deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur S von. Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. 0ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗] den angenommen. 2 9. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſo wird. ‧ 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und bpeträgt: 3 für rchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Ff. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe— Bibliothek deutſcher Driginalromane. Siebenzehnter Jahrgang. Achtzehnter Band.— —,— Die Paſſauer in Prag. J. (Mit Vorbehalt des Ueberſetzungs⸗Rechtes.) *—. n Wien. t H. Markgraf& Comp.. 1862. Paſſaner in Prag. Hiſtoriſcher Roman von Pr. G. E. Haas. Erſter Theil. Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. — . uhalt. Erſtes Capitel. Zweites Capitel Drittes Capitel Viertes Capitel Fünftes Capitel. Sechſtes Capitel. Siebentes Capitel Achtes Capitel. Neuntes Capitel. Zehntes Capitel. Eilftes Capitel. Zwölftes Capitel. —ſ— 1. In Prag gibt es eine Gaſſe, welche Jahr aus Jahr ein von Hammerſchlägen wiederſchallt. Dieſe enge, krumme, ſchmutzige Straße, deren Häuſer zumeiſt auf hohes Alter ſchließen laſſen, ſah vor zweihundert und fünfzig Jahren gerade ſo aus als heute. Wir ſprechen, wie der mit den Prager Localverhältniſſen bekannte Leſer leicht errathen haben wird, von der„Plattner⸗ gaſſe,“ welche in Bezug auf den beſtändigen Lärm die geräuſchvollſte, in Bezug auf Wagengeraſſel und Spa⸗ ziergänger dagegen unſtreitig ſtillſte Straße der ganzen Altſtadt geweſen und wohl noch heute iſt. Die Ecke der Plattnergaſſe bildet ein alterthümlich ausſehendes Haus, deſſen Erdgeſchoß nach der Straße zu einen Laubengang bildet; es iſt dies das Haus„zum ſteinernen Röſſel.“ Die fünf Fenſter der Haupt⸗ fronte gehen, wie ſich Jedermann überzeugen kann, Die Paſſauer in Prag. 1. 1 2 nach dem Leonardi⸗Platze, während die ſechs anderen ſich nach der Plattnergaſſe öffnen. Aus einem Fenſter dieſes Hauſes lehnte ſich am Morgen des 2. März im Jahre 1611 ein kleiner, dicker Mann, der mit einem Schurzfell bekleidet war, das ihm von der Bruſt bis an die Knöchel reichte; das Fell war augenſcheinlich noch wenig benützt worden, denn es ſah wie neu aus, das zimmtfarbene Wams, welches durch das Schurzfell geſchont werden ſollte, ſchimmerte im Glanz der Neuheit, und der ſteife Ringkragen ſtand im grellſten Gegenſatze zu den gewöhnlichen Anzeichen des Gewerbeſtandes. Der kleine, dicke, und ſetzen wir immerhin hinzu, alte Mann trug auf den breiten mächtigen Schultern einen kleinen Kopf, deſſen blaue Augen ehrlich und luſtig zugleich in die Welt ſchauten, während der etwas breite Mund beim Sprechen zwei Reihen Zähne ent⸗ decken ließ, um die ihn ein Crokodil beneiden konnte. Der kleine, alte, dicke Mann war ein angeſehener Bür⸗ ger der Altſtadt Prag's, hieß Caſpar Hummel, hatte Weib und Kind, nannte das Haus„zum ſteinernen Röſſel“ ſein eigen, und betrieb das Kupferſchmied⸗ handwerk. 2 Nachdem wir eine Art Nationale unſeres ehr chen Altbürgers abgegeben, wird es uns wohl auch * . 5 4 . 3 geſtattet ſein, eine andere Figur zu zeichnen, die ſich noch viel weiter aus dem Fenſter des gegenüberſtehenden Hauſes lehnt und augenſcheinlich im Begriffe ſteht, mit dem Kupferſchmied eine Unterredung anzuknüpfen. Der Nachbar„zum Froſch“ iſt ein langer, hagerer, knochiger Mann, der in ein weites graufärbiges Oberkleid ge⸗ hüllt iſt und den Kopf mit einem Tuch in Form eines Turbans umwunden trägt. Das Geſicht iſt länglich ſchmal, die Stirne von zahlreichen Falten durchzogen, die Naſe wie ein Meſſerrücken dünn und ſcharf, das Auge grau und lebhaft, der Körper in fortwährender Bewegung, ſo daß der Zipfel des weißen Tuches, das ſtatt einer Schlafhaube dient, unaufhörlich hin⸗ und herbaumelt. „Guten Morgen,“ rief der kleine Dicke über die Straße und öffnete den Mund zum Gähnen, daß ſein Haifiſch ähnliches Gebiß zum Vorſchein kam,„guten Morgen Meiſter Tobias, gut geſchlafen?“ „So, ſo,“ gab der Angeredete zu verſtehen, indem er ſeinen langen, langen Arm ſtreckte. „Ich träumte heute Nacht vom Teufel.“ „O, das iſt gut, vortrefflich!“ ſagte der Nachbar, ſein langes Geſicht durch ein halbes Oeffnen des Mun⸗ des noch verlängernd.„Wenn ich nur auch einmal vom Teufel träumen könnte!“ 1* *½ 4 „Daß Ihr es nicht könnt, kommt wohl daher, weil Ihr nicht verheiratet ſeid.“ „Ihr wollt damit doch nicht ſagen?“ „Ich will damit gar nichts ſagen, als, daß ich im Junggeſellenſtande nie vom Teufel träumte; es war dies das erſtemal der Fall, als ich meine Katharina, Brigitte zum Altare führte.“ „Was Ihr da redet iſt ja ſchauderhaft!“ „Ich finde nichts Schauderhaftes daran.“ „Euere Frau mit dem Teufel in Verbindung zu bringen!“ „Ihr mißverſteht mich ganz und gar.“ Der lange, hagere, knochige Mann, den wir Meiſter Tobias nennen und der mit dem vollen Namen Tobias Widtmann hieß, machte ſich eben fertig, ſeine Anſicht nach allen Seiten hin zu beleuchten, als ein Reiter in raſchem Trabe durch die Straße hin galoppirte; der Reiter war über und über mit Staub bedeckt. Die Augen der beiden Nachbarn folgten dem Manne. Plötzlich rief Caſpar Hummel, der an das nach der Plattnergaſſe zu ſehende Fenſter getreten war:„Er liegt.“ „Wer? was?“ frug der Nachbar, der nicht ſo gut ſehen konnte. „Nun, der Courier.“ 5 „Ihr meint, daß es ein Courier ſei?“ „Ich dächte doch;— Teufel, Teufel! er kann nicht unter dem Pferd hervor.“ „Hilft ihm denn Niemand?“ „Ei, die Kerle ſind in ihr Hämmern und Schla⸗ gen zu ſehr vertieft.“ .„Das iſt ſehr ſchlimm.“— Widtmann kniff dabei die Lippen zuſammen und ſchüttelte den Kopf. „Ich glaube es läßt ſich gut machen, gehen wir.“ „Aber ich bin im Schlafrock!“. „Das Pferd wird nicht ſchauen.“ „Aber der Mann, der Courier?“ „Dem wird es gleichgiltig ſein, ob der, der ihn aus der Patſche zieht, einen Schlafrock an hat oder eine Sammtrobe.“ In demſelben Augenblicke verſchwanden die beiden alten Männer vom Fenſter; wir können ſie dreißig bis vierzig Schritte abwärts der Straße damit beſchäftigt ſehen, den Reiter, welcher unter dem Leib des Pferdes lag, hervorzuarbeiten. Das Pferd rührte ſich nicht, aus den Nüſtern tropfte Schaum mit Blut vermiſcht,— das arme Thier war todt. Der Ritt hätte jedes Pferd der Welt getödtet; der Reiter hatte ſechs deutſche Mei⸗ len, ohne anzuhalten, in raſendem Galopp zurückgelegt. Als der Mann unter dem Pferd hervorgezogen war, 6 zeigte es ſich, daß er ſehr blaß ausſah, den einen Fuß nur mühſam bewegen und ſich ſelbſt kaum aufrecht erhalten konnte. Der kleine, dicke Mann ſtützte ihn zur Rechten, der lange, hagere zur Linken; endlich warf der Kupfer⸗ ſchmied die ſehr triftige Frage auf:„Was thun?“ Dieſe Frage weckte aber den Reiter zugleich aus ſeiner Erſtarrung; er rief, indem er heftig geſtieulirte:„Um Gottes Willen ein Pferd!“ und als die beiden Männer einen Augenblick unſchlüſſig zögerten, ſchrie er:„aber ſogleich, ohne Verzug, ohne den geringſten Zeitverluſt.“ Hummel erlaubte ſich die Bemerkung, daß es viel⸗ leicht beſſer wäre, zuvor einen Schluck Wein zu ſich zu nehmen.. Dieſer wohlgemeinte Vorſchlag verſetzte den eil⸗ fertigen Mann in Wuth, er ſchlug mit ſeiner Reit⸗ peitſche auf ſeine hohen Reiterſtiefel, und ſchwor bei allen Heiligen des katholiſchen Kalenders, daß er ohne Aufenthalt fort müſſe, ja er machte ſeine wackeren Ret⸗ ter mit ihren Köpfen verantwortlich, ihm nicht an der Fortſetzung ſeiner Reiſe hinderlich zu ſein. Das ſchien aber unſerem braven Kupferſchmied zu viel, er ſagte daher mit erhöhter Stimme:„Es fällt uns nicht im Schlafe ein Euch aufzuhalten, und hiemit Gott befohlen.“ Widtmann, der ganz gleicher Meinung zu ſein ſchien, wiederholte das„Gott befohlen,“ und 7 lächelte dem Reiter ſo freundlich zu, daß dieſer in Wuth gerieth, die Hand des hageren Mannes faßte und ſie wie in einem Schraubſtock preßte.„Was haben Sie denn nur, Sie närriſcher Mann?“ rief der Hagere, der lieber vor Schmerz geſchrieen hätte. „Ich habe leider nichts und möchte ein Pferd haben; höret Ihr, Mann, ein Pferd, aber auf der Stelle, oder ich rüttle Euch die Seele aus dem Leibe.“ Dabei machte der Fremde Miene, ſeine Drohung ſogleich in Ausführung zu bringen.„So laßt mich nur einmal los,“ entgegnete der zitternde Bürger,„denn wenn Ihr mich noch ſo heftig rüttelt, wird Euch das noch immer kein Pferd zur Stelle ſchaffen.“ In demſelben Augenblicke ritt ein barfüſſiger Burſche ein Pferd durch die Gaſſe, das augenſcheinlich ein Zugthier war, aber dick wie ein gemäſtetes Schwein, hatte es auch in Rückſicht auf die Mähne Aehnlichkeit mit dem Rüſſelthier, indem die Mähnenhaare des ſchmutzig⸗grauen Thieres den Borſten gliechen, welche vom Rückgrat des Schweines abſtehen, nur daß ſie zahlreicher und länger waren. „Da, da iſt ein Pferd!“ rief Widtmann in ſeiner Herzensangſt. „Was fällt Euch ein, der Herr wird dieſe Mähre beſteigen!“ entgegnete der Kupferſchmied. 8 „Er wird es, er wird es,“ ſagte der Reiter mit funkelnden Augen und rief dem Burſchen, mit einer an's Befehlen gewöhnten Stimme zu, abzuſteigen. Der Bube, welcher das Pferd zur Schwemme in den Fluß reiten wollte, begnügte ſich dem Herrn eine Fratze zu ſchneiden und das Thier, das er einen Augen⸗ blick angehalten hatte, wieder in Bewegung zu ſetzen. Jetzt verlor aber der Fremde die Geduld; obgleich er am rechten Bein hinkte, eilte er doch dem Pferde zu, faßte das Pferd mit der einen Hand an der ſtruppigen Mähne und verſetzte dem baarfüßigen Reiter mit der Anderen einen ſolchen Schlag, daß er ſtracks vom Rü⸗ cken des Thieres herunter kollerte. Glücklicher Weiſe war das Pferd ſo niedrig gebaut, daß der Burſche durch den Fall keinerlei Schaden erlitt. Während ſich der Letztere wieder aufrichtete, ſaß der Fremde ſchon auf dem Rücken des ſattel⸗ und zügelloſen Pferdes und trabte, es blutig ſpornend, raſch des Weges fort. Der Pferdejunge lief dem Fremden nach, überſchüttete ihn mit Schimpfnamen aller Art, hieß ihn„Roßdieb und Räuber“ und bemächtigte ſich in Ermanglung jedes anderen Erſatzes des Hutes, welchen der Fremde nicht mehr aufzuraffen Zeit gehabt hatte. Schließlich for⸗ derte der Junge die beiden Bürger zur Zeugenſchaft auf, daß ihm das Pferd mit Gewalt entwendet worden — 9 ſei, und daß der Hut, den er in den Händen hielt, dem Fremden gehöre. Die beiden Nachbarn willigten, wiewohl un⸗ gerne ein und erſchöpften ſich nun in Muthmaſſungen über den Eigenthümer des Hutes, der ſich, nach⸗ dem er vom Staub gereinigt worden, als eine ganz zierliche Kopfbedeckung, wie ſie damals von den Vor⸗ nehmeren getragen wurde, herausſtellte. Im Innern der Kopfbedeckung war ein aus Eiſenſpangen beſtehen⸗ des Kreuz, um Hieb oder Stich vom Kopf ſelbſt ab⸗ zuhalten. „Ich möchte meinen Sonntagbraten darum geben,“ meinte der Magere,„wenn ich erfahren könnte, wer der ſeltſame Reiter ſei.“ Und ich eine ſolche Vogel⸗ ſcheuche von einem Pferd, wenn ich ſeinen Namen wüßte,“ verſetzte der kleine Dicke.„Und ich“ fügte der Burſche mit weinerlicher Stimme hinzu:„Ich werde gar nichts geben, aber ſicher etwas bekommen auch ohne, daß ich erfahre wer der Roßdieb war.“ Dieſe Worte verband der Pferdejunge mit einer ſo deutlichen Mimik, daß man ohne Scharfſinn errathen konnte, was der arme Teufel zu bekommen fürchtete. Hummel ſuchte nun den Jungen mit ſo lauter Stimme zu tröſten, daß ſich alsbald ein Kreis von Zuhörern um die kleine Gruppe bildete, es ſchien dem 10 ehrlichen Bürger ein beſonderes Vergnügen zu bereiten, das eben ſtattgehabte Ereigniß Jedem, der es hören wollte, mit allen Details zu erzählen. Da es aber jeder Neuhinzugekommene wieder zu hören verlangte, ſo hatte noch der wackere Meiſter das Vergnügen ſein Abenteuer mit ſtets neuen Varianten, wobei er ſich im⸗ mer auf's Neue auf die Zeugenſchaft des Nachbars be⸗ rief, mittheilen zu können. Als die Erzählung unſerem Freunde immer geläufiger wurde und Nachbar Widtmann zu jeder neuen Variante beifällig nickte, ja der Pferde⸗ junge eine außerordentliche Freude darin zu finden an⸗ fing, in dem Abenteuer eine Hauptrolle zu ſpielen, da wurde Hummel mit jeder Wiederholung kühner, bis er zuletzt behauptete, geſehen zu haben, wie der Fremde gegen den armen Pferdejungen den Dolch gezückt. Der Nachbar nickte auch zu dieſer phantaſiereichen Ausſchmü⸗ ckung gefällig und der Burſche brach in ein ſo bedenk⸗ liches Schluchzen und Weinen aus, daß ſich die um⸗ ſtehenden Frauen zu thatkräftigen Beweiſen ihres Wohl⸗ thätigkeitsſinnes aufgefordert fühlten. Raſch wurde eine Collecte veranſtaltet und der Reſt oder Ueberſ chuß des Marktgeldes für den unglücklichen Pferdejungen zuſammengelegt. Die Männer, welche ſich durch die Großmuth der Frauen nicht beſchämen laſſen wollten, trugen ebenfalls ihr Schärflein bei und Meiſter Hum⸗ 11 mel erklärte von ſo vieler Freigebigkeit angeſteckt, in ei⸗ ner Anwandlung von Großmuth und Prahlerei, dem armen Jungen das geſtohlene Pferd erſetzen zu wollen. Widtmann der Friſeur und Bader, welcher nicht hin⸗ ter ſeinem Freund zurückbleiben wollte, fügte eine Ein⸗ ladung zum Mittagbrot bei. Hummel, der aber alle Glorien der Großmuth für ſich zu erbeuten Luſt hatte, wußte kein beſſeres Mittel den Bader und Friſeur aus dem Feld zu ſchlagen, als indem er beide den Jungen und ſeinen Nachbar zu ſich lud. Widtmann, welchem aus Erfahrung bekannt war, daß der wackere Kupfer⸗ ſchmied einen guten Tiſch führte, willigte entzückt ein, während der Burſche ſeine Gutheiſſung durch drei wohl gelungene Burzelbäume zu erkennen gab. Es wäre übrigens unfreundlich, wenn wir den Leſer in der irrigen Anſicht ließen, als ob Tobias Widtmann und der kleine Pferdejunge Jan Kafka die glücklichſten Perſonen der ganzen Gruppe geweſen wä⸗ ren. Der Allerglücklichſte war Caſpar Hummel, der nun, wie ein Tambourmajor kerzengerade, im aufrech⸗ teſter Haltung um die Ecke ſchwenkte und in ganzen Gefühl ſeiner Wichtigkeit auf das Hausthor zuſchritt. Die Menge begleitete den ehrſamen Bürger bis an den Eingang, wo er den Leuten in herablaſſendſter Weiſe ein Zeichen der Verabſchiedung machte. 12 Bis daher war Alles gut, ja vortrefflich abgelau⸗ fen, der Kupferſchmied bildete ſich ein, zwei Menſchen⸗ leben gerettet zu haben und ſein gutwilliger Nachbar that nichts, um ihn im Genuß dieſes ſüßen Gefühls zu ſtören, das Publicum hatte; ihm aufmerkſam zugehört und ſogar ſichtbare Zeichen des Beifalls gezollt, der kleine Jan Kafka ihm bereits zum hundertſiebenund⸗ zwanzigſten Male— Hummel hatte wohl gezählt— die Hand geküßt. Was blieb dem braven Bürger zu wünſchen übrig? und doch hätte Hummel wohl gethan in dieſem Augenblick an Polykrates zu denken. Während nämlich Caſpar Hummel noch die Stiege hinanſtieg, wurde ſein glückſtrahlendes Antlitz von ei⸗ ner düſteren Wolke umſchattet, er ſtieg, je mehr er ſich den oberſten Stufen näherte, deſto langſamer und hörte auf, ſein:„Nur mir nach meine Freunde!“ zu rufen. Endlich als ſie insgeſammt den Höhenpunct der Haus⸗ treppe erreicht hatten, huſtete und ſchnaubte der alte Herr wider ſeine Gewohnheit und murmelte einige Worte vor fich hin, deren Bedeutung weder der Pfer⸗ dejunge noch Tobias Widtmann verſtehen konnte. Sie gaben ſich auch gar keine Mühe, da fie mit ganz an⸗ deren Dingen beſchäftigt waren. Der Küche, welche nächſt dem Stiegenhaus angebracht war, entſtiegen nämlich ſo lockende Düfte von Braten und Fleiſchbrü⸗ 4 13 hen, daß ſich die beiden Gäſte des Kupferſchmiedes, wie auf ein verabredetes Zeichen, plötzlich verwundert und fragend anſahen. Indeſſen hatte der Herr des Hauſes leiſe gepocht, viel leiſer als von einem ſo küh⸗ nen Manne, der zum Frühſtück zwei Menſchen das Le⸗ ben rettete, zu erwarten ſtand. Eine große, umfangreiche Dame, die eine Per⸗ lenſchnur um den Hals trug und ein breites Küchen⸗ meſſer in der Hand führte, öffnete die Pforte. Die ſonſt ſo laute Stimme des Schmiedes ſank zu einem leiſen Flüſtern herab.„Gute Katharine Brigitte“ hub er an, „liebes Weib, ich ſetze voraus, daß Du bereits von dem großen Ereigniß in Kenntniß geſetzt biſt, in die⸗ ſer Vorausſetzung habe ich....“ „Dummheiten!“ fiel ihm hier die Angeredete in's Wort,„nichts als Dummheiten, was hat Dich der Gaul und der Pferdejunge zu kümmern; mag alle Beide der Teufel— der Geier will ich ſagen, holen, aber ich wette, da ſteckt wieder der einfältige Nachbar dahinter. O, er ſoll mir nur einmal kommen, der alte Fabelhans.“ „Ich verſichere Dich—.“ „Verſichere mich gar nichts, ich habe Alles aus dem Fenſter mit angeſehen.“ „Nun eben deshalb—.“ 14 „Was eben deshalb?“ Hummel ſchloß hier die Augen, wie ein än gſtli⸗ cher Menſch, der zum erſten Mal ein Gewehr ab⸗ drückt, und polterte athemlos heraus:„Eben deshalb wirſt Du es natürlich finden, daß ich den Nachbar Widtmann und den Pferdejungen zu Tiſche gebeten habe.“ Die Wirkung dieſes Geſtändniſſes war in der That eine außerordentliche, Frau Katharina Brigitta blieb einen Augenblick ſprach⸗ und regungslos ſtehen, aber nur, um ſodann die Seite nthüre aufzuſtoßen und ſo laut ſie konnte, zu rufen: „Petronella! Sabine! Euer Vater hat ſoeben einen wildfremden Pferdejungen zu Tiſche geladen, das nächſte Mal bringt er den Gaul auch mit. Der Mann kommt uns noch gänzlich von Sinnen, was wird Herr Wapicz⸗ ka zu ſolchen Streichen ſagen, oder Seine Hochwür⸗ den der Dommherr Hoditz?— Gut, ſie mögen kom⸗ men die ſauberen Gäſte, aber Du kannſt mit ihnen allein eſſen und ſie ſelbſt bedienen; ich und meine Töchter wer⸗ den mit keinem Pferdejungen an einem Tiſche ſitzen.“ Mit dieſen Worten kehrte die umfangreiche Dame ihrem Manne den Rücken zu. Vergebens ſtellte Hum⸗ mel noch eine Reihe von Verſuchen an, die Aufmerk⸗ 15 ſamkeit ſeiner Gattin zu erregen, ſie ſcheiterten insge⸗ ſammt an dem unbeugſamen Willen derſelben. Der Kupferſchmied ließ den Kopf ſinken und war entſchloſſen, ſich irgend einer Ausrede zu bedienen, um die Einladung rückgängig zu machen. Mit betrübter Miene näherte er ſich den im Stiegenhaus zurückgeblie⸗ benen Gäſten und ſagte, wie leid es ihm thue, gegen die Pflicht der Gaſtfreundſchaft verſtoſſen und ſeine Einladung zurücknehmen zu müſſen. Das Geſicht des unglücklichen Friſeurs verlän⸗ gerte ſich bei dieſer überraſchenden Kunde auf bedenk⸗ liche Weiſe, während ſich der Pferdejunge mit der um⸗ gekehrten Hand über die Augen fuhr. Hummel ſ ah ein, daß er ſeinen Gäſten doch eine Art Rechtfertigung ſchuldig ſei; er theilte ihnen deßhalb auf's geradewohl mit, wie die lange Abweſenheit der Kindsmagd das ganze Haus in Beſtürzung verſetzt habe. Kaum waren dieſe Worte über die Lippen des Meiſters gekommen, ſo fuhr die helle Discantſtimme der Hausfrau dazwiſchen. „Der Mann iſt ein Hellſeher“, rief ſie aus,„ſo. wenig man es ſeiner kleinen Naſe anſieht.— Ja die liebe Chriſtel iſt mit dem Kinde vor zwei Stunden weg⸗ gegangen und noch immer nicht zurück.“ Das erſchreckte den braven Bürger ſo, daß er ſich 16 entſetzt umwandte und frug:„Iſt es wahr, Frau, daß unſer Aennchen noch nicht zurück iſt?“ „Da ſeht nur den Narren an,“ erwiederte Katha⸗ rina Brigitte vor Schadenfreude kichernd,„erzählt er ſeinen Freunden ein Langes und Breites von ſeinen väterlichen Beſorgniſſen, und als ſeine Frau dieſe Be⸗ ſorgniſſe beſtätigt, fragt er, ob es wahr iſt.“ „Wenn nur nicht die Juden—,“ rief der gepeinigte Mann kummervoll aus. „Ei was die Juden,“ engegnete die Frau,„ſage „lieber, wenn nur nicht die hübſchen Cavaliere—“ „Alſo die hübſchen Cavaliere.“ Bei dieſen Worten fiel, Gott weiß welcher Ideen⸗ verbindung zu Folge, der Blick der Dame auf den Fe⸗ dernhut, welchen der Pferdejunge noch immer als Tro⸗ phäe in der Hand hielt; ſie nahm ihn und ſteckte ihre Finger, ohne die Kopfbedeckung weiter ihrer Beachtung zu würdigen, in das Futter; es kniſterte, die Frau wurde aufmerkſam und ſprach: .„Was habt Ihr denn da?“ „Nichts, gar nichts,“ gab der Kupferſchmied zur Antwort; indeß hatte aber ſeine Gattin bereits ein in Form einer Depeſche zuſammengelegtes Papier aus dem Futter gezogen, das nur ganz leicht zugeklebt war und 17 an der Außenſeite die Ueberſchrift trug:„An Seine Durchlaucht.“ Tobias Widtmann machte beim Anblick der De⸗ peſche ein Geſicht, als ob er eben im Begriffe ſtünde, die Entdeckung der Buchdruckerkunſt zu publiciren, dann ſagte er, den Kopf etwas erhebend:„Sein.“ „Was will das ſagen, Sie alberner Menſch?“ ſchnauzte ihn die Kupferſchmiedin an. Dieſe Beredſam⸗ keit verblüffte den geiſtreichen Friſeur dermaſſen, daß er kein Wort mehr herausbrachte; Hummel nahm es auf ſich, die kurze Andeutung des Nachbars zu interpreti⸗ ren;„er meint,“ ſagte er,„den Courier.“ „Dann muß man ihm das Papier ſogleich zurück⸗ ſtellen,“ entgegnete die Frau mit Entſchiedenheit. „Ja, wiſſen wir denn, wohin er geritten?“ warf der Friſeur zaghaft ein. „Ja, wir wiſſen es,“ entgegnete die Hausfrau, einen neuen Zornesblick nach dem aufgedrungenen Gaſt ſchleudernd. Dieſer ſah den Kupferſchmied gleichſam hülferufend an, als wenn er ſagen wollte:„he, wiſſen wir es wirklich?“ Hummel ſchüttelte den Kopf und ſagte ganz be⸗ hutſam:„Nichts wiſſen wir.“ „Weil Du es Dir einbildeſt,“ entgegnete die Frau, Die Paſſauer in Prag. I. 2 18 ihren Gatten vom Kopf bis zum Fuß meſſend,„ſonſt aus keinem Grunde, denn mir kommt es vor, als wenn ein Courier hier durch dieſe Gaſſe nur nach dem Hrad⸗ ſchin reiten könnte. „Teufel, Teufel, die Frau könnte Recht haben,“ machte Widtmann. „Meint Ihr?“ erwiederte Katharina Brigitte ver⸗ ächtlich. „O, meine Frau hat faſt immer Recht,“ ſchaltete der Gatte ein. „Faſt immer? Mir iſt kein einziger Fall bekannt, daß ich im Unrecht geblieben wäre.“ „Nun, es war nur eine Redensart, aber was iſt jetzt zu thun? „Nichts leichter als das, Ihr geht nach dem Schloß, ſtellt das Papier zurück und ſeht zugleich nach dem Kinde — die Chriſtel macht mir wirklich Angſt.“ Die letzten Worte ſprach die energiſche Frau mit ſo vielem Ausdruck ernſten Kummers, daß man gegen ihre harten Aeuße⸗ rungen nachſichtig zu werden anfing. Meiſter Kaspar bot ihr die Hand, die ſie annahm und ſelbſt drückte. Der Pferdejunge jubelte laut, daß er nun den Räuber ſeines Gauls wieder finden werde. Als die Geſellſchaft bereits die Stiege hinabilouni, rief Frau Katharina Brigitte nach: 3 19 „Wenn Ihr das arme Kind wohlbehalten nach Hauſe bringt, will ich die verſäumte Mahlzeit vierfach erſetzen.“ Der Friſeur thürmte bereits in ſeiner Phantaſie einen Fleiſchberg zur vierfachen Höhe auf und vertiefte ein böhmiſches Deckelglas um das Vierfache ſeines In⸗ haltes, er ſtopfte ſich den Mund gleichzeitig mit vier Semmeln an und ſtrengte ſeine Einbildungskraft an, indem er ihr die Erſindung zumuthete, mit zwei Armen aus vier Schüſſeln zuzulangen. Frau Katharina Brigitte warf noch einen Blick nach dem Pferdejungen und ſagte verweiſend, aber in viel milderem Tone:„In ſolchem Aufzug darfſt Du meinem Mann nicht zur Seite gehen, würden ihm ja alle Gaſſenbuben nachlaufen;“ darauf ging ſie in's Zim⸗ mer zurück, kramte in dem Kleiderkaſten ihres Mannes herum und kehrte mit einem Pack abgenützter Kleidungs⸗ ſtücke zurück, welche zwar für den Buben viel zu lang und weit waren, ihm aber deßungeachtet ein anſtändi⸗ geres Ausſehen verſchafften, als es die etwas nach den Uranfängen der Cultur zugeſchnittenen Kleider, die er bisher trug, gethan hatten. Unter den ſeligen Gedanken an Schöpſenfleiſch und Hühnercottelettes ſchritt der Friſeur ſchweigend voran, während ihm Caſpar Hummel nicht ohne Sorge um das 2 ½ 20 Kind, eben ſo ſchweigſam folgte, nur Jan Kafka ahmte bald einem Sperling, bald einer Grasmücke nach und war unausgeſetzt bemüht, in Ermanglung anderer Mit⸗ redner, mit den geflügelten Bewohnern der Baumkronen täuſchende Zwieſprache zu pflegen. 2 2. Während ſich dieſe Vorfälle im ſteinernen Röſſel zutrugen, ereigneten ſich am Hradſchin, der Prager Burg, wo damals Kaiſer Rudolf II. Hof hielt gar wun⸗ derbare Dinge. Vor dem Eingang zu des Kaiſers Gemächern ging ein ältlicher Mann mit ſtark geröthetem Geſicht auf und ab, der die Hände in den Taſchen ſeines Beinkleides ſtecken hatte. Es iſt der Mühe werth den Mann zu beo⸗ bachten, er trägt den Kopf hoch, dankt ſehr nachläſſig, wenn er— was von allen Vorübergehenden regelmäßig geſchieht,— gegrüßt wird, iſt ſehr kurz angebunden und in ſeinen Ausdrücken keineswegs wähleriſch. Eben nähert ſich ihm der Graf Lodron, ein Herr von beßtem Adel, er winkt dem Manne freundlich zu. Dieſer aber ſtellt ſeine peripathetiſche Bewegung keinen Augenblick ein, ſondern begnügt ſich einfach den 22 Hut zu rücken, Graf Lodron beißt ſich auf die Lippen, folgt aber deßungeachtet dem unermüdlichen Peripate⸗ tiker und ſpricht ihn an; dieſer Mann zieht eine Hand aus dem Hoſenſack und macht ihm ein Zeichen, daß er bereit ſei ihn anzuhören. Wer würde in dieſem Bild nicht den Monarchen zu erkennen glauben!. Und doch war der Mann mit der Hand in der Ho⸗ ſentaſche, der ſich eben bereit erklärte dem Grafen Lodron eine Audienz zu bewilligen, nur der erſte Kammerdiener Sr. Majeſtät, Herr„Philipp Lang.“ Nachdem der Kammerdiener den Grafen Lodron gnädig angehört, ging der Ritter von„Del“ vorüber, Lang klopfte ihm zutraulich auf die Achſel, indem er mit einem ſchalkhaft ſein ſollenden Lächeln hinzuſetzte: „Iſt nicht jeden Tag Kirchtag, haben kein Geld, ganz unnöthig ſich deßhalb zu Seiner Majeſtät zu be⸗ mühen.“ Dem wackern„Keppler“ drehte er den Rücken zu, als er ihn von Weitem kommen ſah, dagegen erreg⸗ ten ein paar Kindsmägde, welche über den Burghof gingen ſeine Aufmerkſamkeit, die eine war groß, ſchwarz⸗ haarig, hatte feingeſchnittene lebhafte Augen und wiegte den Oberleib, wie es die Cirkaſſerinnen thun ſollen, in ſehr anmuthiger Weiſe, die andere war etwas kleiner, hatte blondes in's Röthliche ſtreifendes Haar, ein höchſt — regelmäſſiges Geſicht und ein paar reizende Beine, welche unter dem etwas kurzen Faltenrocke ſichtbar wurden. Lang tippte ſich auf die Stirne und eilte den bei⸗ den Mädchen, deren jede ein Kind an der Hand nachſchleppte, nach. Er ſtellte ſich ihnen am Eingang des „Hirſchgrabens“ entgegen und lud ſie ein, in den reſervirten Raum des Gartens hinab zu ſteigen, die Mägde zögerten, da es bereits auf zehn Uhr ging und die Herrſchaft des einen Mädchens im entfernteſten Theil der Stadt wohnte. Der Kammerdiener ließ ſich aber in ſeinem freundſchaftlichen Anſinnen nicht beirren, ſondern erwiederte mit der größten Artigkeit, daß diejenige, welche am weiteſten wohne, zurückſtehen ſolle, während er ihrer Gefährtin den Garten und das Schloß zeigen würde. Die Mädchen beſprachen ſich einen Augenblick, worauf ſich das Kleinere mit dem Knaben, den ſie an der Hand führte, entfernte. Lang ſchien einen Augenblick zu be⸗ dauern, daß gerade die Blondine ſo weit vom Schloß weg wohne, doch faßte er ſich bald und ſagte mit einem Seufzer ſtiller Reſignation:„Gehen wir.“ Die Schwarze nahm das Kind wieder an die Hand und war im Begriff ihrem Führer zu folgen. Zu ihrem Erſtaunen drehte ſich aber Lang plötzlich um und ſagte in gebieteriſchem Tone: „Das Kind bleibt hier.“ Als ſich die Magd jedoch weigerte, das Kind ſich 24 ſelbſt zu überlaſſen, gab er nach und ließ ſie mit dem Kinde eintreten. Kaum wurde er aber eines Hoftraban⸗ teen anſichtig, ſo entriß er dem Mädchen das Kind und ſchleppte es trotz des fortgeſetzten Geſchreies und aller Proteſtationen von Seite der Wärterin zu den Traban⸗ ten, denen er die Worte zurief: „Da nehmet den Balg in Acht!“ Dieſe rückſichtsloſe Behandlung erbitterte die Magd dergeſtalt, daß ſie nun erklärte keinen Schritt mehr vor⸗ wärts zu thun. „Gebt mir das Kind,“ rief ſie ein über das an⸗ dere Mal.„Ich will zurück.“ Der Kammerdiener gab ſich gar keine Mühe das Mädchen zu beſchwichtigen, ſondern drängte ſie gegen eine Thür, die dem Geruche nach zu urtheilen, zu den kaiſerlichen Ställen führen mußte. Kaum war es ihm gelungen das Mädchen über die Schwelle zu drängen, ſo ſchloß er hinter ihr die Thüre, und brach in ein ſo heftiges Gelächter aus, daß er dar⸗ an zu erſticken drohte. Das Mädchen, welches glaubte, daß der Hofbe⸗ diente einen ſchlechten Scherz mit ihr vorhabe, kehrte um, ſchlug an die Thüre, rief, man möchte ihr öffnen, aber vergebens. Der Schall der Schritte entfernte ſich immer weiter, ſie warf ſcheue Blicke um ſich und ſuchte einen 25 anderen Ausgang zu entdecken, allein wie ſie zu ihrem Schrecken wahrnahm, befand ſie ſich wirklich in einem Stall. Die Pferde, welche der Reihe nach an mamornen Krippen ſtanden, bewieſen es, ſonſt nichts, denn der weite Raum war mit Fresken geziert, mit Statuen ge⸗ ſchmückt und ſo rein gekehrt, daß man ihn eher für einen Salon als für einen Pferdeſtall halten konnte. Als ſie kaum zwanzig Schritte vorwärts gemacht, bemerkte ſie einen Mann, der in den Fünfzigern ſtehen mochte und eben damit beſchäftiget war ein fleckenloſes milchweißes Pferd zu ſtreicheln; ſie hatte hinlänglich Zeit den Pferdefreund, der ihren Eintritt nicht bemerkt zu haben ſchien, zu betrachten. Es war ein Herr von mittlerer Größe, deſſen Ge⸗ ſicht viel Geiſt aber auch mächtige Leidenſchaften aus⸗ drückte. Die etwas tiefliegenden Augen waren von ſchön geſchwungenen Brauen überſchattet; das Kinn bedeckte ein nur wenig gepflegter Bart, der mit der Nachläſſig⸗ keit der ganzen äußeren Erſcheinung im Einklang ſtand. So ſteckten die Füße des Mannes in hellrothen Sammt⸗ pantoffeln während die Strümpfe um den nackten Waden ſchlotterten. Um den Leib hatte er eine Art Oberkleid, welches die Mitte zwiſchen Kaftan, Mantel und Schlaf⸗ rock hielt. Der Pferdefreund wurde, als er ſich umkehrte, des 26 Mädchens gewahr, er ſah ſie einen Augenblick ſtarr an, ging dann auf ſie zu und frug, was ſie wolle. Das Mädchen vermochte einen Mann, der ſich ſeit Jahren nicht mehr öffentlich gezeigt hatte, nicht zu erkennen, ſie bat den Fremden ihr den Ausgang zu zeigen. Der Mann in den Pancoffeln lächelte und führte ſie nach einer mit Eiſen beſchlagenen Thüre, die Thüre ſchlug hinter ihnen zu, aber das Mädchen gewann deſſen ungeachtet nicht das Freie. Kammerdiener Lang war indeß auf ſeinen Platz zurückgekehrt, wo er fortfuhr Huldigungen entgegen zu nehmen und Audienzen zu ertheilen. Ein von vier andaluſiſchen Hengſten gezogener Wagen fuhr vor,— es war der ſpaniſche Infante Don Balthaſar de Luniga, er ließ den Kammerdiener durch einen ſeiner Leute fragen, ob er die Ehre haben könne, Sr. Majeſtät dem Kaiſer aufzuwarten. Lang zuckte die Achſel:„Weiß nicht, verſuchen“, und ſetzte ſeinen Spaziergang fort. Don Balthaſar, welcher die Bedeutung des Kam⸗ merdieners hinlänglich kannte, hielt es nicht unter ſeiner Würde aus dem Wagen zu ſpringen und zu dem ſtolzen Bedienten perſönlich hinzugehen. Er, der als Grand von Spanien ſein Haupt nicht vor dem König entblößte, zog vor dem Kammerdiener, der ihn feſten Fußes erwartete, 27 den Federhut und frug mit einem freundlichen Lächeln ob der Kaiſer nicht zu ſprechen ſei. Dieſe Demuth ge⸗ nügte, um des Kammerdieners Zunge zu löſen. Er ſagte ziemlich reſpectlos: „Der Kaiſer iſt wieder einmal bei ſeinen Pferden, Mahlern, Zauberern und Goldmachern, was, wie Euer Excellenz bekannt iſt, ſo viel bedeutet, als— er ſei für Nie⸗ manden in der Welt zu ſprechen. Was können wir armen Diener, als es Gott klagen,“ dabei blickte der Lakei gegen Himmel. Don Balthaſar warf dem ihm verhaßten Kerl ein Kußhändchen zu, ſtieg wieder in den Wagen und ließ umkehren. Der Kammerdiener rieb ſich die Hände und ſetzte ſeine Bewegung fort. Plötzlich hörte er das Klirren eines Degens auf dem feinen Kies, mit welchem der Schloßplatz beſtreut war, und ſah ſich um. Ein Officier in der maleriſchen Gewandung jener Zeit: mit hohen Stiefeln, Stülphandſchuhen und breit⸗ krempigem Federhute, den langen Naufdegen an der Seite und die grüne, kaiſerliche Feldbinde um die Achſel geſchlungen, begehrte den Monarchen zu ſprechen. „Ich bin der Obriſt Pietipsky!