hedenr Tag 5 Pf. bezahlt. en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü ein hinterlegen, welche bei deſſ wird. 1 4. Abo beträgt: 3 für wöchentlich auf u Lad lorene oder defecte Bu der 5. Auswärtige Abonn der Bücher auf ihre 3 6. Schadenersatz. defecte Bücher(namen Leih- und Jeſebedingungen. . Oſtensein der Bibliothek. Die Bibliothek Pfunonayme und Rückg ſteht zur Em⸗ abe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ees Buches, eine dem We 5 Für beſch erthe deſſelbe Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ g ſſen, bei Entgegennahme de de n entſprechende Summe een Zurückgabe von mir zurückerſtattet nement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2/⁄Bücher: —— 1 Monat: 1 Mk. 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Capitel. Die Perſöhnnng......... XXXII. Capitel. Eine Hausdurchſuchung...... XXXIII. Capitel. Hülfe in der Noth....... XXXIV. Capitel. Die Kataſtrophe........ XXXV. Capitel. Ein unerwarteter Beſuch..... XXXVI. Capitel. Zwei Trauungen(Schluß).... Der alte Cardinal. XXIX. Capitel. Am Krankenlager. In einem geräumigen, mit grünen Tapeten aus⸗ gelegten Zimmer des zweiten Stockwerkes der Hofburg, das nur nothdürftig mit Möbeln ausgeſtattet war, ſtand in einer Mauervertiefung, ganz nahe dem marmornen Kamin, in welchem trotz der heißen Jahreszeit halbver⸗ brannte Kohlen anzeigten, daß noch unlängſt hier ein ſtattliches Feuer gebrannt hatte, ein hoch aufgethürmtes, reich mit Vergoldung ausgeſchmücktes Bett, das durch einen hohen Baldachin, deſſen Gipfel durch eine Krone gebildet und durch dichte, von oben herabhän⸗ gende Vorhänge den Eintretenden verborgen wurde. Aus dieſem Bett drang fortwährend ein leiſes Stöhnen. Haas: Der alte Cardinal. IV. 1 —4—— 2 Kammerdiener eilten auf den Zehenſpitzen ab und zu, ein ältlicher hagerer Mann ſaß in der Fenſterbrü⸗ ſtung und blätterte in einer Art Tagebuch, während ein anderer Mann ziemlich gleichen Alters neben dem Bette ſtand und von Zeit zu Zeit den Vorhang lüftete und einen Blick auf den Kranken warſ. Neben dem Bette ſtand eine Art Nachtkäſtchen, das freilich in der Form von unſeren Möbeln dieſer Art himmelweit verſchieden war. Die obere Fläche wurde durch ein Drahtgitter be⸗ gränzt. Innerhalb desſelben ſtanden zahlreiche Tinctu⸗ ren und Tränke von tief dunkler Färbung bis zur Helle des Waſſers. Neben dieſen Fläſchchen und Tiegeln be⸗ fanden ſich Pillenſchachteln und Theeſäckchen. Eine an⸗ gezündete, mit Weingeiſt gefüllte Lampe, über welcher ein Tiſane kochte, vollendete das Bild des Krankenzim⸗ mers. Die herabgelaſſenen Rouleaux brachten ein Halb⸗ dunkel hervor, das die blaue Flamme der Weingeiſtlampe noch ſichtbarer machte. Die beiden Anweſenden waren die Aerzte Mignoni und Magnus, der Kranke Kaiſer Mathias. Wieder einmal hatte den Monarchen ſein altes Uebel, die leidige Gicht, mit doppelter Gewalt gepackt. Er litt wirklich, die zuſammengezogenen Sehnen an den Füßen und die gekrümmten Finger zeigten es deutlich. Das ſchmale, blaſſe Geſicht des Kaiſers war feucht von Schweißtröpfchen, welche ſowohl der heftige Schmerz 3 als die dichte Umhüllung auspreßten. Ein völliger Berg von Decken und Tüchern lag auf dem Kranken, der ſelbſt wieder in doppelte Linnen gehüllt war, ſo daß nur der Kopf aus der Unmaſſe von Kleidungsſtücken und Bettzeug hervorragte. „Iſt die friſche Sendung von Gentiana verna ſchon angelangt?“ fragte Mignoni ſeinen Genoſſen Magnus, der in der Fenſterniſche noch immer blätterte, mit halblauter Stimme. „Nein, Herr Collega, noch nicht, bedenkt doch die Entfernung; wie wäre es möglich, binnen vier und zwanzig Stunden dieſe Blumen am Schneeberg zu ſammeln und auch ſchon hier zu haben.“ Der Kaiſer ſtöhnte wieder auf. Mignoni wandte ſich an den Fürſten. „Geduld, Majeſtät! ich erwarte von der Gentiana die herrlichſten Erfolge. Die Gentiana verna iſt eine Pflanze, die nur auf den höchſten Zacken der Alpen wächſt.“ „Was kümmert mich das, wo Eure Kräuter ſproſ⸗ ſen,“ ſeufzte der Kaiſer,„heilt mich lieber.“ Mignoni ſchüttelte den Kopf und erwiederte:„Ich habe Euer Majeſtät wiederholt, obgleich vergeblich, vor der Zukunft gewarnt; ich habe gewagt, Euer Majeſtät zum Oeftern den Genuß des Weines zu unterſagen und gegen alle ungewöhnliche Ausdehnung der Tafel⸗ . 1* 4 freuden feierlichſt zu proteſtiren; nun ſind wir wieder da, wo wir vor einem Vierteljahr waren.“. Der Kaiſer runzelte leicht die Stirne und antwor⸗ tete:„Das weiß ich Alles ſelbſt und habe nicht darnach gefragt; ich möchte aber aus dem Bette ſein, dazu ſollt Ihr mir helfen, wenn Ihr überhaupt helfen könnt.“ Mathias ſchwieg hier und fuhr nach einer Pauſe wieder wie zu ſich ſelbſt redend fort:„Wollen Aerzte ſein und ſtrotzen voll Gelehrſamkeit und unverſtändlicher Redensart, vermögen aber nicht einmal das einfachſte Uebel zu beſeitigen.“— „Ja wenn Eure Majeſtät ſich entſchließen könnte,“ wagte Mignoni einzuwenden. „Zeitlebens zu faſten, mich zu kaſteien, dem bischen Lebensgenuß zu entſagen, deſſen ich noch fähig bin,“ unterbrach ihn der Kaiſer,„wenn ich wie ein Karthäuſer leben wollte, dann meint Ihr, würde ich ſechs Wochen ſpäter ſterben als ſo mein Loos ſein wird. Nein daraus wird nichts, mein Herr. Dem Zugwind will ich mei⸗ nethalben ausweichen, daß ich aber wie ein Karthäuſer leben ſollte— nimmermehr.“ Mignoni wechſelte einen Blick mit Magnus. Der Kaiſer fragte:„Kann ich mit dem Cabinets⸗ director arbeiten?“ Mignoni entgegnete:„Euer Majeſtät vermögen ſich ſelbſt am beſten Antwort zu ertheilen, fühlt Euer 5 Majeſtät von Schmerz nicht behindert, ſo wird die Ar⸗ beit ſogar wohlthuend und zerſtreuend wirken.“ „Und doch rathen mir die Leute von jeder Be⸗ ſchäftigung ab.“ „Das ſind Eure Feinde, Eure ärgſten Feinde,“ widerſprach Mignoni erhitzt. „Aber das hat mir noch jüngſt mein eigener Bru⸗ der gerathen.“ „Das iſt ein Anderes. Se. Durchlaucht führt die Bruderliebe unſtreitig zu weit; er verzärtelt Eure Najeſtät.“ „Und mein Vetter der ungariſche König.“ „Bei dem iſt es die Kindesliebe, die übertreibt.“ „Und der ſpaniſche Geſandte?“ Statt zu antworten, fragte nun der Leibarzt ſeiner⸗ ſeits:„Was ſagt Se. Eminenz der Cardinal, der gewiß der ergebenſte Diener Euer Majeſtät iſt?“ Der Kaiſer entgegnete matt lächelnd:„Mit der alten Bären⸗Eminenz bleibt mir vom Leibe. Ginge es nach dem, ſo dürfte ich kein Schwein mehr hetzen und keine Karte zur Hand nehmen. Aber was wißt Ihr vom Cardinal; ich habe geſtern Abends nach ihm ge⸗ ſchickt und es hieß, er ſei nicht zu Hauſe; ich habe ihn am Morgen herbefohlen und er kam nicht, ich will jetzt mit ihm arbeiten und er iſt nicht da.— Es geht etwas vor mit dem alten Mann, ich weiß es,“ bei die⸗ 6 ſen Worten blickte der Kaiſer ſeine Aerzte forſchend an, „ſagt es mir gerade heraus, iſt der Cardinal krank? In dieſem Falle ſoll Einer von Euch ſich ſogleich zu ſeiner Eminenz verfügen und ihm aufwarten.“ Mignoni ſchüttelte den Kopf. Mathias fuhr fort: „Die Hofleute ſchienen mir geſtern ſchon beſtürzt und der alte Mannsfeld gerieth ſchier außer Faſſung, als ich nach dem Khlefl fragte.“. Magnus, welcher in dieſem Augenblick den Fenſter⸗ vorhang etwas weggezogen hatte, beeilte ſich zu ſagen: „So eben kommt der Oberſt Khuen angefahren; da er zu den genauen Freunden Sr. Eminenz gehört, wird er unſtreitig wiſſen, wie es ſich mit dem Cardinal verhält.“ 3 Der Kaiſer gab ſogleich Befehl den Oberſt vorzulaſſen. Zwei Secunden darauf ſtand Khuen im Kranken⸗ zimmer des Kaiſers. Der Monarch rief ihm von Weitem zu:„Was habt Ihr mit dem Cardinal gemacht?“ Khuen erwiederte ehrerbietig aber feſt:„So eben wollte ich Euer Majeſtät um dasſelbe fragen.“ „Wie, Ihr wißt nichts?“ „Nicht das geringſte, ich beſorgte nur....“ „Was beſorgtet Ihr?“ „Daß dem Cardinal ein Unfall zugeſtoßen ſei.“ „Warum das?“ 7 „Weil mir der Cardinal Beſorgniſſe vor den Pro⸗ teſtanten äußerte.“ Der Kaiſer wurde ernſt und nachdenklich, endlich ſagte er:„Die Schufte werden es doch nicht gewagt haben. Wie ſollte übrigens ich dazu kommen, etwas von Khleſl zu wiſſen, wenn er es mit den Proteſtanten hat?“ Khuen zauderte einen Augenblick mit der Antwort, faßte ſich aber mit einem Male, ging dann raſch auf das Krankenbett des Kaiſers zu, neigte ſich an das Ohr des Kaiſers und ſagte flüſternd: „Weil ich den Cardinal ganz zuletzt im Hofraume der Blurg und inmitten ſeiner Feinde erblickte.“ „Nun,“ antwortete der Kaiſer verdrießlich, aber mit lauter Stimme:„Weil der Cardinal Gefahr von den Pro⸗ teſtanten beſorgte, zuletzt aber in der Burg geſehen wurde, ſoll ich Rechenſchaft geben können? Man muß geſtehen, lie⸗ ber Oberſt, Eure Schlüſſe zeichnen ſich durch Scharfſinn und Kühnheit aus.“ „Nicht, das iſt es,“ antwortete der Oberſt,„was mich mit Beſorgniß erfüllt, daß aber gleich darauf ein Staats⸗ gefangener von hier aus weggeführt wurde, flößt mir ohne Vergleich ernſtere Befürchtungen ein.“ „Ach, ſo glaubt Ihr auch an das Märchen,“ fiel der Kaiſer ein,„das ich ſeit geſtern ſchon zum zehnten Male zu hören bekommen. Die Geſchichte mit dem Staatsgefan⸗ genen kann ich Euch allerdings erklären, ohne Euch darum 8 Aufſchluß über den Cardinal gebenzu können. Der Staats⸗ gefangene war der Erzherzog Max, der ſich mit Breuner einen Scherz erlaubte.“ Bei dieſen Worten machte Mignoni ein Zeichen, um gehört zu werden. Der Kaiſer, vermeinend, daß es ſich um eine ihm lä⸗ ſtige ärztliche Aufmerkſamkeit handelte, wehrte mit der Hand ab und ſagte trocken: „Jetzt laßt mich, Mignoni, mit Euren Thorheiten, wir haben über wichtigere Dinge zu reden....“ „Aber Euer Majeſtät werden erlauben....“ „Ich erlaube gar nichts.“ „Ich will ja nicht.“ „Hol' Euch der Henker mit ſammt Euren Pflaſtern und Tincturen.“— 5 „Ich bitte ja nur.“ 3 „So verlaßt uns, wenn Ihr nicht ſchweigen könnt.“ Mignoni zog ſich Verzweiflung im Geſichte zu Ma⸗ gnus in die Fenſterniſche zurück. „Es handelte ſich alſo,“ fuhr nun der Kaiſer fort, „um eine alberne Wette, um ſonſt nichts.“ „Ja aber warum hielt mich die Wache denn ab, in die Burg einzutreten oder mit dem Cardinal zu reden.“ Der Kaiſer ſtutzte einen Augenblick, erwiederte aber dann lachend: „Weil man Eure Schwatzhaftigkeit fürchtete.“ 9 „Ja aber was geht dem Cardinal die Wette an?“ „Ja das werd' ich Euch, dem Freund des Cardinals, nicht ſagen,“ antwortete der Kaiſer ſchlau lächelnd. Mignoni, den die Täuſchung empörte, in welcher er die Unterredenden begriffen ſah, konnte ſich nicht mehr halten und plumpte mit den Worten heraus:„Die Wette iſt ein falſches Spiel.“ Der Kaiſer blickte den kühnen Unterbrecher halb verwundert, halb ärgerlich an und fragte:„Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ich,“ entgegnete Mignoni, der über ſeine eigene Kühnheit erſchrocken ſchien,„ich will nur ſo viel ſagen, daß der Hofbaumeiſter Effenberger mit Tſchernembl hier in der Burg eingeſperrt war, während der Cardinal da hinausfuhr.“ Der Kaiſer entgegnete:„Ich muß wahrhaftig glau⸗ ben, daß Ihr, lieber Mignoni, nicht recht bei Troſte ſeid, ſonſt könnte ich mir wenigſtens nicht denken, was Effen⸗ berger und Tſchernembl mit der Wette meines Bruders und des Herrn von Breuner zu thun haben,“ dann fragte er nach einer Pauſe zu Khuen gewandt,„oder habt Ihr vielleicht aus Beſorgniß für Khleſl den prote⸗ ſtantiſchen Edelmann wirklich feſtuehmen laſſen, geſteht es freimüthig ein. Freilich wäre dies ſowohl ein Ver⸗ ſtoß gegen die Ehrfurcht, die Ihr dieſem Hauſe ſchuldig ſeid, als auch ein ſehr dummer Streich, der uns b ꝑ́ꝝp-—ꝙ— ʒ“ 10 dieſe Proteſtanten erſt vollends auf den Hals ſetzen könnte, aber ich will Euch beides, Khleſl's halber ver⸗ zeihen, wenn Ihr nur die Wahrheit ſagt.“ Khuen machte eine Bewegung des Unwillens und ſagte:„Euere Majeſtät muß eine gewaltig ſchlechte Mei⸗ nung von mir haben, wenn ſie mich eines ſolchen Strei⸗ ches für fähig hält, ich weiß ſo wenig von dem prote⸗ ſtantiſchen Edelmann, als von dem Baumeiſter. Der Kaiſer wandte ſich nun, bereits vor Aerger geröthet an Mignoni und ſagte:„Ihr ſeid entweder be⸗ trunken oder ein Spaßmacher zur Unzeit.“ Mignoni fühlte ſich durch die Anrede des Kaiſers verletzt und ſagte, indem er auf ſeine Hofkleidung deu⸗ tete:„Ich will auf ewige Zeiten dieſes Kleid ausziehen, wenn nicht die beiden Männer hier verhaftet waren.“ „Und wer hätte ſie verhaftet?“ fragte der Kaiſer ſtreng. „Weiß nicht.“ „Und von wem wißt Ihr, daß ſie überhaupt ver⸗ haftet waren?“ „Von der Magd des Hofbaumeiſters.“ „Von der Magd?“ rief enttäuſcht der Kaiſer aus. „Von der Magd,“ wiederholte Mignoni,„weil mich dieſe zu ihrem Herrn rief, der aus lauter Schreck über die Behandlung, die er geſtern von Dampierre's Leuten erfuhr, plötzlich erkrankte.“ 11 „Bei Gott, die Geſchichte wird immer verwickelter!“ rief der Kaiſer aus.„Was hatten denn Dampierre's Soldaten in der Burg zu thun?“ fragte der Kaiſer zu Khuen gewandt? „Wenn es Euer Majeſtät nicht wiſſen,“ entgegnete der Gefragte,„ich weiß es nicht, kann aber nur be⸗ kräftigen, was dieſer Mann ſagt, die Dragoner erfüllten das ganze Thor.“ Der Kaiſer befahl einem Kammerdiener:„Oberſt Dampierre!! Alle warteten mit Spannung auf die Erſcheinung des Officiers— vergeblich. Der Bediente kehrte mit der Meldung zurück, der Oberſt ſei verreiſt. Nun ſandte der Kaiſer nach dem Kammerpräſidenten Breuner, auch dieſer fehlte. Endlich ſchlug der Kaiſer zornig an die Mauer⸗ verkleidung, indem er ausrief:„Bin ich noch Kaiſer, oder bin ich es nicht?! Ich will über das, was in dieſen Räumen vorgeht, Aufſchluß haben. Man ſchicke nach Tſchernembl!“ Mignoni öffnete verlegen den Mund und ſagte: „Der iſt ebenfalls abweſend.“ Der Kaiſer blickte ihn mit fragender Miene an. Mignoni fuhr fort:„Effenbergers Magd ſah ihn geſtern Abends in Reiſekleidung zum Thore hinaus⸗ fahren.“ 12 Die Augen des ſonſt zur Milde geneigten Monar⸗ chen funkelten vor Zorn; er erhob ſich trotz des Schmerzes im Bett und rief nach dem Oberſthauptmann der Stadt⸗ guardia. Mannsfeld, der ſchon lange zurückgekehrt war, ſich aber gehütet hatte, mit ſeiner ſchlimmen Botſchaft un⸗ gerufen vor den Kaiſer zu treten, näherte ſich zögernd dem Krankenbett. Der Kaiſer befahl ihm ſo lange nach dem Cardinal zu ſehen, bis er ihn finden würde. Mannsfeld ſchüttelte traurig den Kopf und ent⸗ gegnete:„Da müßte ich weit gehen und würde ihn viel⸗ leicht auch dann nicht treffen.“ Er erſtattete nun verzagt den ihm aufgetragenen Bericht. Als er dem Kaiſer der allzugroßen Treue verſicherte, ſchauerte der Monarch zu⸗ ſammen, wie vom Fieber erfaßt und ſtöhnte, ohne die Gegenwart der Leibärzte zu beachten, laut:„Dieſe all⸗ zugroße Treue wird mich noch ſo gewiß in's Grab brin⸗ gen, als ſie den Cardinal in den Kerker gebracht hat.“ Dann ſank er auf das Kiſſen zurück und zerriß außer ſich vor Wuth das Leintuch des Bettes mit den Zähnen. In demſelben Augenblick meldete der Thürſteher die beiden Erzherzoge. Der Kaiſer, ſeiner nicht mehr mächtig, ſtreckte den fleiſchloſen Arm gegen die Thüre aus und rief mit krampfhaft verzerrtem Geſichte:„Aus 13 meinem Antlitz mit dem falſchen, glattzüngigen Natter⸗ gezücht!“ Als Mannsfeld einen Moment zögerte, den Erz⸗ herzogen die Abweiſung zu überbringen, ſtürzte ſich der Kaiſer, ſo gichtkrank er war, durch ſeinen Willen ſelbſt die ungehorſamen Gliedmaßen bezwingend, aus dem Bette; vergebens verſuchte Mignoni den kranken Fürſten zu halten. Mathias taumelte nach dem koloſſalen Tafel⸗ tiſch, der mit Uhren, Karten, Globus und Büchern be⸗ laden, in der Mitte des Zimmers ſtand, und ergriff einen kleinen mit goldenem Griff verſehenen türkiſchen Dolch, der als Schwerſtein auf einer Landkarte des Königreiches Ungarn lag, und eilte gegen die Thüre. Gerade fand Oberſt Khuen noch Zeit, ſich zwiſchen den Kaiſer und den bereits halb geöffneten Flügel zu werfen. Der Kaiſer, dieſes unvorhergeſehene Hinderniß ge⸗ wahrend, brüllte vor Wuth und ſchrie, den Dolch ſchwin⸗ gend:„Zurück! wenn Euch Euer Leben lieb iſt.“ Khuen fröſtelte einen Augenblick, blieb aber, ohne einen Finger zu ſeiner Vertheidigung zu heben, lautlos gegen die wieder geſchloſſene Thüre gelehnt, ſtehen. Mathias knirſchte mit den Zähnen und machte einen ohnmächtigen Verſuch, den herculiſchen Oberſt von der Thüre wegzuſchieben. Indeſſen waren Mignoni und Magnus dem Kaiſer nachgeeilt. Beide knieeten 14 vor dem Kaiſer nieder und beſchworen ihn, in's Bett zurückzukehren. Mathias ſchien einen Augenblick zu ſchwanken, erlangte aber raſch die verlorene Faſſung und ließ ſich nun wie ein Kind zum Bett zurückführen. Oberſt Khuen knieete nun vor dem Bett des kran⸗ ken Monarchen nieder, und ſuchte die Vergebung des Kaiſers zu erlangen. Mathias, dem es nicht ſo völlig an Edelmuth gebrach, als es die Behandlung ſeines eigenen Bruders vermuthen ließ, ergriff die Hand des Oberſten und nöthigte ihn, aufzuſtehen. Ein heftiger Fieberfroſt ſchüttelte die Glieder des Kaiſers und er konnte nur unter heftigem Zähneklappern die Worte ſtammeln:„Beruhigt Euch, lieber Oberſt Kbuen! Ihr habt mir nichts zu leide gethan und höch⸗ ſtens eine Uebereilung gehindert.“ Dann blickte er nach den Aerzten und gab ihnen ein Zeichen, ſich auf einen Augenblick zu entfernen. Mannsfeld und Khuen blieben zurück. XXX. Capitel. Die Falle. „Jetzt,“ hub der Kaiſer mit ſcharfer Stimme an, njetzt kann ich es ſagen: was ich leide, leide ich nicht un⸗ verdient. Wie ich in dieſem Augenblicke in ohnmächtiger Wuth das Linnen mit meinen Zähnen zerriß, gerade ſo hat Rudolph vor zehn Jahren die Feder zerbiſſen, mit der er ſeine Abtretung unterſchrieb. Was Rudolph von mir zu leiden hatte, das trifft mich nun von Bruder und Vetter. Nur hat mich der Bruder gehaßt und verfolgt, während ich den Vetter mit Gnaden und Huld über⸗ häufte. Der gottſelige Kaiſer wollte mich klein und un⸗ bedeutend, ich wollte meinen Vetter groß und mächtig. Jener ſchloß mich von jeder Theilnahme von den Geſchäf⸗ ten aus, ich habe Ferdinand den Platz unmittelbar neben mir angewieſen.“ 16 Khuen war von dem gerechten Schmerz des Mon⸗ archen tief ergriffen und beeilte ſich, dem gekränkten Fürſten zu ſagen, daß es nur von ihm abhänge, daß noch Alles zu ſeinem Vortheil endige. Mathias ſah den Rathgeber mit zweifelhaftem Blicke an. Khuen fuhr fort:„Ich wüßte ein Mittel, das unfehlbar und raſch zum Ziele führen müßte; doch ge⸗ ſtehe ich, daß es ein etwas rauhes Mittel wäre.“ Der Kaiſer erwiederte, als Khuen zauderte, den begonnenen Satz zu vollenden:„Sprecht, mein lieber Khuen, und tödtet mich nicht durch Euer Zögern.“ „Ich meine,“ antwortete der Oberſt langſam und jedes Wort ſcharf betonend:„Die Verhaftung der Erz⸗ herzoge.“. Der Kaiſer erſchrak und Mannsfeld entfärbte ſich leicht. „Ja,“ fuhr Khuen fort,„das einzige ſicher wir⸗ kende Mittel iſt die allſogleiche Verhaftung der Erz⸗ herzoge und ihrer vornehmſten Räthe. Sobald ſich die Partei ihrer Führer beraubt ſieht, wird ſie angſt⸗ erfüllt zerſtäuben und Euer Majeſtät feſter denn je auf dem Throne Ihrer Väter ſitzen.“ „Das Mittel wäre unſtreitig gut,“ verſetzte der Kaiſer nach einer Pauſe mit bedenklichem Geſicht, ſchüt⸗ 17 telte darauf den Kopf und fuhr fort:„Aber es geht nicht, wahrhaftig, es geht nicht.“ „Und warum ſoll es nicht gehen? Iſt Euer Ma⸗ jeſtät nicht an der Spitze ergebener Truppen?“ Fehlt es Euer Majeſtät an getreuen Vollſtreckern Ihres Willens? Können Euer Majeſtät nicht auf den Beifall Ihrer Völ⸗ ker zählen?“ „Alles ſehr wahr, und doch ſehe ich nicht ein, wie die ungeheuren Schwierigkeiten überwinden, die ſich da⸗ gegen aufthürmen? „Iſt Euer Majeſtät nicht der Herr?“ „Wohl bin ich es,“ erwiederte der Kaiſer ſeufzend. „Noch,“ fuhr der Oberſt fort,„noch hängt Alles von Euer Majeſtät ab; in einigen Tagen dürfte es zu ſpät ſein.“ „Was wird aber mein Vetter in Spanien, was der heilige Vater, was die katholiſche Bevölkerung meines Landes zu dieſem unerhörten Schritt ſagen?“ „Ah, es handelt ſich hier um kein Kinderſpiel— halten Euer Majeſtät zu Gnaden— ſondern um die Krone. Da müſſen alle die kleinlichen Rückſichten, wie die Meinung des Königs von Spanien, oder des heili⸗ gen Vaters, oder der Herren Jeſuiten weichen.“ „Ihr geht zu weit; ich kann, wenn ich den Vor⸗ gang ruhig betrachte, darin noch keinen Angriff auf den Thron erkennen.“ Haas: Der alte Cardinal. IV. 2 18 „Wenn das iſt, dann habe ich Unrecht, und ich will Euer Majeſtät Ohr mit ferneren Rathſchlägen verſchonen.“ „Nicht ſo, mein lieber Khuen! Ich bin jetzt nicht der Kaiſer; ich bin Euer armer Freund, mit dem Ihr nicht grollen müßt.“ Khuen konnte der Sprache des ſo tief gedemüthig⸗ ten Fürſten nicht widerſtehen und erwiederte:„Ver⸗ zeihung, Majeſtät! wenn ich die ſchuldige Ehrfurcht einen Augenblick außer Acht ſetzen konnte, aber ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß Euer Maje⸗ ſtät aus dieſem Handel anders denn als Sieger her⸗ vorginge. Es iſt allerdings richtig, daß die Erzher⸗ zoge gegen die geheiligte Perſon ihres Monarchen noch nichts unternommen. Wie aber ſoll ich die gewaltſame Hin⸗ wegführung des getreueſten Dieners, den Euer Majeſtät hatten, bezeichnen? Iſt ſie mit Euer Majeſtät gehei⸗ mer Einwilligung geſchehen? Nein! Sie iſt alſo ge⸗ gen Ihren Willen mit Hintanſetzung Eures guten Rech⸗ tes, mit Verachtung Eurer Perſon und zum Schaden des ganzen Landes in's Werk geſetzt worden. Wenn Eure Majeſtät meiner Eingebung folgen wollte, dürfte keiner der Erzherzoge ſeine Haft vor der Rückkehr des Vertriebenen verlaſſen. Dieſe verdiente Züchtigung würde als ein heilſames Beiſpiel auf Hoch und Nieder wirken, 19 und ſchlagend beweiſen, daß mit der kaiſerlichen Maje⸗ ſtät nicht zu ſcherzen ſei.“— Der Kaiſer legte die Hand an ſeine Stirne und dachte einen Augenblick nach, dann ſagte er:„Vor Allem aus ſehe ich, daß ich an Euch, Oberſt Khuen, einen treuen Diener habe— der Oberſt verbeugte ſich — dann leuchtet mir Euer Rath recht wohl ein, doch kann ich mich nicht ſogleich entſcheiden. Kommt morgen wieder, zur ſelben Stunde wie heute; wir wollen über⸗ legen.“ „Ueberlegen?“ erwiederte Khuen grollend;„als ob die Ueberlegung Eurer Majeſtät verkümmertes Anſehen herzuſtellen vermöchte. Bis morgen wird man die Erz⸗ herzoge nicht mehr verhaften können, wenn es wirklich Eurer Majeſtät Wille wäre.“ „So kommt heute Abends um acht Uhr,“ entgegnete Mathias verdrießlich. Khuen zuckte die Achſeln:„Zu ſpät! Wenn Euer Majeſtät mein Rath gefällt, ſo muß er augenblicklich ausgeführt werden, oder es iſt unnütz.“ Der Kaiſer bedachte ſich und klingelte, der Käm⸗ merling trat ein.„Ein Schreibzeug.“ Das Schreib⸗ zeug wurde gebracht und an des Kaiſers Bett gerückt. Mathias ſchrieb mit ſchwerer Hand, die widerſpän⸗ ſtigen Finger mit Mühe unter ſeinen Willen beugend, 2* 20 einige Zeilen, drückte das kaiſerliche Siegel bei und übergab die Schrift dem Oberſten. Khuen durchlief mit raſchem Blick die Schrift, ein Lächeln des Triumphes umflog ſeine Lippen. Es war ein Befehl, welcher den Oberſt Freiherrn von Khuen mit der Verhaftung beider Erzherzoge beauftragte. Kaum hatte der Oberſt den Verhaftsbefehl in die Taſche geſchoben, ſo ſchien dem Kaiſer die Unterzeichnung desſelben zu reuen und er fragte:„Werdet Ihr den Befehl ohne Umſtände ſogleich ausführen?“ „Sogleich.“ „Dann gebt.“ „Euere Majeſtät wollte den Befehl zurücknehmen?“ Mathias ſchämte ſich ſeiner Zaghaftigkeit und ſetzte leicht hinzu:„Oder behaltet. Benachrichtigt mich aber wenigſtens, bevor Ihr zu dem Aeußerſten ſchreitet.“ Khuen fragte erſtaunt:„Wie, ich ſoll Euer Maje⸗ ſtät erſt benachrichtigen, bevor ich die Verhaftung vor⸗ nehme?“— Der Kaiſer machte ein Zeichen der Bejahung. „Dann erlaube ich mir Euer Majeſtät anzuzei⸗ gen, daß ich jetzt, in dieſem Augenblick im Begriffe bin, zu dieſem Aeußerſten zu ſchreiten.“ Indem er dies ſagte, wandte er ſich um. Mathias rief ihn ſchnell zurück:„Ich mag nicht, 21 daß die Erzherzoge bei ihrem Mittagsbrot geſtört werden. Ihr werdet bis Nachmittag warten. Es iſt mein Wille.“ Khuen verbeugte ſich ſeufzend und ſchritt ſo raſch, als es der Anſtand erlaubte, zur Thüre hinaus. 5 Kaum hatte er die Thüre verlaſſen, ſo rannte er ſo ſchnell er vermochte, den Gang entlang und ſtürzte mehr als er ging, die Stiege hinunter. Und daran that der Oberſt Recht, denn der Kaiſer ſandte ihm ſogleich den Oberſthauptmann nach.„Eilt Mannsfeld und laßt Euch den Befehl, Ihr wißt ſchon, welchen, zurückſtellen, ich will es ſo haben.“ Mannsfeld eilte, ſo ſehr es ihm ſein Alter geſtattete, und ſchickte noch einige Hofdiener nach allen Seiten aus, um den Oberſt zurückzubringen. Khuen aber, mit dem Wankelmuth des Kaiſers wohl vertraut, kam Allen zuvor. Als Mannsfeld ohne Khuen und ohne den Verhafts⸗ befehl zurückgekehrt war, konnte ſich der Monarch eines kräftigen Fluches nicht enthalten und ſank dann, von der langen Anſtrengung der Unterredung in Mitte ſeines Schmerzes erſchöpft und angſtvoll ſtöhnend, auf ſein Lager zurück. Nach einer kurzen Pauſe erhob er aber⸗ mals den Kopf und befahl Mannsfeld ſich ſo raſch als möglich in die Wohnung des Oberſten zu begeben, um den Verhaftsbefehl abzufordern. Während Mannsfeld den Auftrag ſeines Herrn zu beſtellen eilte, traten die beiden Aerzte wieder ein. Vor 22 ihnen ſchritt eine ſtattliche aber unmäßig beleibte weib⸗ liche Geſtalt einher, die ſich dem kaiſerlichen Lager näherte. Die Dame hatte rothgeweinte Augen und konnte nur mit Mühe das Schluchzen unterdrücken. Als ſie am Krankenbett ſtand, beugte ſie ſich über den Kaiſer, küßte die ſchmale weiße Hand und benetzte ſie mit Thränen. Mathias öffnete bei dieſer Berührung die Augen, welche er aus Mattigkeit geſchloſſen hatte, ſah die Kaiſerin liebevoll mit einem ſchwachen Lächeln an und fragte: „Wie befindet ſich Euer Liebden?“ „So lange mein Herr und Kaiſer übel auf iſt, kann ſich die Kaiſerin nicht wohl befinden.“ Mathias verſuchte ſie zu tröſten, indem er ihren Hals mit den Fingern umfaßte, um ihr dadurch zu be⸗ weiſen, daß der Gichtanfall nachgelaſſen habe. Die Kaiſerin flüſterte ſo leiſe, daß die Aerzte ſie nicht zu verſtehen vermochten:„Ich wußte es, daß dies — dabei deutete ſie auf die Hände— vorübergehen werde, wenn es nur auch gegen böſe Menſchen Aerzte und erprobte Mittel gäbe.“ 3 Dceer Kaiſer blickte ſeine Gemahlin fragend an und ſagte:„Ihr wißt?“ „Alles.“ „Und woher?“ „Vom Cardinal.“ „Von welchem Cardinal?“ 23 „Von dem vertriebenen alten Manne nicht.“ „Alſo von Dietrichſtein?“ „Von keinem Andern.“ „Und was ſagte der Cardinal?“ „O er zuckte die Achſel, lächelte freundlich, führte eine Menge bibliſcher Sprüche im Munde, er tröſtete mich auf beſſere Zeiten, murmelte Etwas von dem gott⸗ gefälligen Wandel des Erzherzogs Ferdinand, kurz that Alles, nur gab er keinen Rath.“ „Ein Beweis, daß der Cardinal nicht der rechte Arzt iſt, den Ihr wünſchtet.“. Leider Gott ſtehen die Monarchen in dem Augen⸗ blicke, da ſie ihrer Hoheit entkleidet, Rath begehren, wie alle andern Menſchen hilf⸗ und rathlos da.“ „Und wenn ich einen ſolchen Arzt oder ein ſolches Mittel kennte.“ „O nennt mir, mein kaiſerlicher Herr, den Arzt oder ſein Mittel.“ „Der Arzt iſt der Freiherr von Khuen.“ „Das iſt gut, denn die Khueu ſind insgeſammt des Khleſl Freunde. Und das Mittel?“ „Heißt— Verhaftung der Erzherzoge und ihrer Diener.“ Die Kaiſerin drückte ſtatt aller Antwort die Hände ihres Gemahls, 24 Mathias blickte ungeduldig nach der Uhr.— Die Kaiſerin fragte den Arzt, ob es vielleicht an der Zeit ſei, Arznei zu reichen. Der Kaiſer, welcher dieſe Frage gehört hatte, ſchüttelte unwillig den Kopf und fragte, ob Mannsfeld ſchon zurück ſei. Als man die Frage verneinte, wandte er ſich aber⸗ mals an die Kaiſerin und ſagte:„Euer Liebden findet den Plan des Freiherrn von Khuen zweckmäßig; ich ge⸗ ſtehe, daß ich vor der Ausführung desſelben zittere.“ Die Kaiſerin konnte ihre Verwunderung über die Zaghaftigkeit Mathias' nicht verbergen. Der Kaiſer lispelte:„Denkt Euch, wenn ſich die Erzherzoge widerſetzten, welch' Unglück kann daraus er⸗ folgen. Ich ſehe nichts als Blut, Mord und Aufruhr.“ „Ihr ſeid zu ängſtlich.“ „Und Euch fehlt das Bewußtſein der Gefahr, welche wir laufen, wenn der Plan mißlingt.“ „Wie aber ſoll er mißlingen?“ „Mein Bruder Marx iſt ſtarrſinnig.“ „Nun, man muß dieſen Starrſinn beugen.“ „Die Erzherzoge haben zahlreichen Anhang.“ „Nicht mehr als der Kaiſer ſelbſt.“ 1 „Die ganze Angelegenheit der Nachfolge im Reiche kann rückwärts gehen.“ „Deſto beffer.“ Indem die Kaiſerin dies ſagte, 25⁵ ſchwebte ein eigenthümliches, halb ſchalkhaftes, halb ver⸗ ſchämtes Lächeln um ihre Lippen. Mathias erwiederte überraſcht:„Wie, Ihr meint, es ſei beſſer, wenn das Werk ſo langwieriger und raſtloſer Bemühungen zu Grunde ginge? Welch' ein Einfall!“ „Wenn ich ſagte, deſto beſſer,“ entgegnete die Mon⸗ archin,„ſo verkannte ich keineswegs die Bemühungen, welche die Ordnung der Nachfolge koſtete, dachte aber dabei, daß die Haſt, mit welcher dieſe Angelegenheit betrieben wurde, vielleicht nicht nöthig war.“ „Ich weiß, Ihr waret immer eine eifrige Gegne⸗ rin dieſer Maßregel und verkenne keineswegs die An⸗ hänglichkeit an meine Perſon, welche Euer Liebden da⸗ durch beweiſen wollte.“ „Ihr mißverſteht mich, mein Gemahl, es war nicht bloß Anhänglichkeit an Eure Perſon.“ „Nun, ſo war es das freundliche Vorurtheil, daß ich noch lange leben werde, um die Nachfolge mit Muße ordnen zu können.“ „Auch das icht.“ „Dann bekenne ich mich überwunden und geſtehe, Euch nicht zu begreifen.“ Die Kaiſerin ſchlug die Augen nieder, brachte ihr Spitzen verbrämtes Tuch an ihre brennend rothen Wan⸗ gen und flüſterte ſo leiſe als möglich:„Wenn ich denn „ſchon die Urſache entdecken muß, es geſchah aus dem 26 Grund, daß ich noch immer hoffte, Euch, mein Herr und Kaiſer, und dem Lande einen Erben ſchenken zu können.“ Der Kaiſer holte tief Athem und ſagte bitter lächelnd:„Arme Anna, mit Deinen unglücklichen Hoff⸗ nungen!“ Die Kaiſerin ſah den Kranken mit einem lebens⸗ warmen Blick in die Augen und ſetzte hinzu:„Wie denn, wenn dieſe Hoffnungen doch weniger trügeriſch wären, als Ihr denkt.“ Der Kaiſer raffte ſich mit Blitzesſchnelle auf und ſagte:„Wie, Ihr meint?“ 3 Die Kaiſerin ſagte ruhig:„Ich meine, was mich die Aerzte ſelbſt meinen ließen, nähert Euch, Mignoni!“ Mignoni trat an das Krankenbett. Die Kaiſerin fuhr fort:„Erklärt meinem kaiſer⸗ lichen Herrn, zu welchen Hoffnungen mich Euer Ausſpruch berechtigt?“ Mignoni räusperte ſich verlegen einige Male und ſprach dann zu dem hochaufhorchenden Monarchen, indem er den Finger an ſeine gebogene ariſtokratiſche Naſe legte:„Es giebt keinen ſubtilern Caſus in der ganzen ärztlichen Praxis, als die Diagnoſe der Gravitität.“ „Redet deutſch, lieber Mignoni, deutſch, ich höre gute Kunde am liebſten in meiner Mutterſprache.“ Mignoni machte eine Verbeugung und fuhr fort: 27 „Ich ſagte, daß es keinen iſchwierigeren Fall im ärztlichen Leben gebe, als die Erkenntniß der beginnen⸗ den Schwangerſchaft. Ich will demnach nichts behaup⸗ ten oder als unumſtößliche Wahrheit oder Thatſache hin⸗ ſtellen, glaube aber doch ſagen zu können, daß gewiſſe Erſcheinungen dafür ſprechen dürften, daß Ihre Majfeſtät, falls nicht andere paralyſirende Phänomene in der Folge eintreten, einige Hoffnungen auf Erfüllung Ihrer und des ganzes Landes Wünſche hegen dürfe.“ Mathias ſchlug die Hände über dem Kopf zuſam⸗ men und rollte dem Arzt mit einem Gemiſch von Scherz und Ernſt an:„Und das nennt Ihr deutſch geredet, mein lieber Mignoni?— Ich habe davon kein Wort verſtanden, laßt ſehen. Beantwortet mir kurz und rund die Frage, haltet Ihr die Kaiſerin für ſchwanger oder nicht?“ Mignoni wechſelte die Farbe und erwiederte:„Da⸗ für halten? Was verſteht Ihr darunter?„Ich wäge nur die Gründe für und gegen ab.“ „Habt Ihr abgewogen?“ „ Ja“ „Und habt gefunden?“ „Ich habe gefunden, daß für..... 4 Der Kaiſer fiel ihm zornig in die Rede:„Schert Euch mit Euren Gründen für und dawider zum Teufel, 28 ich will wiſſen, woran ich bin, woran ich mich zu halten habe, drum noch einmal, iſt mein Weib ſchwanger?“ Mignoni ſchob ſeine Perrücke hin und her, fühlte ſich ſelbſt den Puls, blickte bald nach dem Kaiſer und bald nach der Kaiſerin, und ließ endlich ſeinen Blick hülfeflehend auf dem ſtarren Geſichte ſeines Gefähr⸗ ten haften. Magnus, der die verzweifelte Lage des Doctors genau begriffen hatte, eilte ihm zu Hülfe und antwor⸗ tete mit aufgeblaſener Miene, indem er einen Blick nach dem unglücklichen Leibarzt ſchoß, der ihm die Ueber⸗ legenheit des zweiten Arztes augenblicklich doppelt fühl⸗ bar machen ſollte.„Mein verehrter Collega iſt ein viel zu beſcheidener Jünger oder wenn man lieber will Apo⸗ ſtel der Kunſt, welcher wir Beide gemeinſam dienen, daß er in einem ſo kritiſchen Augenblick allein maßge⸗ bend zu entſcheiden wagte.“ Mignoni, welcher den Stich fühlte, biß ſich in die Lippen und zerknitterte vor Wuth die Hemdkrauſe an ſeinen Händen:„Ich erlaube mir ihn darum zu erin⸗ nern,“ fuhr Magnus fort,„daß wir gemeinſam,— dieſe Worte hob Magnus mit Nachdruck hervor,— das Reſultat unſerer Unterſuchungen ſo feſtſetzten, daß wir die Schwangerſchaft Ihrer Majeſtät der Kaiſerin als unzweifelhaft und vollkommen gewiß erkannten.