deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8. v 5 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſehedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 4 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 63.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Phinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: ei, h, für iPehentlich 5 21Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Welches von dem erfinderiſchen Genie der Liebe handelt.............. 20 XXI. Capitel. In welchem bewieſen wird, daß nicht alle Wege nach Rom führen......... 41 XXII. Capitel. Der Verkäufer findet nicht immer Ab- Nehmer............. 66 XXIII. Capitel. Wie Tſchernembl den Handſchuh um⸗ Tehrt. 86 XXIV. Capitel. Saul unter den Propheten..... 94 XXV. Capitel. Vox clamans in deserto..... 123 XXVI. Capitel. Wer die Wette gewinnt..... 161 XXVII. Capitel. Die Wallfahrerin und der Narr.. 169 XXVIII. Capitel. Das man überſchreiben könnte:„Es giebt einen Katzenjammer ohne vorhergegangenen Nauſch.. 192 Der alte Cardinal. XIX. Capitel. Der Krönungstag. So hatten ſie es doch erreicht das mühevolle Ziel des lange, lange währenden Reichstages; der Krönungs⸗ morgen brach an, ein ſchöner, blauer, heißer Sommer⸗ morgen, ein Julitag, deſſen erſte Stunden ſchon in Schweiß verſetzten. Der Cardinal hatte nachgegeben, vielleicht nachgeben müſſen, aber er ſchien darüber getröſtet; ſeit der Wahl Ferdinands(23. Mai 1618)— die Krönung folgte erſt fünf Wochen darnach— hatten die Böhmen ein Ungewitter gebraut, welches für die Presburger Erfolge ein vollkommenes Gegengewicht bildete und die Wahl zum römiſch⸗deutſchen König mindeſtens in unſichtbare Ferne hinauszuſchieben drohte. Haas: Der alte Cardinal. III. 1 Der Cabinetsdirector hätte vielleicht die Kriſe vermei⸗ den können; ſeine Gegner glaubten es wenigſtens, aber ſie kam ſo rechtzeitig, für alle Anderen außer Khleſl ſo überraſchend, ja wahrhaft betäubend, daß ſich der gute Cardinal, wenn er ſich allein glaubte, die Hände rieb und ſagte:„Es bedarf nur eines Sturmes, um den wackern Steuermann ſchätzen zu lernen; ich ſehe es Euren blaſſen, erſchrockenen Geſichtern an, daß Ihr Euch nicht zu helfen wißt; ſo mußte es kommen, um Euch die Einſicht beizubringen, wie nützlich der alte Khleſl dem Haus Oeſterreich war und noch werden kann. Vielleicht verfallt Ihr darauf, meine durchlauch⸗ tigſten Herren, daß die Kronen noch etwas Anderes als ſchimmerndes Spielzeug ſeien; die böhmiſche Krone wenig⸗ ſtens, hat es den Anſchein, ſei ſchwerer zu tragen als aufzuheben.“ So viel ſtand feſt, daß der Cardinal deſto luſti⸗ ger wurde, je tiefer ſich die Stirnen der Erzherzoge furchten. Als ihm König Ferdinand ſeine Befürchtungen mit ſorgenvoller Miene mittheilte, hatte er geſagt:„Fort mit dieſen Runzeln, durchlauchtigſter Herr, ſie verun⸗ ſtalten Eure weiße reine Stirne, die Sache iſt ſo viel Kummers nicht werth,“ und als der König auf dem gefahrdrohenden Charakter des Aufruhrs beſtand:„Pah, laßt Euch durch ein Paar eingeſchlagene Fenſterſcheiben nicht ſchrecken; wie ich höre, iſt keiner dieſer Auswürflinge 3 — man bemerke, der Cardinal machte ein Wortſpiel, was ganz gegen ſeine Gewohnheit war— zu ſchaden gekommen.“ Kurz, es ſchien, daß mit dem Cabinetsdirector über die böhmiſchen Angelegenheiten kein ernſtes Wort zu reden ſei, die Erzherzoge unterließen daher auch jeden Verſuch. Daß aber die Erzherzoge Unrecht hatten, bewies der Briefwechſel des Miniſters mit dem Kaiſer, der nie lebhafter unterhalten war, als in den Tagen, welche auf den Prager Fenſterſturz folgten. Khleſl ſchrieb des Tages oft ſieben bis acht eigen⸗ händige Briefe an den Kaiſer, und jeder lautete ſo ernſt, als es der Ernſt der Sache forderte. Der erſte Brief Khleſls war tröſtender Art; er meinte darin, der Kaiſer möge ſich die Unruhen nicht allzu ſehr zu Herzen nehmen, die Vorkehrungen der Stände ſeien, wie er von guter Hand her habe, nicht gegen den wirklichen Landesherrn vermeint, ſondern gegen andre Einflüſſe, von denen beſſer ſei gar nicht zu reden. Er könne dem Kaiſer nur ſo viel ſagen, daß man mit den Rebellen fein glimpflich umgehen müſſe, da man über kurz oder lang ihre Hülfe brauchen könne. Der gewöhn⸗ liche Nachſatz:„Mit meinem Brief in's Feuer!“ war nicht vergeſſen. Beunruhigt hatte den Cardinal die Entfernung 1* 4 des von ihm gewählten Officiers, doch wurde auch dieſe Beſorgniß zerſtreut, als Khleſl erfuhr, daß Tſchapin zugleich mit dem Hauptmann die Stadt verlaſſen habe. Es darf uns daher nicht Wunder nehmen, wenn die Stirne des alten Herrn am Krönungstag freundlicher ſtrahlte, als lange zuvor. Er bildete in dieſer würdevollen Sorgloſig⸗ keit den grellſten Gegenſatz zur Leichenbittermiene, mit welcher König Ferdinand zur Krönung ſchritt. Der Hoch⸗ und Deutſchmeiſter ließ ſeine Unruhe allerdings weniger merken, ſchien aber mürriſcher als je. Der Zug zur prächtig ausgeſchmückten Domkirche bot ein ſehenswerthes Schauſpiel; es war ein großar⸗ tiger königlicher Krönungszug, ein Zug, wie ihn die üppigſte Phantaſie wohl bisweilen in ein Feenmärchen hineinzaubert; Alles ſchimmerte von Gold und Juwelen, die wieder nur durch den Glanz der ſchönen Augen jener ungariſchen Damen von märchenhafter, fremdartiger Schönheit überſtrahlt wurden. „Wer hat je die Bildſamkeit der ungariſchen Kleider⸗ tracht in Abrede geſtellt? Dieſe Tracht, ſie iſt ein Reſt von gutem Geſchmack, der einer ganzen Nation eigen⸗ thümlich war.. Voraus zogen zahlreiche Comitate, lauter ſchöne kräftige, junge Männer, welche auf feurigen Pferden dah er ſprengten, der mit dem Reiher gezierte Kalpack erglänzte in Gold und Silber, dann folgten die Landes⸗ 5 fahnen zehn an der Zahl, die erſte aus ihnen die heilige Fahne St. Stephans mit dem ungariſchen Kreuz, dann die Fahnen der ungariſchen Nebenländer, Dalmatiens, Croatiens, Slavoniens und Serbiens wegen, die galizi⸗ ſche, lodomeriſche, cumaniſche und bulgariſche Fahne und endlich die Standarte des Reiches mit dem doppel⸗ köpfigen Adler. Wie unter einem Fahnenzelt ſchritten die Großwür⸗ denträger des Landes einher, die Krone des heiligen Stephans trug Graf Forgacs, Ungarns Palatin, der⸗ ſelbe Magnat, den eine viertelſtündige Unterredung ſo gut ferdinandiſch gemacht hatte; dem Träger der Krone ſchrit⸗ ten die Kronhüter Peter Revey und Stephan Palffy zur Seite. Hinter ihnen ging Graf Erdödy mit dem bloßen Schwert des heiligen Königs. Hierauf folgte von deut⸗ ſchen und ungariſchen Würdenträgern wie ein von Neben⸗ monden umkreiſter Fixſtern König Ferdinand. Die kleine gedrungene Geſtalt des Prinzen nahm ſich unter den kräftigen Magnaten etwas unſcheinbar aus. Er⸗ trug ungariſche Tracht— aber ſie ſchien nicht für ihn, er nicht für ſie gemacht zu ſein, beide paßten nicht für einander. Die eng anſchließenden Beinkleider ſchien das Gehen zu be⸗ hindern, der Kalpack ſaß zu wenig in der Stirne und der Mantel ſchien jeden Augenblick von den breiten, viel zu breiten Schultern herab zu ſinken. Dennoch war König 6 Ferdinand der leuchtende Punkt, der glanzvollſte Gegen⸗ ſtand von Allen. Er war gleich einem ſeiner geliebten heiligen Leiber in Gold und Edelgeſtein eingefaßt; es fehlte nur, daß man auch das runde Geſicht des Fürſten mit Goldſtaub einge⸗ pudert hätte, ſo wäre Alles an ihm Metall oder Stein geweſen. Hinter der einen goldſtrotzenden Schachfigur— etwa einem König ähnlichen Prinzen— ſchritt Cardinal Khleſl mit allen Zeichen ſeiner geiſtlichen Würde geſchmückt; er blickte ſtolz, aber nicht unfreundlich umher; faſt neben ihm, aber doch einen halben Schritt zurück ging der Cardinal Erzbiſchof von Gran. Mit ihm in gleicher Linie, aber wie⸗ der einen halben Schritt voraus der Erzherzog Max in der Tracht eines Großmeiſters des deutſchen Ritterordens. Die männliche kräftige Geſtalt des Prinzen gewann durch die einfache aber geſchmackvolle Ordenstracht unge⸗ mein; er war unter allen Oeſterreichern des Laienſtandes, die zur Krönung gefolgt waren, der Einzige, dem per⸗ ſönlicher Adel der äußern Erſcheinung zu Statten kam, aber auch der Einzige, für den die Ungarn wirkliche Ach⸗ tung fühlten. Hinter den Cardinalen folgten die Bi⸗ ſchöfe mit ihren Capiteln, die Pfarrgeiſtlichkeit, der Re⸗ gularklerus mit ſeinen Aebten, lauter Prälaten, denen der Schnurbart und die martialiſche Haltung etwas mittel⸗ alterlich Kriegeriſches verliehen; wieder kamen berittene 7 Comitate, daun die ſtädtiſchen Obrigkeiten, der Bürger⸗ meiſter an der Spitze, hierauf die ſtändiſche Miliz, die Knechte des Palatins, kaiſerliche Trabanten, Musketiere, Mollartiſche Landsknechte und viel, ſehr viel Volk. Die Fenſter rings um die Straßen, durch welche der Zug ſchritt, waren mit Teppichen und koſtbaren Kiſſen belegt; auf dieſe Kiſſen ſtützten ſich die weißen, vollen Arme reichgeſchmückter ſchöner Frauen, welche ihre Tü⸗ cher ſchwenkten. König Ferdinand blickte nicht ein ein⸗ ziges Mal zu den Fenſtern empor, Trommel wirbelten, Trompeten ſchmetterten, aber Ferdinand ſchritt unerregt, unwandelbar die Augen zu Boden geſchlagen, vorwärts. Laſſen wir das übliche bei jeder Krönung wieder⸗ kehrende Einerlei von Ceremonien und führen wir unſere Leſer lieber in den weiten reich ausgeſchmückten Saal des königlichen Reſidenzſchloſſes zurück. Am oberen Ende der Tafel war etwas erhöht ein Thronſitz für den neugekrönten König errichtet. Ferdi⸗ nand ſetzte ſich im vollen Krönungsornat zu Tiſch. Es war das Krönungsmahl, welches bei offenen Thüren ge⸗ halten wurde. Rechts neben Ferdinand ſaß der Hoch⸗ und Deutſchmeiſter, links Cardinal Khleſl, Graf Niklas Forgacs reichte das Handwaſſer, Rakoczy das Tuch zum Abtrocknen. Ich will alle die ſtrahlenden Namen der ungari⸗ ſchen Geſchichte nicht anführen, deren Träger an dieſer unter der Laſt ſilber⸗ und goldener Geſchirre ſeufzender Tafel Platz nahmen.. Von unſern alten Bekannten gewahrte man den Cardinal Paczman, die geheimen Räthe Johann Mol⸗ lart und Vicekanzler von ÜUlm, den Kämmerer und deut⸗ ſchen Herrn Baron Stadion, die Herren von Wolken⸗ ſtein und Liechtenſtein, den Grafen von Eggenberg und den Oberſt Grafen Dampierre. König Ferdinand verhielt ſich vollkommen ſ chweigſam; die Würdenträger flüſterten unter einander, man flüſterte lateiniſch und deutſch durch einander. Graf Batthyani richtete eine leiſe Frage in lateiniſcher Sprache an den Frei⸗ herrn von Wolkenſtein, welche dieſer mit einem mühevoll herausgebrachten:„Non intelligo“ beantwortete. Während ſich die hohen und höchſten Herrſchaften an der königlichen Tafel lateiniſch und deutſch langweilten, umtanzte das ſeelenvergnügte Volk echt ungariſch den gebratenen Krö⸗ nungsochſen, der ihm dann preisgegeben wurde. Aus künſtlichen Brunnen ſprang an mehreren öffentlichen Plätzen rother und weißer Wein; wie viele Wangen färbte er hö⸗ her, wie viele Pulſe ließ er raſcher ſchlagen, wie viele halbvergeſſene alte Lieder lockte er auf die Lippen?! Was für ein Segen war bei dieſem Wein? Es iſt etwas Eigenes um die Volksluſtbarkeit; ſie iſt die allein wahrhaft poetiſche, ſchmetterlingsähnlich von Genuß zu Genuß hüpfende, ſich ſelbſt bewußte Freu⸗ 9 digkeit. Die Luſtigkeit wagt ſich im Volk an das Tages⸗ licht, während ſie die Vornehmen unter Schloß und Rie⸗ gel halten und erſchrecken, wenn ſie ſich nur unterfängt, ſich durch's Schlüſſelloch zu zeigen. Was würde der ſteife, ernſte, gravitätiſche, neuge⸗ backene König dazu ſagen, wenn ſeine Hof⸗Cavaliere iin ein munteres Tiſchlied ausbrächen oder bei den Klän⸗ gen der Zigeuner⸗Muſik, die vom Corridor hereinſchallt, plötzlich aufſprängen und die Melodie mit rhythmiſcher Fußbewegung begleiteten? Mag man uns die Regungen der Gemeinheit ver⸗ geben, wir ſäßen aber lieber da unten bei dem ange⸗ bohrten Faß, wo es ſo hochherrlich zugeht, als daß wir oben an der Königstafel in Abſicht auf die Tiſchfreuden Ferdinands mit Wolkenſtein ausrufen müßten:„Non intelligo.“ Die Krönung war ein Nationalfeſt; ein Feſt, zu dem das Volk geladen war; ein Feſt, bei welchem die Nation eine Rolle ſpielte, mindeſtens eine eben ſo große als der Krönungscandidat ſelbſt. Dies fühlte das Publicum und darum war es, wohl wiſſend, daß es dann auf viele, viele Jahre wieder in Scat gelegt würde bis zu einer neuen Krönung, ſo ſeelenvergnügt. Das Feſt ermangelte nicht des kriegeriſchen Pom⸗ pes, warum auch nicht? Die Ungarn ſind eine kriege⸗ riſche Nation, aber dieſer Pomp war doch nur Ehren⸗ 10 ſache. Die Wachen mußten an dieſem Feſt⸗ und Feier⸗ tag das Volk reſpectiren— und ſo hatte denn das Publicum ſeine aufrichtige Freude an den glänzenden Hellebarden der hundert königlichen Leibtrabanten, welche im Schloß ſelbſt die Wache bildeten, während außer⸗ halb des Schloſſes ſechs Fähnlein ſtändiſcher Soldaten, hundert kaiſerliche Musketiere und hundert Landsknechte Mollarts in Parade aufgeſtellt waren. Das Volk drängte ſich nahe an die kriegeriſchen Reihen hinan, wechſelte wohl mit dem einen oder anderen der Fußknechte Mollarts ein Paar Worte; irgend ein junger hochgewachſener Burſche, der ſelbſt nicht übel Luſt zum Soldatenſtand hatte, bot allenfalls irgend einem bärtigen Landsknecht, der ihm beſonders zu Ge⸗ ſichte ſtand, ſeinen vollen Humpen; ein Schwarm Gaſſen⸗ jungen und kleiner Kinder drängte ſich um die Trompeter und Horniſten, irgend ein Knabe berührte vorwitzig wohl gar die Paukenſchlägel und wurde durch eine plötzliche Wendung des Virtuoſen auf dieſem Inſtrument bis auf's Mark hinein erſchreckt. Mit einem Wort, das Volk war heiter und ein heiteres Volk iſt auch immer ein gutmüthiges Volk. Ihr wundert Euch vielleicht im Angeſicht der Parteien⸗ ſpaltung, von welcher wir oben redeten, oder in Erinne⸗ rung der vielen bürgerlichen Kriege, die Ungarn noch hun⸗ dert Jahre lang nach dieſer Krönung zerfleiſchten, über 11 die freundliche Stimmung des Volkes?— Hättet Ihr Euch über das gemüthliche Weſen der Magnaten verwun⸗ dert, wenn es je da geweſen wäre, Ihr möchtet recht haben, denn die Echtheit dieſer Gefühle hätte bezwei⸗ felt werden können; das Volk war aber aufrichtig zu⸗ frieden und heiter.— Hatte ſich die langen hundert Jahre nach Ferdi⸗ nands Krönung das Volk empört und erhoben? gingen die Klagen wegen Bedrückung vom Volk aus? Hatte das Volk die Caſtaldos und Heiſter in's Land gezogen? Was war das Volk, jenes Volk, das den Krönungsochſen umtanzte, Lieder ſang, Vivat ſchrie und ſich an den hellglänzenden Waffen der deutſchen Truppen erfreute? das Volk war nichts als die traurigen, ſtiefmütterlich behan⸗ delten Heloten Ungarns, die fleißigen und doch ſo miß⸗ achteten Bienen, deren Honig die Magnaten verſchwelg⸗ ten, nichts, als die elende misera contribuens plebs. Es war ſpät geworden und die Tafel nahte ihrem Ende. Vor dem Schluß erhob ſich der neue König und trank auf das Wohl der Nation— natürlich wurden damals darunter nur die Magnaten verſtanden. Dieſen Moment verkündeten Trompeten⸗Fanfaren, Paukenge⸗ ſchmetter und Salutſchüſſe. Alles erhob ſich von der Tafel, König Ferdinand und der Erzherzog eilten nach dem Fenſter; man hörte 12 die am Fuß des Schloſſes aufgeſtellten Truppen die Gewehre laden; das Volk jauchzte und es war ein wenn auch vielleicht läſtiges Herkommen, daß ſich der neugekrönte König dem Volk zeigen mußte. Der König ſchritt alſo, wie geſagt, mit dem Erzherzog an eines der hohen breiten Saalfenſter, während Cardinal Khleſl an ein zweites, etwas entfernteres trat, um auch ſeinen An⸗ theil an dem Zujauchzen des Volkes zu erhaſchen. Als ſich der König zeigte, donnerte das ſchwere Ge⸗ ſchütz von den Wällen, das Kleingewehrfeuer knatterte, die Trompeten klangen und das Volk übertäubte Alles mit dem ſtets wiederkehrenden: Vivat Ferdinandus! Dieſes Feuern, Rufen und Blaſen wiederholte ſich dreimal. Jedes Gewehr und jede Trompete und jeder Mund hatten ihre Schuldigkeit gethan— ſo mußte man glauben— aber weshalb hat dieſer Hakenſchütze unmittelbar unter dem Fenſter Sr. Eminenz ſein Gewehr nicht ebenfalls abgebrannt?— er hat es nicht gethan, das könnt Ihr an dem noch unberührten Luntenſchloß ſehen— dennoch rückt er ſeinen Haken, welcher zum Auflegen des ſchweren Schießgewehres dient, geſchäftig, man könnte faſt ſagen, ängſtlich hin und her. Es hat allen Anſchein, als ob er das Rohr der Büchſe nach einem beſtimmten Ziel richtete. Was fällt Euch ein, wer wird bei Freudenſchüſſen, zu welchem Zweck man ohnedies nur blind geladene Gewehre abſchießt, irgend 13 nach etwas zielen? und dennoch, ich verſichere es Euch, zielte der Schütz. Dieſe Mühewaltung war es, die ihn abhielt, die erſten zwei Salven mit zu ſchießen, um ſo ſchußfertiger ſtand er bei der dritten da. Der Cardinal ließ ſein Auge heiter über die Volks⸗ menge gleiten; es faßte manche Gruppe, manchen Ein⸗ zelnen beſonders auf, plötzlich aber, ganz zufällig, fiel der Blick auf den ſaumſeligen Schützen; er mußte dem Cardinal beſonders auffällig ſein, denn ſein Blick haftete feſt auf den harten Zügen des ausländiſchen Geſichtes; plötzlich beugte ſich der Kirchenfürſt ein klein wenig, un⸗ gefähr um die Breite eines Fingers, vermuthlich um die Schramme beſſer zu ſehen, die unter dem linken Auge des Schützen hinlief; in dem nämlichen Augen⸗ blick blitzte es, ein Knattern, eine Rauchwolke, und die dritte und letzte Salve war vorüber. Der Hakenſchütz, er hatte gezielt, es ſurrte hart an die Stirne des Cardinals heran, aber die plötzliche Neigung des Kopfes hatte das wohlgenommene Ziel ver⸗ rückt, die Kugel— ſie grub ſich einen Fingerbreit über der Stirne Khleſl's tief in die Mauer, der Cardinal war unverletzt; er trat ohne irgend ein Anzeichen von Schreck oder Unruhe zurück, er würde vielleicht nicht einmal die Prinzen in ihrer majeſtätiſchen Rundſchau geſtört haben, wenn nicht Rakoczy, derſelbe, welcher dem König das Handtuch gereicht hatte, und der während des Schuſſes 14 hinter Khleſl geſtanden war, zum Fenſter hinausgerufen hätte:„Faßt den Kerl ab!“— dabei deutete er auf den Schützen, welcher ſich unmittelbar nach der mißlun⸗ genen That mit Inſtichlaſſung von Haken und Gewehr auf die Flucht gemacht hatte. Das Geſchrei Rakoczy’s hatte dem Flüchtling wohl etliche Gaſſenjungen auf den Rücken gehetzt, aber einer ſolchen Meute war Don Tſcha⸗ pin weit überlegen; er lief bis hinaus an die äußerſte Spitze des Dammes und ſprang angekleidet, wie er war, in den Fluß... Der Ruf Rakoczy's weckte die Erzherzoge aus ihrer contemplativen Ruhe. Die Worte:„Ein Meuchelmörder, ein Meuchelmörder!“ brachten ſogar einen leiſen ängſt⸗ lichen Schimmer innerer Befriedigung auf den Lippen des Deutſchmeiſters zum Vorſchein; wir ſagen, einen ungewiſſen, leiſen Schimmer, der aber augenblicklich ver⸗ ſchwand und einem Zug ſchwerer Sorge Platz machte, als er, ſich umwendend, den Cardinal friſch und geſund vor ſich ſtehen ſah. War dieſer Zug eines ſchweren Kum⸗ mers nicht das ſichtliche Zeichen der geiſtigen Empörung des Erzherzogs über eine ſo furchtbare an einem ſo feſt⸗ lichen Tage begangene Frevelthat— ſo legten wenig⸗ ſtens die Anweſenden den gramvollen Zug im Geſicht des Prinzen aus. Wirklich trauerte der Deutſchmeiſter über das Mißlingen ſeines Anſchlages, und war gleich⸗ zeitig wegen der Folgen ernſtlich beſorgt. 15 Ferdinand, welcher ohne große Scharfſicht nach der letzten Unterredung bei St. Stephan nicht einen Augen⸗ blick zweifeln konnte, wo er den Urheber dieſes effect⸗ vollen Zwiſchenactes des Krönungsſchauſpieles ſuchen ſollte, kam ſeinem etwas verſtörten Gönner zu Hülfe. Mit großer Feſtigkeit erklärte er, indem er den Cardinal voll anblickte, daß er nicht eher ſein Haupt zur Ruhe legen wolle, bis der Thäter entdeckt, eingebracht und den Ge⸗ richten übergeben ſei.„Hat Euer Liebden vielleicht heim⸗ liche Feinde?“ hub König Ferdinand mit honigſüßer Stimme gegen Khleſl an.„Ich weiß es, große Männer ſind ſelten ohne Feinde.“ Als Khleſl beifällig nickte, fuhr der König fort:„Ver⸗ muthlich elende Neider, kann mir's denken, aber zählt auf mich, zählt feſt, ich werde die Schurken zu entlarven wiſſen!“ Khleſl wußte nicht, was er denken ſollte; er hatte den Erzherzog Mar ſehr in Verdacht, der Anſtifter des mör⸗ deriſchen Anſchlages geweſen zu ſein; er argwöhnte die Mitſchuld Ferdinands, und doch verfehlte die ruhige Sprache des Königs nicht ihre Wirkung. Hätte Ferdinand geſagt:„Es iſt nichts, der Mann hat gar nicht nach Euch gezielt,“ ſo würde dieſe Rede den Cardinal in ſeiner urſprünglichen Meinung beſtärkt haben; die Frage dagegen, ob er heimliche Feinde habe, die Zu⸗ ſicherung der ſtrengſten Verfolgung ſchwächte den Argwohn 16 mindeſtens rückſichtlich der Theilnahme Ferdinands. Zuletzt äußerte Khleſl, daß er den Thäter zu kennen glaube. Dieſe Aeußerung, weit entfernt die Erzherzoge zu erſchrecken, wurde mit großer Befriedigung aufgenommen. „Goit lob!“ ſagte Ferdinand mit zum Himmel auf⸗ geſchlagenen Augen,„wir werden alſo das Ungeheuer zur Rechenſchaft ziehen können, das unſern Feſttag durch eine ſo finſtere That ſchändete. Wie ſah er aus? wißt Ihr ſeinen Namen? Iſt er ein Ungar oder ein Deutſcher?“ Dieſe Fragen wurden mit ſo großem Eifer und ſo vieler Raſchheit geſtellt, daß Khlefl kaum Zeit fand, ſie in gehöriger Aufeinanderfolge zu beantworten. Als er den Namen Tſchapin genannt hatte, ſchüttelte König Ferdinand unbefriedigt den Kopf, wandte ſich nach dem Erzherzog um und ſprach:„Der Name iſt mir völlig unbekannt, ſollten vielleicht Euer Liebden im Stande ſein, über die fragliche Perſon Aufſchluß geben zu können?“ Khleſl erwartete nun, daß der Erzherzog jede Kennt⸗ niß dieſes Mannes ableugnen würde, da er doch die eigen⸗ händige Ordre des Prinzen in Beziehung der Mitreiſe Tſchapin's geleſen hatte. Der Deutſchmeiſter beſtätigte übrigens die Vermu⸗ thung des Cardinals nicht im geringſten, ſondern erwie⸗ derte vielmehr:„Euer Liebden irrt, der von Sr. Eminenz bezeichnete Burſche befand ſich ſchon während unſerer gro⸗ ßen italieniſchen Reiſe in meinem Gefolge und hatte zu 17 verſchiedenen Malen die Ehre Euer Liebden aufzuwarten; er iſt ein fähiger und verſchmitzter Burſche, brauchbar, höchſt brauchbar, aber ein Erzgauner. Erinnert Ihr Euch noch der Fabel, die er uns weiß machte, beraubt worden zu ſein, während ſich der Schlingel, wie ich ſpäter erfuhr, durch ſeine eignen, gottloſen Streiche um alle Früchte ſeiner Be⸗ mühungen gebracht hatte?“ „Ja jetzt entſinne ich mich,“ gab Ferdinand zur Ant⸗ wort;„es war ein hagerer Mann von unangenehmem Ge⸗ ſicht und grünlich⸗gelber Hautfarbe; ſah der Mann, den Ihr meint— dieſe Frage war an den Cardinal ge⸗ richtet— der von mir geſchilderten Perſon ähnlich?“ „Vollkommen! Ich bin überzeugt, daß es derſelbe iſt.“ „Das ſchickt ſich vortrefflich, und wir haben während fünf Minuten mehr ausgerichtet, als die fleißigſten Ge⸗ richtsperſonen in Jahr und Tag. Der Mann muß noch heute verhaftet werden. Man laſſe die Thore ſchließen. Die Thore wurden geſchloſſen, die Wachen ver⸗ doppelt, alle erdenklichen Nachſuchungen angeſtellt, aber während der Nacht, ungefähr zwei Stunden nach Son⸗ nenuntergang, fuhr ein bequemer, wohlverſchloſſener Reiſewagen durch eben jene Thore und Wachen hin⸗ durch. In dem Fond der Kutſche machte ſich ein ha⸗ gerer Mann mit unangenehmen Zügen und grüngelber Hautfarbe breit. In dem umgeſchnallten Reifegurt be⸗ fanden ſich hundert friſch aus der Präge gekommene Haas: Der alte Cardinal. II. 2 18 Thaler; der Mann ſchien etwas ermüdet und ſchläfrig, und gähnte deshalb unaufhörlich. Wer war der Mann? O die Erzherzoge hatten Wort gehalten; es war ein Staatsgefangener, der, um weniger Aufſehen zu erregen, des Nachts, und ſeltſam, ſehr ſeltſam, ohne militäriſche Bedeclung— nicht auf irgend eine ungariſche Feſtung— ſondern nach Wien geführt wurde, um dort ſeine Strafe— achttägigen Hausarreſt— abzubüßen. Ja, Don Tſchapin hatte Hausarreſt erhalten, um ihn gegen jeden widrigen Zu⸗ fall, wie etwa eine Begegnung mit Khleſl oder einem andern ſeiner Anhänger zu ſchützen. Wie mild und ge⸗ recht zu gleicher Zeit! Khleſl erfuhr am folgenden Morgen, daß der Ver⸗ brecher den Gerichten übergeben, und, um dem Cardi⸗ nal jenes unangenehme Bewußtſein zu erſparen, an ein und demſelben Orte mit dem Unglücklichen zu ver⸗ weilen, fortgebracht worden ſei. Der Miniſter ſagte darauf:„Dieſer Vorfall macht mich nicht luſtiger, aber er macht mich noch mehr zum Tode bereit.“ Von da an ſchwieg der Cardinal über das Ereigniß gänzlich. Er wußte den Zartſinn der Erzherzoge, welche ſich zu keiner Zeit liebevoller und theilnehmender gegen ihn be⸗ tragen hatten, zu ſchätzen. Erzherzog Max ſchickte noch am frühen Morgen des darauf folgenden Tages und ließ ſich nach dem Befinden des Cardinals erkundigen. 19 König Ferdinand ſandte dem Cabinetsdirector ſein in Gold geprägtes Bruſtbild zur Erinnerung an das Krö⸗ nungsfeſt; Khleſl, der ſcharfſichtige, aber freilich auch eitle Khleſl zweifelte nicht mehr, daß die That der Ruch⸗ loſigkeit oder dem Wahnſinn eines Einzelnen zugemeſſen werden müſſe.„Um ſo beſſer,“ dachte er,„die freund⸗ liche Geſinnung der Erzherzoge wird mir die Ausfüh⸗ rung meiner Pläne erleichtern; der Himmel erklärt ſich ganz ſichtbar für mich. Ich bin nicht gerettet worden, um meinen Weg zu verlaſſen, ſondern um mein Ziel zu erreichen. Ihr wißt gar nicht, Ihr hochverrätheriſcher lieber, lieber Graf Thurn, daß Ihr ein Rädchen an meinem Wagen ſeid, und Ihr guten Herren v. Martinitz und Sla⸗ wata, daß Euer Sturz aus dem Fenſter ein unbezwei⸗ bares Präſervativ meines eigenen Sturzes ſei.— Ja, wer die Anderen zu nützen weiß, ohne daß ſie davon die geringſte Ahnung haben, der iſt der wahre König der Welt.“ Khleſl hatte ſeit Jahren keinen ſo guten Tag ge⸗ habt, als da er ſich nicht luſtiger fühlte, aber mehr zum Tode bereit. 2* XX. Capitel. Welches von dem erfinderiſchen Genie der Jiebe handelt. Wolfgang Rolandin ſaß oft ſtundenlang vertieft in Gedanken und war nahe daran, die Zielſcheibe des militairiſchen Witzes ſeiner Cameraden zu werden. Er mußte über ſich ſelbſt unwillig werden, daß ein Frauen⸗ zimmer, das er gar nicht kannte, ſeine Phantaſie ſo ausſchließend beſchäftigte; endlich beſchloß er, ſich ſelbſt zu heilen. Er ſagte ſich:„Das Schlimmſte, das mir begegnen kann, wird zugleich das Beſte ſein; ich werde mich getäuſcht fühlen, die Novize wird jenem Bild, das meine Phantaſie von ihr entwirft, in Nichts gleichen. Suchen wir die Feindin unſerer Ruhe im eigenen La⸗ ger auf.“ Die Gelegenheit war vortrefflich, der Cardinal ab⸗ weſend, und Francisca daher minder ſtreng bewacht. 21 Rolandin wußte ſich überdies durch ſeinen gleichfalls abweſenden Freund ein Geleitſchreiben zu verſchaffen, das ihm freien Zutritt zur Kammer ihrer Majeſtät der Kaiſerin gewährte. Es war um die Mitte Juni, als ſich der Lieute⸗ nant gleich nach der in der Burgcapelle geleſenen ſtillen Meſſe, mit einem Brief der Frau von Khuen verſehen, in die kaiſerliche Kammer begab, und Fräulein Francisca Rappach zu ſprechen verlangte. Er wurde mit dem Beſcheid, daß die Comteſſe krank darniederliege, abge⸗ wieſen. Rolandin war aber keineswegs der Mann, ſich ſo leicht abweiſen zu laſſen; er beharrte bei ſeinem Entſchluß, die Dame, auch wenn ſie krank ſei, ſprechen zu müſſen; vergebens bemerkte man ihm, daß es höchſt ungewöhnlich ſei, bei einem Fräulein, das zur näheren Umgebung der Kaiſerin gehörte, einen fremden Mann eintreten zu ſehen. Die Kammerzofe der Kaiſerin ſtellte ſich ihrer ganzen Breite nach vor die Thür des angeb⸗ lichen Krankengemaches und bildete in dieſer Stellung für den Reiterofficier eine unüberwindliche Schranke. Er verſuchte umſonſt den Namen der kaiſerlichen Palaſtdamen und der Frau von Khuen als Talisman anzuwenden; Frau Maxentia Gernoth wich keinen Schritt aus ihrer günſtigen Stellung; er nahm endlich ſeine Zuflucht zu Unterhandlungen und verſprach, ſich mit 22 einer Unterredung in Gegenwart der guten Dame zu begnügen. Dieſes letztere Anerbieten brachte die eben ſo ſtrengen als tugendhaften Entſchlüſſe der Frau Gernoth in's Schwanken; Neugierde und Pflichtgefühl, Luſt am Scandal und Furcht vor dem abweſenden Cabinets⸗ director lieferten ſich in der Bruſt der guten Dame fürchterliche Kämpfe. Wann hätte aber Neugierde und Klatſchſucht nicht über alle anderen weiblichen Leiden⸗ ſchaften den Sieg davongetragen? Madame Gernoth, die Frauenaufſeherin, fühlte ihr Herz erweicht; ſie legte ihren krummen Zeigefinger an die krumme Habichtsnaſe, ſchob die Haube aus der run⸗ zeligen Stirne, und ſagte mit einer Stimme, die auf⸗ fallend durch Feinheit und Höhe des Tones von den männ⸗ lich⸗harten Geſichtszügen und dem knochigen musculöſen Körperbau der Alten abſtach; ſie wolle in Gottes Namen ein Auge zudrücken und eine kleine, kurze Unterredung, natürlich in ihrer Gegenwart, verſtatten, doch möge man ſich beeilen und ihre Großmuth nicht mißbrauchen. Mit dieſen Worten verließ Frau Gernoth ihre feſte, undurchbrechbare Stellung und geleitete den Reiteroffi⸗ cier in das Zimmer der Novize. Francisca hatte die Nonnentracht beibehalten und ſaß in der That halb aufrecht im Bett, Heftige Krämpfe ſchüttelten ihren Körper. 23 Sie war erſtaunt, einen ihr völlig fremden Offi⸗ cier trotz der ihr aus Erfahrung bekannten Wachſamkeit der Frau Gernoth vor ſich zu ſehen. Ihre erſte Be⸗ wegung war zu klingeln; aber die alte Dame ſtürzte, noch ehe ſie ihr Vorhaben ausführen konnte, mit dem Ausruf herbei:„Da bin ich ſchon, mein liebſtes Fräu⸗ lein! ich werde keinen Fuß breit weichen, ſo lange der junge Herr hier verweilt; und jetzt ſprecht, mein Beſter, was habt Ihr dem Fräulein zu ſagen? heraus damit! fünf Minuten ſind ſchon vorüber, es bleiben Euch daher nur noch fünf, und wenn es höchſt nothwendig ſein ſollte, zehn Minuten; das Aeußerſte, wozu ich mich her⸗ beilaſſen kann.“ Der Reitersmann nickte lächelnd, zog einen Papier⸗ ſtreifen hervor und ſchrieb etwa fünf Minuten, dann überreichte er der Novize das Blatt und ſagte:„So, nun bleibt dem Fräulein gerade noch eben ſo viele Zeit, dieſe wenigen Zeilen zu beantworten.“ Frau Gernoth wußte nicht, ob es dem jungen, ſtets lächernden Mann damit Ernſt oder Scherz ſei; die Novize wurde aber bei den erſten Worten, die ſie las, bald roth und bald blaß, und zeigte durchaus keine Luſt, wie die Aufſeherin erwartet hatte, die ſchriftliche Anfrage mündlich zu beantworten. Im Gegentheil nahm ſie einen Stift und beſchrieb eben ſo eifrig die Rück⸗ ſeite desſelben Blattes. Als ſie es zurückzuſtellen Miene 24 machte, ſtreckte Frau Gernoth ihren mageren, knochigen Arm zwiſchen die beiden Correſpondenten und bedeutete ihnen, daß ſie den ſtrengſten Auftrag habe, jede ſchrift⸗ liche Mittheilung ihrer Pflegebefohlenen auf das ſorg⸗ fältigſte zu überwachen. Wolfgang bemächtigte ſich ſo zart als möglich ihres Armes und bemerkte, indem er die pergamentgelbe runze⸗ lige Haut mit Küſſen bedeckte, daß er zwar die Pünkt⸗ lichkeit, welche ſie in Erfüllung ihrer Pflichten an den Tag lege, über alles Lob erhaben finde, ſie indeß, ge⸗ wiß ganz gegen ſeinen Willen, für dieſes Mal in ihrer aufopfernden Thätigkeit hindern müſſe. Während er dies ſagte und den Arm mit ſeiner rechten Hand feſthielt, ergriff er mit der andern das Blättchen, welches die Novize noch immer in zittern⸗ der Hand hielt. Er las unbekümmert um alle Ver⸗ ſuche der Dame Gernoth, ihren Arm aus ſeiner Hand zu ziehen. Da die Antwort des Fräuleins die Mittheilung der ſchriftlichen Erkundigung Rolandin's unnöthig macht, ſo begnügen wir uns, dieſe herzuſetzen; ſie lautete:„Ich bin eine Gefangene, obgleich die Gitterſtäbe meines Kerkers vergoldet ſind; dennoch habe ich dieſe Gefan⸗ genſchaft ſelbſt geſucht, fragt nicht warum; es genüge Euch, daß Ehre und Leben, oder Schande und Tod davon abhängen, daß ich dieſe nicht unverſchuldeten Lei⸗ 25⁵5 den mit chriſtlicher Geduld ertrage; meinen Freunden ſagt, ich ſei krank, oder noch beſſer, ich ſei geſtorben; ſie werden das Gegentheil davon nie erfahren, denn die Welt wird mich nie wieder erblicken; ich hoffe, es ſei das letzte Mal, daß ich ein fremdes Antlitz geſchaut habe. Meiner Freundin Euphroſine ſagt, daß ich ſie glücklich wünſche, glücklicher, als ihre arme Francisca je ſein wird.