“ Der Kammerdiener zuckte die Achſeln, als wollte er ſagen: was geht das mich an. 28 „Ein alter, vielverdienter Soldat—“ Herr Lang hörte ihn unbeweglich an. „Man ſagt, das Paſſauer Kriegsvolk nähere ſich Prag 47 Herr Lang hörte noch immer zu. „Ich will und muß zu Sr. Majeſtät!“ Jetzt fuhr der Kammerdiener auf. „Lieber Herr Obriſt Pietipsky, ich ſage Ihnen, Sie werden Se. Majeſtät weder jetzt, noch in einer Stunde, noch in zwölf Stunden ſprechen. Kümmern Sie ſich um Ihre Reiter oder um Ihr Fußvolk, was weiß ich, aber laſſen Sie das hier in Ruhe, und nun guten Morgen, mein Herr Obriſt!“ Der alte Kriegsmann murmelte ein Schock Flüche vor ſich hin und entfernte ſich. Lang blickte ihm höhniſch nach. Einige Minuten ſpäter trabte ein Mann mit blo⸗ ßem Kopfe, auf einem alten, ſtützigen Gaul, ohne Bü⸗ gel, Zaum und Sattel über den Schloßhof. Der Kammerdiener machte große Augen, und wollte gerade die Schloßwache ausſchelten, daß ſie den ſeltſamen Reiter eingelaſſen, als ihm eine bekannte Stimme zurief: „Lang, haltet mir doch das Roß, damit ich abſtei⸗ gen kann!“ 29 Der Kammerdiener machte noch viel größere Augen, als er den ſtaubbedeckten, baarhäuptigen Reiter erkannte, er hielt das Pferd und half dem Reiter mit, ohne Ver⸗ gleich, mehr Reſpekt, als er jeder andern Perſon bisher erwieſen hatte, von demſelben. Der Reiter, der noch ein wenig hinkte, ſagte im befehlshaberiſchen Tone: „Nun, vorwärts! Melde mich bei Sr. Majeſtät!“ „Unmöglich, Durchlaucht!“ „Wie, unmöglich?— Es muß möglich ſein!“ „Zu meinem Leidweſen ſehe ich mich genöthigt zu wiederholen, daß Se. Majeſtät durchaus nicht zu ſpre⸗ chen iſt!“ „Und warum nicht?“ „Euer Durchlaucht werden vergeben, aber Ihre Majeſtät haben—“. „Nun, heraus mit der Sprache! Ich habe weder Luſt noch Zeit, zu langem Parlamentiren!“ „Der Kaiſer beliebt ſeine gewöhnlichen Launen zu haben, nichts weiter.“ „Seid vernünftig, Lang!— Ihr ſeht, in welchem Zuſtande ich gekommen bin, nur um meinen kaiſerlichen Couſin zu ſprechen; Ihr könnt Euch denken, daß es nicht Scherzeshalber geſchieht!“ „Man wird ſehen, was zu thun iſt.“ 30 Mit dieſen Worten entfernte ſich der allmächtige Kammerdiener und ließ den Erzherzog ſtehen. Erzherzog Leopold, Biſchof zu Paſſau, Straßburg u. ſ. w., war der Liebling Rudolf II. und in die ge⸗ heimſten Pläne und Entwürfe dieſes Monarchen einge⸗ weiht; ihm gedachte der Kaiſer, mit Uebergehung ſeines älteſten Bruders, die Nachfolge im Reiche zuzuwenden. Es war eben im Werke, den Kaiſer mit Hülfe ge⸗ worbener Truppen wieder in Beſitz der von ihm an Mathias abgetretenen Länder zu ſetzen, als Leopold in Prag anlangte. Beſehen wir uns den Prinzen genauer. Er war ein noch junger, etwa fünfundzwanzigjäh⸗ riger Mann, der einige Anlage, mit der Zeit corpulent zu werden, verrieth; abgeſehen davon, daß er, um uner⸗ kannt zu bleiben, ohne alle Abzeichen ſeiner Würde reiſte, war nichts Geiſtliches an ihm zu bemerken; ein dichter Schnur⸗ und Stutzbart konnte unmöglich dazu beitragen, ihm ein klerikales Anſehen zu verleihen. Der Prinz hatte übrigens ein wohl genährtes, weiß und roth gefärbtes Geſicht, die Tonſur war längſt mit kaſtanienbraunen Haaren überwachſen, und die ganze Erſcheinung machte eher den Eindruck des Kriegeriſchen, als den eines Frie⸗ densapoſtels. Der eben beſchriebene Prinz ging nun, ſtatt des 31 Kammerdieners, unruhig auf und ab und drehte ſich jeden Augenblick ungeduldig und ungewohnt zu warten um. Seine ohnedieß kurze Geduld ſollte auf keine zu harte Probe geſtellt werden. Philipp Lang erſchien ſchon nach wenigen Minuten mit der troſtloſeſten Miene von der Welt. „Alles umſonſt,“ ſagte er,„der Kaiſer beſteht dar⸗ auf, Niemanden ſprechen zu wollen!“ „Habt Ihr gemeldet, daß ich es ſei, der vorge⸗ laſſen zu werden begehrt?“ „Ei freilich!“ „Und Se. Majeſtät?“ „Fluchte, daß mir die Haare zu Berge ſtanden. 4 „Aber, es handelt ſich um Staatsangelegen⸗ heiten!“— „Und wenn es ſich um alle Kronen des Erdballs handelte, der Kaiſer will nicht.“ „Er muß wollen!“ „Wollen Euer Durchlaucht Ihr Leben in die Schanze ſchlagen?“ „Warum nicht?— Uebrigens wird es nicht ſo ſchlimm ſein.“ „Nicht ſo ſchlimm?— Er hat ſeine böſe Stunde und ſeinen falſchen Blick. O, ich danke Gott, daß ich ſo weggekommen bin.“ „Nun gut.— Ich gehe und werde unaufgefordert nicht wiederkehren: Ihr bezeugt mir aber, daß ich Se. Majeſtät um jeden Preis ſprechen wollte!“ „Vom Herzen gerne, Euere Durchlaucht.“ „Laßt mir ein Pferd bringen!“ „Augenblicklich?“ „Ihr werdet doch nicht wollen, daß ich noch länger den Leuten ringsum zum Geſpötte werde?“ „Wenn Euere Durchlaucht mir die Gnade erzeugen wollten, ſich meines eigenen Pferdes zu bedienen?“ „Wie, es wäre für einen Erzherzog von Oeſter⸗ reich kein Pferd in dem kaiſerlichen Marſtall vorräthig?“ „Der Kaiſer befindet ſich ſin dieſem Augenblick im Marſtall.“ Dies ſagte der Kammerdiener mit ſolchem Nachdruck, daß man uicht umhin konnte, einen verbor⸗ genen Sinn hinter dieſen Worten zu vermuthen. Sei es, daß der Erzherzog den Sinn errieth oder ſich in keine weitere Erörterung einlaſſen wollte, er wandte ſich raſch um und ſagte nur noch:„Alſo Euer Pferd.“ Während ſich Lang beeilte das Reitthier herbeizu⸗ ſchaffen, langten drei neue Perſonen auf dem Schau⸗ platze der eben beſchriebenen Ereigniſſe an. Die Eine war ein kurzer, dicker Mann, der entſetzlich ſchnaubte und ſich vergebens eine martialiſche Haltung zu geben ſuchte, die zweite eine hagere, lange Figur, die in einem 1 33 Selbſtgeſpräch begriffen ſchien, und die dritte ein kleiner Junge, der Kleidungsſtücke trug, die für ſeinen Kör⸗ per offenbar viel zu weit und zu lang waren. Der Junge hatte kaum den Reiter bemerkt, als er auf ihn mit dem Ausruf zuſtürzte:„Der Pferdedieb! der Pferdedieb! Greift doch den Pferdedieb!“ Der Erzherzog, welcher die Umſtände ſchon längſt vergeſſen hatte, unter welchen er zu dem borſtigen Gaul gelangt war, konnte gar nicht ahnen, daß der ehrenvolle Zuruf des Jungen ihm galt. Der kleine Jan Kafka durch den Gleichmuth des vermeintlichen Diebes noch zorniger geworden, machte noch einige Schritte vorwärts und ſagte nun:„Ei, was habt Ihr denn mit meinem Pferd gemacht, Ihr Schelm?“ Caſpar Hummel glaubte dem Burſchen zum Er⸗ ſatz für das verſäumte Mittagbrot wenigſtens ſeine mo⸗ raliſche Unterſtützung ſchuldig zu ſein; er wandte ſich daher gleichfalls an den Fremden, der noch nicht Zeit hatte die ungeheuere Zumuthung des Jungen zu beant⸗ worten und ſagte mit vieler Würde:„Es iſt wahr, Ihr habt dem armen Teufel ſein Pferd genommen, ich und dieſer Mann“— er deutete auf den Friſeur—„ſind Zeugen.“ Als der Erzherzog die beiden Männer erblickte, dämmerte plötzlich eine ſchwache Erinnerung in ihm auf, Die Paſſauer in Prag. I. 3 34 die ihn trotz ſeines Unmuthes lächeln machte; er wies auf das ledige Pferd, es das ſich auf dem Kies bequem gemacht hatte. Damit war aber der Junge keineswegs zufrieden, er lief zu dem ſich im Sande wälzenden Pferde und ſah, daß ihm die Weichen blutig gedrückt waren. Sogleich erhob er ein fürchterliches Geheul und ſchrie, ohne ſich um ſeine Freunde, die ihn vergebens zu beru⸗ higen ſtrebten, weiter zu kümmern nach der Wache. Glücklicher oder unglücklicher Weiſe kehrte in demſelben Augenblicke der Kammerdiener Lang zurück, der dem Erzherzog ſein Leibpferd vorführte. Als er den Burſchen ſo brüllen hörte, frug er, was es denn gäbe; auf des Jungen Antwort, er möge ihm behülflich ſein den Fremden zu verhaften, erwiederte der Bediente höhniſch:„Sogleich mein Sohn,“ winkte ein Paar Trabanten herbei und rief ihnen zu:„In's Loch mit dem Buben und eine kleine Lection!“ dabei machte er eine nicht mißzuverſtehende Geberde. Der kleine Jan Kafka mochte ſich ſträuben ſo viel er wollte, die Tra⸗ banten ſchleppten ihn fort, noch ehe Caſpar Hummel ſeinem gerechten Zorne Worte zu verleihen vermochte. Der ehrliche Meiſter wollte den armen Burſchen nicht im Stich laſſen, zugleich aber das Geſchäft ab⸗ thun, um deſſentwillen er gekommen war; er nahm daher die Depeſche aus ſeiner Taſche und ging damit auf den — 35 Erzherzog zu. Lang hatte aber dieſe Bewegung kaum bemerkt, als er dem Handwerksmann in den Weg trat, einen böhmiſchen Fluch ausſtieß und ſagte:„Hier iſt der Ort nicht, Seiner Durchlaucht Bittſchriften zu überrei⸗ cheu, packt Euch zum Teufel, Ihr bürgerliches Bettel⸗ pack.“ Hummel betheuerte umſonſt, daß es ſich um keine Bittſchrift handle, der Erzherzog ſelbſt machte ein ab⸗ wehrendes Zeichen und ſetzte beſänftigend hinzu:„Ueber⸗ morgen, gute Leute, kommt übermorgen, und Ihr ſollt für den heutigen Dieuſt belohnt werden.“ Es blieb den beiden Männern nun nichts übrig, als ihrem Schützling zu folgen, ſie ſchritten raſch vor⸗ wärts, um die Trabanten zu erreichen, nach zwanzig Schritten blieb Hummel ploͤtzlich ſtehen und horchte; eine feine Kinderſtimme ſchlug an ſein Ohr, er ging ein Paar Schritte weiter und hörte nun die Stimme deutlicher. „Heiliger Gott!“ rief er,„das iſt Aennchen's Stimme.“ „Was fällt Ench ein,“ beſchwichtigte ihn der Fri⸗ ſeur, neigte ſeinen Kopf vor, um beſſer zu hören und ſagte:„Es iſt das Gackern einer Henne, nichts weiter.“ „Ich werde aber doch mit Eurer Erlaubniß die Stimme meines Kindes von dem Gegacker einer Henne zu unterſcheiden wiſſen?“ 3* 36 Herr Tobias Widtmann zog die Augenbrauen in die Höhe, was bei ihm ein unfehlbares Zeichen des Zweifels war und rief dem Trabanten zu:„He, habt Ihr Heunen?“ „Ja,“ erwiederte der Trabant, ſich raſch umwen⸗ dend,„meine Frau hält Geflügel, was weiter?“ „Nichts, gar nichts, mein Lieber,“ verſetzte der Friſeur und ſprach dann, zu ſeinem Freunde gewandt, mit triumphirender Miene:„Habe ich nicht geſagt, daß es eine Henne ſei?“ „Hol' Euch der Teufel ſammt allen Hennen!“ er⸗ wiederte Hummel, der wieder ſtehen geblieben war und aufmerkſam horchte.„Wer wohnt in jenem Verließ ähn⸗ lichen Bau da unten?“ Dieſe Frage richtete der Bürger an den Trabanten, welcher den Jungen vorwärts ſchleppte, während ſein Camerad einige Schritte rück⸗ wärts ging. Der Angeredete wandte ſich um, deutete mit dem Zeigefinger auf die Bruſt und ſagte:„Es iſt meine Wohnung.“. „Und das Kind, das ſo erbärmlich ſchreit?“ „Ah, der Bankert, wem der gehört, weiß ich nicht.“ „Aber ich weiß es, ich,“ rief der Kupferſchmied vor Angſt keuchend.„Ich ſage Euch, daß es mein Kind iſt.“ 37 „Wie könnt Ihr das wiſſen?“ frug der Trabant verlegen. „Schreit das arme Geſchöpf nicht laut genug?“ „Ja, es ſchreit für zehn,“ bekräftigte der Trabant. „Nun wohl gebt mir das Kind.“ „Ich ſoll Euch das Kind geben?“ „Wer denn?“ „Gott behüthe, daß ich mich dem Zorn des Herrn Lang ausſetzte, welcher den kleinen Schreihals meiner Obhut anvertraute.“ „Aber was hat der Herr Lang mit meinem Kind zu ſchaffen?“ „Mit dem Kind, glaube ich gar nichts.“ „Nun mit wem denn?“ „Mit dem kleinen Kind war noch ein größeres Kind.“ „Daß ich nicht wüßte, meine Frau ſchickte es mit der Wärterin fort.“ „O das thut nichts, es kann auch eine Wärterin geweſen ſein.“ „Wie ſah ſie denn aus?“ „Groß mit Augen wie Kirſchen und Haaren wie Rabenfedern.“ „Ah! das iſt die Chriſtel, und wo iſt ſie hinge⸗ kommen?“ Der Trabant ſchmunzelte, aber antwortete nicht. „Ich frage Euch, wo ſie hingekommen iſt?“ „Ei ſie iſt bei einer Thüre hier wo hineingegangen und wird wohl bei irgend einer wieder herauskommen.“ „Was ſoll das heißen?“ „Fragt Sr. Mafeſtät Kammerdiener Lang dar⸗ über.“ Unter dieſem Geſpräch waren ſie in ein kleines Vorwerk gelangt, das einem Fuchsbau nicht unähnlich ſah, es wurde von dem Profoßen des Schloſſes bewohnt, und hatte ſtark vergitterte Fenſter, die überdieß bis zu zwei Drittheilen der Höhe mit Brettern verſchalt waren. Der Junge in den weiten Kleidern erhob bei dem Anblick des finſteren Hauſes ein erneuetes Geheul, das den Profoß herbeizog; er trat aus ſeiner Wohnung und frug was es gebe. Kaſpar Hummel, der ſchon tauſend Mal lieber bei ſeinem Kinde geweſen wäre, zog den finſter blickenden Mann, deſſen unangenehme Erſcheinung noch durch einen langen fuchsrothen Bart verſtärkt wurde, zur Seite, erzählte in kurzen Worten das ganze Abentheuer des Jan Kafka's und ſein Verbrechen und fügte dieſer Erzählung einen Händedruck bei, während deſſen er einen Thaler in die Hand des Vollſtreckers aller für die Um⸗ gebung des Schloſſes gefällten Urtheile gleiten ließ. 2 — 39 Der ſinſter ausſehende Mann ſchmunzelte, bedankte ſich herzlich und zeigte dem an allen Gliedern zitternden Jan eine Thüre, durch die er, ohne über den Burghof zurück⸗ zukehren, aus dem Schloß gelangen konnte. Hummel empfahl dem Burſchen zu Hauſe auf ihn zu warten und Widtmann doch die ſchönen Kleider nicht zu verderben. Als die beiden Nachbarn in Begleitung des einen Trabanten gerade an der Schwelle der Behauſung an⸗ gelangt waren, deren Räume die kleine Anna⸗Lies, des Kupferſchmieds jüngſte Tochter beherbergten, öffnete ſich ein ſchräge gegenüber liegendes Pförtchen, aus der ein Frauenzimmer hervorſtürzte, das Mädchen ſchien etwas verwirrt, das lange regelmäßige Geſicht überzog eine erſchreckliche Bläſſe, die Augen waren wie verglaſt. Der Friſeur Widtmann, der als alter Hageſtolz beſonderes Augenmerk auf alle hübſchen Mädchen hatte, erkannte die Magd zuerſt.„Ei, iſt das nicht Enre Chri⸗ ſtel?“ hub er an. „Herr je— ſie iſt's,“ erwiederte der Kupferſchmied und eilte auf das Mädchen zu, dieſes warf ſich auf die Kniee und betheuerte, daß es nicht ihre Schuld ſei, wenn das Kind von ihr getrennt wurde;— in demſelben Au⸗ genblicke brachte der Trabant zur Beruhigung aller Par⸗ teien den Gegenſtand ängſtlicher Beſorgniſſe aus dem Inneren des Hanſes hervor, es war ein kleines, dickes 40 Mädchen, das dem Vater nachzuarten ſchien, das Kind war ſichtlich getröſtet als es Vater und Wärterin ge⸗ wahr wurde, ſie klammerte ſich nun feſt an die noch im⸗ mer auf dem feuchten Sand knieende Chriſtel, welche das Mädchen weinend und ſchluchzend an ſich drückte. Der ehrenwerthe Meiſter mahnte nun zum Aufbruch, nicht ohne dem Kammerdiener Vergeltung zu ſchwören. 3. 3 Am Abende desſelben Tages fand ein großes Gaſt⸗ mal bei dem Kanzler Albrecht Zdenko Popel Lobkowitz ſtatt. Albrecht Lobkowitz war einer der beſten Edelleute des Königreiches, ſeine Gattin Polixena eine der geiſt⸗ vollſten Frauen Prag's und ebenſo bekannt durch ihren Verſtand als ſeltenen Edelmuth und Wohlthätigkeits⸗ ſinn. Albrecht Lobkowitz's Palaſt ſtand auf dem Hradſchin und grenzte an die Königsburg. Lobkowitz gehörte zu den wenigen Edelleuten, welche dem Kaiſer aufrichtig und unbedingt ergeben waren, er war Katholik mit Leib und Seele und hatte die Unterzeichnung des Majeſtätsbrie⸗ fes verweigert, das hinderte ihn nicht, gegen Jedermann ohne Unterſchied der Religion leutſelig zu ſein; wie es bei der großen Ausbreitung des Lutherthums freilich 42 nicht anders möglich war, auch den utraquiſtiſchen Adel zu ſeinen Feſten zu laden. Es war ein feenhafter Raum dieſer Saal im Pa⸗ laſt Lobkowitz, wenn er von hundert und hundert Kerzen erleuchtet, von zahlloſen Blumenkelchen und blühenden Sträuchern durchduftet, und von den wollüſtigen Kläu⸗ gen böhmiſcher Muſiker durchzogen wurde, an dieſem Abende ſchienen die mit Mamor überkleideten und mit Gold eingelegten Wände im Glanze einer Strahlenkrone, welche von der Decke des Saales niederhing, während von zehn zu zehn Schritten mächtige Girandolen aufge⸗ ſtellt waren um die Beleuchtung des großes Saales zu verſtärken. Albrecht von Lobkowitz verſammelte die Blüthe des böhmiſchen und ausländiſchen Adels um ſich. Da ſaßen manche ſtolze Barone an der, unter der Laſt der mannigfachſten Gerichte ſich biegenden Tafel, die ein Jahrzehend ſpäter ihre Häupter unter dem Schwert des Scharfrichters beugten, und wieder Andere hatten ihren Platz an dem unterſten Ende des Tiſches, die einſt im Rathe der Mächtigen die Erſten ſein ſollten und noch Andere die auf ihr ſchönes Vaterland Geſundheiten aus⸗ brachten und weit, weit von Prag oder der Grenze Böhmen's ihr Leben beſchließen ſollten. Oben an der Tafel ſaß Frau Polixena Lobkowitz 43 und ihr zur Rechten ein noch jugendlicher Prälat, der augenſcheinlich viel auf ſeine äußere Erſcheinung hielt, da war kein unnützes Fältchen am Kragen, kein falſcher Haarbug, kein Staubatom ſichtbar; der geiſtliche Herr lachte gerne und viel und ließ mit Vorliebe die kleine weiße Hand ſehen, deren Finger mit Ringen beſetzt waren, er lachte allerdings, weil er von Natur heiter war, öffnete aber den kleinen Mund nicht ohne Koket⸗ terie ſo weit, daß zwei herrliche Reihen Zähne ſichtbar wurden. Die Dame vom Haus nannte ihn Emineuz und die übrigen Gäſte erwieſen dem Mann ſo viele Ehr⸗ furcht, daß man leicht auf ſeine Wichtigkeit ſchließen konnte, es war der Cardinal„Franz Dietrichſtein“. An der linken Seite der Gräfin hatte ein etwas ältlicher Herr Platz genommen, deſſen größte Wichtigkeit in ſeinem Namen beſtand, es war„Zawiſch von Roſen berg“; neben ihm ſaß eine reizende Dame von acht und zwan⸗ zig bis dreißig Jahren die Gräfin Thurn, Gattin des ihr gegenüber ſitzenden Grafen, Heinrich Mathias Thurn, eines Mannes, deſſen Geſichtszüge Einſicht und That⸗ kraft in ſeltenem Maße ausdrückten, neben der Gräfin hatte Graf„Joachim Andreas Schlick“ Platz genommen, ein ſchlank gewachſener vornehmer Herr, deſſen langer Hals in ſo bewegten Zeiten für ominös gelten konnte, zur Seite des Grafen Thurn befand ſich 44 ein Chevalier, deſſen regelmäßiges, bleiches, durch ein Paar ſtechende Augen belebtes Geſicht, die Aufmerkſamkeit un⸗ willkürlich auf ſich zog. Er war der letzte Graf und nachmals erſte Fürſt ſeines Hauſes Graf Carl Liech⸗ tenſtein, Oberſthofmeiſter Rudolf II. 2 ¶ Viel weiter unten an der Tafel ſaß Jaroslaus Bortzita Martinitz, ein noch junger Mann, der ſeine Studien mit vielem Erfolg beendet hatte und bereits vom Kaiſer ausgezeichnet wurde; an der ent⸗ gegengeſetzten Seite ein eben ſo jugendlicher Cavalier, Ehrenfried von Berbisdorf, und eine dunkel gekleidete weibliche Geſtalt, die zur Verwandtſchaft des Hauſes gehörte. Wer für den Zauber reiner Jungfräu⸗ lichkeit und engelgleicher Schönheit empfänglich war, mußte dieſes Frauenbild bewundern. Eva Lobko⸗ witz, des unglücklichen Georg Popel Lobkowitz's Tochter, trug jene Verklärung an ſich, welche langes und unverſchuldetes Leiden über die mackelloſe jung⸗ fräuliche Stirne breitet. Ihr Nachbar Diepold von Lobkowitz, Großprior des Maltheſerordens, hatte es auf ſich genommen, dieſem reizenden Munde ein Lächeln abzulocken,— vergebens; da traf es noch Ritter von Ottersdor f beſſer, der dem Fräulein von den luſtigen Gelagen erzählte, welche König Ma⸗ thias zu Wien veranſtaltete. Die Schilderung von 45 Mathias' wüthender Tanzluſt und des Oberſtſtallmeiſters Cavriani Wetteifer mit dem König, nöthigten Eva ein ſchwaches Lächeln ab, da ſie das unaufhörliche Podagra des Königs von Ungarn mit ſeinen Erfolgen auf d dem glatten Parket des Tanzſaales nicht wohl vereinigen konnte. „Mich muß man darnach fragen,“ fiel Carl Liechtenſtein dem Junker von Ottersdorf in die Rede, dihe der ich die Sitten am Wiener Hofe beſſer kenne als irgend Einer der Anweſenden. Der König von Un⸗ garn,— Ihr erlaubt doch, daß ich dem Erzherzog dieſen Titel gebe,— der König von ſnamn iſt der leutſeligſte Herr der Chriſtenheit, ein prächtiger Reiter, der auch den ſtärkſten andaluſiſchen Hengſten zu Schanden reitet.“ Don Balthaſar de Toniga ſchüttelte bei dieſem Lobe verwundert den Kopf. „Ein Tänzer, ſo leicht und zierlich, daß die ſchöne Churfürſtin von Sachſen von keinem anderen Tänzer wiſſen wollte, ſeit ſie die Ehre Patte mit Sr. Durchlaucht,— damals hieß er noch Durch⸗ laucht, zu tanzen, und ein Verehrer des ſchönen Geſchlechtes, daß der ſelige König Heinrich von Frank⸗ reich den Kürzeren gezogen hätte. Mit einem Worte, König Mathias iſt vom Kopf bis zur Sohle ein echter und ganzer Fürſt. Man ſagt, daß es dem König oft 46 an Geld fehle; doch er verſchwendet das Seine nicht an Unwürdige, an feile Künſtler, Aſtrologen, Alchymiſten oder Hexenmeiſter, er beſchenkt dagegen ſeine Anhänger und Freunde ſo reichlich, daß ihm ſelbſt nichts übrig bleibt.“ „Das wäre Alles recht gut, wenn unſere Religion unangefochten bliebe,“ bemerkte der von Berbisdorf. „Ich war ſelbſt Proteſtant,“ verſetzte der Oberſt⸗ hofmeiſter,„und habe für meine ehemaligen Religions⸗ genoſſen einen reichen Schatz von Wohlwollen und Freundſchaft bewahrt, mir kann man daher glauben, wenn ich behaupte, daß der König von Ungarn für die Proteſtanten noch wohlwollender denkt als Se. Majeſtät der Kaiſer.“ „Laßt doch den Kaiſer aus dem Spiel,“ unter⸗ brach der Hausherr am unteren Ende der Tafel. „Es gibt ja Tauſend andere Gegenſtände des Geſpräches,“ bemerkte der Cardinal;„z. B. jene Jericho⸗Roſe, die zu meinem Leidweſen in zu großer Entfernung von mir blüht.“ Eva, deren Vater Kaiſer Rudolph im Kerker hatte ſterben laſſen, fühlte in ihrer ſo treuen Bruſt doch ſo viel menſchliche Schwäche, daß ſie den Oberſthofmeiſter aufforderte, in der Beſchreibung des Wiener Hofes fortzufahren. 47 Liechtenſtein entſprach dem geäußerten Wunſche und ſagte:„Gott behüte mich, etwas Sr. Majeſtät dem Kaiſer Nachtheiliges vorzubringen, ich beharre nur da⸗ bei, daß König Mathias der leutſeligſte Monarch iſt, den ich kenne. Ihr ſolltet nur ſehen, wie herablaſſend er dem öſterreichiſchen Adel entgegenkommt, wie er bei ihren Gelagen perſönlich erſcheint oder ſich durch eigene Geſandte vertreten läßt, wie huldvoll er jedes Anliegen aufnimmt, jedes Unrecht abſtellt, das Verdienſt belohnt und Sträfliches nachſieht, da vertritt kein Kammer⸗ diener den Klagenden den Weg, da hat kein gemeiner Burſche den Vortritt vor den adeligen Geſchlechteru. Wie gnädig hat ſich der König noch als Erzherzog gegen die aus Prag flüchtig gewordenen Räthe benom⸗ men! Ich kann mir in Anbetracht der Kränklichkeit unſeres allverehrten Monarchen nur den einzigen Troſt denken, daß König Mathias auf Rudolph II. folgen wird.“ Die Rede des Oberſthofmeiſters unterbrach der Cardinal durch beſtändiges Huſten, Ulrich Kinsky da⸗ gegen, Thurn, Schlick, Berbisdorf und Colona⸗Fels mit anhaltendem Beifall. Der ſpaniſche Geſandte neigte ſich zu ſeinem Nachbarn, dem baieriſchen Agenten, und flüſterte ihm zu:„Es gilt mir für ausgemacht, daß Liechtenſtein bereits in des Königs Intereſſen dient.“ 48 Dieſe diplomatiſche Bemerkung hatte übrigens auch der Hauswirth gemacht, ohne Diplomat zu ſein, und ſagte, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben:„Iſt es wahr, was man ſich heute aller Orten erzählt, daß das Paſſauer Kriegsvolk die böhmiſche Grenze über⸗ ſchritten habe und ſich der Hauptſtadt nähere?“ Ehe noch Jemand dieſe Frage beantworten konnte, wurde der Herr des Hauſes abgerufen. Er blieb nur wenige Secunden aus, um mit einem Papiere in der Hand und dem Ausruf:„hier die Antwort auf meine Frage“ in den Saal zurückzukehren. Die Tiſchgenoſſen richteten ihre Blicke neugierig auf das Papier, welches Herr von Lobkowitz noch immer in der Hand hielt; endlich kehrte er ſich zu dem Cardinal und reichte ihm das Papier, indem er beifügte,„daß es ihm ein Bürger eingehändigt, der es vergeblich dem wirklichen Eigenthümer zurückzuſtellen verſucht habe.“ „Und wie iſt der Menſch auf den Einfall gerathen, die Depeſchen hieher zu bringen?“ frug der Cardinal. „Ei, man ſagte ihm in der Burg, daß Se. Emi⸗ nenz hier anzutreffen ſei.“ „Wohlan, leſen wir, was uns der gute Bürger zum Deſſert credenzte.“ Der Cardinal fing in der That laut zu leſen an:„Euere Durchlaucht!“ Zufällig ſiel aber ſein Blick auf die Unterſchrift, welche„Lorenz * 49 Ramee“ lautete; ſogleich unterbrach er fich, gab dem Wirthe des Hauſes einen Wink mit den Augen und ſprach, indem er das Papier in die Taſche ſteckte:„Es iſt ein ſchlechter Scherz, nichts weiter; ich verſichere Euch, deſſen ungeachtet iſt es nothwendig,— will ich die üblen Folgen desſelben vereiteln,— daß ich auf⸗ breche.“ Die Eminenz empfahl ſich den Anweſenden mit jenem ſtereotypen Lächeln, das ihn bis in die Arme des Todes begleitete, und flüſterte dem Hausherren noch an der Treppenthüre in's Ohr:„Ich beſchwöre Euch, die Gäſte insgeſammt ſo lange aufzuhalten, bis ſie herinnen ſind.“ Mit dieſen Worten und einem letzten Lächeln ver⸗ ließ der Cardinal eiligen Schrittes den Palaſt. Um die Abſchiedsworte Dietrichſtein's zu begreifen, iſt es nothwendig, einen Blick in die Depeſche zu wer⸗ fen, bei deren Vorleſung ſich der Cardinal unterbrochen hatte. Sie lautete: „Euere Durchlaucht! Unwegſame Gegenden, unfahrbare Straßen, Man⸗ gel an Lebensmitteln und Geld zur Auszahlung des rückſtändigen Soldes zwingen mich,— ſoll nicht die Hälfte der Officiere von den eigenen Lenten erſchoſſen, das Kriegsvolk ſelbſt aber von den Bauern und nach⸗ rückenden Soldtruppen der ob der Ennfiſchen Stände niedergelegt werden,— gerade auf Prag zu marſchiren, Die Paſſauer in Prag. I. 50 wo ſich Lebensmittel und Geld in Hülle und Fülle vor⸗ finden. Se. Majeſtät der Kaiſer könnte aus der Noth. eine Tugend machen, und ſich mit Hülfe unſerer Leute von dem utraquiſtiſchen Lumpenpack, das ihm den Majeſtätsbrief abgerungen, befreien.“ Unterzeichnet war das Schreiben mit:„Ramee, Feldoberſt.“ Dem Grafen Lobkowitz war nun ſo viel klar, daß der Cardinal in die Burg geeilt ſei, dem Kaiſer Nach⸗ richt zu geben. Wie erſtaunte er daher, als er den Ueberbringer der Depeſche, welchen Ditrichſtein noch auf der Treppe ereilt hatte, von den Bedienten des Cardinals in die Mitte genommen, gefänglich ab⸗ führen ſah. Der Ueberbringer, der ſich augenſcheinlich für eine hochwichtige Perſon hielt und es in dieſem Augenblicke zufällig war, hatte ſich, wie Lobkowitz beim Fackelſchein bemerken konnte, in die Bruſt geworfen und leidenſchaft⸗ lich zu geſticuliren angefangen. So klein, dick und alt auch der Gefangene war, ſo ſchien doch das Herz eines Löwen in ſeiner Bruſt zu ſchlagen, er brüllte wenigſtens ſo laut wie ein Löwe, daß Lobkowitz jeden Augenblick beſorgte, das Geſchrei des alten Mannes würde ſeine Gäſte an das Fenſter locken; freilich hatte er die Tiſch⸗ muſik angewieſen den geräuſchvollſten Marſch, den er 51 kannte, aufzuſpielen, freilich ſtreugten ſich die Trom⸗ peter außergewöhnlich an, den Zuhörern das Trommel⸗ fell zu zerreißen; der wackere Caſpar Hummel, der gewohnt war den Schall des Kupferhammers zu über⸗ tönen, drohte mit ſeiner Stimme den Sieg über die metallenen Zungen der Trompeter davonzutragen. Er ſchrie laut:„Das iſt alſo der Lohn der Bürgertreue, daß man unſere Pferde ſtiehlt, unſere Familien be⸗ ſchimpft,“— er gedachte der Wegführung ſeines Töchter⸗ chens,—„die Familienväter in's Gefängniß ſchleppt! O, ich Gimpel, warum habe ich in meiner blinden Ehrfurcht die verfluchte Depeſche nicht geleſen? ich wollte ihren Inhalt ausſchreien, wie der Quackſalber die Tugenden ſeiner Heilmittel! O, ich dumme Gans, warum mußte ich meinen Eifer für Ruhe, Ordnung und Sicherheit ſo weit treiben, meinen eigenen Kopf in die Schlinge zu ſtecken? Herr Cardinal, Herr Car⸗ dinal!“ Ditrichſtein wandte ſich bei dieſer lauten Anrufung unwillig um.„Was gibt es wieder, unbändiges Thier?!“ „Ich bin noch ungegeſſen.“ „Was kümmert das mich?“ „Pfui! Euch als Prieſter ſollte es nicht kümmern, wenn Jemand, hungerig und durſtig, Gott weiß wohin geſchleppt wird? Herr Cardinal, ich möchte ſpeiſen!“ 4* 5² „Ihr werdet ſpäter eſſen.“ „Ja, vielleicht mit meinen ſeligen Großeltern.“ „Ihr ſollt ſogar mit mir ſpeiſen.“ „Das ließe ſich hören.“ „Ich gebe noch mein Wort darauf und knüpfe nur eine Bedingung daran, daß Ihr von jetzt an bis zu dem Augenblick, da wir allein ſein werden, Schweigen beobachtet.“ „O ich werde ſchweigen.“ „Daran erkenne ich einen Mann von Charakter.“ Der Kupferſchmied nickte beifällig, ſprach aber kein Wort mehr. Indeß wurde über der reizenden Muſik und dem kühlen Wein die kleine Unterbrechung bald vergeſſen; Herr von Lobkowitz war von einer Liebenswürdigkeit, die man bei dem großen Ernſt, den er ſonſt an den Tag legte, nicht hätte vermuthen ſollen, er forderte ſeine Gäſte förmlich zu einem Trinkturnier, zu einem Wett⸗ ſtreit der Unmäßigkeit auf und füllte eigenhändig jedes leer gewordene Glas. Die edle Dame Polixena fand ihren Gatten, dem jedes Uedermaß gräuelhaft war, vol⸗ lends unbegreiflich, nie noch hatte Albert Zdenko zu einer Handlung aufgefordert, die er ſelbſt mißbilligte. Endlich verlangte Lobkowitz, ſeine Nichte ſolle ſingen. Welch' wunderlicher Einfall! Das über ihres Va⸗ 53 ters Loos zum Tode betrübte Mädchen zum Singen auf⸗ zufordern. Eva blickte ihren Oheim ſcharf an und glaubte in ſeinen Augen etwas zu bemerken, das ihr ſagen ſollte: „Es iſt keine bloße Laune— Du mußt ſingen.