— R—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ¹ Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Näckirbe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 1 hr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnoment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 4 Mk.— Pf. „ 3„„= ,„ 3.—,— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muf der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8—y für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — E“ —. —— — F. W. Hackländer's Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Zehnter Band. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1855. 8 Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Officin in Stuttgart., Eugen Stillfried. Erſter Band. — Lied des Nachtwächters, das Rollen eines fernen Wagens oder das Erſtes Kapitel. Der geneigte Leſer ſieht alte Dinge vielleicht auf eine neue Art. Er macht bei Tagesanbruch die Bekanntſchaft einer würdigen Mutter und wohnt einem Zwiegeſpräch bei, welches dieſelbe mit ihrem Sohne hält. Wenn man in einer großen Stadt lebt und ſpät in der Nacht oder, noch beſſer, früh gegen Morgen von einer durchſchwärmten oirée, einem lange dauernden Souper oder einem ermüdenden halle träge und matt nach Hauſe ſchleicht, ſo bemerkt man, daß jetzt, wo ſich faſt Alles zur Ruhe begeben hat, ein eigenthüm⸗ liches, ſonderbar ſchattenhaftes Getreibe hie und da beginnt. Tiefe, ſchlummerverkündende Stille liegt auf den finſteren Straßen, die Gaslaternen flackern unmuthig, als wollten ſie ſagen, ſie hätten jetzt des Leuchtens für heute Nacht genng. In ſolchen ſehr ſpäten oder ſehr frühen Stunden, wo der einſam nach Hauſe Wandelnde einem andern ebenſo einſamen Wanderer gern aus dem Wege geht— denn iſt Dieſer ein Freund und Bekannter, ſo iſt man zu träg, um noch mit ihm zu ſprechen, iſt er aber ein Fremder, ſo braucht er nicht zu wiſſen, daß man erſt bei anbrechendem Morgen heimkehrt— in ſolchen Stunden, wo man in den meiſten Straßen nichts vernimmt, als das eintönige Erſtes Kapitel. Plätſchern ſämmtlicher Röhrbrunnen der Stadt und der Fontainen auf öffentlichen Plätzen, bemerkt man auf einmal, wenn man ſich zufällig gewiſſen Stadttheilen nähert, eine ſeltſame Geſchäftigkeit, die hier mitten in der Nacht ihr lebhaftes Weſen treibt. Von den Thoren heran durch die breiten Straßen, welche auf den Marktplatz führen, rollen ſchwerfällige Karren, mit einem oder mehreren Pferden beſpannt und angefüllt mit allem dem, was die hungrige Stadt am nächſten Tage zu verſchlingen gedenkt. Ungeheure Quantitäten Gemüſe, Fleiſch, Butter— Eier nicht zu zählen— Obſt, wie es gerade die Jahreszeit mit ſich bringt; das alles wankt hochgeladen auf dieſen ächzenden Karren durch die ſtille Stadt und wird in der Nähe des Marktes abgeladen, wo jetzt ſogleich ein reges, bewegtes Leben anfängt. Hier ſind alle Wirths⸗ häuſer und kleinen Läden geöffnet; eine geſchäftige Menge unkenntlicher faſt geſpenſtiger Weſen treibt ſich umher, die ankom⸗ menden Sachen in Empfang zu nehmen, oder um beim Abladen und Verhandeln derſelben zu helfen und ſo etwas zu gewinnen. Da ſind Verkäufer und Aufkäufer, die ganze Ladungen übernehmen, um ſie in kleineren Partien wieder an Andere zu verkaufen, von welchen ſie erſt das Publikum erhält. So vertheuert ſich die Waare nach und nach, und das Ei und das Gemüſe, welches ſo harmlos und ſehr wohlfeil zum Thore hereinkam, hat ſchon mehreren hung⸗ rigen Spekulanten dienen müſſen und iſt wohl auf das Doppelte des urſprünglichen Preiſes geſtiegen, ehe es in die rechte Küche gelangt. Da kommen ſie an in langen dunkeln Reihen, die vielen, vielen Wagen, und die Pferde ſchleichen langſam dahin, wohl aus Müdigkeit oder in der Abſicht, die Schläfer ringsum nicht zu erwecken, zu denen ja auch der eigene Fuhrmann zu rechnen iſt, der auf der Gabel ſitzt und, nachdem er am Thore die Zoll⸗ Viſitation glücklich beſtanden, nun wieder ruhig einnickt und —-ꝛ— — —. Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 9 ſanft fortſchläft, bis das Stillhalten des Karrens auf dem Markt⸗ platze ihn abermals aufweckt. Dazwiſchen wandeln Fußgänger, Männer, Weiber und Kinder, mit Tragkörben auf dem Rücken oder anderen, kleineren auf dem Kopfe und den Schultern, und bringen ebenfalls ihre Erzeugniſſe zum Verkaufe in die Stadt, das, was ſie im Laufe des geſtrigen Tages mühſam angefertigt oder geſammelt. Sie ſchleppen ein ganzes Stück Wald mit herein an Blüthen und Früchten— Blumen in großen, weithin duftenden Büſcheln, Wald⸗ und Erdbeeren, friſchen Waldmeiſter und was ſonſt die Natur im Augenblicke Freundliches bietet. Andere bringen harziges Holz von Tannen und Föhren zum Anzünden der Feuer oder kleine Beſen und Stroh⸗ matten— faſt Alles ihrer Hände Arbeit. Der Markt ſelbſt bietet nun ein eigenthümliches Bild. Aus den Läden und Wirthshänſern rings umher dringt der Gl. anz der Lichter und beſcheint die Menge, welche vor dieſen Lokalen hin und her wogt. Es iſt ein wildes Durcheinander von dunkeln, unkenntlichen Geſtalten auf dem weiten Platze, und obgleich Jeder beim Aufſtellen ſeiner Waare ſo wenig Geräuſch wie möglich macht und leiſe lispelt und flüſtert, ſo machen doch alle dieſe Klänge und Töne zuſammen ein hörbares Brauſen und Murmeln aus, das man in den angrenzenden Straßen vernimmt und welches auch gewiß manchen leichten Schlummer in den anſtoßenden Häuſern ſtört. In den Wirthsſtuben geht es unterdeſſen luſtig genug zu. Die Fuhrleute, ſowie die Knechte großen Bauern, die noch ein beſchwerliches Tagewerk und die Heimfahrt vor ſich haben, ſuchen ſchon ſo viel wie möglich die durchwachte Nacht mittelſt ziemlicher Quantitäten Wein und Branntwein aus ihren Gliedern zu vertreiben. Die Spekulanten, denen alle Mittel gelten, um die herbeigeführten Waaren billig einzuhandeln, ſetzen ſich mit den Bauetn ſelbſt oder deren Bevollmächtigten hinter der Flaſche feſt, und beide Theile laſſen gern etwas darauf gehen, um ſich gegenſeitig zu benebeln 6 1 10 Erſtes Kapitel. und dadurch zu niedrige oder zu hohe Preiſe zu erlangen. Das geringe Volk der Marktknechte, der Ablader treibt ſich unterdeſſen draußen umher und hilft die Sachen, die herangebracht werden, von den Wagen herunter nehmen und in zierlichen, dem Auge wohlgefälligen Haufen auf dem rein gefegten Pflaſter des Marktes ordnen. Aber auch andere Geſtalten winden ſich durch das Gewühl und halten ſich fern von dem Scheine des Lichtes oder von dem unſicheren Glanze, der von den Epaulettes oder dem Säbel eines Polizei⸗Beamten ausgeht. Das ſind Spitzbuben und Diebe durch alle möglichen Rangklaſſen und Grade hindurch, von armen, hung⸗ rigen Schelmen angefangen, die ſich glücklich ſchätzen, wenn ſie ein Stück Fleiſch, ein Dutzend Kartoffeln, ein Kohlhaupt oder der⸗ gleichen erbeuten können, bis zu den Vornehmeren ihres Geſchlechtes, die es auf die Taſche ihres Nebenmannes abgeſehen haben, oder bis zu jenen hinauf, die dem etwas angetrunkenen Bauer bereit⸗ willig in eine Nebengaſſe folgen, und welchen es auf einige Fauſt⸗ ſchläge oder gar Meſſerſtiche nicht ankommt, um ſich in den Beſitz einer wohlgefüllten Geldkatze zu ſetzen. Auch ähnliche Praktikanten des ſchwächeren Geſchlechtes treiben hier ihr heimliches, ſcheues Weſen und ſind geſucht und gemieden, wie es eben kommt. Ihnen iſt jede Beute recht, und wenn ſie keinen rechtmäßigen Erwerb finden, begnügen ſie ſich mit einem unrechtmäßigen, und die ſchlecht⸗ bekleideten, elenden hohläugigen Geſtalten nehmen mit, was in ihren Bereich kommt, und ſchleppen es davon in ihren weiten Rock⸗ taſchen oder unter ihren nachläſſig umgeworfenen, langen, ſchmutzigen Halstüchern. So wogt und wimmelt Alles durch einander in der Däm⸗ merung einer verſchwindenden Sommernacht, und je wärmer und angenehmer die Luft iſt, und je klarer und freundlicher der Mond oder die funkelnden Sterne herabblicken, um ſo unheimlicher erſcheint dieſes nächtliche Getreibe. Auf Augenblicke herrſcht wirkliche Stille da unten, dann aber vernimmt man Menſchenſtimmen, die rufen, 68 Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 11 ſchreien, zanken; dazwiſchen ſchnauben und wiehern Pferde, Hunde bellen, Enten und Gänſe in ihren Körben laſſen ſeltſame Klage⸗ töne vernehmen, und um all' dieſe hunderterlei Gegenſtände und Geſtalten, die in großen Haufen daliegen oder eilig durch einander ſchlüpfen und emſig hin und her eilen, ſtehen die alten, ernſten Häuſer mit ihren hohen, zackigen Giebeln, mit ihren zierlichen Erkern, und ſchauen verwundert in das wirre Treiben der Maſſen da unten. Es iſt wie ein anderer Hexen⸗Sabath, und wie ein ſolcher beginnt es auch aus einander zu ſtieben mit dem erſten Hahnen⸗ ſchrei. Sobald der Himmel anfängt, im Oſten heller zu werden, ſobald die friſchere, kältere Morgenluft den herannahenden Tag verkündigt, nnd ſobald die Sterne droben am Himmel erbleichen, erlöſchen auch die Lichter in den Wirthshäuſern und Läden; nach und nach und erſtirbt das Leben auf dem weiten Marktplatze. Nach allen Richtungen hin verläuft ſich die Menge, die hier be⸗ ſchäftigt war, wie ein ſchmutziges, rauſchendes Gewäſſer, das den Platz vorhin bedeckte, nun allmälig verſchwindet, und darauf tritt hervor das ganze Terrain, welches er bis jetzt bedeckte, mit ſeinen Höhen und Tiefen. Und dieſe Höhen ſtehen wohlgeordnet da und zeigen ſich dem Auge als ſchön aufgeſtellte Gemüſehaufen, ₰ und die Tiefen und Gaſſen dazwiſchen hat man reinlich gekehrt, und wie es nun immer heller und heller wird, und die graue Morgendämmerung in das helle, glänzende Licht eines friſchen Sommertages übergeht und deutlich zeigt die vielen glänzenden Farben der tauſenderlei Gegenſtände, die hier ausgeſtellt ſind: ſo verſchwindet ebenſo ſchnell das Unheimliche des Nachtgemäl⸗ des, und ein anderes, ſchönes, freundliches, angenehmes Bild zeigt ſich dem Auge des Beſchauenden.. Aber es iſt noch ſehr früh am Tage. Nur hie und da öffnet ſich langſam eine Hausthüre, und ein ſchläfriges Dienſtmädchen tritt heraus, das Morgenwaſſer für die Haushaltung zu holen. 12 Erſtes Kapitel. Lohnkutſcher und Fiaker, die früh einſpannen müſſen, kommen in ſehr mangelhafter Toilette und ziehen ihre Pferde nach ſich an den benachbarten Brunnen. In den Straßen der Stadt liegt noch ein feiner Duft, und der reine blaue Himmel, der ſich oben zwiſchen Kirchthürmen und Schornſteinen zeigt, ſowie das feucht werdende Pflaſter verſprechen einen ſchönen warmen Tag. Ddie Straßen ſind ſtill; der Lärm der Nacht, den wir vor⸗ hin beſchrieben, hat ſich auch in der nächſten Nähe des Marktes vollkommen gelegt; man hört einen frühzeitigen Spaziergänger auf mehrere hundert Schritte ſeine Hausthüre hinter ſich zuſchließen und vernimmt den Klang ſeiner Fußtritte. Die letzten Wanderer, die in der vergangenen Nacht den erſten Marktwagen begegneten, haben ſich noch nicht gar lange zu Bette gelegt; ſie verdunkeln ihre Feuſter ſo viel wie möglich, um dem Tageslichte den Eintritt in ihre Schlafzimmer zu verwehren; ſie werfen ſich unruhig hin und her, und der leichte, unerquickliche Schlummer, der über ſie dahin fährt und ſie nur zuweilen und wie neckend mit ſeinem Finger berührt, iſt ein erbarmungsloſer Spiegel und zeigt ihnen die Leiden und Freuden der vergangenen Nacht, das Gewühl des Tanzes, und dabei erklingt in ihrem Ohr die gleiche Tanzmuſik immer und unaufhör⸗ lich fort, oder es gaukelt vor ihrem innern Auge die Karte, auf welche ſie beſtändig verloren, oder an ihre Seite ſchmiegt ſich ſpottend und neckend das Bild eines Mädchens, von dem ſie vergebens ge⸗ trachtet, einen Blick der Liebe zu erhalten. Aber auch andere Schläfer, die nicht die Nacht durchgeſchwärmt, wälzen ſich in der frühen Morgenſtunde unruhig auf ihrem Lager — ſolche unglückſelige Sterbliche, die ſich im Allgemeinen eines ſchlechten Schlafes erfreuen, die den ſehnlich herbeigeſeufzten nicht feſtzuhalten vermögen, die während der Nacht jede Uhr von allen Kirchen ſchlagen hörten, und die nun, da das unbarmherzige Ta⸗ geslicht ihr Zimmer erfüllt, verdrießlich aufſtehen, ärgerlich den „Fenſtervorhang aufziehen und mit einem entſetzlich nüchternen Blicke in 4 Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 13 den jungen, glänzenden Tag hinaus ſchauen. Ach! was ihnen fehlt, iſt Anderen in ſo reichlichem Maße gegeben, und aus den gegenüber liegenden offenen Fenſtern tönt das feſte ſolide Schnarchen eines außerordentlich geſunden Schlafes, eines Schlafes, der nur vor dem raſſelnden Wecker einer Uhr entflieht, der gleich darauf im Zimmer des Nebenhauſes anfängt zu arbeiten. Die gefangenen Nachtigallen in den Straßen ſind ſchon lange verſtummt; draußen auf dem Felde ſingt die Lerche und jubilirt der Sonne entgegen, die nun anfängt, mit den umliegenden Bergen und Kirchthürmen zu liebäugeln. Die Hänſer öffnen jetzt nach und nach ihre Augen: zuerſt die obern Stockwerke— bei den untern dauert es freilich noch eine Zeit lang— die Stadt wird lebendig und fängt an zu ſummen und zu raſſeln. Aus ſämmtlichen Schorn⸗ ſteinen ſteigt der blaue Dampf kerzengerade in die Höhe; aus den Werkſtätten hervor klingt luſtig das Schlagen der Hämmer, das Seufzen der Säge und des Hobels. Wir wiſſen nicht, ob es anderen Leuten auch ſo ergeht, aber uns iſt der Marktplatz, ſo vollſtändig verſehen mit allen Lebens⸗ bedürfuiſſen, namentlich in früher Morgenſtunde, einer unſerer. liebſten Spaziergänge. Noch ſind nicht viele Käufer da, nicht ein⸗ mal alle Verkäufer, und man hat ſo Muße und Zeit, ſich all' die Sachen in der Nähe zu betrachten: das friſche Gemüſe, das ſchöne Obſt, die unendliche Reihe mit Körben voll hellgelber Butter, die Eierniederlagen, die friſchen Küchenkräuter, die duftigen Blumen. Dann hat auch der Markt, wenn er ſo in den erſten Stunden des Tages in ſeiner a Jungfräulichkeit daliegt, eine ſo köſtliche Atmoſphäre, einen ſo friſchen Wald⸗ und Gartenduft. Das Pflaſter iſt reinlich gekehrt, Blumen und Früchte ſind mit Millionen Waſſertropfen bedeckt, theils wirklichen, vom herabfallen⸗ den Thau, theils künſtlichen, durch darauf geſpritztes Waſſer. Auch die Nebenſtraßen und kleinen Gäßchen, die auf den Marktplatz münden, haben etwas mitgetheilt erhalten von dem Erſtes Kapitel. Duft und der Friſche deſſelben. Mag es nun von dieſer Nachbar⸗ ſchaft herkommen, oder von den engen Straßen und hohen Häuſern, welche die Sonnenhitze abhalten, oder von den vielen Brunnen, die hier rauſchen und kühlen— genug, es iſt um dieſe Tageszeit hier in den engen Gäßchen recht behaglich und angenehm, und wenn man aus den breiteren heißen Straßen herniederſteigt, thut die Friſche und Kühle hier, ſowie der Anflug von Morgendäm⸗ merung, der noch nicht ganz verſchwunden und namentlich in den langen, finſteren Höfen der Häuſer zurückgeblieben iſt, ſo unend⸗ lich wohl. 3 Dieſer langen und ſinſteren Höfe gab es in der Stadt, von welcher wir hier ſprechen, noch eine große Menge, und ſie gehörten zu ebenſo finſteren und engen Häuſern, die aber von den Gewerbe⸗ treibenden und Geſchäftsleuten ſehr geſucht wurden. Dieſe Häuſer hier ſtammten aus alter Zeit und waren aus ſolidem Mauerwerk aufgeführt, hatten meiſtens gewölbte Treppen und Gänge, kleine Fenſter, dicke Mauern, und es war in ihnen kühl im Sommer und warm im Winter. Sie bildeten mit dem Marktplatze den Kern der Stadt und waren von alten adeligen Geſchlechtern und reichen Patriziern erbaut worden. Hier hatten dieſe bekannten Geſchlechter lange, lange Jahre gehaust, in der Nähe eines alten Caſtells und geſchützt von dieſem, ſowie durch die innere Stadtmauer, welche ſie ehedem in ſtattlicher Höhe und Breite umgaben. Bald aber wurde es den vornehmen Geſchlechtern und reichen Kaufherren zu eng und zu finſter in ihren maſſiven Wohnungen: ſie verließen dieſel⸗ ben, riſſen die Stadtmauer eer und baueten ſich in breiteren Straßen luftigere Häuſer. Die alten aber behielten ſie bei zu Waarenlagern, Stallungen, Magazinen und ſonſtigen Gelaſſen, und als ſie nach und nach des Geldes benöthigter wurden, ver⸗ mietheten ſie dieſe Stammhäuſer an Bürger und Handwerker, ver⸗ kauften ſie auch wohl, und ſo begann hier ein friſches, reges Leben, und die Stille dieſer hohen Treppen und Gewölbe wurde vertrieben Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 15 durch das Leben und Weben eines allgemeinen Verkehrs. Die ſteinernen Wappen über den Thüren und Thoren ſahen ſeltſam hernieder auf die ſo ganz anders gewordene Zeit, und die Grafen⸗ krone, die, aus Stein gehauen, mit ihren neun Spitzen trotzig aus dem Gemänuer eines dieſer Häuſer hervorragte, und die vordem reich vergoldete Sänuften, prachtvoll aufgeſchirrte, glänzende Roſſe an der Hand in Seide gekleideter Edelknaben geſehen, würde jetzt gewiß ſchmerzlich zuſammengezuckt ſein, wenn das anders möglich geweſen wäre, bei dem Betrachten des ambulanten Obſtkrames, der ſich unter ſie etablirt, oder bei der pöbelhaften Berührung der großen Fahrpeitſche, die der benachbarte Brauknecht ſo gern über die neun Zacken legte. Aber daran ließ ſich nichts mehr ändern. Das Haus, von dem wir eben ſprachen, hatte neben dem rieſigen Steinportal mit hochgräflichem Wappen in der That einen kleinen Obſtkram, und in den weitläufigen Hintergebäuden war eine Brau⸗ erei errichtet. Durch das eben erwähnte Portal trat man in einen ziemlich breiten Hof, den vormals Säulengänge umgeben hatten; jetzt aber waren die Bogen zugemauert worden, um Platz für ein Heumagazin, das rings herum lief, zu gewinnen. Die armen alten Säulen ſtaken zwiſchen neumodiſchen Backſteinen, und es war kläg⸗ lich anzuſehen, wie nur noch hie und da eine Idee der Rundung des Capitäls ſichtbar geblieben war. Dieſer Hof war das Bild einer maleriſchen Unordnung. Das einzige aus alten Zeiten her noch ziemlich Erhaltene war ein ſchö⸗ ner Brunnen, ein wahres Kunſtwer ein aus Stein gemeißelter Drache, der ſich emporbäumend das Waſſer in ein großes Marmor⸗ baſſin ſpie. Doch da das kupferne Mundſtück, das er früher zwiſchen den Zähnen ſeines Rachens hielt, gewiß eines Tages entwendet und verkauft, kurz, abhanden gekommen war, ſo hatte man eine dicke Holzröhre zwiſchen ſeine Zähne hineingeſchlagen, die dem Ge⸗ ſichte des Drachen ein äußerſt verſchwollenes Anſehen gab. St n die Marmorſchale, wie früher, lief das Waſſer in eine Vertiefung 3 Erſtes Kapitel. des Bodens und diente hier zum Aufenthalt einer ganzen Schaar kleiner und großer Enten und Gänſe, die watſchelnd und ſchreiend den weiten Hof zu einem harmloſen Spielplatz erwählt zu haben ſchienen. Daneben befand ſich eine große Schaar Hühner, die ſich von dem gemeinen, naſſen und beſchmutzten Geſchlechte der ebenge⸗ nannten Waſſervögel ziemlich fern hielt und auf einem großen Miſt⸗ haufen ſtolz für ſich allein blieb. Der Hahn mit hochrothem Kamme und goldgelbem Gefieder ſchien beſonders darauf zu halten, daß die Hühner ſtreng auf Rang und Stand. ſahen und ſich mit jenen nicht gemein maͤchten, denn er umkreiste ſtolz den Miſthaufen, und wenn eine der jungen Enten oder Gänſe ſich zu nähern wagte, ſo ſtreckte er ſich lang empor, ſträubte zornig ſeine Federn und ließ ein maje⸗ ſtätiſches Krähen vernehmen. Kleine Ferkel und junge und alte Hunde, die ſich ebenfalls hier herumtrieben, ſchienen eine vermit⸗ telnde Rolle zwiſchen Enten und Hühnern ſpielen zu wollen: denn bald ſchnupperten ſie in der Kothlache bei den Waſſervögeln umher, bald wälzten ſie ſich in kleinen ſchmutzigen Pfützen, welche den Miſthaufen begrenzten.. Auf der einen Seite des Hofes ſtand ein großer Karren, ähn⸗ lich denjenigen, welche heute Nacht in langen Reihen und ſchwer beladen in die Stadt fuhren. Ein blaues Tuch war darüber ge⸗ ſpannt, und wo daſſelbe hinten zurückgeſchlagen war, bemerkte man, daß auf dem Wagen nur noch einige Ueberreſte von Gemüſe zurück⸗ geblieben waren. Die Hauptladung dagegen. hatte man ſorgſam auf den Boden niedergelegt, und beſtand dieſelbe aus einem gewaltigen Haufen von Kohlköpfen, uißſen weißen Rüben, neben welchen ſich große Körbe mit Erbſen und Bohnen befanden. Aus dieſem Hofe führte eine breite Treppe in die hinteren Wohnungen und zuerſt in ein Veſtibül, hoch gewölbt, welches nicht übermäßig erhellt wurde durch dieſen Eingang ſelbſt, ſowie durch ein halbrundes vergittertes Fenſter. Dieſe Vorhalle bildete eine würdige Fortſetzung des Hofes; Geflügel und andere Thiere liefen Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 17 hier aus und ein, und namentlich legten die kleinen Ferkel hier eine außerordentlich liebenswürdige Unge zwungenheit an den Tag. Obgleich es, wie ſchon geſagt, Sommer und draußen ſehr heiß war, ſo brannte doch in dieſem Gewölbe in einem mächtigen alten Steinkamine ein hell loderndes Feuer, über welchem an einer ſtar⸗ ken rußigen Kette ein Waſſerkeſſel hing, deſſen Inhalt dampfte und ziſchte. Neben dieſem Keſſel ſaß auf einem breiten hölzernen Stuhle eine Frau, die ſowohl als Herrin des eben beſchriebenen Hofes, wie der geneigte Leſer ſpäter erfahren wird, als auch in anderer Beziehung unſere Aufmerkſamkeit ſehr verdient. Dieſe Frau war von der Natur mit einer ſolch wahrhaft er⸗ ſchreckenden Körperfülle bedacht, daß unbefangene Perſonen, die ſie zufällig ſahen, erſtaunt ſtehen blieben und ſich gegenſeitig verwun⸗ dert fragten, ob hier Wahrheit oder Täuſchung ſei. Daß aber Letzteres nicht der Fall war, ſah man auf den zweiten unbefangenen Blick, denn die Frau trug ihre Körperfülle mit einer gar zu ſicht⸗ baren Anſtrengung. Da ſie obendrein nicht ſehr groß war, ſo fiel ihre rieſenhafte Taille um ſo mehr in die Augen, Hierzu paßte der kurze, dicke Hals und das runde, vom Wetter ſtark gebräunte 1— Geſicht. Die Frau war hoch in den Vierzigen und hatte trotz ihrer gewaltigen Dicke im Aeußeren nichts Unangenehmes, das heißt in ruhigen Momenten. Sobald ſie aber heftig wurde— und das kam zum Schrecken ihres Arztes zuweilen vor— ſo ſtemmte ſie ihre beiden dicken Arme in die Seiten und blies die Naſenlöcher ungebührlich auf; ihr ſonſt bräunlicher Teint ſpielte alsdann ins Bläulichrothe, und ihre gewöhnlich ſchwerfälligen Bewegungen hat⸗ ten in ſolchen Augenblicken etwas entſetzlich Behendes. Dieſe Frau war Madame Schoppelmann, erſte Obſt⸗ und Gemüſehändlerin der Reſidenz, das Factotum ſämmtlicher Köchin⸗ nen und Köche guter Häuſer,— eine Dame, die nicht blos ge⸗ Hackländers Werke. X. 2* 18 Erſtes Kapitel. meinen Kohl und Erbſen verkaufte, ſondern der man es bei großen Diners und anderen Feſtlichkeiten getroſt überlaſſen konnte, Frucht⸗ pyramiden und Blumenkörbe nach eigenem Geſchmack und Sinn aufzuſtellen. Madame Schoppelmann war eine wirkliche geheime Räthin in allen adeligen Küchen und denen vornehmer Bürger⸗ häuſer. Letztere überließen ihr nicht ſelten die Beſchaffung einer ganzen Gaſterei, d. h. was die Urſtoffe aus allen Reichen der Natur anbelangte; denn ſie gab ſich nicht blos mit Gemüſen und Blumen ab— dies waren eigentlich nur Nebengeſchäfte— ſondern ihre Hauptſtärke beſtand in dem Auffinden der beſten Quellen für Wildpret aller Art, für die feinſten Geflügel, für Fiſche und Krebſe. Wehe dem Koch, der ſich mit ihr verfeindete! Wehe dem Ehemanne, der behauptete, eine Schüſſel Krebſe, die ſie geliefert, beſtehe für die Jahreszeit aus zu kleinen Individuen! Der Name der Madame Schoppelmann, die ſolche beſorgt, machte ihn verſtummen, ſchlug ihn vollkommen darnieder. Das Haus und den Hof, von dem wir vorhin ſprachen, hatte ſie gekanft, und war hier auf ihrem Grund und Boden abſolute Herrſcherin. Wenn es ſchon an ſich, wie wir vorhin bemerkten, ſehr unangenehm war, mit Madame Schoppelman in einen Streit zu gerathen, ſo wäre es doch für jeden Sterblichen weit gefahrloſer geweſen, eine Löwin in ihrer Höhle anzugreifen, als dieſe würdige Frau in ihrer Wohnung. Die beherzteſten Straßenjungen, die es nicht unterließen, hie und da ihre ſchmalen Bauen höhniſch aufzublaſen, wenn ſie bei der dicken Frau auf dem Markte vorbei⸗ gingen, ſchlichen muthlos bei dieſem Hofe vorüber, und keiner unter ihnen hat es je gewagt, die Ferkel, die kleinen Hunde oder das Geflügel durch einen geſchickt angebrachten Steinwurf zu be⸗ unruhigen. Es ging unter der Knabenwelt die Sage von entſetz⸗ kichen und unheimlichen Kellern und Löchern im Hintergebände dieſes Hofes, und man erzählte, Frau Schoppelmann habe eines Tages einem kleinen Buben, der ihr einen Apfel wegſtipitzt und emeene Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 19 aufgeſpeist, gedroht, ſie wolle es mit ihm nächſtens gerade ſo machen. Selbſt die Polizei vertiefte ſich nicht gern in dieſe Räume; und wir glauben, des Abends, wenn das große Hofthor geſchloſſen war, hätte es kein Polizeibeamter gewagt, daſſelbe ohne den Willen der Beſitzerin öffnen zu laſſen.. Und doch ſah die Polizei ſich häufig veranlaßt, mit dieſer Frau oder vielmehr ihren Söhnen in intime Unterhandlungen zu treten. Dieſen Söhnen— es waren deren zwei— ſagte man überhaupt nicht viel Gutes nach. Es waren wilde, rohe Burſche, jähzornig und raufluſtig, in allen Wirthshäuſern bekannt, in allen gefürchtet und gemieden. Der Eine war ſeines Zeichens ein Fuhr⸗ mann, der Andere ein Händler, und Beide trieben ſich in den be⸗ nachbarten Dörfern und Städtchen umher, und was der Eine für das Geſchäft der Mutter erhandelte, das führte der Andere nach Hauſe. Von dem Händler ſagte man obendrein noch, daß die wenigſten der Haſen und Rehe, welche Madame Schoppelmann feil bot, von ihm erkauft worden wären, vielmehr hielte er es für eine ſehr geſunde Bewegung, mit ſeiner leichten Büchſe in den herrſchaft⸗ lichen Wälderu umher zu ſpazieren und ſich dabei zu einem guten Schuß und einigen Gulden zu verhelfen. Denn in ſolchen Fällen verkaufte er das geſchoſſene Wild an die Mutter, und wir müſſen es zur Ehre dieſer Frau ſagen, daß ſie ſelten, und auch dann nur zu einem unklaren Begriff über das wilde, liederliche Treiben ihrer Söhne kam. Dabei aber hatten dieſe beiden Burſche eine gewaltige Scheu vor ihrer Mutter, und wenn ſie nach Hauſe zurückkehrten, waren ſie wie umgewechſelt und betrugen ſich ſo ſtill und manierlich wie möglich. Madame Schoppelmann handhabte aber auch das Re⸗ giment in ihrem Hauſe mit einer eiſernen Strenge und ließ ihren Söhnen in fraglichen Fällen dieſelbe Behandlung wie ihren Haus⸗ thieren angedeihen, das heißt, ſie ſchlug ſie, ohne ſich weiter dabei zu ereifern und ohne Anſehen der Perſon, mit dem Stück Holz Erſtes Kapitel. oder Hausgeräthe, das ſie gerade in der Hand hatte, derb auf die Köpfe. Madame Schoppelmann hatte aber auch eine Tochter, und Alles, was der ganzen übrigen Familie an Schönheit und Liebreiz mangelte, ſchien auf dieſe vereinigt zu ſein. Es gab kein ſchöneres, blühenderes Bild der friſcheſten Geſundheit, wie dieſes Mädchen. Von der Mutter hatte ſie den feſten, runden Körperbau, dazu etwas Schnippiges, ja Trotziges geerbt; von dem ſeligen⸗Herrn Schoppel⸗ mann dagegen ein weiches Gemüth, kohlſchwarze, dichte Haare, blitzende Augen und einen ſehr guten Humor. Katharina, ſo hieß das Mädchen, war der Glanzpunkt des ganzen Marktes, und einen Strauß von ihrer Hand zu bekommen, war bei den jungen Herren der Stadt gewiſſermaßen zur Mode geworden. Die Mutter hatte ſich ſchon oft darüber geärgert, daß ſich die junge Männerwelt ſo auffallend um ihre Körbe herum trieb, und hätte den Grund hiezu, den Blumenhandel, ſchon längſt gern aufgegeben, wenn derſelbe nicht ſo außerordentlich viel Geld abgeworfen hätte. Auch war es bei dem allerdings angeſtrengten Tagewerk ihrer Tochter deren einzige Erholung, die verſchiedenartig⸗ ſten Blumen kunſtreich zu Sträußen zu binden, und Madame Schoppelmann geſtand ſich mit Stolz, daß kein Gärtner ein ſo gut zuſammengeſetztes Bouquet anzufertigen im Stande ſei, wie ihre Katharina. 2 Es war alſo noch ſehr früh am Morgen; das Holz auf dem Herde praſſelte, der Waſſerkeſſel ſummte, und Madame Schoppel⸗ mann vervollkommnete dies zu einem Terzet, indem ſie eine gewal⸗ tige Kaffeemühle handhabte und den Schwengel derſelben raſſelnd herumdrehte. Nahe beim Eingange ſaß der älteſte Sohn, Fritz, der Fuhrmann; er hatte beide Arme auf den Tiſch geſtemmt und ließ das Haupt darauf ruhen. Er war vollſtändig angezogen, und ſeine ſchweren Schuhe und Leder⸗Gamaſchen, ſowie das dunkel⸗ braune Wamms, dicht mit Staub bedeckt, zeigten deutlich an, daß Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 21 er heute Nacht über Land geweſen war. Jetzt richtete er ſich lang⸗ ſam in die Höhe, ſchob ſeine kleine Ledermütze auf das rechte Ohr und ſagte:„Da iſt nichts zu machen, die Anderen verderben uns alle Preiſe. Ich hätte Euch die Artiſchoken gern mitgebracht und auch beſſere Melonen; aber ein ſolches Sündengeld dafür hinlegen, das habe ich nicht über's Herz bringen können.“ „Und wer hat ſie dir denn wieder vor der Naſe weggekauft?“ fragte barſch die Mutter. „Nun, wer denn ſonſt, als unſer Nachbar, der alte Sünder! Kam mir ſchon hohnlachend aus der Gärtnerei entgegen und unterſtand ſich, mir zu ſagen, wenn ich Artiſchoken oder Melonen wolle, könne ich ſie von ihm kaufen. Das Vieh! Aber der lauft mir noch einmal des Nachts in den Weg.—— Wenn ich nur alles andere ſo genau wüßte!“— Mit dieſen Worten ſchlug der Fuhrmann ingrimmig auf den Tiſch, und dann ſpie er vor ſich nieder auf die Erde. Die Mutter ſchien ihren Zorn über den verfehlten Melonen⸗ und Artiſchokenkauf an ihren Kaffeebohnen auslaſſen zu wollen, denn ſie drehte darauf los, daß die armen, halbzerquetſchten Bohnen die verzweifeltſten Verſuche machten, der Kaffeemühle zu entſpringen. „Und du haſt deinen Bruder nachher nicht mehr geſehen?“ fragte die Frau.„Weißt du nicht, ob er auf das Schloß Wolfs⸗ berg gegangen iſt? Ich habe es ihm wenigſtens ſo anbefohlen; man läßt dort die großen Teiche ab, und ich brauche für die näch⸗ ſten Tage ſo viele Karpfen und Aale, als ich bekommen kann!“ „Ich glaube, er ging dorthin,“ erwiederte der Fuhrmann. „Auch wollte er ſich nebenbei nach Feldhühnern umſehen.“— Dabei lächelte er verſchmitzt in ſich hinein. „Was das Umſehen anbelangt,“ nahm die Mutter ſehr ernſt das Wort,„ſo hoffe ich nicht, daß er ſich in den Feldern umſieht. Hat gewiß wieder ein Gewehr bei ſich verſteckt! Ich will's ihm ——— Erſtes Kapitel. ſchon ſagen, wenn er nach Hauſe kommt. Habe wahrhaftig keine Luſt, jede Woche wegen euch vor Gericht geladen zu werden! Das ſag' ich dir ein für alle Mal, und du kannſt dir's merken und dei⸗ nem Bruder mittheilen: wenn ſie euch wegen eurer Geſchichten ein⸗ mal ernſtlich einſperren, da thue ich keinen Schritt, weder mit guten Worten, noch mit Geld, und wenn ſie euch vis zum letzten Tage ſitzen laſſen!“— Dabei ſtreckte die Frau ihren dicken, musculöſen Arm weit von ſich, als wollte ſie ſagen:„Das. iſt abgemacht!“ Der Kaffee ſchien auch gemahlen zu ſein; denn ſie zog die Schub⸗ lade der Mühle heraus, und nachdem ſie ſich überzeugt, daß alle Bohnen gehörig zerrieben ſeien, ſchüttete ſie das Mehl in eine auf dem Herde ſtehende rieſenhafte Kaffeekanne. Der Sohn hatte ſeinen Arm wieder auf den Tiſch geſtützt und murmelte während deſſen etwas in ſich hinein von ewigen Plage⸗ reien und Schindereien, und daß das ſchlechte Volk es nicht unter⸗ laſſen könnte, ſie beſtändig anzugeben.„Wenn ich aber oder der Bruder,“ fuhr er lauter fort,„einmal jemand erwiſche, der uns ſolche Geſchichten nachſagt, da kann es ein Unglück geben— mich ſoll der Teufel holen, ein rechtes Unglück!“ „ Halt dein Maul!“ verſetzte die Mutter ruhig, während ſie das ſiedende Waſſer auf den Kaffee goß,„euch beiden ſagt man nicht zu Schlimmes nach; ich weiß es ganz genau, aber ich habe nur keine Conſtitution, um mich den ganzen Tag über eure Spitzbübe⸗ reien zu ärgern. Der Doktor ſagt, ich ſoll mich vor einem Schlag⸗ anfalle in Acht nehmen; deßhalb ärgere ich mich auch gar nicht mehr mit euch. Gewiß, ich will mich gar nicht mehr ärgern! das verſichere ich dir und deinem Bruder, und ihr könnt mirs glauben: ehe ein Schlag an mich kommt, kommt noch mancher an euch.— Katharine!l“ „Ja, ja, ich weiß ſchon!“ brummte der Sohn halblaut,„wir beide müſſen immer Alles gethan haben! An uns muß immer der ganze Zorn hinaus! Es iſt gerade, als wenn wir vor der Thür Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 23 gefunden worden wären—— aber das Mädel.... das kann machen, was es will!“ 3 „Was ſollen die nichtsnutzigen Reden?“ entgegnete die Frau und ſtemmte ihre beiden Hände, die ſie jetzt frei hatte, in die Sei⸗ ten.„Was thut das Mädel, was nicht vor Gott und mir zu ver⸗ antworten wäre? he? du Strick!“ „Nun, was wird ſie thun!“ lachte der Fuhrmann; gewöhnlich thut ſie nichts, das iſts ja eben, und wenn ſie einmal was thut, ſo wäre es auch beſſer, ſie ließe es bleiben!“ Zweites Kapitel. Indem Madame Schoppelmann ihren Kaffee bereitet, erfabren wir aus fortgeſetzten Geſprä⸗ chen während dieſes Geſchäfts, daß eine ſchöne Tochter ſchwer zu hüten iſt. Kaum hatte der Bruder dieſe Worte geſprochen, ſo flog die Thüre, die ins Nebenzimmer führte, heftiger auf, als nothwendig geweſen wäre, und das Mädchen, von dem oben die Rede, ließ ſich auf der Schwelle ſehen. Sie war mit ihrer Morgentotllette beſchäf⸗ tigt und angenſcheinlich nur durch den Angriff des Bruders d dazu vermocht worden, ſo in das Vorzimwer herauszukommen; eben im Begriffe geweſen, in einen hellfarbenen kattunenen Ueberrock zu ſchlüpfen, ſchnürte ſie zu dieſem Zwecke eiligſt ihr Mieder zuſammen. Ihr dichtes ſchwarzes Haar war in zwei faſt unförmlichen Flechten um den Kopf herumgewunden und wurde oben durch ein rothes Tuch feſtgehalten, das ſie, gewiß ohne es zu wo len, maleriſch und kokett darüber hingeſchlungen. Ibr Auge blitzte, ihre etwas ſtarken, aber friſchrothen Lippen waren leicht geöffnet, nnd ſie wiederholte haſtig die Frage der Mutter. Zweites Kapitel. „Da hätte man viel zu ſagen!“ gab der Bruder achſelzuckend zur Antwort;„ich weiß nichts und will nichts wiſſen!“ „Was willſt du nicht wiſſen und was weißt du?“ fragte haſtig Katharina. 3 Der Bruder aber dachte, daß es beſſer ſei, vor der Hand den beiden Frauenzimmern gegenüber an einen klugen Rückzug zu den⸗ ken, und verſuchte dieſen zu bewerkſtelligen, indem er ſagte:„Nun, ich will mich gerade in nichts Genaueres einlaſſen;. das ſollte mir fehlen!“ „Sprich gerade heraus!“ entgegnete das Mädchen,„ſag', was du willſt und was du weißt!“— Darauf riß ſie eifrig an dem Schnürriemen und zog dann ihren Ueberrock zuſammen, um dem Bruder auch in ihrem Aeußeren gerüſteter entgegen treten zu können. „Laß mich in Frieden!“ ſagte dieſer.„Nun ja, wenn man den ganzen Tag gereizt wird und es nur über uns beide hergehen ſoll, das kann man ſich auch nicht immer gefallen, laſſen und das wollen wir auch nicht. Und daß dagegen die Katharine Euer Schooßkind iſt, das weiß die ganze Welt, und daß ſie thun nnd treiben kann, was ſie will, das weiß wieder die ganze Welt. Aber warte nur!“ „Und worauf ſoll ſie warten? du böſes Maul!“ entgegnete Madame Schoppelmann und rührte langſam in dem, Kaffee, den ſie vorhin aufgegoſſen. 3 Das Mädchen aber, kräftig und feſt wie ein Mann und dabei geſchmeidig wie ein Aal, näherte ſich mit größter Lebhaftigkeit dem Tiſche, an dem der Bruder ſaß, legte ihre volle, aber feine Hand auf denſelben, beugte den Oberkörper vor und ſah ihm feſt in die Augen.„Es iſt das ſchon öfter vorgekommen, daß du und dein Bruder den Verſuch machten, der Mutter allerlei Spinnen in den Kopf zu ſetzen, und immer hinter meinem Rücken. Auch heute haſt du wohl gedacht, die Katharine iſt noch lange nicht bei der Hand, — Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 25 ſonſt wäreſt du nicht mit deinen bösartigen Redensarten losgegan⸗ gen, darauf könnte man ſchwören. Aber jetzt rathe ich dir im Guten, Fritz, ſage gerade heraus und unumwunden, worauf du vorhin angeſpielt; denn ich bin doch wahrhaftig neugierig, endlich einmal zu erfahren, was ich für einen Lebenswandel führe!“ „Das möchte ich auch wiſſen!“ ſetzte die Mutter hinzu. Und das ſagte ſie mit einer außerordentlich kräftigen und entſchloſſenen Stimme, und näherte ſich in ihrer ganzen breiten Geſtalt, beide Arme in die Seite geſtemmt, ebenfalls dem Tiſche. „Laß mich in Frieden!“ ſagte barſch der Fuhrmann;„von Lebenswandel habe ich auch gar nicht geſprochen.“ „Wovon denn?“ fragte heftig Katharina und beugte den Kopf ſo herab, daß ihre großen, dunkeln Augen wenige Zoll von den grauen, unſteten ihres Bruders entfernt waren und ihn feſt zu ban⸗ nen ſchienen. Er fuhr zurück und lehnte ſich dann in ſeinen Stuhl, wobei er ein außerordentlich luſtiges Lachen erheuchelte, indem er hoffte, ſich ſo aus der Affaire zu ziehen. Doch waren die beiden Damen nicht geſonnen, ihn dieſes Mal ohne gründliche Beichte entwiſchen zu laſſen. Katharina, welche dieſer beſtändigen Sticheleien hinter ihrem Rücken müde war, wußte ganz genau, um was es ſich eigentlich handle, und war überzeugt, wenn der Bruder auch wirklich etwas vorbringen würde, daß ſie doch im Stande ſei, ſich vor der Mutter herauszureden und da⸗ mit den ewigen Neckereien ein plötzliches und raſches Ende zu machen. Der Bruder aber brach, durch die lange Weigerung, ſeine An⸗ klage vorzubringen, dieſer ſelbſt die Spitze ab, und die Mutter mußte natürlicher Weiſe denken, wenn er wirklich etwas wüßte, ſo würde er ſich nicht ſo lange ſperren, damit heraus zu rücken. Und doch bedurfte es noch mancher außerordentlich heftigen Aufforderung von Seiten der Schweſter, ſowie eines nicht ganz gelinden Schla⸗ ges der Mutter auf den Tiſch, um den einigermaßen eingeſchüchterten 26 zweites Kapitel. Fuhrmann zu bewegen, das, was er wußte, von ſich zu geben. „Es iſt die alte Geſchichte,“ ſagte er achſelzuckend,„die Ihr aber nie glauben wollt, Mutter, ſo oft man Euh auch ſchon davon ge⸗ ſprochen— der Blumenhandel von Katharine.“ „Und was geht dich mein Blumenhandel an?“ verſetzte verächtlich das Mädchen und richtete ſich mit ihrer anſehnlichen Geſtalt ſtolz in die Höhe.„Bekümmere dich um deine Gänſe und Enten!“ „Ja freilich,“ entgegnete lachend der Bruder,„geht mich dein Blumenhandel nichts an; ich bin auch, Gott ſei Dank! keiner von jenen jungen Offizieren zu Fuß und zu Pferd, die das Pflaſter auf dem Markt zu Schanden trampeln, mit Schleppſäbel und Feder⸗ hut, und dann bin ich ja auch nicht die ſchöne Katharine, wie ſie dich heißen. Ha! ha! Und noch viel weniger gäb ich nur einen Groſchen um das beſte Bouquet von dir, und wenn du.. es mir auch ſelbſt an den Rock ſtecken thäteſt.“ „Wem ſtecke ich Blumen an den Rock?“ ſagte heftig und erhitzt das Mädchen;„wem? du Läſtermaul!“ „Nun, nun,“ entgegnete der Bruder,„das thuſt du freilich nicht Vielen, aber wenn ich auch ſo ein—— junger Menſch wäre, mit dem braunen Frack, hohem Hemdkragen und darunter ſo ein violet ſeidenes Tuch, und wenn ich ſo ein blaſſes, liederliches Ge⸗ ſicht hätte, wie gewiſſe Leute mit hinaufgewichstem blondem Schnurrbart, da käme es dir nicht darauf an, mir eine Roſe ins Knopfloch zu ſtecken. He, Jungfer Schoppelmann? he, ſchöne Katharine?“ „Von wem ſpricht denn der Bub' eigentlich?“ ſagte die Mut⸗ ter und ſtieß ihre Tochter mit dem linken Ellbogen an den Arm. „Das ſind auch gewiß nur wieder von ſeinen dummen Phantaſieen! Nicht wahr, Katharine?“ Die Sache mußte doch nicht ſo ganz auf der Phantaſie des Bruders beruhen; denn als er ſo von dem braunen Frack und dem blonden Schnurrbart ſprach, zuckte das Mädchen ganz leiſe zuſam⸗ Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 27 men, und die glühende Röthe ihrer Wangen wich einer augenblicklichen Bläſſe, die, auf der hohen Stirn aufangend, ſich mit Blitzesſchnellig⸗ keit bis auf die heftig athmende Bruſt fortſetzte. „Nun, Katharine,“ wiederholte die Mutter,„was will er da⸗ mit ſagen? Leg' ihm ſeine böſen Reden 44 „Sie wird ſie mir nicht legen!“ ſprach triumphirend der Bruder und trommelte mit ſeinem Meſſer auf den Tiſch.„Siehſt du, Kätherle, es iſt beſſer, wenn du nicht ſo herausfordernd thuſt!“ „Und was willſt du damit ſagen?“ rief die Mutter und ſtützte beide Arme auf den Tiſch;„was ſoll das heißen?“ „Ja, das möchte ich auch wiſſen,“ ſagte Katharina,„was und wen er damit gemeint hat!“ „Was und wen?“ lachte der Fuhrmann.„Was? den Blumen⸗ handel, und wen? einen gewiſſen Herrn Eugen; die Jungfer Katharine kennt ihn ſchon.“ „Du kennſt ihn ſchon?“ ſagte die Mutter und blickte die Toch⸗ ter bedenklich an. Doch Katharina lachte ſtatt aller Antwort laut hinaus, und es gelaug ihr, recht unbefangen zu lachen.„Eugen! Eugen!“ ſprach ſie alsdann;„nun ja, das iſt möglich, daß einer von den vielen Herren, die von meinen Blumen kaufen, Engen heißt, auch daß er vielleicht oft kommt, ſich Sträuße zu holen.“ „So oft,“ rief der Bruder dazwiſchen,„daß die ganze Stadt davon ſpricht. 4 „Ei, Katharine,“ bemerkte die Mutter ſehr ernſt,„da fällt mir auch etwas ein, was man mir neulich geſagt— ich weiß nicht mehr recht, welche von den Weibern es war— ja, ja, die ſagte mir wahhraftig etwas Aehnliches. Nimm dich in Acht, Katharine, vor dem Gerede der Leute und vor deiner Mutter! Jetzt komme ich auf einmal wieder klar auf die ganze Geſchichte; ja, ja, es iſt ſchon was Wahres daran, was der Fritz ſagt.“ „Nicht wahr, Mutter?“ Zweites Kapitel. „Und ich werde dir den ganzen Blumenhandel noch legen,“ fuhr dieſe fort.„Meiner einzigen Tochter was nachſagen zu laſſen, das ſollte mir fehlen! Ja, ja, wer hat es mir nur geſagt? Katha⸗ rine, nimm dich in Acht! Ich glaube— wenn ich mich nicht ganz irre— es hieß, der nichtsnutzige Sohn der verwittweten Staats⸗ räthin Stillfried ſtreiche den ganzen Vormittag um deine Körbe herum.“ „So iſt's, Mutter,“ ſagte der Fuhrmann,„der liederliche Herr Eugen, der iſt's! Und daß an der Sache was Wahres iſt, könnt Ihr deutlich an Eurer Jungfer Tochter abnehmen. Hat ſie nicht vorhin gethan, als wenn ſie mich freſſen wollte, und jetzt iſt ſie mäuschenſtill geworden?“. Das Mädchen warf den Kopf trotzig in die Höhe und ließ auf den Bruder einen Blick unbeſchreiblicher Verachtung blitzen. Dann ſagte ſie:„Es iſt freilich am beſten, wenn man deine dummen Re⸗ den unbeantwortet läßt; ich will mich auch gar nicht darum kümmern. Sag“ was du willſt, und wenn dir die Mutter am Ende wie ge⸗ wöhnlich glaubt, ſo kann ich auch nichts dagegen haben. Ich werde doch thun und laſſen, was mir gefällt, denn ich bin kein Kind mehr und weiß ſchon, was ich zu thun habe.“— Damit wandte ſie ſich vom Tiſche weg und ging wieder ins Nebenzimmer, deſſen Thüre ſie ebenſo heftig, als ſie ſie geöffnet, wieder hinter ſich zuſchlug. 2 „Seht Ihr, wie ſie trotzig iſt, obgleich ſie mir nichts Rechtes zu antworten weiß!“ ſagte der Bruder;„ja laßt der nur allen Willen, und Ihr werdet genug Freude au ihr erleben!“ Madame Schoppelmann gab keine Antwort, ſondern ging an den Herd, nahm von dort die große Kaffeekanne und ſetzte ſie auf den Tiſch; dann langte ſie vom Kamingeſims einige Taſſen her⸗ unter, die ſie daneben ſtellte, nahm aus einem Wandſchrank einen Teller, worauf ein friſches Stück Butter in einem Kohlblatte ein⸗ gewickelt lag, und ſtellte das nebſt einem großen Stück Brod 9„9— Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 29 daneben. Aber obgleich ſie das Geſpräch von vorhin nicht laut fortſetzte, ſo ſah man doch ihrem Mienenſpiel an, daß ſie dieſe Geſchichte nicht ganz gleichgültig aufnahm, ſondern vielmehr eifrig darüber nachdachte. Zuweilen ſchüttelte ſie den Kopf, ſeufzte auch wohl gelinde auf, und als ſie das Frühſtück hergerichtet hatte, ließ ſie ſich mühſam auf einen breiten, ſchweren Stuhl an dem Tiſche nieder und legte, ſtatt zuzulangen, die Hände in den Schooß. „Haſt du,“ fragte ſie nach einer Pauſe,„deine Schweſter vor⸗ hin nur necken wollen, wie es unter euch Mode iſt, oder ſagt man wirklich in der Stadt etwas über ſie und jenen Herrn Eugen?“ „Allerdings ſagt man etwas!“ entgegnete beſtimmt der Bruder und goß ſich eine Taſſe Kaffee ein.„Und man ſagt ſogar recht viel über Herrn Eugen und Jungfer Katharine, über die ſchöne Katharina, wie die Leute ſie nennen.“ „Ueber mein Kind!“ ſagte ernſt die Mutter.„Aber Katha⸗ rine,“ fuhr ſie nach einer Pauſe eifriger fort und ſchüttelte die Hand,„weiß gewiß nichts davon, ſie iſt ganz unſchuldig. Doch dem Herrn Eugen ſollte man das legen.“ „Ja, wenn ich's ihm nur legen dürfte!“ meinte der Fuhrmann und ſchnitt ſich ein ungeheures Stück Brod ab;„ich wollte es ihm ſo legen, daß er ſich ſelbſt mit legen müßte. Soll ich ihm vielleicht einmal in den Weg laufen und ein Wort mit ihm ſprechen?“ „Nein, nein,“ ſagte die Mutter,„das iſt keine Sache für deine Hände. Gott ſoll mich bewahren! Darin will ich ſchon meine eigenen Gänge machen. Der Katharine will ich den Kopf ſchon zurecht ſetzen, und wenn die Frau Staatsräthin eine rechtſchaffene Dame iſt, ſo wird ſie mit ihrem Sohne das Gleiche thun. Laß mich nur machen.“ Der Bruder wollte noch Einiges entgegnen, doch bat ihn Madame Schoppelmann, jetzt gefälligſt ſein Maul zu halten, denn ſie wolle ihren Kaffee in Ruhe trinken. Nach einigen Augenblicken kam auch Katharina wieder aus 30 Zweites Kapitel. dem Nebenzimmer hervor, jetzt vollſtändig angezogen, einfach, in einer Tracht, die zwiſchen denen der Dienſtmädchen guter Häuſer und der Bürgerstöchter die Mitte hielt. Von jenen hatte ſie das ſchwarze nette Mieder entlehnt, von dieſen den langen Rock, und der Schnitt des ganzen Kleides paßte ſo gut zuſammen und war in den Farben ſo geſchmackvoll gewählt, daß Jedermann, der dieſer vollen, prächtigen Geſtalt mit dem friſchen, blühenden Geſichte begegnete, unwillkürlich ſtehen bleiben und zu ſich ſelbſt ſagen mußte: Das iſt in der That ein ſchönes Mädchen! Die Familie, durch den vorherigen Streit etwas verſtimmt, wechſelte während des Kaffeetrinkens nicht ein einziges Wort, und es wäre ſolcher Geſtalt im Gewölbe ſehr ſtill geweſen, wenn nicht in dieſem Augenblicke ungefähr ein Dutzend Weiber nach und nach eingetreten wären, die ſich auf den Steinen am Herd und den davorſtehenden Stühlen ziemlich geräuſchvoll niederließen. Ob⸗ gleich dieſe Weiber Colleginnen, wenn gleich ärmere und unbedeu⸗ tendere Colleginnen der Madame Schoppelmann waren, ſo wagte doch keine, die feierliche Kaffeeſtunde durch eine laute Frage an die Frau zu unterbrechen, vielmehr begnügten ſich alle mit einem ſtummen Gruße, der von Madame Schoppelmann ebenſo ſtumm, wenn gleich etwas vornehmer, erwidert wurde. Unter ſich dagegen ſprachen die Weiber bald leiſe, bald lauter, und es herrſchte eine lebhafte Unterhaltung, welche ſich natürlicher Weiſe nur um ihr Geſchäft, den Gemüſe⸗ und Obſthandel, drehte. Jetzt hatte Madame Schoppelmann ihren Kaffee mit der be⸗ deutenden hierzu gehörigen Menge von Brod und Butter zu ſich genommenz; ſie rückte ihre Haube zurecht, erhob ſich dann ſchwerfällig von ihrem Sitze, wobei ſie ihre beiden Arme auf den Tiſch ſtützte, daß er krachte. Dann trat ſie mit einer gewiſſen Würde und Feierlichkeit an den Herd in den Kreis jener Weiber, die ſich darauf ehrfurchtsvoll von ihren Sitzen erhoben. Nach einer kleinen Pauſe, während welcher die Weiber erwar⸗ — Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 31 tungsvoll zu Madame Schoppelmann Kuſtlicn, ſetzte dieſe den rechten Arm in die Seite und fragte mit einer ſehr wichtigen Stimme:„Wie ſchaut's heute Morgen auf dem Markte aus?“ „So, ſo!“ entgegnete eines der Weiber;„es iſt im Allgemeinen nicht zu viel und nicht zu wenig da, gerade was die Stadt braucht.“ „So könnte man alſo.“ entgegnete Madame Schoppelmann, „die Preiſe vom vorigen Dienſtage im Allgemeinen feſthalten?“ „Wahrhaftig, man könnte ein wenig anziehen,“ erwiderte die Gefragte, und die Anderen nickten mit dem Kopfe und meinten auch, es wäre nicht unthunlich, die Preiſe etwas zu erhöhen. „Sie wird am beſten wiſſen, Frau Schoppelmann,“ ſagte eine Zweite,„daß es in dieſer Woche eine Menge Geſchichten in der Stadt gibt; ein paar große Hochzeiten weiß ich, einige tüchtige Kindtaufen ebenfalls.“ „Und in den beiden erſten Gaſthöfen,“ ergänzte Madame Schoppelmann,„ſind heute und morgen große, extra beſtellte Diners. Ja, ja, das iſt ſchon wahr.— Wie ſieht's draußen mit der Butter aus?— Es kann nicht übermäßig viel da ſein.“ „Daran fehlt's wirklich,“ antwortete die, welche zuerſt ge⸗ ſprochen,„es fehlen mehrere von den gewöhnlichen Lieferanten.“ „Denen ich ihre ganze Ladung im Voraus abkaufte,“ ſagte ſtolz die dicke Frau und blickte ehrfurchtgebietend um ſich.„Und da demnach der Vorrath nur gering ſein kann, ſo können wir mit der Butter ſchon um einige Kreuzer aufſchlagen.“ Die Weiber lächelten vergnügt und ſchauten die Frau Schop⸗ pelmann mit Mienen an, welche deutlich ſagen wollten:„Welch eine Frau!“— „Mit den Eiern,“ fuhr dieſe fort, iſt es gerade ſo; es können unmöglich zu viel auf dem Markte ſein.— Sie ſollen's zahlen!“ „Natürlich!“ murmelten vergnügt die Weiber. „Alſo Butter und Eier,“ fuhr die Herrin dieſer Victualien⸗ börſe in beſtimmtem Tone fort,„werden um einen Kreuzer theurer “ —— Zweites Kapitel. gehalten, als am letzten Markttage, und danach richten ſich Obſt und Gemüſe. Was die kleineren Früchte: Erdbeeren, Johannis⸗ beeren, Stachelbeeren anbelangt, ſo beruft man ſich auf die Hagel⸗ wetter der vergangenen Woche, ſowie auf die Faulheit der Bauern⸗ kinder, die gar nichts hereinbrächten. Was die neuen Kartoffeln und die Gemüſe betrifft, ſo vergeßt mir die Kartoffelkrankheit und die Würmer nicht. Es kann nichts ſchaden, wenn ihr in jeden Korb ein paar Schnecken werft, namentlich in den Salat, und ſie den Köchinnen zeigt. Es ſeien dieſes Jahr unzählige, ſagt man, und ſie freſſen alles Grüne ab, wie es eben aus dem Boden heraus kommt. Dafür aber ſucht eure Waare ſorgfältig aus, und wenn man euch vorwirft, ihr wäret theurer als am vorigen Markttage und als manche Andere, die nicht zu uns gehört, ſo beruft euch erſtens auf mich und dann auf die Güte eurer Sachen. Aber laßt mich nie erfahren, daß Jemand unter der Hand wohlfeiler verkauft und ſo das ganze Geſchäft ruinirt!— Hat jemand die Frau Weber geſehen?“ „O, das iſt eine verſtockte Frau!“ ſagte eines der Weiber; „denkt nur, als ich hieher ging, rief ſie mir zu: Geht nur zu eurer Frau Schoppelmann und macht dort eure Geſchichten aus, ich thue doch, was ich will, ich verkaufe nach meinen eigenen Preiſen, und weun ich auch darüber zu Grunde gehen ſoll! Ja, geht nur zur Schoppelmann!“. 2 „Das kann ihr geſchehen!“ verſetzte dieſe.„Hat ſie nicht neulich die verrückte Idee gehabt und einige Haſen zum Verkaufe ausgelegt, kleine, miſerable Dinger, und wollte ſie um ſechsunddreißig Kreuzer verkaufen! Die meinigen— ſchöne, ſchwere— waren zu achtund⸗ wierzig angeſetzt; aber ich habe ſie an dem Tage zu vierundzwan⸗ zig gegeben, und Madame Weber hat die ihrigen ſelbſt eſſen können.“ 8. „Ja, ja!“ jubelten die Weiber;„ſo iſt es ihr ergangen, und * 3 Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 33 wir wollen ſie ſchon noch kriegen!“ Damit erhoben ſie ſich von ihren Sitzen, um an ihr Geſchäft zu gehen. „Haltet mir eure Preiſe feſt und macht mir keine Geſchichten!“ Mit dieſer Mahnung entließ die Oberin des Gemüſemarktes ihre Colleginnen und hob die Börſe auf. 4 Die Weiber verließen die Halle und gingen durch den Hof auf die Straße, nicht ohne unterwegs neugierige und auch wohl neidi⸗ ſche Blicke auf die großen Haufen Gemüſe, auf die zahlreichen Hühner und Enten und auf die fetten Ferkel zu werfen. Der Fuhrmann hatte unterdeſſen ebenfalls ſein Frühſtück been⸗ det, ſtopfte ſich eine Pfeife und ging in den Hof, nach ſeinen Pfer⸗ den und ſeinem Geſchirr zu ſehen. Katharina holte aus dem Nebenzimmer einen großen, zierlich geflochtenen Korb, den ſie mit Beihülfe der Mutter mit dem feinſten und ſchönſten Obſt anfüllte; oben hinauf legte ſie ihre Blumen ſträuße; die Mutter gab ihr Verhaltungsbefehle, ermahnte ſie, die beiden Mägde draußen, die vorläufig bei den Gemüſen und Früch⸗ ten waren, wohl im Auge zu behalten und nicht weglaufen zu laſſen. Dann half ſie ihr den ſchweren Korb emporheben; Katha⸗ rina nahm ihn leicht und gewandt auf ihren⸗Kopf, und als ſie ſo dahinſchritt, das ſchöne Mädchen mit der ſchlanken Taille, mit der rechten Hand zierlich den Rand des Korbes haltend, mit der linken ihre Röcke ein klein wenig erhebend, damit ſie auf dem Hofe nicht beſchmutzt würden, ſo hätte man glauben können, ſie thue das alles nur zu ihrem Vergnügen, um ihre kräftigen und doch eleganten Körperformen ſehen zu laſſen, oder ſie ſei aus einem Bilde hervor⸗ gegangen, auf welchem der Maler mit kunſtreicher Hand das Srent eines weiblichen Weſens mit den glühendſten Farben hingezaubert. Auch die Mutter ſah ihr mit einem Gefühle des Stolzes und der Befriedigung nach, und dann ſchüttelte ſie mit dem Kopfe, wenn ſie an jene Rede ihres Sohnes dachte. Auch fiel ihr jetzt klar und Hackländers Werke. X. 3 Drittes Kapitel. deutlich ein, daß man ſchon früher von dieſer Sache geſprochen, ſie gewarnt und ihr dabei geſagt, ſie ſolle die ſchöne Katharina hüten, denn jener Herr Eugen, einer der lockerſten Pflaſtertreter der Reſidenz, beſchäftige ſich in ſeinen immerwährenden Freiſtunden damit, ihrer Tochter auffallend die Cour zu machen.* „Wir wollen das ſchon arrangiren!“ ſagte die Frau für ſich und begab ſich daran, ihr Kaffeegeſchirr zu ſpülen und Kannen und Taſſen, Butter und Brod wieder an ihrem gehörigen Ort unter⸗ zubringen. 3 Doch war ſie mit dieſem Geſchäfte noch nicht ſehr weit ge⸗ kommen, als ein neuer Beſuch bei ihr eintrat. Drittes Kapitel. Madame Schoppelmann erhält einen Beſuch. bel welcher Veranlaſſung wir eine merkwürdige Epiſode aus ihrem Leben zu hören bekommen.— Ein ziemlich lehrreiches Kapitel. Dieſer neue Beſuch, ein Frauenzimmer in der Tracht der Bür⸗ gertöchter, war eine lange, dürre Geſtalt, angethan mit einem Kattunkleid von zarter hellblauer Farbe. Auf dem Kopfe trug ſie eine Haube, mit Roſabändern verziert, und in der and hatte ſie einen Sonnenſchirm von blaſſem, ſeegrünem Seidenzeuge, an den äänden aber weiße baumwollene Handſchuhe. Das Geſicht dieſer Geſtalt paßte eigentlich durchaus nicht zu den eben genannten jugendlichen, friſchen Farben, wäre vielmehr in einer Umhüllung von Grau und Schwarz weit beſſer an ſeinem Platze geweſen. Es war ein langes, mageres Geſicht, mit dünnen, wenig gerötheten Lippen und großen, faſt glanzloſen Augen von einer Farbe, als hätte man Vergißmeinnicht in Milch gekocht. Eine merkwürdige Epiſode. 35 Dieſes Frauenzimmer trat ziemlich lebhaft, ja ſogar aufgeregt in das Gewölbe der Frau Schoppelmann. Es war eine jener Aufregungen, von denen man wünſcht, daß ſie von unſern Neben⸗ menſchen gleich bemerkt werden, eher eine künſtliche, als eine wirk⸗ liche. Die Dame in dem blauen Kleide, die offenbar mit der Ge⸗ müſehändlerin befreundet war, warf ſich, wie erſchöpft, in einen Stuhl und ſeufzte einige Mal aus tiefſter Bruſt. Doch wurde es ihr nicht ſo leicht, die Aufmerkſamkeit der Madame Schoppelmann, wie ſie wohl gewünſcht, ſogleich zu erregen. Dieſe würdige Frau war zu ſehr mit ihrem Geſchirr beſchäf⸗ tigt, überhaupt von einer zu großen Gemüthsruhe, um zu bemer⸗ ken, daß ihr Beſuch ſehnlichſt gewünſcht, ſie möchte ſogleich fragen: „Um Gottes willen, was iſt Ihnen denn begegnet?“ Erſt nachdem ſie wiederholt einige tiefe herzbrechende Seufzer gethan, dabei ſehr auffallend geſchaudert, wandte ſich die Gemüſehändlerin, die ihr gleich Anfangs einen guten Morgen geboten, von dem Herdfeuer ab, um ſie zu fragen, ob ſie nicht ganz wohl ſei. Statt aller Antwort ſchüttelte die blaue Dame ihr mageres . Köpfchen, ließ es dann nach der Gegend der Bruſt zu ſinken und ſagte:„O lieber Gott!“ „Nun, was ſoll's denn, Jungfer Strebeling?“ fragte verwun⸗ dert die Gemüſehändlerin, welche, mit dem Abtrocknen ihrer Kaffee⸗ kanne beſchäftigt, zufälliger Weiſe über dieſelbe hinausſchaute und auf dieſe Art das Manöver der ſehr ehrenwerthen Jungfrau be⸗ merkte.„Nun, ſo ſprechen Sie doch! Was iſt Ihnen denn ſo Grauſames begegnet?“ „O lieber Gott!“ entgegnete die Andere und ſeufzte abermals tief auf. „Nun, ſo reden Sie doch gerade heraus! Hat man Ihnen was gethan, iſt Ihnen was geſtohlen worden, haben Sie mit Ihrer Frau Schweſter Streit gehabt?— So ſprechen Sie doch! Nun?“ Drittes Kapitel. „O lieber Gott!“ wiederholte das geängſtigte blaue Weſen; aber in dem Ton und in der Stimme, womit ſie dieſen Ausdruck wiederholte, lag es deutlich, daß es das nicht ſei, was ihr zartes Gemüth beängſtigte. „Haben Sie Kopfſchmerzen?“ „O lieber Gott!“ „Iſt Ihnen denn überhaupt was paſſirt?“ „O lieber Gott!“ „Und wollen Sie etwas ſagen?“ „O lieber Gott!“ „Nun, ſo reden Sie ins Kukuks Namen! denn ich bin wahr⸗ haftig nicht im Stande, Ihr Gefaſel zu errathen! Oder wenn Sie nichts ſagen wollen, iſt mirs auch recht. Ich kann das Gewinſel ſo nicht recht vertragen, Jungfer Strebeling, das wiſſen Sie; alſo wenn Sie mich damit verſchonen wollen, iſt mirs ganz recht.“ „O lieber Gott!“ gab die alte Jungfer verſchämt zur Antwort und hielt den meergrünen Sonnenſchirm vor ihr gelbliches Ge⸗ ſicht, welches dadurch eine wunderbare Schattirung erhielt. Die dicke Frau aber beſchäftigte ſich, ohne ſich um ihren Be⸗ ſuch weiter zu bekümmern, mit dem Ausſpülen ihrer Taſſen, und die rappelten in dem Kübel durcheinander, und das Waſſer plät⸗ ſcherte, oder es ziſchte zuweilen laut auf, wenn die Frau in ihrem Amtseifer etwas auf den heißen Herd ſpritzte. Sie that gerade, als ſei Niemand gegenwärtig, und ihr, die ſie die Jungfer Stre⸗ beling genau kannte, mochte es auch wohl einerlei ſein, eine von deren lamentablen Geſchichten zu vernehmen. Ddie Jungfer Strebeling war nämlich bekannt dafür, daß ſie das Leben ſtets von der Schattenſeite auffaſſe, und daß ihr der Tag als verloren erſchien, ihr ungenießbar vorkam, den ſie nicht mit ihren Thränen beträufelt. Dabei wußte ſie nicht immer, weß⸗ halb ſie weine; denn in Ermangelung eines wirklichen Schmerzes weinte ſie über einen trüben Sommertag, über eine todte Fliege, v * Eine merkwürdige Epiſode. 32 über ein lautes Wort der Nachbarſchaft und dergleichen mehr. Sie war eine ehrbare alte Jungfer, hoch in den Dreißigen; ihr Vater, ein ſeliger Schneidermeiſter, hatte ihr ein kleines Vermögen hiuter⸗ laſſen, von dem ſie leben konnte, aber dabei ſo wenig Vorzüge des Körpers, daͤß es noch nie einem männlichen Weſen eingefallen war, von der Jungfer Strebeling die kühne Vermuthung aufzuſtellen, als ſei auch ſie zur Liebe geſchaffen. Sie hatte eine verheirathete Schweſter, ein unzartes Weſen, mit der ſie nicht gern verkehrte; denn dieſe hatte ihr eines Tages die abſurde Zumuthung gemacht, ſie, die Jungfer Strebeling nämlich, möchte doch die Güte haben, einen Knopf an den Hoſen ihres Schwagers feſtzunähen. Schau⸗ dernd war ſie nach Hauſe entwichen, und das eben Erzählte, ſowie ähnliche, wenn auch minder ſtarke Angriffe auf ihre Sittſamkeit, hatten ihre zarte Seele ſo in den leichten Körper hineingeſchüchtert, daß ſie am liebſten allein war, und daß ſie ſich in ihrer Einſam⸗ keit als die größte Seligkeit ausmalte: ach, wenn ich doch katho⸗ liſch geboren wäre und in ein Kloſter gehen dürfte! Ihr— davon war ſie feſt überzeugt, könne nach jahrelanger Buße der Heiligen⸗ ſchein nicht entgehen, und ſchon jetzt kam ſie ſich wie ein vollkommen reiner, geſchlechtsloſer Engel vor. Das einzige Sündhafte oder vielmehr Irdiſche, was dieſem geläuterten Weſen noch anklebte, war eine geringe weltliche Eitelkeit in Betreff ihrer Kleidung. Nicht als ob ſie Aufwand und Luxus gemacht hätte— Gott bewahre! aber ſie konnte ſelbſt Tage lang darüber weinen, nachdem ſie ein buntfarbenes Kleid gekauft, oder glänzende Bänder für ihre Haube, und konnte durchaus nicht begreifen, woher dieſe ſündhafte Neigung komme.— Ach, gewiß nur von den vielen bunten Lappen, die ihr Vater, der ſelige Schneidermeiſter, in die Hölle fahren ließ, und ſie begriff ſelbſt nicht, weßhalb ſie ihr Aeußeres nicht vor den Blicken der Welt analog ihrem Inneren darſtellte: Grau in Grau ſchattirt.. Jungfer Strebeling— ſie hatte von ihrer gefühlvollen Mut⸗ — iſ—y’ — 38 Drittes Kapitel. ter in der Taufe deu zarten Namen Clementine erhalten— hatte heute Morgen wirklich etwas auf dem Herzen und mußte jetzt ſich ſchon entſchließen, damit aus freien Stücken heraus zu rücken; denn ſie bemerkte wohl, wie Madame Schoppelmann nicht die geringſte Anſtalt machte, ſie nochmals darum zu befragen. „Ach,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„ich war bis jetzt ſo gern hier in dem Hauſe bei Ihnen zur Miethe, werthe Madame Schoppelmann, auf meinen beiden kleinen, heimlichen Zimmern hinten heraus, wo man nichts bemerkt, als die lieben grauen Mauern des Nebenhau⸗ ſes, darüber ein Stückchen blauer Himmel, wenn es nicht gerade regnet, und das goldene Kreuz der Spitalkirche, freundlich darüber hinglänzend in hoc signo.“ „In was?“ fragte die Gemüſehändlerin. „O lieber Gott, ich mein's ja nur ſo!“ fuhr Clementine fort; „aber ich war in dieſem Hauſe ſo gern, ſo unendlich gern, daß es mir Schmerz machen würde, es verlaſſen zu müſſen.“ Auf dieſe Anrede hin, die der dicken Frau unerwartet kam, ließ ſie die eine Hand mit dem Spüllappen herunter ſinken, ſtemmte die andere in die Seite und ſagte in lang gedehntem Tone:„Wa — a— 8? Sie wollen unſer Haus verlaſſen, Jungfer Strebeling, aus⸗ ziehen, eine andere Wohnung nehmen?“ 3 „Das habe ich eigentlich noch nicht geſagt,“ entgegnete Cle⸗ mentine mit ängſtlicher Stimme;„vielmehr meinte ich, es würde mir außerordentlich ſchwer fallen, wenn ich dieſes Haus verlaſſen müßte.“ „Ja ſo!“ verſetzte beruhigt die Gemüſehändlerin.„Aber ins Kukus Namen! wer will Sie denn zwingen, dieſes Haus zu verlaſſen? Jemand, der ſo ruhig iſt, wie Sie, und ſeine Miethe ſo pünktlich bezahlt, der wird gewiß von keinem Hausbeſitzer moleſtirt.“ „O lieber Gott!“ entgegnete die alte Jungfer;„aber andere Umſtände zwingen mich.“ „Andere Umſtände?“ ſagte erſtaunt die Gemüſehändlerin; doch 24 Eine merkwürdige Epiſode. 39 lachte ſie gleich darauf ſo laut und gewaltſam hinaus, daß Cle⸗ mentine zuſammenfuhr und eines der kleinen Ferkel, welches ſich unter dem Kaffeetiſche beſchäftigte, erſchrocken und grunzend in den Hof hinaus fuhr. „Nun, kommen Sie endlich zur Welt mit Ihrem dummen Zeug!“ ſagte nach einer Pauſe die gutmüthige dicke Frau.„Was hat's denn gegeben?—— Na, ſo reden Sie einmal frei von der Leber weg!“ „O lieber Gott!“ ſprach nach einer längeren Pauſe ſchüchtern die alte Jungfer.„Neben meinem Schlafzimmer war bis jetzt ein anderes Zimmer, das längere Zeit leer ſtand.“ „Richtig, das grüne mit dem Alkoven.“ „Da hinein zog vor acht Tagen eine Choriſtin des Hof⸗ Theaters.“ „Ganz richtig, ganz richtig! eine ledige Perſon.“ Statt zu antworten, ſchüttelte Clementine verſchämt mit dem Kopfe. „Es iſt doch eine ledige Perſon,“ fuhr Madame Schoppelmann fort,„was ſoll denn Ihr Kopfſchütteln bedeuten?“ „Sie muß doch wohl nicht ganz ledig ſein,“ ſagte die geängſtigte Jungfrau mit unſicherer Stimme,„denn ich höre zuweilen eine... Männerſtimme ſprechen.“ „Nun ja doch!“ eutgegnete ruhig Madame Schoppelmann; „ſie iſt aber doch ledig. Das wird nur ihr Liebhaber geweſen ſein.“ „Madame Schoppelmann...!“ ſagte Elementine empfindlich und mit gerechter Entrüſtung. „Ei freilich,“ entgegnete die dicke Frau,„und davon wollen Sie ſo ein Aufheben machen? Das wird Sie doch wohl nicht ſtören?“ „O ja, das ſtört mich ſehr!“ ſagte die alte Jungfer, nachdem ſie ſich Muth gefaßt, dieſe Worte lauter auszuſprechen;„das ſtört mich recht ſehr, das kann ich nicht ertragen!“ 40 Drittes Kapitel. „Nun, nun, liebes Kind,“ ſprach die Gemüſehändlerin.„das iſt der Lauf der Welt, und am Ende haben Sie ſich doch geirrt. Man muß nicht immer das Aergſte von den Leuten glauben. Ich will mit der Choriſtin ſprechen, ſie ſoll ihr dummes Zeug laſſen; aber geben Sie Acht, Jungfer Strebeling, Sie haben ſich gewiß geirrt!“ Clementine ſchüttelte wehmüthig ihr Köpfchen, doch war dieſer Gegenſtand für ſie zu zart, um ihn nochmals zu berühren. Auch nahm ſie es als einen ſüßen Troſt, daß ſie ſich in Betreff der Männerſtimme vielleicht doch geirrt haben könnte. Aber daß ſie heute Morgen geſehen, mit ihren beiden Augen geſehen, wie eben jene Choriſtin auf der Treppe, auf der gemeinſchaftlichen Treppe, die auch ihr Fuß betreten mußte, einen jungen Mann geküßt, das erzählte ſie jetzt der Gemüſehändlerin, und es that ihr in innerſter Seele weh, daß Madame Schoppelmann über dieſe ſchreckliche Geſchichte nicht außer ſich gerieth, vielmehr ruhig ihre dicken Achſeln zuckte und ſagte: „Ja, mein liebes Kind, man kann in dieſer Welt nicht nach allen Fliegen ſchlagen. Etwas Unangenehmes gibt es in jedem Hauſe, und bei mir iſt es doch wahrhaftig ſehr ſtill, ſehr behaglich! — Denken Sie ſich nur, Jungfer Strebeling, wenn Sie in eine Straße zögen, wo z. B. das Militär vorbei zieht, wo die Unter⸗ offiziere herumflankiren, wo die Offiziere zu Pferd bei den Fenſtern vorbeireiten und in alle Häuſer hinein ſchauen, wo Sie den ganzen Tag die wilden Trommeln und Regimentsmuſiken hören müßten, wo Ihnen vielleicht gegenüber ein unternehmender Ladendiener wohnte, der Ihnen Abends neugierig ins Fenſter blickte!“ Clementine ſchauderte. „O, wenn Sie in ein Haus zögen, wo viele junge Herren zu Miethe wohnen, die Nachts um zwölf Uhr nach Hauſe kommen, oder die bei ſich ſpielen und trinken und dazu allerhand läſterliche Lieder ſingen! Ja, das ſollten Sie erſt erleben! Und wo der Haus⸗ 6 8 Eine merkwürdige Epiſode. 