“ Der Officier ſagte nun laut, ſeine Augen feſt auf die ſchönen Züge des bleichen Nonnenantlitzes gerichtet: „Iſt dies Euer letztes Wort?“ „Mein letztes!“ „Ihr habt keine Sylbe des Troſtes oder der Be⸗ ruhigung beizufügen?“ „Keines!“ „Wäre es möglich?“ „Aber ich bitte Euch, wer ſollte denn über mein Geſchick ſo untröſtlich ſein, daß er Troſtgründe bedürfte?“ Der ehrliche Soldat ſeufzte bei dieſer Frage tief auf und entgegnete, ſichtlich bemüht, den eigenen An⸗ theil zu verleugnen:„Wie, habt Ihr keine Eltern? keine Euch zärtlich liebenden Geſchwiſter?— Francisca ſchüt⸗ telte traurig den Kopf— keine liebe Freundin?— O ſchüttelt nicht abermals— ich weiß, Ihr habt; will Euch nicht der ganze Convent wohl, dem Ihr ange⸗ hört?“ Hier wiederholte die Novize die Bewegung, 26 mit dem Kopfe viel ungeſtümer. Als Rolandin ein⸗ ſah, daß er auf dem eingeſchlagenen Wege nicht zum Ziele komme, fing er von Neuem an, indem er ſich in den Ton eines Bußpredigers hineinredete:„Es iſt von Euch ſehr unchriſtlich, der Welt abſterben und von allen lieben Freunden nichts mehr wiſſen zu wollen, und ich verſichere Euch, daß ich an Stelle Eures Beichtvaters...“ „Oho, erſpart Euch die ganze Predigtl“ fiel hier Frau Gernoth ein, deren Arm noch immer in ſeiner Fauſt, wie in einem Schraubſtock ſteckte,„erſpart Euch die vielen Worte, ſage ich, undankbarer junger Menſch. Und warum ſollte das Fräulein der Welt nicht abſter⸗ ben, wenn es ihm beliebt? Iſt ſie etwa darum Novize, um das Gegentheil davon zu thun, oder ſeid Ihr vielleicht der zärtlich liebende Bruder, der ſie ihres himmliſchen Bräutigams vergeſſen machen will? Nein, mein Freund, man kommt nicht hieher, um einem Fräulein Ihrer Ma⸗ jeſtät Vorleſungen über ihre Pflichten zu halten.“ Die Härte des Tones, in welchem dieſe Zurecht⸗ weiſung gekleidet war, hinderte nicht, daß dem jungen Officier das Blut in die Wangen getrieben wurde; eine Bewegung des Blutes, welches durch das zufällige Be⸗ gegnen der Blicke Rolandin's und Francisca's noch be⸗ ſchleunigt und erhöht wurde. Der Officier blieb der Aufſeherin einen Augenblick die Antwort ſchuldig, aber es war gewiß nur ein kurzer klei⸗ 27 ner Augenblick, denn er ſagte gleich darauf, ehe noch Frau Gernoth wieder genug Luft in ihre Lungen gepumpt hatte:„Und wenn ich nun, ohne gerade der leibliche Bruder zu ſein, wirklich jene von Euch vorausgeſetzte zärtliche Liebe für das Fräulein empfände und mich in der That glücklich ſchätzen würde, die Novize zwar nicht Gottes und ſeines Himmels, wohl aber des himmliſchen Bräutigams vergeſſen zu machen, wenn ich Alles daran ſetzen würde, Eure Pflegbefohlene zum Austauſch des himmliſchen gegen einen irdiſchen Bräutigam zu bewe⸗ gen, was dann?“ Francisca war bei der unverhofften Rede des Lieu⸗ tenants ein über das andre Mal hoch erröthet, Frau Ma⸗ xentia Gernoth dagegen abwechſelnd gelb und grün ge⸗ worden. Die Novize erwiederte, indem die Lichtreflexe eines unerwarteten flüchtigen Glückes einen Augenblick über das blaſſe Antlitz der Nonne hinzugleiten ſchienen, mit Beſtimmtheit, aber großer Milde, welche ſich in einem ſchwachen Beben der Stimme kund gab, daß ſie die Worte des Officiers als einen unüberlegten, doch ent⸗ ſchuldbaren Scherz deute und ihn erſuche, die Unter⸗ redung hier als beendet zu betrachten. Frau Gernoth, welche endlich ihren Arm befreit hatte, wußte davon keinen ſchöneren Gebrauch zu ma⸗ chen, als ihn um das blaſſe Weib zu ſchlingen und 28 Francisca hiedurch ein Zeichen ihres Beifalls zu geben. Es war das erſte, und wir können die Verſicherung hin⸗ zufügen, einzige Mal, daß Wolfgang Frau Gernoth um irgend etwas beneidete.„Sie ſind ein Muſter von Sitt⸗ ſamkeit,“ ſprach die Aufſeherin zu Francisca gewandt. „O wehren Sie gerechtes, wohlverdientes Lob nicht ab, und werden Sie mir vor Allem nicht ſo roth, mein beſtes Fräulein,“ fuhr die Gouvernante fort. Rolandins Bezauberung ging noch nicht ſo weit, daß er Ver⸗ gangenheit und Gegenwart aus Liebe zu dem ſchönen Weib vergeſſen hätte; er fühlte ſich daher mit hundert und tauſend Fäden zu Francisca gezogen, ohne ſie jedoch für jenes Prachtexemplar und Unicum, wie Frau Ger⸗ noth zu halten. Die Novize mochte etwas von dieſen Gedanken in ſeiner Miene leſen, denn ſie erwiederte der alten Dame: „Wer um Himmelswillen verdient denn wirklich als Sittenſpiegel zu gelten, ich gewiß nicht— o ſchweigt, meine beſte Frau Gernoth— ich bin mir bewußt, viele und recht ſträfliche Schwächen an mir zu haben.“ Francisca machte dieſe Selbſtgeſtändniſſe mit ſo viel Demuth und einer ſo lieblichen Schamröthe, daß ſich Wolfgang mehr als je zu der ſchönen Sünderin hingezogen fühlte. Wir haben gute Gründe zu glauben, daß der Officier gar nie daran gedacht haben würde, ſich aus 29 dem Gynecäum der kaiſerlichen Hofburg zu entfernen, wenn nicht Frau Gernoth, von der Novize kräftig un⸗ terſtützt, ſo lebhaft in ihn gedrungen hätte, ſeinen Beſuch abzukürzen. Dem armen Rolandin blieb nichts übrig, als einer ſo beſtimmt ausgeſprochenen Weiſung Folge zu leiſten. Er verabſchiedete ſich alſo und führte trotz der gerun⸗ zelten Stirne Maxentias und des offenbaren Widerſtre⸗ bens der Novize die Hand der Letzteren an ſeine Lippen; er fühlte, wie dieſe kleine, weiße Hand in der ſeini⸗ gen zitterte; dieſes Zittern, es theilte ſich unwillkürlich ſeiner eigenen Hand mit. Er hätte ſeine ganze künftige Erbſchaft und überdies den Meierhof ſeiner Mutter darum gegeben, wenn er nur eine kleine Viertelſtunde mit der Novize hätte allein ſein können. Aber Frau Gernoth wäre um ein Paradies nicht von Francisca's Seite gewichen. Wolfgang bediente ſich der verſchiedenſten Vor⸗ wände ſeine Entfernung zu verzögern, das Umgürten ſei⸗ nes Schwertes hatte noch nie ſo viele Zeit in Anſpruch genommen, als diesmal, den Helm, der doch vor ihm auf dem Stuhl lag, konnte er lange, lange nicht fin⸗ den; ganz zuletzt hielt ihn ein Huſtenanfall auf, der um ſo merkwürdiger war, als Rolandin ſeit jenem Keuch⸗ huſten, den er als kleiner Knabe durchgemacht, bis jetzt von dieſem Uebel völlig verſchont blieb. Endlich gelang 30 es dem jungen Reiter im letzten Augenblick, während eine auf der Straße vorübergehende feſtlich geſchmückte Dame die Aufmerkſamkeit der alten Frau auf ſich zog, der Novize ein armſeliges Wörtlein zuzuflüſtern. Dieſes kleine, arme, kurze Wort mußte indeß bedeu⸗ tend genug geweſen ſein, da die Geſichter Beider wie mit Blut übergoſſen ausſahen. Geſtehen wir zugleich, daß wir irrten; es war nicht ein Wörtchen, ſondern ein blitzſchnell ausgeſproche⸗ ner ganzer Satz, der dieſe Wirkung hervorbrachte. Ro⸗ landin hatte geſagt:„Ich weiß Alles und dennoch könnte ich für Sie ſterben.“ Und Francisca flüſterte zurück: „Wenn Sie Alles wiſſen, dann werden Sie einſehen, daß ich Sie nicht verſtehen darf.“ Hatte Frau Gernoth bemerkt, daß die Beiden heim⸗ lich mit einander flüſterten oder hatte ſie es errathen — ſie drängte den Officier jedesfalls ſo ungeſtüm zur Thüre hinaus, daß ihm jedes weitere Wort unmög⸗ lich wurde. Auf dem Rückweg wiederholte der junge Mann unausgeſetzt die Worte:„Ich werde ſie retten und koſte es mein Lieutenantspatent.“ Er eilte nach dem Haus des Obriſten Khuen und theilte dort ſo viel mit, als er für gerathen hielt, um ſich den Beiſtand der bei dem Cardinal ſo einflußrei⸗ chen Dame zu ſichern. 31 Die Zuſammenkunft mit Francisca hatte übrigens keineswegs die gehoffte Wirkung; ſtatt ſich von der Lei⸗ denſchaft für eine ihm völlig fremde Dame geheilt zu ſehen, fühlte er ſeine Neigung im Gegentheil verdoppelt und verdreifacht. Er konnte ſich das Bild der bleichen, ſchönen Novize nicht aus dem Sinne ſchlagen; ſie ſchwebte im wachen Zuſtande wie im Traume vor ſeinen Augen, und er mußte ſich, ſo ſehr er ſich auch ſträubte, bekennen, daß er bis über die Ohren verliebt war⸗ „Du biſt ein Eſel, Wolfgang Rolandin,“ ſagte er ſich melancholiſch und ſeufzte dabei ſchwer,„und zwar ein doppelter, denn nicht genug, daß Du die Eſelei begehſt, Dich ernſtlich zu verlieben, was junge Leute auf ihr geſetztes Alter verſparen ſollten, ſo iſt Deine Her⸗ zensdame noch außerdem ganz in der Lage, Dich in unangenehme Verhältniſſe mit dem allmächtigen Car⸗ dinal zu verwickeln. Statt wie mancher Andre durch Frauengunſt zu ſteigen, hat es alle Wahrſcheinlichkeit, daß mir dieſe unſt zu einem Aufenthalt in irgend einem finſteren Kerker verhelfen wird. Doch was ſchwatze ich von Frauen⸗ gunſt. Wer ſagt mir denn, daß ich überhaupt be⸗ günſtigt ſei? Iſt es etwa darum, weil ich der blaſſen Novize das Blut in's Geſicht trieb; das würde am Ende auch jedem Bauerntölpel gelingen, wenn er auf ſolche Ge⸗ 3² genſtände, wie Liebe und Neigung anſpielte. Nein, ſo weit ſind wir noch gar nicht, um von Frauengunſt zu reden, und wenn auch, was wäre dabei gewonnen?! Wird dieſe Gunſt, die nicht in den Kram des hoch⸗ weiſen Miniſters zu taugen ſcheint, uns nicht Beide zu⸗ gleich verderben? Indeß giebt es ein Mittel, das Leute oft ſchon aus viel verzweifelteren Lagen geriſſen hat. Eckart behauptet, daß ich mich im Beſitz dieſes Mittels befinde und ich bin durchaus nicht abgeneigt es zu glauben. Ich habe etwas Mutterwitz, verbinde ich damit die noch weit ſchätzbarere Gabe einer gewiſſen Kühnheit,— Keckheit würden es böſe Mäuler heißen, ſo kann es mir nicht fehlen. Darum weg, ihr garſtigen Sorgen, die den jüngſten Burſchen zum Greis machen könnten; fort, ſage ich. Heute gibt Oberſt Althan einen Abſchiedsſchmaus; die guten Gedanken kommen am liebſten bei gutem Wein, wir wollen alſo ſchmauſen. Wolfgang hatte dieſen Entſchluß kaum gefaßt, als er ſein zierlichſtes Wamms vom Nagel herunter holte, den weißeſten Kragen um ſeinen Hals befeſtigte und ſo ruhig, als ob ſein Herz noch jungfräulicher, von Liebe und Leidenſchaft unberührter Boden wäre, das Haus verließ. Ein merkwürdiger Zufall war es ohne Zweifel, daß die junge Novize von dem Tag jener Unterredung 5 33 an, jeden zweiten Morgen ein mit dem Kloſterſiegel der Himmelspförtnerinnen verſehenes Schreiben empfing. Die wackere Frau Gernoth freute ſich mit der Empfängerin über dieſe häufigen Zuſchriften, welche den glänzendſten Beweis von der zarten Sorge und dem treuen Hirtenſinn der ehrwürdigen Mutter Haizenberger lieferten. Die Antworten, welche regelmäßig vor ihrer Ab⸗ ſendung von Frau Gernoth geleſen wurden, da kein klöſterliches Siegel den frommen Inhalt verbürgte, lau⸗ teten anfänglich zurückhaltend, kalt, ſpröde, bis ſie im Verlauf der fleißig unterhaltenen Correſpondenz immer mehr von lodernder Andacht und inbrünſtigen Ausru⸗ fungen überſtrömten. Eines ſchönen Juli⸗Tages hielt der Wagen Sr. Eminenz des Cardinals an der Kloſterpforte. Khleſl ſprang ſeiner Würde völlig vergeſſend mit faſt jugendlicher Raſchheit aus der Kutſche, ſtieg die Stufen ſchnell hinauf und begab ſich, ehe ihn noch die Schweſter Pförtnerin melden konnte ,auf die Zelle der Aebtiſſin. Die gute würdige Frau war durch den Anblick des Kirchenfürſten nicht eben freudig überraſcht, zwang ſich aber in der Einfalt ihres Herzens freudig zu erſcheinen. Haas: Der alte Cardinal. III. 3 34 Sie rückte ihren Schleier zurecht, zog die Bänder an der Kutte ſtraff an und rief ein über das andere Mal:„Man ſende augenblicklich die Schweſter Victo⸗ ria“— ſie wagte in Gegenwart des Cardinals nicht einfach zu ſagen die Khleſl— hieher, daß ſie ihren Oheim bewillkomme.“ Der Cardinal ſchüttelte aber den Kopf und ſagte trocken:„Wenn ich mit meiner Nichte reden will, weiß ich ſie ohne Euch zu ſinden, ich bin übrigens nicht gekom⸗ men, um mich mit Eva⸗Roſine zu unterhalten, ſondern Euch zu fragen, ob Ihr meinen Verhaltungsbefehlen in Betreff der unglückſeligen Schweſter Francisca pünkt⸗ lich nachgekommen ſeid?“ Die gute Vorſteherin, welcher bei den ſteinharten Zügen des Cardinals und dem rauhen Ton, den er an⸗ ſchlug, ſiedend heiß um's Herz geworden war, athmete bei der Frage des ſtrengen Schutzherrn neu auf. War es nur das, da konnte Frau Haizenberger außer Sorge ſein, ſie hatte das tröſtliche Bewußtſein, nicht ein Jota von den Befehlen des Biſchofs abge⸗ wichen zu ſein. Sie erwiederte daher gewaltig erleichtert und nicht ohne ihre Seelenruhe zur Schau zu tragen, daß ſie glaube, der Cardinal könne ſich wohl auf die genaue Vollziehung ſeiner Aufträge verlaſſen. Das höhniſche Lächeln, womit Khleſl die zuver⸗ —,— 3⁵ ſichtsvolle Rede beantwortete, brachte die Vorſteherin einen Augenblick außer Faſſung, ſie fing zu weinen an und ſtotterte, indem ſie ſich mit den fetten Fingern über die Augen fuhr:„Ich glaubte meine Schäflein ſo ge⸗ treulich behütet zu haben.“ „Wer redet von Euren Schäflein?“ fuhr der Car⸗ dinal gereizt auf;„ich ſage, daß wider mein Verbot ein Briefwechſel zwiſchen dem Kloſter und der entlau⸗ fenen Novize ſtattgefunden habe. Könnt Ihr Euch doch, dieſes Proselytenmachen Zeit Eures Lebens nicht abge⸗ wöhnen? Wenn ich Euch nun ſage, daß ich von der Rückkehr Francisca Rappachs gar nichts wiſſen will was dann?“ Frau Victoria Haizenberger hätte als dickes watſch⸗ liges Modell des Erſtaunens dienen können; ihre Au⸗ gen blieben ſtarr auf den Cardinal gerichtet, dem offe⸗ nen Mund fehlten die Worte und die fleiſchige aus dem weiten Aermel hervorragende Hand focht wie toll in der Luft herum. „Wie?“ rief endlich die wieder zu Athem gekommene Vorſteherin:„Wie ſagt Ihr, hier aus dieſem Kloſter, aus der Hiammelspforte ſollten Briefe ausgegangen ſein, Briefe an die Rappach? Aber es iſt ja gar nicht mög⸗ lich, Schweſter Victoria— das heißt, ich ſelbſt leſe ja alle Zuſchriften und Antworten. Nein, Eure Eminenz, ich ſchwöre bei der unbefleckten Gottesmutter....“ 3* 36 „Schwört nicht, unterbrach ſie hier der vor Unge⸗ duld zitternde Biſchof;„ſchwört nicht und ſeht das an.“ Khleſl brachte ein Stück Papier hervor, das nichts als die Ueberſchrift: An Jungfräulein Francisca von Rappach und das Kloſterſiegel enthielt. Frau Haizenberger ſchlug die Hände zuſammen und erklärte Siegel und Ueberſchrift als eines jener Blend⸗ werke, womit im Alterthum die Heiligen der Wüſte vom Satan geäfft worden ſeien. Khleſl blickte die glau⸗ bensſtarke Aebtiſſin halb mitleidig, halb verächtlich an, zuckte die Achſel und befahl nun ſeinerſeits:„Die Eva⸗Roſine.“ 1 Nach wenigen Minuten, während welcher ſich Car⸗ dinal und Aebtiſſin ſtumm, aber voll Aerger gegenüber ſtanden, trat die Nichte des Biſchofs lautlos ein.„Was weißt Du darüber?“ herrſchte ihr der Cardinal auf Schrift und Siegel deutend zu. Die Nonne begriff ſchnell, um was es ſich handelte, und ſagte ruhig, ja anſcheinend unterwürfig:„Se. Emi⸗ nenz denkt zu gut von der Welt, ſonſt hätte ſie gleich bemerken müſſen, daß dieſe Schrift keine Frauenhand verräth und das Siegel gefälſcht ſei. Der Cardinal betrachtete die Ueberſchrift ungläubig und verlangte die Handſchriften der Schweſtern und No⸗ vizen zu ſehen. „Ach Dn gerechter Gott!“ fiel hier die Vorſteherin A — 37 ein,„als ob wir arme Nonnen mit unſerm Herrn Jeſu Chriſt im Briefwechſel ſtünden! Ich glaube, daß ich ſelbſt eine Stunde zu zwei geſchriebenen Zeilen brauche, was ſoll ich nun erſt von der hochbetagten Schweſter Auguſtina, was von Lactantia ſagen— Beide können keinen Buchſtaben mehr leſen, geſchweige ſchreiben. Schwe⸗ ſter Thereſia bringt kein großes B zuſammen, Perpetua ſchreibt nie einen Selbſtlaut und die Scholaſtica beruft ſich auf ein Gelübde, das ſie gemacht haben will, kei⸗ nen Buchſtaben mehr zu ſchreiben; bleiben alſo noch die Novizen, die Breunerin, Eure Nichte und ich. Der Breu⸗ nerin Handſchrift kennt Ihr wohl, da ſie wie männiglich bekannt, allwöchentlich an Euch ſchreibt, und daß dieſe Haken— hiebei deutete Frau Haitzenberger auf die jedenfalls ihre Federführung weit überbietende Ueber⸗ ſchrift, welche der Cardinal noch immer unentſchloſſen in der Hand hielt, daß dieſe langen Irrwiſche weder mir noch Eurer Nichte gleich ſehen, wird Eure Eminenz begreifen. „Euch gewiß nicht, ich geb' es zu,“ verſetzte der Kirchenfürſt.„Aber könnte nicht irgend ein männliches Individuum?“ „Ja, ja, da habt Ihr Recht, alle Uebel kommen von männlichen Individuen,“ gab die Hochwürdige, ohne den Cardinal ausreden zu laſſen, zur Antwort. 38 „Ich meine, ob nicht männliche Individuen hier im Kloſter!“ „Beſchütze mich Gott— was Eure Eminenz da ſagt!“ „Ich will ja nur andeuten.“ „Ich bitte fußfällig nichts ſolches anzudeuten— wir ſind lauter reine Jungfrauen.“ Der ſtrenge, gottesfürchtige Cardinal konnte ſich, indem ſein Blick zufällig auf die breite, kurze, fleiſchige, hochbuſige Geſtalt der Aebtiſſin fiel, eines leichten Schmun⸗ zelns nicht erwehren, er ſagte, ſich in chriſtlicher Geduld faſſend:„Aber Eva Roſine behauptet ja ſelbſt, daß ſie dieſe Züge für die Handſchrift eines Mannes halte.“ Die Hochwürdige knixte und erwiederte:„Wenn Schweſter Victoria dieſer Meinung iſt, ſo habe ich nichts entgegen, aber behaupte nur, was die fromme Schweſter beſtätigen wird, daß kein Mann hier unter uns— ach was für ein gottloſer Gedanke! dieſen Brief geſchrie⸗ ben habe.“ „Welcher Mann außerhalb des Kloſters könnte ſich aber des Siegels bedient haben?“ Auf den Wangen der Nonne erſchien meteorartig eine ſchwache Röthe, verſchwand aber, von dem Cardinal unbemerkt, eben ſo ſchnell. Es war augenſcheinlich, daß Schweſter Victoria gewiſſe Vermuthungen, zugleich aber ſtarke Gründe hatte, ſie nicht laut werden zu laſſen. 39 Der Cardinal blieb ohne Aufklärung, aber die Briefe blieben aus, kein einziger Brief war ſeit der Viſi⸗ tation des Kloſters eingelangt. Wäre Khleſl, wie er doch ſo häufig that, nach ſeinem Kloſterbeſuch zu ſeinem alten Beichtkind, der Frau Eliſabeth von Khuen geeilt und hätte er dort Alles und Jedes über⸗ wachen und überblicken können, er würde nach einer halben Stunde ſchon die Laienſchweſter Regina bemerkt haben, wie ſie dem Fräulein Bock ein kleines Briefchen zuſchob. Hätte nun der Cardinal vermöge ſeiner geiſtlichen Löſegewalt das Siegel des fremden Schreibens abgelöſt, ſo würde er geleſen haben, wie Schweſter Victoria einen gewiſſen ſchlanken, dunkellockigen Reiterofficier warnen ließ, ſeiner Geliebten keine mit dem Kloſterſiegel verſehene Briefe zuzuſenden, da der Cardinal in Wien angelangt ſei. Da Khleſl aber von der Himmelpforte geradeweges zum Kaiſer eilte, blieb ihm die ſonderbare Correſpondenz für's Erſte ein Räthſel. Noch räthſelhafter erſchien aber dem bewußten Officier die getreulich hinterbrachte Warnung, da er ja das Siegel ſo ſchnell und heimlich hatte nachahmen laſſen, daß außer dem erkauften Sacriſtan und Kloſterknecht kein Menſch davon eine Ahnung haben konnte. Hätte der für ſeine Jugend vielerfahrene Rolandin den Scharfſinn gekannt, der allen Frauen im Punkt der Herzensangelegenheiten angeboren iſt; er würde ſich weni⸗ 40 ger verwundert und gleich gemuthmaßt haben, daß er von Schweſter Victoria errathen worden ſei. Er hörte alſo auf an Francisca zu ſchreiben und die verkappte Laienſchweſter nach der Burg zu ſchicken. Natürlich blieb er nun ohne jene Antworten, welche vorſichtshalber in den Ton jener religiöſen Schwärmerei gekleidet waren, welche die Sprache weltlicher Leidenſchaft zu frommen Zwecken adoptirte. Drei Tage ſpäter verſicherte Frau von Khuen Jeder⸗ mann, der es hören wollte, daß die Novize mittelſt päpſt⸗ lichen Breve's, das ſie ſelbſt geleſen haben wollte, in das Frauenſtift zu Brünn überſetzt worden ſei. Wolfgang war bei dieſer Nachricht außer ſich und drohte die Fahne zu verlaſſen; im Himmelspfortkloſter äu⸗ ßerte Frau Haizenbergerin achſelzuckend, daß ſie der armen Haut die ruhige Stelle wohl gönnen möchte, aber als Vor⸗ ſteherin des Damenſtiftes einer entlaufenen Novize wohl ſchwerlich die Thür geöffnet habe. Schweſter Victoria nahm die Nachricht ernſter und kälter auf, als jede andere Nonne, ließ aber dem verzweifelnden Küraſſier unter der Hand ſagen, daß er keinen tollen Streich begehen, ſondern den ganzen Handel Gott und der ſeligſten Jungfrau an⸗ heimſtellen ſolle. Der Cardinal war ſeitdem noch einmal ſo freundlich gegen die Himmelspförtnerinnen als ehe und zuvor. ———ᷣ—ͦ—ÿ—xx—— XXI. Capitel. In welchem bewieſen wird, daß nicht alle Wege nach Rom führen. Es war am Morgen des 19. Juli 1618, als zwei Männer in ſchwarzer Cavalierstracht ſich dem Burgthor näherten und neugierig ſtill ſtanden, da ſie bemerkten, wie emſig man daran ſei, einen Fahrweg, der über die Baſtei unmittelbar in die kaiſerlichen Gemächer führte, anzulegen und zu ebnen. Eine für jene Zeit erſtaunliche Anzahl Ar⸗ beiter war damit beſchäftigt, die lockere Erde feſt zu ſtam⸗ pfen, die Einfriedung herzuſtellen, und Kies als Straßen⸗ pflaſter herbeizuſchaffen. Der Wegmeiſter munterte ſeine Untergebenen unausgeſetzt auf und es herrſchte, aller Ge⸗ wohnheit jener Tage entgegen, ſolche Eilfertigkeit und Eifer, daß es den Ankömmlingen auffiel. Der Eine, ein hagerer Mann mit bleichem Geſicht und buſchigen Augenbrauen, 42 wandte ſich an den Wegmeiſter mit der Frage:„Was ſchafft Ihr da?“ „Eine neue Fahrſtraße, wie Ihr ſeht. Vor drei Tagen begonnen, muß ſie bis Abends fertig ſein.“ „So raſch?“ „O, Se. Durchlaucht der Herr Erzherzog wollte ſie binnen 24 Stunden vollendet ſehen.“ „Welche Durchlaucht?“ „Wie Ihr nur ſo fragen könnt! Wer will denn immer das Unmögliche möglich machen, wer rennt denn, unter uns geſagt, am liebſten mit dem Kopf durch die Mauer, als der Max.“ Als der Straßenbaukundige dieſen Aufſchluß ertheilt hatte, begab er ſich eilig nach der entgegengeſetzten Seite, um die Arbeiter dort zum Fleiße anzuſpornen. „Ah ſo, der Max hat es mit dem Bau ſo eilig?“ ließ ſich mit gedehnter Stimme der andere Edelmann verneh⸗ men;„das hätte ich mir wohl gleich denken ſollen. Sr. Majeſtät verlangt ſo etwas, das Geld koſtet, und Keinem ein Vergnügen gewährt, ſicher nicht.“ „Darin habt Ihr Recht,“ entgegnete der Hagere. „Gälte es ein Hoffeſt, eine luſtige Jagd oder ein ſtattliches Feuerwerk, ſo könnte man Hundert gegen Eins wetten, daß es auf des Kaiſers Befehl geſchehe. Iſt s dagegen ein neuer Kirchen⸗ oder Kloſterbau, ſo rathet keck auf den Max.“ „Iſt's aber eine neue Straße,“ fiel der Stärkere mit den friſchen, wohlgefärbten Wangen ein,„iſt's ein neuer 43 Handelsweg, würdet Ihr da gleich auf den Hoch⸗ und Deutſchmeiſter verfallen?“ Sein Begleiter erwiederte verblüfft;„Bei meiner Treu, Ihr habt Recht, daran hätte ich nicht gedacht?“ „Und was ſchließt Ihr daraus, daß Se. Durchlaucht etwas ſo Ungewöhnliches, das weder(dabei ſchlug ſich der Redner ſpöttiſch an die Bruſt) der unſterblichen Seele frommen, noch dem Staat nützen kann, in ſo kurzer Zeit vollführen läßt?— Nur auf eine Laune, die den hohen Herrn plötzlich anwandelte?“ „Die Großen haben unzählige Launen, wie z. B. der Kaiſer ſelbſt.“ „Aber Max iſt nicht der Kaiſer.“ „Und kann er deshalb keine Launen haben; haben nicht wir ſelbſt Launen?“ „Marx hat keine.“ „Wie ſagt Ihr, keine Launen?“ „Ich verſichere Euch, es iſt ſo, der Erzherzog hat wirklich keine Launen.“ „Und wenn nicht?“ „Nun ſo kann auch dieſe Straße nicht die Frucht einer plötzlichen Laune ſein.“ „Aber was liegt denn daran, Erasmus, was dieſe Straße iſt? ſie ſei wegen meiner Product der Laune oder des Zufalls.“ 44 „Dieſer Meinung bin ich nicht; im Gegentheil liegt mir ſehr daran, zu wiſſen, wohin die Straße führen ſoll.“ „Ihr habt ja gehört, über die Baſtei zur Burg.“ „Wohl hab ich das ſo gut gehört als Ihr, und dennoch behaupte ich, daß dieſe Straße weiter führen müſſe.“ „Ihr ſcherzt?“ „Nicht im Geringſten. Den Weg von hier in die Burg überſeht Ihr, darum meint Ihr auch, er endige hier. Aber Ihr gebt doch zu, daß dort, wohin Euer Blick nicht reicht, noch immer Weg und Steg führen können?“ „Gerne.“ „Nun, ich ſehe die Fortſetzung des Weges ſo wenig als Ihr, aber ſo viel ahne ich, daß— daß dieſer Weg noch weiter führt.“ „Ihr ſeid ein ſeltſamer Kauz.“ „Habe ich mich, oder Andere ſchon oft getäuſcht?“ „Zur Steuer der Wahrheit, nein!“ „Nun ſo wartet und urtheilt ſpäter; doch da kehrt ſo eben der Wegmeiſter wieder zurück. In der That kam der ziemlich beleibte Menſch, ein Stück Brot zwiſchen den Zähnen malmend, ein anderes in der Hand, auf ſeinen früheren Platz zurück. Tſchernembl hub kopfſchüttelnd an:„Ich zweifle, daß dieſer Weg einer Staatscaroſſe hinlänglichen Raum bietet. Mein Freund iſt entgegengeſetzter Meinung, und Ihr?“ „Ich habe keine bloße Meinung, ſondern kann Euch 45 mit voller Gewißheit ſagen, daß Ihr Unrecht habt. Es wurde eigens anbefohlen, die Straße für breitſpurige Wa⸗ gen einzurichten.“ Tſchernembl wandte ſich an ſeinen Begleiter:„Ihr ſeht, daß ich Unrecht habe;“ dann ſagte er, ſich an den Wegmeiſter wendend:„Und wißt Ihr auch, weshalb der Bau des Weges ſo beeilt wird?“ „Ei wohl! eine Wette gilts.“ „Eine Wette?“ wiederholte gedehnt und halb zweifel⸗ haft der Frager.. „Wie ich ſagte, eine Wette, welche Se. Durchlaucht mit Herrn Breuner einging.“ „Mit Herrn Breuner?“—„Und ſeit wann iſt Se. Durchlaucht ſo wetteluſtig? es war mir bisher von dieſer fröhlichen Eigenſchaft Sr. Durchlaucht nichts bekannt.“ „Nun, der Erzherzog wettete mit dem Breuner, daß er von der Burg aus über die Baſtei zur Spinnerin am Kreuz wolle, ohne das Kärnthnerthor zu betreten; ja ſagte der Breuner, das werden Eure Durchlaucht wohl bleiben laſſen, da müßte zuvor eine Straße gebaut ſein; da bedung ſich der Erzherzog nur drei Tage Zeit, und der von Breu⸗ ner ging darauf ein.“ „Nun?“ „Nuns heute wird der Weg vollendet, und Se. Durch⸗ laucht hat gewonnen.“ 46 „Ich glaube, Ihr habt Euch da von einem ſchwatz⸗ haften Gevatter ein Märchen aufbinden laſſen?“ „Ein Märchen, ich? der Hofweginſpector und Waſſer⸗ bauer, ich kann es Euch beſchwören, daß Se. Majeſtät der Kaiſer es nicht beſſer weiß, als ich, da mein beſonderer Gönner und Gevatter, der Hofleib⸗Arzt Mignoni dabei ſtand, als der Erzherzog Ferdinand dem Kaiſer den ganzen Handel erzählte.“. „Und der Kaiſer?“ „Lachte dazu; beſonders gefiel ihm der Spaß mit dem Cardinal.“ „Kaum hatte der Wegmeiſter dieſes Wort ausge⸗ ſprochen, ſo ſchien ſich der Hals des Freiherrn zu verlän⸗ gern, ſeine Augen fingen an zu glänzen, und er trat noch näher an den Hofbeamten heran, indem er anſcheinend un⸗ befangen ſagte:„Ei, das intereſſirt mich, erzählt, wie war das?“ „Nun, ich ſagte Euch ja, daß Se. Durchlaucht mit dem Breuner wettete.“ „Nein, das mit dem Cardinal.“ „Ah ſo! Nun der Erzherzog bat den Kaiſer, er möchte dem Khleſl geheim halten, daß der Weg auf des Deutſch⸗ meiſters Anregung angelegt wird.“ „Ich verſtehe, dem Khleſl ſoll eine Ueberraſchung be⸗ reitet werden. Ihr ſeht, lieber Thonradl, welch' alberne Gerüchte man im Volk ausſtreut, daß der Erzherzog und 47 Khleſl ſchlecht zuſammen ſtänden, während ſie Eines Her⸗ zens und Sinnes ſind. Se. Durchlaucht beliebt ſogar mit der Eminenz zu ſcherzen, merkt Euch das.“ „Was ſoll ich mir merken?“ entgegnete Thonradl. „Daß der Erzherzog zu ſcherzen anfängt;“ dann wandte ſich Tſchernembl wieder an den Wegmeiſter:„Nun, fahrt fort, mein Beſter! Warum ſollte Khleſl nichts von der Straße wiſſen?“ „Ei nicht doch, von der Straße darf er ſchon erfahren — uur nicht von dem, der ſie auf ſeine Koſten anlegen läßt.“ „Ah ſo, Se. Durchlaucht läßt ſie auf eigene Koſten anlegen?“ „Natürlich, auf weſſen Koſten denn? er hat ja ge⸗ wettet.“ „Richtig, das habe ich überſehen. Weiter.“ „Nun, Se. Durchlaucht baten den Kaiſer um Ver⸗ ſchwiegenheit, weil... weil die Wette um den rothen Hut des Cardinals ging. Wenn der Erzherzog morgen den zwanzigſten nicht hier hinaus zur Spinnerin am Kreuz fährt, muß er dem Breuner ein Stadthaus geben, und wenn er hinaus fährt....“ „Nun dann?“ „Ei, es iſt zum Lachen, muß der Breuner, koſt es, was es wolle, dem Erzherzog das rothe Käppchen Sr. Eminenz verſchaffen.“ 48 Tſchernembl ſtimmte mit gezwungenem Lachen in das einfältige Gelächter des Wegmeiſters ein; dann fuhr er fort:„das wird einen herrlichen Spaß geben; ich kann es mir denken, und der Kaiſer wird ſich freuen.“ „O, der Kaiſer ſieht es gar nicht ungern, wenn man den Cardinal ſchraubt.“ „Das iſt in der Ordnung, dann giebt es auch ſo Wenige, die es verſtehen, Se. Eminenz zu ſchrauben, da iſt nur der Breuner, Collalto und Montecucoli. „Ihr nehmt mir das Wort aus dem Munde weg, Collalto und Montecucoli ſollen die Schiedsrichter ſein.“ „Was Ihr ſagt?“ „Ja und Dampierre.“ „Dampierre, ſoll der vielleicht gar den Henker vor⸗ ſtellen, da von Richtern die Rede iſt.“ „Bei Leibe nicht, Dampierre ſoll das Wort führen.“ „Dampierre, der Mann vom Schwert das Wort?“ „Nun, man ſieht, wie ſpaßig die Herren ſind, es läuft Alles auf einen Faſtnachtsſpaß hinaus.“ „Wir haben zwar Mittſommer, aber das thut nichts; ein guter Scherz iſt eben ſo willkommen, wenn der Fuß⸗ boden glüht, als wenn es hagelt und ſchneit.“ „A propos, weiß man nicht, wann Se. Durch⸗ laucht morgen auszufahren gedenkt?“ „Nein Herr, das wird geheim gehalten.“ 49 „Wird der Cardinal bei der Ausfahrt zugegen ſein?“. „Gewiß nicht; was hätte auch der dabei zu ſchaffen?“ „Ich meinte nur wegen des rothen Hutes, ha! ha!“ „Ei, das iſt Breuners Sache, der iſt ein feiner Kopf, und weiß das Ding ſchon einzufädeln.“ „Meint Ihr?“ „Ich bin deſſen ſicher. Der Breuner iſt immer gern dabei, wo es auf den Cardinal zu ſticheln gilt, und wird auch jetzt nicht der Letzte ſein.“ „Glaub's wohl, Ihr ſeid übrigens ſelbſt ein feiner Kopf, deſſen Bekanntſchaft gemacht zu haben mich nicht reut. Kann man Euch öfter ſehen und ſprechen; ſeht, ich bin ein Freund von Hofanekdoten, und Ihr in der Lage, immer friſchen Vorrath zu haben.“ Der geſchmeichelte Wegmeiſter ſperrte den Mund weit auf und fragte:„Wie ſo?“ „Nun, ich meine, Ihr könnt Euch mit Hülfe Eures Gevatters Mignoni ſtets ein Schock ſolcher Erzählungen verſchaffen.“ „Warum nicht?“ erwiederte der Hofbeamtete mit Stolz,„das kann ich, und wenn Ihr zuweilen im Kreb⸗ ſenkeller einſprechen wollt, ſo könnt Ihr mich dort immer zwiſchen 8 und 9 Uhr Abends treffen.“ Tſchernembl drückte die Hand des Wegmeiſters, und fragte:„Haltet zur Güte, Euer Name?“ Haas: Der alte Cardinal. III. 4 50 „Conrad Effenberger.“ „Gut, lieber Herr Effenberger, ich werde mich im Krebſenkeller einfinden. Und erlaubt Ihr wohl auch, daß ich Euch daheim beſuche?“ Der Hofbeamtete ſchien einen Augenblick unſchlüſ⸗ ſig, dann warf er einen forſchenden Blick auf Tſcher⸗ nembl, dachte wieder nach und ſagte endlich halbver⸗ legen mit ſtotternder Stimme:„Wenn man Euch trauen könnte!“ Der Freiherr bezog dieſe Antwort auf die Hof⸗ anekdoten, deren Mittheilung er erwartete, und entgeg⸗ nete:„Haltet Ihr mich für ein ſchwatzhaftes Weib?“ Herr Effenberger wurde noch verlegener und brachte den ſtählernen Stockknopf an den Mund; endlich ſchien er einen kühnen Entſchluß gefaßt zu haben, und ſagte: „Ihr beſteht darauf, mich zu beſuchen?“ „Nun, das gerade nicht.“ „Aber Ihr möchtet doch gern in mein Haus kom⸗ men?“ „Das allerdings.“ „Nun ſo ſchwört mir, daß dies nicht wegen mei⸗ ner Frau geſchieht.“ „Ach, ich wußte gar nicht, daß Ihr verheirathet ſeid.