“ Zu Polixena's größerem Erſtaunen willigte die trauernde Jungfrau ein und erklärte ſich bereit zu ſingen. Eva beſaß eine Stimme, die ſie heut' zu Tage zur gefeiertſten Sängerin gemacht hätte, und hatte kaum ein paar Tacte zur allgemeinen Bewunderung geſungen, als Heinrich Mathias Thurn, der ſchon eine halbe Stunde in dumpfem Hinbrüten verſunken geſeſſen hatte, plötzlich ſein Glas ausſtürzte und den Seſſel rückte. Liechtenſtein blickte den Grafen fragend an.„Pah, ſie hatte eine ſchlechte Stimme, das iſt Alles,“ ſagte er. „Das iſt nicht die wahre Urſache,“ erwiderte Liech⸗ tenſtein, indem er den Grafen forſchend anſah,„Fräu⸗ lein Eva hat noch nie ſo herrlich geſungen.“ „Nun wohl, ich fürchte durch den Singfang ein⸗ geſchläfert zu werden.“ „Ah ihr möchtet wach bleiben?“ „Wach und wachſam.“ „Da wüßte ich nichts beſſeres als die kühle Abend⸗ luft.“ „Ihr mögt recht haben, iſt Euch ebenfalls warm?“ „Mir nicht, ich bleibe.“ 54 „Und ich gehe.“ Thurn wandte ſich an die auwe⸗ ſenden Utraquiſten und ſagte, als das Lied unter ſtür⸗ miſchen Beifall geendet hatte:„Findet ihr nicht meine Herren, das es in dieſem Saale raucht?“ Der Herr des Hauſes behandelte die Rede des Grafen als Scherz und auch die Anderen wußten nicht, was ſie daraus machen ſollten, Thurn ſah ſich genö⸗ thigt ſich verſtändlicher zu machen, er ſetzte daher la⸗ chend hinzu:„Ich bilde mir ein, daß mit jener De⸗ peſche die unſer Wirth dem Cardinal übergeben, ein ganz beſonders brandiger Geruch in den Saal ge⸗ drungen.“ Lobkowitz mußte ſich abwenden, um ſeine Ver⸗ wirrung zu verbergen, den utraquiſtiſchen Gäſten wurde aber der verborgene Sinn offenbar. Sie beklagten ſich insgeſammt über denſelben Rauch, der nicht exiſtirte, und verließen aller Vorſtellungen ungeachtet den Palaſt. Lobkowitz blieb mit ſeinen katholiſchen Gäſten al⸗ lein; als ſich dieſe von dem läſtigen Druck, welchen die Anweſenheit feindlich geſinnter Menſchen ſtets aus⸗ übt, befreit ſahen, ſteigerte ſich die Luſtbarkeit bis zum Freudentaumel. Viele Geſundheiten wurden ausgebracht, man trank auf die Dame vom Haus, auf das Wohl der ſchönen Sängerin, auf den Sieg der katholiſchen Mut⸗ 8 F 55 terkirche, auf den Untergang der Ketzer, kurz man glaubte ſich im Schoos der Seinigen keinen unnützen Zwang auferlegen zu dürfen. Um ein Uhr nach Mitternacht, eben hörte man den Stundenſchlag von St. Veit herüberklingen, lo⸗ derte plötzlich ſüdwärts der Stadt eine Feuergarbe auf, es ſtand ein, zwei, drei Minuten an, der Himmel blieb ſo unergründlich dunkel wie vorhin, auf einmal blitzte ein Lichtbündel vom„Lorenziberg“ auf. Der Obriſthofmeiſter ſagte mit großem Gleich⸗ muth zu dem Hausherrn gewendet;„Seht Lobkowitz am Himmel ſtreiten ſie ſich, wer hier in dieſem König⸗ reiche Böhmen König ſein ſolle, Rudolf oder Mathias.“ „O, wenn ſich die Menſchen nicht einmengen,“ entgegnete Albert Zdenko,„und dieſer Streit der himm⸗ liſchen Gerechtigkeit überlaſſen, dann bin ich es voll⸗ kommen zufrieden.“ „Aber es ſcheint, daß ſich die Menſchen ein klein wenig einmiſchen und da der Beweis,— bemerkt ihr dort unten rechts vom„weiſſen Berg“ nicht ein Gewimmel, als ob es von Ameiſen herrührte, von Ameiſen, die aber Feuerröhre und Donnerbüchſen mit ſich führen? Wenn ich den friedfertigen Sinn Sr. Ma⸗ jeſtät nicht ſo genau kannte, ſo würde ich ſelbſt behaup⸗ teen, es ſei das Paſſauervolk.“ 56 Lobkowitz erblaßte, es war wirklich Obriſt Ra⸗ mée, der mit den im Bisthum Paſſau, auf Rudolf II. Rechnung, geworbenen Truppen, in Eilſchritten auf Prag zuzog. Die verſammelten Gäſte, welche bei Liechtenſtein's Worten gelacht hatten, äußerten die größte Beſtürzung als ſie ſich durch den Augenſchein überzeugt hatten, daß aus dem Scherze bitterer Ernſt geworden. Der Herr des Hauſes rieth ihnen den Hradſchin und die Kleinſeite nicht zu verlaſſen. Die, welche in dieſem Theile der Stadt wohnten ge⸗ horchten freilich gerne dem Rath ihres Wirthes, während Diejenigen, welche jenſeits der Moldau zu Hauſe waren, dem Hausherrn im Inneren zürnten, daß er ſie den Au⸗ genblick verſäumen ließ, wo ſie noch in voller Sicher⸗ heit nach Hauſe gehen hätten können. 4. Der Erzherzog, welcher umſonſt bemüht geweſen war den Kaiſer zu ſprechen, hatte ſich in das Haupt⸗ quartier Ramées, das ſich in der Gegend des Stern's befand zurückbegeben. Noch heute dehnt ſich ein großer Thiergarten in jener Richtung aus, damals war es ein hoher, dichter Forſt, der ſich faſt bis an die Stadtwälle erſtreckte. Oberſt Ramée hatte ungefähr zehntauſend Fuß⸗ knechte und zweitauſend Reiter unter ſeinem Commando, Leute aus verſchiedener Herrn Länder; Baiern, Paſ⸗ ſauer und Salzburger bildeten der Kern der kleinen, für jene Zeiten aber höchſt erſchrecklichen Armee, doch fehlte es nicht an Wallonen, Italienern, Franzoſen und ſelbſt Spaniern, welche die in Paſſau gerührte Werbe⸗ trommel, unter den Fahnen des Biſchofs verſammelt hatte. 58 Der Erzherzog hatte bis zu dieſem Augenblicke vom Kaiſer, zu deſſen Unterſtützung dieſe Truppen beſtimmt waren, auf die vielfachſten Anfragen keine einzige, ent⸗ ſcheidende Antwort erhalten können. Rudolf, der von ſeinem Bruder um Entlaſſung der Kriegsknechte und von Leopold um ihre Benützung beſtürmt wurde, konnte zu keinem Entſchluße gelangen. So ſtanden die Dinge, als Ramée die Truppen nach Prag führte. Die Flammengarben, welche am Lorenziberge, em⸗ porgeſtiegen, wurden vom Schloß aus eben ſo gut und noch beſſer bem erkt, als von den Fenſtern des Lobkowitz'⸗ ſchen Palaſtes. Der Erſte, der den Strahlenbündel geſehen hatte, war der Cardinal, aber auch dem Grafen Thurn, der etwa zwanzig Schritte vom Cardinal entfernt ſtand, waren dieſe Wahrzeichen nicht entgangen. Gleich nach dem Auflodern des Strahlenbündels hörte man eine ſchwache Entladung eines Geſchützes. „Ach, ſie führen auch Geſchütze mit ſich,“ ſprach Graf Thurn, der, ohne vom Cardinal geſehen zu werden, im Schatten einer Mauer geſtanden war. Der Cardinal wendete ſich erſchreckt um und er⸗ blickte den Grafen. 3 59 t,“ ſagte Dietrichſtein,„ſehr gut, daß Sie da ſind, Bn Kommen Sie mit mir zum Kaiſer!“ „Wie zum Kaiſer?“ „Einfach durch die Thüre.“ „Was fällt Euch ein, Eminenz?— Es iſt nach Mitternacht und der Kaiſer ſchläft!“ „Man wird ihn wecken.“ „Aber der Kammerdiener Lang „Was kümmert uns der Beannn⸗ 85 „Aber des Kaiſers Zorn—“ „Ich nehme Alles auf mich.“ „Nun wohl, ich bin bereit!“ „So gehen wir.“ Nach dieſem kurzen Dialoge verloren ſich die beiden Männer in den Gängen der Burg. Der Kaiſer ſchlief wirklich nicht, wie Thurn vermuthete, er arbeitete mit dem ngeſbeengkeſten Fleiße und zwar ſo emſig, daß ihm dicke Schweißperlen auf der Stirne ſtanden. Rudolf ſaß nämlich beim Lampenſcheine im Labo⸗ ratorium, neben einem bleinen, zierlichen Ambos, neben welchem ein Schmelztiegel ſeinen Platz hatte, während auf einer Marmorplatte dünne Goldblättchen aufge⸗ ſchichtet lagen. Was that aber der Kaiſer?— Er hämmerte. 60 Als der Thürſteher den Cardinal meldete, gerieth der Kaiſer in Wuth und erklärte, er würde den Cardinal⸗ Erzbiſchof ſammt Inful und Stab zum Fenſter hinaus⸗ werfen, wenn er ſich zeigen ſollte. Dietrichſtein konnte jedes Wort hören, da die Thüre halb offen geblieben war, deſſen ungeachtet trat er ein und zog auch den Grafen mit ſich. Rudolf knirſchte mit den Zähnen und vermochte aus Zorn über dieſe Störung kein Wort hervorzu⸗ bringen. Der Cardinal machte keine lange Einleitung und ſagte:. „Die Paſſauer ſind da!“ „Meinethalben mögen ſie ſein, wo fie wollen, wenn es nur nicht hier bei mir iſt.“ „Aber ſie werden auch hieher kommen!“ „Sehr gut, wenn ſie mich von den Aufdringlich⸗ keiten meiner Unterthanen befreien.“ „Es iſt möglich, daß ſie das thun,“ erwiderte der Cardinal, ohne ſich den Anſchein zu geben, als wenn er wüßte, daß der Kaiſer auf ihn ſelbſt zielte,„dann muß man ihnen aber Befehle geben.“ „Ich bin gewohnt, meine Zeit zu wählen!“ „Um ſo weniger ſcheint dieß bei dem Kriegsvolk 61 der Fall zu ſein, da es um dieſe Stunde den Einzug in eine befreundete Stadt hält.“ „Ich habe Niemanden dazu ermächtigt.“ „Dann geſchieht es nothwendig gegen Eurer Ma⸗ jeſtät Willen.“ „Ich will mich darum nicht mit Eurer Eminenz zanken, das aber weiß ich, daß es mir viel lieber wäre, Ihr könntet mir ſagen, was ich thun muß, um dieſe Glieder“— er deutete auf die vor ihm liegenden Be⸗ ſtandtheile einer goldenen Kette—„in einander zu fügen.“ Der Cardinal mußte ſeine Unwiſſenheit ſeufzend eingeſtehen. „Oder wiſſet Ihr vielleicht Auskunft?“ Der Kaiſer ſagte dieß zu dem Grafen gewendet, aber auch Graf Thurn war nicht in der Lage, den ge⸗ wünſchten Rath zu ertheilen. Rudolf ſagte hierauf zornig: „So macht, daß Ihr fortkommt, wenn ihr nichts weiter verſteht, als fleißige Menſchen in ihrer Arbeit zu ſtören. Ich gäbe gerne einen Monat meines Lebens, wenn mir jetzt gleich in dieſem Augenblicke Jemand den Vortheil lehren möchte, um dieſe Kette zuſammen zu fügen.“ 62 „Würden Eure Majeſtät dann geneigt ſein, ſich von Staatsangelegenheiten zu unterhalten?“ „Ich würde mich ſogar nicht einmal zu Bette legen.“ „Ich will mein Möglichſtes thun.“ Dietrichſtein wendete ſich dem Ausgange zu. „Je, nur keine Thorheiten, Herr von Dietrichſtein, Ihr wollt doch nicht mitten in der Nacht einen Gold⸗ ſchmied hieher beſcheiden?“ „Nein, Majeſtät, aber der Mann iſt ſchon hieher beſchieden.“ „Wie, Ihr hättet einen Goldſchmied mit Euch?— Das war einmal eine prächtige Idee!“ Der Cardinal entfernte ſich und kam nach wenigen Minuten, während welcher der Monarch, die Gegen⸗ wart des Grafen Thurn völlig außer Acht laſſend, in ſeiner Arbeit fortgefahren war, mit dem Kupferſchmiede zurück. „Da bringe ich Eurer Majeſtät,“ ſagte Dietrich⸗ ſtein lächelnd,„einen Mann, der Beſcheid weiß.“ Rudolf ſah den ehrlichen Bürger, der vor Verle⸗ genheit nicht wußte, was er mit ſeinen Armen und Beinen beginnen ſollte, einen Augenblick ſtarr an und ſagte mit würdevollem Ernſte: „Nähert Euch, Mann!“ Caſpar Hummel rückte einen Schritt vor. „Noch näher!“ Der Kupferſchmied that einen weitern Schritt. „Unter welchem Zeichen ſeid Ihr geboren?“ Die Frage klang dem wackeren Bürger ſo befremd⸗ lich, daß er ſich dieſelbe von dem Cardinal wieder⸗ holen ließ. Zufällig erinnerte er ſich, daß es die Wage ge⸗ weſen. Der Kaiſer nickte und frug weiter: „In welchem Jahre?“ „Man ſchrieb damals eintauſend fünfhundert acht⸗ undvierzig.“ „Dann iſt es gut,“ verſetzte der Kaiſer,„eintauſend fünfhundert achtundvierzig war Jupiter Jahresregent.“ Hummel glaubte mit offenen Augen zu träumen, ſo gar keinen Zuſammenhang vermochte er in den Reden des Kaiſers zu entdecken; da aber ſeine beiden Begleiter ernſt blieben, ſo blieb er es auch. Rudolf frug ihn nun um ſeinen Stand und ſeine Verhältniſſe, und bedauerte es ſehr, als er hörte, daß Hummel nur Kupferſchmied ſei. „Ich hätte lieber gehabt, Ihr wäret ein geſchickter Goldſchmied,“ ſagte der Kaiſer. Zur nicht geringen Beruhigung des Cardinals 64 konnte Hummel mit gutem Gewiſſen die Verſicherung geben, daß ihm auch das Goldſchmiedhandwerk nicht fremd ſei. 5 Nach zehn Minuten ſaß der wackere Mann ſchon vor dem Ambos und hatte die angefangene Arbeit wieder aufgenommen. Rudolf aber war überglücklich, mitten in der Nacht unerwarteten Beiſtand gefunden zu haben. Er ließ ſich von dem Kupferſchmiede einen feierli⸗ chen Eid ſchwören, ſeine Anweſenheit im Schloſſe nicht zu verrathen.— Dieß Alles, um ſeine Mechaniker zu ärgern, die nicht begreifen würden, wie er, der Kaiſer, mit der goldenen Kette allein zurecht gekommen. Cardinal Dietrichſtein, der das Außerordentlichſte geleiſtet, und dem gekrönten Goldſchmiede um ein Uhr nach Mitternacht einen geſchickten Geſellen zugeführt hatte, glaubte nun auf die Staatsgeſchäfte zurückkom⸗ men zu dürfen. Der Kaiſer war eben ſo ganz Aug' und Ohr für Meiſter Hummel, ſo daß es völlig vergebens ſchien, ſeine Aufmerkſamkeit feſſeln zu wollen. Da war es abermals der Zufall, der in der Ge⸗ ſtalt des Kupferſchmiedes dazwiſchen trat. Der ehrliche Meiſter, der ſich vom erſten Schreck erholt hatte, wußte ſein Selbſtvertrauen ſchnell zu ge⸗ 65 winnen; er erblickte, ſeit er an einem und demſelben Stücke mit dem Kaiſer arbeitete, in Rudolf II. nur einen etwas wohlhabenderen, dafür aber auch minder geſchickten Collegen, ſo einen Nachbar Widtmann. Er zögerte daher nicht, ein kleines Geſpräch anzu⸗ knüpfen, das er ungefähr ſo einleitete: „Ich war heute ſchon einmal auf dem Wege zu Eurer Majeſtät Behauſung.“ „O, es ſind täglich viele Tauſende auf dem glei⸗ chen Wege! Mich ſelbſt habt Ihr ja nicht geſucht?“ „Das nicht, aber einen Pferdedieb, der ſich hieher geflüchtet und eine Kindsmagd, die ſich von hier weg geflüchtet.“ Der Kaiſer runzelte unmerklich die Stirne und frug gleichgültig, ob man ſich des Diebes bemächtigt habe.— „SDes Diebes nicht, aber des Beſtohlenen!“ Der Kaiſer mußte laut auflachen. 3 „Es iſt, wie ich ſage; dem Diebe führte der Herr Kammerdiener ſogar das ſchönſte Pferd zu, während der arme Teufel Prügel bekommen ſollte.“ „Und Ihr ſagt, Ihr wäret dabei geweſen?“ „Ob ich dabei war; wollte ich dem Halunken von Courier doch die verlorene Depeſche zurückſtellen!“ „Ein Courier war der Pferdedieb?“ Die Paſſauer in Prag. I. 5 66 „So iſt es!“ „Und habt Ihr ihm die Depeſche zurückgegeben?“ „Leider nein; da er aus Furcht vor mir“— dieß ſagte der Bürger nicht ohne Selbſtgefühl—„Reißaus nahm.“ „Und weßhalb ſagt Ihr leider?“ „Weil mich dieſer ſchöne Herr“— auf den Cardi⸗ nal deutend—„zum Lohn für meinen Patriotismus ver⸗ haften ließ.“ „Wie, Eminenz, Ihr hättet den armen Teufel verhaften laſſen?“ Jetzt war die Reihe an dem Cardinal. Er zog die bewußte Depeſche aus der Taſche, bewies dem Kaiſer, daß man zu einem Entſchluſſe kommen müſſe, und hatte nun Zeit, ſo lange und ſo viel er wollte, über Staats⸗ angelegenheiten zu ſprechen. Nur ein Punkt war unaufgeklärt geblieben, was aus dem Courier geworden ſei. Da erinnerte ſich Hummel, den Kammerdiener „Durchlaucht“ ſagen gehört zu haben. „Das Pferd“, meinte Meiſter Hummel,„müſſe „Durchlaucht“ geheißen haben— „Wie ſah das Thier aus?“ „Es war ein Goldfuchs.“ „Und hatte einen Stern auf der Stirne?“ —,— 67 „Ja, einen Stern!“ „Dann war es Lang's Fatime.“ „O, es war ein Pferd!“. „Ja, aber ein weibliches Thier.“⸗ „Wenn das meine Frau hörte, daß Herr Lang ſeine Roſſe mit Frauennamen nennt—“ „So wäre ihr das ſehr unangenehm?“ „Sie würde den Herrn Lang ſteinigen!“ „Gut, ſo werde ich ſie nie in meinen Marſtall führen.“ „Tragen Euer Majeſtät Pferde ebenfalls Men⸗ ſchennamen?“ „Alle!“ „Dann iſt es beſſer, wir laſſen meine Frau aus dem Spiele.“. „Und Ihr erinnert Euch vollkommen gut, das Wort „Durchlaucht“ gehört zu haben?“ Der Kupfer chmied nickte mit dem Kopfe. „Dann war es Leopold!“ ſagte der Kaiſer, ſich mit allen Zeichen des Erſtaunens an den Cardinal wen⸗ dend.— „Und Ihr habt meinen Kammerdiener mit ihm ſprechen gehört?“ „So gut, als ich Eure Majeſtät jetzt höre.“ 68 „Weßhalb der Erzherzog mir ſeine Ergebenheit nicht bezeugte?“ Der Cardinal ergriff die Gelegenheit, ſeinem Herrn und Kaiſer eine ſcharfe Lektion zu ertheilen, und ſagte mit dem größten Gleichmuthe: „O, es wird ihm an dem guten Willen nicht ge⸗ mangelt haben, ja, es ſpricht Vieles dafür, daß dieß der einzige Zweck ſeines Hierſeins war!“ „Warum iſt er denn nicht gekommen?“ „Das wage ich Eure Majeſtät und Dero Kammer⸗ diener zu fragen.“ Der Monarch erröthete ſchwach und ſagte:„Ich habe allerdings Verbot ertheilt, mich zu ſtören, deßun⸗ geachtet hätte mir Lang melden ſollen—“ 4 „Ach, das Melden hätte wenig genützt; Lang hätte nicht melden, ſondern den Erzherzog zu Eurer Majeſtät führen, ja nöthigen Falls die Thüre ſprengen ſollen. Dieſe zwölf tauſend Mann, die Eurer Majeſtät die ver⸗ lornen Länder und Städte zurückgeben könnten, dürften nun den Reſt der zahlreichen Kronen koſten, die ſich noch in Eurer Majeſtät Händen befindet.“ Rudolf athmete tief auf, in ſeinen Geſichtszügen malte ſich eine ſolche Rathloſigkeit, daß jeder Staats⸗ mann ihn aufgegeben haben würde. Graf Thurn verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln, ihm war die 69 Ankunft des Paſſauer Kriegsvolkes ein Freudenfeſt, da es dem königlichen Anſehen den letzten Stoß geben mußte; die Lage Rudolf's war im höchſten Grade peinlich, Ent⸗ ſchloſſenheit konnte noch retten. Thurn hielt es für ſeine Aufgabe jeden Verſuch dem Kaiſer Energie einzuflößen, zu vereiteln. Der Cardinal hatte den Grafen genöthigt, ihn zum Kaiſer zu begleiten, um ihn zu überwachen, der Graf ließ ihn aber dieſen Handſtreich durch die Rath⸗ ſchläge, die er ertheilte, tief bereuen. Unglücklicher Weiſe harmonirten die Einflüſterungen des Grafen mit dem friedliebenden Sinne des Monarchen. Graf Thurn mahnte von jeder entſcheidenden und wirkſamen Maßregel ab, je mehr die kaiſerlichen Ent⸗ ſchließungen das Gepräge der Halbheit an ſich trugen, deſto kräftigere Unterſtützung fanden ſie bei Thurn. Der Graf wollte nicht, daß der Kaiſer das Ver⸗ trauen der Nation verdiene und noch viel weniger, daß er die Hülfe des Erzherzogs unbedingt annehme und zum Schaden ſeiner Partei anwerbe. Er ſagte daher im Tone der größten Unterwürfig⸗ keit,„daß er ſich nicht getraue dem weiſeſten Monarchen des Jahrhundertes Nath zu ertheilen, ſondern im Gegen⸗ theil ſich Verhaltungsmaßregeln ausbitte.“ „Zweierlei,“ ſagte er,„geſtatteten ihm die Umſtände 70 nicht zu thun, er dürfe mit dem eingedrungenen Geſindel nicht gemeine Sache machen, ſich ihnen aber auch nicht mit den Waffen in der Hand widerſetzen, ſo lange ſie der Kaiſer nicht für Reichsfriedensſtörer erklärt habe; das Letztere könne aber Seine Majeſtät nicht, da der Erzherzog dadurch unverdienter Maſſen in die größte Verlegenheit gebracht würde.„Ich,“ fügte er mit einem Anflug von Humor bei,„werde mir des Kaiſers Majeſtät zum Vorbild nehmen und unterhand eln.“ Durch dieſes einzige mit ſo großer Beſcheidenheit vorgebrachte Wort, hatte er dem Kaiſer den bequemſten aber zugleich unſeligſten Weg gezeigt, der eingeſchlagen werden konnte. Der Kaiſer wollte von dieſem Augenblicke an, nichts mehr von entſ cheidenden Maßregeln hören, ſon⸗ dern befahl ſeinen Räthen zu unterhandeln. Dietrich⸗ ſtein, Hangwald, Hegemüller und Barwitzius mußten ſich dieſem höchſt undankbaren Geſchäft uuterziehen, der Kaiſer fuhr, während Pulverkarren in die Luft flogen, die Kanonen donnerten, Kleingewehrfeuer knatterte, wäh⸗ rend Klöſter angezündet, Mönche gemordet und Nonnen entehrt wurden, fort, an ſeinen Friedensketten zu arbei⸗ ten. Graf Thurn hielt es bei dieſer Gemüthsverfaſſung des Kaiſers für unnöthig, ſich irgend einem Entſchluß zu widerſetzen; er verabſchiedete ſich, aber auch der Car⸗ dinal ſah ein, daß für ihn jetzt nichts auszurichten ſei. 2 m 71 Niemand fühlte ſich glücklicher als der Kaiſer, der ſich nur dann am wohlſten fühlte, wenn er ſich mit Künſt⸗ lern oder Mechanikern unterhalten konnte. Er belehrte den ehrlichen Bürger über die Bedeutung der Ketten, an denen Beide ſchmiedeten; es waren Ordensketten, welche für Verdienſte des Friedens ohne Unterſchied des Glaubensbekenntniſſes ertheilt werden ſollten. Bereits hatte der Kaiſer zwei ſolche Ketten zur Belohnung für geheimen Abfall von ſeinem Bruder Matthias an Her⸗ ren von öſterreichiſchem Adel ertheilt; die Barone von Buchheim und Stahremberg hatten die Auszeichnung empfangen. Die Ketten waren eben fertig geworden, als die Nacht der Morgendämmerung Platz machte. Der Mo⸗ narch entließ ſeinen Mitarbeiter mit vielen Gnadenbe⸗ zeugungen und ſchenkte ihm eine kunſtvolle Medaille mit ſeinem eigenen Bruſtbilde. Ddeen grauenden Morgen bezeichnete ein Getüm⸗ mel, wie es nur in einer eben eroberten Stadt vorzu⸗ kommen pflegt. Oberſt Ramée rückte auf der Kleinſeite vor, die Fußknechte ſtürmten den ſteilen Berg hinan, um ſich mit dem Hradſchin in Verbindung zu ſetzen. Die Einwohner widerſetzten ſich dem fremden Kriegsvolk, man ſchoß aus Fenſtern und Thüren und unterrannte die Reiter mit vorgehaltenen Picken. Von den Dächern 72 flogen Ziegelſteine nieder, und die Weiber ſchütteten hei⸗ ßes Waſſer auf die kaiſerlichen Truppen; das verſetzte die Paſſauer, die bis dahin gute Mannszucht bewahrt hatten, in Wuth, ſie richteten nun die Gewehrläufe nach jedem Fenſter, an dem ſich Jemand zeigte und ſtürmten ſolche Häuſer, aus welchen geſchoſſen worden war. Sechs⸗ hundert Soldatenleichen deckten bereits die Sporergaſſe, die Zahl der in den Häuſern oder an den Fenſtern er⸗ ſchoſſenen Städter hatte man nie in Erfahrung gebracht. Jetzt fing der utraquiſtiſche Adel zu fürchten an, daß das Kriegsvolk noch weitere Fortſchritte machen und ſich zuletzt der ganzen Stadt bemächtigen könnte. Graf Thurn als Generallieutenant beorderte daher den Oberſten Leonhard Colonna von Fels, nach der Alt⸗ ſtadt Prag, um dort die nöthigen Vertheidigungsanſtal⸗ ten zu treffen, während er, ſeine friedliche Geſinnung ganz vergeſſend, ſich ſelbſt mit fünfzig Pferden den raſt⸗ los vordringenden Paſſauern entgegen warf. Der Zu⸗ ſammenſtoß fand unweit des Schwibogens der Wäliſch⸗ Gaſſe ſtatt. Wenn Thurn auch kein großes Feldherrn⸗Talent beſaß, ſo beſaß er doch vielen Muth und wahre Ritter⸗ lichkeit, er ſtellte ſich an die Spitze der Seinen und ſtürzte auf den Feind los, fünfzig gegen achttauſend, er durchbrach zwei, drei, vier dichtgedrängte Reihen, als 59 70 er gegen die fünfte anſprengte, traf ihn eine feindliche Picke ſo kräftig an der Achſel, daß er vom Pferde ſtürzte; die Seinen ſahen ihn fallen und ſchwankten, nur mehr zur Hälfte kampffähig, indem ſie den verwundeten An⸗ führer in ihre Mitte nahmen. Die Kunde von dem Fall des Generallieutenants verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle auf der ganzen Kleinſeite und machte jedem ferneren Wi⸗ derſtande ein Ende. Die ermüdeten, verzweifelten Bewoh⸗ ner hatten nur mehr die Kraft, weiße Tücher als Zei⸗ chen ihrer unbedingten Unterwerfung aus den Fenſtern wehen zu laſſen und die Barmherzigkeit der Kriegsknechte anzurufen. Zwanzig Boten zugleich trafen in der Königsburg ein, um von dem Kaiſer die Rettung der Stadt zu erflehen. Herr Philipp Lang hätte ſie vielleicht insgeſammt abgewieſen, wenn er nicht anderswo beſchäftigt geweſen wäre; die zwanzig Boten ſtießen daher nicht auf den Kammerdiener des Monarchen, ſondern auf minder ge⸗ waltige Männer, wie Adam Waldſtein, den Landgrafen von Fürſtenberg, den Rath Barwitzius und Herrn von Dittrichſtein. Der Kaiſer, der ſich gerade mit ſeiner Lieblings⸗ ſtute„Resta in Casat unterhielt und ſie Salzbrod aus der Hand freſſen ließ, wollte von nichts wiſſen und 74 hieß ſeine Räthe ſich mit ſammt den zwanzig Boten zum Teuufel ſcheeren, da mengte ſich der Maler Johann von Achen, der gerade einen Vetter auf der Kleinſeite woh⸗ nen hatte, in den Handel und bemerkte dem Kaiſer, daß er zwei angefangene Bilder dort ſtehen habe. Das bewog den Monarchen dem Morden Einhalt zu thun. Er ließ den Paſſauern und Einheimiſchen gleichmäßig jeden fer⸗ neren Angriff unterſagen und verlangte für den Vetter des Malers oder vielmehr für die beiden Bilder eine be⸗ ſondere Sicherheitswache. Zufolge dieſes Befehles wurde nicht mehr geplündert, ſondern nur gemordet. Wenden wir aber unſere Augen von den Schreck⸗ niſſen eines eroberten Stadttheiles ab und ſehen wir, womit ſich Herr Philipp Lang ſo angelegentlich be⸗ ſchäftigt. 5. Lang war ſeit Mitternacht wider Willen der Kam⸗ merdiener eines neuen Herren geworden. Der gute, treue Diener, welcher ſich bereits hundert tauſend Thaler, ein Rittergut und einen Adelsbrief ver⸗ dient hatte, kehrte eben nach vollendetem Tagewerke zu ſeiner ihm ebenbürtigen Gattin zurück und ſah bereits die beleuchteten Fenſter ſeines am Abhange des Hradſchin's mitten in einem Garten gelegenen Hauſes und ſagte zu ſich: „Merkwürdig hell an dieſen Fenſtern! ſollte faſt glauben, es ſei große Geſellſchaſt.“ Mit dieſen ſelbſtgefälligen Bemerkungen näherte ſich der Kammerdiener ſeinem Hauſe immer mehr und ſtand eben im Begriff ſeinen Schlüſſel in das Schloß der Hausthüre zu ſtecken, als er ſich von einer Patrouille am Arme gefaßt ſah. Er war,— man muß es geſtehen, mehr erſtaunt als erſchreckt, das man wagen konnte, ihm, den Günſtling der kiſerlichen Majeſtät, in den Weg zu treten, er ſagte ſi⸗„Was iſt es anders als ein neuer Beweis zarter Vorſorge für mein Eigenthum, man hat meine Wohnung mit einer Sicherheitswache umge⸗ ben.“ Dieſen Gedanken folgend, wehrte er die Patrouille ſanft ab und ſprach: „Laßt meine guten Freunde, ich bin es ſelbſt, der Herr dieſes Hauſes, der da hinein will.“ Aber o merkwürdiges Ereigniß! Der Soldat lachte ihm in's Geſicht und zerrte ihn ſo gewaltig, daß Lang um Hülfe ſchrie. Der laute Ruf lockte in der That einen Mann an's Fenſter, der dem Soldaten zurief, er möchte ſeine Beute fahren laſſen. Der Mann war Erzherzog Leopold. Der Kammerdiener, der den Prinzen nicht gleich erkannte, ſchrie zornig über die Frechheit des Eindring⸗ lings, der es gewagt in ſein, eines ehrlichen Mannes Haus nächtlicher Weile einzudringen. Der Erzherzog erwiederte vom Fenſter aus: „Es geſchieht Dir vollkommen recht, warum haſt Du mir den Zutritt zu Seiner Majeſtät verwehrt? Hätteſt Du mich vorgelaſſen, ſo ſchliefe ich jetzt in der Burg nnd Du könnteſt Dich in Dein Bett legen, da wohl ein anderes Lager ſuchen müſſen.“ aber Noth kein Gebot kennt, ſo wirſt Du für dieſe Nacht „Aber mein Weib?“ wagte der unglückliche Kam⸗ merdiener zu ſtammeln. „Ei um die alte Hexe kannſt Du ganz unbeküm⸗ mert ſein, ich würde jedem meiner Soldaten den Kopf abſchlagen laſſen, der ſich unterfangen würde—.“ „Nehmen Euer Durchlaucht den Dank eines treuen Gatten.“ „Noch nicht,— ich ſagte, daß ich Jedem, der ſich unterfinge, Dein Weib zu berühren, den Kopf abſchla⸗ gen laſſen würde, aber warum glaubſt Du?“ „Aus angebornem Edelmuth natürlich.“ Die Durchlaucht brach in ein ungeheures Geläch⸗ ter aus. „Edelmuth? Da irrſt Du Dich gewaltig, Edel⸗ muth iſt es nicht, ſondern Schönheitsſinn, denn Du wirſt doch nicht glauben wollen, daß ich meine Mann⸗ ſchaft mit ſolcher Beute abfertige?“ Der Kammerdiener wagte keine weitere Bemerkung und wollte ſich in einen Winkel ſeines Hauſes zurück⸗ ziehen. Dieß war aber nicht die Abſicht des Erzherzogs und er ließ ihn augenblicklich zu ſich fordern. „Lang meine Stiefel ſchmerzen mich.“ Der Kammerdiener machte eine Geberde um ſein 8 inniges Mitleid auszudrücken. Der Erzherzog lehnte ſich in den hohen Stuhl zurück und begann auf's Neue: „Lang meint ihr nicht, daß es das Beſte ſein wird, die Stiefel zu wechſeln?“ „Unſtreitig Durchlaucht.“ „Nun wohl, hilf mir die Stiefel ausziehen.“ Der Kammerdiener, Ritter und Gutsbeſitzer kniete nieder und zog dem Erzherzoge die Stiefel vom Fuß. „Lang gieße mir Waſſer auf die Hände.“ Der Kammerdieuer ergab ſich ſeufzend in den Willen des Prinzen. 3 „Lang reiche mir das Hemd, ich will ein friſches Hemde neheden. 3 Der Kammerdiener warf dem Erzherzoge auch das Hemd über den Kopf. „Lang, das Soupee!“ Der Kammerdiener beeilte ſich den Wunſch des Erzherzogs zu erfüllen, er ſtieg in die Küche hinab; wie erſchrack er, als er ſeine Frau mit verbundenem Kopfe am Herde ſtehen und Brühe rühren ſah, die gute Frau hatte eine furchtbare Beule, welche ihr ein Soldat geſchlagen, dem ſie ein Glas Wein verweigert hatte. Lang ließ den Tiſch decken, der Erzherzog aber wieder abräumen, indem er dem Kammerdiener bemerk⸗ bar machte, daß er nur auf Silber zu ſpeiſen gewohnt ſei, der filzige Hofdiener ſah ſich genöthigt, ſein Silber⸗ geſchirr aus finſteren Kiſten und Käſten an's Tageslicht zu fördern. Nun war es der Prinz zufrieden, aß und trank mit gutem Appetit und machte einige ſchauerliche Witze über den Kammerdiener, ſo betrachtete er beiſpiels⸗ weiſe das Wappen an einem ſilbernen Teller und er⸗ ſtaunte, daß es kaiſerlich ſei. Augenblicklich wandte er ſich an Lang und frug ob er ſein Silber⸗Service für einen Strick abtreten würde; als Lang verblüfft darein ſchaute erklärte der Erzherzog lachend, daß er den Gal⸗ genſtrick meine, welchen Lang unſtreitig durch den Raub des Silbers verdient habe. Der erſchrockene Kammerdiener vermochte kaum zu ſtammeln:„Geſchenk Euer Durchlaucht, kaiſerliches Ge⸗ ſchenk!“ worauf der Prinz erwiederte:„Wenn mein Couſin bereits anfängt die Teller und Schüſſeln von der Tafel weg, zu verſchenken, dann ſcheint es mir an der Zeit, auch um eine und die andere Kleinigkeit wie eine Königskrone oder einen Herzogshut zu bitten.“ Der Kammerdiener lächelte ſchuldigen Beifall. Der Erzherzog wandte ſich mit großer Freundlich⸗ lichkeit zu ihm und ſagte: „Ich merke, daß Du Sr. Majeſtät ſehr viel ver⸗ dankeſt.“ „O, was das betrifft, Alles! Alles!“ 80 „Dieſe Wahrheitsliebe entzückt mich!“ „Iſt ſo meine Gewohnheit.“ „Entzückende Gewohnheit.“ „Sehr gnädig.“ „Ihr ſeid natürlich ein dankbarer Diener?“ „O ich ſtürzte mich für Sr. Majeſtät in die Flammen.“ „Das würde dem Kaiſer wenig Nutzen bringen.“ „Aber ich wäre es im Stande zu thun.“ „Stets neue Tugenden, Dankbarkeit noch ſeltener als Wahrheitsliebe.“ „In der That.“ „Nun will ich Euere Dankbarkeit auf die Probe ſtellen.“ Lang's rothes Geſicht wurde vor Angſt noch rö⸗ ther, er wackelte unruhig, bald den einen bald den an⸗ deren Fuß in die Höhe ziehend, vor dem Erzherzog auf und ab, und wiederholte, über eine Antwort verlegen, die letzten Worte des Prinzen„auf die Probe ſtellen.“ „Ich habe ein hübſches Häuflein Soldaten mit⸗ gebracht.“ „Wirklich ſehr ſtattlich.“ „Findet ihr das auch?“ „Eine ganze Armee.“ „In der That es iſt eine kleine Armee. Dieſe Ar⸗ 31 mee will erhalten ſein und ich habe mich in Jüllich völlig aufgezehrt.