatsräthin ausfuhr, die Begegnenden aufs Freundlichſte und nahm deren erzwungenes liebreiches Grinſen für baare Münze. Daß Jene nachher gelber von Neid und Bosheit wurden als ihre Strohhüte, und ſich die Hand, die ſo eben noch freundlich gewinkt, unter dem Shawl zur 144 Einundfünfzigſtes Kapitel. Fauſt zuſammen ballte, das konnte ſie freilich nicht ſehen, da ſie keine Ahnung davon hatte. Deſto weniger aber entgingen dieſe Sachen dem ſcharfen Auge der Staatsräthin, und wir müſſen geſtehen, daß ſie ihre Freude daran hatte. Wie hatten dieſe ſogenannten guten Freun⸗ dinnen ſie in früheren Zeiten behandelt! Wie war bei ihr das Sprüchwort ſo wahr geworden: Gott ſchütze mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich ſelbſt fertig werden! Wie hatten ſie die leiſeſten Mißſtimmungen ſich zu Nutzen zu machen gewußt, nachdem dieſe im Stillfried'ſchen Hauſe kaum erſt ange⸗ klungen! Wie hatten, ſie kleine Riſſe in dem Familienleben der beiden Gatten zu benutzen verſtanden, durch hämiſche Zwiſchen⸗ trägereien, durch falſche Auslegungen, durch boshafte Stichelworte, durch üble Nachreden! Wie hatten ſie ſolcher Geſtalt jeden trüben Ton zum lauten Lärmſignal anſchwellen laſſen, die kleinſten Sprünge zu einer Kluft gemacht, die nichts mehr auszufüllen im Stande war! Lerne ſie kennen, theurer Leſer! Auch deinen Herd umkriecht vielleicht ähnliches Gezücht, auch von deinem Brode ißt dergleichen Ungeziefer und trinkt von deinem Wein. Nimm dich vor ihm in Acht und zertritt ihm den Kopf, ehe es dich giftig in die Ferſe beißt. Angeſicht gegen Angeſicht greift es dich nie an: es wird nie ausſtreuen, du habeſt Dies oder Jenes geſagt oder gethan— nein, ein ſolches Weſen tritt an Andere heran, Kummer auf dem Geſichte, tiefe Trauer auf der Zunge, und ſpricht zu ihnen von dir: ah, wie iſt die Welt ſo niederträchtig! Nein, dieſe bodenloſe Schlechtigkeit hätte ich nimmer erwartet! Haben Sie es denn auch ſchon gehört, was man unſerer guten, lieben Freundin nachſagt?— Nein, ich weiß noch nichts.— Gott! es wird mir ſchwer, darüber zu ſprechen. Nun denn, unſere Freundin hat ſich von ihrem Manne entfernen müſſen, iſt zu ihren Eltern zurückgekehrt; es ſollen da ſchreckliche Dinge vorgefallen ſein.— So ſagt die Eine dieſer Guten, und dabei ſchwört ſie hoch und theuer, nichts ſolle ſie ver⸗ Der Leſer erfährt nicht viel Neues. 145 mögen, etwas der Art weiter zu ſagen.— Ich kann es nicht glau⸗ ben, ich will es nicht glanben. Aber man ſagt es.— Und dieſes: Man ſagt, wird wiederholt, bis es die ganze Stadt weiß mit den abſcheulichſten Zuſätzen. Und dann gehe der Betreffende hin und forſche einer ſolchen Quelle nach! Der Juſtizrath Werner ſchien am Ziel ſeiner Wünſche ange⸗ langt; die Verbindung des Herrn von Steinbeck mit Fräulein Still⸗ fried war ſchon ſo ſicher feſtgeſtellt, daß man bereits den Verlobungs⸗ und Hochzeitstag beſprochen hatte. Der Juſtizrath ließ ſich um dieſe Zeit noch häufiger als ſonſt im Hauſe ſeiner Freundin ſehen, ohne gerade durch ein zuvorkommenderes Betragen derſelben hiezu ermuthigt zu werden. Auch der Herr von Steinbeck machte ſeine Beſuche, ſo oft es thunlich und ſchicklich war; doch können wir icht ſagen, daß er durch dieſe ſeine Gegenwart große Fortſchritte in der Gunſt der Mutter gemacht hätte. Die Staatsräthin hatte anfänglich darauf beſtanden, das junge Mädchen, das bis jetzt fern von der Mutter erzogen wor⸗ den war, in die Stadt kommen zu laſſen, um, wie ſie ſagte, ihre Verbindung hier zu vollziehen. Als aber der Juſtizrath dieſen Vorſchlag nicht rathſam fand und ihr denſelben mit tauſend Grün⸗ den ausredete, wollte ſie wenigſtens vorher ihre Tochter eine, wenn auch kurze Zeit bei ſich zubringen laſſen, ſich eine kleine Weile an ihrer Gegenwart erfreuen, ehe ſie dieſelbe für immer von ſich ließen Aber auch dies fand Herr Werner nicht rathſam, und die alte Dame fügte ſich ſcheinbar ſeinem Willen. Wir ſagen: ſcheinbar; denn im Grunde ihres Herzens glaubte ſie es ſo wenig, als ſie es wünſchte, daß jene Verbindung wirklich zu Stande komme. Sie dachte an ihren Sohn Engen, ſie wünſchte ihn ſtündlich vor ſich zu ſehen, daß er ihr zur Seite ſtehen möchte, um die von ihm ſchon halb anerkannte Schweſter zu ſchützen. Dieſer Gedanke war das Lieblingsthema in dem Geſpräche Hackländers Werke. XII. 4 5 ¹ 10 8 146 Einundfünfzigſtes Kapitel. der beiden Damen, und fie konnten ſich dieſe Idee ſo vergegen⸗ wärtigen, daß ſie bei jeder haſtigen Anmeldung des alten Jakob erwarteten, den ihnen ſo theuren Namen ausſprechen zu hören. Dabei müſſen wir zugeſtehen, daß dieſer Glaube feſter und leben⸗ diger bei der Staatsräthin als bei Katharina lebte. Letztere ſchaute nicht mit freudigem Blicke in die Zukunft. Hatte Eugen ſie nie geliebt? Hatte er ſie vergeſſen? Das waren die Fragen, mit denen ſie ſich fortwährend beſchäftigte. Sie wußte ja nichts von den Schritten, die Eugen gethan, um Erkundigungen über ſie einzuziehen und ſie das Nöthige von ſeinem jetzigen Leben wiſſen zu laſſen,— Schritte, die anfänglich in guter Abſicht von Herrn Sidel, ſpäter in ſehr böſer vom Juſtizrathe vereitelt worden waren. Die beiden Damen ſaßen in dem uns bekannten Zimmer, die Staatsräthin in ihrer Fenſterniſche, Katharina vor ihr auf einem Seſſel, mit einem Buche beſchäftigt, aus dem ſie der alten Dame vorlas. Dieſe fand hierin das beſte Mittel, den Geiſt des jungen Mädchens zu bilden und ſie in manchen nothwendigen Dingen vorwärts zu bringen, welche man bei ihrer früheren Erziehung ge⸗ rade nicht beſonders berückſichtigt hatte. Ein Wink von der Staatsräthin beendigte dieſe Vorleſung; Katharina ließ das Buch in den Schooß fallen und ſah die alte Dame fragend an. „Ich habe hente keinen rechten Sinn für deine Lektüre,“ ſagte dieſe.„Reiche mir den kleinen Kalender dort von der Wand.— So, mein Kind, ich danke!— Heute iſt der Achtzehnte; gegen Ende des Monats ſoll dieſe Verbindung vor ſich gehen.— Und Eugen, der gar nichts von ſich hören läßt! In D., wo er nach der Be⸗ hauptung des Juſtizrathes war, iſt er nicht mehr; ich habe Erkun⸗ digungen einziehen laſſen. Gott, die Zeit verſtreicht, und ich habe ſo gut wie mein Wort gegeben!“ Katharina horchte dieſen halblauten Worten ſtillſchweigend zu, ohne auch nur eine Sylbe darauf zu erwidern. Sie hatte wohl Der Leſer erfährt nicht viel Neues. 147 von den Verhältniſſen dieſes Hauſes im Allgemeinen Kenntniß erhalten; doch hatte man, als man mit ihr darüber ſprach, dies auf ſo wortkarge und unbeſtimmte Art gethan, daß ſie mit ihrem geſun⸗ den und richtigen Takte ſich nie eine Aeußerung erlaubte, welche andeutete, ſie wolle mehr wiſſen, als man ihr geſagt. „Wir werden auf einige Zeit die Stadt verlaſſen,“ ſagte die Staatsräthin nach einer Pauſe.„Natürlich wirſt du mich begleiten, mein Kind; es wird dir etwas Neues ſein, andere Gegenden und andere Menſchen zu ſehen. Wie lange wir ausbleiben, weiß ich noch nicht; vielleicht kürzere Zeit, vielleicht auch längere.— O, wenn ich nur eine Ahnung hätte, wo Eugen wäre und warum er mir nicht ſchreibt! Er wird doch nicht die unglückſelige Idee haben, als trage ich auch nur die geringſte Schuld an jenem rdurigen Vorfall!“ Schritte, die ſich auf der Treppe vernehmen ließen, unterbra⸗ chen die Worte der alten Dame; ſie ſchaute einen Augenvblick auf ihre Uhr und dann auf die Thüre. Der Iuſtizrath trat ein. Er ging auf das Fenſter zu, reichte der Staatsräthin die Hand und machte Katharinen eine leichte Verbeugung. Letztere bemerkte das gewöhnliche ruhige Lächeln auf ſeinen Zügen; die alte Dame aber, die ſeine Augen ſeit langen Jahren ſtudirt hatte und jeden Blick derſelben verſtand und deutete, bemerkte in denſelben wohl, daß ihn etwas ernſtlich beſchäftigte, irgend ein Gegenſtand, den er in Gegenwart des jungen Mädchens nicht be⸗ rühren wollte. „Wir wollen unſere Vorleſung ſpäter beendigen,“ ſagte die Staatsräthin zu Katharina und machte iezn eine bezeichnende Neigung mit dem Kopfe. Das junge Mädchen folgte dem Winke augenblicklich, indem ſie aufſtand und ſich in ihr Zimmer zurückzog. „Was haben Sie?“ fragte die alte Dame den Inſtizrath, der ——— 148 Einundfuͤnfzigſtes Kapitel. nun, der läſtigen Gegenwart einer dritten Perſon überhoben, eine ungeduldige Bewegung mit der Hand machte. .„Nichts Beſonderes!“ entgegnete er.„Ich erhalte ſoeben von Schloßfelden einen Brief von dem alten Manne.“ „Und was ſchreibt er?“ fragte raſch die Staatsräthin. „Nun, was er ſchon oft geſchrieben, womit er uns gewöhnlich plagt: Bemerkungen über das Wohl und Wehe Ihrer Tochter.“ „Und was will er eigentlich?“ fragte die alte Dame,„Iſt etwas Beſonderes da vorgefallen?“ „Das ſcheint mir nicht,“ ſpricht wie immer von d chens, von ihren Nei in die Welt paſſen w antwortete der Juſtizrath.„Aber er em einfachen kindlichen Gemüthe des Mäd⸗ gungen und Wünſchen, wie ſie ſo gar nicht ürde; und der Schluß dieſes Briefes iſt wie der aller früheren: ihm das Mädchen noch zu laſſen, nicht jetzt ſchon an ihre Verbindung zu denken.“ Die alte Dame wollte etwas antworten, rath ſchnell fort:„Sie werden, begreifen, Ihnen alles das mittheile, weil an ein Zurückgehen der einmal eingegangenen Verbindlichkeiten nicht zu denken iſt. Sonſt würde ich fürchten,“ ſetzte er lächelnd hinzu, „daß Sie mit dem alten Herrn gegen mich Partei machten. Aber davon kann jetzt weiter keine Rede ſein; ich hielt es nur für meine Pflicht, Sie von dieſem Briefe in Kenntniß zu ſetzen.“ „Wofür ich Ihnen danke,“ ſagte ernſt die Staatsräthin.„Ich weiß wohl, wir haben in dieſer Sache unſer Wort gegeben, und ich will auch hoffen und glauben, daß dieſes Schreiben aus einer Grille des alten Mannes hervorgegangen. Es iſt ja nicht anders möglich und wäre erſchrecklich, wenn es nicht ſo wäre.“ 1 „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ entgegnete ruhig der Inſtizrath. „Und in ſeiner Stellung begreife ich das auch vollkommen. Er hat ſich an Roſalie gewöhnt, er liebt das Mädchen; ſie iſt ihm doch fuhr der Juſtiz⸗ beſte Sophie, daß ich unſere Entſchlüſſe feſt ſtehen und Der Leſer erfährt nicht viel Neues. 149 ebenfalls zugethan, und da können Sie ſich leicht denken, daß er alles Mögliche verſucht, um ſie bei ſich zu behalten.“ „Aber wenn es anders wäre?“ ſagte nach einem Augenblicke des Stillſchweigens haſtig die Staatsräthin:„wenn ſich das arme Kind ſelbſt durch dieſe Verbindung unglücklich fühlte? Wenn es ihre Bitten wären, die ihm jenen Brief und die vielen anderen diktirt hätten?“ „Seien Sie darüber unbeſorgt!“ antwortete der Juſtizrath. „Wie ich Roſalien und die Verhältniſſe keune, ſo iſt es gar nicht möglich, daß ſie einen anderen Gedanken, einen anderen Willen haben könnte, als den unſrigen. Da drunten ſind klare, offene Verhältniſſe; deßhalb war der Ort ſo glücklich gewählt. Da konnte ſich nichts ereignen, was im Stande geweſen wäre, unſere Plane zu durchkreuzen.“ 4 Die Staatsräthin konnte einen leiſen Seußzer nicht unterdrücken und ſagte hierauf:„aber das Herz eines jungen Mädchens iſt nicht zu berechnen; ich kenne das auch.— Das muß ich Ihnen geſtehen,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„ich habe meine Einwilligung zu dieſer Verbindung nur gegeben, weil Sie mich beſtändig verſichert, Roſalien komme nichts erwünſchter, als das einſame Schloßfelden zu verlaſſen; weil Sie mir geſagt, das Mädchen kenne nur Einen Willen, den ihres bisherigen Pflegevaters, alſo durch dieſen unſere Entſchließungen.“ Es flog ein leichter Schatten über die Züge des Juſtizrathes, den aber die Dame nicht bemerkte, da ſie bei ihren letzten Worten zum Fenſter hinausſah.„Machen Sie ſich keine weiteren Sorgen, Sophie,“ ſagte er in einem Tone, der einigermaßen ungeduldig klang.„Wir haben jetzt die Sache ſo vielfach beſprochen und überlegt, ſo viele Berathungen gepflogen, ſo viele Plane entworfen und theils wieder verworfen, daß alles Uebrige unnütz wäre.“ „Jeder Menſch kann ſich irren,“ antwortete die alte Dame und blickte den Juſtizrath feſt an.„Sie auch erehrter Freund. Einundfünfzigſtes Kapitel. Wer weiß, was in dem Herzen des armen Mädchens für uns bis heute verborgen lag! Wollen Sie ſie zwingen, wenn ſie Ihnen plötzlich erklärt, ſie könne und wolle jene Verbindung nicht ein⸗ gehen?“ „Vielleicht würde ich ſie mit Ihrer Hülfe zwingen,“ entgeg⸗ nete kalt der Juſtizrath.„Doch ſeien Sie unbeſorgt, ſo etwas wird nicht vorfallen.— Schloßfelden birgt nichts,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„was uns und dem guten Herrn von Steinbeck bange ma⸗ chen könnte. Ich kenne mein Terrain vollſtändig.“ Die alte Dame zuckte leicht mit den Achſeln und nahm ein Taſchentuch in die Haud, um ſich mit demſelben leicht die Stirn zu wiſchen. „Ich hielt es für meine Pflicht, Sie von dieſem Briefe in Kenntniß zu ſetzen,“ fuhr der Juſtizrath fort.„Das wäre alſo abgemacht. Jetzt aber, Sophie, muß ich Sie bitten, Ihre Beſtim⸗ mungen hinſichtlich jener Reiſe und der ſtattfindenden Verlobung zu treffen. Das iſt vollkommen Ihre Sache, und werde ich mich nicht da hinein miſchen.“ „Ich reiſe mit Katharine,“ ſagte beſtimmt die alte Dame.. „Sie wollen das Mädchen mitnehmen?“ „Allerdings! Warum ſollte ich ſie hier zurücklaſſen?“ „Wie Sie wollen, Sophie. Ich habe nichts dagegen einzu⸗ wenden. Und von ſonſtigen Bekannten, die zu dem Akte eingeladen werden ſollen— 2“ „Außer den von Ihnen bereits Beſtimmten weiß ich Nieman⸗ 5 den,“ entgegnete die Staatsräthin. „Herr von Steinbeck hat den Major Brander gewünſcht; es 3 iſt faſt ſein einziger genauer Bekannter hier, und Sie werden wohl nichts dagegen einzuwenden haben.“ „Gewiß nicht!“ erwiderte die alte Dame.„Ich finde es be⸗ greiflich, daß er als Zeugen Jemanden von ſeinen genauen Be⸗ kannten vorſchlägt.“ Der Leſer erfährt nicht viel Neues. 151 „Schön,“ ſagte der Juſtizrath.„So hätte ich für heute nichts weiteres Dringendes und beurlaube mich bei Ihnen.“ Somit endigte dieſe Unterredung, wie ſo manche ähnliche in dieſem Zimmer: der Juſtizrath hatte erreicht, was er gewünſcht. Und als er die Thüre hinter ſich geſchloſſen, ſtieß die alte Dame ihren Fußſchemel heftig von ſich, ſtand von ihrem Sitze auf und ſchritt einigemal in dem Zimmer raſch auf und nieder. Mit jedem Tage wurden ihr die Bande fühlbarer und läſtiger, mit denen ſie ſich umſchlungen wußte, und mit jedem Tage ſeufzte ſie mehr und mehr nach der Stunde der endlichen Erlöſung. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Hochzeit und Tod. Madame Schoppelmann hat ſchlimme Ahnungen. 5 Der Eintriit Katharinens in das Stillfried'ſche Haus war vielleicht von Niemand mit aufrichtigerer und größerer Freude be⸗ grüßt worden, als von der ſämmtlichen Dienerſchaft deſſelben. Man hatte in dem gewöhnlichen Hauptquartier, in der Küche, „anfänglich einen langen Kriegsrath darüber gehalten welche Stel⸗ lung das junge Mädchen einnehmen ſolle und müſſe. Martha hatte gerathen, ſich ihr vertraulich zu nähern; doch war dieſer Vorſchlag von Jakob mit gebührender Entrüſtung zurück gewieſen worden. 1 „Glaubt mir,“ hatte er geſagt,„die iſt zu was ganz Anderem hieher berufen worden, als der Frau Staatsräthin vorzuleſen oder ſich um die Wirthſchaft zu bekümmern.— Zu Letzterem brauchen wir Niemanden,“ hatte er lächelnd hinzugefügt,„iſt nicht die Martha da?“ 3 —— — — 152 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Das hatte die Köchin ſchmunzelnd zugeſtanden. „Die Jungfer Katharine,“ ſagte der alte Diener des Hauſes, „iſt hieher gekommen, nun— einfach als künftige Schwiegertochter. Glaubt mir, darüber ſind Mutter und Tochter vollkommen einig; und wenn er noch nichts davon weiß, ſo iſt das um ſo beſſer.“ Jakob's Anſicht drang wie gewöhnlich durch; und da auch in wenig Tagen das offene, liebenswürdige und freundliche Weſen des jungen Mädchens die Herzen ſämmtlicher Dienerſchaft erobert hatte, ſo dauerte es nicht lange, und Katharina konnte als unumſchränkte Gebieterin über das ganze Haus betrachtet werden. In Betreff der Madame Schoppelmann hatte es der alte um⸗ ſichtige Jakob unpaſſend gefunden, wenn dieſelbe in ihrer früheren Eigenſchaft, als Lieferantin für die Küche nämlich, das Haus ferner beſuche. Dieſes Geſchäft hatte Frau Klingler übernehmen müſſen. Anfänglich hatte ſich die dicke Gemüſehändlerin gewaltig geſträubt, doch wurde ſie überſtimmt, ergab ſich in ihr Schickſal und kam nur zuweilen, fein und ſauber angezogen, um ihrer Tochter einen Be⸗ ſuch zu machen, bei welchen Gelegenheiten ſie von dem alten takt⸗ vollen Jakob aufs Ehrerbietigſte an der Hausthüre empfangen und die Treppe hinauf begleitet wurde, ohne daß er ſich dabei erlaubt hätte, einen der früheren Späße mit der langjährigen Bekannten zu machen.. Madame Schoppelmann hatte zuerſt darüber gelächelt und auch wohl geſagt, wenn ſie ſchwer athmend auf der halben Treppe ſtehen blieb:„Jakob, Er iſt ein alter Narr!“ worauf ihr dieſer erwiderte: „Alles hat ſeinen Unterſchied; wenn Ihr uns in der Küche beſucht, oder wenn wir zu Euch kommen, da ſind wir die früheren guten Bekannten; wenn es aber dem gnädigen Fräulein gilt, ſo wird die, Sache anders gehalten. Das verſtehe ich beſſer.“ Unterdeſſen hatte ſich auch die Geſchichte mit dem Stubenmäd⸗ chen Nanette auf die für das ſtrenge Herz der Köchin allerbefriedi⸗ gendſte Art entwickelt. Der Schloßbediente hatte förmlich um die —— Hochzeit und Tod. 153 Hand derſelben angehalten, und zwar bei Martha ſelbſt, welche ſich herbeigelaſſen, Mutterſtelle bei dem naſeuweiſen Mädchen zu vertreten. Er war gekommen in ſeiner beſten Livree: roth mit Gold und mächtigen Achſelſchnüren, hatte friſch gewaſchene, weiße baumwollene Handſchuhe an, und trug in der Hand den ſchwarz⸗ lackirten Hut. Die Köchin, ſelbſt im beſten Putze, hatte ihn im Zim⸗ mer neben der Küche empfangen, hatte ihm nach ſeiner Verbeugung einen ungeheuer tiefen Knix gemacht und alsdann ſehr ernſthaft ſeinen zierlich geſetzten Worten gelauſcht. Die ganze Brautwerbung war denn auch zur beſten Zufrieden⸗ heit aller Theile vorüber gegangen; am Schluſſe derſelben wurde Nanette herbei gerufen, ihr der Antrag des Schloßbedienten wieder⸗ holt, und ſchon im Voraus von Mariha aufs Beſte inſtruirt, hatte ſie ſich drei Tage Bedenkzeit ausgebeten,— ein Verlangen, das die ſtellvertretende Köchin vollkommen gerechtfertigt fand. Dieſe hatte ſich auch bei dem ganzen Akte ſo feierlich und würdevoll benommen, daß, als der Hofbediente weggegangen war und ſich die Stillfried'ſche Dienerſchaft wieder in der Küche ver⸗ ſammelt hatte. Martin, der Kutſcher, hoch und theuer verſicherte, da könne man ſagen, was man wolle, er glaube es doch nicht, und er ſei der feſten Ueberzeugung, und würde auf dieſe Ueberzeugung einen Eid ablegen: die Köchin hätte ſchon früher einmal ſtellver⸗ tretende oder wirkliche Mutter geſpielt. Wenn es auch der Köchin ſchmeichelte, ihr Amt ſo gut ver⸗ ſehen zu haben, ſo drohte ſie doch mit einer Ohnmacht und ſagte in Ermangelung einer ſolchen zum Kutſcher: er ſei ein alter, un⸗ ausſtehlicher Narx. 8 Tages darauf mußte Jakob, ebenfalls in guter Livree, den Beſuch des Schloßbedienten erwidern; dann wurde der Letztere mit Erlaubniß der Staatsräthin nach den abgelaufenen drei Tagen zu einem Kaffee eingeladen, bei dieſem das Jawort ertheilt und darauf ——ÿÿ— — 154 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. die Braut und die ſtellvertretende Mutter von dem Schloßbedienten geküßt. 3 Hiebei können wir nicht umhin, zu bemerken, daß, als Letzte⸗ res geſchah, Martin, der Kutſcher, die Köchin ſo auffallend an⸗ blinzelte und ſchrecklich lächelnd auf ſie hinſchielte, daß Martha ihre ganze Faſſung verlor und dem Schloßbedienten ſeinen Kuß zurück gab, was eigentlich nicht ganz dem herkömmlichen Ceremoniel ge⸗ mäß war. Danach nahm nun die Sache ihren gewöhnlichen Verlauf. Der Schloßbediente und ſeine Braut wurden drei Sonntage nach einander, um uns eines techuiſchen Ausdrucks zu bedienen, von der Kanzel herabgeworfen, was Veranlaſſung gab, daß Nanette au drei Sonntagen mit rothgeweinten Augen erſchien, und daß Martha an eben dieſen drei Sonntagen nach der Behauptung des boshaften Kutſchers die Suppe verſalzte. Sofort erhielt die glückliche Braut von ihrer bisherigen Herrſchaft, nicht minder auch von Katharina und Madame Schoppelmann, von Martha, von Jakob und dem Kutſcher eine mehr oder minder reiche Ausſteuer. Hiebei können wir aber nicht verſchweigen, daß ſich Martin etwas ſehr Unzartes zu Schulden kommen ließ; denn er ſchenkte in die neue Haushal⸗ tung unter Anderem ein Geräthe, welches man ſich gewöhnlich ſelbſt anzuſchaffen pflegt. 3 Darauf wurde die Hochzeit gefeiert im Gaſthofe zum ſchwarzen Adler. Ein fürſtlicher Jäger im glänzendſten Schmucke führte die Braut, der Schloßbediente die Köchin. Sämmtliche vornehme Häuſer der Reſidenz waren in ihren beſten Lidreen bei dieſem Feſte vertreten. Es wurde ſehr viel gegeſſen, noch maht getrunken und auch nicht wenig getanzt.— Von dieſem freudigen Ereigniſſe ſehen wir uns verankaßt, dem gewöhnlichen Lauf der Welt nach auf ein ernſteres überzugehen, welches mit unſerer Geſchichte zu innig verwebt iſt, um nicht da⸗ von Kenntniß nehmen zu müſſen. Hochzeit und Tod. Wir erlaubten uns ſchon, dem geneigten Leſer mitzutheilen, daß es den wenigen Leuten, welche ihren Weg durch die enge Gaſſe hinter dem Schoppelmann'ſchen Hauſe zu nehmen pflegten, an dem erſten und zweiten Tage nicht auffiel, daß die Thüre des kleinen Weinhauſes der Frau Schilder beſtändig und feſt verſchloſſen war. Endlich machten ſpielende Kinder einen vorübergehenden Mann auf die ſonderbaren Flecken aufmerkſam, welche unten an der Thüre und auf der ſteinernen Schwelle ſichtbar waren. Dieſer Mann klopfte zu wiederholten Malen an die Hausthüre; doch ſchallten dieſe Schläge dumpf und hohl, ohne eine Antwort hervorzurufen. Darauf umging er das Haus, betrat den kleinen Kloſterhof und ſchaute von dort in die Fenſter, bemerkte aber auch da nichts. Dieſer Vorfall wurde der Polizei gemeldet, die ſich hiedurch veran⸗ laßt ſah, bei der Wittwe Schilder eine förmliche Hausſuchung vor⸗ zunehmen. Da man die Hausthüre nicht aufſprengen wollte und die Fenſter hinten einem leichten Drucke nachgaben, ſo ſtiegen die Beamten der öffentlichen Sicherheit dort hinein. Der Polizeiwacht⸗ meiſter, der das Ganze leitete, verſicherte ſpäter, mit einem ſelt⸗ ſamen, unheimlichen Gefühle eingetreten zu ſein. In dem Hinter⸗ zimmer fand ſich nichts, als auf dem Tiſche die aufgeſchlagene Bibel und in einem Winkel ein großes, offenes Meſſer, welches ſich aber bei ſpäterer genauer Unterſuchung als gänzlich ohne Blutflecken und deßhalb ziemlich unverdächtig ergab. Eine Todtenſtille lag auf dem Hauſe, und der erſte Polizeiſoldat, der nun vorn an die Treppe ging, ein Mann, der doch in dieſem Fache Ziemliches gewohnt war, wich ſchaudernd einen Schritt zurück, als ſich ſo Gräßliches ſeinem Blicke darbot.—— 3 Wir wollen den Leſer mit dieſem Bilde verſchonen. Die Leiche des unglücklichen Weibes wurde aufgehoben, nach⸗ dem die herbeigernfenen Gerichtsperſonen zuvor die genaueſte Kennt⸗ niß von ihrer Lage und den ſie umgebenden Gegenſtänden genom⸗ men. Die umherliegenden Gold⸗ und Silbermünzen wurden, * „ — —— —— — Zweiundfünfzigſtes Kapitel. ohne ſie zu berühren, zuſammengekehrt und in einen Behälter gethan. Natürlicher Weiſe vermuthete man anfänglich einen Mord; doch ergab ſich nach angeſtellter ſorgfältiger ärztlicher Unterſuchung und Sektion, daß die Fran, im Begriffe, mit dem bei ihr gefun⸗ denen Gelde die Treppe hinabzuſteigen, vom Schlage getroffen worden ſei und unten vielleicht noch einige Stunden lebend gele⸗ gen habe. Wenigſtens ſchloß man Letzteres aus dem Blute, welches bis an die Thüre gefloſſen.