— ihbibliothek cher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 4 duard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. und Ceſebedingungen. bliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ be dar Bücher jeden Tag von Morgens hr offen. —, onnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ge feſtgeſetzt und , daß das de ehte dn F. W. Hackländer's F. W. Hackländer's 4 Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Elfter Band. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Officin in Stuttgart. — Eugen Stillfried. Zweiter Band. Einundzwanzigſtes Kapitel. Jungfer Clementine Strebeling erhält einen Brief und findet ſich in Folge deſſelben bewogen, die Liebe ihrer Freundin zu unterſtützen. Der Jungfer Clementine Strebeling war unterdeſſen etwas ab⸗ ſonderlich Entſetzliches paſſirt— entſetzlich in Betreff ihrer Lebens⸗ anſichten und ihres äußerſt zarten Nervenſyſtems. Der geneigte Leſer wird ſich erinnern, daß er beſagte Jungfer Clementine durch unſere Beihülfe an ihrem Fenſter erblickt hat, wo ſie aus dem muſikaliſchen Hauſe ihr gegenüber das ſehnſüchtige Lied vernom⸗ men hatte von der Lotusblume, die ſich ängſtiget vor der Sonne Pracht. Hierauf war Jungfer Clementine in eine Verwirrung ge⸗ rathen, ja ſanft erröthet; und wenn eine alte Jungfer erröthet und in Verwirrung geräth, ſo muß eine wichtige Urſache vorhan⸗ den ſein. Dem war auch ſo, und dieſe Urſache war, wie wir bereits wiſſen, nichts Anderes, als die Erſcheinung eines jungen Mannes am gegenüberliegenden, offenſtehenden Fenſter des muſikaliſchen Hauſes. Jungfer Clementine Strebeling wußte gar nicht, wie ihr ge⸗ 4 ſchehen. Sie konnte, wie in der Oper, von ſich ſelbſt ſagen: * 1— Sein Blick, mir zugewendet, War Blitz und Schlag zugleich. Einundzwanzigſtes Kapitel. Nicht als ob der Anblick des Herrn Sidel gar eine heftige 4 Liebe in ihrem jungfräulichen Buſen plötzlich entzündet hätte— 1 dem war freilich nicht ſo; aber ſie hatte ſchon oft drüben am Fenſter die verſchiedenen Hausbewohner bemerkt, auch keine üblen jungen Leute, und noch dazu mit herabwallenden Haaren und langen, zottigen Künſtlerbärten. Es war vielleicht der reſpektvolle Gruß, den der Herr Sidel im Augenblicke herüberſandte, als er das Geſicht der alten Jungfer auftauchen ſah. Ja, der Gruß war reſpektvoll und wie überraſcht geweſen, das iſt gar nicht zu läugnen; überraſcht, weil der luſtige Rath an dem gegenüber⸗ liegenden Fenſter etwas Liebreizenderes erwartet hatte. Aber dem ſei, wie ihm wolle: die Thatſache bleibt feſtſtehen, daß er einen feſten längeren Blick hinüber geſandt, als bei dieſen Verhältniſſen gerade nothwendig geweſen wäre, und ebenſo wahr bleibt es auch, daß dieſer Blick das Herz der alten Jungfer wie ein mächtiger Feind umkreiste und an dem morſchen Palliſadenbau eben dieſes Herzens mit aller Kraft zu rütteln begann. Die ſchöne Katharina ſaß in ihrem Zimmer; es hatte die 3 Nacht durch gewittert, heftiger Regen war unter Blitz und Donner niedergeſtrömt, und der Marktplatz hatte ſich am frühen Morgen in einem Zuſtande großer Feuchtigkeit befunden, weßhalb die Tochter der Gemüſehändlerin ſich außerordentlich beeilt, um ihre Geſchäfte zu beendigen und ſich in ihr Zimmer zurückziehen zu können. Wir dürfen aber dem geneigten Leſer nicht verſchweigen, daß die Feuch⸗ tigkeit des Marktes nicht die alleinige Urſache war, weßhalb Katharina ihren Stand ſo früh verlaſſen; ja wir ſind in der Noth⸗ wendigkeit, eine viel ſchrecklichere Urſache anzugeben. Wir müſſen verrathen, daß dem jungen Mädchen, während ſie bei ihren Blu⸗ menkörben ſaß, von einer guten, alten, befreundeten Frau ein 2 Blättchen Papier zugeſchoben wurde, mit Schriftzügen, welche Katharina augenblicklich als die ſeinigen erkannte. Wir müſſen ferner eſtehen⸗ daß ſie beim Lmpfange dieſes Briefchens auffallend —— — — ——— —— — —,y,—-— Clementine Strebeling erhält einen Brief. erröthete und daß ſie ſich zu gleicher Zeit ſcheu und ängſtlich um⸗ ſah; denn die alte Frau Schoppelmann war in der Nähe. Doch da wir der Anſicht ſind, daß noch niemals einem Mädchen von ihrer Mutter eine derartige Beute abgejagt worden iſt, wenn ſie ſie nämlich rechtzeitig in das Mieder hinab gleiten ließ, ſo können wir auch in dieſem Falle die Verſicherung geben, daß das Brief⸗ chen vor der Hand im alleinigen Beſitze der Jungfer Katharina blieb, ja daß ſie es augenblicklich nach dem Empfang an dem eben angegebenen Orte in ſichere Verwahrung brachte,— ohne es vor⸗ her geleſen zu haben, wonach es auch Jedermann ſehr begreiflich finden wird, daß dem guten Kinde das Pflaſter des Marktes plötz⸗ lich zu feucht vorkam, daß ſie ſich naſſe Füße geholt hatte, und daß ſie mit Erlaubniß der Mutter nach Hauſe ging. Hier ſehen wir ſie nun, wie ſchon oben bemerkt, in ihrem Zimmer. Sie hatte das Brieſchen geleſen und wieder geleſen, und ſchien auf die Vermuthung zu gerathen, es handle ſich in demſel⸗ ben um ein kleines Rendezvous, das ſich Herr Eugen von ihr erbeten. Aber nicht allein brauche ſie zu kommen, o nein! er war zu zart, das zu verlangen; er ſchrieb ihr, ſie würde ja wohl eine verſchwiegene Freundin haben, mit welcher ſie, ohne Verdacht zu erregen, ausgehen könne. Aber Katharina wußte keine verſchwie⸗ gene Freundin; ſie dachte hin und her, und wenn ihr endlich Jungfer Clementine einfiel, ſo ſchüttelte ſie mit dem Kopfe und dachte, dieſe geſetzte Jungfrau mit ihren ſtrengen Grundſätzen würde ſich nimmermehr dazu hergeben, zu einem ſolchen Unter⸗ nehmen die Hand zu bieten. Da wurde die Thüre des Zimmers langſam geöffnet, und die, an welche das Mädchen eben gedacht, Jungfer Clementine in eige⸗ ner Perſon, ſtreckte den Kopf zur Thüre herein um zu ſehen, ob Katharina da ſei. Dieſe winkte ihr aufs Freundlichſte, nzutreten, was denn auſch die alte Jungfer that und ſich an der Seite des jungen Einundzwanzigſtes Kapitel. Mädchens niederließ, wobei ſie einen außerordentlich tiefen Seuf⸗ zer ausſtieß. Zu gleicher Zeit faltete ſie ſanft die Hände, blickte einige Mal gen Himmel, kurz, ſie geberdete ſich wie Jemand, der auf alle Fälle gefragt ſein will: Mein Gott, was iſt Ihnen be⸗ gegnet? Dieſe Frage that nun auch augenblicklich die ſchöne Katharina. Statt aber mit der Sprache herauszugehen, affektirte Jungfer Strebeling eine ſehr komiſche Gleichgültigkeit, die ebenſo auffallend war, als ihr Mienenſpiel von früher. Sie ſenkte das Köpfchen auf die eine Seite, lächelte mit niedergeſchlagenen Augen, beſchrieb mit dem Sonnenſchirm von meergrüner Seide allerlei Figuren auf den Boden und lispelte mit ſehr verſchämter Stimme:„Ach, Katharine, was ſollte mir begegnet ſein?“ „Es iſt Ihnen aber etwas begegnet,“ ſagte beſtimmt das junge Mädchen,„Sie ſind ganz aufgeregt.“ Ein tiefer Seufzer war die ganze Antwort. 3 „Nun, ſo reden Sie doch,“ bat Katharina gutmüthig.„Wir ſind ja unter uns Mädchen; iſt Ihnen vielleicht etwas geſchehen, wie neulich? haben Sie ſich über die Choriſtin geärgert?“ „Ach, die Choriſtin!“ ſeufzte Clementine und ſchauerte zuſam⸗ men; denn es war ihr, als habe ſie gerade ebenſo Entſetzliches begangen, wie jenes laſterhafte Frauenzimmer. „Nun,“ ſagte Katharina,„wenn die Choriſtin Sie nicht wei⸗ ter geärgert hat, dann weiß ich wahrhaftig nicht, was Ihnen zugeſtoßen ſein könnte.“ „Nicht wahr?“ verſetzte Clementine mit ſchwacher Stimme; denn ſie hielt es ſelbſt für unmöglich, daß ein junger Mann mit ihr einen Blick gewechſelt, und für noch unmöglicher, daß ihr dieſer junge Mann heute Morgen ein zartes Briefchen geſandt, und doch war es in der That ſo. Ja, wir haben es dem Leſer einmal ver⸗ rathen und müſſen der Wahrheit die Ehre geben. Es würde auch wirklich etwas langweilig ſein, wenn man die vielen Worte wieder⸗ Clementine Strebeling erhält einen Brief. 11 geben wollte, durch welche es der ſchönen Katharina gelungen war, dieſes fürchterliche Geheimniß der alten Jungfer zu entlocken. Endlich aber war es heraus, die Geſchichte von der Lotus⸗ blume, welche ſich geängſtigt vor der Sonne Pracht, dann gebebt und gezittert— vor dem jungen Manne, der am gegenüberliegen⸗ den Fenſter aufgetaucht, der ſie gegrüßt, der ihr zugelächelt. Ja, es kam ans Licht der Sonne, daß es heute Morgen am Zimmer der Jungfer Clementine ſanft gepocht, daß hereingetreten war die Magd der Frau Schilder drüben, daß ſie ihr ein Brieſchen über⸗ reicht, und daß Clementine dieſes Briefchen, welches ſie im erſten Anflug jungfräulicher Angſt zerreißen wollte, am Ende dennoch geleſen hatte. „O lieber Gott,“ ſagte die alte Jungfer am Schluſſe ihrer Erzählung,„hier iſt der Brief; aber, beſte Katharine, Sie werden gewiß recht ſchlecht von mir denken, Sie werden mich für ein leicht⸗ ſinniges Frauenzimmer halten?“ Das junge Mädchen ſchüttelte den Kopf und entgegnete unbefan⸗ gen:„Aber an allem dem ſeh' ich durchaus gar nichts Schlimmes; was können Sie dafür, wenn ein junger Mann, der Sie erblickt— wenn Sie ihm gefallen— an Sie ſchreibt?“ „Nicht wahr, Katharine,“ ſagte ängſtlich die Jungfer,„daran trage ich gewiß keine Schuld?“ „Ganz unſchuldig ſind Sie,“ verſetzte das junge Mädchen mit der Miene eines Richters; worauf Clementine einen tiefen Seufzer that und gen Himmel blickte, als wollte ſie ſagen: Warum hat der liebe Gott uns Mädchen auch ſo unwiderſtehlich geſchaffen? „Aber den Brief wollen wir doch leſen,“ ſagte Katharina neugierig. „Aber leiſe, ganz leiſe,“ ſprach Clementine;„ich kann dieſe Zeilen unmöglich laut vorleſen hören.“ 5 Katharina entfaltete das Papier, es war von roſenrother 12 Einundzwanzigſtes Kapitel. Farbe, und obgleich ſie gemäß dem Wunſche der alten Jungfer für ſich las, ſo iſt es uns doch kraft unſerer Unſichtbarkeit ge⸗ ſtattet, einen Blick über die Schultern des jungen Mädchens zu werfen. Auf dem Papier ſtand: „Theure Clementine! „O, verzeihen Sie vor allen Dingen, daß ich es wage, Ihren mir ſo lieben Namen auszuſprechen, verzeihen Sie aber vor allen Dingen, daß ich zu Ihnen geſagt:„„Theure Clementine.““ Aber Sie geſehen haben, von Ihnen gegrüßt worden zu ſein, und als⸗ dann dieſe Zeilen vielleicht mit den Worten„Mein ſchönes Fräulein““ zu boginnen, iſt mehr, als ein fühlendes Herz vermag. ——— Undd ich habe ein fühlendes Herz, theure Clementine! ein treues Herz, das für Sie fühlt, ein Herz, das mit jedem Schlage die Worte ausſeufzt:„„O Clementine, ich liebe dich!““ Verzeihen Sie abermals, meine Gefühle reißen mich hin, ich wollte eigentlich ſagen:„Clementine, ich liebe Sie!““——— aber es iſt ganz einerlei: die Gefühle dieſer Liebe ſind da. Doch wie ich in den innerſten Tiefen meines Gefühls fürchte, ſind dieſe Gefühle unerwidert und werden——— o ich Unglücklicher!——— auf ewig. unerwidert bleiben!—————————— Denn, ach! Clementine, ich kenne Ihr reines Herz, ich weiß, daß Sie ſich ſchaudernd abwenden von dem, was wir Männer die Liebe nenen, ich weiß, daß Ihr zartes Gemüth zurück ſchreckt beim Anblick eines Mannes— aber was hilft das alles!? Kann ich meine Gefühle verläugnen? O nein, ich kann es nicht! Soll ich leben? Soll ich ſterben? Dieſe Frage weiß ich Ihnen in den ver⸗ dunkelten Gefühlen meines Herzens nicht zu beantworten. O Cle⸗ mentine, ich hätte nicht den Muth, Ihnen perſönlich gegenüber nur durch einen Blick zu verrathen, wie ſehr ich Sie liebe! Aber wenn ich Ihnen heute, morgen irgendwo begegnete, ſo würde ich — Clementine Strebeling erhält einen Brief. 13 die Augen niederſchlagen, und nichts in der Welt vermöchte es, ein ähnliches Wort meinen zitternden Lippen zu erpreſſen. Aber die Frau Schilder gegenüber iſt eine äußerſt brave Frau, und wenn Sie ihr für mich ein paar freundliche Zeilen übergeben woll⸗ ten, ſo wäre ich der Seligſte unter den Sterblichen. „Liebe iſt ein einzig's Wort,— Liebe, Leben eilet fort. Keime ſterben,— Blüthen färben, Leiden enden,— Freuden blenden, Freundſchaft dauert.— Nur Liebe währet,— Liebe währet ewig! „So denkend, ſchließe ich und bin und bleibe „Ihr Ewiggetreueſter.“ „Keine Unterſchrift?“ fragte Katharina, nachdem ſie geleſen, und ſah ihr Gegenüber fragend an. „Keine,“ antwortete dieſes mit verſchämten, niedergeſchlagenen Augen;„und das finde ich gerade ſo unendlich zart.“ „Und Sie wiſſen auch gar nicht, wer der junge Mann iſt?“ forſchte das Mädchen weiter. „Nicht eine Sylbe!“ ſagte eifrig die alte Jungfer;„ach, es wäre mein Tod, wenn ich es wüßte!“ „Nun, nun, ſo ſchlimm wird's gerade auch nicht ſein,“ meinte das junge Mädchen;„werden Sie ihm Hoffnung geben?“ „Worin?“ fragte Clementine. „Nun, daß Sie ihn lieben wollen.“ Hierauf erfolgte lange Zeit keine Antwort. Clementine nahm den Brief aus der Hand ihrer Freundin, faltete ihn zuſammen und verwahrte ihn bei ſich an demſelben Platze, wo auch die ſchöne Katharina ihr Billet von heute Morgen aufgehoben. „Alſo Sie fühlen kein Intereſſe für ihn?“ forſchte die neu⸗ gierige Katharina, und ein ſchelmiſches Lächeln ſpielte um ihren Mund. 14 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Ich will das gerade nicht behaupten,“ ſagte ſtockend Cle⸗ mentine,„aber der junge Menſch i*ſt ſo ſtürmiſch; ich fürchte mich vor ihm.“ „Ich dagegen,“ meinte Katharina,„würde einmal den Verſuch machen, ihn zu ſprechen.“ 3 „Ihn zu ſprechen? Nimmermehr!“ rief die alte Jungfer. „Ja, was wollen Sie denn thun?“ „Ihm vielleicht ſchreiben!“ entgegnete Clementine verſchämt und hielt ihren Sonnenſchirm vor das Geſicht. „Nun ja, anfänglich wohl,“ ſagte die erfahrene Katharina, „aber nachber müſſen Sie ihn doch ſehen und ſprechen.“ „Darüber ſprechen?“ rief Clementine und zeigte auf die Stelle, die der roſenfarbene Brief hatte.„Ihn? Nimmermehr!— In alle Ewigkeit nicht! Erinnern Sie ſich noch, liebe Katharine, was ich Ihnen neulich ſagte: ich könnte mich wohl vielleicht für Jemand intereſſiren, ihn auch—— lieben, aber ich würde ihn nicht ſehen und dürfte ihn nie darüber ſprechen.“ 4 „Ja, ich erinnere mich,“ ſagte nachſinnend das junge Mädchen. „Aber daß er mir ſchreibe,“ fuhr Clementine fort,„dagegen hätte ich nichts einzuwenden; ich wollte mich gewiß gern für ihn intereſſiren, ich wollte ihm helfen, wenn er in der Noth wäre, ihn tröſten, wenn er traurig iſt.“ „Und wird er ſich damit begnügen?“ fragte Katharina;„es gibt Leute,“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu,„die damit nicht zufrieden wären.“ „Das müßte er eben,“ ſagte beſtimmt die alte Jungfer;„ihn öfter ſehen, mit ihm von Liebe ſprechen, das wäre wahrhaftig mein Tod— nein! nein! das könnte ich unmöglich!“ „Und was wollen Sie nun auf dieſen Brief hin thun „Darüber möchte ich Ihren Rath, liebe Katharine. Soll ich ihm drei Zeilen antworten?“ „Warum nicht?“ 2 —— Clementine Strebeling erhält einen Brief. 15 „Daß ich ihn am Fenſter bemerkt hätte, daß mir ſein Brief gerade—— nicht unangenehm geweſen ſei—“ „Ja, ſo was der Art.“ 5 „Und wenn er alsdann wieder an mich ſchreibt?“ „Das wollen wir abwarten; dann antworten wir ihm vielleicht wieder.“. „Und wenn er nun endlich verlangt, mich zu ſehen, mich zu ſprechen?“ „Das wird er am Ende doch thun,“ ſagte nachdenklich Katha⸗ rina. Doch bemerkte man an ihrem Blicke, daß ſie ſichtlich zerſtreut war und nicht ſo recht bei dieſer Sache.—„Ja, ja, er wird eine Zuſammenkunft verlangen.“ Clementine ſchauderte. „Und wenn er wirklich ſo ein Rendezvous verlangt?“ ſagte Katharina und drückte die linke Hand feſt auf ihre Bruſt. „Nimmermehr!“ rief Clementine feſt und beſtimmt.„Das wäre ja entſetzlich.“ „Haben Sie denn ſchon je einem Rendezvous beigewohnt?“ fragte Katharina nach einer Pauſe mit ſchüchterner Stimme. „Nein, Gott ſoll mich bewahren!“ „Würden Sie auch nie Luſt haben, ein ſolches mitzumachen?“ „Mit ihm und mit mir?“ „Nein,“ ſagte Katharina lächelnd,„aber mit ihm und mit mir.“ „Mit ihm und mit Ihnen?“ „Ja,“ fuhr das junge Mädchen laut lachend fort;„mit ihm, den ich meine. Ja, es iſt heraus, Sie müſſen mir helfen, Clementine; ich bedarf Ihrer Hülfe.“ „Und wozu?“ „Zu einem Rendezvous; er hat mich ſo dringend gebeten und wünſcht ſo ſehnlich, mich zu ſprechen; ich kann es ihm wahr⸗ haftig nicht abſchlagen. Liebe, gute Clementine! Ich bitte Sie herzlich, Sie müſſen mit mir gehen!“ 16 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Und wohin?“ fragte die alte Jungfer in ſichtlicher Angſt. „Nun, zu einem ganz kleinen, lieben Rendezvous,“ antwortete lächelnd das junge Mädchen.„Auch ich habe einen Brief bekommen; hier iſt er, Sie ſollen ihn ſehen. „Ich habe genug an dem meinigen,“ ſagte Clementine,„mein Kopf iſt ſchon verwirrt genug!“ „Alſo Sie wollen mich begleiten?“ forſchte das junge Mädchen, „Zu einem Rendezvous?“ fragte Clementine mit unſicherer Stimme.„Ach, da ſollen oft erſchreckliche Sachen vorkommen!“ „Pah, Unſinn!“ entgegnete Katharina;„wir zwei gehen zum neuen Thore hinaus nach der Promenade, rechts an der alten Baſtei und dann dort hinab, wo ſich die Promenade in den alten Stadtgraben verliert.“ „Nun, waren Sie ſchon öfter dort?“ fragte Clementine mit beſorgtem Blick. „Auf dieſe Art niemals, gewiß nicht!“ betheuerte Katharina. —„Nicht wahr, Clementine, Sie thun mir den Gefallen?“ „Und was ſoll ich um Gottes willen dabei machen?“ „Gar nichts! Wenn er kommt, ſo ſetzen Sie ſich auf eine Bank, und ich gehe eine Viertelſtunde mit ihm ſpazieren. Wiſſen Sie, Clementine,“ ſetzte das junge Mädchen ſchmeichelnd hinzu, „die Mutter hält ſo große Stücke auf Sie, und wenn ich ihr ſage, ich gehe mit Ihnen, ſo denkt ſie durchaus nichts Anderes dabei; auch wenn man uns zwei zuſammen auf der äußeren Promenade und in dem Stadtgraben ſähe, ſo kann das keinem Chriſtenmenſchen auffallen.“ „Ja, aber“— meinte die alte Jungfer,—„Katharine! Katharine! ich traue Ihnen nur halb. Sie könnten mir da Ge⸗ ſchichten machen; er könnte Sie zum Beiſpiel entführen, was bei folchen Rendezvous häufig genug vorkommen ſoll, und wenn ich alsdann allein nach Hauſe käme! Gott ſteh' mir bei! Ich bin feſt überzeugt, daß die Frau Schoppelmann mich ums Leben brächte, Clementine Strebeling erhält einen Brief. 17 und wenn die ſich nicht an mir vergriffe, ſo thäten das Ihre beiden Brüder.“ Darauf lachte Katharina laut und luſtig hinaus und ſagte dann:„Darüber können Sie ganz ruhig ſein; ich gebe Ihnen die heiligſte Verſicherung, daß an ſo etwas kein Menſch denkt. Seien Sie überhaupt verſichert: wenn ich mich einmal entführen laſſen wollte, ſo brauchte ich keinen Menſchen mitzunehmen; dann ginge ich ganz allein von Hauſe fort.“ „Sie haben ſchreckliche Grundſätze,“ ſagte ernſt die alte Jungfer,„es wird mir ganz grauſelig dabei.“ „Es iſt ja nur Scherz,“ lachte das junge Mädchen.„Aber nicht wahr, Sie gehen mit mir?“ „Und wann ſoll das vor ſich gehen?“ „Morgen Nachmittag um zwei Uhr.“ „In Gottes Namen denn—— und in meiner Angelegenheit — da rathen Sie mir, ich ſoll ihm antworten?“ „Unbedingt ein paar Zeilen.“ Wir glauben annehmen zu können, daß die Jungfer Strebeling dieſen Rath im Laufe des Tages wirklich befolgte; denn ſie kaufte ſich eigenhändig in einem Laden roſenfarbiges Papier, ſie ließ ſich von der Frau Schoppelmann etwas warmes Waſſer geben, um ihre vertrocknete Dinte aufzufriſchen, und als am darauf folgenden Morgen der ältere der jungen Herren Schoppelmann an ſeinem Fenſter auf der Lauer war, während ſein Bruder, der Fuhrmann, die ledernen Gamaſchen einölte, ſtopfte ſich der Erſte auf einmal einen Zipfel des Kopfkiſſens in ſein großes Maul, um ein heftiges Lachen zu unterdrücken; dann winkte er ſeinem Bruder mit der Hand und ſagte:„Pſt, pſt, ſie kommt, ſie kommt!“ „Wer?“ fragte der Fuhrmann neugierig;„die große Ratte, die dir geſtern entgangen?“ „Nein, die Jungfer Strebeling,“ antwortete der Jäger; Hackländers Werke. XI. 2 —— 18 Einundzwanzigſtes Kapitel. „mich ſoll der Teufel holen, ſie hat angebiſſen; dort bringt ſie in eigener Perſon der Frau Schilder ihre Antwort auf unſeren Brief.“—— Es mochte halb zwei Uhr deſſelbigen Tages ſein, als die ſchöne Katharina ihre Mutter auf die unbefangenſte Weiſe von der Welt davon in Kenntniß ſetzte, daß ſie einen kleinen Ausgang zu machen habe. Es kam dies nicht häufig vor und wäre auch, wenn es geſchehen, der Mutter nicht abſonderlich angenehm gewe⸗ ſen; denn ſie mochte es nicht leiden, daß ihre Tochter viel allein herumgehe. Daher kam es denn auch, daß bei ſolchen Veran⸗ laſſungen eine Menge von Fragen von Seiten der Frau Schoppel⸗ mann vorkamen, welche von Seiten der Tochter ſo gut, als es anging, beantwortet wurden. Heute waren dieſer Einreden und Fragen wenige; denn Katharina hatte gleich Anfangs geſagt, ſie gehe in Geſellſchaft der Jungfer Strebeling, und dieſe war bei der Gemüſehändlerin als ſo vollkommen untadelhaft und nach jeder Richtung zuverläſſig bekannt, daß ſie gegen dieſen Ausgang nichts einzuwenden hatte. Es ſollte Spitzengrund und Zeichengarn ein⸗ gekauft werden; auch ein paar Ellen Roſaband, ſowie ein Stückchen dunkler Kattun, letzterer Behufs Ausbeſſerung eines Morgen⸗ rockes. So gingen alſo die beiden jungen Damen dahin; aber anſtatt Spitzengrund und Kattun einzukaufen, wandelten ſie geraden We⸗ ges zum Thore hinaus auf die Promenade und bogen am Ende derſelben in den ſogenannten Stadtgraben ab. Dieſer Stadtgraben war zu traulichen Spaziergängen, nament⸗ lich aber in der Dämmerung und Nachtſtunde, außerordentlich beliebt; es war der ehemalige wirkliche Stadtgraben, auf einer Seite mit einer himmelhohen Mauer verſehen, die mit grünem Ephen dicht verkleidet war, im Ganzen ziemlich vertieft, auf der andern Seite an dichtes Laubwerk der großen Promenade ſtoßend. Ein kleines Bächlein floß hindurch, und abſichtlich oder unabſicht⸗ — 85 Clementine Strebeling erhält einen Brief. 19 lich, in dieſem Theile der königlichen Anlagen geſchah für Aus⸗ ſchneidung des Gehölzes ſehr wenig. Das wucherte hier luſtig und waldähnlich durch einander; das Einzige, woran man die ſorgſame Hand des Gärtners erkannte, waren kleine, reinlich ge⸗ haltene Fußwege, die in Schlangenwindungen von den breiten Gängen der Promenade in den Stadtgraben führten, jetzt eine Strecke ſichtbar blieben, dort zwiſchen dem Dunkelgrün verſchwan⸗ den, hinten über einen kleinen Hügel wegliefen, wieder verſchwanden, wieder zum Vorſchein kamen, und die endlich zu einem heimlichen und traulichen Plätzchen führten, wie abſichtlich gemacht für ein Geſpräch zweier Liebenden. Weder von der Stadtmauer, noch von der Promenade ſah man in dieſen ſchattigen Grund; denn uralte Bäume, die da drunten emporwuchſen, breiteten ihre Aeſte ſchützend darüber hin und deckten alles mit einem Mantel grünen Laubes zu. Bei allen Schönheiten, die der Platz darbot, können wir jedoch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß derſelbe, namentlich in der Dämmerung, einigermaßen verrufen war, und daß ſelbſt bei Tage eine junge Dame, die ſich hier hinein verlor, gerade nicht geſehen und gekannt ſein wollte. Diskrete Menſchen waren auch zart ge⸗ nug, das Geheimniß des Stadtgrabens zu achten. Es war das bei allen lebensluſtigen Leuten der Reſidenz eine Art ſtillſchweigen⸗ der Uebereinkunft, ſich hier nicht zu begegnen, und, wenn ſie ſich unglücklicher Weiſe begegneten, ſich nicht zu kennen. Eugen, von dem wir uns in die Nothwendigkeit verſetzt ſehen, ſagen zu müſſen, daß er mit den Licht⸗ und Schattenſeiten des Stadtgrabens vertraut war, hatte denſelben zu jenem kleinen Rendezvons vorgeſchlagen, in der guten Abſicht, daß die ſchöne Katharina, welche ſehr bekannt war, nicht ſo leicht geſehen würde; ferner hatte er nach langer Ueberredung ſeinen Freund und luſti⸗ gen Nath vermocht, ihn zu begleiten, damit, wenn ihm wirklich Jemand begegne, ſich das Mädchen doch nicht allein in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft befinde. 20 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. So wanderten nun dieſe zwei Paare von verſchiedenen Seiten dem Spaziergange zu. Eugen und der luſtige Rath waren die Erſten auf dem Platze und ließen ſich auf die Bank nieder, welche zur Zuſammenkunft ausgemacht war. Katharina ſchritt mit klopfendem Herzen durch die Promenade. Sie athmete ſchwer und tief; ſie ward bald roth und bald blaß; wenn ihr Jemand begegnete, ſo ſah ſie ängſtlich hinter ſich, indem ſie meinte, der Begegnende bleibe ſtehen und ſchaue ihr unfehlbar in der Abſicht nach, zu erfahren, wo ſie hingehe. Ja, wenn die Bäume und Sträuche rauſchten und ihre Zweige und Kronen ſchüt⸗ telten, ſo fuhr ſie zuſammen und glaubte allerlei unbekanntes Flüſtern neben und vor ſich zu hören. Jungfer Clementine Strebeling dagegen ging ungleich gefaß⸗ ter, ungleich beruhigter an ihrer Seite. Sie kam ſich wie eine halbe Heilige, wie ein Schutzengel vor, und wandelte dahin in dem Mantel ihrer Unſchuld, der dick mit Tugend wattirt war. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Jungfer Clementine Strebeling als Nebenperſon zu einem Rendezvous geht In welchem und durch ſonderbare Fügung beinahe zur Hauptperſon wird. Nach dem geſtrigen Regen war der heutige Nachmittag friſch und angenehm. Der heiße Dunſt des geſtrigen Tages war ver⸗ trieben; Blumen, Kräuter und Mooſe ſtreckten luſtig ihre Köpfchen empor; das Laub der Bäume duftete; Schmetterlinge mit ihren bunten Flügeln ſchillerten auf dem dunkeln Grün und flatterten hin und wieder; ringsum war tiefe Stille, man hörte nichts vom Ein Rendez⸗vous. Geräuſche der Stadt, man konnte ſich entfernt glauben von allen menſchlichen Wohnungen— allein in der Einſamkeit. Jetzt näherten ſich die beiden Mädchen dem Platze, wo Eugen und der luſtige Rath hinter einem dichten Gebüſche verſteckt waren; doch hörte erſterer ſogleich den Klang der Schritte, die ſich näher⸗ ten, und ſprang den beiden Damen entgegen. Katharina zitterte mehr als je, und es war ihr faſt unmöglich, ſo viel Athem in ihre Bruſt zu ziehen, um den freundlichen Gruß des jungen Mannes zu erwidern. Dieſer war ſo ungeſtüm daher geſprungen, daß man wohl die Abſicht vorausſetzen konnte, er wolle die ſchöne Katharina ohne langes Bedenken an ſein Herz drücken; doch prallte er einiger⸗ maßen betreten zurück, als er das alte Geſicht der Jungfer Strebe⸗ ling erblickte. Das junge Mädchen ſtellte ihre Freundin und Ehrenwächterin vor; Clementine knixte außerordentlich tief und war taktvoll genug, ſich nach einigen wenigen Worten hinter das vorhin erwähnte Gebüſch zu verlieren und die beiden Liebenden ihrem Schickſale zu überlaſſen. Wir können jedoch unmöglich verſchweigen, daß die alte Jung⸗ fer, als ſie ſich Angeſichts jener Bank befand und dort einen zweiten jungen Herrn erblickte, aufs Höchſte erſchrak und ſtehen blieb. Dieſes Erſchrecken verwandelte ſich aber in ein wahrhaftes Entſetzen, ſo daß ihre Knie bebten, als nun jener junge Mann den Kopf aufhob und ſie in ihm den erkannte, der ſie vor einigen Tagen an dem Fenſter ſo bedeutungsvoll und zart gegrüßt— der ihr geſtern jenes Liebe athmende Billet geſchrieben. Clementine überlegte einen Augenblick, ob es hier thunlich ſei, in eine Ohnmacht zu fallen, oder ob es genug ſei, wenn ſie im Ausdrucke des höchſten Schreckens ihr Sacktuch vor die Augen preſſe; ſie entſchied ſich für das Letztere und erwartete ſo gerüſtet den Angriff jenes jungen Mannes. Der luſtige Rath war ebenfalls ein wenig überraſcht, als er hier ſo unverhofft eine Dame auftauchen ſah, deren Geſicht er ſich ſchwach erinnerte, ſchon irgendwo geſehen zu haben; doch ſchien er 22 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. hierüber gar nicht beſtürzt zu ſein; denn er ahnte den Zuſammen⸗ hang und erhob ſich von ſeiner Bank, die alte Jungfer freundlich begrüßend. „Mein Fräulein!“ ſprach er,„Sie haben wahrſcheinlich Ihre Freundin Katharine hieher begleitet, wie ich meinen Freund Eu⸗ 4 gen, und dieſem Umſtande verdanke ich das Glück, Sie wieder zu ſehen.“ 4„Gewiß, nur dieſem Umſtande,“ ſagte die alte Jungfer und blickte ſchüchtern und ängſtlich unter ihrem Hute hervor,—„nur ganz allein dieſem Umſtande, gewiß keinem andern,— o Gott! gewiß keinem andern.“ „Unſere jungen Leute,“ fuhr der luſtige Rath lächelnd fort, „ſind den Weg dort hinab gegangen, und wenn Sie unterdeſſen mit meiner Geſellſchaft fürlieb nehmen wollen, ſo würde ich mich außerordentlich glücklich ſchätzen. Hier iſt ein ſehr angenehmer Sitz; darf ich Sie vielleicht bitten, auf dieſer Bank Platz zu nehmen?“. Clementine leiſtete dieſer Aufforderung Folge, ſetzte ſich aber ſo weit wie möglich von Herrn Sidel entfernt; auch hielt ſie trotz des tiefen Schattens, der ringsum lag, den meergrünen Sonnen⸗ ſchirm vor die Augen und wartete mit hochklopfendem Herzen der ſchrecklichen Dinge, die hier kommen würden. Sie hatte die feſte Ueberzeugung, daß die gottloſe Katharina die Zuſammenkunft ver⸗ 33 anſtaltet; ſie ſaß da in dem fürchterlichen Bewußtſein, zu einem Rendezvous gekommen zu ſein: ſie hatte das ſchmerzliche Gefühl eines halbgefallenen Engels. Auf ihrem Geſichte ſpiegelten ſich allerlei ſchreckliche Gedanken, und ſo oft der luſtige Rath zufälliger Weiſe mit dem Fuße ſcharrte und leiſe huſtete, ſchauerte ſie zuſam⸗ 6 men, wie die Lotusblume; denn ſie dachte, jetzt ſei der große 1 Augenblick gekommen, wo er gräßliche Worte der Liebe an ſie ſprechen und in einem großen Satz zu ihren Füßen ſinken werde. Aber von allem dem geſchah nichts; Herr Sidel, nachdem er — Ein Rendez⸗vous. 23 einen Augenblick geſchwiegen, brachte die gleichgültigſten Dinge vor; er meinte, es ſei ein herrliches und erfriſchendes Wetter, zugleich aber fürchte er, es werde morgen ſehr heiß werden oder gar in der nächſten Nacht ein Gewitter kommen, wie geſtern geſchehen. Clementine faßte Muth und dachte: wie zart iſt dieſer junge Mann, wie verſteht er es, ſich zu mäßigen, wie weiß er das bren⸗ nende Feuer ſeiner Liebe, das er in jenem Schreiben ſo glühend ausgedrückt, vor mir zu verheimlichen!— GottW! ſie fürchtete im⸗ mer, er werde jener Zeilen, die an ſie gerichtet, erwähnen— doch er that das nicht. Nur einmal zitterte Clementine heftig zuſam⸗ men; da nahm er nänlich ſeinen Stock zur Hand und ſchrieb damit einige Buchſtaben auf die Erde, wobei er ſie mit einem viel⸗ ſagenden Blicke anſah. Weiter that er gar nicht, als ob je etwas zwiſchen ihnen vorgefallen ſei. Clementine, entzückt über dieſes äußerſt zarte Benehmen, konnte nicht umhin, ihn mit einem dank⸗ baren Blicke zu belohnen; doch hatte dieſer dankbare Blick eine Beimiſchung von Liebe. Das andere Paar war unterdeſſen den ſchmalen Pfad hinab⸗ gegangen und hatte anfänglich auch nicht viel Beſſeres und Wich⸗ tigeres geſprochen, als Herr Sidel und Jungfer Strebeling. Sie hätten auch vielleicht gerade eine eben ſo große Entfernung zwi⸗ ſchen ſich gelaſſen, wie die eben Genannten, wenn das möglich ge⸗ weſen wäre; aber der Weg, auf dem ſie wandelten, war ſo außer⸗ ordentlich ſchmal, daß ſie nothwendiger Weiſe dicht neben einan⸗ der gehen mußten. Dabei berührten ſich zuweilen ihre Hände, und wenn das geſchah, ſo erröthete Katharina und blickte verlegen, auf die linke Seite, während Eugen lächelte. Dieſes Berühren der Hände kam nun nach und nach häufiger vor und auf einmal ſtockte das gleichgültige Geſpräch über Wetter und Blumen, und gerade in demſelben Augenblicke, wo Eugen ihre kleine Hand faßte und mit einem ſanften Drucke feſthielt, blieb auch das junge Mäd⸗ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. chen ſtehen und holte ſo tief Athem, daß es wahrhaft erſchreck⸗ lich war. „Katharine,“ ſagte der junge Mann und machte den Verſuch, ſie an der Hand ſo weit herumzudrehen, daß ihr Geſichtchen, wel⸗ ches ſie abgewendet hielt, ſich nach ihm hinwandte;„Katharine,“ wiederholte er nach einer kleinen Pauſe,„wie freut es mich, daß Sie gekommen ſind, wie dankbar bin ich Ihnen dafür!“ Es iſt etwas ganz Eigenthümliches um einen ſchmalen Weg und um eine einmal ergriffene Hand; die Wärme, die herüber und hinüber ſtrömt, hat eine wahrhaft magnetiſche Kraft, und magne⸗ tiſche Kraft hat die bekannte Eigenſchaft, entweder zwei Körper von einander abzuſtoßen oder zu einander hinzuziehen. Hier ge⸗ ſchah nun das Letztere, und als Eugen zum dritten Male den Na⸗ men„Katharine“ ausſprach, drückte er das glühende zitternde Mädchen feſt an ſeine Bruſt und hob ihr Geſicht ein klein wenig in die Höhe, und wir müſſen eingeſtehen, daß er ſie zuerſt auf ihre beiden Augen küßte, blos in der guten Abſicht, die Thrä⸗ nen daraus zu entfernen, und dann auf den friſchen, leicht geöff⸗ neten Mund. Nachdem dies geſchehen, war es, als ſei ein Bann von den Beiden genommen, als haben ſie jetzt erſt die Sprache gefunden, in welcher zwei Liebende überhaupt zuſammen ſprechen ſollen. Da wurde alles das ausführlich erzählt und beſchrieben, alle die Ein⸗ zelheiten, die für ein junges Paar ſo wichtig ſind und für andere Leute ſo außerordentlich langweilig: wann ſie ſich zum erſten Male geſehen, was jedes dabei gedacht, geglaubt und gehofft, was un⸗ terdeſſen Wichtiges vorgefallen ſei, kleine Verleumdungen guter ältlicher Damen und Herren, die man gegenſeitig über ſich habe hören müſſen, aber natürlicher Weiſe nie geglaubt. Bei dieſen lieblichen Redensarten hatte Eugen die Hand des Mädchens los⸗ gelaſſen, dabei aber den Arm um ihre ſchlanke Taille gelegt— —— halt. Ein Rendez⸗vous. und ſo gingen ſie dahin unter dem freundlichen Dickicht, lachend und plaudernd. „Wenn ich dich nur öfter ſehen könnte, meine geliebte Ka⸗ tharine!“ ſagte Eugen und drückte das Mädchen feſt an ſich.„Ich bin dir freilich unendlich dankbar, daß du mir dieſe Zuſammenkunft unter Gottes freiem Himmel gegeben; es war gut, daß ich dich hier zum erſten Male recht geſehen und geſprochen; mein Herz iſt ſo voll Glück und Seligkeit, daß ich es in den engen Mauern eines Hauſes nicht zu ertragen vermöchte. Aber ich will es nicht, daß du oft hieher kommſt, wenn du auch aus Liebe zu mir noch⸗ mals in eine ſolche Zufammenkunft willigen würdeſt.“ „Nicht wahr, Eugen,“ verſetzte hierauf eifrig das Mädchen, „nicht wahr, wir wollen uns hier nicht mehr ſehen? Es könnte uns doch Jemand begegnen, und du weißt ſelbſt, wie böſe die Leute dann über ein armes Mädchen ſprechen. „Du haſt ganz recht, mein Kind,“ ſagte Eugen innig und herzlich;„aber du biſt kein armes Mädchen, du biſt mein Kind, meine Liebe, mein Alles, meine kleine Braut.“ Bei dieſem letzten Worte wand ſich das junge Mädchen ſcheu aus ſeinen Armen los und ſah ihn lange mit einem ernſten Blick an. „Eugen,“ ſprach ſie hierauf,„du mußt nicht ſo grauſam mit mir ſcherzen: wenn du ein ſolches Wort ausſprichſt, ſo fühle ich es tief, wie Unrecht ich habe, deine Worte anzuhören, wie doppeltes unrecht, dir zu ſagen, daß ich dich ſo unendlich lieb habe.“ „Und warum das, mein Mädchen?“ ſagte Eugen und zog ſie wieder feſter an ſich. 3 7 „Das weißt du beſſer, als ich es dir ſagen kann,“ entgegnete Katharina.„O Gott!“ fuhr ſie ſchmerzlich fort,„und wenn ich dir geſtehe, daß ich feſt überzeugt bin, unſere Liebe hat keine glückliche Zukunft— ſo mußt du mich für entſetzlich leichtſinnig 1, daß ich dieſe Liebe doch eingegangen; aber ich habe nicht 26 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. anders gekonnt, Eugen, ich habe wahrhaftig nicht anders gekonnt! Wenn auch die Brüder hämiſch über mich lachen, wenn auch die Mutter zürnt, wenn auch die Leute ſagen: die Katharine rennt in ihr Unglück! ſo kann ich doch nicht anders, und ſo folge ich doch deinen Worten allein—— glücklich und ſelig.“ „Mein gutes, gutes Mädchen!“ „Ich habe dir noch nicht geſagt,“ fuhr Katharina eifrig fort, „daß meine Mutter bei der deinigen war— ja, ſieh mich nur verwundert an: bei deiner Mutter, bei der Staatsräthin.“ „Der Tauſend!“ ſagte Eugen lächelnd,„und was hat ſie da gethan?“ „Nun, das kannſt du dir denken; ſie hat deiner Mutter geſagt, du liefeſt mir auf Schritt und Tritt nach, und ob das nicht viel⸗ leicht von hier aus zu ändern ſei.“ 5 „Und die Frau Staatsräthin?“ „Sie hat geantwortet, ſie bekümmere ſich um dergleichen Sa⸗ chen nicht, du ſeieſt von jeher deine eigenen Wege gegangen und würdeſt auch jetzt thun, was dir gut dünkte.“ „Nun, ſiehſt du, meine Katharine,“ redete der junge Mann lachend,„was wollen wir machen? Wenn's meiner Mutter recht iſt, daß ich dich meine kleine Braut nenne, wer hat ſich denn ſonſt noch darum zu bekümmern?“ „O, ſprich nicht ſo!“ ſagte das Mädchen;„ich weiß leider, wie du mit deiner Mutter ſtehſt, und du weißt genau, was für eine ſtolze Frau die Staatsräthin iſt; ſie bekümmert ſich leider um dich gerade ſo viel, wie du dich um ſie bekümmerſt. Aber das kannſt du mir glauben, wenn ſie je erführe, daß du——— ſo etwas zu mir geſagt, wie eben, es wäre ihr Tod.“ „Was habe ich denn geſagt?“ lachte der junge Mann,„daß du meine—“= Katharina ſah ihn ernſt und fragend an. „Nun, ſprich, was habe ich geſagt, du ſeieſt meine—“ G Ein Rendez⸗vous. 27 „Eugen!“ „Nun, wiederhole das Wort, ich möchte es gern aus deinem Munde hören, du ſeieſt meine kleine Braut. Ich bitte dich, Ka⸗ tharine, ſprich mir das Wort nach!“ „Nein, nein!“ 4 „Mir zu lieb, ich bitte dich darum, ſprich nach, was ich dir vorſage: ich ſei—“ „Ich ſei—“ ſagte lächelnd das Mädchen. „Nun weiter!“ „Deine kleine Braut“— fuhr Katharina mit leiſer Stimme und erröthend fort. „Ja,“ rief Eugen ſtürmiſch und küßte ſie auf die Stirn,„ja, du biſt meine kleine, geliebte, ſchöne Braut! Bei allem, was mir heilig iſt, du ſollſt es ſein!“ „Aber ich bin es nicht, gewiß nicht,“ ſagte ernſt und ein wenig trotzig das Mädchen—„ja,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„ich will es nicht ſein; ich will dich nur lieben, unendlich lieben; ich will keine Verſicherungen von dir, nur deine Liebe, deine Treue, mag kommen, was da will.——— Sag kein Wort mehr darüber; laß mich in dem ſüßen Glauben, daß ich dir von mir aus etwas geben kann; nichts wiedergeben gegen große und glänzende Verſprechungen; ich bin dein, ganz dein.— Nimm mich hin, aber liebe mich tren und wahr. Und wenn du nach einiger Zeit zu mir ſagſt: ſieh, Katharine, unſer Verhältniß muß ſich löſen, ſo werd' ich ohne Vorwürfe zurücktreten und werde mich glücklich fühlen in dem Bewußtſein, daß du mich wirklich und einzig geliebt — und, nicht wahr, Eugen, das kann ich jetzt von dir verlangen?“ „Ja,“ antwortete der junge Mann feierlich und drückte ihre Hand an ſein Herz,„das kannſt du von mir verlangen, und ich werde die⸗ ſes Verlangen ehrlich und gewiſſenhaft erfüllen; ich nehme dich hin, wie du dich mir gegeben.“ Von dieſem Augenblicke an wurde die Unterredung wieder —ÿ— — 8 3 3 28 Zweinndzwanzigſtes Kapitel. einſylbig, wie zu Anfang; aber es waren die Gedanken des jungen Mannes ganz anders geworden. Ihre Lippen ſprachen nur einzelne Worte, und ihre Augen glänzten und glühten.— Unterdeſſen hatte ſich der luſtige Rath beſtrebt, die Jungfer Clementine ſo angenehm und nützlich zu unterhalten, wie nur immer möglich, war aber dabei immer außerordentlich zart und zurückhal⸗ tend geblieben, wofür ihm die alte Jungfer auf's Innigſte in ihrem Herzen dankte. Er hatte von den Vögeln des Waldes und von den Bäumen der Flur geſprochen; er hatte ſeine ſämmtlichen botaniſchen Kenntniſſe zu Hülfe gerufen und in ſeiner Eigenſchaft als Elephantenführer das Uebermögliche gethan, damit der Ehren⸗ dame die Zeit nicht lange würde. Er hatte geſprochen von Ster⸗ nen und Blumen, in kindlichſter Einfalt, und Clementine hatte ebenſo kindlich gelauſcht. Nur einmal, und darüber ſchauderte ſie noch nach acht Tagen, hatte ſie in dieſem harmloſen Geſpräche die Offenſive ergriffen und ihn gefragt, was eine Lotusblume ſei, und darauf hatte ſie zitternd geſeſſen, indem ſie gefürchtet, er werde dieſe Frage zum Anknüpfungspunkte nehmen und darauf von ſeinem Herzen ſprechen, das erzittert und gebebt unter der Liebe Macht.— Aber er that es nicht, er bezwang ſich auch dieſes Mal und verſicherte mit einem lächelnden Blick, die Lotusblume ſei ein orien⸗ taliſches Gewächs und ihm nur aus Liedern bekannt. Aus Liedern, hat er geſagt und dann einen Augenblick ge⸗ ſchwiegen? Wie dankte ihm Clementine in ihrem Innern auf's Neue für dieſe überzarte Aufmerkſamkeit! Ja er trieb die Unbe⸗ fangenheit noch weiter, und als er von der Lotusblume geſprochen und dann geſchwiegen, bückte er ſich zur Erde nieder und zupfte ein harmloſes Gänſeblümchen, das er der alten Fimgfa mit freund⸗ lichem Blick vor's Auge hielt. „Kennen Sie dies?“ fragte Herr Sidel. „Ja wohl,“ antwortete Clementine. „Kennen Sie auch das Spiel, das damit getrieben wird? 5— 5— 8 Ein Rendez⸗vons. 29 „Das Spiel, das damit getrieben wird, wiederholte Clemen⸗ tine, und es fiel ihr plötzlich ein, daß junge, naſeweiſe Mädchen die Blätter dieſer Blume einzeln abzurupfen pflegen und dazu allerlei ſchreckliche Worte ſprechen. „Um Gottes willen!“ dachte ſie,„hat er deßhalb nur von Blumen geredet, um nun zuletzt mit der gefährlichen Gänſeblume einen Sturm auf mein Herz zu wagen?“ „Sie kennen das Spiel nicht?“ fragte Herr Sidel, über alle Möglichkeit unbefangen ausſehend. 1 „Ja, ich kenne es,“ hauchte Clementine hervor. „Die Worte hiezu,“ fuhr der ſchreckliche junge Mann fort, „werden hie und da verſchieden geſprochen. Wie ſagen die jungen Mädchen in hieſiger Stadt?“ Die jungen Mädchen, hat er geſagt und hatte dazu die Gänſe⸗ blume in ihre Hand gelegt? Dieſer Augenblick war entſcheidend, und die feinfühlende Clementine konnte es nicht über ihr Herz brin⸗ gen, nachdem er ſich auf ſo zarte, blumige Weiſe ihr genähert, ferner noch die Unempfindliche, die Hartherzige zu ſpielen; auch war er ihr bedeutend näher gerückt. „Nun, mein verehrtes Fräulein,“ ſagte der ſtürmiſche Mann, „ſo zupfen Sie einmal die Blättchen da ab und laſſen ſich prophe⸗ zeien.“ „Er liebt mich,“ ſagte erröthend Clementine. „Von Herzen,“ ſetzte der luſtige Rath hinzu. „Mit Schmerzen,“ ſeufzte ſie. „Ueber alle Maßen.“ „Ein klein wenig.“ „Ach, gar nicht,“ ſagte der luſtige Rath;„aber weiter, weiter, es ſind nur noch wenige Blättchen da.“ „Er liebt mich,“ fuhr Clementine fort. „Von Herzen,“ ſagte er. „Mit Schmerzen,“ liſpelte ſie. — ₰ 30 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Ueber alle Maßen,“ jauchzte luſtig und laut lachend Herr Sidel.„Nun, das iſt prächtig, wertheſte Jungfrau,“ ſetzte er laut hinzu,„Sie können zufrieden ſein, er liebt Sie über alle Maßen.“ „O, wenn ich wüßte!“ ſeufzte Clementine. „Was 2“ „Daß das Spiel nicht trügt.“ „O, darüber beruhigen Sie ſich,“ wiederholte der luſtige Rath und unterdrückte mit Mühe ſein Lachen.„Das kann ich Sie verſichern, wenn Sie einmal geliebt werden, ſo muß es über alle Maßen ſein— über alle Schranken, ja, das iſt nicht anders mög⸗ lich.— Wollen Sie vielleicht noch einmal zupfen?“ „Gott ſoll mich bewahren!“ ſagte erſchrocken die alte Jungfer. „Ich bin zufrieden, denn er liebt mich ja über alle Maßen.“ „Bravo, bravo!“ rief in dieſem Augenblicke eine lachende Stimme hinter der Bank, und Clementine, die beſtürzt empor fuhr, ſah das Geſicht der gottloſen Katharina, die am Arme des Herrn Eugen hinter ihr ſtand und wahrſcheinlich die ganze Gänſe⸗ blumenzupferei mit angeſehen hatte. „Bravo, bravo!“ wiederholte ſie laut lachend, und ihre Augen glänzten vor Vergnügen.„Kommen wir vielleicht zu früh zurück? Stören wir?“ .„O, in dem Falle,“ ſetzte Eugen luſtig hinzu,„wollen wir Beide noch einen kleinen Spaziergang machen. Ihr habt nur zu befehlen.“ „Ach, wie garſtig!“ ſagte Clementine mit geſenktem Haupte, „wie complicirt abſcheulich! ſo was hätte ich von Ihnen, Katha⸗ rine, in meinem ganzen Leben nicht gedacht.“ „Ich auch nicht von Ihnen,“ verſetzte vergnügt das junge Mäd⸗ chen,„das iſt ja erſchrecklich!“ „Er liebt Sie,“ ſagte Eugen. „Ueber alle Maßen,“ ſetzte der luſtige Rath hinzu. — Ein Rendez⸗vons. 31 Dieſes Wort ſollte den unberufenen Zuhörern vergnügt und heiter klingen; aber Clementine glaubte einen tiefen Ernſt zu ver⸗ ſtehen, die ſchwere Bedeutung, welche in dieſen dreien, an ſich ſo unſchuldigen Worten lag.—„Ueber alle Maßen,“ hatte er geſagt und dabei dem Herrn Eugen mit dem rechten Auge zugeblinzelt. Ach! dieſes Geblinzel im Uebermaß ſeines Entzückens konnte ihm Clementinens ſonſt ſo reizbares Herz verzeihen; war Eugen nicht ſein Freund, und war es nicht begreiflich, daß der Freund dem Freunde durch eine kleine Pantomime zu verſtehen gab: Ich habe geſiegt, ich bin im Reinen, ich liebe ſie über alle Maßen? Ach! und er that es gar nicht ſo, als habe er wirklich erreicht, was er gehofft; er war ſo unbefangen und natürlich, und als Eugen ihn nochmals fragte, ob er mit Katharina nicht noch einen Spaziergang machen ſolle, antwortete er mit ſeltener Selbſtverlängnung:„nein, nein!“ und ſetzte hinzu:„Laß, Vater, genug ſein des grauſamen Spiels!“ 8 3 Somit waren dieſe Unterredungen zu Ende, und beide Paare gingen auf verſchiedenen Wegen nach der Stadt zurück— die Pro⸗ menade im Stadtgraben blieb in ihrer Stille und Einſamkeit hinter ihnen. Alles war glücklich von Statten gegangen und ſie von keiner Menſchenſeele geſehen worden— ſo glaubten nämlich die zwei Paare. Wir aber, die wir in unſerer Eigenſchaft als Erzäh⸗ Jer vas Terrain ſorgfältiger unterſuchen müſſen, als Jene es gethan⸗ können leider nicht umhin, dem geneigten Leſer zu eröffnen, daß jene Zuſammenkunft nicht nur nicht ungeſehen, ſondern theilweiſe ſogar nicht unbehorcht geblieben war. Wir glauben ſchon Eingangs der Beſchreibung dieſer Promenade bemerkt zu haben, daß hier eine Menge Singvögel ihre luſtigen Lieder erſchallen ließen, namentlich Nachtigallen, denen das ſchattige Gebüſch an den Ufern des kleinen Baches ein ſehr lieber Aufenthalt war. Dieſe verſchiedenen Sing⸗ vögel nun als ein angenehmes Wild zu betrachten, war eine der Lieblingsbeſchäftigungen des Herrn Konrad Schoppelmann, na⸗ — —y 3²2 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. mentlich in Zeiten, wie die jetzigen, wo er ſich im Beſuche der Herrſchaftswaldungen allzu ſehr angeſtrengt hatte und dort jedem Jäger und Jägerburſchen bekannt war wie ein bunter Hund. Die⸗ ſes Einfangen von Singvögeln war auch eine Art Jagd, und als angenehme Abwechslung auf das Erlegen von Ratten wohl mitzu⸗ nehmen. Herr Konrad Schoppelmann hatte nun leider dieſen Morgen einige freie Stunden gefunden, welche er dazu anzuwenden beſchloß, dem Stadtgraben einen Beſuch zu machen und mit Netz und Falle einige arme Singvögel einzufangen. Er ſaß zu dieſem Zwecke, noch ehe die beiden Paare ankamen, nicht weit von oben erwähn⸗ ter Bank, und war nicht wenig erſtaunt, als er eine halbe Stunde ſpäter Menſchenſtimmen vernahm, und als er diejenige ſeiner Schwe⸗ ſter, ſowie des Herrn Eugen und der Jungfer Clementine erkannte. Er rührte ſich nicht von der Stelle, er ſtrengte ſeine Ohren über⸗ menſchlich an, um, ſo viel ihm möglich war, die geführte Unter⸗ haltung zu vernehmen. Dieſes gelang ihm einigermaßen bei der alten Jungfer und Herrn Sidel, aber nicht ſo bei ſeiner Schweſter und Eugen.— Doch ſah er ſie zuſammen den kleinen Weg hinab gehen, und das war ihm vor der Hand genug. Nachdem die Sache beendigt war und er bei ſich gedacht, jetzt könnten ſie weit genug entfernt ſein, erhob er ſich auch und ging mit leeren Fallen und Netzen, aber trotzdem mit außerordentlich vergnügtem Herzen fort, dem elterlichen Hauſe zu. Unterwegs überlegte er, wie dieſe Sach eigentlich zu behandeln ſei, um etwas daran zu verdienen; denn er betrachtete alles, was in dieſem Leben vorkam, als zu dieſem Zwecke erſchaffen. Sollte er die Mutter davon in Kenntniß ſetzen? — gewiß, um der Katharina tüchtig Eins hinauf zu geben; aber vor allen Dingen ſollte die Mutter auf's Feierlichſte verſprechen, gegen die Tochter nichts davon zu erwähnen. Der Jäger wollte das Wild ſicher machen und calculirte ſo: Ich will ſchon dafür ſorgen, daß Katharina mit der alten Jungfer nicht mehr zum Spa⸗ Ein Rendez⸗vons. 33 zierengehen kommt, und dann wird es nicht lange anſtehen, daß Herr Eugen Stillfried ſich einmal verſtohlener Weiſe in unſere Höhle ſchleicht— dann haben wir ihn und er ſoll mir jeden Be⸗ ſuch theuer bezahlen.— So dachte der Jäger und trat nach einer kleinen halben Stunde, inne rlich triumphirend, in das alte Haus am Marktplatz. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Herr Konrad Schoppelmann, welcher mit leerer Jagdtaſche heimkehrt, bringt doch allerlei mit nach Hauſe. Madame Schoppelmann ſaß vor dem großen Herd, auf wel⸗ chem jetzt ein größeres Feuer brannte, als neulich des Morgens, denn nebendem, daß ſie ihren Nachmittags⸗Kaffee kochte, ließ ſie Butter aus in große Töpfe, welche ſie alsdann zum Winterbedarf an ihre Kunden verkaufte. Katharina war auf ihrem Zimmer; davon überzeugt, erkundigte ſich Konrad zuerſt durch eine anſchei⸗ nend ganz gleichgültige Frage nach ihr. Er ſetzte ſich an den Tiſch, ſtützte den Kopf in die Hände und ſah einen Augenblick der Arbeit der Mutter aufmerkſam zu, indem er hohnlächelnd bei ſich dachte: „Na, den Spektakel wollen wir ſehen, wenn die Alte dergleichen Geſchichten von ihrem Herzblatt erfährt!“ Obendrein ſchien Madame Schoppelmann ſich durchaus in kei⸗ ner roſenfarbenen Laune zu befinden, und wenn ſie, wie es jetzt der Fall, verdrießlich war, ſo pflegte ſie halblaute Selbſtgeſpräche zu halten, ſich ſelber Red' und Antwort zu geben, woraus alsdann ein aufmerkſamer Beobachter leicht erfahren konnte, um was es ſich bei Hackländers Werke. XI. 3 34 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ihr eigentlich handle, und der Jäger merkte demgemäß auch ſchon nach einigen Augenblicken, daß er für die Geſchichte, die er auf dem Herzen hatte, keine beſſere Stunde hätte wählen können. „Sitz' ich da auf dem Markt,“ brummte die Gemüſehändlerin und drehte den Topf mit der heißen Butter, damit er auf allen Seiten gleich warm würde,„ſitz' ich da auf dem Markt und kommt die Köchin der Staatsräthin daher. Guten Morgen, ſag' ich— danke ſchön, ſagt ſie und ſeufzt. Was ſoll's, mein Kind, frag' ich, braucht Sie etwas Extra's— ſpeist der Juſtizrath im Hauſe?— ein Paar Feldhühner— wie?—— und da ſeufzt denn die alte Creatur wieder und ſagt: ach, Frau Schoppelmann, das iſt ein wahres Kreuz und ein wahres Unglück für mich.“———— Hier murmelte die alte Frau eine Zeit lang ſo leiſe, daß man es unmöglich verſtehen konnte, dann aber fuhr ſie deſto lauter fort: „mich ſoll der Teufel holen— hat die Staatsräthin verboten, von mir, der Fran Schoppelmann, ferner etwas zu kaufen— es iſt un⸗ glaublich, aber wahr! Hat nicht die Köchin, das arme Weibsbild, ordentlich geweint, daß ich die noch obendrein tröſten mußte— weiß Sie was, ſagte ich, da iſt vor der Hand nichts zu ändern.— Ach Gott, nein! ſagte ſie.— Geh' Sie zur Plunker, ſagte ich.— Zur Plunker? fragte ſie.— Die iſt nach mir die Beſte, ſagte ich, eine brave Frau, und wenn ſie etwas nicht hat, ſo kann's die Plunker bei mir holen.— Wein Sie nicht, mein Schatz, es kom⸗ men noch Zeiten, wo die Schoppelmann wieder zu Ehren gelangt.“ — Hier rückte ſie den Buttertopf näher an's Feuer.—„Ja, zu großen Ehren— aber als ſie nun fort ging und der Plunker das Geld hinzählte, kam doch über mich ein gewaltiger Zorn— daß dich ein Donnerwetter! dachte ich.“— Madame Schoppelmann ſtieß bei dieſen Worten ſo grimmig in die brennenden Kohlen, daß ſich Tauſende von Funken ziſchend den ſchwarzen Schornſtein hinauf flüchteten.—„So was muß man ſich bieten laſſen— und wer iſt an gllem dem Schuld?— Niemand, als der ſaubere Herr Eugen. Konrad kommt mit leerer Jagdtaſche heim. 35 — Ja— ja— ja— ja— wenn wir nur nicht noch Schlimmeres erleben.“ „Dazu ſa ge ich Amen,“ miſchte ſich Konrad mit lauter Stimme ins Geſpräch. Die Frau drehte ſich überraſcht herum; denn dergleichen Selbſt⸗ geſpräche waren bei ihr wie eine Art Nachtwandlerei, und wenn ſie durch ein lautes Wort daraus geſtört wurde, dann ſchrak ſie zu⸗ ſammen. „Na, wenn du Amen ſagſt,“ ſprach ſie nach einer Pauſe,„dann muß es was Schönes ſein!“ „Ich ſagte Amen auf Eure Reden.“ „Ach, ich ſprach nicht mit dir darüber.“ „Aber ich möchte mit Euch darüber ſprechen.“ „Ei, ſieh doch,“ entgegnete die Frau,„hab' ich nicht Herzeleid genug, mußt du noch was dazu lügen?“ „O, keine Lüge,“ ſagte lächelnd Konrad,„dies Mal was ganz Wahres.“— Und nun erzählte der freundliche Bruder, wie und wo er draußen die Schweſter geſehen, mit welcher Beſchäftigung, in welcher Geſellſchaft, und wenn auch, wie der geneigte Leſer weiß, die Sache an ſich nicht von ihm erfunden war, ſo machte er doch ſolche Zuſätze und Bemerkungen, daß die Mutter noch viel Schlim⸗ meres glauben mußte, als wirklich geſchehen, und ſie legte darauf die Hände in den Schooß und ſaß da ſtarr vor Entſetzen. „Und das iſt alles wahr, Konrad?“ fragte ſie nach einer Pauſe, „und nichts daran gelogen?“ „Nicht das Geringſte!“ ſagte der Sohn,„aber die Sache iſt noch nicht zu Ende.“ „Und die alte Schachtel war dabei, das miſerable Weibs⸗ bild, die ſo fromm und ſcheinheilig thut, daß man glauben könnte, ſie habe keinen Begriff davon, daß es auch Mannsbilder in der Welt gebe?“ Konrad nickte befriedigend mit dem Kopfe,„Die war dabei,“ 36 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſagte er,„aber hört weiter, und Ihr ſollt künftig nicht mehr ſagen, daß wir uns um nichts Ordentliches bekümmern. Ich ging den ſauberen beiden Herren nach und holte ſie noch vor dem Thore ein. Guten Morgen, Herr von Stillfried, ſagte ich zu dieſem, wollen Sie mir nicht ein Wort allein vergönnen? Und darauf trat der Andere auf die Seite.“ „Der Schulmeiſter, der ſich mit ihm herumtreibt?“ fragte die Mutter. „Derſelbe; und nun ſagte ich ſehr ruhig und höflich: Herr von Stillfried, ich habe Alles geſehen und gehört, und darauf wurde er ſo blaß wie Eunre Schürze und wollte davon gehen. Daraus wird nichts, ſagte ich ihm und faßte ihn am Arm; wir ſind, ſagte ich, freilich nicht ſo vornehm wie Sie, ſagte ich, aber wir ſind brave Bürgersleute, ſagte ich, und wir haben eine Mutter daheim, ſagte ich, wenn die das erfährt, kann es ein Unglück geben.— Was wollen Sie eigentlich? ſagte er.— O! ſagte ich, Herr von Stillfried, man lauft nicht nur ſo mit den Bürgermädels in dem Stadtgraben umher, der ganzen Stadt zum Spektakel, und ich bin der Bruder, ſagte ich, und frage Sie nun ein für allemal: was haben Sie mit der Katharine vor? ſagte ich;— darauf lachte er laut auf und der Schulmeiſter trat näher.“ „Nun?“ fragte die Frau Schoppelmann und griff nach ihrem gewichtigen Schüreiſen;„weiter! weiter!“ „Wenn Sie mit der Katharine öffentlich gehen, ſagte ich, und ſie in der Leute Mäuler bringen, ſagte ich, dann müſſen Sie ſie auch heirathen, ſagte ich.“ „Nun?“ Konrad zuckte die Achſel und ſpielte einen Augenblick den Zu⸗ rückhaltenden; doch die Gemüſehändlerin ſtand von ihrem Sitze auf, eilte zu ihm hin und rief:„Sprich! ich will Alles wiſſen! was ſagte er darauf?“ „Nun, er lachte und meinte, wie ich ihm nur ſo dummes Zeug . Konrad kommt mit leerer Jagdtaſche heim. 37 ſagen könne; denn Katharine, Eure Tochter, ſei gut genug zum Amuſement und wolle auch nicht weiter. Ich aber ſei ein Narr und ſolle mich nur um mich bekümmern.“ Nach dieſen Worten ſtand die dicke Frau wie erſtarrt, ſie riß ihre Augen weit auf, öffnete den Mund zum Sprechen, brachte aber kein Wort hervor; auch ſpielte ihre Geſichtsfarbe in's Dunkelrothe, und ſie ſchnappte ſo ängſtlch nach Luft, daß der gute Sohn und Bruder erſchrocken hinter dem Tiſche hervorſprang, die Mutter am rechten Arm faßte und ſie auf's Kräftigſte zu ſchütteln begann— ein Mittel, das ſchon oftmals in ähnlichen Fällen die gewünſchte Wir⸗ kung nicht verfehlt hatte. Auch jetzt brachte es das ſtockende Blut der dicken Frau auf's Neue in Umlauf; ſie ließ ſich auf einen Stuhl nieder, der an dem Tiſche ſtand, und Konrad ſah zu ſeiner größ⸗ ten Befriedigung, daß ein paar Thränen über ihre dicken Backen rollten. „Und du haſt dieſen Kerl nicht ſogleich zu Boden geſchlagen?“ fragte die Frau ſchluchzend;„du führſt ja ſonſt dergleichen immer in deinem Munde— du haſt ihn wahrhaftig nicht zu Boden ge⸗ ſchlagen?“ Konrad zuckte betrübt die Achſel und ſagte:„Ihr könnt Euch denken, wie mir die Fauſt gejuckt, aber was war da zu machen? Der Schulmeiſter hätte mich nicht genirt; aber denkt Euch doch, es war ganz nahe am Thor, die Soldaten lungerten auf den Steinen an der Chauſſee und die Schildwache ſpazierte auf und ab. Da wäre ich ein rechter Narr geweſen! Ich ließ ihn laufen und dachte: du entgehſt mir gewiß nicht.“ „Das hoff' ich auch,“ ſprach die dicke Frau und ſchlug mit der rechten Fauſt auf die linke Handfläche;„dem ſoll das nicht ſo hin⸗ gehen, und die Katharine, die jag' ich aus dem Hauſe, und das gleich!“— Sie wollte ſich erheben, doch Konrad drückte ſie derb auf den Stuhl nieder und ſagte:„Nun ſeht mir wieder, wie Ihr ſeid, man kann wahrhaftig mit Euch nicht ſprechen! Was wollt Ihr 38 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. jetzt thun? Ein Geſchrei anfangen, der Katharine Alles wieder ſa⸗ gen, daß die es ihrem Liebhaber mittheilt und der ſich in Acht nimmt!— Bewahre, bewahre! Nichts dürft Ihr ſagen, keine Sylbe der Katharine— ſeid doch klug!“ „Und wenn es ein Unglück gibt?“ fragte beſorgt die Mutter. „Dafür laßt mich und den Fritz ſorgen; wir behüten ſie wie unſere Augen, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ſich der Herr Eugen nicht nächſtens einmal hier ins Haus verliert, und dann“— ſchloß Konrad und ballte die Fauſt—„laßt mich nur machen!“ Die Unterredung wurde jetzt zu einem plötzlichen Ende geführt, indem die geſchmolzene Butter aus dem Topfe über und ins Feuer lief, wodurch ein ſolches Gepraſſel, ein Geſtank und Dampf ent⸗ ſtand, daß die dicke Gemüſehändlerin, die neben der Mutterpflicht auch noch andere zu erfüllen hatte, erſchrocken zu ihren Töpfen hineilte, ſo ſchnell, als es ihre Körperfülle erlaubte. Konrad ging, ſeinen Bruder Fritz aufzuſuchen, und ſagte noch im Weggehen:„Alſo, Mutter, kein Wort zu der Katharine, ſonſt verderbt Ihr die ganze Geſchichte!“ Hierauf winkte Madame Schop⸗ pelmann mit der Hand, als wollte ſie ſagen, ſie wiſſe ſchon, was zu thun ſei, und blieb alsdann mit ihren Gedanken allein. Der geneigte Leſer iſt ſo gut wie wir überzeugt, daß der junge Herr Schoppelmann der Mutter die Erzählung von der Zuſam⸗ menkunft in einer unſauberen Brühe von Dachendg und Wahrheit vorgetragen. Beweiſe eines guten Herzens. 39 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Worin Jungfer Clementine Strebeling große Beweiſe ihres guten Herzens, aber gar keine von Lebenserfahrung gibt.. 4 „Geliebteſte Clementine! „Ja, ich kann mir ſchon erlauben, über das Theure hinweg⸗ zuhüpfen und Sie in einem Prädikat zu begrüßen, wie es aus der Fülle meines liebenden Herzens gewaltſam herausquillt. Nicht um alle Schätze der Welt— ſo nöthig mir von dieſen Schätzen Eini⸗ ges wäre— gäbe ich die Erinnerung der geſtern mit Ihnen ver⸗ lebten Stunden. O Gott, wie war ich ſo glücklich! Wie zittert noch jetzt meine Hand, indem ich es niederſchreibe. Das war eigentlich zu viel Glück an Einem Tage. Ihre lieben Zeilen, welche ich durch die brave und würdige Frau Schilder erhielt, und jene Zuſammenkunft an Einem Tage! Ach, geliebteſte Clementine, könnte ich doch frei über meine Zeit verfügen, wäre ich doch nur in au⸗ deren Verhältniſſen! Doch ſo bin ich ein armes, gefeſſeltes Weſen. — Aber, o Gott! wie kann man ſo etwas mit der Auserkorenen ſeines Herzens ſprechen? Ich würde es auch nicht thun, wenn nicht meine grenzenloſe Liebe mir den Muth dazu gäbe. Ach, wie geſagt, ich bin ein armes, gefeſſeltes Weſen, ja, gefeſſelt und ge⸗ knechtet durch die drückenden Verhältniſſe dieſes miſerablen Lebens — aber ſprechen wir nicht mehr davon, kein Wort mehr hierüber! Nichts ſoll im Stande ſein, mir etwas Näheres über dieſe meine Verhältniſſe zu entlocken. Wen würde es auch intereſſiren? Sie? o Gott! Sie— du— Clementine!————— Weg mit dieſen Gedanken! Sie blitzen Höllenflammen in mein Herz. 3 „Auch die Frau Schilder, welche meine Verhältniſſe genau 8△ 40 Vierundzwanzigſtes Kapitel. kennt, habe ich aufs Dringendſte beſchworen, nie etwas darüber auszuſagen. O, Clementine! machen Sie keinen Verſuch, dieſe würdige Frau zu veranlaſſen, daß ſie ihr ehrenhaftes Stillſchwei⸗ gen breche. „Bis dahin „Ihr ewig treu Liebender.“ Dieſen Brief erhielt Clementine an einem der nächſten Tage früh des Morgens; ſie hatte kaum ihren Kaffee zu ſich genommen. Es war, wenn wir anders nicht irren, ein Sonntag. Draußen läu⸗ teten ſämmtliche Glocken der Stadt, und im Nebenzimmer ſang die Choriſtin des königlichen Hoftheaters: Iſt denn Liebe ein Verbrechen, Darf man denn nicht zärtlich ſein? Abends war nämlich die Zauberflöte, und ſolcher Geſtalt prä⸗ parirten ſie ſich zu der Probe, die dieſen Morgen noch Statt fand. Clementine las das Schreiben ein⸗, zwei⸗ und dreimal durch und weinte, daß die Menſchen nach ihrer Meinung ſo unglücklich ſeien. Denn welch' gefühlvolles Herz in dieſes Schreiben hinein⸗ blickte! Sie konnte nur einen Augenblick zweifeln, der Verfaſſer deſſelben ſei unglücklich, er bedürfe ſehr eines freundlichen Troſtes, und ihm dieſen Troſt zu reichen, ja auch Hülfe, wenn es nöthig ſei, dazu war Clementine augenblicklich entſchloſſen. Aber nie ſollte ſie etwas von ſeinen Verhältniſſen erfahren? Wem waren dieſe Verhältniſſe bekannt? Niemanden als der würdigen Frau Schilder. Und hatte er nicht ausdrücklich gebeten, mit den rührendſten Worten gefleht, gerade dieſer braven Frau nie das Geheimniß ſeines Lebens zu entlocken? 