“ „O Sr. Majeſtät—“ „Es iſt hier nicht von der Majeſtät die Rede, ich glaube, daß ſich da eine ſchöne Gelegenheit zur Dank⸗ barkeit zeigte, ſo ein Mal hundert tauſend Thaler reich⸗ ten gerade zur erſten Abſchlagzahlung auf den rückſtän⸗ digen Sold hin.“ Der Kammerdiener war durch dieſe Zumuthung, wie vom Schlage gerührt, er taumelte zurück und rief händeringend:„Will mich Euere Durchlaucht zu Grunde richten?“ „Keineswegs, es bleibt Euch dann noch das Rit⸗ tergut, Euer Silberzeug und was die Hauptſache iſt, der ſchöne friſche Adelsbrief.“ Der Erzherzog hätte vielleicht noch manche andere Frage und Zumuthung an den Bedienten geſtellt und Lang vielleicht bis zum Selbſtmord getrieben, wenn ihn nicht ein kaiſerlicher Bote auf das Eiligſte zum Kai⸗ ſer beſchieden hätte. Der Kammerdiener ſegnete den Boten und der Erzherzog rief:„Ich habe mein Wort gelöſt die Kai⸗ ſerburg nicht früher zu betreten, bis ich aufgefordert werde, nun es iſt früher geſchehen, als ich erwarten Die Paſſauer in Prag. I. 6 konnte, ſie haben ohne Zweifel den Kopf verloren, ge⸗ hen wir ihnen einen Solchen zu borgen.“ Der Erzherzog ſchlich ganz allein von Lang beglei⸗ tet bis zu einem kleinen Pförtchen, das zu des Kaiſers Appartements führte. Leopold fand den Kaiſer in ſeinem Staatskleide und von den vorzüglichſten ſeiner Räthe umgeben. Der Erzherzog trat mit dem Lächeln der Ueber⸗ legenheit auf den Lippen in die Verſammlung: nun müſſe ſich das Schickſal des Paſſauervolkes und ſein Eigenes entſcheiden. Leopold hoffte als deſignirter Nachfolger des Kaiſers die Schwelle zu verlaſſen. Rudolf ſtand auf und umarmte ſeinen Couſin, der ihm unter allen ſeinen männlichen Verwandten am lieb⸗ ſten war, Leopold hatte den bekannten heimlichen Fa⸗ milienpact, durch welchen Mathias zum Familienober⸗ haupte erklärt wurde, nicht unterfertigt, Leopold hatte ſich auf eigene Koſten nach Jüllich begeben und ſeine Rolle als Verweſer, dem Kaiſer zu lieb, mit großen Opfern fortgeſetzt. Leopold war endlich der Einzige, welcher die Hände regte, um dem Kaiſer in ſeinen Nö⸗ then beizuſpringen. Alles das machte ihm Rudolf ge⸗ geneigt, wie viel,Eigennutz und Haß gegen ſeine glück⸗ licheren Brüder an dieſen Handlungen des geiſtlichen Würdenträgers Antheil hatten, darum kümmerte ſich der Kaiſer und ſein Rath durchaus nicht. Leopold nahm auf einem Tabouret neben dem Kaiſer Platz. Er ſagte, nachdem die erſten Begrüſſun⸗ gen vorbei waren: „Ich glaube Euerer Majeſtät ein Heer zugeführt zu haben, dem in dieſem Augenblick kein deutſcher Fürſt ein Aehnliches entgegenzuſtellen vermag. „Beſonders iſt die Reiterei von erſter Stärke, lau⸗ ter Wallonen und Franzoſen, und was die Officiere angeht, eingefleiſchte Teufel, Euer Majeſtät, die ſich vor nichts fürchten und nichts ſcheuen.“ „Ganz gut, vollkommen gut,“ antwortete der Kaiſer,„nur hättet ihr uns dieſe Soldateska nicht auf den Hals laden ſollen?“ „Was hätte ich denn ſolen Euere Majeſtät?“ frug Leopold erſtaunt. „Gegen unſeren Bruder marſchieren, ihn zu Wien heim ſuchen, das hätte mir Vergnügen gemacht.“ „Und meine Aukunft zu Prag?“ Rudolf zuckte die Achſeln. „Aber ich hatte ja bennerlei Befehl in Oberöſter⸗ reich einzubrechen. 4 „Der Kluge erräth.“ „Dann war auch das Volk gegen uns.“ 84 „Hofkircher und Buchheim verſicherten uns des Beiſtandes der Proteſtanten.“ „Lüge, nichts als Lüge! ſie denken nicht daran.“ „Dann ſehe ich auch nicht, was uns das Kriegs⸗ volk hier in Prag nützen ſoll.“ „Ach Gott, man kann mit zwölftauſend Mann wohlgeſchulter Truppen Vieles ausrichten.“ „Zum Beiſpiel?“ „Man kann die inneren Feinde zu Boden ſchlagen und falls dieſe inneren Feinde Ketzer ſind, ſich um den Himmel große Verdienſte erwerben.“ „Eine verſpätete Bartholomäusnacht!“ ließ ſich eine Stimme hören, es war die Carl Liechtenſteins, der zwölf Jahre ſpäter allerdings ein kleines Gegenſtück zur St. Bartholomänsnacht lieferte.“ „Keine Bartholomäusnacht!“ bekräftigte Barvitzius. „Man kann,“ fuhr der Erzherzog fort,„wenn ſich die böhmiſchen und die in Teſchen geworbenen polniſchen Truppen mit dem kleinen Heere vereinigt haben, auf dem kürzeſten Wege gegen Wien marſchiren.“ „Ganz richtig,“ bemerkte Kanzler Lobkowitz, „wenn wir nur erſt der Böhmen ſelbſt ſicher wären.“ „Nun wohl, man muß ſich zuerſt Prag's verſichern, und es wie eine belagerte Stadt behandeln; wenn man den utraquiſtiſchen Herren heilſamen Schreck eingeflößt, 85 werden ſie ſich geben und froh ſein, wenn man ihnen einen Schein der alten Freiheit übrig läßt.“ Der Kanzler Lobkowitz ſchüttelte den Kopf, Wald⸗ ſtein und Haugwald beobachteten ein ominöſes Still⸗ ſchweigen. Carl Liechtenſtein aber meinte, es komme bloß auf den Verſuch an. Der Cardinal rieth die Gegenpartei auf friedlichem Wege zu gewinnen. Er ſprach: „Wenn ich an Eurer Durchlaucht Stelle wäre, würde ich dem utraquiſtiſchen Adel ſo lange ſchmeicheln, bis er den Krieg gegen den Afterkönig in Wien gut hieße und noch obendrein die Taſchen zur Bezahlung des Kriegsvolkes öffnete.“ „Warum haben Euer Liebden dieſen Plan nicht läugſt in's Werk geſetzt?“ „Warum? Weil wir das Vertrauen des Volkes verloren haben und— ſoll ich es aufrichtig bekennen— weil uns die Leute für zu dumm, zu feig und zu unlau⸗ ter halten, um von uns noch Erfolge zu erwarten.“ Die Stirne des Kaiſers verdüſterte ſich, er unter⸗ brach den Cardinal, indem er bemerkte, es handle ſich nicht um das, was das Volk von den Räthen denke, ſon⸗ dern um das, was nun zu geſchehen habe. Der Cardinal begann von Neuem:„Der vorzüg⸗ lichſte Kopf unter den Utraquiſten iſt Graf Heinrich 86 Mathias Thurn. Dieſer Mann wiegt ein Heer und einen Miniſterconſeil auf. Habt Ihr den einen, ſo habt Ihr Alle, der Markgraf von Brandenburg⸗ Jägerndorf wird ihm Schritt für Schritt folgen. „Wilhelm Lobkowitz, Berka, Kupa, Budowa, Schlick, Harant, Kinsky, Kaplirz, Colona, Kampowa, ſie wer⸗ den in dem Augenblicke für uns ſein, als Graf Thurn ſich gegen Mathias offen erklärt. Haben wir aber die Herren, ſo haben wir auch die Bürgerſchaft und mit ihr die ganze Wehrkraft des Königreiches.“ Albert Lobkowitz gab durch Nicken mit dem Kopfe ſeine Zuſtimmung zu des Cardinals Anſicht zu erkennen. „Gut, gut,“ ſagte Leopold,„aber auf welche Weiſe könnte man mit dieſem zweiten König von Böhmen, mit dieſem Grafen Thurn zuſammentreffen?“ „Nichts leichter als das, Graf Thurn liegt ver⸗ wundet in des Kanzlers Haus.“ Lobkowitz nickte und ſetzte hinzu, daß er ſich hoch geehrt fühlen würde, Se. Durchlaucht den Herrn Erz⸗ herzog bei ſich zu empfangen. Der Erzherzog meinte, es ließen ſich beide Anſichten mit einander verbinden, er wolle es verſuchen die Utra⸗ quiſten durch den Grafen auf die kaiſerliche Seite zu ziehen, zugleich aber ſich der ganzen Stadt zu bemäch⸗ 87 tigen, um im Falle des Fehlſchlagens Zwangs⸗Mittel in Bereitſchaft zu halten. Der Cardinal ſchüttelte den Kopf, aber der Kaiſer entſchied für ſeines Couſins Meinung. Leopold küßte Rudolf's Hand und ſagte ſo laut, daß es die Umſtehenden hören konnten: „Wie glücklich werde ich mich ſchätzen den öſterrei⸗ chiſchen Herzogshut und die Krone des heiligen Ste⸗ phan abermals auf Euer ehrwürdiges Haupt ſetzen zu können, aber nun bitte ich Euere Majeſtät um ein Pferd, da ich das meine todt ritt und kein einziges ſchönes Pferd im Lager habe.“ Der Kaiſer lächelte bei dieſer Berufung an ſeine Großmuth und frug: „Was meint Ihr von meiner Stute Resta a casa?“ „Das es das ſchönſte Pferd von der Welt ſei, wür⸗ dig den größten Monarchen der Welt zu tragen.“ „Das Pferd iſt Euer.“ Leopold, der gleich dem Kaiſer eine Leidenſchaft für ſchöne Pferde hegte, zitterte vor Freude, er dankte dem Monarchen und ſagte, daß er hoffe auf dieſem Pferde als Sieger in Wien einzuziehen. Der Kaiſer hob nun die Rathsverſammlung auf, und ſchritt nach ſeinem Laboratorium, dort erkundigte er 88 ſich, ob nicht ein ſchwarzäugiges Mädchen nach ihm ge⸗ fragt habe und als dieß verneint wurde, ließ er ſich ſein Oberkleid geben, vertauſchte ſeinen betreſſten Feder⸗ hut mit einer gewöhnlichen Jagdmütze und ging, nur von Johann von Aachen begleitet, hinten an's Moldau⸗ ufer, wo ſich ſpäter der Wintergarten befand, dort winkte er einem Fährmann und ließ ſich auf das jenſeitige Ufer überſetzen. 6. Wir bemerkten bereits, daß der Lobkowitz'ſche Palaſt unmittelbar an die kaiſerliche Burg ſtieß, ErzherzogLeopold hatte daher nur einige Schritte zu thun, um in die Woh⸗ nung der Exzellenz Frau Polixena von Lobkowitz zu ge⸗ langen. Leopold ließ ſich bei der Kanzlerin melden, die Gräfin empfing ihn im Familienſaal, demſelben Ort, wo man Tages zuvor gegeſſen, getrunken und geſungen hatte. Der Erzherzog konnte, wenn er wollte ſehr galant und heiter ſein, und er hatte gerade Luſt dazu. Er ent⸗ ſchuldigte die Störung, die er veranlaßte und erkundigte ſich mit allen Zeichen warmer Theilnahme um das Be⸗ finden des Grafen von Thurn. Als ihm die Gräfin er⸗ wiederte, daß keine Gefahr für ihren kranken Gaſt vor⸗ handen ſei, ſagte Leopold verbindlich:„Ich möchte die Wunde kennen, die ſo ſchönen Händen widerſtände, es 90 müßte denn eine Herzenswunde ſein, die von Euch ſelbſt geſchlagen, gewiß tödtlich würde.“ Als die Haufrau auf dieſe Höflichkeit nicht zu ach⸗ ten ſchien, forderte ſie der Prinz auf, ihm den Zufall mitzutheilen, durch welchen der Graf in die Wohnung des Kanzlers gelangt ſei. „Auf eine ſehr einfache Art, die Begleiter des Grafen trugen ihn aus dem Gefecht, indem ihn Einer, ich glaube Heinrich von Laß, vor ſich auf's Pferd nahm, Eure Leute eilten indeß den Fliehenden nach und ſchoßen ihre Piſtolen auf ſie ab. Da näherte ſich der Lärm mei⸗ nem Hauſe, ich ließ mich erkundigen, was es gebe und man berichtete mir, daß ein Dutzend Reiter, die einen ſchwer Verwundeten mit ſich ſchleppten, von einer drei⸗ fachen Zahl Feinde verfolgt würden, ich wußte gar nicht wer die Fliehenden und wer die Verfolger waren, noch weniger aber den Namen des Verwundeten, mir war nur eines klar, daß man den Schwächeren und überdieß den Wehrloſen ſchützen müſſe. Augenblicklich ertheilte ich Befehl, die Thorflügel zu öffnen und den Verfolgten Schutz zu gewähren, die Verfolger aber auszuſchließen und von jeder weiteren Verfolgung abzuhalten. Wir haben ein Outzend handfeſte Diener, dieſe voll⸗ zogen mein Gebot und der Graf war gerettet.“ 91 „Das heißt Ihr rettet meine Gegner und nehmt ſomit Partei!“ dieß ſagte der Erzherzog ſcherzhaft, in⸗ dem er den Zeigefinger drohend erhob. „Hat Euere Durchlaucht hier Feinde zu bekäm⸗ pfen? „Geſteht, ich bin äußerſt unwiſſend, denn es war mir bis zu dieſem Augenblicke völlig unbekannt.“ Dieſe furchtbare Anklage wurde mit ſo großer Nai⸗ vetät und Unſchuld vorgebracht, daß ſich der Erzherzog wirklich täuſchen ließ und entgegnete:„Ich ſage nicht, daß ich Feinde zu bekämpfen habe, aber die Regierung Sr. Majeſtät hat Gegner, daß iſt gewiß und zu dieſen Geg⸗ nern zähle ich den Grafen Thurn— ſonſt ein ſehr acht⸗ barer Mann, aber ein geſchworner Feind des Kaiſers.“ „Dann nimmt es mich nur Wunder, daß man einen ſo verbrecheriſchen Menſchen nicht längſt dorthin führte, wohin ein Vetter unſeres Hauſes, ohne zu den geſchwornen Feinden Sr. Majeſtät zu gehören, ſchon längſt gebracht wurde— zu Kerker und Tod.“ „Ah ihr meint den Georg Popel?“ „Ja den mein' ich.“ „Die Tochter hätte ihn retten können.“ „Ja um den Preis ihrer Ehre.“ „Sie mochte nicht.“ Leopold zuckte die Achſeln. „Und hat daran wohl gethan. Wenn alſo Thurn 9² ein Staatsverbrecher iſt, um auf meinen verwundeten Gaſt zurück zu kommen, weßhalb hat man ihn nicht lie⸗ ber eingekerkert, ſtatt mit Piſtolen nach ihm zu ſchieſſen und eine förmliche Treibjagd auf ihn anzuſtellen?“ „Sagte ich, der Graf ſei ein Staatsverbrecher? Ich ſagte es nicht, doch muß ich Euch bemerken, daß der Graf einen Pfad wandelt, der unfehlbar zum Hoch⸗ verrath führen muß. Was ihr von einer Treibjagd er⸗ wähnt, ſo iſt es Euer edles Herz, das ſich dieſen Mann als Opfer vorſtellt. Der Graf hinderte meine Leute an der Fortſetzng ihres Marſches, ſie hatten aber Befehl vorzugehen und gingen daher über den Grafen weg.“ „Mußten ſie um ihren Marſch fortzuſetzen den Grafen verfolgen?“ Der Erzherzog drohte wieder mit dem Finger, ſetzte aber dießmal hinzu:„Madame prennez garde, euer Schützling iſt ein großer Ketzer und Herr von Lob⸗ kowitz ſeines eifrigen Glaubens willen bekannt.“ „Euere Durchlaucht werden doch nicht die Stelle eines Großinquiſitors des Königreiches Böhmen an⸗ ſtreben? „So viel mir bekannt iſt, wurden die Inquiſitoren ſtets dem Orden des heiligen Dominicus entnommen, und nie dem Stande der Weltgeiſtlichkeit.“ 93 „Sie ſind eine boshafte, aber zugleich geiſtreiche Frau?“ „Ich danke, geſtehe das Eine nie und läugne das Andere.“ „Ihr wollt nicht boshaft heißen?“ „Im G gentheil will ich boshaft heißen, weil ich es bin, aber geiſtreich nicht, denn was ihr meinen Geiſt nennt iſt erborgtes Gut.“ „Nennen Sie mir Ihren Gläubiger?“ „O ich habe deren Mehrere, oder glaubt Euere Durchlaucht, daß Böhmen nicht mehr als einen geiſt⸗ vollen Menſchen beſitze?“ 1 „Wer ſind alſo dieſe Gläubiger?“ „Da iſt einmal mein Gatte.“ „Vollkommen einverſtanden.“ „Da iſt unſer Hausarzt!“ „Ein Hausarzt! ihr bezahlt ihn ja, wie kann er noch Gläubiger ſein?“ „O ich ſpreche von Jeſſen.“ „Ein gelehrter, aber irrgläubiger Mann.“ „Ich ſpreche mit ihm nie von Religion.“ „Wovon denn?“ „Jeſſen erzählt mir von den natürlichen Wundern, die er an Kranken und Geſunden beobachtet hat.“ „Weiter.“ 94 „Dann habt ihr den Freiherrn von Harant.“ „Abermals ein Ketzer!“ „Der die ganze Welt durchzogen, mit den frommen Hindus am Ganges, mit den Aethiopiern unter der Mit⸗ taglinie und mit den Samojeden im kalten Norden ge⸗ lebt hat“— „Sind wir noch nicht zu Ende?“ „Bald, wir haben noch den Grafen Thurn.“ „Ich meinte vielmehr ihr wäret durch Sorgfalt und Pflege ſeine Gläubigerin.“ „Ich leiſte damit nur eine kleine Anzahlung. Nein wirklich— Graf Thurn iſt ein Mann von vielem Geiſt.“ „Ich wünſchte er hätte deſſen weniger, kann man indeß den Wundermenſchen ſehen?“ Die Gräfin erſchrack bei der verächtlichen, faſt gehäſſigen Miene, mit welcher der Erzherzog ſeinen Wunſch ausſprach.„Nein,“ antwortete ſie„man kann nicht.“ 3„Auch nicht, wenn es ſich darum handelt den Grafen mit ſeinem Herren und Kaiſer auszuſöhnen?“ „Auch dann nicht.“ „Wenn das Ende von Mord und Blutvergießen davon abhängt, daß ich mit dem Generallieutenant ſpreche?“ Die Gräfin zögerte einen Augenblick und man 95 ſah es ihrem Geſichte an, daß ihr die Beantwortung der letzten Frage einen harten Kampf koſtete, doch ſollte ihr die Entſcheidung erſpart werden, denn bevor ſie noch den Mund aufthat, wurde die Thüre geöffnet, ein ha⸗ gerer blaſſer Mann, der in einen blutgetränkten Rei⸗ termantel gehüllt war, ſtand auf der Schwelle und ſprach:„Wenn es gilt dem Vaterlande zu dienen, iſt Graf Thurn ob heil oder verwundet ſtets bereit.“ Der Erzherzog ſchielte mit einem vorwurfsvollen Blicke nach Frau von Lobkowitz und ſagte freundlich: „Beeilt Euch lieber Graf in's Bett zu kommen, ich folge Euch auf dem Fuße nach.“ Der Graf reckte ſich, machte aber kaum ein paar Schritte, als er umzuſinken drohte. „Dachte ich doch gleich, daß Ihr noch zu ſchwach ſeid, Ihr vergeſſet völlig, daß Ihr, wie Jeſſen behauptet, eine ganze Menge Blut verloren habt!“ Die Kanzlerin ſprach es und eilte den Verwunde⸗ ten zu unterſtützen. 3 „Ach, wenn Aller Herzen ſo beſchaffen wären,“ murmelte der Kranke,„da würde jeder Religionsunter⸗ ſchied von ſelbſt aufhören, weil der Menſch ſchon bei Lebzeiten in den Engel überginge.“ „Was ſagt Ihr da?“ frug Frau Lobkowitz. „Daß mich der Verband drückt, ſonſt nichts.“ 96 „Ich werde abhelfen.“ „Und ich es nicht dulden.“ „Ich rufe Se. Durchlaucht zu Hülfe.“ „Se. Durchlaucht,“ verſetzte der Verwundete leiſe, „wäre im Stande mich mit einem Zuge zu heilen.“ „Wie verſteht Ihr das?“ „Indem er mein Tuch um den Hals zuſammen⸗ zöge.“ „Das iſt abſcheulich.“ „Ja, es wäre abſcheulich.“ „Nein, ich will ſolchen Verläumdungen nicht län⸗ ger mein Ohr leihen.“ „Werdet mir nur nicht böſe.“ 3 „O ich brauche es nicht erſt zu werden, Ihr ſeid unverbeſſerlich, Graf Thurn, ich ſehe es jetzt ein.“ „Ich leider auch,“ erwiederte der Graf indem er den Kopf mit einer wahren Armenſündermiene ſenkte. „Ihr mißtraut ſtets!“ „Und befinde mich dabei ſtets wohl.“ „Ihr glaubt nicht an das Menſchenherz.“ „An Eures, wie an's Evangelium.“ „Ihr ſollt an Se. Durchlaucht glauben.“ „Wir wollen ſehen.“ 4 Die Gräfin zog ſich zurück und gab dem Erzherzoge einen Wink, daß der Verwundete ihn zu ſprechen wünſche. — * vortreffliche Eigenſchaft, wenn ſie gut benützt wird. Seht 97 Der Erzherzog trat mit all der Bonnhomie, welche ſich dieſer würdige Kirchenfürſt zu geben verſtand, an das Ruhebett, auf dem der Graf lag und reichte ihm die Hand, dann ſetzte er ſich zu Häupten des Verwun⸗ deten nieder und ſagte: „Daß ich hieher komme, ich der Erzherzog und Kirchenfürſt, mag Euch zum Beweiſe dienen, daß ich keinen Groll hege; Prinzen meines Hauſes pflegen ihre Feinde nicht zu beſuchen, ich halte Euch zumal nicht für meinen Feind und hoffe Euch vor Ablauf einer Viertel⸗ ſtunde in einen warmen Freund meiner Perſon und un⸗ ſeres Hauſes umgewandelt zu haben.“ „Das müßte mit merkwürdigen Dingen zugehen,“ dachte der Graf, gab aber ſtatt jeder Antwort durch ein Nicken mit dem Kopfe zu erkennen, daß er aufmerkſam höre; der Prinz fuhr fort:„Ihr ſeid ein, vergleichsweiſe, noch junger Mann, Vierzig oder ein, zwei Jahre darüber, iſt es nicht ſo?“ Der Verwundete nickte beiſtimmend. Der Erzherzog ſprach weiter:„Das iſt das Alter des Ehrgeizes, der unruhigen Thätigkeit, das wahre Alter des Feldherrn und Politikers; Ihr habt Ehrgeiz, — o, werdet mir nicht roth darüber,— Ehrgeiz iſt eine mich an, Graf, ich habe, im Vertrauen geſagt, auch Die Paffaner in Prag. I. 7 98 Ehrgeiz, freilich ganz unſträflicher Art, ich will für einen guten Biſchof und nicht ganz unfähigen Staatsmann gehalten werden. Der Ehrgeiz hat Euch in die Reihen der Gegenpartei geführt, Ihr hofft von Mathias ein Commando, oder das Burggrafenamt, oder eine Kanzler⸗ ſtelle? Nun der Kaiſer iſt im Stande getreuen Dienern das Alles und noch viel mehr zu verleihen. Ihr ſeid, wenn das Gerücht Wahrheit redet,— nehmt es nicht übel,— ein ziemlich unbemittelter Edelmann; die Herr⸗ ſchaft Wintirgow kann nicht über drei⸗ bis fünftauſend Gulden einbringen. Ihr ſeid es Euch und Enerer Familie ſchuldig, etwas mehr Grundbeſitz zu erwerben.“ Graf Thurn, der bei den peinlichen Anſpielungen des Erzherzogs bald purpurroth, bald leichenblaß ge⸗ worden, frug nun:„Wie verſteht Euere Durchlaucht dieſe Vermehrung?“ Leopold ſah, bevor er antwortete, nach der Thüre, öffnete ſie und blickte hinaus, um ſich zu überzeugen ob Jemand da ſei, ſchloß ſie beruhigt wieder zu und ſchob zum Ueberfluß den Riegel vor, dann ſprach er mit ge⸗ dämpfter Stimme, indem er ſich über den Grafen nieder⸗ beugte: „Es wird, wenn der böhmiſche Adel ſich auf ſein wahres Intereſſe verſteht, bald ganze, unermeßliche Güter zu verſchenken geben. An wen wird man ſie aber 99 verſchenken? An Diejenigen, welche ſich in der gegen⸗ wärtigen Kriſe als treue Unterthanen erwieſen haben. Ich wage es, mein fürſtliches Wort zu verpfänden, daß Herrſchaften im Betrage von einer halben Million, noch ehe das Laub von den Bäumen fällt, Euer Eigenthum ſein ſollen, wenn Ihr Eueren Einfluß, was im Grund nur Pflicht wäre, zu Gunſten Sr. Majeſtät geltend macht. Außerdem ſtelle ich Euch die Wahl frei, das zunächſt offen ſtehende Hofamt oder irgend eine einträgliche Stelle anderer Art zu verlangen. Was haltet Ihr von der Stelle als Oberſthofmeiſter,— Herr Carl von Liechtenſtein iſt ohnedieß kränklich,— oder von dem Amte eines Reichshofrathspräſidenten, für das Graf Hohen⸗ zollern ohnedieß nicht recht taugt?“ „Schöne, großmüthige Anerbietungen, ich gebe es zu, nur müßte ich wiſſen, was ich zu thun habe, ſie zu verdienen.“ „So viel als nichts, mon ami!“ „Das iſt jedenfalls weniger als ich erwartet habe; worin eſteßt aber das an nichts grenzende Etwas?“ „Vor Allem ſollt Ihr Ench ruhig verhalten, wozu Euere Verwundung hinlänglichen Grund darbietet, dann müßtet Ihr Euerer Partei beweiſen, daß ſie nichts Beſ⸗ ſeres thun könne, als gegen den rebelliſchen Bruder Sr. Majeſtät zu waffnen, endlich hättet Ihr jeder Ein⸗ 7 100 miſchung zu entſagen, wenn es noch Leute geben ſollte, die ſich, nach Euerer Erklärung, Sr. Majeſtät wider⸗ ſetzten.“ Als der Erzherzog hier eine Pauſe machte, warf Thurn ganz leicht die Worte hin:„Iſt das Alles?“ Der Erzherzog, welcher meinte, daß der Graf mehr erwartet habe, fuhr fort:„Falls die Altſtadt Prag auf⸗ gefordert würde, Truppen aufzunehmen, ſolltet Ihr zur Annahme derſelben rathen, und wenn Ihr ein Uebriges thun wollt, Euch ſelbſt zu Pferde ſetzen und hinüber reiten.“ Graf Thurn ſchien einen Augenblick zu überlegen, und erwiederte dann:„Ich verkenne durchaus nicht das Glänzende von Euerer Durchlaucht Verſprechungen, und ſtimme in dem Einen Punct des ruhigen Verhaltens vollkommen überein, ja ich bin der Anſicht, daß ſich meine Landsleute bei dem Handel Sr. Majeſtät des Kaiſers mit ſeinem königlichen Bruder ruhig verhalten ſollten. „O, unterbrecht mich nicht, ich fühle mich zu ſchwach, um noch einmal von Vorne anzufangen.— Seht, ich halte es mit den Nonnen, die da täglich beten: „Da pacem Domine in diebus nostris,“ zu allem Anderen beſitze ich weder Tauglichkeit noch Geſchick, zum Höfling bin ich unperdorben, zum Rath tauge ich 101 nicht, von den Geſetzen verſteh' ich nichts, ich würde daher einen traurigen Kanzler abgeben. Zum Krieg gegen König Mathias verbietet mir mein Gewiſſen zu rathen, meine Glaubensgenoſſen darf und werde ich nicht in Stich laſſen, die Uebergabe der Altſtadt muß ich mit allen Kräften verhindern, zu Pferde ſetzen kann ich mich meiner Schwachheit Willen nicht, ſonſt hätte ich es längſt ſchon gethan und ſtünde nun an der Spitze mei⸗ ner Freunde, um die Euerigen abzuwehren; da habt Ihr mein aufrichtiges und ehrliches Geſtändniß.“ Der Erzherzog glaubte ſeinen Ohren nicht trauen zu dürfen, und frug:„Ihr verwerft alſo meine Anträge?“ „Verwerfen? Nein; ich mache Euch nur meiner⸗ ſeits einen anderen Antrag. Führt das Kriegsvolk aus Böhmen zurück, rathet dem Kaiſer uns nach den Satzun⸗ gen des Majeſtätsbriefes zu regieren und nach und nach den Proteſtantismus zur herrſchenden Kirche in Böhmen zu machen, rathet ihm, ſein Regiment ſo einzurichten, daß die Oeſterreicher Urſache bekommen uns zu beneiden und ſich nach einer gleichen Herrſchaft zu ſehnen, und Ihr könnt verſichert ſein, daß Ihr Alles, was Ihr wünſcht, viel wohlfeiler haben könnt, als um den Kauf⸗ preis von Herrſchaften, Titeln und Aemtern, die Ihr a erſt Jemandem entreißen müßt, um ſie Anderen zu geben.“ 102 Der Erzherzog ſprang von ſeinem Stuhle auf und ſchrie mit zorngeröthetem Geſicht:„Es iſt genug und mehr als genng; ich bin gekommen, um einen Irre⸗ geleiteten auf die rechte Bahn zurückzuführen, aber nicht um mich ſelbſt belehren und leiten zu laſſen. Ihr ver⸗ geßt, daß es ein Erzherzog von Oeſterreich iſt, mit dem Ihr ſprecht.“ „Und Ihr, daß man an einem Krankenbette keinen ſolchen Teufelslärm ſchlägt.“- „Möge Euch die Ablehnung meiner wohlgemeinten Vorſchläge nie gereuen.“ „O, ich zweiſle keinen Augenblick, daß Ihr Luſt hättet mich dieſelbe bereuen zu laſſen.“ „Ja, Luſt hätte ich,“ ſchrie der Erzherzog, jede Mäßigung hintanſetzend.„Ja, große Luſt, aus Euch, der nicht reich und geehrt ſein will, einen verachteten Bettler zu machen.“ Thurn zuckte die Achſeln und erwiederte:„Ver⸗ ſucht es.“ Der Erzherzog ſtieß, ſtatt jeder Antwort, ſein Schwert gegen die Dielen des Bodens und ſchritt raſch zur Thüre hinaus; Frau von Lobkowitz, die ihm hier entgegenkam, würdigte er kaum eines Gruſſes und eilte die Stiege, wie von Furien getrieben, hinunter. Am Thore traf er den Hauptmann von Hornberg, Ritt⸗ 103 meiſter Prendl und Fähnrich Gratky. Er ſagte zu ihnen unwirſch:„Die Leute wollen keine Raiſon annehmen, man muß ſie daher mores lehren; für Euch, Hornberg, habe ich ein beſonderes Geſchäft, Ihr bleibt bei mir, Ihr Anderen aber könnt es Eueren Cameraden melden, daß, wer durch einen Handſtreich die Altſtadt gewinnt, ſich hundert Ducaten und ein Oberſt⸗Patent bei mir abholen kann.“ Der Erzherzog winkte mit der Hand, um ihnen zu bedeuten, daß er ihrer nicht weiter bedürftig ſei. Ritt⸗ meiſter Prendl ließ ſich aber durch dieſe Handbewegung nicht abhalten zu fragen, ob der Officier, der es wagte, auch die ihm zugetheilte Mannſchaft gebrauchen dürfe. „Ich habe noch nie gehört,“ gab der Erzherzog zur Antwort,„daß ein einzelner Mann ein Thor, ge⸗ ſchweige eine ganze Stadt eingenommen hätte, Ihr dürft nicht nur, ſondern Ihr müßt ſogar Euere Mann⸗ ſchaft gebrauchen.“ enn ich das ſchriftlich haben könnte.“ Der Erzherzog ſah den Rittmeiſter groß an. „Haltet Ihr mich für einen Betrüger?“ „Ich fürchte den Oberſt.“ „Den Ramée? nun es iſt wahr, daß er mit den Leuten nicht immer glimpflich umſpringt; da, nehmt dies als Wahrzeichen meiner Erlaubniß.“. 104 Mit dieſen Worten zog der Prinz ſeinen biſchöf⸗ lichen Ring vom Finger und übergab ihn dem Ritt⸗ meiſter. Prendl küßte die Hände des Biſchofs und ging, um eine Hoffnung reicher, hinweg. „Und nun zu Euch,“ ſagte der Erzherzog, als er ſich mit Jacob von Hornberg allein ſah.„Da Oben liegt ein verwundeter Mann.“ „Ich weiß, der Graf Thurn.“ „Er iſt ſehr aufgeregt, dieſer arme Graf Thurn.“ „Steht es mit ihm ſo gefährlich?“ „Je nachdem, er leidet an einem heftigen Wund⸗ fieber und ſpricht irre.“ „Das iſt ſchlimm.“ „Was aber noch ſchlimmer iſt, ſcheint mir der Umſtand, daß der arme Mann in ſo kritiſchen Zeiten, wo ein einziger mißverſtandener Befehl die ſchrecklichſten Folgen nach ſich ziehen kann, die Stelle eines General⸗ Lieutenants bekleidet.“ „Wie aber abhelfen?“ „Darüber habe ich eben nachgedacht; es dünkte mich am Ende das Beſte ſich ſeiner Perſon zu verſichern und ihn auf ſo lange in engem Gewahrſam zu halten, bis er wieder vollkommen hergeſtellt iſt.“ „Wenn es nur das iſt, Euer Durchlaucht, ſo iſt er 105 wohl in dem Haus, wo er ſich befindet, am beſten auf⸗ gehoben.“ 3 eopold runzelte die Stirne, ſagte aber dann plötz⸗ lich mit herablaſſender Vertraulichkeit:„Ihr täuſcht Euch, von Hornberg, der Graf iſt nirgends übler als hier; die Gräfin—“ „Welche Gräfin?“ „Die Gräfin Lobkowitz iſt eine eifrige Katholikin.“ „Das habe ich immer gehört.“ „So eifrig, daß ſie vielleicht in Anbetracht der Heiligkeit des Zweckes in der Wahl der Mittel minder ſcrupulös iſt.“ „Euere Durchlaucht will doch nicht andeuten?“ frug der Hauptmann entſetzt, ohne den Satz zu voll⸗ enden. „ Ich will gar nichts andeuten, als daß religiöſer Eifer bisweilen die edelſten Menſchen zum Verbrechen führte.“ —„So wäre es wohl das Beſte, den Grafen von hier fortzubringen.“ Der Erzherzog nickte ohne ein Wort hinzuzu⸗ ſetzen. „Gut ich nehme es auf mich.“ „Recht mein Braver, doch wollte ich um keinen Preis den Verdacht der Gräfin erregen.“ 106 „Das macht die Sache ſchwieriger.“ „Ich glaube je gerader man zu Werke geht, deſto beſſer kommt man vorwärts.“ 4 „Darf ich Euer Durchlaucht Anſicht erbitten.“ „Nun ich meine dafür den Grafen ohne Umſchweif⸗ in Verhaft zu nehmen und nach Budweis zu führen.“ „Aber würde der Transport nicht die ganze Wohl⸗ that in Frage ſtellen, die Euer Durchlaucht dem armen Teufel mit ſo großer Menſchenliebe zu erweiſen geruhen.“ „O ich habe mit ſeinem Arzte geſprochen, er ver⸗ trägt die Reiſe, ſie wird ihm ſogar förderlich ſein, ihr wißt ja Quartanfieber werden am beſten durch Luftwech⸗ ſel geheilt.“ „Ich dachte es ſei von einem Wundfieber die Rede.“ „Ich hielt es auch dafür, aber ſein Arzt, denkt nur der berühmte Jeſſen heißt es ein„febris intermit- tens“ und der muß es doch wiſſen.“ „Ja, wenn es der Arzt behauptet!“ „Nun wollt Ihr euch bei dieſem Werk der Men⸗ ſchenliebe betheiligen und die Verhaftung des armen Teufels auf euch nehmen?“ „Nichts als Chriſtenpflicht Euere Durchlaucht, ob⸗ gleich er ein Lutheraner vom reinſten Waſſer ſein ſoll.“ „Die Wege der Vorſehung ſind oft wunderbar und es wäre möglich, daß es unſeren Prieſtern in Budweis 107 gelingt dieſe verlorene Seele in den Schooß der allein ſeligmachenden Kirche zurückzuführen. Welche Freude für den heiligen Vater, welche Befriedigung für mich, der ich leider den Krummſtab ſo oft mit dem Schwerte vertauſchen muß.“ „Ich will mit Enrer Durchlaucht Geſtattung ſa⸗ gleich an's Werk gehen.“ „Nein nicht jetzt, ich würde es mir nie verzeihen die gute Kanzlerin geſtört zu haben, daß muß ganz in der Stille der Nacht geſchrheu, ſo daß Niemand davon eine Ahnung hat, ihr wißt ja ich kann nichts weniger leiden als Klatſcherei, wenn ihr den Mann jetzt ver⸗ haftet, wird binnen einer Stunde ganz Prag davon voll ſein und mir die abſcheulichſten Abſichten zuſchreiben, während ich doch nur eine gute That beabſichtigte. Ja, mein beſter von Hornberg, die Welt iſt verleumderiſch, darnach müßt ihr die Expedition einrichten, ſie muß in aller Stille vor ſich gehen, ſelbſt der Graf muß am Sprechen gehindert werden, ſo ein Kranker ſagt oft Dinge, die unglaublich wahrſcheinlich dünken, das ſoll um jeden Preis vermieden werden.“ „Aber wie ſoll man denn den Grafen am Reden hindern?“ „Ei was thut man denn mit den Tobſüchtigen? man gurtet ſie feſt, behandelt den armen Mann wie 108 einen Geiſteskranken, knebelt ihn, droht ihm mit einer Kugel oder mit dem Strang, aber verhindert ihn zu ſprechen.“ „Eurer Durchlancht Befehle werden vollzogen werden.“ „O redet mir doch nichts von Befehlen, Befehle ſind gut, wo es ſich um dienſtliche Verrichtungen han- delt, nicht aber wo es gilt unſere Brüder aus Näch⸗ ſtenliebe dem Verderben zu entreiſſen; und ich ſage wie der barmherzige Samaritaner: Jeder ſei mein Nächſter, der gerade meines Beiſtandes bedarf, ob er nun Jude, Türke Lutheraner oder gar Calviner ſei, und nun Gott be⸗ fohlen, lieber Hornberg.