41 herr ſich um gar nichts bekümmert, oder noch obendrein darüber lacht, wenn die jungen Leute den Nebenwohnenden allerlei Schaber⸗ nak aufführen.“ „Und das kommt zuweilen vor,“ fragte ſchüchtern die alte Jungfer,„daß ſolche ſchreckliche Lente ein ehrbares Frauenzimmer beläſtigen?“ „O, das kommt ſehr oft vor,“ antwortete wichtig die Gemüſe⸗ händlerin; und wiſſen Sie, Jungfer Strebeling, Sie ſind eine zarte Perſon, Sie können ſich nicht helfen. Aber ſehen Sie einmal mich an, ich war freilich nicht immer ſo dick, wie jetzt, aber neh⸗ men Sie meine Katharine. Nun, ich war vielleicht in den Jahren noch einmal ſo ſtark, und wer von mir eine Ohrfeige bekam, der wußte davon zu erzählen. Nun, alſo denken Sie ſich, mich ſogar ließen ſie nicht in Frieden! Ich habe damals in einem Hauſe in der Lederſtraße gewohnt, ledig wie Sie— ehe ich nämlich den ſeligen Schoppelmann heirathete— und da wohnten neben mir auch ſo ein paar Galgenſtricke, und jeden Sonntag Morgen kam der ſelige Schoppelmann, mich zum Spaziergang abzuholen, und das wußten dieſe Gauner. Was thun ſie einmal? Sie gehen des Samſtag Nachts, als ich ſchon lange zu Hauſe war, her, und einer ſtellt mir vor meine Kammerthür ſeine Stiefel neben meine Schuhe, und da mag man ſagen, was man vill, das ſieht verdächtig aus. Und den andern Morgen warte ich auf den ſeligen Schoppelmann, und er kommt nicht, und ich warte noch eine Stunde, und er kommt immer nicht. Und wie ich endlich zum Fenſter hinaus⸗ ſchaue, da ſteht er an der Straßenecke mit einem langen Geſicht, wie Butter an der Sonne, und ſchaut immerwährend mein Haus au. Ich winkte ihm natürlicher Weiſe, aber ich mußte ihm lange winken, bis er endlich kam, und dann machte er ein Geſicht— nun, das will ich in meinem ganzen Leben nicht vergeſſen— und ſagte mit ganz trotzigem Tone, als ich ihn fragte, warum er heute Morgen nicht gekommen, mich abzuholen: Margarethe, ſagte er, Drittes Kapitel. ich war ſchon einmal da, aber vor deiner Thüre ſah ich etwas, was mir durchaus nicht gefallen wollte— wiſſen Sie, Jungfer Strebeling, die Stiefel nämlich neben meinen Schuhen— und ich erwiderte ihm ganz ruhig: Schoppelmann, Er iſt ein Narr, verſteht Er mich? und wir wollen ſchon ſehen, wem die Stiefel gehören! Weiß Er was, fang Er einmal tüchtig an, mit mir zu ſchreien und zu ſchimpfen! Und das that denn auch der ſelige Schoppel⸗ mann, ſo gut als möglich; aber darin konnte er nie etwas leiſten. Und als er ſo eine Zeit lang fortgeſchrieen und endlich ſtill wurde, hörte ich ſie im Nebenzimmer lachen, und dann machte einer lang⸗ ſam drinnen die Zimmerthüre auf und ſchlurfte in den Strümpfen auf den Gang hinaus bis vor meine Stube, um ſeine Stiefel wieder zu holen. Ich aber hatte meine Stubenthür ein ganz klein wenig geöffnet und ſtreckte langſam die geöffnete Fauſt hinaus; und wie ich ſie nun ſo plötzlich wieder zumache und darin etwas Le⸗ bendiges zappeln fühle, ſo ziehe ich es zu mir herein, und was war es, Jungfer Strebeling?— ſo ein kleiner miſerabler Laden⸗ ſchwengel! ein gebrechliches Ding, kaum vier Fuß hoch, und ſah aus wie ein geſpaltener Rettig, und war blaß und zitterte, wie ich es vor mich hinſtellte, und die Stiefel hielt er in ſeiner Hand, und ich fragte ihn: Wem gehören dieſe Stiefel, du Ding? und er antwortete: Mir— mir— ich will Sie aber gewiß in meinem ganzen Leben nicht mehr plagen, Jungfer Margarethe! Und dar⸗ auf lachte der ſelige Schoppelmann und ſagte: Es iſt abgemacht, Margarethe, ſei ſo gut und wirf das Ding vor die Thür!— Und draußen lag er mit ſammt ſeinen Stiefeln.— Ja, ſehen Sie, Jungfer Strebeling, ſo was geſchah mir als lediger Perſon in fremden Häuſern, und jetzt denken Sie ſich, was das wilde Volk erſt mit Ihnen anfangen würde!“ Bei dieſen Worten ſtellte ſich die Gemüſehändlerin in ihrer ganzen breiten, koloſſalen Geſtalt wie zum Vergleich vor die alte Jungfer hin und gab damit den eben geſagten Worten den voll⸗ — Eine merkwürdige Epiſode. 43 kommenſten Nachdruck. Dieſe beiden weiblichen Weſen verhielten ſich aber auch in der That zu einander, wie ein dicker Laubfroſch mit heller, weit hinſchallender Stimme zu einer dünnleibigen, ängſtlich flatternden, leiſe ſumſenden Mücke. „Nein, mein liebes Kind,“ ſagte der Laubfroſch— wir wollen ſagen: die Gemüſehändlerin— und legte ihre fleiſchige, ſchwere rechte Hand vertraulich auf die Schulter der armen Mücke, daß ſie faſt zuſammenbrach;„laſſen Sie ſich dergleichen gar nicht anfechten! Das mit der Choriſtin ſind Kleinigkeiten, wiſſen Sie, da kann man nichts machen; aber wenn Ihnen einmal Jemand ernſtlich in den Weg träte und Ihnen nur das Geringſte zu Leid thun wollte, da kommen Sie zur Frau Schoppelmann, die nimmt es nicht blos mit einer Choriſtin auf, ſondern, das kann ich Ihnen verſichern, ſelbſt mit dem ganzen Hoftheater, wenn es nothwendig wäre. Da ſeien Sie ganz ruhig.“ „O lieber Gott!“ ſeufzte Clementine nach einer Pauſe,„das weiß ich ganz genau und erkenne es auch dankbar an, wie Sie mich in jeder Hinſicht beſchützen. Aber hier— damit zeigte ſie auf ihr Herz— thut einem doch ſo etwas ſehr weh. Ach, ein Mädchen fühlt ſo zart in dem Punkt!“ „Verſteht ſich!“ ſagte gutmüthig die dicke Frau;„aber man muß Jederman ſeine Freiheit laſſen. Man muß an ſich ſelbſt denken; wer weiß, wer weiß, Jungfer Strebeling, es iſt noch nicht aller Tage Abend, auch Sie werden ſchon noch einmal einen Lieb⸗ haber auf die Treppe begleiten!“— „O lieber Gott, Frau Schoppelmann!“. „Denken Sie an mich!— Tanzen kann ich freilich nimmer, aber tüchtig eſſen und trinken werde ich gewiß noch auf Ihrer Hochzeit. Na, laßt die Geſchichte gut ſein! Mit der Choriſtin werde ich übrigens auch ein ernſtes Wort reden; jetzt muß ich aber auf meinen Markt und nach meinen Sachen und meinem — — — Drittes Kapitel. Kinde ſehen.— Brauchen Sie ſonſt was, Jungfer Strebeling? etwas Obſt?“ „Nur einige Blumen,“ ſagte die zarte alte Jungfer,„und die will ich mir ſelbſt bei der Katharine holen.“ Damit ſchwebte ſie zur Thüre hinaus. „Das wird ſie recht freuen!“ rief ihr die Gemüſehändlerin nach. Dann verſchloß ſie ihre Schränke, band ſſich eine friſche weiße Schürze vor, rief ihrem Sohne, dem Fuhrmann, in den Stall hinein, er ſolle recht auf das Haus Acht haben, und ging alsdann auf den Markt und ihren Geſchäften nach. Wohin ſie unter anderem ging und worin dieſe Geſchäfte be⸗ ſtanden, wird der geneigte Leſer im nächſten Kapitel erfahren. Viertes Kapitel. Worin neue Perſonen vorkommen, wie das zu Anfang einer Geſchichte meiſtens der Fall iſt, auch Unterrerungen verſchiedener Art, jungen Leuten auf's Beſte zu empfehlen. In der Steinſtraße derſelben Reſidenz, von der wir in den vorigen Kapiteln ſprachen, ſtand ein altes, ehrwürdiges Haus, welches das ſeltene Glück oder Schickſal gehabt hatte, daß es ſeit unvordenklichen Zeiten, wo es entſtanden, derſelben Familie, deren Stammrvater es erbaut, verblieben war. Es ſah aber auch außerordentlich ſtolz und reſpektabel aus dieſes Gebäude. Vorn an der Straße präſentirte es einen rieſen⸗ haften Giebel, der mit zackigen Seitenwänden und in den kühnſten Schnörkeln bis zur Spitze hinauf ſtieg, wo eine große, ſeltſam geformte Wetterfahne das Ganze krönte. Das Haus war von unten bis oben maſſiv aus Stein gebaut, hatte unten kleine ver⸗ * „1. Unterredungen verſchiedener Art. 45 gitterte Fenſter, die ein ſehr weites Treppenhaus beleuchteten, wel⸗ ches nach der Straße zu von einem großen Thor verſchloſſen wurde. An dieſem Thore hatte die Phantaſie des Baumeiſters in der Mitte einen außerordentlich großen Thürklopfer angebracht, der, mit einer Reihe von Zähnen verſehen, einem aufgeſperrten Maule glich, und dazu hatte erzoben auf beiden Flügeln zwei runde Ein⸗ ſchnitte machen laſſen, die wie Augen ausſahen, was dem Thore vollkommen das Anſehen eines Rieſenhauptes gab. Namentlich Abends, wenn das Treppenhaus innen beleuchtet war, glänzte das Licht ſo unheimlich aus dieſen beiden Augenöffnungen, daß ſämmt⸗ liche Straßenjungen ſich ordentlich davor fürchteten und nur in einem großen Bogen bei dem alten Hauſe vorbei gingen. Alsdann ſchielten aber auch die beiden feurigen Augen in der That ſo ſon⸗ derbar den Vorüberwandelnden an und ſchienen ihm zu folgen, ſo⸗ weit er das alte Thor im Geſicht behalten konnte. Im Innern war dieſes Haus nach alten Begriffen wohnlich, ja prächtig eingerichtet. Die Treppen, welche in die oberen Stock⸗ werke führten, waren maſſiv aus Eichenholz, und Geländer und Pfoſten beſtanden aus kunſtreich geſchnitzten Figuren. Die Zimmer waren hoch, einige ſogar gewölbt, die Decken reich mit Stuccatur⸗ arbeiten verſehen, die Wände mit alten Ledertapeten bedeckt, und Fußböden und Getäfel beſtanden aus hartem, ganz dunkelbraun gewordenem Holze. Dies alles zugleich mit der Stille, welche über dem alten Hauſe ruhte, gab ihm etwas Oedes, ja Unheimliches, und wenn Jemand die Treppen hinaufſchritt und ſich zufällig räuſperte, ſo klang das durch das ganze Haus, und in allen Ecken und Winkeln niesten unſichtbare Naſen im hohlen Echo nach. Still war dieſes Haus über alle Beſchreibung, und aus dem einzigen Grunde, weil in allen den weitläufigen Stockwerken nur eine einzige Dame wohnte, die jetzige Beſitzerin, die verwittwete Staatsräthin Stillfried. Dieſe— eine Dame hoch in Fünfzigen— hatte ihre Zimmer im ——— Viertes Kapitel. zweiten Stock und lebte ſehr ruhig und eingezogen. Ihre Diener⸗ 2 ſchaft wohnte theils unten, theils im vierten Stock, und da dies meiſtens alte und lang gediente ruhige Leute waren, ſo machten ſie in dem ſtillen Hauſe ebenſo wenig Spektakel wie ihre Gebieterin. Der alte Staatsrath Stillfried war ſchon vor langen Jahren geſtorben. Er hatte einen einzigen Sohn hinterlaſſen, und die Wittwe, eine ſehr ſchöne, ſtattliche Frau, ſchien große Luſt zu ha⸗ ben, ſich wieder zu verheirathen. Die ganze Stadt bezeichnete auch ſchon ihren zweiten Mann, und das war ein damals junger Ad⸗ vokat, der ſchon zu Lebzeiten des ſeligen Staatsrathes in deſſen Hauſe wohlgelitten war. Aber es kam zu keiner zweiten Heirath. Das Warum, ſo ſehr es die Köpfe aller Neugierigen beſchäftigte, wurde nicht bekannt, und das war mancher alten Klatſchſchweſter um ſo unangenehmer und unerklärlicher, weil, trotzdem, daß die Staatsräthin ihren Hausfreund nicht heirathete, dieſer doch nach wie vor ins Haus kam, und weil ſelbſt nach langen Jahren⸗ das freundſchaftliche Verhältniß zwiſchen den Beiden durchaus nicht abzunehmen ſchien. Der Doktor Werner, welcher unterdeſſen zum Juſtizrath ernannt worden war, verwaltete das Vermögen der Staats⸗ räthin, wie er ſchon zu Lebzeiten ihres Gemahls gethan, nach wie vor, ſpeiste wöchentlich verſchiedene Mal in dem Hauſe, fuhr mit der alten Dame ſpazieren, kurz, er galt ſowohl bei der Dienerſchaft als auch bei den Leuten der Stadt, die ſich darum bekümmerten, für das Faktotum der Staatsräthin und für den Allgewaltigen die⸗ ſes reichen Hauſes. Weun wir vorhin von der Verwaltung des Vermögens ſprachen, ſo verſtehen wir natürlicher Weiſe nur das eigene Vermögen der Staatsräthin, welches ſie mit in die Ehe gebracht, das aber an ſich ſehr anſehnlich war. Das Erbe des Vaters war einem einzigen, nun majorenn gewordenen Sohne ausbezahlt worden und belief ſich auf eine Rente von vielleicht zehntauſend Gulden jährlich. Obgleich der Juſtizrath Werner, wie ſchon geſagt, in dem * Unterredungen verſchiedener Art. 47 Hauſe der Staatsräthin unumſchränkt ſeine Befehle ertheilte und überhaupt handelte, wie es ihm gefiel, ſo kann man dagegen nicht behaupten, daß ihn die Dienerſchaft deßhalb hiezu berechtigt hielt oder ihm gern und willig dieſes Recht zuerkannte. Wenn ſie auch ſeinen Befehlen Folge leiſten mußte, ſo geſchah dies doch mit großem Widerwillen, den ſich die Aelteſten dieſer Dienerſchaft, ergraute, er⸗ probte Leute, zu verhehlen auch durchaus keine Mühe gaben. Die Staatsräthin hatte den zweiten Stock ihres Hauſes, deſſen Zimmer früher ſo beſtanden wie die des erſten Stockes, für ſich wohnlicher einrichten laſſen. Die alten dunklen Tapeten hatten freundlicheren, helleren Platz gemacht, die ſchweren Möbel waren mit leichten, nach neuerem Geſchmacke vertauſcht worden; kurz, die ganze Wohnung hatte man nach unſeren Begriffen elegant und comfortabel hergeſtellt. Die großen Fenſter mit ihren tiefen Niſchen hatte man allerdings nicht ändern können; doch verwandelte der Geſchmack der Staatsräthin dieſe früher etwas finſteren Winkel in angenehme Ruheplätze, und auf einem derſelben, welcher einen freien Blick über einen großen Theil der Stadt geſtattete, war ihr Lieb⸗ lingsſitz, wo ſich denn auch die alte Dame den größten Theil des Tages aufhielt. Es war ein kühles heimliches Plätzchen, die dicken Mauern des Hauſes erlaubten der Sonne nur, ſich von außen auf die Scheiben zu lagern und, ſtatt in übermäßiger Hitze einzudrin⸗ gen, dieſes Plätzchen ſanft zu erwärmen. Ein weicher violetſammt⸗ ner Fauteuil ſtand in der Vertiefung dieſes Fenſters, vor demſel⸗ ben ein kleiner Tiſch, worauf Bücher und Zeitungen lagen, mit welchen ſich die Staatsräthin beſchäftigte, wenn ſie es müde war, auf die Straßen hinab zu ſchauen oder auf die Berge, die, mit Wäl⸗ dern gekrönt, rings die Stadt umgaben. Die Dienerſchaft der Staatsräthin führte ein äußerſt behag⸗ liches Leben; ſie war nicht zahlreich und beſtand nur aus einem alten Kutſcher, einem Manne an die Sechszig, einem ebenſo alten Bedienten, der bei dem ſeligen Staatsrathe die Stelle eines Kam⸗ ——— — Viertes Kapitel. merdieners verſehen, einer Köchin und einem Stubenmädchen, wel⸗ ches letztere zugleich die Verpflichtung hatte, der Staatsräthin vorzuleſen, oder, ſo oft die alte Dame dies ausdrücklich verlangte, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Dieſe ſämmtliche Dienerſchaft betrachtete ſich wie eine Familie und führte neben einem, wie ſchon geſagt, behaglichen auch ein ſehr einträchtiges und auf dieſe Art äußerſt vergnügtes Leben. Die große Küche im unteren Stockwerk des Hauſes war das Haupt⸗ quartier derſelben, und auch an dem Tage, an welchem unſere Ge⸗ ſchichte beginnt, finden wir ſie ſämmtlich dort verſammelt. Sonſt ſind gewöhnlich die Köchinnen außerordentlich eiferſüchtig und laſſen durchaus keine Entheiligung des Terrains zu, auf welchem ſie ihre Kunſt zu entfalten pflegen. Mit der alten Martha des ſtaatsräthlichen Hauſes dagegen war das ganz anders, und wenn ſie ſo ganz allein in der Küche war, ſo befand ſie ſich in übler Laune, und kein Geſchäft ging ihr recht von der Hand. Wenn aber, wie heute, ihre ſämmtlichen Getreuen um ſie her gruppirt oder beſchäftigt waren, ſo flog das Fleiſchmeſſer oder die Spick⸗ gabel in ihrer Hand, die Kartoffeln ſchälten ſich faſt von ſelbſt, und man hätte meinen können, das Geflügel ſei in einer ganz unerklärlichen Mauſer begriffen, denn die Federn ſtäubten nur ſo davon, und im Umſehen war es kahl und glatt. Martin, der Kutſcher, ſaß hinter der Thüre unter der alten Schwarzwälderuhr und flickte mit Beihülfe des Stubenmädchens an einer alten Pferdedecke, deren Riſſe und Löcher er mit allerhand buntfarbigem Zwirn aufs kunſtreichſte zu vertilgen ſuchte. Er hatte eine Schwäche, einen Aberglauben für ſeine langgebrauchten Stallrequiſiten, und hätte ſich um Alles in der Welt nicht dazu entſchließen können, ſeinen Pferden etwas ganz Neues aufzulegen. Ja, wenn er im Laufe der Zeiten einmal neue Geſchirre bekommen hatte, ſo mußten wenigſtens ein paar gebrauchte Riemen oder eine 8 Unterredungen verſchiedener Art. 49 alte Stange mit hineingeſchnallt werden, ſonſt wäre Martin nicht auf den Bock geklettert. Der alte Jakob, zu Lebzeiten des Staatsrathes deſſen Kam⸗ Irr dicher und einziger Vertrauter— denn das zwiſchen dem Staatsrath und dem Doktor Werner anfangs beſtandene genaue Verhältniß hatte ſich in ſpäterer Zeit ziemlich gelöst— ſaß auf einem hölzernen Küchenſtuhle und hatte die heutige Nummer der Zeitung beendigt. Das Stubenmädchen aber half der Köchin Erb⸗ ſen für den Mittagstiſch herrichten. „So,“ ſagte der Kutſcher nach einem längeren Stillſchweigen, während deſſen man nichts vernommen, als das Krachen der Erb⸗ ſenſchoten und das Picken der Uhr,„jetzt hält die Geſchichte wieder für ein paar Monate.“ „Es wäre doch beſſer,“ meinte Jakob,„wenn Ihr bald ein⸗ mal neue kaufen wolltet, Meiſter Martin. Weiß der Herr, wie lange ich nun ſchon die blau und ſchwarz geſtreiften Decken kenne! Das muß ja dem Vieh gar nicht mehr recht warm geben.“ „Er hat ja ganz neue,“ entgegnete das Stubenmädchen lachend, und die ſchnallt er den Pferden oben auf die alten Decken hinauf.“ Dieſe Bemerkung wurde von Seiten des Kutſchers mit einer Miene voll Geringſchätzung, ja faſt Verachtung beantwortet. Er zuckte die Achſeln und ſagte:„Na, Jungfer Nanett, Ihrer Jugend muß man ſchon etwas zu Gut halten.“ Das Stubenmädchen, bei Weitem die Jüngſte dieſer ehrwür⸗ digen Geſellſchaft, wurde in ſolchen ſtreitigen Fällen immer noch wie ein unmündiges Kind behandelt. Sie war vor etwa zwanzig Jahren in einem Alter von ſechszehn in das Haus gekommen und die übrige Dienerſchaft konnte oder wollte nicht begreiſen, daß man in zwanzig Jahren um eben ſo viel älter wird. Nach einer längeren Pauſe ſagte Jakob zum Kutſcher:„Geſtern Hackländers Werke. X. —õ————õ— 1 Viertes Kapitel. habe ich zufällig unſeren jungen Herrn geſehen.“— Und auf dieſes Wort hin legte die Köchin ihre Arbeit aus der Hand und ſchaute fragend auf den alten Bedienten. „Ja, geſtern bin ich ihm begegnet,“ fuhr dieſer fort,„es iſt doch Jammerſchade um den Herrn.“ „Jammerſchade?“ ſagte die Köchin leidenſchaftlich;„o es iſt herzzerreißend, wenn man von guten Bekannten hört, was der un⸗ glückliche Menſch für Streiche treibt, und ich kann Euch verſichern, man muß viel über ihn hören! Du gerechter Gott, was wäre aus dem Herrn nicht alles geworden, wenn der ſelige Staatsrath am Leben geblieben wäre! es gab kein folgſameres und geſcheidteres Kind, als den kleinen Eugen. Und wenn man jetzt hört, was ſie alles in der Stadt über ihn ſagen, da muß es einem ordentlich weh thun, daß man ihn einmal gekannt.“ „Dummes Geſchwätz!“ brummte Jakob;„nun ja, man ſpricht genng über ihn, aber was kann man denn ſo Böſes von ihm ſagen? Jugend hat keine Tugend, und ein junger Menſch, der mit vierundzwanzig Jahren über zehntauſend Gulden jährlich zu befehlen hat, ſchlägt leicht über alle Stränge. Das iſt einmal nicht anders. Und was ihr Frauenzimmer einander erzählt, das iſt gar nicht einmal der Rede werth. Wenn er auch hie und da einem Mädel nachlauft, pah! darum drehe ich keine Hand um.“ „Nun, recht iſt das doch gerade auch nicht,“ antwortete die alte Köchin. 4 „Aber das Schlimmſte iſt,“ ſagte Martin,„daß er nichts thut und nichts treibt, daß er all' das Viele, was er gelernt. hat, wieder vergißt, und daß er kein ordentliches Geſchäft anfängt, ſondern ſein Geld auf eine wirklich erſchreckende und leichtſinnige Art durchbringt. Zehntauſend Gulden jährlich, die alle in den Wind hi aus gehen, und er hat nicht einmal Wagen und Pferde!“ wie Blutegel an ihm hangen und ihn förmlich Aber r deſto mehr gute Freunde,“ verſetzte bitter lachend ———— ö. Unterredungen verſchiedener Art. ausſaugen; denn was der junge Menſch von einer Freigebigkeit iſt, von einer Herzensgüte und...“ „Von einem Leichtſinn,“ ergänzte Martha und ſchlug gewaltig und ingrimmig auf ein großes Stück Fleiſch los,„das iſt gar nicht an den Himmel zu malen.“ Draußen wurde die große Hausglocke gezogen. Jakob, der ſich darauf hin ſchon halb von ſeinem Stuhle erhoben hatte, ließ ſich langſam wieder nieder, zog eine kleine ſilberne Doſe aus der Taſche, nahm bedächtig eine Priſe und ſagte, nachdem er einen Blick auf die Schwarzwälderuhr geworfen:„Ah ſo! er wird es ſein! Da preſſirts mir gar nicht.“ „Mir auch nicht,“ ſagte der Kutſcher und faltete ruhig ſeine Decke zuſammen. „Und mir erſt recht nicht,“ meinte lachend das Stubenmädchen. „Er muß das Warten ſchon gewohnt werden,“ brummte die Köchin und machte ein ungeheures Gepolter, indem ſie mit dem Stücke Holz, das ſie in der Hand hielt, mehr auf den Tiſch als auf das Fleiſch ſchlug. Draußen wurde aber zum zweiten Mal und heftiger geklingelt. „Er wirds doch nicht ſein,“ ſagte jetzt Jakob, indem er von ſeinem Stuhle aufſtand und ſich der Küchenthüre näherte:„ſo heftig ſchellte er niemals. Das geht alles langſam und ruhig, feierlich und abgemeſſen.“ „Ja, es muß Jemand anders ſein,“ meinte die Köchin,„für ihn iſts noch zu früh. Geſchwind, Nanett, mache Sie die Haus⸗ thüre auf! Bleibe Er ſitzen, Jakob, das Mädel hat junge Beine.“ Nanette eilte gehorſam dieſem Befehle zur Küche hinaus, zog draußen den ſchweren Thürflügel auf und begleitete die Perſon, welche zweimal geſchellt und welche halblächelnd meinte, man ſolle in einem ordentlichen Hauſe Niemanden zweimal ſchellen laſſen, nach der Küche. 1 3 3 8 Dieſe Perſon aber war Niemand anders, al —,— ——— 52 Viertes Kapitel. pelmann, die ſich nun in der Küche in ihrer ganzen Breite auf⸗ pflanzte und mit einem lächelnden Geſicht ihre, dem Stubenmäd⸗ chen ſo eben ertheilte Vorwürfe wiederholte.„Ei, ei!“ ſagte ſie lachend,„da iſt die ganze Familie beiſammen und läßt mich zwei⸗ mal ſchellen, und ſo eine arme, alte Perſon, wie ich bin, der das Stehen unendlich ſauer wird, muß draußen vor der Hausthüre warten, bis es den gnädigen Herrſchaften gefällig iſt. Das iſt ja ganz entſetzlich. Ja, Jakob,“ fuhr ſie lachend fort,„man wird alt, und da gilt man bei dem Mannsvolk nichts mehr. Ich weiß noch ſehr genau die Zeit, wo der damalige junge Jakob vier Trep⸗ pen auf einmal herab ſprang, um der Jungfer Margarethe die Thüre aufzumachen. He! iſt dem nicht ſo?“ „Das kann ich in der That nicht läugnen,“ ſagte ebenfalls lachend der alte Diener.„Aber Ihr müßt gerecht ſein, Frau Schoppelmann: wie hätten wir euch um zehn Uhr erwartet? Ihrkommt nie ſo ſpät, und wenn Ihr dagegen Morgens um acht Uhr an der Hausthüre ſchellt, ſo dauert es gewiß nie eine Minute, bis man Euch herein läßt.“ „Ja, ja, Kinder, das iſt ſchon wahr,“ ſprach die Gemüſehänd⸗ lerin;„aber laßt mich niederſitzen. Das Stehen und Laufen wird mir, abſonderlich in der Hitze, außerordentlich beſchwerlich.“ „Nanett, gib den großen Stuhl her!“ befahl die Köchin; und als ſich hierauf Frau Schoppelmann auf dieſen großen Stuhl niederließ, krachte derſelbe bedeutend und ſtöhnte laut auf, obgleich er aus dem dickſten, ſolideſten Eichenholze gemacht war. Die Gemüſehändlerin hatte ihren Anzug von heute Morgen durch eine Haube mit dunkelbraunen Florbändern beſetzt, ſowie mit einem ſchwarzen Umſchlagtuch vervollſtändigt, und trug in ihrer Hand ein weißes, zierlich geflochtenes Körbchen voll der größ⸗ ten und ſchönſten Erdbeeren. „Ci, ei,“ ſagte lachend die Köchin und zeigte auf dieſes „„ſolche Erdbeeren habt Ihr uns lange nicht beſorgt, und —— Unterredungen verſchiedener Art. 53 Ihr wißt doch, Frau Schoppelmann, daß unſere Herrſchaft die Erdbeeren außerordentlich liebt.— Sie ſind doch für uns?— Nanett, nimm der Frau die Erdbeeren ab!“ Die Gemüſehändlerin aber wehrte das Stubenmädchen mit der Hand von ſich ab und erwiderte:„Dieſe Erdbeeren ſind für Euch und nicht für Euch, wie man will, d. h. ich habe ſie allerdings für die Frau Staatsräthin beſtimmt, doch will ich ſie ihr zum Ge⸗ ſchenk machen, möchte ſie aber auch dafür ſelbſt übergeben.“ „Ah, das iſt was Anderes!“ entgegnete die Köchin;„dann müßt Ihr Euch hinauf bemühen, Frau Schoppelmann, die Frau Staatsräthin ſind oben in ihren Zimmern.“ „Und will der Herr Jakob die Freundlichkeit haben, mich der Herrſchaft droben anzumelden?“ ſagte die Gemüſehändlerin und machte den Verſuch, ihren breiten Kopf auf dem dicken Halſe nach dem alten Bedienten, der faſt hinter ihrem Rücken ſaß, herumzu⸗ drehen. Doch gelang ihr dies nur unvollkommen, vielmehr beſiel ſie bei dieſer unnatürlichen Bewegung ein heftiger Huſten, den Jakob achtungsvoll für die alte Bekannte ruhig vorübergehen ließ und in dieſer Zwiſchenzeit aus ſeiner ſilbernen Doſe abermals eine Priſe nahm. „Ah, geh' Sie nur hinauf,“ meinte freundlich und ſehr herab⸗ laſſend die Köchin,„die Frau Staatsräthin wird ſich ein Vergnügen daraus machen, Sie einen Augenblick zu ſehen.“ „Wer weiß?“ ſagte pfiffig lächelnd die dicke Frau und erhob ſich mühſam von ihrem breiten Stuhle. Jakob ging ihr voraus, und Beide ſtiegen die Treppen des ſtillen Hauſes hinauf. Drunten in der Küche huſtete der alte Kutſcher, pickte die Schwarzwälderuhr und klopfte die Köchin ihr Fleiſch. Das hörte man noch auf der Treppe, die in den erſten Stock führte; war man aber dort oben angekommen, ſo vernahm man von allem ¹ Viertes Kapitel. 8 dem nichts mehr, und eine tiefe Ruhe und Einſamkeit lag auf dem weitläufigen Gebäude. Auf dem kleinen, heimlichen Ruheplatz in der Fenſtervertie⸗ fung, von der wir oben ſprachen, ſaß die alte Staatsräthin in ihrem weichen Fauteuil, und eine Zeitung, in der ſie vorhin gele⸗ ſen, war mit der rechten Hand, welche ſie bis jetzt gehalten, in ihren Schooß geſunken und von da herab unbeachtet auf den Boden gefallen, indem die Morgenlekture der alten Dame wahrſcheinlich durch andere Sachen, die ihren Geiſt beſchäftigten, unterbrochen worden war. Sie lehnte ſich in ihren Fauteuil zurück und ſchaute unverwandten Blickes durch das Fenſter auf die Straßen der Stadt und die im Sonnenſchein funkelnde und lachende Gegend, die ſich hinter dem Häuſermeer vor ihren Blicken ausbreitete. Sie trug ein ſchwarzes, ſeidenes Kleid, eine leichte Mantille von demſelben Stoff und derſelben Farbe, um den Hals ſchlang ſich ein kleiner, weißer Kragen, und ihr feines, bleiches Geſicht ſtach kaum von dem weißen Stoffe ab. Ihr Haar war ergraut und bedeckt mit einem Netz aus dunkelblauen Seidenfäden, das unter dem Kinne zugebunden war. Die Staatsräthin, welche früher ſehr ſchön geweſen war, er⸗ ſchien heute noch als eine ſtattliche, gut ausſehende Frau. Ihr Körper, voll und rund, ſah nur faſt zu kräftig aus für die bleichen, krankhaften Züge ihres Geſichts, für den leidenden, ſchmerzlichen Ausdruck in demſelben. Doch war dieſer kränkliche Ausdruck nicht Theilnahme erweckend: man fühlte ſich von dieſem Geſichte nicht angezogen. In den hellen, klaren Augen und um den kleinen, meiſtens feſt verſchloſſenen Mund lag ein unbeſchreiblicher Zug von Feſtigkeit, ja Härte, der aber vollkommen zu der Redeweiſe der alten Dame paßte. Wir haben früher ſchon geſagt, daß die Staats⸗ räthin in einem Alter von ſtark fünfzig Jahren war. Oftmals ſah ſie dafür ſehr gut aus, ja man hätte ſie für weit jünger halten 4 — Unterredungen verſchiedener Art. 55 können; ein anderes Mal dagegen erſchien ſie wie eine vollkommen alte, ſtumpfe, abgelebte Frau.— Madame Schoppelmann war durch Jakob, den Bedienten, ge⸗ meldet worden und ſtand ehrerbietig an der Thüre des Zimmers. Eine Handbewegung der Staatsräthin lud ſie ein, näher zu treten. Die Gemüſehändlerin trat darauf hin an die Fenſterniſche und überreichte der alten Dame das Körbchen mit den ſchönen Erd⸗ beeren. „Ich danke ſehr,“ ſagte dieſe,„daß Sie ſich meiner erinnert; dieſe Erdbeeren ſind in der That von einer ſeltenen und ausgezeich⸗ neten Schönheit.“ „Ja, es ſind ausgeſuchte,“ entgegnete die Gemüſehändlerin; „ich habe mir gedacht, wenn ich einmal etwas ſelbſt zu Ihnen bringe, ſo muß es ſchon was Rechtes ſein.“ Die alte Dame nickte ernſt aber wohlwollend mit dem Kopfe. „Es macht mir in der That ein großes Vergnügen,“ fuhr Madame Schoppelmann fort,„wenn ich der Frau Staatsräthin mit etwas aufwarten kann, was Ihnen angenehm iſt. Es iſt freilich nur eine Kleinigkeit, aber ich habe ſonſt nichts gewußt; Blumen lieben die gnädige Frau nicht beſonders, ſonſt hätte ich mir ſchon erlaubt, ein ſchönes Bouquet zu bringen.“ „Ich danke recht ſehr!“ antwortete die alte Dame und verſuchte eine der Erdbeeren. „Nun, es iſt mir ganz recht,“ ſagte die Gemüſehändlerin, „daß ich Euer Gnaden wieder einmal ſehe und in ſo gutem Wohl⸗ ſein; mir ſcheint doch, die Frau Staatsräthin befindet ſich gegen⸗ wärtig recht wohl.“ „Es geht ſo, meine gute Frau, ich kann nicht klagen.“ „Ei, was das Klagen anbelangt,“ fuhr lächelnd die dicke Frau fort,„ſo glaube ich das recht gern; das Klagen kommt uns zu, gnädige Frau, Leute wie ich, die den ganzen Tag feſt hin ſtehen und arbeiten müſſen, von Morgens bis in die Nacht hinein immer 4 Viertes Kapitel. zu thun, immer Geſchäfte haben, Angenehmes und Unangenehmes, wie es gerade fällt. Aber man thut's ja gern, ſo lange man weiß, wofür man arbeitet, und wenn man ſieht, daß Segen dabei heraus kommt.“ 4 „Ja, ja, es iſt ſo,“ ſagte ernſt die Staatsräthin.„Das Kla⸗ gen nützt nicht viel.“ „Nein, das Klagen nützt in der That nicht viel,“ wieder⸗ holte Madame Schoppelmann.„Euer Gnaden haben da einen ganz richtigen Grundſatz. Ich klage auch eigentlich nie, Gott ſoll mich bewahren! und ich wollte auch gar nichts klagen, nur ſo ein paar Worte ſprechen, wenn es die Frau Staatsräthin nicht ungnä⸗ dig aufnehmen wollten.“ „Mit mir wollten Sie ſprechen?“ fragte ruhig die Staats⸗ räthin.„Wenn ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen kann, das in meiner Macht ſteht, ſo ſoll es gern geſchehen.“ Madame Schoppelmann war mit der feſten Abſicht in das Haus gekommen, etwas von ſehr delicater Natur mit der Staats⸗ räthin zu ſprechen. Sie, die um eine ganze Legion paſſender oder unpaſſender Worte, wie es gerade kam, nicht verlegen war, hatte es ſich außerordentlich leicht vorgeſtellt, mit der alten Staatsräthin, der Mutter jenes Herrn Eugen, eine gewiſſe Sache ganz ruhig zu beſprechen. Sie war in dem beſten Glauben geweſen, daß die alte Dame es ihr ſehr Dank wiſſen müſſe, wenn ſie ihr über jenes Ver⸗ hältniß einmal mit voller Wahrheit die Augen öffne. Freilich wußte ſie ganz genau, wie geſpannt Mutter und Sohn zuſammen ſtanden, daß letzterer nicht im elterlichen Hauſe wohne, daß er voll⸗ kommen als ſein eigener Herr lebe und ſich vielleicht gar nicht ein⸗ mal nach mütterlichen Ermahnungen ſehne, noch viel weniger aber Luſt haben würde, dieſelben irgendwie zu befolgen. Das wußte ſie, wie geſagt, ganz genau; doch ſeit ſie dieſen Morgen von Hauſe fortgegangen war, hatte ſie auf dem Markte noch Einiges erfahren, was ſie in dem Vorſatze beſtärkte, mit der Staatsräthin ein ernſt⸗ — —S— Sa Unterredungen verſchiedener Art. 57 liches Wort zu ſprechen. Ihr Sohn, der Fuhrmann, hatte theil⸗ weiſe Recht gehabt mit ſeiner Anklage gegen die Schweſter, und wenn die Mutter auch von ihrer Tochter überzeugt war, dieſe würde ſich nie etwas Unrechtes zu Schulden kommen laſſen, ſo ſprach man doch auf dem Markte und in der Stadt davon, die ſchöne Katha⸗ rina habe wirklich ein genaues Verhältniß mit dem Sohne der Staatsräthin Stillfried. Daß aber die Leute hierüber die Achſeln zuckten und lachten, das wußte die Mutter nicht; denn ihre Bekannten hatten ihr ge⸗ ſagt:„Die Katharine weiß ſchon, was ſie treibt; er iſt ein lediger, reicher, unabhängiger Menſch, und wenn er das Mädchen abſolut heirathen will, ſo könnt Ihr wohl nichts dagegen haben.“ Dies war nun ein Grund weiter, weßhalb Madame Schoppelmann es für ihre Pflicht hielt, mit der Staatsräthin ein Wort über dieſe Geſchichte zu ſprechen. Doch ſtand ſie lange vor der alten Dame, ohne den Anfang zu dieſem Worte finden zu können. Madame Schoppelmann kam ſelten oder nie in Verlegenheit: hier aber befand ſie ſich in einer ſehr großen. Sie hatte ſchon das Geſpräch mit der Staatsräthin auf ungebührliche Weiſe in die Länge gezogen, hatte ſich mehrere Male über das gute Ausſehen derſelben gefreut, hatte die aller⸗ liebſten Wachtelhunde gelobt, die knurrend und augenſcheinlich mit böſen Abſichten ihre dicken Beine umkreisten, hatte ſogar von ihrer Tochter Katharina angefangen, ohne Sinn und Verſtand und ohne weiter fortfahren zu können; denn die Staatsräthin gab auf Alles, wenn gleich keine unfreundlichen, doch ziemlich kurze Antworten. Ihr letzter Nothanker in dieſer Verlegenheit war unter vielen Miniaturbildern, die in der Fenſtervertiefung hingen, das Portrait eines kleinen blondgelockten Kindes, das mit ſeinen klaren blauen Augen die Betrachtenden ſo freundlich anblickte. „Ach,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, und nachdem ſie das Bild⸗ Viertes Kapitel. chen längere Zeit aufmerkſam angeſehen,„das iſt der kleine Herr Eugen; wie das vor langen Jahren ähnlich war! ich erinnere mich deſſen noch ganz genau.“ Die Staatsräthin preßte ihre Lippen feſter auf einander, maß die Frau mit einem ſonderbaren Blick, ohne jedoch eine Sylbe zu antworten. „Ja, ja, das iſt der Eugen,“ fuhr die Gemüſehändlerin mit lauterer Stimme fort, wie um ſich ſelbſt Muth zu machen,„das kann gar nicht fehlen. Ach, ich habe ihn ſo gut gekannt— wie viel Aepfel hat mir der kleine Schelm hier und auf dem Markt abgelockt. Und was iſt der ſeit jener Zeit groß und hübſch gewor⸗ den! Nicht wahr, gnädige Frau?“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte finſter die alte Dame. In zwanzig Jahren kann man was erleben!“ Dieſe Worte ſollten Gleichgültigkeit ausdrücken, aber ſie klan⸗ gen wie der bitterſte Hohn. Jetzt oder nie! dachte Madame Schoppelmann: einmal muß ich doch ſprechen, und wenn ſie es auch nicht gern hört, was ich ganz deutlich bemerke, ſo muß die Sache doch heraus.—„Ja, ja, gnädige Frau,“ fuhr ſie fort,„über den Herrn Eugen hätte ich ein paar Worte mit Ihnen zu ſprechen. Nicht über den kleinen Eugen dort, ſondern über den jetzigen, groß gewordenen.“ „Damit kann Sie mich verſchonen!“ ſagte ſehr ernſt die Staats⸗ räthin. „Ja, was das Verſchonen anbelangt,“ entgegnete die dicke Frau,„das wäre mir auch ſchon recht; ich wäre auch gern mit Manchem verſchont, und muß doch als Mutter Vieles anhören, was mir gerade nicht angenehm iſt.“ „Aber ich ſehe nicht ein, weßhalb ich Sachen anhören ſoll, die mir unangenehm ſind!“ antwortete die Staatsräthin und ſah die Gemüſehändlerin bei dieſen Worten mit einem feſten und ziem⸗ lich unfreundlichen Blicke an.„Laſſ' Sie das gut ſein, Frau Unterredungen verſchiedener Art. 59 Schoppelmann!“ fuhr ſie nach einer Pauſe mit minderer Strenge fort, „wenn ich Ihr, wie geſagt, ſonſt wo dienen kann, ſo bin ich für eine langjährige Bekannte gern zu Befehl; aber was den Herrn Eugen Stillfried anbelangt...“ „Ihren Sohn, Ihren einzigen Sohn...“ Die Staatsräthin zuckte mit den Achſeln und zog dabei den Mund in die Höhe als wollte ſie ſagen: Wie zudringlich doch dieſe gemeinen Leute ſind! Dann entgegnete ſie nach einer Pauſe mit kalter, ganz ſtrenger Stimme:„Sie, meine gute Frau, geht hier in dieſem Hauſe ſeit ſo vielen Jahren aus und ein, daß ich wohl vorausſetzen kann, Sie ſei mit den... eigenthümlichen Verhält⸗ niſſen deſſelben vollkommen bekannt. Da dieſes der Fall iſt und ich auch nicht glauben kann, daß Sie mir abſichtlich eine unange⸗ nehme Stunde bereiten will, ſo bitte ich recht ſehr: laſſen wir die⸗ ſes Geſpräch fallen!“ „Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ antwortete nach einer kleinen Pauſe der Ueberraſchung die Gemüſehändlerin,„verzeihen Sie recht ſehr und erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß es freilich ſehr angenehm iſt, unangenehme Dinge nicht höͤren zu müſſen. Das geht mir in meinem Stande— verzeihen Sie, gnädige Frau— wahrhaftig gerade ſo. Aber das läßt ſich nicht immer machen, und ich bitte um Entſchuldigung, aber ich bin nun einmal hierher ge⸗ kommen, um der Frau Staatsräthin etwas mitzutheilen, der Frau Staatsräthin als Mutter ihres Sohnes nämlich, was mir, als Mutter meiner Tochter, ſchwer auf dem Herzen liegt.“ Die alte Dame hatte, nachdem ſie eben geſprochen, ihren Kopf gleichgültig abgewandt und blickte eifrig und, wie es ſchien, ganz theilnahmlos zum Fenſter hinaus. Doch hätte ein ſehr aufmerk⸗ ſamer Beobachter wohl gewahren können, daß bei dem letzten Worte der Gemüſehändlerin ihre Augenwimpern ein ganz klein wenig zuckten. „Ja wohl,“ fuhr Madame Schoppelmann fort, nachdem ſie Viertes Kapitel. Athem geſchöpft,„als Mutter meiner Tochter, und wenn ich auch ganz genau weiß, daß die Frau Staatsräthin mit Ihrem Herrn Sohn in einem Verhältniß ſtehen, wie ich als eine gewöhnliche Bürgersfrau mit meinem zanz ſchlichten Verſtand nicht gut begreifen kann, ſo bleibt es doch einmal Ihr Sohn, das können Sie mir nicht abſtreiten, gerade ſo, als wie die Katharine meine Tochter bleibt.“ „Aber was geht mich Ihre Tochter an?“ ſagte nach einer Pauſe die alte Dame, wie es ſchien, ziemlich ärgerlich und unge⸗ duldig. Doch las man hiervon nichts auf ihrem unbeweglichen Geſichte; nur der Ton ihrer Stimme erſchien einigermaßen gereizt. „Was meine Tochter Sie angeht?“ verſetzte die Gemüſehändlerin, und ihre Stimme erhob ſich ein wenig; auch zuckte ſie mit ihren beiden Armen, und ihre dicken Fäuſte, die des Herabhangens ſchon lange müde ſein mochten, ſchienen ſich nach dem gewöhnlichen Stützpunkte, ihrer Hüfte, zu ſehnen. Doch unterließ die Frau auf den Augenblick noch eine ſolche reſpektwidrige Haltung.„Was meine Tochter Sie angeht?“ wiederholte ſie:„ei, gerade ſo viel und ſo wenig, wie mich Ihr Sohn.“ „Nun, wenn Sie das einſieht, liebe Frau,“ entgegnete die Staatsräthin mit erzwungenem Lächeln,„ſo können wir dieſes Geſpräch auf jeden Fall abbrechen; denn, mir iſt es vollkommen gleichgültig, was Ihre Mamſell Tochter macht, und benſo wenig iſt es mir intereſſant, etwas Näheres über den Herrn Eugen Still⸗ fried zu vernehmen.“ Jetzt begann die Geduld und Ruhe der Gemüſehändlerin auf die Neige zu gehen.„Erlauben Sie mir,“ antwortete ſie, und 4 ihre Stimme fing an laut und ſchneidend zu werden,„erlauben Sie mir, Frau Staatsräthin, ich verlange wahrhaftig nicht nach der Ehre, daß Euer Gnaden ſich für die Jungfer Katharine Schop⸗ pelmann intereſſiren ſollen, aber es iſt denn doch in dieſem Punkte 6 ein großer Unterſchied zwiſchen mir und Ihnen. Sie bekümmern & Unterredungen verſchiedener Art. 61 ſich nicht um das Treiben Ihres Herrn Sohnes, weil Sie nichts davon hören und wiſſen wollen. Ich aber muß mich darum be⸗ kümmern, da dieſes Treiben mich oder vielmehr meine Tochter etwas genauer angeht. Genug“— hier hatte ihre Stimme die gehörige Stärke erlangt, und ihr röthliches Geſicht begann einen bläulichen Schimmer anzunehmen—„genug, Ihr Sohn, der Herr Eugen Stillfried, lauft meiner Tochter Katharine auf allen Wegen und Stegen nach, was ich nicht leiden will, und ich habe es einmal für meine Schuldigkeit gehalten, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen. Er iſt und bleibt doch einmal Ihr Herr Sohn, und Sie ſo wenig wie... andere Leute ſind im Stande, dies abzu⸗ läugnen.“ „Ei, Frau Schoppelmann,“ ſagte die alte Dame mit der vollkommenſten, wieder erlangten Ruhe,„Sie ereifert ſich zu ſehr.“ „Da muß man ſich ereifern!“ fuhr die dicke Frau fort. „Zum Teufel! gnädige Frau, nehmen Sie mir es nicht übel, aber Sie behandeln mich in einer ſo wichtigen Sache als ſei ich eine Bettlerin und wolle einen Kreuzer geſchenkt haben. Das iſt aber durchaus nicht der Fall und ich bin nur gekommen, Ihre Anſicht zu vernehmen.“ „Ich glaube Ihr ſchon geſagt zu haben, daß ich über den Herrn Eugen Stillfried durchaus keine Anſichten mehr habe.“ „Aber über Ihren Sohn, Madame!“ „Ich habe keinen.“ „Aber über jenen jungen Herrn, der Ihren Namen trägt.“ „Man hat hier in der Stadt ſchon lange gelernt, die Namen von den Perſonen zu trennen,“ ſagte die Staatsräthin im Tone tiefer Verachtung. „Alſo etwas Anderes,“ entgegnete von dieſer Hartnäckigkeit beſtürzt und überraſcht die Gemüſehändlerin,„haben Sie mir nicht hierüber zu ſagen? So bin ich alſo ganz vergebens gekommen?“ „In dieſer Angelegenheit ja, meine beſte Frau,“ ſprach unbe⸗ Viertes Kapitel. fangen und ruhig lächelnd die alte Dame.„Für dieſe wirklich vortrefflichen Erdbeeren ſage ich Ihr nochmals meinen herzlichſten Dankz ſie ſind außerordentlich gut.“— Bei dieſen Worten nahm ſie eine aus dem Körbchen und verſpeiste ſie anſcheinend mit gro⸗ ßem Appetit; doch zitterte ihre Hand. Die Gemüſehändlerin überlief ein leichtes Fröſteln, und es begann ihr bei dieſer Frau unheimlich zu werden. Sie zuckte ihre Achſeln ſo ſehr wie möglich, zog ihr Umſchlagtuch. feſt an ſich und ſagte:„Ich habe meine Schuldigkeit gethan, Frau Staatsräthin. Seien Sie verſichert, ich werde mich um meine Tochter bekümmern, und jetzt auch in gewiſſen Angelegenheiten aufs Sorgfältigſte um Ihren Herrn Sohn. Erſcheint mir die Sache unrichtig, ſo werde ich gegen zudringliche junge Leute, die den Verſuch machen, die Ruhe meines Hauſes zu ſtören, ſchon irgendwo Schutz und Hülfe finden. Geht aber die Sache auf anſtändigem und redlichem Wege zu— Sie werden mich verſtehen, Frau Staatsräthin?“ Dieſe Pauſe, welche die Gemüſehändlerin hier abſichtlich machte⸗ benutzte ſie, um forſchend auf die alte Dame zu blicken, die aber ſo aufmerkſam zum Fenſter hinausſah und ſo theilnahmlos ſchien, als ſei außer ihr Niemand im Zimmer. „Wenn alſo,“ fuhr Madame Schoppelmann mit lauter Stimme fort,„Herr Stillfried ſolide und redliche Abſichten auf meine Tochter hat, ſo ſehe ich in dieſem Falle nicht ein, weßhalb ich deren Glück im Wege ſtehen ſoll, und werde alsdann recht gern erlauben, daß der Herr Eugen Stillfried die Jungfer Katharine Schoppelmann zu ſeiner Frau nimmt.— Ich habe die Ehre, mich der Frau Staatsräthin beſtens zu empfehlen“ Damit ging die dicke Frau, jetzt ihres Theils außerordentlich ſtolz und hochmüthig, zur Thüre hinaus. Kaum aber waren ihre Tritte auf der Treppe verklungen, ſo ſprang die Staatsräthin heftig von ihrem Fautenil in die Höhe, ſtieß ihn mit dem Fuße zurück und eilte mit gefalteten Händen im großen Zimmer auf und 8³ Unterredungen verſchiedener Art. 63 ab. Aus ihren Augen blitzte ein wildes Feuer, den Kopf hatte ſie ſtolz erhoben, doch bebten ihre Lippen. Bald wurde ihr Schritt minder haſtig, bald blieb ſie an dieſem Fenſter, bald an jeuem einen Augenblick ſtehen; das Feuer ihrer Augen erloſch unter her⸗ vorbrechenden Thränen, ſie preßte die rechte Hand feſt auf ihr Herz und ſank endlich mit einem lauten Ach, das wie ein ſchnei⸗ dender Wehruf klang, in ihren Fauteuil zurück. Das Körbchen mit den Erdbeeren war vom Tiſch auf den Boden gerollt, die Früchte lagen hie und da auf dem Fußboden und wurden von den kleinen Wachtelhunden aufs eifrigſte verzehrt. Eine kleine halbe Stunde mochte die Staatsräthin, in tiefes Nachſinnen verſunken, in ihrem Fauteuil geruht haben, und während dieſer Zeit hatte ſie vollkommen das Ausſehen einer achtzigjährigen Frau; dann aber glätteten und veränderten ſich ihre Züge mit einer wunderbaren Schnelligkeit, ihre Lippen preßten ſich wieder feſt auf einander, das Auge wurde ruhig, klar und kalt wie früher, und ſie zog mit feſter Hand die Klingel, welche in das Bedienten⸗ zimmer führte. Jakob erſchien unter der Thüre. „Sagen Sie der Köchin,“ befahl die Staatsräthin mit ruhi⸗ ger, ſanfter Stimme,„es ſei mein Wille, künftig nichts mehr von jener Frau, die eben hier war, zu kaufen. Ich will ſie nicht mehr in meinem Hauſe wiſſen; man ſoll einen andern Lieferanten an⸗ ſchaffen.“ „Die Frau Schoppelmann ſoll nichts mehr für die Küche be⸗ ſorgen?“ fragte der alte Bediente mit einem wahren Schrecken, worauf die Dame entgegnete:„So iſt es, Jakob, nicht das Ge⸗ ringſte mehr— ſagen Sie es der Köchin.“ Jakob eilte die Treppen hinab, ſichtlich erregt von dem Be⸗ fehle, den er ſoeben erhalten und den er drunten dem ſämmtlichen Dienſtperſonale wiederholte. Die Köchin war außer ſich und wollte hinauf, um Gegenvor⸗ Fünftes Kapitel. vorſtellungen zu machen. Doch Jakob, der das Geſicht der Staatsräthin ſchon länger als dreißig Jahre ſtudirt hatte, hielt ſie von dieſem fruchtloſen Verſuche ab. Ihm war es nicht entgangen, daß die Dame droben, trotz der Ruhe ihres Aeußern, ſich in einer großen Gemüthsbewegung befand. Er zuckte die Achſeln und bat die alte Martha, ruhig zu ſein— in dieſer Angelegenheit ſei we⸗ nigſtens für heute nichts zu ändern. Da wurde abermals die Glocke an der Hausthüre gezogen, und Jakob, der ſehr ernſt geſtimmt war, öffnete ſogleich. Fünftes Kapitel. Worin des Helden unſerer Geſchichte zusführlicher Erwähnung geſchieht, wenn auch gerade⸗ auf keine ſchmeichelhafte Art. Es trat ein langer, magerer Herr in den Hausflur; den Hut auf dem Kopfe, begrüßte er den alten Bedienten mit einem flüchtigen Kopfnicken. Jakob dankte ihm mit einer tiefen, ſtummen Verbeugung. Der lange Herr warf einen flüchtigen Blick in die halbge⸗ öffnete Küche und ſtieg ohne eine Frage langſam die Treppen hinauf. Jakob blieb unten zurück. 8 Dem Herrn mochte es von dem Gehen draußen in dem heißen Wetter warm geworden ſein; denn während er die Treppe hinauf ging, zog er ein weißes Sacktuch aus der Taſche und fächelte ſich damit Kühlung zu. Auch huſtete er nebenbei einigemal ziemlich laut, und als das Echo in dem großen, weiten Hauſe dieſes Geräuſch dumpf und ſeltſam tönend wiederholte, blickte er wie ärgerlich um ſich und beeilte ſeine Schritte, um in den erſten Stock zu gelangen. Hier blieb er einen Augenblick ſtehen, dann wandte er ſich nach Erwähnung des Helden der Geſchichte. 65 der Treppe zu, die in den zweiten Stock führte, zog aber den er⸗ hobenen Fuß von der erſten Stufe wieder zurück und blickte einen Augenblick forſchend in den langen Corridor, in welchem die weiten, unbewohnten Gemächer des erſten Stockes lagen. Er zog die Augenbrauen finſter zuſammen und ſah einige Sekunden unver⸗ wandt nach dem Ende dieſes Corridors; dort ſchien eine Thüre halb offen zu ſtehen, während alle anderen feſt verſchloſſen waren. „Ich werde doch noch dieſen alten nichtsnutzigen Bedienten nächſtens entlaſſen müſſen,“ ſagte der lange Herr.„Ich glaube, dieſer Hallunke arrangirt es immer ſo, um mir einen unangeneh⸗ men Augenblick zu machen. Ich kann es nun einmal nicht leiden, wenn jene Thüre offen ſteht!“— Nach dieſen Worten, die er finſter und halblaut vor ſich hingeſprochen, und ſich dann um⸗ ſchaute, um ſich zu überzeugen, daß ihn Niemand gehört, ging er mit haſtigen Schritten den langen Corridor hinab bis an jene halb offen ſtehende Thüre, um ſie zu verſchließen. Doch ehe er dies that, konnte er ſich, obgleich mit ſichtbarem Widerwillen, nicht enthalten, für einen Augenblick in jenes Zimmer hinein zu blicken. Es war ein großes Gemach, und da die Läden der Fenſter, welche verſchloſſen waren, nur ſpärliches Licht und gar keine Wärme einſtrömen ließen, ſo war es in demſelben ſehr kühl und ſo finſter, daß man die Gegenſtände, welche ſich darin befanden, kaum zu unterſcheiden vermochte. Es drang dem Eintretenden eine kalte, kellerartige Luft entgegen. Das Zimmer, hoch und gewölbt, war mit dunkelbraunen Tapeten verſehen, ein alter Teppich bedeckte den Boden, ſchwere Seidenvorhänge hingen von den Fenſtern herab, alte Stühle und einige Tiſche ſtanden an den Wänden, und zur linken Seite, neben der Thüre, bemerkte man ein großes und brei⸗ tes Bett, mit einem dunklen Ueberwurfe bedeckt, der auf allen vier Seiten bis auf den Boden herab hing. Wie alle lange Zeit ver⸗ Hackländers Werke. X. 5 Fünftes Kapitel. ſchloſſenen Zimmer, in welchen man die Möbel altern, die Stoffe morſch werden ließ, hatte auch dieſes etwas Unheimliches. Wenn man die Thüre öffnete, ſo drang von dem helleren Corridor plötz⸗ lich Licht und Luft herein und kämpfte mit der Finſterniß, die ſich aber aus ihrem Beſitzthume nicht vollſtändig vertreiben ließ. In den Ecken blieben tiefe Schatten liegen, und dazu machte ſich der Luftzug, der zugleich mit herein drang, an die alten Fenſtervor⸗ hänge und bewegte die ſchweren Stoffe, daß ſie langſam und wie unmuthig über dieſe Störung hin und her wankten. Altmodiſche, goldene Rahmen funkelten plötzlich aus allen Ecken, und ein trüb angelaufenes Spiegelglas, das ſich neben dem Bette befand, erhellte ſich auf einmal und zeigte dem langen Herrn, der die Thürklinke feſt mit der Hand umſchloß, ſein Bild in ganzer Größe, und es war, als beuge ſich jenes Spiegelbild auf das Bett herab und ſchaue angelegentlich auf dieſes ſeit ſo langen Jahren verlaſſene Lager. Dieſes Gemach aber, das der lange Herr nun eilfertig, und wie erlchreckt von ſeinem Bilde im Spiegel, hinter ſich zuzog, war vor ſo und ſo vielen Jahren das Schlafzimmer des ſeligen Staats⸗ rathes geweſen. Der Herr drehte den Schlüſſel zweimal im Schloſſe herum, ſchritt eilig durch den Corridor an die Treppe und ſtieg den zwei⸗ ten Stock hinauf. Die Wachtelhunde der Staatsräthin bellten laut auf, als ſie ſeine ſchweren Schritte hörten, und erweckten da⸗ durch ihre Herrin aus tiefem Nachſinnen, in das ſie abermals in ihrem Fanteuil am Fenſter verſunken war. Der Juſtizrath, denn er war es, der nun in das Zimmer trat, legte ſeinen Hut auf ein Seitentiſchchen und ging an die Fenſtervertiefung, wo er der Dame die Hand reichte und ſich dann auf einen Stuhl ihr gegenüber niederließ. Er mochte ungefähr ein Mann an die Fünßzig ſein, hatte, wie ſchon geſagt, eine lange etwas magere Geſtalt und ein durchaus ————— —y—-——— Erwähnung des Helden der Geſchichte. 67 nicht unangenehmes Geſicht; ja, es lag darin etwas Gutmüthiges 4 und zugleich Geiſtvolles. Wenigſtens ſprach hiefür die hohe, breite Stirn. Er hatte dunkle, etwas kleine Augen, die man übrigens ſelten zu ſehen bekam, denn ſeine Augenlider hingen ſchwer darüber hin, und dies allein gab ſeinem Geſichte in Augen⸗ blicken, wo er ruhig ſaß und nachzudenken ſchien, was häufig vorkam, etwas Finſteres, Abſtoßendes. Dann hatte er auch die Gewohnheit, ſeine Unterlippe zwiſchen die Zähne zu klemmen und den Mund zuſammen zu ziehen. Wenn er aber ſeine Augen auf⸗ ſchlug und Jemand anſchaute, und namentlich, wenn er ſprach, ſo glätteten ſich dieſe Züge ſeines Geſichtes vollkommen, um ſeine Mundwinkel ſpielte ein freundliches Lächeln; er hatte alsdann et⸗ was Zuverſichtliches, Imponirendes, und es war nicht leicht, ihm zu widerſprechen. So war auch ſeine ganze Haltung: er trat feſt und ſicher auf, wie Jemand, der vollkommen mit ſich darüber im Reinen iſt, was er will, und der ſich durch keine Einreden leicht wird beitren laſſen. Dieſes Gefühl von Sicherheit theilte ſich auch ſeiner Umgebung mit und war ein gewaltiger Schutz für ſeine Par⸗ tei, entmuthigte dagegen ſeine Feinde und Widerſacher. Der Juſtizrath war ſorgfältig, faſt elegant gekleidet. Er trug einen braunen Morgenfrack, an den Händen Glacéhandſchuhe und um den Hals eine weiße Cravatte, welche bei allen Toiletten, die er machte, die gleiche war. Die beiden kleinen Wachtelhunde hatten ſich wieder an die Erdbeeren begeben, und mit den Früchten, welche ſie nicht verzehr⸗ ten, ſpielten ſie im Zimmer umher. Der Juſtizrath erkundigte ſich nach dem Befinden ſeiner Freundin, und dann ſagte er lächelnd, indem er auf die hin und her jagenden Thiere wies:„Mir ſcheint, es iſt heute der Geburtstag von Molly; denn Sie haben ihm da ein vortreffliches Frühſtück vorſetzen laſſen, Erdbeeren von dieſer Größe und Schönheit; ich habe noch nie ſolche auf Ihrer Tafel 68 Fünftes Kapitel. geſehen. Ei, ei, theure Sophie, Sie verwöhnen Ihre Lieblinge auf eine wirklich unverantwortliche Art!“ „Da haben Sie wahrhaftig Recht,“ verſetzte lächelnd die alte Dame; aber ſie verdanken dieſes köſtliche Mahl nur dem Zufall. Ich verdiene Ihre Vorwürfe nicht, mein lieber Freund; ich hatte das Körbchen neben mir ſtehen, durch ein Ungefähr fiel es herun⸗ ter, und nur dieſem verdanken die kleinen Sahälaroher die ſüßen Früchte.“ Der Juſtizrath nahm einen Sonnenſchirm, der in der Ecke der Fenſtervertiefung lehnte, und verjagte die kleinen Hunde neckend von dem Körbchen, welches ſie mit ihren Pfoten bald hierhin, bald dorthin rollten. Dabei entfiel ihm der Schlüſſel, den er im unteren Stock abgezogen. Doch hob er ihn ſchnell wieder in die Höhe, ſtand auf und legte ihn auf ein entferntes Tiſchchen. Die Staatsräthin ſah ihn fragend an. „Ich fand ihn unten an der Treppe,“ ſagte er nach einer klei⸗ nen Pauſe mit großer Unbefangenheit;„wahrſcheinlich hat ihn Jakob dort liegen laſſen. Mir ſcheint, der alte Mann wird mit jedem Tage unzuverläßiger; ich glaube, man wird bald ernſtlich daran denken müſſen, ihn mit einer anſtändigen Penſion zu entfer⸗ nen und in Ruheſtand zu verſetzen.“ „Sie haben Recht, lieber Freund,“ antwortete die Dame; „aber ſind wir nicht die Diener unſerer Diener, wenigſtens ebenſo abhängig von ihnen, wie ſie von uns?— Sie wiſſen ganz genau, wie ſehr ich dieſes verſchloſſene Weſen des alten Jakob haſſe, wie feſt ich davon überzeugt bin, daß hier in dieſem Hauſe von uns nichts gethan, ja faſt nichts geſprochen wird, wovon er ſich nicht wenig⸗ ſtens bemüht, Kenntniß zu erhalten. Aber was will ich machen? Die da drunten halten auf eine merkwürdige Art zuſammen, und wenn ich Eines von ihnen aus dem Haunſe entlaſſe, ſo kündigen mir Alle zuſammen ihre Dienſte auf und gehen davon.“ „Einmal muß es am Ende doch geſchehen,“ ſagte beſtimmt ———— —+ ——y Erwähnung des Helden der Geſchichte. 69 der Juſtizrath.„O, Sophie, wir haben doch lange genug dieſe Geſchichten um uns geduldet, die Ihnen, ſowie mir faſt unerträg⸗ lich waren.“ „Das weiß Gott!“ ſprach die Staatsräthin ſeufzend.„Aber Sie wiſſen ſo gut, wie ich, lieber Freund, daß...“ „Sich Manches nicht ändern läßt,“ ergänzte der Juſtizrath achſelzuckend.„Leider!— von etwas Anderem denn!“ „Ich bin in der That ſehr erfreut,“ ſagte nach einer längeren Pauſe die Dame,„daß Sie gekommen ſind. Ich habe ſoeben eine ſehr, ſehr unangenehme Unterredung gehabt.“ „Auch wieder mit Jemand aus Ihrer Dienerſchaft?“ fragte lächelnd der Inſtizrath. „O nein!“ antwortete die alte Dame;„Sie ſehen dieſe Erd⸗ beeren, die dort am Boden liegen. Sie wurden mir vor einer halben Stunde gebracht von jener Gemüſehändlerin, der Frau Schoppelmann, die Sie ja auch kennen.“ „Natürlich, entgegnete der Juſtizrath.„Wer kennt ſie nicht? — Und dieſe Frau hat Ihnen eine Scene gemacht?“ Die Staatsräthin nickte mit dem Kopfe und fuhr nach einer Pauſe fort:„Sie ſoll eine Tochter haben...“ „Eine ſchöne Tochter!“ entgegnete der Juſtizrath und blickte ſein Gegenüber erwartungsvoll an. Dabei hatte er das Sonnen⸗ ſchirmchen in beide Hände genommen und ſteckte den Knopf deſſelben zwiſchen ſeine Zähne.„Eine ſchöne Tochter!“ wiederholte er,„das weiß die ganze Stadt.“ „Und ich,“ ſagte die Staatsräthin mit einem heftigen Tone, „habe einen Sohn, und das weiß ebenfalls die ganze Stadt.“ „Ah ſo!“ meinte der Juſtizrath. „Dieſes Weib nun dringt unter dem Vorwande, mir jene Erd⸗ beeren zu überreichen, bei mir ein und erzählt mir eine Geſchichte des Herrn Eugen, wie ich ſie leider Gottes ſchon zu Hunderten vernommen.“ 70 Fünftes Kapitel. „Er macht der ſchönen Katharine auffallend die Cour; ja, ja, ich habe das auch ſchon gehört.“ „Und davon ſagten Sie mir nie ein Wort!“ „Weil ich es erſtens für zu unbedeutend hielt, und weil es mich zweitens ſchmerzt, wenn ich einmal genöthigt bin, Ihnen der⸗ gleichen mitzutheilen.“ „Und was iſt denn eigentlich an dieſer Geſchichte?“ fragte die Staatsräthin und ſah ihren Freund aufmerkſam an. Dieſer zog die Schultern in die Höhe, drehte das Sonnen⸗ ſchirmchen zwiſchen ſeinen Händen und ſagte:„So und ſo! Ich weiß ſelbſt nicht recht, was ich davon halten ſoll. Es iſt keine Frage, daß das Mädchen ſehr ſchön iſt und daß ſie bis jetzt den vielen Anträgen, die man ihr gemacht, ſiegreich und tugendhaft widerſtanden; ebenſo wahr iſt aber auch, daß ſie ſich ſeit einiger Zeit in ein Verhältniß mit Monſieur Eugen eingelaſſen. Ich glaube, in ein inniges Verhältniß!“— Dabei lächelte er vor ſich hin, wie Jemand, der einer nicht unangenehmen Sache gewiß iſt. Die alte Dame wiſchte ſich mit ihrem Taſchentuche die Stirn ab und entgegnete nach einer Pauſe, während welcher ſie über etwas nachgedacht:„Und dieſes innige Verhältniß, das wird wohl enden, wie manche frühere derartige?“ „Ich glaube nicht ſo,“ antwortete ruhig der Juſtizrath.„Dieſe Schoppelmann's ſind eine entſchloſſene Familie; namentlich hat das Mädchen zwei Brüder, welche zu den verwegenſten Geſellen der Stadt gehören. Beide ſind ſchon ein paar Mal hart an mei⸗ nem Stuhle vorbeigeſtreift, und wenn ich ſie einmal in meine Hände bekomme, ſo werde ich mich veranlaßt ſehen, ſie lange feſt⸗ zuhalten. Dieſe Beiden nun möchten geſonnen ſein, dem Monſieur Eugen übel mitzuſpielen, wenn er die Idee haben ſollte, mit dem Mädchen eine ganz gewöhnliche Liebesgeſchichte aufzuführen; und das wäre auch am Ende ſo übel nicht, wenn er einmal eine ganz tüchtige Lektion erhielte.“ —— Erwähnung des Helden der Geſchichte. 71 Die Staatsräthin ſah ängſtlich und fragend in das Geſicht ihres Freundes. 4 „Natürlich,“ fuhr dieſer fort,„dürfte ihm kein Leides geſche⸗ hen; nur iſt es meine Anſicht, es könnte von guten Folgen ſein, wenn ſich der junge Herr bei einer ſolchen Veranlaſſung ebenfalls zu unüberlegten Handlungen gegen jene beiden Kerle hinreißen ließe. So was läßt ſich leicht arrangiren; er fällt dann ebenfalls in meine Hände, man nimmt ihn für eine kurze Zeit bei Seite, wir ſind bei der Vorunterſuchung berechtigt, unter Umſtänden ſeine Zimmer, ſeine Papiere zu durchſuchen, und bei dieſer Gelegenheit, theuerſte Sophie“— der Juſtizrath war hier ſehr ernſt geworden—„wäre es uns vielleicht möglich, etwas zu finden, was in unſere Hände zu bekommen mein ſehnlichſter Wunſch iſt— etwas, das uns koſt⸗ barer iſt, als Hunderttauſende, etwas, das ich oft vor mir ſehe; wachend und träumend, das mir den Schlaf raubt, indem es vor mich hingaukelt, und das mir jedes Mal verſchwindet, ſo oft ich die zitternde Hand darnach ausſtrecke!“ Der Juſtizrath hatte dieſe Worte mit ſichtbarer Aufregung geſprochen; ſeine Hand, die er beſchwörend von ſich abſtreckte, zitterte wirklich, ſeine Augen ſchoſſen Blitze unter den herabhangenden Wimpern und ſein Geſicht war von einer flammenden Röthe über⸗ goſſen. Doch das dauerte nur einen Augenblick; nur eine Sekunde war dieſer harte, ſcheinbar ſo ruhige Charakter aus dem Gleich⸗ gewicht gekommen. Er fuhr mit der Hand über ſein Geſicht und ebnete hiedurch ſeine Züge wieder vollkommen; ja er lächelte ſogar anmuthig und liebenswürdig, als er darauf ſagte:„Wenn aber auch dies wieder fehl ſchlägt, ſo haben wir zweierlei verloren: ne⸗ ben jenem Etwas den guten Klang des Namens Stillfried für ewige Zeiten.“ „Ich verſtehe Sie nicht ganz,“ ſprach die alte Dame mit dumpfer Stimme und fuhr aus einem tiefen Hinbrüten auf. „Nichts klarer als das,“ verſetzte der Juſtizrath;„wenn er Fünftes Kapitel. das Mädchen nun wirklich auf ehrliche Weiſe liebt und ſie zu ſeiner Frau machen will, wer kann ihn daran hindern? Dann adien Hausdurchſuchung, dann gratulire ich zur Schwiegertochter!“ „Aber das wäre empörend!“ fuhr die Dame auf.„Eines ſo ſchlimm wie das Andere, und Beides zuſammen... o mein Gott!“ „Ich glaube nicht, daß Eines ſo ſchlimm iſt wie das Andere, theure Sophie,“ entgegnete der Juſtizrath.„Wenn wir jenes Et⸗ was bekommen könnten, ſo glaube ich, wäre es ſehr gleichgültig, wen, verzeihen Sie mir, jener junge Taugenichts eigentlich hei⸗ rathet.— Aber dieſer langerſehnte Schatz rückt immer weiter hinaus. Nooch weiß ich freilich, wo er ſich befindet, aber wie lange werde ich hievon Kenntniß haben? Und dann, wenn Eugen ſpäter hei⸗ rathen will, wird er Sie unter den obwaltenden Verhältniſſen je um Ihre Einwilligung fragen? Gewiß nicht!“ „Aber eine ſolche Schwiegertochter!“ ſagte die Staatsräthin mit ſchmerzlicher Stimme und ſchüttelte den Kopf.„Eine ſolche Frau meinem einzigen Sohne? das wäre entſetzlich!“ „Beruhigen Sie ſich, Sophie, ſo weit wirds vielleicht gar nicht kommen. Vorderhand weiß ich noch nicht einmal, welche Abſichten er mit dem Mädchen hat. Will er heirathen, ſo muß man ihn daran hindern, man muß die Sache ſo zu drehen und zu wenden wiſſen, daß ihm jenes Mädchen zu einem kurzen Zeitvertreib dient. Dann muß man hievon die Mutter oder die Brüder in Kenntniß ſetzen, und dann geht die Geſchichte ihren Lauf. Dies zu arran⸗ giren, ſei alles meine Sorge. Es müßte doch ſonderbar zugehen, wenn wir nicht einmal im Stande wären, das durchzuführen.— Es iſt ſchon ſehr wichtig, daß ich von allen ſeinen Schritten und Tritten die genaueſte Kenntniß habe.“ „Durch Joſeph, ſeinen Bedienten?“ „Allerdings!“ entgegnete der Juſtizrath;„ich hätte keinen paſſenderen Menſchen hierzu finden können, als ihn. Den habe — Erwähnung des Helden der Geſchichte. 73 ich in meiner Hand; was hätte mir jeder andere Burſche, der mir auch noch ſo ergeben geweſen, genützt?— Monſieur Eugen mit ſeiner leichtſinnigen Wirthſchaft, mit ſeinem Geldhinauswerfen an Freunde und Bediente hätte mir ihn doch bald verdorben. Aber dieſer Joſeph muß mir treu bleiben, denn, das habe ich ihm auch angekündigt, bei dem geringſten Seitenſprung, den er macht— fort mit ihm ins Zuchthaus!“ „Und bringt er öfters Rapporte?“ fragte die Dame mit an⸗ ſcheinender Gleichgültigkeit. „O ja,“ entgegnete der Juſtizrath,„alle Wochen ein paar Mal. „Und das Leben, das ſie führen, iſt immer das gleiche?“ „Es ändert ſich nur in ſo fern, als wöchentlich eine neue Thor⸗ heit projektirt und ausgeführt wird.“ Und die Geſundheit meines... des... Engen Stillfried? Wie hält er dieſes wilde Leben aus?“ „Ganz vortrefflich!“ entgegnete achſelzuckend der Juſtizrath; „ich begreife das nicht. Er hat eine merkwürdige Konſtitution.“ „Und iſt jener Andere, ſein Freund, immer noch bei ihm?“ forſchte die alte Dame weiter,„ſein luſtiger Rath, wie er ihn nennt, jener mißvergnügte, kopfhängeriſche Schulmeiſter?“ „Leider, leider!“ ſeufzte der Juſtizrath,„das Bündniß hat der Teufel geſchloſſen, und ſo viele Mühe ich mir auch ſchon und namentlich durch Joſeph gegeben habe, die Beiden aus einander zu bringen, es iſt rein unmöglich.“ Die Stasfsräthin ſah ihren Freund fragend und aufmerk⸗ ſam an. „Die herrlichſten Thorheiten des Monſieur Eugen,“ fuhr der Juſtizrath fort,„die ſchönſten dummen Streiche, die zu den ſchlimm⸗ ſten ausfallen könnten, weiß der Andere in ihrem vollen Laufe aufzuhalten und ihnen durch irgend ein Manöver die Spitze abzu⸗ brechen. Man ſieht nie Einen ohne den Anderen, und wenn es Fünftes Kapitel. 3 auch Monſieur Eugen, wie geſagt, abſichtlich darauf anzulegen ſcheint, ſeinen Namen und ſeine Geſundheit auf ewige Zeiten zu ruiniren, ſo ſpringt der Andere dazwiſchen und bringt Alles, ſo viel es thunlich iſt, wieder ins Geleiſe. O, es iſt das eine heilloſe Wirthſchaft!“ 5— Das Auge der alten Dame glänzte ſonderbar, doch wandte ſie ihren Kopf dem Fenſter zu. Dann ſagte ſie, ohne den Juſtiz⸗ rath anzuſehen:„Alſo könnte man ihn den Schutzgeiſt jenes ver⸗ lorenen jungen Menſchen nennen?“ 3 „Allerdings!“ entgegnete ärgerlich der Juſtizrath und blickte forſchend auf ſeine Freundin;„wenn bei einer ſolchen Wirthſchaft ein Schutzgeiſt überhaupt denkbar wäre.“ „Gott ſei Dank!“ lispelte die alte Dame, aber ſo leiſe in ſich hinein, daß der Andere nichts als einen ſchwachen Seufzer vernahm. Er ſetzte das Sonnenſchirmchen, mit dem er bis jetzt geſpielt, in die Ecke der Fenſtervertiefung, ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt, dann trat er wieder an den Fauteuil der Staatsräthin und ſtreckte die Hand aus nach einem kleinen Käſtchen von Ebenholz, das vor ihr auf dem Tiſche ſtand. Bei dieſer Bewegung aber legte die Dame mit einem ſchmerz⸗ lichen Lächeln die Hand auf jenes Käſtchen und ſah ihn dabei ſo ſonderbar an, als wolle ſie ihn bitten, daſſelbe jetzt nicht zu be⸗ rühren. Der Juſtizrath blickte ſie jedoch ſo befremdet, ja vor⸗ wurfsvoll an, daß ſie ihre Hand mit einem Seufzer zurückzog und ihn das Käſtchen ergreifen ließ, das er vom Tiſche nahm und 4 in die Höhe hob. Er drückte an einer Feder, der Deckel ſprang auf und zeigte das Bild eines jungen Mädchens von vielleicht 38 fünfzehn Jah ren, das ihn jetzt ſo zufrieden, heiter und glücklich aus den klaren Augen anſchaute, als ſei es froh, daß man endlich einmal wieder ſein ſchwarzes Gefängniß geöffnet. Der Mann mit dem ſtrengen Geſicht blickte lange und ſchwe i⸗ 4 —⸗ Erwähnung des Helden der Geſchichte. 75 gend dieſes Bild an, und über die harten Linien ſeiner Züge floß eine unendliche Weichheit. Nach einigen Augenblicken ſetzte er das geöffnete Käſtchen vor die Staatsräthin nieder, dieſe aber drückte mit abgewandtem Geſicht den Deckel wieder darauf. Der Juſtizrath ſchritt abermals, in tiefe Gedanken verſunken, in dem Zimmer auf und ab.„Und dieſes arme unglückliche Kind,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe,„ſo gut, ſo unſchuldig, leidet wohl unter dieſen entſetzlichen Verhältniſſen am meiſten.“ „Und wir nicht, Ferdinand?“ fragte die Dame mit weicher Stimme. „Unſere Herzen ſchlagen ruhiger, Sophie. Wir haben ein langes Leben durchgekämpft in bitterer Qual, ja in tiefer Ver⸗ zweiflung, und das liegt jetzt hinter uns. Wir haben nicht er⸗ rungen, was wir gehofft, was wir gewünſcht, wir ſind nie zu einem glückſeligen Ziele gelangt... Iſt es aber nicht erſchrecklich, daß uns aus all' dem, was wir in finſterer Nacht geſäet und wo⸗ rauf wir Tauſende blutiger Thränen geweint, nicht die geringſte Frucht erblüht? o ja, was noch ſchlimmer iſt, daß dieſe Frucht jene liebe Blume“— dabei deutete er auf das Käſtchen— „nur uns, von allen Menſchen nur uns, nicht mit ihrem ſüßen Lächeln erfreuen darf. O, es iſt eine fürchterliche Strafe!“ „Aber keine ungerechte!