— Am meiſten wunderten ſich die Ge⸗ richte bei dieſer Sache über das baare Geld, welches man bei der Frau Schilder, die als in dürftigen Umſtänden lebend bekannt war, vorgefunden. Es war über tauſend Gulden in Baarem, und einige Zeit darauf, nachdem die Frau begraben war und man das Haus abermals öffnete, um zum Behufe einer Verſteigerung die wenigen Mobilien der Verſtorbenen aufzunehmen, fanden ſich noch einige Papiere, über welche wir ſpäter zu reden Veranlaſſung haben werden. Den größten Eindruck in der Nachbarſchaft hatte dieſe Ge⸗ ſchichte aus verſchiedenen Gründen auf das Herz der Madame Schoppelmann gemacht. Obgleich ſie die Frau Schilder keines⸗ wegs liebte, ſo war es ihr doch fürchterlich, daß dieſe Frau gerade ſo nahe ihrem Lienen Wohnhauſe dieſes ſchreckliche Ende hatte nehmen müſſen. Die Gemüſehändlerin konnte es nicht unterlaſſen, häufig während des Tages, mehr aber noch nächtlicher Weile nach dem verſchloſſenen Hauſe hinüber zu ſchielen, und dabei konnte ſie die ſchreckliche Idee nicht unterdrücken, als würde die nicht mehr exiſtirende Nachbarin plötzlich ihre Thüre öffnen und ihr grinſend einen guten Abend bieten. Was aber Madame Schoppelmann am meiſten bei der Sache bekümmerte, war das plötzliche Verſchwinden ihrer beiden Söhne. Daß dieſelben einen Tag und eine Nacht abweſend waren, war ſchon häufi ſiger vorgetounnn. Als ſie aber nach acheundvierzig Stun⸗ Hochzeit und Tod. 157 den nicht wieder erſchienen, als drei Tage vergingen, vier Tage, und weder Einer der Beiden zurück kam noch irgend ein Lebens⸗ zeichen von ſich gab, da ſchüttelte die Mutter doch einigermaßen beſorgt den Kopf und wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Wenn ihr die beiden Buben auch unendlich viel Kummer verurſach⸗ ten, ſo waren und blieben es doch einmal ihre Söhne; und daß ſie namentlich ſo ſpurlos verſchwunden, das machte der alten Frau die größte Sorge; denn ſie war deßhalb nicht einmal im Stande, mit einer Gewißheit über ſie zu ſprechen, was ihrem gepreßten Herzen eine Erleichterung geweſen wäre. Daß die Beiden nicht ſo bald zurück kehren würden, vermu⸗ thete ſie übrigens nicht eher, als bis ſie nach ein paar Tagen an ein verborgenes Fach ihres Schreibtiſches kam und dort zu ihrem größten Schrecken wahrnahm, daß ihr ein Sack mit einer beträcht⸗ lichen Summe in Kronenthalern fehle. Die Gemüſehändlerin wurde bei dieſer Entdeckung bleich vor Schrecken. Das hatte ſie nicht erwartet und nimmermehr geglaubt, daß ihre eigenen Kinder ſie beſtehlen würden. Wenn ſie auch genugſam von deren Lebens⸗ wandel überzeugt war, wenn ſie ſie auch für leichtſinnig, faul und liederlich hielt, wenn es auch ſchon vorgekommen war, daß ſie ſich gerade kein großes Gewiſſen daraus gemacht hatten, irgend etwas voon den Viktualien der Mutter zu ihren eigenen Zwecken zu miß⸗ brauchen, ſo wäre es der Frau doch wahrhaftig nie in den Sinn gekommen, zu glauben, ihre Söhne ſeien fähig, die eigene Mutter ſo rückſichtslos zu beſtehlen. Wenige Tage, nachdem die Polizei das Haus drüben unter⸗ ſucht, hatte ſich einer dieſer Herren— wahrſcheinlich zufälliger Weiſe— bei Madame Schoppelmann eingefunden und, mit ihr ein gleichgültiges Geſpräch führend, ſie auch im Verlaufe deſſelben nach ihren beiden Söhnen befragt. Die Mutter hatte geſagt, was ſie wußte, daß ſie nämlich ſeit ein paar Tagen fort, wahrſcheinlich über Land ſeien, und hatte mehr aufrichtig als klug hinzugefügt, —— — — 158 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. ſie begreife dieſes Verſchwinden ihrer Söhne nicht recht, es ſei das für eine Dauer von meyreren Tagen bis jetzt noch nicht vor⸗ gekommen. Die Gemüſehändlerin ſaß vor der erbrochenen geheimen Schubs⸗ lade ihres Schreibpultes und legte die Hände ermattet in den Schooß. Ihr Haupt hatte ſie geſenkt, und da ſie, ehe dies geſchehen, zufällig die beiden uns bekannten leeren Medicinflaſchen ſah, ſo hatte ſie einen heftigen Zorn, der in ihr außzuſteigen drohte, be⸗ kämpft und ließ dafür Schmerz und Wehmuth in ihr Herz ziehen. Sie hatte allerlei Gedanken, und die kamen ſo nach und nach, einer nach dem anderen, daß ſie ſich ordentlich davor fürchtete. Sie wußte wohl, welche Gemeinſchaft ihre beiden Söhne mit der Schilder drüben gehabt; ja, die Strebeling, die an jenem unglück⸗ lichen Abend zufällig droben am Fenſter war, wollte die Gebrüder Schoppelmann noch geſehen haben, als ſie ſpät jenes Haus ver⸗ ließen. Nun war die Frau eines ſo plötzlichen und ſchrecklichen Todes geſtorben, und die Beiden— Gott im Himmel! dachte die Frau ſchaudernd— vielleicht in Folge davon ſo plötzlich ver⸗ ſchwunden. Es war gut, daß die arme Mutter, während auf der einen Seite ihr Herz durch ihre Söhne ſo tief betrübt war, durch das Glück ihrer Tochter auf der anderen Seite hoch erfreut wurde. Aber ſie fühlte ſich hier in dieſen finſteren Mauern ſo einſam und verlaſſen. Ja, ihr Geſchäft, das ihr ſonſt ſo große Freude ge⸗ macht, war nicht mehr im Stande, ſie aufzuheitern.—„Wozu die Plagerei bei Tag und Nacht?“ ſprach die Gemüſchändlerin zu ſich ſelber. Für wen ſoll ich mich abſchinden und aufopfern? Für Katharine habe ich genug zuſammen gebracht, und auch für die beiden ungerathenen Buben, wenn ſie da geblieben wären.— Und dann,“ fuhr ſie nach einem längeren Stillſchweigen fort,„bin ich es meiner Tochter, der Katharine, wenn ſie je das Glück haben ſollte, in dem Hauſe zu bleiben, wahrhaftig ſchuldig, etwas für ſie 8 3 dem, wie an jenem Morgen, wo wir den geneigten Leſer zum Hochzeit und Tod. 159 zu thun, was darin beſtehen muß, daß ich mir zu einer Stellung verhelfe, wo ich mich mit Anſtand vor meinem künftigen Schwieger⸗ ſohn kann ſehen laſſen. Das geht nicht immer ſo fort, und ich kann und will hier uicht Rettige und Fiſche verkaufen, während ſie in ihrem Wagen bei mir vorbeifährt. Es würde ſich das nicht ſchicken.“ Bei dieſen Worten und mit einem leiſen Seußzer blickte die Frau rings in ihrem Waarenmagazine um ſich, und als ſie hier alle ihre Reiche ausgebreitet ſah, da wurde ihr das Herz ſchwer, wenn ſie daran dachte, dies alles ſei nicht mehr für ſie da. Seit Katharina das Haus verlaſſen, war ihr, trotz der thätigen Hülfe der Jungfer Strebeling, das ganze Anweſen eine große Laſt ge⸗ worden; ſie liebte es nicht mehr, ſie konnte es nicht mehr mit dem Intereſſe anſchauen, wie früher. Nun aber, ſeit jene Geſchichte drüben vorgefallen war, ſeit ihre Söhne das Haus verlaſſen, ſeit die Hand ihrer eigenen Kinder ſie beſtohlen, war es der alten Frau unheimlich geworden, und dieſer Hof, Zimmer und Waaren⸗ magazin, ſonſt ihr Stolz und ihre Freude, alles das hatte nichts An⸗ ziehendes mehr für ſie; ſie fand es hier zum erſten Male finſter und unwohnlich. Nachdem die Gemüſehändlerin ihr Schreibpult wieder ver⸗ ſchloſſen, begab ſie ſich in ihr Zimmer nach dem Hofe zu, in jene Vorhalle mit dem großen Herde, wo ſie ſich in der Kaminecke neben dem praſſelnden Feuer niederſetzte. An dem uns bekannten Tiſche in der Nähe der Thüre befand ſich Jungfer Strebeling; ſie hatte das große Buch vor ſich und übertrug die Hieroglyphen der Schiefertafel in leſerliche Worte und Zahlen. Die alte Jungfer war ſo in ihr Geſchäft vertieft, daß ſie nicht einmal zu bemerken ſchien, wie Madame Schoppelmann aus dem Nebenzimmer kam und ſich in ihren traulichen Winkel ſetzte. Aber, ach! dieſer Winkel war nicht mehr ſo traulich wie vor⸗ 160 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. erſten Male hier einführten, wo draußen auf dem Hofe die warme Frühlingsſonne ſchien und im Scheine derſelben aufgehäuft lag, was es in jener Jahreszeit Schönes und Gutes gab. Und in den Monaten Mai und Juni gibt es viel Schönes.— War damals nicht auch Katharina in das Zimmer getreten, die luſtige, vergnügte, glückliche Katharina, und hatte nicht dort an jenem Tiſche der Fubrdand geſeſſen?— Wo mag der jetzt ſein?— Die Gemüſehänudlerin ſeufzte ſo laut und lange, daß Jungfer Glementine nothwendiger Weiſe in ihrer Arbeit einhalten und aufblicken mußte. „Was fehlt Ench denn, Frau?“ fragte ſie erſchrocken.„Du lieber Gott, Ihr müßt das nicht ſo zu Herzen nehmen! Die wer⸗ den ſchon wieder kommen.“ „Darüber habe ich eigentlich nicht geſeufzt,“ verſetzte Madame Schoppelmann.„Es war nur ſo ein Seufzer im Allgemeinen. Aber ich habe in der letzten Zeit wirklich zu viel Unangenehmes erlebt!“ „Aber auch Angenehmes,“ ſagte Clementine, während ſie einen Finger auf bie Schiefertafel hielt, um die Stelle nicht zu vergeſſen wo ſie gerade am Uebertragen war. „Ja, allerdings, die Katharine,“ ſprach die Frau achſelzuckend. „Da könnte villeicht noch was Gutes daraus entſtehen. Vielleicht, ſage ich, nur vielleicht; denn das Schickſal hat ſeine Launen.— Aber hier dieſes Haus iſt mir gewaltig entleidet. Sieht Sie, Strebelinge, wenn meine beiden Söhne auch als ein paar Tauge⸗ nichtſe bekaunt waren, ſo hatten ſie doch bis jetzt noch nichts ge⸗ than, was ſie vor der ganzen Welt blamiren konnte.“ „Und nun?“ fragte Clementine erſtaunt. „Da mag man ſagen, was man will,“ fuhr die Gemüſehänd⸗ lerin finſter fort und ſchlug mit ihrer geballten rechten Fauſt in die Handfläche,„ſie ſtehen zu der traurigen Geſchichte da drüben n ij irgend einer Verbindung:“ — Hochzeit und Tod. 161 „Um Gottes willen, was habt Ihr für ſchrecl iche Gedanken!⸗ rief entſetzt die alte Jungfer. „Verſteht mich recht,“ erwiderte Madame Schoppelmann.„Ich will gerade nicht behaupten— nein, Gott ſoll mich davor bewahren! — wenn ich das denken ſollte, müßte ich ja ein Narr werden; ſeht, wie ich nur bei ſo einem Gedanken ſchaudere; nein, nein, gewiß nicht! Aber ſie haben mit dem Weibe da drüben— Gott habe ſie ſelig— irgend eine Gemeinſchaft gehabt; ſie haben es gewußt, was da drüben vorgegangen, und deßhalb ſind ſie auf und davon.“ „Freilich, freilich,“ ſagte Clementine nachdenkend.„Gerade ſeit jener Zeit hat man ſie nicht mehr geſehen.“ „Das hängt irgend wie zuſammen,“ fuhr die alte Frau fort. „Warum ſind ſie nicht da geblieben, wenn ſie ſich nicht gefürchtet hätten, zugegen zu ſein, wie man die Geſchichte drüben entdeckt? Und glaubt mir, Strebelinge, ſo wie ich denken auch andere Leute. Umſonſt war neulich der Polizeiwachtmeiſter nicht hier. Aber das iſt keine Kleinigkeit; der Name Schoppelmann konnte ſich bis jetzt hören laſſen in der Stadt; da war nicht ein Fleckchen daranf ſo groß wie eine Nadelſpitze.— Und was wird das Ende vom Liede ſein? Die beiden Burſche treiben ſich irgend wo im Lande umher, bis ſie keinen Kreuzer Geld mehr haben, dann machen ſie ſchlechte Streiche und werden an einem ſchönen Morgen eingebracht, hier⸗ her eingebracht auf die Polizei; und dann, Strebelinge, denk' Sie ſich das Unglück! Kann ich mich dann ferner ſehen laſſen? Wird mich nicht die ganze Welt mitleidig und böswillig fragen: ei, Frau Schoppelmann, wie iſt denn das?— Hätte man das je denken können!— Iſt denn die Geſchichte wahr?— O, ol das wär' ich gar nicht im Stande zu überleben! Nein, nein, ich habe die Geſchichte ſatt und will meine Schritte thun.“ 4 Hier gingen die Worte der Gemüſehändlerin, welche ſte bis jetzt an ihren weiblichen Buchhalter zu richten ſchien, in ibre be⸗ kannte Manier, zu ſich ſelbſt zu Tiden, über. Hackländers Werke. XII. —— ———— — ——— — — 162 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. „Wozu mich auch länger plagen?— Der Doktor hat es mir ſchon öfters geſagt, ich ſolle den Handel dran geben und mich zur Ruhe ſetzen. Das will ich denn auch thun.— Ich haſſe ſolche garſtige Geſchichten in meiner Nähe, wie drüben bei der Schilder geſchehen; ich mag ſolche Nachbarſchaft nicht.— Aber ich kann 3 es nicht vergeſſen— wachend und träumend muß ich daran denken. — Und warum ſoll ich mir meine letzten Lebenstage ſo verbittern? — Ich habe genug geſchafft.“—— Jetzt mußte ſie ſich in ihren Ideen mit dem Zimmer ihrer Söhne beſchäftigen, denn ſie ſagte auf einmal, indem ſie ihre lau⸗ 3 ten Träumereien verließ:„weiß Sie nicht, Jungfer Strebeling, ob der Schloſſer da war und droben das Fenſtergitter wieder feſt⸗. gemacht hat?“ 3. „Iſt Alles geſchehen, wie Ihr befohlen,“ entgegnete Cle⸗ mentine.„Es hat einen Gulden und zwölf Kreuzer gekoſtet; ich habe ſie bezahlt.“ N „Ja ſo!“ fuhr die Gemüſehändlerin nach einer längeren Pauſe fort;„an Euch habe ich noch gar nicht einmal recht gedacht. Es thut mir wahrhaftig um Euch leid, wenn ich mich zurück ziehe und das Haus verlaſſe. Werdet Ihr hier im Hauſe bleiben, oder,“ fuhr die Frau lächelnd fort,„iſt bald was Anderes im Werke?“ 4— Clementine zerkaute verwirrt die Spitze ihrer Feder und ſah betrübt auf die Schiefertafel. Ach, auch ſie hatte der Tod der Schilder ſchmerzlich berührt! Dieſe Frau hatte allein den Faden in der Hand, der ſie, wenn auch nur brieflich, mit dem entfernten Freunde verband. Das war nun auf einmal zu Ende, und Cle⸗ mentine wußte weder, wo ſich Herr Müller aufhielt, noch, wer künftig ihre Briefe beſorgen würde. Aus den Zeitungen mußte er nothwendiger Weiſe das traurige Ende der Frau erfahren haben, und Tag um Tag, Stunde um Stunde hoffte die Jungfer ein paar Zeilen zu erhalten. Aber es war bis heute nichts gekommen. Der Entſchluß der Gemüſehändlerin, Haus und Geſchäft zu 8— Hochzeit und Tod. verlaſſen, kam Clementinen im Augenblicke unerwartet; doch be⸗ griff ſie vollkommen die Gefühle der alten Frau. Seit Katharina aus dem Hauſe war, kam es auch ihr öde und unheimlich vor, und wir müſſen geſtehen, daß die einzigen glücklichen Stunden, welche Clementine hatte, jene waren, wo ſie ihre Freundin beſuchen konnte. Und das geſchah denn auch alle paar Tage zur augenſcheinlichen Freude Katharinens. „Wenn ich einmal von hier fort bin,“ ſagte Madame Schop⸗ pelmann, welche längere Zeit über etwas nachgedacht hatte,„ſo wird's Euch auch nimmer angenehm ſein, da zu bleiben. Was ſollt Ihr unter fremden Leuten? Und wenn Ihr bis dahin keine anderen Ausſichten habt— nun, Ihr verſteht mich wohl!— ſo will ich Euch einen Vorſchlag thun. Ihr wißt, daß ich Euch gut leiden mag; zieht mit mir, und um ein Billiges gebe ich Euch 4 Koſt und Logis. Wahrſcheinlich bleibe ich in der Stadt; ich will nur vorher ſehen, wie ſich das mit meiner Tochter macht. Die Sache hier denke ich aber ſo bald wie möglich aufzugeben.— Wart Ihr ſo gut und habt mir die Claaſen und die Klingler her⸗ beſtellt?“ „ Ich that ſo, wie Ihr mir geſagt,“ entgegnete Clementine 1 ſſichtlich zerſtreut; denn ſie dachte über den Vorſchlag der Madame 4 52 Schoppelmann nach und rechnete, ob ihr zuſammen geſchmolzenes Vermögen ihr auch erlauben würde, ihn anzunehmen, und dachte Kabei an ihn, auf den ſie Alles geſetzt, ihre Hoffnungen, faſt ihre ganze Habe.. ——— Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Jungfer Clementine Strebeling beſteht ein polizeiliches Examen, und Madame Schoppelmann 9 g 3 2 ſieht ſich veranlaßt, einen wichtigen Schritt zu thun. Da vernahm man Schritte im Hof, und ehe noch Jemand eintrat, ſchlüpfte eine der Mägde der Gemüſehändlerin in die Vor⸗ halle und ſagte mit leiſer Stimme und eiligen Worten, es ſei Je⸗ mand von der Polizei draußen, der ſich bei ihr erkundigt, ob die Frau zu Hauſe ſei. Gleich darauf trat dieſer Beamte auch in das Gemach; und es war nicht blos ein untergeordneter Beamter, ſondern der Polizeikom⸗ miſſär dieſes Viertels, ein langjähriger Bekannter der Gemüſehänd⸗ lerin. Dergleichen Leute haben zweierlei Arten von Benehmen. Ma⸗ dame Schoppelmann hatte mit dem Kommiſſär in häufigem ge⸗ ſchäftlichem Verkehr geſtanden, und bei dieſen Veranlaſſungen war Herr Wunſch, der ſehr darauf hielt, jeder Jahreszeit ihr Recht an⸗ gedeihen zu laſſen, und dem eine Schnepfe um Lätare lieber war als nach dem Palmſonntag, der herablaſſendſte, leutſeligſte und freund⸗ lichſte Mann, den man weit und breit finden konnte. Er hatte auch ſchon oft ein Auge zugedrückt über kleine Fehler der Gebrü⸗ der Schoppelmann, die zu ſeinen Geſchäftsohren gelangt waren⸗ anerkannten guten Eigenſchaften der Mutter jener leichtſinnigen jungen Leute zu Liebe. 5 3 Obgleich die Gemüſehändlerin mit einigem Erſchrecken einſah, daß es ſich hier um nichts Geringes handle, da der Polizeikom⸗ miſſär ſelbſt ſich in ihre Wohnung bemüht hatte, war es ihr doch angenehm, mit dieſem Bekannten ſtatt mit einem fremden Unter⸗ beamten verhandeln zu müſſen. Als eine kluge Frau ſpielte ſie —-——— —-—— Clementine beſteht ein polizeiliches Examen. 165 noch obendrein vollkommen die Unbefangene, erhob ſich äußerſt freundlich und ſo ſchnell als möglich von ihrem Stuhle und ſchien ſichtlich entzückt, den Herrn Polizeikommiſſär bei ſich zu ſehen. Dieſer aber hatte heute das feierliche Dienſtbenehmen ange⸗ nommen, verſtand es jedoch auch hier, eine kleine Schattirung zu machen. Als Beamter der öffentlichen Gewalt hatte er in Fällen, wie der vorliegende, ein ernſtes, würdiges Ausſehen, das ſich bei unbekannten Individuen nicht ſelten zu einem Ausdrucke von Strenge und Grobheit ſteigerte, hier aber der bekannten Frau gegenüber mit einer leichten Wehmuth vermiſcht war. „Sollte der Herr Polizeikommiſſär,“ ſagte die Gemüſehändle⸗ rin nach einem tiefen Athemzuge,„ſich vielleicht ſelbſt hieher be⸗ mühen; um in Perſon nach dem gewünſchten Winterobſt zu ſehen?“ Herr Wunſch ſchüttelte auf dieſe Frage hin ernſt und melan⸗ choliſch ſein Haupt und antwortete:„dieſes Mal nicht, meine gute Frau.“ Dann blickte er ſich rings prüfend in dem Gemache um, ſchien jedes Fenſter, jede Thür ſeiner beſonderen Aufmerkſamkeit zu würdigen und ſchaute endlich auch Jungfer Strebeling lange und durchdringend an, die, zufällig aufſchauend, vor dieſem Blicke zuſammen ſchrak. Die Gemüſehändlerin hatte einen Stuhl herbei geholt, und der Polizeikommiſſär ließ ſich langſam darauf nieder, zog mit großer Bedächtigkeit ſeine Schnupftabaksdoſe hervor und nahm eine ſtarke Priſe, wobei er die beiden Frauenzimmer abwechſelnd anſah. 3 „Das iſt.— ²“ ſagte er nach einer Pauſe, indem er auf die Schreiberin wies, die ſich wieder emſig mit ihrem Buche und ihrer Schiefertafel beſchäftigte. „Die Jungfer Strebeling,“ entgegnete die Gemüſehändlerin. „Wohnt ſchon länger in unſerem Hauſe und hilft mir, ſeit meine Tochter nicht mehr da iſt, beim Schreiben der Bücher.— Ich kann damit nicht mehr recht umgehen,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu. ———ÿ—— “ Dreiundfünfzigſtes Kapitel. „Ah ſo?“ ſagte Herr Wunſch und blickte die alte Inngfer mit ſichtlichem und ſehr großem Intereſſe an. Elementine war bei der Nennung ihres Namens zuſammen gefahren. Sie wußte nicht, warum, aber es war ihr recht unheim⸗ lich und ängſtlich zu Muthe. Der Polizeikommiſſär hatte ſich ſo geſetzt, daß er, ohne den Kopf ſtark zu drehen, die Beiden anſehen konnte. „Soll ich mich vielleicht entfernen?“ fragte die alte Jungfer mit ſchüchterner Stimme und blickte die Gemüſehändlerin an. Sie wagte es nicht, dem Manne des Geſetzes in die Augen zu ſehen. Madame Schoppelmann blickte fragend auf den Beamten. Doch dieſer ſagte mit ruhigem Tone:„Es wäre mir im Gegen⸗ theil ſehr angenehm, wenn die Jungfer Strebeling da bleiben wollte.“— 3 Clementine ſchauderte; Herr Wunſch nahm ruhig eine zweite Priſe. 3 „Ja, ja!“ ſprach er darauf nach einer längeren Pauſe,„da ſind in unſerem Stadtviertel ja merkwürdige Dinge vorgefallen, die erſten derartigen, ſo lange ich Polizeikommiſſär bin.“ „Es iſt ſehr traurig!“ ſagte die Gemüſehändlerin.„Und wer hätte es glauben können, ſo eine magere Fran muß am Schlag ſterben! Ja, was ſoll dann mit unſer einem geſchehen?“ Sie wollte offenbar auf ihre eigenen Koſten einen kleinen Spaß machen. „Man nimmt allerdings an, es ſei ein Schlaganfall geweſen,“ entgegnete ruhig der Beamte.„Die Aerzte haben es ſo ausge⸗ ſprochen; das Gericht hat ſich damit zufrieden geſtellt.“ Madame Schoppelmann athmete tief auf. „Nun aber,“ nahm der Beamte nach einem längeren Still⸗ ſchweigen wieder das Wort,„haben ſich bei der Hausſuchung, die — N Clementine beſteht ein polizeiliches Examen. 167 wir vor einigen Tagen veranſtalten mußten, allerlei ſonderbare und ſeltſame Dinge ergeben.“ 3 „Ah!“ ſagte Madame Schoppelmann. „Ich will nicht von einem Meſſer ſprechen,“ fuhr der Beamte in demſelben ruhigen Tone fort, wobei er die dicke Frau feſt anſah, „von einem offenen Meſſer mit langer Klinge, das auf dem Fuß⸗ boden des hinteren Zimmers gefunden wurde.“ „Ein Meſſer?“ „Allerdings, ein Meſſer,“ antwortete Herr Wunſch.„Wie könnte ich Ihnen doch dieſes Meſſer am beſten beſchreiben?— Richtig! ſo wird's gehen.— Sie werden ſich erinnern, Frau Schoppelmann, daß Ihr Sohn Konrad, auch der Jäger genannt—“ „Mein Sohn Konrad?“ ſagte die Frau erſchreckt. „Derſelbe,“ erwiderte der Polizeikommiſſär,„brachte mir vor einiger Zeit einen Haſen, den ich von Ihnen gekauft, und auf mein Erſuchen ſtreifte er dieſen Haſen in meiner Gegenwart ab.“ „Nun?“ 5 „Und bediente ſich dabei eines Meſſers,“ fuhr Herr Wunſch fort,„ganz ähnlich dem, welches wir in dem hinteren Zimmer der Frau Schilder gefunden.“ Jungfer Clementine ſaß wie auf Kohlen; denn der Beamte ſah während ſeiner Rede hauptſächlich ſie an. Vor ihrem Geiſte bewegten ſich allerlei ſchreckliche Bilder; da ſah ſie Meſſer und Blut und Mörder und Geſpenſter. Sie athmete ſchwer und tief auf, und als ſie mit ihrer Hand über die Stirn fuhr, fühlte ſie auf derſelben kalte Schweißtropfen. Der Beamte, welcher mit größter Ruhe eine dritte Priſe nahm, lächelte ihr auf eine eigenthümliche Art zu. Er klopfte ſich einzelne Körnchen des Tabaks von der Uniform und wiederholte langſam und gedehnt:„Ein geöffnetes Meſſer. Aber das würde an ſich nooch nichts bedeuten, hat auch eigentlich nichts zu ſagen, und ich ſprach nur darüber, weil es mir gerade einfiel.— Jetzt aber kom⸗ 8 168 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. men wir zu einem anderen Punkte, demjenigen, weßhalb ich Ihre Meinung, Frau Schoppelmann, hören wollte. Wir nahmen alſo vorgeſtern drüben eine Hausſuchung vor. Dieſe ergab anfänglich kein großes Reſultat; das Hausweſen der Frau ſchien arg ver⸗ lumpt und herunter gekommen, das Mobiliar in ſchlechtem Zu⸗ ſtande, Bettwerk ſo gut wie gar nicht vorhanden, von Wirthſchafts⸗ geräth nur das Kümmerlichſte. Kein halbes Dutzend ganzer Gläſer, Wein nicht einen Tropfen. Aber baares Geld.“ „Das iſt erſtaunlich!“ ſagte Frau Schoppelmann. „Allerdings ſehr erſtaunlich,“ fuhr der Beamte fort.„Ueber tauſend Gulden baares Geld; doch fanden wir das ſchon am erſten Tage; es lag um die Leiche in ſchönen Gruppirungen. Es wäre ſonderbar geweſen, wenn ſich dieſes baare Geld allein im Hauſe befunden hätte; es war das nicht glaublich. Das meinte auch mein Polizeiſoldat Schneider, der namentlich in dieſer Beziehung eine feine Naſe hat und der ſich ſorgſam daran gab, Kiſten und Kaſten zu unterſuchen, namentlich aber auf verborgene Fächer fahndete.“ Bei den letzten Worten zog der Polizeibeamte ſeinen Hemd⸗ kragen etwas in die Höhe und blickte nach der Jungfer Strebeling binüber, die aber bei Nennung der geheimen Fächer durchaus keine Bewegung verrieth. „Das iſt über alle Maßen erſtaunlich!“ warf die Gemüſehänd⸗ lerin dazweſchen.„Tauſend Gulden bei der Schilder? Ich hätte ihr nicht tauſend Kreuzer zugemuthet.“ „Die Polizei auch nicht,“ ſagte Herr Wunſch, indem er ſtolz ſeinen Kopf erhob.„Die Frau war als verſchuldet bekannt. Um ſo mehr mußten wir aber erſtaunen, als Schueider in einer alten Komode wirklich einen geheimen Behälter entdeckte und in demſel⸗ ben merkwürdige Papiere fand.“ „Papiere?“ fragte erſtaunt Madame Schoppelmann. „Ganz merkwürdige Papiere,“ entgegnete der Beamte, indem Clementine beſteht ein polizeiliches Examen. 169 er ſeinen Oberrock aufknöpfte und ein anſehnliches Paket hervor⸗ zog.„Ich muß mir ſchon erlauben,“ fuhr er ruhig fort,„Sie von dem Inhalt dieſer Papiere in Kenntniß zu ſetzen.“ Damit ſah Herr Wunſch die alte Jungfer mit einem ſo feſten, wir möchten ſagen: gierigen Blicke an, daß ſie die Augen nieder⸗ ſchlug, ſich aber dabei nicht enthalten konnte, zu ſagen:„Wenn’'s gefällig iſt.“ „Gefällig durchaus nicht,“ entgegnete würdevoll der Beamte. „In der That nicht gefällig; es iſt eigentlich nur meine Pflicht, die ich erfülle, keine Gefälligkeit.“ Er wollte eigentlich ſagen, keine Schonung, doch ſchien ihm die arme Clementine ſchon eingeſchüchtert genug. Er riß den Bindfaden herunter, rückte ſeinen Stuhl näher an den Tiſch, alſo auch zu Clementine, entfaltete einen ganzen Stoß Akten und räuſperte ſich mehrere Male. „Verzeihen Sie mir, Herr Polizeikommiſſär,“ ſagte jetzt Ma⸗ dame Schoppelmann;„es ſieht ja faſt aus, als gehen uns die Pa⸗ piere der Frau Schilder an! Was haben wir um Gotteswillen damit zu ſchaffen?“ Herr Wunſch zuckte auffallend hoch die Achſeln und entgegnete: „Wir wollen das ſpäter, hoffe ich, erfahren. Für jetzt muß ich Sie um einen Augenblick Gehör bitten.“ Damit hatte er die Papiere vor ſich ausgebreitet, glättete ſie behutſam, indem er mit dem Aermel darüber ſtrich, und las nun mit einer wahrhaft erſchütternden Stimme und mit einem unſäglich blutgierigen Blicke auf Clementine:„Verhandelt in Anweſenheit der Gerichtsbeiſitzer N. N.“ Dann ſchaute er abermals in die Höhe, um die Gewißheit zu erlangen, welchen Eindruck dieſe ſchreck⸗ liche Einleitung auf das Gemüth der beiden Frauen hervorgebracht. Die Gemüſehäudlerin, die dergleichen ſchon mehrmals gehört hatte, war ſich ziemlich gleich geblieben, Jungfer Strebeling dage⸗ gen zuſammen geknickt, wie eine vom Hagel getroffene Lilie. 3 170 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. „In Anweſenheit der Gerichtsbeiſitzer ꝛc. wurde an dem und dem Tage von unterzeichnetem Polizeikommiſſär in der Wohnung der verſtorbenen Frau Schilder eine Hausſuchung vorgenommen, deren Reſultat Folgendes war. Nach verſchiedenen unbedeutenden Sachen,“ fuhr Herr Wunſch fort, indem er mehrere Blätter um⸗ wendete,„fand ſich eine Eichenholzkommode vor, deren obere Schub⸗ lade einen doppelten Boden ergab, welches Behältniß nachfolgende Papiere enthielt ꝛc.— unweſentlich; ferner aber eine Staatsobli⸗ gation Nr. 4680, eine dito Nr. 4681, eine dito Nro. 4682, zu⸗ ſammen im Betrage von dreitauſend Gulden.“ „Herr Jeſus!“ ſeufzte Clementine. „Bei dieſen Obligationen lag ein Dokument, welches beſagte, daß dieſe dreitauſend Gulden ſich dadurch im rechtmäßigen Beſitze der Frau Schilder hefänden, weil ſie ihr von der vormaligen In⸗ haberin dieſer Obligationen zur Deckung eines früher gemachten Anlehens zurückbezahlt worden ſeien.“ 3 4 Hier machte der Beamte eine Pauſe, und Madame Schoppel⸗ mann, welche dieſe Sache zu intereſſiren anfing, trat zu dem Tiſche und ſagte:„Das iſt allerdings merkwürdig! Da möchte ich nur wiſſen, welcher Chriſtenmenſch der Schilder etwas ſchuldig ge⸗ weſen. Dreitauſend Gulden!— und wer hat die heimbezahlt? Na, da ſchau einer an!“ 8 Clementine war mehr todt als lebendig. Obgleich ſie keinen Begriff davon hatte, was eigentlich Schreckliches über ſie herein⸗ brechen würde, ſo fühlte ſie doch, daß über ihrem Haupte ein Schwert an einem Faden hing, und daß der Faden eben im Be⸗ griffe ſei, zu zerreißen. Sie erhob ſich langſam von ihrem Stuhle; ſie ſchien das Zimmer verlaſſen zu wollen; doch ein gebieteriſcher Blick des Polizeikommiſſärs traf ſie ſo mächtig, daß ſie kraft⸗ und willenlos in ihren Stuhl zurück fiel. „Dieſe Obligationen im Betrage von dreitauſend Gulden,“ fuhr der ſchreckliche Mann fort,„wurden der Frau Schilder vor en ſcheint mir verdächtig.“ Clementine beſteht ein polizeiliches Examen. 171 nicht langer Zeit heimbezahlt, und zwar, wie das beiliegende Do⸗ kument beurkundet, durch— Jungfer Clementine Strebeling.“ Wenn in dieſem Augenblicke die ganze Borhalle eingeſtürzt wäre, ſo hätte Madame Schoppelmann, die begierig den Namen erwartete, nicht mehr erſchrecken können, als jetzt, wo ſie dieſen vernahm. Sie faltete ihre Hände und brachte nur mühſam die Worte hervor:„Ja, iſt denn das möglich?