—yy=bG Leihb ek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur V Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗] den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.,———— er auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3* 3 „ „— und Zurückſendung — ALBUM. Bibliothek deutſcher Driginalromane. Herausgegeben von Herm. Markgraf. V Neunzehnter Jahrgang. — Fünfter Band. 4 Der alte Cardinal. II. 3 3 Wien. Herm. Markgraf. 1864. alte Cardinal. II. Theil. Wien. Herm. Markgraf. 1864. Druck von Heinr. Mercy in Prag. — —;— —— 1r — —— XVIII. Capitel. Inhalt. Seite X. Capitel. In der St. Stephanslirche...... 1 XI. Capitel.„Die Friedenspredigt“ des Cabinets⸗ directors..... 26 XII. Capitel. Wie Funu Victorin Haizenbergerin die Abweſenheit einer Novize minibme..... 53 XIII. Capitel. Viribus unitis.... 77 XIV. Capitel. Wie die Bewohner von Bernadaihi das Wrindefußſüie verſtanden.... 92 XV. Capitel. Von einem tanzluſtigen Fürſten und einem neugierigen Kriegsmann.... 116 XVI. Capitel. Wie der Cabinetsdirector Khleft dis Wache des Erzherzogs Maximilian bewachen ließ. 146 XVII. Capitel. Ein„qui pro quos........ 197 Das Mednſenhaupt........ 192 Der alte Cardinal. X. Capitel. In der 5t. Stephansbirche. Schon ſeit einer Stunde hallten alle Glocken der St. Stephanskirche zuſammen, während ſich die helleren Töne des Deutſchenhaus⸗Glöckchens, des St. Peters Glocken⸗ ſpiels und der andern nicht zu weit entfernten Thürme von Zeit zu Zeit, wie vorlaute Kinderſtimmen in das Ge⸗ ſpräch der Alten, einmengten. Eine große Menge Volkes hatte ſich im Dom, deſſen Pforten weit offen ſtanden, verſammelt und einſtweilen der Bewunderung von rothen, goldſchimmernden Baldachinen und Teppichen, die, wo nur immer thunlich, an den ſchwar⸗ zen Mauern angebracht waren, vollends hingegeben. Die Augen des leſekundigen, deshalb aber gerade minder zahl⸗ reichen Publicums zogen noch mehr als der kirchliche Prunk die an den Wänden befeſtigten oder angehefteten Inſchriften an, die vom Lob des Cardinals Melchior Khleſl überfloſſen. Haags; Der alte Cardinal. II. 1 2 Unſtreitig befand man ſich an der Schwelle eines großen Kirchenfeſtes, denn der alte Münſter hatte ſein glänzendſtes Feierkleid angezogen. Die Strahlenkronen der Heiligen waren geſcheuert, die Kopfſcheine aufgefriſcht, die Goldverzierungen geputzt, die Engel gewaſchen, die hei⸗ ligen Gefäße gereinigt und die hohen Leuchter mit friſchen Wachskerzen beſteckt worden; ſelbſt der Klingelbeutel, d. h. der Mann, welcher den Klingelbeutel zur Einſamm⸗ lung frommer Gaben trug, hatte den rötheſten ſeiner feuerfarbenen Röcke angelegt. Man ſah jeden Augenblick einige rothbäckige Buben, die in ziegelrothen Talaren ſteckten, über welche weite Chorhemde herabflatterten, mit ihrer plumpen Beſchu⸗ hung durch das Kirchenſchiff laufen; ſie blieben oft ſtehen, zankten laut mit einander, ſchrieen und warfen ſich die Rauchfäſſer gegenſeitig an die Köpfe; dann eilte ein oder der andre Novize mit leichtem Tritt quer durch den Dom, ließ ſich Angeſichts des Hochaltars auf ein Knie nieder, bekreuzte ſich und huſchte vorüber; zuweilen trippelte ein uralter Domherr mit wankenden Füßen durch die Kirche gegen die Sacriſtei, wo er ſeinem Unmuth über die Ver⸗ ſpätung der Feierlichkeit mit ſo rauher Stimme und in ſo derben Ausdrücken Luft machte, daß für das fromme und ſchauluſtige Publicum in der Kirche kein Wort verlo⸗ ren ging. Nachdem die jugendlichen Miniſtranten mit ihren 3 Räuchergefäßen fort waren, die Novizen die Kirche verlaſſen und die Domherren den Ort ihrer Beſtimmung erreicht hatten, trat vollkommene Stille ein, die nur durch das Gemurmel der Betenden, die ausgeſtoßenen Seufzer beſonders andächtiger Frauen und den Stickhuſten einiger alter Mütterchen unterbrochen wurde. Außerhalb des„Rieſenthors,“ welches den weſtlichen Eingang der Kirche bildet, war eine Ehrenpforte errich⸗ tet, welche mit religiöſen Schildereien verziert war. Unter dem bekränzten Kreuz, zu deſſen rechter Seite der heilige „Laurenz“ ſtand, während ſich links die Statue des erſten chriſtlichen Blutzeugen„Stephan“ erhob, zu den Füßen des gekreuzigten Heilandes war eine lateiniſche Inſchrift in Verſen angebracht, um welche ſich die Menge ſprach⸗ unkundig, wie ſie war, nicht im Mindeſten kümmerte und dennoch war gerade dieſe Inſchrift charakteriſtiſch, ſo cha⸗ rakteriſtiſch, daß wir die deutſche Paraphraſe des lateini⸗ ſchen Textes hieher ſetzen wollen, ſie lautet: „In Purpur ſeht Ihr Chriſt am Kreuz, im Purpur auch Laurenzen, „In heil'gen Blutes Purpurroth des Heilands Zengen glänzen; „In Purpurroth die Sonne ſtrahlt, in Purpur Gottes Saal, „In Purpurroth ſich herrlich malt des Reiches Cardinal; „In Purpur flammet Erd' und Meer, in Purpur glüh'n die Lüfte, „In Purpur ſchwimmt der Flammenherd, die Wlämneman voll üfte, „Iſt aber Purpur noch ſo ſchön, iſt ſchöner doch der Fluß „Von Purpur um das Haupt des Cardinal's Kleſelius,“ 1* 4 In der That hatte man die drei heiligen Statuen mit einem großen Aufwand von rother Farbe bemalt; von der Seitenwunde Chriſti zog ſich ein breiter Blut⸗ ſtreif nach allen Richtungen, die Hände und Füße unſers Herrn hatten das Ausſehen, als ob ſie mit Ziegelmehl beſtäubt worden wären, und ſelbſt die Schweißtropfen an der Stirne des Heilandes waren durch eine Unzahl von rothen ekzemartigen Pünktchen angedeutet; der Körper des heiligen Stephans bot ein einziges großes Wun⸗ denmal dar und die Statue des martyriſirten Lauren⸗ tius erglänzte in grellem Roth. Rings um die Kirche ſtanden dicht gedrängte Rei⸗ hen Volkes, die Fenſter der den Stephansplatz begrän⸗ zenden Häuſer waren vollgepfropft von Schauluſtigen, ja ſelbſt aus den Dachluken beugten ſich zahlreiche Köpfe vor, um zu ſehen, was tief unten am Platze vorging. Mehrere untrügliche Anzeichen verkündigten den baldigen Beginn der kirchlichen Feier. Für die in der Kirche Befindlichen war es das Erſcheinen von ein Paar hageren in ſchwarze Habite gekleideten Männern, welche pikenartige Inſtrumente in den Händen trugen. Der Unkundige konnte über den Beruf dieſer traurig ausſe⸗ henden Männer einen Augenblick zweifelhaft ſein und ſie für Todtengräber oder Siechenknechte des Lazarethes halten, ihr Thun und Treiben hätte ihn übrigens ſchnell 5 über die geſellſchaftliche Sphäre, der ſie angehörten, belehrt, es waren die mit dem Anzünden der Kerzen und Lampen betrauten Kirchendiener. Sie entflammten wirklich mittelſt ihrer lanzenförmigen Stöcke zuförderſt die Kerzen am Hochaltar und hierauf die Lichter der Seitenaltäre. „Es wird Ernſt,“ flüſterte Frau Effenberger, die Gattin des Hofweginſpicienten ihrer Schwieger⸗ mutter zu. „Schaden würde es nicht,“ gab die würdige Dame mit einem trockenen Huſten, der ſie während des Redens zu erſticken drohte, zur Antwort. „Bin neugierig, ob der Khleſl wieder Jemanden auf der Kanzel durchhecheln wird, wie vorigen Jahres den Deutſchmeiſter,“ bemerkte der Uhrmacher Schmid. „Wißt Ihr denn nicht, daß der alte Herr den Deutſch⸗ meiſter wie einen Knirps herabkanzelte, weil er ſich während der Frohnleichnamsproceſſion nicht ſo anſtändig und würdevoll benommen hatte, als von erlauchten Prin⸗ zen als Vorbildern und Muſtern des Volkes gefordert werden könne.“ „Das wußte ich nicht, aber hat ſich denn der Deutſch⸗ meiſter den öffentlichen Verweis gefallen laſſen?“ „So wenig, daß er ſich vielmehr geäußert haben ſoll, den Cardinal müſſe man hängen.“ „Wer weiß, ob es wahr iſt?“ 6 „Als ob der Kämmerer Seiner Durchlaucht ein Lügner wäre.“ „Welcher Kämmerer?“ „Nun, der Wolkenſtein.“ „Und der hat es Euch geſagt?“ „Nicht mir, aber vor der ſchönen Thereſe.“ „Und die ſchöne Thereſe?“ „Hat es meiner Schwägerin erzählt.“ „Der Erzherzog hat ſchon Recht, daß er von dem Eſelsbäcken nichts leidet.“ „Und der Sohn des Eſelsbäcken, denn vergeßt nicht, daß der Vater Bäcker im blauen Eſel war, hat noch mehr Recht, daß er die Großen auf die Finger klopft.“ Hier wurde das Geſpräch der würdigen Bürgen durch kriegeriſche Fanfaren unterbrochen, die von Außen zur Kirche hereindrangen. Die Trompetenklänge rührten aber von einem Fähnlein der uniformirten Bürger des Kärnthnerviertels her, welche in ihren rothen Röcken mit weißen Aufſchlägen und Feldbinden unter Anführung ei⸗ nes halbgeharniſchten Rathsherrn aus der Churhausgaſſe hervorbrachen, links ſchwenkten und ſich unter Trompeten⸗ ſtößen und Trommelwirbel mit dem Rücken gegen das Churhaus aufſtellten.— Ein zweites Fähnlein zog in die Kirche ſelbſt ein und bildete längs der Pfeiler des Mittel⸗ ſchiffes eine Hecke, um der herannahenden Proceſſion Raum zu geben. 7 Ein Drücken und Stoßen, Flüſtern und Schreien, das ſich von den am Graben ſtehenden Volksmaſſen dem ſchauluſtigen Publicum des Stephansplatzes mittheilte, bezeugte, daß die erwartete Proceſſion im vollen Anzug ſei. Nicht lange darnach rückte ein Trupp der Stadt⸗ guardia heran, deſſen Beſtimmung die Freimachung der Straße war. Ihr Erſcheinen hatte die erſte Bewegung der Volksmenge hervorgerufen. Wenige Minuten ſpäter zeigten ſich die Spitzen des feierlichen Zuges. Auf hohen wohlgemäſteten Pferden ritten zwei Viertelmeiſter, der Eine gelb gekleidet mit einem ſchwar⸗ zen Küraß auf der Bruſt, Borten und Aufſchläge von weißer Farbe an Aermel und Kragen, der Andere trug einen weißen Rock, glänzenden Küraß und gelbe Verbrämung. Ihnen folgten zwei Fährlein bewaffneten Bürger des Stuben⸗ und Wiednerviertels, die mit Ausſchluß der Goldflitter und Küraſſe, welche die Bekleidung der Anfüh⸗ rer ſchmückten, ähnliche Uniformen trugen. Auf die Bürgermiliz folgten die Zünfte und Innun⸗ gen mit ihren Fahnen; hinter ihnen ſchritt abermals ein Trupp Bürger des Schottenviertels in hellrothen Rök⸗ ken mit gelben Aufſchlägen und Feldbinden einher. Dann folgten die Pfarrer mit ihren Hülfsprieſtern und Pfarr⸗ kindern, ſtets die Schuljugend voran, die Erwachſenen hin⸗ ter ihnen. Nach dem Säcular⸗Clerus gingen die Mönche mit ihren Kreuzen. Trommelwirbel und Trompetenſtöße miſchten ſich in das Gebet der Mönche und den Singſang der Schuljugend. Zwanzig abenteuerlich herausgeputzte Trompeter zu Pferde ritten nämlich gleich hinter den Mönchen und ſtie⸗ ßen mit der ganzen Gewalt ihrer Lungen in die metalle⸗ nen Röhre, während zwölf Trommler, die ihnen auf dem Fuß folgten, ihr Inſtrument ſo unbarmherzig bearbeite⸗ ten, daß die Erde erbebte und die Fenſter klirrten. Dieſe langathmigen Trompeter und fingergewandten Tromm⸗ ler bildeten den Vortrab der kaiſerlichen Leibtrabanten, welche prächtig ausgerüſtet, den Sturmhut auf dem Kopf, die Beine in ungeheuren karthaunenförmigen Stiefeln und die glänzende Hellebarde im Arm, enggeſchloſſen und gleichen Schrittes anrückten. An ihrer Spitze ritt Graf Bruno Mansfeld in glänzender Rüſtung, wie ein Ritter aus der Zeit des erſten Maximiliaus auzuſchauen. Auf dieſe kriegeriſche Bande folgten wieder Männer des Friedens.„Jetzt kommen die Stephaner!