Leih deutſcher, engliſcher und franzö von 5. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und A ſiſcher Literatur —— beträgt:. für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7 2 9—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Eilftes Capitel 1. Die Pragerſtädte waren indeſſen noch immer in großer Beſtürzung, in jedem Augenblicke konnte es dem Kaiſer oder ſeinem geiſtlichen Vetter einfallen, die„Alt⸗ ſtadt“ beſtürmen zu wollen. Die„Kleinſeite“ ſeufzte un⸗ ter unter dem ihr aufgelegten Drucke und ſtand in Be⸗ reitſchaft denſelben bei dem erſten Winke gewaltſam ab⸗ zuſchütteln. Die fremde Soldateska ließ ſich trotz des momentanen Friedens nicht abhalten die entſetzlichſten Ausſchweifungen zu begehen. Wehrloſe Bürger wurden todtgeprügelt, die Häuſer der böhmiſchen Cavaliere, be⸗ ſonders, wenn ſie dem neuen Glauben anhingen, rück⸗ ſichtslos geplündert, Mädchen verführt, ehrbare Frauen mißhandelt, kurz Alles gethan und für erlaubt gehalten, was in in einer mit Sturm eroberten Stadt zu geſche⸗ hen pflegt. Die Paſſauer in Prag. II. 1 2 Die Officiere ſahen den Gemeinen, die Oberbe⸗ fehlshaber den Officieren durch die Finger, da ſie ein ſolidariſches Bewußtſein der Schuld drückte oder vielmehr zur Nachſicht verband. Der gaſtfreundliche Henckel hatte längſt aufge⸗ hört in Ramée ſeinen Lieblingshelden zu bewundern, die wahren aber nüchternen Anhänger des Kaiſers fin⸗ gen zu bereuen an, daß die Paſſauer je im's Land geru⸗ fen worden waren, ſie fühlten inſtinktmäßig, daß ihrem Herrn und Meiſter dadurch der letzte Stoß verſetzt wor⸗ den, die katholiſche Geiſtlichkeit drängte zur Entſchei⸗ dung, für ſie hatte das Kriegsvolk eine einzige Bedeu⸗ tung, den einzigen vernünftigen Zweck— Wiederher⸗ ſtellung der alten Zuſtände und gewaltſame Bekehrung oder Vertreibung der Ketzer; der Klerus vermochte nicht zu begreifen, wie man mit zwölftauſend Kriegsknechten in den Händen, noch die Fortdauer der proteſtantiſchen Ketzerei dulden könne; die heimlichen Feinde des Kai⸗ ſers und verkappten Anhänger ſeines königlichen Bru⸗ ders vergaſſen vor ſtillem Entzücken über die Mißgriffe, die von der kaiſerlichen Partei täglich und ſtündlich be⸗ gangen wurden, die erſchlagenen Bürger und ausge⸗ raubten Paläſte und erwarteten mit banger Ungeduld den Augenblick um Mathias an des entthronten Kaiſers Stelle zu ſetzen. 3 So war die Stimmung in Prag als Leopold miß⸗ vergnügt in dem großen Saale des ehemaligen Bürger⸗ meiſters„Henkel“ auf und abſchritt, ſeinen Schnurbart drehte und von Zeit zu Zeit einen noch viel ungeiſtli⸗ cheren Fluch ausſtieß. Bisher war ihm Alles mißlun⸗ gen, Alles ſchief gegangen, ja der Kaiſer, der einzige Rückhalt auf den ſich der Erzbiſchof ſtützen konnte, war ſeit der, ſeinem Kammerdiener von Ramée zugefügten, Beleidigung zuſehends kälter geworden. Vergeblich hatte der Erzherzog dem Kaiſer das Gefährliche der ganzen Lage auseinandergeſetzt, er konnte von dem Mo⸗ narchen weder die Erlaubniß zum Abzuge noch den Be⸗ fehl zum Angriff, weder den rückſtändigen Sold für die Truppen noch auch eine beſtimmte Zuſage der Bezah⸗ lung erlangen. Die Räthe des Kaiſers hatten augen⸗ ſcheinlich den Kopf verloren und Nudolf ſelbſt wollte aus ſeinem chemiſchen Laboratorium, in das er ſich mit ſeinem Leib⸗ und Hofalchimiſten Signor Anſelmo einge⸗ ſchloſſen hatte, gar nicht wieder herausgehen. Ddie Bereitung der Goldtinktur, zu welcher eben jetzt die ſchönſten Hoffnungen vorhanden waren, drängte alle übrigen Angelegenheiten des Reiches, das Paſ⸗ ſauer Kriegsvolk, den Erzherzog, den Plan zur Einzie⸗ hung des Majeſtätsbriefes, den Entwurf dem Mathias Oeſterreich und Ungarn wieder zu entreißen, kurz alle 4 1* 4 großen Staatsfragen, welche ſich im Rathe des unglück— ſeligſten Monarchen in bunter Menge kreuzten, völlig in den Hintergrund. Auf dem Tiſche des Erzherzogs lag ein offener Brief, welcher ihm vor wenigen Minuten durch einen reitenden Boten zugekommen war. Dieſer Brief gab Anſtoß zu den mannigfachen Betrachtungen, denen ſich Se. Durchlaucht hingab und zu den zahlreichen Flüchen die ſie ausſtieß. Werfen wir einen Blick in das Schreiben. Styl und Schriftzüge ſind uns wohl bekannt, die Hand, welchen dieſen Brief abfaßte, ſollte noch viele, viele To— desurtheile unterzeichnen, viel und ſchweres Unglück be⸗ ſiegeln und ein Jahrzehent ſpäter aber den Majeſtäts⸗ brief Rudolf II. mit der Scheere lakoniſch entzwei ſchneiden, der Schreiber des Briefes hieß Ferdinand und war der Bruder Leopold’'s von Paſſau. Das Schreiben lautete ungefähr ſo: „Euer Liebden! „Ich habe zu meinem größten brüderlichen Schmerz hören müſſen, wie Ihr gegen das Intereſſe des geſamm⸗ ten Erzhauſes, vorzüg lich aber Sr. Majeſtät des Kö⸗ nigs von Ungarn, unſeres durchlauchtigſten Vetters, das Paſſauer Kriegsweſen in die Hand genommen und, na ch⸗ dem Oberöſterreich weit und breit verwüſtet worden, a uf 5 Prag zu gezogen ſeid, dort Sr. Majeſtät unſerem kai⸗ ſerlichen Herrn zur Laſt fallet und ſein Regiment in Verruf bringet; ich beſchwöre Euch in brüderlicher Zu⸗ neigung und Liebe, den Kriegszug ſogleich aufzugeben und die Knechte, welche man das Paſſauer Kriegsvolk nennt, auseinander gehen zu laſſen. Se. Majeſtät will Euere Geſchäftigkeit in keinem Wege gefallen und der Adminiſtrator von Neuſtadt, Herr Khlesl ſagte mir in ſeiner ſchlichten Weiſe, der weniger zu trauen iſt als der Spitzbüberei von einer Legion Teufel, er bitte mich, da er Euch ſo treu geſinnt und vom Herzen ergeben ſei, Euch bei des Königs Ungnade von jedem weiteren Unterneh⸗ men abzuwehren, was ich, obgleich es aus falſchem Herzen kommt, um ſo williger thue, als unſerer ganzen Familie Zukunft wahrhaftig auf dem Spiele ſteht. Die Frau Mutter läßt hinzufügen, das man in Madrid über Euere Aufführung uuruhig zu werden anfängt und, daß ſelbſt Cardinal Hohenzollern in des heiligen Vaters Namen zur Mäßigung gerathen. Ueberlegt Euch das Alles wohl, liebſter Herr Bruder Durchlaucht und Euer Liebden wird bei genauer Betrachtung gewißlich ver⸗ merken, daß ich bin und bleibe Euer Liebden getreuer Bruder.“ Das Poſcript enthielt noch die Worte. „Ich kann nicht nnterlaſſen Euch anzuzeigen, daß ich am„Kaiſer ſchild“ verwichenen Freitag einen feiſten Gemsbock, in der hintern„Radmar“ aber vier Böcke erlegt habe, der Tanhanſen deſſen ſchwaches Geſicht Euch bekannt iſt, tödtete aus Unachtſamkeit zwei Thiere und wurde darüber ausgelacht, der Jäger Stielfried aber— Ihr entſinnt Euch wohl noch des grauköpfigen alten Mannes— wurde mit einer Tracht Prügel regalirt, da er als gelernter Schütze einen ähn⸗ lichen Verſtoß beging.“ Weßhalb gab dieſes einfache Schreiben dem Erz⸗ herzog ſo viel zu denken? Weil er zwiſchen den Zeilen zu leſen verſtand. Leopold errieth, daß nicht bloß der König und ſein Kabinetsdirektor Khlesl, ſondern daß Ferdi⸗ nand ſelbſt und noch mehr als die beiden Erſteren erzürnt war. Der Zorn Mathias war nicht ſo groß, denn das Ungeſtüm Leopold's und die Unentſchloſſenheit Rudolf's boten ihm ja die ſchönſte Gelegenheit die letzte Krone vom Haupte ſeines Bruders zu reißen, aber Ferdinand war um ſo tiefer gekränkt, da er wohl wußte, daß Leo⸗ pold daran arbeitete ſich mit Uebergehung ſeines älteren Bruders die Nachfolge im Reiche zu ſichern. Der wahre Gedanke des Briefes, welchen Leopold richtig herauslas, mochte ſo lauten: „Ich, Ferdinand, der Senior unſerer Branche, werde es nicht dulden, daß Du Dir hinter meinem Rü⸗ 7 cken eine Erbſchaft zueigneſt, die von Rechtswegen mir gehört. „Ich werde meinen Vetter Mathias, Spanien, Rom und das Reich gegen Dich hetzen, wenn Du Dein Spiel nicht aufgibſt, übrigens nimm Dich in Acht und ſieh Deine Karten wohl an, Du haſt verſpielt, noch ehe Du ein Bild auf den Tiſch legſt, denn Dein Mit⸗ ſpielender würde mit allen großen Quarten und Terzen der Welt in der Hand zu Grunde gerichtet werden.“ Alle dieſe höchſt wichtigen Rathſchläge hinderten Ferdinand nicht der getödteten Gemsböcke zu erwähnen. Der junge Fürſt kannte nur zweierlei Freuden: ſeine Augen in das myſtiſche Dunkel eines Reliquien⸗ ſchreines zu verſenken, zwei, drei Meſſen in halber Ver⸗ zückung anzunehmen, den Weihrauchduft der Kirche ein⸗ zuathmen und auf das Tantum ergo sacramentum des meſſeleſenden Prieſters mit thränenfenchten Augen zu horchen, oder die Jagd, die beſchwerliche ermüdende Verfolgung des Wildes. Leopold, der die Luſt an der Jagd mit ſeinem Bruder gemein hatte, ließ dießmal die Nachſchrift vo⸗n kommen außer Acht, er kam ſich ſelbſt zu ſehr wie ein gehetztes Wild vor. Ungnade und Feindſchaft laſſen ſich ertragen, wenn nur der eigentliche Zweck des Unter⸗ nehmens erreicht wird, aber alle Folgen zu tragen und nicht den geringſten Gewinn zu erzielen, das überſtieg ſelbſt die Geduld des wackeren Paſſauers. Er ließ ſeinen Rath„Tennagl“ rufen, ſchob ihm ſchweigend den Brief hin und frug, als der kleine unſcheinbare Mann das Schreiben durchleſen hatte: „Was iſt nun zu thun?“ Tennagl zuckte die Achſeln, Leopold ſtampfte mit dem Fuße und zertrümmerte mit der Fauſt einen hohen venetianiſchen Spiegel— damals noch ein ſeltenes und ſehr koſtſpieliges Möbel— dabei rief er: „Hab ich Euch Achſelzuckenshalber hieher beſchei⸗ den laſſen? Reden ſollt' Ihr, ich glaube ich habe noch jedes Euerer Worte theuer genug bezahlt.“ Der kleine, gebeugte Mann wartete einen Augen⸗ blick bis ſich die Aufwallung des Erzherzogs legte und erwiederte dann: „Eben damit Euere Durchlaucht meine Worte nicht zu theuer bezahlen, nehme ich ſie wohl in Acht. Es gibt meines Erachtens nur ein Mittel aus dieſem Irrſal zu gelangen.“ „Und dieſes Mittel wäre?“ „Die pünctlichſte Befolgung der in dieſem Brief enthaltenen Rathſchläge.“ 9 Leopold verharrte einen Augenblick in nachdenken⸗ der Stellung und ſagte dann plötzlich: „Ihr gebt unſere Sache verloren?“ Tennagl verſetzte lächelnd: „Ich nicht— der Kaiſer gibt ſie verloren.“ „Ihr haltet die verſteckten Drohungen für ge⸗ gründet?“ „Leider nur allzuſehr.“ „Aber der Kaiſer läßt mich nicht algiehen. 74 „Um ſo ſchlimmer.“ „Ich werde an den Folgen dieſes Zuges ſchwer zu tragen haben—“ „Ach Euere Durchlaucht ſchützt Ihr Stand und Namen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Daß Euere getreuen Diener, wenn Ihr ihnen nicht Eueren gnädigen Schutz angedeihen laßt, viel mehr zu bedauern ſind als Euere Durchlaucht.“ „Ein Erzherzog—“ dieß ſagte Leopold hochaufge⸗ richtet und ziemlich verächtlich—„ſteht über den Be⸗ dauern;— ihn bedauern wollen, hieße ihn beſch impfen, übrigens mögt Ihr nicht Unrecht haben, ohne meinem außerordentlichen Schus möchte es mit Denjenigen—“ 10 dieſe Worte betonte er ſcharf—„die zu dieſem unglück⸗ ſeligen Zug gerathen, ſchlimm ſtehen.“ Was für ein Gedanke den Biſchof in dieſem Au⸗ genblick durchzuckte, wer weiß es— ſo viel iſt bekannt, daß Leopold ſeinen treuen Dienern den beſprochenen außerordentlichen Schutz in der Folge nicht angedeihen ließ, daß er, der Erzherzog, mit dem Könige und nach⸗ maligem Kaiſer Mathias raſch ausgeführt wurde, wäh⸗ rend Tennagl, der peinlichen Frage unterzogen, alle Foltergrade durchlief.. „Darum,“ entgegnete der Rath ermuthigt,„würde Euere Durchlaucht durch offene Weigerung, ſich noch länger gegen die Böhmen oder den ungariſchen König gebrauchen zu laſſen, am Meiſten gewinnen. Euere Durchlaucht könnte ſich noch den Ruhm zuwenden, gro⸗ ßes Unheil vermieden und das Land vom Verderben gerettet zu haben.“ Der Erzherzog ſchien jedenfalls von den Worten Tennagl's tief erſchüttert, er ſetzte ſeinen raſchen Um⸗ gang fort, ſtrich ſich den Bart und blieb endlich unmit⸗ telbar vor ſeinem geheimen Rath ſtehen, er faßte ihn beim Knopf ſeines Wammſes, den er während der fol⸗ genden Unterredung auch glücklich abdrehte und ſprach: „Ihr habt mich nicht nur überzeugt, ſondern mir ſelbſt den Weg gewieſen, den ich wandeln muß.— 11 „Setzt Euch Tennagl und ſchreibt,“— hier ſprang der Knopf von der Bruſt. Der Erzherzog mochte vielleicht denken:„und ſo wird einſt Dein Haupt vom Rumpf ſpringen.“ Dem ſei wie ihm wolle, der geheime Rath ſetzte ſich, ergriff die Feder und ſchrieb einen vollſtändigen Befehl zur Niederlegung der Waffen und ſchleunigſten Rückzug nieder. Der Erzherzog ſetzte eigenhändig das Datum des Tages und ſeine Namensfertigung darunter, dieſe Schrift wurde in zwei Exemplaren ausgefertigt und an den Schreiber ſelbſt, den geheimen Rath Tennagl gerichtet. Der Erzherzog ſteckte das eine Exemplar zu ſich und befahl dem geheimen Rath, das Andere ſo lange bei ſich zu bewahren, bis er es ihm abfordern würde. „Alſo Euere Durchlaucht iſt entſchloſſen deu Rück⸗ zug anzutreten?“ erlaubte ſich Tennagl, der ſich nicht zurecht finden konnte, ſchüchtern zu fragen. „Du ſiehſt es,“ erwiederte Leopold, der zum Be⸗ weis großer Herablaſſung und bei außergewöhnlich gu⸗ ter Laune ſeine Räthe duzte,„Du ſiehſt, daß Dir das große Werk gelungen iſt, den Befehl zum Rückzug haſt Du in den Händen.“ „Aber darf ich ihn nicht den Obriſten mittheilen?“ 12 „Kurzſichtiger Menſch! hieße das nicht die gefähr⸗ lichſte Soldatenrebellion auf die künſtlichſte Weiſe von der Welt erzengen? Nein, bevor die Kriegsknechte den Beſchluß ihrer Auflöſung erfahren, müſſen ſie bezahlt ſein, wenn Ihr aber den rückſtändigen Sold in unſeren Caſſen zufällig nicht findet, ſo bewahret, wenn es nicht an unſere Köpfe gehen ſoll, das Geheimniß nur recht gut auf beſſere Gelegenheit.“ Der Grund des Erzherzogs war ſo einleuchtend, daß ſich ihm in der That nichts entgegenſetzen ließ. Tennagl konnte ſich nicht verbergen, daß die Kriegs⸗ knechte Alles in Stücke ſchlagen und zuletzt ihren Zorn gegen die Befehlshber ſelbſt kehren würden, wenn ſie von ihrer Entlaſſung noch vor der Auszahlung des rückſtändigen Soldes Kunde erhielten. Tennagl ſteckte daher das Document ohne Widerrede zu ſich; es wurde auch ſeiner Zeit bei ihm gefunden. Tennagl ſelbſt, wie ſchon bemerkt, auf das ſchmerz⸗ hafteſte gefoltert, kam aber doch mit dem Leben davon. Als der geheime Rath die Zuſchrift an ſich ge⸗ nommen hatte, klopfte ihm der Erzherzog auf die Achſel und ſagte: „So recht, mein Beſter, und bewahrt mir die Schrift nur mit größter Vorſicht, ſie ſoll eines Tages Zeugniß meiner freundlichen Geſinnung ablegen.“ 13 Der Rath wagte nicht zu entgegnen, daß es dazu an dem Einen Exemplar in Sr. Durchlaucht Schreib⸗ pult genüge; Leopold hatte unſtreitig ſeine geheimen Gründe, weßhalb er ein Exemplar in der Taſche ſeines geheimen Rathes für nüttzlicher hielt, als zehntauſend Abſchriften in ſeinem Schreibpulte. Indeſſen verſchwand auch dieſe eine Abſchrift von Tennagl's Hand aus dem Schreibfach des Erzherzogs, während ein vollſtändiges Original, von dem Erzherzog eigenhändig geſchrieben, an ſeine Stelle trat. Wohin war die Copie gerathen? Der Erzherzog hatte ſie an dem nämlichen Tage dem Obriſten Ramée mit der Anempfehlung ſtrengſter Geheimhaltung über⸗ geben. Tennagl war ein ſogenannt ſtudirter Mann, und behielt die Urkunde bei ſich. Obriſt Ramée, der rauhe, unwiſſende Soldat nickte dem Erzherzog zu, ſteckte den Befehl in die Taſche und riß ihn des Nachts in Stücke; die Reſte warf er in den Fluß und ſagte höhniſch: „Der Leopoldus hält ſich für einen Fuchs, das mag ſein, aber daß er den Ramée für einen Eſel an⸗ ſchaut, das iſt unverzeihlich.“ Und dennoch war Leopold nicht bloß der Stärkere, ſondern auch der Schlauere, das mochte Ramée an dem Tage fühlen, da er, das Eiſen um den Hals, auf Be⸗ 14 fehl eben dieſes Leopoldus zur Hinrichtung geführt wurde. Leopold unterhielt ſich an demſelben Tage wirklich mit der Fuchsjagd. Als der Erzherzog die obigen Anſtalten getroffen hatte, ſetzte er ſich nieder und ſchrieb ſeinem Bruder Ferdinand einen Brief, der von Herzlichkeit, Reue und Dank für die ihm gegebenen Rathſchläge überfloß; er verſicherte ſeinem Bruder,„daß er ihn als ſeinen Lenker und Steuermann, ſeinen Palinurus,—(heimtückiſches Geſchick in der Wahl des Gleichniſſes: Palinurus ging auf der Fahrt zu Grunde),— betrachten und ehren wolle, er(Ferdinand) möge ihn mit König Mathias ausſöhnen, und überzeugt ſein, daß er Gut und Blut für die gemeinſame Sache des Erzhauſes Oeſterreich einzuſetzen bereit ſei.“ Seine Eminenz den Biſchof von Wien ließ er ſei⸗ ner kindlichen Verehrung und Hochachtung verſichern, ohne auf Ferdinand's Anklage des Biſchofs,— ſie konnte ja eine Falle brüderlicher Liebe ſein,— weiter einzu⸗ gehen. Nachdem Leopold den Brief geſiegelt hatte, begab er ſich zu ſeinem kaiſerlichen Vetter, der aber nicht in der Laune war ſich über Staatsangelegenheiten zu unter⸗ 15 halten. Trotz der Gegenvorſtellungen Lang's drang er in das chemiſche Laboratorium ein, wo er den Kaiſer mit rußgeſchwärztem Geſicht und Händen antraf, wie er mit einem Rührlöffel in einer entſetzlich ſtinckenden und qualmenden Flüſſigkeit herumquirlte.— Signor Anſelmo, ein zigeunerartiges Weſen mit einem ein⸗ getrockneten Geſicht und olivenfarbigem Teint, ſaß auf einem Staffel und hielt auf den Knien einen Folianten aufgeſchlagen, deſten Blätter mit cabbaliſtiſchen Zeichen und Bildern angefüllt waren. Rudolph zeigte ſich über den Beſuch des Vetters keineswegs entzückt und ſagte, ohne ſeinen Blick von der Retorte abzuwenden: „Euer Liebden wählen Ihre Stunden ſchlecht und unterbrechen unſere wichtigſten Arbeiten auf unverant⸗ wortliche Weiſe.— Anſelmo, wird es nun genug ge⸗ rührt ſein?“ Der Erzherzog ließ ſich durch den ſeltſamen Em⸗ pfang nicht im Geringſten außer Faſſung bringen, ſon⸗ dern erwiederte achſelzuckend, daß er es ohne die äußerſte Noth ſicher nicht gewagt haben würde dem Kaiſer bis in die Stille ſeines Laboratoriums zu folgen. Rudolph blickte ihn nun ſcharf von der Seite an. Leopold beantwortete den Blick mit einem Zeichen, daß 16 er ſich durch die Gegenwart des Alchymiſten am Spre⸗ chen gehindert fühle.— Die Zumuthung, Anſelmo in einem ſo entſcheidenden Momente, wie der gegenwärtige für das Gelingen der chemiſchen Manipulation war, zu entlaſſen, erfüllte den Monarchen mit einer Art ſtörri⸗ ſchen Verachtung für den Vetter, er lächelte aber und verſetzte anſcheinend gutmüthig: „Dieſe Maſſe,“— er zeigte auf das Gebräu im Keſſel,—„koſtet mich fünftauſend Ducaten, bringt Ihr mir nur um ein einziges Goldſtück mehr, ſo will ich Anſelmo augenblicklich entfernen; kommt Ihr aber mit leeren Händen, ſo laßt Euch nur den Gedanken ver⸗ gehen, daß ich meine Goldfüchſe irgend einer Grille opfern werde, nein,“— dieß ſprach er mit größerem Ernſte,—„Ihr könnt nicht wollen, daß mein Geld irgend einer Laune halber in Rauch aufgehe, übrigens verſteht der Mann kein Wort Deutſch.“ Der Paſſauer verbiß ſeinen Zorn und zwang ſich zu einem Lächeln; dieſes Lächeln auf den Lippen und tiefen Ingrimm in der Seele, antwortete Leopold: „Nun meinethalben mag Herr Anſelmo bleiben, ich bin ja nicht gekommen um für mich etwas zu er⸗ bitten, ſondern Euer Majeſtät zu beſchwören, der pein⸗ lichen und unhaltbaren Lage, in welcher wir uns beſinden, 17 ein Ende zu machen. Belieben Euere Majeſtät dieſen Brief meines Bruders Ferdinand zu leſen, der mich auf jegliche Weiſe von Enerer Majeſtät abzuziehen ſtrebt. Sie ſind insgeſammt Verräther, Ferdinand obenan; Euere Majeſtät hat keinen Blutsverwandten außer mich, der wirkliche Anhänglichkeit und Theilnahme hegt, ich bin der Einzige, der den hochverrätheriſchen Familien⸗ pact nicht unterzeichnete. Alle die Uebrigen ſtreben Euerer Majeſtät nach Krone und Reich, nur ich ſtrebe dem Kaiſer Beides zu erhalten. Damit mir aber mein großer Plan gelinge, iſt Entſchloſſenheit nöthig. Den Truppen fehlt es an Allem, an Sold, an Lebensmitteln, an Munition und an der Gelegenheit ſich zu ſchlagen, nur nicht an Muth. Sie knirſchen mit den Zähnen, daß ſie ſo lange auf dem Faulbett liegen müſſen. Wir ſind ver⸗ loren, wenn dieſer Zuſtand noch vierundzwanzig Stun⸗ den dauert, das erſte Feuer beginnt bereits zu verrau⸗ chen, man muß den Soldaten Beſchäftigung geben; ich brachte ſie nur durch die Zuſ. ge einer allgemeinen Plün⸗ derung glücklich herüber. Ihr ortwährendes Geſchrei lautet:„Plünderung oder Bezahlung.“ Euere Majeſtät wird bemerken, daß ſie nicht einmal auf Auszahlung des rückſtändigen Soldes beharren, ſie wollen nur die Feinde ihres Monarchen zermalmen, und den übrig Bleibenden die Mittel zu künftigen Verſuchen, die Ruhe 2 Die Paſſaner in Prag. II. 1 8 des Königreiches zu trüben, entziehen. Ich bin als Sach⸗ walter dieſer Getreuen vor Euerer Majeſtät erſchienen, es hängt von Ihrem hohen Willen ab, die kaiſerliche Hand wieder über Ungarn, Oeſterreich, Mähren und Schleſien auszuſtrecken, oder auch des letzten Reiches und Scepters verluſtig zu gehen. Euerer Majeſtät Vetter Leopold, der Alles gewagt, Alles daran geſetzt, wird auch in dem letzten Falle nicht aufhören für das Wohl Euerer Majeſtät in einſamer Zelle zu beten, er wird aber nichts mehr Anderes thun dürfen. Schon ſind Brüder und Vettern bereit über den einzig treu Gebliebenen her⸗ zufallen und ihn zu zerfleiſchen. Ein Glück, wenn die Biſchofmütze das Aeußerſte abhält.“ Während der Erzherzog die letzten Worte ſprach, glaubte Rudolph etwas wie eine Thräne in den Augen ſeines Vetters zu erblicken; dieſe Thräne rührte ihn mehr als alle die zahlreichen Rathſchläge, die ihm ſeit ein paar Tagen zugegangen waren. Er bat den Erzherzog, der ſich mühſam aufrecht zu halten ſchien und ſich auf einen mächtigen Feuerherd ſtützte, mit milden Worten, ſich doch zu ſetzen, und ſagte dann: „Mein Leopold, ich will nicht, daß Du Deine Treue und Aufopferung zu bedauern habeſt, nein,— und mag der Hundsfott von Lang ſich darüber noch ſo 19 wahnſinnig geberden,— ich will es nicht. Gedulde Dich bis morgen, und dann“... „Und dann?“ „Sollſt Du freie Hand haben das Bürgerpack der Altſtadt Mores zu lehren; nur ſchone mir die Bewohner des Hauſes„zum ſteinernen Röſſel,“ Ehrenwache für ſie und keine Plünderung, verſtehſt Du mich!“ Der Erzherzog nickte, konnte ſich aber nicht ent⸗ halten, einzuwenden, daß Graf Thurn in dieſem Hauſe ein Verſteck gefunden. „Hm, den Grafen mögt Ihr meinethalben vier⸗ theilen,“ verſetzte der Monarch,„aber den Hausherrn laßt mir ungeſchoren.“ Die Miene des Erzherzogs mochte ungefähr ſo viel ausdrücken, als: „Was iſt denn um Himmelswillen ſo Beſonderes an dieſem Manne?“ Der Kaiſer wenigſtens glaubte dieſe Frage aus dem verwunderten Geſicht ſeines Vet⸗ ters zu leſen und fuhr fort: „Euer Liebden muß wiſſen, daß der Mann ein tüchtiger Mechanicus, Kupfer⸗ und Goldſchmied iſt, den ich höher ſchätze, als das ganze Lumpenpack augendie⸗ riſcher Höflinge, trotziger Barone und heuchleriſcher Pfaffen.— O entſetzt Euch nicht Vetter— ich meine damit nicht Alle, die ein Glätzlein am Kopfe tragen, 2* 20 ſondern nur die großen und kleinen Khlesl's, die Ge⸗ ſandten im langen und kurzen Rock, die Aufhetzer und Verſchwörer, Streitſucher und Haarſpalter, ſie ſind mir nicht minder verhaßt als die ſektireriſchen Geiſtlichen ſammt ihren hochmüthigen Patronen, die ſich geberden als ob ich ein papierener Kaiſer, ein gekrönter Stroh⸗ mann wäre.— Habt Ihr dann den Herren in der Alt⸗ ſtadt eine zuträgliche Lektion ertheilt— dann mögt Ihr meinem Herrn Bruder dem tanzluſtigen Mathias einen Beſuch abſtatten und ihn von meiner Seite mit ein paar Stückkugeln begrüßen. O ich kenne den lieben Bruder beſſer als er meint. Erſt ſtellt er ſich an die Spitze der niederländiſchen Rebellen und läßt ſich von den durchtrie⸗ benſten Hallunken, die je im Dienſte unſeres Hauſes geſtanden und dann gegen dasſelbe die Waffen ergriffen, betrügen. Ihm hätte das Blutbeil gebührt, ſo gut und noch weit mehr als dem Egmont und Horn, aber er iſt ein Prinz von Geblüt, ein Erzherzog wie Ihr, man be⸗ gnadigte ihn; ich laſſe mich von ſeinem Jammer bewegen, und bediente mich ſeiner nur ganz gewöhnlichen, auf Ehre, nur ganz gewöhnlichen Fähigkeiten, aber er iſt noch immer derſelbe Menſch, der ſich nicht ſcheut eigenen Vortheiles willen mit Ketzern und Rebellen gegen den Geſalbten des Herrn gemeine Sache zu machen. Er rebellirt, erhebt die verfluchte Hand gegen mich, beſticht 21 meine Feinde mit feigen Geſtändniſſen und bringt mich von Land und Leuten! „Vergeſſet nicht, Leopold, daß die Länder und Städte, die ihr dem Gewalträuber abnehmet, einſt Euer ſein ſollen.“ Leopold's Antlitz färbte ſich bei dieſer Anſpielung auf die ihm vermeinte Nachfolge im Reiche höher, ſein Auge blitzte, doch ſuchte er den Kaiſer durch äußerſte Demuth von dieſen Erſcheinungen deanztoßt „Möge Euere Majeſtät noch lange Jahre glücklich regieren,“ verſetzte der Erzherzog,„für den Nachfolger eines ſo löblichen Herrn und Kaiſers, wer es auch im⸗ mer ſein follte wird das Regiment jedenfalls mehr eine Bürde als eine Würde ſein.“ Bei dieſer geſchickt angebrachten Schmeich elei, um ſo geſchickter als ſie mit treuherzigſchlichtem Tone vor⸗ Pebracht war, lächelte der Monarch zufrieden. Der Erzherzog verfolgte eden Vortheil und ſagte: „Dennoch halte ich Euexer Majeſtät ſonſt ſo er⸗ probtes Urtheil rückſichtlich unſeres lieben Vetters für zu hart.“ Rudolf runzelte die Stirne, der Erzherzog fuhr ort: „Nicht als ob ich für die Handlungsweiſe des un⸗ 22 gariſchen Königs auch nur ein halbes Wort der Ent⸗ ſchuldigung, geſchweige der Billigung hätte, aber die Rathſchläge der Böſen, ſie verurſachen ſo viel Uebles in der Welt. Hätte das erſte Elternpaar je ohne den Rath der Schlange geſündigt?“ Der Kaiſer ließ den Erzherzog nicht ausreden, ſondern frug: „Trug die Schlange eine Biſchofsmütze auf dem Kopfe?“ Der Erzherzog, welcher zugleich Biſchof war ſchwieg verlegen, Rudolf fuhr fort: „Seitdem ich den Khlesl kenne, vermag ich mir den Satan nicht anders als im biſchöflichen Ornate vorzuſtellen. Dieſer lumpige Ueberläufer, dieſer lutheri⸗ ſche Deſerteur, dieſer Auswurf des Jeſuitenkollegiums, den Gott in ſeinem Zorn zum Adminiſtrator von Wie⸗ ner Neuſtadt und Biſchof von Wien, mein Bruder aber in ſeiner Ruchloſigkeit zum Miniſter beſtellte, dieſer Menſch, dem es beſſer getaugt hätte, wie ſein Vater und Großvater Semmeln und Wecken einzuſchießen, als Land und Leute zu regieren, möge er in ſeinem vollen Bi⸗ ſchofsſtaat, den Strick um den Hals, das Fenſterkreuz ſeiner Wohnung zieren, ich habe nichts dagegen und be⸗ neide Euch nur um den komiſchen Anblick, den Ihr ha⸗ ben werdet, wenn der blauroth gewordene Prälat mit 23 ſeinen ungeſchlachten Füßen umherſchlenkert als ob er ſeinen tanzluſtigen Herrn zu einer letzten Tour einladen wollte.“ Der Kaiſer ſprach dieſe faſt gräßlichen Worte mit einem ſolchen Gepräge tiefen Haſſes aus, daß Leopold, der noch den Brief an ſeinen Bruder Ferdinand bei ſich in der Bruſttaſche trug, unwillkürlich ſeine Hand gegen die Stelle preßte, wo ſich das verſöhnliche Schreiben barg.— „Alſo Morgen,“ hub der Kaiſer von Neuem an, „ſollen Euere Paſſauer Arbeit bekommen, ſie mögen ihre Sache gut machen und ich will nicht darnach fragen, ob dieſer oder jener lutheriſche Gauch von Lobkowitz oder Kolowrat, Kinsky oder Schlick mit Plünderung ver⸗ ſchont blieb.“ Als Rudolf noch dieſe huldreiche Verſicherung er⸗ theilt hatte, ſprang Anfelumus vom Staffel auf und rief: „Per Dio abbiamo del'oro abbastanza!“ In der That erblickte man am Boden der Retorte einen gelblich glänzenden Rückſtand, der für Gold ge⸗ halten werden konnte. Leopold ſah ein, daß der Gold ſuchende Monarch nun für ihn verloren ſei, da ſich ſein ganzes Intereſſe auf das chemiſche Reſiduum concentrirte. 24 Er ſprach alſo lächelnd grüßend: „Morgen mit dem Früheſten—“ „Vergeßt mir nur den Khlesl nicht!“ Der Kaiſer ſprach's und Leopold war zur Thüre hinaus. 2. „Ich fürchte keinen Stachel und darum vorwärts mein Bräutchen,“ hatte Johann von Aachen geſagt, indem er Sabine vor ſich hinſchob und ihr in das elter⸗ liche Haus folgte. Aber zwiſchen Reden und Denken, Sprache und Gefühl, welch' mächtiger Unterſchied wal⸗ tet auch bei den Redlichſten und Beſten vor! Der wa⸗ ckere Maler fürchtete den Stachel der mütterlichen Hum⸗ mel weit mehr als er Sabinen, ja als er ſich ſelbſt, geſtehen mochte. Zum Glück für ihn war die gute Dame, deren an Abenteuer ſo reichen Kirchengang wir bereits gewiſſenhaft berichtet, noch nicht zurückgekehrt, er hat⸗ te alſo Zeit ſich zu faſſen und auf eine ſinnige Anrede zu ſtudiren. So dachte er wenigſtens, als er von der Abweſenheit der Hausfrau in Kenntniß geſetzt wurde, doch ſollte, aus dem Studium nichts werden. Er hörte fröhliche Stimmen, Lachen und Singen und frug Sa⸗ binen eben, nach den Namen der Perſonen, von wel⸗ chen dieſe Beweiſe des Frohſinns ausgingen, als ſich die Thüre im Erdgeſchoß öffnete und eine freundliche Männerſtimme in die Worte ausbrach: „Biſt Du es Sabine?“ „Ja,“ antwortete die Gefragte verſchämt und bis unter die Haare erröthend: „Ich bin es lieber Vater.“ Sogleich trat der alte Mann aus der Kranken⸗ ſtube und gab ſich, ſobald er des Fremden anſichtig wurde, jene militäriſche Haltung, die er mit ſo großer Vorliebe gegen Unbekannte annahm. Johann von Aachen begrüßte den Vater ſeiner An⸗ gebeteten achtungsvoll. Der alte Bürger warf ſeiner Tochter einen fragen⸗ den Blick zu, den Sabine mit vieler Geiſtesgegenwart dahin beantwortete, das Meiſter Jan von der ſchönen Belagerung von Troja gehört, die über dem Schreib⸗ tiſche des Alten hing und ſie gebeten habe das Gemälde anſehen zu dürfen. Meiſter Johann, der auch nicht im Traum geahnt hatte, daß es ein ſolches Bild gebe und noch dazu im Arbeitszimmer des angehofften Schwiegervaters, ſah etwas verlegen darein, gab jedoch durch eine Verbeu⸗ 27 gung zu erkennen, daß die Jungfer wirklich ſeinem Wunſch den richtigen Ausdruck verliehen habe. Der alte Mann warf ſeinen Kopf noch höher em⸗ por und verſetzte, daß er mit Vergnügen bereit ſei, dem Wunſch ſeines Gaſtes entgegen zu kommen. „Meiſter Jan, Meiſter Jan,“ fuhr er fort,„der Name kömmt mir ſo bekannt vor, doch weiß ich nicht woher.“ „J, Du mein Gott,“ unterbrach ihn Sabine. „Der Vater wird wohl den Namen bei Sr. Ma⸗ jeſtät dem Kaiſer vernommen haben, da ihn der groß⸗ günſtige Monarch ſtets im Mund führt.“ „So wäret Ihr?“ frug nun der Kupferſchmied den Fremden.— „Johann von Aachen,“ erwiederte der Maler. „Den der Kaiſer mit ſeiner beſonderen Gunſt beehrt.“ „Sr. Majeſtät iſt ſo gnädig meine geringen Ver⸗ dienſte zu überſchätzen.“ „O ſagt das nicht, guter Mann, ganz im Gegen⸗ theil! Niemand verſteht ſich beſſer fremde Verdienſte zu würdigen, als gerade der Kaiſer,“ hier blieb Hum⸗ mel, welcher einige Schritte vorwärts gethan hatte, ſtehen und ſchickte ſich trotz der Ungeduld ſeiner Tochter an, dem Maler die Geſchichte, wie er dem Kaiſer Or⸗ 28 densketten ſchmieden geholfen, mit den kleinſten Details zu erzählen. „Es freut mich nun doppelt Meiſter Johann,“ fuhr er fort,„die Bekanntſchaft eines werthen Collega zu machen,— daß ich eben in Gold oder Kupfer und ihr mit Pinſel und Palette arbeitet, was hat dieſe Klei⸗ nigkeit auf ſich?— Am Ende haben mir ja doch Beide für die kaiſerliche Majeſtät geſchmiedet und gemalt.“ Der wackere Altbürger war gerade im Zuge dem Maler ſein Abentheuer mit dem Pferdejungen mitzu⸗ theilen, als er ſich auf einmal unterbrach und ausrief: „Aber was ſtehen wir denn eigentlich hier im dun⸗ klen Stiegenhaus? Wir können ja oben ganz eben ſo ge⸗ müthlich plaudern.