“ Der Erzherzog, der ſich bis⸗ weilen erinnerte, nicht bloß General ſondern nebenher auch noch Biſchof von Paſſau und Straßburg zu ſein, erhob die Hand und entließ den Hauptmann mit ſeinem Segen. Der Erzherzog ſah in ſeinem ſtattlichen, goldge⸗ ſtickten Wams mit der Hermelinbinde und dem Strauß⸗ feder geſchmückten Hut allerdings dem ſtaub- und koth⸗ bedeckten Courier nicht im Geringſten ähnlich, welcher Tages zuvor mit verhängtem Zügel durch die Plattner⸗ gaſſe gallopirt war, dennoch hatten ihn zwei ſcharf⸗ ſichtige blaue Augen ſogleich erkannt, als er aus dem Thor des Lobkowitz'ſchen Palaſtes trat, dieſe ſcharfſich⸗ 109 tigen blauen Augen gehörten einem kleinen Knirps an, der zufälliger Weiſe ein eben ſo ſcharfes Gehör als Ge⸗ ſicht beſaß.. Als der Junge ſeinen Mann erkannt hatte, er⸗ wachte in ihm die Begierde anch zu hören, was der Mann ſo geheimnißvoll ſprach; er umſchlich daher die Gruppe in immer engeren Kreiſen, indem es den Anſchein hatte, als ob er eifrig damit beſchäftigt wäre, über ein paar Barriereſteine des Palaſtes wegzuvol⸗ tigiren. Als ihm dieſe Beſchäftigung doch noch nicht genug⸗ ſam Gelegenheit gab, jedes Wort zu hören, ſo ſtellte er ſich unbedenklich in die Nähe des Erzherzogs, ſo daß er ſich vollkommen im Schallkreis befand und zielte mit einer Kugel nach der gegenüber befindlichen Planke. Erſt als der Hauptmann den Erzherzog verlaſſen hatte, wurde Letzterer auf den Knaben aufmerkſam und erinnerte ſich, daß er ſich während der ganzen Unterre⸗ dung in der Nähe aufgehalten hatte. Er redete den Jungen vorſichtshalber an, war aber hoch erfreut als ihn der Burſche ſtarr anblickte und verlegen ſein„ro⸗ zumi nic nemecki“ zur Antwort gab. Er ließ dem Jungen einen Thaler in die Hand fallen, horchte noch mit beſonderer Beruhigung auf das„Dékugi tobe,“ welches ihm Jan Kafka mit 110 lauter Stimme zurief, und ſagte zu ſich ſelbſt:„Ich muß mich geirrt haben, dieſes Geſindel ſieht ſich ja ſo erſchrecklich ähnlich, der Gaſſenläufer von geſtern Mor⸗ gens redete flüſſig deutſch und dieſer holde Gaſſenjunge weiß nicht einmal auf deutſch„Dank“ zu ſagen.“ In dieſem Selbſtgeſpräch langte der Erzherzog im Hauſe des reichen Bürgers Henkl an, wo er und Ramée Quartier genommen. Kaum hatte ſich aber der Prinz⸗Biſchof abgewandt, ſo ſchlüpfte auch ſchon der Pferdejunge in den Palaſt, aus dem er erſt nach einer halben Stunde wieder auf⸗ tauchte, um ſich in hurtigen Sprüngen zu entfernen. 7. Der Junge war ſchnell genug gelaufen, um noch lange bevor ſich die feindlichen Colonnen in Bewegung ſetzten, in der Altſtadt anlangen zu können, aber ſeinem Beginnen ſetzte ſich ein Hinderniß entgegen, an das er gar nicht gedacht hatte, die Brücke war beſetzt und das Thor verſchloſſen; es wagte ſich jedoch, ſeitdem eine Ku⸗ gel unmittelbar neben dem Boot, in welchem der Kaiſer unerkannt übergefahren war, eingeſchlagen hatte, kein Schiffer mehr in den Fluß. Der Burſche verzweifelte trotz dieſer troſtloſen Ausſichten keinen Augenblick; war auch kein Schiffer bei der Hand, ſo lag doch ein altes, halb verfaultes Boot am Ufer. Die Vorderſeite des⸗ ſelben ſteckte halb im ſchlammigen Waſſer, während die andere Hälfte auf dem abſchüſſigen Ufer lag. Leider fehlten aber auch die Ruder. Der junge Mann ſchob den Kahn mit unſäglicher Mühe in'sWaſſer, ſprag hin⸗ ein und ſtieß ihn mit dem Fuße ab. Anfangs ſchwankte das Schiff längs dem Ufer hin, bis es die Strömung erfaſſte und unaufhaltſam mit ſich fortriß. Es trieb ihn gegen die Mitte des Fluſſes, der Burſche bekam Angſt, wahre Todesangſt, er ſchrie und heulte, daß man ihn an beiden Ufern und auf der Brücke, deren Pfeilern er zutrieb, hören konnte. Am linken Ufer hat es zu allen Zeiten Schiffs⸗ Mühlen gegeben, die auf hölzernen Pfählen ſtanden und einige Fuß über dem Waſſer emporragten; wenn wir nicht irren gibt es deren noch heute, auf dieſen Schiffsmühlen vernahm man das Gewinſel und Geheul des armen Teufels, der mit jeder Secunde dem Brückenjoche näher kam; ein mitleidiger Müllerburſche machte einen Kahn los und ruderte tüchtig darauf los, um dem armen Burſchen, wenn es anging, Rettung zu bringen. Während der Müllerjunge hinausruderte, war der Obriſt Ramée gerade bis zur Johannisſtatue, die ſich bekanntlich Mitten auf der Brücke befindet, zur Re⸗ cognoscirung vorgeritten, er war von einem Dutzend Officiere begleitet. Als er das Geſchrei vom Waſſer herauf hörte, beugte er ſich vom Pferde und erblickte den mit dem Tode ringenden Burſchen. „Der Knabe mag ein gegen ſeine Umgebung. Einer der Officiere, in welchen wir den Haupt⸗ mann von Horuberg zu erkennen glauben, äußerte be⸗ ſcheidenen Zweifel, da der Kahn vom rechten Ufer her zu ſchwimmen ſchien. „Aber darin fehlt der Schiffer, das Ruder“ be⸗ merkte Fähnrich Gratky. „Er riß unfehlbar vom Brückenkopfe los,“ ſetzte ein Mann hinzu der zur Rechten des Anführers ritt und gleichfalls Oberſten Character bekleidete: „Ihr ſeid Euerer Soche gewiß?“ frug Ramée ſei⸗ nen Genoſſen, ihm ſcharf in's Geſicht ſehend. „Ich glaube alle dieſe Herren werden meine An⸗ ſicht theilen.“ Die meiſten Officiere ſtimmten in der T That bei. „Dann,“ ſagte Ramée,„iſt es die größte Wohl⸗ that, die man dem armen Teufel erweiſen kann, wenn man ſein Leben abkürzt.“ Mit dieſen Worien erhob Obriſt Ramée eine Rei⸗ terpiſtole und zielte auf Jan Kafka der noch jämmerli⸗ cher ſchrie als zuvor. „Um des Himmelswillen ſchießt nicht, ¹rief Oberſt⸗ lieutenant Alber,„ich ſehe dort ein Rettungsboot, viel⸗ leicht gelingt es den Burſchen zu retten.“ Die Paſſauer in Prag. I. 8 Spion ſein,“ bemerkte er 114 In demſelben Augenblicke krachte der Schuß und Jan Kafka ſchlug im Kahn über; er fiel ſo zurück, daß nur der Kopf aus dem Waſſer, mit welchem ſich das Fahrzeug zu füllen begann, emporragte. „Jeſus Maria! Ihr habt den Knaben getödtet,“ rief der andere Obriſt. Ramée wendete ſein von Hieben zerfetztes Geſicht, blickte den Kameraden höhniſch an und frug erſtaunt: „Was überkommt Euch nur, Obriſt von Buch⸗ heim, daß Ihr ſo aufſchreiet, Ihr hättet mich faſt er⸗ ſchreckt.“ „Aber Ihr habt einen Menſchen getödtet.“ „O ich habe gar viele getödtet.“ „Im Krieg, das iſt ein Anderes.“ „Und haben wir denn nicht den Krieg?“ „Aber der arme Burſche war doch kein Soldat.“ „Ja, ich habe einmal ein ganzes Rudel ſolchen Geſindels braten laſſen, es war ſo rauh wie heute und die Wärme des Feuers, bei der ſie röſteten, that uns wohl.“ „Ihr hättet das gethan?“ „Warum nicht, die Burſche hatten ſich in ein feſtes Haus geworfen und wir hatten Zeit.“ „Wie Zeit?“ „Sie auszuräuchern.“ 115 „Ihr legtet Feuer an?“ „Ja, vor dem Eingang.“ „Und die Bewohner verbrannten insgeſammt?“ „Leider insgeſammt.“ „So quält Euch doch die Erinnerung?“ „Ja, weil ein hübſches Mädchen, die Schweſter jener Burſche dabei war.“ „Der fremde Kahn hat das Boot erreicht,“ ſagte Fähnrich Gratky,„der Burſche im Kahn ſcheint aber todt zu ſein, da ſeht nur, er läßt Arme und Beine hän⸗ gen, als ob er ein Gliedermann wäre.“ „Das beweiſt nur,“ erwiederte Ramée,„daß meine Hand noch ziemlich ſicher iſt.“ „So ſicher, daß der Burſche nicht mehr aufſteht, der jetzt gerettet ſein konnte,“ ſagte Buchheim vor⸗ wurfsvoll. „Mir ſcheint,“ höhnte Ramée,„Ihr hättet ge⸗ waltig Luſt die kleine Canaille zu beweinen, würde mich übrigens nicht wundern, Ihr gehört einer notoriſch ſen⸗ timentalen Familie an, wurde nicht einer Eurer Ahnen aus Sentimentalität gehängt?“. „Eurer hiſtoriſches Gedächtniß trügt, er wurde enthauptet.“ Nachdem Obriſt Buchheim dieſe Worte geſprochen, 8* 116 warf er ſein Pferd herum und ſpreugte zurück, Ramée und die übrigen Offiziere folgten im ſcharfen Trabe. Kaum waren die Officiere von der Brücke ver⸗ ſchwunden, ſo richtete ſich der vermeintlich Todte kerzen⸗ gerade in die Höhe. Der entſetzte Müllerburſche war nahe daran den Todten fallen zu laſſen. Jan beſchwor ihn aber, zu glauben, daß er nicht nur kein Geiſt, ſon⸗ dern ſogar vollkommen unverletzt ſei. Es brauchte lange, bis er ſeinen wackeren Lebensretter überzeugte. Jan hatte ſich in dem Augenblicke, da er den Blitz des Gewehres ſah, zu Boden geworfen und war, in An⸗ betracht, daß die auf der Brücke noch eine zweite, dritte und vierte Piſtole in Bereitſchaft halten konnten, dort liegen geblieben, bis ſich die Reiter von der Brücke ent⸗ fernt hatten. Niemand war erfreuter, als der Müllerjunge, der ſein Leben in die Schanze geſchlagen hatte, den armen Burſchen zu retten; Jan verlangte in die Stadt und vor Leonhard Colona, dem proteſtantiſchen Befehlshaber der Altſtadt geführt zu werden.— Es nützte nichts, daß ihn der Müllerburſche vom Kopfe bis zum Fuß maß und nicht begreifen konnte, was der kleine Knirps bei dem Befehlshaber auszurichten hätte, der Burſche beſtand ſo lange auf ſeinem Willen, 117 bis ihn der Müller bei einem entfernten Thore in die Stadt ſchmuggelte. Der Pferdejunge lief nun, ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen mochten, zu ſeinem alten Beſchützer Caſpar Hummel und vertraute ihm, daß die Altſtadt in größter Gefahr ſei, da der Erzherzog Befehl ertheilt hätte, ſich der Stadt zu bemächtigen, außerdem behauptete der Junge noch einen beſonderen Auftrag für den Oberbe⸗ fehlshaber Colona von Fels zu haben. Der Bürger ſah den kleinen Jan über die Achſel an, und ſagte: „Möchte wiſſen, wer einem ſo kleinen, ſchmutzigen Jungen einen Auftrag für einen ſo anſtändigen Cava⸗ lier, wie Leonhard Colona, anvertrauen möchte, ſo lange es noch erwachſene, gereifte Männer gibt, welche die erſten Perſonen der Chriſtenheit, Päpſte und Kaiſer mit ihrem Zutrauen beehren.“ Jan Kafka konnte nicht gleich errathen, von wem der Meiſter Hummel eigentlich zu ſprechen die Abſicht hatte, erſt ein Blick auf die, den ſchrankenloſeſten Hoch⸗ muth ausdrückenden, Geſichtszüge des Bürgers belehrten ihn, daß Hummel ſich ſelbſt gemeint habe. Da es nicht die Abſicht des klugen Jungen war, ſich mit ſeinem Beſchützer, ohne den er ſchwerlich bei dem Obriſten varzukommen vermocht hätte, zu ſtreiten, 118 ſo erinnerte er daran, daß Kleider Leute machen und daß unfehlbar die abgetragenen Röcke und Hoſen des Knupferſchmiedes, die er der kleine Burſche am Leibe trug, an dem Vertrauen Schuld ſein müßten, daß man ihm geſchenkt. Der Gedanke, daß ſelbſt ſein Rock und ſeine Hoſen eine Achtung gebiethende Kraft ausübten, beſänftigte den wackeren Meiſter und er frug mit noch immer un⸗ gläubigem Lächeln: „Und was wäre es denn, das man Dir anvertraute, Schelm?“ Der Schelm hatte aber durchaus nicht Luſt, was man ihm nur für die Ohren eines einzigen Mannes aufgetragen, einem Anderen mitzutheilen. Er ſuchte an⸗ fänglich auszuweichen und als er ſich von dem wißbe⸗ gierigen Meiſter in die Enge getrieben ſah, ſich durch eine Lüge aus der Verlegenheit zu ziehen. „Es handelt ſich um nichts Anderes,“ ſagte er, nals dem Oberſten Vorſchläge zur Uebergabe zu machen.“ „Und dieſe Vorſchläge hätte man Dir anvertraut?“ „Ach das nicht, Meiſter, man hat ſie aufgeſchrie⸗ ben, und da ſind ſie.“ Wirklich zog der Junge ein zu⸗ ſammengefaltetes, aber unverſiegeltes Papier aus der Bruſttaſche ſeines Rockes. „Ich ſehe,“ ſagte der Bürger mit ſelbſtgefälligem 4 119 Lächeln,„daß Dir mein Rock Glück gebracht und möchte nur wiſſen, wo Du das Papier ohne dieſes koſtbare Klei⸗ dungsſtück hingethan hätteſt? Aber nun ſtill, lieber Junge, wir wollen leſen,“ und Meiſter Hummel ſchickte ſich wirklich an, die vorgeblichen Capitulationsvorſchläge zu leſen. Er ſtrengte ſein altes Geſicht an, ſo viel er konnte, brachte es aber nicht zuwege, auch nur eine Zeile leſen zu koͤnnen. Der Brief war in Chiffern geſchrieben. „He,“ ſagte ſich Hummel getröſtet,„er weiß ſo wenig davon als ich, das kann mich nicht verdrießen, wir wol⸗ len den Burſchen noch einmal unter unſere Fittiche neh⸗ men. Macht, mein Lieber! ich will Euch zum Comman⸗ danten führen.“ Der gute, aber ſeit vergangener Nacht unerträg⸗ lich ſtolz gewordene, Bürger ſchickte ſich eben an, die Stiege hinabzuſteigen, als ihn Katharine Brigitte noch rechtzeitig beim Aermel erhaſchte und die liebevollen Worte zuraunte: „Daß Du mir keinen Gaſt in's Haus bringſt, weder Den“— ſie zeigte mit dem Finger auf Jan— „noch den Trunkenbold von da drüben, noch irgend Je⸗ mand Anderen, Du weißt, daß Waſchtag iſt, und wir insgeſammt vollauf zu thun haben.“ Hummel fand es nicht angezeigt, ſeiner Gattin mit jenem Hochmuth zu antworten, den er allen ande⸗ 120 ren Perſonen gegenüber zur Schau trug, dennoch ent⸗ gegnete er im ſchmeichelndſten Tone: „Du weißt, daß ich geſtern mit Seiner Eminenz dem Cardinal zu Abend geſpeiſt habe, ich nehme daher nur den einzigen Fall aus, daß ſich Herr von Dietrich⸗ ſtein bei uns ſelbſt einlüde, dann, das ſiehſt Du wohl ein, könnte ich trotz des Waſchtages nicht Nein ſagen.“ Die Frau ließ ſeinen Aermel los, blieb ihm die Antwort ſchuldig und ſchüttelte den Kopf, als meinte ſie, daß es mit ihrem Manne nicht länger auszuhal⸗ ten wäre. Eine Viertelſtunde ſpäter hatte Meiſter Hummel den Schmerz, ſehen zu müſſen, daß der kleine, ſchmutzige Junge zu Herrn Colona von Fels gerufen wurde, wäh⸗ rend er im Vorgemache, von all' den intereſſanten Ge⸗ heimniſſen, die da drinnen verhandelt wurden, ausge⸗ ſchloſſen, warten mußte, ohne auch nur an der Thüre — es waren zu viele Leute in der Stube— horchen zu dürfen. Als der Pferdejunge zurückkehrte, kamen der Obriſt und der Bürgermeiſter der Altſtadt mit ihm, Beide gin⸗ gen auf den Bürger zu und empfahlen den Burſchen ſeinem Wohlwollen und Schutze, da er der Stadt und dem ganzen Lande einen weſentlichen Dienſt geleiſtet habe. 121 „Ah, ſo wird man die Stadt übergeben?“ flüſterte der Kupferſchmid mit einem Lächeln und Blick des Ein⸗ verſtändniſſes. „Wer ſpricht von Uebergabe?“ frug Colona über⸗ raſcht,„ganz im Gegentheil, wir werden uns jetzt erſt recht vertheidigen.“ „Verſtehe, verſtehe,“ erwiederte Hummel ſelbſt ge⸗ nügſam,„die Bedingungen zu hart, nicht ſo?“ Colona blickte den Bürgermeiſter an, der Bürger⸗ meiſter den Oberſten; endlich legte der Befehlshaber ſeine rechte Hand auf die Schulter des Kupferſchmiedes und ſagte lächelnd:. „Geht nach Hauſe, mein Liebſter, und ſchlaft ein Paar Stunden, dann wird es ſchon beſſer gehen.“ Mit dieſen Worten drehte ſich der Obriſt um und kehrte mit dem Bürgermeiſter in das Arbeitscabinet zurück. Meiſter Hummel blieb wie am Boden genagelt ſtehen, blickte den Entſchwundenen nach und ſagte dann in feierlichem Tone: „Wenn die beiden Männer nicht betrunken ſind, ſo habe ich noch keinen Rauſchigen geſehen. Gott meint es zuverſichtlich ſchlecht mit unſerer guten Altſtadt, die beiden Trunkenbolde werden uns insgeſammt in's Ver⸗ derben ſtürzen, man ſollte ſie abſetzen, ich glaube Leute zu kennen, die vollkommen geeignet wären, an ihre Stelle zu treten, he, kleiner Jan, biſt Du nicht meiner Anſicht?“ Der kleine Jan, der trotz ſeiner Jugend doch nicht der Anſicht des alten Mannes war, erklärte, daß auch ihm das Benehmen der beiden Herren etwas ſeltſam vorgekommen ſei, dennoch habe er ſein Lebtag gehört, daß ein gewiſſer Grad von Trunkenheit den Geſchäften nur förderlich wäre, ſo zum Beiſpiel könne er ſich noch ganz wohl erinnern, daß ſein Vater, der Feldhüter, den Gott tröſten wolle, Jahr aus Jahr ein duſelig geweſen ſei, was ihn aber nicht gehindert habe, jeden Uebertre⸗ ter der Feldgeſetze mit eigener Hand zu juſtificiren; wenn er an ſeinen Vater gedenke, dann müſſe er glauben, daß auch die Obrigkeit der Stadt ſelbſt bei einem gewiſſen Grade von Weinſeligkeit noch ihre Schuldigkeit thun und die Feinde von der Mauer abwehren könne. Sein verehrter Patron, der freigebige Spender jener bezau⸗ bernd ſchönen abgetragenen Kleidungsſtücke, dürfe außer⸗ dem nicht vergeſſen, daß die Stadt eine Anzahl vollkom⸗ men nüchterner Bürger zähle, die ſchon wüßten, was Noth thue. Dieſe letzte Bemerkung, die offenbar auf Meiſter Hummel abzielte, verſöhnte den braven Bürger mit dem Verſchulden der Stadtobrigkeit und ließ ihm die Lage 123 der Stadt in minder troſtloſem Lichte erſcheinen, als ſie es ſeiner Anſicht nach früher geweſen. Während der Dämmerung desſelben Abendes konnte man auf dem Fluß einen kleinen Nachen bemerken, der von einem Müllerjungen gerudert wurde und den wa⸗ ckern Jan Kafka glücklich überſetzte; ein in die Farben des Lobkowitziſchen Hauſes gekleideter Bediente erwar⸗ tete den Knaben und führte ihn die Sporrenſtraße hinauf bis an das herrſchaftliche Gebäude, in dem Beide ſpur⸗ los verſchwanden. 8. Man läutete eben das„Engel des Herrn“ als ſich Rittmeiſter Prendl an der Spitze einer Schaar Reiter in Bewegung ſetzte; die Dunkelheit des Abends begün⸗ ſtigte das Unternehmen. Aus dem Fluße erheben ſich Dünſte, die ſich wie ein Schleier über die Geſtalten der Reiter legten, man hörte keinen Hufſchlag, kein Säbelgeraſſel; es herrſchte feierliche Stille, und der Glockenſchall verbreitete ſich klar und rein über die ſchweigſame Waſſerfläche. Der ehr⸗ und geldgeizige Offizier hatte Alles an das Gelingen ſeines Anſchlages geſetzt; die Hufeiſen der Pferde waren mit Tüchern umwunden, die Säbel blank gezogen und die Scheiden zurückgelaſſen und jeder Anlaß zu dem kleinſten Ge⸗ räuſche entfernt. Die Schaar bewegte ſich ſtille und behutſam, wie eine Geiſterbrigade, vorwärts, der Rittmeiſter eilte 4 ſeinem Geſchwader voraus, er fand das Thor unbeſetzt und nicht einmal feſt verſchloſſen. „Die Altſtadt iſt unſer!“ rief er ſeinen Leuten zu. „Ihr, Gratky, eilt zum Oberſt Ramée zurück und ſagt ihm in meinem Namen, er möchte mir angenblicklich mit den Fußknechten folgen, die Stadt ſei unſer.“ Fähnrich Gratky ſprengte davon, ſeines Vorgeſetz⸗ ten Befehl zu vollſtrecken, und Prendl ritt mit den Sei⸗ nigen bis an das Thor hinan, ein Paar Spornreiter ſprangen zu Boden und öffneten die Flügel des Thores; ſie wollten eine Pechfackel anzünden um den Raum zu erhellen, aber Prendl unterſagte es aus Furcht, daß der Fackelglanz die Augen des Feindes zu zeitlich auf ſie lenken könnte. „Wir müſſen ſie ſo lange als möglich in der Täu⸗ ſchung erhalten,“ ſagte der Offizier. Sie ritten alſo ohne Fackel in das dunkle Thor, erſt als ſie ſich dem entgegengeſetzten Ausgange nach der Stadt näherten, wurden Fackeln angezündet. Dieſer Fackelzug verhalf aber dem tapferen Ritt⸗ meiſter und ſeinen Geſellen zu einem höchſt unerfreuli⸗ chen und ſelbſt entſetzlichen Anblick. Der Glanz ſiel auf Küraſſe, Schwerter, Donner⸗ büchſen, Helme, kurz auf eine kleine Armee, welche nur 126 auf ein Zeichen zu warten ſchien, um über die Reiter⸗ ſchaar herzufallen. Der Rittmeiſter wandte um und rief: „Ausgelöſcht! Wir ſind verrathen! Die Hunde weiſen uns die Zähne, als ob ſie uns auf eine halbe Meile Weges gewittert hättan.“ Als Prendl zurückſtürmte, blieben die Städter, trotzdem, daß ſie die Feinde geſehen hatten, bewegungs⸗ los ſtehen; der Rittmeiſter athmete auf und rief den Seinigen zu: „Die Haſenfüße, obgleich uns an Zahl zwanzig⸗ mal überlegen, wagen es nicht, uns anzugreifen.“ In demſelben Augenblicke hörten die Reiter ein entſetzliches Geraſſel; ſie wurden unruhig und drängten vorwärts, obgleich das Geräuſch nicht vom Rücken her zu kommen ſchien. Dieſes Drängen dauerte aber nur ganz kurze Zeit, eine Minute, nicht länger, dann hielt die vordere Reihe an, die letzten Reiter prallten an die vorderen, man wußte nicht, was dieſe plötzliche Zögerung zu bedeuten habe.—- Zu dieſer Unruhe geſellte ſich ein neuer Schreck, die ſtädtiſchen Vertheidiger hatten nun ihrerſeits Fackeln angezündet, nicht ein, zwei— ſie ſchwangen mindeſtens hundert Windlichter. Bei dem furchtbaren rothen Scheine 127 konnten die hinterſten Reiter gewahren, wie ſich die feind⸗ lichen Maſſen in vorſchreitende Bewegung ſetzten. „Macht, um Himmels willen, daß wir über die Brücke kommen,“ ſchrieen die Hinterſten,„ſonſt ſind wir verloren, der Feind rückt an!“ „Zurück! Zurück!“ tönte es wie ein Echo aus den vorderen Reihen.„Das Thor iſt verſchloſſen, die ver⸗ fluchten böhmiſchen Hunde haben das Fallgitter nieder⸗ gelaſſen!“ „Man muß es ſprengen!“ In der That hörte man fürchterliche Hiebe gegen das Fallgitter führen. Plötzlich durchlief aber die hinterſte Reihe das Ge⸗ ſchrei: 4„Zu ſpät 4 Ein Mann mit goldverbrämtem Wamms, der einen ſpiegelglänzenden Küraß auf der Bruſt und eine fein gearbeitete Pickellaube auf dem Kopfe trug, ritt den Städtiſchen voraus und forderte die erzherzoglichen Rei⸗ ter zur Uebergabe auf. Während dieſer Aufforderung hatten ſich die mit Büchſen bewaffneten Bürger ſchußfertig gemacht. Die Lage der Erzherzoglichen war verzweifelt. Prendl's Herz, zwiſchen Furcht und Hoffnung getheilt, fürchtete und hoffte Ramée's Ankuuft ganz in gleicher 128 Weiſe; er fürchtete Ramée's Spott und hoffte von ihm Befreiung. Der feindliche Anführer ließ den tapferen Rittmei⸗ ſter nicht lange in dieſer Schwebe, indem er nochmals zum Capituliren aufforderte. Prendl machte, um Zeit zu gewinnen, Ausflüchte. Der Obriſt drohte zum Angriff zu ſchreiten. Es war unverkennbar, daß kein Mann dem Blut⸗ bade zu entrinnen vermochte, wenn man es auf das Aeußerſte ankommen ließ. Der Rittmeiſter ſtand daher eben im Begriffe, ſein Schwert dem feindlichen Anführer einzuhändigen, als eine Trompetenfanfare vom Brückenthurme her der Scene eine ganz andere Geſtalt gab. „Sie ſind es! ſie ſind es!“ jubelten die Reiter. „Jetzt iſt die Reihe an uns!“ Unter dieſem Geſchrei und dem Einfluße der krie⸗ geriſchen Fanfaren, die noch immer fort hallten, ritt ein Wallone knapp an die Seite des Rittmeiſters und brannte ſeine Piſtole auf den feindlichen Rittmeiſter ab, der aber, da die Kugel an ſeinem Bruſtharniſch abprallte, ſtatt vom Pferde zu ſinken, einen fürchterlichen Hieb gegen den Wallonen führte und ſeiner Mannſchaft zurief: „Auf und d'ran und kein Quartier!“ 129 Auf dieſen Zuruf drängte das Kriegsvolk, das, wie erwähnt, den Reitern weit überlegen war, wüthend heran, ein Gemetzel nahm ſeinen Anfang, wie es ſeit den Tagen der Huſſiten nicht erhört war. Obriſt Colona, er war der Anführer der Städti⸗ ſchen, ging mit gutem Beiſpiele voran und mähte, ein kräftiger Schnitter, was ſich auf ſeinem Wege befand. Die Reiter heulten gegen das Fallgitter: „Zu Hilfe! zu Hilfe!“ Aber der ſich entfernende Hufſchlag und die Trom⸗ petenklänge, die nur mehr von Weitem herübertönten, bewieſen den wie in einer Falle gefangenen Reitern, daß ſie auf keinen Entſatz zu rechnen hätten. Sie beſchloſſen, als ſie genau erkannten, daß es für ſie keine Rettung gab, ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen, und fochten wie eingefleiſchte Teufel. Der Rittmeiſter ſchrie mit Donnerſtimme: „Mir nach, Burſche!“ und fetzte in das Fußvolk. Einige wurden getödtet, Andere überritten, aber dann kam eine Reihe die Stand hielt und die Pferde mit ihren langen Picken nieder machte. Ein hagerer Mann mit Meſſerrücken dünner Naſe und zornig blitzenden, grauen Augen, der ſeinen klei⸗ nen dicken Nachbar durch die rückſichtsloſe Handhabung ſeiner langen Picke— ſie war die längſte die im ganzen Die Paſſauer in Prag. 1. 9 1 130 Waffenvorrath der Altſtadt aufgefunden werden konnte — ſehr beunruhigt, führte einen ſo gewaltigen Stoß gegen den Rittmeiſter, daß er unter lautem Triumph⸗ geſchrei der Städter vom Roſſe ſank, während der ha⸗ gere Krieger ebenfalls das Gleichgewicht verlor und niederſtürzte. Sein Nachbar brachte ihn nicht ohne große Mühe wieder zum Stehen, ſagte ihm aber mit großem Ernſt: „Ich verbiete Euch Nachbar einen ähnlichen Stoß zu führen, Ihr incommodirt Euere ganze Umgebung und mich im's Beſondere, der nicht ſo ganz vertrocknete Aal⸗ haut iſt, wie Ihr.“ Der folgſame Friſeur ließ es ſich geſagt ſein und begnügte ſich von nun an als theilnam⸗ loſer Zuſchauer den Kampf mit anzuſehen. Den Kampf! es war nach dem Sturze des Rittmeiſters nur mehr eine Schlächterei, Colonna betrauerte zu ſpät in einer Auf⸗ wallung von Zorn Befehl ertheilt zu haben, kein Quar⸗ tier zu geben, die Mannſchaft berauſcht von Blutgeruch und Kampf, gehorchte der Ordre ihres Befehlshabers nur zu pünctlich. Der unglückliche Wallone, der ſeine Piſtole auf den Obriſt abgefeuert hatte, war, als es zum Handgemenge gekommen, von zwei kräftigen Ar⸗ men gepackt und unverſehrt gegen die Wand geſchleu⸗ dert worden. 131 Er ſtreckte flehend die Hände aus und ſchrie ſeinem Angreifer zu:„Pour l'amour de Dieu.“ Der Angreifer, derſelbe kleine dicke Mann, wandte ſich großmüthig von ſeinem wehrloſen Gegner ab, der aber im nächſten Augenblick von einer Streitaxt zer⸗ malmt da lag. Ein junger Sergeant, Franzoſe von Ge⸗ burt, dem das Schwert von einer Kugel aus den Hän⸗ den geſchmettert worden war, lehnte aus zahlreichen Wunden blutend an der Mauer und ſeuzfte:„Ma pau- vre mère, que dira-t-elle?“„Sie wird ſagen: „Gott tröſt“ höhnte Graf Dionys Czernin, und ſtieß ihm ſeinen von Blut rauchenden Degen in die junge Bruſt.„Wenn ich nur den Leithammel der unſauberen Heerde treffen könnte,“ rief der fünfundſiebzig Jahre zählende Ritter von Kaplirz.„Bemüht euch nicht gnä⸗ diger Herr,“ erwiderte, der Friſeur Widtmann„dem hab' ich den Reſt gegeben.“„Noch nicht“ ertönte eine röchelnde Stimme vom Boden herauf, die einem Manne angehörte, der ſich mühſam zwiſchen den entſtellten blu⸗ tigen Leichnamen, die ſchwer auf ihm lagen, hervorar⸗ beitete. Als es ihm gelungen war, ſich ſo weit von der Laſt zu befreien, daß ſein Oberleib über die Todten hervorragte, rief er:„Da bin ich! Nun Schlächter, ſchlag zu.“ Der Ritter von Kaplirz wich bei dem Anblick des bleichen Schatten zurück, der nur auf ſeinen Ruf das 9* 13²2 Todenreich verlaſſen zu haben ſchien:„Mit einem Wehr⸗ loſen fechte ich nicht,“ ſagte er ſich umwendend. Da reichte ein lebendiger Leichnam, deſſen Schädel einen klaffenden Spalt zeigte, dem Rittmeiſter ein blutiges Schwert um gleich darauf von dieſer letzten Anſtrengung erſchöpft, für immer nieder zu ſinken,— es war der Wallone, der den erſten Schuß gethan. Prendl faßte das Eiſen und ſchrie dem böhmiſchen Cavalier zu:„Nun laßt mich ſo wahr Ihr ein Cavalier ſeid einen ehrlichen Reitertod ſterben und duldet nicht, daß ein Officier ob⸗ gleich Euer Feind, wie ein Schlachtthier niedergemetzelt werde.“ Kaplirz ſtand im Augenblicke, als er das bluttrie⸗ fende Schwert des Rittmeiſters im rothen Licht der Pechfackeln blinken ſah, einem Feinde gegenüber, der Friſeur war aber nicht des Ritters Anſicht, daß der Mann, welchen der Himmel ſo wunderbar von ſeinem Pickenſtoß gerettet hatte, durch eines anderen Menſchen Hand ſterben ſollte.„Halloh,“ rief er dem Ritter zu, „der Mann iſt in Ewigkeit mein und ich Tobias Widt⸗ mann, will nicht, da es Gott gefallen hat, ihn zu er⸗ halten, daß er dennoch zu Grunde gehe.“ Hummel theilte die Anſicht ſeines Nachbars und faßte die Herren und Ritter bei ihrer ſchwachen Seite der Selbſtſucht, indem er bemerkte, wie vortheilhaft es ſei einen feindlichen Officier als Geißel zu behalten. Die eigenen Landsleute ließen ſich ſchnell überzeu⸗ gen, vor Allem der Obriſt, wer aber der menſchen⸗ freundlichen Abſicht des Kupferſchmiedes die größten Hinderniſſe in den Weg legte, war aber der Feind den er ſchonen wollte. Rittmeiſter Prendl blickte troſtlos umher und ſah, daß ſie Alle todt waren, die er in den Kampf geführt, daß er aus achtzig tüchtigen Reitern, der einzig Ueberlebende war, dieſe traurige Ueberzeu⸗ gung erſchütterten ihn ſo ſehr, daß er die Hände vor das Geſicht hielt, laut ſchluchzte und nur den Tod als ſein gutes Recht forderte. So mancher der böhmiſchen Ritter wäre nicht ab⸗ geneigt geweſen, dem Rittmeiſter, was er ſein gutes Recht nannte, zu Theil werden zu laſſen, die Standes⸗ genoſſen der beiden Nachbarn, die Bürger der Altſtadt ſchaarten ſich aber um Widtmann und Hummel und erklärten, daß ſie augenblicklich die Waffen niederlegen würden, ſobald die Herren einen ſolchen Fang, wie den Rittmeiſter aus den Händen ließen. Die Folge dieſer kathegoriſchen Erklärung war, das Rittmeiſter Prendl ganz gegen ſeinen Willen am Leben blieb. Man mußte nun vor Allem den Thorweg ſäubern, 1 134 die todten Pferde und Leichen aber wurden Angeſichts des Feindes, welcher den Brückenthurm der Kleinſeite beſetzt hielt, maſſenweiſe in den Fluß geworfen, und nur die Prager Bürger, welche gefallen waren, ordent⸗ lich beerdigt. Prendl, dieſes koſtbare Pfand, noch koſtbarer durch den biſchöflichen Ring, den man an ſeinen Fingern gefunden, wurde noch in der Nacht als Gefangener nach dem Rathhaus gebracht. Er hätte auch ohne Gefangener zu ſein, wo immer⸗ hin gebracht werden müſſen, ſein Zuſtand erlaubte ihm keine freie Bewegung, obgleich von Feindesſchwert un⸗ verletzt, hatte ihn der Hufſchlag eines durch Pickenſtöße in Wuth verſetzten Thieres getroffen, ſein Arm trug die Spuren zahlreicher Quetſchungen, und ſein rechter Fuß ſchien wie gelähmt. Es war augenſcheinlich, daß ſich der Zuſtand des Reiterofficiers, wenn nicht große ärztliche Sorgfalt und häusliche Pflege aufgewandt wurde, ver⸗ ſchlimmern mußte. Der wackere Kupferſchmied, der trotz ſeines großartigen Hochmuthes die mitleidigſte Seele von der Welt war, ſtellte dem Leiter der Vertheidigung vor, wie man Gefahr laufe die Frucht des Sieges und der großmüthigen Schonung durch den Tod des Ritt⸗ meiſters zu verlieren, wenn nicht außerordentliche Mit⸗ tel zu ſeiner Wiederherſtellung angewandt würden. 135 „Ei, haben wir nicht ein Feldſpital?“ erwiederte Colonna. „Ach ja, wo die Kranken crepiren,“ verſetzte der Bürger unehrbietig. „Teufel, wiſſet Ihr beſſeren Rath?“ „Ja, den weiß ich.“ „Nun, was ſoll's?“ „Es ſoll, daß ich mein Haus für den Gefangenen zur Verfügung ſtelle.“ „Ein wackerer Bürger!“ murmelten die Standes⸗ genoſſen des Kupferſchmiedes. „Aber, wer ſteht uns für die Sicherheit des Ge⸗ fangenen?“ ſagte der Obriſt mit dem Kopfe ſchüttelnd. „Ich, gnädiger Herr, ich,“ entgegnete Hummel, den Kopf in die Höhe werfend. „Und wer ſteht uns für Euch?