“ antwortete die alte Dame mit leiſer, doch feſter Stimme. „Und ich leide doppelt, dreifach, zehnfach, tauſendfach!, fuhr der Juſtizrath heftiger fort;„dein Herz, Sophie, iſt getheilt, du magſt ſagen, was du willſt, zwiſchen dieſer armen Unglücklichen und jenem ungerathenen Buben; und wenn er auch an dem Unglück dieſer ſchuld iſt, ſo iſt und bleibt er doch dein Sohn, dein recht⸗ mäßiger Sohn, der aller Vorrechte, alles Glückes ſeiner Geburt genießt, der rechtmäßige Sohn ſeines Vaters, an dem dein Herz immer noch mit mütterlicher Liebe hängt.“ Der Juſtizrath machte bei den letzten Worten eine haſtige Fünftes Kapitel. 76 abwehrende Bewegung mit der Hand, als wollte er alle Ein⸗ wendungen von Seiten der Staatsräthin abſchneiden, was ihm auch gelang. Dieſe war in ihren Fautenuil zurückgeſunken, preßte ihr Schnupf⸗ tuch vor die Augen und machte nicht den geringſten Verſuch, eine Sylbe der Entgegnung hören zu laſſen. So vergingen wohl volle zehn Minuten, und im Verlauf der⸗ ſelben wurde der Schritt des Juſtizrathes ruhiger; ſeine Züge, die ſich ſonderbar verzerrt hatten, glätteten ſich wieder. Auch die Staatsräthin fuhr mit dem Taſchentuche mehrere Mal über die Augen, dann reichte ſie ihrem Freunde, der wieder in die Nähe der Fenſtervertiefung gekommen war, die Hand und ſagte mit leiſer Stimme:„Wozu dieſe ſelbe Scene bei jeder Veranlaſſung immer und ewig wiederholen? Meinſt du denn, Ferdinand, ich hätte dieſes Käſtchen mit dem Bilde des unglücklichen Mädchens zur Luſt, zum Vergnügen vor mir ſtehen? meinſt du, es ſei mir ein Troſt, in dieſe reinen, unſchuldigen Züge zu blicken?— Gewiß nicht, Ferdinand! O, wie ich mich damit quäle! Du kannſt es mir glauben, mein Freund! Nur in ſolchen Stunden, wo mein Herz den ſchwachen Verſuch macht, freudiger zu ſchlagen, in Augenblicken, wo ich denke, das Glück werde doch nochmals einkehren in dieſes Haus, nur dann betrachte ich dieſes kleine Geſicht und ſtürze mich dadurch abſichtlich und ſchonungslos von den geträumten Höhen mit ſeliger, ſüßer Ausſicht wieder hinab in meine finſtere Alltäg⸗ lichkeit... Ah!“ „Laß es gut ſein, Sophie,“ ſprach der Iuſtizrath. Er ſchien tief ergriffen von dem Schmerze ſeiner Freundin und drückte ihr warm die Hand.„Laß es gut ſein! Wer weiß, ob nicht noch einmal auch für unſer Leben klar und angenehm die Sonne her⸗ vorbricht, die ſich ſo lange hinter finſteren Wolken verborgen!“ „Nie, Ferdinand, nie!“ ſagte die Dame mit feſter Stimme; „wenn ſich einſtens jenes Gewölbe zertheilt— um mich deiner Erwähnung des Helden der Geſchichte. 77 Worte zu bedienen— und die Sonne wieder hervorbricht, ſo wird ſie, ich weiß es und hoffe es— unſere Gräber beſcheinen.“ Der Juſtizrath blickte nach dieſen Worten lange zum Fenſter hinaus; er ſchien gewaltſam jedes fernere Geſpräch unterdrücken zu wollen. Seine Bruſt hob ſich heftig; er nahm ſanft und leiſe die Hand der Staatsräthin, drückte ſie an ſeine Lippen und verließ ſchweigend das Gemach. ¹ Seine Schritte hallten auf den einſamen Treppen wider, dann hörte man, wie unten die Thüre wieder geſchloſſen wurde, und darauf war es ruhig, wie vorher, in dem weiten, öden Hauſe. Draußen aber blitzte die Sonne mit aller Pracht auf Berg. und Thal und berührte Straßen und Häuſer mit ihrem warmen Hauche. Auch das Stillfried'ſche Haus umſchlang ſie mit heißen Armen; doch war es ihr nicht möglich, dort hinein zu dringen; Fenſter und Thüren blieben nach wie vor feſt verſchloſſen, und jetzt hatte auch die Staatsräthin oben im zweiten Stock einen grün⸗ ſeidenen Vorhang vor das Fenſter herabgelaſſen, hinter welchem ſie ſaß, einſam und allein, über ihr vergangenes Leben nachbrütend, tiefes, gewaltiges Weh im Herzen. In einem kleinen Hauſe gegenüber wohnte ein armer Schuh⸗ macher mit ſeinem Weibe und vier Kindern in zwei kleinen heißen Stuben. Er beſorgte Schuhe und Stiefel für die Dienerſchaft drüben und kannte das große leere Haus ganz genau. Wenn er nun ſo von ſeiner Arbeit aufblickte und ſich den Schweiß von der Stirne trocknete, und wie er jetzt den Iuſtizrath, den ſtattlichen, wohlhabenden Herrn, herausgehen ſah, ſo mochte er wohl über ſein Schickſal und über die ungleiche Vertheilung der Güter im menſch⸗ lichen Leben nachdenken. Doch war er glücklicher, als Jene drüben, mit ſeinem ruhigen, zufriedenen Gemüthe; und hätte man ihn einen Tag dort hinein geſetzt, und auf ihn gehäuft nur den zehnten Theil des Kummers und des Schmerzes, welcher auf dem Gemüthe dieſer reichen, vornehmen Leute lagerte, ſo wäre er mit tauſend 78 Sechstes Kapitel. Freuden wieder nach Hauſe gelaufen, in ſeine kleinen Zimmer, zu ſeinem Arbeitsſtuhle, zu ſeinem Weibe und zu ſeinen vier geſunden Kindern. Sechstes Kapitel. Katharine Schoppelmann und Elementine Strebeling theilen ſich ihre kleinen Abenteuer mit. 4— Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. Unterdeſſen war Frau Schoppelmann mit keinem geringen Zorn in die unteren Theile der Stadt, auf den Markt zurückge⸗ kehrt. Das ſonſt ſo ruhige, gleichmüthige Geſicht der dicken Frau glühte vor Hitze und Aufregung; ſie ſchnaubte wie ein überhitztes Dampfboot, die dunklen Bänder ihrer Haube flatterten hinter ihr drein wie Trauerwimpel, und dazu wallte ihr Umſchlagtuch wie ein ſchwarzes Segel. Die Frau grüßte ihre beſten Bekannten nicht, und mehrere Köchinnen, die ſich unter Wegs an ſie wandten, waren nicht im Stande, ein Wort anzubringen, und verſicherten hoch und theuer, der Frau Schoppelmann müſſe unfehlbar ein ganzes Obſtmagazin zu Grunde gegangen ſein, oder ſie komme von einer Herrſchaft, wo man ſie beſchuldigt, ſie habe faule Fiſche abgeliefert. So lenkte ſie auf die Straßen ein, die auf den Marktplatz führten, hoffend, auf letzterem etwas zu finden, an welchem ſie ihren gerechten Zorn auslaſſen könne. Doch die Frau hatte ein zu gutes Gemüth, um ihren Zorn lange feſt zu halten. Die vielen Leute, die ſich hier ab und zu drängten, die eilig nach dem Gebiete gin⸗ gen, auf welchem ſie faſt Alleinherrſcherin war, oder die von dort her zurück kamen mit vollen Körben, in welchen ſie ihre Waare Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. 79 erkannte, alles das beſänftigte nach und nach ihr Herz. Ihr Schritt wurde ruhiger, je mehr ſie ſich dem Gewühl des Marktplatzes nä⸗ herte; und als ſie nun von fern bemerkte, wie ihr großes Gemüſe⸗ und Obſtlager zuſammengeſchmolzen war, da ſchmolz auch ihre Aufregung vollſtändig, und ſie war im Stande, mit dem gewohn⸗ ten ruhigen und ſicheren Ausdruck des Geſichtes an ihren Stand zu treten. Glücklicher Weiſe war auch hier an dem Blumenkorbe ihrer Tochter keine männliche Seele zu ſehen; vor Allem aber fehlte er, dem ſicher heute Morgen ein unfreundliches Wort zu Theil gewor⸗ den wäre. Der Blumenhandel ſchien, trotz dem, recht gut gegangen zu ſein, denn der Korb der ſchönen Katharina war bis auf einige unbedeutende Ueberreſte leer, ſie ſelbſt aber ſchon, da das Geſchäft für heute faſt beendigt war, nach Hauſe gegangen. Dorthin verfügte ſich jetzt auch Madame Schoppelmann, nud als ſie in den dunkeln, feuchten Hof trat, waren hier und in dem Gewölbe ſo viele ihrer beſten Kunden verſammelt, denen ſie Audienz zu ertheilen hatte, daß auch bald die geringſte Spur des Unmuthes aus ihrem Gemüthe und von ihrer Stirne verſchwunden war und ſie ſich mit ruhigem Herzen ihrem ſo verwickelten und ſchwierigen Geſchäfte hingeben konnte. Oberhalb des Gewölbes, in welchem wir heute Morgen dem Kaffeefrühſtück der Familie Schoppelmann beiwohnten, befand ſich ein kleines Gemach mit ſehr niedriger Decke und einem einzigen großen Fenſter. Dieſes Fenſter führte auf eine Seitengaſſe und war eines der wenigen des ganzen weitläufigen Hintergebäudes, an welches die Sonne mit einem Streiflichte dringen konnte. So maleriſch unordentlich, ja ſchmutzig es drunten in dem Hofe wie in dem Gewölbe ausſah, ſo nett, reinlich und friedlich war es hier oben. Die Wände hatten einen hellen, freundlichen Anſtrich, das Fenſter war mit weißen Vorhängen verſehen, die jetzt, da die Glasfenſter, und zwar nach außen, geöffnet waren, 80 Sechstes Kapitel. p hell in dem Sonnenlichte flatterten und zuweilen mit einigen Re⸗ ſeden und Geranien kosten, die in kleinen Blumenſcherben auf der Fenſterbrüſtung ſtanden. An der hinteren Wand dieſes kleinen Zim⸗ mers war ein breites, altmodiſches Bett zu ſehen, aber das Weiß⸗ zeug deſſelben war blendend weiß und friſch; in einer Ecke befand— ſich ein einfacher Kleiderkaſten, und dies, ſowie ein paar alte höl⸗ zerne Stühle machten das ganze Ameublement des Zimmers aus. Derr geneigte Leſer wird errathen, daß wir es hiemit gewagt, einen ſchüchternen Blick in das Zimmer der ſchönen Katharina zu werfen. Ja, dies war ihre Wohnung, ihr Heiligthum! Hieher ſetzte ſelten die Mutter, nie aber einer der wilden Brüder einen 4 Fuß; hier behauptete das Mädchen ihr Recht, hier war ſie allein, und hier baute ſie oftmals aus den ſüßen Träumen, die ihrem warmen Herzen entſtiegen, die glänzendſten Luftſchlöſſer. Katharina hatte mehrere Stunden in der glühend heißen Luft des Marktes zugebracht, hatte ihre Geſchäfte beſtens beſorgt, ihre 1 Rechnung ſchriftlich in den Tiſch der Mutter verſchloſſen, die an⸗ ſehnliche Kaſſe dazu, und ſaß jetzt droben in ihrem kleinen Zimmer an dem geöffneten Fenſter in der erfriſchenden Kühle, welche be⸗ ſtändig zwiſchen dieſen dicken Steinmauern herrſchte. Sie hatte das rothe Tuch von dem Kopfe herunter genommen, ihr enges Mie⸗ 5 der geöffnet, und die langen, kühlen Flechten fielen auf ihre ent⸗ blößten Schultern, auf ihre volle Bruſt herab. Katharina war nicht allein: ihr gegenüber auf einem anderen Stuhle ſaß die Jungfer Strebeling, und die zarte Clementine hatte 3 nun, wie vorhin der Mutter, jetzt auch der Tochter ihr Herz aus⸗ geſchüttet in Betreff der ſündhaften Choriſtin. Daß Madame Schoppelmann ſich nicht ſehr hierüber alterirt hatte, darüber wun⸗ derte ſich die alte Jungfer gerade nicht; aber daß Katharina ſogar keine Miene machte, welche Schrecken und Abſcheu ausdrückten, das war ihr völlig unerklärlich. Sie ſchauerte in ſich zuſammen, wie ———— Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. 81 eine dreiviertels verblühte Herbſtroſe, welche von einem eiſigen Schneewinde gefaßt wird. „Aber das war am hellen Tage,“ ſagte ſie,„und an der öffent⸗ lichen Treppe, und er hat ſie geküßt!— Iſt denn das nicht ganz entſetzlich, Jungfer Katharine?“. Dieſe ließ nachſinnend und lächelnd ihr Haupt ſinken, ſo daß die ſchwarzen Flechten über ihr glühendes Geſicht herab fielen. Wir wiſſen nun nicht ganz genau, wem dieſes Lächeln galt, hoffen aber nicht, daß die Erzählung Clementinens es hervorgelockt, da wir ohne weitere Beweiſe unmöglich annehmen wollen, als ob Katharina nur über ſo etwas lachen könnte. Aber die Welt iſt ſehr verderbt! Das mochte auch Clementine denken, denn ſie ſah erſtaunt ihr lächelndes Gegenüber an, und es ſchmetterte ihr zartes Gefühl or⸗ dentlich darnieder, ja, ſie verlor allen Glauben an ihre Mitſchweſter, als dieſe nicht nur zu lächeln fortfuhr, ſondern ſogar nach einer kleinen Pauſe die ſchrecklichen Worte ſprach:„Und Sie haben noch nie einen Mann geküßt, Clementine?“ Die alte Jungfer ſaß auf dieſe Frage ſtarr wie eine Bildſäule. Sie hätte fliehen mögen, aber ſie konnte nicht zum Aufſtehen kom⸗ men. So etwas Entſetzliches hatte noch Niemand mit ihr ge⸗ ſprochen. Sie ſah Katharinen mit einem wahren Entſetzen an, ſie fürchtete ſich vor ihr, es ſchauerte ſie in ihrer Nähe, ſie hatte ein Gefühl, wie wir vielleicht vor Jemanden, der zu uns ſagt: er ſei mit einem ſchrecklichen Uebel behaftet, er habe Momente, wo es ihm das größte Vergnügen mache, ſeinem Gegenüber an den Hals zu ſpringen, um ihn gelinde zu erdroſſeln. Und die ſchöne Katharina hatte ſo gar keine Ahnung von den Gefühlen, die ihre unbedachte Frage in der Bruſt der alten Jung⸗ fer hervorgerufen; ja ſie wiederholte dieſelbe ſogar und im Tone des Zweifels und ſetzte hinzu:„Wirklich, Clementine, es hat Sie noch nie ein Mann geküßt?“ A Hackländers Werke. X. ℳ Sechstes Kapitel. „Nein!“ antwortete dieſe nach einer längeren Pauſe mit ton⸗ loſer Stimme, und es lag in dieſem Nein ein unendlicher Schauer, und zugleich ein Schrei des Entzückens über die unendliche Rein⸗ heit ihrer eigenen Seele.—„Nein, gewiß nicht, Katharine!“ fuhr ſie nach einer abermaligen Pauſe haſtig fort;„Gott ſoll mich be⸗ wahren, ſo etwas Schreckliches iſt mir, dem Himmel ſei es gedankt! bis jetzt nicht widerfahren.“ Katharina blickte lächelnd auf und ließ ihre leuchtenden Au⸗ gen eine kleine Weile auf dem zarten Geſicht der alten Jungfer ruhen.„Das iſt eigentlich ſonderbar,“ ſagte ſie leiſe mehr zu ſich ſelber als zu der Anderen,„in Ihrem langen Leben nicht ein ein⸗ ziges Mal geküßt?“ „Nein, in meinem langen Leben nicht ein einziges Mal,“ wiederholte Clementine, und ſie hätte ſich über dieſes„lange“ Le⸗ ben vielleicht beleidigt gefühlt; doch welcher Triumph für ſie! ihr Herz war in dieſem langen Leben rein geblieben, und das Kind ihr gegenüber, ein unreifes Ding von zwanzig Jahren, hatte viel⸗ leicht ſchon Erfahrungen gemacht, hatte vielleicht ſchon— o ſchreck⸗ lich!— einen Mann geküßt! Anfänglich dachte Clementine, es ſei für ihre eigene Gemüths⸗ ruhe wahrſcheinlich beſſer, wenn ſie hierüber in Ungewißheit bliebe. Dann aber brach die weibliche Neugierde mächtig und ſiegreich hervor, und die Folge hievon war, daß ſie ſchüchtern fragte:„Und Sie... 2⸗ 4 „Was?“ entgegnete Katharina, aus einem tiefen Nachdenken auffahrend. 54 „Ich meine: und Sie?“ ſagte die alte Jungfer;„ob Sie viel⸗ leicht ſchon... 2“ „Nun, was denn?“— „Nun, was Sie mich vorhin fragten, ob“... „Mich ſchon vielleicht ein Mann geküßt?“ entgegnete Katha⸗ rina lachend. — — Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. 83 Clementine nickte erröthend mit dem Kopfe. „Ja, ja, gab Katharina zur Antwort,„er hat mich ſchon ge⸗ küßt, nicht oft, aber innig geküßt. O Gott, das war eine Selig⸗ keit!“— Sie ſagte das mit ſehr leiſer Stimme, als fürchte ſie, von jemand Anderem gehört zu werden, und dabei athmete ihre Bruſt ſchwer auf, als ſei ſie froh, daß ſie einem anderen weiblichen Weſen dieſes ſelige Geheimniß habe anvertrauen können. Clementine ſchauderte mehr und mehr; und doch konnte ſie ſich nach einigen Augenblicken nicht enthalten, zu fragen:„Er?— wer iſt das?“ Die gute Seele hoffte und glaubte, es könne mit dieſem Er vielleicht einer der Brüder Katharinens gemeint ſein; doch fand ſie ſich durch die nächſten Worte des jungen Mädchens grauſam enttäuſcht. „Ach, er war es,“ ſagte dieſe und ſchlug die Augen zu Boden; „er, den ich liebe, o nein, nicht blos liebe, er, der mein Alles ausmacht, von deſſen Bild ich mich durchdrungen fühle, ohne den ich nichts denken kann und mag; er, ja er, mein Leben, meine Seele!“ „Ein Maun?“ fragte entſetzt Clementine. „Der mich liebt wie ich ihn liebe, ſo glaube ich wenigſtens, ſo hoffe ich. Ach, Clementine, könnte ich Ihnen einen Begriff geben von dem Gefühl, das mich durchſtrömt, wenn er zu mir tritt, wenn ich ſeine Nähe fühle oder gar wenn mich ſeine Hand berührt! O, wie es mich da durchſchauert, wie es zuerſt eiskalt durch mein Blut läuft und mein Herz faſt ſtill ſteht, und wie es mich dann glühend heiß durchtobt und ich kaum zu athmen vermag!“ „Das iſt ja entſetzlich,“ ſagte die alte Jungfer.„Das muß ja fürchterlich, wie eine Krankheit ſein!“ Katharina legte ihre warme Hand auf den dünnen Arm ihrer entſetzten Zuhörerin und fuhr fort:„Clementine, Sie wiſſen nicht, wie glücklich ich mich fühle, daß ich mit Ihnen darüber Sechstes Kapitel. ſprechen kann. Habe ich doch Niemanden, dem ich mich anvertrauen könnte, und hier in meiner Bruſt war es ſo voll, ach, ſo voll Glück und Vergnügen; gewiß, ich wäre noch daran erſtickt. Ja, wenn ich an alles das dachte, wie und wo ich ihn zum erſten Mal geſehen, dann ſchwoll es mir bis an den Hals hinauf, ich verſuchte vergeblich zu athmen; aber jetzt iſt mir leichter, und ich will Ihnen Alles, Alles erzählen.“ „Um Gottes willen, Katharine!“ ſagte die Andere und rückte ihren Stuhl etwas zurück;„was wollen Sie mir erzählen?— O liebe Seele, verzeihen Sie mir, aber ich habe dergleichen noch nie gehört, und wenn es zufällig etwas Schreckliches wäre, ſo könnte ich es nicht ertragen; ich glaube, ich würde ohnmächtig werden.“ „Es iſt aber gar nichts Schreckliches!“ entgegnete erſtaunt Katharina.„Gewiß nicht! Es iſt etwas ſo Schönes und Liebes! Sie wiſſen, Clementine, wie viele junge Herren aus der Stadt täglich von meinen Blumen kaufen; aber es war mir wahrhaftig ganz gleichgültig, wer an meinen Korb kam: ich gab Jedem bereit⸗ willig, was er verlangte, dem Einen wie dem Anderen, und wenn mir vielleicht ein Kunde weniger lieb war, ſo kam das daher, weil dieſer vielleicht mehr dumme Worte an mich hinſprach, als ein anderer. Da kam er zum erſten Male auf den Markt und ſagte, er habe mich ſchon lange um einen Strauß bitten wollen, aber ich möchte ihm einige Blumen ſchenken, er könne und wolle mir nichts abkaufen. Natürlich ſah ich ihn erſtaunt an und wollte ihn anfänglich auslachen; doch wie ich in ſein Geſicht blickte, das mich ſo offen und ehrlich anſieht, in ſeine klaren Augen, die ſo gar nicht ausſahen, als wollten ſie einen Scherz mit mir treiben, da konnte ich nicht mehr lachen. Ich weiß nicht, es war mir ſo verwirrt zu Muth, ich mußte mich plötzlich auf meine Körbe nieder⸗ beugen, und da ſuchte ich lange unter den Blumen herum, und ich konnte nicht anders, ich mußte ihm den ſchönſten Strauß geben, den ich hatte. Es waren Vergißmeinnicht, Veilchen und eine Roſe. — Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. 8⁵ Er nahm ſie aus meiner Hand und ſah mich lange feſt an, dann ſagte er: Gott, wie froh bin ich, daß Sie mir dieſes Geſchenk geben, Katharine! Ach, das Kaufen und Bezahlen iſt entſetzlich langweilig!— und er ſah gewiß nicht aus, als wenn ihm das Kaufen und Bezahlen Mühe gemacht hätte. Dann fragte er mich noch: Und Sie geben mir die Blumen gern?— worauf ich ant⸗ wortcte: Warum nicht?— Und dann ging er fort und ſchenkte einem Bettelweib, das ihm in den Weg lief, einen Gulden.— Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte ihm den Strauß gern gegeben. Es hatte mich noch keiner von dieſen Herren gebeten, ihm eine Blume zu ſchenken, und das kam mir ſo außerordentlich nobel und anſtändig vor. Andere von den jungen Leuten hatten mir oft das Doppelte, das Zehnfache meines Preiſes bezahlen wollen, und das fand ich ſo gemein, ja unartig. „Von da an hatte ich jeden Tag etwas Beſonderes in meinen Körben verſteckt. Aber er kam erſt nach einiger Zeit wieder und ſagte, er habe meine Güte nicht mißbrauchen wollen. Doch mußte er bei dem zweiten Male wohl gemerkt haben, wie gern ich ihm einige Blumen gebe— ich war wahrhaftig nicht im Stande, dies zu verbergen— und von da an kam er jeden Markttag, und als ich einmal nicht hingehen konnte, da ſteckte ich eine kleine Roſe neben den Henkel meines Korbes und ſagte leiſe zu mir, als ihn die Magd fort trug: Die iſt für dich! Und es war, als habe ihm die Roſe das wieder geſagt, denn er kam zur Mutter und verlangte gerade nur dieſe Roſe.“ „Das iſt aber alles recht nett und ſchön,“ ſagte die alte Jung⸗ fer, die augenſcheinlich erfreut war, daß ihre zarten Ohren nichts Schrecklicheres hören mußten. Aber Katharina war mit ihrer Geſchichte noch nicht zu Ende. „Eines Abends,“ fuhr ſie fort— ves war in dieſem Früh⸗ jahr— ging ich, als es ſchon dunkel wurde, von meiner Tante, die draußen vor der Stadt wohnte, allein nach Hauſe. In der 86 Sechstes Kapitel. Alleeſtraße, wo die großen neuen Häuſer ſtehen, kam ich bei einem Parterre vorbei, das erleuchtet war, und wo die Fenſter offen ſtanden. Zwiſchen ihnen aber ſah ich hölzerne Käſtchen aufrecht ſtehen, und zwiſchen dieſe Käſtchen waren Saiten geſpannt.“ „Aeolsharfen,“ ſagte Clementine. „Ja, ich glaube ſo heißt es,“ fuhr das junge Mädchen fort. „Und aus dieſen Dingern klang es ſo merkwürdig und ſchön, es flüſterte und ſang und klagte und erzählte allerlei, daß ich unwill⸗ kürlich ſtehen blieb und zuhorchte. Ich hatte eine ſolche Muſik in meinem Leben nicht gehört; es war aber auch keine bekannte Me⸗ lodie darin, ſondern es war, als wenn viele Stimmen durch einander ſängen und ſelbſt nicht wüßten was, und doch ging es ganz nett zuſammen. Zufällig blickte ich in die Fenſter hinein, und da ſah ich, daß um eines dieſer Käſtchen ein Kranz von ver⸗ welkten Blumen hing, und wie ich ſo genauer hinſchaute, bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß es meine Blumenſträuße waren, die man zuſammengebunden und dorthin gehängt hatte. Als ich das aber geſehen, blieb ich keine Sekunde länger vor dem Fenſter, ſondern lief raſch die Straße hinab. Aber ich lief nicht allein: ich fühlte wohl, daß Jemand ſchnell hinter mir drein ging.“ „Ah!“ rief erſtaunt Clementine. „Er war es,“ fuhr das junge Mädchen mit ganz leiſer Stimme fort,„und ich mochte ſo ſchnell gehen, wie ich wollte, er blieb dicht hinter mir.—— Endlich ſprach er mich an.“ 2 „Auf der Straße?“ fragte entſetzt Clementine. „Natürlich auf der Straße!“ entgegnete die Andere.„Ich weiß eigentlich nicht genau, was er anfänglich ſagte; aber ſo viel verſtand ich, er habe mich am Fenſter geſehen und ſei mir nach⸗ geeilt. Ich war natürlich ſehr verwirrt und in Verlegenheit und mußte ihm wohl entgegnet haben, ich habe meine Blumen be⸗ merkt, denn er ſagte mir ganz vergnügt: Ach ja, Katharine, das ſind freilich Ihre Blumen, ich habe ſie über meine Aeolsharfe — 3 Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. 87 gehängt, und wenn es Abends aus den Saiten hervor und in mein Zimmer hinein flüſtert, ſo meine ich immer, Sie ſprächen mit mir.— Das kam mir ſo rührend und ſchön vor, wie er das zu mir ſagte, daß ich ordentlich zitterte und mir die Thränen herab liefen. Dann begleitete er mich in die untere Stadt, und als er hier vor dem Hauſe— es war ſchon ganz dunkel— Abſchied von mir nahm, da geſchah das, was ich vorhin ſagte.“ „Er hat Sie geküßt!———* „Ja, er hat mich geküßt; ach, Clementine, und das war eine Seligkeit! ich hätte das vordem in meinem ganzen Leben nicht geglaubt. Er ſchlang ſeinen Arm um mich herum— kommen Sie, ich will Ihnen das einmal zeigen...“ „Ach nein, um Gotteswillen nicht!“ bat Clementine,„ich könnte den Gedanken in meinem ganzen Leben nicht mehr los werden!“ „Alſo er ſchlang ſeinen Arm um mich, und dann fühlte ich auf einmal ſeine Lippen auf meinem Munde. Es war, als ſei ein Blitz über mich gefahren. Ich war ſo erſchrocken, daß ich mich nicht einmal mehr losmachen konnte, und er küßte mich einmal und ſogar zweimal.“ „Sogar zweimal!“ ſagte Clementine;„das iſt ja entſetzlich!“ „Ja, es wurde mir auch ſo ſonderbar und ängſtlich zu Muth, und darauf machte ich mich los, lief nach Hauſe und ging zitternd zu Bett. Ach, ich konnte die ganze Nacht faſt kein Auge ſchließen, was mir ſonſt nie geſchehen war, und wenn ich einmal einſchlief und träumte, dann träumte ich von ihm, dann küßte er mich im Traume immer fort.“ 8 „Sehen Sie,“ ſagte die alte Jungfer feierlich,„das iſt Sün⸗ denſchuld!“ 3 „Aber es war mir gar nicht zu Muth, als wenn ich eine Sünde begangen hätte,“ ſagte Katharina ganz aufrichtig und ſchaute ihre Zuhörerin unbefangen an.„Aber nicht wahr, Clemen⸗ 88 Sechstes Kapitel. tine, was ich Ihnen hier erzählte, das bleibt Janz unter uns, Sie ſprechen gegen Niemand davon!“ „Gott ſoll mich bewahren! Ich werde es nicht über meine Lippen bringen.“ Hier trat in dem Geſpräche der Beiden eine kleine Pauſe ein; Katharina ſtützte ihren Arm auf das Fenſtergeſims, legte ihr glühendes Geſicht auf die Hand und ſchien über etwas Angenehmes nachzudenken. Clementine hatte unterdeſſen die Hände gefaltet und ſah das junge Mädchen vor ſich mit traurigem Blicke an, mit einem Blicke, der zu ſagen ſchien:„Arme Unglückliche, du biſt ge⸗ rade ſo eine Verlorene, wie die Choriſtin des königlichen Hof⸗ theaters!“ „Nun habe ich Ihnen Alles, Alles erzählt,“ ſagte Katha⸗ rina nach einer kleinen Weile;„aber jetzt, liebe Clementine,“ fuhr ſie lächelnd fort,—„Sie waren vorhin ſo erſtaunt, als ich Ihnen ſagte, ich liebe ihn ſo innig, ſo aufrichtig,— hat Sie denn das wirklich ſo ſehr überraſcht? haben Sie denn in Ihrem Leben nie Jemanden geliebt? „Ich?“ fragte erſtaunt die alte Jungfer.„Heiliger Gott! das iſt mir nie eingefallen, gewiß und wahrhaftig nicht! Ich hätte keine ruhige Stunde mehr!“ „Das iſt ſchon wahr,“ ſprach träumeriſch lächelnd Katha⸗ rina,„die Ruhe, die man früher hatte, geht dabei verloren; aber die Unruhe, die man dagegen bekommt, iſt-viel ſchöner, o viel, viel ſchöner. Früher iſt man freilich ruhiger, aber man hat ſo für gar nichts ein wirkliches Intereſſe, man freut ſich über Alles und doch ſo recht über gar nichts. Aber wenn man liebt, da ändert ſich das, man ſieht jedes, was man ſonſt nicht beachtet, mit ganz anderen Augen an. Meine Blumen ſprechen zu mir, der blaue Himmel eines ſchönen Tages, ein Sonnenſtrahl, und dann erſt ein Blick von ihm, ein Gruß— o, das müſſen Sie noch erfahren, Clementine!“ Cin Kapitel voller Liebesgeſchichten. 89 „Nein, nein, gewiß nicht!“ entgegnete erſchrocken die alte Jungfer;„ich bin nicht dazu gemacht. Wie das einem Menſchen nützlich und angenehm ſein könnte, davon habe ich keine rechte Vorſtellung.“ „Aber Sie müſſen doch ſchon zuweilen gedacht haben, da es auch Ihnen ganz anders ſein würde, wenn Sie Jemanden hätten, der ſich um Sie bekümmerte, und dem auch Sie Aufmerkſamkeiten erzeigen könnten, dem Sie helfen, für den Sie leben könnten.“ „Ja, das habe ich wohl ſchon einmal gedacht,“ ſagte ſchüchtern Clementine und blickte nun ihrerſeits zu Boden;„aber die Männer alle ſind ſo roh, ſo ohne Rückſicht— ſie ſollen, wie man mir ſchon oft geſagt, ſo ſchreckliche Abſichten haben.“ „O, das iſt gar nicht wahr!“. „Ich ſcheue mich vor dem ganzen männlichen Geſchlecht,“ fuhr die zarte Jungfrau fort,„und meine Mutter, die Gott ſelig haben möge, hat mir immer daſſelbe geſagt.— Ja,“ ſprach ſie nach einer Pauſe ſtockend weiter,„wenn es eine—— eine—— Liebe gäbe, wie ich ſie mir vorgeſtellt, das könnte mir vielleicht doch gefallen.“ „Alſo Sie haben ſich doch ſchon einmal eine Liebe vorgeſtellt?“ lachte Katharina. „Schreien Sie doch nicht ſo!“ bat die Andere und ſah ſich ſcheu um.„Aber Sie verſtehen mich doch nicht.“ „Das wollen wir einmal ſehen,“ entgegnete das junge Mädchen. „Laſſen Sie hören!“ „Ach,“ ſagte leiſe Clementine,„ich wollte mich wohl gern für Jemand intereſſiren, möchte ihn auch lieben, aber ich dürfte ihn nicht ſehen, noch viel weniger ſprechen.“ „Ihn nicht ſehen und nicht ſprechen?“ „Sehen vielleicht, ja, doch nur ein einziges Mal, damit ich mir ein Bild von ihm machen könnte. Aber ſprechen dürfte er nicht mit mir— ach, die Männer ſind ſo entſetzlich roh, und —— —ſ 83 Sechstes Kapitel. wenn ſie einmal anfangen zu ſprechen, ſo würde er mich auch— was Sie vorhin ſagten—“ „Küſſen wollen!“ ſagte das Mädchen, und aus ihren Augen blitzte es, und ihr Mund zuckte, als unterdrücke ſie ein heftiges Lachen.. „Ja,—— das,“ erwiederte ſchüchtern Clementine,„und das wäre mein Tod, mein gewiſſer Tod. Aber er dürfte mir ſchreiben, und ich würde ihm auf ſeine Briefe antworten, und wenn er traurig wäre, würde ich ihn tröſten, und wenn er unglücklich wärk, würde ich ihm helfen.“ „Das wäre aber eine eigenthümliche Liebſchaft,“ meinte Katha⸗ rina, jetzt laut lachend. „Nun ſehen Sie, wie Sie über mich ſpotten!“ ſagte die alte Jungfer einigermaßen empfindlich.„Sie haben es aus mir herausgedrückt und jetzt machen Sie ſich über mich luſtig.“ „Nein, gewiß nicht, meine liebe Clementine!“ ſprach gutmüthig das junge Mädchen und faßte ihre beiden Hände;„ich fühle und denke nur ganz anders, als Sie. Ein geſprochenes Wort iſt doch etwas ganz anderes, als ein geſchriebener Brief. Freilich, ſo ein kleines, liebes Blättchen Papier, das hie und da dazwiſchen kommt, das hat man auch gern und kann es ſich wohl gefallen laſſen.“— Damit ließ ſie die Hände der alten Jungfer los und drückte ihre Rechte feſt auf die Bruſt, als habe ſie dort einen ſolchen Schatz verſteckt. 2 Drunten aber vernahm man in dieſem Augenblicke ſehr laut und deutlich die Stimme der Madame Schoppelmann, welche nach ihrer Tochter rief.* Dieſe Unterredung der beiden Mädchen, welche vielleicht dem geneigten Leſer unbedeutend vorkommen mag, die aber für unſere wahrhaftige Geſchichte einigermaßen wichtig iſt, wurde durch dieſen Ruf beendigt und ſomit auch das vorliegende Kapitel. Der Held der Geſchichte tritt endlich auf. 91 Siebentes Kapitel. In welchem der Held der Geſchichte endlich auftritt und woraus wir erſehen, welch' ſorgloſes „* Leben derſelbe zu führen pflegt. Die hellen, klaren, ſo angenehm warmen Abende, welche auf die heißen, dunſtigen Tage dieſes Sommers folgten, lockten die Bewohner der Stadt, ſobald die Dämmerung eingetreten war, in großer Anzahl auf die Promenaden, auf die Plätze und Straßen; und dieſe Orte, welche den Tag über in der glühenden Sonnen⸗ hitze öde und leer dalagen, füllten ſich jetzt mit lachenden, plau⸗ dernden, luſtigen Spaziergängern, und ein lebhaftes Gemurmel ſtieg aus den dichten Schaaren an den blauen Nachthimmel empor. Es war gerade, als ſei die ganze Stadt von Nachtſchmetterlingen be⸗ wohnt, die jetzt erſt, bei einbrechender Dämmerung, ſich ihres Lebens zu freuen anfingen. So zog es aus allen Gäßchen und Gaſſen heraus auf die breiteren Straßen, um ſich noch ein paar Stunden der kühleren Abendluft zu erfreuen. Ganze Familien ſchritten dort leiſe plau⸗ dernd auf und ab, der Vater, die Mutter und vielleicht auch die Großmutter, eine ganze Schaar von Kindern, einige alte Onkel und Tanten und ſprachen von den Geſchäften des Tages oder von erſchrecklichen Ereigniſſen in der Politik. Mitten in dem Schwarm der Begegnenden und Mitziehenden blieb ſo eine Familie doch immer ein Ganzes für ſich, von der übrigen Maſſe getrennt, und ebenſo war es mit allen Anderen. Dazwiſchen gingen junge Bürgerstöchter zu fünf und ſechs Arm in Arm, und dieſe große Zahl war es, welche ſie ſo keck machte, ohne Begleitung ihrer Brüder und Väter, die im Wirthshauſe ſaßen, an dieſem Abende zu luſtwandeln, und welche ſie vor allerlei Unannehmlichkeiten be⸗ Siebentes Kapitel. wahrte und ſogar vor üblen Nachreden. Andere junge Damen“ oft in Hut und Schleier, bald einzeln, bald zu zwei, ſtrichen eben⸗ falls durch die Menge, aber ängſtlich, ſchüchtern; jetzt wichen ſie den Begegnenden rechts, jetzt links aus, blickten bald hierhin, bald dorthin, jetzt rückwärts oder vorwärts, jetzt mit eiligem Schritte, jetzt faſt ganz ſtehen bleibend, ein fortwährend ſcheues Dahinflattern. Den Bürgermädchen und jenen Damen folgten unternehmende junge Herren in den verſchiedenſten Abſichten und mit dem ver⸗ ſchiedenſten Glücke. Hier fanden ſich unter dem jungen Volk alte Bekannte, und es wurde gekichert und laut gelacht, und man fand es außerordentlich charmant, ſich auch hier zu treffen, und man hätte es gewiß nicht gedacht, obgleich die Jette und die Nane, und die Mine und die Ricke ſchon lange geglaubt haben, ſie be⸗ merkten in dieſer Straße einen guten Bekannten; und wie es ſo gar angenehm wäre, ſich hier zu treffen, und wie man morgen gewiß wieder herkommen wolle. Und in dieſem Augenblick ſtockt plötzlich das Geſpräch allgemein und verliert ſich in ein unbeſtimm⸗ tes Huſten und Räuſpern. Jede der anſtändigen Bürgerstöchter ſtößt ihre Nachbarin mit dem Ellbogen an und ſie blicken ſich ein⸗ ander fragend in die Geſichter, als wollten ſie ſagen: Haſt du es denn auch geſehen? war es in der That Stadtraths Karoline, die dort eben bei uns vorbeiging am Arm eines jungen fremden Men⸗ ſchen, die es wagt, ſich jetzt ſchon öffentlich mit ihm auf der Straße zu zeigen, bevor vierhundert alte vertrocknete Jungfern und dreißig Dutzend Kaffeeklatſchgeſellſchaften die eben erſt begonnene Braut⸗ ſchaft zwiſchen ihren alten wackeligen Zähnen zermalmt und feierlich angenommen und verkündigt hatten? Sie war von jeher etwas ge⸗ mein, Stadtraths Karoline, etwas frei in ihren Aeußerungen, und wenn man mit der chriſtlichſten Milde und Liebe, wie es hier in der Stadt ſo recht Mode war, das Boshafteſte über ſeinen Neben⸗ menſchen verbreitete, dem man einen Augenblick vorher warm die * Der Held der Geſchichte tritt endlich auf. 93 Hand gedrückt, ſo wagte ſie es zuweilen, nicht nur nicht mit einzu⸗ ſtimmen, ſondern ſie hatte ſich ſchon unterſtanden, die Tugend einer Sängerin oder Tänzerin zu vertheidigen oder das Betragen einer Nähterin und Putzmacherin in Schutz zu nehmen. Solche lockere Grundſätze müſſen beſtraft werden und die echt untadelhaften Jungfrauen aus dem Bürgerſtande, die mit ebenſo echt untadel⸗ haften Ladengehülfen dort im Geſpräch begriffen ſind, im Geſpräch, vermiſcht mit unterſchiedlichen Händedrücken und ſchmachtenden, be⸗ gehrlichen Augen, klopfen ſich ſelbſt an ihre verſchiedenen Buſen und ſagen, wenn auch mit andern Worten:„Wir danken dir, Herr, daß wir nicht ſind wie Jene...“ Auch Muſik ſchallt in die Nacht hinaus; in weiter Ferne ver⸗ nimmt man das Kreiſchen einer Violine, die es jammernd beklagt, daß Robert, Robert der Geliebte, durchaus keine Gnade üben will. In einer Nebengaſſe aus einem Spezereiladen tönen andere, aber ebenſo wehmüthige Klänge hervor; dort flötet eine andere Nachti⸗ gall. Der eingeſperrte Lehrling einer Spezereihandlung bläst die Flöte, er ſpielt mit rührender Beziehung:„Ach wär' ich zu Hauſe geblieben!“ und zerreißt jeden Takt, ſowohl aus innerer Rührung, als auch um mit der Zunge die Flöte anzufeuchten. Aber dazwiſchen erfreuen auch beſſere Klänge unſer Ohr; wir vernehmen entfernte Regimentsmuſik, die vielleicht in ihrem Kaſer⸗ nenhofe ſpielt, oder vor dem Quartier des betreffenden Generals ein Ständchen bringt. Jetzt iſt die Regimentsmuſik verſtummt und neben uns in einer dunklen Seitenſtraße tönen auf einmal die mächtigen Accorde einer uten Straßenorgel; ſie ſpielt aus dem Nabucco: „Und tief in dem Herzen Die bitterſten Schmerzen.“ Und ſehr viele unſerer Spaziergängerinnen bleiben ebenſo plötzlich ſtehen und lauſchen dieſer Muſik. 94 Siebentes Kapitel. „Das iſt er wieder!“ flüſterten Einige, und Andere antworte⸗ ten:„Ja, er hat etwas echt Ungariſches: einen langen Schnurr⸗ bart, melancholiſche Augen und einen blauen verſchnürten Rock.“ „Ach, wenn ich ihn nur auch einmal ſehen könnte!“ meint eine Dritte, und Alle halten ſich ſo lange in der Nähe der Nebenſtraße auf, bis die Muſik verſtummt und ein kleiner Bube mit einem Tellerchen erſcheint, der um eine kleine Gabe für ſeinen armen Herrn, den unglücklichen Orgelſpieler, bittet. „Siehſt du, wie zart!“ flüſterte eines der Mädchen ihrer Nach⸗ barin zu:„er läßt ſich nicht ſelbſt ſehen, der ungariſche Graf.— Ach, wenn ich nur Geld bei mir hätte!“ Zu all dieſem unſäglichen Vergnügen auf der Straße unſerer Reſidenz hatten die Sterne gefunkelt und der Mond geſchienen, letzterer aber nur ſehr unbedeutend; denn er hatte ſich wahrſchein⸗ lich anderswo verſpätet, und ſtieg nun erſt langſam über die Berge empor, nachdem ſchon alle Glocken der Stadt zehn Uhr geſchlagen hatten. Es war dies einigermaßen unhöflich von dem Monde— denn er mußte es als langjähriger Bekannter der Stadt ſchon wiſſen, daß es wenig Leuten derſelben noch nützen kann, ob er nach dieſer Stunde ſein weißes Licht vom Himmel herabgießt. Um dieſe Zeit ſchließen ſich Fenſter, Thüren und Augen, die Lichter löſchen aus, die Vorhänge an den Fenſtern werden zugezogen, Alles iſt ruhig und ſtill, und für wen kann der Mond alsdann noch das Vergnü⸗ gen haben, zu ſcheinen? Für ſich ſelbſt oder für ein paar ſpäte Nachtvögel, die um die Polizeiſtunde nach Hauſe eilen. Der Mond ſoll aber, ſo ſagt man, an dieſer Stille und Ruhe großes Gefallen finden. Er geht dann bei ſpäter Nacht ſo ungenirt ſeine leicht⸗ ſinnigen Wege, ſchleicht ſich in das Kellerloch, wo ſchlechte Geſellen bei einer ſchmorigen Oellampe allerlei Unheil brüten, hört dort in jenem Hauſe lächelnd eine gewaltige Gardinenpredigt mit an und küßt hier einem einſamen jungen Mädchen in dem Schlafzimmer r F r 4 Der Held der Geſchichte tritt endlich auf. 95 die Wangen. Und das thut er ſo ganz ungenirt, der leichtſinnige alte Herr! Am Aufang oder Ende der ſchon in einem der vorigen Ka⸗ pitel erwähnten Alleeſtraße der Stadt, von der wir zu ſprechen die Ehre haben, befand ſich ein großer freier Platz, auf welchem am heutigen Abend der verſpätete Mondſchein im hellſten Licht und voller Ueppigkeit wucherte. Ringsum herrſchte eine unendliche Stille; man hörte den ſüßen Ton einer Nachtigall vom anderen Ende der Straße her, und ſo oft die Thurmuhren an den benach⸗ barten Kirchen ſchlugen, vernahm man das Raſſeln der Räder und das Aufheben des Werkes einige Sekunden vorher, ehe die Glocke anſchlug. 8 Auf dem Platz und in der angrenzenden Straße ſchien für den oberflächlichen Beſchauer keine menſchliche Seele zu ſein. Wer aber, wie es unſere Pflicht iſt, genauer hinſah, bemerkte bei näherem Betrachten zwei menſchliche Weſen, die auf zwei Eckſtei⸗ nen ſaßen, da, wo die Alleeſtraße auf den freien Platz mündete. Bei noch näherem Erforſchen fand ſich, daß dieſe menſchlichen Weſen zwei junge, elegant gekleidete Männer waren, und daß ſich da noch ein drittes lebendes Geſchöpf befand, ein großer Hund nämlich, der auf den Ruf„Sultan,“ welcher bald von dieſem, bald von jenem Eckſteine her erſchallte, gehorſam hin und herſprang. Der Hund war dunkelbraun und weiß gefleckt, von einer außerordentlichen Größe, und wenn man ihn ſo dahinſpringen ſah auf dem hellen, faſt weißbeſchienenen Straßenpflaſter, ſo machte dies eine eigen⸗ thümliche Wirkung und man war einige Augenblicke verſucht, zu glauben, es ſprängen wenigſtens drei Hunde hin und her: ein rieſenhafter, ſchwarzer— der langgeſtreckte Schatten des Neufund⸗ länders nämlich— und ein paar kleine— die dunklen Flecken auf ſeinem weißen Fell.. „Sultan!“ hieß es jetzt auf einem Eckſteine,„da, bring dem Siebentes Kapitel. Herrn Rath meine Cigarrendoſe; ich bemerke ſo eben, daß derſelbe nicht mit Rauchmaterial verſehen zu ſein ſcheint.“ „Schon lange nicht mehr,“ ertönte es von drüben her. „Der Hund nahm gehorſam die große Cigarrendoſe ins Maul und ſprang in großen haſtigen Sätzen auf die andere Seite der Straße. „Würde Sultan wohl,“ erſchallte es vom dieſſeitigen Steine, „ein brennendes Stück Schwamm apportiren?— Was meinſt du über dieſen Gegenſtand, Herr Rath?“ 4 „Wenn das Stück Schwamm ſo groß iſt, daß er ſich ſeine Naſe nicht verbrennt, ſo könnte der Verſuch vielleicht gelingen.“ „Machen wir einmal dieſen Verſuch!“ 8 „Aber wozu das?“ war die Antwort.„Iſt Sultan ein pflichtgetrener Hund, ſo wird er den Schwamm feſthalten, auch wenn er ſich die Schnanze verbrennt; iſt aber ſeine Erziehung nicht gelungen, ſo läßt er den Schwamm fallen, und wir ärgern uns darüber. Ueber dergleichen Dinge iſt eine Ungewißheit, mit Hoffnung verziert, jedenfalls angenehmer, als eine hoffnungsloſe Gewißheit.“ „Sehr richtig bemerkt, Herr Rath!“ gab der Erſte, der ge⸗ ſprochen, zur Antwort;„ich halte es überhaupt in vielen Dingen ſehr mit dem alten guten Sprüchwort, welches uns lehrt, daß zu vieles Wiſſen Kopfſchmerzen verurſacht!“— „Nun, da muß dir dein Kopf nie außerordentlich weh thun,“ erſchallte es von drüben her. „Dieſe Schande, Herr Rath,“ verſetzte der Andere—„wenn es überhaupt eine Schande iſt— fällt meinen Erziehern zur Laſt. Es iſt wahr, ich bin greulich vernachläſſigt.“ „Da ich das Glück hatte, einer jener Erzieher zu ſein,“ ent⸗ gegnete der Herr Rath, ſo kann ich dieſe Bemerkung, welche meine Ehre verletzt, nicht auf mir ſitzen laſſen, d. h. inſofern Sie dieſes Der Held der Geſchichte tritt endlich auf. 97 „greulich vernachläſſigt“ in Bezug auf die Viſſenſchaft zu verſtehen belieben.“ „Nein, im Gegentheil!“ ſagte lachend der Erſtere;„was das 9 anbelangt, da haben Euer Geſtrengen ſo viel in meinen Kopf hin⸗ *„ eingepumpt, daß es mich heute noch wundert, daß derſelbe in Folge — davon nicht zerſprungen. Aber greulich vernachläſſigt bin ich doch, —& und der Herr Rath ebenfalls, ſonſt würde es uns beiden kein Vergnügen verurſachen, hier lieber im Mondſchein zu ſitzen auf einem kalten Steine, als zu Haus im weichen Fauteuil beim ſtrah⸗ lenden Licht der Lampe.— Aendern wir dieſen Zuſtand, Herr Rath!“ .„Warum nicht?“ entgegnete dieſer.„Es war mir überhaupt nicht ſehr angenehm; aber da mußte erſt Hundedreſſur probirt wer⸗ den. Doch ich verſichere dich alles Ernſtes, Eugen, es gibt für maiich nichts Langweiligeres, als ſo eine dreſſirte Beſtie.“ A 7„Undankbarer!“ ſagte der Andere,„und doch hat ihm dieſe dreſſirte Beſtie zu einer vortrefflichen Cigarre verholfen. Komm, Sultan! laß ihn gehen, er erkennt deine Verdienſte doch nicht an.“ „Mir ſind dieſe Dienſte nur zu gegenwärtig!“ lachte der Rath,„und ich erinnere mich ganz genau, wie Sultan mich einmal einen ganzen Vormittag nicht aus dem Zimmer ließ, bis du, ſein Herr, nach Hauſe kamſt und mich erlösteſt.“ „Ah!“ meinte dieſer, indem er von dem Steine aufſtand,„es iſt immer noch warm.— Gehen wir nach Hauſe; ich habe es ſatt hier außen in dem langweiligen Mondſchein.“ „Und doch wollteſt du nicht mitgehen, als ich daſſelbe ſchon vor zwei Stunden vorſchlug.“ „Ja, vor zwei Stunden, das war etwas ganz Anderes! Jetzt habe ich doch wieder vergeblich gewartet.“ „Es kommen die Waſſer all'“,“ deklamirte der Rath, indem er ebenfalls von ſeinem Sitze aufſtand, Hackländers Werke. X. * ——— Siebentes Kapitel. „Sie rauſchen herauf, ſie rerfchen hernieder, Sie bringt keines wieder!“ „Das iſt für einen Schulmeiſter, der ſelbſt Verſe macht, eine meiſterhafte Parodie!“ ſagte Eugen.„Mir thun die Ohren davon weh.“— Damit faßte er ſeinen Hund am Halsbande, und das Thier war ſo groß, daß er ſich bequem darauf ſtützen konnte. Er ſchlenderte mit ihm mitten in die Straße, wohin ſich der Andere ſchon begeben hatte. Dann promenirten ſie mit einander ihrer gemeinſchaftlichen Wohnung zu. „Riegel auf in ſtiller Nacht, Riegel auf, der Liebſte wacht. Riegel zu des Morgens früh.“ recitirte der Herr Rath, während ſie dahin gingen. „Ja, ja,“ bemerkte der Andere lachend,„du haſt Anage n einem Mephiſtopheles, das muß wahr ſein.“ „Aber du,“ entgegnete der geheime Rath,„ſehr wenige zu einem Fauſt. 4 „Dies meine ich nicht,“ ſagte Eugen:„ich fühle einige Aehn⸗ lichkeit zwiſchen Fauſt und mir.“ „Aber Fauſt folgte ſeinem Freunde in allen Dingen, obgleich eer ihm zum Schlechten rieth, und du folgſt mir nicht einmal, ob⸗ gleich ich dir zum Guten rathe.“ „Pah, Unſinn!“ erwiderte Eugen;„wie nur ein geſcheidter Menſch ſo etwas ſprechen kann! Folge ich dir nicht in ſo vielen* Dingen? 2⸗ „In manchen wohl, aber nicht in allen.“ „Das wäre auch höchſt langweilig, wen Oppoſition machte.“ „Eine vernünftige Oppoſition iſt ſehr ßlich, aber du opponirſt mir nur inſofern, als du zum Schluſſe meiner langen ich dir gar keine . Der Held der Eeſchichte tritt endlich auf. 99 Reden gewöhnlich ſagſt: Ich habe Recht, ich thue doch, was ich will!“ „Du kannſt das Schulmeiſtern nicht laſſen,“ ſagte Eugen. „Da, Sultan, nimm meinen Hut und meinen Stock!— Und was iſt denn in letzter Zeit wieder geſchehen?“ fuhr er zu ſeinem Ge⸗ fährten gewendet fort,„als die einzige, an ſich unbedeutende Ge⸗ ſchichte... mit ihr?“ „Ja, freilich mit ihr,“ entgegnete der Andere.„Wozu ſoll das führen? Ich verſichere dich, Eugen, darin mußt du noch Ver⸗ nunft annehmen, das führt zu keinen guten Häuſern. Du machſt das Mädchen unglücklich und dich ebenfalls mit. Sie ſcheint mir zu gut, zu lieb und ſchön, um blos ein Spiel mit ihr zu treiben.“ „Ei, ei!“ ſprach Eugen lachend,„du biſt ja ein gewaltiger Lobredner geworden! Bricht endlich die Kruſte um dein Schul⸗ meiſterherz, fängſt du endlich einmal an, ein Weib ſchön zu finden, mein luſtiger Rath?“ „In deinem Sinne wahrhaftig nicht!“ verſetzte der Andere; „ich habe, Gott ſei Dank! nicht die geringſte Neigung zu dem weiblichen Geſchlecht. Das läßt mich alles kalt, und ich betrachte es nur wie einen glänzenden Stein, wie eine ſchöne Blume.“ „Aber es iſt immer noch unerträglich warm!“ ſagte Eugen, um dieſes Geſpräch abzubrechen.„Ich muß meinen Rock aus⸗ ziehen; Sultan kann ihn tragen, er wird es außerordentlich ge⸗ ſchickt machen.“— Er that ſo wie er geſagt, zog ſeinen Rock aus und hängte ihn dem Hunde, wie eine große Schabracke, über den Rücken.. Bald darauf hatten ſie ihre Wohnung erreicht, die Parterre⸗ zimmer mit den Aeolsharfen zwiſchen den Fenſtern, wie wir ſie im vorigen Kapitel bereits kennen gelernt. Der Herr Rath zog die Glocke an der Thüre, ein Bedienter in einer eleganten Li⸗ vree öffnete und leuchtete den beiden Herren in ein großes Zim⸗ ——— Siebentes Kapitel. mer, rechts von der Hausflur, in das ihnen auch der Hund nachfolgte. In dem Zimmer angekommen, warf ſich Eugen in einen Fau⸗ teuil, legte die Hände unter ſeinen Kopf und ſtreckte die Beine weit von ſich. Der Hund ließ Hut und Stock zu den Füßen ſeines Herrn niederfallen, ſchüttelte den Rock von ſeinem Rücken auf den 3 Boden und legte ſich in eine Ecke auf ein dickes Stück Teppich, ſeine gewöhnliche Lagerſtatt. Achtes Kapitel. 3 7 Handelt von einem guten Freund und einem getreuen Diener. Das Zimmer, in welches wir die beiden jungen Leute eintreten ſahen, war elegant, ja reich möblirt. Zwiſchen den Fenſteru ſtan⸗ den die bekannten Aeolsharfen mit ihrem melancholiſchen Geflüſter; über einer derſelben hing der erwähnte Blumenkranz. Lange und breite ſeidene Vorhänge ließen faſt nicht mehr Platz, als die Kaſten jener Inſtrumente brauchten. Das Ameublement in dem Zimmer war, wie geſagt, reich, dazu ſehr manigfaltig. Da ſtanden Fau⸗ 12 teuils und Seſſel von allen Formen, Farben und Größen, Tiſche 1½ und Stühle, den verſchiedenſten Zeiten angehörend, in der Ecke auf 5 b einem alten holzgeſchnitzten Buffet Porcellanvaſen neuerer Zeit mit Blumen, oder pompejaniſche Krüge und Bronzen. Von letzteren war überhaupt in dem Zimmer eine große Menge zu finden, und 1 neben prachtvollen alten und ſeltenen Sachen, neben den intereſſan⸗ 1 teſten Thierfiguren ſah man nackte Mädchengeſtalten in allen er⸗ denklichen Stellungen und Lagen, theils ſchön, theils unbedeutend ausgeführt. An den Wänden hingen werthpolle Aquarelle neuerer Ein guter Freund und ein getreuer Diener. 101 Meiſter in ſchwarzen Ebenholzrahmen, das kleinſte Blättchen derſel⸗ ben aufs breiteſte eingefaßt, mit einer wahren Verſchwendung von Papier, Glas und Holz. In dem Zimmer, in welchem wir uns eben befinden, ſind zwei Thüren: die eine führt in ein kleines Vorzimmer, welches an den Hausflur ſtößt, die andere in ein Seitenkabinet mit Schreibtiſch, einigen kleinen Fauteuils und einer Art türkiſchen Divans in einer alkovenartigen Niſche. Auch hier Bilder an den Wänden, Vaſen, Bronzen, ſeltene Taſſen und Porcellanfiguren, auf allen Etageren, Tiſchen, Komoden, und wo ſonſt noch Platz war. Ueber dem tür⸗ kiſchen Divan war eine Sammlung prächtiger alter Waffen aufge⸗ hängt, eine kleine Trophäe, aus nicht zu vielen Stücken beſtehend, aber in ausgeſuchten Exemplaren. Was von dieſen Dolchen, Pi⸗ ſtolen, Schwertern, Armbrüſten, Pulverhörnern, Streitkolben nicht durch beſondere Einrichtung oder hohes Alter ſelten war, erſchien nun koſtbar und reich mit Gold, Silber und Elfenbein ausgelegt oder mit Edelſteinen verziert. An dieſes kleine Schreibkabinet ſtieß ein Schlafzimmer nicht minder reich und elegant eingerichtet. Hier waren einige ſeltene alte Oelbilder, welche auf den Bewohner dieſer Gemächer von dem Va⸗ ter her vererbt worden waren. 3 In dem Vorzimmer, deſſen wir Anfangs erwähnten, ſtand ein Bett für den Bedienten, was deßhalb ſo eingerichtet worden war, daß er unten an der Hausthüre und gleich bei der Hand war,. wenn ſein Herr, was häuſig vorkam, ſehr ſpät in der Nacht heim⸗ kehrte.* Der Herr dieſes Bedienten und dieſer Zimmer war nun aber, wie der Leſer bereits wiſſen wird, jener junge Menſch, der ſich in den Fauteuil geworfen, Eugen Stillfried, der Sohn der verwittwe⸗ 8 ten Staatsräthin. Da es an ſich ſehr ſchwierig und undankbar iſt, Jemanden mit der Feder und in Schriftzügen zu portraitiren, ſich auch der geneigte Leſer, wenn er anders unſerer Geſchichte — — 10²2 Achtes Kapitel. einige Aufmerkſamkeit widmet, aus dem vorigen Kapitel gewiß ſchon ein Bild von dem jungen Manne, der vor uns ſitzt, entwor⸗ fen hat, ſo fügen wir nur noch hinzu, daß ſeine Geſtalt, obgleich ziemlich groß, etwas fein und ſchlank war, und ſein Geſicht, mit ſehr gewinnendem, angenehmem Ausdruck, zuweilen abgeſpannt, ja leidend ausſah, namentlich wenn er, wie es in dieſem Augenblicke der Fall war, ruhig dalag und nachzudenken ſchien, die Augen auf den Boden geheftet, wodurch ſie faſt geſchloſſen erſchienen. Daß der andere junge Mann derſelbe war, deſſen der Juſtiz⸗ rath vor der Staatsräthin in ſeinem Sinne nicht eben ſchmeichel⸗ haft erwähnte, brauchen wir ebenfalls wohl nicht erſt zu bemerken. Dieſer war vielleicht einen Kopf kleiner als Eugen, und was ihm an Körperlänge fehlte, hatte er in der Breite zugeſetzt. Sein Kopf ſtak dabei ſo tief in den Schultern, daß es eine fade Schmeichelei geweſen wäre, wenn man von ſeinem Halſe geſprochen hätte. Dieſer Kopf, rund, ſehr wohl ausſehend, mit friſcher Geſichtsfarbe und di⸗ cken Backen, zeigte ein ſtarkes ſchwarzes Haar, das, da es obendrein ſehr kurz geſchnitten war, borſtenartig in die Höhe ſtand. Seine Augen, klein, von dunkler Farbe, waren außerordentlich lebhaft, ja durchdringend und von einer merkwürdigen Beweglichkeit. Eugen behauptete, ihm, ſeinem Freunde nämlich, ſei, wie keinem andern Sterblichen, die Möglichkeit verliehen, um eine Ecke zu ſehen oder zu bemerken, was hinter ihm vorgehe. 2 Dabei war dieſer Freund der Geſchäftsführer, der Wirthſchafts⸗ beſorger, der Rathgeber in allen Dingen des anderen jungen Herrn. Man hätte ihn auch ſeinen Schutzgeiſt nennen können— doch hat ein Schutzgeiſt gewöhnlich die Macht, ſeinen Schützling von tollen Streichen abzuhalten, was Jenem bei den eifrigſten Bemühungen nicht immer gelungen war. So viel es dagegen in ſeinen Kräften ſtand, bemühte er ſich, den jungen Menſchen, welchen ihm damals die Mutter, als er noch ein Knabe war, anvertraut, auch jetzt noch auf's genaueſte zu beaufſichtigen, und ſuchte ihn ſo viel als möglich — Ein guter Freund und ein getreuer Diener. 103 von einem Wege abzubringen, auf welchem er im Begriffe war, ſich in jeder Hinſicht zu ruiniren. Eugen hatte zu ſeinem Mentor ein unbegrenztes Vertrauen, und das mit vollem Recht. Er nannte ihn ſeinen luſtigen Rath und folgte bei ruhiger Ueberlegung auch faſt beſtändig deſſen gut⸗ gemeinten Rathſchlägen. Der eigentliche Name des Herrn Raths war aber Sidel, und er ſeines Zeichens Pädagog und Knaben⸗ erzieher. Kein Menſch konnte es eigentlich begreifen, wie die Beiden zuſammen ſo lange aushielten, vielmehr, weßhalb der Schulmeiſter ſeinem Zöglinge nicht ſchon längſt davon gelaufen war. Sein Cha⸗ rakter ſchien ſo gar keinen Geſchmack an dieſem oftmals ſo wilden Leben zu finden, und das drückte ſich auch in ſeinen Worten und Mienen unverholen aus, war aber dagegen eine Quelle unendlicher Lachluſt für Eugen, für den es kein größeres Vergnügen gab, als wenn ſein luſtiger Rath mit dem verdrießlichſten Geſichte, mit der mürriſchſten Miene von der Welt zu einem tollen Streich mithalf. Der Dritte in dieſer Junggeſellenwirthſchaft nun, der Bediente nämlich, war, wie jeder Bediente eines ledigen Herrn, ein ſehr wich⸗ tiges Mitglied dieſes Haushaltes. Er hieß Joſeph, und wenn man ihn ſah, die ganze ſchlottrige Figur, auf der die ſauber gemachte Livree wie an einem Kleiderſtänder hing, mit einem Geſichte voll unergründlicher Dummheit, ſo glaubte man den harmloſeſten und unſchuldigſten Menſchen vor ſich zu haben. Er ſchien kaum ſo viel moraliſche Kraft zu beſitzen, um ſeine Augen ſo weit zu öffnen, daß er die Stiefel desjenigen betrachten konnte, mit dem er gerade ſprach. Höher hinauf als bis zum unterſten Weſtenknopf kam er bei dieſen Betrachtungen niemals, und man hätte darauf ſchwören können, er habe noch nie Jemand in das Geſicht geblickt. Dazu waren ſeine Augenbrauen auf eine lächerliche Art hoch emporgezo⸗ gen, die Mundwinkel dagegen ſanken tief herab, und wenn man dieſes Geſicht weiß geſchminkt hätte, und das an ſich ſchon ſehr 104 Achtes Kapitel. große Maul noch durch einige rothe Farbe etwas vergrößert, ſo hätte man die wirkſamſte und komiſchſte Pierrotmaske gehabt, die je auf dem Theater erſchienen. Zuweilen führten dieſe Drei in ihrem Hausweſen auch un⸗ bewußt ſolche lächerliche und merkwürdige Scenen auf, die unwill⸗ kürlich an eine vollkommen einſtudirte Harlekinade erinnerten. Da war denn Joſeph der trefflichſte Pierrot und half ſeinem jungen Herrn mit der größten Freude, den luſtigen Rath Pantalon zu über⸗ liſten, benahm ſich aber dabei ſo tölpelhaft und ungeſchickt, daß er Alles wieder verdarb und zuletzt, wie in der Komödie, immer der⸗ jenige war, der den Schaden davon hatte oder die Prügel bekam. Monſieur Joſeph⸗Pierrot hatte alſo den beiden Herren die Thüre geöffnet und zeigte dabei ein entſetzlich verſchlafenes Geſicht. Er taumelte ordentlich mit dem Lichte hin und her, und als ſich nun ſein Herr in den Fauteuil geworfen, der Hund dagegen auf dem Boden die Garderobe verſorgt wie gewöhnlich, und ſich der luſtige Rath an den Tiſch geſetzt, um die Zeitung zu leſen, begab ſich Joſeph wieder in ſein Vorzimmer, ſetzte ſich dort in einen alten mit Leder überzogenen Lehnſeſſel und begann nach wenigen Augen⸗ blicken gelinde zu ſchnarchen. Einige Minuten hörte man ſo in den Zimmern nichts, als das melancholiſche Geflüſter der Aeolsharfen, das Picken der verſchiedenen Uhren, das Rauſchen des Papiers, wenn der Rath ſeine Zeitung umwandte, und das tiefe Athemholen des großen Hundes. „Haben wir denn gar nichts zu trinken im Hauſe?“ fragte endlich Eugen,„ich habe einen unendlichen Durſt.— Geht dir's nicht auch ſo, Herr Rath? Die Hitze von heute hat mich ganz aus⸗ getrocknet.“ „Ich habe dem Joſeph anbefohlen, er ſolle etwas Gefrorenes parat halten; der Schlingel hat's wahrſcheinlich wieder vergeſſen.“ „Das wollen wir gleich einmal unterſuchen. Er ſchläft ſchon r — ——— Ein guter Freund und ein getreuer Diener. 105 wieder und ſchnarcht, daß man es zwei Häuſer weit hören kann. — He, Joſeph!“ „Vielleicht thut er auch nur ſo,“ ſagte ruhig der Rath, ohne von ſeiner Zeitung aufzublicken;„es wäre, glaube ich, nicht das erſte Mal.“ 3 „Ach, was du immer für Gedanken haſt! Dieſer dumme, faule Kerl— zwei Eigenſchaften, die mir ihn unendlich werth machen,“ entgegnete Eugen lachend. Dann ſetzte er leiſe hinzu: „Aber wart' nur einen Augenblick, Sultan ſoll ihn aufwecken und herbringen.“ 5 Der große Neufundländer, der ſeinen Namen gehört, wedelte mit dem Schweife, nud ſeine Augen blitzten unter den dichten Haa⸗ ren ſeines Kopfes hervor. Das Geſchnarche im Nebenzimmer hatte ſich indeſſen auffallend vermindert. „Huſſa, Sultan,“ rief jetzt Eugen mit lauter Stimme,„Huſ⸗ ſa, hol' den Joſeph!“ Monſieur Pierrot ſchien vorher erwacht zu ſein und keine große Luſt zu haben, auf den Hund zu warten, der jetzt mit einem ungeheuren Satz ins Nebenzimmer ſprang. Er beendigte ſeinen Schnarcher mit einer kunſtgerechten Fermate und ſtolperte in das Wohnzimmer. 3 Der Herr Rath blickte lächelnd in die Höhe und fragte: „Nicht wahr, mein lieber Joſeph, ich habe dir befohlen, du ſolleſt ein paar Portionen Gefrorenes aus dem Kaffeehauſe holen und parat halten? Gib es her, mein Freund; dein Herr iſt durſtig, wir brauchen etwas Kühlendes.“ Joſeph beantwortete dieſe Anrede mit einem wo möglich noch dümmeren Geſicht, als er gewöhnlich machte. Dazu kratzte er ſich hinter dem Ohre und ſagte nach einer Pauſe mit einem blödſinni⸗ gen Lächeln:„Ah ja, das Gefrorene!“ 3 „Nun, ſo bring es her, Schnecke!“ rief Eugen. Achtes Kapitel. „Ja, das Gefrorene,“ wiederholte der Diener und ſuchte ver⸗ legen auszuſehen,„das Gefrorene habe ich allerdings geholt aus dem Kaffeehauſe, aber es iſt...“ „Wahrſcheinlich ausgelaufen, wie geſtern die verſiegelte Rhein⸗ weinflaſche, nicht wahr, Joſeph?“ fragte der luſtige Rath. „Ausgelaufen nicht,“ erwiderte der Bediente, eder es iſt von der großen Hitze geſchmolzen.“ „Rein aufgeſchmolzen?“ ſagte lachend der Rath. „Ja wohl, Herr Sidel,“ antwortete Joſeph,„rein aufge⸗ ſchmolzen.“ „Und dann,“ examinirte der Andere weiter, haſt du es aus⸗ geſoffen, nicht wahr, mein Freund?“ „Es kann ſo ſein!“ antwortete Monſteur Pierrot und ſah ſeinen Herrn an, ob er wohl lachen würde. Dieſer aber entgegnete ärgerlich:„Du biſt ein rechtes Kameel, Joſeph! Du hätteſt das Eis wohl in den Keller ſtellen können, da wäre es gewiß nicht zerfloſſen.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagte Joſeph mit einer Miene der Ueber⸗ raſchung, als gehe ihm jetzt erſt über dieſen Gegenſtand das klarſte Licht auf. „So hole mir eine Flaſche Champagner aus dem Keller!“ befahl Eugen, und der luſtige Rath ſetzte hinzu: Eine halbe, beſter Joſeph, der Herr trinkt doch nur ein Glas.“. Eugen nickte mit dem Kopfe, und der Bediente ging hinaus. „Meinſt du nicht,“ ſprach nach einer Pauſe Eugen zu ſeinem Freunde,„daß das Eis wirklich geſchmolzen iſt? Du lachſt wieder ſo ſpöttiſch und machſt mir ein ſo zweifelhaftes Geſicht. Bei der Hitze iſt das leicht möglich.“ „Ja, das iſt alles möglich,“ entgegnete der Rath;„aber eben⸗ ſo möglich iſt es auch, daß Monſieur Pierrot meinen Auftrag ver⸗ geſſen und gar kein Gefrorenes geholt hat.“ „O, dann hätte er ſeine Tölpelei gewiß eingeſtanden.“ — Ein guter Freund und ein getreuer Diener. 107 „Aber kein Geld aufſchreiben können für das Eis, das er gewiß und wahrhaftig nicht geholt hat,“ ſagte der Rath mit ern⸗ ſter Stimme. „O, du denkſt von dieſem Eſel viel zu ſchlecht,“ antwortete Eugen. „Und du viel zu gut,“ ſagte der Andere;„wir wollen ſchon ſehen, wer Recht behält.“ In dieſem Augenblicke erſchien Joſeph mit einer kleinen Flaſche Champagner und zwei Gläſern. Er nahm den Kork herunter, ſchenkte ein und präſentirte ein Glas ſeinem Herrn, das andere dem luſtigen Rath; dann zog er ſich wieder in ſein Vor⸗ zimmer zurück. Eugen trank ſeinen Kelch aus und ſetzte ihn neben ſich auf den Boden. Nach einer längeren Pauſe ſagte er:„Das muß ich dir ſchon geſtehen, ich fange wieder au, mich hier unbeſchreiblich zu langweilen, und wenn die Geſchichte nicht wäre mit ihr, ich hätte die Stadt ſchon lange wieder einmal verlaſſen.“ Joſeph im Nebenzimmer begann wieder ganz leiſe zu ſchnarchen. „Kommt es dir nicht auch entſetzlich langweilig vor,“ fuhr Eugen fort,„dieſes Leben, das wir hier führen? Jeden Tag das Gleiche, keine rechte Unterhaltung, kein Amuſement; ja, wenn das Mädchen nicht wäre, ich hätte ſchon lange wieder einmal eine Fuß⸗ reiſe unternommen.“* „Das könnte uns allerdings zerſtre uen,“ entgegnete der Rath. „Man ſollte ſich eigentlich an gar nichts binden,“ ſagte Eugen; „Feſſeln und Bande, auch wenn ſie noch ſo angenehm ſind, bleiben immer drückend.“ „So ändere dieſe Geſchichte,“ antwortete der Andere,„es wäre auf jeden Fall viel vernünftiger. Wie ich dir ſchon oft geſagt: was kann überhaupt dabei herauskommen? Du bildeſt dir nur ein, du liebeſt dieſes Mädchen, du denkſt an ſie den ganzen Tag über, du biſt zu nichts Anderem aufgelegt, treibſt dich ſtundenlang in den 108 Achtes Kapitel. ſchmutzigen Straßen der Stadt umher, um dafür alle zwei bis drei Tage, freilich unentgeldlich, einen Blumenſtrauß zu erhalten.“ „Ich bilde mir nicht blos ein, ſie zu lieben,“ entgegnete Eu⸗ gen,„ich liebe ſie auch wirklich, ich könnte ihr jedes Opfer bringen, um— ſie glücklich zu machen.“ „Weißt du aber auch,“ ſagte der Rath,„ob du die richtigen Begriffe über dieſes Glücklichmachen haſt?— Ich glaube es nicht. Du fängſt da mit dieſem Mädchen eine Liebesgeſchichte an, du ſagſt ihr, wo und wie du immer kannſt, ſchöne Worte, du haſt ſie auch einmal nach Hauſe begleitet und geküßt; aber wenn du meinſt, daß du dadurch das Mädchen glücklich machſt, ſo kann ich dich verſichern, daß du ſehr verkehrte Anſichten haſt.“ 5 „Du gibſt allerdings Einzelheiten,“ verſetzte Eugen,„die an ſich unbedeutend ſind; aber die Hauptſache verſchweigſt du, daß ich ſie nämlich liebe, daß ich ſie außerordentlich und innig liebe.“ „Außerordentlich?— Ja, das glaube ich!“ lachte der Rath; „ihr wirds aber wahrhaftig angenehmer ſein, wenn du ſie ordentlich lieben wollteſt, d. h. mit ordentlicher und ſolider Abſicht.“ „Und dieſe wäre?“ fragte Eugen. „Die Abſicht, ſie zu heirathen!“ ſagte ruhig der Rath.„Wenn du das allerdings im Sinne führſt, ah! dann iſt gegen eine ſolche rechtſchaffene Abſicht gar nichts zu ſagen.“— „Daran habe ich wahrhaftig noch nicht gedacht,“ entgegnete Eugen mit leiſerer Stimme,„das iſt mir noch nie eingefallen. Das iſt ja auch ganz unmöglich.“ „So! das ſiehſt du alſo ein und treibſt doch dieſe Geſchichte. fort? Nun, ich wünſche dir viel Glück zu einer ſolchen Unter⸗ haltung. Das wird aber ſicher noch einmal auf eine unangenehme Art enden.“ 3 Joſeph im Nebenzimmer ſchnarchte bald ſehr leiſe, bald einige Takte mit äußerſter Heftigkeit. Letzteres aber geſchah merkwürdiger Ein guter Freund und ein getreuer Diener. 109 Weiſe nur dann, wenn im Geſpräch, das wir eben mitgetheilt, eine kleine Pauſe entſtand. 4 „Und ſchon lange habe ich mir vorgenommen, einmal mit Katharine ernſter zu ſprechen, aber ich komme nie dazu. Du ſelbſt haſt mich ja immer gewarnt, jenes Haus da unten am Marktplatze zu betreten. Nun ja, ich will ja gewiß gern ehrlich gegen das Mädchen ſein, ihr ſagen, was ich im Stande bin, ihr zu bieten. Aber dazu muß ich doch eine Unterredung mit ihr haben, und du haſt dich ja beſtändig geweigert, in dieſer Richtung irgend einen Schritt mit mir zu thun.“ „Das habe ich auch,“ ſagte der Andere,„und werde auch nie⸗ mals die Hand zu etwas bieten, was unter allen Umſtänden ein Unglück wäre.“ „Aber bei einer Unterredung könnteſt du doch gegenwärtig ſein, nur bei einer einzigen; du könnteſt da deinen Senf auch dazu ge⸗ ben,“ meinte Eugen. „Ich werde mich hüten! Ich ſoll dir, wie ſo oft, den Elephan⸗ tenführer machen und nachber kann ich meiner Wege gehen. Nein, nein, ich kenne das; ich habe mir wohl zuweilen nichts daraus ge⸗ macht, aber in dem Falle danke ich. Ich muß geſtehen, wenn du dieſer Liebesgeſchichte wirklich ernſtlich nachgehen willſt, ſo heißt das all deinen früheren Streichen die Krone aufſetzen. Ich kenne mein Terrain: du wirſt dich in die unangenehmſten Dinge ver⸗ wickeln und dann werde ich das Vergnügen haben, dich herauszuziehen. Erlaube mir nur eine einzige Frage; willſt du ſie mir wahr und aufrichtig beantworten?“ „Und warum nicht?“ entgegnete Eugen. „So ſage mir: liebſt du das Mädchen wirklich, oder iſt es wieder ſo eine Spielerei, deren ich ſo manche erlebt?“ „Ich glaube, daß ich ſie wahr und aufrichtig liebe,“ ſagte der junge Mann;„ach es iſt ſo ein herrliches, gutes, blühendes Geſchöpf!“ 5* 110 Achtes Kapitel. „Ein blühendes Geſchöpf!“ wiederholte der Rath, ironiſch lächelnd. „So iſts, Mephiſto!“ lachte Eugen, worauf der Andere er⸗ widerte: „O nein, ich bin kein Mephiſto, ich habe gewiß nicht meine Freude daran.— Aber jetzt zu Bette! Dein guter Joſeph da drinnen im Nebenzimmer ſcheint zu erwachen, natürlich weil unſer Geſpräch zu Ende iſt. Es iſt jetzt ſpät genug; möge uns der morgende Tag andere Gedanken, beſſere Plane und Kraft zu deren Ausführung geben.“ „Amen!“ ſagte Eugen;„ſchlaf wohl, mein Prediger in der Wüſte.“ Der luſtige Rath zog ſich in ſeine Zimmer zurück, die ſich auf der anderen Seite des Hausganges befanden. Joſeph ſchloß die Läden und Fenſter in der ganzen Wohnung, Eugen ging ebenfalls in ſein Schlafzimmer: er hatte die Gewohnheit, ſich ſelbſt zu ent⸗ kleiden, und entließ deßhalb den getreuen Pierrot, ſobald ihm dieſer die Lichter auf ſeinem Nachttiſche angezündet. Bevor aber Eugen dieſe auslöſchte und ſich zur Ruhe begab, ſchloß er ein geheimes Fach ſeines Pultes auf und nahm daraus ein kleines Käſtchen mit einem außerordentlich ſoliden und feſtge⸗ arbeiteten Schloſſe. Dieſes öffnete er ebenfalls, aber nur um einen Blick hineinzuwerfen, und als er geſehen hatte, daß ſich in dieſem kleinen Käſtchen ein Paket Papiere befand, mit rothen Bändern zu⸗ ſammen geknüpft und ſchwarz geſiegelt, verſchloß er Käſtchen und Schreibtiſch wieder und ging zu Bette. Der Herr Rath drüben in ſeinen Zimmern hatte es bereits ebenſo gemacht, und das einzige Licht, welches noch in der Par⸗ terrewohnung brannte, leuchtete dem getreuen Pierrot, der an ſeinem Tiſche im Vorzimmer ſaß, ein Schreibbuch vor ſich, in das er emſig allerlei Zeichen und Bemerkungen machte. Eugen hatte in dieſer Nacht einen unruhigen Schlaf: er träumte —— — —— — Ein guter Freund und ein getreuer Diener. 111 von Blumen, die in duftigen Gärten in unendlicher Schönheit plötzlich vor ihm aufſchoſſen, und wenn er ſich alsdann niederbückte, um eine derſelben abzupflücken, ſo ſanken dieſe Blumen tief vor ihm in den Boden hinab, und ſein Fuß hielt ſich mit Mühe am Rande eines giftigen Sumpfes feſt, der ihn gewaltſam an ſich zu ziehen ſchien. Nach ſolchem Traume erwachte er mit einem tiefen Athemzuge, und erſt gegen Morgen ſchlief er feſt und ruhig.