“ 29 Der Kaiſer athmete bei dieſen Worten des Doctors Magnus freudig auf. Das Angeſicht der Kaiſerin ſtrahlte in Verklärung und Mignoni war vor Erſtaunen außer ſich und wußte nicht, woher Magnus die namenloſe Kühn⸗ heit hernahm, mit ſolcher Sicherheit von einem Ereigniß zu ſprechen, das mehr als zweifelhaft war. Magnus fuhr fort:„Alſo die Schwangerſchaft Ihrer Majeſtät iſt unzweifelhaft, mein verehrter Collega hat aber mit an ihm gewöhnter Weisheit— hier verbeugte ſich Magnus vor Mignoni— der ſich bei dieſen Wor⸗ ten ſeines Collegen in die Bruſt warf— die That⸗ ſache eines glücklichen, oder ſollte ich vielleicht ſagen, eines erfolgreichen Ausganges noch nicht feſtzuſtellen vermocht. Dies iſt dem kenntnißreichſten Arzt unter den obwaltenden Umſtänden unmöglich und es gehörte nur die himmelſchreiendſte Charlatanerie dazu, die Re⸗ ſultate vorherzuſagen oder gar verbürgen zu wollen. Der Umſtand, daß der Proceß noch ſo wenig fortge⸗ ſchritten, dagegen das Alter Ihrer Majeſtät doch als ein etwas vorgerücktes bezeichnet werden dürfte, hindert jeden entſchiedenen Ausſpruch.“ „Ganz meine Anſicht,“ bekräftigte Mignon,„mein Collega hat ein entzückend lebhaftes Gedächtniß.“ Magnus warf dem Luft⸗Doctor, wie ihn Khleſl zu nennen pflegte, einen zweiten triumphirenden Blick zu, vor dem Mignoni die Augen ſenkte. Der Monarch 30 dagegen rieb ſich vergnügt die Hände und rief:„Das heiße ich nun deutſch und deutlich geredet.“ Die Kaiſerin blickte Magnus dankbar an. Mathias wandte ſich nochmals an die Aerzte: „Kann die Schwangerſchaft Ihrer Majeſtät öffentlich kund gemacht werden?“ Mignoni zanderte zu antworten, Magnus kam ihm zuvor und ſagte: Ohne Zweifel kann ſie das und in ſechs Wochen dürfte es ſelbſt an der Zeit ſein, öffentliche Gebete für die glückliche Entbindung Ihrer Majeſtät anzuſtellen.“ Der Kaiſer war entzückt und vergaß ſeines Schmer⸗ zes.— In dem Augenblick meldete man den Oberſt⸗ Hauptmann. Der Kaiſer herrſchte dem Staatsdiener zu: „Gebt den Verhaftsbefehl.“ Mannsfeld ſchüttelte traurig den Kopf.„So beſcheidet mindeſtens einer meiner Räthe hieher; ich be⸗ darf fremden, aber milden Rathes.“ Mannsfeld, deſſen gefurchte Stirn Mißbehagen ausdrückte, erwiederte de⸗ müthig, daß er den Freiherrn nirgends angetroffen habe. „Ich ſage Euch aber, daß der Verhaftsbefehl jetzt völlig unnütz iſt.“ Die Kaiſerin ſah ihren Gemahl groß an. Mathias, der das Erſtaunen Anna's wohl bemerkt hatte, fuhr lebhaft fort:„Ich werde doch nicht meinen Bruder und Vetter in dem Augenblick feſt nehmen laſ⸗ 31 ſen, da ich ſeit Jahren wieder die erſte glückliche Kunde empfange.“ Die Kaiſerin antwortete:„Möge es Euer Liebden nicht zu ſpät bereuen.“ Und wie? ich ſollte dem Ferdinand in dem Au⸗ genblick, der alle ſeine Hoffnungen mit einem Male nie⸗ derſchmettert, noch ein anderes Leid zufügen? Der Himmel iſt mir mit der Rache zuvorgekommen; er hat den Cardinal an ſeinen Gegner ſtärker gerächt;; als es Ker⸗ ker und Ketten vermocht hätten. Nein, ich will lieber meinen Bruder und Vetter umarmen und ihnen perſön⸗ lich die frohe Kunde mittheilen.“ Die Kaiſerin, welche erſt noch vor Wonne ſtrahlte, wurde ärgerlich und entgegnete:„Euer Liebden vergißt in der Aufwaltung Ihres milden Herzens ganz der Unziem⸗ lichkeit der beiden Erzherzoge und der tiefen Beleidigung, welche ſie Euer Majeſtät zufügten.“ Mathias entgegnete:„Es iſt aber ſelbſt gegen alle Staatsklugheit der künftigen Thronfolger, Feinde zu erwecken.“ Mannsfeld hörte alle dieſe räthſelhaften Worte, ohne etwas zu verſtehen und blickte darum die Kaiſerin fragend an. „Ddie Fürſtin ergriff plötzlich die Hand des alten Dieners und ſagte:„Ihr ſollt nicht lange in der Irre 32 gehen, Mannsfeld, Eure Kaiſerin darf hoffen, Mutter zu werden, das iſt das Ganze.“ Mannsfeld ſenkte ſich auf ein Knie und brachte den Majeſtäten ſeine Glückwünſche dar. Mathias ſagte: „Stehet auf und beſcheidet mir einen meiner Räthe oder Alle hieher, ich will und muß aus dieſem Labyrinth kommen. Die Erzherzoge dürfen nicht verhaftet werden und es verlangt mich meine nächſten Blutsverwandten zu ſehen und meine Freude mit ihnen zu theilen.“ XXX. Capitel. Die Verſöhnung. Mannsfeld eilte hinaus und begab ſich in das Conferenz⸗Zimmer; dort traf er den Cardinal Franz Dietrichſtein Erzbiſchof von Olmütz und ehemals einer der vertrauteſten Räthe des Kaiſer Rudolf. Cardinal Dietrichſtein ſtand zu der Zeit, als wir von ihm reden, ungefähr in ſeinem fünfzigſten Jahre. Alles an ihm verkündete, daß er einſt ein vollkommen ſchöner Mann geweſen ſein mußte. Hätte er nicht mit den Jahren an Körperfülle zugenommen, man würde ihn für viel jünger gehalten haben. Sein feines, zar⸗ tes, faſt weibliches Geſicht hatte ganz den ariſtokrati⸗ ſchen Schnitt ſeiner Zeit. Unm die Lippen kräuſelte ſich noch der völlig dunkle Schnurrbart, während der üppige Haarwuchs bereits Haas: Der alte Cardinal. IV. 3 34 eisgraue Färbung trug. Die vollen aufgeworfenen Lip⸗ pen waren friſch und roth, die Naſe länglich und etwas gebogen, die blauen Augen blickten lebhaft und ſanft zugleich. Wie dem Körper nach bildete Dietrichſtein auch ſeiner ganzen Art nach den vollkommenſten Gegen⸗ ſatz Khleſl's. Während Khleſl hart und rauh, kargend und geldgierig zugleich war, gefiel ſich Dietrichſtein in harmloſen Scherzen, in an Verſchwendung gränzendem Prunk und dem gefälligen Benehmen des vollendeten Hofmanns. So kam es, daß Dittrichſtein trotz der gefährlichen Nebenbuhlerſchaft Khleſl's ſich die Gunſt Mathias' erwerben und in derſelben behaupten konnte. Dietrichſtein war in dem Augenblick, da Manns⸗ feld eintrat, bemüht, ſein Haar, welches die Scheitel faſt ganz bedeckte, kunſtreich zu ordnen. Zu dieſem Zweck bediente er ſich eines kleinen venetianiſchen Schild⸗ krötkammes und eines kleinen Spiegels, auf deſſen Rück⸗ ſeite eine heilige Maria in Email abgebildet war. Der Cardinal ließ ſich durch den Eintritt des Oberſt⸗Haupt⸗ manns nicht in ſeiner Beſchäftigung ſtören, ſondern be⸗ gnügte ſich den Kamm in die linke Hand zu neh⸗ men und mit der Rechten das Zeichen des Segens zu machen und ihm freundlich zuzulächeln. Dieſes Lächeln nöthigte den Kirchenfürſten, den Mund gerade ſo weit 3⁵ zu öffnen, daß eine Reihe der ſchönſten perlenweißen Zähne ſichtbar wurden. Als Mannsfeld des Cardinals anſichtig wurde, überlegte er einen Augenblick und ließ ſeine Blicke un⸗ ruhig durch den weiten Raum des Gemaches gleiten. Er beſaß nämlich ſo viel Inſtinct, zu errathen, daß ſei⸗ nem Herrn die Gegenwart jedes andern Rathes lieber ſein würde, als die des Cardinals. Da er aber Nie⸗ mand ſah, ſo wandte er ſich an den Grafen mit der Bitte, ihm zum Kaiſer zu folgen. Ein Strahl freudiger Ueberraſchung leuchtete einen Augenblick in den Augen des Kirchenfürſten, doch unterdrückte er raſch jede Bewe⸗ gung und erwiederte leutſelig:„Verzieht nur einen Augenblick, lieber Graf, und ich bin bereit Euch zu folgen.“ Dietrichſtein ſetzte nach dieſen Worten ſeine Toilette fort, kämmte ſich die Haare wiederholt über den Scheitel herunter, öffnete dann ein Büchschen, das er ſtets bei ſich trug und nahm eine Teigkugel hervor und ſteckte ſie in den Mund, um den Athem beim Sprechen angenehmer zu machen. Hierauf widmete er noch dem Schnurrbart einen Augenblick der Sorgfalt und folgte dann dem Oberſt⸗Hauptmann raſch zum Kaiſer. Mathias ſaß im Bette auf und harrte mit Unge⸗ duld auf die Ankunft der berufenen Räthe. Das Erſcheinen Dietrichſteins diente indeß, wie Mannsfeld richtig vorhergeſehen hatte, keineswegs die 3* 36 Laune des Kaiſers zu verbeſſern, denn der Cardinal war gerade der Letzte von Allen, dem der Kaiſer die Geſchichte mit dem übereilten Haftbefehl mittheilen mochte. Obgleich am Hof des Kaiſers gerne geſehen, wußte doch Khleſl ſo gut wie ſein Herr, daß Dietrichſtein einigermaßen zur Partei der Erzherzoge neigte. Dietrichſtein, dem ſchon die Verlegenheit des Oberſt⸗ Hauptmanns nicht entgangen war, erkannte an der ge⸗ runzelten Stirn des Kaiſers ſogleich, daß er nicht der willkommenſte ſei.— Dietrichſtein ſchien ſich um nichts zu kümmern, von nichts zu wiſſen, dachte aber an Alles, beſchäftigte ſich mit Allem und wußte Alles. Der Kaiſer ſann einen Augenblick nach und ſagte, nachdem die üblichen Begrüßungen vorüber waren: „Ener Eminenz weiß unſtreitig ſo gut als wir von dem beklagenswerthen Vorgang des verfloſſenen Abends.“ Der Cardinal antwortete mit der unbefangenſten Miene von der Welt, indem er den kleinen zierlichen Mund weit öffnete und die köſtlich weißen Zähne blicken ließ:„Ich weiß von nichts, von gar nichts.“ „Nun erfahrt denn aus meinem Munde, daß es freche Menſchen gewagt haben, an unſern lieben und getreuen Diener den Cardinal Khleſl Hand anzulegen und ihn gleichſam unter unſern Augen hinwegzuführen.“ 37 Dietrichſtein gab alle Zeichen des Erſtaunens, ſchlug die Hände zuſammen und rief ein über das andere Mal: „Wäre es möglich! Wäre es möglich!“ Mathias, dem das Erſtaunen des Cardinals, da ja ſeit geſtern die verſchiedenſten Gerüchte die Stadt durch⸗ kreuzten, von dem doch ein oder das andere zu den Ohren Dietrichſtein's gedrungen ſein mußte, ein wenig ſeltſam vorkam, fragte:„Wie kommt es, daß Ihr allein ganz oder gar nichts wißt, da das Publicum doch viel mehr weiß, als wirklich geſchehen iſt?“ „Eben darum, eben darum, weil die Leute ſo al⸗ bern daherreden, habe ich ein für alle Mal meinen Hausofficieren unterſagt, mir was immer, das nicht zu ihren Dienſtverrichtungen gehört, mitzutheilen.“ „Aber Eure Freunde? man ſagt, Ihr hättet ſo viele Bekannte.“ Der Cardinal konnte ein gewiſſes ſtolzes Lächeln nicht unterdrücken und ſagte:„Ich leugne nicht, viele, recht viele Menſchen zu kennen, die an meiner Perſon, freilich ſehr unverdienter Weiſe, warmen Antheil nehmen; dieſen ſage ich aber gleich, wenn ſie eintreten oder den Mund öffnen: nur nichts von Staatsangelegenheiten; dieſe Dinge gehören in die Rathsſtube, in das Cabinet des Landesfürſten, aber nicht in mein Zimmer. Will Se. Majeſtät etwas von mir, ſo wird ſie mich holen laſſen; begehrt der Rath meiner, ſo weiß er, wo ich wohne.— 38 In meinem Hauſe bin ich Prieſter und ſelbſt ein wenig Fürſt, wenn Euer Majeſtät erlaubt— aber ſonſt nichts, gar nichts, am wenigſten Staatsmann, und ſo kommt es, daß die ganze Stadt mit der einzigen Ausnahme des Cardinals Dietrichſtein von einem Ereigniß wiſſen oder ſprechen kann.“ Der Kaiſer ſchien durch die Antwort des Cardinals befriedigt und fuhr fort:„Nun ſollte ich allerdings die Verächter der kaiſerlichen Majeſtät nach Verdienſt züch⸗ tigen, aber dieſe Männer der Gewaltthat gehören, Gott ſei es geklagt, meinem eigenen Hauſe an.“ Der Cardinal ſchlug wieder die Hände zuſammen und ſagte, diesmal aber etwas weicher, als ob er ſich des erlogenen Erſtaunens ſelbſt ſchämte:„Wäre es möglich!“ Der Kaiſer entgegnete darauf:„Es iſt leider nicht nur möglich, ſondern wahr; ſo wahr, als ich hier im Bette liege und mich in Schmerzen krümme, daß die Erzherzoge Ferdinand und Max meinen Cabinets⸗Di⸗ rector gewaltſam entführten.“ „Die Erzherzoge Ferdinand und Max?“ wieder⸗ holte Dietrichſtein ſtets mit dem gleichen Erſtaunen. „Die geringſte Strafe,“ fuhr der Monarch fort, „wäre nun Verhaftung oder ſofortige Landesverweiſung, und ich geſtehe, in der erſten Auwlänrh auch dazu Befehl gegeben zu haben; da... 39 „Hat Euere Majeſtät,“ fiel der Cardinal ein,„mit gewohnter Großmuth den reuigen Prinzen die harte Strafe nachgelaſſen?“ „Nein!“ ſagte der Kaiſer unwillig,„ich hätte das keineswegs gethan, wenn nicht ein freudiges Ereigniß— hier wurde Mathias milder— meinen Arm aufgehalten hätte.“ „Und darf man wiſſen? Euer Majeſtät begreift, daß es jeden treuen Diener drängen muß, zu erfahren, was ſeines Kaiſers Herz freudig bewegt.“ Der Kaiſer lächelte huldvoll und erwiederte:„Dieſes freudige Ereigniß iſt die ſüße Hoffnung Ihrer Majeſtät der Kaiſerin, Mutter zu werden. Ich beauftrage zugleich Euer Eminenz, ſowohl in dem eigenen Sprengel, als auch in den verwaiſten Bisthümern Neuſtadt und Wien, falls der Cardinal bis dorthin nicht zurück ſein ſollte, nach Ablauf von ſechs Wochen die üblichen Gebete für die glückliche Niederkunft der Kaiſerin zu veranſtalten.“ Dietrichſtein verneigte ſich tief, während ein Zug von namenloſem Spott durch die Neigung des Kopfes den Anweſenden verborgen wurde. Dann erhob ſich der Kirchenfürſt ſogleich und brachte ſeine Glückwünſche in wohlgeſetzter Rede dar, indem er ſich bald an den Kaiſer und bald an die Kaiſerin wandte. Mathias dankte dem Cardinal durch ein ſchwaches Kopfnicken und fuhr fort:„Ich ſagte, daß die Kunde 40 von dieſem freudigen Ereigniß die ſtrafende Hand auf⸗ gehalten habe.“ „Die ſchönſte Art, Gott für die erlangte Gnade zu danken,“ entgegnete Dietrichſtein würde⸗ und ſal⸗ bungsvoll. „Aber noch mehr,“ ſagte Mathias weiter,„mich drängt es, in dieſem feierlichen Augenblick den Bruder und Vetter zu umarmen und alle Feindſchaft ein für alle Male zu erſticken. Ihr blickt mich verwundert an, Dietrichſtein, und gedenkt vermuthlich vergangener Zei⸗ ten, aber ich bin nicht mehr derſelbe Mann, der ich war. Kummer, Sorge und Körperſchmerz haben mich weicher geſtimmt; ich kann und will keine Feindſchaft.“ Dietrichſtein nickte und entgegnete:„Die Sprache Euerer Majeſtät iſt die Sprache des wahren Chriſten und des frommen Hausvaters im Evangelium. Der König von Ungarn iſt der verlorene Sohn, dem Ihr das Erbtheil zum zweiten Male geben wolltet— habe ich errathen?“ Der Kaiſer ſchüttelte den Kopf, und erwiederte ſeufzend: „Ich weiß nicht, ſoll ich ſagen, ich fürchte oder ich hoffe, daß ich ihm das Erbtheil ein zweites Mal nicht geben kann, ſondern vielmehr ſelbſt das erſte neh⸗ men muß. Ihr begreift, wenn mir, wozu die Aerzte alle Hoffnung geben, ein Sohn geboren würde...“ 41 Dietrichſtein entgegnete gefaßt:„Ich meinte nicht ein wirkliches Erbtheil der Materie nach, ſondern das Erbtheil der Liebe, ein Erbtheil dem Geiſte nach.“ „Ich beſorge ſehr,“ warf der Kaiſer ein,„daß meinem ſteieriſchen Vetter ein Erbtheil dem Fleiſche nach anziehender ſchiene.“ „Sei ihm, wie ihm wolle, Euere Majeſtät iſt die Güte ſelbſt.“ „Nun iſt aber der Verhaftsbefehl ausgefertigt.“ „Man muß ihn zurücknehmen.“ „Aber der Mann, welcher ihn hat, iſt nirgends zu finden.“ „So muß man einen Gegenbefehl ausſtellen.“ „Wem ſoll die Ausführung übertragen werden?“ „Friede und Verſöhnung iſt ſo ganz eigentlich die Art des Prieſters.“ Mathias, welcher es nicht gewagt hätte, den Car⸗ dinal mit einem ſo untergeordneten Geſchäft zu be⸗ trauen, ſagte angenehm überraſcht:„Ihr wollet es über Euch nehmen?“ „Warum nicht?“ „Aber ich bin zu ermüdet, und kann nicht ſchreiben.“ „Ich werde mit Euer Majeſtät Erlaubniß den Gegenbefehl aufſetzen.“ 4 „Thut es.“ 42 Dietrichſtein ſtellte ſich den Seſſel zurecht und ſchickte ſich an, Schreiberdienſte zu verrichten. Der Kaiſer unterbrach ihn:„Sollte ich nicht lie⸗ ber um die Erzherzoge ſenden; es wäre vielleicht die ſicherſte und zugleich bequemſte Art, ſie dem Verhafts⸗ befehl zu entziehen.“ Dietrichſtein ſprang vom Stuhle auf:„Nein, Euer Majeſtät, nein, das hieße die Großmuth bis zur Verderblichkeit ſteigern.“. Die Kaiſerin Anna drückte dem Cardinal, den ſie immer für einen Anhänger Ferdinands gehalten hatte, das erſte Mal in ihrem Leben die Hand. „Nein, Euer Majeſtät,“ fuhr der Cardinal fort, „Nein, Euer Majeſtät. Die Unüberlegten ſollen zur Strafe mindeſtens einige Wochen Euren Anblick ent⸗ behren; ſie ſollen den gerechten Unmuth Euer Maje⸗ ſtät fühlen, ſie ſollen das Hoflager meiden.“ Kaiſer und Kaiſerin waren über dieſe Sprache des Cardinals, welcher für ſteieriſch geſinnt galt, erſtaunt, und Mathias reichte ihm die Hand zum Kuſſe dar, die der Kirchen⸗ fürſt inbrünſtig an ſeine Lippen drückte. In der Wahrheit hatte Dietrichſtein Alles erlangt, was er für die Erzherzoge hoffen zu dürfen glaubte, und faſt zu viel; denn die vollſtändige Ausſöhnung konnte er aus Rückſichten für Rom nicht zugeben, da ja doch in der Perſon Khleſl's ein Cardinal beleidigt worden war, 43 und der päpſtliche Stuhl in dieſem Vorfall eine günſtige Gelegenheit finden konnte, ſich Ferdinand freundlich zu er⸗ zeigen. Trat die vollkommene Ausſöhnung mit dem Kai⸗ ſer früher ein, ſo entging Rom dieſe koſtbare Gelegenheit. Dieſe Gedanken beſtimmten den Cardinal, zu der Kai⸗ ſerin gewandt beizufügen:„Geſtatten mir Euer Maje⸗ ſtät zu erinnern, daß in dem Kaiſer auch die Kaiſerin be⸗ leidigt wurde, und daß es ziemlich ſein dürfte, dies die Erzherzoge fühlen zu laſſen.“ Die Kaiſerin winkte ihm Beifall zu; Mathias ſchwieg und ließ den Cardinal gewähren. Dieſer faßte den Gegenbefehl ab und legte ihn dem Kaiſer zur Unterſchrift vor. Nachdem ihn der Kaiſer mit ſeinem Namenszuge verſehen hatte, drückte Dietrichſtein das kaiſerliche Siegel bei, faltete die Schrift zuſammen und ſchickte ſich zum Gehen an.— XXXI. Capitel. Tine Hausdurchſuchung. Nächſt dem Stubenthore, das ſeinen Namen entwe⸗ der von den in dieſer Gegend gelegenen Bädern, oder auch von der alten Familie der Stubenberge, die hier einen Palaſt beſaßen, empfangen hat, zieht ſich ein altes, grau ausſehendes Gebäude längs der Baſtei hin, das ſeinen Abſchluß in einer ziemlich geräumigen Kirche findet. Die⸗ ſes Gebäude ſteht noch und iſt demſelben Zweck gewidmet, den es zur Zeit unſerer Erzählung erfüllte. Es iſt dies das Dominicaner⸗Kloſter. Der Eingang in den Convent befand ſich wie heute noch von Seite der Stadt. Gleich oberhalb der erſten zwölf Stufen ſchloß ein eiſernes Gitter den Zutritt ab; dieſes maſſive, die ganze Breite der Stiege einnehmende Gitter bildete die Clauſur, welche jedem Laien zu über⸗ 45 ſchreiten verſagt war. Nicht einmal eine Glocke fand ſich angebracht, um ſich den Bewohnern dieſes Hauſes ver⸗ ſtändlich zu machen. Es war an dem Tage nach der Wegführung Khleſl's, die Mönche ſaßen, eben aus der Kloſterkirche zurückgekehrt, bei dem gemeinſamen Frühmahl, als der Bruder Pförtner in das Refectorium mit der Meldung hereinſtürzte, die Stadtguardia halte vor dem Kloſterthore und ein Herr vom Hofe ſei ſeit einer Viertelſtunde beſchäftigt, irgend ein Schloß an dem Gitter zu entdecken. Zur Beſtätigung des Berichtes hörte man wirklich ein Geräuſch, als ob Eiſenſtäbe gerüttelt würden; in dieſes Geräuſch miſchte ſich der Lärm mehrer Stimmen, Der zu oberſt der Tafel ſitzende Prior des Kloſters, ein wohlgenährter, dicker Mann, deſſen ſtark geröthetes Geſicht gleichwohl Intelligenz und Willenskraft ausdrückte, erhob ſich augenblicklich und eilte, von dem Bruder Pfört⸗ ner gefolgt, aus dem Refectorium.. Auf dem Wege durch den langen Corridor, der zwiſchen den Zellen fortläuft, hielt der Prior bei einem an der Wand gemalten Madonnenbild, vor dem ein Bet⸗ ſchemel ſtand, an, kniete nieder und bedeutete dem Pfört⸗ ner, voranzugehen. Prior Hutner, der ſeine Morgenandacht längſt verrichtet hatte, that dies weniger aus religiöſem Eifer, als um alle Möglichkeiten zu überblicken, welche Anlaß zu dieſem ſonderbaren Vorgang geben konnten. Prior Hutner hatte ſich, ſo viel er wußte, nichts vor⸗ zuwerfen; er und ſein Kloſter ſtanden mit allen geiſtlichen oder weltlichen Gewalten auf gutem Fuße; ja, der allge⸗ waltige Miniſter war ſogar ſein beſonderer Freund. Er konnte ſich daher beruhigen; durch dieſe Be⸗ trachtung etwas erleichtert, ſtand der Prior auf und eilte an's Gitter. Die erſte Perſon, die er dort erblickte, war der Hofbaumeiſter Effenberger, welchen man der Commiſſion zugetheilt hatte, um ihr in der Orientirung beizuſtehen und allfällige Hinderniſſe beſeitigen zu helfen. Herr Effenberger war auch derjenige, der bisher, wenn auch nutzlos an den Gitterſtäben gerüttelt hatte; er ſagte beim Anblick des Priors von ſeinen Anſtren⸗ gungen noch ganz außer Athem:„Es iſt Zeit, hoch⸗ würdiger Herr, daß Ihr einmal kommt; denn die ver⸗ fluchten Eiſenſtäbe geben doch nicht nach.“ Der Prior würdigte den Sprecher keiner Antwort und wandte ſich an einen noch ziemlich jungen in Sammet gekleideten Cavalier, der an der Spitze der Commiſſion zu ſtehen ſchien. Dieſer junge Herr war ſorgfältig gekleidet, trug eine ſchwere goldene Kette um den Hals und einen ſpaniſchen Degen an der Seite. Der geiſtvolle Kopf ſaß auf einem langen und dünnen Hals, der wieder aus einer mächtigen Halskrauſe hervorragte. Das an ſich untadelhafte Geſicht 47 trug trotz der Jugend Spuren von Abgelebtheit; die grauen, faſt durchſichtigen Augen hatten etwas vom Blick des Tigers an ſich, während ein weicher Zug um Mund und Naſe anzeigte, daß Wolluſt nicht die letzte Eigen⸗ ſchaft im Charakter ihres Eigenthümers war. Die ge⸗ rade vorſpringende Naſe und die aufgeworfenen Lippen vervollſtändigten das Gemälde, indem ſie der durch den Blick angekündigten Härte den Begriff von Stolz und Hochmuth beigeſellte. Der Prior redete den Cavalier an und fragte, was ſein Begehr ſei. Der Cavalier reichte ſtatt aller Antwort dem Prior zwiſchen den Eiſenſtäben durch eine kleine Pergament⸗ rolle, die mit dem Siegel der Erzherzoge Max und Ferdinand verſehen war. Als der Prior das Siegel erblickte, nickte er mit dem Kopf und warf die Lippen auf, als wollte er ſagen:„Ah, bläſt der Wind von dieſer Seite?“ dann las er die Schrift durch, welche den Herrn Karl Grafen von Liechtenſtein mit der Hausſuchung des Dominicaner⸗ Kloſters beauftragte; der Prior ſah ſich verwundert um und machte Miene, das Document zurückzuſtellen. Liechtenſtein, welcher nichts Anderes vermuthet hatte, als daß ſich die Clauſur vor dem erzherzoglichen Befehl ſogleich öffnen würde, ſagte, indem er mit der Hand vor⸗ nehm winkte:„Behaltet nur, und öffnet!“ Der Prior wandte ſich aber, als ob gar nichts vor⸗ gefallen wäre, an den neben ihm ſtehenden Pförtner, indem er laut, ſo daß es die außerhalb des Gitters Stehen⸗ den deutlich vernehmen konnten, ſagte: „In der Abfaſſung dieſes Documentes hat ſich ein kleiner Fehler eingeſchlichen, der mich aus Gehorſam gegen meine geiſtlichen Oberen, ſo leid es mir thut, hin⸗ dert, dieſem würdigen Herrn das Kloſter zu öffnen.“— Nachdem er dies geſagt hatte, verbengte er ſich artig vor den außerhalb des Gitters Harrenden und machte Miene, zurückzukehren. Da rief ihm Liechtenſtein ungeduldig zu:„Was ſoll das heißen, Herr Prior und von welchem Fehler ſprecht Ihr?“ „Ach mein Gott,“ erwiederte Hutner mit der gleich⸗ gültigſten Miene der Welt,„es handelt ſich nur um den unbedeutenden Umſtand, daß der Befehl nicht vom Kloſterrathe unterzeichnet iſt.“ Liechtenſtein erblaßte vor Zorn und ſprach, denſel⸗ ben mühſam unterdrückend:„Ihr ſeht ja die Sie⸗ gel der Erzherzoge und werdet doch einer ſolchen Klei⸗ nigkeit, einer bloßen Form willen, nicht eben ſo un⸗ nützen als gefährlichen Widerſtand leiſten.“ Der Prior entgegnete lächelnd:„Ich bin der arme Vorſtand dieſes Kloſters und habe davon mehr Ver⸗ antwortlichkeit als Nutzen; wollt Ihr, daß ich mit mei⸗ 49 ner geiſtlichen Behörde eben einer ſolchen Kleinigkeit willen zerfallen ſoll? Der Kloſterrath verſteht keinen Spaß und würde mir Zeitlebens nicht verzeihen, daß ich es an dem ſchuldigen Reſpect fehlen ließ. Nein, Herr Graf, ich kann mit dem beſten Willen nicht freiwillig öffnen. Aber ich weiß ein gutes Auskunftsmittel.“ „Sagt ſchnell, welches iſt es?“ „Laßt das Gitter ſprengen.“ Der Graf ſah den Prior verdutzt an und erwie⸗ derte:„Ihr willigt ein?“ „Ah, das ſage ich nicht, ganz im Gegentheil würde ich meinen ganzen Abſcheu in Gegenwart aller Conven⸗ tualen gegen ſolche tempelſchänderiſche Gewaltthat aus⸗ drücken und feierlichſt gegen ſolchen gottloſen Angriff pro⸗ teſtiren; aber es iſt das einzige Mittel, um hier herein zu kommen.“ „So gebt doch in allen drei Teufels⸗Namen der Vernunft Gehör.“ Der Prior bekreuzte ſich bei dieſem Fluch und be⸗ merkte, ohne eine Miene zu verziehen, in aller Herzens⸗ einfalt:„Man ſieht, daß Euere Gnaden ſich noch nicht lange in dem Schooß der allein ſeligmachenden Kirche be⸗ finden und daß die Segnungen derſelben noch nicht Zeit hatten, die mit Recht erwarteten Früchte zu bringen.“ Graf Liechtenſtein wurde bleich wie die Mauer. Der Graf, welcher erſt vor Kurzem zur katholiſchen Kirche Haas; Der alte Cardinal. IV. 4 50 zurückgetreten war, haßte nämlich nichts mehr, als an die proteſtantiſchen Geſinnungen ſeiner frühern Jugend erinnert zu werden. Doch faßte er ſich ſchnell und ſagte: „Ich ſehe, Ihr ſeid ein Dickkopf, gebt!“ und ſtreckte hie⸗ mit die Hand nach der Pergamentrolle aus, welche der Prior noch immer in der Hand hielt. Der Prior antwortete aber:„Nicht doch, ich habe mich nun eines Beſſeren beſonnen, Ihr könntet ſagen, daß ich den Befehl der durchlauchtigſten Erzherzoge nicht mit ſchuldiger Devotion aufgenommen hätte. Ich behalte die Schrift und will ſie dem Gedenkbuch des Kloſters beifügen, das die Namen aller Wohlthäter und Beſchützer unſeres armen Kloſters enthält.“ Der Graf zitterte vor Wuth.—„Nun ſo habt Euren Willen, merkt Euch aber dies, wenn ich wiederkehre und Ihr zaudert einen Augenblick, ſo will ich Euch beim Blute Chriſti an den Hörnern des Altares hängen laſſen.“ Der Prior zuckte die Achſeln und erwiederte ruhig: „Ganz nach Gottes Willen, aber noch ein Wort, Herr Graf.“ Liechtenſtein, welcher glaubte, daß Hutner durch ſeine Drohung eingeſchüchtert ſeinen Entſchluß geändert habe, hielt ſein Ohr gegen das Gitter. Der Prior neigte ſich vorwärts und ſagte mit voll⸗ kommener Seelenruhe:„Ich möchte dem Herrn von Liechten⸗ ſtein rathen, ſeine Worte beſſer abzumeſſen, denn in der 51 katholiſchen Kirche pflegt man Geiſtliche nicht ſo mir und dir nichts zu hängen; ganz im Gegentheil könnte ſo eine Drohung zu unangenehmen Verwicklungen mit der römiſchen Curie Anlaß geben, und nun Adieu, mein gnä⸗ diger Herr von Liechtenſtein.“ Der Prior kehrte nach dieſen Worten ohne ſich auch nur einmal umzuſehen, in das Innere des Kloſters zurück. Graf Karl Liechtenſtein blieb noch einen Augen⸗ blick mit zornfunkelnden Augen ſtehen, ballte dann die Fauſt und drohte dem Prior nach, indem er vor ſich hin⸗ murmelte,„wäre nur der Kerl von Zigeuner hier, daß er mir dieſes Aas aus dem Weg räumte,“ dann ſchritt er, den langen Degen auf den Stufen mit Gepolter nach⸗ ſchleppend, die Stiege hinunter und zum Thore hinaus. Auf die Frage des Hofbaumeiſters, ob die Commiſ⸗ ſion beendet ſei, antwortete der Graf mit einem:„Scher' Er ſich zum Teufel.“ Effenberger ballte nun auch die Fauſt, aber im Sacke, und brachte es in ſeinem Zorn ſo weit zu ſagen: „Danke, danke!“ und entfernte ſich. „Die Stadtguardia, welcher man vergeſſen hatte, ein Zeichen zum Rückzug zu geben, blieb bis Mittags an derſelben Stelle. Als der ehrliche Prior hörte, daß die guten Leute noch immer vor dem Thore ſtan⸗ den, ſagte er zu ſeinen Mönchen:„Ha ha, die war⸗ ten auf die Kloſterſuppe.“ 4* 52 Nach wenigen Minuten konnte man die Kloſter⸗ knechte ſehen, wie ſie einige ungeheure Zuber mit Fleiſch und Gemüſe aus dem Kloſter ſchleppten. Der Pater Kellermeiſter fügte dem Allen noch einige Krüge Wein hinzu. Die Gardiſten ließen das Kloſter hoch leben. Als der Prior dies Geſchrei hörte, ließ er das erſt noch feſt verſchloſſene Gitter öffnen und ſchritt zu den Bewaffneten hinab. Der Erſte, an den er ſich wandte, war ein alter Haudegen mit langem bis an das Knie reichenden grauen Bart, welcher die Abtheilung commandirte. Der Prior ſagte, indem er dem Kriegs⸗ mann freundlich auf die Schulter tippte:„Der Arme dem Armen“ und drückte ihm ein Silberſtück in die Hand. Dann ging er zu ſeinen Leuten und gab jedem etwas Kupfermünze, ſtets denſelben Spruch wiederho⸗ lend; als er alle zwölf Mann beſchenkt hatte, kehrte er zu dem Graubart zurück. Dieſer fragte neugierig: „Seid doch wohl abgekommen Ehrwürden mit dem Hofherrn?“ „Auf das Beſte.“ Konnt es wohl denken, weil ſie uns nicht gebraucht haben?“ „Ja, wozu meint Ihr denn, mein Alter, daß ſie Euch hätten brauchen ſollen?“ 53 „Ihr ſeht ja, daß zwei Mann meiner Truppen mit Haken verſehen ſind.“ In der That bemerkte der Prior erſt jetzt, daß zwei Stadtgardiſten Haken trugen. „Und wozu ſollten die Haken dienen?“ „Wozu?“ ſagte der Graubart,„wozu anders, als Schränke einzuſchlagen, wenn es nöthig geweſen wäre.“ Dabei machte der alte Soldat die Bewegung des Schla⸗ gens nach. Der Prior ſtutzte und fragte: „Ja, aber was für Schränke ſolltet Ihr denn einſchla⸗ gen und warum?“ „Weiß nicht?“ Der Prior ſann einen Augenblick nach und fragte dann auf's Neue,, aber habt Ihr denn keine Idee?“ „Ich habe nie Ideen.“ „Warum nicht?“ „Weil ich ſtets thue, was man mir heißt, ohne mich einen Deut um was Anderes zu kümmern.“ „Seltſamer Kauz!“ „Seltſam oder nicht, es iſt mein Grundſatz keine Idee zu haben.“ „Und weshalb das?“ „Weil Ideen für einen Soldaten oft eben ſo gefähr⸗ lich ſind als eine feindliche Kugel.“ „Wie das?“ 54 „Hm, Hm. Man hat es erlebt.“ „Erzählt mir das.“ „O die Geſchichte iſt ganz kurz.“ „Alſo heraus damit.“ „Kanntet Ihr den Oberſten Grafen von Hardegg?“ „Hardegg— ja wohl, da ich ſeinem Vater das letzte Abendmahl reichte.“— „Nun der Graf Hardegg war ein ſtattlicher Mann und guter Officier.“ „Das war er.“ „Nun gut, daß Ihr es wißt, dieſer Graf Har⸗ degg hatte ſo eine Idee.“ „Und welche Idee, wenn man fragen darf?“ „Die Idee, ſich und ſein ganzes Regiment nicht erſchießen zu laſſen.“ „Das war ja eine ganz gute Idee.“ „Das glaubt Ihr?“ „Wie anders?“ „Ich ſage Euch aber, es war für ihn die ſchlimmſte Idee, die er haben konnte.“ „Wie ſo?“ „Dieſe Idee koſtete ihm den Kopf. „Den Kopf?“ „Ja weil er hingerichtet wurde. Er hatte die Idee, die unhaltbare Feſtung Raab den Türken zu übergeben und uns freien Abzug zu bedingen.“ „Und iſt dies auch ſo geſchehen?“ „Stünde ich ſonſt vor Euch?“ „Ah, Ihr waret bei der Beſatzung?“ „Nur dem Grafen wurde dafür der Kopf abge⸗ ſchlagen.“ „Jetzt erinnere ich mich davon gehört zu haben.“ „Was Ihr aber nicht wiſſen werdet, iſt der Um⸗ ſtand, daß der Cardinal Khleſl über ihn das Urtheil ſprechen ließ.“ Der Prior ſchauderte:„Ihr ſagt der Cardinal?“ „So iſt es.“ „Und wer ſagte Euch das?“ „Wer es mir ſagte, der Graf ſelbſt, der weder den Cardinal noch ſonſt Jemand ſein Leben lang beleidiget hatte. Aber Gott hat es gut gemacht.“ „Und wie ſo hat es Gott gut gemacht?“ „Weil der Cardinal nun ſeinen Lohn hat.“ Der Prior zuckte zuſammen. „Was ſagt Ihr, der Cardinal habe ſeinen Lohn?“ „Ah, ich vergeſſe ganz, daß Ihr in den Klöſtern wie in einem Kerker eingeſperrt lebt.— Geſtern haben ſie den Khleſl in's Gefängniß geführt.“ Der Prior zuckte abermals zuſammen; das Blut ſtrömte zu ſeinem Kopf und die Adern an ſeinen Schlä⸗ fen pochten, als ob ſie ſpringen wollten. 56 Der alte Soldat fuhr fort:„Wahrſcheinlich werden ſie ihn eben ſo hinrichten, wie er einſt dem Grafen Hardegg den Kopf abſchlagen ließ.“ Der Prior ſah wohl ein, daß die Befürchtungen oder vielmehr Hoffnungen des alten Mannes übertrieben waren, dennoch bemächtigte ſich ſeiner eine unerklärliche Angſt. „Seht,“ ſprach der Soldat weiter,„das kommt von den Ideen. Der Graf Hardegg hatte die Idee, ſich und ſeine Leute erhalten zu wollen und der alte Car⸗ dinal meinte, daß es keinen Stärkeren gebe, als ihn ſelbſt.“ Der Prior wußte genug und trug kein Verlangen, mit dem alten Manne fortzuplaudern. Er drückte ihm alſo die Hand und eilte ſpornſtreichs nach dem Kloſter. Der Commandant der Stadtguardia blickte ihm eine Weile nach und murmelte dann:„Was mag doch den gutherzigen Mönch auf einmal angewandelt haben — doch nur keine Idee,“ dann commandirte er:„halb rechts abmarſchirt“ und führte ſeine Truppe in ihre Behauſung. Hutner ſagte ſich, als er gedankenvoll in ſeinem weich gepolſterten Sorgenſtuhl ſaß:„Nun weiß ich, was der gute Graf Liechtenſtein in dieſem Kloſter wollte, auch die Aexte der Stadtguardia ſind keine Räthſel mehr. Was ich aber mit den Schriften meines biſchöflichen Freundes beginnen ſoll, das iſt es, was ich nicht weiß. 57 So viel iſt ſicher, den Herren bei Hof iſt kein Winkel des ganzen Kloſters unbekannt, ſie haben die vollſtän⸗ digen Baupläne und ich möchte wetten, daß die mäch⸗ tige Rolle, welche aus dem Rock des Bauverſtändigen hervorguckte, nichts anders als der Bauplan des Klo⸗ ſters war. Laßt ſehen, was zu thun; das einfachſte wäre unſtreitig, die ganze Truhe in's Feuer zu werfen. Die Aſche iſt verſchwiegen. Wie aber, wenn Schuld⸗ urkunden, Quittungen, Verträge darunter wären? Mein Freund Khleſl iſt nicht der Mann, eines Pfennings Verluſt zu verſchmerzen. Er würde mir keinen guten Blick mehr gönnen, wenn er auch nur um hundert Gulden käme, ja er wäre der Mann, ſich den Schaden auf Koſten des armen Kloſters erſetzen zu laſſen. Aber man könnte nachſehen und die Papiere durchforſchen, doch hat der argwöhniſche Cardinal die Schlüſſel der dreifachen Sperre und würde es nie vergeben, wenn ſeine Truhe gewaltſam erbrochen würde.— Nun wir haben einige freie Tage vor uns und guter Rath kommt oft über Nacht. Sehen wir, wie lange es dauern kann, bis der Graf wieder an unſerer Pforte pocht.“— Der Prior ſpannte die Finger ſeiner Hand auseinander und zählte: „Einen Tag braucht der Graf, um den Kloſterrath von der Nothwendigkeit einer Hausſuchung im Dominicaner⸗ Kloſter zu überzeugen, und daß er wenigſtens einen 58 Tag dazu braucht, dafür werde ich ſorgen.“ Hier bog der Prior einen Finger ein.—„Einen Tag nimmt die Verſammlung des Rathes in Anſpruch,“— hier bog der geiſtliche Herr den zweiten Finger,„drei Tage und, wenn man es ſehr beeilt, zwei Tage,“ hier wurden zwei Finger verkürzt,„bedarf die Kanzlei, um die paar Zeilen aufzuſetzen und mit den nöthigen Unterſchriften zu verſehen, da hätten wir denn volle vier Tage vor uns. Vier Tage, ein langer Zeitraum für einen guten Einfall oder irgend einen geheimen Wink,— wir wollen warten.