“ „Mag ſein, obſchon, Ihr verzeiht wohl meine Ge⸗ radheit, ich das bezweifeln möchte.“ 51 „Wie ſo?“ Effenberger war ſichtbar roth geworden, als er antwortete:„Ich bin erſt ſeit Kurzem, und ich kann hinzuſetzen, ſehr glücklich verehelicht.“ „Ich wünſche Euch alles erdenkliche Glück, ſehe aber nicht ein....“ „Deſto beſſer ich, daß eine junge hübſche Frau für einen jungen Mann eine gefährliche Lockſpeiſe und Verſuchung ſei.“ „ Nun, ich werde kommen, wenn die Dame abwe⸗ ſend iſt.“ „Das iſt ſie nie.“ „Aber ſie wird doch zuweilen das Haus verlaſſen?“ „Dann verlaſſe ich es mit ihr.“ „Wenn ſie aber den Einkauf beſorgt?“ „Dann beſorg' ich ihn mit.“ „Ihr ſeid alſo ungeheuer eiferſüchtig.“ „Ob ich das bin!?²“ „Und wißt Ihr nicht, wie thöricht dieſe Leiden⸗ ſchaft iſt?“ Thöricht, nein, nennt alle Leidenſchaften Thorheit, nur nicht die Eiferſucht, ich war meine ganze Lebens⸗ zeit eiferſüchtig. Zuerſt auf den Lebkuchen, den mein jüngerer Bruder, welcher der Mutter Liebliug war, er⸗ hielt; dann auf meine Mitbeamteten, und nun bin ich es auf meine Frau, wenn Ihr die ſehet, dann werdet 4* 5² Ihr begreifen, daß man auf ſo ein Weib eiferſüchtig ſein darf, ja ſein muß.“ „Aber ich werde ſie auf dieſe Weiſe nie ſehen.“ „So war es nicht gemeint, im Gegentheil, Ihr ſollt ſie ſehen, aber, verſteht Ihr, nicht ſprechen. Woll't Ihr das?“ „Von Herzen gern— hier meine Hand.“ In demſelben Augenblick ſah man zwei Männer aus dem Innern der Burg kommen; kaum bemerkte dies der Wegmeiſter, als er ſeine Hand raſch aus der des Cavaliers zog, und mit dem Zuruf„Breunerſtraße Nr. 1077“ wegeilte. Thonradl redete den Freiherrn an:„Jetzt ſagt mir, lieber Tſchernembl, wodurch der Einfaltspinſel von Hofſchranz Euren Beifall in ſo hohem Grade erwor⸗ ben hat, daß Ihr ordentlich um ſeine Gunſt und Er⸗ laubniß, ſein Haus betreten zu dürfen, bittet. Ich ge⸗ ſtehe, daß Ihr mir täglich räthſelhafter werdet. Gott weiß es, Ihr ſeidt der Letzte, der ſich mit den Hof⸗ ſchranzen gemein macht und nun urplötzlich laßt Ihr Euch alle Unhöflichkeiten dieſes bürgerlichen Dummkopfes gefallen und lächelt ihn noch ſo freundlich an, als ob er Se. Majeſtät ſelber wäre.“ „Es iſt wahr, ich hatte Unrecht, die Hofſchranzen ſo lange zu vernachläſſigen, aber Ihr ſeht auch, daß ich Alles thue, was in eines Menſchen Macht ſteht, 53 um meinen Fehler wieder gut zu machen, und ich hoffe, nicht ohne Erfolg; es heißt ja, daß Gott ein einziger Bekehrter lieber ſei, als neunundneunzig Gerechte.“ „Ich verſtehe Euch, offen geſagt, jetzt noch weni⸗ ger als zuvor.“ „Nun, Ihr ſollt bald begreifen. Der Kerl hat mir einen unſchätzbaren Dienſt geleiſtet.“ „Welcher Kerl?“ „Derſelbe, der eben von hier fortging und in die⸗ ſem Augenblick, wenn mich meine Augen nicht völlig täuſchen, mit den Erzherzogen ſpricht.“ Bei dieſen Wor⸗ ten deutete Tſchernembl nach der Baſtei, wo in der That die beiden Prinzen Max und Ferdinand ſtehen geblieben waren, bis der Straßenbauer ihnen entgegen kam und wahrſcheinlich über den Fortgang der Arbeit berichtete. „Der dumme Teufel,“ fuhr Tſchernembl fort,„ſage ich, hat mir ein Staatsgeheimniß verrathen, für wel⸗ ches der Cardinal, das bin ich überzeugt, trotz ſeines Geizes, gerne hunderttauſend Ducaten zahlte.“ „Du lieber Gott! Ihr faſelt, ich habe den Men⸗ ſchen wohl dummes Zeug genug ſagen hören, aber kein Wort von einem Staatsgeheimniß.“ „Das kommt daher, weil Ihr nicht gehörig auf⸗ merktet. Mit der Herrſchaft des Cardinals iſt es aus, 54 das Regiment des Kaiſers geht zu Ende, die Spa⸗ niſch⸗Katholiſchen kommen oben an.“ „Davon ſagte der gute Mann beim wahren Evan⸗ gelium kein Wort.“ „Er wußte auch davon eben ſo wenig, als Ihr in dieſem Augenblicke, aber das iſt eben das Schöne, daß er mich in den Beſitz eines Geheimniſſes ſetzte, das er ſelbſt nicht kannte; er hatte wohl den Schrein, aber nicht den Schlüſſel dazu; doch ich will Eure Neugier nicht unnütz ſpannen. Erzherzog Max hat nicht gewettet, oder hat er, was meint Ihr?“ „Zugeſtanden, es dünkt mich unwahrſcheinlich.“ „Aber die Straße wird doch gebaut und der Name des Urhebers dem Cardinal verſchwiegen. Erzherzog Max fährt nicht nach der Spinnerin am Kreuz oder fährt er?“ „Da er nicht gewettet hat, ſo wäre es auch un⸗ nütz, wenn er führe.“ „Richtig: Die Straße muß alſo zu einem anderen, und zwar zu einem, dem Khleſl verderblichen Zweck an⸗ gelegt ſein. Meint Ihr nicht?“ „Das ſcheint mir weniger klar.“ „Nun ſo will ich verſuchen, es Euch klar zu ma⸗ chen. Breuner, Montecuculi und Collalto, ſind dies nicht die Todfeinde Khleſl's?“ „Ja wohl.“ „Glaubt Ihr, daß dieſe Namen umſonſt bei die⸗ 5⁵ ſer ſeltſamen Wette prangen, und denkt Ihr wirklich daran, daß der rauhe Dampierre ſo für nichts und wie⸗ der nichts mit im Spiele iſt? Endlich ſollte nicht der Preis der Wette der rothe Hut ſein und Breuner ihn ſchaffen? Wie denn, wenn dieſe Straße der Weg wäre, um den rothen Hut zu ſchaffen, oder viel mehr fort⸗ zuſchaffen?“ Thonradl ſah den Freiherrn mit großen Augen an, endlich ſagte er:„Jetzt fängt es auch in meinem Kopf zu dämmern an. Führt nicht die Straße nach den Ländern der Erzherzoge?“ „Gut geſchloſſen.“ „Man wird alſo den Cardinal entführen?“ „Faſt ſcheint es.“ „Was wird aber der Kaiſer dazu ſagen?“ „Der Kaiſer?“ „Nun wohl.“ „Der wird mäuschenſtill ſein.“ „Gewiß nicht.“ „Nun ſo wird man den Kaiſer auch entführen.“ „Das wäre ja Hochverrath?“ „Und war es Mathias' Unterfangen gegen Rudolf minder?“ „Aber das entſchuldigt nicht.“ „Um Vergebung, das entſchuldigt ſo ſehr, daß die 56 Katholiſchen darin vielmehr eine Reſtituirung des Rechts⸗ zuſtandes als einen Hochverrath erblicken werden.“ „Angenommen, es verhalte ſich Alles wirklich ſo, wie Ihr meint, was gedenkt Ihr zu thun?“ „O, daran habe ich gleich gedacht, und darum habe ich den ehrlichen Wegmeiſter ſo wohl behandelt, weil ich mich ſeiner noch weiter zu bedienen willens bin.“ „Ich ſterbe vor Begierde zu wiſſen, wie Ihr einen für uns Proteſtanten ſo traurigen Fall auszubeuten gedenkt.“ „Erſtens ſteht der Fall zwar zu befürchten, iſt aber noch nicht eingetreten; ja vielleicht kann ich ihn vermei⸗ den, und unſerer Partei das Einzige, woran ſie bisher Mangel litt, verſchaffen.“ „Wie meint Ihr das?“ „Ihr wißt, den Proteſtanten fehlt es an Geld; wir ſind vom Ausland ſo hündiſch abhängig, weil wir keinen Kreuzer zur Rüſtung haben, und Alles von den Fremden erbetteln müſſen. Ich will dem Cardinal mein Geheimniß verkaufen.“ „Der Preis?“ „Hunderttauſend Ducaten, keinen Kreuzer weniger.“ „Aber woher wird der Cardinal das Geld nehmen; Ihr wißt, die Staatscaſſen ſtehen leer, und der Kaiſer hat ſelbſt nicht womit ſeinen Tiſch zu beſtreiten?“ „Aber der Cardinal hat ſo viel! So viel und weit mehr.“ „Woher wißt Ihr?“ „Vom venetianiſchen Geſandten; die Republik allein verehrte ihm eine Million Kaiſergulden für den Frie⸗ densſchluß.“ „Wird aber der Geizhals zahlen wollen?“ .„Das iſt ein Anderes; zahlt er nicht, ſo wird er fallen.“ „Wo bleibt aber dann das Geld?“ „Das wird dann ein Anderer zahlen.“ „Und wer iſt der Andere?“ „Ihr errathet nicht?“ „Durchaus nicht.“ „Nun wer denn, als der junge Kurfürſt, der dann König von Böhmen werden wird.“ „Und wie wollt Ihr das anfangen, daß Friedrich zahlt, wenn ſich Khleſl zu zahlen weigert?“ „Sehr einfach, ſobald Khleſl ſich weigert, iſt ſein Sturz entſchieden. Wie viel zeigt die Uhr?“ „Gerade zehn.“ „Um eilf Uhr werde ich beim Cardinal ſein; eine halbe Stunde gönne ich Bedenkzeit, da iſt es halb zwölf, Mittags iſt der Courier abgefertigt— Ihr habt gehört, die Straße wird erſt Morgen Nachmittags fahrbar ſein; wir haben alſo einen Vorſprung von mindeſtens 24 Stun⸗ 58 den, und da die Wegführung erſt nach einiger Zeit bekannt werden wird, von einigen Tagen. Der Churfürſt wird daher früher als jeder Andere wiſſen, was geſchehen wird, das iſt aber von unſchätz⸗ barem Werth; er wird ferner glauben müſſen, daß der Sturz Khleſls unſer, oder vielmehr mein Werk ſei. Jede Arbeit iſt aber ihres Lohnes werth. Friedrich bedarf unter dieſen Umſtänden der öſterreichiſchen Proteſtanten genau ſo, als wir ſeines Geldes. Er wird alſo zahlen, und noch viel lieber zahlen als der Cardinal.“ „Dann würde ich mich aber kurzweg an den Kur⸗ fürſten wenden.“ „Wenn ich es für das Klügere hielte, ganz gewiß; da ich es aber für die Proteſtanten für nützlicher halte, daß er bleibe, ſo will ich eher alle Mittel aufbieten, um ihn zu retten.“ „Und doch wollt Ihr ihn, falls er nicht bezahlt, im Stich laßen?“ „Wenn Khleſl nicht großherzig und zugleich ſcharfſich⸗ tig genug iſt, um einzuſehen, daß nur im Proteſtantismus ſein und ſeines Herrn Rettung ſei, ſo iſt es beſſer, daß gleich geſchehe, was bei der Verblendung der Herrſcher doch über kurz oder lang geſchehen müßte; wenn der Cardinal dagegen zahlt, ſo haben wir nicht nur die Macht, ihn und den Kaiſer zu ſchützen, ſondern noch überdies Beiden Geſetze vorzuſchreiben. Mit hunderttauſend Ducaten ſind die — „ 59 Proteſtanten, vorausgeſetzt, daß der Friede noch 10 Jahre ungeſtört bleibt, die Herren im Lande, und der Kaiſer ſelbſt ihr vornehmſter Diener.“ „Gott gebe, daß Ihr Recht habt.“ „Aber nun fort zum Cardinal.“ „Ihr geht doch allein?“ „Das verſteht ſich.“ „Alſo trennen wir uns.“ „Thuen wir das.“ „In der That entfernte ſich Thonradl nach der entgegengeſetzten Seite, während Tſchernembl den Weg nach der Herngaſfe einſchlug, und vor dem Hauſe Khleſls, das am Ende der Straße lag, anhielt. Tſchernembl wollte eintreten, aber der Thürhüter vertrat ihm raſch den Weg, indem er ſagte: „Se. Eminenz iſt nicht zu f ſprechen.“ „Warum nicht?“ „Weil ſie Beſuch hat.“ „Was für Beſuch, wenn man fragen darf?“ Bei dieſen Worten ließ er ein Silberſtück in die Hand des Portiers gleiten. „Hohen Beſuch, gnädiger Herr.“ „Und wer iſt der hohe Beſuch?“ „Ihre Durchlauchten Erzherzog Max und Ferdinand.“ Tſchernembl murmelte für ſich hin:„Das hätte 60 ich mir denken ſollen,“ dann laut:„Werden ſie lange bleiben? Waren ſie fröhlich, die durchlauchtigſten Her⸗ ren? O, ich verehre ſie ſo tief, daß mir Alles nahe geht, was ſie betrifft.“ „Ueberaus fröhlich, zu dienen, ſelbſt Erzherzog Mar lächelte.“ „Dann iſt die Sache um ſo ernſthafter,“ dachte Tſchernembl, ging auf die Gaſſe hinaus, und legte ſich auf die Lauer. Er mochte kaum eine halbe Stunde gewartet haben, ſo erblickte er die beiden Prinzen, welche der Thürhü⸗ ter mit tiefen Bücklingen bis in die Mitte der Straße begleitete. Erzherzog Max trug den Kopf hoch, die Stirne ſchien faltenlofer als ſonſt, die buſchigen Augenbrauen blieben in ihrer natürlichen Lage; ſein durchlauchtiger Neffe lächelte vor ſich hin. Man merkte, daß das Ba⸗ rometer auf gut Wetter ſtand. Tſchernembl eilte den Durchlauchten entgegen. Erzherzog Max redete ihn mit mit freundlicher Herablaſſung, um nicht zu ſagen Ver⸗ traulichkeit, an: „Ei, da wandelt ja der Demoſthenes der ober⸗ öſterreichiſchen Stände ſo harmlos wie der Mond durch Wolken. Ihr kommt gewiß vom Ständehaus, Tſcher⸗ 61 nembl; was habt Ihr uns von dort her zu berichten? Wie ſind die Stände geſinnt?“ Tſchernembl verbeugte ſich mit Anſtand, und er⸗ wiederte:„Eure Durchlaucht wiſſen zu genau, wie die Stände Oeſterreichs nur immer das Beſte des Herrſcher⸗ hauſes vor Augen haben, als daß ich Sie noch insbe⸗ ſondere der Anhänglichkeit der öſterreichiſchen Landſchaft verſichern ſollte. Uebrigens leugne ich nicht, daß rück⸗ ſichtlich der Ereigniſſe im böhmiſchen Nachbarland ſich Unruhe und Furcht der Stände bemächtigt haben; doch vertrauen alle Stände der Weisheit von Sr. Majeſtät Principal⸗Miniſter Cardinal Khleſl, indem er dieſen Na⸗ men ausſprach, blickte er den Deutſchmeiſter, der ſich einer vorübergehenden Röthe nicht erwehren konnte, ſcharf an— daß er alle Mißhelligkeiten in Frieden ſchlichten und die ungeſtörte Ruhe kräftig aufrecht erhalten werde. Namentlich hat die Ernennung des Khuen zum Kriegs⸗ Oberſten in Böhmen guten Eindruck gemacht. Wir Stände glauben aus dieſer Ernennung zu erkennen, daß es nicht auf den Bürgerkrieg, ſondern auf friedliche Ausgleichung, wofür der liebe Gott Se. Eminenz den Cardinal ſegnen möge, gemünzt ſei.“ Erzherzog Max runzelte die erſt noch ſo heitere Stirne und antwortete:„Ihr glaubt alſo, daß der Erzbiſchof vorzüglich geeignet ſein dürfte, die gegenwärtigen Wirren zu ſchlichten?“ 62 „Daran zweifelt Niemand, nicht einmal wir Pro⸗ teſtanten, die wir doch die natürlichen Feinde des Car⸗ dinals ſein ſollten, ſetzen in die Geſchicklichkeit und den guten Willen des Biſchofs einigen Zweifel.“ „Aber ſagt mir, lieber Tſchernembl, woher es kommt, daß Ihr Proteſtanten, die doch der Cardinal durch ſeinen ſtörriſchen Reformationseifer ſo oft und viel verletzt hat, dieſem Manne mehr ergeben ſeid, als z. B. den Räthen des Erzherzogs Ferdinand oder meinen eigenen?“ „Dies kommt eben daher, weil wir viel weniger neuerungsſüchtig und aufrühreriſch ſind, als unſere Feinde vorgeben. Wir haben nun einmal Kaiſer Mathias den Eid der Treue geleiſtet, ſind der rauhen Hand des arg⸗ wöhniſchen Cardinals gewohnt, und möchten uns um unſer Leben nicht gern von Andern— hier kam die Reihe an Ferdinand, ſich in die Lippen zu beißen,— regieren laſſen. Der Cardinal iſt unhold, aber nicht grau⸗ ſam, und man hat, ſei er die Zügel der Regierung hand⸗ habt, nicht einen einzigen Act von Grauſamkeit und Ver⸗ folgungsſucht erlebt, wie man ſie tagtäglich in andern Ländern zu ſehen und zu hören bekommt.“ Ferdinand fühlte den Stich, den ihm Tſchernembl, anſcheinend voll Freimuth und Unbefangenheit redend, verſetzte. Er flüſterte ſeinem Durchlauchtigen Oheim in's Ohr:„Euer Liebden bemerken, daß es die höchſte, ja —— — —— 63 allerhöchſte Zeit iſt, daß wir mit der ganzen Rotte von Regierern und Regierten zu Ende kommen.“ Max nickte und fuhr fort:„Ich begreife, der Car⸗ dinal zeigt ſich zuweilen in Glaubensſachen nachgiebi⸗ ger, als man von ſeinem Amte als Prieſter erwarten ſollte, und dieſe Nachgiebigkeit macht ihn Euch Prote⸗ ſtanten geneigt, dagegen könnt Ihr nicht leugnen, daß er die wichtigſten Intereſſen des Landes, wie z. B. die Erbfolge mit nicht zu rechtfertigender Gleichgültigkeit vernachläſſigt und hintanſetzt.“ „Wenn Euere Durchlaucht geſtatten, möchte ich die Erbfolge weit eher den Intereſſen des regierenden Hauſes als des Landes zuzählen; dann möchte ich dem Herrn Cardinal aus der Verzögerung keinen Vorwurf machen, man ſpricht ja ohnehin überall von der Schwan⸗ gerſchaft Ihrer Majeſtät der Kaiſerin.“ Kaum hatte Tſchernembl dies geſagt, ſo brachen die beiden Erzherzoge in ein mit ihrer Würde ſchwer zu vereinigendes Gelächter aus. Endlich ergriff der ältere Prinz das Wort und ſagte: „Beſter ſtändiſcher Demoſthenes; ich hätte Euch, den oft und viel Befragten und Berathenen, doch für klüger gehalten, als daß Ihr in das Gejohle des vom Cardinal angehetzten Pöbels einſtimmtet. Die Kaiſerin ſchwanger? Unſere kaiſerliche Frau Schwägerin iſt eine viel zu fromme, anſtändige und rechtſchaffene Frau, * — 64 als daß Jemand den geringſten unedlen Gedanken über Sie faſſen düfte; da ihr aber Religion und Pflichtgefühl jedes andere Mittel, ſich Kinder zu ver⸗ ſchaffen verbietet, ſo frag' ich Euch ſelbſt, lieber Herr, von wannen der heißerſehnte Thronerbe kommen ſoll?“ „Nun, vom Kaiſer?“ „Wären wir gemeine Leute, oder Eures Gleichen, ſo würde ich ſagen, Ihr hieltet uns zum Beſten; als ob Ihr nicht ſelbſt wißt und tauſendfach gehört haben müſſet, daß Mathias unfähig, unmächtig und untüchtig, daß er überhaupt kein Mann ſei. Glaubt Ihr, daß ihm ohne Grund die baieriſche Prinzeſſin verweigert wurde? Da nun aber die Kaiſerin erwieſener Maßen von ihrem Manne keine Kinder haben kann, auf uneheli⸗ chem Weg aber keine haben mag, ſo bliebe nur ein Wunder über. Möglich, daß ſich Euer geliebter Car⸗ dinal zum Wunderthäter berufen fühlt. Ihr werdet aber als bibelfeſter Calviniſt auch von dem falſchen Wunderthäter Simon geleſen haben, der zu Rom ſich in die Lüfte erheben wollte. Khleſl ſoll ſich in Acht neh⸗ men, daß es ihm nicht wie dem falſchen Magus ergehe.“ Max ſagte dies mit ſo drohender Geberde und aufgehobenem Finger, daß Tſchernembl den Cardinal im Geiſte ſelbſt aufgab, doch faßte er ſich ſchnell und ant⸗ wortete: 65 „Eure Durchlaucht hat Unrecht, ſich über meine völlige Unkenntniß von Hof und Hofgeſchichten zu ver⸗ wundern; ich lebe ſo abgezogen von allem höfiſchen Trei⸗ ben, und ſo ganz den ſtändiſchen Geſchäften hingegeben, daß ſich nur höchſt ſelten ein vages Gerücht bis zu mei⸗ nem Ohr verirrt. Ich bekenne darum gerne mein Un⸗ recht, und wünſchte jetzt eben ſo ſehr, daß die Erbſchafts⸗ angelegenheit raſcher geordnet worden wäre.“ Die Erzherzoge ſchienen mit dieſer Antwort zu⸗ frieden, verneigten ſich nachläſſig, und gingen vorüber. Haas: Der alte Cardinal. III. XXII. Capitel. Der Verkäufer findet nicht immer einen Abnehmer. Tſchernembl huſchte zum Hausthor Khleſls hinein. Er nannte in Vorzimmer ſeinen Namen. Der Haus⸗ officier kam zurück, und meldete, daß Se. Eminenz tief bedauere, den Freiherrn nicht empfangen zu kön⸗ nen, da ihn Staatsgeſchäfte hinderten. Tſchernembl ließ dem Officianten nicht Zeit aus⸗ zureden und erwiederte:„Geht nur wieder zu Sr. Emi⸗ nenz und ſagt, ich hätte ebenfalls über Staatsgeſchäfte zu ſprechen, und die meinigen ſeien jedenfalls dringen⸗ der, wenigſtens für Se. Eminenz dringender als dieje⸗ nigen, die er eben unter den Händen habe.“ Der Officiant entfernte ſich kopfſchüttelnd, kam aber gleich darauf zurück, indem er meldete:„Se. Eminenz, welche ſtets wünſcht, Euer Gnaden ange⸗ 67 nehm zu ſein, würde zwar den Freiherrn in kurzer Au⸗ dienz empfangen, wenn er durchaus darauf beſtünde, zöge es aber vor, dieſe Unterredung, wenn anders möglich, auf morgen zu verſchieben.“ „Nichts da, morgen wäre das viel zu ſpät, was ich dem Cardinal jetzt und zwar ſogleich zu ſagen habe. Mit dieſen Worten öffnete er eigenmächtig die Thür, durchſchritt mehrere Gemächer, bis er an eine verſchloſſene Thür gelangte. Er pochte ziemlich laut an. Ein im verdrießlichen Ton geſprochenes:„In nomine domini!“ lud ihm zum Eintreten ein. Der Cardinal ſaß vor dem Arbeitstiſch; dieſer war, wie zur Zeit ſeiner erſten Unterredung mit Tſchernembl, mit Papieren aller Art bedeckt. Landkarten, Bücher, Geſandtſchaftsberichte und Actenfascikel lagen bunt durch⸗ einander. Der Cardinal war eben damit beſchäftigt, ein längeres Actenſtück durch eigenhändige Zuſätze, die er mit rother Tinte am Rande niederſchrieb, zu ergän⸗ zen. Beim Eintritt des Freiherrn wandte ſich Khleſl um; man konnte aus dem unwilligen Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes abnehmen, wie verdrießlich ihm die neue Stö⸗ rung ſei. Er wies den Baron auf einen neben ihm befind⸗ lichen Seſſel, und machte Miene, in ſeinen Geſchäften fortzufahren. Der Unterſchied zwiſchen dem erſten Em⸗ pfang, welcher Tſchernembl zu Theil wurde, und dem gegenwärtigen war zu groß, als daß er einem viel 5* 68 minder ſchlauen Mann als Tſchernembl hätte entgehen können. Tſchernembl ſagte ſich: Wir haben ſeither un⸗ ſtreitig an Selbſtvertrauen und Sicherheit gewonnen, das alte Quos Deus perdere vult ſteht dem Miniſter ſichtbar an der Stirne, halten wir indeſſen an uns. Er nahm alſo willig Platz. Khleſl fuhr fort zu leſen, Tſchernembl zog die Uhr, blickte darauf, und legte ſie neben ſich,— dann wartete er ruhig eine Viertelſtunde, als auch dieſe vorüber war, zupfte er den Cardinal, der in ſeiner Arbeit ganz vertieft ſchien, am Talar. Der Cardinal blickte nun auf, und ſah ihn mit einer Miene an, welche die ganze Verwunderung über das beiſpielloſe Erkühnen des Freiherrn ausdrückte. Tſcher⸗ nembl, ſehr wenig außer Faſſung gebracht, faßte jetzt den Cardinal noch ſtärker am Aermel, und ſagte:„Ver⸗ gebt, aber Ihr habt nicht länger Zeit fortzuarbeiten.“ Der Cardinal brauchte einen Augenblick Zeit, um ſich zu überzeugen, ob er recht gehört habe, dann wandte er, um ſich Gewißheit zu verſchaffen, ſich an Tſcher⸗ nembl und fragte:„Was beliebt?“ Tſchernembl wiederholte mit ungeſtörtem Gleich⸗ muth:„Ich ſagte, daß Ihr nicht mehr Zeit habt, länger fortzuarbeiten, und bitte Euch demnach Feder und Pa⸗ pier aus der Hand zu legen und mich anzuhören.“ Khleſl, der nun wußte, daß ſein Beſuch entweder toll war oder Dinge von größter Wichtigkeit vorzu⸗ 69 bringen hatte, that nach dem Wunſch des Freiherrn wandte ſich dann zu ihm und ſagte: „Ich bin bereit, redet.“ Dieſe ſtolze Art und Weiſe, wie Khleſl ſeinem Wunſch willfahrte, gefiel aber dem Freiherrn ſo wenig, daß er den Sitz verlaſſend, erwiederte:„Euere Eminenz befindet ſich unſtreitig im Irrthume, indem ſie glaubt, daß ich etwas für mich oder meine Partei verlange, während ich im Gegentheil mit dem Herrn Cardinal zu Gunſten des Cabinetsdirectors Khleſl zu reden wün⸗ ſche. Sollte dies Sr. Eminenz zu große Störung ver⸗ urſachen, ſo möge mich derſelbe bei dem Miniſter ent⸗ ſchuldigen.“ Durch dieſe Worte wurde die Neugier Khleſls, der wohl wußte, daß Tſchernembl nicht ohne triftigen Grund ſo ſprechen konnte, erregt. Er faltete daher die Hände auf der Bruſt und ſagte im Ton des Vorwurfes:„Warum gegen einen alten, viel beſchäftigten Mann gleich im Zorn überwal⸗ len, ſetzt Euch, mein lieber Sohn, und bedenkt, daß ich von der Laſt der mir obliegenden Geſchäfte faſt erdrückt, mich oft ſelbſt gegen Perſonen, die meinem Herzen noch ſo theuer ſind, kurz faſſen muß, und nun noch einmal, was iſt Euer Anliegen?“ „Ich hatte die Ehre, Eurer Eminenz eben zu bemer⸗ ken, daß ich keinerlei Anliegen habe.“ „Ei, ſo nehmt die Worte eines zu Tod gehetzten Greiſes nicht ſo genau, und ſprecht.“ Tſchernembl, der jetzt den Stolz des Cardinals ge⸗ brochen und ihn dort hatte, wo er wollte, entgegnete im milderen Tone: „Eure Eminenz wird ſich erinnern, daß ich meine Anhänglichkeit an Ihre Perſon bei mancher Gelegenheit bewährte, daß ich nicht ſelten, wenn die Verhältniſſe auf's Aeußerſte verwirrt ſchienen, durch meinen geringen Ein⸗ fluß und Rath Licht hineinbrachte und die gefährlichſten Händel ſchlichtete.“ „Das geſtehe ich willig zu.“ „Es iſt nun der Augenblick gekommen, Eurer Emi⸗ nenz einen weit weſentlicheren Dienſt zu erzeigen; ich will Eure Eminenz retten.“ „Wovor?“ „Vor Gefangenſchaft und Tod.“ Der Cardinal ſprang von ſeinem Stuhl entſetzt auf, beruhigte ſich aber ſogleich wieder und verſuchte ſogar zu lächeln, dann ließ er ſich nieder, und ſagte: „Lieber Freiherr, für einen Scherz bringt Ihr die Worte zu ernſt vor, und für Ernſt lauten Eure Worte zu ſcherzhaft. Wem, um Chriſti willen, ſollte ich alter Mann ſo zuwider fein, um auf meine Gefangenſchaft und Tod zu ſinnen, und endlich, wer vermöchte Etwas gegen 71 einen Mann, der, wenn auch nicht dem Namen, doch der That nach die mächtigſte Perſon im Reiche iſt?“ Tſchernembl erwiederte:„Faſt ſollte man glauben, daß Eure Eminenz recht habe, ſich auf Ihr hohes Alter zu berufen, denn nur der Einfluß der Jahre vermöchte Bege⸗ benheiten, wie der meuchleriſche Anfall bei Baden oder den ſchlecht gezielten Schuß am Presburger Schloß, ſo raſch aus dem Gedächtniſſe zu verlöſchen.“ Der Cardinal fuhr mit der Hand an die Stirne, als wollte er die unangenehmen Erinnerungen, welche der Freiherr wach rief, gewaltſam verbannen, dann antwortete er faſt fröhlich: Was wollt Ihr, das ſind Ereigniſſe, über welche bereits Moos wächſt, ſeitdem haben ſich die Dinge ganz anders und viel beſſer Ugeſtat ſtet. Leute, die dazumal meine Feinde waren, ſind in Freunde umgewan⸗ delt, Menſchen, die mir dazumal triftige Beweiſe ihrer feindlichen Geſinnung mbene haben mir nun die vollſten Bürgſchaften der Freundſchaft gegeben. Ich danke Euch desungeachtet für die freundliche Sorgfalt, die Ihr für mich begt. aber Eure Befürchtung iſt unbegründet, ich verſichere Unter Andern, die durchlauchtigſten Erzherzoge Max und Ferdinand waren, bevor Ihr kamet, bei mir. Sie waren gegen mich gitiger als je und benahmen ſich eher als fromme Söhne denn als Erzherzoge; noch mehr, ſie behaupten, ſie könnten meiner Gegenwart nicht entbehren, 72 und drangen ſo lange in mich, bis ich zuſagte, morgen nach Tiſch in die Burg zu kommen. Was ſagt Ihr dazu, und Ihr wollt einen Mann, der mit aller Welt, Gott ſei Dank, im Frieden lebt und keinen Feind mehr hat, als die Gicht, mit Beſorgniſſen erfüllen?“ Tſchernembl, der während der ganzen Entgegnung des Cardinals, ohne aufzuſchauen, mit ſeinem Handſchuh geſpielt hatte, blickte nun plötzlich auf, und begnügte ſich zu erwiedern:„Das freut mich, Eure Eminenz ſo ſicher zu wiſſen, und ihr dadurch viel, ja ſehr viel Geld erſparen zu können.“ Der karge Kirchenfürſt, durch dieſe Worte mehr be⸗ unruhigt als befriedigt, fragte:„Was meint Ihr damit?“ „Nun, ich wollte Euch die Rettung aus einer furcht⸗ baren Gefahr, die Euch bedroht, ſoeben um hunderttau⸗ ſend Ducaten verkaufen; da Ihr aber ſo genau wißt, daß Euch von keiner Seite her irgend welches Unglück droht, ſo erſpart Ihr natürlich dieſe in der That bedeu⸗ tende Summe Geldes, und ich kann beruhigt von hier fortgehen.“ Mit dieſen Worten ſchob Tſchernembt den Stuhl zur Seite, und machte Anſtalt, ſich zu verabſchie⸗ den. Der Cardinal ergriff ihn jedoch beim Arm und zog ihn ſanft auf den Stuhl nieder, indem er mit erzwungenem Lachen ſagte:„Nicht doch, mein Sohn, Eure Sorge um mich verdient Anerkennung, wenn auch die Art ſonderbar iſt, in welche ihr dieſelbe einkleidet. Indeß verſichere ich Euch auf Euer ſpaßhaftes Anerbieten, daß, wenn ich mei⸗ nen Kopf auch nur mit dem zehnten Theil der genannten Summe erkaufen könnte, ich auf den Kauf verzichten müßte, und es iſt für mich ein wahres Glück, daß die an⸗ gebliche Gefahr erträumt iſt, denn ich wüßte mir auch nicht zehntauſend Ducaten, geſchweige erſt hunderttau⸗ ſend zu verſchaffen.“ Tſchernembl entgegnete:„Deſto beſſer für Eure Eminenz, denn ich würde von der genannten Summe kei⸗ nen Heller abgelaſſen haben. Uebrigens laſſen wir dieſen Gegenſtand, der für Eure Eminenz keine Bedentung hat, und gehen wir zu etwas Anderem über. Die Be⸗ ſtallung des Oberſten Khuen war ein ausgezeichneter Streich.“ Der Cardinal ſchmunzelte ſelbſtgefällig. „Das letzte Manifeſt, welches den Böhmen die Erhaltung ihrer Privilegien zuſagt, und über den Fen⸗ ſterſturz ganz hinaus geht, hat die gute Wirkung noch vermehrt.“ Der Cardinal ſchmunzelte abermals. „Man muß geſtehen, Eure Eminenz kennt die Menſchen.“ Der Cardinal klopfte dem Freiherrn beifällig auf die Achſel und ſagte: Geſteht jetzt, daß Ihr irgend etwas von mir zu erreichen kamt, und Euch in dem Mittel es zu erlangen irrtet.“ 74 Tſchernembl überging mit Leichtigkeit von dem ge⸗ ſchmeidigen Höflingston zum feierlichen Ernſt, legte die Hand an die Bruſt, und ſagte:„Gott ſei mir in meiner Sterbeſtunde gnädig, wenn ich einen Augenblick daran dachte, Eure Eminenz zu täuſchen; noch mehr, ich wieder⸗ hole es, noch in dieſem Augenblick könnt Ihr Amt, Freiheit und Leben erkaufen; ſobald— hier wies er auf die mäch⸗ tige Hängeuhr des Cardinals,— der Zeiger um zehn Minuten weiter gerückt iſt, wird es zu ſpät ſein!“ Khlefl fühlte ſich durch die Feierlichkeit, mit welcher Tchernembl redete, und die nunmehr keinen Zweifel an der Ernſtlichkeit ſeines Anerbietens erlaubte, erſchüttert 8 die Kniee des alten Mannes zitterten, ſein Geſicht war bleich geworden, und ſelbſt Tſchernembl empfand etwas wie Mitleid. Da trat der Kammerdiener des Cardinals ein, und überreichte einen Brief. Khleſl öffnete noch unter dem Eindruck von Tſcher⸗ nembls Worten das Siegel. Während des Leſens änderte ſich plötzlich der Geſichtsausdruck des Cardinals; die frü⸗ here Röthe ſtieg wieder zu den Wangen und das ſtolze Lächeln, das man an ihm gewohnt war, ſpielte wieder um ſeine Lippen. Er reichte den Brief ſtillſchweigend dem Freiherrn. Das Schreiben kam vom Erzherzog Ferdinand und lautete, wie folgt: „Euer Liebden! So eben war der ſpaniſche Geſandte Onate bei mir, und erfreute mich mit der Nachricht, daß mein königlicher Schwager und Oheim, Se. Majeſtät König Philipp ſich bewogen gefunden haben, Eurer Liebden für das glücklich vollbrachte Werk der Erbſchaftsan⸗ gelegenheit den Orden des goldenen Vließes zu ver⸗ leihen. Der Marquis de tiete Eccleſias befindet ſich bereits auf dem Weg, um die getreue Bruſt Eurer Liebden eigenhändig mit dieſer eben ſo ſeltenen als großen Auszeichnung zu ſchmücken. Empfangen Euer Liebden indeſſen ſchriftlich meine aufrichtigen Glück⸗ wünſche, welche ich mir vorbehalte morgen mündlich auszudrücken Ferdinand.“ Tſchernembl ſchloß den Brief wieder zuſammen, übergab ihn dem Cardinal, und ſetzte ſeufzend hinzu: „Jetzt ſeid Ihr verloren. Nun würden Euch auch die bewußten hunderttauſend Ducaten nicht mehr mit Sicherheit retten. Ich geſtehe, daß die Sache noch viel ſchlimmer ſteht, als ich vermuthete, denn daß auch Spanien im Spiel ſei, wußte ich nicht.“ „Was faſelt Ihr von Spanien, Ihr ſeht im Ge⸗ gentheil, wie günſtig ſich für mich Alles geſtaltet. Der Deutſchmeiſter iſt verſöhnt.“ 76 „Verſöhnt ſich Erzherzog Max jemals? verzeiht, das wußte ich nicht.“ „Der junge König iſt mein Freund. 24 „Ihr ſeht, ich bin unwiſſend, und glaubte bisher, Erzherzog Ferdinand ſei nur der Jeſuiten Freund, und da Ihr kein Jeſuit ſeid— nun der Schluß liegt nahe.“ „Spanien iſt für mich.“ „Weil es die Kette des goldenen Vließes um Euren Hals legt. Ich höre, der Scharfrichter von Madrid ſoll nächſtens ein ſilbernes Richtbeil und goldene Handſchellen erhalten.“ „Mein Kaiſer liebt mich.“ „Wie er die Dame Wachter liebte, und endlich auf Andringen ſeiner Familie verſtieß.“ „Die Böhmen wiſſen, daß ſie mit mir viel beſſer fahren, als mit denen, die nach mir kommen.“ „Oder ſie werden mit Euerem Nachfolger gar nicht fahren.“ „Kurz, ich war ein Thor, daß ich mich nur einen Au⸗ genblick ängſtigen konnte. Sprecht, woher ſoll die Gefahr kommen?“ „Von Allen, nur nicht von den Ketzern, deren Aus⸗ rottung Ihr mit ſo vielem Eifer betrieben habt.“ „Wer ſind die Allen?“ „Erzherzog Max, König Ferdinand, Spanien, wollt Ihr noch mehr?“ „Ah, ſie würden es nicht wagen, habe ich nicht den Kaiſer für mich.“ „Ich wünſchte, Ihr hättet lieber den Dampierre für Euch.“ „Was? den Kriegsknecht lieber als den Kaiſer?“ „Weil Euch der Srhu des Kriegsknechtes ohne Ver⸗ gleich mehr nützen würde, als der Schirm Sr. Majeſtät.“ „Ihr ſprecht i im Fieber.“ „Und Ihr im Wahnſinn.“ „Ihr ſeht überall Geſpenſter.“ „Und Ihr ſeht trotz Eures gerühmten Scharfblikes das leibhaftige Unglück nicht, das an Enrer Seite ſteht.“ „So erklärt Euch deutlicher.“ „Zahlt erſt die 100.000 Ducaten.“ „Ich beſitze ſie nicht.“ „Wenn Euere Eminenz will, wird Sie ſie beſitzen.“ „O, das möchte ich recht gerne.“ „Nun, ich will Eurer Eminenz Erinnerung zu Hülfe kommen, der venetianiſche Geſandte—“ „Wieder das alte Lied.“ „Der venetianiſche Geſandte—“ „Aber ich ſage Euch ſchon, daß es ein Märchen iſt.“ „Der venetianiſche Geſandte hatte die Ehre Euch Sonntagmorgens den erſten Februar, noch ehe Ihr in die Kirche gingt, einen Schuldbrief der Signoria, lautend auf eine Million Gulden, zu überreichen.“ 78 „Und wenn es wahr wäre, was ich übrigens nicht zugeſtehe, was folgt daraus?“ „Daß ihr dreißig tauſend Ducaten hier im Baaren liegen habt, hunderttauſend Gulden bei einigen Neuſtädter⸗ Bürgern auf Zinſen ausgethan, zehntauſend harte Thaler bei Eurem Freund, dem Dominicanerprior Huter, ſechszig⸗ tauſend Gulden auf verſchiedenen Wiener Häuſern, hun⸗ derttauſend Gulden bei der Hofkammer. Dieſe Summen allein überſteigen bereits die geſtellte Forderung; was Ihr mehr beſitzt, die Häuſer, Felder, Weingärten, Eure gefüllten Kornſpeicher, Weinkeller, Silberkäſten und die zahllofen Schuldurkunden und ſo weiter, darunter die berühmte ve⸗ netianiſche, die kümmern mich nicht.