“ Mit dieſen Worten wollte der alte Herr gerade die Treppe hinan eilen als ihm Sabine zurief: „Wohin denn Vater?“ „Wohin?“ entgegnete der Alte,„nach meinem Zimmer, wo das Bild hängt.“ „Ei, es hängt ſchon ſeit geſtern Morgens nicht mehr dort, die Schweſter glaubte, daß es unſeren Freun⸗ den da drinnen“— ſie deutete nach dem Fremdenzimmer —„Vergnügen machen könnte.“ „Und hat es daher dem leiblichen Vater genom⸗ men und zu dem jungen Gänſerich hingehangen.“ 29 Sabine kicherte, Hummel aber frug mit erkün⸗ ſtelter Strenge: „Was gibt es da zu lachen?“ „Was es da zu lachen gibt?“ verſetzte das Mäd⸗ chen,„ich meine genug, wenn der Graf Thurn— junger Gänſerich geſcholten wird.“ „Ich meine den Anderen,“ erwiederte der Maler, der allerdings zu viele Achtung vor dem gräflichen Ti⸗ tel hegte, um ihn mit einem Gänſerich iu Verbindung zu bringen. „Es ſcheint alſo, daß wir uns in die Gaſtſtube verfügen müſſen,“ hub der Meiſter von Neuem an: „wenn wir nur die Ruhe unſerer Kranken nicht ſtören?“ „Nicht im Mindeſten,“ bekräftigte das Mädchen, „Graf Thurn hat heute zum erſten Mal das Bett ver⸗ laſſen, und auch der Rittmeiſter befindet ſich leidlich wohl.“ Johann von Aachen machte einige nur mittelmä⸗ ßig gelungene Entſchuldigungen, daß er die Ruhe des Hauſes ſtöre und wagte mit Herzklopfen ſogar das An⸗ erbieten lieber ein ander Mal vorſprechen zu wollen. Zum Entzücken des Malers ſchnitt der alte Herr alle Beſcheidenheits⸗Demonſtrationen kurz ab, in dem er die Thürklinke erfaßte und in das bezeichnete Zimmer trat. Die Gaſt⸗ und Krankenſtube war ein gewölbter Raum von mehr Tiefe als Breite und im Hintergrund, wo die Betten einander gegenüber aufgeſtellt waren, et⸗ was dunkel, die Fenſter wurden von ſchweren Eiſen⸗ ſtäben, die ſeither außer Gebrauch kamen, beſchützt, die Wände ſchmückten alte, vergilbte, aber vollkommen unbeſchädigte Tapeten, zwiſchen den beiden Betten ſtand ein Eichentiſch, auf dem ſich ein Schachbrett befand, das noch von einigen Figuren beſetzt war. Graf Thurn ſtand mit dem Rücken gegen einen großen, grün glaſirten Kachelofen und ſchien dem mit dem Oberleibe aufgerichteten Feindesgenoſſen und ihrer gemeinſamen Pflegerin gerade eine Mittheilung von Wichtigkeit machen zu wollen. Petronilla ſchien ſich mehr mit dem Rittmeiſter, der aufmerkſam auf den Grafen horchte, als mit dem Anderen zu beſchäftigen. Die drei hinzugetretenen Perſonen unterbrachen die Rede des Cavalier's. Hummel ſtellte ſeinen beiden Gäſten den kaiſerlichen Hofmaler vor und deutete ſodann auf ein ziemlich kleines ſtark nachgedunkeltes Bild, das zwiſchen den beiden Betten an der Hinterwand hing. Johann erſuchte das Bild, das der mangelnden Helle wegen nicht wohl beſichtigt werden konnte, zum Fenſter tragen zu dürfen. Dort betrachtete er das Schlachtge⸗ 31 mälde mit wahrhaft künſtleriſchem Intereſſe. Es waren mehrere hundert Figuren auf dem möglich kleinſten Raum zuſammen gedrüngt, man konnte unter ihnen den Pius Aeneas gewahren, welcher den Vater Anchiſes am Rücken und den kleinen Ascanius an der Hand die brennende Stadt verläſſt. Das täuſchende Pferd nnd die abgebrochenen Mauern waren nicht vergeſſen und ſelbſt die hohlen Schiffe der Griechen waren ſichtbar. Die Zinnen der Tempel und Palläſte der heiligen Illion umwogte ein ſchreckliches Flammenmeer. Man würde ſich irren, wenn man glaubte, daß es ein Kunſtwerk in äſthetiſchem Sinne war, dem Meiſter Haus von Aachen ſo große Aufmerkſamkeit widmete, da⸗ zu waren die Figuren zu fehlerhaft gezeichnet und das Coſtüme zu wenig berückſichtiget, aber es war ein künſt⸗ leriſches Wagniß, ein genialer, wenn auch der Haupt⸗ ſache nach mißlungener, Berſuch, den Rudolf's Lieblings⸗ maler vor ſich hatte. Ueber den Anblick des Bildes ſchien der Meiſter in der That den eigentlichen Zweck ſeiner Hieherkunft vergeſſen zu haben. Die Geſellſchaft hatte ſich längſt um eine Perſon, die mit allen Zeichen äußerſter Erſchöpfung angelangt war, vermehrt und der Maler ſtand noch im⸗ mer voll Andacht vor dem fehlerhaften aber genialen Bilde. Er hatte nicht gehört, wie die beiden Töchter die 23⁰ 32 Mutter, die Gäſte aber ihre Wirthin begrüßt hatten. Johann von Aachen war in dieſem Augenblicke mit ganzer Seele Künſtler und nichts weiter als Künſtler. Er trat einige Schritte von dem Bilde zurück, nä⸗ herte ſich ihm dann langſam und konnte nicht ſatt wer⸗ den von der Compoſition des fremden Meiſters.— Der⸗ ſelbe war und blieb bis zu dieſem Augenblicke, wo wir dieſe Zeilen niederſchreiben und das Gemälde ober un⸗ ſerem Schreibtiſche betrachten und bewundern, unbe⸗ kannt. Da ertönte plötzlich eine ziemlich ſchrille Franen⸗ ſtimme hinter ſeinem Rücken: „Alfanzerei und kein Ende; ich glaube, die Zeiten wären ernſt genug, um uns die Poſſen zu vertreiben!“ Der Maler, welcher zwar die weibliche Stimme gehört, aber den Sinn der Rede nicht aufgefaſſt hatte, wandte ſich gerade um, als Meiſter Hummel ſeiner Ehe⸗ hälfte begreiflich zu machen ſuchte, daß der berühmte Maler eigens des Bildes wegen von der Kleinſeite her⸗ über gekommen ſei. Die ehrſame Frau warf ihrem Gatten einen zor⸗ nigen Blick zu und verſetzte: „Wer hat es Dir geſagt, daß er bloß des Bildes wegen hergekommen ſ ei?“ Der Maler, deſſen Gewiſſen durch den perempto⸗ riſchen Ton der Bürgersfrau geſchärft wurde, erröthete, während Meiſter Hummel erwiederte: „Wer ſoll es mir denn geſagt haben als er ſelbſt?“ „Und von der Kleinſeite kommt er?“ fuhr die Hausfrau argwöhniſch fort. „Und wäre es denn ein Verbrechen von der Klein⸗ ſeite zu kommen?“ wagte der Maler ſchüchtern einzu⸗ wenden. „Aber es kann zum Verbrechen führen,“ entſchied die gute Dame. Der Maler dachte; die Frau muß nothwendig einen Spiritus Familiaris beſitzen, der ſie von meiner Leidenſchaft in Kenntniß ſetzte und antwortete in dieſem Sinne, indem er dreiſt bemerkte, daß es nach ſeiner Ueberzeugung vielleicht unrecht, gewiß aber kein Verbre⸗ chen ſei. Katharina Brigitta ſtützte,— ein übles Zeichen, — die Arme in die Seite, holte tief Athem und begann nun mit einem Zuge: „Das kennen wir mein lieber Mann Gottes!“— Hummel ſtieß ſeine Gattin verſtohlen in die Rippen. „Das kennen wir,“ fuhr die Geſtoßene mit einem geringſchätzigen Blick auf Hummel fort,„ich muß leider Die Paſſauer in Prag. II. 3 für Sechs, nein, für Zehn Augen haben und ich habe ſie— ſtoß mich immerhin an— ich weiß viel beſſer, woher der Wind weht, als Du Caſpar.“ Wieder gab es dem Maler, der nichts Anderes denken konnte, als daß die gute Frau von ſeinem Vor⸗ nehmen unterrichtet worden ſei, einen Stich. Katharina Brigitte aber ließ ſich durch die augen⸗ ſcheinliche Verlegenheit des Malers nicht ſtören. „Iſt er nicht das leibhaftige Contrefei eines Men⸗ ſchen, der mit ſchlechten Abſichten umgeht?“ ſagte ſie zu den Ihrigen gewandt.„O laßt nur gut ſein,“ warf ſie dem Maler ein, der ſich vertheidigen wollte. „Ihr heißt ein Attentat auf die Freiheit eines Men⸗ ſchen nichts als ein kleines Unrecht, Euch gilt die Verge⸗ waltigung und Entführung Schwacher für etwas Rühm⸗ liches?— Erlaubt mir, daß ich es ein Bubenſtück nenne!“ „So ſprecht, in Himmels Namen, Sabine!“ rief der troſtloſe Maler, der jetzt mehr als je überzeugt war, daß die Hausfrau auf ſein Verhältniß zur jüngſten Tochter anſpiele,„ſagt es Euerer Mutter in's Geſicht, ob von einer Entführung oder ſonſt einer unwürdigen Abſicht die Rede war.“ „Laßt mir das arme Kind aus dem Spiele!“ 35 ſchrie Katharina Brigitte dazwiſchen,„was ſoll denn das Ding von Eueren Schelmenſtreichen wiſſen?“ „Nicht doch,“ verſetzte nun Sabine in einer An⸗ wandlung von Großmuth, indem ſie die Augen vor Scham niederſchlug,„ich habe ihn ſelbſt dazu beredet!“ „Die Gaſtfreundſchaft zu verletzen?“ frug Frau Hummel mit zornfunkelnden Augen.„Einen kaum in der Geneſung befindlichen Mann ſeinen Henkern auszulie⸗ fern? Pfui! Du ausgeartetes Kind!“ Johann von Aachen frug ſich, ob er träume oder wache und machte ſo große Augen, als ob er die Theyn⸗ kirche auf ſich zu kommen ſehe; Sabine rieb ſich die Stirne und blickte ihre Mutter, in der Meinung, falſch gehört zu haben, fragend an; Graf Thurn jedoch, von dem Argwohne der Hausfrau angeſteckt, horchte hoch auf, während der alte Meiſter vor ſich hinmurmelte: „Wer hätte das gedacht! Wer hätte das ge⸗ dacht!“ „Und was,“ fuhr die rechtſchaffene Frau, der noch immer das Bild des verkappten Bettlers und die Ge⸗ ſchichte mit dem Zettel vorſchwebte fort,„und was hat Dir der Herr Graf zu Leide gethan, Du abſcheuliches Ge⸗ ſchöpf, daß Du in die entſetzlichſte That einwilligteſt?“ „Ich weiß zwar nicht, was der Graf dabei ſoll,“ gab Sabine zur Antwort,„das iſt mir aber, ſo jung 3* 5 36 und unerfahren ich auch bin, doch bekannt, daß Ihr, liebe Mutter, einſt auch in das, was Ihr entſetzliche That nennt, eingewilligt habt.“ „Was?— Ich hätte die Gaſtfreundſchaft miß⸗ braucht, verrathen?“ „Aber, er iſt ja heute das erſte Mal hier,“ erwie⸗ derte das Mädchen ſanftmüthig. „Das erſte Mal hier?— Der Graf war geſtern, vorgeſtern, vor drei Tagen ſchon da; übrigens hat das nichts auf ſich, gar nichts, wäre er auch nur erſt fünf Minuten unter uns, ſo ſteht er unter unſerem Schutz!“ „Aber ich rede ja nicht von dem Herrn Grafen, was geht mich der Herr Graf an 24 Dieß ſagte ſie, indem ſie aus den Augenwinkeln freundlich nach dem Maler ſchielte.. „Er ſoll Dich aber angehen,“ eiferte die Mutter, „da er unſer Gaſt iſt!“ „Wird er mich aber heiraten?“ „Gottloſes Kind! Der Graf iſt verheiratet und wüßte ſich in der That, wenn er es auch nicht wäre, etwas Beſſeres auszuſuchen, als ſo einen kleinen Nickel wie Du. Uebrigens iſt das wohl kein Grund, gegen Je⸗ manden Verrath zu üben, weil er uns nicht heiraten kann oder will. „Gewiß nicht, aber Meiſter Johann—“* 37 „Nun, will Dich etwa der heiraten?“ „Darum iſt er ja gekommen!“ „Ich meinte, es ſei wegen des Bildniſſes,“ wandte Hummel ein.— Die Dame vom Hauſe ſchüttelte ungläubig den Kopf zog einen Papierſtreifen aus der Taſche, hielt ihn dem Maler unter die Naſe und frug mit dem ſchrillſtem Tone, deſſen ihr Organ fähig war: „Kennt Er das, Er ſauberer Patron?“ Der Maler ſtierte das ihm vorgehaltene Blatt an und erklärte, daß er davon ſo wenig wiſſe als vom Koran. „Mag es glauben, wer da will,“ ſagte Frau Hum⸗ mel und wandte ſich mit Beifall heiſchendem Blicke an ihre Umgebung. 2„Ich kann es aber beſchwören,“ fiel hier Petronilla * ein, die bisher mit dem Rittmeiſter, ohne ſich um ihre Umgebung zu bekümmern, angelegentlich geflüſtert hatte, „daß ſich die freundliche Beziehung Sabinen's zu Mei⸗ ſter Jan von länger her datirt, als die Anweſenheit des Grafen.“. Dieſes unerwartete Geſtändniß war dazu angethan die Ueberzeugung der wackeren Dame einiger Maſſen zu erſchüttern. „Wenn nur der Zettel nicht wäre,“ rief fie zwei⸗ 38 felnd aus,„ich wollte den Herrn recht gerne für unſchul⸗ dig halten. Der Zettel kam aber unſtreitig von des Grafen Feinden auf der Kleinſeite und von der Klein⸗ ſeite kommt ja auch Ihr her.“ „So laßt doch ſehen,“ ſprach der Rittmeiſter, „vielleicht gelingt es mir, der ich doch auch in die Reihe der Gegner gehörte.“ „Gehört,“ unterbrach ihn Meiſter Hummel. „Gehörte,“ wiederholte Prendl, nachdrucksvoll. Er hatte kaum einen Blick auf das ihm dargebotene Papier geworfen, ſo rief er ſchon: „Das iſt Ramée's Hand!“ „Was die Hand des Paſſauer Obriſten?“ frug Katharina Brigitte. „O ich kenne dieſe Züge ſo gut, wie meine eige⸗ nen“, erwiederte der Officier. „Mag ihn der Teufel holen,“ ſchaltete der Meiſter ein,„der Kerl hätte mir bei einem Haar zwei meiner beſten Arbeiten verdorben, glücklicher Weiſe bewilligte mir Se. Majeſtät eine Schutzwehr, die gerade noch zur rechten Zeit anlangte, um ihre Kameraden aus der Stube zu treiben.“ „Woraus aber keineswegs folgt, daß ſie im Auf⸗ grag Ramée's erſchienen“, bemerkte Prendl, der trotz 39 ſeiner geheimen Abneigung gegen Ramée, doch nichts auf ſeinem Obriſten ſitzen laſſen mochte. „Ganz gut,“ verſetzte der Maler,„die Dragoner konnten alſo ohne beſonderen Auftrag ihres Herrn und Meiſters ſtürzen und wenden! Zufällig erfuhr ich aber, daß ſie auf Beſtellung arbeiteten, der Obriſt hatte wahr⸗ ſcheinlich Luſt ſich auf die wohlfeilſte Art von der Welt eine Kunſtgallerie anzulegen, denn er ſchickte die Kerle mit dem ausdrücklichen Befehl in meine Wohnung, alle Gemälde, die ſie dort finden würden, ſorgfältig zuſam⸗ men zu packen und nach Schärding zu ſenden.“ „Das haben Euch die Lumpenkerle aus Furcht vor allfälliger Züchtigung weiß gemacht,“ wandte der Rittmeiſter ein. Dieſer wiederholte Zweifel an ſeinem Worte regte in dem Künſtler die Galle, von der er doch nur eine ſehr beſcheidene Doſis beſaß. „Hol' der Teufel den ganzen Paſſauerkehricht,“ rief er aus,„ich hab's von dem Henkl, einem braven Bürger, der mit eigenen Ohren hörte, wie die alte Zun⸗ derbüchſe, der Ramée, den Befehl zur Wegnahme meiner Bilder ertheilte!“ Keine Schutzrede in der Welt wäre mehr geeignet 40 geweſen, die letzten Zweifel der Hausfran und des Gra⸗ fen, wenn dieſer noch welche hegte, zu zerſtreuen, als der Wortwechſel mit dem gefangenen Rittmeiſter. „Nun, ich will Euere Schuldloſigkeit glauben,“ ſagte die Dame vom Hauſe ohne Uebergang oder Ein⸗ leitung,„aber die Geſchichte mit meinem Kinde da, ſchlagt Euch aus dem Kopfe. Ein Maler gibt einen ſchlechten Ehemann, überdieß iſt Sabine noch ein pures Kind.“ „Das aber ſeine Sache ſehr mannhaft vertheidigte“, ließ ſich Graf Thurn vernehmen. Sabine warf dem Grafen einen dankbaren Blick zu. „Und dann,“ ſetzte ihr gutmüthiger Vater hinzu, „iſt Meiſter Jan kein gewöhnlicher Maler.“ „Wie Du kein gewöhnlicher Caſpar,“ verſetzte die ſchlagfertige Hausfrau. „Ganz recht,“ entgegnete Hummel,„ich bin ebenſo wenig ein gewöhnlicher Caſpar, als Johann von Aachen ein gewöhnlicher Maler iſt. Hätte mich ſonſt der Car⸗ dinal auf der letzten Stufe des Lobkowitz'ſchen Palaſtes verhaftet, hätte ſich ſeine Majeſtät herabgelaſſen höchſt eigenhändig mit mir an einer Ordenskette zu arbeiten? He, bin ich noch ein gewöhnlicher Caſpar?“ 41 Dabei blickte der alte Mann triumphirend um ſich, als wollte er die Beſtätigung ſeiner Anſprüche von je dem Einzelnen einſammeln. „Ich geſtehe, daß ich des Meiſters Anſicht in Be⸗ ziehung auf dieſen Herrn theile,“ ſagte Prendl, welcher es nicht verſäumen wollte, ſich einen günſtigen Prüce⸗ denzfall zu ſchaffen. „Und ich“, antwortete Frau Katharina Brigitta, parodirend,„geſtehe, daß mich das Alles wenig kümmert, meinetwillen ſei der Herr der ungewöhnlichſte Maler auf Gottes Erdboden, ich weiß nur, daß der Mutter ge⸗ wöhnlich das Recht zuſteht, über die Hand der Tochter zu verfügen.“ „Dann,“ nahm der Rittmeiſter muthvoll das Wort,„dürfte wohl ein kaiſerlicher Officier vor Eueren Augen eben ſo wenig Gnade ſinden, als ein kaiſerlicher Maler?“ „Ihr wollt damit doch nicht ſagen,“ verſetzte Frau Hummel,„daß Ihr eben ſo närriſch geworden ſeid, wie der gute Maler.“ „Und wenn es ſo wäre?“ „Aber das arme Kind kann doch nicht auf einmal zwei Männer heirathen?“ 42 „Das ſoll ſie auch nicht, ich wollte Euch vielmehr um die Hand Petronilla's bitten.“ „Da kommt Ihr recht an,“ lachte die Mutter, „meine Tochter hat eine angeborene Abneigung gegen jede Art von Kriegsleute.“ Die beiden Verliebten welchſelten heimliche Blicke. „Es iſt noch nicht ein Vierteljahr her, ſo erklärte ſie, nicht begreifen zu können, wie ein gut geartetes Frauenzimmer ſich in ſo garſtige Schnautzbärte vergaf⸗ fen könne.“ „O, in mehr als einen, das hoffe ich, wird auch noch heute ihre Meinung ſein,“ fügte Graf Thurn, den die ganze Scene höchlich zu erlſtigten anfing, la⸗ chend bei. „Rede ſelbſt Petronilla, rede ungeſcheut,“ wandte ſich nun die Mutter an ihre Aelteſte,„der Herr Ritt⸗ meiſter kann Dir ein aufrichtiges Wort zur rechten Zeit nicht übel deuten.“ Die Angeredete wurde bald roth und bald blaß und vermochte keine Silbe hervorzubringen. „Was ſoll das heißen?“ begann die Mutter, „warſt doch ſonſt nicht ſo verzagt, heraus mit der 43 Sprache, ſage dem Herrn Rittmeiſter, daß es gegen Deine Neigung verſtoße, unter das Kriegsvolk zu hei⸗ raten.“ Petronilla rief ſtatt jeder Antwort: „Ach Mutter! liebſte Mutter!“ „Ich habe genug geſagt,“ verſetzte dieſe,„und will nun, daß er ſein Schickſal aus Deinem eigenen Munde erfährt, es ſoll einmal nicht heißen, daß Frau Katharina Brigitta Hummel, weil ſie ſelbſt das Kriegsvolk nicht ausſtehen konnte, ihre Töchter von anſtändigen Parthien abhielt.“ „Ihr hieltet alſo die Parthie mit dem Rittmeiſter für anſtändig?“ ſchaltete der Graf Thurn ein. „Warum denn nicht, gnädigſter Herr,“ erwiederte die Hausfrau,„er hat ſeine geraden Glieder und iſt höflicher als Andere ſeines Gleichen, aber was hilft das Alles, wenn das Mädel nicht will.“ „Aber es will ja Frau Mutter,“ ſagte die Tochter leiſe und dann lauter, da ſie die Mutter nicht zu ver⸗ ſuahen ſchien.„Es will ja, wenn nur Ihr nichts dagegen habt.“ Die ſonſt ſo kluge Frau Katharina Brigitta war wie aus den Wolken gefallen, ihre Hand zitterte, die Stimme verſagte ihr und ſie würde vielleicht in Ohn⸗ 4 macht gefallen ſein, wenn es damals Mode geweſen wäre. Endlich ſprach ſie träumeriſch, als ob ſie aus einem langen und tiefen Schlafe erwacht wäre: „Was man nicht zuletzt Alles erleben kann? Ich frage mich ob das meine gute, folgſame Tochter Petro⸗ nilla ſei. Sie hat zwar alle Züge meines einzig gelieb⸗ ten Kindes, auch ihre Sprache, aber was ſie ſpricht— O, hätte ich es lieber nicht gehört!“ Die ſtarke eiſenfeſte Frau fing zu weinen an, das konnte ihr Gatte, der guthmüthige Bramarbas nicht er⸗ tragen, er eilte auf ſie zu, ſchloß ſie in die Arme und flüſterte unaufhörlich: „Es wird ja noch Alles gut.“ „Nichts wird gut,“ ſchluchzte die tief betrübte Frau, „wenn man von ſeinen Kindern ſo getäuſcht wird.“ „Sagt das nicht meine Liebe,“ entgegnete Graf Thurn, dem es darum zu thun ſchien, Alles zu einem freundlichen Abſchluß zu bringen,„nicht die Kinder haben ihre Mutter, die Mutter hat ſich ſelbſt getäuſcht.“ Und als ihn Katharina Brigitta mit thränenfeuch⸗ ten Augen anblickte, fuhr er fort: „Was wollt' Ihr auch? Jungfrau Petronilla konnte vor einem Vierteljahre der Mutter mit dem auf⸗ richtigſten Herzen von der Welt von ihrem Haße gegen 45 die Schnautzbärte erzählen, ſie waren ihr zu jener Zeit wirklich verhaßt. Dann aber kam eine Zeit, wo ſie Euch gute Dame dieſe Verſicherung nicht mehr ertheilen konnte, aber Ihr habt ſie auch nicht mehr gefordert. Der Rittmeiſter da, hat alle ſeine verſchmähten Kame⸗ raden dadurch gerächt, daß er dieſes widerſtrebende Herzchen einnahm, nur war der Sieg theuer erkauft, weil der Rittmeiſter während dieſes Angriffes ſein eige⸗ nes Herz verlor und ſo kommt es, daß in dem Herzen der Jungfer deutſche, und in dem des werthen Ritt⸗ meiſters böhmiſche Beſatzung liegt. Das Beſte unter dieſen Umſtänden, da Keines von beiden mehr ſein eige⸗ nes Herz beſitzt, kann nur eine Vereinigung der beiden Perſonen ſein. Meint Ihr nicht auch Vater Hummel?“ „Von mir aus,“ entgegnete der Ehrenmann,„kön⸗ nen ſie ſich noch heute haben, wenn es ihnen Freude macht.“ „Der thörichte, unverbeſſerliche Mann!“ rief hier die Mutter,„glaubt, daß ein geſittetes Bürgerkind von gutem Haus, wie eine Dirne vom Tanz gehen könne. Vor ſechs Wochen keine Idee. Ich brauchte gar eben ſo viele Monate, wie der zerſtreute Mann recht gut wiſſen könnte, wenn er nachdenken wollte. Ich würde auch bei meiner Tochter Petronilla auf einer halbjährigen Friſt beſtehen, wenn nicht zum Glück oder Unglück— ich weiß 46 ſelbſt nicht, wie ich ſagen ſoll,— ihre Ausſtattung voll⸗ endet wäre.—“ „Nun?“ brummte der alte Mann. „Nun“, widerholte ſeine Ehehälfte,„kann man ſo⸗ gleich zur Kirche gehen. Nein, da wird nichts daraus. Eine Hummeliſche ſoll nicht im kurzen Kleidchen ohne Sang und Klang, Hochzeitsſchmaus und Tanz getraut werden. Ich mag nicht, daß ſich die Leute in die Ohren ziſcheln; muß ſeine Urſache haben, daß die hochnaſigen Eltern mit dem Mädel ſo eilen, als ob es auf der Poſt ginge, nein, das will ich nicht. Die ganze Altſtadt mag kommen und die Neuſtadt oben d'rein und auch die Kleinſeite und der Hradſchin und die Leute von Bidol und Bublenz, ich habe nichts dagegen, und meine Toch⸗ ter muß daſtehen wie ihre Mutter einſt daſtand. Weißt Du noch Caſpar, wie der alte Gewürzkrämer laut ſagte: „Ganz wie eine Prinzeſſin,“ ich wurde zinnoberroth und Du mwarfſt einen Blick umher als wollteſt Du ſa⸗ gen:„Warum nicht“, meine ſelige Mutter aber, flü⸗ ſterte dem Vater Gewürzkrämer zu:„Jedes Mädchen, das nicht zur alten Jungfer wird, hat ihren Prinzeſſinnen⸗ Tag entweder mit dem Myrthenkranz auf dem Haupte vor dem Altare oder dem Rosmarinkranz in den Locken 47 im Todtengeſang!“ Meine Mutter!— O was waren das für gute Zeiten!— konnte ſich gar keinen dritten Fall denken.“ Hier wandte die Meiſterin die Augen von der Ge⸗ ſellſchaft ab,„und gerade dieſer dritte Fall kommt ſo häufig vor, nicht bei uns im Bürgerſtande, Gott behüthe, aber bei den armen Leuten und Handwerkern.“ Frau Katharina Brigitta hielt ſich des„ſteinernen Röſſels“ willen und weil ihr Gatte einmal vor ſechzig Jahren das Innere einer lateiniſchen Schule geſehen hatte, für berechtigt, auf das Handwerk von Oben her⸗ abzuſehen. „Wir hätten darum ſechs Wochen— O es iſt faſt zu wenig, ſechs Wochen fleißig zu thun, wollten wir das Mädel da—“ fixirte Petronilla mit einem halb ernſten, halb freundlichem Blicke—„verheiraten, indeß ſcheint es ja doch nicht, daß ihr ſo ſehr darum zu thun iſt.“ Petronilla ſtürzte in demſelben Augenblicke ihrer Mutter an den Hals, während Rittmeiſter Prendi ſeine langen mageren Arme aus dem Bette emporſtreckte und unausgeſetzt rief: „Bitte Frau Mutter, bitte, der Schnautzbart wird 48 fein artig ſein und die Leute aus den geſammten Pra⸗ gerſtädten ſollen nur Gutes hören.“ „So hat der da,“— ſie wies auf ihren Gatten, — ,auch geſagt, aber, aber,—“ das Uebrige verſchluckte ſie mit einem Kuß, den ſie dem Mädchen auf die Wange drückte. 3. Das war von der Dame Katharina Brigitte ſehr ſchön, daß ſie ſich durch die Bitten Petronilla's und des Rittmeiſters, durch die Fürſprache ihres Gatten und des Grafen Thurn, erweichen ließ, es war ſo ſchön, ſagen wir, daß kein Auge trocken oder doch mindeſtens kein Herz ungerührt blieb. Trotz all' dieſer moraliſchen Schönheit waren aber Johann von Aachen und Sabine nicht einen Schritt von der Stelle gekommen. Der Ma⸗ ler mußte ſich im Geiſte geſtehen, daß die Soldaten vor dem Civil doch Vieles voraus hätten, da ja ſelbſt eine ſo gewiegte Frau, wie Dame Hummel, trotz ihrer Ab⸗ neigung gegen den Kriegerſtand zuletzt doch noch einen Reitersmann begünſtigte, während er, der friedliche Künſtler, dem es nicht im Schlafe einſiel die Ruhe ir⸗ gend eines Landes, einer Stadt oder eines Hauſes zu Die Paſſauer in Prag. II. 4 trüben, unbeachtet unerhört und abgewieſen in einem Winkel der Stube der Zeuge von Anderer Glück ſein ſollte. Sabine, welche von derſelben Seelenſtimmung wie ihr Geliebter ergriffen war, hielt ihr Taſchentuch vor die naſſen Augen, während ſie dem Meiſter die bren⸗ nend heiße Hand überließ. Das Glück macht gut und veredelt die menſchlichen Herzen, es regt zu Mitgefühl und Theilnahme auf und befähigt ſonſt ziemlich eigenſüchtige Menſchen Opfer zu bringen und den Schwachen beizuſtehen. Petronilla ahnte, daß die Thränen der Schweſter nicht bloß aus Theilname ihrem eigenen Glück flößen, Rittmeiſter Prendl dachte, wie unbequem es doch ſein müſſte an des Malers Stelle, als unnütze, halb abgefertigte und nichts weniger als liebenswürdig behandelte Perſon da⸗ zuſtehen, er ſtrich ſich den Schnurbart, was ſtets einen aufkeimenden Entſchluß andeutete, richtete ſich dann im Bette auf und ſagte: „Wenn ich es genau überlege ſo iſt der Kriegs⸗ ſtand für einen Ehekandidaten der ſchlimmſte, den es überhaupt geben kann.“ „Der Herr will doch nicht zurück,“ unterbrach ihn die Brautmutter zwiſchen Erſtaunen und Entrüſtung ſchwankend. „Ach nein, es geſchieht einzig um der mütterlichen 51 Einſicht, nachdem ich nunmehr geſichert bin, Gerechtig⸗ keit zu zollen.“ Die in ihrer Eitelkeit geſchmeichelte Matrone lä⸗ chelte dem Rittmeiſter zu, während ihn Hummel mit einem halb ironiſchen Geſichte anblickte, als wollte er ſagen: „Nur ſo fort, Ihr ſeid auf gutem Wege, Schwie⸗ gerſohn!“ Prendl jedoch, deſſen letzter Zweck es keineswegs war, ſeiner Schwiegermutter ein unnützes Compliment zu machen, fuhr fort: „Ja, ich halte die Künſtlerſchaft noch für einen wahren Schäfer⸗ und Hirtenſtand im Vergleich mit dem traurigen Waffenhandwerk. Der Künſtler ſtrebt wohl⸗ thuend auf Sinn und Geiſt des Menſchen zu wirken; ſind zufällig die Farben des Malers ſo grell, daß ſie dem Kunſtliebhaber die Augen auszubrennen drohen, ſpielt der Geiger ſo falſch und ſchrill, daß er die Zuhö⸗ rer um ihr Trommelfell beſorgt macht, dichtet der Poet ſo hinkende und ſinnloſe Verſe daß wir meinen einer Jeſuitenkomödie beizuwohnen, nun ſo ſind wir ja nicht gezwungen alle dieſe Folterqualen zu ertragen, wir lau⸗ fen ganz einfach auf und davon, athmen tief auf und ſind gerettet,— dann gibt es aber auch Künſtler und ich habe deren in Niederland und Italien kennen gelernt, 4* die noch etwas Anderes verſtehen, als durch ihren Zin⸗ nober einen Stier in Wuth zu verſetzen; es gibt an⸗ ſtändige Maler, wie Meiſter Johann einer iſt, welche uns beweiſen, wie groß die Macht des menſchlichen Geiſtes über die Natur iſt, ſie faſſen nicht nur das Un⸗ begränzte außer ihnen, in die enge Grenze eines Bildes, ſondern thun auch noch einen Funken ihres eigenen Geiſtes dazu, der das Todte beſeelt, die Natur veredelt und Alles von göttlichem Athem durchhaucht erſcheinen läßt. Ich habe oben im Pragerſchloß ein Paar Bilder des Herrn da, zu Geſichte bekommen und kann verſi⸗ chern, daß ich in dieſem Augenblicke meinen Sturmhut und Küraß verwünſcht habe. Ich weiß, meine Kamera⸗ den würden in ein unauslöſchliches Gelächter ausbre⸗ chen, wenn ſie mich ſo reden hörten, dennoch ſchwöre ich, daß ich den Pinſel für ein ganz ebenſo ehrenvolles Inſtrument halte als meinen langen Degen, im Gegen⸗ theile für noch beſſer, denn der Pinſel hat Zeitlebens Niemanden getödtet, mein Schwert dagegen, das mir der lange Vetter abgenommen, bei der jüngſten Affaire am Stadthore, hat allein ſchon einem Dutzend der kräftig⸗ ſten Männer das Lebenslicht ausgeblaſen. Nein, wenn ich wieder auf die Welt komme, werde ich ein Künſtler und zwar ein Maler, da male ich mir ſo viele Schlach⸗ ten und ſo viel geronnenes Blut, als mich eben freut, 53 ohne daß es Jemandem weh zu thun braucht, da male ich mir oben darein ein Lorbeerreis um die Schläfe und wenn man mir das Mädel meiner Wahl verweigert, dem Mädel und der Mutter auch etwas!“ „Man ſollte faſt denken, daß Ihr Euer Leben un⸗ ter Künſtlern zugebracht,“ ſagte Johann von Aachen mit verklärtem Geſicht. „Vielleicht macht das, daß der„Screta“ mein Vetter iſt,“ gab der Rittmeiſter gleichmüthig zur Ant⸗ wort. „Wie, der„Screta“ wäre Euer Vetter? Wiſſet Ihr, daß Ihr da den beſten böhmiſchen Maler aller Zeiten zum Vetter habt?“ „Das weiß ich nun allerdings nicht, indeß malt der Burſche nicht übel.“ „Nicht übel? wie könnet Ihr nur ſo einfältig re⸗ den, Screta nicht übel? Verzeih' ihm Apollo und ihr Muſen werdet nicht ungeduldig, denn der Mann ver⸗ ſteht es nicht beſſer. Screta, der dem Caracci bis an den Scheitel reicht, den Dominichino übertrifft und mit Guido Reni wetteifert, nicht übel!“ „O, werdet mir nur nicht böſe,“ verſetzte Prendl, der ſich im Grunde ſeines Herzens durch das Lob ſeines jungen Vetters geſchmeichelt fühlte,„ich will ja zugeben, daß der junge Mann Talent hat.“ „Nun, wenn Ihr nur ſo gnädig ſeid, das zuzu⸗ geben,“ entgegnete Johann faſt höhniſch. „Ich gebe es zu, aber behaupte deßungeachtet, daß er noch weit hin hat, um einen„Bartholomäus Spran⸗ ger“ oder„Johann von Aachen“ zu erreichen.“ Der letztgenannte Meiſter drohte mit dem Finger und ſagte: „Habt Ihr das auch von dem kleinen Karl Screta, der einſt der große Screta heißen wird, gehört?“ „Ja,“ ſagte Prendl,„ich habe es auch von mei⸗ nem Vetter, welcher von den beſagten Malern ſtets mit hoher Begeiſterung ſpricht, ich habe es aber auch von daher,“— er deutete auf ſeine Augen,—„und end⸗ lich von noch einem Manne, der ſich auf die Kunſt ver⸗ ſteht, von dem Erzherzog, der Euere Gemälde in Ge⸗ genwart eben des Obriſten Ramée, der Euch plündern wollte, bis zu den Sternen erhob.“ Das große Lob, das der Rittmeiſter dem Maler ſpendete, verfehlte ſeine Wirkung nicht ganz, die Dame vom Haus ſeufzte wiederholt und trommelte verlegen gegen die Fenſterſcheiben, doch war die bereits geſchoſſene Breſche keineswegs weit genug, um eine Beſtürmung zuzulaſſen, Graf Thurn, welcher bemerkte, daß das Feuer der einen Batterie matter zu werden ſchien, de⸗ 5⁵ maskirte mit einem Male eine hübſche Anzahl Feuer⸗ ſchlünde, die er bereit gehalten hatte. „Eines“, hub der Graf an,„muß man dem Kai⸗ ſer zugeſtehen, daß er, wenn er ſich auf das Regieren blutwenig verſteht, doch der beſte Kunſtrichter iſt, den es vielleicht zur Zeit in Europa gibt; was die Welt an geiſtvollen Künſtlern zählt, die ihr Vaterland zu ver⸗ laſſen geneigt waren, hat der Kaiſer um ſich verſammelt. Da habt Ihr den Schüler des berühmten Baladio, des größten Baumeiſters von der Welt, den„Vincenzio Sca⸗ mozzi“, dann den uralten„Ferrabosco“, da habt Ihr den, Savery“ und den„Sammtbrughel“, den„Spran⸗ ger“ und vor Allen aus unſern„Johann von Aachen“, dem ich, Graf Thurn, meine Tochter freudig zur Ehe geben würde, wenn ich Eine mein zu nennen das Glück hätte, weil ich dann wüßte, daß der Name meines Kin⸗ des an die Unſterblichkeit der Werke meines Eidam's geknüpft wäre. Nach meiner Anſicht iſt Pinſel oder Grabſtichel mit Ausnahme des Schwertes, das einzige Mittel um adelig zu werden oder ſich wenigſtens ohne allzugroßen Nachtheil den Adeligen an die Seite zu ſtellen.“ „Alſo Euere Gnaden würden Ihr eigenes Kind einem Maler zur Gattin geben?“ frug die Hausfrau betroffen. 56 „Nicht Jedem,“ verſetzte der Graf,„es gibt dar⸗ unter auch unrühmliche Pfuſcher, Leute, welche Farbe und Pinſel verderben, aber einem Johann von Aachen, der morgen Reichsbaron werden kann, würde ich ſie, wenn ihm darnach gelüſtet, ohne Zaudern geben!“ „Das wäre Euer Ernſt?“ frug Katharina Bri⸗ gitte weiter, indem ſie ihre lebhaften Augen, auf den Grafen heftete. „Mit um ſo größerem Vergnügen,“ bekräftigte der Gefragte,„als dieß der Weg wäre, von Sr. Ma⸗ jeſtät Alles zu verlangen; ich glaube der Kaiſer würde Türke, wenn es unſer Freund wünſchte und Sr. Maje⸗ ſtät verſpräche, ſie im türkiſchen Coſtüme malen zu wollen.— Iſt es nicht ſo?“ Dieſe Frage wurde an Johann gerichtet, der die großen Uebertreibungen genau kennend, deren ſich der Eraf ſchuldig machte, mit der Antwort zögerte. „O, der jungfräulichen Beſcheidenheit!“ begann jetzt wieder der Rittmeiſter, des Grafen Frage wie einen ihm zugeworfenen Ballon auffangend. „Glaubt Ihr denn, wir kennen die Gnade der Vertraulichkeit nicht, mit welcher Euch Sr. Majeſtät beehrt?“ „Ja, ich kann das beſchwören,“ rief der Vater Hummel dazwiſchen,„daß der Kaiſer wenigſtens zehn⸗ 57 mal in einer Viertelſtunde des lieben„Langen“ er⸗ wähnt hat.