2 Clementine ſann lange hin und her und ſeufzte tief: O Gott! Welcher Art konnten dieſe Verhältniſſe ſein, in welchen ſich der junge Mann befand? Feſſelten ihn am Ende andere zarte Bande ————— Beweiſe eines guten Herzens. 41 8— oder war er— o ſchrecklicher Gedanke!— vielleicht mehrfacher Familienvater und durch ihren Anblick zum Verbrecher geworden? Darum mußte Clementine Gewißheit haben, und zum erſten Male, ſo lange ſie denken konnte, folgte ſie nicht dem harmoniſchen Läuten der Kirchenglocken und ging mit zuckendem Herzen in die Nebengaſſe und dort in das Haus der Frau Schilder hinein. Die brave Wirthin ſaß in ihrem Hinterſtübchen allein und hatte etwas in der Hand, das bei näherem Betrachten wie ein ſchmieriges Gebetbuch ausſah. Sie ſchien dieſen Morgen außer⸗ ordentlich taub zu ſein, denn ſie vernahm durchaus nichts von den Schritten der Ankommenden, hörte nichts von dem Geränuſch, mit welchem ſie die Thüre öffnete, und vernahm nichts von dem guten Morgen, mit welchem dieſelbe ſie begrüßte. Clementine ſah ſich genöthigt, ihr Sprachorgan bedeutend an⸗ zuſtrengen und der tauben Wirthin mit übergroßer Anſtrengung einen freundlichen guten Morgen zu wünſchen. Entſetzt blickte dieſe in die Höhe, nickte einfach zum Gruß mit dem Kopfe und machte eine Bewegung mit der Hand, welche ausdrücken ſollte: laß mich meine ſtille Andacht vollenden. Darauf las ſie nur einige Augenblicke weiter in dem Buche, blickte zum Himmel und dann erhob ſie ſich von ihrem Sitze und reichte der alten Jungfer zur Begrüßung die Hand.— Clementine knixte ſchüchtern; da ſie wußte, daß die Frau Schilder an Schwerhörigkeit leide, ſo brachte ſie ihren Mund, ſo weit es thunlich war, an das Ohr dieſer würdigen Frau und lis⸗ pelte:„Ich habe den Brief geleſen.“ „Wirklich?“ entgegnete die Wirthin, und auf ihrem gleichgül⸗ tigen Geſichte war nicht die geringſte Theilnahme zu leſen. „Ich möchte mit Ihnen darüber ſprechen,“ fuhr die alte Jung⸗ fer fort. „Mit ihm ſprechen?“ ſagte die Wirthin,„ſchon wieder?“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Ach nein,“ erwiderte erröthend Clementine,„ich möchte mit Ihnen über dieſen Brief ſprechen.“ „Ah, ich verſtehe!“ meinte Frau Schilder,„ich ſoll mit ihm über dieſen Brief ſprechen.“ „O Gott! Nein! nein!“ rief Clementine mit aller Kraft ihrer Lungen. 1 „Ich habe Sie nicht recht verſtanden, ſcheint mir,“ ſagte die Wirthin mit dem unſchuldigſten Geſichtsausdruck.„O, es iſt ein wahres Unglück; ich werde bald gar nichts mehr hören! Wiſſen Sie was, Jungfer Clementine? Gehen wir in mein oberes Stüb⸗ chen, da kann ich meine Haube abnehmen und höre beſſer.“— Die gute Frau wollte in ihrer Unterredung mit der liebenden alten Jungfer nicht geſtört ſein; dieſe ging auf den Vorſchlag ein, und Beide begaben ſich eine Treppe hinauf, in das Zimmer, welches wir bereits kennen, nachdem Frau Schilder ihre Hausthüre vorher ſorgfältig verſchloſſen. Dort oben nahm ſie ihre Haube ab, ſtrich ſich die Haare von den Ohren hinweg und ſagte:„Nun wird's beſſer gehen. Was ſoll es, mein Kind?“ „Ich habe hier einen Brief bekommen.“ „Ja.“ „Und darüber möchte ich mit Ihnen ſprechen.“ „Ah ſo! Wir Beide zuſammen über den Brief?“ Clementine nickte mit dem Kopfe.„Ich möchte nun vor allen Dingen wiſſen,“ fuhr ſie fort,„wer er iſt, der mir jetzt ſchon zweimal geſchrieben hat.“ „Wer er iſt?“ ſagte die Frau mit einem Blick zum Himmel und ſchlug die Hände zuſammen.„Wer er iſt? Ein braver, jun⸗ ger, armer Menſch, aber ſo geſchickt, ſo gut, ſo fleißig, es gibt keinen Zweiten der Art.“ „Das glaube ich Alles, Frau Schilder,“ ſagte gerührt Cle⸗ mentine,„aber wie heißt er und was hat er für ein Geſchäft?“ „Ja ſo, wie er heißt?“ antwortete die Frau;„das hat er — — Beweiſe eines guten Herzens. 43. noch nicht einmal geſchrieben? O der beſcheidene, ſchüchterne, junge Menſch. Das iſt ein Kleinod, Jungfer Strebeling; darauf können Sie ſtolz ſein.“ Clementine ſchlug erröthend die Augen zu Boden und ſagte nichts. In dieſem Augenblicke flog über die verwelkten Züge der Frau Schilder ein lebhaftes, höhniſches Lächeln und erhellte ihr Geſicht, wie der Blitz den zerſtörten Kirchhof. „Aber wie er heißt?“ fuhr die alte Frau nach einer Pauſe fort;„er heißt Johannes Müller und iſt ein armer Kandidat der Theologie.“ „Er will alſo ein Pfarrer werden?“ fragte Clementine mit einem ſeligen Gefühl. „Ja, er möchte wohl,“ meinte die alte Frau,„aber es fehlen ihm die Mittel. Er iſt da bei dem Herrn Stillfried,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„eine Art von Sekretär oder ſo was. Ach, das iſt eine Exiſtenz, Jungfer Clementine, bei ſo einem wilden, ausſchwei⸗ fenden jungen Menſchen!“ Clementinen überlief es eiskalt, und ſie dachte an die arme Katharina. „Und warum bleibt er denn bei dem Herrn?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „O Gott! wo ſollte er hin?“ entgegnete die Frau Schilder und faltete mit dem wehmüthigſten Geſichtsausdrucke ihre Hände; „wo ſollte er hin? Ach, es iſt ihm ſchon lange verhaßt, das Leben, und die Zeit iſt gekommen, wo er ſich noch ein halb Jahr auf die Univerſität zurückziehen ſollte, um ſich zum letzten Examen vorzubereiten. Sie wiſſen doch, daß die Theologen acht Examen machen müſſen, und ſieben hat er ſchon glänzend beſtanden, unge⸗ heuer glänzend. Jetzt noch das achte, und dann wird er ein evan⸗ geliſcher Pfarrer und würde augenblicklich heirathen, wie es dieſe Herren in dem Falle immer zu machen pflegen.“ 8* 44 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Schweigen Sie davon,“ ſagte die alte Jungfer mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. „Nein, es iſt wahr,“ fuhr Frau Schilder eifrig fort,„gewiß und wahrhaftig, dann heirathen ſie augenblicklich, wenn ſie eine geſetzte, ſittſame, ruhige und gottgefällige Jungfrau finden.“ „Und warum thut er das nicht?“ fragte Clementine, die den letzten Satz überhören zu wollen ſchien. „Was? das Heirathen?“ „Ach nein! Das Fortgehen, das achte Examen machen!“ Frau Schilder ſtrich bei dieſer Frage ihre Schürze glatt und ſagte nach einem längeren Stillſchweigen:„das darf ich nicht ſa⸗ gen, das hat er mir ſtreng verboten.“ „Aber ich bitte Sie, Frau Schilder!“ „Nicht um alle Schätze der Welt! Ich habe ihm das feierlich gelobt, und Sie wiſſen, ein Gelöbniß muß man halten. Wozu nützt es auch, hat er geſagt, wozu nützt es auch, was in ihren Augen— damit meinte er Sie, Jungfer Clementine— was mich vor ihr, die ich liebe, nur herabſetzen könnte?“ Wenn die Jungfer Strebeling ebenſo ſchlau geweſen wäre, wie die Frau Schilder, ſo hätte ſie in dieſem Augenblicke, um das zu erfahren, was ſie erfahren wollte, nicht ſchlauer handeln können, als ſie ohne Abſicht that, daß ſie nämlich ganz ſtill ſchwieg und in tiefes Nachſinnen verſank.„Hollah!“ dachte die würdige Dame;„mir gegenüber will ſie wirklich nichts weiter wiſſen, will ſich zurückziehen, da muß ich wahrhaftig ein Bischen nachhelfen.— „Ja, wenn es was nützen könnte,“ ſagte ſie mit einem tiefen Seuf⸗ zer,„dann würde ich mich wahrhaftig ſeinem ganzen Zorne ausſetzen und ſein Geheimniß verrathen.“ „Nützen,“ entgegnete Clementine mit leuchtenden Blicken; „warum das nicht, meine gute Frau Schilder? Wenn ich ihm helfen kann, wenn ich ihm nützen kann, ſo iſt ihm ſchon geholfen. Spre⸗ chen Sie ohne Scheu!“ 9* — 9 7 Beweiſe eines guten Herzens. 45 „Aber wollen Sie mich nicht verrathen?“ bat die Wirthin; „wollen Sie nie ſagen, daß ich mit Ihnen über dieſe Angelegenheit geſprochen?“ „Gewiß nicht!“ „Nun denn, ſo hören Sie! Gott! ich habe von der Sache ſo viel ſchon verrathen, was ich nicht hätte thun ſollen, daß das Bischen mehr oder weniger auch nicht viel ausmachen wird.“ „Nun denn!“ „Alſo! Um jeden Preis würde Herr Johannes Müller das Haus des Herrn Stillfried verlaſſen, es wäre ſein ſehnlichſter Wunſch, ſich in eine Univerſitätsſtadt zurückzuziehen und dort eifrigen Stu⸗ dien obzuliegen, um ſeinem heiß erſehnten, glückſeligen Ziele ſich nähern zu können— Sie kennen jenes Ziel, Jungfer Strebeling.“ „Weiter! weiter!“ „Aber! Nun ja, es muß endlich heraus: es fehlen die Mittel hierzu; gewiß, es wird mir ſchwer, es auszuſprechen: es fehlt ihm an— Geld.“ „Und iſt das Alles?“ fragte Clementine mit freudigen Blicken, und dabei lächelte ſie ſo glücklich,„iſt das wirklich Alles? Sind das die drückenden Geheimniſſe unſeres theuren Freundes Johannes? Nun, dieſem Mangel kann gewiß abgeholfen werden, liebe Frau Schilder, ich verſichere Sie, es wird ihm abgeholfen.“ „Glaubeu Sie?“ fragte die Frau mit zweifelhaft tönender Stimme;„glauben Sie wirklich? Aber wer könnte ſich für den armen jungen Müller verwenden?“ „Wer?“ fragte erſtaunt Clementine;„nun, wer ſonſt, als ich? Nennen Sie mir die Summe dieſes Bedarfs, und wenn es in meinen Kräften ſteht, ſie ihm zu geben, ſo bin ich gern dazu bereit.“ „O, Sie ſind ein Engel!“ ſagte die Frau;„Ihnen muß es gut gehen!“ Und darauf blickte ſie gen Himmel und murmelte etwas, das wie ein Gebet klingen ſollte.„Aber nein!“ fuhr ſie 46 Vierundzwanzigſtes Kapitel. nach einer Pauſe fort;„das kann und wird Herr Müller niemals annehmen. Nie, nie, gewiß nie! Wenn ich ihm damit komme und ihm ſage, ich hätte Ihnen ſeine Lage verrathen, und hinzuſetzen muß, Sie wollten ihm helfen— das überlebte er nicht, das drückte ihn zu Boden.“ „Aber Sie können es ja anders einkleiden! Sie kennen ja gewiß ſeine Familie vollkommen, Sie können z. B. ſagen: ein entfernter Verwandter, ein Vetter, ein Onkel und dergleichen habe an ihn gedacht.“ Frau Schilder beobachtete langes Stillſchweigen und ſchien in ihrem Herzen das Für und Wider dieſes edlen Vorſchlages reiflich zu überlegen. Oftmals ſchüttelte ſie heftig den Kopf, und Cle⸗ mentine ſaß dabei, in der quälenden Erwartung, die Frau würde ſagen: nein, es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht! Aber dies that dieſe ehrwürdige Frau im Dienſte des Herrn Johannes Müller nicht. Sie ſeufzte tief auf, ſie verdrehte die Augen auf eine ſchreck⸗ liche Art, ſie fuhr mit der Hand über ihr Geſicht, als ob ſie ihre Thränen abwiſchte, und dann reichte ſie dieſelbe Hand der Jungfer Strebeling dar und ſagte in entſchloſſenem Tone:„nun gut, ich will es wagen. Schicken Sie mir das Geld, ich will ſehen, ob er es annimmt; aber wenn er es nicht thut, ſo müſſen Sie es augenblicklich zurücknehmen, und dann ſchwöre ich Ihnen zu, daß ich nie mehr einen Schritt in der Sache thue. O, der Herr Müller iſt ſo zart, ſo gefühlvoll! Sie haben gar keine Ahnung davon. „O doch, doch!“ ſagte Clementine lächelnd vor ſich hin und dachte an das Geſpräch bei der Zuſammenkunft im Stadtgraben, namentlich aber an das Gänſeblümchen. Nachdem die Unterredung ſo weit gediehen, waren beide Theile froh, daß ſie über dieſen delikaten Punkt im Reinen waren. „Nur die Größe der zu gebenden Summe muß noch feſtgeſtellt werden,“ meinte Clementine. * . Beweiſe eines guten Herzens. 47 „Um Alles in der Welt,“ drohte Frau Schilder,„über dieſen ſo außerordentlich delikaten Punkt kein Wort mehr verloren!“ Es bedurfte der ganzen Ueberredungskraft Clementinens, um aus der ehrwürdigen Frau Schilder die Erlaubniß heraus zu brin⸗ gen, daß ſie geneigt ſei, das ungeheure Kapital von 400 fl. dem Candidaten der Theologie, Herrn Johannes Müller, einzuhändigen. Sie wehrte ſich anfänglich ungeheuer dagegen und konnte nur endlich dazu vermocht werden, ihre Einwilligung zu geben, nachdem ſie bedacht, daß das Examen deßhalb um ſo glänzender ausfallen dürfte und die Pfarrſtelle, die er vier Wochen darauf unfehlbar erhalten müßte, um ſo fetter ſein würde. 3 So trennten ſich die beiden Damen nach dieſer Verhandlung, welche in vielerlei Hinſicht für Jungfer Clementine Strebeling von großer Bedeutung war. Als Frau Schilder ſich wieder allein in ihrer Schenkſtube be⸗ fand, ging ſie mit vergnügten Schritten auf und ab und klopfte nachdenkend mit der linken Fauſt auf die rechte Handfläche.„Vier⸗ hundert Gulden,“ murmelte ſie,„die Hälfte wäre zweihundert; aber das will ich den beiden Galgenſtricken ſagen: gleich werden an dieſem Gelde ihre alten Schulden abgerechnet. Ich hab' es ſatt, ihnen all' den Verzehr Jahre lang in meinen Büchern nach⸗ zutragen. Doch da kommen ſie ſchon, die haben gewiß auf der Lauer gelegen.“ 3 Und dem war alſo. Der Fuhrmann hatte Clementinen geſehen, wie ſie ſich in die Klauſe der Frau Schilder begab, und ebenfalls bemerkt, wie ſie nach einer kleinen halben Stunde mit freudeſtrah⸗ lendem Geſicht wieder heraus kam. Darauf waren Beide, der Fuhrmann und der Jäger, gekommen, um ſich zu erkundigen, wie die Sache eigentlich ſtehe. „Nun,“ ſagte der Fuhrmann beim Eintritt in die Stube,„ſitzt der Fiſch an der Angel? Haben wir einen guten Zug gemacht?“ eAch, geht nur, geht!“ ſprach die Frau plötzlich ſehr mürriſch; * 3 48 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „wir thun wahrhaftig groß Unrecht in der Geſchichte; ich ſollte— meine Hand nicht dazu bieten.“)— „Es iſt Sonntag.“ flüſterte der Jüger ſeinem Bruder zu,„und da hat ſie einen moraliſchen;'s wird ſchon wieder vergehen. Na, bringt mal zwei Schoppen vom Beſten!“ fuhr er laut fort,„und dann rückt heraus;'s iſt ſicher was Gutes vorgefallen.“ Der Wein wurde gebracht, das würdige Kleeblatt⸗ e ſ um den Tiſch, und die Wirthin erzählte, was zwiſchen ihr and der Jungfer Strebeling vorgefallen. 5 Wir ſind wirklich ſelber erſtaunt, dem geneigten Leſer mit⸗ theilen zu müſſen, daß ſie die reinſte Wahrheit berichtete und daß ſie der ganzen Summe von vierhundert Gulden erwähnte, welche ſie der alten Jungfer herausgelockt. „Das arme Thier!“ ſagte ſie am Ende ihres Berichts;„ich habe mich faſt geſchämt über der ganzen Unterredung, die ich mit ihr hatte, und wenn ſie nicht ſo bereitwillig von ſelbſt eingegangen wäre, ich wäre nicht im Stande geweſen, ſie zu überreden.⸗ „Geſchämt?“ verſetzte lachend der Fuhrmann.„Na, Frau Schilder, das Wort kennt Ihr nicht.“ „Es iſt ſchon etwas Wahres dran,“ entgegnete verdrießlich die Frau,„in Eurem Umgang muß man alles Schamgefühl ablegen.“ „Warum habt Ihr uns ſo ſchlecht gezogen?“ ſagte der Fuhr⸗ mann,„wir ſind doch bei Euch von klein auf in die Schule ge— gangen.“ 4 „Laßt die Komplimente bleiben!“ meinte die Frau;„wir ſind nun einmal im Geſchäft— wie haben wir doch neulich ausgemacht: ich die Hälfte und Ihr Beiden zuſammen auch die Hälfte?“ „So iſt's.“ „Das macht für Jeden von Euch hundert Gulden.“ ——— „Rechnen könnt Ihr,“ lachte der Fuhrmann;„ſo zahlt denn aus, gute Frau.“ „Gemach, gemach!“ entgegnete die Wirthin,„ſo weit ſind wir — — Beweiſe eines guten Herzens. 49 noch lange nicht. Erſtens hab' ich das Geld noch nicht bekommen, und zweitens werdet Ihr es gewiß nicht unbillig finden, wenn ich einmal mit dem Antheil en hundert Gulden, die Jeder von Euch bekommt, einen Theil unſerer Rechnung löſche.“ Die beiden Brüder ſahen einander an. Obgleich ſie große Luſt zu haben ſchienen, ihrem gerechten Unwillen über dieſen Vor⸗ ſchlag Luft zu machen, ſo konnten ſie doch im nächſten Augenblick nicht, umhin, in lautes Gelächter auszubrechen.„Hab' ich's denn nicht geſagt,“ meinte der Fuhrmann,„ſo wird ſie's uns wieder machen?“ und der Jäger ſetzte hinzu:„Ei, es iſt in der That miſe⸗ rabel, Frau Schilder, ſo mit ſeinen Bundesgenoſſen umzugehen; das können wir wahrhaftig nicht zugeben.“ „Wie Ihr wollt,“ ſagte kaltblütig die Frau und zupfte gleich⸗ gültig einige Fäden aus ihrem verſchoſſenen, ſchwarzen Merino⸗ kleide,„ganz nach Eurem Gutdünken. Von dem Gelde hab' ich bis jetzt keinen Kreuzer, und wenn Ihr Euch lange beſinnt, meiner gerechten Forderung nachzugeben, nun gut, ſo ſag' ich mit zwei Worten der Jungfer Strebeling, daß ſich der Johannes Müller ausdrücklich geweigert, einen Kreuzer von ihr anzunehmen. Dann ſeht Ihr zu, wie es weiter geht, und namentlich, wenn ich mich darauf genöthigt ſehe, meiner guten Nachbarin, der Frau Schop⸗ pelmann, Eure Rechnung mitzutheilen.“ 8 Bei dieſen letzten Worten drückte die Frau ihre Haube zurecht und blickte unbefangen zum Fenſter hinaus. Herr Konrad Schoppelmann zuckte leicht die Achſel gegen ſei⸗ nen Bruder, worauf Herr Friedrich Schoppelmann ſein rechtes Auge zukniff und dabei leicht mit dem Kopf nickte. Dieſe gegen⸗ ſeitig gewechſelten Pantomimen mochten ſo viel ausdrücken, als: es iſt beſſer, wir geben nach; die Alte iſt im Stande, uns wirklich im Stiche zu laſſen, und wenn unſere Rechnungen einmal getilgt find, ſo können wir gleich wieder einen neuen Pump anlegen. Hackländers Werke. XI. 4 50 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Johannes Müller!“ ſagte der Fuhrmann und trommelte beifällig auf den Tiſch,„ſchöner der wird bei der alten Jungfer einen gewaltigen Eindru macht haben; habt Ihr den Namen erfunden?“ „Allerdings!“ über ihre Züge. „Alſo machen wir die Geſchichte ſo,“ Wort,„rechnen unſere Schuld ab, das heißt t klingende Münze müſſen wir ſchon in die werdet es ſelbſt einſehen. Ich brauche ſe Geld.“ „Ihr habt mich immer bereitwillig erfunden,“ entgegnete die Frau,„und ich will auch dieſes Mal nicht knauſerig gegen Euch ſein.“ „Aber wird jetzt die Geſchichte weiter gehen?“ ſpach gierig der Fuhrmann;„ſo einem famoſen Schatz, wie der Herr Johannes Müller, ſind 400 fl. ein wahres Lumpengeld, um was der Johan⸗ nes Müller nicht Alles gelernt haben wird.“ „Und wie er ſo fromm und tugendſam iſt!“ „Ja,“ ſetzte die Frau lächelnd hinzu, Pfarrer werden, und das kann gar nicht lange mehr anſtehen.“ — Und darauf lachten alle Drei laut hinaus und freuten ſich un⸗ geheuer über ihre außerordentliche Erfindung. Dieſes Lachen wurde plötzlich unterbrochen durch den Eintritt eines neuen Gaſtes in der Perſon n Joſeph Pierrot's. Dieſer treue Diener ſchien in ſchlechter Laune zu ſein und hatte offenbar gehofft, die kleine Kneipe leer zu finden, um mit der Frau Schilder ein vertrauliches Wort ſprechen zu können. Herr Pierrot war ſehr unangenehm überraſcht, als er die Beiden hier ſitzen ſah, und dieſe Ueberraſchung verwandelte ſich durchaus in keine erfreuliche, als er im Eintreten die beiden jungen Schoppelmann erkannte. Doch wußte er ſich als Mann von Welt augenblicklich zu faſſen * erwiderte die Frau, und es glitt ein leiſes Lächeln nahm der Jäger das heilweiſe; denn etwas Hand bekommen, Ihr hr nothwendig einiges ſagte der Jäger. „und wird nächſtens Beweiſe eines guten Herzens. 85341 und ließ ſich mit vieler am unteren Ende des Tiſches nieder. Die Anderen ſahen ihres Theils den Bedienten ebenfalls mit keiner großen Freude eintreten. Ja, Herr Friedrich murmelte et⸗ was von einem läſtigen Geſellen, und Herr Konrad ließ eine zarte Anſpielung auf einiges Hinauswerfen mit gedämpfter Stimme ver⸗ nehmen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Handelt von einem Zuſammentreffen der Gebrüder Schoppelmann mit dem Bedienten des Helden dieſer Geſchichte. Wir haben ſchon geſagt, daß ſich der getreue Pierrot in ſchlech⸗ ter Laune zu befinden ſchien, und können verſichern, daß dem alſo war. Er hatte dieſen Morgen beim Kaffee die gewöhnlichen Ver⸗ ſuche gemacht, mit ſeinem Herrn ein paar paſſende Worte über den bewußten Gegenſtand zu wechſeln, er war aber als zudringlich und naſeweis erklärt worden, und man hatte ihm aufgegeben, ſich künf⸗ tig nur um ſeine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und nament⸗ lich nie mehr den Namen dieſes Mädchens in ſein ungewaſchenes Maul zu nehmen. Ja, das hatte ſein Herr ſogar in der Gegen⸗ wart des Herrn Rathes geſagt, und dieſer hatte dazu gelächelt und beigefügt:„Ich habe es dem Joſeph ſchon oft geſagt, er ſolle ſich nicht in Sachen miſchen, die ihn nichts angehen, er ſolle ſich überhaupt nur um ſeinen Dienſt bekümmern, ſonſt werde man ſich einmal genöthigt ſehen, ihn um ein Haus weiter zu ſchicken.“ Mit dieſem ſehr unfreundlichen und untröſtlichen Beſcheid war der arme — 52 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Pierrot zu ſeinem Rapport beim Juſtizrath gegangen, und dieſer hatte ſich durch den mageren Beri belchen ihm der Spion in Betreff der ganzen Angelegenheit n te, nicht bewogen gefunden, etwas zur Erheiterung ſeines Dieners beizutragen. Die drei jungen Herren, die hier zuſammen beim Wein ſaßen, ſchienen indeſſen einander mehr und mehr überflüſſig zu finden. Nach einem kurzen Stillſchweigen ſagte der Fuhrmann:„Wenn die Weinſchenke der Frau Schilder anfängt, eine Kneipe für Stie⸗ felwichſer zu werden, ſo können ſich anſtändige, Leute bald nicht mehr hier ſehen laſſen.“ Statt aller Antwort ließ ſich Joſeph Pierrot einen Schoppen vom Allerbeſten geben und murmelte zwiſchen den Zähnen, es ſei ſchauerlich, daß ſich jetzt gewiſſe Leute nicht ſchämten und ſich am hellen Tage ſehen ließen. Der Fuhrmann ſchien hierüber die Of⸗ fenſive ergreifen zu wollen und ſchlug mit der Fauſt ſo derb vor ſich auf den Tiſch, daß das Glas des Bedienten hoch empor fuhr und Einiges von ſeinem edlen Inhalte verſpritzte. Die Wirthin, die ebenfalls am Tiſche ſaß, ſchien gar nicht aufgelegt, eine vermittelnde Rolle zu ſpielen; denn ſie ſah, ohne ein Wort zu ſprechen, bald den Einen, bald den Anderen an nachdem ſich aber die Zeichen der immer heftiger werdenden Ent⸗ rüſtung mehrten und der Jäger ſeine leere Flaſche in der Hand wog, in der augenſcheinlichen Abſicht, ſie dem Bedienten bei dem näch⸗ ſten Wort an den Kopf zu werf n, ſchlug ſie ihrerſeits mit der Fauſt auf den Tiſch und ſagte:„Ich will Ruhe haben in meinem Hauſe, ich will keine Zänkereien, und namentlich nichts dergleichen unter meinen genauen Bekannten!“ „Was Teufel!“ ſagte der Jäger und ſetzte ſeine Flaſche nie⸗ der;„der da zählt ſich auch zu Euren genauen Bekannten? Na, da gratulire ich, dann wollen wir Euch den Titel für uns ſchenken — nicht wahr, Fritz?“ Gebrüder Schoppelmann mit dem Bedienten. 53 „Allerdings,“ entgegnete der Fuhrmann,„dann ſeht uns lie⸗ ber als vollkommen Fremdengn!“ „Ihr müßt immer ſtreiten!“ erwiderte die Frau;„was habt Ihr denn mit dem da, was hat er euch zu Leid gethan?“ Statt aller Antwort ſpuckte der Jäger ingrimmig vor ſich auf den Boden und warf dem Bedienten einen böſen Blick zu. „Ihr haßt ihn,“ fuhr die Frau achſelzuckend fort,„weil er der Bediente ſeines Herrn iſt. Dummes Zeug! Meint denn ihr Bei⸗ den, der könne was dafür, wenn ſein Herr Streiche macht, die euch nicht gefallen?“ Pierrot ſah die Frau einen Augenblick verwundert an, dann ſpielte er den Gekränkten und that einen mächtigen Zug aus ſei⸗ nem Glaſe. 3„Deßhalb muß der arme Teufel bei ſeinem Herrn bleiben,“ fuhr die Wirthin fort,„weil er keinen anderen Herrn hat. Ver⸗ ſchafft ihm einen, und er wird dankbar ſein!“ „Was hat er hier in der Gegend unſeres Hauſes zu ſchaffen?“ ſagte hitzig der Fuhrmann,„was braucht er hier herumzukund⸗ ſchaften?“ „Ja, ja, er ſoll ſich in Acht nehmen,“ ſetzte der Jäger hinzu „er und ſein Herr! Es ſoll mir wahrhaftig auf ein paar Loth Blei nicht ankommen, um Beiden ihren üunaüen auszutapezieren. Wir brauchen nicht noch obendrein ſo ſchuftige Bediente, die un⸗ ſern Mädeln nachlaufen. Bleibt Ihr droben 3 Eurem Stadt⸗ viertel! Euer Herr ſoll daher dumuen wenn er Luſt hat, und ſeine eigene Haut hier zu Markte tragen.“ „Habt Ihr denn nicht gehört, was ich vorhin geſagt,“ ſprach d Frau heſtig und zog Joſeph auf ſeinen Sitz zurück, der im egriff zu ſein ſchien, den ſchuftigen Bedienten auf eine kräftige Art zu erwidern.„Der da iſt ſo gut ein Kind aus dem Volk wie Ihr, und der würde gewiß ſeinen Herrn nicht unterſtützen, 3 3 1 54 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. wenn er ſchlechte Abſichten auf eure— uun ja gerade heraus — eure Schweſter hätte. Nicht wahr, Joſeph?“ „Ja, gewiß,“ entgegnete dieſe efühl der erlittenen Krän⸗ kung von heute Morgen,„ich habe Hudeleien ſatt.“ „Hört ihr wohl?“ fuhr die Frau fort;„er will nichts mehr von dieſen Hudeleien; das hat er mir ſchon oft geſagt. Nun, gebt euch zufrieden; es ſtände euch wahrhaftig beſſer an, mit dem in gutem Einverſtändniß zu ſtehen; er kann euch nützen und ſchaden.“ Joſeph war einigermaßen erſtaunt und wußte nicht recht, wel⸗ chen Grund die Wirthin hatte, ihn mit den beiden Söhnen der Gemüſehändlerin in gutes Einverſtändniß zu ſetzen. Madame Schilder wußte aber ganz genau, was ſie that. Er⸗ ſtens war ſie durch den Jäger unterrichtet worden, daß Jungfer Clementine Strebeling mit dem luſtigen Rathe auf der Promenade jene Zuſammenkunft gehabt hatte; und dem geneigten Leſer wird es bekannt ſein, daß Niemand anders als der Herr Sidel es war, dem ſie den Namen des Herrn J. Müller beigelegt. Nun konnte wohl der Fall eintreten, daß ſie in dieſer Sache die Verſchwiegen⸗ heit Joſeph's gebrauchen konnte, ohne denſelben deßhalb in ihr Geheimniß einzuweihen. Clementine kannte den Bedienten und konnte ſich wohl einmal veranlaßt ſehen, wenn er in ihrer engen Gaſſe herumſtreifte, ihm ein freundliches Wort an Herrn J. Müller zu ſagen. Sie mußte dann das Ganze als einen harmloſen Scherz darzuſtellen wiſſen, den ſich die beiden Schoppelmänner mit der alten Jungfer, ihrer Hausgenoſſin, erlaubt, und zu dem Zweck war es nothwendig, eine gewiſſe Freundſchaft zwiſchen dieſen beiden Parteien zu ſtiften. Ferner hatte ſie eine, obgleich unbeſtimmte, aber richtige Ahnung davon, daß Herr Eugen Stillfried in Betreff der ſchönen Katharina noch einmal hier in der Gegend ihres Hau⸗ ſes in unangenehme Händel verwickelt werden würde, und es war ihr, aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet, Alles daran gelegen, Gebrüder Schoppelmann mit dem Bedienten. 55 den Bedienten als gezwungenen Mitſchuldigen darzuſtellen, als Je⸗ manden, der mit den Handlungen ſeines Herrn durchaus nicht ein⸗ verſtanden, der aber ſtets gezwungen iſt, ſeinem Biſſen Brod zu Liebe dem gegebenen Befehle nachzukommen. Eine Hand wäſcht in dieſer Welt die andere, und es war ihr, wie ſchon bemerkt, nicht gleichgültig, ob ihr Freund Joſeph bei einem Zuſammenſtoße mit den Söhnen der Gemüſehändlerin als Mitſchuldiger oder als un⸗ glückliches Opfer der Bediententreue angeſehen wurde. Sie that daher Alles, um die Streitenden auszuſöhnen. Sie rückte die Schoppengläſer auf dem Tiſche zuſammen, ſie ſtieß bald den Einen, bald den Andern freundſchaftlich in die Rippen, und machte heimlicher Weiſe die verſchiedenſten Zeichen und Bewegun⸗ gen, um die ſtreitſüchtigen Männer zu einem gegenſeitigen freund⸗ licheren Blick oder auch nur zu einem gleichgültigen Wort und Geſpräch zu veranlaſſen. Das aber war längere Zeit umſonſt, und die Drei ſaßen da wie eben ſo viele knurrige, biſſige Hunde, welche nur die Peitſche des Herrn zurückhält, über einander herzufallen. Und dieſe Peitſche war die ſcharfe und ſpitzige Zunge der Frau Schilder. „Geht, geht!“ ſagte ſie nach einer längeren Pauſe;„man muß ſich euer ſchämen. Ihr betragt euch wahrhaftig wie die Schulbuben, welche einander die Aepfel aufgegeſſen. Der Teufel auch! wir gehören zu Einer Klaſſe und ſind angewieſen, mit ein⸗ ander Frieden zu halten. Die da oben ſcheeren uns doch den Pelz, wo ſie können, und fre ſich, wenn wir uns zanken, und wün⸗ ſchen deßhalb ſo Jeden allein vornehmen zu können. Nur Einigkeit macht ſtark, und was könnten wir nicht alles ausführen, wenn wir Vier unter uns feſt zuſammen hielten! Das kann ich euch ver⸗ ſichern,“ fuhr ſie mit leiſer Stimme fort, und ſtieß den Jäger mit dem Ellbogen an,„es iſt ſonſt gegen meine Grundſätze, Je⸗ manden in's Geſicht hinein zu loben; aber der Joſeph da iſt ein ganz verfluchter Kerl, der ſich vor dem Teufel nicht fürchtet, und 56 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. der ſchon ſchöne Geſchichten beſtanden hat. Ich gebe euch mein Wort darauf, mit dem dürft ihr euch unbedingt einlaſſen.“ Dieſe ſehr empfehlende Rede hatte die Folge, daß der Jäger den Kopf ein wenig erhob und den Blick eine Sekunde lang weniger unfreundlich auf dem Geſichte des getreuen Dieners ru⸗ hen ließ. Joſeph ſah in dieſem Augenblicke ſehr harmlos, ja man könnte faſt ſagen, gerührt aus. Ihm ſchien zu Muthe zu ſein, wie einem Schulkinde, das wegen tadelloſen, ſehr ſchönen Betragens vor der ganzen Klaſſe öffentliches Lob erhält. Er zog die Achſeln ſehr in die Höhe und ſagte ſeufzend:„Es iſt traurig für unſer einen, daß wir immer mitzuleiden haben, wenn die Herrſchaft dumme Streiche macht; ja, doppelt zu leiden, denn erſtens wird man zu Hauſe ausgeſcholten und herumgepufft, und zweitens verliert man ſeinen guten Ruf und wird von angeſehenen Leuten und Chrenmännern ſcheel angeſehen, wie dies jetzt hier der Fall.“— Damit machte Pierrot eine ſprechende Handbewegung. Dieſer getreue Diener hatte bei der Rede der Frau Schilder vorhin das Für und Wider ihrer Ermahnungen bei ſich genau überlegt, und war zu dem Reſultate gelangt, daß ein Bündniß mit den beiden jungen Schoppelmann ihm für ſeine Zwecke eben⸗ falls nur nützlich ſein könnte, und daß ihm eine neue Anknüpfung an das Haus der Gemüſehändlerin bei dem Juſtizrath Werner ſehr zur Empfehlung dienen würde. Deßhalb leiſtete er auch nach einiger Zeit den Winken der Wirthin Folge und ſchob ſein Glas etwas gegen die Mitte des Tiſches hin, gewiß in der freundſchaft⸗ lichen Abſicht, mit dem Jäger und dem Fuhrmann anzuſtoßen. Doch dauerte es längere Zeit und waren viele ermahnende Püffe der Frau Schilder nothwendig, um den Fuhrmann zu vermögen, ſeine Fauſt mit dem Glaſe ebenfalls einen Zoll weit von ſich weg⸗ zuſtrecken. Nachdem dies endlich geſchehen und ſo ein erſter Anknüpfungs⸗ Gebrüder Schoppelmann mit dem Bedienten. 57 punkt gefunden war, fand ſich durch die Klugheit der Wirthin bald ein beſſeres Einverſtändniß unter den Dreien. Sie brachten Ge⸗ genſtände zur Sprache, über deren Vortrefflichkeit im Voraus Alle ſchon im Reinen waren und ſich deßhalb nicht zu zanken brauchten, wie z. B., daß unſer Nachbar, der mehr beſitzt wie wir, als eine gefundene Beute anzuſehen ſei, daß man überhaupt aus ſeiner eige⸗ nen Klugheit, wie aus dem Leichtſinn unſerer Nebenmenſchen ſtets den beſten Vortheil ziehen müſſe und dergleichen mehr. Dann ging das Geſpräch mehr in's Einzelne, und von der Frau Schilder an⸗ geregt, machte man ſich, über den Herrn Sidel bedeutend luſtig, der— wie die Wirthin mit beſonderer Betonung hervorhob— mit einer alten Jungfer aus der Nachbarſchaft ein Verhältniß an⸗ geſponnen habe.„Natürlich,“ ſetzte ſie hinzu,„dieſe alte Jungfer hat Geld, und jener Herr wird ſchon wiſſen, was er treibt.“ Während dieſer letzten Worte blinzelte der Fuhrmann dem Jäger zu und ſagte alsdann zu Joſeph:„es verſteht ſich von ſelbſt, daß alles, was wir hier ſprechen, unter uns bleibt“ Auch des Herrn Eugen Stillfried wurde nun gedacht; doch ſtießen die beiden Schoppelmann nicht geradezu Drohungen gegen ihn aus, denn um dies zu thun, trauten ſie dem Diener doch noch zu wenig. „Ja, ja, es iſt. ein charmanter Herr,“ ſagte der Jäger mit ſonderbarem Lächeln,„und unſere Familie ſollte ſich eigentlich geehrt fühlen.“ 8 „Das thut die Katharina auch,“ ſetzte der Fuhrmann hinzu; nund was uns anbetrifft, ſo können und wollen wir nicht viel machen.“— Dabei ſtieß er unter dem Tiſche ſeinen Bruder mit dem Fuße an; und der Jäger ließ ſeinen Zorn weiter aus, indem er ein großes Glas auf einmal hinunterſtürzte. die Wirthin.„Du lieber Gott, die wollen ſich anch amuſiren!— „Man muß den jungen Leuten ihr Vergnügen laſſen,“ meinte 58 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Aber es wäre doch ein großer Spaß, wenn der Herr Eugen einmal Eurer Schweſter Katharina einen heimlichen Beſuch machte!“ „Ja, das wäre allerdings ein großer Spaß,“ ſagte der Jäger, und ſein Auge funkelte ſonderbar dabei. Joſeph aber dachte:„damit wäre auch dem Iuſtizrath ge⸗ holfen und alſo mir ebenfalls. Nun, wer weiß, was ſich im Laufe der Zeit nicht noch alles begibt!“ Bald hatten die Drei ihre Quantität Wein zu ſich genommen; Joſeph mußte nach Hauſe, und die Söhne der Gemüſehändlerin brachen ebenfalls auf. Stehenden Fußes aber ſchenkte ihnen die Wirthin noch ein Glas extra⸗feinen ein, worauf das Anſtoßen noch viel beſſer und herzlicher von Statten ging. Alsdann trennten ſie ſich auch mit einer ziemlich guten Meinung von einander, und während Joſeph auf dem Heimwege dachte, die beiden Schoppelmänner ſeien zwar verfluchte Hallunken, doch recht ordentliche Kerle, ſagte dagegen der Fuhrmann zum Jäger:„der Bediente iſt freilich ein dummes Thier, aber doch nicht ſo ſchlimm, wie ich mir gedacht.“ Frau Schilder hatte ebenfalls ihre Gedanken; doch da ſie nicht laut mit ſich ſprach, ſo können wir nicht genau angeben, was ihren Geiſt bewegte; ſo viel aber wiſſen wir, daß ſie ihre Hausthüre ſchloß und in ihr oberes Zimmer hinauf ſtieg, um ein Kapitälchen von mehreren Hundert Gulden nachzuzählen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Enthält Unterredungen in der Küche gemüthlicher und wehmikthiger Art. Seitdem Madame Schoppelmann aus dem Küchenbuche des Stillfried'ſchen Hauſes als Lieferantin ausgeſtrichen worden, verſank — Gemüthliche und wehmüthige Unterredungen. 59 Martha, die Köchin, in eine gelinde Schwermuth. Sie hatte an⸗ fänglich geglaubt, hinter den Augen der Staatsräthin doch noch von der dicken Gemüſehändlerin das Nothwendigſte und Beſte beziehen zu können, und hatte auch in dieſer Richtung einen An⸗ trag an ſie geſtellt, den aber Madame Schoppelmann mit Verachtung von ſich wies.„Wenn ich Eurer Dam' nicht mehr gut genug bin und nicht mehr Eurer Frau ins Haus kommen ſoll, ſo bin ich dagegen viel zu ſtolz, um mich durch die Hinterthüre zu ſchleichen. Für Euch thut es mir leid,“ ſetzte ſie halb gerührt zur Köchin hinzu;„aber das kann ich Euch verſichern, Eure Frau oben wird noch viel darum geben und einſtens noch einmal ſehr froh darüber ſein, wenn die Frau Schoppelmann wieder kommt und ihr einen guten Tag wünſcht.— Genug davon! Euer Haus iſt ein reſpek⸗ tables Haus, das wird kein Menſch läugnen, aber es gibt noch viele dergleichen, noch recht viele ähnliche. Aber— nun, ich will mich nicht ſelbſt loben, und doch kann ich es mit Stolz ſagen— es gibt in der hieſigen Stadt nur Eine Frau Schoppelmaun.“ Und darin hatte die Gemüſehändlerinu vollkommen Recht. Die Köchin empfand dies aufs Allerſchmerzlichſte; aber auch die Staats⸗ räthin ſelbſt hatte nicht wenig unter dem Wechſel ihrer Lieferantin zu leiden. Wir können es leider nicht verſchweigen, daß die alte Dame ſeit jenem Tage lauter mangelhafte Diners bekam. Gute Fiſche kamen gar nicht mehr auf ihren Tiſch; das Geflügel, ſtatt gemäſtet zu ſein, ſah aus, als habe es krankheitshalber eine Hunger⸗ kur durchgemacht; das Gemüſe war ſchlecht und dürftig, und von neuen, feinen Gemüſen war gar keine Rede mehr. Umſonſt hatte die Staatsräthin ſchon einige Mal ſelbſt, und ſogar durch den Juſtizrath, dieſe Angelegenheit unten in der Küche ermahnend und warnend zur Sprache gebracht; umſonſt hatte ſie die Drohung ausgeſprochen, wenn ſich dieſe Geſchichten da unten nicht ändern würden, ſo ſähe ſie ſich in die Nothwendigkeit verſetzt, in ihrem Hauſe eine allgemeine Aenderung eintreten zu laſſen— Alles um⸗ 60 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ſonſt. Die Familie in der Küche hatte ſich gegen die Familie droben verſchworen, und die Familie droben mußte nachgeben, wie das ſo oft in dieſer Welt geſchieht, wenn eine geſinnungstüchtige Dienerſchaft feſt zuſammenhaltend gegen die Herrſchaft conſpirirt. „Sei Sie vernünftig!“ ſagte der Jakob zur Köchin;„laſſ' Sie es jetzt in dieſer Geſchichte genug ſein; am Ende wird Sie doch noch und wir alle mit Ihr den Kürzeren ziehen müſſen. Mach Sie beſſere Einkäufe für den Tiſch droben. Der Teufel auch! wenn ich die Staatsräthin wäre, ich hätt's ſchon lange geändert.“ „Ja, ja,“ fügte der Kutſcher hinzu(er ſaß auf ſeinem alten Platz unter der Schwarzwälderuhr und putzte ein paar Steigbügel, die ſehr roſtig geworden waren, da ſie Niemand— Gott weiß, wie viel Jahre lang!— gebraucht hatte),„ja, ja, jetzt laſſ' Sie es gut ſein, Martha. Da iſt noch eine andere Lieferantin, eine gewiſſe Frau Weber—“ „Mit der ſoll ich mich einlaſſen?“ rief die Köchin und ſchwang ihr Schlachtmeſſer mit einem entſetzlichen Blick über ein paar un⸗ ſcheinbare Hühner, wahre Jammergeſtalten, die vor ihr auf dem Tiſche lagen.„Zu dieſer Weber ſollte ich gehen?“ wiederholte ſie;„zur Todfeindin der Frau Schoppelmann? Nie!“ Martin nahm eine Priſe und machte die Schnalle an einem Steigbügel, den er geputzt, laut lachend in den Riemen.„Das Weibervolk iſt unverbeſſerlich!“ ſagte er alsdann. Und Jakob ſetzte hinzu:„Und lächerlich in ihrem Haſſe, wie in ihrer Freund⸗ ſchaft.— Ja,“ ſchloß der Kutſcher,„und hartnäckig wie alte Kutſchenpferde!“ Nanette, das Stubenmädchen, ſaß nähend in der Ecke der Küche, und da man ſie, das junge, unreife Ding von ſechsund⸗ dreißig Jahren, nicht zum Sprechen aufforderte, ſo hatte ſie auch nicht den Muth, ſich einzumiſchen. „Ja,“ rief nun wieder die Köchin laut hinaus,„es war eine brave Frau, die Schoppelmann. Aber ihr Männer habt von ſo Gemüthliche und wehmüthige Unterredungen. 61 etwas keinen Begriff. Fragt die Nanett' da hinten, wie man ſich auf die dicke Frau verlaſſen konnte. Du lieber Gott auch, wie wußte die auswendig, was ich brauchte! wie konnte ſie ſo ſchön mit mir überlegen!“ „Ja, das muß ſchon wahr ſein,“ erwiderte lachend Jakob, indem er die Gewichte der Schwarzwälderuhr richtete,„überlegt habt ihr lange genug zuſammen. Das war immer wie ne Stadt⸗ rathsſitzung.“ Martha hatte beide Arme vor ſich auf den Küchentiſch geſtützt ſchien auf die Worte Jakob's nicht zu achten und ſchaute ſchwer⸗ müthig zum Fenſter hinaus.„An den Fingern konnte ſie mir abzählen,“ ſprach ſie nach einer längeren Pauſe,„was gekocht werden mußte. Ach, ſie wußte beſſer, was geſtern auf dem Tiſche war, als ich ſelber!— Schätzchen, konnte ſie ſagen, Ihr habt erſt geſtern Forellen gehabt und kleine Erbſen mit jungen Hühnern; heute muß's was Pikanteres ſein. Spargel mit rohem Schinken, vielleicht vorher ein kleines Roaſtbeaf und hintennach meinethalben gebackene Karpfen. Es ſind vortreffliche angekommen.— So ſprach ſie, und darauf konnte man ſich verlaſſen. 3 Ach, und das Geflügel, das ſie einem lieferte! Seht euch dieſe heppigen, miſerablen Dinger hier an; und das ſind faſt die einzigen, die ich auf dem Markt bekommen habe. Oh!' iſt nicht zum Aushalten; ich werde da⸗ rüber zu Grunde gehen!“ „Ich verſichere Euch, Martha,“ nahm Jakob nach einer kleinen Pauſe das Wort,„all das Geplärr' nützt Euch gar nichts. Nun ja, ich will Euch zugeben, daß es Euch etwas ſchwerer geworden i*ſt, für den Tiſch zu ſorgen, als vorher, wo Euch ſo zu ſagen die gebratenen Tauben ins Maul geflogen ſind; aber da oben iſt ein⸗ mal befohlen worden, die Schoppelmann ſolle nicht mehr ins Haus, und Ihr ſolltet doch die Herrſchaft genugſam kennen, um zu wiſſen, daß da ein einmal gegebener Befehl nicht zurückgenommen wird, 1 4 8 me 62 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. namentlich ein Befehl, von dem wir alle wiſſen, wo er ſich herſchreibt.“ „Das iſt gerade das Traurige!“ ſeufzte die Köchin;„ach! ich weiß das wohl.“ „Nun, wenn Ihr's wißt,“ entgegnete der alte Bediente,„ſo laßt Euer dummes Zeug bleiben. Wir ſind einmal der Herrſchaft wegen da, und die Herrſchaft nicht wegen uns. Glaubt mir, es thut nicht lange mehr gut. Er macht überhaupt ſchon ſo merk⸗ würdige Augen an uns alle hin, ich erwarte jeden Tag ein großes Gewitter, das uns allen zuſammen auf die Köpfe ſchlagen wird.“ „Ja, ja,“ meinte Martin,„es iſt nicht ganz geheuer mehr. Hat Er nicht neulich geſagt: Martin, Eure Pferde werden alt, die wird man doch nächſtens abſchaffen müſſen! Und als ich darauf entgegnete: Herr Juſtizrath, ſo alte, ſichere Pferde ſind beſſer als die jungen, namentlich für eine Dame, wie die gnädige Frau, die einfach und ſolid gefahren ſein will, und, Herr Iuſtizrath, ich trenne mich nicht von meinen Pferden—“ „Nun, was gab er da zur Antwort?“ fragte der Bediente. „Da gab er mir alſo zur Antwort: Dann iſt es beſſer, wenn ihr alle drei geht.“ Hier ſtieß die Köchin, die ſich abgewandt hatte, einen tiefen Seufzer aus, und eines jener unglücklichen Hühner fiel von ihrer mordgierigen Hand. „Ihr wißt,“ fuhr der Kutſcher fort,„daß ich auf dem rechten Ohr nicht gut höre, deſto beſſer dagegen auf dem linken. Wenn ich mich nun ſo recht ſchief vorn auf den Bock hinſetze, und wenn ich hören will, was ſie in der Caleſche ſprechen, ſo entgeht mir keine Sylbe; und da war denn geſtern über uns von allerlei die Rede, von Widerſpenſtigkeit und ſträflichem Zuſämmenhalt, und wie das nicht mehr länger ſo fortgehen könne und man ein Ende machen wolle, und dergleichen mehr. Auch wurde weiter von einer Reiſe geſprochen, und daß man das Haus hier zuſchließen könne. Das alles hörte ich, während wir draußen auf der Chauſſee fuh⸗ ren; dann aber kamen wir auf's Pflaſter, und da rappelte der Wagen ſo, daß ich keine Sylbe weiter verſtand.“ „Ja, ja,“ ſagte der Bediente kopfſchüttelnd;„dergleichen hat er wohl vor; und es wird hernach wohl ſo weit kommen, was aber ein großes Unglück wäre— nicht für uns, aber für dieſe anſtändige Familie. Hier kann er eigentlich nicht viel machen; aber wenn er die gnädige Frau in einer anderen Stadt allein unter die Hand bekommt, da kann Niemand mehr helfen, und da geht das ſchöne Vermögen hinaus wie der Wind.“— Bei dieſen Worten ließ der alte Diener den Kopf auf die Bruſt ſinken und verfiel in tiefes Nachdenken. Auch das zweite Huhn ließ jetzt ſein junges Leben. Die ganze Dienerſchaft in der Küche war in dieſem Augen⸗ blicke dergeſtalt mit ihren Gedanken beſchäftigt, daß Keines ver⸗ nahm, wie die große Hausthüre, welche ausnahmsweiſe heute Morgen nur angelehnt war, langſam geöffnet und wieder ver⸗ ſchloſſen wurde. „So,“ ſprach Martin, der Kutſcher,„jetzt ſind meine Bügel wieder blank geputzt, jetzt können ſie nichts Beſſeres thun, als wie⸗ der nach und nach roſtig werden.“ „Dann bleibt Ihr auch in der Uebung,“ ſagte Jakob,„mit dem Putzen nämlich.“ „Ach, ich putzte meine Eiſen ſelbſt ſehr gern,“ entgegnete der Kutſcher,„wenn es nur einen vernünftigen Grund hätte. Aber ſie ſind nichts in dem Hauſe hier; ich verſichere Euch, ein Kutſcher wie ich, der muß hier ganz verſauern. Da in kurzem Trab die Caleſche herumfahren, das iſt ein ekelhaftes Geſchäft; ich weiß gar nicht mehr, wie es einem zu Muthe iſt mit zwei Pferden in der Hand, die einem etwas zu ſchaffen machen, die in die Zügel hineingehen und die man ein Bischen zu halten hat⸗— Pfui Teufel! Da ſind meine beiden Braunen; die waͤren heute noch Gemüthliche und wehmüthige Unterredungen. 63 — — —— — — 3 64 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ſchneidig, wie das Donnerwetter; aber die ſind von dem ewigen Schrittfahren ganz roſtig geworden. Nein, ich verſichere Euch, ich werde mich nächſtens an eine Droſchke vermiethen.“ „Und ich mich an ein Speiſehaus, wo man für ſechs Kreuzer kocht,“ ſagte ingrimmig die Köchin. „Ja, wir kämen noch durch die Welt,“ meinte der alte Jakob; „aber was fangen wir mit der Nanett' da hinten an? So ein junges Ding kann nicht für ſich allein ſorgen.“ „Ja, ja, ſehr verwöhnt iſt ſie hier in dem Hauſe geworden,“ meinte Martha. 3 „Vor allen Dingen,“ ſetzte Jakob hinzu,„müßte man dem Kind eine gute Anſtellung verſchaffen.“ Der Kutſcher hielt ſeine beiden Steigbügel in die Höhe und ließ ſie in dem Lichte, das ſchräg zur Küchenthüre herein fiel, fun⸗ keln; dann ließ er ſie zuſammenklingeln, und dabei verzog ſich ſein Geſicht zu einem trüben, melancholiſchen Lächeln.„Was könnte das Haus ſein!“ ſagte er dann nach einer Weile;„ſechs Pferde im Stall wäre eine Kleinigkeit, darunter ein paar famoſe Reit⸗ pferde, und die ſchönen alten Sättel darauf, die wir haben, und hier die Steigbügel daran. O, es iſt ſehr traurig! Warum iſt doch der junge Herr nicht bei uns geblieben! Da wär's ſchon ein anderes Leben, und ich führte ihm ſeinen ſchönen Rappen heraus und hielt ihm ſo den Bügel.— Ah!“ „Ja, das wäre ſchön,“ meinte dann die Köchin,„und dann gäbe es Einladungen und große Diners.“ „. Auch vielleicht Bälle,“ ſetzte Nanktte, das Kind, hinzu. „Nicht ſo übel,“ ſprach Jakob;„und das Silberzeug käme dann wieder aus ſeinem Gefängniß heraus. Freilich, freilich, hier in dem Hauſe könnte Vieles anders ſein, und ich habe immer die Hoffnung, daß es noch einmal an ders wird. Man muß an nichts verzweifeln; alles das kann noch einmal wieder gut werden.“ „Dazu ſage ich Amen!“ ließ ſich jetzt plötzlich eine Stimme Gemüthliche und wehmüthige Unterredungen. 65 hinter der Küchenthüre vernehmen; und wenn dieſe Einmiſchung in ihr vertrauliches Geſpräch die Dienerſchaft an und für ſich ſchon bedeutend aufſchreckte, ſo war ihre Beſtürzung, ihr Erſtaunen, ihre Verwunderung noch ungleich größer, ja, gar nicht zu beſchreiben, als ſie nun aufblickten und den erkannten, der ihnen dieſes Amen zugerufen. Hinter der Küchenthüre ſtand nämlich Niemand anders, als der junge Herr Eugen Stillfried, der die Gruppe vor ſich lächelnd betrachtete. Die allgemeine Aufregung, die nun bei dieſen guten Leuten einer momentanen Erſtarrung folgte, war ebenſo ergötzlich als rührend. Martha half ſich mit dem Hauptattribut ihres Ge⸗ ſchlechts, der Schürze nämlich, aus der Verlegenheit heraus und in die Rührung hinein, indem ſie einige wirkliche Thränen abtrock⸗ nete. Martin, der Kutſcher, der ſchon glaubte, die Zeiten haben ſich nach ſeinen Phantaſieen umgeändert, wollte ein kräftiges Hur⸗ rah! ausſtoßen, doch verſchloß ihm die Hand Jakob's, des Ru⸗ higſten und Bedächtigſten von Allen, den Mund; auch war dieſer Letztere der Einzige, der den ſo unerwartet Eingetretenen bewill⸗ kommte und begrüßte. Nicht als ob Jakob in dieſem außeror⸗ dentlichen Momente nicht ebenfalls ergriffen geweſen wäre; ſeine Stimme zitterte, als er den jungen Herrn begrüßte, und ſeine Augen hatten einen ſeltſamen Glauz. Eugen reichte jedem der Anweſenden die Hand, ſogar das kindliche Stubenmädchen ging hiebei nicht leer aus; und da die⸗ ſelbe von der alten Martha, welche in Einem fort Thränen der Rührung weinte, mit angeſteckt wurde, ſo verhüllte ſie ebenfalls ihr Geſicht, ſo daß ſich Martin am Ende auch nicht mehr hälten konnte, ſein breites Maul grinſend zu verziehen. Kurz, es war eine Scene des conſervativ⸗legitimſten Entzückens. „Ich freue mich in der That ſehr,“ ſagte Eugen nach einer Pauſe,„daß Ihr meiner noch zu gedenken ſcheint, Was mich Hackländers Werke. XI. 5 1 eee Sechsundzwanzigſtes Kapitel. anbetrifft, ſo habe auch ich wahrhaftig Keines von Euch ver⸗ geſſen.“ „Und jetzt bleiben Sie wieder bei uns?“ ſchluchzte die Köchin; „ach, das wären Freudentage für uns alle!“— Bei dieſen Worten ſchauten die anderen alle auf den jungen Herrn des Hauſes. „Hiezu kann ich leider nicht Ja ſagen,“ entgegnete dieſer; „ich will nicht geradezu glauben, daß es eine Unmöglichkeit ſei, aber— nun, vorderhand bin ich wenigſtens daher gekommen, um meine Muter zu ſprechen. „Ah!“ rief Jakob mit freudeſtrahlendem Geſicht. „Und was meinſt du nun?“ fuhr Eugen zu dem alten Diener gewendet fort,„willſt du mich bei der Madame melden? oder ſoll ich ſo ohne Weiteres zu ihr hinaufgehen?“ Jakob zuckte die Achſeln und ſann einen Augenblick nach. „Das iſt wahrhaftig ſchwer zu ſagen,“ meinte er nach einer Weile; „die gnädige Frau werden mit jedem Tage verdrießlicher und ab⸗ ſtoßender; mein Rath wäre, daß Sie geraden Weges hinauf gin⸗ gen und zu ihr in das Zimmer träten; denn, wenn ich Sie vorher anmelde, ſo muß ich leider geſtehen, daß ich im Voraus überzeugt bin, ſie wird Sie unter keiner Bedingung empfangen.“ „Das iſt ſehr traurig,“ verſetzte Eugen, und ein Schatten flog über ſeine hellen, freundlichen Züge. Doch tilgte er ihn mit der Hand hinweg und ſagte leiſe ſeufzend:„nun, ich konnte das im Grunde nicht anders erwarten, hab's mir auch ſelber gedacht, und ich glaube, du haſt Recht. Gehen wir hinauf und verſuchen wir in Gottes Namen unſer Heil!— Euch,“ wandte er ſich an die Uebrigen,„ſehe ich ſpäter ſchon wieder; und ich habe mich recht ſehr gefreut, wie ich bemerkt, daß es Euch wohl geht.“ Martha ſowie der Kutſcher konnten ſich nicht enthalten, ihren jungen Herrn bis an die Treppe zu begleiten, und als er hinauf⸗ ſtieg, ſetzte ſich die Köchin, die alte Perſon, auf die unterſte Stufe der Treppe und weinte bitterlich. Ja, ſie hatte das Haus noch in 2 Gemüthliche und wehmüthige Unterredungen. 67 ſeinem Glanze gekannt, ſie wußte ſich noch des Tages zu erinnern, wo Eugen geboren wurde, ſie hatte ſo zu ſagen ſeinen erſten Schrei gehört und hatte den erſten Milchbrei für ihn gekocht. Das alles ging jetzt an ihrem Geiſte vorüber und ſtimmte ſie un⸗ endlich traurig. Martin meinte dagegen, es ſei mit den Weibsleuten, wenn ſie einmal in's Weinen hineingerathen, gar kein vernünftiges Wort zu ſprechen, und ging deßhalb in den Stall zu ſeinen Pferden. Doch war er ebenfalls recht wehmüthig geſtimmt, und als er in der Geſchirrkammer den Sattel ſah, auf welchem der kleine Eugen damals auf dem kleinen Boni geritten, ſo wurde ihm ebenfalls gar ſonderbar zu Muthe, und er konnte ſeine Ruhe nur dadurch be⸗ wahren, daß er mit lauter Stimme anfing zu ſingen: Nichts Schön'res gibt's auf Erden doch Als wie ein Kutſcher zu ſein. Und erſt, nachdem er dieſes berühmte Lied, das Verſe hat, zweimal durchgeſungen, Muth, und er fühlte ſich heiter. vierundzwanzig ward ihm wieder wohler zu Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Ein Geſpraͤch zwiſchen Mutter und Sohn, in Folge deſſen der Letztere gute Börſätze faßt, die aber leider nicht zur Ausführung kommen. Droben in ihrem Zimmer ſaß die Staatsräthin in der Fenſter⸗ niſche, wie gewöhnlich, ſie hatte vor ſich auf dem Tiſche ein kleines Schreibpult ſtehen und ſchien emſig mit einem Briefe beſchäftigt zu ſein, denn ſie ſchrieb eifrig und in Einem fort und ſchaute nicht — -—y— 68 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. einmal in die Höhe, als die Thüre des Zimmers langſam geöffnet und ebenſo wieder geſchloſſen wurde. „Es iſt Jakob,“ dachte ſie,„der Zeitungen oder Bücher, die eben angekommen, in das Zimmer bringt.“— Das kam des Mor⸗ gens häufig vor. Die Thüre, die ſich vorhin geöffnet und geſchloſſen, befand ſich faſt in ihrem Rücken, und ſie hätte ſich beinahe ganz herumdrehen müſſen, um nach dem Bedienten zu ſchauen. Darum blieb ſie ruhig bei ihrer Beſchäftigung. Nach einigen Augenblicken aber hörte ſie, daß der, welcher eben ins Zimmer gekommen, nicht wieder fortgegangen war, ſondern ſie vernahm leichte Schritte, die ſich ihrem Sitze näherten. Sie blickte auf. Im erſten Augenblicke fuhr ſie mit der Hand über die Augen, als glaube ſie falſch zu ſehen und als wolle ſie ein ſeltſames Traumbild verſcheuchen, das ſich unerwartet ihrem Blicke zeigte. Als aber dieſes Bild nicht verſchwand, als die Staatsräthin ihren Sohn erkannte, der, ſie ehrerbietig grüßend, näher trat, da ſprang ſie von ihrem Seſſel in die Höhe, drückte ſich, wie vor etwas Ent⸗ ſetzlichem, Fürchterlichem, in die Ecke der Fenſtervertiefung, und ſtreckte nun, unfähig ein Wort zu ſprechen, ihrem Sohne wie ab⸗ wehrend die rechte Hand entgegen. Eugen blieb augenblicklich ſtehen und ſchaute die Mutter ruhig, aber gefaßt an. Ein flammendes Roth übergoß die ſonſt ſo bleichen Züge der alten Dame; ſie faßte mit der linken Hand krampfhaft die Lehne des Seſſels, während ſie mit der Rechten, die ſie hoch emporhielt, mehrere Male und heftig ihr Zeichen wiederholte, welches deutlich ausdrückte, ihr Sohn ſolle ſich augenblicklich eutfernen. Eugen aber blieb ruhig vor der Mutter ſtehen, nicht trotzig, nicht herausfordernd, wohl aber mit einem tiefen Schmerz in den Zügen. Er preßte ſeine Unterlippe feſt zwiſchen die Zähne und fühlte, wie in ſeinem Herzen ein tiefes Weh aufſtieg, als die eigene Geſpräch zwiſchen Mutter und Sohn. 69 Mutter ſich ſo vor ſeinem Anblicke, wie vor dem eines Geſpenſtes, entſetzte. Er mochte wollen oder nicht— aber es funkelte ſonder⸗ bar in ſeinem Auge.— So ſchlimm hatte er es nicht erwartet, und ebenſoſehr, wie ihn dieſe Begrüßung ſchmerzte, ſo noch mehr der Anblick der Mutter ſelbſt; denn er fand ſie ſehr verändert in den letzten Jahren, ſeit er ſie nicht mehr geſehen. So ſtanden ſie einige Sekunden lang einander gegenüber, Mutter und Sohn; und der letztere, in dem Glauben, daß hier gar nichts zu machen ſei, wollte ſich langſam zurückziehen und machte ſchon eine halbe Wendung nach der Thüre zu, da ließ die alte Dame ihre hoch erhobene rechte Hand langſam niederſinken, ihre Züge verloren die unnatürliche Härte von vorhin, und ſie ſprach nach einer Pauſe mit leiſer, aber feſter Stimme:„Was haſt du bei mir gewollt?“ „Gott ſei gedankt!“ dachte Eugen,„ſo bin ich doch vielleicht nicht umſonſt gekommen.“ Und er wandte ſich ebenfalls ſeiner Mutter zu. „Es iſt unendlich traurig,“ ſagte er nach einer kleinen Weile, „daß wir Beide in Verhältniſſen leben, welche eine ſolche Frage erlauben. Sie fragen mich, was ich gewollt? Vor allen Dingen alſo— trieb es mich an, Sie einmal wieder zu ſehen, wieder ein⸗ mal Ihre Stimme zu hören.“ „Dieſer Antrieb muß ſehr ſchwach geweſen ſein,“ entgegnete die Staatsräthin; und obgleich ihre Züge wieder vollkommen ruhig geworden waren, ſo ſchienen ſie doch hart und entſchloſſen. „Allerdings ſind es ein paar Jahre,“ verſetzte der Sohn,„ſeit ich dieſes Haus, Ihr Haus, das Haus meines Vaters, die Stätte, wo ich geboren ward, nicht mehr betreten. Ich kann Sie dagegen verſichern, daß ich die Art und Weiſe, wie ich gezwungen wurde, das Haus meiner Kindheit zu verlaſſen, gewiß nicht vergaß; und da ich mich jenes Tages noch ſehr gut erinnere, und doch wieder heute in dieſem Zimmer ſtehe, möge Ihnen dies als Beweis dienen, — — 70 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. ob der Antrieb, Sie, meine Mutter, wieder zu ſehen, ſchwach oder ſtark zu nennen iſt.“ „So iſt dein Wunſch alſo erfüllt worden,“ ſagte ernſt und kalt die alte Dame,„du haſt dich an meinem Anblick— erfreut—“ „Und du kannſt nun gehen, wollen Sie hinzuſetzen,“ fiel ihr Eugen mit bewegter Stimme ins Wort,„aber da ich Sie geſehen, da ich Sie ſo wieder geſehen, möchte ich— wenn ſie mich anders nicht gewaltſam fortſchicken— noch einige Augenblicke da bleiben.“ „Du haſt vielleicht Geſchäftsſachen?“ fragte nach einer Pauſe die Staatsräthin und ließ ſich langſam in ihren Seſſel nieder. „Wenn dem ſo iſt, ſo muß ich wohl einen Augenblick anhören, was du willſt.“ „Geſchäftsſachen ſind es nicht,“ entgegnete Eugen bitter lächelnd. „Was dergleichen anbelangt, ſo bin ich ſeit langer Zeit gewohnt, mit der von Ihnen aufgeſtellten— Mittelsperſon zu verkehren.“ „Es iſt ſo,“ ſagte ruhig die alte Dame. „Nein, Mama,“ antwortete Eugen mit zitternder Stimme,„ich geſtehe Ihnen offen, ich bin einfach in der Abſicht hieher gekommen, Sie wieder einmal zu ſehen, wieder einmal Ihre Stimme zu hören, ſelbſt wenn dieſe Stimme mir harte unangenehme Worte ſagt. Ich habe das befürchtet.“. „Und nicht mit Unrecht,“ entgegnete die Staatsräthin und wiſchte ſich die Stirn mit ihrem Schnupftuche.„Haſt du etwas Anderes erwarten können? Wie die Saat, ſo die Ernte!“ „Ich habe nicht geſäet, Mama,“ entgegnete ruhig der Sohn, „ich habe, um mich Ihres Wortes zu bedienen, nur geerntet— eine traurige Saat eingebracht, die Andere dem Boden anvertraut. Ja, Andere, Mama, oder— um kein Unrecht auszuſprechen, nur Ein Anderer, ein einziger Menſch, der durch dieſe Ausſaat zwiſchen die Mutter und den Sohn getreten iſt.⸗ „Das iſt die alte Geſchichte,“ ſprach achſelzuckend die Staats⸗ räthin. Geſpräch zwiſchen Mutter und Sohn. 71 „Allerdings die alte Geſchichte,“ entgegnete Eugen;„aber ich kann es nun einmal nicht laſſen, den letzten Verſuch zu machen, ob es denn nicht möglich iſt, jenes finſtere Weſen zu verdrängen, das zwiſchen Ihnen und der Sonne ſteht und ferner zwiſchen mir und Ihnen.—— Ich wünſchte aufrichtig eine Ausſöhnung, Mama,“ fuhr Eugen nach einer Pauſe fort;„es iſt das ein trauriges Ver⸗ hältniß zwiſchen uns Beiden.“ „Das weiß Gott im hohen Himmel!“ antwortete die Staats⸗ räthin, und zum erſten Mal erweichten ſich ihre harten Züge.— „Nun denn,“ fuhr ſie nach einigen Augenblicken fort,„du haſt ja das Mittel zu dieſer Ausſöhnung, nach der du, wie du ſagſt, ſo eifrig verlangſt, in deiner Hand.“ „Ich nicht, bei Gott nicht!“ ſagte Eugen;„ich kann Geſche⸗ henes nicht ungeſchehen machen, und kann und will nicht vergeſſen, was geſchehen iſt. Mama, ich bin kein Kind mehr; Sie können mit mir Alles aufrichtig und ruhig beſprechen; ich will Sie gedul⸗ dig anhören. Sie haben es noch nie für gut befunden, mir die Gründe auseinanderzuſetzen, weßhalb Sie mich— verſtießen, weß⸗ halb Sie mit mir, dem einzigen Sohne, in Feindſchaft leben, weß⸗ halb Sie mich fallen ließen, und weßhalb Sie denn eigentlich nicht von Jenem laſſen können. Mama, ich habe jetzt auch Manches in der Welt erfahren; denken Sie, es ſei nicht der Sohn, der mit Ihnen ſpricht, denken Sie meinetwegen, es ſei ein gutmeinender Freund, der vor Ihnen ſteht; denn gewiß, Mama, es gibt wohl Niemanden auf der ganzen Welt, der Ihnen ſo zugethan iſt, wie ich, der ſo voll Ehrerbietung zu Ihnen aufſchaut, der Sie ſo gern und ſo innig lieben möchte.“ Der junge Mann war bei dieſen letzten Worten dem kleinen Fauteuil nahe getreten, in welchem die Mutter lag, ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckend.. „Erinnern Sie ſich noch,“ fuhr Eugen fort,„jener letzten traurigen Unterredung, wo man Alles von mir verlangte, ohne mir —- 72 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. zu ſagen: bringe dieſes oder jenes Opfer für deine Mutter, thu es aus dieſen oder jenen Gründen. Man verlangte das wichtigſte Vermächtniß meines ſeligen Vaters, jene Papiere, die er an ſeinem letzten Lebeustage verſiegelt. Gib ſie her! ſagten Sie zu mir. und weßhalb?— Um jenem— Menſchen gefällig zu ſein.—— Aber ihm will ich nicht gefällig ſein; wenn ich auch für Sie jedes Opfer zu bringen im Stande wäre, für ihn nicht das Geringſte, nicht die Spitze meines Nagels, um ihn vom Verderben zu retten.“ Die Staatsräthin ließ ihren Kopf tief auf die Bruſt herab⸗ ſinken; ſie drückte ihr Schnupftuch feſt auf die Augen, und man merkte an ihrem heftigen Athemholen, daß ſie tief bewegt war, daß ſie weinte. „Warum ſprachen Sie damals nicht offen mit mir,“ fuhr der Sohn fort,„wenn Sie wichtige Gründe hatten zu einer— Ver⸗ bindung mit Jenem? Warum vertrauten Sie Ihrem Kinde nicht? — Aber es waren keine vorhanden, Mama, als nur bei Jenem der Grund der Selbſtſucht, der Habgier und die Luſt, mir die Fauſt auf den Kopf zu drücken.“ Bei dieſen letzten Worten blickte die alte Dame in die Höhe und ſah ihren Sohn mit dem Ausdruck des Schreckens und der Verwunderung an. Sie fuhr mit der Hand über die Augen und drückte die Thränen aus denſelben fort.„Du haſt auch,“ ſagte ſie darauf mit tonloſer Stimme, jene Papiere durchgeſehen und geleſen?“ „Jenes verſiegelte Paket, das mir auf Befehl meines Vaters übergeben wurde?“ fragte Eugen. Die Staatsräthin nickte mit dem Kopfe. „Nie, Mama!“ verſetzte der Sohn mit feſter Stimme;„ich habe nie einen Blick hineingeworfen. Verſiegelt, wie man mir es gab, iſt es heute noch.“ Verwundert ſtützte die alte Dame ihre beiden Hände auf den Geſpräch zwiſchen Mutter und Sohn. 73 Lehnſtuhl und richtete ſich empor.„Du haſt nie dieſe Briefe durchgeleſen?“ fragte ſie mit zitternder Stimme. Eugen ſchüttelte mit dem Kopfe. „O, das iſt ſchrecklich!“ „Mir graute vor dieſen Briefen; ich weiß nichts von ihrem Inhalte.“ „O, das iſt ganz entſetzlich!“ entgegnete die Mutter und ver⸗ ſank in ihre vorige Stellung, beide Hände vor dem Geſicht, und verlor ſich in tiefes Nachſinnen. „Wenn mir jene Papiere und Briefe Aufklärung geben ſollten, Mama, und ich in Folge derſelben meine Einwilligung zu Ihrer zweiten Verbindung, ſo werden Sie ſelbſt einſehen, daß ich in meinem Rechte war, jene Bewilligung nicht zu geben, da mir, bei Gott im Himmel, kein hinreichender Grund hiezu vorhanden ſchien, und da, wie Sie wohl wiſſen, der letzte Wille meines ſterbenden Vaters mich geradezu beauftragte, energiſch gegen jenen Herrn aufzutreten.“ „Es iſt da keine Hoffnung,“ ſagte nach längerem Stillſchwei⸗ gen die Staatsräthin mit ſo leiſer Stimme, daß man ihre Worte kaum verſtand;„keine, keine Hoffnung!“— Sie ließ ihre Hände auf die Lehne des Stuhles ſinken und blickte, mit einem gänzlich troſtloſen Ausdruck in ihren Zügen, zum Fenſter hinaus. Eugen ergriff eine ihrer Hände und drückte dieſelbe, ohne daß ſie widerſtrebt hätte, an ſeine Lippen.