“ Der Polizeikommiſſär hatte ſich in ſeinen Stuhl zurückgelegt und ſpielte mit einem Bleiſtifte, während er die unglückliche Cle⸗ mentine betrachtete. „Ja, habe ich denn recht gehört?“ rief die dicke Frau, indem ſie ihre Hände mehrere Male zuſammen ſchlug.„Ja, kann ich meinen Ohren trauen? Ihr, Strebelinge, habt der Schilder drei⸗ tauſend Gulden gegeben?“ „In Obligationen,“ bekräftigte der Beamte mit einem Kopf⸗ nicken. „So ſprecht doch, unglückſeliges Weibsbild!“ ſagte die Gemüſe⸗ händlerin in wahrer Verzweiflung.„Da ſitzt der Herr Oberpolizei⸗ kommiſſär; es iſt jetzt kein Spaß mehr mit der Geſchichte. Seid denn Ihr der Schilder was ſchuldig geweſen?“ „Nein, nein, gewiß nicht!“ jammerte das unglückſelige Weſen. „Und Ihr habt ihr auch nichts bezahlt?“ fuhr die dicke Frau dringender fort. „Ja, ich habe ihr die drei Papiere gegeben!“ liſpelte verzweif⸗ lungsvoll Clementine und verbarg ihr Geſicht in beide Hände. „Gerechter Heiland!“ vief entſetzt Madame Schoppelmann. „Jetzt geht mir ein Licht auf; wahrhaftig! jetzt geht mir eine Fackel auf!— Ach, Herr Oberpol izeikommiſſär, da iſt was Nieder⸗ trächtiges geſchehen, was ganz abſonderlich Schlechtes!“ „Das glaube ich auch,“ ſagte der Beamte mit ſeltſamem Blick auf Clementine.„Die Jungfer iſt ſehr verwirrt, und das 172 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. „Ach!“ rief die Frau,„der arme Wurm hat nichts gethan; die unglückliche Weibsperſon iſt ſelbſt niederträchtig behandelt wor⸗ den! Mit der hat man ein ſchlechtes Spiel getrieben!“ „So ſoll ſie ſprechen,“ ſagte der Polizeikommiſſär mit zwei⸗ felhaftem Tone.„Warum hat ſie der Schilder das Geld gegeben?“ „Nein,“ jammerte Clementine nach einer Pauſe, und nach⸗ dem der Beamte ſeine Fragen mehrere Male wiederholt hatte; „nein, ich will nichts ſagen; ich kann nichts ſagen, und ſollte es mein Tod ſein!“ 3 „So will ich ſprechen!“ ſagte entrüſtet die Gemüſehändlerin, während ſie mit der Hand auf den Tiſch ſchlug.„Da war ſo ein Kerl— Müller hieß er.“ „Um Gottes Willen! was ſprecht Ihr da?“ rief Clementine in Thränen.„Frau, Frau! Wenn ich das vor fremden Ohren hören muß, ſo werde ich ſterben.“ 4 „Es ſtirbt ſich nicht ſo leicht,“ fuhr Madame Schoppelmann nach einem tiefen Athemzuge fort.„Ich hab's geſagt; da war ſo ein Kerl, der hieß Müller.“ 4 5 „Johannes Müller,“ ſagte lächelnd der Beamte, indem er einen zerknitterten Brief entfaltete. Ihr immer geſagt.— Nur Gleich und Gleich paßt zuſammen; und wenn ein junger Menſch ſo einem alten Ding nachlauft, da ſind immer Abſichten dabei. Und ſo war es auch hier; der ſaubere Herr Müller hat mit der Schilder zuſammen geſpielt.— O, ich bin nicht ſo dumm! Und da haben ſie dem armen Geſchöpf da Briefe geſchrieben und haben darin geſagt, es gehe ihm ſo ſchlecht, und er müſſe ſeine Familie unterſtützen, und dazu brauche er Geld.“ — Clementine beſteht ein polizeiliches Examen. 173 Hier machte die Frau ein kleine Pauſe, um ſich durch einen tiefen Athemzug wieder zu reſtauriren.. Der Polizeikommiſſär hatte während der heftigen Reden der Frau andere Papiere entfaltet und beiſtimmend mit dem Kopfe genickt. „Er brauche Geld!“ fuhr dieſe mit neuen Kräften fort.„Und das Geld hat ſie der Schilder gegeben, einmal ſechshundert Gulden und nun auch dieſe dreitauſend Gulden. O, das iſt nicht an zehn Himmel zu malen!“ Clementine war mit dem Kopfe auf den Tiſch niedergeſunken und weinte und ſchluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen mö⸗ gen. Ihr zartes, ſüßes Geheimniß hatte man ſchonungslos ver⸗ rathen; ihr reines Verhältniß war zu den Ohren der Polizei ge⸗ kommen und ſie blamirt auf ewig! „Mir ſcheint, die Frau hat vollkommen Recht,“ ſagte ſtreng der Beamte.„Wir ſind hier einem Verbrechen auf die Spur ge⸗ kommen, das nothwendiger Weiſe verfolgt und beſtraft werden muß. Deßhalb ſehe ich mich denn auch veranlaßt, Sie, Jungfer Strebeling nöthigenfalls im Namen des Königs zu fragen, wie ſich dieſe Sache verhält.“ „Es iſt ſo, es iſt ſo!“ rief triumphirend die Gemüſehändlerin. „Jungfer Strebeling, Sie werden mir antworten!“ ſagte der Beamte mit ernſtem Tone.„Haben Sie Bekanntſchaft gehabt mit einem Johannes Müller?⸗ „Ja,“ hauchte die Gefragte mühſam hervor. „Hat Ihnen dieſer Johannes Müller durch Vermittlung der Frau Schilder einen Brief zugeſtellt, worin er Ihnen unter Ande⸗ rem ſagt, er habe ſeine Familie in traurigen Umſtänden getroffen, und nur eine gewiſſe Summe könne ihn und ſie vom Verderben retten?“. „So iſt es!“ 174 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. „Haben Sie hierauf dieſe Briefe beantwortet und der Frau Schilder zu gleicher Zeit Geld eingehändigt?“ „Ja.“ „Wie hoch beliefen ſich dieſe Summen?“ Clementine zauderte mit der Antwort und faltete bittend die Hände.— „Wenn Sie,“ fuhr der Polizeikommiſſär ſtreng fort,„hier, wo wir unter uns ſind, die Beantwortung dieſer Frage verweigern, ſo ſehe ich mich veranlaßt, Sie auf das Polizeiamt zu citiren.“ „So rede Se doch!“ ſagte Madame Schoppelmann. „In Gottes Namen denn!“ ſeufzte das gequälte Weſen.„Ein mal fünfhundert Gulden, dann ſechshundert, zuletzt dreitauſend.“ „Faſt ihr ganzes Vermögen!“ jammerte die dicke Frau. „Es iſt unglaublich!“ ſagte entrüſtet der Beamte.„Und wie lange kannten Sie dieſen Johannes Müller?“ 3 „Ei, Herr Polizeikommiſſär!“ rief nun ſchluchzend die Gemüſe⸗ händlerin,„das iſt ja gerade das Schreckliche an der ganzen Sache: ſie hat ihn faſt gar nicht gekannt, nur einmal geſehen und, glaube ich, nur einmal geſprochen.“ „Iſt das wahr?“ wandte ſich der Beamte überraſcht an Clementine. „Ich kann es nicht läugnen!“ entgegnete dieſe, indem ſie ihren Kopf tief auf die Bruſt herabſinken ließ.„Er war arm und nahm meine Hülfe in Anſpruch; ich half ihm. Habe ich damit ein Verbrechen begangen— nun, ſo kann ich ja dafür beſtraft werden.“. Nach dieſen Worten betrachtete der Beamte zum erſten Mal theilnehmend und kopfſchüttelnd die Jungfer Strebeling.„Mir iſt dergleichen noch nicht vorgekommen,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Und glauben Sie denn wirklich, daß der Johannes Müller es gut mit Ihnen meint und Ihnen jene Briefe wirklich geſchrieben hat?“ Clementine beſteht ein polizeiliches Examen. 175 „Er iſt ein braver Mann, darauf möchte ich ſchwören,“ ent⸗ gegnete Clementine. „Den Teufel auch!“ rief die Gemüſehändlerin.„Er hat mit der Schilder gewirthſchaftet. Die Beiden haben Sie um Ihr Geld gebracht und lachten Sie obendrein aus.“ 4 „Das hat er nicht gethan!“ antwortete Clemeittine entrüſtet. „Er iſt zu ſo etwas nicht fähig.“ 3 „Aber wer iſt es denn eigentlich?“ fragte der Beamte.„Wo haben Sie ihn geſehen und geſprochen?“ „Das werde ich nie ſagen!“ entgegnete beſtimmt das unglück⸗ liche Frauenzimmer;„dazu kann man mich nicht zwingen. Und wenn ich Alles verloren habe, ſo iſt das meine Schuld;— nun ja, ſo will ich dafür büßen.“ „Aber den Gerichten kann es nicht einerlei ſein, ob er wegen dieſes Verbrechens unbeſtraft bleibe,“ ſagte der Polizeikommiſſär, „und ich muß dringend darauf beſtehen, mir noch einige Fragen zu beantworten.— Sie haben Briefe von dieſem Herrn erhalten; das iſt nicht anders möglich, und ich muß von Ihnen verlangen, daß Sie mir dieſe Briefe ausliefern.“ Clementine antwortete nicht mehr; ſte war mit dem Kopf auf den Tiſch geſunken und ſchien beſinnungslos. Wenigſtens nahm 3 dies die erſchreckte Gemüſehändlerin an;z denn ſie holte eilig eine . Flaſche mit ſtarkem Kräufereſſig, hob den Kopf der armen Perſon etwas in die Höhe, welche wirklich mit geſchloſſenen Augen da lag, und begann denſelben mit einem angefeuchteten Lappen zu reiben. In dieſem Augenblicke traten Frau Klingler und Frau Claaſen 3 3 in das Gemach. Letztere, die Demüthige, blieb erſchrocken an der 6 Thüre ſtehen, als ſie die Polizei in dieſem Hauſe erblickte. Frau Klingler aber trat einen Schritt näher, ſtemmte die Arme in die Saite und blickte den Polizeikommiſſär ziemlich herausfordernd an.. „Um Gotteswillen! was gibt's denn da?2“ ſagte ſie mit etwas 176 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. gereiztem Tone. fahren?“ „Seht Ihr denn nicht,“ entgegnete Madame Schoppelmann, indem ſie den Polizeikommiſſär bedeutungsvoll und nicht eben ſehr freundlich anſah,„daß ihr unwohl geworden iſt?'s iſt aber auch kein Wunder, wenn man mit den Leuten ſo hart umgeht!“ „Hart umgeht?“ ſagte die Klingler mit gellender Stimme; und die Claaſen, als treues Echo, ſetzte hinzu:„in der That, hart umgeht?“ Der Polizeikommiſſär mochte einſehen, d die Dazwiſchenkunft der beiden anderen Weib geworden war, und daß es unmöglich ſei fertig zu werden; Clementinen „Sie ſehen, Herr Polizeik mann, nachdem Clementine t Kränutereſſig noch kein Auge aufſchlug,„Sie ſehen, daß hier vor⸗ derhand nichts mehr zu fragen iſt. Fortlaufen thut Keines von uns, und wenn Sie uns vielleicht nächſtens wieder einmal die Ehre ſchenken wollten, wäre es uns wei aber vorziehen,“ fuhr ſie n auf das Polizeiamt kommen zu laſſen, ſo habe ich auch nichts da⸗ gegen und werde ſelbſt kommen und die Jungfer Strebeling mit⸗ bringen und einen Advokaten dazu.“ 3 „Meine liebe Frau,“ ſprach ruhig der Beamte,„Sie ereifern ſich wahrhaftig ganz unnöthig; Sie müſſen nicht vergeſſen, daß ich nur aus Schonung für jenes Frauenzimmer hieher ins Haus kam, um die Fragen, welche mir nothwendig ſchienen, an ſie zu richten. Freilich hat ſich nun durch dieſe kleine Unterſuchung etwas ergeben, wonach ich weiter zu forſchen mich für verpflichtet halte. Doch da ich ſehe, daß ſich Jungfer Strebeling in einem Zuſtande befindet, der ihr meine fernere Gegenwart unangenehm macht, ſo werde ich „Was iſt denn der Jungfer Strebeling wider⸗ aß ſein Terrain durch er bedeutend ſchwierig „mit dieſen drei Zungen als ohnmächtig gar nicht zu rechnen. 8 ommiſſär,“ ſagte Madame Schoppel⸗ rotz des heftigen Reibens mit dem t angenehmer. Sollten Sic ach einem tiefen Athemzuge fort,„uns — mich für heute zurückziehen, vorbehaltlich einer weiteren Beſprechung morgen oder übermorgen.“ Auf dieſe Worte hin machte die dicke Gemüſehändlerin einen übermäßig tiefen Knix und drehte alsdann dem Beamten den Rücken, um ſich mit der ohnmächtigen Clementine weiter zu be⸗ ſchäftigen.. Herr Wunſch packte ſeine Papiere zuſammen, erhob ſich in ſei⸗ ner ganzen Größe und Wichtigkeit und ſchritt n Verbeugung ſtolzen Hauptes zur Thüre hinaus. Als er fort war, ſchlug Frau Klingler ihre Hände zuſammen und ſagte:„Herr Jemine! was hat's denn da gegeben? Aber, Frau Schoppelmann, was wollte die Polizei?“ Die dicke Frau zuckte mit den Achſeln und zeigte auf Clemen⸗ t te, welche in dieſem Momente die Augen aufſchlug. „Iſt er fort 2“ fragte das arme Schlachtopfer mit matter Stimme.„Hat er mir meine Briefe vielleicht mit Gewalt ge⸗ nommen?“ nach einer kurzen = Und indem ſie dies ſprach, ſchaute ſie die umſtehenden Wei⸗ ber mit einem troſtloſen Blicke an. „Man hat Euch nichts mit Gewalt müſehändlerin, und Frau Klin und das mit einem Tone, lange ich da bin?“ „Gott ſei Dank, daß er ſie mir nicht genommen hat!“ fuhr die alte Jungfer mit einem tiefen Seufzer fort.„Das wäre mein Tod geweſen. Ach, Frau Schoppelmann, glaubt Ihr wirklich, daß man mich betrogen hat?“ 3 „Es ſcheint mir in der That ſo,“ Frau nach einer Pauſe.„Wenn man di punkt anſieht, ſo glaube ich w genommen,“ ſagte die Ge⸗ gler ſetzte hinzu:„mit Gewalt?“ als wollte ſie ſagen:„mit Gewalt, ſo meinte die gutmüthige dieke e Sache von dem Geſichts⸗ ahrhaftig ſelbſt, es wäre beſſer, das bei der Polizei anhängig zu machen und zu dem Zwecke die Briefe herauszugeben.“ Hackländers Werke. XII. Clementine beſteht ein polizeiliches Examen. 177 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. „Ich kann das nimmermehr thun!“ klagte Clementine.„Und wenn er wirklich ſchlecht an mir gehandelt hätte, ſo wäre ich doch nicht im Stande, Zeugniß gegen ihn abzulegen. Aber Euch will ich die Briefe geben, Frau Schoppelmann; hebt ſie auf, oder thut damit, was Ihr wollt. Einen ſolchen Auftritt, wie den von eben, könnte ich nimmermehr überſtehen.“ Damit zog ſie ein kleines Paket aus ihrem Buſen, das ſie der Gemüſehändlerin darreichte. „Seht nur hinein,“ fuhr ſie fort;„ach, Frau Schoppelmann, lest ſie alle durch, und dann ſagt mir, ob Ihr glaubt, daß es wirk⸗ lich auf dieſer Welt ſo ſchlechte Menſchen gibt. Ich aber will auf mein Zimmer hinauf gehen; das hat mich zu ſtark angegriffen.“ Mit dieſen Worten erhob ſich Clementine und verließ die Vor⸗ halle, unterſtützt von der guten Frau Claaſen, welche verſprach, dafür Sorge zu tragen, daß Clementine in ihr Bett komme und einen lindernden Thee erhalte. Madame Schoppelmann hatte das Paketchen aus der Hand Clementinens genommen und ging damit an die Kaminecke, wo ſie ſich auf ihren Stuhl niederließ und eine kleine Hornbrille auf die Naſe ſetzte. Dann faltete ſie die Papiere aus einander und nahm ein paar Brief heraus, welche ſie einen um den andern öffnete und vor die Augen brachte. . Dabei müſſen wir geſtehen, daß die Züge der alten Frau, welche anfänglich nur Neugierde zeigten, auf einmal den Ausdruck größter Ueberraſchung, ja des heftigſten Schreckens annahmen. Sie hatte in dem einen dieſer Briefe die Hand ihres Sohnes Konrad erkannt, und das ganze ſchändliche Spiel, das man mit der alten Jungfer getrieben, war ihr plöotzlich klar und verſtändlich. Mühſam holte ſie Athem und blickte, um ihre Bewegung vor der aufmerk⸗ ſamen Klingler beſtens zu verbergen, gedankenvoll in die Papiere, die aber in ihrer Hand heſtig zitterten. Sie nahm alle ihre Kraft zuſammen, und als ſie nach einiger — —õz:e — ———— — ich hier in dem ganzen weiten Hauſe ſo traurig 8 Clementine beſteht ein polizeiliches Examen. 179 Zeit aus dem Kaminecke hervor an das helle Tageslicht kam, ſah ſie wohl etwas blaß aus, hatte ſich aber ſo weit gefaßt, um mit einem erzwungenen Lächeln ſagen zu können:„das ſind ſaubere Geſchichten! Sie iſt eine verſchwiegene Frau, Klinglere. Nun denk' Sie ſich, da hat die Schilder drüben mit ein paar ihrer Hel⸗ fershelfer der armen Perſon droben faſt ihr ganzes Vermögen ge⸗ nommenzabei viertauſend Gulden.“ „Das iſt ja entſetzlich!“ ſchrie die Klingler.„So hat die Strebeling alſo nichts mehr, wovon ſie leben kann? Und mit ihrer Hände Arbeit bringt ſie ſich auch nicht fort!“ „Nun, was das anlangt,“ entgegnete gefaßt die Gemüſe⸗ händlerin,„da wind noch zu helfen ſein. Der Polizeikommiſſär“— bei dieſen Worten ſchauderte ſie leicht zſammen—„ſcheint der Sache auf die Spur gekommen zu ſein; und da ſich das Geld vor⸗ gefunden, ſo wird ſie das Ihrige wohl wieder erhalten. Aber bei allem dem iſt die Geſchichte ganz Krſchreülich; ſie hat mich ſehr alterirt.“ Die Gemüſehändlerin, welche ſich kaum aufrecht erhalten konnte, ließ ſich vor dem Tiſche auf einem Stuhl nieder und klopfte ge⸗ dankenvoll mit ihren Fingern auf dem erſteren. Ihr Entſchluß, Geſchäft und Haus zu verlaſſen, befeſtigte ſich mehr und mehr. Ihr, der ehrwürdigen, braven Frau, war in letz⸗ ter Zeit zu viel Unangenehmes, ja wahrhaftig Fürchterliches be⸗ gegnet. Sie fühlte wohl, ihr heiterer Lebensmuth ſei von ihr geflohen, ihre gute Laune würde in dieſem finſteren Hauſe nie mehr zu ihr zurückkehren. Die Vorhalle hier mit dem kniſternden Kamin⸗ feuer, ſonſt ihr täglicher, angenehmer Aufenthaltsort, war ihr ver⸗ haßt, ja unheimlich geworden. Ihre Vorrathskammer— das begriff ſie wohl— konnte ſie nicht ohne einen gewiſſen Schauder betre en, denn neben derſelben war das Zimmer ihrer Söhne. Obe ihre Tochter Katharina gewohnt, war Alles öde und leer; ſi 180 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. * 4 von aller Welt verlaſſen! Jetzt erſt dachte ſie daran, wie es. in dem alten Hauſe hier meiſtens ſo finſter und trübſelig ſei, und wie ſehr es ihr behagen würde, Veunſſn im warmen Sonnenſchein zu wohnen und ihren Blick über Wald und Flur ſtreifen zu laſſen, ſtatt wie hier immer die hohen Mauern die engen Straßen ſehen zu müſſen. Sie dachte an ihre Schweſter, die auf einem kleinen Hofe vor der Stadt wohnte, und wie ihr dieſe ſo oft zugeredet, endlich ein⸗ mal ihr anſtrengendes Geſchäft zu verlaſſen und ſich zur Ruhe zu ſetzen. Und hatte ſie nicht durchaus Fug und Recht, dies zu thun? hatte ſie nicht etwas Schönes in ihrem langen, mühevollen Leben erworben?— Das konnte ſie ſich wohl mit Stolz ſagen; und wenn ſie heute zu ihrem Geſchäftsmanne hinging und ihm ſagte: „Ich brauche Geld!“ ſo gab ihr dieſer ſchmunzelnd zur Antwort: „Wie viel Tauſend wollen Sie, Frau Schoppelmann?“ Frau Claaſen war wieder herabgekommen und ſetzte ſich eben⸗ falls ſtillſchweigend an den Tiſch; die Klingler warf ihr einen be⸗ deutungsvollen Blick zu; denn dieſe hatte wohl bemerkt, daß Ma⸗ dame Schoppelmann ſich mit außerordentlichen Dingen beſchäftige. Außerordentliche Dinge waren es nun auch in der That, und ſehr erfreuliche für die beiden Weiber; denn nach einer kurzen Ein⸗ leitung ſagte die Gemüſehändlerin, ſie ſei entſchloſſen, ſich von ihrem Geſchäfte zurück zu ziehen, und wolle die Beiden unter den beſten Bedingungen in Haus und Kundſchaft eintreten laſſen. Wir wollen uns nicht bei den Ergüſſen des Dankes aufhalten, der hierauf den gerührten Herzen der Frau Klingler und der Frau Claaſen entſtrömte; wir wollen nicht ausführlich erzählen, daß Erſtere vergebens ihre Rührung zu bemeiſtern verſuchte, und daß Letztere heftige Thränen vergoß. Die Sache wurde in beſter Form Rechtens abgemacht, und noch am ſelben Tage wußte man es in den bedeutendſten Küchen der Reſidenz, n die Wittwe Schoppelmann ihr Geſchäft aufge⸗ „ 4 * Clementine beſteht ein polizeiliches Examen. 181 geben habe und daß Frau Klingler und Claaſen es fortſetzen wür⸗ den und einen hohen Adel und ein verehrungswürdiges Publikum beſtens erſuchten, auch ſie künftig mit ihrem Vertrauen zu beehren, indem ſie es ſich zu ihrer ſchönſten Aufgabe machen würden, daſ⸗ ſelbe zu rechtfertigen und ihre Kunden aufs Beſte zu bedienen. Angekommen ſei. Feinſtes Tafelobſt in den beſten Sorten und friſches Wildpret durch alle Rubriken. Vierundfünfzigſtes Kapitel. In welchem der Held der Geſchichte einen Freund wieder findet und ſehr angenehme Neuig⸗ keiten erfährt⸗ Eugen Stillfried hatte auf jenen Abend, wo er ſeine Schwe⸗ ſter wieder gefunden, eine recht unruhige Nacht gehabt. Er träumte viel und ſchwer, und wenn wir ſagen, daß durch dieſe Träume häufig die Geſtalt des Juſtizrathes Werner ſchritt, ſo wird uns der geneigte Leſer glauben, daß es keine angenehme Bilder waren, die ſeinen Geiſt beſchäftigten. Auch ſeine Schweſter ſah er häufig aber nicht lebend, doch auch nicht todt, ſondern das blaſſe Mar⸗ morbild aus der Kapelle ſchwebte bei ihm vorüber und ſchaute ihn mit einem unausſprechlich traurigen Blicke an. Es war ſchon ſpät am Morgen, als er nun endlich erwachte, und Herr Sidel hatte ſchon Bett und Zimmer verlaſſen. Eugen kleidete ſich an, und kaum war er damit zu Ende, ſo trat der luſtige Rath ins Zimmer, der ſich ſchmunzelnd die Hände rieb und überhaupt von der beſten Laune zu ſein ſchien. 182 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Der friſche klare Herbſtmorgen, der freundliche Schein der Sonne, der in Millionen Thautropfen blitzte und warm zu den Fenſtern herein drang, ließ auch Eugen bald die finſtere, bittere Nacht ver⸗ geſſen, um ſo mehr, da er ſich mit Freuden alles deſſen erinnerte, was er geſtern erlebt und erfahren. „Ich habe ſchon eine ganze Menge Rapporte angehört,“ ſagte der luſtige Rath,„und Bericht erſtatten müſſen über den Schuß, der geſtern Nacht auf uns gefallen. Der Förſter mit ein paar Jägern hat die ganze Nacht in der Umgegend geſtreift und glaubt, daß es Wilderer geweſen ſeien, die— Gott mag wiſſen, aus wel⸗ cher Urſache— auf uns geſchoſſen. Von Räubern und dergleichen hat man hier ſeit undenklichen Zeiten nichts gehört; doch ſoll das Terrain drüben jenſeits des Schloſſes, die ſtundenlangen Wälder dicht an der Grenze prächtige Schlupfwinkel für Wilddiebe abge⸗ ben. Uebrigens wird man die Aufmerkſamkeit verdoppeln und wahrſcheinlich in den nächſten Tagen die Bekanntſchaft jener un⸗ befugten Jägersleute machen.“ „Solche Streifereien,“ entgegnete Eugen,„ſind immer unan⸗ genehm. Es iſt traurig, daß ſich Menſchen bei dieſen Veranlaſſun⸗ gen gegenſeitig wie jagdbares Wild betrachten und ohne Ueberle⸗ gung auf einander ſchießen. Und das geſchieht bei ſolchen Fällen meiſtens. Wer den Anderen zuerſt ſieht, wer am ſchnellſten zum Schuß kommt und dabei ſeines Zieles gewiß iſt, bleibt Sieger. Ich bin einmal hart mit dabei geweſen.“. „Böſes Gewerbe bringt böſen Lohn,“ meinte Herr Sidel,„und jenen Menſchen, die ſo freundlich waren, uns geſtern Abend eine Kugel zuzuſchicken, wünſche ich auch nicht viel Gutes.— Apropos!“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„um zehn Uhr iſt Probe von Hans Sachs. Haſt du deine Rolle ſchon angeſehen?“ „Ich wahrhaftig nicht,“ bemerkte Eugen.„Ueberhaupt muß ich dich verſichern, daß ich alle Luſt verloren habe, noch ferner der Held der Geſchichte findet einen Freund. 183 Komödie zu ſpielen, und ich glaube, es wäre das Beſte, wenn wir uns mit dem Direktor auf eine vernünftige Art abfänden.“ „So dachte ich auch,“ antwortete Herr Sidel,„und habe auch ſchon in dieſer Richtung mit dem Prinzipal geſprochen. Er bedauert es ſehr, zwei ſo außerordentliche Talente zu verlieren; doch ſtellte ich ihm dafür eine klingende Stellvertretung in Ausſicht, die ihm ſehr annehmbar erſchien.“ „Alſo haſt du uns losgekauft?“ fragte Eugen. „Uns Beide— ja,“ ſagte der luſtige Rath,„aber nicht den Herrn Hannibal. Merkwürdiger Weiſe findet der Direktor einiges Talent in ihm, und da wäre es doch grauſam, ihn einer künftigen ehrenvollen Laufbahn zu entziehen.“ „Gewiß,“ meinte gen;„und ich ſehe ſchon im Geiſte, wie er für die Verräthereien, die er an uns begangen, hier einer harten Strafe entgegen läuft.“ Herr Sidel war aufgeſtanden und ging händereibend im Zim⸗ mer auf und ab, gab auch ſonſt noch ſo unverkennbare Zeichen von Heiterkeit von ſich, daß Eugen aufmerkſam wurde und ihn fragte, was ihm denn ſo Angenehmes begegnet ſei. „Ja, das hätte ich bald vergeſſen!“ antwortete Herr Sidel vergnügt lachend.„Wie kann man auch ſo gedankenlos ſein! Und ich kam deßhalb gerade hieher, um es dir anzukündigen— wir haben Beſuch erhalten.“ Dabei ſah er ſeinen Freund pfiffig lächelnd von der Seite an. „Beſuch?“ fragte Eugen.„Und am Ende aus der Reſidenz?“ „Eben daher,“ antwortete der luſtige Rath.„Doch ich höre ihn ſchon an der Thüre. Eugen, du wirſt überraſcht ſein.“ Eugen war auch in der That erſtaunt über dieſe Worte ſeines Freundes, und als nun in dieſem Augenblicke mit einem Stocke dreimal heftig an die Thüre geklopft wurde, blickte er betreten dorthin, auf's Höchſte geſpannt, wer in der langſam ſich öffnenden Thüre erſcheinen würde. 4— von jeher dergleichen Extratouren gelieb zu ſehen, ſowohl als Menſchen wie auch als 184 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Dieſe öffnete ſich Zoll um Zoll mit einer er ſamkeit, und als ſie nun endlich offen ſtand und ſich der Eintre⸗ tende in ſeiner ganzen Geſtalt präſentirte, als Eugen dieſen er⸗ kannte, konnte er ſich nicht enthalten, demſelben mit einem lauten Ausruf der Freude und der Ueberraſchung entgegen zu eilen. Es war ſein Arzt, Doktor Wellen, der ſich ſo unverhofft hier eingeſtellt hatte. „Da findet man euch alſo?“ rief dieſer, indem er dem jungen Manne herzlich die dargebotene Hand ſchüttelte.„Jenſeits der Grenze, in einem kleinen Neſte, als reiſende Schauſpieler!“ „Wohin uns der Zufall verſchlagen,“ entgegnete Eugen lachend. „Doktor, bei meinem bekannten unſteten Lebenswandel kann und darf Sie das in der That nicht wundern. Sie wiſſen, ich habe t.— Aber unbegreiflich iſt laſſend, ſich hieher verlieren ſchrecklichen Lang⸗ es mir, wie Sie, Ihre Kranken ver konnten.“ „Das iſt einfach erklärt,“ ſagte Doktor Wellen. iſt in dieſem Augenblicke ſo außerordentlich geſund, daß wir Aerzte faſt gar nichts zu thun haben. Nebenbei wiſſen Sie auch wohl, junger Menſch, daß mein großer Ruf ſchon längſt über die engen Grenzen unſeres kleinen Landes drang und daß man mich zuweilen weithin berufen hat.“ „Und dieſes iſt auch jetzt der Fall?“ „Verſteht ſich!“ verſicherte wichtig der Arzt.„Ich hatte in einer kleinen Stadt hier in der Nähe zu thun, und da ich zufälli⸗ ger Weiſe eine Spur von Ihren Fahrten erhielt, ſo konnte ich es mir nicht verſagen, einen kleinen Umweg zu machen, um Sie hier Künſtler.“ „Was das letzte anbelangt, ſo werden Sie nicht viel Freude erleben. Meine dramatiſche Laufbahn iſt bereits beendigt; ich fühlte wohl, daß ich dazu kein Talent hätte.“ „Die Stadt 2———Z—Z—’;;—ꝛ—ꝛ—-— —— —— — —— —. ——ęOQe— ——y—— Der Held der Geſchichte findet einen Freund. 185 „Auch dazu nicht einmal?“ ſagte der Doktor mit komiſchem Erſchrecken.„Was ſoll am Ende noch aus Ihnen werden?“ „Laſſen wir das jetzt!“ entgegnete Eugen.„Lieber Doktor, ſprechen wir ein vernünftiges Wort. Setzen Sie ſich auf den Ehrenplatz, in dieſes alte Sopha, nehmen Sie ſich eine gute Cigarre und erzählen Sie mir genau und umſtändlich, wie es bei uns ausſieht. Ich ſchmachte nach Neuigkeiten.“ „Das kann ich mir denken,“ ſagte der Doktor, indem er es ſich auf dem Sopha bequem machte.„Ich bringe Ihnen auch keine Hiobspoſten; im Allgemeinen ſind meine Nachrichten ganz gut.