“ Der ehrliche Meiſter wollte gerade mit der Wahr⸗ heit herausplatzen, daß der Kaiſer damit nicht ihn, ſon⸗ dern den Kammerdiener Lang gemeint habe, doch hielt ihn der Rittmeiſter noch zur rechten Zeit durch verſtänd⸗ liches Augenzwinkern zurück. „Haſt Du das wirklich gehört?“ inquirirte Frau Hummel ihren Gatten. „So gewiß, als ich noch ſelig zu werden hoffe.“ Als ob ſie gerade dieſe Zuverſicht nicht vollkommen theilte, ſchüttelte die Matrone das Haupt, ſah ihre jün⸗ gere Tochter an, die ſchier in Thränen zerfloß, dann den Maler, deſſen Geſicht in Folge der Aufregung, die Farbe eines geſottenen Krebſes angenommen hatte und ſagte dann halb unwillig, halb gutmüthig: „Ich ſehe ſchon, daß die Mutter und Frau in die⸗ ſem Hauſe nichts gilt.“ Die Zeugen dieſes Auftrittes, die im Gegentheil ſahen, daß die Mutter und Frau Alles galt, mußten ihre Geſichter abwenden, um nicht die Sache die auf ſo guten Weg gebracht worden war, durch voreiliges Lä⸗ cheln zu verderben. „Ich ſehe,“ fuhr die Mutter fort,„daß alte Ge⸗ fühle und Neigungen dem Wechſel unterworfen ſind, 58 daß ſelbſt Pflichten, ja Kindespflichten, dem Reiz der Neuheit nachgeſetzt werden, ich ſehe, daß die alte Ehr⸗ furcht vor dem Willen der Eltern—“ Hummel meinte brummend, die Rednerin ſolle ſich nur auf ihre Perſon beſchränken,—„aus der Welt geſchwunden iſt, je nun—“ dieſes„je nun“ begleitete die Sittenpredigerin mit einem gewichtigen Achſelzucken, —„wer vermag es zu ändern! am wenigſten die un⸗ veränderliche Zärtlichkeit der immer nur zu ſchwachen Eltern, am allerwenigſten eine liebende Mutter, deren Herz eine unerſchöpfliche Quelle der Fürſorge, Zärtlich⸗ keit und Verzeihung iſt. Ich will es auch nicht ändern, ſon⸗ dern alle meine Lieblingspläne,“— Frau Hummel mußte ſolche in tiefſter Verborgenheit gehegt und gepflegt ha⸗ ben, denn Niemand wußte davon, was ein heftiges Kopf⸗ ſchütteln des Alten beſtätigte,—„alle jene Entwürfe, die meinem Herzen ſo theuer waren, aufgeben, wie Aſche in den Wind ſtreuen,“ hier machte ſie die Geberde des Streuens,—„ich will mich beſcheiden, obgleich ich Mutter und Gattin bin; Ihr ſolltet einſt nicht ſagen meine Töchter, daß Standesvorurtheile, obſchon ich ſie für keine halte, Eurem Glück hindernd in dem Weg ge⸗ ſtanden ſeien. Ich hoffe und erwarte dagegen von Euch, daß Ihr meine alten Tage nicht mit Vorwürfen ſtören werdet, wenn Graf Thurn,—“ dieſes Wort betonte ſie, 59 —„vor der Verſchwägerung mit einem ſimplen Maler nicht zurückſcheute, wenn der Kaiſer ihm ſeine Hand zu reichen ſich herabläßt, wenn ſich der erhabene Monarch ſeiner, binnen einer Viertelſtunde zehnmal unter dem Namen des Langen— wie vertraulich!— erinnert, habe ich da nicht meine Schuldigkeit gethan, wenn ich wiederhole, die Künſtler ſind in der Regel ſammt und ſonders ein Lumpenvolk, arme Schlucker, haus⸗ und heimatloſe Vagabunde, und dann, meine Hände in Un⸗ ſchuld waſchend, ausrufe: Meine Tochter kennt meine geheimen Gedanken über die Künſtlerwirthſchaft, ſie weiß wie blutwenig ich davon halte, dennoch will ſie einen Maler zum Manne haben? Er der Künſtler, der Maler, der doch geſcheiter ſein ſollte als ſo ein Mädchen, er, dem es beſſer anſtünde allein durch die Welt zu fahren, ohne ſein Gewiſſen mit dem Unglücke eines armen Ge⸗ ſchöpfes zu belaſten, will das eingebildete, alberne Kind durchaus zur Gattin! Wohlan! nehmt Euch, habt Euch! Ja, ich habe meine Schuldigkeit erfüllt und Niemand wird mir mit Recht vorwerfen können mit der Wahrheit hinter dem Berge gehalten oder aus Feigheit geſchont zu haben!“ „Gott und die Umſtehenden ſind Zeugen, daß Du es nicht gethan haſt,“ fiel ihr Caſpar Hummel in's Wort. „Deſto beſſer,“ ſagte die ehrliche Meiſterin„ich werde mich ſolcher Dummheiten ſchämen, ich weiß wohl mein künftiger Schwiegerſohn ſieht mich curios an, aber nur Geduld, ich bin nicht ungerecht und der Andere ſoll es auch noch kriegen. Ja, ich wollte keinen Künſtler zum Schwiegerſohn, aber einen Soldaten auch nicht, ſind die Einen nicht drei Kreuzer werth, ſo ſtehen die Andern nicht für einen Groſchen. Unſere Mutter verſteckte uns, wie die Henne ihre Küchlein beim Anblick des Sperbers, vor dem leidigen Kriegsvolke, ſie bekreuzte ſich eben ſo gut, wenn ſie das Wort„Soldaten“ ausſprach, als wenn ſie von dem„Gott ſei bei uns“ redete. Warum heißt es doch,„er flucht wie ein Lanzknecht,“ wahrſchein⸗ lich nicht wegen der guten Sitten, die dem Kriegsvolke eigen ſind. Nein, meine Tochter Petronilla, in Rückſicht auf die gute Erziehung, die Du genoſſen, hätten wir Eltern eine vernünftigere Wahl,— O, laßt Euere Au⸗ gen herum ſchießen ſo viel Ihr wollt, Herr Rittmeiſter, das beirrt mich durchaus nicht,— eine vernünftigere Wahl erwarten dürfen. Es gibt anſtändige Kaufleute, ruhige Bürger, ehrſame Zunftmeiſter, die ſich keinen Augenblick bedacht hätten, eine Hummel'ſche Tochter als Braut heimzuführen, da muß der dumme Krieg und Deines Vaters Geſchäftigkeit den Unglücksmann,“— ſie 61 deutete mit dem Finger auf den Officier, der ſich vor Zorn kaum mehr halten konnte,—„herbeiführen. Nun, er hätte auch etwas Beſſeres thun können, als in ſeinen ſchmerzfreien Stunden mit der ſoldatenſcheuen Jungfer — denn ſoldatenſcheu war ſie, das kann ich beſchwö⸗ ren,— ſo lange zu tändeln und zu flüſtern, bis die bil⸗ lige Scheu zum Henker war.“ „Wohin Ihr bald nachfolgen möget,“ ſchrie jetzt Prendl auf, deſſen Geduldfaden in Stücke ging. „Wenn ich mich nicht irre,“ nahm die Matrone wieder das Wort,„wünſcht mich mein künftiger Schwie⸗ gerſohn bereits zum Henker,— ganz natürlich, iſt er doch ein Kriegsmann, die Kriegsleute wünſchen Alles zum Henker, bisweilen ſich ſelbſt und glauben dabei noch beſonders artig zu ſein, daß ſie Henker ſtatt Teufel ſprechen. Du weinſt mein Kind,— welcher Einfall? Du denkſt doch nicht, daß ich Deinem Auserwählten darüber gram bin, ich wundere mich vielmehr, daß er nicht ſchon vor einer Stunde vor mir hingetreten,— aber er kann ja nicht gehen und das war höchſt wahrſcheinlich der Grund, warum es nicht geſchehen iſt,— und mich mit den Worten angeredet hat:„Zum Henker geben Sie mir Ihre Tochter Madame, ſonſt möge Sie zum Henker insgeſammt der Henker holen.“ Aber er hat es nicht gethan, was von unglaublicher Mäßigung zeigt. „Nein, lieber Prendl,“— hier wandte ſich die Hausfrau an den Gefangenen,—„ich darf ſie wohl ſo nennen, ich bin Ihnen darum nicht böſe, weder Ihnen noch dem Maler da, auch war es gar nicht meine Abſicht Ihnen Beiden wehe zu thun, aber dieſe einfältigen Mädchen haben eine Lektion verdient, an die ſie die Zeit ihres Le⸗ bens denken ſollen, wenn ihnen einſt ihre Töchter gegen alle Vernunft die ſchlimmſten Parthien im Lande wäh⸗ len,— und das müſſen die Herren geſtehen, daß es ge⸗ gen alle Vernunſt iſt,— dann mögen ſie wie ich thun, ebenſo mütterlich wohlmeinend und gütig wie ich.“ Hatte Prendl überlegt, daß Streit zu nichts füh⸗ ren würde oder hatte er ſeiner noch immer weinenden Braut zu Liebe von jeder Entgegnung abgeſtanden, genug er beantwortete die Catilinariſche Rede der wackeren Meiſterin mit keiner Silbe, eben ſo wenig, oder noch weniger fiel es dem glücklichen Maler ein, der Sabi⸗ nen's Hand in der ſeinigen hielt, anders als mit einem beifälligen Nicken des Kopfes zu antworten. Frau Hummel, welche das feierliche Schweigen für eitle Bewunderung und Erſtaunen, Ehrfurcht und Anerkennung ihrer mütterlichen Würde auslegte, ging nun mit thränenfeuchten Augen,— die gute Frau war innerlich wirklich gerührt,— auf Petronilla zu, nahm ſie bei der Hand, führte oder zog ſie vielmehr an das Bett des Verwundeten und ſagte: „Nun reicht Euch die Hand, meine Meinung wiſſet Ihr, Gott im Himmel möge Euch ſegnen,“ und dann ſich an das andere Paar wendend:„Und Euch Beide nicht minder.“ Die Töchter fielen nun der Mutter, wie es ſchon bei derlei Familienſcenen nicht anders zu gehen pflegt, ſchluchzend in die Arme. Es gibt nichts anſteckenderes als Rührung, der breitſchulterige alte Mann, der gewöhnlich den Kopf ſo hoch trug, konnte ſeine Gefühle nicht länger bemeiſtern und brach in lautes Geſtöhn aus, während Graf Thurn, für welchen die ganze Scene etwas unendlich Komiſches hatte, ſich nicht länger eines dröhnenden Gelächters zu erwehren vermochte. Es klang wirklich höchſt ſeltſam aus einem Winkel das verhaltene Gekicher des Rittmeiſters, der nun wie⸗ der vollkommen guter Laune geworden war, aus dem Anderen das laute Lachen des Grafen, vom Fenſter her das Schluchzen der beiden Bräute und das mühevoll bezwungene und immer wieder hervorbrechende Weinen der Dame Katharina Brigitte, das Seufzen des Malers; es klang höchſt ſeltſam, ſagen wir, aber noch ſelt⸗ ſamer ſahen die Geſichter der Leute aus, welche dieſen 64 Wirrwar von Klängen verurſachten. Der wackere Kupferſchmied verzerrte ſein Geſicht, Prendl zog über ſeinen Anfall von Lachkrampf in einem ſo ernſten Augen⸗ blicke unwillig die Augenbrauen und Lippen feſt zuſam⸗ men, daß Graf Thurn darüber in eine neue Phaſe des Lachen trat. „Er hat“, ſo erzählte der Graf ſpäter von dem Rittmeiſter,—„dabei ein ſolches Geſicht geſchnitten, als ob er das Brauchgrimmen der ganzen Welt zu tra⸗ gen hätte.“ Die Hausfrau, welche es anſtändiger gefunden hatte, ſtille zu weinen, ſtopfte ihr Sacktuch bis auf einen kleinen Zipfel in den Mund und erhielt ſo das Anſehen einer von ruchloſen Händen geknebelten Frauensperſon, nicht minder komiſch nahm ſich der Maler aus, der in ſeiner Verzweiflung die Augen gegen die Zimmerdecke aufſchlug, als erwarte er von der kleinen lichtloſen La⸗ terne, die dort angebracht war, Erleuchtung. Glücklicherweiſe dauerte der Paroxismus nur ſo lange bis ihn eine äußere Einwirkung beendete, und dieſe äußere Einwirkung nahm im gegenwärtigen Falle, die Geſtalt und Perſon des würdigen Bader⸗Friſeurs Widtmann an. Der ehrſame Bürger war es gewöhnt, nach Tiſche ſeinen Beſuch abzuſtatten, er hatte vor zwei Stunden 65 zwölf ſchlagen gehört und konnte daher nicht zweifeln, daß der Mittagstiſch vorüber ſei. Das lodernde Feuer am Herd, der ſchnurrende Bratſpieß, die qualmende Paſtete bewieſen ihm jedoch, daß er ſich geirrt habe, er hielt daher ſeine Uhr gegen das Ohr um zu ſehen, ob ſie im Gange ſei, ſchüttelte den Kopf, pochte endlich leiſe, dann ſtärker an und trat in die Stube. Daß in der Familie etwas vorgefallen ſein mußte, ſchien ihm klar, das bezeugten die verweinten Augen der Mädchen, die erhitzten Geſichter der Männer, die feierliche Stimmung, die im Momente ſeines Eintrittes, — denn Graf Thurn, mußte Athem ſchöpfen, um nicht am Lachen zu erſticken— herrſchte. Als er nun aber merkte, wie ſich Petronilla an den Rittmeiſter und Sabine an den Maler ſchmiegten und Frau Hummel unter Thränuen lächelte, während Meiſter Hummel noch von Rührung bemeiſtert, vergeblich ſeine hausväterliche Würde zu behaupten ſuchte, da wußte auch der langbeinige Friſeur, wie viel es geſchlagen, ſein Bajazzogeſicht mit der hohen, furchenbeſäeten Stirne, der meſſerrückendünnen Naſe, und dem ſpitzen Kinn verzog ſich zu einem grinſenden Lächeln, ſeine unförmlich langen und mageren Arme durchkreuzten die Luft ſo raſch wie Feuerwerkskörper, ſeine weitſpu⸗ rigen Beine pflanzten ſich, wie eine inproviſirte Tri⸗ Die Paſſauer in Prag. II. 5 66 umphpforte hin und der Mann ſelbſt ſtotterte einen ziemlich unzuſammenhängenden Glückwunſch, der das Humu'liſche Haus mit dem Hauſe des Priamus ver⸗ glich; von dieſer eben ſo myſtiſchen als unverſtändlichen Metapher kam er auf die Töchter, verglich ſie mit ver⸗ ſchiedenen Blumen und Kräutern, dann ging er von den Blumen auf Götter und Göttinnen über; er glaubte dem einen Paar kein ſinnreicheres Compliment machen zu können, als wenn er es mit Vulcan und Venus ver⸗ glich. Prendl, der ſo viel von der Götterlehre verſtand, um zu wiſſen, Vulcan ſei ein armer betrogener Ehe⸗ mann geweſen, bedankte ſich lächelnd, während Petro⸗ nilla ihm ſchalkhaft und mit erheuchelter Wärme die Hände drückte. Von der ruhigen Glückſeligkeit, in welcher der Maler und Sabine mit verſchlungenen Händen da⸗ ſtanden, nahm der Nachbar Anlaß das junge Paar zum allgemeinen Gelächter mit Philemon und Baucis, die Mutter der Töchter aber, wieder mit Priamus Frau, mit der alten Hekuba zu vergleichen. Zum Glück für des Friſeurs ergrauende Schmacht⸗ locken verſtand Frau Hummel, die eine viel zu tüchtige Hausmutter war, um ſich mit mythologiſchen Fragen zu beſchäftigen, das Ungeheuerliche in den Vergleichen des Nachbars nicht ganz, obgleich des Grafen Thurn 67 Beifall, ſie ahnen ließ, daß die Vergleiche nicht die Gelungenſten ſein mochten. Indeß hatte der wackere Gratulant ſo viel erreicht, daß Vater Hummel ihn zur Stunde zu Hochzeit und Tanz einlud und die Einladung an die einzige Bedin⸗ gung eines würdigen Hochzeitscarmens knüpfte. Der Friſeur ſchickte ſich eben an, ſeinen Dank in den gewählteſten Worten und unter Beimiſchung der ſonderbarſten Ingredienzien von Ambra, Roſenöhl, Li⸗ lienſchnee u. ſ. w. auszudrücken, als Jan Kafka, der Pfer⸗ dejunge, unangemeldet zur Thür hereinſprang. 4. Der von dem Erzherzog ſo ſehnſüchtig erwartete Morgen, welcher ſeine Wünſche mit Erfolg krönen und ihn zum Feldherrn und Eroberer einweihen ſollte, war herangebrochen.—. Der Prinz hatte zu ſeinen Vertrauten bedeutungs⸗ voll geſagt: „Morgen“ und Hauptmann von Hornberg hatte ſein Schwert geſchliffen und vergnügt wiederholt: „Nun gut, auf Morgen!“ Der ältere Graf von Sulz ſchüttelte den Kopf, daß die grauen Locken herumflogen und rief: „Daß es Gott erbarm', Morgen wird es losge⸗ hen,“ ſein Oberſtlieutenant der junge Graf hatte nichts Eiligeres zu thun, als die Edelleute ſeines Corps zu einem Valettrunk zu verſammeln, der bis zu dem ver⸗ hängnißvollen Morgen unausgeſetzt fortdauerte. Obriſt 69 Ramée, dem der Erzherzog nur bedeuten ließ, er möchte ſich bereit halten, pfiff einen Gaſſenhauer und murmelte: „Ich wußte, daß es ſo kommen würde, in dem Augenblick, als mir der Erzherzog den ſchriftlichen Be⸗ fehl zum Rückzug einhändigte.“ Tennagl zuckte die Achſeln und ſagte dem Erz⸗ herzog rund heraus, daß er etwas darum gäbe, wenn der erwartete Morgen ganz ausbliebe. Alois Baldian, des General Althan Stellver⸗ treter, ſchien entzückt und rieb ſich die Hände, als ob er ſchon Victoria ſchieſſen hörte. Obriſt Buchheimjubelte laut auf und meinte, daß es nun gleich über Oeſterreich hergehen würde. Der überlaute Jubel wurde aber auf ein ganz beſchei⸗ denes Maß zurückgeführt, als ihm der Oberfeldherr bedeutete, daß zuvor die Geſchäfte in Prag ſelbſt noch bereinigt werden müßten, worauf der öſterreichiſche Ueberläufer mit erſterbender Stimme wiederholte: „Alſo Morgen, Euere Durchlaucht.“ Es iſt nach dem Geſagten kein Wunder, daß das Paſſauer Kriegsvolk an eben dem bezeichneten Morgen in voller Bereitſchaft ſtand.— O es hatte gut ſtehen! — Die Sonne war aufgegangen— und im März geht ſie noch ziemlich ſpät auf.— Leopold war ihr da⸗ riu wenigſtens um zwei Stunden voraus, denn er hatte ſich bereits um vier Uhr Morgens ſeinem Gene⸗ ralſtabe, wenn man die Verſammlung der von dem Erz⸗ herzoge beſonders begünſtigten Offiziere ſo nennen kann, gezeigt. Man geduldete ſich ruhig bis Sonnenaufgang, um welche Zeit der Erzherzog äußerte, daß es verteufelt ſpät werde. Man bezähmte den ſtillen Unmuth bis acht Uhr, man tröſtete ſich, die kaiſerliche Botſchaft müſſe jeden Augenblick erfolgen. Um neun Uhr murrte man ſchon laut, um halb zehn wurde man wüthend, um zehn Uhr bediente man ſich nicht der ſchmeichelhafteſten Ausdrucke. Das Geſicht des Erzherzogs war bleifarben, er hatte wenig und ſchlecht geſchlafen, ſein Körper zitterte vor Aufregung und ſelbſt die Stimme nahm etwas fremd⸗ artiges, fieberhaftes an. Nach halb eilf vermochte er ſich nicht länger zu halten, er rief nach ſeinem Pferde und befahl den Oberſten ihm zu folgen. „Wir wollen Sr. Majeſtät einmal zeigen,“ ſagte er, ſich ſelbſt Muth machend,„daß wir des Wartens, Zögerns und Schreckens müde ſind, wir wollen ihm beweiſen, das Anführer und Untergebene von einem Gedanken beſeelt ſind, und daß dieſer eine Gedanke „Krieg“ heißt; wir haben bis heute demüthig gebeten, daß uns die Ausübung unſeres Handwerkes geſtattet werde, laßt uns heute die Stimme etwas lauter erhe⸗ 71 ben und im Namen zwölftauſend tapferer Männer for⸗ dern, was man uns freiwillig nicht zu gewähren ge⸗ denkt. Ich will nicht bloß Euer Herr und Anführer ſondern auch Euer Freund und Bruder ſein.“ Dieſe Worte des ſtolzen Erzherzogs übten ganz die Wirkung, welche der Prinz von ihnen erwartet hatte, ein donnerndes„Hurrah“ des Offizierscorps drückte die Geſinnung der Leute aus. Hornberg und Buchheim ſchrieen am lauteſten, Ramée, der dem Erzherzog als der Vornehmſte unter den Oberſten am Nächſten ſtand, riß den Mund weit auf, brachte aber keinen Ton hervor. Henkl rief ebenfalls Hurrah, aber weniger aus Patriotismus als in der Hoffnung, den Reſt ſeiner Habe durch den Abzug der Kriegsleute gerettet zu ſehen; er rief alſo ſo laut Hurrah, daß es ſelbſt die Baßſtimme der Officiere übertönte. Als der Erzherzog, gnädig lächelnd, frug, warum er ſo begeiſtert Hurrah rufe, ſagte er den Blick ſenkend aber feſt: „Ich rief für mein weniges Geſchirr, das noch unzerſchlagen, für den wenigen Wein, der noch unge⸗ trunken, für das wenige Silber, das noch unverkauft, für das wenige Geld, das noch ungeſtohlen und für * 72 meine jüngſte Tochter, die noch unverführt iſt— Hurrah!“ Leopold erwiderte darauf mißmuthig: „Du wärſt wohl im Stande, Hurrah zu rufen, wenn Du höͤrteſt, daß wir in'sgeſammt gefallen ſind?“ „Wenm's Gott gefiele, ſo würde ich's thun.“ „Ein komiſcher Kerl das“, rief der Erzherzog aus und blickte die Officiere der Reihe nach an, um aus ih⸗ ren Geſichtern zu leſen, ob er die rauhe Sprache ſeines Hausherrn züchtigen oder verzeihen ſolle. Als er bemerkte, daß nur Ramée die Zähne über⸗ einanderbiß, die anderen Ofſiciere aber keineswegs ent⸗ rüſtet waren, ſtimmte ihn gerade die Wuth ſeines Feld⸗ herrn zur Milde. Er ſagte daher ungewöhnlich gnädig: „Geht, Henkel, in die Kirche, Ihr ſeid, wie ich höre ein gar zu frommer Mann, und bethet für das Glück von Sr. Majeſtät Waffen.“. Dann wandte er ſich, ohne eine Antwort abzu⸗ warten der Thüre zu, er hatte ſchon den Fuß an die Schwelle geſetzt, als ein Diener den Oberſthofmeiſter des Kaiſers, Grafen Carl Liechtenſtein, ankündigte. Der Erzherzog wollte deßungeachtet fort und der Graf mußte ihm in Gegenwart der anweſenden Officiere die ausdrückliche Verſicherung geben, daß er eben in der Angelegenheit von Seite des Kaiſers zu ihm komme, in welcher der Erzherzog dem Kaiſer aufſuchen wollte. Der Erzherzog begab ſich alſo von dem Oberſt⸗ hofmeiſter geleitet in ſeine Wohnung zurück. Der Erzherzog ſetzte ſich und ließ den Oberſthof⸗ meiſter ſtehend Bericht erſtatten. Graf Carl Lichtenſtein, der nachmalige erſte Fürſt dieſes Namens, war in jener Zeit noch ein ziemlich jun⸗ ger Herr, mit einem hübſchen blaſſen Geſichte, das nicht ohne Geiſt war und das durch einen gewiſſen höhniſchen Zug um die Mundwinkel einen beſonders ſpöttiſchen Ausdruck hatte. Das Geſicht des Grafen war länglich, regelmäßig und zart, der Schnur⸗ und Knebelbart ſo weich und biegſam, wie bei Vielen nicht einmal das Haupthaar zu ſein pflegt. Die Haltung des ſchlanken wohlgeformten Mannes drückte Selbſtgefühl und Hoch⸗ muth aus. Der Erzherzog, der gegen den Grafen Liechtenſtein einen ganz eigenthümlichen Widerwillen hegte, von dem er ſich keine Rechenſchaft zu geben vermochte, ſagte kalt: „Reden Sie, was hat Se. Majeſtät beſchloſſen? Ich geſtehe, Ihre Miene ſagt mir nicht viel Gutes, auch hätte der Kaiſer wahrſcheinlich einen Officier geſchickt, wenn er militäriſcher Dienſte bedürfte.“ „Eurer Durchlaucht Scharfſinn,“ erwiderte der 74 Bote des Kaiſers,„verläugnet ſich doch niemals, der Krieg iſt aus, noch ehe er recht begonnen. Se. Majeſtät entbiethet Eurer Durchlaucht ſein gnädiges Wohlwollen und wünſcht, daß jede Feindſeligkeit bis auf Weiteres eingeſtellt bleibe.“ „Aber wir haben ſie ja ſeit unſerem Einrücken ein⸗ geſtellt,“ entgegnete der Erzherzog hitzig.„Von Feind⸗ ſeligkeiten iſt keine Rede, vielmehr von einer Militär⸗ emeute, da die Truppen ſeit einem Vierteljahr vergebens auf ihren Sold warten; ſagen Sie dem Kaiſer, daß ich bereit bin, Stadt und Land zu verlaſſen, nur möge Se. Mäjeſtät für die Auszahlung des rückſtändigen Soldes Sorge tragen. Der Graf hörte den Erzherzog erfurchtsvoll an, ſchüttelte den Kopf und erwiederte, daß der Befehl, zu ſeinem tiefen Bedauern buchſtäblich dahin laute,„Se. Durchlaucht habe wie bisher in Prag zu verbleiben und ſich für alle Fälle bereit zu halten.“ „Das heißt,“ fiel ihm der Erzherzog in die Rede, „der Kaiſer gedenkt ſeinen letzten Freund und ſeine letzte Armee künſtlich aber gründlich zu verderben.“ „Und was,“ fuhr er fort,„hat dieſe Aenderung in Sr. Majeſtät Geſinnung bewirkt, wenn man fragen darf?“ 3 Der Graf huſtete und ſagte endlich: 75 „Ich weiß zwar nicht, ob ich zu conſidentiell en Mittheilungen berechtigt bin, indeß will ich doch aus beſonderer Anhänglichkeit an Eurer Durchlaucht Perſon das Wenige nicht vorenthalten, was mir gelegentlich zu Ohren gekommen.“ „Zur Sache, Herr Graf, wenn es beliebt.“ „Nun wohl zur Sache; heute Nacht kam ein rei⸗ tender Bote in's Schloß geſprengt, der Sr. Majeſtät Depeſchen überbrachte.“ „Woher kam der Bote?“ „Wenn ich nicht irre, vom Herzog von Braun⸗ ſchweig.“ „Weiter.“. „Dieſe Depeſchen enthielten die Nachricht vom Ab⸗ zug Sr. Würden des Königs von Ungarn.“ „Unmöglich!“ „Um Vergebung nicht nur möglich, ſondern ge⸗ wiß, ich habe die Depeſchen geleſen.“ „Und was hat der Anzug des Königs von Ungarn mit meinem Kriegsvolke zu thun.“ „Noch nichts, aber er könnte unter gewiſſen Vor⸗ ausſetzungen damit ſehr viel zu thun haben.“ 6 13 Euch nicht in delphiſche Orakelſprüche, raf 1 76 „Der König von Ungarn ſteht an der Spitze von zwanzig tauſend Mann.“ „So heißt es ſchon ſeit einem Viertel Jahre.“ „Aber dießmal hat ſich der König mit den zwanzig tauſend Mann in Bewegung geſetzt.“ „Ja wohin?“ „Gegen Prag, Eure Durchlaucht, gegen Prag.“ „Und was will er in Prag?“ „Mein Gott, was kann er in Prag wollen? Sei⸗ nen kaiſerlichen Bruder wiederſehen, ſich um den Zu⸗ ſtand des Landes bekümmern, den geſtörten Frieden her⸗ ſtellen, allenfalls den Friedensbruch beſtrafen. Aber was wage ich es Enerer Durchlaucht Scharfſinn vorzu⸗ greifen, der gewiß das Richtige viel leichter und beſſer erkennen wird, als ich, der ich ein treuer Diener meines Herrn aber ein herzlich ſchlechter Diplomat bin.“ „Nein Graf, was Sie ſagen, hat leider viel, ſehr viel für fich.“ „Zu viele Ehre für mich. Es gibt ſogar Stim⸗ men, welche meinen, daß König Mathias noch ganz andere Dinge im Schilde führe.“ „Und was ſagen dieſe Stimmen?“ „Dieſe Stimmen halten eine Abdankung Sr. Ma⸗ jeſtät des regierenden Kaiſers ür nicht unmöglich.“ „Eine freiwillige?“ 77 „Ohne Zweifel.“ „Das wird der Kaiſer nie.“ „So wenig Eure Durchlaucht freiwillig das Com⸗ mando niederlegen werden.“ „Der Vergleich hinkt, beſter Graf, denn ich habe mich bereit erklärt, Stadt und Land zu verlaſſen.“ „Und der Kaiſer wird ſich vielleicht ganz ebenſo rückſichtlich des Thrones erklären.“ „Dann geſchähe es freiwillig?“ „Ganz gewiß, wie ich vorhin zu behaupten die Ehre hatte.“ Der Erzherzog fühlte, daß der Oberſthofmeiſter ſein Spiel mit ihm treibe, doch geſchah es ſo ſehr inner⸗ halb der Grenzen der ſchuldigen Ehrfurcht, daß der Erzherzog keine recht greifbare Urſache des Unmuthes auffinden konnte. Leopold bezwang daher ſeinen Zorn und frug anſcheinend ganz zutraulich, was denn er als treuer Unterthan des Kaiſers an ſeiner Stelle thun würde?“ Liechtenſtein legte die Stirne in Falten, als ob er gründlich nachdächte und erwiderte nach einer Pauſe: „Was ich thun würde? Wie kann Eure Durch⸗ laucht das Urtheil eines ſo ſchlichten Mannes inter ſſi⸗ ren?— indeß will ich meine Anſicht mittheilen und wäre es nur um Eurer Durchlauccht in dieſer trüben Zeit 78 Lachſtoff zu geben. Ich würde alſo mit den bekannten Kaiſerfeinden, mit dem Thurn, Schlick, Berka, Kinsky und ſo fort um jeden Preis Frieden ſchließen, ich würde mich demüthigen, ihnen hinter dem Rücken des Kaiſers die St. Veitskirche zur Abhaltung ihres Gottesdienſtes einräumen, dem einen und dem Anderen das goldene Bließ zuſagen, ich würde einige Proteſtanten zu den höchſten Aemtern befördern, ich....“ Der Erzherzog, deſſen Stirn ſich mit jedem Wort des Grafen mehr und mehr verdüſtert hatte, herrſchte dem Redner, ſeine Worte mit einer abwehrenden Hand⸗ bewegung begleitend, rauh zu,„es ſei genug und mehr als genug, es begehre ihm nicht noch länger aus dem Born ſtaatsmänniſcher Weisheit des Grafen zu ſchlür⸗ ‚fen er hätte gedacht, daß der Oberſthofmeiſter des Kaiſers ihm keine Unwürdigkeit zumuthen könne, dieß ſei eine Täuſchung geweſen, er der Graf entwickle da Gedanken, die nach Rebellion ſchmeckten, nach Rebel⸗ lion gegen Gott und Kaiſer, ſolche Aeußerungen län⸗ ger anzuhören verbiete ihm ſeine Stellung als Erzher⸗ zog und ſein prieſterlicher Character.“ Mit dieſer harten Zurechtweiſung drehte ſich der Erzherzog auf dem Abſatz um und kehrte dem kaiſerli⸗ chen Bothen den Rücken zu. 79 Graf Liechtenſtein zuckte die Achſel, lächelte höh⸗ niſch und ſagte ſich: „Das Mittel hat gewirkt, er wird nun Alles thun, nur nicht das, was die Umſtände erheiſchen, der rechte Weg bleibt dem König offen.“ In der That hätte Böhmen für den Kaiſer auf die von Liechtenſtein angegebene Weiſe gerettet werden können. Der Graf, welcher aber gerade fürchtete, daß der Erzherzog auf dieſes einzige Rettungsmittel ver⸗ fallen könnte, hatte ſeinen Rath ſo eingekleidet, daß er auf die Verwerfung desſelben zählen konnte. Vor Henkl's Hauſe begab ſich der Graf, einen Par⸗ lamentair an der Seite, über die Brücke nach dem Thore der Altſtadt und verlangte mit dem Grafen Thurn oder Colona zu ſprechen. Es war der wieder hergeſtellte Generallieutenant Graf Heinrich Mathias Thurn, der ihm entgegen trat. Graf Liechtenſtein händigte ihm ein mit dem kai⸗ ſerlichen Siegel verſehenes Pergament ein; die Ur⸗ kunde enthielt die Annahme des vor mehreren Tagen von Seite der Stände freiwillig gemachten Anerbie⸗ thens den Paſſauer Truppen unter der Bedingung ih⸗ res ſchleunigen Abzuges, den rückſtändigen Sold zu be⸗ zahlen. Der Kaiſer erklärte das Anerbiethen der Stände 80 huldvoll entgegen nehmen zu wollen und verſprach zu⸗ gleich die unverzügliche Entlaſſung der fremden Kriegs⸗ völker.— Die Augen des Oberſthofmeiſters hafteten ängſt lich auf den Lippen des Grafen, fürchtete oder hoffte er, daß das kaiſerliche Mandat angenommen werde? Er befürchtete es und zwar darum, weil durch die Entlaſſung des Kriegsvolkes ein Hauptbeweggrund zu Mathias Rachezug hinwegfiel. Mathias, ſo ſehr er auch mit ſich über ſeine letzten Zwecke einig war, be⸗ durfte doch rechtfertigender Umſtände; die Welt mußte glauben, daß er zu dem Zuge nach Prag gezwungen, daß ſein Bruder zur Fortführung des Scepters wirk⸗ lich unfähig war. Die Anweſenheit des Paſſauer Kriegsvolkes ver⸗ wandelte den Bruderkrieg mindeſtens in den Augen Vieler in ein löbliches Befreiungswerk. Die Böhmen hatten den Bruder ihres Königs zu ihrem Beiſtand herbei gerufen und er kam. Was lag da Böſes darin? Es handelte ſich nur darum, daß der Grund des Nothſchreies ſo lange fortdauerte, bis Mathias erſchien. Graf Thurn flog das kaiſerliche Mandat durch, ſah dann den Boten an und ſagte endlich zu Liechten⸗ ſtein's augenſcheinlicher Erleichterung: V 81 „Wollet Sr. Majeſtät vorſtellen, daß die Pra⸗ gerſtädte nicht geſonnen ſind mit ſich ſpielen zu laſſen, indem man ihnen heute bewilligt, ſtolz, was man ih⸗ nen vor wenigen Tagen wo ſie es ſelbſt angebeten, ſtolz abgelehnt. Wir, Sr. Majeſtät getreuen Stände, wiſ⸗ ſen recht wohl, daß Sr. Majeſtät in ſeinem väterli⸗ chen Herzen nicht daran denkt, irgend welchen Druck auszuüben, aber der Kaiſer hat das Unglück von übel⸗ wollenden Räthen umgeben zu ſein, deren eifrigſtes Be⸗ ſtreben dahin geht Sr. Majeſtät die Gemüther ihrer Unterthanen abwendig zu machen. Es möge daher Sr. Majeſtät gefallen den rückſtändigen Sold zu bezahlen, das fremde Kriegsvolk zu entlaſſen und der Kaiſer darf ſich für verſichert halten, daß ſich die Stände, als treu⸗ anhängliche Unterthanen erzeigen werden.“ „Darf ich um eine ſchriftliche Wiederholung des Geſprochenen erſuchen?“ frug Liechtenſtein mit gro⸗ ßer Freundlichkeit. „Nicht von Nöthen! Euerer Excellenz Gedächtniß iſt als vortrefflich bekannt, ſo daß kein Gedächtnißfeh⸗ len zu beſorgen ſteht.“ „Nun gut“ erwiederte der Oberſthofmeiſter,„ich werde mich bemühen Euere Worte zu behalten, übri⸗ gens erlaubt, daß ich Euch über die treffliche Haltung der Stadt mein Compliment mache.“ 3 Die Paſſauer in Prag. II. 6 82 „Wie kommt Ihr dazu Graf Liechtenſtein?“ „Ach,haltet Ihr mich für einen ſo alltäglichen Men⸗ ſchen, daß ich nicht die guten Eigenſchaften eines Geg⸗ ners zu würdigen wüßte?“ „Wenn auch das nicht, aber Euer Amt!“ „Mein Hofamt? Sollte es die Eigenſchaft haben mich mit Blindheit zu ſchlagen?“ „Ihr ſteht auf Seite der Katholiſchen.“ „Und was hat mein Religionsbekenntniß mit un⸗ widerleglichen Thatſachen zu thun?“ „Ihr werdet doch zugeben, daß Unpartellichkeit eine zu ſeltene Tugend iſt, um ſie ohne Umſtände bei unſeren politiſchen Gegnern voraus zu ſetzen?“ „Mag ſein, daß ſie ſelten iſt, doch iſt ſie nicht ſo ſelten, daß ſich nicht in allerjüngſter Zeit die katho⸗ liſchen und proteſtantiſchen Stände im Lande Unter der Enns vollkommen geeinigt hätten.“ „Das iſt richtig ſo, aber woher wiſſen Euere Excellenz?“ „Geduld! Von welchem Tag datirt Euere Nach⸗ richt?“ „Meine erhielt ich vor einer Stunde.“ „Und die meinige iſt drei Tage alt.“ „Dann habt ihr ſie nur um einen Tag ſpäter er⸗ halten, als König Mathias in Ebersdorf.“ „Vortrefflich gerechnet, denn die Nachricht rührt vom Könige ſelbſt.“ . Graf Thurn konnte trotz ſeiner ihm angebor⸗ nen Verſtellungskunſt ſein Erſtaunen nicht verbergen; Liechtenſtein gab ſich den Anſchein die Verwunderung des Grafen nicht zu bemerken und frug gleichgültig: „Und von wem habt Ihr Euere Nachricht?“ „Ach nur von dem bekannten Tribun des Prote⸗ ſtantismus in Oeſterreich von Georg Erasmus Tſchernembl.“ „Nun ich kann Euch nur zu dieſem Correſponden⸗ ten Glück wünſchen, der Meinige iſt in der Regel ſaum⸗ ſeliger.“ „Das will ich gerne glauben, König Mathias iſt ein zu leidenſchaftlicher Tänzer, Jäger, Ballſchlä⸗ ger um gern und oft zu ſchreiben.“ „Aber ſein Biſchof Khlesl?“ „Steht Ihr auch mit dem in Briefwechſel?“ Die Excellenz nickte, Graf Thurn jedoch überlegte einen Moment und polterte dann lachend heraus: „Da ſeid Ihr ja ein Hauptſpitzbube.