“ Der Kupferſchmied wurde über dieſe Frage ſo zor⸗ nig, daß er kein Wort zu ſtammeln vermochte. Daß der Friſeur die Bürgſchaft für ſeinen Freund übernommen, daß ein halb Dutzend Kupferſchmiede für den ehrlichen Caſpar Hummel einzuſtehen erklärten, daß Prendl ſein Ehrenwort anbot, Alles dieß ſchien den Obriſten nicht zu rühren, und es iſt zweifelhaft, ob nicht der Mann, welchem, wie er ſich ausdrückte, Päpſte und Kaiſer ihr Vertrauen ſchenkten, mit tief gekränkter Seele 136 hätte abziehen müſſen, wenn nicht eine ſchrille Knaben⸗ ſtimme neben Colona gerufen hätte:„ich kenne die gute Geſinnung des ehrenwerthen Meiſters.“ Der Obriſt bückte ſich, um den neuen Bürger zu ſehen und erkannte zu ſeiner innigen Befriedigung den kleinen Pferdejungen. Er flüſterte ihm die geheimniß⸗ volle Frage zu:„Ob er herüber und Alles in Ordnung ſei?“ worauf Jan mit dem Kopf nickte, und der Obriſt laut aufſchrie: „Hurrah, der Thurn iſt glücklich aus den Händen der Amalekiter.“ Bei der Volksthümlichkeit, deren ſich der Graf in den Pragerſtädten erfreute, konnte es nicht an einem tauſendſtimmigen Hurrah fehlen, das den Ausruf des tapferen Obriſten beantwortete. Nochmals flüſterte Colona dem Jungen zu: „Alſo der Kupferſchmied iſt wirklich kein Trunken⸗ bold, wie es den Anſchein hatte?“ „Nicht im Geringſten,“ bekräftigte Jan Kafka. „So nehmt denn hin den Gefangenen,“ rief nun der Obriſt dem Bürger zu,„ich bin ſo eben vollkommen beruhigt worden.“ Der Kupferſchmied, ſo ſehr ihn auch eine abſchlä⸗ gige Entſcheidung gekränkt haben würde, war doch mit dem Gange, den dieſe Unterhaltung genommen, unzu⸗ 137 frieden. Er hielt den keinen Pferdejungen für einen ne⸗ ckenden Kobold, dem eine beſondere Macht über ſein Geſchick eingeräumt ſei, und war daher der Blick, den er ſeinem jungen Freunde zuwarf, nicht ſo zärtlich als die freundliche Verwendung des Burſchen wohl verdient hätte. Er kümmerte ſich auch nicht weiter um den Jun⸗ gen, ſondern ließ den Verwundeten auf eine Bahre legen und in ſeine Wohnung tragen, während er ſtolz mit ſei⸗ nem Nachbar, dem Friſeur, voranſchritt. Die Leſer wiſſen oder wiſſen vielleicht nicht, daß das Haus„zum ſteinernen Röſſel“ nicht ganz hundert Schritte vom Rathhaus entfernt liegt, man hatte alſo⸗ nicht weit zu gehen, um das Ziel zu erreichen. Die gute Dame Katharine Brigitte ſtand mit ihren Töchtern am Fenſter und blickte erwartungsvoll in die Nacht hinaus; das Herz der guten Bürgersfrau war von großer Sorge um den kriegeriſchen Gatten beſchwert, ſie ſpähte daher nach jeder Geſtalt, die ſchattenhaft über die Straße huſchte. Als die Schüſſe vom Thor herüber knallten, ſchlug das Herz der Meiſterin noch hörbarer, und als ſie bald darnach beim Scheine von ein paar Pechfackeln eine Bahre daherſchwanken ſah, erblickte ſie 1 138 auch nichts als die Bahre, rief:„Jeſus, Maria, da bringen ſie den Vater!“ und fiel in eine ganz natürliche Ohnmacht, aus welcher ſie die Töchter ſtatt mit flüch⸗ tigen Salzen, wie heut zu Tage üblich, mit Hirſchhorn⸗ geiſt, zu welchem ſie die Mutter riechen ließen, wieder zu ſich brachten⸗ Als die Meiſterin ſich einigermaßen gefaßt hatte, kehrte auch die alte Thatkraft zurück. Statt den Mädchen zu erlauben, hinunter und dem Verwundeten entgegen⸗ zueilen, ſtieg ſie ſelbſt hinunter und ſetzte, um dem armen Manne die beſchwerliche Expedition über die Treppe zu erſparen, das bequemſte Gemach des Erdgeſchoſſes zum Empfange des Verwundeten in Bereitſchaft. „Hieher,“ rief ſie den voranſchreitenden Männern, die ſie noch immer nicht erkannte, da ſie außer dem Lichtkreis der Fackeln gingen, zu. „Iſt er ſtark verwundet?“ frug die arme Frau einen der Männer, die an der Hausthüre warteten, bis die Bahre innen wäre.. „Nicht tödtlich, meine Liebe, nicht tödtlich,“ gab eine Stimme zur Antwort, welche augenblicklich eine mächtige Revolution in den Gefühlen der würdigen Dame hervorbrachte. 139 „Nein, jetzt hab' ich es genug,“ rief ſie aus,„noch liegt mir der Todesſchreck in allen meinen Gliedern; ich halte dieſes undankbare Ungeheuer ſür verwundet und todt, und er kehrt rund und voll nach Hauſe zurück und nimmt ſich heraus mir dieſen Schreck einzujagen.“ Der redliche Nachbar wollte ſeinem Freunde bei⸗ ſpringen und beeilte ſich die gute Frau von ihres Man⸗ nes Unſchuld zu überzeugen, allein das diente aber nur dazu, um den Zorn Katharina's zu erhöhen. Sie ſprach nicht mehr, ſie ſchrie:„Miſche ſich der Nachbar nicht in fremder Leute Angelegenheiten, die ihn nicht mehr angehen als mich die Bahre, deren Träger ſich keinen beſſeren Ort zu raſten ausſuchen konnten, als unſer Hausthor.“ Wirklich ſtellten die Träger in dieſem Augenblicke die Bahre nieder. Der Friſeur ſeufzte und wagte die Frau vom Hauſe nicht mit der Wahrheit bekannt zu machen, und Hummel ſuchte vergebens ſeine Gattin in das Innere des Hauſes zurückzuziehen, um bei Ent⸗ deckung, daß die Bahre für ihr Haus beſtimmt ſei, jeden öffentlichen Ausbruch ihres Unwillens zu vermeiden. Endlich, gelang es, die Frau zu beſchwatzen, daß ſie ihm die Treppe hinauf folgte; ſogleich flüſterte er der 140 älteſten Tochter Petronella zu, ſie möge nur ſchnell hinabſteigen, da ihr Nachbar Widtmann etwas zu ver⸗ trauen habe. In dem Augenblicke ihres Erſcheinens auf der letzten Stufe brachte man eben den Rittmeiſter in's Thor. Es iſt nun vielleicht der rechte Zeitpunct, daß wir den Leſer mit der Außenſeite des tapferen Officiers be⸗ kannt machen. Fritz Prendl war ein hoch aufgeſchoſſener junger Mann mit ſchmächtiger Taille, ernſtem, etwas blaſſem Geſicht, von welchem ſich ein ſchwarzer Schnur⸗ und Kinnbart abhob. Die Augen des Rittmeiſters waren von buſchigen Brauen umſpannt, und verliehen der gan⸗ zen Phyſionomie das Gepräge einer Entſchiedenheit, die im erſten Augenblick imponirte; der Officier hatte das ſechsunddreißigſte Jahr bereits überſchritten, und konnte daher nicht mehr zu den ganz jungen Leuten gerechnet werden, eben ſo wenig war das der Fall mit Jungfrau Petronella oder Petronilla, wie ſie ſich lieber nennen hörte; das Mädchen war gerade um zehn Jahre jünger als der verwundete Officier. Sie gehörte zu jenem eigenthümlichen Frauenſchlag, wie wir ihn nur in Böhmen und hier vorzugsweiſe in Prag angetroffen haben. Dieſe Weiber ſind das Product einer überaus 141 glücklichen Miſchung des germaniſchen und ſlaviſchen Typus. Als ihr der Friſeur das Geheimniß anvertraute, daß der Verwundete im Hauſe verpflegt werden ſolle, wollte Petronella zuerſt Einwendungen erheben, aber ein Blick auf den Verwundeten, welcher bereits auf ein Bett in der für den Hausvater in Bereitſchaft geſetzten Kammer gelegt worden war, ließ die Einwendung auf den Lippen erſterben. Der Rittmeiſter, der wohl fühlte, daß weibliche Theilnahme in ſeiner Lage über Alles ging, war durch den Anblick des freundlichen, offenen Mädchengeſichtes erquickt, und Petronilla's,— thun wir ihr den Gefallen und heißen wir fie Petronilla,— Miene drückte die Worte aus:„Unbeſorgt, Du blaſſer Mann, wir wollen ein Chriſtenwerk an Dir thun.“ Während Nachbar Widtmann und die fromme Petronilla Alles anwendeten um die Lage des Verwun⸗ deten ſo erträglich als möglich zu machen, während ſich Herr und Frau Hummel, welch' Letzterer der Hausvater ſein kühnes Unterfangen vollends entdeckt hatte, weidlich zankten,— ein Zank, der aber, wie bei einer im Grunde herzensguten Frau nicht anders möglich, mit einem „In Gottes Namen, ſo mag er bleiben,“ ſchloß, wäh⸗ rend die Frau vom Hauſe nach ihrer Magd Chriſtel, die ſie den ganzen Abend nicht zu Geſichte bekommen, 142 ſchrie, während ein wohl vermummter Herr die Stiege, welche vom dritten Stockwerke herabführte, ängſtlich herunterſtieg, bewegte ſich wieder ein Zug mit einer Tragbahre die Plattnergaſſe herauf, und hielt vor dem Thore des Kupferſchmiedes.— 9. Unſere Leſer werden ohne Zweifel errathen haben, daß es der geflüchtete Graf Thurn war, den man auf einer, freilich ohne Vergleich ſorgfältigeren, mit Daunen⸗ kiſſen belegten Bahre daher trug. Ein kleiner Schlingel rannte die Treppe hinan und ſtieß auf der letzten Stufe hart mit einem ältlichen Herrn zuſammen, der einen gräulichen Fluch ausſtieß und an der Bahre, welche ſo⸗ eben am Thore hielt unerkannt vorüber wollte, allein die Träger entblößten beim Anblick des ihnen wohlbekanten Herren den Kopf, während der Fremde in augenſchein⸗ licher Verlegenheit einige unartikulirte Laute hervor⸗ ſtammelte.. Schräg gegenüber von dem Hausthor„zum Froſch“ wartete ein etwas jüngerer Mann, der eine Sammt⸗ kappe auf dem Kopfe trug und ſonſt wie die Künſtler jener Zeit gekleidet war; der etwas jüngere Mann 1 blickte ſo ſtarr und träumeriſch nach den Fenſtern des erſten Stockwerkes des gegenüber liegenden Hauſes, daß er die Annäherung des ältlichen Mannes gar nicht be⸗ merkte. Der Fremde mußte ihn an der Schulter berüh⸗ ren um ſeine Anweſenheit kund zu thun. Der Künſtler fuhr aus ſeiner Erſtarrung auf und ſagte: „Ei, Meiſter, Ihr ſeid ziemlich ſchnell!“ „Schnell?“ erwiederte die angeredete Perſon, deren Namen wir vorläufig noch verſchweigen wollen, kopf⸗ ſchüttelnd,„weißt Du, daß ich ſeit mehr als zwei Stun⸗ den oben war?“ „Unmöglich, es kommt mir vor als ob es zwei Mi⸗ nuten wären.“ Der Meiſter gab ihm einen leichten Streich auf die Achſel und ſagte: „Laß' uns heimkehren, es ſcheint in dieſem Hauſe gehen nicht die erprobteſten Freunde unſeres Thrones aus und ein. Haſt Du bemerkt?“ „Ja, ich bemerkte, daß nach einander zwei Ver⸗ wundete, von denen Einer von oben, der Andere von unten kam, in's Haus getragen wurden, ich bemerkte ferner, daß der Beſitzer des Hauſes drei ſehr hübſche Töchter hat.“ „Mag der ehrliche Bürger zehn hübſche Töchter 145 haben, je mehr deſto beſſer, es kann gar nicht genug ſchöne Frauen geben.“ „Eine Meinung, der ich vollkommen beipflichte, in⸗ deß ſcheint die eine der hübſchen Töchter bereits gewählt zu haben?“ „Was wiſſet denn Ihr? ich ſage Euch, daß Keine gewählt habe.“ „Möglich, daß man Euch mitder redlichſten Ab⸗ ſicht, die Wahrheit zu ſagen, eine ſolche Mittheilung machte, ich andererſeits urtheile nach dem Blick, welchen das eine Mädchen dem blaſſen Officier zuwarf, der zu⸗ erſt in das Haus gebracht wurde, daß auf dieſes Herz nicht mehr zu zählen ſei.“ „Und was für eine Art Officier war das?“ „O ich möchte wetten, daß die Paſſauer in dieſes Herz Einquartirung legten, man behauptet ja, daß die Erzherzoglichen überall die ſchönſten Quartiere in Be⸗ fitz nehmen.“ „Und die andere Tochter?“ „Nun, die andere iſt noch ein blaſſes Kind, ver⸗ ſpricht aber hübſch zu werden.“ „O ich rede nicht von dem Kinde, liebſter Freund, und Du weißt recht gnt, daß ich nicht von ihm ſpreche, — Ep;, die Nacht hindert mich durchaus nicht zu ſehen, Die Paſſauer in Prag. I. 10 146 daß Du ſcharlachroth wirſt, wie ſteht es mit der Schwe⸗ ſter der Soldatenbraut, hat ſie auch bereits gewählt?“ „Ach, wie kann ich das wiſſen! Kenne ich doch nicht einmal ihren Namen.“ „Nun, es freut mich, wenn ich zu etwas nütze bin, ich ließ mir die Namen der drei Mädchen nennen, ſie heißen Petronella, Sabine und Anna, welche iſt Deine Erwählte?“ „Zeigen will ich ſie Euch Meiſter, aber nennen kann ich ſie nicht, ſehet dieſe reizende Büſte und ich muß mich als Künſtler darauf verſtehen. O nicht da— das iſt die Magd die beim Fenſter herausſieht,— beim dritten Fenſter, Herr— ſo recht,— ſind das nicht vol⸗ lendete Formen?“ Der Meiſter prüfte die Umriſſe des Frauenzimmers mit einem Kennerblick und ſagte mit dem Kopfe nickend: „Nicht übel, in der That nicht übel— laß' übri⸗ gens die Mägde in Ruhe, ein römiſcher Dichter, den Du vermuthlich nicht kennſt, ſagte bereits höchſt ſinn⸗ reich:„Ne sit tibi amor ancillae pudori“ was ungefähr verdeutſcht ſo viel ſagen will, als:„Einer ge⸗ meinen Dirn, ſteht keine Schand' an der Stirn’,“ oder: „Die Lieb' von meinem Dirnlein, ſoll Dir nicht zu Schaden ſein,“ oder:„Was liegt denn nur daran, ob wir die Frau oder ihr Mädel hab'n.“ 147 „Es iſt ein großer Irrthum zu glauben, daß Dienſt⸗ barkeit ungünſtigen Einfluß auf Körperſchönheit äußere, zog nicht der Meiſter in der Kunſt zu lieben die„To⸗ gata“ der„Inſtita“ vor? Doch das verſtehſt Du nicht, Hanns. Ich will nur ſo viel ſagen, daß ein Dienſt⸗ mädchen kein verwerflicher Gegenſtand unſerer Neignng ſei. Der„pudor stolatus“ iſt, wie Ovid behaup⸗ tet, etwas ſehr Schlimmes für ſeine Bewunderer, wie ich leider im Laufe dieſes Tages zum hundertſten Male erfahren. Du ſaheſt mich, während Du mit der Kanz⸗ lerin über, ich weiß nicht was für einen gekreuzigten Heiland ſprachſt, in eine kleine Kammer gehen, weißt Du wer dieſe Kammer bewohnt?“ Der Mahler verneinte. „Es iſt die Stube der kleinen Gräfin Lobkowitz, weißt Du, desjenigen Frauenzimmers, nach welcher der Kaiſer ſeine milchweiße Lieblingsſtute getauft, ſie iſt eine Tiegerin, das grauſamſte Geſchöpf auf Gottes Erdboden und dabei von göttlicher Schönheit, zehnmal ſchöner als die Pernſtein, wenn auch um einen Kopf kleiner, aber unbezähmbar„indomita oder indomp- table“, wie der König von Frankreich zu ſagen pflegte. „Da iſt die Chriſtel, welche eben ſo ſchön und noch dazu um einen halben Kopf größer iſt, ein viel gefügi⸗ geres Geſchöpf— ſie weint auch, aber was thut's? 10* 1 148 ich habe einem Freunde aufgetragen ihr einen Mann zu ſuchen, einen hübſchen, ſtattlichen Jungen, den ich mit einer Fürſtenſtelle glücklich mache. „Die beiden Leute werden noch meine Großmuth auspoſaunen, das iſt der Unterſchied zwiſchen togata und stolata, jetzt weißt Du's.“ Nach dieſen Worten wandte ſich der Meiſter um, und nahm den Rückweg, blieb aber, als er bemerkte, wie der Mahler Zeichen machte und auf dieſelbe Weiſe Antworten empfing, verwundert ſtehen.„Sie wird ſich Morgen um zehn Uhr in der Teynkirche einfinden“ ſagte der Mahler zu ſeinem ältlichen Begleiter, indem er ſich zu gehen anſchickte. „Nun ich fange zu glauben an,“ erwiederte der Meiſter,„daß Ihr gegen mich für dieſen kleinen Kriegs⸗ zug viel mehr Verbindlichkeit habt, als ich gegen Euch.“ Der Mahler gab ſeufzend ſeine Zuſtimmung zu erkennen, warf noch einen Blick nach dem bezeichneten Fenſter, aus dem ſich indeß die Frauengeſtalt zurück⸗ gezogen hatte, und trat den Rückzug an. Daß ſich jene Dame vom Fenſter entfernte, kam daher, weil man ihrer nothwendig im Haus bedurfte. Frau Katharina Brigitte hatte zwar beim Erſcheinen der zweiten Sänfte die Hände über den Kopf zuſammen ge⸗ ſchlagen und ein über das andere Mal gerufen:„Daß 149 Gott erbarm' die Leute ſchau'n, wie es allen Anſchein hat, das Haus„zum ſteinernen Röſſel“ für ein Ho⸗ ſpitz an, deſſen Vorſteherin ich bin und wenn das kein Ende nimmt, werde ich und mein Mann noch am Boden zu ſchlafen genöthigt ſein,“ beeilte ſich aber doch An⸗ ordnungen zu treffen und ließ den verwundeten Grafen in dieſelbe Stube bringen, wo ſich der kaiſerliche Officier bereits befand, eine Maßregel, die zwar von dem Rittmeiſter und vermöge eines ſympathiſchen Zu⸗ ges auch von ihrer Tochter Petronilla höchlich mißbil⸗ ligt wurde, und dennoch wegen der Gemeinſamkeit der Pflege und Wartung vortrefflich war. Der Rittmeiſter, welchem der Grafen Thurn bei ſeinem Eintritt, einen guten Abend bot, murmelte et⸗ was, das zwiſchen Fluch und Gruß die Mitte hielt. Zu Häupten des Officier's ſaß ein hübſches Mäd⸗ chen das ebenfalls finſter genug dreinſchaute, als der Graf auf das gegenüberſtehende Lager gebettet wurde, Frau Katharina Brigitte, die für einen Augenblick in's Zimmer kam, ſchien um nichts entzückter über des neuen Gaſtes Ankunft, ſelbſt der großmüthige„Caſpar Hum⸗ mel“ zog ein ſchiefes Geſicht, da er die unverdienten Vorwürfe ſeiner Gattin fürchtete. Dem Grafen, der keineswegs ſo krank war um ſeine Umgebung nicht ſcharf beobachten zu können, entging die allgemeine Mißſtim⸗ 150 mung, die ſich bei ſeiner Ankunft äußerte, keinen Au⸗ genblick. Er wandte ſich daher an den kleinen Jan Kafka, der ſich am Bettfuß nieder gekauert hatte und ſagte halblaut:„Geſteht, Ihr habt Euch in Euerer Vorausſetzung der freundlichen Theilname, die ich hier finden ſollte, getäuſcht.“ Der Junge ſchüttelte den Kopf obgleich ſich ſelbſt ſeinem ungebildeten Verſtand die Ueberzeugung aufdrängte, daß der Graf nicht ſo ganz Unrecht habe. Er wandte ſich deshalb an den Herren des Hauſes und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr. Unglückſeliges Geflüſter! Die Meiſterin, welche in dieſer geheimen Mittheilung das Complott, ihr Haus völlig in ein Feldſpital umzugeſtalten, witterte, faßte den Burſchen am Rockkragen beutelte ihn nach Herzens⸗ luſt und ſagte:„Schlingel, wenn Du Dich unterſtehſt mir noch Jemanden in's Haus zu bringen, heiße er Kunz oder Hinz, ſo ſetzt es eine Tracht Prügel, und ſomit Gott befohlen.“ Dieſen Worten gab die entſchloſ⸗ ſene Meiſters⸗Frau durch einen einzigen Ruck ihres ſtarken Armes, der den armen, noch immer am Kra⸗ gen gepackten Schlingel vor die Thüre ſetzte, beredten Nachdruck. Daß dieſe Entſchiedenheit der Hausfrau nichts zur Beruhigung des Grafen beitrug wird man begreifen. Er ließ auch alsbald den Hausherren an ſein Bett kommen und bat ihm einige Leute zu beſorgen, 151 die ihn wegbringen konnten. Vergebens wandte der Meiſter die vorgerückte Nachtzeit und die Gefahr eines abermaligen Transportes ein, der Verwundete beſtand darauf das Haus zu verlaſſen. „Ja,“ ſagte er zum Schluß:„Prag ſcheint mir noch weit und groß genug zu ſein, um dem Berfechter ihrer Freiheit, dem Vorkämpfer des Rechtes eine Ruhe⸗ ſtätte zu gewähren, Graf Thurn verlangt keine Gnaden.“ Die Nennung dieſes Namens hatte eine eben ſo erſtaunliche als nach dem Character der Anweſenden verſchiedene Wirkung. Meiſter Hummel war entzückt und beſchämt zu gleicher Zeit, Frau Katharina, welche die Verlegen⸗ heit ihres Gatten bemerkte und ſelbſt gegen die Ehre den berühmten Edelmann zu beherbergen, nicht unem⸗ pfindlich war, eilte an das Bett des Verwundeten, wiſchte ihre völlig trockenen Augen mit dem Zipfel ihrer Schürze und beklagte ſich, leiſe redend:„daß man ihr einen feindlichen Officier zur Pflege aufgedrungen, und daß ſie daher geglaubt ihr zweiter Haß komme eben da⸗ her von wo der Erſte gekommen ſei.“ Bei dieſer Entſchuldigungsrede der würdigen Mei⸗ ſterin hoben ſich zwei Köpfe aus ihren Kiſſen und ſtarr⸗ ten einander drohend an. Der Officier, weil er hörte, daß der fremde Eindringling ein feindlicher Anführer ſei, und der Graf, weil er nun wußte, daß er das Zimmer mit einem erzherzoglichen Rittmeiſter theile. Es ſchien, als wollten ſich die beiden Männer mit Bli⸗ cken vergiften, mit Blicken, deren jeder ſagen wollte: „Läge ich nicht verwundet darnieder Burſche, ſo ſollteſt Du Deinen Mann an mir finden, aber wir werden nicht ewig verwundet da liegen.“.. So feindlich der fremde Officier übrigens auch ge⸗ gen ſeinen Bettnachbar geſinnt ſchien, ſo war er doch gegen die ſchöne Pflegerin nicht undankbar. Im Ge⸗ gentheil fühlte er ſich ganz glücklich, wenn er verſtoh⸗ len die ſchöne weiße Hand Petronilla's küſſen durfte. Dankbarkeit iſt ſelten ein völlig fruchtlos verſchwende⸗ tes Gefühl und weckt in den meiſten Fällen ein friedli⸗ ches Echo in der Bruſt der Wohlthäter. Wenigſtens verhielt es ſich ſo bei der Tochter des Hauswirthes, von welcher Prendel gepflegt wurde und erklärte ſie der Mutter, daß ſie entſchloſſen ſei, ſich der Wartung beider Verwundeten zu widmen. Das ſchlaue Mädchen ſagte Beider, während ſie doch nur für den Einen Aug', Ohr und Mitgefühl hatte, die Folge dieſes ferneren Vorhabens war die Abberufung Sabinens von ihrem Platz am Fenſter, es wurde ihr die Beſorgung des Hausweſens anvertraut, während ſich die ſtattliche Ka⸗ 153 tharina Brigitte die Oberaufſicht über alle einzelnen Zweige der Hausverwaltung vorbehielt. Graf Thurn war durch die freundlichen Worte der Hausfrau nur halb bekehrt, die rollenden Augen des Rittmeiſters, obgleich ſie bei einem an das Bett gefeſſel⸗ ten Manne, viel Komiſches hatten, ſowie die finſtere Miene ihrer gemeinſamen Pflegerin, die ſich nur auf⸗ heiterte, wenn ſie Prendel um irgend eine kleine Dienſt⸗ leiſtung anſprach, trugen nur bei, den Grafen in ſeinen Entſchluße zu beſtärken. Er würde ihn vermuthlich auch ausgeführt haben, wenn nicht der brave Nachbar ihres Hauswirthes Tobias Widtmann in die Thüre getreten wäre, und geſagt hätte: „Der Harniſch iſt abgelegt und jetzt ſteht ihr un⸗ terthänigſter Diener als Arzt vor ihnen.“ Wir haben zu berichten vergeſſen, daß unſer Freund der Friſeur, obgleich dieſer Theil des Gewerbes bedeutend überwog, doch auch die Functionen eines Arz⸗ tes, Kräuterkundigen, Baders und Apothekers in ſeiner Perſon vereinigte. In der That hatte Widtmann ſeine kriegeriſche Außenſeite völlig verändert und das Schwert zwar nicht mit dem Oelzweige, aber doch mit der Pillen⸗ ſchachtel und dem Aderlaßwerkzeuge vertauſcht. Der gegenwärtige Arzt bot den Verwundeten mit ſeinem langen Geſichte, den langen, langen Armen und der ein klein wenig ſtotternden Sprache einen ſo komi⸗ ſchen Aublick dar, daß ſie ungeachtet der zwiſchen ihnen beſtehenden Feindſchaft bei den tiefen Bücklingen des⸗ ſelben in ein herzliches Gelächter ausbrachen. Graf Thurn, der ſeinen Nachbar ſchwerer verwundet hielt, als er ſelbſt war, wies den Arzt, der zuerſt an ſein Bett getreten war, an das Bett des Rittmeiſters. Petronilla wollte ſich bei dem Eintritte des Friſeurs entfernen, aber Widtmann rief ihr freundlich zu: „Bleiben Sie Jungfer, ich werde Ihnen ſchon ſagen, wenn Sie gehen ſollen, wünſche indeß, daß Sie ſo lange es angeht, meine Anordnungen mit anhören. Er trat nun auf den Rittmeiſter zu und frug, wo er Schmerz fühle. Prendel deutete auf einige minder be⸗ deutende Verletzungen am Schädel, die nicht von Fein⸗ deshand, ſondern Sturz und Quetſchung herrührten; eine Luxation des Oberarmes, der mit einem Cavallerie⸗ ſäbel in unangenehme Berührung gekommen war, machte Umſchläge nöthig. Widtmann entblößte endlich, da der Rittmeiſter über Bruſtſchmerz klagte, die Bruſt des Offi⸗ ciers, ſie trug eine thalergroße entzündete Stelle. Der Friſeur fragte, ob denn der Rittermeiſter keinen Bruſtharniſch getragen habe? „Ei, dort liegt der Küraß,“ entgegnete der Reiter⸗ 155 officier und wies auf die in einem Winkel aufgeſtellte Erzplatte. Widtmann holte ſie hervor, beſah ſie beim Licht und fand in dem dicken Erze einen Eindruck als ob eine Kugel ihren Lauf gegen den Küraß genommen hätte, nur war der Eindruck ſtumpfer und matter, als ihn ein Schuß veranlaſſen konnte. Der Friſeur näherte den Panzer der Bruſt des Verwundeten und verglich den Einbug des Metalls mit dem thalergroßen wunden Fleck. „Iſt denn die Verletzung ſo gefährlich?“ rief der Rittmeiſter verwundert aus, als er ſah, mit welcher Auf⸗ merkſamkeit und Sorgfalt der Bader gerade dieſe Ver⸗ letzung ſtudierte. „Warum nicht gar, gefährlich?“ gab Widtmann lachend zur Antwort. Petronilla war über den Cynismus des Nachbars empört und ſchleuderte ihm einen wüthenden Blick zu: „Dann begreife ich nicht,“ hub der Verwundete vom Neuen an. „Weshalb ich den rothen Fleck ſo aufmerkſam be⸗ trachte?“ Der Officier nickte. „Habt Ihr nie gehört, daß die Autoren ihre Werke 156 immer wieder vom Neuen mit eiuem gewiſſen Intereſſe betrachteu?“ „Ah!l ich will ſchon glauben, daß Ihr auf medicini⸗ ſchem Wege ſolche Flecke erzeugen könnet, dieſen indeſſen verdanke ich einem andern Manne als Euch, einem viel größeren und längeren Kerl, der ſeine Picke, wie der leibhaftige Satan handhabte, nun Ihr könnt Euch eine Vorſtellung von der Kraft dieſes Ungethümes machen, wenn Ihr den Eindruck im Küraß beſichtiget.“ „Bei Gott, ein ſchöner Stoß!“ rief der Friſeur mit allen Anzeichen großer Anerkennung. „Ihr ſeid ein ungeſchlachter Klotz,“ bekomplimen⸗ tirte ihn Petronilla. „Ein Stoß“, fuhr der Friſeur fort, ohne Petro⸗ nilla's Zorn zu beachten,„der dem geübteſten Lands⸗ knecht Ehre gemacht hätte.“ „Ich kenne einen einzigen Burſchen der ſo einen Stoß zu führen im Stande war“, bekräftigte Brendel, „und der iſt jetzt todt, ein Heldenburſche auf Ehre, Wallone von Geburt.“ „Ich ſah den armen Teufel fallen.“ „Waret Ihr denn auch dabei?“ Dieſe Frage that der Rittmeiſter mit großen Augen, Graf Thurn aber, der zwar ſchießen gehört hatte, aber 157 ſonſt von dem Vorgang nichts Beſtimmtes wußte, hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu.“ „Ich,“ verſetzte der Friſeur,„machte die Parthie mit meinen Freunde, Euerem Hausherrn mit.“ „Richtig, jetzt entſinne ich mich Eure Stimme ge⸗ hört zu haben, es war ganz rückwärts als es ſich darum handelte mich hieher zu bringen.“ „Ja, denn vorne hatte ich keine Zeit.“ „Natürlich als Arzt.“ „Nicht gerade als Arzt.“ „Ihr wolltet doch nicht ſagen, daß ihr mit darein ſchlugt.“ „Nein, das wollte ich nicht, ich ſtieß nur ſo ein wenig auf den Feind zu.“ „Mit Euerer Lanzette vermuthlich?“ „Glaubt Ihr, daß man mit einer Lanzette ſo etwas ausrichten könnte?“ „Ihr Quackſalber,“ rief der Verwundete durch dieſe Frage augenſcheinlich in gute Laune verſetzt,„Ihr unge⸗ hobelte Latwergbüchſe, was verſteht Ihr vom Waffen⸗ handwerk?— Und ſo Einer behauptet, dabei geweſen zu ſein!“ Petronilla ſuchte dem Gefangenen umſonſt begreif⸗ lich zu machen, daß der Nachbar wirklich dabei war. „Wenn mein Arm geſund wäre,“ fuhr der Ritt⸗ 1 158 meiſter fort,„Ihr müſſtet einen Gang mit mir thun, na⸗ türlich auf Barbiermeſſer, anders thut Ihr es nicht.“ Der Friſeur verſetzte ohne eine Miene zu ver⸗ ziehen: „Nicht von Nöthen, Herr Rittmeiſter ich glaube es thut's das auch,“ dabei legte er ſeinen langen etwas ge⸗ krümmten Finger auf die rothe Stelle der Bruſt. „Mag ſein, aber es iſt nicht Euer Werk.“ „Wer ſagt, daß es nicht mein Werk ſei? habe ich nicht eben erwähnt, daß Autoren ihre Producte mit ſtets erneuertem Intereſſe betrachten? macht mir doch nicht die Autorſchaft dieſes meiſterhaften Stoſſes ſtreitig.“ „Ihr wolltet dieſen Stoß geführt haben?“ ſagte Prendel verächtlich,„O der Prahlhaus!“ Petronilla bemerkte ſchüchtern und faſt warnend, daß ſie von ihrem Vater noch immer gehört habe, daß der Nachbar gute Stöße auszutheilen verſtünde. „Nicht doch,“ entgegnete der Rittmeiſter mit einem verliebten Blick,„Nicht doch, mein liebliches Täubchen, nimm Dich des alten Sperbers nicht an.“ „Ich ſage aber,“ verſetzte der Friſeur,„daß es ihm gar nicht darum zu thun iſt, ſich um den alten Freund des Hauſes anzunehmen, ſondern vielmehr den neuen Bekannten einer Verlegenheit zu entziehen.“ 159 „Ihr behauptet alſo noch immer mich aus dem Sattel gehoben zu haben?“ Thurn, welcher dem Geſpräche mit vieler Aufmerk⸗ ſamkeit gefolgt war, warf die Bemerkung dazwiſchen, daß der Angreifer jedenfalls ein Menſch von der Größe des Friſeurs geweſen ſein müſſe, vorausgeſetzt, daß das Pferd normalmäßige Höhe gehabt habe. „Und ich ſage Euch,“ entgegnete der Rittmeiſter, „daß Ihr beſſer thut, von Ereigniſſen zu ſchweigen, über die Ihr kein Urtheil haben könnet.“ „Wer ſagt, daß ich kein Urtheil haben kann?“ ver⸗ ſetzte der Graf gleichgültig.„Ich habe mehrere bekannte Größen vor mir; iſt da der Schluß auf eine zweifelhafte, ich ſage nicht einmal Unbekannte unmöglich?“ „Darf ich bitten mir die bekannten Größen zu be⸗ zeichnen,“ ſprach der Rittmeiſter mit einem Anflug von Spott. „O von Herzen gerne: Ich ſehe Eueren Oberleib, ja noch mehr die Länge Euerer Füße, ich weiß daher, wie groß Ihr ſeid, ſechs Fuß weniger vier Zoll, nicht ſo etwas?“ „Nicht übel,“ verſetzte der Gefangene,„ich meſſe wirklich eine Klafter weniger drei einen halben Zoll.“ „Aber nicht mit bloſſem Kopfe?“ „Nein, mit der Lagermütze?“ 160 „Ihr ſeht ich kann errathen, gehen wir zur zweiten bekannten Größe über.“ „Ihr habt noch eine?“ „Ihr ſollt ſelbſt urtheilen, betrachtet Euch den Küraß.“ „Ich betrachte ihn.“ „Merkt Euch die Stelle des Einbuges, nehmt da⸗ zu ein Pferd, wie ich bei Eueren Reitern gar viele ge⸗ ſehen habe zum Beiſpiel einen Schecken wie ihn Obriſt Kamée reitet.“ „Mein Pferd und das des Obriſt wurden aus einem Stall und Geſtütte verkauft.“ „Nun gut, ſetzt auf das dreizehn Fauſt hohe Pferd den fünf Fuß neun Zoll meſſenden Reiter und gebt jenem Manne eine lange Picke in die Hand, und Ihr werdet nicht nur die Möglichkeit, ſondern ſelbſt die Wahrſchein⸗ lichkeit einſehen, daß der langbeinige alte Herr da, der Autor dieſes in rothem Leder gebundenen Werkes iſt.“ Dieſe Auseinanderſetzung war ſo plauſibel, daß ſelbſt der Rittmeiſter lächeln mußte, dennoch verharrte er im Unglauben, bis Caſpar Hummel die Ausſage des Friſeurs beſtätigte und zugleich die Hoffnung ausſprach, daß ihm der Rittmeiſter dieſen Act der Feindſeligkeit nicht nachtragen werde, eine Hoffnung, die Prendl alſo⸗ 161 gleich durch einen kräftigen Händedruck in Erfüllung brachte. Der Friſeur ſtand eben im Begriff zu Thurn's höchſter Befriedigung eine detaillirte Beſchreibung des nächtlichen Kampfes zu liefern, als ſich Leonhard Col⸗ lonna von Fels melden ließ. Die Paſſauer in Prag. I. 11 ohne Zweifel der ehrenwerthe„Andreas Henkl,“ emeri⸗ tirter Bürgermeiſter der Kleinſeite, Mitglied des Ra⸗ thes, Hauseigenthümer, Armenvater u. ſ. w. In ſei⸗ nem ſtattlichen, kugelfeſten Hauſe hatten die Anführer des Paſſauer Kriegsvolkes, der Erzherzog und Ramée, ihren Aufenthalt genommen. feln in meinen Teppichen herumzuwühlen und ſeinen kniſternden Schnurbart in meine Sauce und Gemüſe einzutauchen und ſeine glaſigen Augen auf meine Frau und Töchter zu richten.