“ Und nun erzählte er dem freudig aufhorchenden jungen Manne, was der geneigte Leſer bereits weiß, von den Begebenheiten im Hauſe am Marktplatze und deſſen Umgebung, von dem plötzlichen Tode der Frau Schilder, von der Flucht der beiden Brüder und zuletzt von der Aufnahme, welche Katharina bei der alten Staats⸗ räthin gefunden. Bei der letzten Nachricht ſchaute Eugen jubelnd in die Höhe, und er fühlte, daß ſein Geſchick anfange, ſich freudig zu wenden⸗ Darauf erzählte er dem bewährten Freunde von dem geſtrigen Abenteuer auf dem Schloſſe, und daß er ſo unverhofft ſeine Schwe⸗ ſter wieder gefunden. Doktor Wellen vernahm dies mit der größten Aufmerkſamkeit und war auf's Höchſte überraſcht von dieſem ſeltſamen Zuſammen⸗ treffen. Ja, die Nachricht, daß jenes junge Mädchen, welches man bis jetzt für die Tochter des Verwalters gehalten, Eugens Schwe⸗ ſter ſei, wirkte ſo heftig auf ihn, daß er anfſprang und mehrmals haſtig im Zimmer auf und ab ging. „Hier alſo wurde ſie erzogen?“ fragte er nach einem längeren Nachdenken.„Dieſes Mädchen iſt es?— Das iſt ein merkwürdi⸗ ges Zuſammentreffen!— Iſt Ihnen denn gar nichts eingefallen, wie Sie hieher kamen? Hat Sie der Ort und das Schloß da oben an gar nichts erinnert?“ — E —ÿÿ—— 186 Vierundfünfzigſtes Kapitel. „O, an ſehr viel, an die wilde Roſe und an die Kapelle dro⸗ ben, von der Sie uns einſtens erzählt.“ „Es iſt unbegreiflich, wie ſich die Wege der Menſchen oft kreuzen! Sie können ſich denken, wie begierig ich darauf bin, die junge Dame zu ſprechen.“ „Sie werden ſie traurig finden,“ ſagte Eugen ernſt.„Sie weiß Alles.“ „Was weiß ſie?“ fuhr der Doktor auf. „Nun, daß er todt iſt, daß er fern von ihr ſtarb, daß ſie ihn nie wieder ſehen wird.“ „Ja ſo!“ entgegnete Wellen, indem er ſich raſch umwandte und an das Fenſter trat zu Herrn Sidel, der eifrig in die Gegend hinaus ſchaute. „Sie bleiben doch ein paar Tage bei uns?“ fragte Eugen nach einer Pauſe. „Heute— vielleicht morgen noch,“ ſagte der Doktor.„Wer⸗ den Sie mir die Honneurs von Schloßfelden machen?— Kann ich vielleicht eine Vorſtellung der berühmten Truppe ſehen, welche ſo glücklich war, Sie als Mitglied zu beſitzen?“ „Das wird ſchwer angehen,“ meinte der luſtige Rath,„da heute Abend nicht geſpielt wird. Doch wollen wir für Ihre Unter⸗ haltung beſtens ſorgen. Wenn es dem würdigen Präſidenten an⸗ genehm iſt, könnten wir vielleicht ein Filial der Leimſudia errichten, um den Einwohnern Schloßfeldens beizubringen, was in der Re⸗ ſidenz Sitte und Gebrauch iſt.“ 4 „Das wäre auch nicht ſo übel,“ lachte der Doktor.„Vor allen Dingen aber will ich heute Vormittag auf das Schloß, um mich dort ein Bischen umzuſehen.“ „Dahin will ich Sie begleiten!“ ſagte Eugen lebhaft, worauf der Doktor erwiderte: „Sie wiſſen, mein lieber Freund, ich habe ſo meine eigenen Gänge, und wenn Sie mir es nicht übel nehmen würden, ſo zöge Der Held der Geſchichte findet einen Freund. 187 ich es vor, das erſte Mal allein hinauf zu gehen. Mich vor allen Anderen hat das Schickſal jenes Freiwilligen lebhaft intereſſirt, und ich möchte deßhalb den Ort, wo er gearbeitet, geliebt und gelitten, vorerſt allein anſehen. Wollen Sie mir aber zwei Zeilen an Ihre Schweſter mitgeben und mich damit als den einführen, der ihr die genaueſten Nachrichten von dem Verlorenen mittheilen kann, ſo wäre ich Ihuen ſehr dankbar dafür.“ Eugen that gern, wie ihm der Doktor geheißen, ſetzte ſich an den Tiſch und ſchrieb ein paar herzliche Zeilen an Roſalie, worin er ihr den Doktor Wellen empfahl und ſchließlich verſprach, nach Tiſche ebenfalls hinauf zu kommen. Damit ging der Doktor fort, und Herr Sidel übernahm es, ihm den Weg längs der Kapelle zu zeigen.. Eugen blieb allein zurück und dachte über das nach, was er von ſeinem Freunde gehört. Das Benehmen der Mutter gegen Katharina erfüllte ihn mit dem innigſten Danke, und er ging mit ſich zu Nathe, ob er dieſes Gefühl ſchriftlich in herzlichen Worten ausdrücken ſolle. Er warf auch ſchon einige Zeilen an die Mutter auf das Papier; doch konnte er nicht mit ſich darüber einig wer⸗ den, ob und wie er des Wiederfindens der Schweſter erwähnen ſolle. Der Doktor war ihm zu ſchnell hinweg gegangen, und er mochte nichts in dieſer Angelegenheit ohne den Rath des erfahre⸗ nen Mannes thun, der alle Verhältniſſe ſo genau kannte. Jetzt ſchien es ihm räthlich, der Mutter Alles zu ſchreiben, dann hielt er es für beſſer, ſelbſt nach der Heimat zurück zu kehren und die Angelegenheiten des Hauſes ganz in ſeine Hand zu nehmen. Dann beſchloß er wieder dem Rathe des Doktors zu folgen, der ja ohne⸗ dies morgen nach der Stadt zurück kehren wollte und der ihm Briefe und Aufträge am beſten beſorgen würde. So verging der Vormittag. Herr Sidel war längſt zurück gekehrt und hatte mit dem Direktor die beſten Bedingungen verab⸗ redet, unter welchen es derſelbe für ſehr gerathen fand, nicht auf 188 Vierundfünfzigſtes Kapitel. der bedungenen achttägigen Kündigung des Kontraktes zu beſtehen. Was Herrn Hannibal anbelangte, ſo war in dem Vertrage ein geheimer Artikel, der den Direktor verpflichtete, dieſen würdigen Diener und angehenden Künſtler zu behalten; und zugleich wurde demſelben angerathen, ihn nöthigenfalls mit äußerſter Strenge zu behandeln und ihn ſo zu einem nützlichen Mitgliede der menſchlichen Geſellſchaft zu erziehen. Der getreue Pierrot hatte keine Ahnung von den Veränderungen, die ſich ergeben, und trotzdem er nicht ohne Hoffnung war, das Herz der blonden Thusnelde zu rühren, ſo ſeufzte er doch nach dem Ende ſeiner Künſtlerlaufbahn und ſah es als eine fürchterliche Strafe an, von dem heftigen, unerbitt⸗ lichen Direktor in den täglich ſich wiederholenden Proben ſo un⸗ nachſichtig abgerichtet zu werden. Als Eugen Nachmittags auf den Schloßberg hinauf ſtieg— er ging den hinteren Weg— fand er Roſalien, ihn erwartend, auf der oberen Terraſſe. Sie eilte ihm freudig entgegen, hängte ſich an ſeinen Arm und zog ihn zu einer kleinen Bank, die, unter Blumen verſteckt, die Ausſicht auf die dichten Wälder ließ, welche das alte Schloß auf der öſtlichen Seite umgaben. Das Auge des jungen Mädchens glänzte freudig; ſie legte ihre Hand in die ſeinige und blickte ihn lange mit unausſprechlichem Vergnügen an. „ Ich bin glücklich, daß du nicht traurig biſt, meine liebe Schweſter; du haſt heute wieder Unangenehmes erfahren; nicht wahr, mein armes Kind?“ „Unangenehmes?“ fragte ſie ſonderbar überraſcht. Doch dann ſetzte ſie, ſich plötzlich beſinnend, hinzu:„ach ja, du haſt Recht; ich habe heute viel erfahren.“ „Alſo du ſprachſt den Doktor Wellen?“ fragte Eugen.„Er übergab dir meinen Brief?“ „Ja, ich erhielt ihn,“ ſagte ſie.„Ach, Eugen!“ „ Was geſchehen iſt, iſt geſchehen,“ entgegnete er und drückte —— Der Held der Geſchichte findet einen Freund. 189 herzlich ihre Hand.„Der Doktor wußte dieſe traurige Geſchichte beſſer als ich. Er iſt einer meiner beſten Freunde; ich will mit ihm überlegen, was für dich und mich zu thun iſt. Vielleicht ſchreibe ich noch heute der Mutter, vielleicht kehre ich morgen ſelbſt nach der Stadt zurück.“ „Thu das nicht!“ ſagte Roſalie erſchrocken.„Bleib in meiner Nähe, verlaß mich nicht! Der Vater erhielt heute wieder einen Brief; ich fürchte, daß ich in den nächſten Tagen, vielleicht heute, morgen ſchon deiner Hülfe nothwendig bedarf.“ „Wer ſchrieb ihm?“ fragte Eugen überraſcht. „Das weiß ich nicht,“ antwortete Roſalie.„Aber ſie werden kommen in den nächſten Tagen, das iſt ganz gewiß. Und wenn du alsdann nicht da biſt, ſo bin ich verloren. Der Vater kann mich nicht ſchützen. Du weißt ja, Eugen,“ fuhr ſie dringender fort,„ſie wollen mich verheirathen, mich verheirathen mit einem * mir gänzlich fremden Manne, während ich doch ihn liebe und nicht vergeſſen kann.“ „Und das ſoll ſo bald geſchehen?“ „Schon in den nächſten Tagen,“ antwortete Roſalie und legte den Kopf auf ſeine Schultern.„Wenigſtens werden ſie hieher kom⸗ men, um Alles in Richtigkeit zu bringen.“ „Wer hat dir das geſagt?“ .„Der Vater.“ „Und wer wird kommen?— Die Mutter auch?“ „Das wußte er noch nicht genau. Auf jeden Fall aber der Geſchäftsmann der Mutter, der ſchon einige Mal hier war; ein ernſter Herr. Obgleich er gegen mich große Freundlichkeit bewies und recht liebevolle Worte zu mir ſprach, ſo konnte ich doch nie rechtes Zutrauen zu ihm faſſen; ja, es war mir unheimlich, ſo lange er da war.“. „Und ſprach er Beſonderes mit dir?“ fragte der Bruder. 1 „Nein, das nicht,“ entgegnete Roſalie.„Er ſagte nur, daß 190 Vierundfünfzigſtes Kapitel. er innigen Antheil an mir nehme, daß er mich von Kindheit an gekannt, daß er mein Beſtes wolle; und als er zuletzt hier war, meinte er unter Anderem, es ſei nothwendig, mich zu verheirathen; ich würde dann dieſes einſame Schloß hier verlaſſen und nach der Reſidenz kommen, wo es viel heiterer und angenehmer ſei. Da⸗ mals hatte ich noch keine Ahnung davon, daß ich nicht die Tochter des Vaters ſei, wie ich bis jetzt geglaubt, und deßhalb beachtete ich ſeine Reden nicht viel. Doch ſind ſie jetzt ſo traurig zur Wahr⸗ heit geworden, und gewiß, Eugen, ich muß verzweifeln, wenn du mir nicht hilfſt.“ „Sei ruhig, mein Kind,“ antwortete dieſer nach längerem Nachdenken;„vor allen Dingen muß ich mit deinem Pflegevater ſprechen und mit dem Doktor Wellen, der vielleicht noch auf dem Schloſſe iſt.“— „Ich glaube, er iſt ſchon nach Schloßfelden zurückgekehrt. Er ſuchte dich, und obgleich ich ihm ſagte, du würdeſt gewiß hieher kommen, eilte er doch hinweg.“ 3 Eugen erhob ſich von ſeinem Sitze, drückte der Schweſter nochmals freundlich die Hand, indem er ihr verſicherte,„es könne gewiß noch Alles gut werden,“ und als ſie bei dieſen Worten ſo gläubig zu ihm aufblickte, konnte er eine tiefe Rührung kaum be⸗ meiſtern. 4 Er führte ſie nach dem Schloſſe zurück, nahm einen herzlichen Abſchied von ihr und eilte ins Dorf hinab, den Doktor Wellen aufzuſuchen. ———— Eine Filiale der Leimſudia. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Eine Filiale der Leimſudia. Der vortreffliche Trommler erzählt eine heitere Geſchichte. An Tagen, wie der heutige, wo in das Gaſthaus zur wilden Roſe vornehme Fremde eingekehrt waren— und zu dieſen rechnete Frau Roſel mit vollem Recht den Herrn Doktor Wellen,— hielt ſie die Thüre des Honoratiorenzimmers unter ihrer ſpeziellen Auf⸗ ſicht, und Mancher, der ſich zu gewöhnlichen Zeiten hier dann und wann einmal auf die Lederſtühle bequem niederſetzen durfte, wurde unter irgend einem unbedeutenden Grunde abgefangen; der wahre Grund war aber, daß Frau Roſel an ſolchen Tagen nur eine ſehr gewählte Geſellſchaft in ihrem Honoratiorenzimmer haben wollte. 3 8 Hier prangten nun die Lichter, und um den Tiſch mit grünem Wachstuch, der in der Mitte ſtand, ſaßen vielleicht ein Dutzend Perſonen, obenan unter dem Bildniß des Landesvaters Doktor Wellen, neben ihm der Pfarrer von Schloßfelden mit ſeinem Ad⸗ jutanten, dem Schullehrer, Eugen, der luſtige Rath, ferner die würdigſten Mitglieder der Schauſpielergeſellſchaft, unter ihnen der große Holder und der vortreffliche Trommler. Dem Doktor war es in kurzer Zeit gelungen, ſich durch aller⸗ lei Schwänke, die er vorbrachte, und komiſche Reden, die er hielt, die Gunſt des geiſtlichen Herrn in hohem Grade zu erwerben, und dieſer gab mit größter Aufmerkſamkeit auf jedes Wort, auf jede Miene deſſelben Achtung, und wenn er anfing: da war einmal.—, ſo blinzelte der Pfarrer ſchon freundlich lachend mit einem Auge und ſtieß den Schullehrer unter dem Tiſche an, der nun ſchon im Voraus lachte und ſämmtliche Umſitzende dadurch zur größten Hei⸗ terkeit anfeuerte. 192 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Es ſchien, als müſſe Jeder etwas aus ſeinem Leben erzählen, und nur die beiden geiſtlichen Herren waren davon ausgenommen; denn der Pfarrer hatte verſichert, er wiſſe von ſich nicht das Ge⸗ ringſte, was im Stande wäre, zur allgemeinen Heiterkeit beizu⸗ tragen. Von ſeinem Schulmeiſter könne er freilich allerlei erzählen, doch wolle er dieſen nicht in Verlegenheit bringen. Dazu hatte er. unmäßig gelacht, und dieſes Lachen war für die ganze Geſellſchaft anſteckend, als nun der Schulmeiſter ſeinerſeits die heilige Ver⸗ ſicherung abgab, es ergehe ihm gerade ſo mit dem Herrn Pfarrer, und wenn er ja einer ſeltſamen Geſchichte erwähnen müßte, ſo be⸗ träfe dieſelbe ſeinen Vorgeſetzten, weßhalb ihm der Mund ver⸗ ſchloſſen wäre. 3 3 Doktor Wellen war zu einer Art Präſident dieſer Abendge⸗ ſellſchaft erwählt worden, und wenn es ihm auch nicht möglich war, die Regeln und Geſetze der Leimſudia in ihrem ganzen Umfange aufrecht zu erhalten, ſo hatte er doch eines der Lichter, die auf dem Tiſche waren, dicht neben ſich geſtellt und putzte es aus, ſo⸗ bald die Unterhaltung anfing ſchläfrig zu werden. „Ich ſollte meinen,“ ſagte jetzt dieſer würdige Präſident, „wir geben dem Herrn Holder das Wort. Wer ſo viel und lange auf kleinen und großen Theatern gewirkt, ſollte gewiß im Stande ſein, uns von ſeinem langen Künſtlerleben etwas Intereſſantes vorzutragen.“ Der Heldenſpieler verbeugte ſich geſchmeichelt, trank ſein Glas aus und entgegnete mit ſeiner tiefen, klingenden Stimme:„Frei⸗ lich böte mein Leben Vorfälle genug dar, die intereſſant, vielleicht auch lehrreich anzuhören wären. Aber ſie paſſen nicht in dieſe Ge⸗ ſellſchaft. Wir ſind, wenigſtens die Meiſten an dieſem Tiſche, hei⸗ ter und guter Dinge; warum ſoll ich mit trüben, unheimlichen Er⸗ innerungen einen kreiſchenden Mißton hinein bringen? Meine Geſchichten paſſen nur für die Dämmerung und für die Einſam⸗ keit; die kann ſich vielleicht Jemand erzählen, der nächtlicher Weile — Eine Filiale der Leimſudia. 193 einem ſtillen Waſſer zuſchreitet, um dort das Ende ſeiner Leiden zu ſuchen und zu finden.— Meine Erzählungen paſſen nicht hie⸗ her; ſie würfen ſchwarze Schatten in euer fröhliches Herz; das wäre wie ein Gewitter an einem heiteren Sommertag, wie eine wilde zerriſſene Felsſchlucht im ſchönſten, freundlichſten Park. Das würde dieſelbe Wirkung machen, als wenn harmloſe Kinder im Walde nach Beeren ſuchten, oder nach farbigen Blüthen, und plötz⸗ lich einen Erſchoſſenen fänden, der unter dem Laube, das ſie emſig durchſuchten, halb verſteckt läge.“ 3 Hierauf füllte Herr Holder ſtillſchweigend ſein Glas, um es auf das Wohl der Geſellſchaft zu leeren. Dieſe war durch die ernſten Worte Holder's einigermaßen ſtill geworden, Niemand ſprach eine Sylbe, und es wäre vielleicht lang⸗ weilig und verdrießlich geworden, wenn nicht Eugen den Präſiden⸗ ten gebeten hätte, den vortrefflichen Herrn Trommler zu irgend einer Mittheilung zu bewegen. Dieſer würdige Künſtler hatte inſofern an der geſellſchaftlichen Unterhaltung den lebhafteſten Antheil genommen, als er ſich von Herrn Sidel fleißig einſchenken ließ und mit der größten Dank⸗ barkeit über den geringſten Spaß laut und anhaltend lachte. „Ganz richtig!“ ſagte Doktor Wellen.„Herr Trommler wird hiemit erſucht, das Wort zu nehmen. Wir erwarten von ihm die Erzählung einer kleinen inhereſionten Vegebenheit aus ſeinem Leben.“ „Die Geſchichte einer Liebſchaft zum Beiſpiel,“ ſetzte der luſtige Rath hinzu.„Nach dem, was Sie mir neulich erzählten, müſſen Sie in dieſem Fache ſchöne und zugleich fürchterliche Erinnerungen haben. Laſſen Sie uns die Geſchichte von der Reichsgräfin hören, die Ihretwegen von dem ſtrengen Vater in ein Kloſter geſperrt wurde. 4 . Bſt, bſt!“ entgegnete der Künſllar mit einem eertengeuel Hackländers Werke. XII. 5 13 194 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. len Blick auf den Pfarrer.„Solche Geſchichten würde ich nicht wagen, in dieſer Geſellſchaft vorzutragen.“ „Herr Trommler kann erzählen, was er will,“ ſagte der Prä⸗ ſident in beſtimmtem Tone.„Keine Beſchränkung, keine Vorſchrif⸗ ten! Etwas Intereſſantes aus Ihrem Leben.“ Der alſo Aufgeforderte verbeugte ſich vor dieſem Ausſpruche, was ſo viel heißen ſollte, als er werde ihm Folge leiſten; dann legte er einen Augenblich ſeinen Kopf in die Hand und ſchien über etwas nachzudenken.—„Eine Geſchichte weiß ich nicht,“ ſagte er dann nach einer Pauſe;„aber eine kleine Epiſode aus meinem Le⸗ ben, ſehr kurz und unbedeutend, will ich der werthen Geſellſchaft nicht vorenthalten.“ „Herr Trommler hat das Wort!“ „Es ſind ſchon viele Jahre her,“ erzählte dieſer würdige Künſt⸗ ler,„ich hatte von einer verunglüchten Laufbahn gänzlich Abſchied genommen und mich dem Theäter zugewandt, da befand ich mich ohne Engagement in C. Es iſt etwas ſehr Trauriges, ſich ohne Engagement zu befinden. Man zählt ſeine Geldbörſe nach, man findet nur einige Gulden, man kommt ſich vor wie ein zum Tode Verurtheilter; denn man weiß genau, wie lange man noch zu leben hat, und daß nach einigen Tagen Alles zu Ende ſein kann, wenn. nicht bis dahin Pardon ankommt, d. h. die Antwort irgend eines Direktors, der uns ſchreibt, daß er es mit uns verſuchen wolle, der uns mit Einem Wort aufs Neue anſtellt. „Man ſollte glauben, wenn man ſo ohne Engagement herum⸗ geht, meiſtens ziemlich herabgekommen— denn unnöthige und nöthige Garderobe iſt das Erſte, was im ſolch' traurigen Tagen verſetzt wird,— man ſei ein abſchreckendes Beiſpiel für alle jungen Leute, denen es in einem angenehmen, behaglichen Lehen ſo wohl geht, und die vielleicht die Liebe zur Kunſt, der Drang nach Frei⸗ heit, die Luſt an einem regelloſen, oft wilden Leben vom Schreib⸗ pulte oder aus der Schule wegtreibt, um ſich an uns anzuſchließen. Eine Filiale der Leimſudia. — Im Gegentheil! Wir ſind auch dann noch beſucht, ja beneidet von jenen leichtſinnigen jungen Leuten, die unſer Leben für das glückſeligſte halten und die es, ſelbſt mit Kummer und Entbehrung, jedem anderen vorziehen würden. „Ich hatte damals noch einen Kollegen, dem es nicht beſſer ging als mir, eigentlich noch ſchlechter; denn ich beſaß außer meinem Anzug noch einen ziemlich anſtändigen Hut und Paletot; Jener aber hatte nichts als eine graue leinene Hoſe und einen ſchwarzen Frack, ein Anzug, den er ſogar in dem damals eben vergangenen Winter getragen, und den er der Jahreszeit dadurch möglichſt an⸗ gepaßt, daß er ſich auf dieſen ſchwarzen Frack mit eigener Hand einen Pelzkragen genäht hatte. „Das Kaffeehaus war unſer einziger Zufluchtsort; dort laſen wir die Zeitung, tranken ein Glas Waſſer und ſuchten Bekannt⸗ ſchaften anzuknüpfen, die uns zu irgend etwas dienen könnten. „Hier hing ſich nun ein junger Menſch an uns; ſein Vater war Beamter, ein anſtändiger, wohlhabender Mann, der ſchou alles Mögliche gethan hatte, um ſeinen Sohn von dem unglück⸗ ſeligen Gedanken, zum Theater zu gehen, abzubringen.— Um⸗ ſonſt! Dieſer junge Menſch war voller Phantaſie und Schwärmerei und nebenbei verliebt in eine romantiſche Couſine, der er auf dem Comptoir, hinter dem Schreibpult unausſtehlich war, die ihn aber wahrſcheinlich zu lieben verſprach, nachdem er ein Künſtler gewor⸗ den und ſie und das Publikum in irgend einer ſchmachtenden Rolle entzückt.. 8 „Er träumte nun von nichts, als von gyoßen, glänzenden Rollen und von ungeheuren Erfolgen und lag uns mit den in⸗ ſtändigſten Bitten an, ihn irgendwo mit hinzunehmen und ihm zugleich mit uns ein Engagement zu verſchaffen. Der Vater, der zu dem Umgange des Sohnes mit' uns durchaus nicht freundlich ſah, beſuchte mich eines Tages und ſagte:„Herr Trömmler, ich halte Sie für einen braven Mann; Sie werden nicht das Unglück ————— 195 8 196 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. meines Sohnes und meiner Familie wollen; bringen ſie den jun⸗ gen Menſchen von ſeiner Idee ab, und ich werde wiſſen, mich dafür dankbar zu bezeigen.“ „Sehr gut, dachte ich, und eines Tages machten wir uns auf den Weg und gingen nach dem einige Meilen entfernten kleinen Badeorte, wo der eben angekommene Direktor noch einige brauch⸗ bare Mitglieder ſuchte. „Der junge Menſch, der Urlaub genommen hatte, irgend eine Tante zu beſuchen, begleitete uns. Natürlicher Weiſe wußte ich im Voraus, daß dort nichts für uns zu finden war. Das ſagte uns auch der Direktor ſogleich, und wir ſchlenderten auf der Promenade umher, gingen in den Kurſaal, und unſer junger Kunſtgenoſſe, der einige Gulden bei ſich hatte, fing an zu ſpielen. Wie ſich denken läßt, hatte er in kurzer Zeit Alles verloren, und da ſtanden wir nun, und guter Rath war theuer; für uns wenig⸗ ſtens. Er aber war guten Muthes, und es freute ihn, wie er ſagte, ſo nichts mehr zu beſitzen und ſich auf die eigene Kraft ſtützen zu müſſen. Das war nun alles recht ſchön und gut; aber Geld mußten wir haben, um wenigſtens ein Mittageſſen zu be⸗ kommen und ein Nachtlager zu finden.. „Wie machen Sie es in ähnlichen Fällen? fragte der junge Menſch. Das muß Ihnen doch auch ſchon häufig genug vorge⸗ kommen ſein. „Ich zuckte die Achſeln und entgegnete: es gibt allerlei Mittel, ſich zu helfen; aber eines iſt ſo desperat wie das andere, und wenn es fehlſchlägt, ſo ſitzen wir erſt recht im Unglück. 8 „Und das wäre? „Ich habe hier unter den Schauſpielern einen Bekannten, der freilich nicht im Stande iſt, uns mit Geld auszuhelfen; aber ich mache den Vorſchlag, wir gehen auf ſein Zimmer und laſſen durch das Loos entſcheiden, welcher von nus Drei ſich für die Anderen opfern ſoll, um Geld zu bekommen: denn Geld müſſen wir haben, Eine Filiale der Leimſudia. 197 um das wieder zu gewinnen, was wir eben verloren. Wir können nicht heute wieder zurückkehren. 3 „Das thun wir auf keinen Fall, ſagte der junge Menſch. „Wenn wir es ein paar Tage hier aushalten, meinte ich, ſo finden wir doch noch Gelegenheit, bei der Truppe anzukommen. 8 „Darauf gingen wir nach der Wohnung unſeres Bekannten, der nicht zu Hauſe war. Doch ſchloß uns ſeine Wirthin ſein Appartement, ein kleines Dachkämmerchen, auf. Das Opfer, zu dem ſich nun Einer verſtehen ſollte, war freilich ſonderbarer Art. Doch war es von einem meiner Bekannten früher ſchon einmal mit großem Nutzen angewendet worden. Wir zogen das Loos, nicht ohne vorher unſerem jungen Begleiter die ernſteſten Vor⸗ ſtellungen gemacht zu haben, noch ſei es Zeit, zurück zu kehren, um— wenn auch mit hungrigem Magen— den Heimweg zu ſuchen. Umſonſt! Er erklärte, zu Allem bereit zu ſein. Natür⸗ lich traf ihn auch das Schickſal roh und kalt und warf des Freun⸗ des zärtliche Geſtalt— nicht unter die Hufe ſeiner Pferde, wohl aber auf das Bett in der Dachkammer, nachdem er vorher ſeine ſämmtlichen Kleider ausgezogen hatte. Dieſe wurden in ein Bün⸗ del zuſammen gemacht, auf das Leihhaus gebracht, um mit dem Erlös davon das Spiel von vorhin wieder aufzunehmen und das Verlorene wieder zu gewinnen. „Natürlicher Weiſe aber waren dieſe wenigen Gulden ebenſo ſchnell verſchwunden, wie die früheren. Doch hatten wir wohl⸗ weislich vorher einen kleinen Imbiß genommen, während unſer Opfer ohne Kleider mit hungrigem Magen in fremder Stadt auf fremdem Bette ſaß und nach und nach ernſtlich begann nachzu⸗ 4 denken über dieſe erſten ſeltſamen Schritte, mit denen er in das Künſtlerleben getreten. „Stunde um Stunde verrann; wir blieben natürlich ſo lange — wie möglich aus. Anfänglich dachte er mit dem Leichtſinne der Jugend, unſer Schritt könne nicht fehlſchlagen, und wenn er —— ———— — 198 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Schritte auf der Treppe hörte, ſo glaubte er, ich ſei es und werde jetzt in die Dachkammer treten mit ſeinen Kleidern unter dem Arm, und vor ihm ausbreiten eine hübſche Summe, die wir ge⸗ wonnen. 1 „Endlich, als es Abend werden wollte, gingen wir nach Hauſe und traten achſelzuckend in die Dachkammer. Nie werde ich den Ausdruck des Schreckens vergeſſen, der die Züge des jungen Men⸗ ſchen überzog, als wir ihm unſer Unglück mittheilten.— Was war zu thun? Er meinte, wir ſollten den Direktor der hieſigen Truppe bitten, uns einiges Geld vorzuſtrecken, damit er wenigſtens wieder nach Hauſe kommen könnte.— Unmöglich! Wer leiht einem fremden, reiſenden Schauſpieler Geld? „Mein Freund, in deſſen Wohnung wir uns befanden, kam endlich auch nach Hauſe und zuckte über unſer Mißgeſchick die Achſeln. Die einzige Hülfe, die er uns nach vielem Hin⸗ und Herreden angedeihen ließ, beſtand in einem langen, weißwollenen Rocke und ein paar alten Pantoffeln, die er uns leihweiſe abtrat, damit wir bei einbrechender Dunkelheit die Blößen unſeres Schlacht⸗ opfers verhüllten. „So zogen wir endlich heim, über die ſtaubige Chauſſe dahin; der lange Rock wallte ihm bis auf die Füße, welche in den alten, breit getretenen Pantoffeln ſtaken. Um den Kopf hatten wir ihm ein buntſeidenes Tuch gewickelt, und ſo gingen wir betrübten Her⸗ zens unſeres Weges, wobei wir es an den beſten Ermahnungen nicht fehlen ließen. Der junge Menſch war entſetzlich zerknirſcht und hatte an dieſem erſten Künſtlerausfluge ſo vollkommen genug, daß er ſich hoch und theuer verſchwor, nie mehr an etwas Aehnliches zu den⸗ ken. Glücklicher Weiſe war der Abend lau und angenehm; aber ſo oft ſich ein leichter Wind erhob, wallte der weiße Rock in die Höhe, und dann griff er krampfhaft zu, um ihn feſt zuſammen zu halten. Eine Filiale der Leimſudia. 199 in die väterliche Wohnung gelangen zu können. Aber das Schick⸗ ſal wollte es anders— ich muß geſtehen, wir hatten dabei die Hand im Spiele— denn als er die Hausthüre öffnete, erſchie⸗ nen nicht blos Vater, Mutter und Schweſtern, ſondern auch ſo⸗ gar die romantiſche Couſine, und die ſtanden da vor Schrecken angewurzelt. Aber die Sache wendete ſich zum Guten; der junge Menſch war von ſeiner Luſt, mit uns herum zu ziehen, völlig geheilt; der Vater bewies ſich in der That dankbar dafür, und ich ging ſtolz nach Hauſe, mit dem ſüßen Bewußtſein, eine gute That verübt zu haben.“ „Trommler, Trommler!“ rief Eugen lachend, als der Künſtler geendigt,„ich glaube, Sie haben uns eine Geſchichte erzählt, die Sie erfunden, um uns ein abſchreckendes Beiſpiel vor Augen zu ſtellen, wie es auch uns einſtens ergehen könne.“ „Nein, es iſt eine wahre Geſchichte,“ antwortete Herr Tromm⸗ ler,„und ich künne⸗ auch lebende Zeugen aufführen, die bei derſelben zugegen waren. „Das wäre etwas weittäufig, meinte Herr Wellen.