—— Zum großen und beſtändigen Aerger des treuen Pierrot war der Herr Rath, er mochte ſo ſpät, als er nur immer wollte, zu Bette gegangen ſein, mit Tagesanbruch munter, und dann war auch Joſeph gezwungen, die koſtbare Nachtruhe abzubrechen. Eu⸗ gen erhob ſich einige Stunden ſpäter, und die beiden Freunde ſahen ſich Morgens ſelten bis zur Mittagsſtunde, wo ſie gemein⸗ ſchaftlich zu ihrem Diner gingen. Der Herr Rath beſorgte die ſämmtliche Verrechnung des Jung⸗ geſellen⸗Haushaltes und hierbei natürlicher Weiſe auch die Ausgaben des Bedienten, was dem treuen Pierrot manche unangenehme Morgenſtunde verurſachte. Gewöhnlich machte er auch hierauf den Verſuch, Jenen bei ſeinem Herrn zu verklagen und obgleich dies nie die geringſte Wirkung that, ſo unterließ er es doch nicht, wenn er ſeinem Herrn den Kaffee ſervirte, einige Seufzer über ſchlechte Behandlung, die ihm durch den Herrn Rath zu Theil geworden, auszuſtoßen. Auch heute Morgen erſchien er mit einer wahren Jammer⸗ miene und brachte den Frühſtücktiſch ſeines Herrn in Ordnung. Er zündete ſeufzend die Spirituslampe unter der Kaffeemaſchine an, ſtellte ein Wachslicht daneben, ſowie eine geöffnete Cigarren⸗ doſe, dann ging er ins Schlafzimmer und meldete, daß der Kaffee bereit ſei; dies ſagte er aber mit ſo kläglichem Tone der Stimme, als verkündige er das größte Unglück, machte indeß hierdurch im gegenwärtigen Augenblicke gar nicht den gewünſchten Eindruck. Eugen war mit anderen Dingen beſchäftigt und ſchien, während ,o,. Achtes Kapitel. 11² er in ſeinen Schlafrock ſchlüpfte, über etwas tief nachzudenken. Draußen im Salon warf er ſich in einen Fauteuil. Joſeph drehte einen Hahn an der Maſchine auf, und Eugen trank ſeinen Kaffee, ohne überhaupt bemerken zu wollen, daß noch Jemand anders außer ihm im Zimmer ſei. Erſt als er nach der Cigarre griff und der treue Pierrot ihm den brennenden Fidibus in die Hand gab, blickte er in die Höhe und konnte ſich nicht enthalten, laut aufzulachen über das merkwürdig klägliche Geſicht, das ihm Jo⸗ ſeph zeigte. „Es iſt ſchon gut,“ ſagte er, als Joſeph ſich anſchickte, dieſen Blick mit einem tiefen Seufzer zu beantworten.„Laß nur dein Seufzen bleiben, ich bin das des Morgens von dir ſchon gewohnt! Hat man dir einmal wieder den Leviten geleſen? Freut mich recht ſehr — danke du deinem Schöpfer, daß ich wenig und des Morgens gar nicht dazu aufgelegt bin, mich überhaupt um dich zu beküm⸗ mern. Das kann ich dich verſichern, theurer Joſeph, wenn ich der Herr Rath wäre, ich hätte dich vielleicht ſchon lange zum Teufel gejagt.“ „Oh, oh!“ lachte jetzt Pierrot mit erſtaunlich freundlichem Geſicht; denn er hatte jetzt erreicht, was er wollte: ſeinen jungen Herrn nämlich vermocht, ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen.„Oh!“ lachte er abermals;„der Herr Sidel hat ja eigentlich doch nicht zu befehlen, ſondern der Herr Eugen ſelbſt.“ „Alles hat er zu befehlen,“ antwortete dieſer,„das ganze Hausweſen, und er kann mit euch machen, was er will, mit ſämmtlichem Möbelwerk und der ganzen Einrichtung, mit Sultan und mit dir.“— Damit nahm er einen Schluck Kaffee und that einige Züge aus ſeiner Cigarre. Joſeph zog ſeine Achſeln hoch empor, drückte dabei den Kopf tief nieder und ſchien auf ſolche Art pantomimiſch ausdrücken zu wollen:„Ich laſſe ja Alles geduldig über mich ergehen!“ Nach einer längeren Pauſe, während welcher Eugen mit — —- Ein er Freund und ein getreuer Diener. 113 ſeinem großen Hunde geſpielt und ihm ein Milchbrod gereicht, blickte er wieder in die Höhe und ſah ſeinen Diener abermals lachend an.„Du haſt gewiß,“ ſagte er hierauf,„heute einen Ex⸗ trawiſcher bekommen. Nun, was hat's denn eigentlich gegeben? — So ſage es friſch heraus, denn wenn du es noch lange bei dir behalten mußt, ſo wirſt du unfehlbar daran erſticken, was an ſich eben kein großer Verluſt wäre.— Nun, was ſoll'’s eigentlich?“ „O, es betrifft gar nicht mich; der Herr Rath hat mich nur über Schritte und Gänge examinirt, die ich auf Ihren beſonderen Befehl mache.“ „Dar an hat er recht gethan, und er hat dich blos beaufſich⸗ tigen wollen; denn er weiß ohnehin alles, was du für mich zu beſorgen haſt.“ Pierrot ſchüttelte mit einem Lächeln, das pfiffig ſein ſollte, ſeinen dicken Kopf. „Nicht?“ fragte Eugen aufmerkſam;„was willſt du mit deinem dummen Kopfſchütteln ſagen?“ „Er hat mich darüber ausgefragt, ob ich einen beſonderen Befehl von Ihnen dazu hätte, an den Markttagen auf den Markt zu gehen, um...“ „Ja ſo, das hat er dich gefragt? Das hätte ich beinahe ver⸗ geſſen.— Und was haſt du ihm geantwortet? „O, ich habe ihm geantwortet,“ entgegnete Joſeph,„daß ich nur deßwegen auf den Markt gehe, um mich nach den Preiſen von Butter und Eiern wegen der Haushaltung zu erkundigen.“ „Und das hat er dir natürlicher Weiſe nicht geglaubt!“ ſagte Eugen laut lachend, worauf der Diener mit einem ungemein pfiffigen Blinzeln ſeines rechten Auges erwiderte:„O ja, er hats doch geglaubt.“ Eugen legte ſich in ſeinen Fauteuil zurück, drückte ſeine beiden Hackländers Werke. X. 8 — 114 Achtes Kapitelt.— Füße in das zottige Fell des Neufundländers und blickte eine Weile nachdenkend vor ſich hin. Joſeph ließ aus der Maſchine eine zweite Taſſe Kaffee laufen; jede Spar des Mißmuthes ſchien aus ſeinem Geſichte verſchwunden, und dafür hatte ſich eine gewiſſe Traurigkeit auf ſeine Züge gelagert, welche dieſelben außerordent⸗ lich komiſch machte. Er wollte augenſcheinlich die treue, gekränkte Seele ſpielen, die tiefbetrübte, der es nicht gelingen kann, das volle Vertrauen des Herrn zu gewinnen. Dieſer achtete aber nicht darauf, ſchien auch das Geſpräch von vorhin nicht wieder anknüpfen zu wollen, und ſo ſah ſich denn Joſeph genöthigt, nach einer Pauſe ſelbſt fortzufahren, was er mit ſehr ſchüchterner und leiſer Stimme that.„Ich habe,“ ſagte er,„da unten genaue Verbindungen angeknüpft, die es mir möglich machen, alle Befehle Eurer Gnaden, wenn Sie welche für mich haben ſollten, aufs beſte zu vollführen. In der Nähe des Marktes, in einer engen Gaſſe hinter dem Hauſe der Frau Schoppelmann, wohnt eine Bekannte von mir, eine alte, brave Wittwe, deren Mann geſtorben iſt und die dort in der engen Gaſſe eine kleine Weinwirthſchaft eröffnet hat.“ „So, ſo!“ ſagte Eugen ohne aufzublicken, und Joſeph, ſehr ermuthigt, daß ihm nicht befohlen worden, ſein Maul zu halten, fuhr mit etwas ſicherer Stimme fort:„Ich komme nicht nur in die Wirthsſtube dieſer braven Wittwe, ſondern ich bin einer von ihren genauen Bekannten und beſuche ſie deßhalb auch zuweilen in ihrer Wohnung im erſten Stock. Dieſer gerade gegenüber ſind die Zimmer der Frau Schoppelmann oder vielmehr nur ein Zimmer ihrer Wohnung, das der ſchönen Katharine.—— Katharine kennt ebenfalls dieſe Wittwe, und wenn Beide gerade wollen, ſo können ſie aus ihren Fenſtern zuſammen ſprechen; ja, eines iſt ſo nahe bei dem andern, daß man ſich die Hand reichen könnte.“ 2 — Ein Futer Freund und ein getreuer Diener. 115 „Und du haſt Alles drüben dem Herrn Rath auch erzählt?“ fragte Eugen nach einer Pauſe. 4 „Nicht eine Sylbe!“ ſagte der getreue Pierrot mit einem außerordentlich ernſten Geſichtsausdruck.—„Aber neulich, wie ich zufällig aus der Wirthsſtube jener Wittwe auf die Straße komme und ohne Abſicht in die Höhe blicke, bemerke ich Jungfer Katharine, welche aus ihrem Fenſter auf mich herab ſieht.“ „Und ſie bemerkte dich?“ fragte Eugen. „Allerdiugs,“ fuhr Joſeph fort;„ſie ſchien mich ſogar wieder zu erkennen und blickte mich einen Augenblick wie fragend an. Natürlich ging ich ruhig meines Weges, denn ich hatte ja keine Aufträge.“„ Hier ſeufzte der getreue Pierrot abermals. „Und wenn du Aufträge gehabt hätteſt,“ ſagte Eugen, mehr und mehr aufmerkſam geworden durch den Bericht ſeines Dieners, „ſo hätteſt du ihr unbemerkt etwas ſagen können?“ „Ganz unbemerkt!“ antwortete Joſeph ſehr erfreut,„ſo unbe⸗ merkt, daß es keine Menſchenſeele geahnet hätte. Das Fenſter iſt von der Gaſſe aus, die viel höher liegt als der Hof des Hauſes, wo Frau Schoppelmann wohnt, faſt mit der Hand zu erreichen. Man könnte ganz bequem da hinab ſpringen, und durch dieſe Gaſſe geht faſt nie Jemand, nicht einmal am hellen Mittage. Des Nachts iſt ſie ganz ſtill und ler.“ „So, des Nachts iſt ſie ganz ſtill und leer?“ wiederholte Eugen nachdenkend, und ſprach alsdann nach einer längeren Pauſe, während welcher er den Kopf in die Hand ſtützte und ſeinen Diener feſt anſah:„Es iſt gut, das bleibt unter uns.“ „Gewiß, gewiß!“ entgegnete Joſeph, und auf ſeinem Geſichte zuckte es freudig auf, ſo freudig, daß die harten, dummen Züge ſogar angenehm erſchienen. Eugen winkte ihm mit der Hand hinweg und ſagte alsdann 116 Neuntes Kapikel.— zu ſich ſelber:„Ich bin überzeugt, Joſeph iſt ein dummer, aber ſehr guter und ehrlicher Kerl. Er ſoll mir bei dieſer Geſchichte helfen.“ 3 Neuntes Kapitel. Enthält ein düſteres Stück Familienleben. Die jetzt verwittwete Staatsräthin Stillfried war in früherer Zeit eine der ſchönſten und ſtattlichſten Frauen geweſen. In den höheren Kreiſen der Beamtenwelt und des Bürgerſtandes hatte ſie von jeher den Ton angegeben— nach ihr richtete ſich Alles, ſie arrangirte Feſtlichkeiten und Bälle ſowohl in den Geſellſchaftslo⸗ kalen als auch in ihrem eigenen Hauſe. Und hierzu war ſie voll⸗ kommen berechtigt, ſowohl durch ihre Schönheit, ihren Geiſt, als durch ihr großes Vermögen, mit deſſen Einkünften der alte Staats⸗ rath ſie ſchalten und walten ließ, wie es ihr beliebte. Wir ſagen: der alte Staatsrath; denn der Herr von Still⸗ fried war ſchon damals, als ſeine Frau noch in der Welt glänzte, ein ältlicher, zurückgezogener Mann, der es vorzog, ſich zu Hauſe mit ſeinen Akten und Büchern zu beſchäftigen, ſtatt mit ſeiner Frau auf der Promenade oder in Geſellſchaften zu erſcheinen, und dem die einſame Lampe in ſeinem Studirzimmer lieber war als das Flimmern von Tauſenden von Kerzen im Ballſaale. Er hatte von ſeiner Frau einen einzigen Sohn, deſſen Erziehung und Bildung er ſich auf's Emſigſte widmete. Dem jungen Eugen wurden die trefflichſten Lehrer gehalten, die dafür zu ſorgen hatten, daß er das, was ihm die Profeſſoren in den verſchiedenen Klaſſen des — — Ein düſteres Stück Familienleben. 1¹7 Gymnaſiums, welches er beſuchte, beigebracht, nicht vergeſſe, viel⸗ mehr daß daſſelbe, geiſtig auf's beſte verdaut, ſich bei ihm zur Blüthe und Frucht anſetze. Die Staatsräthin dagegen bekümmerte ſich nur inſofern um dieſen Sohn, als ſie mit ihm, einem ſchönen Kinde, bei allen paſſenden und unpaſſenden Gelegenheiten den Staat einer Mutter zu machen pflegte. Im Uebrigen überließ ſie ſeine Erziehung, wie das auch recht und billig war, den Händen des Gemahls, der ihr dagegen die Freuden der Welt überließ und ſich um ihr Thun und Treiben wenig bekümmerte. Doch hatte dieſes an ſich traurige Verhältniß im Stillfried⸗ ſchen Hauſe nicht gerade von jeher ſo beſtanden; vielmehr hatte der Staatsrath die erſten Jahre mit ſeiner jungen Frau äußerſt glücklich verlebt. Er ſchien ſie auf's Zärtlichſte zu lieben, und da er nebenbei in jener Zeit die geſellſchaftlichen Vergnügungen ebenſo ſehr aufſuchte, wie ſeine junge ſchöne Frau, ſo paßten ſie herrlich zu einander. Sie war ſehr ſchön, hatte auch viel Verſtand, ja war geiſtvoll; doch beſaß ſie neben dieſen Vorzügen ein kaltes, ruhiges Herz, das ſchon nach den erſten Jahren ihren Mann, der für alles Schöne und Gute ſich wahrhaft intereſſirte, mehr und mehr abſtieß. Wie hatte er gehofft, mit ſeiner jungen und ſchönen Frau ein angenehmes Leben zu führen, in den ſtillen Freuden des Hauſes ſich gegenſeitig liebend und verehrend, ſich beide der Auf⸗ ſicht und Erziehung ihrer zu hoffenden Kinder widmend! Darin hatte er ſich aber ſehr getäuſcht. Sie wollte ihr Leben genießen in allen rauſchenden Vergnügungen— ſie war als das einzige Kind reicher Eltern ſo von Kindheit an gewohnt— und langweilte ſich zu Hauſe und in der Unterhaltung ihres Gemahls, deſſen Ideen ſie nicht zu folgen die Luſt hatte, deſſen Neigungen und Wünſche ſie entweder erreichen noch begreifen, dieſelben aber noch viel weni⸗ ger theilen wollte und— konnte.. Herr von Stillfried ſah mit tiefem Schmerze, wie ſich dieſes traurige Verhältniß ſo allmälig geſtaltete; doch liebte er ſeine Frau 118„ Neuntes Kapitel. immer noch um ihrer Perſon willen, mehr aber wohl als die Mut⸗ ter ſeines eben erſt geborenen Sohnes. Er verſuchte es umſonſt, ſie auf einen anderen Weg zu führen— ſie konnte ihr inneres Weſen nicht ändern. Wäre es ein einfacher Fehler, eine Gewohn⸗ heit geweſen, ſie hätte dieſelbe ihrem Manne und dem Kinde zu lieb gewiß abgelegt. Doch die Leere ihres Herzens, welche dieſe Beiden nicht auszufüllen vermochten, konnte nur Befriedigung fin⸗ den im wilden Treiben der Welt, in rauſchenden, immerwährenden Vergnügungen. Sie war nicht im Stande, ſich zu ändern, obgleich ſie wohl fühlte, daß die häuslichen Freuden, deren Genuß ſie ſich in früherer Zeit ſo ſchön ausgemalt, nicht mit ihrem jetzigen Leben vereinbar ſeien. Daß dieſe Freuden dabei nicht aufblühen konn⸗ ten, und wenn ſich je eine zarte Knospe angeſetzt, dieſe verwelken und erſterben mußte im Staube des Ballſaales bei dem leeren, hohlen und nichtsſagenden Geſchwätz ihrer Welt, war ja ſo natürlich. Oft, wenn ſie ſpät in der Nacht nach Hauſe kam und ſie die Uhr in dem Schlafgemache ihres Gatten die ſpäte Nachtſtunde anſagen hörte, dann durchſchauerte es ſie unheimlich, und ſie kam ſich vor wie eine Fremde, wie eine Weihe⸗ und Ruheloſe, die ſich einge⸗ ſchlichen in einen ihr gänzlich fremden Familienkreis. Selbſt ihr Kind, ihr ſchönes, blühendes Kind mit jenem geſunden Schlafe der Kindheit, mit Roſen auf den Wangen und Lippen, während ein tiefer, ſüßer, unnennbarer Friede um die geſchloſſenen Augen⸗ lider ſpielte, ſelbſt dieſes Bild der Unſchuld war nicht im Stande, in ihr Herz die ſüße Ruhe zu gießen, die wir ſo gern fühlen beim Anblick jener ſchlafenden Engelsgeſtalten. Wohl faßte ſie hie und da in ſolchen Augenblicken den feſten Vorſatz, künftig ihr Leben zu ändern, daſſelbe von jetzt an ihrem Gatten, ihrem Kinde zu weihen— aber es war zu ſpät! Der Staatsrath, der bei ſeiner Verheirathung den ſüßen Glau⸗ ben gehabt, es werde ſich erfüllen, was er ſo angenehm geträumt: — „———— Ein düſteres Stück Familienleben. 119 ſie, die junge, reizende Frau, ſtolz auf ihn als Menſchen und Ge⸗ ſchäftsmann, ſtolz auf ſeinen Namen, der einen guten Klang hatte, werde ihn, den älteren Mann, mit inniger Liebe umſchlingen, ihre friſche Jugend werde auch die ſeinige wiederkehren heißen, oder, wenn dies unmöglich, doch mit ihm einen Herbſt bilden voll der beſten und ſüßeſten Früchte,— er ſah ſich bald getäuſcht, und nachdem er es ein paar Jahre lang verſucht, im Guten und Böſen der Vergnügungsluſt ſeiner Frau Einhalt zu thun, erkaltete ſeine Liebe zu ihr plötzlich, er wandte ſich mehr und mehr ſeinen Stu⸗ dien und Büchern zu, und das Plätzchen in ſeinem Herzen, welches der Aktenſtaub noch nicht eingenommen— es wurde freilich immer kleiner und kleiner— blieb ſeinem einzigen Sohne Eugen geöffnet. Das häusliche Leben der Familie Stillfried geſtaltete ſich hie⸗ durch im Aeußeren ruhiger, ſelbſt zufriedener. Heftige Scenen, wie früher ſo oft, kamen nicht mehr vor; ja der Staatsrath, der in den nächſten Jahren unter ſeinen Büchern und Akten, wohl auch unter der Laſt ſeines Kummers, ſehr gealtert hatte, konnte ſich hie und da beim Frühſtück von ſeiner Frau die Scenen des vergange⸗ nen Abends, den ſie auswärts zugebracht, und die komiſchen Fi⸗ guren ihrer Geſellſchaft darſtellen und ſelbſtredend einführen laſſen, zu welchem Spiele ſie ein großes Talent hatte und worüber er zu⸗ weilen, namentlich wenn es ſeine Collegen waren, die er ſo in ge⸗ treuen Copien vor ſich hörte, herzlich lachen konnte. Da kam der Doktor Werner ins Haus. Er hatte den Ruf eines ausgezeichneten Advokaten und ſich in kurzer Zeit hiedurch in der Reſidenz eine große Praxis erworben. Der Staatsrath brauchte ſeine Geſetzeskenntniß, ſeinen gediegenen Rath bei vielen verwickelten Geſchäften; er gewann ihn lieb und zog ihn nach und nach feſt an ſich und ſein Haus; doch ſah er nur den Geſchäffs⸗ mann in ihm. Doktor Werner war, wie die Damen faſt einſtimmig ſagten, 120 Neuntes Kapitel. kein Mann, der im Stande ſei, ihnen zu gefallen. Dieſer kalte, ätzende Verſtand, das ironiſche Lächeln, welches beſtändig auf ſeinen Lippen ſchwebte, hatte etwas ſo Abſtoßendes, und ſein Mangel an Liebenswürdigkeit— er gab ſich nämlich nie dazu her, ein Geſpräch zu führen, blos um die Zeit zu tödten, oder Anſichten zu billigen, die den ſeinigen entgegen ſtanden, auch wenn der ſchönſte Mund dieſelben ausſprach— war den Damen ſo verhaßt, daß ſie den Doktor Werner für den unausſtehlichſten, unangenehmſten aller Männer erklärten und ſeine Unterhaltung und Geſellſchaft zu fliehen ſchienen. Eine Ausnahme hiervon hatte die Staatsräthin von jeher ge⸗ macht: ſie fühlte geiſtige Kraft genug in ſich, um die Anreden des Doktors, die faſt immer zugleich Angriffe auf dieſe oder jene ge⸗ ſellſchaftliche Einrichtung waren, feſten Fußes zu erwarten und oftmals ſiegreich abzuſchlagen. Wenigſtens behauptete ſie mit ihm zugleich beſtändig das Schlachtfeld und wich vor ſeinen Meinungen und Anſichten nicht einen Zoll breit. Ddieſe Frau in ihrer friſchen Jugendkraft, geiſtig und körper⸗ lich von der Natur mit ſo großen Vorzügen ausgeſtattet, impo⸗ nirte dem harten und ſtrengen Advokaten. Ja, als ſie eines Ta⸗ ges zufällig zu einer Berathung kam, die der Doktor mit dem Staatsrath hatte, und ſie nach längerem Zuhorchen endlich auch ihre Anſicht in dieſer Sache mit wenigen, aber kräftigen Worten ausſprach, da fühlte ſich der Doktor Werner von einer wahren Be⸗ wunderung für dieſe Frau hingeriſſen und küßte ihr das erſte Mal, ſich für überwunden erklärend, die Hand. Von da an lag er zu ihren Füßen, und das merkte bald die Welt und am Ende auch der Staatsrath, dem, als er dieſe Ent⸗ deckung machte, und als er zu der Gewißheit kam, daß auch ſie den Doktor Werner nicht ungern ſehe, alle Wunden ſeines Herzens, die längſt vernarbt ſchienen, noch einmal aufbrachen und ihm ent⸗ ſetzliche Qualen verurſachten. Doch nur für ganz kurze Zeit. Der Ein düſteres Stück Familienleben. 121 Staatsrath war unendlich ruhig und ernſt geworden, ſein Haar hatte ſich weiß gefärbt, er zuckte nach längerem Nachgrübeln trau⸗ rig die Achſeln, ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, als er innig ſeinen Sohn Eugen auf die Stirn küßte, der zwiſchen ſeinen Knieen ſtand, und als er leiſe vor ſich hinflüſterte:„Ein verlorenes Le⸗ ben— möge es dir beſſer ergehen, mein Kind!“ Die Staatsräthin dagegen ſah ſtolz und triumphirend um ſich, als ſie nun endlich zu der Ueberzeugung gekommen war, daß ſie jenen Mann, den Schrecken aller Schwätzerinnen der Geſellſchaft, ihn, den alle ihre Mitſchweſtern fürchteten und doch bewunderten, an ihren Wagen geſchmiedet ſah, als er endlich willenlos zu ihren Füßen lag. ein überwundener Feind, jetzt ein Sklave, der ſich glück⸗ lich fühlte, wenn ſie den ſchönen Fuß auf ſeinen Nacken ſetzte. Ob ſie ihn wirklich geliebt, ſind wir nicht im Stande, genau anzugeben. Aber die Welt glaubte es, die Welt war davon über⸗ zeugt, und wir wollen uns dem Urtheile der Welt anſchließen; denn hört ſie nicht genau mit ihren unzähligen Ohren, ſieht ſie nicht faſt in die Herzen der Menſchen mit ihren zahlloſen Augen, ruhelos ſpähend bei Tag und Nacht? Es kamen damals wieder verſchiedene heftige Scenen in dem Stillfried'ſchen Hauſe vor, deren Urſache und Ergebniß aber nicht in die Oeffentlichkeit drang; denn die Dienerſchaft des alten Staats⸗ rathes, die wir theilweiſe bereits kennen gelernt, hielt es bei ihrer Treue und Anhänglichkeit an ihren Herrn für ihre Schuldigkeit, alles geheim zu halten, was die Ehre deſſelben compromittiren konnte. Es war aber nicht zu verſchweigen, daß, wahrſcheinlich in Folge jener Scenen, die Staatsräthin eine größere und längere Reiſe unternahm und faſt ein Jahr von ihrem Hauſe abweſend blieb. Als ſie endlich zurückkam, beſiel den Staatsrath eine ſchwere Krankheit, während welcher ſich manch Schauerliches und Unheim⸗ liches ergab, namentlich in einer gewiſſen Nacht, wo der Doktor Werner, ohne daß es der Kranke wußte, im Vorzimmer gewacht Neuntes Kapitel. 122² haben ſolle. Es war dies eine kalte, windige Novembernacht; der Kranke befand ſich auf dem Wege der Beſſerung, aber in jenem Stadium, wo ein Rückfall unfehlbar den Tod nach ſich ziehen mußte. Dieſer Rückfall trat nun auch wirklich in der bezeichneten Nacht gegen Morgen ein, und als der Arzt in der Frühe in das Haus kam, fand er, daß die Krankheit wieder mit unbezwingbarer Kraft über den alten Mann hergefallen war, daß er rettungslos verloren ſei. Ein Diätfehler konnte nicht vorgefallen ſein, und der alte treue Kammerdiener Jakob ſchwor dem Arzte mit Thränen in den Augen hoch und theuer, der Kranke habe nichts zu ſich nehmen können, als was ihm ſeine Hand gereicht. In dieſem Augenblicke aber zog ein ſcharfer, ſchneidender Luftzug durch das verdunkelte Krankenzimmer, und an einem Fenſter, zunächſt dem Bette, flogen die dunklen Vorhänge wie ſchwarze Trauerſchleier hoch empor. Entſetzt warf ſich der Arzt an das offene Fenſter, um es zu ſchließen, und Jakob, der erſchüttert und todtenbleich daſtand, faßte bebend die Hand des Arztes, drückte ſie krampfhaft und ſagte:„Bei Gott im Himmel, Herr Doktor, ſo wahr ich hoffe, ſelig zu werden, die Fenſter und Läden dieſes Zimmers habe ich geſtern Abend auf das Genaueſte unterſucht. Sehen Sie, wie ſorgfältig die anderen noch befeſtigt ſind. Bei allen Heiligen, auch an dieſem war geſtern Abend kein Riegel, keine Schraube los.“ Tief erſchüttert wandte ſich der Arzt ab, und als er durch das Vorzimmer hinaus ging und dort den Doktor Werner bemerkte, der mit Durchſuchen von Pabieren beſchäftigt war, konnte er ſich nicht enthalten, zu dem alten Diener in leiſem, aber ausdrucksvollem Tone zu ſagen:„Das Unglück iſt geſchehen. Ich werde gegen MNittag wieder kommen; bis dahin kann der Staatsrath noch leben, aber ſein Tod iſt gewiß, Jenes offene Fenſter hat ihn herbeige⸗ führt, der—— kalte Nachtwind hat ihn gemordet.“ Bei dieſen Worten war der Doktor mit ſeinem Kopf auf die — Ein düſteres Stück Familienleben. 123 Papiere niedergeſunken, in Schmerz und Trauer. Aber das dauerte nur einen Augenblick, dann raffte er ſich auf, nahm ſeinen Hut und eilte mit bleichen, verſtörten Blicken zum Hauſe hinaus. Der Arzt hatte indeſſen nicht ſo ganz richtig prophezeit: der Staatsrath lebte noch bis zum Abend dieſes Tages. Ja, nach der Mittagsſtunde kehrte ſeine Beſinnung wieder, und er ſagte zu ſeiner Frau, die weinend vor ſeinem Bette auf den Knieen lag: „Gewiß, Sophie, ich bin überzeugt, dein Herz war nur leichtſinnig, aber nicht ſchlecht; nicht wahr, du haſt mir mit Ueberlegung nichts Böſes zugefügt?— Ich will es ja gern glauben und verzeihe dir all die trüben Stunden, die du mir gemacht... Aber nimm dich vor jenem Manne in Acht, hüte dich vor ihm, hüte mein armes Kind, laßt ihn keine Macht über euch bekommen. Das ver⸗ lange ich, es iſt mein letzter, aber feſter Wille!“— Dann hatte er gebeten, ſie ſolle ſich entfernen, und Jakob mußte zu ihm kom⸗ men. Ihm gab er mit zitternden Händen den Schlüſſel zu einer kleinen Caſſette, und der alte Diener mußte daraus mehrere Briefe hervorſuchen, die ſämmtlich numerirt waren und welche ihm der Staatsrath bezeichnete. Einige waren von der Hand der Staats⸗ räthin, auch ein paar mit den Schriftzügen des Doktors Werner, andere von einer fremden, dem alten Diener völlig unbekannten Handſchrift. Dann mußte dieſer ein kleines Schreibpult herbeiholen, daſſelbe mit Papier, Feder und Dinte auf das Bett niederſetzen und ſeinen Herrn unterſtützen, der ſich nun mühſam aus den Kiſſen empor hob und mit zitternder Hand zu ſchreiben begann Es war, als halte der Wunſch, wichtige Gedanken, die den Sterbenden quälten, auf das Papier zu bringen, ſeine Lebensgeiſter aufrecht, ja entflammten ſie zu neuer Kraft; denn er ſchrieb faſt volle zehn Minuten, ſetzte Datum und Stunde hinzu und fügte ſeine Unter⸗ ſchrift deutlich und leſerlich bei. Als dies geſchehen war und der Arzt, der im Vorzimmer auf die Beendigung dieſes Geſchäftes ge⸗ wartet, nun hereintrat, zeigte er ihm das beſchriebene Blatt, doch Neuntes Kapitel. ſo fern, daß Dieſer nichts davon leſen konnte, und ſagte darauf mit matter Stimme:„Sie ſehen, Doktor, und auch du, Jakob, haſt es geſehen, daß ich dieſes Blatt mit eigener Hand geſchrieben und unterzeichnet, und Sie werden bemerken, daß ich bei dieſem wichtigen Geſchäft im vollen Beſitz meiner geiſtigen Kräfte war. Dies bitte ich mir durch Ihre Unterſchrift und durch die deinige ebenfalls, Jakob, auf der anderen Seite dieſes Blattes bezeugen zu wollen.— Nachdem dies geſchehen, faltete der Kranke das Blatt ſorgfältig zuſammen, legte es zu den vorher erwähnten Briefen, Jakob mußte ein weißes Papier darum ſchlagen, um das weiße Paketchen, das auf dieſe Art entſtand, ein rothes Band ziehen und es mit ſchwarzem Siegellack und dem darauf gedrückten Wappen des Staatsrathes verſchließen. Dieſes Paketchen ſchob der Kranke, ſo lange der Arzt anweſend war, unter das Kopfkiſſen, und als dieſer fort ging, befahl er Jakob, es unter ſeinem Haupte liegen zu laſſen, ſy lange, bis ein gewiſſer Fall eingetreten ſei. Dann ſollte er es aufs Sorgfältigſte zu ſich nehmen und damit verfahren, wie er ihm früher ſchon geſagt. Gegen Abend dieſes Tages trat nun der Fall ein, den der Kranke ſoeben bezeichnet. Er ließ im Laufe des Nachmittags ſeinen Sohn Eugen nochmals zu ſich rufen, betrachtete ihn lange mit einem Ausdrucke der innigſten Zärtlichkeit und legte ſeine Rechte auf die blonden Locken des Kindes. Dann wandte er ſeinen naſſen Blick langſam in die Höhe, ſeine Augenlider deckten ſich ſanft da⸗ rüber hin, ſeine Rechte ſank von dem Kopfe des Kindes herab, ſie wurde alsdann von deſſen kleinen Händchen erfaßt und mit Küſſen und Thränen bedeckt. Doch erwiderte kein Druck dieſe Zärtlichkeit des nun Verlaſſenen.— Der Staatsrath ſchien noch einige Stun⸗ den ſanft und ruhig zu ſchlummern, dann aber hörte man ſeine Athemzüge immer langſamer, zuletzt gar nicht mehr— er war geſtorben. In dem Stillffried'ſchen Hauſe fand nach dieſem Trauerfalle * 1 Ein düſteres Stück Familienleben. 125 nur in ſo fern eine Veränderung ſtatt, als das Haus ſelbſt eine Zeit lang verſchloſſen blieb, keiner der Bewohner außerhalb deſſel⸗ ben ſichtbar wurde, als nur die ſchwarzgekleidete Dienerſchaft bei ihren nothwendigen Ausgängen. Es verging auch ein ganzes Jahr, ehe dieſe äußeren Zeichen der Trauer abgelegt wurden, und wäh⸗ rend all dieſer Zeit ließ ſich der Doktor Werner nur höchſt ſelten im Stillfried'ſchen Hauſe ſehen. In die Welt war von jenen geheimnißvollen Vorfällen während der Krankheit des Staatsrathes nichts gedrungen, und die Welt wun⸗ derte ſich deßhalb auch nicht beſonders, als nach Verlauf dieſes Jahres das alte Haus wieder geöffnet wurde, als Tapezierer, Schreiner, und alle möglichen Handwerker begannen, dort aus und ein zu gehen, um den zweiten Stock, welchen die Staatsräthin von nun an bewohnen wollte, aufs Reichſte und Eleganteſte einzurich⸗ ten. Ja die Welt erwartete Tag um Tag, von einer Verlobung im Stillfried'ſchen Hauſe zu hören, von einer neuen Verbindung, die ja ſchon früher voraus zu ſehen war und die nur auf Beendi⸗ gung des Trauerjahres gewartet zu haben ſchien, um öffentlich proklamirt zu werden. Auch dieſes Mal hatte die Welt, wie ſo oft, nicht Unrecht. Eine Verlobung im Stillen war ſchon gefeiert worden, und das neue Paar ſaß eben bei einander, um über neue Einrichtungen und ihr ferneres Leben zu ſprechen.— Es war wieder Herbſt ge⸗ worden und der November gekommen mit ſeinen trüben Tagen, mit ſeinem Regen und Wind— da trat Jakob, der alte Diener in das Zimmer der Staatsräthin und bat den Doktor Werner, einen Augenblick herauszukommen, es wolle ihn Jemand ſprechen. Jakob trug einen Armleuchter, und der zitterte vor Aufregung in ſeiner Hand. Sein Geſicht war bleich, und als der Doktor aus dem Zimmer heraustrat, bat er, ihm zu folgen, und ſtieg langſam die Treppen hinab in den erſten Stock. Der Doktor hatte dieſen ſeit jenem Tage nicht mehr betreten, auch folgte er dieſen Abend Neuntes Kapitel. ſeinem Führer mit großem Widerwillen, mit einer unerklärlichen Beklemmung. Alle Röthe war von ſeinen Wangen gewichen, ſeine Augen ſtarrten ängſtlich umher, und doch mußte er dem voran⸗ ſchreitenden Diener folgen. Ja, er mußte ihm auch folgen durch den langen Corridor hinab in das Schlafzimmer des verſtorbenen Herrn. Es war ein Abend wie an deſſen Todestage, und ob Zufall oder Abſicht, wiſſen wir nicht, der Wind wehte auch wie damals die dunklen Fenſtervorhänge empor und ſauste ſchneidend und kalt durch das Vorzimmer. Dieſer Luftzug ſchien dem Doktor Werner durch Mark und Bein zu dringen: er faßte krampfhaft die Thüre des Schlafzimmers, ſein Haar ſträubte ſich empor. Aber trotzdem war er gezwungen, dem Wink ſeines Führers zu folgen— er wußte ſelbſt nicht, welche Macht ihn hierzu zwang. Ja, er mußte vollends in das Zimmer hinein treten, und die Thüre ſchloß ſich hinter ihm zu. Was die Beiden, der alte Diener und der Doktor, dort verhandelt, ſind wir nicht im Stande, anzugeben; nur ſo viel können wir ſagen, daß Letzterer nach einer kurzen Unterredung die Thüre aufriß, aus dem Zimmer ſtürzte, über den Corridor und die Treppen hinabflog und das Haus verließ ohne Hut und Man⸗ tel, in ängſtlicher Haſt wie von Furien gejagt. Die Folgen dieſer Unterredung waren, daß der Doktor auf lange, lange Zeit nicht mehr das Haus betrat, und daß von einer Verbindung zwiſchen ihm und der Staatsräthin ferner keine Rede mehr war. Aber die Zeit, die Alles lindernde, führte auch den Doktor Werner, der nun IJuſtizrath geworden war, wieder in das Haus der Staatsräthin. Zuerſt kam er ſelten, dann häufiger, bald täg⸗ lich mehrere Male. Er leitete die Geſchäfte des Hauſes, er gab ſeinen Rath zu der Erziehung des jungen Eugen. Und dieſe Rath⸗ ſchläge waren der Art, daß ſie wohl im Stande waren, ihm die Zuneigung des wilden jungen Menſchen zu erwerben. Eugen fand Cin düſteres Stück Familienleben. 127 in ihm einen Vertheidiger aller ſeiner tollen Streiche, und wenn die großen Summen, welche ihm die Mutter, als er nun hexange⸗ wachſen war, zu ſeinem Aufwande auf der Univerſität und zu ſeinen Reiſen gab, doch nicht ausreichten, ſo half ihm der Doktor Werner auf das Bereitwilligſte mit den gediegenſten Creditbriefen. So wurde Eugen endlich majorenn, und man mußte ihm die Verwaltung des väterlichen Vermögens überlaſſen. An dem Tage, wo ihm die Papiere und Abrechnungen übergeben wurden, hatte der alte Jakob eine längere Unterredung mit ihm, nach wel⸗ cher er auf das Tiefſte erſchüttert ſchien, und an deren Schluſſe ihm der Kammerdiener ſeines verſtorbenen Vaters ein kleines Paket übergab, mit rothem Bande zugebunden und ſchwarz verſiegelt. Der Inhalt jener Unterredung mußte den Juſtizrath, aber auf ſehr unangenehme Weiſe, betreffen; denn Eugen faßte in Folge der⸗ ſelben und von dieſem Augenblicke an eine ſolche Abneigung, ja einen ſolchen Haß gegen ihn, daß er ſich nicht einmal die Mühe gab, denſelben vor dem Betreffenden oder der Mutter zu verbergen. Man kann ſich leicht denken, daß hiedurch zwiſchen Mutter und Sohn die unangenehmſten Scenen vorfielen. Ja dieſe Scenen ſteigerten ſich eines Tages, durch den Juſtizrath hervorgerufen, zu einer ſolchen Heftigkeit, daß Eugen erklärte, er könne und wolle ferner nicht mehr in dem elterlichen Hauſe wohnen. Der Juſtizrath, der ebenfalls auf dieſen Zeitraum, wo Eugen ſelbſtſtändig ins Le⸗ ben trat, gewartet zu haben ſchien, hatte nämlich in einem länge⸗ ren Geſpräch mit ſeinem früheren Schützlinge ſeinen Wunſch, ſich jetzt mit der Mutter deſſelben ehelich zu verbinden, auseinander ge⸗ ſetzt und aufs Beſte motivirt. Eugen hatte ihm aber hierauf tro⸗ cken erklärt, er als Sohn könne und wolle dieſe Heirath nie zu⸗ geben; da er jedoch wohl wiſſe, daß er geſetzlich keine Einſprache dagegen zu erheben im Stande ſei, ſo wolle er dies hiemit privatim thun und, wie er hoffe und glaube, aufs Allerkräftigſte. Und dazu hatte er dem Juſtizrath einige geheimnißvolle Worte geſagt und 128 Neuntes Kapitel. ihm etwas gezeigt, worüber dieſer ſich entfärbt und worauf er die Unterredung kurz und ſchnell abgebrochen. Eugen verließ darauf wirklich das elterliche Haus, und die Staatsräthin, ſeine Mutter, die ihn für einen ungerathenen, ver⸗ lorenen Sohn hielt— er wurde ihr beſtändig ſo geſchildert— ließ ihn achſelzuckend ziehen. Seit jener Zeit war es das einzige Dichten und Trachten des Juſtizrathes geweſen, jenes Etwas in ſeine Hände zu bekommen, aber bisher immer vergeblich. Aufmerkſam folgte er dem ganzen Leben des jungen Stillfried, und ſah und hörte mit Vergnügen, wie dieſer ſich zu Hauſe und auf Reiſen in den wildeſten Strudel der Vergnügungen ſtürzte, wie er große Summen wegwarf, wie er ſeine Revenuen erſchöpfte, und anfing, das väterliche Kapital⸗Ver⸗ mögen anzugreifen. Wo es ihm möglich war, that er dem Leicht⸗ ſinne dieſes jungen Menſchen allen erdenklichen Vorſchub und führte ihm unſichtbar Freunde und Freundinnen zu, die ihm helfen ſollten, ſeine Geſundheit und ſein Vermögen zu ruiniren, oder, was letzte⸗ res anbetraf, ihn wenigſtens in ſolche Verlegenheiten zu ſtürzen, daß er ſich endlich genöthigt ſähe, wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm, nach einer rettenden Hand zu greifen, die ihn aus ſei⸗ nen Verlegenheiten, ſei's auch um jeden Preis, herausriſſe. Der Juſtizrath hätte um jenes Paketchen mit Freuden ſein ganzes Vermögen gegeben und hätte Jeden als ſeinen Freund und Retter umarmt, der ihm geſagt:„Gieb mir deine ererbten, deine mühſam erworbenen und erſparten hunderttauſend Gulden, ſei ein Bettler, aber dafür liefere ich in deine Hand jenes Etwas, nach dem deine Seele lechzt!“— Dergleichen Wünſche waren aber bisher immer vergeblich geweſen. Eugen Stillfried war weder ein Ver⸗ ſchwender noch hatte er Hang zu einem liederlichen Leben: er trank nur, wenn ſeine Kameraden mit ihm tranken, er ſpielte nur, wenn ſie ihn dazu nöthigten, und machte große Einkäufe unnützer Dinge, wenn Jemand auf irgend eine Art ihm eine Veranlaſſung hiezu gab. Er Ein düſteres Stück Familienleben. 129 hatte für eben genannte Vergnügungen durchaus keine Leidenſchaft, und wenn er ſich ihnen hingab, ſo geſchah es, weil er gerade nichts Beſſeres zu thun wußte. Mit ſeinen Neigungen zum anderen Ge⸗ ſchlechte verhielt es ſich gerade ſo; auch hier war er ruhig und ließ ſich vom Strome ſeines Lebens, vom jedesmaligen Augenblicke treiben. Führte ihn dieſer hie und da an reizende Ufergeſtade und warf ihn unter Blüthenduft zu den Füßen eines ſchönen Weibes nieder, ſo blieb er dort, genoß, was zu genießen war, bis eine neue Welle von dieſem Ufer ihn wieder in den Strom riß, und dann ließ er ſich ebenfalls ohne vieles Widerſtreben davon tragen. Er wandte kaum den Blick ſehnſüchtig zurück; er kämpfte nicht mit der Fluth, um dorthin zurück zu kehren, wo ihm gerungene Hände nach⸗ winkten, und thränende Augen wie geöffnete Arme ſchmerzlich auf ſeine Wiederkehr harrten. Ein ſolcher Charakter war nun ſchwer zu faſſen. Das ſah der Juſtizrath mit tiefſtem Grimme ein. Und hiezu kam noch, daß Eugen auf einer Reiſe ſeinen früheren Lehrer wieder fand, als die⸗ ſer eben im Begriffe war, ſich in einem Dorfe vor dem Hungertode zu ſchützen, indem er etlichen ſechszig Kindern mit verſchiedenen⸗ Prügeln und guten Worten das A B C und ein ſolides Stück Chriſtenthum einbläute. Mit Freuden ergriff der Schulmeiſter die Hand ſeines ehemaligen Zöglings und zog mit ihm in die Reſidenz zurück als ſein Freund, ſein Geſellſchafter, ſein Sekretär, Verwalter und luſtiger Rath. Konnte er ein glücklicheres Loos finden?! Eugen'’s Bibliothek— die Bücher derſelben erwieſen ſich als ſehr beſtaubt— ſtand ihm in der freundlichen Parterre⸗Wohnung zu Dienſten; er hatte keine Sorgen, er lebte ſeinen Studien in all den Stunden, wo er nicht genöthigt war, mit Eugen in den Straßen der Stadt auf Entdeckungen auszugehen, wie dieſer es nannte. Dieſe Entdeckungsreiſen waren an ſich ziemlich harmloſer Natur und beſchränkten ſich auf ein großartiges Flaniren; nur zur Meßzeit Hackländers Werke. X. 9 8 2 130 Neuntes Kapitel. und bei großen Märkten dehnten ſie ſich zu einer Arbeit aus; denn alsdann konnte es Eugen nicht unterlaſſen, ſämmtliche Buden, die dort aufgebaut waren, mochten ſie nun Menagerieen enthalten oder eine Affenkomödie, oder ein Panorama, oder Wachsfiguren, im ausgedehnteſten Maßſtabe mit ſeiner Gegenwart zu beehren. Vom Morgen an, wo der Kerl im ſchmierigen Tricot zum erſten Male draußen in die Trompete ſtieß, bis zum Abend, wo die trübe bren⸗ nenden Oellampen endlich erloſchen, durchſtreifte Eugen die Sehens⸗ würdigkeiten, weniger dieſen ſelbſt zu Liebe, als dem großen Intereſſe, das er an dem zigeunerartigen Leben der Buden⸗Eigenthümer ſelbſt nahm. Das war eine harte Zeit für den luſtigen Rath; denn er mochte ſich bei derartigen Veranlaſſungen auch nicht eine Stunde lang von ſeinem Freunde trennen, indem er beſtändig fürchtete, ihn wieder einmal einen ſehr extravaganten Streich ausführen zu ſehen, wie Eugen früher ſchon einmal gethan. Da hatte er ſich nämlich, mit ſchlechten Kleidern angethan, zu dem Eigenthümer einer Affen⸗ Komödie begeben und demſelben ſeine Dienſte als Sekretär und Billet⸗Abnehmer angeboten. Da er hier ſeine Bedingungen außer⸗ ordentlich billig geſtellt, ſo war er mit dem Prinzipal handelseinig geworden, hatte ſeinen Bedienten entlaſſen, ſeine Wohnung zuge⸗ ſchloſſen und war mit der Affenkomödie auf und davon gezogen. Doch hatte er ſchon kurze Zeit darauf eine für ihn ſehr unange⸗ nehme Scene mit der Prinzipalin zu beſtehen, und er verließ da⸗ her ihre Geſellſchaft bald wieder, und wir glauben ſogar, wie ſein Vorgänger aus der heiligen Schrift, ebenfalls mit Zurücklaſſung ſeines Mantels. Doch ſprach er noch lange Zeit nachher mit großem Vergnügen von dieſer Kunſtreiſe und erzählte dem verdrießlich zuhorchenden luſtigen Rath viel merkwürdige Scenen davon, und wie dieſes freie ungebundene Leben ſo etwas überaus Köſtliches, etwas Urſprüngli⸗ ches darbiete, und wie dieſes Dahinziehen durch Feld und Wald, 4 Ein düſteres Stück Familienleben. 131 heute mit Mangel kämpfend und morgen im Ueberfluſſe lebend, die Nerven ſtärke und das Herz erfriſche. Für den Juſtizrath aber war die Anſtellung des luſtigen Ra⸗ thes bei Eugen ein wahrer Dolchſtoß geweſen. Er ſah denſelben überwacht und geleitet, er ſah ſeine beſten Plane durchkreuzt und vernichtet, ſeine ſchönſten Minen für den Ruin des jungen Men⸗ ſchen durch kräftige Gegenarbeiten zerſtört. Er hatte alles Mögli⸗ che gethan, um jenes Bündniß zu löſen und dieſe Beiden aus ein⸗ ander zu bringen— Alles war vergebens! Und der luſtige Rath hielt ſich ſeinem Herrn gegenüber in den gehörigen Schranken. Er war offen und ehrlich, treu, ergeben, ſprach ſeine Meinung unver⸗ hohlen aus und flößte hiedurch ſeinem jungen Freunde ein unbe⸗ gränztes Zutrauen ein. Eugen fühlte wohl, wie nothwendig er ein ſolches Gegengewicht brauche, das ihn jetzt empor hielt, wenn er im Begriffe war, ſich zu tief in den Schmutz des alltäglichen Le⸗ bens zu tauchen, und das ihn jetzt nieder hielt, wenn er in hoch⸗ fliegenden, excentriſchen Planen Zeit und Geld wegzuwerfen im Be⸗ griffe war. Nachdem der Juſtizrath geſehen, daß er nicht im Stande war, dieſen guten Geiſt von der Seite Eugen's zu nehmen, beſchloß er ſeinerſeits, nun noch eine böſe Gewalt hinzuzufügen, die jenem ent⸗ gegen für ſeine Plane wirke und ſchaffe. Er hatte hierzu den Be⸗ dienten Joſeph auserſehen, den getreuen Pierrot, und es war ihm nach unſäglicher Mühe gelungen, dieſen, wie wir bereits wiſſen, in die Dienſte Eugen Stillfried's zu bringen. Zehntes Kapitel. Zehntes Kapitel. In welchem der geneiate Leſer dem heiteren Zwiegeſpräch der Diener verſchiedenrr Häufer, ſowie einem Rapporte beiwohnt, aus dem er den Charakter des früher erwähnten getrenen Dieners noch genauer kennen lernt. Der getreue Pierrot hatte an jenem Morgen nach dem Kaffee⸗ Frühſtück einige Ausgänge zu beſorgen und verließ die Wohnung ſeines Herrn und die Alleeſtraße mit einem behaglichen Gefühl. Zum erſten Male ſchien es ihm gelungen, in einer delikaten An⸗ gelegenheit zwiſchen den luſtigen Rath und ſeinen Herrn getreten zu ſein, und ſich das Vertrauen des Letzteren in einem höheren Grade als ſonſt erworben zu haben. Die ſchöne Katharina ſaß alſo doch in dem Herzen Eugen's feſt, das glaubte der getreue Diener mit vollem Recht annehmen zu können. Von dieſer Angelegenheit wollte der luſtige Rath nichts wiſſen, das hatte Pierrot geſtern Abend trotz ſeines tiefen Schlafes und heftigen Schnarchens ſehr wohl vernommen. Ja— in dem Spiel wollte er keine Karte an⸗ rühren.—„Aſierzndentl lich ſchön!“ ſagte Joſeph zu ſich ſelber; „allein kann mein Herr darin nichts thun, ich habe mich ihm als ſehr kundig in dieſen Wegen gezeigt— er hat mich angehört, er hat mir ſogar, und mit eigenen Worten, geſagt: laß den Schul⸗ meiſter nichts davon wiſſen.— Schön! wir wollen nunſer Möglichſtes thun!“ Während dieſes heiteren Selbſtgeſpräches ſchritt der treue Diener mit luſtiger Miene dahin, den Hut keck aufs rechte Ohr geſetzt, beide Hände in den Hoſentaſchen, und im Maule eine von ſeines Herrn beſten Cigarren. Er hielt bei ſeinen Ausgängen ſtets die Mitte der Straße und ſchlenderte mit ausgeſuchter Faulheit dahin. Die gute Seele that dies, um ihre Kollegen zu ärgern, die im Eifer des Geſchäfts durch die Straßen hin und her rann⸗ ten, im Schweiße ihres Angeſichts ihr Brod verdienen mußten und — ————— Ein Rapport. 133 ſich nicht wenig über den dummen und faulen Kollegen ereiferten. Vor allen Läden blieb dieſer ſtehen, ſchaute nach den ausgeſtellten Waaren und nach den Dienſtmädchen in der ganzen Stadt, und obgleich Pierrot, wie ſchon bekannt, außerordentlich häßlich war, ſo ſprachen doch die hübſcheſten Mädchen mit ihm: erſtens weil er immer die Taſchen voll Geld und geſtohlenem Zuckerwerk hatte, zweitens und hauptſächlich aber darum, weil er die häßlichen Kolle⸗ ginnen nie auch nur eines Zlickes würdigte. Er führte dieſe Taktik ſo pünktlich und meiſterhaft durch auf der Straße, auf Pro⸗ menaden, auf Bällen, indem er nur mit den Schönſten des ſchönen Geſchlechtes ſprach und tanzte, daß er immer geſucht war und ſich jede, die mit ihm geſehen wurde, einbildete, nicht zu den Häßlichen zu gehören.— Die Züge ſeines Geſichts, die zu Hauſe in der Wohnung ſeines Herrn eine unendliche Schlaffheit und Dummheit ausſprachen, veränderten ſich auf eine merkwürdige Art, wenn er ſo- allein auf der Straße dahin ſchritt. Da zog er ſein breites Maul ſpitzig, wie das eines Karpfen, zuſammen, ſeine Augenbrauen ſenkten ſich herab aus ihrer lächerlichen Höhe und beſchatteten, wie bei anderen Menſchen auch, ſeine nun freundlichen, ja ſchelmiſchen Blicke. Der treue Joſeph pflegte auf ſeinen langen und häufigen Spaziergängen ſtets das Angenehme mit dem Nützlichen zu ver⸗ einigen. Das Angenehme beſtand in dieſem Herumlungern an ſich, das Nützliche dagegen zog er aus allen möglichen Spionagen, aus klei⸗ nen Einkäufen, die er auf Rechnung ſeines Herrn, aber für ſich ſelbſt beſorgte, namentlich aus Abzügen an Rechnungen, die er bei den Kaufleuten aus reiner Vergeßlichkeit machte. Heute Morgen aber hatte er ſeinen Rapport beim Juſtizrath. Da die beſtimmte Stunde hiezu noch nicht gekommen war, ſo ſchlenderte er zu ſeinem eigenen Nutzen und Frommen in den Straßen umher. Bei dem alten Stillfried'ſchen Hauſe pflegte er 1 134 1 Zehntes Kapitel. häufig vorüber zu gehen. Er betrachtete dieſes große, ſtattliche Gebäude gern und lange, er kam ſich ſelbſt als der Erbe deſſelben vor, war aber noch nicht mit ſich ins Reine darüber gekommen, ob es nützlicher ſei, das Haus dereinſt zu verkaufen oder ſelbſt zu beziehen. Er neigte ſich aber ſehr zur letzteren Anſicht hin. Er, im jetzigen Augenblicke der einzige Bediente ſeines Herrn, mußte nothwendiger Weiſe zum erſten Kammerdiener vorrücken. Zu dieſem Geſchäfte gehörte eine anſtändige Wohnung, und einige Zimmer droben im zweiten Stock waren gar nicht zu verachten; das Haus hatte überdies ſo kühle, angenehme Räume und einen außerordentlich großen und wohlangefüllten Weinkeller. Bis da⸗ hin wäre der luſtige Rath ebenfalls beſeitigt, und Joſeph, der treue Joſeph, hatte alsdann alle Macht in der ganzen Wirthſchaft. Das waren ſeine angenehmſten und liebſten Träume und ſie drängten ſich ſeinem Geiſte beſtändig auf, ſowie er ſich dem alten Stillfried'ſchen Hauſe näherte. Die bejahrten, gebrechlichen Leute, die man jetzt dort noch duldete, würden ſpäter ſchleunigſt entfernt. Pierrot aber hatte ſich feſt entſchloſſen, ihnen keine Penſion aus⸗ zahlen zu laſſen. Er haßte ſie gründlich, wie er überhaupt alle ehrlichen Leute haßte.„Du lieber Gott“— konnte er zu ſich ſelbſt ſagen—„wie lange Jahre haben die Leute dort in ihrem Fett geſeſſen! Was für Kapitalien müſſen ſie zuſammen gehäuft und auf die Seite gebracht haben! Es iſt in der That unverant⸗ wortlich; denn, wenn ich das Ding im rechten Licht anſehe, ſo beſtehlen ſie eigentlich nicht meinen Herrn, ſondern mich, dieſe Gauner! mich um mein Bischen ſauer erworbenes Brod— pfui Teufel!“ Damit ſpuckte Joſeph heftig auf die Seite und nahm ſich vor, dieſes Mal bei dem alten Stillfried'ſchen Hauſe vorüber zu gehen, ohne dem alten Jakob und Martin, dem Kutſcher, die am Thore ſtanden, einen Blick, geſchweige denn ein Wort zu gönnen. Doch ſein gutes Herz ſiegte, wie ſo oft in dieſem Leben, und er konnte ſich nicht enthalten, ſeine Schritte, die einen großen Bo⸗ Ein Rapport. 4 135 gen um das Haus herum beſchreiben wollten, gerade auf daſſelbe und die beiden alten Diener hinzulenken. Er nahm dabei eine ſo feierliche Miene, wie nur immer möglich, an, und hielt den Kopf ſehr ſteif und ſtark nach der rechten Seite hin, wodurch ihm bei⸗ nahe der Hut heruntergefallen wäre. Hierdurch aber erhob ſich ſeine Naſe außerordentlich hoch, das Maul mit der Cigarre ebenfalls, und er war auf dieſe Art im Stande, majeſtätiſch auf ſeine beiden Kollegen herab zu blicken. Die beiden alten Leute, die ihn ſo mit ſteifen Knieen und weiten Schritten plötzlich auf das Haus losſteuern ſahen, konnten ſich eines Lächelns nicht erwehren, als Joſeph nun zu ihnen trat und ſich in ſehr herablaſſendem Tone nach ihrem Befinden erkun⸗ digte. Hiebei ſtellte er ſein rechtes Bein auf die oberſte Stufe der Steintreppe vor dem Hauſe, zog ein gelbſeidenes Sacktuch(ſeines Herrn) aus der Taſche und fächelte den Staub von ſeinen Schuhen und Gamaſchen. „Ich hatte mir nicht eingebildet,“ ſagte der alte Kammer⸗ diener Jakob mit einem ruhigen Lächeln,„daß der Herr Joſeph es noch der Mühe werth gefunden hätte, uns einen guten Morgen zu wünſchen.“ „O,“ fügte Martin bei,„es iſt ſehr ſchön, wenn man nicht ſtolz iſt.“ Pierrot that ein paar große Züge aus ſeiner Cigarre und ſagte, an ihm habe es noch nie gelegen, daß die Dienerſchaft beider Hänſer, die doch eigentlich zuſammen gehörten, oftmals in Unfrie⸗ den gelebt. „Die Dienerſchaft beider Häuſer?“ fragte der Kammerdiener; „und wer iſt denn eigentlich die Dienerſchaft des eurigen? Habt ihr euch vermehrt, oder behilft ſich der Herr Eugen immer noch ſo mit Euch, Monſieur Joſeph?“ „Von„Behelfen“ kann gar keine Rede ſein,“ verſetzte ſtolz der Diener des jüngeren Hauſes;„glauben Sie mir, Herr Kammer⸗ Zehntes Kapitel. diener, wir thun unſere Pflicht aufs Genaueſte, und dieſer Kopf und dieſe beiden Hände thun gerade ſo viel allein, als in gewiſſen anderen Häuſern geſchieht, wo es Kammerdiener, Kutſcher, Haus⸗ hälterinnen, Köchinnen für eine einzige alte Dame gibt.“ „Das muß ſchon wahr ſein,“ ſagte Martin, der Kutſcher, lachend;„es nimmt mich eigentlich auch Wunder, wie er mit den beiden Händen und einem ſolchen Kopfe das ganze Geſchäft allein betreibt, wenn man obendrein bedenkt, daß es keine Stunde des Tages gibt, wo man nicht eure ganze Dienerſchaft im Bierhauſe oder auf der Straße findet.“— „Ich will Ihnen etwas ſagen, Monſieur Joſeph,“ meinte der Kammerdiener;„unſer Haus iſt hier ein Haus, ein reſpektables Haus, wie ſichs gehört, reſpektal von oben bis unten, bis zu der Dienerſchaft und das eurige...“ „Nun, was iſt das anſrige?“ fragte der getreue Pierrot. „Nun, das eurige— Gott ſei es geklagt!— iſt ebenfalls ein Haus und ebenfalls...“ „Was ebenfalls?“ „Reſpektabel, gerade ſo, wie ſeine Dienerſchaft.“ „Ich glaube,“ ſagte Joſeph einiger Maßen gereizt,„das ſoll eine verdeckte Grobheit ſein!“ „Sehr verdeckt iſt ſie gerade nicht!“ lachte Martin, der Kut⸗ ſcher,„aber man kann Euch nicht anders begegnen; ich weiß wahrhaftig nicht, lieber Freund Joſeph, Euer Geſicht hat etwas ſo außerordentlich Herausforderndes, es iſt, was man ſo auf Deutſch ein Ohrfeigengeſicht nennt. Nichts für ungut, lieber Joſeph, Ihr wißt, Ihr habt ſo ſelbſt geſagt, ich ſei ein barſcher, grober Kerl, und das iſt bei Gott wahr; ich kann es mir nun einmal nicht abgewöhnen.“ Die Dienerſchaft des jüngeren Hauſes ſah nach dieſer aller⸗ dings keineswegs ſehr ſchmeichelhaften Aeußerung bald den Einen, bald den Andern fragend an. Eine Grobheit wollte er gerade 4 Ein Rapport. 137 nicht erwidern— er hielt es unter ſeiner Würde— und etwas Beißendes, Pikantes, Niederſchmetterndes, das er ihnen gern geſagt hätte, ſiel ihm unglücklicher Weiſe nicht ein. Er dachte aber da⸗ für: lacht nur, ihr alten Gauner, es wird doch einſtens die Zeit kommen, wo ich in dieſes Haus und zwiſchen euch hineinfahren werde wie ein böſes Wetter, und da ſoll alsdann keine Schonung gelten. Sichtlich beruhigt und innerlich erfreut durch dieſe kollegiali⸗ ſchen Gedanken, ſetzte Joſeph gleichmütbig ſcheinend, den linken Fuß auf die Treppe und ſtäubte auch deſſen Schuh und Gamaſche mit dem gelbſeidenen Sacktuche ab. „Er ſchüttelt an unſerer Pforte den Stanb von ſeinen Füßen,“ ſagte der alte Kammerdiener,„und man kann es ihm eigentlich nicht übel nehmen, daß er uns verwünſcht und verflucht. Wir führen ein ſo ruhiges, behagliches Leben; unſer Dienſt iſt unter uns viele vertheilt, und dann tragen wir nur Waſſer auf einer Schulter; wir brauchen— Gott ſei Dank!— nicht zweien Herren zu dienen.“ Pierrot zuckte mit den Augen, ſein Herz wurde zornig und beſtürzt und in Folge deſſen ſein Maul ſo breit, daß die Cigarre faſt herausgefallen wäre. Doch bezwang er ſich in ſo weit, daß er dem Kammerdiener nur einen Blick der tiefſten Verachtung zu⸗ ſchleuderte und ſich dann achſelzuckend zu Martin wandte, als wollte er ſagen:„der alte Mann wird kindiſch und boshaft, laſſen wir ihm dieſe Grille!“ Martin aber lachte dem Pierrot ob dieſer Pantomime laut ins Geſicht und ſagte dann zu Jakob, dem Kammerdiener:„Es mag nun ſein, wie es will, und man ſoll unſerem Freunde Joſeph alles Schlechte nachſagen:„Eins aber iſt und bleibt wahr, er hat ein gutes und vortreffliches Gemüth.“ „Ja wohl,“ antwortete der Kammerdiener, indem er ruhig und bedächtig eine Prieſe nahm,„er kann nicht haſſen.“ 4 8 — 138 Zehntes Kapitel. „Wie jene Frau!“ fuhr der Kutſcher ungemein luſtig fort; „Jakob, Ihr ſolltet unſerem Freunde dieſe Geſchichte erzählen.“ „Warum nicht?“ entgegnete dieſer und ſchob ſeine Doſe in die Taſche,„wenn er es wünſcht.“ Pierrot hatte zu allen möglichen guten Eigenſchaften auch die minder vorzügliche, daß er ſehr mißtrauiſch und neugierig war. Dieſe beiden Fehler ergänzten ſich und gingen Hand in Hand. Aus dem Mißtrauen entſprang die Neugierde und oft aus der be⸗ friedigten Neugierde das größte Mißtrauen. Da er aber im gegen⸗ wärtigen Augenblicke nicht thun wollte, als ſei ihm an jener Geſchichte beſonders gelegen, ſo wandte er den Kopf ab und ſchaute angelegentlich die Straße hinunter. Dabei ſtrengte er aber ſeine Ohren aufs äußerſte an. „Die Geſchichte war ſo,“ erzählte der Kammerdiener:„Eine Frau, welche man wegen Diebſtahls und Spionage— auch wegen Spio⸗ nage— kurz, wegen fortgeſetzten ſchlechten Lebenswandels aufge⸗ griffen, wurde durch die Straßen der Stadt und zum Thore hinaus gepeitſcht.— Was that dieſe Frau nun, nachdem ſie draußen auf dem freien Felde gewartet, bis es wieder dunkel geworden? Sie kam zu einem anderen Thore wieder herein, indem ſie bei ſich ſelbſt ſagte: Ich kann nun einmal nicht haſſen!“ „So ergehts auch unſerem Freunde Joſeph,“ ſagte unbändig lachend der Kutſcher:„wenn wir ihn auch mit unſeren Worten rechts die Straße hinabpeitſchen und denken, er ſieht unſer Haus nicht mehr an, ſo kommt er nach ein paar Tagen links wieder herauf; er kann ebenfalls nicht haſſen!“ Pierrot war auf dieſe Erzählung und dieſe Worte hin einen Augenblick unſchlüſſig, wie er ſich zu benehmen habe. Er ballte ſchon ſeine Fäuſte zuſammen, um dem Kutſcher durch einen kräftigen Stoß auf den Magen zu antworten. Doch beſann er ſich eines Beſſeren. Er dachte an das große, einſame Haus, vor welchem er ſtand, und meinte, es wäre möglich, daß jenſeits des harmloſen Ein Rapport. 139 Thores deſſelben ein Hinterhalt laure, der ihn dort hineinziehe und grauſam behandle und vielleicht— dieſen Kerlen war Alles zuzutrauen— ſeinem koſtbaren Leben ein ſchleuniges Ende zu bereiten gedachte. Deßhalb begnügte er ſich damit, ſeinen Hut ſo ſchief auf den Kopf zu drücken, daß er faſt ſein ganzes rechtes Ohr bedeckte. Dann ſpie er vor den Beiden verächtlich auf den Boden, ſteckte ſeine Hände ſtolz in die Hoſentaſchen und ging mit dem Ausdrucke der ſouverainſten Verachtung von dannen. Doch wollen wir ſein zartes Gefühl nicht ſo weit verdächtigen, indem wir ſagen, dieſe auffallende Scene habe den getreuen Poſeph nicht bis ins Innerſte ſeiner Seele verletzt. Er ballte ſeine Hände krampfhaft in den Taſchen und that einen feierlichen Schwur, er wolle ſich für die Behandlung, welche ihm die beiden alten Eſel angethan, aufs Entſetzlichſte rächen. Im Grunde aber hatten die Beiden nicht ſo Unrecht gehabt, wenn ſie ſeinen Charakter mit dem jener hinausgepeitſchten Frau verglichen. Es war in der That der Wahrheit gemäß: Joſeph konnte nicht haſſen, und wie er ſo die Straße hinabſtieg, Sonnen⸗ ſchein rings umher, wie ihm ſo viele fröhliche Geſichter begegneten, ſo mancher Kamerad, der ihn mit pfiffig zugekniffenem Auge grüßte, ſo viele hübſche Dienſtmädchen, die ihm aufs Freundlichſte guten Tag ſagten, da öffnete er langſam ſein finſter verſchloſſenes Herz wieder und ließ durch ſeine Bruſt beſſere und ſanftere Gefühle ziehen. Sein Geſicht glättete ſich ebenfalls und nahm einen gleich⸗ müthigen, heiteren Charakter an, ſo ungefähr wie Pierrot auf dem Theater, wenn er jetzt endlich erfahren hat, wo ſich die Schüſſel mit geſchmelzten Maccaroni befindet. So gelangte er vor das Haus des Juſtizrathes Doktor Werner. Che er in die Hausthüre trat, warf er einen Blick auf die benachbarte Kirchthurmuhr. Richtig! es war genau um die eilfte Stunde, die Zeit ſeiner gewöhnlichen Audienz. Joſeph nahm 140 Zehntes Kapitel. ſchon unten im Hausgange ſeinen Hut herunter— wir hätten beinahe zu ſagen vergeſſen, daß er ſchon hundert Schritte vor dem Hauſe ſelbſt ſeine Cigarre weggeworfen und ſich den Mund mit dem gelbſeidenen Sacktuche aufs Sauberſte abgewiſcht— der getreue Pierrot alſo nahm ſeinen Hnt in die rechte Hand und ſtieg die Treppen hinauf in den erſten Stock, öffnete geräuſchlos eine Glasthür, die nur angelehnt ſchien, ſchaute ringsum, als in dieſem Augenblicke aus einer Thüre neben der Treppe ein. alter Bedienter heraustrat mit dem mürriſchſten Geſichte von der Welt. Dieſer Bediente hatte ganz das Ausſehen eines bösartigen Hundes, dem es das größte Vergnügen macht, einem fremden An⸗ kömmlinge in die Waden zu beißen, und der ſelbſt den Wohlbe⸗ kannten knurrend und zähnefletſchend umſchleicht, als ſei er eben im Begriff, alle beſſeren Gefühle zu verläugnen und ſelbſt über die eigene Freundſchaft herzufallen. Die Frage, die der Bediente jetzt that:„So, ſeid Ihr's, Joſeph?“ erklang wie die Stimme des Oger, der zuerſt die armen unſchuldigen Kinder zu ſich herein lockt, um ſie alsdann aufzufreſſen. Darauf wiſchte er ſich mit ſeiner großen Hand das Maul und ſagte:„Spaziert nur herein, Ihr müßt einen Augenblick warten, der Herr Juſtizrath ſind ſoeben beſchäftigt.“ Joſeph that, wie ihm geheißen, und trat in das Stübchen neben der Thüre. Er ſtellte ſich beſcheiden neben den Ofen, hielt ſeinen Hut in beiden Händen und ſchaute den anderen Bedienten mit dem dümmſten Geſichtsausdruck an, deſſen er fähig war. Dieſer ſchlich brummend im Zimmer auf und ab; bald warf er hier einen Pack Akten vom Tiſch herunter, bald hob er dort ein anderes Bündel auf und legte es auf den Stuhl. Joſeph ſchaute ſeinen Bewegungen aufmerkſam zu, und als der mürriſche Bediente ihn einen Augenblick anſah, erlaubte er ſich die Frage, wie ſich der Herr Kollege wohl eigentlich befinde. Der alſo Angeredete blieb mit einem Male plötzich ſtill ſtehen, hielt wie erſtaunt ein ſchweres Aktenbündel, das er eben Ein Rapport. 141 auf den Boden werfen wollte, in der Hand und antwortete:„Es wird wohl Niemanden in der Welt viel bekümmern, wie ich mich befinde!“ Joſeph zuckte mit den Achſeln und ſchaute anſcheinend ganz gleichgültig zum Fenſter hinaus, doch behielt er dabei immer den herumſchleichenden Alten im Auge; denn er hatte die ſchreckliche Idee, daß das beſtändige mürriſche, bösartige Weſen deſſelben von einem tiefgewurzelten Gemüthsübel herrühren müſſe, von einem verſteckten und auf einmal wiederkehrenden Wahnſinn zum Beiſpiel. Auch erſchien es ihm gar nicht unmöglich, daß der Alte früher ein⸗ mal von einem tollen Hunde gebiſſen worden ſei, welch! ſchreckliche Krankheit nun in jedem Augenblicke ausbrechen könne. So viel war richtig: der alte Mann hatte eine merkwürdige Angewohnheit, welche darin beſtand, jeden Augenblick den Mund ohne alle weitere Urſache zu öffnen und dann wieder zuzuklappen, ſo daß die Zähne mit Geräuſch aufeinander fielen; er ſchien mit Einem Wort nach etwas Unſichtbarem zu ſchnappen. Und dies beſonders erregte dem getreuen Pierrot einen wahren Abſcheu und, wenn er längere Zeit, namentlich des Abends, auf den Iuſtizrath warten mußte, oftmals eine unausſprechliche Angſt. Heute wurde er indeſſen bald erlöst. Im Nebenzimmer wurde die Klingel gezogen, der alte mürriſche Bediente ging hinaus, nicht ohne vorher wenige Zoll vor der Naſe Joſeph's ſeine Zähne heftig zuſammen zu klappen. Und als er wieder zurückkam, öffnete er blos die Thüre und ſagte:„Er ſoll hinein kommen!“ Joſeph ſchlüpfte behende über den Corridor und hielt dabei ſeinen Hut auf den Rücken, um ſich auf ſolche Art vor einem hin⸗ terliſtigen Angriff oder Biß zu ſchützen. Er hörte deutlich, wie der Alte drüben, ehe er ſeine Thüre zuſchloß, noch ein paar Mal heftig die Zähne zuſammen ſchlug, als lechze er nach ſeinem ent⸗ ſchwundenen Biſſen. 3 Der Juſtizrath ſaß in ſeinem Zimmer an einem Schreibtiſche, — ——————— 142 Zehntes Kapitel. der mit Akten und Büchern bedeckt war. Auf dem Boden lagen Zeitungen, beſchriebene Papiere und Fascikel aller Art. Der Juſtizrath hatte die Gewohnheit, ein geleſenes Blatt, eine fertige Arbeit auf den Boden zu werfen, wo es die Schreiber nachher zuſammen ſuchten und zur Ausarbeitung mit in ihre Zimmer nahmen. Joſeph blieb an der Thüre ſtehen— ſein Geſicht hatte den gewöhnlichen dummen Ausdruck angenommen, doch beſchattete eine gewiſſe Schwermuth ſeine breiten Züge. Der Juſtizrath ſchaute einen Augenblick in die Höhe, dann ſchrieb er wieder eifrig fort, warf hier ein Blatt Papier auf den Boden und legte die andern neben ſich hin. Mit einer Handbewegung befahl er dem Bedienten, näher zu treten, ſchloß hierauf eine kleine Schublade ſeines Schreibpultes auf und nahm ein Buch heraus, das er vor ſich hin legte. Da es uns, die wir unſichtbar zugegen ſind, erlaubt iſt, einen kleinen Blick über die Schultern des Juſtiz⸗ rathes in jenes Buch zu thun, ſo wollen wir dem geneigten Leſer anvertrauen, daß in demſelben alle Rapporte des getreuen Pierrot aufs Genaueſte von der Hand des Juſtizrathes aufgezeichnet und von jenem eigenhändig unterſchrieben waren. Es war dies ein förmliches Protokoll, das über jeden Rapport aufgenommen wurde, und der Juſtizrath bezweckte damit einestheils, ſeinem Gedächtniſſe zu Hülfe zu kommen, um nach Wochen, Monaten, erſehen zu können, was an dieſem oder jenem Tage im Hauſe des jungen Eugen vor⸗ gefallen, anderntheils aber auch, den treuen Joſeph zu zwingen, ſich der vollkommenſten Wahrheit und Gründlichkeit zu befleißigen; denn ein geſchriebenes Wort war nicht wegzuläugnen, und wenn etwas Widerſprechendes vorkam, ſo brauchte der Juſtizrath nur ein Blatt aufzuſchlagen, auf dem die gleiche Sache verzeichnet ſtand, um den Berichterſtatter davon zu überzeugen. „Nun, was gibt's Neues?“ ſagte der Juſtizrath, nachdem Ein Rapport. 143 3 er jenes Buch aufgeſchlagen,„was hat ſich in den letzten drei Tugen bei euch ereignet?“ „Es iſt faſt Alles beim Alten,“ ſagte Joſeph, und der weh⸗ müthige Ausdruck ſeines Geſichtes gewann für einen Augenblick die Oberhand.„Die Beiden haben die gewöhnlichen Dinge ge⸗ macht; viel Geld iſt nicht ausgegeben worden; ſpät nach Hauſe kommen ſie auch nicht; auffallende Beſuche ſind auch keine da ge⸗ weſen. Der Schulmeiſter paßt ärger auf als je; er hat jetzt, wie ich genau weiß, nicht blos das ganze Hausweſen, ſondern auch die Verrechnung ſämmtlicher Kapitalien und Gelder an ſich gezogen. Seine Unterſchrift gilt bei dem Banquier ſo gut wie die meines Herrn, und dabei läßt er ihn keinen Augenblick aus dem Geſicht. Es gelingt mir höchſt ſelten, ein Wort unter vier Augen anzubringen. „Ruhig, ruhig,“ verſetzte lächelnd der Juſtizrath.„Gemach— gemach— Alles in der Ordnung! denn in einem ſolchen Durch⸗ einander, wie du mir eben vorgetragen, kann ich nicht klar ſehen. Eines nach dem Anderen!“— Er nahm damit eine Feder zur Hand und legte das Buch offen vor ſich hin. „Alſo keine Beſuche von Bedeutung da geweſen?— Niemand Fremdes, den wir noch nicht notirt?“ „Niemand!“ ſagte Joſeph nachdrücklich. „Und von älteren Bekannten,“ fuhr der Juſtizrath fort,„keiner ſehr häufig dageweſen oder auffallend lange geblieben?“ „Niemand, daß ich wüßte,“ ſagte der Bediente nach aberma⸗ ligem Beſinnen. „Und die bewußte kleine Perſon, die wir unter der Hand ſo außerordentlich empfohlen— wie hieß ſie doch?“ „Mamſell Pauline,“ antwortete Joſeph. „Richtig, dieſelbe!“ ſagte der Juſtizrath,„ſie hat ſich nicht mehr ſehen laſſen?“ —mʒÿxÿmõ—— 144 Zehntes Kapitel. „O ja,“ antwortete ſeufzend der treue Diener,„ſie ließ ſich wohl noch einige Mal ſehen, wurde aber nicht angenommen.“ „Und wer wies ſie ab?“ fragte der Andere weiter. „Mehrere Mal der Schulmeiſter,“ antwortete Joſeph,„einmal der Herr ſelber.“ „So, Eugen ſelber wies ſie einmal ab?“ ſagte der Juſtizrath nach einem kurzen Beſinnen.—„Mit der iſt alſo nichts mehr zu machen? Das iſt unangenehm!“— Er machte nach dieſen Worten eine kleine Bemerkung in ſeinem Buche. 3 „Und der Zeitpunkt, an welchem ſie abgewieſen wurde,“ forſchte er alsdann weiter,„fällt, wie du ſchon einigemal ſagteſt, genau in jene Zeit, wo er das erſte Bouquet vom Markte mit nach Hauſe brachte?“ „Ja wohl, Herr Juſtizrath.“ antwortete Joſeph. „So erzähle mir nun,“ ſagte Jener und lehnte ſich in ſeinen Schreibſtuhl zurück,„was iſt in dieſer Angelegenheit in den letzten Tagen geſchehen?“ „Ach, Herr Juſtizrath,“ erzählte Joſeph, und die Melancholie trat abermals auf ſeinem Geſichte auffallend zu Tage,„wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, jenen verdammten Schulmeiſter aus dem Hauſe zu bringen! Die beſten Vorſätze, die mein Herr faßt, werden von dem Andern zu Schanden gemacht. In all' den drei Tagen ſind ſie nicht ein einziges Mal nach zwölf Uhr nach Hauſe gekommen.(Eingeladen wird auch Niemand mehr,“ Champagner wird faſt gar keiner getrunken. Glauben ſie mir, Herr Juſtizrath, der Herr ließe ſich mit dem Mädchen in alle möglichen Geſchichten ein— aber wenn er einmal einen guten Entſchluß gefaßt, ſo⸗ theilt er ihn gewöhnlich dem Schulmeiſter mit, und der bringt ihn allzeit wieder herum.“ „Mir ſcheint,“ antwortete der Juſtizrath ſehr ernſt,„du fängſt an, die Geſchichte einiger Maßen lahm zu betreiben, Monſieur Joſeph. Du gibſt dir keine rechte Mühe mehr! Ich glaube faſt, du dienſt Ein Rapport. 145 mir nicht, wie du ſollteſt! Denk an unſeren Vertrag und vergiß nicht, was dort oben in jener Ecke der Aktenfascikel mit weißer 3 Schnur umbunden für eine Bedeutung hat. Wenn ich mich ge⸗ nöthigt ſehe, ihn zufälliger Weiſe einmal wieder zu öffnen und eine Partie daraus hervorzuſuchen— du kennſt dieſelbe, ſie iſt un⸗ gefähr folgender Maßen unterſchrieben: Wichtige Indicien gegen Joſeph Schlimmbach, in Betreff der Falſchmünzer⸗Geſchichte von A und B— ſo— nun verſtehſt du mich?“ Der Juſtizrath hatte dieſe Worte mit außerordentlicher Lang⸗ ſamkeit geſprochen und blätterte darauf in ſeinem Buche, wodurch er dem getreuen Joſeph Zeit ließ, einen ſchüchternen Blick nach der betreffenden Ecke zu ſenden. Dort lag der beſchriebene Fascikel ſehr bemerkbar, breit und ſchwer, ja ordentlich herausfordernd, und die weiße Schnur, die darum gebunden, war eigentlich mehr Strick als Schnur und machte auf die geängſtigte Seele des treuen Pierrot einen ſehr unangenehmen Eindruck. Doch kehrten nach einigem Beſinnen ſeine Zlicke zuverſichtli⸗. cher zum Juſtizrathe zurück, er räuſperte ſich gelinde und ſagte alsdann:„Der Herr Juſtizrath thun mir wahrhaftig Unrecht, ich thue gewiß, was in meinen Kräften ſteht. Heute Morgen gelang es mir denn auch, einige nicht unwichtige Worte anzubringen— verſteht ſich, bei dem Herrn allein— die nicht ohne gute Folgen bleiben können.