“ Bei dieſem Entſchluß blieb der würdige Dominicaner⸗ Prior ſtehen und führte ihn auch thatſächlich aus. XXXII. Capitel. Hülfe in der Noth. Als aber der vierte Tag graute und der gute Ein⸗ fall, ſowie der heimliche Wink ſich nicht eingefunden hatte, zog der Kloſtervorſtand die Stirne kraus und wurde, je weiter der Tag fortſchritt, zuſehends mürri⸗ ſcher und ſchweigſamer. er Wein im Glaſe ſtand unberührt, und die zarten Laibchen von Waizenbrot, die nur für die Perſon des Priors beſtimmt waren, lagen unangetaſtet in ei⸗ nem Winkel des mächtigen Speiſekorbes. Das Geſchäft der Verdauung hatte unſtreitig unter den Sorgen des guten Priors gelitten.— Die Mittagsſtunde rückte heran, und der würdige Herr fühlte weder Hunger noch Durſt; man hätte den Prior in ſeiner weißen Kutte für ein Steinbild anſe⸗ 60 hen können, wenn er nicht von Zeit zu Zeit nach einem Tuch gegriffen, und ſich den Schweiß von der Stirn gewiſcht hätte. Endlich um die zwölfte Stunde, als ſich der Prior eben anſchicken wollte, in's Refectorium zu gehen, wurde ein fremder Herr gemeldet; des Priors erſte Frage war: „Wie ſieht er aus?“ Als ihm geſagt wurde, der Fremde ſei in Cava⸗ lierstracht gekleidet, habe einen Degen an der Seite und ein mit weißen Federn verziertes Barett, da ent⸗ fiel ihm der Muth gänzlich und er murmelte:„Das kann offenbar Niemand anderer als der Graf ſein; ſie haben unſtreitig noch größere Eile, als ich vermuthete.“ Prior Hutner ließ den Schließer augenblicklich zu ſich entbieten und befahl ihm mit zaghafter Stimme, dem edlen Herrn draußen zu ſagen, daß er, der Klo⸗ ſtervorſtand krank, ja auf den Tod krank darniederliege, dann eilte er in ſein eigenes Cabinet, ſchob den Riegel vor, rückte die maſſive eiſenbeſchlagene Truhe des Cardi⸗ nals mit unglaublicher Anſtrengung unter dem Bette hervor, verſuchte mit zitternder Hand einen Schlüſſel um den andern, wiewohl vergebens. Er war eben wieder niedergekniet, und hatte einen zweiten Bund Schlüſſel der verſchiedenſten Dimenſionen zur Hand genommen, als er unmittelbar vor der Thür Stimmen hörte, die immer näher ſchollen. Hutner noch 61 immer auf den Knien, lehnte ſich zurück, um ſo beſſer zu hören. Er unterſchied deutlich die Stimme ſeines Pförtners, der auf das beharrlichſte verſicherte, daß ſein Prior im Sterben liege; dann hörte er eine andere Stimme ſagen:„Um ſo nothwendiger und ſchleuniger muß ich den Sterbenden ſprechen.“ Der Prior bekreuzte ſich unwillkürlich und ſagte zu ſich ſelbſt: „Sind das verhärtete Menſchen, eines Sterbenden ſchonen ſie nicht einmal; wenn es dem unglückſeligen Pförtner einfiele zu ſagen, daß ich ſchon todt ſei, viel⸗ leicht ſchreckte die Scheu vor dem Tod jene Böſewich⸗ ter zurück!“ In der That, hörte er den Pförtner in demſelben Augenblicke ſagen, als ob er ſeinen Obern hätte verſte⸗ hen können:„Während wir hier reden, iſt mein armer Herr gewiß ſchon todt, und zu den Heiligen Gottes verſammelt worden.“ Der Fremde ſtieß als Erwiederung den armen Mönch von der Thür weg, vor welcher er ſtand, und rief:„Wenn der Teufel Deinen Herrn geholt hat, ſo iſt es noch nicht die Folge, daß er Euch Alle holen muß, und wenn die Hofherren die Kiſte mit den Papieren des Cardinals bei Euch finden, ſo verſichere ich, wird er Euch holen.“ 62 Als der Prior dieſe Worte hörte, ſprang er wie umgewandelt auf, ſchob den Riegel weg und ſchaute halb ängſtlich, halb erwartungsvoll auf den Mann, der dieſe entſetzlichen und doch ſo troſtreichen Worte geredet hatte. Die Erkennung war nicht geeignet das Staunen zu vermindern. Der fremde Cavalier war zwar nicht der ſtolze Graf von Liechtenſtein, wie Prior Hutner Anfangs gefürchtet hatte; es war aber der calviniſch geſinnte Baron Tſcher⸗ nembl, zu dem ſich der ſorgenvolle Kloſtervorſtand nicht viel Beſſeres verſah. Hutner ſchwankte einen Augenblick über die Partie, die er ergreifen ſollte; endlich wählte er den bequemen Mittelweg, ſich durch das Benehmen des Freiherrn be⸗ ſtimmen zu laſſen.. Der Prior redete daher den Freiherrn nicht ohne Selbſtgefühl an und drückte die Verwunderung aus, ihn, den Ketzer, innerhalb der Clauſur eines katholiſchen Kloſters zu ſehen.. Der Baron zuckte die Achſeln und ſagte, als ob er es gar nicht der Mühe werth hielte, die Anrede des Priors zu beantworten:„Hier iſt der Siegelring des Cardinals; bei dieſen Worten zog er denſelben aus ei⸗ nen ledernen Beutel hervor. Prior Hutner blickte den Freiherrn ſcharf und nicht ohne Beimiſchung von Argwohn an und ſagte: 63 „Der gnädigen Eminenz wird doch kein Unglück zugeſtoßen ſein.“ „Unglück, wenn Ihr es Unglück nennt, vom erſten Mann des Reiches zu einem armen Gefangenen degra⸗ dirt zu werden, dann ja; wenn Euch dagegen nur der Tod als Unglück gilt; dann nein.—“ Die Neugierde gewann bei dem würdigen Prior die Oberhand über die eigene Gefahr, in der er noch ſchwebte, er erwiederte deshalb:„Ihr ſcheint über das Schick⸗ ſal des hohen Kirchenfürſten wohl unterrichtet zu ſein, und könnet glauben, daß dieſes Convent des erhabenen Car⸗ dinals, ſeines Protectors nie vergeſſen wird. Ich bitte Euch darum, erzählt, was Ihr wißt.“ Tſchernembl begnügte ſich mit dem ihm eigenthüm⸗ lichen Sarcasmus ohne Umſtände zu erwiedern:„Der verhaftete Cardinal hat ſeine wichtigſten und geheimſten Documente einem gewiſſen Dominicaner⸗Prior Hutner, welcher der Vertraute aller ſeiner Gedanken war, zur Aufbewahrung übergeben; von dieſen Documenten ver⸗ ſprechen ſich die Feinde des Cardinals unbezahlbare Auf⸗ ſchlüſee über ſeine Verhandlungen mit den ketzeriſchen Ständen, mit den Feinden des Erzhauſes Oeſterreichs, mit Frankreich, dem Bethlen Gabor und dem Groß⸗ türken ſelbſt.— Die Feinde des Cardinals, welche zugleich ein Bis⸗ chen die Gegner des Priors Hutners ſind, werden dem Gra⸗ 64 fen von Liechtenſtein das goldene Vließ entgegentragen, wenn er ihnen die handſchriftlichen Beweiſe des Hoch⸗ verrathes Sr. Eminenz des Cardinals bringt.“ Hutner, welcher bei dieſer Rede zuſammenſchauderte, fragte nun mit flehentlicher Geberde:„Was thun?“ „Jetzt ſeid Ihr auf dem rechten Weg und der Car⸗ dinal hat gerade ebenſo gedacht, und hier der Beweis da⸗ von.“ Tſchernembl wies dem Prior den Zettel, welcher die Aufforderung ertheilte, die Schriften zu verbrennen, und einen Schlüſſel. Als Hutner den Zettel geleſen hatte, ſagte er la⸗ chend?„Hat Se. Eminenz nicht teufelsmäßige Angſt gehabt, als ſie dieſe Worte ſchrieb?“ „Ohne Zweifel, aber weshalb dies?“ „Weil ſich die Eminenz ſonſt wohl begnügt ha⸗ ben würde, das Verbrennungsgebot auf die abſolut gefährlichen Staatsſchriften zu beſchränken.“ Tſchernembl antwortete lächelnd:„Darin mögt Ihr Recht haben, übrigens wird es Euch der Cardinal Dank wiſſen, wenn Ihr ſeinen Auftrag nicht allzubuchſtäblich erfüllt!“ „Nun ſo laßt uns handeln,“ der Prior verſuchte den Schlüſſel, das Schloß gab nach und die Truhe ſprang auf. Zu oberſt lagen einige abgetragene Kleidungsſtücke Ihrer Eminenz; dann folgten einige ſorgfältig verwahrte Kirchen⸗Paramente, die von Silber und Gold ſtrotz⸗ 65 ten; dann ſtieß der Prior auf ein Käſtchen, das auf einen Druck nachgab, die Feder ſprang auf und enthüllte mehrere Fächer, welche mit Schmuckgegenſtänden angefüllt waren.— Im erſten Fache lag ein goldenes Kreuz, deſſen Mitte ein großer Amethyſt ſchmückte; neben dem Kreuze befand ſich eine ſchwere goldene Kette, die ebenſo ſchwer als geſchmacklos war; ein Ring ſo weit und ſo groß, daß kein menſchlicher Finger ihn ausfüllen zu können ſchien, lag in einer Ecke und barg einen blitzenden Diamant, das Geſchenk jenes türkiſchen Großveziers, der gleich dem Ca⸗ binets⸗Direktor Khleſl, der Sohn eines Bäckers war. Im zweiten Fache befand ſich ein Dorn, vorgeblich aus der Krone Chriſti, mit Diamanten eingefaßt und mit einer päpſtlichen unter dem Fiſcherring beſiegelten Beglau⸗ bigungsſchreiben verſehen; neben dem Dorn Chriſti lag ein Splitter von dem Kreuze des Erlöſers mit echten Perlen und Rubinen beſetzt. Als der Freiherr ſeine Bewunderung des reichen Schmuckes mehr noch durch Mienen als Worte ausdrückte, ſagte der Prior, indem er ſich an Tſchernembl wandte: „Das ſind Kleinigkeiten und nichts als Kleinigkeiten im Vergleich zu den Kleinodien, die Ihr noch zu Geſicht be⸗ kommen werdet, ſeid ſo gut und helft mir dieſen Pack hervorziehen. Haas; Der alte Cardinal. IV. 5 66 In der That machte der Prior große Anſtrengung, ein abgeſondertes ſorgfältig eingehülltes Bündel aus der Truhe zu heben, ohne daß es ihm bis zu dieſem Au⸗ genblick gelingen mochte. Erſt die vereinigte Anſtrengung des calviniſchen Barons und des Dominicaner⸗Priors reichten hin, den ſchweren Pack los zu bringen. Als der Prior die Riemen durchſchnitten hatte, mit welchen das Bündel zugeſchnürt war, bot ſich Tſchernembl ein überraſchender Anblick dar. Zwei ſchwere mit Edel⸗ ſteinen verzierte Krummſtäbe aus gediegenem Silber bil⸗ deten die Hauptmaſſe; eine goldene Trinkſchale, ein Kelch aus feinſtem Waſchgold, das der Donau entſchlemmt wurde, ein ſilbernes Crucifix, zwei ſchöne Leuchter von demſelben Metall und eine Monſtranze, deren Strahlen aus Gold gebildet und mit ſchimmernden Juwelen geziert waren, lagen wohl eingeſchachtelt rings herum.— Der Prior blickte den Baron fragend an. Tſchernembl ſchüttelte den Kopf und entgegnete: „Glaubt Ihr, daß mich dieſe Raritäten⸗Samm⸗ lung, Wunder nimmt? da müßte ich unſern alten Herrn nicht ſo genau kennen, als ich ihn kenne; übrigens ſind dies nur Kleinigkeiten und nichts als Kleinigkeiten im Vergleich mit den Papieren, die Ihr zu Geſicht bekom⸗ men werdet.“ Der Prior nickte mit dem Kopfe, als wenn er ſagen wollte, das wiſſen wir ohnedies. Tſchernembl, welcher 67 den Gedankengang des Mönches zu errathen glaubte, ſetzte zweifelhaft hinzu:„Und kennt Ihr Alles ohne Ausnahme?“ „Das will ich meinen.“ „Die Hausſätze auf Neuſtadt?“ „Auch die Hausſätze.“ „Und die Schuldverſchreibungen der Wiener Bür⸗ ger 2. „Auch die Schuldverſchreibungen.“ „Und die Hofkammer⸗Obligationen?“ „Auch dieſe.“ „Da keunt Ihr allerdings ſehr viel.“ „Alles, Alles,“ erwiederte Hutner mit dem Stolz, das unbegränzte Vertrauen des Principal⸗Miniſters genoſſen zu haben. „Ach, dann wißt Ihr unſtreitig auch um die vene⸗ tianiſche Donation?“ „Was ſagt Ihr?“ „Nun die Schenkung von einer Million.“ „Million?“ „Ja einer Million Ducaten.“ Der Prior ſtierte den Freiherrn mit großen Augen an, endlich ſagte er mit ungläubigem Lächeln:—„Davon habe ich nie gehört.“ 3 „Aber ich.“ „Ihr täuſcht Euch.“ 68 „Nicht im Geringſten.“ „Was ſagtet Ihr?— Einer Million?“ „Nun wie oft ſoll ich es wiederholen, einer Million Ducaten, welche die Republik dem armen Cardinal als eine kleine Gratification verehrte.“ „Und wußte der“— hier lispelte der Prior, als ob er fürchtete, daß die Mauern ſeines Kloſters Ohren hätten, „und wußte der Kaiſer davon?“ Tſchernembl drehte ſich auf dem Abſatz ſeines Stie⸗ fels herum und ſagte eben ſo leiſe,„glaube nicht, ſonſt würde die Verſchreibung nicht hier, ſondern im kaiſerlichen Archiv ruhen.“ „Und Ihr meint, daß ſich dieſe Verſchreibung hier in dieſer Truhe befindet?“ fragte der Prior blaſſer als die Wand. „Ich glaube nicht nur, ich weiß es.“ „Und wenn nun der Graf von Liechtenſtein mit ſeinen Häſchern über dieſe Verſchreibung gekommen wäre?“ „Nun, dann wäre es einfach dem Cardinal und ſei⸗ nen Freunden an den Kopf gegangen.“ „Auch ſeinen Freunden?“ „Ganz gewiß!“ „Warum glaubt Ihr dies?“ „Ei, kennt Ihr denn nicht das Sprichwort, daß der Hehler um nichts beſſer iſt als der Stehler?“ „Ihr wolltet doch damit nicht ſagen... 20 69 „Daß Ihr nichts beſſer ſeid, als der Cardinal? Nein, das will ich auch nicht ſagen, denn ich halte Euch, meiner Treu, für beſſer, was noch immer nicht viel heißen will; aber dieſes mein perſönliches Dafürhalten dürfte von den Erzherzogen nicht getheilt werden und auf mich, einen armen calviniſtiſchen Edelmann, kommt es wohl am wenigſten an.“ „So hätte mich denn mein hochverehrter Gönner in wahrhaftige Lebensgefahr verſetzt?“ „So ſcheint es?“ „War das aber von ihm recht und billig?“ „Ei, davon nachher; jetzt ſuchen wir d der Ur⸗ kunde.“ Der Prior, dem der Schweiß in hellen Perlen über die brennenden Wangen rann, unterzog ſich einer neuen Anſtrengung, indem er einen ungeheuren Actenconvolut aus der Tiefe des Koffers hervorhob. Tſchernembl las die Ueberſchrift, welche von Khleſl's eigener Hand über den Einband mit ſteifen lateiniſchen Schriftzügen angebracht war. Er hatte die geheime Privatcorreſpondenz des Car⸗ dinals mit dem türkiſchen Großvezier, welche nicht einmal durch die Hände des öſterreichiſchen Internuntius ging, vor ſich. Der Freiherr ſchüttelte den Kopf, indem er bemerkte, daß dieſer Briefwechſel den beiden Bäckersſöhnen gewiß 70 von vorzüglichem Intereſſe, aber für den Augenblick ohne Nutzen ſei. 8 Der Prior bückte ſich abermals und brachte ein klei⸗ neres Packet hervor; auf dem Umſchlage ſtanden die Worte: „Die Kloſterfrauen zur Himmelpforte betreffend.“ Dies⸗ mal konnte ſich der würdige Prior nicht enthalten auszu⸗ rufen:„Der Teufel hole die Kloſterfrauen!“ Nun langte Tſchernembl in das Behältniß und holte einen Bündel Schriften hervor, die ſich ſogleich als vene⸗ tianiſche Staatsſchriften auswieſen. Der Prior ſchien den Inhalt mit den Augen ver⸗ ſchlingen zu wollen. Glücklicherweiſe deuteten Randgloſſen von Khleſl's eigener Hand den Inhalt mit Genauigkeit an. Das ziemlich magere Bündel war ſchnell durchblät⸗ tert, ohne daß ſich die Spur einer Schenkungsurkunde vorfand.— Der Prior tauchte noch einige Male in den tiefen Koffer nieder und holte ſo nach und nach ſämmtliche beſchriebene Papiere aus dem Grunde der Truhe herauf. Ein von Khleſl ſelbſt angefertigtes Verzeichniß be⸗ nachrichtigte die beiden Männer, daß ſich die wichtigſten Ver⸗ mögens⸗Documente des Cardinals in den Händen Breu⸗ ner's ſelbſt befänden. Der Prior ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen und rief ein über das andere Mal: „Daß Gott erbarme, der alte Herr hat den Verſtand verloren! Seinem Todfeind das Meſſer in die Hand 71 zu geben, das kann nur ein Wahnſinniger, ein völlig Raſender thun!“ Tſchernembl, der einen Augenblick nachgedacht hatte, fragte:„Wann hat der Cardinal das letzte Mal etwas aus der Truhe genommen?“ „Noch etliche Stunden vor dem Unglückstag.“ Es fing an in dem Kopfe des Freiherrn zu tagen; er errieth. Khleſl hatte in Beſorgniß einer proteſtantiſchen Verſchwörung ſeine Papiere ſorgfältig zuſammengefaltet und mit paſſenden Ueberſchriften verſehen, in das Bu⸗ reau des Finanzdirectors bringen laſſen. Khleſl kannte die Menſchen gut genug, um trotz ſeines Widerwillens gegen Breuner recht wohl zu wiſ⸗ ſen, daß der Letztere ſich eher in Stücke hauen, als fremdes Eigenthum verletzen laſſen würde. Tiſchernembl entgegnete deshalb dem verwunderten Mönch:„Was macht Ihr doch für Lärmens daraus, daß die Eminenz ihr Vermögen eben für ſo ungefährdet in Breuner's als in Euren Händen hielt und hatte er am Ende, frage ich, auch nicht Recht?“ „Wird man eine Hausunterſuchung bei Breuner anſtellen?“ „Nein!“ 4 „Aber bei Euch hat man ſie angeſtellt und wird ſie anſtellen.“ 72 „Leider Gott!“ „Nun hatte der alte Herr noch Unrecht?“ „Aber die Million Ducaten?“ „O die wird er ſich gehütet haben, iu Breuner's Hände zu geben.“ „Ihr glaubt alſo, daß ſie da ſind?“ „Allerdings.“ „Aber wo ſind ſie?“ „Bin ich allwiſſend?“ „Wenn ſie aber jemand Anderer fände?“ „So laßt uns in Gottes Namen noch einmal ſuchen.“ Tſchernembl und der Prior ſtürzten und wendeten die eiſenbeſchlagene Truhe, ließen kein Fleckchen Papier und keine Taſche ununterſucht— nirgends eine Spur der beſprochenen Verſchreibung. 4 Plötzlich warf der Prior einen triumphirenden Blick auf den Baron, ſchlug ſich gleichzeitig an die Stirn und ſagte:„Habe ich nicht gleich anfänglich an dem Daſein einer Schenkung gezweifelt, habe ich Euch nicht gleich geſagt, daß ich davon wiſſen müßte und dennoch nichts weiß, wäre die Annahme einer ſo ungeheuren Summe nicht ein Verbrechen, ſo eine Kleinigkeit, die ſich wie Landesverrath und Beſtechung anſieht? wäre der Bieder⸗ mann, der Erzbiſchof, der Cardinal, der alte ehrliche Khleſl einer ſolchen Handlung fähig? —— 73 Der Cardinal, ſagte ich mir, iſt ein karger, beinahe filziger Mann, der Cardinal iſt ein Mann, der das Geld liebt, der Cardinal iſt aber auch ein geſcheidter Mann, und geſcheidte Männer thun nichts, das ſie in Schande und Schaden bringen könnte. Ich will gern glauben, daß Ihr der Million nicht erwähntet, um mir Angſt einzuflößen, aber Ihr ſeid un⸗ ſtreitig getäuſcht, ſchändlich betrogen worden.“ Tſchernembl fing die Geduld zu verlaſſen an; er ſagte deshalb in gemeſſenem Tone:„Abgeſehen davon, daß ich mich vor Euch, mein lieber Prior, nicht zu verantworten habe, und wie Ihr wohl einſeht, aus gutem Herzen ge⸗ kommen bin, um Euch und Euren Herrn einer großen Verlegenheit zu entreißen, ſo widerrathe ich Euch, künftig ein Cavalierswort nicht leichtſinnig zu bezweifeln; hättet Ihr ſtatt Eurer albernen Schlußfolgerung lieber gefragt: Woher wißt Ihr dies?“ oder ‚welche Beweiſe davon habt Ihr?“ ſo würde ich Euch geantwortet haben: Von wem ich es weiß?“ Zuerſt von Sr. Excellenz dem Gonfaloniere der venetianiſchen Truppen und dann von Sr. Eminenz dem Herrn Cardinal ſelbſt. Welche Beweiſe ich habe? Die Abſchrift der Schenkungsurkunde, wenn beliebt, wie ſie zu Wieneriſch⸗Neuſtadt ausgeſtellt wurde.“) Prior Hutner war vor Staunen faſt außer ſich; er blickte den Freiherrn ängſtlich an. 74 Tſchernembl geſtand, daß er zwar um das Vorhan⸗ denſein der Schenkung wiſſe, nicht aber, was daraus ge⸗ worden ſei.: Der Prior machte nun auf des Freiherrn Betrieb im Kamin Feuer an, dann warf Tſchernembl einen Acten⸗ bündel um den andern in die Glut; der Prior ſeufzte. Als die Papiere verbrannt waren, legte Hutner alle unverdächtigen Gegenſtände wieder an ihren Platz. Als er an das Schmuckkäſtchen kam, wollte er es entfernen: Tſchernembl hielt ihn aber am Arm und fragte um ſein Beginnen. Hutner gab zur Antwort:„Soll ich dieſe Kleinodien den Feinden des Cardinals überliefern?“ „Ei freilich.“ „Wie ſo freilich?“ „Was hat denn Daniel mit dem Drachen ge⸗ than?“ „Was gehört das hieher?“ „O es gehört bei Weitem mehr hieher, als Ihr glaubt. Er hat dem Drachen Harzkuchen vorgeworfen, und der Drache?“ „Der iſt davon geſtorben.“ „Nun begreift Ihr?“ „Nicht im Mindeſten.“ „Ich hörte immer, daß Ihr ein feiner Kopf ſeid, und Ihr errathet nicht? Das Gerümpel von Kreuzen, 75 Krummſtäben, Ringen und Kelchen, das iſt der Harz⸗ kuchen dieſes alten Daniel, des Cardinals Khleſl.—8 „Laßt uns dieſe Siebenſächelchen den Feinden Sr. Eminenz vorwerfen. Ihm bleibt noch genug übrig.“ Der Prior willigte ein und legte ſtöhnend das Käſtchen und den Bündel zu den übrigen Habſeligkeiten. Als Alles an Ort und Stelle war, ſchickte ſich der Prior an, die alten Kleider des Cardinals dar⸗ über zu breiten. Tſchernembl hinderte ihn daran, indem er jedes ein⸗ zelne Kleidungsſtück in die Hand nahm und mit äußer⸗ ſter Genauigkeit unterſuchte. Aber es waren eben nur alte Röcke, in deren Taſchen ſich nicht einmal ein ver⸗ geſſenes Papierſchnitzel befand. Die Röcke waren nun über die Truhe gebreitet und es fehlte nur mehr ein verblichener altmodiſcher weitfaltiger Schlafrock, der als oberſte Bedeckung der Truhe gedient hatte. Der Prior wollte ihn ohne Anſtand an ſeine frü⸗ here Stelle legen; Tſchernembl aber nahm auch dies letzte Kleidungsſtück zur Hand und durchſuchte die wei⸗ ten und tiefen Säcke. 3 Als ſich nichts als ein paar Brotkrumen vor⸗ fanden, ſtand er eben im Begriffe, das Kleidungsſtück, indem er es umwandte, dem Prior zu reichen, als ſich beim 76 Umwenden etwas hart anfühlte, haſtig zog er den Schlaf⸗ rock zurück. Hutner ſagte halb ärgerlich:—„Es iſt doch um⸗ ſonſt, ſo gebt in Gottes Namen her,“ aber Tſchernembl hatte, während der Prior dieſe Worte ſagte, bereits eine verborgene Naht mit dem feinen Taſchenmeſſer aufge⸗ trennt; der Stoff knatterte unter der Hand des Frei⸗ herrn, welche ſich tief zwiſchen das Futter und den Ueberzug hinabſenkte; nach einer Secunde tauchte die Hand wieder empor, ſie hielt aber ein klein zuſammengefaltetes Papier. Es war die venetianiſche Schenkung. Noch kniſterte das Document im Kamin; noch glimmte ein und das andere Pergamentſtück, als der Pförtner dem Prior den vom Kloſterrath mit unterzeich⸗ neten Befehl zur Hausdurchſuchung einhändigte. Der Prior ſtellte es in das Belieben des Frei⸗ herrn, ob er gehen oder bleiben wolle. Tſchernembl zog es vor, das Schauſpiel mit anzu⸗ ſehen, das er ſich von einem Streit der Mönche mit der Durchſuchungs⸗Commiſſion verſprach, zudem hoffte er, dem Prior durch ſeine Gegenwart Muth einzuflößen und im Widerſtand zu beſtärken. Letzteres zeigte ſich indeſſen als völlig überflüſſig, denn der Prior, welcher wohl wußte, daß jede wirkliche 77 Gefahr beſeitiget war, trug den Kopf höher als je zuvor. Statt den Herren vom Hof entgegen zu gehen, zog er es vor, die Commiſſion durch den Pater Hofmeiſter in ſeine Zimmer geleiten zu laſſen, er ſelbſt ſetzte ſich ſei⸗ ner ganzen Breite nach in den ledergepolſterten Seſſel, der vor dem Schreibkaſten ſtand und bedeutete den Frei⸗ herrn mit einer Art von Vornehmheit, die mit der eben bewieſenen Demuth in ſonderbarem Contraſt ſtand, ihm gegenüber Platz zu nehmen.. Graf Carl Liechtenſteiu, den es verdroß, daß der Prior es nicht der Mühe werth gehalten, ihm entgegen zu gehen, trat mit aufgeſetztem Barett zur Thür hinein. Bei ſeinem Eintritt erhob ſich der Prior, ſtieß den Begleiter des Grafen an und deutete nach dem Kopfe, indem er ihm zulispelte:„Um Gottes willen erinnert den Grafen den Hut zu ziehen, da er ſich nicht nur in geheiligter Stätte, ſondern in Gegenwart von geſegneten Heiligenbildern befindet; was würde mein Gaſt, der calviniſche Baron dazu denken, wenn ſich ein ſo guter Katholik, wie Graf Liechtenſtein, einen ſo großen Mangel an Ehrerbietung zu Schulden kommen ließe?“ Graf Liechtenſtein, dem von dem halblaut geführten Geſpräch kein Wort entgangen war, biß ſich in die Lippen und zog gegen Tſchernembl gewendet den Hut, 78 als ob er ſagen wollte, daß er nur des Freiherrns willen den Hut lüfte. Hierauf wandte er ſich gegen Hutner und fragte in rauhem Tone:„Hat der Herr Prior den vom Kloſter⸗ rathe mit unterfertigten Befehl geleſen?“ Hutner nickte bejahend. „Und hat der Herr Prior nun nichts mehr zu erinnern, was den Vollzug der durchlauchtigſten Befehls verzögern könnte?“ Hutner ſchüttelte den Kopf. „Wo ſind die Euch anvertrauten Habſeligkeiten des ehemaligen Cabinetsdirectors Khleſl?“ Hutner dentete auf die unter ſeinem Bette ſtehende Truhe.. Liechtenſtein fuhr fort:„Laßt ſie von Euren Leuten hervorſchaffen.“ Nun verließ den Kloſtervorſtand, der lange an ſich gehalten hatte, die Geduld und er ſagte mit Donner⸗ ſtimme, ſo daß ſeine Worte außen im Corridor gehört werden konnten:„Wer von meinen Leuten die Truhe berührt, ob Mönch oder Laienbruder, verläßt noch zu dieſer Stunde dieſes gebenedeite Haus; wir ſind ins⸗ geſammt unwürdige Diener Gottes, aber nicht der Men⸗ ſchen und am allerwenigſten Frohnboten der Gewalt.“ Graf Liechtenſtein wechſelte die Farbe und that ſich ſichtbar Gewalt an, indem er mit gedämpfter Stimme 79 zum Bauinſpector Effenberger gewandt ſprach:„Wenn der Pater Prior ſeine Leute für zu gut hält, den Com⸗ miſſären der durchlauchtigſten Erzherzoge die ihrer Durch⸗ ſuchung zugewieſenen Gegenſtände zu übergeben, ſo müßt Ihr als ein Diener Sr. Majeſtät Euch dazu bequemen, ſie hervor zu holen. Effenberger blickte den Freiherrn mit einem um Mitleid flehenden Blick an, und verſuchte es den Koſſer von ſeinem Platz zu rücken, aber es fehlte ihm die Kraft des breitſchultrigen Mönchs. Als Graf Liechtenſtein die erfolgloſen Anſtrengungen des Bauinſpectors eine Weile zugeſehen hatte, gab er einer Magiſtratsperſon der gemeinen Stadt Wien, wel⸗ che der Commiſſion beigezogen war, ein Zeichen, Hand anzulegen. Die Magiſtratsperſon zeugte nicht geringe Luſt, ſich dem Befehl zu widerſetzen und geſticulirte einige Augenblicke mit den Händen in der Luft herum; ein ſachter Druck von der ſtarken Fauſt des kaiſerlichen Com⸗ miſſärs ſchnitt jede Einwendung ab, indem ſie den Beamten in jene gebückte Stellung verſetzte, welche das aufgetragene Geſchäft in Anſpruch nahm. Beide Männer rückten endlich die Truhe, wie Liechtenſtein befohlen, an's Fenſter. Ehe er dieſelbe mit dem ihm dargebotenen Schlüſſel öffnete, begehrte 80 er, daß Jedermann bis auf die Mitglieder der Commiſ⸗ ſion, das Zimmer verlaſſe. Kaum hatte der Graf dieſes Anſinnen geſtellt, als der Prior mit blitzenden Augen vor ihn hintrat, und ſagte:„Ich werde nur der materiellen Gewalt weichen, nie aber freiwillig meiner Zelle den Rücken kehren, das merkt Euch, Graf von Liechtenſtein; muß ich aber gezwungen gehen, ſo iſt mein erſter Weg zum Cardinal Dietrich⸗ ſtein, der mich ſchützen wird, und mein zweiter zum päpſtlichen Nuntius, der mich ſchützen muß. Wenn es Euch nun noch gefällig iſt, ſo befehlt Eurem Bauinſpector, deſſen Eigenſchaften, wie ich bemerke, vielfache Anwendung finden, ſowie er Hand an dieſen lebloſen Gegenſtand legte, mich zu ergreifen.“ Graf Liechtenſtein, in deſſen urſprünglicher Abſicht die gewaltſame Entfernung des Priors nie gelegen war, und welcher durch den gegebenen Befehl ſich nur des calviniſchen Freiherrn, den er nicht geradezu beleidigen mochte, entledigen wollte, erwiederte:„Nun ſo bleibt in Gottes Namen, wenn Ihr denn auf Euer Hausherrn⸗ recht ſo große Stücke haltet, aber mein verehrter Standes⸗ genoſſe wird es als ein in Geſchäften viel gewandter Mann nicht übel deuten, wenn ich ihn erſuche, auf wenige Augenblicke das Zimmer zu verlaſſen.“ Tſchernembl war im Begriff, dem Wunſch des 81 Grafen Folge zu leiſten, als ihn Hutner am Arm faßte und zurief: 1 „Freiherr, Ihr bleibt, falls Ihr nicht durchaus die⸗ ſes Zimmer verlaſſen wollt. Hier habe ich zu befehlen und niemand Anderer; der Graf Liechtenſtein möge aber zuſehen, daß er das Gaſtrecht nicht mißbraucht, denn dieſes arme Kloſter hat auch Gefänguiſſe und feſte Gewölbe, welche ſich Jenen öffnen, welche die Statu⸗ ten unſeres heiligen Ordens antaſten oder die gegen die einem geweihten Prieſter ſchuldige Achtung verſtoßen.“ „Liechtenſtein hob den Finger zur Drohung und ſagte:„Es ſei, Herr von Tſchernembl mag bleiben, falls er es nicht vorzieht, freiwillig dies Gemach zu ver⸗ laſſen, aber Euch ſage ich, mein beſter Munn, daß Ihr am längſten Prior geweſen und ſollte mein reines Wappenſchild darüber zerbrechen.“ Hutner erwiderte:„Zerbrecht es.“ „Seid Ihr Eurer Sache ſo gewiß?“ „Meine Sache iſt nicht die des Dominicaner⸗ Priors Hutner, ſondern die Sache der ganzen Geiſtlich⸗ keit, die Sache aller Prälaten, die Sache Roms und Rom iſt denn doch noch mächtiger, ſollte ich denken, als Graf Karl Liechtenſtein, der freilich in ſolchen Dingen ein Neuling iſt.“ „Und gerade mein Herr, der durchlauchtigſte Erz⸗ herzog Ferdinand, iſt ein Liebling des Papſtes.“ 6 Haas: Der alte Cardinal. IV. 82 „Das wird Se. Heiligkeit nicht hindern, dem Do⸗ minicaner gerecht zu werden.“ „Genug des Streites, bleibt oder geht und thut was Ihr wollt, laßt uns jetzt unſeres Amtes walten.“ Der Baufnipertor und die Magiſtratsperſon hat⸗ ten während des Gezänkes die Truhe abgedeckt und die zahlreichen Actenbündel auf den langen Eichtiſch des Priors ausgebreitet. Graf Carl Liechtenſtein öffnete haſtig eines um das Andere, fand aber ſeine Neugierde in ſehr geringem Grade befriedint Es waren hauptſächlich Angelegen⸗ heiten der Seelſorge, welche die vorgelegten Papiere betrafen. Der Graf hatte nur mehr wenige Actenſtücke vor ſich liegen. Ihr Inhalt mußte dem Leſer geringes In⸗ tereſſe einflößen, denn er blickte ſie nur mit halbem Auge an und legte ſie bei Seite. Als er zu dem letzten Convolut gekommen war, belebten ſich mit einem Male ſeine Geſichtszüge; er richtete ſich aus ſeiner nachläſſigen Stellung auf und blätterte mit ſictbnrer Erregtheit in den Actenſtücken um. Die aus wenigen Blättern beſtehende Abhandlung trug die Aufſchrift:„Vermögens⸗Ausweis Sr. Emi⸗ neiß des Cardinal⸗ Erzbiſchofes von Wien Meilchior Khlefl.“ 83 Die erſte Seite war leer; die zweite enthielt ein langes Verzeichniß von Perſonen, die an den Ca⸗ binetsdirector Forderungen zu ſtellen hatten; das dritte Blatt ſpecificirte dieſe Forderungen und das vierte ent⸗ hielt ein ähnliches Verzeichniß von Schuldigern des Car⸗ dinals. An der oberſten Stelle prangte der Name Sr. Majeſtät des römiſch⸗deutſchen Kaiſers Mathias, dem eine bedeutende Anzahl von Namen der hervorragend⸗ ſten Edelleute folgte. Am Rand waren von Khleſl's eigener Hand Bemerkungen über die Einbringlichkeit der Schulden beigefügt. Bei dem Namen Sr. Majeſtät ſtanden die Worte, „ehrlich aber arm.“ Als Liechtenſtein die Namen der Gläu⸗ biger raſch durchflog, röthete ſich plötzlich ſein Antlitz; er zog das Heft nahe an ſich, als hätte er gefürchtet, daß Jemand außer ihm einen indisereten Blick in dieſes Verzeichniß werfen dürfte. Sein eigener Name ſtand mit rother Tinte unterſtrichen in den ſteifen lateiniſchen Schriftzügen des Cardinals vor ſeinen Augen. Er las weiter und las die Worte:„Herrn Carl Grafen Liechtenſtein den Kaufpreis für die Herrſchaft Felsberg viertauſend Gulden vorgeſtreckt durch den Beichtvater Sr. Majeſtät Pater Bernardin in der Hoffnung, daß dieſes Geld andere als irdiſche Zinſen abwerfen werde.“ Am Rande ſtand die Bemerkung:„Wird der katho⸗ 6* 84 liſchen Kirche doppelt erſetzen, was ihr unwürdiger Diener ihm geliehen hat.“ Der Graf mochte nicht weiter leſen, ſchlug das Heft zu und ſteckte es zu ſich. Die anweſende Magiſtratsperſon erlaubte ſich die demüthige Bemerkung, daß ſämmtliche Schriften unver⸗ züglich unter Siegel gelegt werden müßten. Der Graf erwiederte in einem Tone, der keinen Wi⸗ derſpruch zuließ:„Bis auf jene, welche Privatangelegen⸗ heiten Sr. Majeſtät betreffen.“ Als man dem Grafen ankündigte, daß keine an⸗ deren Schriften vorhanden ſeien, richtete er verwundert an den Prior die Frage:„Wo ſind die die Nachfolge im Reich betreffenden Actenſtücke und Documente hinge⸗ kommen?“ Hutner erwiederte gefaßt:„Was weiß ich? im ge⸗ heimen Archiv werden ſie ſein, wie der Herr Graf beſſer wiſſen müſſen als ich.“ „Und die geheimen Verhandlungen mit den Stän⸗ den?“ „Gehören doch gewiß in's geheime Archiv..) „Und die Actenſtücke betreffs des letzten Friedens mit der Türkei?“ „Was weiß ich?“ „Und die venetianiſchen Verhandlungen?“ „Iſt mir unbekannt.“ 8⁵ „Und die Werthpapiere und Schuldverſchreibungen des Cardinals?“ „Halt, das weiß ich!“ „Nun, wo ſind ſie?“ „Wartet einen Augenblick.“ Der Mönch legte einen Finger an die Stirn, als ob er nachdächte:„Bei dem Freiherrn von Khuen?“ Liechtenſtein frohlockte. „Doch nein! In meinem Kloſter?“. Liechtenſtein ſpannte ſeine Aufmerkſamkeit. „Auch nicht! Bei der Oberin des Himmelpfort⸗ kloſters?— eben ſo wenig.“ „Nun, wird es Euch einmal beifallen?“ „Geduld, ich hab's! Des Cardinals ſämmtliche Werthpapiere, Hausſätze, Schuldverſt chreibungen und Baar⸗ vorrath befindet ſich— Liechtenſtein hing mit ſeinen Augen an den Lippen des Priors— in den Händen....“ der Prior ſetzte bei dieſen Worten ab. „In den Händen? ſagtet Ihr.“ „In den Händen....“ „Nun, weſſen Händen?“ „Ja, weſſen? Wartet einmal, des Hans Mollart? Nein! des Barvitius? Nein! Des Rathes Krenberg? Eben ſo wenig.“. Liechtenſtein ſtampfte vor Ungeduld mit dem Fuß und ſagte:„So nennt mir um Gottes Willen lieber den Na⸗ 86 men Desjenigen, in deſſen Aufbewahrung ſich die Docu⸗ mente befinden, als Alle, welche ſie nicht beſitzen.“ „Seht, Herr Graf, jetzt fällt es mir ein; alle die fraglichen Papiere, alſo über den Weinzehent, die Haus⸗ ſätze, die Miethe im Haus zum blauen Eſel, die Neu⸗ ſtädtiſchen Sätze u. ſ. w. hat der Herr von Breuner an ſich genommen.“ Liechtenſtein rief verwundert aus:„Was Ihr ſagt! Das hättet Ihr aber nicht thun ſollen; Ihr wart gar nicht berechtigt, jemand Anderem die Papiere des Cardinals auszuliefern, und Ihr werdet darüber zur Rechenſchaft gezogen werden.“ „Aber ich habe ja dem Herrn von Breuner nichts ausgeliefert.“ „So hat alſo Herr von Breuner die Papiere nicht?“ „Er hat ſie, aber nicht von mir.“ 3 „Und von wem denn?“ „Von Sr. Eminenz dem Herrn Cardinal.“ „Das ſagt einem Anderen!“ „Wie Ihr wollt; ich kann auch ganz ſchweigen.“ „Ja, aber wie kam der Khleſl dazu?“ „Ich habe ſchon geſagt, daß ich nichts mehr antwor⸗ ten werde.“ „Wenn ich Euch aber bitte?“ „Ach, das iſt ein Anderes! Nun, der Cardinal 87 hat das Haus des Herrn von Breuner für das ſicherſte zur Aufbewahrung ſeiner Papiere gehalten.“ „Das Haus ſeines Todfeindes?“ „Aber eines ehrlichen Mannes.“ „Nun, das hat Euer Patron dumm angeſtellt.“ „Dumm?“ der Prior zuckte die Achſeln;„wie Ihr meint.“ „Ich ſage, es gehört die Verwirrtheit eines böſen Gewiſſens dazu, ſein Vermögen ſeinem größten Feind anzuvertrauen.“ „Ich hätte gedacht, dazu genüge nur einfach Men⸗ ſchenkenntniß, die zwiſchen Feind und Hallunk unterſcheidet. Seht, Euch, verehrter Herr Graf! hätte der Cardinal vielleicht ſeine Papiere nicht anvertraut.“ „Und warum nicht mir eben ſo gut, als Herrn von Breuner?“ „Weil Euch Se. Eminenz nicht die Ehre hatte zu kennen, denn hätte ſie Euch gekannt, ſo würde ſie nicht jene ßch Bemerkung in den Vermögens⸗Ausweis eingerückt aben.“ „Wie, Ihr habt jene Schrift geleſen?“ fragte Liech⸗ tenſtein dunkelroth vor Aerger. „Ihr vergeßt, Herr Graf, daß mich der Herr Car⸗ dinal mit ſeiner beſonderen Freundſchaft beehrte.“ „Und Ihr wiſſet?.... 88 „Ich wußte nicht nur, ſondern war ſogar der Mann, welcher dem Pater Bernardin die viertauſend Gulden übergab.“ „Und was denkt Ihr wohl, daß der Cardinal mit ſeiner albernen Randgloffe meinte?“ „Ah ſo! der Herr Cardinal hat wiederholt geäußert, daß er die bekehrten Spitzbuben für die größten Eiferer halte.