„Wir als Präſident dieſer achtbaren Geſellſchaft erklären uns um ſo mehr mit dem eben Gehörten zufrieden, als eine gewiſſe Moral demſelben zu Grunde liegt.“ Herr Trommler verbeugte ſich geſchmeichelt und netzte ſeinen trocken gewordenen Gaumen mit einem tüchtigen Zuge an. ————— 4 „So kamen wir mitten in der Nacht nach Hauſe, und die ein⸗ zige Hoffnung des jungen Menſchen beruhte darauf, unbemerkt Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Der Präſident der Leimſudia erzählt eine ernſtere Geſchichte, welche doch vielleicht mehr erheitern wird. „Der ehrenwerthe Präſident,“ nahm Herr Sidel nach einer Pauſe das Wort,„hat bis jetzt ſein Amt mit ziemlicher Strenge verwaltet, iſt aber wie gewöhnlich unnachſichtig gegen Andere ge⸗ weſen, ohne ſelbſt ins Feuer zu gehen. Ich glaube im Intereſſe der ganzen Geſellſchaft zu handeln, wenn ich ihn alles Ernſtes er⸗ ſuche, die beiden Lichter friſch zu putzen und auch einmal ſelbſt die Koſten der Unterhaltung zu tragen.“ 3 „Hört, hört!“ ſagte Herr Holder mit tiefer Stimme. „So ſchmeichelhaft mir auch eine ſolche Aufforderung iſt,“ verſetzte Doktor Wellen,„ſo bin ich doch einigermaßen in Verle⸗ genheit, der Geſellſchaft etwas zum Beſten zu geben, was intereſſaut für ſie wäre.“ „Das glauben wir nicht,“ meinte der Pfarrer.„Ein Arzt erfährt ſo Manches; er iſt wie ein Beichtvater, nur daß es ihm nicht verboten iſt, hier und da aus der Schule zu ſchwatzen.“ „Doch ſind die Krankengeſchichten meiſtens langweilig,“ erwi⸗ derte der Doktor. 5 „Ein Arzt, der im Felde war, genug, um etwas ſehr Intereſſantes Herr Sidel, indem er austrank. „Ich füge mich,“ entgegnete lächelnd der Doktor;„und da kommt mir gerade etwas in den Sinn, das vielleicht für die meiſten, die hier umher ſitzen, nicht ohne einige Wichtigkeit iſt. Ich muß aber zu dieſem Zwecke etwas weit ausholen oder mir vielmehr⸗ einige Fragen erlauben; denn was ich hier vortragen will, iſt ſollte ich meinen, hätte Stoff zum Beſten zu geben,“ ſagte 141 aber den geneigten Leſer mit einem ſonderbaren Blicke ſein Glas —— ͦ—ę— Der Präſident erzählt eine Geſchichte. 201 Heigentlich nur der zweite Theil einer Geſchichte, deſſen erſter Theil hier unter Ihren Augen geſchehen iſt.“ Deer Doktor ſprach das mit ſehr gedehntem Tone und ſah Engen dabei forſchend an; doch ſchien dieſer mit ſeinen Gedanken anderweitig beſchäftigt und gar nicht auf die eben geſprochenen Worte zu hören. „Und der zweite Theil ſpielt nicht hier?“ fragte der Pfarrer. „Im Gegentheil,“ ſagte Herr Wellen;„derg zweite Theil be⸗ ginnt auf dem Schlachtfelde von Novara. 3 „Darauf wäre ich begierig,“ meinte der geiſtliche Herr. „Es wird Ihnen faſt allen, die hier am Tiſche ſitzen, erinner⸗ lich ſein, beſſer als mir ſelbſt, denn ich ſpreche nur vom Hören⸗ ſagen, daß droben auf dem Schloſſe das ſchöne Monument errichtet wurde.“ „Ob wir das noch wiſſen! 14 entgegnete eifrig der Schulmeiſter. „War doch der Profeſſor während der Zeit ſeines Hierſeins mein guter Freund gewoden! Ein ſcharmanter junger Mann! Ich habe ihn ſehr lieb. Der Geſort⸗ fragte der Doktor, ſcheinbar nicht wiſſend, wer damit gemeint ſei. „So nannten ſie den Bildhauer, der das Werk droben ge⸗ macht,„ erklärte der Pfarrer.„Eine ſchöne Arbeit.“ „Glaube, Liebe, Hoffnung,“ ſagte der Doktor, und bei dieſen Worten fuhr Eugen aus ſeinen Träumereien empor. „Es iſt Schade, daß der talentvolle Künſtler ſo früh enden mußte,“ meinte Herr Sidel.„Wie hieß er doch?“ „Alfred Welding,“ erwiderte der Doktor. „Und wo machten Sie ſeine Bekanntſchaft?“ fragte der Pfarrer. „Wie ich ſchon geſagt zu haben glaube, in Italien, kurz vor der Schlacht von Novara.“ „Ruhe für den Präſidenten!“ rief Herr Sidel.„Er hat das Wort., Wenn wir ihn ewig mit Fragen unterbrechen, ſo werden — 202 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. wir nicht viel zu Geſchichte!“ „Welcher Geſchichte?“ fragte leiſe Eugen. „Die eines jungen Bildhauers Namens Alfred Welding,“ fuhr Herr Sidel laut fort,„der droben auf dem Schloſſe jene herrliche Arbeit lieferte und dann aus dem Thale hier ſpurlos verſchwand.“ 3 „Den zweiten Theil kenne ich ſchon,“ Der Doktor hatte ſein Glas aus Kreiſe um und ſagte nach einem a „Was ich hier vortragen will Geſchichte.“ „Ah!“ rief Eugen, ſeltſam überraſcht, und horchte aufs Höchſte geſpannt den Worten des Freundes. „Der erſte Theil ſpielte hier unter euren Augen. Ihr alle kanntet den Bildhauer Welding; ich glaube euch vorhin ſagen zu hören: ihr alle hättet ihn lieb gewonnen.“ 3 Bei dieſen Worten legte der alte Schulmeiſter ſeine Hand wie betheuernd auf das Herz, und der Pfarrer hob die ſeinige in die Höhe, als wollte er ſagen:„Gott weiß es!“ Beide aber nickten mehrmals mit ihren grauen Köpfen. Der Doktor fuhr fort, nachdem er einen flüchtigen Blick auf Eugen geworfen: ner ging von hier fort, tiefes Weh im Herzen, und ſuchte ſeinen Tod auf den Schlachtfeldern Italiens, den er auch dort— gefunden zu haben ſchien.“ „Doktor!“ unterbrach ihn hier Eugen und wollte von ſeinem Stuhle auffahren. Doch zog ihn Herr Sidel wieder zurück und bat ihn, ruhig zu ſein. „Der zweite Theil iſt euch, gen durch die Erzählung meines F Ich kann alſo darüber flüchtig hi und letzten wenden.— hören bekommen.— Den zweiten Theil der ſprach finſter Eugen. getrunken, ſah ſich rings im ugenblicklichen Stillſchweigen: iſt eigentlich der dritte Theil dieſer Der Präſident erzählt eine Geſchichte. 203 Schlacht; ich habe das erlebt und all' die Schreckniſſe geſehen, all das Elend, das wie ein langer ſchwarzer Mantel wallt hinter jenen blutigen, aufgeregten, ja man könnte ſagen: glänzenden Stunden. Der Kampf iſt vorüber; Regiment um Regiment zieht ſich hier⸗ und dorthin vom Schlachtfelde, und es bleibt nichts zurück, als die Gefallenen, Todten und Verwundeten, als die Leichen von Pferden, als zerſtörtes Heergeräthe aller Art. „In der Nähe einer kleinen Villa, der Caſa Biancht, hatte ich meinen jungen Freund zum letzten Male wacker kämpfen ſehen. Dort war er verwundet worden; ein paar Kameraden hatten ihn zurückgetragen; von da ging jede Spur von ihm verloren. Er war in die Bruſt geſchoſſen, nothdürftig verbunden worden; er mußte lange Stunden beſinnungslos gelegen haben.“ „Er erwachte?“ ſchrie Eugen laut und freudig auf.„Doktor, um Gotteswillen! treiben Sie keinen Scherz mit uns!“ „Junger Mann,“ erwiderte der Erzähler mit komiſchernſter Stimme, die aber ein klein wenig vor Rührung zu zittern ſchien, „Sie haben nicht das Wort.“ Dann fuhr er gelaſſen fort: „Als der Jäger erwachte, war es finſtere Nacht um ihn. Vom Himmel herab ſtrömte der Regen, langſam und gleichförmig, und erfriſchte ihm die Stirn und die trockenen Lippen. Er fühlte an ſeine Bruſt, die ihn heftig ſchmerzte; man hatte um ſeine Wunde einen Verband gelegt, ihn aber nicht zurück. transportirt. Jetzt glaubte er ſich der letzten Worte zu erinnern, die er vor einer langen und tiefen Ohnmacht gehört, der Worte, die ſchmerzlich in ſein Ohr geklungen waren: wir wollen ihn verbinden; aber es hilft nichts, den Transport kann er nicht überleben. „Daß er ſich unter freiem Himmel befand, bemerkte er, wie ſchon geſagt, augenblicklich, und daß er auch mitten im Schlacht⸗ felde war, hörte er jetzt an den ſeltſamen, ſchrecklichen Tönen, die leiſe und laut an ſein Ohr ſchlugen. Er lag in der Nähe eines Baumes auf einem Erdaufwurf. Doch war ſein Lage nichts 204 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. weniger als behaglich, da ſich bei der Nacht nicht nur ein ſcharfer Wind erhob, ſondern es auch gegen Morgen anfing zu ſchneien. „Der verwundete Freiwillige ſuchte ſich empor zu richten, und es gelang ihm auch, nachdem er ſich einige Mal vergeblich bemüht. Ein unbeſtimmtes Gefühl trieb ſuchen, und nach langer ſchmerzensvoller Anſtrengung kam er auf die andere Seite, rollte aber dort in einen tiefen Graben, wo er wieder eine Zeit lang beſinnungslos liegen blieb. Hier aber war er wenigſtens vor dem Wetter geſchützt, und als er bald darauf abermals die Augen ſchloß, war es nicht wieder eine Ohnmacht, die ihn überfiel, ſondern ein leichter Schlummer. „Endlich brach der Morgen an, kalt und grau, froſtig und ne⸗ belhaft. Die Nacht, die ſo viel Elend mitleidig verhüllt hatte, ſchien ungern empor zu ziehen und ſie zögernd verlaſſen zu wollen, all' die Unglücklichen, die ſie bis jetzt mit ihrem ſchwarzen Mantel bedeckt. 3 „Der Freiwillige, abwechſelnd zwiſchen Schlummer und Ohn⸗ machten, hatte nur wenige lichte Momente, und als er nach länge⸗ rer Zeit einmal wieder die Augen aufſchlug, bemerkte er, daß ihn Soldaten umſtanden, die ihn neugierig betrachteten. Sie hatten Schaufeln und Hacken in den Händen, und als er einen tiefen Seufzer ausſtieß, hoben ſie ihn ſanft in die Höhe, legten ihn auf eiinen Wagen, und er wurde weggeführt. „Und wieder erwachte er auf einem Strohlager in einer kleinen Hütte; aber das behagliche Gefühl der Wärme durchſtrömte ihn; auch hatte man ſich mit ſeiner Wunde beſchäftigt; denn er fühlte nicht mehr jenen ſcharfen, ſtechenden Schmerz, ſondern nur eine große Ermattung, die ſeinen Körper durchzog. Dann aber kam das Wundfieber mit glühender Hitze und wilden Phantaſieen und jagte ſeinen Geiſt ruhelos umher, zauberte ihm ſchöne und ſchreck⸗ liche Bilder vor Augen, führte ihn durch den Himmel und die Hölle, in der Wirklichkeit aber hart am Rande des Grabes vorbei. 5. A ihn, hinter jenem Hügel Schutz zu — mels ſeine Rettung. Der Präſident erzählt eine Geſchichte. 20⁵ Doch hielt das Leben zu feſt an dem kräftigen Körper; die Tage der Gefahr gingen vorüber— er konnte als gerettet betrachtet werden.“ „Doktor!“ unterbrach den Erzähler hier Eugen aufs Neue,„iſt es wahr, was Sie hier erzählen?— Wellen, Sie werden keinen Scherz mit uns treiben!“ „Das Unerklärlichſte an der ganzen Sache war mir immer,“ fuhr dieſer ruhig fort,„daß ich den Freiwilligen, trotz meines em⸗ ſigen, tagelangen Suchens, nicht gefunden. Jetzt iſt mir Alles klar geworden. Als man ihn vom Felde hinweg gegen Novara trans⸗ portirte, wurde er von der Bewegung des Wagens ſo ſchwach, ſo hinſterbend, daß der begleitende Unterarzt es für beſſer hielt, ihn in einem kleinen Hauſe an der Straße zu laſſen, deſſen Einwoh⸗ ner, Piemonteſen, ſich freundlichſt bereit erklärten, den Verwunde⸗ ten aufzunehmen. Sollte er ſterben, ſo verſprachen ſie, ihn anſtän⸗ dig begraben zu laſſen, vorher aber wollten ſie alles Mögliche ver⸗ ſuchen, ihn wieder herzuſtellen. „Es war ein alter Mann in dem Hauſe und eine alte Frau, brave, redliche Leute, die den verwundeten Feind mit einem Gefühl innigſten Dankes gegen Gott in ihr Haus aufnahmen. Ihr ein⸗ ziger Sohn, ein junger Menſch von achtzehn Jahren, hatte eben⸗ falls die Schlacht mitgemacht und war beim Zurückgehen der Pie⸗ monteſen nicht weit vom elterlichen Hauſe von einer Kugel leicht in den Arm verwundet worden. Dieſes Glück beim Unglück ſchien den Eltern ſo groß und unerhört, daß ſie es, wie ſchon bemerkt, für ihre heilige Pflicht hielten, den Verwundeten, der vor ihre Thüre gebracht wurde, liebreich aufzunehmen und zu verpflegen. Und dieſen Leuten allein verdankte er neben der Gnade des Him⸗ „Sie behandelten ihn wie ihr eigenes Kind; der Vater, ſelbſt eine Art Doktor, holte ihm die Kugel aus der Bruſt, die alte Frau verließ Tag und Nacht ſein Bett nicht, und Nn einem ſchönen Mor⸗ 206 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. gen— die Erde prangte damals im ſchönſten Schmucke des Früh⸗ lings,— nachdem der Kranke oftmals dringend verlangt, zu wiſ⸗ ſen, wo er denn eigentlich ſei, richtete ihn der junge Piemonteſe, der ſchon längſt wieder hergeſtellt war, im Bette auf, öffnete das 4 dicht verſchloſſene Fenſter und ließ ihn hinaus ſchauen. „Vor ſeinen Augen breitete ſich das Schlachtfeld aus; aber er kannte es nicht wieder. Die damals ſo kahlen Felder waren mit friſchen, grünen Saaten bedeckt und zeigten nur hie und da an einzelnen grauen Stellen, wo die Schlacht am ſtärkſten gewüthet. Die Reben, welche damals nur ihre knorrigen Aeſte in den ſelt⸗ ſamſten Geſtalten gezeigt, waxen jetzt mit Blättern bedeckt, und wiegten ſich im Winde hin und her, leiſe ihre Blätter, wie vor Schrecken ſchüttelnd, als erzählten ſie ſich allerlei blutige und furchtbare Geſchichten. „Bald war der junge Bildhauer ſo weit wieder hergeſtellt, daß er das Haus verlaſſen und, auf den Arm des jungen Piemonteſen geſtützt, in der Nachbarſchaft herum gehen konnte. Sein erſter Gang war natürlich auf das Schlachtfeld ſelbſt, wo er die Stellen aufſuchte, auf denen er gefochten und wo er gefallen war. Ihm kam es aber vor, als ſei das alles ſchon vor langen Jahren ge⸗ 1 ſchehen; denn von dem Bilde des Schlachttages ſelbſt, wie es ihm vor Augen ſchwebte, fand er nur unbedeutende Spuren. Caſa Bianchi, wo es am blutigſten hergegangen, lag ſo freundlich und ☛ 8 ₰ A 8 8 5 ‿ — = 8 58 2 B½ S 85 S ½ 2 — —₰ 8* 8 = 8 &η△ꝑ 2 2 ⁸¼ — — — 2 — den Ochſen. Und doch waren durch eben dieſes Thor die piemon⸗ teſiſchen Batterien in raſender Eile verſchwunden, hatten in dem Hofe abgeprotzt und eine Kartätſchenladung um die andere den ſtürmenden Jägern entgegen geſchleudert.— Schritt für Schritt,* ging er den Hügel wieder hinauf, denſelben Weg, den er damals Der Präſident erzählt eine Geſchichte. 207 im Feuer gemacht, und ein eigenes wehmüthiges Gefühl beſchlich ihn, wenn er dabei zuweilen ſtehen blieb und an dieſen und jenen Kameraden dachte, der hier und dort neben ihm gefallen und ihm, tief aufſeufzend, den letzten Blick nachgeſandt. „Als er nun in die Nähe der Gebände kam, bemerkte er wohl noch die Spuren des heftigen Kampfes. Die Löcher, welche die Kugeln geriſſen, waren zwar verſtrichen, aber noch immer kenntlich an der helleren Farbe. Hie und da ſah man auch neue Fenſter⸗ läden, Lücken in den Baumreihen und zerſtörte Rebengelände. Da mußte er doch unwillkürlich daran denken, wie noch manches lange Jahr vergehen müſſe, bis alle die Wunden hier vernarbt ſeien und ein ſcharfes Auge nichts mehr finde, was an jenen ſchrecklichen Tag des Kampfes erinnere. „Und dabei drückte er mit einem ſchmerzlichen Gefühle die Hand feſt auf das Herz. Auch hier war es wie ein Schlachtfeld; auch hier hatte er begraben geliebte Todte, feurige Wünſche, ſüße Hoffnungen. Auch hier waren die Keime in den Saaten nieder⸗ getreten, ohne Ausſicht auf künftige Frucht; hier, das fühlte er wohl, ſah es troſtloſer und öder aus, als auf dem Schlachtfelde von Novara. „An einem der erſten Tage nach ſeiner Wiederherſtellung ging nach dieſer Stadt, um ſich bei dem Commandanten zu melden. ſr war als geſtorben in den Liſten eingetragen; doch hatte ſein braver Chef, der Major von C., ihn zur großen goldenen Medaille vorgeſchlagen, die, dem Verſtorbenen bewilligt, der Lebende nun erhielt.“—— Eugen hatte in höchſter Aufregung den Präſidenten mehrmals unterbrechen wollen, doch hatte ihn Herr Sidel beſtändig beſchwich⸗ tigt, und jetzt winkte ihm der Doktor Wellen freundlich mit der Hand, indem er ſagte:„Noch einen Augenblick Ruhe; ich bin gleich zu Ende.“ „Welding,“ fuhr er fort, verhielt natürlichet Weiſe einen— —y 208 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. „ehrenvollen Abſchied aus den öſterreichiſchen Dienſten und ging dann auf den Rath der Aerzte nach Nizza, von wo ich vor einiger Zeit Briefe von ihm erhielt.“ „Verzeihen Sie, meine Herren,“ rief nun Eugen aufſpringend, „daß ich Ihre Unterhaltung ſo ſchnell unterbrechen muß, daß ich nicht einmal erwarten kann, bis der Doktor für ſeine ſchöne Er⸗ zählung das ihm gebührende Lob aus Ihrem Munde erhalten. Verzeihen Sie beſonders, daß ich ihn aus Ihrer Mitte entführen muß. Aber er weiß es am beſten, wie Vieles und Wichtiges ich auf dem Herzen habe, wie ſehr mich vor Allem das Schickſal jenes jungen Mannes intereſſirt, den auch Sie alle lieb gewonnen.“ Bei dieſer Rede war der Doktor ebenfalls lächelnd aufgeſtan⸗ den, ließ ſich von Eugen, der ihn am Arme faßte, geduldig fort⸗ ziehen und folgte ihm zur Thüre hinaus. Eugen war in heſtiger Aufregung. An der Treppe faßte er beide Hände des Doktors, ſah ihn feſt an und ſagte haſtig und mit zitternder Stimme:„Nicht wahr, Freund, Sie ſprachen die Wahrheit?“ „Die volle Wahrheit,“ entgegnete Wellen. „Und Ihre Geſchichte iſt noch nicht ganz zu Ende?“ „Noch nicht ganz,“ erwiderte der Arzt gerührt.„Aber ich hoffe, ſie ſoll bald und fröhlich ſchließen.“ „Das gebe Gott!“ antwortete Eugen. Und nun gingen ſie mit einander die Treppe hinauf: von Wellen, langſam und zögernd; Eugen, ihm folgend, haſtig drängend. Auf des Letzteren Zimmer war Licht, die Thüre nur angelehn „Wellen drückte ſie auf, und Eugen blieb überraſcht und zweifelt auf der Schwelle ſtehen. Es trat ihm ein junger Mann entgegen den er nie geſehen; doch wußte er augenblicklich, wer es war. Dieſer reichte ihm freundlich die Hand und ſagte mit anſchei⸗ nend ruhigem Tone;„Verzeihen Sie, daß ich mich Ihnen ſo un⸗ 8 V 209 erwartet und plötzlich vorſtelle.“ Dabei bebte jedoch ſeine tiefe Stimme.„Doktor Wellen aber,“ fuhr er fort,„verſicherte mich im Der Präſident erzählt eine Geſchichte. Voraus Ihrer Verzeihung.“ 1 Eugen faßte die dargebotene Rechte mit ſeinen beiden Händen 1 und drückte ſie herzlich. „Er hielt es in Italien nicht aus,“ meinte lächelnd der 5 Doktor,„und kehrte deßhalb, wenn auch ohne Hoffnung, nach Deutſchland zurück. Daß ſich Herr Welding hier befindet, iſt mein Werk.“ „Und doch nicht meur ganz ohne Hoffnung!“ fiel ihm der junge Bildhauer haſtig ins Bart;„denn ich ſtehe ja vor Roſa⸗ liens Bruder.“ 8 Wir können dem geneigten Leſer werſichern, daß ſich die bei⸗ den jungen Männer in wenigen Stunden aunen lernten und lieb gewannen, auch die beſten Plaue für die Zukunft faßten. Doch ſah ſich der Doktor veranlaßt, ihnen zu ſagen:„neh⸗ met die Sache nicht gar zu leicht, denkt an die Staatsräthin und namentlich an deren Geſchäftsmann, den Juſtizrath Werner.“ Am folgenden Morgen verließ Doktor Wellen 1chloßfelden und ging nach der Reſidenz zurück. Auch nahm er we⸗ Briefe noch Botſchaften von Eugen mit. Der erfahrene Freund vette. dem jungen Manne geſagt:„Verrathen Sie nichts von Ihren Ab⸗— ſichten, ſelbſt nicht einmal der Mutter. Laſſen Sie Ihrem Feinde keine Zeit zur Ueberlegung. Was geſchehen ſoll, muß ihn hier unvorbereitet und plötzlich überraſchen.“ Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Berichtet in Kurzem, wie ſich der Major von Brander zu einer Reiſe vorbereitet. Das Bataillol, welches die Ehre hatte, von dem Major der Infanterie, Freiherrn von Brander, kommandirt zu werden, hatte ſchon oft Gelegenheit gehabt, ſich zu„ wundern, und dies auch bei ähnlichen Fällen nach beſten sträften gethan. Es war ſchon belobt worden, ohne eigentlich zu wiſſen, warum, es hatte aus ebenſo unbekannten Gründen ſchon die fürchterlichſten Naſen erhal⸗ ten, bataillonsweiſe und in Kompagniefront, in Zügen, in Kor⸗ poralſchaften, in Rotten und in einzelnen Gliedern. Es hatte ſchon exercirt bei zwölf Grad Kälte und bei achtzehn Grad Hitze, und es hatte ſeine weißen Gamaſchenhoſen verloren, und die Unteroffi⸗ ziere und Ges. zten hatten einen weißen Knopf an den Kragen er⸗ halten. Zies alles war ſchon geſchehen. acber daß ſich der Kommandant dieſes Bataillons auf acht Tage beurlauben ließ und den Befehl dem älteſten Hauptmann übertrug, das war dem Bataillon noch nicht vorgekommen. Die Offiziere ſchüttelten ihre Köpfe, und ein Sergeant, der viel auf der großen Kanzlei ſchrieb, meinte, dahinter ſtecke mehr, und es ſolle ihn gar nicht wundern, wenn der Major, aus dem Urlaub zurück kehrend, zum Kriegsminiſter ernannt ſei. So wichtig waren aber, wie wir bereits wiſſen, die Urſachen nicht, welche den Freiherrn von Brander veranlaßten, auf acht Tage ſeine militäriſchen Kinder zu verlaſſen. Es galt ja nur, ſeinem guten Bekannten, dem Herrn von Steinbeck, einen Freund⸗ ſchaftsdienſt zu erzeigen. Wir können gar nicht behaupten, daß es dem Major leicht Reiſevorbereitung des Majors v. Brander. 211 wurde, dazu einzuwilligen und ſich einen Urlaub zu erbitten; im Gegentheil, dieſer Schritt war reiflichſt überlegt worden, man hatte dafür und dagegen geſprochen, und als nun endlich von der Regi⸗ mentskanzlei das erwartete Papier anlangte, da behauptete der Major, es ſei ein wichtiger Schritt, und er gäbe etwas darum, ihn ungeſchehen machen zu können. „Sehen Sie, liebſter Stifeler,“ ſagte der Freiherr von Brau⸗ der und ſchlug mit der Hand auf das Papier, daß der Streuſand davon flog,„ſo ein Urlaub iſt wie ein halber Abſchied, und wenn ich an ſo etwas denke, ſo kann ich mich eines kleinen Schauders nicht erwehren.“ 4 „O— o— oh!“ entgegnete der Adjutant,„Herr Oberſt⸗ wachtmeiſter, wie können Sie nur ſo ein Wort ausſprechen? Auf Ehre! das ganze Bataillon müßte ſchaudern, wenn es ſo etwas gehört hätte.“ 3 3 Es war dies eine großartige Idee: ein ſchauderndes Bataillon, incluſive Offiziere, Tambours und Unterärzte. Es müßte dies ein unerhört ſchöner Anblick geweſen ſein. Der Major war auch offenbar davon gerührt, faltete das Pa⸗ pier zuſammen und ſprach mit liebreichem Tone:„ich danke Ihnen, guter Stifeler; aber hol' mich der Teufel! Seine Majeſtät der König wüßten wahrhaftig nicht, was Höchſtdieſelben in einem ſolchen Falle an mir verlören. Wie ſagt doch der— nun— ein gewiſſer— Schiller in einem ſeiner, übrigens ſehr langweiligen, Trauerſpiele?— Ich fühle eine Armee in meiner Fauſt.“ „Karl Moor in den Räubern,“ ſagte pflichtſchuldigſt der Ad⸗ jutant und hob die Hand zum Gruße empor. Doch beſann er ſich auf halbem Wege, daß er unbedeckten Hauptes vor ſeinem Chef ſtehe, und fuhr nun mit ſeinen Fingern an den Bart, um als geordneter, ökonomiſcher Offizier keine unnöthige Bewegung zu machen.“ „Im Ganzen diene ich jetzt an die fünfundvierzig Jahre,“ fuhr 212 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. der Major fort, indem er aus der Hand Zwiebel's ſeine Meer⸗ ſchaumpfeife nahm.„Fünfundvierzig Jahre— über zwei Drittel eines Menſchenlebens.“ „Zu ſechszig gerechnet,“ ſchaltete Herr von Stifeler ein. „Allerdings zu ſechszig,“ verſetzte der Major.„Und von die⸗ ſen fünfundvierzig Jahren Dienſtzeit— freilich rechnete ich Kriegs⸗ und Militärſchulen aller Art mit ein— bin ich nun ſeit zwanzig Jahren Kommandeur des zweiten Bataillons, und während dieſer zwanzig Jahre habe ich mich nicht eine Sekunde beurlauben laſſen.“ „Es iſt ungeheuer!“ ſagte der Adjutant mit einem Ausdruck der höchſten Bewunderung. „Nicht eine Sekunde!“ fuhr der Major wichtig fort.„Deß⸗ halb liegen mir die acht Tage auch ſchwer auf der Seele.— Acht Tage gewiſſermaßen dem allerhöchſten Dienſt entfremdet! Aber Zwiebel,“ wandte er ſich an dieſen, ſich ſelbſt unterbrechend,„das iſt wieder ein heilloſer Tabak! Sage dem Käſekrämer, ihn ſoll ein Donnerwetter regieren, wie er ſich unterſtehen kann, mir ſo ſchofles Zeug zu ſchicken. Oder haſt du die Pfeifen vielleicht ſchlecht geputzt? Nimm dich zuſammen, Zwiebel, oder es iſt dein Unglück!— „Ja wohl, liebſter Stifeler,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „es mag ſein, daß ich mich oft durch übertriebene Beſorgniſſe quäle, mich oft mit Unmöglichkeiten martere. Aber ſtellen Sie ſich vor: ich gehe auf Urlaub über die Grenze, und nun bricht plötz⸗ lich ein Krieg aus—“ „Schauderös!“ ſagte der Adjutant, wie vor Schrecken erſtarrt. „Ein Krieg aus,“ wiederholte der Major,„und ich wäre drüben über der Grenze— Kriegsgefangener erſter Klaſſe Major Freiherr von Brander! Es wäre mein Tod! Glücklicher Weiſe leben wir im tiefſten Frieden; aber man kann nie wiſſen, was geſchieht.“ 3: Bei dieſen Worten nahm der Major ſeine Pfeife in die Hand * ——— Reiſevorbereitung des Majors v. Brander. 213 und ſpazierte einige Augenblicke nachdenkend im Zimmer auf und ab. „Wann werden der Herr Oberſtwachtmeiſter reiſen?“ fragte der Adjutant nach einer kleinen Weile. Der Major blieb auf ſeinem Spaziergange plötzlich ſtehen, wandte ſich an den Adjutanten und antwortete:„liebſter Stifeler, dieſe Frage kann ich Ihnen nur beantworten, indem ich Ihnen darüber die größte Verſchwiegenheit anempfehle.— Ich werde morgen früh-um ſechs Uhr reiſen. Aber das bleibt ſtreng unter uns. Es iſt nicht gut, wenn der Untergebene erfährt, daß der Vorgeſetzte nicht am Platze iſt. Er darf das höchſtens ahnen; er darf darüber nie zur Gewißheit kommen, namentlich in den erſten Tagen nicht; und vor allen Dingen darf kein Menſch erfahren, wohin ich gegangen bin. Das muß gehen wie nach den höheren Kommando's: unverſtändlich für Alle, nur in ſeinen Wirkungen ſichtbar. Eins!— man ſieht den Kommandeur ruhig umherſpazie⸗ ren— zwei!— er iſt verſchwunden, plötzlich abgereist— drei! — kein Menſch weiß, wohin— vier!— dort kommt er zurück, als ob gar nichts vorgefallen wäre. In dieſer Hinſicht, liebſter Stifeler, iſt die Dienſtvorſchrift der ruſſiſchen Feldjäger bewunde⸗ rungswürdig. Kennen Sie dieſelbe?“ „Leider nein!“ ſagte der Adjutant ſeufzend. „Sehen Sie,“ fuhr der Major fort,„ſehen Sie, ſo ein Feld⸗ jäger geht ſpazieren. Er hat einen beſtimmten Diſtrikt, da darf und muß er ſpazieren gehen. Da begegnet ihm ſein Vorgeſetzter, irgend ein expedirender geheimer Oberfeldjäger, und blinzelt ihm mit dem Auge, was etwa heißt: Abends um acht Uhr auf die Kanzlei! Da erſcheint er pünktlich und bekommt einen großen Brief in Wachstuch eingenäht, mit der Aufſchrift:„nach Tobolsk“ und mit der Bemerkung:„eilt ſehr!“ Der SeMäner thut gar nicht, als ſei etwas paſſirt, legt ſich zu Hauſe ruhig zum Scheine in ſein Bett, ſagt „man ſolle ihn nicht ſo früh erwecken, und fängt wohl⸗ —— 214 Stebenundfünfzigſtes Kapitel. zu unternehmen, und Zwiebel zu dieſem G Ende den Befehl erhalten, berechnet an zu ſchnarchen. Am anderen Morgen, wenn man ihm ſeinen Kaffee bringt— was glauben Sie wohl, Stifeler?