„Wenn da alſo keine Ver⸗ einbarung möglich iſt, liebe Mutter, warum wenden Sie ſich denn nicht Ihrem einzigen Sohne zu, der ſo gern mit Ihnen leben und Sie lieben und verehren möchte, wie es ſeine Pflicht iſt?— Mama!“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„Sie denken doch jetzt gewiß anders, als vor langen Jahren; verzeihen Sie mein freies Wort; aber was zieht Sie denn ſo unwiderſtehlich zu jenem finſtern Menſchen hin, zu ihm, einem Dämon, der den Frieden unſeres Hauſes zerrüttet — wenn er nicht noch Schlimmeres gethan?“ 74 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Ach!“ ſtöhnte die Mutter aus tiefſter Bruſt und verbarg ſchaudernd abermals ihr Geſicht in beide Hände. „Löſen Sie jenes Verhältniß,“ fuhr Eugen ermuthigt fort, „nehmen Sie mich wieder in Ihr Herz auf; glauben Sie, Mama, ich werde Sie beſchützen, ich werde mit unendlicher Liebe von Ihnen fern halten jeden rauhen Luftzug dieſes Lebens. Trennen Sie ſich von ihm!“ „Es iſt unmöglich!“ entgegnete die Dame mit tiefer Stimme. „Gewiß nicht, Mama, den Lebenden iſt Alles möglich. Tren⸗ nen Sie ſich von ihm!“ „Ich kann nicht!“ „Warum nicht, Mutter?“ ſagte Eugen und ſchaute beſorgt in die leichenblaſſen Züge, in den erloſchenen Blick, mit welchem ihn die alte Dame jetzt anſtarrte. „O, hätteſt du jene Papiere doch baeße. Waruie Mama?“ „O, hätteſt du ſie geleſen!“ antwortete die alte Dame mit tonloſer Stimme und ſtarrte mit ſtierem Auge ins Weite hinaus. „Ich verſtehe Sie in der That nicht,“ ſagte Eugen mehr und mehr erſtaunt,„Sie ſprechen in Räthſeln zu mir. Ich beſchwöre Sie um Gottes willen, Mama, weßhalb iſt dieſer finſtere Menſch unzertrennlich von unſerem Hauſe?“. Aus tiefſter Bruſt ſeufzte die alte Dame, und dieſer Schmer⸗ zenslaut ſchien ihre Gedanken, die ſich weithin verloren, wieder zu ſammeln und zurückzubringen. „Sie erſchrecken mich in der That, Mama,“ ſprach der junge Mann;„ſagen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben, das Sie ſo entſetzlich beunruhigt!“ Sie ſenkte das Haupt tief auf die Bruſt Herabe entzog ihre Hand leicht dem Sohne und ſagte mit kaum vernehmlicher Stimme: „Eugen— du haſt eine Schweſter!——“⸗ 5 Geſpräch zwiſchen Mutter und Sohn. 75⁵ „Ah! Mama!“ rief der junge Mann erſchrocken und machte einen Schritt rückwärts;„ich habe eine Schweſter!—“ „Ja, ein armes unglückliches Mädchen, ſo lieb und unſchul⸗ dig! Ein armes, armes Kind!“ „Wache ich denn oder träume ich?“ entgegnete Eugen und fuhr mit der Hand über ſein Geſicht. Und das, was Sie mir ſo eben ſagen, hätte ich auch in jenen Papieren gefunden, und das— ſind Ihre Gründe für die Verbindung mit jenem Menſchen? O Gott im Himmel, das iſt ganz ſchrecklich!“ „Es iſt ſo, mein Sohn,“ ſagte die alte Dame jetzt wieder mit feſter, ruhiger Stimme, und trocknete leicht die Thränen aus ihren Augen.„Es iſt ſo, du weißt Alles.“ „Das heißt, Mutter, ich ahne Alles,“ entgegnete der junge Mann mit finſterem Blick und ballte krampfhaft ſeine rechte Hand. „Aber obgleich mir Manches aus der Familiengeſchichte dieſes Hauſes unklar blieb, wenn es mich auch unheimlich und geſpenſter⸗ haft umgab, das, Mutter, hätte ich nie erwartet. Wenn ich das in jenen Papieren damals geleſen hätte, ſo wäre meine Antwort dieſelbe geweſen, wie ſie es heute iſt:„„möge er und Sie zu Grunde gehen!““ „Eugen!“ rief die Staatsräthin erſchrocken und ſah ihren Sohn mit weit aufgeriſſenen Augen an, während ſie ſich feſt auf die Lehne ihres Fautenils ſtützte.„Eugen, das ſagſt du mir?“ „Ich wollte, ich könnte es ihm ſagen,“ entgegnete grollend der Sohn.„Aber es wird die Zeit kommen, wo ich Rache an ihm nehme für den Vater und— für dieſe Schweſter.“ „Für deine Schweſter!“ „Leider, Mama!“ „Für ein armes, verlaſſenes Kind!“ „Arm und verlaſſen, Mama, ſoll ſie nicht ſein. In dem Punkte will ich für— dieſe Schweſter thun, was ich kann.“ „Ein unglückliches Geſchöpf ohne Namen!“ 76 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Eugen zuckte die Achſeln, dann ſchlug er die Arme überein⸗ ander und ſah die Mutter einige Minuten mit unverwandtem Blicke an. Sie ſuchte mit zitternden Händen, wahrſcheinlich ohne Ab⸗ ſicht, unter den Papieren auf ihrem Tiſche, und ſeine Augen folg⸗ ten dieſen Bewegungen. Sie mochte den feſten Blick ihres Sohnes nicht ertragen. „Ich kam hieher, Mama,“ ſagte dieſer nach einer Panſe,„um Ihnen in jeder Hinſicht die Hand zur Verſöhnung zu bieten; ich dachte, Sie ſeien ruhiger geworden, als ich es ward. Da tritt das Wort, das Sie ſo eben geſprochen, wieder wie ein Geſpenſt zwiſchen uns und wirft mich weit von Ihnen zurück.“ „Das iſt um ſo ſchrecklicher, Eugen,“ ſprach die alte Dame, „da ich deiner Hülfe heute noch wie damals dringend bedarf, da ich mich mehr darnach ſehne, als je.“ „Wie ſo?“ fragte der junge Mann,„dächten Sie wirklich heute noch an jene Verbindung?“ „Gewiß nicht, mein Sohn,“ entgegnete die Mutter und ſtreckte, wie ſchaudernd, ihre Hand weit von ſich ab;„gewiß nicht, Eugen, aber ich flehe deine Hülfe an für jenes arme verlaſſene Mädchen, für deine Schweſter, Eugen, die ja ſo unſchuldig an all dieſem Unglück iſt.“ „Und ich?“ fragte Eugen.„Habe ich all' das Unglück durch meine Schuld herbeigerufen?“ „Nein, du nicht, mein Kind, du gewiß nicht, mein Eugen,“ erwiderte die alte Dame, wie in großer Angſt. Ich fühle es jetzt, ich habe dich verkannt. Aber um Gottes Barmherzigkeit willen bitte ich dich, laß dieſe für mich ſo ſchmerzliche Unterredung nicht ohne gute Folgen bleiben; reiche deiner Mutter rettend die Hand⸗ ziehe mich empor aus meinem Elend!“ „Was kann ich für Sie thun?“ fragte ernſt der junge Mann. „Wie kann ich Ihnen helfen, ohne gegen den letzten Willen meines 2 Geſpräch zwiſchen Mutter und Sohn. 77 Vaters zu freveln? Sie wiſſen ſo gut wie ich ſein ausdrückliches Verbot, jene Papiere aus meinen Händen zu geben.“ „Das ſollſt du ja auch nicht thun,“ entgegnete die Mutter. „O, mein Kind! das hat ſich ja alles, alles geändert! Ich ver⸗ lange ja nichts für mich, noch viel weniger für ihn; nur für ſie, für das arme Mädchen, deine Schweſter.“ „Wohlan!“ ſagte der junge Mann,„ſprechen Sie offen. Was ſoll, was kann ich thun?“ „So öffne jenes verhängnißvolle Paket,“ erwiderte die alte Dame mit leiſer, unſicherer Stimme und geſenktem Blick;„öffne es, und wenn du die Schriften, die du dort verſchiedenartig ver⸗ zeichnet finden wirſt, nicht durchleſen willſt, ſo wird dir deine Mutter dafür danken. Eines wirſt du aber dazwiſchen finden, doppelt verſiegelt, ſowohl von der Hand deines Vaters, wie auch mit einem fremden Siegel. Es trägt die Aufſchrift:„Erklärungen zwiſchen Sophie und mir.“ Dies nimm heraus und bringe es hieher.— Nur hieher in dieſes Zimmer,“ fuhr die Staatsräthin fort, als ſie ſah, daß ihr Sohn Einwendungen machen wollte. „Du kannſt das mit freiem Gewiſſen thun. Denn dir wurde nur der Auftrag ertheilt, eine— Verbindung zu verhindern und jene Papiere nicht aus deinen Händen zu geben.“ „Und was ſoll mit den beſonders verſiegelten Schriften ge⸗ ſchehen, wenn ich ſie hieher bringe? Was können ſie Ihnen denn nützen, wenn ich ſie nicht in Ihre Hände gebe?“ „Das verlange ich gewiß nicht von dir,“ antwortete die Staats⸗ räthin,„du ſollſt dieſe Papiere nur hieher bringen, um ſie vor meinen Augen zu verbrennen.“ 8 4 „Ah, Mama!“ ſagte Eugen mit einem ſchmerzlichen Lächeln, „das iſt ziemlich gleichbedeutend; und wenn jene Schriften ver⸗ brannt ſind, ſo hat er natürlich freie Hand, zu thun, was er will.“ „Eugen!“ ſprach feierlich die alte Dame und hob wie be⸗ ſchwörend die rechte Hand gen Himmel;„bei dem allmächtigen 8 ᷣ 78 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Gott, auf deſſen Verzeihung ich ſehnſuchtsvoll hoffe, bei allem, was mir heilig iſt, ſchwöre ich dir, die Papiere, welche du vernichten ſollſt, ſtehen in keiner Beziehung zu ihm.“ „Aber zu— der Tochter.“ „Ja, das will ich dir nicht verſchweigen,“ antwortete die alte Dame,„durch die Vernichtung jener Schriften treten andere Papiere, die in meinen Händen ſind, in Kraft, und ſie iſt von dieſem Augenblicke an deine rechtmäßige Schweſter.— Willſt du ſie auf⸗ nehmen, Eugen? Willſt du dieſes arme Kind an dein Herz ziehen? Willſt du die letzten Lebenstage deiner unglücklichen Mutter ver⸗ ſüßen? Willſt du es thun?— Gottes reiche Gnade und der Segen deiner Mutter ſoll dich dafür belohnen.“ „Das iſt es alſo?“ ſagte der junge Mann, wie aus tiefen Träumen auffahrend, obgleich er keine Sylbe von den Worten der Mutter verloren.„Wohlan, ich will Ihren Wunſch erfüllen; doch, Mama, unter Einer Bedingung. Sie geben mir,“ fuhr er mit einem ſchmerzlichen Lächeln fort,„ſo unerwartet, ſo plötzlich eine Schweſter; erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dagegen zu einer weiteren Tochter verhelfe.“ „Eugen!“ rief die Dame und ſah ihn erſtaunt an. „Gewiß, Mama!“ eutgegnete er,„es iſt ſo, ich habe dieſen unwiderruflich en Entſchluß gefaßt. So viel ich weiß, kennen Sie das Mädchen, das ich zu meiner Frau machen will.“ „Ich hörte davon,“ ſagte die alte Dame erbleichend,„doch mochte ich es nicht glauben.“ „s iſt aber ſo,“ antwortete Eugen,„ſie oder Keine. Ich habe ſie kennen gelernt; ich liebe ſie, ſie paßt vollkommen für mich. Warum ſollte ich der Welt zu Liebe, die vielleicht die Achſeln da⸗ rüber zucken wird, mein Glück von mir weiſen? Sie werden das nicht wollen.“* Die Staatsräthin war wieder in ihren Seſſel zurückgeſunken, ſie hatte ihre Hände gefaltet und blickte vor ſich nieder, ohne ein — Geſpräch zwiſchen Mutter nnd Sohn. 79 Wort zu erwidern. Dann ſchüttelte ſie den Kopf, erhob ihn darauf zu ihrem Sohne, ihn einige Sekunden feſt anſehend, und blickte darauf ſchmerzvoll zum Himmel empor. „Sie werden mein Verlangen nicht unbillig finden, Mama, und es ſollte mir in doppelter Hinſicht wehe thun, wenn meine Bitte Sie ſo ſehr betrüben würde. Gewiß, wenn Sie das Mäd⸗ chen kennten, Sie würden meinen Wunſch bereitwillig erfüllen.“ „Bereitwillig?“ entgegnete die Mutter, und ihr Blick wurde ernſt und finſter.„Nie, nie!— Aber,“ ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu,„ich bin in deiner Hand, du wirſt mich zwingen, dir meine Einwilligung zu geben.“ Eugen zuckte ärgerlich zuſammen, als er dieſe Worte ver⸗ nahm, und hätte faſt etwas Heftiges erwidert. Da er ſich aber des Seelenzuſtandes erinnerte, in dem ſich die Mutter befand, ſo bezwang er ſich gewaltſam und ſagte:„damit Sie ſehen, Mama, wie offen und ehrlich ich gegen Sie verfahre, ſo will ich morgen jene Papiere hier vor Ihren Augen vernichten, und wenn das ge⸗ ſchehen iſt, will ich über die zweite Angelegenheit weiter mit Ihnen ſprechen. Sie ſehen, daß ich nicht im Sinne habe, Sie zu zwin⸗ gen, nicht einmal zu meinem Glücke.“ Die alte Dame athmete bei dieſen Worten tief auf, dann reichte ſie ihrem Sohne die Hand, die derſelbe auch jetzt wieder, obgleich nicht ſo herzlich wie früher, an ſeine Lippen drückte.„Es bleibt dabei,“ ſprach er nach einer Pauſe.„Auf morgen alſo, Mama. Nur bitte ich Sie herzlich und dringend, ſo lange, bis dieſe Angelegenheit in Ordnung iſt, mit ihm nicht darüber zu 4 ſprechen.“— 1„Gewiß nicht!“ verſetzte die alte Dame; und während ſie aufſtand und ihre beiden Hände auf die Schultern ihres Sohnes legte, ſagte ſie mit bewegter Stimme:„O, mein Sohn, mein Eugen, möge dieſe Stunde ſegensreich für uns Beide werden!“ Dann berührte ſie mit ihren feinen, bleichen Lippen ſeine Stirn, 80 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. preßte ihr Schnupftuch vor die Augen und ging eilig ins Neben⸗ zimmer. Eugen nahm ſeinen Hut und verließ das Gemach, ohne ſich weiter darin umzuſchauen. Er kannte dieſe Zimmer ſo gut wie gar nicht. Hier war kein Winkel, kein Geräth, das ihn an ſeine Kindheit erinnert hätte. Alles hier war für ihn kalt und fremd. Er ging leiſe zur Thüre hinaus und konnte ſich dabei des Ge⸗ dankens nicht erwehren, daß er vor einer Stunde dieſe Schwelle mit einem wärmeren Herzen, mit beſſeren Gedanken überſchritten, als im jetzigen Augenblick, und er ſagte ſich ſeufzend, daß ſeine guten und ſchönen Erwartungen ſich hier nicht erfüllt haben. Auf der Treppe blieb er einen Augenblick ſtehen und ſchaute in das ſtille Haus hinab. Ach! obgleich hier keine Stimme zu ihm ſprach, ſo redeten doch unzählige Gegenſtände herzlich und freundlich mit ihm. Die breite dunkle Treppe, vor Allem das glänzende ſchwere Geländer derſelben, ſein gefährliches Spielzeug aus der Knabenzeit, wenn er mit ſeinen kleinen Händen kaum im Stande war, ſich an der breiten Balluſtrade feſtzuhalten, während er mit anderen ebenſo leichtſinnigen Geſpielen darauf hinunterrutſchte. Da waren die langen und breiten Gänge im erſten Stock, auf denen er ſeine Spiele getrieben und mit dem Kreiſel und dem Steckenpferde getobt und gelärmt, bis ſich dort hinten am Ende die letzte Thüre öffnete, bis dort der Vater mit dem ernſten Geſichte herausſchaute und ihm anempfahl, jetzt endlich einmal das ſchreck⸗ liche Lärmen zu laſſen. Es war eigenthümlich, daß die für ihn ſo unangenehme und finſtere Zeit, die er ſchon erwachſen hier verlebt, ſich beim Anblick des Hauſes wie in einen ſchwarzen Schleier verbarg und durch ſo gar nichts mahnend vor ihn hintrat. Er überſah ſie, wie eine unfreundliche wilde Kluft zu ſeinen Füßen, über welche er rück⸗ wärts hinwegſchaute. Ja, als er die Treppen tiefer hinabſtieg und unten das Picken der alten Uhr hörte und den knarrenden Ton Geſpräch zwiſchen Mutter und Sohn. 81 der Hofthüre, durch welche die alte Köchin ſo eben hereinkam, und als er dazu den Speiſeduft roch, da war es ihm, als ſei er ſo eben erſt aus der Schule gekommen, als habe er droben ſo eben erſt ſeinen kleinen Torniſter mit den Büchern abgelegt, und als rutſche er nun geſchäftig in die Küche hinab, um die Martha zu fragen, was denn eigentlich heute Gutes gekocht werde. Hier unten in der Region der Dienerſchaft hatte ſich ſo gar nichts verändert; da lagen am Hausthore alte Steine ſeit unvor⸗ denklichen Zeiten, auf welchen er als kleines Kind ſchon geſpielt, und daneben ſtand ein alter Schlitten, noch immer wie damals mit einer ſtaubigen grünen Decke verhängt. Durch all' dieſe Erinnerungsmale, die er vor ſich ſah, durch die todten, nur ihm verſtändlichen Bilder, war ihm das Herz ſo ſchwer geworden, daß er ſo raſch wie möglich bei der angelehnten Küchenthüre vorbeieilte, um der Dienerſchaft aus dem Wege zu gehen, deren herzliche Worte ihm vorhin ſchon faſt die Thränen in die Augen gebracht hatten. Er eilte durch die Straßen ſeiner Wohnung zu, und als er an der Ecke rückwärts ſchauend das elterliche Haus ſo ernſt und ſtill da liegen ſah, da faßte er den feſten Entſchluß, den Wunſch der Mutter zu erfüllen, zu einer Verſöhnung mit ihr die Hand zu reichen und Alles anzuwenden, um nicht länger wie ein Verſtoßener vor dieſen Mauern ſtehen zu müſſen, zwiſchen welchen ſeine Wiege geſtanden.— Als er ſeine Wohnnng erreichte, traf er dort weder den luſtigen Rath noch ſeinen Bedienten an; Beide waren ausgegangen. Auf dem Tiſche aber lag eine Menge Briefe, wie dies beinahe täglich der Fall war. Eugen warf ſie auseinander, las die Poſtzeichen ſowie bekannte und unbekannte Handſchriften, und ſuchte ſich die erſteren aus, ſowie überhaupt die Schreiben, die ihm intereſſant vorkamen. Dieſes Mal aber hatte er kaum die Briefſchaften flüchtig durchgeſehen, ſo faßte er raſch mit der Hand ein kleines zierliches Hackländers Werke. XI. 6 82 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Couvert, das er haſtig abriß und alsdann das Schreiben, das in demſelben enthalten war, überflog. Es mußte etwas Sonderbares ſein, das auf dem Papier ſtand, denn Eugen ließ, nachdem er es geleſen, die Hand, welche es erfaßt hatte, herabſinken, lehnte ſich mit dem Kopf gegen das Fenſter und ſah nachdenkend vor ſich hin. „Das iſt doch ſonderbar!“ murmelte er nach einer Pauſe,„das hätte ich von ihr nicht erwartet! Und ſo ſchnell, und ohne daß ich ſie darum gebeten! Ich weiß nicht, es iſt mir nicht angenehm!“ Nach dieſem Selbſtgeſpräch überlas er nochmals den kleinen Brief. Es waren nur vier Zeilen, vier kleine Zeilen von ihr, und ſie ſagte ihm darin, er müſſe ſie heute Abend um die neunte Stunde in ihrem, in dem Haufe ihrer Mutter aufſuchen, er ſolle nur durch das geöffnete Hofthor gehen, es werde ihm Niemand begegnen. Wie geſagt, dieſe Aufforderung war ihm unangenehm, und er konnte ſie mit dem bisherigen Betragen des Mädchens gegen ihn nicht zuſammenreimen; und doch waren es ihre Schriftzüge, und doch war das Schreiben geformt und zuſammengelegt, wie ſie es zu machen pflegte. Was ſollte er thun?— Nach kurzem Ueber⸗ legen entſchied er ſich dafür, auf alle Fälle hinzugehen. Hat mir Katharine dies wirklich geſchrieben, ſagte er zu ſich ſelber, ſo muß ſie etwas Wichtiges, ganz Außergewöhnliches und Dringendes mit mir zu beſprechen haben. Denn im anderen Falle hätte Katharine, wie ich ſie kenne, nie dieſen Schritt gethan.— Vielleicht iſt es eine Neckerei von irgend Jemand, und das möchte ich denn doch unterſuchen; denn ich will mir nicht verhehlen: es wäre mir ſehr lieb, wenn ich Thor und Thür verſchloſſen fände und ſie mir die⸗ ſen Brief nicht geſchrieben hätte.— Aber es iſt ihre Handſchrift. — Pahl! was iſt Großes dabei? Ich gehe heute Abend hin; am Ende könnte mir Katharine doch eine Mittheilung machen wollen, die ihr wichtig genng erſcheint, um ſelbſt einen ſolchen Schritt zu rechtfertigen. Geſpräch zwiſchen Mutter und Sohn. 83 Bei allem dem aber war ihm die Sache unangenehm; er ſchritt lange in dem Zimmer auf und ab, und in ſeine Liebe zu dem Mädchen war dieſes Schreiben wie ein Mißton, wie etwas Unreines, Widerwartiges hineingekommen. Wenn er ſie falſch beurtheilt hätte; o, das wäre ſchrecklich! Wohl wallte bei dem Gedanken ſein Blut auf, und das Briefchen zitterte in ſeiner Hand; aber dieſer Gedanke fuhr kalt und ſchneidend in ſein Herz und ließ zu⸗ ſammenſtürzen die ſüßen Luftſchlöſſer, die er nach jener Unterredung mit der Mutter ſo kühn und glänzend aufgebaut. Mehrmals überlas er noch die Zeilen, welche das Mädchen geſchrieben; dann ſteckte er das Briefchen zu ſich und hatte den feſten Entſchluß gefaßt, heute Abend dorthin zu gehen. Dem luſtigen Rathe wollte er nichts davon ſagen; denn er fürchtete deſſen Spott, im Falle, wie er ſich für möglich dachte, die ganze Sache ein ſchlechter Spaß ſei, den ſich irgend Jemand mit ihm erlaubt.. 5 Als der getreue Pierrot ein paar Stunden ſpäter nach Hauſe kam, war es das erſte Geſchäft dieſes ſorgſamen Dieners, die auf dem Tiſch umhergeworfenen Briefſchaften auf's Genaueſte durchzu⸗ ſehen; er hatte ſie im Laufe des Nachmittags hübſch ordentlich neben einander gelegt und bezeugte eine große Freude, als er bemerkte, daß ſein Herr ſie durchgeſehen, und daß eines der Schreiben fehlte. Das Couvert hiezu lag auf dem Boden, und Joſeph ſah ſich veranlaßt, es aufzuheben und auf's Sorgfältigſte zu vernichten. Dann verließ er die Wohnung ebenfalls; und obgleich heute für ihn keine Rap⸗ vortſtunde war, begab er ſich deſſen ungeachtet nach dem Hauſe des Juſtizrathes, wo er von dem um ſich ſchnappenden Bedienten ſo⸗ gleich angemeldet und darauf auch vorgelaſſen wurde. Der Juſtizrath ſchien von dem, was ihm Joſeph mittheilte, ſehr erfreut zu ſein; denn er entließ ihn mit aufmunternden Wor⸗ ten, ſowie genauen Verhaltungsbefehlen, die der geneigte Leſer ſei⸗ ner Zeit ſchon noch erfahren wird. Darauf ſetzte ſich der Iuſtiz⸗ ———õõõõ—— — — — —— Achtundzwanzigſtes Kapitel. rath hin und ſchrieb ein paar Zeilen an Madame Stillfried, worin er ihr ſagte, es ſei ihm unmöglich, ſie vor ſpät Abends zu beſu⸗ chen; doch hoffe er, ihr alsdann eine angenehme Nachricht mitzu⸗ bringen. Die Staatsräthin verſetzte dieſer Brief in eine große Aufregung; ſie wußte ſelbſt nicht, wie es kam, aber es wehte ihr aus dieſen Worten etwas Unheimliches entgegen; ſie hätte gar zu gern eine Erklärung darüber gehabt; auch ſchickte ſie ſogleich nach dem Hauſe des Juſtizrathes, doch war derſelbe bereits ausgegangen, und ſie mußte ſich deßhalb in Geduld faſſen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Worin der Held der Geſchichte zu einem Rendezvous geht, ein Unternehmen, das ziemlich ſchlecht für ihn endigt. Es mochte faſt neun Uhr an dem Abende dieſes Tages gewor⸗ den ſein, als Eugen durch die ſchon leer werdenden Straßen dem Marktplatze zuſchritt. Manchmal ward ihm zu Muth, als ſei es beſſer, er betrete das Haus der Gemüſehändlerin nicht unter ſolchen Umſtänden; ja einige Mal blieb er ſtehen und wollte ſchon in eine Seitenſtraße einbiegen, um nach ſeiner Wohnung zurück zu gehen; doch hielt er dieſe warnende Stimme in ſeinem Innern für Furcht und verlachte ſie deßhalb. Der Markt war leer, wie gewöhnlich um dieſe Zeit; der Himmel, der mit Wolken überzogen war und mit Regen drohte, hatte die Spaziergänger verſcheucht, und ſo be⸗ gegnete Eugen faſt Niemand und gelangte ungeſehen an den Ein⸗ gang des alten Hauſes mit der Grafenkrone. Das große Thor ſtand ein klein wenig offen, das Innere des Hofes ſchien ruhig und .. Eugen geht zu einem Rendezvons. 8⁵ ſtill; die kleinen Hausthiere waren in ihren Ställen untergebracht, und die böſen Hunde der Gemüſehändlerin, welche ſonſt beim ge⸗ ringſten Laut, den ein menſchlicher Tritt unter dem Thorbogen ver⸗ urſachte, mit lautem Gebell aufſprangen, gaben keinen Ton von ſich. Eugen befremdete dies einigermaßen, doch dachte er bei ſich, wie es denn auch ſehr wahrſcheinlich war, man habe, auf ſein Kom⸗ men rechnend, die Hunde abſichtlich entfernt. Doch wer hatte dieſe Vorſichtsmaßregel gebraucht— ſie oder Andere? Als er durch den dunkeln Hof dahin ſchritt, dachte er zum erſten Male daran, es hätte wohl nicht ſchaden können, bei einem ähnlichen Beſuche irgend eine Waffe mit ſich zu nehmen. Doch kam dieſer Gedanke zu ſpät, und wenn er ihm auch früher gekom⸗ men wäre, dann hätte er ihn wahrſcheinlich doch nicht ausgeführt; er kannte keine Furcht. So hatte er denn nichts bei ſich, als einen kleinen Spazierſtock mit einem dicken ſilbernen Knopfe, der mit Blei ausgegoſſen war. Jetzt hatte er das Ende des Hofes erreicht. Rings um ihn her war tiefe Stille und Dunkelheit; er vernahm nichts als das Schütteln und Schnauben der Pferde in den Ställen und das kurze Gackern irgend eines Huhnes, das vielleicht von einem böſen Traume beunruhigt wurde. Die Eintheilung des Schoppelmann⸗ ſchen Hauſes kannte Eugen nur nach Erzählungen Katharinens; ſie hatte ihm geſagt von der großen Vorhalle, dem Comtoir und dem Wohnzimmer ihrer Mutter, dann von den Wohnzimmern ihrer beiden Brüder und auch von dem ihrigen, das über jener Vorhalle liege. Den Eingang zu ihrem Zimmer hatte er neulich geſehen, als er Abends das Mädchen bis ans Hofthor geleitete; da hatte er im hellen Mondenſcheine bemerkt, daß ſie neben jener Vorhalle in eine kleine Thüre getreten war; auf dem Eingang zu jener Wendel⸗ treppe, die in den Zwiſchenſtock führte, hatte ſie von der erſten Stufe ſich nochmals hinausgebeugt in den Hof und ihm zum Ab⸗ Achtundzwanzigſtes Kapitel. ſchied mit der Hand gewinkt. Nach dieſer kleinen Thüre lenkte er nun ſeinen Schritt. Der Eingang zu dieſer Wendeltreppe lag ſo finſter da, daß Eugen mit den Händen vor ſich hintappen mußte, um die Stufen zu finden, welche aufwärts führten. Jetzt hatte er ſie erreicht und ſchlich langſam in die Höhe; die Treppe war ſchmal und eng und rings herum von Stein. Er trat ſo leiſe und behutſam wie mög⸗ lich auf, damit ihn kein Klang ſeiner Schritte verrathe, und dies ſchien ihm auch zu gelingen; denn es rührte ſich nichts in dem weiten Hauſe, und als der junge Mann den Zpiſchenſtock erreicht hatte und dort einen Augenblick lauſchend ſtehen blieb, kam es ihm gerade vor, als höre er, wie unten im Hofe das große Thor lang⸗ ſam zugedrückt werde; auch glaubte er, das Schnauben und Schnuppern von Hunden zu vernehmen; doch kümmerte ihn dieſes Geräuſch wenig im gegenwärtigen Augenblicke.— Er ſtand vor ihrer Thüre, und ſein Herz klopfte ihm ſo gewaltig, daß er einen Augenblick ſtehen bleiben mußte, und verſuchte, es durch tiefe Athemzüge zu beruhigen. Ein kleiner Lichtſtrahl fiel durch die Spalten jener Thüre auf den engen Gang hinaus, und das war auch die einzige Helle, die er rings um ſich bemerkte. Er näherte ſich der Thüre und klopfte leiſe an; drinnen wurde in einer kleinen Pauſe heftig ein Stuhl gerückt, aber es erfolgte keine Antwort. Eugen klopfte wiederholt, und als nach längerem Warten von drin⸗ nen kein begrüßendes Wort erſchallte, ſo legte er ſeinen Mund an die Thürſpalte und ſagte:„Katharine, ich bin's!— es iſt Eugen!“ Zu gleicher Zeit faßte er nach der Thürklinke, und nachdem er noch einen Augenblick vergeblich auf eine Antwort gewartet, öffnete er langſam und trat in das kleine, niedere Gemach. Da ſaß Katha⸗ rine in der hinterſten Ecke des Zimmers, dicht bei dem Fenſter; dort in jene Ecke hatte das plötzliche, unerwartete Klopfen, noch mehr aber Eugen's Stimme, ſie hineingeſchreckt. Dort ſaß ſie zu⸗ ſammen geſchauert und ängſtlich, und das große, glänzende, weit Eugen geht zu einem Rendezvous. 87 aufgeriſſene Auge ſtarrte den Eintretenden mit dem Ausdrucke des größten Schreckens an. Engen war durch alles das überraſcht— freudig überraſcht. Die Angſt, welche ſich auf ihren Zügen malte, war ein Bürge da⸗ für, daß, wie er ſich auch gleich gedacht, jenes Schreiben nicht von dem geliebten Mädchen herkomme, daß ihn Jemand anders damit geneckt, mochte das nun aus einem Grunde geſchehen ſein, welcher es wolle. Es war ihm dies im gegenwärtigen Augenblicke ganz gleichgültig. 5 Er wollte ſich dem Mädchen nähern, doch Katharina ſtreckte ihm ihre beiden Hände ſo flehend und abwehrend entgegen, daß er ſich gezwungen ſah, an der Thüre ſtehen zu bleiben. „Wie kommſt du hieher?“ fragte ſie nun haſtig, aber mit ton⸗ loſer Stimme;„wie kamſt du durch das verſchloſſene Thor? Wie kamſt du bei den Hunden vorbei?“ „Du haſt mir nicht geſchrieben, Katharine?“ ſagte der junge Mann lächelnd und zog das Brieſchen hervor,„du haſt dies nicht geſchrieben?“ „Was ſoll ich dir geſchrieben haben?“ fragte das Mädchen in großer Angſt. „Nun, dieſes Briefchen,“ entgegnete der junge Mann,„das mich eingeladen hat, zu dir zu kommen.— Aber beruhige dich nur,“ ſetzte er ſchnell hinzu, als er ſah, wie das Mädchen heftig in die Höhe fuhr;„ich bin ja nun feſt überzeugt, daß du's nicht geſchrie⸗ ben haſt; man hat ſich einen Spaß mit uns gemaͤcht.“ „O Eugen!“ rief das Mädchen und rang die Hände,„das nennſt du einen Spaß! Gott im Himmel! das iſt ein Spaß, der blutiger Ernſt werden kann!“ „Wie ſo?“ „Stand das Thor offen?“ „Allerdings.“ „Und die Hunde?“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Ich ſah und hörte nichts von ihnen.“ „O, das iſt eine angelegte Geſchichte!“ rief jammernd das Mädchen.„Sie haben dich hieher gelockt, ſie haben Uebles mit dir vor!— Horch!“ Und nun, da Katharina ihn, den ſie über Alles liebte, in Gefahr wußte, verlor ſich plötzlich ihre jungfräuliche Scheu, welche ſie vorhin bei ſeinem Anblick in die Ecke des Zimmers getrieben, und ſie ſprang raſch in die Höhe, eilte an die Thüre und ſchob den Nachtriegel vor.„Das iſt wenigſtens für den Augenblick!“ ſagte ſie.—„O, Eugen! warum biſt du hieher gekommen?“ „Ich dachte einen Augenblick,“ antwortete Eugen,„du, mein geliebtes Mädchen, habeſt wirklich jene Zeilen geſchrieben, aber nur einen Augenblick glaubte ich das; du konnteſt mir etwas Wichtiges mitzutheilen haben.“ 1 „O nein! o nein!“ ſagte ſie haſtig,„das konnteſt du auch nicht eine Sekunde von mir denken. Weißt du denn nicht, wie ich dich vor dieſem Hauſe ſtets gewarnt— vor dieſem finſteren Hauſe, vor den beiden Brüdern?“ „Pah!“ verſetzte lachend der junge Mann,„du biſt zu ängſt⸗ lich, Katharine. Nun ja, ich bin gekommen in der Hoffnung, dich, mein Leben, einen Augenblick zu ſehen, und das habe ich ja erreicht. Jetzt gehe ich wieder ruhig meinen Weg, und die Sache iſt abgemacht.“ „O, Eugen!“ ſprach ängſtlicher das Mädchen,„ſei nicht ſo arglos, glaube mir, ſie haben dir einen Hinterhalt gelegt!“ „Wer denn?“ fragte zweifelnd der junge Mann. „Gewiß die beiden Brüder!“ erwiderte das Mädchen.„Das Thor ſtand offen, als du kamſt; jetzt iſt es geſchloſſen; du merkteſt nichts von unſeren böſen Hunden— horch, hörſt du nichts?— jetzt ſind ſie losgelaſſen. Lege das Ohr an die Thüre und du hörſt deutlich, wie ſie unten am Eingang dieſer Treppe hin⸗ und herſpringen. Eugen geht zu einem Ren dezvous. 89 „Wahrhaftig!“ ſagte Eugen, nachdem er einen Augenblick ge⸗ lauſcht—„du haſt Recht, mein Mädchen. Aber was ſoll das alles bedeuten?“ „Das weiß ich ſelbſt jetzt noch nicht genau; aber etwas Gutes auf keinen Fall.“ „Aber etwas ſo arg Schlimmes auch nicht! Nach deinen Wor⸗ ten ſollte man wirklich glauben, wir ſeien um ein paar Hundert Jahre zurück und lebten in einer Zeit, wo man unberufene Ein⸗ dringlinge, wie mich, für ewig verſchwinden ließ.“ „Wenn wir nicht in der gleichen Zeit leben,“ ſagte eifrig das Mädchen,„ſo doch in einer ähnlichen. Glaube mir, Eugen, die da unten haben etwas Schlimmes mit dir vor.“ „So machen wir den Verſuch,“ antwortete lächelnd der junge Mann,„und ziehen uns langſam dahin zurück, wo wir herge⸗ kommen; es wird das jetzt noch beſſer zu bewerkſtelligen ſein, als ſpäter.“ Katharina hatte an der Thuͤre gelauſcht und winkte mit der Hand zurück, als wollte ſie ſagen, Eugen ſolle ſich mit keinem Worte verrathen; dann wandte ſie ſich raſch um, legte den Finger auf den Mund und zog ihn eilig in die hinterſte Ecke des Zimmers nach dem Fenſter zu.„Sie ſind unten an der Treppe,“ ſagte ſie raſch und tief Athem holend.„Ja, ja, es iſt nichts anders; wer den Brief geſchrieben hat, das kann ich nicht wiſſen; aber ſie haben dir den Durchweg abgeſchnitten, und fort mußt du, augenblick⸗ lich fort!“ „Wohin denn?“ fragte er;„wohin, wenn ſie die Treppe be⸗ ſetzt halten?“ „Es iſt ſchrecklich, Eugen, daß du mich in dieſe Lage gebracht haſt,“ antwortete ſie,„aber es bleibt keine andere Wahl, du mußt hier zum Fenſter hinaus; es i*ſt nicht tief bis auf die enge Gaſſe, auch wird dich, ſo Gott will, kein Menſch ſehen. Aber warte einen Achtundzwanzigſtes Kapitel. Augenblick, ich muß vorher das Licht auslöſchen— willſt du?— o, es hilft kein anderes Mittel!“ „Wenn du meinſt, Katharine,“ verſetzte er;„aber die ganze Sache kommt mir in der That ſonderbar vor. Was können deine Brüder von mir wollen?— Eine Erklärung, die will ich ihnen gern geben.“ „Die wollen keine Erklärung,“ ſagte das geängſtigte Mädchen. —„Doch ſtill, es kommt Jemand an die Thüre!“ Wirklich hörte man in dieſem Augenblicke ſchwere Tritte die ſteinerne Treppe heraufkommen und vernahm das Geräuſch einer tappenden Fauſt, welche die Thürklinke ſuchte; es wurde darauf gedrückt; doch da der Riegel von innen vorgeſchoben war, ſo ging die Thüre nicht auf. Eugen, der das zitternde Mädchen mit einem Arme umfaßt hatte, blickte aufmerkſam nach dem Eingang. „He, Katharine!“ erſcholl von draußen die Stimme des Fuhr⸗ manns,„es hat ſich ein Dieb in das Haus geſchlichen, ein feiner Dieb.“ Dabei hörte man ein halb unterdrücktes Lachen.„Weißt du was davon? Er iſt die Wendeltreppe hinaufgeſchlichen; wir müſſen ihn finden und wollen ihm alsdann zeigen, was es bedeuten will, wenn man ſich zur Nachtzeit in ehrliche Bürgershäuſer ſchleicht. Was weißt du davon, mein Kätherle?“ Eugen hatte gute Luſt, hierauf eine Antwort zu geben; doch das Mädchen, welches wohl befürchtete, er möchte ſolche Unvor⸗ ſichtigkeit begehen, drückte ihm die Hand feſt auf den Mund und ſagte:„Du biſt es, Fritz? Laß mich in Frieden mit deinen Narr⸗ heiten!“ „Dazu haben wir aber keine Luſt!“ entgegnete rauh und lachend die Stimme des Bruders.„Kommſt du wieder mit deinem Trotz und Hochmuth? Wart nur, mein Schätzle, dieſes Mal haben wir dich gefangen und noch ſonſt Jemanden dazu.“O, wir wiſſen's wohl—, und nun frage ich dich nur, ob du gutwillig die Thüre öffnen willſt?“ “ Eugen geht zu einem Rendezvous. „Dir meine Thüre öffnen?“ rief das Mädchen;„geh ſchlafen, du kommſt wieder aus dem Wirthshaus!“ Obgleich ſie dieſe Worte ſo kräftig wie möglich ausſprach, ſo zitterte doch ihr ganzer Körper heftig, und Eugen mußte ſie feſt mit ſeinem Arm unterſtützen, damit ſie nicht auf den Stuhl nieder⸗ glitt, deſſen Lehne ſie krampfhaft gefaßt hielt. „Du willſt alſo nicht gutwillig öffnen?“ rief der Fuhrmann nach einer kleinen Pauſe draußen.„Wohlan denn, ſo werde ich die Thüre eintreten!“ Katharina wand ſich heftig aus den Armen des jungen Mannes, legte die Hand auf ihren eigenen Mund, öffnete mit der anderen Hand geräuſchlos das Fenſter; dann winkte ſie heftig dort hinaus. „Eins— zwei!“ rief draußen der Bruder.„Wenn ich„drei“ ſage, ſo fliegt die Thüre hinein.— Willſt du nun aufmachen?“ „Wo iſt die Mutter?“ rief verzweifelnd das Mädchen.„Ruf die Mutter herauf! Ihr will ich die Thüre augenblicklich öffnen.“ „Ja, die Mutter!“ lachte draußen der Fuhrmann,„die iſt glücklicher Weiſe ausgegangen; wir haben das Feld allein.“ „Gottes Barmherzigkeit!“ ſeufzte Katharina; dann faßte ſie Eugen's Hand, drückte ſie krampfhaft zuſammen und ſagte mit leiſer Stimme:„Fort, fort! das iſt ein großes Unglück!“ „Aber es iſt ja ein einzelner Mann,“ ziſchelte Eugen ihr em⸗ pört ins Ohr,„ſoll ich vor einem Einzelnen fliehen?“ „O, glaube mir, es ſind ihrer Mehrere. Fort, fort!“ „Meint ihr, ich habe euer Sprechen nicht gehört?“ rief draußen die Stimme.„Jetzt paß auf, Schätzle! eins— zwei und drei!“ Mit dem letzten Worte flog die Thüre krachend auf. Eugen, von dem Mädchen, welches im Augenblicke das Licht auslöſchte, aufs Heftigſte gedrängt, ſchwang ſich auf die Fenſterbrüſtung, doch nicht ſchnell genug, daß nicht der Fuhrmann, der ihn augenblicklich be⸗ merkte, Zeit genug gehabt hätte, auf ihn loszuſtürzen und mit einem umgekehrten ſchweren Peitſchenſtiele einen wüthenden Streich nach Achtundzwanzigſtes Kapitel. ihm zu führen. Engen, der außerordentlich gewandt war, befand ſich in einer ſchwierigen Lage; er hatte an dem offenen Fenſter kei⸗ nen ſicheren Stand und konnte ſich nur vor dem Hinausſtürzen be⸗ wahren, indem er ſich mit Kopf und Rücken feſt gegen die Fenſter⸗ brüſtung ſtemmte. In dem Augenblicke, wo der Fuhrmann den Schlag nach ihm führte, ſah er obendrein noch, wie Katharina ihn mit dem Körper decken wollte, weßhalb er gezwungen war, ſie un⸗ ſanft von ſich zu ſchleudern, um ſie auf dieſe Art vor dem Schlage des Bruders zu ſchützen. Dieſer, der augenſcheinlich nach dem Kopfe Engen’s geführt war, traf in der Dunkelheit den Fenſterrah⸗ men und dann, von dieſem abgleitend, ſeinen linken Arm. Eugen hatte nichts, als den ſchon erwähnten kleinen Spazier⸗ ſtock mit bleiernem Knopf. Er faßte denſelben jetzt an ſeinem un⸗ teren Ende, und in dem Augenblicke, als der Fuhrmann nach Eugen griff, um ihn zu dem Fenſter herein zu ziehen, ließ der junge Mann den Stock ſchwingen und mit voller Kraft auf den Kopf ſeines Angreifers niederfallen. Dadurch verlor er aber ſelbſt das Gleich⸗ gewicht und ſtürzte mehr, als er ſprang, zu dem Fenſter hinaus auf die enge Gaſſe. 3 Doch als der junge Mann dort niederfiel und betäubt zuſam⸗ men brach, war dies nicht die Folge des Sturzes von dem Fenſter, ſondern in dem Augenblicke, wo er den Boden berührte, empfing er einen ſolch furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm für einen Augenblick Athem und Beſinnung raubte— doch glücklicher Weiſe nur für einen Augenblick. Eugen raffte ſich gleich darauf wieder zuſammen, und ſein erſter Gedanke war, daß ihm auch hier Jemand auflaure. Er richtete ſich deßhalb an der Mauer in die Höhe, und als es ihm möglich war, in der Dunkelheit die Gegenſtände um ſich zu erkennen, bemerkte er ſeinen zweiten Angreifer, vor ſich ſtehen und ſah, wie dieſer im Begriffe war, mit einem Handbeil einen zweiten Hieb nach ſeinem Kopfe zu führen. Seine Seite ſchmerzte ihn fürchterlich, und er wäre, dadurch gehindert, kaum im Stande Eugen geht zu einem Rendezvous. 93 geweſen, dieſem Schlage auszuweichen, und demſelben wahrſchein⸗ lich erlegen, wenn ſich nicht in dieſem Augenblicke das Fenſter dro⸗ ben erhellt und wenn man nicht die Stimme der Gemüſehändlerin vernommen hätte, die laut und kreiſchend:„Konrad, Konrad!“ rief. Dieſer, der Angreifer mit dem Handbeil, ließ ſeine Waffe ſinken und blickte in die Höhe.„Mörder, Mörder!“ ſchrie die Frau droben,„ſie haben den Fritz erſchlagen, er liegt hier auf dem Bo⸗ den und regt ſich nicht! Haſt du ihn, Konrad? Halt ihn feſt! Zu Hülfe, zu Hülfe!“ Auf dieſe Worte hin hob Konrad ſein Handbeil abermals in die Höhe, und Eugen machte eine verzweifelte Anſtrengung, um dem Schlage auszuweichen, was ihm auch in ſo fern gelang, als der⸗ ſelbe nur ſeinen rechten Arm traf, ihm den Aermel aufſchlitzte, ihn aber zu gleicher Zeit durch eine tiefe Wunde, die er dort erhielt, ganz kampfunfähig machte. Droben ſchrie die dicke Frau:„Zu Hülfe! Räuber und Mör⸗ der!“ gellend in die Nacht hinaus; auch vernahm man durch die nächtliche Stille ſchon Schritte auf dem Pflaſter, die ſich eilig zu nähern ſchienen. Eugen fühlte, daß es mit ihm zu Ende gehe. Durch das Fen⸗ ſter, von welchem er ſich herabgeſchwungen, ſchwang ſich jetzt noch ein Mann herab, einer der Knechte der Gemüſehändlerin, und faßte ihn ſo feſt an dem verwundeten Arm, daß er ſich nicht zu regen vermochte. Konrad ergriff ihn bei der Schulter, Beide riſſen ihn von der Mauer fort, und es war augenſcheinlich, daß ſie die Ab⸗ ſicht hatten, ihn in das Haus hinein zu ſchleppen. In der Wohnung der Frau Schilder gegenüber ließ ſich kein Licht ſehen, wohl aber in dem muſikaliſchen Hauſe. Dort wurden die Fenſter aufgeriſſen und mehrere Köpfe erſchienen in dem erleuch⸗ teten Zimmer; doch ſchien ſich Keiner auf die Straße hinaus zu wagen. Aehnliche Auftritte waren hier ſchon mehrfach vorgekom⸗ 94 Achtundzwanzigſtes Kapitel. men, und die guten Schullehrer kannten die wilde Gemüthsart der Gebrüder Schoppelmann. 3 Eugen gab ſich verloren.—— Da wurde mit Einem Male, aber wie durch einen Blitzſtrahl, Konrad, der Jäger, zu Boden geriſſen, und in dem gleichen Angen⸗ blicke ließ der Knecht an der andern Seite entſetzt den Arm des jungen Mannes los. Eine zottige, wild ausſehende Beſtie hatte ſich zwiſchen die Beiden geworfen, den Jäger niedergeriſſen und machte jetzt mit dumpfem Geheul alle Anſtalten, dem Knecht ein gleiches Schickſal zu bereiten. Eugen, hoch erfreut, erkannte ſeinen Hund, der ihm hier, wo Alles verloren ſchien, ſo unverhofft zu Hülfe kam. Der Knecht, ohne den Angriff des ihm grauſenhaft erſcheinenden Feindes abzuwarten, wandte ſich zur Flucht; der Neufundländer wollte ihm nach, doch faßte ihn Engen am Halsbande, denn ihm war nun Alles daran gelegen, dieſen Platz ſo ſchnell wie möglich zu verlaſſen.„Mörder!“ ſchrie die Frau von ihrem Fenſter immer fort und fort, die Schritte von den benachbarten Straßen kamen näher und näher, und man vernahm dazwiſchen Säbelgeklirr und den feſten Tritt der Militärpatrouille. Eugen, von dem Blutverluſte und dem Schlage in ſeiner Seite erſchöpft und ermattet, hielt ſich mit der Hand feſt an dem Hals⸗ bande des rieſenhaften Hundes, dann rief er ihm zu:„Nuhig, Sultan, fort!“ und das getreue Thier, das ihn vollkommen zu verſtehen ſchien, ſchoß davon und riß ſeinen Herrn mit ſich fort durch die enge Gaſſe über den Marktplatz hinweg, ſeiner Woh⸗ nung zu. Nachdem der getreue Pierrot am heutigen Nachmittage einen außergewöhnlichen Rapport beim Juſtizrathe gehabt, hatte ihm die⸗ ſer anbefohlen, ſich Abends nicht in der Nähe des Marktes ſehen zu laſſen. Dies ſtimmte auch mit den Neigungen und Wünſchen des Bedienten vollkommen überein, und ſo begab er ſich denn mit Eugen geht zu einem Rendezvous. 95 einbrechender Dunkelheit nach Hauſe, und wir müſſen geſtehen, nicht ohne einiges Herzklopfen. Jetzt, nachdem durch ſeine Beihülfe die Kataſtrophe vorbereitet war, fing er an einzuſehen, wie außeror⸗ dentlich ſchlecht er an ſeinem Herrn gehandelt. Zugleich aber war der Troſt, den er ſich ſelber gab, noch viel fürchterlicher, noch viel niederdrückender für ihn.„Mußte ich denn nicht dem Anderen ge⸗ horchen?“ ſagte er zähneknirſchend;„hielt er mich nicht feſt? Was half mir alles Zerren und Sträuben? Vorwärts mußte ich in's Teufels Namen!“— Je näher es aber auf neun Uhr ging, um ſo unruhiger wurde der getreue Pierrot. Mehrmals faßte er den Entſchluß, ſich mit einer Waffe zu verſehen und nach der engen Gaſſe zu eilen hinter dem Schoppelmann'ſchen Hauſe; aber er hatte ſchlimme Ahnungen von vieler Polizei, die ſich dort herum treiben könnte, und dachte nicht ganz mit Unrecht:„Wenn ich da unten bei der Geſchichte erwiſcht werde, ſo ſorgt der Juſtizrath ſchon dafür, daß man mich unter allen Umſtänden feſter als die Uebrigen hält; dann kommt jener Aktenfascikel zu Tage, und mit mir iſt's aus.“ Es war eigenthümlich, obgleich ſehr natürlich, daß alle Be⸗ trachtungen und Selbſtgeſpräche Joſeph's am heutigen Abend ſich ſtets in traurige, finſtere Bilder verloren. Da ſaß er, wir müſſen geſtehen, ein Bild des Jammers, auf einem kleinen Stuhl an der Thüre; er hatte die Knie hoch empor gezogen und umfaßte dieſel⸗ ben inbrünſtig mit ſeinen Armen. Den Kopf hatte er tief her⸗ nieder geſenkt, und ſeine weit offenen Augen ſtierten gedankenvoll in eine Ecke.—„Und wenn die Sache jetzt nach den Begriffen des Iuſtizrathes gut geht.“ dachte er weiter,„was geſchieht dann mit mir? Wenn jetzt alſo da unten wirklich ein Unglück geſchieht — ohl ich kenne meinen Herrn; denn gutwillig läßt ſich der nicht einfangen, und wenn Einer dem Anderen den Schädel einſchlägt und ſie ihn darauf feſtnehmen und dann hieher kommen und die Achtundzwanzigſtes Kapitel. ganze Wohnung unter Siegel legen— was geſchieht dann mit mir?“ Es überlief den getreuen Diener ein gelindes Fröſteln. „Trau’ einer dem Teufel!“ fuhr Joſeph nach einer längeren Pauſe in ſeinem Selbſtgeſpräche fort;„wer ſteht mir dafür, daß er mir nichts zu Leide thut, wenn er mich nicht mehr braucht? daß er ſich meiner nicht entledigt, indem er mich an das Meſſer liefert— und wenn das nicht der Fall wäre, was kann mir Au⸗ deres daraus erblühen? Ja, nur ebenſo Schlimmes— daß er mich vielleicht in ſeine eigenen Dienſte nimmt ueben jenem alten Kerl, neben jenem ſchnappenden, biſſigen Ungeheuer!— O, ich war ſehr dumm!“ Es mußte nächſtens neun Uhr ſchlagen. Der Bediente wurde immer unruhiger. Er war ſo allein in der Wohnung, allein mit dem großen Hunde, der am Boden vor dem Fauteuil Eugen's lag und ſeinen zottigen Kopf auf den Sitz gelegt hatte. Der Neu⸗ fundländer ſchlief nicht; ſeine Augen glänzten unter dem buſchigen Haare hervor und folgten allen Bewegungen des Dieners, der jetzt unruhig auf und ab ſchritt. Plötzlich blieb Joſeph vor dem Fauteuil ſtehen, und ihm ſchien ein ſehr guter Gedanke zu kom⸗ men.„Sultan!“ ſagte er,„wo iſt dein Herr?“ Der Hund, den man oft auf dieſe Art anredete, ſtieß ein 4 kurzes Geheul aus, hob den Kopf in die Höhe und blickte nach der Thüre; dabei wedelte er mit dem Schweife, was ſeine Bitte ausdrückte, ihn fortzulaſſen. Eugen hatte aber ein für alle Mal ſtreng verboten, den Hund des Abends nach ihm auszuſchicken; denn das treue Thier, ſeinem Herrn außerordentlich ergeben, ſuchte und fand augenblicklich ſeine Spur und wurde ihm auf dieſe Art zuweilen ſehr beſchwerlich. Dieſes Mal aber glaubte⸗Joſeph eine Ausnahme machen zu können; er ſchnallte dem Hunde ein feſtes eiſernes Halsband um, nahm ihn mit ſich hinaus, öffuete ihm die Hausthüre und ſagte:„ſuch' den Herrn!“ —— — Eugen geht zu einem Rendez⸗vons.*4 97 In wilden Sätzen ſchoß der Hund die Straße hinauf, und im gleichen Augenblicke ſchlug es neun Uhr. Durch dieſes Manöver fühlte ſich Pierrot einiger Maßen er⸗ leichtert, und er begann ernſtlich zu überlegen, was in ſeiner Lage am beſten zu thun ſei. Daß der Juſtizrath einen angelegten Plan feſt verfolge, war ihm nicht entgangen; daß dieſer Plan darauf hinauslief, ſich unter irgend einem Vorwande der Perſon und Papiere ſeines Herrn zu bemächtigen, war ihm ebenfalls klar ge⸗ worden. Was war nun für ihn zu thun? War es lohnender, hier auf der Bahn, die er betreten, plötzlich umzukehren und ſeinem Herrn zu dienen, oder war es beſſer, wie bisher den Befehlen des Juſtizraths zu folgen? Für den Fall hatte er ſeine Ordre und ſollte, was auch kommen möge, den Verlauf der Dinge in der Wohnung Eugen's ruhig abwarten. Das wäre an ſich viel leichter geweſen; doch fühlte er wohl, daß ſeine Dienſtleiſtungen dem Ju⸗ ſtizrathe gegenüber mit dem heutigen Abend ihr Ende erreichten, und damit war er auch der Gnade deſſelben anheimgefallen. Die⸗ ſer Gedanke machte ihn ſchaudern. Da hörte er draußen auf der Straße— die Fenſter ſtanden offen— das Schnauben des Hundes und den Klang ſchwerer, un⸗ regelmäßiger Schritte, die jetzt unter der Hausthüre aufhörten; dann wurde heftig die Glocke gezogen. Joſeph ſtürzte auf den Gang hinaus und öffnete, doch tau⸗ melte er vor Schrecken faſt zurück, als er ſeinen Herrn bemerkte, der das Halsband des großen Hundes feſt gefaßt hielt und einer Ohnmacht nahe zu ſein ſchien. Joſeph wagte kaum, ſeinen Herrn zu berühren, und geleitete ihn ſchaudernd in's Zimmer. Eugen war ohne Hut, todtenblaß und athmete ſchwer und mühſam. Der Rockärmel ſeines rechten Armes hing in Fetzen herunter, und darunter blickte das weiße Hemd mit Blutflecken be⸗ deckt, hervor. Hackländers Werke. XI. 7 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Eugen ſtützte ſich mit der linken Hand auf den Tiſch und be⸗ fahl dem entſetzt zuſchauenden Diener, ihm den Rock auszuziehen. Dies war bald geſchehen, und dann wurde die Wunde an dem Arme unterſucht. Obgleich einige tiefe Riſſe und ſtarke Quetſchun⸗ gen da waren, ſchien die Sache doch nicht ſo gefährlich. Joſeph legte einen nothdürftigen Verband an, und erſt als er ſeinen Herrn auf's Neue angekleidet und dieſer ſich in ſeinen Fauteuil niederge⸗ laſſen, erlaubte er ſich, eine fragende Miene anzunehmen. „Nicht wahr,“ ſagte Eugen,„es kommt dir ſonderbar vor, wie ich ſo merkwürdig zugerichtet nach Hauſe komme? Ja, ohne den Hund da wäre ich wohl für längere Zeit ausgeblieben. Ich glaube, die Canaillen hätten mich todt geſchlagen.“ Joſeph faltete die Hände, und dieſes Mal war es keine Ko⸗ mödie. Er dachte: Gott ſei Dank, daß ich den Hund losgelaſſen. „Es war da drunten,“ fuhr Eugen fort,„ſie haben mir eine Falle gelegt. Ja, warum bin ich hineingegangen?— Du mußt aber jetzt gleich fort, Joſeph, um nachzuſehen, wie es da unten gegangen iſt.“. „Ja, was iſt denn eigentlich vorgefallen, gnädiger Herr?“ fragte der Bediente. „Was wird vorgefallen ſein!“ antwortete der junge Mann; „da ſie mich feſthalten wollten, habe ich mich natürlicher Weiſe gewehrt und Einen zu Boden geſchlagen.“ „Und wer war das?“ fragte erſchrocken der Bediente. „Nun, einer der beiden Brüder; ich glaube, der Aeltere. Was kaun man da machen? Ich ſchlug mit meinem Stock ein Bischen derb zu; aber ſie haben es verdient, dieſe Hallunken!“ „Das weiß Gott, daß die es verdient haben ¹“ ſeufzte der Diener mit einem Blick an die Zimmerdecke.„Aber, gnädiger Herr! verzeihen Sie mir; die Sache wird noch nicht zu Ende ſein, Wenn man Sie erkannt hat— o, und man hat Sie gewiß Eugen geht zu einem Rendez⸗vous. 99 erkannt— ſo wird man Sie hier aufſuchen und— das wäre er⸗ ſchrecklich!— feſtuehmen.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ eutgegnete Eugen,„denn die Polizei war gar ſchnell bei der Hand. Die Frau ſchrie aber auch wie beſeſſen.“ In dieſem Augenblicke hörte man das Rollen eines Wagens, der vor dem Hauſe ſtill hielt. Joſeph öffnete die Thüre, und gleich darauf ſtürzte der Herr Sidel in's Zimmer. „Nun, Gott ſei gelobt! da biſt du ja! Das ſind wieder ein⸗ mal ſchöne Geſchichten!“ „Nur keine Predigt!“ entgegnete Eugen lachend;„du ſiehſt, ich bin geſtraft genng, alſo ſchenke mir das Uebrige.“ 3 „Biſt du ſchwer verletzt?“ forſchte dringend der luſtige Rath. „Das glaube ich gerade nicht,“ entgegnete Eugen.„Meine Seite ſchmerzt mich ſtark; aber ich glaube nicht, daß etwas ge⸗ brochen iſt.“ 3 „Du kannſt alſo ſtehen und gehen?“ „Ich glaube ſo!“ „Nun, dann keine Zeit verlorrn! Ich habe draußen einen Wagen; wir müſſen augenblicklich von hier fort.“ „Du erſchreckſt mich!“ ſagte Eugen und blickte den Herrn Sidel feſt an.„Sollte denn wirklich ein Unglück geſchehen ſein?“ Der luſtige Rath zuckte mit den Achſeln und entgegnete:„ge⸗ nau weiß ich das nicht. Du haſt deinen Angreifer ſchwer getroffen, das iſt ſicher; und glaube mir, es iſt beſſer, von fern abzuwarten, wie die Sache auslaufen wird, als hier in der Stadt, im Hand⸗ bereiche unſeres Freundes, des Juſtizrathes Werner.“ Bei den letzten Worten hatte er ſich herabgebeugt und dieſen Namen ganz leiſe ausgeſprochen. Joſeph hatte ihn aber dennoch verſtanden. „Hurtig! hurtig!“ rief Herr Sidel dieſem zu.„Wirf von der Garderobe deines Herrn und von der meinigen ſo viel wie Achtundzwanzigſtes Kapitel. möglich in ein paar Kofſer, und auf den Wagen damit! Ich will unterdeſſen drüben die wichtigſten Papiere zuſammenraffen.“ „Nimm auch drinnen mein Käſtchen,“ ſagte Engen,„da haſt du die Schlüſſel. Du kennſt es ja.“ „Was machen wir mit Joſeph?“ fragte der luſtige Rath, nach⸗ dem er aus dem Schreibtiſche das Käſtchen geholt.„Ich denke, wir laſſen ihn hier; er kann auf die Wohnung Acht geben und uns von Zeit zu Zeit Nachrichten zukommen laſſen.“ 8 Dieſe Worte verſetzten den getreuen Pierrot in nicht geringe Beſtürzung; denn das war es ja gerade, was er am meiſten fürch⸗ tete: hier allein zurück zu bleiben und dem Juſtizrath in die Hände zu fallen. Deßhalb bat und flehte er auf's Dringendſte, ihn eben⸗ falls mitzunehmen, und wußte für dieſen Wunſch die trefflichſten Gründe anzugeben, wobei die Anhänglichkeit an ſeinen Herrn und die Unmöglichkeit, denſelben im Unglück zu verlaſſen, eine Haupt⸗ rolle ſpielten. 3 Endlich gab Eugen dieſen Bitten nach, obgleich Herr Sidel nicht viel Luſt dazu bezeigte, und Joſeph ging nun eifriger und freudiger an die Verpackung des Wagens. Dieſes Geſchäft war bald beſorgt. Eugen und der luſtige Rath ſtiegen hinein, Joſeph ſetzte ſich auf den Bock, und der große Hund ſprang luſtig nebenher, als nun die Pferde anzogen und im raſchen Trabe zur Stadt hinaus eilten, auf der Landſtraße dahin, die zur nahen Grenze führte. .. Heiraths⸗ und andere Spekulationen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Welches von Viſiten im Allgemeinen, von Heiraths⸗ und andern Spekulation handelt. Unter vielen Sachen, welche die Menſchen erfunden und ein⸗ gerichtet haben, um ſich gegenſeitig zu langweilen und beziehungs⸗ weiſe ſich das Leben ſauer zu machen, ſtehen Höflichkeitsbeſuche un⸗ bedingt oben an. Wir meinen natürlicher Weiſe nur ſolche Viſiten, wo Beide, der Beſucher und Beſuchtwerdende, außerordentlich froh ſind, wenn ſie dieſes Geſchäft mit einer Viſitenkarte abmachen können. Aber unter allen dergleichen Zeitverſchwendungsgängen ſind für beide Theile die unbehaglichſten und zeitraubendſten die ſogenannten Digeſtions⸗ oder Verdauungsviſiten, der Dank für ein genoſſenes Diner, ein Souper oder eine Soirée mit oder ohne Tanz. Man verſäumt ja dergleichen ſo leicht und gewiß ohne die Abſicht, dem Gaſtgeber eine Unhöflichkeit damit zu bezeugen. Man iſt hingegangen, weil man eingeladen war, man hat an den Wän⸗ den umhergeſtanden, man war in Verzweiflung wegen zu enger Stiefel und wegen ſeines Hutes, den man ſorgfältig neben der Thüre unter den kleinen Tiſch geſtellt, nicht beachtend, daß der kleine Tiſch zum Spielen gebraucht und der Hut von dem herrich⸗ tenden Bedienten zu zweihundert anderen Kopfbedeckungen in ein entlegenes Hinterzimmer verwieſen wurde. Man hat ihn endlich gefunden, man ſchleicht ſich hinaus, und wenn man das Glück hat, nicht an der äußeren Thüre der Hausfrau zu begegnen, oder ihm, dem an einem ſolchen Abende ſehr geplagten Ehemanne, ſo gelangt man unangefochten auf die Straße, nach Hauſe und in's Bett. Das wäre einmal wieder abgemacht; man iſt wieder ein freier Menſch, man hat vorderhand keine weiteren Verbindlichkeiten, 102 Neunundzwanzigſtes Kapitel. man denkt nicht weiter an den genoſſenen Abend, bis man viel⸗ leicht in einer Woche ſpäter einem Bekannten begegnet.„Apro⸗ pos!“ ſagt dieſer,„warſt du ſchon bei der Frau von C.? Haſt du der L. deinen Beſuch ſchon gemacht?“—„Noch nicht.“— „Aber es iſt Zeit, gehe bald hin, man ſieht in dem Hauſe ſehr genau darauf.“ Der Bekannte hat Recht; dieſer nothwendige Be⸗ ſuch, der dir am erſten Tage nach dieſer Begegnung eine Kleinig⸗ keit zu ſein ſcheint, die man leicht abſchütteln kann, wird immer ſchwerer, je weiter du ihn hinaus ſchiebſt, und endlich ſitzt er dir wie ein hohnlachender Alp auf der Bruſt. Du biſt Geſchäftsmann, deine Morgen ſind dir koſtbar; du haſt überhaupt nur ein paar in der Woche, wo du dich losmachen kannſt, und gerade an ſolchen, wenn du bereits angezogen biſt und den Hut in der Hand haſt, gibt ein Beſuch dem anderen die Thüre in die Hand. Und das ſind keine Viſiten, die dich plagen, es ſind lauter Geſchäftsfreunde; und wenn auch jeder ſieht, daß du eilig biſt, und ſich ſo kurz wie möglich faßt: es hilft Alles nichts. Die Minuten jagen ſich mit unendlicher Geſchwindigkeit. Es ſchlägt zwölf Uhr, ein Viertel, halb, und mit dem Schlage Ein Uhr iſt, wie nächtlich um dieſelbe Stunde, für die Geiſter, jetzt mittäglich für dich die Zeit zu Be⸗ ſuchen vorbei. Du kannſt deinen Hut in die Ecke werfen, und wenn du Nachmittags zufällig der Frau von C. begegneſt, ſo buſtet ſie bedeutſam, während ſie für deinen Gruß flüchtig dankt, oder ſie ſieht ihre Schweſter, die neben ihr geht, zufällig an; auch kann es dir ſogar paſſiren, daß, wenn du vierzehn Tage gewartet haſt, ſie ſich in dem Augenblicke, wo du den Hut ziehſt, herum⸗ dreht und zu ihrem Manne ſagt:„Das ſchöne Wetter iſt ſchon vorbei, dort ziehen Wolken auf.“ Wenn man in Abſtattung der Viſiten wirkliches Unglück hat, ſo kann man der wohlwollendſte und höflichſte Menſch von der Welt ſein, man wird unter Umſtänden doch für einen Grobian gehalten. Hat man nun endlich Alles auf die Seite geſchoben und 27 Heiraths⸗ und andere Spekulationen. 103 ſtürzt auf die Straße, den lange verſchobenen Beſuch endlich zu machen, ſo iſt man vielleicht in Gedanken und ſieht nicht, daß dort, keine zehn Schritte von uns, das fragliche Ehepaar vorüber⸗ geht. Man rennt nach deſſen Hauſe, man athmet freudig auf, als einem der Bediente ſagt:„Die Herrſchaften ſind ausgegangen.“ Man nimmt mit der größten Beruhigung zwei Karten, kneift mit wahrer Befriedigung ein Ohr hinein und gibt ſie dem Bedienten, während man unendlich bedauert, Niemanden zu Hauſe gefunden zu haben. Gegen ein Uhr kommen Herr und Frau von C. unter einem kleinen Wortwechſel nach Hauſe.„Aber wie kann man ſo etwas glauben?“ ſagt er.—„Du wirſt es ſchon ſehen!“ entgegnet ſie. Darauf treten Beide ins Haus, und ehe noch die Glasthüre des Hausganges hinter ihnen geſchloſſen iſt, fragt man ſchon nach deinem Namen.„War der Herr P. heute Morgen vielleicht hier?“ ſo fragt die Dame des Hauſes, und die beiden Karten, die ihr der Bediente übergibt, hält ſie nun dem Gemahl triumphirend unter die Naſe, wobei ſie indignirt ausruft:„Ah, c'est trop!“ Man muß ſchon geſtehen, deine Herren Bekannten behandeln uns mit großer Aufmerkſamkeit!“ Von dem Moment an biſt du verloren; du haſt abſichtlich in den erſten acht Tagen keinen Verdauungsbeſuch gemacht, du biſt endlich abſichtlich an dem Morgen hingegangen, wo du Herrn und Madame C. auf der Straße begegneteſt und alſo genau wußteſt, daß ſie nicht zu Hauſe ſeien; du biſt auf deinen unhöflichen Gän⸗ gen ertappt worden, du biſt ein geſellſchaftliches Scheuſal.— Die Folge von allem dem empfindeſt du zuweilen recht ſchmerzlich; denn wenn dich auch der Verluſt der großen Soiréen nicht beſon⸗ ders bekümmert, ſo ladet man dich nicht mehr zu kleinen feinen Diners oder zu angenehmen Spielpartieen ein. Du biſt geächtet, verſtoßen, verbannt, und haſt nur drei gleich bedenkliche Wege, dich dafür zu entſchädigen, indem du entweder zum Einſiedler, 104 Neunundzwanzigſtes Kapitel. zum Selbſtmörder oder zum Ehemanne wirſt. So viel iſt gewiß, theurer Leſer, nimm dich in Acht und unterlaſſe keine dergleichen nothwendigen Beſuche! Das hat ſchon oft Manchen ins Unglück gebracht. Halte in Geduld aus, bis dir endlich der Tag der Er⸗ löſung ſchlägt und man übereinkommt, ſich gegenſeitig keine der⸗ gleichen Viſiten mehr zu machen. Tröſte dich unterdeſſen mit denen, welche die Beſuche, die wir zu machen gezwungen ſind, in Empfang nehmen müſſen— jenen Opfern unſerer geſellſchaftlichen Zuſtände, die von einer großen Soirée nichts haben, als ein völlig derangirtes Haus, viel zerbrochene Gläſer und viel zerſprungenes Porzellan, einen halb geleerten Weinkeller, üble Nachreden, Un⸗ dank und vor allen Dingen wenigſteus ein Dutzend ſehr langwei⸗ liger Vormittage, an welchen ſie die mehrfach beſprochenen Be⸗ ſuche zu empfangen haben und an welchen man ihnen erzählt, wie deliciöbs es bei ihnen geweſen ſei, wie köſtlich und amuſant, die Unterhaltung ſo geiſtreich, das Souper ſo vortrefflich ſervirt. In dieſem letzteren Falle nun befindet ſich zu Anfange des neunundzwanzigſten Kapitels dieſer überaus wahrhaften Geſchichte das freiherrlich von Brander'ſche Ehepaar, namentlich die beſſere und ſchönere Hälfte deſſelben, die Freifrau von Brander, auch Roſa Immergrün genannt. Der Herr Gemahl hatte an den Vormittagen ſo außerordent⸗ lich viel auf dem Exercirplatze und in der Kaſerne zu thun, daß es ihm unmöglich war, Einiges von ſeiner koſtbaren Zeit damit zu vergenden, daß er die Viſiten der ſehr dankbaren Eingeladenen hochſelbſt entgegen nahm. An dieſem Morgen aber iſt er zufällig zu Hauſe; es iſt ein Feiertag, und da an einem ſolchen nicht öffentlich exercirt werden darf, ſo hatte der Major ſeinen militäriſchen Kindern nur da⸗ durch eine Freude zu verſchaffen gewußt, daß er ſie Morgens um ſechs Uhr mit friſch angeſtrichenem Lederzeug und friſch lackirten Helmen und Patrontaſchen antreten ließ. Dieſe Muſterung war Heiraths⸗ und andere Spekulationen. 105 recht angenehm und befriedigend vorübergegangen, und der Major hatte ſich in der beſten Lanne, nur begleitet von dem Adjutanten von Stifeler, nach ſeiner Wohnung zurückbegeben. An Sonn⸗ und Feiertagen war der Adjutant Vormittags mei⸗ ſtens in dem Hauſe des Chefs zu finden. Er frühſtückte dort mit dem Major in dem Arbeitszimmer deſſelben; dabei wurde die Dienſtthätigkeit der vergangenen Woche ruhig durchgegangen und in ernſte Erwägung gezogen und nebenbei erſchrecklich viel geraucht. Der Freiherr von Brander hatte an dieſem Morgen ſeinen Waffenrock abgelegt, war in den leichten Schlafrock geſchlüpft und rauchte eine neue Meerſchaumpfeife, die er jeden Augenblick be⸗ trachtete und häufig mit dem Aermelaufſchlag polirte. „Ein Kapitalſtück!“ ſagte er nach einer Pauſe;„ſehen Sie, beſter Stifeler, wie es anfängt, ſich unten angenehm zu bräunen, es iſt ein Prachtſtück; der junge Herr von Steinbeck, der mir dringend empfohlen iſt, der mich, ſo zu ſagen, als ſeinen zweiten Vormund betrachtet, brachte es mir aus Wien mit. Das muß man ihnen da unten ſchon laſſen: Meerſchaumköpfe verſtehen ſie zu ſchneiden. Iſt dieſer nicht famos?“ „Kapital!“ ſagte Stifeler mit einer tiefen Stimme. „Sollten Sie wohl glauben,“ ſuhr der Major nach einer Pauſe fort,„daß es Leute gibt, die behaupten, es ſei nicht mehr gentil und anſtändig, Meerſchaumköpfe zu rauchen?“ Der Adjutant ſchauderte und ſagte mit gepreßter Stimme, er glaube nicht, daß es ſolche Menſchen gebe. „Und doch!“ rief der Major triumphirend,„ſehen Sie unſern Generalauditeur an. Der Mann hat, Gott weiß, woher, ſo kleine ſchwarze Chemnitzer Thonköpfe bekommen und bildet ſich nun ein, das ſei etwas Elegantes. Ich hab's ihm aber auch geſagt: ſo ein Chemnitzer Kopf iſt paſſend für einen Unteroffizier, aber Jemand, der Stabsoffiziersrang hat, kann ſich, wenn er nicht den ganzen Tag Cigarren rauchen will, nur der Meerſchaumköpfe bedienen.— 106 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Zwiebel!“ unterbrach hier der Major den Strom ſeiner Beredt⸗ ſamkeit und ſchaute ärgerlich nach dem Bedienten um, der in der Ecke drinnen beſchäftigt war, die blank gewichsten Stiefel ſeines Herrn auf einem Geſtelle in ſaubere Richtung zu bringen.„Zwie⸗ bel!“ rief der Major abermals,„mach' keinen ſo hölliſchen Lärmen!“ Der Bediente duckte ſich ſichtlich zuſammen und machte ein höchſt jammervolles Geſicht; dann entfernte er ſich auf den Zehen⸗ ſpitzen und zog die Thüre ohne Geräuſch hinter ſich zu. Der Major ſah ihm grimmig nach, zog einige gewaltige Züge aus ſeiner Meerſchaumpfeife und ſagte alsdann:„Sollte man das glauben, daß ich jetzt volle zwei Jahre an dieſem Kerl erzogen habe, an ihm herumgeſchliffen und polirt, und nun endlich finden muß, daß ſtatt guten und brauchbaren Stoffes nur eine jämmer⸗ liche, nicht zu verwendende Maſſe an ihm iſt? Iſt das nicht fürchterlich, Herr Lieutenant von Stifeler?