“ Der ehrliche Andreas Henkl hielt ſich mindeſtens für einen Halbgott, und ſein Haus für einen Tempel, ſeitdem die Feloherren darin ihr La⸗ ger aufgeſchlagen hatten. Von dem Erzherzoge zu ge⸗ ſchweigen, deſſen Anweſenheit noch ganz anderen Leuten 10. Einer der reichſten Bürger der Schweſterſtädte war „Er geruht“ ſagte er,„mit ſeinen beſpornten Stie⸗ als dem Exbürgermeiſter Vergnügen bereitet hätte, war Henkl nicht minder ſtolz auf die Gegenwart des mann⸗ haften echtſoldatiſchen Obriſten Ramée. Er war ſo ein treuherziger, ſchlichter Mann, ſo ein Eiſenherz dieſer Obriſt Ramée. Und hierin hatte der Hausvater voll⸗ kommen recht. Obriſt Ramée hatte nicht einmal jenen Firniß geſchmeidiger Sitte, womit der Erzherzog die Rauheit ſeines. Gemüthes übertünchte. Er war ein treuherziger ſchlichter Mann, und konnte einem Sol⸗ daten mit unzerſtörbarer Gutmüthigkeit ein Todesur⸗ theil ankünden, oder einen Familienvater, der ſich un⸗ terfangen hatte die Ehre ſeines Hauſes zu vertheidigen, ohne eine Miene zu verziehen am nächſt beſten Baum aufknüpfen laſſen. Er war ein Eiſenherz, Bitten, Thränen, Be⸗ ſchwörungen vermochten über ihn Nichts, gar Nichts, höchſtens Metall— Metall zieht das Eiſen an— Me⸗ tall, in Joachimsthaler ausgeprägt, war ein Talisman, dem RamCe nur im Zorne widerſtand, ſonſt nie. Obriſt Ramée forderte nicht, wie ein Gaſt, ſon⸗ dern wie ein harter Herr und Gebieter, während der Erzherzog ſtets ein Lächeln oder zwei Finger zur Se⸗ genſpendung bereit hatte. Auf dieſen guten Obriſt Ra⸗ mée, den der Fluch der Landleute auf allen Straſſen und Wegen, die er einſchlug, verfolgte, auf dieſen 11 1 164 wackeren Soldaten, auf welchen tauſend und tauſend Lippen den Zorn des Himmels herabwünſchten, war der ehrliche Prager Bürger ſtolz. Er machte ſich ſo ge⸗ mein der Paſſauer⸗Obriſt, trank aus des Hauswir⸗ thes Glas, von ſeines Hauswirthes beſtem Weine, knüpfte unter der Hand mit des Hauswirthes jüngſter Tochter einen kleinen Liebeshandel an, zertrümmerte in Aufwallungen jovialer Laune des Hauswirthes Mö⸗ bel und Geräthe und redete den ſilberhaarigen Würden⸗ träger mit:„Alter Haluuk, filziger Kerl“ und ähnlichen Kraftausdrücken an. So ſtolz aber auch der loyale Bürger auf ſeine⸗ erhabenen Gäſte war, ſo ſuchte er doch heute— es war am Morgen nach Thurn's Flucht und Prendl's Nieder⸗ lage— ſeine Gebieter um jeden Preis zu vermeiden. Die umwölkten Stirnen der beiden Männer ſchienen heftige Stürme anzudeuten. Es war gut, daß für's erſte Boreas und Acquila ſich gegenſeitig bekämpften. Der Erzherzog war wütheud, daß der Graf ſei⸗ nen Händen entgangen war und maß dem Obriſten die Schuld bei, da er den von Hornberg nicht genugſam unterſtützte, Ramée dagegen beſchuldigte den Erzher⸗ zog ein halbes Fähnlein Reiter für nichts und wieder nichts geopfert zu haben. 165 „Man hiätte ſie retten können,“ behauptete der Erzherzog,„wenn Jedermann ſeine Schuldigkeit gethan hätte.“ Ueber dieſe ziemlich unzweideutige Anſpielung fuhr Ramée mit viel weniger Ehrfurcht, als ein Mit⸗ glied der kaiſerlichen Familie anſprechen konnte, zornig auf und legte ſelbſt die Hand an's Schwert. „Laß ſtecken,“ ſagte Leopold mit einer Miene und in dem Ton der Ermüdung,„laß ſtecken Ramée, Du haſt ja auch den Rittmeiſter mit ſeinem Zug ſtecken laſſen.“ „Euere Durchlaucht!“ „Hätte ich den Obriſten Ramée um Erlaubniß gebeten die Altſtadt mit einem Handſtreich nehmen zu dürfen, ſo würde er es mir vielleicht geſtattet haben, weil ich aber glaubte ein mit abſoluter Vollmacht aus⸗ gerüſteter Befehlshaber dieſer Soldateſka zu ſein, dem Jeder ohne Ausnahme zu unbedingtem Gehorſam ver⸗ pflichtet ſei, ſo hat man es für gut befunden meine Expedition im Stich zu laſſen, ich danke Euch, Obriſt, Ramée, und werde mich daran eines Tages erinnern.“ Ramée zitterte vor Wuth, ſeine Adern ſchwollen an und er wollte einen ſilbernen Becher, der vor ihm ſtand, mit der krampfhaft geballten Fauſt in einen Klum⸗ pen zuſammen brechen.„Ich weiß nicht was Euere Durch⸗ laucht mit dem erhobenen Vorwurf ſagen will,“ ver⸗ 1 166 ſetzte der Obriſt vor Zorn ſtammelnd,„ich war es nicht in deſſen Gehirn der Plan entſpungen iſt, die Altſtadt Prag mit einer Hand voll Leuten zu überrum⸗ peln, ich hätte allerdings, wenn ich die Ehre gehabt hätte, um meine Anſicht gefragt zu werden, von einem ſo tollköpfigen Unternehmen abgerathen. Da aber ein Abentheuerer wie Prendl mehr Vertrauen einzuflößen und ſeinen unſinnigen Plan ſo vortheilhaft darzuſtellen wußte, daß Euere Durchlaucht ohne mich nur der ge⸗ ringſten Mittheilung zu würdigen, in die Ausführung willigten, ſo muß ich jede Verantwortlichkeit des ſchlech⸗ ten Ausganges feierlich ablehnen.“ „Sie beleidigen mich Obriſt!“ „Ich Euere Durchlaucht?“ „Der unſinnige Plan zu dieſem tollköpfigen Unter⸗ nehmen rührt nicht von Prendl ſondern von mir her.“ „Warum ſagten das Euere Durchlaucht nicht gleich?“ „Weil ich Dir das Vergnügen gönnen wollte ein Unternehmen zu beſchimpfen, woran Du nicht Theil genommen.“ „Und was blieb mir auch zu thun übrig, nach⸗ dem Prendl ſeinen und noch achtzig andere Köpfe in die Schlinge geſteckt hatte?“ „Höre ich einen Soldaten reden ader ein altes 167 Bauernweib? Zerreiſſen mußte man die Schlinge, bei Gott zerreiſſen und wenn ihr und Euere Leute dabei Fuß und Hände eingebüßt hättet.“ „Genug Eure Durchlaucht, ich habe meine Be⸗ ſtallung vom Kaiſer und ihm als meinem Kriegsherrn Rechenſchaft über die Truppen zu legen, die ich führe, ich durfte daher nicht um achtzig Mann zu retten zehn Tauſend auf's Spiel ſetzen.“ Der Erzherzog blickte den Obriſt ſtarr an, lächelte hämiſch und ſagte dann: „Es iſt gut Obriſt, Ihr könnt' geh'n und ich danke Euch noch für die Aufklärung, die Ihr mir da ſoeben gegeben habt, der Kaiſer wird Euere Anhänglichkeit und Treue zu ſchätzen wiſſen.“ Ramée bezwang ſich nur mit äußerſter Mühe und verbeugte ſich, wie ein Hund deſſen Kopf man gewalt⸗ ſam zu Boden drückt und dadurch am Beiſſen hindert. Im Fortgehen murmelte der vor Wuth ſchnaubende Obriſt: „Der Rittmeiſter ſoll mir's entgelten, wenn er noch am Leben iſt, wenn nicht, ſollen ſeine Gebeine am Schindanger verſcharrt werden.“ Mit dieſer liebevollen Aeußerung ging er an Hauptmann von Hornberg vorüber, dem er gleichfalls 168 einen Unheil verkündenden Blick zuzuwerfen nicht ver⸗ ſäumte. Als der Hauptmann bei dem Erzherzoge eintrat, lag der Prinz mit halbgeſchloſſenen Augen auf einer Ottomane und erhob ſeinen Kopf nur ein wenig um zu grüßen, dann ſagte er: „Haben ſchon gehört, wie vortrefflich meine Wünſche vollzogen wurden, der Graf lacht uns d'rüben in der Altſtadt aus und ich würde es bei Gott an ſeiner Stelle eben ſo thun, wenn er ſolche Gimpel wie Euch ſchickte um mich zu fangen. Woll't Ihr einen Freundes⸗ rath hören, ſo kehrt in die alte Baracke, die ihr Schloß zu nennen beliebt, zurück und helft Euerem alten Vater Füchſe prellen und Euerer Frau Mutter Steckrüben ausnehmen, das ſind geſunde Beſchäftigungen, wie ſie ſich für einen Landjunker ſchicken. Hier glaube ich iſt Eueres Bleibens nicht. Ich halte mich für überzeugt, daß Ihr Eueren Beruf verfehlt habt. Aber nein, mein Rath taugt nichts, mit den Füchſen dürft Ihr Euch erſt nicht einlaſſen, Euer Vater der ein vollkommener Weid⸗ mann ſein ſoll, müßte vor Zorn raſend werden, wenn Ihr ſo einen ſtarken prächtigen Fuchs, den Ihr mit dem Gewehrkolben niederſchlagen oder mit der Hand fangen könntet, an Euerer Naſe ruhig vorüber rennen ließet. 169 Nein, bleibt bei den Steckrüben, es iſt das ſicherſte und Euerer Geiſteseinrichtung angemeſſenſte Geſchäft.“ Dem von Hornberg, der weder das gallige Tem⸗ perament noch die hohe Stellung des Obriſten hatte, floſſen die hellen Thränen über die Backen, als ihn der Erzherzog ſo mit blutigem Hohn überſchüttete, er be⸗ ſchwor den Prinzen mit aufgehobenen Händen ihn anzu⸗ hören. Leopold ſchüttelte aber den Kopf und frug nun: „Iſt der Graf entkommen?“ Hornberg nickte beiſtimmend und gab folgenden Bericht über des Grafen Flucht. „Ich war entſchloſſen Euerer Durchlaucht Wunſch zu erfüllen und den Grafen, dem ſo viele Gefahr von Seite ſeiner Hauswirthin drohte, zu entführen; ich wählte daher zwölf vertraute Leute aus meiner Com⸗ pagnie, ſtellte ſie in der Nähe des Palaſtes auf und ver⸗ fügte mich zur Frau Kanzlerin von Lobkowitz. Das war ungefähr um zehn Uhr Nachts, es koſtete Mühe Eintritt zu erhalten. Ich verlangte den Grafen zu ſprechen. Frau von Lobkowitz ſchien überraſcht, verlegen und ich glaubte darin eben ſo viele unverkennbare Zeichen der von Eurer Durchlaucht gemuthmaßten Schuld zu ent⸗ decken. Die Hausfrau gab vor, daß ein ſo ſpäter Be⸗ ſuch ganz gegen die Vorſchrift des Arztes laufe, daß 1 170 ein kranker Mann wie Graf Thurn vor Allem unge⸗ ſtörte Ruhe nöthig habe und wie ſie ſich in ihrem Ge⸗ wiſſen verpflichtet fühle, mir den Zutritt zu verwehren. Ich ſah mich nun genöthigt um keinerlei Argwohn zu erregen mich auf einen beſtimmten Befehl Euer Durch⸗ laucht zu berufen....“ Der Erzherzog unterbrach hier den Erzähler, mit vor Wuth erſtickter Stimme: „Wie, das hättet Ihr gethan, einen Befehl vorge⸗ ſchützt. Unglücklicher! Da wollte ich lieber eine Schlacht vorloren, als meinen Namen in dieſen unfläthigen Han⸗ del vermiſcht zu ſehen.“ „Aber Eure Durchlaucht hatten ja doch befohlen.—“ „Mir ſcheint, Ihr ſeid über das Mißlingen Eueres Anſchlages über Nacht verrückt geworden; ich hätte etwas befohlen! Sagte ich Euch nicht ausdrücklich— die Worte ſind mir Gottlob noch ganz friſch in Erin⸗ nerung: „O redet mir nicht von Befehlen“ und ſetzte ich nicht hinzu:„Befehle ſind gut, wenn es ſich um dienſtliche Berrichtungen handelt.“ Habe ich ſo geredet oder nicht?“ Der Hauptmann konnte nicht umhin zu geſtehen, daß dieß wirklich die Worte waren, deren ſich der Erz⸗ herzog bedient hatte. „Wie mögt Ihr nun behaupten, daß ich etwas 171 befohlen hätte, bei Gott ich laſſe Euch ſetzen, wenn Ihr das Wort noch einmal wiederholt. Jetzt fahrt fort!“ Der überraſchte und halbverwirrte Hauptmann fuhr fort: „Als ich mich auf einen hohen Auftrag berief, än⸗ derte die Kanzlerin ihren Sinn und öffnete mir bereit⸗ willig die Krankenſtube.“ „Zum Teufel“— fiel hier der Erzherzog aber⸗ mals ein,„zum Teufel da habt Ihr die Beſcheerung—, das gottverfluchte Weibsbild nahm Eueren Befehl für baare Münze und wird nun glouben, daß Ihr in mei⸗ nem Auftrage gethan habt, was einzig in Euerer müßi⸗ gen Lagerphantaſie ſeinen Urſprung nehmen konnte.“ Hornberg wollte einige Einwendungen erheben, Leopold aber machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und ſagte: „Macht, daß Ihr mit Euerem Bericht zu Ende kommt, ich fühle weder Luſt noch Beruf in mir, mich mit einem Hauptmanne meines Corps herum zu zanken.“ Hornberg ſeufzte uud nahm das Wort wieder auf: „Ich ſchritt auf Anempfehlung der Gräfin leiſe und auf den Zehen in das Gemach des Verwundeten, das nur von dem ſchwachen Schein eines Lämpchens erhellt wurde. Der Graf ſchien im tiefen Schlafe be⸗ 172 graben, er ſchnarchte ganz vernehmlich, ich ging auf das Bett zu. Der Schlafende hatte ſein Geſicht faſt ganz mit der Decke verhüllt, ich rief den Grafen ganz leiſe beim Namen,— keine Antwort, ich rief lauter, derſelbe Erfolg,— endlich rüttelte ich den Schlafenden ſanft an der Schulter, da ſchien der Verwundete zu erwachen. „Euere Durchlaucht möge ſich mein Erſtaunen vor⸗ ſtellen, als mich mit einem Male die Phyſiognomie eines wildfremden, unſauberen vierzehnjährigen Schlingels angrinſte. Ich blieb die erſte Minute ſprachlos, dann frug ich nach dem Grafen. Der kecke Burſche behauptete den Namen des Grafen gar nicht zu kennen und frug mich mit einem Tone, der mich einen Augenblick ver⸗ blüffte, was ich ſo ſpät in ſeinem Zimmer mache. Als ich ihm mit der Fauſt drohte, begann er zu ſchreien und als er einen Augenblick, obgleich ich ihn an der Gurgel packte, ſo fortſchrie, kamen die Diener und Hausofficiere des Kanzlers zuſammen gelaufen, während auch meine Leute von allen Seiten heraufpolterten. Ich hielt noch immer den Kerl am Hals, im Begriff ihm das Genick umzudrehen, als der Kanzler und ſeine Gattin von ver⸗ ſchiedenen Thüren in's Zimmer traten,— ich geſtehe, daß ich verlegen wurde.“ Der Erzherzog, der denken mochte, daß es ihm um kein Haar beſſer ergangen ſein würde, nickte beifällig und hörte den Verfolg der Begebenheit mit großer Spannung zu. Der Hauptmann aber fuhr fort: „Mein Erſtes war den Schlingel, deſſen Geſicht bereits blau zu werden anfing, loszulaſſen, mein zweites der Frau Kanzlerin und Herrn von Lobkowitz eine Ver⸗ beugung zu machen.“ „Ich möchte das Geſicht geſehen haben,“ fiel Leo⸗ pold ein,„was der Lange*) bei dem Anblicke des halb⸗ erdroſſelten Burſchen ſchnitt.“ „O, verlangen ſich Euere Durchlaucht dieſen An⸗ blick nicht; das Geſicht des Kanzlers war abſcheulich, aber nicht ſo ganz, wie das der Dame vom Hauſe. Mann und Frau ſchienen wie verſteinert; die Letztere erlangte zuerſt ihro Beſinnung und ſchalt mich in einer Weiſe aus, daß ich Zeit meines Lebens daran denken werde. Hätte ſie mich beſchimpft, geprügelt, ich würde es leichter ertragen haben, als den eiſigen, ſchneidenden Hohn!“ „O, das müßt Ihr mir haarklein mittheilen, es intereſſirt mich!“ „Wer weiß, ob dieß noch in ein paar Minuten Euerer Durchlaucht Meinung ſein wird?“ „So laßt hören.“ *) Beiname Albert Zdenko Lobkowitz's. „Die Gräfin frug zuerſt, ob ich wiſſe, daß es ihr Haus ſei, das ich betreten, und als ich mit Ja antwor⸗ tete, ſpuckte der Kanzler aus, ſchrie„Pfui!“ und ent⸗ fernte ſich. Als ich, über dieſe Beleidigung entrüſtet, dem Kanzler nacheilen wollte, rief die Gräfin„Halt“ und ſchrie den Burſchen in der Livré zu, ſie möchten mich nach Herzensluſt durchprügeln, wenn ich mich von der Stelle rührte. Glücklicher Weiſe verſtanden meine Wal⸗ lonen keine Silbe von dem, was die Gräfin auf böhmiſch anbefahl. Ich knirſchte mit den Zähnen und frug, ob das die Behandlung ſei, die man einem kaiſerlichen Officier angedeihen laſſe. Frau von Lobkowitz zuckte die Achſeln und ſprach: „Es thut mir nach dem, was geſchehen, leid, Euch für einen Betrüger halten zu müſſen!“ „Ich nannte meinen Namen, wies meine Beſtel⸗ lung vor—“ „Das war eine große Dummheit!“ „Alſo hätte ich mich als Betrüger ohrfeigen laſſen ſollen?“ „Nicht das, aber des Kaiſers Name mußte geſchont werden.“ „Als ob es nicht genug kaiſerliche Officiere gäbe, welche die Feldbinde entehren—“ „Fahrt fort!“ 175 „Nun wohl; die Frau Gräfin zupfte an ihrem Bruſtlatze und ſprach dann: „Ihr werdet wohl entſchuldigen, daß ich mich nicht gleich zurecht fand; ich war aber bis nun gewöhnt, daß kaiſerliche Officiere den Feind, nicht aber wehrloſe Pri⸗ vatleute verfolgten; ich war gewöhnt, kaiſerliche Offi⸗ ciere ihre Tapferkeit im Kriege und nicht im Frieden be⸗ währen zu ſehen; ich war gewöhnt, vor dem Unglück Achtung zu hegen, Ihr beweiſt mir nachdrücklich, daß ich verwöhnt war. Der verwundete Gaſtfreund iſt nicht mehr länger der Gegenſtand ritterlicher Schonung; nun ich begreife, daß man mit einem wehrloſen Verwundeten leichter fertig werden kann, als mit einem Edelmanne in Waffen.“ „Ich wollte reden, aber die Gräfin ließ mich nicht zum Worte kommen, ſondern fuhr in ihrer Sündenpre⸗ digt fort: „Ich dürfte gegen die neuen Tugenden einer chriſt⸗ lichen Armee, die noch obendrein von einem Biſchofe an⸗ geführt wird, keine Vorwürfe erheben, falls ſie nicht innerhalb meines Hauſes geübt würden; hier in dieſem Hauſe dulde ich weder Gift noch Dolch, ſagen Sie dieß Ihrem Herrn!“ „Das war zu ſtark. Ich ſprang, aufgeſtachelt von ——— 176 Muth, auf die Gräſin zu und donnerte ihr die Worte entgegen: „Eben weil mein Herr Beides für den Unglücklichen von Deiner Hand fürchtet, ſollte ich den Grafen von hier wegbringen!“ „Ein gellendes Gelächter war die Antwort meines Vorwurfes. „Endlich ſagte ſie mit einem ſpöttiſchen Knix: „Melden Sie Ihrem Befehlshaber meinen Re⸗ ſpect und ſagen Sie ihm, daß ich den Grafen aus den⸗ ſelben edelmüthigen Beweggründen, wie Se. Durchlaucht, hinwegbringen ließ, zwar in keinen Kerker, aber doch in Sicherheit!“ .„Als ich darauf beſtand, daß Euere Durchlaucht nur die beſten Abſichten mit dem Grafen hegten, ſah ſie mich einen Augenblick zweifelnd an und ſprach dann zu ihrem Caplan gewendet: „Zu große Einfalt iſt oft eben ſo ſchlimm, als das böſeſte Herz!“ „Mit dieſen Worten kehrte ſie mir den Rücken.“— „Und der Schlingel?“ „O, den ſah ich nicht mehr! Meine Leute behaup⸗ ten, er habe ſich gleich darnach in ein Boot geworfen und ſei nach der Altſtadt hinüber. Jedenfalls werden Euere Durchlaucht einſehen—“ 177 „Daß Ihr ein Einfaltspinſel ſeid. Ja, das ſehe ich ein!“ Dieſe Worte ſprach der Erzherzog ſchnell hinter einander, indem er in großer Aufregung im Zimmer auf und ab ging; endlich blieb er vor dem Hauptmanne ſtehen, maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen, und ſagte: „Es iſt das eine verteufelte Geſchichte, die ich, weiß Gott, ungeſchehen machen möchte. Die verdammten Weiber haben den Satan im Leibe! „Hört mich wohl an. „Ich mag von der ganzen Dummheit nichts wiſſen, ſowie ich ſie auch nicht anbefohlen habe— kein Wort mehr über dieſen Punkt— ich habe nichts befohlen, Ihr ſelbſt habt einen Plan entworfen, ich will glauben, daß es in der beſten Abſicht geſchah, aber der Plan iſt miß⸗ lungen. Mißlungene Entwürfe pflegt man ſonſt nicht zu belohnen— ich belohne Euch; ja ich thu's und er⸗ nenne Euch zum Feldoberſten des Regiments, das der Kaiſer ſoeben in der Lauſitz werben lätzt; es wird noch eine Weile dauern, das geht mit allen Angelegenheiten meines kaiſerlichen Vetters ſo, indeß bleibt Ihr immer Obriſt, eine ſchöne Stelle, bei meinem erzherzoglichen Wort; Ihr müßt aber Geduld haben, und könnt es mit einigem Glücke und ſehr vieler Geduld noch zum Marſchall Die Paſſauer in Prag. I. 2 1 178 bringen. Für dieſe beſondere Huld und Gnade fordere ich nichts weiter, als daß Ihr Niemandem geſteht, daß Ihr mir Eueren Anſchlag auf den Grafen vorher mit⸗ theiltet.“ „Meinen Anſchlag?“ frug der Hauptmann ganz erſtaunt. „Und eben für dieſen Anſchlag erhaltet Ihr ja, in Erwägung, daß der Ausgang nicht immer in unſeren Händen liegt, das Obriſtenpatent!“ „Für den Anſchlag, den ich Euerer Durchlaucht mittheilte?“ „Für welchen ſonſt?“ „O, vielen Dank!“ „Nicht von Nöthen. Der Plan war klug angelegt, nur etwas herzlos, wir werden übrigens dieſe Parthie Aa hre aber ganz Böhmen ſoll von Euerem Verſuche Wegerfahren.“ Lee Der Erzherzog verſchloß dem Hauptmanne den Mund mit freundlichen Worten und drängte ihn that⸗ ſächlich zur Thüre hinaus. Eine Viertelſtunde ſpäter ſagte er ſelbſt zu dem Oberſten Kanzler Lobkowitz: „Ein Teufelskerl, dieſer Hauptmann Hornberg, hat mir ſoeben fußfällig geſtanden, daß er auf den Grafen Thurn heimlich Jagd gemacht, aber von Euerer ſchönen, 179 witzigen und höchſt geiſtreichen Frau ſammt einem gan⸗ zen Bataillon Hackenſchützen in die Flucht geſchlagen worden ſei. Werde ihn nächſtens hängen laſſen, wenn ihm wieder der Einfall kommt, Sr. Majeſtät ergebene Sdelleute in ihren Häuſern zu beunruhigen.“ „Und Euere Durchlaucht werden daran ſehr wohl thun,“ verſetzte Lobkowitz, indem er dem Erzherzog feſt in's Auge blickte,„denn der genannte Officier rühmte ſich öffentlich, von Euerer Durchlaucht zu dem Einbruche in meinen Palaſt autoriſirt zu ſein.“ Der Erzherzog biß ſich in die Lippen und ſagte kurz: „Ein ſchlimmer Burſche das. Am Beſten, ich laſſe den Ramée gewähren, wird aufräumen unter ihnen, ich verſichere Euch.— Wie befindet ſich die Schönſte der Schönen?“ „Meint Ihr meine Nichte, Eva?“ „Ach nein, ich rede von der kriegeriſchen Dame, die ſelbſt dieſem albernen Burſchen Hornberg ſo gewalti⸗ gen Reſpect einflößte.“ „Zum wärmſten Dank verbunden, Euere Durch⸗ laucht, Polixene befindet ſich wohl und tritt heute nach Tiſch eine Wallfahrt nach dem heiligen Berge an.“ „Wie ſchade!— Hätte gerne nochmals vorge⸗ ſprochen.“ 12* 180 „Euere Durchlaucht wird einſehen, daß die Ge⸗ genwart von Frauen für eine ſo ſtürmiſche Zeit nicht geeignet iſt. Heute wurde einem Gaſte dieſes Hauſes Gewalt gethan, morgen kann die Reihe an uns ſelbſt kommen.“ „Was fällt Euch ein, Graf! Der Burſche, an welchen Hornberg Hand anlegte, war ja nur ein Pferdejunge!“ „Ei, Euere Durchlaucht, böhmiſche Gaſtfreund⸗ ſchaft kennt keinen Standes⸗ und Rangunterſchied. Bei meines Vaters Grab,“ hier wurde der Kanzler wärmer, als man es bei dem in der Regel ſo gleichmüthigen Manne hätte vermuthen ſollen,„der Kopf des Troßbu⸗ ben gilt mir in meinem Hauſe ſo viel, als ein erlauchtes Haupt!“ „O, ereifert Euch nicht!— Ich bin der Letzte, der den tollen Streich—“. „Sagt Schurkenſtreich!“ fiel Lobkowitz dem Prin⸗ zen in's Wort. „Alſo Schurkenſtreich, wenn Ihr dieſen Ausdruck vorzieht, billigt, und ich will es auch dem Burſchen, wenn Ihr ihn mir zur Stelle ſchaffen könnt, an einiger Ergötzlichkeit nicht mangeln laſſen.“ Graf Lobkowitz lächelte über die freundliche Abſicht des Erzherzogs und erwiederte achſelzuckend, daß der 181 Burſche ſeine Gattin und Nichte auf die Wallfahrt be⸗ gleitet habe. Man ſah es dem Erzherzoge an, wie ſchmerzlich es ihn berührte, ſich in allen ſeinen Entwürfen und Plänen gekreuzt zu ſehen; dennoch vermochte er freund⸗ lich zu lächeln und ſeine Hand zum Segen zu erheben. 11. Während der Erzherzog ſeine Finger zum Segen empor ſtreckte, läuteten die Glocken der Teynkirche und luden die Gläubigen zum Gottesdienſt ein. Es war Sonntag und die Bürgersfrauen hüllten ſich in ihre prächtigſten Kleider, die Männer in ihre neueſten Wämmſe und Mäntel um der Meſſe würdevoll beizuwohnen. Petronilla, welche Mutter und Schweſter wir wiſſen nicht warum— gerne vom Krankenzimmer ent⸗ fernt gehalten hätte, mahnte brreits zum dritten Mal zum Aufbruch, indem ſie geſenkten Auges bemerkte, daß thr Gott die Verabſäumung des Meßopfers aus Rückſicht für die Krankenpflege verzeihen werde. Die jüngere Schweſter Sabine hatte dagegen ein beſonderes Intereſſe— wir kennen es ebenfalls nicht, — die Mutter am Beſuch der Teynkirche zu hindern 183 und wußte die Predigt des Pater Procopius bei St. Heinrich nicht genug zu rühmen, die alte Frau— ſie möge uns verzeihen, daß wir ſie im Gegenſatz zu ih⸗ ren Töchtern alt nennen— frug logiſch genug, voßhalb Sabine, in Anbetracht der viel Druhmn Predigt, nicht auch nach St. Heinrich zur Kirche gehe, worauf die jüngere Tochter mit niedergeſchlagenen Augen die grö⸗ ßere Nähe der Teynkirche als Grund ihrer Vorliebe für dieſen Gottestempel angab. Die jüngſte Tochter Anna endlich, die ihre beſon⸗ deren Urſachen— wir wiſſen ſie leider nicht anzuge⸗ ben— haben mochte, einer ſtrengen Beaufſichtigung des Kindsmädchens auszuweichen, bat mit aufgehobe⸗ nen Händchen die Mntier möge der Chriſtel geſtatten bei den Kreuzherren zur Meſſe zu gehen. Die Hausmutter von ſo vielen„Anliegen“ belä⸗ ſtigt, fagte etwas ungeduldig: „Macht was ihr wollt ihr närriſchen Dinger!“ griff nach ihrem dicken Andachtsbuch und ſtieg lang⸗ ſam die Stiege hinab, Petronilla ſah bei einem Fen⸗ ſter hinaus um ſich zu überzeugen, daß die Mutter wirklich das Haus verlaſſen, Sabine bei dem ande⸗ ren um über die Richtung, welche Frau Hummel eingeſchlagen, Aufſchluß zu erhalten und Chriſtel— Anna war zu klein, um mit ihrem Kopf an's Fenſter 184 langen zu können— ſchauete bei dem dritten Fenſter heraus um zu ſehen, ob die Frau nicht etwa zurück komme, um etwas Vergeſſenes zu holen. Als alle drei Mädchen endlich bemerkten, daß die Bürgerin ruhig und arglos der Heinrichskirche zu⸗ ſchritt, eilte Petronilla nach dem Krankenzimmer, Sabine nach der Teynkirche und Chriſtel nach einer ge⸗ wiſſen Stell gegenüber der„Hetz iinſel, ¹ wo ſie irgend eine Botſchaft treffen ſollte. Folgen wir der ſchönen Petronilla an das Kran⸗ bett. Die beiden Verwundeten, die ſich Anfangs bitter gehaßt hatten, waren nun gute Freunde geworden und begriffen gar nicht, warum ſie je eine gegenſeitige Ab⸗ neigung gefühlt. Prendl erblickte in dem Grafen nicht länger einen Feind, ſondern einen vollkommenen Cavalier, deſſen Privatfehden und Leidenſchaften ihn nichts angingen; er ſah bald, daß er von dem Grafen weit eher Förderung ſeiner aufkeimenden Liebe zu Petronilla zu hoffen, als Störung oder Nebenbuhlerſchaft zu fürchten habe. Graf Thurn vergaß die furchtbar rollenden Augen des Offi⸗ ciers und hielt ſich den Umſtand gegenwärtig, daß der Rittmeiſter nichts als eines der vielen untergeordneten Werkzeuge des Despotismus ſei. Anfänglich hatte ſich Petronilla zwar vor dem Gra⸗ 185 fen geſcheut, deſſen Mundwinkel ſich bisweilen zu einem ſpöttiſchen Lächeln verzogen, aber der Graf hatte dieſer Scheu ein raſches Ende gemacht, indem er mit ſoldatiſchem Freimuth die Behauptung aufſtellte, die Jugend müſſe lieben, und eine liebloſe Jugend könne nur ein liebloſes Alter zur Folge haben. Wir dürfen daher nicht erſtaunen, daß der Ritt⸗ meiſter dem Mädchen feurig, die Hände drückte und von ihr, als ſich der Graf höchſt diseret mit dem Kopfe ge⸗ gen die Mauer wendete, einen warmen, jedoch leiſen Kuß empſing. Tapfere Soldaten dulden keinen langen Wider⸗ ſtand und ſuchen die Feſtungsobjecte, wenn es der Oberbefehlshaber geſtattet, mit Sturm zu erobern. Wir wiſſen auch bereits ſo viel, daß der Rittmei⸗ ſter nicht zu den Memmen gehörte, er forderte daher den erſt ſeit vierundzwanzig Stunden eingeſchloſſenen Platz unter der höchſt ehrenvollen Bedingung einer Heirat zur Uebergabe auf. Und der feſte Platz? Die Beſatzung erklärte, im Augenblicke, als der Trauring an dem Finger ſtecke und der Prieſter ſeine heiligenden Worte über den Bund geſprochen, die Waffen ſtrecken zu wollen. Graf Thurn, deſſen diplomatiſches Talent von 1 186 Freund und Feind anerkannt war, ſpielte bei dieſer Ge⸗ legenheit den Parlamentär und verſprach, auch bei den Eltern vermitteln zu wollen, falls ihm die Braut einen Kuß und der Rittmeiſter Prendl einen Theil der Alt⸗ ſtädter Beute überlaſſen wolle. Prendl nickte etwas verlegen und drehte ſich unrn hig im Bette um. Es iſt nöthig, um die Forderung Thurn's und die Verlegenheit Prendl's zu erklären, auf ein vorhergehen⸗ des Geſpräch zurück zu kommen. Der Leſer wird ſich wohl vielleicht noch erinnern, daß er an unſerer Hand die Krankenſtube in demſelben Augenblicke verlaſſen hatte, als Obriſt Colona von Fels über die Schwelle trat. Was wollte nun der Obriſt noch ſo ſpät im Haus des Kupferſchmiedes? Nichts Anderes als dem Grafen Thurn die Mittheilung machen, daß Obriſt Ramée ſo eben die Altſtadt im Namen des Erzherzog's und Sr. Majeſtät des Kaiſers zur Uebergabe aufgefor⸗ dert habe. Bei dieſer Mittheilung, welche Colonna dem Gra⸗ fen ganz laut machte, hatte dem Rittmeiſter das Herz vor Freude gehüpft, er konnte ſchon in Gedanken ſei⸗ nen Leidensgenoſſen gedemüthigt und ſich in der Rolle 187 eines Retters und Befreiers der ganzen Familie ſehen. Dieſes Vergnügen wurde durch den Verlauf des Geſpräches bedeutend herabgeſtimmt. Graf Thurn frug, was man zu antworten geſon⸗ nen ſei: „Ei wir haben Bedenkzeit verlangt.“ „Wozu Bedenkzeit?“ „Um Euere Meinung zu hören.“ „Viel Ehre für mich.“ „Und was iſt Euere Anſicht.“ „Daß man gegenwärtig den Parlamentair in Frieden entlaße, zugleich aber drohe, den Nächſten, der mit ähnlichen Anträgen kommen ſollte, ſtäupen zu laſſen.“ „Ihr ſprecht mir aus der Seele.“ „Und was ſagt der wohlweiſe Rath und der Bür⸗ germeiſter?“ „O die hätten den armen Schelm zu höchſt am Brückenthurm gehangen.“ „Und warum haben ſie es nicht gethan?“ „Einfach aus dem Grunde, weil ich es verhin⸗ dert habe.“ „Das war brav, ſogar ſehr brav, obgleich es 188 der Ramée nicht abhalten würde die Unſeren Dutzend⸗ weiſe aufzuknüpfen oder zu erſäufen.“ Prendl machte eine Anſtrengung ſeinen Obriſt zu vertheidigen, aber Colonna legte ihm zwei Finger auf den Mund und ſagte ernſt: „Verunreinigt Eueren Mund nicht durch die Vertheidigung eines Kannibalen, den ich auf freien Feld oder von rückwärts niederzuſchießen, mir kein Gewiſ⸗ ſen machte.“ „Es iſt nicht großmüthig,“ ſeufzte der Rittmeiſter, „mit meinen Armen auch die Zunge gefangen zu nehmen.“ „Im Gegentheile,“ verſetzte Thurn,„handelt ein ehrenwerther Freund in Euerem Intereſſe, indem er Euch abhält, eine Thorheit zu begehen; ein Mann, der einen wehrloſen Knaben für eine Schießſcheibe anſieht und ſeine Piſtole nach ihm abfeuert,— und das hat der wackere Bube ſelbſt erzählt,— verdient kein recht⸗ fertigendes Wort eines Ehrenmannes. Uebrigens wird es gut ſein, wenn wir die Schelme ſo ſchnell als möglich vom Halſe kriegen.“ Colonna ſchüttelte den Kopf. „Nicht auch Euere Meinung?“ fuhr Thurn fort. „Der Kaiſer mag nicht bezahlen und der Erzherzog kann nicht.“ „So iſt der Sold rückſtändig?“ 189 „Seit mehr als einem Monat.“ „Wohlan, bietet die Zahlung des rückſtändigen Soldes. Man ſoll wenigſtens nicht ſagen können, daß der Kaiſer genöthigt war ſeine Hauptſtadt mit fremdem Kriegsvolk zu überziehen.“ „Aber die Koſten werden beträchtlich ſein.“ „O noch immer gering genug, um der Welt zu beweiſen, daß nicht wir es ſind, die den Bürgerkrieg und den Ruin des Landes wollen.“ „Gut, es ſoll verſucht werden.“ Der Rittmeiſter konnte ſich nicht des Ausrufes enthalten:„Wenn Ihr zahlt, ſo ſind wir binnen vier⸗ undzwanzig Stunden aus Prag.“ „Wiſſet Ihr das ſo gewiß?“ frug Graf Thurn, indem er einen ſcharfen Blick auf den Gefangenen heftete. „Was den Obriſten Ramée anbelangt, möchte ich dafür bürgen.“ „Hm, Ihr mögt nicht ſo unrecht haben, der Obriſt fürchtet ſich an unſeren Stadtmauern die Zähne auszu⸗ beißen, aber über Ramée ſteht der Erzherzog und über dem Erzherzog der Kaiſer ſelbſt.“ Mit dieſen Worten ſchloß das Geſpräch, auf wel⸗ ches Thurn in dieſem Augenblicke mit ſeinem Begehren eines Beuteantheiles anſpielte. 190 „Nun, wollt Ihr, ja oder nein?“ fuhr der Graf beharrlich fort. „Was den Kuß anbelangt,“ verſetzte Prendl,„ſo kann ich nur für einen Kuß von meinen Lippen gut ſagen, den Ihr nicht begehrt habt, und was den Beute⸗ antheil betrifft, ſo Nchlage ich herzlich gern' ein, und glaube, daß ich meine Freigebigkeit in beiden Puncten nicht ſehr anzuſtrengen haben werde.“ „Nun wohl!, ich erlaſſe Euch den Kuß und über⸗ trage das Recht darauf auf unſere ſchöne Pflegerin, da⸗ zu muß ſie ſich ſelbſt verbindlich machen.“ „Ach Gott,“ ſagte das entzückte Geſchöpf,„ich gebe Euch einen Kuß als Angeld und zwei wenn wir getraut ſind, falls Ihr dieſe Augelegenheit wirklich in Ordnung bringt.“ „Pſt,“ machte der Rittmeiſter und drohte mit dem Finger,„ſeid Ihr doch ein unbehutſames Mädchen, er iſt ja im Stande, Euch im Falle des Mißlingens die Darangabe nach dem Geſetz verdoppelt zurückzugeben.“ „Meinen Kuß, meinen Kuß,“ rief der Graf,„und ich will ſogleich mit dem Vater reden.“ „Ach, den Vater fürchte ich viel weniger!“ ſeufzte Petronilla und ſchlug die Augen zu Boden. „Wen fürchtet Ihr denn?“ 191 „O, ich weiß es,“ verſetzte der Rittmeiſter,„und geſtehe, daß ich ſelbſt Bangen habe.“ „Teufel, Teufel! das muß ernſthaft ſein.“ „Sehr ernſt,“ verſicherte Petronilla treuherzig; „Ihr kennt die Mutter nicht?