— iſt weit und breit kein Feldjäger mehr. Kein Menſch weiß, wann und wohin, und ehe überhaupt noch Jemand weiß, daß er abge⸗ reist iſt, hat er ſchon an hundert Werſt gegen Tobolsk hin zurück⸗ gelegt.— Das iſt Dienſt!“ „Es iſt außerordentlich,“ ſprach Herr von Stifeler gerührt und von wahrer Bewunderung hingeriſſen. „Jetzt, liebſter Stifeler, will ich Sie in Gnaden entlaſſen., Sie können auf mich zählen wie auf eine Uhr, und wenn Sie mir eine Freundſchaft erzeigen wollen, ſo treten Sie morgen nach dem Schlage Sechs in das Zimmer des Hauptmanns von Wedelbach und melden ihm, ich ſei abgereist.“ „Doch darf ich vorher bei dieſer Abreiſe zugegen ſein?“ ſagte der Adjutant mit einem Anflug von Rührung. „Gott bewahre, beſter Stifeler!“ rief der Major.„Um Alles in der Welt kein Aufſehen! Denken Sie mir an den ruſſiſchen Feldjäger. Erſt nachdem ich zwei Tage fort bin, dürfen Sie es als Thatſache alleufalls zugeben.— Apropos! ich habe eine kleine Amneſtie erlaſſen. Sie können das übermorgen bei der Parole ankündigen. Der Tambour Schneider I., der Horniſt Schmitz und die Musketiere Peters, Kurz und Güldenſtein ſind von da aus dem Mittelarreſt zu entlaſſen. Sie ſollen ſich aber künftig beſſer auf⸗ führen.— Damit Gott befohlen, beſter Stifeler!“ Der Adjutant drückte die ihm dargebotene Hand ſeines Vor⸗ geſetzten und entfernte ſich darauf ſtürmiſch wie Jemand, dem es jetzt um eine Million nicht mehr möglich iſt, ſeine Thränen zurück⸗ zuhalten.— Da die Reiſe des Majors über die Grenze ging, ſo hatte er begreiflicher Weiſe den Entſchluß gefaßt, dieſelbe im Civilanzug Reiſevorbereitung des Majors v. Brander. 215 die ſämmtliche Friedensgarderobe zu einer genauen Muſterung vor⸗ zulegen. Dieſelbe nahm übrigens keinen bedeutenden Platz weg; ſie beſchränkte ſich auf einen ſchwarzen Anzug, einen dunkelblauen Paletot und einen Hut, deſſen Federn aber einigermaßen verblichen zu ſein ſchienen. „Zwiebel!“ rief der Major erſtaunt, ja faſt erſchreckt, als er mit Hülfe dieſes getreuen Dieners in den ſchwarzen Frack hinein⸗ geſchlüpft war.„Zwiebel, mir ſcheint, ich bin im letzten Jahre bedeutend ſtärker geworden. Das ſoll ja ein Donnerwetter regie⸗ ren! Ich muß ja ausſehen wie ein Konfirmand— oder wie ein Schneider,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er eine verzweifelte Anſtrengung gemacht hatte, die beiden Fracktheile vorn zu vereinigen. Doch ſchienen Knopflöcher und Knöpfe in einer unbeſchreiblichen Feindſchaft zu leben, und es war unmöglich, zwi⸗ ſchen ihnen eine Annäherung zu Stande zu bringen. Der Major ſah Zwiebel mit einem wahrhaft troſtloſen Blick an. Dieſer zuckte die Achſeln. „Das iſt eine ganz malitiöſe Geſchichte!“ fuhr Herr von Bran⸗ der fort.„Es iſt zu ſpät, einen neuen Frack machen zu laſſen, und ich kann doch bei der Feierlichkeit nicht ohne ein ſolches Klei⸗ dungsſtück erſcheinen. Gib einmal den Paletot her!“ Mit dieſem ließ ſich nun ſchon eher ein vernünftiges Wort reden. Er ſchien aus weit dehnbarerem Stoffe gemacht zu ſein und ließ ſich deßhalb mit einiger Anſtrengung vorn zuknöpfeu. Der Major ſtellte ſich vor den Spiegel und klopfte nachdenk⸗ lich ſeine beiden Seiten. Ihm kam ein ſehr guter Gedanke. „Wenn ich auch während der Reiſe,“ ſagte er mehr zu ſich ſelber ſprechend als zu ſeinem Diener,„dieſen Paletot anziehe, ſo hindert mich nichts, im Wagen den Mantel darüber zu nehmen; den Frack laſſe ich zu Hauſe, und bei der Feierlichkeit drüben bediene ich 216 Achtundfünfzigſtes Kapitel. mich kurzweg des Waffenrockes, was nur einen um ſo größeren Eindruck machen muß.“ So beſchloß der Major, und danach erhielt Zwiebel ſeine Befehle.. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Enthält Reiſevorbereitungen anderer Art und zeigt Jungfer Clementine Strebeling als 2 Opfer unglücklicher Liebe. Im Hauſe der Staatsräthin wurden ähnliche Anſtalten, wenn auch ganz anderer Art, gemacht. Martin, der Kutſcher, befand ſich in einer unſäglichen Aufregung. Erſt geſtern hatte ihn ſeine Her⸗ rin vor ſich kommen laſſen und ihm den Befehl gegeben, ihr Reiſe⸗ coupé in gehörigen Stand zu ſetzen, damit es am anderen Morgen in aller Frühe mit Poſtpferden beſpannt werden könne. Nun müſ⸗ ſen wir aber der Ordnungsliebe des Kutſchers das beſte Zeugniß geben und zugeſtehen, daß ſich der Wagen im ſolideſten Zuſtande befand. Doch wie die alten Diener ſind: verletzt, daß man ihn nicht früher von dieſer Reiſe in Kenntniß geſetzt, ſchwor er hoch und theuer, ſchon vor vierzehn Tagen hätte man ſollen das Coupé zum Sattler ſchicken; er garantire nicht für eine Station, und wenn ſeine Herrſchaft alsdann mitten auf der Straße liegen bleibe, ſo ſei ſeine Kutſcherehre dahin, und er müſſe ſich ein Leides anthun. Der alte Jakob hatte dazu gelächelt und ihm geſagt:„macht nur nicht ſo viele Geſchichten! Seid vernünftig, Martin! Das iſt nun einmal ſo ſchnell gekommen mit dieſer Reiſe; Niemand hat's eher gewußt als Ihr, ja nicht einmal die Staatsräthin; das könnt Ihr mir glauben.“— Reiſevorbereitungen anderer Art. 217 Dieſe Verſicherung tröſtete denn auch einigermaßen den alten Kutſcher; bald darauf hörte man die Remiſenthüre öffnen und das langſame Rollen eines Wagens im Hofe. Martin warf den Ueber⸗ zug herunter, unterſuchte Achſen, Federn, Riemenwerk, Lateruen, und als er nach einer guten Stunde hiemit zu Stande gekommen war, verſicherte er mit freudeſtrahlendem Geſichte, ihn ſolle der Teu⸗ fel holen, aber er habe ſich geirrt: das Coupé müſſe auf der Land⸗ ſtraße Parade machen. Martha, die Köchin, hatte ſich ſeit der Hochzeit der Nanette noch nicht ganz wieder erholt. Sie war gewiſſermaßen ſchwermü⸗ thig geworden, lachte ſelten oder gar nicht, und wenn ſie allein war, ſang ſie allerlei ſchreckliche und ergreifende Lieder, als: Heinrich ſchlief bei ſeiner Neuvermählten, oder Noch einmal, Robert, eh' wir ſcheiden, Komm an Eliſens klopfend Herz. Namentlich das letztere liebte ſie beſonders, und Martin, dem dieſe muſikaliſche Produktionen, die man auch außer der Küche deutlich hören konnte, höchſt langweilig vorkamen, hatte verſichert, wenn das nicht aufhöre, ſo gehe er aus ſeinem Stalle gar nicht mehr heraus. Die plötzliche Reiſe der Staatsräthin hatte nun auch nicht zur Erheiterung der Köchin beigetragen, und dem erhaltenen Be⸗ feyle gemäß packte ſie mit wahrer Wehmuth allerlei Geflügel in ein kleines Reiſeneceſſaire. Die Staatsräthin war die Einzige, die ſich, wenigſtens im Aeußeren, wie immer völlig gleich blieb. Sie ſaß in ihrer Fenſter⸗ niſche auf dem kleinen Fauteuil und hatte, wie es ſchien, Papiere durchgeſehen, hie und da ein Schreiben zerriſſen, andere aber in ein Käſtchen niedergelegt. In dieſer Beſchäftigung hielt ſie öfters inm, legte die Hände in den Schooß und blickte nachden⸗ 218 Achtundfünfzigſtes Kapitel. kend zum Fenſter hinaus. Doch waren ihre Züge heiterer als ſonſt, ihr Auge blickte lebhaft umher, wenn ſie aus ſolch tiefen Gedanken zu ihrer Beſchäftigung zurück kehrte. Zuweilen faltete ſie auch ihre Hände, blickte wie dankend in die Höhe, und dann flog auch wohl etwas wie ein leichtes Fröſteln über ihren Körper, ſo daß ſie den Kopf ſchüttelte und haſtig aufſtand, um ein paar Gänge durch das Zimmer zu machen. Als ſie ſich darauf ihrem Platze wieder näherte, hob ſie eine Viſitenkarte vom Boden auf, die ſie vorhin herabgeworfen. Sie las den Namen auf derſelben: „Doktor Wellen,“ und verſank darüber in Träumereien, wobei ſich aber ihr Geſicht zuſehends erheiterte. 4 Katharina hatte in demſelben Stockwerke ihre Zimmer, und da die Thüre zu einem derſelben heute Morgen nur angelehnt war, ſo können wir uns ſchon erlauben, einen Blick hinein zu werfen. Es war Beſuch bei ihr, aber für uns kein fremder: Madame Schoppelmann ſaß behaglich in der Ecke eines kleinen Sophas, und Jungfer Clementine Strebeling kniete auf dem Boden vor einem großen Korbe, der voll Wäſche und Kleidungsſtücke war. Das ganze Zimmer, incluſive Möbel, ſchien gewiſſermaßen in Aufregung begriffen: Schränke und Thüren ſtanden weit offen, Kommode⸗ ſchubladen waren aufgezogen, und in der Ecke ſtand ein großer Wagenkoffer mit aufgeſchlagenem Deckel, der nur darauf wartete, vollgepackt zu werden. Aber die drei Frauenzimmer ſchienen mit dieſem Geſchäfte nicht in's Reine kommen zu können; ja, es war ihnen augenſchein⸗ lich unmöglich, dazu einen Anfang zu machen. Keine arbeitete der Anderen in die Hände, und was Katharina hieher trug, das brachte Clementine dorthin; dazwiſchen hatte Madame Schoppel⸗ 1 mann jeden Augenblick etwas außerordentlich Wichtiges zu berichten und zu erzählen, und dazu mußten nothwendiger Weiſe die beiden Mädchen Alles ſtehen und liegen laſſen, an das Sopha ereten und ihr aufmerkſam in die Augen ſehen; ſonſt war es der olten, dicken — Reiſevorbereitungen anderer Art. 219 Frau abſolut unmöglich, eine Geſchichte mit gehöriger Wirkung zu 3 Ende zu bringen. Wir müſſen hiebei geſtehen, daß im Aeußeren dieſer würdigen Frau eine kleine Aenderung eingetreten war, aber eine Aenderung zu ihrem Vortheil. Sie hatte, trotzdem daß es ein Wochentad war, ihren Sonntagsſtaat an und bewegte ſich darin mit einer⸗ Ungenirtheit, aus der wir zu entnehmen berechtigt ſind, als kleide ſich die Gemüſehändlerin, ſeit ſie ſich in Ruheſtand verſetzt, immer ſo ſorgfältig, was denn auch wirklich der Fall war. Clementine Strebeling war, wie ſie immer geweſen: etwas ſtill, etwas melancholiſch, zu Thränen geneigt, ſtets im Begriff, über die ganze Welt zu ſeufzen. Doch können wir die Verſicherung abgeben, daß ſie ſich über das Glück ihrer Freundin aufrichtig freute, und daß ſich ihr Auge merklich erheiterte, wenn ſie ſah, wie Katharina ſo ſelig und ſtill zufrieden zu ſein ſchien. Selig und ſtill zufrieden, ja, ſo war das ſchöne junge Mäd⸗ chen. Das Bewußtſein ihres Glückes ſtrahlte aus ihren Augen, die ſanft geöffneten lächelnden Lippen ſchienen nur Worte des Glücks, der Liebe ſprechen zu können. Verſchwunden war die blaſſe Farbe ihrer Wangen; das Mädchen war friſcher und kräftiger aufgeblüht als je, dieſelbe liebliche Erſcheinung, wie ſie zuerſt vor unſer Auge getreten iſt, und doch wieder ganz anders. Sie trat mit einem Gefühle der Sicherheit, des Selbſtbewußtſeins auf, das ihr damals gefehlt, und dabei zeigte ſich hier die Heiterkeit ihres Charakters in ſeiner ganzen Friſche und Liebenswürdigkeit. Sie war ſo köſtlich neckiſch und muthwillig, ſie ließ ſich hier in ihrem leichtgeſchürzten Morgenüberrock ſo zwanglos gehen, daß es eine wahre Freude war. Wir wiſſen nicht, was ihr in den letzten Tagen Angenehmes begegnet ſein mochte; doch war etwas dergleichen vorgefallen, und wir thun vielleicht dem Doktor Wellen kein allzu großes Unrecht, wenn wir glauben, daß er, als er die Staatsräthin beſuchte, —————— und als die Mutter das verneinte, fuhr das junge Mädchen lachend Achtundfünfzigſtes Kapitel. auch dem jungen Mädchen einen vergnügten Tag wünſchte und verſchaffte. Bald nahm ſich Katharina ernſtlich zuſammen, um mit Hülfe ihrer Freundin die Kleidungsſtücke nach dem Koffer hinzutragen; dann warf ſie einen ganzen Arm voll derſelben wieder leicht auf einen Stuhl, ſprang flüchtig und gewandt über einen der am Boden ſtehenden Körbe hinweg und umarmte die Mutter, die in ſolchen Augenblicken Alles anwenden mußte, um ihre Haubenbänder vor dem Zerdrücktwerden zu hüten. „Du biſt eine glückſelige Kreatur!“ ſagte Madame Schoppel⸗ mann.„Das Reiſen iſt überhaupt was Angenehmes, namentlich wenn man es unter ſo glücklichen Verhältniſſen wie die deinigen thun kann. Das iſt ſchon was ganz Anderes.— Du lieber Gott! wenn ich noch an die damalige Zeit denke, wo ich deinen Vater, den ſeligen Schoppelmann, geheirathet und wo wir zu unſerem Vetter reisten, vier Stunden von der Reſidenz, in einem damals ſehr ſchönen Wagen! Es waren zwei Schimmel davor geſpannt, und der Kutſcher ſagte: wahrhaftig, jetzt ſoll's einmal recht drauf los gehen! Und als ich ihn fragte, wie lange wir zu fahren hät⸗ ten, da rechnete er an den Fingern und entgegnete: bis nach Bolzheim ſind es zwei Stunden— die werde ich wohl in drei ein halb zwingen; dann iſt es nach Oberbolzheim wieder ebenſo weit— die fahr' ich in zwei ein halb Stunden. Und das that er auch, und es war für die damalige Zeit gar nicht ſchlecht; — ſechs Stunden nach Oberbolzheim, das fährt man jetzt in zwei, und wenn die Eiſenbahn fertig iſt, in einer halben Stunde, das iſt wahrhaftig graulich. Ja, das war damals eine Tagereiſe, und der Kutſcher mit den Schimmeln fuhr die Woche zweimal hin, und her.“ 3 „Geht unſer Weg auch über jenen Ort?“ fragte Katharina, —, Reiſevorbereitungen anderer Art. 221 fort:„nun, das iſt Schade, ſonſt hätte ich die beiden Schimmel von Euch gegrüßt, wenn ſie mir zufällig begegnet wären.“ Jetzt machte aber Clementine alles Ernſtes Anſtalt, den Wa⸗ genkoffer zu verpacken, und als Katharina endlich von ihrem un⸗ ruhigen Weſen abließ und tüchtig mithalf, war dieſes Geſchäft in kurzer Zeit beendigt. Nur hatten die beiden Mädchen ſo viel hinein gedrückt, daß es ihnen unmöglich wurde, den Deckel zu ſchließen, weßhalb Katharina hinauseilen wollte, um Jakob oder Martin zur Hülfe herbeizurufen. Doch ließ es ſich Clementine nicht nehmen, dieſen Gang zu beſorgen, und flog mit einer erſtaunenswerthen Leichtigkeit neben ihrer Freundin zur Thüre hinaus. Katharina blieb ſtehen und ſchaute ihr nach, wie ſie ſo dienſtfertig die Treppe hinab flog. Daun trat ſie in's Zimmer zurück, wandte ſich gegen ihre Mutter, und ihre eben noch ſo lachenden Züge waren ernſt und nachdenkend geworden. „Die arme Clementine!“ ſagte ſie;„es iſt doch ſchrecklich, wie man es ihr gemacht, und ich kann Euch wahrhaftig nicht be⸗ greifen, Mutter, wie Ihr die Sache ſo habt können gehen laſſen. Nein, das hätte mir unterſucht und der Schuldige geſtraft werden müſſen. So iſt es recht in der Welt.“ „Es geht aber leider nicht immer in dieſer Welt, wie's recht iſt,“ verſetzte Madame Schoppelmann.„Glaube mir, ich habe die Sache hin und her überlegt; die Strebeling hat auch Dummheiten genug gemacht. So muß man ſich nicht an den Erſten, Beſten hinhängen.“ „Aber Ihr kennt ſie ja,“ entgegnete Katharina betrübt.„Es iſt ein Unglück, wenn man ein ſolches Gemüth hat. Aber ſie hat geglaubt, da thue ſie was Großes und Schönes, wenn ſie Jeman⸗ den, der ſich in Noth beſindet, ſo reichlich und aufopfernd unter⸗ ſtütze, Jemanden, von dem ſie ſich eingebildet, er liebe ſie, und man liebt!“ ſie liebe ihn auch. Ach, Mutter, was thut man nicht, wenn ———— 222 Achtundfünfzigſtes Kapitel. „Das will ich dir zugeben,“ ſagte Madame Schoppelmann. „Aber von dem hat die Strebeling keine Idee gehabt. Mir iſt ein ſolches Betragen unerklärlich. Nun, ſie iſt dieſes Mal noch glück⸗ lich davon gekommen.“ 3 „Sie erhielt ihr Geld wieder?“ fragte Katharina. „J—a—a— a!“ entgegnete die Mutter in gedehntem Tone. „Sie hat's wieder erhalten; aber wenn ſie noch einmal ſo Streiche macht, da kann ihr Niemand weiter helfen.— Ich habe ſie mit mir nehmen wollen, aber ſie zieht es vor, in der Stadt zu blei⸗ ben, ja ſogar in unſerem ehemaligen Hauſe, und die Klingler hat ihr mit Vergnügen die Stube auch ferner gelaſſen. Mir iſt es unerklärlich.“ „Und von dem gewiſſen Müller,“ ſagte Katharina,„hat man nie etwas vernommen? Man hat wohl nicht nach ihm forſchen kön⸗ nen, da in den Briefen kein Aufenthaltsort angegeben war?“ „Ich glaube nicht, daß er überhaupt exiſtirt hat,“ antwortete unmuthig Madame Schoppelmann, und dabei zupfte ſie heftig an ihren Haubenbändern. Sprechen wir nicht mehr davon; es iſt das eine garſtige, verdrießliche Geſchichte.“ Solche Benennungen verdiente dieſer Vorfall von Seiten der Gemüſehändlerin auch vollkommen; denn ſie hatte die Sache mit ihrem Advokaten überlegt, und dieſer hatte ihr geſagt: hören Sie mich genau an, Madame Schoppelmann. Das Geld, welches man bei der verſtorbenen Schilder gefunden, und das ohne allen Zweifel der Jungfer Strebeling gehörte, kann von Niemand als von den etwaigen Erben der Verſtorbenen reklamirt werden; für die Stre⸗ beling iſt es verloren, es ſei denn, daß dieſe eine Unterſuchung anhängig macht gegen die Schilder und ihre Helfershelfer wegen mittels Betruges verübter Erpreſſung, und daß man hierauf ſo glücklich iſt, dieſe Helfershelfer⸗ auf die eine oder die andere Art zu entdecken. Hat man ſie feſtgenommen, und ſie ſind dieſes Be⸗ truges geſtändig, ſo iſt es vielleicht möglich— ich ſage: möglich 8 L — Reiſevorbereitungen anderer Art.. 223 — wieder zu dem Gelde zu gelangen, vielleicht auch wahr⸗ ſcheinlich; aber dann müßte die Strebeling augenblicklich als Klä⸗ gerin auftreten. Dieſe Helfershelfer verfolgen hatte nun die in dieſer Richtung wirklich unglückliche Mutter aus uns bekannten Gründen nicht ge⸗ wollt, und obgleich der Polizeikommiſſär Wunſch auch auf's Hef⸗ tigſte in die Strebeling drang, die zu dieſer Unterſuchung nöthigen Dokumente, die Briefe des Herrn Müller, beizuſchaffen, ſo war doch dieſes ſchüchterne Weſen nicht dazu zu bewegen; im Gegen⸗ theil ſchnitt ſie alle Verhandlungen, im Widerſpruche mit ihrer gemachten Angabe, mit der einzigen Erklärung ab, die Schilder ſei rechtmäßiger Weiſe in den Beſitz des bei derſelben gefundenen Geldes gekommen; ſie habe es derſelben als eine Schuld zurück bezahlt. 4 Nach allen dieſen Vorgängen hatte es aber die Gemüſehänd⸗ lerin für ihre heilige Pflicht gehalten, der Jungfer Strebeling das Geld zurück zu erſtatten. Doch war es ſehr ſchwer, dieſen Vor⸗ ſatz auszuführen. Clementine wollte nun einmal das Opfer ihrer unglücklichen Liebe ſein, und ſie, die den Herrn Müller für voll⸗ kommen unſchuldig hielt, was er denn auch in der That war, glaubte noch ſehr wenig für dieſen vortrefflichen jungen Mann zu thun, wenn ſie ſtill für ihn duldete und litt. Es bedurfte auch der ganzen Energie der dicken Frau, ſowie einiger Liſt und vieler Ueberredung, um der alten Jungfer begreiflich zu machen, daß das Gericht, welches dergleichen langwierige Unterſuchungen herzlich ſcheue, es für gut befunden habe, ihr die Gelder ohne Weiteres wieder zuzuſtellen. Genug, Clementine hatte, wenn auch mit trau⸗ rigem Herzen, ihr Kapital zurück genommen; ſie wäre ebenſo lieb in Armuth geblieben mit dem ſüßen Bewußtſein, ſich für ihre erſte Liebe ruinirt zu haben.. Ihr Quartier in dem Hauſe mochte Jungfer Strebeling um Alles in der Welt nicht verlaſſen. Da ſaß ſie an dem Fenſter und Achtundfünfzigſtes Kapitel. blickte hinüber nach dem muſikaliſchen Hauſe, immer hoffend, daß doch nach an einem ſchönen Tage wieder einmal die Melodie her⸗ über klinge von der Lotusblume, Die ſich ängſtigt in der Sonne Pracht.—— Während auf die vorhin beſchriebene Art im Stillfried'ſchen Hauſe ſowie bei Major von Brander zur bevorſtehenden kleinen Reiſe gearbeitet wurde, ſaß der Juſtizrath Werner vor ſeinem Schreibtiſche, mit Papieren aller Art aufs Emſigſte beſchäftigt. Er trug Obligationen und andere Werthpapiere in ein Dokument ein, das er nachher mit ſeiner Unterſchrift verſah. Neben ſich hatte er mehrere andere Papiere liegen; alle aber ſchienen auf das Ereigniß Bezug zu baben, das ſeine ganze Seele beſchäftigte. Endlich hatte er jene Schriften genugſam durchgeſehen und verglichen, und nachdem er ſie zuletzt ſorgfältig in ein Paket vereinigt, mit einer rothen Schnur umwunden und verſiegelt hatte, ſchrieb er darauf:„Der Baronin von Steinbeck, geb. Stillfried.“ Dieſes Paketchen legte er vor ſich auf den Tiſch, und während er den Namen lange und aufmerkſam betrachtete, ließ er den Kopf in die Hand ſinken, und ſeinen Geiſt ſchienen Träume ſehr angenehmer Art zu beſchäftigen. Hatte er nicht erreicht, wonach er ſo lange geſtrebt, ſah er nicht das erſehnte Ziel dicht vor ſich, faſt vor ihm ſtehend, nicht mehr in der Ferne hin und her gaukelnd?— Ja, er hatte ſich von der ganzen Welt losgeriſſen, ſelbſt von ihr, die er ſeine Freundin nannte. Das Schickſal⸗ die Verhältniſſe hatten ſie langſam, aber um ſo beſtimmter getrennt. Kleine Schatten, die zuerſt in ihr „ Leben ſpielten— ſie ſchienen anfänglich von nur vorüberziehenden Wolken herzukommen— hatten ſich in ihr Leben feſtgeſetzt und, 3 breiteten ſich immer mehr und mehr aus zwiſchen ihnen, und da jeder dieſer Schatten floh und zurück wich, ſo wichen auch die Bei- den von einander. Und nicht zu ihrem Unglück. Der Juſtizrath hatte das ſeit Jahren gefühlt; er zuckte die Achſeln darüber, aber I —— 4⁴ —— —— 4⁴ — Reiſevorbereitungen anderer Art. 225 es war ihm nicht einmal unlieb. Er fühlte die Kraft und Macht in ſich, jenes Verhältniß feſtzuhalten, bis er dem Ziele näher ge⸗ rückt ſei, das er ſich vorgeſteckt, bis er erreicht, wonach er mit aller Kraft der Seele ſtrebte. Nicht, als ob er glaubte, ſobald dieſes Ziel nun wirklich erreicht ſei, habe er das-e piel gewonnen, habe er ſich das Herz jenes jungen Mädchens zugewendet, werde ſie zu ihm aufblicken in kindlicher Verehrung. Nein, ſo kühn waren ſeine Hoff⸗ nungen nicht. Aber ſie, die man— und das hatte er wohl be⸗ rechnet— fremd in der Welt ſtehend erzogen hatte, ſollte ſich für ihn entſcheiden, ſollte ihm ſein, wonach er ſo lange vergebens ge⸗ trachtet, wie eine anhängliche, liebende Tochter. Während er ſo nachdenkend in ſeinem Lehnſtuhle ſaß und die Papiere vor ſich betrachtete, flogen zuweilen finſtere Schatten über ſein Geſicht. Seine Augen blitzten unter den buſchigen Brauen hervor, denn er dachte an ein anderes ähnliches Briefpaket, nach deſſen Beſitze er ſo lange getrachtet, und auch heute noch zuckten ſeine Finger in die leere Luft, wenn er ſich ſo in den Gedanken daran vertiefte, als wollte er jenes ſchwarzgeſiegelte Paket ergreifen und feſthalten. „Pah!“ ſprach er nach einer längeren Pauſe zu ſich ſelber, indem er ſich empor richtete und mit der Hand über die Stirne fuhr.„Hoffentlich wird es uns gelingen, die Baronin Steinbeck baldigſt zu überzeugen, was ſie von ihrem— Bruder zu halten hat.“ 1 84 Darauf ſtand er auf, Bediente trat herein. „Du beſorgſt meinen Wagen,⸗ ſagte der Juſtizrath, auf mor⸗ gen früh um ſechs Uhr. Doch fährt der Poſtillon vorher auf den Königsplatz Nr. 16, um den Herrn von Steinbeck ab Nach dieſen Worten verſchloß er das Paket Papier in einen Schreibtiſch und ging in das Nebenzimm Hackländers Werke. XII. 5* zog die Klingel, und der alte mürriſche zuholen.. 226 Neunundfünfzigſtes Kapitel. Der Bediente zog ſich an die Thüre zurück; doch ehe er hin⸗ aus ging, ſchnappte er ſeiner üblen Gewohnheit nach einmal über die linke Schulter, als wolle er Jemanden beißen, der hinter ihm drein ſchleiche. Neunundfünfzigſtes Kapitel. Die handelnden Perſonen werden zum Schluß dieſer Geſchichte ſo gut wie möglich zuſammen geführt und Herr Hannibal ſindet, daß ſeine Uhr abgelaufen iſt. In Schloßfelden hatte ſich ſeit der Abreiſe des Doktor Wellen allerlei Neues begeben, worunter das Bemerkenswertheſte war, daß der junge Bildhauer, den das ganze Dorf kannte und liebte, und von deſſen Tode man ſich die fabelhafteſten Gerüchte erzählt, plötz⸗ lich wieder im Dorfe erſchten, wo er von den vielen Leuten, die ihn kannten, auf eine wahrhaft enthuſiaſtiſche Art begrüßt wurde. Alt und Jung hatte ihn gern: Jedes ſagte ihm ein freundliches Wort, das er ebenſo erwiderte. Engen, der den ganzen Tag mit ihm verkehrte, gewann ihn mit jeder Stunde lieber. Die Beiden waren unzertrennlich, und es gab nur einzelne Stunden, namentlich auf dem Schloſſe droben, wo ſie nicht bei einander waren. Der luſtige Rath verſicherte bei der neuen Bekanntſchaft alles Ernſtes, er ſehe ſich veranlaßt, eifer⸗ ſüchtig zu werden, und wolle ſich irgendwo im Lande umſchauen, wo eine Schulgehülfenſtelle frei würde. So viel iſt gewiß, daß Herr Sidel ganz gegen ſeine frühere Gewohnheit ernſter und nach⸗ denkender geworden. Doch können wir dies füglich einem anderen, als dem eben angegebenen Umſtande zuſchreiben. Er ſeinerſeits ſuchte ebenfalls die Einſamkeit— ſo konnte man wenigſtens glau⸗ Zuſammenführung der handelnden Perſonen. 