“ Graf Liechtenſtein wich betroffen einige Schritte zurück, ſprach aber, als er die vollkommen unſchuldige Miene des Grafen gewahrte:„Ich habe in meinen Knabenjahren, als ich noch in den Irrthümern des 84 Proteſtantismus befangen war, an dem leutſ elig en Fürſten, der zu Linz in der Verbannung lebte, meine Freude gehabt, ich lernte den Melchior Khlesl als Offizialen des Bisthums Paſſau kennen, welchem jetzt der ſtolzeſte Prinz des Hauſes vorſteht. „Der Khlesl nahm ſich meiner Unerfahrenheit an und zerſtreute durch die unwiderſtehliche Sprache ſeines hohen Verſtandes,“— wir kennen dieſe Sprache, dachte der Generallieutenant und ich kann ſie mittelſt zweier Goldſtücke auf das Unverkennbarſte nachahmen. „Durch den warmen Strahl ſeine Genies,“ fuhr der Oberſthofmeiſter fort,„die Irrthümer, die ſich wie Nebel um meinen Geiſt gelegt hatten; ich wurde in der Folge das Beichtkind des würdigen Biſchofs, kein Wunder daher, wenn ich mit meinem Beichtiger in unausgeſetztem Briefwechſel ſtehe. Ich kann Euch nur ſo viel mittheilen, daß der Biſchof lebhaften Antheil an Euch nimmt und wiederholt die Anſicht ausgeſprochen daß Graf Thurn eine ganz andere Stellung im Lande einzunehmen befähigt ſei, als die eines einfachen Gene⸗ rallieutenants, die mit großen Sorgen und verflucht geringen Einkünften verbunden iſt.“ „Gehörte das auch zu den Gewiſſensfällen über die Euer Beichtvater zu ſchreiben nöthig findet?“ frug 85 der Graf mit ſo unverändert unſchuldiger Miene, daß Liechtenſtein eben ſo freundlich fortfuhr: „Ich geſtehe, liebſter General, daß mir das ſchöne Land und dieſe prächtige Stadt leid thut, die gegenwär⸗ tige Regierung iſt nur zu ſehr geeignet, Paläſte in Trümmer und lachende Fluren in troſtloſe Wüſteneien zu verwandeln. Ich ſollte das vielleicht gegen Euch, einen unſerer Hauptgegner nicht ausſprechen! Aber weßhalb denn nicht?„Fürchte Gott und ſcheue Niemand,“ hat ſchon einer meiner Ahnherren ausgerufen, deſſen Güter von dem Erzherzoge von Oeſterreich eingezogen wurden, weil— weil der Landesherr Geld brauchte. Gott weiß es,“ hier wiſchte ſich der Graf die Thränen aus den Augen— und ſie waren wirklich vorhanden, ſchwor der Generallieutenant hoch und theuer,— nich bin der treueſte Unterthan des Kaiſers, ich wollte, könnte ich helfen, wie Georg Popel im Kerker langſam, ja täglich ſterben, aber das hindert mich darum doch nicht den Jammer des Landes mitzufühlen, das durch einen Bedienten, einen Alchimiſten, einen Stallmeiſter und ein Paar feiler Dirnen regiert wird. Der Kaiſer iſt der vortreff⸗ lichſte Mann,— ich kenne ihn,— ein edles Herz, der Kaiſer hat Verſtand und Kenntniſſe, Kenntniſſe ſage ich Euch, daß die Prager Hochſchule dagegen eine Kinder⸗ ſtube iſt. Er hätte Profeſſor, Poeta laureatus oder 86 Cardinal werden ſollen, zum Kaiſer fehlen ihm einige untergeordnete Eigenſchaften, die das Regieren ſchwer machen. Er hört auf den Kammerdiener mehr als auf ſeine Miniſter, beſchäftigt ſich angelegentlicher mit me⸗ chaniſchen als mit Regierungsarbeiten, iſt ſchönen Wei⸗ bern zugänglicher als fremden Geſandten, iſt in ſeinem Laboratorium thätiger als im Kabinete, beendet ſchneller eine kabaliſtiſche Berechnung als ſtändiſche Vorlagen, bezahlt lieber ſeinen Maler, Sudelköche, Quackſalber, Unkenbrenner als die Armee, baut lieber Paläſte, er⸗ richtet Statuen, als Feſtungen, und zeigt ſich leichter den Troßbuben ſeiner Ställe als dem Volke. Ich verehre Se. Majeſtät wie es einem guten Diener zukommt, ich würde mein Haupt für den Kaiſer auf den Block legen, beſorge aber nur, daß der Kaiſer, der ſich ſelbſt miß⸗ kennt, mit all' dieſer Treue ein geringer Gefallen ge⸗ ſchieht; wer des Kaiſers v erſtändiger Freund iſt, muß wünſchen, daß er von den Plakereien der Regierung be⸗ freit wird. Die Regierung iſt für einen gewiſſenhaften Fürſten wie Rudolf eine wahre Laſt, beſonders wenn ſie in ſo traurige Zeitläufte fällt.“ „Und Ihr ſeid wohl ein ſolch' verſtändiger Freund, der den Kaiſer von der Regierungslaſt befreit ſehen möchte?“ fiel Graf Thurn dem Oberſthofmeiſter in’s Wort. 87 „Ihr ſeid ein Mann von ſeltener Faſſungskraft,“ veerſſetzte die Excellenz,„ich wünſchte Sr. Majeſtät um ſo eifriger die Wohlthat der Ruhe des Privatſtandes als ſein königlicher Bruder—“ „Böhmen gern ſeinen übrigen Beſitzungen zufügen möchte,—“ ergänzte Thurn. „Ihr verfahrt zu unlogiſch,“ bemerkte der Oberſt⸗ hofmeiſter lächelnd,„und ſtreicht die Mittelglieder des Schluſſes, ich wollte ſagen: ols ſein königlicher Bruder einen kräftigeren Nacken und, ohne Umſchweif zu reden, auch einen ſtärkeren Kopf mitbringt um den Druck einer Krone auszuhalten. Mathias i*ſt eben ſo leutſelig als der Kaiſer leutſcheu, ebenſo freudenvoll als der Kaiſer ſchwermüthig, ebenſo tapfer als der Kaiſer allen Waf⸗ fenübungen Feind, ebenſo adelsfreundlich als der Kaiſer tyranniſch und ebenſo duldſam, als der Kaiſer hart und unbeweglich. „Daß der König Mathias nach der böhmiſchen Krone trachtet, was ſoll ich es einem Manne gegenüber längnen, der das Alles von den Hofkirchen, Tſcher⸗ nembl, Loſenſtein, Pollheim, ebenſo gut, als ich von Sr. Gnaden, dem Erzbiſchof von Wien weiß? Nur der König iſt der natürliche Erbe Rudolf's, das Haupt der Familie, die Krone rückt daher nur ein klein Wenig frü⸗ her, als es im Laufe der Natur läge, auf einen anderen 88 Kopf. Machen wir, mein beſter Graf, daß dieſes Rücken auf ſo ruhige Weiſe als möglich geſchehe, erſparen wir dem Lande die Schrecken eines gewaltſamen Uebergan⸗ ges. Ich wenigſtens liebe dieſes Böhmen zu heiß, um es mit Mord und Brand zu erfüllen.“ Der Graf erwiderte: „Seid verſichert, ich liebe es noch heißer und ſeid noch verſicherterer, daß ich meinen Arm nicht erheben werde den König von Ungarn abzuhalten. Ich bin ein armer verfolgter Proteſtant, den man jüngſt erſt verrä⸗ theriſcher Weiſe überfallen und in einen öden finſteren Kerker ſchleppen wollte, ich bin ein geſchworener und offener Feind des baptiſtiſchen Regimentes, ein Geg⸗ ner der ſchleichenden Jeſuiten, ein Unzufriedener mit der Bedientenwirthſchaft und der Kammerdienerweisheit; ich glaube, daß Böhmen nicht unglückſeliger regiert ſein kann. Wäre ich Katholik, in Anſehen beim Kaiſer, durch ein Hofamt geehrt, durch das Vertrauen Sr. Ma⸗ jeſtät ausgezeichnet, ich würde,— Beſcheidenheit gebie⸗ thet mir dieſes Geſtändniß,— vielleicht mit nicht eben ſo unpartheiiſchem Blicke den Lauf der Dinge anſehen und nicht eben ſo durchgreifende Entſchlüſſe wie Euere Excellenz faſſen, übrigens ſind das Nebendinge und ich ſchlage gerne ein. Wer gleiche Zwecke verfolgt, mögen 89 die Beweggründe, welche immer ſein, der kann auf mein Bündniß zählen, und um Euch die Lauterkeit meiner Geſin⸗ nung deſto beſſer zu beweiſen, ſage ich Euch, der König iſt im Anzug.“ „Was Ihr da ſagt?“ Graf Thurn richtete einen ſo ſcharfen Blick auf den Oberſthofmeiſter, daß ſich dieſer gezwungen fühlte, ſeine Augen zu Boden zu ſenken, dann fuhr er mit leichter Ironie fort: „Excellenz, ſollte nicht der Nachricht von der Aus⸗ ſöhnung der katholiſchen und lutheriſchen Stände zu⸗ fällig auch eine Notiz von dem bevorſtehenden Heeres⸗ zuge des König beigelegen haben?“ 3 Liechtenſtein ſchüttelte den Kopf, Graf Thurn aber rief: „Schüttelt immerhin den Kopf, ich erkläre, daß ich kein Wort von all' dem glaube, was Ihr zu meiner Widerlegung vorbringen könnet. Wenn ein Mann wie Ihr in den Scharlachrock des Oberſthofmeiſters gekleidet, mit einer Gnadenkette geziert, offen herausſagt: Ich erkläre mich für Mathias, da kann dieſer Mathias mit ſeinem Heere nicht über eine Tagreiſe weit von Prag ent⸗ 7 fernt ſein.— Nein, läugnet nicht, Ihr ſeid zu klug, zu 90 ſehr Staatsmann, um einen ſolchen Schritt übereilt oder unüberlegt zu thun. Der Unterſchied zwiſchen mei⸗ ner und Euerer Nachricht läuft am Ende darauf hin⸗ aus, daß mir ein barfüſſiger Troßbube die Neuigkeit überbrachte und Euch ein reitender Cavalier, daß ich meine Neuigkeit gerade aus dem königlichen Kabinete empfing, während Ihr auf Umwegen durch Vermittlung des Herzogs von Braunſchweig und das Vertrauen des Kaiſers dazu gelangtet.“ „Und wenn Ihr Recht hättet, was dann?“ frug die Excellenz, nachdem ſie einige fruchtloſe Anſtrengungen gemacht hatte, den Grafen durch verſchiedene Grimaſſen von dem gefährlichen Wahn abzubringen. Graf Thurn verbeugte ſich und erwiederte: „Dann weiß ich nur um ſo beſtimmter, weshalb Sr. Majeſtät das Paſſauer Kriegsvolk zu entlaſſen und ſich mit der Zahlung des rückſtändigen Soldes von Seite der Stände zu begnügen gedenkt, dann weiß ich ferner, daß Se. Majeſtät den Sold aus eigenen Mitteln be⸗ richtigen und wenn noch ein Gran Weisheit in ſeinem Rathe herrſcht, dieſe Truppen gegen die Grenzen vor⸗ ſchieben wird.“ „Nein, das wird nicht geſchehen, darf nicht ge⸗ 91 ſchehen,“ rief der Oberſthofmeiſter lebhaft,„es ſoll kein Blut vergoſſen werden!“ „Oder die Stadt ſoll vielmehr,“ verſetzte der Ge⸗ nerallieutenant höhniſch,„nicht zu Athem kommen, weil ſich ſonſt doch noch ſo viele alte Freunde des Kaiſers finden dürften, um einen ernſten Widerſtand bereiten zu können. Ich bewundere Eueren Scharfſinn und gebe Euch mein Cavalierwort, daß ich Eueren Plan auf das Kräftigſte unterſtützen werde.“ „Gut, gut, vortrefflich!“ entgegnete die Excellenz, „Ich möchte Blutvergießen verhindern,— Ihr glaubt gar nicht, was für ein Feind von Gewaltthat ich bin— der Anblick eines Aderlaſſes verurſacht mir Ueblichkeiten und Ihr ſeht lieber die Paſſauer hier als an der Grenze, weil dadurch der feindſelige Sinn der Prager genährt wird.„C'est la môme chose“. Hier ſchwieg Liechtenſtein einen Augenblick, aber nur um gleich darauf auszurufen: „Wenn Ihr doch nur einen vertrauten Menſchen hättet, der ohne Verdacht auf ſich zu ziehen, die Verbin⸗ dung der Altſtadt mit der Kleinſeite erhalten könnte!“ „Einen vertrauten Menſchen ſucht Ihr?“ erwi⸗ derte der Generallieutenant. 92 „Da iſt er!“— Thurn öffnete die Thüre eines Brückenthurmes, vor welchem Jan Kafka ruhig auf einem wackelnden Tiſche ſitzend und mit den Füſſen ſchlenkernd eine rieſige Brotſchnitte zum Morgenimbiß verzehrte. Graf Lichtenſtein fixirte den Burſchen von oben bis unten und flüſterte leiſe: „Wie er von Pferdemiſt ſtinkt!“ „Ganz richtig“ verſetzte der General„das kommt daher, weil er keinen Diener bei ſich hatte, als Pferde⸗ junge Tag und Nacht hindurch ritt und um Verdacht zu vermeiden ſein Thier ſelbſt beſorgte, ich glaube— ich und Euere Excellenz würden an ſeiner Stelle auch nicht nach Roſen und Ambra duften.“ Der Oberſthofmeiſter rümpfte die Naſe, ſagte:„Eh bien!“ und drückte dem Burſchen ein Silberſtück in die Hand. Graf Thurn rief:„Bei Gott, ein ſolches Silber⸗ ſtück und hundert dergleichen ſind zu wenig, wir müſſen für den Burſchen mehr thun, wir, die Stadt, das Land, der König muß für ihn ſorgen. Erzherzog Leopold iſt ihm ein Pferd ſchuldig; billig daher, daß das Haupt der Familie die Schuld königlich begleiche.“ Lichtenſtein, der denken mochte, welche Tollheiten der Graf um eines Pferdejungen willen ſprach, ließ ſich 93 von ſolchen Gedanken nichts merken, ſondern preßte freundſchaftlich des Grafen Hand, ließ einen glänzen⸗ den Blick der Herablaſſung an dem Jungen niedergleiten und begab ſich in raſchem Trabe nach der Kleinſeite zurück. 5. Am darauffolgenden Morgen ſah man einen ält⸗ lichen Herrn von achtundvierzig bis fünfzig Jahren von einem einzigen Diener begleitet in das kaiſerliche Schloß am Hradſchin einreiten. Der Reiter war einfach gekleidet, trug einen grauen Lodenrock, wie ihn noch heut' zu Tage das Landvolk in Steiermark und Tyrol trägt, einen breitkrämpigen Hut mit einer Straußfeder, Stulpſtiefel an den Beinen und Stulphandſchuhe an den Händen. Unter dem Rock blitzte ein perlgraues Wams mit Silberſtickerei hervor. In den Halftern ſtacken ein Paar Reiterpiſtolen und an der Seite trug der Fremde einen Stoßdegen. Ueber das blaſſe, fein geſchnittene Geſicht des Rei⸗ ters verbreitete ſich ein Zug ſanfter Melancholie, der noch durch die von langen Wimpern halb verſchleierten Augen gehoben wurde. Der Mann wurde weder von der Thorwache noch von einem Burgtrabanten, noch ſelbſt von dem Kammerdiener Lang, der ſich vielmehr in ehr⸗ furchtsvoller Entfernung vor dem Aukömmling tief ver⸗ beugte, aufgehalten. Der Reiter ſtieg vom Pferde und eilte, ohne an irgend Jemanden eine Frage zu richten, gerade auf die Wohnzimmer des Kaiſers zu. Der dienſtthuende Kam⸗ merherr Graf Lodron hatte eben noch Zeit in die Kam⸗ mer des Kaiſers hinein zu rufen:„Sr. Durchlaucht der Herzog von Braunſchweig“, als der Reitersmanm auch bereits auf der Schwelle ſtand. Man kann aber nicht behaupten, daß die Majeſtät über den unerwarteten Beſuch des Herzogs entzückt war, eine ſolche Behauptung hätte der tiefe Seufzer, der ſich des Monarchen Bruſt entwand, Lügen geſtraft. Man konnte aber noch viel weniger ſagen, daß der Kaiſer über den raſchen Eintritt des Fremden empört geweſen wäre, das freundliche Lächeln und die ausge⸗ ſtreckte Rechte des Monarchen bewieſen das Gegentheil. Je länger der Herzog ſprach, deſto getröſteter fühlte ſich der Monarch über die läſtige Unterbrechung, deſto liebevoller wurde Rudolf's Benehmen, der ſeine Hand zwiſchen den Arm ſeines Gaſtes brachte und ſo mit ihm Arm in Arm das geräumige Zimmer durchwandelte. 96 Wer war dieſer Herzog von Braunſchweig, der an dem menſchenſcheuen Monarchen dieſes Wunder be⸗ wirkte? Eben derſelbe Herzog Heinrich Julius, der durch die unverbrüchliche Treue, die er gegen den ſchwachen, vielfach hintergangenen, von ſeinen nächſten Verwandten auf das blutigſte angefeindeten Kaiſer, in allen Lagen ſeines Lebens bewahrte, eine ausgezeichnete Stelle in der Geſchichte jener Zeit und beſonders des Erzhauſes Oeſterreich verdient.— Rudolf verkannte oftmals ſeine wahren Freunde und warf ſich nicht ſelten Betrügern und heimlichen Gegnern in die Arme, Rudolf ſchien etwas von dem Wahnſinne der Aeltermutter Johanna von Aragonien geerbt zu haben; dieſe ſtoßweiſen Anfälle von Trübſinu zerſtörten zuweilen das Erkenntnißvermögen des un⸗ glücklichen Fürſten, der in ſolchen Momenten auch weder Frreund noch Feind, weder Orthodoxie noch Ketzerei, we⸗ der finſtere Pfaffen noch aufgeklärte Prieſter von ein⸗ ander unterſchied; er glich dann einem unheimlichen Weſen, das eben gewiſſermaßen zum Glücke der Men⸗ ſchen die Einſamkeit ſucht. Alle dieſe Fehler hinderten nicht, daß Rudolf einige vortreffliche Anlagen beſaß, die freilich unter dem Wuſt von Aberglauben, Widerſinn und Menſchenhaß erſtickten; Rudolf war dankbar für eine 97 fröhliche Stunde, dankbar für ein angenehmes Geplau⸗ der, dankbar endlich für eine erprobte Freundſchaft, wie ſie Julius von Braunſchweig ſtets erwieſen. Dieſe Dankbarkeit bewirkte, daß ſich ſein Menſchenhaß nie auf den Herzog erſtreckte. Er ließ die Geſandten ſeiner Brü⸗ der, die Agenten der Churfürſten, die Botſchafter von Spanien nnd Frankreich, England und Dänemark, ſelbſt den päpſtlichen Nuntius Monathe lang vor ſeiner Thüre warten, er zog den einflußreichſten Cavalieren Böhmens einen beſcheidenen Handwerker, einen Maler— bisweilen auch einen Beutelſchneider vor, er verbarg ſich nicht ſel⸗ ten wie die morgenländiſchen Könige halbe Jahre lang in den inneren Räumen ſeines Prager⸗Schloſſes, nur Julius von Braunſchweig war ſtets willkommen, wurde ſtets liebevoll empfangen, ſtets mit Beweiſen kaiſerlicher Gewogenheit überhäuft, Julius von Braunſchweig war der Einzige, der dem Kaiſer ſtets in ſeiner Gemüths⸗ krankheit furchtlos nahen durfte, ihn traf der Ausbruch blutigen Jähzornes nie und nimmer. Der Herzog hatte dieſer unhemlichen Wuth mehr als ein Menſchenleben, mehr als eine Frauenehre entrißen. Auch jetzt hing der Kaiſer, der ſeines kranken Bei⸗ nes willen, den Fuß etwas nachzog, am Arme des Her⸗ zogs und klagte ihm des Bruders Uudank, der Vettern erbſchleicheriſches Weſen, des utraquiſtiſchen Adels böſe 7 Die Paſſauer in Prag. II. 98 Stimmung, ſein Fußleiden, den Ungeſtüm des Paſſauer Biſchofes, die Mißhandlung ſeines geliebten Lang, mit einem Worte Rudolf ſchüttete gegen den getreuen Braun⸗ ſchweiger ſein Herz ſo naiv und rückhaltslos aus, wie ein ſechszehnjähriges Mädchen gegen den Liebhaber. Je mehr der Kaiſer klagte, deſto finſterer wurden die Geſichtszüge des Herzogs; man ſah es ihm an, er litt unter den Mittheilungen des Monarchen. Rudolf erwartete von ihm Billigung, Rath, Hülfe— er konnte aber weder billigen, noch rathen, noch helfen. Herzog Julius war ein gerader, deutſcher Mann, der, wiewohl ſelbſt Proteſtant, an ſeinem Herrn und Kaiſer ſo ſtarr und feſt hielt, daß er vielleicht eher ſeine religiöſe als politiſche Ueberzeugung aufgegeben hätte. Als Staatsmann übertrafen ihn Wenige an Einſicht, Niemand aber an Fleiß und raſtloſer Thätigkeit. Die von ihm hinterlaſſenen Staatsſchriften ſind noch jetzt laut redende Zeugen der Rechtlichkeit und des loyalen Eifers, die jede ſeiner Handlungen auszeichneten. Herzog Julius ſeufzte laut auf, als ihm der Kaiſer die lange Reihe von Mißgriffen entwickelt hatte, die in möglichſt kurzer Zeit begangen worden. Rudolf ſagte: „Und auch jetzt, obgleich Mathias droht, mich auf dem Hradſchin mit Heeresmacht heimzuſuchen, habe ich 99 durchaus nicht Luſt, den letzten Stab, den ich beſitze, von mir zu werfen und mich zum unterthänigſten Diener meines rebelliſchen Bruders zu erklären. Nein, Euer Liebden, wir ſind noch Kaiſer und gedenken als Kaiſer zu ſterben.“ „Indeß bleibt es doch wahr,“ erwiederte der Prinz, „daß der König mit einem großen Heere heranzieht—“ „Wir werden uns bis auf den letzten Mann ver⸗ theidigen.“ „Und des Königreiches verluſtig gehen—.“ „Die Böhmen halten zu mir.“ „Seid Ihr deſſen ſo gewiß?“ „Zu wem ſollten ſie denn halten?“ „Vielleicht zu Mathias.“ „Hat er ihnen den Majeſtätsbrief verliehen?“ „Nein, er wird ihnen denſelben beſtättigen.“ „Als ob Schenken nicht mehr wäre als Laſſen.“ „Ach mein Gott, was geſchenkt iſt, gehört der Ver⸗ gangenheit an.“ „So läugnet Ihr die Pflicht der Dankbarkeit?“ „Die Pflicht? Gott behüthe, daß ich ſie läugnete, die Dankbarkeit dagegen läugne ich allerdings.“ „Ihr verläumdet meine guten Prager.“ „Die Ihr dem Wolfe Ramée zur ergötzlichen Speiſe vorgeſetzt habet.“ 7* 100 „Ich hätte das gethan?“ „Iſt das Paſſauer Kriegsvolk gegen den ausdrück⸗ lichen Befehl Eurer Majeſtät in Prag?“ „O, das war ein ſonderbarer Handel, ich ſchickte einen Herold an meinen Better den Erzherzog und ließ ihm den Eintritt in die Stadt verbiethen; ich that es widerwillig, aber der bärbeißige Cardinal zwang mich dazu.— Was geſchah nun? Der Herold eröffnete meinen Auftrag dem Ramse, ſtatt dem Erzherzoge. Leo⸗ pold als oberſter Befehlshaber kümmert ſich des Teufels um die von Ramée empfangene Ordre, ſchreit„Vor⸗ wärts!“ und da waren ſie nun.“ „Mir kommt dieſer Handel wie vorher abgemacht vor.“ „Habe mir's auch ſchon gedacht und meinem Vet⸗ ter im Geiſte meine ſchönſten Complimente gemacht.“ „Für ſeinen Ungehorſam?“ „Zur rechten Zeit.“ „Aber am unrechten Orte.“ „Wie ſo am unrechten Orte?“ „Ich wünſchte, Se. Durchlaucht wäre lieber Eue⸗ rer Majeſtät damals ungehorſam geweſen, als Mathias noch kein Heer beiſammen hatte und die Hageriſchen Reiter allein die ganze Grenze gegen Oeſterreich verthei⸗ digten. Wäre der Erzherzog damals gegen Euerer Maje⸗ 101 ſtät Abmahnung mit ſeinem Kriegsvolke über Ober⸗ und Unteröſterreich hergefallen, während die Böhmen von Norden aus eingedrungen, ſo ſtünden wir jetzt in Wien und dictirten dem ungariſchen Könige Geſetze, während er ſie nun binnen vier⸗ und zwanzig Stunden hier dic⸗ tiren wird.“ „Zu dictiren verſuchen wird,“ verbeſſerte der Kaiſer. „Nein, nein, er wird nicht erſt verſuchen, Euerer Majeſtät Wolf, Ramée, hat das Wild aufgeſcheucht und dem Feinde entgegen getrieben. Wir werden unſeren Lock⸗ ruf vergebens erſchallen laſſen, man kennt die Stimme ſchon. Böhmen iſt verloren, wie König Mathias nach Prag kommt, ſich die Krone zu holen.“ „Euer Liebden ſieht ſchwarz.“ „Schwarz und richtig zugleich.“ „Was erübriget zu thun?“ „Ich fürchte, aufrichtig geſagt, daß nicht mehr viel zu thun übrig bleibt, indeß kann man einen Verſuch machen.“ „Womit?“ „Das Kriegsvolk ſo ſchleunig als möglich zu ent⸗ laſſen.“ „Das Kriegsvolk, das wir mit ſo viel Müh' und Koſten geworben.“ 102 „Und ſo ſchlecht verwendet haben,“ ergänzte der Herzog traurig. „O, wir können ſie noch nützlich genug verwenden; es bleiben uns, wie Ihr ſelbſt geſteht, zum mindeſten noch vier und zwanzig Stunden. Binnen vier und zwanzig Stunden iſt die Altſtadt über und die Solda⸗ ten bis auf den letzten Pfennig bezahlt.“ „Ich ahne.“ „Nun, es freut mich, wenn Euer Liebden ahnt! Mein Vetter Leopold wäre glücklich, wenn ich ihm die Eroberung der Prager⸗Städte geſtattete. Erlaube ich den Kriegsknechten zu plündern, ſo tragen ſie mich auf den Händen und ſtehen von jeder Soldforderung ab. Haben wir uns nun aber von dem widerſpänſtigen Geſindel befreit und ſind in Wahrheit Herren der Stadt, dann mag unſer durchlauchtigſter Bruder kommen, die Köpfe ſolcher Rebellen, wie Thurn,— Vetter Leopold bezeich⸗ net ihn als einen der Hauptaufwiegler,— Colonna und Schlick werden ihn von den Brücken⸗ und Stadtthürmen aus als alte Bekannte begrüßen, ihr Grinſen mag ihm ſagen, wo eigentlich die Stelle für ſeinen Schädel ſein ſollte.— „Ich glaube wahrhaftig, wenn mein liebenswürdi⸗ ger Bruder die Köpfe ſeiner Lieblinge von Raubvögeln angefreſſen und von der Todesangſt noch verzerrt er⸗ 103 blickt, ſo macht er Rechtsum. Sollte ihn aber dennoch die Luſt anwandeln, ſich an den Stadtwällen die Zähne auszubeiſſen, ſo werden wohl die ſo reich belohnten Paſſauer⸗Knechte ihr Beſtes thun, um wenn nicht ih⸗ ren Kaiſer, ſo doch Thre Reichthümer zu erhalten.“ So weit der Monarch; Herzog Julius aber rief: „O somnia vigilantium!“ O Träume wachender Sterblicher! Ich will nicht davon reden, daß der Un⸗ terbau des ganzen Gebäudes tief in Blut ſteht, daß ſich das Gewimmer Sterbender, der Jammer elternloſer Waiſen, die Verzweiflung geſchändeter Frauen, zu ei⸗ nem furchtbaren Fluch einigt, zu einem einzigen Rache⸗ gedanken, zu einem letzten Gebet, das den Zorn Got⸗ tes herab ruft, ich will über dieſes Meer von Blut und Verbrechen feſten Fußes hinwegſchreiten und nur das Eine fragen: „Wie wenn die Altſtadt binnen vier und zwanzig Stunden nicht über iſt? Oder wenn man ſich nach vier und zwanzig Stunden noch in den Straßen und Gaſ⸗ ſen der Stadt herum ſchlägt? Wie wenn ſelbſt die Er⸗ oberung gelänge und König Mathias die Söhne der erſchlagenen Väter, die Brüder der entehrten Jung⸗ frauen und die Freier der hingemordeten Bräute zur Rache aufriefe? Wie wenn das ganze Land aufſtünde, um die blutigen Gräuel an ihren Urhebern zu ſtrafen? 104 Würde der Ueberreſt des Kriegsvolkes, da doch Viele die Eroberung kaum überleben dürften, hinreichen, Prag gegen den anziehenden Befreier zu vertheidigen?“ Der Kaiſer erwiderte, ſich nur gewaltſam bezwin⸗ gend: „Wer Euer Liebden nicht ſo gut kennte, wie ich, müßte glauben, daß Ihr der größte Lobredner des Mathias und der Empörer ſeid. Ihr nennt ihn Be⸗ freier und wiſſet doch, wie herzlich ihm alle Freiheit, vor Allem aber die Religionsfreiheit, verhaßt iſt.“ „Ich nenne ihn Befreier, wenn er nach ſo blu⸗ tigen Scenen, wie ſie Euere Majeſtät in Ausſicht ſtellen, als Befreier erſchiene; wenn er heute, wenn er jetzt kommt, iſt er in meinen Augen nichts als ein vom Glück begünſtigter Rebell. Ich beſchwöre darum Euere Majeſtät, den revolutionären Unternehmungen des durchlauchtigſten Bruders jeden Anhaltspunkt zu entziehen und jenes Kriegsvolk zu entlaſſen, deſſen Hieherkunft ich als die Quelle aller Uebel betrachte, die Euere Majeſtät im Augenblick bedrohen und in der Folge noch erreichen können!“ „Was verſteht Euer Liebden unter den gedachten Uebeln?“ „Wer weiß nicht, daß der König von Ungarn nach Allem ſtrebt, was ſeine Macht und Herrſchaft 105 vermehren kann, jeder Mißgriff der kaiſerlichen Regie⸗ rung bereitet dem König einen Feſttag, jeder Beweis von Volksliebe, den Euere Majeſtät empfangen, ſchmerzt ihn tief und leider— leider hat der König an dieſer letz⸗ teren Art Schmerzen nur mäßig zu leiden!“ „So meint Ihr, daß ſelbſt Prag, das ich zum Mittelpunkt aller friedlichen Künſte des Reiches ge⸗ macht und zur Nebenbuhlerin von Rom, Florenz und Mailand umgeſchaffen habe, ſo glaubt Ihr alſo, daß jenes von mir heiß geliebte, meinem Herzen ſo theuere Prag, von mir abfallen, ſeinen Herrn und Gebieter verlaſſen könnte?“ „Aber die Intoleranz.“ „Aber der Majeſtätsbrief.“ „Aber das Paſſauer Kriegsvolk.“ „Aber die unzähligen Wohlthaten, womit ich die Stadt überhäuft habe.“ „Die durch eine Plünderung zehn für einmal aus dem Gedächtniße der Bewohner verloſcht würden.“ „Man ſoll nicht plündern!“ „Euer Majeſtät verſpricht es?“ „Ich verſpreche es.“ „So wird man ſtürmen, ohne Erlaubniß zu plün⸗ dern, was auf dasſelbe hinausläuft. 106 „Man ſoll auch nicht ſtürmen!“ „Eure Majeſtät wird alſo das fremde Kriegs⸗ volk entfernen?“ „Ich werde es aus der Stadt zurückziehen.“ „Sagt aus dem Lande.“ „Kann ſich Prag beſchweren, wenn ich der Kai⸗ ſer und König irgendwo in ſo unruhiger Zeit eine Handvoll Leute ſammle um meine Feinde abzuwehren 94 „Es ſollte freilich nicht, und doch wird Prag erſt zur vollkommenen Zufriedenheit zurückkehren, wenn es ſich von der gänzlichen Entfernung des Kriegsvolkes überzeugt hätte.“ „Geſteht, was Ihr da ſagt iſt nicht Euere per⸗ ſönliche Meinung? Denn woher vermöchtet Ihr die Stimmung von Prag ſo genau zu kennen?“ „Ich glaube Euere Majeſtät iſt in ſo ferne im Irrthum, als ich mir die Stimmung der Stadt unter den gegenwärtigen Umſtänden recht wohl vorſtellen kann und ſelbſt eine Stadt mein nenne, die nicht zu den Zufriedenſten Deutſchlands zählt, übrigens leugne ich nicht, daß mir der Cardinal die Lage der Dinge düſter genug ausmahlte, zugleich verſichere ich Euere Maje⸗ ſtät, daß Dietrichſtein die Perle Ihres Cabinetes und Reiches iſt.“ 107 Rudolf ſchaute dem Herzog in's Geſicht und er⸗ widerte verdroſſen: „Ich kann die Menſchen nicht leiden, welche mich der Mühe des Denkens und, wenn es anginge, ſelbſt des Regierens überheben möchten, ich werde deßhalb die Truppen, als Merkmal meiner Freundſchaft für Euer Liebden, aus Prag entfernen, aus Böhmen aber nie. Wenn ich meinem Bruder weichen muß, ſoll es nur mit den Waffen in der Hand geſchehen. Was habe ich durch meine Nachgiebigkeit vor zwei Jahren er⸗ reicht? Daß mein rebelliſcher Bruder, nachdem er ſich eine Krone nach der Anderen geholt, ſich nah't um mir die Letzte vom Haupte zu reißen. Aber nein! er ſoll es nicht, und müßte ich ihn mit eigenen Händen erwürgen.“ Rudolf ſprach dieß in ſo großer Aufregung, daß Lang, welcher den Kaiſer ſo laut reden hörte auf der Schwelle erſchien. Der Monarch beachtete die Gegen⸗ wart des Kammerdieners nicht und fuhr fort: „Ich will Gewalt mit Gewalt vertreiben und ſollte ich darüber unter den Trümmern meiner Kaiſer⸗ burg begraben werden.“ Der Herzog, welcher einſah, daß Gefahr im Verzuge und der Kaiſer keinerlei Gründen zugängig ſei, ließ ſich, nachdem er ſich überzeugt, daß Lang 108 ſeinen Platz verlaſſen habe, vor Rudolf auf ein Knie nieder und rief: „Mir, Euere Majeſtät, nicht dem Dietrichſtein, ge⸗ bühren alle Vorwürfe, mir, der ich auf Entfernung der Truppen aus dem Lande beharre, mir, der nicht früher den Saal verlaſſen wird, bis die Entlaſſung des Kriegsvolkes bewilligt iſt. „Es iſt nicht Prag, es iſt der Kaiſer den ich ret⸗ ten will; nicht die Stadt, ſondern der Monarch für den ich meine Fürbitte einlege.“ Rudolf konnte nicht ohne Rührung den langjäh⸗ rigen, ſtets treu befundenen, Freund zu ſeinen Füſſen ſehen, er verſuchte ihn aufzuheben und ſtellte ſich un— willig, nichts half, der Herzog wiederholte immer auf’'s Neue: „Nicht eher bis Euere Majeſtät in die gänzliche Entfernung des Kriegsvolkes gewilligt haben!“ Der Kaiſer, dem die Lage mit jeder Secunde peinlicher wurde, hätte vielleicht ſeinen prächtigſten „Caracci“ darum gegeben, wenn der raſche Eintritt des Kammerdieners dieſer Scene ein Ende gemacht hätte, und Philipp Lang war doch nahe, dem Kaiſer faſt mit den Händen erreichbar, er lauſchte ja hinter der nicht feſt klappenden Thüre, er lauſchte und froh⸗ lockte über den Schabernack, welcher Herrn Ramée und 109 Sr. Durchlaucht dem Erzherzoge geſpielt werden ſollte. Lang war kein beſonderer Freund des Herzog's, vielleicht ſchon darum nicht, weil Julius von Braunſchweig zu den geradeſten und ehrenhafteſten Characteren ſeiner Zeit gehörte, aber in dieſem Angenblick hätte er den ſtrengen melancholiſchen Herrn umarmen und küſſen mögen. Philipp Lang klaſchte ganz leiſe in die Hände und rief eben ſo leiſe:„Bravo Herr Herzog!“ während der Kaiſer in namenloſer Verlegenheit zu dem noch immer knieenden Fürſten ſagte: „Was ſoll das heißen Herzog?! Ich bitte Euer Liebden dieſen Platz, der weit eher meinem ſchlimmen Bruder Mathias geziemte, zu verlaſſen.“ Dann wandte ſich der Kaiſer verwirrt von dem Knieenden ab, und ſagre zu ſich ſelbſt, aber laut: „Hol' mich der Teufel, wenn ich mich da aus⸗ kenne!“ und nach einer Pauſe.„Nun ich will das ganze Geſindel fortſchicken, aber ſteht nur um Himmelswillen auf.“ Der Herzog frug ohne ſich von der Stelle zu rüh⸗ en:„Ganz weg aus dem Lande?“ „Meinethalber aus Prag, aus Böhmen, aus allen Erblanden aber ſteht auf.“ 110 Der Herzog erfüllte nun den ſehnſüchtigen Wunſch des Monarchen, und erhob ſich. „Ach warum konntet Ihr nicht mein Bruder ſein!“ rief der Kaiſer gerührt aus,„wir würden vereint den Türken aus Ungarn herausgeſchlagen haben.“ „Euere Majeſtät waren gegen mich ſtets freund⸗ lich geſinnt“ erwiderte der Herzog,„folglich kann ich mich über keinen neuen Beweis des kaiſerlichen Zu⸗ trauens mehr wundern.“ „O wundere Dich Julius, wundere Dich immer⸗ hin,“ verſetzte der unglückliche Fürſt„mir graut ſchon ſo vor Allem, was Menſch heißt, daß ich nicht mehr geglaubt hätte, für irgend Jemanden ob Herzog oder Bettler, noch einen Funken von Theilnahme oder Liebe zu empfinden.“ Der Herzog beugte ſich nieder und drückte die Hand des Monarchen an ſeine Lippen. Der Kaiſer war den ganzen übrigen Tag ſo weh⸗ müthig geſtimmt, daß beſtändig Thränen in ſeinen Au⸗ gen ſtanden, der Cardinal betrachtete dieſe feuchten Zeugniſſe der Rührung mit freudiger Zuverſicht, Graf Liechtenſtein mit aufdämmerndem Argwohn, die unge⸗ zügelte Schadenfreude Lang's lüftete voreilig den Schleier. Der Kammerdiener äußerte noch am Abend desſelben Tages boshaft gegen Herrn von Tennagl, daß 111 er ihm glückliche Reiſe wünſche. Der geheime Rath des Erzherzog's drang, durch den Wunſch des Kammerdie⸗ dieners überraſcht, auf nähere Erklärung, welche Nie⸗ mand bereitwilliger zu ertheilen war, als Herr Lang oder vielmehr Herr von Lang. Er ſagte dem geheimen Rath mit ſtoiſcher Ruhe alle erdenklichen Unarten in's Geſicht, nannte das Paſſauer Kriegsvolk eine Räuber⸗ bande, den Ramée Räuberhauptmann, den Erzher⸗ zog einen armen betrogenen Mann, der Ruhm, Ehre und Reputation nutzlos in die Schanze geſchlagen und nun leichter abziehen müſſe, als er gekommen. Ramée’s Dazwiſchenkunft, der eben eintrat, als der Kammerdiener in Hitze gerathen war, begeiſterte den Redner zu den kühnſten Ausdrücken und lebhafte⸗ ſten Bildern, er zeichnete ſo einen Paſſauer Galgen⸗ ſtrick nach der Natur und zufällig dem Oberſten Ra⸗ mée zum Sprechen ähnlich.