“ „Irrthum, nichts als abgeſchmackte Fabel, ich habe meine Bezüge, weiter nichts, ja im Gegentheil, ich zweifle, ob nach meinem Tod ſo viel vorhanden ſein wird, um mich ſtandesmäßig zu beerdigen. Es iſt traurig, lieber Tſchernembl, wenn ein alter Mann nicht mit Zuverſicht auf eine ſorgenloſe Zukunft rechnen darf; ich kann es nicht. Und da ſprecht ihr mir von hunderttauſend Du⸗ caten? Und wenn man mich auf einen glühenden Roſt legte, wie den heiligen Laurentius, ich könnte nicht anders reden. Darum ſeid menſchlich und ſagt mir ohne Ent⸗ gelt, was Ihr mir zu ſagen habt.“ „Jrrthum, nichts als Irrthum. Euere Eminenz wiſſen, der vielen Beſitzthümer wegen, das Einzelne nicht. 79 Ich will Eurer Eminenz Gedächtniß noch einmal zu Hülfe kommen.“ Tſchernembl ſtand auf, ſchritt zum Erſtaunen des Cardinals einige Male, als ober etwas ſuche, mit ungewiſſen Schritten, und ſeine Blicke be⸗ ſtändig an die Wand geheftet, im Zimmer auf und ab; plötzlich hielt er bei einem Bild des Gekreuzigten an, und pochte mit dem Knöchel gegen die Wand, beugte ſich vor und näherte ihr das Ohr; es klang hohl. Schnell erhob er ſich und rief:„Wenn Euere Emi⸗ nenz vergeſſen haben ſollten, hier in dieſem geheimen Wandſchrank, deſſen Oeffnung ſich hinter dem Bilde befindet, liegen die beſprochenen dreißigtauſend Ducaten.“ Der Cardinal war bleich geworden und ſtammelte: „Nein, hier liegt nichts, gar nichts, ich könnte darauf ſchwören, daß hier nichts iſt.“ „O, thut es nicht, Eminenz, ein Schwur iſt ein Schwur, und ich glaube Euren Worten, ohne daß Ihr behauptet, die dreißigtauſend Ducaten lägen nicht hier; nun, das müßt Ihr beſſer wiſſen. Soll ich Euch ſagen, welchen Bürgern Wiener⸗Neuſtadt's Ihr Geld geliehen habt, und zu welcher Verzinſung? Oder ſoll ich Eurer Eminenz in Erinnerung bringen, wo ſich das Behält⸗ niß mit den berühmten Schuldurkunden, denn dieſe machen unſtreitig den intereſſanteſten Theil Eures Ver⸗ mögens aus, befindet?“ Khleſl wollte es nicht darauf ankommen laſſen; er 80 hatte mit der einen Probe von Tſchernembls Allwiſſen⸗ heit genug, er ſagte alſo:„Man glaubte oft die unum⸗ ſtößlichſten Beweiſe des großen Vermögens eines Mannes vor Augen zu haben und ſpätere Erfahrungen bezeug⸗ ten, bis zu welchem Grade man ſich täuſchte. Ich habe das Unglück für reich zu gelten, weil ich nicht wie andere Kirchenfürſten daherprange, weil ich nicht ſo ſchöne Pferde halte, wie der Cardinal Dietrichſtein, und ich habe in der That keine Urſache mich über mein zeitliches Einkommen zu beſchweren, aber ich habe Kinder.“ Tſchernembl riß Mund und Augen auf. Khleſl lächelte halb verächtlich.„Die Himmelspförtnerinnen ſind meine geliebten Töchter, und die Seminariſten meine theuren Söhne— dieſe Kinder wollen erzogen und erhalten werden, da geht viel Geld auf, und ſo kommt es, daß ich bei den anſehnlichen Bezügen, die ich genieße, arm bleibe.— Ich habe minder glückliche Freunde, wollt Ihr, daß ich ſie darben laſſe, oder ſoll ich ſie gegen mein Gewiſſen auf Koſten des Staates oder der Kirche zu Aemtern und Würden befördern? was bleibt mir alſo übrig, als mein Stück Brot mit ihnen zu theilen. So kommt es, daß ich bei meinem von Katholiken wie Proteſtanten ſo ſehr beneideten Einkommen nicht einmal auf ein ſorgenfreies Hochalter, ſo mich Gott damit heim⸗ ſuchte, hoffen darf.“ 81 Jeden Andern als Tſchernembl hätten die mit einem Gemiſch von Rührung und Feierlichkeit geſprochenen Worte des Cardinals bewegt. Er aber kannte den Geiz und die Schlauheit des Cardiuals zu gut, und war mit den Ver⸗ mögensverhältniſſen desſelben zu vertraut, um nur einen Augenblick getäuſcht zu werden. Er wies alſo auf die Uhr und ſagte:„Die zehn Minuten ſind vorüber, ich bin von der Unrichtigkeit mei⸗ ner Anſichten überzeugt und bedauere ſehr, daß Eure Eminenz nicht im Stande iſt ſich zu retten; dann ſchritt er gegen den Ausgang des Gemaches. Khleſl rief ihn zurück und ſagte:„Geld habe ich nicht, aber wollt Ihr ein Amt, ein einträgliches Amt, einen Hoftitel, Ihr ſeid zwar Proteſtant, aber Ihr ſollt ihn haben.“ „Ach Gott, ich möchte um nichts in der Welt, daß Euer Gewiſſen durch ſolche Beförderung beſchwert würde.“ „Ach, das iſt ein Anderes, Ihr ſeid ein kenntniß⸗ reicher, fähiger Mann.“ „Findet Ihr dies?2“ „Wie könnt Ihr fragen, habe ich dieſe meine An⸗ ſicht je verhehlt?“ „Nein.“ „Alſo noch einmal entſcheidet Euch.“ „Ich habe entſchieden.“ „Nun?“ Haas; Der alte Cardinal. III, 6 8² „Ich bleibe öſterreichiſcher Landſtand, dies iſt ein großes gewaltiges Amt.“ „Sonſt nichts?“ „Sonſt nichts.“ „Wollt Ihr Euer Geheimniß für keinen geringeren Preis entdecken; was mich betrifft, betrifft eben ſo gut den Kaiſer, meinen Herrn; ich kann aus den öffentlichen Geldern.....“ „O nichts von dem, der Staatsſchatz iſt leer, und leerer als leer.“ „Ich verſetze einige Reichskleinodien.“ „Die werthvollen ſind verſetzt.“ „Nun denn, ich gebe Euch zehntauſend Gulden.“ „Lebt wohl!—“ und Cſchernembl entfernte ſich langſam, aber mit ſicherem Schritt.“ Der Cardinal rief ihm nach:„Ich gebe Euch, ſo hört nur, ich gebe Euch 10,000 Ducaten.“ Tſchernembl, der nicht hörte oder hören wollte, war zur Thüre hinaus. Khleflwarffſich, von der gepflogenen Unterredungermü⸗ det, in ſeinen Lehnſtuhl, und ſagte für ſich hin:„Tſcher⸗ nembl iſt ein feiner Kopf, und ich hätte für mein Le⸗ ben gern gewußt, was gegen mich im Werke iſt, aber der Preis war auch unvernünftig hoch. Vor einem halben Jahr würde ich ihn vielleicht gezahlt haben, denn damals hatte ich übermächtige Feinde; heute fürchte ich 1 ——V—ͤ— 8³ Niemanden. Was kann auch Tſchernembl mit ſeiner drohenden Gefahr meinen? Eine ſtändiſche Cabale.— Ja das iſt's. Wäre es Max oder der römiſche König, ſo würde er nicht auf ſie als meine Feinde hingewieſen haben; von den Ständen aber ſagte er kein Wort, folglich kommt mir die Gefahr nicht von dem Erzherzoge oder Spanien, ſondern von den Ständen. Das iſt von den Ständen zwar ſehr unvernünftig, und der mit Tſcher⸗ nembl getroffenen Abrede ſtracks entgegen, aber doch immer beſſer, als wenn man zu Graz oder Innsbruck gegen mich intriguirte.— Der Mann hat ſich aber, ſo fein er iſt, verrechnet; er wollte Geld für ſein Ge⸗ heimniß, und ich habe das Geheimniß, wenn mich nicht Alles trügt, durch meinen Scharfſinn, was gar nichts koſtet, errathen. Nach Tſchernembls Reden bedroht mich der Feind zwiſchen heute und morgen— nun er kann es gut wiſſen, da er ſelbſt zuvörderſt in ſeinen Reihen ſteht; wir wol⸗ len auf der Hut ſein, doch kann ſelbſt dabei keine ernſt⸗ liche Gefahr ſein; verderben dürfen mich die Stände nicht, ſelbſt wenn ſie es könnten; ihr Zweck kann alſo nur der ſein, ſich meiner Perſon zu verſichern, um mir neue Zugeſtändniſſe abzupreſſen. Ich werde mich in Acht nehmen,— der Cardinal hielt ſich den Kopf mit beiden Händen, ſann eine Weile nach, und fuhr dann im Selbſtgeſpräch fort:„Ich weiß, 6* 84 was zu thun, ich laſſe mich weder heute noch morgen zu Hauſe oder auf der Straße allein finden. Ich bediene mich nicht einmal meines Wagens. Wie fange ich das an?— holla, ich hab's, ich ſchreibe an den Nuntius,— und Khleſl ergriff die Feder und ſchrieb: „Theurer Bruder in Chriſto! Es ſind mir genaue Nachrichten zu Ohren gekom⸗ men, daß die öſterreichiſchen Proteſtanten darauf ſinnen, neue Zugeſtändniſſe zu erpreſſen. Völlige Religionsfrei⸗ heit ſoll unter ihren Forderungen mitbegriffen ſein. Da dieſe Gottloſen nun wohl wiſſen, daß ich ſeit jeher der Gegner ihrer himmelſchreiend ungerechten Forderungen war, ſo haben ſie beſchloſſen, an meine unwürdige Per⸗ ſon Hand zu legen, um ſo die Erfüllung ihrer Wünſche zu erleichtern. Ich erſuche Euch daher, lieber Bruder, um eine Zufluchtsſtätte für einige Tage, bis der Sturm vorüber iſt, und ich Mittel gefunden habe, die Ruheſtö⸗ rer zu züchtigen. Von Gottes Barmherzigkeit und des heiligen Stuhles Gnaden Melchior Khleſl, Cardinal⸗Erzbiſchof von Wien.“ P. S. A propos. An der Spitze der aufrühreri⸗ ſchen Rotte ſteht wie immer auch dermalen der fluchwerthe 8⁵ Erasmus Tſchernembl, deſſen Name innig mit Allem verflochten iſt, das Kirche, Thron und Altar mit dem Umſturz bedroht.“ Er ſiegelte den Brief, und ließ ihn durch ſeinen Die⸗ ner eigenhändig dem Nuntius zuſtellen. Dann begann er ein zweites Schreiben, das an den Obriſten Khuen gerichtet war; in demſelben bat er den Kriegsmann, um der Liebe willen, die er immer gegen ihn und ſein Haus getragen habe— Tſchernembl, Hofkirchen, Thonradl, und wie die Häupter der proteſtantiſchen Stände immer heißen möchten, einige Tage genau beobachten zu laſſen, und jede Annäherung derſelben an ſeine Perſon zu verhüten. Dieſes Schreiben befahl der Biſchof der Frau des Obriſten zu übergeben. Als dies Alles geſchehen war, nahm er ſeinen Stock mit dem elfenbeinernen Knopf, ließ ſich den altmodiſchen Rock bringen, den er noch als Paſſauer Offieial getragen hatte, und begab ſich in Begleitung ſeines geiſtlichen Se⸗ cretairs, der eigentlich nichts als ſein Abſchreiber war, zum päpſtlichen Nuntius; ſein Diener erhielt die Weiſung, ihm die Inſignien ſeiner Würde, ſo wie den Cardinalshabit zur morgigen Aufwartung bei den Erzherzogen nachzutragen. XIII. Capitel. Wie Tſchernembl den Handſchuh umkehrt. Während der Cardinal die einſamſten Nebengaſſen wählte, um in das Hotel des päpſtlichen Geſandten zu ge⸗ langen, eilte Tſchernembl ſpornſtreichs nach Hauſe, und fertigte einen Courier an den Pfalzgrafen ab. In dem Schreiben ſagte der Freiherr, daß es ihm gelungen ſei, der feigen Politik des Zuwartens und Aufſchiebens ein Ende zu machen, die Böhmen zur offenen Empörung zu treiben und den Cardinal, welcher als das verkörperte Princip jener Politik galt, mit Hülfe ſeiner politiſchen Freunde, ſo wie durch kluge Benützung ſelbſt feindſeliger Leidenſchaften zu ſtürzen. Nichts mehr, fügte er hinzu, ſtehe nun der Verwirklichung alter, verſchobener, aber nie aufgegebener Pläne entgegen. Niemals ſei ein Zeitpunkt zur allgemeinen Erhebung 87 der Reichsglieder als Repräſentanten der neuen Lehre gegen den katholiſchen Unfug günſtiger geweſen. Jetzt gelte es, an die Stelle des mürben, langſam zerbröckeln⸗ den Organismus der deutſchen Reichsverfaſſung ein ande⸗ res lebensfähigeres Princip zu ſetzen. Das Haus Habs⸗ burg, das die Kaiſerwürde als ein Familiengut anzuſehen gewohnt wäre, müſſe eines Beſſeren belehrt, und ihre durch wenig gewiſſenhafte Mittel im Lauf der Jahr⸗ hunderte zuſammengebrachte Herrſchaft in ihre Beſtand⸗ theile wieder aufgelöſt werden. Was den alternden Kaiſer betreffe, ſo dürfe man die Sorge für ſeinen Untergang getroſt den Spaniſchen und Wälſchen überlaſſen; übrigens ſei der alte Herr ohnedies kein gefährlicher Gegner; dagegen müſſe man dem jungen ſteieriſchen Wolf die Zähne bei Zeiten ausbrechen, eh' er zu ſtark und mächtig würde. Ob ſich der Herr nicht der Merovingiſchen Race er⸗ innere; der letzte König wurde geſchoren und in einem Klo⸗ ſter eingekerkert; Ferdinand habe eine ſo unüberwindliche Vorliebe für das Kloſterleben, daß man ihm nicht einmal etwas Hartes zumuthe, wenn man ihn verurtheile als Mönch zu leben und zu ſterben; der Pfalzgraf ſolle ſich an dem Haus der Merovinger ein Beiſpiel nehmen, und mit Ferdinand ein Gleiches thun. So wie die Welt den carolingiſchen Prinzen noch heute zu Dank verpflichtet wäre, daß ſie der grauſamen Herrſchaft der nichtsthueriſchen Könige aus dem Hauſe des Meroväus ein Ende machten, 88 ſo würden alle Länder und Völker, welche gegenwärtig unter dem Gewiſſenszwang der Habsburger ſchmachteten, das Andenken desjenigen ſegnen, welcher ihre unerträg⸗ lichen Feſſeln zerbreche, und ihre Seele und Leiber frei mache. Jetzt müſſe es ſich zeigen, ob der Pfalzgraf in ſich die Kraft fühle, dem Kurhut eine Krone beizufügen, oder ob er in dem Alltagsleben als armer Reichsſtand unterzu⸗ gehen gedenke. Die deutſchen Proteſtanten der öſterreichi⸗ ſchen Länder ſtänden bereit, Gut und Blut für ihn einzu⸗ ſetzen; die Böhmen jubelten ihm entgegen, und Bethlen Gabor, wie ihm wohl bekannt, ſtände bereit, mit 20,000 Ungarn zu Gunſten ſeiner Glaubensgenoſſen in Oeſterreich einzufallen.— Es fehle nur an Einem, ohne das Alles Schaum und Traum bliebe, an Geld. Die Katholiſchen, welche Geld hätten, benützten daſſelbe zu feindlichen Zwecken, und die proteſtantiſchen Edelleute ſeien durch den jahre⸗ langen Widerſtand ſo ausgeſogen, daß ſie nicht einmal die nothwendigſten Auslagen zu beſtreiten im Stande wären. Hundertfünfzigtauſend Ducaten ſeien die geringſte Summe, welche die proteſtantiſchen Stände Oeſterreichs benöthigten. Ohne Waſſer könne der Müller nicht mahlen, und ohne Geld kein Krieg geführt werden. Der Schreiber erwarte alſo von der bekannten Einſicht des Churfürſten die bezeichnete Summe, die an ſich vielleicht bedeutend; in Rückſicht auf den Zweck aber ſicher gering, vielleicht zu gering ſei. — —— 89 An die Pfalzgräfin ſchrieb er beſonders, und em⸗ pfahl dem Courier, ihr das Schreiben insgeheim zuzu⸗ ſtellen. Er erinnerte an die Verpflichtungen, welche ſie als eine proteſtantiſche Prinzeſſin und Tochter eines ſo großen evangeliſchen Königs zur Aufrechthaltung der rei⸗ nen Lehre und Unterſtützung ihrer Glaubensgenoſſen habe, er ſagte ihr, daß er ſchon damals, als er ſie das erſte Mal erblickte, daran gedacht habe, wie herrlich eine Königskrone in den weichen, blonden Locken ſitzen würde; wie ihr Weſen und Anſtand ſich ſo ganz für eine Königin ſchicke, wie er die Nation jetzt ſchon be⸗ neide, die in ihr die Königin verehren dürfe., Er wiſſe gar wohl, daß ihr Gemahl ein echt deutſcher, gut denkender Herr ſei, aber von ſeinem Wan⸗ kelmuth und mit der Muttermilch eingeſogenen Vorur⸗ theilen von dem bindenden Gehorſam gegen das Reichs⸗ oberhaupt fürchte er Alles. Er wende ſich darum an ſie, die Königstochter, an das vorurtheilsfreie geiſtvolle Weib, und frage, ob ſie, die eugliſche Prinzeſſin, allen gekrönten Fürſtinnen der Chriſtenheit nachſtehen oder nicht lieber mit der Kaiſerin ſelbſt gleich gehalten und behandelt ſein wolle. Eins wie das Andere hinge von ihr ſelbſt ab. Sie vermöge über ihren fürſtlichen Gemahl Alles, das wiſſe er; ihr Einfluß ſei unbegränzt, er beſchwöre ſie deshalb, dieſes Verhältniß zum Nutzen ihrer leidenden Glaubensbrüder, zum Frommen ganzer Völker und Länder 90 anzuwenden. Sie ſei einſichtsvoll genug, um zu wiſſen, daß wer den Zweck will, auch die Mittel wollen müſſe. Sollen ſich die öſterreichiſchen Proteſtanten für den künf tigen König von Böhmen erheben, ſo brauchen ſie Geld zum Waffnen, Geld zur Beſtechung ihrer Gegner, Geld endlich zur Erwerbung neuer Freunde. Großherzig, wie er ſie kenne, würde ſie keinen Au⸗ genblick zweifelhaft ſein, was in ſolchem Falle zu thun. Es ſei ihm bekannt, daß der König, ihr Vater, mit aller väterlicher Zärtlichkeit an ihr, als ſeinem Augapfel hänge, ſie ſolle daher Jakob den Erſten zur Hülfeleiſtung bewe⸗ gen; es liege die Theilnahme überdies im Intereſſe Eng⸗ lands, England könne durch die Erhebung des Proteſtan⸗ tismus nur gewinnen, durch ſeine Niederlage nur verlie⸗ ren. Er lege das Schickſal der öſterreichiſchen Proteſtanten, ſo wie ihre, der Pialsgrän Zukunft, in ihre eigenen Hände; dieſe ſeien zwar klein und zart geformt, aber ein männlicher Geiſt regiere ſie. Sie nan ihm den Freimuth verzeihen, mit welchem er an ſie ſchreibe, aber er habe geglaubt, ſich bei einer ſo ungewöhnlichen Frau, deren hochherzige Denkweiſe jedmänniglich bekannt ſei, über die enggezogenen Schranken geſellſchaftlicher Vorurtheile hinausſetzen, und die Wahrheit ungekünſtelt vortragen zu müſſen; dies habe er gethan, und erwarte nun ſein Urtheil. Gott ſei ſtets mit dem Muthigen, dies möge ſie 91 bedenken; er ſelbſt wolle hundert Leben für das ihrige und das ihres fürſtlichen Gemahls geben; ſein Geiſt weile bei ihr in Heidelberg, und er bedauere, daß er nicht völ⸗ lig dort ſein, und nach ſeinen geringen Kräften rathen und helfen könne. Als Tſchernembl beide Briefe geſiegelt, und den Händen des Couriers übergeben hatte, rieb er ſich ver⸗ gnügt die Hände und ſagte halblaut für ſich hin:„Ich bin zufrieden, die Angel iſt ausgeworfen und der Fiſch wird bald daran zappeln. Wenn ſich Adam weigert, in den Apfel zu beißen, ſo iſt dafür geſorgt, daß ihn Eva zum Apfelbiß verführt. Ich kenne die Weiber, ob ſie Meneglina oder Eliſabeth heißen, Eine gleicht doch der Andern, voll Eitelkeit und empfindſamem Weſen wird die Leimruthe von dem geſchickten Vogelſteller nie frucht⸗ los ausgelegt. Das Vöglein zwitſchert, die Ducaten klingen, und bald ſoll mit Gottes Gnade der Brumm⸗ baß der Kanonen ſiegreich dareinſchallen.— Ich hätte gerne noch länger Frieden gehalten, der alte Harpagus von Cardinal wollte es nicht anders— es ſei.“ Nachdem Tſchernembl dieſen Monolog gehalten hatte, nahm er aus einem ſorgſam geſchloſſenen Schrank einen Haufen Papiere, durchblickte jedes einzeln, zün⸗ dete ein Licht an und verbrannte den größten Theil derſelben. Nach vollbrachter Arbeit ſagte er:„Nun habe ich 92 mit Herrn Melchior vollkommen abgeſchloſſen, und man ſoll wenigſtens nicht ſagen, daß bei dem proteſtanti⸗ ſchen Freiherrn von Tſchernembl Schriften gefunden wurden, die das Gedächtniß des katholiſchen Cardinals Khleſl verunglimpften. Ob der Erzbiſchof gegen die Calviner in gleichem Falle dieſelbe Rückſicht beobachten würde, bezweifle ich, dafür bin ich aber der Freiherr von Tſchernembl, und der Cardinal der Bäckersſohn Melchior Khleſl. Aber wie, wenn er nicht mehr Zeit findet, ſeine Papiere zu vernichten? dann bleibt nichts übrig, als ihn dazu zu zwingen, und das werde ich, ſo wahr ich Tſcher⸗ nembl heiße, und nun an die Rechnungen. Tſchernembl zog aus einem andern Fach desſelben Schrankes einige mit Ziffern vollgeſchriebene Bögen hervor und durchlief ſie prüfend mit geübtem Auge. Endlich faßte er ſie mit zufriedener Miene zuſammen und legte ſie an ihre Stelle. Die Rechnungen ſtimmten mit den verlangteu hundert⸗ tauſend Ducaten. 3 Tſchernembl hatte die Ständebewilligungen für die Gränzrüſtungen gegen die Türken dem Rechnungsan⸗ ſchlag für die eigenen Rüſtungen zu Grunde gelegt. Mein Großtürke, dachte der Freiherr, wohnt dermalen in Wien in der kaiſerlichen Burg und heißt Ferdinand. Es iſt weit weniger daran gelegen, ob die muhame⸗ daniſchen Gränznachbaren um ein paar Dörfer und feſte 93 Häuſer mehr oder weniger beſitzen, wenn nur der öſter⸗ reichiſche Adel frei und mächtig wird. Als der Freiherr auch die Durchſicht der Rechnungen beendigt hatte, blickte er nach der Uhr. Sie zeigte auf acht; es war Abend geworden, ehe es der Freiherr vermuthete, er packte alſo eilig zu⸗ ſammen, ſchloß den Schrank ab, und verließ ſeine Wohnung. XXIV. Capitel. Saul unter den Propheten. Langſam ſchritt er dem Keller zu, in welchem er den kaiſerlichen Bauinſpector treffen ſollte. Der Keller war, wo er ſich noch heute befindet, an der öſtlichen Häuſerfront des Hohenmarktes. Einige Stufen unter dem Eingang war ein grü⸗ ner Tiſch angebracht, auf welchen Schüſſeln mit kal⸗ tem Geflügel umgeben von einem Flaſchenkranz ſtanden. An dünnen Rebſchnüren hingen geräucherte Würſte nie⸗ der und berührten faſt die langen Hälfe der Flaſchen. Dieſe Gerichte ſollten als Köder für die Vorübergehen⸗ den dienen, um ſie deſto ſicherer in die unterirdiſchen Räume hinabzulocken. Der Freiherr ſtand einen Augenblick ſtill; von un⸗ ten herauf tönten ſchwache Zittertöne und die verhallen⸗ 95⁵ den Worte der Gäſte.— Er ſtieg die Treppe vollends hinab. Ein ziemlich weiter, feſt gewölbter, aber nur ſchwach erleuchteter Raum umſchloß die gewöhnlichen Gäſte des Kellerwirthes. Als Tiſche dienten großen Theils umgeſtürzte Fäſſer oder roh geſchnitzte, feucht an⸗ zufühlende Bierbänke. Ein mächtiges Stückfaß, das in einen Winkel des Kellers gerollt war, diente dem erhei⸗ ternden Künſtler der Geſellſchaft zur Schaubühne. Ein buckliges Männlein in abgeſchabtem Rock und faden⸗ ſcheiniger Hoſe ſtand auf dem Faß, und ſuchte das Pu⸗ blicum mit allerlei Liedern und Poſſen zu unterhal⸗ ten; ſein Geſellſchafter ſaß auf einem kleineren Faß neben an, und begleitete den Sänger auf einer mißtö⸗ nigen Cither. Das Publicum ſelbſt beſtand aus Bürgersleuten untergeordneten Ranges, Handlungsdienern, Stubenmäd⸗ chen, einigen Gefreiten und Wachtmeiſtern, die durch ihre Uniform und das ſichere Auftreten aus den übri⸗ gen Gäſten hervorſtachen.—. Der Freiherr blickte etwas betroffen um ſich, und ſuchte den Hofofficianten.— Ein Kellner, der eben unter der Laſt mehrerer Speiſetöpfe daherkeuchte, bemerkte die Unſchlüſſigkeit des neu eingetroffenen Gaſtes, deſſen ganze Haltung nicht mit dem übrigen Theil der Geſell⸗ ſchaft übereinzuſtimmen ſchien; er überſah auch mit raſchem Blick die unbequeme Lage des Fremden und be⸗ 96 deutete dienſtfertig, ihm zu folgen. Der Kellner wandte ſich nun gegen den dunkelſten Theil des Kellers, und öffnete eine kleine niedrige Thür, durch welche man nur in gebückter Stellung eintreten konnte. Tſchernembl folgte ſeinem Führer, und gelangte in einen kleinen mit Faß⸗ dauben, Stricken, Pfropfen und anderem Kellergeräth an⸗ gefüllten, nur durch ſpärlichen Lampenſchein erhellten Raum, und endlich dieſen durchſchreitend in ein faſt glänzend erleuchtetes, ziemlich geräumiges Gemach, deſſen Wände mit halbverlöſchten, aber von goldenen Rahmen eingefaßten Bildern geſchmückt waren. Die Mitte der Gaſtſtube nahm ein langer, mit weißem Tuch bedeckter Tiſch ein, auf welchem die volle Schüſſel dampfte, und zahlreiche Flaſchen eine gläſerne Hecke bildeten. Um den Tiſch ſaßen Männer verſchiedenen Alters, deren gemein⸗ ſames Merkmal nur eine gewiſſe hektiſche Röthe zu ſein ſchien, die anfänglich nur ſtundenweis auftretend, endlich ſtationär wird, und bis an das oft ſpät eintretende Le⸗ bensende ihrer Träger dauert. Am oberſten Ende der Tafel ſaß ein Greis von ungefähr ſiebenzig Jahren, deſſen Stimme das Geklirr der Flaſchen und Gläſer, ſo wie die Geſpräche der Anderen übertäubte. Es war der Hof⸗ kellermeiſter Ruckſtuhl und daran kenntlich, daß um ſeinen Teller ein Kreis ſeltſam gebildeter, von den übrigen Fla⸗ ſchen vornehm abſtechender Bouteillen aller Größen und Alter ſtand; zu ſeiner Rechten ſaß Herr Effenberger, der 97 Straßen⸗ und Waſſerbauer, der beim Eintritt des Frei⸗ herrn höflich aufſprang und auf ihn zueilte. Er zog ihn cameradſchaftlich auf einen an ſeiner Seite behdfihen leeren Stuhl und wandte ſich an die Tiſchgeſellſchaft mit den Worten:„Ich habe die Ehre, meine uſchuß melten Freunde, hier den Herrn....“ Umſonſt beſann ſich Effenberger auf den Namen, den er nie gehört hatte, und wandte ſich endlich, wie ein ungeſchickter Komödiant an den Souffleur, an den Frei⸗ herrn, ſtill flüſternd:„Wie heißt Ihr doch?“ „Schmidt, lieber Herr Effenberger.“ „Alſo Herrn Schmidt vorzuſtellen.“ „Wer iſt der Herr Schmidt?“ fragte der Keller⸗ meiſter leiſe;„wer ſeid Ihr?“ wispelte Effenberger noch leiſer. „Uhrmacher, lieber Herr Effenberger.“ „Uhrmacher,“ antwortete nun der Bauinſpector laut. „Aber doch nicht der Uhrmacher zu den zwölf Apo⸗ ſteln,“ bemerkte eine heiſere Stimme am untern Ende des Tiſches. „Weshalb nicht?“ fragte der tiefe Baß Ruckſtuhl's. „Weil ich, wie der ſpaßige Gevatter wohl weiß, ſelbſt der Uhrmacher Schmid von den zwölf Apoſteln bin.“ „Er iſt nicht der Schmidt von den zwölf Apo⸗ ſteln,“ ſagte nun Effenberger mit Griſchirdenzeit 7 Haas: Der alte Cardinal. III. 98 „Vielleicht iſt er der Uhrgehäusmacher Schmidt vom Spittelberg,“ bemerkte eine andere Stimme zur Linken des Mannes von den zwölf Apoſteln ſchüchtern. „Seid Ihr der Uhrgehäusmacher Schmidt vom Spit⸗ telberg?“ wisperte Effenberger ſeinen Nachbar wieder in's Ohr. 4 „Nein, lieber Herr Effenberger.“ „Nein, er iſt kein Uhrgehäusmacher,“ rief nun wieder Herr Effenberger mit Stentorſtimme. „Aber um Gotteswillen, woher iſt denn der Herr?“ fragte der echte Schmid wieder? „Woher ſeid Ihr denn, beſter Herr?“ fragte Effen⸗ berger immer verlegener den Baron. „Zugereiſt, lieber Herr Effenberger.“ „Zugereiſt!“ ſchrie der Bauinſpector, triumphirend, alle Bedenken der etwas heiklen Tiſchgeſellſchaft nieder⸗ geſchlagen zu haben. In der That murmelten die Genoſſen des Herrn Effenberger nun völlig befriedigt ein über das andere Mal:„Zugereiſt!“ Weiteres zu erkunden fiel den ehr⸗ ſamen Tiſchgenoſſen zum Entzücken des Freiherrn nicht ein.— Das durch den Eintritt Tſchernembl's unter⸗ brochene Geſpräch war nun bald wieder in Gang ge⸗ bracht. Namentlich gab ſich ein zur Rechten des neuen Gaſtes ſitzender junger Mann alle erdenkliche Mühe, ſeine beiderſeitigen Tiſchnachbaren zu unterhalten. Der junge 99 Mann war Apotheker, und vor Jahren im Gefolge des Monarchen zur Krönung der Kaiſerin nach Prag gereiſt. Seine glänzendſten Erinnerungen ſchrieben ſich aus jener Epoche kaiſerlichen Triumphes her. Der noch ziemlich junge Mann Hofapotheker⸗Subject Hüller war froh ſeine alten Geſchichten an den Mann zu bringen und Tſcher⸗ nembl nicht minder ſie zu hören. Hüller erzählte nun, indem er Georg Reitenſpieß den Hofquartiermacher, Za⸗ charias Mecker und Johann Pickel die Hofcapellenſänger, die zu gleicher Zeit in Prag waren, zu Zeugen aufrief, von jener fürchterlichen Winterxreife, und jenen Feſtlich⸗ keiten, während welcher die Amouretten, die das Feſtſpiel verherrlichen ſollten, erfroren. „So boshaft waren die Leute,“ fügte der Apo⸗ theker bei,„daß ſie aus dem Erfrieren der Liebesgenien auf eine froſtige Ehe ſchloſſen.“ „Und die Leute hatten Unrecht?“ fragte der ver⸗ meintlich zugereiſte Uhrmacher. „Ich ſagte nur, daß die Leute boshaft waren.“ „Das heißt die Frage umgehen.“ „Nun denn, es giebt ja oft recht ſchöne Wintertage.“ „Und Ihr meint, daß die Ehe des Kaiſers ſich ſolchen ſchönen Wintertagen vergleichen laſſe?“ Hüller nickte und ſetzte kopfſchüttelnd hinzu:„Jeden⸗ falls bringen die Bäume im Winter keine Früchte.“ „Aber die Leute meinen hie und da noch immer, 7 100 daß trotz Schnee und Froſt die ſo lange erwarteten Früchte noch reifen ſollten.“ „Ja wenn die Liebesgötter nicht erfroren wären,“ gab der Apotheker ungläubig zur Antwort. „Und dennoch habe ich erſt dieſer Tage gehört.....“ „Teufel, das iſt für einen zugereiſten Uhrmacher ſehr viel,“ bemerkte Kellermeiſter Ruckſtuhl. „Aber Ihr wiſſet ja noch gar nicht was,“ entgegnete der fremde Gaſt.„Ich habe gehört, daß Ihre Maje⸗ ſtät die Kaiſerin, die Gott erhalten möge, geſegneten Leibes ſei. „Ja, ja, das möchten ſie wohl!“ wandte Hüller ein,„aber ſo wenig dem Kaiſer Rudolf das Menſchen⸗ machen auf der Retorte gelungen iſt, ſo wenig werden es die Herren Mignoni und Magnus bei der Kaiſerin zu Stande bringen. „Alſo die Aerzte ſind derſelben Meinung?“ „Ei, von den Aerzten geht es ja aus.“ „Ich dachte von den Nonnen zur Himmelspforte?“ „Ich kann Euch nur verſichern, daß wir ſchon alle möglichen Roburantien nach Hof geſendet haben; jetzt trinkt die Kaiſerin Ribola.“ „Was iſt das?“ „Ei eine Weingattung, welcher man beſondere Kräfte zuſchreibt.“ „Und außer dem Ribola.“ 101 „Einen Abguß von Knabenwurz.“ „Sonſt nichts?“ „Trinken nicht, das ich wüßte, aber es giebt noch andere Mittel, die man anwendet.“ „Das wäre?“ „Es müſſen ſich täglich ein Dutzend der hübſcheſten Kinder— lauter Knaben natürlich, unter den Augen der Majeſtät baden.“ „Dann.?“ „Dann hat Herr Mignoni in der Kaiſerin Schlaf⸗ zimmer ein ganzes Atelier errichtet.“ „Wozu das Atelier?“ „Ich hätte ſagen ſollen, eine ganze Sammlung von Knabenbüſten und Kindergruppen.“ „Jetzt werden wir doch am Ende ſein?“ „Oho— ich ſagte bloß, was die Aerzte vorberei⸗ tet, um ihre Vorherſagung in Erfüllung zu bringen.““ „Haben ſich denn noch andere Leute eingemengt?“ „Das will ich meinen!“ „Wer denn?“ „Die Geiſtlichkeit.“ „Ah, Ihr macht mich neugierig. Und wie hat es die Geiſtlichkeit angefangen, auf den Zuſtand der Kaiſerin einzuwirken?“ „Der Cardinal hat ihr ein heiliges Frauenzimmer beigegeben. Iſt es nicht ſo, Ruckſtuhl?“ 102 „Hätte man ein plauſchſüchtiges benöthigt, ſo hätte er Dich empfehlen können,“erwiederte der vorſichtige Keller⸗ meiſter mürriſch.“ „Nun der Bruder Uhrmacher ſcheint ein ehrlicher Mann.“ „Muß man Jedem, den man für ehrlich hält, ſeine Geheimniſſe anhängen?“ Tſchernembl ſtellte ſich gekränkt und beleidigt und be⸗ harrte in völligem Schweigen, das fiel dem Weginſpicien⸗ ten, der auf den Verlauf des Geſprächest nicht geachtet hatte, auf. Hüller klagte den Hofkellermeiſters als den Beleidiger und Störnfried an. „Kennen wir den Herrn?“ brummte der Verklagte mißvergnügt. Effenberger, der bereits die zweite Flaſche geleert ſchlug zornig auf den Tiſch, daß die Teller und Becher klirr⸗ ten:„Ich aber kenne ihn, ich Effenberger, und nicht ſeit heute, ſondern zwanzig Jahre her; ich habe Vater und Großvater gekannt, und waren lauter ehrliche Leute, kein Halunk darunter, kein einziger.“ Ruckſtuhl begnügte ſich kopfſchüttelnd zu murmeln: „Das müſſen langlebige Leute geweſen ſein dieſer Vater und Großvater, da mir der Herr ſchon wie ein Fünfziger ausſieht.“ „Ihr ſeid ein Zänker und Polterer, ſchrie Effenberger. „Wer meinen Collegen verunglimpft, hat es mit mir 103 zu thun,“ erhob der Uhrmacher Schmid die Stimme am unteren Ende der Tafel. „Ich fordere, daß Herr Ruckſtuhl als Sühnopfer und Zeichen ſeines Vertrauens die Geſchichte der Nonne ſelbſt erzählt,“ rief Hüller. „Erzähle Dickwanſt!“ ſchrie ihm Reitenſpieß zu. „Erzählen!“ Erzählen! riefen die Andern. 1 Ruckſtuhl wußte ſich nicht anders zu helfen, als daß er ſeinem Namen zu Ehre, den Stuhl rückte, ſeinem Nebenmann etwas zuflüſterte, worauf dieſer nach der Thüre ſah und ſie verriegelte und dann anhob: „Vor ungefähr einem Vierteljahr hielt ſehr ſpät Abends, als nur wenig Menſchen mehr auf der Gaſſe waren, des Cardinals Reiſewagen, deſſen Wappen aber zufällig oder gefliſſentlich verwiſcht war, vor dem Ein⸗ gang zur Burg. Der alte Khleſl ſtieg zuerſt aus, dann folgte ein wunderhübſches Frauenzimmer in Ordens⸗ tracht. Beide ſtiegen zu Ihrer Majeſtät Gemächern hinauf. Die alte Eminenz ſchien bärbeißiger als je und auch das wunderliebe Nönnchen mußte ihre be⸗ ſonderen Nücken haben, denn ſie redete kein Wort und ſah ſo blaß und abgehärmt aus, als ob ſie gerade von ihrem Martyrium zum Himmel aufſteigen wollte. Als ſie bei der Kaiſerin waren, wurden alle Thü⸗ ren geſchloſſen, ſo daß Niemand ein Wort der gepflo⸗ genen Unterredung erhaſchen konnte. Nur Frau Ger⸗ 104 noth theilte uns mit, daß das arme Kind nichts that als weinen. Die Kaiſerin aber ſchien eine ganz beſon⸗ dere Vorliebe für die junge Nonne gefaßt zu haben. Wo ſie ging und ſtand, mußte auch die Auguſtinerin ſein. Das dauerte vielleicht zwei Monate; da auf ein⸗ mal hieß es, die Nonne ſei auf ihr beſonderes Verlan⸗ gen mittelſt päpſtlicher Dispens Kanoxiſſin in einem Brünner Kloſter geworden. In der That hielt wieder der Reiſewagen Sr. Eminenz ſpät Abends, als nur wenig Menſchen mehr auf der Gaſſe waren, vor der Burg. Die Nonne kleidete ſich raſch zur Reiſe an und eine halbe Viertelſtunde ſpäter rollte der Wagen, in welcher der Cardinal mit einer Kloſterfrau eingeſtiegen war, zum Thore hinaus.“ Bis hieher enthielt die Erzählung Ruckſtuhls nichts Beſonderes, denn die ganze Welt, inſoferne ſie ſich um eine Nonne im Hofſtaat der Monarchin kümmerte, wußte oder konnte wiſſen, daß Schweſter Francisca den Hof verlaſſen und in das Brünner Chor⸗Frauenſtift überge⸗ ſiedelt war. Ruckſtuhl ſchien mit ſeiner Geſchichte hier auch zu Ende gekommen zu ſein, denn er ſchwieg und machte keine Miene, als ob er noch etwas hinzuzuſetzen hätte. „Ei, was ſoll das heißen?