227 ben, wenn man ihn zu verſchiedenen Stunden des Tages allein nach dem Garten ſchleichen ſah. Doch müſſen wir eingeſtehen, ihm hier Unrecht gethan zu haben; er ſuchte durchaus nicht die Ein⸗ ſamkeit, und wenn man ihn ſo beobachtete, wie er hinter Hecken und Bäumen ſtand, ſo ſah man, daß ſeine dicken Züge ſich plötz⸗ lich ganz freundlich und ſelig geſtalteten, wenn er bemerkte, wie die kleine Marie ohne alle Abſicht ebenfalls in den Garten kam, Ob der Verwalter droben auf dem Schloſſe davon unterrichtet war, daß der junge Bildhauer erſtanden ſei und ſich plötzlich wie⸗ der unter den Lebenden zeige, ſind wir nicht im Stande, genau anzugeben. Nur ſo viel iſt gewiß, daß er, als er ihm zufällig einmal auf der unteren Terraſſe begegnete, ihn nicht wieder zu er⸗ kennen ſchien und überhaupt mit Roſalie nichts über ihn ſprach. Es war eigentlich merkwürdig, daß ſich der Verwalter jetzt viel we⸗ niger um ſeine Pflegetochter bekümmerte, als ſonſt, und daß er ſie ihre Spaziergänge machen ließ, wann und wohin ſie wollte. Uns freut es dagegen, ſagen zu können, daß ſie dieſes zarte Benehmen auch dankbarlichſt vergalt, und daß Alle, ſowohl Engen als ſeine Schweſter und der junge Bildhauer, ihr Mögliches thaten, um den Augen des alten Mannes in deſſen ſonderbarer Stellung zu der Herrſchaft kein Aergerniß zu geben. Ihre kleinen, wir müſſen ge⸗ ſtehen, täglichen Zuſammenkünfte, hielten ſie hinter dem Chor der Kapelle, und da waren ſie heiter und luſtiger Dinge, die Geſchwiſter, der junge Künſtler, meiſtens auch Herr Sidel und Marie, und blickten in das herrliche Thal hinab, die ſchönſten Plane für die Zukunft machend. Deer würdige Schauſpieldirektor, Herr Müller, mit dem großen Holder und dem vortrefflichen Trommler, fuhren indeſſen ohne un⸗ ſere beiden jungen Künſtler fort, die ergötzlichſten Komödien zu ſpielen. Die Anſtrengungen vorbenannter Herren waren natürlich durch den Abgang der beiden anderen Künſtler noch ungleich größer geworden; doch hatte Eugen, um dem Direktor dieſen Verluſt einiger⸗ 8 Neunundfünfzigſtes Kapitel. maßen zu erſetzen, für die Dauer ihres hieſigen Aufenthaltes ein ſehr ſchweres Abonnement genommen. Dem unglücklichen Herrn Hannibal ging es dagegen von Tag zu Tag ſchlechter. Seine Seele war tief betrübt und ſein Herz ſchmerzlich zuſammen gedrückt. Die Rolle des Pierrot, die man ihm gewaltſam einſtudirt, ſpielte er zum großen Ergötzen des Pu⸗ blikums. Aber der allgemeine Beifall, der ihn belohnte, war nicht im Stande, ſein zerknirſchtes Gemüth aufzuheitern. Dabei war auch ſein Verhältniß zur blonden Thusnelde ein ſehr unangenehmes, man könnte ſagen: ein gereiztes geworden. Mit dem Scharfblick des Weibes ſchien ſie entdeckt zu haben, wie Herr Hannibal zu den beiden anderen Herren eigentlich ſtand, und die Folge davon war, daß, wenn der unglückliche Pierrot die Bretter verließ und wieder zu einem gewöhnlichen Menſchen wurde, ſeine Leiden erſt recht an⸗ fingen. Da überwachte ihn die dürre Schöne auf Schritt und Tritt; jeder ſeiner Gänge wurde von ihr erſpäht, und als er ſich einſtmals in einem Anfalle von Verzweiflung, und indem er zu ſich ſelbſt ſprach, er wolle ſich ferner den Teufel geniren um die blonde Schwägerin, unterſtand, einem der Dienſtmädchen des Hau⸗ ſes gelinde den Hof zu machen, erfolgte eine ſo ſchreckliche häusliche Scene mit Ohnmachten und obligaten Krämpfen, daß Herr Hanni⸗ bal ſchaudernd daſtand und ſich ſelbſt die Verſicherung gab, er ſei einer der unglücklichſten Sterblichen— ein verlorener Mann. Mit welcher Sehnſucht dachte er jetzt zurück an das Haus in der Alleeſtraße, und wie fing er an zu begreifen, daß ſein Herr, um ſeine Verräthereien wiſſend, ihn abſichtlich in dieſe troſtloſen Verhältniſſe verwickelt! Eugen machte auch kein Hehl daraus und 1 ſagte ihm auf ſeine verzweiflungsvollen Fragen, er halte es in der That für beſſer, wenn Hannibal das Fach eines Bedienten voll⸗ kommen verlaſſe, um ſich ganz zu einem Komiker heran zu bilden.. Sogar den Herrn Sidel hatte der unglückliche Joſeph flehentlich augegangen, ſich für ihn bei dem Herrn zu verwenden. Doch gab 3 * Zuſammenführung der handelnden Perjonen. 229 ihm dieſer nach ſeiner Manier trocken zur Antwort:„Hert Hanni⸗ bal, das iſt zu ſpät!“ Ein Troſt anderer unglücklicher Sterblicher in ähnlichen Verhältniſſen: Flucht, ja ſogar Selbſtmordgedanken, waren es für ihn nicht. Bei beiden ſchwebte ihm jener uns wohl⸗ bekannte Aktenfascikel vor, der lange Arm des Inſtizrathes Werner und die ewige Gerechtigkeit. Da erhielt eines Tages Eugen ein Schreiben von dem Schloß⸗ verwalter, in Folge deſſen er eine längere Unterredung mit dem jungen Bildhauer und Herrn Sidel haure und dann ſeinen Bedien⸗ ten vor ſich beſchied. Hannibal in der Befürchtung, es werde jetzt der Moment ge⸗ kommen ſein, wo er förmlich aus den Dienſten ſeines Herrn ent⸗ laſſen würde, ſtand tief erſchüttert da und wagte es nicht, ſeine Augen zu erheben. Eugen ſchritt einige Mal im Zimmer auf und ab und blieb endlich, wie es ſchien, mit theilnehmender Miene vor dem unglück⸗ lichen Haunibal ſtehen.„Du kannſt dich,“ ſagte er nach einer Pauſe,„nicht über mich beklagen. Du weißt, wie gut ich dich früher gehalten habe, und du weißt auch am beſten, wie du mir dafür gedankt. Du haſt mich, deinen Herrn, aufs Schändlichſte verrathen; es iſt wahrhaftig nicht deine Schuld, daß ſie mich an jenem Abend nicht todt geſchlagen.“ Dieſe Worte beſtürzten Joſeph aufs Tiefſte. Vor ſeinen Geiſt trat jener Vorfall mit erſchrecklicher Lebendigkeit, und er wußte nur, ſich entſchuldigend, die Worte zu ſtammeln:„Aber der Hund, gnä⸗ diger Herr!“ „Ja, ja, das iſt allerdings richtig,“ entgegnete ruhig Eugen. „Den Hund haſt du auf meine Spur geſchickt und haſt geglaubt, dadurch deine Schurkerei wieder etwas gut zu machen. Wir wollen auch das Für und Wider hier gar nicht untstſuchen⸗ denn aufrichtig . geſagt— dein Schickſal dauert mich⸗“ Hannibal erbebte. 230 Neunundfünfzigſtes Kapitel. „Du kannſt dir denken,“ fuhr Herr Stillfried fort,„daß wir dich nur aus dem einfachen Grunde mitnahmen, um Niemanden in unſerem Rücken zu laſſen, der unſeren Feinden gegen uns helfen könnte. Ja, ich glaubte zu bemerken, daß dir dein ſchlechtes Be⸗ nehmen gegen mich leid ſei und daß du den Vorſatz gefaßt habeſt, dich zu beſſern.“ „Das habe ich auch,“ ſagte Hannibal unter wirklichen Thränen. Sein Herr hatte noch nie ſo feierlich mit ihm geſprochen. „Es iſt zu ſpät,“ entgegnete dieſer.„Ich übergab dich dem vortrefflichen Herrn Müller zur Erziehung und Ausbildung und dachte, du könnteſt hier in einer untergeordneten, wenn auch ſehr ehrenvollen Stellung, dein Brod verdienen. Aber du kannſt nicht hier bleiben: dein Schickſal will es anders.“ Hannibal horchte hoch auf. „Du haſt Anderen eine Grube gegraben— du ſtürzeſt ſelbſt hinein. Du haſt dich gegen mich mit dem Juſtizrath Werner verbündet; es iſt leider die Geſchichte von dem Teufel, von dem man ſich nicht einmal mit einem Haar ſoll erwiſchen laſſen.— Der Juſtizrath hat dich reklamirt.“ Bei dieſen Worten war es, als habe ein Blitzſtrahl gerade vor dem getreuen Pierrot eingeſchlagen. Seine Knie wankten, ſein Auge verdunkelte ſich; er faßte nach einer Stuhllehne, um ſich zu halten. 4 4 „Ich weiß nicht, ob dn eigentlich zu erſchrecken brauchſt,“ fuhr Engen fort;„denn ich bin nicht im Klaren darüber, welcher Art deine Verbindung mit jenem Herrn war.“ „O, o!“ brachte Joſeph jammernd hervor. „Vielleicht,“ ſagte Herr Stillfried, anſcheinend mit dem Tone —— der Ueberzeugung,„erhältſt du jetzt deine Belohnung dafür, daß du gegen mich gedient. Thatſache iſt, daß dich der Juſtizrath Werner reklamirt und daß du ihm noch heute Abend ausgeliefert wirſt., ——— Zuſammenführung der handelnden Perſonen. 231 „Nie! nie!“ rief Pierrot verzweifelnd.„O, haben Sie Er⸗ barmen mit mir!“ 8 Eugen zuckte mit den Achſeln und antwortete:„Ich kann nichts für dich thun. Wenn du aber klug handeln willſt, ſo befolge mei⸗ nen Rath und laß dich zu keinerlei Uebereilung hinreißen. Denke zum Beiſpiel nicht an eine Flucht, man hat die beſten Vorſichts⸗ maßregeln getroffen, dich zu überwachen; zwei Männer ſind von der Behörde aufgeſtellt, dich nicht aus den Augen zu laſſen. Ver⸗ hältſt du dich ruhig— deſto beſſer für dich. Willſt du ein Auf⸗ ſehen machen, willſt du deine unſichtbaren Wächter veranlaſſen, dich wie einen Dieb feſt zu nehmen? Es iſt das ganz deine Sache, dadurch aber wirſt du dein Schickſal nicht ändern.— Lebe wohl; ſollte ich in die Lage kommen, etwas für dich thun zu können, ſo ſoll das doch geſchehen, indem ich meinerſeits vergeſſen will, wie du an mir gehandelt.“ Hannibal ſtürzte auf ſeinen Herru zu, ergriff deſſen Hand und küßte ſie, ehe dieſer es hindern konnte. Auch wollte er auf die Knie niederſinken, doch zog ihn Eugen kräftig empor und wies auf die Thüre. Hannibal taumelte hinaus.— An demſelben Nachmittage ſaß Frau Roſel wie gewöhnlich vor ihrer Hausthüre; Marie war nicht zugegen; ſie nähte vielleicht wieder an einem rothearrirten Tuche. Eugen trat zu der Wirthin. „Nun, Herr Wellen,“ ſagte die Frau mit ernſter Miene,„jetzt cheint's G Ernſt da oben werden zu wollen. Sehen Sie auf dem Thurme die blau und weiße Fahne flattern?. Es iſt ſchon ziemlich lange her, daß man dergleichen nicht mehr geſehen. Früher waren ſie anders, weiß und gelb. Ich bin in der That begierig, wie ſich die Geſchichte mit dem armen Mädchen entwickeln ſoll.“ „ Vielleicht ſehr einfach,“ meinte Eugen. „Herr Welding,“ fuhr Frau Roſel fort,„ſcheint mir nicht der 232 Neunundfünfzigſtes Kapitel. Mann, der ſich ſein Mädchen ſo leich men läßt. Und das hoffe ich auch!“ ſie ihre Hände in die Seiten ſtemmte zeigen, wo ſie her wären! Was meinen Sie, Herr Wellen?“ „„Da haben Sie ganz Recht,“ entgegnete dieſer Recht! Sie ſind eine reſolute Frau. W ſpiel thun?“ „Ich?“ antwortete die Wirthin; und dabei ſah ſie ihren Gaſt an, als wollte ſie unterſuchen, ob dieſe Frage ernſtlich gemeint ſei. „Ich?— Nun, ich wüßte bei Gott ſchon, was ich thäte.“ „Vielleicht weiß er es auch,“ ſagte Eugen lächelnd. „Fort mit den Beiden!“ entgegnete Frau Roſel mit ſehr ener⸗ giſchem Tone.„Fort, ins Land hinein! So viel können Sie mir glauben, Herr Wellen, meine beiden Rappen ſollen heute nicht in den Wald. Angeſchirrt ſollen ſie im Stalle bleiben; und der Hei⸗ ner verſteht ſich aufs Fahren. Mehr will ich nicht ſagen, aber den⸗ ken Sie mir daran!“. „Ich verſtehe Sie vollkomnien,“ antwortete Eugen lachend, „und danke Ihnen herzlich dafür. Das hat uns noch gefehlt. Aber jetzt, denke ich, ſoll ſich die Sache machen.“ „Der Knecht,“ fuhr die Frau eifrig fort,„ſoll einen Brief haben nach Ueberhain, da wohnt meine Nichte— die Frau Pfar⸗ rerin.(Das ſagte ſie mit ſehr ſtolzem Tone.) Dahin kann’s gehen, was die Pferde laufen können. Aber verſtehen Sie mich recht, auch nur dahin. Sagen Sie das Herrn Welding; der Heiner wird ſie ins Pfarrhaus führen, aber um keine Welt anders wohin. Er geht ins Wirthshaus zum goldenen Anker; das iſt abgemacht.“ Damit fuhr die Frau, zufrieden lächelnd, mit ihren beiden Hän⸗ den über ihre Schürze herab. 3 „Ich muß Sie noch um Einès bitten,“ Wagen der— Herrſchaften aus der dem Gaſthofe halten t von einem Anderen wegneh⸗ fuhr ſie entrüſtet fort, indem ;z ich wollte denen da oben „„vollkommen as würden Sie zum Bei⸗ ſagte Eugen.„Die Städt werden wohl hier an ehe ſie hinauf fahren?“ 3 24 „ ¹ Zuſammenführung der handelnden Perſonen. 233 „Wie gewöhnlich, ſie nehmen da Vorſpann,“ entgegnete Frau Roſel. „Richtig!“ fuhr Eugen fort.„Nur ſorgen Sie mir dafür, daß von Ihren Leuten Niemand über unſere Anweſenheit ſpricht. Es könnte das ganz zufällig geſchehen, iſt aber ſehr unnöthig. Außer den Schauſpielern ſind keine Fremden da.“ „Verſteht ſich!“ antwortete die Frau.„Es ſoll mir Jemand das Maul anfthun! Und der Marie will ich es ſelbſt ſagen.“ „Die weiß es ſchon durch den Herrn Müller, meinen Kollegen,“ ſagte Eugen lächelnd, worauf ihn die Frau forſchend anſah und mit einigermaßen ungeduldigem Tone zur Antwort gab:„So?— Die weiß es ſchon? Na, von mir kann ſie's auch noch hören.“ Bei einbrechendem Abend kam auch wirklich einer der er⸗ warteten Wagen in Schloßfelden an. Es war die Equipage des freiherrlich von Brander'ſchen Ehepaars, eine alte Kaleſche, mit Extrapoſtpferden beſpannt, und der Poſtillon, der nicht anders glaubte, als er fahre einen hohen Beamten des Nachbarſtaates — denn der Major hatte ſeinen Degen und ſein Hutfutteral auf den Rückſitz gelegt— war den Anderen um eine halbe Stunde vorausgeeilt. Der Major ſtieg einen Augenblick aus dem Wagen, trampelte hin und her, um ſeine Beine gelenkig zu machen, und blickte an den Bergen in die Höhe.“ „Auf Ehre, ein holperiger Weg!“ ſagte er zur Frau Roſel, die grüßend vor ihn trat.„Iſt das Schloß weit von hier?“ „ungefähr eine halbe Stunde,“ entgegnete die Wirthin,„dort auf der Höhe des Berges. Ich bitte, nur einen Augenblick zu verziehen; man ſpannt ein Pferd vor, und die Leute vom Schloß zünden ihre Fackeln an.“ Schön!“ ſagte der Major, dann trat. er an den Wagen⸗ ſchlag.„Meine Beſte,“ ſprach er hinein,„wir ſind hier in Schloß⸗ felden und müſſen einen verflucht ſteilen Berg hinauf, ziemlich ge⸗ 234 Neunundfünfzigſtes Kapitel. fährlich, wie mir ſcheint. Aber wir haben Fackelbeleuchtung— dort kommen ſie ſchon.“ „Ah, Fackeln!“ ſagte Roſa Immergrün mit zarter Stimme. Der rothe Schein derſelben erſchien ihr in der finſteren Nacht außer⸗ ordentlich poetiſch. Der Major ſtieg wieder ein, und der Wagen rollte den Berg hinan. Sämmtliche Bewohner der wilden Roſe, Hausleute und Fremde, hatten ſich an den Fenſtern und Thüren eingefunden, und ſo war es Eugen möglich, verborgen da zu ſtehen und auf den zweiten Wagen zu warten. Und er that das mit hochklopfen⸗ dem Herzen. Endlich ſah man zuerſt an der Bergwand zur Seite Laternen blitzen, deren Schein ſich langſam ins Thal hinab bewegte. Jetzt erſchienen ſie auch am Ende der Straße, dann raſſelte der Wagen auf dem Pflaſter, und jetzt hielten die vier Pferde dampfend vor dem Wirthshauſe. 3 1.. Es war das Coupé der Staatsräthin. Die Leute des Wirthshauſes, Bewohner aus dem Dorfe, die Fackelträger vom Schloſſe drängten ſich neugierig um den Wagen, um die neue Herrin des Schloſſes zu ſehen. Die Staatsräthin hatte ſich in die Kiſſen zurückgelehnt; Katha⸗ rina dagegen blickte mit ihren großen, glänzenden Augen freundlich überraſcht auf das ſeltſame Getreibe. Noch in ſpäteren Jahren geſtand Eugen gern, dieſes ſei einer der glücklichſten Augenblicke ſeines ganzen Lebens geweſen. Wie hatte er das geliebte Mädchen verlaſſen! In ihrem kleinen Zimmer, in ihrem einfachen Anzuge, in einem Augenblicke, wo ſie gewaltſam von einander geriſſen wurden, und wo es eines Wunders bedurfte, um die entſetzliche Kluft zu überbrücken, die ſich, mit Blut gefüllt, vor ihren Augen aufthat! Und jetzt war dieſes Wunder geſchehen, jetzt ſah er ſte wieder, in den weichen Kiſſen eines eleganten Wagens, . — Zuſammenführung der handelnden Perſonen. 235 ſchöner als je, von der Güte und Liebe der eigenen Mutter reich geſchmückt, wie eine Fürſtin. Fieberhaft klopften ihm alle Pulſe, und Herr Sidel, neben ihm ſtand, mußte ihn gewaltſam zurückhalten; er war im Begriff, an den Wagen zu ſtürzen und laut hinaus zu rufen: „Hier bin ich, Katharine, mein angebetetes Mädchen, meine ge⸗ liebte Braut!“ Da zogen die Pferde an, und der Wagen, mit Fackeln um⸗ geben, verſchwand zwiſchen den Häuſern und bewegte ſich in dem rothen, zitternden Schein unter den Bäumen hinweg langſam den Berg hinan. Sobald der Wagen verſchwunden war, eilte Eugen zur Hinter⸗ thüre des Gaſthofes hinaus, ein Diener des Schloſſes führte ihm ein Pferd vor, auf das er ſich warf und das er eilig zum Hofthore hinaus lenkte. Eben fuhr der dritte Wagen vor dem Hauſe an; zwei Herren ſaßen in demſelben, ein älterer und ein jüngerer; das Verdeck dieſes Wagens war zurückgeſchlagen. Eugen warf einen finſteren Blick rückwärts, einen Blick des Haſſes; doch fuhr gleich darauf ein leichtes Lächeln über ſeine Züge. Er wandte ſein Pferd gegen den Berg und ſprengte im Galopp dem zweiten Wagen nach. Es war gegen das Ende des Monats Oktober, und wenn auch die Tage klar, freundlich und angenehm waren, die Nachmit⸗ tage heiter und warm, ſo wurde es doch gegen Abend froſtig; die Nebel ſtiegen feucht und kühl auf, und die Sterne, die an dem dunkeln Nachthimmel funkelten, konnte man alsdann nur mit Be⸗ haglichkeit aus einem wohlgewärmten Zimmer anſchauen. Der Verwalter droben im Schloſſe hatte die nöthigen Zimmer zum Empfang der Gäſte der Jahreszeit gemäß aufs Wohnlichſte einrichten laſſen; alle waren leicht durchwärmt, und einen großen Salon, in dem mittleren Flügel gelegen, hatte man zum Verſamm⸗ 236 Neunundfünfzigſtes Kapitel. lungsort für die Geſellſchaft beſtimmt. Dieſer Salon, im alten, gediegenen Geſchmack, war durch die vielen dunklen Holzſchnitzereien, mit denen der Plafond und ein Theil der Wände bedeckt waren, am Tage etwas dunkel; ja ſogar Abends bei dem Lichte zahlreicher Kerzen und Lampen wichen die finſteren Schatten kaum aus den Ecken dieſes Gemachs und ſetzten ſich aufs Hartnäckigſte feſt in den tiefen Fenſterniſchen, vor denen violettſammtne Vorhänge herab⸗ hingen. Trotzdem aber war dieſes Zimmer nicht unfreundlich zu nennen, und namentlich, wenn wie jetzt in dem weiten, mannshohen Kamine große Scheiter Holz luſtig brannten, gab es um dieſes Feuer herum in den großen Lehnſeſſeln ſo angenehme Plätze, als man ſich nur wünſchen konnte. Der Juſtizrath Werner hatte ſich nicht lange in ſeinem Zimmer aufgehalten; er hatte nur ſeinen Mantel abgeworfen und war nach dem Salon geeilt, wo er nun, mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, bald auf und ab ſchritt, bald einen Augenblick in die durch einan⸗ der ſpielenden Flammen des Kamins blickte, bald auch an eines der Fenſter trat und in die Gegend hinausſchaute. Die weite Landſchaft lag noch ziemlich dunkel; nur ein Theil der gegenüberliegenden Berge und des Thales wurde von dem eben aufſteigenden Monde beleuchtet. Ein herbſtlicher Wind hatte ſich aufgemacht, der namentlich hier auf der Höhe fühlbar durch die Zweige der Bäume ſauste und zuweilen heulend um die ſcharfen Ecken des Schloſſes herumfloh. 4 Wenn der Juſtizrath einen Augenblick durch das Zimmer geſchritten war, ſo blickte er aufmerkſam nach der Thüre: er er⸗ wartete den alten Verwalter, nach dem er ſchon mehrere Male ver⸗ geblich geſchickt. Dieſer hatte die Gäſte an der Thüre bewillkommt, dann war er verſchwunden. Jetzt näherten ſich Schritte dem Salon; die Thüre wurde geöffnet. Es war der Major von Brander, der mit ſeiner Ge⸗ Zuſammenführung der handelnden Perſonen. 237 mahlin eintrat. Dieſer konnte ſich nicht günſtig genug ausſprechen über die wohnliche, ja faſt prächtige Einrichtung des Schloſſes, über die angenehmen Zimmer, die man ihm angewieſen. „Und wie iſt die Lage ſo reizend!“ ſagte die Majorin.„Ich freue mich unſäglich auf morgen früh. Das Erwachen ſo hoch über der Sphäre der ganzen anderen Menſchheit, der Blick von hier in die erwachende Natur muß göttlich ſein! Vorhin blickte ich zu meinem Fenſter hinaus; vor demſelben zwiſchen dichten Bäumen liegt eine kleine Kapelle, die von dem aufſteigenden Monde mit einem Streiflicht verſilbert ward. Ich verſichere Sie, ein himmliſch ſchöner Anblick!“ „Es iſt die Schloßkapelle,“ antwortete kurz der Juſtizrath, in⸗ dem er der Schriftſtellerin einen Seſſel anbot. „Im Sommer muß es hier auf Ehre göttlich ſein!“ ſprach der Major, der ſich in Uniform geworfen hatte und, vor dem Kamine ſtehend, mit Vergnügen ſah wie die Flammen des Feuers ſich an ſeinen Knöpfen, ſeinen Epaulettes und ſeinen kleinen Orden wiederſpiegelte. 3 3 „Wenn man das ruhig genießen kann, allerdings;“ ſagte ſeufzend Roſa Immergrün.„So ein kleines, hehagliches Stillleben hier wäre meine höchſte Seligkeit.“ „Herr von Steinbeck,“ antwortete der Juſtizrath mit einem erzwungenen Lächeln,„wird gewiß ein gaſtliches Haus machen und erfreut ſein, ſo angenehme Geſellſchaft bei ſich zu ſehen.“ Da⸗ bei verbeugte er ſich gegen die Majorin. „Glauben Sie in der That, daß der junge Mann hier blei⸗ ben wird?“ fragte der Major. 5 „Und warum nicht!“ entgegnete raſch der Iuſtizrath.„Fräu⸗ lein Stillfried liebt das Landleben.“. „Aber der Zukünftige,“ fuhr der Major lachend fort,„findet hier keines ſeiner gewöhnlichen Amuſements. Da gibts keine —— 238 Sechszigſtes Kapitel. Aſſiſen, keine Paraden, keine abfahrenden und ankommenden Eiſen⸗ bahnconvois;— er wird ſich langweilen.“ „Pah!“ ſagte der Juſtizrath.„Wenn man einmal eine Frau hat, denkt man nicht mehr an dergleichen Kleinigkeiten.“ 4 Sechszigſtes Kapitel. 8 Berichtet von einer ſeltſamen Abendunterhaltung, von der Vernichtung eines wichtigen Ge⸗ 4. genſtandes, und zeigt wie der Erzähler alles Mögliche thut, um den⸗ geneigten Leſer zufrieden zu ſtellen. 2 Damit öffnete ſich die Thüre, und Herr von Steinbeck trat ein. 3 † „Der Wolf in der Fabel!“ rief lachend die Majorin dem jun⸗ gen Mann entgegen.„Wir ſprachen ſo eben von Ihnen.“ Herr von Steinbeck hatte eine ſehr hübſche Toilette gemacht: blauer Frack mit weißer Weſte; er trug ſtrohgelbe Handſchuhe und hatte Hut und Stock in der Rechten. Ohne dieſe beiden für ihn nothwendigen Dinge— Hut und Stock nämlich— wagte er ſich in keine Geſellſchaft. Nur durch ihre Hülfe gelang es ihm, ſeine Hände auf eine halbwegs ungezwungene Art mitnehmen zu können und überhaupt durch einen Salon zu ſteuern. Er war der Baro⸗ nin ſehr dankbar für das Wort, das ſie ihm entgegen warf, denn er konnte ſich daran feſtklammern und lachend zum Kamin gelan⸗ gen, wo er ſich augenblicklich neben der Majorin Rückhalt und Stützpunkt ſuchte. G „Wir bedauerten Sie vorhin,“ wiederholte der Major mit einem freundlichen Lächeln;„Sie Aermſter, der auf dieſem präch⸗ tigen Schloſſe künftig ſeine Sommer zubringen ſoll! Ich ſagte, —— —= Eine ſeltſame Abendunterhaltung. 239 Sie würden es hier nicht aushalten, und ich bin wenigſtens davon überzeugt, daß Sie es nicht über ſich gewinnen werden, die Eröff⸗ nung und den Schluß der großen Aſſiſen zu verſäumen.“ „Das iſt freilich für mich ſehr intereſſant,“ antwortete der junge Mann.„Nun, dann läßt man eben einſpannen und fährt hinüber. Das iſt bald geſchehen.“ Der Juſtizrath, der nicht auf dieſes Geſpräch zu hören ſchien, blickte jeden Augenblick nach der Thüre. Der alte Verwalter erſchien immer nicht. Endlich ging er ſelbſt hinaus, um wenigſtens nach dem Be⸗ dienten zu ſehen, der ebenfalls noch nicht zurückgekommen. „Fräulein von Stillfried wird bei der Toilette ſein,“ ſagte die Majorin nach einer längeren Pauſe.„Ich freue mich recht ſehr, das liebe Kind kennen zu lernen. Sie iſt ſchön?“ Bei die⸗ ſen Worten ſah ſie ihren Gemahl fragend an. „Ja, ſie ſoll ein hübſches, wohlerzogenes Mädchen ſein,“ ent⸗ gegnete der Freiherr von Brander, indem er ſeinen Degen etwas nach hinten ſchob. „Ich könnte Sie darüber fragen, Herr von Steinbeck,“ fuhr die Majorin fort;„aber ein Bräutigam hat kein richtiges . Urtheil.“ wLin Verliebter, wollten Sie ſagen,“ verſetzte der junge Mann lachend und glaubte, etwas ſehr Geſcheidtes geſagt zu haben. Der Major ſah ſeine Frau bedeutſam an und huſtete leicht. „Von der Mutter finde ich es eine hochpoetiſche Idee,“ ſagte hierauf Roſa Immergrün,„Verlobung und Hochzeit auf dieſem eiinnſamen Schloſſe hier feiern zu laſſen.“ —„Ja— a— a,“ meinte trocken Herr von Steinbeck. 4 SLSo abgeſchieden von der Welt, nur ſich ſelbſt lebend, es iſt das ein glücklicher Gedanke.“ „Poetiſch vielleicht,“ erwiderte der junge Mann,„auch ſeierlich; . * 240 Sechszigſtes Kapitel. aber nicht freundlich und angenehm.“ Dabei ſah er ſich wie ängſt⸗ lich in dem Gemache um.„Unter uns geſagt, das Schloß ſcheint mir ſo ein finſteres, altes Gebäude, und als wir vorhin über die breiten Gräben und die Zugbrücke fuhren, durch das dunkle Thor hinein, da kam es mir gerade vor, als würde ich ins Gefängniß gebracht.“ „Ja, mein Lieber,“ ſagte der Major mit einem foreirt luſti⸗ gen Tone,„die Ehe iſt immer eine Art Gefängniß.“ 3 „Pfui!“ machte Roſa Immergrün mit tiefer Entrüſtung. „Nein, Scherz bei Seite!“ antwortete der junge Mann, indem er eine entſchloſſene Haltung anzunehmen verſuchte.„Mir thut es wahrhaftig leid, daß ich nachgegeben habe und hieher gegangen bin. Ich weiß nicht, aber ich komme mir wie ein Opfer vor, das man zu einer Schlachtbank führt.“ Die Majorin lachte laut hinaus. „Ja, lachen Sie nur, gnädige Frau, es iſt doch wahr. Wir ſind ja unter uns und können darüber ſprechen. Zu ſehr unter uns! Warum läßt man uns. hier allein? Das hätte eigentlich ſchon ein anderer Empfang ſein müſſen; da mögen Sie ſagen, was Sie wollen, es iſt traurig und troſtlos. Mir kommt es vor, als ſei hier nicht Alles in Ordnung.“ 5. „Oh— oh!“ entgegnete der Major.„Wer wird immer Ge⸗ ſpenſter ſehen, lieber junger Freund?“ „Danken Sie Gott,“ fuhr Herr von Steinbeck fort,„wenn Ihnen nicht auch heute Nacht dergleichen begegnet. Das kann ich Sie verſichern, beſter Major: ich habe mich zu dieſer Heirath enga⸗ girt, das iſt wahr; aber meine Augen behalte ich offen, und wo mir etwas nicht ganz in der Ordnung erſcheint, da werde ich ſprechen. Sie können ſich darauf verlaſſen.“ „Herr von Steinbeck iſt ein leicht erregbares Gemüth,“ ſagte Roſa Immergrün.„Er läßt ſich gerne durch äußere Eindrücke re⸗ gieren; und darin muß ich ihm ſchon Recht geben: dieſes Gemach, 5 4 1 - 94 Eine ſeltſame Abendunterhaltung. 241 ſo altehrwürdig es ausſieht, paßt eher zu einem ernſten Geſchäft, als zum luſtigen, heiteren Feſt einer Verlobung.“ „Ja— a— a,“ erwiderte der junge Mann, indem er abermals umherblickte.„Es ſieht gerade wie zum Teſtamentmachen aus.“ In dieſem Augenblicke trat der Juſtizrath wieder in das Zim⸗ mer, und man hörte noch, wie er unter der Thüre einem Bedien⸗ ten nachrief:„ich finde das unbegreiflich— er ſoll augenblicklich hierher kommen!“ Der Major warf ſeiner Gemaßlit einen einigermaßen beküm⸗ merten Blick zu. „Tauſendmal bitte ich Sie um Entſchuldigung!“ ſprach der Juſtizrath hinzutretend mit einer ſichtlich erzwungenen Freund⸗ lichkeit.„Das Gebäude hier iſt ſo weitläufig; die Zimmer liegen ſo weit von einander; die Staatsräthin muß von der Reiſe et⸗ was angegriffen ſein. Aber ich hoffe, ſie wird im Augenblick er⸗ ſcheinen.“ „Sie wird bei ihrer Tochter ſein; ich finde das ſehr begreif⸗ lich,“ ſagte die Majorin.„Ein Wiederſehen nach ſo langer Zeit! Das verſteht Ihr nicht, meine Herreu.“ „Wenn ich morgen früh die Ehre habe, Ihnen das Schloß zu zeigen,“ fuhr der Juſtizrath mit einem anſcheinend ſehr ruhigen Tone fort(doch verwandte er kein Auge von der Thüre),„ſo werden Sie erſtaunen, wie groß, aber vortrefflich erhalten es iſt.“ „Aber— die Zimmer ſcheinen ſehr dunkel, 4 Aitwortete Herr von Steinbeck,„nicht recht wohnlich.“ Der Juſtizrath ſah ihn fragend an. „Wenigſtens dieſes hier. Liegt an dem dunkeln Täfelwerk oder an der Höhe dieſes Gemachs die Schuld— k 10 weiß nicht, es iſt ein Bischen froſtig.“ Der Major räuſperte ſich ſehr laut. „Sie haben nicht Unrecht,“ untwortete der Juſtizrath,„was Hackländers Werke. XII. 4 16. 8 242. Sechszigſtes Kapitel. dieſes Zimmer anbelangt, und ich begreife auch nicht, warum der Verwalter dieſen Salon gewählt. Sie werden ſich aber morgen überzeugen, es ſind hier ſehr behagliche, freundliche Wohnungen.“ „Unſere Zimmer zum Beiſpiel,“ fiel ihm der Major eifrig ins Wort,„die ſind comfortabel, ja glänzend.