„Nichts ſcheut dieſe Bar⸗ barenhorde,“ klagte der Kammerdiener,„nicht den ſchlechten Ruf und nicht den Fluch der Bevölkerung—“ das hätte Lang am wenigſten bemerken ſollen, da er ganz des gleichen Leumundes genoß, nichts zu ſcheuen, —„ihre Hauptleute verdienten durch die Bank enthaup⸗ tet zu werden und ihre Oberſten zu Oberſt zu hangen, die Anführer führen den Kaiſer an, und die Hackenſchü⸗ 112 tzen ſchützen nur ihre Hacken, um ſo ſchnell als möglich Reißaus zu nehmen. Was iſt an ſo einem Führer, deſ⸗ ſen rother Kopf Scheuer und Stadel in Brand zu ſe⸗ tzen droht, während das griesgrämige Geſicht Bauch⸗ grimmen verurſacht und der inſolente Ton ſeiner Stimme unſeren Arm in's Zucken bringt?— er läuft wo es Streiche hagelt und bindet lieber mit wehrloſen Mäd⸗ chen an, er zieht einen Stecken dem Schwert vor und bettelt lieber als er gibt, iſt es da noch ein Wunder, wenn der Kaiſer die Geduld verliert und ſo eine Sol⸗ dateska hinwünſcht, wo der Pfeffer wächſt? Iſt da et⸗ was zu erſtaunen, wenn er die Schlingel ſammt und ſonders mit Schimpf und Schande zurück ſchickt? „Es bedurfte nur eines kleinen unbedeutenden An⸗ ſtoßes um die Frage zur Entſcheidung zu bringen und dieſen Anſtoß hat Einer gegeben, der bei Sr. Majeſtät mehr gilt als alle ſieben Churfürſten zuſammen, mehr als die ganze kaiſerliche Vetterſchaft und der heilige Va⸗ ter in Perſon.— Ei was ſchaut ihr mich ſo zornig an Herr Obriſt, als ob ihr mich zum Gabelfrühſtück oder Abendmal verzehren wolltet, kann ich etwa dafür, daß Sr. Durchlaucht der Herzog Julius ſo warm für Eure Entfernung geſprochen hat?— Ja der Herzog von Braunſchweig iſt der wahre Schutzgeiſt des Kaiſers!“— 113 Lang mochte aber in der Regel ſelbſt von dieſem Schutzgeiſt nichts wiſſen—„man kann ſagen, er habe Böhmen von einer der großen Plagen, wie ſie im Buche Moſis angedeutet ſind, befreit.“ „Da Kerl!“ ſagte der entrüſtete Ramée,„da haſt Du eine Plage, wie ſie meines geringen Wiſſens im Buche Moſis nicht verzeichnet iſt!—“ und verſetzte dem Kammerdiener einen Fauſtſchlag in's Geſicht, daß ein Fetzen Haut an der wuchtigen Hand des Obriſten hän⸗ gen blieb. Dem Kammerdiener entfuhr ein kurzer Schrei, er brachte ſein Tuch an die blutende Wange und eilte mit den Worten, die er mehr ziſchte als ſprach: „Mich könnt ihr ſchlagen, mit Füſſen treten, aber ſchlagt doch den Herzog, tretet ihn mit Füſſen!“ zur Thüre hinaus. Ramée, deſſen Mund vor Wuth ſchäumte, ver⸗ maß ſich hoch und theuer, daß der Herzog ſeine Ein⸗ miſchung bereuen ſolle.„Ja ich will ihn ſchlagen,“ rief er,„nur ſoll der Schlag, wie ein Blitz auf ihn nieder⸗ zucken deſſen Urheber der Menſch vergebens ſucht; ja ich will ihn ſchlagen, auf's Haupt ſchlagen, bis zur Vernichtung ſchlagen und Niemand ſoll auftreten und ſprechen können, das war Ramée's Hand.“ Nachdem dieſer Wuthausbruch vorüber war, ſchien Die Paſſauer in Prag. II. 8 114 der Obriſt ſeine Mittheilſamkeit gegen Tennagl zu be⸗ reuen, bemühte ſich zu lächeln, ſagte dann, ſich die Schweißperlen von der Stirne ſtreifend: „Redet man doch etwas zuſammen, wenn einem der Zorn überkömmt!“ Tennagl machte Miene, als ob er ſich der Aeuße⸗ rungen Ramée's gar nicht mehr erinnerte; nickte mit dem Kopfe und ſagte: „Geht mir in Augenblicken großer Aufregung um kein Haar beſſer.“ „Dachte mir's gleich,“ verſetzte der Obriſt,„es iſt das eine Eigenthümlichkeit aller guten Leute.“ Tennagl war zwar der Anſicht, daß Ramée, dann die vorzüglichſte Ausnahme, der von ihm ſelbſt aufge⸗ ſtellten Regel bilde, nickte aber wieder und ſah nach der Uhr; als der Obriſt dieſe Bewegung bemerkte, warf er gleicher Weiſe einen Blick nach dem Zifferblatte und ſprang mit den Worten: „Teufel! Teufel! Vier Uhr und mein Magen leer wie ein geplündertes Haus, lebt wohl, beſter Tennagl!“ vom Sitz empor, rannte fort, aber nicht heimwärts, ſon⸗ dern ſpornſtreichs zum Oberſthofmeiſter des Kaiſers, um ſich Sicherheit zu verſchaffen, da er bei dem Haße des 115 Kammerdieners eine Myſtification für möglich hielt, zu⸗ gleich wollte er dem Mißhandelten zuvorkommen und ſein gutes Recht zur Beohrfeigung des Kammerdieners erweiſen, ehe Lang noch Gelegenheit hätte, ſeine Klage anzubringen. 8* 6. Am folgenden Morgen war Herzog Heinrich Ju⸗ lius von Braunſchweig, noch ehe es tagte, von Tennagl gewarnt, mit Zurücklaſſung eines Briefes an Se. Ma⸗ jeſtät den Kaiſer, nach Znaym, wo ſich das Hauptquar⸗ tier des Königs Mathias befand, entflohen, oder, wie Lang ſagte, abgereiſt.. Das Schreiben an die kaiſerliche Majeſtät enthielt eine peinliche Schilderung aller Mühen und Gefahren, denen ſich der Prinz in Anſehuug des Paſſauer Kriegs⸗ volkes bereits ausgeſetzt, ſo wie die Klage, daß man ihn Monate lang von Seite des kaiſerlichen Hofes zum Beſten gehalten, Auszahlung des rückſtändigen Soldes zugeſagt, und nie Geld geſchickt habe. Der Prinz malte die Scene auf der Donaubrücke von Paſſau, wo die Kriegsknechte auf ihn anſchlugen, wie tauſend Gewehr⸗ läufe auf ihn gerichtet waren, da er ſich für die püukt⸗ 117 liche Auszahlung verbürgt habe, ohne, daß er doch ſeine Zuſage aus Schuld des Hofes löſen konnte, lebhaft aus. Mit bewegten Worten, erinnerte er den Kaiſer, daß er ſelbſt aus uneigennütziger Anhänglichkeit an das Kaiſerhaus hunderttauſend Thaler von ſeinen eigenen Einkünften zur Bezahlung des Kriegsvolkes vorgeſtreckt und noch immer nicht zurück erhalten habe.„Sollte ich,“ ſchloß er,„hier noch abwarten bis mir einer der Schurken, welche das Netz über Eurer Majeſtät Haupt immer enger zuſammen zu ziehen ſtreben, das Lebenslicht ausbläſt? Es iſt mir zu Ohren gekommen, daß mir die Paſſauer, da ich an ihrem Abzuge Schuld bin, Tod und Verderben geſchwo⸗ ren haben, ich habe der Welt hundertmal gezeigt, daß es mir nicht an Muth gebricht, dennoch trage ich gerechtes Bedenken, ob es vernünftig ſei, Meuchelmördern blind in die Arme zu rennen, ich begebe mich deßhalb nach Znaym und hoffe dort für Enerer Majeſtät Nutz und Frommen viel mehr wirken zu können als in einer Stadt, wo der Kaiſer mit eben ſo vielen Landesverräthern als aufrichtigen Freunden umgeben iſt.“ Der Kaiſer ſchien über die Entfernung des Herzogs ungemein verdrießlich, dennoch arbeitete er, ganz gegen ſeine Gewohnheit zwei volle Stunden mit Haniwald, Hegemüller und Barvitius. Nach dieſen zwei Stunden wurde der Abzugsbe⸗ 118 fehl veröffentlicht und der Soldateska durch den Reichs⸗ pfennigmeiſter Welzer eine Abſchlagzahlung von drei⸗ malhunderttauſend Gulden geleiſtet. Seit Rudolf's letz⸗ ter Unterredung hatte ſich plötzlich jene Summe gefun⸗ den, welche die kaiſerlichen Räthe ſeit einem Vierteljahre jeden Tag mindeſtens einmal ſchworen, nicht herbei⸗ ſchaffen zu können. Man hatte gar nicht weit ſuchen dürfen, im Schatzgewölbe lag weitaus über eine Million an gemünztem Gelde, während außerdem ein märchen⸗ hafter Reichthum an Goldſtangen und Silberbarren ſeiner Verwendung entgegen ſah. Trotz des vielen Goldes und Silbers ſetzte man den Kopf des ehrlichen Herzog's auf der Paſſauer Brücke der ernſteſten Gefahr aus. Die Paſſauer erhielten Befehl zum Abzug von Prag— aber nicht aus dem Königreich, wie Heinrich Julius gewünſcht hatte. Die unglücklichen Rathgeber des Monarchen glaubten ſich bei den bevorſtehenden Unterhandlungen mit Mathias, dem bereits Cardinal Dietrichſtein ent⸗ gegen geſandt worden war, um ihn, wenn möglich zur Umkehr zu bewegen, durch das Armeecorps des Erzherzogs einen Rückhalt zu bildeu nnd ihren Wün⸗ ſchen Nachdruck zu verſchaffen. Dieſe unſeligen Männer waren der Anſicht, ein 119 tüchtiges Armeecorps in einem nicht zu fernen Winkel des Landes, und nahe genug an den feindlichen Gren⸗ zen aufgeſtellt, müſſe den glücklichen Erfolg der Unter⸗ handlungen verbürgen. Der Erzherzog wußte dieſe Meinung der Räthe ſo nachhältig zu unterſtützen, daß ſich Rudolf entſchloß, den Abzug nach Budweis anzubefehlen. Die Marſch⸗ ordre ſollte geheim gehalten werden. Ramée vermaß ſich laut und unvorſichtig binnen vierzehn Tagen wiederzukehren und die Stadt an al⸗ len vier Ecken anzuzünden. Die Prager wußten alſo, daß das Paſſauer Kriegsvolk abziehen würde, nur in der Stunde irrten ſie ſich, und zwar deßhalb, weil ſie dem Kriegsober⸗ ſten ſelbſt erſt unmittelbar von dem Abmarſch mitgetheilt wurde. Das Kriegsvolk trat in drei Gewalthaufen— wie ſich gleichzeitige Chronikanten ausdrücken— ge⸗ theilt ihren Abzug ſo ſtill, geheimnißvoll und ruhig an, daß erſt die verlaſſenen Wälle der Kleinſeite die Pra⸗ ger überzeugten, daß das erwartete Ereigniß bereits in Vollzug geſetzt ſei. Den erſten Haufen führte der Oberſtlieutenant des Feldmarſchalls Althan, Lazarus von Schwendi, den Zweiten der Graf von Sulz in eigener Perſon, und 120 den Dritten Alber der Oberſtlieutenant Ramée's, der Oberſt ſelbſt führte den Nachtrab und verließ der Letzte die Stadt. Der Erzherzog hatte noch in derſelben Nacht, da der Beſchluß des Abzuges gefaßt wurde, mit dem Oberſten von Trautmannsdorf in einer Kutſche die Stadt verlaſſen.— So kam der Morgen und die Kunde des Abmar⸗ ſches, Trompeten klangen, Trommel wirbelten durch alle Gaſſen und Straſſen der Alt- und Neuſtadt und riefen die Bürger zu den Waffen. Dieſe Trompeten⸗ ſtöße hatten nichts Beängſtigendes, dieſe Wirbel nichts Beunruhigendes, die Bürger griffen wohl nach ihren Schwertern und Streitäxten, aber ihre Frauen und Kinder zagten nicht, es gab kein rührendes Abſchied⸗ nehmen, kein Schluchzen und Weinen— höchſtens eine kleine Aufmunterung, einen Ausruf des Vergnügens, der Schadenfreude, eine Mahnung an den bisherigen Drän⸗ gern, Rache zu üben. „Schlagt ſie nieder,“ rief die Bräuerin am Bor⸗ ſchitz ihrem Manne und den Brauknechten zu, die ſich zum Auszug rüſteten;„ſchlagt ſie nieder die Paſſauer'⸗ ſchen Schweine, die ſich mit unſerem Blute gemäſtet.“ „Man ſagt, daß jeder Kriegsknecht die Finger voll Ringe von Prag weg zieht,“ bemerkte die vierzehn⸗ 121 jährige Tochter des Kaufmann's Simeon Schuſchitzky, gegen ihren Vater,„bring mir ein einzig Ringlein— doch nein, bringe mir zwei, Eines für mich und das An⸗ dere für den Kutnaur, von dem Du ſagſt, daß er ein ſo guter Menſch ſei.“ „Geh' mein Sohn,“ ſagte der fünfundſiebenzig⸗ jährige Ritter von Kaplirz zu ſeinem Sohn;„geh' mit Gott und ſchlage dieſe Baalsdiener, wo Du ſie an⸗ triffſt; ihr Blut für unſer Blut, ihre Köpfe für un⸗ ſere Köpfe, ſo ſteht es in der heiligen Schrift.“ „Fort mein Freund,“ rief der Friſeur Widtmann ſeinem Neffen Michael Widtmann zu,„Du biſt ſonſt ein leidenſchaftlicher Jäger, ſo eine ſchöne Jagd wie heute, wirſt Du Zeit Lebens nicht mehr haben, zwölf⸗ tauſend Haſen und nur ein Paar hundert Schützen, welcher Genuß!“ Am Leonardiplatz wimmelte es von Officieren und Ordonnanzen, Bürgern und Edelleuten. Vor dem Hauſe zum ſteinernen Röſſel hielt ein Mann drei Reitpferde am Zaum, um dieſe Pferde ſtand gewiß die halbe Plattnergaſſe verſammelt und gaffte die hübſchen, wohl aufgezäumten Thiere an. Juden aus der benachbarten Judenſtadt, Schmiedegeſellen, Bäckerknechte und Höcke⸗ rinnen ſtritten ſich um den Werth der Thiere, um das Alter des Grafen Thurn, um den Preis, den die Frau, 122 Hummel für ihr ſcharlachrothes Feiertagskleid bezahlt, um die Haarfarbe Petronilla's und ob Sabine einen größeren oder kleineren Fuß als Schuſchitzky's Agnes habe. Eine halbe Stunde ſpäter öffnete ſich die Thüre, es traten zwei Männer und ein Jüngling von vierzehn Jahren heraus. Sogleich flogen die Mützen der Umſte⸗ henden vom Kopfe, die Juden faßten den Rockſaum des einen Mannes und drückten ihn, ihre Ehrfurcht in orientaliſcher Weiſe bezeugend, an die Lippen, während die Uebrigen durcheinander Vivat und Hurrah ſchrieen. Der Mann, dem dieſe Huldigung galt, grüßte anmuthig, indem er ſeinen Federhut ſchwenkte. Es war Graf Thurn, der im Begriffe ſtand, ſich an die Spitze der Mannſchaft zu ſtellen, die zur Ver⸗ folgung des abziehenden Kriegsvolkes aufgebothen wurde. Er ſah noch etwas blaß aus, gefiel aber dem Volke dadurch um ſo mehr, da es dieſe Bläſſe mit Recht für die Folge des Blutverluſtes anſah, den der geliebte Graf für Stadt und Land erlitten hatte. Der Jüngling neben ihm, den kein Menſch für den barfüſſigen Pferdejungen Jan Kafka angeſehen hätte, war als Page gekleidet und trug ein, mit weißem Pelz⸗ werk verbrämtes, Baret auf dem Kopf, von welchem zwei lange Federn nickten, ſo wie eine Schärpe um die 123 Schulter geſchlungen, an welcher ein kleiner Degen be⸗ feſtigt war, endlich ein zimmtbraunes Wamms mit Silberſtickerei und gelbe mit Sporen verſehene Halb⸗ ſtiefel. Niemand erkannte den Burſchen, der mit einer Gravität auftrat, als ob er ſchon zehn Jahre Pagen⸗ dienſte gethan, Niemand als eine alte kupfernaſige Höckerin, die ſich Frau Eva nennen ließ. „O Du mein Jeſus,“ rief die Alte aus!„Iſt das nicht Kafka's Bub'? Wenn das ſeine Mutter erlebt hätte, die Cordula, ſie wäre vor Freude geſtorben!“ Dann wandte ſie ſich nach dem metamorphoſirten Pferdejungen und rief ihm zu: „Kennſt Du die Mutter Eva noch, die Dir manche Tracht Schläge erſparte, als Du noch in Deines Va⸗ ters Hauſe warſt?“ Der Page des Grafen trat auf die alte Höckerin zu, gab ihr trotz der zerſprungenen Lippen und rubin⸗ rothen Naſe, einen derben, durch allgemeinen Beifall und donnerndes Hurrah belohnten Schmatz, drückte ihr einen Thaler in die Hand und ſagte: „Redet mir von den Schlägen nicht eher wieder bis ich ſelbſt, welche ausgetheilt habe.“ Dabei ſchlug er auf ſeinen Degen und wies nach der Richtung, welch die Paſſauer eingeſchlagen hatten. 124 Der Dritte war, wie es ſich von ſelbſt verſteht, ein kurzer, dicker, graubärtiger Mann, der den Kopf viel höher trug als der Anführer und ſehr rein Deutſch mit Anklängen des ſächſiſchen Dialektes ſprach; dieſer Mann war vom Kopf bis zu den Zehen bewaffnet und trug ſtatt eines Küraſſes, der ihm ſeiner Beleibtheit wegen läſtig fiel, ein büffelledernes Koller. Auf einen erneueten Trompetenruf ſchwangen ſich die drei Perſonen auf die Pferde. Wir dürfen nicht verſchweigen, daß unſer alter Freund Hummel in dem Beſtreben gar anmuthig rechts und links zu grüſſen und ſeiner Gattin noch ein Kuß⸗ händchen zuzuwerfen, bald vom Pferde gefallen wäre, nur ein Griff der ehernen Hand des Grafen bewahrte ihn vor dem Schickſal, der verſammelten Menge zum Schauſpiel zu dienen.. An der Gaſſenecke ſtieß der Friſeur Widtmann mit ſeinem Neffen Michael zu unſeren Reitern. Am großen Ring, ſtand das Gros der ganzen Mannſchaft, welche zur Verfolgung beſtimmt war, wäh⸗ rend den Uebrigen die Obhut über die Stadt empfoh⸗ len blieb. Graf Thurn ſetzte ſich an die Spitze von fünfhun⸗ dert Reitern und tauſend Fußgängern, welche außer⸗ dem noch zwei Feldſchlangen mit ſich ſchleppten. 125 Ein Fähnlein Reiter, etwa hundert Mann ſtark, beſtand bloß aus Edelleuten lutheriſchen Bekenntniſſes, ſie bildeten die Leibwache des Generallieutenants, unter ihnen konnte man einen Theil der ritterlichen Tafelge⸗ noſſen des Kanzlers von Lobkowitz bemerken, den Gra⸗ fen Joachim Andreas Schlick, den Urenkel des berühmten Kanzlers dreier Habsburgiſcher Kaiſer, den alten Ka⸗ ſpar Kaplircz von Sulewitz mit ſeinem jungen Sohn, die Ritter von Berbisdorf und Ottersdorf, dann die Kinsky, Berka, Ruppa, Loß, Lobkowitz⸗Haſſenſtein, Smisczicky, Neuhaus, Colonna, Budowa, Harant, Dworzetsky von Obranowitz, Bile, Konetz⸗Chlumsky u. ſ. w. die rüſtigſten Vertheidiger der ſtändiſchen Pri⸗ vilegien und Religionsfreiheit, lauter Männer, welche noch der alte Huſſitengeiſt zu beſeelen ſchien. Wie ſie jetzt ſo fröhlich hinaus ritten, es ſollte ein Tag kommen wo ſie gealtert und um viele Hoffnun⸗ gen ärmer von einem viel ernſteren Kriegszug heim⸗ reiten ſollten, nicht um einen Sieg zu feiern, ſondern ſich zum Tod vorzubereiten, welchen ihnen der Sieger in Geſtalt von Galgen und Schaffot brachte. Aber auch unter den Bürgern gab es Manche, welche die Schlacht am weiſſen Berg und den Bluttag*) *) 12. Juni 1622. 126 erlebten. Mancher aus Ihnen miſchte an dieſem Tage der Märtyrer ſein Blut mit dem Blut der Edlen des Landes und half den„großen Ring“ roth färben. Unter den Bürgern ragte der durch ſeine herkuli⸗ ſche Geſtalt ausgezeichnete Bräuer Habermann, der Glockengießer Netoliczka, und Kaufmann Wieſer her⸗ vor, dann aus der Prager Neuſtadt einer der Direc⸗ toren Valentin Kochan, der Bürger Tobias Stef⸗ fek, Chriſtoph Kober, Simeon Schuſchitzky, mit ei⸗ nem jüngeren Bürger dem Rathsherrn Kutnaner, Nathanael Wodniansky, Wenzeslaus Gisbitzky, Hein⸗ rich Koſel, Andreas Kocauer, Simeon Wokatſch und Georg Rzetſchitzky hervor. Auf einem munteren kleinen Pferde ſaß ein ſchlan⸗ ker Mann von ungefähr dreißig Jahren, deſſen kaſta⸗ nienbraunes Haar ungekünſtelt um die Schläfe und die freie, offene und denkende Stirne flatterte, der Mann, welcher nun das Schwert führte, hatte noch weit öfter das Skalpel gehandhabt und viel zahlreichere Wunden geheilt als geſchlagen, er war der große„Jeſſenius von Jeſſen,“ der Troſt der Leidenden, die Hoffnung der Kranken, der berühmteſte Arzt der Prager⸗Schwe⸗ ſterſtädte, deſſen bloſſes Erſcheinen am Krankenbette ſchon beruhigend wirkte. 127 Obgleich dem Calvinismus zugethan, kannte Jeſ⸗ ſen, ſeinem Zeitalter weit voran ſchreitend keinen Un⸗ terſchied des Bekenntniſſes oder der Perſon, er behan⸗ delte proteſtantiſche Geiſtliche und Mönche der Geſell⸗ ſchaft Jeſu, Bettler an der Heerſtraſſe und gräfliche Würdenträger des Reiches mit gleicher Sorgfalt und Menſchenfreundlichkeit.— Er ging bei den Juden des Ghettos ſo gut ein und aus, als in den Häuſern der Mächtigen und Großen und hatte die unermeßliche Kühnheit, zu behaupten, daß das Schenkelbein des ar⸗ men, ſchmutzigen Schacherjuden um nichts ſchlechter, brüchiger oder werthloſer ſei, als das Sr. Majeſtät des großmächtigſten römiſch⸗deutſchen Kaiſers. Rudolf, der von Sonderlingen, die er ſeiner Gunſt werth hielt, Manches hören mochte, was ſonſt als Majeſtätsverbre⸗ chewmt Schwert und Strang beſtraft worden wäre, ergötzte ſich an den Paradoxen des Arztes, deſſen Ge⸗ ſchicklichkeit er gleichwohl hochſchätzte. Jeſſen durfte dem Kaiſer davon reden, daß es im ewigen Leben keinen be⸗ ſonderen Katholikenhimmel geben werde, wo die Bekenner der allein ſeligmachenden Kirche mit Extrawürſten ge⸗ ſpeiſt würden, daß ferner Kaiſer und Päpſte vor Gott mit dem ausſätzigen Betteljuden in ganz gleicher Linie ſtehen würden. Rudolf duldete es, daß Jeſſen alle Tinkturen⸗ 128 brauer, Alchimiſten, und Aſtrologen des Kaiſers, mit der einzigen Ausnahme Kepplers, Räuber und Diebe ſchimpfte, die den Galgen längſt verdient hätten. Der berühmte Arzt tummelte ſein ungariſches Röß⸗ lein munter herum und ritt nun gerade auf den Grafen Thurn zu, ſich um das Befinden ſeiner Schulter zu er⸗ kundigen. Ihm folgten von ferne zwei ernſte Männer, die zwar ebenfalls Doktoren, wenn auch nicht Aerzte waren. Haunſchild und Rippel waren die deutſchklingenden Na⸗ men der beiden Rechtsgelehrten, welche ihre Rechtskennt⸗ niſſe einſt nicht vom Schaffot bewahren ſollten. Mit ihnen ritten die Sachwalter Bopetzky, Kubin und Schwehla, dann der Leibarzt Sr. Majeſtät des Kaiſers ſelbſt, Borbonius, ein Mann, der weit entfernt, den Er⸗ findungsgeiſt und das ſelbſtſtändige Urtheil Jeſſens zu beſitzen, doch den ganzen Reichthum mediziniſchen Wiſ⸗ ſens ſeiner Zeit in ſich vereinigte und bis zu ſeiner letz⸗ ten Stunde fortfuhr, neu Erfundenes und Erdachtes ſich anzueignen. Er hätte damals auch nicht gedacht, daß er, das Schaffot nahe ſtreifend, ſein Leben in der Verban⸗ nung enden würde.— In dem Augenblicke, als ſich Jeſſen von der Gruppe entfernte, näherte ſich ihm einer der reichſten Männer Prags, um ſeinen ärztlichen Rath zu erbitten. 129 Martin Ernwein beklagte ſich nämlich über Schlaf⸗ loſigkeit und geſtand gleichzeitig, daß er eine halbe Schoppgans oder einen gemäſteten Kapaun im Magen, noch mit fetttriefenden Lippen, das Nachtlager ſuche. Borbonius erſchöpfte ſich eben in Herzählung von fünf⸗ zig bei Griechen und Römern, am Ganges und an der Seine üblichen Mittel gegen Schlafloſigkeit, hob den etwas gekrümmten Zeigefinger und unterſagte dem be⸗ ſtürzten Manne alle abendliche Tafelfreude, als Jeſſen gerade beruhigt von dem Grafen zurückkehrte, ſo daß er noch die letzten Worte des kaiſerlichen Leibarztes verſte⸗ hen konnte. Er lächelte über die verzweifelte Miene des reichen Mannes, der eilf Jahre ſpäter über ganz andere Dinge verzweifeln ſollte und ſaͤgte: „Mein College hat ſo Recht als das Ein mal Eins und wenn Ihr in der gewohnten Weiſe fortfährt, ſo geht Ihr unfehlbar zum Teufel. Aber— ich ſehe es Euch an, Ihr möchtet weder zum Teufel gehen, noch Euer Abendmahl einſtellen; nun, es gibt einen Mittel⸗ weg, der vielleicht auch zum Ziele führt.“ „Ihr meint ſchweißtreibende Mittel?“ fiel Bor⸗ bonius ein. „Nicht doch,“ verſetzte Jeſſen,„ich bin in dieſem Caſus von ihrer Unzweckmäßigkeit ſo überzeugt, als Die Paſſauer in Prag. II. 4 9 130 magnificentissimus.— Ich ſchreibe Euch folgendes Recept vor: Eßt eine halbe Schoppgans, trinkt Euer gewöhnliches Getränkmaß, aber verſchafft Euch gute Geſellſchaft und wenn zufällig ein Paar hübſche Mäd⸗ chen darunter ſind, wird es Euerer Geſundheit auch nicht ſchaden; lacht, ſcherzt, tollt mit Ihnen um, das wird Euer Blut erleichtern, und zwei Stunden nach dem Schmauſe, merket wohl, keine Sekunde früher, dürft Ihr das Bett aufſuchen. Borbonius lächelte bei dieſer Vorſchrift, legte den krummen Finger an die Naſe und ſagte, als ſich Fru⸗ wein entfernt hatte, zu Jeſſen: „Aber, wie könnt Ihr den Mann ſo vexiren?“ Jeſſen blickte den Leibarzt fragend an, und dieſer fuhr kopfſchüttelnd fort: „Als ob ein Uebel ohne Specificum geheilt wer⸗ den könnte! Die Medizin iſt das logiſche Correlat der Krankheit; Heilung kann ohne Medizin eben ſo we⸗ nig gedacht werden, als der Tod ohne Krankheit.“ Jeſſen zuckte die Achſel und erwiederte, er pflege es wenigſtens ſo zu halten, wenn er an Schlafloſigkeit leide.— Während dieſer Unterredung hatte ſich der Zug in Bewegung geſetzt; Graf Thurn jagte in Sturmeseile dem Feinde nach, Jan Kafka, der ſich als Page dicht 131 an ſeinen Gebieter halten zu müſſen glaubte, folgte ihm auf den Ferſen. Kaspar Hummel verſuchte es, einige Minuten mit dem Grafen gleichen Schritt zu halten, verlor aber der⸗ maßen den Athem, daß er, um nicht zu erſticken, ſein Pferd anhalten mußte. Tobias Widtmann, blieb unter dem Vorwande zu⸗ rück, ſeinem Nachbar, wenn es die Umſtände erheiſchten, mit einem Aderlaß beizuſpringen, in der That aber, da ſeine Knochen den Geſchwindſchritt des Pferdes eben ſo wenig vertrngen, als die Fleiſchmaſſen des alten Freundes. Auch von den Cavalieren hatten nur wenige Luſt, ſich an der wilden Jagd des Generallieutenvnts zu be⸗ theiligen, und ſo kam es, daß nur eine kleine Schaar dem ganzen Zuge weit voraus blieb. Dieſe kleine Schaar beſtand aus Thurn, ſeinem Pagen, dem Neffen des alten Friſeurs, Michael Widtman, aus dem Grafen Wilhelm Lobkowitz, Ulrich Kinsky, Wenzel von Raupova und Paul Ryiczan, denen ſich etwas ſpäter noch Dr. Jeſſen, deſſen feuriges Pferd die langſame Bewegung im Ange⸗ ſichte der vorauseilenden Reiter nicht dulden wollte, zu⸗ geſellte. Sie waren noch nicht eine Viertelſtunde geritten, als Graf Thurn ſeinen Renner plötzlich anhielt und 9*x 132 etwas, das ſeine Begleiter nicht errathen konnten, zu beobachten ſchien. Ungefähr eine Viertelſtunde vor ihm glänzte et⸗ was wie blanker Stahl; es war unſtreitig das Blitzen von Waffen, Thurn theilte ſeiner Umgebung die ge⸗ machte Entdeckung mit. Wilhelm Lobkowitz war der Meinung die nachfol⸗ genden Scharen zu erwarten ehe man etwas unter⸗ nahm, Kinsky wünſchte ſogar, daß ohne das nachrü⸗ ckende Fußvolk nichts unternommen werde, Rziczan und Raupowa ſtimmten dem Lobkowitz bei, Thurn blieb alſo mit ſeinem Pagen, der vor Luſt zitterte, die erſten Pro⸗ ben ſeiner Tapferkeit abzulegen, in entſchiedener Mi⸗ norität, Jeſſen, welcher kein Wort geſprochen hatte, that nun den Vorſchlag, dem kleinen Jungen Bewegung zu gönnen und auf Recognoscirung auszuſchicken. Kaum war dieſer Vorſchlag gemacht, als der Bur⸗ ſche, bei dem erſten billigenden Blick des Generallieu⸗ tenant's, den er aufgefangen, ſeinem Pferde, einem der ſchönſten Thiere, die je von einer böhmiſchen Krippe Heu raufften, die Zügel ſchieſſen ließ und pfeilſchnell davon flog. Als die Cavaliere heran kamen, brach Graf Thurn mit ſeinem Häuflein wieder auf, ſie mochten kaum hun⸗ 133 dert Schritte vorwärts gethan haben, ſo kam der kleine Page zurückgeſprengt, und berichtete athemlos, daß er den Gaul bemerkte, den er, wie unſere Leſer ſich vielleicht noch erinnern, verloren hatte. „Das arme Thier,“ ſetzte der gutherzige Junge hinzu,„iſt gezwungen die ſchwerſten Laſten zu tragen, während es früher höchſtens mich zu tragen, oder einen mit Küchengewächſen befrachteten Karren zu ziehen hatte, Ormiczko! Aber ich will das arme Thier den Feinden abjagen ſo wahr ich lebe und Jan Kafka heiße.“ Auf die Frage um die Zahl der Feinde, verzog der Page verächtlich den Mund und ſagte, daß man den Leuten von der Stirne Bangigkeit und Furcht herable⸗ ſen könnte, darum eilten ſie auch mit übermenſch⸗ licher Anſtrengung vorwärts um den Händen der Ver⸗ folger zu entgehen. „Es iſt nichts als der Troß,“ endete er ſeinen Be⸗ richt, einige arme betrunkene Burſche, die das Gepäck geleiten, ſonſt iſt weit und breit kein Feind zu erblicken, ich hätte die Paar Mann mit eigener Fauſt erſchlagen, wenn ich mich nicht für verpflichtet gehalten hätte, über das Reſultat meiner Sendung Auskunft zu ertheilen.“ Auf dieſe Nachricht eilte Graf Thurn durch einige Freiwillige, von der adeligen Brigade verſtärkt, raſch 134 vorwärts. Es zeigte ſich Alles, wie den Kundſchafter mitgetheilt, die zehn, zwölf Männer, welche ein Dutzend Pulverkarren, Proviantwagen, und bepackte Pferde vor ſich hertrieben und den Zug abwechſelnd mit Flüchen und freundlicher Zurede zu fördern ſtrebten, ſchienen jedes Widerſtandes unfähig. Es ſchien außerdem, daß ſie große Angſt hatten, denn ſie wandten ſich häufig um und ſchlugen dann nur um ſo eifriger auf die Zug⸗ und Laſtthiere los. Als ihnen die Reiter bereits auf der Ferſe waren, machte der Troß eine letzte Anſtrengung. Die Kriegsknechte faßten die Pferde am Zügel und rießen ſie, zugleich mit den Kolben darein ſchlagend, unaufhaltſam vorwärts. Jedermann, der ſchon einmal auf der Poſtſtraße von Prag nach Budweis gefahren iſt, wird ſich erin⸗ nern, daß der Weg anderthalb Stunden außer der Stadt ſanft anſteigt und eine kleine Strecke neben dich⸗ tem Gebüſch hinführt. Es ſind Haſelſtauden, Hagebut⸗ ſträucher und Wachholder, welche als Vorpoſten des nahen Waldes ſich hart an die Straſſe hinziehen und die Ausſicht zur Rechten vollkommen maskiren. Dieſes Geſtrüpp krönt die Anhöhe und ſenkt ſich mit der 135 Straſſe an der entgegengeſetzten Seite der Anhöhe nieder. Dieſe Stelle war es, zu der ſich die Bedeckung mit der letzten Anſtrengung ihrer erſchöpften Kräfte hin⸗ auf arbeitete, der Page des Grafen, welcher nur mehr einen Büchſenſchuß von dem Mann entfernet war, wel⸗ cher den abgemagerten, blutrünſtigen Gaul ſeines Vaters unter beſtändigen Kolbenſchlägen hinter ſich herzog, drückte ſeinem Thier die Sporen in die Weichen und nöthigte es einige Sätze vorwärts zu thun, die ihn in gleiche Linie mit dem Kriegsknecht brachten, ein Hieb trennte die Hand des Soldaten ſo geſchickt vom Ge— lenke ab, daß ſie unter eiuem Strom nachrinnenden Blutes zur Erde fiel. Der zuſammenbrechende Kriegs⸗ mann klammerte ſich krampfhaft an die Muskette und berührte dabei den Hahn, daß das Gewehr ſich mit ei⸗ nem Knall entlud und die Kugel in den nächſten Pulver⸗ karren ſchlug. Einen Augenblick danach bebte der Bo⸗ den unter einer furchtbaren Detonation, ein dichter Qualm umhüllte die ganze Gruppe wie mit einem un⸗ durchſichtbaren Schleier, ein gräßlicher Schrei erfüllte die Luft, einzelne Gliedmaſſen fiellen zehn bis zwanzig Schritt weit von dem Ort der Exploſion zu Boͤden, die Verwirrung war allgemein. 136 Die Pferde des Generallieutenants und ſeiner Umgebung ſcheuten glücklicher Weiſe zurück, ſo daß Roß und Reiter außer einigen leichten Quetſchungen keine weiteren Folgen zu beklagen hatten. Gleich auf den Donner der gewaltigen Erſchütte⸗ rung knatterten einige Schüſſe aus dem Gebüſch her⸗ vor, die immer raſcher auf einander folgten. Als ſich die Rauchwolken von leiſem Windhauch bewegt, zerſtreueten, brachen aus dem Dickicht an zwei hundert Fußknechte hervor, die ſich auf die wenigen Reiter ſtürzten, welche einen Büchſenſchuß weit vor der ſchrecklichen Scene gehalten hatten. Vergegenwärtigen wir uns die Lage. Die ziemlich enge Straſſe bot auf dem höchſten Punkt der kleinen Anhöhe einen unentwirrbaren Knäuel von umgeſtürzten Wagen, gefallenen Zugpferden, mit dem Tod ringenden Fuhrleuten, verſtümmelten Leichnamen und halbverbrannten zerbrochenen Geräthſchaften der verſchiedenſten Art dar. Neben einem hingeſtreckten ſchlecht ausſehenden mageren Pferd ſaß ein junger Menſch ganz unbeſchä⸗ digt, der ſeinen Arm mit vieler Zärtlichkeit um den Hals des getödteten Gaules geſchlungen hatte. 2 137 Hundert Schritte von dem mit blutigen Gliedern bedeckten Schauplatz, deſſen einziger unverletzter Be⸗ wohner der Page war, ſtanden vierzig Reiter, während eine Viertelmeile hinter ihnen das Gros des kleinen Corps nachrückte. 11. Der arme Jan Kafka mußte ohne Zweifel ſo be⸗ täubt oder gefährlich verwundet ſein, daß er an der Flucht verhindert wurde, ſonſt wäre es unbegreiflich, warum er ſo regungslos neben dem todten Pferde ſaß. Thatſache iſt übrigens auch, daß ihn die Exploſion des Pulverwagens wirklich betäubt, und daß ihn gleich darauf ein gewiſſer Blick und eine gewiſſe Stimme gleichſam feſtgebannt hatten, und daß ſich, als dieſer Bann endlich gelöſt war, zweihundert Paſſauer zwiſchen ihn und die befreundeten Reiter warfen. Weſſen Schlangenblick hatte aber den Knaben ſo berückt?— Leider kein anderer, als der des Oberſten Ramée. Dieſer hatte nämlich für Haß und Rache ein nur allzutreues Gedächtniß. Als er den von den Seini⸗ gen abgeſchnittenen Pagen erblickte, erkannte er ihn 139 nicht gleich. Das Sammtbarett, die Halbſtiefeln, das pelzverbrämte Wamms und das Schwert hatten ja den armen Jan Kafka ſo vortheilhaft verändert. Da tauchte plötzlich die Geſtalt des Pferdejungen in den viel zu langen und viel zu weiten Kleidern des ehrlichen Kupferſchmiedes in ſeinem Innern auf.— Er verglich dieſe Geſtalt mit dem zierlichen Pagen und es fiel wie Schuppen von Lorenz Ramée's Augen; der Pferdejunge ſtand, wie er leibte und lebte, vor ihm. Es war derſelbe Burſche, der mit dem Strom gekämpft, und ihn, den Ramsée, der ihn für todt gehalten, ſo ſchmachvoll betrogen hatte. Der Page hatte ſeinen alten Feind, welcher die Kriegsknechte anfeuerte, kein Quartier zu geben und insbeſondere auf Thurn, Fels und Kinsky wies, augen⸗ blicklich erkannt. So lange der Oberſt ruhig blieb, machte auch der Knabe keine Miene zu entfliehen. Dieß dauerte aber nur einen Augenblick, dann rief ihm Ramée zu: „Macht Euch fertig! Heute wird kein freundlicher Mahlknecht Euer Verderben ablenken!“ Mit dieſen Worten hob er ſeine ſchwere Piſtole auf, ließ den Hahn knacken und ſchoß nach der Richtung, in welcher ſich der Page befand. 