“ begann ungeduldig der Uhrmacher von den zwölf Apoſteln, ſind wir nicht unter uns, lauter Freunde, oder ſcheut Ihr wie ein tol⸗ 105⁵ les Pferd vor dem zugereiſten Uhrmacher? Wann hat man je gehört, daß ein Uhrmacher zum Verräther ge⸗ worden wäre? Es giebt keine tugendhafteren Menſchen als die Uhrmacher, das bringt das Handwerk mit ſich. Die Uhrmacher haben das Memento mori ſo zu ſagen im kleinen Finger, dabei ſind ſie keine Charlatane und Luftdoctoren wie die Aerzte, unſere Kuren gelingen immer. Gebt dem Mignoni oder Magnus ſo eine ge⸗ brochene Lebensuhr zur Herſtellung, und ich ſtehe Euch dafür, daß ſie ihnen unter zehn Fäll een nur einmal gelin⸗ gen wird, gebt dagegen uns, mir und meinem Collegen da aber ein noch ſo abgenütztes, hinfälliges Werk, wir ſetzen ein neues Schräubchen, ein Zahnrad, eine Feder ein und das Ding pulſirt und ſchlägt, als ob es neu aus der Hand des erſten Meiſters käme. Alſo vorwärts Mann, und erzählt die Geſchichte weiter, ſonſt erzähle ich ſie, wobei Ihr aber nicht am beſten wegkommen werdet. Der Kellermeiſter brummte:„Wenn die alberne Ge⸗ ſchichte ſchon erzählt ſein muß, ſo will ich es doch lie⸗ ber ſelber thun, als ſie von Andern entſtellen laſſen.“ Dann hob er mit den ganzen Tiſch beherrſchender Stim⸗ me an:„Die Auguſtinernonne blieb verſchwunden, aber, und das bitte ich zu bemerken, auch Frau Gernoth fehlte; kein Menſch bekam die ſtrenge Frau ferner mehr zu Geſicht. Wir Hofparteien wußten nicht, was daovn 106 zu halten, bis mich eines Tages der allerhöchſte Dienſt nach Mähren rief, wo ich mit des Cardinals Haushof⸗ meiſter einiger Fäſſer Weines halben unterhandeln ſollte. Der Cardinal Dietrichſtein befand ſich zufällig mit ſei⸗ nem geſammten Dienſtperſonal in Brünn. Ich zog alſo dem Cardinal von Olmütz nach Brünn nach. Da ſah ich unſre Frau Gernoth als Kanoniſſin mit einem goldenen Kreuz auf der Bruſt. Ich hatte Luſt laut aufzuſchreien, ſo ſehr erſchreckte mich die Frau Ger⸗ noth, die um einen Fuß gewachſen ſchien mit ihrer wachsgelben Hautfarbe, und den vielen Stirnrunzeln. Sie ſtarrte ſo geſpenſterhaft vom Chor herunter und ſah dabei ſo geiſtesabweſend aus, daß ich nicht länger bleiben mochte, ſondern auf und davon lief. Später erhielt aber doch die Neugierde die Ober⸗ hand und ich beſchloß, weil ich denn ſchon in Brünn war, mit der neuen Kanoniſſin zu ſprechen. Ich begab mich in meiner vollen Livree in das Sprechzimmer und verlangte nach Frau Gernoth.„Es giebt hier keine Frau Gernoth,“ lautete die lakoniſche Antwort. ‚Nun gut, ich will mit der Dame ſprechen, die ich geſtern auf dem Chor gleich rechts von der Orgel bemerkte.“„Ach die,“ erwiederte eine Schweſter lächelnd,„hat ſich ſelbſt zum ewigen Schweigen und ſteter Einſamkeit verurtheilt.“ Denkt Euch, werthe Tiſchgenoſſen, Frau Gernoth und 107 ewiges Schweigen? Ich glaube, man hätte den kleinen Nell mit gleichem Recht verurtheilen können, noch um drei Fuß zu wachſen! — Ich ſagte mir gleich, das geht nicht mit rechten Dingen zu, indeß gab es kein Mittel die Schranken des Kloſters zu durchbrechen, und ich mußte daher meine Nachforſchungen aufſchieben, wo nicht ganz aufgeben. Der Zufall war mir aber beſonders günſtig; ich ſah etwas, was außer mir die Wenigſten, vielleicht nicht ein⸗ mal der Kaiſer geſehen haben. Während des Kirchenganges am letzten Sonntag wurde plötzlich ein Fenſter im Departement der Kaiſe⸗ rin mit Ungeſtüm aufgeriſſen, ein ſchöner weißer Arm wurde ſichtbar, der etwas fallen ließ, gleich darauf war es aber ſtille. Das was zur Erde glitt, war ein Streifen Papier, auf dem die Worte ſtanden:„Ich mag nicht län⸗ ger das Werkzeug des Betruges“— das folgende Wort, wie die zwei nächſten waren verlöſcht oder doch unlesbar geſchrieben, dann folgte wieder eine lesbare Zeile: ‚Sagt dem Cardinal, daß mich Niemand in der Welt dazu zwingen kann.“ Ich hatte kaum Zeit ge⸗ habt den Streif zu verbergen, als ſchon der hochwür⸗ dige Herr Steinſchneider, des Khleſl Privatſecretair, die Treppe herunter geſprungen kam, und mit dem lauern⸗ den Blick, den man an ihm gewohnt iſt, fragte, ob ich nichts am Boden gefunden hätte, 108 „Gar nichts, war meine Antwort, micht das Ge⸗ ringſte,“ denn ich hatte Furcht, daß man mich als lä⸗ ſtigen Mitwiſſer, wenn man mein Verbrechen ahnte, in irgend einem Mönchskloſter begraben würde, wie man es mit Frau Gernoth gethan hatte. Natürlich verfiel ich auf den Gedanken, daß der beſchriebene Streifen von der Auguſtinerin herrührte, an deren Stelle man ohne Zweifel die Frau Gernoth nach Brünn geſchickt hatte. Man hat gewiß ganz gute Gründe, die Nonne ſo wohl zu hüten, und nie mit der Kaiſerin allein ſprechen zu laſſen.“ „Was unſtreitig mit den in Prag erfrorenen Lie⸗ besgöttern innig zuſammenhängt,“ fiel der Hofapothe⸗ ker ein. „Ei, erzählt dieſen Zuſammenhang,“ bat der Pſeudo⸗Uhrmacher Schmidt, recte Tſchernembl.—„Ich bin ſo neugierig.“ „Man ſieht, daß er zugereiſ't iſt,“ bemerkte der Weginſpicient. „Alle jungen Leute ſind neugierig,“ generaliſirte Georg Reitenſpieß. „Ich nur auf gewiſſe Dinge,“ verſicherte pfiffig lächelnd der Tenoriſt Pickel. „Und ich nur auf Alles, was die Weibsleute an⸗ geht,“ meinte ſein College Zacharias Mecker. 109 „Aber das kommt ja auf meine Anſicht hinaus,“ bemerkte Pickel. „Nicht im Geringſten, da Ihr von gewiſſen Din⸗ gen geſprochen, während ich von gewiſſen Frauenzim⸗ mern rede.“ „Immer dasſelbe.“ Der Hofapotheker hatte ſchon zwei ohnmächtige Verſuche augeſtellt, ſeinen Zuſammenhang an Mann zu bringen, war aber beide Male an der Uncufmerkſamkeit ſeiner Hörer geſcheitert, jetzt ſchlug Herr Reitenſpieß, die vornehmſte unter den anweſenden Hofparteien, mit der Fauſt auf den Tiſch, daß Krug und Gläſer gegen⸗ einander klirrten; dieſer Schlag ſchnitt den Meinungs⸗ austauſch der beiden Hofcapellenſänger ab und Hüller konnte ungeſtört beginnen. „Ihr ſeht, alle Decocte ſind an der guten dicken Kaiſerin verloren.“ „Was hat das mit der ſchönen Nonne, ich will mir wenigſtens einbilden, daß ſie ſchön iſt— gemein?“ „Ich ſage, daß die Kaiſerin Anna glaubt geſegne⸗ ten Leibes zu ſein.“ „Ei, was kümmert das die Braut Chriſti?“ „Nun täuſcht ſich aber die Kaiſerin.“ „Ich begreife noch immer nicht?“ „Sie ſoll aber, wie es ſcheint, bis zur Evidenz getäuſcht werden.“ 110 „Ein merkwürdiger Caſus!“ „Nonnen ſind nicht immer die hellſten Tugend⸗ ſpiegel.“ „Ach Ihr meint, daß die Nonne die erfrorenen Liebesgötter aus ihrer Erſtarrung in's Leben zurück rufen ſollte.“ „Ach was einmal erfroren iſt, bleibt erfroren.“ „Dann begreife ich nicht.“ „Ich eben ſo wenig, aber der Papierſtreifen?“ „Da habt Ihr Recht, es iſt verdächtig.“ „Ich meine, daß die Nonne beſtimmt ſei die Stelle der hohen Wöchnerin zu vertreten.“ „Es iſt eilf!“ brummte der Uhrmacher von den zwölf Apoſteln, als ob eine ſeiner Uhren gerade die Stunde ausſchlüge. „Warum nicht gar?“ erwiederte der Weginſpicient, indem er in Ermangelung ſeines Stöckchens die Waden mit der flachen Hand peitſchte. „Der Uhrmacher Schmid hat ganz Recht,“ entgeg⸗ nete der Zehrgadener, und wenn es nicht bei uns hier in Wien eilf Uhr iſt, ſo wird es doch irgend an einem Punkt der Erde gerade ſo viel ſein. Bei dieſen Wor⸗ ten erhob ſich ein guter Theil der Kellergeſellſchaft, ſchüttelte den Zurückbleibenden die Hand und verließ die unterirdiſchen Räume; nur der zugereiſte Uhrmacher, 111 Reitenſpieß, Hüller, Ruckſtuhl und der Weginſpicient rührten ſich nicht von der Stelle. „Darf ich meinen Einſtand zahlen?“ ſprach der verkappte Uhrmacher, indem er den Wegmeiſter fra⸗ gend anblickte. „Ich glaube nicht, daß die Geſellſchaft etwas da⸗ gegen hat,“ lautete die Antwort. „Darf ich mir Euren Rath ausbitten,“ fragte der falſche Schmidt, indem er ſich mit der ernſteſten Miene von der Welt, als hinge von des Kellermeiſters Beſcheid Leben oder Tod, an Ruckſtuhl wandte. „Mit was kann ich dem Herrn dienen?“ erwie⸗ derte eben ſo wichtig der Befragte. „Welche Gattung Wein, die der Wirth hier führt, haltet Ihr für die vortrefflichſte?“ Der Kellermeiſter zog die Stirne in tiefe Falten und dachte lange nach, endlich ſagte er kurz und be⸗ ſtimmt:„Kloſterneuburger.“ Der fremde Gaſt rief nun zur Thür hinaus: „He, ein Paar Flaſchen Kloſterneuburger!“ Dieſe Art, den gerühmten Wein zu beſtellen, jagte dem Kellermeiſter Flammen des Zornes in die Wangen und er ſagte:„Man ſieht, daß Ihr ein Paar Silber⸗ groſchen zu viel in der Taſche habt und vom Land kommt, ſonſt würdet Ihr Euch nicht ſo gar täppiſch an⸗ ſtellen und nach Kloſterneuburger ſchreien, als ob er 112² vorm Wiednerthor wüchſe. Nein, laßt mich machen, das iſt kein Geſchäft, das Ihr verſteht; in ſo einer Land⸗ kneipe, wo ſie nur einerlei Wein haben und trinken, mag es angehen, bei uns in Wien iſt es anders. Wie viel wollt Ihr?“ „Ich denke ein Paar Flaſchen für den Mann.“ „Wo denkt Ihr hin? Glaubt Ihr, der Kloſterneu⸗ burger werde uns geſchenkt?“ „Ich will ihn ja gar nicht umſonſt.“ Hier miſchte ſich der Weg⸗ und Waſſerbauinſpec⸗ tor ein und bedeutete dem andern Hofofficianten, er möge den Fremden gewähren laſſen. „Habt Ihr denn gar kein Mittleid, Ihr Saufaus!“ entgegnete Ruckſtuhl;„hört doch, daß er zugereiſt iſt und wollt ſeinen armen Beutel keltern und preſſen, daß kein rother Heller zurückbleibt?“ Effenberger und der Baron tauſchten einen Blick aus, indeß war der Wirth mit abgezogenem Käpp⸗ chen eingetreten. Der Kellermeiſter ſprang ſogleich vom Tiſche auf, zog den Wirth in einen Winkel, legte ſeine Hand auf den Rockkragen und redete ihm eindringlich zu, wie ein Prieſter, der ſeinem Beichtkind die ganze Schwere ſeiner Verbrechen vor Augen ſtellt und es zu thätiger Reue und ernſtlichem Vorſatz der Beſſe⸗ rung auffordert. 113 Der Wirth ſchien endlich gerührt und bot ſeine Hand zur Bekräftigung der Wahrheit ſeiner Rede. „So müßt Ihr es machen,“ ſagte der Keller⸗ meiſter, nachdem ſich der Wirth entfernt hatte,„wenn Ihr ein gutes Glas Wein erhalten wollt— ich glau⸗ be wenigſtens, er wird jetzt Wort halten, er kennt mich wenigſtens hinreichend, um an keinen Betrug zu denken.“ Nach wenigen Minuten ſtellte der Wirth mit einer Art düſteren Feierlichkeit zwei dicke Flaſchen auf der Tiſch. „Poſſen das!“ rief ihm der fremde Gaſt zu:„bringt Ihr dieſe zwei Fläſchchen für mich oder den Herrn Weg⸗ inſpector, oder den würdigen Kellermeiſter? Ihr könnt doch nicht daran denken, mit dieſem Spielzeug mehr als einer Perſon zu genügen? Alſo friſch vorwärts und ein Dutzend ſolcher Flaſchen, wenn's gefällig iſt.“ „Siebenzehn Kreuzer die Flaſche,“ raunte der er⸗ ſchrockene Kellermeiſter dem vermeintlichen Uhrmacher zu. „Laßt ihn, laßt ihn...“ bemerkte der Wegmeiſter. „Sich ruiniren,“ brummte der Hofofficiant. Fünf Minuten ſpäter ſtand auch die zweite Lie⸗ ferung vollzählig auf dem Tiſch.„Helft mir doch die Gläſer füllen!“ ſagte der Baron zu ſeinem Nachbar; dieſer unterſtützte ihn mit einer Behendigkeit, wie ſie nur langjährige Uebung gewährt. Als alle Gläſer voll ſtanden, ergriff der Fremde das vor ihm ſtehende und Haas: Der alte Cardinal. III. * 4 114 leerte es auf das Wohl ſeiner neuen Freunde, die ihn, den Fremdling, ſo gütig in ihren Kreis aufgenommen. Meiſter Ruckſtuhl, als der Aelteſte, fühlte ſich zu einer Entgegnung aufgefordert und brummte etwas vor ſich hin, das Reitenſpieß zum Theil verſtanden haben wollte, in der That aber Niemand ganz inne werden konnte, da nur die Worte:„Hochgeehrt,“„Verbind⸗ lichſten Dank“ und„Wiederkommen“ vernehmbar waren. Nachdem Tſchernembl dieſe Pflicht äußerſter Artig⸗ keit erfüllt hatte und bemerkte, wie die Züge ſeiner Zech⸗ genoſſen allmälig zu erſtarren und die Zungen etwas ſchwerfällig zu werden anfingen, da zog er die Flaſchen, zu raſche Fortſchritte der Trunkenheit fürchtend, aus dem Bereich ihrer Hände. „Mein Freund,“ hob er, ſich plötzlich an Reiten⸗ ſpieß wendend, an,„hat mir von der bewußten Wette erzählt.“ „Aha, wegen des Khleſl's!“ „Ganz richtig!“ „Wird einen großen Spaß geben!“ „Hauptſpaß!“ „Soll großartig werden.“ „Großartig?“ „Nun, ich denke doch, daß es großartig werden muß, wenn dazu eigens zweihundert Küraſſiere in die Burg beordert wurden.“ 115 Der Freiherr ſtutzte und ſprach:„Wie ſagt Ihr, zweihundert Küraſſiere? was hätten die mit der Wette zu thun?“ „Ach, es iſt nur, um den Pöbel zurückzuhalten.“ „Merkwürdig! den Pöbel, der von gar nichts weiß?“ „Es ſollen ſogar die Thore geſchloſſen werden,“ bekräftigte Ruckſtuhl. „Woher wißt Ihr?“ fragte der Baron. „Ei, weil der Weinbauer Freitags hundert Eimer Markersdorfer in den Hofkeller führen ſoll.“ „So wäre ja ſogar Tag und Stunde beſtimmt?“ „So ſcheint es,“ entgegnete Ruckſtuhl,„da der Wein zwiſchen zwei und drei Uhr Nachmittags eintref⸗ fen ſollte, und der alte Breuner die Zufuhr bei mir ſelbſt für dieſen Tag, wenn ſie nicht Vormittags anlan⸗ gen könne, abbeſtellte.“ „Wenn ich nur den Spectakel mit anſehen könnte!“ „Wer hindert Euch daran?“ „Ich bin hier ohne Freunde und Bekannte und möchte doch mit Bequemlichkeit ſehen... So ſchenkt Euch doch ein, liebe Herren! Euer Glas, Herr Keller⸗ meiſter! und das Ihre, Herr Georg—“ „Reitenſpieß,“ ergänzte der Baukundige. „Und Euer Glas, verehrter Herr Weginſpector!“ Tſchernembl füllte ihnen die Gläſer und ſagte 8* 116— kopfſchüttelnd:„Jammerſchade, daß ich nicht dabei ſein kann!“ „Wobei?“ „Beim Beginn des Wettſtreites in der Hofburg.“ „Pah, wenn es nichts Anderes iſt!“ ſagte der Kellermeiſter. „Das muß ich verbieten,“ entgegnete Effenberger halb beleidigt;„wenn Jemand berechtigt iſt, dem ehren⸗ werthen Fremdling ſeine Wohnung anzubieten, ſo bin ich es. „Aber bedenke, Deine ſchöne, junge Frau—“ „Meine ſchöne junge Frau geht morgen in's Bad nach Mannersdorf.“ „Ah, das ändert die Sache.“ „Nehmt Ihr an, Meiſter?“ Mit dieſen Worten wandte ſich der Weginſpector an den Freiherrn. „Ihr macht mich mit Eurem Anerbieten glücklich.“ „Auch ein kleines Jäuschen ſoll Euch nicht ent⸗ ſtehen.“ „Um ſo beſſer; ich werde alſo kommen.“ „Wann wollt Ihr?“ „Um drei Uhr, denk' ich.“ „Kommt lieber früher, man kann doch nicht wiſ⸗ ſen. „Gut, ich werde früher kommen.“ „Wir müſſen Freunde werden!“ 117 Der Kellermeiſter fiel hier halbtrunken ein:„Ich glaubte, Ihr wäret es ſchon?“ „Ich meine dicke Freunde.“ Ruckauf miſchte ſich auf's Neue ein und ſagte: „Aber Ihr thatet ja, als ob Ihr die dickſten Freunde wäret!“ „Warum nicht gar?“ fuhr der ebenfalls angetrun⸗ kene Weginſpector auf;„kenne ich doch den Herrn erſt ſeit heute Morgens!“— „Hab' ich's doch gedacht,“ polterte nun der Keller⸗ meiſter heraus,„daß Ihr uns auf's Eis führt, Ihr Gelbſchnabel!“ „Nennt mich nicht Gelbſchnabel, ich verbiete es Euch!“ „Nun, ſo will ich das Ganze für den Theil ſetzen und ſagen, daß Ihr eine Schnattergans ſeid!“ „Wie albern, als wenn ich einen Unterrock trüge!“ „Alſo Ihr meint, nur das ſei eine Gans, was einen Unterrock trägt— beweiſt Ihr doch das Gegentheil.“ „Ich beweiſe gar nichts, und laſſe mich auch zu keinem Beweiſe zwingen.“ „Einfaltspinſel!“ „Ich dulde keinen Schimpf!“ „Wir aber ſollen es dulden, daß Ihr Jemanden als alten bewährten Freund einſchwärzt, den Ihr erſt ſeit ein paar Stunden kennt!“ 118 „Was ganz genug für einen Menſchenkenner mei⸗ nes Gleichen iſt.“ „Und ganz genug, um uns in Schimpf und Schande zu bringen, wenn der gute Mann unſere Ge⸗ heimniſſe ausplaudert.“ Nun hielt es Tſchernembl an der Zeit, ſich in den ernſter werdenden Streit einzumengen. Er hob das friſchgefü=llte Glas empor und rief:„Schande dem Manne, der ein zufällig erlauſchtes Geheimniß auszu⸗ plaudern im Stande wäre! Ich hoffe, daß Ihr mich für keinen ſolchen haltet!“ „Gewiß nicht,“ nahm jetzt der Hofapotheker, der ſo viel Gefallen an dem aufmerkſamen Zuhörer ſeiner Prager Begebenheiten und Erlebniſſe gefunden hatte, das Wort.„Ich bin überzeugt, daß der zugereiſte Schmidt keines Verrathes fähig ſei. Uebrigens wiſſet Ihr, was der Uhrmacher von den zwölf Apoſteln erſt vor einer Stunde rückſichtlich der geſammten Uhrmacher⸗ zunft ſiegreich behauptet hat. Ich ſage alſo, ſo wahr Herr Schmidt ein Uhrmacher iſt, wird er uns nicht verrathen. Auf gute Freundſchaft, Herr Schmidt!“ Mit dieſen Worten ſtieß der Apotheker ſein Glas ſo heftig an das des Freiherrn, daß der Wein überfloß. „Als ob es Waſſer wäre,“ brummte der Keller⸗ meiſter und zog ſeinen Beutel, um ſeinen Theil an der Ovation des Abends zu bezahlen. 4* 119 „Heut' an mir, morgen an Dir, wie der heilige Laurentius ausrief,“ ſagte Tſchernembl und nöthigte den Kellermeiſter, von ſeinem Vorhaben abzuſtehen.„Ich gedenke noch manchen Tag in Wien zuzubringen und manches Glas Wein, wenn Ihr es erlaubt, in Eurer Geſellſchaft zu leeren, ſo daß Ihr mir die paar Tropfen hundertfältig erſetzen könnt, wenn ſie Euch auf der Zunge brennen.“ „Wer ſpricht davon?“ murmelte Ruckſtuhl be⸗ ſchwichtigend;„ich möchte den kennen, welchen alter Kloſterneuburger auf der Zunge brennt— ja, wenn es junger Retzer wäre, ſo wollte ich nicht ſagen Nein, aber Kloſterneuburger— nein, der brennt mir nicht auf der Zunge.“ „Hollah, Ihr Herren! Sperrſtunde!“ ſchrie jetzt der Wirth,„die Stadtguardia hat gerade ein Paar recht nett ausſehende Männer über den Platz geführt.“ Die Gäſte ließen ſich nicht ein zweites Mal zum Aufbruch mahnen und wankten die Kellerſtufen hinauf. Oben angelangt, würdigte Herr Effenberger ſeine Ge⸗ noſſen kaum eines leichten Grußes, ſchob ſeine Hand zwiſchen den Arm des Freiherrn und ſprach, indem er ſich etwas kräftig auf den Baron ſtützte:„Jetzt ſagt mir, mein Beſter, nachdem die wüſten Burſche fort ſind, ſeid Ihr wirklich Uhrmacher? ich hätte Euch für etwas Größeres angeſehen.“ 120 Tſchernembl erwiederte geheimnißvoll, daß dieſe Vermuthung ſeiner Menſchenkenntniß zu hoher Ehre gereiche. „Nun?“ „Was nun?“ „Ihr ſeid alſo?“ „Der Großuhrmacher Georg Schmidt.“ „Dachte mir's gleich— denn alle die Kleinuhr⸗ macher haben ſo kleine Manieren und Weiſen, die ſich gegen die Eurigen wie Sackuhren zu Thurmuhren ver⸗ halten.“ Während dieſes Geſprächs waren die beiden ver⸗ ſpäteten Gäſte am Michaelsplatze angelangt; Effen⸗ berger wollte dem Freiherrn im Freundſchaftsdrang noch weiter das Geleite geben, was aber der letztere damit hinderte, daß er plötzlich fragte:„Iſt Eure Frau ſchon nach Mannersdorf?“ „Noch nicht; ſie geht aber morgen zum Früheſten.“ „Dann laßt ſie um Himmelswillen in der Vor⸗ nacht ihrer Abreiſe nicht allein.“ „Ihr meint, ſie könnte es übel nehmen?“ „Das weiß ich eben nicht, wohl aber, daß ich an ihrer Stelle....⸗ „Was thätet Ihr an ihrer Stelle?“ „Daß ich mich einem aufmerkſameren und minder gleichgültigen Manne in die Arme werfen würde,“ 121 „Das wäret Ihr im Stande?“ fragte der Weg⸗ inſpicient ſchaudernd. „O ich bin überzeugt, daß alle Frauen meiner An⸗ ſicht ſind.“ Der gute Effenberger ſchien einen Augenblick zu ſchwanken, ſagte aber endlich doch:„Im Grunde haben wir ja Mondlicht, und könnt Ihr den Weg ohne mich finden. Es geſchieht nicht darum, daß ich Euch ver⸗ laſſe, weil ich um das Herz meiner Gattin beſorgt bin; ich habe keinerlei Urſache an ihrer Liebe zu zweifeln; aber die Nacht iſt vorgerückt, und neben mir giebt es kleine Kinder— Ihr begreift— die Eltern wünſchen nicht, daß die armen Geſchöpfe geweckt werden; dann reiſt meine Frau in's Bad, da heißt es zeitlich auf; kurz, Ihr entſchuldigt mich?“ „Ganz und gar!“ „Und kommt morgen zu mir?“ „Ich bin die Pünktlichkeit ſelbſt.“ „Alſo gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ Der Hof⸗Weg⸗ und Waſſerbauinſpector entfernte ſich mit raſcheren Schritten, als er bisher gethan hatte, Tſchernembl blickte ihm aber lächelnd nach und ſagte: „Der heutige Abend lieferte mir die unzweifelhafte Rechenprobe über alle die einzelnen Zahlen und Ziffern, die ich in meine Tafel einſtellte. Ja, der Cardinal 122. ſpielt ein hohes Spiel; ja, er wird mitten im Spiel überraſcht werden und keine der noch ſo fein angelegten Partien gewinnen. Armer Kaiſer! Arme Kaiſerin! Und Ihr noch ärmeren Völker Oeſterreichs, die Ihr der Ehrſucht und Habgier privilegirter Räuber zur Beute werden ſollt!“ XXV. Capitel. Vox clamans in deserto. Khleſl, welcher wohl geruht hatte, ſchickte ſich des folgenden Tages gerade an, in der Hauscapelle des Nuntius die Meſſe zu leſen, als ein Wagen am Thor des römiſchen Botſchafters ſtill hielt.— Der Kutſchen⸗ ſchlag wurde herabgelaſſen, dem Wagen entglitt eine dicht verhüllte Nonne, die beim Cardinal gemeldet zu werden verlangte. Khleſl, der eben auf dem Weg zur Capelle begrif⸗ fen war, ſtand beim Anblick der Himmelspförtnerin ſtill, winkte und fragte mit jener gewinnenden Herzlichkeit, die er ſeinen Worten zu geben wußte, wenn er freundlich und zutraulich erſcheinen wollte:„Was führt Dich hieher, liebe Tochter?“ 124 Die Nonne ſchlug den Schleier zurück und ließ die edlen ſanften Züge der Nichte des Cardinals erken⸗ nen, doch war das ſonſt blaſſe Antlitz der Kloſterfrau mit dunkler Röthe bedeckt und eine Art ungewöhnlicher Aufregung in den ſonſt ſo ruhigen Zügen unverkennbar. Das Geſicht des Cardinals drückte Erſtaunen aus. Er ſagte:„Spute Dich, Mädchen, wenn Du mir etwas mitzutheilen haſt; ich habe wenig Zeit und der Kirchen⸗ diener hat bereits das erſte Mal geläutet. Die Nonne aber antwortete:„Hier iſt nicht der Ort, wo ich meinem gnädigen Oheim mittheilen kann, was ich auf dem Herzen habe.“ Der Cardinal blieb einen Augenblick unſchlüſſig, ob er die Unterredung abbrechen und in die Capelle eilen oder das Mädchen weiter anhören ſollte; endlich winkte er unmuthig und kehrte in das Sprechzimmer des päpſt⸗ lichen Nuntius zurück; hier ließ er ſich wie erſchöpft in einen mit Sammet ausgepolſterten hohen Lehnſtuhl fal⸗ len; dann bedeutete er der Nonne ſich gleichfalls zu ſetzen. Die Kloſterfrau blieb indeß in der Erwartung, daß Khleſl die Unterredung eröffnen würde, lautlos ſtehen. Der Cardinal, an dem kein Act der Ehrfurcht gegen ſeine Perſon ſpurlos vorüberging, fing endlich mit mehr Milde an:„Sprich, liebe Tochter, wie ver⸗ fielſt du darauf, mich hier zu ſuchen und woher die für 125⁵ eine Braut Chriſti ſo unziemliche Aufregung; Deine Hand zittert und die Wangen bedeckt Fieberglut; biſt Du krank, Eva⸗Roſine?“ „Krank? wie Ihr es nehmt; in der That habe ich ſchweren Kummer, und eilte in Eure Wohnung, ihn in Eure väterliche Bruſt auszuſchütten. Alles war verſchloſſen; Niemand wußte, wohin ihr wäret.“ „Das iſt ganz recht,“ murmelte Khleſl vor ſich hin. „Dann,“ fuhr die Nonne fort,„eilte ich raſtlos nach der Hofburg.“ „Und dort?“ „Dort erfuhr ich, daß Ihr hier ſeiet.“ Khleſl ſchüttelte den Kopf, und murmelte wieder: „Seltſam in der That, ſehr ſeltſam!“ hierauf wandte er ſich wieder zu ſeiner Nichte und fragte:„Und Dein Kummer?“ „Ach der ſchreibt, ſich ſeit dem Tage, an dem Schweſter Francisca ihre Zelle verließ.“ „Ich weiß, gutes Mädchen, Dich kränkt der Verluſt Deiner Gefährtin. Ach die Menſchen müſſen ſich trennen.“ „Das wußte ich voraus, es war alſo auch nicht die Trennung, die mich ſo tief betrübte.“ „Und was war es ſonſt?“ „Mein Herz ſagte mir, daß Schweſter Francisca ein großes Unglück bevorſtehe. Und da jede Nachricht 126 von ihr ausblieb oder ſorgfältig verheimlicht wurde, ſo ängſtigte mich das Schickſal des armen Kindes.“ „Und deshalb kannſt Duzu mir? und dies iſt Dein ganzer Kummer?“ „Ja. 1 „Nun ſo gehe getröſtet Deines Weges, Schweſter Francisca iſt weder unglücklich, noch ſteht ihr irgend welche Gefahr bevor.“ „Alſo Ihr wiſſet, wo ſie hingekommen? O erzählt, ſprecht, theilt mir den geringſten Umſtand mit.“ Khleſl wurde ungeduldig und ſchien keineswegs gewilt, auch wenn ihm der Aufenthalt der Nonne bekannt war, die ſtürmiſchen Fragen ſeiner Nichte zu beantworten; er ſtand darum auf und ſagte mit froſtiger Miene:„Ich glaubte mit der Nachricht, daß ſich Schweſter Francisca wohlbefin⸗ det, Deinen kindiſchen Schmerz zu mildern, da ich aber bemerke, daß Deine Neugier an dem Geſchick der Novize mehr Antheil hat als das Herz, ſo lebe bis zur Stunde, da Du gelernt haben wirſt Deine Begierden und Leiden⸗ ſchaften bezähmen, wohl.“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen hatte, machte er das Zeichen des Segens und ſchickte ſich an das Gemach zu verlaſſen. Ehe Khleſl aber noch die Thürklinke berührt hatte, ſprang die Nonne hin und ſtellte ſich vor den Ausgang, 127 indem ſie die Hände demüthig faltend fragte:„Sagt mir um Gottes Willen, was aus der Schweſter geworden?“ Der Cardinal erwiederte trotzig, indem er das Mäd⸗ chen wegzuſchieben verſuchte:„Was kümmert mich die einfältige Novize?“ Darauf rief Eva⸗Roſine mit Ton und Miene des Entſetzens:„Heiliger Gott, ſo iſt es doch wahr, daß die Arme bei der Kaiſerin iſt?“ Durch die Leidenſchaftlichkeit des Ausrufes einiger⸗ maßen beunruhigt, zuckte der Cardinal die Achſeln und erwiederte:„Vor Allem ſagte ich kein Wort, das Dich zu dem Glauben veranlaſſen könnte, daß das Mädchen am Hof ſei, aber ſelbſt wenn es ſich ſo verhielte, was kümmert es Dich? Wäre es meine Schuld, wenn Schweſter Fran⸗ cisca muthiger als Du ſich zu einem Opfer entſchloſſen zeigte, deſſen Du unfähig biſt?“. Eva⸗Roſine ſchlug die Augen nieder und wagte es nicht das ſchamrothe Geſicht zu erheben, endlich ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer:„So hat mich meine Ahnung nicht betrogen und meine Freiheit ſollte durch die Schmach einer Anderen erkauft werden!“ „Schmach? wer redet von Schmach?“ „Ich, gnädiger Herr, ich rede davon, ich weiß, daß Eure Staatskunſt die Ehre eines Mädchens forderte, daß Ihr die ſchreckliche That vorbereitet habt, daß.......“ Khleſl's Lippen verzogen ſich zu einem ſpöttiſchen Lächeln; er fiel ihr mit dem Ausruf in die Rede:„That? welche That?“ „Wozu dieſe Verſtellung gegen mich, die Ihr doch ſelbſt anfänglich zur Vollſtreckerin Eurer Pläne er⸗ wählt habt?“ „Verſtellung, Pläne, That? Mein Kind, Du ſprichſt in Räthſeln. Das zu viele Nachtwachen und Beten, beſorge ich, hat Deinen Geiſt verwirrt und ich werde mit der Hochwürdigſten ſprechen, daß ſie Deine allzu harte Aſkeſe mildere.“ Die Nonne war über den froſtigen Hohn des Car⸗ dinals empört; ſie ſchwankte einen Augenblick, ob ſie die väterliche Hand Khleſl's ein für alle Male von ſich ſtoßen oder einen letzten Verſuch zur Rettung ihrer Genoſſin wagen ſollte; ſie entſchied ſich endlich für das Letztere, ergriff die Hand des Kirchenfürſten und ſah ihn mit flehen⸗ den Blicken an, dann ſagte ſie:„Sprecht, mein gnädiger Oheim, womit habe ich dieſe ſchnöde Behandlung ver⸗ dient? War ich nicht ſtets bereit, Euch in ſchuldiger Dank⸗ barkeit in Allem und Jeglichen, das Ihr von mir heiſchtet, beizuſtehen? Oder ſollte Euch der einzige Widerſpruch, den ich, ſo lange ich lebe und bei meiner vollen Vernunft bin, Eurem Willen entgegenſetzte, ſo erbittert haben?“ Eine jähe Röthe bedeckte das Antlitz des Cardinals und er entgegnete mit Heftigkeit:„Ja Dein Starrſinn hat mich gekränkt, tief gekränkt; Du konnteſt reich, mächtig, 129 unabhängig, vielleicht ſelbſt Fürſtin des Reiches werden, wenn Du mit mir Hand in Hand gingſt. Die Nichte des erſten Beamten des heiligen römiſch⸗deutſchen Reiches hätte für das Opfer ihrer Unſchuld einen Fürſtenſtuhl for⸗ dern können und der Cardinal, ihr Oheim, hätte ihn be⸗ willigt, ſo wirſt Du im Kloſter verkümmern, höchſtens als Aebtiſſin unbekannt und unbetrauert abſterben, während ich in Gefahr bin, durch eine weit ungeſchicktere Hand, als die Deinige iſt, um die Früchte meiner Bemühungen gebracht zu werdeu.“ „Ach ſo gebt, wenn Ihr ſelbſt ein Mißlingen fürchtet, den gefährlichen Plan auf; ſendet Francisca in's Kloſter zurück, laßt es uns übrig, mit dem Schleier des Kloſter⸗ geheimniſſes zu bedecken, was vielleicht nicht mehr zu ändern iſt.“ Khleſl antwortete mit milder aber feſter Stimme, indem er jedes einzelne Wort betonte:„Francisca iſt der Kaiſerin bereits unentbehrlich geworden und wird, es mit jedem Tag mehr, doch ſoll ſie binnen Monats⸗ friſt zurück in's Kloſter, da ſie zwar adeliger Leute Kind aber keineswegs die Nichte eines Cardinals iſt.“ „Und weshalb erſt in einem Monat, warum nicht leich?“ Khleſl fuhr bei dieſer Frage zornig auf und erwie⸗ derte:„Steht einer einfachen Nonne dieſe Frage an den ordinirenden Biſchof zu, he Schweſter Victoria?“ 9 Haas: Der alte Cardinal. III. 8 130 „An den Biſchof nicht, wohl aber an den Oheim, den ſie tief verehrt und kindlich liebt. Urtheilt ſelbſt, ſollte ich nicht einen Mann, der an einem Abgrund hintaumelt eines waghalſigen Jagdabenteuers willen, das ſeinen Jägerruf noch feſter begründen ſollte, als er es ohnedies ſchon iſt, nicht zurufen: Ich ſehe die Steine unter Deinen Füßen weichen, über Dir löſ't ſich ein Fels⸗ ſtück los und droht Dich zu zermalmen; ſpring bei Seite und rette Dich; ſollte ich das nicht? wenn ich bemerke, daß der unglückliche Mann Eure Züge trägt; ſtraft mich der ordinirende Biſchof dann noch, wenn ich frage, weshalb erſt in Monatsfriſt und nicht gleich?“ Das feierlich Rührende in Eva's Rede verfehlte nicht ganz der Wirkung auf das Herz des Kirchenfürſten; er entgegnete nicht ohne Verlegenheit:„Ich kann Schweſter Francisca nicht zurückſenden, weil— weil ihre Geſundheitsumſtände von der Art ſind, daß der Arzt ohne Gefahr.... doch ich will kurz ſein, kürzer als Dir vielleicht lieb iſt. Am 15. Auguſt werden es neun Monate, daß die Schweſter das Kloſter das erſte⸗ mal verließ— nach dieſer Zeit will ich ſie Euch wie⸗ dergeben.“ „Heiliger Gott, Ihr beſteht alſo darauf, das Aeu⸗ ßerſte zu wagen?“ 131 Khleſl lächelte wieder und entgegnete kalt:„Ich wage gar nichts. Die Kaiſerin verlangte auf Anrathen Pater Bernardins eine Vorleſerin und Vorbeterin aus dem Kloſter zur Himmelpforte; eine Nonne verweigerte es, dem Ruf zu folgen; die andere nahm ihn an.“ „Aber die Geſundheitsumſtände?“ „Kümmern den Arzt.“ „Später aber.“ „Wenn ſpäter aber ſich zeigte, daß die hübſche Nonne ſich durch irgend einen gewandten Hofmann verführen ließ, ſo hat bei meinem Gott doch der Cardinal Erz⸗ biſchof damit nichts zu ſchaffen.“ „Aber das iſt nicht Alles.“ „Für mich Alles.“ „Ihr glaubt nicht, wie ſehr Ihr mich ängſtigt.“ Khleſl, welcher einſah, daß ihm die Nichte wahrhaft ergeben war, tätſchelte ſie auf den Kopf und ſprach:„Ich ſagte Dir, daß dies für mich Alles ſei; was weiter zu geſchehen hat, überlaſſe ich meiner Freundin Eliſabeth.“ „Der Freifrau von Khuen, Hofdame Ihrer Majeſtät der Kaiſerin?“ „Derſelben, für deren Mann Du neulich das gol⸗ dene Vließ begehrt.“ Eva⸗Roſine nickte als Zeichen, daß ſie ſich erinnerte, dann fuhr ſie fort:„Wenn aber Alles mißlingt?“ „Dann wird man die Hebamme einſperren. 9 — 132 „Sonſt nichts?“ „Und zum Tode verurtheilen.“ „Und ſterben laſſen?“ „Wenn es ſein muß.“ „Aber ſie thut ja nur, was ihr geheißen wird.“ Der Cardinal zuckte die Achſeln und ſagte nichts weiter als:„Staatsraiſon.“ „Und die arme Nonne?“ „Wird man zu retten ſuchen.“ „Eure Hand darauf.“ „Hier iſt ſie.“ „Und was wird mit ihr geſchehen?“ „Sie wird als Wahnfinnige lebenslänglich einge⸗ kerkert.“ Eva hielt ſich die Hand vor die Augen und ver⸗ mochte nur auszurufen:„Schrecklich! ſchauderhaft!“ Der Cardinal ſagte tröſtend: Das nur für den unwahrſcheinlichen Fall des Mißlingens.“ „Wenn man Euch aber der Theilnahme zeiht, was wird aus Euch werden?“ „Aus mir?“ „Ja aus Euch, mein väterlicher Beſchützer!“ „Ich werde, wenn die That mißlingt, der Liebling König Ferdinands.“ „Wie ſo dies?“ fragte die Nonne erſtaunt? „Fällt Dein ſcharfer Verſtand nicht ſogleich darauf? 