“ „Fürchterlich!“ wiederholte der Adjutant und ſah mit troſt⸗ loſem Geſichtsausdruck nach der Thüre, durch welche Zwiebel ſo eben verſchwunden. „Ich habe mir,“ fuhr der Major fort,„mit dieſem Menſchen die unſäglichſte Mühe gegeben, ich habe ihm das Serviren beige⸗ bracht, ich habe ihm etwas gute Lebensart eingeprägt, ich habe ihm eine außerordentlich elegante Livree machen laſſen und zu ihm geſprochen: Siehſt du, Zwiebel, wenn du meinen Befehlen ge⸗ hörig folgſt, ſo kann aus dir ein ganz gewichster Kerl werden; wenn du ausgedient haſt und ich mir einen neuen Burſchen an⸗ ſchaffen muß, ſo ſoll es mir gar nicht ſchwer fallen, dir bei fort⸗ geſetztem guten Lebenswandel eine anſtändige anderweitige Anſtel⸗ lung zu verſchaffen.“ „Ich weiß es,“ ſagte von Stifeler empört.„Der⸗Herr Major haben für dieſen Burſchen väterlich geſorgt.“ 4 „Ja wohl, väterlich!“ ſprach groß der Major;„das iſt das rechte Wort, und darnach geht dieſe undankbare Creatur hin und — Heiraths⸗ und andere Spekulationen. 107 blamirt mich vor meiner ganzen Whiſtgeſellſchaft!“— Bei dieſen Worten betrachtete der Major angelegentlich ſeinen Meerſchaumkopf, und nur das ſanfte Braun, das dort zu Tage kam, ſchien ihm einigermaßen einen Troſt zu gewähren. „Waren Sie in dem Augenblicke in dem Zimmer?“ fuhr der Freiherr von Brander nach einer Panſe fort.„Gott der Gerechte! ich meine, mich ſollte der Schlag treffen. Vorn die Theegeſellſchaft hatte ſich glücklicher Weiſe verlaufen, Madame ſich in ihr Zimmer zurückgezogen, und da ſitzen wir ſo harmlos bei einander und rauchen und plaudern, und der alte Oberſt war ſo in ſeinem Gott vergnügt; er hatte einen glücklichen Tag gehabt, wir alle eigentlich mit ihm; denn bei der Parade, die an jenem Morgen ſtatt fand— Seine Majeſtät der König hielt jene Parade ab— da wandten Allerhöchſtdieſelben Ihr Pferd herum, wie wir mit klingendem Spiel anrückten, und ſagten zu Ihrem erſten Adjutanten: Ah, das zwanzigſte Regiment! und Sie begreifen, beſter von Stifeler, was dieſes königliche Wort heißen wollte. Seine Majeſtät wollte un⸗ zweifelhaft damit ausdrücken: bis jetzt habe ich nur ſo aus Pflicht die Parade mit anſehen müſſen, aber von dem Augenblicke an, wo das zwanzigſte Regiment aufmarſchirt, macht es mir ein wahres Vergnügen. Für mich war dieſes wichtige Ereigniß doppelt an⸗ genehm! denn in dem Augenblicke, wo Seine Majeſtät ſprachen: Ah, das zwanzigſte Regiment! hatte ich das Glück, gerade mit meinem Bataillon vorbeizumarſchiren. Dieſer Ausdruck hat uns alle ſehr glücklich gemacht. Er ſteht auch im Parolebefehl deſſelbigen Tages.“ „Es war in der That ein ſehr glückliches Ereigniß,“ ſagte der Adjutant mit großer Rührung. „Daraus ſieht man,“ fuhr der Major fort,„wie ſo leicht es den großen Herren wird, die Begeiſterung für ſich zu erwecken. Ich kenne mein Bataillon, Herr Lieutenant von Stifeler, und Sie kennen es auch. Mit jenem Wort im Leibe hätte ich mit meinem —ͤͤ 108 Neunundzwanzigſtes Kapitel. ¹ Bataillon an jenem Morgen ei Sie e genonimen, und wäre ſie mit vierundzwanzigtauſend Leufeln veſegt geweſen.— Ah, das zwanzigſte Regiment!“ 8 Der Major ſchritt ein p.er Mal würdevoll im Zimmer auf und ab und brummte jenen Paravemarſch zwiſchen den Zähnen, unter deſſen Klängen das Regiment damals vorbeimarſchirt war. Endlich blieb er vor dem Adjutanten ſtehen, faltete ſeine Hände auf dem Bauche und ſagte:„Aber hören Sie weiter! Dieſen Tag wollte ich am Schluſſe meiner Whiſtpartie beſonders feiern, mit Champagner feiern! Wir waren noch unſer acht, darunter zwei Hauptleute, die in ſolcher Geſellſchaft wenig zu trinken pflegen, und da hätten alſo zwei Flaſchen vollkommen ausgereicht. Was geſchieht? Als wir ſo feſt bei einander ſitzen, rufe ich dem Zwiebel zu: bringe uns Champagner! und nun denken Sie, beſter von Stifeler, ſtatt meinem Befehle ſtillſchweigend Folge zu leiſten, an⸗ ſtatt, wie ich es ihm befohlen, die Flaſchen mit einer Serviette umwickelt zu bringen, ſieht er mich groß und dumm an und ſagt: Befehlen der Herr Oberſtlieutenant, daß ich beide Flaſchen auf einmal bringen ſoll?—— Da war alle Illuſion zerſtört; der Oberſt lachte, die Gäſte lachten, und ich mußte nothgedrungen am Ende auch mit lachen.— Aber dem Zwiebel werde ich das nie⸗ mals vergeſſen.“ Während der Major auf dieſe Art den Freuden der Erinnerung lebte, ſaß Roſa Immergrün in ihrem Zimmer neben dem Salon, das der geneigte Leſer bereits kennt, auf dem Eckdivan— unter blüh'nden Mandelbäumen. Eigentlich waren es nur ein Kirſchlorbeer⸗ und ein Citronenbaum, welch letzterer ſeine Blätter einigermaßen verloren hatte. Da ſaß ſie und nahm Beſuche an. Neben ihr lag des Goldkäfers letzte Brautfahrt, einige Albums und das Bedeutendſte, was die neueſte Literatur in dieſem Zeitpunkte hervorgebracht, deutſch, franzöſiſch — — . 4 Heiraths⸗ und andere Spekulationen. 109 und engliſch. Dieſe Schätze war Zwiebel angewieſen, während des daſitzenden Beſuches von Zeit zu Zeit noch zu vermehren; denn bald brachte er ein Buch herein, und wenn ihn Roſa Immer⸗ grün ziemlich unfreundlich fragte, was er ſchon wieder wolle, ſo war der unglückliche Zwiebel dahin inſtruirt, die Antwort zu geben: die Verlagshandlung von Knittel und Compagnie habe verlangt, daß dieſes Werk im Namen des Verfaſſers augenblicklich übergeben werde. Auch Manuſcripte ſchleppte der treue Zwiebel herbei mit kleinen Briefchen, und nachdem die Schriftſtellerin ſolche geleſen, ſagte ſie unmuthig zu den vor ihr Sitzenden:„Ich habe, wie Sie ſehen, nicht einen Augenblick für mich; da ſoll ich ſchon wieder ein Urtheil abgeben über einen dreibändigen Roman.“ Auch ein armer, unglücklicher Maler wurde ihr zuweilen gemeldet, jedoch niemals vorgelaſſen; denn Roſa Immergrün hatte jetzt un⸗ möglich Zeit, ihm eine Sitzung zu gewähren zu dem Porträt, welches demnächſt in der Modezeitung von der gefeierten Dichterin erſcheinen ſollte. So waren nach und nach ſehr Viele zum Beſuche da geweſen von der äſthetiſchen Theegeſellſchaft. Wenige von der Whiſtpartie. Da hatten die Erſtgenannten, unter ihnen der treffliche Goldenſtein, die genialen Silber⸗, Morgen⸗ und Abendſteine, ſich dankbar aus⸗ gedrückt, wie außerordentlich ſie ſich amuſirt, wie göttlich, geiſtreich und genußvoll jener Abend für ſie geweſen ſei. Da hatte die dicke Regierungsräthin abermals ſchalkhaft mit dem Finger gedroht und lächelnd gefragt, was ſie denn eigentlich thun müſſe, um bei einer ähnlichen nächſten Gelegenheit auch in den erſten Kreis der Vertrauten gezogen zu werden. Da hatte die gutmüthige Frau des Kanzleirathes, die demſelben am Morgen nach der Soirée verſichert, unter Anderem ſeien bei Brander's die Salate ſo unver⸗ antwortlich ſchlecht geweſen, daß ſie acht Tage lang an einer Un⸗ verdaulichkeit hätte leiden müſſen, da hatte dieſe alſo im wohlwol⸗ lenden Tone die Hausfrau gefragt:„Aber, beſte Majorin, etwas 110 Neunundzwanzigſtes Kapitel. dürfen Sie mir nicht vorenthalten, das iſt das Recept zu Ihrem köſtlichen italieniſchen Salate.“ Zwiſchen dieſe Beſuche tröpfelte auch hie und da einer von der Whiſtpartie hinein; doch geſchah dies nur ſpärlich, und die alten Herren wurden auch nicht mit jenem holdſeligen Lächeln empfangen, wie die Beiſitzer und Beiſitzerinnen des geheimen äſthe⸗ tiſchen Cirkels. Fanden ſich zufällig von beiden Parteien zuſammen, ſo ließ das die Majorin auch ſo hingehen, und indem ſie mit ihren Vertrauten ſprach, wurden die anderen, proſaiſchen Elemente ſo nebenbei mitgeduldet. Traf es ſich jedoch zufällig, daß ſie ſich mit einem der letzteren allein befand, ſo wurde augenblicklich nach dem Major geſchickt, der ſich aber meiſtens mit wichtigen, unauf⸗ ſchiebbaren Geſchäften entſchuldigen ließ und den Beſuch einlud, ſich in ſein Zimmer zu verfügen, was denn auch ein ſolcher Beſuch gewöhnlich auf's Bereitwilligſte annahm und, während er dann ſpäter bei dem Hausherrn eine Cigarre rauchte, das ſanfte Ge⸗ ſpräch der Hausfrau nicht leicht vermißte. Unterdeſſen hatte es zwölf Uhr geſchlagen; die Stunden, in welchen die Majorin ihre Viſiten empfing, waren vorüber, und Zwiebel erhielt den Befehl, Niemand Gewöhnliches mehr vorzu⸗ laſſen, das heißt Niemand, der blos durch die Einladung zum äſthetiſchen Thee oder zur Whiſtpartie ſich ein Aurecht auf einen Beſuch erworben hatte. Die Freunde des Hauſes waren natür⸗ licherweiſe in dieſen Befehl nicht einbegriffen, weßhalb denn auch Zwiebel kurze Zeit, nachdem er dieſen Befehl erhalten, die Thüre öffnete und hineinmeldete:„Herr von Steinbeck!“ „Sehr angenehm!“ entgegnete die Majorin;„man ſoll es meinem Manne ſagen.“ Zwiebel zog ſich zurück, und man öffnete gleich darauf dem jungen Herrn die Thüre, der ſehr elegant gekleidet war, aber etwas linkiſch eintrat, ſchon an der Thüre ſeine Verbeugung anfing und dieſelbe mit ſteter Hutbewegung ſo lange wiederholte, bis er Heiraths⸗ und andere Spekulationen. 111 ſich einer der rettenden Hände der Majorin bemächtigt hatte, welche er ehrerbietigſt küßte, und ſich alsdann in einen Stuhl neben dem Eckdivan niederfallen ließ. Eine Zeit lang ſtierte er ziemlich nichtsſagend vor ſich hin, ſah zuweilen ſeine Nachbarin an, ſchluckte dann einige Mal heftig, kratzte ſich mit dem Knopfe ſeines Spa⸗ zierſtöckchens rechts und links an der Naſe und ſagte endlich, nach⸗ dem er ſich auch mit dem Hutdeckel das Kinn gerieben:„ich ver⸗ ſichere Sie, Frau Majorin, es iſt heute verdammt heißes Wetter.“ „Sehr warm,“ liſpelte Roſa lächelnd und fügte verbindlich hinzu:„Wollen Sie nicht gefälligſt ablegen?“ „Danke wirklich,“ entgegnete der junge Herr.„Ich halte Hut und Stock gerne in der Hand; es ſind das ſo artige Spielzeuge, wenn man ſo eigentlich über gar nichts plaudert, wiſſen Sie, wenn man eine ſo gewöhnliche Converſation macht.“ Noſa Immergrün ſchlug lächelnd die Augen nieder und ent⸗ gegnete mit vielſagendem Tone:„gleich wird der Major kommen, Herr von Steinbeck. Mit dem haben Sie doch lieber zu thun, als mit mir, mit dem ſpricht ſich leichter; nicht wahr?“ Der junge Herr wußte nicht, ob er Ja oder Nein ſagen ſollte. „O, nicht doch!“ verſetzte er nach einer kleinen Pauſe;„der Ba⸗ ron und ich haben freilich einerlei Thema's, worüber wir gern ſprechen und worin wir uns vollkommen verſtehen: Pferde, Hunde, Soldaten und was ſo drum und dran hängt; aber Sie müſſen deßhalb nicht glauben, meine Gnädige, daß ich nicht ein Geſpräch mit Ihnen verzöge über das Theater, das Wetter, auch über Bücher.“ „Auch über Bücher?“ fragte lächelnd Roſa Immergrün. „Allerdings,“ antwortete Herr von Steinbeck wichtig.„Ich habe neulich angefangen, mich ſehr mit der Literatur zu be⸗ ſchäftigen! ich lege mir eine Bibliothek an.“ Bei dieſen Wor⸗ ten ſtreckte er beide Beine von ſich, legte eines über das an⸗ dere und bemühte ſich, mit hoch emporgezogenen Augenbrauen und ſehr ſpitzigem Munde den Staub von ſeinen glänzend lackirten 112 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Stiefeln wegzublaſen.„Ja, ja,“ wiederholte er,„eine vollkom⸗ mene Bibliothek lege ich mir an.“ „Das wäre!“ ſagte erſtäunt die Majorin;„und wie fangen Sie das an?“ „Nun,“ erwiderte Herr von Steinbeck mit ſehr ernſtem Tone, „ich nehme die großen Zeitungen zur Hand, und was in denſelben beſonders gelobt iſt, das kaufe ich.“ „Und nachher leſen Sie's durch?“ fragte die Majorin. „Nicht immer,“ entgegnete der junge Herr.„Ich vertraue unbedingt dem Lob der großen Zeitungen und bin dann überzeugt, daß die Werke, welche darin angeprieſen werden, ſehr klaſſiſch ſind. Aber mich langweilen ſie doch manchmal.“ „Das iſt das Erſte, was ich höre, daß Sie ſich langweilen!“ ſagte laut lachend die Majorin;„wie kann man Langeweile haben, wenn man ſo viele Geſchäfte hat wie Sie?“ Herr von Steinbeck ſah die Dame des Hauſes mit großem Blicke an und verſetzte nach einer Pauſe:„Sie lachen über mich, und wenn Sie ſagen, ich hätte viel zu thun, ſo wollen Sie damit ausdrücken, ich hätte gar nichts zu thun; aber ich verſichere Sie, Frau Majorin, da irren Sie ganz gewaltig. Wer ſich ſo ſeinen Freunden und den öffentlichen Angelegenheiten widmet, wie ich, der weiß kaum, wo er zu allem dem die nöthige Zeit herbringen ſoll. Sehen Sie“— bei dieſen Worten zog er ſeine Uhr heraus —„jetzt iſt es ſchon wieder ein Viertel nach Zwölf, und ich ſollte ſchon längſt auf dem Schloßplatze ſein.“ „Bei der Parade?“ ſagte lächelnd die Majorin. „Die Parade bekümmert mich eigentlich nur in meinen Frei⸗ ſtunden,“ entgegnete der junge Herr mit wichtiger Stimme. „In Ihren Freiſtunden?“ 2 „Gewiß, nur dann; aber meiſtens betrachte ich die Zeit der Parade als eine Art geſellſchaftlicher Börſe, als, wenn ich mich militäriſch ausdrücken ſoll, einen bürgerlichen Appel, wo man ſeine Heiraths⸗ und andere Spekulationen. 113 Bekannten trifft, wo man ſich gegenſeitig die Parole gibt und empfängt, d. h. wo ausgemacht wird, an welchem Ort man Nach⸗ mittags ſeinen Kaffee trinkt, ob man in's Theater geht oder wo man ſich ſonſt amuſirt.“ „Auf dieſe Art aber haben Sie außerordentlich viel zu thun,“ antwortete die Majorin. „Ich brauche in der That meine ganze Zeit,“ verſicherte Herr von Steinbeck. Dabei zupfte er an ſeiner Halsbinde, ſtrich ſich durch's Haar und ſtützte darauf den Stockknopf mit wichtiger Miene unter das Kinn. „Meine ganze Zeit,“ wiederholte er nach einer Pauſe;„jetzt geht es indeß beſſer, ich kann mich doch wieder rühmen, ich habe hie und da einen freien Moment. Aber ich verſichere Sie, Frau Majorin, vor einem halben Jahre, bei Eröffnung der Eiſenbahn, da war ich der geplagteſte Menſch unter der Sonne.“ Die Majorin hatte ihr Buch von des Goldkäfers letzter Braut⸗ fahrt in die Hand genommen und blätterte darin herum; zuweilen bei dem Geſchwätze des Herrn von Steinbeck ſchaute ſie einen Au⸗ genblick in die Höhe, um ihm damit anzuzeigen, daß ſie weit entfernt ſei, ſeinen Worten keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Ge⸗ legentlich ſah ſie auch ſehnſüchtig nach der Thüre, wo der Major noch immer nicht erſchien. 1 Wenn Herr von Steinbeck einmal im Fluſſe der Rede war, ſo hörte er ſich gern ſprechen, und dann plätſcherten ſeine Worte nieder, wie ein Herbſtregen, aber auch wie ein ſolcher langweilig und unerquicklich. „Ja, die Eiſenbahn,“ fuhr er fort,„nahm mich ſehr in An⸗ ſpruch, anfänglich die Probefahrten; ich habe keine einzige verſäumt, ich war ſogar auf dem Zuge, als Seine Majeſtät der König zum erſten Male fuhr. Eine kleine Beſtechung, und ſo was gelingt immer!— Nachdem die Bahn dem Verkehr übergeben war, hatte Hackländers Werke. XI. 8 114 Neunundzwanzigſtes Kapitel. ich wirklich außerordentlich viel zu thun, um die Züge ankommen und abfahren zu ſehen, und mir genau zu notiren, wie viel Mi⸗ nuten jeder einzelne zu früh oder zu ſpät eintraf. Es iſt das von großer Wichtigkeit, und ich habe nicht verfehlt, meine Bemerkungen während des erſten halben Jahres dem Eiſenbahndirektor mitzu⸗ theilen. Er war mir dankbar dafür.— Jetzt aber iſt dieſe Ge⸗ ſchichte in Ordnung, ſie nimmt mir nicht viel Zeit mehr weg, und ich kann jetzt meinen Beſchäftigungen regelmäßig wieder nachgehen.“ „Es iſt ganz erſtaunlich,“ ſagte die Majorin, abermals auf⸗ blickend; ſie hatte aber während der Zeit einen halben Geſang ihres Gedichtes durchgeleſen. „Wenn nur nicht wieder in nächſter Zeit die Aſſiſen eröffnet würden!“ fuhr Herr von Steinbeck mit einem tiefen Seufzer fort, „in der Zeit bin ich immer außerordentlich geplagt.“ „Wie ſo?“ fragte die überaus höfliche Majorin. „Ich habe noch nie eine wichtige Sitzung verſäumt,“ entgeg⸗ nete ſtolz der junge Herr;„ich halte das für meine Schuldigkeit, aber ich verſichere Sie, man muß darunter leiden. Die Hitze in dem Saal, das ſtundenlange Hinſtehen, die oftmals ſehr langwei⸗ ligen Reden der Advokaten, das kann einen ſchon zur Verzweiflung bringen. Ich war bei der letzten Seſſion— der berühmten Falſch⸗ münzergeſchichte— außerordentlich froh, als ſich auf einmal in dem Saal die Nachricht verbreitete, es ſei zwei Stunden vor der Stadt eine Lokomotive ſtecken geblieben, wodurch ich einen genü⸗ genden Grund bekam, den heißen Saal zu verlaſſen, und wodurch ich es bei meinem Gewiſſen verantworten konnte, den Schluß der wichtigen Sitzung nicht mit anzuhören.— Die Lokomotive ſaß ungeheuer feſt; wir mußten den ganzen Nachmittag arbeiten, um ſie wieder auf die Schienen zu bringen; und es war an dem Tage verflucht heiß.“ „Ah, da kommt der Major!“ rief nun plötzlich das unglück⸗ Heiraths⸗ und audere Spekulationen. 115 liche Schlachtopfer dieſes Geplauders, und in demſelben Augenblicke öffnete ſich die Thüre und der längſt Erwartete trat ein. Der Freiherr von Brander war in Uniform: Waffenrock mit ſehr dicken Epauletten, und er eilte auf den jungen Herrn zu und reichte ihm beide Hände zur Begrüßung dar. Herr von Steinbeck konnte aber von dieſer großen Freundſchaftsbezeugung nur einen ſehr mäßigen Gebrauch machen; denn mit der einen Hand hielt er den Hut, mit der anderen den Stock, und ſo blieben für den Major nur zwei Finger übrig, die er aufs Liebreichſte mit ſeinen beiden Händen umfaßte und ſchüttelte. „Guten Morgen, lieber Major!“ ſagte der junge Herr freund⸗ lich lächelnd;„Sie ſehen, ich bin pünktlich, ein Viertel nach Zwölf, und ich hätte wahrhaftig auf Sie warten müſſen, wenn nicht die gnädige Frau ſo freundlich geweſen wäre, mir zu erlauben, ſie ein wenig zu unterhalten.“ „Richtig! ſchon ein Viertel nach Zwölf,“ entgegnete der Major, bedeutſam huſtend, und ſah ſeine Frau dabei an. Dieſe ſchien den Blick vollkommen zu verſtehen; ſie legte das roth eingebundene Buch nieder und ſetzte ſich, aber mit einem etwas verdrießlichen Geſichte, in Poſition. Der Major rückte ſeinen Stuhl neben den des jungen Herrn, und es gelang ihm nach einigen fruchtloſen Verſuchen, demſelben Hut und Stock freundſchaftlich zu entwinden und Beides auf dem Tiſche niederzulegen. „Ja, mein Beſter,“ ſprach nun der Major wieder nach einer Pauſe, während welcher er ſeine Stiefelabſätze zuſammenſchlug, daß die Sporen klirrten,„wir haben uns alſo verabredet, ein Viertel nach zwölf Uhr zuſammen zu kommen, um das Nähere zu beſprechen, ehe der Juſtizrath Werner erſcheinen wird, der ſich bis um ein Uhr angemeldet hat.“ „Ganz recht, ganz recht!“ ſagte Herr von Steinbeck.„Ich war alſo in der vorigen Woche mit dem Schreiben des Heirn Ju⸗ ſtizraths auf dem Schloſſe— wie heißt es doch?“ 116 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Gleichviel, gleichviel!“ verſetzte eifrig der Major;„alſo Sie waren da? nun, da bin ich begierig, zu erfahren, welchen Eindruck Sie von dort mitnahmen.“ „Ach, ich muß geſtehen, einen überaus günſtigen, beſonders was die junge Dame anbetrifft; auch iſt das Landgut ſchön gele⸗ gen, die Gebäude vortrefflich, die Gegend allerliebſt. Es hat mir im Ganzen recht wohl gefallen— aber—“ „Sie ſoll ſehr gut erzogen ſein,“ ſagte der Major mit großer Würde,„ſie ſoll die beſten Lehrer gehabt haben; man hat in ihrer Erziehung nichts verſäumt.“ „Das ſchien mir auch ſo,“ entgegnete Herr von Steinbeck, „und ich muß geſtehen, ich bin wohl entſchloſſen, dieſe Verbindung einzugehen, aber—“ „Sie iſt außerordentlich reich,“ warf die Majorin leicht hin, „und die Familie ſehr reſpektabel.“ „Ja, aber—“ ſagte Herr von Steinbeck und ſchaute die Ma⸗ jorin mit einem ziemlich nichtsſagenden Blicke an.„Die Familie iſt allerdings ſehr reſpektabel; der Mann wenigſtens, obgleich viel geſchehen iſt, dieſem Namen Unangenehmes anzuhängen.“ „Das iſt wahr,“ ſeufzte die Majorin,„aber nur allein durch den Sohn, durch jenen Herrn Eugen. Was der der alten Staats⸗ räthin ſchon für Kummer verurſacht hat!— Und nun erſt dieſe letzte Geſchichte! Gott! wenn ich bedenke, daß er erſt wenige Tage vor dem Vorfall hier in dieſem Salon war, hier bei mir in mei⸗ nem Hauſe?“ „Die Schwägerſchaft iſt mir gerade nicht das Angenehmſte bei der Sache,“ antwortete der junge Mann. „Der iſt beſeitigt!“ ſprach der Major in beſtimmtem Tone; er wird es nicht wagen, ſich vor einem Bekannten ſehen zu laſſen. Wenn er auch jenen jungen Schoppelmann, einen braven jungen Menſchen, der die Ehre ſeiner Schweſter vertheidigte, wenn er ihn auch glücklicher Weiſe nicht todtgeſchlagen hat, ſo hat er ihn doch Heiraths⸗ und andere Spekulationen. 117 ſo darniedergelegt, daß derſelbe gewiß über ſechs Wochen das Bett hüten muß. Es iſt das ein Kriminalfall.“ Roſa Immergrün ſchauderte.— Hier in dieſem Zimmer hatte er geſeſſen, der hart an dem Mörder vorbeigeſtreift war und der jetzt, dem Kriminalgericht verfallen, flüchtig in der Welt umherirrte. Sie hatte ſchon angefangen, das in einen kleinen Roman zu brin⸗ gen; doch können wir dem geneigten Leſer zu ſeiner Beruhigung verſichern, daß er nicht in den Fall kommen wird, auch noch oben⸗ drein dieſe Bearbeitung der Eugen Stillfriedſchen Thaten leſen zu müſſen, indem jener Roman weder beendigt noch gedruckt wurde. „Es iſt eigentlich merkwürdig,“ ſagte der Herr von Steinbeck, „daß ich dieſen Eugen Stillfried nie geſehen, wenigſtens nicht ge⸗ kannt habe; er könnte mir heute begegnen, und ich würde nicht wiſſen, wer es iſt.“ „Das iſt begreiflich,“ meinte ſehr ernſt der Major und drückte ſeine dicken Epanletten etwas nach hinten.„Die Beſchäftigungen und Liebhabereien jenes Herrn Stillfried waren auch beſtändig der. Art, daß er anſtändigen jungen Leuten fern„lieb.“ „Kommen wir alſo zu Ende!“ fuhr der Herr Steinbeck fort. „Wie ich Ihnen ſchon vorhin bemerkte, hat mir die junge Dame außerordentlich wohl gefallen. Ihr Vermögen iſt ſehr beträchtlich.“ „Ueber hundertfünfzigtauſend Thaler!“ ſchaltete der Major ein. „Aber,“ ſagte der junge Mann, an den dieſe Worte hauptſäch⸗ lich gerichtet waren,„wir ſind ja unter uns und können dieſe Sache offen beſprechen; es ſoll da in dem Stillfried'ſchen Hauſe, namentlich in Betreff dieſer Tochter, Manches räthſelhaft ſein. Und wir müſſen doch zuerſt klar ſehen, wie ſich dieſe Sache verhält.“ „Das müſſen wir vor allen Dingen,“ verſetzte der Major,„und da Sie ſich in dieſer Sache vertrauensvoll an mich gewandt, ſo verſäumte ich nicht, mich mit dem Juſtizrath Werner ernſtlich dar⸗ über zu benehmen.“ „Nun?“ fragte geſpannt der junge Mann. 118 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Der Major klirrte abermals mit ſeinen Sporen, öffnete ſodann ein paar Knöpfe an ſeinem Waffenrock und ſteckte ſeine rechte Hand dort ſehr würdevoll hinein.„Sie bemerkten vorhin, mein lieber junger Freund,“ nahm er alsdann das Wort,„daß in dem Still⸗ fried'ſchen Hauſe manch Räthſelhaftes vorgefallen ſei, und das iſt durchaus nicht in Abrede zu ziehen. Was mich anbelangt, ſo habe ich den alten Staatsrath noch genau gekannt. Das war ein bra⸗ ver, redlicher Herr und ungeheuer wiſſenſchaftlich gebildet.— Er iſt todt, das wiſſen wir alle. Seine Frau nun, die Staatsräthin, war eine Dame von Welt, eine brillante Erſcheinung in der Ge⸗ ſellſchaft. Gott der Gerechte! wie oft war ſie hier in dieſem Sa⸗ lon! Dort in jenem kleinen Fauteuil pflegte ſie zu ſitzen.“ Herr von Steinbeck folgte mit den Augen den Fingern des Majors und blickte den kleinen Fauteuil ſo genau an, als wollte er jetzt noch die Geſtalt der Staatsräthin dort entdecken. „Nun hatten ſie alſo einen Sohn, das war jener Herr Eugen, und vielleicht nach zehn Jahren verbreitete ſich das Gerücht, der Staatsrath ſei nun ebenfalls mit einer Tochter beſchenkt worden. So viel iſt ſicher, daß unſer alter Oberſt, der im Hauſe ſehr be⸗ freundet war, den Staatsrath einmal über dieſe Angelegenheit be⸗ fragte und dieſer zur Autwort gab: ja, wir haben eine Tochter, und dann ſetzte er hinzu: ſie iſt ſehr kränklich und ſchwach, ſie muß auf dem Lande erzogen werden.“ gð „Das iſt ſchon etwas,“ entgegnete Herr von Steinbeck, der dem Major aufmerkſam zugehört. „Und daß der Staatsrath ſo geſprochen, darauf gibt der Oberſt ſein Ehrenwort.“ „Und das iſt wie ein ſchriftliches Dokument,“ antwortete ſich, verbengend, der junge Mann. 2 „Was nun Alles die böſe Welt über jene Tochter gefabelt, das kann uns im Grunde ſehr gleichgültig ſein, d. h. in dem Falle, wenn Sie feſt entſchloſſen ſind, mit jener jungen Dame eine Ver⸗ Heiraths⸗ und andere Speknlationen.⸗ 119 bindung einzugehen, zu der weder ich noch meine Frau an⸗ oder abgerathen haben. Das müſſen Sie nicht vergeſſen, Herr von Steinbeck. Wenn Ihnen alſo dieſe Verbindung wünſchenswerth erſcheint— und das junge Mädchen ſoll ein wahrer Engel ſein— ſo halten Sie an jenem Ausſpruche des Vaters feſt, namentlich aber an den vollgültigen Papieren über Geburt und Taufe, welche der Juſtizrath Werner jeden Augenblick bereit iſt, Ihnen im Auf⸗ trage der Staatsräthin vorzulegen.“ „Iſt er das wirklich?“ fragte der junge Mann.„Man hat mir geſagt, mit dem Juſtizrath ſei ſehr ſchlecht Kirſchen eſſen, und er pflege gerne Ausflüchte zu machen.“ „In dieſem Falle gewiß nicht!“ ſagte der Major.„Es han⸗ delt ſich ja nur um Ja und Nein. Legt er die Papiere vor— gut, wir prüfen ſie und ſind nach Befund zufrieden; legt er ſie nicht vor oder finden wir die Dokumente nicht in der Ordnung, ſo gehen wir in der Sache nicht vorwärts. Das iſt meine Anſicht.“ „Und auch die meinige,“ bemerkte Herr von Steinbeck, wobei er den Knopf ſeines Stockes, den er wieder vom Tiſche an ſich ge⸗ nommen, mit einer außerordentlich entſchloſſenen Miene unter das Kinn ſtützte. Daß auch Roſa Immergrün dieſer Anſicht ſei, beſtätigte ſie durch ein ſtummes Nicken mit dem Kopfe. Schließlich konnte Herr von Steinbeck ſich nicht enthalten, die Anſicht auszudrücken, daß, wenn ſich alſo ſämmtliche Papiere in Ordnung befänden, er durchaus nicht abgeneigt ſei, jene Verbin⸗ dung einzugehen. Doch ſetzte er hinzu, der Major ſowohl wie die Majorin möchten nicht glauben, daß ein wenn auch noch ſo gefürch⸗ teter Mann, wie der Juſtizrath, ihm zu imponiren im Stande ſei, da er ſich vorgenommen habe, dieſem Geſchäftsmanne der Staats⸗ räthin gegenüber ernſt und feſt aufzutreten. Es war nachgerade ein Uhr geworden, und der Juſtizrath Werner erſchien zu dieſer vorher beſtimmten Stunde, um wegen der Dreißigſtes Kapitel. Angelegenheit, die wir eben dem geneigten Leſer mittheilten, mit dem Herrn von Steinbeck zu unterhandeln. Da wir alle Wieder⸗ holungen ſcheuen, ſo erlauben wir uns nur zu ſagen, daß nach einer guten Stunde die Sache ſo gut wie abgeſchloſſen betrachtet werden konnte. Doch können wir nicht verſchweigen, daß während dieſer Unterredung der Juſtizrath zuweilen ſeltſam lächelte, wenn der Herr von Steinbeck mit großen Redensarten begann; daß ferner nur im Allgemeinen der Vorlage der beſprochenen Dokumente als wünſchenswerth erwähnt wurde; und ſchließlich, daß Herr von Steinbeck dem Geſchäftsmann der Staatsräthin gegenüber durch⸗ aus nicht feſt und ſicher auftrat, ihm aber noch weniger im Ge⸗ ringſten imponirte. .. d. Dreißigſtes Kapitel. In welchem man erfährt, wie Madame Schoppelmann ihre Kinder zu erziehen pflegt. Draußen auf der Straße glänzte und jubelte der Feiertag in voller Pracht und Herrlichkeit. Der Himmel hatte ſich dazu tief⸗ blau angezogen, und die Sonne ſchien in ihrer beſten und freige⸗ bigſten Laune; ſie warf nur ſo ganze Maſſen von Sonnenſchein, von Licht und Glanz herab, und das theilte ſie aus ſo liebreich⸗ ſo gut geſinnt, ſo ohne Anſehen der Perſon. Der goldene Knauf dort oben auf dem Thurme des Rathhauſes erhielt von ihr nichts Beſſeres, als tief unten in dem Straßenwinkel auf dem Kehricht⸗ haufen die kleine Glasſcherbe, und beide funkelten und glitzerten in die Wette. Und wie ſich die Menſchen ſo wohl befanden bei dieſer aller⸗ Wie Madame Schoppelmann ihre Kinder erzieht. 121 wärmenden, allumfaſſenden Liebe des Sonnenlichtes! Da hatten ſie maſſenweiſe die dunkeln Häuſer verlaſſen und kamen hervor auf Plätze und Straßen, um zu ſehen und ſich ſehen zu laſſen. Zu den Thoren herein ſtrömten ſie aus den nächſten Dörfern, die Kir⸗ chen öffneten jetzt zur Mittagszeit ihre halbdunkeln kühlen Hallen, und zugleich mit den tiefen Orgeltönen flutete die Menge aus ihnen heraus— Leute jedes Alters, jedes Standes; und auf Jeden ſchien der kirchliche Dienſt anders gewirkt zu haben. Während hier zwei Männer mit weißen Haaren die Predigt einer ſcharfen Kritik zu unterwerfen ſcheinen, ſinden es dort zwei Frauen ſehr paſſend, daß der ſonſt ſo ſanftmüthige Prediger heute einmal einen ſcharfen Text unterlegt hatte und geſprochen von einem zornigen Gott, der da herfahren wird auf Gewitterwolken, ſämmtlichen Sündern zum Ver⸗ derben. Eine gute Kirchgängerin, die mit Herz und Seele bei der Predigt war, erkennt man noch viele Straßen weit an Gang, Hal⸗ tung und Geberde; ja ſogar jene jungen Mädchen, die es nicht unterlaſſen konnten, während der Predigt den neuen Shawl und Hut der Nachbarin zuweilen einer ſcharfen Muſterung zu unterwer⸗ fen, gehen ſtill und ruhig ihres Weges und blicken mehr zu Boden, als ſie ſonſt zu thun pflegen. So wogt Alles durch die Straßen dahin. Männer, Weiber, Kinder, Offiziere, Soldaten, und Alles ſtrömt nach dem Haupt⸗ platze der Stadt, um ſich dort einen Augenblick ſehen zu laſſen und ſelbſt zu ſehen. Jetzt zieht auch die Parade dorthin mit klingender Muſik, und die breite Straße, durch welche ſie kommt, iſt vollge⸗ pfropft mit Muſikern und Militär und Volk von allen Sorten und unendlich vielen Kindern. Das alles bewegt ſich bei den luſtigen Klängen vorwärts, ſtampft daher, ſo gut wie möglich im Takt, ſchlenkert mit den Armen und verſucht es, die Füße gleichmäßig zu heben, wie es das Militär in Reih' und Glied thut. Der Offtzier, der die Wache führt, marſchirt äußerſt wohlgefällig durch die Straßen, den blanken Säbel in der Hand, zumeiſt angeſtauut von Dreißigſtes Kapitel. den Landleuten beiderlei Geſchlechts, die rechts und links mit ihm in gleicher Linie gehen. Zuweilen neigt er die Spitze des Säbels ein klein wenig, auf dieſe Art einen Bekannten grüßend. Iſt dieſer ein Offizier, ſo geſchieht dies mit ernſtem Blick, iſt es aber Kn Civilperſon, mit herablaſſendem Lächeln. Auch an verſchiedenen Häuſern blinzelt er in die Höhe, und wenn er hier ein offenbares Zeichen des Erkennens macht, ſo gibt er dort durch einen ſchmach⸗ tenden Blick zu verſtehen, daß er das Nothwendige geſehen hat, und hofft ebenfalls, geſehen worden zu ſein. Soſ zieht die ganze Menge bei uns vorüber, lachend, plaudernd und ſchreiend, die Töne der Muſik nachäffend, und wir, die wir dieſem Strome entgegen kommen, drücken uns in eine Thürvertie⸗ fung, um nicht mit fortgeriſſen zu werden. Dorthin zieht die Militärmuſik; wir wenden ihr den Rücken, laſſen die neueren, helleren Stadtviertel hinter uns liegen und ſtei⸗ gen zu dem Marktplatze hinab, der heute in ſonntäglicher Feier und Stille daliegt, und auf welchem die heiße Mittagsſonne ge⸗ waltig herrſcht. Hier iſt es ſchon um dieſe Zeit ruhiger. Der Bürger und Handwerker, der hier wohnt, hat ſein Mittagsbrod ſchon längſt verzehrt und gedenkt die heißen Tagesſtunden im küh⸗ len Zimmer zu bleiben, oder er rüſtet ſich, um mit Weib und Kind einen Ausflug zu machen und etwa auf einem benachbarten Dorfe nach ausgeſtandener Hitze und reichlich genoſſenem Staube auf der Chauſſee ſich einen mittelmäßigen Kaffee für theures Geld anzu⸗ ſchaffen. Wir laſſen den Marktplatz ebenfalls hinter uns und gehen bis zu dem Hauſe mit der Grafenkrone. Das Thor ſteht halb offen, und die Mittagsſtunde, ſowie der Feiertag haben eine tiefe Stille über den ſonſt ſo lebendigen Hof gebreitet. Madame Schoppel⸗ mann hielt dieſen Ruhetag außerordentlich hoch, und von ihrer Seite geſchieht Alles, daß derſelbe, ſo weit die Grenzen ihres Hau⸗ ſes reichen, durch keinen unnöthigen Spektakel geſtönt und ſomit Wie Madame Schoppelmann ihre Kinder erzieht. 123 entheiligt werde. Zu dieſem Zwecke wurden die ſonſt ſo lärmen⸗ den Thiere: Ferkel und Hunde, heute in ihren Ställen gehalten, und ſelbſt dem Haushahn wurden nur Nachmittags ein paar Stun⸗ den vergönnt, ſeine Damen in freier Luft ſpazieren zu führen. An einem ſolch hellen, ſonnigen Tage, namentlich wenn man von dem blendenden Marktplatze her herein kam, war die Vorhalle oder das Wohnzimmer der dicken Gemüſehändlerin ein ſehr trüb⸗ ſeliger, trauriger Aufenthalt. Ja, man mußte ſeine Augen erſt an das hier herrſchende Dunkel gewöhnen, um nur die Gegenſtände einigermaßen unterſcheiden zu können. Sobald wir dies nun ebenfalls gethan, ſehen wir Madame Schoppelnlann auf ihrem gewöhnlichen Platze neben dem niedrigen, rußigen Herde ſitzen, auf welchem— wie faſt zu jeder Tages⸗ und Jahreszeit— ein mächtiges Feuer loderte. Die Frau war ſonntäglich angezogen, ihr Kleid von dunklem Kattun; und dazu hatte ſie auf dem Kopfe eine Haube mit langen himmelblauen Bändern. Dieſer Anzug wurde durch eine weiße Schürze vervoll⸗ ſtändigt— ein großer Luxusartikel, den ſich die Gemüſehändlerin nur an Sonn⸗ und Feiertagen erlaubte. Sie ſaß auf ihrem ſtarken Eichenholzſtuhle ſehr vornüber gebeugt, und hatte die beiden Arme auf ihre Knie geſtemmt. Vor ihr befand ſich Jungfer Clementine Strebeling in weißem Kleide, mit einer hellblauen, ziemlich koketten Schürze, und ſie hatte ſich auf einen Stuhl ſo weit von der Ma⸗ dame Schoppelmann und dem Feuer niedergelaſſen, daß jene ſie im Eifer des Geſprächs nicht auf die Schulter klopfen könne, wie ſie gern zu thun pflegte, und daß dieſes mit ſeinem Rauche weder dem weißen Kleide noch dem Teint der alten Jungfer Schaden brächte. Die Unterhaltung der Beiden mußte einen Augenblick geruht haben, und die Gemüſehändlerin ſchien eifrigſt über etwas nach⸗ zudenken. Nach einer längeren Pauſe ſtützte ſie ihr Kinn in die Hand Dreißigſtes Kapitel. und ſagte:„Strebelinge, nehm' Sie mir's nicht übel, aber Sie ſollte doch mit Ihrem Gelde nicht gar ſo großartig umgehen. Meint Sie denn, ſo ein Kapital ſei nicht zu erſchöpfen. Und wenn mir auch Ihr gutes Herz wohl gefällt, wenn ich auch be⸗ greife, daß Sie arme Verwandte, die ſich in Noth befinden, gern unterſtützt, ſo muß das doch mit Maß und Ziel geſchehen. Hat Sie mir nicht geſagt, erſt vor acht Tagen habe Sie Ihrem Vetter vierhundert Gulden geſchickt? Nun ja, das iſt aller Ehren werth, damit kann er wohl eine Zeit lang zufrieden ſein. „O du lieber Gott!“ ſeufzte Clementine. „Ja, was, lieber Gott!“ fuhr die alte Frau fort;„du lieber Gott! ſagt Sie immer und thut doch, was Sie will, ohne meine gutgemeinten Ermahnungen nur im Geringſten zu befolgen. Ich habe doch recht in den meiſten Dingen.“— „O lieber Gott!“ ſagte Clementine abermals. „Jetzt will Sie alſo ſogar ſechshundert Gulden wegſchicken? Weiß Sie, was ſechshundert Gulden bedeuten? Das ſind ſechs⸗ hundert einzelne Gulden, und jeder Gulden hat ſechszig Kreuzer, und ein Kreuzer will verdient ſein, das kann Sie mir glauben.“ „O du lieber Gott!“ ſagte hierauf Clementine;„ich weiß das alles, Frau Schoppelmann; und glaubt ja nicht, weil ich in meinem Leben noch nichts verdient habe, wüßte ich das Geld nicht zu achten.“ 4 „Ich muß ſchon ſagen,“ entgegnete mürriſch die Frau,„auch ich habe früher nicht an Ihr entdeckt, daß es Ihr Spaß gemacht hätte, Ihr Geld hinauszuwerfen; aber jetzt mit Einem Mal fängt Sie an, recht toll zu wirthſchaften. Nehm' Sie mir's nicht übel.“ „Ich weiß wohl, daß ich zu gut bin,“ ſagte die alte Jungfer und ließ ihr Köpfchen ſinken,„viel zu gut. Du lieber Gott! wer kann für ſein Herz?“ „Ach was, Herz!“ entgegnete die alte Frau und hob ſich 3 etwas in die Höhe, indem ſie ſich auf ihre Hände ſtützte.„Mach Wie Madame Schoppelmann ihre Kinder erzieht. 125 Sie mir die Pferde nicht ſcheu. Was iſt da von Herz im Spiel? Gar nichts; das iſt bei Ihr nur die Schwäche, daß Sie keinem Menſchen was abſchlagen kann: das weiß der ſaubere Vetter ganz genau.“ „O lieber Gott!“ „Und dann,“ fuhr die dicke Gemüſehändlerin fort,„ſag' Sie mir einmal aufrichtig, wer iſt denn der Vetter eigentlich? Ich kenne doch ſo ziemlich Ihre Verwandtſchaft, und die ſind alle, Gott ſei Dank! in ſolchen Umſtänden, daß ſie Ihre Hülfe nicht brauchen.— Tauſend Gulden— es iſt ja ein ganzes Vermögen! Nun, wer iſt denn der Vetter?“ „Das——— darf ich um keinen Preis ſagen. Ihr wißt ſelbſt, Frau Schoppelmann, wenn man Jemand hilft und hängt es nachher an die große Glocke, ſo hat dieſe Hülfe ſchon gar keinen Werth mehr.“ Bei dieſen Worten hatte Jungfer Clementine ihr Geſicht ab⸗ gewandt; denn ſie fürchtete, die Gemüſehändlerin möchte trotz der Dunkelheit, die in dem Gemache herrſchte, die flammende Röthe bemerken, in welche ſich das Gelb ihres Geſichtes verändert. „Nun, weiß Sie was?“ ſagte hierauf nach einem längeren Stillſchweigen und nachdem ſie in ihre vorige ruhende Stellung zurückgeſunken war, Madame Schoppelmann,„mir kann's ja im Grunde gleich ſein; ich habe mit Ihr über die Sache geſprochen, weil ich es gut mit Ihr meine. Sie iſt anderen Sinnes— gut! Bring' Sie mir morgen früh Ihren Pfandſchein— ich weiß, daß Sie ordentliche, ſolide Papiere von Ihrem Vater ſelig hat,— dann will ich Ihr in Gottes Namen die ſechshundert Gulden dafür geben.“ Damit erhob ſich die dicke Frau ſo raſch als möglich von ihrem Sitze, anſcheinend um den Waſſerkeſſel etwas näher zu dem Feuer zu rücken; doch war dies nur Nebenſache: die Hart⸗ näckigkeit, mit der Jungfer Strebeling darauf beſtand, ihrem Vetter zu helfen, hatte ſie ſichtlich erzürnt, und darauf hin ſtemmte 126 Dreißigſtes Kapitel. ſie ihre Arme in die Seite, hob den Kopf in die Höhe und ging mit hallenden Schritten auf und ab. Clementine ſah eingeſchüchtert vor ſich nieder und wagte es nicht, den Verſuch zu machen, die Frau mit einem Worte zu be⸗ ſänftigen; denn das wäre in dieſem Augenblicke vergebliche Mühe geweſen. Man mußte ſie ihren Zorn austoben laſſen, und dazu brauchte es nicht einmal lange Zeit, dann war ſie wieder die gut⸗ müthige Frau von früher. Nachdem Madame Schoppelmann ſo ein Dutzend Mal auf⸗ und abgerannt war, blieb ſie vor der alten Jungfer ſtehen und ſagte mit ſehr lauter Stimme:„Aber jetzt hör' Sie mich an, Strebelinge! Sieht Sie, die ſechshundert Gulden zahl' ich Ihr aus; aber das ſag' ich Ihr, kommt Sie mir wieder mit einer ähnlichen Geſchichte, ſo höre ich Sie gar nicht mehr an und thu' Ihr nicht ſo viel mehr zu Gefallen.“— Dabei ſchnippte die Frau mit ihren Fingern in der Luft und ſetzte mit einem tiefen Athem⸗ zuge hinzu:„Ich kann's nicht verantworten.“ Nach dieſen letzten Worten drehte ſich die Gemüſehändlerin ſo kurz wie möglich herum und wandte ſich ihrem Waſſertopfe zu, deſſen Inhalt ſchon angenehm zu ſingen begann. Es kam nun die Stunde, welche ihr die liebſte im ganzen Tage war: die Zeit des Kaffeetrinkens nämlich, und die Ausſicht auf dieſes harmloſe Ver⸗ gnügen beruhigten die Zorneswellen in ihrer Bruſt bedeutend, und Madame Schoppelmann würde in kurzer Zeit zu ihrem normalen ruhigen Gemüthszuſtande zurückgekehrt ſein, wenn nicht in dieſem Augenblicke die Thüre des Nebenzimmers aufgeriſſen worden wäre, und wenn nicht ſchon dieſe Bewegung an und für ſich die dicke Frau einigermaßen erſchreckt hätte. Dieſer Schrecken aber gab ihrem Zorne um ſo mehr eine Nahrung, als ſie zu gleicher Zeit ſah, wie ihre Tochter Kathariua mit großer Heftigkeit in das Zim⸗ mer trat, die Thüre hinter ſich zuſchlug und ſich mit blitzenden Augetz. dei Mutter gegenüberſtellte. 4 Wie Madame Schoppelmann ihre Kinder erzieht. 127 Das Aeußere des ſchönen Mädchens war merkwürdig, aber traurig verändert. Ihr volles ſchwarzes Haar, das ſonſt ſo zier⸗ lich und nett in dicken Flechten um den Kopf gelegt war, hatte ſie offenbar in aller Eile nur leicht befeſtigt und ihr uns bekanntes rothes Tuch nachläſſig darum gewunden. Ihr Geſicht war bleich, ihre Augen glühten, und aus ihnen war jener ſchelmiſche, neckende Blick verſchwunden, jenes angenehme Feuer, das dieſes ganze Ge⸗ ſicht ſo lieblich erwärmte, jenes Zeichen der Friſche und Geſund⸗ heit. Ihr Körper, voll und doch ſchlank wie immer, zeigte durch ſeinen Anzug, daß ſie heute keine Sorgfalt auf ihn verwendet hatte. Katharina trat dicht vor die Mutter hin; ſie ballte ihre rechte Hand feſt zuſammen und ſprach mit bebenden Lippen:„Und jetzt könnt Ihr ferner ſagen, was Ihr wollt, Mutter, ich thue keinen Schritt mehr in das Zimmer der Brüder!“ Statt aller Antwort zuckte die Gemüſehändlerin mit ihren Schultern, was ſo viel bedeuten ſollte, als:„Das iſt kindiſches Geſchwätz.“ Nebenbei aber ſah man an dem Geſichte der Frau, daß ſie gewaltſam an ſich halten mußte, um den Zorn, den Jungfer Strebeling erregt hatte, nicht gegen ihre Tochter aufflam⸗ men zu laſſen.. „Thut nicht ſo,“ fuhr dieſe fort,„als verſtändet Ihr mich nicht; ich habe mich freilich ſchon oft geweigert und bin doch immer wieder hinüber gegangen; denn es war ja nun einmal mein Bruder! Jetzt aber, wo ich, Gott ſei's geklagt! die volle Schuld an dem Unglück haben ſoll, das ihn getroffen“— „Die haſt du auch,“ ſagte die Gemüſehändlerin mit leiſer Stimme, indem ſie ihre Lippen aufeinander biß; doch wandte ſie ſcheinbar ruhig noch keinen Blick von ihrem Feuer und ihrem Waſſertopfe. Katharina machte eine heftige Bewegung mit der rechten Hand, als wollte ſie ſagen:„ſei es darum!“ und gleichlautend dieſer Bewegung antwortete ſie auch:„Ihr habt darin Eure Hinſicht * 128 Dreißigſtes Kapitel. ausgeſprochen, und die will und kann ich nicht ändern.— Gut denn! ſeht mich als die Urſache an, daß der Fritz darnieder liegt; — ich ſage nochmals, es ſei ſo, und wenn ich denn einmal die Urſache davon ſein ſoll, gut! ſo bin ich ſie und ſo bin ich ſie gern; denn was dem dahinten geſchehen, hat er hundert Mal an Euch und mir verdient.“ Bei dieſen Worten wandte ſich die Mutter mit einer erſchreck⸗ lichen Geſchwindigkeit von dem Feuer ab, und ihre Züge waren bleich vor Zorn über ihre Tochter; ihre Lippen bebten ebenſo; und doch war etwas ſo fürchterlich Aufgeregtes in dem Ange und dem Körper des zitternden jungen Mädchens, daß die alte Frau, ſtatt in die heftigſte Wuth auszubrechen, einen Schritt zurück trat und ſie nur mit rollenden Augen von oben bis unten maß. Katharina folgte dieſem Blicke feſt und beſtimmt; dabei war die Gluth ihres Auges ſo unnatürlich wild, gehäſſig, ja man könnte ſagen: falſch, daß Jungfer Strebeling aufs Höchſte er⸗ ſchreckt, es für ſehr geeignet hielt, ſich zwiſchen Mutter und Tochter zu drängen. Doch ſchob Katharina die alte Jungfer— dieſes zarte Weſen— leicht mit der Hand zurück, und dabei glitt ein ſonderbares Lächeln über ihre harten, marmorgleichen Züge, als wollte ſie ſagen:„du brauchſt mich nicht zu ſchützen!“ Madame Schoppelmann ſchien der Anſicht zu ſein, wenn ſie vorderhand nichts weiter ſage, ſo werde ſich auch Katharina be⸗ ruhigen und ſchweigen, und das erſchien ihr in dieſem Augenblicke das Paſſendſte, weßhalb ſie ſich denn auch dem Feuer ſchon wieder zuwenden wollte, als Katharina mit der größten Heftigkeit fort⸗ fuhr:„Ihr habt mich verſtanden, Mutter! Ich habe Euch das geſagt, weil Ihr mich durch Eure Behandlung ſeit acht Tagen dazu gereizt— ja gereizt; Ihr habt mir befohlen, ich ſoll meinen Bruder pflegen, weil er krank ſei, krank durch meine Schuld, und dann habt Ihr hinzugeſetzt: ich könne mich dabei meiner Sünden erinnern und der Schande, die ich über Euer Haus gebracht. Ich Wie Madame Schoppelmann(hre Kinder erzieht. 129 habe Euren Befehl erfüllt, obgleich— ich geſtehe es Euch— wider⸗ ſtrebend, mit zerriſſenem Herzen; ich habe mich meiner Sünden erinnert und der Schande, die ich über Euer Haus gebracht, und habe dadurch ſelbſt für ſpätere Fehler im Voraus abgebüßt. So iſt meine Meinung in Betreff der Sünde und Schande;— nun gut, ich habe meinen Bruder gepflegt, und in den erſten Tagen, wo er ſehr krank und bewußtlos darnieder lag, mit der Liebe einer Schweſter für den Bruder; denn er war hülflos, und wenn er zuweilen ſeinen Blick aufſchlug und mich anſah, ſo konnte dieſer Blick ja auch heißen: ich danke dir, Katharine! Ich habe es wenigſtens ſo angenommen, obgleich er nie daran gedacht.“ Die alte Frau hatte ſich bei dieſer längeren Rede, welche Ka⸗ tharina mit der größten Heftigkeit heraus ſprach, ſonderbarer Weiſe eher beruhigt, als noch mehr erzürnt. Es war dergleichen ſchon öfter vorgekommen, und dann mochte ſie als Mutter es nicht un⸗ gern ſehen, daß die Strafe, welche ſie der Tochter durch die Pflege des Bruders diktirt, dieſe offenbar tief erſchüttert hatte. Genug, ſie hatte ihre Arme in die Seite geſtemmt, ſich auf ihren Stuhl am Feuer niederdelaſſen und ſchien ruhig erwarten zu wollen, was Katharina noch weiter zu ſagen habe. Katharina hatte einen Augenblick geſchwiegen, offenbar eine Entgegnung von Seiten der Mutter erwartend. Als dieſe aber nicht erfolgte, ſchwellte ein tiefer Athemzug die Bruſt des ſchönen Mädchens, und ſie fuhr fort:„So war er in den erſten Tagen, und obgleich ich weiß, daß Ihr, Mutter, mich bei dem Bruder ließet, um mich zu beſtrafen, ſo habt Ihr doch ſelbſt nicht gewußt, welche entſetzliche Strafe das für mich war; ſonſt hättet Ihr das gewiß nicht gewollt.— Ich wußte ganz genau, daß der Fritz nur ſo lange Ruhe geben werde, als er unfähig ſei, zu ſprechen; ich habe es Euch ſchon vor ein paar Tagen geſagt, daß er, ſowie Konrad, die gehäſſigſten Reden gegen mich ausſtoße, mich auf alle Hacklanders Werke. XI. 9 2 Dreißigſtes Kapitel. mögliche Art necke und plage, mir immer und immer wieder die traurige Geſchichte jenes unglückſeligen Abends vorerzähle; jene Geſchichte,“ fuhr ſie erbittert fort,„wo es nur eines Zufalls bedurfte, daß Eure beiden Söhne nicht als ausgemachte Mörder eingeſperrt wurden.“ Die alte Frau zuckte bei dieſen Worten zuſammen und ihre Hand faßte unwillkürlich das ſchwere Schüreiſen. Katharina, welche dieſe Bewegung wohl bemerkte, lächelte eigenthümlich und hob die linke Hand, wie leicht abwehrend, vor ſich hin. „Und was ſoll dieſe ganze Geſchichte?“ fragte die Mutter mit tiefer, ſturmverkündender Stimme;„was ſoll dieſer Auftritt zwiſchen mir und dir?“ „Er ſoll Euch einfach ſagen,“ entgegnete das Mädchen kurz und beſtimmt,„daß ich von jetzt an keinen Schritt mehr in das Zimmer der Brüder hinüber thue.“ „Was!“ ſchrie die Mutter und ſprang heftig in die Höhe. „Laßt mich ausreden!“ rief gebieteriſch Katharina;„und dann — macht was Ihr wollt. Dieſe Stichelreden der Beiden über jenen Abend hätte ich am Ende ſchon noch ertragen; aber jetzt fangen ſie an, vor meinen Ohren andere Sachen zu ſprechen, Sachen, die ich nicht hören ſollte, die ich auch nicht verſtehe, und die— obgleich ich ſie nicht begreifen kann— mich doch mit einer ſolchen Wuth erfüllen, mit einem ſolchen Abſcheu, daß ich, wie ſchon ge⸗ ſagt, nie mehr in dieſes Zimmer zurückkehre, und ſollte es mein Leben koſten.“ „Und wer ſagt ſolche Dinge?“ fragte die alte Frau erbleichend und mit vor Wuth erſtickter Stimme;„wer führt ſolche Redens⸗ arten?“ „Nun, wer wird ſtie führen!“ ſagte verächtlich Katharinaz *,Beide, der Kranke am meiſten.“ „Gottes Gerechtigkeit!“ ſeufzte die Gemüſehändlerin;„der 71 4 einmal hinüber, ich will den beiden Buben einmal die Tageszeit anſagen; bleib du nur hier, und wenn dem ſo iſt, wie du geſagt, ſo ſollſt du freilich nicht mehr hinüber.“ 4„Und wer wird Euch ſagen, ob dem ſo iſt?“ entgegnete Ka⸗ tharina mit finſterem Blick;„meint Ihr denn, einer von den Beiden? Die werden ſich ſchon wieder gegen Euch hinauslügen und dann—“ „Man lügt mich nicht nur ſo an,“ ſprach die alte Frau, in⸗ dem ſie ſich auf das ſchwere Schüreiſen ſtützte; vich will ſchon ſehen, wer Recht oder Unrecht hat.“ „Und im Falle ſie Euch beweiſen, daß ich Unrecht habe?“ fragte Katharina mit blitzenden Augen. „So gehſt du wieder hinüber, wie ich es befohlen,“ verſetzte ſchwer athmend Madame Schoppelmann. „Nie, Mutter!“ „Katharine!“ ſchrie die Frau, und die Hand, in welcher ſie das Eiſen hielt, zitterte. 1 „Niemals wieder, Mutter, geh' ich hinüber in das Zimmer,“ ſagte mit feſter Stimme das Mädchen und trat furchtlos einen Schritt näher zum Herde, neben welchem die Gemüſehändlerin ſtand. „Und— wenn— ich— es befehle?“ ſchrie dieſe, und ihre Lippen bebten, und ſie brachte die Worte nur ſtoßweiſe hervor. „Auch dann nicht!“ betheuerte Katharina und ſah feſten Blickes und ohne Furcht, wie die Mutter im Uebermaße des Zornes das ſchwere Schüreiſen aufhob, um damit einen Streich auf das un⸗ glückliche Mädchen zu führen. Wer weiß auch, was geſchehen, wenn nicht Clementine in dieſem Augenblicke abermals zwiſchen die Streitenden geſprungen wäre! Sie wollte den Arm der Gemüſe⸗ händlerin faſſen, bekam aber das Eiſen zwiſchen ihre Hände, welches ſie, trotzdem, daß es heiß war, mit Aufwendung all' ihrer Kraft feſt hielt. Madame Schoppelmann, welche ſolcher Geſtalt ſah, daß ihre Waffe ihr nichts nütze, ließ das Eiſen fahren, welches klirrend . Wie Madame Schoppelmann ihre Kinder erzieht. ℳ könnte doch wohl genug haben und Ruhe halten; aber ich will — 13² Dreißigſtes Kapitel. zu den Füßen der alten Jungfer niederfiel. Doch hatte dieſe Hülfe derſelben den Zorn der alten Frau nicht gedämpft; im Ge⸗ gentheil, ihre Hand, die nun im Schwunge war, ſetzte ihren Weg fort; indeß mochte das weiße, erſtarrte Geſicht Katharinens, ihre weit aufgeriſſenen, glühenden Augen, ja ihre ganze entſchloſſene Haltung es ſein, was die Mutter abhielt, einen Streich nach der Tochter zu führen. Ihre zuckenden Finger berührten nur das rothe Tuch auf dem Kopfe Katharinens, welches ſie herabriß; ihm folgte das loſe aufgeſteckte Haar, und die dicken ſchwarzen Flechten deſſel⸗ ben ſanken über die Schultern, Arme und Hände des bebenden Mädchens herab. Noch einmal griff die Mutter nach dieſem Haar, aber als ſie eine der dicken Flechten gefaßt hatte, war es vielleicht die Kälte und Glätte derſelben, was ſie einigermaßen zur Beſinnung brachte; genug, ſie ließ ihre Hand langſam herunterſinken, und ihr Zorn ſchien plötzlich eine andere Richtung zu nehmen. Sie griff das Schüreiſen wieder auf und eilte mit einer überraſchenden Ge⸗ ſchwindigkeit durch die Vorrathskammer nebenan nach dem Schlaf⸗ zimmer ihrer Söhne. Katharina blieb noch einen Augenblick regungslos ſtehen, dann blickte ſie um ſich; ihre Bruſt holte tief Athem, und es war, als ſei ſie von einem ſchweren und tiefen Traum erwacht. In dieſem Augenblicke ſchien auch ihre ganze Entſchloſſenheit und Faſſung von porhin entſchwunden. Sie ſchaute ſchaudernd um ſich; ihr ganzer Körper zitterte, und ihr Blick haftete einen Moment entſetzlich an der Thüre, durch welche die Mutter verſchwunden war. Zuerſt machte ſie eine Bewegung, als wolle ſie ebenfalls dort hinein ſtürzen, dann aber raffte ſie ſich plötzlich zuſammen, ergriff die Hand Cle⸗ mentinens und zog ſie mit ſich über die kleine ſchmale Treppe hinauf in ihr Zimmer. 2 „ Praktiſche und handgreifliche Beweiſe. 133 Einunddreißigſtes Kapitel. Eine Fortſetzung des Vorigen mit praktiſcheu und handgreiflichen Beweiſen. Dieſes Zimmer war noch ganz ſo wie früher, nur waren die Roſen vor dem Fenſter verblüht, und die Geranien, welche Katharina lange nicht mehr begoſſen hatte, ließen ihre Köpfe hangen. Die Fenſter ſtanden weit offen, und man ſah gegenüber einen hellen Strahl der Nachmittagsſonne, die einen Theil des muſikaliſchen Hauſes mit ihrem freundlichen Schein vergoldete. Es war hier in dem Winkel ruhiger und ſtiller als gewöhnlich. Der Feiertag⸗ Nachmittag übte ſeine Herrſchaft in den benachbarten Straßen; man hörte nichts, als das Läuten der Kirchenglocken, welche die Gläubigen in die ſchattigen, angenehmen Kirchen riefen. Katharina warf ſich in einen Stuhl hinter der Thüre, beugte das Geſicht in beide Hände und machte ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom wohlthätiger Thränen Luft. Jungfer Clemen⸗ tine Strebeling hatte ſich an das offene Fenſter geſetzt; ſie faltete ihre Hände, und der Anblick der leeren Fenſter des muſikaliſchen Hauſes drüben war mit der Erinnerung an ein rundes, freundliches Geſicht, das öfters dort heraus geſchaut, nicht im Stande, ihr Gemüth zu erheitern. Dabei erwartete ſie nicht ohne Grund, da unten in den Zimmern der Gebrüder Schoppelmann einen neuen, noch größeren Spektakel, als den vorhin erlebten, losgehen zu hören. Die Gemüſehändlerin ſchien ihren Angriffsplan geändert zu haben, und ſtatt in das Zimmer ihrer beiden Sprößlinge hinein zu ſtürzen, wie ſie anfänglich vorgehabt, bezwang ſie, als ſie die Vorrathskammer erreicht hatte, ihren Zorn ſo weit, daß ſie dort plötzlich ſtehen blieb und beſchloß, zuerſt zu beobachten, was die — ͦ—. 134 Einunddreißigſtes Kapitel. da drinnen trieben, ehe ſie wie ein Racheengel mit ihrem Schür⸗ eiſen erſchiene. Es war übrigens eigenthümlich, daß dieſe Vor⸗ rathskammer von jeher beruhigend auf die Nerven der Frau Schop⸗ pelmann wirkte. War es der Anblick der angehäuften Gegenſtände, oder war es der ſüße und doch ſcharfe Geruch der Aepfel und Me⸗ lonen— genug, ſobald die dicke Frau, ſelbſt in dem größten Zorne, dieſes Gemach betrat, dauerte es doch gar nicht lange, und ihr Athem ging leichter, ihre geballte Fauſt löste ſich friedlich auf, und ein ruhiges Nachdenken trat an die Stelle der höchſten Lei⸗ denſchaft. Heute war es nun gerade wieder ſo; ſie blieb, wie ſchon ge⸗ ſagt, in der Mitte der Vorrathskammer ſtehen, und da lagen alle ihre Reiche ſo friedlich um ſie herum. Auch ſtanden an der Wand auf einem Brette zwei geleerte Arzneiflaſchen von bedeutendem Um⸗ fange mit lang herabhangenden Gebrauchszetteln, und beim Anblicke dieſer Flaſchen erinnerte ſich die dicke Frau, was ihr Arzt einſt bei einer ähnlichen Veranlaſſung zu ihr geſprochen, und daß er geſagt:„Frau Schoppelmann, Sie ſind eine geſunde Frau, und wenn Sie Ihr Leben ruhig genießen und ſich namentlich vor Aerger hüten, ſo können Sie's an die Achtzig bringen; wenn Sie aber fortfahren, ſo bei jeder Kleinigkeit in einen unmenſchlichen Zorn zu gerathen, ſo ſtehe ich für nichts, und dann iſt bald Ihr letztes Rezept geſchrieben.“ So hatte der Doktor Wellen, der Präſident der Leimſudia, geſprochen, aber begreiflicher Weiſe nicht in letzterer Eigenſchaft, ſondern vielmehr als Hausarzt der Madame Schoppelmann. Die dicke Frau hatte ſich dieſes Wort auch beſtens gemerkt und die beiden Arzneiflaſchen ſo geſtellt, daß ſie ihr leicht in die Augen fallen mußten, was dann augenblicklich zur Beſänf⸗ tigung ihrer Gefühle ſehr viel beitrug. Im Nebenzimmer hörte ſie die beiden Söhne deutlich zuſammen lachen, und Fritz, der von ſeiner Kopfwunde ziemlich wieder ge⸗ neſen war, ſagte luſtig:„gib nur Achtung, die kommt nicht ſo Praktiſche und handgreifliche Beweiſe. 135-— bald wieder; der Aufpaſſerin ſind wir endlich los; hol' mich der Teufel, ich wär' ſchon lange wieder geſund, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über die Waſſerſuppen hätte ärgern müſſen, die ſie mir gekocht.“ Da die Thüre nur angelehnt war, ſo wurde es der Mutter leicht, in das Schlafzimmer ihrer beiden Söhne zu ſchauen, und der Anblick, den ſie hier hatte, wäre wohl im Stande geweſen, ihr Blut auf's Neue in Wallung zu bringen; doch übten die beiden leeren Medizinflaſchen eine nachhaltige Wirkung auf ihr Gemüth. Das Bett des kranken Fuhrmanns war dicht au's Fenſter ge⸗ rückt, und dieſer lag auf ſeinem Bauche und ſo nahe an den Schei⸗ ben, daß er dieſelben faſt mit ſeiner Naſe berühren konnte. Der eine Fenſterflügel war geöffnet, und auf dem Fenſtergeſims ſaß Konrad, der Jäger, und hatte eine große Flaſche mit weißem Wein in der Hand, woraus er ſich und dem Fuhrmann eifrigſt einſchenkte. Das eiſerne Gitter draußen, welches die beiden Brü⸗ der auf eine ſinnreiche Art praktikabel gemacht hatten, war zurück⸗ geſchoben, und hiedurch wurde dieſe ganze Maſchinerie dem er⸗ ſtaunten Auge der Gemüſehändlerin ſichtbar. „Das ſchmeckt anders als Himbeerſaft!“ ſagte lachend der Fuhrmann und hob das volle Glas in die Höhe. „Ja, er iſt nicht ſchlecht,“ meinte der Jäger;„aber du thäteſt doch klug daran, wenn du dich ein Bischen in Acht nähmeſt; jetzt ſind wir ſchon am dritten Schoppen.“ „Die du aber unchriſtlich mit mir getheilt haſt,“ entgegnete der Fuhrmann und that einen tiefen Zug. „Weil ich beſſer weiß, was dir gut iſt, als du ſelbſt, würde dir Katharine zur Antwort geben,“ erwiderte Konrad, indem er ſich den Reſt der Flaſche eingoß. „Haſt du nicht eben was im Nebenzimmer gehört?“ fragte der Fuhrmann aufmerkſam, indem er ſich auf die Seite wandte und den Kopf in die Höhe hob. — — Einunddreißigſtes Kapitel. 136 . „Nicht das Geringſte,“ entgegnete Konrad;„es wird eine Maus gegweſen ſein, die am Speck herum nagt. Jetzt will ich aber der Frau Schilder die Flaſche und Gläſer zurückbringen, damit, wenn's Kätherle allenfalls doch zurückkommt, ſie nicht ſo ſchreckliche Sachen bei uns findet, wie Weinflaſchen und Gläſer.“ „Die kommt nicht wieder!“ ſagte beſtimmt der Fuhrmann. „Ich glaube auch nicht,“ lachte der Jäger. „Sie hat genug an meiner Schilderung,“ fuhr Fritz luſtig fort,„an dem, was ich ihr geſagt, wie es ihr, der Jungfer Schop⸗ pelmann, an jenem Abend wahrſcheinlich ergangen wäre, wenn wir ſie allein bei jenem Taugenichts gelaſſen hätten, und daß wir ſolcher Geſtalt ihre Unſchuld und Ehre gerettet.“ Konrad, der Jäger, lachte bei dieſen Worten recht freundlich in ſich hinein, und da er gerade im Begriffe war, ſich. umzuwenden und zum Fenſter hinaus zu klettern, ſo zog der Fuhrmann den einen Fenſterflügel etwas zurück, damit der Andere nebſt Gläſern und Flaſche mehr Platz hätte. Dieſer Augenblick ſchien der Madame Schoppelmann beſonders günſtig, um ſo gänzlich unerwartet und unverhofft vor den Blicken ihrer Söhne zu erſcheinen. Mit ihrer in der Vorrathskammer wieder erlangten Ruhe hatte ſie auch ihre bisherige Waffe, das Schüreiſen, ruhig auf den Boden geſtellt und dafür eine der Peitſchen ergriffen, welche Fritz, der Fuhrmann, hier aufzubewahren pflegte. Es war eigentlich nur der Stock einer Peitſche, ohne Schnur, aus zähem Holz geflochten, der Handgriff aber mit dickem Leder umwunden. Dieſes Inſtrument nun nahm ſie am oberen, dünnen Ende zur Hand, öffnete geräuſchlos die Thüre und kam in dem überaus günſtigen Augenblicke, wo Konrad, der Jäger, den Kopf zum Fenſter hinaus bog und auf dieſe Art den Rücken und angrenzenden Theil zur kräftigen Bearbeitung freundlichſt darbot. „Das ſind eure Unterhaltungen?!“ rief nun plötzlich die Frau mit gellender Stimme; aber es war nicht der Ton der Wuth, ſon⸗ dern der eines gelinden Zornes, welcher ruhige Ueberlegung geſtat⸗ Praktiſche und handgreifliche Beweiſe. 137 4 tet. Zugleich mit dieſen Worten, ließ ſie auch den unteren Thei ihres Peitſchenſtockes mit ſolcher Kraft auf den Rücken ihres Erſt⸗ geborenen, des Jägers, niederfallen, daß dieſer mit einem lauten Geſchrei zurückfuhr, wobei Gläſer und Flaſchen auf die Gaſſe fielen, daß ſie klirrend zerbrachen. Da er zu gleicher Zeit begreif⸗ licher Weiſe glaubte, der Bruder habe mit dieſem Schlage einen überaus ſchlechten Witz machen wollen, ſo fuhr er zornig nach die⸗ ſem herum und faßte nach deſſen Halsbinde. „Nein, ich war es, du Galgenſtrick!“ rief jetzt die Mutter mit noch lauterer Stimme als vorhin, und dabei ſiel der Peitſchen⸗ griff nochmal nieder und hob ſich darauf mit unbegreiflicher Ge⸗ ſchwindigkeit, um abermal niederzufallen, und dazwiſchen ſchrie die Frau, die ſich trotz ihres Vorſatzes allmälig in einen heftigeren Zorn hinein ſchrie und prügelte:„das iſt für euer ſauberes Leben, ihr Kanaillen!— und das für den Wein, den iyr in eurer Krank⸗ heit ſauft!— und das iſt für mein zerbrochenes Gitter!— und das— und das— und das iſt für eure ſchlechten Redensarten gegen eure Schweſter!“ Die Streiche fielen hageldicht, und Konrad, der zwiſchen Bett und Fenſter eingeklemmt war, konnte nichts Beſſeres thun, als in Gottes Namen ſeinen Rücken darzubieten; denn die Gemüſehändlerin ſchlug in ihrer blinden Wuth zu, und es ſchien ihr ganz gleich zu ſein, ob ihre Schläge den Rücken, die Schultern oder gar den Kopf ihres Sohnes träfen. Der Fuhrmann, ebenſo ſchlecht als feige, hatte nicht ſobald bemerkt, daß er, wahrſcheinlich ſeiner Krankheit halber, verſchont wurde, als er ſeine Decke ſo hoch wie möglich hinauf zog und einen äußerſt leidenden Geſichtsausdruck annahm. „Iſt's nun bald genug?“ ſchrie erboßt der Jäger und ſuchte den Peitſchenſtiel zu faſſen;„werdet Ihr jetzt aufhören oder nicht?“ Dabei funkelten ſeine Augen auf eine recht häßliche Art, und er verſuchte es, ſeinen Knotenſtock zu ergreifen, der jenſeits des Bettes 138 Einunddreißigſtes Kapitel. ſtand. Doch Madame Schoppelmann, welche, wie wir ſchon früher dem geneigten Leſer bemerkten, leider gern auf ihre Kinder losſchlug, und wenn ſie einmal anfing, für die nächſte Zeit das Aufhören ver⸗ gaß, traf bei der eben angedeuteten Bewegung ihres Sohnes ſo nach⸗ drücklich deſſen Hand, daß er laut auf heulte und darauf plötzlich wie umgewandelt ſchien. Aller Trotz war aus ſeinen Zügen ver⸗ ſchwunden, ja er verſuchte es, ſchmerzlich zu lächeln, und ſagte mit einem bittenden Tone:„jetzt iſt's aber wahrhaftig genug, für Scherz ſchon lange zu viel, und wenn Ihr mich im Ernſte prügeln wollt, ſo möchte ich doch eigentlich auch wiſſen, warum!