“ „Alſo doch!“ ſagte der Juſtizrath lächelnd. „Geſtern Abend hörte ich in meinem Nebenzimmer,“ fuhr Jo⸗ ſeph fort,„wie der Schulmeiſter ſich wie gewöhnlich bemühte, dem Herrn dieſe Angelegenheit aus dem Kopfe zu reden, und wie er ſich hoch und theuer verſchwor, zu etwas dergleichen nie ſeine Hand reichen zu wollen, zu einer Sache, die doch nur zum Unglück des Herrn ausſchlagen könne.“ „Zu ſeinem Unglück!“ wiederholte der Juſtizrath nachdenkend, „Hackländers Werke. X. 10 146 Zehntes Kapitel. und fuhr forſchend fort:„Und auf welche Art zu ſeinem Unglück, meinte er wohl? Sprach er ſich nicht darüber aus?“ „Nicht ganz genau,“ entgegnete Joſeph.„Ich glaube aber, er meinte wohl, daß eine Heirath mit der Tochter der Gemüſe⸗ händlerin...“ „Ah ſo!“ lächelte der Juſtizrath, ihn unterbrechend,„da ſcheint mir der ſchlaue Schulmeiſter doch auf einer falſchen Fährte zu ſein.— Aber weiter in deinem Bericht!“ „Ich ſprach ihm alſo davon,“ fuhr Joſeph fort,„daß ich eine Bekannte habe, die einen Weinſchank hält in der Nähe des Hauſes der Frau Schoppelmann, und daß man von einem Fenſter dieſer Schenke in das Zimmer der ſchönen Katharine ſehen könne.“ „Und dem iſt ſo?“ fragte der Juſtizrath aufmerkſam. „Gewiß!“ antwortete Joſeph,„und ich ſchlug ihm vor, ich wolle ihn an einem der nächſten Abende in jenes Haus führen; man könne, ſagte ich ihm, ganz genau hinüberſehen, man könne zuſammen ſprechen, ja das Fenſter der ſchönen Katharina ſei vom Boden beinahe mit der Hand zu erreichen.“ „Gut, gut,“ ſagte der Juſtizrath.„Und wie nahm er dieſe Nachricht auf? Mit großer Freude?“ „Ja, es ſchien ihn ziemlich zu intereſſiren, auch befahl er mir, ich ſolle ja dem Schulmeiſter hievon nichts mittheilen.“ „Das iſt das Beſte,“ ſagte der Juſtizrath.„Aber,“ ſetzte er nach einem längeren Nachſinnen hinzu,„wie lange wird es dauern, daß er ſich für jenes Mädchen intereſſirt? und wird ſein Intereſſe ſo groß ſein, daß er etwas dafür wagt? Und wagen muß er, ſonſt hilft uns auch dieſer Plan wieder nichts.— Er muß zur Nachtzeit in das Zimmer des Mädchens dringen,“ ſprach er zu ſich ſelber ſo leiſe, daß Joſeph nichts davon verſtand,„er muß dort überraſcht werden, durch mich feſtgehalten, es muß etwas mehr dahinter ſtecken, als eine gewöhnliche Liebesgeſchichte, ich muß mich veranlaßt ſehen Ein Rapport. 147 können, ſeine Wohnung unterſuchen zu laſſen und ſeine Papiere mit Beſchlag zu belegen.“ „Und was das Andere betrifft,“ fragte Joſeph ſchüchtern nach einer Pauſe,„das, worüber ich ſchon einige Male berichtete, was den Herrn Juſtizrath ſehr zu intereſſiren ſchien, darin läßt ſich alſo nichts thun?“ 1 Der Juſtizrath gab auf dieſe Frage nicht ſogleich Antwort, doch ſtand er von ſeinem Schreibſtuhle auf, legte die Hände auf den Rücken und ging einige Minuten nachdenkend auf und nieder. Er wußte ganz genau, was ſein getreuer Helfer ſagen wollte, und es war ihm von der größten Wichtigkeit, denn es handelte ſich um jenes Etwas, das er mit Einem Griff hätte erreichen können, und das auf Umwegen zu erlangen er die weiteſten und feinſt ge⸗ ſponnenen Netze legte: jenes Päckchen nämlich mit rothen Bändeln, ſchwarz verſiegelt. Joſeph hatte ihm ſchon einige Mal geſagt, daß des Nachts, wenn Eugen Stillfried allein in ſeinem Schlafzimmer war oder ſich wenigſteus allein glaubte, er alsdann zuweilen ſein Schreibpult öffne, eine kleine Kaſſette herausnehme, dieſe auf⸗ ſchließe und ein Päckchen betrachte mit rothen Bändeln, ſchwarz geſiegelt. Wie hatte der Juſtizrath gezittert, als er die erſte Kunde hie⸗ von erhielt! Einen Auftrag an Joſeph, ein paar falſche Schlüſſel, die leicht anzufertigen waren— und er hatte erreicht, mit einem Male erreicht, wonach er mit ganzer Seele, wonach er ſo ſehnſüch⸗ tig verlangte. Aber er hatte nicht den Muth, ſeinen Helfer wiſſen zu laſſen, um was es ſich eigentlich bei Eugen Stillfried handle, was er zu erreichen gedachte, was er bezweckte, indem er ihn, Jo⸗ ſeph Schlimmbach, den Falſchmünzer, zum Aufpaſſer ſeines Herrn geſetzt. Er zitterte ſchon bei dem Gedanken, daß Jener die ge⸗ ringſte Ahnung davon haben könne, welchen unſchätzbaren Werth jenes Päckchen für ihn habe. Er traute dem ehrlich ſcheinenden Gauner nicht, der vor ihm ſtand, und wenn er ihm heute den Auf⸗ Zehntes Kapitel. trag gegeben hätte: ſtiehl mir jenes Packet aus dem Schreibpulte deines Herrn! ſo hätte er ſich einen Augenblick verzweiflungsvoll an die Stirn geſchlagen, daß er einen Theil ſeines Geheimniſſes Jenem verrathen. Nein! nein! ihm war es genug, zu wiſſen, wo ſich jenes Päckchen wohlverwahrt befinde. Er hatte nicht Luſt, es 2 in die Hände des getreuen Pierrot fallen zu laſſen, denn er wußte 1 wohl, welche Schlauheit ſich bei dieſem unter der Maske der Dumm⸗ heit verbarg. Konnte er nicht neugierig ſein und den Inhalt jener Papiere erfahren, und konnte darauf der Falſchmünzer, deſſen Frei⸗ heit, ja, deſſen Leben in ſeiner Hand lag, nicht mit jenen entſetz⸗ lichen Zeugniſſen bewaffnet vor ihn hintreten und ihn, den Mann ohne Tadel, den gefürchteten Richter, zum elenden, erbärmlichen Sklaven machen? Er ſchauderte jedesmal bei dieſem Gedanken, und ſo oft ihm Joſeph von der geheimnißvollen Schublade ſprach, ſchüttelte er, freilich gezwungen lächelnd, den Kopf und ſagte:„Gott ſoll mich 1 bewahren, daß ich dich einen Diebſtahl begehen heiße, davor nimm dich ja in Acht! Ein ſolches Wegnehmen gewiß an ſich unbedeu⸗ tender Papiere müßte für dich zu böſen Häuſern führen. Ich ſelbſt könnte dich dann nicht mehr retten. Diebſtahl an ſeinem Herrn!— Laß mich ja nicht weiter von dir darüher hören!“ Damit war der Rapport für heute geſchloſſen. Der Juſtizrath legte ſein Buch weg und ſagte alsdann:„Du haſt nun vorder⸗ hand nichts Dringenderes zu thun, als deinen Herrn, ſo bald wie möglich in jenes Haus zu führen. Geſchieht dies des Abends, und kann er ſie bei der Gelegenheit ſprechen— du wirſt mich begrei⸗. fen— ſo iſt das deſto beſſer.“ Hierauf winkte ihm der Juſtizrath mit der Hand, und Joſeph 6 verließ mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer. Er eilte ſo ſchnell er konnte über den Corridor nach der Treppe; denn er fürchtete immer, der alte Bediente komme wieder zum Vorſchein und ſchnappe auf ſeine gräßliche Art ndch ihm. Der Gebrüder Schoppelmann Jagd. 149 Eilftes Kapitel. Die Gebrüder Schoppelmann erfreuen ſich einer eigenthümlichen Jagd, und während wir dabei von anmuthigen Liedern hören, machen wir die traurige Erfahrung, wie viel Verdorbenheit im Allgemeinen unter den Menſchen zu finden iſt. „ Wenn man durch den Hof des Schoppelmann ſſchen Hauſes in jenes Gewölbe oder jene Vorhalle trat, welche dem geneigten Leſer aus dem erſten Kapitel unſerer, der Wahrheit getreuen Geſchichte bereits bekannt iſt, ſo hatte man über ſich das Zimmer der ſchönen Katharina. Das Haus hatte auch neben dieſem weiter keine Ge⸗ mächer, welche von der Schoppelmann'’ſchen Familie benutzt worden wären; doch befand ſich neben dem Zimmer Katharinens eine kleine ſteinerne Wendeltreppe, welche in einen oberen Stock führte, deſſen Appartements von der Madame Schoppelmann, wie wir ebenfalls bereits wiſſen, vermiethet waren. Hier wohnten unter Anderen Jungfer Clementine Strebeling und die ſündhafte Choriſtin des königlichen Hoftheaters. Das Ge⸗ wölbe unten, das Comtoir der Madame Schoppelmann, hatte außer dem Thore, das in den Hof führte, rechts und links Seitenthüren. Dieſe führten links in das Schlafgemach der Wittwe ſelber, und die Fenſter dieſes Schlafgemaches gingen auf den Hof, auf welche Art denn die Beſitzerin faſt ihr ganzes Waarenlager, Todtes und Lebendiges, das heißt Gemüſe⸗ und Kartoffelhaufen, Obſt, Getreide, Geflügel, Ferkel und dergleichen, im Auge hatte. Die Thüre rechts ging aus dem Gewölbe in ein anderes Zimmer, eine Art Vorraths⸗ kammer. Hier befanden ſich Fiſche, Wildpret, feinere Obſtſorten und dergleichen Dinge an den Wänden aufgehängt oder in Kiſten und Kaſten aller Art und die Fiſche in Zubern mit friſchem Waſſer.. Dieſe Vorrathskammer bildete eine Ecke des Hauſes; an ſie 150 Eilftes Kapitel. grenzte rechts ein Pferdeſtall, links ein Zimmer, in welches wir uns nun begeben wollen, da wir genöthigt ſind, demſelben, ſowie deſſen Bewohnern, einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Es iſt näm⸗ lich das Wohn⸗, Schlaf⸗ und Arbeitszimmer der beden Herren Schoppelmann. Die Fenſter dieſes Zimmers gingen auf die be⸗ uachbarte Straße, und das Gemach ſelbſt bildete mit der Mauer, in welcher im Entreſol das Schlafzimmer der ſchönen Katharina war, einen rechten Winkel. Die Gaſſe, die hinten vorbei ging, war kaum als ſolche zu nennen und ſo unbedeutend, daß man es nicht einmal der Mühe werth gefunden hatte, ihr einen Namen zu geben. Sie war an den meiſten Stellen nicht fünf Fuß breit und erweiterte ſich nur gerade hinter dem Schoppelmannſſchen Hauſe durch die Ecke, welche dieſes in ſich bildete, einigermaßen. Nur durch dieſe ſchmale Gaſſe getrennt, befand ſich neben der Wohnung der beiden Schoppelmann das Nachbarhaus, ein altes, melancholiſches Gebäude mit ſchiefem Dach und engen Fenſtern, die durch die vielen Flüſſigkeiten aller Art, welche man dort befugter oder unbefugter Weiſe herausgoß, und deren Spuren an der Mauer deutlich ſichtbar waren, wie ebenſo viele triefende Augen aus⸗ ſahen. Dieſes alte Haus war eine Art Penſionat mit kleinen, elen⸗ den Zimmern, einer noch erbärmlicheren Küche— ſowohl das Gemach ſelbſt, als die Produkte, welche aus derſelben hervorgingen. In dieſem Hauſe wohnten junge Leute, die auf eine Anſtellung warteten, oder die ſich auf ein Examen vorbereiteten, arme, unbe⸗ kannte Künſtler, die ein Portrait für fünf Gulden malten, junge Schullehrergehülfen, die es vorzogen, ſtatt unter den Augen des Schulmonarchen und Gattin, hier ihr dürftiges Brod in Ruhe und Frieden zu genießen. Letztere waren wohl die vornehmeren Bewohner dieſes Hau⸗ ſes: ihrer vier hatten zwei der beſten Zimmer, und die Fenſter derſelben gingen nach jenem kleinen Winkel des Schoppelmann'ſchen 44 Der Gebrüder Schoppelmann Jagd. 151 Hauſes. In dieſen zwei Zimmern befand ſich ein einziges Klavier, das aber abwechſelnd von einem der vier Schulgehülfen maltraitirt wurde und auf dieſe Art den ganzen Tag in den verſchiedenſten Mol-, Dur- und Mißtonarten der geſammten Nachbarſchaft ſein jammervolles Daſein kund gab. Glücklicherweiſe war aber die Nachbarſchaft, welche gezwungen war, dieſen Concerten zuzuhören, weder zahlreich, noch unduldſam. Die ſchöne Katharina, welche dieſe Muſik aus erſter Hand hatte, ſog, wie auch ein Schmetterling in den giftigen Blumen Honig findet, aus dieſem Klaviergeſeufze angenehme Erinnerungen beſſerer Klänge, die ſie ſchon gehört. Das Ohr der Frau Schoppelmann Mutter war durch das Gackern ihrer Hühner, das Grunzen ihrer Ferkel, ſowie durch die harten Stimmen ihrer Kolleginnen nicht verwöhnt, weßhalb ihrem Ohre die Klagetöne von dort drüben durchaus nicht wehe thaten. Was die jungen Schoppelmänner Söhne anbelangte, ſo waren dieſe wohl die Einzigen, die an den Fingerübungen der Schulgehülfen einiges Wohlgefallen hatten. Es war doch wenigſtens Muſik; und wenn die drüben mit Accompagnement einer Flöte und Violine arbeiteten, ſo übertönten dieſe Inſtrumente die Stimmen der jungen Schoppel⸗ männer vollkommen, und ſie konnten über ihre Plane und Entwürfe ohne daß ſie hätten fürchten müſſen, alsdann ziemlich laut ſprechen, von der Mutter gehört und verſtanden zu werden. Bewegte ſich aber die Muſik drüben in leiſen, klagenden Melodieen, ſo ließ ſich vortrefflich dabei einſchlafen,— ein Geſchäft, dem die beiden jun⸗ gen Leute, wenn ſie zu Hauſe waren; aufs Eifrigſte obzuliegen pflegten. Neben dem muſikaliſchen Hauſe war ein anderes angebaut, welches mit dieſem einen ſtumpfen Winkel bildete, wodurch die eine Seite deſſelben ſich der Ecke des Schoppelmann ſchen Hauſes wieder näherte und die Gaſſe dadurch bedeutend verengte. Das Ganze bildete nun auf dieſe Art einen harmloſen, aber ziemlich ſchmutzigen Winkel. Eilftes Kapitel. Dieſes letzte Haus war eine Weinſchenke, und zwar die, welche der getreue Pierrot im vorigen Kapitel erwähnt. Die Wände der⸗ ſelben waren aufs Mannigfaltigſte und ſehr trübe gefärbt, die Fenſter in ihnen erblindet und auf mehreren Stellen, wo Scheiben fehlten, mit Papier verklebt. Durch zahlreiche Dachrinnen von Blech und Holz ſchien man das ganze Regenwaſſer von ſämmtlichen Häuſern, die hier mit ihren Hintertheilen zuſammenſtießen, in dieſen Winkel geleitet zu haben, wodurch derſelbe bei naſſem Wetter unſauber und ſchmutzig, ja für reinliche Leute faſt ganz unzugänglich war. An den Fenſtern des muſikaliſchen Hauſes befanden ſich morſche Blumenbeete, auf welche man neben einigen verdorrten und verwelk⸗ ten Geranien und Reſeden hie und da einen üppig wuchernden Kapuziner ſah, der mit ſeinen breiten, ſaftig grünen Blättern und goldgelben Blumen eine angenehme Abwechslung des verſchoſſenen Braun und trüben Grau war, welches man hier allenthalben ent⸗ deckte. Zwiſchen dieſen Blumenreſten lag verſchiedenes Geſchirr, Milchtöpfe, alte Kaffeetaſſen und dergleichen, welche die ohnehin kleinen Tiſche des Zimmers verengten und nun hier zugleich mit halb geleerten Weinflaſchen und alten Tabakspfeifen, wie auf einer allgemeinen Etagère, ausgeſtellt waren. Gemäß einer Uebereinkunft zwiſchen dieſen Häuſern, welche den Winkel bildeten, hatte man nach allen Richtungen Waſchſeile angebracht, und zu Zeiten, wo dieſe vollſtändig beſetzt waren, ſah dieſer Winkel aus wie ein kleines Zeltdach von allen ⸗möglichen Farben. Das herabſtrömende Regenwaſſer floß auf den Boden in ein paar offene Kanäle, die nach der Nebenſtraße zuliefen, um ſich dort mit ihrem unſauberen Inhalte ſogleich ſchamvoll unter dem Straßenpflaſter zu verlieren. Dieſe Kanäle, eine nicht ſehr ange⸗ nehme Zugabe des Winkels, waren trotz ihrer Unſauberkeit und ihres Geruches eine Quelle großen Vergnügens für die beiden Herren Schoppelmann. Hier hielt ſich nämlich zu allen Zeiten des ————— —— —— — — Der Gebrüder Schoppelmann Jagd. Tages eine Unzahl Ratten auf, die ſo frech und zudringlich waren, daß ſie ſich kaum von vorübergehenden Leuten verſcheuchen ließen; und dieſe Thiere waren von jenen beiden jungen Herren für jagd⸗ bar erklärt worden; ſie wurden von ihnen in Schlingen gefangen und geſchoſſen, und dieſe Beſchäftigung war ihnen ein ausgezeich⸗ neter Zeitvertreib. Um in das Zimmer dieſer Beiden zu gelangen, brauchen wir nicht den großen Umweg durch das Thor über den Hof und durch eine Vorhalle zu machen. Die Fenſter dieſes Gemaches, von alten Zeiten her mit kunſtreichen, ſtarken Gittern verſehen, hatten jene Herren behufs des ungenirten Beſuches der nachbarlichen Wein⸗ ſchenke auf eine ſehr ſinnreiche Art praktikabel gemacht. Sie hatten eines der Gitter aus den Kloben gebrochen, die es in der Mauer feſt hielten, und dieſe dahin abgeändert, daß eine kundige Hand das ſchwere Gitter ſo weit vom Fenſter entfernen konnte, daß eine Perſon bequem durchzuſchlüpfen vermochte. Wenn wir hierauf das Gemach betreten, ſo merken wir vor allen Dingen, daß es mit der freundlichen, ſauberen Einrichtung jenes der Schweſter auf's Auffallendſte contraſtirte. Hier ſah man nichts von reinlichen Wänden, hellen Vorhängen, friſch gewaſche⸗ nem Fußboden; Alles hatte hier einen urſprünglichen Schmutzüberzug, und es wäre unmöglich geweſen, mit einiger Genauigkeit anzuge⸗ ben, in welcher Farbe Decke, Wände und Fußboden einſt dem Auge gelächelt. Alles hier ſah aus wie eine Fortſetzung des Win⸗ kels draußen. Das Meublement dieſes Gemaches beſtand aus zwei Betten mit Strohſäcken und Matratzen, die gewiß vor nicht langer Zeit ſauber und ordentlich geweſen waren, doch ſah jetzt Alles verwühlt und nachläßig aus. Die Decken zu dieſen Betten hingen auf den Boden hinab, die Kopfkiſſen befanden ſich auf der Fenſterbank als ſanfte Unterlage für die aufgeſtemmten Arme desjenigen, der gerade hinaus ſah. In der Mitte befand ſich ein Tiſch, darauf ein paar 154 Eilftes Kapitel. ſchwere Ledergamaſchen, ein runder Jägerhut, eine Fuhrmanns⸗ peitſche, ein Krug Bier mit zwei Gläſern. Das einzige Saubere, was man im ganzen Gemache wahr⸗ nahm, waren zwei doppelte Jagdgewehre, die an der Wand hingen, nebſt Hirſchfänger, Kugel⸗ und Jagdtaſche, ſowie ein paar große Reiterpiſtolen. Dieſe Gegenſtände erblickte man, wie geſagt, auf's Beſte geputzt, ja glänzend heraus ſtrahlend aus dem allgemeinen Schmutzchaos. 2 Der älteſte Sohn der Gemüſehändlerin, Fritz, der Fuhrmann⸗ lag auf dem einen Bette ausgeſtreckt, beide Hände unter dem Kopfe, und ſchien auszuruhen von gehabten Anſtrengungen. Doch ſchlief er nicht; vielmehr gab er auf's Genaueſte Achtung auf die Beweg⸗ ungen ſeines Bruders, der vor einem der Fenſter kauerte und hinter den Kopfkiſſen, von denen wir vorhin ſprachen, die er in Art einer Schutzwehr um ſich aufgethürmt hatte. In der Hand hielt er ein kleines Gewehr von jener Konſtruktion, aus dem man ohne Pulver, nur durch die Kraft der meſſingenen Zündkapſel eine kleine Kugel mit ziemlicher Gewalt forttreibt. Er ſpähte ſorgſam auf den Winkel hinaus und ſprach nach einer kleinen Pauſe: „Weiß der Teufel, was die Bälge heute treiben! Jetzt warte ich ſchon eine halbe Stunde, und es kommt mir keine zum Schuß. Sonſt iſt das Zeug frech wie Galgenholz und tritt einem faſt auf den Füßen herum, heute aber wollen ſie aus ihrer verfluchten Röhre gar nicht heraus.'s iſt gerade, als wüßten ſie, daß man hier auf ſie lauert.“ „Meinſt du nicht,“ ſagte Fritz, der Fuhrmann,„daß es ihnen heute zu ſtill im Winkel iſt? Ich glaube faſt; du wirſt ſehen, ſo⸗ bald die Schulmeiſter drüben anfangen zu ſpielen, da ſpringen die Ratten wie wahnſinnig heraus.“ „Das kann ſchon ſein,“ murrte der Jäger am Fenſter.—„Ich glaube, du haſt Recht. Nur begreife ich nicht, warum die Kerle Der Gebrüder Schoppelmann Jagd. 1⁵⁵ drüben nicht wieder anfangen, ihr Klavier zu prügeln.„Jetzt iſt es ſchon eine Viertelſtunde, daß man keinen Ton hört.“ Sie thun es vielleicht abſichtlich,“ meinte der Fuhrmann„das ſieht ihnen ſchon ähnlich, um uns die Jagd zu verderben.“ Den armen Schullehrergehülfen geſchah mit dieſer böswilligen Vorausſetzung offenbares Unrecht; denn im nächſten Augenblicke begann das Concert drüben brillanter als je. Nicht nur jammerte das Klavier, ſondern auch eine Violine klagte die Grauſamkeit des⸗ jenigen Menſchen an, der mit dem Fiedelbogen über ſeine Saiten ſtrich, ohne auch nur die allergeringſte Befugniß hiezu zu haben. „Du haſt die ſchönſten Augen— Mein Liebchen, was willſt du noch mehr?“ wehklagte es von drüben herüber. Und der Jäger am Fenſter hatte vollkommen Recht. Es war in der That, als verſtänden auch die Ratten dieſe Töne der Liebe und Sehnſucht. „Bſt! bſt!“ machte er hinter dem Kopfkiſſen, und winkte ſei⸗ nem Bruder, der eben ſprechen wollte, mit der Hand, er möge ſtill ſein. Dann ballte er die Fauſt, als wollte er ſagen:„es kommt mir ein dickes, rundes Wildpret zu Schuß;“ und dann zählte er mit den Fingern Eins, Zwei, Drei— es ſeien ebenſo viele Stücke. Der Fuhrmann erhob ſich leiſe aus ſeiner liegenden Stellung, und da er ſo im Stande war, über den Kopf des Jägers hinweg zu blicken, bemerkte er zu ſeiner großen Freude eine dicke Ratte, von zwei kleineren gefolgt, die aus einer der Waſſerröhren herab⸗ ſchoſſen, indem ſie anfingen, im Kanal zu wühlen. Jetzt hob der Jäger langſam das Gewehr in die Höhe, legte es an die rechte Backe, zielte einen Augenblick und drückte dann los. Die kleine Flinte machte nicht viel Geräuſch, es gab einen unbedeutenden Schlag; aber das Ziel war getroffen, die Wirkung der Kugel erwies ſich drüben im Kanal als außerordentlich mör⸗ 156 3 Eilftes Kapitel. deriſch. Die dicke Ratte ſtürzte mit dem Kopfe vorwärts in den grünen Schlamm, in dem ſie gewühlt, und blieb da regungslos liegen. Die beiden kleinen Ratten ſprangen entſetzt in die Waſſer⸗ röhre zurück, und droben jubilirten Klavier und Violine. Sie fluch⸗ ten dem Mörder da unten und beklagten das unglückliche Schlacht⸗ opfer. „Du haſt mich zu Grunde gerichtet— 6 .„ Mein Liebchen, was willſt du noch mehr?“ dhut K Vorderhand aber ſchien der Jäger an dieſem einen Opfer ge⸗ nug zu haben; denn er erhob ſich aus ſeiner knieenden Stellung, putzte das Schloß des Gewehres mit einem wollenen Lappen rein ab und trug es dann langſam dem Tiſche zu. „Es iſt heute kein Vergnügen,“ ſagte er alsdann;„bei dem warmen Wetter iſt gar kein Leben in den Beſtien. Da ſtellen ſie ſich faul vor den Schuß, man könnte ſie mit der Schlafmütze todt werfen. Da iſt mirs in der Dämmerung viel lieber, wenn ſie ſo durch einander wuſeln und luſtig hin und her rennen.— Willſt du einen Schuß thun?“ „Ich danke dir,“ erwiderte der Fuhrmann,„ich habe nicht die geringſte Luſt dazu. Weißt du was— ſetz das Gewehr in die Ecke und komm einen Augenblick hieher. Ich habe dir etwas Wichtiges mitzutheilen.“ 2 Der Jäger that, wie ihm der Andere geheißen. Er legte das Gewehr an die Fenſterbrüſtung und warf ſich neben ſeinen Bru⸗ der auf das Bett, welches unter dieſer Doppellaſt in allen Fugen krachte. „Du weißt ſo gut wie ich,“ ſprach nun der Fuhrmann,„daß die Alte immer verdrießlicher, immer knauſeriger wird. Es iſt wahr⸗ haftig kein Sinn und Verſtand darin, daß wir mit den paar Kreu⸗ zern auskommen ſollen, die ſie uns in die Taſche fallen läßt. Der Nebenverdienſt iſt ganz ſchlecht geworden; ein wohlfeiler Einkauf, 4 Der Gebrüder Schoppelmann Jagd. 157 wofür uns etwas abfiele, iſt faſt gar nie mehr zu machen, und wenn was abfällt, iſt es verflucht wenig.“ „Das iſt ſchon wahr,“ meinte der Jäger nachdenkend,„auch meine Taſchen ſind ganz leer; wenn uns drüben die Frau Schilder in ihrem Weinſchank nicht einen unbegrenzten Kredit gäbe, ſo wäre ich oftmals in Verlegenheit, wo ich einen Schoppen guten Weins her bekäme; denn das muß ich dir ſagen, Fritz, den ſauren Krätzer von der Alten, den kann man unmöglich ſaufen.“ „Unmöglich,“ ſagte feſt und beſtimmt der Andere, und fuhr nach einer Pauſe fort:„Ja, und das iſt wahr, die Frau Schilder iſt ein braves Weib.“ „Sehr anſtändig!“ pflichtete der Jäger bei. „Aber gerade weil ſie ſo anſtändig iſt,“ fuhr der Fuhrmann fort,„möchte ich auf jede Art Geld zuſammen bringen.“ „Für die Schilder.“ „Ja wohl, für ſie,“ ſagte der Fuhrmann.„Daß uns die Frau den Wein borgt, das können wir ganz gut annehmen. Der Teufel! wir ſind ja ſicher genug! Aber ſie hat mir auf einige Zeit Baarſchaften vorgeſtreckt und die möchte ich ihr gern heim⸗ zahlen.“ „So, dir hat ſie auch Geld geliehen?“ lachte der Jäger. „Dir wohl auch?“ fragte raſch dagegen der Fuhrmann, und darauf nickten Beide außerordentlich heiter und vergnügt einan⸗ der zu. „Was meinſt du,“ nahm der Jäger nach einer Pauſe wieder das Wort,„wenn wir die Katharine wieder einmal anpumpten?“ „Oh, die hat nichts Kleines, und ihr großes Geld gibt ſie der Alten zum Aufheben.“ „Ja, da weiß ich wahrhaftig keinen Rath; mit der Nattenjagd kann ich keinen Kreuzer verdienen.“. „Und die andere iſt vorderhand verſchloſſen!“ entgegnete lachend der Fuhrmann. 1⁵58 Eilftes Kapitel. „Das weiß der Teufel!“ ſagte ſeufzend der Bruder,„wenn ſie mich in herrſchaftlichen Revieren erwiſchen, und wenn ich nur ein Stück Holz bei mir hätte, das wie eine Flinte ausſähe— ich bin feſt überzeugt, ſie jagten mir eine Kugel durch den Leib. Das iſt ſehr traurig! Ich weiß einen kapitalen Wechſelhirſch, keine Stunde von hier.“— Dabei blickte er ſehnſüchtig und mit einem tiefen Seufzer zu ſeinen blank geputzten Gewehren empor, die ſo einſam und trauernd neben dem Bette hingen. 4 „Die Frau Schilder,“ begann der Fuhrmann nach einer lan⸗ gen Pauſe,„iſt eine ſehr kluge und umſichtige Frau; ſie hat mir neulich etwas mitgetheilt, wie man auf eine gefahrloſe Art zu einem guten Stück Geld kommen könne.“ „Sollſt du ihr vielleicht wieder ein paar Ferkel von der Alten verkaufen oder einige Säcke neue Kartoffeln und dann ſagen, ſie ſeien geſtohlen worden?“ „Ah, das ſind Kleinigkeiten!“ bemerkte ernſt der Fuhrmaun, „das kann gelegentlich auch wieder vorkommen; aber nein, wir wür⸗ den was Größeres unternehmen. Es iſt eigentlich nur Scherz, aber es kann Geld einbringen, ziemliches Geld, und's iſt ganz ge⸗ fahrlos.“ „Du, du, nimm dich in Acht!“ antwortete der Jäger und ſtützte den Kopf auf die Hand, um ſeinem Bruder in's Geſicht ſehen zu können.„Ich kenne dieſe Späßchen der Frau Schilder; dabei kann unter Umſtänden noch Schimmeres herauskommen, als wenn ich ein Bischen in den friſchen grünen Wald ſpazieren gehe. Nimm dich in Acht!“ „Ja, wenn man nichts wagt, kann man nichts gewinnen,“ brummte der Andere,„und ich verſichere dich, hiebei iſt ſo gut wie gar nichts zu riskiren.“ „Nun, ſo laß hören! Wenn deine Spekulation wirklich ein⸗ träglich iſt und keine große Gefahr dabei, Mitglied einer geſchloſſe⸗ —-9—— — Der Gebrüder Schoppelmann Jagd. 159 nen Geſellſchaft zu werden, ſo könnte ich mich wohl entſchließen, ebenfalls dabei zu ſein.“ „Du kennſt doch da oben die alte Schachtel, die Strebeling?“ „Verſteht ſich, kenne ich ſie; hab' es ja einmal verſucht, etwas mit ihr anzufangen, war aber rein unmöglich— konnte mich nicht zwingen, zärtlich gegen ſie zu ſein, ſonſt wär's gegangen.“ „Da biſt du auf dem Holzweg,“ ſagte der Fuhrmann.„Mit der iſt unſereins nicht im Stande, etwas anzufangen, der ſind wir viel zu leichtſinnige, liederliche Geſellen.“ „Na, laß gut ſein!— Alſo was iſt's mit der Strebeling?“ „Die Strebeling,“ entgegnete der Fuhrmann,„iſt, obgleich ſie ſich nur ſo ſtellt, als könne ſie die Männer nicht leiden, doch im Grunde eine alte verliebte Gans; darum bin ich feſt überzeugt, wenn nur Jemand hinter ſie kommt, der ſich recht ſchüchtern anſtellt und zahm thut und ſchöne Worte an ſie hinfaſelt— und ſo Je⸗ manden zu ſinden, das iſt der Anfang von unſerem Plan.“ „Es wird aber ſehr ſchwer ſein,“ meinte der Jäger,„Jemanden zu finden, der ſich dazu hergibt, der dürren Klappermaſchine da oben ſchön zu thun. Mir graust, wenn ich daran denke.“ „Es findet ſich ſchon Jemand,“ ſagte beſtimmt der Fuhrmann. „Am Ende gar du ſelbſt?“ „Wo denkſt du hin? Ich ſtehe in gleich gutem Andenken, wie du.— Aber höre weiter.— Wenn alſo Jemand gefunden iſt, der mit ihr in ein Verhältniß tritt— es muß natürlich Jemand ſein, auf den wir uns ganz verlaſſen können, einer der Unſrigen— wenn der alſo gefunden iſt, ſo muß er der alten Schachtel droben in den Weg laufen, er muß thun, als ſei er verliebt, aber ſie darf ihn höchſtens ein bis zwei Mal ſprechen, dann macht er plötzlich eine große Reiſe, er verläßt die Stadt, und— ſeine Rolle iſt aus⸗ geſpielt.“— „Davon ſehe ich noch keinen Vortheil,“ ſagte der Jäger. „Das kommt erſt,“ antwortete der Fuhrmann.„Sobald Jener 160 Eilftes Kapitel. abgereist iſt— ſchon nach ein paar Tagen— ſchreibt er ihr einen lamentablen Brief, ſchwört ihr ewige Liebe und Treue und ſagt ihr dann, er habe ein Unglück gehabt; er habe ſeine Brieftaſche verlo⸗ ren, oder er ſei beſtohlen worden und müſſe ſich jetzt durchbetteln, wenn ihn nicht eine freundliche Hand— jetzt paß auf!— aus der Verlegenheit herausreiße.“ Nach dieſen Worten ſtieß der Fuhrmann ſeinen Bruder bedeu⸗ tungsvoll in die Rippen und lächelte ihm fragend zu. Der Jäger hob ſeine Augen gegen die Decke, ſchien eine Weile ernſtlich nachzudenken, dann machte er ein ſpitzes, vergnügliches Maul, ſah ſeinen Bruder gleichfalls lächelnd an und ſagte:„Das iſt nicht ſo übel, dabei könnte was Ordentliches herausſpringen.“ „Nicht wahr?“ „Verflucht geſcheidte Idee!“ fuhr freundlich der Jäger fort. „Ich habe es immer geſagt, die Schilder iſt eine kluge Frau, und ſei nur überzeugt, ſie wird die Briefe ſchreiben, daß es nur ſo kra⸗ chen muß.— Und wann ſoll die Geſchichte vor ſich gehen?“ „So bald als möglich. Die Schilder will ſogar dafür beſorgt ſein,“ ſagte der Fuhrmann,„jene Perſon aufzufinden, die mit der Strebeling anbandelt.“ „Richtig— richtig, und das halte ich gerade für nicht ſo ſchwer,“ ſagte der Jäger,„und ich glaube nicht einmal, daß es nöthig iſt, dieſe Perſon in unſer Geheimniß einzuweihen. Man macht einen Spaß daraus, man ſagt zu jener Perſont, man wolle ſich nur das Vergnügen machen, die Jungfer Strebeling einmal verliebt zu ſehen, und iſt dann Jener einmal abgereist, das heißt, ſobald er der zarten Clementine weiß gemacht, daß er abgereist ſei, ſo iſt er für uns todt und nicht mehr vorhanden; unſere ganze Geſchichte geht ihn ferner nichts mehr an.“ „Du haſt Recht,“ entgegnete der Fuhrmann,„ſo iſt's noch beſſer, und wenn du alſo Mitarbeiter ſein willſt, ſo ſage deine Meinung.“ Der Gebrüder Schoppelmann Jagd. 161 „Ja, was ſollen denn wir eigentlich dabei thun?“ fragte der Jäger. „Narr! die Briefe ſchreiben, das heißt nur abſchreiben; denn wir bekommen ſie von der Schilder vorgeſchrieben— die Schilder verſteht das; ſie iſt eine verflucht geſcheidte Perſon!“ „Briefe ſchreiben? ſeine Schrift aus der Hand geben, und in einer ſolchen Sache? Höre, Fritz, das will überdacht ſein!“ „Bah, bah!“ ſagte der Fuhrmann,„was biſt du auf einmal ſo ängſtlich? Was geht's mich an, was ich ſchreibe, wenn ich es für Jemand anders thue. Die Schilder kommt zum Beiſpiel zu mir und ſagt: Lieber Herr Schoppelmann, da habe ich einen Brief aufgeſetzt, ich führe eine ſehr ſchlechte Handſchrift, thun Sie mir den Gefallen und ſchreiben Sie mir den Wiſch ab. Was werde ich thun? Ich werde Ja ſagen und mich den Teufel darum beküm⸗ mern, was in dem Briefe ſteht. Mag ſie damit anfangen, was ſie will, es iſt mir einerlei. Ich behalte nur ihre Vorſchrift, um die⸗ ſelbe ſpäter zeigen zu können, wenn man mir je etwas anhaben wollte.“ „Ja, ja, da haſt du nicht ganz Unrecht, ſo läßt ſich's machen.“ „Wir brauchen mehrere Handſchriften,“ fuhr der Fuhrmann fort;„bald muß der Liebhaber ſchreiben, bald ſein Bruder, vielleicht auch ſein Vater; es gibt nebenbei einen Hauptſpaß, und dann meint die Schilder, es könnte dabei ein außerordentliches Geld herausſpringen. Die Strebeling hat Batzen genug, und wenn ſo eine alte Scheune einmal anfängt zu brennen, da iſt nicht ſo bald wieder gelöſcht.— Jetzt laß uns aufſtehen, wir wollen die Schil⸗ der einen Augenblick beſuchen, um die Sache noch genauer abzu⸗ ſprechen.“ Hackländers Werke. X. 11 Zwölftes Kapitel. Zwölftes Kapitel. Joſeph⸗Pierrot fällt in einen Blumenkorb, erlebt eine traurige Niederlage und entdeckt mit Schrecken, daß es noch klügere Leute als er auf der Welt gibt. Während ſich hierauf das würdige Brüderpaar erhob, um ſich nach dem Schauplatze einer neuen Thätigkeit, der Weinkneipe der Frau Schilder, zu begeben, ging im gleichen Augenblick auf dem Markt ein anderer unſerer Bekannten ebenfalls dieſem Lokale zu. Dieſes war Monſieur Joſeph⸗Pierrot, der in ſeiner Lieblings⸗ haltung, den Hut auf dem rechten Ohr, die Hände in den Hoſen⸗ taſchen, mit einer friſchen Cigarre im Munde, daher zog. So oft es ſich thun ließ, ging dieſer getreue Diener quer über den Marktplatz, ſo nahe wie möglich an dem Obſt⸗ und Gemüſeſtande der Madame Schoppelmann vorüber. Er ſpähte in ſolchen Fällen nach der ſchönen Katharina und pflegte, wenn ſie alsdann aufblickte, mit möglichſt weit abgewandtem Geſicht vorbei zu ſchreiten. Er wollte damit als feiner Mann ausdrücken:„Du ſiehſt, hier bin ich, aber wenn ich mein Geſicht abwende, thue ich vor aller Welt, als fiele es mir gar nicht ein, nach dir hinüber zu ſchauen.“ Dabei verdrehte er aber ſein rechtes Auge auf eine ent⸗ ſetzliche Art, um trotzdem bemerken zu können, im Falle ihm die ſchöne Katharina einmal winkte, um einen Auftrag oder ſo etwas zu erfüllen. Das war ihm aber bis jetzt noch niemals vorgekommen; denn das Mädchen, ſo ſehr es ſeinen Herrn liebte, und ſo innig, ja ſo ergeben ſie zu ihm aufblickte, war doch viel zu ſtolz, um dem Bedienten nur den vierten Theil eines freundlichen Wortes zu gönnen. Heute war übrigens die ſchöne Katharina nicht mehr bei ihren Körben, und in einem ſolchen Falle, der häufig vorkam, pflegte der treue Pierrot ſich dem Stande der Madame Schoppelmann Joſeph⸗Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 163 zu nähern, um mit der Frau ſelbſt oder den Mägden während des Ankaufs einigen Obſtes eine kleine Unterredung anzuknüpfen. Heute Morgen war Madame Schoppelmann in höchſt eigener Perſon auf dem Markte, und ein feinerer Menſchenkenner, als Joſeph, hätte unfehlbar bem erken müſſen, daß die Dame ſich nicht gerade in der roſenfarbenſten Laune befand. Joſeph indeſſen ſchritt mit ſeinem dummen Geſichte, das er mit einem blödſinnigen Lächeln verziert hatte, gerade auf die Ma⸗ dame Schoppelmann zu und pflanzte ſich in ſeiner ganzen Schönheit vor den Körben auf. Beide ſtanden ſich faſt in der gleichen Haltung gegenüber, nur daß die Frau ihre beiden Arme, ſtatt in ihren Taſchen, auf die breiten Hüften aufgeſtemmt hatte. Wir glauben annehmen zu können, daß die Gemüſehändlerin den Mann, der ſo vor ſie hintrat, genau zu kennen die Ehre hatte, daß ſie wußte, er ſei der Bediente ſeines Herrn. Keine Frage, ob ihm etwas gefällig ſei, begrüßte ihn. Die Frau ſtand unbeweglich, wie ein Koloß, und ſchaute mit einem finſteren Blick in ſein lächelndes Angeſicht. Der gute Pierrot, der gar nicht die Abſicht hatte, beſondere Einkäufe zu machen, kam etwas Weniges aus der Faſſung, als ihn die Frau ſo, man könnte ſagen, herausfordernd, anſchaute, und ſuchte im erſten Augenblicke vergebens nach dem paſſenden Anfang zu einer Rede, und als er endlich ſein großes Maul öffnete und einige Worte ſprach, waren eben dieſe Worte nicht geeignet, Madame Schoppelmann freundlicher für ihn zu ſtimmen. „Ich habe,“ ſagte er ſtotternd,„einen Blumenſtrauß kaufen ſollen, aber...* „Was aber?“ fragte die Gemüſehändlerin laut. „Aber...“ fuhr Joſeph verlegener fort,„von der ſchönen Katharine ſelbſt.“— Er hoffte jetzt, wenn er die Tochter ſchön nenwe, müſſe ſich die Mutter außerordentlich geſchmeichelt fühlen? Dem war aber durchaus nicht ſo. Zwölftes Kapitel. „Wer iſt die ſchöne Katharine?“ rief entrüſtet die Gemüſe⸗ händlerin, und hob einen Augenblick ihre ſchweren Fäuſte aus den Seiten, ſtemmte ſie aber gleich darauf wieder ſo heftig ein, daß ihr ganzes Gebäude leicht erzitterte.—„Wer fragt nach der ſchö⸗ nen Katharine?“ f Pierrot nahm ſeine Cigarre aus dem Munde und lächelte noch dümmer und verlegener als früher. „Gottes Wunder!“ fuhr die Frau fort,„kommt ein ſolcher Hecht, ein ſolcher Livreeſtänder auf offenem Markte zu mir, zu mir, der Frau Schoppelmann,“ ſagte ſie mit vielem Stolze—„und er⸗ laubt ſich, nach der ſchönen Katharine zu fragen. Nehme Er Sich in Acht!— Er— Er— Hauswurſt! und ſuch' Er Seinen Weg auf der andern Seite; hier iſt kein Grund für Ihn— hier kann Er keinen Stab einſchlagen, hier bricht Seine Angelſchnur ent⸗ zwei.— Soll mich Gott bewahren, was es auf der Welt für fre⸗ ches Volk gibt! Ich will Ihm etwas ſagen, Spinnengeweb: nehm“ Er ſich vor der Frau Schoppelmann in Acht! Geh' Er zum Thore hinaus nach dem Kirchhof, oder meinetwegen auch zum Schinder, da liegen mehr ſo Dinger, wie Er iſt.“— Die Frau ſprach ſich offenbar in den Eifer hinein, und holte jetzt tief Athem, da ſie in Folge ihrer heftigen Worte etwas zu verſchwenderiſch mit demſelben umgegangen war. Pierrot, dem bei dieſer Strafpredigt nicht wohl zu Muthe war, und der ſchon bemerkt, wie die nebenan ſitzenden Weiber ſich 3 umwandten und mit Fingern auf ihn wieſen, wollte den Augen⸗ blick des Stillſchweigens der Frau benutzen, um ſich ſachte von dieſem Schlachtfeld zurück zu ziehen; denn ihm ahnete eine noch 3 vollkommenere Niederlage. 4 Er hatte ſich auch hierin nicht getäuſcht; denn kaum verſuchte„f er den beabſichtigten Rückſchritt, ſo fuhr die rechte Fauſt der Ma⸗ ⸗ dame Schoppelmann aus ihrer ruhenden Stellung auf, faßte ihe plötzlich in der Gegend des Halſes, wo aus dem ſchwarzen xuche 8 Seele. Joſeph⸗Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 165 ein paar violet geſtreifte Vatermörder emporwucherten, und ver⸗ pflanzte ihn mit einem kräftigen Ruck vom Pflaſter des Marktes unglücklicher Weiſe mitten in einen Korb hinein, wo er ſich plötz⸗ lich in Blumen befand— eine Trauerweide zwiſchen zertretenen Blüthen. Es war ein außerordentlich komiſcher Anblick, und Joſeph hatte ſeine Faſſung vollſtändig verloren und zitterte an Leib und „Da ſteht Er nun!“ ſagte triumphirend die Frau,„und ehe Er, miſerabler Storch, aus dem Salate da wieder heraus ſpaziert, will Ich ihm noch zwei Worte ſagen; Er iſt mir gerade recht in den Wurf gekommen, und ich habe mir ſchon lange den Augenblick herbei gewünſcht, Seine nähere Bekanntſchaft zu machen. Da meint ſo ein Tagedieb, ſo ein Tellerlecker und Stiefelwichſer, weil er da ein paar bunte Fetzen auf dem Leibe hat, ſei er was Rechtes gewor⸗ den und könne ſich unterſtehen, zu glauben, ich ſei gerade hier auf dem Markte anweſend, damit man ſo nichtsnutzige Fragen an mich thue, und ich, die Frau Schoppelmann, müßte einen Knix ma⸗ chen— ſo— und wieder ſo— und noch einmal ſo, und freundlich fragen, was dem gnädigen Herrn zu Befehl ſtände.“ Die Knigxe, welche Frau Schoppelmann hiezu wirklich machte, waren gewiſſermaßen fürchterlich anzuſehen; und wenn ſie ſo tief hinab ſank und ihre Röcke ſich dabei zu einer unendlichen Weite ausdehnten, und nun ſich darauf wieder erhob, ſo duckte ſich in dieſem Augenblick Pierrot etwas auf die Erde; denn er befürchtete, jetzt ſei der Moment gekommen, wo ſich die Strafpredigt in ein Aten⸗ tat auf ſeine dicken Backen verwandle. Hiedurch kam es, daß er ebenfalls drei Mal knixte, gerade wie die Frau Schoppelmann. „Aber ich will dem gnädigen Herrn nur ſagen,“ fuhr die Frau ironiſch fort,„daß er künftig in eigenen Angelegenheiten, ſowie in denen ſeines ſauberen Herrn weit klüger thut, wenn er in einem großen Umweg um meine Körbe herum ſpaziert. Nehm Er 4 166 Zwölftes Kapitel. ſich meine Worte zur Lehre, und laſſ' Er ſich nie mehr in den Sinn kommen, Blumenſträuße kaufen zu wollen!—— von der ſchönen Katharine—— Er Rettig, Er miſerabler! Er Pflaſter⸗ ſteinwetzer!— Jetzt geh Er nach Hauſe oder wohin Er ſonſt Seine nichtsnutzigen Wege zu machen hat! Merk Er ſich, wo ich meine Blumen verkaufe, und merk' Er ſich, daß ich Frau Schoppelmann heiße; auch wohne ich dahinten, rechts herum, bei dem großen Thor mit dem adeligen Wappen über der Thüre; ja, ich bin auch eine vornehme Familie, ſchau' Er ſich das Wappen recht genau an, ich kann ihm noch mehrere dazu zeigen, und jetzt zieh’ Er da⸗ hin, Er trauriger Luftzug!— Spazier Er weiter, Er zerſchnittener Melonenkopf, Er Zierrath vom Elend!“ Nach dem letzten Erguſſe ſetzte ſich die Frau auf einen um⸗ gekehrten Korb nieder, trotzdem, daß dieſer Korb bedeutend krachte und ſeufzte. Dann holte ſie abermals tief Athem und würdigte den alſo Ermahnten keines Blickes mehr. Pierrot hatte ſich in dieſem Augenblick aufs Schleunigſte ge⸗ wendet und lief mehr, als er ging. Seine eifrige Sorge war, den Marktplatz bald hinter ſich zu wiſſen; denn einige Straßenjungen, denen die verſchiedenen Benennungen, womit Frau Schoppelmann ihn beehrt, äußerſt paſſend erſchienen, verfolgten ihn lachend und ſchreiend, bis er in eine enge Seitengaſſe einbog und dann wieder in eine andere, und ſo ſeinen Verfolgern entging.— Der arme Joſeph hatte heute einen unglücklichen Tag, und wenn ihn auch nicht ſeine Geſchäfte zum Weinſchanke der Frau Schilder getrieben hätten, ſo würde er dahin gegangen ſein, um ſich von der erlittenen Niederlage einigermaßen aufzurichten. Bald hatte er dieſes traulich ſtille Aſyl erreicht und trat in das Gaſtzimmer. Es war dieſes ein Ort, um eine gebeugte Seele, die ſich nach Ruhe und Einſamkeit ſehnte, zu befriedigen, ein Plätzchen, wie ge⸗ macht, um in Annehmlichkeit und Gemüthsruhe einige gute Schoppen 1 Joſeph⸗Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 167 zu leeren. Hier herein drang nie das Geräuſch der Straßen, kaum die Klavierkoncerte der Schullehrer, und wenn man ſich, wie Joſeph that, in das Hinterzimmer zurück zog, konnte man glauben, man befinde ſich, von der ganzen übrigen Welt getrennt, allein auf einer wüſten Inſel. Mit einer wüſten Inſel hatte dieſes Haus überhaupt viel Aehnlichkeit, inſofern man nämlich unter einer wüſten Inſel auch eine verwüſtete verſtehen kann. Hier war kein Stuhl, kein Tiſch geſund und fehlerfrei, Alles alte, ſchwache, krüppelhafte Weſen. Die Tapeten waren grünlich grau angelaufen, die Fenſter erblindet; und dieſes Letztere konnte man als zarte Aufmerkſamkeit der Frau Schilder betrachten, denn hinter dieſen Fenſtern befanden ſich Miſt⸗ und Kehrichthaufen, alte Brandmanern und was dergleichen Dinge mehr ſind, die unangenehm in die Augen fallen.— Eines aber war in dieſem Hauſe rein und gut— der Wein nämlich. Die Frau führte nur eine einzige Sorte, einen vortrefflichen Zehner. Pierrot ließ ſich einen Schoppen davon geben, ſetzte ſich an den Tiſch, und Frau Schilder leiſtete ihm Geſellſchaft. Es iſt wohl der Mühe werth, dieſe Dame näher zu beſchreiben. Sie iſt ein mageres, ſchlampiges Weibsbild, von einer anſehnlichen Leibeslänge; ihr Geſicht iſt hager, doch befinden ſich in demſelben ſchlaue, unter⸗ nehmende Augen, und um den Mund hat ſie einen verſchmitzten Zug. Obgleich der Frau Schilder in den letzten zehn Jahren keine Katze geſtorben war, um die ſie hätte trauern können, ſo trug ſie doch beſtändig die Livree des Todes— ein ſchwarz gefärbtes Me⸗ rinokleid, deſſen Nähte, Aermel, Rücken und Hintertheil ſehr ins Fuchſige ſpielten. Wir können hier nicht umhin, zu bemerken, daß dieſe Frau, ſobald ſie auf an ſie gerichtete Fragen keine Antwort zu geben wünſcht, ſich taub zu ſtellen pflegt. 1 Joſeph konnte nicht unterlaſſen, in einigen Worten ſeiner ge⸗ naueren Bekannten, der Frau Schilder, die unangenehme Geſchichte zu erzählen, die ihm ſo eben draußen auf dem Markte begegnet. Zwölftes Kapitel. „Das iſt eine meiſterloſe Frau,“ ſagte die Wirthin mit ihrer trockenen heiſeren Stimme;„weil ſie ein Bißchen Geld erworben hat, glaubt ſie, ſie könne Alles thun und treiben. Und ihre Toch⸗ ter, der hochmüthige Rotzaff, iſt eigentlich noch viel ſchlimmer. Mit der Alten iſt doch noch zu leben, und wenn man nichts von ihr will, oder ſie gerade keinen Zorn hat, ſo goͤnnt ſie einem doch wenigſtens die Tageszeit. Aber die Katharine, die hochmüthige Blumenprinzeß— meint Ihr wohl, Joſeph, wenn ich in der Früh' mein Fenſter da oben aufmache und einen guten Morgen wünſche, daß ſie nur ſagte: ich danke? Gott bewahre!— da nickt ſie höch⸗ ſtens mit ihrem Kopf, wie eine Königin aus ihrem Schloß. Aber die wird noch einmal gedemüthigt werden, daran zweifle ich nicht.—— Aber ſieh doch, ſieh doch,“ fuhr Frau Schilder fort und verzog ihr düſteres Geſicht zu einem freundlichen Grinſen, „was ſchwatz' ich da für dummes Zeug! Ja, ja, ſo geht mir's, immer unbedachtſam: Der gnädige Herr unſeres Freundes Joſeph da iſt der heimliche Geliebte der ſchönen Katharine; wann wird denn eigentlich geheirathet?“ „Sprech' Sie kein ſo dummes Zeug!“ ſprach Joſeph ſehr wür⸗ devoll und ſtreckte ſeinen Hals hoch empor.„Heirathen? heira⸗ then?— Es heirathet ſich nur ſo gleich!“ „Gleich!“ rief die Wirthin und hielt ihre rechte Hand hinter das Ohr, als wollte ſie deutlicher hören.„Ei der Tauſend, es wird alſo gleich geheirathet?“ „Ihr ſeid ja wieder einmal ungeheuer taub!“ rief Joſeph ſehr laut;„ich ſage: es denkt Niemand ans Heirathen. Das wär' mir eine ſchöne Partie!“ „Ja, ja, es wär freilich eine ſchöne Partie,“ ſagte Frau Schil⸗ der ernſt,„und dann zieht Er da drüben in das Haus, und die Frau Schoppelmann, die Euch ohnehin ſo lieb hat, wird Euch ſchon eine friſche Herberge anweiſen. Mir kann es ſchon recht ſein; Madame Stillfried, geborene Schoppelmann.“ Joſeph⸗Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 169 „Wollt Ihr mich denn nicht verſtehen, oder ſeid Ihr wirklich ganz harthörig geworden?“ rief Joſeph ärgerlich!„macht doch keine ſchlechten Witze!— Was heirathen! was heirathen! Das iſt ja nur ſo eine Liebesgeſchichte, das dauert vier Wochen, und damit hollah!“ „So iſts recht!“ ſagte giftig die Frau:„vier Wochen und dann noch einige Monate— ˙s wäre außerordentlich luſtig.“ Joſeph nickte ebenfalls vergnügt mit dem Kopfe, dann rückte er der Frau ſo nahe, daß er mit ſeinem Munde faſt ihr Ohr be⸗ rührte und ſagte nach einer Pauſe:„Ihr ſollt uns einen Gefallen thun.“ „So?“ fragte die Frau und ſah ihn an;„Euch oder Eurem Herrn!“ „Meinem Herrn!“ Die Frau nickte abermals mit dem Kopfe und machte mit den Händen eine Bewegung, als zähle ſie Geld, wobei ſie fragte:„Wirds gut bezahlt?“ „Verſteht ſich!“ ziſchelte Joſeph;„gut bezahlt, und Ihr braucht nichts dafür zu thun.“ „Das iſt mir lieb,“ entgegnete die Frau;„was ſoll's denn?“ „Wir brauchen das Zimmer da vorn heraus, das gegenüber dem Schlafzimmer der Katharine, hie und da, nur für einige Stun⸗ den des Abends.“ „So, das Zimmer braucht ihr?“ fragte die Wirthin nachden⸗ kend;„nun, mir kanns ſchon recht ſein; doch“— ſetzte ſie achſel⸗ zuckend hinzu—„wirds euch nichts nützen, das Mädchen bringen zehntauſend Pferde nicht in mein Haus herüber.“ „Davon iſt vorderhand keine Rede,“ entgegnete Joſeph ärger⸗ lich;„er will nur zuweilen kommen und ſich hier im Hauſe ver⸗ bergen, bis es vielleicht einmal möglich iſt, daß er ſie von der Straße aus einen Augenblick ſprechen kann. Auch ſoll er von En⸗ 170 Zwölftes Kapitel. rem Zimmer aus Abends ein paar Mal in das Schlafzimmer der ſchönen Katharine ſehen können.“ „Er ſoll?“ ſagte die Frau aufmerkſam; und ihre Taubheit ſchien ſich ſehr vermindert zu haben. „Was— er ſoll— er ſoll nicht, er will!“ „So, er will?“ lachte ſpöttiſch die Frau;„o lieber Joſeph, jetzt wollt Ihr wieder einmal pfiffiger ſein, als die arme Frau Schilder; aber dazu habt ihr kein Talent. Nehmt mir nicht übel, Ihr ſeid ein guter Menſch, aber etwas dumm.— Alſo ihr braucht ein Zimmer?“ „Ja,“ ſagte Joſeph. „Und Ihr wollt es mir gut bezahlen?“ „Verſteht ſich!“ 2— „Nun, ſo will ich Euch etwas ſagen. In meinem Hauſe muß Alles ſauber und ordentlich hergehen, das heißt, ich muß wiſſen, was darin vorgeht,“ entgegnete die Frau mit einem ſonderbaren Lächeln.„Glaubt mir, lieber Joſeph, eine andere Frau wie ich hätte hinter Euren Worten nichts geſucht und das Zimmer gern gegeben, und wär' mit ein paar lumpigen Gulden zufrieden gewe⸗ ſen. Aber Ihr müßt eine arme Wittwe nicht betrügen wollen. Sagt mir, weßhalb Ihr das Zimmer eigentlich wollt; es kann mir nicht einerlei ſein, was da geſchieht, man könnte ja da oben fal⸗ ſches Geld machen wollen.“— „Frau Schilder!“ rief Joſeph mit zorniger, aber gedämpfter Stimme und ſchlug dazu mit der Fauſt auf den Tiſch. „Ich will Euch ſagen, wie die Sachen ſtehen,“ fuhr die Frau anſcheinend unbefangen fort, ohne ſich um die wüthende Geberde des Bedienten zu bekümmern.„Ihr handelt nicht im Auftrage Eures Herrn, das heißt, Eures Herrn Stillfried; Ihr habt andere Weiſungen, Befehle, die ein ſchönes, ſchweres Geld eintragen, die Ihr aber ohne meine Hülfe nicht ausführen könnt. Was wollt Ihr mich nun betrügen, indem Ihr mir ein paar lumpige Gulden hin⸗ 8 Joſeph⸗Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 171 werft und alsdann den Gewinnſt allein einſteckt? Nein, lieber Joſeph, ſeid offen und ehrlich mit mir; heraus mit der Sprache, ſagt mir, um was es ſich handelt; glaubt mir, die Frau Schilder kann Euch hierin gute Dienſte leiſten. Sagt dem Herrn Juſtizrath, es wäre mir ſehr unangenehm, wenn ich ſeine Kundſchaft verlieren müßte.“ 3 „Schilderin, Schilderin, Ihr ſeid ein Satan!“ rief entſetzt der Bediente und ſchob ſeinen Stuhl mit einem ſcheuen Blick auf die Wirthin einen Fuß breit zurück. „Laſſen wir dergleichen Complimente bei Seite!“ antwortete dieſe,„ſchenkt mir reinen Wein ein; wir haben ſchon ſo manchmal ehrlich zuſammen gehandelt, warum ſollten wir es nicht auch dieſes Mal thun? Und glaubt nicht,“ fügte ſie ſpöttiſch lächelnd bei, „daß Ihr mir da ſo ungeheuer viel Neues ſagt; was gilts, ich will Euch den ganzen Handel erzählen, und wenn ein unwahres Wort daran iſt, ſo will ich weder für mein Zimmer, noch für meine Hülfe einen Kreuzer haben.“ Von Joſeph's Geſicht war alle Pfiffigkeit verſchwunden, und es war nichts übrig geblieben, als Pierrot's dumme, glotzende Züge. „Da wär' ich wirklich begierig,“ ſagte er nach einer Pauſe, „was Ihr da über meinen Herrn ausgeheckt habt. Ich geſtehe, ich wäre neugierig, das zu hören.“ „Hören?“ ſprach die Frau plötzlich mit einem blöden Geſichts⸗ ausdruck, und ſchien im Begriffe zu ſein, abermals ihre frühere Taubheit zu affektiren.„Hören?“ wiederholte ſie und hielt ihre rechte Hand hinter das Ohr.„Nein, hier kann uns Niemand hören!“ Das Geſicht aber, mit dem ſie in dieſem Augenblicke nach der Thüre blickte, ſchien dieſe Worte Lügen ſtrafen zu wollen; denn ſie horchte offenbar auf ſchwere Fußtritte, die ſich auf der Straße dem Hauſe zu nähern ſchienen. Doch verhallten ſie wieder, und es kam Niemand. 4 Zwölftes Kapitel. „Laßt die Narrenpoſſen!“ bemerkte Joſeph ärgerlich;„und wenn Ihr was wißt, ſo geht mit der Sprache heraus, Ihr braucht Euch gar nicht zu geniren; was Ihr mir ſagen könnt, wenn es wirklich etwas iſt, habe ich doch ſchon lange gewußt.“ Die Frau drehte von übrig gebliebenem Brod kleine Kügel⸗ chen und ſchaute eine Zeit lang liſtig lächelnd vor ſich hin, ehe ſie dem Andringen des Bedienten nachgab. Dann ſagte ſie:„Nun wohl, Joſeph, damit Ihr alſo ſeht, daß ich Euch hierüber durchaus nichts hinterhalte, ſo hört mich an. Euer Herr— der Stillfried nämlich— iſt eine gute, leichtſinnige, aber in gewiſſer Beziehung etwas phlegmatiſche Haut; er hat der ſchönen Katharine hie und da ein paar Artigkeiten geſagt, die beiden jungen Leute haben ſich etliche Mal geſprochen, und das alles könnte ein nettes kleines Ver⸗ hältniß werden, wenn es nicht ſo außerordentlich ſchwer hielte, den jungen Herrn Stillfried für die Länge der Zeit zu beſchäftigen, und wenn es möglich wäre, ihn aus ſeiner Gleichgültigkeit ein Bischen aufzuſpornen. Mit ſo einer kleinen Anſpornung iſt er Feuer und Flamme, ich kenn' das; aber ihr alle mit einander ſeid zu dumm, um ihm den gehörigen Sporn einzuſetzen.“ Joſeph zog bei dieſen letzten Worten ſeinen Mundwinkel ver⸗ ächtlich in die Höhe, fuhr durch ſein borſtiges Haar und ſchien eine ungeheure Gleichgültigkeit zur Schau tragen zu wollen; er nahm eine Miene an, als horche er kaum auf die Worte der Wirthin. Und doch ſtrengte er ſein Ohr auf eine übermenſchliche Art an, da⸗ mit er ja keines derſelben verliere. Letzteres wußte Frau Schilder zu genau, und es kümmerte ſie durchaus nicht, mit welchen Mienen ihr Gegenüber ſie anſchaute. Sie fuhr fort:„Dagegen iſt es anderen Leuten, die ich Euch, meinem Freunde Joſeph, wohl nicht zu nennen brauche, erſtaunlich wichtig, daß ſich dieſes Verhältniß nicht wieder auflöſe, wie einige frühere, ſondern es ſoll recht innig werden; man will den jungen Menſchen veranlaſſen, ſich mit der ſchönen Katharine ſo eng wie Joſeph⸗Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 173 möglich zu verbinden, und einmal da angekommen, gibt es zwei Wege, die von dieſem Punkte aus weiter verfolgt werden könnten.“ Was die Frau Schilder eben geſagt, war, wie wir bereits wiſſen, der Auftrag, den der Juſtizrath dem getreuen Pierrot gegeben. Das hatte die Fran richtig errathen: aber was dann weiter geſchehen könne, wenn das Verhältniß der ſchönen Katha⸗ rina zu Eugen ein inniges geworden ſei, davon hatte er bis jetzt noch ganz unbeſtimmte Vorſtellungen. Und die Frau wußte ſogar zweierlei, was da geſchehen könnte; er war außerordentlich hegierig, darüber etwas Näheres zu vernehmen, und nahm ſich daher vor, mit der Frau eine Komödie des Allwiſſendeu zu ſpielen. „Nun ja,“ ſagte er deßhalb nach einer längeren Pauſe,„ich will in der That geſtehen, Ihr habt bis dahin Recht; es intereſſirt ſich Jemand dafür, daß mein Herr mit der ſchönen Tochter der Gemüſehändlerin eine förmliche Liebſchaft anfängt; ich will das zugeben. Daran iſt im Grunde nicht viel gelegen; aber jetzt darf ich kein Wort mehr zugeben, auch nichts mehr eingeſtehen, und wenn Ihr mir bietet, was Ihr wollt, und wenn Ihr auch Euer Zimmer abſchlagt, da kann ich nichts machen, da müſſen wir eben eine andere Gelegenheit ſuchen, die uns zum Ziele führt.“ „Jetzt ſprecht Ihr halb und halb die Wahrheit,“ entgegnete ruhig die Frau;„Ihr werdet mir nichts mehr eingeſtehen, ganz richtig! und aus dem einfachen Grunde, weil Ihr nichts mehr wißt.“ „Das wäre der Teufel!“ ſagte lachend der Bediente;„ich wäre wirklich neugierig, was Ihr in der Sache für weitere Ideen habt.“ „Da wäret Ihr neugierig, meine Junge?“ ſprach höhniſch die Frau;„das glaube ich wohl, ich will Euch auch meine Anſicht ſagen; aber Ihr müßt nicht glauben, mit Euren dummen Redens⸗ arten die Frau Schilder überliſten zu können. Ich will's Euch ſagen, weil es mir gerade ſo paſſend erſcheint.— Man kann alſo dadurch zweierlei bezwecken: erſtens vielleicht eine Heirath mit dem Nädchen, um ihn ſo aus der reichen und mächtigen Familie unter Zwölftes Kapitel. uns ordinäres Volk zu ſtoßen, ihn auf dieſe Art unſchädlich zu machen, und dann läßt man ihn die Einwilligung dieſer Heirath durch irgend etwas, was ich nicht weiß, theuer genug bezahlen.“ „Ah!“ ſagte Joſeph verblüfft, glaubt Ihr wirklich, Frau Schilder?“ „Das wär' Eins,“ fuhr die Frau fort, ohne die Frage weiter einer Antwort zu würdigen;„das Andere aber iſt wahrſcheinlicher. Man will vielleicht, er ſoll ſich Nachts in dieſes Stadtviertel ver⸗ lieren, er ſoll ſogar wohl den Verſuch machen, ſich drüben in jenes Haus einzuſchleichen, und dort im Neſte der Alten Zuſammenkünfte mit der Jungen haben.“ „Das wäre noch weit anſtändiger,“ entgegnete Joſeph,„und mir viel lieber, als ſo eine Heirath. Pfui Teufel!“ „Tropf!“ entgegnete die Frau verächtlich,„Ihr ſeid ein ſchöner Diener Eures Herrn; da iſt Eins ſo ſchlimm wie das Andere. Glaubt mir, man ſteigt in dieſem Stadtviertel nicht ohne Gefahr in das Fenſter eines Bürgermädels, und da drüben in dem Hauſe hat’'s zwei paar Fäuſte, denen es bei dieſer Gelegenheit ganz einerlei iſt, ob ſie ſich blutig färben oder nicht.— Doch ſtill, ich höre Jemanden kommen; es könnten die Beiden ſein, und in dem Fall dürfen die uns nicht bei einander ſehen.— Ja, ja, es kommen zwei Männer durch den Hausgang, trinkt Euren Schoppen aus und geht.“ 3 4 Mit dieſen Worten ſtand die Wirthin hurtig von der Seite Joſeph's auf, nahm ihren Stuhl mit ſich und ſetzte ſich an eines der erblindeten Fenſter, wo ſie emſig in einem ſchmierigen Zeitungs⸗ blatt ſtudirte. Jungfer Clementine. Dreizehntes Kapitel. Ein kleines Kapitel, aber ſehr bedeutſam. Jungfer Clementine hat ihre ſchöne Stunde, und drei ihrer Freunde beſchäftigen ſich mit ihrem zukünftigen Wohlergehen. Die Thüre öffnete ſich, und die Gebrüder Schoppelmann traten herein. Sie ließen ſich nieder, und der Fuhrmann betrachtete ziem⸗ lich unfreundlichen Blickes den Bedienten, der ſein Geld auf den Tiſch legte. „Bis ein anderes Mal!“ rief ihm die Wirthin zu. Joſeph ſetzte ſeinen lackirten Hut unternehmend auf das Ohr und ſchritt hochmüthig neben den Brüdern vorbei zur Thür hinaus. Er ſchlenderte durch den langen Gang und wollte eben zum Hauſe hinaus treten, als er einen Mann um die Ecke der Nebenſtraße kommen ſah, bei deſſen Anblick er ſich ſehr behende wieder in den Hausgang zurückzog. 3 Dieſer Mann war aber Niemand anders, als der Schulmeiſter und luſtige Rath, und da der getreue Diener um Alles in der Welt hier nicht gern von ihm geſehen worden wäre, ſo näherte er ſeinen Kopf ſo viel als möglich der Thürſpalte, um bemerken zu können, was Jener in dieſem abgelegenen Stadtviertel beabſichtigte. Der luſtige Rath ſchien aber durchaus keine Ahnung davon zu haben, daß er ſich hier einem für unſere Geſchichte und wohl auch für ihn ſelber ſo ſehr intereſſanten Terrain nähere, daß ihn links aus dem Hausgang der Weinkneipe der getreue Pierrot be⸗ obachte, und daß ſich rechts das Zimmerchen der Jungfer Schoppel⸗ mann befinde. Sein Beſuch, den er dieſer Gaſſe abſtattete, war ſehr harmloſer Natur und galt dem muſikaliſchen Nebenhauſe oder vielmehr einem der Bewohner deſſelben, einem ehemaligen Kollegen, deſſen Aufenthalt in hieſiger Stadt er jetzt erſt erfahren. Die beiden Brüder im Gaſtzimmer, als ſie vernahmen, daß ——jy———m—EEbEEEa 176 Dreizehntes Kapitel. Joſeph wieder in den Hausflur zurücktrat, mochten wohl glauben, er halte ſich da auf, um zu horchen, und ſchickten die Wirthin hinaus, nach ihm zu ſehen. Mit zwei Worten aber verſtändigte der Bediente dieſe würdige Frau, warum er hier gezwungen ſei, auf der Lauer zu ſtehen, und zeigte ihr den Schulmeiſter, der ſo⸗ eben hinter der Thüre des muſikaliſchen Hauſes verſchwand. Sobald er auf dieſe Art aus ſeinem Geſichtskreis war, ſchlüpfte Joſeph aus der Schenke und ſchlich an den Häuſern hin, um nicht zufällig von dem Andern geſehen zu werden. Frau Schilder rief in die Gaſtſtube hinein, daß die Luft voll⸗ kommen rein ſei, daß ſie gleich kommen werde, und darauf blieb ſie noch einen Augenblick unter ihrer Hausthüre ſtehen. Wir glauben geſagt zu haben, daß dieſe Schenke mit dem muſikaliſchen Hauſe einen ſtumpfen Winkel bildet, wodurch es alſo möglich war, die Fenſter des letzteren von der Hausthüre der erſte⸗ ren genau zu überſehen. Gegenüber hatte die Frau Schilder das Haus der Frau Schoppelmann, mit dem uns wohlbekannten Feuſter des Zimmers der ſchönen Katharina, und über demſelben die Woh⸗ nung der Jungfer Clementine Strebeling. Letztere war zu Hauſe; ſie hatte ihre beiden Fenſterflügel ge⸗ öffnet, wahrſcheinlich um den Duft einiger Reſedenſtöcke einzuathmen, die auf der Brüſtung ſtanden, ſowie die Klänge der ſchönen Lieder zu vernehmen, die von dem muſikaliſchen Hauſe herüberſchallten. „Die Lotusblume ängſtiget Sich vor der Sonne Pracht—⸗ klang es von dort herüber, und Jungfer Strebeling blickte aufwärts zum Himmel; denn mit dem Namen Lotusblume verband ſich aller⸗ lei hochpoetiſche Ideen, und dieſer Name zauberte phantaſtiſche goldene Bilder vor ihr zartes Gemüth. 3 Lotusblume!— Dabei dachte ſie an Indien, das fabelhafte Land der Bajaderen und Elephanten, den Schauplatz all der Jungfer Clementine. 177 ſchönen Märchen, die ſie in ihrer Jugend gehört; an Palmen⸗ wälder, an rieſelnde Blumen, an Blumenduft und zauberiſche Klänge. Lotusblume!— Die ſtand an einem kleinen ſtillen See, und das Geſicht dieſer Blume neigte ſich über den Waſſerſpiegel, ſchwankte vor und zurück, ſehnſüchtig, einmal ein anderes Bild zu ſchauen, als das ihrige, und zurück ſchreckend, wenn das Waſſer leiſe anſchwoll und rauſchte, als fürchte ſie etwas Entſetzliches, das dort erſcheinen könne, ihre zarte Jungfräulichkeit rauh zu begrüßen.— Und doch ſehnte ſie ſich unbewußt nach dieſem Entſetzlichen. Gerade ſo ging es der armen Clementine: „Die Lotusblume ängſtiget Sich vor der Sonne Pracht.“ Und die unſchuldige alte Jungfer ängſtigte ſich ebenfalls vor ihrer Pracht— und dieſe Sonnenpracht war ihr die Liebe— und da⸗ vor fürchtete ſie ſich ganz gewaltig. Ach, ſie fühlte ſich ſo behaglich im Schatten kühler Denkungsarten, und doch hätte ſie aus dieſem Schatten einmal ſo gern hinausgeſchaut in das von heißer Gluth und fröhlichen Sonnenſtrahlen beglänzte Leben! „Sie duftet und weinet, ſie weinet und zittert, Vor Liebe und Liebesweh.“ Aber es muß eigentlich etwas Süßes ſein, vor Liebesweh zu duften, zu weinen und zu zittern, meinte Clementine. „Sie blüht und glüht und leuchtet Und ſtarret ſtumm in die Höh’—„ ſcholl es ſehnſuchtsvoller von drüben herüber, und Clementine, die bis jetzt ängſtlich die Blicke auf ihr Buſentuch geheftet, ſtarrte nun Hackländers Werke. N. 12 —ꝛꝛ ——ꝛ—— 178 Dreizehntes Kapitel. plötzlich in die Höhe, ganz wie die Lotusblume, und wäre gern von dem Fenſter zurückgefahren, wenn dieſes im ſelbigen Augen⸗ blicke nicht höchſt unſchicklich geweſen wäre. Denn als ſie ſo in die Höhe ſtarrte, ſtand drüben ein junger Mann an dem Fenſter, der ſich ſittſam herüber verneigte, als er ſo wenige Fuß von ſei⸗ ner Naſe plötzlich die himmelblauen Augen der Jungfer Clementine Strebeling erglänzen ſah, oder ſchimmern ſah, oder überhaupt nur ſah.. In dieſem Augenblicke klangen die Worte des Geſanges: „Der Mond, der iſt ihr Buhle: Er weckt ſie mit ſeinem Licht, Und ihm entſchleiert ſie freundlich Ihr frommes Blumengeſicht.“ Dieſer Vers war außerordentlich paſſend; denn wir wiſſen be⸗ reits, daß das Antlitz des Herrn Sidel in ſeiner glänzenden Fülle etwas vom Vollmond an ſich hatte. Auch konnte man, ohne gerade ausſchweifend zu ſein, das Geſicht der alten Jungfer für ein from⸗ mes Blumengeſicht anſehen; denn es gibt allerlei Blumen, und Clementinens Antlitz hatte in der That etwas von einer gelben Malve, welche Regen und Sturm getrotzt hat, und über deren zarte Blätter ein eiſiger Novemberwind unbarmherzig geſtrichen iſt. Aber dem ſei wie ihm wolle; Herr Sidel grüßte herüber, Clementine hinüber— und zwar: „Vor Lie— ie— ie— ie—besweh.—“ So ſang der unſichtbare Sänger des eben genannten Liedes mit höchſtem Kraftaufwand ſeiner Lungen und offenbarem Stimm⸗ mangel. 3 Alles das ſah Frau Schilder unter ihrer Hausthüre, nur mit ganz anderen Augen und nicht mit ſolch hoher Poeſie. Sie be⸗ merkte necht gut, welchen tiefen Knix die alte Jungfer machte, als * 4 Jungfer Clementine. 179 jener fremde Herr hinüber grüßte, und wie ihr gelbes, dürres Ge⸗ ſicht von einer ſanften Röthe überſtrahlt wurde. „Ei, ei, das freut mich,“ ſprach ſie zu ſich ſelber,„das wäre vortrefflich zu benutzen! Nur muß ich mich vor den beiden Büffeln 2 da drinnen in Acht nehmen. Das ſind ein paar tappige, liederliche Tagdiebe, denen man nicht zu viel trauen darf.— Aha, jetzt knixt die alte Jungfer abermals, und da ich den Herrn nicht mehr am Fenſter ſehe, ſo wird er ſich zum Weggehen rüſten. Warten wir noch einen Augenblick!“ Die würdige Frau hatte richtig vorausgeſehen. Die Thüre des muſikaliſchen Hauſes öffnete ſich wieder, und heraustrat der Schul⸗ meiſter und luſtige Rath, deſſen Beſuch nun zu Ende war und der durch dieſen unglückſeligen Beſuch das Herz der armen Clementine in einigen Aufruhr verſetzt zu haben ſchien.— Richtig, jetzt geht er die Gaſſe hinab, und ſie beugte ſich zum Fenſter heraus, um 4 ihm nachzuſehen. Ob er an der Ecke der Straße noch einmal um⸗ geſchaut, können wir nicht mit Beſtimmtheit angeben, wenn es aber geſchah, ſo war es reiner Zufall— denn wir müſſen die bündigſte Erklärung abgeben, daß der gute Schulmeiſter an jenes zarte, blaſſe Weſen, das er nur aus Artigkeit gegrüßt, auch nicht im Geringſten weiter dachte. Die Gebrüder Schoppelmann waren unterdeſſen durch das Aus⸗ bleiben der Wirthin einigermaßen ungeduldig geworden und machten ziemlich unfreundliche Geſichter, als ſie wieder hereintrat. Die Frau bemerkte das aber durchaus nicht, oder ſchien es nicht bemerken zu wollen; denn ſie ſetzte ſich an ihr Fenſter und nahm das ſchmierige Zeitungspapier wieder in die Hand. Die Brüder tranken in ihrem Unmuthe die Schoppen leer und verlangten neue. Nachdem dieſe gebracht waren, entſtand abermals eine Pauſe, welche die Wirthin durchaus nicht Willens ſchien, durch irgend ein intereſſantes und lehrreiches Geſpräch zu unter⸗ brechen. —ʒ⸗——·———— 180 Dreizehntes Kapitel.. „Das muß ſchon wahr ſein,“ ſagte endlich der Fuhrmann nach einer Pauſe,„bei Euch findet man zuweilen ganz kurioſe Geſell⸗ ſchaft. War das nicht der Strolch, der bei dem Stillfried Bedienter iſt?— s war gut, daß er davon ging; denn wenn ich mit ihm bekannt geworden wäre, ſo hätte ich ihm gleich ſeinen Wein ſauer 2 gemacht.“ „Was?“ verſetzte die Frau und ſchien entrüſtet;„mein Wein ſei ſauer? Wer kann das ſagen?— Und wenn er wirklich ſauer wäre, wer zwingt Euch denn, ihn zu trinken? Laßt ihn nur in Gottes Namen ſtehen!“ „Die will heute einmal wieder taub ſein!“ agte der Jäger zu ſeinem Bruder;„ſie hat wieder ihren ſchlechten Tag.— He, Fran Schilder, hört ihr wieder einmal nicht gut?“ „Leider, leider!“ entgegnete die Frau;„die Hitze regt mir das Blut auf und ſchlägt mir aufs Gehör.“ „So kann man heute kein Geſchäft mit Euch beſprechen?“ ſagte 3 der Fuhrmann. „Geſchäft?“ entgegnete die Wirthin;„ich weiß von keinem Geſchäft, das wir zuſammen hätten.“ „Nicht?“ lachte Jener.„Sie iſt heute ungeheuer vergeßlich!“ „Mein Kopf iſt zuweilen ſchwach,“ meinte die Frau ſeufzend, „was wollt Ihr eigentlich?“ „Nun ins Teufels Namen!“ rief der Fuhrmann örgerlich und ſehr laut;„von wegen der Briefe, die wir ſchreiben ſollen; ich will Geld verdienen.“ „Ah das?“ antwortete gleichgültig Frau Schilder, nachdem ſie einen Blick in den Hausflur geworfen, um ſich zu überzeugen, daß„ Niemand da ſei, der unbefugter Weiſe die lauten Worte des Fuhr⸗ manns vernehme. „Natürlich das!“ entgegnete dieſer;„habt Ihr denn nicht von ſelbſt von der Geſchichte angefangen?— Warum ſtellt Ihr Euch denn jetzt ſo donnermäßig dumm an? He!“ Jungfer Clementine. 181 „Ja, das war damals,“ entgegnete die Wirthin,„aber es iſt nichts mit der Angelegenheit.“ „Warum nicht?“ fragten die Brüder. „Es geht nun einmal nicht,“ ſagte achſelzuckend Frau Schilder. „Und warum geht es nicht?