“ „Ihr maßt Euch einen Ton an!“ „Nicht im mindeſten— aber der Cardinal, der ein geſcheidter Mann iſt, ſagte immer, daß wenn er der König von Spanien wäre, kein Anderer Großinquiſitor werden ſollte, als ein proteſtantiſcher Convertit.“ „Und deshalb meint Ihr?“ 3 „Ja deshalb meine ich, habe Euch Se. Eminenz viertauſend Gulden vorgeſtreckt.“ „Ich werde ſie noch heute zurückzahlen.“ „Wem denn? dem Fiscus?“ „Nein.“ „Dem alten Herrn?“ „Eben ſo wenig.“ „Je nun?“ „Ich werde das Geld Sr. Majeſtät dem Kaiſer zum beliebigen Gebrauch zu Füßen legen.“ „O hütet Euch, das zu thun.“ „Weshalb ſoll ich mich hüten.“ 89 „Weil der ſtets geldbedürftige Monarch unrecht ver⸗ ftehen könnte.“ „Wie meint Ihr dies?“ „Ich mache vielleicht eine gewagte Vorausſetzung.“ „Immerhin.“ „Ihr erwartet, daß Se. Majeſtät der Kaiſer das Zahlungs⸗Document entgegennehmen und Euch nach raſchem Durchblick, gerührt über ſo viel Redlichkeit und Treue, zurückſtellen werde?— Ah, laßt mich ausreden— ich beſorge nur, daß Se. Majeſtät Kaiſer Mathias viel⸗ mehr ausrufen werde: Proſit, Herr Graf! das kommt mir eben recht, um dieſen oder jenen Kriegsoberſten, deſſen Fähnlein ſeit Jahr und Tag ohne Sold blieb, abzulohnen; meint Ihr nicht auch?“ Graf Liechtenſtein, welcher den Prior nicht ohne In⸗ tereſſe angehört hatte, murmelte einige unverſtändliche Worte, die mit der Ankündigung des Entſchlufſes, das Geld bis auf beſſere Zeiten zu behalten, endigten. Den Unmuth des Grafen zerſtreute, wie Tſchernembl richtig vorausgeſehen hatte, der Anblick der Kleinodien des Cardinals, die in jenem Augenblick vor ihm auf den Tiſch gelegt wurden. Namentlich war es der Ring des Großveziers, welcher eine unwiderſtehliche Anziehungskraft auf die Hand des Grafen ausübte. 90 Nur der Umſtand daß der Reif an keinen Finger paßte, erleichterte dem kaiſerlichen Commiſſär die Zurück⸗ ſtellung des Kleinodes. Schon hatte der Graf nach Leuten geſchickt, welche alle die Schätze des Cardinals wegſchleppen ſollten, als der Prior erklärte, nur gegen Aufnahme eines in duplo ausgeſtellten Inventars in die Uebergabe zu willigen. Der Graf, welchen dieſe Arbeit langweilen mochte, erhob ſich und überließ dieſelbe der Schreiberei der Stadtbeamten. Als er an dem Kamine vorüberging, fiel ſein Blick zufällig auf die Trauerflören ähnlichen Ueber⸗ reſte der verbrannten Schriften; in demſelben Augenblick wurde ihm auch klar, was aus den geheimen Schriften des Cardinals geworden ſei. Mit einem ſtrengen Blick fragte er, indem er auf die Aſche deutete, den Prior:„Seit wann ſind Bettelmönche ſo verweichlicht, daß ſie im Hoch⸗ ſommer heizen müſſen?“ 1 Der Prior erwiederte höhniſch:„Der edle Graf ver⸗ gißt, daß unſer Orden aus Spanien ſtammt, wo es be⸗ kanntlich ſehr heiß iſt.) „Wir werden dieſe Motive dem römiſchen Könige zur Entſcheidung vorlegen, der ſie am Beſten zu wür⸗ digen wiſſen wird.“ „O meinethalben dem Papſt ſelber.“ Graf Liechtenſtein ging, ohne den Prior weiter einer 91 Antwort zu würdigen und den Freiherrn von Tſchernembl nur leichthin grüßend, zur Thüre hinaus. Der Prior ſtieß den Freiherrn an und fragte leiſe: „Nun habe ich meine Sache nicht gut gemacht.“ „O ganz vortrefflich.“ „Dem guten Herrn von Liechtenſtein wird heute, be⸗ ſorge ich, das Mittagsbrod nicht wohl bekommen.“ Der Freiherr und der Dominicaner⸗Mönch würden noch lange geplaudert haben, wenn nicht der Magiſtrats⸗ beamte mit der Aufnahme des Inventars zu Ende gekommen wäre. Der Bauinſpector benützte dieſen Zeitpunkt, ſich ſeinem alten Bekannten, dem Freiherrn zu nähern und ihn zu fragen, ob er nicht Luſt habe, bald wieder im Krebſenkeller einzuſprechen. Tſchernembl bedankte ſich freundlich für die ihm zugedachte Ehre, ſchützte aber ſeine nahe bevorſtehende Abreiſe vor. 4 3 Als ſich die Mitglieder der Commiſſion aus dem Kloſter entfernten, hing ſich Effenberger alles Wider⸗ ſtrebens des Freiherrn ungeachtet, an ſeinen Arm und bat ihn, da er nun einmal durchaus nicht in den Krebſen⸗ keller kommen könne oder wolle, wenigſtens einige Bou⸗ teillen Rheinwein anzunehmen, welche ihm der Hof⸗ kellermeiſter als Antheil von der Beute an den Weinen des Cardinals verehrt habe. 92 Bei dieſer Gelegenheit erfuhr Tſchernembl, daß man gleich am Tag nach der Wegführung Khleſl's den Keller geöffnet und geräumt hatte. Der Freiherr aber nahm das Geſchenk des Bau⸗ inſpectors freundlich an, indem er hinzuſetzte:„Wir Proteſtanten ſingen: Was Gott thut, iſt wohlgethan, und ſo ſcheint es mir auch wohlgethan, daß der Keller des alten Herrn, welcher ſich ſonſt wohl keinem Sterb⸗ lichen erſchloſſen hätte, nun auch für Ketzer zugänglich iſt; ich danke Euch daher, mein lieber Effenberger und lade Euch hiermit zu mir ein, den alten Wein des Cardinals an meinem Tiſch mit mir zu trinken.“ Effenberger, der von der Herablaſſung des Frei⸗ herrn entzückt war, hauchte ein beſcheidenes:„Fühle mich unendlich geehrt,“ und ſchien von ſeinem freiherr⸗ lichen Gönner ganz entzückt zu ſein. 5 Tſchernembl blickte ihm noch eine Weile nach, ſchüttelte den Kopf lächelnd und ſetzte den Heimweg fort. XXXIII. Capitel. Die Kataſtrophe. Während der Cardinal von Ort zu Ort geſchleppt wurde, da keiner für ſeine Sicherheit hinreichende Bürg⸗ ſchaft zu bieten ſchien, ſah es in der Kaiſerburg zu Wien mit jedem Tage trauriger aus; der Monarch kränkelte und hatte ſchon hundert Male bereut, daß er Khuen's Rath nicht befolgt, und den Erzherzogen in der Freude ſeines Herzens verziehen hatte; es kam ihm in einſamen Stunde ſo vor, als ob er eigentlich ſeinen treuen Diener der Herrſchſucht derjenigen geopfert hätte, die ihn bei noch lebendigem Leibe beerben wollten; das freudige Ereigniß, welches ihm die raſche gutherzige Vergebung entriſſen hatte, ſchien nicht ſo bald eintreten zu wollen, als er ge⸗ dachte, und die Kaiſerin erſchreckte den ganzen Hof durch 94 eine Veränderung, welche erſt ſeit kurzer Zeit an ihrer Perſon bemerklich wurde. Das Geſicht der hohen Dame nahm jene fahle, wachsgelbe Färbung an, die als ſicheres Zeichen ſchwerer innerer Erkrankung zu dienen pflegt; ſie klagte über Be⸗ klemmung und Athemloſigkeit, und würde den ganzen Hof nicht bloß geängſtigt, ſondern in wahre Beſtürzung verſetzt haben, wenn man nicht einen guten Theil der traurigen Veränderung auf Rechnung des intereſſanten Zuſtandes geſetzt hätte, von welchem das Gerücht kundbar wurdbe. Freilich blickten ſich die Leibärzte der Majeſtäten in unbewachten Momenten ſorgenvoll an; freilich gehörte die Aufgedunſenheit der Arme und Füße nicht zu den cha⸗ rakteriſtiſchen Merkmalen des vorausgeſetzten Zuſtandes; freilich bilden Beängſtigungen, wie ſie die Kaiſerin erlitt, in der pathologiſchen Geſchichte angehender Wöchnerinnen nur ſeltene Ausnahmen, aber man tröſtete ſich und die Leidende mit dem Gedanken, daß es unter den abwaltenden Umſtänden nicht anders ſein könne. Kaiſer Mathias zwar hatte Augenblicke, in denen er der Wahrheit nahe kam und an den ſchönen Hoffnungen zweifelte, die ihm vorgeſpiegelt worden waren, dann aber flüſterte ihm Kö⸗ nig Ferdinand, vielleicht nicht ganz ohne Theilnahme an dem Schmerz des kaiſerlichen Vetters ein tröſtendes Wort zu, oder blinzelte Doctor Mignoni liſtig, als wollte er bei jedem tödtlichen Krampfanfall der Kaiſerin ſagen:„Das 95⁵ iſt es ja, was wir wollen, die falſchen Wehen ſtellen ſich ein.“ Kurz Mathias ſchwebte beſtändig zwiſchen Furcht und Hoffnung, Freude und Schmerz. Und ſo kam ein ſtiller ruhiger Herbſtabend, ein Abend voll wohlthätiger Kühle und milder Erfriſchung; die Flügelthüren des Apar⸗ tements der Kaiſerin ſtanden weit geöffnet, die Fürſtin ſaß oder lag vielmehr in einem hochlehnigen Schlafſtuhl und hatte die Augen halb geſchloſſen, ſie holte augen⸗ ſcheinlich nur mühſam Athem, und bewegte maſchinenmä⸗ ßig die ſchweren aufgedunſenen Arme nach dem Kopf, als ob ſie etwas beläſtige, ein Vorgang, welchen die Aerzte genau kennen, und der bei allen mit Beklemmung. kämpfenden Kranken eintritt; bald löſte die Kaiſerin die Bänder der Schaube, welche ihren Kopf bedeckte, bald rückte ſie dieſelbe aus der Stirne, dann öffnete ſie das ohnedies gegen den Hals zu weit geöffnete Hemd noch mehr, kurz der Zuſtand der armen Fürſtin war be⸗ mitleidenswerth.— Zuletzt, nachdem ſie dieſes traurige Spiel eine Zeit lang getrieben hatte, befahl ſie die Fen⸗ ſter zu öffnen, und ließ ſich in ihrem Rollſtuhl bis an die Brüſtung rücken; es iſt uns, als ſähen wir die arme Kaiſerin Anna leibhaftig vor uns, wie ſie ſchwach lächelnd ihr früh gefurchtes Antlitz dem Strahl der untergehenden Sonne ausſetzte und die balſamiſchen Lüfte— damals gab es noch derlei an den Gränzen der inneren Stadt— begierig einſog— aber die milde 96 Herbſtluft war für die leidende Frau ſchon zu ſtark ge⸗ worden, eine ſie anwandelnde Ohnmacht nöthigte die Dienerſchaft ihre hohe Gebieterin zurückzurollen. Das ſchwache, freundliche Lächeln, das wie ein ſcheidender Sonnenſtrahl auf den Lippen der Kaiſerin ſtand, wurde ſelbſt während der heftigſten Krämpfe und Leibesſchmerzen keinen Augenblick vermißt. Die hohe Leidens ungewohnte Dame klagte nicht und bat Gott für jeden ſchmerzlichen Seufzer, der ihr unwillkührlich entfuhr, um Vergebung. Woher dieſe heldenmüthige Standhaftigkeit, dieſe beiſpielloſe Reſignation? Hatte der Glaube ſolche Wun⸗ der bewirkt? Ach, die Kaiſerin war religiös, aber doch nicht in dem Maß, daß ſie eine Klage für unrecht gehal⸗ ten hätte— es war alſo nicht der Glaube? Ja doch, aber der Glaube an ihre Mutterhoffnung, der Glaube, daß die Worte des alten Teſtamentes an ihr in Er⸗ füllung gehen müßten: Und Du ſollſt in Schmerzen ge⸗ bären. Kaiſerin Anna war die Gläubigſte von Allen, ihr hätte nichts die Zuverſicht auf frohe Mutterſchaft entreißen können. Manch banger Zweifel war ſchon in nächſter Umgebung der Fürſtin aufgeſtiegen, Frau von Khuen hatte ihre Zweifel wiederholt in das Herz ihres Ge⸗ mahls ausgeſchüttet, die Oberſthofmeiſterin Gräfin Ca⸗ vriani hatte ihren Hausarzt in's Vertrauen gezogen und 97 wenig befriedigende Aufſchlüſſe erhalten, aber die Kai⸗ ſerin hielt feſt, ſo lange ſie kräftig genug war, beſchäftigte ſie ſich eigenhändig mit Anfertigung von Kinderwäſche. Miühſelig arbeitete ſie mit ihren dicken angeſchwol⸗ lenen Fingern an einem kleinen mit Silber durchwirkten Deckchen, als ihr Siechthum zunahm, mußten die Damen Häubchen nähen, Tücher ſäumen und Alles für die baldige Ankunft des kaiſerlichen Erben in Bereitſchaft ſetzen, dann blickte die Fürſtin mit holdſeligem Geſicht auf die fort⸗ ſchreitende Arbeit und berechnete im Geiſte, ob wohl die Zeit zur Beendigung aller dieſen Präparative noch hinrei⸗ chen werde. Auch heute ſuchten ihre erloſchenen Augen nach dem gewohnten Anblick. Fräulein Hipolyta von Fürſtenberg nähte ein Hemdchen, die Gräfin Batthyani an einer kleinen perlgrauen Jacke; die Kaiſerin muſterte die Arbeiten mit einem ſtummen Blick des Wohlgefallens; plötzlich aber ſchien ſie etwas zu vermiſſen, ſchüttelte den Kopf und fragte um ihren Liebling Francisca Rappach; die Hofdamen blickten einander verlegen an, keine wagte oder wußte die Frage der Kaiſerin zu beantworten.„Mich verlangt nach ihr, ich will Francisca um mich haben,“ ſagte die Kaiſerin mit mehr Entſchiedenheit, als ſonſt in ihrem Weſen lag. Da nahm Frau von Khuen das Wort und erklärte der leidenden Frau, daß Francisca krank darnie⸗ der liege. 5 Die Kaiſerin, ſo ſchwach ſie auch war, beſtand dar⸗ 7 Haas; Der alte Cardinal. IV. 98 auf, an das Bett ihres Lieblings gebracht zu werden Vergebens ſuchte die Oberſthofmeiſterin Kaiſerin Anna von dieſem Entſchluß abzubringen; umſonſt bemühte ſich ſelbſt Eliſabeth Khuen die hohe Frau wankend zu machen; Ein fieberhaftes Roth, das ſich auf den Wangen der kranken Fürſtin lagerte, bewies den Anweſenden die Un⸗ möglichkeit ſie unzuſtimmen. Sie erhob ſich diesmal von ihrem Rollſtuhl, und wankte auf zwei ihrer Damen geſtützt Francisca’s Wohnzimmer zu.— Eine der Hofdamen wollte voraneilen, um den hohen Beſuch anzumelden, aber die Kaiſerin wehrte jede Dazwiſchenkunft ab; ſie duldete nicht einmal, daß ſie eine ihrer Frauen über die Schwelle von Francisca's Kammer begleite, ſondern ließ ſich von einer der untergeordneten Hausdienerinnen, wie ſie damals in jedem Vorgemach der Hofzimmer zahlreich angetroffen wurden, bis auf einen dem Krankenbett zunächſt befind⸗ lichen Stuhle geleiten. Die Wohnung der Exnonne beſtand in einem unre⸗ gelmäßigen, mehr tiefen als breiten Gemache, das aus eben dieſem Grunde nur mäßig hell war; in dem durch einen, in dieſem Augenblick zwar geöffneten Vorhang abge⸗ ſchloſſenen Hintergrund des Gemaches ſtand das Bett Francisca's.— Francisca konnte, als ſie die Kaiſerin ge⸗ wahrte, einen lauten Seufzer nicht unterdrücken.„Das fehlt noch,“ mochte der Seufzer ausdrücken und die Kranke hatte, wie die Umſtände nun einmal waren, auch 99 vollkommen Recht ſo zu denken. Der Anblick der kranken Nonne mußte die tiefſte Theilnahme einflößen. Eine tödtliche Bläſſe überzog das ganze Geſicht; durch Körper⸗ ſchmerz ausgepreßte Schweißperlen ſtanden auf der kreid⸗ weißen Stirne und heftige Krämpfe machten den ganzen Körper erbeben.„Um Gottes Willen!“ ſtöhnte die noch viel kränkere Herrſcherin tief gerührt,„weshalb ſetzt mich Niemand von ſo ſchwerer Krankheit in Kenntniß? Was fehlt Dir, meine Beſte?“ Und die Kaiſerin beugte ſich, der eigenen Leiden völlig vergeſſend, über das unglückliche Geſchöpf, das mit geſchloſſenen Augen wie todt vor ihr lag. Der Schreck, welcher die beſte Fürſtin bei dem Anblick ihres, wie es allen Anſchein hatte, ſterbenden Lieb⸗ lings überkam, die Anſtrengung, welche ſie machte, die Ohnmächtige— denn Francisca war aus Schmerz und Verlegenheit wirklich von Sinnen gekommen— in's Le⸗ ben zurückzurufen, zehrten den letzten ohnedies ſpärlich zugemeſſenen Reſt von Kraft und Lebensthätigkeit auf. Sie ſank in demſelben Augenblick bewußtlos auf den Seſ⸗ ſel zurück, als Francisca die Augen aufſchlug. Es war die ſchwerſte Stunde in Francisca's Leben, und als ſie ſich viele Jahre ſpäter wirklich zum Tode vorbereitete, da geſtand ſie dem Beicht hörenden Prieſter, daß ihr die Sterbeſtunde im Vergleich mit jenem Moment ihres plötz⸗ lichen Erwachens ganz leicht und erträglich dünke.— 7* 100 Ganz natürlich und Jedermann wird zugeben, daß es nicht leicht eine verzweiflungsvollere Lage gab. Francisca fühlte ihre Stunde gekommen, den gefürchteten Augen⸗ blick, da ſie vor der tugendhaften Kaiſerin und dem gan⸗ zen Hof in unauslöſchlicher Schande daſtehen mußte. Es waren die erſten Wehen, die ſie befallen und jene Ohn⸗ macht herbeigeführt hatten. Der Cardinal, welcher ſie nach Hof gebracht, und ihr hundertmal die Verſicherung gegeben hatte, daß, wenn ſie ſich nur ſeiner Leitung über⸗ laſſe, noch Alles zum Beſten ausſchlagen werde, war fern und vollkommen machtlos; die einzige Seele, die an ihr mehr als gewöhnlichen Antheil nahm, Rolandin, mußte ihr eben in dieſem Augenblick für immer verlo⸗ ren gehen, und nun mußte ſie die ehrwürdige Frau, die ſelbſt ohne Kaiſer⸗Diadem durch ihren tugendhaften Lebenswandel die Bewunderung Aller verdient hätte, Zeugin der furchtbarſten Schmach ſein, die einem Mäd⸗ chen, ja einer dem Altar gewidmeten Jungfrau begegnen kann.— O, es war zu entſetzlich! Francisca ſchloß darum die Augen ſogleich wieder, als wenn ſie dadurch gehindert würde, das Schreckliche ihrer Lage zu über⸗ blicken.— Erlauben Sie uns, geneigter Leſer, hier den Vorhang einen Moment fallen zu laſſen. Was während der folgenden Minuten vorging, wir wiſſen es nicht und halten uns ſelbſt, wenn wir es wüßten, nicht für berufen, Frauengeheimniſſe auszuplaudern. 101 Als die Kaiſerin von ihrer langen Ohnmacht wie⸗ der erwacht war, was bot ſich ihrem erſten Blick dar? eine kleine Kindesleiche. Die Kaiſerin zwar hielt das Knäblein für lebend, nahm es auf, drückte ihre Lippen auf die Wangen— aber ſie waren kalt, die zarten Glieder halb ſteif, ein weinerlicher, trübſeliger Zug war um Mund und Lippen gelagert. Die Kaiſerin ſtieß einen fürchterlichen unarticulirten Schrei aus.— In demſelben Moment traten Magnus und Mignoni zur Thüre ein. Mignoni hatte nur Augen für die Kai⸗ ſerin, nicht aber für die Patientin, zu der er eigentlich gerufen war. Die Kaiſerin rief den Arzt, indem ſie auf das todte Weſen auf ihrem Schooß deutete, entgegen:„Ret⸗ ten Sie mein Kind, mein armes Kind!“ Mignoni, der berühmteſte Arzt ſeiner Zeit, fühlte ſich in dieſem Augenblick, trotz ſeines großen Selbſtbe⸗ wußtſeins, ganz klein winzig, ein wahrer Luftdoctor, wie ihn Khleſl ſcherzhaft zu nennen beliebte, er ſah die Kaiſerin groß an und wußte nicht, ob das große Er⸗ eigniß, an deſſen Eintreten er ſelbſt längſt verzwei⸗ felt hatte, nun wirklich erfolgt oder ob die Landesmut⸗ ter plötzlich irrſinnig geworden ſei. Sein Collega Dr. Magnus, der ſeinem Blick noch eine andere Richtung gegeben und bemerkt hatte, wie die blaſſe Leidende ihre Augen ängſtlich erwartend auf ihn gerichtet hielt, 10² errieth mit Blitzesſchnelle der ganzen Zuſammenhang. Dennoch zitterte er, während ſein College nur erſtaunt war.— Was war hier zu thun? Vor ihnen lag eine faſt ſterbende Frau im Lehnſtuhl, deren einzige und letzte Hoffnung auf Erden die künftige Mutterfreude, und dann wieder eine junge Dame, deren ſchrecklichſtes Elend ge⸗ rade dasjenige ausmachte, was die Andere glückſelig gemacht hätte.— Gab es keinen Ausweg? durchaus keinen?— Es gab keinen. Man mochte es anfangen, wie man wollte, jedes ausgeſprochene Wort mußte für eine und die Andere zum Dolchſtich werden.— Magnus that, was jeder Andere an ſeiner Stelle gethan haben würde, er ſuchte der Kaiſerin begreiflich zu machen, daß hier nicht ihr Platz ſei, und daß ſie am Beſten thun würde, ſich in ihre Gemächer zurückbringen zu laſſen. Der wohl gemeinte Ausſpruch brachte aber die ganz entgegengeſetzte Wirkung hervor. Die Fürſtin kreiſchte: Wie man will mich von meinem Kinde tren⸗ nen? Iſt es denn todt, unerbittlich todt und verloren? Magnus ſchickte ſich gerade an, die Kaiſerin über ihren Irrthum aufzuklären, als Mignoni, noch immer nicht be⸗ greifend, daß die Kaiſerin glaubte mit einem Knäblein geneſen zu ſein, achſelzuckend erwiederte:„Das Kind iſt todt.“— Er wollte nun noch Vieles beifügen, und auch auf die ſonderbare Leidenſchaftlichkeit, mit welcher ſich die Fürſtin das Loos des neugeborenen Kindes zu 103 Herzen nahm, zurückkommen, gab aber alle rhetoriſchen Excurſionen allſogleich auf, da er die Wirkung ſeines apodiktiſchen Ausſpruches„das Kind iſt todt“ bemerkte. Das Haupt der erhabenen Frau war niedergeſunken, der Mund hatte ſich ein klein wenig verzogen, und die Stirne überſchattete der nahende Tod.— Magnus holte tief Athem und flüſterte unendlich leiſe:„Der Himmel ſei Dank, das konnte nicht zu gelegenerer Zeit kommen!“ Mi⸗ gnoni nickte, riß die Thüren auf, ſagte leiſe zu Magnus: „Es wird nun bald vorüber ſein“ und rief dann laut um Hülfe.— Nach wenigen Secunden hatte ſich das Kran⸗ kenzimmer gefüllt, man ſandte um den Kaiſer. Die Frauen ſanken zu den Füßen der Sterbenden nieder, viele von ihnen weinten und jammerten laut; man wollte über die plötzlich eingetretene Kataſtrophe Aufſchluß haben; die Aerzte, welche den Kindesleichnam den Augen der Menge entzogen hatten, zuckten ſtatt jeder Antwort die Achſel, endlich hörte man männliche, wenn auch höchſt unſichere Tritte, es war der Kaiſer— die Hofdamen zogen ſich zurück, auch die Aerzte entfernten ſich ein wenig. Dem Monarchen rannen die hellen Thränen über die eingefal⸗ lenen Wangen herab, als er ſeine Gemahlin im Sterben antraf. Er rief ſie mit den ſüßeſten Namen.— Es ſcheint, daß Liebe zärtliche Seelen zuweilen über die Ohn⸗ macht des Körpers erhebt, und dem Geiſt eine Stärke ver⸗ leiht, die ſelbſt dem entfliehendem Athen noch einmal Halt 104 gebietet. Kaiſerin Anna erwachte nochmals aus dem Todesſchlummer; ſie blickte ihren kaiſerlichen Herrn ſchwach lächelnd an und flüſterte leiſe:„Ich habe Wort gehalten, Euer Liebden und es iſt gewiß nicht meine Schuld, daß es nicht beſſer ausſcmhlug— es war ein Knabe, ein ſchöner herziger Knabe.— Befehlen Eure Liebden— es iſt dies meine letzte Bitte— daß er mit mir in Ein Grab verſenkt werde.“ Der Kaiſer war vor Schluchzen keiner Antwort fähig, aber er nickte wieder⸗ holt und ſchlug dann ſeinen Arm um den Hals der Sterbenden. In dieſem Augenblick überflog ein über⸗ irdiſches Lächeln das leidende Antlitz, die Lippen beb⸗ ten und in den Augen ging jene Umwandlung vor ſich, welche das Eintreten des Todes ankündigt.— Kaiſerin Anna war nicht mehr. Die Kaiſerin lag auf dem Paradebett, ganz Wien ſtrömte herzu, um die Züge der edlen wohlthätigen Frau noch einmal zu erblicken. Das ärztliche Parere lautete dahin, daß die hohe Frau— wie es auch wirklich der Fall war— an Waſſerſucht, Hydrops nigra, wie der Leichenbefund ſich ausſprach, verſtorben ſei.— Wäh⸗ rend die Lichter am Sarg der Kaiſerin flimmerten, Bi⸗ ſchöfe und Aebte unausgeſetzt ihre Gebete für die Ver⸗ ſtorbene zum Himmel ſchickten, während zwölf in Erz gehüllte Trabanten Leichenwache hielten, Graf Max Trautmansdorf, der nachmalige berühmte Friedens ſchlie⸗ 105 ßer, und Graf Mannsfeld den letzten Dienſt bei der Kai⸗ ſerin verſahen, begab ſich in eben dem Zimmer, in wel⸗ chem die Kaiſerin verſtorben war, eine ganz andere Scene. Auf eben demſelben Lehnſtuhl, auf dem noch vor wenigen Stunden die Kaiſerin geſeſſen hatte, ganz nahe am Bett der Kranken, ſaß ein jovial ausſehender ält⸗ licher Herr, deſſen violetfarbenes Colar den hohen kirch⸗ lichen Würdenträger ankündigte; er hielt ſich ſo über das Krankenbett geneigt, daß ihm kein Wort entgehen konnte. Die Hände hatte er gefaltet auf dem Schooß liegen, ſeine Geſichtszüge drückten nichts als Aufmerk⸗ ſamkeit und Wohlwollen aus— und dennoch hätte ein tiefer Menſchenkenner behaupten dürfen, daß die geſpannte Aufmerkſamkeit des Prälaten über das Maß gewöhnli⸗ chen ſeelſorglichen Eifers hinausging.— Es war ein Beichtact, der hier ſtattfand. Der Prälat hob eben die Rechte ſegnend und verzeihend empor und mur⸗ melte die übliche Abſolutionsformel. Die junge Gräfin faßte trotz aller Abwehr von Seite des Beichtigers die kleine reichberingte Hand, und drückte ſie an die Lip⸗ pen. Der Prälat war viel zu wenig Afket und viel zu ſehr Weltmann, als daß er gegen weibliche Schönheit vollkommen gleichgültig geweſen wäre.— Er blickte der armen Kranken mild in die fragenden Augen und ſprach:„Nun das Geiſtliche geordnet iſt, laßt uns auch 106 an das Irdiſche denken— es iſt alſo Euer unumſtöß⸗ licher Wille, daß Se. Majeſtät von dem Inhalt dieſer Beichte unterrichtet werde?“ Die Kranke bedachte ſich einen Augenblick und er⸗ wiederte dann:„Gewiß, ſo weit dies hn Gefahr für dritte Perſonen geſchehen kann.“ „Das will ſagen, in ſo ferne dadurch das Loos meines geiſtlichen Herrn Bruders des Cardinals nicht verſchlimmert wird.“ „Vollkommen richtig!“ „Aber was hat denn die alte Eminenz mit Eu⸗ rem Glück zu ſchaffen, hat ſie ſich denn um Eure Per⸗ ſon ſo verdient gemacht? Ich ſollte faſt glauben, daß der Zufall oder vielmehr die Vorſehung es mit Euch ohne Vergleich beſſer meinte, als der verbannte Car⸗ dinal. Sehet nur ſelbſt, liebſte Tochter, wie grundgü⸗ tig der Himmel gegen Euch war. Die gottſelige Kai⸗ ſerin ſtirbt, noch ehe ſich das traurige Räthſel löſt, die Herren Aerzte, ſo ſchwatzhaft ſie auch ſonſt ſein mögen, ſchweigen wie das Grab. Niemand ahnt den wahren Sachverhalt, Ihr geltet noch immer als reine Jung⸗ frau. Wäre der Khleſl dagegen noch an ſeiner Stelle — wo hätten die Dinge hinführen müſſen. Mein Gott! mein Gott!“ Cardinal Dietrichſtein ſchüttelte bei dieſen Worten bedenklich den Kopf, und öffnete den Mund ge⸗ 107 rade ſo weit, daß die Perlenreihe ſeiner bis in's Alter wundervoll erhaltenen Zähne ſichtbar wurde. Nicht ohne wohl berechnete Koketterie unterbrach ihn hier Francisca mit dem Ausruf:„Daß Ihr kein Frauenzimmer ſeid, Eminenz!“ Der Cardinal blickte ſein Beichtkind fragend an. „Ach Gott!“ fuhr die Gräfin fort,„wie viele unſerer ſchönſten Damen würden ſich glücklich ſchätzen, wenn ſie die Natur mit ſolchen Zähnen begabt hätte.“ Der Cardinal zog die Stirne in Falten und ſagte in verweiſendem Tone:„Welche Leichtfertigkeit in ſo ernſter Stunde!“— Dieſe ſcheinbare Strenge machte Francisca indeß keineswegs irre und ſie fuhr ohne nur darauf zu achten fort: „Iſt Aufrichtigkeit ein Fehler, ſo geſtehe ich ihn ein, aber ich liebe an Männern, die mir gefallen ſollen, ſchöne Zähne und kleine Hände.“. Der Cardinal entgegnete lächelnd:„Ihr vergeßt, liebſte Tochter, die Hauptſache, daß ich Euch nicht gefallen ſoll und darf.“. „Nun, da bin ich neugierig, wie es Euere Eminenz anſtellen will, das zu Wege zu bringen.“ Die eitle aber gutmüthige Eminenz begnügte ſich der argen Schwätzerin die Finger auf den Mund zu legen. Francisca hob nach einer kleinen Pauſe wieder an:„Alſo ich 108 ermächtige Euere Eminenz, dem Kaiſer, in ſo weit die Sache unr mich allein betrifft, Mittheilungen zu machen.“ „Und wenn ich nun auf dieſe Bedingung nicht eingehe.“ „So erlaube ich Euer Eminenz auf das Beichtſiegel zu verweiſen.“ „Rom kann es brechen.“ „Verſucht es in dieſem beſonderen Fall, wenn es Euer Gewiſſen geſtattet.“ Der Cardinal, dem der Sturz ſeines Amtsbruders zwar ganz gelegen gekommen war, der aber ſchon als Mitglied ein und desſelben Cardinalcollegiums nicht wollen konnte, daß Khleſl ganz vernichtet und der ganze Stand in ſeiner Perſon gebrandmarkt würde, verſetzte: „Sei's darob, ich will des alten Khleſl, obgleich er ſelbſt keine Schonung kannte, um Euertwillenſchonen, aber ſagt mir nun auch ehrlich und offen, wohin mit Eurer Meinung das ganze Spiel führen follte?“ Francisca, die keine Luſt verſpürte, ihre Muthmaßun⸗ gen mitzutheilen, entgegnete:„Das fragt den Cardinal ſelbſt oder den Prior Hutner, ſeinen alten Freund, nicht aber eine arme Perſon, die nichts Beſſeres thun zu kön⸗ nen glaubte, als den Befehlen des frommen Biſchofs von Wien blindlings zu folgen..“ Cardinal Dietrichſtein erhob drohend den Zeigefinger und ſagte:„Liebe Tochter! liebe Tochter! Ihr ſeid nicht das 109 einfältige Kind, wie Ihr Euch anſtellt, aber es iſt die ein⸗ zige Waffe, mit der Ihr Euch vertheidigen könnt. Ich will großmüthig ſein und Euch ſo nehmen, wie Ihr Euch gebt. Ihr habt viel gelitten, aber Gott war gegen Euch auch viel barmherziger, als er gegen tauſend und abermals tauſend Mädchen iſt, die den gleichen Pfad mit Euch wan⸗ delten, Euere Eminenz würde an meiner Stelle zu Euch ſprechen: Das Kloſter iſt der beſte Ort, an welchem derlei Sünden abgebüßt werden,— ich aber ſage, das Kloſter iſt der ſchlimmſte Ort, wohin ein Weib fleiſchliche Gedanken und den der Welt zugewandten Sinn flüchten kann; ich ſage Euch, kehrt in die Welt zurück und wirkt dort ſo viel Gutes als möglich und der allbarmherzige Gott wird mit Euch zufrieden ſein.“ Nit dieſen Worten ſchied Franz Dietrichſtein von der Novize. Als der Cardinal das Gemach verlaſſen hatte, brach Francisca in lautes Weinen aus; ſie brauchte ſich nun kei⸗ nen Zwang mehr anzuthun, war ihr doch die Zeit der Selbſtbeherrſchung faſt zu lange geworden; noch wenige Minuten länger und iie hätte laut aufſ chreien müſſen vor innerem Schmerz. Ja ſie hatte geſiegt— es war mehr als wahrſcheinlich, daß ihr Geheimniß bewahrt würde, das heißt, daß außer dem Kaiſer und ihrem Beichtiger Nie⸗ mand erfahre, was ſich in den letzten Tagen zugetragen hatte, 110 aber es war ein Sieg, der alle Seelenkräfte des armen Weibes auf die härteſte Probe ſetzte; es war ein äußerer Sieg, der den inneren Jammer nicht zu ſtillen vermochte. Ihr Kind war todt geboren worden und ſie mußte Gott danken, daß es nicht lebend zur Welt kam. Ihre gütige Herrin war geſtorben und ſie mußte ſich glücklich preiſen, daß ſie nicht einen Tag, eine Stunde länger lebte; die Kaiſerin ging mit einem Selbſtbetrug aus dem Leben, und dieſen Selbſtbetrug mußte ſie ausbeuten, um ihre Frauenehre zu retten. Das waren die Gedanken, welche Francisca's Seele beſtürmten.— Der Geiſt war ſtärker als der Körper— Francisca verfiel in eine ſchwere Krank⸗ heit. Anfangs hießen es die Aerzte„hitziges Fieber,“ ſpäter„Zehrung“— ſie war auf dem ſicherſten und geradeſten Weg ihrer Herrin nachzufolgen. Da brachte ein Mittel, das nicht unter den officiellen Kräutern der Apotheken verzeichnet iſt, raſche Heilung.— Es war ein ſchwerer dick anzufühlender Brief, ein Brief, deſſen Schrift⸗ züge auf der Außenſeite ſchon die ſeltſame Wirkung äußer⸗ ten, ſeit vielen Monden wieder das erſte Lächeln auf die bleichen Lippen Francisca's zu zaubern. Während der Durchleſung des Inhaltes wurde viel, ſehr viel geweint, es waren aber nicht jene bitteren Zähren, die brennend niederfallen, es waren Thränen der Hoffnung, des Dan⸗ kes, der Glückſeligkeit; es waren Thränen, welche das alte Weh, den verſteinerten Schmerz hinwegſpülen und 111 das menſchliche Herz tränken, daß es wieder fähig werde Jugendblüthen und Jugendfreude zu tragen. Welcher Brief konnte aber eine ſo glückliche Wir⸗ kung zur Folge haben. Schwerlich hätte ein päpſtliches Breve oder ein kaiſerliches Handſchreiben es vermocht. Der Brief war von Rolandins Hand— und der In⸗ halt? Ja der Inhalt beſagte, daß eine kluge Frau— wir denken dabei unwillkürlich an Eliſabeth Khuen— ihm, dem Schreiber, manches Räthſel gelöſt und manchen guten Rath ertheilt habe, daß er keine Bekenntniſſe erwarte, keine fordere und keine anhören wolle; er habe ihr ſchon einmal geſagt, daß ſein Herz nach nichts Ande⸗ rem frage und nichts Anderes heiſche als Gegenliebe— das ſei ihm genug. In dieſen Worten möge ſie ja keine Großmuth ſuchen, das Ding kenne er nicht, ſondern wiſſe nur ſo viel, daß ihm ſein Leben, die Welt eine ſchauerliche Oedniß bedünken würde, wenn ſie nicht einwillige, ihm für Zeit und Ewigkeit anzugehören. In dieſem Styl ging das Schreiben mehrere Sei⸗ ten fort. Vielleicht würde Francisca in ſich ſo vielen morali⸗ ſchen Muth gefunden haben, die Anträge Rolandins, ſo ehrend ſie auch waren, mit Entſchiedenheit von der Hand zu weiſen, wenn nicht ein zweiter Brief in dem erſten eingehüllt gelegen hätte, welcher voll geiſtlichen Zuſpru⸗ ches Francisca ermahnte, nicht raſch zu entſcheiden, ſon⸗ 112 dern mit ſich fleißig zu Rathe zu gehen, und erſt nach ſorgfältiger Selbſtprüfung das Endwort zu ſprechen. Wie gerne greift doch der Menſch, wo irgend eine läſtige Entſcheidung zu treffen iſt, oder etwas der eignen Herzensneigung widerſpricht, nach irgend einem Vor⸗ wand oder gelegentlichen Haltpunkt, eben jene Entſchei⸗ dung hinauszuziehen und wie gut und der menſchlichen Natur angemeſſen iſt es auch, wenn jenen phantaſtiſch edlen Regungen, die ſpäter tief bereut werden, nicht allzu⸗ raſch gehorcht wird. Francisca befolgte die geiſtliche Mah⸗ nung, die, wir wollen es nicht länger verſchweigen, aus einer der Exnovize nur zu bekannten Feder ſtammte, und ſchrieb nur einige Zeilen zur Antwort, die weder als Aufmunterung noch Ablehnung betrachtet werden konnten. — Daß ſie der Empfänger dennoch im erſteren Sinne nahm und mit Recht nehmen konnte, machte ſeiner Men⸗ ſchenkenntniß, wie die Folge zeigen wird, alle Ehre. Eines war für's Erſte auf jedem Falle für Francisca gewonnen, das Leben fing für ſie wieder Reiz zu bekom⸗ men an, der alte Trübſinn war weggeſcheucht und die Roſen der Geſundheit, wenn es im Beginn auch nur blaſſe Roſen waren, kehrten auf die Wangen Francisca's zurück. 1 Dasſelbe war leider bei dem alternden Monarchen nicht der Fall; die geheime Unterredung, welche Cardinal Dietrichſtein mit dem Kaiſer hatte, konnte unmöglich bei⸗ 113 tragen, den gebrochenen Lebensmuth des Fürſten aufzu⸗ richten. Es war das Bewußtſein einer neuen Täuſchung, das auf das Herz des kranken Monarchen drückte; woher dieſe Täuſchung gekommen, Dietrichſtein, ſo viel ſteht feſt, hat den Kaiſer darüber nie aufgeklärt, das konnte Mathias vielleicht errathen. Ob ihn aber dieſe Löſung nicht noch unglücklicher machte, als er ohnedies ſchon war, das iſt eine andere Frage. Als der Sarg der Kaiſerin Anna vor vierzehn Jah⸗ ren in Gegenwart der Kapuziner⸗Mönche des Kloſters, das ſie ſelbſt geſtiftet hatte und des Hoffouriers Charles Edlen von Meyer einer Reparatur willen, deren der zer⸗ fallende Sarg dringend bedurfte, geöffnet wurde, da fand ſich in dem nämlichen Behältniſſe, wie dem Schreiber dieſes mitgetheilt wurde, auch eine Kindesleiche vor. Haas: Der alte Cardinal. IV. 8 XXXIV. Capitel. Lin unerwarteter Beſuch. Kehren wir zu dem gefallenen Miniſter zurück. Ueber ein Jahr war ſeit der furchtbaren Kataſtrophe vergan⸗ gen, welche den erſten Mann des Reiches zum Staats⸗ gefangenen ſeines unverſöhnlichen Feindes gemacht hatte. Da ſitzt er nun auf dem öden Fels von Georgenberg, den Himmel über ſich und ſtotzige Klippen, bodenloſe Abgründe und ſchauerliche Schluchten zu ſeinen Füßen, da ſitzt er nun ein abgelebter, verkümmerter, nur mehr nothdürftig vegetirender Greis unter feindſeligen Mönchen und ſpionirenden Gäſten, ſich nach der Stunde ſeiner Auflöſung ſehnend, ein leibhaftes Bild geſunkener Größe. Keine Rede! Der Mann in der veilchenblauen Simare mit dem gebieteriſchen Blick, mit dem lebhaft blickenden Aug' und der Röthe der Geſundheit auf den. 115 Wangen, der alte Mann dort neben dem Kloſterabt, der voller und geſunder ausſieht, als man je an dem Cabinetsdirector Khleſl bemerkt, der ſcheint ſich, wenn nicht Alles täuſcht, nach ganz anderen Dingen als ſeiner Auflöſung zu ſehnen. Seine Gefangenwärter, die ehr⸗ würdigen Benedictinet von Georgenberg, haben ſich längſt in treue beharrliche, alle Wächter und Spione Max und Ferdinands täuſchende Freunde umgewandelt. Der dicke kleine Mann mit dem hell und freundlich blickenden Augen, deſſen Hände und Füße ſich in ſteter Bewegung befinden, iſt der Abt von Georgenberg, der wohlehrwür⸗ dige Chriſtoph Obinger, Khlefl's beſonderer Freund und Vertrauter. Der eigentliche trotz der Wachmannſchaft faſt ſouveraine Herr auf Georgenberg iſt der Gefan⸗ gene ſelbſt. Er beherrſcht das Geſpräch, er belebt die Tafel, er erheitert die niedergeſchlagenen Gemüther. Seinem Ein⸗ fluß vermag ſich Keiner zu entziehen, nicht ſein perſön⸗ licher Feind, der Obergefangenwärter Stredell, Maxi⸗ milians vertrauteſter Commiffär, nicht des Erzherzogs Jägermeiſter Herr von Liechtenſtein und eben ſo wenig der Kämmerer des Erzherzogs Freiherr von Wolkenſtein. Wie anders möglich! die armen auf dem öden Fels verbannt lebenden, einſamen Mönche horchen hoch auf, wenn der Cardinal den Schatz ſeiner reichen Erleb⸗ niſſe öffnet und ihnen wie ein orientaliſcher Märchen⸗ 8* 116 erzähler von Kaiſern und Königen, Miniſtern und Ober⸗ prieſtern bis ſpät in die Nacht herein als Augen⸗ und Ohrenzeuge vorerzählt, wenn er ihnen die dünnen, dünnen Faden weiſ't, an welchen oft die Geſchicke ganzer Völker und Staaten hängen, wenn er ſie aus der Rathsſtube in's Krankenzimmer des Monarchen, ans der Kirche in's Boudoir der ſchönſten einflußreichſten Damen, einer Eva Lobkowitz oder Pernſtein, Roſenberg oder Wachter führt, wenn er, ſich ſtets gegen jede Ketzerei verwahrend, ſie in die Machinationen Spaniens und der Jeſuiten hinein blicken läßt, den Krönungseid Ferdinands wieder⸗ holt und ironiſch mit den Worten ſchließt:„Haereticis autem non est servanda fides.