“ „Das möchteſt du wiſſen?“ rief erſtaunt die Frau.„Nun, bei Gott! biſt du nicht der größte Gauner, der mir je vorgekom⸗ men iſt? Ich ertappe ihn, wie er zum Fenſter hinaus ſteigt gleich einem Dieb, er rühmt ſich der größten Schändlichkeiten gegen ſeine Schweſter und fragt mich noch, was er gethan habe! Nimm dich in Acht, Konrad! Es wird leider Gottes noch eine Zeit kommen, wo du mir zu miſerabel vorkommen wirſt, um nur einen Schlag nach dir zu führen, wo ich mich auch nicht mehr ärgern werde, wo ich aber die Polizei kommen und dich abführen laſſe ins Zuchthaus als den Schlechteſten der Schlechten.“ Der Jäger zuckte verächtlich lachend die Achſeln. „Woher habt ihr dieſen Wein?“ fuhr die Frau fort und ſtemmte ihre Arme in die Seite;„woher bekommt ihr ihn? Von jenem nichtsnutzigen Weibsbilde da drüben?— Womit bezahlt ihr ihn? — Nit Sachen, die ihr mir oder ſonſt Jemanden abſtehlt.— Halt dein Maul! Die da drüben könnt' ich aufs Kriminal bringen; aber dann müßtet ihr auch mit, und vorderhand will ich meinem Namen dieſe Schande noch nicht anthun.“ Bei den letzten Worten, welche die Frau voll Zorn und Ver⸗ achtung herausſtieß, warf ſie den Peitſchenſtiel über das Bett hin⸗ über dem Jäger vor die Füße, und dann blieb ſie noch einen Augen⸗ blick ruhig erwartend ſtehen, ob dieſer es wagen würde, noch etwas —— —————————————⸗⸗—————————⸗xxxxꝛ:Dᷓ Praktiſche und handgreifliche Beweiſe. 139 zu ſagen, worauf ſie ſich umdrehte und ohne ein Wort weiter zu verlieren, in ihr Zimmer zurückging. Wie ein böſer Hund in den Knittel beißt, mit dem man ihn geſchlagen, ſo ſtampfte Konrad, der Jäger, den Peitſchenſtiel unter ſeine Füße und ſah mit einem Blicke unbeſchreiblicher Wuth nach der Thüre, durch welche die Mutter verſchwunden war; auch ballte er die Fauſt und ſtieß leiſe Drohungen aus. Der Fuhrmann ſchaute nach einigen Augenblicken unter der Bettdecke lachend hervor und meinte, der Bruder ſolle nur das Er⸗ lebte in Geduld hinnehmen, zur Strafe für die vielen Sünden, die er ſchon begangen. Nachdem Konrad noch einigemal mit der geballten Fauſt gegen die Thüre gedroht, durch welche Madame Schoppelmann verſchwun⸗ den war, ſagte er zu dem Kranken:„Weißt du, weßhalb ich an mich gehalten und weßhalb es, beim Teufel! kein Unglück gege⸗ ben? Mich hat die Redensart der Alten beſtürzt gemacht von we⸗ gen der Geſchäfte mit der Frau Schilder; kannſt du dir denken, was ſie damit gemeint hat? Fritz, Fritz! ich fürchte immer, die Alte hat eine Ahnung von unſerem Briefwechſel. Der Gedanke hat mich auch vorhin erfaßt und ganz darniedergeſchlagen.“ „Narrenpoſſen!“ verſetzte der Fuhrmann, indem er ſich im Bett aufrichtete und den Kopf auf den Arm ſtützte.„Mit ihrem Schimpfen und ihren Drohungen hat ſie nichts weiter gemeint, als die alten Geſchichten mit der Schilder, wo wir ſie damals auf unſere Art bezahlten— mit Viktualien von der Alten.“ „Aber ſie machte ſo verdächtige Anſpielungen auf das Zucht⸗ haus!“ fuhr Konrad mit beſorgtem Blicke fort. „Und das nimmt dich Wunder, du Tropf?“ ſagte lachend der Fuhrmann.„Nun, ſie hat volles Recht, vom Zuchthauſe zu ſpre⸗ chen; denn wenn ſie wirklich einmal ihre Drohungen wahr und eine ſolche Geſchichte anhängig machte, da hätten wir am längſten in freier Luft gelebt.“ 140 Einunddreißigſtes Kapitel. „Laß gut ſein,“ ſprach verdrießlich der Jäger;„ich habe ge⸗ nug für heute, mich ſchmerzt mein Rücken teufelmäßig, und wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſo trau' ich weder der Schilder noch der Alten.“ „Narrheiten!“ antwortete der Fuhrmann;„weder die Eine nooch die Andere iſt zu fürchten. Die da drüben weiß wohl, weß⸗ halb ſie ihr Maul hält, und die Alte wird ſich auch zehnmal be⸗ denken, ehe ſie einen ſolchen Skandal macht und uns etwas zu Leide thut. Aber jetzt faſſ' an, Konrad, wir müſſen mein Bett wieder dort in den Winkel auf ſeine alte Stelle bringen.“ Damit ſprang der Kranke leicht aus dem Bette, und den ver⸗ einten Bemühungen der Brüder gelang es in kurzer Zeit, das Bett auf ſeinen alten Platz zu rücken, das Gitter wieder vor dem Fen⸗ ſter zu befeſtigen, überhaupt nach ihren Begriffen die Stube wie⸗ der in Ordnung zu bringen.—— Jungfer Clementine Strebeling, die, wie wir wiſſen, oben am offenen Fenſter ſaß, war Augen⸗ und Ohreuzeuge geweſen von der ganzen Strafverhandlung, die ſich unten begab. Sie hatte ſich beim Beginne derſelben kluger Weiſe etwas zurückgezogen und ſich ſo verdeckt aufgeſtellt, daß keiner der beiden Brüder da drunten die Zuſchauerin gewahr werden konnte. In dieſem Falle nämlich wa⸗ ren die Herren Schoppelmann außerordentlich zarten Gemüthes und hatten in früheren Zeiten ſchon beinahe einmal ihre Schwe⸗ ſter Katharina mißhandelt, die zufällig einer ähnlichen Scene bei⸗ gewohnt. Trotzdem Clementine, wie dem geneigten Leſer bekannt iſt, ein ſo zartes Gemüth hatte, daß eine kranke Fliege ihr höchſtes Mit⸗ gefühl in Anſpruch nahm, ſo konnte ſie doch hier, nachdem ſie ſich vom erſten Schrecken erholt, nicht umhin, mit einer wahren Be⸗ ruhigung und Genugthuung dem Strafamt der geſtrengen Mutter zuzuſchauen. Die beiden Brüder hatten ihr, der ſchüchternen Jung⸗ frau, ſchon manches Herzeleid angethan, und von Katharina hatte —— Praktiſche und handgreifliche Beweiſe. 141 ſie erfahren, wie ſie das arme Mädchen, das gezwungen war, in ihrem Zimmer zu verweilen, mit ihren ungezogenen Redensarten gequält. Auch ſah ſie in dem Akt, der ſoeben drunten vollzogen wurde, eine Art göttlichen Strafgerichtes, wenn ſie an den armen Herrn Eugen dachte, gegen welchen die beiden Brüder da drunten ſich auf's Schändlichſte benommen hatten. Clementine hatte in der Tiefe ihres Herzens nur den Wunſch, daß auch der Fuhrmann ſei⸗ nen Theil erhalten möge, was aber, wie wir bereits wiſſen, dieſes Mal nicht geſchah. Katharina in ihrem Winkel hinter der Thüre hatte nicht ſo⸗ bald den Spektakel drunten vernommen, als ſie erſchrocken in die Höhe fuhr und Jungfer Strebeling bat, das Fenſter zu ſchließen. Das junge Mädchen zitterte an dem ganzen Körper; denn ſie hatte leider ſchon zu oft dergleichen Scenen mit anwohnen müſſen, und jedes Mal hatten dieſelben den Stachel des bitterſten Schmerzes, das Bewußtſein eines tiefen Unglücks in ihrer Bruſt zurückgelaſſen. Auch jetzt faltete ſie die Hände und horchte entſetzt zu, und ſie konnte ſich erſt einigermaßen wieder beruhigen, als ihr endlich Jungfer Clementine mittheilte, ihre Mutter habe das Zimmer der beiden Brüder verlaſſen. Katharina, welche beſſer, als Madame Schoppelmann ſelbſt, den böſen und wilden Charakter der beiden Brüder kannte, fürch⸗ tete,— und wohl nicht mit Unrecht— daß aus einem ſolchen Auftritte doch einmal das größte Unglück entſtehen müßte; denn wenn die Mutter einmal in ihrem Zorne zu weit ging und durch irgend etwas die Herrſchaft, deren Kraft in der Macht der Ge⸗ wohnheit, in Worten und Zlicken der alten Frau lag, arlor⸗ ſo konnte etwas Entſetzliches geſchehen. 8 Endlich war es drunten wieder ruhig geworden, und Clemen⸗ tine ſetzte ſich neben das junge Mädchen, nahm deſſen beide Hände und ſchaute tief betrübt in die dunkeln, thränenerfüllten Augen. „Das iſt ein troſtloſes Leben!“ ſagte Katharina und blickte — 8 14² o Einunddreißigſtes Kapitel. zum Himmel auf;„und ich ſehe gar kein Ende, keinen Ausweg. Gott ſei mir gnädig!“ „Nur nicht verzweifeln, mein liebes Herz!“ bat Clementine, „nur den Muth nicht verlieren! Auf Regen folgt Sonnenſchein, das iſt ein altes und wahres Sprüchwort.“ Katharina ſchüttelte mit dem Kopfe.„Mir hat die Sonne in der letzten Zeit zu glänzend geſchienen,“ ſprach ſie nach einer Pauſe;„ich habe zu viel Glück gehabt, ich war zu ſelig, und das muß ich nun durch langen Kummer abbüßen.“ „Es geht gewiß vorüber,“ entgegnete Jungfer Strebeling; „nur den Muth nicht verlieren! O lieber Gott! wenn ich Alles ſo genan wüßte, wie Sie noch an dem Altar zu ſehen mit dem Herrn Eugen! Ihnen geht's gewiß noch ſehr gut, mein Herz; denn das iſt gar nicht anders möglich. Bei all' dem Kummer, den Sie jetzt haben, ſind und bleiben Sie doch ein Glückskind; Sie ſind nicht wie andere arme Menſchen, denen Alles in dieſer Welt fehl⸗ ſchlägt.“— Dabei ſeufzte die alte Jungfer aus tiefſtem Herzen. „Eigentlich iſt es wahr,“ ſagte Katharina;„wir können ein⸗ ander tröſten; Sie haben das gleiche Schickſal wie ich.“ „O, noch viel ſchlimmer!“ entgegnete Clementine;„ich bin eine armſelige Kreatur, ich tauge gar nicht für das Leben. O du lie⸗ ber Gott! ich hätte in ein Kloſter gehen ſollen— wenn ich nur katholiſch wäre!“ Jungfer Clementine machte bei dieſen Worten ein ſo überaus wehmüthiges und jammervolles Geſicht, daß ſich Katharina, trotz ihres tiefen Schmerzes, nicht enthalten konnte, der Leidensgefährtin durch ihre Thränen einen freundlichen Blick zuzuwerfen. „Sind neue Briefe gekommen?“ fragte ſie theilnehmend; und Clementine nickte ſtumm mit dem Kopfe.— „Traurige?“ fragte das junge Mädchen.. „Zwei ſehr traurige,“ entgegnete Clementine und zog unter ihrem Halstuche zwei Briefe hervor, welche ſie vorher ſorgfältig 3 Praktiſche und handgreifliche Beweiſe. 143 öffnete, ehe ſie dieſelben der Freundin übergab.—„Ja, richtig, dies iſt der erſte,“ ſagte ſie, nachdem ſie einen Blick hineingeworfen; „den leſen Sie zuerſt, Katharine, und dann erſt den anderen.“ Das junge Mädchen nahm den Brief und las wie folgt: „Angebetete Clementine! „Wie ſteh' ich vor Ihnen, in Gedanken nämlich, oder vielmehr wie ſitz' ich hier vor Ihnen an meinem Schreibtiſch, die Feder in zitternder Hand haltend, das Papier mit meinen Thränen benetzend! Bis jetzt glaubte ich nicht an Wunder, aber jetzt glaube ich daran. Bis jetzt wußte ich nicht, daß auf dieſer verderbten Welt noch wirk⸗ liche Engel umherwandelten zur Luſt und Freude, ja zum himm⸗ liſchen Troſte des bedrängten menſchlichen Herzens; jetzt weiß ich, daß ſich noch Engel unter uns ſehen laſſen, nämlich, daß ich das Glück hatte, einen ſolchen zu ſehen, und dieſer mir erſchienene hülfe⸗ bringende Engel, das ſind Sie, angebetete Clementine.—— „Und doch, wie hat mich Ihre Hülfe, wenn gleich erquickt, auch zugleich gedemüthigt, ja tief in den Staub hinab gedrückt!“ Bei dieſen Worten ſah Katharina fragend in die Höhe. „Es iſt nur wegen des Geldes, das ich ihm geſchickt,“ ſagte ſchüchtern die alte Jungfer. „Ah ſo— o— o!“ entgegnete Katharina, mit dem Kopfe nickend, und fuhr fort zu leſen: „Sie reichten mir die Hand, theuerſte Clementine; o, mißver⸗ 6 ſtehen Sie mich nicht! Ihre Hand— bildlich geſprochen. An dem gähnenden Abgrund der Armuth und Verzweiflung, in welchen ich mich hineinſtürzen wollte, traten Sie auf mich zu, reichten mir dieſe Hand und hielten mich ſo von dem Schrecklichen zurück.“ „Ich glaube Ihnen geſagt zu haben, daß ich mich von dort hieher zu meinem Onkel begab, zu dem Manne, der ſich des ver⸗ waisten Knaben annahm, der mich unterſtützte und auf einen Weg brachte, an deſſen mühevollem Ende mir ein Lichtpunkt glänzt, 144 Ein unddreißigſtes Kapitel. das ſchönſte Ziel— Sie, Clementine, Ihr Beſitz! Doch, ach, wie fand ich dieſen Mann wieder! Sein Vermögen war zerrüttet; ſtatt von ihm Hülfe zu erwarten, mußte ich ihm und ſeinen acht noch unverſorgten Kindern helfen! So, Clementine, wurde die Gabe angewandt, welche Ihr volles, ſchönes Herz über mich ausgeſchüttet. — Thränen erſticken meine Stimme; ich kann nicht weiter ſchreiben. Bis nächſtens mehr. „Ihr getreuer 3 Johannes Müller.“ „Das iſt allerdings ſehr traurig!“ ſagte Katharina. „Leſen Sie noch den zweiten,“ entgegnete Clementine;„der iſt kurz, aber in wahrer Verzweiflung geſchrieben; er hat ſogar die Ueberſchrift vergeſſen.“ Katharina las: „Wen das Unglück mit ſeinem giftigen Haß verfolgt, den ſchlägt es darnieder, wenn ihn auch gleich Engel ſchützend umgeben.“ „Das iſt eigentlich eine Läſterung!“ ſagte betrübt die alte Jungfer... „Mein unglücklicher Onkel glaubte ſich durch die Hülfe, welche von Ihnen ſo großmüthig geſpendet wurde, einigermaßen retten zu können— umſonſt!— vergebens!— umſonſt!— Schlag auf Schlag trifft ihn ein hartes Schickſal und mich mit ihm. Verzeihen Sie mir, theure Clementine, aber ich habe geſchworen, mit ihm, der an mir ſo lange Vaterſtelle vertrat, zu Grunde zu gehen. Wegen ſechshundert Gulden droht dem edlen Manne eine Schuld⸗ haft. Der Himmel erbarme ſich ſeiner acht unglücklichen Würmer! — Leben Sie wohl, Clementine— meinen nächſten Brief erhalten Sie— denn ich gehe mit ihm— aus den Mauern des Gefäng⸗ niſſes.— O, es iſt entſetzlich! „In Verzweiflung „Johannes Müller.“ Praktiſche und handgreifliche Beweiſe. 145 Katharina faltete kopfſchüttelnd dieſe Briefe zuſammen und gab ſie ihrer Freundin zurück.„Das iſt ſehr ſonderbar,“ ſagte ſie nach einer Pauſe. „Entſetzlich, nicht wahr?“ jammerte Clementine. Das junge Mädchen dachte einen Augenblick nach, ohne eine Antwort zu geben, und darauf ſagte ſie:„Aber nehmen Sie mir nicht übel, Clementine, ſo ſehr es mich freut, daß Ihr Herz end⸗ lich einmal einen Gegenſtand gefunden, für den es ſich intereſſirt, ſo möchte ich doch etwas Genaueres erfahren, wer dieſer Gegenſtand eigentlich iſt, und ob Sie über ſeine näheren Verhältniſſe genauer unterrichtet ſind. Nehmen Sie mir nicht übel, ich will mir nicht „berausnehmen, ein Examen mit Ihnen anzuſtellen; aber ſagen Sie mir etwas Näheres über dieſe Geſchichte in Ihrem eigenen Intereſſe.“ Jungfer Strebeling hatte die Briefe wieder an ſich genommen, ſie zuſammen gefaltet und an ihrem gewöhnlichen Orte verwahrt; dann nickte ſie mit ihrem Kopfe, d. h. ſie ließ denſelben tief auf die Bruſt herabſinken, was ihr ganz das Anſehen einer geknickten Blüthe gab; und dieſen Eindruck wollte ſie auch hervorbringen. „Sie ſahen alſo,“ fragte das junge Mädchen,„den Herr-nen Müller zum erſten Mal— 2“ „Dort drüben,“ erwiderte die alte Jungfer, indem ſie ihre blauen Augen nach der Gegend des muſikaliſchen Hauſes hindrehte. „Richtig, beim Geſang von der Lotusblume,“ fuhr das junge Nädchen fort.„Aber darauf ſahen und ſprachen Sie ihn nicht wieder?“ „ Bei dieſer Frage ſchwieg Clementine eine längere Weile. In ihrer Bruſt kämpfte die jungfräuliche Scham und das Bewußtſein, der Freundin, die ihr Alles mitgetheilt, einen wichtigen Moment ihres Lebens verſchwiegen zu haben. „Nun, Clementine?“ fragte das junge Mädchen abermals. „O ja,“ brach Clementine endlich ihr Stillſchweigen;„ich⸗ Hackländers Werke. XI. 10 146 Einunddreißigſtes Kapitel. habe ihn wieder geſehen, aber wo? das werde ich unter keiner Be⸗ dingung ſagen.“ „Und da ſprachen Sie mit ihm?“ fuhr Katharina fort;„auch über ſeine Verhältniſſe?“ „O nein, das nicht,“ ſagte die alte Jungfer,„gewiß nicht; Sie können ſich kein zarteres Gemüth denken, als das des Herrn Müller. Gott im Himmel! wie kann man auch gleich von Ver⸗ hältniſſen ſprechen oder von— Liebe? So was wäre mein Tod! O nein, ich nehme Antheil an ihm, weil er ſo zart, ſo ſtill, ſo beſcheiden iſt. O Katharine, als ich ihn damals ſah, verrieth er mit keiner Sylbe, welchen Antheil er an mir nimmt; aber ſeine Blicke ſprachen, und einzelne Andeutungen ließen mich die Gefühle ſeines Herzens errathen— er liebt mich über alle Maßen!“ ſagte Clementine ſchaudernd und dachte an das Gänſeblumenſpiel. „Und wer iſt die Mittelperſon!“ fragte das junge Mädchen weiter,„durch welche dieſe Briefe an ihn und Sie gehen?“ „Das darf ich um keinen Preis ſagen,“ verſicherte Clementine, „ich habe das feierlich beſchworen, und ſo gern und freiwillig.— Iſt nicht das Geheimnißvolle und Verſchwiegene einer Sache ſo ſchön, ſo zart, ſo angenehm?“ „Das iſt wahr,“ dachte Katharina, und ein ſtechender Schmerz durchzuckte ihr Herz. Ihre Gedanken waren in dieſem Augenblicke von der Sache Clementinens abgeſchweift; ſie dachte an vergangene Tage, wo auch ſie ſo unendlich glücklich geweſen war in ihrem ſüßen Geheimniß. Und wie roh, wie rückſichtslos hatte man die Hülle von demſelben weggeriſſen!— Katharinens friſche Wangen waren nicht umſonſt gebleicht, ihre dunklen Augen nicht ohne Grund eingefallen. Hatte ſich doch die Begebenheit jener Nacht wie ein Lauffeuer durch die unteren Stadtviertel verbreitet, und mit welch' höhniſcher Freude und Bosheit hatten gute Freundinnen und alle Klatſchſchweſtern nacherzählt, daß Herr Engen Stillfried —— Praktiſche und handgreifliche Beweiſe. 147 ſpät Abends bei der ſchönen Katharine geweſen ſei und daß ihn die Mutter dort ertappt u. ſ. w.! Katharina fuhr mit einem tiefen Seufzer aus ihren Träumereien und ſagte:„Ach, Clementine, Ihre Geſchichte iſt wohl traurig, aber es bleibt Ihnen doch die Hoffnung. Doch bei mir iſt Alles, Alles aus!“. Clementine war erſchrocken von dem tiefen Schmerz, der nun plötzlich wieder in den Zügen des jungen Mädchens wühlte. Die gute alte Seele vergaß ihren eigenen Kummer und faßte mitleidig die Hände der Freundin, um ſie zu tröſten. Katharina ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte nach einem län⸗ geren Stillſchweigen, indem ſie endlich den Fragen der Jungfer Strebeling nachgab:„ich glaube, er hat mich vergeſſen, er hat ein falſches Spiel mit mir getrieben!“ Clementine ſah ſie fragend an. „Hätte er mir nicht nach jenem ſchrecklichen Vorfalle ſchreiben müſſen?“ fuhr Katharina fort;„hätte er mir, im Falle es Schwie⸗ rigkeiten gemacht, mir einen Brief zukommen zu laſſen, nicht we⸗ nigſtens ein paar Worte müſſen ſagen laſſen, mir eine Nachricht von ſich geben, wie es ihm ergangen an jenem unheilvollen Abend? Aber ich erfuhr von ihm nicht eine Sylbe; nur aus den Geſprä⸗ chen der Brüder habe ich erfahren, daß er noch an jenem Abend die Stadt verlaſſen; wohin er gegangen iſt, weiß ich nicht.“ „Das iſt freilich nicht recht,“ ſagte Clementine;„aber Sie müſſen auch nicht vergeſſen, wie emſig Ihre Mutter bemüht ſein wird, alle Briefe, die an Sie kommen, zurück zu halten, ſowie zu verhindern, daß jemand Fremdes mit Ihnen ſpricht.“ „Das iſt wohl wahr,“ entgegnete das junge Mädchen;„aber fand er nicht früher Mittel und Wege, mir irgend ein Zeichen des Verſtändniſſes, eine Botſchaft zukommen zu laſſen? und jetzt, wo ich ſo ſehnlich wünſche, etwas von ihm zu erfahren, nicht das Geringſte, keine Sylbe!“——. —·Q—-· 148 Einunddreißigſtes Kapitel. Unterdeſſen war Madame Schoppelmann nach vollzogenem Strafamte durch die Vorrathskammer an ihren Herd zurückgekehrt. Das Feuer unter dem Waſſerkeſſel war in der Zwiſchenzeit faſt erloſchen, und die Mühe, welche die dicke Frau ſich nunmehr geben mußte, daſſelbe wieder anzufachen, hatte nebenher den guten Erfolg, daß ſich ihr Zorn bedeutend verminderte und ſich in ge⸗ linden Kummer und in Betrübniß verwandelte. Mit dieſen beiden unangenehmen Begleitern ſetzte ſie ſich auf ihren Stuhl am Feuer nieder, nahm die große Kaffeemühle auf den Schooß, und wäh⸗ rend ſie ſolcher Geſtalt Vorbereitungen traf, für den Nachmittag ihr Lieblingsgetränk anzufertigen, begann ſie ein Selbſtgeſpräch, wie ſie es bei ähnlichen Veranlaſſungen häufig zu machen pflegte. Zuerſt ſchüttete ſie die braunen Bohnen in ihre Mühle und drehte den Schwengel einige Mal heftig herum.„Das Ding kann nicht ſo fortgehen,“ ſagte ſie zu ſich ſelber;„der Haß unter den Kindern richtet meine ganze Wirthſchaft zu Grund und wird nicht beſſer, wenn ſie bei einander bleiben. Eine Partie muß aus dem Hauſe — aber welche? Wohin ſoll ich mit den beiden Buben? Die will kein ordentlicher Chriſtenmenſch bei ſich aufnehmen, und wenn ich ſie nicht unter der Fuchtel habe, ſo treiben ſie noch größeres Un⸗ heil, als jetzt ſchon. O, es iſt eine betrübte, betrübte Geſchichte!“ — Damit mahlte die Gemüſehändlerin mit ſolcher Heftigkeit und Erbitterung ihren Kaffee, daß ihr der Schwengel zuweilen aus der Hand und raſſelnd einige Mal allein herumfuhr, ehe ſie ſeiner wieder habhaft werden konnte.—„Und das Mädchen,“ fuhr ſie zu ſich ſelbſt redend fort,„es iſt im Grund ein gutes Geſchöpf, und ich hätte nie über ſie klagen können, wenn der böſe Feind nicht jenen Herrn Eugen ihr in den Weg geführt hätte.— Ihn ſollt' ich nochmals hier haben, ich wollt' es ganz allein mit ihm ausmachen; ich wollt' ihn lehren, ehrſamen Bürgerstöchtern nach⸗ zulaufen!— Gott ſei es geklagt! aber die alte Staatsräthin hat 4 — Praktiſche und handgreifliche Beweiſe. 1⁴9 Recht gehabt, Reſpekt vor der Frau! man kann ſie nur loben, daß ſie ihr Haus rein erhält vor ſolchem Ungeziefer.— Ja, das Mädchen— meine Katharine— ich muß ſie doch aus dem Hauſe thun, ſonſt gibt es noch einmal ein wahres Unglück. Will ſie auf's Land zu ihrer Tante ſchicken; aber wer bürgt mir dafür, daß dann er nicht auch wieder bald da herumſchleicht? Mit dem Gelde, das er hinauswirft, kann man Unterhändler und Spione genug haben.“ Der Kaffee war gemahlen, aber Madame Schoppelmann noch nicht mit ſich im Reinen, was mit ihrer Tochter zu thun ſei. Das Paſſendſte erſchien ihr wohl, ſie aus dem Hauſe zu entfernen— aber auf welche Art und wohin? Mit der Beantwortung dieſer Frage wollen wir dieſes ſchon ſehr große Kapitel nicht noch verlängern, und ſchließen mit der Verſicherung, daß der geneigte Leſer erfahren wird, was Madame Schoppelmann beſchloſſen. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Worin der geneigte Leſer von dem Erzähler dieſer Geſchichte veranlaßt wird, eine kleine Fußreiße zu machen. In einem kleinen Städtchen, vom früheren Schauplatz unſerer Geſchichte jenſeits der Grenze, war ein Gaſthof, wenn wir nicht irren,„Zum goldenen Bären“ genannt. Doch thut hier der Name nichts zur Sache, denn für uns kommt nur der Gaſthof als ſolcher in Betracht, und hier war am andern Morgen nach ſeiner Flucht aus der Stadt Eugen Stillfried angelangt mit ſeinem luſtigen Rath, dem getreuen Pierrot und Sultan, dem Neufundländer. 150 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Eugen beſchloß, ſich hier eine Zeit lang aufzuhalten, vor allen Dingen um Nachricht aus der Stadt abzuwarten über das Beſinden ſeines Gegners, den er zu Boden geſchlagen, namentlich aber von Katharina, die er in einem Schreiben von Allem in Kenntniß ſetzte und ſie bat, mit wenigen Worten ſagen zu wollen, wie er ſich im Allgemeinen, beſonders aber ihr gegenüber verhalten ſolle. Da es ihm nicht räthlich erſchien, das Schreiben dem Poſtamt zu vertrauen, ſo wurde Joſeph dazu auserſehen, den Brief nach der Stadt zu bringen, um dort ſeine Erkundigungen einzuziehen und wo möglich eine Antwort von Katharina zu erhalten. Der getreue Diener reiste auch in der nächſten Nacht wieder nach der Stadt zurück; doch glauben wir annehmen zu können, daß er entweder nicht den Muth hatte, ſich in der Nähe des Markt⸗ platzes lange umher zu treiben, oder im Fall der Noth der Ma⸗ dame Schilder einen Beſuch zu machen, ihr den Brief zu geben und auf Antwort zu warten; oder wenn er es doch gethan, ſo ſind wir wohl berechtigt, zu glauben, daß jene würdige Frau den Brief unterſchlug oder ihn ſogar dem Herrn Konrad Schoppelmann einhändigte; genug, obgleich Pierrot zwei Tage fortblieb, ſo brachte er doch von Katharina keine Antwort zurück, wohl aber die Nach⸗ richt, daß ſich Fritz, der Fuhrmann, ziemlich außer Gefahr befinde, und daß, wenn er auch einige Wochen das Bett hüten müſſe, für ſein Leben durchaus keine Gefahr ſei. Eugen gab ſich mit dieſer Botſchaft nicht zufrieden, er wollte anfänglich ſelbſt hinüber, doch gab Herr Sidel hiezu unter keiner Bedingung ſeine Einwilligung; ja, in Folge der Unterredung hier⸗ über entſchloß er ſich, obgleich widerſtrebend, ſelbſt nach der Re⸗ ſidenz zurück zu gehen, dort zu erforſchen, wie die Sachen ſtänden, namentlich aber den Verſuch zu machen, ob es möglich ſei, Katha⸗ rinen zu ſehen und zu ſprechen. Der luſtige Rath reiste auch wirklich ab, kehrte aber ebenſo unverrichteter Dinge zurück, wie Joſeph. Durch ſeine Bekannt⸗ Eine kleine Fußreiſe. ſchaften im muſikaliſchen Hauſe hätte es ihm nicht ſchwer werden ſollen, indem er ſich dort aufhielt, die Aufmerkſamkeit des gegen⸗ über wohnenden jungen Mädchens auf ſich zu ziehen. Er behaup⸗ tete aber bei ſeiner Zurückkunft, in dieſer Richtung alles Mögliche gethan zu haben; ja, er ſetzte hinzu, Katharina müſſe ihn geſehen haben, ſei ihm aber durchaus nicht gewillt erſchienen, in irgend eine Unterhandlung mit ihm zu treten. Wenn wir uns erinnern, daß Herr Sidel von jeher nicht geneigt war, das Verhältniß ſeines jungen Freundes zu jenem Mädchen zu billigen, noch viel weniger aber, daſſelbe auf irgend eine Art zu unterſtützen, ſo können wir wohl annehmen, daß er ſich in dieſer Sache, obwohl in der beſten Abſicht, eine Unwahrheit zu Schulden kommen ließ. Er ſah in jener Liebe durchaus nichts Erſprießliches für ſeinen Freund; ihm ſchien es überhaupt für die ganze Zukunft Eugen's beſſer, wenn es ihm möglich würde, denſelben für eine Zeit lang aus dem Leben und Treiben jener Stadt zu entfernen. Herr Sidel ahnete nicht, wie theuer Katharina dem Herzen ſeines Freundes wirklich war, er hielt dieſe Geſchichte, wie ſo manche frühere ähnliche, für vor⸗ übergehend. Nebenbei hatte Eugen ſeinem Vertrauten leider nichts von der Unterredung mit der Staatsräthin geſagt, und Herr Si⸗ del, dem Alles daran gelegen war, Mutter und Sohn zu vereini⸗ gen, glaubte, daß zu dieſem Zweck eine Entfernung ſehr heilſam ſei. Die Staatsräthin erfuhr alsdann nicht Geſchichten von ihrem Sohne, auf's Gehäſſigſte verdreht, unendlich vergrößert und ver⸗ ſchlimmert, und dem jungen Manne wurden an ſich unbedeutende Worte der Mutter nicht auf die gleiche Art überbracht. Das war die an ſich gute Abſicht des luſtigen Rathes, und aus dieſem Ge⸗ ſichtspunkte müſſen wir es verzeihlich finden, wenn er ſich bei ſeiner Rückkehr aus der Reſidenz einige Unwahrheiten zu Schulden kom⸗ men ließ. Nach ſeiner Angabe war der junge Schoppelmann durch⸗ aus nicht außer Gefahr, der Juſtizrath Werner dagegen, wie er aus guter Quelle erfahren haben wollte, auf's Eifrigſte bemüht, 152 Zweiunddreißigſtes Kapitel. die nöthigen Mittel zu erhalten, um Eugen auch jenſeits der Grenzen des Landes verfolgen zu können; Katharina aber hatte ſich, ſo ſei es ihm erſchienen, gelinde ausgedrückt, bei ſeinem Er⸗ ſcheinen vollkommen theilnahmlos gezeigt. Er hätte, als ſie ihn zum erſten Male wieder geſehen, weder eine große Ueberraſchung, noch viel weniger eine Freude auf ihrem Geſichte entdeckt. Ihr Ausſehen ſei gut und wie gewöhnlich geweſen, man habe durchaus nichts Beſonderes an ihr bemerkt. Man kann ſich denken, wie unangenehm dieſe Nachrichten auf Eugen einwirkten. Er hatte gehofft, in der nächſten Zeit nach der Reſidenz zurückkehren zu können, um ſich mit ſeiner Mutter auszu⸗ ſöhnen und dieſelbe durch die größte Nachgiebigkeit zu vermögen, daß ſie zu ſeiner Verbindung mit Katharina endlich ihren mütter⸗ lichen Segen ertheilte. Das war jetzt alles in weite Ferne ge⸗ rückt, und wenn ihn auch die Hoffnung nicht verließ, daß ſich dieſe ſüßen Träume einſt verwirklichen könnten, ſo ließ doch die gewaltſame und einigermaßen künſtliche Spannung ſeines Gemü⸗ thes nach, und andere Lebensbilder, andere Anſichten und Wünſche ſtrömten durch ſeine leicht bewegte Bruſt und drängten das, was dieſelbe noch geſtern allgewaltig ausgefüllt, leicht, wenn auch nicht ſchmerzlos, in den Hintergrund. Die beiden Freunde ſaßen in dem Garten des benannten Gaſt⸗ hofes funter einem ſchattigen Kaſtanienbaume. Eugen war trübe geſtimmt, und der luſtige Rath ſuchte ihn aufzuheitern. „Du haſt mir ſo oft,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe, „von deiner erſten Kunſtreiſe erzählt und mir dieſes Leben mit ſo glänzenden Farben ausgemalt, daß ich wahrhaftig Luſt bekomme, etwas Aehnliches mitzumachen. Wir ſind jetzt für die nächſte Zeit vollkommen frei; es wäre überhaupt wegen vergangener Geſchichten beſſer, ſtatt mit Extrapoſt zu reiſen und in den Gaſthöfen Zimmer in dem erſten Stock zu bewohnen, ſich beſcheidener Fortkommens⸗ mittel zu bedienen und unbemerkter zu leben. Was willſt du hier —‿— — Eine kleine Fußreiſe. 153 in dieſem langweiligen Neſte liegen, um abzuwarten, ob und wie ſich die Sachen in der Stadt geſtalten? Laß uns ein Bischen in dieſes ſchöne Land hinauswandern. Der Spätſommer iſt da, wir werden einen prächtigen Herbſt haben, laß uns das genießen! Bald,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„werden die Geſchichten in der Stadt vergeſſen ſein, du kehrſt heim, ſöhnſt dich mit deiner Mutter aus, wer weiß, was ſonſt noch geſchieht? Und wenn dir im guten Falle einmal gewiſſe enge Grenzen geſteckt ſind, ſo kommſt du doch nimmer dazu, etwas Aehnliches ausführen zu können, eine Zeit lang ein ungebundenes, fröhli Leben zu führen, das uns jetzt ſo angenehm, ja gewiſſermaßen glänzend winkt. Wir wollen uns,“ ſchloß er mit komiſchem Pathos,„in den böhmiſchen Wäl⸗ dern niederlaſſen und dort eine Räuberbande zuſammenziehen.“ „Wir ſind wahrhaftig beinahe in gleichem Falle mit Karl Moor,“ ſagte Eugen;„ich wenigſtens, vertrieben von meinem väterlichen Hauſe, gewaltſam getrennt von dem Mädchen, die ich wahr und treu liebe, wahr und treu, trotz deiner Botſchaften, Mephiſto!“ „Das iſt anerkennenswerth,“ lachte Herr Sidel,„und Gott ſoll mich in Gnade bewahren, daß ich ernſtlich daran dächte, an dieſer Wahrheit und Treue zu rütteln; aber glaube mir nur,“ ſetzte er ernſter hinzu,„es iſt wahrhaft beſſer, wenn wir für eine Zeit lang vollſtändig verſchwinden. So lange du da warſt, ließ ſich deine Mutter bereitwillig gegen dich einnehmen, wenn man dagegen eine Zeit lang nichts von dir gehört, ſo wird ihre mütterliche Liebe zu dir ſtärker als je erwachen und dich wieder aufnehmen, voraus⸗ geſetzt, daß du dich alsdann dieſer mütterlichen Zuneigung werth zu machen ſuchſt.“ „Und für Katharine,“ fügte Eugen hinzu,„iſt es auch wohl beſſer, wenn ſie längere Zeit nichts von mir hört! Was ſagt deine hölliſche Beredtſamkeit über dieſen Pundt?“ „Ich bleibe vollkommen bei meiner Anſicht,“ entgegnete der 15⁵4 Zweiunddreißigſtes Kapitel. luſtige Rath;„du haſt das junge Mädchen einige Male geſehen, du biſt von ihrem Aeußeren, meinethalben auch von ihrem Inneren entzückt, und du denkſt nun mit deinem bekannten Leichtſinn dich an das Mädchen zu feſſeln— nimm's mir nicht übel, ehe du ſie hiezn genau genug kennſt. Um eine ſo glänzende Partie zu ma⸗ chen, wie du eine biſt— ich ſpreche von deinem Vermögen, nicht voon deiner Perſönlichkeit— um alſo eine ſolche Partie zu machen, wird ſich jedes Mädchen zuſammennehmen und ihre glänzende Seite herauskehren, namentlich, da dieſes Katharinen bis jetzt ſo leicht wurde.* 4 Da kommt das Schickſal; roh und kalt Faßt es des Freundes zärtliche Geſtalt— und wirft ſie— in die Hände der Gebrüder Schoppelmann. Man hat dich als Ungeheuer der ſchlimmſten Gattung dargeſtellt; man wird Verſprechungen und Drohungen nicht ſchonen, um das Mäd⸗ chen von dir abwendig zu machen; nun gut, das i*ſt die Zeit der Prüfung. Wenn ſie wirkliches Gold iſt, ſo laß ſie es jetzt be⸗ währen, überlaß ſie auf kurze Zeit ſich ſelbſt, ſieh zu, ob ſie dir wirklich treu anhängt, und wenn das der Fall iſt, in Gottes Namen denn, ſo ſage auch ich: Amen!“ Da Eugen auf dieſe Rede nicht antwortete, ſo fuhr Herr Sidel nach einer Pauſe fort: „Glaube mir, Eugen, ſie wird in dieſer Prüfung nicht zu Grunde gehen, und wäre dieſes doch der Fall, dann hätteſt du nicht viel dabei verloren; nebenbei habe ich drinnen Alles einge⸗ leitet, um genau zu erfahren, was in dem Hauſe am Marktplatze vor ſich geht— aber jetzt laß das Kopfhängen ſein, ſei der Alte wieder, laß uns ein neues Leben anfangen; und bei dieſem neuen Leben müſſen wir beſorgt dafür ſein, dem getreuen Pierrot eine gelinde Strafe zukommen zu laſſen, denn ich bin der feſten Ueber⸗ zeugung, daß bei der Geſchichte von jener Nacht dieſer Kerl die Hand mit im Spiele gehabt.“ — Eine kleine Fußreiſe. 1⁵⁵ „Wenn man das annehmen könnte,“ entgegnete Eugen,„ſo wäre es beſſer, man ſchickte ihn augenblicklich fort.“ „Gewiß nicht!“ ſagte der luſtige Rath.„Trägt er wirklich auf beiden Schultern und hat neben dir noch einen anderen Herrn, ſo wird er augenblicklich zu dieſem zurückkehren, um über unſere Schritte bis hieher zu rapportiren.“ „Wenn dein Verdacht gerecht wäre,“ meinte Eugen,„ſo hätte er uns wohl in der Stadt verlaſſen und nicht ſo dringend gebeten, ihn mitzunehmen.“ „Heilige Einfalt!“ verſetzte Herr Sidel,„ſeine Aufträge ſind wahrſcheinlich noch nicht zu Ende.“ „Ich habe ihm auf deinen Rath deutlich genug erwieſen, daß er mein Vertrauen vollſtändig verloren,“ antwortete Eugen,„und bat er trotzdem nicht de⸗ und wehmüthig, ja faſt kniefällig, ihn mitzunehmen?“ „Das iſt mir ebenfalls aufgefallen,“ entgegnete der luſtige Rath,„und könnte mich auf die Vermuthung führen, als habe Joſeph ſich gegen einen anderen Herrn ebenfalls eines kleinen Ver⸗ rathes ſchuldig gemacht, indem er uns nicht vollſtändig verrieth. Dem ſei nun, wie ihm wolle, wir haben ihn einmal mitgenom⸗ men, er iſt da, und wenn du auch dieſes Mal, wie gewöhnlich, ſchwach biſt, ſo werde ich ſo viel wie möglich das Meinige thun, daß ihm für wirklich begangenes Unrecht die nothwendige Strafe wird. Aber jetzt ſage mir, was hältſt du von dem Vorſchlage? Iſt es dir genehm, ein Bischen in der Welt herum zu ziehen, ſo wollen wir gleich morgen damit anfangen; unſere Sachen laſſen wir hier, denn zu einer Fußreiſe, wozu ich dich veranlaſſen möchte, taugt vieles Gepäck nicht; ein kleines Bündel, wenig Geld, ein tüchtiger Knotenſtock und ein froher Muth— mehr braucht's nicht.“ „Und was willſt du, daß wir beginnen ſollen?“ fragte Eugen. „Das wird ſich alles finden; wir ziehen einmal aufs Gerathe⸗ wohl hinaus und ſehen, ob und wo uns endlich einmal etwas auf⸗ —.—— 156 Zweiunddreißigſtes Kapitel. ſtößt. Finden wir irgend zufällig eine Schulmeiſterſtelle vacant, gut, ſo werde ich mich darum bewerben, du wirſt mein Famulus, und der getreue Pierrot kann in doppelter Hinſicht die Stelle eines Einheizers verſehen, indem er nämlich die Oefen und die unaus⸗ ſprechliche Freude, die Schulkinder zu bearbeiten, erhält. Vor allen Dingen aber pflichte meinem Vorſchlage im Allgemeinen bei; denn du wirſt mir doch zugeben, daß es hier in dieſem Neſt unge⸗ heuer langweilig iſt.“ Eugen fand ſich mit dem neuen Lebensplane, den der luſtige Rath entworfen, vollkommen einverſtanden, und ſo wurden denn zur Ausführung deſſelben die nöthigen Vorkehrungen getroffen. Man bezahlte die Rechnung im Gaſthofe, ließ die mitgenommenen Koöffer unter dem Vorwande zurück, man wolle eine kleine Fußtour unternehmen und werde ſpäter darüber verfügen. Die nothwendige Wäſche und Kleidungsſtücke wurden in Felleiſen verpackt, und während Herr Sidel mit Hülfe Pierrots ſie recht vollſtopfte und ſie dem getreuen Diener zur Probe umhängte, dachte er bei ſich, wie dies ein treffliches Mittel ſei,“ die Beſtrafung deſſelben jetzt ſchon anzufangen. 4 So zogen die Drei an dem andern Morgen hinaus und be⸗ ſchloſſen, es dem Zufalle zu überlaſſen, wo er ſie hinführen wolle. Zu dieſem Zwecke waren ſie von der großen Landſtraße abgegangen und folgten einem kleinen Fahrwege, der die benachbarten Dörfer und Städtchen mit einander verband. Eugen, ſowie der luſtige Rath hatten eine ſehr einfache Toilette gemacht, beſtehend in einem leichten Sommerrocke, auf dem Kopfe einen Strohhut; der getreue Pierrot aber trug beide Felleiſen. So wandelten ſie dahin unter dem Geſang der Pögel und dem Duft der Blumen. Der Feldweg, auf dem ſie ſich befanden, war breit genug, um einen einfachen Karren durchpaſſiren zu laſſen, und daß dergleichen Fuhrwerke auf ihm fortbewegt wurden, ſah man an den bald tief bald ſchwach eingedrückten Geleiſen. Der Weg lief, wie die meiſten ſeines —— —— Eine kleine Fußreiſe. 157 Gleichen, ungebunden, wie es ihm gerade einfiel, über die Felder dahin; bald wandte er ſich, ohne allen ſichtbaren Grund, etwas links, dann wieder ſcheinbar ebenſo unabſichtlich rechts, eine be⸗ ſtändige Schlangenlinie; oftmals verließ er auch dieſen ſchlangen⸗ ähnlichen Lauf wieder, um plötzlich mit ſcharfem Winkel nach einer anderen Richtung abzubiegen, nach einer Sandgrube, einem Kalk⸗ ofen oder dergleichen, und wenn er dieſe verſchiedenen Gegen⸗ ſtände ſolcher Geſtalt näher betrachtet und ſeine Neugierde befrie⸗ digt hatte, ſo wandte er ſich wieder ebenſo ſcharf der alten Richtung zu. Dergleichen Extravaganzen und außerordentliche Abſchweifun⸗ gen hatte aber der mit der Zeit karge Bauer oder der Fußgänger, welcher es gerade ſein mochte, nicht geduldet, und wo der alte Fahrweg einer ſolchen Luſt, über das Feld hinzubummeln, nicht widerſtehen konnte, da waren kleine, gerade ausgehende Fußpfade entſtanden, welche bald parallel mit jenem Wege liefen und dann rechts oder links durchſchnitten, ſich eine Zeit lang von ihm trenn⸗ ten, um ſich am Ende nach einer ſcharfen Biegung mit ihm zu ver⸗ einigen. Das Ganze ſah hiedurch von Weitem aus wie ein Fluß⸗ bett mit kleinen Armen und Nebenflüſſen, und wie ein ſolches ver⸗ ſchwand es auch hier und kam dort wieder zum Vorſchein, bald, wie der Lauf eines Stromes ſich rechts und links um Hügel und Berge windet, bald aber, wie es ein ächter und gerechter Fahrweg zu thun pflegt, in dieſem Punkte eigenſinnig wie ein altes Kut⸗ ſchenpferd, und wo ſich Hinderniſſe befinden, gerade ausrennend. Es iſt das von jeher eine Theorie aller Fahr⸗ und Hohlwege ge⸗ weſen, nie einen Hügel oder eine Schlucht zu umgehen, ſondern mit größter Mühe darüber weg oder hindurch zu klettern, ſich ſelbſt zum Verderben, dem armen Fuhrmanne zur größten Beſchwerde, oft zum Unglück. Wenn man ſo einem Feld⸗ oder Hohlwege gedankenvoll folgt — man muß aber nicht eilig ſein, ſondern zu Betrachtungen auf⸗ gelegt— ſo entwickelt derſelbe in ſeinem Laufe ſo ſchöne poetiſche Zweiunddreißigſtes Kapitel. 1⁵⁸ Bilder und Gedanken, wie man ſie in manchem Buche vergebens ſucht. Jetzt iſt er auf der Höhe und ſchaut rings um ſich herum, hinweg über ein hügeliges Land bis zu fernen tiefblauen Bergen; auf allen Seiten ſieht man gleiche alte Fahrwege aus dem Grün der Felder freundlich heraus winken mit ihrem weißen, ſandigen Boden; die kennen ſich all unter einander beſſer als wir uns ein⸗ zubilden vermögen— ſie blinzeln ſich während des Tages zu, wenn ſie, von der Sonne beſchienen, ſo glänzend weiß da liegen, und in der Nacht, wenn hoch über ihnen der volle Mond ſteht und man ſie aus der Entfernung nur ahnet, zwiſchen dem dunkeln Haide⸗ geſtrüpp hindurch, ein nebelhafter, blaſſer Streifen. Ja, man muß es wiſſen, in welch innigem Rapport dieſe Feld⸗ wege unter ſich mit den breiten, langweiligen Landſtraßen ſtehen. Das iſt eine Art von natürlicher Telegraphenverbindung; denn bald berühren ſie ſich, laufen durch einander, kreuzen ſich nach allen Richtungen, und dadurch auch wird es ſo bald im ganzen Lande bekannt, was namentlich nächtlicher Weile auf ſolchen Fahr⸗ und Hohlwegen alles geſchieht. Die Nachbarn haben es doch gewiß nicht geſehen, wie jenes junge friſche Bauernmädchen mit dem herr⸗ ſchaftlichen Jäger, der bei ſinkendem Abend nach ſeinen Revieren zu gehen pflegt, dort unter jenem Hügel geſeſſen— ein Plätzchen, das außerordentlich gut verſteckt iſt, und kein Menſch hat's gehört, wie ſie dort zuſammen geplaudert und gelacht. Und iſt es darum für alle Welt auf ewig verſchwiegen geblieben? Gewiß nicht! Ne⸗ ben dem alten Hohlwege haben ſie da geſeſſen, und der liſtige Ge⸗ ſell, obgleich er ſich anſtellte, als laufe er ruhig über die Höhe da⸗ von, hielt ſich doch oben an der Ecke auf und blinzelte neugierig zurück, und als er nun nächtlicher Weile, wahrſcheinlich zur Mitter⸗ nachtſtunde, dort unten im Grunde den alten Kameraden traf, der ihn rechtwinkelig durchſchneidet, da blieben die beiden Schwätzer bei einander ſitzen und erzählten einander, was ſie geſehen und ge⸗ hört: dieſer ſchmunzelnd von dem Liebespaar, jener ſchandernd von 2 — Eine kleine Fußreiſe. einer ſchweren Unthat, die ſich weiter oberhalb begeben und als ſie genug ausgeruht und geplaudert hatten, trollten die vier Arme des Kreuzweges nach allen Seiten auseinander und fanden bald wieder andere Pfade, die ſie durchſchnitten, liefen auch endlich in's Dorf, wo das arme Mädchen ſchon längſt ſüß träumend ſchlief, und tra⸗ fen endlich auch auf die Chauſſee, wo das Gericht den Mörder ver⸗ folgte und dieſer ſich entſetzt umſchaute, wenn der Wind rechts und links in den Baumgipfeln neben ihm daher ſauste und ebenfalls wiederholte, was der alte Hohlweg erzählt. Von den Kreuzwegen ſagt man, daß ſich dort zur Nacht Hexen, Kobolde und dergleichen Geſindel aufzuhalten pflegen, und das iſt wahr und hat in dem vorher Erwähnten ſeinen guten Grund. Doch ſeien ſie in Erdlöchern und hinter alten Baumſtämmen und horchen den Erzählungen der alten Wege, und was ſie auf dieſe Art erfahren vom Thun und Treiben der Menſchenkinder, das wenden ſie an zu ihrem Schaden und Unheil. Drum, wenn der geneigte Leſer gewillt iſt, aus der vorſtehenden Abſchweifung vom geraden Wege unſerer wahrhaften Geſchichte irgend eine Lehre zu ziehen, ſo iſt es die: bei vorkommenden Gelegenheiten auch dem harmloſeſten Fahr⸗ und Hohlwege nicht unbedingt zu vertrauen. Unſer Kleeblatt that ebenfalls ſo, indem ſie neben und hinter einander gingen, ohne längere Zeit ein Wort zu wechſeln. Doch thaten ſie das weniger aus Mißtrauen gegen den Weg, auf dem ſie wandelten, als vielmehr, weil Jeder mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt war. Eugen dachte an die Stadt und Katharina, der luſtige Rath an ſeinen Vorſchlag, in deſſen Folge die Drei auf dem Feldwege dahin wandelten, auf einen glücklichen Zufall hoffend, der ihnen etwas Angenehmes und Lehrreiches zuführen möchte; der Geiſt des getreuen Pierrot aber war am Ernſthafteſten, und wir könnten ſagen, betrübt beſchäftigt, denn er dachte an die Narr⸗ heit der Menſchen und an die Wandelbarkeit der Glücksgüter. Wie hatte er noch vor einigen Tagen ſo ſtolz hinten auf dem 160 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Wagen ſeines Herrn geſeſſen, ſich ſchaukelnd auf dem Federſitze, die Arme würdevoll über einander geſchlagen und den Hut auf dem rechten Ohr, wobei er zuweilen den Poſtillonen zurief, ſchneller zu fahren, und wobei er es auch nicht unterließ, einem armen Hand⸗ werksburſchen mitleidig nachzublicken, der neben ihm daher zog, keuchend unter der Laſt ſeines Felleiſens! Und jetzt hatte auch ihn das unerbittliche Schickſal von der Höhe herabgeworfen, und auch er wandelte jetzt dahin im Schweiße ſeines Angeſichts, ſeufzend unter der Laſt des ihm Aufgebürdeten. Ach, und er trug ſogar zwei Felleiſen! Die Sonne ſchien recht heiß von dem wolkenloſen Himmel, die Zeit ſeines zweiten Frühſtücks war längſt vorüber, und dazu konnte er nicht einmal ſeiner Lieblingsbeſchäftigung nach⸗ hangen und einigen Tabak rauchen; denn er beſaß letzteren nur in Geſtalt von Cigarren, die ſeinem Herrn gehörten. Jetzt waren die Drei auf der Höhe eines Hügels angekommen, wo ein anderer Feldweg, ganz gleich demſelben, dem ſie bis jetzt gefolgt, dieſen in einem rechten Winkel durchſchnitt. Auf dieſem Punkte blieb der luſtige Rath, welcher den Vortrab führte, einen Augenblick ſtehen und wandte ſich an Eugen mit der Frage, nach welcher Richtung man ſich weiter begeben ſolle, ob die alte beizu⸗ behalten ſei, oder ob es nicht beſſer wäre, rechts oder links abzu⸗ ſchweifen. „Für Jemand, wie du, der den Zufall zum Führer erkoren,“ antwortete Eugen lachend,„iſt es begreiflich, daß er auf einem Kreuzwege, wie dieſer, einigermaßen in Verlegenheit gerathen kann. Hier iſt guter Rath theuer, und ich möchte um Alles in der Welt dem Schickſale nicht vorgreifen, indem ich beſchlöſſe, der alten Rich⸗ tung zu folgen oder eine neue einzuſchlagen. Was meinſt du? Sollen wir den Strich des Windes entſcheiden laſſen, oder willſt du dich, ein moderner Augur, nach dem Fluge der Vögel richten?“ „Beides iſt ſehr ſchwer,“ meinte lachend der luſtige Rath,„der Wind, der füdöſtlich zu gehen ſcheint, ſchneidet gerade zwiſchen Eine kleine Fußreiſe. 161 dem Kreuzwege hindurch und zeigt alſo nach rückwärts über das angebaute Feld;— was den Flug der Vögel anbelangt, ſo ſcheint es mir ſehr ſchwer zu ſein, ſich darnach zu richten, denn außer die⸗ ſen Schwalben da, die in einem unerträglichen Zickzack fliegen, bemerke ich weit und breit nichts, als dort einen Raubvogel, der eben zur Erde herab ſchießt; und welche Richtung zeigt uns der an?“ „Du biſt ein ſchlechter Zeichenerklärer,“ verſetzte Eugen;„der Vogel, welcher ſich dort zur Erde hinabſchwingt, ſollte offenbar bedeuten, daß uns das Schickſal befiehlt, es ebenſo zu machen, das heißt, uns hier niederzulaſſen, bis ein neuer Zufall, nach deinem Vorſchlage, uns weiter hilft.“ „Vortrefflich!“ antwortete der luſtige Rath;„hier im Angeſicht dieſer weiten gewaltigen Natur, unter dem Blau des Himmels thu' ich dir feierlichſt Abbitte dafür, daß ich dich in früheren Zeiten ſo oft für ungelehrig erklärt; ich fange an, ſtolz auf meinen Zögling zu ſein.“ „Ich danke für das Kompliment,“ entgegnete Eugen;„aber iſt dieſe Höhe nicht zum Ausruhen ſehr einladend? Sieh hier, dicht am Wege jenes Heiligenbild unter dem Lindenbaum, der ſeine Zweige ſchattengebend ansbreitet— wie vortrefflich können wir hier ausruhen und neue Kräfte zu weiteren Unternehmungen ſam⸗ meln?“ „Da unten iſt auch ein Wirthshaus,“ erlaubte ſich ſchmunzelnd Joſeph zu ſagen,„ich erkenne es an dem großen Baume, der da⸗ neben ſteht, mit ſeinem Kranz von Tannenzweigen.“ Der brave Diener hatte in Betreff von Orten, wo es zu eſſen und zu trinken gab, einen merkwürdigen Inſtinkt und ein Talent im Auffinden von Wirthshäuſern, das ganz erſtaunlich war.— Der luſtige Rath ſchien augenſcheinlich über dieſe Aeußerung des Bedienten gerührt zu ſein; zuerſt zuckte ein Lachen über ſein Geſicht, dann aber nahm er eine ſehr feierliche Miene an, klopfte Hackländers Werke. XI. 11 162 Zweiunddreißigſtes Kapitel. dem einigermaßen erſtaunten Joſeph auf die Achſel, indem er ſo⸗ ernſt wie möglich ſagte:„Guter Pierrot, die Zeit der Wirthshaus⸗ freuden iſt leider vorbei. Wir ſind nicht mehr im Stande, dein Herr, ich und du, dort anzuhalten, wo der liebe Gott dem dur⸗ ſtigen Reiſenden ſo freundlich eine Hand entgegenſtreckt, das heißt, wir ſind es nur dann, wenn wir vorher etwas verdient haben. Ja, die Zeiten haben ſich traurig geändert. Du wirſt es ſchon noch erleben. Dein Herr iſt durch einen unglücklichen Zufall für einige Zeit vollkommen verarmt, und es geſchieht wahrlich nicht aus Luſt am Spazierengehen, daß wir uns hier ohne Wagen und Pferde auf freiem Felde befinden.“ Pierrot ſah bald ſeinen Herrn, bald den luſtigen Rath mit aufgeſperrtem Munde, mit wahrhaftem Erſtaunen und mit ſehr dummem Ausdruck an. Namentlich auf dem Geſichte ſeines Herrn hafteten ängſtlich hoffend ſeine Blicke. Doch Eugen zuckte die Ach⸗ ſelu und nickte mit dem Kopfe. 5 „Es iſt ſo, guter Pierrot,“ fuhr der luſtige Rath fort,„und wir laſſen dir in dieſer Stunde noch die Wahl, ob du mit uns gehen oder nach der Stadt zurückkehren willſt. Im letzteren Falle ſollſt du auf's Genügendſte mit Reiſegeld verſehen werden, und ich will auch obendrein nicht ermangeln, dir einen wichtigen Empfeh⸗ lungsbrief an den Herrn Juſtizrath Werner mitzugeben.“ Bei Nennung dieſes Namens zuckte der Diener augenſcheinlich zuſammen, und die Erinnerung an dieſen Herrn brachte in ihm allerhand ſchreckliche Vorſtellungen von ſchweren Akten⸗Fascikeln und von ſchnappenden Bedienten lebhaft in's Gedächtniß zurück. Er verſicherte hierauf, er könne unter keiner Bedingung ſeinen Herrn verlaſſen, möge auch kommen, was da wolle. „Schön!“ ſagte hierauf der luſtige Rath;„deine Antwort, mein treuer Pierrot, iſt lobenswerth. Damit du ſiehſt, wie ſchon dieſſeits die Belohnung für gute Thaten öfters erfolgt, ſo lege deine beiden Felleiſen unter jenem Baume nieder, öffne das kleine, und — —— des Heiligenbildes, im Schatten des Lindenbaumes, eine gut be⸗ Die Reiſenden befragen das Schickſal. 163 du wirſt dort für uns genug finden, um das Wirthshaus da unten mit hohem Baume und Tannenkranz vergeſſen zu können. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die Reiſenden befragen das Schickſal, welches nicht antwortet, ihnen aber einen ſeltſamen Charakter zuführt. Joſeph that, wie ihm geheißen. Er legte beide Felleiſen be⸗ hutſam nieder, namentlich aber das kleinere, und als er daſſelbe langſam öffnete, konnte er ſich auch erklären, weßhalb ihm auf dem Wege hieher ſo oft ein eigenthümlicher Braten⸗ und Käſeduft um die Naſe gezogen, wie eine ſchmerzliche Erinnerung an vergangene Tage, wie ein Klang aus der guten alten Wirthshauszeit. 4 Der luſtige Rath hatte zu einem ſoliden Frühſtück nicht das Geringſte vergeſſen, und Pierrot deckte behende, wie nie, am Fuße ſetzte Tafel. Da war kalter Braten und Schinken, Brod, Käſe und Rothwein in anſtändiger Menge vorhanden, und die Drei ließen ſich mit großem Behagen um die weiße Serviette nieder, auf welcher all' dieſe Herrlichkeiten ſtanden. „So hat mir lange nichts geſchmeckt,“ ſagte Eugen nach einer Pauſe, welche dadurch entſtanden war, daß er ein Glas Rothwein haſtig ausgetrunken und dann aufgeſprungen war, einen tiefen Athemzug zu thun;„wahrhaftig, kein Frühſtück oder Mittageſ ſo lange ich mich erinnere.“ „Das macht der Marſch von vier Stunden!“ bemerkte luſtig Herr Sidel, dem es ebenfalls außerordentlich ſchmeckte, der aber 164 Dreiunddreißigſtes Kapitel. dabei nicht vergaß, dem getreuen Pierrot ebenfalls ſeinen Theil zukommen zu laſſen.„Gib, nur Achtung, Eugen, welch herrliches Leben wir erſt führen werden, wenn wir einmal eine ähnliche Mahlzeit mit unſerer Hände Arbeit verdient haben!“ „Mit unſerer Hände Arbeit?“ ſagte kopfſchüttelnd Eugen und beſah ſeine feinen weißen Finger, welche, glatt und weich, wie die eines Mädchens, bis jetzt durch den Glacéhandſchuh geſchützt worden waren, und doch hatte auch ſchon an ihnen die Sonne ihre Ver⸗ heerungen angeſtellt, indem ſie um das Handgelenk herum einen kleinen rothen Streifen gebrannt. „Die Arbeit unſerer Hände allerdings,“ ſprach der luſtige Rath,„oder die unſeres Kopfes, das iſt am Ende gleich viel.“ „So laß uns endlich einmal einen ſoliden Plan entwerfen, oder willſt du deine Theorie vom Zufall wirklich aufrecht erhalten und durchführen?“ „Auf alle Fälle!“ meinte Herr Sidel mit komiſchem Ernſte. „Da wir einmal ein ungebundenes Leben führen wollen, ſo ſoll es auch nicht einmal durch unſere Gedanken und Wünſche gefeſſelt ſein, oder gezwungen, ſich in vorher gedachten Geleiſen zu bewegen.“ „Dann ſitzen wir aber hier gleich ſchon feſt,“ erwiderte lachend Eugen,„und müſſen auf einen Zufall warten, der uns ſagt, welchen der vier Wege wir nehmen ſollen.“ „Gewiß!“ ſagte Heirr Sidel;„doch hatte ich mir ſchon vor⸗ genommen, mit deiner Bewilligung den getreuen Pierrot in unſeren Kriegsrath zu ziehen; vielleicht weiß er aus ſeiner Knaben⸗ oder Jünglingszeit aus vier unbekannten Wegen den richtigen heraus zu wählen, und auf eine Art, daß dieſe Wahl etwas Gültiges für ſich hat.“ Der getreue Pierrot, nachdem er geſehen, daß die anſehnlichen Vorräthe, die vorhin auf der Serviette geprangt, auf eine wahrhaft erſtaunlich ſchnelle Art verſchwunden ler hatte aber das Seinige auch dazu beigetragen), überlegte bei ſich, daß ein längeres Hier⸗ Die Reiſenden befragen das Schickſal. 165 verweilen bei der Averſion des Herrn Sidel gegen das Wirthshaus da unten leicht gefährlich werden könnte, und ließ ſich nach einigem Nachdenken bereitwillig finden, ein äußerſt zweckmäßiges Mittel anzugeben, um, wie hier, im Falle des Zweifels eine Richtung feſtzuſtellen. Er beſeitigte aber zuerſt den Reſt des Kalbsbratens und Käſes, indem er denſelben ſehr geſchickt in die Serviette hinein rollte. Eine gute Portion Brod hatte er ſchon früher bei Seite gebracht. Auch trank er vorher eine Flaſche leer, die ihm zufälliger Weiſe an die Seite gerollt war; dann öffnete er lächelnd ſeinen großen Mund und ſprach:„Wie Sie wiſſen, gnädiger Herr, und auch Sie, der Herr Rath, ſo ſchicken die Metzgermeiſter ihre Knechte aus der Stadt aufs Land, um gute und wohlfeile Kälber einzuhandeln.“ „Ganz richtig,“ ſagte lachend Herr Sidel,„und dabei machen ſie zuweilen Metzgergänge, das heißt, ſie finden oftmals keine Kälber.“ 5 1 „So iſts,“ antwortete der getreue Pierrot;„da liegen nach allen Richtungen um ſie herum die Dörfer, wo ſie ihre Kundſchaft haben; aber wer weiß, in welchem Dorfe an dieſem Tage nun gerade viele Kälber gefallen ſind? Da hilft ſich nun der Metzger⸗ knecht auf folgende Art: er geht auf die Straße hinaus und wirft ſeine Mütze ſo hoch, als er kann, in die Luft hinauf; natürlicher Weiſe fällt ſie alsbald wieder herab, und dann paßt er genau auf, wohin der Schirm der Mütze gerichtet iſt; dahin geht er hinaus, nach jener Richtung nämlich, und findet da immer Kälber, ſo viel er mag.“ „Bravo! köſtlich! vortrefflich!“ jubelte der luſtige Rath.„Das iſt ein ganz kapitales Mittel, und dir, als dem Erfinder, oder wenigſtens als dem, der uns damit bekaunt gemacht, ſoll es auch geſtattet ſein, dieſen Wurf zu unternehmen. Nebenbei biſt du auch der Einzige, der eine Mütze trägt, und für uns, mit unſereſ Strohhüten, würde das Orakel ſtumm bleiben.“ ———P—— 166 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Pierrot lachte außerordentlich vergnügt, daß der Herr Sidel auf ſeinen Scherz einzugehen ſchien, ſah aber vorher fragend ſeinen Herrn an. „Ich erkläre dieſes Mittel ebenfalls für vortrefflich,“ ſagte Eugen,„und auch gewiß für untrüglich. Sollten wir nicht eine Wette machen, nach welcher Seite der Mützenſchirm zu liegen kommt?— ich bin für dort hinaus.“ „Bei ſolch wichtigen Sachen muß man nicht wetten,“ gab Herr Sidel ſcheinbar ernſt zur Antwort;„komm her, getreuer Pierrot, ſtelle dich genau in die Mitte des Kreuzweges und mache dein Manöver.“ Joſeph begab ſich dahin; nicht ohne eine Befriedigung in ſeinen Zügen auszudrücken, ſowie einen gewiſſen Stolz, daß man ſein Mittel für würdig befinde. Darauf nahm er ſeine Mütze in die Hand, ſchien ein paar Mal die Kraft ſeines Armes zu probiren und ſchnellte ſich dann, ſo hoch er konnte, in die Höhe; aber o Unglück! der Wurf war nicht ſenkrecht gelungen, und als die Zweigen des Lindenbaumes hangen und obendrein noch in ſo un⸗ angenehmer Haltung, daß der Schirm zu Boden ſah. Erſtaunt und überraſcht ſahen die drei nach der Mütze empor, und ſelbſt der Herr Sidel kratzte ſich einen Augenblick unſchlüſſig am Kopfe. „Wenn wir auf den Fall dieſer Mütze,“ bemerkte Eugen nach einer Pauſe,„das heißt auf die Art, wie der Schirm zu liegen kommt, ein wirkliches Gewicht legen und ihm als Orakelſpruch folgen wollen, ſo ſagt uns der Schirm der Mütze, indem er zu unſeren Füßen auf den Boden zeigt, wir ſollen da bleiben und hier geduldig warten, bis uns das Schickſal eine Auffotderung zu Theil werden läßt.“ 4„Darin haſt du Recht,“ ſagte Herr Sidel;„wir haben über⸗ Haupt nichts zu verlieren und deßhalb keine Eile; lagern wir uns Mütze in einem kleinen Bogen wieder herab kam, blieb ſie an den — —y Die Reiſenden befragen das Schickſal. 167 wieder im Schatten dieſes Baumes und rauchen unter anmuthigen Betrachtungen unſere Cigarre.“ Eugen und der luſtige Rath ſtreckten ſich hierauf wieder in den Schatten des Baumes auf das Gras nieder, und Pierrot be⸗ ſchäftigte ſich damit, durch verſchiedene Steinwürfe ſeine Mütze vom Baume herunterzubringen, was ihm endlich auch gelang. Die beiden Anderen hatten ſich eine Cigarre angezündet und blieſen in angenehmer Ruhe den blauen Rauch von ſich. „Wenn wir keinem Zufalle zu folgen hätten,“ ſprach Eugen nach einer längeren Pauſe,„ſo würde ich unbedingt vorſchlagen, den Weg dort hinaus zu nehmen, wo das Terrain ſich ſanft ab⸗ 3 flacht und von der Höhe in ein Thal hinab fällt, das zwiſchen grünen Bäumen und Sträuchern gewiß auch fließendes Waſſer enthält, ſo einen kleinen Fluß, an deſſen Ufer man ſo angenehm dahin dämmert; auch ziehen mich, ich weiß nicht, weßhalb, die ſchroffen, dunkelblauen Berge an, die in weiter Ferne über jenem 4 Thale ſo ernſt und feierlich nach uns hinblicken. Ich komme mir in dieſem Augenblicke wie ein fahrender Ritter vor, und dann bilde ich mir ein, da hinaus auf den Spitzen jeuer Felſen liegen allerlei verzauberte Schlöſſer und verwunſchene Prinzeſſinnen, die nach Erlöſung ſchmachten.“ „Ei, ei,“ ſagte lachend der luſtige Rath,„du denkſt an fremde Prinzeſſinnen und wendeſt dieſen dein Geſicht zu, während du in deinem Rücken eine andere arme Jungfrau ſitzen läßt!“ „Schweig, Mephiſto,“ entgegnete Eugen,„du haſt gar keinen Sinn für Poeſie.“ „Leider nur zu viel!“ ſeufzte Herr Sidel;„denn ſonſt hätte ich meine ehrbare Schule nicht aufgegeben, um zu dir zu ziehen und jetzt als anderer Sancho Panſa mit dir als zweitem Don Quixote durch das Land zu ſtreifen.“ „Wir haben wirklich eine Aehnlichkeit mit dieſem ehrenhaften Ritter, doch ſind wir noch miſerabler daran— ich ohne Pferd, du 168 Dreiunddreißigſtes Kapitel. haſt nicht einmal einen Eſel, und dann fehlt uns das eigene Be⸗ wußtſein unſeres Werthes, die feſte Ueberzeugung, ſich auf dem ſicheren Pfade zum Ruhme zu befinden, die jener hatte.“ „Und Duleinea von Toboſo!“ ſagte lachend der luſtige Rath. „Iſt vorhanden,“ entgegnete Eugen,„aber in dieſem Falle Sancho Panſa'n angehörig; ich meine nämlich jene abgeblichene Dame, mit welcher wir dich, Ehrenfeſter, an dem Tage der Pro⸗ menade Blumen zupfend fanden.“ „Brrrr!“ ſagte, ſich ſchüttelnd, Herr Sidel,„dafür muß ich danken. Ueberhaupt ſteht auch nirgendwo geſchrieben, edler Ritter von der traurigen Geſtalt, daß Euer ganz ergebenſter Schildknappe ſich eine Dame erkoren habe, das war ein Vorrecht Eurer Ritter⸗ ſchaftlichkeit und blieb Euch vorbehalten.—— Aber ſieh einmal dort den Fahrweg hinab, welch ſonderbares Fuhrwerk wird dort ſichtbar! Jetzt kannſt du's deutlich ſehen, da es auf der Höhe des Hügels iſt; ſchau genau hin, es wird bald wieder in der Senkung des Weges verſchwinden!“ „Wahrhaftig,“ ſagte Eugen,„das iſt ein ſeltſamer Aufzug. Was kann das wohl ſein? Ich möchte auf Zigeuner rathen, doch ſehe ich zu wenig Fußgänger bei dem Karren.“ „Es wird der Zufall ſein,“ meinte der luſtige Rath mit ern⸗ ſter Miene,„der uns hier von dieſer Stelle erlöst.“ Der Karren, oder was es ſonſt war, der die Aufmerkſamkeit der beiden Freunde auf ſich gezogen hatte, verſchwand jetzt wieder hinter den nächſten Hügeln, und es konnte noch eine ziemliche Weile dauern, ehe er an die Stelle kam, wo ſich die Beiden gelagert; denn dort unten machte der Fahrweg eine der oben erwähnten Ab⸗ ſchweifungen, dieſes Mal nach einem Kalkofen, und beſchrieb deß⸗ halb einen großen Umweg, ehe er wieder die frühere Richtung ein⸗ nahm. Doch hatte ſich der Fußgänger, der dieſes Weges kommen mußte, auch hier zu helfen gewußt, indem er, jene weite Biegung liegen laſſend, gerade zu ging, einen kleinen Fußpfad oktroirend, —— — ——— ——— Die Reiſenden befragen das Schickſal. 169 der bald Gemeingut wurde. Auf dieſem Fußwege nun ſahen die beiden Freunde eine ſonderbare Geſtalt, die den Hügel herauf kam, gerade auf die Stelle los, wo ſie lagerten. Es war ein Mann, man hätte ſagen können, ein junger Mann, denn ſo waren die Körperbewegungen; das Geſicht aber ſah ſehr eingefallen und run⸗ zelig aus. Er trug einen Sommeranzug, Rock, Weſte und Bein⸗ kleider von demſelben Stoffe. Doch hatte dieſer Anzug, ſeine Farbe, die ehemals grau geweſen, ſo viel durch äußere Einflüſſe zu leiden gehabt, daß man die Grundfarbe nicht genau feſtſtellen, ja, nicht einmal mit einiger Genauigkeit beſtimmen konnte, ob die obgenann⸗ ten drei verſchiedenen Bekleidungsſtücke nicht einſtens aus drei ganz verſchiedenen Stoffen gemacht worden ſeien. Der Rock war eher durch Regen und Sonnenſchein, als durch häufiges Waſchen abge⸗ bleicht, die Weſte ſah ziemlich dunkel und ſchmutzig grau darunter hervor und hatte einen verdächtigen Glanz an den Taſchen und am unteren Rande. Ueber die Beinkleider ließ ſich nicht viel ſagen. Sie ſchienen am längſten gedient zu haben oder am ſtärkſten ge⸗ braucht worden zu ſein. Das waren arme defekte Weſen, die ſich in der Gegend der Fußknöchel krampfhaft empor zogen und aus⸗ gefranst und ganz erdfarbig waren. Dieſem Anzuge gemäß hätte die Geſtalt, welche ihn trug, ſtill und ſchüchtern an den Hügel hin⸗ anſchleichen müſſen; dem war aber durchaus nicht ſo, ſondern der Maun, der auf die eben beſchriebene Weiſe daher kam, warf ſich in die Bruſt, machte große und ſichere Schritte und hatte in ganz kurzer Zeit die Spitze des Hügels erreicht. Auf dem Kopfe trug er einen Strohhut, der merkwürdiger Weiſe an allerlei Stellen mit verſchiedenen Feldblumen beſteckt war; wie ſich ſpäter ergab, ver⸗ barg der graue Spaziergänger auf dieſe Art die defekten Stellen ſeiner Kopfbedeckung. Sein Geſicht war nicht unangenehm zu nen⸗ nen, es hatte einen freundlichen Ausdruck; die dunkeln Augen blick⸗ ten keck und fröhlich um ſich, und die emporgezogenen Augenbrauen, ſowie die ſtolz in Falten gelegte Stirn zeigten viel Selbſtbewußt⸗ 170 Dreiunddreißigſtes Kapitel. ſein, ein Gemüth, das von ſeinem eigenen Werthe vollkommen überzeugt iſt. Es wäre eigentlich beſſer, von dem Hemdkragen nicht zu ſprechen, indem dieſer faſt zur Fabel geworden war; doch ſind wir in die Nothwendigkeit verſetzt, dem geneigten Leſer zu ver⸗ ſichern, daß ein ähnliches Ding da war, welches, von einem roth⸗ ſeidenen, ſtrickartigen Halstuche feſtgehalten, den nackten Hals um⸗ flatterte. Hiezu trug die Geſtalt einen knotigen Stock, den ſie heftig ſchwang, bald indem ſie Quarten und Terzen damit in der Luft hieb, bald indem ſie ihn ſehr kunſtreich an einem Finger herum⸗ wirbeln ließ oder auf der Nagelſpitze balancirte. Jetzt hatte der Spaziergänger die Höhe des Hügels erreicht und wurde nun der Geſellſchaft anſichtig, die im Schatten des Lindenbaumes lagerte. Bei dieſem Anblicke blieb der Fremde ſtehen, ſetzte den rechten Fuß ſtolz auf die unterſte Stufe des Heiligenbildes, machte mit dem Knotenſtock eine Bewegung, als ſtoße er ein Schwert in die Scheide, und ſagte, indem er den Verſuch machte, die rechte Hand in den knopfloſen Rock zu ſtecken: „Da alſo findet man Euch, edle Waffenbrüder, tapfere Ge⸗ ſellen, da alſo ruht Ihr aus auf Euren faulen Bäuchen, während rings herum der Teufel los iſt! Ja ſo!