“ ſchrie das Volk; es war wirklich die Dongeiſtlichkeit. Zuerſt die Novizen mit dem Novizenmeiſter; dann die ausgeweihten Prieſter, hierauf das Domcapitel, lauter alte hinfällige dicke weinrothe Greiſe mit ihren violetfarbigen Oberklei⸗ dern und den ſchlotternden Chorhemden, ihren ſchweren goldenen Ketten und ſilberſchnallenbeſetzten Schuhen. Auf ſie folgte der ſogenannte Himmel; unter ihm ſchritt der Cardinal und Biſchof von Wien, Melchior Khleſl, 9 noch purpurfärbiger als der blutrothe Chriſtus au der Ehrenpforte. Neben ihm ging ſein Amtsbruder, der Car⸗ dinal⸗Erzbiſchof von Olmütz Dietrichſtein und der Primas von Ungarn Cardinal Paezmann. Khleſl ging, wie von ho⸗ hem Aiter gebeugt und ſpendete mit zitternder Hand den Segen. Unmittelbar hinter dem Cardinal ſchnitt der päpſt⸗ liche Nuntius Verospi. Uw den Himmel, welcher von den Räthen der Stadt getragen wurde, gingen die katholi⸗ ſchen Stände und Erbämter. Gleich darauf folgte ein Zug von Sängerknaben, zwei Männer, welche eine Pauke ſchleppten, auf welche ein dritter Mann unaufhörlich zu⸗ ſchlug, während ein paar Dutzend Poſaunenbläſer, die in rothen Mänteln ſteckten, ein Tongemälde auszuführen ſchienen, das auf den Titel: die Poſaune des jüngſten Gerichtes“ gerechten Anſpruch gehabt hätte. Glücklicher Weiſe wälzte ſich zwiſchen dieſen fleißigen Muſikanten und der folgenden Abtheilung des Zuges eine Schaar von Hofbedienten in den verſchiedenſten, mitunter abenteuerlichſten Aufzügen. Die Keller⸗, Küchen⸗ meiſter, Köche oder Wäſcher, Thürhüter, Aufſeher, Leib⸗ bereiter, Leibkutſcher, Leibkammerdiener und Leiblakaien, Kammerdienerinnen, Silberwäſcherinnen, Silberbewahre⸗ rinnen u. ſ. w., ſo daß die folgende Corporation dem erſten Anprall der Poſaunen gewachſen blieb. Dieſe Cor⸗ poration war die Univerſität. 10 An der Spitze ſchritten die Pedelle mit den Univer⸗ ſitätsſceptern, dann folgte der Rector magnificus. Hinter ihm gingen die Decane, Doctoren und Profeſſoren, welchen wieder die Studirenden folgten. Mit dieſer Körper⸗ ſchaft ſchien der feierliche Zug geſchloſſen, aber die Leute rührten ſich nicht von ihrem Platz, ſie ſchienen noch etwas zu erwarten; jene Gaſſenjungen, welche dort oben ritt⸗ lings auf den Dächern dieſer zahlreichen Holzbuden, die wir rings um die Kirche angebracht ſehen, wie geübte Reiter ſitzen, mögen uns aufklären.— „Sie thuen es unaufgefordert, ganz von ſelbſt, denn ſie, die weiter blicken, als die unten Stehenden, ſchreien aus Leibeskräften:„Der Kaiſer! der Kaiſer!“ alſogleich fliegen alle Mützen und Hüte vom Kopf. Es iſt in der That der gichtkranke Monarch, welcher durch ſein Podagra verhindert der Proceſſion zu Fuß zu folgen, in geſchloſſenem Wagen nach der Kirche fährt. Der alte Mann ſitzt über und über in einen Pelz gehüllt— wir haben den 18. Februar des Jahres 1618— im Fond der Kutſche, ihm gegenüber Graf Ottavio Cavriani, der Oberſtſtallmeiſter, mit bedecktem Haupt. Die Kaiſerin ſelbſt, die aus Ferdinands zweiter Ehe erzeugte Enkelin jener andern Kaiſerin, der Jagel⸗ loniſchen Anna, hütet das Bett. Leidet ſie ebenfalls an der Gicht? Keineswegs, ihr Leiden hat keinen Na⸗ men, wenigſtens hat die mediciniſche Nomenclatur noch 11 keinen dafür erfunden— es iſt eine negative Krankheit, wenn dieſer Ausdruck erlaubt iſt, und heißt Freudenloſig⸗ keit, Hoffnungsloſigkeit oder Wechſelloſigkeit. Kaiſerin Anna iſt bis zur Unglückſeligkeit glücklich. Ihr Mann liebt ſie— aber mit einer ſo reinen leidenſchaftsloſen Liebe, wie man allenfalls einen verklärten Geiſt liebt; ihre Umgebung trägt ſie auf den Händen, aber das hindert ſie je auf die Erde zu gelangen und ſich der eignen Kräfte zu freuen; ſie iſt kinderlos, aber ſie möchte lieber eine mit Kindern geſegnete Taglöhnerin, als eine unfrucht⸗ bare Kaiſerin ſein. Mignoni, der berühmte Mignoni, der Luftdoctor Mignoni iſt zugleich der Seelenarzt der Kaiſerin Anna, er hat ihr die Nativität geſtellt und nicht alle Hoffnung auf Leibeserben benommen. Die Kaiſerin nimmt nun Hoff⸗ nungstropfen, ein ſtärkendes Mittel, das ihr Mignoni ver⸗ ordnet hat und darum fährt Se. Majeſtät ganz allein zur Kirche. Die kaiſerliche Kutſche war von Läufern umgeben, die mit geſchwungenem Stab neben und vor dem Gefährte herliefen; die Wachen erwieſen dem kaiſerlichen Herrn die übliche Ehrenbezeugung und die M uſitkapelle der Bürger des Kärnthnerviertels rührte das Spiel. In kurzen Zwi⸗ ſchenräumen folgte ein zweiter und dritter Gallawagen. In dem zweiten ſaß König Ferdinand mit dem Pater La⸗ mormain, im dritten der Erzherzog Deutſchmeiſter in Or⸗ denstracht, das weiße Kreuz auf der Bruſt. In einiger Entfernung folgte die Kutſche des nun⸗ mehr gefürſteten Herrn von Eggenberg; zu deſſen linker Hand Euſtachius Weſternach, der vertraute Rath des Hoch⸗ meiſters, Platz genommen hatte. Der Zug bewegte ſich langſam durch das Rieſenthor der Stephanskirche gegen den Hochaltar zu. Zu beiden Seiten desſelben befinden ſich altersdunkle Kirchſtühle mit hohen Seiten⸗ und Hinterlehnen, welche mit köſtlichen Holzſchnitzwerken geziert ſind; in dieſen Sitzen zur Rechten nahmen die Würdenträger der Kirche, links die katholiſchen Stände und Erbämter Platz. In Stockeshöhe iſt zwiſchen dem Mittelſchiff und dem zu Trauerceremonien benützten Seitenſchiff zur Linken des Hochaltares ein ziem⸗ lich geräumiges höchſt geſchmackloſes wallfiſchähnliches Oratorium angebracht, deſſen vergoldete Spitze wie die Springfluth ausſieht, welche den Nüſtern des obbenannten Ungeheuers entſteigt. Zu dieſem auch als Chor gebrauchten Oratorium ſtieg der Kaiſer auf den Arm Cavriani's geſtützt empor; ihm folgten die Erzherzoge Max und Ferdinand, in deren Begleitung ſich Eggenberg, Weſternach und der ehrwürdige Pater Lamormain befanden. Der Klerus, unter Vortritt der Kirchenfürſten und des Domcapitels, zog bis zum Hochaltar. Auf der Evangelienſeite befand ſich ein Thronhimmel, 13 für den Cardinal der Hauptſtadt errichtet, dieſer Thron⸗ himmel ſtrahlte von Gold und Purpur, er ſelbſt die röth⸗ lich glänzende Purpurſchnecke in dem köſtlichen Gehäuſe. Khleſl nichts außer Acht gelaſſen, was das Würde⸗ volle ſeines Ausſehens heben konnte. Der Kammerdiener Martin hatte jenes Paar Schuhe aus der reichen Gallerie von Fußbekleidungen aller Art wählen müſſen, welche die erhabenſten Abſätze, vulgo Stöckel hatten, um dem Höhen⸗ maß des Kirchenfürſten anderthalb Zoll beizufügen; der Schneider wurde mit einigen unbedeutenden Veränderun⸗ gen der Simarre beauftragt, deren hauptſächlicher Theil darin beſtand, einen knapperen Schluß des geiſtlichen Kleides zu Wege zu bringen, da der Cardinal um keinen Preis den Eindruck eines Lebemanns hervorbringen wollte. Khleſl hatte ſeinen Zweck in ſo weit erreicht, als er unter den anweſenden kirchlichen Würdenträgern die ſtrah⸗ lendſte Perſönlichkeit war. Die Meſſe ſang der Cardinal Dietrichſtein, welchem der Erzbiſchof von Gran und der päpſtliche Nuntius aſſi⸗ ſtirten. Am Chor zur rechten Hand befand ſich der venetia⸗ niſche Geſandte zwiſchen dem kaiſerlichen Oberſtſtallmei⸗ ſter Cavriani und Khuen; der franzöſiſche Geſandte, der Botſchafter Spaniens Graf Onate an der Seite des Modeneſers Montecuculi und der alte Graf von Dohna, vielleicht der einzige in der Kirche anweſende Proteſtant, der ſich mit dem Juden Montalto, dem geheimen Agenten des Herzogs von Savoyen, auf das Angelegentlichſte unter⸗ hielt. Das Te Deum, das Khleſl ſelbſt anſtimmte, wurde zu Ehren des zu Wiener Neuſtadt zwiſchen König Fer⸗ dinand und der Republik Venedig unter kaiſerlicher Ver⸗ mittlung geſchloſſenen Friedens geſungen. Ja, das ganze prunkvolle Kirchenfeſt— man entſchuldige, daß wir es nicht früher ſagten— hatte einzig die Feier des Frie⸗ densſchluſſes zum Zweck. Kaum hatte der Cardinal das„Herr Gott Dich loben wir!“ intonirt, als die einſtweilen verſtummten Glocken ihre ehernen Zungen wieder in Bewegung ſetz⸗ ten; Glockengeläute, Paukengetön, Trompetengeſchmetter und der Donnerſchall der auf den Baſteien aufgeſtellten Geſchütze, welche auf ein vom Thurm aus gegebenes Zeichen abgebrannt wurden, trugen weit über den Stephansfreithof— heutzutage der luſtigſte Tummel⸗ platz Wiens— und die Stadt hinaus die Kunde des gefeierten Friedens. Nach dem Evangelium erhob ſich der Cardinal von ſeinem Sitz und ſchritt langſamen Fußes der ſteinernen Kanzel zu, welche ſich, ein Meiſterſtück mittelalterlicher Kunſt, in dem mittleren Säulengang der Kirche erhebt. Die Kanzel war mit rothem Sammt ausgeſchla⸗ gen, deſſen goldene Quaſten den kleinen aus Stein ge⸗ 15 meißelten Heiligen der Kanzelpareliefs um die Köpfe tanzten. Als der Cardinal den Thronſitz verlaſſen hatte, erhob ſich auch der Kaiſer, dem das Niederſteigen noch ſchwerer fiel, als der Aufſtieg. Er konnte nur lang⸗ ſam, zwiſchen König Ferdinand und Graf Cavriani gehend, jenes andere aus Stein gebaute Oratorium er⸗ reichen, welches, an der Weſtſeite des Domes ange⸗ bracht, ſich faſt ſchräg gegenüber der Kanzel befindet. Der Kaiſer, Graf Cavriani und die beiden Erz⸗ herzoge beſtiegen das beſagte Oratorium, während die Kirchenfürſten von Olmütz und Gran jenes wenig um⸗ fangreiche, vollkommen geſchloſſene, mit Glastafeln ver⸗ ſehene Oratorium betraten, das ſich auf derſelben Seite, dem Predigtſtuhl gerade gegenüber befindet. Von den Anweſenden benützten Viele die einge⸗ tretene Pauſe, ſich aus der Kirche zu entfernen; die Schauluſt war geſtillt, und eine Predigt— dachten die Leute— iſt in der Regel wie die andere. So geſchah es, daß der vierte Theil der Anweſenden, na⸗ mentlich alle Jene, welche Geſchäfte nach Hauſe riefen, die Kirche verließen. Jetzt, nachdem das Gotteshaus etwas leerer ge⸗ worden— die Wachen an den Kirchthüren ließen wohl hinaus, aber Niemand mehr, um jede Störung der Predigt fern zu halten, in die Kirche— konnte man erſt die fromme Verfammlung nach Herzensluſt über⸗ blicken. In einem der vorderen, dem Hochaltare zuge⸗ wandten Kirchſtuhle ſaß der wiedergewählte, gut katho⸗ liſche Bürgermeiſter Wiens, Daniel Moſer, in voller Amtstracht, die goldene Kette um den Hals, und den pelzverbrämten Rock über der Schulter, neben ihm der Stadtrichter Georg Metzner, hinter ihnen die Raths⸗ herren Widemann, Reſch, Faſold und Lehner. In einem Winkel der Kirche, und zwar zur rechten Hand des Fridericianiſchen Grabmales, knieten drei verſchiedenen Orden angehörige Mönche, die trotz ihrer feurigen An⸗ dacht Zeit fanden, ſich intereſſante Dinge zuzuflüſtern; intereſſant mußten ſie ſein, weil alle Drei die Köpfe zu⸗ ſammenſteckten, viel geſtieulirten und mit einander ſehr zufrieden ſchienen. Sehen wir uns doch die Gruppe der drei Mönche näher an, ſie ſind, auf unſer Wort, ganz würdig, unſere Bekanntſchaft zu machen. Der Eine in der weißen Kutte, deſſen Gefährten weit zurück unter dem hohen Chor, nahe dem Aus⸗ gang ſtehen, iſt der Dominicaner⸗Prior Peter Hutner, ein genauer, wo nicht der genaueſte Freund jenes Man⸗ nes, den wir ſoeben von ſeinem Cardinalsthron hinweg auf die Kanzel begleitet haben. Sein Kopf iſt der größte, dickſte, ſo wie er ſelbſt auch der beleibteſte unter den dreien iſt; er ſpricht am lauteſten und ſcheint 17 der Unbekümmertſte von ihnen; der neben ihm Knieende iſt ein kleines, unſcheinbares Männchen mit einem ſchmalen Geſicht, einer ſchneidigen Naſe, einem Paar kohlſchwarzen Augen, kleinen, elegant geformten Händen, ſchmalen, kleinen in Sandalen ſteckenden Füßen. Das dürre kleine, lebhafte Männchen war ein Kapuzinerlein und hieß Pater Hyacinth; ſein Geſpräch beſtand in einem unaufhörlichen Geflüſter, das aber von Nieman⸗ dem als ſeinen beiden Nachbaren verſtanden werden konnte; der dritte Mönch war ein langer, magerer Barfüßler, der Beichtvater des Kaiſers, Johann Bernardinus Ar⸗ noldus. Wollen wir einen Augenblick ihr Geſpräch be⸗ lauſchen.„Ich ſage, er ſpielt ein gewagtes Spiel, und dabei bleibt es,“ flüſterte der Kapuziner.