133 Ich werde dann das Verdienſt haben, einen furchtbaren Streich, den man gegen das Erbrecht der ſteiriſchen Linie führte, parirt zu haben. Mein aufopfernder Muth für König Ferdinand wird im hellſten Lichte ſchimmern, oder das Mißlingen wird mir noch die vollkommene Gelegen⸗ heit bieten, mich einiger meiner alten Feinde zu ent⸗ ledigen.“ „Wie wollt Ihr dies anſtellen?“ „O höchſt einfach; die Hebamme und Schweſter Francisca werden der peinlichen Frage unterworfen; nicht ſo?“ „Daß ſie gefoltert würden; ja der Folter könnte ich weder die Eine noch die Andere entziehen; im Ge⸗ gentheil werde ich auf die raſche Anwendung derſelben dringen!“. „Ihr, der wegen ſeiner Milde ſo geprieſene Mann?“ „Um ſo mehr wird meine plötzliche Härte abſtechen und meine Entrüſtung über die ruchloſe That beweiſen.“ „Aber die Armen?“ „O man wird ihnen verſtändige Aerzte ſchicken und nichts unterlaſſen, was zur Heilung der etwaigen Ver⸗ letzungen nothwendig ſcheint.“ „Und wie hängt die grauſame Folter mit dem Ver⸗ derben Eurer Feinde zuſammen?“ — h 134 „Sehr einfach. Die peinlich Befragten werden ant⸗ worten, was man will, das ſie ausſagen.“ „Und was iſt das?“ 4 „Sie werden diejenigen nennen, die ſie anſtifteten.“ „Und wer ſind dieſe?“ „O das iſt es eben, worauf Alles ankommt, die Anſtifter und Helfer ſind meine Gegner, ſie werden be⸗ kennen, daß des Cardinals Feinde zugleich die Feinde des Staates und aller geſellſchaftlichen Ordnung ſind.“ „Und was ſoll mit den Genannten geſchehen, wollt Ihr ſie dem Beil des Henkers überantworten und Euer Andenken brandmarken bei Mit⸗ und Nachwelt?“ „Gott behüte!— Grauſamkeit bildet keinen Zug meines Charakters; ich war zu keiner Zeit blutgierig und will es am allerwenigſten in meinen alten Tagen werden.“ „Ja, was ſoll denn ſonſt geſchehen?“ „Als wenn es nichts als Galgen und Rad gäbe, um Unberufene zum Schweigen zu bringen.— Ich werde meine Gegner ganz einfach verbannen, die minder hoch Stehenden davonjagen, die Höheren in irgend ein ent⸗ ferntes Kloſter ſperren und dort altern laſſen.“ „Und ſollen ſie dortlebenslänglich eingekerkert werden?“ „Eingekerkert, wer denkt daran? Man wird ihnen ein Kloſter zum Aufenthalt anweiſen, wo ſie mit dem Prior und ſeinen Mönchen eſſen, trinken und alle die Meſ⸗ 13⁵ ſen nachträglich hören können, die ſie vielleicht während ihres früheren Lebens verſäumten.“ Uud da ſollen ſie in trauriger Einſamkeit ihr Leben beſchließen? „Traurige Einſamkeit, Du hörſt ja, daß ſie ſich in gu⸗ ter Geſellſchaft befinden werden. O das Leben der Mönche iſt nicht ſo fürchterlich, als Du Dir vorſtellſt, ſie zanken, ſtreiten, liefern ſich förmliche Schlachten, doch fehlt es ihnen weder an Proviant noch an Geld. Du mußt dieſes Klo⸗ ſterleben nicht vom Standpunkte der Himmelspforte be⸗ trachten, wo allerdings mit Ausnahme des Gezänkes ein ewiges Einerlei herrſcht. Die Mönche aber ziehen luſtig herum, fiſchen, jagen und ſind guter Dinge. Dann will und kann ich gar nicht wollen, daß meine Feinde, die größtentheils jünger ſind als ich felbſt, ihr Leben in der Verbannung endigen. Wenn ich einmal todt pin, mögen ſie zurückkehren und auf den alten Khleſl weidlich ſchimpfen, das thut dem Todten nicht mehr wehe. „Seid Ihr aber deſſen ſo gewiß, daß Ihr ſelbſt im im Falle des Mißlingens Eure Feinde demüthigen werdet? Khleſl antwortete mit pfiffigem Lächeln:„Wäre ich doch nicht werth, ſeit Jahren an der Spitze der Geſchäfte des ganzen Reiches zu ſtehen, wenn ich nicht ſo viel ge⸗ lernt hätte, meine Gegner im günſtigen Augenblick zu verderben.“ 136 „Wie aber, wenn Ihr früher geſtürzt würdet, ehe Euere Pläne noch völlig reifen?“ Der Cardinal wurde bei dieſem Einwurf plötzlich ernſt und machte mit der Hand eine abwehrende Bewe⸗ gung, dann ſagte er:„Es iſt nicht das erſte Mal und Du biſt nicht die Einzige, die mir dies ſagt, aber ich glaube nicht daran. Ich bin nothwendig, meiner bedürfen Alle, und darum habe ich von Keinem zu fürchten. Das iſt die große Kunſt, ſich Allen nöthig zu machen, und wenn man dieſe erlernt hat, kann man ruhig ſchlafen. Meine gefähr⸗ lichſten Gegner, die unruhigen Stände, bedürfen meiner noch mehr als der Kaiſer ſelbſt und der Kaiſer vermag keinen ſelbſtſtändigen Schritt zu thun ohne mich. Ich ſelbſt(hier warf ſich der Cardinal in die Bruſt), ich ſelbſt bin der eigentliche Herr und Mathias mein Diener; wenn ich ſage, das will ich, ſo muß es ſein und wenn der Kaiſer zehnmal das Gegentheil behauptet. Ich bin's, der hier regiert und ſonſt Keiner. Die Proteſtanten mögen im⸗ merhin einen Handſtreich gegen mich ausführen, ſie wer⸗ den mich bald recht demüthig erſuchen, die Regierung wie⸗ der in die Hand zu nehmen.“ „Und Eure anderen Feinde?“ „Ah, Du meinſt den Breuner, Collalto und ſo wei⸗ ter? Das ſind arme Narren, Fliegen, die um mich herum ſummen und die ich gelegentlich mit dem Fliegenwedel verſcheuche.“ 137 Und doch hat mir die Breunerin im Kloſter eine Warnung für Euch, den ſie gleich mir wie einen zweiten Vater liebt, zugeflüſtert und mich gebeten, Euch zu ſagen, daß Etwas gegen Euch im Werke ſei.“ „Gutes Kind!“ entgegnete Khleſl lächelnd,„ich weiß, das Mädchen iſt mir zugethan. In der That, es iſt kaum glaublich, wie ein ſolcher Schurke von Vater eine ſo fromme Tochter haben kann. Aber ſie hat auch gar nicht die ſtechenden grauen Augen des Kammerpräſidenten und das runde plumpe Kinn. Vieleicht iſt ſie auch gar nicht ſeine Tochter.“ Eva entgegnete ſanft:„Iſt es nicht vielleicht zu hart, daß Ihr lieber eine Sünde der Mutter vorausſetzen, als annehmen wollt, daß Eliſabeth die Tochter Eures alten Feindes ſei?“ Khleſl erwiederte mit von Zorn funkelnden Augen: „Zu hart? was wäre zu hart für den grauhaarigen Schuft, der das ganze Rechnungsweſen des Reiches in die greulichſte Unordnung gebracht, und meine gerechte Rüge als unnöthige Schulmeiſterei bezeichnet; was wäre zu hart für einen Mann, der mich ſo wenig liebt, daß Einer ſeiner Leute unter den Badner Banditen geſehen wurde. Du biſt ein Gänschen, das meint, der alte Khleſl ſollte die linke Backe hinhalten, wenn er auf die Rechte geſchla⸗ gen wurde. Das magſt Du einem albernen Kloſtermanne 138 zumuthen, aber nicht Deinem Oheim, dem Cardinal Khleſl, der die Bürde des ganzen Reiches trägt.“ Eva⸗Roſine antwortete mit unzerſtörbarem Gleich⸗ muth:„Das will ich auch nicht; aber was kann die wackere Ehefrau des Präſidenten dafür?“ „Sie hätte ihn auf den rechten Weg bringen ſollen.“ „Ach, ich möchte die Frau kennen, die Euch, gnä⸗ diger Oheim, auf einen anderen Weg gebracht hätte.“ „Weil meiner der rechte iſt.“ „Das glaubt der Breuner auch.“ „So? Meuchelmord ſcheint ihm der rechte Weg?“ „Wer ſagt das, daß Breuner Euch nach dem Leben ſtrebt?“ „Hat man nicht ſeinen Bedienten unter den Meuch⸗ lern gefunden?“ „Und was will das beweiſen?“ „Daß der Breuner ein falſcher Judas iſt.“ „Aber der Breuner hat ja Himmel und Erden in Bewegung geſetzt, um des Schuftes habhaft zu werden.“ „Ja, nachdem er entwiſcht iſt.“ „Seine Tochter betheuert beim heiligen Sacrament, daß ihr Vater unſchuldig iſt.“ „Seine Tochter iſt eine Gans.“ „Die arme Eliſabeth!“ „Ich ſage, daß ſie eine Gans ſei.“ „Und ihre Warnung?“ 139 „Albernes Geſchwätze!“ „Wenn aber doch etwas daran wäre; Eliſabeth iſt Eures Erzfeindes Tochter!“ „Daraus ſehe ich, daß Ihr beide Närrinnen ſeid.“ „Warum das?“ „Weil ich bereits geſtern erfuhr, was mir Euer Scharfſinn heute verräth?“ „Ihr hättet?“ „Ich habe eine ſo gute Naſe, als irgend Jemand. Tſchernembl war geſtern bei mir, um mich zu warnen.“ „Tſchernembl! höre ich recht?“ „Nun ja doch, Georg Erasmus Tſchernembl.“ „Unbegreiflich.“ „Unbegreiflich vielleicht für die Nonnen des Himmel⸗ pfortkloſters, aber ſehr erklärlich für den erprobten Staats⸗ mann.“. „Tſchernembl iſt ja Euer Feind?“ „Nun, er wollte mir ſeine Dienſte verkaufen.“ „Der abſcheuliche Menſch!“ „Hm, das war nicht ſo abſcheulich.“ „Nicht abſcheulich?“ „Nun ich meine nur, es wäre von ihm nicht ſo un⸗ klug geweſen, wenn nicht....“ „Wenn nicht?“ „Der Meiſter klüger geweſen wäre als der Schüler. 140 Tſchernembl gilt für einen verſchlagenen Kopf; ich habe aber die Betrüger betrogen.“ „Wie das?“ Khleſl lehnte ſich im Stuhl zurück, ſchien einen Augenblick nachzudenken und fuhr dann mit ſelbſtgefälli⸗ gem Lächeln fort:„Er ſagte mir etwas von einer Ver⸗ ſchwörung, that, als ob ich von den Erzherzogen für Leben und Freiheit zu fürchten hätte, dies Alles aber ohne ſeiner Genoſſen zu erwähnen; endlich wurde er pathetiſch und beſchwor mich, ihm das Geheimniß ab⸗ zukaufen. In der That ſpielte er die Komödie ſo gut, daß ich ihm bloß des Spaßes willen eine kleine Summe anbot; der Brandfuchs verrechnete ſich aber in ſeiner Geldgier und ſpannte ſeine Forderung zu einer unver⸗ nünftigen Höhe; da brach ich denn die Unterredung ab und ſagte ihm, er möchte gehen, was er denn auch mit einer zu glücklichen Raſchheit, als daß ich ihn durch den Lakai hätte können hinauswerfen laſſen, bewerkſtelligte.“ Eva⸗Roſine bemerkte verwundert,„da wußtet Ihr ja erſt nichts.“ Der Cardinal entgegnete:„Du hüätteſt freilich nichts daraus zu machen gewußt, mein liebes Kind, ich aber ſagte mir:„Der Proteſtanten⸗Chef will in ſei⸗ ner beſtändigen Geldnoth ſeine Brüder verkaufen, und ſo war es auch. Dieſe Herren wollten, ich weiß nicht was für neue Zugeſtändniſſe erpreſſen und wählten zur 141 Abwechſelung das Mittel der Einſchüchterung, allenfalls eine kleine Verhaftung des Principal⸗Miniſters oder eine lebensgefährliche Bedrohung, was weiß ich. Da hieß es denn auf ſeiner Hut ſein, ich ließ nun die Intri⸗ guanten fleißig bewachen und wählte zu dem Ende den Schwager des Haupträdelsführers, des Grafen Thurn, den Oberſten Khuen. Morgen werde ich wiſſen, woran ſich zu halten, und hiermit hat die Verſchwörung ihr Ende. Nun, braucht es noch Deiner Warnung?“ „Niemand und am allerwenigſten ich habe je an Eurem bekannten Scharfſinn gezweifelt; indeß iſt es doch ſeltſam, daß ein und dieſelbe Mahnung zur Vor⸗ ſicht aus ſo verſchiedener Quelle kömmt.“ „Seltſam meinetwegen— ich räume es willig ein, doch nicht in dem Grade, als Du denkſt. Wie denn, wenn mein Freund der Nuntius, der von dem beabſich⸗ tigten Handſtreich der Proteſtanten unterrichtet iſt, gegen Breuner ein Wort fallen ließ, oder wenn Khuen, um ſich wichtig zu machen, heute für ſeine Entdeckung aus⸗ gegeben hätte, was ich ihm geſtern mittheilte? Hat die Eliſabeth ſonſt gar nichts geſagt? „Leider weiß ſie nichts als die einfache That⸗ ſache, daß gegen Eure Perſon etwas im Werke iſt.⸗ „Gegen meine Perſon, hat ſie das wörtlich ſo geſagt?“ „Ja wohl.“ 142 „Nun da haben wirs, wer ſollte, wie die Sachen einmal ſtehen, gegen meine, des Cardinals Perſon etwas unternehmen, als die Proteſtanten? Die Katholiſchen wer⸗ den dies, ſeit ich ein Mitglied des heiligen Cardinalscol⸗ legium bin, um ſo gewiſſer bleiben laſſen, als ſie ſonſt den ſchweren Zorn des heiligen Vaters auf ſich herabbeſchwö⸗ ren würden; ſei alſo ganz beruhigt, mein liebes Kind und ſage der Schweſter Eliſabeth, daß ich ihr für ihre kindliche Liebe danke und ſie in mein Gebet einſchließen werde.“ Eva⸗Roſine küßte die Hand des Cardinals und ſtand im Begriff ſich zu entfernen, zögerte aber auf einmal, kehrte wieder um und ſagte mit leiſer Stimme:„Seid barmher⸗ zig, falls Euer Unternehmen mißlingt, und ſchont der armen Schweſter Francisca und des unglücklichen Weibes, das Euch zur Erreichung Eures Zieles behülflich ſein ſollte.“ Khleſl erwiederte mürriſch:„Wäre es Dir vielleicht lieber, wenn man Deinen Oheim in Ketten ſchlüge, als daß die Ungeſchicklichkeit von ein paar Frauensperſonen beſtraft wird?“ „Giebt es denn keinen Ausweg?“ „Im Falle des Mißlingens keinen.“ „Und würde dies auch mein Loos geweſen ſein, wenn ich eingewilligt hätte?“. Der Cardinal erwiederte kurz:„Nein.“ „Ja aber, wenn Ihr das traurige Schickſal der bei⸗ 143 den Perſonen im Fall des Mißlingens für unvermeidlich haltet?“ „Francisca iſt nicht meine Nichte; Du biſt— hier warf Khleſl einen liebevollen Blick voll unendlicher Milde auf das Mädchen— meines Bruders Kind, Dich dürfte, ſo lange der alte Khleſl athmet, keine rohe Hand berühren.“ „Ja, was hättet Ihr in dieſem Fall gethan?“ „Ich hätte Dich gerettet und wäre zu Grunde ge⸗ gangen.“ Eva⸗Roſine war über die wunderbare Milde, die ſich in der einfach heroiſchen Antwort des Greiſes, bei ſo vieler Härte oder man kann ſagen Gewiſſenloſigkeit kund gab, tief gerührt, beugte ſich über die ſchwülige Hand des alten Mannes und befeuchtete ſie mit Thrä⸗ nen. Auch die ſonſt ſo klaren Augen des Cardinals waren, was ihm im Leben ſelten begegnete, trüb ge⸗ worden, und er wiſchte ſich ſo etwas, wie eine Thräne ab. Dann aber, als ſchämte er ſich einer ſolchen Un⸗ männlichkeit vor ſich ſelbſt, ſagte er in rauhem Ton: „Nun iſt es Zeit, daß ich die Meſſe, zu welcher ſchon vor einer Stunde geläutet wurde, perſolvire.— Er erhob die Hand zum Segen und ſchritt ohne ſich wei⸗ ter um die Nonne zu bekümmern, nach der Sacriſtei. Als ſich Eva⸗Roſine allein ſah, blickte ſie ſich in dem ihr fremden Gemach um und ſah in einer Ecke den Cardi⸗ 144 nalshut ihres Oheims liegen; aus demſelben ragte ein weißer Streifen hervor. Die Nonne bemerkte, daß derſelbe be⸗ ſchrieben und augenſcheinlich nicht ohne Abſicht ſo hinein⸗ gelegt worden ſei, daß man ihn gewahren mußte. Sie wand den Papierſtreifen raſch auf, und las die Worte: „Nehmt Euch vor Euren ſectireriſchen Feinden in Acht!“— Unterfertigt war der Zettel mit:„Ein Freund.“ Eva⸗ Roſine ſchob den Streifen wieder an ſeine Stelle und ſann nach; endlich erhob ſie ſich raſch, als ob ihr plötzlich ein zün⸗ dender Gedanke durch den Kopf gefahren wäre, eilte die Stufen hinab und rief dem Kutſcher zu:„Schnell zu Oberſt Khuen!“ Der Kutſcher trieb die Pferde an, ſo viel er konnte, und bald war der Wagen um die Ecke. XXVI. Capitel. Wer die Wette gewinnt! Um zwei Uhr Nachmittags zog ein ſtarkes Reiter⸗ geſchwader über das Burgglacis und ſtellte ſich in einer Entfernung von etlichen hundert Schritten vor der Burg auf, ungefähr ein halbes hundert Reiter löſten ſich von dem Hauptcorps ab und nahmen lautlos ihren Weg zur Burg ſelbſt. Hier beſetzte der Anführer, ein Mann von ſchöner, aber harter Geſichtsbildung, deſſen dunkelſchwarzes Haar in reichen Locken unter dem ſchweren Reiterhelm hervorquoll, alle Zugänge; das einzige Thor ausgenommen, durch welches der Cardinal kommen follte, die übrige Mannſchaft ließ er abſitzen und in den Gängen des Gebäudes Stellung neh⸗ men. Niemand, lautete der von ihm ertheilte Befehl, ſollte die Burg verlaſſen, keinem Menſchen außer dem Cardinal der Zugang geſtattet werden. Hags; Der alte Cardinal. III, 10 146 Ungefähr um halb drei Uhr kam ein Mann in ſchlich⸗ ter Bürgerstracht gekleidet an das Thor, das heutzutage vom Joſephsplatz in das Innere der Hofburg führt, und begehrte Einlaß. Die Dragoner, welche am Eingang ſtanden, kreuzten ihre Schwerter. Vergebens erklärte ihnen der Bürger, daß er zum kaiſerlichen Bauinſpector Effen⸗ berger wolle; der Bürger wollte nicht weichen, die Reiter ihm den Zutritt nicht bewilligen; es erhob ſich ein Gezän⸗ ke, das ſo laut wurde, daß der Bauinſpector, der oberhalb dem Thore beſchäftigt war, die Stiege hinunterlief. Als er die Verlegenheit ſeines Freundes gewahr wurde, ging er im volle Gefühl ſeiner Würde als Hofbeamter auf die Wache zu und bedeutete ihr, daß er ſelbſt der Geſuchte ſei und ſein Freund die volle Wahrheit geſagt habe. Als auch dies zur Ueberraſchung des Hofbeamten nichts half, ver⸗ langte er wenigſtens hinausgelaſſen zu werden, aber auch dieſer Wunſch prallte an den eiſenbedeckten Herzen der Reiter erfolglos ab. Nun gerieth der Inſpector in Eifer und ſtieß Drohungen aus. Die Dragoner lachten, das ſtei⸗ gerte den Zorn des Straßenbauers und er verſuchte es, die Dragoner gewaltſam vom Eingang wegzuſchieben. Da packte ihn aber ein Mann und hielt ihn einen Augenblick ſchwebend in der Luft. Effenberger fing nun aus vollem Halſe zu ſchreien an; das Geſchrei führte den Befehlshaber herbei. Als der Bauinſpector den Officier gewahrte, ver⸗ doppelte ſich ſein Geſchrei. Er rief:„Herr Oberſt, macht 147 mich doch aus den Fäuſten dieſes Lümmels los, ich bin ja der Bauinſpector Effenberger, kennt Ihr mich denn nicht mehr, Herr Oberſt.“ Der Officier ſchleuderte nun mit einem Arm den Dragoner zurück, der den Hofoffi⸗ cianten in eine ſo unangenehme Lage verſetzt hatte, und fragte dann den Bauverſtändigen mit finſterer Miene: „Was treibt Ihr da für Poſſen?“ Effenberger antwortete tief Athem holend:„Poſſen? Niemand iſt weniger zu Poſſen aufgelegt als ich; der Kerl— damit deutete er auf den Soldaten, der wieder ruhig wie eine aus Erz geſchnitzte Statue daſtand— hielt meinen Freund ab zu mir und mich zu ihm zu kommen und da wollte ich denn Gewalt mit Gewalt ver⸗ treiben; das iſt die ganze Geſchichte.“ Als Effenberger dies ſagte, fiel der Blick des Oberſten unwillkührlich auf den Bürger. Sein Mund verzog ſich zu einem höhniſchen Lächeln; er legte die Hand an ſeinen Helm und ſprach zu dem Bürger gewendet:„Wenn ich nicht irre, belie⸗ ben ſich der Herr Baron bei hellem Tage einen unſchul⸗ digen Maskenſcherz zu erlauben; ein Vergnügen, gegen welches gewiß ſich nichts einwenden ließe, wenn die kaiſerliche Hofburg der geeignete Platz hiezu wäre.“ Tſchernembl, welcher ſich erkannt ſah, erwiederte zum Erſtaunen des Bauinſpectors, der ſich ſchon an dem Irrthume des Ober⸗ ſten geweidet hatte:„Ihr habt Recht; es war ſo ein plötzlicher Einfall, der mir kam, Ihr wißt, ich bin ein 10 148 fröhlicher Mann, und da ich hörte, daß man da drinnen, er wies nach der Burg, ſo eben eine ähnliche Mumme⸗ rei veranſtaltet, ſo dachte ich, würde man es nicht auf⸗ fallend finden, wenn ich mich den andern Masken an⸗ ſchlöſſe. Wie ich ſehe, iſt Herr Oberſt von Dampierre ebenfalls von der Partie, was mich um ſo mehr freuet, als man daraus ſieht, wie die allgemeine Luſtigkeit anſteckend wirkt.“ Dampierre biß ſich in die Lippen und erwiederte: „Es thut mir herzlich leid, Euch den gewünſchten Antheil an der angeblichen Luſtbarkeit nicht gönnen zu dürfen. Da die Mitſpielenden durchaus nicht wollen, daß ihre Masken gelüftet werden, ſehe ich mich vielmehr genöthigt zu bitten, Euch einen kurzen Aufenthalt auf meiner eigenen Stube gefallen zu laſſen; die beiden ehr⸗ lichen Männer werden Euch dahin geleiten.“ Sogleich wurde die Wache gewechſelt und Tſcher⸗ nembl von den beiden Dragonern treppauf, treppab durch einen langen Corridor geführt, der in ein dunkles Viereck ausmündete. Hier öffnete einer der Dragoner eine Thür, die zu einer freundlichen, nur etwas niedrigen Stube führte, deren Fenſter auf das Glacis hinaus⸗ gingen. Tſchernembl trat an das Fenſter, blickte einen Augen⸗ blick hinaus und machte es ſich, nachdem er die geſchloſ⸗ ſene Reiterſchaar an der Oſtſeite des Burgthores wahr⸗ 149 genommen hatte, mit einem gewiſſen Gefühl der Be⸗ friedigung bequem. Von Außen erſchollen die Tritte der Dragoner, die an ſeiner Thür wechſelweiſe vorüber⸗ ſchritten. „So wären wir denn ein Gefangener,“ dachte Tſchernembl;„und zwar, wie es allen Anſchein hat, we⸗ gen vorausgeſetzter Anhänglichkeit an den Biſchof von Wien verhaftet. Es iſt in der That luſtig, ich, der Cal⸗ viniſt, werde bewacht, weil man von mir eine Bewegung zu Gunſten des fanatiſchen Cardinals fürchtet.“ Während Tſchernembl ſo nachdachte, vernahm er abermals Gezänke, das aber einen günſtigeren Verlauf nahm, denn nach wenigen Minuten ſtürzte Herr Effen⸗ berger mit dem Ausruf in's Zimmer:„Wäre es mög⸗ lich, daß Ihr der Freiherr von Tſchernembl ſeid? Ich habe dem Oberſt vergebens betheuert, daß er ſich, durch Eure muthmaßliche Aehnlichkeit verführt, in Eurer Per⸗ ſon täuſche, und daß Ihr der Uhrmacher Schmidt wäret. Herr von Dampierre lachte mich Anfangs aus, dann ſagte er, ich möchte mich zum Teufel ſcheeren und Euch ſelbſt fragen, und da bin ich nun!“ Tſchernembl antwortete achſelzuckend:„Lieber Freund, ich rathe Euch, daß Ihr Euch in das Unvermeidliche fügt und in mir künftighin nur den Freiherrn Tſchernembl ſeht.“ „Wie Schade!“ 1⁵⁰ „So viel Ihr wollt! Ich verſichere Euch, daß ich ſchon Euch zu lieb recht gern der Uhrmacher Schmidt ge⸗ blieben wäre; und daß ich es nicht länger bleiben kann, iſt einzig die Schuld des wälſchen Hallunken.“ Man ſah es dem Hofbeamten an, daß er von den widerſprechendſten Gefühlen beſtürmt wurde. Einmal hatte die perſönliche Erſcheinung Tſchernembl's ihren gewöhnlichen Zauber ausgeübt und das Herz des Hof⸗ officianten ſogleich gefangen genommen, auf der anderen Seite empfand Effenberger die Demüthigung, die in dem glücklich geſpielten Betrug des Freiherrn, der ſich für einen Handwerker ausgab, lag. Auf ihn, der Tſchernembl in den befreundeten Kreis als harmloſen Bürger eingeführt hatte, mußten noth⸗ wendig alle Folgen zurückfallen. Endlich, war es für ihn, den Hofdiener, nicht ſchmählich, ja, ſeiner amtlichen Stellung geradezu gefährlich, wenn er mit dem Haupt der Unzufriedenen in beiden Ländern Ob⸗ und nieder der Enns freundſchaftlich verkehrte? Alle dieſe Gedanken und Empfindungen durchkreuzten ſeinen Kopf, als er die eigenmündige Beſtätigung ſeines Freundes erhielt, daß er ſelbſt der Freiherr Georg Erasmus Tſchernembl ſei. Tſchernembl, dem der innere Kampf des Bauinſpec⸗ tors nicht entging, legte die Hand auf die Schulter des Officianten und ſagte: „Lieber Freund! derlei Sorge und Qual, wie Ihr 151 ſie in dieſem Augenblicke empfindet, würde Euer ſchwarz⸗ krauſes Haar unfehlbar vor der Zeit bleichen, was ich we⸗ nigſtens vor Eurer ſchönen jungen Frau nicht zu verant⸗ worten vermöchte. Ich kenne Euer Uebel ſeinem ganzen Umfange nach und bin darum der tauglichſte Arzt, es zu heilen. Wollt Ihr guten Rath annehmen?“ Effenberger blickte treuherzig zu dem Freiherrn auf, als wollte er ſagen:„Nur her mit Deinem guten Rath, er wird willkommen ſein.“— Der Freiherr fuhr lächelnd fort:„Ich rathe Euch denn, allen Umgang mit einem gewiſſen Proteſtantenchef, der weder bei Hof noch in den Refectorien der Klöſter gern genannt wird, völlig abzubrechen und dreiſt zu ſchwö⸗ ren, daß Ihr ihn gar nie gekannt habt. Ich kann Euch dagegen von Seite eben dieſes Chefs verſichern, daß er im vorkommenden Fall Eure Ausſage auf alle Weiſe bekräftigen wird.“ Ein gewiſſes Gefühl der Scham, ſich ſo ganz er⸗ rathen zu ſehen, hielt den Hofinſpector ab, auf den Rath Tſchernembl's einzugehen. Er ließ es daher als Ant⸗ wort bei einem leiſen Kopfſchütteln bewenden. Tſchernembl ließ ſich nicht irre machen und ſetzte mit gleicher Gutmüthigkeit fort:„So anerkennungswerth auch das Zögern iſt, welches Ihr dem Anerbieten jenes be⸗ rüchtigten Rebellenführers, damit ich mich der Hof⸗ ſprache vollkommen bediene, die eben geknüpften Freund⸗ 1⁵² ſchaftsbande raſch zu zerſchneiden, entgegenſetzt, ſo er⸗ laubt ſich der verrufene Mann doch, Euch auf die Ge⸗ fahren aufmerkſam zu machen, die aus einer ſolchen Ver⸗ bindung nicht blos für Ench, ſondern für Eure ganze Familie, das oberwähnte ſchöne Weib und die allfällige Deſcendenz nicht ausgenommen, erwüchſe.“ Der Hofbauinſpector verharrte einen Augenblick in nachdenklicher Stellung; endlich ging er auf den Freiherrn los, ergriff deſſen Hand und ſchüttelte ſie kräftig, indem er ſagte:„Ich verzeihe Euch den Betrug, den Ihr uns im Krebſenkeller ſpieltet und nehme Euren Vorſchlag, uns zu trennen, anz es iſt ſo beſſer und Ihr habt, ſo viel ich mir's auch überlege, Recht; verſprecht mir aber Eines, wollt Ihr?“ Der Freiherr ſuchte überraſcht in den Geſichtszügen des Beamten zu leſen, was er denn eigentlich meinte, endlich ſchlug er mit den Worten ein:„Wenn es nicht meinen Ueberzeugungen entgegen iſt, vom Herzen gern.“ „Nun, verſprecht mir, wenn Ihr etwas braucht, das Eure Perſon betrifft; verſteht mich wohl, nicht die Par⸗ tei, ſondern Ihr ſelbſt, Euch an mich zu wenden.“ Der Freiherr ſchlug lachend ein und ſagte:„Tau⸗ ſend Dank, und ich will Euer Anerbieten um ſo mehr annehmen, als ich Euch eben ein ähnliches machen wollte. Es könnte leicht kommen, daß die Zeiten unruhig wür⸗ den und nicht immer gleich eine Hand voll Soldaten 153 oder eine Schaar Geiſtlicher bereit wären, die Anhänger des allerhöchſten Hofes zu ſchützen; für dieſen Fall biete ich Euch die Hülfe eines armen Edelmanns an, der, wie ſeine Feinde ausſprengen und ſeine Freunde beſtätigen, ſelten einen überflüſſigen Thaler beſitzt und obendarein das Unglück hat, dem allerhöchſten Hof, den Erzherzogen, der hochwürdigen Geiſtlichkeit und einer ehrſamen katho⸗ liſchen Bürgerſchaft zu mißfallen. Vielleicht daß der un⸗ glückliche Mann in ſo böſer Zeit einmal andern ehrlichen Leuten von Nutzen werden kann; wer weiß!“ Der Hofofficiant wollte den Freiherrn verlaſſen; dieſer aber nahm ihn am Arm, zog ihn an's Fenſter und wies mit der Hand auf die Dragoner, welche links vom Thore ſtanden, dann ſagte er:„Ihr ſeht, man hat hier freie Ausſicht, und wir wollen, da es nun einmal ausgemacht war, daß ich den Zug in Eurer Geſellſchaft mit anſehen ſoll, zuſammen hinausſehen. Seid nun mein Gaſt, wie ich der Eurige hätte ſein ſollen.“ Der Inſpector ließ ſich die Einladung gefallen und lehnte ſich mit dem Freiherrn an's Fenſter. Während dies in der Stube des Grafen Dampierre vor ſich ging, erſchien am nämlichen Thor, zu welchem Tſchernembl hereinwollte, der Oberſt Khuen in voller Uniform und wollte ohne Umſtände durch die Wachtpoſten in den innern Hofraum dringen. Die Dragoner kreuzten aber ihre Säbel und widerſetzten ſich dem Eintritt des 1⁵4 Oberſten. In demſelben Augenblick fuhr der ſechsſpännige Wagen des Nuntius, der von der innern Seite des Burg⸗ platzes kam, an die Treppe vor. Der Cardinal ließ ſich von den Bedienten des Nuntius aus dem Wagen heben; dieſe ſchwangen ſich wieder auf ihren Platz, und die Kutſche rollte mit dem Nuntius zum andern Thor hin⸗ aus, ohne daß ſich Jemand der Kutſche widerſetzte. Khleſl, welcher ſeine etwas in Unordnung gerathenen Kleider zurechtmachen wollte, gewahrte mit dem ſcharfen Blick, der ihm eigen war, die goldglitzernde Uniform des Ober⸗ ſten, welcher ſich noch immer mit den Dragonern ſtritt und den Eingang erzwingen wollte; er wendete ſich alſo nach der Seite, wo der Officier ſtand und erkannte, näher tretend, den Oberſten. Er ging nun vollends auf ihn zu und fagte im verbindlichſten Tone:„Ich danke Euch, lieber Khuen, für Eure Wachſamkeit, die ich aus der Aufſtellung ſogleich erkannt habe, und noch mehr für Eure perſönliche Anweſenheit, die mir ein neues Zeug⸗ niß für Eure mir bekannte Herzlichkeit giebt.“ Der Oberſt wollte eben antworten, als ein ſtarker Arm ſich in den des Cardinals legte und ihn raſch mit ſich zog, während im gleichen Augenblick die Trommeln gerührt und die Trompeten geblaſen wurden, ſo daß über den Höllen⸗ lärm jedes Wort des Oberſten verhallte. Vergebens ſchrie Khuen aus Leibeskräften ein über das andere Mal dem Cardinal zu:„Ihr ſeid verkauft und verrathen! Rettet 1⁵⁵ Euch, wie Ihr könnet!“ Khleſl vernahm kein Wort mehr, denn derſelbe Arm zog ihn unwiderſtehlich vorwärts. Khleſl ſah endlich den Mann, der ohne auf ſeine Würde zu achten, ihn fortzerrte, genau an; es war Graf Collalto, der ihm nun zuflüſterte:„Euer Eminenz werden die Erzherzoge nicht warten laſſen wollen.“ Selbſt der Kaiſer, durch den Lärm aus ſeiner Nach⸗ mittags⸗Sieſta aufgeſtört, war ans Fenſter getreten und winkte dem Cardinal zu. Collalto aber ließ dem Kirchenfürſten nicht einmal Zeit, den Wink des Monarchen zu beachten, ſon⸗ dern führte oder ſchleppte ihn vielmehr, Entſchuldigung über Entſchuldigung vorbringend, ohne Aufenthalt nach der Stiege, die zu den Gemächern der Erzherzoge führte. Als der Cardinal die erſte Stufe betrat, wies Collalto nach oben und fragte ihn, um den Blick Khleſls von Allem abzuziehen, was hinter ihm vorging, ob er nicht bemerke, daß König Ferdinand etwas bleich ausſehe. In der That ſtand der junge Fürſt auf der ober⸗ ſten Stufe und ſah etwas angegriffen aus. Als Khleſl jedoch oben war, hatte ſich der König bereits in das Innere der Gemächer zurückgezogen. Indeſſen hatten zwanzig Dragoner hinter dem Rücken des Cardinals an der Thorſchwelle eine eherne Hecke gebildet, die jede allfällige Flucht unmöglich machte. Am Stiegenkranz angelangt verließ auch Collalto 156 unter dem Vorwand, ihn melden zu wollen, den Cardinal. Dieſer ſtand nun einen Augenblick ſtill, theils um ſich von dem raſchen Anſteig der Treppe zu erholen, theils um ſeine Haare mit den Händen unter dem Cardinals⸗ käppchen glatt zu ſtreichen. Dann ſagte er ſich: Die Sicherheitsanſtalten, die der ehrliche Khuen getroffen, ſind unſtreitig gut, faſt zu gut, denn ſie ſind auffällig, und ich will nicht, daß die Schufte glauben, ich fürchte mich vor ihnen, aber ich werde dem lieben Oberſt, wenn ich nur erſt von der Audienz weg bin, den Kopf waſchen. Er muß es übrigens ſelbſt bemerkt haben, daß mir das Geräuſchvolle ſolcher Maßregeln zuwider ſei, fonſt wäre er ſicher zu mir geeilt, ſo blieb er aber vor dem Wachtpoſten wie angenagelt ſtehen. Nun es war wohl gut gemeint, ſoll aber nicht wieder geſchehen. Khlefl hatte keine Ahnung, daß ſein augenblickli⸗ ches Zögern die Gegner beunruhigte, ſonſt hätte er bemerken müſſen, wie Jemand an der entgegengeſetzten Seite jener Thüre, auf welche er zuging, ſachte den Schie⸗ ber einer kleinen Pforte öffnete und ihn ängſtlich be⸗ obachtete. Erſt als der Cardinal durch die Thüre war, ſchloß ſich der Schieber. Wer ſich den Lauſcher näher betrachtet hätte, würde in ihm den jungen König erkannt haben, der nun einigermaßen beruhigt ſich auf ſeinem Sopha aus⸗ 157 ſtreckte und in der eben begonnenen Geſchichte der hei⸗ ligen Thereſia zu leſen fortfuhr. Zur Verwunderung Khlefls wurde nach ſeinem Eintritt der Schlüſſel im Thürſchloß geräuſchvoll um⸗ gedreht; die Zeit ängſtlicher Vorſicht war vorüber und das Wild in Garn. Der Kardinal hatte nicht Muße, über die Abſperrung der Thüre hinter ſich lange nach⸗ zudenken, denn er ſah ſich in dem weiten Vorgemach, das er betreten hatte, vier Männern gegenüber, deren gleichzeitige Anweſenheit etwas Bedrohliches, Verhäng⸗ nißvolles zu haben ſchien. Dieſe vier Männer waren Breuner, Dampierre, Collalto und Montecuculi. Monte⸗ cueuli redete den Cardinal zuerſt an und ſagte ihm mit trockener Höflichkeit, daß er es tief bedauere, wenn ſich Se. Eminenz umſonſt hieher bemüht habe, die Erz⸗ herzoge ſeien nicht zu ſprechen, doch habe Se. Durch⸗ laucht Erzherzog Max Herrn von Breuner beauftragt, ihm ein Geheimniß zu eröffnen, das keine Zeugen dulde; er erſuche ihn deshalb, Breunern in das Nebengemach zu folgen. Der Cardinal war überraſcht, verlegen, konnte ſich aber noch immer keine Rechenſchaft darüber geben und ging daher anſtandslos mit Breuner in das anſtoßende Cabinet. Dasſelbe war lang, ſchmal und etwas düſter; ſei⸗ ner Beſtimmung nach diente es für dienſtthuende Kam⸗ 158 merherren Ferdinands, zur allfälligen Ruheſtätte während der Nacht. Zwei Sophas, ein kleiner Tiſch und mehrere Seſſel bildeten das ganze Mobiliar der Stube. Breuner ging voran bis an's Fenſter, lehnte ſich dann mit dem Rücken gegen dasſelbe, wahrſcheinlich um Khleſl zu verhindern auf die Straße hinauszurufen oder etwa gar einen verzweiflungsvollen Fluchtverſuch durch dasſelbe— man befand ſich nämlich in der nur geringen Höhe des erſten Stockwerkes— zu bewerkſtelligen; dann gab er dem Cardinal ein Zeichen näher zu treten, als ob er ihm der Sicherheit willen ſo weit als möglich von der Thür entfernt ſein Geheimniß anvertrauen wollte. Khleſl folgte etwas beruhigter dieſer Einladung. Als er nahe genug getreten war, um mit leichter Mühe hören zu können, redete ihn Breuner der Hofkam⸗ merpräſident mit dem runden plumpen Kopf und den ſtechenden grauen Augen an, indem ſich ſein Mund zu einem freundlichen Grinſen verzog:„Ihr glaubtet die Rechnungskammer Sr. Majeſtät nicht oft genug auf ihre Mißgriffe und Irrthümer aufmerkſam machen zu können, geſtattet, daß ich Euch nun gleichfalls einen eigenen gro⸗ ßen Rechnungsfehler bemängele. Ihr rechnet, ich wette mein Haupt darauf, noch ſo manches Jahr hier den Herrn ſpielen zu können— nun Ihr verſteht nicht das Einmal⸗ eins, es war ein Fehler. Eure Wirthſchaft iſt zu Ende; Ihr ſeid verhaftet!