“ unterbrach er ſich lachend, indem er ſeine heroiſche Haltung verließ und grüßend an ſeinen Hut langte;„ich ließ mich wieder einmal von der Poeſie meiner Gedanken fortreißen, verzeiht mir deßhalb, ehrenwerthe Herren und Kampfgenoſſen. Trommler, der bekannte Trommler entbietet Euch ſeinen Gruß und erkundigt ſich nach Eurem ſchätzbaren Wohl⸗ befinden.“ 3 Eugen und der luſtige Rath ſahen lachend in die Höhe, und der Letztere ſagte, indem er höchſt ehrerbietig ſeinen Strohhut ſchwang:„Ich entbiete dem bekannten Herrn Trommler den freund⸗ lichſten Gruß in unſer aller Namen und erkundige mich nach Ihrem ſchätzbaren Wohlbefinden.“ Bei dieſen Worten überflog eine düſtere Freude das ernſt⸗ —— — Die Reiſenden befragen das Schickſal. 171 komiſche Geſicht des alſo Angeredeten.„Nein,“ ſprach er und hob dabei die Hand wie beſchwörend gegen den Himmel,„Trommler kann ſich nicht irren, er iſt ſo glücklich, auf dieſem elenden Fleck Erde drei Kunſtgenoſſen zu begrüßen. Gewiß,“ fuhr er enthu⸗ ſiaſtiſch fort,„ein Irrthum iſt hier unmöglich. Die zwei kleinen Felleiſen zu drei Mann, und der leichte künſtleriſche Anzug und vor Allem das heilige Feuer, das aus Ihren Augen blitzt— glau⸗ ben Sie mir, Trommler kennt ſeine Leute. Sie,“ damit wandte er ſich an Eugen,„arbeiten im Fache jugendlicher Liebhaber, die Natur ſcheint Sie dazu abſonderlich erſchaffen zu haben. In Ihnen,“ ſagte er zum luſtigen Rath,„verehre ich noble Familien⸗ väter, und in jenem würdigen Manne dort hinten mit dem komi⸗ ſchen Blick und dem nicht ganz kleinen Mundwerk biete ich hiermit einem trefflichen Komiker die Bruderhand.“ „Siehſt du,“ ſagte Herr Sidel leiſe zu Eugen,„das iſt der Zufall! Wir ſind durch ihn reiſende Schauſpieler geworden und müſſen die Rollen, die uns das Ungefähr zugeworfen, bereitwillig auffaſſen und beſtens durchführen.“ Eugen nickte mit dem Kopfe. „Sie haben,“ wandte ſich nun der luſtige Rath an den Schauſpieler,„ein vortreffliches Engagement, wie mir ſcheint.“ Dabei konnte er aber nicht unterlaſſen, ſeine Augen leicht blinzelnd auf dem Anzuge des Künſtlers einen Augenblick ruhen zu laſſen. „Das Engagement iſt nicht ſchlecht,“ ſagte Herr Trommler mit großer Wichtigkeit;„wir leben in einem ſehr kollegialiſchen Verhältniſſe, wir haben eine Art Republik errichtet, wir ſpielen in Erwartung anderer Zeiten vorderhand auf Theilung.“ „So lange etwas zu theilen iſt,“ ſagte lachend der luſtige Rath,„im anderen Falle aber—“ Herr Trommler zuckte die Achſeln und verſetzte nach einer Pauſe:„Ich kann nicht umhin, zuzugeben, daß bei uns ſchon Zei⸗ ten vorgekommen ſind, wo das Reſultat der Theilung ſehr unbe⸗ 172 Dreiunddreißigſtes Kapitel. friedigend war— was will man machen? Künſtlers Erdenwallen! Verſtehen Sie mich recht, ſo ohne allen Verdienſt, ohne alle Ein⸗ nahme ſind wir nur in höchſt ſeltenen Fällen geweſen! Oftmals lebten wir an jenen Abenden, wo kein baares Geld einlaufen wollte, herrlich und in Freuden, das kann ich Sie verſichern; denn wenn man in ſolch elenden Neſtern, auf miſerablen Dörfern, wo kein Kunſtgefühl iſt, die Bemerkung machte, daß an eine baare Ein⸗ nahme nicht zu denken ſei, ſo hatte der Direktor oder vielmehr ſeine Frau den klugen Einfall, gegen Erlegung von Viktualien, Eſſens⸗ und Trinkwaaren aller Art die Hallen des Kunſttempels zu öffnen: erſter Platz: etwas Geflügel, Käſe, Rauchfleiſch und dergleichen, zweiter Platz: Butter, Brod und Eier— und das ging ſo fort bis zum letzten, wo als Nebenverdienſt der direktoriſchen Kinder auch Aepfel und Nüſſe angenommen wurden. „Und iſt Ihre Geſellſchaft vollſtändig beſetzt?“ fragte Eugen. Hierauf trat Herr Trommler einen Schritt zurück, faltete die Hände vor ſeinem Leibe, drückte ſich ſtraff hinunter, wie er es als Tyrann zu machen pflegte, in dem Augenblicke, wo er ſeine un⸗ ruhig gewordenen Kriegsvölker beſchwichtigen ſollte; auch ſein Ge⸗ ſicht, ſtolz empor gehoben, hatte hiezu den nothwendigen Ausdruck. „Wer will,“ ſagte er nach einer Pauſe im tiefſten Baſſe,„ein Fa⸗ tum bezweifeln, ein unbeugſames, ſtrenges Fatum, das über unſeren Häuptern dahin rollt, uns hier leitend, dort zurückweiſend, aber immer wirkend und ſchaffend zu unſeres Lebens Beſtem.—— „Es war heute in der Frühe— Morgendämmerung, die La⸗ ger brachen auf, die Nebel ſtiegen in die Höhe, über die fernen Berge hinweg ſah man den röthlichen Schein der aufſteigenden Sonne. Da trat der Führer der vielen Tauſende, die zu unſeren Füßen ſchliefen, an mich heran, lehnte ſich auf meine treue Schul⸗ ter und ſprach:„wir brechen auf,“ ſagte er,„und ich habe mir vorgezeichnet drei Städtchen und drei Wege, wo wir unſer Glück verſuchen könnten und den Tempel der Kunſt aufrichten.“ So Die Reiſenden befragen das Schickſal. 173 ſprach der Prinzipal zu mir, während ſie vor den Thüren der Scheuer ſaß und den ſtärkenden Morgenkaffee aufgoß.— Wie ſchon geſagt, nach drei Städten können wir ziehen, das iſt Schmalz⸗ hauſen, Käſeheim und Schloßfelden. Was meinſt du, welcher von dieſen dreien ſollen wir den Vorzug geben? Ich habe mich für Schmalzhauſen entſchloſſen.— Da dachte ich, Trommler nämlich, an ein Geſicht, welches ich in vergangener Nacht gehabt, und in welchem ich deutlich vor mir geſehen dieſen Hügel mit dem Zauber⸗ baume. Und hier vorbei führt der Weg nach Schloßfelden, da klang es in mir: hier unter dem Zauberbaume wird dir etwas abſonderlich Angenehmes paſſiren, und Mein Bruder, ſprach ich, reite heute nicht Den Schecken, wie du pflegſt. Beſteige lieber Das ſich're Thier, das ich dir ausgeſucht. Thu's mir zu lieb, es warnte mich ein Traum. Und darauf ſagte mir der Prinzipal: Trommler, ich danke Ihnen, und entſchied ſich für Schloßfelden, und wohl zu unſerem Glück und Heil; denn indem ich jetzt die mir vorhin geſtellte Frage, ob unſere Geſellſchaft vollſtändig ſei? beantworte, rufe ich mit Freu⸗ den aus: wenn wir Sie, verehrte Herren und Kunſtfreunde, zu ge⸗ winnen im Stande ſind, ſo können wir uns ohne Furcht mit jedem Hoftheater meſſen.“ 4 „Schön geſprochen!“ lachte Herr Sidel,„und glauben Sie, wenn wir uns geneigt zeigten, ihrer Truppe beizutreten, daß uns der Direktor annehmbare Bedingungen zugeſtehen würde?“ Herr Trommler zog die Achſeln außerordentlich in die Höhe, neigte ſeinen Kopf ſtark auf die linke Seite und ſagte:„im Au⸗ genblicke ſind unſere Kaſſen leer; doch da ich überzeugt bin, daß wir durch Ihren Beitritt in Schloßfelden glänzende Geſchäfte machen werden, ſo glaube ich, verſichern zu können, daß der Herr Direk⸗ 8 — 174 Vierunddreißigſtes Kapitel. 4 tor— ein vortrefflicher Unternehmer— Ihre Engagementsforde⸗ rungen beſtens prüfen wird.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. In welchem die Reiſenden mit einer Künſtlergeſellſchaft zuſammentreffen und ein gutes 1 Nachtlager finden. Unterdeſſen war der Karren, den man vorhin im weiten Felde geſehen, näher und näher gerückt und jetzt am Fuße des Hügels angelangt, auf welchem ſich unſere Geſellſchaft befand. Der Karren war ein Mittelding zwiſchen einem ſolchen und einem Wagen, das heißt, er hatte vier Räder; der Kaſten, der blau und roth ange⸗ 4* ſtrichen war, ruhte auf Druckfedern und war mit einem Zelt über⸗ ſpannt von roth und weiß geſtreiftem Zeuge, unter welchem ſich die Damen der Geſellſchaft, das war die Frau des Direktors mit ihrer Schweſter, ſowie der erſteren vier Kinder befanden. Der Mann, der dieſe ganze Kunſtanſtalt leitete, hielt es nicht unter ſeiner Würde, ſein Pferd vorwärts zu treiben und auch ſolcher Geſtalt den Thespiskarren zu dirigiren. Er war ein großer ſtarker Mann und hatte in ſeinem Aeußern etwas von einem Müller; denn ſein Anzug beſtand in einem gelblich⸗weißen tuchenen Rock, der bis unter das Kinn zugeknöpft war und von da in anſehnlicher Länge bis auf die Füße niederwallte. Seine Kopfbedeckung beſtand in einem einſt weiß geweſenen Filzhut, und darunter hervor blickte ein ſtark knochiges, ziemlich geröthetes Geſicht mit kohlſchwarzem Haupthaar und einem mächtigen Backenbart von derſelben Farbe. Am Fuße des Hügels hielt der Karren, und der Schauſpiel⸗ direktor rief in das Innere deſſelben:„jetzt könnt' es nichts ſcha⸗ 8 Die Reiſenden und eine Künſtlergeſellſchaft. 175 den, wenn ihr ein Bischen ausſtieget; reicht mir die Kinder b ſam heraus, ſie können ein wenig laufen, und dir und deiner Schweſter wird's, glaub' ich, auch Vergnügen machen, den ziemlich . ſtarken Hügel hinan zu ſteigen. Die Sonne ſinkt ſchon nieder, es 7 iſt nicht mehr ſo arg heiß.“ 3 4„Wie du meinſt, Hektor,“ ſagte eine Frauenſtimme aus dem W „Hier nimm den kleinen Hugo“— Hu ehut⸗ agen. go wurde auf den Bo⸗ den geſetzt.—„Sei artig, Hypolit,“ fuhr die Dame fort,„man kann nicht immer gefahren werden, das Pferd will auch ein wenig ausruhen.“ Hypolit ſchien nicht dieſer Anſicht zu ſein, ſondern 5 wiſchte ſich verdrießlich die Augen und ſtampfte unartig mit ſeinen kleinen Beinen in der Luft, ehe ihn der Vater auf den Boden ſetzte. 4 Hierauf kamen die beiden Direktorstöchter, junge Damen von ſechs 1 bis acht Jahren, Euphroſine und Amalie, und ihnen folgte die Prinzipalin ſelbſt. Sie war eine Frau in gutem Alter, zwiſchen 4* den Dreißig und Vierzig, ziemlich korpulent, mit dunkelm Haar, freundlichen Augen und einem munteren Weſen. Ihre Schweſter, die hierauf mühſam über das Rad herab kletterte, hätte man im zweifelhaften Falle gewiß für keine Verwandte erklärt. Sie war angeblich die jüngere Schweſter, in der Wirklichkeit aber die ältere, 1 hatte eine lange, dürre Figur, hellblonde Haare und ſpielte An⸗ ſtandsdamen und Heldinnen. 3 8 Herr Trommler hatte nicht ſobald geſehen, daß drunten am Fuße des Hügels die Familie des Direktors angekommen war und 4 ausgeſchifft wurde, als er ſich einen Augenblick von unſeren Freun⸗ . den verabſchiedete und ſeinen Collegen entgegen eilte. Unten nahm — er den Direktor auf die Seite und ſchien angelegentlich mit ihm zu ſprechen. Eugen ſah augenblicklich, daß ſich die Rede des Schau⸗ ſpielers auf ihn und den Herrn Sidel bezog.. „Nun, was meinſt du,“ ſagte Letzterer,„zu dieſen Ausſichten, die ſich uns hier plötzlich eröffnet haben? Biſt du dem Zufalle dankbar oder nicht?“ 4 176 Vierunddreißigſtes Kapitel. „Das muß die Zukunft lehren,“ ſagte lachend Eugen;„du kennſt auch meine Neigungen genugſam, um zu wiſſen, daß ich mir lange gewünſcht, ein ähnliches Leben einmal für eine Zeit lang mitzumachen. Aber was iſt mit Joſeph?“ ſetzte er leiſe hinzu. „Joſeph,“ antwortete Herr Sidel mit ſehr wichtigem Geſichte, „wird, im Falle man uns engagirt, gerade ſo gut ausübender Künſtler, wie wir Beiden. Haſt du es gehört?“ wandte er ſich an den getreuen Pierrot;„wir ſind im Begriffe, zum Theater zu gehen, und wenn wir uns für dich verwenden, was gewiß geſchehen ſoll, ſo werden ſie dich ebenfalls an⸗ und aufnehmen. Aber hör’ und achte auf meine Worte: dein Herr heißt von dieſem Augenblicke an Eugen Wellen— ich muß das,“ ſetzte er lachend hinzu,„un⸗ ſerem vortrefflichen Präſidenten zu Liebe thun. Ich bin der Herr — nun, wie heiße ich gleich?— meinetwegen Müller; alſo merke dir das ganz genau, getreueſter Pierrot, der Herr Wellen und der Herr Müller. Du kannſt dich Herr Hannibal nennen, ein ſehr ſchöner Name und paſſend für dein Aeußeres. Merke dir aber, lieber Freund, daß unſere früheren Namen für uns jetzt nicht mehr exiſtiren, vergiß dieſelben alſo vorderhand; ſei, was frühere Tage anbelangt, verſchloſſen wie ein Grab, überhaupt ſo ſchweigſam wie möglich, und glaube mir, daß es nur von deinem Betragen abhängt, ob dein Herr ſich ferner deiner annimmt oder ob man dich in die weite Welt hinausſchickt.“ Dem getreuen Pierrot war es ſchon nicht bei der Verhandlung vorhin, noch weniger aber jetzt bei der Rede des Herrn Sidel außerordentlich wohl zu Muthe. Er hatte von jeher keine große Achtung vor Schauſpielern gehabt, ſogar vor denen nicht, welche er in der Reſidenz geſehen und die doch in der eleganteſten Toi⸗ lette umhergingen und in ſehr ſchönen Häuſern wohnten. Nun aber hier erſt der Kollege, der ſich eben präſentirt mit ſeinem grauen farbloſen Anzuge— o, das Leben, das unter dieſen Ausſichten * 1 7 4 3 Die Reiſenden und eine Künſtlergeſellſchaft. 177 dem armen Pierrot für die Zukunft vor die Augen trat, ſchien ihm ebenſo Grau in Grau gemalt. Doch was war zu thun? In Geduld folgen und ſehen, wie lange dieſe Idee ſeines Herrn wieder einmal dauern würde. Glücklicher Weiſe waren ähnliche Vorgänge da, und Joſeph erinnerte ſich, daß Herr Eugen Stillfried die Veränderungen liebe. Mittlerweile war die Geſellſchaft fahrender Künſtler den Hügel heraufgekommen, und der Herr an ihrer Spitze beeilte ſich, unſere Freunde dem Prinzipal und der Prinzipalin vorzuſtellen. Dies war bald geſchehen, und der Direktor ſchlug vor, hier einen kleinen Ruhepunkt zu machen, theils weil er nach einem Marſche von ſechs Stunden in der That das Bedürfniß fühlte, ſich niederzulaſſen, theils aber auch, weil er hoffte, ſo behaglich im Schatten ſitzend, die neu aufzunehmenden Mitglieder milder geſtimmt zu finden und für ſich beſſere Bedingungen heraus zu ſchlagen. Das Letztere wurde ihm gerade nicht ſchwer; denn da unſere Freunde einmal geneigt waren, dieſem ſich darbietenden Zufalle zu folgen, auch andererſeits, wie wir recht gut wiſſen, von den Be⸗ dingungen des Direktors in keiner Weiſe abhängig waren, ſo wur⸗ den beide Parteien bald einig. Sie ſpielten gleich der übrigen Geſellſchaft mit auf Theilung und behielten ſich nur das Recht vor, mit achttägiger Kündigung wieder austreten zu können. Das Fuhrwerk, welches wir vorhin erwähnt, und das der Familie des Direktors zum Fortkommen diente, enthielt außerdem nur die beſten Garderobeſachen. Ein anderer Wagen mit der Ein⸗ richtung des Theaters, mit Dekorationen und Requiſiten war noch zurück und wurde von dem jungen Bruder des Direktors geleitet. Der Prinzipal traf die Beſtimmung, daß die Geſellſchaft hier unter der Linde auf den zurückgebliebenen Wagen warten ſolle, während er mit den neu angeworbenen Mitgliedern jetzt gleich nach dem nicht mehr ſehr entfernten Schloßfelden auförächen wolle, Hackländers Werke. XI. — 178 Vierunddreißigſtes Kapitel. um dort die Quartiere zu beſorgen. Dämmerung nachrücken. Er pflegte wollte es um Alles in der Welt nicht leiden, daß der Troß jubeln⸗ der Straßenbuben den einziehenden Thespiskarren begleite. Nachdem ſich Eugen, nunmehr Herr Wellen, ſowie Herr Müller und Herr Hannibal von den Damen und dem Herrn Trommler verabſchiedet— letzterer war dazu beſtimmt, an des Direktors Stelle das Pferd des kleinen Karrens weiter zu führen— begaben ſie ſich mit dem Prinzipal auf den Weg und ließen die andere Geſellſchaft hinter ſich. Noch eine Zeit lang gingen ſie au wenn ſich auch der Fahrweg bald hob, doch volle zwei Stunden zu marſchiren, dieſer Ebene kamen, an das Thal, nach Laufe des Tages ſehnſüchtig geblickt, mit ſeinen grünen Gebüſchen, über das hinweg die fernen blauen Berge blickten. Der Prinzipal ſchien ſich ein wahres Vergnü machen, ſo ſtattlich ausſehende Mitglieder die Seini können. Er erlaubte ſich auch wegen der nicht viele zudringlich erſcheinende Fr. lerlaufbahn und begnügte ſich damit, als Eugen durchblicken ließ, ſie ſeien bis jetzt nur bei großen, bedeutenden Bühnen beſchäftigt geweſen und nur durch gewiſſe Verhältniſſe geswungen worden, ſo bei ihm eine Zeit lang zu privatiſiren. Wir ſagten ſo eben, der Direktor begnügte ſich mit dieſer Ausſage, wollen aber damit nicht zugeſtehen, als habe er dieſelbe geglaubt. Er war ein alter Prak⸗ tikus, hinter den Lampen, wenn auch nicht ergraut, doch groß ge⸗ worden, und wenn er auch in Betreff ſeiner drei neuen Mitglieder nicht die volle Wahrheit traf, ſo ſchoß er doch auch nicht weit daneben. Zwei von den Dreien, dachte er bei ſich, der Herr Wellen und der Herr Müller, haben irgend etwelche lockere Streiche auf⸗ geführt, in deren Folge ſie in Verbindung des Dritten, des Herrn Die Geſellſchaft ſollte in der es immer ſo zu machen und f der Hochebene fort, und bald ſenkte, ſo hatten ſie ehe ſie an den Abhang welchem Eugen ſchon im gen daraus zu gen nennen zu ganzen Haltung derſelben agen über ihre frühere Künſt⸗ f Die Reiſenden und eine Künſtlergeſellſchaft. 179 Hannibal, der eigentlich weit unter ihnen ſtehe, gezwungen wur⸗ den, was man ſo im Leben nennt, durchzugehen. Das iſt mir nun am Ende gleich viel, ſpekulirte der Prinzipal weiter, die drei Burſche ſehen gut aus, werden das Bischen ſchon lernen, was ſie gebrauchen, um den Bauern einen vergnügten Abend zu machen, und wenn die Sache auch nicht geht, ſo ſind wir ja beiderſeitig an gar nichts gebunden. So ſchlenderten ſie dahin, und rauchten von den feinen Ci⸗ garren des Herrn Wellen. „Sagen Sie mir,“ hub der Direktor nach einem längeren Stillſchweigen an,„mir ſcheint, der Herr Hannibal dort habe ſich ſchon viel in komiſchen Fächern verſucht, er ſcheint mir wenigſtens das ganze Zeug zu haben, wär' auch gewiß für's Ballet und die Pantomime ſehr verwendbar. In letzterer werden Sie auf alle Fälle den Pierrot geben. Sie müſſen mir verzeihen, aber dazu iſt Ihr Geſicht in der That wie gemacht.“ Herr Müller konnte ſich nicht enthalten, bei dieſer Bemerkung laut hinaus zu lachen, und antwortete:„Ich muß den Scharfblick des Herrn Direktors bewundern. Wenn auch Herr Hannibal im Allgemeinen bis jetzt kein ſchlechter Schauſpieler war, ſo ſteht er doch einzig in ſeiner Art in der Rolle des Pierrot da. Wahrhaf⸗ tig, wenn nicht die Pantomime leider auf unſern größeren Theatern nach und nach ganz verſchwände, ſo hätte dieſer vortreffliche junge Mann in dieſer ſonſt ſo beliebten italieniſchen Charaktermaske eine glänzende Carriere machen müſſen, einen ungeheueren Weg, etwa wie Grimaldi ſeiner Zeit als Clown.“ „Für uns,“ entgegnete der Direktor,„iſt die Pantomime noch beſtändig ſehr dankbar und ergiebig, und unſer Publikum begie⸗ riger darauf, als auf die ſchrecklichſten Schauer⸗ und Trauerſtücke. Nebenbei iſt es für unſere Künſtler eine Art Ausruhen; ſie brau⸗ chen keine Rollen zu lernen und können ſich bei unſerer Pantomime in einem ungezwungenen Extempore gehen laſſen. Man gibt im 180 Vierunddreißigſtes Kapitel. Allgemeinen den Faden des Stückes an. Die Perſonen ſind im⸗ mer die gleichen: Harlekin, Colombine, Pantalon und Pierrot. Der Alte wird betrogen, die Tochter von Harlekin entführt, und Pierrot bekommt ſeine Schläge, wie das ſo der Brauch iſt. „Ganz richtig,“ ſagte lachend der luſtige Rath,„Pierrot be⸗ kommt ſeine Schläge, und das aus dem FF.“ Dem Herrn Hannibal war es bei dieſen Worten nicht ſehr angenehm zu Muthe, und wenn auch die beiden Felleiſen— ſie waren bei dem Wagen zurückgeblieben— ſeine breiten Schultern nicht mehr drückten, ſo laſtete doch das Bewußtſein, ſo plötzlich und unverhofft aus einem ehrlichen und ſoliden Bedienten ein vacirender Künſtler geworden zu ſein, ſchwer auf ſeiner Seele. Vor den Augen unſerer Wanderer that ſich aber jetzt im Strahle der Abendſonne ein wunderliebliches Bild auf. Es war, als habe die Natur ſich am Ende ſelbſt gelangweilt bei Erſchaffung der, wenn gleich ſehr fruchtbaren, doch ermüdend einförmigen Hoch⸗ ebene, die ſich meilenweit nach allen Seiten ausdehnte, und als habe ſie jetzt in ihrer köſtlichſten Laune daran ein weites Thal gewirkt voller Lieblichkeit und Anmuth. Unſere Reiſenden ſtanden am Abhange der Ebene, und der breite Fahrweg, auf dem ſie bis jetzt gewandelt, mit ſeinen lang⸗ weiligen Karrengeleiſen, ſeiner gleichen, weiß⸗grauen Farbe, ſeiner einförmigen Abgrenzung von grünen Raſen, mit einigen bunten Blumen verziert, ſchien bei dem Anblicke der Gegend zu ſeinen Füßen plötzlich ein ganz anderer geworden zu ſein: voll Ueber⸗ muth und Jugendkraft. Er wand ſich luſtig hin und her, vertiefte ſich zum Hohlweg mit ſteilen Wänden, die bald grün bewachſen waren, bald zackige Felſen zeigten, bald bröckeliges Geſtein und Erde, zuſammengehalten durch die Wurzeln mächtiger Bäume, welche hoch über ihm ein Laubdach bildeten, während unten dieſe Wur⸗ zeln ſelbſt, phantaſtiſch verſchlungen, dem Auge des Dahinwan⸗ delnden die angenehmſte Abwechslung boten. Die Reiſenden und eine Künſtlergeſellſchaft. 181 Hie und da verflachten ſich die Wände des Hohlweges auf kurze Zeit, und das geſchah immer an ſolchen Stellen, wo er ſich im tollen Uebermuth plötzlich rechts oder links wandte, oder wo er eilig und luſtig niederſteigend ſich um die Felszacken wand, als wolle er ſelbſt ſeinen raſchen Lauf zügeln. An ſolchen Stellen nun zeigte ſich vor den Augen unſerer Reiſenden das vor ihnen liegende Thal in ſeiner ganzen Pracht und Herrlichkeit. Eugen hatte vorhin richtig geahnet. Dort unten ſchlängelte ſich ein kleiner Fluß; hier, wo die beiden Thalwände enger zuſammen ſtanden und wo das Waſſer von der Hochebene mit raſchem Falle herunterſtürzte, trieb es Mühlen und Fabrik⸗ werke. Weiter hin wurde das Thal immer weiter und breiter, und da liefen die Wellen des kleinen Fluſſes ruhiger und eilten luſtig dem flachen Lande zu; aber von der Höhe ſah man noch lange, lange die Krümmungen deſſelben, beſonders jetzt, wo der röthlich ſchimmernde Strahl der Abendſonne darauf lag und der kleine Fluß zwiſchen den grünen Wieſen ſich dorthin wie eine gol⸗ dene Schlange ringelte. Das große Dorf oder kleine Städtchen, der Beſtimmungsort unſerer Reiſenden, lag dicht an den Fuß des Berges geſchmiegt. Auf ſeiner linken Seite ſtand auf der ſanft anſteigenden Thalwand eines der reizendſten alten Schlöſſer, die man ſehen konnte. Es war ein mittelalterliches Gebäude, aber, wie es ſchien, aufs Sorg⸗ fältigſte reſtaurirt mit zackigen Zinnen, einem hohen Thurme, vielen kleinen Erkern und Nebengebänuden, mit der freieſten Phantaſie zuſammengeſtellt, oder wie die damaligen Verhältniſſe gerade einen Neubau bedingten. Alles das war durch Terraſſen und Brücken mit einander verbunden, ſo ein wahrhaft maleriſch ſchönes Ganzes bildend. Als die Wanderer dieſes Schloſſes zum erſten Mal anſichtig wurden, blieb der Schauſpieldirektor einen Augenblick ſtehen, fuhr mit der Hand über das Geſicht und ſagte:„Ich habe ſo gewiſſe das Gekreiſche des Raubvogels oder den lauten luſtigen Ruf von 182 Vierunddreißigſtes Kapitel. Gegenden, verſchiedene Städte, zwiſchen denen ich Jahraus, Jahr⸗ ein herumziehe. Dem Orte da unten war eigentlich für jetzt noch kein Beſuch zugedacht; Trommler brachte mich auf die Idee, und es iſt mir jetzt lieb, daß es ſo gekommen iſt, einestheils, weil ich Euch, Ihr Herren, auf dem Wege dahin gefunden, und zweitens, weil ich gar gern hieher gehe. Der Ort da unten hat für mich immer etwas Gutes gehabt, der Aufenthalt dort mir etwas Ange⸗ nehmes gebracht. Das ſind nun ſchon lange Jahre, ſeit ich zum erſten Male hier war. Damals war das Schloß noch in vollem Glanze, d. h. es wurde von der gräflichen Familie, der es ange⸗ hört, ſelbſt bewohnt, und das war auch eine gute Zeit für unſer einen. Da wurden wir wöchentlich ein oder zwei Mal eingeladen, im Schloſſe ſelbſt unſere Vorſtellungen zu geben. Es befindet ſich dort ein ganz charmant eingerichtetes kleines Theater. Die Gräfin, die Gemahlin des Beſitzers, protegirte uns, und wenn wir ab⸗ zogen, erhielten wir gewöhnlich noch ein Geſchenk, das meiſtens unſeren Verzehrungskoſten gleich kam. Das war noch eine gute, glückliche Zeit; aber auch ſpäter, als das Schloß ſchon leer ſtand, ging ich doch noch gern dahin. Es iſt hier, wie wir es nennen, ein gutes Klima. Die Leute verlangen nicht zu viel, ſind zu⸗ frieden mit dem, was wir ihnen geben können, und bezeugen ihre Dankbarkeit dadurch, daß ſie unſere Vorſtellungen bäufig beſuchen.“ Die Sonne war nun im Begriff, unterzugehen, und da die Wanderer Weſten gerade vor ſich hatten, ſo erſchien ihnen das ganze lange Thal vor ihnen wie mit glühendem Lichte erfüllt. Die Luft war warm und würzig, Käfer und Nachtſchmetterlinge flogen; und als ſie immer tiefer hinabſtiegen, drangen von unten menſch⸗ liche Stimmen an ihr Ohr, ſowie das Klopfen der Hämmer und das Rauſchen der Waſſer, während hinter ihnen die Bergwand ſich in die Schatten der Nacht hüllte und einſam und ſchweigend da lag in feierlicher Stille, die nur zuweilen unterbrochen wurde durch — — Die Reiſenden und eine Künſtlergeſellſchaft. 183 Kindern, welche dort oben geſpielt hatten und nun mit Beeren und Blumen beladen nach Hauſe zurückkehrten. Fremde waren hier etwas Ungewöhnliches, deßhalb ſchauten die Leute, die vor ihrer Hausthüre ſtanden, unſeren Wanderern neu⸗ gierig nach und ergingen ſich in Muthmaßungen, wer es wohl ſein könne. Hie und da blieb der Schauſpieldirektor einen Augenblick ſtehen und rief luſtig einen Namen. Der Gerufene kam dann augenblicklich in die Straße herein und ſchien ſich in den meiſten Fällen wahrhaft zu freuen, den alten Bekannten wieder zu ſehen. Wenn er alsdann wieder unter ſeine Hausthüre zurücktrat, ſo ſah man beim Lichte des Herdfeuers, welches auf die Gaſſe hiuaus⸗ drang, daß die ganze Familie ſich neugierig verſammelte, um zu erfahren, wer es geweſen ſei, der eben vorüber gekommen und gegrüßt. So zogen unſere vier Wanderer durch den größten Theil des Ortes und kamen endlich an das Wirthshaus, wo der Schauſpiel⸗ direktor gewöhnlich einzukehren pflegte. Es war dies ein großes, weitläufiges Gebäude, und neben demſelben befand ſich eine Ter⸗ raſſe, mit Rebenlaub überdeckt, auf welcher die Gäſte ſaßen. Wir müſſen geſtehen, daß der Schauſpieldirektor von den Wirthsleuten aufs Freundlichſte empfangen wurde; ja, auch einige von den Gäſten erſchienen am Rande der Terraſſe, um ſich zu erkundigen, ob es denn wirklich der Herr Sommerfeld ſei, der eben ange⸗ kommen. 4 Nachdem nun der Prinzipal die Stärke ſeiner Geſellſchaft an⸗ gezeigt und geſagt, ſie würde in einer kleinen Stunde mit Kind und Kegel eintreffen, machte er ſich alsbald wieder auf den Rück⸗ weg, um den Seinigen entgegen zu gehen und ihnen zu helfen, damit auf dem ſteilen Pfade ins Thal herab Niemand Schaden leide; denn ſo ein ausgezeichneter Künſtler der Herr Trommler auch war, ſo beſaß er doch nicht allzu große Geſchicklichkeit in der Leitung von Pferd und Wagen. Das Wirthshaus, vor welches wir den geneigten Leſer im 184 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Dunkel des Abends geführt, ſind wir aus letzterem Grunde vorerſt unmöglich im Stande genauer zu beſchreiben. Wir ſehen nichts, als die unbeſtimmte Maſſe des Gebäudes, im oberen Stock ein ein⸗ ziges Fenſter erhellt, den Hausflur dagegen hell beleuchtet von der lodernden Flamme des Küchenfeuers. Zwiſchen dem Rebenlaub her⸗ vor glänzen einige Lichter und dort hört man ein Geſpräch und das Klirren von Gläſern.— Eugen, der es mit dem Prinzipal ſo abgemacht, verlangte ein beſonderes Zimmer für ſich und den Herrn Müller und ein daran ſtoßendes für den Herrn Hannibal, was ihm augenblicklich angewieſen wurde. Das Wirthshaus ſelbſt hieß:„Zur wilden Roſe.“ Fünfunddreißigſtes Kapitel. Herr Juſtizrath Werner entwickelt Heirathsprojekte, die aber nicht ſo aufgenommen werden, 4 wie er vorausgeſetzt. An jenem Tage, wo Eugen die letzte Unterredung mit ſeiner Mutter hatte, in welcher er verſprochen, einen Theil jener Papiere, die ſich in dem kleinen verſtegelten Pakete befanden, in ihre Hände zu liefern, hatte die Staatsräthin, wie wir bereits wiſſen, ihren Hausfreund, den Juſtizrath Werner, bitten laſſen, ſie doch ja im Laufe des Nachmittags zu beſuchen. Daß er nicht erſchienen, und welche Geſchäfte ihn zurückgehalten, wiſſen wir ebenfalls. Madame Stillfried, obgleich ſte nicht die geringſte Kenntniß davon hatte, was ſich an jenem Abend begeben, befand ſich trotzdem den ganzen Reſt des Tages in einer ahnungsvollen Sorge und Angſt, die ſich als gerechtfertigt erwies, ſobald nämlich— es war gegen zehn Uhr 2 3 1 * 1 1 Juſtizrath Werner entwickelt Heirathsprojekte. 185 — der Juſtizrath Werner in höchſter Aufregung in dem Stillfried'ſchen Hauſe erſchien und, nachdem er ſich der ungewöhnlichen Stunde halber bei der alten Dame hatte melden laſſen, vorgelaſſen wurde und ihr darauf das Geſchehene erzählte. Der ganze Anſchlag gegen Eugen, von dem übrigens die Mut⸗ ter keine Ahnung hatte, war vollſtändig verunglückt; denn als man nach dem jungen Mann in ſeiner Wohnung geſucht, war er ver⸗ ſchwunden, und was den Juſtizrath am meiſten beunruhigte und in Sorgen verſetzte, der getreue Pierrot mit ihm, der doch ſo gemeſ⸗ ſene Befehle erhalten hatte, nicht die Stadt, ja nicht einmal die Wohnung ſeines Herrn zu verlaſſen. Da, zum erſten Mal ſeit längerer Zeit, ſowie auch einige Zeit ſpäter wegen der ähnlichen Verantaſſung, hatte die Staatsräthin mit dem Herrn Werner mehrere ziemlich lebhafte, ja heftige Uuter⸗ redungen, in deren Verlauf ſie ihn gar beſchuldigte, daß er, wie es ſchiene, ſein Möglichſtes thue, den Sohn von der Mutter gewalt⸗ ſam zu entfernen, unter dem Vorwande, jene Papiere zu erlangen. Das war nun an ſich auch vollkommen richtig; doch bemühte ſich der Juſtizrath begreiflicher Weiſe, der Staatsräthin jene Gedanken auszureden, indem er ihr verſicherte, es ſei durchaus nicht glaub⸗ würdig, daß Eugen ernſtlich im Sinne gehabt, ihr einen Theil jener Papiere in die Hand zu geben. Doch wenn die Mutter auch am Ende dieſer Behauptung gegenüber ſtill ſchwieg, ſo glauben wir doch annehmen zu können, daß ſie bei jener Unterredung in dem offenen, ehrlichen Auge ihres Sohnes nicht eine Spur von Falſchheit ent⸗ deckt hatte, und daß ſie auch heute noch ſeinem Verſprechen mehr glaubte, als den Worten des Juſtizrathes. Als dieſer ſie nun eines Abends verlaſſen, blieb ſie noch einen guten Theil der Nacht in ihrem kleinen Lehnſtuhl in der Fenſterecke ſitzen, hielt den Kopf in die Hand geſtützt und dachte eifrigſt an vergangene Zeiten, wohl auch zuweilen an die Zukunft. Bei den letzteren Gedanken verfinſterte ſich ihr Geſicht und ſah eine Zeit 8* 186 Fünfunddreißigſtes Kapitel. lang gehäſſig, menſchenfeindlich aus. Sie ſprang in ſolchen Mo⸗ menten auf und eilte mit raſchen Schritten durch das Zimmer. Plötzlich aber, während ſie ſo heftig auf und nieder ging, konnten ſich ihre Züge mit Einem Male aufhellen, ihr Blick wurde alsdann freundlich, ja ein leichtes Lächeln ſpielte um ihren Mund, und dann konnte ſie plötzlich ſtehen bleiben und ſich ſelbſt fragen:„Und war⸗ um nicht?“ Auch ſchienen die freundlichen Bilder, die auf dieſe Art ihre Seele beſchäftigten, häufiger wieder zu kehren, und unter dem Einfluſſe derſelben begab ſie ſich endlich zur Ruhe. Wir glau⸗ ben annehmen zu können, daß die alte Dame ſeit langen Jahren zum erſten Male wieder freundliche und angenehme Träume hatte, und wenn auch zuweilen ein finſteres Bild hindurch ſchritt, ſo war es ein Gedanke an das, was an jenem Abend mit ihrem Sohne geſchehen, von dem ſie durch ihren Diener genaue Kunde erhielt. Am Morgen nach jenem Vorfalle hatte ſie den alten Jakob zeitig zu ſich heraufkommen laſſen und ihm den Befehl ertheilt, ſich augenblicklich nach den näheren Umſtänden jenes traurigen Vorfalles vom geſtrigen Abend zu erkundigen. Doch wußte der alte Diener dieſen bereits bis in die kleinſten Einzelheiten, und in der Küche hatte man ſchon vom frühen Morgen an debattirt und berathſchlagt, auf welche Weiſe es am beſten thunlich ſei, der Staatsräthin die Wahrheit unumwunden mitzutheilen. Jetzt, da ihm die Herrſchaft mit dieſer Frage auf halbem Wege entgegen kam, ermangelte Jakob nicht, den Sachverhalt auf's Klarſte aus einander zu ſetzen, und obgleich er nichts Unwahres zu Gunſten des jungen Herrn Stillfried ſagte, ſo ſtellte er doch das, was der⸗ ſelbe gethan und was ihn dazu angetrieben, in ſo klarem Lichte dar, daß an ſeiner Handlungsweiſe auch nicht der geringſte Schatten kleben blieb. Dabei müſſen wir eingeſtehen, daß der alte Jakob, der ſich um das Thun und Laſſen ſeines jungen Herrn faſt nicht weniger als der Juſtizrath ſelbſt bekümmerte, und der oftmals noch beſſer unterrichtet war, nicht unterließ, der Mutter einige von den Juſtizrath Werner entwickelt Heirathsprojekte. 187 Fäden zu zeigen, welche jene ganze Geſchichte dirigirt. Daß dabet des Juſtizraths Werner gerade nicht ſchmeichelhaft erwähnt wurde, können wir uns leicht denken; doch verdächtigte dies leider in den Augen der Staatsräthin die Ausſagen des alten Bedienten; denn ſie wußte, wie feindlich ihrem Freunde ſowohl Jakob, als auch die ganze übrige Dienerſchaft geſinnt war. Sobald demnach Jakob auf das geneigte Gehör hin, das ihm die Staatsräthin geliehen, anfing, ſeine Herzensmeinung auszuſprechen, brach ſie die Unterhaltung kurz ab und blieb mit ihren Gedanken allein. Mehrere Tage ſpäter, nachdem ſie mit dem JIuüſtizrath die letzte lebhafte Unterredung über dieſe Gegenſtände gehabt, ſchritt die alte Dame in ihrem Zimmer auf und ab; bald blieb ſie nachdenkend hier, bald dort ſtehen, drückte zuweilen die Hand vor ihre Stirn oder ſtützte ſich auf die Lehne ihres Fauteuils, um eine Zeit lang, in tiefes Nachſinnen verloren, in die Gegend hinaus zu blicken. Wir ſind nicht im Stande, anzugeben, womit ſich ihre Gedanken eigent⸗ lich beſchäftigten; doch glauben wir annehmen zu können, daß ſie eine Fortſetzung der freundlichen Bilder waren, welche ſchon einige Mal ſeit der Unterredung mit Eugen ihrem Geiſte vorgeſchwebt. Und wenn ſie heute Morgen wieder daran dachte, wie unendlich ſchön es doch ſein müſſe, ſich mit ihrem Sohne auszuſöhnen und im Verein mit ihm und vielleicht noch ſonſt einigen Perſonen ein freundliches, angenehmes Leben zu führen, ſo trat das Bild des Juſtizraths Werner finſter und grollend zwiſchen dieſe Träume und zerriß ſie, indem er wie beſchwörend die Hand erhob. So verfloſſen der Staatsräthin die erſten Stunden des Tages, und als es eilf Uhr wurde, erſchien der Juſt zrath zu dieſer ſeiner gewöhnlichen Zeit, um der Freundin ſeinen Beſuch zu machen. Er ſchien noch ernſter als gewöhnlich geſtimmt, legte nach einem kurzen Gruße ſeinen Hut ab und ſtellte ſich mit über ein⸗ ander geſchlagenen Armen vor den kleinen Lehuſtuhl und die Fünfunddreißigſtes Kapitel. Fenſterniſche, in welch letzterer die Staatsräthin ihren Platz wieder eingenommen. „Geht es Ihnen gut?“ ſagte er nach einer Pauſe;„haben Sie eine ordentliche Nacht gehabt? Es ſollte mich das eigentlich wundern auf all den Schrecken, den Verdruß und Kummer, den man Ihneu gemacht; da ich namentlich nebenbei überzeugt bin, daß die Leute Ihres Hauſes nicht ermangeln werden, Ihnen die Vorfälle jenes Abends auf ihre Art darzuſtellen. Nicht wahr? Doch gleichviel!“— Ohne indeß auf dieſe verſchiedenen Fragen eine Antwort abzuwarten, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort: „So begab ich mich denn, wie ſchon geſagt, an jenem Abend ſpät und am anderen Morgen ſelbſt in die Wohnung des Herrn Still⸗ fried, und zwar in doppelter Eigenſchaft: ſowohl um mich der Papiere eines Mannes zu verſichern, der unter ſchwerem Verdacht entflohen, wie auch als Bevollmächtiger der Mutter jenes jungen Mannes, fand aber,“ ſetzte er bitter lachend hinzu,„weder in der einen noch in der anderen Eigenſchaft das Gewünſchte.— Ach, man hat trefflich gegen uns conſpirirt, und es hätte nicht viel ge⸗ fehlt, ſo hätte uns der Feind total aus dem Felde geſchlagen; jener arme Teufel lag ſchwer darnieder.“ Hier ſchwieg der Juſtizrath einen Augenblick ſtill, ſichtlich in der Erwartung, die Staatsräthin werde ihm irgend eine Frage ſtellen. Dies geſchah aber nicht; ſie hatte die Hände gefaltet und ſchaute, ſcheinbar unbeweglich, zum Fenſter hinaus. Der Juſtizrath warf einen flüchtigen Blick auf ihr Geſicht, und ein Zeichen der Ungeduld flog über ſeine Züge.—„Die Wohnung fanden wir alſo,“ ſagte er nach einigen Sekunden,„wie er ſie kurze Zeit vorher verlaſſen. Sie müſſen wenig Zeit gehabt haben, ihre Sachen einzupacken, denn es war faſt Alles von Toi⸗ lettegegenſtänden und Kleidern da. In ſeinem Schreibpulte, deſſen Behälter und Schubladen alle verſchloſſen waren, ſtand nur ein geheimes Fach offen; aber es war ohne Gewalt und mit dem ge⸗ Juſtizrath Werner entwickelt Heirathsprojekte. 189 wöhnlichen Schlüſſel geöffnet. Daneben auf dem Boden befand ſich ein fein gearbeitetes Käſtchen, ebenfalls offen und— leer.“ Bei dieſen Worten ſeufzte die Staatsräthin tief auf; doch war es unmöglich, auf ihrem unbeweglichen Geſichte zu leſen, ob dieſer Seufzer getäuſchter Erwartung galt, oder aber in einem gerade entgegengeſetzten Gefühle ſeinen Grund hatte. „Jener Kerl,“ fuhr der Juſtizrath fort und ließ ſeine beiden Hände plötzlich herabhangen,„jener ſchuftige Bediente hat mich offenbar betrogen und verhöhnt, er, den ich vor dem Zuchthauſe gerettet—“ „Und— ihm zum Diener gegeben,“ ſagte die Dame mit ſehr leiſer Stimme. 8 Dem IJuſtizrath klang das faſt wie ein Vorwurf, und er ſchaute aufmerkſam, faſt verwundert auf das Geſicht der alten Dame. Dieſe aber hatte daſſelbe nach wie vor abgewandt und blickte gleichmüthig wie vorhin zum Fenſter hinaus. Der Juſtizrath zuckte leicht mit den Achſeln und fuhr fort: „Allerdings habe ich ihn dem Herrn Eugen zum Bedienten gegeben, und zwar mit Ihrer Bewilligung, Sophie. Sie wußten um die⸗ ſen Schritt, Sie billigten ihn. Doch weiter! Jener Menſch hat mich alſo betrogen, das iſt klar; denn ich kann mir nicht denken, daß die beiden Anderen ihn gewaltſam mit ſich fortgenommen; dazu waren ſie nicht in der Lage. Die Sache alſo kurz und gut ge⸗ nommen, wir haben umſonſt gearbeitet.“ „Das weiß Gott in ſeinem Himmel!“ ſagte die alte Dame und wiſchte ſich mit ihrem Taſchentuche die Stirn. „Wir haben um ſo mehr umſonſt gearbeitet,“ ſprach der Iu⸗ ſtizrath mit ſehr gedehntem Tone und lauerndem Blick auf die Dame weiter,„als durch das mißlungene Unternehmen jenes Abends die Unterhandlungen, die Sie mit Ihrem Sohne gepflogen, ebenfalls und wahrſcheinlich für immer abgebrochen ſind.“ „Um ſo mehr wohl für immer abgebrochen ſind,“ verſetzte die 190 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Staatsräthin mit feſtem Tone,„als die Vorfälle jenes Abends für ihn gewiß keine Aufmunterung ſein werden, wieder mit uns anzuknüpfen. Die Unterhandlungen zwiſchen ſtreitenden Parteien ſind doch jedenfalls eine Art Waffenſtill ſtand, und vielleicht auf einen ſolchen vertrauend, iſt er arglos während wir ihm die eine Hand zur Verſöhnung boten, ſtießen wir mit der anderen nach ſeinem Herzen.“ „Das heißt,“ entgegnete der Juſtizrath mit eiskalter, ruhiger Stimme,„wir ſind in dem Falle verſchiedene Wege gegangen; obgleich feſt und innig Verbündete, hat doch ein Theil derſel⸗ ben mit dem Feinde verhandelt, während der andere ſchlachtfertig daſtand.“— „Ich verſtehe den Vorwurf, der in Ihren Worten liegt, voll⸗ kommen,“ ſprach die alte Dame,„doch glaube ich Ihnen ſchon anaufgefordert und freiwillig „Unaufgefordert und freiwillig, ſo ſagten Sie,“ antwortete der Juſtizratb, und bei dieſen Worten flog eine Sekunde lang über ſeine Züge ein eigenthümliches Lächeln.—„Doch laſſen wir dieſe unangenehmen Auseinanderſetzungen ruhen; die Sache iſt abgemacht, wir müſſen neue Plane entwerfen.“ te die alte Dame ihr Geſicht zum erſten Male von Hier wand dem Fenſter weg und ſah dem Juſtizrath aufmerkſam, wir möchten faſt ſagen: ängſtlich, in die Augen. „Sie ſind über die Grenze entflohen,“ ſagte dieſer nun, indem er ſeinerſeits dem Blicke der Dame auswich.„Es wäre mir ein Leichtes geweſen, ihre Verfolgung nachdrücklich einzuleiten; doch 1 Unannehmlichkeiten, zu abermaligen Ich habe zu dieſer Verfolgung keinen Schritt gethan; ich bin endlich zu der Ueber⸗ daß es beſſer iſt, wir laſſen den Herrn Eugen in die Falle gegangen; Juſtizrath Werner entwickelt Heirathsprojekte. 191 Stillfried für die Zukunft gänzlich aus unſeren Berechnungen, aus unſeren Planen.“ „Gott ſei Dank!“ ſprach die Staatsräthin; doch klang das dem Ohr des Anderen nur wie ein leiſer Seufzer. „Laſſen Sie uns wie bisher ehrlich zuſammen verfahren,“ fuhr der finſtere Mann fort, indem er haſtig mit der Hand über die Augen fuhr, um ſeine erregten Züge zu glätten;„laſſen Sie uns unſeren Weg klar machen, wenigſtens das eine Ziel feſt im Auge behalten, mit aller Kraft dahin ſtreben, wenigſtens dieſes Eine zu erreichen.“ Die Staatsräthin, welche fragend in die Höhe blickte, nickten nun ſchweigend mit dem Kopfe, als der Juſtizrath mit dem Finger auf jenes kleine Käſtchen wies, in welchem ſich das uns bekannte Miniaturbild befand. „Nur jenes einzige Ziel wollen wir erreichen, das Glück jener 5 Verlaſſenen zu begründen, indem wir ihr einen Namen geben und 3 ſie in die Geſellſchaft, der ſie eigentlich angehört, zurückführen. Was das Erſte anbelangt, ſo ſagten Sie ja ſelbſt, Sophie, daß Ihr Sohn ſich nicht abgeneigt gezeigt hätte, der— Schweſter zu Liebe einen Theil jener Papiere zurück zu geben. Wenn dem alſo iſt, ſo wird er unſeren ferneren Weg, da er denſelben Zweck hat, gewiß nicht durchkreuzen.“ „Aber er ſtellte eine Bedingung?“ „Ich kenne dieſe Bedingung, und es iſt mir lieb, daß er ſie geſtellt; wir ſind damit im Stande, ſeinen ſpäteren Einreden zu begegnen. Laſſen Sie mich Ihnen meinen Plan entwickeln; iſt er zu verwirklichen, ſo werde ich es thun, und tritt dann Herr Eugen gegen uns auf, ſo erfüllen Sie ihm ſeine Bedingung in Be⸗ treff jenes Mädchens, und er wird uns in Ruhe laſſen.“— „Ich ſoll eine ſolche Heirath gutheißen?“ fragte erſtaunt die Dame. ‿„Und warum nicht?“ entgegnete gelaſſen der Juſtizrath;„die 8„ 3. 2 192 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Stände ſind freilich verſchieden, aber erſtens iſt das Mädchen nicht ohne Vermögen, und zweitens, was für Sie das Wichtigſte iſt: ich habe mich in der letzten Zeit ernſtlich bei verſchiedenen Perſonen nach ihrem Lebenswandel erkundigt, und der iſt vollkommen unta⸗ delhaft; man ſagt nur das Günſtigſte über ſie.“ Erſtaunt blickte die Staatsräthin ihren Freund bei dieſen Worten an; ſie wollte auf ſeinem Geſichte leſen, ob er im Ernſte oder im Scherze ſpreche. Doch behielten ſeine Züge den gewöhn⸗ lichen ruhigen, eruſten und nachdenkenden Ausdruck. „Es iſt mein Ernſt,“ ſagte er, nachdem er jenen forſchenden Blick der Staatsräthin bemerkt und ausgehalten;„was können Sie am Ende dagegen machen? Seien Sie froh, daß er keine ſchlimmeren Bedingungen geſtellt.“ „Schlimmere Bedingungen?“ fragte verwundert die alte Dame, worauf der Juſtizrath die Achſeln zuckte und lächelnd ſagte:„Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß Ihr Herr Sohn mich nicht beſonders liebt; er hätte auch zum Preis für ſeine Papiere für immer meine — Entfernung aus dem Hauſe verlangen können, und eine ſolche Bedingung,“ ſetzte er mit einer tiefen Verbeugung hinzu,„wäre für mich viel ſchlimmer geweſen.⸗ „Daran dachte ich nicht,“ entgegnete die Staatsräthin und ſah wie früher angelegentlich zum Fenſter hinaus. 1 Ueber die Züge des Herrn Werner flog ein finſterer Schatten, und ſeine Mundwinkel zuckten einen Augenblick; doch war ſein Geſicht gleich darauf wieder ruhig und freundlich wie vordem. Er rückte einen Seſſel von der Wand vor die Fenſterniſche, ſetzte ſich hinein, nahm ſeinen Stock zur Hand, mit deſſen Knopfe er zwiſchen ſeinen Fingern zu ſpielen begann. „Es war ſchon einige Mal,“ fuhr er nach einer längeren Pauſe fort,„unter uns davon die Rede, das Schickſal— Ihrer Tochter feſtzuſtellen; blos zu dieſem Zwecke trachtete ich ſo unab⸗ läſſig nach dem Beſitze gewiſſer Papiere, durch deren Vernichtung Juſtizrath Werner entwickelt Heirathsprojekte. 193 andere in unſeren Händen befindliche volle Kraft und große Wich⸗ tichkeit erhielten. Nach den letzterwähnten Dokumenten gibt es mit dem gleichen Rechte ein Fräulein Stillfried— wie ein Herr Engen Stillfried lebt und wirkt. Sobald wir nun dieſes Recht feſtgeſtellt haben, und es vor den Augen der Welt unzweifelhaft iſt, ſo wird es uns nicht ſchwer fallen, für Fräulein Stillfried eine paſſende, auſtändige Verbindung zu finden.“ „Eine Heirath?“ fragte die Mutter überraſcht. „Allerdings, Sophie, eine Heirath!“ ſagte ernſt und beſtimmt der Juſtizrath.„Das ſollte der Endpunkt ſein,“ ſetzte er ſinſter hinzu,„um nicht zu ſagen: der Lohn für meine langjährigen Bemühungen und Qualen, für durcharbeitete Tage, für durchwachte Nächte, das ſollte mein Aſyl ſein, wohin ich mich zurückzöge, da doch ſonſt keine Heimath, kein Herd für mich zu erwarten ſteht. Jener neuen Familie wollte ich mich widmen, ihr helfen, wo Menſchenhülfe möglich iſt, ſie in ihrem Fortleben, ihrem Wachsthum glücklich und ſtill zufrieden beobachten, für ſie leben und arbeiten, um für alles das eine einzige Belohnung zu erhalten, welche darin beſtände, daß einſt— Ihre Enkel mir nach meinem Tode eine beſſere Gedächtnißrede halten ſollten, wie es Ihre Kinder— Ihr Sohn wollte ich ſagen— bei meinen Lebzeiten thun wird.“ „So war mein Plan, und wie Sie mich kennen, Sophie, habe ich ihn feſtgehalten und halte ihn feſt bis zum letzten Athem⸗ zuge. O, Sie wiſſen es nicht, was es heißt, ein Kind zu beſitzen und dieſes Kind nie das ſeinige nennen zu dürfen, nie mit dem Ausdruck väterlicher Zärtlichkeit ſeine Hände zu ergreifen, nie ſei⸗ nen liebevollen dankenden Blick aufzufangen; was es heißt, zu⸗ ſchauen zu müſſen, wenn es ſich an die Bruſt Anderer ſchmiegt, wenn es Anderen den vollen Ausdruck der Liebe und Zärtlichkeit zukommen läßt, und wenn dann plotzlich ſein Blick erkaltet, ſein Hackländers Werke. XI. 13 194 Fünfunddreißigſtes Kapitel. zärtliches Lächeln ſich in ein förmliches verwandelt, wenn es nun einmal dem— fremden Menſchen die Hand reichen muß!!“ „Ob ich es weiß?“ ſagte die alte Dame erſchüttert;„ob ich jene Qualen kenne?“ 3 „Nein, Sie keunen ſie nicht,“ verſetzte der ſonſt ſo ruhige Mann mit heftigem Tone;„Sie erhielten als Mutter das erſte Lächeln Ihres Sohnes, die erſten freundlichen Blicke Ihrer Tochter. Und ich?— Eugen, den ich eine Zeit lang ſo ſehr geliebt, für den ich in ſeinen Kinderjahren gethan, was in meinen Kräften ſtand, der auch mir Jahre lang mit größter Zärtlichkeit anhing — ihm wurde, ſobald er denken konnte, gelehrt, mich zu haſſen, mich als den ſchändlichſten und verabſcheuungswürdigſten aller Menſchen anzuſehen.— Und was ſie anbelangt,“ ſetzte er mit un⸗ endlich weichem Tone hinzu, mit einem Tone, den man ſo ſelten von dieſem harten Manne hörte,„ſo haßt ſie mich nicht, aber ich bin ihr gleichgültig, und wenn ich je im Gefühle meines Unglücks ihr weiches Haar etwas heftig küßte oder ihre kleinen Hände zu innig drückte, ſo wandte ſie ſich erſchrocken, ja ſich fürchtend ab vor dem fremden Manne.“ „Doch genug von dieſen Erinnerungen!“ fuhr er nach einer längeren Pauſe fort, während er den vorhin weggeſchleuderten Stock wieder aufgenommen und dabei ſeinen Zügen Zeit gelaſ⸗ ſen, ſich wieder vollkommen zu ebnen und zu beruhigen.„Genug davon, Sophie!— Was ſagte ich vorhin?— Ja ſo, ich ſprach von einem Plane, den ich mir entworfen und den ich auf alle Fälle auszuführen feſt entſchloſſen bin. Nur bin ich gezwungen, dieſen Plan der geſtrigen Vorfälle wegen vollſtändig umzukehren, und ſtatt, wie es bisher meine Abſicht war, durch den Beſitz des Na⸗ mens zu einer Heirath zu gelangen, muß ich jetzt den Verſuch machen, durch eine gute Heirath zu dem Beſitz des Namens zu gelangen.“ ——— Juſtizrath Werner entwickelt Heirathsprojekte. 195 Die Staatsräthin ſah erſtaunt in die Höhe. „Ich muß mich bemühen,“ fuhr der Andere fort,„durch eine ſehr anſtändige Partie die Leute vergeſſen zu machen, daß hier früher etwas vorgefallen, und wenn das Mädchen einmal„Frau von ſo und ſo“ iſt, dann wird nach dem Laufe der Welt kein Menſch es ferner wagen, daran zu zweifeln, daß fie wirklich ein Fräulein Stillfried geweſen.“ „Und dieſe Partie?“ fragte mehr und mehr überraſcht die alte Dame. „Iſt bereits gefunden,“ entgegnete ruhig der Juſtizrath,„und v,„ Ihnen dies anzuzeigen, war eigentlich der Zweck meines heutigen Beſuches.“ „Ich könnte faſt erſchrecken,“ antwortete die Staatsräthin; doch fiel ihr der Juſtizrath ſchnell ins Wort:„Wenn Sie nicht überzeugt wären, daß das Wohl und Wehe jener jungen Dame mir ebenſo nahe am Herzen liegt wie Ihnen.“ „Aber es betrübt mich in der That, es ſchmerzt mich,“ ſagte die Dame nach einer Panſe,„daß ſie mir eine ſo wichtige Sache erſt dann mittheilen, wenn ſie, wie ich nach Ihren Aeußerungen ſchließen muß, als eine abgemachte zu betrachten iſt.“ „Abgemacht freilich in ſo weit, als mich nur die triftigſten Gründe dazu bewegen könnten, dieſe Verbindung, welche ich für das Glück des jungen Mädchens betrachte, rückgängig werden zu laſſen. Aber ich bin von Ihnen überzeugt, Sophie, Sie haben nichts Ernſtliches dagegen einzuwenden.“— Bei dieſen Worten nahm der IJuſtizrath den Stockknopf zwiſchen die Finger und rieb ihn emſig mit der Handfläche, während er die alte Dame feſt anſah. Dieſe zuckte die Achſeln, blickte zum Fenſter hinaus, und als ſie ihr Geſicht dem Freunde wieder zuwandte, glänzten Thränen in ihren Augen.„Und es iſt derſelbe, von dem Sie früher ſprachen?“ fragte ſie mit leiſer Stimme. 3 „Derſelbe, Sophie!“ entgegnete der Juſtizrath.„Der junge Fünfunddreißigſtes Kapitel. Herr von Steinbeck, von einer ſehr anſtändigen Familie, obwohl nur ein kleines Vermögen da iſt.“ „Und er will das Mädchen heirathen, ehe er ſie geſehen?“ fragte die Mutter und biß ihre Lippen feſt zuſammen. „Nicht bevor er ſie geſehen,“ antwortete lächelnd der Juſtiz⸗ rath;„er hatte Geſchäfte dort oben im Lande, und da autoriſirte ich ihn, ſich bei der jungen Dame vorſtellen zu laſſen.“ „So, das thaten Sie?“ ſagte die alte Dame und blickte ihn mit großen Augen an, und man wußte im erſten Augenblicke nicht, war dieſe Frage im Voraus zuſtimmend gemeint, oder drückte ſie einen tiefen Schmerz aus über das, was die Fragende eben erfah⸗ ren. Aber während ſie dieſe Frage ſtellte, preßte ſie ihr Schnupf⸗ tuch feſt in die Hand, und dieſe Hand zitterte heftig. „Das that ich,“ erwiderte der Juſtizrath mit ruhiger Stimme. „Sie wiſſen, theure Sophie, wie ſorgfältig ich einen Plan von allen Seiten beleuchte, und wie ich ſtets nur nach reiflichem Nach⸗ denken zur Ausführung ſchreite; überlegt haben wir nun in dieſer Sache wahrhaftig genug. Und doch war ich feſt überzeugt, daß, wenn ich ihn nun vor endlicher Ausführung ausgeſprochen hätte, Sie mich mit tauſend Gründen zurück gehalten haben würden.— Ich kenne das und habe deßhalb gehandelt zu Ihrem Beſten und zum Beſten des jungen Mädchens.“ „Herr von Steinbeck!“ ſagte die alte Dame leiſe vor ſich hin, und ein unangenehmes Lächeln glitt über ihre Züge. „Es iſt das leider einer von den vielen jungen Leuten, die nicht in Ihrer Gnade ſtehen,“ ſprach achſelzuckend der Juſtizrath; „aber ſeine kleinen, unbedeutenden Fehler abgerechnet— und wer hätte keine?— iſt Herr von Steinbeck ſehr anſtändig.“ ar iſt ſchlimmer als fehlerhaft,“ ſagte die alte Dame weg⸗ werfend;„er iſt lächerlich.“ In Ihren Augen, Sophie,“ entgegnete der Juſtizrath;„wann hielten Sie von jungen Leuten aus unſerer Zeit nicht alles für 4 Iuſtizrath Werner entwickelt Heirathsprojekte. 197 lächerlich! und dieſen Fehler— ich muß es ſo nennen— haben Sie bis heute nicht abgelegt. Der junge Menſch, von dem wir reden, hatte bis jetzt nichts zu thun und füllte ſeine Zeit mit lau⸗ ter unnützen Dingen aus; das iſt wahr. Aber man kann dagegen nicht ſagen, daß er zuweilen ausſchweifend oder verſchwenderiſch ſei; im Gegentheil, er hält das Seinige zu Rath und iſt in ſeinen Finanzen ſehr geordnet.— Schließlich werden Sie mir erlauben, Ihnen die Bemerkung zu machen, daß ich glaubte, in Ihrem Sinne zu handeln, als ich die Verhandlungen bis auf jenen Punkt betrieb, wo ſie jetzt angekommen ſind. Sie— als Mutter haben freilich am Ende das Recht, Ihren— Geſchäftsfreund zu desavouiren und jene Verhandlungen kurzweg abzubrechen; aber, Sophie, dieſer Ge⸗ ſchäftsmann, dieſer Geſchäftsfreund könnte alsdann geneigt ſein, künftig unbedingt ſeinen eigenen Weg zu gehen und ohne alle Rückſicht über das Schickſal jenes jungen Mädchens zu beſtimmen, die ihm das Schickſal— nun doch einmal anvertraut hat,“ ſchloß er mit einem leichteren Ton und einer Verbeugung. Er war bei der letzten Rede von ſeinem Stuhle aufgeſtanden und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, in dem Zimmer mehr⸗ mals auf und nieder. Die alte Dame blickte zum Fenſter hinaus und drückte ihr Schnupftuch an die Augeu, aus denen die Thränen niederſtrömten, obgleich ſie weit aufgeriſſen in die Ferne ſtarrten. Die Staatsräthin dachte an Eugen, der ſich ihr neulich ſo liebevoll genähert, und wie es doch wohl ganz anders gehen könnte, wenn ſie jenem ernſten Manne dort zu ſagen vermöchte:„Sprechen Sie mit meinem Sohne darüber, er weiß um Alles, er ſoll auch ein Wort mitreden dürfen, wo es das Schickſal ſeiner Schweſter gilt.“ Aber das war unmöglich. Sie hätte nimmer gewagt, dem Anderen gegenüber ein ſolches Wort zu ſprechen. Und Eugen— wo war er? Hatte er nicht die Stadt verlaſſen, ohne in Bezug auf die ge⸗ habte Unterredung der Mutter noch ein einziges Wort zu ſagen? konnte ſie ſich auf ihren Sohn verlaſſen?— Ohne ſeine Kruft 198 Fünfunddreißigſtes Kapitel. verſucht zu haben, war ſie feſt überzeugt, er würde ihr eine ſchwache Stütze ſein, und ein ſolches Mißtrauen, das immer beſtanden, hatte von jeher ein trauliches Verhältniß zwiſchen Mutter und Sohn verhindert. Der Juſtizrath trat nach einiger Zeit wieder vor die Fenſter⸗ niſche, und nachdem ihn die Staatsräthin eine Weile kopfſchüttelnd angeblickt, ſagte er endlich feſt und beſtimmt, faſt ärgerlich:„Laß das Weinen, Sophie! Ohne mich zu ccompromittiren, iſt an jener Sache nichts mehr zu ändern. Glauben Sie mir um Gotteswillen, daß ich Alles genau überlegt und geprüft. Ich verlange ja nicht Ihre Einwilligung zur Hochzeit auf morgen oder übermorgen; Sie ſollen ſich nur dem ganzen Projekte nicht abgeneigt zeigen und den Herrn von Steinbeck, der ſich Ihnen morgen vorſtellen wird, nicht ungnädig aufnehmen.“ Die alte Dame machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe, und nachdem der Juſtizrath längere Zeit vergeblich hatte warten müſſen, ſagte ſie kurz und mit ſchneidendem Tone:„Es wird mir alſo ſehr angenehm ſein, den Herrn von Steinbeck bei mir zu ſehen.“ „In ſeiner Eigenſchaft—?“ ſetzte der Juſtizrath lauernd hinzu. „In ſeiner Eigenſchaft als Bräutigam,“ ſagte die alte Dame mit ſchon viel ruhigerer Stimme. So endigte dieſe Unterredung, wie ſchon ſo viele ähnliche in dieſem Hauſe, in dieſem Zimmer. Der Juſtizrath entfernte ſich nach einigen unbedeutenden Worten, und die Staatsräthin blieb wie immer mit ihrem Kummer, mit ihrem Schmerze allein.— — Offene Hinterthüren und Hofbediente. 199 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Worin der Leſer erfährt, wie gefährlich offen ſtehende Hinterthüren und unternehmende Hofbediente ſind. Während ſich dies droben bei der Herrſchaft begeben, mußte drunten bei der Dienerſchaft etwas nicht weniger Wichtiges ver⸗ handelt werden. Verhandelt iſt eigentlich nicht das richtige Wort, denn zu einer Verhandlung gehören mehrere Perſonen, die ſich im Verein mit einem Gegenſtande beſchäftigen; dies war aber bei der Stillfried'ſchen Dienerſchaft im gegenwärtigen Augenblicke durchaus nicht der Fall. Sie, die ſonſt ſo einträchtig zuſammen lebte, und namentlich um dieſe Morgenſtunde ſtets beiſammen im Hauptquar⸗ tiere, in der Küche, zu finden war, machte ſammt und ſonders heute Morgen hievon eine betrübte Ausnahme. Die Küche ſtand offen, wie gewöhnlich, auch pickte in derſelben die Schwarzwälderuhr in dem gleichen Takte wie ſonſt, und Martha, die Köchin, war ebenfalls in ihrer Küche; aber, was ſeit langen Jahren nicht vorgekommen war, ſie befand ſich allein, nicht rührig und thätig, nein, ſie ſaß hinter dem Küchentiſch auf einem Stuhle; ſie hatte die Hände zuſammen gefaltet in den Schooß gelegt, ſie blickte tief nachdenkend in eine Ecke der Küche, und nur dann und wann fuhr ſie aus ihren tiefen Träumereien in die Höhe und griff mit einer ſchrecklichen Geberde nach der großen Spicknadel, um ſie einem armen Haſen, der vor ihr auf dem Tiſche lag, mit wahr⸗ haft kannibaliſcher Luſt durch das Fleiſch des Schenkels zu ſtoßen. Ja, ſie that alſo; aber alles das in tiefes Nachdenken verſunken, und als ſie alsdann die Nadel drüben wieder heraus zog, merkte ſie erſt, daß ſie den Speck vergeſſen hatte, und dann ſank ſie wie⸗ der in ihren Stuhl nieder mit einem herzbrechenden Seufzer. 200 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Martin, der Kutſcher, der ſeinerſeits nicht um eine Million des Morgens aus der Küche geblieben wäre, befand ſich heute im Stalle; und dort ſaß er auf der Futterkiſte, hatte eine alte wollene Pferdedecke auf dem Schooße und trommelte mit den Füßen einen Trauermarſch: drumm— drumm—— drumm—— drumm! Dabei hatte er den Kopf in die Hand geſtützt und ſchaute nach⸗ denkend an die Decke. Selbſt Jakob, der alte ruhige Diener, der ſehr ſchwer aus dem Gleichgewichte zu bringen war, beſchäftigte ſich einſam und allein auf der Porzellan- und Silberkammer, und wenn man be⸗ merkte, wie heftig er die Schlöſſer auf⸗ und zudrehte, ſo konnte man wohl auf die Vermuthung kommen, auch ihm ſei etwas ab⸗ ſonderlich Unangenehmes paſſirt, was den bedächtigen, ruhigen Mann ſo ſeltſam verwandelt; zuweilen ging er in dem Zimmer auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt, blickte mitunter auch wohl Minuten lang zum Fenſter hinaus, hielt die Hand an die Stirn, drückte mit zwei Fingern ſeine Naſenſpitze feſt zuſammen, kurz, betrug ſich wie Jemand, der über eine wichtige Sache eifrig nachdenkt. Nanette, das Kind, die im gewöhnlichen Leben durch ihr nai⸗ ves, kindiſches Betragen und ihre vorzüglichen Einfälle die luſtige Perſon in der Küche abgab, war heute Morgen am meiſten ver⸗ wandelt und ſaß in dem Waſchzimmer, unter großen Haufen von Wäſche, als ein Bild der Traurigkeit. Sie hatte ſtark aufgelau⸗ fene, roth geweinte Augen und war gar nicht mehr zu kennen. Zuweilen arbeitete ſie emſig in ihrem Geſchäfte, ſortirte die Wäſche und legte ſie in ſchönen Haufen in die dazu beſtimmten Schränke; gleich darauf zeigte ſie wieder eine Geiſtesabweſenheit, die offen bar zum Weinen war. Da legte ſie Hemden und Servietten auf ein⸗ ander, Tiſchtücher, Strümpfe und Küchenſchürzen neben Nachtmützen der gnädigen Frau; oftmals aber auch that ſie wie Martha und legte die Hände ganz in den Schooß und verſank in eben ſolch Offene Hinterthüren und Hofbediente. 201— tiefes Nachdenken, wie ihre Kollegin in der Küche. Doch müſſen wir dabei bemerken, daß Nanette bei dieſen unverkennbaren Aus⸗ brüchen des tiefſten Schmerzes auch lichte Momente hatte, wo ihr Auge freudig glänzte und ihre Mundwinkel ſich zum Lächeln in die Höhe hoben. In ſolchen Augenblicken erhob ſie ſich von ihrem Geſchäfte, trat an's Fenſter und ſchaute auf die Straße hinab. Ja, wir müſſen geſtehen, daß ſie alsdann auch mitunter ihre Lip⸗ pen bewegte und anfing, ein Lied zu ſummen, von dem aber nur die Worte zu verſtehen waren: Freudvoll und leidvoll— Gedanken ſind frei. Das mochte in den vier eben benannten Räumen des Still⸗ fried'ſchen Hauſes eine gute Stunde ſo gedauert haben, da riß ſich Martin, der Kutſcher, zuerſt empor aus ſeinem Schmerze. Er warf die Stalldecke in einen Winkel, rutſchte von der Futterkiſte herab und ging nach der Küche, ſeine ſchwarze Tuchmütze tief in die Augen gedrückt, die rechte Hand in den Rock geſteckt, mit langſamen, feierlichen Schritten. In der Küche angekommen, ſetzte er ſich ſtumm hinter die Thüre auf ſeinen gewöhnlichen Platz neben der Schwarzwälderuhr und nickte, ohne ein Wort zu ſagen, leiſe, aber bedeutſam mit dem Kopfe. Martha, die Köchin, that ſich in dieſem Augenblicke die offen⸗ barſte Gewalt an, um nicht in ein lautes Weinen auszubrechen; ja ſie begann mit einer wahren Wuth den armen Haſen zn ſpicken, ſtopfte ihm aber in ihrem Schmerze ſolche erſchreckliche Speckbrocken in den Leib, daß ſie von dreien immer zwei wieder heraus ziehen mußte. Und wenn dies geſchah, wandte ſie ſich achſelzuckend zu Martin, und ihre jammervolle Miene wollte offenbar ausdrücken: „Muß man nicht zerſtreut ſein bei ſolchen entſetzlichen Veranlaſe ſungen?