—„Aber es iſt das einzig mögliche,“ verſetzte der Barfüßler,„um die Kaiſer zu erhalten.“—„Und das einzig ehrliche,“ fügte Hutner bei.— Pater Hyaciath lächelte bei dieſer Bemerkung des Priors und erwiederte gutmüthig:„Dieſe Rede iſt nun einmal wieder Eures dicken Kopfes wür⸗ dig; als ob es nicht auf der Welt zwei Welten gebe, zwei Begriffe von Recht und Unrecht, zwei Arten, die Dinge zu betrachten und zu beurtheilen. Ich bin ſelbſt für die ſchlichte Ehrlichkeit eingenommen, denn ſo habe ich es im Elternhauſe einmal gelernt, und das vergißt ſich nicht; aber Alles an ſeinem Orte. Einem Wild⸗ Haas; Der alte Cardinal. II. 2 ſchwein dürft Ihr nicht ſagen, wie unſer heiliger Ordens⸗ patron:„Lieber Bruder Eber, thut mir den Gefallen, aus dem Weg zu gehen, oder der giftigen Schlange: Liebes Schweſterchen Natter, beiße mich nicht, denn Du könnteſt durch Deinen Biß mein Blut verderben.“ Es ſcheint mir viel zweckmäßiger, obgleich ich das ge⸗ gen dieſen heiligen Ordenspatron Franciscus nicht ſagen ſollte, dem Eber einen Degen durch den Leib zu ren⸗ nen und der Schlange den Kopf zu zertreten, ehe ſie ſich noch zum Sprunge aufrichten kann.— Aber Ihr tadelt ja gerade das Spiel unſeres Freundes als zu kühn?“ „Mein Gott, zuweilen hilft das, noch öfter geht man aber daran zu Grunde.“ „Was meint Ihr?“ „Die ewigen Reibungen mit den Erzherzogen meine ich. Wozu, frage ich, wieder dieſe Predigt?“ „Habt Ihr ſie geleſen?“ „Unſer Freund Bernardin hat ſie mir mitgetheilt— ich ließ dem Cardinal abrathen.“ „Nun 2“ „Der alte Mann iſt eigenſinnig wie ein Kind.“ „Er wird ſie alſo halten?“ „Ohne Zweifel!“ „Ich meine, daß ſie ſtark ſei.“ „Zu ſtark, viel zu ſtark,“ pflichtete Bernardin bei. 19 „So ſtark,“ ſagte der Kapuziner,„daß, wenn der Cardinal ein einfacher Bruder Melchior Khleſl wäre, ich ihn einſperren ließe.“ „Da habt Ihr den Mann,“ bemerkte Hutner,„er hört und ſieht nicht, wenn er zornig iſt.“ „Aber weshalb iſt er denn ſo wuthſchnaubend?“ fragte der Ordensmann mit der Kapuze. „Das will ich Euch ſagen,— und der Prior ver⸗ wandelte nun ebenfalls ſeine Stimme in leiſes Flüſtern— der Deutſchmeiſter hat ihn offen des Verrathes angeklagt. Iſt es nicht ſo, Bernardin?“ Der Beichtvater nickte und Hyazinth ſchüttelte den Kopf ſo gewaltig, daß der Kapuzenzipfel wie toll auf dem Rücken herumſprang. Der Prior fuhr fort:„Der Deutſchmeiſter forderte von ſeinem Bruder Genugthuung.“ „Ueber was?“ „Ueber die Mittheilung der vertrauten Schreiben der Erzherzoge an verſchiedene Höfe.“ „Sie ſind aber mitgetheilt worden?“ „Leider Gott ſcheint es die Wahrheit zu ſein.“ „Und darüber iſt der Erzherzog natürlich in Wuth?“ „In ſolcher Wuth, daß er von Sr. Majeſtät die Entfernung des Cardinals forderte. Iſt es nicht ſo, Ber⸗ nardin?“ Der Angeredete erwiederte ſeufzend:„Gott ſei es geklagt, es iſt ſo.“ 2* Ein Anderer als Pater Hyazinth hätte ſich billig dar⸗ über wundern können, daß ſich der dickköpfige Prior zur Bekräftigung ſeiner Behauptung ſtets auf den guten Pa⸗ ter Bernardin berief, welcher derlei Staats⸗ und Fami⸗ liengeheimniſſe doch nur aus der Beichte wiſſen konnte, allein der Kapuziner gab nicht das geringſte Zeichen der Verwunderung von ſich und murmelte nur wie für ſich hin:„Das iſt mir unlieb wegen des heiligen Stuhles.“ Worauf der Prior verſetzte:„Wenn ich nur errathen könnte, wie dies zugegangen ſein muß.“ Der Kapuziner ſagte mit einem ſcharfen Blick auf Hutner:„Und Ihr errathet es nicht?“ „Wie ſollte ich? Wahrſcheinlich müſſen die Acten entwendet worden ſein.“ „Ihr meint dies im Ernſt?“ „Aber es müßte Grappler.“ „Aha! der Secretair?“ „Ja, er müßte gerade die Abſchriften verrätheriſcher Weiſe abgeſchickt haben.“ „Herr Grappler iſt unſchuldig.“ „Ihr glaubt?“ „Ich weiß es.“ „Ja wer iſt denn dann der Schuldige?“ Pater Hyazinth kicherte leiſe und ſah ſeelenvergnügt aus, ſagte aber dann, plötzlich ernſt geworden:. „Sagte ich nicht vorhin, daß der Cardinal ein ge⸗ 21 wagtes Spiet ſpiele und dabei bleibt es. Niemand wird dem Cabinetsdirector beweiſen können, daß er ſelbſt— ich glaube es natürlich auch nicht— die Briefe aus ſei⸗ nem eigenen Pult entwandte, daß der gute Knabe Martin in ſeiner Zerſtreutheit ſie dem nach Heidelberg und Dresden abgehenden Courier einhändigte, und daß die beſagten Couriere ſo unverſchämt oder wahnſinnig waren, die nur für den Kaiſer und Kurfürſt von Mainz beſtimmten De⸗ peſchen den dortigen Höfen mitzutheilen. Ich ſage, Nie⸗ mand wird das beweiſen können. König Ferdinand und der Erzherzog werden aber nichts deſto weniger an ſolche Ungeheuerlichkeiten glauben und ſich in dieſem allerdings ſehr verwerflichen Glauben ſelbſt durch keinen Reinigungs⸗ eid ſtören laſſen.“ Der Kapuziner hatte kaum ausgeredet, ſo begann der Cardinal auf der Kanzel:„Im Namen Gottes des Va⸗ ters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes.“ Das ſchweigte die drei Mönche. Sehen wir von ihnen weg und wenden uns nach der Seite des Hochaltars; wir ſagten, daß in den altersbraunen hohen Betſtühlen zur linken Seite des Altars die katho⸗ liſchen Stände und Erbämter ſaßen; wir müſſen beifügen, daß ſich unter ihnen auch die kaiſerlichen Räthe Sixt, Trautſon, Khrenberg, Hans Molart, Meggan, der Reichs⸗ kanzler und der Kammer⸗Präſident Freiherr von Preg⸗ ner befanden.— Es ſchien, als ob ſich die Spaltung im Rath ſelbſt auf die Andacht in der Kirche übertragen hätte. Pregner, Mollart und Meggan unterhielten ſich in der Zwiſchen⸗ pauſen des Gottesdienſtes abſeits mit einander, während Trautſon und Khrenberg zuſammen flüſterten und der Reichskanzler Ulm, der einzige warme Freund Khleſls unter den Räthen des Kaiſers, denn Oberſt Khuen befand ſich ja nach der Anordnung des Cardinals an der Seite des venetianiſchen Geſandten, iſolirt und unbeachtet in ſeinem hochlehnigen Betſtuhl ſaß. Hätte der ſtolze Cardinal, welcher ſich ſo eben im Bewußtſein der ganzen Machtfülle, die er genoß, auf der Kanzel breit machte, wo er ſtill betete, die Worte gehört, die unter demſelben Kirchdache nur wenige Klaf⸗ ter von ihn entfernt gewechſelt wurden, er hätte das Pfauenrad mit ſeinem purpurenn Gefieder nicht geſchla⸗ gen, das er dem Publicum darbot. „Kein treuer Oeſterreicher kann es mit dieſem Ge⸗ noſſen und Verbündeten der Irrlehrer und Feinde des Hauſes Oeſterreich länger halten,“ ſagte von Pregner, indem er nach dem einſamen Ulm, beſorgt, daß dieſer ſeine Worte vernommen haben könnte, hinüber ſchielte. „Selbſt die Geiſtlichkeit nicht,“ verſetzte Meggan. „Die am wenigſten,“ nahm Molart das Wort, „denn ſie erfährt von ihm eben keine gute Behandlung.“ „Nicht durchgehends,“ bemerkte Meggan,„der Khlefl 23 iſt ein zu feiner Fuchs als daß er ſich mit ſeinem eige⸗ nen Stand überwerfen ſollte. Ich geſtehe willig, daß der Cardinal Dietrichſtein gerade nicht das größte Wohl⸗ wollen für unſern Khleſl hat; ich weiß auch, daß er die Jeſuiten nicht leiden kann, die er vom Kaiſer entfernt hält; ich weiß endlich, daß er den Fürſten Savelli in Rom zu ſeinem Feind hat und daß es Seiner Durch⸗ laucht dem gnädigſten Herrn Erzherzog gelungen iſt, Maximilian den Cardinal von Zollern gegen ihn ein⸗ zunehmen; deßungeachtet bleiben ihm noch die Bettel⸗ mönche, die für ihn durchs Feuer laufen würden. Sie ſtören ihn nicht, er ſtört ſie nicht und ſo hat ſich ein recht gemüthliches Zuſammenleben zwiſchen ihnen herausgebildet.“ „Sei wie ihm wolle,“ entgegnete Molart, indem er ſein langes ſtruppiges Haar, das ihm ins Geſicht hing, zu⸗ rückſchob,„ich weiß, daß Khleſl Niemandens Freund als ſein eigener iſt und daß die Erzherzoge ſehr recht daran thun würden, ihm kurzen Prozeß zu machen.“ „Er hat die Depeſchen ſeines Herrn verrathen,“ hub Preiner das Sündenregiſter ſeines Gegners an. „Er hat die Heirath mit Mantua hintertreiben wol⸗ len“, ſetzte Meggan fort. „Und das Haus Oeſterreich mit dem lutheraniſchen Kurhaus Sachſen verſchwägern wollen,“ fuhr Molart fort. „Er widerſetzt ſich heimlich der deutſchen und unga⸗ 24 riſchen Königswahl Ferdinands,“ fügte der Kammerpräſi⸗ dent bei. „Und,“ ſagte plötzlich Khrenberg, indem er ſich aus ſeinem Sitz zu den Plätzen der drei geheimen Räthe hin⸗ über neigte,„er will von keinerlei Bündniß auch nicht ein⸗ mal von einem katholiſchen im Reich wiſſen.“ „Ich,“ begann Preiner von Neuem,„halte es für Unterthanenpflicht, dieſen hoffärtigen Verſchwörer unter mein Knie zu bringen.“ „Es wird aber ſchwer gehen,“ wandte Trautſon ein, der nun ebenfalls Antheil an der Unterredung nahm. „Schwer oder nicht ſchwer, das gilt gleich. Er hat geglaubt mich verderben zu können, aber ich bin ein treuer Anhänger des kaiſerlichen Hauſes und Sr. Würden dem König— als erwähltem böhmiſchen König kam Ferdinand dieſer Titel zu— insbeſondere ergeben.“ „Eine Gnade Gottes wäre es im Grunde, wenn die hoffärtige Eminenz das Spiel in Gutem aufgäbe,“ ſagte Meggan. „Der etwas in Gutem aufgeben,“ entgegnete Prei⸗ ner,„als ob Ihr den Schelm erft ſeit heute kenntet!“ „Stille! ſtille!“ deutete Ulm, welcher den Inhalt des Geſpräches geahnt haben mochte, und wies nach der Kan⸗ zel, wo Khlefl gerade das Zeichen des Kreuzes machte. In dem Augenblick ſanken alle Anweſenden auf die Kniee und beteten ſtill mit. 25 Um den Pfeiler herum, an welchen ſich die Kanzel lehnt, ſtanden noch immer der Uhrmacher Schmid und der Drechsler Iſenwein.„Hört doch einmal zu plaudern auf,“ vermahnte der Hofquartiermacher Georg Reitenſpieß, man verſteht ja ſein eignes Wort nicht, ſchaut nur, was für einen zornigen Blick Euch die Alte zuwirft— er deutete verſtohlen mit dem Finger nach der Schwiegermutter der Weginſpicientensgattin Effenberger.„Laßt mich mit der Alten in Ruhe,“ erwiederte Iſenwein,„die Junge iſt mir lieber.“ „Das glaub' ich wohl,“ verſetzte der Hofcapellen⸗ ſänger Zacharias Mecker im tiefſten Baß,„aber ſeht Euch vor, daß Euch Herr Effenberger nicht hört.“ „Was ſoll ich nicht hören?“ fragte der Mann der jungen hübſchen Frau, von welcher die Rede war, indem er ſich plötzlich der Gruppe näherte. „Im Gegentheil, Ihr ſollt hören— Iſenwein gerieth bei dieſen Worten in nicht geringen Schreck— Ihr ſollt hören....“ „Was denn, was denn?“ „Was uns Se. Eminenz zu ſagen haben wird—“ Iſenwein erholte ſich langſam.— In dieſem Augenblick ſahen ſie an der Bewegung der Anweſenden— denn den Cardinal konnten ſie ſelbſt, die unter der Kanzel ſtanden, nicht ſehen,— daß die Predigt ihren Anfang nahm. XI. Capitel. „Die Iriedenspredigt“ des gabinetsdirectors. Betrachten wir uns zuerſt den Kanzelredner, her⸗ nach die Rede ſelbſt.— Die Haltung dieſes Mannes im Purpur iſt nicht die Haltung des fünf und ſechszig⸗ jährigen Greiſes, der, wenn er ſich ſelbſt beobachtet und an die Rolle denkt, die er ſich einmal auserſehen, dop⸗ pelt gebückt mit wackelndem Kopf, zitternden Händen und wankenden Beinen einherſchreitet. Aber weshalb nimmt der erſte Mann des Reiches nach dem Kaiſer zu einem ſo elenden Gaukelſpiel, wie die Schauſtellung einer Preßhaftigkeit und hochaltriger Schwäche, die er nicht fühlt, ſeine Zuflucht? Es geſchieht, um die Zahl ſeiner Gegner zu ver⸗ mindern oder wenigſtens ihren Haß zu mildern. Er will ihnen zeigen, woran er freilich in der That keineswegs 27 denkt, daß ſeine Tage gezählt ſind, daß es ſich gar nicht der Mühe lohnt, ihm die Gewalt zu entreißen, da ja ein unerbittliches Naturgeſetz ohnedies im raſcheſten Verlauf zwiſchen ihn und ſeine Feinde treten wird; er will bei denen, die nicht ſeine Feinde ſind, durch die augenfällige körperliche Schwäche bei ungeſtörter Geiſtes⸗ kraft die Ehrfurcht erhöhen und zur Bewunderung ſtei⸗ gern; er hofft auf freigebigere Pfründenvermehrung, wenn die Schenker glauben, daß ſie nur auf kurze Friſt zu ſchenken brauchen; er ruft endlich bei Jenen, die mitten inne ſtehen und weder Freunde noch Gegner ſind, durch ſeine Preßhaftigkeit das Mitleid an und hört gerne, wenn man ſagt:„Laßt doch den alten Mann, wie lange kann er es denn noch machen?