“ „Nun, ich will es Euch offenherzig ſagen, aber— ich trau' Euch auch nicht recht.“ „Uns?“ riefen die beiden Brüder zornig aus. „Verſteht mich recht,“ fuhr die Frau fort,„nur in ſo weit trau'’ ich Euch nicht, als ich fürchte, Ihr könnt das Schwätzen nicht laſſen, da Ihr genau wißt, daß ich allein den Kopf in der Schlinge habe.“ „Dummes Zeug! wer wird ſo was glauben?“ ſagte der Fuhr⸗ mann. „So was glaube ich,“ meinte lächelnd die Frau;„'s iſt ſchade um das ſchöne Geſchäft; es war Alles ſo gut wie eingeleitet. Schon heute hätten wir den erſten Brief ſchreiben können; und ich bin überzeugt, ſie wär' ſogleich Feuer und Flamme geweſen, und es wäre was Tüchtiges abgefallen.“ „Nun, ſo thun wir's doch!“ rief hitzig der Fuhrmann;„gebt mir Feder und Papier, das iſt gleich abgemacht!“ „Nein, nein, ich mag nicht!“ ſagte die Frau. 8 „Noch einen Schoppen!“ rief der Fuhrmann; und als die Frau aufſtand, um ihn zu holen, ſagte er leiſe zu ſeinem Bruder:„Gib nur Acht, die ganze Komödie, welche die Alte ſpielt, dreht ſich ein⸗ zig darum, daß ſie etwas mehr herausſchlagen will— von dem Gewinnſt nämlich; wir hatten abgeſprochen, Jeder von uns Dreien bekomme ein Drittel, was nicht mehr als billig iſt— paſſ' auf, ſo wie wir ihr den Willen thun und ihr vom Ganzen die Hälfte laſſen— ſie meint, ſie könne das anſprechen, weil alle Gefahr auf ihrer Seite wäre— ſo wird ſie gleich nachgeben; im Grunde iſt's Dreizehntes Kapitel. ja einerlei; denn was ſie mehr bekommt, das pumpen wir ihr hin⸗ tendrein doch wieder ab.“ Die Frau kam mit dem Wein zurück und ſetzte ihn auf den Tiſch. „Wie hatten wir es doch damals verabredet?“ fragte der Fuhrmann.„Wenn ich mich recht erinnere, ſo ſolltet Ihr vom Ge⸗ winn die Hälfte haben, und wir zuſammen die andere Hälfte.— War es nicht ſo, Frau?“ Ein kaum ſichtbares Lächeln flog über das Geſicht der Wirthin, doch waren gleich darauf ihre Züge wieder hart und mürriſch wie zuvor. „Seid doch nicht eigenſinnig!“ fuhr der Andere fort;„ſo was kommt nicht ſobald wieder; da mein Bruder Konrad hilft auch mit. Laßt uns an die Arbeit gehen und weiter keine Worte verlieren. Na, ſagt Eure Meinung: was ſchreiben wir zuerſt?“ Jetzt hatte die Frau den Fuhrmann ſo weit, wie ſie ihn haben wollte; er hatte ihr die Hälfte des Gewinnſtes verſprochen, und obendrein war jetzt der Andere der überredende Theil. Ging die ganze Angelegenheit einmal ſchief, ſo konnte ſie immer ſagen:„Wa⸗ rum habt Ihr mich dazu genöthigt? Ihr wißt ganz wohl, daß ich nicht gewollt habe!“ Und darauf konnte ſie weiter ſagen:„Ihr habt mich ins Unglück gebracht— in einem ſolchen Falle nämlich — jetzt bringt mich wieder heraus!“— Die alte Frau Schoppel⸗ mann war eine wohlhabende Frau und die beiden Söhne hatten einmal ein tüchtiges Erbe zu erwarten. Faſt eine Viertelſtunde lang überlegte die Frau hin und her; bald ſchüttelte ſie den Kopf, bald blickte ſie an die Decke, bald dem Fuhrmann ernſt ins Geſicht, und dann ſchien ihre feſte Tugend ein wenig weich zu werden, und endlich ſprach ſie:„Nun denn, ich will Euch den Gefallen thun, es bleibt alſo bei den beſprochenen Be⸗ dingungen?“ Jungfer Clementine. 183 „Ihr bekommt die eine Hälfte vom ganzen Gewinnſt, und wir Beide zuſammen die andere; billiger kann man nicht ſein!“ „Und der iſi ein ſchlechter Hund,“ ſagte der Jäger,„der den Anderen verräth; in einem ſolchen Falle ſollen die beiden Anderen das Recht haben, ihn todt zu ſchlagen.“ „Das läßt ſich hören!“ erwiederte der Fuhrmann,„ich bin dabei.“ „Ich auch!“ ſagte die Wirthin; denn ſie dachte bei ſich:„Mit dem Todtſchlagen hat's gute Weile!“ Darauf reichten ſich die drei Verbündeten über dem Tiſche die Hand; die Wirthin holte Papier, Dinte und Feder, rückte ihren Stuhl neben den des Fuhrmanns und diktirte einen Brief den Dieſer niederſchrieb.. Was in dieſem Briefe ſtand, werdeu wir uns erlauben, dem geneigten Leſer ſo bald als möglich mitzutheilen. Vierzehntes Kapitel. Von der Entweihung einer königlichen Infanterie⸗Kaſerne und dem Sirafgerichte des Majors, Freiherrn von Brander. Der Major der Infanterie, Freiherr von Brander, war ein angenehmer Mann und wohlgelitten in allen Kreiſen der Geſell⸗ ſchaft. „Wir ſagen: in allen Kreiſen, und glauben nicht zu viel da⸗ mit behauptet zu haben. Um von unten anzufangen, hing das Volk der kleinen Gewerbe und größeren Handwerke, Schuſter, Schneider ſeinerſeits, Putz⸗ macherinnen und Nätherinnen von Seiten der Freifrau von Bran⸗ — 184 Vierzehntes Kapitel. der, an ihm mit feſtem Glauben, da ſie ſeine Gläubiger waren. Die Soldaten liebten ihn wie ihren Vater, und die Furcht, ihm vielleicht durch eine Kleinigkeit zu mißfallen, war ſo groß, daß bei ſeinem Anblick das ganze Bataillon, incluſive der Unteroffiziere und Feldwebel, der Lieutenants und Hauptleute, ordentlich erzitterte, und ihm jedes einzelne Glied dieſer großen militäriſchen Familie, wenn es nur irgend möglich war, aus dem Wege ging. Bei den Bürgersfrauen ſtand der Major wegen außerordent⸗ licher Moralität in hoher Achtung. Er hegte durchaus nicht den Grundſatz manches Kollegen, daß es den Soldaten erlaubt ſein müſſe, den Bürger zu chicaniren, indem es den Vaterlandsverthei⸗ digern geſtattet ſei, das dienende weibliche Perſonal ſeinen Pflichten abwendig zu machen; noch viel weniger aber konnte er die Anſicht theilen, es ſeien Dienſtmädchen und Köchinnen der ganzen Stadt nur zum Vergnügen und zur Unterhaltung einer rohen Soldateska angeſchafft. Er war in dieſem Punkt außerordentlich ſtreng; er hatte unter Anderem den Unteroffizieren und Feldwebeln ſeines Bataillons eingeſchärft, genau darüber zu wachen, daß das Frater⸗ niſiren des Militärs in dieſer Richtung mit Individuen der bür⸗ gerlichen Klaſſe ſo viel als möglich unterdrückt würde. Soldaten dagegen, die ſeine Befehle nicht achteten, und die ſich durch ein ſolches Verlieren in andere Stände in allerlei unangenehme Kon⸗ flikte brachten, wußte er exemplariſch zu beſtrafen. Er gab ihnen bei Waſſer und Brod Gelegenheit, über ihre Fehler nachzudenken, und wenn ſie anders mit der deutſchen Literatur bekannt waren, hatten ſie Zeit genug, in Numero„Sicher“— ſo nennen gefühl⸗ volle Seelen das Arreſtlokal— zu jammern: „Schönheit war die Falle meiner Tugend, Auf dem Richtplatz hier verfluch' ich ſie!“ Höher hinauf in den Kreiſen der Geſellſchaft, bei ſeinen Stabs⸗ Kollegen, bei dem kleinen Adel, war dieſer Mann wegen ſeiner feſten 4 „. . Entweihung einer K. Infanterie⸗Kaſerne. 185 Grundſätze anderer Art ſehr wohl gelitten. Der Major war näm⸗ lich überzeugt, daß der liebe Gott die höheren Klaſſen in einem Anflug von guter Laune zu ſeinem Privat⸗ Vergnügen erſchaffen und zu deren Anfertigung einen weit beſſeren Urſtoff genommen, als dies bei den Kreaturen weiter unten geſchehen. Auch in noch höheren Schichten, ja, dort hinauf, wo kein irdi⸗ ſches Auge klar und deutlich mehr ſieht und, vom Schimmer ge⸗ blendet, zurückbebt: an den Stufen des Thrones wußte man, daß der Freiherr von Brander in der We fei; und ehe er den Beſitz ſeiner Gemahlin errang, hatte er das Glück gehabt, bei großen Feſtlichkeiten, ja ſogar bei kleinen Kammerbällen häufig als„Tan⸗ zender“ eingeladen zu werden, und einmal ſogar hatte ihn der Kriegsminiſter ſo hoch gewürdigt, daß er ihn ſpeziell um ſeinen Rath in einer militäriſchen Angelegenheit befragte. Es handelte ſich damals um eine Aenderung in der Bewaffnung des Heeres, und wir können mit Stolz ſagen, daß in dieſer wichtigen Angele⸗ genheit der Rath des Majors, Freiherrn von Brander, das weiße Lederzeug nämlich, ſtatt mit Kreide, mit geriebenem Thon anzuſtrei⸗ chen, ſowie ferner dem Soldaten zu erlauben, den oberſten Haken ſeines Uniformkragens in den Freiſtunden zu öffnen, ſiegreich durch⸗ drang. Der Major von Brander war ein kleiner, unterſetzter Herr, mit außerordentlich dicken Epauletten und einem faſt zu kurzen Waffenrocke. Er hoffte durch Letzteres ſeine Geſtalt einigermaßen größer erſcheinen zu laſſen, was ihm aber hiedurch nur unvollkom⸗ men gelang. Sein Geſicht war dick und rund; ein gewaltiger Schnurrbart theilte es in zwei faſt gleiche Hälften, deren untere ſich in einer ſchwarzen, ordonnanzmäßigen Halsbinde verlor, die obere dagegen, mit zwei kleinen, grauen Augen verziert, ſich in ein Gebüſch kurz geſchorener, etwas ſtruppiger Haare endigte. Die Ge⸗ ſichtsfarbe des Majors war geſund zu nennen; ſie hatte etwas vom Camäleon an ſich, denn wenn ſeine Züge bei gewöhnlichem Wetter 4 4 8 1 186 Vierzehntes Kapitel. ſanft geröthet erſchienen, ſo ſchillerten dieſelben dagegen bei kühlem Wind und Froſt ſtellenweiſe ins Purpurrothe und Bläuliche hin⸗ über, und Abends in einem etwas warmen Salon beim Whiſtſpiel, namentlich aber bei einem guten Souper, nahmen die Backen des Freiherrn von Brander eine Färbung und einen Glanz an, welche ſich nur mit denen eines gut gebratenen Gänſeſchenkels vergleichen laſſen. Die Majorin, Freifrau von Brander, war, was äußerliche und Körper⸗Vorzüge anbelangt, vollkommen das Gegentheil ihres Ge⸗ mahls. Ihre Geſtalt, um einen vollen Kopf länger als die ihres Herrn und Gebieters, war hager und dürr; der Kopf paßte hiezu vortrefflich und war nur in ſeiner Verbindung mit dem Körper ein unerklärliches Räthſel für jeden aufmerkſamen Beobachter; denn dieſe Verbindung— der Hals nämlich— war ſo entſetzlich dünn, daß man nicht begriff, wie es ihm gelang, ſelbſt dieſen Kopf zu tragen. Das Geſicht bildete ein förmliches Dreieck mit ſehr ſpitzi⸗ gem Kinn und außerordentlich breiter Stirne; und dieſe breite Stirne war der Stolz der Majorin und der ganzen Brander'ſchen Familie, nicht eben wegen der äußeren Form, ſondern wegen ihres inneren Gehaltes. Die Freifrau von Brander war Dichterin... Nicht blos geheime Dilettantin, ſondern wirklich ausübende Gedruckt⸗worden⸗ſeiende. Dabei war ſie als Schriftſtellerin eine Frau von ſehr aufgeklärten Grundſätzen; denn ſie hatte ſich als ſolche ihres adeligen Namens entäußert und nannte ſich am Ende ihrer Aufſätze, ſowie am Anfange ihrer Gedichte: Roſa Immergrün. Die jungen Offiziere des Regiments, welche keinen Begriff da⸗ von hatten, wie verdienſtvoll es von der Majorin war, daß ſie ne⸗ ben der Beſorgung ihres Hausweſens und der Erziehung ihrer Kinder— es exiſtirten freilich keine, aber es hätten doch welche da ſein können— der Kunſt und Wiſſenſchaft diente, machten ſich in allen ihren Kreiſen über ſie luſtig und bezeichneten die Gemahlin Entweihung einer K. Infanterie⸗Kaſerne. 187 ihres Chefs mit dem höchſt unpaſſenden Namen: Majorin Blau⸗ ſtrumpf, welche Unart, als ſie ihr einſt zu Ohren kam, von ihr in einem vortrefflichen Gedichte belohnt wurde, das uns aber leider nicht mehr aufzufinden gelang. Der Major von Brander war an dem Tage, an dem unſer Kapitel beginnt, in einer ſehr nachdenklichen Stimmung nach der Kaſerne gegangen. Zu Hauſe wurde gekocht und gebraten, Conditor⸗Jungen liefen treppauf, treppab, aufwärts mit heiteren Mienen und großen Schüſ⸗ ſeln voll Backwerk, abwärts mit leeren Händen und einigermaßen niedergeſchlagen, da es ihnen trotz einiger ſchüchternen Verſuche nicht gelungen war, dem Wunſche ihres Meiſters nachzukommen, nämlich die Zahlung für das Backwerk mitzubringen. Die ganze Wohnung war in offenbarer Zerſtörung begriffen: Möbel wurden verrückt, Bet⸗ ten entfernt, die Köchin putzte Gläſer und Flaſchen, der Burſche ſchliff Meſſer und polirte Gabeln. Die Majorin hatte nämlich, um einem längſt gefühlten Be⸗ dürfniß abzuhelfen, den Entſchluß gefaßt, den Damen ihrer Be⸗ kanntſchaft, ſowie einigen Schöngeiſtern der Stadt einen äſthetiſchen Thee zu geben, und der Major hatte dieſes Angenehme mit dem Nützlichen dadurch verbunden, daß er für ſich eine Whiſtpartie ar⸗ rangirte und eine dringend gewordene Abfütterung jener Leute ver⸗ anſtaltete, bei denen er ſeinerſeits ſchon einige Mal zu Gaſt ge⸗ weſen war. Man kann gar nicht behaupten, daß ſich der Major in beſon⸗ ders angenehmer Stimmung befand. Der eben erwähnte Spektakel in ſeinem Hauſe war ihm zu koſtbar und unangenehm, und ferner hatte ſeine Gemahlin für ihren äſthetiſchen Thee die beſten Zimmer in Anſpruch genommen und die Whiſtpartie in ein paar Hinterſtu⸗ ben verwieſen, damit, wie ſie ſagte, jenes rohe Element nicht zu geräuſchvoll eintrete in die ſanften Harmonieen ihres auserwählten Cirkels. Man muß deßhalb aber nicht glauben, als ſeien beide Vierzehntes Kapitel. Geſellſchaften vollkommen getrennt geweſen. Im Gegentheil. Zuerſt ſollte ein Vereinigungspunkt um den Theetiſch ſtattfinden, und erſt nachdem die Seelen der gebildeten Leute durch einiges aufgegoſſene warme Waſſer weich und empfindlich geworden, und die Mägen der hohen Spieler aus der gleichen Urſache ſo angefüllt, daß es ihnen möglich wurde, ſpäter große Quantitäten Weines und Bieres zu ſich zu nehmem, ſollten ſich beide Partieen trennen. Vorn ſollte angenehmes Geſpräch ſäuſeln, ſowie Neuerſchaffe⸗ nes vorgeleſen, hinten geſpielt werden; und getrennt waren beide Geſellſchaften durch die Garderobe der Majorin, ein dunkles Ge⸗ mach: die finſtere Grenze von der Hölle in den Himmel.—— Der Major hatte eigentlich an dieſem Nachmittage durchaus nichts in der Kaſerne ſeines Bataillons zu thun; er pflegte nie um dieſe Stunde hinzugehen, weßhalb er auch, wie wir gleich ſehen werden, von ſeinen militäriſchen Kindern durchaus nicht erwartet wurde. Er näherte ſich dem weitläufigen Gebäude in der guten Ab⸗ ſicht, die Leute durch ſeinen Anblick zu erfreuen und zugleich zu ſehen, ob ſich Alles in Richtigkeit und beſter Ordnung befinde. Zu dieſem Zwecke ging er auch nicht durch das Hauptthor der Kaſerne, ſondern ſchlenderte auf einem Umwege durch mehrere Straßen zu einer kleinen Hinterthüre, durch die er ungeſehen zu dem Flügel ge⸗ langen konnte, in welchem ſein Bataillon lag. 5 Ehe der Major dieſe Wohnungen erreicht hatte, vernahm er ſchon von Weitem das Geſeufze einer Violine und das Jubeln einer Klarinette, die ſich bemühten, in zarter Harmonie eine Polka hervorzubringen. Obgleich es nun in den Kriegsartikeln nicht ver⸗ boten war, in der Kaſerne Violine und Klarinette zu ſpielen, und ſich darunter eigentlich nichts Schlimmes vermuthen ließ, ſo kam es doch dem Major ſeltſam vor, daß er dazu ein Geräuſch hörte, wie von vielen ſtrampelnden Beinen, das taktmäßig mit der Polka ging. 1 Entweihung einer K. Infanterie⸗Kaſerne. 189 Der Major ſtieg langſam die Treppe hinauf, und je weiter er kam, deſto deutlicher wurde es ihm, daß in einem Zimmer ſei⸗ nes Bereichs eine Tanzmuſik aufgeſpielt, und daß zu der Tanzmu⸗ ſik obendrein auch getanzt wurde. Er ſchüttelte gewaltig ſein Haupt, und die Züge deſſelben, ſeines Geſichts nämlich, begannen ins Dunkelröthliche zu ſpielen. Es mußte dies wohl von, dem ſtarken Gehen in der Mittagshitze kommen.— Jetzt blieb er plötzlich ſtehen—— aber nein, das war unmöglich—— und doch— zwiſchen dieſer Muſik hörte er auch zuweilen einen raſſeluden Trom⸗ melwirbel; derſelbe fing leiſe an, ſchwoll zu bedeutender Stärke und hörte pianiſſimo wieder auf. Der Major blieb erſtaunt ſtehen und horchte. Das war ge⸗ wiß unmöglich und doch täuſchte er ſich nicht.—— Ja, er ver⸗ nahm lachende Weiberſtimmen— am Ende waren es ſogar Mäd⸗ chen, die ſo laut aufſchrieen— und ferner— er mochte kaum ſeinen Ohren tranen— Kindergeſchrei— ja, die Stimmen von kleinen unſchuldigen Kindern, welche obendrein die allgemeine Tanzluſt nicht zu theilen ſchienen; denn die Kinder ſchluchzten und heulten und jammerten durcheinander, als wenn ſie an jener Muſik gar keinen Gefallen fänden und ihnen etwas abſonderlich Unangenehmes geſchähe. Der Major, als kluger Feldherr, beſchloß, den Feind im Rücken anzugreifen, ihn zu überraſchen, und öffnete deßhalb leiſe das Zim⸗ mer neben dem, in welchem getanzt wurde. Schrecklicher Anblick! — Hier ſah es nicht im Geringſten aus wie in einer ordentlichen Kaſerne, ſondern wie in einer Kleinkinder⸗Bewahranſtalt. Sämmt⸗ liche Betten— und es waren deren zwölf im Zimmer— ſah er beſetzt von kleinen ſchreienden Weſen, von einem halben Jahre an bis zu vier Jahren; eine ganze Muſterkarte von Kinderſtimmen. war hier vertreten— ſämmtliche Rangklaſſen der bürgerlichen Ge⸗ ſellſchaften in ihren Sprößlingen. Das bewieſen ihre Anzüge von Kattun, Merino, Seide und Sammt, und ihre Kopfbedeckungen, Vierzehntes Kapitel. / vom baumwollenen Miützchen an bis zum italieniſchen Strohhut mit Band und Feder. Entſetzlicher Anblick! Der Major, entrüſtet— nein, dieſes Wort iſt nicht im Stande, den Zorn des Majors auszudrücken— außer ſich, ſchritt durch die⸗ ſes Kinderzimmer, nicht ohne daß einer der älteren Buben, die herumkrabbelten, den Verſuch machte, in den kleinen Beinen des Majors oder ſeinem langen glänzenden Degen ein eneues paſſendes Spielzeug zu erobern, welcher Beweis kindlicher Zuneigung in die⸗ ſem Augenblick jedoch nicht im Stande war, das Herz des Rache⸗ engels zu erweichen. So gelangte er unbemerkt an die Thüre des Tanzſaales, und er mußte ſich einen Augenblick an einem Pfoſten deſſelben feſthal⸗ ten, um ſich ſo weit ſammeln zu können, daß es ihm möglich war, ohne ſeinem Anſehen zu ſchaden, würdevoll unter die Schuldigen zu treten. Da befanden ſich in dieſem Nebenzimmer ſämmtliche Kinds⸗ mädchen, welche zu den draußen abgelegten Kindern gehörten, und dabei etwa ein Dutzend ſeiner Unteroffiziere. Ja, wir können es nicht verſchweigen, es waren keine gewöhnlichen Soldaten, es waren „Avancirte,“ und Jeder hatte ein Mädchen im Arme und tanzle ſo wahnſinnig mit ihr im Zimmer herum, daß der Staub aufwir⸗ belte, die Röcke weit hinausflogen und die Dielen krachten. Die Unglücklichen waren obendrein ſo im Eifer des Vergnü⸗ gens und durch die ſchöne Tanzmuſik ſo in den Schuß gerathen, daß es ihnen nicht möglich war, plötzlich einzuhalten und eine der unglücklichen Tänzerinnen an den etwas ſchnell und unvorſichtig hereintretenden Major dergeſtalt anprallte, daß letzterer das Gleich⸗ gewicht verlor und nach zweimaligem Umdrehen auf eine Trommel niederzuſitzen kam, was einen dumpfen, unheimlichen Ton verurſachte. Dieſer dumpfe Ton fuhr wie der Poſaunenſchall des jüngſten Tages —— * Entwei hung einer K. Infanterie⸗Kaſerne. 191 auch in die Ohren dieſer Schuldigen. Die zwölf Dienſtmädchen 1 kreiſchtet laut auf und ſuchten das Weite. Hiefür hatte aber der Major geſorgt, indem er die Thüre des Nebenzimmers hinter ſich abgeſchloſſen; den Tanzſaal hatten die Unglücklichen ſelbſt abgeſperrt, indem ſie einen Tiſch vor die Thüre deſſelben gerückt, auf welchem die Muſik geſtanden und aufgeſpielt. Wir ſagen:„geſtanden;“ denn in dem Augenblick, wo der Major ſichtbar wurde und wo jener Trommelſchlag ertönte, brach die Muſik mit einer ſchrillen Diſſonanz ab, und die beiden unglücklichen Muſikanten, das Aergſte befürchtend, riskirten ihre Flucht durch ein ziemlich breites Oberlicht über der Thüre und entkamen auch auf dieſe Art, ohne von dem Vorgeſetzten erkannt zu werden. In den erſten zehn Minuten war der Major nicht im Stande, nur ein ein einziges Wort hervorzubringen; ſeine Fäuſte ballten ſich krampfhaft, die Augen hatte er weit aufgeriſſen, ſeine Geſichtsfarbe ſpielte ins Dunkelrothbraunviolette!—— Der Freiherr von Brander konnte außerordentlich grob ſein, und er war es auch bei außerordentlich vielen Gelegenheiten. Es war dies eine Schattenſeite an dieſem ſonſt ſo vortrefflichen Cha⸗ rakter. Heute aber kam dieſe Grobheit nicht zum Ausbruche; ſeine Aufregung war zu ſtark; er grollte nur in der Entfernung einige dumpfe zehntauſend Donnerwetter und Kreuz⸗Mohren⸗Stern⸗Ele⸗ mente, dann aber war es wieder ſtill, eine ſchwüle Stille, eine entſetzliche Stille! Der Major ſchloß die Thüre hinter dem Tiſche ebenfalls ab, ging nach dem Nebenzimmer, ſetzte ſich dort auf einen Stuhl und befahl mit donnernder Stimme den Verbrechern und Verbrecherinnen, Eines um das Andere hervor zu kommen. In der ganzen Kaſerne war es indeſſen ſchon ruchbar gewor⸗ den, daß der Major von Brander ungeladen bei der Tanzpartie erſchienen war. Der Offizier du jour, der auf ſeinem Zimmer mit einigen Freunden eine Partie Landsknecht ſpielte, faßte den Ent⸗ ſchluß, ſich vor dem erzürnten Vorgeſetzten jetzt nicht mehr ſehen — 4 ☛8 — Vierzehntes Kapitel. zu laſſen, und bat dagegen ſeinen Kameraden, den Bataillons⸗Ad⸗ jutanten, der ebenfalls zufällig zugegen war, hinüber zu ſteigen und wo möglich den Zorn des Majors abzulenken, daß er nicht auf den Gedanken verfalle, ihn, den unglücklichen Offizier du jour, für den Spektakel verantwortlich zu machen.— Der Bataillons⸗Adjutant, Lieutenant von Stifeler, war ein Offizier, der den Teufel nicht fürchtete, aber vor dem Major Brander gewaltigen Reſpekt hatte; doch nahm er in dieſem Punkt 4 allen ſeinen Muth zuſammen und ging eilenden Schrittes nach dem Zimmer Nr. 44, wo das Schreckliche geſchehen. Da fand er die Thüre verſchloſſen und klopfte an. Der Major ſchrie: Herein! mit einer ſolch fürchterlichen Stimme, daß es den Adjutanten eiskalt überlief; er fürchtete nicht mit Unrecht, ſein Erſcheinen werde den Chef veranlaſſen, die vielleicht ſchon geſchloſſenen Schleuſen ſeiner Beredtſamkeit noch einmal aufzuziehen, und der arme Adjutant hatte gar keine Ahnung davon, daß die ganze Grobheit des Vor⸗ geſetzten bis jetzt künſtlich aufgeſtaut worden war, und daß ſein Eintritt den mühſam erbauten Damm durchbrechen, die wilden Ge⸗ wäſſer entfeſſeln würden, auf daß ſie zügellos dahin ſtrömten. Der erſte Ausdruck, der ſich auf dem Geſichte des Majors beim Erſcheinen ſeines Adjutanten malte, war der einer unausſprech⸗ lich tiefen Wehmuth; er faltete ſogar die Hände über ſeinem ziemlich dicken Bauche zuſammen und blickte an ſeinem Adjutanten, der über zwei Kopflängen größer war, kummervoll in die Höhe. Der Lieu⸗ tenant von Stifeler faltete ebenfalls ſeine Hände zuſammen, doch nicht über ſeinem Bauche,— denn er hatte keinen— dabei ließ er die Mundwinkel hangen, zog die Augenbrauen in die Höhe und ſchaute noch ungleich ſchmerzerfüllter in die Tiefe, als ſein Chef in die Höhe. 8 „Gräßlich!“ ſagte der Major nach einer Pauſe und zuckte die Achſeln. „Unerhört!“ ſprach der Adjutant, und zog ſeine Schultern Entweihung einer K. Infanterie⸗Kaſerne. 193 ſo hoch hinauf, daß ſein Kopf faſt zwiſchen denſelben ver⸗ ſchwand. „Nein! nein!“ ſchrie der Major, und mit einer ſolchen entſetz⸗ lichen Stimme, daß die Fenſter erklirrten, und dabei ſprang er mit gleichen Füßen einmal im Kreiſe herum.„Da ſoll ja eine ganze Legion von Donnerwettern in einem Hagel von Sterngranaten in die Mordbande hineinfahren! Iſt denn die Kaſerne Seiner Maje⸗ ſtät“— bei den letzten Worten legte er die Hand ſalutirend an die Pickelhaube, und der Adjutant machte es gerade ſo—„ein Tanzboden geworden, und die ganze Welt zu einem Narrenhaufen mit zehntauſend Millionen Narren? Hat man je ſo etwas erlebt, ohne daß die Erde entzwei geſpalten wäre und dieſe ganze Schwe⸗ felbande mit hinunter geführt, oder der Himmel eingeſtürzt und mit all ſeinen tauſend Sternen und Elementen auf ihre Köpfe her⸗ nieder und ſie zuſammen gewettert, daß die Fetzen davon geflogen, ſo weit es Luft hat zwiſchen Himmel und Erde? Alle Welt⸗Kreuz⸗ Mohren⸗Tauſend⸗Himmel⸗Stern⸗ und Granaten⸗Sakerment! Wo fang' ich an zu ſtrafen und wo hör' ich auf?— Doch wozu mich eigentlich ereifern?“ Bei dieſen Worten ſchlug der Major ein krampfhaftes Gelächter auf und ließ ſich, tief Athem holend, auf einen Stuhl nieder.—— „Herr Lieutenant von Stifeler,“ ſagte er nach einem längeren Stillſchweigen, während deſſen er blos durch Blicke, aber deſto deutlicher geſprochen,„nehmen Sie gefälligſt Ihr Taſchenbuch zur Hand, wir wollen zu Gericht ſitzen, ſchauerlich zu Gericht ſitzen, und die nichts ahnenden Herrſchaften dieſer nichtsnutzigen Weibs⸗ bilder ſollen erfahren, wem ſie ihre Kinder anvertraut.“ Der Major, ſo laut er auch ſchrie, hatte doch Mühe, ſich ver⸗ ſtändlich zu machen; denn die erſchreckte Kinderſchaar war— das heißt die, welche laufen konnte— aus Furcht zwiſchen zwei Betten zuſammen gekrochen und ſtieß beim Anblick des kurzen Majors und Hackländers Werke. X. 13 194 Vierzehntes Kapitel. 14 des langen Adjutanten ein mörderliches Geſchrei aus. Nur ein einziger Sprößling, ein Bube von vier Jahren, konnte ſich von der großen Trommel, vor welcher er ſtand, nicht trennen, und bear⸗ beitete das Fell derſelben auf eine die Ohren zerreißende Art. „Herr Lieutenant von Stifeler,“ befahl der Major,„ſagen Sie den Kindern, daß ſie ſtille ſind, es ſoll ihnen nichts zu Leide geſchehen.“ Der Adjutant griff abermals an ſeine Pickelhaube; doch brachte der erſte Schritt ſeiner langen Beine, den er auf die Kinder zu that, und das erſte Wort, womit er ſie haranguirte, nicht die ge⸗ wünſchte Wirkung hervor. Der Adjutant hatte im Allgemeinen einen ſehr undeutlichen Begriff von der Behandlung kleiner Kinder, und die Art, ſie im vorliegenden Falle, wo ſie in der königlichen Kaſerne vor den Augen des Majors unbändig ſchrieen, ohne vor⸗ her die Erlaubniß hiezu eingeholt zu haben, zu beſchwichtigen, war er nicht ſo glücklich aufzufinden. Er behandelte ſie wie eine Schaar Rekruten und ſagte zu ihnen in einer tiefen Baßſtimme:„Verſchie⸗ dene Kinder! ich kann es euch auf Ehre! nicht verhehlen, daß ich es für ungeheuer unpaſſend und durchaus gegen das Kaſernenregle⸗ ment halte, daß ihr hier ſo unvernünftig ſchreit; doch der Herr Oberſtwachtmeiſter“— dabei faßte er abermals an ſeine Pickelhaube —„ſowie ich haben wahrhaftig keine Idee, euch etwas zu Leide zu thun. Darum, liebe verſchiedene Kinder, ſteht ſtill und betraget euch ſo manierlich und anſtändig, wie man es von eitkem könig⸗ lichen Landeskind in einer königlichen Infanteriekaſerne zu erwarten berechtigt ſein kann.“ Auf dieſe Rede hin, die an ſich nicht ohne war, ſchrieen die Kinder noch heftiger als zuvor, und der jugendliche Trommler ver⸗ ſuchte einen Wirbel zu ſchlagen. Der Adjutant wandte ſich achſelzuckend zu ſeinem Chef und erlaubte ſich die Bemerkung, es ſei vielleicht beſſer, wenn man jeder der Verbrecherinnen geſtatte, ihr Kind heraus zu ſuchen und Entweihung einer K. Infanterie⸗Kaſerne. 195 ſelbſt zum Schweigen zu bringen; man habe auf dieſe Art Alles bei einander, die Uebelthäterinnen mit den betreffenden Corpus delicti's.. Bevor der Major hiezu ſeine Einwilligung gab, verſuchte er es, den jungen Trommler eigenhändig von der Trommel zu ent⸗ fernen, ohne jedoch zu dem gewünſchten Reſultate zu kommen; denn der Junge vertheidigte ſeine Beute aufs Nachdrücklichſte, und hatte ſo wenig Reſpekt vor dem Major, daß er ſogar von der Defenſive in die Offenſive überging und mit ſeinen Trommelſehlegeln nach den dürren Beinen des Offiziers ſtieß. „Wir wollen das Verhör mit dieſem Rangen anfangen,“ ſagte würdevoll der Major.„Wo iſt die Perſon zu dieſem Kinde?“ „Hier!“ ließ ſich eine ſchüchterne Stimme vernehmen. „So! Sie iſt alſo dieſe pflichtvergeſſene Perſon, die, anſtatt mit den Kindern in Gottes freier Luft ſpazieren zu gehen, in die königliche Kaſerne ſchleicht, um Ihrer Tanzluſt zu fröhnen wäh⸗ rend Sie dieſes unartige Kind, das eine Aufſicht ſo nöthig hat, ſich ſelbſt überläßt? Bei welcher Herrſchaft iſt Sie? wem gehört dieſer Schlingel?— Nun, wird's bald? Antwort!“ „Bei des Generals von Hammerbach Excellenz bin ich,“ ſagte die unglückliche Perſon mit niedergeſchlagenem Blick. „Gerechter Gott!“ rief der Major und faßte an ſeine Pickel⸗ haube;„bei Seiner Excellenz dem Herrn General von Hammerbach? Und dieſes liebenswürdige Kind, das Sie ſo gräulich vernachläſſigt, iſt ſein Sohn?“ „Ja,“ ſagte das Mädchen, und der Adjutant ſchanderte. „Trommle du ruhig weiter, mein liebes Kind,“ fuhr der Major fort,„du haſt ganz recht, du kannſt nichts dafür, daß man dich in die Kaferne geſchleppt. Aber iſt es nicht erſtaunlich,“ wandte er ſich zu ſeinem Adjutanten,„wie dieſer kleine junge Herr ſchon ſo vortrefflich trommeln kann? Es wäre anderswo eine Freude, ihm zuzuhören, aber hier iſt es entſetzlich. Herr Lieutenant von 1 196 Vierzehntes Kapitel. tifeler, ſehen Sie einen Angenblick nach, das Kind hat die Trom⸗ melſchlegel verkehrt; haben Sie doch die Güte, und geben Sie ſie ihm recht in die Hand.— So!— Jetzt trommle nur zu, mein Söhnchen; man muß ein Talent immer unterſtützen; das iſt in der That ein kleines militäriſches Genie.— Aber weiter!“— Der beſchränkte Raum dieſer Blätter verbietet uns leider, das ganze Verhör des Herrn Majors von Brander in vollkommenſter Umſtändlichkeit wiederzugeben: wir können nur verſichern, daß, wie ſchon geſagt, hier ſämmtliche Kreiſe der Geſellſchaft vertreten waren. Da gab es, wie ſchon erwähnt, kleine Generale, ferner Regierungs⸗, Steuer⸗, Hof⸗ und Stadträthe, dann Kaufleute, ja Schneider und Schuſter, und was die letzteren anbelangt, ſo hatten ſie ſich blos durch die äußeren Vorzüge ihrer Kindsmädchen, welche von allen die blühendſten und friſcheſten waren, in dieſe vornehme Geſell⸗ ſchaft eingeſchlichen. Nachdem der Adjutant ſämmtliche Namen der Herrſchaften, ſowie ſämmtliche Vor⸗ und Zunamen der Verbrecherinnen beſtens notirt, wurden dieſelben nach einer langen und kräftigen Rede des Majors entlaſſen und ihnen die tröſtliche Verſicherung mit auf den Weg gegeben, daß er nicht ermangeln werde, dieſer Unthat im Parolebefehl zu erwähnen, daß er aber hauptſächlich durch ein Cir⸗ kularſchreiben brevi manu sub voto remissionis an ihre betreffenden Häuſer auf ihre nachtrückliche Beſtrafung hinwirken wolle. Die Namn der Unteroffiziere, ſowie der Compagnieen, zu wel⸗ chen ſie gehörten, wurden ebenfalls aufgeſchrieben, um ſie den be⸗ treffenden Hauptleuten übergeben zu können; der unglückliche Tam⸗ bour dagegen, der die königliche Trommel zum Kinderſpiel hergege⸗ ben, wurde drei Tage in Arreſt geſchickt, bei Waſſer und Brod, und das von Rechts wegen. Aeſthetiſcher Thee. 197 Fünfzehntes Kapitel. Der Erzähler dieſer Geſchichte führt den geneigten Leſer zu einem äſtetiſchen Thee.— Viel warmes Waſſer und Butterbrod. Finſter und ſchweigend verließ der Major die Kaſerne, und der lange Adjutant ging ebenſo finſter und ſchweigend neben ihm her. Der Erſtere war durch das eben Vorgefallene aufs Tiefſte erſchüttert— eine ſolche Entheiligung der Kaſerne und noch oben⸗ drein eines Theiles der Kaſerne, in welchem ſein Bataillon lag! Als er an der Straßenecke ankam, wo er rechts nach ſeiner Woh⸗ nung ging, verabſchiedete er den Lieutenant von Stifeler, wobei er aus der Tiefe ſeines Herzens nur das einzige Wort:„Unerhört!“ hervorbrachte. „Unerhört!“ ſagte der Adjutant ebenfalls und hielt ſeine rechte Hand ſo lange an die Pickelhaube, bis der Chef um die Ecke ver⸗ ſchwunden war; dann begab er ſich nach der Kaſerne zurück, um den angefangenen Landsknecht zu vollenden. Es war ein Glück, daß der Major, als er ebenfalls nach Hauſe kam, durch das Rumoren in demſelben, welches ihn vorhin vertrie⸗ ben, einigermaßen zerſtreut wurde; auch warteten ſeiner verſchiedene kleine Haushaltungsgeſchäfte, welche er bei feſtlichen Veranlaſſungen, wie der heutigen, ſelbſt zu beſorgen pflegte. Zwiebel, der Bediente, hatte ſeine Meſſer und Gabeln geputzt, auch den Salat geleſen, darauf mit ſeinen militäriſchen Händen Kartoffeln geſchält und das Küchenfeuer unterhalten. Auch hatte ihn die gnädige Frau unterdeſſen in verſchiedene Kunſtläden herum⸗ geſchickt, um ſich einige koſtbare Bilderwerke„zur Anſicht“ kommen zu laſſen, die dann heute Abend gleichfalls zur Anſicht der Einge⸗ ladenen figuriren ſollten. Ferner hatte Zwiebel von einem Sprach⸗ 8 — 1 A 8 — S 198 Fünfzehntes Kapitel. lehrer, mit dem die gnädige Frau hie und da franzöſiſche Werke las, eine kleirte Abhandlung in dieſer Sprache holen müſſen; es waren Recenſion en über ein neu erſchienenes Werk, das viel von ſich reden machte; und der Major hatte ſich ſchon mehrere Stunden des Tages damit beſchäftigt, die Recenſion ſauber abzuſchreiben— ebenfalls zum„gefälligen“ Auffinden. Der Major ſtieg indeſſen die Treppe hinauf, erhitzt vom ſchnel⸗ len Gehen, noch pruſtend in Folge des gehabten Aergers. Das Geklapper der Teller und das Geklirr der Gläſer, dazu der ſüße Bratenduft, den er roch, waren kaum im Stande, ſeinen Unmuth zu zerſtreuen. Mehr aber als durch dieſes bezwang er ihn beim Anblicke Zwiebel's, der in ſeinem Zimmer den Schlafrock parat hielt und ein ſehr bedenkliches Geſicht machte; denn der Major ent⸗ nahm hieraus, daß der Diener ſchon lange geharrt und daß es nöthig ſei, die trüben Gedanken zu verſcheuchen, um ſich mit Ernſt den ſeiner harrenden Geſchäften hinzugeben. »Er ſetzte hierauf die Pickelhaube ab, entledigte ſich des Waf⸗ fenrockes mit den dicken Epauletten und ſchlüpfte in ſein bequemes Hauskleid. Wenn wir nicht wüßten, geneigter Leſer, daß es deinem Herzen wohl thun würde, einen rauhen, wilden Krieger, deſſen Geſchäft es iſt, den Säbel zu ſchwingen und donnernde Schlachten zu gewinnen, einmal in ſanften, friedlichen Geſchäften zu erblicken, ſo würden wir die nächſten Zeilen nicht niederſchreiben; aber da wir glauben, daß Herkules, der den Stall des Augias miſtet(der Major kam, wie wir wiſſen, von einem ähnlichen Geſchäfte) dir vielleicht kaum intereſ⸗ ſanter ſein wird, als der ſaufte Herkules am Spinnrocken, ſo fah⸗ ren wir fort und wollen berichten, was der Major nun begann, nachdem er ſeinen Schlafrock angezogen und ſich eine kurze Tabaks⸗ pfeife angezündet. Er ging zuerſt zu ſeiner Frau hinüber, nicht ohne vor der Thüre zu deren Zimmer die Tabakspfeife in den Schlafrock geſteckt Aeſthetiſcher Thee. 199 zu haben. Hier begann er ein gleichgültiges Geſpräch, ſo daß man ſah, daß er nicht in der Stimmung war, über gemeine Dinge— die Vorbereitungen zum Thee heute Abend— zu ſprechen. Ma⸗ dame zerkaute die Feder, die ſie in der Hand hatte, und blickte dabei ſchwärmeriſch gen Himmel. Auch gab ſie dem Major auf ſeine Fragen oft die verkehrteſten Antworten, ſo daß er ſich nicht lange in dem Muſentempel aufhielt, ſondern ein paar Saiten tiefer griff und ſich nach dem Eßzimmer begab, das neben der Küche gelegen war. „Donnerwetter! wie ſieht's hier noch aus?“ ſagte der Major zu ſeinem Zwiebel, der hoffnungslos neben einem Haufen der ver⸗ ſchiedenartigſten Dinge ſtand, die alle noch für heute Abend gehö⸗ rig geputzt und hergerichtet werden mußten, als da waren: Wein⸗ flaſchen, Spielkarten, Stearinlichter, ſilberne Löffel und Gabeln in Paketen zu einem halben Dutzend, ſorgfältig verſiegelt, mit der Adreſſe des Majors Freiherrn von Brander darauf, verſchiedene Käſe in Papier, ein Korb voll feinen Theebackwerks, ein anderer voll gewöhnlichen Brodes und mehr dergleichen Sachen noch, die zu einem äſthetiſchen Thee und einer unäſthetiſchen Whiſtpartie nöthig und erforderlich ſind. Nachdem der Major ſeine Pfeife wieder in Brand geſetzt, vor⸗ her aber die Fenſter geöffnet und das Nebenzimmer geſchloſſen, ſchlug er die Aermel ſeines Schlafrocks in die Höhe und begann mit großem Gepolter das vor ihm liegende Chaos zu ordnen. „Was meinſt du, Zwiebel,“ ſprach der Gaſtgeber,„wenn wir zuerſt bei den alten Weinflaſchen anfingen? Ich glaube, es wäre am beſten, wenn wir dieſes zerbrechliche Zeug in Reih' und Glied brächten und unter einem Winkel aufmarſchiren ließen.“ „Zu Befehl, Herr Major!“ entgegnete der Bediente;„ich glaube, der Herr Major thäten ganz wohl daran.“ Dieſer ließ ſich nun nach dieſer Zuſtimmung eine Serviette ge⸗ ben und auch die Flaſchen Stück für Stück herüber reichen. Er 8— 3 3 ··“ 200 Fünfzehntes Kapitel. hielt ſie vor das Licht, wiſchte mit dem Tuche den Staub ab, öff⸗ nete mit dem Pfropfzieher; das alles geſchah mit großer Feierlich⸗ keit und außerordentlich behende. Die Flaſchen mit weißem Wein wurden in die rechte Ecke geſtellt, die mit rothem in die linke, und hiezu dampfte die Tabakspfeife und ſchaute der Bediente zu mit aufgeſperrtem Maule. „Siehſt du, Zwiebel,“ ſagte der Major mit dröhnender Stimme unter dieſen Geſchäften,„ich halte es unbedingt für beſſer, die Flaſchen ſo abgeputzt und hergerichtet auf den Tiſch zu ſtellen; es gibt freilich Leute, die ſie ihren Gäſten mit dem Kellerſtaub vor⸗ ſetzen, um damit das hohe Alter des Weines anzuzeigen; aber es iſt die vollkommenſte Renommage; Staub gehört nicht auf den Tiſch.— Apropos, da ich einmal bei dem Staube bin, der mit dem Schmutze große Aehnlichkeit hat, ſo möchte ich auch da in der Küche dir ein paar Worte ins Gewiſſen reden“— er rief dieſe Worte überlaut ins Nebenzimmer hinein—„ich muß mir ſehr ausbitten, daß heute Abend nicht wieder Schüſſeln vorkommen, an deren Rande die ſchwarzen Tatzen abgemalt ſind; Alles muß rein⸗ lich und nett ſein, ſehr reinlich, keine Malpropreté.— Mir ſcheint auch,“ fuhr der Freiherr von Brander fort, und hob die Naſe und ſchnüffelte in die Luft,„als rieche ich etwas Verbranntes, ſo einen verbrannten Kalbsbratengeruch. Paßt mir doch auf, ins Dreiteu⸗ felsnamen!“ Er eilte geſchäftig in die Küche, um ſich von der Wahrheit ſeiner Behauptung zu überzeugen, und blieb einen Augenblick mit aufgeſtemmten Armen vor dem Kochherde ſtehen. „Riecht Sie denn gar nichts, Babette?“ fragte er nach einer Pauſe, während welcher er ſeine Geruchsnerven übermäßig angeſtrengt, „riecht Sie in der That nichts? He, Zwiebel! merkſt du nichts Verbranntes?“ Damit eilte er ins Eßzimmer zurück. Aeſthetiſcher Thee. 201 „Zu Befehl, Herr Major,“ ſagte der Bediente,„es brandelt wirklich etwas.“ 3 „Sieht Sie, Babette,“ ſchrie der Major,„auch Zwiebel hat's gerochen!“ „Ja, jetzt rieche ich es auch,“ erwiderte die Köchin,„aber es kommt von einem Papier her, das man in den Ofen geworfen⸗ Papier aus der Madame ihrem Zimmer; es wird eine Schreibfeder dabei geweſen ſein.“ „Donnerwetter! eine Schreibfeder?“ rief der Major entrüſtet, „alſo nicht der Kalbsbraten, Babette? Kann ich mich darauf ver⸗ laſſen, daß es nicht der Kalbsbraten iſt? Dann iſt es gut!“ „Gewiß kein Kalbsbraten!“ verſetzte die Köchin. „Ja wohl, Federn,“ ſogte Zwiebel beſtimmt,„kein verbrannter Kalbsbratengeruch.“ „Bon!“ ſprach der Major. Die Köchin und Zwiebel hätten um Alles in der Welt nicht zu⸗ gegeben, daß der Kalbsbraten gebrandelt hätte, und wenn dieſes auch wirklich der Fall geweſen wäre. Der Major, wenn er ſich einmal ſo mit Haushaltungsgeſchäften befaßte, war außerordentlich reizbar, ſobald ſolche Fehler vorkamen, und konnte dann über alle Maßen grob werden. Kam dagegen nichts Unrechtes vor, ſo war er in ſolchen Momenten der leutſeligſte und herablaſſendſte Herr, den man ſich nur denken konnte. Jetzt waren die Flaſchen beſeitigt. Zwiebel ſtellte ein Dutzend leere Leuchter auf den Tiſch, und der Major machte ſich mit eigenen Händen daran, dieſelben mit friſchen Stearinkerzen zu beſtecken. Er that das nur in der reinen Abſicht, damit keine ſchief aufgeſteckt würde, denn ſolches war ihm ein Gräuel. Ja, wenn alle Leuchter montirt waren, ſo wurden ſie in eine Linie geſtellt und mit Zwie⸗ bel's Beihülfe aufs Genaueſte gerichtet. Auch die Papiere unten durften nur ſo weit vorſtehen, wie es bei den Halsbinden der Sol⸗ daten der Fall war, genau eine und eine Sechzehntelslinie. Es 20² 8 Fünfzehntes Kapitel. hätte den Major außerordentlich betrübt, wenn man am Anzuge ſeiner Leuchter die geringſte Unregelmäßigkeit entdeckt hätte. Dieſes Geſchäft ging indeſſen glücklich von Statten; der Major ſchwitzte vor Arbeit und Vergnügen und war äußerſt guter Laune. 1. „Sollteſt du's wohl glauben,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe,„daß es Leute gibt, die verbrannten Kalbsbraten eſſen?“ Zwiebel ſchauerte ein klein wenig zuſammen und ſchüttelte den Kopf. „Du glaubſt es nicht?“ ſagte der Major. Der Diener war ſehr in Verlegenheit, ob er Ja oder Nein ſagen ſollte, da er nun nicht genau wußte, welche Anſicht in dieſem Punkte ſein Herr entwickeln würde; er behalf ſich deßhalb mit einem außerordentlich dummen Lächeln. „Ja, es gibt ſolche Leute,“ fuhr feierlich der Major fort und nahm ein Trinkglas vom Tiſch, das er gegen das Fenſter hielt, um zu ſehen, ob es auch rein geputzt wäre;„es ſoll ſolche Leute geben,“ wiederholte er, hauchte dann in das Glas hinein und wiſchte mit der Serviette darin herum, um einen Flecken zu ver⸗ tilgen, den er entdeckt. „Wer hat die Gläſer eigentlich geputzt?“ fragte er hierauf und unterbrach dadurch ſeinen Ideengang in Betreff des verbrann⸗ ten Kalbsbratens.„Donnerwetter! ich finde darin eine Unſauber⸗ keit— hier war ein Flecken. Zwiebel, wenn du Zeit haſt, ſo werden alle Gläſer nochmal durchgeſehen; verſtehſt du mich? Man kann doch den Weibsbildern nicht das Geringſte anvertrauen!— So— Lichter, Flaſchen, es wäre Alles in Ordnung; jetzt wollen wir einmal über die Spielkarten gehen, zu jedem Tiſch zwei Spiele, ein rothes und ein blaues; wir haben drei Tiſche. Haſt du ſechs Spiele, Zwiebel?“ „Zu Befehl, Herr Major!“ „Drei blaue und drei rothe?“ — — — Aeſthetiſcher Thee. 2 203 „Zu Befehl, Herr Major!“ „Bon!“ ſagte dieſer.„Jetzt wollen wir einmal einen Blick in die Zimmer werfen, um nachzuſehen, ob da Alles in gehöriger Ordnung iſt.“ Draußen in der Küche war ein unterdrücktes Huſten hörbar, und eine ſanfte Stimme ſprach:„Babette, Sie muß ſich ein wenig eilen, es iſt gleich ſieben Uhr, um halb Acht kommen die Herrſchaften.“ „Die Frau Majorin,“ ſagte Zwiebel ſehr ſchüchtern, und fügte mit leiſer Stimme hinzu:...„Die Pfeife... Herr Oberſtwachtmeiſter.“ „Ja ſo, die Pfeife!“ antwortete dieſer einigermaßen verwirrt, „richtig, die Pfeife; ich danke dir, braver Zwiebel! Da nimm ſie und ſteck ſie in die Taſche.— Donnerwetter, das war ein Geſchäft!“ Dieſe letzten Worte galten der eintretenden Majorin, welche in dieſem Augenblicke einem ſtarken Huſtenanfalle faſt zu erliegen ſchien.„Aber, lieber Ferdinand,“ ſagte ſie,„wie kann man denn eine halbe Stunde vor einer Soirée im Geſellſchaftszimmer rauchen?“ „Nicht im Geſellſchaftszimmer, mein Schatz!“ verſetzte freund⸗ lich der Major,„Gott ſoll mich bewahren!— Gewiß nicht, nur hier im Eßzimmer, und es ſind überdies die Fenſter auf, das geht im Augenblicke wieder hinaus.“ „Da ſehe ich auch Cigarren auf dem Tiſche liegen,“ fuhr die unerbittliche Majorin fort,„ein ganzes Paket Cigarren!— Aber, Ferdinand, was fällt dir um Gotteswillen ein?!“ „Das iſt ja für die Whiſtpartie,“ ſagte der Major kleinlaut und verlegen und ſetzte raſch hinzu, als er bemerkte, daß ſeine Ehe⸗ hälfte die dünnen Lippen zuſammenbiß:„für'’s Nachhauſegehen, verſteht ſich von ſelbſt, da nimmt jeder der Herren ſich eine; das iſt ſo der Brauch.“. „Ich will mich nicht an jenen Abend erinnern,“ ſprach die Majorin ſtreng,„wo bei einer Whiſtpartie hier in dieſem Zimmer —ö 204 Fünfzehntes Kapitel. geraucht wurde, und wo man drüben bei mir faſt erſtickt wäre. Ach, der Tabaksdampf greift meine Nerven entſetzlich an! Es liegt ſchon etwas Rohes in dem Begriff des Rauchens; kann man ſich die Cigarre oder eine Tabakspfeife bei irgend einer zarten Situ⸗ ation des menſchlichen Lebens denken? Gewiß nicht! Schon die Idee des Rauchens iſt gegen alle Poeſie!“ „Aber alle Poeten und Schriftſteller,“ erlaubte ſich der Major zu ſagen,„rauchen ungeheuer; ich habe das ſchon oft gehört.“ „Gewiß nicht alle,“ entgegnete ſanft die Majorin;„es gibt deren freilich, ich will das zugeben; aber auch ſie treiben alsdann dieſe böſe Gewohnheit nur heimlich; ich wenigſtens habe noch nie Jemanden gekannt, der roh genung geweſen wäre, die reine Luft eines Theezimmers dadurch zu verpeſten.“ Mit dieſen Worten begab ſich die Dame ſtolz in ihren Salon, und der Major folgte ihr, um ſich zu überzeugen, daß dort Alles in Ordnung ſei. Zwiebel blieb unterdeſſen im Eßzimmer und rauchte aus der noch brennenden Pfeife des Majors verſtohlener Weiſe die letzten Züge, während er Flaſchen, Lichter und Gläſer an ihrem Orte auf⸗ ſtellte, ſowie die Spieltiſche richtete und anf jeden ein rothes, ſowie ein blaues Paket Karten legte. Drüben arbeitete der Major im Schweiße ſeines Angeſichts und legte die letzte Hand an die Einrichtung des Theezimmers. Die Stühle wurden beſtens gerichtet, die Taſſen äuf dem Tiſch ebenfalls, und mittlerweile war es halb acht Uhr geworden, die Stunde, zu welcher die Geſellſchaft eingeladen war. „Der Teufel!“ ſagte der Major,„jetzt iſt es ſchon halb Acht, und ich bin noch nicht einmal angezogen. Da werde ich nun un⸗ geheuer eilen müſſen!“ „So geht es dir beſtändig,“ erwiderte die Majorin ſanft und ruhig,„du wirſt nie zu rechter Zeit fertig.“— Sie hatte ſich maleriſch auf einen Fauteuil niedergelaſſen, ſtützte das Geſicht mit Aeſthetiſcher Thee. 20⁵ etwas melancholiſchem Ausdruck auf die Lehne deſſelben und ſchien in tiefes Nachdenken verſunken. Dieſe Dame hatte freilich mehr Zeit zu ihrer Toilette gehabt, als der gute Major; ſie, die Hausfrau, hatte weder Lichter auf⸗ geſteckt, noch Flaſchen abgewiſcht, noch die Küche überwacht, daß der Kalbsbraten nicht anbrenne, woher es denn auch kam, daß ſie vollkommen Zeit hatte, nachdem ſie die Feder weggelegt, ſich auf's Beſte heraus zu putzen. Sie trug ein Kleid von hellſeegrünem Mouſſelin; auf der Stelle des Buſens trug ſie ein kleines Roſen⸗ bouquet, ihr Haar war mit Immergrün verziert. Wir brauchen kaum dem fühlenden Leſer zu ſagen, daß Blumen und Blätter äußerſt ſinnig ihren Schriftſtellernamen anzeigten— Roſa Immergrün! Draußen wurde unterdeſſen die Glocke gezogen. „Gerechter Gott!“ ſchrie der Major,„jetzt kommt ſchon Ge⸗ ſellſchaft, und ich bin noch im Schlafrock! Zwiebel, ſchau nach, wer es iſt; führ' ihn in den Salon, ich werde mich in das Eßzimmer retiriren.“— Er that alſo, öffnete aber im nächſten Augenblicke ſelbſt die Salonthüre, um den zuerſt Angekommenen herein zu laſſen. Es war dies nur der Adjutant, Lieutenant von Stifeler, vor dem er ſich nicht zu geniren brauchte. „Freut mich ungeheuer,“ ſagte der Major,„daß Sie ſo früh kommen, lieber Stifeler! Thun Sie mir die einzige Liebe und ſpazieren mir durch die Zimmer, um nachzuſehen, ob Alles an ſeinem gehörigen Platze ſteht und in ſcharfer Richtung iſt, mein Freund. Um Gotteswillen, kein krummes Glied! Ich will unterdeſſen meine Toilette machen; ſeien Sie ganz rlückſichtslos, ohne alle Nachſicht.“ Der Adjutant, Lieutenant von Stifeler, machte der Dame des Hauſes ſein Kompliment und ging, das ihm Aufgetragene zu beſichtigen. Der Major zog ſich in ſein Schlafzimmer zurück und putzte ſich unter Beihülfe des getreuen Zwiebel auf's Beſte heraus; 206 Fünfzehntes Kapitel. er zog dann den zweiten Paradewaffenrock an, dazu die Epauletten Numero drei— es wurde bald Abend, und da glänzten ſie ja doch wie neu— er ſtrich ſein Haar unternehmend in die Höhe, der Bart wurde lange gewichst, bis er in zwei drohenden Spitzen hori⸗ zontal über dem Munde ſtand; das Sacktuch wurde mit Roſenöl beträufelt— die Majorin Roſa litt in ihrem Hauſe kein anderes Parfum— und ſo gerüſtet trat der Hausherr in das Geſellſchafts⸗ zimmer.. Der Lieutenant von Stifeler hatte nicht außerordentlich viel zu erinnern gefunden; nur einige unwichtige Sachen waren ihm aufgeſtoßen, die er aber alsbald reparirte; zum Beiſpiel ein Stuhl, der ſich einen Zoll vor ſeinem Kollegen herausgedrängt, eine Taſſe, die auf der Seite lag, ſowie im Eß⸗ und Spielzimmer zwei Lichter, die ſich um eine halbe Linie nach rechts neigten,— ein Fehler, den ſogar das ſcharfe Auge des Majors überſehen. Jetzt tönte draußen die Glocke abermals, und nun kamen die Gäſte. Anfangs erſchienen ſie in größeren Pauſen, nachher aber ſchneller auf einander, und Zwiebel in der neuen Livree: leder⸗ farbenem Rock und gelber Weſte, kam ebenſo wenig mehr von der äußeren Thüre weg, wie der Major von der inneren, bis Alles verſammelt war. Es war eine zahlreiche Geſellſchaft da, Herren und Damen, erſtere aber vielleicht die Hälfte mehr als die Letzteran; und das kam daher, weil die Whiſtpartie natürlicher Weiſe aus lauter Männern beſtand. Dies waren meiſtens alte Stabsoffiziere, auch einige Hauptleute darunter, und dann einige Regierungs⸗ und andere Räthe, die ſich bei Damengeſpräch und Theetaſſengeklirr durchaus nicht heimiſch zu fühlen ſchienen. Dieſe Mitglieder der Geſellſchaft waren froh, als ſie der Dame des Hauſes ein Kom⸗ pliment gemacht und es ihnen darauf geſtattet war, ſich in irgend eine Ecke des Salons zu harmloſem Zwiegeſpräch oder zu tiefen Alleinbetrachtungen zurück zu ziehen. Es waren meiſtens ganz Aeſthetiſcher Thee. 207 geſcheidte Leute, denen es aber ſehr ſchwer wurde, dieſe nothwendige nichtsſagende Theeconverſation anzuknüpfen, die, außerordentlich beredt in ihrem Fache und unter den Männern, es ſehr ſchwer fanden, in Damenkreiſen den Gemüthlichen und Liebenswürdigen zu ſpielen, und denen, wenn ſie auch in ſolchen Augenblicken ihrem Geiſte die mächtigſten Sporenſtöße gaben, doch nichts einfiel, und die ſteif und unbeholfen neben der plappernden, hier geiſtreichen, ſich ungeheuer amuſirenden Jugend daſtanden in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle. So eine Theeconverſation von Weitem zu belauſchen, all' das Geräuſch und all' die Worte ohne Zuſammenhang außzufaſſen, macht einen außerordentlich komiſchen Eindruck. Das huſtet und räuspert durch einander, das kichert und lacht, die Taſſen klirren, der Theekeſſel ſingt; die alten Damen bilden um den großen Tiſch den innerſten Kern und ſprechen über ernſte Gegenſtände, die jün⸗ geren ſitzen außen herum in einzelnen Gruppen— leichte Vorpoſten, dem erſten Angriff des Feindes bloßgeſtellt. Und dieſer Feind in ſchwarzem Frack, in weißen Glacéhandſchuhen, den Hut entweder ängſtlich vor den Bauch gedrückt oder denſelben ſchüchtern auf den Rücken haltend oder kühn in die Seite geſtemmt, attaquirt die Vorpoſten und fängt auf der ganzen Linie an zu plänkeln. „Charmant!— köſtlich!— deliciös!“ knallt es von allen Seiten. —„Finden Sie das auch, mein Fräulein?“—„Gewiß!— Superb! — Sie ſehen, wie ich lache.— O, das kann nicht Ihr Ernſt ſein!— Auf Ehre!— Auf Seele!— Sie Unausſtehlicher!— Großartig, ich verſichere Sie!— Bei Gott!— Reizend!— Ueberirdiſch!— Himmliſch ſchön...“ Und dann lacht es wieder, und in einer Viertelſtunde oder noch früher iſt die äußere Vorpo⸗ ſtenkette durchbrochen, die jungen Leute im ſchwarzen Frack und in Uniform ſchlagen ſich kühn durch die Vorpoſten hindurch mit einer ganzen Menge von...„Bitte um Entſchuldigung!— Er⸗ lauben Sie!— Bitte recht ſehr!— Mit Vergnügen!“— und ſſſſſſſſſſ——— 208. Fünfzehntes Kapitel. greifen das Centrum an, das ruhig und gefaßt dieſen Angriff erwartet. Dazwiſchen durch bemerkt man zwiebel's lederfarbene Geſtalt; ſein Geſicht lächelt freundlich, während ihm Angſt⸗ und Schweiß⸗ tropfen auf der Stirn ſtehen und während die Taſſe auf ſeinem Teller ängſtlich klappert. Gott! er hat unbeſtimmte Ahnungen von großem Unglück, das ihm begegnen könnte, von heimtückiſchen Sporen, Hühneraugen und zarten Damenſchuhen, die ihm ſtatt des Teppichs unter ſeine breiten Füße gerathen könnten, von umſtür⸗ zenden Stühlen und Tiſchen oder Ueberſchütten verſchiedener Taſſen mit heißem Thee und dergleichen mehr. Bald trägt er eine Anzahl leerer Taſſen zurück und ſtürzt darauf mit ebenſo viel angefüllten wieder in das dichteſte Schlachtgetümmel hinaus.. Noch iſt die Theegeſellſchaft ein förmliches Chaos. Waſſer und Land ſchwimmt noch durch einander, der Geiſt und die Materie ſind noch nicht geſchieden; mit anderen Worten: die rohen Elemente der Whiſtpartie wurden noch nicht in das Eß⸗ und Spielzimmer verwieſen. So lange, bis dieſes nicht geſchehen, iſt es unmöglich, daß ein angenehmes Geſpräch gedeihen kann. Die alten Herren mit ihren Pickelhauben unter dem Arm, wie ſie da an der Wand und in den Ecken umher ſtehen, fühlen ſich durch⸗ aus nicht an ihrem Platz, und ihre ernſten Geſtalten laſſen andern⸗ theils auch die ſtrömenden Waſſer einer poeſiereichen AUnterhaltung nicht zum gehörigen Durchbruch kommen. Endlich aber gibt die Majorin mit ihren Augen dem hierauf ſchon ängſtlich wartenden Gemahl ein kleines Zeichen. Dieſer ſchrei⸗ tet händereibend und feierlich bei den Mitgliedern der Whiſtpartie vorüber und ſagt zu jedem ein heimliches Wort. Es iſt erſtaunlich, welche Wirkung dieſes hervorbringt. Mit leiſem Schritt, ja kaum ſichtbar, ſind ſie mit größter Schnelligkeit verſchwunden. Das dunkle Nebenzimmer hat ſie verſchlungen, und der Letzte ſchleicht ſoeben ſcheu zur Thüre hinaus, indem er ſich Aeſthetiſcher Thee. 209 ängſtlich umſchaut, ob ihn nicht eine geſprächluſtige Dame ſo nahe am rettenden Ausgange noch angreifen und feſthalten würde. Der Abfluß und Niederſchlag dieſer gröberen Stoffe hat nun die Beſtandtheile der Geſellſchaft etwas geklärt. Der Grund iſt freilich ſchon lange zu Tage getreten, aber das unfruchtbare Ter⸗ rain iſt mit dem fruchtbaren, auf dem Palmenwälder blühen, Brunnen rauſchen und Nachtigallenhaine entſtehen, noch zu innig vermiſcht; es muß da noch eine gewaltige Abſonderung ſtattfin⸗ den, ein neuer chemiſcher Prozeß, worauf der Niederſchlag der noch vorhandenen allzu materiellen Stoffe erfolgt, um dem geiſtigen Prinzipe einen Weg zu bahnen, daß es luſtig emporflattern kann, ſich ſelbſt zum Vergnügen, der wartenden Menſchheit aber zu Nutz und Frommen. Dieſe Abſonderung geſchieht, indem ſich die Gaſtgeberin, Roſa Immergrün, Majorin von Brander, von ihrem Sitze erhebt und ſich mit einem ſanften Geſpräche an die Thüre des Nebenzimmers hinzieht. Ihr Aufſtehen iſt das Signal für die Geſellſchaft, es gleichfalls ſo zu machen, und hier taucht eine Dame auf aus der Klappermühle eines freundſchaftlichen Geſpräches, und dort ſieht man einen jungen Herrn mit einem bangen Blick auf das Neben⸗ zimmer ein Geſpräch ſo ſchnell als möglich abbrecheu. Roſa Immergrün kann als ſchwärmende Königin des Bienen⸗ ſtocks betrachtet werden; denn wenn ſie ſich erhebt und anderswo niederläßt, ſo erhebt ſich mit ihr die ganze Schaar ihrer Anhänger und läßt ſich ebenfalls im Nebenzimmer nieder. Hackländers Werke. X. 14 Sechszehntes Kapitel. Sechszehntes Kapitel. Von des Goldkäfers letzter Brautfahrt, von den Trägern deutſcher Literatur und von ſchlechten Dienſtboten im Allgemeinen.— Ein vielſeitiges Kapitel. Dieſes Nebenzimmer iſt auf ſinnige Art heute Abend zum Dienſt der Muſen eingerichtet. Da iſt eine Ecke mit einem Eck⸗ divan, vermittels vier Geranien, eines kleinen Lorbeer⸗ und eines kümmerlichen Citronenbaumes lieblich geſchmückt. Vor dem Divan befindet fich ein runder Tiſch, auf demſelben Waſſerflaſchen mit Gläſern und vor demſelben ſo viele Stühle, als es der Raum erlaubt. Der Divan wird von den Damen eingenommen, die Wirthin — wir müſſen geſtehen, nach vielem Stränben— nimmt den Eckplatz ein und ſitzt nun unter Lorbeeren und Citronen. Die übrigen Damen ſcheinen den Beweis liefern zu wollen, wie viel geduldige Schafe in einen Stall gehen, und haben ſich deßhalb auf dem Divan entſetzlich zuſammen gepreßt. Die Herren ſitzen auch nicht viel behaglicher; denn um den Geiſt recht friſch und regſam zu erhalten, ſcheint der Körper abſichtlich kaſteit zu werden, und die Kaſteiung hier beſteht in unſäglich kleinen Stühlen, auf welchen man ſich nur durch ein geſchicktes Balanciren aufrecht zu erhalten vermag. Wehe dem Unglücklichen, der unter dem Vor⸗ wande, er dächte mit geſchloſſenen Augen über all' das Schöne hier nach, einen kleinen Schlaf riskirte! Er würde unfehlbar beim geringſten Räuspern ſeines Nachbars unter den Stuhl fallen. Aber wie kann auch hier von Schlaf die Rede ſein, hier, wo alles Materielle verabſchiedet iſt, wo nur der Geiſt mit glänzendem Flügelſchlage dahin rauſcht?— Roſa Immergrün ſieht ſich mit leuchtenden Augen und trium⸗ phirend um in dem Kreiſe ihrer heutigen Anhänger. Was die 8 4 Des Goldkäfers letzte Brau tfahrt. 211 Reſidenz an Talenten beſitzt, an wirklichen Talenten in den ver⸗ ſchiedenſten Fächern der Kunſt, das iſt hier um ſie verſammelt. Weſſen Herz beginnt nicht ſchneller zu ſchlagen, wenn es dieſe Namen nennen hört? Dort unſer genialer Wolfsſohn, der Verfaſſer mehrerer klaſſiſchen Romane; dort Löwenthal, unſer großer Löwen⸗ thal, um ſo größer als Dichter und Menſch, da er bis heute von ſeinen Werken nur geſprochen hat und noch nichts erſcheinen läßt, fürchtend, eine übereilte Arbeit zu liefern; neben ihm der unver⸗ gleichliche Smaragdſtein, unſer großer Lyriker; an ſeiner Seite der zarte Goldenſtein; dort Abendſtein, der Luſtſpieldichter; hier Mor⸗ genſtein, der Componiſt; an ſeiner Seite unſer vielgenannter Sil⸗ berſtein, der größte Maler ſeiner Zeit, Deutſchlands Stolz und Deutſchlands Hoffnung. Leider ſehen wir uns genöthigt, auch andere Namen neben dieſen volltönenden und herrlich klingenden zu nennen. Wir ſagen: leider! denn, wie kann ein einfacher Name, wie vielleicht Müller, Schmidt, Früh, Spät, Groß oder Klein, hier genannt werden, wie kann er an der Mitwelt anklingen, neben den gewaltig dahin rauſchenden, wie Smaragdſtein, Gol⸗ denſtein, Abendſtein, im Gefunkel der Edelſteine, im Klange der Metalle, im Glanze des Abendroths einer untergehenden Lite⸗ ratur?!— Und doch ſitzen auch jene anderen Herren(die mit den ein⸗ fachen Namen) neben dieſen und werden auch von ihnen geduldet. Warun ſollten ſie ſie auch nicht dulden, jene armen Unbedeuten⸗ den, ja ihnen ſogar hie und da einen belohnenden Blick, ein Wort der Ermunterung ſchenken? Werden ſie deßhalb aufkommen oder genannt werden in weiteren Kreiſen? gewiß nicht! das laſſen ſchon die verwandten Edelſteine und Metalle nicht zu. Sie haben das ganze Bankgeſchäft der Literatur und Kunſt in ihrer Hand, und wenn ſie ein Papier ſteigen laſſen, ſo ſind es Wolſſohn ſche oder Smaragdſtein’ſche dreieinhalbprocentige und ähnliches ſchlechtes ———y ů ⁴u—ᷣ-ð-———— — — 212 Sechszehntes Kapitel. Papier; aber nach etwas Gediegenem von einem anderen Chriſten⸗ menſchen iſt auf dieſer Papierbörſe wenig Nachfrage. Wir erſchrecken über dieſe Gedanken, die wir ſoeben leicht⸗ ſinniger Weiſe niedergeſchrieben, und können uns nur damit ent⸗ ſchuldigen, indem wir der Wahrheit gemäß ſagen, daß wir ſie einem der Gäſte abgelauſcht, einem jungen Manne mit ſeltenem blonden Haar und Bartt, ſelten in dieſem Cirkel, der etwas zurück⸗ gezogen aus dem Kreiſe dieſer großen Männer Deutſchlands ſich ſo bequem wie möglich in einem kleinen Fauteuil niedergelaſſen hatte. Dieſer junge Mann war aber Niemand anders, als unſer Bekannter, Eugen Stillfried, der ſich eigentlich hier vorkam wie Saul unter den Propheten. Wir wiſſen überhaupt nicht, weßhalb die Majorin ihn mit einer Einladung beehrt hatte; aber er war beehrt worden und in Folge dieſer Einladung hier. So viel iſt gewiß, daß Eugen Stillfried nicht als zum äſthetiſchen Thee ge⸗ hörend betrachtet zur heutigen Geſellſchaft gekommen war; wir vermuthen etwas Anderes. Die Majorin, neben dem, daß ſie Gattin war, war auch Tante, Tante von zwei in beſter Blüthe ſtehenden Jungfrauen, die nach Erlöſung aus dieſem Stande auf⸗ richtig ſchmachteten. Und als ſolcher Erlöſer ſchien nun Herr Eugen Stillfried mit ſeinen zehntauſend Gulden Revenuen eine äußerſt paſſende Perſon, und es verlohnte ſich ſchon der Mühe, wenigſtens einen Verſuch zu machen. 2 Eugen war ganz unbewußt in jenes Nebenzimmer getreten und hatte auf dieſe Weiſe den äſthetiſchen Kreis um drei Mit⸗ glieder vermehrt, indem darauf auch die beiden Jungfrauen ſich heute Abend gedrungen fühlten, etwas tiefer in die Literatur ein⸗ zugehen. Roſa Immergrün betrachtete mit leuchtenden Blicken die glän⸗ zende Verſammlung auf den kleinen Stühlen um den runden Tiſch und ſagte nach einer längeren Pauſe:„Wie freue ich mich, daß * — Des Goldkäfers letzte Brautfahrt. 213 Sie ſo zahlreich ſind! Nur eine einzige Blüthe fehlt in dieſem duftigen Kranze— unſer guter Seeligſtein. Lieber Wolfsſohn, haben Sie Nachricht von unſerem theuren Freunde?“ „Indirekte, gnädige Frau, nur durch ſein köſtliches Buch, das mir vor acht Tagen von dem Verleger zugeſchickt wurde,“ antwor⸗ tete Herr Wolfsſohn, ein kleiner, dicker Mann mit ſchwarzem Bart, kohlſchwarzem Haar und einer grünen Brille.„Ein köſtliches Buch!“ wiederholte er;„ein großes Buch!“ Und dabei blickte er aufmerkſam im Kreiſe umher, als wollte er erforſchen, ob ſich Jemand unterſtehe, anderer Anſicht zu ſein. „Es iſt lange nichts ſo geſchrieben worden,“ ſagte Herr Silber⸗ ſtein,„ſo friſch, ſo lebendig, mit ſo pikanten Schilderungen, nichts, was ſich ſo zur bildlichen Darſtellung eignet. Der vortreffliche Seeligſtein hat uns Malern einen wahren Schatz damit gegeben. Jedes Kapitel iſt ein großes Gemälde, jede Seite ein reizendes Bild. Ich werde eine Reihe Illuſtrationen daraus bearbeiten.“ „s iſt ein großer Mann, dieſer kleine Seeligſtein!“ ſprach Morgenſtein;„welche vortreffliche kleine Lieder er in die Erzäh⸗ lung verwebt hat! Ich habe ſchon angefangen, einige davon zu componiren.“. „Wir können uns in der That glücklich ſchätzen,“ ſagte die immergrüne Roſa,„daß er längere Zeit zu unſerem Kreiſe ge⸗ hörte. „Apropos, gnädige Frau,“ nahm Wolfsſohn das Wort,„ha⸗ ben Sie das neue Buch des Herrn Herder ſchon bekommen?“— Herder gehörte natürlicher Weiſe nicht zu dieſer Koterie und wurde deßhalb„Herr“ genannt. Bei Freunden und Bundesbrüdern be⸗ gnügte man ſich in der Regel mit einem einfachen Prädikat, z. B. unſer trefflicher Silberſtein, unſer großer Wolfsſohn, unſer berühm⸗ ter Morgenſtein.—„Herr Herder ſchrieb dieſes Buch im vergan⸗ genen Winter.“ 3 Wir müſſen uns hier erlauben, noch den geneigten Leſer dar⸗ 8½ — Hrn 214 Sechszehntes Kapitel. auf aufmerkſam zu machen, daß man bei ſeinen Freunden ſelten den Ausdruck„ſchreibt“ anwendet; man ſagt blos bei Fremden wie eben geſchehen:„Herr N. ſchreibt oder läßt erſcheinen;“ von Freunden ſagt man dagegen z. B.:„Unſer vortrefflicher Abend⸗ ſtein arbeitet in dieſem Augenblicke an einem fünfaktigen Luſtſpiele, und dieſe gediegene Arbeit wird bei ſeinem demnächſt erfolgenden Erſcheinen einen unerhörten Erfolg in ganz Deutſchland haben; wir erlauben uns dabei zu bemerken, daß die letzte Arbeit dieſes Hauptträgers der deutſchen Literatur à 25000 Exemplaren verkauft wurde.“ 5 4 „Ja, freilich iſt das Buch im Winter geſchrieben worden,“ meinte Herr Silberſtein;„dafür iſt es aber auch ſehr kalt ausge⸗ fallen.“ „Ich habe es nicht geleſen,“ ſagte Roſa Immergrün,„man hat nicht Zeit für alles, was gedruckt wird. Aber Sie, lieber Wolfs⸗ ſohn, Sie, der Sie auch dem Geringſten in der deutſchen Literatur Aufmerkſamkeit ſchenken, werden gewiß etwas Näheres über das Buch wiſſen.“ 9 Wolfsſohn ſetzte ſich ſo feſt wie möglich auf ſeinen kleinen Stuhl, drückte ſeine blaue Brille etwas näher an die Naſe und ſprach:„Es liegt ein Buch vor uns, deſſen Verfaſſer man poetiſches Talent nicht abſprechen kann. Derſelbe hat ſoweit die Sprache in ſeiner Gewalt, daß man, ohne an bedeutende Härten zu ſtoßen, die Seiten mit einiger Behaglichkeit zu durchfliegen im Stande iſt. Was die Erfindungsgabe des jungen Autors anbelangt, ſo hätten wir erwartet, hie und da den Bau irgend einer Erzählung mit größerer Wahrſcheinlichkeit aufgeführt zu ſehen, und wir können ihn unmöglich darum loben, daß er oftmals das gelegte Fundament ſo bald wieder verläßt und anſtatt eines prächtigen, großartigen Gebäudes, das wir nach jenem zu erwarten berechtigt geweſen wä⸗ ren, ein kleines, zierliches Landhaus vor Augen führt; übrigens haben manche ſeiner Geſtalten Fleiſch und Blut, ja Lebensfähigkeit, —— V —, V Des Goldkäfers letzte Brautfahrt. 215 und könnten bei veränderter Staffage als ſehr gelungen betrachtet werden.“ Das Alles ſprach Herr Wolfsſohn ſo fließend und ohne An⸗ ſtoß, daß es zum Erſtaunen war. „Welcher Mann!“ ſagte Roſa Immergrün zu einer ihrer Nichten. „Welch gediegenes Urtheil!“ rief Silberſtein aus. „Ich habe es heute ſchon einmal geleſen,“ ſagte jetzt plötzlich eine Stimme außerhalb des Kreiſes, die des Herrn Stillfried;„faſt Wort für Wort; es iſt freilich ein gediegenes Urtheil.“ Mehrere Brillen und erſtaunte Herren⸗ und Damenaugen rich⸗ teten ſich nach dem Sprecher, der in ſeiner bequemen Stellung ver⸗ harrte und ruhig„wiederholte:„Ja wohl, geleſen, faſt Wort für Wort.“ „Und wo, wenn ich fragen darf?“ fragte etwas ſpitzig die Majoren. „In dem Magazin für Kunſt und Literatur, gnädige Frau,“ antwortete Eugen unbefangen; denn er wußte nicht, welch' ſchreck⸗ liches Geſpenſt er durch Nennung dieſes Namens herauf beſchwor. Das Magazin für Kunſt und Literatur war nämlich vor nicht lan⸗ ger Zeit über ein Büchlein von Roſa Immergrün, ein zartes Ge⸗ dicht in vierundzwanzig Geſängen, betitelt:„Des Goldkäfers letzte Brautfahrt,“ ſchonungslos hergefallen und hatte Käfer, Brautfahrt und Verfaſſerin aufs Unverantwortlichſte gegeißelt. „Im Magazin für Kunſt und Literatur?“ fragte die Majorin mit dumpfer Stimme und warf, unangenehm überraſcht, dem Wolfs⸗ ſohn einen ſonderbaren Blick zu.„Und in dieſes Blatt ſchreiben Sie?“ ſagte die würdige Dame und ſtieß dabei einen Seufzer aus, halb des Zweifels, halb ängſtlicher Erwartung. Doch Wolfsſohn lächelte außerordentlich ruhig und antwortete ohne aus der Faſſung zu kommen:„O dieſer Gedanke, gnädige Fraul Ich ſollte in jenes miſerable Blatt ſchreiben? ein Blatt von 216 Sechszehntes Kapfkel. der niedrigſten Aufführung, ein Blatt, welches lügt und ſtiehlt?— Ja, es ſtiehlt,“ fuhr er mit erhobener Stimme fort und ſchaute ruhig und groß im Kreiſe umher;„ich—— ich—— ließ jenen Aufſatz im Wanderboten erſcheinen, und daraus muß ihn das Ma⸗ gazin ohne Quellenangabe nachgedruckt haben, und das iſt auf jeden Fall ein Diebſtahl.“ „Verzeihen Sie, Herr Doktor Wolfsſohn,“ verſetzte Eugen, „jener Artikel im Magazin iſt kein Abdruck, ſondern ein Original⸗ artikel.