“. Auch der alte Jakob ſah, daß er heute Morgen keinen Sinn 202 Sechsunddreißigſtes Kapitel. für Porzellan und Silber habe, und ſchloß deßhalb ſeine Schränke und ging hinab, um ebenfalls in der Küche Troſt zu ſuchen. Sein Eintritt war das Zeichen zu einigen wirklichen Thränen der Köchin; der alte Martin wiſchte ſich heftig die Augen, worauf ſich ſelbſt Jakob veranlaßt ſah, eine ſtarke Priſe zu nehmen. Dann klopfte er heftig auf den Deckel ſeiner Doſe und ſagte:„was nützt alles das Geflenn? geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern; jetzt muß man dafür ſorgen, die Sache auf eine anſtändige Art zu Ende zu bringen.“ Wir können hier als Erzähler nicht umhin, die Vermuthung auszuſprechen, als glaube der geneigte Leſer, die Vorfälle im Schop⸗ pelmann’ſchen Hauſe in Bezug auf Herrn Eugen Stillfried ſeien es, was die Dienerſchaft des elterlichen Hauſes ſo in Schmerz und Betrübniß verſetzt. Wir müſſen aber erklären, daß der Grund hie⸗ von ein anderer iſt. Hatte auch die Nachricht von dem neulichen Vorfalle die ſämmtliche Dienerſchaft ſehr beſtürzt gemacht, ſo war dagegen die Thatſache, daß Herr Eugen dem jungen Schoppelmann ein Tüchtiges ausgewiſcht und daß er darauf ſchleunig die Stadt verlaſſen, ſo erfreulicher Art, daß man ſich hierüber bald wieder beruhigte. Auch hatte Jakob, der den Zuſammenhang genau zu kennen ſchien, die Verſicherung abgegeben, es ſei für den jungen Herrn weit beſſer, daß er für eine Zeit lang die Stadt verlaſſen habe. Etwas Anderes war es demnach, was die Gemüther der ſämmt⸗ lichen Stillfried'ſchen Dienerſchaft ſo ſchmerzlich drückte. Jakob hatte geſagt: geſchehene Dinge ſeien nicht zu ändern, und man müſſe nur dafür ſorgen, daß die Sache auf eine anſtändige Art zu Ende gebracht werde. Martha hatte bei dieſen Worten augen⸗ ſcheinlich geſchaudert. „Ich habe das Ding ſchon lang gemerkt,“ ſprach Martin,„da ³ mögt ihr ſagen, was ihr wollt. Wenn ich auch nicht gewußt, um was es ſich handelt, ſo ſah ich doch, daß etwas nicht richtig war.“ Offene Hinterthüren und Hofbediente. 203 „Und woran ſaht ihr das?“ fragte erſchrocken die Köchin. „Das will ich euch ſagen,“ fuhr der Kutſcher fort.„Seht ihr, die Nanett', die war bis vor einem halben Jahxe ganz anders. Damals hatte ſie noch über alles ſo recht Herztih gelacht; das konnte man ihrer großen Jugend ſchon verzeihen; denn, nebenbei geſagt, wenn man ihr etwas auftrug, ſo hatte ſie es immer pünkt⸗ lich ausgerichtet; dabei bekümmerte ſie ſich um die ganze Welt nicht; die Hausthüre machte ſie höchſt ungern auf, Ausgänge für ſich zu machen, liebte ſie gar nicht, und wenn man ſie einmal wegſchickte, ſo kam ſie in der allerkürzeſten Zeit zurück.“ „Das iſt alles wahr,“ ſagte Jakob. „Hat ſich aber in der letzten Zeit ſehr verändert,“ fuhr der Kutſcher fort. „Richtig,“ meinte die Köchin, und legte die Spicknadel nieder mit einem ſo verblüfften Geſicht, als erſtaune ſie über ihre eigene Dummheit, das nicht früher gemerkt zu haben. „Seit einem halben Jahre,“ ſo ſprach Martin weiter,„we⸗ nigſtens ſeit ein paar Monaten, habe ich die Nanett' nicht mehr aus Herzensgrund lachen hören; das war, wenn es vorkam, nur ſo ein erzwungenes Gekicher, und wenn man einmal einen Spaß mit ihr machte, da konnte ſie im vollen Ernſte verlegen werden. Wißt Ihr noch, wie ich vor einiger Zeit ſagte: ich hätte jetzt alles Ernſtes Luſt, mich zu verheirathen, und wenn ſie dazu geneigt wäre, ſo wollte ich mit der Madame ein Wort ſprechen?“ „Das war aber auch ein ſchlechter Spaß,“ ſagte einigermaßen ärgerlich die Köchin;„man muß den jungen naſeweiſen Dingern ſolche Grillen nicht in den Kopf ſetzen.“ „Da hat ſich was in den Kopf zu ſetzen!“ lachte der Kut⸗ ſcher.„Doch hört weiter! Zerſtreut war die Nanett' in letzter Zeit auch ſehr. Wißt Ihr noch, wie ſie der gnädigen Frau vor vierzehn Tagen das Salzfaß ſervirte, als dieſe ein Glas Waſſer befohlen?“ 204 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Gerechter Gott, das iſt wahr!“ ſagte die Köchin;„das hätte 1 ich faſt vergeſſen.“ „Und wie gern ging ſie in letzter Zeit aus!“ ſprach der Kut⸗ ſcher.„Hat ſie nicht ſogar mehrere Male gebeten, für Euch auf den Markt gehen zu dürfen? Da traf ſie mit ihm zuſammen; das könnt Ihr mir glauben.“ „Ja, und wie lange blieb ſie nicht jedes Mal aus!“ ſagte die Köchin entrüſtet, der auf einmal eine ganze Gasbeleuchtung auf⸗ zuflammen ſchien;„und dann fällt mir auch noch ein, ſo oft ich ſie in der letzten Zeit rufen mußte, ſtand ſie unter der Hausthüre.“ „Was hilft da alles Gerede?“ miſchte ſich jetzt Jakob in das Geſpräch, das die beiden Andern bis jetzt aufs Eifrigſte allein ge⸗ führt.„Glaubt Ihr, daß der junge Menſch gute Abſichten auf das Mädchen hat?“ Die Köchin ſah erröthend auf den halbgeſpickten Haſen. „Das glaube ich wohl,“ bemerkte wichtig der Kutſcher,„und ich habe dem Monſieur heute Morgen, als ich ſie bei einander traf, unſere Meinung über dieſen Punkt ziemlich klar auseinander geſetzt.“ „Und Ihr habt ſie alſo wirklich bei einander getroffen?“ fragte ſchüchtern die Köchin und hautierte eifrig mit ihrer Spicknadel. „Das will ich meinen!“ entgegnete beſtimmt Martin.„Ich bin ſchon im Hauſe der Erſte des Morgens aus den Federn, und wenn ich für meine Pferde Waſſer hole, ſo dreht Ihr Euch alle noch ein paar Mal herum. Das denke ich denn heute Morgen ſelber, als ich ſo durch das ſtille Haus gehe, und ſage mir: So ein Kutſcher hat doch ein mühſeliges Geſchäft! und dabei nehme ich meine Eimer und trage ſie in den Stall. Wie ich nun ſo durch den Hof gehe und von Weitem die kleine Thüre erblicke, die auf die Gaſſe führt, hinten am Hauſe, ſo denke ich: Blitz auch, ſteht die nicht offen? das wär' mir eine ſaubere Wirthſchaft! da hätten — Diebe die allerbeſte Gelegenheit! Wie ich näher trete, ſehe ich, »* Offene Hinterthüren und Hofbediente. 205 daß ich mich wahrhaftig nicht geirrt: die ſchweren Riegel ſind zurückgeſchoben, und als ich langſam näher trete, höre ich leiſe zuſammen ſprechen.“ „Leiſe zuſammen ſprechen?“ wiederholte die Köchin mit einem tiefen Athemzuge. 8 „uUnd weſſen Stimme erkenne ich?“ fuhr der Kutſcher fort. „Die Stimme der Nanett'. Ich denke, mich ſoll der Schlag tref⸗ fen, und höre zugleich die Stimme eines Mannes, und die Beiden plaudern von Liebe und ewiger Treue und ſolchen Geſchichten.“ „Ach, hört doch auf!“ bat ſchüchtern die Köchin und wandte ihr Geſicht ſchamvoll auf die Seite von dem geſpickten Haſen hin⸗ weg, als habe dieſes arme Geſchöpf irgend einen Antheil an der trauervollen Geſchichte. „Ja, da hat ſich was zum Aufhören!“ ſagte der Kutſcher einigermaßen entrüſtet.„Die Beiden hörten auch nicht, wie ich kam— ich, der Kutſcher— und dachte mir doch, der Burſche, den ich da trappirte, müßte augenblicklich um eine Ecke verſchwin⸗ den und das junge Ding ſich in Verzweiflung ein Mauſeloch ſuchen.“. „Nicht?“ fragte die Köchin, offenbar aufs Schmerzlichſte überraſcht. „Gott bewahre! die Nanett' wurde freilich ein Bischen roth, zupfte an ihrer Schürze und ſtammelte ein paar Redensarten ohne Sinn und Verſtand, aber der Monſieur— es war ein Hofbedien⸗ ter— ſtellte ſich trotzig vor mich hin, legte die Hände auf den Rücken und ſagte mit unbeſchreiblicher Frechheit: Guten Morgen, Herr Kamerad!— Der Teufel auch! ich habe keine Luſt, Sein Kamerad zu ſein, und mir wäre es auch nie eingefallen, des Mor⸗ gens in aller Frühe an fremden Hinterthüren herumzuſchnuppern und junge Mädel zu verführen und mich patzig anzuſtellen! und was man zu einem ähnlichen Falle weiter ſagt. Da wurde der Kerl ebenfalls grob und murmelte etwas von einem alten Eſel, 206 Sechsunddreißigſtes Kapitel. worauf ich die Nanett' am Arme hereinzog und die Thüre wieder zuriegelte. So ſteht die Geſchichte. Ich habe aber zur Vorſorge noch ein Vorhängeſchloß angebracht.“ „Ja, ja, es hat mich überraſcht,“ ſprach Jakob bedächtig, indem er abermals eine Priſe nahm;„wir hatten das Mädchen ſo, wie man ſagt, in unſere Familie aufgenommen, in unſeren Kreis, wo Eins für das Andere lebt, wo man ſich hilft, wo man keine Geheimniſſe vor einander hat.“ „Ja, das iſt wahr!“ jammerte Martha. „Und da ſich uns nun das junge Mädel zu entfremden ſucht durch dieſe Liebſchaft, ſo kann man wohl ſagen, daß ſie dadurch unſerer Gemeinſchaft treulos geworden iſt.“ „Gewiß!“ jammerte die Köchin;„und das hätte ich von die⸗ ſem Kinde in meinem ganzen Leben nicht gedacht. Nein, es iſt unverantwortlich, ganz ausgeſucht abſcheulich!“ 3 „Sagen wir lieber: es iſt der Lauf der Welt,“ entgegnete Jakob;„man ſollte eigentlich niemals auf eine von Euch Ver⸗ trauen ſetzen: wenn der rechte Wind kommt, ſegelt Ihr doch aus dem ruhigſten Hafen in die offene See hinaus.— Aber Freund Martin“— wandte er ſich an dieſen—„habt Ihr das Mädchen nachher nicht gehörig ausgefragt, was ſie für Hoffnungen und Er⸗ wartungen von dieſem Hofbedienten hat?“ „Ja, das habe ich freilich gethan, und habe ihr auch bemerk⸗ lich gemacht, daß wir hier unter uns ſolche Liebſchaften nicht ge⸗ brauchen können. Und was meint Ihr wohl, daß ſie mir darauf zur Antwort gab?— Sie bedaure recht ſehr, das Haus verlaſſen zu müſſen, aber ſie wolle noch den nächſten Herbſt heirathen.“ 2„Heirathen?“ ſagte empört die Köchin;„ſo ein unreifes naſe⸗ weiſes Ding!“ „Ja, hört nur weiter, was ſie noch mehr ſagte: mit der gnädigen Frau habe ſie ſchon vor acht Tagen darüber geſprochen, Offene Hinterthüren und Hofbediente. 207 und die ſei vollkommen damit einverſtanden.— Hinter unſerem Rücken mit der gnädigen Frau zu verhandeln!“ „Das iſt allerdings ſtark!“ meinte auch Jakob. „Und ſich verheirathen zu wollen!“ lachte krampfhaft die Köchin;„ich wohne mit der Nanett' nicht mehr in Einem Zim⸗ mer; eine Perſon, die mit dem Gedanken umgeht, nächſtens hei⸗ rathen zu wollen—“ „Wird Ihr deßhalb doch nicht gefährlich werden, Jungfer Martha,“ meinte Jakob lächelnd;„ſo eine Brautſchaft ſteckt nicht an, darüber kann Sie ſich beruhigen.“ Hier wurde die Unterredung durch einen ſtarken Zug der Klingel aus dem Zimmer der Staatsräthin unterbrochen. Jakob eilte die Treppe hinauf, und als er nach einigen Minuten wieder herunter kam, blieb er nachdenklich an der Küchenthüre ſtehen, ſtemmte ſeine beiden Arme in die Seiten und ſchüttelte bedeutſam mit dem Kopfe. „Nun, was gibt's?“ fragte Martin, der erſtaunt dieſem außer⸗ ordentlichen Benehmen zuſah. Auch die Köchin, welche im Begriffe war, den endlich fertig gewordenen Haſen in die Bratpfanne zu legen, hielt dieſes unglück⸗ liche Schlachtopfer an den beiden Hinterläufen in die Höhe und blickte ebenfalls mit Verwunderung auf Jakob. Dieſer ſchüttelte mehrmals ſeinen Kopf, nahm außerordentlich bedächtig eine Priſe und ſagte:„Das iſt wirklich ſonderbar.“ Auf dieſe Ausrufung hin gelangte der Haſe noch nicht in die Bratpfanne, vielmehr wurde er wieder auf den Küchentiſch plazirt, und Martha trat dem alten Kammerdiener näher und fragte: „Was iſt denn ſo ſonderbar, Meiſter Jakob?“ „Wirklich merkwürdig!“ ſagte dieſer.„Nun rathet einmal: was hat mir die gnädige Frau für einen Auftrag ertheilt?“ „Vielleicht, daß die Nanett' plötzlich aus dem Hauſe ſoll?“ meinte freundlich lächelnd die Köchin. 3 208 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Jakob ſchüttelte abermals mit dem Kopfe und verſetzte:„Das iſt es nicht; aber es kam mir ſehr unerwartet.“ „Nun, ſo ſagt's gerade heraus, Jakob!“ meinte der Kutſcher. „Wie können wir eigentlich errathen, was Euch die gnädige Frau für einen Auftrag ertheilt hat! Betrifft es vielleicht einen von uns? mich zum Beiſpiel?“ „Oder mich?“ meinte eifrig die Köchin. „Euch könnte es ſchon mitbetreffen,“ ſagte pfiffig lächelnd der alte Bediente. 3 „Gerechter Gott!'s iſt doch nichts Schlimmes!“ rief Martha auf dieſe Worte. „Nein, nichts Schlimmes,“ ſagte nun Jakob außerordentlich freundlich;„gar nichts Schlimmes, was Gutes in jeder Hinſicht, und wenn es ſchon an ſich was Angenehmes für uns Alle iſt, namentlich für Euch, alte Martha, ſo kann es doch am Ende der Anfang zu etwas ganz Glückſeligem ſein, was uns Alle betrifft.— Hurrah!“ Bei dieſen Worten lachte der alte Diener herzlich hinaus und ſtieß den Kutſcher, der ſich ihm ebenfalls genähert, freundſchaftlich mit der Fauſt auf die Bruſt. „Als ich hinauf kam,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſaß die gnädige Frau auf ihrem Lehnſtuhle an dem bekannten Plätz⸗ chen, und ich ſah ihren Augen an, daß ſie heftig geweint hatte.— Er war ja da geweſen!“ ſetzte Jakob mit einer finſteren Miene hinzu.„Die gnädige Frau war ſehr aufgeregt, und als ich vor ihr ſtand und nach ihren Befehlen fragte, wandte ſie ihr Geſicht von mir ab, und es dauerte einige Sekunden, ehe ſie zu mir ſagte:„Ihr kennt die Frau Schoppelmann, die Lieferantin, ge⸗ nauer, nicht wahr, Jakob?“—„Allerdings, gnädige Frau,“ ſagte ich,„ſeit langen, langen Jahren.“—„Es iſt im Grunde eine ordentliche Frau,“ meinte ſie.—„Wenn mir die Frau Staats⸗ räthin zu Gnaden halten wollen,“ ſagte ich,„eine kreuzbrave Fran, Offene Hinterthüren und Hofbediente. 209 nur hie und da ein Bischen auffahrend und heftig.“—„Und ihre Kinder?“ ſagte ſie.„Die taugen nichts!“ antworte ich Eſel, denn ich denke, ſie ſpricht von den Söhnen; und als ſie mich darauf erſtaunt anſieht, fühl' ich die Dummheit, die ich gemacht, und ſage: „Nun, Euer Gnaden, ich habe die beiden jungen Schoppelmänner gemeint; was aber das Mädel anbelangt, ſo gibt's nichts Braveres und Beſſeres in der ganzen Stadt.“—„Meint Ihr das wirklich, Jakob?“ ſagte ſie darauf mit einer außerordentlich freundlichen Stimme.„Nun, ich will's ja glauben; alſo—“ Bei dieſen letzten Worten ſah Jakob mit luſtiger Miene bald den Kutſcher, bald die Köchin an.„Alſo jetzt kommt der Auftrag; nun, was meint ihr?“ „Dummheiten!“ murmelte der Kutſcher;„ſeid doch nicht ſo ein alter Kerl; fahrt zu!“ „Ich habe alſo den Auftrag,“ fuhr der alte Diener ernſt und feierlich fort,„die Frau Schoppelmann ſammt ihrer Tochter Katharine auf heute Nachmittag vier Uhr zur gnädigen Frau zu beſtellen.“ „Ah, der Tauſend!“ rief die Köchin;„das iſt freilich eine gute Kommiſſion.“ „Gefällt mir auch,“ ſagte der Kutſcher;„möchte nur das Geſicht von der dicken Frau ſehen.“ „Das iſt am Ende gar nicht einmal freundlich,“ meinte Jakob; „ſie hat einen alten, hartnäckigen Kopf; nun, wir wollen ihr die Sache ſchon gehörig vorſtellen.“ Damit holte der alte Bediente ſeinen Hut vom Nagel herunter, zog ein Paar waſchlederne Hand⸗ ſchuhe an und begab ſich in die Stadt, ſeinen Auftrag auszu⸗ richten. Da er aber ſeiner alten Beine wegen ziemlich langſam durch die Straßen ſtolperte, wir dagegen die Macht haben, mit der Schnelligkeit der Gedanken ihm vorauszueilen, ſo treten wir ſchon Hackländers Werke. XI. 14 210 Siebenunddreißigſtes Kapitel. in den Hofraum der Gemüſehändlerin ein, ehe Jakob noch das Thor des Stillfried'ſchen Hauſes hinter ſich in's Schloß gezogen. 1/ j 79)— ₰.— Siebenunddreißigſtes Kapitel. ℳ Erzählt von neuen Planen der Gebrüder Schoppelmaun und von einem Kriegsrathe, in welchem nicht viel beſchloſſen wurde. Es war ein angenehmer, warmer Nachmittag im Spätſommer, gegen Anfang September, und um dieſe Zeit gegen zwei Uhr Mit⸗ tags drang durch eine Häuſerlücke in der Nachbarſchaft ein kleiner Strahl der Sonne in den ſonſt ſo ſchattigen Hof des alten Hauſes. Es herrſchte dort um dieſe Zeit die tiefſte Ruhe und Stille. Die zwei⸗ und vierfüßigen Bewohner des Miſthaufens und des kleinen Waſſerpfuhls, befiedert und unbefiedert, die Ferkel, kleinen Hunde, Hühner und Enten, hielten nach eingenommenem Mittagsmahl ihre Sieſta. Die großen Hunde, die Wächter des Hauſes, hatten eifrigſt einen kleinen Streifen Sonnenlicht aufgeſucht, der ſchmal und lang auf dem Pflaſter des Hofes glänzte; in der Verlängerung deſſelben aber, wo er ſich an der Mauer des Hauſes brach und auch dieſe bis oben hinauf beſchien, befand ſich ein Stuhl, und auf dieſem Stuhle ſaß der Fuhrmann, Herr Fritz Schoppelmann, mit leicht verbundenem Kopfe, ſich als Geneſender an der freundlichen, war⸗ men Luft erfreuend. Man kann leider nicht ſagen, daß ihn das Gefühl des Dankes bewegte, welches faſt immer in der Bruſt des⸗ jenigen wohnt, der von einem ſchweren und lebensgefährlichen Krankenlager aufſtand; was ſein Herz allenfalls bewegte, war Grimm und Wuth auf den, der ihn doch ſo rechtmäßiger Weiſe niederge⸗ Neue Plane der Gebrüder Schoppelmann. 211 ſchlagen, und zugleich ein verdrießlicher Gedanke über die verlorene ſchöne Zeit, die er auf dem Krankenlager bei der mageren Koſt der Mutter, welche der Arzt ihm vorgeſchrieben, hatte verbringen müſſen. Sein Bruder Konrad, der vor ihm auf einem Schemel ſaß, war nicht minder ſchlecht gelaunt. Ihn hatte der ſtreuge Wille der Mutter die ganze Zeit zu Hauſe gehalten; er hatte ſogar ein paar Jagdpartieen auf Feldhühner ausſchlagen müſſen, und, was noch ſchlimmer war, die Gemüſehändlerin zog es vor, ein paar Pro⸗ zente weniger zu verdienen, indem ſie ſich die Produkte nach der Stadt bringen ließ, ſtatt dieſelben, wie ſonſt, durch ihre Söhne an dem betreffenden Ort einkaufen zu laſſen. Konrad, der Jäger, hatte eine kurze Pfeife zwiſchen den Zäh⸗ nen, und während er daraus rauchte, ſchaute er mißmuthig in dem Hofe umher„Das iſt doch hier gerade wie ein Gefängniß,“ ſagte er ſeufzend. „Viel ſchlimmer!“ meinte der Fuhrmann;„in einem Gefäng⸗ niſſe hat man doch Ruhe in ſeinen vier Wänden und wird nicht mit guten Lehren und dergleichen moleſtirt! Das ſag' ich dir, Konrad, ich halt' es bald nicht mehr aus, und wenn ich wieder vollkommen geſund bin, ſo gehe ich der Alten durch und ſuche mir einen Dienſt, mag es ſein, wo es will.“ „Das iſt auch meine Anſicht; ſoll der Teufel das langweilige Leben hier zu Lande holen! Mich ekelt die Stadt an und die ganze Geſchichte;'s iſt ja gar nichts mehr! Jetzt hab' ich doch ſeit einem halben Jahre keinen vernünftigen Schuß mehr gethan, und muß hier in der langen Weile ſitzen. Und was für einen Genuß haben wir? Einen Schoppen Wein zu trinken. Hol' der Teufel die ganze Wirthſchaft!“ „Ja, und den armſeligen Schoppen Wein nur verſtohlener 8. Weiſe!“ ſetzte ingrimmig der Fuhrmann hinzu.„Und für dieſen Schoppen Wein werden wir von dem alten Vieh, der Schilder, 212 Siebenunddreißigſtes Kapitel. noch betrogen und über's Ohr gehanen, daß es eine Schande iſt. Die Hälfte müſſen wir jedes Mal abgeben, und von der anderen Hälfte, die wir unter uns theilen, zieht ſie uns das Meiſte für alte und neue Rechnungen ab.“ „Meine Taſchen ſind leer,“ ſagte der Jäger mit einem troſt⸗ loſen Blick in die Höhe. Und während er beide Füße weit von ſich abſtreckte, ſuchte er mit ſeinen beiden Händen in den wirklich leeren Taſchen umher. „Hat ſie jetzt nicht ſchon an tauſend Gulden der alten Jungfer abgezapft? und ich bin überzeugt, ſie hat ihre fünfhundert Gulden bei ſich verwahrt liegen, während wir, außer dem Kopfe in der Schlinge, nichts davon übrig behalten haben.“ „Das muß anders werden!“ ſprach giftig der Jäger und ſpuckte vor ſich auf den Boden. „Meinſt du wirklich? fragte Fritz mit einem lauernden Blicke. Konrad nickte mit dem Kopfe und ſah ſich ſchen um, dann rückte er ſeinen Stuhl ſo nahe wie möglich neben den des Bruders, beugte ſeinen Mund an deſſen Ohr und ſagte:„meinſt du denn, ich hätte alles Ernſtes Luſt, mich drüben für die Hexe abzuplagen? Wir ſollen die Arbeit thun und ſie das Geld einſtecken? Nein, das kann ich dich verſichern, wenn ſie einmal etwas Ordentliches angeſammelt hat, ſo werde ich mich wahrſcheinlich veranlaßt ſehen, nöthigenfalls ſelbſt eine Zwangsanleihe bei ihr zu machen. He! was denkſt du darüber?“ „Vollkommen einverſtanden!“ verſetzte der Fuhrmann mit einem unangenehmen Lächeln.„Aber um die fünfhundert Gulden iſt es nicht der Mühe werth. Wie iſt's denn mit ihrer größeren Speku⸗ lation, von der ſie heute Morgen geſprochen?“ „Die warten wir erſt ab,“ antwortete Konrad pfiffig lächelnd; „die Briefe dafür ſind bereits geſchrieben.“ „Und meint ſie, es werde gehen?“ fragte der Fuhrmann. „Sie zweifelt nicht daran,“ fuhr Konrad mit Beſtimmtheit fort. Neue Plane der Gebrüder Schoppelmann. 213 „Die ſechshundert Gulden, welche die Strebeling hergegeben, haben den armen Familienvater und den getreuen Freund aus dem Schuld⸗ gefängniß befreit. Seine Gläubiger ſcheinen geneigt, einen Ver⸗ gleich mit ihm einzugeben, wodurch er wieder in den Beſitz des Geſchäftes käme und im Stande wäre, ſeine ſieben oder acht Wür⸗ mer vor dem Hungertode zu erretten. Aber die Gläubiger ſind nur dann geneigt, etwas für ihn zu thun, wenn ſich Jemand findet, der eine Bürgſchaft übernimmt im Betrage von ungefähr zweitau⸗ ſend vierhundert Gulden.— Es iſt von der Hexe, der Schilder, außerordentlich pfiffig, ſtatt baares Geld jetzt eine Bürgſchaft zu verlangen; denn das kommt am Ende für uns auf Eins heraus. Verlangen will ſie auch nicht einmal eine ſolche Bürgſchaft; Gott bewahre! Sie übergibt nur einen lamentablen Brief, wo ſo was von ewigem Abſchied drin ſteht, vom Todtſchießen und der⸗ gleichen, und dann wird ſie der Strebeling erklären, ſie wolle mit der Geſchichte nichts mehr zu thun haben.— Gib nur Acht, das wirkt! Die alte Jungfer wird ſie förmlich nöthigen, eine Bürgſchaft von ihr anzunehmen, und das geht nur in dem Falle, wenn ſie mit vollgiltigen Pfandſcheinen oder Schuldbriefen herausrückt. Da ſie obendrein ihr Geheimniß bewahrt haben will, ſo muß ſie die Schilder noch bitten, daß dieſe ſelbſt die Bürgſchaft übernimmt, indem ſie ihr die Pfandbriefe übergibt. Das wird aber die Schil⸗ der nur dann thun, wenn ſie zu gleicher Zeit etwas Schriſtliches bekommt, worin deutlich zu leſen ſteht, daß ihr jenes Geld von der Jungfer Strebeling zur Bezahlung einer alten Schuld oder dergleichen übergeben wurde.“ „Vortrefflich!“ meinte der Fuhrmann;„wenn die alte Jungfer damit noch heraus rückt, ſo haben wir was Artiges bei einander.“ „Namentlich,“ fuhr bedeutſam der Jäger fort,„wenn wir es zufälliger Weiſe verſtänden, die ganze Summe an uns zu brin⸗ gen, und zwar mit den anderen, ſchon vorhandenen fünfhundert Gulden.“ 214 Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Dafür iſt mir gar nicht bange,“ ſagte der Fuhrmann mit feſtem Tone,„wenn bis dahin meine Geſchichte am Kopf vollkom⸗ men in Ordnung iſt.“ Mit dieſen Worten ſchob er den Verband etwas auf die Seite und taſtete mit den Fingern auf der verwun⸗ deten Stelle umher.„Wenn ich dahin lange,“ fuhr er fort,„habe ich immer noch einen ganz verfluchten Schmerz; ich meine immer, die Sache iſt noch nicht ganz in der Ordnung; auch des Nachts weckt es mich oft auf, gerade als bohre man mir ein glühendes Ei⸗ ſen dort hinein.— O, wenn es mir nur in dieſem Leben vergönnt wäre, jenem Kerl alles das heimzugeben!“ „Glaube mir nur,“ bemerkte der Jäger,„der hat auch ſein gutes Theil bekommen. Du hätteſt einmal das Blut auf den Stei⸗ nen vor dem Fenſter ſehen ſollen; ich hab's den anderen Morgen gleich abwaſchen laſſen. Es war ganz unnöthig, es da zu laſſen. Die Alte iſt eine kurioſe Frau, das kann ich dich verſichern; in F ihrem Herzen hält ſie doch mehr auf jenen Kerl als auf uns, und blos, weil er ihrer ſchönen Tochter nachgelaufen iſt. Hah! hahaha!“ „Sei ſtill!“ ſagte der Fuhrmann;„das Hofthor geht auf; die Alte kommt vom Markt.“ Und dem war in der That ſo. Das Hofthor öffnete ſich knar⸗ rend, die großen Hunde, welche bis jetzt faul in der Sonne gelegen, ſprangen empor und eilten in luſtigen Sätzen und wedelnd auf die Gebieterin zu; ja ſogar der Haushahn erwachte aus ſeiner ſtillen Betrachtung, hob den Kopf empor, ſchaute ſtolz um ſich, und be⸗ grüßte die dicke Gemüſehändlerin mit einem majeſtätiſchen Krähen. Auch in der Haltung der beiden Söhne hatte ſich bei dem Ein⸗ tritt der Mutter Einiges verändert. Der verwundete Fuhrmann ließ den Kopf auf die Bruſt hangen und ſah offenbar ſehr ange⸗ griffen und hinfällig aus. Konrad aber nahm eine große Flaſche mit Bleiwaſſer aus der Taſche und befeuchtete mit demſelben einen ſehr trocken gewordenen Lappen, den er alsdann mit einer großen und wichtigen Handbewegung dem Bruder auf den Kopf patſchte. — —— Neue Plane der Gebrüder Schoppelmann. 215 Madame Schoppelmann ſchien ſich in ihrer guten Laune zu befinden. Sie hatte offenbar einen guten Markttag gehabt, was denn auch an den leeren Körben zu ſehen war, welche zwei Mägde hinter ihr drein trugen. Vor ihren beiden Sprößlingen blieb die Mutter einen Augenblick ſtehen, ſtemmte ihre Arme in die Seiten und ſagte lächelnd:„Nun, wie ſieht's aus? Heilt's tüchtig? Es wäre Zeit, daß die Geſchichte einmal zu Ende ginge.“ „Ja, mir wär's auch ſchon recht,“ brummte der Fuhrmann, und der Jäger ſetzte mit ſehr wichtigem Tone hinzu:„Und mir erſt! Ich muß geſtehen, das Krankenwärterſpiel iſt nicht meine Paſſion.“ Auch Katharina kam hinter der Mutter vom Markte zurück. Sie hatte ein kleines leeres Körbchen in der Hand, und ihr großer Strohhut hing an einem rothſeidenen Bande an dem rechten Arme. Ihr folgten noch ein paar Colleginnen der Mutter, welche eben⸗ falls, ihr Bedauern ausdrückend, vor den beiden Brüdern ſtehen blieben. Katharina aber, ohne ſich viel nach ihnen umzuſehen, ſchritt mit erhobenem Kopfe bei den Beiden vorbei und ſtieg die Wendel⸗ treppe hinauf in ihr Zimmer. „Nun, wie geht's, Herr Schoppelmann?“ fragte eines der Weiber;„bald wieder geſund und munter?“ Und eine andere ſetzte hinzu:„Ach, ſo ein junges Blut reißt ſich bald wieder heraus!“ Auf dieſe theilnehmend ſein ſollenden Aeußerungen der beiden Weiber murmelte der ältere Herr Schoppelmann etwas zwiſchen den Zähnen, was ein argloſes Herz für einen Dank wegen gütiger Nachfrage hätte hinnehmen können. Wir aber, die wir uns der ſtrengſten Wahrheit befleißigen, ſind leider in dem Falle, einge⸗ ſtehen zu müſſen, daß die Aeußerung des Fuhrmanns ſo viel beſagte als: ſie ſollten ihn zufrieden laſſen und ſeinetwegen zum Tenfel gehen. 5 216 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Hierauf folgten die beiden Weiber der dicken Gemüſehändlerin, und alle Drei begaben ſich in die uns bekannte Vorhalle. Wir hatten ſchon vorhin Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß das Marktgeſchäft heute äußerſt gut von Statten gegangen zu ſein ſchien, und dem war auch ſo. Frau Schoppelmann hatte nicht blos ihren eigenen Gemüſeſtand an Kleinhändlerinnen und tägliche Kunden ausverkauft, ſondern auch die Waaren der ihr zugethanen Nachbarinnen waren unter ihrer Protektion ebenfalls auf's Schnellſte verkauft worden. „Es iſt ein wahrer Segen,“ ſagte eines von den Weibern in der Vorhalle zu der dicken Frau,„wenn man mit Euch zu thun hat; da fliegt Alles nur ſo weg, und während die Anderen noch bis heute Abend draußen ſtehen müſſen, wo ihnen Alles verdorrt und verwelkt, ſind wir ſchon um zwei Uhr fertig; ja, es iſt wahr⸗ haftig ein offenbarer Segen bei Eurer Sache.“ Die Gemüſehändlerin hatte ſich an ihren Tiſch niedergelaſſen, einestheils um mit ihren Colleginnen abzurechnen, anderntheils weil ſie ermüdet war, und drittens, weil es einigermaßen ihr Hoch⸗ muth und Stolz war, wenn die anderen Weiber ſtehend mit ihr verkehrten. Heute aber lud ſie die beiden Weiber durch eine Hand⸗ bewegung und ein freundliches Wort ebenfalls zum Niederſitzen ein. „Ja, ja,“ ſagte ſie nach einer Pauſe;„unſer Herrgott iſt wirk⸗ lich gnädig gegen eine arme Wittfrau und gibt ſeinen Segen, daß mein Geſchäft ſo ziemlich gedeihen kann. Aber ach, du lieber Him⸗ mel! es iſt nichts vollkommen auf der Welt, und wo einem hier gegeben wird, da wird einem da wieder genommen.“ Hier ſeufzte die dicke Frau, und die beiden anderen Weiber ſeufzten ebenfalls, ohne eigentlich genau zu wiſſen, warum. „Ich kenne Euch Beide ſchon längere Jahre,“ fuhr das Ober⸗ haupt des Gemüſemarktes fort,„und habe Euch von jeher als rechtſchaffene Weiber kennen gelernt; deßhalb will ich nun auch Neue Plane der Gebrüder Schoppelmann. 217 Euren Rath in einer für mich beſonders wichtigen Angelegenheit hören.“ Die beiden Weiber horchten geſchmeichelt auf, und während die Eine demüthig ihren Kopf neigte, als wolle ſie ſagen, ſie ſei ganz zu den Befehlen ihrer reichen Collegin, legte die Andere feſt und ſicher die Hand auf den Tiſch, ſchaute keck in die Höhe und ſchien damit andeuten zu wollen: ihr wißt, daß ich mich vor dem Teufel nicht fürchte; meinen Rath ſollt ihr haben, gerade heraus, mögt ihr ihn annehmen wollen oder nicht! „Ihr alle habt die verdrießliche Geſchichte mit meiner Katharine gehört,“ ſagte die dicke Frau, indem ſie ihre Ellbogen auf den Tiſch 1. ſtützte,„Ihr habt ſie von den Leuten draußen gehört, und ich habe Euch geſagt, was Wahres daran iſt. Das iſt nun freilich ſchon genug, um Jemand außer ſich zu bringen; aber es iſt doch nicht ſo arg, wie ich mir Anfangs gedacht. Ich habe die Wahrheit in der ganzen Geſchichte auch erſt ſo uach und nach erfahren, ſonſt wäre ich an dem Abend ganz anders aufgetreten.“ „Ja, das muß ich ſagen,“ meinte die Frau mit dem erho⸗ benem Kopfe und dem herausfordernden Weſen,„an dem Abend ſeid Ihr zu gut geweſen, und wenn es mich hätte mein Leben ge⸗ koſtet: todt hätt' er ſein müſſen.“ „Ach, Nachbarin,“ ſagte die andere Frau, die demüthig ſchei⸗ nende,„er ſoll ja auch ſo gut wie todt ſein; ſo ſagt man wenig⸗ ſtens, er liege in D. übel, ſehr übel zugerichtet.“ „Narrenpoſſen!“ entgegnete Madame Schoppelmann.„Wen meint Ihr denn eigentlich? Von wem ſprecht Ihr?“ „Nun, von dem Herrn Stillfried,“ ſagte die Herausfordernde; „von dem ſpracht doch Ihr auch, als Ihr vorhin ſagtet, es wär' Euch leid, daß es an jenem Abend nicht noch ganz anders ge⸗ kommen ſei.“ 8 „Allerdings,“ erwiderte die Gemüſehändlerin,„aber ich wollte mich ausdrücken, es ſei mir eigentlich leid, daß dem jungen Men⸗ 218 Siebenunddreißigſtes Kapitel. ſchen bei der Geſchichte ſchon ſo viel geſchehen ſei, als ihm ge⸗ ſchehen.“ „Iſt er denn wirklich ſo arg zugerichtet?“ fragte die Demüthige.. „Ein Arm ſoll gleich hin geweſen ſein;“ gab die Andere mit „trotzig aufgeworfenem Munde zur Antwort, und dabei griff ſie nach einem Meſſer, als fühle ſie nachträglich noch ein Privat⸗ Mordgelüſte.„Ein Arm ſoll gleich hin geweſen ſein,“ wiederholte ſie und klopfte mit der Klinge auf den Tiſch,„und zwar der linke, glaube ich, und den rechten Fuß hat man, wie man mir erzählte, den andern Morgen gleich abnehmen müſſen.“ 4 „Ihr ſeid ein recht albernes Weibsbild, Frau Klingler!“ ſagte ärgerlich die Gemüſehändlerin.„Wie kann man ſich nur ſo dum⸗ mes Zeug vorſchwätzen laſſen? Gott ſoll mich in Gnaden bewah⸗ z ren! Wenn das wahr wäre, ſo hätte ich meiner Lebtag keine ru-⸗ hige Stunde mehr.“ „Alſo,'s war nicht ſo ſchlimm?“ fragte die Demüthige mit ſanftem Geſichtsausdrucke;„ich habe mir das wohl gedacht.“ „Mir aber hat man erzählt,“ fuhr Frau Klingler fort,„er ſei übel zugerichtet worden. Nun, wenn dem nicht ſo iſt und er mit dem blauen Auge davon kam, da glaub' ich wohl, wie Ihr vorhin ſagtet, es thu' Euch leid, daß die Geſchichte nicht anders gekom⸗ men ſei. Ja, mir thät' das auch leid, das muß ich ſchon ſagen.“ „Schwätzt doch nicht immer ſo in den Tag hinein!“ ſprach ärgerlich Madame Schoppelmann und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch;„laßt mich doch auch einmal zu Wort kommen und verſteht mich recht! Wenn ich vorhin ſagte, es thäte mir leid, daß die Geſchichte ſo gekommen iſt, wie ſie kam, ſo wollt' ich damit ſagen, daß es mir unangenehm iſt, daß dem jungen Menſchen überhaupt von meinem Hauſe etwas Widerwärtiges geſchah; denn ruhig über⸗ legt, hat er eigentlich die allerwenigſte Schuld gehabt; meine bei⸗ den Galgenſtricke da draußen haben die Sache wieder angezettelt.“ Neue Plane der Gebrüder Schoppelmann. 219 „Ah!“ rief Madame Klingler und legte ihre Hände in den Schooß. „Seht Ihr wohl!“ ſagte die Demüthige;„das habe ich mir doch gleich gedacht. Der arme junge Menſch hat gewiß keine Schuld gehabt.“ „Keine Schuld habe ich eigentlich nicht geſagt,“ antwortete die Gemüſehändlerin.„Aber ſo junge Leute nehmen dergleichen Sachen nicht ſcharf; ſo den Bürgersmädeln nachzulaufen und ihnen deen Hof zu machen, das halten ſie obendrein noch für ein verdienſt⸗ liches Werk.“ .„Das weiß Gott!“ ſagte eifrig Madame Klingler;„darüber kann ich auch der Welt eine Geſchichte erzählen, eine traurige Ge⸗ ſchichte, ehe ich den ſeligen Klingler geheirathet.— Da war ein 3 Offizier—“. „Ja, wir wiſſen das ſchon,“ ſagte Madame Schoppelmann, mit der Hand von ſich weiſend,„Ihr habt mir das ſchon oft er⸗ zählt; aber mit meiner Katharine iſt es doch ganz anders.“ „Natürlich,“ ſagte die Demüthige,„ganz anders; Frau Kling⸗ ler, das muß Sie zugeben.“ Madame Klingler that demgemäß auch, d. h. ſie ſchwieg ſtill; doch ſtieß ſie, an jene Geſchichte und den Offizier denkend, den ſie vor dem ſeligen Klingler gekannt, einen tiefen Seufzer aus. „Die Sache iſt alſo die,“ nahm Madame Schoppelmann wie⸗ der das Wort:„Der junge Menſch iſt meiner Katharine auf Schritt und Tritt nachgelaufen. Ihr Beide habt mir das ſelbſt oft erzählt.“ 3 „Gewiß,“ warf Madame Klingler dazwiſchen,„ich hätte es nicht übers Herz bringen können, Euch das zu verſchweigen, obgleich— das muß ich jetzt doch ſchon geſtehen— der junge Menſch ſich im⸗ mer ſehr ordentlich und anſtändig aufgeführt.“ „Ach ja,“ ſeufzte die Demüthige,„es war etwas Rührendes darin. Du lieber Gott, es iſt für mich doch gerade wie heute 220 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Morgen geſchehen, als die Katharine meinem Buben, dem Fritzle, ein kleines Kränzchen von Vergißmeinnicht geſchenkt, und als der Herr Stillfried gerade dazu kam. Hat er nicht dem Kinde einen ganzen Gulden geſchenkt und iſt darauf ganz glücklich fortgegangen, d. h. der Herr Eugen nämlich; mein Bub' war aber auch zufrie⸗ den, denn—“ Madame Schoppelmann rückte auf ihrem Stuhle ungeduldig hin und her; ihre Hände ſuchten die Hüften, und ſie rief mit ſehr lauter Stimme:„Aber ums Himmels willen, unterbrecht mich doch nicht ewig! Wenn Ihr ſo fortfahren wollt, ſo kommen wir ja nicht zu Ende.“— „Das iſt wahr,“ ſagte Frau Klingler und warf der Demüthi⸗ gen einen ernſten Blick zu; dieſe dagegen der Frau Klingler einen ſanften, worauf die dicke Gemüſehändlerin fortfuhr: „ Nun hat aber der Herr Stillfried gar nicht die ſchlechten Ab⸗ ſichten gehabt, wie mich der Bub', der Konrad, wollte glauben ma⸗ chen; ich weiß das jetzt ganz genau, und wenn durch jenen unan⸗ genehmen Abend das Glück der Katharine verſcherzt iſt, ſo bin ich, leider Gottes! ganz allein dran Schuld.“ „Sieht Sie, Schoppelmann, ſieht Sie,“ antwortete eifrig Ma⸗ dame Klinger,„das kommt von Ihrer traurigen Heftigkeit! So armen jungen Leuten muß man ein anſtändiges Plaiſir gönnen, und nicht gleich mit dem Knittel drein ſchlagen.“ 5 „Halt Sie Ihr Maul!“ ſagte Madame Schoppelmann ſo ſanft wie möglich;„ich hätte Sie an meiner Stelle ſehen wollen; da läuft einem das Blut über. Nicht wahr, Frau Claaſen?“ „Allerdings,“ entgegnete die alſo Angeredete.„Aber die Frau Klingler hat keine Kinder.“. „Weil ſie mir leider geſtorben ſind,“ ſeufzte dieſe;„gleich nach⸗ dem ich den ſeligen Klingler geheirathet. Ich hatte mit dem Mann gar kein Glück.“) „Sie haben dem Herrn Stillfried einen Brief geſchrieben!“ Neue Plane der Gebrüder Schoppelmann. 221 rief Madame Schoppelmann mit außergewöhnlicher Stimme.„Wer, das habe ich nicht herausgebracht; aber ich bin feſt überzeugt, die Beiden da draußen. Sie haben ihm geſchrieben, meine Tochter, die Katharine, hätte ihm etwas ſehr Wichtiges mitzutheilen und erwarte ihn Abends um neun Uhr auf ihrem Zimmer. Darauf iſt denn der arme Narr gekommen; ich hätte aber auch den ſehen mögen, der einer ſolchen Einladung nicht gefolgt wäre!“ Dabei erhob ſie ſtolz ihr Haupt und ſah die beiden Weiber wie fragend an. Dieſe machten es unter ſich ebenſo, und wir ſind vollſtändig überzeugt, wenn Madame Klingler auf dem Geſichte der Demüthi⸗ gen den geringſten Zweifel in das Wort der Madame Schoppel⸗ mann bemerkt hätte, ſo würde es eine heftige Scene gegeben haben. Aber dieſe ſagte mild lächelnd:„Das muß ſchon wahr ſein; darauf hin wär' die ganze Stadt gekommen, Grafen und Herren.“ „Er kam alſo,“ fuhr die Gemüſehändlerin voll Selbſtgefühl fort,„und das Weitere wißt Ihr, leider Gottes! ſo gut wie ich.“ „Der arme junge Menſch!“ ſeufzten die beiden Weiber, dieſes Mal von der gleichen Geſinnung beſeelt. „Nachdem nun das Unglück einmal geſchehen war,“ fuhr Ma⸗ dame Schoppelmann fort,„und ich der feſten Meinung war, Katha⸗ rine ſei ebenfalls mit im Einverſtändniß und deßhalb auch im Un⸗ recht, ſo zwang ich das Mädel, ihren Bruder während der Krank⸗ heit zu pflegen, und das war unter beſagten Umſtänden nicht gut, es war hart von mir.“ „Es war ſehr hart,“ ſagte beſtimmt Madame Klingler und ſchaute die Claaſen herausfordernd an, ob ſich dieſe vielleicht unter⸗ ſtände, anderer Meinung zu ſein. „Durch dieſe Geſchichten iſt mir nun das ſonſt ſo gute und folgſame Mädel ganz rappelköpfiſch geworden, und wenn ich nicht mit Gewalt an mich halten müßte, ſo gäbe es oftmals arge Händel.“ 222 Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Sieht Sie wohl, ſieht ſie wohl?“ konnte ſich Madame Kling⸗ ler zu ſagen nicht enthalten. „Mit ihren beiden Brüdern,“ ſprach Madame Schoppelmann weiter,„kommt ſie natürlicher Weiſe gar nicht mehr aus; ich be⸗ greife es vollkommen, daß ſich ihr Alles im Kopf herumdreht, wenn ſie den Fuhrmann anſieht, der zuerſt nach dem Herrn Stillfried ge⸗ ſchlagen.“ „Das begreife ich auch vollkommen,“ ſagte die Klingler mit einer Beſtimmtheit und Ruhe, welche deutlich anzeigte, daß ſie ent⸗ ſchloſſen, ſich nicht wieder über das Maul fahren zu laſſen, ſondern um jeden Preis ihre Meinung zu ſagen.„Das begreife ich,“ wie⸗ derholte ſie,„ich habe damals mit dem Offizier eine ähnliche Ge⸗ ab, ebenfalls an meinem Fenſter, worauf ich augenblicklich in Ohn⸗ macht fiel, dann mich aber anders beſann, in die Höhe ſprang und ihm— meinem Bruder nämlich— das Geſicht ſo arg zerkratzte, daß er ſich während vier Wochen nicht konnte ſehen laſſen.“ endlich von Ihrem Offizier und von Ihrer ganzen Leidensgeſchichte!“ ſagte Madame Schoppelmann ſehr ernſt.„Ich habe Sie und Frau Claaſen daher gebeten, weil Ihr ein paar rechtſchaffene Weiber ſeid, um Eure Anſichten, Euren Rath zu hören, aber zu ſonſt nichts. Vergeßt das nicht!“ „Ja, Ihr müßt das nicht vergeſſen,“ ſagte die Demüthige, worauf Madame Klingler bemerkte: „Nein, ich werd's wahrhaftig nicht vergeſſen.“ Doch dachte ſie bei dieſen Worten an ihre harmloſe Jugendzeit, an den Offizier mit dem eingeklemmten Finger und an den Bruder mit der zer⸗ kratzten Naſe. „Nein, es thut ſich länger nicht,“ fuhr hierauf Madame Schop⸗ pelmann nach einem kleinen Nachdenken und mit einem tiefen Seuf⸗ zer fort.„So leid es mir in meinen alten Tagen noch iſt, das Neue Plane der Gebrüder Schoppelmann. 223 Mädel nicht mehr um mich zu ſehen, ſo muß ſie doch fort aus dem Hauſe hier. Nur weiß ich nicht, was ich mit ihr beginnen ſoll, ob ich ſie auf das Land zu meinem Bruder thue oder ob ich ihr irgend einen Dienſt ſuche. Und darüber möchte ich Euren Rath haben. Jetzt ſprecht, was meint Ihr davon?“ Madame Klingler warf den Kopf in die Höhe und ſah die Demüthige ſtolz und herausfordernd an. Obgleich ſie ſich ſelbſt natürlicher Weiſe noch keine Anſicht gebildet hatte, ſo wartete ſie doch begierig auf ein Wort aus dem Munde der Madame Claaſen, um, dieſe augenblicklich bekämpfend, der entgegengeſetzten Meinung zu ſein. Madame Claaſen aber faltete demüthig ihre Hände, und wäh⸗ rend ſie die Schultern hoch empor zog, ſenkte ſie den Kopf tief herab auf ihr Halstuch. Dann blickte ſie Madame Schoppelmann von der Seite an und ſagte gar nichts. „Nun,“ fuhr die Gemüſehändlerin nach einer längeren Pauſe fort,„was denkt ihr darüber? Sprecht Ihr zuerſt, Frau Klingler! Seid Ihr für das Land oder für den Dienſt?“ „Ja,“ ſagte die alſo Aufgeforderte nach einem augenblicklichen Stillſchweigen,„alſo daß die Katharine überhaupt aus dem Hauſe ſoll, das ſteht feſt bei Euch!“ „Unwiderruflich!“ antwortete die Mutter. Hierauf verſank Madame Klingler in ein tiefes Nachdenken; denn ſie hoffte, Madame Schoppelmann würde während deſſelben mit ihrer eigenen Anſicht herausrücken und ihr ſolcher Geſtalt er⸗ lauben, ſich derſelben anzuſchließen. Da aber die Gemüſehändlerin die Antwort der Madame Klingler erwartend, ebenfalls ſtill ſchwieg, die demüthige Frau Claaſen es aber am allerwenigſten wagte, ihre perſönliche Meinung Preis zu geben, ſo entſtand eine große Pauſe, welche ſich unter den obwaltenden Umſtänden wahrſcheinlich ins Unendliche ausgedehnt hätte, wenn in demſelben Augenblicke nicht 224 Siebenunddreißigſtes Kapitel. ein Mann unter der Thüre der Vorhalle erſchienen wäre, der den Namen der Madame Schoppelmann ausrief. daß ſie ihre rechte Hand wie einen Schirm über die Augen hielt, nicht möglich, zu wiſſen, wer dort ſtand und wer ihren Namen gerufen. „Nun, das muß ich ſagen,“ rief der Eintreten de luſtig,„Ihr ſcheint Eure alten Freunde ſchnell vergeſſen zu haben, Frau Schop⸗ pelmann! Kennt Ihr denn den Jakob nicht mehr? Sollt' Euch doch Euer Herz ſagen, daß ich's bin. Alte Liebe roſtet nicht! ſo heißt's wenigſtens im Sprichwort.“ „Ci, der Jakob!“ rief luſtig die Gemüſehändlerin und erhob ſich ſo ſchnell wie möglich von ihrem Sitze.„Wo kommt Er her? Weiß Er wohl, daß Er ein Schalk iſt, ſolche Dinge von alter Liebe da vor den beiden Weibern auszuplaudern!“ Madame Claaſen und Madame Klingler, die ſich vor der Livree des herrſchaftlichen Bedienten reſpektvollſt erhoben, kicherten leiſe über dieſen ungeheuren Spaß, und die Erſtere erlaubte ſich, die Bemerkung zu machen:„So alſo kommt man hinter Eure früheren Geſchichten, Frau Schoppelmann!“ „Das iſt ſchon lange her,“ ſagte lächelnd der Bediente,„und war Alles in Ehren mit der damaligen Jungfer Margareth; konnte nichts machen: der ſelige Schoppelmann war der Glückliche.“ „Nun, ſetzt Euch einmal daher,“ antwortete vergnügt die dicke Frau und machte dazu einen tiefen Knix,„wenn es dem Herrn Kammerdiener anders recht iſt, in ſo geringer Behauſung einen Stuhl zu nehmen.“ 5 Die beiden weiblichen Räthe der Frau Schoppelmann wußten in dieſem Augenblicke nicht, wie ſie ſich zu benehmen hatten. Sie Neue Plane der Gebrüder Schoppelmann. 225 knixten ebenfalls und waren im Begriff, ſich knixend und rückwärts zur Thüre hinaus zu ziehen; doch ſagte Jakob, der ihre Abſicht merkte:„ich will die Damen durchaus nicht ſtören; ich habe auch im jetzigen Augenblicke zu einer längeren Unterredung nicht die Zeit; was aber,“ ſetzte er bedeutſam hinzu,„durchaus nichts zu ſagen hat, denn ich werde bald Gelegenheit haben, Euch wieder zu ſehen.— Ich komme in einem Auftrag der Frau Staatsräthin an Euch; ſie läßt Euch nämlich erſuchen, heute Nachmittag ſo gegen vier Uhr mit Eurer Tochter, der Katharine, zu ihr zu kommen.“ Hätte man in dieſem Augenblicke der Frau Schoppelmann ge⸗ ſagt, draußen auf offenem Markt tanze der Rathhausthurm auf dem Pflaſter umher, ſie hätte ſich nicht mehr gewundert, als über dieſe Botſchaft. Sie wußte anfänglich nicht, was darauf zu antworten ſei, und behalf ſich ſtatt der mangelnden Worte mit einem neuen, tieferen Knixe. 3 Die beiden anderen Weiber ſahen, gerade ſo verblüfft von dem eben Gehörten, hierin eine Aufforderung, gleichfalls zu knixen, und thaten es ſo ehrerbietig wie möglich. Doch gewährten dieſe drei Knixe einen mannigfaltigen Anblick, und während die der Madame Klingler und der Madame Claaſen in die Tiefe gingen, ſchien Madame Schoppelmann auf eine außergewöhnliche, noch nie dageweſene Art in die Breite zu knixen. Jakob nahm dieſe Höflichkeitsbezeugung ſehr herablaſſend auf, ſchützte aber dringende Geſchäfte vor und entfernte ſich eilig mit der Bemerkung, Madame Schoppelmann und Katharina möchten um vier Uhr ja nicht fehlen.. Die Gemüſehändlerin hatte kaum ſo viel Ueberlegung, den ſo ſchnell entſchwundenen alten Freund bis an die Schwelle des Ge⸗ machs zu begleiten. Das Anerbieten von einem Gläschen Liqueur. blieb ihr auf der Zunge ſtecken und wurde erſt gemacht, als Jener. das Hofthor ſchon läugſt hinter ſich hatte, auch großmüthiger Weiſe Hackländers Werke. XI. 15 226 Siebenunddreißigſtes Kapitel. nicht mehr zurückgezogen. als die beiden Weiber, es auf ſich be⸗ ziehend, freundlichſt bejahend dankten. Madame Schoppelmann rückte nun auch wirklich, aber wie im Traume, mit einer großen Flaſche hervor, ſchenkte drei Gläschen voll ein, ſank dann auf ihren Stuhl nieder und ließ die Hände in den Schooß fallen.„Um vier Uhr mit der Katharine!“ ſagte ſie und ſchaute kopfſchüttelnd die beiden Weiber an. „Das muß ich ſagen,“ meinte Frau Klingler,„das iſt eine ſehr merkwürdige Geſchichte; das hat jedenfalls was zu bedeuten.“ „Zu bedeuten hat's was,“ pflichtete die demüthige Frau Claaſen bei und nahm heimlicher Weiſe einen großen Schluck aus ihrem Glaſe. „Aber der Katharine muß ich es doch jetzt ſchon ſagen,“ rief ſchnell aufſtehend die Gemüſehändlerin. Damit eilte ſie zur Thüre hinaus an die kleine ſteinerne Treppe und rief mehrere Male den Namen ihrer Tochter. 4 4 Als die Mutter wieder zurück in die Vorhalle ging, kam die Tochter die Treppe herab und trat in das Gemach, wo ſie von den beiden Weibern mit Freundlichkeit, ja mit einem Anflug von Hochachtung begrüßt wurde. Wenn auch Katharina nicht mehr ſo entſetzlich bleich ausſah, wie an jenem Tage, wo wir ſie zuletzt geſehen, und wenn auch das tiefe Weh, das damals aus ihren Augen zuckte, vor einem ſchmerzlichen Zuge verſchwunden war, der jetzt um ihren verſchloſ⸗ ſenen Mund ſpielte, ſo ſah man doch ihrem ruhigen, leidenden Blicke an, wie vielen Kummer das Mädchen in letzter Zeit gehabt, und eine Vergleichung gegen ſonſt und jetzt mußte für den ruhigen Beſchauer wahrhaft erſchütternd ſein. Das waren freilich noch die glänzenden Augen von ehemals; doch hatte das Mädchen die langen Wimpern tief geſenkt, und die ganze Welt ſchien ihr in dieſem Augenblicke nicht mehr der Mühe werth zu ſein, ſich froh darin umzuſchauen. Ihr Mund, der ſonſt ſo heiter geöffnet war 14 * 8* Neue Plane der Gebrüͤder Schoppelmann. 227 und wo die friſchen Lippen und weißct Zähne glänzten, wie ein Strauß von weißen und rothen Roſen, die noch nichts berührt hat, als der herabfallende Morgenthau, war jetzt ernſt geſchloſſen und zeigte höchſtens ein wehmüthiges Lächeln; ja der Körper des ſchönen Mädchens, ſonſt ſo elaſtiſch und friſch beweglich, ſchien alles Leben verloren zu haben; denn Katharina, die ſonſt in voller Kraft der Jugend auftrat, ein Bild der friſcheſten Geſundheit ſchlich jetzt verdroſſen und ſtill umher, und ſie, die früher ſo feſt, ja herausfordernd Jedem gegenüber trat und zum Gruße leicht und lächelnd mit dem Kopfe nickte, trat jetzt, ohne ein Wort zu ſprechen, vor die Mutter hin und ſtützte ſich, wie ermüdet, mit der Hand auf den Tiſch, was ſie vordem nie gethan. Wenn Katharina von der Botſchaft, die man ihr nun mit⸗ theilte, auch nicht ſo außerordentlich erfreut und überraſcht ſchien, wie ihre Mutter, ſo malte ſich doch ein Erſtaunen, und keineswegs ein unangenehmes, in ihren Zügen. Madame Klingler ſtellte ſich vor ſie hin, ſtemmte ſehr heraus⸗ fordernd die beiden Arme in ihre Seiten und ſagte:„Nun, mein Schatz! was meinen Sie dazu, Jungfer Katharine?“ Dann wandte ſie ſich an die Mutter, hob vielſagend die rechte Hand in die Höhe und fuhr in einem Tone fort, der ein Widerſprechen von vorn herein abſchneidet:„Ihr könnt mich nun meinetwegen für eine alte Gans erklären oder nicht, ſo viel iſt gewiß und das ſteht feſt: die Staatsräthin hat Euch nicht umſonſt mit Eurer Tochter rufen laſſen. Gebt nur Achtung, da hat ſich was zugetragen; am Ende iſt der Herr Eugen mit ſeiner Mutter ausgeſöhnt, und wir können morgen ſchon unſer Compliment der gnädigen Frau machen.“ Bei dieſen Worten ſah ſie die demüthige Frau Claaſen mit wahr⸗ haft wildem Blick an, hoffend, dieſelbe würde ſich unterſtehen, irgend welche Einſprache gegen ihre Worte zu machen. Doch mochte die Demüthige dieſelben Gedanken hegen, wie ihre Collegin, oder nicht, genug, ſie ſprach kein Wort, wiſchte ſich 228 Achtunddreißigſtes Kapitel. aber wehmüthig die Augen, trank ihr Schnapsglas leer und deutete alsdann auf ihr Herz, als wollte ſie ſagen: hier ſteht's geſchrieben! Madame Klingler, die ſehr in der Laune war, einen kleinen Sctreit anzufangen, hätte gewiß gar zu gern gefragt, was denn eigentlich da geſchrieben ſtehe; doch hob Madame Schoppelmann die Sitzung auf und verabſchiedete die beiden Weiber. Katharina ging in ihr Zimmer zurück, ſetzte ſich mit gefalteten Händen an ihr Fenſter, und wenn auch zuweilen in ihrem Herzen etwas aufzucken wollte wie ein früherer glücklicher Gedanke, wie das Bild eines neuanbrechenden ſonn⸗ und roſenbeglänzten Lebens⸗ tages, ſo zerriß doch gleich darauf ein heftiger Schmerz dieſe glückſeligen Phantaſieen; ſie preßte die rechte Hand feſt auf ihr wild klopfendes Herz und ſagte: Er hat mir ja nicht die geringſte Nachricht von ſich gegeben, er hat mir ja nicht ein einziges Wort geſchrieben, nicht einmal zwei kleine Worte— er hat mich vergeſſen! Achtunddreißigſtes Kapitel. Der geneigte Leſer lernt das Wirthshaus zur wilden Roſe, ſowie kleine Ti 3 näher kennen. heaterverhältniſſe Das Gaſthaus zur wilden Roſe, an welches wir den geneigten Leſer in einem der vorhergehenden Kapitel führten, lag faſt am äußerſten Ende des bedeutenden Dorfes, deſſen erſter Gaſthof, Poſt⸗ und Schauſpielhaus es zugleich war. Das Haus an ſich war groß und geräumig, hatte im unteren Stock bedeutende Räum⸗ lichkeiten für Schenkſtuben verſchiedener Grade; ſo z. B. war eine da für die durchreiſenden Fuhrleute mit ihrem Anhange, eine zweite Das Wirthshaus zur wilden Roſe. 229 für die Bauern, die hier ihren Schoppen tranken, eine dritte für die Honoratioren, als: den Schultheißen, den Schulmeiſter, den Förſter oder auch zuweilen den Pfarrer, und an dieſes ſtieß noch ein kleines Gemach, für vornehme Fremde beſtimmt, die hier ab⸗ geſondert ihr Mittag⸗ oder Abendeſſen verzehren wollten. Dieſe verſchiedenen Zimmer waren ihrem Range nach auch ver⸗ ſchieden ausgeſchmückt. Während ſich in dem Fuhrmannszimmer und dem darauf folgenden Gemache neben hölzernen Tiſchen und Bänken an den Wänden nur ein alter Kalender befand, ſah man in dem dahinter befindlichen Raume, wenn auch die Möbel die gleichen waren, die Wände doch ſchon beſſer verziert; denn hier prangte eine Geſchichte der heiligen Genovefa mit Hirſchkuh, Schmer⸗ zenreich und Golo, dem Grauſamen, Alles ſauber und bunt kolo⸗ rirt, mit ſchönen rührenden Unterſchriften, welche von den Bauern und den zahlreichen Fliegen ſehr aufmerkſam durchgeleſen wurden. Das Honoratiorenzimmer hatte ſchon Seſſel, deren Sitz mit brau⸗ nem Leder überzogen war, einen Tiſch mit grünem Wachstuche, und an den Wänden die Bildniſſe der königlichen Familie in einer ſauberen, im nahen Städtchen verfertigten Lithographie, welche nur den einzigen Fehler hatte, daß man nämlich bei ihrem Anblicke auf die Vermuthung kommen konnte, ſämmtliche Glieder dieſer erlauch⸗ ten Familie, wie ſie hier abconterfeit waren, litten an leiblichen Gebrechen; denn während die Einen ſchielten, hatten die Anderen einen verdrehten Hals oder hohe Schultern, oder an Armen und Beinen verſchiedene bis jetzt unentdeckte Gelenke. Ja, Seine Ma⸗ jeſtät der König, im grauſamſten Waffenſchmuck, ſaß auf einem Pferde, welches, ruhig ſtehend, eine ſolche entſchiedene Neigung zum Umfallen zeigte, daß ein getreuer Unterthan nicht im Siande war, dieſes Bild ohne Schrecken anzuſehen. E Im letzten Zimmer hing das Bildniß der Wirthin des Hauſeh.— in der That recht ſauber gemalt, vor langen Jahren von einem durchreiſenden Künſtler verfertigt, welches dem heutigen Beſchauer ——— 230 Achtunddreißigſtes Kapitel. einen Begriff davon gab, welch' hübſche Frau die Wirthin zur wilden Roſe damals geweſen war. Wenn wir vielleicht auch an⸗ nehmen können, daß der Künſtler, der ſich in dem wild romanti⸗ ſchen Thale länger aufhielt, als er Anfangs gewollt, der ſchönen Wirthin in jeder Hinſicht, alſo auch bei Anfertigung dieſes Por⸗ traits, geſchmeichelt habe, ſo wollen wir doch den Worten des alten Schulmeiſters Glauben ſchenken, der uns auf Befragen hoch und theuer verſicherte, es habe nichts Liebenswürdigeres, Luſtigeres und Hübſcheres gegeben, als die Wirthin, die Frau Roſel. Ja, wenn man mit dem Schulmeiſter näher bekannt wurde und das eben an⸗ gedeutete Geſpräch weiter verfolgte, ſo konnte man leicht auf die Vermuthung gerathen, als ſei dieſe große Liebenswürdigkeit der Wirthin daran Schuld geweſen, daß ſich der regierende Lehrer des Dorfes niemals verheirathete. Wer aber noch Zweifel geſetzt hätte in die Worte des Schul⸗ meiſters, der brauchte ſich nur die Mühe zu geben und Frau Roſel mit Kennerblick zu betrachten, ſo fand er ſelbſt das, was in dieſen ſpäteren Jahren von ihrer Schönheit und Poſſierlichkeit übrig ge⸗ blieben war, noch ſo bedeutend und wichtig, daß er gewiß geneigt war, dem damals durchgereisten Maler auf's Wort zu glauben und das Portrait im vornehmſten Gaſtzimmer für vollkommen echt und untadelhaft zu halten. Frau Roſel war Wittwe, und obgleich ſich ihr Name„Roſel“ von ihrem Vornamen„Roſalia“ herſchrieb, ihr Familienname aber ganz anders lautete, ſo hatte man ſich doch ſo daran gewöhnt, nur von der Frau Roſel zu ſprechen, daß man den wirklichen Namen darüber ganz vergaß. Ja, bei öffentlichen Verhandlungen, wenn z. B. von ihrem Anweſen oder von ihren Gütern die Rede war, las man in den Blättern nicht anders, als etwa: der Krautacker der Frau Roſel, oder: die hintere Hausecke der Frau Roſel u. ſ. w. Selbſt ihre einzige Tochter, welche man in der Taufe„Maria“ nannte, wurde von Leuten, die nicht auf ſo vertraulichem Fuß mit Das Wirthshaus zur wilden Roſe. 231 ihr ſtanden, um ſie bei ihrem Vornamen nennen zu dürfen, Jungfer Roſel genannt.. Die Mutter Roſel war eine große ſtarke Frau, ſehr rund und ſehr dick. Man hätte ſie für eine entfernte Anverwandte von unſerer guten Freundin, Madame Schoppelmann, halten können, doch war die Wirthin weit proportionirter, auch lange nicht mit derſelben Körperfülle bedacht. Dabei waren Beide im Temperament vollkom⸗ men von einander verſchieden. Es gab nänlich nichts Vergnüg⸗ teres und Luſtigeres, als das ewig heitere Geſicht der Wirthin. Ihre Augen glänzten vor Fröhlichkeit, ihr Mund war immer zum Lachen geöffnet und zeigte dabei ſehr weiße Zähne, deren ſich kein junges Mädchen hätte zu ſchämen gehabt. Dabei hatte die Frau das unſchätzbare Geſchenk von ihrem Schöpfer erhalten, daß es ihr nicht möglich war, etwas, das ihr in dieſem Leben vorkam, lange von einer ernſten Seite zu betrachten. Sie nahm faſt Alles für einen köſtlichen Spaß auf, und wenn ſie ſich auch über etwas im erſten Augenblicke ärgerte, ſo dauerte das nicht viele Sekunden, und es war ihr gelungen, etwas Komiſches daran aufzufinden, worüber ſie herzlich lachen konnte. Das Wirthshaus zur wilden Roſe lag nicht ganz auf dem Grunde des Thales, ſondern auf einem kleinen Hügel, etwas höher, als die übrigen Häuſer des Dorfes. Man überſah das Letztere von den Fenſtern des Wirthshauſes, ſah, wie ſich der ſchlanke Kirchthurm aus den Stroh⸗ und Ziegeldächern hervorhob; man überblickte das ganze Thal bis an die gegenüberliegende Berg⸗ wand, und wenn die Augen dort einem Wege folgten, der bald offen dalag, bald ſich zwiſchen Bäumen und Felſen verſteckte, ſo ſah man das prächtige Schloß, welches die Anhöhe krönte, gerade vor ſich liegen. 3 Der Karren des Schauſpieldirektors war geſtern Abend wohl⸗ behalten angekommen, ein paar Stunden ſpäter auch der große Wagen mit dem Reſte der Geſellſchaft, mit Dekorationen, Requi⸗ Achtunddreißigſtes Kapitel. ſiten und Coſtumen. Frau Roſel hatte ihren alten Bekannten lachend empfangen, und ihm, ſowie ſeiner Geſellſchaft, auf das Billigſte recht ordentliche Zimmer angewieſen. Auch hatte ſie ſo⸗ gleich Befehl gegeben, den großen Tanzſaal im Hinterhauſe, der während des Sommers zur Aufbewahrung von allerlei Geräth⸗ ſchaften benutzt wurde, alſobald auszuräumen und reinlich zu putzen. Das war noch des Morgens in aller Frühe geſchehen, und als der unermüdliche Prinzipal ſchon um ſechs Uhr eine Inſpektion jener Räumlichkeiten unternahm, ſah er zu ſeinem großen Vergnügen, daß hier ſchon ſehr viel geſchehen ſei. 2 Frau Roſel war bereits in ihrer Küche beſchäftigt, und dort⸗ hin begab ſich auch der Schauſpieldirektor, um der Wirthin einen guten Morgen zu wünſchen. Sie ſaß neben ihrem Herde, auf dem ein gewaltiges Feuer loderte und die umfaſſendſten Zubereitungen für verſchiedene Frühſtücke gemacht wurden. Ihre Tochter Marie, ein hübſches, junges Mädchen, von vielleicht achtzehn Jahren, das genaue Ebenbild der Mutter und deßhalb ſehr ähnlich dem Portrait im Gaſtzimmer, ſchüttelte aus einer gewaltigen Kaffeemühle die gemahlenen Bohnen in einen großen Topf, aus welchem ſpäter die verſchiedenen kleineren angefüllt wurden. „Nun, das freut mich wirklich,“ rief Frau Roſel dem Schau⸗ ſpieldirektor entgegen,„daß Sie ſich einmal wieder hieher nach Schloßfelden verirrt haben; jetzt ſind es bereits vier Jahre.— Ich glaube doch, es ſind vier Jahre; nicht wahr, Marie?“ unter⸗ brach die Wirthin den eigenen Strom ihrer Rede. „Behüt' uns Gott, Mutter!“ ſagte die Tochter;„das ſind wenigſtens ſchon ſechs Jahre.“ „Meinſt du wirklich, ſechs Jahre?“ „Gewiß, Mutter, ſechs Jahre! Frag nur den Herrn Di⸗ rektor.“ „Dann war es in jenem Sommer,“ ſagte ſichtlich erheitert Frau Roſel,„als die vielen Extrapoſten durchkamen. Nein, die Das Wirthshaus zur wilden Roſe. 233 Zeit vergeſſe ich mein Leben nicht.“ Bei dieſen Worten zuckte eine lachende Geberde wie ein Blitz aus ihren Augen. „Ja wohl, Mutter,“ beſtätigte Marie und ſtieß die Frau. Roſel leicht an den Arm,„das war in jenem Sommer, wo dir die Geſchichte paſſirt iſt.“ „Du biſt ein gottloſes Kind!“ verſetzte die Mutter laut lachend. „Was brauchſt du mich an die Geſchichte zu erinnern! Nicht wahr, du weißt es, wie das viele Lachen wehe thut, und deßhalb plagſt du mich damit? O du Ausbund von Gottloſigkeit!“ Dabei war aber Frau Roſel, wie es ſchien, aus eigenem Antriebe und für nichts und wieder nichts ſo in's Lachen hineingekommen, daß ſie ihre Hüften halten mußte und ihr die Thränen über die Wangen herab liefen. Und obgleich die Tochter von jener Geſchichte gar nichts mehr erwähnte und nur hie und da die Mutter neckiſch an⸗ ſtieß, oder mit einem Auge blinzelte, ſo rief doch Frau Roſel unter dem gewaltigſten Lachen, das ſich in einen kleinen Erſtickungsanfall zu verwandeln drohte:„ſo hör' doch auf, du gottloſes Kind! Quäl' deine arme Mutter nicht ſo!'s iſt ja eine Schande, wenn ich mich vor fremden Leuten ſo anſtellen muß!“ „Das ſind ja für uns keine fremden Leute, der Herr Direktor nämlich,“ entgegnete Marie mit dem ruhigſten und treuherzigſten Geſichtsausdruck. Doch blickte beſtändig aus ihren dunkelbraunen Augen, namentlich aber im gegenwärtigen Moment, ein luſtig neckender Schelm, der nicht im Stande war, irgend Jemanden in Frieden zu laſſen.„O, der Herr Direktor kennt uns recht gut; er war ja, wie du ſelbſt vorhin ſagteſt, in dem Sommer hier; weißt du, in jenem Sommer, wo die Extrapoſten kamen und wo die Geſchichte vorfiel.“. Hier lachte Frau Roſel auf's Neue und heftiger als zuvor. Ihr ganzer Körper zitterte ordentlich zuſammen, und ſie konnte erſt wieder an Erholung von dieſer gewaltſamen Aufregung denken, 234 Achtunddreißigſtes Kapitel. nachdem ſie ihrer Tochter ſtreng anbefohlen, augenblicklich die Küche zu verlaſſen und einſtweilen nach dem Hühnerhofe zu ſehen. Das that denn auch Marie als ein folgſames Kind ſogleich; doch ſprang ſie vorher auf die Mutter zu, ſchlang ihr die beiden runden Arme um den Hals, küßte ſie auf den Mund und ziſchelte ihr darauf in die Ohren:„aber vergiß mir die Geſchichte nicht!“ Damit ſprang ſie in großen Sätzen nach der Küchenthüre, und ein gelinder Klapps, den die lachende Mutter nach dieſer un⸗ artigen Tochter führte, traf nur ihr Kleid und wurde draußen auf dem Gange mit einem freundlichen Lachen beantwortet. „Sehen Sie, ſo geht's, wenn man zu gut iſt,“ ſagte Frau Roſel, nachdem ſie wieder zu Athem gekommen war, zu dem Schau⸗ ſpieldirektor.