“ Dieſer Greis ſteht aber in dieſem Augenblick auf⸗ recht und ſtolz mit wahrer Triumphator⸗Miene auf der Kanzel; da iſt keine Spur von Demuth oder Schwäche, der ausdrucksvolle Kopf zeigt im Gegentheil auf eine gewiſſe Härte; ſein freier offener Blick ſagt deutlich, daß ſich der Mann ſeiner Leiſtungsfähigkeit vollkommen be⸗ wußt iſt. Es iſt das zweite große Friedenswerk, das er voll⸗ bracht hat; ein Friedenswerk, das er trotz Spaniens und dem Widerwillen Ferdinands zu Ende geführt. Darum warf Khleſl die Lippen auf und trug den Kopf fo hoch 28 Er wartete einen Augenblick, bis ſich die Bewegung, welche ſein Erſcheinen in dem Predigtſtuhl hervorgeru⸗ fen, gelegt hatte, dann hob er langſam und mit künſtlich gedämpfter Stimme an:„Lob ſei Gott in der Höhe und Friede den Menſchen auf Erden, die eines guten Willens ſind.“ Dies war ſichtbar der Text, über den er predigen wollte. Als er die obigen Worte geſprochen hatte, ſetzte er ab, um gleich darauf mit erhöhter Stim⸗ me fortzufahren:„Der Friede iſt das ſchönſte, heiligſte Gut der Menſchheit; der Friede iſt der Abglanz, des Himmels auf Erden, der Friede iſt der Zuſtand der Se⸗ ligen, der Friede ein Merkmal des Paradieſes, da noch die reißenden Thiere neben den Lämmern zur Weide gin⸗ gen und Tauben neben Schlangen ſpielten. Der Friede ſoll den Menſchen ſein, die eines guten Willens ſind; aber welche und wie viele Menſchen ſind eines guten Willens! Der Wille der Menſchen wurde verderbt, ihre Einſicht geſchwächt, ſo daß ſie nur mehr unter und mit Gottes Beiſtand das Richtige zu erkennen und das Rechte zu wollen im Stande ſind.— Was aber ver⸗ darb die urſprünglich guten Anlagen des Menſchengeſchlech⸗ tes? Ich will es Euch ſagen. Die einzige Quelle dieſer Verderbniß war bei den gefallenen Engeln und Menſchen der Hochmuth, der gränzenloſe, wahnſinnige Hochmuth, das fluchwerthe Beſtreben, Gott gleich zu werden. Es iſt dies dieſelbe Laſterthat, um welcher hal⸗ 29 ben Kain den Abel erſchlug, weil Abels Opfer Gott wohlgefälliger waren; es iſt derſelbe himmelanſtürmende Hochmuth, um deſſentwillen der Sinn der Bauleute von Babel verwirrt wurde; derfelbe fürchterliche Hoch⸗ muth, welcher die Könige des Alterthums göttliche Ver⸗ ehrung heiſchen ließ. Dieſer Hochmuth iſt in Mitte aller Umwälzungen unter den Trümmern des zuſammen⸗ brechenden Roms und den Stürmen erddurchwandern⸗ der und Reiche niederſtürzender Völker, unter den blu⸗ tigen Greueln neuer Dynaſtengeſchlechter und langſam verſiechender Königsſtämme aufrecht, ſich ſelber gleich, im⸗ merdar lebendig, thätig, wirkſam geblieben, dieſer Hoch⸗ muth, ſage ich, ſei auch noch heute die reichhaltigſt ſpru⸗ delnde Quelle der ſchlimmſten Laſten, der Giftbrunnen, welcher den Frieden tödtet, der Meuchler, welcher die häusliche und öffentliche Ruhe im Schlaf überfällt und grauſam hinwürgt. Wer reich iſt, will noch reicher werden, wer hoch ſteht, noch höher ſteigen; wer ſeine Kräfte fühlt, es dem Stärk⸗ ſten gleich thun; der Sohn mag nicht des Vaters Tod abwarten, ihn zu beerben, der Bruder nicht das natürliche Ende des Bruders. Alles jaget und rennt aus Ehrſucht und Habgier hohlwangigen Schatten nach. Ehrſucht und Habgier ſind aber die leiblichen Töchter des Hochmuthes. Da die Leidenſchaften der Menſchen gewaltiger find, als die Herrſchaft ihrer Gewiſſen, da das Böſe 30 im Menſchen ſtets mächtiger iſt, als das Gute, ſo be⸗ dienen ſie ſich der verwerflichſten Mittel, ihre ruchloſen Zwecke zu erreichen. Der Wohlhabende ſcheut ſich nicht, ſeine Schätze durch unerlaubten Handel, wie Betrug und Wucher zu vermehren, der Hohe ſich durch Schmeichel⸗ künſte noch höher empor zu ſchwingen, der habgie⸗ rige Sohn dem alternden Vater Gift in den Wein zu thun.— Sie Alle ſuchen mit ihren Begierden auf dieſe Art Frieden zu ſchließen, aber um welchen Preis? Um den Preis der ewigen Verdammniß. Sie bedenken nicht, die Verblendeten, daß ſie einen weit blutigeren Krieg in ihrem Innern anfachen, der mit dem Verder⸗ ben ihrer Seelen enden muß. Zweifelt Ihr daran, ſo ſchlagt die Bücher der Ge⸗ ſchichte, ſchlagt wegen meiner nur Ein Buch, das Buch der Bücher, die heilige Schrift nach, und Ihr werdet Beiſpiele genug finden, Beiſpiele des Undanks, der Ruch⸗ loſigkeit, haarſträubende, ſchaudererregende Geſchichten des menſchlichen Herzens; Ihr werdet von Königen leſen, welche ihre Kinder oder Vettern mit Wohlthaten überhäuft, die ihnen Kronen auf s Haupt geſetzt und Reiche geſchenkt haben, und von eben dieſen Herzensfreunden verjagt, vertrieben, verſtoßen, abgeſetzt, ja getödtet wurden. Es war der Hochmuth, welcher dieſen Undankbaren 31 das vatermörderiſche Schwert in die Hand drückte. David, der Mann nach dem Herzen Gottes, war dem Abſalon ein liebender, getreuer Vater. Dieſer geliebte Sohn über⸗ zog ſeinen Vater, König und Herrn mit Krieg, ja er hätte vielleicht den Geſalbten des Himmels getödtet, wenn ſich nicht Gott ſeines Knechtes erbarmt, und den unwürdigen Sohn mit ſeinem zeitlichen Strafgerichte heimgeſucht hätte. Was ſtachelte aber den Abſalon zum frevelhaften Krieg auf, als der Hochmuth? O meine Freunde!— hier faltete der Cardinal die Hände und blickte himmelwärts— laſſen Sie uns Gott täglich und ſtündlich bitten: Herr führe uns nicht in Verſuchung,“ denn wer kann ſagen, daß ſich in ihm nicht der alte Adam zeitweilig rege, antwortet mir nicht: ‚Ich bin gut und werde widerſtehen! gerade die Beſten, Edel⸗ ſten, Erhabenſten ſind es, auf welche es der brüllende Leu am meiſten abgeſehen hat; ſie ſind die auserleſenſten Opfer der Verſuchung.“ Der Prediger hielt hier inne, um ſeinen Hörern Zeit zu laſſen, ſich das Geſprochene vollkommen einzu⸗ prägen. Der Kaiſer wandte ſich an Cavriani, der hinter ihm ſtand, und flüſterte ihm zu:„Was ſagt Ihr, iſt der alte Maun nicht wirklich überall an ſeinem Platz, wo man ihn hinſtellt? Ich meine niemals eine beſſere 32 Predigt gehört zu haben.“ Der Gefragte nickte blos und die beiden Erzherzoge, die nur durch einen kleinen Zwiſchenraum von Mathias getrennt waren und bemerk⸗ ten, daß ſie der Kaiſer mit forſchendem Blick anſah, als wollte er wiſſen, was ſie zur Predigt dächten, ſaßen ſtumm und lautlos da. Unten im Kirchſchiff, gerade am Fuß der Kanzel, ſtand, wie ſchon erwähnt, eine Gruppe von Wiener Bür⸗ gern, welche durch die Gunſt einiger Hofofficianten zu dieſem Platz gekommen waren. Der Eine, ein bejahrter Mann mit pockennarbigem Geſicht, derſelbe, den wir ſchon früher als den Uhrmacher Schmid vorgeführt haben, fragte ſeinen Nachbar:„Was will denn der Cardinal mit ſeinem Hochmuth und den ungerathenen Söhnen und Vettern, da er doch von den Segnungen des Frie⸗ dens reden ſoll?“ Der Nachbar, ein junger Hofbeamteter, erwiederte mit vieler Selbſtgenügſamkeit, indem er ſich mit ſeinem Stöckchen auf die Waden ſchlug:„Das ver⸗ ſteht der Herr Schmid nicht, das Wort Vetter iſt meta⸗ phoriſch zu nehmen, wie wir auf der Schule zu ſagen pflegten, und bedeutet ſo viel als Nächſter.“ „Dann ſollte man faſt glauben, daß die ganze Predigt metaphoriſch zu nehmen ſei.“ Der Hofofficiant ſperrte die Augen weit auf, peitſchte ſeine unſchuldigen Waden und erwiderte:„Warum nicht gar?“ 33 Ein Dritter, der Hofvictualien⸗Magazineur, damals „vieltrefflicher Zehrgadner“ betitelt, mengte ſich in das leiſe geführte Geſpräch und ergriff die Partei des pocken⸗ narbigen Herrn, indem er ſagte:„Ich bin des Uhr⸗ machers Schmid Anſicht. Der Cardinal will unſtreitig mit dem Sohn und Vetter beſtimmte Perſonen bezeichnen. Da ſich nun aber die Regenten unter einander Brüder, Vetter und Söhne tituliren, ſo muß das auf die Fran⸗ zoſen oder Türken gehen.“ „Bitte um Vergebung,“ ließ ſich jetzt eine Stimme aus der Menge vernehmen,„es könnte wohl auch der leibliche Vetter des Kaiſers gemeint ſein.“ Die Gruppe, an welche dieſe Worte gerichtet ſchie⸗ nen, bemühte ſich vergebens, die Perſon ausfindig zu machen, deren Stimme ſo eben gehört wurde.„Haſt Du etwas geſprochen?“ fragte der Zehrgadner ſeinen Freund Iſerwein, der neben ihm ſtand.„Ich? Gott behüte!“ gab der Genannte zur Antwort.„Oder Ihr, Reſch junior?“ fragte der Uhrmacher einen jungen, der Hand⸗ lung befliſſenen Menſchen, der von der ganzen Predigt kein Wort gehört, und die ganze Zeit mit einem aller⸗ liebſten Bürgerkind, das auf den Stufen des„Herz⸗ Jeſu⸗Altars,“ ſtand, kokettirt hatte. „Ich gewiß nicht,“ entgegnete der Jüngling,„und wenn ich etwa meiner unbewußt etwas geſprochen hätte, ſo könnte es doch nur das ſein, daß Jungfer Anaſtaſia Haas: Der alte Cardinal. II. 3 ———————— Brandel heute noch viel friſcher und lieblicher ausſieht, als geſtern am Fiſchmarkt und vorgeſtern im Segen!“ Als die guten Leute nicht herausbrachten, wer die boshafte Bemerkung von vorhin gemacht hatte, ſchüt⸗ telten ſie bedenklich die Köpfe, aber der Uhrmacher ſagte doch, indem er den Zeigefinger bedächtig an die Naſe legte: Der Fremde könnte allerweges Recht haben, wenigſtens komme ihm dieſe Erklärung ſo natürlich vor, als eine andere. Der Mann mit dem Stöckchen ent⸗ gegnete:„Warum nicht gar?“ und drehte ſich auf den Stiefelabſätzen um, und der Zehrgadner ſprach:„Ich bin des Uhrmachers Schmid Anſicht. Die Erklärung des Fremden iſt eine natürliche, da die leibliche Verwandt⸗ ſchaft zwiſchen Vätern, Oheimen und Söhnen gleichfalls eine ganz natürliche iſt.“ Dem Geſpräch ſetzte die ſchrille Stimme einer alten Frau das erwünſchte Ziel, welche ihnen zurief:„Ruhig! man verſteht ſonſt nichts.“ Der Cardinal hatte ſoeben bereits wieder begonnen. Er ſprach in feierlichem Tone: „Der Herr hat zwei Staaten, die ſich bekriegten, wieder den Frieden geſchenkt; zwei Fürſten, zwei Völker erfreuen ſich nach langem Blutvergießen der Rückkehr einer beſſeren Zeit. Dieſes Geſchenk Gottes, denn Er iſt es, welcher die Herzen der Mächtigen zum Frieden lenkt, ſoll Für⸗ 3⁵ ſten und Völker mahnen, auch jeden Hader unter ſich und mit ihren Nächſten zu beſeitigen. Was iſt die Urſache der Krieges? Die Verletzung der Gebote Gottes. Ja meine Freunde! die Sünde iſt der Urſprung der Kriege. Wie? höre ich Euch fra⸗ gen, wie kann eine Uebertretung eines religiöſen Ge⸗ botes ſolcherlei Folgen haben? Geduld, dieſe Uebertretung hat ſie. Wollt Ihr das Gebot Gottes näher keunen, welches ich meine? Es lautet:„Du ſollſt nicht begehren Deines Nächſten Gut.“ Dieſes Geſetz ſoll ſich nun Hoch und Niedrig wohl ein⸗ prägen, denn ſeine Nichtbeachtung zieht den Unfrieden groß und verſcheucht die innere und äußere Ruhe. Gehen wir dem Stammbaum dieſer Sünde nach, ſo finden wir, daß ſie die erſte bittere Frucht ſei, wo und wenn ſich Hochmuth mit Ehrſucht vermählt. Warum aber erkennt man nicht gleich das Böſe beim erſten Anblick, weshalb erſcheint Manches nicht als Sünde, das doch Sünde iſt? Weil das Laſter ſelten nackt geht; es iſt ſich ſeiner ſcheußlichen Geſtalt bewußt, und bekleidet ſich ſo koſtbar als es kann; es nimmt Narden und Salben zu Hülfe, es trägt falſches Haar, und hängt zuweilen ſelbſt den Roſenkranz an den Gürtel. Ich heiße die⸗ ſes Thun die Heuchelei des Laſters. ‚Du ſollſt nicht begehren Deines Nächſten Gut!