140 Dieſer ſprang, als er die Mimik des Oberſten be⸗ merkt hatte, wie von einer unſichtbaren Feder emporge⸗ ſchnellt, auf und rannte nach der entgegengeſetzten Seite, wo ſich das Terrain allmälig ſenkte. Dieſe Senkung war indeß ſo ſanft, daß ſie, zumal kein Baum oder Fels den Blick begrenzte, von der Anhöhe vollkommen über⸗ ſehen werden konnte. Ramée erhob, ohne ſeinen Platz zu ändern oder eine Miene zu verziehen, eine zweite Piſtol“, ſch ug an und feuerte. Jan Kafka fühlte ſich getroffen, rannte aber deſſen⸗ ungeachtet unaufhaltſam vorwärts, ſprang über einen tiefen Waſſergraben und lief einem mit Erlen, Waiden und allerlei Buſchwerk bedecktem Dickicht zu. Gelang es ihm, das Dickicht zu erreichen, ſo konnte er ruhig Athem ſchöpfen und den Abzug des feindlichen Kriegsvolkes abwarten. Es konnte nämlich Niemanden zweifelhaft ſein, daß Rameé in ſeiner eingenommenen und mit dem Rücken an den Wald gelehnten Stellung keine andere Abſicht hege, als den Rückzug des Erzherzogs zu decken und die nachrückenden Böhmen ein Paar Stunden aufzu⸗ halten. Lange konnte der Widerſtand des Oberſten nicht dauern. Fand alſo der muthige Junge nur ein zeitweiliges 141 Verſteck, ſo war er gerettet. Er achtete daher nicht auf die Kugel, die ihm in's Schulterblattt gedrungen, ſon⸗ dern eilte im raſenden Lauf vorwärts. Ramée ſtieß einen unausſprechbaren Fluch aus, und rief einigen Burſchen, die ſich über die Taſchen der todt auf der Straße niedergeſtreckten Bedeckung herge⸗ macht hatten, zu, daß er ihnen zehnfach vergüten werde, was ſie bei dem Aas finden könnten, wenn ſie ſich auf die Hetzjagd des flüchtigen Jungen machen wollten. Gleichzeitig bezeichnete er ihnen den Pagen, der anſchei⸗ nend nur mehr wenige Schritte weit vom Gehölze ent⸗ fernt war.. Drei Marodeurs erhoben bei dieſer Anrede des Oberſten zugleich ihre Köpfe. Ramée lachte ſie freundlich an und die Plünderer ließen die halbentkleideten Todten, deren Uniformen ſie durchſtöbert hatten, um zu ſehen, ob ſich nicht irgendwo ein vorſichtig eingenähter Thaler oder Ducaten der Ver⸗ geſſenheit entziehen lioße, zurückfallen. Die Marodeurs, welche bei Ramée's Signal zur Nenſchenjagd die Köpfe emporgehoben hatten, waren ſchwächliche, hagere Leute, deren Geſichter mehr Narben von Prügeleien, als ehrenvolle Wunden aufzuweiſen hatten. Sie ſahen zwar aus, wie wandelnde Zeughäu⸗ ſer, obgleich ſie ſelten und nur im äußerſten Nothfalle gegen Andere, als wehrloſe Greiſe und ſchwache Weiber von ihren Waffen Gebrauch machten, es rührte daher dieſer große Vorrath an Piſtolen, Dolchen und Säbeln von dem Plündern der Todten und dem Beſtehlen der Lebendigen her. Auch in dieſem Augenblicke hatte jeder der drei Tapferen ein Paar Piſtolen zur Verfügung. Sie liefen etwa hundert Schritte in dem Rüben⸗ felde fort, durch welches einige Zeit zuvor der Knabe gelaufen war, und ſchoßen dann faſt gleichzeitig ihre Gewehre ab. Sie mußten ihn verfehlt haben, denn er lief fort— leider aber nur noch eine Secunde, dann ſank er zuſam⸗ men.— Die Plünderer ſchrieen„Halloh!“ und rannten, ihre Säbel und Piſtolen wild ſchwingend, die Anhöhe hinab. Da erhob ſich der Flüchtling abermals und begann ſeinen verzweifelten Lauf von Neuem. Die Menſchenjäger kamen an die Stelle, wo das Wild gelegen hatte; einer der Soldaten, ein rothhaari⸗ ger Burſche, auf deſſen Bruſt ſich zwei blutrothe Strie⸗ men abzeichneten, ſtieß ſeinen Säbel in den Boden und ſagte: „Das Thier hat ſtark geſchweißt!“ 143 In der That war eine Blutlache ſichtbar, die von einer fürchterlichen Verwundung herrühren mußte. Sein Camerad, ein Mann mit einer vollkomme⸗ nen Kalmückenphyſiognomie, kleinen, geſchlitzten Augen und ſtarken, hervorſtehehenden Backenknochen, wendete den Kopf ſeitwärts, als ob er horchte. Er hatte in der That am Saume des Gebüſches ein Raſcheln gehört. „He!“ rief er,„das Wild iſt nicht weit von uns durchgebrochen!“ daan lief er vorwärts auf das Ge⸗ büſch zu. Die beiden Anderen folgten raſch nach. Da krachte es plötzlich und der Verfolger fiel, die noch jungen, ſpärlichen Blätter des Huflattichs mit ſei⸗ nem Blute färbend, zu Boden. Er lag nicht zehn Schritte weit von ſeinem Opfer. Jan Kafka, der aus drei Wunden blutete, von denen aber keine einzige tödtlich war, hielt ſich mühſam auf einem Knie, da ihm die Kugel des Rothkopfes den Fuß zerſchoſſen hatte. Als die zwei anderen Burſche herbeikamen, küm⸗ merten ſie ſich ſehr wenig um das Hilfegeſchrei ihres Kameraden, ſondern drangen auf den Pagen ein, der ihnen ſeine zweite Piſtolole entgegenhielt. Der Eine, ein Wallone, wollte ihm die Waffe mit 144 dem Säbel aus der Hand ſchlagen; der Rothkopf gab ihm einen Wink, den Verſuch aufzugeben, er zog viel⸗ mehr eine weiße Halsbinde hervor, die er einem getödte⸗ ten Kameraden vor fünf Minuten abgenommen hatte, pflanzte ſie an die Spitze ſeines Säbels und forderte den verwundeten Jungen zur Uebergabe auf. „Was wollt Ihr,“ begann er im ſingenden Tone, „Einer gegen Zwei, und obendrein ein Kind gegen Männer, und überdieß ein verwundetes Kind gegen zwei unverwundete Soldaten? Wäre verflucht wenig Ehre dabei,“ hier machte der Redner eine Geberde des Ab⸗ ſcheues,„Euch unter's Knie zu bringen! Gebt Euch gutwillig, und ich will nicht ſelig werden, wenn Euch Jemand etwas zu Leide thut! Seid vermuthlich ordent⸗ licher Leute Kind, die ein Paar Patzen nicht anſchauen, wenn es gilt, ihres Sohnes Gefängnißthüre zu öffnen. Wollt Ihr?— Ach je, wie Ihr zittert, habt ja kaum Kraft genug, um die Piſtole zu halten!“ Der arme Junge, deſſen Blutverluſt allein hinge⸗ reicht hätte, ihn kampfunfähig zu machen, ſah wohl ein, daß der rothköpfige Soldat Recht habe, und daß der Ausgang eines Kampfes gar nicht zweifelhaft ſein könne, zauderte aber dennoch, das angeboteue Onartier anzu⸗ nehmen. 145 „He!“ ſagte der eine Soldat mit dem rothen Haare, „wir wollen Euch zeigen, wer wir ſind und wie wir es meinen,“ und warf die entladenen Piſtolen ſammt dem Säbel von ſich, und nöthigte auch ſeinen Kameraden, das Gleiche zu thun. Beide hatten ihre Waffen in der That ſo weit von ſich geworfen, daß ſie außer dem Bereich ihrer Hände waren; der Page, der nicht daran dachte, daß den bei⸗ den edelmüthigen Kriegern noch ihre Stöcke blieben, zö⸗ gerte nun nicht länger und ſchleuderte ſein noch gelade⸗ nes Piſtol in den Waſſergraben, um es vor ſeinen Ver⸗ folgern ſicher zu ſtellen. Wie es nicht anders möglich war, entlud ſich die Piſtole im Wurf, der Wallone ſchrie nun„Verrath“ und warf ſich über den waffenloſen Knaben; ſein Kamerad, rührte keine Hand, rief ihm aber zu, nach dem Kopf zu ſchlagen. Vergebens ſtreckte der Unglückſelige die Hände bit⸗ tend gegen die Ungeheuer aus, vergebens verhieß er ihnen im Namen des Grafen Thurn hundertfältigen Lohn.— „Weil Du dem Erzketzer angehörſt,“ ſchrie der Wallone dem Knaben zu,„mußt Du jetzt erſt recht ſterben! Rühre Dich, Sepp,“ mahnte er den unthäti⸗ gen Zuſchauer und Rathgeber,„daß wir mit dem Teu⸗ Die Paſſauer in Prag. I1. 10 146 felsbraten zu Ende kommen. Da oben“— er deutete nach der Anhöhe—„will's mir nicht gefallen!“ Der mit Sepp Angeredete ſchien die Beſorgniſſe des Wallonen zu theilen, ſchwang ſeinen Stock, kehrte ihn dann um, daß er das dünnere Ende zur Hand be⸗ kam und holte zu einem Schlag aus, der dem am Bo⸗ den Liegenden die Kinnlade ſpaltete. Hier verlor das arme Kind die Beſinnung. Gott ſei gelobt, daß er nichts mehr hörte, nichts mehr ſah und vielleicht auch nichts mehr empfand, denn der rothhaarige Sepp, dem die Procedur mit den Stöcken zu langſam ging, raffte, während ſein Kamerad fortfuhr, den Kopf des Unglücklichen langſam zu zertrümmern, einen koloſſalen Stein auf, der nächſt dem Waſſergra⸗ ben lag und zum Theil mit Erde und Moos bedeckt war, Dieſen Block rollte er mühſam bis zu den Füßen ſeines Opfers, faßte ihn dann mühſam mit beiden Armen, und hob ihn in die Höhe, um ihn auf den Schädel des ſter⸗ benden Knaben niederzurollen. Der arme Page ſah nichts mehr davon. Sei es nun, daß Sepp den Stein vorſchnell fallen ließ, ſei es, daß er nicht die Kraft hatte, ihn länger ſchwebend zu halten, genug, der Block ſtürzte nieder, aber nicht auf den Kopf des Unſeligen, ſondern auf die Füſſe eines der Mörder. 147 In demſelben Augenblicke raſchelte etwas zwiſchen den Erlen, Schüſſe knallten, Hörner klangen und der Wallone machte Miene, ohne ein Wort zu ſagen, die Flucht zu ergreifen. Sepp, der mit zerſchmetterten Füßen neben dem blutigen Schlachtopfer lag, beſchwor ſeinen Gefährten, ihn fortzuſchaffen. Der Wallone machte aber eine jener unanſtändigen Geberden, welche der Volkswitz erfunden, um etwas ſchweigend, ſpöttiſch und beleidigend zugleich abzulehnen. Eine wahre Springflut von Flüchen, die eben ſo viele Gottesläſterungen enthielt, folgte dem treuloſen Flüchtling und Mordgeſellen auf der Ferſe nach. Er war noch nicht weit gekommen, gerade nur an den Rand des Blachfeldes, als es hinter ihm außblitzte, und er, ehe noch der Büchſenknall zu ſeinen Ohren drang, am Boden lag. Die Böhmen hatten ſich des Gebüſches, in welchem ſie Nachzügler des Paſſauer Volkes vermutheten, be⸗ mächtigt, ſie fanden zwei verwundete Soldaten und einen ſterbenden Knaben. Man legte das Kind, welches die Farben des Grafen Thurn und das Feldzeichen der Böhmen trug, auf eine aus Reiſig geflochtene Baare und brachte es auf die Anhöhe, wo die Anführer der Böhmen verſammelt waren. 10* 148 Die Gefangenen wurden, je von zwei Soldaten unterſtützt, eben dahin geſchleppt. Der Generallieutenant von Böhmen, Graf Thurn, ſtand von ſeinem, aus den Edelſten des Landes gebilde⸗ tem Stabe umgeben, unter einer etwas abſeits von der Straße einſam ſtehenden Linde. Der Graf hatte wiederholt nach dem Knaben aus⸗ geſchickt er war nicht unter den Gebliebenen alſo mußte er in Gefangenſchaft gerathen ſein. „Beſſer gefangen als todt„“ meinten die Freunde des Generals, welche ihn zu beruhigen ſtrebten. „Nein und tauſendmal nein,“ verſetzte der Ge⸗ neral;„Ramée weiß, daß es der Knabe war, welcher die Exroberung der Altſtadt hinderte, Ramée weiß, daß derſelbe Knabe dieſen Kopf hier— ja ſtannen Sie ſo viel Sie wollen,— daß der Knabe das Leben des Grafen Thurn rettete, ich wollte lieber von zehn Ku— geln durchbohrt, als in des Ramée Hände fallen. Ge⸗ bet dem Henker der Altſtadt Prag ein Obriſtenpatent, und ihr könnt mit Sicherheit darauf rechnen, daß er ſich gar ſehr zu ſeinem Vortheil von Ramée unterſchei⸗ den wird, kleidet dagegen den Günſtling des würdigen Biſchofs von Paſſau in Scharlachtuch, gebt ihm das breite Richtſchwert in die Hand und ſtellt ihn neben un⸗ ſerem Gevater Hämmerlein und ihr werdet, auf Ra⸗ 149 mée deutend, bekennen müſſen, er ſei der echte, wahre, rechtmäſſige Henker. Wenn ihr übrigens an der wah⸗ ren Natur des kaiſerlichen Obriſten zufällig zweifelt, ſo beſeht Euch doch dieſe Blätter meine Herren, die unter Ramée's erbeuteten Schriften gefunden wurden. Der Schuft ſetzte auf unſere Köpfe einen Preis, als ob wir Wölſe oder Füchſe wären. Graf Kinsky, Freiherr Colona und ich, wir ſind Diejenigen, welche der Obriſt einer chriſtlichen Armee ſeiner Meute vorwarf, als wä⸗ ren wir zum Thierkampf verurtheilte Miſſethäter.“ Der Graf ließ ſeinen Blick über die noch in ſeiner Hand befindlichen Blätter gleiten und frug dann aber⸗ mals:„Noch nichts von dem armen Burſchen? Ich ſah ihn einen Augenblick durch den Rauchwirbel hin⸗ durch neben einem erſchlagenen Pferd zuſammen gekau⸗ ert im Staub der Straſſe ſitzen, als ein gäher Luftzug den Rauch verwehte, war nichts mehr zu ſehen, als dieſe eingefleiſchten Teufel, welche der Obriſt uns an den Hals hetzte, und es war in der That die höchſte Zeit, daß Ihr kamet,“ dieſe Worte richtete Thurn an den Freiherrn von Fels—„ſonſt wären wir ſammt und ſonders verloren.“ Während der Generallieutenant ſo ſprach, wur⸗ den noch immer Gefangene eingebracht, mancher ge⸗ meine Kriegsknecht trug an tauſend Gulden Beute mit 150 ſich, die er bei der theilweiſen Plünderung der Klein⸗ ſeite ſich zugeeignet hatte, Officiere die todt oder ver⸗ wundet aufgefunden wurden, trugen oft die Finger mit Ringen beſteckt, deren Eigenthümer an den Wappen kennbar waren. Schon hatten ſich die in den Wald entſandten Plän⸗ kler wieder geſammelt, ſchon war die Beute in Sicher⸗ heit gebracht, ſchon wurde das Trompetenzeichen zum Aufbruch gegeben, als vier Männer aus den Reihen der Nationalmilitz eine Bahre vor der Generalität nie⸗ derſetzen.„Es ſcheint guter Leute Kind,“ bemerkte Ei⸗ ner der Träger,„und trug die Farben des Generals.“ Graf Thurn warf einen Blick auf die Bahre, und ſagte: „Ruft mir augenblicklich den Jeſſen, es iſt der brave Junge, dem wir Dreie“— ſein Auge ſuchte Kinsky und Fels—„unſer Leben verdanken.“ Jeſſen ſprengte herbei, verließ das Pferd und ſchritt auf die Bahre zu, über welche Thurn, Widt⸗ mann und Hummel geneigt ſtanden. Der von Blut und Wunden fürchterlich entſtellte junge Menſch hatte die Augen geſchloſſen, ſo daß man ihn für todt halten konnte, Jeſſen betaſtete den Kopf des Unglücklichen, die Kinnlade war zerſchmettert und der Schädel zwei Zoll über dem rechten Auge ſo furcht⸗ 151 bar geſpalten, daß die Gehirnmaſſe blos lag und hie und da zwiſchen den Knochenſplittern hervor drang. Jeſſen machte ein Zeichen, daß hier alle ärztliche Kunſt vergebens ſei. „Aber an denen da, wird mindeſtens die Kunſt des Scharfrichters nicht vergeblich ſein,“ rief Hummel, dazwiſchen, indem er auf die Gefangenen zeigte, die von den Soldaten hinter dem todtwunden Knaben her⸗ beigeſchleppt wurden. Der Mann mit dem Kalmückengeſicht erzählte aufrichtig und ohne Auslaſſung des geringſten Umſtan⸗ des, die Geſchichte der letzten Stunden, es war derje⸗ nige Soldat, den ein Schuß des Pagen, von der Theilnahme an dem darauffolgenden Mord, abhielt. Der Soldat, der ſtets nach Waſſer ſchrie und ſich nicht ſatt zu trinken vermochte, hatte die Kugel in den Un⸗ terleib empfangen, er fühlte, daß es mit ihm zu Ende ging, und daß er vor keinem irdiſchen Richter mehr zu erſcheinen haben werde. Er erzählte daher die grauſige Wahrheit. Graf Thurn und die andern Beſchützer des armen Kindes bedeckten ihre Augen mit den Händen, als der Erzähler des ungeheueren Steines erwähnte, welchen der Marodeur auf das Haupt des Gefangenen zu wäl⸗ zen im Begriffe ſtand. 152 Nachdem der Soldat ſeinen Bericht geendet hatte, rief Thurn mit lauter Stimme: „Das Blut dieſes jungen Märtyrers wird zum Himmel um Rache ſchreien, und der Urheber dieſes un⸗ ſchuldig vergoſſenen Blutes, wenn es noch Gerechtig⸗ keit auf und über der Erde gibt, durch das Schwert um⸗ kommen, daß er ſo ruchlos über Andere verhing.“ Dann neigte er ſich ſo tief über den Knaben, daß die Umſtehenden kaum die Thränen zu erblicken ver⸗ mochten, die ſo reichlich auf das Antlitz des Sterbenden niederthauten. Nochmals klangen Trompetenſtöße, die zum Auf⸗ bruch mahnten. Da ſchlug Jan Kafka plötzlich die blauen, ehrli⸗ chen Augen auf. Habt Ihr ſchon Jemand ſterben ſehen? erinnert Ihr Euch jener unvergeßlichen, letzten Blicke ſeliger Ver⸗ klärung, jenes Glanzes, der einer andern Welt abge⸗ borgt ſcheint, und unſer Herz mit heiliger Scheu und ſtiller Ehrfurcht erfüllt? Dieſer heilige Schimmer des Todes, dieſes Abend⸗ roth des Lebens und Flühroth der Auferſtehung lag in den Blicken, die der Knabe auf ſeine wirre Umge⸗ 153 bung gerichtet hatte. Eine Sekunde ſpäter und die kleine Armee zählte um einen Braven weniger. Die Trompete klang zum dritten Male und der Rachezug ſetzte ſich in Bewegung, Graf Thurn befahl den Leichnahm des Knaben nach der Stadt zurück zu bringen, allein er langte dort niemals an, und da man gleichzeitig in der Umgebung von Sedlecz einen Karren mit einem völlig von Kleidern entblößten Leichnam auf⸗ fand ſo beſorgen wir, daß der zerſplitterte Schädel des wackern Burſchen dazu dienen mußte, einen jener Kno⸗ chenziegel oder Schnörkel abzugeben, aus welchem die Säulen und Verzierungen der Todtenkapelle von Sed⸗ lecz beſtehen. Wenigſtens hielten wir bei unſerem letzten Beſuch der Grabkapelle, einen ſolchen von Alter ge⸗ bräunten Schädel in der Hand, anf deſſen Oberdecke die Jahreszahl 1611 mit einem ſcharfen Inſtrument eingeraſpelt und mit ſchwarzer Farbe überzogen war. Während Jan Kafka die treu ehrlichen Augen ſchloß, baumelte ein rothköpfiger Soldat an einem Aſt derſelben Linde, unter welcher der General noch vor wenigen Minuten geſtanden. Er ſtarb als verſtockter Sünder; dagegen müſſen wir conſtatiren, daß der Kriegsknecht mit dem Kalmücken⸗ 154 geſicht reuig ſtarb und Tobias Widtmann, der ſich als Feldſcher gebrauchen ließ, beauftragte, ſeinen Beutean⸗ theil im Betrage von etwa hundert Gulden zur Hälfte auf Meſſen zur Hälfte auf Armenbetheilung zu ver⸗ wenden. 8. Das Paſſauer Kriegsvolk hatte die Stadt verlaſ⸗ ſen, die Nationalmilitz war, nachdem ſie dem Feind ei⸗ nen Theil der Beute wieder abgenommen, nach Prag zurückgekehrt. Die Bevölkerung athmete friſch auf, nach⸗ dem der ſie ſo lange und ſchwer drückende Alp von ih⸗ rer Bruſt entfernt war; die Ankunft des Königs von Ungarn wurde ſtündlich erwartet, die Stände waren darauf vorbereitet, und wußten beſſer als irgend Je⸗ mand, daß das alte Regiment nur mehr nach Stun⸗ den zählte. In der That bemächtigte ſich der treuen aber un⸗ wiſſenden Räthe Sr. Majeſtät Rudolf II. eine Ban⸗ gigkeit und Unruhe, wie ſie oft Kranke kurze Zeit vor ihrem Tode befällt, ſie fingen an, ſich gegenſeitig mit Vorwürfen zu überhäufen. Die Maßregeln, die ſie mit beſchlieſſen halfen, tadelten ſie und lehnten ihre Theil⸗ 4„æ 156 nahme davon ab und wollten gefährliche Pläne Andern als Urheber zuſchieben, wodurch die gerade jetzt, im entſcheidenden Augenblick ſo höchſt nothwendige Einig⸗ keit vernichtet ward. Die heinlich en und offenkundigen Gegner der Re⸗ gierung hoben ihren Kopf höher und äußerten, daß es ſo nicht länger fort gehen könne. Graf Liechtenſtein, der bisher ſo demüthig auf jeden Wink des kaiſerlichen Auges geachtet hatte, ließ in der Prager⸗Burg auf ſich warten. Der Kaiſer fand ſich genöthigt ein, zwei Male nach dem Oberſthofmei⸗ ſter zu ſenden, die Herren von„Michna, Slavata, Martinitz“ u. ſ. w., welche ſonſt jedes Wort, jede Silbe von den kaiſerlich en Lippen geleſen hatten, bevor ſie noch ausgeſprochen waren, ſchienen an chroniſcher Taubheit zu leiden, die zweifelhaften, deutſamen kaiſer⸗ lichen Verfügungen fanden an ihnen noch zweifelhafte⸗ re Vollzieher. Der Landgraf von Fürſtenberg unterhandelte faſt unter den Augen des Kaiſers und ſeiner Räthe, über die Abſetzung Rudolf's und Mathias Erhöhung. Herr von Wartenberg machte kein Hehl daraus, daß er den Monarchen zur Fortführung der Regierung un⸗ dauglich halte, Adam Wallenſtein, ließ dem anrücken⸗ ten König ſein Hotél am Hradſchin zur Verfügung 157 ſtellen und Wok von Roſenberg erklärte öffentlich, daß Böhmen ein Wahlreich ſei, das keinem aufgedrungenen Fürſten zu gehorchen brauche, ſelbſt die öſterreichiſchen Ueberläufer, wie die Barone von Buchheim, Stahren⸗ berg und Hofkirchen, begannen heimliche Unterhandlun⸗ gen mit Mathias. Georg Erasmus Tſchernembl, der berühmte Adels⸗ tribun übernahm es, ſie mit Mathias auszuſöhnen. Freiherr Georg Erasmus Tſchernembl, Herr auf Windegg und Schwertberg war damals eines der Hauptwerkzeuge der öſterreichiſchen Reformation und Revolution. König Mathias, der in ſeine glänzenden Talente, in ſeine Rednergabe und ſtaatsmänniſchen Tact volles Vertrauen ſetzte, ließ durch ihn die bohmiſchen Stände für eine neue Königswahl bearbeiten, daher der unaus⸗ geſetzte Briefwechſel des öſterreichiſchen Barons mit Thurn, Schlick, Fels, Kinsky und den anderen Häup⸗ tern der böhmiſchen Utraquiſten. Das Netz war über des Kaiſers Haupt, wie Ju⸗ lius von Braunſchweig richtig voraus ſah, zuſammen gezogen ohne, daß der Monarch das Geringſte davon merkte, er mußte erſt gegen die Spitze einer feindlichen Hellebarde aurennen, um das Unglaubliche glaublich zu finden. 158 Es iſt dieß keine poetiſche Redefigur, der Kaiſer rannte gegen eine Hellebarde an. Sehen wir, wie es zuging. Der Kaiſer erinnerte ſich eines ſchönen Morgens, daß es wo in der Umgegend von Prag eine ſchöne För⸗ ſtersfrau gebe, die als Mädchen Gnade vor ſeinen Augen gefunden hatte, die Erinnerung ſtattete das ehemalige Mädchen und die jetzige Frau mit Reizen aus, die ſie vielleicht nie beſeſſen; das Bild, welches ſich Rudolf von der ſchönen Chriſtel entwarf, ließ ihm weder Raſt noch Ruhe, es trieb ihn hinaus in den dunklen Wald von Stern. Rudolf drückte den Federhut in die Stirne, zog ſeinen Mantel über die Schulter, ſtützte ſich auf ſeinen vom Papſt geweihten Spazierſtock und machte ſich in Begleitung ſeines Kammerdieners auf den Weg nach dem Wald vom Stern, kam jedoch nur an die Seiten⸗ pforte des Hirſchgrabens, welche dort, von Gebüſch maskirt, angebracht war, damit ſich der Monarch un⸗ bemerkt aus der Burg entfernen könne. Hier ſtellte ſich die Wache entgegen und ſtreckte ihm die Picke vor. Der Kammerdiener, welcher glaubte, daß der Monarch verkannt werde, rief:„Se. Majeſtät,“ der Soldat kehrte ſich aber nicht an den Zuruf und blieb unbeweglich mit vorgehaltener Picke an ſeiner Stelle. 159 Der Kaiſer warf nun ſeinen Mantel zurück, ſchob den Federhut aus der Stirne und ſtand im Begriff ſeinen Weg fortzuſetzen, aber die vorgehaltene Picke wollte noch immer nicht weichen. Rudolf wandte ſich an den Kam⸗ merdiener und ſagte: „Es ſcheint der Kerl iſt betrunken, ſo daß man ihn an den Ohren ziehen muß.“ In dem Augenblick zeigte aber die Wache, daß ſie vollkommen nüchtern ſei, in dem ſie den Kopf ſchüttelte und entgegnete, daß ſie auf ausdrücklichen Befehl handle. „Ich bin der Kaiſer.“ „Ganz gut ich hatte das Glück Euere Majeſtät zu erkennen.“ „Nun? „Nun iſt aber Euere Majeſtät gerade diejenige Perſon die ich nicht paſſiren laſſen darf.“ Der Monarch wurde purpurroth, und da er nichts Anderes bei der Hand hatte, warf er der Wache den Hut in's Geſicht.. Augenblicklich ſchrie der Wachmann nach Ablöſung, eine Schaar Fußknechte eilte flugs herbei, der Kaiſer machte Miene an ihnen vorüber zu gehen, aber die Or⸗ dre war allen in gleicher Weiſe ertheilt worden, ſie ſtanden insgeſammt unter dem Oberbefehle des Gene⸗ 160 rallieutenants von Böhmen und hatten das Verbot, den Kaiſer paſſiren zu laſſen. Rudolf ſah ſich genöthigt, in das Innere der Burg zurück zu kehren; er ſtieg hinauf zu ſeinem Wohn⸗ und Arbeitskabinet, deſſen Fenſter auf den glänzenden Silberfaden des Moldaufluſſes gingen, welcher die Stadt in zwei, wenn auch ungleiche Hälften theilt. Die große, reiche und berühmte Stadt mit ihren hundert Thürmen und Paläſten, Thoren und Brücken, lag zu den Füßen des alten Mannes ausgebreitet, welcher ſoeben das Fenſter mit haſtigem Griff geöffnet hatte. Neben ihm ſtand ein kleiner, dicker, alter Herr, welcher an einer Kupferplatte kunſtvolle Zierrathen und Schnörkel angebracht hatte, die zum Sargdeckel am Grabe des heiligen Norbert beſtimmt war. Der Monarch hatte ſelbſt die Zeichnung angefer⸗ tigt und den Meiſter beauftragt, dieſe Kunſtarbeit in ſeiner Gegenwart zu vollführen. Kaſpar Hummel war zu Tode erſchrocken, als er den Fürſten keuchend und wie unter ſchweren Bruſt⸗ krämpfen gebeugt, mit ſcharlachrothem Geſichte und hoch angeſchwollenen Stirnadern eintreten ſah. Der Kaiſer ballte die Fauſt und drohte hinab auf die im 161 Frühlingsſonnenſchein glänzenden Gibel, Kreuze und Thürme. „Möge Dich der Fluch des Herrn treffen,“ rief er wild,„undankbare, ehrloſe Stadt, die ich mit Wohltha⸗ ten überhäuft, mit Gnaden überſättigt, mit Affenliebe umſchlungen hielt; mögen dich die Blitze himmliſcher Gerechtigkeit in den Staub ſchmettern, du gottloſes Kind, das wider den zärtlichſten Vater den ruchloſen Arm erhebt!— Ich ein Gefangener! Wiederhole es mir, Bürger, daß ich daran glauben kann und es nicht für ein Gebilde irrer Phantaſie und bangen Halbwach⸗ ſeins halte. Gefangen! und von wem? Von meinem Prag, das ich ſo ſehr geliebt habe, von jenem Volke, dem ich, der erſte katholiſche Monarch Europas, volle Religionsfreiheit zuficherte, von einem Adel, den ich mit meinem eigenen Gut bereicherte.— Gott im Himmel! ſchau auf meine blutigen Thränen, auf mein an's Kreuz des Undanks geſchlagenes Herz, auf dieſe gekränkte, wimmernde Fürſtenſeele und ſchlage ſie dann vom Auf⸗ bis zum Niedergang, ſchicke Deinen Würgengel, daß er ihre Erſtgeburt erſticke, ſende alle Plagen Egyptens auf die laſterhafte Stadt, verwandle das Silberband der Moldau in blutigen Sumpf, ihre Häuſer in Ruinen, ihre Paläſte in Ställe, ihre Kirchen in Schutt.— Da Mann Gottes,“ dieß ſagte der Monarch zum Bürger 11 Die Paſſaner in Prag. II. 162 gewendet,„da, ſiehe den Dank, welchen Fürſten ernten. Während jeder noch ſo niedere Knecht Hab' und Gut frei und nach ſeinem Belieben vererbt, während Jeder, falls er nicht ein Verbrecher, ſich nach ſeinem Ermeſſen bewegt, bin ich, der Kaiſer, ein gefeſſelter Sclave, ge⸗ feſſelt von Denen, die ich zu ewigem Danke verbunden. Aber ich ſehe den Racheengel, wie er die Schale des göttlichen Zornes über die Verblendeten ausgießt, ich ſehe die blutige Senſe, wie ſie raſtlos niedermäht, ich ſehe die Flammen des Bürgerkrieges auflodern.— Gottlob, ich werde dann nicht mehr ſein!“ Der ehrenwerthe Meiſter Hummel dachte freilich, daß es gar nicht lange her ſei, ſeit Rudolf ſelbſt das Zeichen zum Bürgerkriege gegeben, dennoch fühlte er einiges Mitleid mit dem unglücklichen Monarchen. Er wußte unter dieſen Umſtänden nichts Vernünftigeres zu thun, als ſeine Theilnahme durch einen ſehr laut tönen⸗ den Seufzer auszudrücken und auf die Kupferplatte mit ganzer Leibesſtärke loszuhämmern. Der Kaiſer, welcher um ſein Trommelfell beſorgt wurde, frug verdrießlich, weßhalb der Meiſter ſo unge⸗ füg auf das arme Metall loshaue. „Weil ich mir einbilde, daß es Euerer Majeſtät Feinde ſeien.“. Dieſe Antwort nöthigte dem Monarchen ein bei⸗ 163 fälliges Lächeln ab und er frug mit großer Herab⸗ laſſung: „Nicht wahr, Du würdeſt das Schwert niemals gegen Deinen Herrn und Kaiſer gezogen haben?“ „O, niemals; dafür hab' ich auch ſo manchem Paſſauer die Suppe verſalzen!“ Der Kaiſer, der wie verſteinert blieb, ſagte nach einer Pauſe: „Wie iſt es möglich, daß Du in einem Athem be⸗ haupteſt, niemals das Schwert gegen Deinen Kaiſer gezogen und zugleich gegen das Paſſauer Kriegsvolk ge⸗ ſtritten zu haben?“ „Freilich habe ich gegen die Paſſauer gekämpft und zwar, ohne Unbeſcheidenheit zu ſagen, wie ein echter, africaniſcher Löwe; Euere Majeſtät würde ich dagegen eben ſo löwengrimmig vertheidigen!“ „Aber die Paſſauer waren ja meine, eine kaiſerliche Armee!“ „Ein kaiſerlicher Scherz!“ „Wirklich, die Umſtände ſind dazu angethan, mich ſcherzhaft zu ſtimmen.“ „Aber die Paſſauer verwüſteten ja ringsum Stadt und Land, folglich müſſen ſie als Euerer Majeſtät Feinde gekommen ſein?“ 11* 164 „Iſt das nur Deine Meinung, Alter, oder wird ſie von den andern Bürgeru der Stadt getheilt?“ „Alle guten Bürger denken wie ich.“ „So!— Und was ſagen die ſchlechten Bürger?“ „Ah, die Feinde Euerer Majeſtät?“ „Ja, meine Feinde.“ „Die behaupten, was Euere Majeſtät behauptet.“ „Und das wäre?“ „Daß das Paſſauer Kriegsvolk von Euerer Ma⸗ jeſtät gedungen worden.“ Jetzt ſeufzte der Kaiſer; es wurde ihm klar, daß die Anweſenheit des erzherzoglichen Armeekorps ſeine Lage nicht verbeſſert hatte. In demſelben Augenblicke trat der Kammerdiener Lang ein und ſchnitt ein ſo erbärmliches Geſicht, daß Rudolf, welcher ſtets eine unrühmliche Vorliebe für den Bedienten gehegt hatte, theilnehmend frug: „Wo fehlts denn Burſche?“ 4 Statt zu antworten, erhub der würdige Kammer⸗ diener ein unarticulirtes Geheul, daß er nur unter⸗ brach, um ſich mit ſeinem Sacktuch die Thränen, die wahrſcheinlich ſeine Augen nie befeuchtet hatten, abzu⸗ trocknen. Während des fortgeſetzten Jammers arbeitete Herr Lang an ſeinen Augen, wie an einem, ſchwer in Thätigkeit zu ſetzenden Pumpwerke, allein es kamen keine 165 Thränen. Die vielen nutzloſen Verſuche verdroſſen ihn nachgerade und er fuhr höchſt naiv fort: „Ich kann nicht weinen, ſelbſt dieſe, allen Men⸗ ſchen gemeinſame Wohlthat, entzieht mir die Natur.“ Der Kaiſer tröſtete den treuen Diener mit großer Huld und ſagte,„er ſolle ſich das Unglück ſeines kai⸗ ſerlichen Herrn nicht allzuſehr zu Herzen gehen laſſen.“ Caſpar Hummel, welcher den Eigennutz, Geiz und Hochmuth, die Hartherzigkeit und gemeine Geſin⸗ nung des Bedienten ſo gut wie jeder Prager kannte, war über dieſe Umwandlung erſtaunt. Unſer Freund war nahe daran, den kaiſerlichen Kammerdiener zu bewundern und überlegte bereits, ob nicht Nachbar Widtmann ein Gedicht unter dem Titel: „der treue Lakai,“ verfaſſen ſolle. Zum Unglück für die Nachwelt wurde der brave Mann ſchmerzlich enttäuſcht. Herr Philipp Lang fuhr nämlich fort ſich verzwei⸗ felnd zu geberden, bis der Kaiſer nach einer ſchweren Rolle griff, die im Bereich ſeiner Hand lag und ſie dem trauernden Kammerdiener„zu etwelcher Ergötzlichkeit“ reichte.. Neues unarticulirtes Geheul, neue unſichtbare Thränenſtröme, die Herr Lang in ſeinem Sacktuche auffing. 166 Der Kaiſer wurde ungeduldig und Herr Lang fing an, mit der Farbe herauszurücken. Er ſchwor, die Leiden ſeines kaiſerlichen Herrn nicht länger anſehen zu können, und um dieſen Ent⸗ ſchluß auszuführen ſei es natürlich nothwendig, den Hof zu verlaſſen. Herr Philipp Lang kündigte alſo mit einem Wort den Dienſt. Man hiätte eine ſolche Handlungsweiſe als den ſchnödeſten Undank bezeichnen können, in den Augeu des Kammerdieners war ſie ein Act der Verzweiflung, eine von Liebe und Anhänglichkeit eingegebene That. Der Kaiſer war ſehr geneigt, ſie unter dem glei⸗ chen Geſichtspunkt mit ſeinem Kammerdiener aufzufaſ⸗ ſen. Anſtatt die Reitpeitſche, die faſt nie aus den Hän⸗ den des Kaiſers kam, auf dem Rücken des Herrn Lang tanzen zu laſſen, ſeufzte der Monarch, blickte unſeren Freund Hummel an und ſagte zu Lang: „Wir verbieten Dir uns zu verlaſſen.“ Da kam es heraus, daß Herr Lang ſein Silber⸗ zeug, und gemünztes Gold, ſo wie ſeine kleine Kunſt⸗ ſammlung, voraus nach München geſchickt habe, er war nämlich gleichfalls Sammler wie der Kaiſer, nur mit dem Unterſchiede, daß der Monarch Alles theuer be⸗ zahlen mußte, während ſein Diener nie etwas bezahlte. 