„Das böſe Ding kennt meine ſchwache Seite! Wie andere Leute kitzelig an ihrem Körper ſind, ſo bin ich, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, kitzelig im Lachen, und wenn man mich in dem Punkte ſchon des Morgens beunruhigt, ſo habe ich auf den ganzen Tag keine ſtille Viertelſtunde mehr. Und das weiß das ausgelaſſene Geſchöpf. Ich bin darin eine ganz unglückliche Frau, und wenn ſie mich heute unter Tags nur anſieht, und mag da zugegen ſein, wer will, ſo muß ich laut hinausplatzen.“ „Aber war denn die Geſchichte wirklich ſo ſchlimm?“ fragte der Direktor, und gewiß nicht in der Abſicht, Frau Roſel zum Lachen zu bringen, wie es vorhin Marie gethan. Doch zuckte ſchon bei dieſer Frage wieder auf's Neue ein wahres Gewitter von Lachen in den Augen und Mundwinkeln der Wirthin, und ſie rief aus: „laſſen Sie mich um Gotteswillen zufrieden mit der Geſchichte! Jetzt fangen auch Sie an, mich zu quälen! Sprechen wir von etwas Anderem, Vernünftigerem.— Wo waren Sie eigentlich all die Zeit über?“ 5 „ Wo ſoll ich herumgekommen ſein?“ ſagte mit einem trüben Lächeln der Schauſpieldirektor;„bald hier, bald da. Viel gewon⸗ nen habe ich in den ſechs Jahren nicht, und bin in der That froh⸗ —— Das Wirthshaus zur wilden Roſe. 235 daß ich mit dem, was ich damals beſaß, noch ſo auf dem Laufen⸗ den geblieben bin. Freilich, einen unerſetzlichen Verluſt habe ich gehabt: der kleine Bub', der, als ich mich zum letzten Male hier befand, zwei Jahre alt war— wiſſen Sie, Sie hatten ihn ſo gern, er lief Ihnen überall nach, und Sie thaten dem armen kleinen Ge⸗ ſchoͤpf ſo viel Liebes und Gutes, Gott möge es Ihnen vergelten! — der iſt gleich nachher geſtorben. Es ging mir ein ganzes Stück von der Seele ab, wie ich das Kind verlor.“ Es war eigentlich gut, daß der Schauſpieldirektor das Geſpräch, wenn auch ohne Abſicht, auf etwas Trauriges brachte; denn das aufgeregte Gemüth der Frau Roſel beruhigte ſich ſichtlich dabei, und ſie war froh, aus dem hellen, glänzenden, ſonnenbeſchienenen Ankergrunde ihres Gelächters von vorhin wegſegeln zu können in eine ſchattige kühle Bucht, an deren Ufern Trauerweiden herab⸗ hingen. 3 „Ja,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„das war ein herziges Kind; ich hätte es ſo gern bei mir behalten; wenn Sie es mir gelaſſen hätten, wäre es vielleicht nicht geſtorben.“ „Glauben Sie das ja nicht, Frau!“ rief faſt erſchrocken der Schauſpieldirektor;„wir haben das Kind gepflegt, wie nur immer möglich, und als es anfing, krank zu werden, hielten wir in einem kleinen Dorfe an, und ich miethete eine gute Stube, wo die Frau mit dem Kinde blieb, während ich vorausziehen mußte, um Theater zu ſpielen und Geld zu verdienen. Damals gelangen mir,“ fuhr der Mann fort,„alle nachdenkenden finſteren Charaktere wie ſonſt nie; denn ich dachte an das Kind, wenn ich mich anzog, und das gab meinem Geſichte ein betrübtes Ausſehen, und wenn ich vor dem Publikum ſtand und ſpielte, dann dachte ich immer wieder nur an das kranke Kind, und dadurch klang meine Stimme dumpf und kläglich.— Doch das iſt hinter uns, wie ſo Vieles— von was Anderem denn! Erzählen Sie mir lieber Ihre Geſchichte von da⸗ 236 3 Achtunddreißigſtes Kapitel. mals.“ Der Mann fuhr mit der Hand über das Geſicht und ſah die Wirthin mit einem erzwungenen Lächeln an. „Laßt das gut ſein!“ entgegnete Frau Roſel wieder hinten nach ſolche Späſſe. Ihr Schauſpieler ſeid ein eigenes Volk: jetzt heiter, jetzt traurig, jetzt lachen, jetzt weinen, wie es gerade kommt und wie man die Hand umdreht.“ „Ganz richtig!“ ſagte der Schauſpieldi genes, aber freundliches Läch ; nnicht gleich rektor, und ſein erzwun⸗ eln von vorhin verwandelte ſich in ein natürliches, aber düſteres, und er ſetzte mit bitterem Spotte bei: „Ganz recht, dafür werden wir ja bezahlt.“ „Sie haben mir ja noch gar nicht einmal Wirthin mit heiterem Tone fort,, blieben iſt, wie damals.“ „Faſt dieſelbe,“ Kopfe nickte. „Die Frau habe ich geſehen,“ recht gut aus, wie damals; die Schwägerin iſt ein Bischen älter geworden und der luſtige Trommler war auch dabei. Aber die Anderen mit dem zweiten Wagen kamen mir zu ſpät; ich war ſchon im Bette. Sind die noch alle da, wie früher?“ „Faſt Alle,“ antwortete der Direktor. „Ihr Bruder?“ „Befindet ſich wohl.“ „Und Ihr dicker Vetter, der die alten Väter ſpielte, glaub' ich, er hat auch bei uns einmal den Rummelpuff gegeben in der falſchen Catalani; ich habe damals unſäglich gelacht; was er für Einfälle hatte, das war zum Sterben!“ „Ja, es war allerdings zum Sterben,“ ieldirektor;„er iſt auch daran eſtorben, p 9 geſagt,“ fuhr die „ob Ihre Geſellſchaft dieſelbe ge⸗ entgegnete der Direktor, indem er mit dem ſagte die Wirthin,„die ſieht ſagte ernſt der Schau⸗ der arme Teufel!“ „Und woran „Wer iſt geſtorben?“ fragte entſetzt die Wirthin. iſt er geſtorben?“ 4 „An ſeinen Späſſen,“ entgegnete achſelzuckend der Direktor. Das Wirthshaus zur wilden Roſe. 237 „Als wir einmal irgendwo waren, wo die wahre Kunſt gar nicht ziehen wollte und wo wir uns auf allerlei Gaukeleien und Hans⸗ wurſtiaden verlegen mußten, da machte er ein verfluchtes Kunſtſtück nach, das ſie jetzt in den großen Städten ſehen laſſen: er ſpazierte nämlich auf einer Kugel, die ſich unter ſeinen Füßen drehte, ein ſchief gelegtes Brett auf und ab, und dabei fiel er eines Tages hin— ich hatte ihn oft genug gewarnt— und verletzte ſich ſo. daß er daran ſtarb.“ „Das iſt aber ganz ſchauderhaft!“ meinte die Wirthin. „Ja wohl,“ entgegnete anſcheinend ruhig der Direktor,„wie ſo Manches in der Welt.“ „Apropos!“ fragte die Wirthin nach einem augenblicklichen Stillſchweigen weiter,„was macht denn Herr Holder, der große Schauſpieler mit der ſchönen Stimme?“ Der Direktor zuckte die Achſeln und zog die Stirn in Falten. Darauf ſchaute er ſich um, ob ihn von den Mägden Niemand be⸗ lauſche, und ſagte:„Das iſt eine ganz eigenthümliche Geſchichte, Frau Roſel. Er iſt freilich noch bei mir, kam geſtern mit dem zweiten Wagen, iſt, wenn er guten Willen und keine böſe Laune hat, heute noch ein Künſtler, deſſen ſich keine Hofbühne zu ſchämen brauchte; aber hier— damit zeigte er auf die Stirn— wird es immer ſchlimmer.“ „Das erſchreckt mich,“ ſagte die Frau;„er thut einem doch am Ende nichts zu Leide?“ „O, unbeſorgt!“ entgegnete der Schauſpieldirektor;„er iſt im gewöhnlichen Leben wie ein Kind; ja, wie ein kleines Kind,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„und nur Abends, wenn er vor den Lampen ſteht, da zeigen ſich oftmals Spuren des zerſtörten Denkvermögens. Das fängt ſo an, daß er in dieſen Fällen ſeine Rolle plötzlich ganz und gar vergißt. Zuweilen hilft er ſich nun durch ein höchſt geiſt⸗ reiches Extemporiren; aber wenn er dazu nicht im Stande iſt, ſeine Gedanken zu ſammeln, und er die traurige Schwäche ſeines Kopfes 238 Achtunddreißigſtes Kapitel. fühlt und begreift, ſo geräth er oft in eine unbeſchreibliche Wuth, und es muß nicht ſelten vor ihm und ſeinem Schwerte Alles von der Bühne flüchten. Ja, es geſchah mir einmal, daß er ins Or⸗ cheſter hinunter ſprang und anfing, einen armen Klarinettiſten zu prügeln, von dem er behauptete, er ſchneide ihm abſichtlich die fürchterlichſten Geſichter, und jener arme Teufel ſchnitt doch nur die Geſichter deßhalb, weil er es ſich beim Blaſen ſo angewöhnt hatte.“ „Und gibt es Niemanden, der in ſolchen Augenblicken eine Kraft auf ihn ausübt, der ihn von ſo lächerlichen Streichen abzu⸗ halten vermag?“ fragte die Wirthin. „Es gab Jemanden,“ entgegnete düſter der Direktor,„und das war das kleine Kind, das uns geſtorben iſt. Dieſes liebte er über Alles; er war ihm mit einer rührenden Anhänglichkeit zugethan, und die Spielereien des kleinen Weſens wirkten beruhigend auf ſeinen Gemüthszuſtand. Wenn er ſpielte, mußte das Kind auf ſeinem Stühlchen hinter der Couliſſe ſitzen, und wenn dies geſchah, ſo hatten wir niemals den Ausbruch ſeines ſchlechten Humors, wie er ſeinen Zuſtand ſelbſt zu benennen pflegte, zu befürchten. Er blieb alsdann meiſtens ruhig, und wenn er ſich je einmal erhitzte oder aufgeregt wurde, ſo begnügte er ſich mit einigen Extempora⸗ tionen, welche das Publikum nicht verſtand, die aber auch nicht weiter ſtörten.“ „Jetzt haben Sie aber auf einmal drei neue Leute engagirt, die geſtern zuerſt mit Ihnen kamen?“ „Mit denen hat es, glaube ich, eine eigene Bewandtniß,“ ſprach pfiffig lächelnd der Direktor.„Unter uns geſagt, glaube ich nicht, daß ſie ſchon viel auf den Brettern gearbeitet; jedenfalls ſind es Leute, die in guten Verhältniſſen waren.“ „Und die noch in keinen ſchlechten ſind,“ entgegnete Frau Roſel leiſe und wandte ihr Geſicht dem Schauſpieldirektor zu. „Der Eine von ihnen, der kleine Dicke, ließ ſich heute Morgen er⸗ kundigen, was die Zimmermiethe und das Frühſtück für die Woche e Das Wirthshaus zur wilden Roſe. 239 ausmache, und nachdem man es ihm geſagt, zahlte er für vierzehn Tage voraus.“ „Das iſt mir nicht unlieb,“ meinte der Direktor;„ſie werden alsdann keine großen Anſprüche an mich machen, und ihre Stellen 4 füllen ſie doch ſo gut als möglich aus.“ „Werden Sie uns ſchöne Stücke geben?“ fragte die Wirthin. „Ach, da ſind ein paar, die möchten wir gar zu gern noch einmal ſehen!“ 4 „Sie wiſſen, Frau Roſel,“ ſagte der Direktor lächelnd,„daß ich Sie immer zu Rathe zog, wenn ich mein Repertoire entwarf, und das ſoll auch dieſes Mal geſchehen, wenn Sie alsdann billige Wünſche haben.“ 3 „Gewiß ſehr billige,“ antwortete Frau Roſel.„Da iſt mein Leibſtück, die Räuber auf Maria⸗Culm; dann der Hans Sachs; den habe ich neulich in der Stadt geſehen. Ich bin überzeugt, wenn Sie den Hans Sachs ſpielen, ſo geht ſogar der Herr Pfarrer ins Theater; denn das iſt doch gewiſſer Maßen ein chriſtliches Stück; und wenn wir den Herrn Pfarrer nur einmal dazu bewegen können, ſo hat's durchaus keine Schwierigkeiten mit den ſchwarzen Kirchenmänteln und den beiden alten Ritterſchwertern, die ſich in der Sakriſtei befinden; es ſind ſogar drei neue dazu gekommen.“ „Was, Ritterſchwerter?“ ſagte der Direktor mit zufriedener Miene; denn in dem Artikel war er ſehr ſchwach verſehen. „Gott bewahre!“ entgegnete die Frau;„Kirchenmäntel. Ich habe ſelbſt einen geſtiftet; er iſt dunkelbraun, faſt wie ſchwarz, die anderen aber ſind ganz ſchwarz.“ „Ah ſo! das iſt nicht ſo übel.“ „Dann noch Eins,“ fuhr die Wirthin fort, welche eine große Freundin der Kunſt war und den Direktor von jeher auf jede Weiſe und beſtmöglich unterſtützt hatte;„da haben ſie auch hier ein Feuerlöſcheorps eingerichtet; es ſind ihrer Zwanzig, und die haben ſich lederne Helme machen laſſen mit kupfernen Knöpfen dar⸗ — ꝗ ͦ—— ¹ 8 5 auf. Ich kenne den Vorſtand ſehr genau, Sie müſſen ſich ſeiner auch noch erinnern: der junge Striegel, der Sohn des verſtorbenen Steueraufſehers; er hat ſich lang in der Fremde herum getrieben; man ſagt ſogar, er ſei bei einer Seiltänzerbande geweſen, und ich glaube ſchon, daß was Wahres daran iſt; denn klettern kann Ihnen der wie eine Katze, und Sprünge machen wie ein Eichhorn; deß⸗ halb haben ſie ihn auch zum Vorſtand der Feuerlöſchgeſchichte ge⸗ wählt. Eine ſehr nützliche Anſtalt; denn wo es nur in einem Kamin unrecht zu dampfen anfängt, da ſind ſie gleich bei der Hand und ſpritzen einem das ganze Haus voll Waſſer. Freilich wird da⸗ durch Manches ruinirt; aber es iſt doch beſſer, wenn es von Waſſer verdorben wird, als wenn es ſo unnützer Weiſe verbrennt.“ „Und was die Helme anbelangt,“ unterbrach der Direktor den Redefluß der Frau. „Die werden wir bekommen. An Helmen hat's Ihnen doch immer gemangelt. Das wird gar nicht fehlen, daß wir ſie bekom⸗ men. Dafür geben Sie ihnen ein Freibillet oder laſſen ſie einmal mitſpielen, ſo als Wilde, als Rathsherren oder als Räuber; daran iſt doch immer Mangel.“ „Ich könnte ſie auch mit ihrer Feuerſpritze einmal benutzen,“ ſagte der Schauſpieldirektor nachdenklich,„da gibt es ein vortreff⸗ liches Stück:„Steffen Langer aus Glogau,“ darin kommt eine ganze Brandſpritze vor mit ſämmtlicher Bedienung, was überall einen wunderbaren Effekt gemacht. An allen, Orten, wo ich etwas Sinn für die Kunſt vorfand, war man von dieſer Idee ſo frappirt, daß die Brandſpritze, nachdem ſie abgefahren war, ſtürmiſch da capo verlangt wurde, und dazu mußten die Muſikanten im Orcheſter einen Tuſch blaſen.“* MNarie kam wieder in die Küche zurück, und in ihrem ſchelmi⸗ ſchen Geſichte zuckte es immer noch umher, wie ein verloren ge⸗ gangenes Lächeln, das ſich alle Mühe gibt, wieder gefunden zu werden. Mit wahrhaft komiſchem Ernſte ging ſie an den Herd, 5 241 konnte ſich aber nicht enthalten, zu ſagen, ohne jedoch dabei die Mutter anzuſehen:„Jetzt wollen wir aber auch nie mehr von der Geſchichte ſprechen.“ „Du biſt ein gottloſes Kind!“ entgegnete Frau Roſel.„Du wirſt noch einmal ſehen, daß ich über deine Kindereien ernſtlich böſe werde.“ Dabei war aber auf ihrem Geſichte von Zorn keine Spur, und ihre Augen funkelten ſehr vergnüglich, und in ihren Mundwinkeln zuckte es heftig, ſo daß Marie, als ſie zufällig auf⸗ blickte, ein leiſes Gekicher nicht unterdrücken konnte, was auch auf die Mutter ſo anſteckend wirkte, daß ſie plötzlich mit aller Kraft laut hinaus lachte und nachher wahrhaft komiſch ausſah, als ſie ſich vergeblich abmühte, einige ernſte Züge zuſammen zu bringen, um ihre naſeweiſe Tochter würdevoll und ſtrafend anſehen zu können. Auch der Schauſpieldirektor mußte mitlachen, und die Mägde am Herde und Narie lachten jetzt ſo heftig wie möglich, und Frau Roſel am tollſten von Allen, ſo daß es durch das ganze Haus ſchallte und im erſten Stock, wo Eugen und Herr Sidel wohnten, ganz deutlich gehört wurde. „Das iſt ein luſtiges Haus,“ ſagte der Letztere, der eben im Begriffe war, ſeine Morgentoilette zu machen. Eugen lag bereits im Fenſter und rauchte eine Cigarre mit unendlichem Behagen in die friſche Morgenluft hinaus. „ Ich habe die ganze Nacht die beſten Träume gehabt,“ fuhr der luſtige Rath fort,„und das war auch gar nicht anders mög⸗ lich; denn geſtern Abend bin ich unter einem ebenſo herzlichen La⸗ chen eingeſchlafen, wie das, welches wir ſo eben gehört. Das muß hier ein außerordentlich vergnügtes Haus ſein.“ 18 „Ich habe es auch bemerkt,“ verſetzte Eugen,„und mir ſcheint, unſere Wirthin iſt ſo luſtiger Nutur. Nun, das iſt ſchon ange⸗ nehm; ich liebe nichts ſo ſehr, wie fröhliche Geſichter um mich. 4 Hackländers Werke. XI. 3 16 3 Das Wirthshaus zur wilden Rofe. 242 3 Neununddreißigſtes Kapitel. Nun, biſt du bald fertig? Komm einen Augenblick daher ans Fen⸗ ſterz das Thal hier gewährt, namentlich in der Morgenfriſche, einen außerordentlich entzückenden Anblick, und wir haben heute einen wahrhaft prachtvollen Tag.“ „Gleich, gleich!“ ſagte Herr Sidel;„ich muß nur noch meine Halsbinde umnehmen; ich kann mich unmöglich ſo im Negligé ſehen laſſen, das müßte unfehlbar unſerem Anſehen ſchaden.— Aber da bin ich.“ Der luſtige Rath legte ſich nun ebenfalls ins Fenſter und ath⸗ mete mit ſichtlichem Wohlbehagen die friſche, duftige Luft ein, die aus dem Thale aufſtieg und die aus den Wäldern von der andern Seite herüber wehte. Neununddreißigſtes Kapitel. Ausſichten vom Fenſter, und in Folge derſelben bedeutendes und anhaltendes Herzklopfen des Herrn Sidel. Das Wirthshaus befand ſich, wie wir bereits erwähnt, am Ende des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe, von der man die Häu⸗— ſer deſſelben vollkommen überſah. Da lagen die Dächer in ihren verſchiedenen Formen vor ihnen 6 mit ihren hohen und niedern Giebeln, mit Schiefer, Ziegeln und Stroh bedeckt, in den verſchiedenen Farben dieſes Materials ſelbſt und in den verſchiedenen Nuancen derſelben, wie Regen, Schnee — und Sonnenſchein ſie hervorgebracht. Auch Verzietungen aller Art unterbrachen die einförmige Anſicht dieſer Häuſerbedeckungen. Hier ſah man auf dunklem Schiefergrund ein rothes Kreuz oder den 5 3 8 Bedeutendes Herzklopfen des Herrn Sidel. 243 Namenszug und eine Jahreszahl; dort auf dem Ziegeldach etwas Aehnliches von ſchwarzer Farbe. Die Strohdächer hatten eine noch freundlichere und natürlichere Verzierung, nämlich hellgrüne und faſt ſchwarze Mooſe und Flechten, die darüber hinuntergewachſen waren und ſie wirklich ſehr ſchön färbten. Auch wuchſen auf dieſen Strohdächern hie und da kleine Geſträuche luſtig in die Höhe. Dieſe waren wohl aus einem Samenkorn entſtanden, das ein Vogel dort im Vorbeifliegen, unabſichtlich oder abſichtlich, fallen ließ. Man konnte wohl das Letztere annehmen; denn einer der Nachkommen jenes alten Vogels hüpfte jetzt mit vielem Wohlbehagen durch die zarten, ſchlanken Zweige und ſang vergnügt ſein Morgenlied. Zwiſchen dieſen verſchiedenen Dächern hervor ragte der Kirchthurm aus grauem Stein, mit einem langen und ſpitzen Schieferdach. Oben auf der Spitze ſtand ein vergoldeter Hahn, der in der Mor⸗ genſonne funkelte und ſtrablte und ſtolz dem Südoſtwinde entgegen ſah, welcher das glänzende, warme Herbſtwetter gebracht. In den Gaſſen des Dorfes herrſchte eine unendliche Ruhe und Stille; nur zuweilen hörte man das Brüllen einer Kuh, die im Stalle gehalten wurde, oder das Krähen eines Hahnes, häufiger aber das Schnattern von Gänſen und Enten, die auf das Feld hinaus zogen, dem kleinen Bache nach, wo ſie ſich badeten, ſiſchten und luſtig umherplätſcherten. Auch hie und da bellte ein Hund; aber wie Alles hier heute Morgen den Anſtrich des Friſchen und Luſti⸗ gen hatte, ſo auch dieſes Hundegebell. Es war nicht der Ton der Wachſamkeit und dabei des Ingrimms gegen vermeintliche Räuber, wie man in der Nacht wohl auf Dörfern zu hören pflegt; nein, es war ein luſtiges Hundegebell, und wer ſich auf dieſe Unterſcheidun⸗ gen verſtand, der mußte deutlich wahrnehmen, wie jene Toͤne pon einem kleinen vergnügten Spitz oder Rattenfänger ausgingen, dem es geſtattet wurde, mit dem Wagen auf's Feld hinaus zu ziehen, und der nun luſtig und ſchreiend vor den Pferden daher ſprang. „Jetzt wäre es in der Stadt noch lange nicht Tag,“ unterbrach Neununddreißigſtes Kapitel. der Herr Sidel das Stillſchweigen, das einige Minuten geherrſcht, „jeßt ſchwebt ein ſchrecklicher Dunſt über den Straßen und Häuſern, und deßhalb begreife ich auch vollkommen, weßhalb die Sonne dort gegen hier oft ſo verdrießlich ſcheint und weßhalb es bei uns in den Straßen gleich ſo unangenehm heiß wird, während hier die Luft ſo lange kühl und erquickend bleibt. Die arme Sonne im Kampf mit dem ſchlechten Geſindel, dem Dampf und Rauch, plagt und er⸗ müdet ſich, indem ſie daſſelbe verjagt und niederdrückt, und dabei erhitzt ſie ſich begreiflicher Weiſe und brennt alsdann unbarmherzig herab, wenn ſie nun endlich Siegerin geworden iſt.— Jetzt öffnen ſich nach und nach langſam die Fenſter in den Häuſern der Stadt, und verdrießliche Geſichter ſchauen heraus und denken an die Lange⸗ weile, die ſie den ganzen lieben Tag über auszuſtehen haben.“ „Auch wir haben es nicht beſſer gemacht,“ meinte Eugen,„als wir noch in der Stadt waren.“ „Aber jetzt fühlen wir doch ganz anders,“ entgegnete der luſtige Rath;„ich wenigſtens und du theilweiſe auch, obgleich ein guter Theil deines Weſens— deine Gedanken nämlich— noch in der Stadt zurückgeblieben ſind.“ „Das läugne ich gar nicht,“ ſagte Eugen;„es iſt mir das im Leben leider ſchon oft vorgekommen, und ich halte es für ein großes Unglück. Eine Sache, die ich beſitze, der ich nahe bin, wird mir leicht gleichgültig, verliert wenigſtens an Intereſſe für mich; aber ſowie ich mich von ihr entferne, wird ſie mir wieder theuer, und dieſes Gefühl wächst mit der Größe der Entfernung.“ „Das iſt aber für deine zukünftige Frau eine ſehr ſchlechte Ausſicht,“ meinte lachend der luſtige Rath.„Oder gilt deine Be⸗ merkung von ſo eben nicht derartigen Gefühlen?“ „Leider wohl auch!“ entgegnete Eugen.„Aber du mußt mich recht verſtehen: in dem Falle braucht es keine Entfernung von Ta⸗ gen und Meilen, da zieht es mich ſchon wieder mächtig zurück, wenn ich erſt eine halbe Straße durchwandert, und ſchon nach einigen Bedeutendes Herzklopfen des Herrn Sidel. 245 Minuten möͤchte ich wieder umkehren, wenn ich ſie ehen erſt nicht ungern verlaſſen hatte.“—— „Ja, ja, du biſt ein merkwürdiger Heiliger!“ ſprach lachend Herr Sidel;„ſo einer iſt noch nicht dageweſen. Und das Traurige an der Sache iſt, daß du mich zum ſchlechten Kerl und Dieb ge⸗ macht haſt; denn das Geld, das ich für deine Erziehung erhalten, muß ich leider als unverdient, als— geſtohlen betrachten.“ „Da ſprichſt du ein wahres Wort,“ ſagte Eugen,„und ich freue mich nur, daß du ſelbſt ſo viel Einſicht haſt, dies zu be⸗ greifen.“ „Aber wenn deine Sehnſucht ſo gewaltig mit der Entfernung wächst,“ fuhr der luſtige Rath fort, nachdem er ſich für das Kompliment bedankt,„ſo wirſt du's leider Gottes bald hier nicht mehr aushalten können und nach der Stadt zurück verlangen, und damit wäre unſere ganze Kunſtreiſe beendigt.“ „Ein Ende muß ſie jedenfalls einmal nehmen,“ ſagte lächelnd Eugen. „Ehe ſie noch angefangen hat?“ „Das nicht; ich weiß, daß ich nicht zurückkehren kann, und ſo ſehr ich auch danach verlange, die Verhältniſſe, an welche mein Herz denkt, und die ich in einiger Konfuſion zurückgelaſſen, beſt⸗ möglich zu ordnen, ſo iſt es doch ſchon recht, daß ich einige Zeit hier zurückgehalten werde.— Wird nicht meine Freude deſto größer ſein, wenn wir uns auf den Heimweg begeben?“ „Ach ja,“ ſagte Herr Sidel ironiſch lächelnd. „Und wenn ich die Stadt wieder ſehe, wo ſie wohnt?“ „Ach ja!“ „Und Madame Schoppelmann mich in die Arme ſchließt?“ „Verſteht ſich!— Und Herr Fritz und Herr Konrad dir die Hände ſchütteln.“ 5 „Ganz recht!“ ſagte lachend Eugen.„Das wird ſich Alles ſo begeben, wie du ſo eben prophetiſch vorausgeſagt, und du wirſt im Bunde der Sechste ſein; ich werde dann ein großes Haus einrichten, und dir wird dann die ehrenvolle Aufgabe, die Herren Fritz und Konrad Schoppelmann beſtens zu erziehen.“ * 246 Neununddreißigſtes Kapitel. „Das kannſt du nicht von mir verlangen,“ entgegnete der luſtige Rath mit komiſchem Ernſte;„denn wie du weißt, habe ich zur Erziehung gar kein Talent. Aber jetzt wäre es beſſer,“ fuhr er mit anderem Tone fort,„wenn wir uns nach unſerem Frühſtück umſähen. Es riecht aus der Küche ungeheuer appetitlich herauf nach friſch gemahlenem Kaffee und neugebackenem Brod.— He! du Kleine!“. Dieſer Ausruf galt Marien, der Wirthstochter, welche im Begriffe war, ſich auf die Terraſſe neben dem Hauſe zu begeben. Das junge Mädchen ſah augenblicklich in die Höhe. „Die iſt faſt zu hübſch,“ ſagte Herr Sidel zu Eugen,„als daß ich ſo vom Fenſter herab mit ihr ſprechen dürfte.“ „Thu es immerhin!“ entgegnete dieſer;„denn ich halte es noch für viel unpaſſender, ſie ſo lange warten zu laſſen, bis du dich mit deiner dicken Figur hinabgewälzt haſt.“ Dieſem Rathe folgend, ſprach alſo Herr Sidel zum Fenſter hinab; doch verwandelte er das vertrauliche„Du“ in ein reſpekt⸗ volles„Sie.“ „Würden Sie nicht die Güte haben,“ ſagte er demgemäß, „uns freundlichſt für ein Frühſtück beſorgt ſein zu wollen? Kaffee, Butter und Brod.“ „Für zwei Herren?⸗ rief das Mädchen herauf. „Natürlich, für Zwei!“ „Und der Herr Hannibal?“ ſagte lächelnd das Mädchen. „Nichtig!“ antwortete der luſtige Rath, jetzt Herr Müller genannt,„Herrn Hannibal hätten wir beinahe vergeſſen.“ „ Dieſer Künſtler,“ nahm Eugen das Wort,„wird für ſich allein frühſtücken; aber wenn es Ihnen keine große Mühe machte, mein liebes Kind, ſo würde ich Sie bitten, unſeren Kaffee auf die Terraſſe bringen zu laſſen; es muß ſich da vortrefflich frühſtücken laſſen.“ 3 „Recht gern!“ rief das Mädchen, und ſprang ins Haus zurück. „Betrachte doch einmal dieſe Kirche,“ ſagte Eugen nach einer Pauſe,„ſieh den viereckigen Thurm, überhaupt die zierliche, hübſche Bauart des Ganzen an und betrachte dir dort an dem Chor jene 4 Bedeutendes Herzklopfen des Herrn Sidel. 247 hohe Mauer, die ſich eine Strecke weit den Berg hinauf fortſetzt. Dort endigt ſie mit dem kleinen runden Thurm, um höher hinauf, aber zerbrochen, wieder anzufangen. Die Kirche iſt wahrſchein⸗ licher Weiſe zu gleicher Zeit mit dem älteren Theile des Schloſſes da oben entſtanden und war mit ihm verbunden.“ 3 „Das heißt,“ entgegnete Herr Sidel,„jene Mauer, die wahr⸗ ſcheinlich um das Ganze dort herumlief, ſetzte das Letztere mit dem Kaſtell da droben in Verbindung und war eine Art leichter Schutz⸗ wehr gegen räuberiſchen Ueberfall, damit die von dort oben Zeit hatten, ihren Vaſallen zu Hülfe zu kommen.“ „So magss ſein,“ entgegnete Eugen, indem ſeine Augen dem Laufe der Mauer folgten und endlich auf dem Schloſſe ſelbſt ruhen blieben. Dieſes lag ernſt, gewaltig und in gegenwärtigem Augenblicke, wo die Sonne hinter ihm aufſtieg, dunkel, ja finſter vor ihren Blicken. Die vordere Seite deſſelben befand ſich in tiefem Schat⸗ ten, und ſeine Zinnen, die hohen ſpitzen Thürme und Dächer zeichneten ſich in ſchwarzen Maſſen an dem hellen Morgenhimmel ab. Durch eine Schlucht, welche die Felswand drüben bis tief hinab zerriß, drang der glänzende Strahl der Sonne in das Thal und übergoß es mit einem Meer von Licht und Glanz. „Wenn ich nicht irre,“ ſprach Eugen nach einer längeten Pauſe, während welcher er ernſt und nachdenkend das Schloß drüben betrachtet,„ſo ſind wir um acht Uhr zum Dienſt kommandirt.“ „Ganz richtig!“ entgegnete der luſtige Rath;„auf der Tages⸗ ordnung ſteht: Aufſchlagen des Theaters im großen Wirthshaus⸗ ſaal unter Beihülfe der ganzen Geſellſchaft.“ „Und da müſſen wir auch dabei ſein?“ fragte Eugen. „Verſteht ſich von ſelbſt, und es iſt für uns von großem Intereſſe, unſer Lokal genau kennen zu lernen.“ .„Nun gut, das kann ſich vielleicht bis gegen Mittag hinzie⸗ hen; dann aber, das heißt nach dem Mittageſſen, wollen wir gleich einen Gang dort hinauf nach dem Schloſſe machen. Es intereſ⸗ ſirt mich außerordentlich, daſſelbe näher zu betrachten; ich liebe dieſe alten Gebäude.“ Neununddreißigſtes Kapitel. „Mit dieſem Vorſchlag bin ich ſehr einverſtanden,“ ſagte der luſtige Rath.„Aber jetzt laß uns hinabgehen; dort kommt un⸗ ſere freundliche Hebe. Siehſt du, ſie winkt uns. Der vortreff⸗ liche Trommler würde ſagen: Auf, nach Valencia!“ Somit ſtiegen ſie die Treppen hinab, und als ſie an der Küche vorbei kamen, warfen ſie einen Blick hinein und ſahen, wie die vier kleinen Kinder des Direktors an einem Tiſche ſaßen und ihre Morgenſuppe verzehrten. Jedes hatte eine kleine Schüſſel vor ſich und arbeitete mit einem zinnernen Löffel wacker darin herum; hinter ihnen aber ſtand der vorhin erwähnte vortreffliche Herr Trommler und hatte ebenfalls einen Löffel in der Hand, aber offenbar keine Schüſſel zu ſeiner Verfügung; denn er ſpeiste ab⸗ wechſelnd mit den Kindern, welche ſich hiedurch außerordentlich beluſtigten und dieſes ganze Geſchäft wie einen großen Spaß zu betreiben ſchienen; denn bald rief das Eine, bald das Andere: „Jetzt mußt du aber auch mit mir eſſen, Trommler! Du willſt ja heute Morgen gar nichts von mir. Mit den Andern,“ ſagte ein kleiner, friſch ausſehender Junge, der zweitälteſte Sprößling des Direktors, „haſt du ſchon vier Mal gegeſſen, und mit mir noch gar nicht.“ „Das iſt in der That wahr,“ ſagte lächelnd der arme Künſt⸗ ler und folgte augenblicklich dem Verlangen, das man an ihn ge⸗ ſtellt. Es war ganz merkwürdig; obgleich auch er dieſe Geſchichte als einen großen und köſtlichen Spaß anzuſehen ſchien und dem⸗ gemäß mit einer freundlichen Herablaſſung mit den Kindern ſpielte, während er ihre Suppe verſuchte(ungefähr gerade ſo, wie es ein hoher militäriſcher Beamter in der Kommißküche zu machen pflegt), ſo nahm er doch ſeine Löffel recht voll und aß auch jedes Mal ein tüchtiges Stück Brod dazu, und dann lachten alle Kinder und Herr Trommler mit. 1 „Sieh da,“ ſagte Herr Sidel lachend,„das iſt ja unſer freundlicher College und, wie mir ſcheint, in der Rolle als Kinder⸗ freund.— Wir ſollten ihn zu unſerem Frühſtück einladen,“ ſagte er leiſe zu Eugen;„der arme Menſch ſcheint mit der Spielerei dort einen ernſten Zweck zu verbinden; dieſe Suppe wird wohl das Einzige ſein, was er für den Morgen zu erſchwingen vermag.“ 3 Bedeutendes Herzklopfen des Herrn Sidel. 249 3 3 „Verſteht ſich,“ verſetzte Eugen, und während er unter die Küchenthüre trat, lud er Herrn Trommler freundlichſt ein, mit auf die Terraſſe hinaus zu kommen und ihnen das Baigwügen zu ma⸗ chen, dort mit ihnen zu frühſtücken.* „Meinetwegen!“ ſagte der Künſtler nach einem augenblicklichen Nachdenken;„ich hatte freilich ſchon meinen Kaffee auf das Zim⸗ mer beſtellt; aber im Freien genießt ſich ſo etwas außerordentlich delicibs. Und dann die Geſellſchaft, hel Lords! Ich möchte um Alles in der Welt von Ihnen nicht für unhöflich gehalten werden.“ „So kommen Sie denn,“ erwiderte Herr Sidel; worauf der wackere Künſtler ſeinen Löffel niederlegte und die Drei mit ein⸗ ander vor das Haus gingen.— Dort auf der Terraſſe hatte Marie Alles aufs Freundlichſte hergerichtet, und das Lieblichſte in ihrem ganzen Arrangement war ſie ſelbſt, wie ſie ſo freundlich lächelnd daneben ſtand, nur um zu ſehen, ob ſie auch nichts vergeſſen. Herr Sidel behauptete ſpäter, er habe bei dieſem Anblicke zum erſten Mal einen Stich in ſein ſchulmeiſterliches Herz gefühlt, und habe zum erſten Mal die volle Schönheit des jungen Mädchens empfunden. Auch Eugen blieb einen Augenblick befremdet und nachdenklich vor der liebreichen Erſcheinung ſtehen, vor dem jun⸗ gen, ſchönen Mädchen, das ſie mit den großen, glänzenden Augen ſo freundlich anſah.— Ja, ſie hatte etwas von Katharina; es war eine Aehnlichkeit zwiſchen den beiden Mädchen; nur war das Ge⸗ ſicht Katharinens edler, untadelhaft in ſeiner Schönheit, die Figur voll, ja majeſtätiſch— eine ſtolze, vollblühende Roſe, wogegen die Geſtalt Mariens in ihrer Leichtigkeit und Biegſamkeit, in ihrer ewigen Heiterkeit und guten Laune mit einem neckiſchen Schmetter⸗ ling zu vergleichen war. Eugen reichte ihr die Hand zum Gruß dar, worauf ſie mit der ihrigen laut lachend und derb einſchlug und alsdann in großen Sprüngen über die Terraſſe hinab ins Haus eilte. Lächelnd ſchaute ihr Eugen einen Augenblick nach und ver⸗ deckte dann die Augen mit der Hand, um mit dem Dunkel, das 250 Neununddreißigſtes Kapitel. da durch entſtand, ein anderes liebes Bild vor ſich erſcheinen zu laſſen. Der luſtige Nath, welcher dieſe Bewegung wohl verſtand und ſich vielleicht ein klein wenig ärgerte, nicht auch einen Handſchlag erhalten zu haben, ſagte mit einem ironiſchen Lächeln zu Eugen: „Nich däucht, Daß ſie dem guten Gretchen gleicht.“ worauf Eugen nichts erwiderte, ſondern ſich gedankenvoll an dem Tiſche niederließ. Die beiden Anderen folgten ſeinem Be blick darauf klapperten die Taſſen, und es dauerte noch einige gute Minuten, ehe einer Zeit fand, ein Wort zu ſprechen. Die Terraſſe war ein allerliebſter Aufenthalt. An ihrer Fuß⸗ mauer wuchſen drei, vier Linden, die im Laufe der Zeit ſtarke Stämme geworden waren und deren weitverzweigte Aeſte das trau⸗ liche Plätzchen dicht überſchatteten. An dem Geländer der Terraſſe ſelbſt hatte man Schlingroſen gepflanzt, die es den großen Bäu⸗ men hatten gleich thun wollen und ebenfalls luſtig in die Höhe gewachſen waren. Ihre zarten Nanken hatten ſich um die Aeſte der Linde geſchlungen, und nachdem ſo jeder Baum mit einem Ro⸗ ſennetz umſponnen war, wuchſen dieſelben immer weiter hinaus und flatterten in loſen Zweigen herab. Hier half nun der Wind oder die Menſchenhand nach und verband die loſen Zweige unter ein⸗ ander oder mit dem nächſtſtehenden Baume, und ſo bildeten ſie nach und nach eine dichte Decke von Roſen und Lindenlaub. Herr Trommler hatte ſich das Frühſtück außerordentlich ſchmecken laſſen, und wie dankbar nahm er eine der guten Cigarren Eugen’s und ließ den blauen Dampf mit unendlichem Wohlbehagen in die klare Morgenluft hinauf ſteigen! Obgleich ein ſtarker Raucher, hatte er doch begreiflicher Weiſe ſo etwas Gutes lauge nicht ge⸗ raucht, und ſo ſaß denn der würdige Künſtler, die Augen halb geſchloſſen, den feinen Dampf in ſich ziehend, und hob nur zuwei⸗ len den Blick etwas in die Höhe nach dem alten Schloſſe zu, hin⸗ ter dem jetzt die Sonne in aller Pracht aufzuſteigen begann. „Vor der Hitze ſind wir hier geſchützt,“ ſagte Herr Trommler iſpiele, und einen Augen⸗ Bedeutendes Herzklopfen des Herrn Sidel. 251 nach einer längeren Pauſe, indem er vergnügt um ſich blinzelte und den zitternden leuchtenden Punkten zuſah, welche hie und da auf den Steinen der Terraſſe ſichtbar wurden,— einzelne Sonnen⸗ blicke, die in die Laube drangen, wo ſich hie und da durch den leichten Luftzug in der Roſendecke ein Blatt verſchob; draußen aber glänzte und funkelte das Licht des mächtigen, allgewaltigen Geſtir⸗ nes in aller Pracht und Herrlichkeit und ſeine Macht empfand die Straße, welche durch die Felder lief und jetzt ſchon bei jedem Fuß⸗ tritte dicke Staubwolken aufſteigen ließ; noch mehr aber die Pferde vor dem hochbeladenen Wagen, welche die Köpfe hangen ließen und mit dem Schweife wedelten, um zahlloſe Fliegen von ſich ab⸗ zuhalten. „Sie ſind, wie ich geſtern erfuhr, zum erſten Mal in dieſer Gegend,“ ſagte Herr Trommter zu Eugen;„nicht wahr, ſie iſt ſchön? Man könnte ſich leicht entſchließen, hier ſein ganzes Leben zu verbringen.— Sie haben doch gute Zimmer erhalten? Man wohnt bei Frau Roſel ganz ordentlich und hat gute Betten— namentlich in den unteren Stockwerken,“ ſetzte er mit einem Lächeln hinzu;„ich wohne etwas höher, weil ich die weiteſte Ausſicht vor⸗ ziehe.“ „Wir können nicht klagen,“ ſagte Eugen;„ich wenigſtens bin vollkommen zufrieden, und du,“ wandte er ſich an den Herrn Si⸗ del,„wirſt es wohl auch ſein; denn, wenn man von lauter Lachen und Luſtigkeit träumt, ſo muß man gut geſchlafen haben.“ „Das habe ich auch,“ erwiderte der luſtige Rath.„Mit mei⸗ nen Träumen kann ich dir leider nicht aufwarten; denn die habe ich vergeſſen; aber ſie waren ſchön, luſtig und heiter, weßhalb ich zufrieden bin; denn man ſagt, es komme viel darauf an, was man in der erſten Nacht, wo man ſich an einem neuen Aufenthaltsorte befindet, für Träume habe, das ſei prophetiſch für dieſen ganzen Aufenthalt ſelbſt.“ „Das glaube ich auch,“ meinte Herr Trommler,„und wenn mein Traum dieſes Mal eintrifft, ſo müſſen wir hier eine unerhörte Einnahme machen. Ich hatte nämlich dieſe Nacht ein ſeltſames Geſicht: mir war, als ſäße ich neben der Prinzipalin an der 2 252 Neununddreißigſtes Kapitel. Kaſſe, und obgleich wir gar Niemanden ſahen, um Billete zu löſen, ſo füllte ſich doch die Kaſſe auf eine wahr⸗ haft erſchrecklich geſchwinde Art. Vom Boden herauf ſtieg es em⸗ por, eine wahre Fluth von Münzen, Silber und auch Gold dar⸗ unter, und ſtieg immer höher, ſo daß wir zuletzt ganz erſchrocken, die Prinzipalin und ich, den Deckel zudrückten, damit das Geld. das immer noch höher anſchwoll, nicht herausrolle und auf dem Boden herumſpaziere. Wir verſchloſſen auch glücklich den Kaſten; doch als das geſchehen war, ſchien das Geld in demſelben rebelliſch zu werden, und oben aus der Spalte heraus ſprang ein Geldſtück um das andere, und merkwürdiger Weiſe ſämmtlich in meine Taſche. Da ſagte die Prinzipalin: behalten Sie es, guter Trommler, es ſoll Ihnen bleiben! und dann erwachte ich, und hatte leider nichts mehr als die Erinnerung an dieſen Traum.“ „Aber der bedeutet unbedingt etwas Gutes,“ ſprach lachend Herr Sidel,„und Sie ſollen ſehen, wir machen hier ganz glän⸗ zende Einnahmen, und Sie erhalten vom Herrn Direktor ein Be⸗ nefiz.“ „Das gebe Gott!“ ſeufzte Herr Trommler; und darauf wandte er ſich als höflicher Mann an Eugen mit der Bitte, ihm nicht vor⸗ enthalten zu wollen, was ihm in vergangener Nacht geträumt. Vierzigſtes Kapitel. Läßt in Träumen ahnen, daß einer Geſchichte, welche der Verfaſſer in einem früheren Kapitel erzählt, vielleicht etwas Wahres zu Grunde liege, und zeigt die Errichtung eines ländlichen Theaters. „In meinen Träumen von heute Nacht,“ nahm Eugen das Wort,„fand ich frühere Erfahrungen beſtätigt, daß man nämlich gewöhnlich darüber träumt, womit man ſich den Abend vorher lebhaft beſchäftigt.“ „Aha!“ ſagte lachend der luſtige Rath,„dann kenne ich ſchon deinen Traum!“ der zu uns kam, — Einrichtung eines ländlichen Theaters. 253 „Dieſes Mal haſt du falſch gerathen. Ich dachte nämlich während. des Einſchlafens an den Namen des Wirthshauſes, in welchem wir uns befinden.“ „An die wilde Roſe!“ rief Herr Trommler. „Natürlich!“ lachte Herr Sidel,„an eine wilde Roſe; das meinte ich ja vorhin auch.“ „Schweig, Spötter!“ ſagte Eugen,„zu dir rede ich gar nicht mehr; du biſt unfähig zu irgend einer poetiſchen Auffaſſung.“ „Nun, die Auffaſſung war doch nicht unpoetiſch!“ „Ich dachte alſo an den Namen des Wirthshauſes,“ fuhr Eugen fort,„und dieſer Name zur wilden Roſe klang mir merk⸗ würdig bekannt. Ich beſann mich hin und herv; ich dachte an meine Reiſen, an all die Gaſthöfe, wo ich ſchon geweſen, und erinnerte mich ſo vieler Namen derſelben, wie nur immer möglich. Umſonſt! Ich konnte mich nicht erinnern, jemals in einem Wirthshauſe deſſelben Namens geweſen zu ſein. Und doch klang die wilde Roſe unter meinen lebhaften Gedanken immerfort hindurch, wie ein be⸗ kannter, angenehmer Ton; und darüber ſchlief ich ein.“ Herr Sidel war bei dieſen Worten ſichtlich in tiefes Nach⸗ denken verſunken; er ſtützte den Kopf auf die Hand, ſah einen Augenblick vor ſich nieder, dann aber hörte er aufmerkſam zu, was Eugen weiter ſagte.. „Darauf träumte mir denn,“ fuühr dieſer fort,„nach allerlei wirrem, unklarem Zeug von einem Abende, den ich mit dir“— bei dieſen Worten wandte er ſich an den luſtigen Rath—„in einer Geſellſchaft verbracht, wo du mich— es iſt iſt noch gar nicht lange her— hingeführt.“ „Ah, von der Leimſudia,“ rief hier Herr Sidel;„jetzt dämmert mir auch ein Gedanke auf.“ „Ganz richtig, von der Leimſudia,“ ſagte Eugen.„Aber wie ich im Traume ſo in die Geſellſchaft hinein kam, verlor ſich mein Gedanke an den Namen dieſes Wirthshauſes wieder; ich ſah aller⸗ lei tolle und wilde Geſchichten, dich unter Anderem als das Ideal eines Leimſieders, und erſt nach und nach klärten ſich meine Träume 254 Vierzigſtes Kapitel. wieder ab. Da erſchien mir Doktor Wellen, unſer Arzt, und indem er mir einen Strauß wilder Roſen überreichte, erwachte ich.“ „Seltſam, ſehr ſeltſam!“ ſagte Herr Sidel.„Jetzt fällt mir auf einmal die ganze Geſchichte ein, und du wirſt dich ebenſo ge⸗ wiß daran erinnern.“ „Freilich thue ich das,“ entgegnete Eugen. „Doktor Wellen erzählte uns von einem Freiwilligen, den er im italieniſchen Feldzuge getroffen, und der in der Schlacht von Novara geblieben. Nicht wahr? Dieſer hatte ihm eine Begebenheit aus ſeinem Leben vertraut, deren Schauplatz nahe einem Wirths⸗ hauſe zur wilden Roſe war.— Iſt's nicht ſo?“ „Ganz recht!“ ſagte Eugen;„ich erinnere mich jetzt genau.“ „Und der Doktor Wellen beſchrieb die Gegend ſo außerordent⸗ lich umſtändlich,“ verſetzte Herr Sidel;„und dieſe Beſchreibung paßt merkwürdig hieher. Ich habe doch nicht gewußt, weßhalb mir das Thal und das Schloß da drüben ſo gar nicht fremd vor⸗ kamen.“ „Mir ging es gerade ſo,“ entgegnete Eugen.„Als wir geſtern Abend den Berg hernieder ſtiegen und nun ſo plötzlich die unregel⸗ mäßigen Gebäude dort oben mit ihren Zinnen und Mauern vor meinem Blicke erſchienen, da war es mir, als kenne ich das alles ſchon, als ſei ich hier ſchon oft geweſen— und gern da geweſen. Das iſt in der That ſonderbar; es war mir gar nicht ſo, als käme ich in eine fremde Gegend; nein, es heimelte mich an, als wäre ich hier zu Hauſe.“ 3 „Das kann ich von mir gerade nicht ſagen,“ meinte Herr Sidel. „Aber ſollte es möglich ſein, daß jene Geſchichte des Doktor Wellen— mit dem Schloſſe und dem Thale zuſammenhängt, daß hier wirklich der Schauplatz dieſer Begebenheit wäre? In dem Falle hielte ich es für höchſt ſeltſam, daß wir gerade hieher gekommen. Siehſt du, Eugen, der Zufall!“ „Und ein glücklicher Zufall,“ ſagte Herr Trommler, indem er die ihm freundlich angebotene zweite Cigarre annahm.„Wie glücklich ſchätze ich mich, daß auch ich eine kleine Schuld an dieſem Zufalle habe! Einrichtung eines ländlichen Theaters. 25⁵ „Da iſt ja unſer würdiger College, der Herr Trommler,“ rief der luſtige Rath;„der muß Ortskenntniſſe genug beſitzen, um uns ſagen zu können, ob da droben das Schloß zu jener Beſchrei⸗ bung des Doktor Wellen paßt.“ „Vom Schloſſe droben weiß ich leider nicht ſehr viel; wir haben freilich ein paar Mal oben geſpielt, aber dann kamen wir kurz vor der Vorſtellung hinauf und gingen gleich nachher wieder herunter. Für mich allein war ich nie droben.“ „Aber Sie werden doch wiſſen,“ fragte Eugen,„ob ſich in der Nähe des Schloſſes eine kleine Kapelle befindet?“ 4 „Das weiß ich nun gerade nicht,“ antwortete der Künſtler. „Leider muß ich bekennen, daß ich in der Umgebung des Schloſſes nur von einem kleinen Wirthshauſe weiß; von einer Kapelle habe ich nie etwas gehört.“ „Wir werden uns irren,“ ſagte Eugen;„es gibt am Ende viele Wirthshäuſer zur wilden Roſe, die in der Nähe von alten Schlöſſern liegen.“ „Was die Wirthshäuſer zur wilden Roſe anbelangt,“ ſprach Herr Trommler,„ſo muß ich Ihrer Meinung widerſprechen. In dieſer Gegend des Landes gibt es nur das einzige dieſes Namens; es iſt keiges mit einem gleichen Schilde auf zehn Stunden in der Runde.“ „Das Beſte wäre,“ meinte Herr Sidel,„wenn wir die Wirthin erſuchten, uns hierüber Auskunft zu geben. Iſt jene Begebenheit hier geſchehen, ſo muß ſie am beſten darüber L S Beſcheid wiſſen.“ „Laſſen wir das,“ ſagte Eugen bittend;„thu mir den Gefallen, lieber Freund, und forſche jetzt nicht weiter darüber nach. Nach Tiſche wollen wir zum Schloſſe hinauf und uns da oben ſelbſt überzeugen, ob jene Kapelle vorhanden iſt oder nicht. Es iſt mir das wie ein intereſſantes, geheimnißpolles Buch; ich will es gern Seite für Seite durchleſen, möchte aber um Alles in der Welt zu Anfang nicht erfahren, was auf der letzten Seite ſteht. Ich bitte dich darum; wir wollen nachher langſam hinaufſteigen und uns droben überraſchen laſſen.“ Herr Trommler war aufgeſtanden und an den Rand der Ter⸗ Vierzigſtes Kapitel. raſſe getreten.„Es iſt Zeit,“ ſagte er dann;„im Augeublicke wird's neun Uhr ſchlagen; wir müſſen in den Saal hinauf und den Prinzipal bei Aufſchlagung des Theaters unterſtützen. Es iſt dies allemal eine Art Feſttag für uns,“ ſetzte er freundlich ſchmunzelnd hinzu;„denn wenn das Geſchäft beendigt iſt, werden wir alle mit einem ſoliden Mittageſſen regalirt.“ „Bravo!“ entgegnete Eugen;„zuerſt die Arbeit, dann das Vergnügen!— Komm alſo, wir wollen ſehen, welche Dienſte wir beim Aufſchlagen des Theaters zu leiſten im Stande ſind.“ Der große Wirthshausſaal des Gaſthofes zur wilden Roſe befand ſich um die Zeit, als ſich unſere Freunde dorthin begaben, in einer höchſt maleriſchen Unordnung. Es war ein ziemlich langes, auch anſtändig breites und hohes Gemach, hatte auf einer Seite ſechs Fenſter, an den ſchmalen Seiten je eine Thüre, und war, was Wände und Decke anbetrifft, einſtens weiß angeſtrichen geweſen. Doch hatte der Duͤnſt der Talgkerzen, ſowie der Staub, den die tanzenden Bauern mit ihren ſchweren Stiefeln aus dem nicht allzu feſt gefügten Fußboden herausklopften, dieſer ehemals weißen Farbe einen etwas trüben, grauen Ueberzug verliehen. Auch hatte man ihn vor nicht langer Zeit zum Trocknen von Hopfen benutzt, und da man zu dieſem Zwecke Fächer anbringen mußte, ſo hatte man dieſe durch in die Wand hineingeſchlagene Blöcke befeſtigt, welche noch auf allen Seiten hervorragten, zum guten Ausſehen des Saales keineswegs beitrugen, wohl aber dem Direktor beim Aufſchlagen des Theaters weſentliche Dienſte leiſteten. Das Beſte und Brauchbarſte an der vorhandenen Einrichtung war der Kronleuchter, den Frau Roſel einſtens in dem benach⸗ barten Städtchen gekauft hatte. Er war zur Aufnahme von acht Oellampen berechnet, und wenn dieſe recht ſauber geputzt waren, ſo ſpendeten ſie Licht genug, um das Auditorium anſtändig zu erhellen. 3 Der Saal war durch verſchiedenartige Gegenſtände, welche man von dem Wagen des Direktors abgeladen und hinauf geſchafft hatte, ſowie von anderen, welche Frau Roſel geliefert, in zwei ungleiche Hälften getheilt. Die letzteren Gegenſtände, welche ſich 57 Errichtung eines ländlichen Theaters. 2 in der kleineren Hälfte des Saales befanden, waren ein paar Dutzend Fäſſer von verſchiedener Größe, und ein Haufe Bretter, zum Po⸗ dium des Theaters beſtimmt. In der größeren Hälfte des Saales befanden ſich Kiſten, die mit Garderobe und Requiſiten angefüllt waren, und große zuſam⸗ mengerollte Leinwandſtücke: Vorhänge und Dekorationen. Die ganze Geſellſchaft war in dem Saale ſchon verſammelt, als Herr Trommler in Begleitung unſerer Freunde, der Herren Müller und Wellen, ſowie auch des Herrn Hannibal, eintrat. Letzterer hatte ſich am Fuße der Treppe eingefunden und machte ein Geſicht wie jemand, der ſich wohl bewußt iſt, daß es mit ihm anfauge zu Ende zu gehen, der aber trotz des angeſtrengteſten Nachdenkens noch nicht mit ſich im Reinen iſt, welche Art eines jämmerlichen Todes er zu ſterben beſtimmt ſeie. 4 Herr Wellen und Herr Müller begrüßten die Frau und die Schwägerin des Direktors und wurden hierauf dem Bruder des Letzteren, ſowie dem Heldenſpieler, Herrn Holder, vorgeſtellt. Dieſer war ein großer, kräftiger Mann und war gewiß ein⸗ ſtens intereſſant, ja ſchön geweſen; doch hatten die Jahre und wildes Leben ſeine Geſtalt gebeugt, und das Leiden, von dem der Direktor vorhin der Wirthin erzählt, ſeinem Geſichte einen unſtäten, ja einen unheimlichen Ausdruck verliehen. Spärliches Haar be⸗ deckte ſeine hohe Stirn; ſeine Geſichtsfarbe war bleich, den Mund kniff er meiſtens feſt zuſammen, und ſelbſt wenn er ſprach, öffnete er die Zähne nur ſo viel, als eben nothwendig war, um einen Ton hindurch zu laſſen. Dadurch klang ſein Sprechen dumpf und murmelnd, und da der Ton ſeiner Stimme kräftig und gewaltig war, ſo tönte dieſelbe tief, wie ans dem Grabe hervor, was ihm bei manchen ſeiner Rollen wohl zu Statten kam, im gewöhnlichen Leben aber für das Ohr des Zuhörers nicht angenehm war. „Herr Wellen— Herr Müller— Herr Hannibal!“ ſagte der Direktor.—„Und dies iſt Herr Holder,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„mein Heldenſpieler.“ 3 „Unſeres Thrones feſte Säule!“ fügte würdig der Herr Tromm⸗ ler bei, indem auch er ſeinerſeits auf Herrn Holder zeigte und ihm Hackländers Werke. XI. 8 3 17 Vierzigſtes Kapitel. zugleich einen guten Morgen bot. Dann zeigte er ebenfalls auf die drei neuen Mitglieder und ſagte vertraulich:„Ich kann Sie ver⸗ ſichern, lieber Holder, drei liebenswürdige Collegen!“ „Collegen?“ fragte ſinſter der Heldenſpieler, indem er die rechte Hand zwiſchen ſeinen Rock ſteckte.„Collegen? Von Ihnen vielleicht, Herr Trommler. Das iſt möglich! Ob ich ſie auch als ſolche anerkennen kann, wollen wir nach der erſten Aufführung ſehen.— Es fühlt ſich Mancher berufen,“ ſetzte er mit tiefer, grol⸗ lender Stimme hinzu,„aber Wenige ſind auserwählt.“ Damit wandte er ſich um und begab ſich zwiſchen die Fäſſer zurück, die er anfing herum zu rücken und herzuſtellen. „Er iſt etwas eigen, der gute Holder,“ ſprach freundlich der Direktor zu ſeinen drei neuen Mitgliedern;„aber Sie werden ſich ſchon näher kennen lernen; er iſt gar nicht ſo ſchlimm, wie er ſich anläßt.“ Herr Trommker zuckte mit einem Blick auf den ſo raſch da⸗ vongegangenen Heldenſpieler mitleidig die Achſeln und ſagte zu Eugen: „Stolz will ich den Spanier, Wenn auch der Becher nicht mehr überſchäumt.“ Jetzt klatſchte der Direktor dreimal in die Hände und rief: „Allons, meine Herrſchaften, fangen wir an!“ Zu gleicher Zeit legte er ſeinen langen Rock ab, um in Hemdärmeln freier und ungenirter arbeiten zu können. Herr Trommler, der wohl ſeine guten Gründe hatte, es nicht ebenſo zu machen, wie ſein Chef, lief zu einer ſehr kleinen Kiſte— man hätte dieſes Behältniß füglich eine Schachtel nennen können— und zog aus derſelben ſeinen grauen Reiſerock von geſtern einen beſſeren, den er heute Morgen anhatte, legte er mit einer außerordentlichen Geſchwindigkeit ab und ſchlüpfte ſo behende in das alte fadenſcheinige Kl eidungsſtück, daß während dieſes Umzuges kein Menſch im Stande war, zu beſtimmen, von welcher Farbe die Hemdärmel dieſes würdigen Künſtlers eigentlich geweſen. Ueber⸗ haupt ſchien er den Vorſatz gefaßt zu haben, um Alles in der Welt keine Wäſche ſehen zu laſſen; denn unhren ſh ſeine hohe, * 1 8 — ⸗——— Errichtung eines ländlichen Theaters. 259 ſchwarze Merinohalsbinde faſt krampfhaft unter dem Kinn herum zog, breitete dieſelbe auf der Bruſt ein paar ſchützende Flügel aus, und das auf ſo ängſtliche Art, wie eine Gluckhenne es zu machen pflegt, wenn ſie ihre Brut dem herannahenden Feinde aufs Aengſt⸗ lichſte zu verbergen ſtrebt. Nach dem Geſetze aller Baukunde, zuerſt ein ſolides Funda⸗ ment zu legen, ging man denn auch hier zu Werk. Die oben er⸗ wähnten Fäſſer, die ſchon öfters den ehrenvollen Beruf erfüllt hatten, jene Bretter zu tragen, welche die Welt bedeuten, wurden reihenweiſe nebeneinander geſtellt, und zwar ſo, daß die kleineren vorn, die größeren nach hinten zu ſtehen kamen. Hiedurch gewann man auf ſehr kunſtloſe Art ein ſanft anſteigendes Podium. Die Fäſſer wurden nun unter ſich mit Latten verbunden, die Bretter darüber hin genagelt, und ſo war das Fundament in Kurzem fertig. Ja, es befand ſich ſogar hinten eine Verſenkung, eine höchſt nothwendige Einrichtung, die bei dem Schauſpiel unmöglich fehlen darf.. 3 Nachdem das Podium ſo hergeſtellt war, wurde die Hauptgar⸗ dine angebracht, und hiezu fanden ſich noch zwei eiſerne Kloben vor, die vom vorigen Male, wo man hier geſpielt, durch die Für⸗ ſorge der Wirthin ſtecken geblieben, und welche man nur dem Auge dadurch unſichtbar gemacht hatte, daß man ſie mit weißer Farbe überſtrich. Nach dem Vorhange wurden die Seitenkouliſſen aufge⸗ hängt, welche bei einer nöthigen Verwandlung auf die einfachſte Art gedreht wurden. Die vier Hintergründe, welche die Geſellſchaft beſaß, wurden nun ebenfalls ungefähr zwei Schuh vom hinteren Ende des Saales angebracht, da, wo das Podium bereits aufhörte. Hiedurch gewann man wenigſtens unten einen Platz zum Verwan⸗ deln, der oben abging; denn ſtatt daß bei anderen Theatern die Vorhänge in die Höhe gezogen und ſo entfernt werden, wurden ſie hier herab gelaſſen, was ebenfalls einen ſehr ſchönen Effekt machte.. Dekorationen beſaß die Geſellſchaft vier: ein bürgerliches Zimmer, ein Gemach in einem Schloſſe, eine Straße und einen Wald. Letzterer wurde durch die ſchöne Künſt emit Verſatzſtücken * Vierzigſtes Kapitel. zu arbeiten, ſehr leicht zu allem anderen Nothwendigen eingerich⸗ tet; vermittelſt eines Paars zierlich zugeſpitzter Bäume und einer Marmorfigur wurde ein Garten daraus. Ein paar Felſen hinein verſetzt, verwandelten ihn in eine Felspartie; ein einfaches Kreuz machte ihn zum ſchauerlichen Rendez⸗vous für Mörder und Räuber, oder auch zum Spielplatze der verſchiedenartigſten Geiſter. So half man ſich, ſo gut man konnte, und das Publikum von Schloß⸗ felden war ſo höflich und gut erzogen, daß es dem Direktor und ſeinen Dekorationen Alles auf's Wort glaubte, ſeine Felſen für wirkliche und ſeine gemalten Bäume für die ſchönſten auf der Welt hielt. Es ſtellte keine Vergl eichungen an, es nahm in kindlicher Unſchuld hin, was man ihm gab, und war ſo für ſeine paar Kreuzer heiter und zufrieden. Als nun das Theater ſo weit hergeſtellt war, eine Arbeit, bei welcher der Heldenſpieler, Herr Holder, das Uebermögliche ge⸗ leiſtet, wurden ſämmtliche Dekorationen ſowie die Hauptgardine probirt, und erſt als ſich die ganze Maſchinerie als vollkommen und untadelhaft erwieſen, ſchritt man zur Einrichtung der Garderobe. Glücklicher Weiſe ſtieß der Tanzſaal auf der Seite, wo ſich die Bühne befand, an einen Heuboden, deſſen Eingang kaum zwei Fuß von dem letzten Fenſter des Saales entfernt war. Dieſe beiden Oeffnungen wlrden nun mit Hülfe eines kundigen Zimmer⸗ manns ſamgen weunden. ſowie mit einer alten Leinwand überdeckt, und als dieſer Verbindungsgang hergeſtellt war, trans⸗ portirte man die Kiſte mit Garderobe und Requiſiten auf den Heuboden, zog vermittelſt einer alten unbrauchbaren Dekoration eine Scheidewand, um die beiden Geſchlechter zu trennen, und übergab darauf den einen auf dieſe Art entſtandenen Raum den Damen zum Ankleiden, den anderen den Herren. 5 In den Raum für die Zuſchauer wurden nun vorn hin Stühle, dahinter Bänke geſtellt, die etwas höher waren als die erſteren und den zweiten Platz bildeten. Nachdem dies alles geſchehen, auch der Soufleurkaſten aus drei Brettern zuſammengenagelt war, erſchien die Arbeit gethan und das Theater fertig. Obgleich Herr Trommler während dieſer ganzen Zeit bei ſeiner Errichtung eines ländlichen Theaters. 261 Arbeit die größtmöglichen Anſtrengungen zu machen ſchien, die für dieſen großen Künſtler um ſo mühſamer war, als er zu gleicher Zeit unſere Freunde noch unterweiſen mußte, ſo glauben wir doch verſichern zu können, daß er ſich durchaus nicht überarbeitete. Wenn er z. B. mit einem wahren Ingrimm auf ein großes Faß oder ſchweres Brett losſtürzte und beim Anprallen fand, daß dieſe Gegenſtände nicht geneigt ſeien, ſich ſo leicht bewegen zu laſſen, ſo beſtand er durchaus nicht hartuäckig darauf, dies doch zu thun, ſondern er ſchwang ſich leichtfüßig über den fraglichen ſchweren Gegenſtand hinweg, um ſeine Kraft an einem leichteren zu üben. Der Prinzipal ſelbſt ſowie deſſen Bruder arbeiteten ausdauernd und hielten ſich ruhig an dem, was ſie einmal ergriffen. Holder dagegen ſuchte ſich die ſchwerſten Stücke aus, und wenn auch eines ſeiner Kraft widerſtehen wollte, ſo ſah man, wie ein düſterer Schat⸗ ten über ſein Geſicht flog und ſich ſeine Muskeln aufs Gewaltigſte anſtrengten, bis das, was er vor hatte, geſchehen war. Oſt ſah man ihn bei einer ſolchen Veranlaſſung drei, vier Mal mit einer wahren Wuth aufs Neue angreifen; oft ließ er dabei ermattet die Arme ſinken, um immer wieder aufs Neue anzufangen, und dabei ſchaute er mit wildem, eiferſüchtigem Blick um ſich herum, ob ſich Jemand vielleicht unterſtehe, in ſeine Nähe zu kommen oder ihm gar helfen zu wollen. 4 Die Arbeiten der Herren Wellen und Müller bei dieſem Ge⸗ ſchäfte waren eigentlich nicht der Rede werth; ſie beſchränkten ſich mehr auf Handlangerdienſte, auf das Darreichen einzelner Stücke, auf das Aufwickeln und Ordnen durcheinander gerathener Schnüre. Der Thätigkeit des Herrn Hannibal dagegen müſſen wir volles Recht widerfahren laſſen; denn wenn wir das auch dem Schauſpieldirektor nicht verrathen dürfen, ſo darf doch der Leſer es wiſſen, daß näm⸗ lich der getreue Pierrot ſeine Laufbahn als Menſch und Staats⸗ bürger in einer Schreinerwerkſtätte begonnen hatte, aber nicht lange da verblieben war, weil ſeine Anſichten vom Arbeiten im Allgemeinen mit denen ſeines Meiſters nicht in Einklang zu bringen waren, namentlich aber, weil er durchaus keine Neigung in ſich verſpürte, 2 262— Zierzigſtes Kapitel. ſich zum Kindererzieber heranzubilden, was dagegen die Meiſterin für die Hauptbeſchäftigung eines Lehrjungen anſah. Herr Hannibal half dem herbeigerufenen Zimmermann ſogar Verbindungsgange zwiſchen Theater und Heuboden, was ihm ein ſpezielles Lob des Direktors eintrug, der ihm auf die Schultern klopfte und ihm erklärte, er glaube beſtimmt, daß Han⸗ nibal noch ein tüchtiges Mitglied der Geſellſchaft werden würde. Das weibliche Perſonal, aus den beiden Damen der direktor⸗ lichen Familien beſtehend, ſowie aus einer kleinen dicken Soubrette, Mademoiſelle Jette, welche in ihren Freiſtunden Kindererzieherin bei der Prinzipalin war, hatte bei der oben erwähnten Einrichtung des Theaters nur inſofern Dienſte geleiſtet, als es die Garderobe⸗ ſtücke auf den Heuboden ſchaffte, die Stühle gerade rückte und die⸗ ſelben nachzählte, worauf ſich die Prinzipalin einen Ueberſchlag machte, welche Summe bei dem vollen Hauſe eingenommen werden könne. Nur die Schwägerin des Direktors hatte ſich bei den Ar⸗ beiten im Saale ſelbſt aufgehalten und allerlei kleine Handleiſtungen gethan, zuerſt an der Seite Eugen’s, dann, als dieſer ſich durchaus nicht dankbar dafür erwies, bei dem Herrn Sidel, und ſpäter, als der herzloſe Schulmeiſter ſich ebenfalls für dieſe Herablaſſung durch⸗ aus nicht gerührt und erkenntlich zeigte, bei dem Herrn Hannibal, der, obgleich anfänglich beſtürzt und überraſcht von der Freundlich⸗ keit der großen Künſtlerin, ſich doch im Laufe der Arbeit ſehr ge⸗ ſchmeichelt und hoch geehrt durch die Aufmerkſamkeit fühlte und, als dies Seitens der Dame ſehr günſtig aufgenommen zu werden ſchien, nun keinen Nagel mehr einſchlug und kein Brett mehr ver⸗ rückte, ohne ſich zuvor in den grauen Augen ſeiner Zuſchauerin Raths erholt zu haben. Endlich war Alles beendigt, und die ganze Geſellſchaft ließ ſich auf den Stühlen vor der Bühne nieder, um das vollbrachte Werk im Allgemeinen überſehen zu können. Eugen und der luſtige Rath ſaßen ziemlich vorn an, bei ihnen der Direktor und Familie, mit Ausnahme der hellblonden dürren Schwägerin, welche ſich mit Herrn Hannibal auf den zweiten Platz begeben hatte, nur um zu ſehen, wie ſich von dort aus die Bühne ausnehmen werde. Errichtung eines ländlichen Theaters.. 263 Es ſah Alles recht nett aus; die Fäſſer, auf welchem das Podium ruhte, waren ebenſo wie der dn ſenreaſen ie ochen Zeuge drapirt, der Vorhang war aufgezogen oder vielmehr herabge⸗ laſſen, und auf der Bühne war die Walddekoration ſichtbar. Da trat der Heldenſpieler, Herr Holder, aus der rechten Seitenkouliſſe hervor bis an die Lampen und verbeugte ſich drei Mal ſehr tief. 5 3 „Jetzt hält er ſeinen Zimmerſpruch,“ ſagte Herr Trommler leiſe zu Eugen,„da werden Sie was hören; er läßt ſich das nicht nehmen; denn das iſt, wie er ſelbſt ſagt, ſeine liebſte Rolle, in welcher er ſich nämlich erlauben kann, einem Publikum, das gar nicht vorhanden iſt, die ſchönſten Grobheiten zu ſagen. 8 „So wären wir denn einmal wieder fertig,“ begann jetzt wirk⸗ lich der Heldenſpieler mit tiefer, dröhnender Stimme, und das Or⸗ gan war ſo gewaltig, daß trotzdem, daß jede Sylbe von den feſt geſchloſſenen Zähnen zerriſſen wurde, doch jede klar und verſtänd⸗ lich an das Ohr ſchlug.„So wäre denn wieder einmal dieſe miſerabe Bude aufgebaut, ein Tempel der Kunſt, wie wir ſie nen⸗ nen, die doch in Wahrheit nichts iſt, als ein erbärmliches Narren⸗ haus. Ja, ein Narrenhaus! nicht jetzt, wo dieſe Stätte noch unentweiht vor unſern Augen liegt, aber es werden in dem Augen⸗ blicke, wo ſich die Thüren öffnen und wo jene Narren— Publi⸗ kum genannt— dieſe ſtillen Räume bevölkern, entheiligen. Ehe dies alſo geſchieht, und ehe wir gezwungen ſind, in die glotzenden ſtieren Augen zu ſehen, und ehe wir es uns gefallen laſſen, daß ſie uns Beleidigungen aller Art in unſer edles Künſtlerantts ſchleudern, ſchwere Beleidigungen in der Geſtalt von Beifall leich⸗ tere in der Geſtalt von Mißfallen— ehe alles das geſcheht, und ſo lange wir noch hier unter uns und allein ſind, will ich euch ſagen, daß— daß—“ Hier machte Herr Holder eine peinliche längere Pauſe, und fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und ſchaute ängſtlich rechts und links in die Couliffen.„Ja, will ich euch eigentlich ſagen,“ fuhr er mit faſt tonloſer Stimme fort und ſtarrte hinunter auf die leeren Stühle. „Bravo!“ rief der Direktor in dieſem Angenblicke, und„Bravo!“ rief deſſen Bruder; und die vier kleinen Kinder, die ebenfalls da waren, ſchrieen ſo laut, als ſie mit ihren dünnen Stimmen ver⸗ mochten:„Bravo, Herr Holder!“ und der kleine Hektor ſetzte hinzu: „den Zimmerſpruch, lieber Herr Holder!“ Der Heldenſpieler auf der Bühne holte tief Athem, und als r dabei die niedergeſchlagenen Augen erhob, hätte man glauben ſollen, er tauche aus einem dichten Nebel auf und ziehe oberhalb deſſelben begierig die reinere Luft ein. „Ja ſo, den Zimmerſpruch?“ murmelte er.„Richtig, rich⸗ tig! Mir ſcheint, ich bin einigermaßen von meiner Rolle abge⸗ ſchweift. Nun, es thut wahrhaftig nichts, könnt's noch öfters bören.— „Dieſe Bretter, dieſe armſeligen Bretter voller Aſtlöcher und Sprünge, aufgenagelt auf halbmorſche Fäſſer, die zu altersſchwach ſind, um noch irgend eine Flüſſigkeit in ſich aufzunehmen und er⸗ tragen zu können, dieſe Bretter, welche die Welt bedeuten, haben wir alſo zuſammen gefügt. Das Fundament wäre da, und lieb⸗ lich darauf hingebaut Zimmer und Schloß, Wald und Straße. Möge nun unſer Werk gedeihen, möge ſich zahlreich füllen dieſer Tempel der Kunſt! Und möge ſich das vielköpfige Thier, Publi⸗ kum genannt, drunten an der Kaſſe ſeine dicken Köpfe blutig ſchlagen und ſich am Eingang um eine Karte balgen, wie hung⸗ rige Buben um eine Semmel beim Bäcker!— Dazu ſage ich Amen!“ „Wir auch, wir auch!“ riefen ſämmtliche Zuhörer, und darauf Keß Herr Holder die Gardine wieder aufziehen, und die ganze Geſellſchaft, geführt von der Prinzipalin, begab ſich in ein großes Zimmer neben der Küche, wo die Mittagstafel gedeckt war. eeeee