“ Das weiß Jeder, und alle Welt iſt mit der Züchtigung 3* des Gewalträubers einverſtanden. Aber wir, die nach fremdem Eigenthum lüſtern ſind, hüten uns wohl, zu ſagen: Wir rebelliren gegen göttliche und menſchliche Ordnung; wir ſprechen nicht:„Laßt uns jetzt aufbrechen und den Nachbar ſeiner Kleinode berauben, denn ſie gefallen uns wohl,“ wir ſagen vielmehr: Laſſet uns zum Nachbar hingehen und verſuchen, ob wir ihn über⸗ reden, daß er uns ſeine Kleinode freiwillig über⸗ läßt.“ Wir ſtürmen freilich nicht mit dem Schwert in der Fauſt in des Nachbars Wohnung, und bedrohen ihn mit Tod und Gefängniß, wenn er halsſtarrig bleibt; aber wir führen ihn an's Fenſter und zeigen hinab auf die Straße, wo unſere bewaffneten Diener ſtehen und ſetzen etwa hinzu:„Wir haben die Burſche nicht mit heraufgenommen, daß Ihr nicht in die Meinung verfallt, wir wollten Euch die Kleinode abzwingen, um die wir Euch freundlich bitten, obgleich wir befehlen könnten. Der Nachbar iſt der ſtummen Ueberredung, indem wir auf den bewaffneten Troß zeigen, nicht unzugäng⸗ lich; er fängt zu zittern an, liefert die Kleinodien aus,— der Prediger hatte ſich ohne Zweifel ver⸗ ſprochen, da er von Kleinodien ſtatt von Kleinoden re⸗ dete— er liefert ſie aus, begleitet uns allenfalls noch bis an die Thür, um dann verzweiflungsvoll in ſein Schlafgemach zurückzukehren und Gott händeringend die Rache anzuempfehlen.“ 37 Der Kaiſer fühlte inwährend dieſer Stelle eine plötzliche Rührung; er wußte nicht warum, und ſah ſich genöthigt, eine einſame Zähre von ſeinem Aug' zu wiſchen. Der Cardinal fuhr fort:„Ich ſage Euch nun, meine Freunde, der da ſo thut, wird einſt vor dem Richterſtuhl Gottes nicht beſſer daran ſein, als der Ge⸗ walträuber. Er möge ſich damit nicht täuſchen, daß ſeine Hände fleckenrein ſind; ſeine Seele iſt es nicht. Aber der arme alte Nachbar; arm iſt er, weil er ſo böſe Menſchen neben ſich wohnen hat und keine Freunde, die ihm Beiſtand leiſten; und alt wird er ſein, weil er ſich ſonſt beſſer zu helfen wüßte; der arme alte Nachbar verdient unſer volles Mitleid, würde aber unſern Tadel verdienen, wenn er thöricht genug wäre, ſeinem falſchen Freunde ſelbſt den Schlüſſel zu ſeinen Schätzen anzuvertrauen und zu ſeinem Geſinde alſo zu ſprechen: Wenn mein liebwerther Vetter kommt, ſo thut Ihr, wie Ihr bisher mir gethan, be⸗ trachtet ihn als Euren Herrn, erweiſet ihm alle erdenk⸗ liche Ehrfurcht und gehorchet ſeinen Befehlen. Was ich jetzt geſagt habe, ſoll nichts als beweiſen, daß, wenn der Angriff auf fremdes Gut menſchlichen wie göttlichen Geſetzen zuwider iſt, doch die Vertheidi⸗ gung des rechtmäßig beſeſſenen Eigenthums löblich ſei.“ Der Kanzelredner ließ auf die letzten Worte eine kleine Pauſe folgen und hob dann von Neuem an, in⸗ dem er freundlicher als vorher um ſich blickte und die Stirn entrunzelte:„Der Oelbaum hat in dieſem Jahre zeitlich zu blühen angefangen; er trieb vor vierzehn Tagen bereits Knospen und läßt uns heute ſchon reife Frucht ſehen. Möge dieſe heilige Pflanze, denn Noah ſchon erblickte in dem Oelzweig ein Zeichen des Frie⸗ dens, bei uns einheimiſch werden, fortgrünen und blühen in Ewigkeit. „Den Friedfertigen wird das Himmelreich ſein!“ und unſers Herrn und Heilands Lieblingsgruß lautete: ‚Der Friede ſei mit Euch!“ Dem Himmel geht der Friede unter den Menſchen über Opferrauch und Dankſagung; das mußte der Prieſter⸗König Melchiſedek gewußt haben, denn er nannte die Gott zu Ehren erbaute Stadt Salem, das heißt die Stadt des Friedens. Chriſtus aber, deſſen Vorbild Melchiſedek war, wie Paulus in ſeinem Brief an die Hebräer beſtätigt, ſagte: Folget mir nach!“ Wir ſollen uns alſo beſtreben, ſo fried⸗ fertig zu werden, als es der Menſchenſohn war. Es giebt eine zweifache Art von Frieden, den äußern und den inneren Frieden; wir ſollen nach beiden Arten ſtreben. Wer den Geboten Gottes und der Kirche nachkommt und ein reines Gewiſſen hat, genießt des inneren Frie⸗ dens und wer ſich mit ſeiner Umgebung verträgt, erfreut ſich des Friedens nach Außen. Ich aber behaupte, daß der innere Frieden die nothwendige Grundlage der äu⸗ 39 ßeren Ruhe ſei. Wer gerecht iſt, wird keine ungerechte Forderung ſtellen und wer Gott gehorcht, die Menſchen nicht beleidigen. Darum laßt ab, ihr Stolzen und Hoch⸗ müthigen der Erde, die Menſchheit in Wirrſal zu ſtür⸗ zen, weil ihr mit Euren eignen Leidenſchaften nicht fertig zu werden verſteht, laßt ab, Eure Nächſten zu verfo lgen, da Euch die Furien des eignen Gewiſſens peinigen, laßt ab, die Geſetze der Menſchen zu mißbilligen, da Ihr den Geboten Gottes nicht gehorcht. Ihr aber, Ihr Frommen und Geduldigen, ſeid fromm und duldſam gegen die Schwächen Eurer Mitmenſchen, aber unduldſam gegen das Unrecht, unduldſamer gegen das Laſter, am unduldſam⸗ ſten gegen Euch ſelbſt. Der Verſucher hat es ſelbſt gewagt, die Einſiedler der Wüſte, jene heiligen Männer der Oedniß zu verſtricken, wie viel leichter wird es ihm ſein, Euch Weltleute in ſei⸗ nen Schlingen zu fangen. Es iſt oft ein ſcheinbar Gutes, welches der alte Widerſacher Gottes als Köder auswirft. So iſt die Liebe zur Blutsfreundſchaft ein ſchönes herrliches Gefühl, das aber in ſeinem Uebermaß, in ſeiner Verblendung zu den traurigſten Folgen führen kann. Die Duldſamkeit wird dann zum Verbrechen, zum Laſter und, falls An⸗ dere darunter leiden, zur fremden Sünde. Die blinden Heiden haben es an dem ſtaatsklugen Mare Aurel getadelt, daß er ſich den ruchloſen Comodus zum Nachfolger gab, denn Comodus war ein Tyrann (dieſen Nachſatz betonte der Kanzelredner beſonders, in⸗ dem er ihn mit einer wegwerfenden Bewegung begleitete); die Propheten mißbilligten es an Salomo auf das Ent⸗ ſchiedenſte, daß er aus Liebe zu ſeinen Frauen ſich vor fremden Götzen beugte, ja dieſe heiligen Männer haben ihm die Theilung des Reiches unter ſeinem Nachfolger voraus verkündet. Und was war an all dem Unglück, an dem Verder⸗ ben Roms und des jüdiſchen Reiches ſchuld? blinde Liebe zu den Angehörigen. Und dennoch giebt es nur Eine Liebe, die unſere Seelen läutert, das iſt die Liebe zu Gott, das iſt der Inbegriff alles Heiligen, was das Menſchenherz zu faſſen und zu empfinden vermag.“ Hier ſchwieg der Cardinal einen Augenblick, welchen Erzherzog Max benutzte, ſeinem Vetter zuzuflüſtern:„Iſt denn der Kerl toll, daß er ſo ungereimte Dinge auf die Kanzel bringt? Nach meiner Anſicht predigt er nichts als Hochverrath und Majeſtätsbeleidigung.“ „Gewiß, gewiß!“ gab König Ferdinand zur Antwort und ſah ſich nach Pater Lamormain um, welcher mit dem ruhigſten Geſicht von der Welt daſtand und gegen Himmel blickte. „Ich ſage, der Cardinal iſt der größte Schuft, der je den Purpur trug.“ 3 41 König Ferdinand ſchaute abermals nach ſeinem Beichtvater um, der keine Miene verzog, als ob er die Rede des Erzherzogs nicht gehört oder die Bewegung ſeines kö⸗ niglichen Beichtkindes nicht bemerkt hätte und noch immer in die Höhe ſtarrte. Da Ferdinand ſich auf dieſe Weiſe gezwungen ſah, ohne Inſpiration zu antworten, ſo be⸗ gnügte er ſich ein„Gewiß, gewiß!“ zu wiederholen. „Es freut mich, daß Ihr meine Ueberzeugung theilt, bemerke Euch aber, daß uns dies um keinen Schritt weiter bringt.“ „Und wohin ſollen wir nach Euer Liebden Anſicht gebracht werden?“ fragte nun Ferdinand erſtaunt, während ſich Pater Lamormain unmerklich vorbeugte, um nur ja kein Wort der Unterredung zu verlieren. „Dorthin, wohin wir, ſo lange dieſer Mann Cabinets⸗ director iſt, niemals gelangen werden, nämlich Euch die Nachfolge im Reich zu ſichern.“ „Bin ich nicht erwählter König von Böhmen?“ „Aber weder von Ungarn noch Deutſchland.“ „Ich bin ſo genügſam.“ „ Das ſolltet Ihr aber nicht ſein! habe ich nicht Recht, ehrwürdiger Vater?“ Mit dieſen Worten wandte ſich der Deutſchmeiſter an den Jeſuiten. „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ verſetzte der Or⸗ densmann,„eine zu weit getriebene Tugend kann ebenfalls gefährlich werden. Die Religion— dieſe Worte richtete der Beichtvater an den König— das religiöſe Wohl von Millionen befiehlt Eurer Majeſtät dieſe ſündige Beſchei⸗ denheit abzulegen.“ „Ich werde mich den Geboten des allgemeinen Be⸗ ſten fügen.“ Der Erzherzog begann von Neuem:„Die erſte Be⸗ dingung eines glücklichen Gedeihens unſers Hauſes iſt die Beſeitigung des Cardinals.“ Der Jeſuit nickte mit dem Kopf, und da Ferdinand dieſes Nicken bemerkte, ſo antwortete er ſchnell:„Ich weiß, er hetzt den Kaiſer wider uns.“ „Pah, wenn es nur das wäre.“ „Die Kaiſerin.“ Max ſchüttelte den Kopf. „Nun wen denn ſonſt noch?“ „Kurſachſen, Pfalz und Brandenburg.“ „Wie? der Cardinal die Proteſtanten gegen uns katholiſche Fürſten?“ „Er wäre ſelbſt im Stande den Türken gegen uns zu waffnen.“ Pater Lamormain nickte abermals beifällig und Kö⸗ nig Ferdinand ſagte mit Entſchiedenheit: „Das kann nicht geduldet werden!“ „Es wäre der Ruin unſers Hauſes.“ „Der Sturz unſrer heiligen Religion.“ „Das Verderbniß der öſterreichiſchen Erbländer.“ 43 „Der Tod des heiligen Vaters.“ „Der Cardinal muß unſchädlich gemacht werden.“ „Vollkommen unſchädlich!“ „Man muß ihn abſetzen— der Jeſuit nickte— oder noch lieber völlig aus dem Wege räumen.“ Der Jeſuit ſah bewegungslos vor ſich hin. Der König ſchickte ſich gerade zu einer ausweichenden Antwort an, als das Geſpräch der beiden Prinzen durch ein leiſes„Pſt“ des Kaiſers unterbrochen wurde, welches ſie aufmerkſam machte, daß Khleſl ſeine Rede wieder aufgenommen hatte. Während die Erzherzoge ſich mit einander unterre⸗ deten, hatten auch die Cardinäle Dietrichſtein und Paczmann ein wenig zuſammen geflüſtert. Wie wollen es verſuchen, ihre lateiniſch gehaltene Unterredung zu verdeutſchen. Dietrichſtein machte den Anfang, indem er dem unga⸗ riſchen Kirchenfürſten mit vieler Vertraulichkeit auf die Achſel klopfte, lächelte, ſeine ſchönen weißen Zähne blicken ließ und ſagte:„Dominatio Vestra, hätte mein geiſtlicher Herr Bruder dort oben— er wies nach der Kanzel— dieſe Rede nicht vor zehn Jahren viel beſſer an ſich ſelbſt richten können? Aber Ihr wißt ja:„Honores mutant mores“ und: „Andere Zeiten andre Sitten“ dabei ſah der Erzbiſchof von Olmütz ſo ſchelmiſch darein, als ob er den fröhlichſten und geiſtreichſten Scherz von der Welt gemacht hätte. Der ungariſche Cardinal gab ſeine Zuſtimmung nur durch eine 44 ſchwache Neigung des Kopfes zu erkennen. Nach einer Weile ſtieß der Olmützer den Primas abermals an und flüſterte: Dominatio Vestra, Dominatio Vestra— dabei lachte er, daß er ſich den Bauch halten mußte. Mir fällt gerade etwas ſehr Schnurriges ein.— Cardinal Pacz⸗ mann hielt ſeinen Kopf gegen Dietrichſtein, um beſſer zu hören.„Als der Legat Rudolfi dem Khleſl das Hütlein überbrachte, es war Anno fünfzehn in Prag, da wohnte ich in Wilhelm Popels Haus. Nun ſtellt Euch vor, daß ich eines Tages beim Fenſter hinausſehe, wie es Morgens meine Gewohnheit iſt und unter einem Trupp gemeiner Leute folgende Verſe auf meinen geiſtlichen Freund ſin⸗ gen höre: Noch niemals war ein Mann ſo keck Als der Sohn vom Eſels⸗Bäck, Der lutheriſche blaue Eſel Iſt Cardinal jetzt und heißt Khleſel.