“ Die Stredell, Liechtenſtein und Wolkenſtein haben es verſucht, ſich über den armen Gefangenen zu erheben, ihn mit Geringſchätzung zu behandeln, ihn als alten Schwätzer todt zu ſchweigen. Sie hätten aber Alle zuſammengenommen ſo viel Geiſt beſitzen müſſen, ſo viel Hoheit im Unglück, ſo viel Würde in widrigen Verhältniſſen, als der einzige Khleſl, um den Verſuch mit Glück zu unternehmen. Der Gefangene ſchien ihre Verſuche nicht zu bemerken, ein Blick, eine Handbewe⸗ gung, ein hingeworfenes Wort genügte, um ſie gegen ihren Willen zur Achtung und Ehrfurcht vor dem Alten, dem Unglück und dem überlegenen Geiſt zurück zu führen. Anfänglich hatte Stredell, der Agent des Deutſch⸗ 117 meiſters, eine Polizeinatur, ſpäterer Tage würdig, ſeine Aufgabe einzig und allein von der polizeilichen Seite aufgefaßt. Er ſetzte ſich an des Cardinals Tafel, mit dem Vorſatz, den Gefangenen zu ärgern, ihm jeden Biſſen im Mund aufquellen zu machen, mit der ausgeſprochenen Abſicht, jedes Wort des Gefangenen in ſein Schergen⸗ gedächtniß einzuprägen und dem Rath in Innsbruck wieder zu hinterbringen. Nach vierzehn Tagen hatte Stredell ſeines Vorſatzes vergeſſen, die beſſeren Neigungen— damals gab es noch keine unvermiſchte, unzugängliche Polizeiſeelen wie heute— hatte geſiegt, er munterte den Cardinal auf fortzufahren, wohlverſtanden nicht in der Eigenſchaft eines Agent provocateur— er nahm an dem Ge⸗ ſpräch Theil; er verwandte ſich ſogar beim Erzherzog für den Cardinal. Der Kämmerer Adam Wolkenſtein war gekommen, um ſeinem Herrn über die Zerknirſchung und ſtille Demuth des Gefallenen Bericht zu erſtatten; er erwartete in dem Cardinal einen ſtillen gottergebenen Mann zu finden, der um den Preis der Freiheit Inful und Stab, Hut und Purpur dahin gebe; Khleſl würdigte ſolche Zumuthungen, wenn ſie gelegentlich ohne höheren Auf⸗ trag hingeworfen wurden, keiner Antwort. Der ſtille demüthige Mann ſtand aber vor Wolkenſtein ſo auf⸗ recht und ſtolz wie ein Kaiſer da. Keine Spur von 118 Gedrücktheit oder Demuth, Khleſl ſpeiſte nur auf Silber, bediente ſich zum Waſchen nur ſilberner Becken, zum Trinken nur der Becher und Flaſchen von gleichem Metall. Die ſtolzen Herren wagten keinen Widerſpruch, wenn der Gefangene das Abenteuerlichſte begehrte. Als der Jahres⸗ tag ſeines Sturzes herannahte— es war bekanntlich im Monat Juli— behauptete der Cardinal, ihm friere, und verlangte einen Zobelpelz. Nach drei Tagen half ihm Stredell in die mit veilchenblauer Seide gefütterten Aermel des Pelzes; am 30. Juli weigerte ſich Khleſl zur Kirche zu gehen, da ihm die freie Luft um dieſe Zeit übel bekommen, eine Woche ſpäter ſchritt der Car⸗ dinal auf die Schulter des ſtolzen Wolkenſtein geſtützt durch einen gedeckten Gang nach der Kirche. Khleſl. war keiner jener Prälaten, welche in dem materiellen Genuß von Fleiſch und Wein Erſatz für Alles finden, und dennoch mußte der beſte Rheinwein über die Berge herübergeſchafft werden, und dennoch genügten ihm kaum die zwölf Schüſſeln, welche der Innsbrucker Rath ihm auftragen ließ. Ein wohlbeſetzter Tiſch gehörte zum Decorum einer hohen Würde, wie ſie Khleſk inne hatte, deshalb würde er lieber die Anzahl der Speiſen ver⸗ doppelt, den Preis des Weines aber verfünffacht haben. Der Bäckersſohn Melchior Khleſl, der an ſich ſo ein⸗ fache Mann, hätte einer zahlreichen Dienerſchaft wahr⸗ lich nicht bedurft; die Eiferſucht auf die Aufrechthaltung 119 ſeiner Würde beſtimmte ihn ſie zu fordern. Ein Kammer⸗ diener, Arzt, Barbier und Beichtvater mußte ihm beige⸗ geben werden. Er wollte ſich und ſeiner hohen geiſtlichen Würde auch als Staatsgefangener nichts vergeben. Was war es aber, das den ſo plötzlich und ſo tief gefallenen Mann ſo kräftig aufrichtete und nicht nur die moraliſche Fähigkeit des Widerſtandes, ſondern auch die der geiſtigen Ueberlegenheit verlieh? Wir wollen den Schleier lüften; unſere Leſer werden ſich erinnern, wie zaghaft den Cardinal die Ueberführung nach dem Lande ſeines Hauptgegners ſtimmte; ſie werden ſich der ſchwarzen Beſorgniſſe entſinnen, welchen Khleſl, als er an Wiener⸗Neuſtadt vorbeireiſ'te, Worte verlieh; dieſe Beſorgniſſe hatte jene Wallfahrerin in Schotwien beſchwichtigt; das Bewußtſein, daß Freunde für ihn wach⸗ ten, kräftigte den geſunkenen Muth. Er konnte, nachdem die einzigen ſtummen und doch ſo beredten Ankläger— ſeine Papiere— vernichtet waren, der Zukunft getroſt entgegenſehen. Ein in Chiffern geſchriebener Brief Hutner's und ein zweites Schreiben ſeines andern Officials Schwab gaben ihm die unumſtößliche Gewißheit, daß Alles, was gegen ihn zeugen konnte, vertilgt war. Der Cardinal holte nun ein, was er aus übertriebener Sparſamkeit verſchul⸗ det hatte; er erhielt die alten Freunde und erwarb ſich neue; er bezahlte Botengänge und Reiſen, Spione und 120 Fürſprecher, er ſetzte durch Geld und Zuſagen Himmel und Erde in Bewegung, um frei zu werden. Schwab und Hutner, Obinger und Bruder Hiacynth, eben derſelbe Kapuziner, der ſchon während der Friedens⸗ predigt ſeine Beſorgniſſe ausſprach, befanden ſich faſt beſtändig unterwegs, um für die Befreiung des Cardinals thätig zu ſein. Zu St. Wolfgang am See gleichen Na⸗ mens, zu Gmunden und Schwannſtadt wurden geheime Unterredungen gepflogen, welche die Befreiung Khleſl's zum Zweck hatten. Bruder Hiacynth mit dem feingebil⸗ deten geiſtvollen Geſicht, den zarten weißen Händen und einer griechiſchen Statue Ehre machenden Füßen lag den Cardinälen in den Ohren, und bewies ihnen ſo lange, daß die Gefangenſchaft eines Mitgliedes ihres Collegiums eine Schmach für die Geſammtheit ſei, bis ſie ſchamroth ausriefen, daß man dieſe Schande nicht länger dulden dürfe; aber Bruder Hiacynth wußte, daßKhlefl noch wichti⸗ gere Gegner habe, als Erzherzog Max und Ferdinand. Khleſl, obgleich Zögling der Geſellſchaft Jeſu, war Zeit ſeines Lebens ein eifriger Gegner der Jeſuiten geweſen, ja er hatte ſich ſelbſt die Worte entſchlüpfen laſſen, daß es am Beſten wäre, wenn ſich die widerhaarigen Burſchen zum Teufel ſcherten.“ Dieſe Worte hatten üble Früchte getragen; die Jeſuiten waren niemals vollkommen zuverläſſige Freunde — das öſterreichiſche Cabinet hat es oft und genugſam 121 erfahren— aber ſie waren die ſicherſten ungroßmüthig⸗ ſten Feinde, die es je gegeben hat. Sie merkten es den Leuten ſo zu ſagen an der Naſenſpitze an, ob ſie jeſuitiſch geſinnt ſeien oder nicht; hatte ſich aber eine einflußreiche Perſon nachtheilig über ſie geäußert, und wäre es auch nur im Selbſtgeſpräch geſchehen, ſo wußten ſie es nach vier und zwanzig Stunden dank ihrer Übi⸗ quität, zu welcher ihnen die zahlreichen Schaaren der affiliirten Spione verhalf. Die Jeſuiten kannten die Feindſchaft Khleſl's und Pater Lamormain war Beichtvater Ferdinands; ſie wußten um die Worte des Cardinals und Mutius Viteleſchi, der Jeſuitengeneral, war die rechte Hand des heiligen Vaters. Pater Hiacynth übernahm es, den unverſöhn⸗ lichen Orden mit Khleſl auszuſöhnen, und er gelangte zum Ziel. Wie? das iſt uns ein Geheimniß geblieben; aber die Jeſuitenpolitik, welche in ähnlichen Fällen an⸗ gewandt wurde, läßt wenigſtens vage Vermuthungen zu. Der Orden lebte trotz jenes Telephosmantels äußerſter Beſcheidenheit und tiefſter Demuth in einer ſolchen Selbſtüberſchätzung, daß es genügte, je einmal ihrer Geſellſchaft angehört zu haben, nm ſich in ihren Augen vortheilhaft von allen andern menſchlichen Ge⸗ ſchöpfen zu unterſcheiden. Der loſeſte Zuſammenhang mit der Geſellſchaft drückte dem Adhärenten ſo gut, wie eines der ſieben katholiſchen Sacramente, ein unaus⸗ löſchliches Merkmaal jefuitiſcher Wohlgewogenheit auf. Bruder Hiaeynth berief ſich auf die alten längſt vergeſſenen Bande, welche einſt den lutheriſchen Bäckersſohn mit dem Orden verknüpft hatten; er erklärte den Jeſuiten die Bereitwilligkeit des alternden Cardinals, den Reſt ſeiner Tage der Stärkung ihres Einfluſſes zu widmen; er be⸗ ſchwor den General die Gelegenheit nicht außer Acht zu laſſen, einen ſo talentvollen, beredten und volksthüm⸗ lichen Prälaten auf ewig an die Intereſſen der Geſell⸗ ſchaft zu knüpfen. Die einzige Frage, welche Don Mutius Viteleſchi mit ſeinen Admeritoren berieth, war die, ob es der Mühe werth ſei— nicht, ob die Perſon des Cardinals die Mühe ſich zu verſöhnen lohnte— ſondern ob Khleſl noch lange genug zu leben habe, um den Angelegenheiten des Ordens nützen zu können. 3 Eines Tages erhielt der Leibarzt Khleſl's auf Geor⸗ genberg, Weinhart, ein Schreiben, mittelſt welchem der Bruder des Cardinals Georg Khleſl anfragen ließ, wie deun die Geſundheitsumſtände ſeines Bruders Melchior beſchaffen ſeien; er ließ Herrn Weinhart in den rührendſten Redewendungen erſuchen, ihn ja nicht über die Wahrheit zu täuſchen, wichtige Dinge, das Glück ganzer Familien ſtünde auf dem Spiel, wenn er etwas verheimliche. Der Brief ſchloß mit einer plaufiblen Entſchuldigung des Georg Khleſl, daß er ſelbſt nicht ſchreibe und mit 123 der Bitte, den Empfang des Briefes als Geheimniß zu bewahren. Weinhart zog zuerſt den Barbier Khleſl's, Philipp Mendler, und endlich auf den Rath des Letzteren den Abt von Georgenberg in's Geheimniß. Auf Chriſtoph Dingers Empfehlung ſchrieb der Arzt die Wahrheit, daß der Cardinal ein robuſter Organismus ſei, der noch vieljährige Thätigkeit in Ausſicht ſtelle. Den Brief adreſſirte Weinhart, der ihm gegebenen Anweiſung zufolge an Herrn Friedrich Weingaertner am Hof in Wien. Der Abt verfehlte nicht, ſeinen Patron, wie er den Cardinal gewöhnlich nannte, von der eingelangten Zu⸗ ſchrift in Kenntniß zu ſetzen. Khleſl billigte das Ver⸗ fahren des Abtes, ließ aber gleichzeitig an ſeinen Brn⸗ der Georg in entgegengeſetztem Sinne ſchreiben, denn er ſelbſt hatte geloben müſſen, allem Gebrauch von Feder und Tinte zu entſagen. Nach wenigen Tagen wurde ihm die von den Gefängniß⸗Commiſſären erbrochene Antwort Georg Khleſl's übergeben. Der arme Bruder klagte, daß ihn die Nachricht von der tödtlichen Erkrankung ſeines lieben Melchior wie ein aus heiterer Luft herabzuckender Blitz getroffen habe; man hätte doch— meinte er— ſo Ghrittlich ſein können, ihn gleich bei Beginn des Uebels zu be⸗ nachrichtigen. 124 Khleſl. lächelte und wußte, wie er daran war; die Gefängniß⸗Commiſſaire Stredell, Wolkenſtein und Haupt⸗ mann Papus lächelten auch und wußten nicht, woran ſie waren. Von dieſem Antwortſchreiben Georg Khleſl's rührte die bald darauf nach Innsbruck und Wien verbreitete Nachricht, daß Se. Eminenz der Cardinal wie irre ſei und das Schlimmſte zu befürchten ſtünde. Die wohlweiſen Herren, welche den Cardinal eſſen, trinken und ſchlafen und guter Dinge ſahen, ſchrieben⸗ die der Antwort Georg Khleſls zu Grunde liegende An⸗ zeige von des Cardinals Krankheit einem Anfall von Geiſtesverwirrung und etwaigen geheimen, ihnen ver⸗ borgenen Leiden zu. Der Cardinal aber ſagte, indem er das bebartete männliche Kinn auf die rechte Hand ſtützte:„Wenn ich mich auf Namen recht verſtehe, ſo könnte man vor dieſem da— er wies auf die dem Arzt angegebene Wiener Adreſſe— leicht ſtatt des Friedrich einen Johann ſetzen, und Alles wäre erklärt.“ Der Abt blickte den Cardinal neugierig an und der zufällig anweſende Arzt erwartete jeden Augenblick, daß der Friedrich verſchwinden und der Name Johan⸗ nes an ſeine Stelle treten würde. Ein Wunder folgte nun allerdings nicht, aber Khleſl ſagte:„Der erſte Hofprediger Ferdinand's heißt Johann Weingaertner; 125⁵ ſollte dieſer Friedrich nicht ein naher Verwandter des Johann ſein?“ Das Schreiben des Arztes Weinhart hatte jeden⸗ falls den Ausſchlag gegeben; die Jeſuiten hielten es der Mühe werth, den alten, aber rüſtigen Cardinal dem Gefängniß zu entreißen. Von dem Augenblick an ar⸗ beitete der päpſtliche Nuntius Verospi auf Betrieb des römiſchen Staatsſecretairs Cardinals Ludovici an der Befreiung Khleſl's. So ſtanden die Dinge, als eines Abends, da die Glocke eben zum Vesperbrot läutete, ein junger Officier gemeldet wurde, der ein Geleitſchreiben des Innsbrucker Rathes, ungeſäumt vor den Cardinal gelaſſen zu wer⸗ den, vorwies. Khleſl warf ſeufzend einen Blick auf den Prälaten von St. Georgenberg und ſagte ſo laut, daß Stredell es hören konnte:„Wieder ein Berichterſtatter; ob ſie nicht an den hier feſt Angeſtellten genug haben könn⸗ ten!“ Dann wandte er ſich an Papus, den Comman⸗ danten ſeiner Wachmannſchaft, und fuhr fort:„Wenn dem jungen Herrn nach meinem Anblick gelüſtet, ſo mag er morgen der Meſſe beiwohnen; ich will mich heute früher zur Ruhe begeben und haſſe jede unnöthige Störung.“ Dieſe derbe Abweiſung hinderte aber nicht, daß nach wenigen Minuten ſchon ein ſonnengebräunter jun⸗ ger Krieger eintrat und ſich dem Cardinal mit ſo ehr⸗ lich blickenden Augen näherte, daß der mißtrauiſche Mann ſogleich ſeinen Argwohn aufgab. Die erſten Worte, welche der junge, ganz ſchwarz gekleidete Officier ſprach, ſtimmten den Gefangenen ſo vollſtändig um, daß vielmehr ein heller Strahl der Freude aus ſeinen Augen blitzte. Der Officier ſagte: „Ich bin der Sohn jenes Mannes, den Ihr vielleicht unter allen Menſchen am ſtärkſten haßtet; dieſer Mann lebt nicht mehr! ich vollziehe ſein Vermächtniß, indem ich Euch im Namen des Verſtorbenen um Eure Hand zur Verſöhnung bitte. Erzherzog Max fühlte in ſeinen letzten Stunden die lebhafteſte Sehnſucht, wieder gut zu machen, aber mit ſeinen Körperkräften ſank auch ſeine Macht; was er bewirken konnte, hat er gethan. Nichts von All' dem, was Euer war, wird Euch entzogen werden; Fer⸗ dinand mußte es ihm auf das heilige Abendmahl ge⸗ loben; Pater Lamormain billigte das Gelöbniß, und alſo wird es erfüllt werden. Eure Freiheit— Ihr wer⸗ det ſie erlangen, und ich ſelbſt will nicht raſten und ruhen, bis ſie Euch wieder gegeben worden.— Cure Freiheit enthält Euch nicht Ferdinand vor, ſondern jener Prinz, deſſen Arm Ihr einſt lähmtet, als er eben die Hand nach der Krone ausſtrecken wollte; ich meine den General des Paſſauer Volkes, den prieſterlichen Erz⸗ herzog, den kriegeriſchen Leopold von Oeſterreich. Er — 127 hält den Riegel Eures Gefängniſſes vorgeſchoben und wird das Schloß ſo lange hüten, bis es eine ſtärkere Fauſt zertrümmert. Ich bitte Euch, ſagt mir, daß Ihr meines Vaters mit verſöhntem Herzen gedenkt!“ Dieſe Sprache von dem Sohne ſeines mächtigen Feindes vor Abt und Mönchen, in Gegenwart ſeiner Gefängnißaufſeher Stredell und Wolkenſtein, des Haupt⸗ mannes Papus und ſeines Beichtvaters, des Francisa⸗ ners Heinrich Seyfried geführt, mußte dem Selbſtge⸗ fühl des Cardinals wohlthun, ſeine Stellung weſent⸗ lich verbeſſern, ſein nicht leicht rührbares Herz in Be⸗ wegung ſetzen.. Es ſchimmerte in der That etwas in den hellen Augen des ehemaligen Miniſters, das einer Thräne ähn⸗ lich ſah; er, der unter mannigfaltigem Druck ſich ſelbſt gleichbleibende Mann vermochte nur zu ſtammeln:„Zu viel, zu viel, junger Mann, für einen vom Pöbel ver⸗ ſpotteten und von den Fürſten ausgeſtoßenen Greis.“ Mehr konnte und wollte der Cardinal im Beiſein der vielen Zeugen nicht ſagen; ein warmer, kräftiger Hände⸗ druck entſchädigte den Officier, welcher den viel rühm⸗ licheren Muth beſaß, was er für Recht erkannt, unge⸗ ſcheut zu thun. Adam Wolkenſtein hatte die Worte des jungen Hauptmannes mit wachſender Beſtürzung gehört; war das wirklich der Sohn des verſtorbenen Deutſchmeiſters? Er hätte lieber an ein Blendwerk des Teufels geglaubt. Wie konnte ein Kind ſo ausarten, daß es den leibli⸗ chen Vater verleugnete? Aber wenn Erzherzog Max ſich thatſächlich ſo geäußert hatte? Dann mußte der Sohn, nach Wolkenſtein's Anſicht, den Vater Lügen ſtrafen. Es gab gar keinen Grund, der Eckart zu einem ſo verwerflichen Schritt berechtigen konnte. Wol⸗ kenſtein glaubte es ſeinem todten Herrn ſchuldig zu ſein, gegen Eckart's Vorgang feierlich Proteſt einzulegen; er ſagte deshalb, mit leidenſchaftlicher Haſt die Worte herausſtotternd:„Ich kann es nicht glauben, daß Se. Durchlaucht gerade dieſe Worte geſprochen habe; ich halte mich für überzeugt, daß kindlicher Schmerz meinem jungen Freund, wenn ich es mir erlauben darf, den Sohn meines Herrn und Wohlthäters ſo zu nennen, die Sinne umnachtete; ich möchte wetten, daß Se. Durchlaucht nur ſagen wollte, daß ſich der Herr Car⸗ dinal anſtrengen möchte, ſeine Fehler wieder gut zu machen. Beſinnt Euch wohl, beſter Herr Hauptmann, war es nicht das, was Se. Durchlaucht auf dem Sterbe⸗ bett ſagen wollte?“. Eckart entgegnete lächelnd, aber leidenſchaftslos: „Nein, Herr Kämmerer, es war nicht das, ſondern auf⸗ richtige Reue über Alles, was auf den Betrieb meines Vaters gegen Se. Eminenz vorgenommen wurde.“ Der alte treue, aber ſtolze und geiſtesbeſchränkte 129 Diener Maximilian's verhüllte ſein Antlitz; er mochte den Blicken des entarteten Sohnes nicht mehr be⸗ gegnen. Der Eardimal, welcher wohl errathen konnte, was in dem Herzen des guten Sohnes vorging, beeilte ſich zu ſagen, daß er nicht einſehe, was der Erzherzog zu bereuen gehabt hätte; er wenigſtens wiſſe nur ſo viel, daß Oeſterreich in dem Erzherzoge einen ſeiner tapfer⸗ ſten Vertheidiger, die Kirche ihren liebſten, g bünegſter Sohn verloren habe. Mit dieſen Worten erho5 ſich d Cardinal von der Tafel und lud Eckart durch einen Wink ein, ihm in ſein Schlafgemach zu folgen. Stredele und Wolkenſtein verſuchten es, die beſondere Unterredung Khleſl's mit dem Sohn des Erzherzogs zu vereiteln und ſchützten ihre klar abgefaßte Ordre vor, die jeden gehei⸗ men Verkehr des Staatsgefangenen mit wem immer ausdrücklich unterſagte. Khleſl ſeufzte und war ſchon bereit, ſein Schlafgemach allein zu betreten, als Eckart ein mit dem Siegel des öſterreichiſchen Kanzlers ver⸗ ſehenes Schreiben hervorzog, mittelſt welchem Fürſt Eg⸗ genberg für den Hauptmann Eckart eine Ausnahme bewilligte. Wolkenſtein und Stredell zuckten die Achſeln und empfahlen dem Huphunnnn Papus doppelte Wach⸗ ſamkeit. Haas; Der alte Cardinal. IV. 9 An dieſem Abend erhielten die dreizehn Wachen eine beſondere Verſtärkung; der von den Innsbrucker Räthen dem Cardinal zum Kammerdiener beſtellte Iſaak Stromayer wurde mit einer Muskete bewaffnet, und nachdem der Cardinal zu Bette gegangen war, an's äußere Thor geſtellt; der Barbier Mendler ſollte ſich vor die Thüre Khleſl's legen und augenblicklich Lärm ſchlagen, wenn ihm etwas verdächtig vorkäme; der Beicht⸗ vater Seyfried ſollte aber dem Gefangenen von jedem Fluchtverſuch abreden. Stredell und Wolkenſtein hielten die Lage für ſo kritiſch, daß ſie beſchloſſen, die Nacht auf den Beinen zuzubringen. Sie führten auch ihren Entſchluß ſo folge⸗ richtig aus, daß ſie über den Beinen ihrer Stühle bei mit wundervoller Schnelligkeit ſich leerenden Flaſchen und Gläſern ſelig entſchliefen und von Sr. Eminenz des folgenden Morgens noch ſchnarchend angetroffen wurden. Als Eckart das Zimmer des Staatsgefangenen betreten hatte, bot ihm der Cardinal einen Sitz und verließ das Gemach mit der Entſchuldigung, daß er noch einige unerläßliche Vorkehrungen zu treffen habe. In der That beauftragte er die Mönche, ihm jeden lä⸗ ſtigen Störer vom Hals zu halten. Die Mönche, welche die Gegenpolizei des Car⸗ dinals bildeten, bedienten Khleſl ſo vortrefflich, daß er 131 ſtets einige Tage früher von allen Vorkehrungen ſeiner Gegner unterrichtet war und ſo Zeit gewann, ſeine Ge⸗ genanſtalten zu treffen. 4 Jetzt theilten ſie ihm die Beſorgniſſe der Regie⸗ rungscommiſſäre wegen eines allfälligen Fluchtverſuches mit. Der Cardinal ſandte den Herren von Wolkenſtein und Stredell ein Dutzend Flaſchen ſeines eigenen Wei⸗ nes zu, daß ſie die Nacht luſtiger zubringen möchten. Die beiden Commiſſäre hielten dies für eine Kriegsliſt „des Pfaffen, der auf einem gar langen Stecken reitet,“ betranken ſich aber desungeachtet im Wein ihres liſti⸗ gen Gegners, der an gar keine Liſt gedacht hatte. Eckart benützte die Zeit der Abweſenheit Khleſl's, ſich im Schlafgemach des gefangenen Kirchenfürſten um⸗ zuſehen; das Zimmer war geräumig und hoch und lag gegen Oſten; es mußte übrigens vor des Cardinals Ankunft ein ziemlich unwirthlicher Raum geweſen ſein. Khleſl hatte neue Tapeten anbringen, einige Heiligen⸗ bilder aufhängen und die zierlichſten Möbel des Stif⸗ tes aufſtellen laſſen. Auf einem Bücherbrett, dem Lager des Cardinals gegenüber, ſtanden ungefähr zwanzig bis dreißig Bände. Eckart beſah ſich die Aufſchriften. Neben einer Biblia sacra ſtand Machiavelli, der wieder die Decre⸗ talen Gregor IX. zu Nachbaren hatte, dann folgte ein 9* 132 Breviarium Romanum, ein Vita sanctorum, hierauf zwei Bände, welche Handſchriftliches enthielten; der eine war älter, das Papier vergilbt und die Tinte etwas bleich— er enthielt die Staatsſchriften des treueſten Freundes und Anhängers Rudolf II., des Herzogs Ju⸗ lius von Braunſchweig; der andre ſchien erſt geſtern ſeinen Platz erhalten zu haben, ſo glänzend neu war der Einband, ſo friſch die Schrift, er enthielt die„Con- sultationes“ des Freiherrn von Tſchernembl, welche die⸗ ſer vier und zwanzig Stunden früher eingeſandt hatte. Außen am Rücken ſtand mit zierlichen Goldbuchſtaben: „Chriſtlich vergnügtes Palmgärtlein und luſtiges Springbrünnlein für glaubensdur⸗ ſtige Seelen;“ neben dem Bücherbrett ſtand ein Hängkaſten, den Iſaak Stromayer zu ſchließen vergeſſen hatte. Hier hingen die Staats⸗ und Hauskleider des gefangenen Mannes. Vier rothſammetene mit Zobel ge⸗ fütterte Hauben, zwei lange Prälatenröcke von veilchen⸗ blauen geblümten Atlas, zwei paar ſchwarze Beinkleider, und vier aſchgrauer Farbe aus feinſtem Damaſt; zwei Terzerolenwämſe, ein ſchwarzſammtner mit Marder ge⸗ füllter Stutzen und zwölf doppeltafftene rothe Leib⸗ hemden. Zu unterſt ſtanden mehrere Tiegel mit ſüßem auf görzeriſche Art eingeſottenem und überzuckertem Obſte. 133 Auf einem niederen Ladenkaſten aus Eichenflader ſtand eine kunſtreiche Uhr und zu beiden Seiten derſelben ſilberne Doppelleuchter; der Waſchtiſch trug ein ſchwer ſilbernes Becken und einen Krug von demſelben Metall; auf dem Nachtkäſtchen ſtand ein einfaches Kreuz, das⸗ ſelbe, das bis zur Kloſteraufhebung unter Joſef II. ein Gegenſtand beſonderer Verehrung der Himmelspförtne⸗ rinnen war und ſich gegenwärtig in Beſitz der Patres Minoriten zu Gutenſtein befindet; dieſes Kreuz war das Lieblingsheiligthum Khleſl's; ſein verbittertes, Schwer⸗ muth erfülltes Herz ſchüttelte er am öfteſten in Anbe⸗ tung dieſes Heiligthums aus; ihm legte er Wunder⸗ kraft bei, ſeit er von einem Wechſelfieber nach in⸗ brünſtigem Flehen zu dem Kreuz befreit worden war. Eckart hatte kaum ſeinen Blick von dem pomp⸗ haften Silbergeſchirr und dem ſchlichten Kreuzesholz ab⸗ gezogen, als der Cardinal zurückkehrte; der mit Ehren⸗ bezeugungen ſo geizige Mann ſtreckte ihm beide Hände entgegen, dann ſagte er:„Ich kann mir denken, daß Ihr Alles wißt, aber richtet nicht, ſo werdet Ihr nicht ge⸗ richtet. Glaubet nicht, junger Mann, aus zwei Todfeinden müſſe nothwendig einer verdammenswerth ſein; ich bin der Meinung, daß man von den verſchiedenſten Stand⸗ punkten aus, wenn man nur an der katholiſchen Glau⸗ benswahrheit feſt hält, zum Himmel gelangen kann. 134 Euer Vater und ich nahmen wohl die entgegengeſetz⸗ teſten ein, die man ſich denken kann. Er wollte mich ſeinem Zweck opfern, warum nicht? Vielleicht hätte ich es an ſeiner Stelle und mit den glei⸗ chen Berathern und Gewiſſensräthen an der Seite eben ſo gemacht. Er wollte die Vertilgung des Jrrglaubens, ich eben⸗ falls; darinnen waren wir einig; in den Mitteln gingen wir auseinander. Er war für Gewaltthat, ich für Bekehrung; er für den Krieg, ich für friedlichen Handel, er meinte eines Ferdinands und der Jeſuiten zu bedürfen, ich dachte mit dem alten Kaiſer und ohne Jeſuiten zum Ziel zu gelangen. Wer Recht hatte, die Zukunft wird unſere Richterin ſein. Er hielt mein Blut für den ſeinem Werk nothwen⸗ digen Kitt und ich wehrte mich meiner Haut. Vielleicht war der alte Khleſl zu furchtſam, vielleicht ſein Gegner zu gewaltthätig. Ich habe für Se. Durch⸗ laucht mehr als eine Meſſe geleſen, verzeihe ihm und bitte ihm im Jenſeits jedes Unrecht ab, das ich ihm allenfalls zugefügt haben könnte. Daß Ihr hieher kamt, einen alten unnützen Mann zu beſuchen, iſt ſchön von Euch; über alles Lob erhaben würde es jedoch ſein, wenn der Sohn die Bande ſprengen hülfe, in welche der Vater einen greiſen Diener des Hauſes aus Mißverſtand ſchlug. Ihr könnt 135⁵ das Herz Ferdinands erreichen, o thut es, thut es um Chriſti Barmherzigkeit willen, ſagt dem Kaiſer, daß der alte Khleſl nach nichts verlange, als in Freiheit zu ſterben. Ich habe die Ruhe gekoſtet, ſie iſt ſo ſüß, ein ſo wahres Labſal, das ich ſie um keinen Preis gegen die vorige Umuhe vertauſchen möchte. Ach Gott, wie bedauere ich den guten frommen Kaiſer, der ſich nicht wie ich der Andacht und heiligen Beſchaulichkeit überlaſſen kann; ſagt ihm, wie kein Tag und keine Stunde vergeht, da ich nicht Gottes Beiſtand für ihn und ſeine Fahnen anrufe. Fragt die Genoſſen meiner Einſamkeit, die guten Benedictiner, in welches Entzücken mich jeder Sieg mei⸗ nes kaiſerlichen Herrn verſetzt. Ihr kennt den frommen erleuchteten Fürſten von Eggenberg, ihm meldet, wenn Ihr mir Freundſchaft erzeugen wollt, daß Ihr in Georgen⸗ berg einen der Welt abgeſtorbenen Greis gefunden habt, der keinen Wunſch hegt, als wie es dem ſorgſamen Hir⸗ ten anſteht, mitten unter ſeiner Heerde den Geiſt auf⸗ zugeben. Er ſoll ja nicht glauben, der gute Fürſt, daß Melchior Khleſl einen andern Ehrgeiz kennt als die Er⸗ bauung ſeines biſchöflichen Sprengels, als die Erfüllung ſeines geiſtlichen Berufes, als die Verkündigung der fatho⸗ 136 liſchen Wahrheit. Das Weltliche, prägt es dem guten Fürſten wohl ein, das Weltliche findet in der Bruſt des alten kindiſch gewordenen Khleſl keinen Raum mehr. Der arme Mann— ich bitte, behaltet meine Ausdrücke bei— iſt ſo herabgekommen, daß er von Rechten nichts mehr wiſſen mag und ſich einzig auf die kaiſerliche Gnade und die Wohlgewogenheit des Fürſten Eggenberg verläßt. Wenn Ihr das ſagt und Ihr werdet es, wenn es Euch mit dem Wunſch, einen alten Geiſtlichen mit Eu⸗ rem verſtorbenen Vater zu verſöhnen Ernſt iſt, dann iſt mir heute in Eurer Perſon ein neuer Hoffnungsſtern aufgegangen.“ Eckart, welcher der Rede des Cardinals aufmerk⸗ ſam gefolgt war, konnte ſich nicht entbrechen auszu⸗ rufen: „Und Ihr nennt Euch einen alten kindiſch gewor⸗ denen Mann?“. Khleſl ſtieß mit dem Fuß zornig gegen den Boden und entgegnete:„Ich wiederhole nur, was Euch der Abt und die geſammte Mönchſchaft ſagen wird, es iſt ſo, kann ich dafür?“ „Ein Mann von ſo vielem Geiſt!“ 137 „Wer redet von Geiſt, ich habe keinen und will keinen haben.“ „Ihr habt aber doch.“ „Gott ſchütze mich!“ „Und das ſehr viel.“ „Immer beſſer!“ „Ich glaube, daß alle Welt meine Anſicht theilt.“ „Theilte, ſagt theilte. Jetzt iſt es anders.“ „Nein.“ „Ich ſage Euch aber ja.“ „Und ich glaube Euch doch nicht.“ „Seht Ihr denn nicht ein, daß der Geiſt, den man bei mir vorausſetzt, mein Unglück iſt?“ „Dann will ich darauf ſchwören, daß Ihr der blöd⸗ ſinnigſte Prälat der katholiſchen Kirche ſeid.“ „So iſt es recht.“ „Ich werde alſo ſagen, daß Euch das Unglück ge⸗ beugt hat.“ „Sagt geknickt.“ „Alſo geknickt.“ 138 „Oder noch beſſer gebrochen.“ „Wie Ihr für gut findet.“ „Dann ſagt, daß ich ein unſchädlicher Plauderer ſei.“ „Warum das?“ „Weil es die Berichte meiner Aufſeher commentiren wird, die ich durch das, was Ihr meinen Geiſt zu nen⸗ nen beliebt, in Reſpect erhalten muß.“ „Und was ſagten jene Berichte, wenn ich es er⸗ fahren darf?“ „Ei die Berichte ſtimmen leider mit Eurer ketzeri⸗ ſchen Anſicht von meinem Geiſt überein.“ „Ich werde alſo ſagen:„Nichts da, keine Spur von Einſicht und Erwägung, nichts als die Schwatz⸗ haftigkeit des Alters, Lob vergangener Zeiten, lau⸗ dator temporis acti, wie der Dichter von Veneſium meint.“ „Vortrefflich!“ „Habt Ihr ſonſt etwas zu beſtellen?“ „Heute nicht, kommt Morgen, es verſteht ſich, daß Ihr mein Gaſt ſeid, dann werde ich Euch Briefe übergeben,“ 139 „An wen?“ „An meine Bisthums⸗Adminiſtratoren Schwab und Hutner.“ „Den Hutner kenne ich.“ „Weiß wohl.“ „Ihr wißt?“ „O ich kann Euch den erſten Bericht des Priors aus dem Gedächtniß mittheilen.“ „Thut es, ich erſuche Euch darum.“ „Herzlich gern. Pater Hutner ſchrieb mir noch während derſelben Nacht, da Ihr mit ihm bei Khuen zuſammentrafet:„Offner ehrlicher junger Menſch, kann und wird kein Glück am Hof machen, ſcheint völlig unbrauchbar, wo und wenn es ſich um Ränke handelt, völlig verläßlich, wenn ſeine Ehre in's Spiel kömmt, verliebt und zwar unter dem Rang, zu dem er ſeine Blicke erheben darf, rathe ihn aufzugeben.“ „Und Ihr gabt mich auf.“ „Ich gab Euch guf,“ N 2 „Nun? „Wo ich auf Eure Ehrenhaftigkeit Rechnung machte, bediente ich mich Euer.“ „Leider nutzlos.“ „Ohne Eure Schuld. Uebrigens ergänzte meine hochgeſchätzte Freundin Eliſabeth Khuen das Urtheil des Priors; dieſe Frau faßte eine wahrhaft mütterliche Zunei⸗ gung zu Euch; ich ſah es gern, denn Ihr wurdet mir dadurch in ſteter Evidenz gehalten.“ „Und was ſagte dieſe würdige Dame?“ „Alles Erdenkliche, was Euch zum Lob, nur durch⸗ aus nichts, das Euch in meinen Augen zum Verdienſt gereichen konnte; mit einem Wort, Ihr hattet nach Peter Hutner und Eliſabeth Khuen die geſammten chriſtlichen Cardinal⸗Tugenden und keine einzige Eigenſchaft, die Euch für meine Bedürfniſſe ſchätzenswerth machte, ſo verſchieden ſtellen ſich die Forderungen der Religion und des Staatslebens.“ „Und iſt dies Alles?“ „Ach nein. Kennt Ihr Herrn von Tſchernembl?“ 1 7 „Sb ſo. „Ich wage nicht ihm zu ſchreiben, wollt Ihr ihm einen mündlichen Auftrag ausrichten?“ 141 „Warum nicht?“ „Ich laſſe ihn beſchwören— ſagt, daß mir die Dankbarkeit dieſen Rathſchlag eingiebt— von ſeinem Unternehmen abzuſtehen. Und wenn er ſchon durchaus auf ſeinen Meinungen beharrt, ſo ſoll er wenigſtens dem Rath des Evangeliums folgen:„Wer zur Stunde auf dem Dache iſt und ſein Geräth im Hauſe hat, der ſteige nicht hinab, es zu holen; und wer auf dem Felde iſt, der kehre nicht zurück,“ und auf den 34. und 35. Vers desſelben Capitels achten:„Ich ſage Euch, in derſelben Nacht wird von Zweien, die auf Einer Lagerſtätte ruhen, der Eine ergriffen, der Andre freigelaſſen werden; von Zweien, die mit einander mahlen, wird der Eine ergrif⸗ fen, der Andre freigelaſſen werden. Von Zweien, die auf dem Felde ſind, wird der Eine ergriffen, der Andere frei⸗ gelaſſen werden.“*) „Und wenn mich Herr von Tſchernembl um Erklä⸗ rung fragt?“ „Dann antwortet ihm mit dem Evangeliſten:„Wo das Aas liegt, ſammeln ſich die Geier.“ Dieſe War⸗ nung iſt das Einzige, womit ich einem edelmüthigen *) Lucas 17. Cap. V. 31, 32, 34, 35. 142 Feind vergelten kann. Werdet Ihr bei Eurer Rückkehr bei Frau von Khuen einſprechen?“ „Ob ich einſprechen werde!“ „Dann danket Ihr in meinem Namen für die mit Pelzwerk gefütterten Pantoffeln, die ſie mir im vori⸗ gen Spätherbſt, da ich über große Kälte in den Füßen klagte, überſchickte, ſagt auch dem Obriſt, daß ich ſeinen Uebertritt zu meinen Gegnern vollkommen billige; ſein Verharren hätte mir nicht nur nichts genützt, ſondern vielmehr geſchadet.— Ihr wolltet etwas ſagen, mein lieber Sohn, heraus damit.“ „Ich wollte ſagen, daß ich ſolchen Wankelmuth weder begreifen noch billigen könnte.“ „Was iſt mein Freund Petrus Hutner für ein Menſchenkenner! Wie recht hatte er mit ſeiner Behaup⸗ tung, daß Ihr vielleicht recht gut für den Himmel, aber für die Erde jedenfalls ſehr wenig taugt. Glaubt Ihr denn wirklich, daß die Geſinnungstreue Khuens eine andre Folge gehabt hätte, als mich und ihn zugleich zu verderben?“ „Er beſaß aber das Ohr des Kaiſers.“ „In höherem Grad als ich?“ „Das will ich nicht behaupten.