“ 3 „Mein Herr!“ fuhr Jener auf, mäßigte ſich aber im nächſten Augenblicke und machte eine Pantomime gegen die Wirthin, als wolle er damit ausdrücken, nur ihre Gegenwart verbiete ihm, jenem Herrn, den er übrigens gar nicht kenne, zu antworteu, wie es ihm gebühre— ihn augenblicklich moraliſch todt zu ſchlagen. Die Majorin aber ſah ſich durch diefe Pantomime veranlaßt, die beiden Gegner mit einander bekannt zu machen, indem ſie ſagte: „Herr Eugen Stillfried— Herr Doktor Wolfsſohn!“ „Ah, ſo?“ ſagte der Letztere und machte eine angenehme Ver⸗ neigung mit dem Kopfe. „Sehr viel Ehre!“ entgegnete Eugen, und hätte das Geſpräch nicht weiter fortgeſetzt, wenn nicht eine der unglückſeligen Nichten, die vor Sehnſucht brannte, ein Geſpräch mit Herrn Stillfried an⸗ zuknüpfen, an ihn die entſetzliche Frage gethan:„Nun, jener Ar⸗ tikel, Herr Stillfried?“ 2 Doktor Wolfsſohn ſaß wie auf Kohlen. „Jener Artikel, mein Fräulein,“ entgegnete Eugen ruhig,„iſt ein Originalartikel.“ „Alſo doch!“ rief die Majorin empört aus.„O mein Gott, Sie ſchreiben in das Magazin für Kunſt und Literatur! Das hätte ich nimmer gedacht!“ „Von dieſem ſchrecklichen Vorwurfe fühle ich mich verpflichtet, Herrn Wolfsſohn zu reinigen,“ ſagte der unerbittliche Eugen.„Der ☛ Des Goldkäfers letzte Brautfahrt. 217 fragliche Aufſatz, obgleich Originalartikel, iſt nicht von dieſem Herrn verfaßt; einer meiner beſten Freunde hat ihn eingeſandt.“ Jetzt hätte ſich jeder andere Sterbliche unbedingt ſchämen müſ⸗ ſen. Nicht ſo der große Wolfsſohn. Auch kamen ihm die Herren Löwenthal, Smaragd⸗, Golden⸗ und Abendſtein ſchleunigſt zu Hülfe, indem ſie das Terrain verließen und auf das der Mitarbeiterſchaft des ſchändlichen Magazins für Kunſt und Literatur die Rede hin⸗ über ſpielten. „Wie hatten Sie auch glauben können, gnädige Frau?“ ſagte hitzig Löwenthal. 4 „Wie wäre das auch möglich?“ meinte eifrig Goldenſtein. „Ein ſolcher Gedanke!“ rief empört Abendſtein. „Ich bin außerordentlich glücklich,“ ſetzte Wolfsſohn hinzu, „daß unſer geiſtreicher, beleſener junger Freund mich in Ihren Augen von einem ſo ſchrecklichen Verdachte gereinigt hat. Laſen Sie denn nie im Wanderboten, wie ich Ihren ſchändlichen Angrei⸗ fer niederſchlug?“ „Ich las es,“ ſagte Roſa Immergrün befriedigt. „Jenen Verächter des guten Geſchmackes, jenen— jenen Poe⸗ ſieläugner!“ Das war ein neues Wort, die Verachtung auf's Kräftigſte aus⸗ ſprechend, voll concentrirten Abſcheues, ungefähr ſo, wie Gottesläug⸗ ner für jeden Gläubigen iſt; und Doktor Wolfsſohn war ſtolz auf dieſe Erfindung. „Kennen Sie,“ fragte er nach einer Pauſe und wandte ſich an Eugen Stillfried,„kennen Sie dieſes größte Werk unſerer hochver⸗ ehrten Freundin, kennen Sie des Goldkäfers letzte Brautfahrt?“ „Leider nein,“ ſagte lächelnd Eugen. „O, gnädige Frau!“ rief enthuſiaſtiſch der vortreffliche Löwen⸗ thal,„dann muß ich Sie um einen Geſang deſſelben bitten, nur um einen einzigen kleinen Geſang, zum Beiſpiel um den vierten!, 5 1 4 A 218 Sechszehntes Kapitel. — Nicht wahr, Wolfsſohn, es iſt doch der vierte, der glaube ich, anfängt: 8 „Sum— ſum— dum— O holde Roſe mein! So ſprach das Käferlein— O, laß mich ein! Ein— ein— ein!“ „Ja, ich glaube, es iſt der vierte,“ ſagte Wolfsſohn wichtig, „wenn es nicht der ſechste iſt.— O, gnädige Frau, nur dieſen vierten Geſang.“ Roſa Immergrün, welche ſich in dieſem Augenblicke leidenſchaft⸗ lich beſtürmt ſah, war im Begriffe, dem allgemeinen Drängen nach⸗ zugeben, denn ſie griff ſtill erröthend nach einem kleinen Buche, das auf dem Tiſche lag, roth eingebunden, mit Goldſchnitt; und wer weiß, was geſchehen wäre, wenn nicht in dieſem Augenblicke in dem Nebenzimmer ein halbes Dutzend Damenſtimmen laut aufge⸗ ſchrieen hätten, dann heftig Stühle gerückt worden wären und Taſ⸗ ſen verdächtig geklappert hätten, und wenn nicht der lederfarbene Zwiebel in dieſem Augenblicke an der Thüre erſchienen wäre und ſtotternd gemeldet hätte, daß die Spirituslampe umgefallen ſei und die Theeſerviette brenne. „Wo iſt der Major?“ rief die erſchreckte Hausfrau;„ruf ihn!“ worauf Zwiebel in's Nebenzimmer zurückſtürzte und der Gerufene als rettender Engel erſchien. Wolfsſohn hatte beide Waſſerflaſchen ergriffen, aber man brauchte ſie nicht. Der Major, der mit einem halben Hundert Donnerwetter aus dem Whiſtzimmer in den Salon ſtürzte, löſchte äußerſt kunſtgerecht mit einer naſſen Serviette die angehende Feuersbrunſt, und bald hatte ſich Alles wieder beruhigt. Mochte es nun die Aufregung des eben Stattgefundenen thun, oder war es der drohende vierte Geſang von des Goldkäfers letzter Brautfahrt— genug, der äſthetiſche Kreis war kleiner und— reiner Des Goldkäfers letzte Brautfahrt. 219 geworden. Eugen Stillfried zum Beiſpiel hatte ſich leiſe in den Salon geſchlichen, ihm nach die beiden jungen Nichten, und der Erſtere fühlte ſich hier außerordentlich behaglich, als es nun im Nebenzimmer begann Sum, ſum, dum! und es war für ihn ein ebenſo angenehmes Gefühl, als wenn er im trockenen Zimmer ſäße und mit anhörte, wie draußen der Regen niederſchöſſe. Im Salon waren die niederen Elemente verſammelt, lauter unpoetiſche Naturen; alte, ſtrenge Regierungs⸗ und Kanzleiräthin⸗ nen, nervöſe Hauptmannsfrauen, die ſchüchternen Gemahlinnen junger Lieutenants, die aus den Geſprächen, welche hier geführt wurden, etwas Solides zu lernen vermeinten, oder die ſich eine erlaubte Cour von einigen Kameraden ihres Mannes machen ließen. Das Feuer war, wie ſchon geſagt, glücklich gelöſcht; der Ma⸗ jor hatte eigenhändig auf die Brandſtelle eine friſche Serviette ge⸗ deckt; aber noch ſaßen die erſchreckten Damen ſchweigend und nach⸗ ſinnend da. Dieſes Schweigen dauerte auch noch eine Zeit lang fort— es fand ſich im Augenblicke kein paſſender Gegenſtand für ſolch ein Dutzend ſpitziger Zungen und ſcharfer Zähne. Da fiel von des Altans Rand Ein Handſchuh von ſchöner Hand Zwiſchen den Tiger und den Leu'n Mitten hinein. Dieſer Handſchuh aber war nichts Anderes, als der äſthetiſche Kreis im Nebenzimmer, der ſich in dieſem Augenblicke durch über⸗ mäßiges Sumſen im Salon bemerkbar machte. Eine alte, ſtreng ausſehende Regierungsräthin, eine große Frau mit einem ſehr würdevollen Aeußern, machte eine Bewegung mit den Augen nach dem Nebenzimmer und zuckte auffallend die 220 Sechszehntes Kapitel. Achſeln. Dieſem ſolgte ein allgemeines Achſelzucken, und nachdem eine ebenſo würdige Kanzleiräthin durch einen Blick auf die beiden Nichten der Majorin ſich überzeugt, daß dieſelben in einer Ecke des Salons mit dem Herrn Stillfried und einigen jungen Offtzieren lebhaft verkehrten, ſagte ſie leiſe:„Die arme Närrin da drinnen! jetzt haben ſie ſie wieder einmal zum Beſten— und laſſen ſie das Gedicht deklamiren, das ſie neulich drucken ließ. Der Kanzleirath verſicherte, es gäbe nichts Faderes.“ „Ich habe es auch geleſen,“ ſagte eine alte Inngfer⸗„es iſt kein einziger guter Gedanke drin, und entſetzliche Reime!“ Die alte Jungfer hatte früher auch zum äſthetiſ chen Kreiſe gehört, ja höchſtſelbſt geblauſtrümpfelt; doch war ſie jener Geſell⸗ ſchaft untren geworden, weil der Herr Doktor Wolfsſohn eines Tages erklärt, ein Mädchen, deren Bruſt noch nicht für die Liebe geglüht, ſei nicht im Stande, ein warmes Gedicht zu ſchreiben. Sie aber war eine zweite Luna, und ſelbſt Lucretia hätte ihr ge⸗ genüber für eine etwas leichtfertige Dame gelten können. „Gott! wie man nur ſo thöricht ſein kann,“ nahm die ſtrenge Regierungsräthin wieder das Wort,„und ſich in ſolche Geſchichten, wie Schriftſtellerei und dergleichen einlaſſen, namentlich wenn man, wie unſere theure Freundin, kein Talent hiezu hat! Wie man nur auf ſo etwas verfallen kann!“ „Ach, die Einbildung!“ ſagte die Kanzleiräthin. „Und Schmeicheleien!“ ſetzte zart die alte Jungfer hinzu. „Da macht man einen kleinen, ſchüchternen Verſuch und wird durch die größten Lobeserhebungen aufgemuntert, darin fortzufahren. Ich kenne das.“ 3 „Es iſt noch ein Glück, daß die Frau keine Kinder hat,“ meinte die Regierungsräthin;„da müßte es eine troſtloſe Wirth⸗ ſchaft ſein; denn ich kenne das jetzt ſchon ſo ſchlampige Haus⸗ weſen.“ „Ja, ja, wenn ſie den Major nicht hätte,“ ſagte die Kanzlei⸗ Des Goldkäfers letzte Brautfahrt. 221 räthin,„und der nicht die Sachen ein Bischen in Ordnung hielte, ſo müßte es ſchrecklich in dieſem Hauſe ausſehen.“ „Der Major und ſein Zwiebel leiſten Außerordentliches, aber es gibt Dinge, um die ſich ein Mann denn doch nicht bekümmern kann, Dinge, die ſtreng gehandhabt ſein wollen; wie iſt zum Bei⸗ ſpiel ein Hausherr im Stande, die Mägde in Ordnung zu halten? Und ohne das geht es nicht.“ „Nein!— gewiß nicht!— wahrhaftig!— in der That!“ tönte es von allen Seiten, und zwei Hauptmannsfrauen, die ſich nicht für ſtark genug hielten, zu dem Geſpräche über Literatur ihren Senf zu geben, und deßhalb auf dem Trockenen ſaßen, wurden jetzt plötzlich flott und plätſcherten vergnüglich in den oben erwähnten Ausrufungen umher. „Ja, die Mägde!“ ſagte die Kanzleiräthin. „Und ſie werden jeden Tag ſchlechter,“ verſetzte die Haupt⸗ mannsfrau. „Und dabei ſteigen ihre Prätenſionen,“ bemerkte die andere. „Und wenn man ihnen nicht alles das gibt, was ſie in ihrem Uebermuthe in Anſpruch nehmen, ſo greifen ſie zu, wo ſie können,“. ſagte würdevoll die Regierungsräthin. Die alte Jungfer lachte krampfhaft hinaus und erzählte eine ſchreckliche Geſchichte, wie ihr Dienſtmädchen von ihrem Kölniſchen Waſſer genommen, um es Sonntags in das Sacktuch zu gießen, und wie alsdann die dumme Perſon es mit Waſſer wieder aufge⸗ füllt habe, wodurch der Reſt milchweiß geworden und ſo die Ent⸗ deckung herbeigeführt habe. Unterdeſſen hatten ſich die beiden Nichten des Majors, einige Lieutenantsfrauen, in Geſellſchaft junger Offiziere, ebenfalls dem Tiſche genähert, um an der allgemeinen Unterhaltung Theil zu nehmen. Herr Eugen Stillfried ſpähte nach ſeinem Hute, um zur ge⸗ legenen Zeit verſchwinden zu können; doch war dieſes Manöver „ ¹ 222 Sechszehntes Kapitel. jetzt noch nicht ausführbar, da der eine Ausgang durch den äſthe⸗ tiſchen Kreis beſetzt gehalten, der andere von der Whiſtgeſellſchaft blokirt wurde. Drinnen ſchien der Käfer endlich ausgeſummt zu haben, da ein allgemeines Händeklatſchen erfolgte, Bravo! gerufen und Stühle gerückt wurden. Die Wirthin hob die Sitzung des äſthe⸗ tiſchen Kreiſes auf und hielt es für ihre Pflicht, jetzt auch die übri⸗ gen Theile der Geſellſchaft mit ihrer angenehmen Perſönlichkeit zu erfreuen. Die Regierungsräthin drohte ihr beim Eintritte ſchalkhaft mit dem Finger und ſprach mit mildem Vorwurf:„Iſt es auch recht, theuerſte Freundin, daß Sie ſich mit wenig Auserwählten zurück⸗ ziehen und Ihre Schätze nur einem kleinen Kreiſe mittheilen?“ „Wie lange hatte ich ſchon gewünſcht und gehofft,“ ſagte die alte Jungfer mit weicher Stimme,„einmal einen Geſang Ihres vortrefflichen Gedichtes von Ihnen ſelbſt vortragen zu hören! Und jetzt thun Sie das Alles im Nebenzimmer, und wir genießen nicht das Geringſte davon.— Pfui, wie abſcheulich!“ Herr Eungen Stillfried hatte ſich bei dieſen Reden lächelnd in einen Stuhl niedergelaſſen und ſagte mit lauter Stimme:„Ich bin überzeugt, wenn wir uns vereint auf's Bitten legen, ſo iſt unſere freundliche Wirthin ſo liebenswürdig, auch uns einige Ge⸗ ſänge zum Beſten zu geben.— Was meinen Sie, meine Damen?“ Dieſe aber ſaßen alle erſtarrt bei der Zumuthung des jungen Menſchen, und athmeten erſt wieder auf, als die Majorin laut aus⸗ rief:„Nein, nein, nein! gewiß nicht! ich habe jetzt unmöglich Zeit, ich kann mich des geiſtigen Wohles meiner Gäſte in dieſem Augenblicke nicht mehr annehmen, ich muß für Materielles ſorgen. Mich ruft die Hausfrau!“ Damit ſäuſelte ſie in das Vorzimmer. „Die Hausfrau ruft ſie?“ ſagte die Regierungsräthin. „Und ich habe doch die Stimme des Majors nicht gehört,“ Des Goldkäfers letzte Brautfahrt. 223 ſetzte die Kanzleiräthin in bitterer Ironie hinzu, und fuhr alsdann fort:„Wenn die Frau im Stande iſt, zu beurtheilen, ob ihr eigenes Souper gut iſt, ſo will ich gezwungen werden, Gedichte zu machen.“ Eine der jungen Nichten wandte ſich in dieſem Augenblicke zu Eugen mit der Frage, ob er denn die Gedichte der Tante wirklich ſo außerordentlich verehre, und die andere junge Nichte ſetzte hinzu: „Ja, das möchte ich in der That wiſſen, Herr von Stillfried!“ Das war nun eine Gewiſſensfrage, und Eugen bedachte ſich einen Augenblick, wie er hierauf am beſten antworten ſolle, als er ſich dieſer Mühe durch den Herrn Morgenſtein überhoben ſah, wel⸗ cher ſich auf die Lehne des Stuhles ſtützte, auf welchem eine der Nichten ſaß, und mit ſchmelzendem Tone ſagte:„Sie ſind hinrei⸗ ßend, Fräulein Eugenie! wahrhaft bezaubernd ſchön!“ Eugen nickte mit dem Kopfe und fügte hinzu:„Sehr ſchön.“ Der Herr Morgenſtern war nun ſo freundlich, die beiden jun⸗ gen Damen in eine lebhafte Converſation zu verwickeln, und ließ Eugen hiedurch Zeit und Muße, ſeinen Gedanken nachzuhängen, die ſchon einige Male dieſen Theecirkel verlaſſen und in andern Regionen herumgeſchweift hatten; doch hatte er ſie beſtändig und gewaltſam zurückgerufen. Wenn er ſich aber hier in dieſem Kreiſe umſah und die gelben, neidiſchen Geſichter der Frauen erblickte, wie ſie einander auf Wort und Blick paßten, und dazu die jungen Mädchen dieſer Geſellſchaft, mit blaſſem Teint, oftmals verwelkt, ehe ſie noch gehörig aufgeblüht waren, da wandte er ſeine Gedan⸗ ken einem gegenüber ſtehenden leeren Fauteuil und einem anderen Bilde zu, und freute ſich in ſeinem Herzen, wenn er bedachte, wie prächtig ſich jene volle ſchöne Geſtalt hier ausnehmen würde, in glänzender Seide, mit flatternden Spitzen, vielleicht eine einzige dunkelglühende Camelie im ſchwarzen Haar.— Aber das waren Träume, die ſich wohl nie verwirklichen ließen. Und das ließen 224 Sechszehntes Kapitel. ſie ſich auch in der That nicht, da Eugen Stillfried in ſeiner Gleichgültigkeit ſie leider nur für Träume und Phantaſieen hielt.— Die Whiſtpartie am andern Ende des Appartements nahm unterdeſſen einen ebenſo glücklichen als angenehmen Fortgang. Die⸗ ſes Whiſt war inſofern von dem engliſchen verſchieden, als der Name Whiſt hier durchaus nicht beachtet und daneben bei dem Spiel unendlich viel gelacht, geplandert und geflucht wurde. Es waren drei Tiſche in voller Arbeit, und man hätte glauben ſollen, die zwölf Herren, die dort beſchäftigt waren, ſeien zu einem Kriegs⸗ rathe verſammelt und könnten über einen wichtigen Fall auf kei⸗ nerlei Weiſe einig werden. So klang es in dem Vorzimmer, und wenn man näher trat, ſo unterſchied man deutlich, daß ſich ſämmt⸗ liche Reden und Ausrufungen auf das Whiſtſpiel bezogen. Es war ziemlich warm in dem Whiſtzimmer; die Herren tranken auch einiges Bier und einigen Wein, woher es wohl kam, daß die Geſichter ſo geröthet erſchienen. Hier ſpielte der Major mit dem Strohmann, mit einem anderen Major und einem alten Hauptmann. „Donnerwetter!“ ſagte der Gaſtgeber,„es iſt eigentiich eine wahre Schande, was ich für niederträchtige Karten bekomme.— Da ſeht her! Im Blinden zwei lumpige Trümpfe und die niedrige Coeurfamilie; keinen Stich in Treff und in Pique!— Da ſoll einem nicht alle Luſt zum Spielen vergehen!“— Deer andere Major lachte übermäßig, wie die Karten aufge⸗ legt wurden, und ſprach zu ſeinem Partner, dem Hauptmanne: „Sehen Sie, lieber Kamerad, jetzt heult er ſchon wieder und hat noch nicht einmal ſeine Handkarte beſehen. Paſſen Sie nur auf, er wird uns ſchon wieder herum holen.“ „Auch hier nichts als Schund,“ rief der Gaſtgeber,„gewiß nichts als Schund!“ Doch ſeine Züge, die ſich einigermaßen wieder aufgeklärt hatten, ſtraften ſeine Worte Lügen. — — 22 Des Goldkäfers letzte Brautfahrt. 225 „Ja wohl, ja wohl,“ ſagte der Hauptmann,„hier gilt's, die Ohren ſteif zu halten!— Coeur⸗Aß!“ „Ha, ha!“ lachte der andere Major,„blaſen Sie vom Thurm, aber laſſen Sie mir nicht ſo bald nach!“ „Hier iſt auch der König,“ fuhr der Hauptmann fort.„Re⸗ ſpekt vor Seiner Majeſtät!“ „Den allergrößten!“ ſagte der Gaſtgeber lächelnd,„nur nicht hier im Spiel.“ Und damit patſchte ein Trumpf auf die unglück⸗ liche Majeſtät. „Haben Sie's geſehen?“ rief der andere Major ärgerlich. „Aber, lieber Hauptmann, wie kann man eigentlich ſo unüberlegt ſpielen? Sehen Sie da einen Blinden, dieſe ganze Coeurblamage. Pfui, Brander, ich finde es für einen Wirth unverantwortlich, wenn er ſeine Gäſte auf ſolche Art auszieht!“ „Im Gegentheil!“ lachte der Gaſtgeber;„muß ich nicht mein Souper herausſchlagen?“— „A. tout!““ Am zweiten Tiſche wurde viel ruhiger geſpielt. Hier ſaßen vier ſtille Hauptleute, und man hörte nur gelegentlich einige Aus⸗ rufungen. Ganze Geſpräche wurden hier nicht geführt. Am dritten Tiſche dagegen ging es hoch her. Hier ſaß der Regimentscommandeur, Oberſt von Hackenſtein, und ſchrie bei jedem Trique, den er machte oder verlor, mit einer ſolchen Stimme, als müßte er das ganze Regiment kommandiren. Sein Partner war der unglückliche Adjutant Stifeler; und ein kurzer, dicker Oberſt⸗ lieutenant, mit einem ungemein pfiffigen Geſichte arbeitete mit dem Strohmann. Der Oberſt war im Verluſt und äußerſt ungeduldig; er rückte auf dem Stuhle hin und her, als ſitze er auf dem Sattel ſeines Schlachtroſſes, und hiedurch wurde es dem ſtill vor ſich hin lächeln⸗ den Oberſtlieutenant möglich, jeden Augenblick einen forſchenden Blick in die Karten ſeines Vorgeſetzten zu werfen. Hackländers Werke. X. 15 „Sie müſſen ja ein niederträchtiges Papier haben!“ 226 Sechszehntes Kapitel. 5 „Reſpekt vor den Damen!“ ſagte der Oberſtlieutenant jetzt, indem er die Coeurdame auf den Tiſch warf. „D'rauf, d'rauf!“ kommandirte der Oberſt.„Attaquiren Sie, liebſter Stifeler; nehmen Sie die Dame!“ „Die Tante iſt mir zu ſtark,“ entgegnete der unglückliche Ad⸗ jutant kleinlaut,„ich will dem Herrn Oberſten den Vorzug laſſen.“ „Nicht einmal die Dame können Sie nehmen?“ ſchrie dieſer, „Ganz niederträchtig, Herr Oberſt!“ ſprach traurig der Adju⸗ tant,„ich komme über die Tante nicht hinüber.“ „O Tante Palpiti!“ ſagte der Oberſtlieutenant und lachte über ſeinen herrlichen Witz. „Aber da muß man ja Alles verlieren!“ rief der Oberſt ent⸗ rüſtet:„nicht einmal den König oder ein Aß! Wie kann man ſich ſo ſchlechte Karten anſchaffen?— Wahrhaftig, beſter Stifeler, Sie ſind ein wahrer Unglücksmenſch.“ „Gewiß, Herr Oberſt. Aber ich will einmal mit Trumpf atta⸗ quiren.“ „Was machen Sie? um Gottes willen!“ rief der Regiments⸗ Commandeur.„Da ſoll doch eine Million hineinſchlagen!— Sie ſpielen Trumpf gegen die Stärke des Feindes?— O, das iſt in der That unerhört! Sie werden ſehen— ſehen Sie— mein König iſt verloren.— Nehmen Sie mir nicht übel, beſter Lieutenant von Stifeler, aber das war ungeheuer ſchlecht ge⸗ ſpielt!“ Der unglückliche Adjutant gab dies ſtillſchweigend zu und erlaubte ſich nur, ein ganz klein wenig mit den Achſeln zu zucken. „Wir werden kleine Schlemm!“ ſchrie der Oberſt und ſein Ge⸗ ſicht ſpielte in's Kirſchrothe;„ſo wahr ich lebe, kleine Schlemm!“ „Mir ſcheint es auch ſo,“ ſagte lächelnd der Oberſtlieute⸗ nant;„hier, mein Herr, ſind noch die vier letzten Trümpfe, drüben — Des Goldkäfers letzte Brautfahrt. 227 Pique⸗Aß und zwei feine Coeur; ich habe die Ehre— kleine Schlemm!“ „Hol' Sie der Teufel!“ rief der Oberſt, und der arme Stifeler blickte angelegentlichſt und mit einer wahren Seelenangſt die Kar⸗ ten an, ob ſich davon nichts wegdisputiren laſſe. Aber es war, wie der Oberſtlieutenant geſagt, kleine Schlemm. Dieſes wichtige Ereigniß wurde den übrigen Spieltiſchen durch den Oberſtlieutenant triumphirend mitgetheilt.— Klein Schlemm — und der Oberſt gab es fluchend und ſchimpfend zu, wobei er alle Schuld auf den armen Adjutanten ſchob. Während des Lachens, das hierüber entſtand, und während des Spektakels, indem der Oberſt von ſeinem Stuhle aufſtand und ſich zur Uebernahme des Strohmannes anſchickte, ſchlüpfte Eugen Still⸗ fried zum Spielzimmer hinaus und an die Treppe. Er wurde nur einen Augenblick von dem lederfarbenen Zwiebel bemerkt, der ſich eilig an die Treppe begab, um dem Davoneilenden die Glasthüre zu öffnen. Er wurde mit einem guten Trinkgelde belohnt und zog ſich mit einem tiefen Bückling in die Küche zurück, in welcher jetzt Teller, Meſſer und Gabeln auf's Einladendſte zu flaxdenn be⸗ gannen. Es war Zeit zum Sonpiren, und wir bedauern, leider nferen Freunde Eugen folgen zu müſſen weßhalb wir außer Stande ſind⸗ dem geneigten Leſer auf's Umſtändlichſte zu berichten, wie ſpäter die verſchiedenen Zungen und kalten Kalbsbraten, die italieniſchen und anderen Salate auf's Unbegreiflichſte und Schnellſte verſchwan⸗ den, wie Roſa Immergrün nur ein Glas Mandelmilch mit Biskuit genoß, wie der Komponiſt Herr Morgenſtein für die beiden jungen Nichten, namentlich aber für Eugenie, ſorgte, und wie der alte Oberſt für die Niederlage, die er im Whiſt erlitten, durch eiue furchtbare Zerſtörung ſi ſich rächte, welche er unter den aufgeſtellten Schüſſeln und Flaſchen anrichtete. Lieutenant von Stifeler ſtand, wie wir berechtigt ſind anzu⸗ 228 Siebenzehntes Kapitel. nehmen, während des Soupers in einer Ecke, und wir glauben, daß er ſtill vor ſich hin weinte. Er hatte in Whiſt nicht unbe⸗ trächtlich verloren; ſein Vorgeſetzter hatte mit ihm gezankt, und das aufgetragene Nachteſſen verſchwand auf ſo entſetzliche Art, daß für ihn, den natürlicher Weiſe zuletzt Kommenden, ſehr wenig übrig blieb. Siebenzehntes Kapitel. Handelt von guten Vorſätzen und führt den geneigten Leſer in eine ſonderbare Geſellſchaft, die„Leimſudia.“ Erzählt auch, was ſich allda begab. Als Eugen aus dem Hauſe des Major von Brander trat, war er nicht wenig erſtaunt, auf der Treppe dieſes Hauſes einen Menſchen zu erblicken, der die Knie hoch emporgezogen hatte, den Kopf oben darauf gelegt, und der, wie es ſchien, ſanft ſchlummerte. Noch größer war das Erſtaunen Eugen's aber, als er näher tre⸗ tend bemerkte, daß dieſer Schlafende Niemand anders als ſein getrener Pierrot war. Er faßte ihn beim Kragen, und es gelang ihm nach einigem Rütteln, ihn aufzuwecken und auf die Beine zu bringen⸗ „Ei, wie kommſt denn du hieher?“ fragte der Herr. Joſeph rieb ſich die Augen und ſchaute mit einem Geſichts⸗ ausdruck um ſich her, welcher deutlich anzeigte, dieſe Frage ſei jetzt in ſeiner halben Schlaftrunkenheit außerordentlich ſchwer zu beant⸗ worten; bald aber ſchien er ſich zu erinnern. Auf ſeinem dummen Geſichte traten nach und nach einige pfiffig lächelnde Züge zu Tage, und bald darauf grinste er aufs Freundlichſte und ſagte: er habe hier auf ihn, ſeinen Herrn, gewartet. Die Geſellſchaft Leimſudia. 229 „Und zu welchem Zwecke?“ forſchte Eugen weiter. „Ja, zu welchem Zwecke?“ ſagte Pierrot, geheimnißvoll lächelnd. „Ich weiß nicht recht, ob ſich Euer Gnaden noch erinnern, daß 3 mir Euer Gnaden vor ein paar Tagen befahlen—— nicht eigent⸗ lich befahlen— aber erlaubten, Sie einmal des Abends da unten hinter die Marktſtraße zu führen, um die Gelegenheit einzuſehen.“ „Und welche Gelegenheit meinſt du, treue Seele?“ fragte der Herr lachend. Bei dieſer Frage lachte der treue Diener ebenfalls, als wolle er hiemit ausdrücken, das ſei ein ungeheurer Spaß, daß ſich ſein Herr jenes Geſpräches nicht mehr erinnern wolle. „Laß dein dummes Lachen!“ ſagte Eugen;„ich erinnere mich ganz gut.— Meinſt du, die Zeit ſei günſtig?“ „Außerordentlich günſtig!“ entgegnete Pierrot;„am Himmel ſind Wolken, es iſt ziemlich dunkel— und auch ſchwül; ſie wird ihre Fenſter offen haben.“ „So gehen wir!“ Und dahin gingen ſie, der Diener ſeinem Herrn ein paar Schritte voraus durch die dunkeln, ſtillen Straßen. Es ſchlug von allen Kirchthürmen die zehnte Stunde; die Nachtwächter mit ihren heiſeren Stimmen ſchrieen daſſelbe an den Straßenecken.— Es mochte ein Gewitter im Anzuge ſein; die Luft war außerordentlich drückend und ſchwül, und der Wind, der ſich hie und da erhob, nicht im Stande, dieſe Hitze abzukühlen; er blies wie aus einem warmen Ofen heraus, nur in einzelnen Stößen, launiſch und matt, und war kaum im Stande, ein Bischen Staub aufzuwirbeln. Hin und wieder ſiel ſogar ſchon ein ſchwerer Tropfen aus den dunkeln Wolken herab, aber auch dieſes himmliſche Waſſer war warm und dunſtig. 3 Jetzt ſtiegen die Beiden von den höher gelegenen Stadtvier⸗ teln hinab dem Marktplatze zu, der noch ruhig und ſtill dalag. Einige Wachteln, die in ihren Käfigen vor den Fenſtern hingen⸗ 230 Siebenzehntes Kapitel. ließen nur gedämpft ihren melancholiſchen Schlag ertönen, und da⸗ zwiſchen trillerte eine Nachtigall in einer Nebenſtraße, und jauchzte erſt leiſe, dann immer lauter und lautar ihre Liebeslieder durch die warme Nacht. Hier war das Haus mit der Grafenkrone, die Wohnung der Madame Schoppelmann. Das große Hofthor war feſt verſchloſſen. Um das alte Gebäude zingen ſie herum und kamen in die enge Gaſſe, welche wir bereits kennen. Hier brannte keine Gaslaterne, und es gehörte eine ſehr genaue Ortskenntniß dazu, die glücklicher Weiſe der getreue Pierrot beſaß, um die Einfahrt in dieſen ſchmie⸗ rigen Hafen zu finden, ohne ſich den Kopf an jeder Ecke anzu⸗ ſtoßen. Doch ſegelten Beide ohne Unfall durch die Straßenenge gerade auf die Thüre der Madame Schilder los, und Joſeph legte ſich hier hart vor Anker, das heißt, er drückte ſein Ohr feſt an die Thüre, um zu hören, ob ſich noch menſchliche Stimmen vernehmen ließen, ob noch Jemand in der Wirthsſtube ſei.— Alles war todtenſtill. Jetzt kratzte er mit einem Fuß unten an der Schwelle, ungefähr wie es ein großer Hund machen würde, der Einlaß ver⸗ laugt. Alsbald öffnete ſich auch die Hausthüre, und da der Flur nicht beleuchtet war, ſo tappte Joſeph, nachdem er vorſichtig hinein geſchritten, mit den Händen um ſich, und erſt, nachdem er das ſchwarze Merinokleid der Frau Schilder zwiſchen ſeinen Fingern gefühlt, ſagte er:„Ich bin'’s.“ Die Frau verſchloß die Thüre ſorgfältig hinter den Beiden, dann eilte ſie in ihre Schenkſtube und kam gleich darauf mit einer brennenden Lampe zurück. Als ſie den Herrn Eugen Stillfried erblickte, machte ſie einen tiefen Knix und leuchtete auf ein Zeichen von Joſeph die Treppe hinan, welche in den erſten Stock führte. Oben öffnete ſie eine Zimmerthüre; doch ehe ſie die Beiden in die kleine Stube treten ließ, löſchte ſie die Lampe aus; denn von drüben— ſo ſagte ſie leiſe zu Joſeph— dürfe man kein Licht Die Geſellſchaft Leimſudia. 231 ſehen, das heißt, man dürfe nicht gewahr werden, daß ſich Jemand anders als ſie, die Frau ſelbſt, hier aufhalte. Eugen trat in das Zimmer, und Joſeph und die Wirthin zo⸗ gen ſich zurück. Die Stube hatte ein einziges Fenſter; dorthin eilte Eugen und ließ ſich auf einen Stuhl nieder, der da ſtand. Dicht vor ſeinen Augen, nicht zehn Schritte weit, hatte er die Wand des Schoppelmann’'ſchen Hauſes. Er bemerkte gerade gegen⸗ über ein Fenſter, das aber nicht erhellt war. Hier ſaß er und mußte ſich weder ſo eigentlich Rechenſchaft zu geben, wie er gerade hieher gekommen, noch was er eigentlich da wolle.— Sie ſehen, das Mädchen, das er liebte, einen Augen⸗ blick ſehen, ihr einige Worte zuflüſtern?— Aber das hätte er auch morgen am hellen Tage auf dem Markte gekonnt! Warum denn ſich hier wie ein Dieb in der Nacht herſchleichen in dieſe öden, un⸗ heimlichen Straßen? er fühlte ſich nicht behaglich, ohne eigentlich zu wiſſen, warum. Da unten die kleine Gaſſe lag ſo traurig und dunkel, die hohen Wände der Hänſer ebenfalls, nirgends eine freundliche Helle, nirgends ein Lichtſtrahl. Horch! was war das?— Muſik? Im Nebenhauſe wurde auf einem Klavier geſpielt, ein altes bekanntes Lied, und eine Flöte begleitete das Klavier. So einfach die Melodie war und ſo kunſtlos ſie vorgetragen wurde, drangen doch die Töne tief und ſchmerzlich in das Herz Eugen’s. Es war eine Weiſe, die er vor langen Jahren gehört, ein altes Volkslied, das ihm ſeine Wärterin hundertmal vorgeſungen— ſeine liebe, alte Wärterin, die ihn jeden Morgen auf ihre Arme nahm und ihn, wenn er recht brav geweſen war, in das Studierzimmer von Papa hinüber trug. Ach, dieſes Studierzimmer trat wieder ſo lebendig vor ferns Seele, und in demſelben die Geſtalt ſeines Vaters, wie er auf und ab ſchritt im dunkelgrünen Schlafrock, den er, Eugen, mit ſeinen Händchen gefaßt hatte und nun mit trippelnden Schritten neben 4 232 Siebenzehntes Kapitel. ihm daher lief. Auch das Bild ſeiner Mutter erſchien ihm; aber merkwürdig genug ſah er ſie nur in reichen, ſchönen Kleidern, Blu⸗ men im Haar und an der Bruſt, glänzende Steine um Arm und Nacken— eine prächtige Fee. So war ſie dem Kinde allnächtlich erſchienen; denn wenn ſie von Bällen oder großen Soireen heim kam, dann trat ſie an ſein Bettchen, und er erwachte alsdann ge⸗ wöhnlich und ſah die glänzende Erſcheinung mit blinzelnden Augen an, und wenn er darauf wieder einſchlief, träumte er von Feen und Elfen. Darum liebte er es nicht, das Bild der Mutter in dieſer Pracht und Herrlichkeit, und er ſcheuchte es hinweg von ſeinem inneren Auge. Aber es machte ihm Mühe, aus jenem ſtrahlenden Bilde die Züge der Mutter heraus zu finden, wie ſie jetzt waren, oder wenigſtens vor einigen Jahren, wo er ſie zuletzt geſehen. Das war bei jener Unterredung, die er mit ihr gehabt, wo ſie zuſammen⸗ geſunken und gebrochen in ihrem Armſtuhle lag und dem Sohne mit der Hand winkte, er ſolle ſich entfernen, er ſolle ſie allein laſ⸗ ſen. Ja, ja, er ſah ſie deutlich wieder vor ſich mit zerſtörten Zü⸗ gen, und erblickte die Hand, die ſie ihm abwehrend entgegen ſtreckte. Damals hatte er lange geſchwankt und hatte tauſend Mal den Wunſch gehabt, ſtatt darauf das Zimmer und elterliche Haus zu verlaſſen, jene Hand an ſeine Lippen zu drücken und der Mutter zu ſagen: Ich will alles thun, was du von mir verlangſt, nur laß uns Ruhe und Frieden halten und laß uns nicht feindlich ſcheiden— der einzige Sohn von der Mutter!— Aber wenn er in jenem Augenblicke ſchwankte, ſo vernahm er die ſtrenge Botſchaft ſeines ſterbenden Vaters, den Befehl, welchen derſelbe an ihn zu⸗ rückgelaſſen. Dann ſchwebten ihm jene Briefſchaften vor Augen mit den rothen Bändern, ſchwarz geſiegelt, welche er— ſo war ihm anfgetragen worden— zwiſchen die Mutter und jenen Anderen legen ſollte, was er denn auch ſchaudernd gethan. Und doch drängte es ihn, die Mutter wieder einmal zu ſehen, und er war ſchon oft im Begriffe geweſen, das elterliche Haus zu Die Geſellſchaft Leimſudia. 233 betreten und den Verſuch zu machen, ob keine Annäherung zwiſchen ihm und ihr möglich ſei. Heute Nacht, wo er ſo allein in der tiefen Dunkelheit hier ſaß, wo er vergeſſen hatte, weßhalb er eigentlich hieher gekommen, wo jene Gedanken an ſeine Familie heftiger auf ihn eindrangen, da fühlte er mehr als je das Bedürfniß einer Ausſöhnung mit ſeiner Mutter. Sein ganzes Leben bis dahin kam ihm ſo ſchal, ſo freudenlos vor, das wilde Treiben, in dem er ſich bewegte, ſo leer, ſo abgenutzt! Er fühlte es wohl, in ſeinem Innern war finſtere Nacht, von keinem Strahl erhellt; ihm leuchtete kein freund⸗ liches Morgenroth, auf das er ſehnſüchtig geblickt und das ihm einen beſſeren, ſchöneren Tag verſprochen hätte.„O, nur etwas gebt mir, das meine Seele gänzlich erfüllt, nur ein Bild, zu dem ich vertrauensvoll aufblicken kann, das den dämmerigen Tag mei⸗ nes Lebens mit neuem Glanze erfüllt!“ ſo ſeufzte er aus der Tiefe ſeines Herzens, indem er den Kopf langſam erhob und in die Nacht hinaus blickte. Da ſprang er erſchrocken von ſeinem Stuhle auf, und ſeine zitternden Lippen ſagten:„Katharina, du biſt es! Habe ich denn nie den Schutzengel begriffen, der neben mir wandelt, habe ich denn nicht an dich gedacht, als ich ein Weſen verlangte, dem ich mit voller Seele anhangen möchte?— Ja, ich fühle es, bis jetzt liebte ich dich nicht ſo innig und wahr, wie man lieben ſoll; aber jetzt erkenne ich es; du biſt der Stern, der am dunkeln Nachthimmel meiner Seele empor ſteigt— mein ſchöner, innig geliebter, mein glänzender Stern!“ Er ſtreckte die Arme nach dem gegenüber liegenden Hauſe aus, nach dem Bilde, das ſich ihm zeigte. Dort hatte ſich ein einziges Fenſter hell erleuchtet; die Flügel deſſelben waren geöffnet, und unter den Roſen, die dort ihre Köpfe im Abendwinde ſchelmiſch auf und nieder neigten, ſtand ſie, ſtand das Mädchen, unbewußt, daß Jemand ſie belauſche und—— wer ſie belauſche. Sie lehnte an dem Fenſter im weißen einfachen Siebenzehntes Kapitel. Nachtkleide; das lange ſchwarze Haar fiel über ihren Nacken und die entblößten Schultern; den rechten Arm, mit dem ſie ſich gegen das Fenſter ſtützte, hatte ſie hoch erhoben, ihre eigene kleine weiße Hand lag, wie ſich ſelbſt ſegnend, auf dem Haupte.— Ja, dieſes Mädchen konnte Segen ſpenden, ſich und Anderen, denn ſo rein, ſo gut, ſo lieb war ihr Herz, von Allen auserkoren, eine Aus⸗ erwählte!—— 3 Wie drängte es Eugen, das Fenſter, an dem er ſtand, zu öff⸗ nen und ihr ein Wort der Liebe hinüber zu rufen! Doch bebte er ſelbſt vor dieſem Gedanken zurück. Katharina war ihm in die⸗ ſem Augenblicke eine überirdiſche Erſcheinung, ein Bildniß der Ver⸗ ehrung und Andacht, und dazu die ſtille Nacht, die Melodie des einfachen Liedes, die etwas Kirchliches an ſich hatte— nein! nein! dieſer Moment durfte nicht geſtört werden. Aber feſt ſtand es in ihm, daß er gefunden, was er geſucht, daß ſie es wäre, welche ſein Leben mit Glanz und Roſen auszuſchmücken im Stande ſei. Und noch einen andern Entſchluß faßte er hier beim Anblick der Geliebten: ja, er wollte die Mutter wieder ſehen, er wollte auf die Gefahr hin, von ihr zum zweiten Male und noch härter verſtoßen zu werden, zu ihr gehen, ſie beſchwören, jenen finſteren Mann zu laſſen, und mit ihm, dem Sohne, und dann vielleicht mit ihr ein neues, freudiges Leben zu beginnen. Drüben ſchloß ſich das Fenſter, das Licht erloſch, tiefe Finſter⸗ niß, wie vorher, trat ein, und als ſei nun auch mit dieſer himm⸗ liſchen Erſcheinung Alles aus und zu Ende, ſo verklang auch die Melodie im Nebenhauſe in ein paar leiſen, langſam erſterbenden Accorden. Eugen verließ das Zimmer und ging die Treppen hinab; drunten war der getreue Pierrot, ſowie Frau Schilder, welche mit ihrer Lampe ſorgſam leuchtete. Doch war Eugen nicht im Stande, dieſem Weibe ins Geſicht zu ſehen; er faßte ſtumm grüßend ſeinen Hut und verließ, von Joſeph gefolgt, das Haus. 8 Die Geſellſchaft Leimſudia. 235⁵ Als er auf die Straße trat, ſah er drei Männer vor ſich her⸗ gehen, die aber an der nächſten Ecke ſeinen Blicken entſchwanden. Doch als er dort in die breiteren Straßen einbog, ſah er ſie wie⸗ der vor ſich und hörte, wie ſie laut lachend und ſcherzend ihres Weges gingen. Pierrot, der, wenn er bei Nachtzeit ging, ſeine langen Ohren gewaltig ſpitzte, blieb jetzt auf einmal ſtehen, faßte ſeinen Herrn beim Arme und hielt ihn leiſe zurück, während er auf die vor ihm Herwandelnden zeigte. „Was ſoll's?“ ſagte Eugen. „Wenn Sie hier nicht geſehen und erkannt ſein wollen,“ flü⸗ ſterte Joſeph,„ſo bleiben Sie einen Augenblick ſtehen.“ „Wer ſoll mich kennen?“ fragte Eugen.„Was meinſt du damit?“ „Dort vor uns,“ antwortete Joſeph mit gedämpfter Stimme, „geht der Herr Rath, ich habe ihn augenblicklich erkannt.“ „Mein luſtiger Rath?“ fragte Eugen und ſetzte, zu ſich ſelbſt ſprechend hinzu:„ei, ei, was macht mein Sittenprediger ſo ſpät ohne mich auf der Straße und namentlich in dieſem Theile der Stadt?— Und wer ſind wohl die Anderen?“ fragte er ſeinen Be⸗ dienten. „Mir ſchien,“ antwortete Joſeph,„ſie kamen aus dem Hauſe neben dem, wo wir uns befanden.“ „Und was iſt das für ein Haus?“ „Es wohnen dort vielerlei Leute: Maler, Bildhauer und ein paar Schullehrer⸗Gehülfen.“ „Ah, ein paar Schullehrer⸗Gehülfen!“ entgegnete Eugen;„das werden unſere Leute ſein, alte Bekannte, die mein luſtiger Rath aufgeſucht hat, und mit denen er noch ein heiteres Stündchen zu⸗ zubringen gedenkt. Ich möchte dabei ſein!“ Sein Herz war zu voll, ſeine lebhaften Gedanken beſtürmten ihn unaufhörlich; es wäre ihm unmöglich geweſen, jetzt ſchon zu 236 Siebenzehntes Kapitel. ſchlafen; er konnte nach dem, was er eben gedacht und geſehen, ſich nicht entſchließen, ſchon die Einſamkeit ſeines Zimmers aufzu⸗ ſuchen.—„Gewiß,“ wiederholte er laut,„ich will ihn begleiten.“ „Aber nicht von dieſer Stelle aus!“ bat der getreue Pierrot; bedenken Euer Gnaden, wo wir ſind! Der Herr Rath würde im Augenblicke wiſſen, wo wir eigentlich her kommen. „Du haſt Recht!“ ſagte Eugen, und er dachte bei ſich, die bei⸗ den Andern, die mit ſeinem Freunde dort vorn gingen, könnten viel⸗ leicht auch ſchon ſein Verhältniß zu jenem Mädchen erfahren haben und Sonderbares denken, wenn ſie ihn um dieſe Stunde hier vor ihrer Wohnung ſähen. „Mir ſcheint es auf jeden Fall gerathener,“ meinte der getreue Pierrot,„wenn ich von hier aus nach Hauſe gehe.— Was mei⸗ nen Euer Gnaden? Es wäre wirklich beſſer, wenn der Herr Rath nicht erführen...“— „Daß wir Beide hier zuſammen auf der Straße ſind,“ ent⸗ gegnete Eugen, lachend über die Beſorgniß ſeines Dieners.„Ja, da magſt du in der That Recht haben; deine Geſellſchaft wirft nicht das beſte Licht auf meine Unternehmung. So geh’ denn deiner Wege, und ich hoffe, dieſer Weg werde dich zufälliger Weiſe nach Hauſe führen.“ Während dieſes kleinen Geſpräches waren die drei Vorauswan⸗ delnden ſchon ſo weit entfernt, daß man kaum noch den Klang ihrer Stimmen und den Schall ihrer Tritte hörte. Engen, in der Beſorgniß, ſie zu verlieren, eilte hinter ihnen drein und kam auf dieſe Art in die belebteren Stadttheile, wo er ſich ſeinem Mentor zeigen konnte, ohne in den Verdacht zu gerathen, als wandle er auf verbotenem Wege. Der luſtige Rath blieb erſtaunt ſtehen, als er ſeinen Freund ſo plötzlich aus dem Dunkel einer Seitengaſſe auftauchen ſah. „Sieh da! ſieh da!“ rief Eugen,„iſt das der Weg nach Hauſe, geſtrenger Mentor? Oder iſt es vielleicht noch zu früh in der Nacht, Die Geſellſchaft Leimſudia. 237 daß man daran denken müßte, zum heimiſchen Herde zurückzu⸗ kehren?“ 8 „Dem Glücklichen ſchlägt keine Stunde!“ ſagte luſtig der Rath;„und ich war heute Abend ungeheuer glücklich, da ich we⸗ der gezwungen war, einen äſthetiſchen Thee zu beſuchen, noch in Euer Geſtrengen Geſellſchaft allerlei Kreuz⸗ und Querfahrten zu machen.“ „Alſo meine Geſellſchaft macht dich unglücklich, du Schelm?“ lachte Eugen; nun ich will mir das für die Zukunft merken; aber für heute Abend kann ich wahrhaftig nicht umhin, dich noch un⸗ glücklich zu machen.“ „Pah!“ ſagte der luſtige Rath. „Das heißt,“ ſetzte Eugen hinzu,„wenn du nicht zufälliger Gaſt dieſer beiden Herren biſt; alsdann ziehe ich mich beſcheiden zurück.“ „Ja, ja, ich vergaß, dir meine Freunde vorzuſtellen,“ ſagte der luſtige Rath.—„Herr Knick, Schullehrer⸗Gehülfe erſter Klaſſe, mein langjähriger Bekannter, Herr Wedel, Schullehrer⸗Gehülfe zweiter Klaſſe, ebenfalls einer meiner Bekannten.— Herr Eugen Still⸗ fried!“ Und dann ſetzte er lachend hinzu:„Wie Ihr wißt, habe ich dieſen jungen Menſchen erzogen!“ „Das hätteſt du nicht ſagen ſollen,“ bemerkte Eugen leiſe,„denn jetzt bin ich gezwungen, mich heute Abend ungeheuer ernſt zu be⸗ tragen, um dir keine Schande zu machen.“ „O, genire dich ganz und gar nicht!“ entgegnete laut lachend der luſtige Rath;„du kannſt dich betragen, wie du willſt, du wirſt doch meinen Ruhm nicht erhöhen.— Aber jetzt Scherz bei Seite; wo willſt du eigentlich hin? Wo du herkommſt, brauche ich dich gar nicht zu fragen.“ „Darüber könnte ich dir in der That keine genügende Antwort ertheilen,“ verſetzte Eugen;„aber wohin ich will? einfache Frage! 238 Siebenzehntes Kapitel. — ich will dich begleiten, das heißt vorausgeſetzt, die Herren Knick und Wedel haben nichts dagegen einzuwenden.“ Beide genannte Herren verbeugten ſich auf's Höflichſte und verſicherten, ſie befänden ſich in der Begleitung ihres langjährigen Bekannten, des Herrn Sidel, und wenn das auch nicht der Fall wäre, das heißt, wenn der Herr Sidel ſich in ihrer Begleitung befände, ſo würden ſie es ſich doch zur allergrößten Ehre rechnen, in Geſell⸗ ſchaft des Herrn Stillfried erſcheinen zu können. Eugen dankte den beiden Herren für ihre außerodentliche Freund⸗ lichkeit und ſagte alsdann zu ſeinem Mentor:„Alſo du biſt der Rädelsführer? Nun, wo geht's denn eigentlich hin, kann man euch begleiten oder nicht?“ Der luſtige Rath ſtellte ſich bei dieſer Frage mit geſpreizten Beinen mitten auf die Straße,— eine Stellung, wodurch ſein kur⸗ zer, dicker Körper durchaus nicht den majeſtätiſchen Anblick, wie ge⸗ wöhnlich, darbot; dabei legte er den Zeigefinger an die Naſe und ſprach:„Es wird ſehr ſchwer gehen, daß man dich mitnimmt; wir ſind gerade im Begriff, uns in das Lokal der geſchloſſenen Geſell⸗ ſchaft einer geheimen Verbrüderung zu begeben.“ „Was Teufel,“ ſagte Eugen,„ein geheimer Club— etwas Po⸗ litiſches— eine kleine Verſchwörung?— Nimm dich in Acht, Herr Rath! Ich kenne den großen Richter in Iſrael; wenn du dem zu⸗ fällig unter die Finger geräthſt, ſo erhältſt du eine Wohnung an⸗ gewieſen, in der man dich bis zu deinem hohen Alter frei beherber⸗ gen und verköſtigen wird.“ „Es handelt ſich durchaus nicht um Politik,“ erwiderte der ehemalige Schulmeiſter.„Die Geſellſchaft, in die wir uns begeben, iſt eine harm⸗ und zwangloſe; der einzige Zweck derſelben iſt, ſich einige Stunden zu amuſiren und Univerſitäts⸗ wie andere Freunde wieder zu finden. Du findeſt dort nur Gelehrte und Künſtler; und aus dem einfachen Grund, weil du weder das Eine noch das An⸗ dere biſt, nehme ich einen Anſtand, dich dorthin zu führen. Doch — — Die Geſellſchaft Leimſudia. 239 ich weiß mir zu helfen— ich ſtelle dich als einen Künſtler vor, einen Künſtler, dem es nämlich gelang, meine bewährte und außer⸗ ordentliche Erziehungs⸗Methode vollkommen zu Schanden zu machen.“ „Deß bin ich zufrieden,“ ſagte Eugen,„gehen wir!— Aber während wir ſo langſam dahin ſchlendern, könnteſt du mir etwas Näheres über das Weſen, ſowie die Zuſammenſtellung dieſer mir bis jetzt gänzlich unbekannten Geſellſchaft mittheilen.— Wann iſt ſie gegründet worden? wer iſt ihr Stifter— wie heißt ſie?“ „Ich darf mich kühn zu den Stiftern dieſer Geſellſchaft zählen, verſetzte ſtolz der ehemalige Schulmeiſter.„Ihren Zweck habe ich dir vorhin ſchon geſagt: ſich nämlich einige Stunden zu amuſiren. Die Geſellſchaft heißt:„Die Leimſudia.““ „Die Leimſudia?“ fragte erſtaunt Eugen;„und ſo nennen ſich ihre Mitglieder wohl Leimſieder?“ „Leimſieder in der edelſten Bedeutung dieſes Wortes,“ entgeg⸗ nete der luſtige Rath außerordentlich würdevoll und erhaben.„Da ich aber dein Staunen ſehe,“ fuhr er mit erhobener Stimme fort, „und da ich es mir trotz deiner Unverbeſſerlichkeit beſtändig ange⸗ legen ſein laſſe, den Kreis deines Wiſſens zu erweitern, ſo will ich dich einen Blick in die Stiftungs⸗Urkunde der Leimſudia thun laſſen.“ Dafür werde ich dir ſehr verbunden ſein, edler Leimſieder!“ ſagte Eugen. „Du weißt,“ begann wichtig der luſtige Rath,„daß geſchloſſene Geſellſchaften überhaupt bei ihrer Stiftung gewöhnlich einen Zweck haben.“ „Ein unerhört weiſer Eingang!“ lachte der Andere. „Dieſer Zweck,“ fuhr der ehemalige Schulmeiſter fort,„iſt nun gewöhnlich bei ähnlichen Geſchichten ein rein geſellſchaftlicher; man ſindet ſeine Bekannten, man ißt, man trinkt, man raucht, man liest Journale, man hört langweilige Conzerte, man geht auf noch lang⸗ weiligere Bälle— kurz, man will ſich amuſiren, ſo gut wie mög⸗ Siebenzehntes Kapitel. lich, und jeder gibt ſich die größte Mühe, dies mit ſich und An⸗ deren zu thun. Hiedurch aber entſteht nun gewöhnlich das Gegen⸗ theil. Wenn auch Anfangs Alles gut geht, ſo dauert es doch nicht lange, und die Unterhaltung eilt zu Thüre und Fenſter hinaus, und dadurch wird man langweilig.— Wir haben das nun bei der Leimſudia ganz anders angegriffen: wir wollen uns laugweilen, es iſt Pflicht jedes talentvollen Leimſieders, ſo langweilig wie möglich zu ſein, und durch dieſes Beſtreben zur Unterhaltung durchaus nichts beizutragen, amuſiren wir uns und ſind unſere Verſammlungen oftmals vom beſten Humor erfüllt.“ „Eine große Idee!“ ſagte lachend Eugen.„Aber auf welche Art beſtrebt ihr euch, langweilig zu ſein?“ „Das wirſt du noch alles erleben,“ entgegnete der luſtige Rath.„Siehe da! wir ſind am Lokal der Leimſudia angelangt, wir treten jetzt in dieſe erlauchte Geſellſchaft; ich bitte dich aber inſtändigſt: mache mir keine Schande und führe dich ordentlich auf.“ „Ich will gähnend eintreten,“ ſagte Eugen. „Auch nicht ſo übel!“ meinte Herr Sidel und blieb vor einem kleinen Thorwege ſtehen. Es war dies eigentlich weniger ein Thorweg, als eine kleine ſchmutzige Gaſſe, welche durch zwei, einige Fuß von einander ſtehende Häuſer gebildet wurde, in einer einſamen Straße, weit vom Mittelpunkte der Stadt entfernt. Dieſe Gaſſe war nur in ſo weit erhellt, als eine der letzten Gaslaternen einen kleinen Lichtſtrahl hineinfallen ließ. Wohin aber dieſe Gaſſe eigentlich führte, konnte ein Uneingeweihter durch⸗ aus nicht ergründen, da ihr Ende in undurchdringliche Finſterniß gehüllt war. „Ich bitte um den Gänſemarſch!“ ſagte Herr Sidel und ſchritt, mit den Händen tappend, voran. Ihm folgte Eugen, dieſem Herr Knick, dann kam Herr Wedel. 3 Nachdem ſie ſolchergeſtalt ein paar Minuten fortgewandelt — Die Geſellſchaft Leimſudia. 241 waren, erweiterte ſich die Gaſſe zu einem Hofe, in welchem man in ziemlich undeutlichen Umriſſen große Fäſſer erblickte und daneben aufgethürmtes Holz, alte Kiſten und Erdhaufen. Ein kleiner Licht⸗ ſchimmer verrieth ein Hintergebäude und in demſelben eine Thüre, auf welche Herr Sidel losſteuerte. „Wir ſind zur Stelle!“ ſagte er jetzt; und hinter der Thüre hörte man lautes Lachen und das Geräuſch mehrerer Stimmen. „Ehe wir eintreten, ſage mir vor allen Dingen,“ wandte ſich Eugen an ſeinen Führer,„werde ich als Mitglied eingeführt oder als Gaſt?“ „Auf alle Fälle nur als Gaſt,“ entgegnete wichtig Herr Sidel; „um Mitglied dieſer ehrenhaften Geſellſchaft zu werden, muß man dieſelbe öfters beſuchen, man muß vorgeſchlagen, man muß ge⸗ prüft ſein.“ „Alſo eine Art Freimaurerei?“ ſagte lachend Eugen. „Nenne es, wie du willſ, aber halte jetzt dein Maul!“— Er öffnete leiſe die Thüre des Hinterhauſes, vor dem ſie ſtanden, und ſie traten in ein Vorzimmer, das zugleich als Garderobe benützt wurde. Hier ſtanden ſehr anſtändige Regenſchirme, zierliche Stöcke und gute Hüte, woraus Eugen den vernünftigen Schluß zog, daß die Leimſudia, gegen ſeine bisherige Erwartung, aus ſehr anſtän⸗ digen Mitgliedern der bürgerlichen Geſellſchaft beſtände. Aus dieſem Vorzimmer führte eine andere Thüre in das Ge⸗ mach, wo ſich die Geſellſchaft zu befinden ſchien. Herr Sidel öffnete ein kleines Loch in derſelben, legte ſeinen Mund daran und meldete in das Geſellſchaftszimmer, er ſei da, mit ihm die beiden aufzunehmenden Mitglieder, Herr Knick und Herr Wedel, und zu⸗ gleich als Gaſt Herr Eugen Stillfried. „Schön, ſie mögen kommen!“ antwortete eine tiefe Stimme. Jetzt öffnete ſich die Thüre, und man ſah ein ziemlich großes Gemach, das außerordentlich mäßig erhellt war, ſo mäßig, daß⸗ Hackländers Werke. X. 16 242 Siebenzehntes Kapitel. wenn man nicht von der tief dunkeln Straße gekommen wäre, man gar nichts geſehen hätte; das Ganze nahm ſich aus wie der Auf⸗ enthalt der heiligen Vehme. An einem langen Tiſche ſaßen zehn bis zwölf Herren, deren Geſtalten man nur in den undeutlichſten Umriſſen ſah. Auf dieſem Tiſche war nämlich nur ein einziges Lämpchen aufgeſtellt, und daſſelbe brannte obendrein in einem blechernen Gehäuſe; es ſah aus wie ein Apparat, auf welchem man warmes Waſſer zu kochen pflegt. unſere vier Ankömmlinge ließen ſich auf ebenſo viele Stühle am unteren Ende des Tiſches nieder, und darauf erhob ſich der ehemalige Schulmeiſter und bat um das Wort. Dieſes wurde ihm von jeuer tiefen Stimme, die vorhin„He⸗ rein“ gerufen, ertheilt. 3 „Hochanſehnliche Verſammlung!“ ſagte Herr Sidel,„Mitglie⸗ der der Leimſudia! Mit Erlaubniß der hohen Geſellſchaft ſchlug ich vor vier Wochen meine beiden Freunde, die Herren Knick und We⸗ del, zu Mitgliedern vor. Während dieſer Zeit bemühte ich mich auf’s Sorgfältigſte, den Charakter der eben Genannten zu prüfen, und fand in ihnen zu meiner großen Beruhigung erſtaunliches Ta⸗ lent zur Langeweile, ja, meine Herren, alle bis dahin noch unent⸗ wickelte Erferderniſſe, um es mit der Zeit zu einem tüchtigen Leimſieder zu bringen.— Den benannten Vorgeſchlagenen verfehlte ich nicht, einen ſehr richtigen Begriff von unſerer ehrenwerthen Verbrüderung beizubringen, und ſie fühlen die Kraft in ſich, allen Verpflichtungen, welche ihnen als Mitgliedern der Leimſudia auf⸗ erlegt werden, auf's Gewiſſenhafteſte nachzukommen.“ „Iſt das Ihr feſter Wille?“ fragte die tiefe Stimme; worauf die Herren Knick und Wedel antworteten: „Ja, es iſt unſer feſter Wille!“ „In dieſem Falle erſuche ich meinen Herrn Kollegen und erſten Vicedirektor, die gewöhnlichen Fragen an die Neuaufzunehmenden zu thun.“ Die Geſellſchaft Leimſudia. 243 Der erſte Vicedirektor räuſperte ſich und fragte darauf, was denn eigentlich unter einem gehörigen Leim zu verſtehen ſei. Hierauf antwortete Herr Knick:„Leim ſeie eine zähe, kleberige Subſtanz, ein Material, welches nur im warmen Zuſtande zu ge⸗ brauchen ſei.“ 3 Nach dieſer Antwort erſuchte die tiefe Stimme den zweiten Vicedirektor der Leimſudia, dem andern Aufzunehmenden ebenfalls eine Frage zu ſtellen. Hierauf räuſperte ſich der zweite Vicedirektor und fragte den Herrn Wedel, was unter einem Leimſieder, nach der wahren Be⸗ deutung des Wortes, zu verſtehen ſei. Herr Wedel beantwortete dieſe Frage zur vollkommenſten Zu⸗ friedenheit der Geſellſchaft, indem er ſagte: ein Leimſieder ſei dasjenige nützliche Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft, welches jenen harten und zähen Stoff, Leim genannt, auf eine paſſende Art zum Nutzen und Frommen ſeiner Mitmenſchen zu behandeln verſtände. Der Präſident mit der tiefen Stimme erſuchte alsdann den dritten Vicepräſidenten der Leimſudia, jenen beiden Herren die Statuten vorzutragen, worauf ſich der dritte Vicepräſident eben⸗ falls räuſperte und ſprach: Der Paragraph Eius der Statuten beſagt, daß die Geſellſchaft„Leimſudia“ wirklich und wahrhaftig beſtehe und daß die Mitglieder derſelben Leimſieder genannt wer⸗ den. Der Paragraph Zwei fügt hinzu, daß Paragraph Eins eigentlich vollkommen überflüſſig und deßhalb förmlich wieder auf⸗ gehoben ſei. Paragraph Drei macht es ebenſo mit Paragraph Zwei, und Paragraph Vier ſpricht die Vermuthung aus, daß nach einer ſolch gründlichen, umfaſſenden Darlegung der geſellſchaftlichen Verhältniſſe der Leimſudia keines der Mitglieder ferner im Un⸗ klaren ſein könne, welch wichtige Pflichten es durch den Beitritt zu derſelben auf ſich nehme. 8 Hierauf erſuchte der Präſident mit der tiefen Stimme den Siebenzehntes Kapitel. Stellvertreter des erſten Vicedirektors, zur feierlichen Aufnahme zu ſchreiten. Die Lampe auf dem Tiſche und über derſelben die dampfende Flüſſigkeit, die ſich als kochender Leim ergab, wurde vor den Prä⸗ ſidenten gerückt, der dieſen Leim eigenhändig viermal herum rührte. Daſſelbe thaten alle Anweſenden, und darauf bot der Stellvertreter des erſten Vicedirektors dem Sekretär der Leimſudia einen kleinen Löffel des kochenden Leims, welchen dieſer würdige Beamte auf zwei Gläſer Waſſer vertheilte, die vor ihm bereit ſtanden, ſo daß durch dieſe Manipulation ein ſchwaches Leimwaſſer entſtand. Die⸗ ſes wurde den nen Aufgenommenen durch den erſten und zweiten Kaſſier überreicht, und als Herr Knick und Herr Wedel nach eini⸗ gem Zögern dieſes Getränke hinunter gewürgt hatten, waren ſie aufgenommen in die Leimſudig und konnten ſich als wirkliche und ordentliche Mitglieder betrachten. Eugen Stillfried als Gaſt bekam nun ebenfalls, aber eine weit kleinere Portion Leimwaſſer, worauf der Präſident eine ſehr ſchöne Rede hielt, aus welcher wir ungefähr behalten haben, daß es der Zweck der Geſellſchaft ſei, durch Langweil zur Kurzweil zu dringen. So lange aber die letztere nicht zum Durchbruch kam, blieb jene Lampe unter dem kochenden Leim die einzige Be⸗ leuchtung des Gemaches, und dann hatten ſämmtliche Beamte der Geſellſchaft— ſie beſtand nämlich nur aus Beamten— die Verpflichtung, abwechſelnd den Leim umzurühren, damit er nicht anbrenne. Sobald aber der Präſident an der Unterhaltung merkte, daß ſie einen regen Aufſchwung erhalte, ſo nahm er den kochenden Leim von der Lampe herunter und ließ durch den Kellner Lichter bringen; fing aber nach dieſem Verfahren die Unterhaltung wie⸗ der an, ſchläfrig und leimig zu werden, ſo löſchte er die Lichter wieder aus, und der Leim begann auf's Neue zu kochen und zu brodeln. 39 1 Eine Ausnahme von dieſer allgemeinen Regel machte, wie Die Geſellſchaft Leimſudia. 245 heute geſchehen, die Aufnahme neuer Mitglieder. In ſolchen Fäl⸗ len hatte der Präſident auch ohne lebhafte Unterhaltung das Recht, zur gegenſeitigen Erkenntniß die Lichter anzünden zu laſſen; doch blieb alsdann der Leim auf der Lampe ſtehen und mußte bis zum Beginn eines lebhaften Geſprächs umgerührt werden, damit er nicht anbrenne. Als nun die Lichter gebracht wurden und man ſich gegen⸗ ſeitig anſchaute, ſah Eugen Stillfried unter außerordentlichem gegenſeitigem Gelächter eine Menge bekannter Geſichter um den Tiſch herum ſitzen. Da waren Juriſten, Mediciner, Maler, Bild⸗ hauer, Schriftſteller, im Ganzen ſechszehn Leimſieder; größer durfte die Zahl nicht werden. 3 Der vorſitzende Präſident mit der tiefen Stimme, die ſchon früher etwas außerordentlich Bekanntes für Eugen hatte, war ſein Hausarzt, Doktor Wellen, ein berühmter Arzt mit großer Praxis. Er machte ſeine Krankenbeſuche in einem Wagen mit zwei Pferden, hatte einen Stock mit goldenem Knopf, trug gewöhn⸗ lich einen blauen Frack, und wenn er auch als jovialer Mann und luſtiger Herr bekannt war, ſo würden doch ſeine ſämmtlichen Patien⸗ ten einen Schrei des Entſetzens ausgeſtoßen haben, wenn ſie gewußt hätten, daß Herr Doktor Wellen der Vorſitzende der Leim⸗ ſudia ſei. Aber hierüber mußte von den Mitgliedern und den eingeführten Gäſten das unverbrüchlichſte Stillſchweigen bewahrt werden, wie denn überhaupt von der Exiſtenz der Leimſudia bis heute nichts in das Publikum gedrungen war. Eugen ſchüttelte ſeinem Arzte und allen Bekannten lachend die Hand, und der Präſident meinte, er fange jetzt an, an eine Beſſe⸗ rung des jungen Mannes zu glauben, da er endlich einmal anfange, ſich in anſtändige und ſolide Geſellſchaft zu begeben. Außer dem vorhin erwähnten Getränke, dem Leimwaſſer näm⸗ lich, bemerkte man jetzt beim Schein der Lichter, daß noch Anderes auf dem Tiſche vorhanden war. Da ſah man Wein⸗ und Bier⸗ 246 Siebenzehntes Kapitel. flaſchen, und auch eine Speiſekarte fehlte nicht, durch deren Hülfe hungrige Leimſieder zu einem ſoliden Nachteſſen kommen konnten. „In meinem ganzen Leben,“ ſprach Eugen nach einer Pauſe zum Präſidenten,„habe ich keine Ahnung von der Exiſtenz der Geſellſchaft gehabt; ich würde wahrhaftig keinen Augenblick ge⸗ zaudert haben, mich zum Nitgliede einer ſo würdigen Verbrü⸗ derung vorſchlagen zu laſſen. Es iſt eigentlich ſchändlich von meinem luſtigen Rathe, daß er mich nicht früher hievon in Kennt⸗ niß geſetzt.“ „Derſelbe würde in dieſem Falle ein großes Verbrechen be⸗ gangen haben,“ ſagte der Doktor;„er hat ſchon viel gewagt, daß er Sie hieher brachte: denn wenn man einen Gaſt einführt, von dem man nicht überzeugt iſt, daß er der Geſellſchaft convenirt, ſo wird dies an dem Einführenden auf'’s Strengſte beſtraft.“ „Aber man muß doch wenigſtens eine Ahnung vom Daſein einer Geſellſchaft haben, ehe man ſich zum Mitgliede derſelben melden kann!“ „Man muß dahin vom Geiſte getrieben werden,“ entgegnete der Präſident,„man muß ſich im allgemeinen Getriebe der Menſch⸗ Pheit entſetzlich langweilen, und in dieſem Falle hat ein Mitglied der Geſellſchaft das Recht, den Gelangweilten zum Leimſieder vor⸗ zuſchlagen.“ „Und daß dies bei dir wahrhaftig nicht der Fall war,“ bemerkte der luſtige Rath,„ſo fand ich es niemals gerechtfertigt, dich hie⸗ her zu bringen; du haſt dich meines Erachtens nie ſichtlich gelang⸗ weilt; auch bin ich ſelbſt noch ein ſehr junges Mitglied.“ —„Es iſt eigentlich nicht ſchmeichelhaft für mich,“ verſetzte Eugen lachend,„daß dich die Langeweile hieher geführt. Ich hatte ge⸗ hofft, du findeſt meine Geſellſchaft amuſanter.“ „Verliebte Leute ſind immer langweilig,“ ſagte der luſtige Rath mit leiſer Stimme. Der Präſident dieſer ehrenwerthen Geſellſchaft führte das Die Geſellſchaft Leimſudia. 247 Regiment mit ſehr ſtrenger Hand, und nachdem ſich die Neuange⸗ kommenen zu einigem Bier und Wein verholfen, verſicherte er mit bedenklicher Miene, daß die unterhaltung in der That nicht die Koſten der Beleuchtung abwerfe, weßhalb er ſich veranlaßt ſehe, zum Scheine der harmloſen Leimwaſſer⸗Lampe zurückzukehren. Er⸗ forderte hiemit die Mitglieder der Geſellſchaft dringend auf, durch irgend etwas das Geſpräch zu beleben. „Mich hat der feierliche Akt von eben ſichtlich angegriffen,“ ſagte ein ältlicher Herr mit einer röthlichen Naſe, indem er die Brillengläſer mit ſeinem Sacktuche abputzte;„oder wirkt die Hitze von heute Abend lähmend auf unſern Geiſt?“ 3„Der Herr Präſident,“ bemerkte ein anderer Leimſieder— er war im gewöhnlichen Leben Regierungsrath—„ſcheint mir heute Abend in außerordentlich ſtrenger Laune zu ſein; ein rechter Vorſtand ſollte zu Ehren ſeiner Geſellſchaft beſtändig eintreten und immer etwas in petto haben, wenn die Unterhaltung einmal erlahmt. Wenn man eine ſolch hohe und wichtige Stellung einnimmt, ſo muß man auch das Zeug hiezu haben.“ „Ganz richtig!— Vollkommen wahr!— Sehr gut bemerkt!“ riefen mehrere Stimmen. „Oppoſition,“ ſagte lachend der Vorſitzende,„ſträfliche Oppo⸗ ſition! Ich werde mich veranlaßt ſehen, den Leim anbrennen zu laſſen und euch durch den dadurch entſtehenden Geruch zum Teufel zu jagen.“ „Das wäre einigermaßen Mißbrauch der Amtsgewalt,“ meinte der dicke Herr mit der rothen Naſe.„Allzu ſcharf macht ſchartig! Die Geſellſchaft würde ſich in ſolchem Falle veranlaßt ſehen, einen neuen Präſidenten zu wählen.“ „Eine fürchterliche Drohung!“ ſagte lachend der Doktor. „Wir hätten in der That vorſichtiger ſein ſollen in der Wahl unſeres Oberhauptes,“ warf ein langer und ſehr dürrer Advokat ein, „er iſt leider unabſetzbar; wir waren leichtſinnig genug, dies aus⸗ Siebenzehntes Kapitel. zuſprechen, ehe wir uns überzeugt, welcher Hand wir die Leitung unſerer Republik anvertrauten.“ „So müſſen wir eine Revolution unternehmen!“ ſagte wichtig der dicke Herr mit der rothen Naſe—„einen Staatsſtreich— wir müſſen uns in den Beſitz des Leimtopfes ſetzen und auf dieſe Art die Embleme der höchſten Gewalt in die Hände bekommen; alsdann können wir unſer Oberhaupt ſtürzen und eine neue Regierung ein⸗ führen.“ „Keine Tyrannei!“ rief der Regierungsrath,„Befolgung der Geſetze, ſo lange uns das gut däucht; aber keine Tyrannei! das muß aufhören.“ „Ja wohl,“ ließ ſich die Stimme des luſtigen Raths verneh⸗ men.„Alles das nimmt ein Ende, ſo ſagt der Teufel am Buß⸗ und Bettage.“ „Verehrteſte Freunde— wertheſte Leimſieder!“ nahm der Präſident das Wort;„glaubt nicht, daß mich eure Drohungen er⸗ ſchrecken— ich fühle eine Armee in meiner Fauſt.“— Hier faßte er den Stiel des Leimtopfes.—„Ihr ſeht, ich bin im Beſitze der vollkommenſten Macht; und nur, weil ich in dieſem Beſitze bin, weil ich die Kraft in mir fühle, die Rebellion kräftig niederzu⸗ ſchlagen, will ich mich herablaſſen, mit den Häuptern derſelben zu capituliren. „Das läßt ſich hören!“ riefen mehrere Stimmen. „Ihr verlangt von mir,“ fuhr der Präſident fort,„ich ſoll in den Riß treten, wenn in eurer Unterhaltung eine Breſche entſteht; ich habe das ſchon ſehr häufig gethan.“ „Hört! hört!“ rief der dicke Herr mit der rothen Naſe. „Ich that das ſchon ſehr häufig,“ wiederholte nachdrücklich der Präſident;„aber Alles hat ein Ende, und es ſcheint mir, verehrte Leimſieder! ihr ſeid der ſüßen Abſicht, euch ganz auf euren Präſi⸗ denten zu verlaſſen, die Laſt der Unterhaltung auf meine Schultern zu ſchieben. Wohlan denn! damit ihr ſeht— es iſt nur für künf⸗ Die Geſellſchaft Leimſudia. 249 tige Fälle— wie ein Präſident der Leimſudia beſchaffen ſein muß ſo will ich wieder einmal in eure ſtockende Unterhaliung eintreten und etwas zum Beſten geben.“ „Bravo! bravo!“ rief es von allen Seiten. „Erwartet nichts Luſtiges, nichts Erheiterndes,“ fuhr der Prä⸗ ſident fort.„Ihr habt mich durch eure begonnene Revolution trüb und wehmüthig geſtimmt; aus dieſer Quelle fließt die Kleinigkeit, die ich vorzutragen die Ehre haben werde.“ „Sehr gut! wir hören!“ riefen ſämmtliche Leimſieder. Mit großer Feierlichkeit nahm hierauf der Präſident der ehren⸗ werthen Geſellſchaft den Leimtopf vom Feuer, übergab ihn feierlich dem erſten Vicepräſidenten, die Lampe ſeinem zweiten Stellvertreter, legte ſich in ſeinen Stuhl zurück und begann folgendermaßen. *½ Achtzehntes Kapitel. Der Präſident der Leimſudia hat das Wort und trägt eine Geſchichte vor, welche nicht ohne Intereſſe für unſere Erzählung iſt. Als vor ein paar Jahren der Kriegslärm in Oberitalien los⸗ brach und Marſchall Radetzky ſeine Soldaten zu Kampf und Sieg führte, konnte ich es nicht laſſen, mit dem öſterreichiſchen Adler zu ziehen und unter dieſen glorreichen Fahnen, wenn auch nur als Arzt, hinten bei der Bagage, ſtatt mit dem Säbel mit dem Ver⸗ bandzeug, für die braven Truppen nach beſten Kräften zu wirken. Ich hatte gute Briefe und Protektionen, und ſo ward es mir geſtattet, bei dem Auszuge aus Mailand mit dem Hauptquartier ziehen zu dürfen; ich ward zur Dispoſition geſtellt, um mich ſpäter einem Truppenkörper, bei dem es gerade an Aerzten fehle, an⸗ Achtzehntes Kapitel. 5 ſchließen zu können. So kamen wir nach-St. Angelo, den zwei⸗ ten Tag darauf nach Pavia, wo der große Feldherr mit Einem Mal ſeine ganze Armee in das feindliche Land hinüber warf, zur großen aber nicht ſehr angenehmen Ueberraſchung der Piemonteſen, die in dem feſten Glauben ſtanden, es werde hier am Teſſin nur ein kleines Corps zur Beobachtung aufgeſtellt. Der Uebergang über dieſen Fluß, der Mittags um zwölf Uhr begann und bis tief in die Nacht hinein dauerte, war das großar⸗ tigſte von militäriſchen Schauſpielen, denen ich in meinem Leben beigewohnt, und ich werde auch wohl nie wieder etwas Aehnliches zu ſehen bekommen. Dieſe Maſſe Infanterie und Kavallerie, die luſtigen Jägerbataillone mit ihren grünen Büſchen, die ſchwere und leichte Artillerie und Raketenbatterieen, das alles dröhnte und raſſelte in den engen Straßen Pavia's, und eine unzählige Men⸗ ſchenmenge ſchaute dem Einzuge der öſterreichiſchen Armee zu. Der Feldmarſchall ſtand an der Ecke der Hauptſtraße Stundenlang auf dem kleinen Balkon des erſten Gaſthofes der Stadt, der ſich hier befindet, und ließ die Truppen an ſich vorüber ziehen.— Aber ihr habt das alles in den Zeitungen geleſen, von dem Enthuſiasmus der Soldaten, als ſie den geliebten Feldherrn da droben ſtehen ſahen, von ihrem unendlichen Jubelgeſchrei in ſo und ſo vielen Sprachen, das die Lüfte wahrhaft zerriß.— Es war ein unver⸗ geßlicher Anblick. Das Hauptquartier befand ſich in dem Gaſthauſe, von dem ich eben ſprach; die Pferde deſſelben ſtauden in den Ställen und im Hofe, und mehrere Offtziere, die gerade nicht beſchäftigt waren, hielten ſich am liebſten am großen Thore auf, um da vorüberzie⸗ henden Bekannten ein freundliches Wort zu ſchenken.— Aber der ganze Tag verging. Das Vorbeiziehen dauerte immer fort. In dicht geſchloſſenen Kolonnen folgten ſich Kompagnieen, Bataillone, Regimenter. Es wurde Abend, und fort und fort klirrte und raſ⸗ ſelte es am Hauſe vorbei. „— Erzählung des Präſidenten⸗ 251 Die jungen Offiziere des Hauptquartiers hatten hinten nach dem Hofe zu ein paar leere Zimmer aufgefunden, und dort ſaßen wir, der Dinge erwartend, die ſich heute noch ereignen würden. Es waren kleine Stuben mit weißen Wänden, kleinen vergitterten Fenſtern und einem ſehr ſpärlichen Ameublement; ein paar grobe hölzerne Tiſche und Bänke war alles, was von dergleichen vorhan⸗ den war. Hiezu ein grobes Tiſchtuch auf einem der erſteren, das in italieniſchen Gaſthäuſern unentbehrliche Eſſig⸗ und Oelfläſchchen und einige ſtrohumwundene Flaſchen. Aber Alles war heiter und. guter Dinge. Im Herde brannte ein luſtiges Feuer, was uns allen ſehr wohl that; denn es war Mitte März, und der freundliche Sonnenſtrahl, der draußen über die Ebene glänzte und ſich wohl⸗ gefällig in den zahlloſen Bayonetten und Helmen ſpiegelte, konnte nicht eindringen in dieſe Hinterzimmer, und deßhalb hatten wir ſie bei unſerer Ankunft recht unheimlich und froſtig gefunden. Ci⸗ garren dampften, Gläſer klirrten; Niemand wußte, wie lange wir hier verweilen würden. Bald hieß es, das Hauptquartier ſetze noch im Laufe des Nachmittags mit den erſten Truppen über den Teſſin; dann ſagte man wieder, wir werden Pavia erſt bei einbrechender Nacht verlaſſen; kurz, wir wußten nicht, was heute aus uns werden ſollte; — nur der alte Herr draußen auf dem Balkon wußte es, der mit feſter Hand und ſicherem Blick das Schickſal dieſer ſechzigtauſend Menſchen leitete, die heute hier vorüber zogen. In dieſer Unge⸗ wißheit blieben die Pferde geſattelt, und die Offiziere ſaßen bei einander in Wehr und Waffen, Helm und Tſchako auf dem Kopf, Säbel und Säbeltaſche an der Seite. Im Felde iſt man gleich eingerichtet, und nachdem ſich ſo in den beiden hinteren Zimmern kleinere und größere Gruppen gebil⸗ det hatten, ging das Glas und die Converſation luſtig im Kreiſe. Auch mit Neuigkeiten wurden wir bedacht; denn jeder der Ordon⸗ nanzoffiziere und Adjutanten, der vom anderen Ufer mit einer Meldung herüberkam, trat, ſobald er droben verabſchiedet war, 2 252 Achtzehntes Kapitel. wenn auch nur auf wenige Augenblicke, in unſer Zimmer und nahm eine Cigarre und ein Glas Orvieto.