“ „Ah, mit der Mutter haben wir es alſo zu thun,“ ſagte Thurn.„Und was ſollte denn die gute Frau gegen einen ſchmucken Schwiegerſohn von Rittmeiſter einzu⸗ wenden habeu?“ „O, mehr als Ihr glaubt.“ „Das wäre?“ „Meine Mutter behauptet, daß alle Officiere“... Prendl lachte laut auf, und verlangte, daß ſie ihre angefangene Rede fortſetze. „Nun gut,“ ſprach das Mädchen,„Ihr wollt es: insgeſammt keinen Schuß Pulver werth ſind, und daß ſie ihr Kind lieber dem Freimann, als einem Soldaten angetraut ſehen wollte,“ ſprach das Mädchen, verlegen die Augen niederſchlagend. Prendl, der erſt ſo herzlich gelacht hatte, ſchnitt nun ein ſo langes Geſicht, als ob man ihm die ärgſte Trauerkunde mitgetheilt hätte. Es bedurfte aller Lieb⸗ koſungen des Mädchens, um den armen Gefangenen wieder aufzuheitern. 192 Während ſich Petronilla dieſer Aufgabe nicht ohne den glücklichſten Erfolg unterzog, wurde in der Teyn⸗ kirche fleißig geſungen und gebetet, und wenn wir auf⸗ richtig ſein wollen, noch fleißiger geflüſtert, wenigſtens können wir das Letztere von einem Paare verſichern, das hinter einem Pfeiler nahe dem Hochaltare Platz genom⸗ men hatte. Der Mann, ein blondhaariges Individuum von ſechsunddreißig bis vierzig Jahren, war wohlgebaut, von ſtattlichem Anſehen, und trug ein ſchwarzſammtenes mit Silber verbrämtes Wamms; das Mädchen hatte gleichfalls blondes Haar, aber von einem Blond mit röthlichem Goldſchimmer, wie wir es an den Madonnen⸗ köpfen der älteren italieniſchen Meiſter täglich wahr⸗ nehmen können. Der Teint des Mädchens war, wie es bei Blondinen oft der Fall iſt, von tadelloſem Weiß, die Schultern hübſch gerundet, die Augen mandelförmig geſchnitten und mit etwas zu ſchwachen Augenbrauen geziert. Gekleidet war das Mädchen, wie die meiſten Bürgerkinder jener Zeit, in ein eng anliegendes, mit ſchimmerndem, ſpitz zulaufendem Bruſtlatz verſehenes Mieder und ein bis an die Knöchel reichendes Kleid von dunkler Farbe,— es war Sabine, die blonde Schweſter der brünetten ſchwarzhaarigen Petronilla. Eben ſo ſanft⸗ müthig, als ihre ältere Schweſter entſchieden, war es 193 trotzdem nicht das erſte Mal, daß ſie mit ihrem frommen Nachbar in der Teynkirche zuſammentraf. Obgleich ſie ſeinen Namen eben ſo wenig wußte als er den ihrigen, ſo kannten ſie ſich doch ſchon länger als nothwendig iſt, um zwiſchen zwei Perſonen, die an einander Intereſſe finden, ein kleines Einverſtändniß anzuſpinnen. Der junge Mann ſuchte ſeine Gefährtin eben zu überzeugen, daß die Viertelſtunde, welche die Meſſe noch dauern werde, denn doch etwas zu kurz bemeſſen ſei, woge⸗ gen ihm Sabine zu beweiſen ſuchte, daß der Mann dem Prieſter Unrecht thue, indem er vorausſetzte, daß die Meſſe binnen einer Viertelſtunde perſolvirt werde. „O, Euch mag die Zeit lang genug vorkommen,“ ſagte der Blonde im Tone des Vorwurſs,„mir dünkt jede Meſſe das Werk eines Augenblickes.“ „Wenn Ihr fleißiger beten würdet, könntet Ihr die Zeit nach der Zahl der Vaterunſer bemeſſen!“ „Ach, bete ich Euch nicht an?“ „Schämt Euch einer ſolchen Rede an ſolchem Ort; wenn Ihr j je wieder Unſchicklichkeiten redet, ſeht Ihr mich gewiß nie wieder!“ „Ihr ſeid ein grauſames Geſchöpf!“ „Und Ihr glaubt ſelbſt nicht an das, was Ihr eben ſagtet.“ Die Paſſauer in Prag. I. 13 — 194 „Bei Gott, ich fange an, Euch für grauſam zu halten!“ „Dann thätet Ihr mir einfach Unrecht.“ „Iſt es denn nicht grauſam, daß Ihr mich fort und fort ſeufzen laſſet, ohne ſich um mich weiter zu kümmern?“ „Ach Gott! Mir thut es herzlich leid um Euch, aber kann ich dafür?“ „Ihr allein könnt dafür— Niemand Anderer!“ „Habe ich Euch geheißen, mich zu lieben?“ „Um ſo ſchlimmer; da hätte ich mich doch wehren können.“ „Wie, um ſo ſchlimmer?“ „Es iſt aber wirklich heimtückiſch, wie mit Ueberfall zugegangen.“ „Ihr wollt doch nicht ſagen, daß ich, ein ſittſames Mädchen, Euch überfall enhaäkt das wäre zu abſcheulich!“ „Nein, 8 ſage ich nicht, obgleich es mir lieber geweſen wäre.“ „Wie meint Ihr es denn ſonſt?“ „Ich meine, daß mich Euere Schönheit überraſcht, im Sturme eingenommen hat. 4 Das Mädchen konnte über eine ſolche Anſchuldi⸗ gung unmöglich böſe ſein, ſie gab daher lieber gar keine Antwort. Ihr Peiniger war damit aber ſchlecht zufrieden, ſtieß ſie mit dem Ellbogen an und flüſterte auf's Neue: 195 „Ja, ſo machen es Alle; wenn das Unglück ge⸗ ſchehen iſt, wollen ſie nichts mehr wiſſen.“ „Welches Unglück?“ „Und Ihr fragt noch, welches Unglück, wenn Ihr hört, daß ich bis über die Ohren verliebt bin?“ „Und was ſoll ich dabei?“ „Eine ſchöne Frage! Heiraten ſollt Ihr mich, hei⸗ raten, wie Euere Mutter den Vater geheiratet. Wöul Ihr ³— Welches Mädchen wäre bei einem plötzlichen Hei⸗ ratsantrag nicht erröthet? Auch Sabine blickte verſchämt in ihr Gebetbuch, deſſen heilige Zeilen und Worte in einander verſchwam⸗ men und vor ihren Augen einen diaboliſchen Tanz auf⸗ mführen ſchienen. Von dem nimmer ruhenden Ellbogen des Nachbars berührt, ſuchte ſie ſich endlich ſelbſt Muth einzuflößen und ſagte: „Wenn ich auch ſchon perſönlich nichts einzuwen⸗ den hätte, ſo habe ich doch Eltern.“ „Das iſt ſo ziemlich bei allen jungen Mädchen der Fall.“ „Noch lebende Eltern, die nicht geneigt ſein dürf⸗ ten, dem nächſt Beſten meine Hand zuzuwenden.“ „Wer iſt ein nächſt Beſter?“ frug der Brautwer⸗ 13 ¾ 1 196 ber, ganz vergeſſend, daß er dem Mädchen ſeiner Wahl bisher ſeinen Namen und ſeinen Stand verheimlichte. „Wer iſt ein nächſt Beſter?— Ein Beſter mag ich ſein, und ſo Ihr ja ſaget, auch ein Nächſter— aber nächſt Beſter bin ich keiner!“ Das arme Mädchen, das den ungeſtümen Werber nie ſo erzürnt geſehen hatte, bemerkte, faſt weinend, daß ein namen- und ſtandesloſer Mann wohl nicht anders bezeichnet werden könnte. „Um Vergebung, tauſendmal um Vergebung!“ verſetzte der Blonde gutmüthig.„Was ich für ein när⸗ riſcher Teufel bin; will, daß man in meinen Beruf ver⸗ liebt ſein ſoll und vergeſſe, ihn zu nennen. Ich bin Maler, mein Kind, ein Hofmaler obendrein, und, wie die Leute behaupten, ein guter Maler, und heiße Jo⸗ hann oder Hans von Aachen, wie ſie mich allenthalben nennen.— Wie, und Du weinſt fort, mein ſüßes Kind? Und haſt kein Wörtchen des Troſtes und der Hoffnung für mich?“ Die arme Sabine brach in der That erſt jetzt in ein rechtes Weinen aus, zu dem die früheren Thränen nur ein geringes Vorſpiel ſchienen. Wieder mußte der Ellbogen in Bewegung geſetzt werden, um dem weinenden Mädchen eine Antwort ab⸗ zuzwingen. 3 197 „Und ich ſollte nicht untröſtlich ſein,“ ſagte das Mädchen, die feuchten Augen zu dem Geliebten auf⸗ ſchlagend,„da ich jetzt deutlich ſehe, daß Alles aus iſt?“ „Es würde Euch alſo leid thun, wenn, wie Ihr ſaget, Alles aus wäre?“ Eine neue Thränenflut machte jede Antwort un⸗ nöthig. „Nun,“ fuhr der Künſtler fort,„nun ſegne ich erſt den Tag recht und ſchwöre Euch, ſofern noch ein Kai⸗ ſerwort etwas gilt, das Nichts aus ſein ſoll!“ „Aber meine Mutter kann die Künſtler nicht leiden—“ „Was haben ihr die armen Jungen gethan?“ „O nichts, aber ſie ſagt, daß es lauter Habenichte ſeien, vor denen ſich jedes ordentliche Frauenzimmer in Acht zu nehmen habe.“ „Hm!“ meinte Johann,„da hat Euere Mutter nicht ſo ganz Unrecht. Die Künſtler beſitzen in der Re⸗ gel wirklich keine großen Reichthümer, lieben aber deß⸗ ungeachtet die hübſchen Mädchen.“ „Das geht gut,“ verſetzte Sabine, vom Schluchzen unterbrochen,„Ihr gebt meiner Mutter noch Recht auch!“ „Es beweiſt mir, daß Euere Mutter eine kluge Frau ſein muß.“ „Das ſagen alle Leute.“ 198 „Ha!“ rief der Maler frohlockend aus,„alſo an⸗ dere Leute ſind der gleichen Meinung, deſto beſſer; ich werde alſo eine kluge Dame zur Schwiegermutter be⸗ kommen.“ In dem Augenblicke ſprach der Prieſter das übliche „Dominus vobiscum“ und die Meſſe war vorüber, die Leute drängten nach dem Ausgange und rießen das verliebte Paar mit ſich. „Teufel, Teufel!“ ſagte der Maler,„die Meſſe iſt ſchnell zu Ende gegangen!“ „Um Gotteswillen, was macht Ihr denn?“ ver⸗ wies das ſanfte Mädchen.„Redet meinetwegen vom Teufel, wenn Ihr es ſchon nicht beſſer könnt, außer der Kirche, aber nicht da, wo dieſer Ausdruck am übelſten angebracht iſt.“ „BVerzeiht mir nur noch diesmal,“ verſetzte der Künſtler,„und Ihr werdet ſehen, daß ich mich beſſere!“ Das Mädchen lächelte und ſtand im Begriffe, an der Kirchenthüre Abſchied zu nehmen, aber der Maler wollte davon nichts hören. „Ich will,“ wendete er ein,„mit der klugen Frau ſprechen, die keinen Künſtler zum Schwiegerſohne mag, und Sie ſoll in drei Teufels Namen ja ſagen, ſo wahr ich Hans von Aachen heiße!“ „O, wenn Ihr mich in drei Teufels Namen zur 199 Ehe verlangt,“ verſetzte das Mädchen ſchelmiſch,„dann wird ſie gewiß jedes Bedenken fahren laſſen.“ „Nur nicht gezürnt, meine liebſte Anna, Erneſtine, Joſefa oder wie Ihr ſonſt heißt— ſchade, daß ich keinen Vater habe, der ein ſo namenloſes Mädchen als Schwie⸗ gertochter ablehnen könnte.“ Das aeme Mädchen verſetzte dem übermüthigen Künſtler einen kleinen Streich auf den Arm und ſagte mit einem tiefen Knix, daß ſie Sabine Hum⸗ mel heiße, und„der Kupferſchmied Caſpar Hummel. im ſteinernen Röſſel“ ihr Vater ſei. „Ach, mein Gott, warum nennt ſich der würdige Vater nicht lieber Biene ſtatt Hummel?“ gab Hans von Aachen zur Antwort.„Wie unendlich viel lieber hätte ich Euch, mein emſiges Bienchen geheißen, als meine theuere Hummel; indeß ſei ihm, wie ihm wolle, ich fürchte keinen Stachel, und darum vorwärts, mein Bräutchen!“ Mit dieſen Worten trieb der Maler ſeine Ge⸗ liebte an, und ließ ſich in das Haus ihrer Eltern führen. Wir wollen ihn auf der Schwelle verlaſſen und zwei anderen Damen in die Kirche folgen. 12. Wir verſprachen unſeren Leſern, der wackeren Frau Hummel in die„Heinrichskirche“ und dem Dienſtmäd⸗ chen zu den„Kreuzherren“ zu folgen. Beginnen wir mit der Dame vom Hauſe. Katharina Brigitte erreichte das Portal der kleinen Kirche ohne Unfall. Die Meſſe hatte bereits ihren Anfang genommen und die Meiſterin fand nur mehr in einem der hinterſten Stühle, ganz an der Kirchenthüre Platz, ſie ſchlug ihr dickleibiges Gebet⸗ buch auf und verſenkte ſich in tiefe Andacht, aus welcher ſie die Stirne eines Bettlers weckte, der ſehr eindringlich um Almoſen bat. Der Bettler war in allerlei Lumpen gehüllt, trug die Füße ganz nackt und hinkte an einem Krückenſtock einher, über dem linken Auge lag eine ſchwarze Binde unterhalb welcher ſich eine tiefe Schramme bis an das Kinn zog, wo ſie ſich in dem verworrenen Barthaar verlor. Die Züge des dicht bebarteten Ge⸗ 201 ſichtes übten unwillkürlich den Eindruck großer Ver⸗ ſchmitztheit, welche mit Muth und ſeltener Körperkraft gepaart ſchien; Schade nur, daß dieſe kräftige Geſtalt nun durch ein Fußübel gehindert wurde, aus all' den Eigenſchaften, die ſie ſo ganz zum Waffenhandwerk be⸗ ſtimmt zu haben ſchienen, Vortheil zu ziehen. Jener Eindruck ungewöhnlicher Verſchmitztheit wurde noch durch eine ungewöhnliche Beweglichkeit des grünlich ſchillernden Augapfels, des einen noch übrigen Auges, und einen eigenthümlich ſpöttiſchen Zug um die Mund⸗ winkel unterſtützt. Katharina Brigitte entſann ſich den⸗ ſelben Landſtreicher ſchon den ganzen Morgen über, um das Haus herum lungern geſehen zu haben, ſie griff deſſen ungeachtet in die Taſche, welche ſie an ihrem Gürtel trug, langte etwas kleine Münze hervor und reichte ſie, ohne einen Blick von dem Buche zu wenden, dem Bettelmanne, dieſer faßte aber zum nicht geringen Schreck der Meiſterin die Hand der Geberin, ſchob ihr einen Zettel zu und eilte ſo raſch er konnte nach der Thüre. Der Zettel enthielt die Warnung, daß kein Stein auf dem anderen, und kein Bewohner des Hauſes zum ſteinernen Röſſel am Leben bleiben ſolle, wenn der ketzeriſche Rebell nicht binnen zwölf Stunden in die Hände der Gerechtigkeit geliefert ſein würde. Unter⸗ — 202 zeichnet war die ſonſt ganz correct abgefaßte Zuſchrift mit den Worten:„Ein Freund.“ Der Schreiber konnte unmöglich mit dem Cha⸗ racter der tapferen Meiſtersfrau bekannt geweſen ſein, denn ſie lächelte verächtlich, ſchob den Zettel in die Taſche und fuhr ruhig fort zu beten; der Bettler, wel⸗ cher erwartet hatte, daß die Zuſchrift eine ganz andere Wirkung hervorbringen würde, ſchlich vor der Kirchen⸗ thüre auf und ab und erwartete jeden Augenblick die würdige Frau aus der Kirche ſtürzen zu ſehen. Da ſich die Erwartung nicht erfüllte, gerieth er auf den Ge⸗ danken, daß ihr der gähe Schreck eine Ohnmacht zuge⸗ zogen habe, und ſchlich ſachte durch die halb offene Sei⸗ tenpforte in das Kirchenſchiff zurück, da ſah er aber die gute Frau ruhig knieen und beten, als ob nichts vorge⸗ fallen wäre, er begab ſich kopfſchüttelnd auf ſeinen frü⸗ heren Standort vor der Kirche und ſchritt, des Hinkens ganz vergeſſend, ungeduldig nnnd den Knotenſtock wie einen Degen ſchwenkend, auf und ab. Als der Gottesdienſt noch immer nicht enden wollte, zog er eine ſehr dicke, plumpe, umfangreiche Sack⸗ uhr, ein ſogenanntes Nürnberger⸗ Ei aus der Taſche und brummte gewaltig als er bemerkte, daß die Zeiger anf halb eilf wieſen. In dem Augenblicke ſchlug auch die Uhr am Kirchthurme und die Meſſe war zu Ende. Sofort nahm der Bettler wieder ſeine breßhafte Stellung an, zog den einen Unterfuß wieder in die Höhe, die Binde, die er über das linke Auge hinauf ge⸗ ſchoben hatte, wieder zurecht, daß ſie dasſelbe vollkommen deckte, nahm die ſchmierige Mütze vom Kopf, der von wüſtem ſtruppigem Haar überwuchert war, und ſchlug das eine unverhüllte Auge zum Himmel empor, indem er ſcheinbar mechaniſch und ſeine Mütze in der ausge⸗ ſtreckten Hand vor ſich haltend,„Ein alter armer Krüp⸗ pel bittet um ein Almoſen“ immer von Neuem wieder⸗ holte.—. So muthig auch Katharina Brigitte war, ſo prallte ſie doch zurück, als ſie des Bettlers beim Hin⸗ ausgehen aus der Kirche wieder anſichtig wurde. End⸗ lich faßte ſie jedoch Muth und ſchritt ohne ihn anzu⸗ blicken, raſch vorüber. Ohne ſich eigentlich über den Grund ihrer Aengſtlichkeit Rechenſchaft geben zu können, eilte ſie doch haſtig vorwärts; der Inſtinkt, der ſie zur Eile trieb, betrog ſie auch nicht, denn ſie fühlte ſich in dem Momente, als ſie um die Ecke bog, um den„gro⸗ ßen Ring“ zu erreichen, am Arm gefaßt. Wieder war es der Bettler, der ihr lautlos auf Schritt und Tritt gefolgt war, die Bürgersfrau warf einen einzigen ſor⸗ genvollen Blick um ſich, gewann aber raſch ihr Selbſt⸗ vertrauen, da ſie bemerkte, daß die Straße weder ein⸗ 204 ſam noch menſchenleer war. Sie frug den Bettler dro⸗ hend, was ihn noch einmal auf ihren Weg führe. Dieſer ließ ſich jedoch nicht abſchrecken, ſondern frug grinſend, ob ſie den Zettel geleſen, den er ihr in die Hand ge⸗ ſteckt. Als die Frau bejahte und nun ihren Weg unbe⸗ dingt fortſetzen wollte, vertrat ihr der Bettler den Weg und frug ſie: „Nun, habt Ihr Euch entſchloſſen?“ „Ja, Euch in's Gefängniß zu ſchicken,“ erwiederte die Bürgerin und machte Miene um Hülfe zu rufen. In demſelben Augenblicke verſetzte ihr der Bettler einen ſo heftigen Stoß, daß ſie beſinnungslos auf das Plaſter hinſchlug. Der Fall der guten Frau zog die Aufmerkſamkeit der Fußgänger auf ſich, die ſich beeilten ihr Beiſtand zu leiſten, der Bettler benützte aber, wie es ohne Zweifel ſeine Abſicht geweſen war, als er den ge⸗ waltigen Stoß führte, die Gelegenheit ſich ſchleunigſt zu entfernen. Auf ſeinen Rückzug ſtieß er noch in babylo⸗ niſcher Sprachenverwirrung die fürcherlichſten Flüche wälſcher und deutſcher Zunge aus. Laſſen wir die wackere Meiſterin ſich aufraffen und von einigen wohlwollenden Menſchen unterſtützt nach Hauſe wanken und begleiten wir lieber den ſonderbaren Bettler, da er denſelben Weg einſchlägt, den kurz zuvor die Dienſtmagd genommen. Der Weg führte allerdings 205 nicht nach der Kreuzherrenkirche, wohl aber nach dem Moldauufer. Hier ſtand ein behäbiger zierlich bekleideter Mann, der die Hände in den Beinkleidtaſchen geſteckt hielt und mit einem ſonntäglich geputzten Dienſtmädchen im eifrigen Geſpräche begriffen war. Es hatte den Anſchein als ob ſeine Meinung auf Widerſtand ſtieß und er ſich nun alle erdenkliche Mühe gebe, die Magd von der Rich⸗ tigkeit ſeiner Behauptung zu überzeugen; ſo hätte es wenigſtens Jedermann deuten müſſen, der das beſtän⸗ dige Kopfſchütteln Chriſtel's und die Anſtrengung des dicken Herrn bemerkt hätte. „Ich ſage Euch,“ fuhr der Mann mit dem roſigen Antlitz und den Händen in der Hoſentaſche mit erhöhter Stimme fort,„ich ſage Euch! bei der Förſterei im Stern, Hochzeit und ein huüͤbſcher Mann, wenn Ihr nur ein wenig discret ſein wollt.“ „Ich glaube discret genug zu ſein,“ erwiederte das Mädchen,„wenn ich gegen meine Herrſchaft ſchweige.“ „Darum handelt es ſich ja nicht, redet, wenn es Euch beſſer anſteht, erzählt Euerem Herrn den ganzen Liebeshandel und ich wette hundert gegen Eins, daß er ſich von der Zuneigung eines ſo hohen Herrn gegen ſo ein ſchnippiges Ding, wie ſeine Kindswärterin iſt, höchſt geehrt fühlen wird; was ich verlange iſt, daß Ihr uns von Allem, was in Euerem Hauſe vorgeht, in Kenntniß 206 ſetzt, oder habt Ihr vielleicht Euerer Herrſchaft einen Eid der Verſchwiegenheit geleiſtet? Was ſoll's mit Eu⸗ erem Verwundeten? Was gedenkt der Graf zu begin⸗ nen? Hätte er nicht Luſt die Gnade Sr. Majeſtät in Anſpruch zu nehmen? ich kenne Leute, die ihm um eine geringe, kaum nennenswerthe Summe vollkommen Ver⸗ zeihung verſchaffen würden. Sagt dem Grafen, daß Euch ein Mann bekannt ſei, in deſſen Macht es liegt, ihn mit dem Kaiſer auszuſöhneu, ſetzt aber hinzu, daß ſein Kopf in Gefahr ſchwebt, wenn er ſich lange beſinnt, ja, daß es Leute gibt, die im Stande wären ihn mitten unter ſeinen Freunden aus dem Bett zu reißen und weiß Gott nach welchem finſteren Neſt in's Gefängniß zu führen. „Ihr könnt einfließen laſſen, daß der kaiſerliche Kammerdiener Lang— Ihr werdet den Namen behal⸗ ten— daß Philipp Lang herzlichen Antheil nimmt,— ich würde Euch gerne etwas Schriftliches mitgeben, aber ihr könntet es verlieren“— hier zögerte der kaiſerliche Kammerdiener einen Augenblick unſchlüſſig, rieß aber dann plötzlich ein Stückchen Papier ohne Namensunter⸗ ſchrift aus ſeinem Taſchenbuch heraus und ſagte: „Was thut's, kann doch Niemand beweiſen, daß es von mir kömmt— da bringt dem Grafen dieſen Zet⸗ tel, ich weiß, der Graf iſt nicht reich und deshalb habe vq·q 9 * ich es billig gemacht. Da ſteht es,“ er bot dem Mäd⸗ chen mit dieſen Worten, ein mit fremder Schrift beſchrie⸗ benes Papier, das nichts weiter, als einen Verkauf der Herrſchaft„Wintirzow“ enthielt. Der wohlwollende Kammerdiener hatte nur die freundliche Abſicht dieſe große Herrſchaft um vier tau⸗ ſend Thaler an ſich zu bringen und den fehlenden Kauf⸗ ſchilling durch ſein Vorwort beim Kaiſer zu erſetzen. „Wenn,“ fuhr er fort,„der Handel durch Eure Vermittlung gelingt, ſeid ihr Förſterin am Stern, wo nicht— nicht.“ Das Dienſtmädchen, das endlich zur Ueberzeu⸗ gung gebracht war, daß in dem Anſinnen des Kam⸗ merdieners nichts Sträfliches liege, ſagte zu. Der Kammerdiener aber, der den Auftrag hatte das Mädchen ohne jede weitere Bedingung zur Förſte⸗ rin von Stern zu machen, knüpfte, wie wir geſehen, ſeinen Privatvortheil au das kaiſerliche Gnadengeſchenk. Der Kammerdiener legte gerade den Finger an die Lippen, um dem Mädchen Stillſchweigen zu empfehlen, als der Bettler auf dasſelbe zuwankte. Das Mädchen wich betroffen zurück und fand ge⸗ rade noch ſo viele Zeit das Blatt in ihrem Buſentuch zu verbergen. 3 Der Bettler ſchien betrunken, er taumelte aber⸗ 208 mals auf das Mädchen zu, faßte es am Kinn und machte Miene ſie zu küßen. Die arme Dirne kreeiſchte laut auf: „Zu Hülfe, zu Hülfe!“ Der Kammerdiener glaubte mit dem Trunkenbold leicht fertig zu werden und holte in der That zu einem Fauſtſchlag aus, den er dem Landſtreicher in's Geſicht zu verſetzen gedachte. Der Bettler ſetzte ſich nun ſeiner Seits ebenfalls in Bereitſchaft, ſchob die Binde vom Auge zurück und entfernte einige Lumpen, welche einen integrirenden Be⸗ ſtandtheil ſeiner Kleidung bildeten. Durch dieſe Bewe⸗ gung wurde ein fein gegliedertes Stahlhemd ſichtbar, welches der Landſtreicher unter ſeinen Lumpen trug. Als er das Erſtaunen des Kammerdieners be⸗ merkte, der die erhobene Hand langſam ſenkte, rief er ihm mit wildem Gelächter zu: „Ei warum ſchlägſt Du denn nicht, ſchuftiger Bur⸗ ſche? oder hält Dein Muth nur gegen wehrloſe Bettler Stand?“ Dann wandte er ſich furchtlos an das Mäd⸗ chen, ſtrich ihr über die Wange und ſagte: „Sie zimperliches Ding wird doch ſchon mehr als einen Schnautzbart an ihren Lippen gefühlt haben. „He, habe ich nicht recht?“ Lang hätte nun für ſein Leben gern geantwortet: 209 „Ja aber einen kaiſerlichen,“ doch beſann er ſich und ſagte geringſchätzig: „Schade, daß die kaiſerliche Armee aus ſolchen Elementen beſteht.“ „Was verſteht ihr unter Eueren Elementen Ihr verfluchter Galgenſchwengel.“ Herr Lang zuckte verächtlich die Achſeln und ver⸗ ſetzte mit ſcheinbar großer Gemüthsruhe: „Ich werde über Euer Benehmen Klage führen, guter Freund!“ 4 „Bei wem werdet Ihr klagen?“ „Bei Euerem Vorgeſetzten, mein Lieber.“ „Worüber werdet Ihr klagen?“ „Daß Einer ſeiner Leute— denn ich glaube feſt, daß Ihr dazu gehört, in unwürdiger Vermummung herumſtreicht und ehrlichen Bürgern läſtig fällt.“ „So das wolltet Ihr?“ „Beim Leibe Chriſti ich gehe geradenwegs zum Obriſt.“ „Zu welchem Obriſt?“ „Zum Teufel mit Eueren Fragen, ich werde mit dem Ramée ſprechen.— Ach, jetzt ſchlägt Euch das Herz, — ja der brave Obriſt Ramée weiß, wo für Eueres Gleichen der Hanf gedreht wird.“ Die Paſſauer in Prag. I. 14 210 „Immer beſſer Ihr wollt Euch bei Ramée be⸗ ſchweren?“ „Ja ich will, und der Ramée wird Euch hängen laſſen.“ „Nun der Ramée ſteht vor Euch, Kerl, wie er leibt und lebt.“ „Ihr der Ramée! das macht mich lachen.“ „Lacht ſo viel ihr wollt, das Weinen wird ſeiner Zeit von ſelbſt an die Tagesordnung kommen und jetzt, was ſteckte Euch der Lümmel für ein abſcheuliches Ge⸗ kritzel zu?“ Der Kammerdiener blinzelte und zwinkerte vergeb⸗ lich mit den kleinen grauen Augen, Ramée der nicht blöde war, zog, ehe noch das Mädchen an ſeine Ver⸗ theidigung denken konnte, den Kanfvertrag aus dem Buſentuch, in welchen Chriſtel das Papier verborgen hatte.„Nicht übel“ bemerkte der Soldat nachdem er das unterzeichnete Document durchleſen hatte,„Ihr con⸗ ſpirirt mit dem Feinde Eueres Herrn. „Wir wollen eine neue Art Galgen erfinden, um Euch eine Klafter höher hängen zu können, als jeden klei⸗ neren Schuften, und jetzt vorwärts 1“ Der verkappte Bett⸗ ler zog ein ſilbernes Pfeifchen und that einen ſchrillen Pfiff. Auf dieſes Zeichen nahte ſich augenblicklich ein An⸗ n- 211 Kahn, welcher hinter einem Weidengebüſche verborgen gelegen war. Zwei militäriſch ausſehende und wohlbewaffnete Männer lenkten das Fahrzeug und legten unmittelbar an der Stelle an, wo ſich die handelnden Perſonen die⸗ ſer Scene befanden. Zum Schreck und Erſtaunen des Kammerdieners wurde der Bettler als Obriſt bewillkommt. Ramée trieb den furchtſamen Lang, ſeinen Rü⸗ cken mit dem Degengriff tüchtig bearbeitend, in den Kahn und ſtieß ihm auch das Mädchen in das Fahr⸗ zeug nach. Endlich ſprang er ſelbſt in das Schiff, ſo daß der Kahn in Gefahr gerieth umzuſtürzen und lachte höh⸗ niſch, als er das Wehgeſchrei der unfreiwilligen Deck⸗ gäſte vernahm. Hätte er den tückiſchen Blick bemerkt, welchen Lang nach ihm ſchoß, vielleicht hätte er gedacht, daß es Menſchen gibt, die man entweder nicht beleidigen oder vollends tödten muß, wenn man ſich nicht ſchlimmen Folgen ausſetzen will. Der Obriſt, der ſeines Bettleraufzuges müde war, nahm ſich nicht die Zeit zu phyſiognomiſchen Beobach⸗ tungen und empfahl den Schiffleuten nur raſch an das rechte Moldauufer hinüber zu rudern. 14* In der That erwartete man den Obriſt jenſeits mit banger Ungeduld. Man wußte auf der Kleinſeite bereits, daß die Altſtädter die Uebergabe verweigert hatten, und erwartete nur mehr einen Glücksfall von Ramée's Sendung. Als der Erzherzog, welcher von ſeinen Räthen und vornehmſten Hauptleuten umgeben, am Ufer hielt, wo er eine Batterie errichten ließ, des Obriſten anſichtig wurde, der den kaiſerlichen Kammerdiener und das Dienſtmädchen im Gefolge hatte, brach er in ein ſpötti⸗ ſches Gelächter aus, das aber bald einer ernſteren Stim⸗ mung Platz machte, als er bemerkte, daß die beiden Leute von dem Obriſten wie Gefangene behandelt wur⸗ den. Was er ſich ſelbſt gegen ſeines Vetters Liebling erlaubte, das ſah er wohl ein, durfte ſich kein Unterthan, und wenn es der erſte Edelmann Böhmens wäre, ge⸗ ſtatten. Der Haß, welcher ſich in den Geſichtszügen des Kammerdieners abſpiegelte, überzeugte ihn auch ſo⸗ gleich, daß hier ein großer Mißgriff begangen wor⸗ den ſei. 3 Als ihm daher der Obriſt den Kammerdiener als einen Ueberläufer und Verſchwörer darſtellte, und Luſt zeigte, ihn an Ort und Stelle aufzuknüpfen, da runzelte Leopold ſeine Stirne mehr denn je, und ſagte zu ſich ſelbſt: —,— —— —— ¹ 213 „Ja, hängen ſoll Einer, wenn auch nicht gleich und wenn auch nicht der Kammerdiener Sr. Majeſtät!“ Gleich darauf nahm das Geſicht des Kirchenfürſten den Ausdruck gnädiger Herablaſſung an; er ſagte zu dem Kammerdiener:„Philipp! vergib dem Obriſt den mili⸗ täriſchen Schabernack, den er Dir ſpielte, ich will es, und Ihr, lieber Obriſt Ramée,“— dieß ſprach er noch immer gnädig, aber doch ſo, daß der Officier über die eigentliche Meinung Sr. Durchlaucht nicht in Zweifel bleiben konnte,—„und Ihr wählt Euch künftig andere Gegenſtände Euerer Narrenpoſſen.“ Der Obriſt wollte etwas erwiedern, aber Leopold wehrte jeden Widerſpruch durch eine Handbewegung ab; das erzürnte den leicht erregbaren Mann noch mehr, er rief mit vor Wuth bebender Stimme: „So möge Euere Durchlaucht wenigſtens Ihren eigenen Augen trauen,“ und wollte dem Erzherzoge das Verkaufsinſtrument überreichen; Leopold frug aber un⸗ willig, was das für ein Papier ſei, und auf die Erklä⸗ rung, daß es Lang dem Dienſtmädchen eingehändigt hatte, nahm der Erzherzog das Document aus den Händen des Obriſt's, aber nur um es dem Kammer⸗ diener ungeleſen wieder zuzuſtellen. Lang ließ einen ein⸗ zigen Blick auf ſeinen Gegner fallen, es war dies aber ein Blick des rückſichtsloſeſten Triumphes, ein Blick des 214 Haſſes, welcher eine ganze Kriegserklärung ſammt der feierlichen Zuſage raſcheſter Vergeltung enthielt. Ramée, welcher nicht eben ſo gut wie der Erzherzog die Bedeu⸗ tung des kaiſerlichen Kammerdieners zu würdigen ver⸗ ſtand, hatte keinen Schlüſſel ſich die Handlungsweiſe ſeines Herrn und Meiſters zu erklären; er vergalt daher Haß mit Haß, und hoffte, die Stunde würde ohne Zwei⸗ fel erſcheinen, wo er ſeinen Lieblingsgedanken, Herrn Lang auf einem Galgen von außerordentlicher Höhe baumeln zu ſehen, ausführen werde können. Der Kammerdiener leiſtete ſeufzend auf ſeinen ſo vortrefflich eingeleiteten Plan, des Grafen Thurn Grund⸗ beſitz ſeinem eigenen Vermögen zu annexiren, Verzicht, und hieß das Dienſtmädchen, indem er ſich das Anſehen gewaltiger Großmuth zu geben nicht verſäumte, von dem Förſterhauſe zu Stern Beſitz nehmen, dann benützte er die angelegentliche Unterhaltung des Erzherzogs mit ſeinen Räthen ſich davon zu ſchleichen und ſogleich zum Kaiſer zu begeben. Die Wirkung ſeiner Unterredung mit dem Monarchen ließ nicht lange auf ſich warten. Der Erzherzog und das Paſſauer Kriegsvolk harr⸗ ten, nachdem die Altſtadt die Unterwerfung geweigert, ungeduldig des kaiſerlichen Befehles zum Angriff. Leopold hatte die verſchiedenen Truppenführer ausdrück⸗ lich zu dem Ende verſammelt, um die letzten Anordnun⸗ 215 gen zur Beſtürmung der Altſtadt zu treffen. Kaiſer Rudolph hätte vielleicht in die don dem Erzherzoge drin⸗ gend empfohlene Gewaltthat gewilligt, wenn nicht der allvermögende Kammerdiener ſeinen Herrn auf andere Gedanken gebracht hätte, und ſo verſtrich deun auch die Zeit zum Handeln. Hätte der Kaiſer oder Erzherzog Leopold bemerken können, was ſich um dieſelbe Zeit am Altſtädter Thor, von welchem die Straße nach Wien führte, begab, ſie würden vermuthlich der unſeligen Zanderpolitik ein Ende gemacht haben. Ein vierzehnjähriger Burſche wurde zur ſelben Stunde auf ein gutes Pferd geſetzt, mit Geld hinreichend verſehen, und mit freundlichen Worten und großen Verſprechungen aufgemuntert. Der Burſche war bloßfüſſig und hatte das Beinkleid bis zum Knie auf⸗ geſtreckt, unter dem Arm trug er ein zuſammengeſchnür⸗ tes ſchmutziges Paar Stiefel, ſonſt nichts, nicht einmal eine Kappe. Der Burſche ritt das Pferd augenſcheinlich von der Schwemme zurück, ſo mußte Jeder urtheilen, der weder die volle Börſe noch auch die Stiefelröhren des Troßbuben näher unterſucht hatte. Die ſchmutzigen, abgetretenen Stiefel enthielten in ihrem Dunkel ſehr reines, weißes Papier verborgen, welches ſeinerſeits eine höchſt intereſſante Zuſchrift an den König von Ungarn enthielt, und noch viel intereſſantere Namensunterferti⸗ 216 gungen an ſich trug. Da konnte man die Unterſchrift des kaiſerlichen Oberſthofmeiſters Carl Liechtenſtein, der Grafen: Fürſtenberg, Thurn, Waldſtein, Kinsky, Czernin, Roſenberg, Lobkowitz, Haſſenſtein, Wartenberg, Schlick, Kolowrat, der Puppa, Berka, Smirczicky, Ran⸗ powa, Kaplircz, Berbisdorf, Ottendorf, kurz der reichſten und mächtigſten böhmiſchen Cavaliere leſen. Und der Inhalt ſelbſt? Der König von Ungarn wurde darin um Beiſtand und Hülfe gegen das Paſſauer Kriegs⸗ volk, welches ſein künftiges Erbe, das Königreich Böhmen und Prag ſelbſt mit völligem Ruin bedrohe, angeflehet. König Mathias wurde aufgefordert, keinen Angenblick zu ſäumen, da die Armee des Erzherzogs eine gegen ihn gerichtete beſtändige Drohung ſei, welche, wenn er, der König, nicht zuvorkomme, ſich noch zum Schaden des ganzen erlauchteten Erzhauſes verwirk⸗ lichen dürfte. Mit dieſer Zuſchrift im Stiefel ritt Jan Kafka wohlgemuth und unangefochten durch die herumſchwär⸗ menden Reiter des Paſſauer Volkes, welche die Com⸗ munication der Altſtadt mit dem flachen Lande ver⸗ hindern ſollten. Ende des erſten Theiles. Druck von Lutſchansky u. Spitzer.