“ 159 Khleſl zuckte bei dem letzten Worte zuſammen und wurde bleich, richtete ſich aber raſch wieder auf und ſagte mit vollkommen hergeſtelltem Gleichmuth:„Was Ihr da redet, iſt ſinnlos, oder wüßte ich nicht, daß Ihr ein nüchterner Mann ſeid, ich möchte Eure Mäßigkeit verdächtigen, indeß erlaubt, daß ich mich ſetze; ein Mann meines Standes iſt nicht gewohnt vor Eures Gleichen zu ſtehen.“ Mit dieſen Worten warf ſich Khlefl in den Divan, denn er fühlte in der That das Bedürfniß ſich zu ſtützen, jede Fiber ſeines Körpers bebte und ſeine Füße zitterten ſo heftig, daß er gezwun⸗ gen war ein Bein um das andere zu ſchlagen, um dem Feind ſeine Gemüthsbewegung zu verbergen. Wir müſſen hinzuſetzen, daß Khleſl bei dem eyniſchen Eingang von Breuners Rede keinen Augenblick mehr an der vollen Wahrheit der Ankündigung zweifelte und nur mehr als geſchickter Spieler handelte, um das Matt ſo lange als möglich hinaus zu ſchieben oder vielleicht auf irgend eine noch nicht erkennbare Weiſe zu vermeiden. Khleſl hatte mit Blitzesſchnelle erkannt, daß er ſich völlig getäuſcht und Tſchernembl völlig Unrecht gethan hatte; er war trotz zweifacher Warnung in die Falle gegangen. Breuner lehnte ſich nun nachläſſig an den Divan, in welchem Khleſl ſaß und redete, alle Achtung bei Seite ſetzend, wie zu einem Diener von oben herab:„Ich muß meiner Eröffnung noch etwas beizufügen, Se. könig⸗ 160 liche Hoheit und Ihre Durchlaucht der Erzherzog haben mich mit dem ſeltenen Vertrauen beehrt, Euch an den Ort Eurer künftigen Beſtimmung zu bringen; ich erſuche Euch daher, mir ohne Umſchweif und ohne ndiſchen Widerſtand, der ohnedies nichts nützen würde, zu folgen.“ Das kam dem Khleſl doch unerwartet; er gerieth in die heftigſte Aufregung, ſtampfte mit dem Fuß und ſprach mit ſo erhobener Stimme, daß man ihn ſelbſt am Corridor noch hören konnte. Er ſagte:„Alſo das wäre der Lohn, den ich für jahrelange treue Dienſte, die ich dem Hauſe Oeſterreich geleiſtet, empfangen ſoll, einen Kerker und Herrn Breuner als Kerkermeiſter? aber ich bin kein gewöhnlicher Staatsdiener, dem man heute einen Brocken zuwirft und morgen davonjagt; meine Beſtallung rührt von Sr. Majeſtät dem Kaiſer und nur der vermag mich meines Dienſtes zu entlaſſen; ferner bin ich Cardinal⸗Biſchof und als ſolcher nur dem Forum Sr. Heiligkeit unterworfen; ich berufe mich auf die Immunität, die dem einfachſten Kleriker zu⸗ ſteht, und die ich als Würdenträger der Kirche um ſo mehr in Anſpruch zu nehmen das Recht habe. Euch aber ſage ich, habt Achtung vor dieſem Hute— hier wies er auf das rothe Käppchen, habt Achtung vor dieſem Talar— dabei zeigte er auf ſein geiſtliches Kleid— wenn Ihr ſchon gegen mich als greiſen Staats⸗ diener wie mit einem Dieb oder Mörder umgeht. Neben⸗ 161 her wiſſet, daß ich mich weder von Euch verhaften laſſe und noch viel weniger Euch zu folgen gedenke.“ Breuner zuckte die Achſeln und erwiederte ruhig: „Ich frage Euch nochmals, wollt Ihr dieſem Verhafté⸗ befehl— hiermit zog er ein von König Ferdinand und Erzherzog Max unterfertigtes Papier aus der Taſche — Folge leiſten oder es zum Aeußerſten kommen laſſen? bei meinen adeligen Ehren, die Anſtalten ſind getroffen, Euch zu zwingen. Wollt Ihr, ſo zieht Euer Gewand aus und nehmt dieſes bürgerliche Kleid, das Euch auf der Reiſe beſſer ſchützen wird, als der Talar.“ Das Wort Reiſe wirkte wie ein elektriſcher Schlag auf den Cardinal; er ſprang vom Sitze auf, ergriff den Arm des Freiherrn und ſchüttelte ihn heftig, indem er hinzuſetzte:„Und Ihr Ehr und Gott vergeſſener Mann glaubt wirklich, daß ich etwas Anderem als der Gewalt weichen werde, da kennt Ihr den Khleſl ſchlecht. Ich werde mich nicht von der Stelle rühren, bis man mich durch materielle Gewalt dazu zwingt. Breuner, der je heftiger der Cardinal wurde, deſto kälter war, ſchritt ruhig auf die Thüre zu und rief mit gedämpfter Stimme: „Es iſt an der Zeit, Graf Dampierre.“ Auf dieſen Ruf hin ſtürmte der Oberſt, von etli⸗ chen Dragonern gefolgt, in die Stube, pflanzte ſich dem Cuardinal gegenüber auf und ſchrie ihm zu:„Du zau⸗ derſt noch, rother Bube! Du ehrvergeſſener verrätheri⸗ Haas: Der alte Cardinal. III. 11 16² ſcher Schalk! den Schauplatz Deiner Miſſethaten zu ver⸗ laſſen? ſpute Dich ſo ſehr Du kannſt, daß ich nicht genöthigt werde, Dir von dieſen da, und er deutete auf die Dragoner, helfen zu laſſen.“ Khleſl biß die Zähne zuſammen, daß man ſie knarren hörte und antwortete:„Graf Dampierre, Ihr fangt es bei Gott beſſer an, Euer Vorgänger war nur ein Stümper; indeſſen iſt es noch nicht genug und Ihr werdet in des Himmels Namen Zuflucht zu Euren Schergen nehmen müſſen, ehe Ihr mich verhaftet, und merkt wohl, dieſen Widerſtand leiſte ich nicht aus thö⸗ richtem Eigenſinn, da ich recht wohl weiß, daß er mir nicht nützt, aber ich bin ihn dem Rock ſchuldig, den ich trage.“ Dampierre ſtieß mit dem Schwert zornig gegen den Boden und ſchrie den Dragonern zu:„So legt in Gottes Namen Hand an ihn.“ Die Dragoner, welche ſich als Schergen bezeich⸗ nen hörten, wollten ſich nun wüthend über den Cardi⸗ dinal ſtürzen, da trat aber Breuner mit derſelben Ru⸗ he zwiſchen die Soldaten und den gefallenen Miniſter und ſagte zu dem Grafen:„Meine Ordre lautet da⸗ hin, ſo viel als möglich Gewalt zu vermeiden. Ich werde es daher verſuchen, den Herrn Cardinal, da er es ſelbſt nicht thun will, zu entkleiden.“ Khleſl, welchem bei der Anblick der wüthenden Dragoner Dampierre's 163 doch nicht wohl zu Muthe war, ließ es nun ohne ein Wort zu ſprechen, geſchehen, daß ihn Breuner entklei⸗ dete. Der Freiherr zog ihm die Schnallenſchuhe und rothen Strümpfe von den Füßen, entledigte ihn des Beinkleides und Talars, ſchleppte eigenhändig bis an die Knie reichende Stiefel, ſchwarze Hoſen und einen Rock von gleicher Farbe herbei. Khleſl duldete nun nicht mehr die Beihülfe des Freiherrn, ſondern kleidete ſich ſelbſt an. Als er vollſtändig gekleidet war, blieb er ruhig ſitzen, als ob nichts geſchehen wäre. Breuner fragte nun in milderem Tone, ob es ihm jetzt gefällig wäre ihn zu begleiten. Der Cardinal verſuchte zu lächeln und erwiederte: „Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich nur der Gewalt weiche.“ Auf dieſe Antwort faßte ihn Breuner höflich an einem Arm, während Dampierre ungeſtüm den andern ergriff und führten ihn durch eine verborgene Tapeten⸗ thür auf einen dunklen Gang, der nur ſchwach beleuch⸗ tet war. Der Cardinal gewahrte auch hier eine Reihe von Wachen, die ihn von allen Seiten umgaben. Man ſchritt lautlos vorwärts, ſtieg bald einige Stufen auf⸗ wärts, bald einige nieder, bis man ſich plötzlich auf der Baſtei befand. Hier ſtand ein Reiſewagen, deſſen Inne⸗ res an den Fenſtern angebrachte Vorhänge dem Blick verbargen. 11* 164 Khleſl wandte ſich nochmals gegen den Freiherrn von Breuner und ſagte:„Und Ihr wollt, ich alter Mann ſoll in dieſer Kleidung Gott weiß wohin viel⸗ leicht Tag und Nacht fahren? Wenigſtens laßt mich einige Kleider und etwas Wäſche mitnehmen.“ Breuner ſchüttelte den Kopf. „So laßt mich wenigſtens noch zuvor nach Hauſe gehen, um noch Einiges zu ordnen; ich weiß, ich bin nun einmal Euer Gefangener, Ihr könnt mich alſo auch dahin begleiten.“ Dampierre brach in ein wildes Gelächter aus und Breuner antwortete höhniſch:„In meinem Verhaltungs⸗ befehl heißt es ausdrücklich, dem Gefangenen ſollte es unter keiner Bedingung geſtattet ſein, irgendwie Hand an ſeine Schriften oder Papiere zu legen oder legen zu laſſen. Ihr ſeht alſo, Euch bleibt nichts übrig, als den Wagen zu beſteigen; für warme Kleidung und Wäſche iſt geſorgt; Ihr findet Beides im Wagen.“ Der Cardinal konnte bei der abſchlägigen Antwort Breuners einen lauten Seufzer nicht unterdrücken. Schon ſetzte er den Fuß auf den Wagentritt, ſo kehrte er ſich nochmals um, und fragte mit beweglicher Stimme:„Steht es auch in Eurem Befehl, daß ich ohne Begleitung meines Kammerdieners, den ich alter Mann nicht wohl miſſen kann, abreiſen ſoll?“ „Nicht nur Euer Kammerdiener, ſondern Eure 165 ſämmtliche Dienerſchaft wird Euch nachgeſendet wer⸗ den,“ verſetzte Breuner. Khleſl murmelte:„Zu ſpät, viel zu ſpät, und blickte um, ob ihm denn Niemand beim Einſteigen be⸗ hülflich ſein werde. In demſelben Augenblick näherte ſich ihm ein Cornet, um ihn zu unterſtützen. Khleſl prallte beim Anblick dieſes Mannes zurück und brachte nur den Namen„Tſchapin“ über ſeine Lippen; der Cornet fletſchte ſeine weißen Zähne und ſchwang ſich auf den Kutſchenbock, während Breuner neben dem Car⸗ dinal im Fond des Wagens Platz nahm. Graf Dam⸗ pierre folgte mit ſeinen Dragonern dem raſch ſich fort⸗ bewegenden Wagen im Galop. An einem kleinen Fenſter der Hofburg, von ſeidenen Gardinen halb verborgen, lehnten die Erzherzoge Ferdi⸗ nand und Max, und blickten dem ſcheidenden Cardinal mit einem Gemiſch von Freude und Beſorgniß nach. An einem andern Fenſter ſtanden ebenfalls zwei Männer, deren Einer vor Erſtaunen faſt außer ſich war, während der Andere mit den Worten ſchloß:„Seht, liebſter Freund, ſo ſind die Wetten bei Hof beſchaffen. Ihr ſeht, der Mann, welcher auf Eurer neuen Straße hinausfahren ſollte, lehnt ganz ruhig in jenem Erker⸗ fenſter, während Se. Eminenz der Cardinal in der ſelt⸗ ſamen Begleitung von zweihundert Dragonern ſtatt 166 eben ſo vieler Geiſtlichen die wahrſcheinlich nicht ſehr freiwillige Fahrt antritt.“ „Ja wer hätte aber das gedacht!“ „Ihr nicht, aber ich.“ „Ihr hättet?“ „So ſehr, daß ich darnach meine Maßregeln er⸗ griffen habe und noch ergreifen werde.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „O nichts Anderes, als daß heute das ganze Re⸗ giment umgeſtürzt wurde.“ „Nicht möglich!“ „Ihr werdet ſehen.“ „Horcht einen Augenblick.“ „Ich höre nichts.“ „Sehr gut.“ „Daß ich nichts höre?“ „Ja, denn es iſt ein Beweis, daß die wachhaben⸗ den Dragoner abgezogen ſind.“ „Wir ſind alſo frei?“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach, doch überzeugen wir uns,“ und Tſchernembl trat an die Thür und öffnete ſie, der Gang war leer und die Wache fort. Der Inſpector nahm ſein Winkelmaß und ſchickte ſich zum Gehen an; Tſchernembl, der dies bemerkte, rief ihm zu:„Habt noch einen Augenblick Geduld; ich muß zuvor hier noch eine Reviſion halten, die ich wegen 167 der verwünſchten Dragoner da Außen bisher nicht vor⸗ nehmen konnte.“ Der Inſpector fragte neugierig:„Welche Re⸗ viſion?”“ „Ihr werdet ſogleich ſehen.“ Tſchernembl trat an den Schreibtiſch des Oberſten und fing die dort ſtoßweiſe aufgehäuften Schriften zu durchlaufen an. Was ihm zuerſt in die Hand fiel, war ein Dienſtrap⸗ port, er legte ihn bei Seite; dann kam eine Rechnung, wieder eine Rechnung, endlich ein Kaufvertrag über zwei Reitpferde, dann die Abſchrift eines lateiniſchen Gebe⸗ tes. Tſchernembl wurde ungeduldig und ſchleuderte den ganzen Stoß Papiere unwillig auf den Boden. Die Papiere glitten raſch auseinander, dabei wurde eines ſichtbar, das mit großen lateiniſchen Lettern überſchrie⸗ ben war. Tſchernembl bückte ſich darnach, blickte einen Augenblick hinein und ſchrie dann fröhlich:„Triumph!“ indem er ſorgſam das Papier in die Taſche ſteckte. Die Ueberſchrift des Documentes, deſſen Auffindung dem Freiherrn ſo viel Vergnügen machte, lautete: Itinera- rium. Tſchernembl ſtieß nun die übrigen Papiere mit dem Abſatz ſeines Stiefels zurück und traf nun gleich⸗ falls Anſtalt die Stube zu verlaſſen. Der Inſpector bemerkte ſchüchtern:„Habt Ihr ge⸗ funden?“ „Ja,“ antwortete der Freiherr und ging zur Thür 168 hinaus. Im Hofraum der Burg angelangt bat ihn der Hofofficiant, bei ihm nach all den Erlebniſſen des Tages doch irgend welche Erfriſchung anzunehmen, aber Tſcher⸗ nembl erwiederte:„Abgeſehen davon, daß dies gegen unſere Abrede wäre, ſo fühle ich mich doch in dieſen Räumen ſo gedrückt und gepreßt, daß mir faſt das Athemholen ſchwer wird. Außerdem habe ich noch ein Geſchäft abzuthun, das keinen Aufſchub duldet.“ Mit dieſen Worten verließ der Freiherr den Bau⸗ kundigen, welcher kopfſchüttelnd eine Weile ſtehen blieb und erſt als Tſchernembl ſeinem Blick entſchwunden war, langſam in ſein Bureau zurückkehrte. XXVII. Capitel. Die Walffaßrerin und der Narr. Der Wagen, in welchem der Cardinal ſaß, wurde mit raſender Schnelligkeit fortgeführt. Zu beiden Seiten der Kutſche ritten Dragoner mit geladenem Seitengewehr. Erſt als das letzte Haus im Rücken lag und der Wienerberg die Fortſetzung der tollen Jagd unmöglich machte, mäßigten Kutſcher und Reiter den Schritt ihrer Thiere. Khleſl beobachtete die erſten paar Stunden voll⸗ kommenes Schweigen, was dem Kammerpräſidenten ganz erwünſcht war, denn er ſchien ſich arglos dem Schlummer zu überlaſſen, lehnte ſich an die ledergepolſterte Seiten⸗ wand, drückte die Augen zu und holte tiefen Athem, wie es im Schlafe zu geſchehen pflegt. Freilich hätte ein argwöhniſcher Beobachter bemerkt, daß der Schlum⸗ 170 mer des Freiherrn kein feſter war, da er von Zeit zu Zeit zwiſchen den dunklen Wimpern durchſchielte. Khleſl war indeſſen mit ſeinen Mißgeſchick viel zu ſehr beſchäf⸗ tigt, als daß er ſolchen Dingen ſeine Aufmerkſamkeit geſchenkt hätte. Er war in dumpfes Hinbrüten verſunken und hielt ſeinen Blick ſtarr, wenn auch abſichtslos auf ein kleines Kreuz gerichtet, das man ihm gelaſſen hatte und welches von ſeinem Hals herabhing. So war man, wenn auch langſamer fahrend, doch in verhältnißmäßig kurzer Zeit auf jene mächtige Haide angelangt, welche den Markt Traiskirchen umgiebt. Der Cardinal hatte ſeinem gepreßten Herzen eben durch einen unwillkürlichen lauten Seufzer Luft gemacht und der Kammerpräſident ſich eben zum dreißigſten Male, ſein ſchläfriges Ausſehen Lügen ſtrafend, von der Linken auf die rechte Seite gewandt, als ein leichtes ungariſches Gefährt, von vier neben einander geſpannten Pferden gezogen, wie ein Blitz an der mächtigen Staatskaroſſe vorüberbrauſte. Der Mann, welcher im Fond des Wagens ſaß, trug trotz des Sommerabends einen Mantel, der in eine Art Kapuze endigte, welch letztere wieder in der Weiſe über den Kopf niedergeſchlagen war, daß man die Geſichts⸗ züge des Vermummten unmöglich wahrnehmen konnte. Den Dragonern war es nicht eingefallen, den Wagen 171 anzuhalten, nur Tſchapin fiel es ein, als er das Gefährt vorüberfliegen ſah, ein Paar Reiter nachzuſchicken. Entweder konnten die Verfolger den Wagen wirklich nicht erreichen oder ſchien ihnen das Ziel ihrer Anſtrengung unwerth, ſo viel iſt gewiß, daß die Reiter nach einer halben Stunde mit der Anzeige zurückkehrten, ſie hätten nirgends eine Spur des Wagens aufgefunden. Tſchapin runzelte die Stirne, aber ſagte nichts. Wiener Neuſtadt, das man ums Uhr Abends erreichte, wurde umfahren, doch ließ Breuner in angemeſſener Ent⸗ fernung vom Stadthor Halt machen und ſandte nach der Stadt um einige Lebensmittel und Wein. Khleſl, der von Natur aus geſprächig war, brach in der Zwiſchenzeit das Schweigen und fragte mit der ganzen Hoheit, die er in ſeine Worte zu legen im Stande war, wohin man ihn zu bringen gedenke, und wie weit man die Mißhandlung eines Kirchenfürſten treiben wolle. Als Breu⸗ ner kalt erwiederte, er ſei beauftragt ihn nach Tyrol zu führen, da brach endlich das künſtliche Gebäude der Stand⸗ haftigkeit, das der Cardinal bis jetzt gegen den hereinbre⸗ chenden Sturm mühevoll behauptet hatte, mit einem dumpfen Krach zuſammen. Khleſl blieb nicht mehr Herr ſeiner ſelbſt, er verbarg das Geſicht in ſeine Hände und fing laut zu ſchluchzen an. Wahrſcheinlich hatte ſich der Cardinal, als man ihn nach dem Süden führte, geſchmeichelt, daß ihm ſein Bis⸗ 172 thum Neuſtadt zum unfreiwilligen Aufenthalt angewieſen werden würde. Der Umſtand, daß man den Weg außer⸗ halb der Stadtmauern einſchlug, hatte ihn ſtutzig gemacht; dennoch hatte er aber das Schlimmſte, ſeine Wegführung nach Tyrol nicht erwartet. Dort war er in den Händen ſeines erbittertſten Feindes, dort von ſeinen einflußreichen Freunden völlig abgeſchnitten. Tyrol war die Gefangen⸗ ſchaft, der politiſche Tod in ſeiner traurigſten Bedeutung; dies Alles ſtürmte auf ſeine Seele ein, als er bitterlich zu weinen begann und den Freiherrn mit den Worten am Arme faßte:„Herr von Breuner, ſchwört mir bei Eurem reinen Kinde, das in den Mauern meines Kloſters weilt, daß man mir nicht an's Leben will, könnt Ihr das?“ Breuner ſah an den hervorgetretenen Augen des Car⸗ dinals, ſo wie an der tiefen Purpurröthe, die ſein Ge⸗ ſicht umzog, daß ſich Khleſl in einem Moment der Auf⸗ regung befand, deſſen Verlängerung Tod oder Wahnſinn zur Folge haben konnte; er beeilte ſich alſo den Finger zum Schwur empor zu heben und ihn zu verſichern, daß er für ſein Leben nichts zu beſorgen habe.„Ich bin,“ ſagte Breuner,„Euer Feind und habe deſſen kein Hehl, aber ich bin weder ein Henker noch überhaupt der Mann, der ſich zu irgend einer Unwürdigkeit her⸗ giebt.“ Als Breuner bemerkte, daß der Cardinal ruhiger ge⸗ worden war, bot er ihm kalten Braten und Wein an. 173 Khleſl war aber zu bewegt, als daß er Beſcheid thun konnte, das vorige Schweigen trat wieder ein. Man ſetzte ſich in den Wagen und fuhr fort.— Gegen Mitternacht langten die Reiſenden in Schotwien dem öſterreichiſchen Gränzmarkt gegen die Steiermark an. Die Fallgitter wurden raſſelnd aufgezogen, und das Gefährt eingelaſſen. Dampierre hatte ſeine Sendung er⸗ füllt; er verabſchiedete ſich hier mit ſeinen Reitern von Breuner und dem Staatsgefangenen.. „Gute Nacht, lumpige Eminenz!“ waren die letzten Worte, welche der Obriſt dem Cardinal zurief, dann ſprengte er mit ſeinen Reitern in vollem Galop davon. Nur Tſchapin und ein Dragoner blieben beim Wagen zurück. In Schotwien gab es ſchon damals ein Herbergshaus, deſſen Schild eine bunt gemalte weit in die Straße hinein⸗ ragende Krone war. In das finſtere rauchgeſchwärzte Thor dieſes Wirths⸗ hauſes rollte der Staatswagen mit ſo furchtbarem Ge⸗ raſſel, daß die Mauern erbebten; alſogleich erſchienen die Wirthsleute mit angezündeten Kiehnſpänen und hal⸗ fen den Reiſenden aus dem Wagen. Khleſl ſchien ſo erſchöpft, daß ſman ihn buchſtäblich die hölzerne Treppe, die zum erſten Stockwerke führte, hinauftragen mußte. Zugleich mit dem Wagen war von den Reiſenden 174 unbemerkt eine Wallfahrerin in das Thor geſchlüpft, welche Obdach verlangte. Bei dem Umſtande, daß in der Jahreszeit, in welcher Khleſl ſeine unfreiwillige Reiſe antrat, ſchon damals Wallfahrten nach Maria⸗Zell an der Tagesord⸗ nung waren, konnte es nicht auffallen, daß eine Pilgerin ſo ſpät noch Einlaß begehrte. Das Weib war groß und ſtark gebaut, ſchien aber ihrem weißen Haar nach zu urtheilen bereits hoch in den Jahren zu ſtehen und von den Anſtren⸗ gungen der Wallfahrt ſehr ermüdet; der Wanderſtab, welcher wie noch heute bei den Wallfahrern ein hölzernes Kreuz zum Griffe hatte, ſchien ihr in der That eine noth⸗ wendige Stütze zu ſein. Der Wirth, welcher bemerkt hatte, daß das Weib ſchon mehrere Stunden im Orte verweilte und raſtlos auf und ab ging, ſchnarrte ſie unfreundlich an, indem er meinte, ſie hätte wohl ſchon früher Zeit gehabt bei ihm abzutreten; die Alte erwiederte indeſſen demüthig, daß ſie ein Gelübde gethan habe, ſieben Wochen lang bis Mitternacht unter freiem Himmel zuzubringen; der Wirth blickte auf ſie dann, auf ſeine Uhr und wies ihr lächelnd den Zeiger, welcher noch zehn Minuten bis Mitternacht zu durchlaufen hatte. Die Alte ſchien von ihrem Irrthume überraſcht, und betheuerte nicht früher in die Stube treten zu wollen, bis es zwölf Uhr geſchlagen habe. Die Zeit bis dahin wandte die Pilgerin indeſſen 175 ſeltſam genug an, ſie trat unbemerkt in den Hofraum und ſtarrte nach den Fenſtern des Stockwerkes empor, als ob ſie weiß Gott welche Entdeckung zu machen hätte, dann ließ ſie ſich nochmals das Hausthor öffnen und ſah abermals nach den Fenſtern; nirgends bemerkte ſie Licht. Unzufrieden, wie es ſchien, kehrte ſie endlich zurück und begehrte ihre Schlafſtätte zu ſehen. Der Wirth, dem es nicht in dem Sinn kam, daß die Alte beſſer logirt ſein wolle, als die vielen tauſend ihrer Gefährtinnen, ſchaute ſie groß an und deutete auf den Heuſchober, der in der Gemeinſtube zum Nachtla⸗ ger zurecht gemacht war. Die Wallfahrerin aber ließ ſich nicht abſchrecken und entgegnete:„Erſt wollte ich mich allerdings mit dem gewöhnlichen Nachtlager be⸗ gnügen, aber nun habe ich meinen Sinn geändert, was thut Euch das?“ „Was es mir thut? Erſtens koſtet ein ordentli⸗ ches Bett um ſechs Pfenuige mehr, zweitens will ich nicht, daß mein Weißzeug durch Bettlergeſindel verun⸗ reinigt werde; jetzt wißt Ihrs und könnt entweder mit dem Heu vorlieb nehmen oder Euer Unterkommen an⸗ derwärts ſuchen.“ Die Wallfahrerin ſeufzte und griff endlich in einer Weile, die Oeffnung ihres Rockſackes vergeblich ſuchend, nach einem ledernen Beutel und drückte dem Wirth einen Thaler in die Hand, indem ſie hinzuſetzte:„Ich will es Euch nur geſtehen, daß ich 176 heftige Leibesſchmerzen habe und ſchon darum lieber in einem ordentlichen Bette ſchlafen will. Der Wirth blickte bald den Thaler, bald die Pilgerin an und ſchloß endlich damit, daß er die Kellnerin rief und ihr ein Bett im obern Stockwerke anzuweiſen befahl; dann ging er brum⸗ mend zu ſeiner Ehehälfte, die er verſicherte, daß die alte Strunzel etwas Vernünftigeres hätte thun können, als einen Thaler auf ein Bett wenden; hätte ſie dafür Wein getrunken, meinte er, ſo hätte ſie davon doch einen ehrlichen Rauſch gehabt, aber bei dem ordentli⸗ chen Bett ſieht doch gar nichts heraus. Als die Mariazellerin im erſten Stock anlangte, blieb ſie vor jeder Gaſtthür ſtehen und horchte, obgleich ihr die Aufwärterin wiederholt bedeutete, daß ſie noch nicht an Ort und Stelle ſeien. Endlich klirrte der Schlüſſel⸗ Puud an einer niederen Thüre, die zu einem kleinen Hofzimmer führte. Man war an Ort und Stelle; die Magd ſtellte einen großen kupfernen Leuchter auf den Tiſch und wollte ſich verabſchieden, da aber öffnete die Pilgerin den Mund, ſo daß recht nach alter Weiber Art ein Strom von Fra⸗ gen auf die Dienſtmagd niederquoll. Die Aufwärterin beantwortete Einiges und ließ Anderes unbeantwortet, bis die Alte ganz zuletzt noch fragte, wer denn die Rei⸗ ſenden geweſen ſeien, die unmittelbar vor ihr angelangt wären.„Ei die,“ erwiederte die Magd.„Der alte Herr 177 iſt, wie mir der Diener ſagt, ein bösartiger Narr und der Andere ſein Aufſeher, ſie empfahlen uns auch, dem Narren keine Meſſer oder Gabel vorzuſetzen, indem ihm ſein Aufſeher Alles klein ſchnitte.“ „Und worin ſoll die Narrheit des Gaſtes beſtehen?“ „Der Diener ſagte, daß er ſich für einen großen Herrn hielte, für einen Biſchof oder Cardinal, was weiß ich.“ „Und was ſoll mit ihm geſchehen?“ „Nun ſie waren mit ihm bei den berühmteſten Profeſſoren in Wien und führen ihn nun aufs Land; die Gebirgsluft, ſagten die Aerzte, werde dabei das Beſte thun.“ „Und da habt Ihr den Narren wohl gut einſper⸗ ren müſſen?“ „Das verſteht ſich, die erſte Frage des Aufſehers war nach einer Stube, deren Fenſter wohl vergittert wären.“ „Und habt Ihr eine ſolche?“ „Natürlich, ſeht Ihr dort gegenüber den Mauervor⸗ ſprung, da liegt die Stube von unſeres Herrn Schwa⸗ ger, der vor ſechs Jahren mit Haut und Haar ver⸗ brannte, da er bei dem Fenſtergitter nicht heraus konnte und die Treppe bereits in Flammen ſtand. Die ganze Einrichtung war hin; nur die Mauer und das Gitter Haas: Der alte Cardinal. III. 12 8 ſind ſtehen geblieben. Man ſieht daraus, was ſolche Gitterfenſter für eine gute Einrichtung ſind.“ „Unſtreitig,“ erwiederte die Alte,„denn ſie ſind dem Feuer widerſtanden, während der ehrenwerthe Bewoh⸗ ner der Stube umkam.“ „Ganz recht, Frau Mutter,“ verſetzte die Magd,„die Gitter waren feſter als der ſelige Hans Görg. Hinter dieſem Fenſter nun ſitzt der arme Wahnſinnige.“ „Und ſchläft er allein?“ „Was Ihr doch neugierig ſeid, Mutter.“ „Es iſt nur, daß Einem die Zeit vergeht.“ „Nun allein ſchläft er nicht.— Des Aufſehers Bett mußte quer vor das Seinige geſtellt werden und der Diener läßt ſich gar ein Heubündel vor die Thüre ſchleppen, um darauf zu liegen, und der andere militairiſch gekleidete Mann, der hält überdies am Hausthore Wache.“ „Das heiße ich einen Wahnſinnigen ſtark bewachen,“ ſagte die Alte ſeufzend. „Aber denkt doch, wie bösartig er iſt,“ verſetzte die Kellnerin;„er ſoll ja mit Papſt und Majeſtäten ärger her⸗ um werfen als der Teufel ſelbſt. Wie der Wirth mit dem aufgeſetzten Käppchen hienin⸗ geht, hat ihn der närriſche Kauz angedonnert, als ob er vor dem Hochwürdigſten ſelbſt mit bedecktem Haupte daſtünde, und ſtellt Euch vor, das hat er ſo natürlich gemacht, daß 179 ſich der Herr zu fürchten anfängt und die Kappe richtig abnimmt.“ „Da werden die Andern wohl gelacht haben?“ „O nicht im Mindeſten; es kommt mir faſt vor, als ob Sie ſich ſelbſt vor ihm fürchteten.“ „Ach wenn ich nur den alten Narren ſehen könnte!“ „Habt Ihr denn noch keinen Narren geſehen?“ „Gewöhnliche Narren in die Tauſende, mein Kind, aber ſo etwas Beſonderes noch nie.“ „Nun da kann ja Rath werden.“ „Wie denn?“ „Ihr geht morgen in die Kirche, wenn der Wahn⸗ ſinnige ſeine Andacht verrichtet.“ „Alſo hat er doch ſo viel Verſtand, daß er zu Gott beten kann?“ „Wer weiß es denn, ſie führen ihn denn doch zur Kirche, hilft's nichts, ſo ſchadet's nicht.“ „Und um welche Stunde wird er dort ſein?“ „Der Aufſeher hat wenigſtens die Meſſe um 5 Uhr beſtellt.“ „Nun ich danke Euch, ich werde eine heilige Meſſe hören und zugleich den Narren zu ſehen bekommen, das iſt doppelt ſchön.“ „Es freut mich, wenn ich Euch einen Gefallen erweiſen konnte.“ 12* 180 Die Aufwärterin wollte ſich entfernen; die alte Frau rief ſie aber zurück und fragte: Was habt Ihr zu eſſen?“ „Wenn Ihr Einbrennſuppe wollt oder Nudeln?“ Die Alte ſchüttelte den Kopf. „Oder wollt Ihr vielleicht Obſt?“ 3 Die Alte wurde ungeduldig und ſagte: „Ei, bleibt mir doch mit Eurer Suppe und Obſt vom Leibe, habt Ihr nicht etwa einen Kapaun oder eine Hammelskeule und einen kühlen Trunk Wein?“ Das Mädchen blieb verwundert ſtehen und erwiederte endlich:„Habt Ihr nicht ſo eben über Leibesſchmerzen geklagt? Da dachte ich denn...... 4 „O denkt nichts, meine Beſte, und bringt mir, was ich begehre— Ihr glaubt gar nicht, was ſo eine Wall⸗ fahrt für Hunger ſchafft.“ Das Mädchen ging nun hinunter und kam mit einer Hammelskeule und einer Flaſche Wein zurück. Das alte Weib ſchien mit dem Fleiſch zufrieden, maß aber die Flaſche mit einem verächtlichen Blick. „Er iſt vom Beſten,“ bemerkte die Kellnerin, welcher der argwöhniſche Blick der Alten nicht entgangen war. „Daran zweifele ich durchaus nicht,“ erwiederte die Alte mit Kennermiene,„ſondern ich dachte nur, daß Ihr wohl ſtatt dieſes Fläſchchens hättet eine ordentliche Flaſche bringen können, die ſich vor Jedermann ſehen laſſen darf.“ 181 „Aber Eure Leibesſchmerzen?“ „Das iſt eben das Specificum, welches mein Arzt dagegen zu verordnen pflegt.“ „Soll ich alſo noch Wein bringen?“ „Um Gottes Willen ja.“ Die Magd war nun in den Keller hinabgeſtiegen und wieder zurückgekehrt, als ſie zu ihrer Verwunderung die gewaltige Hammelskeule bis auf die Knochen aufge⸗ zehrt und die Flaſche ausgetrunken fand. „Gott geſegne es Euch, Mutter!“ ſprach ſie,„Ihr ſeid bei gutem Appetit.“ „Ihr vergeßt die Wallfahrt. Wallfahrer haben beſtändig Hunger.“ „Habt Ihr noch?“ „Warum nicht?“ „Soll ich Euch noch zu eſſen bringen?“ „Ei freilich!“ „Ho ho, alte Mutter, d'raus wird nichts, Ihr könntet Euch nur den Magen verderben, zu Eſſen bekommt Ihr nun einmal nichts mehr.“ Die Alte ſeufzte ſchwer und ſchien ſich in ihr Schickſal zu ergeben. Die Magd ſchüttelte jetzt der alten Wallfahrerin die Hände und ging. Die Alte erhob ſich nun viel raſcher, als mit ihrer früheren Preßhaftigkeit vereinbarlich ſchien, vom Stuhl, 182 holte aus ihrem Mantelſack eine Taſche, riß ein Blatt Papier heraus, machte darauf mit Bleiſtift ein Kreuz, ſchrieb die erſten Worte des„Salve Regina“ mit großen latei⸗ niſchen Buchſtaben darunter, ergriff dann ein kleines Fläſchchen, tauchte eine ſorgſam eingehüllte Feder ein und ſchrieb einige Zeilen mit kleinerer Schrift, deren Züge aber ſofort verſchwanden, ſobald ſie niedergeſchrie⸗ ben waren, faltete das Ganze zuſammen und ſteckte es in das mächtige Gebetbuch, das zugleich ein förm⸗ liches Herbarium und eine Sammlung von Antiqui⸗ täten bildete, ſo zahlreich waren Bildchen, Blumen und kleine Kränze zwiſchen den groß gedruckten Blättern des Buches angebracht. Dann murmelte das Weib:„Dies iſt das einzige Mittel, dem gefallenen Miniſter und un⸗ ſerer Partei einen letzten Dienſt zu erweiſen.“ Sonderbarer Weiſe legte ſich die Alte nicht zu Bette, ohne erſt einen ſchön gearbeiteten Dolch, der mit Elfen⸗ bein eingelegt war, neben ſich auf den Tiſch gelegt zu haben; hierauf löſchte ſie das Licht aus, und entkleidete ſich erſt dann völlig. Die Kirchthürc war folgenden Morgens kaum ge⸗ öffnet, ſo fand ſich auch die Wallfahrerin ein und nahm ihren Sitz in der vorderſten Bank, welche nur zum Ge⸗ brauch von Standesperſonen beſtimmt war; ſie zog ihr Gebetbuch hervor und blätterte ſo eifrig darin herum, daß ſie kaum zu bemerken ſchien, daß ihre Herbergs⸗ 183 genoſſen bereits eingetreten waren. Don Tſchapin, der vermeintliche Diener, ſtieß nach ſeiner Art ziemlich un⸗ ſanft an die Alte an und ſagte:„Packt Euch zum Teu⸗ fel, verfluchte Vettel! ſeht Ihr nicht, daß beſſere Leute, als Ihr ſeid, hier Platz nehmen wollen?“ Die Alte packte langſam ihr Gebetbuch zuſammen, ſtand mühſelig auf und holperte, nachdem ſie erſt die Ankömmlinge gleichſam prüfend, ob auch der Rechte dar⸗ unter ſei, betrachtet hatte, langſam aus der Kirche. Der Cardinal, welcher ihre Stelle eingenommen hatte, fand auf der Stelle, wo die Alte gekniet hatte, ein beſchriebenes Blättchen. Er nahm dasſelbe, ohne es näher zu betrachten in die Hand und hielt es in die Höhe, um diejenige, der es muthmaßlich entfallen war, aufmerkſam zu machen. Breuner, welcher das alte Weib noch bemerkte, winkte ihr vergebens, zurückzukehren, und Tſchapin, welcher im Eifer für die Zurückſtellung des gefundenen Gutes nicht zurückbleiben wollte, rief ſogar halblaut:„Alte, Ihr habt etwas verloren, oder hört Ihr nicht, Alte?“ Die gute Frau mußte aber etwas taub und halb blind ſein, denn ſie ſchien nicht nur nichts zu ſehen und zu hören, ſondern humpelte nur um ſo eifriger zur Kirchthüre hinaus. Das Blättchen blieb in den Händen des Cardinals zurück. Dieſer hatte die Schriftzüge kaum erblickt, ſo verbarg er das Papier in ſeinem Bruſtlatz, indem er halblaut murmelte:„Ein 184 gutes Gebet ſoll nicht auf der Erde liegen bleiben, nicht entehrt werden u. ſ. w.