“ Die Thränen traten dem würdigen Cardinal vor unterdrücktem Lachen in die Augen, als er dieſe Verſe recitirte. Der Ungar, welcher nur mit halbem Ohr gehört hatte, bemerkte, daß er an dem Spottgedicht die einzige Kleinigkeit auszuſetzen finde, daß nämlich der Wiener Biſchof alles Andre, nur kein Eſel ſei. So wenig dieſe Er⸗ wiederung Lachſtoff enthielt, ſo ſchlug ſich Dietrichſtein den⸗ noch auf die Schenkel und lachte. Er würde vielleicht noch eine Stunde fortgelacht haben, wenn nicht die Stimme 4⁵ Khleſls von der Kanzel her dieſer überfließenden Heiter⸗ keit Einhalt gethan hätte. Der Prediger fuhr fort:„Gott iſt der Urheber alles Guten; ihm allein gebührt die Ehre, ihm allein Lob und Dank! Ich ſelber bin ein laut redendes Beiſpiel dieſer uner⸗ ſchöpflichen Gnade Gottes. Ich habe unſerer allein ſelig machenden Kirche unzählige Abgefallene wieder gewon⸗ nen, ich habe Dörfer, Märkte und ganze Städte in den Schooß der Mutterkirche zurückgeführt, ich habe eben dadurch den religiöſen Frieden vieler Einzelner und gan⸗ zer Gemeinden wiederhergeſtellt. Habe ich das aus mir ſelbſt gethan? hätte ich es aus eigner Macht gekonnt ich, ein einfacher Diener Got⸗ tes? Gott mußte die Herzen der Menſchen auf mein Wort vorbereiten, dann erſt mochte es in fruchtbares Erd⸗ reich fallen. Ich habe auf meines erlauchten Herrn Befehl ei⸗ nen nicht unrühmlichen Frieden mit der Pforte geſchloſſen, aber ich hätte mit allen Anſtrengungen nichts erreicht, wenn nicht Gottes Gnade die Ungläubigen friedfertig ge⸗ ſtimmt hätte. Ich habe ſo eben ein zweites Friedens⸗ werk mit Erfolg gekrönt geſehen, aber auch dieſes Werk iſt weniger mein als Gottes Werk. Ich bitte und bete darum fort und fort, daß Gott den Mächtigen friedliche Geſinnungen einhauche und der Welt durch ſie den Frieden gebe und ſo ſage ich denn 46 auch zu Euch, meine Geliebten, wie unſer Herr und Hei⸗ land beim Scheiden ſprach: Der Friede ſei mit Euch.“ Mit dieſen Worten ſchloß Khleſl ſeine große Frie⸗ denspredigt, die im Grunde nichts als eine gewappnete Kriegserklärung an die Erzherzoge war, falls ſie auf dem betretenen Wege weiter ſchritten. Nachdem der Cardinal noch einige Minuten auf der Kanzel im ſtillen Gebet verharrte, ſtieg er herab und nahm ſeinen Platz auf dem purpurnen Ehrenſitz, während Dietrichſtein die Meſſe weiter ſang. „Ich glaube gar, der verwegene Kuttenträger hat ſeine Predigt gegen uns gerichtet,“ ſprach Graf Collalto zu dem hart hinter ihm ſitzenden Montecuculi. „Jedenfalls gegen das Kriegshandwerk, was ganz dasſelbe bedeutet,“ verſetzte der Angeſprochene. „Wir ſind einmal Kriegsoberſte“— dabei ließ der Italiener ſeine Augen über das prächtige Wehrge⸗ häng und die Stulpſtiefeln hingleiten, und verglich damit im Geiſt die weit minder koſtbare Ausrüſtung ſeines Landsmannes— wir ſind einmal Sr. Majeſtät wohlbeſtallte Officiere, und haben uns von dem Lümmel nichts gefallen zu laſſen.“ „Zudem verſperrt er uns den Weg zur Auszeichnung.“ „Zum Feldherrnſtab.“ „Ganz gewiß, denn ſo lange dieſer Pfaff an der 47 Spitze ſteht, wird es, deſſen ſeid verſichert, keinen ordent⸗ lichen, erbaulichen Krieg geben.“ „Weder mit dem Franzoſen, noch mit den Hunden von Ketzern im deutſchen Reich.“ „Nicht einmal mit den Türken.“ „Mit deuen verlange ich mich nicht zu raufen.“ „Das iſt Geſchmacksſache, ich hätte nicht übel Luſt.“ „Was hilft's, der Pfaff glaubt nun einmal, er könne ſelbſt den Türken durch's Predigen bekehren, da bedarf man unſer nicht.“ „Eben ſo wenig des Boucquoi und Dampierre.“ „Durchaus nicht. Und wenn man ſchon der Sol⸗ daten bedürfte, glaubt Ihr denn, der Khleſl würde uns nehmen? weit gefehlt! wir ſind ja Ausländer, Wälſche, und der Pfaff will nur Deutſche. Wozu wären auch die Khuen, Hager, Fuchs, Mansfeld und Thurn auf der Welt?“ „Was, Thurn?“ „Ihr meint vielleicht, weil er des Burggrafen⸗ amtes entſetzt iſt, würde ihm der alte Bär kein Com⸗ mando geben?“ „Einem Proteſtanten?“ „Als ob der ehrloſe Pfaff viel beſſer wäre, ich namaſdene habe ihn nie für einen guten Katholiken ge⸗ alten.“ 3 „Der Graf Onate ſagt Jedem, der es hören will, daß der Cardinal ein heimlicher Proteſtant ſei.“ „Die Khuen wird das am beſten wiſſen.“ „Warum die Khuen?“ „Weil der Cardinal ihr Gewiſſensrath iſt.“ „O ſie wird nicht die Einzige ſein, die er beräth.“ „Aber die Einzige, die einen ſo ſchlechten Geſchmack hat, den grauen Sünder als Geliebten anzunehmen.“ „Als Geliebten? Die fromme Frau?“ Collalto zuckte die Achſel und ſagte:„Ich weiß nur, daß ſie ſehr vertraut, merkt wohl auf, ſehr vertraut zu⸗ ſammenſtehen. Der Khleſl ſpeiſt bei ihr.“ „J, wenn er nur bei ihr ſpeiſt?“ „Dann legt er ihr das Evangelium aus.“ „Wenn er aber nur das Evangelium auslegt?“ „Dann reden ſie mit einander.“ „Wenn ſie aber nichts als mit einander reden?“ „Die Leute haben doch einen Witz darauf gemacht.“ „Nun, den Witz?“ „Sie ſagen Nulla te salutat.“ „Heißt denn die Khuen Nulla?“ „Das nicht, ſie heißt Eliſabeth, aber die gemeinen Leute verderben den Namen Khuen in„Khan“ und heißen ſie darum die„Khanin.“ „Und Nulla?“ „Iſt die Ueberſetzung von Khanin.“ 49 „Das iſt ſehr gut, außerordentlich witzig, und jetzt glaube ich Alles und dennoch wäre ich faſt geneigt, ihm die Liebe zu einer nichts weniger als anlockenden Frau zu verzeihen, wenn nicht die verf...— aber es ſchickt ſich nicht in der Kirche und während des Gottes⸗ dienſtes zu fluchen— wenn alſo dieſe verteufelte Frie⸗ densliebe nicht wäre.“ „Sie iſt aber vorhanden, dafür ſtehe ich.“ „Darum ſei ihm Gott gnädig, wenn er einmal in meine Hände fallen ſollte.“ „Das wird er nicht.“ 3 „Wird er nicht? als ob nicht der brave König von Böhmen eine grimmige Abneigung gegen ihn trüge!?“ „Der iſt wenigſtens nicht ſo friedliebend.“ „Ein gar wackerer Herr.“ „Den Gott ſegnen wolle!“ „Während der verfluchte Pfaff— aber ich weiß nicht, daß ich in der Kirche beſtändig ſchelten muß— während dieſer Tuckmäuſer, den der Teufel holen möge — mir ſcheint gar, ich rede während des Gottesdienſtes vom Teufelholen— noch einen Uutheriſchen Papſt machen wird.“ Die beiden Kriegsleute, die ſich ſo gut verſtanden, mußten ihre Unterhaltung abbrechen, da der Gottesdienſt ſoeben beendigt war. Alles drängte nach den Kirchenthüren und die be⸗ Haas: Der alte Cardinal. II. 4 waffneten Bürger vom Kärnthnerviertel bemühten ſich vergebens, den Andrängenden zu wehren. Die unter oder in nächſter Nähe der Kanzel Stehen⸗ den ſahen ſich genöthigt, den erſten Sturm an ſich vor⸗ überbrauſen zu laſſen und zu warten, bis etwas mehr Raum würde; zu dieſer Maßregel riethen mit abſonder⸗ lichem Eifer die Hofbedienten, welche für ihre vorſprin⸗ genden Bäuche in Sorge waren.„Je mehr ich es mir überlege, ſagte der Uhrmacher Schmid, der die längſte Zeit in Nachdenken vertieft dageſtanden hatte, und ſeinen Zeigefinger langſam an die Naſe führte— deſto ſtärker wird in mir die Ueberzeugung, daß die unbe⸗ kannte Stimme Recht hatte; der Cardinal hat Jemand gemeint, den ich nicht näher bezeichnen will, und dieſer Jemand wird es ſo gut verſtanden haben, als der Uhr⸗ macher Schmid.“ „Und wen hat er denn gemeint, wenn man fragen darf?“ ſagte Effenberger. „Einen hohen Herrn.“ „Warum nicht gar?“ Der Zehrgadner ergriff das Wort und entgegnete: „Mit Eurem„Warum nicht gar!“ iſt ſehr wenig erklärt, ich bin der unmaßgeblichen Anſicht, daß der Uhrmacher Schmid Recht habe; der Cardinal hat einen hohen Herrn gemeint und wißt Ihr wen?“ Bei dieſer Frage drückte der gute Mann ein Auge 51 zu und lächelte ſo ſchelmiſch, als ob er Jemand beim „Sag⸗nicht⸗ja und Sag⸗nicht⸗nein⸗Spiel“ auf der That ertappt hätte.—„Ich bin dahinter gekommen, wie? will ich Euch ſpäter ſagen. Der wackere Khleſl hat den Bethlen Gabor gemeint; er iſt es, der ſeines Näch⸗ ſten Gut begehrt und ſeinen Vater— ſo nennt er ihn wohl figürlich— vom Thron ſtoßen will.“ Der Uhr⸗ macher, der den Sinn der Predigt nach der Anleitung der fremden Stimme vollkommen richtig aufgefaßt hatte, ſagte ganz offen:„Den habe ich nicht gemeint und der Hofofficiant Effenberger ſchlug ſich mit dem Stöckchen noch viel kräftiger als vorher auf die Waden, während Herr Iſenwein betheuerte, daß es ihm völlig gleich ſei, wen der Cardinal bezeichnen wollte. Er ſchloß ſeinen Vortrag mit den emphatiſchen Worten:„Ob Bethle⸗ hem oder Jeruſalem iſt mir Leberwurſt, und noch we⸗ niger als Leberwurſt, ich kann beſchwören, daß es mir völlig Knackwurſt ſei, wenn nur Frieden bleibt, wie der Herr Cardinal will und das Elfenbein ein wenig wohl⸗ feiler wird. Seid Ihr nicht auch meiner Anſicht, Herr Reſch?“ Als der Frager einige Secunden vergeblich auf Antwort gewartet hatte, fragte er auf's Neue:„Seid Ihr denn taub geworden, mein guter Herr Reſch, ich frage Euch, ob es nicht gleichgültig ſei, wen der Car⸗ dinal als Friedensſtörer bezeichnete?“ 4* 52 Der Frager ſchien auch diesmal ohne Antwort bleiben zu ſollen, denn der junge Handlungsbefliſſene hatte die zweite ſo gut wie die erſte Frage überhört, da ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf den„Herz⸗Jeſu⸗ Altar“ gerichtet war.— Plötzlich lief er nach der Seite jenes Altars hin, ſo daß Iſenwein gerade im Begriff ſtand, ſeinem Bedauern über die Zerſtreutheit des jungen Mannes Ausdruck zu geben, als eine Stimme dicht neben ihnen ſagte:„Nein, es iſt nicht gleichgültig, ob unſer Landesherr Ferdinand oder Mathias heißt.“ Iſenwein fuhr erſchrocken zuſammen, als ob ihn die kalte Hand eines Geſpenſtes berührt hätte und äußerte, daß er bisher geglaubt habe, Geiſter erſchienen nur um Mitternacht.— Er würde ſeinen Freunden in Verlauf des Geſpräches vielleicht auch noch die Ver⸗ ſicherung ertheilt haben, daß es ihm Leberwurſt, ja ſo⸗ gar Knackwurſt ſei, welche Stunde die Geſpenſter wähl⸗ ten, wenn ihn nicht eine Volkswoge weggeſpült und zur Thüre hinausgedrängt hätte. Die Zurückbleibenden blickten eben ſo vergeblich wie früher nach dem fremden Mitredner um; ſie konnten ihn nicht finden, da er in demſelben Augenblick vom Pfeiler geborgen die entgegengeſetzte Richtung einſchlug; übrigens können wir die Leſer verſichern, daß es ein ungefähr fünfzigjähriger Mann war, der dem Freiherrn Georg Erasmus Tſchernembl ſehr ähnlich ſah. XII. Capitel. Vie Iran Victoria Haizenbergerin die Abweſenheit einer Novize aufnahm. Kehren wir um ein paar Stunden zurück und ſe⸗ hen wir uns um die Nonnen im Himmelpfortkloſter um. Es war ſpät, ſehr ſpät, als die Hochwürdige Frau Haizenberger mit allen Zeichen ſchwerer Sorge zur Thüre hinausrief:„Iſt Schweſter Francisca noch nicht zurückgekehrt?“„Noch immer nicht,“ antwortete eine be⸗ tagte Nonne in kläglichem Ton. „Daß Gott erbarm!“ rief die Vorſteherin, indem ſie ſich die in die Stirne fallenden Haare aus dem Geſicht ſtrich.„Es wird ihr doch kein Unfall begegnet ſein. Man ſagt die Menſchen da draußen in der Welt ſeien ſo voll Argliſt. Wenn ich bedenke, wie viele Gefah⸗ ren die Welt für uns arme Frauenzimmer hat, möchte 54 ich wohl wünſchen, daß ſie Alle hieher kämen, wenig⸗ ſtens alle Mädchen von Stand, die auf Ehre und Re⸗ putation halten. Die Bürgerstöchter— hier zuckte die wa⸗ ckere Aebtiſſin, die gleichwohl eine Bürgerstochter war, die Achſeln— je nun, die machen ſich nicht viel daraus.“ Nachdem die Hochwürdige Mutter auf dieſe Art ihre Anſicht von der Vorzüglichkeit des Kloſterlebens ge⸗ äußert hatte, ſtützte ſie das ſorgenſchwere Haupt auf den unendlich fleiſchigen Arm und nickte wieder ein. Nach einer halben Stunde war dieſer Fleiſchpfeiler unter der Laſt des gewaltigen Kopfes, den er trug, bis an den Rand des kleinen Tiſches gerückt, vor dem die würdige Oberin ſaß; ſie ſchlief noch immer, endlich wurde der Rand überſchritten und der Arm glitt ab; die plötz⸗ liche Erſchütterung weckte die gute Frau auf. Sie rief: „Herr Jeſus! habe ich gut geſchlafen und das, während vielleicht eines meiner Schäflein in der Irre geht. Wie viel Uhr iſt es, Schweſter Veronica?