167 Darüber entſetzte ſich der Monarch noch mehr, als über den böswilligen Rückzug ſeines Kammerdiener, der wohl damit andeuten wollte, daß er nicht nur den Hof, ſondern ſelbſt das Land zu verlaſſen gedachte? Hätte der Kaiſer die erbarmungswürdige Phyſio⸗ gnomie ſeines vielgetreuen Philipp Lang geſehen, als Se. Durchlaucht Erzherzog Leopold jene gehäſſigen An⸗ ſpielungen, auf das Silberzeug des wackeren Dieners machte und darauf hindeutete, daß es ein Act des Pa⸗ triotismus wäre, dasſelbe zur Bezahlung der Soldateſka beizutragen, ſo würde er vielleicht zur Einſicht gelangt ſein, daß der eigentliche Grund des Entlaſſungsgeſu⸗ ches dieſes erprobteſten Dieners nur in ſeinem ſchmutzi⸗ gen Geiz und in ſeiner elenden Feigheit zu ſuchen ſei, in der Furcht Gefahr zu laufen, den Lohn bewährter Dienſt⸗ treue im Sturm der Zeiten zu verlieren; ſollte das geſtoh⸗ lene Silber, die unterſchlagenen Schmuckgegenſtände, das erpreßte Geld, die geraubten Bilder, die zuſammen⸗ geplünderten Münzen, ſollten alle die Siebenſächelchen einem noch ſtärkeren oder glücklicheren Diebe, Räuber, oder Plünderer zur Beute werden?!! Herr Philipp Lang glaubte in dem Umſtande, daß er den Launen des Erzherzogs und den diebiſchen Ge⸗ lüſten des Paſſauer Kriegsvolkes glücklich entgangen, 168 einen Wink des Schickſals und eine heilſame Warnung, zu ſehen, der er zu gehorchen entſchloſſen war. Herr Philipp Lang war ſchlecht, aber nicht dumm. Er witterte den Sturm in der Luft und war deshalb beſorgt ſich und alle die vielen Kleinigkeiten, die er ſich während ſeiner Dienſtzeit erworben in ein ſicheres und warmes Neſt zu bringen. Der Kaiſer redete dem ehrlichen Lang zu und nahm als das Fluchen nicht helfen wollte zu ſehr unkaiſerli⸗ chen Bitten ſeine Zuflucht. Das Alles machte auf den treuen Diener, der nun einmal das Schauſpiel ſo gro⸗ ßer Undankbarkeit nicht mit anſehen wollte; ſehr gerin⸗ gen Eindruck, er zuckte die Achſel und erklärte, daß er ein zu empfindliches Herz beſitze. Zufällig gerieth der Kaiſer auf ein Mittel von welchem Hummel glaubte, daß es das Gemüth des treuen Dieners tödtlich verwunden würde; er bot dem Kammerdiener eine Gehaltserhöhung an und verband damit das Geſchenk eines kleinen Zolles, an der ſäch⸗ ſiſchen Grenze. Dieſes Anerbieten beſchwichtigte das zärtliche Herz des Dieners und er beſchloß ſeufzend an der Stelle auszuharren, wohin ihn eine höhere Fügung ge⸗ ſetzt hatte. Sehr mit Unrecht, denn Herr Lang wurde, nach⸗ 169 dem das Drama, in welchem er als eine ſehr unterge⸗ ordnete Perſon, eine Hauptrolle geſpielt, zu Ende geführt war, eines ſchönen Tages vor die Schranken des Gerich⸗ tes geladen und aller jener theueren Andenken beraubt, die er ſo emſig geſammelt hatte. Als der Kaiſer ſich auf's Neue ſeines Dieners verſichert hatte, rief er aus:„Endlich doch eine dank⸗ bare Seele!“ „Und Meiſter Johann von Aachen?“ wagte der Kupferſchmied zu fragen. „Johann von Aachen iſt nicht um ein Haar beſſer, als all' die Andern, ich bekomme ihn ſo wenig zu Ge⸗ ſicht als den Hanywald, Hegemüller und Welzer.“ „Ach mein Gott, daran iſt Niemand ſchuld als die kleine Sabine.“ „Wer iſt die kleine Sabine?“ „Meine Tochter Ener Majeſtät zu dienen.“ „Will er ſie vielleicht gar heiraten?“ „Ich denke doch, da ſie übermorgen ſchon Hoch⸗ zeit halten wollen.“ „Und der Schlingel ſagte mir kein Wort davon.“ „Er malt gerade jetzt ihr Bild.“ „Das iſt eine Entſchuldigung, die ſich hören läßt.“ „Und meine andere Tochter.—“ „Nun die Andere“ 170 „Hat das Unglück.“ „Was für ein Unglück.“ „Einen Officier der Paſſauer zum Mann zu be⸗ kommen.“ „Sie ſind ja abgezogen.“ „Aber der Rittmeiſter Prendl iſt da geblieben, da er doppelt verwundet iſt, am Arm und im Herzen.“ „Möge die letztere Wunde unter der Pflege ſeiner Braut bald vernarben.“ Der Kaiſer hätte ſich wohl noch die einzelnen De⸗ tails des ganzen Hochzeitsfeſtes mittheilen laſſen, wenn nicht plötzlich ein Ehrenherold über den Schloßplatz geritten wäre, welcher die Ankunft des Königs von Un⸗ garn zu melden hatte. Der Kaiſer begann zu zittern, ſein Auge zuckte convulſiviſch zuſammen, er winkte dem Bürger mit der Hand ein Lebewohl zu.— Obgleich ſich die Verhandlungen über ſeine Ab⸗ dankung noch lange hinauszogen, war dieß doch der letzte Regierungstag des unglücklichen Monarchen ge⸗ weſen.— Der unglückliche Monarch ſah ſich nach wenigen Tagen von Allen— Allen verlaſſen, nur der biedere Herzog Heinrich Julius hielt auch noch während der 171 furchtbaren Kataſtrophe, welche Rudolf des letzten Thro⸗ nes beraubte, feſt zum Kaiſer. Rudolf, welcher ſein Scepter über ſo viele Län⸗ der ausgeſtreckt hatte, mußte nun auch die böhmiſche Krone niederlegen und ſich mit der unfruchtbaren Kai⸗ ſerwürde begnügen. „Hanywald, Hegemüller“ und der Reichspfen⸗ nigmeiſter„Welzer“ konnten vor dem Kaiſer nicht mehr erſcheinen. Sie waren Gefangene und vermochten nur mit genauer Noth der Folterung zu entgehen, welche über den minder glücklichen„Tennagl“ verhängt wurde. Der Erzherzog entrann dem Verderben, da er, ein Mitglied des erlauchten Hauſes, nicht mit dem gemei⸗ nen Mann auf gleicher Linie ſtand und außerdem den Rückzugsbefehl vorweiſen konnte, deſſen Copie Ramée dem Strom anvertraut hatte. Die Böhmen, deren Wahlrecht im Laufe der Jahr⸗ hunderte faſt völlig vernichtet worden war, erhielten es nun aus der Hand des Prätendenten zurück. Mathias lehrte ſie, den rechtmäſſigen Fürſten ab⸗ ſetzen und kraft ihres Wahlrechtes den Mann auf den Thron berufen, der ſich gerade ihres Beifalls zu er⸗ freuen hatte. Die Böhmen wählten an Rudolf's Stelle Ma⸗ thias zum König und machten ſich zehn Jahre ſpäter 172 als ſie Ferdinand II. abſetzten und den Pfalzgrafen zum König ausriefen, die neue Theorie zu Nutze. Rudolf überlebte Schmach und Demüthigung nur kurze Zeit und ſtarb ſchon ein Jahr nach der Kataſtro⸗ phe ſeiner Abſetzung, Heinrich Julius, der im Leben ſo treu und feſt zu ihm gehalten folgte ihm bald in den Tod nach. Er ſtarb am Genuſſe von Melonen. Ob dieſe Melonen durch Ramées Hand gegangen; wer weiß es? Ebenſo wenig bekannt iſt es, ob Erzherzog Leo⸗ pold, als er Ramée im gleichen Jahre hinrichten ließ, noch etwas Anderes zu beſtrafen hatte als die in Bud⸗ weis verübten Grauſamkeiten. Was wir als Dichter aber um ſo beſſer und ge⸗ nauer wiſſen, das ſind alle Umſtände der Doppelhoch⸗ zeit, welche am zweiten Tag nach König Mathias Ein⸗ zug gefeiert wurde. 9. Wir ſprachen von einer Doppelhochzeit. Dieſelbe fand auch am zweiten Tag nach dem Einzuge des Kö⸗ nigs von Ungarn ſtatt. Die Brautleute fuhren in Kutſchen zur Trauung. Die Kutſchen waren damals eine noch ziemlich junge Erfindung, deren ſich nur die reichſten Cavaliere bedienten. Alle Fenſter, welche auf den Leonardiplatz gingen, waren daher von Zuſchauern beſetzt, ſelbſt unten zu ebener Erde im Bierhauſe zum„Froſch“ und in jener anderen eben ſo alten Kneipe„zum Faſan“ lugten die Gäſte trotz der frühen Tageszeit, dicht gedrängt zwi⸗ ſchen den eiſernen Fenſterſtäben hervor. Trotzdem, daß der würdige Friſeur Tobias Widtmann von den Gäſten war, zeigten ſich auch, an ſeinen Fenſtern ein Paar du⸗ 174 tend wackelnder Köpfe, welche Neugierde und Klatſch⸗ ſucht zwiſchen ein paar Fenſterſtöcke zuſammen gepreßt hatte. Ohne Vergleich gedrängter ſtanden aber die Leute um die Hausthüre herum. Mägde, die vor zehn Jahren im Hauſe des wackern Meiſters gedient hatten, erinner⸗ ten ſich plötzlich der rühmlichen Tugenden Madame Katharinen's und wie ihnen die Kinder ſtets ſo lieb und theuer waren und gingen hin den Flitterſtaat der Bräute zu bewundern, zu tadeln, zu beſchreiben, zu vergrößern und zu verkleinern. Geſellen die einſt Hummels Lehrjungen und Mei⸗ ſter die ehemals ſeine Geſellen waren, entfernte Ver⸗ wandte, die augenſcheinlich in die größte Verlegenheit gerathen wären, wenn ſie ihren Verwandtſchaftsgrad hätten nachweiſen ſollen, Tauf und Firmpathen, welche weder vom Meiſter Hummel noch von deſſen Frau über die Taufe gehalten, noch vor den Biſchof geführt wor⸗ den waren, Fleiſchhauer die in früherer Zeit den Lendenbraten, Gewürzkrämer, welche die Specereien, Müller die das Mehl und Schuſter, welche die Stiefel geliefert hatten, fanden ſich ein, um zu ſehen und ge⸗ ſehen zu werden. War denn aber die Hochzeit eines einfachen Pra⸗ 175 ger⸗Bürgers etwas ſo Ungewöhnliches, daß die ganze Bevölkerung darüber in Bewegung kam?!— War aber auch Meiſter Caſpar Hummel der ſchlichte Bürger von ehedem? Das Schickſal und ge⸗ ſtehen wir es aufrichtig, der gute Meiſter ſelbſt hatten es anders gewollt. Hummel's Volksthümlichkeit datirte von dem böſen Handel mit dem Pferde des armen Jan Kafka. Der wackere Bürger hatte damals den richtigen Weg eingeſchlagen, um ein öffentlicher Charakter zu werden. Dazu kam noch der wichtige Umſtand, daß ſein Haus die Zufluchtsſtätte des populärſten Mannes des ganzen Königreichs geworden, und daß er den, um das Vaterland ſo hoch verdienten, kleinen Pferdejungen, gleichſam entdeckt hatte. Sein Haus beherbergte überdieß einen wichtigen Gefangenen und er ſelbſt der Herr dieſes merkwürdigen Hauſes erwarb ſich den Glorienſchein eines politiſchen Märtyrerthums, weil ihn der Cardinal in dunkler Nacht verhaftete und zu einem vortrefflichen Schmaus auf den Hradſchin ſchleppte, wo er die Ehre hatte mit dem Kaiſer zu ſprechen und eine glänzende Medaille mit dem Bruſtbild der Majeſtät als Ehrenſold mit nach Hauſe zu bringen, eine Medallle, die ihm mehr werth iſt, als das Haus zum„ſteinernen Röſſel.“ 176 War eine ſo vielfach berühmte Perſönlichkeit noch ein einfacher Bürger? Trug Meiſter Hummel nicht Sorge, ſeine Thaten, obgleich es damals in Prag noch keine Zeitungen gab, ſeinen guten Mitbürgern bekannt zu geben und war der würdige Mann nicht die Poſaune ſeines eigenen Ruhmes und die leibhaftige Fama, welche ganz Prag verkündete, was er Großes gedacht und gethan?!! der würdige Meiſter ließ Vieles errathen, und noch mehr errathen, als er ſelbſt wußte, er lä⸗ chelte ſo ſchlau und ſpielte den Diskreten. Seine Colle⸗ gen vom Hammer und Blasbalg hegten eine ſo gün⸗ ſtige Meinung von Meiſter Hummel und von Frau Brigitte, daß ſie ordentlich ſtolz auf dieſen ihren Mit⸗ bürger wurden. Aber auch die andern Mitbürger des wackeren Hummel, waren der Meinung, daß der wackere Mann einer der vortrefflichſten und erlauchteſten Bürger der Stadt ſei, eine Meinung, welcher wir mit einigen unbedeutenden Einſchränkungen ſelbſt beizu⸗ pflichten keinen Anſtand nehmen. Die Großen dieſer Erde finden, leider ſo leicht Nach⸗ ahmer und Nachbeter; der Umſtand alſo, daß ihn Graf Thurn mit ſeiner Freundſchaft beehrte, hatte viel mehr als Hummel's wirkliches Verdienſt dazu beige⸗ tragen, ihn populär zu machen. 177 Die ehrlichen Bürger drückten viel wärmer und länger eine Hand, welche kurz zuvor in der eines Wür⸗ denträgers wie Graf Thurn geruhet hatte. Nachdem Graf Thurn den Tag nach der Rückkehr vom Kriegszug den Kupferſchmied in Gegenwart eines ganzen Freiwilligen⸗Bataillons umarmt hatte, mußte er wohl der würdigſte Bürger Prags ſein! Jetzt in die⸗ ſem Augenblick ſtand ſogar des Grafen Kutſche vor der Hausthür und hinter ihr noch eine zweite Kutſche, in welcher ein hochgerötheter Herr ſaß, der nach ſeiner Ausſage der Abgeſandte eines noch viel größeren Herren war, als Graf Thurn. Das eine Brautpaar ſtieg in den Wagen des Gra⸗ fen Thurn, das Andere in die Staatskaroſſe des frem⸗ den Herrn, in welcher auch noch die Brauteltern Platz fanden. 8 Herr Philipp Lang verbeugte ſich, mit an ihm un⸗ gewohnter Artigkeit vor dem ſtattlichen Bürger, der prächtig herausgeputzt war und nach ſeiner Gattin Be⸗ hauptung, wie ein Prinz ausſah. Hummel neigte den Kopf ſehr geringſchätzig, ſo daß ſein Kinn kaum den gewaltigen Ringkragen berührte, der den dicken Hals umſchloß. Herr Lang ſtellte ſich, als ob er den geringſchätzi⸗ gen Ausdruck, welcher in dem Benehmen des Kupfer⸗ Die Paſſauer in Prag. II. 12 178 ſchmiedes lag, gar nicht bemerkt hätte, ſondern fuhr fort zu lächeln und lächelnd ein kleines Käſtchen hervor zu ziehen. Er wandte ſich an Fräulein Sabine und über⸗ reichte ihr das Käſtchen, auf welchem der Name„Sa⸗ bine“ mit Meſſingbuchſtaben, ausgedrückt ſtand, gleich⸗ zeitig zog er eine funkelnde Kette aus einem Etui und bemühte ſich, dieſelbe um den Hals des geehrten Bür⸗ gers zu legen, ein Beginnen, dem ſich aber der unge⸗ heu're Ringkragen ſo beharrlich widerſetzte, daß der kaiſerliche Kammerdiener ſich begnügen mußte, ſie dem wackeren Meiſter bloß ſo einzuhändigen. „Sr. Majeſtät,“ hub der Hofdiener an,„haben geruht, ſich dahin auszuſprechen, daß der Meiſter wohl dieſe Arbeit wieder erkennen würde, indem es eine je⸗ ner Ordensketten ſei, an welcher Se. Majeſtät ge⸗ meinſchaftlich mit dem ehrſamen Meiſter Hummel gear⸗ beitet haben. Sr. Majeſtät wünſcht, daß Ihr dieſelbe zu ſeinem Andenken tragen möget.“ Meiſter Hummel, der nach dem Zeugniß der Frau Katharina Brigitte wie ein Prinz ausſah, verbeugte ſich wie ein König und ſagte ſo trocken und kalt, als ob er vom Wetter oder vom Wind redete:„Ich bin durch ſo viele und ſo unverdiente Gnaden gerührt und behalte mir vor, meinen tiefgefühlten Dank Sr. Majeſtät zu Füſſen zu legen.“ 179 Was Hummel ſagte, kam vom Herzen, kühlte ſich aber auf dem Weg bis zu den Lippen, bedeutend ab; denn es war Herr Philipp Lang, der Verfolger des armen Jan Kafka, der Verkuppler ſeiner Dienſtmagd, der Mann, der ſein eigenes Kind die„Anna Lies“ Balg geſcholten hatte, zu dem er redete. Gravitätiſch langte daher der Kupferſchmied, ſo⸗ dann in die Tiefe ſeines Hoſenſackes, die Hand blieb lange dort verſenkt, bis ſie einer Taucherglocke ähnlich aus der Tiefe empor ſtieg und einen Dukaten herauf holte, welcher in die Hand des Kammerdieners glitt und raſch in den Abgrund ſeiner Taſche verſchwand. Herr Philipp Lang, Herr Ritter von Lang, Be⸗ ſitzer eines Rittergutes, ritterlicher Einkünfte und eines ritterlichen Hausrathes war von ſo unritterlichen Geſin⸗ nungen beſeelt, daß er von dem ſchlichten Bürger als Ueberbringer eines kaiſerlichen Gnadengeſchenkes Trink⸗ geld annahm. In der Kirche überreichte er Fräulein Petronilla ein ganz gleiches Käſtchen, das mit ihrem Namen be⸗ zeichnet war. Greifen wir jedoch der Reihenfolge unſeres Be⸗ richtes nicht vor, wir ſind ja erſt beim Einſteigen. Als die Braut auf die Thürſchwelle trat, flüſterten, und winkten die Mädchen mit den Augen die jungen Leute 12* 180 ſchnalzten mit den Zungen, die Alten legten den Zei⸗ gefinger und den Daumen an den Mund und machten dabei die Pantomime des Küſſens. Die im erſten Stock gegenüber wohnende Pfle⸗ gersfrauhielt mit von Neid und Zorn halberſtickter Stim⸗ me eine Predigt über den ſündhaften Hochmuth der Menſchen und wendete ſich dann, als ihr Niemand zu⸗ hörte, zu dem Rector Magnifikus der Univerſität, wel⸗ cher ihr gegenüber an demſelben Fenſter ſaß und ſagte: „Ich glaube gar das Nickel trägt ein mit Silber geſticktes Brautkleid, meiner Sirt, es iſt mit Silber eingearbeitet.“ „Beruhigen Sie ſich,“ entgegnete der akademiſche Würdenträger.„Es iſt nur mit Silber verbrämt, Mäd⸗ chen von Stand trugen an der Stelle des edlen Me⸗ talls bei den Römern Purpurſtreifen.“ „Mädchen von Stand?“ gab die richterliche Ma⸗ trone ſeufzend zur Antwort: „Ja Mädchen von Stand! aber kann man bei ſolchen Leuten von einem Anderen, als einem Oebſtler⸗ oder Pfefferkuchenſtand reden, hat denn ein Kupferſchmied überhaupt einen Stand? Unterſtand wegen meiner, das gebe ich zu, den mögen ſie haben, Aufſtand hätten ſie gern, Anſtand kennen ſie nicht und den Abſtand müſſen wir ſie erſt kennen lehren. Das iſt meine Anſicht, Ma⸗ 181 gnificenz, die Anſicht eines ſchlichten Weibes, vielleicht habe ich unrecht, aber ich weiß nur, daß ich meine Cres⸗ cenz kein ſolches Kleid anziehen laſſe!“„Wenn ſie der Himmel— zu ſich nimmt,“ ergänzte der Rector gedan⸗ kenlos. Die Pflegerin zuckte zuſammen, als ob ſie von ei⸗ ner Weſpe geſtochen uuiden wäre und ſchrie: „Das wäre mein Tod.“ „Der ſchmue Offieier, der eben einſteigt?“ frug der akademiſche Würdenträger ſanft. „Wie Sie das Herz einer Mutter ſo grauſam durchbohren können!“ „Sollte der Bräutigam ſo pflicht⸗ und ehrvergeſſen geweſen ſein?“ „Gegen mich?“ Die Pflegersfrau lächelte wild „Gott behüthe! ich meinte—“ „Nun warum mich gerade Gott behüthen ſolle, das weiß ich nicht.“ „Sie meinen alt genug zu ſein, um ſich ſelbſt be⸗ hüthen zu können, das iſt auch wahr.“ „Und daß Euere Magnificenz mich im Zuſchauen ſtört ebenfalls.“ Die Pflegersfrau verwendete kein Auge mehr vom Fenſter und behauptete von Stunde an, daß der 182 Rector, der wegen ſeiner Gelehrſamkeit weltbekannt und weltberühmt war, nichts weiter als ein Eſel ſei. So viel war übrigens ausgemacht, daß Petronilla wunderbar anzuſchauen war. Ihr rabenſchwarzes Haar hing in langen Zöpfen nieder, die durch rothe flatternde Bänder zuſammen gehalten wurden. Das lichtblaue Kleid war nicht, wie die Magni⸗ ficenz bemerkte, bloß mit Silber verbrämt, ſondern durchwirkt, die pauſchigen Aermel waren aufgeſchlizt und mit rother Seide ausgenäht. Freilich hatte die Pflegerin Recht, ſich über den Luxus zu wundern, die alten Weiber behaupteten min⸗ deſtens noch keine dem Bürgerſtand angehörige Braut ſo reich gekleidet geſehen zu haben. War aber das Petronillas Schuld? Oder war nicht der Brautführer die erſte und eigentliche Urſache des großen Kummers ſo vieler alten Weiber, indem derſelbe noch geſtern Abends eine große mächtige Schachtel in's Haus geſchickt hatte, in welcher ein Schreiben und das koſtbare lichtblaue ſilberdurchwirkte Brautkleid lag.. Das Schreiben kam von der Gattin des Grafen, welche dem Mädchen und der ganzen Familie den herz⸗ lichſten Dank für die verſorgliche Pflege ihres Gemahls 183 ausſprach, und die ſchöne Petronilla bat, das Kleid als ein ſchwaches Zeichen ihrer Erkenntlichkeit anzu⸗ nehmen. Hätte nun Petronilla dieſer alten Klatſchſchwe⸗ ſtern halber, die Gräfin und den Grafen ſelbſt beleidi⸗ den, und hätte ſie als ein ungehorſames Kind gegen den ausdrücklichen Willen der Mutter das liebe, ſchöne Kleid in einen finſtern öden Winkel des großen Fami⸗ lienſchrankes hängen ſollen?! Nein, ſie zog das prächtige Kleidungsſtück an und war darin auch gar nicht entrüſtet darüber, als ſie, ge⸗ ſenkten Blickes zum Wagen ſchreitend die vielfa⸗ chen Ausrufe der Bewunderung hörte, die ihre Toilette hervorrief. Eben ſo wenig kränkte ſie ſich, als ſie trotz des ge⸗ ſenkten Blickes, den Ausdruck des Neides, ſo wie die zornigen Geberden der alten, eingebildeten, ſtolzen Weiber an den Fenſtern der Nachbarhäuſer gewahrte. Während der Fahrt zur Kirche hatte Graf Thurn, der Generallieutenant des Königreiches Böhmen ſeinen Platz neben Petronillen genommen; er ſtrahlte von Gold und Juwelen, obgleich er eben nicht zu den reichen Cavalieren des Landes gehörte. Er trug das Kleid, in dem er dem Einzug des Königs Mathias beigewohnt hatte. Der Braut gegen⸗ 11 184 über ſaß Kittmeiſter Prendl, der ſich ſeit heute Mor gens im Dienſte des Königs von Ungarn befand. Da Rudolf keine Armee mehr hatte und das Paſ⸗ ſauer⸗Kriegsvolk abgezogen war, ſo konnte der Ritt⸗ meiſter ohne Gewiſſensvorwurf in den Dienſt des Für⸗ ſten treten, von dem man wußte, daß er der neue Lan⸗ desherr werden würde. Der junge Officier ſah und hörte nichts von all dem, was rings um ihn vorging, denn er hatte nur für ſeine Braut Aug' und Ohr. Die Fahrt des anderen Brautpaares zur Kirche erregte einen nicht minder großen Andrang von Neu⸗ gierigen und fiel gleichfalls zur allſeitigen Befriedi⸗ gung aus. 10. Die Brautleute gelangten endlich in die Teyn⸗ kirche, wo viele Freunde und Bekannte ihrer harrten, und zwar nicht bloß Katholiken, ſondern auch Luthera⸗ ner und Calviner. Es war damals ein Moment, wo ſich die Bekenner der verſchiedenen Glaubensformen des reinen und wahren Chriſtenthums ziemlich gut mit ei⸗ nander vertrugen. Dieſer Moment dauerte aber leider auch nur ſo lange, bis die hellen Flammen des Zankes über die Kirchbauten von Kloſtergrab und Braunau aufloderten. In dieſem Augenblicke, wo der Majeſtätsbrief zur Wahrheit werden ſollte, begegneten ſich beiderlei Con⸗ feſſionen mit vieler Freundlichkeit. Die Teynkirche bot an dieſem Tag einen feierlich⸗ ſtillen erbaulichen Anblick. Die Sonne ſtrahlte bei den Langſenſtern der Em⸗ porkirche herein und beleuchtete die Köpfe der Katholi ken und Proteſtanten mit demſelben milden, freundli⸗ chen Lichte; der Canonicus Platteis, welcher die Braut⸗ paare verband, hatte für den proteſtantiſchen Grafen Thurn und den katholiſchen Dionys Czernin einen gleich liebevollen Blick. Die Kerzen am Hochaltar waren angezündet, die Stühle beſetzt, die Brautpaare bereit die Trauungs⸗ formel zu vernehmen, während in dem Seitenſchiff rechts vom Eingang ein Castrum doloris aufge⸗ ſtellt war, das in glänzendem Waffenſchmuck prangte. An dem Katafalk hielten einige bewaffnete Bürger Wache, während ein Prieſter die Todenmeſſe las. Es war ein alter Bekannter für den die glänzen⸗ den Schwerter und Helme, Lanzen und Küraſſe para⸗ dirten, und der Geiſtliche das„Requiescat in pace“ ſprach. Es galt den Manen des armen Pferdejungen, durch welchen die Humneliſchen Mädchen zu Männern, Meiſter Hummel zu ſeinem politiſchen Ruf, Graf Thurn zu ſeiner Freiheit, die Altſtadt zu ihrer Rettung gelangt war. Während der Prieſter im ſchwarzen Meß⸗Kleide das Requiescat ſagte, ſprach der Domherr ſein„Con- jungo vos.“ 187 Petronilla liſpelte ein verſchämtes„Ja,“ während ihre jüngere Schweſter ganz lant ihre Zuſtimmung aus⸗ drückte. Dieſe jüngere Schweſter war in der Kirche der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit und zwar noch im höheren Grade als ſelbſt Petronilla. Man merkte, daß der Schönheitsſinn eines Künſt⸗ lers bei der Ausſchmückung der Braut thätig geweſen war, doch würde der gute Geſchmack des ehrlichen Jo⸗ haun von Aachen, ohne die Freigebigkeit ſeines kaiſer⸗ lichen Herrn, der mitten in den Wirren des Bruder⸗ zwiſtes und einer bevorſtehenden Thronentſagung, noch Zeit gewonnen hatte an ſeinen Liebling zu denken, wenig geholfen haben. Kaiſer Rudolf der ein halbes Jahr lang nicht hun⸗ derttauſend Gulden zur à Conto⸗Zahlung des Trup⸗ penſoldes aufzutreiben vermocht hatte und der dann plötzlich, als es zu ſpät war, viermalhunderttauſend Gulden binnen wenigen Stunden gefunden. Kaiſer Rudolf, der in Staatsangelegenheiten ſich ſtets karg und geizig erwies und in allen Privatverhältniſſen dagegen kaiſerliche Verſchwendung übte, hatte Tages zuvor den Maler Johann von Aachen zu ſich be⸗ ſcheiden laſſen und ihn gefragt, ob er ihn noch für 188 ſeinen Herrn und Kaiſer halte, worauf der Künſtler mit Aufrichtigkeit antwortete: „Für mich wird Euere Majeſtät noch mein kaiſer⸗ licher Herr bleiben und wenn in der ganzen Welt keine Majeſtät mehr exiſtiren ſollte.“ Dieſe Worte ſchienen dem von dem Undank ſeiner Umgebung hartgeprüften Fürſten zu gefallen, denn er lächelte zum erſten Male ſeit Mathias Einzug wieder freundlich und ſagte: „Weil Du redlich und treu zu mir hältſt, will ich Dir auch ein gnädiger Kaiſer ſein, worauf er ſich von Lang einen Sack mit Thalern bringen ließ, den Dieſer vor dem Maler auf den Tiſch ſtellen mußte, und ſprach: „Nimm Johann, Du wirſt es brauchen können und wenn nicht Du— Künſtler haben in der Regel geringe Bedürfniſſe— ſo Deine Frau. Es iſt doch die⸗ ſelbe, die ſich mit Dir in jener denkwürdigen Nacht mit⸗ telſt geheimer Zeichenſprache verſtändigte?“ Der Maler ließ ſich auf ein Knie nieder, ergriff dankbar die Hand des huldvollen Monarchen und be⸗ netzte ſie mit Thränen: „Euere Majeſtät!“ rief er begeiſtert,„hätten Ei⸗ ner der Unſeren werden ſollen, dann wäre Alles gut, ich kann mir gar keinen großmüthigeren Collegen den⸗ ken als Euere Majeſtät.“ 189 Der Kaiſer überließ dem Maler ſeine Hand und erwiderte gedankenvoll: „Magſt Recht haben Johann, mir ſcheint mauch⸗ mal ſelbſt, daß ſich das Schickſal vergriffen hat, indem es mir einen Scepter ſtatt des Pinſels in die Hand ge⸗ drückt.“ Dann frug er plötzlich, ob das Brautkleid ſchon im Hauſe ſei, und als Johann von Aachen verlegen wurde und bekannte,„daß er gar nicht daran gedacht habe, ſchalt ihn der Monarch weidlich aus und ſchickte um Polixena Lobkowitz, von der er als Freundſchafts⸗ dienſt die Beſorgung eines ſtattlichen Brautkleides for⸗ derte. Noch am Abend desſelben Tages war das Kleid im Hauſe der Brauteltern. Das Kleid war von roſenfarbem Stoffe und ſo leicht und luftig, daß es die zierliche Geſtalt Sabinen's wie roſenrothe Wölkchen umwallte und umflatterte. Als ſie am Altar kniete war man ſehr verſucht, ſie für ein engelhaftes Weſen zu halten. Zu dieſem engelhaften Ausſehen trug jedoch der Umſtand nicht wenig bei, daß die Braut ihren Kopf mit zahlreichen goldigen Löckchen aufgeputzt hatte. 190 Meiſter Johann, der in Sabinen längſt ſeinen be⸗ ſten Engel erblickte, hatte ihren Anzug geordnet. Johann von Aachen konnte keinen Blick, von dem herzigen Mädchen, das ſo ſchelmiſch und doch zugleich ſo unendlich gutmüthig und ehrlich darein ſchauete weg⸗ wenden, Frau Hummel rauſchte wie ein feierlicher Or⸗ kan, der ſich in blutiges Roth gekleidet hatte, daher; die ehrenwerthe Bürgerin trug einen brennend rothen mit ſchwarzen Streifen verbrämten Rock, der weit, wie ein Talar über die etwas üppige Geſtalt herunter wallte, um den Hals ſchmiegte ſich, gleich dem neunfach gewun⸗ denen Styr, wie Bürger Widtmann höchſt ſcharfſinnig bemerkte, eine Granatſchnur, die ſich neun Mal um den Hals ſchlang, der jedoch mit dem gleichen Körpertheil des Schwanes nichts gemein hatte. Den etwas ſtark ausgeprägten Buſen zierte ein goldenes Kreuz, das bei Moldauſchiffen nöthigen Falls als Anker hätte dienen kennen, ſo ſchwer, dick und plump war das Kleinod. Mit der ganzen athletiſchen Figur ſtand jedoch die Wehmuth, der ſich Frau Hummel während der Trau⸗ ungsfeierlichkeit hingab, in ſeltſamen, faſt komiſchen Wi⸗ derſpruch und doch waren es heiße Thränen, Thränen elterlicher Liebe und Zärtlichkeit, welche über den in 191 brennendes Roth gehüllten mütterlichen Buſen nieder⸗ fielen. Herr Caſpar Hummel ſuchte ſeine dicke Figur nach Möglichkeit zu verlängern, indem er ſich auf die Zehen ſtellte und den Kopf empor warf, als ob die Trauung an der Kirchdecke verrichtet werden ſollte. Widtmann, welcher als Beiſtand des Rittmeiſters fungirte, machte ſich auffallend viel mit der Braut zu ſchaffen und ſchien ſich nicht wenig daraufzu gute zu thun. Philipp Lang lehnte gedankenvoll an einem Pfei⸗ ler, und dachte— an die blöden Augen ſeines Herrn und Meiſters, die auf die arme Chriſtel gefallen waren, während es doch ſo ohne Vergleich liebenswürdigere Ge⸗ ſchöpfe unter demſelben Dach gab. Die Trauungsceremonie war zu Ende und Herr Lang drängte ſich an den glücklichen Bräutigam Petro⸗ nilla's und zog ihn alles Sträubens ungeachtet in das Durchhaus, welches auf den großen Ring führt, bei Seite und ſprach lange und eifrig mit ihm. Die Geſellſchaft wartete ungeduldig auf den Bräu⸗ tigam, der ſo zur unrechten Zeit aufgehalten wurde. Da erſcholl plötzlich ein Knall, als ob ein blind⸗ geladenes Gewehr abgeſchoſſen würde. Die Hochzeitsgäſte blickten um ſich und ſahen nur 192 noch, wie der Herr Kammerdiener ſeine rechte Wange hielt und ſich mit der anderen Hand ſtützte um nicht umzuſinken. Der Rittmeiſter ſprang aber, als ob gar nichts vorgefallen wäre, in den Wagen, rief dem Kutſcher zu„Vorwärts,“ worauf ſich der Hochzeitzug in Be⸗ wegung ſetzte. Herr Lang, der ein ſehr practiſcher Mann war, glaubte vielleicht, daß es noch Zeit ſei das Verſäumte einzuholen und ſeinem Herrn eine ſo ſeltene Schönheit zuzuführen, um ihn der ſeit einigen Tagen ſo trübſin⸗ nig, ſo zuſammen gebrochen war, ein Wenig zu zerſtreuen und wieder aufzurichten. Mit der guten Chriſtel war es ja ohnedieß längſt ſchon vorbei. Hatte doch die Wache dem Kaiſer inſolent genug die fatale Picke an die Bruſt gehalten!! Lang glaubte nun, einen herrlichen Erſatz für ſeinen melancholiſchen Gebieter gefunden zu haben. Der Umſtand, daß ſie eben gerade durch die Hand des Prieſters unauflöslich mit einem anderen Manne verbunden worden, machte ihm keinen großen Kummer, er habe ſagte er ſich Generäle gekannt, die es ſich zur Ehre rechneten, zu den Privatvergnügungen hoher Her⸗ 193 ren durch Schlieſſung eines oder ſelbſt beider Augen bei⸗ zutragen, und ſelbſt mit Grafen hätte er geſprochen, die unter ganz leidlichen Bedingungen zu den größten Ge⸗ fälligkeiten bereit waren.— „Warum ſollte alſo dieſer gute bürgerliche Rittmei⸗ ſter Schwierigkeiten machen, wenn man ihm mit einem annehmbaren Offert käme?“ Lang war, wie geſagt kein Freund, von unprac⸗ ſchen Phantasmagorieen und da Gefahr im Verzuge war, nahm er den Rittmeiſter bei Seite und bot ihm Geld und ein Obriſten⸗Patent, wenn er bereit ſei, ein Auge zuzudrücken. Er verſprach ihm Beides noch im Lauf des Tages zu verſchaffen, wenn er, ſich gefällig erweiſen werde. Anfangs verſtand der wackere Kriegsmann nicht, was man von ihm wolle, als er jedoch das ſchändliche Anerbieten richtig erfaßte, ließ er ihn kaum ausſpre⸗ chen, und ſeine breite Hand ſo kräftig auf die fleiſchige volle Wange des Lakaien herabfallen, daß der Abdruck ſeiner Finger, wie ein gelungenes Siegel auf derſelben zurück blieb. 4 3 Es war des Kammerdieners zweite Ohrfeige. Die Wagen waren längſt davon gerollt, die Menge Die Paſſauer in Prag. II. 13 194 hatte ſich bereits verlaufen, als Herr Lang endlich mit hoch aufgeſchwollener Backe den Rückzug in die Burg antrat. Auf dem Kerbholz des Kammerdieners ſtand ne⸗ ben Ramée in unauslöſchlichen Schriftzügen„Ritt⸗ meiſter Prendl.“ 11. Laſſen wir den Kammerdiener mit der wohlverdien⸗ ten Ohrfeige, von welcher der Volkswitz behauptet, daß ſie ſelbſt der Papſt nicht wegzunehmen im Stande ſei, friedlich heimwärts ziehen und richten wir unſeren Blick auf das Hochzeitshaus. Die Dichter haben ſo viel von Trauerhaus und Jammerſtätte eſpruch en, daß es uns faſt wohl thut ein⸗ mal von einem fröhlichen, freudenverklärten Ort reden zu können und das war„das ſteinerne Röſſel“ es ſchien dieſen Beruf in ſeinen ſteinernen Knochen und hölzer⸗ nem Kopf ordentlich mitzufühlen. Das gute alte Haus hatte ſchon an manchem Chriſtabend freundlich und behaglich mit ſchwer glän⸗ zendem, ſilberhaarigen weißem Haupt darein ge⸗ blickt, es hatte, behauptete Meiſter Hummel, wenn er ſpät Nachts heimkehrte, vom Mondſtrahl umſpielt ſo 13* 196 gar genickt und gelächelt, aber nie noch war es jugend lichfreudig wie heute. Die Augen des alten Hauſes blickten ſo klar friſch und rein, daß ſie gewiß mit Waſſer ausgewaſchen ſein mußten, die Sonne ließ es ſich nicht nehmen an dieſem Feſttag an den geſchwärzten Wänden.