“ 143 „Nun gut, konnte der Mann, dem Ihr ſo gütig geweſen, etwas Geiſt zuzuſchreiben, ſich trotz der kaiſer⸗ lichen Huld nicht behaupten, was meint Ihr, daß dem armen Khuen ſein Widerſtand genützt hätte? Ja, wenn der Kaiſer Maximilian III. geheißen, wenn Euer Vater ſtatt des älteren Bruders auf dem Thron geſeſſen hätte, in dieſem Fall wäre Beharrlichkeit zur Tugend geworden; unter den angedeuteten Umſtänden müßte ich ſie Unklug⸗ heit, ja mehr als das— Thorheit nennen. Alſo ſeid ſo freundlich, den Obriſt von mir grüßen; er möchte in meiner Angelegenheit nur mit ſeiner gewohnten Thätig⸗ keit fortfahren; ihm eine gute Proviſion von Baiern zu verſchaffen wird meine Sache ſein.“ Seht, dachte Eckart, wie der abgelebte, unnütze, kindiſch gewordene Mann ſein Netz nach allen Seiten auswirft und Maſche an Maſche reiht; es ſcheint, daß der allem weltlichen Treiben abgeſtorbene Greis luſtig mit Baiern und weiß Gott vielleicht dem Großtürken fort negotiirt. Dieſe Gedanken waren auch vollkommen zutreffend, denn der Cardinal, der ſeit Jahr und Tag keine Feder berührt hatte, machte den ehrlichen Chriſtoph Obinger zum Correſpondenten des Herzogs von Baiern, der Republik Venedig, des römiſchen Stuhls mit Spa⸗ nien und Niederland. Eckart verſprach auch dieſen Auftrag zu beſorgen; 144 nun aber bat er den Cardinal um eine Gegengefällig⸗ keit. Khlefl war neugierig, worin ein armer Staatsge⸗ fangener dem Ritter Johann Eckart auf Winkl, Sr. Majeſtät wohl beſtalltem Hauptmann nützlich werden könne.“ „O es iſt nur ein Ehrendienſt, den ich in Auſpruch nehme, Ihr ſollt ein Paar Trauungen verrichten, die 1 ohnehin Eurer Diöceſe unterliegen.“ „Und wer ſind die Brautpaare?“ „Sie werden ſich morgen mit Eurer Erlaubniß mit den nöthigen Ausweiſen verſehen an Ort und Stelle einfinden.“. Der Cardinal, dem es höchſt willkommen war, ſeine biſchöfliche Gewalt, wenn auch in weiter Entfernung von ſeinem Sprengel auszuüben, nahm die Bitte Eckarts freundlich auf. Eckart verabſchiedete ſich aber nun von dem Tod⸗ feind ſeines Vaters und ging unangefochten an dem ſchlummernden Barbier den trunkenen Wachen und ſchnar⸗ chenden Commiſſären vorbei. XXXV. Capitel. Zwei Trauungen. (Schluß.) Am folgenden Tag ſtrahlte die kleine Kirche von Georgenberg im Glanz zahlreicher Lichter; die Wände waren mit Prachtteppichen belegt, und alles Silber, das der Cardinal zu gottesdienſtlichen Functionen von Wien und Neuſtadt hatte bringen laſſen, ſchimmerte am Hoch⸗ altar der Kirche. Khleſl perſolvirte unter Afſiſtenz des Prälaten die Meſſe in pontificalibus und ließ ſich von Adam Frei⸗ herrn von Wolkenſtein miniſtriren. Schon am frühen Morgen hatte der Zuſammen⸗ Haas: Der alte Cardinal. IV. 10 146 klang aller Glocken die Bergbewohner auf die unge⸗ wöhnliche gottesdienſtliche Feier aufmerkſam gemacht. Von allen Seiten kamen ſie herangeſchritten und klommen die ſteilen Felswände hinan; alte und junge Männer mit geſpitzt zulaufenden Hüten, auf welchen Spielhahnfedern flatterten, kurzen Hoſen, nackten Knien und grauen Lodenröcken, mit Jungfrauen mit männlicher Kopfbedeckung, an welcher goldne Troddeln angebracht waren und alte Mütterchen mit ſchwarzen ſauberen Vortüchern und dunklen Hauben. Das Kirchſchiff wurde für die Zahl der Beter faſt zu eng. Ein Landmann fragte den Andern, was für ein Kirchenfeſt heute gefeiert werde. Keiner wußte es. Abermals klang das Geläute zu dem„Missa ita est“ und in dem Augenblick betraten zwei geſchmückte Brautpaare die Kirche, welchen zwei Brautführer zur Seite ſchritten. Die Brautführer waren ernſte in Deutſch⸗Ordens⸗ tracht gekleidete Männer, die Herrn von Stadion und Weſternach; der Bräutigam jenes lächelnden, offen blicken⸗ den, glücklich ausſehenden Mädchens war ein kaiſerlicher Hauptmann mit grüner golddurchwirkter Feldbinde und wallender Straußfeder. Das ehemals ſo jugendliche Ge⸗ 147 ſicht hatte ſich gebräunt und den milden Zügen männli⸗ chen Charakter verliehen. Die Tracht der Braut war eine glückliche Miſchung des Nationell⸗Tyroliſchen mit ſtädtiſcher Mode. Der Hut war minder unförmlich, als ihn die Landsleute der Braut zu tragen pflegten; ein niedliches kokettes Tyrolerhütchen, das am Kinn mit breiten grü⸗ nen Taffetbändern zuſammengehalten wurde, rahmte mit den dunklen breiten Krempen das flüſſige Gold des in zierliche Zöpfe geflochtenen Haares würdig ein; über dem mit Perlen und Goldſchnüren beſetzten Bruſtlatz hing ein Kreuzchen, welches der Bräutigam aus der Erblaſſenſchaft ſeines Vaters geſchenkt hatte; dieſes Kreuzchen war aus einem Splitter von des Apoſtel⸗ fürſten Petri Kreuz gebildet. An dem ſpitzzulaufenden Bruſtlatz ſchloß ſich das grüne mit rothem Beſatz eingeſäumte Röckchen an. Zwi⸗ ſchen dem Rockſaum und den einen kleinen elegant ge⸗ bauten Fuß umſchließenden Stiefelchen ſchimmerte der blüthenweiße Strumpf durch. Die Juppe war ſowohl dem Stoff als der Form nach augenſcheinlich ſtädtiſchen Urſprungs; ſie war aus ſchwarzem Atlas und ſchmiegte ſich dem Körper ſo vortrefflich an, daß die üppigen Formen desſelben mehr hervorgehoben als verunſtaltet wurden. 10* 148 Der andre Hochzeiter war ein ſchlanker kräftiger Küraſſier, das lebendige Abbild einer jener Achtung ge⸗ bietenden Rittergeſtalten, die uns in düſteren Burgſälen aus den mächtigen Goldrahmen entgegentreten. Das lange ſeidenweiche dunkle Haar floß ungezähmt über Scheitel und Schläfe nieder. Er trug die Sturmhaube in der Hand, während das lange Schwert auf den Qua⸗ dern klirrte. Ueber den Küraß ſchlang ſich die rothe von der ſchönen Braut geſtickte Feldbinde. Die holdſelige Braut, deren edel gezeichnetem Ge⸗ ſicht ein Zug von noch nicht völlig überwundener Schwer⸗ muth eigenthümlichen Zauber verlieh, trug auf dem vom Brautſchleier umwallten Haupt ſtatt des üblichen Myrthen⸗ kranzes ein koſtbares Diadem, das einſt die Haare Anna's von Oeſterreich geſchmückt hatte. Es war ein Zeichen der letzten Erinnerung, welches die ſterbende Kaiſerin ihrem Liebling gab. Als ſich der Cardinal nach beendigtem Gottesdienſt zu den Brautleuten wandte, war er ſichtlich überraſcht. Nicht ſowohl der vor ihm knieende Sohn ſeines ergrimm⸗ teſten Feindes, als vielmehr das geſenkte Antlitz Fran⸗ cisca Rappach's, welche er unbedenklich ſeinem Ehrgeiz 149 aufgeopfert haben würde, wäre nicht die Vorſehung zwi⸗ ſchen ihn und das Opfer getreten; das geſenkte Thränen überfloſſene Geſicht des jungen Weibes machte den har⸗ ten Cardinal beben. Einen Augenblick ließ er ſein Auge auf der ſtillen Braut ruhen, dann faßte er ſich ſchnell und eilte zum Vollzug der heiligen Handlung. Wieder einmal nach einem langen Jahre der Ver⸗ bannung war es ihm vergönnt, eine jener ſeelenvollen An⸗ ſprachen zu halten, wie ſie Kaiſer und Könige, Her⸗ zoge und Fürſten ſo oft aus ſeinem beredten Munde vernommen hatten. Sein alter Genius erwachte; er ſprach mit mildem Feuer über die Heiligkeit der Ehe und fügte dem Segen der Kirche die herzlichen Glückwünſche des väterlichen Freundes bei. Beim Namensaufruf ſagte Eckart mit heller, faſt fröh⸗ lich klingender Stimme„Ja,“ und als der Cardinal wieder fragte:„Iſt es Euerwahrer, ernſtlicher Wille, Jungfrau Eu⸗ phroſine Bock von Antholz, die Gattin des hier anweſen⸗ den Ritters Johann Eckart von Winkl zu ſein, da ertönte ein eben ſo lautes als entſchiedenes„Ja“ von den Lippen der Braut. Dieſelbe Scene wiederholte ſich mit dem zweiten Brautpaar; nur daß Francisca nicht ebenſo heiter erwiederte. Als Zeugen des Trauungsactes unterfertigten die Deutſch⸗Ordensherren von Stadion und Weſternach. 150 Am Chor ſaß eine in Trauer gehüllte weibliche Geſtalt, die nach vollzogener Trauung auf das erſte Brautpaar zu⸗ ſchritt und es in die Arme ſchloß.„Wie doppelt glücklich macht mich Ihre mütterliche Zärtlichkeit!“ rief Eckart aus, welcher nicht erwartet hatte, daß ſich Frau von Roſenberg von ihren wehmüthigen Erinnerungen an Winkl losreißen würde. Der ſonſt ſo ſparſame, faſtknickeriſche Kirchenfürſt ließ es ſich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten. Eine gewal⸗ tige Razzia wurde in Hühnerhof, Taubenſchlag unter den Enten und Gänſen der wohlehrwürdigen Benedictiner von Georgenberg vollführt; ſelbſt die Wälder und Bäche um das Stift herum fühlten die Nachwirkung der Gaſtfreundſchaft des Cardinals; ja die Suppe ſtand bereits auf dem Tiſch, als der Kloſterfiſcher noch die letzte Lieferung Forellen nach der Küche brachte. Der Leſer wird uns wohl die Aufzäh⸗ lung all der köſtlichen Gerichte erlaſſen, welche zu Ehren der Hochzeitsgäſte auf die Tafel geſetzt wurden; wir begnü⸗ gen uns mit der Verſicherung, daß das Hochzeitsmahl den vereinigten Bemühungen des Cardinals und des Propſtes Obinger Ehre machte. Khleſl thronte in einer vollkom⸗ men neue Symare, das rothe Käppchen auf dem Haupt und ein Kreuz von Brillanten auf der Bruſt zu Oberſt der Tafel. Am Schluß trank Eckart zum großen Verdruß der Kerkermeiſter des Cardinals auf Khleſls baldige Befreiung. 151 Stredell that, als ob er nippte und ſtellte das Glas unbe⸗ rührt auf den Tiſch. Als das Mahl beendigt war, eilte der Cardinal nach ſeinem Schlafgemach und hieß die beiden Brautpaare einen Augenblick verziehen. Nach einigen Minuten kam er mit zwei Päckchen unter dem Arm zurück; das eine reichte er der jungen Gattin Eckarts, das andere Francisca Rappach, nunmehr verehelichten Rolandin. Als Euphroſine das Packet öffnete, fand ſie eine ein⸗ zelne Perle von ſeltener Größe und Schönheit und einen Ring, welcher eine herrliche Kamee enthielt; Beides waren Geſchenke Venedigs für den allmächtigen Miniſter geweſen. Einen minder profanen Charakter trug Khleſls Brautgeſchenk für Francisca an ſich. Es war ein Cru⸗ eifir aus Elfenbein, welches Betlhen Gabor dem Cardinal verehrt hatte, dann eine kleine in Gold gefaßte Statue, die mit Rubinen und Perlen verziert war. Dieſe Statue rührte aus dem Schatz des großen Mathias Corvinus und wurde noch im Laufe desſelben Jahres von der jungen Gattin Rolandins ohne Angabe des Namens der Geberin als Sühnopfer nach Maria⸗Zell geſchenkt; dort kann man im Glasſchranke rechts von der Eingangsthür zur Schatz⸗ kammer noch immer das ſehr intereſſante Kunſtſtück König Mathias Corvinus bewundern. 3 15² Der Aufenthalt der Fremden währte bis zum Abend. Als die Zeit des Abſchiedes herangerückt war, wurde der Gefangene zuſehends unruhiger; er fühlte die nur müh⸗ ſam unterdrückte Begierde nach Freiheit in ſich ſtärker erwachen als je. Seufzend fragte er an der Schwelle ſeiner Wohnung:„Wohin die Reiſe?“„Nach Wien,“ antwortete Eckart mit einem beruhigenden Blick auf den Cardinal. „Und wohin Ihr?“ fragte Khleſl Wolfgang Rolandin. Ohne den Frager anzublicken erwiederte der Küraſſier ganz gleichmüthig:„Nach Rom.“ Das Wort Rom hatte ſich Khleſl ſeit ſeiner unter den Jeſuiten zugebrachten Jugend als ein ſehr bedeutungsvolles Wort zu betrachten angewöhnt; das Wort Rom hatte ſeit ſeiner Studienzeit einen magi⸗ ſchen Einfluß auf die Phantaſie des Novizen, Prieſters, Paſſauer Officials, Miſſionspredigers und Cabinets⸗Direc⸗ tors ausgeübt; nie aber war der Zauber dieſes Wortes ſo groß als jetzt, da ſeine Zukunft mehr als je von Rom ab⸗ hängig war.„Was ſagtet Ihr? fragte daher Khleſl raſch, „Ihr reiſt nach Rom, und darf man den Zweck Eurer Reiſe wiſſen, wahrſcheinlich eine Erholungsreiſe? vielleicht auch et⸗ was Wallfahrt? Habe ich nicht recht?“„Nicht doch,“ ent⸗ gegnete Rolandin lächelnd,„es handelt ſich einfach um ei⸗ nen Auftrag.“ „Auftrag! Auftrag!“ wiederholteſich Khleſl im Geiſte und hätte um Alles in der Welt gerne gefragt, um was 153 für einen Auftrag es ſich handele, doch fühlte der Cardinal das Unſtatthafte einer ſolchen Inquiſition zu wohl, als daß er eine neue Frage an den Officier gerichtet hätte. Rolan⸗ din, welcher dem Cardinal indeß die Neugierde am Geſicht leſen mochte, ſetzte raſch hinzu:„Ihr kennt doch Monſignore Ludovici?“ Khleſl prallte zurück, als ob er auf elektriſirten Draht getreten wäre:„Ob ich den Staatsſecretair Sr. Heiligkeit kenne?!“ „Nun ich ſehe, daß Euer Eminenz Herrn von Ludo⸗ vici kennt; wir reiſen zu ihm.“ „Ihr reiſt zu Monſignore Ludovici?“ „Und was iſt daran Wunderbares?“ „Ich ſage nicht, daß es wunderbar ſei; und Ihr behauptet, einen Auftrag an ihn zu haben?“ „Auch das iſt wahr.“ „Einen Privatauftrag, natürlich?“ „Natürlich!“ „Einen geheimen Auftrag?“ „Es iſt wahr.“ „Von einem hohen Herrn?“ 154 „Das eben nicht,“ erwiederte Rolandin, indem er, von K hleſl unbemerkt, einen ſchelmiſchen Blick auf Eckart warf. „Darf ich Euer Gedächtniß mit einer Bitte be⸗ ſchweren?“ „Warum nicht?“ „Ihr werdet Monſignor allein ſprechen?“ „Sicher!“ „Wollt Ihr ihn meiner beſonderen Ergebenheit verſichern?“ „Was weiter?“ „Ja, wenn ſich das nur leichter ſagen ließe!“ „Für Eure Eminenz hätte die Sprache eine Schwie⸗ rigkeit?“ „Bi hat, ſie hat, ich verſichere Euch.“ „Wie iſt das möglich?“ „Das iſt bei allen Dingen ſo, die man nicht ge⸗ rade herausſagen will.“ „So ſchreibt dieſe Dinge nieder.“ „Da kämet Ihr mir erſt recht!“ 15⁵ „So macht nur wenigſtens, daß ich die Dinge erfahre.“ „Wohlan, Ihr werdet Monſignore ſagen, daß ich mit Bedauern von dem Unwohlſein des heiligen Vaters gehört habe.“ Eckart und Rolandin, die, wiewohl in vollkommener Freiheit und aus der Hauptſtadt kommend, von einer Erkrankung des Papſtes keine Silbe wußten, blickten einander erſtaunt an. Eckart aber ſagte zweifelhaft: „Wißt Ihr auch gewiß, daß der Papſt unwohl ſei?“ Khleſl erwiederte lächelnd:„Es iſt bisher nichts als eine Ballengeſchwulſt von leichtem Fieber begleitet cber... „Aber?“ „Es könnte ernſthaft werden.“ Wer ſagt Euch das?“ „Mein kleiner Finger.“ „Ihr habt einen merkwürdig allwiſſenden Finger.“ Khleſl lächelte ohne Erwiederung und fuhr zu Ro⸗ landin gewendet fort:„Ihr werdet ſagen, daß ich zu Gott täglich um die Wiederherſtellung Sr. Heiligkeit bete, daß ich mich aber, falls in Gottes unerforſchlichem 156 Rathſchluß etwas Anderes beſtimmt wäre, dem Staats⸗ ſecretair voll Bewunderung— Ihr werdet dieſe Worte nicht vergeſſen?— ſeiner ſtaatsmänniſchen Talente zu Füßen werfe.“ „Ich werde das Alles ſo ſagen, als ob Ihr ſelbſt zugegen wäret.“ „Meinen Segen über Euer Haupt, junger Mann!“ „Sonſt habt Ihr keinen Wunſch?“ „Wenn ich errathen könnte, wer Euer Auftrag⸗ geber ſei?“ „So rathet, Eminenz!“— „Ihr ſeid Soldat, ſo könnte es Herr von Mollart ſein?“ „Ach mein Gottl ich kenne ihn nicht einmal.“ „Vielleicht Graf Dampierre?“ „Der kümmert ſich wieder um Herrn Ludovici nicht. Seht, ich will es Euch leicht machen; mein Auf⸗ traggeber ſteht hier vor Euch.“ Rolandin deutete auf Eckart, welcher ſich gerade mit ſeiner Braut beſchäftigte. „Mein Sohn! mein geliebter Sohn!“ rief ihm der Cardinal zu.„Ich höre ſo eben, daß Ihr Herrn Ro⸗ landin nach Rom ſendet, dürfte ich glauben?“ 157 „Nicht nur glauben, auch hoffen,“ fiel Eckart in's Wort,„daß ich Euertwillen nach Rom ſende. Euer Befreiungsgeſchäft würde zu ſchläfrig betrieben, wenn man den Brei nicht in der rechten Küche rührte.“ „Werdet Ihr Euch aber auch an die rechten Köche halten?“ fragte der Cardinal ſeufzend. „Wie meint Ihr das?“ „Ich meine, ob Ihr auch tüchtige Freunde zu Rom habt.“ „Nun, was denkt Ihr ſo von Herrn von Ser⸗ belloni?“ „Gut, recht gut.“ „Von Cardinal von Hohenzollern?“ „Optime!“ „Von Mutius Witalieſché⸗ 20 „Valde bene!“ „Vom ſpaniſchen Geſandten?“ „Ihr überraſcht mich!“ „Ja ſeht! man iſt doch nicht ganz umſonſt das Kind eines öſterreichiſ chen Erzherzogs, auch wenn man nur ſehr geringe ſtaatsmänniſche Eigenſchaften beſitzt.“ 158 „Habe ich das geſagt?“ „O, Ihr habt nur die lautere Wahrheit geſprochen, und ich maße mir auch nur dann einiges Talent bei, wenn es, wie das Feuer aus dem Stein, ſo durch Freund⸗ ſchaft oder Liebe aus meinem Herzen geſchlagen wird.“ „Ein gutes, gutes Kind!“ murmelte Khleſl leiſe und doch laut genug, daß es die Umſtehenden hören konnten. Während dieſes Geſpräches ſenkte ſich die Sonne immer mehr, ſo daß Georgenberg bereits in tiefem Schat⸗ ten lag, während die Abhänge der umliegenden Höhen noch im vollen Strahl der Sonne glänzten. „Es iſt Zeit, den Berg hinabzuſteigen,“ mahnte Frau von Roſenberg, indem ſie den Cardinal für ſie Alle um den Segen bat. Khleſl breitete die Arme über ſeine Gäſte aus und ſegnete ſie mit dem reichſten Segen, der ihm zu Gebote ſtand. Wenige Augenblicke darauf ſah man nur mehr die wallenden Schleier der Bräute und die nickenden Federn an der Kopfbedeckung der ſie begleitenden Männer. Khleſl ſaß ſtumm und das Haupt auf ſeinen Arm geſtützt, das Sinnbild tiefer Gedanken, in ſeinem ein⸗ ſamen Gemach. Plötzlich erhob er den Kopf und ſagte zu ſich ſelbſt:„Ich hätte mich auf Ehre für älter ge⸗ halten; an der Freude aber, die ich empfinde, merke ich, daß mein Herz noch jung iſt. Noch ein halbes Jahr, und es giebt kein Gefängniß mehr; noch ein Jahr, und ich bin zu Rom; noch zwei Jahre, und ich perſolvire die Meſſe bei St. Stephan; noch drei Jahre, und wer weiß, der alte Khleſl ſetzt ſeinen Fuß auf den Nacken des plumpen gewaltthätigen Eggenberg; aber was ſage ich, auf den Nacken? beſſer auf den Bauch— bei dieſem Gedanken konnte ſich der Gefangene eines ſtillen Lächelns nicht enthalten— er leidet ja immer an Bauchweh, folglich muß er da am empfindlichſten ſein.“ Khleſl hatte, wenn nicht ganz, ſo doch halb er⸗ rathen; der Nuntius Verospi erwirkte ſeine Befreiung aus Georgenberg und führte den Cardinal als Staats⸗ gefangenen mit ſich nach Rom. Nach kurzer Gefangen⸗ ſchaft in der Engelsburg erlangte Khleſl ſeine voll⸗ kommene Freiheit, die er aber keineswegs dazu benützte, ſogleich nach Wien zurückzukehren. Selbſt mit der Rück⸗ kehr und Wiedereinnahme ſeines Biſchofsſitzes zögerte Khlefl und zog einen längeren Aufenthalt in der ewigen Stadt vor. Erſt als ſein alter Feind Kaiſer Ferdinand über das lange Säumen Khleſl's ungeduldig zu werden an⸗ fing, gab der Cardinal nach und kehrte 1628 in ſeine Heimath zurück, wo er— hier irrte ſich Khlefl in ſeiner Berechnung— ohne politiſchen Einfluß, und 160 ohne nochmals Miniſter geworden zu ſein, aber bis zu ſeinem letzten Athemzug raſtlos thätig (1630) ſtarb. Kehren wir zu den anderen Perſonen unſerer Ge⸗ ſchichte, von denen wir vorausſetzen können, daß ſie die Theilnahme unſerer Leſer erregt haben, zurück. Kaiſer Mathias ſtarb wenige Monate nach der traurigen Kataſtrophe, welche ihm die Gattin und mit ihr zugleich die Hoffnung auf einen Thronerben ge⸗ raubt hatte. Mathias war ſeit Khleſl's Entführung nicht mehr er ſelbſt; immer und überall fehlte ihm der treuerprobte Diener, deſſen Talente die Mängel des Kaiſers ſo vor⸗ trefflich verdeckten. Ohne Halt und Stütze ſank Ma⸗ thias bei vollem Bewußtſein des ſich täglich mindernden Einfluſſes zu einem bloßen Schattenbild der ehemaligen Macht herab. Ferdinand übte die Gewalt, von welcher Mathias den bloßen Namen trug. Oftmal ſeufzte Ma⸗ thias unter dem gelinden, aber unwiderſtehlichen Druck des Bruders und Vetters. Seine Lieblingsgedanken, den Frieden durch Zugeſtändniſſe zu erhalten, wurden verlacht und ihre Kundgebung mit Achſelzucken aufge⸗ nommen. Der Kaiſer verbiß ſeinen tiefen Gram und 161 wollte ſeinen Gegnern mindeſtens den Triumph, ihn zu unwürdigem Jammer getrieben zu haben, nicht gön⸗ nen. Dieſer ſtille Gram fraß aber an des Kaiſers Herzen und zehrte den letzten Reſt an Lebenskraft und Lebensmuth vollends auf. Oft mochte ſich der Kaiſer in ſeiner ſtiller Abge⸗ ſchiedenheit zu Ebreichsdorf geſagt haben:„Hart, aber nicht unverdient!“ oft mag ihn der Schatten des zehn Jahre früher entthronten Bruders umgaukelt haben. Die Aerzte ſagten, Mathias ſei an der Gicht geſtorben; aber die eigentliche Gicht, die dem Kaiſer den Tod brachte, ſaß im Herzen und hieß Selbſtvorwurf, Undank, Verrath und Verlaſſenheit. Mathias' Tod änderte nur die Unterſchrift, den Namen; alles Andere blieb ſich gleich. Ferdinand konnte kaum während des Kaiſers Traumleben, nach Khleſl's Entfernung, mehr herrſchen als nach ſeinem Tod, doch beobachteten die unzufriedenen Völker gegen den al⸗ ternden Kaiſer, den ſie an dem täglich ſich ſteigernden Druck unſchuldig wußten, eine gewiſſe kindliche Pietät, die ſie hinderte, zum Aeußerſten zu ſchreiten; erſt nach Ma⸗ thias Tod loderten die Flammen der Empörung hell auf. Alles hatte den Kaiſer verlaſſen, ſogar ſein Leibarzt Mignoni, der aus Verdruß über ſeinen Irrthum gleich nach der Kaiſerin Anna geſtorben war; Khuen hatte zur Haas: Der alte Cardinal. IV. 11 162 rechten Zeit ſeinen Frieden mit Max und Ferdinand ge⸗ macht und erhielt beim Regierungsantritt des Letzteren endlich den Gegenſtand ſeiner unauslöſchlichen Sehnſucht, das goldene Vließ. Dampierre, Montecucoli, Collalto und wie die mit der Politik des Cardinals unzufriedenen Capitaine immer heißen mochten, hatten endlich, was ſie wünſchten, den Krieg, und zwar keinen Türken⸗, ſondern den Bürgerkrieg. Seyfried von Breuner, der nach des Cardinals Ent⸗ führung verbannt worden war, wurde noch während Ma⸗ thias' Lebenszeit zurückgerufen und in ſeine Aemter nnd Würden wieder eingeſetzt. Don Tſchapin, der viele Aehn⸗ lichkeit mit dem unverbrennbaren Spanier unſeres Jahr⸗ hunderts hatte, athmete neu auf, als Kaiſer Mathias todt warz er dachte nicht ganz unrichtig, daß nun die Zeit für die Spitzbuben und Beutelſchneider gekommen ſei; er kaufte ein friſches Pferd, indem er ſein altes an denſelben Pflock anband, wo er das neue zufällig bemerkt hatte, beſ⸗ ſerte eigenhändig den ſchadhaft gewordenen Sombrero aus und machte ſich für eine neue Campagne fertig. Die Räthe und Miniſter des alten Kaiſers hatten nicht erſt den Tod desſelben abgewartet, um in Ferdinand's Dienſte zu treten; ſie dienten ihm ſchon lange, und treuer und beſſer als ihrem alten Herrn. 163 Die unter Khleſl's Verwaltung ſo friedſeligen Herren wandelten ſich über Nacht in eine Schaar Helden um. Die früher am lauteſten für die Erhaltung der Ruhe ge⸗ redet hatten, athmeten plötzlich nichts als Krieg und Blut. Der Fürſt von Eggenberg, Herzog von Kruman, der einzige Diener Ferdinands, den wirkliches Talent auszeichnete, leitete im Schatten der Kutte die Regie⸗ rung und leitete ſie wenigſtens im Sinne des Monar⸗ chen mit eben ſo viel Glück als Geſchicklichkeit. Er muß, will man billig ſein, nach den Umſtänden beurtheilt werden; hätte er freie Hand gehabt, Oeſterreich hätte ſchönere Tage geſehen, als es wirklich ſah. Genöthigt, ſich mit den Jeſuiten in die Herrſchaft zu theilen, blieb ihm nichts übrig als zu retten, was zu retten war, bis er zuletzt, eine gerechte Sühne für feige Nachgiebigkeit gegen die eigne beſſere Ueberzeugung, als ihr Opfer fiel. Wilhelm Lamormain und ſein Confrater Johann Weingaertner hüteten ſich, über den Sieg, welchen ſie durch die Wegführung Khleſl's errungen, zu triumphiren; ſie blieben kalt und ruhig und verriethen ſelbſt bei der Nachricht von dem Ableben des alten Kaiſers ihre wirk⸗ lichen Gefühle nicht. Von dem Augenblick, da Mathias die Augen ſchloß, nahm die öſterreichiſche Jeſuitenherr⸗ ſchaft ihren Anfang und dauerte ungeſtört in abſoluteſter 11* 164 Form durch volle hundert Jahre fort; unter Joſef I. einigermaßen erſchüttert, unter Carl VI. aber neu be⸗ feſtigt, währte ſie bis zur Neige des achtzehnten Jahr⸗ hunderts. Oeſterreich zählt ſie nicht zu den Wohlthaten, welche die Vorſehung Volk und Land im Lauf der Jahr⸗ hunderte geſpendet. Gehen wir von den ernſten Mönchen auf die Non⸗ nen über, da ſehen wir wieder das runde, apfelrothe, ſchmunzelnde Geſicht unſerer alten Freundin, der Aebtiſſin von der Himmelpforte; noch immer will die kleine wür⸗ dige Frau Victoria Haizenbergerin, trotz Kometen, Ent⸗ führung und Todfall nicht magerer werden; ſie hat aller⸗ dings gedroht, auf der Stelle den Geiſt aufzugeben, als ihr die Entführung Khleſl's gemeldet wurde; bei dieſer Drohung hatte es aber ſein Bewenden, ein am Herde kochendes Mus von großer Berühmtheit eerforderte die Fortdauer eines für die Küche ſo werthvollen Lebens; Frau Victoria entſchloß ſich daher mit ſchwerem Herzen, die Laſt des Daſeins noch ferner zu ertragen. Als die Kaiſerin mit Tod abging, da durfte die Aebtiſſin, wie ſie wohl gern gemocht hätte, die Welt nicht verlaſſen, denn nie hatte das Kloſter ihrer nöthiger, als in dem Augenblick, da die hohe Schutzfrau der Himmelpforte ihre Schutzempfohlenen verließ.„Was würde aus meinen armen Schäflein werden,“ rief die würdige Dame mit⸗ 165 leidsvoll aus,„wenn es Gott gefallen ſollte, mich in dieſem kritiſchen Zeitpunkt abzurufen?“ Die ehrliche Oberin erhielt ſich alſo für das Kloſter und verdoppelte zu dieſem Zweck ihre tägliche Ration jenes bewußten Cypros, den die freundlichen Venetianer einſt verehrt hatten. Als endlich der Kaiſer ſeiner Gemahlin in den Tod folgte, weinte Frau Haizenbergerin aufrichtige Thrä⸗ nen und behauptete des folgenden Tages, nachdem ſie während der Nacht ihr erſchüttertes Herz durch einige Schlucke aus der verborgenen Venetianer Flaſche geſtärkt und ein paar Tropfen auf dem blüthenweißen Kopf⸗ kiſſen verſchüttet, Blut geſchwitzt zu haben. Vergebens machte ſie Perpetua auf die ſeltſame Bläſſe der Blut⸗ tropfen aufmerkſam; die Aebtiſſin wurde bei dieſer Be⸗ merkung vor Angſt blutroth und ſandte um den Doctor Magnus, der ſie, wenn möglich, von der beginnenden Blutgraſe heilen ſollte. Wie der Leſer erwarten wird, ſtarb Frau Haizen⸗ berger nicht am Blutſchweiß, und wir können, dem Um⸗ fang unſer's Romanes vorgreifend, dem Leſer die Ver⸗ ſicherung ertheilen, daß der Cardinal ſeine alte Bekannte bei ſeiner Rückkehr auf den Biſchofſitz in blühender Ge⸗ ſundheit, nur um ein weniges gealtert und um vieles dicker antraf. Eva⸗Roſine, oder wie ſie mit dem Kloſter⸗ namen hieß, Schweſter Victoria, würde nun und nimmer⸗ 166 mehr Aebtiſſin geworden ſein, wenn nicht eine gewiſſe Mandelſpeiſe geweſen wäre, welche unſerer liebenswür⸗ digen Freundin gefährlicher werden ſollte, als Fieber, Huſten und Blutſchweiß. Die würdige Vorſteherin war gerade in der Auseinanderſetzung eines Vortheils be⸗ griffen, den ſie zur Bereitung des Goldhandlteiges für unſchätzbar hielt, als ihr ein halber Mandelkern in der Luftröhre ſtecken blieb und ihrem nützlichen Leben und Wirken ein faſt plötzliches Ziel ſteckte. Schweſter Victoria, die würdige Nichte des Car⸗ dinals, welche ſchon längſt die Herrſchaft geübt hatte, von welcher der Aebtiſſin nur der Name übrig geblieben war, ergriff nun als Victoria die Zweite das Kloſter⸗ ſcepter. Wahr iſt es, daß die ſchlaffen Zügel der Kloſter⸗ zucht feſter angezogen wurden, daß die Küche an ihrer Bedeutung viel, ſehr viel einbüßte; wahr iſt es ferner, daß die Victualienhändler und Kloſterlieferanten über dem Tod der erſten Victoria troſtlos waren und in ihrer Nachfolgerin keinen Erſatz finden konnten, aber die Non⸗ nen ſelbſt hatten auch unter Victoria der Zweiten keinen Grund zur Klage. Sie war es, welche zum Gedächtniß ihres Onkels des Cardinals jene grüne Kerze und das ewige Licht ſtiftete, das bis zur Auflöſung der Congregation unter 167 Joſef II. unterhalten wurde. Eliſabeth von Khuen er⸗ lebte gleichfalls die Rückkehr ihres verbannten geiſtlichen Freundes und war eine der Erſten, welche den jährlichen Pilgerzug nach Mariazell mitmachte, den Khleſl als fromme Uebung in Wien einführte. —oorOo Von Moriz Horn. * — Wien. Herm. Marggraf. 1864. I. „Er kommt, und zwar mit dem morgenden Tage, der Sohn meines wackern Freundes, des Pfarrers Laroſſe⸗ Flo, dem der Himmel einen engen Wirkungskreis in der Bretagne zugetheilt hat. Wie freue ich mich auf die Zeit unſeres Beiſammenlebens; einſam verſtrich jetzt ein Tag um den andern, nun kommt ein neues Leben in das Haus und im ſegnenden Sonnenglanze einer Jugend, die ihre Laufbahn erſt beginnt, ergeht es mir wie einem alten Baum, der, wenn rings um ihn Alles blüht im befruchtenden Strahle des Frühlings, verſucht, ob es ihm nicht möglich ſein möchte, wenn auch nicht den Blü⸗ thenſchleier umzubinden, doch wenigſtens einen grünen Laubkranz zu tragen. Mein Sohn, ſchreibt mir mein würdiger Univer⸗ ſitätsfreund weiter, iſt ein Maler, und ich kann wohl ſagen, kein gewöhnlicher. Wie Du weißt, zeichnete ich 1* 4 ſelbſt nicht übel, war es doch mein Wunſch, wie Dir ebenfalls bekannt, der hochherrlichen Malerkunſt mein ganzes Daſein widmen zu dürfen, Gott beſchloß es an⸗ ders, er gebrauchte mich nur als Werkzeug, einem an⸗ deren geliebten Weſen, das er mir ſchenkte, die Lauf⸗ bahn nach der Höhe der von mir angebeteten Kunſt zu Lahnen. Ich habe denn meinen Knaben, das einzige theure T Vermächtniß meines dahingegangenen heißgelieb⸗ ten und unerſetzten Weibes, unterrichtet und mit Freuden geſehen, wie ſchnell ſein Talent mein weiteres Lehramt überflüſſig machte. Schon war ich in Sorge, wie und wo ich ihn ſeiner ferneren Ausbildung wegen hingeben ſollte, als der Zufall, der mächtige Beherrſcher der Men⸗ ſchen und ihrer Schickſale, in Geſtalt eines Fremden zu nr trat, dem ich einſt auf einem meiner abendlichen Spaziergängen begegnete. Er bereiſté die Bretagne, um für große Entwürfe Skizzen zu ſammeln, denn er war Maler, obſchon er dieſe Kunſt nur zu ſeinem Ver⸗ gnügen betrieb. Er nannte ſich Henri. Wir wurden ſchnell bekannt, und er blieb ein ganzes Jahr, wohl noch drüber, mein lieber Gaſt in der Pfarrei. Er ſah und prüfte die Zeichnung meines Pierre, er erkannte in deſſen Arbeiten keine Dilettanterie, ſondern Schöpfun⸗ gen eines eigenſten, aus dem innerſten Born heraus⸗ quellenden Künſtlerlebens, er unterrichtete meinen Sohn im Gebrauch der Farben; unter Henri's Leitung hat 5 Jener ein großes Gemälde, eine Gegend aus der Thal⸗ ſchlucht des Scorf, jenes wildromantiſchen Fluſſes mei⸗ nes Vaterlandes, begonnen und ausgeführt. Das Ge⸗ mälde bringt Pierre mit, um es in Paris zu vollen⸗ den und damit ſich einzuführen. Sei ihm ein freund⸗ licher Aufmunterer in ſeinen Studien, und ſeinem Leben, dem die Sirene Paris genug gefährliche Netze zu ſtellen weiß, ein väterlicher Freund. Als ob es dieſer Bitte erſt bedürfte.“ Dieſes Selbſtgeſpräch beim Durchleſen eines Briefes hielt der Notar Lerond in ſeinem Studierzimmer, das fünf Treppen hoch in einem ſehr eleganten Hauſe der Rue**gelegen war.— Wie der Brief des Freundes augezeigt, erſchien am anderen Tage der Sohn des Pfarrers aus der Bre⸗ tagne, Pierre Laroſſe, und mit ſeinen Habſeligkeiten kam auch wohlverwahrt in einer Kiſte das Gemälde an, deſſen das Schreiben an den Notar Erwähnung ge⸗ than hatte.. Pierre erhielt ein nach der Hinterfront des Hauſes gelegenes, zwar ungemein niedliches, aber ungemein freundliches und behagliches Zimmer, deſſen Fenſter das günſtigſte Licht gaben, was nur ein Maler ſich wün⸗ ſchen kann. Der Notar, ein ältlicher, unverheiratheter Mann, hatte ſich durch ausgebreitete Praxis ſo viel erworben, 6 um jetzt von einer Leibrente ſorgenfrei leben zu können. In der Zeit, in welcher er ſein Bureau für die Ge⸗ ſchäfte noch offen hatte, war er in vielen Familien bekannt geworden und auch jetzt noch als Rathgeber und Freund geſucht. Ein ſolcher wurde er ſehr bald auch dem neuen Mitbewohner ſeines Quartiers. Er kannte keine größere Freude, als Pierre beim Malen, — wie er ſich ausdrückte, zu aſſiſtiren. Endlich war das Bild vollendet, und Pierre durfte ſich das Zeugniß geben, es ſei nicht mißlungen, ſein freundlicher Wirth aber, der in früheren Jahren ſeinen Freund, den Pfarrer, mehrmals beſucht hatte und die Gegend kannte, ſtand anfänglich ſprachlos vor dem Gemälde, bis ſein Staunen in die größte Lobeserhebung ſich ergoß. 4 „Nun muß es an's Licht des Tages, vor die Au⸗ gen der Welt, mein liebſter Freund, ich werde Sorge tragen.