“ „Ein Uhr nach Mitternacht, Hochwürdigſte.“ „Ein Uhr und noch nicht zurück, ſeht mich einmal an, Veronica, ich muß das Fieber haben; es iſt mir, ich weiß nicht wie. Nein, wenn das ſo fort geht, bin ich bis Morgen des Todes, ein Uhr und noch nicht zurück, ſchickt mir die Khleſl her.“— Die Aebtiſſin liedte es, Schweſter Victoria ganz gegen die Kloſterordnung mit dem väterlichen Zunamen zu bezeichnen, da es ihr 55⁵ höchſt ſchmeichelhaft war, die Nichte des allmächtigen Miniſters unter ihre Untergebenen zu zählen und die ganze Welt von dieſem Verhältniß in Kenntniß zu ſetzen.—„Schickt mir die Khleſl her,“ ſagte ſie,„ich bedarf des Troſtes und der Beruhigung.“ „Schweſter Victoria iſt zu Bette gegangen,“ erwie⸗ derte Veronica. „Zu Bette gegangen mag ſein, aber heißt es nicht „Wachet und betet!“ Schweſter Victoria ſoll mit mir wachen und beten.“ 1 „Ich könnte ja auch,“ entgegnete die gutherzige Nonne, welche der jüngeren Genoſſin das Nachtwachen erſparen wollte. „Was könnt Ihr auch?“ fiel ihr die Hochwürdige in's Wort,„etwa mich tröſten und beruhigen, bildet Euch nur das nicht ein. Die Khleſl kann's, die hat das von ihrem Oheim den Cardinal,“ dabei neigte die wür⸗ dige Vorſteherin den Kopf, als ob ſie den Namen Jeſu genannt hätte.„Geht alſo unverzüglich und ſchickt mir die liebe Khlefl.“ Die Nonne ging zögernd, um Schweſter Victoria aus dem Schlaf zu rütteln; die hochwürdige Mutter aber fuhr im Selbſtgeſpräch fort:„O Du heilige Mutter Anna, wird das einen Sturm abſetzen, wenn der ge⸗ ſtrenge Herr die Abweſenheit Francisca's inne wird; ich, ich laſſe mich vor ihm nicht ſehen, für die ganze Welt — nicht. Was könnt' ich ihm auch ſagen? Daß es mir mit der Rappach— Francisca als Conteſſe theilte die Ehre, mit dem Zunamen bezeichnet zu werden— ſchon lange nicht richtig voream. Da käme ich erſt recht an. Ihr hättet ſie kürzer halten ſollen, würde er ſagen— ja kürzer halten, ſo ein wildes Ding wie die Rappach halte ein Chriſtenmenſch kurz. Ihr hättet ſie einſperren ſollen, wozu iſt denn die Clauſur, würde er hinzuſetzen. Ja ſo Eine kümmert ſich viel um die Clauſur. Habe ich denn nicht den Verſuch gemacht und wozu hat er ausge⸗ ſchlagen? Zu unſer Aller Beſchämung, hat ſie nicht das hölzerne Gitter durchgeſägt, als ob ſie ein Tiſchler von Profeſſion wäre? O wir können ihm gar nichts ſagen, wenigſtens gar nichts, woran er nicht tauſend Ausſtellungen zu machen hätte. Wenn die Khlefl keinen Ausweg ſieht, ich ſehe keinen. Ach Gott, wie lange ſie doch zum Anziehen braucht, ich wäre ſchon fünfzigmal fertig.— Horch, habe ich nicht Tritte gehört?— Die geplagte Dame ſchwieg und drehte den Kopf nach der Seite, von wo, wie ſie glaubte, das Geräuſch kam, als ſich aber nichts regte, hub ſie abermals an:„Das iſt unerträglich! aber ich verkühle mich noch.“ Sie zog das in Uuord⸗ nung gerathene Hemd über den ſehr vollen Buſen zuſam⸗ men; dieſer in Wallung gerathene Körpertheil erwies ſich aber ſo widerſpenſtig, daß ſie ſich genöthigt ſah, alle 57 fernere Bemühung aufzugeben und ſich in ein weites Tuch zu hüllen. Die vergebliche Anſtrengung, den wild empörten Buſen mittelſt des Hemdes zu bezwingen, ſo wie die Mühe, das Tuch hervor zu ſuchen, hatten den letzten Reſt von Kräften, welche der fetten Dame ge⸗ blieben waren, aufgezehrt, ſie ſank völlig erſchöpft in den hohen Lehnſtuhl zurück. In dieſem Zuſtand von Lethar⸗ gie wurde die gute Dame von Schweſter Victoria an⸗ getroffen.„Gott ſei gelobt, daß Ihr kommt!“ waren die erſten Worte, welche Frau Haizenberger mit ſchwa⸗ chem Lächeln hervorſtieß.„Ich glaube wahrlich nicht, daß ich den Morgen erleben werde; ich bitte, fühlt mei⸗ nen Puls, ich bin überzeugt, daß er ſeine hundert Schlä⸗ ge thut, während er ſonſt nie über drei und ſiebenzig gethan hat; der gute Doctor Magnus würde außer ſich kommen vor Schreck, wenn er meinen Puls jetzt fühlen könnte. Ich bitte Euch, liebe Eva⸗Roſine, Victoria wollte ich ſagen, geht, ehe Ihr Euch ſetzt, dort in die zweite Lade, ſo recht! Ihr ſeid ganz nahe dabei, und bringt mir das Fläſchchen links mit den Magentropfen. Danke, es iſt ſchon das rechte. Ach mein Gott, wenn mir wer geſagt hätte, daß ich die Erſte ſein ſollte, die von dieſen Tropfen, die wir zuſammen gebraut haben, Ihr erinnert Euch doch noch, meine liebe Khleſl, es war während der Charwoche, am Mitwoch glaube ich, daß ich die Erſte 8“ die ſich ihrer bedienen müßte! Haltet mir das Stück Zucker, ſo recht! O es thut wohl! Wenigſtens wird es jetzt mit meinem Puls beſſer werden. Der Doctor Magnus nannte ihn einen wahren Prälatenpuls, hi hi! Ich, meinte er, und der alte Schotten⸗ prälat und der Probſt von Kloſterneuburg hätten ganz den gleichen Puls nicht, keinen Schlag mehr, nicht einen weniger. Aber ſetzt Euch doch, meine liebe, gute Khleſl, Ihr ſeht etwas blaß aus, angegriffen, wie die Weltleute ſagen, ſetzt Euch und kommt mir armen Frau mit Euerem Rath zu Hülfe. Sie iſt noch nicht da, zwei Uhr und noch nicht. Ich habe ſchon das bittere Leiden und Ster⸗ ben und Glaube, Hoffnung und Liebe gebetet und ſie kommt doch nicht, ſollte ich vielleicht ein Salve Regina oder die chriſtlichen Tagszeiten anfangen?“ Schweſter Victoria ſchüttelte den Kopf und ſagte gar nichts als das Wort:„Schlafen.“ „Ihr könnt Recht haben,“ ſagte die Oberin nach⸗ denklich;„die Nacht iſt zum Schlafen da, wie die Welt⸗ leute ſprechen; ich habe es auch ſchon verſucht, wenn nur die böſen Träume nicht wären. Wie ich die Augen zumache, ſo ſteht Euer Oheim, der Cardinal vor mir; ich bemühe mich dann immer, ſeinen Zorn zu beſänfti⸗ gen; während dieſer Bemühung muß ich aber ſo herum⸗ arbeiten, daß ich zum Bett hinauszufallen ſorge. Wenn Ihr da bleiben und mir ſo lange vorbeten wolltet, bis ich einſchlafe; ich weiß nicht, was ich dafür gäbe. Schaut, 4 59 Ihr ſollt morgen Euer Leibgericht haben, ein würziges Pupeton, wozu ich ſelbſt Hand anlegen will, oder wenn Ihr Pauliner⸗Würſtlein vorzieht, mir iſt es einerlei.“ Die Nonne würdigte den Vorſchlag der Oberin keiner Antwort, ſondern ſagte nur:„Ich werde bleiben; was befehlt Ihr, das ich Euch vorleſe?“ „Wartet ein wenig! Von der Heilung des Blind⸗ geborenen? nein; die Geſchichte von den Jungfrauen und den Oellampen auch nicht, denn ich muß mich über die fahrläſſigen Dirnen zu ſehr ärgern, und das taugt bei meiner gegenwärtigen Aufregung nicht; leſ't mir von der ſchönen Hochzeit zu Cana, das wird mich aufheitern und machen, daß ich davon träumen muß.“ Schweſter Victoria nahm wirklich das Evangelien⸗ buch zur Hand, hatte aber kaum zwanzig Zeilen gele⸗ ſen, als ihr ein lautes Schnarchen die vortreffliche Wirkung ihrer Lecture anzeigte. Die Leſerin klappte das Buch zu, warf noch einen Blick nach der ſchnarchen⸗ den Aebtiſſin, der aus Mitleid und Verachtung gemiſcht ſchien, und verließ das Zimmer. Am Morgen war das erſte Wort der Oberin, das ſie an Schweſter Veronica richtete:„Habe ich Euch nicht geſagt, daß ſich die Khlefl darauf verſtünde, ein in Trauer verſenktes Gemüth aufzurichten; das Mäd⸗ chen iſt eine wahre Perle; ſie hat mir ſo auferbaulich 60 vorgeleſen, daß die Trauer alsbald von meinem Her⸗ zen genommen wurde.“ Die Kloͤſterfrau zuckte die Achſel und wollte gehen, aber die Aebtiſſin fragte weiter:„Iſt die Rappach noch immer nicht zurück?“ „Nein; aber eine Frau ſteht am Sprechgitter und wünſcht mit Euch zu ſprechen.“ „Eine Frau? Wie ſieht ſie aus?“ „Ach Gott, ganz einfach.“ „Dann hat es keine Eile; bringt mir das Früh⸗ ſtück!“ „Aber die Frau?“ „Ihr ſagtet, daß ſie ärmlich gekleidet ſei.“ „Gerade das nicht, aber auch nicht reich.“ „Jedenfalls eine Bürgersfrau?“ „Es ſcheint ſo.“ „Nun— ich habe die ganze Nacht kein Auge zu⸗ gethan und bin ſo krank, daß eine Andere an meiner Stelle gar nicht zu ſprechen wäre; ſie ſoll warten. Ihr könnt ihr ſogar einen Seſſel hinſtellen, wir ſind ja doch alle Menſchen; und jetzt mein Kapaunſüpplein!“ In einer Minute ſtand das Süpplein auf dem Tiſch der kranken Oberin; auf der gleichen Taſſe lag ein Laib Weißbrot; eine Laienſchweſter ſtellte eine Flaſche Weines darneben. Die Aebtiſſin warf einen Blick auf die Flaſche und ſprach, indem ſie ſich an die Laien⸗ 61 ſchweſter wendete:„Ich weiß nicht, ob ich es wagen ſoll, von dem Wein zu trinken? Nein, ich wage es wahrlich nicht! Seid ſo gut und tragt die Flaſche weg. Der Kellermeiſter ſoll mir lieber von dem alten Cyper ſchicken, den uns Se. Excellenz der venetianiſche Geſandte verehrte, um auf die Geſundheit des Car⸗ dinals und das Wohl der hochherzigen Republik zu trinken. O, ich habe immer eine gewiſſe Vorliebe für dieſe Venetianer gehabt. Ihr Wein iſt etwas bitter, wenn er alt wird, aber geſund; ich glaube, daß er mir, wenn ich ſchon in den letzten Zügen läge, noch helfen könnte. Nicht wahr, Ihr meint auch, daß mir der Cyper wohlbekommen wird?“ Die durch die Frage der Hochwürdigſten geſchmei⸗ chelte Laienſchweſter erklärte rund heraus, daß die Aeb⸗ tiſſin der Pflicht der Selbſterhaltung ſchuldig ſei, Cyper⸗ wein zu trinken. Die Aebtiſſin ſchlürfte alſo ganz gemüthlich ihre Kapaunſuppe, goß ſich dann Cyperwein in ein kleines Stengelglas, nahm aus demſelben Schrank, welcher die Magentropfen barg, Piskotenbrot, das ſie in s Glas ſteckte und ſich gemüthlich anſaugen ließ, und wiederholte dieſe angenehme Beſchäftigung ſo oft, bis die halbe Flaſche leer war. Sie ſtand eben im Begriff, um dem Magen die nöthige Füllung zu geben, wie ſie ſich ausdrückte, das Glas nochmals voll zu ſchenken, als ſie durch den Ein⸗ 62 tritt der Schweſter Victoria in ihren Ovationen zu Ehren der hochherzigen Republik unterbrochen wurde. Die Aebtiſſin war augenfällig durch dieſe plötzliche Unterbrechung nicht freudig überraſcht; ſie hatte vielleicht ſogar ein härteres Wort als die chriſtliche Liebe zugeſteht, auf der Zunge, aber der Ernſt, welcher auf dem Geſicht der Nonne lag, verſcheuchte den Zorn der ſchwachen Obe⸗ rin; ſie verzog ſogar die weinfeuchten Lippen zu einem freundlichen Lächeln, war aber wie vom Schlag gerührt, als ihr Schweſter Victoria ankündigte, daß die Freifrau von Khuen bereits eine Stunde im Sprechzimmer warte. „Du heilige Mutter Anna, bin ich ein unglückliches Weib!“ rief die Aebtiſſin würdelos aus.„Die Khuen und eine Stunde warten! Sagt der Veronica, daß ſie eine Gans iſt, eine Wildgans, und wenn Ihr es nicht thut, will ich es ihr ſelber ſagen. Die Khuen, wo ich lieber den heiligen Petrus als ſie warten laſſen wollte, die Khuen, welche des Cardinals Intime iſt, wie die Welt⸗ leute ſagen, die Khuen, die unſere letzte Stütze iſt! Ach Du gekreuzigter Heiland, giebt es dumme Weiber! Liebe Khleſl, gehen Sie mit mir, helfen Sie mir die edle Baronin beſchwichtigen.