“ „Und— Fräulein Stillfried,“ fragte der junge Mann den Juſtizrath, ohne ihn dabei anzuſehen,„wird vielleicht bald erſchei⸗ nen? Vielleicht hier? Oder werden wir der jungen Dame in ihrer Wohnung unſere Aufwartung machen dürfen?“ „Wie ungeduldig!“ rief der Major aus.„Ja, dieſe jungen Leute!“ Dabei wollte er lachen, aber er brachte es nur zu einem komiſchen Grinſen.. Draußen auf dem Gange hörte man Schritte, die ſich eilig näherten. Der Verwalter erſchien auf der Schwelle, blaß, verſtört. Er ſchien haſtig ins Zimmer eintreten zu wollen; doch als er die frem⸗ den Herrſchaften ſah, blieb er beſtürzt an der Thüre ſtehen. „Ah!“ ſtieß er hervor und fuhr ſich mit der Hand über die Augen. 3 Der Juſtizrath blieb eine Sekunde wie feſtgebannt vor ihm ſtehen. Dann aber ſagte er in ſehr ſtrengem Tone und wie ver⸗ geſſend, daß er nicht allein ſei:„vier Mal habe ich vergeblich nach Ihnen geſchickt; ich begreife dieſes Betragen nicht. Warum laſſen Sie ſich gerade heute an Ihre Pflicht erinnern?“ 3 „Das ſind ſchreckliche Dinge, die mich ſie vergeſſen ließen,“ antwortete der alte Mann mit zitternder Stimme.„Fräulein Ro⸗ ſalie—“ 4 „Was iſt geſchehen?“ rief der Juſtizrath, ſich vergeſſend. Doch erſt, als die Anderen vom Kamin herbeieilten und dieſe Frage wiederholten, und als Herr von Steinbeck mit ſcharfem Tone hin⸗ zuſetzte:„was iſt mit Fräulein Stillfried?“ raffte ſich Herr Werner zuſammen und wandte ſich lächelnd mit den Worten um:„o, ge⸗ — 3 1 einigermaßen zurückgehalten durch die P * Eine ſeltſ wiß nichts, was Sie beunruhigen kann; ir Kleinigkeit wird den alten nur einen Augenblick!“ Damit ging er haſti ter mit ſich hinaus auf den Gang ziehen. Herr von Steinbeck trat ihm in den Weg. „Verzeihen Sie,“ ſagte dieſer,„ich halte es ja, für meine Pflicht, Sie zu bitten, die Botſchaft nes in unſerer Gegenwart zu hören. es ſich zu handeln ſch Herrn erſchreckt haben. eint, ſteht mir ſchon ſo nahe, danach fragen darf, was mit ihr vorgefallen. welche jener Herr Ihnen überbringen wollte, auf kei keine Ueberraſchung hinaus läuft, dafür, glaube ich, ſtörte Ausſehen deſſelben, und ich, wie ſchon geſagt, anhören zu dürfen.“ Der Juſtizrath hatte den unberufenen lächelnd und überraſcht angeſchaut. Bald aber Freundlichkeit von ſeinem Geſichte, und es la Ernſt darüber. Er war im Begriffe, d Einmiſchung ſcharf zurecht zu weiſen, blickte aber Freiherrn von Brander, um deſſen Zuſtimmun Der Major aber machte ein zuckte die Achſeln. Herr von Steinbeck ſchien ſreuen, mit der er aufgetreten war, und da ihn nicht augenblicklich mit ſeiner ſcharfe derſchlug, ſo wandte ſich der junge Mann keck an und ſagte zu ihm:„laſſen Sie hören, was Sie S dem Herzen haben. Wir gehören, ſo zu ſagen, mi und glauben jetzt ſchon ein Recht fällen in derſelben zu fragen. ame Abendunterhaltun g nach der Thüre und wollte zu haben, nach wichtigen Vor⸗ für mein Recht, des alten Man⸗ Fräulein Stillfried, um die daß ich wohl Daß die Botſchaft, nen Scherz, auf bürgt das zer⸗ eine Kunde ſchlimmer Art glaube Sprecher anfänglich verſchwand die gerte ſich ein finſterer en jungen Mann über dieſe vorher auf den g gewiß zu ſein. ziemlich verlegenes Geſicht und 7— ſich ſeiner eigenen Feſtigkeit zu der Juſtizrath, antomime des Majors, n und gewaltigen Zunge nie⸗ den Verwalter chreckliches auf t zur Familie 8 243 gend eine unbedeutende Verzeihen Sie den Verwal⸗ —— —— 244 Sechszigſtes Kapitel. Den Juſtizrath hatte eine ſeltſame Angſt erfaßt, welche den Zorn über das Benehmen des Herrn von Steinbeck überwog. Sein Auge hing an dem Munde des alten Mannes, und als ihn der Major beſchwichtigend bei der Hand ergriff, die er krampfhaft zuſammen geballt, ſagte er nach einem tiefen Athemzuge mit kaum vernehmlicher Stimme:„ſo reden Sie.“ „Fräulein Roſalie“— ſagte der Verwalter;„Fräulein Ro⸗ ſalie“— wiederholte er. „Was iſt mit ihr?“ „Sie iſt fort— entflohen.“ „Barmherziger Himmel!“ rief der Juſtizrath und wollte an dem Verwalter vorbei nach der Thüre ſtürzen. Der Major hielt ihn zurück. NRoſa Immergrün war mit einem lauten Schrei in ihren Fau⸗ teuil geſunken, dem ſie ſich, etwas Aehnliches vorausſehend, langſam wieder genähert hatte. Herr von Steinbeck trat mit einem lauten:„Ah!“ einen Schritt zurück. „Entflohen!“— ſagte abermals der alte Mann, indem er ſich an den Juſtizrath wandte, der dicht vor ihm ſtand und ihm wie verwirrt ins Auge ſah.„Entflohen— heute Abend entflohen, wahrſcheinlich kurz, ehe die Wagen in den Schloßhof gefahren ſind. Eben vorher habe ich ſie ſelbſt noch geſehen.“ Der Juſtizrath kämpfte gewaltſam mit ſich ſelbſt, um im Aeu⸗ ßeren ſeine Faſſung wieder zu erlangen. Wenn er auch gleich darauf wieder ruhig ſprach, ſo ſah man doch deutlich an ſeinen zuckenden Lippen, an der Todtenbläſſe, die ſein Geſicht überzogen, welch' furchtbarer Kampf dieſen harten Mann im innerſten Herzen durchwühlte. 3 Er hatte darauf die Kraft, ſich mit einem halben Lächeln gegen Herrn von Steinbeck umzuwenden— denn es fiel ihm ein, S daß er hier nieht mehr als den Geſch ſtämann der Staatsräthin ſ3“ — 4 den Schauſpielern iſt Fränlein Stilfried davon gegangen“ Eine ſeltſame Abendunterhaltung. 245 vorſtellen dürfte— um dem jungen Manne zu ſagen:„das iſt ein merkwürdiger Fall. Man muß es vorderhand der unglücklichen Mutter verſchweigen.“ „Freilich ein höchſt merkwürdiger Falll⸗ entgegnete Herr von Steinbeck in ſcharfem Tone, indem er ſich an den Verwalter wandte. „Man müßte doch eine Ahnung davon haben, wohin Fräulein Stillfried entflohen iſt, ob allein, ob— in Geſellſchaft.“ Der Juſtizrath warf ihm für dieſe Frage einen Blick des tiefſten Haſſes zu. „Was ich thun konnte,“ ſagte der alte Mann,„das iſt ge⸗ ſchehen. Ich ſchickte augenblicklich Leute hinab ins Dorf und auf verſchiedenen Wegen fort, die von dem Schloſſe ins Land führen; doch erhielt ich bis jetzt keine Nachricht.— Aber wenn ich recht höre, ſo kommt Jemand eilig den Gang daher.“, So war es denn auch; man ſah einen der Jäger des Schloſſes haſtig den langen Korridor herab kommen. Der Verwalter wollte ihm entgegen gehen, doch bat ihn Herr von Steinbeck, den Boten eintreten zu laſſen.„Denn auch uns iſt es intereſſant,“ ſagte er mit Betonung,„von dieſem Unglücke etwas Näheres zu vernehmen.“ „Es iſt ſo, wie wir alle geglaubt,“ ſprach der Jäger athemlos. „Einer von der Bande iſt aufgegriffen worden und wird ſo eben daher gebracht.“ „Einer von der Bande?!“ Frief die Majorin.„Das iſt ja erſchrecklich! Sind wir von Räubern umgeben?— It das arme Mädchen geraubt worden?“ „Das nicht,“ antwortete der Jäger.„Vom Rauben kaun keine Rede ſein.“ 3 „Es kann kein Raub ſein,“ ſagte der alte Mann. „Und wer iſt die Bande?“ fragte athemlos der Iuſtizrath. „Reiſende Schauſpieler,“ entgegnete der Jäger. „Bravo!“ rief Herr von Steinbeck laut hinaus.„Mit reiſen⸗ 246 Sechszigſtes Kapitel. Der junge Mann hatte ſich durch dieſes unbedachtſame Wort, das er ſo leichtſinnig hinaus ſtieß, während die Anderen in ſtar⸗ rem Entſetzen da ſtanden, unbewußt in große Gefahr begeben. Der Juſtizrath überlegte eine Sekunde, ob er ihn mit der geballten Fauſt niederſchlagen ſolle. Der Jäger blickte verwundert und entrüſtet in die Höhe, und aus den Augen des alten Verwalters fuhr ein Blick voll Grimm und Wuth. 3 Nur einen Augenblick tobte dieſes Gefühl der Rache im Herzen des Juſtizrathes. Dann ſchien ihn ſeine Kraft völlig verlaſſen zu wollen; er fuhr mit der Hand über die Stirn, ließ ſie dann lang⸗ ſam herabſinken und verbarg ſie, krampfhaft zuſammengepreßt, an ſeiner Bruſt; ſeine Knie wankten— er bedurfte faſt übermenſch⸗ licher Anſtrengung, um ſich aufrecht zu erhalten. Wieder hörte man Schritte im Gange. „Dort bringen ſie Einen, den ſie erwiſcht,“ ſagte der Jäger und machte an der Thüre Platz. Es waren zwei Männer vom Dorfe, die daher kamen und zwiſchen ihnen ging ein Menſch mit zögernden Schritten und ge⸗ ſenktem Haupte.— Die Beiden kamen vor die Thüre und ſchoben alsdann ihren Gefangenen in das Zimmer hinein. Dieſer zeigte ſich nun auf dieſe Art plötzlich in dem helleren Lichte des Gemaches. Der Iuſtizrath war ihm entgegen geſtürzt, prallte aber wie vor etwas Entſetzlichem, wie vor einem Geſpenſte zurück, als er in Joſeph's ihm nur zu bekanntes Geſicht blickte. Hatte all' das Fürchterliche, was ihn heute Abend Schlag auf Schlag getroffen, vernichtend und wieder belebend auf ihn gewirkt, oder war es, daß beim Anblick dieſes Dieners die Gedanken des Juſtizrathes plötzlich eine andere Richtung nahmen, genug, nach dem erſten Augenblicke, der ihm einen Schrei tiefer Wuth erpreßte, richtete er ſich empor und hatte die Kraft, mit ruhiger Stimme zu Eine ſeltſame Abendunterhaltung.. 247 ſagen:„dieſen Menſchen kenne ich; ich muß ein förmliches Verhör mit ihm anſtellen.“ Dann wandte er ſich an Herrn von Steinbeck und ſprach mit einem bitteren Lächeln, das von einer Verbeugung begleitet war:„Leider werden Sie genug gehört haben, ſo genug, daß das Nähere dieſes unglücklichen Falles Ihnen vollkommen gleichgültig ſein kann. Ich bitte deßhalb, mich allein zu laſſen.“ Zum Verwalter ſagte er hierauf:„Laſſen Sie den Herrſchaften nach ihren Zimmern leuchten.“ Der Major reichte dem Geſchäftsmanne der Staatsräthin mit einem wehmüthigen Blicke die Hand und bot darauf ſeiner Ge⸗ mahlin den Arm.’ Herr von Steinbeck dagegen, im Gefühl des großen Unrechts, welches man an ihm begangen, ſetzte noch, ehe er die Schwelle überſchritt, ſeinen Hut auf und ſagte zu einem der Bedienten, die mit herbeigeeilt waren:„ich danke für ein Zimmer; man leuchte mir nach irgend einem Wagen, der wohl zu erhalten ſein wird.“ Nachdem ſich die Thüren geſchloſſen, blieb der Juſtizrath mit Joſeph allein. Letzterer ſtand ſcheu und ängſtlich an der Thüre, Erſterer war nach einem Seſſel gegangen und ſank, faſt zuſammenbrechend, auf denſelben nieder. Er hätte ſo dringend der Ruhe bedurft; doch ſchreckten fürch⸗ terliche Gedanken ſeine Sinne empor, und er rief in fieberhafter Aufregung:„Menſch, wo kommſt du her?— In welcher Verbin⸗ dung ſtehſt du mit dieſer unglücklichen Geſchichte?“ Joſeph, der nicht wußte, was er antworten ſollte, ſchwieg ſtill. „Du biſt bei einer Schauſpielertruppe?“ „Ja.. „Und wo iſt dein Herr?“ „Er war auch hier.“. 3 „Gerechter Himmel!“ ſchrie der Juſtizrath und ſprang empor. . 1 —— 248 Sechszigſtes Kapitel. „War dein Herr— Eugen Stillfried— oftmals hier oben auf dem Schloſſe?“ 3 „Ja, Herr Juſtizrath.“ „Sah er die Tochter des Verwalters?“ „Ich glaube ſo.“ „Nein! nein! das wäre zu fürchterlich!— Und doch muß es ſo ſein!— Der Bruder hat ſeine eigene Schweſter entführt!“ Dieſe Worte ſchrie er mit lauter und gellender Stimme. Dann ſank er zuſammen, ſtürzte in den Seſſel zurück und verbarg ſein Haupt in beide zitternde Hände.—— So ſaß er eine Zeit lang, und nur zuweilen hob ein tiefer Seufzer die Bruſt, nur zuweilen ſtieß er einen Schrei des Schmerzes aus. Dabei hörte er nicht, was um ihn her vorging; er ſah nicht, daß ſich die Thüre langſam geöffnet, daß eine Hand den Arm des Bedienten gefaßt und dieſen in den Gang zurückgezogen hatte, daß Eugen Stillfried dafür eingetreten war und nun unter der Thüre ſtand und regungslos, mit untergeſchlagenen Armen, auf den zuſammengeſunkenen Mann blickte. Als dieſer ſich nach einer längern Pauſe wieder langſam er⸗ mannte, zuerſt die Hände von dem Geſicht herabſinken ließ, dann nach einer Weile ſein Haar von der Stirn zurück ſtrich und den Kopf in die Höhe wandte, da riß er ſeine Augen weit auf und ſtarrte nach der Thüre, als ſähe er dort ein Geſpenſt. Er erhob ſich darauf langſam von dem Seſſel, und die beiden Männer, die ſich ſo tief haßten, ſtanden ſich einige Augenblicke ſchweigend ge⸗ genüber. Es war eine fürchterlich lange und peinliche Pauſe. Mehrmals fuhr der Juſtizrath empor, als wollte er ſich auf ſeinen Feind ſtürzen; doch hielt er ſich immer zurück. Endlich aber ſchrie er laut hinaus:„So iſt es denn wahr, Unglücklicher! du haſt deine eigene Schweſter entführt?“ „So ſcheint es,“ ſagte Eugen ruhig.„Und da ich das zu⸗ Eine ſeltſame Abendunterhaltung. 249 fällig erfahren, ſo bin ich zurückgekommen, um darüber mit Ihnen ein wenig abzurechnen.“ „Mit mir?“ „Mit Ihnen, der unermeßliches Weh über unſer Haus gebracht, und der noch tauſendfache Schande hinzugefügt hätte, wenn nicht der gute Gott ein Einſehen gehabt und Alles zum Beſten gelenkt.“ „Du haſt deine Schweſter entführt!⸗ „So that ich. Wußte ich, daß es meine Schweſter war?— Wer hat es mir verheimlicht ſeit langen Jahren?— Wer hat den Unfrieden in unſer Haus geſät?— Wer hat Mutter und Kinder von einander geriſſen, daß ſie theils in immerwährendem Hader lebten, theils ſich gar nicht kannten, und daß dieſes Unerhörte ge⸗ ſchehen mußte, was hier geſchehen?“ „Die eigene Schweſter!— Und du ſelbſt kommſt hierher, um mir dieſes Entſetzliche zu ſagen, mir die fürchterlichen Vorwürfe zu machen? Du ſelbſt biſt Schuld, nicht ich!“ „Ich bin gekommen, um Ihnen gerechte Vorwürfe zu machen,“ entgegnete Eugen,„um wahr und offen mit Ihnen zu ſprechen, wie Sie es mit mir nie gethan.— Sie glauben, ich habe meine Schweſter entführt, ich habe ſie alſo unnatürlicher Weiſe geliebt? Es wäre das leicht möglich geweſen. Sie thaten nichts, am der⸗ gleichen zu verhindern.“ „Es iſt geſchehen!“ rief der Juſtizrath ſchmerzlich und ver⸗ barg das Geſicht abermals in ſeine beiden Hände.„Gott ſteh' mir bei!“ 3 „Gott— ſtand Ihnen bei,“ ſagte Jener nach einer Pauſe mit weicherer Stimme.—„Und er ſei geprieſen dafür, daß ſo Schreckliches— nicht geſchehen.“ „Nicht geſchehen?“ rief der Juſtizrath emporſpringend.„Nicht geſchehen? Sie entführten Ihre Schweſter nicht?“ „Ich habe ſie entführt, allerdings,“ antwortete der junge Mann.„Aber ich that es, weil ich wußte, daß ſie meine Schwe⸗ 250 Sechszigſtes Kapitel. ſter ſei; ich that es, um ſie vor namenloſem Elend zu bewahren, das Sie ihr zu bereiten im Begriffe waren, Sie— ihr natürlich⸗ ſter Beſchützer.“ „Sprechen Sie wahr?“ rief der Iuſtizrath und machte ein paar haſtige Schritte gegen Eugen, während ſeine Augen feucht wurden und eine ungewohnte Thräne in denſelben zitterte.„O, dann kann Alles gut werden!“ „Zwiſchen uns iſt nichts gut zu machen,“ ſagte finſter der junge Mann.„Ich habe meine Schweſter gefunden; ich werde ſie feſthalten; ich werde ſie zu ſchützen wiſſen, vor Jedem; auch vor Ihnen!“ „Und meine Rechte?“ „Ah, Sie haben Rechte?“ ſprach Eugen mit einem bitteren Lachen.„Leider! leider! Ich habe das nie vergeſſen. Aber,“ fuhr er nach einer Pauſe im beſtimmteſten Tone fort, indem er auf den Kamin, an welchem der Juſtizrath ſtand, zuſchritt,„Sie werden dieſe Rechte aufgeben; ich werde Sie dazu zwingen, oder, um mich eines bei Ihnen beliebten Ausdruckes zu bedienen, ich werde mich mit Ihnen vergleichen.“ „Was verlangen Sie von mir?“ „Kleinigkeiten! Nur die Ruhe, den Frieden, das Glück unſeres Hauſes.“ „Die ich geſtört— 2⸗ „Durch Ihre Gegenwart. Sehen Sie,“ fuhr der junge Mann fort und zog langſam ein kleines Paket hervor mit rothen Bändern ſchwarz geſiegelt, ſehen Sie dieſe gewichtigen Papiere. Ich ahne nur zu deutlich, was eines derſelben enthält. Indem ich Ihnen nun erkläre, daß ich künftig das Haus meiner Mutter nicht mehr verlaſſen will, daß ich zu deren Schutze bereit ſein werde, frage ich Sie, ob Sie den Muth haben, unter einem Dache zu verweilen, das zugleich mit Ihrer Perſon dieſe Papiere birgt?“ Beim Anblick dieſes wohlbekannten Paketchens durchfuhr ein Eine ſeltſame Abendunterhaltung. 251 Schauer den Körper des Juſtizrathes. Seine Wangen entfärbten ſich; ſeine Augen blickten ſtarr darauf hin. Ja, er wich vor Eugen zurück, der ihm näher trat, zurück in die Ecke des Gemaches, bis gegen die Fenſterniſche. Doch fuhr er da mit einem Schrei der 2 Angſt, ja der Verzweiflung zurück. Der herbſtliche Wind, der um das Schloß jagte, drückte mit voller Kraft einen der ſchweren Fenſterflügel auf und wehte in das Zimmer hinein, die Kerzen auf dem Kamin auslöſchend und die ſchweren Fenſtervorhänge aufhebend, daß ſie empor wallten und rauſchend wieder niederfielen.— Dabei ſchienen den Juſtizrath ſchreckliche Erinnerungen zu über⸗ wältigen; denn einen Augenblick ſchaute er ſich entſetzt um nach dem geöffneten Fenſter, als erblicke er dort etwas Fürchterliches. Dann aber raffte er ſich gewaltſam empor und ſtürzte nach der Thüre, durch die er verſchwand. Eugen ſah ihm tief erſchüttert nach; dann trat er an das Fenſter und blickte in den Hof hinab, wo auf ſeinen Befehl eine beſpannte Kaleſche mit brennenden Laternen hielt. Wenige Minuten nachher ſchien der Poſtillon, der auf dem Bocke ſaß, einen Befehl erhalten zu haben; denn er hieb in die Pferde, und der Wagen rollte raſſelnd zum Schloßthor in die fin⸗ ſtere Nacht hinaus. Der junge Mann blickte wie dankend gegen den Himmel, und 1 ie edelſten und ſchönſten Gefühle zogen durch ſein Herz. Er ging 5 an den Kamin, warf das Paketchen in die Flammen, und nachdem 4 d er ruhig zugeſchaut, wie das ſchwarze Siegellack abtropfte, wie die rothen Bänder aufſprangen und wie die Gluth ein Papier um das 1 andere verzehrte, bis nichts mehr übrig blieb als die Aſche, ſchritt er langſam zur Thüre hinaus, und darauf ward es ſehr ſtill und einſam in dieſem Gemache, dem dunkelſten und unheimlichſten des 5. Schloſſes.—— 4 Der geneigte Leſer wird nicht einen Augenblick darüber im 252 Sechszigſtes Kapitel. Zweifel ſein, was ſich Wichtiges und Angenehmes in dem Schloſſe nach der Abreiſe des Herrn von Steinbeck und des Juſtizrathes begeben, und er wird uns gewiß verzeihen, wenn wir ihm in die⸗ ſem Schlußkapitel nicht mit allen Einzelheiten erzählen von dem Wiederſehen verſchiedener Liebender. Ein ſolches Wiederſehen nach Hinwegräumung ſo vieler Hin⸗ derniſſe iſt etwas Köſtliches; und das erfuhren auch Eugen und Katharina, Roſalie und der junge Bildhauer, um ſo mehr, als ihnen eine liebende gute Mutter zur Seite ſtand, welche zu dieſer Vereinigung ihren Segen gab und ſie ſo dauernd machte. Die alte Dame konnte ſich nicht entſchließen, ihre Kinder zu verlaſſen, und blieb mit ihnen zuſammen auf Schloßfelden. Sie tröſtete und beſchützte alle Armen und Traurigen, welche ſich an ſie wandten, und die Worte des Dankes und der Freude, die ſie auf dieſe Art täglich und ſtündlich vernahm, verjagten die finſteren Schatten, die das Andenken au frühere Tage in ihr Leben ge⸗+ worfen. 3 8 Aus dem Hauſe in der Reſidenz wurden Martha und Martin 2 hieher beordert, und Erſtere fühlte ſich darüber recht glücklich; denn wenn ſie auch keinen Neid kannte, ſo gab es ihr doch jedes Mal einen Stich in's Herz, wenn ſie auf der Straße der verhei⸗ 3 4 ratheten Nanette begegnete, Der alte Jakob war ſchon mit ſeiner Herrin hieher gekommen und befreundete ſich bald mit dem Ver⸗ 22 5 walter. 8 Ueberhaupt hatte ſich hier im Schloſſe das Hauptquartier der Dienerſchaft ſtark vermehrt; glücklicher Weiſe war die Küche be⸗ deutend größer als die im Stillfried'ſchen Hauſe, und ſo war es denn für Martha möglich, neben ihren größernen Geſchäften hiey doch noch zahlreiche Audienzen zu ertheilen und ihre Getreuen um. ſich zu verſammeln. 8 Durch die glücklichen Veränderungen, welche mit Herrn Engen 1 bei noch ſo gut bedacht, als hätte er an irgend einem großen Thea⸗ Eine ſeltſame Abendunterhaltung. 253 Stillfried, auch Herr Wellen genannt, vor ſich gingen, fanden ſie nur zwei Parteien nicht ganz zufrieden geſtellt. Die eine derſelben beſtand in der Perſon des Herrn Sidel, der vernünftig war, einzuſehen, daß ſein inniges Zuſammenleben mit Eu⸗ gen jetzt ſein Ende erreicht habe. Er beklagte dies hauptſächlich aus Einem Grunde, indem er nämlich behauptete, die Erziehung des jungen Menſchen ſei noch durchaus nicht vollendet, und wenn er auch Katharinen alles mögliche Gute zutraue, ſo habe ſie doch, fürchte er, nicht Feſtigkeit genug, um dieſen hartnäckigen Charakter auf einem guten Pfade zu erhalten. Wir können aber dem geneig⸗ ten Leſer verſichern, daß der luſtige Rath ſich hierin geirrt. Herr Sidel hatte jedoch zu lange mit ſeinem Freunde zuſammengelebt, und er fand es deßhalb unerträglich, allein in der Welt zu ſtehen. Er bewarb ſich daher in kurzer Zeit um die Handeder Wirthstoch⸗ ter Marie und zugleich um die erledigte Lehrerſtelle im Dorfe; denn der alte Schulmeiſter hatte ſich zurückgezogen. Erſteres wurde ihm von Frau Roſel nach einer kurzen Bedenkzeit bewilligt, das Andere von Eugen im Namen ſeiner Mutter, der aber dabei nicht unter⸗ laſſen konnte, die armen Kinder des Dorfes zu bejammern, die von nun an eine ſchreckliche Erziehung genießen würden. Die andere Partei, welche den Verluſt des Herrn Wellen⸗Still⸗ fried anfänglich ſehr beklagte, war der Schauſpieldirektor Herr Müller, und um ſo mehr, da die Staatsräthin den Wunſch aus⸗ ſprach, die Truppe möge für dieſes Mal ihre Vorſtellungen be⸗ endigen und Schloßfelden verlaſſen. Das thaten ſie denn auche und wir können dem geneigten Leſer verſichern, daß ſie gern von dannen zogen. Der Traum des Herrn Trommler: die überſtrömende Kaſſe, ging durch Eugen's und der alten Dame Freigebigkeit buch⸗ ſtäblich in Exrfüllung, und der vortreffliche Trommler wurde neben⸗ ter ein Benefiz gemacht. Sie wandten ſich nach Scmulzhauſen, und Eugen, der ſie ab⸗ .54 Sechszigſtes Kapitel. jeyen ſah, ſandte ihnen einen ernſten, wir möchten ſagen: weh⸗ githigen Blick nach. Er hatte die guten Menſchen lieb gewonnen, d der Gedanke, daß ſie ſein Andenken ſegnen würden, machte ihn wahrhaft glücklich. Und doch nahmen die fröhlich davon ziehenden Schauſpieler e Traurige mit ſich. Es war die blonde Thusnelda, welche die Erinnerung an dieſe abermals verunglückte Liebſchaft um ſo mehr darnieder drückte, als Hannibal, wie ſie erfahren, ein Unwürdiger geweſen, nur der Bediente ſeines Herrn. 3 Daß ſelbſt der getreue Pierrot von Eugen nicht verſtoßen wurde, glauben wir kaum bemerken zu dürfen. Er gab die heiligſte Verſicherung, ſich künftig zu beſſern, und wurde unter die ſpezielle Aufſicht des Kutſchers Martin gegeben, der mit Zeit, Mühe und unterſchiedlichen Püffen etwas Anſtändiges aus ihm heraus bildete. So waren denn nun drei Brautpaare in und um Schloßfelden, und die Hochzeit derſelben wurde an Einem Tage in der kleinen Kapelle droben vollzogen. Es war das ein Tag der Luſt und Freude, und es mangelt uns leider an Zeit und Raum, ihn wür⸗ dig zu beſchreiben. Der Major von Brander hatte der außerordentlichen Vorfälle wegen ſeinen Urlaub verlängern laſſen, und war ihm dies nicht ſchwer geworden, da man in dieſem Augenblicke an keinen enro⸗ päiſchen Krieg dachte. Er war Brautführer der ſchönen Katharina, und als er nach vollendeten Feſtlichkeiten ſich endlich anſchickte, nach Hauſe zurück zu kehren, verſicherte er hoch und theuer, es ſeien das mit die glücklichſten Tage ſeines Lebens, die er hier oben verlebt. Roſa Immergrün ließ den Gemahl allein reiſen und blieb noch eine Zeit lang bei der Staatsräthin. Sie hatte hier zu viel poe⸗ tiſche Eindrücke in ſich aufgenommen und konnte nicht umhin, einen Theil derſelben an Ort und Stelle zu verarbeiten. Vielleicht erhält Eine ſeltſame Abendunterhaltung. 295 der geneigte Leſer durch ihre Feder noch eine Fortſetzung dieſen einfachen Geſchichte. 3 Eugen wurde in jeder Hinſicht ein muſterhaſter Sohn undo Ehemann. Er widmete ſich ganz den Geſchäften ſeines Hauſes und leitete alle Angelegenheiten deſſelben.* Eines Morgens meldete ihm der Förſter, nach mehrwöchentu. lichen Streifereien und Nachſpürungen ſei es endlich gelungen, ein paar der ſchlimmſten Wildfrevler einzufangen, vielleicht dieſelben Burſche, die damals in jener Nacht auf den Herrn ſelbſt geſchoſſen. Eugen ritt zur Förſterwohnung hinaus, um ſich die Gefangenen vorführen zu laſſen. Es wurden zwei herabgekommene, zerlumpte Männer vorgeführt mit großen Bärten, aber trotzigen Geſichtern, und als Eugen ſie erblickte, konnte er ſich eines tiefen Schauders nicht erwehren. Wer die beiden Wilddiebe eigentlich waren, hat er nie Jeman⸗ den geſagt. Er verbot ſeinen Leuten aufs Strengſte, überhaupt über dieſe Angelegenheit zu ſprechen. Die beiden Männer aber ließ er anſtändig kleiden, und dann ſtellte er ihnen nach einer kur⸗ zen Unterredung die Wahl, ob ſie in ihre Heimat ausgeliefert ſein, oder ob ſie ſich geneigt zeigen wollten, von ihm mit Geld und Briefen unterſtützt, nach Amerika auszuwandern. Sie wählten natürlicher Weiſe das Letztere und verließen Europa, um ſich jen⸗ ſeits des Oceans einen neuen Herd zu gründen. Madame Schoppelmann, die in der Nähe der Reſidenz bei ihrer Schweſter geblieben war und darauf zu einem Beſuche nach Schloßfelden kam, wo ſie ſich mit der Wirthin, Frau Roſel, außer⸗ ordentlich befreundete, konnte ſich doch nicht ganz von ihrem Ge⸗ ſchäfte am Markt trennen. Sie unterſtützte ihre Nachfolger, die Firma Klingler und Claaſen, fleißig mit ihrem gediegenen Rathe, und beſuchte bei dieſer Veranlaſſung die Jungfer Strebeling, die ſich noch immer in ihrer alten Wohnung befand. Clementine ſaß meiſtens am Fenſter, ein zweiter weiblicher Sechszigſtes Kapitel. Toggenburg. Doch als ſich Herr Müller nie mehr zeigte, ſie auch keine Kunde weiter von ihm erhielt, nahm ſie die fire Idee in ſich auf, das Bild jenes jungen Mannes ſei nichts als eine Verſuchung des Böſen geweſen. Darauf hin las ſie fleißig in ihrem Gebet⸗ buche und beſuchte ſämmtliche Kirchen ſo oft als möglich. Sie wäre gar zu gern in ein Kloſter gegangen, doch war dies aus be⸗ kannten Gründen nicht thunlich. Schließlich können wir nicht verſchweigen, daß Sultan, der treue Hund, fortan ebenfalls auf dem Schloſſe wohnte, und zwar in einer neuen Hütte, grau angeſtrichen. Sein Halsband war von grünem Leder und darauf ſtanden in gelbem Meſſing die Buchſtaben C. S.— Euen Stillfried. 4 e ☛ A —