“— Er hielt Wort. Obſchon von dieſem Kunſthändler abgewieſen, jenem vertröſtet, ſetzte er ſeine Bemühungen, das Bild auf eine Ausſtellung zu bringen, unverdroſſen fort. Endlich gelang es. Nun gehörte es zu ſeinem beſonderen Vergnügen, den Saal zu beſuchen und die Wirkungen des Gemäldes auf das Publicum zu ſtudie⸗ ren. Dieſes beſteht nur in ſeinem kleinſten Theile aus wirklichen Kunſtfreunden. Die Mehrzahl verfolgt andere Zwecke, man giebt ſich dort Rendezvous, wechſelt zärt⸗ 7 liche Briefe, kurz, erbaut ſich an Allem, nur nicht an den Werken der Kunſt. Anfangs betrachtete man das Gemälde Pierre's, wie viele andere, kaum nach und nach traten Einige an daſſelbe, bald ſammelte ſich eine Mehrzahl, zuletzt ein großer Kreis, man lobte, tadelte natürlich nicht minder, doch überwog das Lob den Tadel, das Bild hatte ſeine Feuerprobe glücklich beſtanden. PUnpbekannt lehnte ſein Schöpfer an einer der Ga⸗ lerie⸗Säulen und machte an dem eigenen Werke Stu⸗ dien. Es kümmerte ihn wenig, was ſie ſagten, die Herren mit der Converſationsbildung und dem kleinen Gehirn, dem goldenen Klemmer in den Augen, dem fa⸗ ſhionablen Fracke, er bemerkte das Rauſchen ſchwerat⸗ lasner Damenroben nicht; nicht wie er, der ſchöne, junge Künſtler, Gegenſtand der Aufmerkſamkeit Aller und ganz beſonders einer Dame wurde, welche hinter ihm vorüber⸗ glitt, nachdem ſie ihn lange en face beobachtet hatte; ihr Pfauenfederfächer ſtreifte ſeine Schulter, er fühlte es nicht. Dieſe Dame war die Lady Wolſey. Auch ihre Wiege ſtand in der Bretagne. Sie, die Tochter eines Pächters, verließ mit einer Freundin, beide blühende Mädchen, die Heimath, als dahin Kunde ge⸗ kommen war, Paris ſuche Tänzerinnen für ſein Ballet. Beide wurden an der großen Oper engagirt. Made⸗ 8 laine— früherer Name der Lady— zeichnete ſich ſehr bald durch ihr Talent aus und wußte die Schönheit ihrer Formen vor entzückten Augen unter dem Schleier der Grazien geltend zu machen. Sie wurde die Ge⸗ liebte eines Studenten. Er, ein hochgebildeter Jünger der Kunſt, unterrichtete ſie in den ſchöngeiſtigen Wiſſen⸗ ſchaften und die Tänzerin Madelaine erwarb ſich bald eine nicht gewöhnliche Bildung. Jener verließ die Stadt mit dem von ihr gegebenen Verſprechen, treu an ihm zu halten, bis er ſie als ſein Weib in die Provinz nach⸗ holen würde. Unterdeſſen lernte ſie ein Lorb kennen, ſie ward Lady. Es war eine Weltheirath, eine Ehe nach der Mode. Der Gemahl, nur von den Reizen des ſchönen Weibes angezogen, geblendet, vernachläſſigte ſeine Frau, als Gewohnheit an die Stelle der Lüſtern⸗ heit getreten war. Anfangs ſchmerzte ſie dieſe Vernachläſſigung; ſie ſuchte in der Bibliothek, welche der Lord ebenfalls eine theure Modeſache zu nennen pflegte und als ſolche be⸗ trachtete, Erholung und Troſt in ihrer Einſamkeit; bald aber ertrug ſie, die gewohnt war, zu herrſchen, Schaaren von Anbetern um ſich zu ſehen, dieſen Zuſtand nicht mehr. Sie verſammelte einen Salon um ſich. Je nach Laune, Zufall oder den Perſönlichkeiten begünſtigte ſie Dieſen, bevorzugte Jenen. Sie lernte die Flatterhaftigkeit der Männer ver⸗ 9 achten, während das glühende, üppige Weib ihre Um⸗ armungen ſuchte; ſie, die den Verluſt ihres Adels, ihre Tugend zu beklagen hatte, begann die Tugend der Frauen zu haſſen, zu verſpotten, ihren Fall herbeizu⸗ führen und darüber zu triumphiren. Der Lord ſtarb kinderlos. Auch der Umſtand, daß ſie keine Leibeserben erhielt, verbitterte ihre Seele. Nach dem Ableben ihres Gemahls im Beſitz eines unermeßlichen Vermögens, machte ſie ein glänzendes Haus; die Nachrede der Welt bekümmerte ſie nicht, in rauſchenden Feſten, gewagten Abenteuern war jede beſſere Regung des Lebens untergegangen, Da zeigte ihr der Zufall auf der Galerie das Gemälde, ſein Eindruck er⸗ ſchütterte die blaſirte Weltdame, die Erinnerung an die Kindheit erſtürmte mächtig ihr Herz, ſie fühlte zum er⸗ ſten Mal nach langer Zeit wieder das beſeligende Ge⸗ fühl der Rührung, ſie ſah den jungen, ſchönen Mann, auf deſſen Stirn die Kunſt den Stempel ihrer Weihe gedrückt hatte— ſie fühlte zum erſten Male erſt die Liebe; ſie wußte ſeinen Namen zu erfahren, und daß er ein Künſtler, der Schöpfer jenes Bildes ſei; ihr Ent⸗ ſchluß ſtand feſt. Am vierzehnten nach dem Ausſtellungstage des Gemäldes ließ ein Kunſthändler nach dem Preiſe fra⸗ gen und des Nachmittags ſtand Pierke daheim vor der erſten goldenen Ernte ſeines Talentes. Kaum konnte 10 er eine größere Freude haben, als ſein Wirth der Notar. „Wird ſchon noch beſſer kommen,“ rief er,„mein junger Freund. Du mußt ſofort Dich an ein zweites Werk machen. Male ein Portrait und zwar das einer be⸗ kannten Perſönlichkeit, berühmt oder ſelbſt zweifelhaften Werthes, gleichviel, nur Eclat, das will die Welt. Glaube mir, die Kunſt, die in dem beſcheidenen Gewande phi⸗ loſophiſcher Zurückgezogenheit einherwandelt, im eige⸗ nen Werthbewußtſein glücklich, ſucht Niemand in der verſteckten Wohnung auf; fährt ſie aber einher im Pa⸗ radewagen, von Heiducken und Läufern begleitet, zieht Alles vor ihr den Hut; ſo nur ſammelt man Reichthü⸗ mer, ein Beſitz, an den man ſich nicht gewöhnt, der immer den Reiz der Neuheit hat, während leider in anderen Hinſichten nur die Idee nach dem Beſitz auf⸗ regt und anſpannt, der Beſitz ſelbſt aber das Erlangte abnützt, aufhebt. Indeſſen, liebſter Freund, iſt das nur meine Philoſophie, die mir das Leben in ſeinen Fieber⸗ paroxysmen ausgeplaudert hat. Möchteſt Du, ein Maler, deſſen Beruf es iſt, die wahre Vollendung der Kunſt durch die höchſten Mittel: Farbe und Form zu errei⸗ chen, meine Erfahrungen nicht machen.“ Das Thema wurde noch beſprochen, als die Tochter des Portier ein Billet an den jungen Künſtler über⸗ 11 brachte, das vor wenigen Minuten in der Loge ihres Vaters abgegeben worden ſei. — Ein duftiges Roſacouvert,eine zierliche Handſchrift, ein feiner Goldlack mit dem Abdruck eines kunſtreich geſchnittenen Wappens.. Pierre öffnete und las. 3 Der Brief enthielt die Einladung, ſobald Zeit und Wille es geſtatten würden, zur Lady Wolſey ſich zu bemühen. „Wer iſt die Dame?“ fragte Pierre, das Billet wieder in die feingebrochenen Falten legend. Der Notar ſchien die Frage ſeines Protégé über⸗ hört zu haben oder nicht hören zu wollen, der Name in dem alten Herrn keine freundlichen Erinnerungen wach zu rufen; er ſchwankte, ob er dem jungen Künſt⸗ ler Mittheilungen machen, Winke geben, oder ihn ſelbſt Erfahrungen ſammeln laſſen ſollte über Punkte, die aus der gewöhnlichen Perſpective des Lebens ge⸗ rückt zu liegen pflegen.. Pierre ſah ſich genöthigt, durch die Wiederholung ſeiner Frage, die Pauſe zu unterbrechen.. „Man könnte Dich ein Kind des Glückes nennen,“ erwiederte jetzt der Notar,„wenn man von der Schwelle des Hauſes aus das Ende des Weges ſehen könnte, den man einſchlagen will. Die Lady iſt eine junge ſchöne Dame, Wittwe, Beſitzerin eines immenſen Reich⸗ 12 thums und eine Beſchützerin der Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften. In ihrem Salon ſammelt ſich eine Schaar Schöngeiſter und Kunſtjünger. Wahrſcheinlich erhältſt Du, mein junger Freund, Aufträge, wirſt bekannt und Dein Glück iſt ſchneller gemacht, als dies dem gewöhn⸗ lichen Laufe der Dinge und Verhältniſſe nach zu geſche⸗ hen pflegt. Verfiele die Dame auf den Gedanken ſich malen zu laſſen, ſo hätten wir ſogleich das, was wir, wollte ſagen, was Du gebrauchſt.“ Pierre's Garderobe wurde einer ſorgfältigen Mu⸗ ſterung unterworfen, das Fehlende mit den erhaltenen Goldſtücken ſchnell herbeigeſchafft, und am anderen Mor⸗ gen nach Empfang der Einladung um die Viſitenſtunde ſtieg Pierre Laroſſe, der der Welt und des Salons un⸗ kundige Sohn der Bretagne beklommenen Herzens die breiten Marmorſtufen des Hotels der Lady auf der Ruer⸗ in der Vorſtadt Honoré hinauf. Ein reich gallonirter Diener führte ihn in das Empfangszimmer. Was nur der Luxus erdenken, der Reichthum er⸗ ſchaffen kann, das enthielt dieſes eher einem kleinen Saal, als einem Zimmer ähnliche Gemach. Pierre wagte kaum den Fuß auf dieſe pracht⸗ vollen Teppiche zu ſetzen, mit denen der Moſaik⸗Fußboden vor dem ſchwellenden Divan bekleidet war, wagte kaum den Blick auf den brillanten Tapeten der Wände ruhen zu laſſen. Als er doch nach und nach daran gewöhnt 13 das Auge freier umherſchweifen ließ, erblickte er über einem der reichen Ruheſeſſel aus weißem Sammet ſein Gemälde. Der urſprüngliche Rahmen, ſchlicht und ein⸗ fach, hatte einer mit geſchmackvoller Arbeit reich verzierter Umfaſſung weichen müſſen. Pierre konnte ſich nicht ver⸗ fehlen, daß das Gemälde, ſo umrahmt, einen noch mäch⸗ tigeren Einfluß ausübe. Es begrüßte ihn wie einen Be⸗ kannten und ſchien ihm zuzurufen: Fürchte Dich nicht, Du beſcheidener Mann der Bretagne, ich, Dein vollgül⸗ tiges Kunſtwerk, bin hier und rede Zeugniß für Dich. Auf, faſſe Muth! Da öffnete ſich die Nebenthür eines reizenden Da⸗ menboudoirs. „Der Künſtler vor ſeinem Kunſtwerke!“ rief eine wohltönende Frauenſtimme und fügte fragend hinzu: „als Kritiker oder als Bewunderer?“ Pierre's Herz klopfte hörbar; er warf noch einen recht warmen, recht langen Blick auf ſein Bild und das Stückchen Vaterlandserde, das er verherrlicht hatte, als er ſich nach der Fragerin umwendete, und doch be⸗ ſiegte er kaum die Scheu und Schüchternheit, welche ſich ſeiner bemächtigte, als er vor einer Dame ſich verbeugte, welche in ihrer Erſcheinung allerdings keine Nebenbuh⸗ lerin der Schönheit zu fürchten brauchte. „Darf ich bitten, Herr Laroſſe?“ Sie machte eine ſehr graziöſe einladende Handbe⸗ 14 wegung, Pierre folgte in das Boudoir und nahm in einem Ruheſeſſel neben dem ihrigen Platz. „Sie ſind mir die Antwort auf meine Frage noch ſchuldig. Wie haben Sie Ihr eigenes Werk betrachtet, als Kritiker oder als Bewunderer?“ „Lady, ich war weder der Eine noch der Andere; ich habe es mit den Augen nur prüfend übergangen und mich gefreut, daß mir kein Hauptfehler ſtörend entgegengetreten iſt.“ „Ein Meiſterſtück,“ fiel die Lady raſch ein,„ich kenne das Original, denn ich habe den Ort beſucht, deſſen bezauberndes Abbild mit Naturtreue Ihre Kunſt⸗ hand auf die Leinwand geworfen hat.“ „Sie waren in der Bretagne?“ Schon wollte ſie antworten, die Bretagne ſei auch ihr Vaterland, doch ſie ſchwieg. Die Erinnerung an die heimathliche Erde machte Pierre beredt, ließ ihn die Umgebung, in der er ſich befand, vergeſſen und verſetzte ihn in eine Begeiſterung, die dem jungen, an ſich ſchon eindrucksvollen Manne jene Schönheit verlieh, welche der Reflex eines reichen Geiſtes iſt. „Doch wohin reißt mich die Erinnerung an meine Heimath!“ rief er aus;„verzeihen Sie, Madame, meine Erregung, die lange Epiſode über mein ſo charaktervolles Vaterland.“ 1* „Ich habe Ihr Expoſe ſo anziehend gefunden, daß 15 ich den Zweck meiner Bitte, mir Ihre Gegenwart zu ſchenken, beinahe vergeſſen hätte.“ „Befehlen Sie.“ „Ich wünſche mein Portrait von Ihnen gemalt, nicht etwa aus Eitelkeit, nein für meinen Oheim. Wür⸗ den Sie den Auftrag wohl übernehmen? den Preis zu beſtimmen bleibt natürlich Ihnen überlaſſen.“ „Ich will verſuchen, ob es mir gelingt, von dieſem reizenden Originale eine ſchwache Copie zu ſchaffen.“ „Ich aber bitte nicht zu ſchmeicheln, weder in Wor⸗ ten noch in Werken, d. h. im Bilde.“ 3 Pierre wollte ſich beurlauben, die Lady bat noch um einen Augenblick. „Faſt hätte ich vergeſſen, Ihnen, ſo lange Sie mein Portrait malen, ein Zimmer meiner Etage anzubieten. Ich fürchte keine abſchlägliche Antwort; alſo auf Wieder⸗ ſehen, mein künftiger Haus⸗ und Tiſchgenoſſe.“— Pierre war kaum in ſeine Wohnung zurückgekehrt, als der Notar erſchien und nach dem Reſultate des Be⸗ ſuches ſich erkundigte. Beifällig vernahm er von dem erhaltenen Auftrag, kopfſchüttelnd hörte er von der Bitte der Lady. „ Sonderbar,“ ſagte er,„Niemand kann den Weg des Schickſals irre gehen.“ Einen Aufſchluß dieſer dunklen Rede gab er, Pierre's Bitten ungeachtet, nicht. Auf die Bemerkung ſeines zeitheri⸗ 16 gen Miethgenoſſen, daß das Bild der Lady zu malen ja keine Ewigkeit dauern, er alſo bald wieder hieher in die ihm ſo lieben Räume zurückkehren werde und müſſe, antwortete der Notar:„Laß das ſein, es iſt eine Tren⸗ nung, und wie ein zerſchnittenes Band, obſchon auf welche Art nur immer zuſammengefügt, nie 29 Ganzes wird, wie es vorhin geweſen, ſo auch hier.“ Pierre wollte einwenden, daß— „Unterbrich mich nicht,“ bat der alte Herr.„Es iſt auch ganz natürlich, Du fängſt an und ich höre auf, Du mußt nach Dir Denkmale hinterlaſſen, ich nichts als einen Grabhügel, den die Zeit breit tritt. Endlich werden meine Gebeine in eine Ecke des Grabes zuſammengekehrt, an⸗ deren Platz zu machen, die man mit mehr Liebe und heißerem Andenken als mich der Erde heimgiebt, bis man auch ſie vergißt, denn im Vergeſſen iſt der Menſch, na⸗ mentlich das Weib, Meiſter. Doch ſtill, nur keinen faulen Zweig auf den fri⸗ ſchen Baum. Man ſagt, die Erfahrung ſei ein Schatz, ſie iſt ein Nichts, die Jugend bleibt Jugend, das Alter ſitzt mit ſeinen Erfahrungen allein und wird von jener höchſtens verlacht. Genug, der Schmerz, mich von Dir trennen zu müſſen, macht mich bten laß uns in Frieden ſcheiden. Lebe wohl!“—— Eine Woche nach dem erften Beſuche, die er be⸗ nutzte, Alles zum Malen des Portraits Nöthige in den ——— — —— vollkommenſten Stand zu ſetzen, bezog Pierre ein reiches Zimmer im Hotel der Lady. Er eilte ihr aufzuwarten. Ein leichtes Unwohlſein, ließ ſie ihm melden, hindere ſie an Ausübung der angenehmen Pflicht, den lang erwarteten Hausgenoſſen zu empfangen. Es vergingen einige Tage, welche Pierre dazu an⸗ wendete, das Geſicht der Lady, das er noch friſch in der Erinnerung hatte, im Geiſte durchzugehen, ſo zu ſagen zu ſpecialiſiren, zu ſtudiren, in daſſelbe ſich hin⸗ einzuleben und auf dieſe Weiſe zu dem Werke künſtle⸗ riſch vorzubereiten, das für ihn ein erſtes ſein, aber kein bloßer Verſuch bleiben ſollte. Nach Ablauf der halben Woche bat die Lady um die Ehre ſeines Beſuches. Sie empfing den Maler in demſelben Boudoir, wie bei dem erſten Beſuch, ſie ſelbſt aber, an jenem Tage en grande parure, trug diesmal eine, wenn ſchon elegante und reiche, doch einfache Hausrobe. „Seien Sie mir doppelt willkommen als Künſtler und als Mitbewohner des Hauſes.“ Sie reichte ihm die Hand, die er an die Lippen drückte. 2 Pierre, jetzt weniger befangen, als bei dem erſten Beſuch, mußte ſich ſagen, eine ſeltene Schönheit ziere dieſes Weib, Ebenmaß in allen Formen, einnehmende Züge, geiſtreiche Linien. Etwas nur, meinte Pierre, ſchwebe wie ein ſtörendes Streiflicht über das Oval 2 Moriz Horn: Lady u. Baronin, 18 dieſes reizenden Geſichtes, was aber dieſes Etwas ſei, konnte er nicht ergründen. „Wann wollen wir beginnen?“ fragte ſie. „Sogleich.“ „Und wo?“ „Iſt es Ihnen genehm, ſo würde ich ein anderes Zimmer dieſem Boudoir vorziehen, das Licht iſt hier dem Maler nicht günſtig.“ „Doch will ich hoffen, nur das Licht,“ ſagte ſie mit einem ungemein ſchelmiſchen Lächeln,„indeſſen Sie haben zu beſtimmen.“ „So wähle ich mein Zimmer,“ erwiederte Pierre und bot ihr ſeinen Arm. „Ich nehme ihn dankbar an, werde mir aber erlauben Sie bis in Ihr Atelier zu führen, um Ihnen mein kleines Beſitzthum bei dieſer Gelegenheit zu zeigen und jedem Scrupel, falls Sie ihn doch etwa haben ſollten, Ihre Anweſenheit könnte mich einſchränken, zu benehmen.“ Eine Reihe von Pidcen erſchloß ſich, überall die⸗ ſelbe Eleganz, derfelbe Luxus, obſchon in anderen Ge⸗ ſtalten, anderen Verbindungen, aber höchſt geſchmackvoll auftretend. Sie kamen in ein kleineres Zimmer. Ein ſchwerer ſeidener Vorhang ſchied es in der Mitte. Die Lady drückte an einer Feder in der Wand und eine Tapeten⸗ thür führte in das Zimmer Pierre's. Als ſie die Thür 19 in die Feder eindrückte, bemerkte Pierre einen kleinen Knopf in der Wand ſchimmern, den er bis heute noch nicht bemerkt hatte.„Wir ſind nun am Ziele,“ ſagte ſie lächelnd und ließ ſich in die ſchwellende Ottomane nieder. „Wenn die Kunſt meinem Lieblinswunſche ſich nicht widerſetzt, möchte ich in dieſer Stellung gemalt ſein.“ „Die Kunſt ſteht im Dienſte der Schönheit,“ er⸗ wiederte Pierre,„ich werde Sie ſo malen.“ Raſch ſtellte er ſich an die Staffelei, das ſchöne, im Jugendreiz dahingegoſſene Weib mit den Augen über⸗ gehend. Obſchon er noch nie ein Portrait gemalt hatte, das ſeines Vaters und der treuen Haushälterin in der Pfarrei daheim ausgenommen, gelang es ihm doch wunderbar glücklich, ſchon die erſten Conturen mit ſiche⸗ rer Hand anzulegen. Er malte mit Eifer und Leidenſchaft, nichts un⸗ terbrach die Stille des Zimmers, man meinte den Athemzug zu hören, der den ſchönen Buſen der Lady hob. Endlich rief Pierre aus:„Ich möchte um eine Pauſe bitten.“ „Ich habe zwar nur leidend mich verhalten, al⸗ lein auch ich fühle das Bedürfniß nach Erholung, nach Zerſtreuung,“ ſagte ſie, ſich erhebend. 2* 20 „Die Gleichheit unſerer Wünſch „iſt mir ein willkommener Bürg trägliche Hausgenoſſen ſein w ich mir Sie zu bitten, mich au hl den Rückweg durch vorkam, klar wurde, eheimnißvolle Tapetenthür verſ de fuhren ſie nach den elyſ eei hatte die letzten Worte mi prochen. Ehe ſich Pierre, war die ſchöne Erſ e,“ fuhr ſie fort, daß wir recht ver⸗ den. Darauf hin erlaube f einer Spazierfahrt zu be⸗ Sie bald rufen laſſen. Sie geſtatten das Nebenzimmer, mein er t einer eigenen Beto⸗ der ſich wie bezaubert cheinung durch die ſchen Feldern. II. Das Oelgemälde der Lady war vollendet und verkündete den Künſtlerlauf Pierre's. „Wie lohnen!“ rief die Lady aus, welche hinter dem Stuhle ſtand, auf welchem der Künſtler, der eben den letzten Pinſelſtrich an dem Gemälde gethan hatte, erſchöpft ſaß, und mit der feinen Hand über ſeine Stirn ſtrich, wobei ihre, der Feſſel ſpottende Bruſt ſeine Lippe faſt berührte.„Wie lohnen!“ wiederholte ſie.„Ich werde darüber mit mir zu Rathe gehen. Wir ſehen uns beim Diner wieder.“ Dieſes war heute in dem Zimmer ſervirt, in wel⸗ chem das Landſchaftsgemälde Pierre's hing. „Dieſe kleine Aufmerkſamkeit bin ich meinem Gaſte und Künſtler ſchuldig, daß er ſich in der Nähe ſeiner Schätze befinde.“ „Dann, Madame, hätte ich auf meinem Zimmer bleiben müſſen.“ 22 „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Haben Sie mir nicht vorhin Schätze ſenden laſſen, dieſen Brillant ungerechnet, den ich am Finger trage? In der That, ich fühle mich beſchämt.“ „Iſt Ihnen daran gelegen, mich nicht zu betrüben, ſo brechen wir davon ab, habe ich doch eine Bitte noch, die ich nur ſchüchtern wage.“ „Sprechen Sie, ich bitte...“ „Bleiben Sie bei mir wohnen.“ „Madame, wie könnte ich. „Hören Sie weiter. Die Bitte iſt aus dem Bo⸗ den des Eigennutzes entſprungen. Ich wünſche, daß man in Paris ſich erzähle, der Maler Laroſſe erzeigt der Lady Wolſey die Ehre in ihrem Hauſe zu wohnen. Ich bitte, gönnen Sie mir dieſe Auszeichnung.“ Sie reichte ihm die feine, weiße Hand über dem Tiſch und Pierre— erfüllte ihre Bitte.. „Nun werde ich mir einen Feſttag bereiten. Ich ſehe von Zeit zu Zeit eine Geſellſchaft junger Damen und Herren bei mir. So lange Sie mit Ihrem Kunſt⸗ werke, meinem Portrait beſchäftigt waren, habe ich Sie 7 nicht ſtören, nicht zerſtrenen wollen. Morgen beabſich⸗ tige ich den gewohnten Kreis wieder zu verſammeln und ihm mich durch Ihre Kunſt verklärt zu zeigen, es ſind einige Schmeichler unter meinen Salongäſten, die zwiſchen mir und dem Portrait in einigen Conflict kom⸗ 23 men dürften, eine Scene, auf die ich mich unendlich freue.“ Nach aufgehobener Tafel beſuchte Pierre den alten Notar wieder und verſetzte den guten Mann in eine eigene Stimmung mit der Nachricht, daß er im Hauſe der Lady wohnen bleibe.— „Sie iſt eine Weltdame, die——* „Haſt Du ſelbſt mich nicht an die Welt empfoh⸗ len?“ ſagte raſch Pierre. „Freilich, indeſſen brechen wir davon ab. Ich auch habe Dir eine Mittheilung zu machen. Seit etwa vierzehn Tagen, ſo lange haſt Du mich nicht beſucht, wohnt hier in dem Hauſe eine Dame, deren Schön⸗ heit mich alten Mann völlig bezaubert hat, die Baro⸗ nin von Wallberg.“ Die Nachricht ließ Pierre ziemlich kalt, er brachte das Geſpräch auf andere Dinge, verſprach die unterlaſ⸗ ſenen Beſuche im Laufe der nächſten Zeit wieder einzu⸗ bringen und kehrte ziemlich ſpät in ſeine Wohnung zurück. Auf ſeinem Schreibtiſch ſtand er ein herzliches Schreiben aus der Pfarrei, ſeiner Heimath, er beſchloß ſofort zu antworten und blieb lange wach. Ein Kniſtern in dem Nebenzimmer, der Tritt eines unbekleideten Fußes ließ ſich hören, die Lady begab ſich zur Ruh; Pierre, ungemein aufgeregt, fand ſie erſt am Morgen.—— 24 Der von der Lady beſtimmte Geſellſchaftstag war erſchienen. Das Portrait der Herrin und Königin des Hauſes, ſtand vortheilhaft ſituirt in dem uns bereits bekannten Salon mit einem Tuche verhangen. Der Kreis der Geladenen war in den übrigen Zimmern vollſtändig verſammelt und folgte der Lady in den Saal hinüber. Die Hülle fiel und das Gemälde er⸗ regte einen allgemeinen Ausruf ſtaunender Bewunde⸗ rung. Man ermüdete ſich im Lobe, Aufträge über Auf⸗ träge erfolgten. „Nur Maß gehalten, werthe Gäſte!“ rief die Lady. Herr Laroſſe hat mir die Ehre erzeigt, in mei⸗ nem Hauſe zu wohnen; kann ich auch nicht über ſeine Zeit und über ſeinen Willen gebieten, ſo ſchmeichele ich mich doch mit der Hoffnüͤng, daß er für die Bitte ſei⸗ ner Wirthin, ihr einige Stunden ſeiner geiſtreichen Un⸗ terhaltung zu ſchenken, ſein Ohr nicht hartherzig ver⸗ ſchließen wird. Oder hätte meine Hoffnung mich ge⸗ täuſcht? Wie?“ Sie reichte, zu ihm ſich wendend, ihm die Hand, die er und zwar feuriger als damals küßte, war er doch kein Neuling mehr in der Welt. Ein heiteres Mahl vereinigte Alle, auch das Ge⸗ ſpräch war ein eben ſo angeregtes, als anregendes. Man ſpielte Piano, trug die neueſten Lieder der belieb⸗ teſten Componiſten des Tages vor, und die Alle bezau⸗ 2⁵ bernde Wirthin ſorgte, daß ein feuriger Wein aus den Gläſern ſprühte und glühte. Spät trennte man ſich. Die Lady wünſchte Pierre, der ſich zuletzt verabſchiedete, die Ruhe der Nacht auf den Lorbeeren des Ruhmes. Sie erſchieu ihm heute ſchöner als je, der Kuß, den er in ihren vollen Arm drückte, ließ eine rothe flammende Spur zurück. Vielfache Ideen, Pläne, Wünſche, durchkreuzten die Seele Pierre's, als er auf ſeinem Zimmer weilend, die Ereigniſſe des Tages an ſeinem Geiſte vorüberzie⸗ hen ließ; Sehnſucht nach dem Portrait der Lady über⸗ kam ihn, oder war es die Sehnſucht nach dem Origi⸗ nal? Schon wollte er nach dem im Salon aufgeſtellten Bilde zurückkehren und ungeſtört vor dem Gemälde nie⸗ derſitzen— da ließ ſich das kniſternde Geräuſch von geſtern auch heute in dem Nebenzimmer und zwar ver⸗ nehmlicher hören. Daß er dieſes durch einen Druck der Feder an der geheimen Tapetenthür geöffnet hatte, war ihm früh wie ein beängſtigender Traum. Der verſammelte Kreis der ſogenannten Kunſtjün⸗ ger hatte allerdings den Ruhm Pierre's, doch auch als Verhältniß zur Lady, welches bis auf dieſen Morgen ein untadeliges geweſen war, dem neugierigen Paris erzählt, ja ſehr bald ſprach man von einer nahen Verbindung Beider. Die Lady ſchien dieſe Möglichkeit ſelbſt ſchon und zwar nicht ungern erwogen zu haben, Pierre fühlte ſich im Beſitz des ſchönen Weibes nicht unglücklich, doch inner⸗ lich nicht ſo befriedigt, ſo harmoniſch abgeſchloſſen, um an neue Schöpfungen zu gehen, oder angefangene zu voll⸗ enden. In dieſer Indispoſition konnte er nicht zur Ab⸗ klärung ſeines innerſten Weſens kommen; tauſendmal nahm er ſich vor zu ſeinem ehemaligen Wirthe zurück⸗ zukehren, aber die Gedanken ergriffen die Flucht vor der Macht der reizenden Sirene. Ein Ereigniß ſollte einen bedeutſamen Wendepunkt in ſeinem Leben herbei⸗ führen. Der Notar ſchrieb an Pierre in wenigen preſ⸗ ſanten Zeilen: „Ich habe Dir etwas mitzutheilen, komme, ich warte Dich beſtimmt.“ Pierre hatte eben, als er das Billet empfing, recht lebhaft an die glücklichen, vorwurfsfreien Tage in dem Zimmer der fünften Etage gedacht, begrüßte daher die erhaltene Einladung als die Erfüllung des ſtillen Wun⸗ ſches, daß doch dieſe Zeiten wiederkehren möchten, und eilte zum Notar.— Die Mittheilung desſelben, daß die Baronin Ma⸗ rie von Wallberg in der erſten Etage des Hauſes wohne hatte Pierre längſt wieder vergeſſen, ſein ehemaliger 27 Wirth mußte den Namen mehrmals wiederholen, ehe jener deſſen ſich zu entſinnen vermochte.— „Ich ſtelle Dich vor,“ fuhr der Notar fort,„denn zu meiner großen Freude habe ich mit der gebildeten feinen, lebensfriſchen jungen Dame ein, ich will das Wort brauchen, denn ich wüßte kein bezeichnenderes, recht trautliebes Verhältniß geſchloſſen. Ehe wir ihr aufwarten, laſſe mich ein kleines Gemälde von ihr ent⸗ werfen: Sie iſt in einem Penſionate, man könnte es eine Art Kloſter nennen, erzogen worden. Die Lecture von Romanen, allerdings der beſſeren Art, hat ihrem Charakter, wie ſoll ich ſagen, eine romantiſche Richtung gegeben; ihr klarer Verſtand aber und ihr fröhlicher Sinn vor Gefahren ſie bewahrt— dieſen halte ich am wirkſam⸗ ſten, denn er läßt das junge Gemüth nicht lange bei dem verweilen, was es ſonſt gefangen halten könnte. Im Uebrigen ſind die von den Müttern eben ſo ſehr gefürchteten, wie von den Töchtern geliebten Romane weniger gefährlich, als die Erſteren glauben; der In⸗ halt derartiger Bücher entfernt ſich gemeiniglich, und das iſt ihr Hauptfehler, faſt eben ſo weit von den Sitten der Welt, als das Feen⸗ und Elfenreich von den Ge⸗ ſetzen der Natur, ſie ſind alſo dem geſunden Sinn ge⸗ fährlicher als den guten Sitten. So iſt denn meine Baronin ein unverdorbenes Natur⸗ 28 kind, geiſtreich, anmuthig, wohlwollend. Unerfahren frei⸗ lich betrachtet ſie die Welt anders als ſie iſt; Allem legt ſie ihren Geiſt, ihr Herz unter, ſie hat keine Ahnung, daß ſie beſſer und liebenswürdiger iſt, als die gewöhn⸗ lichen Frauen ſind. Wohlwollen hält ſie für Pflicht, Freundſchaft für Herzensbedürfniß. Mich liebt ſie, wie eine Tochter den Vater; ich hüte die in der Welt al⸗ lein ſtehende— ihr einziger Bruder befindet ſich gegen⸗ wärtig auf einer großen Bildungsreiſe— wie mein Auge ſtolz auf ihr Vertrauen, das mich zum Verwalter ihres bedeutenden Vermögens gemacht hat. Nun zu ihrer äußeren Erſcheinung. Du wirſt mich für parteiiſch eingenommen für meinen Schützling halten, immerhin, weiß ich doch, daß ſie ſehen und mir glauben Eins ſein wird. Marie iſt das ſchönſte Weib, das ich in Paris geſehen habe, weil die Schönheit der Güte ihrer Seele den Spiegel vorhält, und durch dieſe verklärt in ihm ſich wiedererblickt. Oeffnet ſie den Mund, ſo bleibt es unentſchieden, wie viel ihr Geiſt dem Geſicht, wie viel dies dem Geiſt verdankt, der aus dieſen tiefblauen himmelfarbenen Augen quillt. Wenn ich hineinſehe, geht es mir ſo, als wenn ich im Frühjahr im duftigen, mit Blumen wundervoll bunt gemiſchten Graſe liege und hinaufblicke in die Bläue des Firmamentes, je mehr ich luſtberauſcht ſchaue, deſto tiefer gehen meine Blicke 29 und endlich meine ich die Engel des Himmels mit den goldenen Flügeln zu ſehen.“ 1 Pierre lächelte, er dachte an die dunkelbraunen feuerſprühenden Augen der Lady, an die hinreißenden Blicke unter den ſchwarzen Wimperbogen, wenn ihr Mund küſſend auf ſeinen Lippen ruhte. Der Notar ſchien von dieſem Lächeln keine Notiz zu nehmen, ſondern fuhr, ohne ſich in ſeiner Begeiſte⸗ rung beirren zu laſſen, fort: „Jedes Wort, auch das unbedeutendſte, verſchönt der Wohllaut ihrer Stimme, die gewöhnlichſten Dinge erhalten in ihrem Munde einen ungeahnten Zauber. Wiederholt ſie die Worte Anderer, ſo kennt man dieſe nicht wieder, ſie ſelbſt kann ſich wiederholen, ſie eben iſt ſtets neu. Eine Blume, welche zwanglos und natürlich ihr volles, braunes Haar ſchmückt, könnte dem geſchickte⸗ ſten Coiffeur zum Modell dienen; was ſie berührt, erhält Grazie, wäre es noch ſo gewöhnlich. 3 Pierre lächelte abermals, es war ein Lächeln der Modewelt. Der Notar ſchien auch dieſes nicht zu bemerken oder bemerken zu wollen. „Komm und ſieh ſelbſt mein Idol!“ Dabei ergriff er die Hand Pierre's und ſtieg die Treppe hinab. „Wir ſollten eigentlich hinaufſteigen, zum Himmel geht es nach oben, ſagte er. Dies Mal lächelte der Notar und Pierre fühlte darin einen kleinen Spott. Das Glöckchen der Vorſaalthüre läutete ſilberrein, eine niedliche Kammerzofe empfing die Beiden und bat einzutreten, ſie werde der gnädigen Baronin ſofort Meldung machen. Wie verſchieden war dieſes Gemach, in das ſie einge⸗ laſſen wurden, von dem der Lady, nicht daß ihm etwas gefehlt hätte, aber hier bemerkte man das engliſche Comfort, dort den franzöſiſchen Luxus, hier eine gewiſſe Ruheſtimmung, dort die nie raſtende, ſich ewig um die eigene Arxe wälzende Beweglichkeit, die Engländerin Wolſey war Franzöſin, die Baroneſſe Engländerin geworden. An der Wand bemerkte Pierre ebenfalls ein werth⸗ volles Gemälde; er prüfte es noch, als die Baronin in's Zimmer eilte und den alten Notar auf das Herzlichſte bewillkommnete. Sie hatte Pierre gar nicht geſehen, erſt der Notar machte ſie aufmerkſam, indem er den Maler Pierre Laroſſe als ſeinen Freund vorſtellte. Die Wan⸗ gen der Baronin überzog eine Röthe, welche der blen⸗ dendſten Schönheit jenen wunderbaren Reiz ſchüchterner Weiblichkeit verleiht. Beide begrüßten ſich mit einer ſtummen Verbeu⸗ gung, Beide waren überraſcht von dem gegenſeitigen Ein⸗ druck des Augenblickes, in dem Pierre klar empfand, daß der Hymnus ſeines Freundes weit hinter der Wirklich⸗ 31 keit geblieben ſei, die Baroneſſe aber zum erſten Male im Leben einem Mann gegenüberſtand, welchem die Kunſt als unbeſiegliche Empfehlung vorausging. Der Notar rieb eben ſo verſtohlen als vergnügt ſich die Hände, als er Pierre ſtumm und erſtaunt vor ſeiner geliebten Tochter, wie er die Baronin oft nannte, gefeſſelten Fußes gebannt ſah. Die Pauſe zu unterbrechen nahm er das Wort. „Man wird doch ſogleich inne, daß wir einen Ma⸗ ler im Zimmer haben, er hatte Sie, meine Verehrte, über dem Bilde dort beinahe vergeſſen.“ „Es ſtellt den Land⸗ und Stammſitz meiner Fa⸗ milie in Süddeutſchland vor, ein kleines Paradies, dort⸗ hin werde ich mich begeben, wenn es mir in Paris, obſchon ich hier geboren bin, und ſeinem Weltgewühl nicht mehr gefällt.“ „Ich will nicht fürchten, daß bereits Symptome dieſes Nichtgefallens ſich eingeſtellt haben; nicht fürch⸗ ten,“ erwiederte Pierre,„daß Paris um den Verluſt der edelſten, reinſten Perle aus ſeiner Frauenkrone trauern ſoll.“ Das liebreizende Geſicht der Baronin wurde ern⸗ ſter; ſie ſchien über die Galanterie betroffen, wenn nicht verletzt. 4 „Haben Sie,“ fragte ſie den Notar,„Herrn Laroſſe von meinem Vorhaben bereits unterrichtet?“ „So weit mein Auftrag ging, ja.“ „Ich muß,“ fuhr ſie fort, nachdem ihrer Einla⸗ dung Folge leiſtend, Pierre und der Notar Platz ge⸗ nommen hatten,„noch einmal auf unſern Landſitz zu⸗ rückkommen. Vor einigen Tagen habe ich von meinem Bruder einen Brief erhalten. Er iſt von ſeiner Reiſe zurückgekehrt, hat aber, wie er ſich ausdrückt, zu viel fixe Weltluft und Luſt eingeſogen und will in der Ruhe der Natur geſunden. Meine Abweſenheit auf unſerem Landſitz beklagt er und hat mich als Erſatz um mein Portrait gebeten. Nun könnte ich ihm zwar als Daguerreo⸗ typ, Photographie u. dgl. m. erſcheinen, allein die erſte Bilderart hat mir zu viel verwandtſchaftliche Glätte mit dem Spiegel, die andere zu piel, wie ſoll ich mich ausdrücken, Todtes, Schattenhaftes, es fehlt das eigent⸗ liche Leben, das giebt nur die lebendige Poeſie der Far⸗ ben; ein wohlgelungenes Oelgemälde iſt eine neue Schö⸗ pfung unſerer ſelbſt. Aus Ihrer Meiſterhand, Herr Laroſſe, möchte ich, ſo zu ſagen, durch die Kunſt neu geboren hervorgehen. Darf ich die Erfüllung meiner Bitte hoffen?“— „Zu jeder Minute, gnädigſte Baroneſſe, haben Sie über meine ſchwachen Kräfte zu gebieten.“ „So bitte ich morgen zu beginnen. Richten Sie ſich ein Zimmer in meinem Hauſe ein, welches Sie für Ihre Zwecke geeignet hatten. Möchten Sie eins finden, denn ich muß geſtehen, obſchon deutſcher Abkunft in 33 Frankreich geboren, liebe ich doch das zerfahrene Pariſer Leben nicht, neige mich vielmehr zu den geſunden Lebens⸗ anſichten Alt⸗Englands hin. Mein Haus iſt meine Welt, ich würde alſo, wenn auch nicht ungern, doch auch nicht unbefangen anderswo Ihnen ſagen; wie leicht könnte die Perle in der Frauenkrone der Seineſtadt einen trüben Hauch erhalten und das, Herr Laroſſe, wäre Ihnen vielleicht ſchmerzlicher als mir,“ ſchloß ſie lächelnd ihre Rede, reichte dem Notar die Hand und eilte nach anmuthi⸗ ger Verbeugung gegen Laroſſe in das Nebengemach. Pierre nahm ſich kaum Zeit zum Abſchied vom Notar. Dieſer aber ſagte, als er nach ſeiner Stube hin⸗ aufſtieg: Hat das holde Weſen mein Auge ſo be⸗ zaubert, wie vielmehr das eines Malers. Siehſt Du, mein lieber Pierre, Dein alter Freund hatte doch Recht.“ Moriz. Horn: Lady u. Baronin. III. Die Lady war ausgefahren, als Pierre nach ſei⸗ ner Wohnung in ihrem Hotel heimkam. Sie kehrte ſpät zurück, jener eilte ſie zu begeüßen. Auf ihrer ſonſt freien flatterhaften Stirne zeigten ſich Wolken des Un⸗ muthes. Das angeknüpfte Geſpräch begann fort und fort zu ſtocken; Pierre war zu ſehr mit der Erſcheinung der Baronin beſchäftigt und hörte kaum, welche Novitäten die Lady mitzutheilen bemüht war; er bemerkte auch den lauernden Blick nicht, welche der nächſten Frage vorausging. „Wie hat Ihnen,“ rief ſie, ſehr ſchnell ein begon⸗ nenes Geſpräch plötzlich abbrechend, die Baronin von Wallberg gefallen?“ „Sie wiſſen?“— fuhr Pierre auf, jedoch ſogleich ſich mäßigend. Ein Zufall führte meinen Jockey mit einem Auf⸗ 3⁵ trage in die zweite Etage, als Sie in Begleitung des alten würdigen Notars in die erſte eintraten.“ Ich will nicht fürchten, daß Sie meine Schritte au⸗ ßerhalb des Hauſes bewachen laſſen.“ „Wie kommen Sie auf dieſe Idee?“ fragte et⸗ was piquirt die Lady. „Brechen wir davon ab,“ bat Pierre.„Bedarf ich doch das Wohlwollen meiner Herrin zu dem Urlaub, den ich mir von morgen an, wenn auch nicht für den vollen Tag, doch für deſſen größten Theil erbitten muß. Ich bin beauftragt das Portrait der Baronin zu malen.“ wieder. „Dann wünſche ich Ihnen viel Glück. Gute Nacht, mein Freund, ich bin fatiguirt. Sie reichte ihm die Hand, die er heute mehr aus Gewohnheit als aus Neigung küßte, lehnte in die Sophaecken zurück, wobei der kleine Fuß im weißen, ſeidenen Schuh unter der wenig gehobenen Robe aus carmoiſinrothem Sammet hervor ſich ſchob und ſchloß die Augen. Pierre kehrte auf ſein Zimmer zurück. Dort ſtellte er in Gedanken beide Frauenerſchei⸗ 1 nungen gegenüber. Die Vergleichung fiel zu Gunſten der Baronin aus, ja jetzt wurde ihm der Zug in dem Geſicht der 3 3* Die Lady erbleichte, faßte ſich aber eben ſo ſchnell Lady klar, die Eiferſucht hatte jene Linie gezogen, die in das ſchöne Antlitz etwas Dämoniſch⸗Sinnliches brachte. Sollte er offen, ſollte er ſogleich mit der Lady brechen, zurückkehren aus dem Luxus ſeiner Wohnung, aus dem Schooße des Reichthums in die kleine beſchei⸗ dene Etage, der äußeren Welt um ſeiner inneren willen entſagen?“ Es gebrach ihm an Muth, und welche Ausſichten hatte er in den Beſitz der Baronin zu kommen? führte ihn nicht hier der Druck an die geheimnißvolle Thür in die Nähe weiblicher Schönheit, oder war es dieſer Ge⸗ nuß vielleicht ſelbſt, der ihm verwerflich, zwecklos, klein⸗ lich vorkam, ohne den Adel einer auf höhere Seelen⸗ zwecke gegründeten Verbindung? Deutlicher als je ließ ſich das Geräuſch im Ne⸗ bengemach hören; die beredte Mahnung glitt aber an Pierre's gehobener Seelenſtimmung ab Ohne mit ſich zu einem klaren Abſchluſſe zu kommen, entſchlief er ſpät unter unruhigen Träumen. Am andern Tage erwartete die Baronin den Ma⸗ ler in dem bereits zum Portraitiren ausgewählten Zimmer. Pierre hatte von dem Bilde der Lady eine kleine Zeichnung mitgebracht und legte ſie der Baronin mit der Frage vor, ob ſie in ſolcher oder ähnlicher Situa⸗ tion gemalt zu ſein wünſche. 