“ Als die Meſſe vollendet war, kehrten die Reiſenden in das Gaſthaus zurück. Khleſl gab heftigen Halsſchmerz vor und that, als ob er keinen Tropfen Waſſer hinunter brächte. Breuner glaubte nicht an das Uebel und hielt es nur für einen Vorwand zur Verzögerung der Reiſe, er war daher ungemein überraſcht, als der Staatsge⸗ fangene keinen Aufſchub der Weiterreiſe, ſondern bloß eine Unſchlittkerze verlangte, um ſich einen Talgverband um den Hals zu legen. Sein Gefangenwärter wiliigte ohne Anſtand in dies Verlangen und ließ eine ange⸗ zündete Kerze und eine zweite kommen, die über das Licht gehalten werden ſollte. Tſchapin war gleich bereitet, den Verband herzu⸗ ſtellen; der Cardinal erklärte aber mit pedantiſcher Ent⸗ ſchiedenheit, daß er Alles, was ſich auf ſeinen Körper bezöge, allein und ohne freide Einmiſchung abmachen wolle. Tſchapin wandte ſich mürriſch über den Eigenſinn des alten Mannes nach der Thüre und Breuner begnügte ſich, nachläffig an den grünen Kachelofen gelehnt, ſeine Reiſe⸗Inſtruction zum neunzigſten Male durchzublicken. Der Gefangene benützte die Unaufmerkſamkeit ſeiner Aufſeher und holte mit der unbefangenſten Miene von der Welt das Blatt Papier aus ſeiner Taſche und hielt es vor das Licht, als ob er es wärmen wollte, allſogleich er⸗ 185 ſchienen die kleinen Schriftzüge wieder, welche unter der Hand der Schreiberin dem Geſicht entſchwunden waren. Die Worte lauteten:„Nennt der alten Frau, welche Euch dieſes Papier zuſtellt, den Ort, wo Eure Schriften verborgen liegen und deutet ihr an, was damit geſchehen ſoll.“ Unterfertigt waren die paar Zeilen mit:„G. E. T.“ Khleſl that, als ob er das Papier dem Licht zu nahe gebracht hätte und zündete es an, indem er weh⸗ klagend ausrief:„Das kommt von dem Zittern; ja, mein Herr von Breuner, Ihr ſeid ein glücklicher Mann, Ihr habt kräftige Nerven, während ich faſt nichts mehr in meinen Händen halten kann, und wenn dann ein ſchwa⸗ cher hilfloſer Greis wie ich bin, noch in die Verbannung, doch was ſag' ich, in's Gefängniß wandern muß, das iſt doppelt traurig.“ Breuner, der erſt an dem brandigen Geruch er⸗ rieth, daß etwas verbrannt worden ſei, fuhr empor und fragte:„Was war das?“ Khleſl entgegnete verächtlich lächelnd:„Ihr hört es ja; ich habe durch mein Zittern das Papier, welches mir zum Auftragen des Unſchlittes dienen ſollte, ange⸗ zündet.“ „Und was war das für ein Papier, wenn man fragen darf?“ „Beruhigt Euch, Herr von Breuner, weder eine 186 Staatsſchrift noch ein Verzeichniß von Verſchwörern.“ „Und was war es denn?“ „Ach Gott, wenn Ihr es denn ſchon wiſſen wollt, der Zettel, den die arme Mariazellerin verlor, und den ich in Ermangelung eines anderen Materials zu meinen mediciniſchen Zwecken benützte.“ Breuner konnte nicht umhin, über ſeine eigene übertriebene Wachſamkeit zu lächeln und gab, als der Gefangene mit ſeiner Operation zu Ende war, das Zeichen zum Aufbruch. Da in jener Zeit, von welcher wir ſprechen, die caroliniſche Straße über den Semmering noch nicht hergeſtellt war, ſo mußten es ſich die Reiſenden gefallen laſſen, den Weg über den Berg zu Fuß zurückzulegen, oder ſich von Saumroſſen hinüber bringen zu lafſen. Der Cardinal, welcher ſich zu Fuße mehr Gelegenheit verſprach, mit der geheimnißvollen Wallfahrerin in Ver⸗ kehr treten zu können, wählte dieſe Art, den Bergpaß zu überſchreiten. Vergebens blickte er, gleich nachdem die Reiſe⸗ geſellſchaft das Gaſthaus verlaſſen hatte, um ſich; von der Alten war keine Spur zu finden. Es giebt Menſchen, die, weit entfernt, eigentlich Sinn für die ſchöne Natur zu beſitzen, ſich aber doch nicht den Einwirkungen einer heiteren Morgenlandſchaft entziehen können; ohne zu wiſſen warum und woher 187 fühlen ſich derlei Menſchen fröhlicher geſtimmt, hoff⸗ nungsreicher und zufriedener. Zu dieſer Claſſe von Menſchen, welche vor dritt⸗ halb Jahrhunderten viel zahlreicher war als heutzutage, gehörte auch der Cardinal Khleſl. Er fühlte ſich trotz ſeiner ſchlimmen Lage im Verhältniß zu den Empfin⸗ dungen des vorhergehenden Tages ohne Vergleich heiterer. Möglich, daß auch das Bewußtſein, ſich nicht ganz freundelos zu wiſſen, das Seinige zu dieſer gehobenen Stimmung beitrug. Als Breuner, halb ärgerlich über den Frohſinn des Cardinals, den er eben ſo wenig verzweifelt wie geſtern, als fröhlich wie heute leiden mochte, ſeine Ver⸗ wunderung ausdrückte, daß ein Mann in ſolcher Lage noch heiter ſein könne, antwortete Khleſl:„Ja, Herr, das kommt von einem reinen Gewiſſen; Ihr glaubt gar nicht, was das für ein gut Ding iſt; ich bitte Euch als Freund, macht einmal, daß Ihr ebenfalls ein ſolches erlangt, und Ihr werdet dann, was Euch wohl Euer Lebtag nicht paſſirte, guter Dinge ſein.“ Breuner that, als ob er den Stich nicht merkte. und lenkte die Aufmerkſamkeit ſeines Gefangenen auf ein paar Eſel, die vollgepackt den Berg herunterkamen. Khlefl rief, als er bemerkte, daß die Thiere zufällig mit ärariſchem Gute befrachtet waren, mit komiſchem 188 Unwillen:„Ei, das geht Euch an, das iſt ſicher für die Hofkammer.“ Breuner zuckte die Achſeln und ſagte kein Wort. Als ſich aber Khlefl am höchſten Punkt der Berg⸗ einſattlung wiederholt umblickte, bemerkte er:„Wenn ſich alle Leute auf der Höhe ſtets umblickten, wie Ihr thut: ſo bin ich überzeugt, daß die meiſten ihren Weg ruhig und ſicher zurücklegen und die Wenigſten zu Falle kommen würden.“ Khleſl, der ſich nur um die Wallfahrerin umſah, hielt Breuner's Rede keiner Erwiederung werth. Erſt als ſie im Orte Spital anlangten, ſprach der Cardinal tief ſeufzend:„Der Stifter dieſes Leproſenhauſes hat es gut gemeint; hätte er aber gleichwohl nur für die Diener ſeiner eigenen Nachfolger, welche an moraliſchem Ausſatz leiden, dies Haus errichtet, er hätte es ſo ge⸗ räumig bauen müſſen, als den St. Stephansdom in Wien.“ „Noch zweckmäßiger hätte er aber in dieſem Falle eine Anſtalt für alte Narren errichtet,“ entgegnete Breuner. Der Gefangene wollte eben antworten, als er einer Wallfahrerin anſichtig wurde, die am Fuße einer hart am Wege ſtehenden Marterſäule ſaß, und ohne aufzublicken eifrig aus einem dickleibigen Gebetbuch zu beten ſchien. 189 Khleſl ging dreiſt auf die Alte zu und ſprach mit leiſer Stimme, indem er die Hand zum Segen erhob: „Scripta sunt apud Huterum, in nomine Domini flammis aboleanturf.“ dann ließ er, indem er laut und deutſch hinzuſetzte:„Da nehmet dieſes Almoſen,“ Siegel⸗ ring und Schlüſſel in den Schooß der Alten gleiten, die ihn raſch mit der Schürze verdeckte. Das Weib ſtand auf, machte das Zeichen des Kreu⸗ zes, nickte mit dem Kopfe und fuhr dann wieder fort in ihrem Buche zu blättern. Tſchapin, welcher weit argwöhniſcher war als der Kammerpräſident, raunte Breunern zu, ob er nicht den Cardinal zur Rede ſtellen wolle, was und warum er mit dem Weib geſprochen habe. Breuner, dem die Hand⸗ lung des Staatsgefangenen bei ſeiner geiſtlichen Stellung ganz unbedenklich ſchien; ſchüttelte den Kopf und erwie⸗ derte:„Wenn ich nicht irre, iſt der Auftrag, den Car⸗ dinal nach Tyrol zu bringen, mir und nicht Euch gewor⸗ den, und ſo lange dem ſo iſt, habe ich außer von meinem Herrn von Niemandem, am wenigſten aber von Euch Belehrung anzunehmen.“ Tſchapin zuckte die Achſeln und ſchwieg. Breuner begnügte ſich aber den Cardinal zu fragen: „Habt Ihr dem alten Weibe nicht ein Almoſen gereicht?“ 190 Khlefl entgeguete:„Und wenn ich es gethan, was kümmerts Euch? Wiſſet Ihr nicht, daß es heißt: Wahr⸗ lich, wahrlich, ich ſage Euch, was Ihr einem Eurer Mit⸗ menſchen thuet, das werde ich ſo anſehen, als ob Ihr es mir ſelbſt gethan hättet?“ „Und was habt Ihr ſonſt noch mit der Alten geredet? ich hörte Euch ſprechen.“ Khleſl lachte höhniſch und verſetzte:„Wenn Ihr noch etwas Latein wiſſet, oder wenigſtens ſo fromm wäret, die Worte des Segens nicht ganz vergeſſen zu haben, ſo hättet Ihr mein neues Verbrechen ſogleich inne werden können. Ich habe einer greiſen Wallfahre⸗ rin den Segen ertheilt, jetzt wißt Ihr's.“ Breuner erröthete über den Argwohn, den er geäußert hatte und flüſterte dem Häſcher zu:„Da ſeht Ihr, was für ein einfältiger Wicht Ihr ſeid, ich wollte lieber, Euch holte der Henker ſammt dem Gefangenen, als daß Ihr mich jeden Augenblick in Schimpf und Schande bringt.“ Tſchapin ließ es ſich geſagt ſein und enthielt ſich den ganzen Weg über jeder weiteren Einmiſchung. Die einzige Aeußerung der Mißbilligung, die er ſich nun einmal nicht verbieten ließ, war ein beſtändiges Achſel⸗ zucken. Als der Kammerpräſident auf der Innbrücke die Wagenfenſter hinabließ, um beſſer hinausblicken zu können, zuckte der Häſcher noch das letztemal die Achſeln. 191 Und als ihn Breuner heftig anrollte:„Was ſoll's?“" entgegnete er demüthig,„es weht der Wind ſo kalt von der Nordſeite, daß ich beſorgte, Euer Excellenz könnten ſich den Rheumatismus zuziehen.“ XXVIII. Capitel. Das man überſchreiben könnte:„s giebt einen Katzen⸗ jammer ohne vorhergegangenen Rauſch.“ Die Erzherzoge hatten nun ihren Zweck erreicht, der Cardinal war von den Staatsgeſchäften entfernt. Die augenblickliche Freude über dieſes Reſultat hatte aber der ruhigen Ueberlegung Platz gemacht. Eine Nacht mit ihren ſchlafloſen Stunden, mit ihren widerwärtigen Träumen, mit einem duftigen Sommer⸗ morgen lag zwiſchen der Hinwegführung Khleſl's und dem Frühmahl der Erzherzoge. Sie hatten den Imbiß ſchweigend zu ſich genom⸗ men, das Weißbrot lag faſt unberührt in dem zierlichen Korb und das in den Schüſſeln aufgethürmte Geflügel ſchien zu beweiſen, daß die Eßluſt der Erzherzoge gering war. 193 Ferdinand durchmaß das Zimmer mit großen Schritten, während Max ſcheinbar ruhig in einem hohen geſchmackvoll geſchnitzten Stuhle ſaß, wie ſie in großer Zahl aus dem 16. Jahrhundert in unſern alten Burgen und Ruinen zu ſehen ſind. Der Deutſchmeiſter hielt ſeinen Blick unverwandt an die Wanddecke geheftet. Als der junge König vielleicht ſchon das zwanzigſte Mal an ſeinem Oheim vorübergegangen war, hielt er vor dem Stuhl des Erzherzogs plötzlich an und ſagte: „Euer Liebden hat unſtreitig das beſte Mittel er⸗ ſonnen, wie der Kaiſer verſöhnt werden kann?“ Der Deutſchmeiſter, aus dem Zuſtand der Erſtar⸗ rung erwacht, erwiederte mild lächelnd:„Ich zweifle keinen Augenblick, daß es uns endlich glücken wird, die Verzeihung Sr. Majeſtät zu erhalten, ſage Euch aber, es wird einen ſchweren Kampf koſten. Der Kaiſer wird untröſtlich ſein.“ „Und die Kaiſerin?“ „Wird über die Verjagung des Cardinals das Herz brechen.“ „Und die Anhänger des Cardinals?“ „Um die ſorgt Euch nicht.“ „Wie ſo?“ „Weil er keine hat.“ Haas: Der alte Cardinal, III. 13 194 „Aber ein Mann, der durch ſo viele Jahre an der Spitze der Geſchäfte ſtand?“ „Ja, und nicht wußte ſich einen einzigen wahren Freund zu erwerben, der muß ein Narr oder ein Weiſer ſein. Mir ſcheint, der alte Khleſl war von Beiden etwas.“ „Was iſt es aber mit den Weibern?“ „Ah, das iſt ein Anderes!“ „Ihr meint?“ „Ich meine, daß der alte Herr ein gutes Dutzend Hofdamen einzufädeln verſtand.“ „Und die fürchtet Ihr?“ „Fürchten? nein, ſie werden uns aber den Sieg erſchweren.“ „Wie ſo?“ „Sie werden ihre Männer nach Hof ſchicken.“ „Und den Cardinal zurückbegehren, nicht wahr?“ „Nicht nur das; ſie werden auch um Rache über die Erzherzoge ſchreien, welche den alten Herrn die un⸗ freiwillige Reiſe nach Tyrol thun ließen.“ „Ei, mögen ſie zuſchreien!“ „Nicht doch, Euer Liebden! ich verſichere Euch, daß uns dieſes Schreien noch ſehr unangenehm werden kann.“ „Wie ſo?“ „ 195 „Weil es bei der Kaiſerin ein geneigtes Ohr fin⸗ den wird.“ „Und dann?“ „Wird unſere ſehr dicke und ſehr fromme kaiſer⸗ liche Schwägerin und Muhme von ihrem Gatten die Beſtrafung der Entführer verlangen.“ „Und dann?“ „Würde der Kaiſer, ſo ein guter Herr er iſt, wenn es von ihm allein abhinge, uns Beide dem Cardinal nachſenden.“ „Ihr glaubt doch nicht, daß es der Kaiſer wagen würde?“ Der Erzherzog antwortete auf dieſe Frage nach einer Pauſe, in welcher er nachzudenken ſchien:„Nein, er wird es nicht wagen. Mein kaiſerlicher Herr Bru⸗ der hat zu viel Reſpect vor Spanien; er ſcheuet auch den baieriſchen Vetter zu ſehr und fürchtet ſich zu viel vor Rom, als daß wir etwas Ernſtliches zu beſorgen hätten.“ „So glaubt Ihr doch 2“ „Daß eine momentane Verhaftung oder eine kurze Verbannung uns treffen könne; das glaube ich, wie ich den Bruder Mathias kenne, nicht nur, ich erwarte es vielmehr.“ „Ihr ſagt das ſo ſorglos?“ „Sorglos? ja— denn ich wünſche es ſogar.“ 13 196 „Erklärt Euch!“ „Ich wünſche es, weil ich Se. Majeſtät wohl kenne. Hat ſich einmal der erſte Sturm der Leiden⸗ ſchaft gelegt und wird Mathias zur Einſicht kommen, daß er den Cardinal doch nicht wieder zurückführen kann, ſo haben wir gewonnen.“ „Ja, wozu ſollte alſo die Verhaftung, welche Euer Liebden uns ſo freundlich in Ausſicht ſtellt?“ „Die Verhaftung wäre ein Glück, weil ich daraus ſehen würde, daß der Zorn meines kaiſerlichen Bruders den höchſten Grad erreicht hat, und ich um nichts in der Welt wünſchen möchte, daß er ſeinen Verdruß hin⸗ unterſchlingt.“ „Wenn ſich aber Euer Liebden dennoch täuſcht und Mathias uns nicht verzeiht?“ „Hat Kaiſer Rudolph dem Mathias verziehen?“ „Nein! Aber was wollt Ihr damit ſagen?“ „Daß Mathias der Verzeihung ſeines kaiſerlichen Herrn Bruders nicht bedurfte.“ „Weiter!“ 3 „Daß wir eben ſo wenig von der Verzeihung des gegenwärtigen Kaiſers abhängen. Unſere Sache iſt nicht die der Erzherzoge Max und Ferdinand, es iſt die Sache der katholiſchen Welt, der geſammten Kirche. An dem Zorn eines Kaiſers Mathias ſtirbt dieſe Sache nicht.“ y 197 „Ich begreife; Euer Liebden hat, wie immer, auch hier Recht.“ „Dennoch wäre es angenehm, wenn ſo wenig Auf⸗ hebens als möglich gemacht würde.“ muß ihm hängt, wird. „Das iſt auch meine Meinung; aber der Kaiſer es doch einmal erfahren.“ „Ja, und zwar je eher, deſto beſſer!“ „O, man wird es ihm hinterbringen.“ „Es iſt aber durchaus nicht deihgünge. wer es hinterbringt.“ „Ihr meint?“ „Daß der Eindruck ſehr viel von der Art ab⸗ wie ihm die Wegführung Khleſl's mitgetheilt 44 „Es muß eine Perſon ſein, der wir trauen können.“ „Natürlich!“ „So nehmen wir den Breuner.“ „Der iſt noch nicht zurück.“ „So bleibt Montecuculi.“ „Den mag der Kaiſer nicht ausſtehen.“ Dann iſt noch Collalto.“ „Den mag er noch weniger leiden.“ „So nehmen wir den Dampierre.“ „Da kommt Ihr an den Rechten.“ „So gehen wir ſelbſt.“ „Das hieße Oel in's Feuer gießen.“ 198 „Dann weiß ich nicht mehr.“ „Es muß ein Menſch ſein, der nicht ſo ſehr unſer Freund iſt, daß ihm der Kaiſer mißtraute, und nicht ſo ſehr unſer Gegner, daß wir von ihm zu fürchten hätten.“ „Da bliebe nur der Cardinal Dietrichſtein.“ „Ich liebe die Cardinäle nicht.“ „Das ſagt Ihr, mein frommer Oheim?“ „Und weiß, was ich ſage; ein Cardinal hat immer ein zweifaches Intereſſe: das ſeines Herrn in Rom und das ſeines weltlichen Fürſten.“ „Franz Dietrichſtein hat mich aber wiederholt ſeiner beſonderen Treue und Anhänglichkeit verſichert.“ „Habt Ihr ein päpſtliches Breve, das unſer Thun billigt?“ „Noch nicht?“ „Dann können wir uns des Cardinals erſt bedienen, wenn das päpſtliche Breve angelangt iſt.“ „So warten wir.“ „Warten? daß uns die Freunde Khleſl's zuvor⸗ kommen?“ „Ihr ſagtet ja, daß Khleſl keine Freunde habe?“ „Richtig; ich habe meinen Ausdruck ſchlecht gewählt und hätte ſagen ſollen, bis uns die Freundinnen des Cardinals zuvorkommen.“ „Was denn zu machen?“ „Man muß nachſinnen.“ 199 Der Erzherzog⸗Deutſchmeiſter nahm wirklich ganz die Stellung eines Menſchen an, der in tiefes Nach⸗ denken verſunken iſt. Ferdinand ſetzte indeß ſeine Pro⸗ menade fort. Plötzlich wurde an die Pforte gepocht; der Erzherzog⸗Deutſchmeiſter blickte mehr unmuthig als über⸗ raſcht auf, während der junge König ſich anſchickte, ſelbſt an die Thüre zu gehen. Ehe er ſich jedoch mittelſt eines kleinen an der Pforte angebrachten Schiebers überzeugen konnte, wer Einlaß begehrte, öffneten ſich die Flügel und ließen die Geſtalt des alten Mannsfeld erkennen, der ſichtbare Eile zu haben ſchien. Die beiden Erzherzoge warfen ſich einen verſtohlenen Blick zu und bedeuteten dem Grafen, näher zu treten. Mannsfeld fing damit an, über die eigenmächtige Art, ſich einzuführen, tauſend Ent⸗ ſchuldigungen vorzubringen. Der Deutſchmeiſter, den der Gedanke, ſich des kaiſerlichen Günſtlings zu ſeinem Zweck zu bedienen, wie ein Blitz durchzuckte, ſchnitt dem alten Mann mit großer Leutſeligkeit das Wort ab:„Lieber Mannsfeld,“ ſagte er, indem er auf einen ihm zunächſt befindlichen Stuhl deutete,„was bedarf es der Entſchuldigung, wenn der würdigſte Edelmann des Erzherzogthums bei ſeinen Für⸗ ſten eintritt. Setzt Euch, lieber Bruno; der Nachkomme eines erlauchten Geſchlechtes, wie das Eurige, gehört zur Familie.“ Der alte Haudegen verbeugte ſich tief und ant⸗ wortete:„Eure königliche Gnaden hat es, was meine Anhänglichkeit an das durchlauchtigſte Haus Oeſterreich angeht, vollkommen getroffen, und eben dieſe Anhäng⸗ lichkeit iſt es, die mich hieher führt.“ Der Deutſchmeiſter warf dem jungen König einen Blick zu und flüſterte ihm ins Ohr:„Sollte er wiſſen?“ Bruno Mannsfeld fuhr, ohne etwas bemerkt zu haben, fort:„Dieſe Anhänglichkeit an das durchlauchtigſte Haus führt mich hieher. Der Kaiſer hat wieder eine böſe Nacht gehabt; kein Schlaf kam in ſeine Augen, und er ſtöhnte wie ein Sterbender bis zum Morgengrauen.“ „Der arme Bruder!“ ſagte der Deutſchmeiſter; „er gönnt ſich auch viel zu wenig Ruhe.“ „Wenn ich an ſeiner Stelle wäre....“ ergänzte Ferdinand. Mannsfeld horchte hoch auf. „Wenn ich an ſeiner Stelle wäre,“ wiederholte der junge König,„und von der Gicht ſo heimgeſucht würde, ich wüßte mein Leben höher anzuſchlagen.“ „Und was würde Euer Liebden thun?“ gegenre⸗ dete der Deutſchmeiſter. „Was ich thun würde? Die Laſt des Regiments anf jüngere Schultern wälzen und mich mit dem Titel und Einkommen des erſten Fürſten der Chriſtenheit be⸗ gnügen.“ 201* „Mit dem Einkommen?“ wagte Mannsfeld bitter lächelnd einzuwerfen. „Nun wohl mit dem Einkommen eines römiſch⸗ deutſchen Kaiſers.“ „Und wie hoch ſchätzt Eure Durchlaucht dieſes Einkommen?“ „Nun, ich habe zwar nie in meines kaiſerlichen Oheims Geldkiſten geſchaut, aber ich ſchätze doch auf hunderttauſend Gulden mindeſtens.“ Mannsfeld erwiederte, indem er eine lebhafte Be⸗ wegung mit der Hand machte:„Euer Durchlaucht hat in der That die geringſte Summe, die ein Herr wie Se. Majeſtät jährlich für ihre Perſon verwenden muß, nicht überſchätzt und dennoch ganz falſch gegriffen, denn das gute deutſche Reich trägt nicht ſo viel als wie ei⸗ nem einfachen armen Edelmann die kleinſte ſeiner Herr⸗ ſchaften einträgt.“ Der junge König that über dieſen Aufſchluß ganz entſetzt, rang ſchmerzhaft die Hände und rief dann aus: „O der Armſeligkeit! ein deutſcher Kaiſer, der nicht einmal hunderttauſend Gulden aus den Gefällen des Reiches bezieht.— Um ſo raſcher würde ich an meines kaiſerlichen Oheims Stelle den Thron verlaſſen. Ich re⸗ giere nur ein kleines Ländchen und wollte mich gern an⸗ heiſchig machen, Se. Majeſtät, falls er der Regierungs⸗ ſorgen müde der geſammten Herrſchaft entſagen wollte, 202 vier oder fünfmal mehr zu bezahlen, als ich früher angab.“ Der Deutſchmeiſter entgegnete achſelzuckend:„Ich erkenne Euer Liebden Sorgfalt für Sr. Majeſtät Per⸗ ſon, kenne aber auch des kaiſerlichen Herrn Bruders alte Schwäche, um jeden Preis bis zu ſeinem letzten Athem⸗ zug fortregieren zu wollen, zu gut, um Euch je zu ei⸗ nem ſolchen Vorſchlag zu rathen.“ Bei dieſen Worten blickte der Deutſchmeiſter Herrn von Mannsfeld ſo ausdrucksvoll an, daß ſich dieſer gezwungen ſah, ſeine Meinung zu ſagen. Er ſprach alſo: „Se. Durchlaucht hat ſo vollkommen recht, daß ich über⸗ zeugt bin, der Kaiſer würde auch nicht für die Seligkeit einen Augenblick früher zu regieren aufhören, als bis ihm der Tod das Scepter entwunden hat.“ Ferdinand biß ſich auf die Lippen und fragte mit etwas ſchärferem Ton: „Und was verlangt Se. Majeſtät von uns?“ „Se. Majeſtät eigentlich nichts,— aber ich möchte in Demuth bitten, den Kaiſer zu beruhigen; wahuſin⸗ nige Gerüchte ſind bis zu den Ohren Sr. Majeſtät ge⸗ drungen.“ „Was für Gerüchte?“ fiel Max mit ſtrengem Tone ein. „Gerüchte von Gewaltthat, Aufwiegelung, ja ſogar von Abſichten, die ich nicht näher bezeichnen darf.“ 2 203 Der junge König, purpurroth im Geſichte, vermochte bei dieſen Worten nicht länger an ſich zu halten und rief:„Wir befehlen Euch, zu ſagen, was Ihr für Ab⸗ ſichten meint.“ Mannsfeld entgegnete zögernd und ſichtbar verwirrt. „Es iſt abſcheulich, ich geſtehe es gern, deſſen un⸗ ggeachtet—“ Ferdinand, welcher ſeine Ungeduld nicht länger zu be⸗ zwingen im Stande war, machte dem Zögern des alten Hofdieners ein Ende, indem er fortfuhr:„Deſſen unge⸗ achtet ſpricht man von Abſetzung, Kronenraub und weiß Gott von was noch— iſt es ſo?“ „Mannsfeld erwiederte tiefathmend, als ob eine ſchwere Laſt von ſeiner Bruſt genommen worden wäre: „Ihr habt es geſagt.“ „Und wer erkühnt ſich von ſolchen Dingen zu reden?“ „Wer? Das bin ich allerdings in Verlegenheit zu ſagen. Niemand weiß, wer es zuerſt geſagt, aber die Kaiſerburg iſt voll davon, man ſieht ſich argwöhniſch an, Keiner traut dem Andern. Jeder iſt für ſich ſelbſt beſorgt und am meiſten die Kaiſerin; ſie hat die ganze Nacht geweint.“ Der Erzherzog⸗Deutſchmeiſter richtete ſich auf und verſuchte zulächeln, dann ſagte er:„Mannsfeld, Ihr ſeid ein erprobter Diener unſeres Hauſes, Ihr haltet auf die Ehre unſerer Familie, bei dieſer Ehre beſchwöre ich 204 Euch, zu ſagen, wen man aller dieſer entſetzlichen Ge⸗ danken zeiht.“ „Als der Befragte zu antworten zögerte, fuhr der Deutſchmeiſter fort, indem er ſeine Hand auf Manns⸗ felds Schulter legte:„Merkt wohl auf, mein Getreuer, ich, des Kaiſers Bruder, bitte Euch, Diejenigen zu nennen, welche man für ſo gottloſer Anſchläge für fähig hält.“ Mannsfeld erwiederte, indem er die Hände wie zur Abbitte gefaltet hielt, und laut aufſeufzte:„Ich kann es nicht ſagen, wenn Ihr nicht ſelbſt errathet.“ „Dann ſind wir es,“ fiel Ferdinand ein. Der greiſe Staatsdiener nickte mit dem Kopfe. Erzherzog Max, welcher ſich ſchneller gefaßt hatte als ſein königlicher Vetter, ſprach:„Geht, mein lieb er Manns⸗ feld, zum Kaiſer, aber auf der Stelle, und ſagt Sr. Ma⸗ jeſtät, daß er keine treuere Unterthanen haben kann, als uns und ſetzt hinzu, daß es höchſtens der Fehler zu großer Treue ſei, die uns das kaiſerliche Mißfallen zuziehen könnte; merkt wohl auf,— zu große Treue werdet Ihr ſagen. Dieſe Treue verleitete uns zu einer Maßregel, aus welcher Se. Majeſtät allen möglichen Nutzen ziehen kann. Dieſe Treue führte uns auf den Gedanken, den Kaiſer in Freiheit zu ſetzen. Mein kaiſerlicher Bruder war bis jetzt der Gefangene jenes böſen alten Mannes, der Alles hintertrieb, was zum Nutzen und Frommen des öſterreichiſchen Hauſes gereichte, jenes gleißneriſchen, be⸗ — 205 ſtechlichen Prieſters, der für Geld zu Allem fähig war, für Geld ſeinen Herrn verkaufte und ſich ſelbſt öffentlich rühmte, der wahre Kaiſer zu ſein. Nicht wahr, Ihr werdet dies Sr. Majeſtät wörtlich hinterbringen?“ Mannsfeld machte ein Zeichen der Bejahung. Der Deutſchmeiſter ſetzte fort:„Da wir nun den Kaiſer, welchen Gott noch lange erhalten möge, in Gefahr ſahen, Anſehen und gute Meinung, und endlich gar Land und Leute dieſes böswilligen Menſchen wegen zu verlie⸗ ren, da beſchloſſen wir Brüder des Kaiſers, denn Albrecht hat mir ſeine ausdrückliche Einwilligung geſandt, und der junge König, den Cardinal mit allem Glimpf aus der Nähe unſeres kaiſerlichen Herrn zu entfernen, und ſo dem Untergang des Hauſes Oeſterreich zuvorzukommen. Wir verſehen uns deshalb nicht des kaiſerlichen Zor⸗ nes, ſondern vielmehr der ſonderbaren Huld Sr. Maje⸗ ſtät, da wir durch die Verbannung eines ſo mächtigen Verräthers der ganzen katholiſchen Chriſtenheit einen wichtigen Dienſt geleiſtet haben.“ Mannsfeld zitterte an Händen und Füßen und mußte ſich an der hohen Lehne des Stuhles feſthalten, um nicht niederzuſinken. Ferdinand, welcher die Bewegung des Gardehaupt⸗ manns bemerkt hatte, benutzte dieſe Gelegenheit zur Uebung eines außerordentlichen Gnadenactes, indem er 206 einen Becher mit Wein füllte und ihn eigenhändig dem alten Diener darbot. Mannsfeld, dem weder Luſt zu Eſſen noch zu Trinken anwandelte, durfte die Gnade des Erzherzogs nicht ausſchlagen; er ſetzte den Becher daher dankend an die Lippen, nippte daraus und ſtellte ihn wieder auf den Tiſch. Ferdinand hatte indeß mehr erwartet; er hatte ge⸗ hofft, daß Mannsfeld durch die vielen Beweiſe fürſtlicher Herablaſſung gerührt, darauf ſchwören würde, ihre In⸗ tereſſen mit eigener Lebensgefahr zu verfechten. In der That war Mannsfeld der Hofgunſt nicht minder zugänglich, als jeder andere Cavalier am kaiſer⸗ lichen Hof. Es bedurfte daher der ganzen Erwägung der Gefährlichkeit ſeines Auftrages oder der völligen Hingebung an die Perſon des Kaiſers, um ihn vor je⸗ der Irrung zu bewahren. Erzherzog Ferdinand bezwang ſeine üble Laune und ſagte, indem er ein Zeichen des Abſchiedes machte: „So hoch wir auch geſtellt find, ſo haben wir dennoch Feinde am Hofe unſeres kaiſerlichen Oheims. Wir hoffen, daß Ihr nicht zu denſelben zählt, und unſere Ehre pflichtmäßig vertheidigen werdet.“ Der alte Graf beugte ſein Knie und erwiederte: „So weit es meines kaiſerlichen Herrn Dienſt erlaubt, kann Euer Durchlaucht auf mich rechnen. Es giebt außer 207 Sr. Majeſtät dem Kaiſer keine Perſon im weiten Reich, deren Dienſt ich meinen Kopf und Degen lieber widmen wollte, als Euren durchlauchtigſten Hoheiten.“ Dann wandte er ſich dem Eingang zu und verſchwand im Corridor. Der König fragte, zu Max gewendet:„Was hält Euer Liebden von dieſem drolligen Menſchen, der ſich von einem König von Ungarn den Becher füllen läßt, und nicht ſchwört, ſein Blut ſo gut für ſeine Perſon vergießen zu wollen, als der Wein in das Glas gegoſſen wurde.“ „Ich theile Eure Anſicht ſo wenig, daß ich mir's vielmehr gar nicht beſſer wünſche.“ „Wie ſo?“ „Weil der gute Graf uns weder verrathen noch helfen wird; Mannsfeld wird aber erzählen, was er ge⸗ hört und das wollen wir ja.“ „Was wird aber der Kaiſer thun?“ „Der Kaiſer wird nach Barvitius, Krenberg, Diet⸗ richſtein, kurz nach all denjenigen ſchicken, die viel zu große Erfahrung beſitzen, um zu einem entſchiedenen Schritt gegen uns zu rathen. Wenn Barvitius ſeinen ehemaligen Herrn Kaiſer Rudolf nicht zum Handeln gegen Mathias anſpornte, ſo wird er es jetzt eben ſo wenig gegen uns thun.“ 4 „Was werden ihm die Räthe ſagen?“ 208 „Eil was mir an ihrer Stelle auch ſagen würden.“ „Und das wäre?“ „Das Reich bedarf der Ruhe, und der junge König iſt ja ſo nach Euer Majeſtät Hinſcheiden zur Regie⸗ rung berufen; oder gedulden ſich Euer Majeſtät und tragen mit der Jugend und Unerfahrenheit des Prin⸗ zen Ferdinand noch ferner Mitleid; oder ſo: Wir hätten es nie gewagt, Euer Majeſtät zur ungnädigen Verab⸗ ſchiedung des Cardinals zu rathen; da es aber nun einmal geſchehen iſt, ſo können wir Euer Majeſtät nur beglückwünſchen, eines ſo läſtigen Mentors ſo leich⸗ ten Kaufes los geworden zu ſein.“ „Wie aber, wenn ſie ſich im ganz entgegengeſetz⸗ ten Sinne äußerten?“ 1 „Das wird keiner aus dem geheimen Rath thun, das könnte nur ein Proteſtant oder eine Creatur des Cardinals.“ „Zum Beiſpiel Herr von Mollart oder der Reichs⸗ kanzler Ulm.“ Der Deutſchmeiſter machte eine verneinende Be⸗ wegung und entgegnete:„Hans Mollart iſt bei wei⸗ tem nicht ſo befreundet mit dem Cardinal, als Ihr zu denken ſcheint und Ulm iſt viel zu ängſtlich, um es mit uns zu verderben.“ „Nun frage ich Euer Liebden noch, was wird der Kaiſer ferner thun?“ 209 „Was er immer thut, mein geliebter Vetter— nichts, abſolut nichts. Es wird dann nur von Euch abhan⸗ gen, den unumſchränkten Herrn zu ſpielen.— Es iſt gar nicht nothwendig, daß mein Bruder vom Thron herabſteige, um Euch zum Regenten zu machen; wenn Ihr Euch mit der Sache ſelbſt begnügt und nicht nach dem Titel verlangt, ſo bedarf es wirklich keines Bür⸗ gerkrieges. Mein Bruder wird Euch in Nichts hindern, wenn Ihr ihn nur geſchickt in der Meinung zu erhal⸗ ten wiſſet, daß er ſelbſt Alles thue und wirke und Ihr nur das gefügige Werkzeug ſeiner ſtaatsklugen Pläne ſeiet.“ „Ihr meint, daß er einer ſolchen Täuſchung fä⸗ hig ſei?“ „Wie Ihr nur ſo fragen könnt! War der junge Mathias nicht die armſelige Puppe des klugen Prinzen von Oranien und iſt der alte Mathias nicht ſo eben den Händen des Cardinals Khleſl entſchlüpft?“ „Ihr habt recht, aber was wird die Kaiſerin dazu ſagen?“ „Die Kaiſerin, das iſt etwas Anderes, die Kai⸗ ſerin wird Himmel und Erde gegen uns aufbieten, die Kaiſerin wird ſich in der Rolle, welche wir ihrem kai⸗ ſerlichen Herrn und Gemahl zudenken, beleidigt fühlen; die Kaiſerin wird ihre Hand ſogar der Kabale leihen, die Kaiſerin wird mit einem Wort die einzige achtbare Gegnerin ſein.“ Haas: Der alte Cardinal. III. 14 210 „Und wird ſie uns nicht ſchaden?“ „Gewiß, wenn ſie hinreichend Zeit dazu hätte.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „O ganz einfach, wie ich es ſage, die Kaiſerin iſt dick, alt und immer kränklich. Dazu verlangt ihr Ehr⸗ geiz nach einem Leibeserben. Das Alter drängt ſie langſam nach der Grube; die Beleibtheit hilft nach, die Sehnſucht nach Kindern verzehrt den letzten Reſt von Geſundheit und die Pillen der Aerzte machen ſie krank. Die gute Schwägerin Anna wird daher gerade noch Zeit haben, uns die Mörder ihres Gemahls zu ſchelten und mit göttlichen Strafgerichten zu bedrohen; es wird ihr aber an Muße fehlen, einen vernünftigen Plan gegen uns auszuführen oder einen Bankert unterzuſchieben.“ „Aufrichtig geſprochen, hieltet Ihr die Kaiſerin ei⸗ ner ſolchen That wirklich für fähig?“ „Als Urheberin nein.“ „Aber als Mitſchuldige?“ „Kaum, ich kann mir aber ein Drittes denken und dies iſt es, worauf, wie ich glaube, der alte Khleſl hin⸗ aus wollte; die Kaiſerin würde ſich in dieſem Falle leicht betrügen laſſen. Was der Menſch will, hofft und glaubt er; die Kaiſerin will Kinder, wie weit iſt von dieſem Wunſche zur Hoffnung und von der Hoff⸗ nung zum Glauben?“ „Dies Alles muß aber jetzt aus ſein, da der 211 Theaterdirector fehlt, der das Schauſpiel in Scene ſetzen ſollte.“ Der Erzherzog hatte noch nicht ausgeredet, als Graf Onate athemlos zur Thür hereinſtürzte. Onate war ganz ein Gegentheil von der gewöhn⸗ lichen Körperbildung ſeiner Nation, ein ziemlich kleiner, wohlunterſetzter Mann, auf deſſen fleiſchigem, kurzem Nacken ein dicker, von grauen Haaren umwallter Kopf ſaß. Die Geſichtszüge des ſechszigjährigen Mannes drückten übrigens viele Energie aus, während die ge⸗ krümmte Naſe und die feingebildeten Lippen den Ari⸗ ſtokraten keinen Augenblick verkennen ließen. Der Eingetretene ſchöpfte tief Athem und ſagte dann mit lauter Stimme:„Ich bin ſo raſch einge⸗ treten, um Eure Durchlauchten zu warnen, da ich ſo eben Herrn von Khuen's Equipage die Richtung nach der Burg einſchlagen ſah.“ Dieſe Worte wirkten wie ein Donnerſchlag auf die Erzherzoge. Maximilian griff raſch nach ſeinem Barett und ſchritt auf die Thür zu. König Ferdinand fragte:„Wohin, Euer Liebden?“ Der Deutſchmeiſter antwortete:„Raſch zum Kai⸗ ſer; wir müſſen dem dummdreiſten Oberſten um jeden Preis zuvorkommen, und gälte es die Ungnade Sr. Majeſtät.“ 14* 212 Ferdinand ſah ein, daß ſein Oheim Recht hatte, und ſchickte ſich an, ihm zu folgen. Auf der Schwelle wandte ſich der Erzherzog⸗Deutſch⸗ meiſter nochmals an den ſpaniſchen Geſandten und ſagte: „Ihr werdet uns doch begleiten?“ Der Graf machte ein Zeichen der Beiſtimmung 6 und alle Drei verließen die erzherzoglichen Gemächer. — ffſſffffffffff ſſſſ dluaaaazauuawzumuuuuuauuun duddaaasluzanuwumrLunuauaammuummunagaauumwmmmmannuauuun 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18