— Nun, wie geht's? rief man ihm entgegen.— Wir haben ein paar Vorpoſten geſehen, aber ſie zogen ſich ſchleunigſt zurück; unſere braven Jäger hatten nicht einmal Zeit, ihre Büchſen abzufenern.— Bleiben wir hier? — Weiß nicht; ſind noch keine Befehle ausgegeben worden. Nun, mir ſcheint, ihr könnt's hier ſchon aushalten.— Warum nicht? Aber es wäre drüben doch beſſer.— Na, lebt wohl! Ich muß wieder hinaus.— Adieu, auf Wiederſehen! Von Zeit zu Zeit ging wohl auch der Eine oder der Andere zur Hinterthüre des Gaſthofes hinaus, einige Straßen weiter, auf eine alte Baſtion, wo man den Teſſin vor ſich ſah und weit in das Piemonteſenland hineinblicken konnte. Es war ein herrlicher Anblick! Auf drei Brücken zog die prächtige Armee über den Fluß. — ein unendliches Gewimmel von Menſchen, Pferden und Fahr⸗ zeugen; dazu ſpielten die Muſiken auf allen Punkten, die Solda⸗ ten riefen ein kräftiges Hurrah, als ſie den feindlichen Boden betraten, wo alsdann Regiment um Regiment, Infanterie, Kaval⸗ lerie und die zahlreichen Batterieen auf verſchiedenen Straßen abmarſchirten. Doch lange noch erblickte man ſie drüben ziehen; zwiſchen den Bäumen an den Ufern des Teſſin ſah man im röth⸗ lichen Scheine der Abendſonne Geſchütz und Waffen glänzen, und weiter hinaus, wie ſich die Kolonnen gleich gewaltigen Strö⸗ men in das feindliche Land ergoſſen. Von einer ſolchen Promenade kehrte man gern wieder zurück in die hinteren Zimmer des Gaſthofes und erzählte den Zurückge⸗ bliebenen, was man draußen alles geſehen.. Es gibt wohl in der ganzen Welt in keiner Lage des Lebens glückſeligere und zufriedenere Leute, als Offiziere beim Beginn eines Feldzuges, an einem Tage wie heute, wo vielleicht morgen ſchon eine Schlacht zu erwarten iſt. Mit blitzenden Augen und wahrem Entzücken ſpricht man vom bevorſtehenden Kampfe; wer ſchon dabei geweſen, erzählt kleine Züge von einer tüchtigen Atta⸗ que, aus einem luſtigen Reitergefecht; und der, welcher noch keinen feindlichen Säbel blinken ſah, noch nicht das Sauſen der Kugeln gehört, lauſcht aufmerkſam und mit Befriedigung den Worten der Anderen; denn er braucht wahrſcheinlich nach dieſem Genuſſe nicht lange mehr zu ſchmachten; vielleicht morgen ſchon ſchlägt ſeine l Stunde, eine gute oder eine ſchlimme— ſei's darum! So ſaßen wir beiſammen, erzählend, lachend, plaudernd. Schon einige Mal hatten wir unter dem allgemeinen Gewühle draußen, das unter dem großen Thorgang herrſchte, einen jungen Mann bemerkt, deſſen Aeußeres uns einigermaßen aufgefallen war. Dieſes Aeußere war ſo einnehmend, ſein Kopf, ja ſeine ganze Haltung ſo elegant und gar nicht paſſend zu den Leuten des Gaſt⸗ hofes oder den Ordonnanzen und Reitern, zwiſchen denen er ſtand, daß ich ihn ſchon mehrere Mal aufmerkſam angeſehen hatte. Er trug einen grauen Rock mit grünem Kragen, wie man bei uns die „dazu graue Beinkleider und elegante Stiefel; auf dem Kopf hatte er eine Art Tyrolerhut von dunkelgrauer Farbe. Jetzt lehnte er an dem Thore und ſah dem Vorbeiziehen der Trup⸗ pen zu, zuweilen kam er auch an die Thüre der hinteren Zimmer, wo ſich die Offiziere befanden; doch ſchien er nicht den Muth zu haben, einzutreten. Meiſtens aber hielt er ſich an der großen Treppe auf, die in den oberen Stock führte; er ſchien von dorther angelegentlich etwas zu erwarten. Der junge Mann hatte dunk⸗ les Haar, ein angenehmes, etwas blaſſes Geſicht und einen ſtark hinaufgedrehten Schnurrbart; ſeine Augen waren braun, lebhaft und freundlich. Ein paar Stunden ſpäter, als ich wieder in dem hinteren Zimmer am Kamine ſaß und die Flamme deſſelben mit dürrem Olivenholz nährte, bemerkte ich den Adjutanten des Feldmar⸗ ſchall's, Major E., der in das Zimmer trat, hinter ihm der junge Mann, deſſen ich ſoeben erwähnt. Neben mir am Kamine ſtand Erzählung des Präſidenten. 254 Achtzehntes Kapitel. ein junger Jägeroffizier von einem Bataillon, das bereits vor einer Stunde vorbeimarſchirt war. Er war beordert worden, zu⸗ rückzubleiben, um ſeinem Chef ſpäter einen Befehl des Hauptquar⸗ tiers überbringen zu können. An dieſen wandte ſich der Adjutant und ſtellte ihm den Unbekannten im grauen Jägerrocke vor. „Herr ſo und ſo,“ ſagte er— ich verſtand den Namen nicht —„hat ſich mit guten Papieren und Empfehlungen im Haupt⸗ quartier gemeldet und wünſcht den Feldzug als Freiwilliger mit⸗ zumachen. Da er Ihrem Bataillon zugetheilt wurde, ſo wollen Sie ihn gefälligſt inſtruiren, wohin er ſich morgen in aller Frühe zu wenden hat. Ihr Bataillon bleibt ganz in der Nähe, und wenn Sie einmal genau den Ort wiſſen, wo Sie hin marſchiren, bitte ich, es ihm zu ſagen, ſo kann er morgen mit weiter mar⸗ ſchiren.“ Der Major ging hinaus, und der Jägeroffizier ſagte zu ſeinem neuen Freiwilligen:„Halten Sie ſich in der Nähe auf, bleiben Sie im Hauſe, und ſobald ich etwas über den Namen des Ortes erfahre, wo ſich unſer Bataillon bendet⸗ ſo werde ich es Ihnen augenblicklich mittheilen.“ Der junge Mann zog ſich beſcheiden nach der Thüre zurück und ſetzte ſich dort an einem Tiſche nieder, wo ihm ein paar Offi⸗ ziere aufs Freundlichſte und Bereitwilligſte ein Plätzchen einräumten. Später ging er wieder hinaus, und ich verlor ihn vorderhand aus dem Geſichte; nachher machte ich mit mehreren Offizieren, da unter⸗ deſſen die Nachricht gekommen war, das Hauptquartier bleibe in Pavia, einen größeren Spaziergang, und als wir zurück kamen, war es bereits Nacht geworden. Noch immer zogen die Truppen am Gaſthofe vorbei, noch im⸗ mer war der Thorweg unſeres Hauſes mit einer Menge von Leuten vollgepfropft. Man hatte uns zu einem gemeinſchaftlichen Nachteſſen einen größeren Saal im Vorderhauſe eingeräumt, dort bekamen wir unſere Quartierzettel— ich war in das weiße Kreuz Erzählung des Präſidenten. 25⁵ gewieſen, in einer Straße gelegen, deren Namen ich begreiflicher Weiſe in meinem ganzen Leben früher nicht gehört. Nachdem wir noch ein paar Stunden bei einander geſeſſen unter luſtigem Lachen und Scherzen, war es ſpät geworden, und Jeder ſuchte ſein Quartier auf. Für meine Pferde hatte ich durch den glücklichſten Zufall einen kleinen Winkel im Gaſthauſe ſelbſt gefunden, und nachdem ich mich überzeugt, daß ſie nebſt dem Rei⸗ ter, der ſie unter Aufſicht hatte, gut verſorgt ſeien, warf ich meinen grauen Paletot über die Schulter, nahm meinen Säbel unter den Arm und wollte das Haus verlaſſen. Hier war es unterdeſſen bedeutend ſtiller geworden, die Zu⸗ ſchauer hatten ſich verlaufen, Ordonnanzen und Reiter ihre Stuben und Ställe aufgeſucht, und ich bemerkte unter dem Thorwege nur noch einen einzigen Menſchen, der, in einen weiten blauen Mantel gewickelt, auf einem Steine ſaß und zu ſchlafen ſchien. Als ich näher trat, bemerkte ich, daß es jener junge Mann, jener Freiwillige war. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick bei ihm ſtehen zu bleiben. Er ſchlief nicht, ſondern blickte in die Höhe, als ich vor ihn hintrat. „Warten Sie auf Jemand?“ fragte ich ihn theilnehmend. „Wünſchen Sie vielleicht noch einen der Offiziere zu ſprechen? — Wenn ich Ihnen da dienlich ſein kann, will ich es recht gern thun.“. „Ich danke Ihnen herzlich,“ ſagte der junge Mann, indem er ſeine Hand grüßend an ſeinen Hut erhob,„ich warte auf Niemand; ich habe meine Inſtruktionen erhalten.“ „Sie wurden heute Mittag als Freiwilliger einem Jägerba⸗ taillon zugetheilt?“ forſchte ich weiter. „Ganz recht!“ entgegnete er mir,„es liegt bei La Cava, wo es auch morgen wahrſcheinlich bleibt, und wohin ich mich mit dem Früheſten begeben werde.“ Achtzehntes Kapitel. „Aber unterdeſſen“— ſagte ich lächelnd—„wollen Sie un⸗ ter dem Thorwege bleiben?“ Er zuckte mit den Achſeln und verſetzte ebenfalls lächelnd: „Was will man da machen? Ich bin ſehr glücklich, daß man mich meinem Wunſche gemäß einem Jägerbataillon zugetheilt; ich kann doch gewiß nicht verlangen, daß man mir obendrein noch Quartier gebe.“ „Sie ſind ein Deutſcher?“ „Ja wohl,“ ſagte er,„aus Bayern.“ „Aber die Nacht iſt lang,“ entgegnete ich,„und Sie haben hier wahrhaftig einen ſchlechten Aufenthalt.“ „Das wird noch oft ſo kommen,“ meinte er,„und vielleicht noch ſchlimmer als hier. Da bin ich doch vor Regen und Wind geſchützt; mein Mantel iſt auch warm genug.“ „Wiſſen Sie was?“ ſagte ich ihm, pich befinde mich faſt in der gleichen Lage wie Sie; ich bin ebenfalls Freiwilliger, ein Deutſcher, Arzt, und dem Hauptquartier zugetheilt. Ich habe hier eine Anweiſung auf ein Quartier, wahrſcheinlich auch auf ein Bett, und außerdem werden wir gewiß noch eine Matraze oder ein Sopha auftreiben. Kommen Sie mit mir, ich kann einen Landsmann un⸗ möglich unter dem Thorwege laſſen.“ Er ſah mich einen Augenblick erſtaunt an und ſagte darauf: „Ich will wahrhaftig Ihre freundliche Einladung nicht abſchlagen. Sie haben Recht; es iſt in der Stube beſſer als hier.“ „So kommen Sie, wir wollen gehen.“ Wir verließen das Haus und gingen die breite Hauptſtraße von Pavia hinab. Fort und fort zogen die Truppenmaſſen noch immer durch die Stadt, es war, als ſollte das niemals aufhören. In dieſem Augen⸗ blicke war die Straße, ſo weit man ſehen konnte, mit Geſchützen bedeckt, eines hinter dem anderen. Auf den Laffetten ſaßen die Leute in ihren Mänteln, dunkel und geſpenſterhaft; die Lunten —;—:::õj--— Erzählung des Präſidenten.*257 glimmten, die Geſchützröhre glänzten in falbem Scheine, die Pferde gingen in langſamem Schritte, und die ganze gewaltige Maſſe dröhnte auf dem Pflaſter dahin, daß die Fenſter erzitterten. Das weiße Kreuz lag in einer engen Nebenſtraße und erwies ſich als ein ſehr beſcheidenes Gaſthaus. Doch führte man uns in ein großes Zimmer, und da wir zu zwei kamen, ſo ſah der aufwartende Kellner die Nothwendigkeit ein, neben dem vorhande⸗ nen Bette noch eine Lagerſtatt einzurichten, was er auch aufs Bereitwilligſte that. Mein junger Freiwilliger legte ſeinen Mantel ab, ſowie ein kleines Felleiſen, das er unter demſelben getragen. „Sie werden müde ſein,“ ſagte ich,„und nach Ruhe ver⸗ langen?“ „Durchaus nicht,“ entgegnete er mir;„ich komme heute von Mailand und habe dieſen Weg mit einem Einſpänner zurückgelegt, auch hielt ich mich unterwegs ein paar Stunden in der Certoſa auf. Ein prächtiges Bauwerk, voll der herrlichſten Kunſtſchätze!“ „Das will ich meinen!“ erwiderte ich einigermaßen erſtaunt. „Sie ſind ein Verehrer der Kunſt?“ 3 „Ein Verehrer und Ausüber derſelben,“ antwortete er mir; „ich bin ſelbſt Künſtler— hoffe es wenigſtens zu ſein,“ ſeis er lächelnd hinzn—„ich bin Bildhauer.“ „Ah!“ ſagte ich überraſcht;„und Sie verlaſſen Ihre ſchöne Kunſt, um dem wilden Kriegsleben nachzugehen?— Das finde ich einigermaßen unbegreiflich.“ Er zuckte die Achſeln und ſprach:„Ich verſtehe Sie vollkom⸗ men; aber es gibt Verhältniſſe im Leben, wo es einem die größte Wohlthat iſt, ſich in einen wilden Strudel zu ſtürzen, wenn man auch vielleicht darin untergeht; ein wildes, brauſendes Leben auf⸗ zuſuchen, von dem man wenigſtens das hat— ſo hoffe und glaube ich— daß es die Sinne betäubt und das Andenken an frühere Tage vergeſſen macht.“ Hackländers Werke. X. 173 2⁵8 Achtzehntes Kapitel. „Ei, ei!“ entgegnete ich lächelnd;„haben Sie denn ſo ſchreck⸗ liche Erinnerungen, die Sie nicht anders als durch ein ſolch über⸗ kräftiges Mittel aus Ihrem Gedächtniſſe verbannen können, und ſind dieſe Erinnerungen wirklich der Art, daß Sie Geſundheit und Leben auf das Spiel ſetzen, um ſie und ſich ſelbſt zu vergeſſen?“ „Ja und nein,“ antwortete er mir;„es iſt eine jener Ge⸗ ſchichten, die nur für den, welchen ſie betreffen, die größte Wich⸗ tigkeit haben, die aber Anderen unbedeutend, vielleicht fade erſcheinen können.“ „Alſo eine Liebesgeſchichte!“ ſagte ich lächelnd. „Man könnte es ſo nennen.“ „Und wegen einer ſolchen werden Sie Ihrer göttlichen Kunſt untreu und ſtürzen ſich in dieſes Treiben hier— Sie, den die geringſte körperliche Verletzung, die Sie erhalten, vielleicht für immer untauglich machen wird, je wieder den Modellirſtab und den Hammer in die Hand zu nehmen?“ „So arg iſt es auch wohl nicht,“ entgegnete der junge Mann. „Zum Krüppel geſchoſſen zu werden, wäre mir freilich entſetzlich; aber eine Kugel, die einen ſo mitten aus der Sturmattaque abruft und einen dahin wirft in Gras und Blumen, iſt nicht zu verachten; man ſieht nur noch den letzten betrübten Blick des Kameraden, dann umflort ſich das Auge, und nur das Ohr iſt noch der Ver⸗ mittler zwiſchen dem Sterbenden und der äußeren Welt, und in dieſes Ohr, das aufmerkſam lauſchende, dringt ein plötzliches Gurrah! ein Siegesjubel!— die feindliche Batterie iſt genommen.“ „Das iſt alles ſehr ſchön und gut,“ antwortete ich dem jungen Freiwilligen;„für Jemanden, der des Lebens müde iſt, wäre ein ſolcher Tod freilich der angenehmſte; aber erſtens kann ich mir in der That nicht denken, daß Sie ſich in dem Falle befinden, und zweitens vergeſſen Sie nicht, daß ſich ein jugendliches Leben, wie das Ihrige, ſchwer von einem ſo kräftigen Körper losreißt. Da⸗ liegen Sie in Schmerzen und Todesangſt— keine Hülfe weit und Erzählung des Präſidenten. 259 brett Die Liebe zum Leben findet ſich mächtig wieder ein— umſonſt! es fehlt die hülfreiche Hand, welche Sie aufrichtet und ſorgſam pflegt!“ „Das iſt wohl alles wahr,“ meinte düſter der Bildhauer; „warum aber das Schlimmſte glauben?— Ich ſagte vorhin: wenn eine Kugel meinem Leben ein Ende macht, wohlan, ſo geſchehe es! Ich will aber damit nicht ausſprechen, daß ich das für unbedingtes Reſultat meines Feldzuges anſehe und herbeiwünſche; gewiß nicht! Ich will nicht als eine Art von Selbſtmörder vor Ihnen ſtehen, von Ihnen ſcheiden— was ich vorhin ſagte, iſt wahr: ich will eine traurige Periode meines Lebens vergeſſen, vielleicht gelingt es mir, vielleicht putzt der Kriegslärm und das Getöſe der Schlacht Kopf und Bruſt wieder hell und rein— wie ſie ehedem waren,“ ſetzte er ſchmerzlich hinzu,„und dann habe ich meinen Zweck auch erreicht; ich habe dieſen Beſchluß einmal gefaßt, und würde um keinen Preis zurücktreten.“ 1 Der junge Künſtler gefiel mir, trotz des ſonderbaren, für einen ruhigen Menſchen nicht vollgültigen Motives, das ihn hieher nach Italien rief. Es lag etwas ſo Friſches und Geſundes in ſeinem Aeußeren, und auch in der Art, wie er mir alles das erzählte. Da war nichts Sentimentales, nichts Geziertes, keine Empfindelei; er ſchaute mich mit ſeinen glänzenden Augen hell an und drehte ſeinen Schnurrbart keck in die Höhe, während er mit mir im Zimmer auf und ab ſchritt. Ich bin ſonſt ein Feind aller Liebesgeſchichten und danke für jede Mittheilung einer ſolchen; aber hier war ich wirklich neugierig, zu erfahren, was dieſe anſcheinend ſo geſunde Natur denn ſo Schlimmes erlebt habe, um ſie zu dieſem Beſchluſſe hieher zu treiben.. „Wiſſen Sie was?“ ſagte ich ihm,„Sie ſind nicht ermüdet, ich auch nicht, wir wollen uns ein Glas Punſch beſtellen, und dann erzählen Sie mir Ihre Geſchichte.“ 260 Neunzehntes Kapitel. „Warum nicht?“ entgegnete er;„aber erwarten Sie nq etwas Bedeutendes zu hören.“ Es iſt eine alte Geſchichte, Doch bleibt ſie immer neu— Und wem ſie juſt paſſiret, Dem bricht das Herz entzwei. Der Punſch kam, wir ſteckten uns Cigarren an und mein junger Freund erzählte. Neunzehntes Kapitel. Ein beachtenswerthes Kapitel für junge Künſtler, denn es handelt von den Gefahren, in welche man durch weibliche Modelle gerathen kann. „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich ein Bildhauer bin, und wenn ich hinzu ſetze, daß ich längere Zeit in Rom war, daß ich dort, und ſpäter in Deutſchland, die beſten Beſtellungen aus⸗ zuführen hatte, daß meine Arbeiten außerordentlich geſucht und hoch bezahlt wurden, ſo glaube ich, Sie können daraus entnehmen, daß ich im Stande bin, etwas Ordentliches zu leiſten, daß ich in der ſchwierigen Branche der Kunſt, die ich erwählt— der Bild⸗ hauerei nämlich— ein Künſtler bin. „Eines Tages wurde mir der Auftrag, die Kompoſition zu einem großartigen Grabmal zu entwerfen, welches ein Graf ſo und ſo— der Name thut nichts zur Sache— ſeiner verſtorbenen Ge⸗ mahlin zu errichten beabſichtige. Mein Entwurf geſiel, ich führte ihn im Modell aus und ging damit nach Carrara, wo ich mir den nöthigen Marmor ausſuchte, die Arbeit in Punkt ſetzen ließ und ſie 165 —) 4 4 Die Gefahren weiblicher Modelle. 261 iee ſo weit ausführte, daß ich in Deutſchland an Dit und eelle nur noch wenig daran zu thun hatte. „Das Grabmal war für die Kapelle eines großen Schloſſes jener Familie beſtimmt; ich kam zum erſten Male in die Gegend, wo es ſich befand. Dieſe Gegend war reizend, das Schloß ſelbſt über alle Beſchreibung ſchön gelegen.— Erlauben Sie mir,“ un⸗ terbrach er ſeine Erzählung—„daß ich aus meinem kleinen Fell⸗ eiſen ein Skizzenbuch hole, um Ihnen eine Anſicht dieſes Schloſſes und der Gegend zeigen zu können.— „Sehen Sie hier!“ fuhr er fort, und damit zeigte er mir in einem ziemlich großen Buche die außerordentlich ſchön gezeichnete Anſicht eines der reizendſten Schlöſſer, die ich lange geſehen. Es lag auf der Höhe einer ſanft anſteigenden Thalwand, unten floß ein kleines Waſſer vorbei und ſchlängelte ſich durch Wieſen und zwiſchen ſchön geformten Hügeln, lange noch dem Auge ſichtbar, einer weiten Ebene zu, welche fern am Horizonte von hohen und zackigen Gebirgen eingefaßt war. Das Schloß ſelbſt war ein mit⸗ telalterliches Gebäude, auf's Sorgfältigſte reſtaurirt, mit zackigen Zinnen, einem hohen Thurme, vielen kleinen Erkern und Nebenge⸗ bäuden, mit der freieſten Phantaſie zuſammengeſtellt, oder wie die damaligen Verhältniſſe gerade einen Neubau bedingten; alles das durch Terraſſen und Brücken mit einander verbunden und ſo ein wahrhaft maleriſch ſchönes Ganzes bildend. Das Schloß in ſeiner Höhe ſtand auf der Grenze des lieblich Sanften und wild Romantiſchen. Vor ihm das Thal mit dem Fluſſe und den ſanften, mit Wieſen bedeckten Abhängen war ſchön und anmuthig, und war das Ende einer Berggegend, die ſich hinter dem Schloſſe mit wil⸗ dem Wald, mit Schluchten voll zackiger Felſen und rauſchenden Bergwaſſern meilenweit fortſetzte. Der junge Bildhauer legte das Buch an den Fuß der drei⸗ armigen kupfernen Lampe, welche auf dem Tiſche ſtand und ſagte: 262 Neunzehntes Kapitel. „Dies iſt alſo der Schauplatz meiner kurzen und traurigen ſchichte.. 8 „Ich kam zu gleicher Zeit mit meiner Arbeit dort an. Der Unterbau zum Denkmal war vollendet; meine Gruppe wurde aus⸗ gepackt und aufgeſtellt. Ich hatte in den erſten Tagen außerordent⸗ lich viel zu thun und arbeitete an der Beendigung meiner Figuren vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht. Die Hauptſigur mei⸗ ues Werkes war eine Mädchengeſtalt— Glaube, welche ſich mit dem einen Arm auf die Hoffnungſtützt, mit dem andern die Liebe empor hält, welche gerade im Begriffe iſt, den Deckel des Sar⸗ kophages zu öffnen. Ich weiß nun nicht, woher es kam— genug, ich hatte in Italien keinen recht ſchönen Mädchenkopf finden kön⸗ nen, den ich für edel genug hielt, danach meinen Genius der Liebe zu bilden. Ich dachte bei mir: das wird ſich ſchon finden, und ließ jenen Kopf ganz unvollendet. Als nun das Werk aufgerichtet da ſtand und meine Arbeit faſt beendigt war, fehlte mir nur noch jenes Geſicht, nnd ich befand mich daher in einiger Verlegenheit. Eine faſt fertige Arbeit wieder ernſtlich aufzunehmen, iſt an ſich ſchon ſchwer, hier aber fand ich, daß es mir unmöglich ſei, jenen Kopf ſo zu bilden, daß er zum Ganzen paſſe und ich damit zu⸗ frieden ſein könne. An dem Orte, wo ich war, ein Modell zu finden, das mir nur halb genügte, ſchien mir eine Unmöglichkeit. Ich ſtrengte meine Phantaſie an— ich brachte nichts Ordentli⸗ ches zu Stande, ich war faſt in Verzweiflung und lief träumend umher. 3 „Um die Bewohner jenes Schloſſes hatte ich mich bis jetzt gar nicht bekümmert. Es war auch von der gräflichen Familie Niemand da; nur ein Beamter lebte hier, ein alter, freundlicher Mann, der mir zu meinen Arbeiten bereitwillig ein paar Zimmer einräumte. „Unten im Dorfe war ein kleines Wirthshaus:„Zur wilden Roſe“ genannt; dort wohnte ich und dort hielt ich mich auch, nach⸗ — „ „— Die Gefahren weiblicher Modelle. 263 dem die Aufſtellung droben beendigt war, den größten Theil des Tages auf. Abends war ich immer in der kleinen Wirthsſtube, wo ſich die Honoratioren des Dorfes einfanden. Ich muß geſtehen dieſe guten Leute waren außerordentlich dankbar für die Zierde, die der Schloßkapelle durch mein Werk zu Theil geworden, und ſie über⸗ häuften mich mit Aufmerkſamkeiten. Von der Malerei hatten ſie einen ziemlichen Begriff, aber meine Kunſt war ihnen vollkommen fremd, weßhalb es ihnen auch ein großes Vergnügen gewährte, als ich ihnen etwas vom Weſen derſelben auseinander ſetzte und ihnen den richtigen Begriff von einem Thonmodell und über die Aus⸗ führung in Stein beibrachte. Hier fand ſich auch jener Verwalter des Schloſſes häufig ein, ſowie der Schultheiß des Dorfes und der Lehrer; und nicht ſelten erwies uns auch der Pfarrer die Ehre, in unſerer Geſellſchaft ſein Gläschen zu trinken. „Eines Abends kam wieder, wie gewöhnlich, die Rede auf mein Werk, und der Pfarrer, der an dem Nachmittage mit mir oben war, bedauerte, daß der Kopf der einen der Figuren immernoch nicht vollendet ſei. Ich entgegnete ihm, daran ſei Niemand Schuld, als die hieſige Bevölkerung; ich hätte gehofft, unter den Mädchen ein paſſendes Modell zu finden, müſſe aber leider geſtehen, daß ich bis jetzt nichts angetroffen, was mir brauchbar erſchienen.“ „Ah, das iſt eine Schande für uns!“ ſagte lachend der Schul⸗ meiſter;„aber vielleicht verlangen der Herr Profeſſor auch zu viel“ — ſo nannten ſie mich nämlich.—„Was meinen Sie denn zu Verwalters Roſalie?“ „Poſſen!“ ſagte der alte Mann vom Schloſſe. „Ich mußte geſtehen, daß ich bis jetzt keine Ahnung davon hatte, daß es droben eine Tochter des Verwalters gäbe.“ „Das wäre ein ſchönes Modell für einen Kopf der Liebe,“ meinte der Pfarrer. „Ich wurde neugierig und beſtürmte den alten Verwalter mit Bitten, mir doch wenigſtens den Anblick ſeines Kindes zu gönnen. 264 Neunzehntes Kapitel. „Dieſer aber zuckte die Achſeln und meinte, es ſei nicht ſo arg. n8 Da gerieth jedoch der Schulmeiſter in eine wahre Ekſtaſe und ver⸗ ſicherte hoch und theuer, er wolle anfangen das A B C nochmals zu lernen, wenn ich nicht ſpäter geſtehen müſſe, daß Roſalie das lieblichſte und ſchönſte Geſicht habe, das mir in meinem ganzen Leben vorgekommen.“ Hier that der junge Bildhauer einen tiefen Zug aus ſeinem Punſchglaſe, zündete ſeine Cigarre, die ihm ausgegangen war, wie⸗ der an und fuhr nach einer Pauſe fort: „Leider hatte der Schulmeiſter Recht. O, hätte ich ihm nie geglaubt und hätte den unfertigen Kopf nach einem der vielen Bilder fertig gemacht, die mir in der Nacht nach jenem Geſpräche wie war⸗ nend im Traume erſchienen! Er wäre nicht ſo ſchön geworden, wie er jetzt iſt, aber ich hätte meine Ruhe behalten—— und wäre jetzt nicht hier in Italien. „Ich ſah alſo gleich den andern Morgen das Mädchen, ich war entzückt von dieſer lieblichen Erſcheinung, ich bat den Vater auf's Dringendſte um die Erlaubniß, ſie zum Modell meiner Liebe zu nehmen,. Er gab es nicht gern zu, und erſt den mit den meinen ver⸗ Reinigten Bitten des Schulmeiſters und Pfarrers gelang es, ſeine Einwilligung zu erhalten. „Roſalie war ſechszehn Jahre alt. Anfangs überlief ſie ein frommer Schander bei dem Gedanken, daß ihr Geſicht ſo allein in der Kapelle zwiſchen anderen weißen Geſtalten ſtehen ſolle, und ſie beruhigte ſich erſt, als ich ihr verſprach, auch meine„Hoffnung“ ſo weit abzuändern, daß ſie einer ihrer Freundinnen ähnlich ſehe— einem ebenfalls recht hübſchen Mädchen. „Ich modellirte nach ihrem lieblichen Geſichte und war glück⸗ ſelig dabei. Ich führte es in Marmor aus und war entzückt über mein eigenes Werk.— Was ſoll ich Ihnen aber nun weiter ſagen? Das Uebrige können Sie ſich ganz gut denken.— Ich hatte bis dahin nur meiner Kunſt gelebt, all' die ſchönen Weiber⸗ und Die Gefahren weiblicher Modelle. 265 Mädchengeſtalten, die mir bisher begegnet, hatte ich nur ſo mit den Augen des Künſtlers angeſehen.— Hier war das zum erſten Male anders; kurz, ich liebte, ich liebte grenzenlos mit der Gluth der Jugend, mit dem Feuer der erſten Liebe. „Wie hatte ich anfänglich den Tag herbeigewünſcht, an dem ich dieſe einſame Gegend wieder verlaſſen könnte! Jetzt aber hätte man mir alle Schätze der Welt bieten können, ich hätte freiwillig dieſes für mich ſo reizende Thal nicht mehr verlaſſen. Ich hoffte auf ihren Beſitz, ich wollte hier ein ſtilles Künſtlerleben führen, fern vom Geräuſche der großen Städte; ja, wenn es mir an Ar⸗ beit in meiner Kunſt gemangelt hätte, ſo würde ich dieſe bei Seite geworfen haben, ich hätte mich mit dem beſcheidenſten Daſein be⸗ gnügt. Ich wäre dem Schulmeiſter als Zeichnenlehrer an die Hand gegangen, ja ich wäre Steinhauer geworden und hätte Grabſteine 1 4 und Tröge gemeißelt.— Ich war wie raſend vor Liebe.“ „Es ſcheint mir wirklich ſo,“ entgegnete ich ihm lächelnd. „Auch Roſalie liebte mich, ich wußte das ganz wohl, doch habe ich nie ein Geſtändniß von ihr erhalten; ich wußte es— das war mir genug. Ich wollte dieſes ſelige Geheimniß, das meine ganze Bruſt ausfüllte, nicht in Worten vor meinen Ohren 6 hören, nicht eher, als bis mir ihr Beſitz geſichert geweſen wäre. „Da ſprach ich mit dem Vater— aber meine Hoffnungen wurden mit Einem Male vernichtet. Zuerſt lächelte er über mei⸗ nen Antrag, wie über eine leichte Grille, ein jugendliches Auf⸗ wallen, das bald vorüber ſein werde. Als ich aber dringender wurde, als ich ihm gute und gültige Beweiſe über meine Verhält⸗ niſſe vorlegte, und dringend die Hand ſeiner Tochter verlangte, da ſchüttelte er ſeinen Kopf und ſagte feſt und ruhig:„Unmöglich! daraus kann in alle Ewigkeit nichts werden!? „Längere Zeit wollte er mir, dem Verzweifelnden, nicht ein⸗ mal einen Grund angeben; endlich ſagte er, über das Schickſal 3 Roſaliens ſei in früheſter Jugend entſchieden worden, er könne, . Neunzehntes Kapitel. gab ſein heiligſtes Wort, daß er in der Sache nichts für mich thun könne, und wenn ihm ſelbſt, dem Vater, der mich lieb gewonnen, das Herz darüber breche. Er rieth mir, augenblicklich abzureiſen, und ſetzte hinzu:„wenn Sie nicht gehen, ſo ſehe ich mich genöthigt, das Mädchen zu entfernen.“ „Dieſem ſeinem Worte glanbte ich nicht und irrte wie ein Wahnſinniger mehrere Tage durch die Wälder, trat unzählige Mal in die Kapelle vor mein Werk, umkreiste das Schloß, um ſie zu ſehen— umſonſt!— ich konnte keine Spur von ihr entdecken. Ich dachte mir, ihr Vater bewache das Mädchen, weil ich mich in der Nähe des Schloſſes umher treibe; ich blieb deßhalb drunten im Wirthshauſe in meiner Stube, wo ich an ihre Fenſter ſehen konnte. Alles vergebens! Dort droben blieben die Vorhänge feſt zugezogen— ich konnte nichts von ihr entdecken. „Da kam eines Morgens der Schulmeiſter zu mir— er hatte von der Geſchichte gehört— und während ich mit ihm darüber ſprach, ſchnupfte die gute Seele aus einer Horndoſe eine Priſe um die andere, und dabei zwinkerte er mit den Augen, als wenn ihm ſein Tabak zu ſtark wäre.“ „Wiſſen Sie was, mein lieber Herr Profeſſor?“ ſagte er nach einer Pauſe;„reiſen Sie ab— Roſalie iſt fort.“ „Fort? Und wohin?“ „Das weiß Niemand, als der Alte droben.“ „Ihr Vater?“ 4 „Ja,“ ſagte ſtockend der Schulmeiſter,„ja— ihr Vater— doch man weiß das nicht ſo ganz genau.“ „Was?“ rief ich und ein Strahl von Hoffnung belebte mich; „man weiß nicht ganz genau, ob Roſalie abgereist iſt?“ weiß nicht genau, ob der Alte droben—— ihr Vater iſt.“ bei Gott dem Allmächtigen! nicht anders handeln. Da wurde der alte Mann weich und die Thränen traten ihm in die Augen. Er „O nein,“ entgegnete er,„daran iſt kein Zweifel; aber man Die Gefahren weiblicher Modelle. 267 „Ah!“ rief ich aus,„und ich kann Sie verſichern, dieſe Nach⸗ richt traf mich wie ein Blitzſtrahl. Ich verſuchte, aus dem Schul⸗ meiſter mehr herauszubringen— umſonſt. Entweder wußte er in der That nichts, oder er wollte nichts ſagen. „Darauf hatte ich eine zweite Unterredung mit dem alten Verwalter. Sie hatte denſelben Erfolg wie die erſte, und er ſagte mir am Ende achſelzuckend: Da Sie nicht gegangen ſind, wie ich Ihnen gerathen, ſo habe ich das Mädchen entfernen müſſen.— Lange ſtand ich dann in der Kapelle vor meinem Werk und ſchaute unter Thränen das marmorne, blaſſe, geiſterhafte und doch ſo liebe, liebe Geſicht an. O, meine Kunſt hatte mir trefflich ge⸗ dient: da war jeder ihrer reizenden Züge mit einer Treue wieder⸗ gegeben, mit einer Wahrheit, die mich jetzt ſchaudern machte. Mehr⸗ mals ſtand ich im Begriffe, mit Hammer und Meißel mein eigenes Werk zu verderben; aber eine unſichtbare Gewalt zog meinen Arm zurück, ſo oft mich dieſer unſelige Gedanke antrieb, die Hand zu erheben. Ich floh die Kapelle, packte meine Sachen zuſammen, ich verließ das Thal und die Gegend; ich ging nach München zurück und legte mich auf genaue Kundſchaft über die Verhältniſſe jener gräflichen Familie, für die ich gearbeitet. Ich hoffte hier einen Faden zu erhalten, der mich auf ihre Spur leiten könnte.— Wenn ſie, wie der Schulmeiſter mir angedeutet, nicht die Tochter des Ver⸗ walters war, wer konnte ſie ſein?— Ich erfuhr endlich, daß der jetzige Beſitzer jener Herrſchaft, Graf D., keine Kinder habe, we⸗ nigſtens keine legitimen; doch erzählte man ſich von einem geſpann⸗ ten Verhältniſſe, in welchem er lange Zeit mit ſeiner Gemahlin gelebt.— War Roſalie vielleicht ſeine natürliche Tochter?— ein ſchrecklicher Gedanke, wenn ich ihre Züge nachgebildet am Grabe derjenigen, welche die Gemahlin ihres Vaters war, ohne ihre Mut⸗ ter geweſen zu ſein! „Aber meine Ruhe war dahin, meine Kunſt widerte mich an. So oft ich nach jener Zeit den weichen Thon zu formen begann, ⸗ 268 Neunzehntes Kapitel. ſo traten immer und ewig ihre Züge zu Tage. Ich verließ Mün⸗ chen wieder, ich wollte große Reiſen unternehmen, weite unbekannte Länder ſehen— ich hoffte, ſie alsdann zu vergeſſen. Da ertönte aus den lombardiſchen Ebenen der erſte Trompetenſtoß, da entfal⸗ tete Radetzky, der große Feldherr, ſeine ſiegreiche Fahne, da ver⸗ nahm ich, daß Graf D. in öſterreichiſche Dienſte getreten war, um den glorreichen Feldzug des Jahres 1848 mitzumachen. Es war mir wie ein Wink des Schickſals, in ſeine Nähe zu eilen. Die Jugend hat ſonderbare Träume— ich dachte an große Thaten, die ich verrichten wollte; ich ſah mich auf blutgedüngtem Schlachtfelde, vielleicht in ſeiner, des Grafen Nähe. Er lag ſchwer verwundet in meinen Armen— ſo phantaſirte ich— es war in ſtiller Nacht, er vertraute vor ſeinem Tode dem Deutſchen, dem Landsmanne, ein Geheimniß an, das ſeine Bruſt bedrückte, er erzählte mir von jenem Schloſſe und von einer Tochter, die ihm dort lebe—— ſolche Bilder beſchäftigten meinen Geiſt und zerſtörten meine Geſundheit. „Auf dem Wege nach Verona, wo ſich damals die öſterreichi⸗ ſche Armee befand, wurde ich krank und lag Monate lang an einem heftigen Fieber darnieder. Als ich wieder hergeſtellt war, ſchien der ganze Feldzug beendigt. Radetzky war ſiegreich in Mailand eingezogen, der Waffenſtillſtand mit Karl Albert geſchloſſen. Da ward dieſer unverhofft gekündigt, der Marſchall zog auf's Neue ſein Schwert für die gerechte Sache; ich eilte hieher und meldete mich als Freiwilliger. Ich wurde angenommen, wie Sie bereits wiſſen, und— das iſt meine ganze Geſchichte.“ So erzählte mir der junge Bildhauer, und ſeine Geſchichte war mir ſo intereſſant, daß ich nicht bemerkte, wie ſchnell die Zeit ver⸗ flogen. Unſer Punſch war zu Ende, mehrere Cigarren ausgeraucht, und die Flamme des dreiarmigen Leuchters brannte dunkelroth, und zu dem Fenſter herein drang der ſchwache Schein des an⸗ brechenden Morgens. Da ſtanden unſere unberührten Lagerſtätten — wer wollte ſich jetzt noch für eine kleine Stunde zur Ruhe le⸗ Die Gefahren weiblicher Modelle. 269 gen? Mein junger Künſtler war ſichtlich aufgeregt und ging mit heftigen Schritten auf und nieder. In dem Nebenzimmer wurde es lebendig, Stimmen riefen, Säbel klirrten auf den Gängen und Treppen, im Hofe ſchmetterte luſtig eine Trompete. Ich öffnete das Fenſter und ſah beim ſchwachen Scheine der Morgendämmerung, wie ſich ein Stabsdragoner zu Fuß eilfertig dem Gaſthofe näherte. Es war der Reiter, den ich bei meinen Pferden zurückgelaſſen. Ich rief ihm zu, daß ich auf Nummer Vier ſei, und darauf ſprang er die Treppe herauf und meldete mir, das Hauptquartier breche in einer Viertelſtunde äuf. Mein junger Bildhauer hatte ſein Skizzenbuch wieder in das Felleiſen gepackt, wir riefen nach einer Taſſe Kaffee, die uns ein ſchlaftrunkener Kellner brachte; dann machten wir mit kaltem, friſchem Waſſer und einer Haarbürſte unſere Toilette, und nahmen Abſchied von einander, wie langjährige gute Freunde. Ehe ich aber den jungen Freiwilligen verließ, ſchrieb ich ihm auf eine Karte ein paar freundliche Worte an den Major v. C., einen lie⸗ benswürdigen Offizier, den ich kennen gelernt und bei deſſen Ba⸗ taillon mein junger Landsmann eingetheilt war. „Ich habe Sie in der That lieb gewonnen,“ ſagte er mir und drückte mir zum Abſchiede herzlich die Hand;„ich hoffe, wir ſehen uns wieder. Vielleicht auf dem Schlachtfelde— vielleicht auch im Spital“— ſetzte er lächelnd hinzu. „Gott wolle das verhüten!“ verſetzte ich ihm ernſt;„doch für den Fall, daß Ihnen etwas begegnen ſollte, nehmen Sie meine Karte—„Doktor Wellen beim Hauptquartier.“ Wenn es möglich, ſo verlangen Sie nach mir oder ſchicken mir dieſe Karte zurück; ich werde Sie alsdann nach beſten Kräften aufſuchen und will Sie gewiß finden. Adieu, mein lieber Freund— Muth und Ver⸗ trauen!“. Er nahm ſein Felleiſen unter den Arm, warf den Mantel über 270 Neunzehntes Kapitel. und wir ſchieden von einander mit denſelben Gefühlen, als ob wir uns ſchon lange Jahre gekannt hätten. Mit dem erſten Scheine des jungen Tages brach das Haupt⸗ quartier von Pavia auf, ich mit demſelben. Es war ein ſchöner, klarer, etwas froſtiger Morgen; die Pferde ſchüttelten ſich und ſogen ſchnaubend die kalte Luft ein. Drüben bei Graveltone ſahen wir vor uns die letzten Truppentheile, welche heute noch in aller Frühe die Stadt paſſirt hatten. Wir ritten weiter— es fiel nichts von Bedeutung vor. Den folgenden Tag trafen wir auf jenes Jägerbataillon; es war die letzte Nacht durchmarſchirt und uns ſo vorgekommen. Ich ſprach den Kommandanten deſſelben, Major v. C; er hatte meine Karte erhalten, der Freiwillige war bereits eingekleidet und einge⸗ theilt worden. „Ein hübſcher Burſche!“ ſagte der Major, indem ich an ihm vorbeiritt und ihm herzlich die Hand ſchüttelte,„und er hat, glaube ich, den Teufel im Leibe— kennt das Exercitium wie ein alter Jäger.“ „Ich glaube, er hat in Mailand darin Privatſtunde genom⸗ men,“ erwiderte ich lachend. „Wird ihm gut bekommen, die Lektion!“ ſagte der Major und blickte in die Luft hinauf;„es riecht hier verdammt nach Pulver, es kann mit Nächſtem losgehen. Denken Sie an mich, Doktor!“ „Na, leben Sie wohl! auf frohes Wiederſehen!“— Wir drück⸗ ten uns herzlich die Hand und ſchieden. Da kam der Tag von Mortara. Es war Abends in einem kleinen Neſte, ein paar Stunden von eben genannter Stadt— ich habe den Namen des Dorfes vergeſſen— da hörten wir vor uns und rechts neben uns die erſten Kanonenſchüſſe; unſere braven Truppen hatten in zwei Gefechten zu thun, bei Gambolo das eine, das bedeutendere bei Mortara.— Aber alles das iſt genugſam bekannt. 9 Die Gefahren weiblicher Modelle. 271 Noch in der Nacht verließ ich das Hauptquartier und ging nach Mortara, um da hülfreiche Hand zu leiſten. Es gab genug zu thun, und ſämmtliche Aerzte kamen aus den proviſoriſch einge⸗ richteten Lazarethen dieſen und den folgenden Tag nicht hinaus. Zwanzigſtes Kapitel. Vor, während und nach der Schlacht.— Heute roth, morgen todt. 36 glaube nicht, fuhr der Präſident der Leimſudia, nachdem er einen tüchtigen Schluck aus ſeinem Glaſe gethan, nach einer Panſe fort, daß es euch darum zu thun ſein wird, von mir die Schilderung eines Verbandplatzes während und nach der Schlacht zu erhalten. Man ſieht da an menſchlichem Jammer und Elend, was die kühnſte Phantaſie nicht auszudenken im Stande iſt, fürch⸗ terliche Leiden des Körpers und der Seele. Ich muß euch geſtehen, ich betrachtete ängſtlich jeden neuen Verwundeten, der mir gebracht wurde: denn ich fürchtete immer, meinen jungen Freund vor mir 4 zu ſehen mit zerſchoſſenen Gliedern. Aus dieſer Beſorgniß riß mich endlich gegen Mitternacht Ma⸗ jor v. C., der in das Spital kam— ſein Baiaillon lag dicht bei Mortara— um nach ſeinen verwundeten Leuten zu ſehen. Die braven Jäger hatten ſehr gelitten. Natürlich war meine erſte 9 Frage nach jenem jungen Manne. „Er iſt wohl und geſund,“ gab mir der Major zur Antwort, „und es freut mich außerordentlich. Geben Sie Acht, der bringts bald zum Offizier,“ ſetzte er hinzu.„Freilich ein tollkühner Burſche, aber dabei mit einem ungeheuer kalten Blute, was man ſelten bei⸗ ſammen findet, und ſchießt zugleich wie ein Engel. Ich werde 272 Zwanzigſtes Kapitel. mich wahrhaftig genöthigt ſehen, ihn zur ſilbernen Medaille vor⸗ zuſchlagen, wenn er ſich nicht in den nächſten Tagen vielleicht gar die goldene heraus haut.“—— Vor Mortara wich der Feind, wie bekannt zurück, und der König von Sardinien ſammelte bei Novara ſeine ganze Streit⸗ macht, um die öſterreichiſche Armee in ihrem Siegeslauf aufzuhal⸗ ten. Es war eine blutige Affaire, die bei Novara, und als wir gegen Mittag das Schlachtfeld betraten, ſah man die verſchiedenen Gefechtaufſtellungen, wie ſie heute Morgen geweſen, bezeichnet durch Maſſen von Todten und Verwundeten, die überall herum lagen. — Hier gab's zu thun. Ich blieb auf dem erſten Verbandplatze, den wir erreicht, und bat einen der jungen Ordonnanzoffiziere, mich rufen zu laſſen, ſobald man meiner, was ich übrigens nicht hoffe, beim Hauptquartier bedürfe. Nachdem ich ein paar Stunden auf dem Verbandplatze mein Möglichſtes gethan und in doppelter Hinſicht froh war, daß kein Bote an mich gekommen, ſah ich einen Stabsdragoner eilfertig die Chauſſee hinab eilen, der überall um⸗ her ſchaute und richtig auch mich zu ſuchen kam. Einem ſeiner Kameraden, im Gefolge des Hauptquartiers, war von einer Ge⸗ ſchützkugel der Fuß weggeriſſen worden, und man beorderte mich, dorthin zu kommen. Ich warf mich aufs Pferd, und nach einer kleinen halben Stunde langten wir im Hauptquartier an. Dieſes ſtand ziemlich tief im Feuer. Schon ehe wir den Feldmarſchall erreichten, ſchlugen die ſchweren ſechspfündigen Ku⸗ geln rechts und links auf die Chauſſee und in die Weingärten. Mein Geſchäft war bald beendigt; ich ließ den Verwundeten zu⸗ rückbringen und blieb nun hier, um für alle Fälle bei der Hand zu ſein. Es war ein grauenvoller Tag. Des Himmels Angeſicht war verhüllt in graue Schleier ob all der Gräuel, die unter ihm ge⸗ ſchahen; Nebelmaſſen ſanken herab und wurden zerriſſen wieder Heute roth, morgen todt. 243 emporgeſchleudert von dem unendlichen Pulverdampf, der die Ebene bedeckte. Einer meiner genauen Bekannten, ein Ordonnanzoffizier, Graf S., kam herangeſprengt und ſuchte nach einem Arzte. Ich eilte mit ihm fort, in die Schlachtlinie hinein, um einem Offizier, der dort ſchwer verwundet lag, wo möglich Hülfe zu bringen. Wir hatten eine weite Strecke zu reiten. Ich rauchte eine Cigarre, der junge Offizier wollte ſich die ſeinige bei mir anzünden— da, als wir unſere Pferde gegen einander dirigirten, fuhr eine Granate ziſchend und heulend zwiſchen unſeren Köpfen hindurch— ein unwillkom⸗ menes Feuer.— Ich hatte bei dieſem Ritt Gelegenheit, zu bemerken, wie wenige von den in einer Schlacht abgeſchoſſenen Kugeln eigentlich treffen. Das pfiff und ſauste immer nur ſo an uns vorbei und um nns herum und als wir näher kamen, waren die Vollkugeln und Granaten, die vor und hinter uns, rechts und links einſchlu⸗ gen, nicht mehr zu zählen. Ich hätte nimmer geglaubt, daß ich mir nach kurzer Zeit ſo wenig daraus machen würde, mich ſo als lebendige Scheibe hinzuſtellen;z aber man wird das Ding gewohnt, und nur alsdann tief davon erſchüttert, wenn man zufällig in die Nähe eines Bataillons kommt, wo ſo eine mörderiſche Kugel meh⸗ rere Rotten wegreißt und ein halbes Dutzend Menſchen in ihrem Fluge dahin wirft, ſo daß die Nebenſtehenden für einen Augenblick entſetzt auf die Seite prallen. Bald miſchten ſich unter das grobe Geſchütz Kartätſchen und einige weit gegangene Büchſen⸗ und Flintenkugeln; auch mehrten ſich die Leichen am Boden. Es war in der Nähe der Caſa Vis⸗ conti, einer Villa mit hohen Mauern und Thoreu, die von den Piemonteſen mit Geſchütz und Mannſchaft beſetzt und aufs Hart⸗ näckigſte vertheidigt wurde. Hier litten beſonders die Wiener Frei⸗ willigenbataillone beim Sturm auf dieſe Villa. In der Richtung vom Hauptthore, aus dem vier Geſchütze ein ununterbrochenes Kar⸗ tätſchenfeuer unterhielten, lagen ganze Reihen niedergeſtreckt. Hackländers Werke. X. 18 Zwanzigſtes Kapitel. Wir ritten auf einem Feldwege, der uns dorthin brachte; und dieſer Feldweg hatte das Angenehme, daß auf ihn alle Kartätſchen⸗ kugeln, welche über die Häupter der Stürmenden hinwegſausten, einſchlugen und ſie waren wahrhaftig nicht zu zählen. „Reiten wir gerade aus?“ rief ich dem jungen Offizier bei dieſem Anblick zu;„oder machen wir einen kleinen Umweg?“ „Immer der Naſe nach!“ entgegnete er lachend und warf ſein Pferd in den Kugelregen hinein. Es war auf unſerer Seite und zu den Füßen unſerer Pferde ein Anblick, wie wenn im Sommer auf einer ſtaubigen Chauſſee ſchwere Regentropfen mit großer Gewalt aufſchlagen, ſo ziſchte und klatſchte es hier von allen Seiten, und das war eine Strecke von vielleicht hundert Schritten, die wir ſolcher Geſtalt zu paſſi⸗ ren hatten. Unter einem Baume, etwas rückwärts von der Schlachtlinie, fanden wir den Offizier, zu deſſen Hülfe ich herbeigeeilt. Es war leider zu ſpät! Er hatte zwei Kartätſchenkugeln in der Bruſt, und wir kamen früh genug, ihm die Augen zuzudrücken. Aber ich hätte ihn, auch wenn ich früher gekommen wäre, nicht retten kön⸗ nen— jede der Verwundungen wax tödtlich. Wir ſchwangen uns wieder auf unſere Pferde, um zum Haupt⸗ quartiere zurück zu eilen in dem Augenblicke, als ein friſches Jä⸗ gerbataillon gegen das Thor der Villa geführt wurde. Es war Major v. C.— Ich zitterte ordentlich bei dem Gedanken an mei⸗ nen jungen Künſtler, ob er wohl noch unter den Lebenden ſei, oder ob er nicht am Ende hier vor meinen Augen todtgeſchoſſen werde. Unter lautem Hurrah kamen die Jäger heran. Gott ſei Dank! dort ſah ich ihn auf dem Flügel, das friſche Geſicht von Pulver⸗ dampf geſchwärzt. Er ging mit den Anderen freudig darauf los, wie zu einer Luſtpartie: vorn auf der Bruſt zwiſchen dem ſchwarzen Lederzeug hatte er eine blaurothe Nelke ſtecken. Auch er erkannte mich; denn er winkte mit der Hand und zeigte freudig lachend auf Heute roth, morgen todt. 275 das Thor droben, das immer dichtere Pulverwolken und immer zahlreichere Kartätſchenkugeln ausſpie. Wie gingen die braven, tapferen Jäger darauf los! Zuerſt ſchwenkten ſie etwas gegen die Mauer, dann wandten ſie ſich wie⸗ der dem Thore zu. Schon waren ſie nicht fünfzig Schritte mehr davon entfernt, da blitzte es abermals aus dieſem Höllenrachen hervor. Mehrere Kugeln hatten getroffen. Mancher, der eben in friſcher Jugendkraft vorwärts geeilt war, lag zerſchmettert am Bo⸗ den, todt oder ſchwer verwundet; Maucher blieb plötzlich wie angewurzelt ſtehen und ſtierte eine Sekunde vor ſich hin— auf den bleichen Zügen die grauenhafteſte Ueberraſchung; dann ward ſein eben noch ſo lebhafter Blick ſtarr und gläſern, er drehte ſich mit einer entſetzlichen Geſchwindigkeit herum und fiel todt auf das Geſicht. Aber der Anblick ſo mancher gefallenen braven Ka⸗ meraden entflammte den Muth der Jäger höher und höher. Aufgepaßt! ſchrieen die Vorderen.— Nieder, nieder! Ganze Reihen bückten ſich bei dieſem Zurufe der Kameraden tief auf den Boden. Droben auf der Villa krachten abermals die Schüſſe, pfiffen abermals die Kugeln, ſausten aber unſchädlich über die am Boden liegende Mannſchaft hinweg. Wie Ein Mann erhob ſich dieſe wieder und eilte in wilden Sprüngen vorwärts. So ſtürzt der Tiger auf ſeine Beute. Da hörte man keinen Schuß mehr us der Reihe der Jäger; die Büchſe mit dem doppelſchneidigen Hirſchfänger zum Stoßapparat umgewandelt, waren die Verwegen⸗ ſten von ihnen in drei, vier Sätzen vor dem Thore der Villa. Die piemonteſiſchen Artilleriſten hatten in dieſem Leben zum letzten Male gefeiert. Kobolden gleich verſchwanden die Jäger und die Wiener Freiwilligen zwiſchen den Gebänden. Der Pulverdampf verzog ſich langſam, die blanken Kanonenmündungen ſahen jetzt zum erſten Male ſtumm und ſtill auf das Todtenfeld hinaus, und nachdem drinnen in dem Hofraum der Kampf unter Flinten⸗ und 276 Zwanzigſtes Kapitel. Büchſenſchüſſen noch einige Minuten fortgedauert, waren die Pie⸗ monteſen verjagt und die ſtark befeſtigte Villa genommen. Wir ritten durch das Thor hinein, über Leichen und Ster⸗ bende hinweg. Drüben ſammelte der tapfere Major von C. ſeine Leute aufs Neue, um die Braven zur weiteren Arbeit zu führen. Ich hatte nun Zeit, ihm meine Bewunderung auszudrücken und mich nach meinem jungen Freunde umzuſchauen. Da war er au der Seite des Majors friſch und lebendig, aber um den Kopf hatte er ein weißes Tuch gebunden und darüber keck den Jägerhut aufs Ohr geſetzt.„Ein kleiner Säbelhieb!“ rief er mir zu;„un⸗ bedeutend, nicht der Rede werth!“ Seine Nelke hatte er noch im Knopfloch ſtecken, und ich konnte mich nicht enthalten, ihm zu ſagen:„Aber warum haben Sie ſich mit Blumen geſchmückt?“ worauf er mir antwortete:„Ein Feſttag! ein Freudentag!“ und dann ſetzte er leiſer hinzu:„Es war ihre Lieblingsblume.“— „Narrenpoſſen!“ brummte der Major, indem er den Schweiß von der Stirne wiſchte;„ich habe das heute Morgen ſchon geſagt, thun Sie mir das Ding weg! Wozu die rothe Blume? Wir ſehen ja Blut genug um uns.“—„Wenn Sie befehlen, Herr Major,“ Zantwortete er darauf,„ſo ſtecke ich ſie in die Taſche.“— Und er that alſo. „Wer mich kennt,“ ſagte der Major leiſe zu mir,„weiß, daß ich ebenſo getroſt mit meinem Bataillon gegen den Feind mar⸗ ſchire, als ich einen Spaziergang mache; aber ſo was kann ich nicht leiden: das Ding ſah aus, wie eine klaffende Wunde auf der Bruſt.— Nun Gott befohlen!— Vorwärts, Kinder!— Adieu, Adieu!“ Die Jäger ſtießen wieder zu ihrer Diviſion, wir kehrten nach dem Hauptquartier zurück. 3 Die Schlacht dauerte bis zum Abend. Die Nebel ſanken wie einem feinen Regen Tauſende der Unglücklichen, die hier beiſam⸗ graue Schleier auf den Boden nieder und bedeckten darauf mit ** Heute roth, morgen todt. 277 men lagen. Das Hauptquartier ging nach Charlasco zurück; doch brauchten wir mehrere Stunden, um Schritt für Schritt durch den Knäuel von Menſchen und Pferden, Geſchützen und Wagen zu dringen, mit denen die Landſtraße bedeckt war. Es war ſpät in der Nacht, als wir in unſer Quartier kamen. Keiner hatte nach dieſem aufregenden Tagewerke Luſt, ſogleich zu Bette zu gehen; auch fehlte noch mancher der Ordonnanzoffiziere, die da und dort⸗ hin auf das Schlachtfeld geſchickt worden waren und deren Rückkehr wir abwarten wollten. Im Kamine brannte ein großes Feuer, wir ſaßen im Kreiſe herum und erzählten unſere Erlebniſſe. Bald hörten wir jedoch Pferdegetrappel, Einer um den Andern kam zu⸗ rück, durchnäßt und müde, zuletzt Graf S., der am Schlimmſten ausſah— denn er hatte keinen Paletot, und an dem dünnen At⸗ tila troff das Regenwaſſer herunter. „Du ſiehſt ſchön aus!“ riefen ihm die Kameraden zu; wie kann man auch in dem Wetter ohne Mantel ausreiten?“ „Ihr habt gut reden!“ ſagte luſtig der Huſarenoffizier;„wie ihr mich da ſeht und ich da vor euch ſtehe, bin ich wahrhaftig noch ein paar Procent beſſer, als der heilige Martin. Der hat ſeinen Mantel mit jenem Armen nur getheilt, ich habe den meini⸗ gen ganz weggegeben. Habt Reſpekt— ei, das iſt ja der Doktor!“ wandte er ſich an mich;„Sie ſind an meiner außerordentlichen That die Haupturſache.“ Mich überſchlich bei dieſen Worten eine traurige Ahnung. „Da habe ich etwas für Sie,“ fuhr Graf S. fort; dabei hob er ſeine Säbeltaſche in die Höhe und zog ein kleines Stück Papier heraus, das er mir darreichte. Es war meine Karte, die ich vor einigen Tagen in Pavia dem jungen Freiwilligen gegeben. Sie war zerknittert, von Pulver ge⸗ ſchwärzt—— mit Blut befleckt. „Erzähle,“ riefen die anderen Offiziere, was haſt du getrie⸗ ben?“ Auch ich bat mit leiſer Stimme darum. 278 Zwanzigſtes Kapitel. „Als Alles vorbei war,“ ſagte der Huſar offen, dem man be⸗ greiflicher Weiſe den beſten Platz am Herde eingeräumt—„wurde ich mit einem Befehle bedacht, den ich nach dem zweiten Armee⸗ corps bringen ſollte; ich habe in ſolchen Fällen immer das meiſte Glück. Mein Pferd war müde, ich auch, wir Beide ebenfalls durch⸗ näßt, aber der Dienſt rief. Was Teufel! ich hatte nicht daran gedacht, nochmals in die Nacht hinaus zu müſſen; ich dachte mir: die Sache iſt zu Ende, jetzt geht's nach Hauſe, und deßhalb hatte ich auch ſo ziemlich alle Direktionen verloren, und es war mir nur eine unbeſtimmte Idee davon geblieben, wo der Stab des zweiten Corps vielleicht zu finden ſei. Da ſtand ich allein in der Nacht, unter dem ſtrömenden Regen, und ſchaute mich rings um. Mein Pferd ließ die Ohren hangen und wandte ſich mehrmals der Ge⸗ gend zu, von woher man noch das Geklirre des abziehenden Hauptquartiers vernahm. Zu all dem Vergnügen war es noch ſtockdunkel, tiefe Waſſergräben gab es auf allen Seiten, wie ich ge⸗ nan wußte— die Sache war höchſt amuſant.“————— Hier unterbrach ſich der erzählende Präſident der würdigen Geſellſchaft und ſagte, aus dem bisherigen Tone fallend:„Aber ich erzähle euch da ein Geſchichte, die euch vielleicht langweilt; ich muß wahrhaftig fürchten, daß man mir die Schande anthut und den Leimtopf wieder auf's Feuer ſetzt; ich glaube, es iſt beſſer, wenn ich mit ein paar Worten meine Geſchichte zu Ende bringe. „Nein, nein!“ verſetzte der Herr mit dem rothen Geſicht eifrig; „dagegen proteſtire ich feierlichſt; es wäre in der That nicht zu verantworten, wenn wir den jungen, braven Huſaren nächtlicher Weiſe ſo lange auf dem Schlachtfelde ließen.“ „Ja, in Regen und Kälte!“ ſetzte der lange Regierungsrath hinzu,„das hört ſich im trockenen Clubbzimmer ſo behaglich an — Regen, Nacht und Schlachtfeld, ich glaube, unſer würdiger Heute roth, morgen todt. 279 Präſident bedient ſich argliſtiger Schriftſtellerkniffe, er will unſere Erwartung aufs Höchſte ſpannen.“ „Wahrhaftig, nein!“ ſagte der Ebenerwähnte;„aber es iſt ſchon ziemlich ſpät in der Nacht, und ich fürchte in der That, die Geſellſchaft zu langweilen.“ „Ich dächte, wir wollen hierüber abſtimmen,“ ſprach wichtig der dicke Herr mit dem rothen Geſicht,„unparteiiſch abſtimmen. Wer dafür iſt, daß unſer Präſident nicht weiter erzähle, der krieche unter den Tiſch.“ Nach dieſem ſinnreichen Vorſchlage ſah ſich der dicke Herr rings um und ſagte mit feierlicher Stimme:„die Geſellſchaft iſt einſtimmig zu dem Beſchluſſe gekommen, der Präſident habe in ſeiner Erzählung fortzufahren.“ ſi 8 „Nichts Beſſres weiß ich mir an Sonn⸗ und Feiertagen, Als ein Geſpräch von Krieg und Kriegszgeſchrei, Wenn hinten weit in der Türkei Die Völker auf einander ſchlagen. Man ſteht am Fenſter, trinkt ſein Gläschen aus, Und ſieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; Dann kehrt man Abends froh nach Haus Und ſegnet Fried' und Friedenszeiten.“ recitirte der lange Regierungsrath, und der Präſident fuhr alſo fort: „Ich that,“ ſo erzählte der junge Huſaren⸗Offizier am Ka⸗ minfeuer,„was an meiner Stelle jeder brave Kavalleriſt ebenfalls gethan hätte: ich wandte den Kopf meines Pferdes dem Schlacht⸗ felde zu, trieb das müde Thier vorwärts und ließ es, nachdem ich ſo die Richtung angegeben, ſeinen Weg ſelbſt ſuchen. Das war das Beſte, was ich thun konnte, und ſtatt in die Waſſergrä⸗ ben hineinzupurzeln, was unfehlbar geſchehen wäre, hätte ich den Zügel feſt in der Hand behalten, kletterte jetzt der brave Chalif 280 Zwanzigſtes Kapitel. an den Abhängen hinunter und hinauf, daß es eine Freude war. Bald erreichte ich einen Feldweg, der mir für meine Direktion paſſend erſchien, und nun gingss ſchon ſchneller vorwärts. Bald war ich mitten auf dem erkalteten Schlachtfelde; ich befand mich⸗ in entſetzlicher, grauenhafter Umgebung. Es iſt eigenthümlich, daß man das während der Schlacht ſo faſt gar nicht fühlt, daß die Stunden des heißeſten Kampfes ſo gar nichts Erſchütterndes, nichts Entmuthigendes für den Soldaten haben. Der Arillleriſt folgt dem Geſchütz mit Luſt und Liebe, er nimmt ruhig ſein Ziel,⸗ und ſeine Belohnung iſt, wenn die Kugel in die dichteſten Haufen der Feinde einſchlägt und dort Tod und Verwüſtung bringt. Der Reiter ſcheint Eins zu ſein mit ſeinem Pferde— ein tiefer Athem⸗ zug ſchwellt die Bruſt beim Signal zum Angriff; alle Leidenſchaften ſind erwacht, während er den feindlichen Kavalleriemaſſen entgegen⸗ ſtürmt. Falle, wen es trifft.— Ueber Pferde, über die Leiche des Nebenmannes geht er weg, er kann ſich nicht nach ihm um⸗ ſchauen, er kann ihn nur rächen. Die Geſchütze krachen, hie und da ſchallt Trommelwirbel, die Fußnen flattern— es gilt eine Verſchanzung zu nehmen, eine Höhe zu ſtürmen; mit lautem Hur⸗ rah ſtürzen die Colonnen darauf los. Wenn auch ganze Reihen von den feindlichen Kartätſchen niedergeriſſen werden— die Nach⸗ folgenden ſchließen ihre Glieder wieder und behalten feſt im Auge den Punkt da oben, wo es aufblitzt, wo ſich die weiße Rauchwolke emporthürmt— die feindliche Stellung. „Sind ſie aber erobert, die mörderiſchen Geſchütze, iſt ihr metallener Mund verſtummt, ſind alle Poſitionen genommen, zeigen lange Staubwolken dort drüben und dazwiſchen hervorblitzende Gewehrläufe und Helme den geſchlagenen Feind, wie er ſich eilig zurückzieht; dann blickt der Soldat rückwärts auf die Strecke, die er heute im heißen Kampfe zurückgelegt, und ſucht mit den Augen die Stelle, wo unter Haufen anderer Gefallener ſein Freund, ſein Bruder ausgeſtreckt liegen könne. Aber jetzt iſt noch keine Zeit —+— 8 Heute roth, morgen todt. 281 zum Aufſuchen der Gefallenen, zur Klage um die Todten; der Soldat muß bleiben, wo er iſt, die Nacht ſinkt herab, muß das Schlachtfeld behaupten. Aber er ſitzt nicht wohlgemuth um das Feuer, er ſpricht nicht laut und fröhlich mit ſeinen Kameraden; nur leiſe flüſtern ſie zuſammen, denn die da draußen, die umher liegen, ſprechen zu laut, zu entſetzlich. Wer nicht dabei war, kann ſich keinen Begriff machen von dem unheimlichen Gefühl, mit dem man Nachts über das Schlachtfeld reitet. Man hört ſo verſchiedenartige Töne, Klagen, Stöhnen, unendlich grauſenhaft und unheimlich; und dazu ſiebt man rechts und links oder gerade vor ſich im Wege dunkle Punkte, und wenn zufällig der Mond ein kleines Streiflicht durch zerriſſene Wolken ſendet, ſo erkennt man dieſe Punkte, dieſe ſchauerlichen Hügel— da liegen ſie lang ausgeſtreckt, zerriſſen und blutig, und hie und da glaubt man eine Bewegung, ein Zucken zu bemerken, und irrt ſich wohl auch nicht; denn noch liegt dort alles durch einander, Lebendige und Todte.——— „Dazu pfiff Regen und Wind über die Ebene, und je weiter ich hinaus kam, deſto ſtärker hörte ich die unheimlichen Töne, deſto mehr ſah ich die dunklen Gruppen rechts und links umher liegen. Mein Pferd ſchien alle Müdigkeit verloren zu haben; es ſchnaubte heftig und drängte zuweilen zitternd in die Zügel, um vorwärts zu kommen. Ihm waren ſeine todten Kameraden, die zuſammenge⸗ ſchoſſen waren und in ihren Geſchirren an Pulverwagen und Geſchützen lagen, ein Gräuel. So kam ich in die Gegend der Caſa Visconti— wiſſen Sie, da, wo wir heute zuſammen waren; aber ich mochte nicht durch das Gehöft reiten, es war mir darin zu viel geſchehen, es mußte gräßlich ausſehen zwiſchen den Mauern des Hofes. Gleich hinter der kleinen Villa begegnete ich einer Kavallerie⸗Patrouille, die mir ungefähr den Weg nach dem zweiten Corps anzeigte. Ich hatte nun den blutigſten Theil des Schlacht⸗ feldes hinter mir und konnte raſcher weiter. Doch hatte ich keine Viertelſtunde im Trabe zurückgelegt, als ich Feuer ſah und von Zwanzigſtes Kapitel. einem Jägerpoſten augerufen wurde. Es war das Bataillon des Majors von C., der hier bivouakirte. An dem konnte ich nicht vor⸗ bei reiten. Ich lenkte mein Pferd gegen das Feuer. Da ſaß er auf ein paar Torniſtern, die Knie in die Höhe gezogen, den Kopf darauf geſtützt; er rauchte aus einer kurzen Pfeife und ſtarrte in die ſpielenden Flammen. Beim Hufſchlage meines Pferdes blickte er auf— ich rief ihm meinen Namen zu, und als er mich erkannte, als ich ihm geſagt, ich komme über das Schlachtfeld herüber vom Hauptquartier her, ſchüttelte er ſich und ſagte: Nicht wahr, da ſieht's gräßlich aus?— Schauerlich, entgegnete ich ihm, ihr müßt furchtbar gelitten haben.— Viel, viel, entgegnete er mir kopf⸗ ſchüttelnd, lauter brave Leute. Apropos! Wenn Ihr ins Haupt⸗ quartier zurückkommt, ſo gebt dieſe Karte dem Freunde Wellen; ich habe ſie von jenem jungen Manne, er weiß ſchon, von wem— ja, ja, ſetzte er düſter hinzu, man ſoll auf dem Schlachtfelde keinen Spaß treiben; mich hat die rothe Nelke, als ich ſie dieſen Morgen bei ihm ſah, ſchon genirt, und juſt auf der Stelle traf ihn eine feindliche Büchſenkugel.“ Ihr könnt euch denken, fuhr der Präſident nach einer kleinen Pauſe fort, wie ich athemlos und geſpannt der Erzählung des Huſarenoffiziers lauſchte; hundertmal wollt' ich ihn unterbrechen, um ihn zu fragen: Und wo iſt der, der dieſe Karte für mich gab? Aber wenn ich das kleine Blatt Papier betrachtete, mit dem ſtar⸗ renden Blute daran, ſo hatte ich nicht den Muth, dieſe Frage zu ſtellen— ich wußte die Antwort im Voraus. „Alſo er iſt todt?“ fragte ich nach einem langen Stillſchweigen den Grafen S.— Er antwortete mir darauf:„Ganz genau konnte der Major von C. es gerade nicht ſagen; wie ich aber ſchon erzählt, hatte nicht weit von Caſa Visconti, vielleicht eine Stunde nachdem wir dort waren, bei der neuen Attaque ihn eine Büchſenkugel in die Bruſt getroffen; einer der Aerzte, der zufällig in der Nähe war, Heute roth, morgen todt. 283 ſchüttelte den Kopf, doch ließ ihn der Major augenblicklich nach dem nächſten Verbandplatze ſchaffen; was aus ihm geworden, wußte er natürlicher Weiſe nicht.“ „Und welcher Verbandplatz kann das ſein?“ rief ich aufſprin⸗ gend;„ich muß dahin, ich muß den armen jungen Menſchen ſehen!“ Der Adjutant des Marſchalls, Major E., der ebenfalls am Kamin⸗ feuer ſaß, ſagte nach einem kleinen Nachdenken:„das muß am Ende der Schlacht geweſen ſein. In der Nähe der Caſa Visconti; alſo iſt er nach einem der Verbandplätze gebracht worden, die ſich in den Häuſern unter den Mauern von Novara befinden. Da wird er morgen dorthin in's Spital kommen.“ „Aber was meinen Sie, kann ich ihn wohl heute Nacht noch aufſuchen?“ „Laſſen Sie das bleiben,“ ſagte Graf S.,„ iſt keine Mög⸗ lichkeit, Doktor, einen einzelnen Verwundeten zu finden; alle Felder, Wege und Brücken in der Nähe der Stadt ſtecken ſo voll von Militär, daß es nicht möglich iſt, durchzukommen; auch könnten Sie bei den Vorpoſten große Schwierigkeiten haben.— Ja, das 4 ₰ vergaß ich auch noch zu erzählen, es gehört zu meinem Bericht: ich fand nun das zweite Armeecorps zunächſt der Stadt, und in letzterer ſchien der Teufel los zu ſein. Da brannten ein paar Häuſer und Gewehrſchüſſe knallten dazwiſchen. Sie müſſen ſich unter einander in den Haaren liegen; denn wir haben blos die Stadt cernirt, von den Unſrigen iſt noch Niemand hinein.“ Was ſollte ich alſo thun? Alle riethen mir, den Morgen ab⸗ zuwarten und dann meine Nachforſchung anzuſtellen. Das that ich denn auch nach beſten Kräften, aber Alles vergeblich. Obgleich ich von Tagesanbruch bis zur ſinkenden Nacht des folgenden Tages auf den Beinen war, obgleich ich alle Verbandplätze beſuchte und ſelbſt mit ein paar Bekannten das Schlachtfeld auf's Eifrigſte unterſuchte— ich fand keine Spur von meinem jungen Künſtler. Da waren die Soldaten beſchäftigt und machten große Gruben —————— 2— 284 Zwanzigſtes Kapitel. und legten die todten Kameraden hinein, und bei manchen dieſer Gruben blieb ich ſtundenlang ſtehen und betrachtete genau die herbeigebrachten Leichen und dachte immer: jetzt wirſt du auch ihn erkennen. Umſonſt! ich fand ihn nicht. Das Hauptquartier blieb während der Schlacht mehrere Tage in Novara, und dieſe Zeit benutzte ich zu den ſorgfältigſten Nach⸗ forſchungen. Mein Platz war ja überhaupt in den Spitälern, ſowie in den Kirchen, wo man eine Menge Verwundeter unter⸗ gebracht. Aber nebendem ließ ich auch kein Haus in der Umgegend ununterſucht, wo ſich noch ſchwer Kranke befanden, die man nicht transportiren konnte. Aber Alles umſonſt! Die einzige Spur, die ich von dem jungen Bildhauer erhielt, beſtand in der Ausſage zweier ſeiner Kameraden, die ihn, als er ſchwer verwundet wurde, aus dem Kampfe zurückgebracht hatten. Dieſe Beiden verſicherten mir, ſie haben ihn bis zum nächſten Verbandplatze getragen und dort einem Unterarzte übergeben, der aber die Verwundung achſel⸗ zuckend betrachtet. Er habe ihm freilich auf ihre dringenden Bitten hin einen Verband angelegt, doch dabei geſagt, das ſei alles unnütz, die Kugel ſei zu tief gegangen.—— Es war mir, als habe ich einen langjährigen Freund verloren, und ihr könnt euch denken, mit welch ſchmerzlichem Gefühle ich einige Tage ſpäter über das Schlachtfeld ritt, als wir nach Mailand zurückkehrten. Es war ein unfreundlicher Morgen, in der ver⸗ gangenen Nacht war Schnee gefallen und bedeckte die Vertiefungen des Terrains. Um ſo ſchauerlicher aber ragten aus dem weißen Grunde die vielen, vielen Grabhügel hervor, an denen ich vorbei mußte. Hier und dort hatten die Kameraden auf dieſelben einen großen Stein hingewälzt oder ein einfaches hölzernes Kreuz dahin geſetzt. Ich mußte beim Vorbeireiten jedes einzelne betrachten und dachte: unter welchem magſt du ſchlafen, mein armer Freiwilliger? Wo mag deine nun erkaltete Künſtlerhand ruhen und dein — Heute roth, morgen todt. 285 warmes Herz, das dich hieher getrieben aus dem Frühling des Lebens in dieſen Winter des Todes?“ So erzählte Doktor Wellen, und die Geſellſchaft ſaß bei die⸗ ſer Erzählung ruhig und ſtill. „Präſident! ſagte nach einer langen Pauſe der dicke Herr mit dem rothen Geſicht,„ich glaube, Ihr macht es wieder wie die ſchlech⸗ ten Schriftſteller: Ihr habt gewiß noch etwas von jener Erzählung auf dem Herzen und haltet damit hinter dem Berge. Heraus da⸗ mit! Erzählen Sie ein glückliches Ende der Geſchichte, ſonſt thue ich aus Alteration die ganze Nacht kein Auge zu, und Ihr werdet morgen zu einem Kranken mehr gerufen.“ „Das ſollte mir leid thun,“ entgegnete der Doktor mit einem trüben Lächeln;„aber ich kann euch wahrhaftig nicht mehr ſagen, als ich weiß. Seit jenen für mich ſo denkwürdigen Tagen ſind einige Jahre verſtrichen, und obgleich ich mehreren Kollegen, die dort bleiben, für dieſen Fall meine Adreſſe hinterließ, habe ich nicht eine Sylbe erfahren— mir ein ſicheres Zeichen, daß der unglückliche Freiwillige geſtorben iſt.—— Aber es iſt nun über alle Maßen ſpät geworden, wahrhaftig ein Uhr lange vorüber, und ich erkläre hiemit die heutige Sitzung als aufgehoben.“ Der Präſident ſetzte nach dieſen Worten ſeinen Hut auf; die Lampe und der Leimtopf wurden dem Kellner feierlichſt zur Auf⸗ bewahrung eingehändigt, und die Geſellſchaft ging aus einander. S5865— Bei Adolph Krabbe in Stuttgart iſt ſoeben erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Aus dem Frauenleben. Von Ottilie Wildermuth. 8. 23 Bogen. Eleg. geh. 1 Thlr. 22 ½ Sgr. oder fl. 2. 30. rh. Elegant gebunden 2 Thlr. oder fl. 2. 54 kr. rhein. Die beiden früher erſchienenen Bücher der Verfaſſerin der Ge⸗ ſchichten aus dem ſchwäbiſchen Leben haben ſich eines ſo großen Beifalls zu erfreuen gehabt, daß es gewiß bloß der Ankündigung eines neuen Werkes bedarf, um das Intereſſe der deutſchen Leſewelt im höchſten Grade in Anſpruch zu nehmen. Dies neue Buch muß der Verfaſſerin wieder neue zahlreiche Freunde zuführen. Der Inhalt iſt folgender: Ein ſonnenloſes Leben.— Morgen, Mittag und Abend: Am Morgen— am Mittag— Abendſonnenſchein.— Die vesſäntihte — Unabhängigkeit.— Der erſte Ehezwiſt. Bei Adolph Krabbe in Stuttgart iſt ſoeben erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Erzählungen eines alten Tambours. Von Edmund Hoefer. Eleg. geh. 12 Sgr. oder 42 kr. Rhein. In der ihm eigenthümlichen lebendigen Weiſe und mit einer beſonderen Kraft der Geſtaltung führt der Verfaſſer lebensvolle und naturwahre Bilder aus dem Kriegs⸗ und Garniſonsleben dem Auge des Leſers vorüber.— Der alte prächtige Tambour wird bald ein Liebling der Leſewelt werden. Der Inhalt iſt ſolgender: Anno Zweiundneunzig.— Vom großen Bart.— Kolof, der d Vekrut.— Der Aufruhr.— Aus dem Keiheitskriege.— Der alte Kapitän.