37 Marie blickte es lange an, Röthe überlief ihre Wan⸗ gen und ſehr ernſt ſagte ſie: „Dieſe Stellung gehörte zu ſehr der Moderichtung unſerer Zeit und unſeres Geſchmackes an. Sie wählte eine andere. Wie vor der Lady ſtand vor der Baronin Pierre an der Staffelei, nicht die Glut erregter Sinne, nein die wohlthuende Wärme einer innigen Hinneigung zu dem Gegenſtand ſeines Bildes erfüllte ihn. Jetzt, wo er in dieſem reinen, durch keine unedle Leidenſchaft bewegten, vielmehr durch ein friedvolles Seelenleben verklärten Angeſicht ſtudiren durfte, jetzt fühlte er die Weihe des Künſtlers und die Reinheit der Kunſt bis in das tiefſte Herz. Selige Tagen waren ihm die, an denen er mit Innigkeit an ſeinem Werke ſchaffen konnte. Wie natürlich war die holde Dame in ihrem Weſen! Wenn er die Sitzung aufgehoben hatte, weil er um an dem Bilde nachzuarbeiten, des Originals weiter nicht bedurfte, dann ſaß er oft minutenlang vor dem Portrait in Gedanken verſunken, Pläne faſſend und aufgebend. Oft wenn er dann wieder angeſtrengt malte, als wolle und müſſe er dadurch den Sturm der Leidenſchaft beſchwören, trat die Baronin ein. „Ich bin ein wenig neugierig und möchte Sie in 38 Ihrer Schöpfung belauſchen. Lauſchen aber kann man nur, wenn der zu Belauſchende nichts davon weiß ader wiſſen will. Ich bitte, wiſſen Sier nichis davon und ſtören Sie mir das Vergnügen nicht. 1¹ g0 Pierre gehorchte. So fiel zwiſchen Beiden teim Weont leis, wie ſe gekommen, ging ſie wieder. enulm. Nach einigen Wochen war⸗ das Gemälde beendigt, kein Portrait im gewöhnlichen Sinne; denn der Maler hatte der Baronin den Vordergrund angewieſen und im Hintergrund ihren Landſitz ausgezeichnet copirt. Die Dame war faſt in Lebensgröße auf einer Bank im Garten ſitzend, dargeſtellt. Eiinn Käſtchen mit herausgefallenem Schmut an Spangen, Ketten und Ringen lag am Bogen; es diente dem Fuß, welcher an Zierlichkeit dem der Lady allerdings nicht nachſtand, ja zu ſeinem Vortheil wetteiferte, zum Schemel. „Ich möchte dieſes Bild auf der Ausſtellung neben dem der Lady haben, das ſich bereits dort befindet,“ ſagte Pierre zu ſeinem Freunde dem Notar,„ich aber mag die Bitte an die Baronin nicht wagen, ſie wird ſie mir ab⸗ ſchlagen; verſuchen Sie es, gelingt es Jemandem, ſo ge⸗ lingt es Ihnen.“ Ddite Hoffnung ſchlug fehie d die Wardnin geſttei die Ausſtellung nicht.—— Nachdem Pierre dieſes Bild gemalt, wurde er noch einſilbiger, noch verſchloſſener; ja, er mied jetzt öfterer, unter dem Vorgeben, ſich unwohl zu fühlen, die Kreiſe, welche die Lady jetzt öfterer als früher in ihrem Hauſe zu verſammeln pflegte. Als er nach langer Zeit einen ſolchen Künſtlerabend,“ wie jene Verſammlungen genannt wurdeu, beſuchen mußte, brachte die Lady das Geſpräch auf das Portrait der Baronin Marie von Wallberg. Sie fand dazu ungezwun⸗ gene Veranlafſung durch das eigene, was ſie von der Aus⸗ ſtellung zurückgezogen hatte. Es hing in dem Geſellſchafts⸗ ſalon dem ‚Waldthale des Scorf“ gegenüber und erregte auch heute die Bewunderung Aller, denn das iſt die Mei⸗ ſterſchaft der Kunſt, daß ſie ihre Werke wiederholt neu erſcheinen läßt, neue Schönheiten zeigt, hierinnen der herr⸗ lichen Schweſter Natur gleichend, die, wenn ſie den Schleier vom Angeſicht hebt, uns ein Antlitz von ſolcher Wonne, ſo voll des Entzückens zeigt, daß wir bewundernd in's Knie ſinkend meinen, noch nie dieſe Herrlichkeit geſe⸗ hen zu haben. „Wäre uns vergönnt, das Portrait der Baronin zu ſehen, das mein Freund Herr Laroſſe unlängſt vollendet hat und das die Beſitzerin dem Auge der Weltbewunde⸗ rung entzieht!“ rief die Lady aus. „Wie ſich ſelbſt,“ ſetzte Eine der Anweſenden hinzu. „Und doch,“ nahm ein Anderer das Wort,„muß die 40 Dame ein Kleinod ſein, denn wem es vergönnt war, und dieſe Zahl iſt ſehr klein, mit ihr nur ein Mal und nur auf kurze Zeit zuſammen zu ſein, der meint ein himmliſches Geſicht geſehen zu haben. Man kann ſagen, die Tu⸗ gend macht in Paris von ſich reden.“ „Dann dürfte der jüngſte Tag nicht mehr fern fein,“ bemerkte Laroſſe, den es bedrücken wollte, als leide das reine Spiegelbild der Baronin einen beflecken⸗ den Hauch durch das Lob aus dem Munde eines Raoul. Er verließ das Zimmer, die Lady nach ihm den Salon, von einem Unwohlſein heimgeſucht. 3 Die Geſellſchaft brach auf, ſie kannte den Grund diefer plötzlichen Migraine, ohne ihn auszuſprechen; nur ganz intime Freunde ziſchelten ſich in die Ohren: Du ſollſt nicht andere Göttinnen haben außer mir!—— Am andern Tage fuhr die prächtige Equipage der Lady Wolſey vor dem Hotel der Baronin Marie von Wallberg vor. Dieſe war nicht wenig erſtaunt, als ihre Kammer⸗ frau den Beſuch der Lady meldete. „Ich komme, Baronin, nicht ſowohl Sie ſelbſt, als vielmehr Ihr Portrait zu ſehen, von deſſen Lob die Stadt voll iſt. Man ſpricht nicht vom neueſten Ballet, von der neueſten Oper, den neueſten Moden, man ſpricht nur von dem Bilde, es iſt Mode geworden.“ 41 „Obſchon ich es nicht in ihr Schaufenſter geſtellt habe?“ fragte ernſt die Baronin. „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich ohne Willen Ihnen wehe gethan habe,“ begütigte die Lady mit je⸗ nem Liebreiz, der ihr eigen, Alles bezaubern konnte. Die Baronin, in ihrem Wohlwollen gegen die ganze Welt, bereuete ſchon die gethane Frage und eilte, was ſie ihrer Meinung nach übel gemacht, um ſo ſchneller gut zu machen. Sie führte die Lady vor das Bild. Die Liebe, mit welcher der Künſtler gemalt, mit welcher er die verborgenſten Züge ſtudirt, dem Ausdruck der Seele bis dahin, ſo zu ſagen, nachgeſchlichen war, dieſe Liebe ließ ſich nicht verkennen; der Lady eiferſüch⸗ tige Augen bemerkten gar bald, daß neben dem Intereſſe für die Kunſt das weit größere, ihr gefährlichere für den Gegenſtand der Kunſt, die Baronin ſelbſt, des Malers Hand geleitet hatte. Dieſes Intereſſe und der Baronin Tugend waren genug, um in der Lady den Entſchluß zu befeſtigen, jener vor der Welt einen Eclat zu bereiten. „Auch mich,“ unterbrach die Lady die lange Pauſe der Betrachtung des Gemäldes,„hat der talentvolle Maler, unſer gemeinſamer Freund“— ſie betonte dieſe Worte mit einer gewiſſen verletzenden Schärfe—„por⸗ traitirt, ich würde mich unendlich freuen, wenn Sie das Gemälde eines Blickes würdig hielten. Es befindet 42 ſich gegenwärtig in meiner Behauſung, verſprechen Sie mir Ihren Beſuch.“ 119 Die Baronin wollte einer beſtimmten Antwort aus⸗ weichen, die Lady beſtürmte ſie aber ſo mit Bitten, bis Jene ihren Beſuch auf den dritt⸗nächſten Tag zuſagte. 1 89, Grn Ueberglücklich entfernte ſich die Lady. Das Verſprechen war kaum gegeben, als ein Ge⸗ fühl, nicht recht gehandelt, oder doch wenigſtens ſich übereilt zu haben, die Baronin beſchlich. „Wen frage ich um Rath?“ rief ſie aus;„ach ihn,“ ſetzte ſie im Augenblick, freudig erregt, hinzu. Daß mit diefem:„ihn“ der Notar gemeint ſei, ließ ſich dieſer nicht träumen, wenn er ſchon in einem traumähnlichen Zuſtand daheim in ſeiner fünften Etage an dem mit grünem Tuche überzogenen Schreibtiſche ſaß, der wie ſein Herr von der Notariatspraxis ausruhte, und wie ſein Herr Spuren alternder Tage zeigte. Wer war die Veranlaſſung zu dieſer traumähnll⸗ chen Stimmung? Mariens Portrait. Obſchon er ſelbſt ſie gebeten hatte, der öffentlichen Bewunderung den Genuß der Betrachtung zu gönnen, war er doch jetzt innig erfreut, daß die Baronin ſeine Bitte nicht erfüllt hatte. War er doch außer dem Schöpfer des Kunſtwerkes der Einzige, der in dieſem 43 reinen Spiegelbild an dem Seelenadel ihres Angeſichts ſich erfreuen durfte. „Und das Bild der Lady,“— ſprach er weiter bei ſich,—„welchen Eindruck muß dieſes machen? Hätte ich doch, während es ausſtand, mich auf die Gallerie verfügt. Warum ich es nicht gethan habe, weiß ich heute ſelbſt nicht. Wenn man beide Gemälde zur Ver⸗ gleichung neben einander ſehen dürfte, es wäre ein in⸗ tereſſantes Charakterſtudium.“ Im Augenblicke klopfte es leiſe an die Thür, die Baronin trat ein. „Welche unerwartete, aber große Freude machen Sie mir durch Ihren Beſuch, wertheſte Freundin. Was führt Sie her, womit kann ich dienen?“ Das waren die Fragen, die mit andern ähnlichen Inhalts der Notar nicht ſchnell genug vorbringen konnte. „Ich begehre Ihren Rath, mein theurer Freund.“ „So gut ich ihn habe,“ erwiederte der Notar. Die Baronin berichtete nun von der Einladung der Lady in ihr Haus. „Was ſoll ich thun?“ „Hingehen,“ antwortete der Notar. „Aber nicht ohne Sie.“ „Ohne mich? Bedenken Sie meine Erſcheinung in dem Cirkel. Auch iſt an mich keine Einladung er⸗ gangen.“ 1 ——— 44 „Sie ſind mein Cavalier,“ erwiederte die Baronin, indem ſie ihm die Hand reichte. Zudem erzählt ja das geſchwätzige Paris, hält die Lady offenen Hof in ihrem Salon, was hätten Sie zu bedenken? Ich, ein Neuling in der Welt, bedarf eines Führers, eines Beſchützers. Wen Beſſeren könnte ich wählen als Sie?— Nun?“ Der Notar, dem der vorhin nur leiſe, nur zwiſchen den vier Wänden ausgeſprochenen Wunſch, das Portrait der Lady zu ſehen, auf dieſe Weiſe erfüllt werden ſollte, ſagte ſeine Begleitung zu.— Am beſtimmten Tage fuhren Beide vor dem Hotel der Lady vor. Dieſe, in eben ſo reicher als geſchmackvoller Pa⸗ rure empfing die Baronin auf das Herzlichſte. „Mein Freund, der Notar Lerond,“ ſtellte dieſe vor. „Sind mir nicht unbekannt und doppelt willkommen, da er ein Gut beſitzt, um das ich ihn beneide,— Ihre Freundſchaft.“ Die Lady ſprach dieſe wenigen Worte mit ſo großem Leibreiz, daß der Notar des Vorurtheil, das er gegen die Weltdame hegte, im Stillen ihr abbat. Der im Salon um das Gemälde der Lady in Be⸗ wunderung verſammelte Kreis der Herren löſ'te ſich beim Eintritt der Baronin in Gruppen, deren Erſtaunen und Bewundern über die Erſcheinung der liebreizenden Dame noch größer war. 4⁵ Man verglich unwillkürlich dieſe mit der Lady im Portrait, vor dem jetzt die Baronin und der Notar ſaßen. Pierre, dem die Lady den Beſuch abſichtlich verſchwie⸗ gen hatte, war nach dem Boulogner Hölzchen gefahren. „Ach, wie ſchön!“ rief die Baronin in ungeſchmink⸗ ter Freude aus,„man kann daran ſich nicht ſatt ſehen.“ Still verhielt ſich der Notar. Verhehlte er ſich ſchon keineswegs, daß auch dieſes Bild mit derſelben Meiſter⸗ ſchaft gemalt ſei, als das der Baronin, ſo mußte er ſich doch ſagen, daß in dieſem Portrait unter dem Liebreiz der Frauenſchöne das ganze ſinnliche, ränkevolle, weltluſtige und weltkranke Paris verborgen ruhe, daß gleichſam eine Warnung durch das Gemälde gehe. Zeigte nicht ſchon die mehr ruhende als ſitzende Stellung der Figur auf den verführeriſchen Kiſſen von ſchwellender Seide die gefahrbringende Sirene an? Der Lady Augen funkelten im Kreiſe der Männer umher, überall dieſelbe Bewunderung— für ſie?— nein, für die Baronin. Die Eiferſucht erhob das Meduſenhaupt höher. Hätte Jemand in dieſes Geſicht prüfende Blicke geworfen, er würde den Plan, den ſie gegen die Nebenbuhlerin zur Ausführung bringen wollte— deren Tugend zu neaihegen, am liebſten zu vernichten, deutlich geleſen aben. „Sie würden mich,“ nahm ſie das Wort,„durch 46 die Belobung meines Portraits tief beſchämen, wenn ich nicht glücklicherweiſe alles Schmeichelhafte dem Maler zutheilen könnte.“ b In „Und wo iſt Herr Laroſſe?“ fragte der Notar. „Ausgefahren,“ antwortete die Lady.„Unſer lieber Freund hat Künſtlerlaunen. Seit er das Bild unſerer liebenswürdigen Baronin gemalt, erkenne ich ihn nicht wieder. Wenn ich mich nicht ſehr täuſche, leidet er an einem Herzfehler, hoffen wir, daß dieſer keiner ſchlimmen Krankheit Vorbothe iſt.“ Die Wangen der Baronin überlief eine brennende Röthe. „Vielleicht,“ fuhr die Lady, welcher dies nicht ent⸗ gangen war, fort,„vergönnt er uns ſpäter noch die Ehre ſeines Beſuches; ich fürchte nicht, daß ſeine Abweſenheit die Freude unſeres Zirkels mindere oder wohl gar ſtöre.“ „Ehe Sie eintraten,“ ſagte ſie zur Baronin gewendet, nbeſchäftigte uns die Beantwortung einer zufällig auf⸗ geworfenen Frage. Da wir Alle an deren Löſung uns verſucht haben, ſo iſt es nicht mehr als gerecht, daß wir auch von Ihrem Gerichtshof, wertheſte Baronin, dar⸗ über eine Sentenz vernehmen.“ A „Und die Frage iſt?“ uuterbrach ſie dieſe. „Eine an ſich ſehr einfache, meine Beſte. Wer iſt beſſer daran, wer liebt ohne Gegenliebe, oder geliebt wird ohne zu lieben?“. Aller Augen richteten ſich auf die Baronin. „So weit ich zu urtheilen vermag,“ antwortete ſie, „iſt es eine Wahl zwiſchen zwei Uebeln; ich würde das Loos desjenigen, der, ohne geliebt zu werden, liebt, vor⸗ ziehen.. 6n 916 3 n „Warum?“ fragten faſt Alle zu gleicher Zeit. „Weil ich lieber ein Almoſen gebe als beanſpruche.“— „Ihnen gebührt der Preis!“ rief applaudirend die Lady. tzteilchi Das Zeichen ihres Beifalls galt als Signal eines allgemeinen Bravo, ſelbſt der Notar nickte ſehr beifällig und ſprach vor ſich hin:„Eine pikante Antwort aus lieb⸗ reizendem Munde.“ „Schade, daß in meinem Salon kein Lorbeer blüht,“ rief die Lady;„doch hier habe ich, was ich brauche.“ Sie ſprang auf und nahm von dem Landſchafts⸗ gemälde Pierre's den darüber hängenden Lorbeerkranz, um ihn der Baronin aufs Haupt zu legen. Dieſe entſchlüpfte mit Grazie, ergriff den Kranz und hing ihn an den Rah⸗ men des Portraits. „Hier hat er ſeine würdige Stelle,“ ſagte ſie.„Er, der männliche, feſte, der verdient ſein will an heißen Tagen, in ſchweren Nächten des Schaffens, er iſt nicht für das Haupt einer unſeres Geſchlechts, das wußte die gütige Natur recht wohl, deshalb rief ſie die ſanfte Myrthe aus der Erde; ſie iſt weich und zart, ziert aber drückt das 48 Haupt nicht, und iſt mir ſo lieb und werth, weil ſie ſym⸗ boliſch von der Reinheit unſerer Gedanken ſpricht.“ Die Augen der Lady glühten. „Ei, verehrte Baronin, eine ſo innige Lobrede auf die Myrthe ließe auf Vermuthungen kommen.“ „Auf welche?“ „Daß Lorbeer und Myrthe doch einen Bund ſchlie⸗ ßen könnten.“ „Warum nicht?“ fragte die Baronin nicht ganz unbefangen.„Ich meine, ein Haupt mit dem Lorbeer, eines mit der Myrthe gekrönt, dürften ſich neben einan⸗ der ſehr gut ausnehmen und die letztere würde mit ihrem beſcheidenen Grün gern dem erſteren ſich beugen, ja, um unſerem Geſchlecht doch auch etwas Gutes zu ſagen: oft iſt der ſtolze Lorbeer reich belohnt, wenn die kleine Myrthe um ihn ſich ſchlingt.“ Was iſt das! fragte ſich im Inneren die Lady, zweifelſt Du noch, daß ſie unter dem Lorbeer Pierre, unter der Myrthe ſich ſelbſt verſteht? „So anmuthig dies Geſpräch,“ begann ſie,„ſo erwünſcht iſt doch ein Abweichen von ſolchem. Haben Sie Nachrichten von Ihrem Bruder?“ Die Baronin bejahte und fügte hinzu, wie er ſich zur Zeit auf dem Stammſchloſſe der Familie aufhalte und daß für ihn ihr von Laroſſe gemaltes Portrait beſtimmt ſei. Die Lady nahm Gelegenheit, dieſes vortrefflichen 49 Gemäldes zu gedenken, und der Notar, bisher ein ſtiller Geſellſchafter, hielt jetzt den Strom einer feurigen Lobrede nicht zurück. Ohne es zu wiſſen und zu wollen, ſtellte er in einem Panegyrikus eine Vergleichung zwiſchen dem Por⸗ trait der Lady und dem der Baronin an; er charakteri⸗ firte, detaillirte und kritiſirte beide ſo ſcharf, ſo treffend, daß Alle voll Bewunderung ihm zuhörten, und die Lady warf giftige Blicke, denn er berührte die innerſten Saiten. Die Baronin dankte ihm, als er geendet hatte; das Geſpräch kam auf Kunſt und Kunſtwerke überhaupt. Mit der größten Liebenswürdigkeit und Beſcheidenheit entfaltete die Baronin eine Menge Kenntniſſe, ſo daß Alle aufrichtig bedauerten, als ſie den Aufbruch der Ge⸗ ſellſchaft verurſachte, indem ſie ſich verabſchiedete. Die Lady hatte ihre Faſſung wieder bekommen und dankte in graziöſen Ausdrücken für das Vergnügen des wenn auch zu ihrem Leidweſen kurzen, doch eben ſo angenehmen als geiſtreichen Beſuches.— Moriz Horn: Lady u. Baronin. 4 IV. Am andern Morgen fand die Baronin auf ihrem mit Nippes geſchmückten Tiſche ein Porzellanfigürchen; es trug einen Kranz von Immortellen auf dem Haupt und einen Spiegel vor der Bruſt, ein Hund ſaß mit hochgeſpitzten Ohren zu ſeinen Füßen. Im Sockel war „Freundſchaft,“ mit goldenen Lettern eingeſchnitten. Ein Brief von der Lady Hand enthielt auf der einen Seite die Worte: Ich bin oft das Werk eines Augenblickes; auf der andern war zu leſen: Mich verband der Zufall mit Ihnen, nehmen Sie die Hand der Schweſter als Schweſter an, ver⸗ ſprechen Sie mir Ihre Liebe und beſuchen Sie über⸗ morgen Abend ein Ballfeſt, welches ich Ihnen zu Ehren veranſtaltet habe.—— „Dies Mal kann ich,“ ſagte der Notar, dem die Baronin von der an ſie ergangenen Einladung Mit⸗ — 51 theilung machte,„Sie nicht begleiten; als Geſellſchafter mag ich noch gelten, als Ballgaſt würde ich eine lächer⸗ liche Figur ſpielen, im Uebrigen bedarf meine Freundin meines Schutzes nicht, ſie ſelbſt iſt des rechten Weges ſich bewußt.“— Derſelbe Diener, welcher die Einladung an die Ba⸗ ronin abgab, überbrachte an vier zum„Hofſtaat“ der Lady gehörige Herren die Einladung, ſie auf einen Au⸗ genblick zu beſuchen; die Worte waren dieſelben, nur die Stunde, in welcher ſie die Aufwartung der Geladenen empfangen wollte, eine verſchiedene. Keiner wußte von der Einladung des Andern, keiner von der verſchiedenen Stunde. „Sie werden,“ begann die Lady zu dem Erſten, „von meiner Einladung etwas betroffen ſein, indeſſen mit einigem Scharfblick das Intereſſe nicht verkennen, das ich an Ihnen nehme. Ich vertraue Ihnen ein Geheimniß an und verrathe vielleicht das meine, ſei es darum, mögen Sie Vortheil daraus ziehen. Paris beſitzt jetzt die ſchönſte Frau, eine vom Morgen erſchloſſene Roſe, welche von der Bewunderung, die ſie erregt, keine Ahnung hat. Sehr glücklich und ſehr geſchickt, wer ſie pflückt. Ich weiß nicht, was mich veranlaßt zu glauben, daß dazu das Geſchick Sie auserſehen hat.“ „Aber, angebetete Lady,“ antwortete mit Zuverſicht 4* 5² der junge Mann,„wie kann man das Ziel erreichen, wenn man ſtets ein anderes feſt im Auge hat?“ „Spielt die Galanterie auf mich, ſo lege ich Ihnen die Erreichung des Zieles als erſte Pflicht auf.“ „Sie iſt unmöglich zu erfüllen.“ „Nicht ſo ganz. Die Baronin iſt die Unſchuld ſelbſt, aber etwas romanhaft; damit Sie das Intereſſe erkennen, was ich an Ihrem Ruhme nehme, will ich bei der Eroberung Ihre Führerin ſein.“ Die Frau als Rathgeberin eines Mannes iſt ein Spion auf dem feindlichen Felde. Das gleiche Spiel, nur mit einigen Variationen ſpielte ſie mit den Uebrigen, obſchon ſie von dem Scharf⸗ ſinn der Herren wenig, Alles aber von Pierre hoffte, dem ſie ſelbſt über das bevorſtehende Ballfeſt die Mit⸗ theilung machte. „Sie werden auch die Baronin bei mir finden; vielleicht iſt das ein Motiv, meine Cirkel, die Sie ſo lange gemieden haben, wieder zu beſuchen.“ Ihrem Scharfblick entging die freudige Erregung nicht, mit welcher Pierre zu kommen verſprach, ſie diente nur die Gluth des Haſſes gegen die ſchöne Nebenbuh⸗ lerin zu ſchüren.— Der Tag des Feſtes kam. Die Baronin erſchien einfach, aber mit Geſchmack gekleidet. 53 Welch ein Abſtand von der Lady, ſtrahlend im Glanze der Steine. Die Baronin trat mit Pierre zum Walzer an. Welch' graziöſe Leichtigkeit, welch' decentes Maß⸗ halten! Kein Schritt, keine Bewegung, kein Kopfneigen, das nicht lauten Beifall verdient hätte. Man fragte ſich: iſt ſie ein Weib? Nymphe, nein, eine Göttin. Vernachläſſigt erkennt die Lady, daß ſie eine Venus am Triumphwagen der Pſyche iſt, Pierre nur an dem Munde der Baronin hängt; ſie, eine Kennerin, weiß nun klar, daß dieſes rückſichtsvolle Be⸗ uehmen, dieſe Seligkeit im Frauendienſt, wie ihn Pierre ausübt, auf Hochachtung, nicht auf Galanterie der Mode baſirt iſt; es unterliegt keinem Zweifel, er liebt ſie. Und mit welcher Hoffnung? fragt ſie ſich. Ein neues Studium des Paares läßt aus einzelnen Momenten, aus vorübergehenden Lichtblicken in der Baronin Geſicht, an der Theilnahme, die ſie an Pierre's Unter⸗ haltung nimmt, erkennen, daß ſie ihre Zuneigung zu ihm nicht verhüllen kann. Dem Balle folgt ein Souper. Pierre ſitzt an der Baronin Seite. Ein brillantes Feuerwerk im Garten ladet die Gäſte dahin ein. Pierre, als derjenige, welcher im Hauſe wohnend, das nächſte Anrecht auf dieſes Glück hat, führt die Baronin. 54 Das Feuerwerk beginnt; die Baronin iſt entzückt über dieſen bunten Glanz. „Ach wie leid thut es, wenn ſo etwas endet,“ ruft ſie aus. „Ich kenne,“ erwiedert Pierre,„ein Feuer, welches ohne zu enden leuchtet und fort und fort neue Farben⸗ pracht zeigt.“ „Von welchem Feuer ſprechen Sie?“ fragt die Baronin unbefangen. „Von dem, welches Sie entzünden.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragt ſie erſchre⸗ ckend und ſtrengt ſich an, ihm ihre Hand zu entziehen, die er küſſen will. „Theuerſte Baronin,“ fleht Pierre.„Hier, wo wir allein ſind, erhören Sie den Mann, der die Feſſeln der Welt getragen hat, der ſie abwirft, ſeit er Sie geſehen; ſtoßen Sie den müden Wanderer nicht von dem Lebens⸗ quell zurück, an dem er niederſinkt, um ſich rein zu baden von allen Schlacken; Sie ſind der Lebensquell; erhören Sie meine Liebe!“ Das Wort hörte ſie kaum noch, denn ſie war nach einer anderen Richtung des Gartens durch eine Seiten⸗ thür entflohen. Pierre lag auf den Knien noch am Boden, als die Lady mit einem Theil der Geſſellſchaft erſchien. 5⁵ „Eine niedliche Stellung, nur Schade, daß das Venerabile fehlt.“— Ohne Pierre's Antwort abzuwarten, ſagte ſie zur Geſellſchaft gewendet: „Folgen Sie mir, die Abendluft feuchtet die Erde; wir könnten uns erkälten.“ Man ging in's Haus zurück. Pierre erhält an demſelben Abend einen Beſuch der Lady. Der dort gefaßte Beſchluß ſollte nach einigen Wochen ſeiner Ausführung entgegenreifen.—— Seit jenem Ballfeſt beſtürmten die Baronin täg⸗ lich zärtliche Billete. Anfangs las ſie dieſelben, ehe ſie verbrannt wur⸗ den; ſpäter, als ſie fand, daß man das Leſen der an⸗ deren ſich erſparen könne, ſobald man ein einziges gele⸗ ſen, wurden die Briefe uneröffnet den Flammen übergeben. Nur die Briefe der Lady entgingen dem Schickſal, wenn gleich die Baronin die darinnen ausgeſprochenen Bitten, die Lady zu beſuchen, ihr das Ereigniß nicht entgelten zu laſſen, an dem nicht ſie, ſondern der Freundin Schönheit die Schuld trage, nicht erfüllte. Ein letzter Brief deſſelben Inhaltes ſchloß mit den Worten: „Iſt auch diesmal meine Bitte fruchtlos, dann werde ich Ihr Haus beſuchen, aber an Ihrer Etage 56 vorübergehen und, mich Raths zu erholen, hinauf⸗ ſteigen zu Ihrem bewährten Freunde dem Notar.“ Dieſem hatte die Baronin den Ausgang des Bal⸗ les verſchwiegen; er durfte davon nichts erfahren. Er ſchätzte den Maler, mit dem er, wie ſie wohl wußte, in jüngſter Zeit einen innigen Umgang unterhielt, konnte er nicht ſelbſt deſſen Fürſprecher werden und was hätte ſie bei der Unklarheit ihres Zuſtandes, in dem ſie ſeit jenem Geſtändniß ſchwebte, thun ſollen! Neigte ſich ihr Herz dem Maler nicht zu? Hatte ſie das Intereſſe, welches ſie bei der erſten Begegnung mit ihm empfand, etwa abgeſchwächt! würde nicht ein beſſer gewählter Ort, eine ſchicklichere Zeit möglicher Weiſe andere Erfolge gehabt haben? Alle dieſe Zweifel und Fragen, welche die Baronin ſich ſelbſt vorzulegen kaum wagte und die ſie erſchreckten, beſtimmten ſie, diesmal der Einladung der Lady Folge zu geben, zumal ſie ſich doch ſagen mußte, dieſe trage an dem Vorfall keine Schuld. Die Lady empfing die Baronin auf das Freudigſte. „Der Tag,“ begann ſie,„iſt zu ſchön, um im Saal oder den Zimmern ſeine Stunden zu verbringen. Lafſen Sie uns unter den Boskets, dem Laubdach der Bäume zwiſchen Blumen wandeln. Sie haben den Gar⸗ ten nur bei Abend geſehen, und damals blendete das Licht des Feuerwerkes anfangs; dann war das Licht des 57 melancholiſchen Mondes nicht geeignet, mein Beſitzthum mit ſeinen Pforten und Pförtchen zur Anerkennung zu verhelfen. Kommen Sie.“ Die Baronin durchmuſterte an der Lady Armen jedes Plätzchen. Als ſie an die Stelle kamen, wo Pierre ſeine Liebe erklärt hatte, zitterte die Baronin. Die Lady ſchien es nicht bemerken zu wollen. „Es iſt eine eigenthümliche Erſcheinung, meine liebe Freundin, und nicht wohl zu erklären, daß man einzelnen Partien ſeiner Beſitzung den Vorzug giebt, wäh⸗ rend man andere ſogar haßt: ſo geht es mir mit dieſer Stelle; an ſich kann man nichts Einladenderes finden; es iſt ein beſchauliches Plätzchen. Der Menſch bleibt ein Räthſel. Mein Lieblingsaufenthalt iſt dort. Die Baronin ſah auf, froh, daß das Geſpräch auf einen anderen Gegenſtand ſich lenkte. „Sehen Sie die Einſiedelei am Anfange des Wein⸗ berges!“ fragte die Lady. „Ach wie ſchön!“ rief die Baronin aus,„ſchon von Kindheit an ſind mir dieſe Stillleben ſo unendlich lieb geweſen. Ganz ſo, wie die Seele des Kindes ein ſolches Haus ſich dachte, ſteht die Eremitage dort, ja dieſe Einſiedelei würde auch mein Liebling ſein.“ „Bedenken Sie,“ ſagte die Lady, als ſie den gewundenen Gang nach der Höhe hinaufgingen,„daß 58 eine ſolche Klausnerhütte ein heiliger Ort iſt, daß man vor dem Eintritt ſich ſammeln muß.“ „Ich bin kein Weltkind, wie Sie, meine theure Lady, wiſſen,“ bemerkte die Baronin mit einem leiſen Anflug von Ironie. An der Pforte angelangt, rief die Lady plötzlich aus: „Daß man doch auf Erden nie feſt hoffen darf, ein Glück, welches man erſt ſo lange entbehrt hat, recht zu genießen. Muß denn die Welt ſtets unſerem Willen entgegenſtreben und alle erdenklichen Geſtalten annehmen, um ihre unwillkommene Geſellſchaft uns aufzudrängen! Mir erſcheint ſie in der Figur meines Geſchäftsführers, der dort auf uns zukommt. Etwas Preſſantes muß ihn zu dieſer ungewöhnlichen Stunde hieherführen. Nehmen Sie, liebſte Freundin, den Schlüſſel zur Ere⸗ mitage; ſie wird durch Ihre Gegenwart zum Tempel. Sie finden dort eine Hauscapelle, Bücher, einige Ge⸗ mälde von Pierre Laroſſe's Hand, Vaſen, Statuen. Die Ausſicht durch die Fenſter von der Höhe iſt nicht minder erquicklich. In einer halben höchſtens einer Stunde leiſte ich Ihnen Geſellſchaft.“ Wie ein Blitz war ſie verſchwunden. „Gemälde von ſeiner Hand,“ wiederholte die Ba⸗ ronin, als ſie die Thür öffnete und ſich durch dieſe we⸗ nigen Worten in eine Stimmung verſetzt fühlte, welche nach der Ruhe einer Einſiedelei ſich ſehnte. 59 Wie anders zeigten ſich dieſe Räume! Das Auge war betroffen von dieſer verführeriſchen Eleganz, dieſem ausgeſuchten Luxus; ein reizendes Bou⸗ doir hatte die Maske einer Einſiedelei angenommen, gleich⸗ wie reizende Frauen am liebſten das prunkloſe Kleid als Kapuze auf Redouten zu wählen pflegen. Das Gebäude war im Innern rund; ein prächti⸗ ges Gemälde an der Decke ſtellte die Venus vor, welche ihrem Sohn den Gebrauch des Pfeiles und Bogens lehrt und die Spitze des erſteren durch einen Kuß der ſchönen Lippen zu nie fehlender Wirkung weiht. Vaſen mit duf⸗ tenden Blumen ſtanden überall; die ſcheidende Sonne ſtrahlte ihren Abſchied durch die Fenſter aus buntem Glas; der Geſang der Vögel in dem Gebüſch vor dem Hauſe, das Plätſchern eines im Laubholz verſteckt liegenden Springbrunnens, der Ton einer Aeolsharfe zwiſchen blau⸗ blühenden Akazien aufgefangen, entrückte die Baronin in eine ungewöhnte Stimmung. Die Augen umſſchleierten ſich, die Seele überließ ſich Hinträumen wie mit nebelhaften Figuren, welche auftau⸗ chen und verſchwinden, um neuen Raum zu geben. Sie ſank in das Sopha, ein ſchlafähnlicher Zuſtand ſiel auf die feinen Lider. Da fühlte ſie einen leiſen Druck der Hand. Sie ſchlug die Augen auf; ein Eremit ſtand vor ihr in brauner Kutte von grober Schnur gehalten; der breite ———ÿÿäᷓ̃ꝗ̃qä— Hut bedeckte das Geſicht und geſtattete nur den über die Bruſt fallenden Bart zu ſehen. Die Figur bückte ſich, mit Mühe athmend, auf einen Stock; ſie ſchien der Laſt der Jahren zu erliegen. So ſehr die Baronin anfangs über dieſe Erſchei⸗ nung erſchrocken war, ſo ſchnell und zwar freudig faßte ſie ſich wieder. „Lady, welche Freude machen Sie mir mit dieſer Verkleidung! Geſtatte mir, frommer Mann, Dich an mein Herz zu ſchließen und Dich zu küſſen.“ Sie flog auf die Geſtalt zu und drückte ſie an ſich; mit einem Schrei des Entſetzens aber trat ſie zurück, denn, der Hülle ledig, ſtand Pierre vor ihr; in ſeinen Armen hatte ſie gelegen, ſeinen Kuß erwiedert. „Abſcheuliches Spiel!“ rief ſie, nach der Thür eilend; dieſe war verſchloſſen; einer Ohumacht nahe fiel ſie in das Sopha zurück. „Verzeihung!“ bat Pierre vor ihr niederfallend, „Verzeihung! Ja wohl ſollte es ein ſchändliches, abſcheu⸗ liches Spiel werden, aber nur zum Schein gab ich meine Einwilligung; hoffte doch meine Liebe hier in dieſen ver⸗ ſchwiegenen Räumen Erhörung; laſſen Sie mich das Wort, das mich über mich ſelbſt erheben ſoll, von Ihren Lippen vernehmen; nicht zum zweiten Male fliehen Sie! Erhören Sie mein Flehen!“ 61 Ein Lachen erſchütterte den Raum, die Lady ſtand in der Thür. „Welch' zarte Schäferſcene erblicken meine Augen!“ Die Baronin war aufgeſprungen, preßte die Hände über die Bruſt, warf einen Blick des Mitleids auf Pierre, einen der Verachtung auf die Lady und ſchritt würdevoll durch die Thür. Der Auftritt, der nach ihrem Weggange zwiſchen Pierre und der Lady ſtattfand, zu ſchildern, bleibe unver⸗ ſucht. Der Erſtere verbrachte die Nacht ſchlaflos, aber in dem Bewußtſein ſelig, den Sieg über ſich errungen zu ha⸗ ben, denn als er auf den Plan der Lady einging, war ihm die Baronin ein Opfer, das fallen ſollte. Jenes Zerwürf⸗ niß am Balltage, die Erniedrigung vor den Gäſten hatte ſein Ohr den hämiſchen Einflüſterungen der racheſüch⸗ tigen Lady geöffnet. Am anderen Morgen war die Baronin abgereiſt. V. Zwei Jahre ſind ſeit dem Auftritt in der Exemi⸗ tage im Garten der Lady verfloſſen. Pierre, von Reue geſtachelt, von dem Verlangen, Marien's Verzei⸗ hung zu erlangen, umhergetrieben, vermag nicht mehr zu ſchaffen, er hat den Glauben an ſeine Manneswürde verloren, er hält ſich für einen unwürdigen Prieſter im Dienſte der Kunſt; die eutſetzliche Oede, die ſein Inne⸗ res beherrſcht, treibt ihn an den Rand der Verzweif⸗ lung; wie Ahasverus wandelt er durch die Welt, ſobald der Frühling ſie verklärt, um die ſchwer Gekränkte zu ſuchen; alle Bäder, alle großen Städte hat er beſucht, aber ſie nicht gefunden. Wieder grünt und blüht es allerwegen, die hoch⸗ herrliche, Alles beſeligende Frühlingszeit iſt gekommen und hat die Altäre der Freude in dem Thal, auf den Bergen aufgeſtellt, da zieht es Pierre mit unbekannter Macht nach dem ſchönen Tyrolerland. Er bricht dahin auf; auf der Straße nach“ über⸗ holt ihn ein elegantes Gig. Er blickt auf und mit ſeinem Ausruf:„Henri!“ miſcht ſich der Ruf des Herrn, der das prächtige Roß im Augenblick parirt:„Pierre!“ „Wohin geht Deine Wanderung, mein lieber Freund?“ fragte Henri weiter. 63 „Ich ſuche die Baronin Maria von Wallberg.“ „Meine Schweſter?“ „Deine Schweſter?“ rief vor Erſtaunen faſt zu Stein geworden, Pierre aus,„Deine Schweſter!“ „Ja, ſo iſt es, ich habe mich einſt in der lieben, ach ſo lieben Pfarrei Deines Vaters, die mir unver⸗ geßlich bleiben wird, als der reiſende Maler Henri ein⸗ geführt; ich wollte nur mir ſelbſt, nicht Rang und Stand verdanken, wenn ich Jemandes Liebe erlangen würde; es iſt mir gelungen, und nun ſegne ich den Zufall, der Dich mir entgegenführt, ich habe mich lange nach Dir geſehnt,; nun bleibſt Du bei uns und das Leben, von dem ich ſo oft geträumt habe, ſoll nun beginnen. Unſer Stammſitz liegt in einem der reizendſten Thäler Tyrols, und wetteifernd mit der Natur hat die Kunſt Alles gethan, um das Auge und das Herz zu erfreuen. Doch, mein Freund, was iſt Dir, mit gefalteten Händen ſtehſt Du vor mir, den Blick zu Boden geſchlagen, und ſcheinſt mich nicht zu hören.“ Pierre erzählte nun ſeinem Freunde, was uns die vorliegenden Blätter bereits berichtet haben. „Ich muß zu ihr, fußfällig will ich ſie um Ver⸗ zeihung bitten für die Schmach und das große Unrecht, das ich an ihr begangen habe, aber, ſo ſonderbar es klingt, Gott weiß es, nur die Liebe trieb mich dazu.“ Pierre ſchlug den Blick wieder an die Erde, be⸗ 64 merkte daher nicht, daß über Heuri's Mienen ein eigen⸗ thümliches Lächeln glitt. „Reue verſöhnt, mein beſter Freund. Was übri⸗ gens in meinen Kräften ſteht, ſoll geſchehen, Dich Dein Ziel erreichen zu laſſen. Ich will Dein Fürſpre⸗ cher ſein.“ Und Henri hielt Wort, er vertheidigte den Freund mit den wärmſten Worten, wie nur immer die Freund⸗ ſchaft ſie haben kann. Eine gar mächtige Bundesgenoſſin ſtand ihm zur Seite, die Liebe, die ſeine Schweſter, wenn ſchon unklar für Pierre gefühlt hatte, als er ſie portraitirte, und ihre Augen den ſeinigen oft begeg⸗ nen mußten; ſie hatte Form und Geſtalt gewonnen. Auf dem ſtillen Schloſſe, im Schooße einer großartigen Natur fielen die Schlacken, welche durch die Verhältniſſe dem reinen Golde beigemiſcht worden waren, ab, und dieſes ſtrahlte um ſo heller und glänzender. Als nun der Bruder das offene Geſtändniß ſeines Freundes der Schweſter darlegte, als Pierre, von ihm geführt, mit bleichen Wangen, abgehärmten Zügen vor ihr auf den Knien lag, die Hände gefaltet, und nicht um ihre Hand mehr, der er ſich ja ſelbſt unwürdig ge⸗ macht habe, nein nur um ihre Vergebung bat, damit er entfühnt wieder der Kunſt ſich zu widmen im Stande ſei, da erhielt er nicht nur die Vergebung, nein, Hand und Herz des ſchönen Weibes. — 0e—