„Huſche⸗Män⸗ chen“ zu ſpielen und bei dieſer Gelegenheit manchen vor⸗ witzigen, warmen Blick in die Stube zu werfen, die Sonnenſtrahlen folgten damit nur einem verwandſchaft⸗ lichen Zug zu den beiden Bräuten, die ſonnig und hei⸗ ter in der Wohnung herum glitten, als ob ſie die Strah⸗ len außen nachahmen möchten. Die Brautmutter war gleich nach der Rückkehr von der Trauung verſchwunden, um ſich nicht früher wieder den Hochzeitsgäſten zu zeigen bis die dampfenden Schüſ⸗ ſeln auf den Tiſch ſtanden. Ihr Poſten war jetzt in der Küche, wo es für eine wackere Hausfrau noch gar viel zu ſchaffen gab. Sie werden meine Leſer die Bedeutung dieſer Ab⸗ weſenheit zu würdigen verſtehen, ſollten Sie es aber nicht ſo folgen Sie mir an jenen Ort, nach welchem Widtmann ſo oft ſehnſüchtige Blicke geworfen hatte, zu jenem kleinen runden Fenſter, deſſen Glas halb er⸗ blindet war und dazu diente, um der Küche noch etwas mehr Licht zu verſchaffen, was nebenbei geſagt unfinnig 197 war, da die Küchenfenſter nach der Straße gingen oder noch gehen. Wie die Enkel Alles beſſer wiſſen, denn ihre Vor⸗ fahren, verſchwand auch im Lauf der Zeit das gewöhn⸗ liche, kleine, Gugelhupfförmige Fenſter, auf deſſen Poe⸗ ſie der kluge Nachkomm ſich ſo wenig verſtand. Wie oft weidete ſich der Herr des Hauſes und ſo mancher vortreffliche Gaſtfreund durch das liebe, kleine Fenſter hindurch an dem flackernden Feuer, den viel⸗ verſprechenden Speiſendämpfen, den ſich bräunenden, unter der kühlen Butter aufziſchenden Braten und blin⸗ kenden Kaſſerolen, Schüſſeln und Tellern. Jetzt hat der plumpe Enkel dieſes Küchenauge exſtirpirt und es wäre nöthig, daß der Freund und Be⸗ wunderer culinariſcher Künſte, das Heiligthum mit pro⸗ fanem Fuß betrete, wo die Bona Dea waltet. Welcher Mann„Odi profanum Vulgus“ der Hausfrauen und Köchinnen und ſo nahm denn auch das ſtille, ruhige Anſchauen ein Ende und was hätte man heute zu Tage auch noch Beſonderes in einer Küche an⸗ zuſtaunen. Die entarteten Nachkommen jener tafelfreudigen Ahnen haben keinen Spieß mehr, der fröhlich ſchnarrt und ſummt und der Aente, die gebraten wird, ein Schlummerlied ſingt, ſie haben auch jene mächtigen 198 Lendenbraten nicht mehr, welche uuſere Vorfahren ſo ſehr liebten, von den Wänden ſchauen dunkelfarbige Reinen, Becken und Häfen traurig nieder, wo ehemals ganze Zinnbergwerke aufgehäuft waren, welch die luſti⸗ ge Flamme, von ihren emſig geſcheuerten Oberflächen wider ſpiegelten. Noch iſt aber das Rundfenſter vorhanden, blicken Sie gefälligſt hinein in die Küche. Was ſehen Sie da? Ein Feuer, wobei ein Ochſe gar werden könnte, ein braſſelndes, ſingendes luſtiges Feuer, das in alle Winkel Reflexe wirft und die unſcheinbarſten Dinge für einen Augenblick verklärt. Jetzt iſt es ein alter grünſpan zerfreſſener Keſ⸗ ſel, welcher ſich mit dem Roth kräftiger Jugend färbt, jetzt eine höchſt proſaiſche Mehltruhe aus weichem Holz, die plötzlich inſpirirt und zu höheren Dingen berufen ſcheint, und jetzt ein würdiges Seitenſtück zu dem alten Keſſel, die pockennarbige alte Magd Suſanne, deren häßliches altes Geſicht durch einen milden Lichtreflex verjüngt ſcheint. Mit dem rothen Feuer an Röthe wetteifernd ſteht Frau Katharina⸗Brigitte am Herd und beugt ſich über einen brauſenden, ziſchenden, brodelnden Topf, den ſie abgedeckt hat. 199 Nur einen Augenblick Geduld, ſie wird ſich gleich umwenden, da iſt's ſie ſchon, wie nett, rein und ape⸗ titlich! Die mittlerweile in der großartigen ſtattlichen Küche die letzten Befehle ertheilende Hausfrau ſah in ihrer ſchönen weißen Schürze, ihrer eben ſo weißglän⸗ zenden Haube und den kurzen Aermeln, welche den flei⸗ ſchigen hübſch geformten Arm, bloß laſſen, ſo rein und appetitlich aus, daß es eine Freude war, ſie in ih⸗ rer Thätigkeit zu ſehen. Auch jener ſpindeldürre, kno⸗ chige Mann der ſonſt nur ſchüchterne Blicke durch das Küchenfenſter geworfen hatte, war heute in dieſem Hei⸗ ligthume der Hausfrau vollauf beſchäftigt und nahm bald dieſes, bald jenes Gefäß zur Hand, um Getränke zu brauen, deren köſtliche eMiſſch hung nur ihr allein be⸗ kannt war. Wie es da rüſtig zugeht, die ſchmorenden Ge⸗ richte ſcheinen ſich zuzuſummen, daß ihr Sieden, Schmoren und Dünſten einer Doppelhochzeit gelte. Auf einmal öffnet ſich die Küch henthüre und ein allerliebſtes hochgeſchürztes Mädchen der junge Frau, wie wir eigentlich ſagen ſollten, tritt herein. Sie wird zwar von der Mutter ausgeſcholten und ihr bedeutet, daß ſie nicht mehr in's Haus gehöre und bei ihrem Haus und Herd bleiben ſolle, deſſen un⸗ 200 geachtet entwindet ſie der Mutter den Rührlöffel und rührt, ſprudelt und quirlet ſo wacker darauf los, daß es eine Freude iſt, ihr zuzuſchauen. Die alte Frau zieht ſich gegen das Fenſter zurück und nimmt auf dem Staffel eine erhöhte Stellung ein um von hier aus die ganze Wahlſtatt überblicken zu kön⸗ nen. Frau Hummels Comandowort ſetzte das kleine Heer von Küchenmägden in Bewegung. „Habt Acht“ rief ſie,„daß ſich der mürbe Teig nicht verbrennt!“ „Etwas Butter auf die Kapäune.“ „Vergiß den Zucker nicht zu bräunen mein Kind.“ „Nicht doch, Franzel, die Tunke iſt ſchon geſalzen.“ „Noch ein Stäubchen Mehl an den Kuchen.“ „Aber ſo gehen Sie doch aus dem Weg, beſter Nachbar, Suſanne muß ja ſonſt Alles verſchütten!!“ So ging es fort und die Tochter that ihr Beſtes und die Mägde thaten ihr Beſtes und der Nachbar wollte es ebenfalls thun, und die pockennarbige Suſanne ſah vom Feuer geröthet, ſo fröhlich darein, daß man die Narben gar nicht mehr ſehen konnte, während Fran⸗ zel mittlerweile ein kleines Liedchen ſummte, in wel⸗ ches Sabine mit heller Stimme einfiel, worüber die bucklige Margareth lachte und ſich die Seiten hielt. Der 201 Nachbar lachte ebenfalls, Frau Katharina aber, ob⸗ gleich ſie nicht lachte, ſchien ganz ſelig und dachte daran, wie ſie den Mägden die Freudigkeit an ihrer Töchter Ehrentag vergelten ſolle. Und nun fragt meine lieben Leſer, nachdem ich Euch durch das Guckglas in die Küche ſehen ließ, den vorwitzigen Sonnenſtrahl, was er in den Stuben er⸗ blickte. Ach ich ſehe dieſe lieben, alten freundlichen Zim⸗ mer vor mir, ſie ſind jetzt, wenn mich nicht Alles täuſcht niedriger und dunkler und wehmüthiger geworden, wie das mit alten Menſchen und Dingen ſchon zu g geſchehen pflegt, damals anno 1611 war Alles voll Sonnen⸗ ſchein, Helle und Licht. Die Tapeten— es ſind nun ſchon längſt nur mehr übertünchte oder wenn man lie⸗ ber will gemahlte Wände vorhanden— ſchimmerten und glühten ſo lebenswarm, die Stühle und Lehnfeſ⸗ ſel ſtreckten ihre Lehnen ſo beh haglich und einladend ent⸗ gegen, daß man gar nicht Luft hatte ſtehen zu bleiben, die Käſten ſchnitten ſo ſelbſt genügſame Geſichter, daß man leicht errieth, daß ſie voll Weißzeug waren. Ich habe noch einen, den einzig überlebenden Kaſten aus jener Reihe würdiger Möbelgreiſe geſehen. Sein eichenes Knochengerüſte war noch ſtark und unverletzt, nur die äußere Oberfläche igte Runzeln 202 und kleine Verunſtaltungen des Alters, ein Fuß wa⸗ ckelte, und der Andere mußte unterſtützt werden. Ein nichtswürdiger Möbelproſector bot für den Cadaver dieſes ehrwürdigen alten Kaſtens ein ſchönes Stück Geld, ich warf den Holzanatomen zur Thüre hin⸗ aus und behielt den Zeitgenoſſen des ehrlichen wackeren Kupferſchmiedes und ſeiner geſtrengen Ehehälfte unter meinem Dach, bis es das Dach eines Anderen wurde. Die hohen urgeſchichtlichen Himmelbetten ſchie⸗ nen arabiſche Mährchenerzähler zu ſein, ſo anmuthig heimlich und gemüthvoll erzählten ſie von Gattenliebe, Leid' und Freud' und wie das Gottesvertrauen doch ſtets überwog und die Taube mit dem Oehlzweig zur rechten Stunde in die Arche zurückkehrte und nach recht böſen Zeiten der Friedensbogen am Firma⸗ ment ſichtbar wurde, die nachgedunkelten alten Bilder mit ihren fadendünnen eckigen Figuren, mit den fleiſch⸗ loſen Heiligenſceletten wieſen auf die Kindheit der Kunſt und die Harmloſigkeit poetiſcher Auffaſſung zurück. Kein Staubatom war zu erblicken, der Boden ſo rein, als ob er zum Speiſetiſch hätte dienen ſollen. In dem kleinen Stübchen rückwärts auf dem Hof hinaus ſtand mittlerweile Frau Prendl neben einem klei⸗ nen Mädchen von vier Jahren und war eben bemüht, ihm die neue Joppe anzupaſſen. Das Kind ſieht allerliebſt aus, die ältere Schwe⸗ ſter hat ihr die reichen blonden Locken geordnet, das bunte Röckchen gerade gezogen und hie und da eine far⸗ bige Schleife angebracht. Das Aennchen iſt glücklich, vielleicht noch glückli⸗ cher als die Bräute ſelbſt. Glückſeliges Aennchen, das ſich in einem kurzen ſteifen Rock, ſo außerordentlich gefällt, glückſeliges Kind, das noch vor einer Viertelſtunde weinte, als Petronilla geſagt hatte, daß ſie nun das letzte Mal die hübſchen blonden Zöpfchen flechte, und das jetzt wieder in die Händchen klatſcht, wie toll in der Stube herum ſpringt und fragt: „Was wird Nachbar Tobias dazu ſagen, wenn er mich ſo ſieht?“ Während die junge Frau ſich mit ihrer kleinen Schweſter beſchäftigte, ſaß Vater Hummel in ſeinem Hochzeitkleid, den Roſenmarinſtrauß an der Bruſt, be⸗ haglich im hohen Lehnſtuhl und ſprach im profeſſorli⸗ chen Tone mit ſeinen Schwiegerſöhnen über die ſchwe⸗ ren Pflichten, die ſie nun übernommen. Er ſprach ſo lange und ſo feierlich, daß Rittmeiſter Prendl die Ge⸗ duld verlor und ſich unter dem Vorwand den Grafen Thurn zum Hochzeitmal abzuholen fortſchlich. 204 Johann von Aachen dagegen ſah ſich durch ſeine längere Ausdauer belohnt, denn Meiſter Hummel ſagte, ſobald ſich hinter dem Rittmeiſter die Thüre geſchloſſen hatte, herzlich lachend, indem er dem Maler mit ſeinen ungeheueren Händen über das Geſicht fuhr: „Macht mir kein ſo ernſtes Geſicht Schwiegerſohn, wir wollen jetzt eine kleine Einleitung zum Mahle treffen. Ihr glaubt doch daß, ich eindringlich geſprochen?“ Der Mahler, der kein Wort von der ganzen väter lichen Predigt gehört hatte, bejahte ohne Anſtand, daß es der gelehrteſte Domprediger nicht beſſer machen könnte, wie es ſo eben Meiſter Hummel gemacht. Der Meiſter rief nach Wein und die verlangte Flaſche wurde auf den Tiſch geſtellt. Aber der Klang der Gläſer, war wie der Ton ei⸗ ner Kriegstrompete, welche den rüſtigen Streiter zum Kampf auffordert, zu den Ohren eines gewiſſen alten Mannes gedrungen, der ſich in der Küche wichtig machte und für ſein Leben gern als unentbehrlich gegolten hätte. Dieſer Mann konnte dem befreundeten Klange der Gläſer nicht widerſtehen und huſchte verſtohlen zur Küche hinaus, was aber Frau Katharina Brigitta nicht hinderte, ihm zu ſeiner größten Beſchämung nachzuru⸗ 205 fen:„Tummelt Euch Nachbar! daß Ihr zurecht kommt, es wäre Sünd' und Schande, wenn ein Tröpflein ohne Euch getrunken würde.“ Tobias Widtmann verſchluckte die bittere Pille und ſaß eine Minute ſpäter ſeelenvergnügt zwiſchen Schwie⸗ gervater und Schwiegerſohn. Wir wollen den drei würdigen Männern nicht nachrechnen, wie viele Flaſchen ſie leerten, wie viele Ge⸗ ſundheiten ſie ausbrachten, wir wiſſen nur, daß ſie alle drei in der redſeligſten Laune von der Welt waren, als die Hochzeitsgäſte heranrückten. Der gute Friſeur hatte in ſeiner menſchenfreund⸗ lichen Thätigkeit, mit welcher er verſchiedene Flaſchen Melniker und Tſchernoſeker leeren half, ganz vergeſſen, daß ſeine Hochzeitstracht mehr für die Küche, als für das Prunkzimmer berechnet war. Er trug nämlich eine weiſſe fleckenloſe Schürze über dieſe einen modernen Pudermantel einen ähnlichen Ueberwurf und eine pyramidale Schlafmütze auf dem Kopf. Erſt die erſtaunten Blicke der eintretenden Gäſte veranlaßten unſeren alten Bekannten, ſeine beiden Zech⸗ genoſſen einer ſtrengen Prüfung zu unterziehen, und als es ſich zufällig traf, daß ein purpurner Weinfleck 206 den tadelloſen Halskragen des Hausherrn verunſtaltete, ſtimmte er gleichfalls in das Gelächter der Gäſte mun⸗ ter ein und raunte dem Hausherrn in's Ohr, er möchte ſich vorſehen, da ſein Hemdkragen eine unfreiwillige Purpurverbrämung an ſich trage. Hummel dankte für den freundlichen Rath, fügte aber zur Vergeltung den Vorſchlag hinzu, er möchte ſich umkleiden, da ſein Coſtüme noch mehr auffallen dürfte, als ſelbſt der rothe Weinfleck; Tobias Widt⸗ mann beherzigte dieſen freundlichen Rath und entfernte ſich um ſeine Kleider zu wechſeln. Der erſte unter den Eintretenden war ein würde⸗ voller Mann, der in den Fünßzigen ſtand, aber wie ein ſiebenzigjähriger Greis ausſah. Die kurze Zeit des Beſuches, welchen die Paſ⸗ ſauer Prag abſtatteten, hatten die kaſtanienbraunen Haare des guten Mannes gebleicht; es war der Geva⸗ ter„Henkl“ von der Kleinſeite. Aus dem runzligen pergamentartigen Geſicht des verarmten Bürgers, ſprach der Hunger mit ſolcher Wahrheit, daß er das Anerbiethen ein Gläschen Wein zu trinken nur darum annahm, um dieſe Gabe mit ei⸗ nem tüchtigen Stück Weißbrot begleiten zu können. Henkl, der Erzherzoge bewirthet hatte, war an fei⸗ nem Ton gewöhnt und dennoch ſtopfte er ſich den Mund 207 ſo voll, daß er in Verlegenheit gerathen wäre, ein Wort hervor zu bringen; daß der eſſende Exbürgermeiſter das Geſpräch nicht ſonderlich belebte wird man anſtandlos glauben. Gleich nach ihm erſchien der junge„Michael Widtmann“ des alten Herrn Neffe, Derſelbe der zehn Jahre ſpäter am aroßen Ring vor dem Nathhaus hin⸗ gerichtet wurde, damals umſchwebte ihn noch Glück, Ju⸗ gend und Freude. Der reiche Martin Ernwein erſchien gefolgt von ein paar Laſtträgern, welche Hochzeitsgeſchenke ſchlepp⸗ ten. Das war nicht ein armſeliges paar Ohrringe, ein dünner Silberbecher, oder ein ſchales Tüchlein, ſondern ein vollſtändiger Hausrath war es, den der reiche Gaſt⸗ freund ſchenkte. Als die ſchwitzenden und keuchenden Burſche im Vorhauſe abluden da wurde ſelbſt der weibliche Küchen⸗ feldherr von der Wahlſtatt herbei gelockt. Da gab es Tiſchgeräthe und blanke Linnen, Tep⸗ piche und Seidenſtoffe in Hülle und Fülle. Die Dankſagungen der Brauteltern wurden durch, den Eintritt des Bräuers„Habermann“ unterbrochen welcher eine Dame am Arm führte, neben welcher Frau Hammel als fleiſchloſes Gerippe gelten konnte.— 208 Ihr kleines Haupt glich einem an einer Kugel kle⸗ benden Sandkörnchen. Dennoch war dieſes dicke umfangreiche Weſen er⸗ ſtaunlich munter und gut gelaunt. Das Köpfchen drehte ſich beſtändig hin und her, während die Geſtalt langſam zu einem breiten Lehn⸗ ſtuhl vorrückte. Der Bräuer führte den Hausherrn au's Fenſter und deutete auf einen von vier Ochſen gezogenen Bier⸗ wagen, der vor dem Thore hielt. „Ich dachte,“ ſagte der Gaſt freundlich lächelnd, „ein paar Fäßchen könnten in einem neuen Haus⸗ halt nicht ſchaden und ſo habe ich denn für jede Braut ſo ein Stück von fünfundzwanzig Eimern bringen laſſen.“ Das Raſſeln und Knarren der vom Wagen ab⸗ rollenden Fäſſer bildete den vortrefflichſten Comentar zu den Worten des Bräuers, welchem Hummel mit ei⸗ nem warmen Händedruck dankte. Nach und nach füllten ſich die Räume des Hauſes zum ſteinernen Röſſel immer mehr mit Hochzeitgäſten. „Simeon Schuſchitzky,“ einer der geachtetſten Bür⸗ ger der Altſtadt, mit ſeinem Töchterlein Helene, der „Advocat Hauenſchild,“ der junge Rathsherr„Kut⸗ nauer,“ der katholiſche Eiferer„Wenzl Netoliczka,“ der aber trotzdem die Paſſauer verjagen half,„Thomas 209 Wieſer,“ der ſein Kaufgewölb in der Berggaſſe aufge⸗ than hatte und ganz zuletzt„Graf Thurn,“ der am Arm des Rittmeiſters eingetreten war. Als die ganze Geſellſchaft verſammelt war, langte noch der würdige Domherr„Platteis“ an. „Platteis“ war einer jener würdigen Gottesdiener, wie ſie die Religion der Liebe, das Evangelium reiner Menſchlichkeit und erhabener Tugenden vor Anderen heiſcht, er wich nicht ein Haar breit von den Satzun⸗ gen ſeiner Kirche, er vertheidigte die päpſtliche Infalli⸗ bilität, die Ausſchlieſſenheit des Katholicismus, aber im Leben und Wirken gab es keinen ſanftmüthigeren Freund, keinen hülfreicheren Tröſter, keinen liebenderen Bruder als ihn und als die große blutige Kataſtrophe hereinbrach, lag er vor den Mächtigen ſeines Standes ſo lange auf den Knieen bis er die paar Menſchenleben erbettelte, ein paar Proteſtantenleben, an denen doch gar nichts lag, das Leben von ein paar Staatsbürgern, die ſich weigerten ſelbſt gegen Erlaß der Todesſtrafe ih⸗ rer religiöſen Ueberzeugung ungetreu zu werden. Der ſeltſame Prieſter erwirkte ihnen Gnade und was das Merkwürdigſte war, ohne die Bedingung eines Verrathes oder Uebrtrittes daran zu knüpfen. Dieſer Domherr Platteis war ein ziemlich kleiner, runder Mann, dem man keiuerlei aſcetiſche Strenge ab⸗ Die Paſſauer in Prag II. 210 merken konnte. Er lachte viel, war meiſt heiterer Laune und wollte es nicht dulden, daß man ſich ſeinethalben Zwang anthat. Trotz dieſes fröhlichen, gutmüthigen Weſens, fiel es Niemandem ein, die Gefühle des katholiſchen Prieſters zu kränken, die Proteſtanten vermieden in ſeiner Gegen⸗ wart jede kirchliche Polemik und„Rhoſatius“ der lu⸗ theriſche Prediger gab ihm wiederholt das Zeugniß, daß, wenn alle katholiſchen Prieſter dem Domherrn nachei⸗ ferten, Proteſtanten und Katholiken friedlich neben ei⸗ nander wohnen würden. Sehen Sie ſich dieſen Kreis frohmüthiger Men⸗ ſchen recht wohl an, lieber Leſer, wir kennen die Schick⸗ ſale der Meiſten dieſer Hochzeitsgäſte da ſie größten⸗ theils an der böhmiſchen Tragödie von 1622 theilge⸗ nommen haben. So wiſſen wir z. B., daß dieſer junge Mann mit dem geiſtvollen Lächeln auf den Lippen, gehängt, dieſer würdevolle Mann mit dem eisgrauen Bart, geköpft, dieſer glänzende Cavalier verbannt, dieſer reiche Bürger durch eigene Hand getödtet werden wird. Doch laſſen wir die dunklen grauſigen Schatten, welche ſich hinter den Stühlen froher Gäſte rieſenhaft ſtrecken, und kehren wir zu unſeren von Wonne und Glück ſtrahlenden Brautpaaren zurück. —— —— Da ſitzen ſie im feſtlich erleuchteten Zimmer um den großen runden Tiſch herum. Auf dem Tiſch ſtehen gigantiſche Vaſen mit gigantiſchen Blumenſträußen. Das blendend weiße Tiſchzeug ſchimmert und glitzert und gleicht einem phoſphoroscirendem Meere, in wel⸗ chem alle die reich befrachteten Behältniſſe wie Schiffe ſchwimmen. Die Zinnteller und Zinnſchüſſeln ſind ſo blank geſcheuert, als ob ſie aus gediegenen Silber wären, das Bier in den mächtigen Steinkrügen ſchäumt und perlet, als ob es ſich mit dem Hochzeitjubel einverſtanden er⸗ klären wollte. Herr Caſpar Hummel hat ſein weiteſtes bequem⸗ ſtes Wamms angelegt, dabei aber nicht vergeſſen es mit der kaiſerlichen Friedens⸗Ordenskette zu ſchmücken; eine ohne Vergleich lieblichere Zierde ſcheint uns aber der behagliche gutmüthige Zug um den breiten Mund des Gaſtgebers und jener freundliche Blick, dem man es ab⸗ merkt, daß er ſich einer warmen Bitte unmöglich hart⸗ herzig verſchlieſſen könnte. Tobias Widtmann iſt trotz der zureichenden Be⸗ dienung damit beſchäftigt, beſonders begünſtigten Per⸗ ſonen die Gläſer zu füllen, bei welchem Geſchäft er natürlich des eigenen Glaſes nicht vergießt. Es iſt aufgetragen, man ſetzt Meſſer und Gabel 14* 80 212 in Bewegung; doch wir wollen uns bei der Aufzählung der verſchiedenen Speiſen nur kurz faſſen und bemer⸗ ken, daß die gebratenen Elbeaalen und Lachſe, ſo wie die Eier in der papierenen Rein, und die„füß gefüllte Gans“ deren Inneres mit Gewürznäglein, Zucker, Zimmt, Muſkatnuß u. ſ. w. vollgepfropft war, ſehr ſchmackhaft geweſen, ebenſo waren die zahlreichen Tor⸗ ten, und Paſtetten, und die verſchiedenen Weinſorten, die nach und nach auf den Tiſch geſetzt wurden, bis auf den Korb mit Tokaier, welchen ein kaiſerlicher Diener im Vorzimmer nieder ſtellte, ſammt und ſonders von vor⸗ ziglicher d Qualität. Das Erſcheinen dieſer Flaſchen, welche flüſſigen Topas zu enthalten ſchienen, begeiſterte dr wackeren Friſeur zum Vortrag des verſprochenen Hochzeitscar⸗ mens, das wie wir wiſſen die Bedingung bildete, an welche ſeine Einladung zum Hochzeitſchmaus ge⸗ knüpft war. Der wackere Friſeur beſtieg einen Seſſel, zog ei⸗ nen Papierſtreifen, der mit einem Roſaband befeſtigt war, aus der Taſche, ließ ſich von ein paar Hochzeit⸗ gäſten auf ſeinem erhabenen Standpunkte leuchten und begann nachdem er ſich feierlich geräuſpert hatte in folgender Weiſe zu deklamiren: „Hochzeitscarmen bei Gelegenheit der Prendl⸗ 213 Hummliſchen und Meiſter Johann Hummliſchen⸗Ver⸗ mählung gedichtet.“ „Diana! Venus! Zeus! Apollo! Mars! Vulcan! Ein kleines Flämmchen flammt an Cölus Flam⸗ men an Tauch' Deinen ſpitzen Pfeil Cupido ſachte ein In Amber, Myrthenöhl und ſüſſen Honigwein, Daß er die Herzen nur ein ganz klein wenig ritze Und weder all zu tief, noch zu beſtändig fitze.“ „Ach wie wohlmeinend!“ unterbrachen die jungen Gatten den Verfaſſer und Declamator„er fürchtet, daß unſere Liebe zu lange währen dürfte und ruft die Göt⸗ ter an, es zu verhindern.“ „Ihr müßt in eurer Jugend ein ſchöner Schlingel geweſen ſein,“ fügte der Rittmeiſter hinzu,„wenn ihr im Alter ſolche Sittenloſigkeit predigt.“ Weit entfernt durch dieſen Tadel beleidigt zu ſein, lächelte Widtmann ſo holdſelig als ob man ihm das aufrichtigſte Lob geſpendet hätte, dann leerte er ſein Gläschen auf einen Zug und fuhr mit noch ungleich hö⸗ herem Pathos und größerer Selbſtzufriedenheit fort: „Ein ſtetes Einerlei, den Göttern tief verhaßt Iſt Nymphen, Genien und Menſchen ſelbſt zur Laſt 214 Ließ Ariadnen nicht Theſeus auf Naxos Flur? Der Wechſel liegt einmal in menſchlicher Natur Die Bräute mög' darum ein Gott vor Langweil ſchützen Ihr ſollt nicht Einem nur, Ihr müßt dem Ganzen nützen.“ „Schöne Maximen das, Herr Nachbar,“ bemerkte Frau Hummel, indem ſie dem an Nichts Arges denken⸗ den Reimſchmied einen zornigen Blick zuſchleuderte,„Ihr predigt ja offenbare Unzucht als ob Ihr kaiſerlicher Poet am Hof des Königs von Sodoma und Gomora wäret.“ „Ich! thäte das?“ ſtotterte der Dichter ganz er⸗ ſtaunt,„ich glaube viel mehr, daß es keine keuſchere Muſe gibt, als die meine.“ „Dann müſſen die Muſen ein ſauberes Geſindel geweſen ſein,“ verſetzte die Hausfrau. „Sauber,“ ich denke wohl,„denn die Eine war die Beſchützerin des Tanzes, die Andere des Flötenſpiels.“ „Ich merke ſchon,“ fiel die Brantmutter ein,„daß es Bänkelſängerinnen waren.“ Graf Thurn, der nicht um den Scherz kommen wollte, gab der Dame von Haus einen Wink, der den klaſſiſchen Streit endigte und dem Dichter Gelegenheit bot in ſeinem Hymnus fort zu fahren, was er auch nach abermaligem geräuſchvollem Räuſpern und Schneuzen bewerkſtelligte. „Lucina rufet an, daß ſie zur rechten Stund' Wie Euer Herz es will, reich kröne Euren Bund Der alte Amor wieg' ein Amorettchen ein Das ſprechend Amor'n ſoll und Pſychen ähnlich ſein Dieweilen, Amor doch aus Venus Schooße ſtammet So werd' das Liebesſpiel auf's Neue jetzt ent⸗ flammet.“ „Genug, genug beſter Nachbar!“ rief ihm dir Hausfrau mit einer Stimme zu, die keinen Widerſpruch duldete. „Sieht er denn nicht, wie die Mädels krebsroth werden? Dichtet wegen meiner Gaſſenhauer ſo viel Ihr wollt und ſingt ſie auch in den Kneipen Eueren Sauf⸗ brüdern vor, aber mich und meine Familie verſchonet mit dem Unflath!“ Schon hatte der würdige Nachbar ſeinen Mund zur Abwehre geöffnet, als Frau Hummel dazwiſchen fuhr und ausrief: „Ei laß Er uns ungeſchoren, iſt es nicht eine wahre Schande, daß ſo viele Albernheiten in Gegenwart eines Gottesdieners wie der ehrenwerthe Canonicus Platteis iſt, geſagt werden?“ 3 216 Wir wiſſen nicht wie weit und wohin der Streit geführt haben würde, wenn nicht der Canonicus ſelbſt ſich des unglücklichen Poeten angenommen und zu Frau Hummel geſagt hätte: „So geſchieht es Jedem, der mit Pech umgeht, er beſudelt ſich ohne es ſelbſt wiſſen, der wackere Mann da, hat viel zu viel heidniſches Zeug geleſen, als daß er noch für Unſchicklichkeiten empfindlich bleiben könnte.“ „O,“ bemerkte Widtmann ſchlau lächelnd, indem er dem Domherrn, zur nicht geringen Beſtürzung von Frau Hummel ſehr cordial auf die Achſel tippte. „O Euer Hochwürden ſind ein großer Pfifficus.“ In der nächſten Strophe, welche mich die Haus⸗ frau zu leſen verhindert, habe ich die Nachahmung der Alten noch viel weiter getrieben, ſoll ich Euch eine Ex⸗ poſition geben. Der vortreffliche Canonicus hielt ſich beide Ohren zu und rannte lachend hinweg, während ſich die meiſten Herrn um den Poeten ſammelten und ungeſtüm nach der Expoſition begehrten. Tobias Widtmann zog ſein Manufcript abermals aus der Taſche und bemerkte gerade, daß er die Ein⸗ ſchläferungsſcene auf dem Berge Gargaros nachgeahmt habe, als Frau Hummel windſchnell herbeigeeilt kam und dem erſtaunten Friſeur das Papier entriß und die 217 geheime Vorleſung eben ſo energiſch hinderte, als ſie es mit der öffentlichen gethan hatt. „Pfui,“ ſagte ſie auf die herumſtehenden Männer deutend;„Wollet Ihr alter Sünder, ſo leicht feuerfan⸗ gende Waare noch mit Spiritus tränken, damit ſie von freien Stücken zu brennen anfängt?“ „Nein ich dulde ſolche Verführungskünſte in mei⸗ nem ehrſamen Hanſe nicht und muß Euch offen geſte⸗ hen, daß ich Euch, wenn Ihr noch den geringſten Ver⸗ ſuch macht, Euere Galgenpoeſie an Mann zu bringen, bitten muß, dieſes Haus zu verlaſſen.“ Der erſchrockene Mann, welcher ſah, wie ſich Je⸗ der das Glas füllte und ſein eigenes Gläschen ſo leer öde und verlaſſen da ſtand, ſtammelte tauſend Entſchul⸗ digungen während die Gäſte vor Lachen zu berſten droh⸗ ten. Der Graf zog den verwirrten Dichter mittlerweile bei Seite und ſtellte ihm liebevoll vor, daß Frau Hum⸗ mel der gänzlichen Mittheilung ſeines Gedichtes vol⸗ lends unwürdig ſei, dann ſchlug er, um die Ehrenkrän⸗ kung des wackeren Poeten wieder gut zu machen, einen Toaſt auf den Moldauſchwan vor, worunter natürlich Tobias Widtmann gemeint war. Der Vorſchlag wurde von Allen gut geheiſſen und ſelbſt von dem Domherrn mit Acclamation angenommen. Man trank alſo dem Dichter des preiswürdigen Hochzeitscarmens zu. 218 Der gefeierte Dichter erhob ſich und machte den Tiſchgenoſſen in wohlgeſetzter Rede begreiflich welch' mächtiger Unterſchied zwiſchen ihm und einem gewöhn⸗ lichen Schwan Anas Olor beſtehe. Der gemeine Schwan, bemerkte Widtmann mit vieler Pfiffigkeit, ſinge nur in ſeiner Todesſtunde, er dagegen, ſo oft man es haben wolle. Sodann ertheilte er dem Grafen überſchwängli⸗ ches Lob dafür, daß er ihn Moldauſchwan getauft, denn die Moldauſchwäne ſeien ſelten, kämen— eine Anſpie⸗ lung auf die Badenden— nur in den heiſſen Sommer⸗ monaten auf Augenblicke zum Vorſchein und ſängen auch da nicht. Er ſelbſt ein ſingender Schwan, meine überdieß, wenn er den Verſicherungen ſeiner Haushälterin glau⸗ ben ſchenken dürfe— zur Claſſe von Anas nigra zu gehören. Allgemeines Lachen unterbrach ihn, Widtmann ſah dafür keinen Grund und fuhr fort: „Ueber wen Sie auch immerhin lachen mögen, meine Herren und Damen über mich oder über meine Haushälterin, ſo glaube ich Ihnen doch verſichern zu müſſen, daß weder Einer noch die Andere dieſe Zeichen Ihrer ſpöttiſchen Heiterkeit verdienen. „Meine Haushälterin meint nämlich ganz einfach, 219 daß ich zur Claſſe der Anas nigra zähle, weil ich einen natürlichen Abſcheu gegen das Waſſer hege; iſt das aber etwas Schlechtes und bin ich etwa der Einzige der das Bier dem Waſſer vorzieht?“ Unſer Freund würde noch eine Stunde ſo fortge⸗ fahren haben, wenn in dieſem Augenblick nicht eine rei⸗ zende Tafel⸗ und Tanzmuſik erklungen wäre, welche die Hochzeitsgäſte auf ganz andere Gedanken brachte. Welches Land und welches Volk iſt ſo reich an nationalen Tänzen wie Böhmen? Böhmen könnte ganz Europa mit Geigern, Flöten⸗ ſpielern, Hornbläſern und Tänzen verſehen, ohne darum zu verarmen. Während aber die böhmiſchen Muſikkanten weit und breit bekannt ſind, fehlt doch noch viel, daß auch die unzähligen Nationaltänze eben ſo verbreitet wären. Dieſe böhmiſchen Tänze ſind zum Theil ſehr alt und beſtanden jedenfalls ſchon zur Zeit unſeres Feſtes. Den Anfang machte man mit der„Souſedska,“ an welcher ſich auch die Brauteltern betheiligten. Nur der ehemals reiche Henkel ſaß hinter ſeinem Bierkrug und vergoß ungeſehen Thränen der Wehmuth über das wohlgeordnete glückliche Hausweſen, das ſich 220 hier ſeinen Augen darbot, während ſein eigenes ſo elend verkommen war. Auf die Souſedska folgte der gemüthliche Hulan. Daß ſich der Moldauſchwan im Sodlal und Zid beſonders auszeichnete dagegen in der Bo ky⸗ eanskä durchaus weder Schritt noch Tact hielt, da er ſtets ein ſchnelleres Tempo einſchlug, wird keinen unſe⸗ rer Leſer wundern. Der Anſtand und die Würde, mit welcher Caſpar Hummel beim Spacir antrat, fand nicht ihres Glei⸗ chen, die beiden Bräute bezauberten ihre Gatten in der Zeczhulicka.— Es iſt nur Schade, daß es damals kein Ballet gab, die beiden jungen Frauen hätten mit ihrem reizenden Kukukstanz den Koriphäen des Kärnth⸗ thortheaters den Rang ablaufen können. Daß ſpäter noch Kolibavka, Placek, Chy⸗ tava, Cukrabant und Motovidlo den Braut⸗ leuten zu Ehren getanzt wurde, wird jeder Kenner alt⸗ böhmiſcher Familienfeſte glauben, uns bleibt nur als einer Sonderbarkeit zu bemerken, daß der Reigen der Tänze mit der Skäkava geſchloſſen wurde. Wie damals üblich wurde die rythmiſche Bewe⸗ gung des Körpers mit einem choralartigen religiöſen Lied begleitet, das Frau Katharina Brigitte anſtimmte, — Während eines gewaltigen Toaſtes, welcher auf die Brautleute ausgebracht und von Trompetengeſchmet⸗ ter und Pauckenwirbel begleitet wurde, hatten ſich die Brautleute ſtille und unbeachtet entfernt. Als Sabine daheim, in der Brautkammer das mit ihrem Namen bezeichnete Käſtchen öffnete, fand ſie daß es die Schenkungsurkunde eines großen königlichen Meier⸗ hofes in der Gegend von Schönlinde enthielt und als Petronilla faſt gleichzeitig den Inhalt ihres Käſtchens in Augenſchein nahm, bemerkte ſie nichts als ein zuſam⸗ mengefaltetes Pergament. Sie öffnete es, las es mit Thränen der Freude in den Augen durch und reichte es dann ſchweigend ihrem jungen Gatten, das Pergament enthielt die Ernennung des Rittmeiſters zum Oberſten eines Fähnleins Reiters. Wir brauchen wohl nicht zu bemerken, das Lang's Haß keine Gelegenheit fand, dem Obriſten des Königs Mathias, der nun auch König von Böhmen war, zu ſchaden. Rudolf hatte dieſe Beförderung bei ſeinem Bru⸗ der ausgewirkt aber dadurch auch jede Verwendung des von ihm ſo auffallend begünſtigten Offiziers unmöglich gemacht. Petronilla grämte ſich über dieſe Zurückſetzung ih⸗ res Mannes ſehr wenig und wurde erſt ihres Lebens vollends froh, als Obriſt Prendl ſeine Lanze in der Himmelsfahrtskirche zu„Sedlecz“ aufhing und dem Dienſt völlig entſagte. Caſpar Hummel wurde ſehr alt, blieb aber bis auf den letzten Tag ſeines Lebens rührig und im Genuße ſeines vollen Verſtandes, Frau Hummel überlebte ih⸗ ren Mann nur eine Woche. Die Familie hatte das ſeltene Glück, daß keines ihrer Mitglieder in die großen böhmiſchen Unruhen ver⸗ flochten wurde, wie es mit dem zahlreichſten Theil der Hochzeitgäſte der Fall war. Tobias Widtmann erlebte den Tod ſeines Neffen nicht mehr. Er hatte lange vor dem berüchtigten Fen⸗ ſterſturz das Zeitliche mit dem Jenſeits vertauſcht. Eine kleine Aufregung, die durch übermäßigen Ge⸗ nuß von beſonders gut gebräutem Bier verurſacht war, machte den alten Mann die Stufen verfehlen, er ſtürzte und brach das Genick. Jan Kafka's Name wurde von den gleichzeitigen Chroniſten nicht aufgezeichnet und verſchwand im Sturme der Ereigniſſe völlig aus dem Gedächtniſſe der Zeitge⸗ noſſen. Wir ſelbſt würden ihn nicht kennen, wenn ihn nicht Rittmeiſter Prendl ziemlich unleſerlich in ſeinen Memorabilen des Jahres 1611 angemerkt hätte. Von Graf Thurn iſt es unnütz zu reden, die Ge⸗ ſchichte hat ſeinen Nahmen der bloßen Romanſchrei⸗ —— 123 bung entrückt und uns der Mühe überhoben von ſeinen ſpäteren Schickſalen zu reden. Uebrigens nehme ich von Dir, lieber Leſer, nicht förmlich Abſchied, ſondern rufe zuſammt den Perſonen des Buches mit welchen Du Dich gelangweilt oder un⸗ terhalten haſt:„Auf Wiederſehen, wenn nicht in einem beſſeren Leben, ſo doch, wenn Gott will, in einem beſ⸗ ſeren Buche.!!“ Berichtigungen. Erſter Theil. Seite 22 ſtatt Del „ 26„ Infante 67 e, „—„ Luniga„„„ „ 57„ erſchrecklichen,„ „ 70„ Ganywald„„ 7 90„ Laß„„ 3„ 95„ reckte„„ „ 113„„Erviß unſehl⸗„„ bar vom Brü⸗ ckenkopf los“ „„Aber darin fehlt,,„ der, Schiffer das Ruder „ 125„ Spornreiter„„ „„ 145„ blaſſes„„ 7 151 7 Haß 71 71 Zweiter Theil Seite 7 ſtatt anzunehmen 0 ausgeführt, i. „ 20„ Geſandten, ,, „ 29 Mahler„ 3„ 47„ Todtengeſang„„ „ 70„ Schreckens 6,„ ſoll es heißen Dee. „ Geſaudte. „„ Auniga. 3 „ anſehentlichen. „ Hauywald. „ Loß. „ wandte „„Er muß unfehlbar am Brückenpfei⸗ ler zerſchellen.“ „Oben darein fehlt 77 dem Schiffer das Ruder. „ Speerreiter. „ bloßes. „ Gaſt. ſoll es heißen anzuhören. „ ausgeſöhnt. „ Jeſuiten. „ Meiſter. „ Todtenſang. „ Schwaukens. —