“ Schweſter Victoria bewies der Oberin, wie wenig es ſich ſchicken würde, wenn ſie, da die Freifrau eine Privatunterredung begehrt habe, an dem Zwiegeſpräch Theil nehme. Die Aebtiſſin gab laut ſeufzend nach und 63 wackelte nach dem Sprechzimmer, natürlich nur in der Abſicht, Frau von Khuen ſogleich in ihre eigene Wohnung zu geleiten. Vor dem Sprechgitter ſaß die Freifrau mit ver⸗ hülltem Antlitz. Frau Haizenberger ſtieß die Thür auf und blieb beim Anblick der weinenden Baronin wie ver⸗ ſteint ſtehen. War es der Dame ſo zu Herzen gegan⸗ gen, daß ſie auf die Vorſteherin ſo lange warten muß⸗ te, das war die ungeſchickte Frage, welche ſich die Aeb⸗ tiſſin vorlegte und blitzesſchnell eben ſo ungeſchickt mit Ja beantwortete. „Macht Euch nichts daraus, gnädige Frau Gräfin, und verzeiht, wenn es möglich iſt,“ ſagte die Hochwür⸗ dige. „Wie, Ihr wißt?“ gab die Gräfin zur Antwort. Dieſe Frage brachte die Aebtiſſin völlig aus der Faſſung. Sollte ſie zugeben, daß ſie etwas nicht wiſſe, wovon die Khuen vorausſetzte, daß ſie Kenntniß habe? Sie erwiederte daher auf's Gerathewohl:„Ich glaube wenigſtens.“ „Nun ſo laßt hören?“ Die Aebtiſſin wußte keinen andern Ausweg, als ihre Höflichkeit zu verdoppeln und die Gräfin zu bitten zuerſt zu reden. Frau von Khuen verſetzte:„Nun in Gottes Namen, ich bitte Euch und das ganze Kloſter um Vergebung, inſoferne ich den geringſten Antheil an dem furchtbaren Aergerniß habe; ich begreife auch jetzt, weshalb Ihr mich ſo lange warten ließet.“ Die Aebtiſſin, die von Allem nichts begriff, ſchüt⸗ telte den Kopf und ſtammelte verlegen:„Euch verzeihen, Euch?“ Die Freifrau nahm das Wort wieder auf:„O ich ſehe ein, daß Ihr meine Fehler für unverzeihlich haltet aber hört mich zuerſt an und Ihr werdet milder urthei⸗ len.“ Die Hochwürdige, der es nicht im Schlaf einfiel zu urtheilen, wurde immer unruhiger und ſagte endlich, indem ſie die Baronin ängſtlich anblickte:„Darf ich die Schweſter Victoria rufen?“. Die Freifrau, welche über dieſen Gedanken empört ſchien, rief:„Wie Ihr wolltet noch das ganze Kloſter zu Richtern über mich machen? Seid unbeſorgt, der Cardinal wird es noch früh genug erfahren, wenn er es nicht ſchon weiß.“ Die Berufung auf den Cardinal jagte der armen Aebtiſſin den alten Schreck in die Glieder; ſie rang die Hände und bot in ihrer Verzweiflung nochmals die Herbeirufung der Schweſter Victoria an. „Was Euch einfällt,“ herrſchte ihr jetzt die Freifrau ebenfalls im Drang der Umſtände zu. Die Aebtiſſin wagte ſich nicht mehr zu rühren. Frau von Khuen, die 65 endlich zu Wort kommen konnte, fuhr fort:„Sie iſt entflohen!“ „Wer?“ fragte die Oberin, welche Schlimmes ahnte. „Eure Novize Francisca.“ „Von wo?“ ſtammelte die erſchrockene Haizenberger. „Aus meinem Hauſe.“ „Sie war bei Euch?“ „Ihr wußtet das nicht?“ Die Aebtiſſin ſtotterte verlegen:„Nein... Ja.. ich vermuthete.“ „Ihr vermuthetet blos?“ „Ja ſeht, die Rappach iſt ein ſo verſchloſſenes Ding.“ „Aber was ſugte ſie Euch denn, wohin ſie gehe?“ „Mein Gott— ſie bot mir zwar auf, es geheim zu halten— aber jetzt muß die Geheimnißthuerei ein Ende nehmen; ſie ſagte, ſie habe ſich dem heiligen Prinz Carl verlobt und bat mich zur Abendandacht hingehen zu dürfen.“ „Zum heiligen Prinzen Carl?“ „Nun, ich las das Leben dieſes Heiligen ſelbſt in „Jurius“ und muß geſtehen, daß er ein großer Heiliger war.“ „Der Prinz Carl?“ „Nun er war zuerſt ein Prinz und nachmals Kai⸗ ſer, was weiß denn ſo ein junges Ding davon, wie die Rappach?“ Haas; Der alte Cardinal. II. 5 „Ich beſorge, daß ſie nur zu viel weiß.“ „Nun ich ſagte Ihr, daß dieſer Heilige auch Carl der Große heißt.“„Ja ganz recht, er iſt auch groß,“ gab ſie mir mit allen Anzeichen der Bewunderung ihres Lieb⸗ lingsheiligen zur Antwort; jetzt wußte ich, daß ſie ſich dem heiligen Carolus Magnus verlobt habe. Sie war recht oft bei dieſer Abendandacht und kam immer ſo fröhlich und getröſtet nach Hauſe, daß ich die Stunde ſegnete, da das früher ſo mürriſche Kind dieſes ſonderbare Ver⸗ trauen zu dem Heiligen faßte. Ich war wirklich nahe daran, dem großen Heiligen einen Altar in unſerer Kloſterkirche zu errichten, wenn mich nicht Schweſter Victoria davon abgehalten hätte; woran ich mich aber nicht hindern ließ, war, daß ich Schweſter Francisca allen meinen Nonnen zum Muſter aufſtellte und ſie aufforderte, dieſes Beiſpiel chriſtlichen Eifers nachzuahmen, und jetzt— es iſt um Einen raſend zu machen— thut mir das Mädchen die Schande an und bleibt eine ganze Nacht außerhalb des Kloſters.“ „Sie war bei mir.“ „Sie hätte nicht lügen ſollen; weshalb ſagte ſie mir, daß ſie abermals zur Andacht ginge.“ „Aber wo ſollte denn dieſe Andacht gehalten werden?“ „Wo? in einer Privatcapelle.“ „Und wem ſoll dieſe Capelle gehören?“ 67 „O ſie hat es mir geſagt, nur fällt mir der Name nicht gleich ein, es iſt ein ſpaniſch klingender Name.“ „Spaniſch?“ „Ja das weiß ich gewiß.“ „Zum Beiſpiel Don—“ „O jetzt weiß ich es ganz, Don Carlos d'Auſtria, kennt Ihr den Cavalier.“ Mit einem Seufzer erwiederte die Gräfin:„Leider nur zu gut.“ „Auch die Capelle?“ „Gott ſei Dank, nein!“ „Als ob das ein Unglück wäre?“ „Ich fürchte, daß es für Francisca ein großes Un⸗ glück iſt. 6 „Hi, hi, hi, wie Ihr das ſo ernſt hervorbringt?“ „Laſſen wir das noch einen Augenblick; ich ſagte, daß Francisca aus meinem Haus entflohen ſei und das iſt es auch, was ich mir vorwerfe; ich hätte vorſichtiger fein ſollen.“ „Ach mein Gott, die Frau Baronin iſt doch die Vorſicht ſelbſt?“ „Hätte ich vielleicht ſelbſt Töchter, ſo wäre ich es geweſen; ich wiederhole, daß ich Euch und dem ganzen Kloſter in Demuth abbitte; obgleich ich mir nach dem, was Ihr mir von der wundervollen Andacht mittheiltet, weniger ſträflich ſcheine.“ 5* „O gar nicht ſträflich.“ „Immerhin genug, daß ich es mir mein ganzes Leben hindurch vorwerfen werde. Wer Mädchen bei ſich aufnimmt, muß auch ihre Tugend zu ſchützen wiſſen.“ „Als ob in Eurem Haus eine Mädchentugend Ge⸗ fahr liefe!“ „Ich hätte es bis zum geſtrigen Tag auch nicht geglaubt.“ „Nebrigens paßt ja das gar nicht auf die Rappach.“ „Warum nicht?“ „Sie trägt ja das Ordenskleid.“ „Ja ſo was ſteht in der Bibel, wenn ich nicht irre, war ſelbſt bei den erſten Menſchen ſo etwas im Spiel.“ „Ganz recht, die Erbſünde ſchreibt ſich daher.“ „Die Erbſünde?“ wiederholte die Vorſteherin gedan⸗ kenlos. „Nun das weibliche Ordenskleid iſt ein doppelt un⸗ terſtrichenes Noli me tangere.“ „Das fügt ſich ſpaßig, die andern Schweſtern nann⸗ 69 ten die Rappach beſtändig ein Noli me tangere; habt Ihr das gewußt?“ „Nein ich habe es nicht gewußt, fürchte aber, daß Francisca ihre Ausnahme machte.“ „Mit dem Rühr mich nicht an?“ „Ja.“ „Hier im Kloſter nicht.“ „Das will ich wohl glauben, aber—“ „Ihr wollt doch nicht ſagen, daß ſie gegen Manns⸗ perſonen,— ich ſchäme mich ordentlich davon zu reden — freundlicher geweſen wäre, als gegen ihre Freun⸗ dinnen?“ Frau von Khuen nickte. „Nicht möglich!“ „O ſo ſehr, daß ſie eben mit dem angeblichen Prinzen Carl entflohen iſt.“ Die Freifrau hatte das Wort kaum ausgeſprochen, als die Hochwürdigſte aufſchrie:„Ich bin des Todes!“ die Augen ſchloß und langſam— wahrſcheinlich um jeden erſchütternden Stoß zu vermeiden— in den weichſten Lehnſtuhl ſank, der im Sprechzimmer vorfindlich war. Mochte dieſe Ohnmacht auch zum theatraliſchen Appa⸗ rat des Kloſters gehören, ſo läßt ſich doch nicht leugnen, daß die gute Aebtiſſin erſchrocken war; die trotz der Ohn⸗ macht zappelnden Beine und die noch um einen Grad erhöhete Fieberröthe ihres beſtändig in roſenfarbener t 4 70 Helle erglänzenden Antlitzes ließen darüber keinen Zwei⸗ fel aufkommen. Seien wir gerecht, Mutter Victoria war gegen ihre Nonnen in der Regel mütterlich geſinnt und würde ohne die Haupteigenſchaft ihres Charakters, die Schwäche war, eine ziemlich gute Aebtiſſin abgegeben haben. Das Unglück ihrer Tochter Francisca und die Schande, welche das ganze Kloſter bedrohte und der Zorn des ſtrengen Cardinals, den die Frau Hatzenberger wenigſtens eben ſo fürchtete als verehrte, beſtürmten das Gemüth der Hochwürdigen auf das Aeußerſte. Sie erwachte mit einem Thränenſtrom aus ihrer Ohnmacht und ſtreckte der Gräfin ihre kurzen dicken Arme flehend entgegen:„Wenn uns Jemand helfen kann, ſo ſeid Ihr es,“ ſagte ſie;„Ihr ſeid mächtig, habt den Cardinal auf Eurer Seite, Ihr könnt das arme Mädchen und uns ſelbſt retten.“ „Ob ich das Mädchen retten kann, weiß ich nicht, und Ihr— ſeid Ihr denn in Gefahr?“ „Wir nicht in Gefahr? ich glaube, daß mich ein Nervenſchlag in dem Augenblick trifft, als der Cardi⸗ nal in ſeinem Zorn auf mich zuſchreitet.“ „Daß Ihr dieſen Mann ſo wenig kennt.“ „Habt Ihr ihn ſchon zornig geſehen?“ „Zornig nie, aber eifrig!“ 71 „Nun es kommt auf Eins hinaus, wenn mich der Schlag über den Eifer des Cardinals trifft.“ „Er wird Euch nicht treffen.“ „Erlaubt, daß ich mich ſelbſt beſſer kenne und wie⸗ derhole, er wird mich treffen.“ „Und giebt es kein Mittel, den Eifer des Cardi⸗ nals zu beſchwichtigen?“ „Wenn Ihr keines wißt, ich habe höchſtens die Nichte des Cardinals, Schweſter Victoria.“ „Nun ſo wendet das Mittel an.“ „Ja wenn mir nicht Schweſter Victoria hundert Mal geſagt hätte, daß ſie auf die Andachten außer der Kloſterkirche wenig halte, und dennoch...“ „Wollt Ihr in den ſauern Apfel beißen?“ „Eher als ich mich dem Zorn, dem Eifer wollte ich ſagen, Sr. Eminenz ausſetze.“ Die Freifrau gelobte der unglücklichen Oberin kein Mittel unverſucht zu laſſen, den Cardinal verſöhnlicher zu ſtimmen und ſchickte ſich zum Gehen an. Die hochwürdige Mutter nöthigte ihr noch einige Erzeugniſſe klöſterlicher Thätigkeit, wie da ſind Fleck⸗ austilgungsmittel, Magentropfen, ein ſorgfältig aus Lin⸗ denholz geſchnitztes Leiden Chriſti, Marzipankuchen dc. auf. Frau von Khuen war längſt weggegangen und die Aebtiſſin eben beſchäftigt, Karpfen⸗, Hecht⸗ und Aalbrät mit einem gekrümmten an den beiden Enden anzufaſſen⸗ —— den Meſſer klein zu hacken, als ihr ein mit dem biſchöf⸗ lichen Siegel verſehenes Schreiben übergeben wurde. Sie zauderte einen Augenblick, ob ſie ſich bei dem hochwich⸗ tigen Stadium, in welchem ſich die Pauliner⸗Würſte eben befanden, ſtören laſſen oder den Brief erſt nach Tiſch leſen ſollte. Im Falle der Brief im Zorn geſchrieben iſt, dachte ſie, verdirbt er mir die zur Anfertigung dieſes Leibge⸗ richtes durchaus nothwendige gute Laune und ich werde einen ſo ſtarken Rückfall haben, daß ich die Producte meiner Kochkunſt ungenoſſen laſſen muß; es iſt aber ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe Zuſchrift,— ſie blickte traurig auf die von Khleſls eigener Hand geſchriebene Adreſſe,— bitterer iſt, als alle dieſe Kräutlein, welche ich zum Pu⸗ peton benöthige; ich will den Brief alſo lieber nicht leſen. Sie ließ ſich, da ihre Hände ſchmutzig waren, den Brief eben in den Sack der Küchenſchürze ſtecken, als Schweſter Victoria meldete, daß Martin, der Kammerdiener des Cardinals, auf Beſtätigung warte.„Jetzt, o heilige Mutter Anna ſtehe mir bei,“ murmelte die Hochwürdige, trocknete ſich die naſſen Hände am Küchentuch und eilte nach ihrem Zimmer.„Liebe Khleſl, auf einen Augenblick!“ rief ſie der geiſtvollen Schweſter Victoria zu,„nicht wahr, das Pupeton wird gut,“ fuhr ſie fort,„die Kräu⸗ ter geben dem Fiſch einen ſo vortrefflichen Geſchmack, daß 73 man ſo einen großmauligen, dummen Karpfen deſſen gar nicht für fähig halten ſollte. Nachdem ſie die Schweſter auf dieſe, nach ihrer Art ſchlaue Weiſe mit Küchengeſprächen in das Zimmer gelockt hatte, zog ſie den Brief hervor und ſagte:„Ich bevollmächtige Euch, Schweſter Victoria, dieſes biſchöfliche Schreiben in meinem Namen zu entſiegeln und durchzu⸗ leſen, ich ſehe indeß nach dem Pupeton und den Würſten — nein fangt erſt zu leſen an, wenn ich in der Küche bin— Ihr werdet mir Nachmittags, nicht eher ſagen, was der Inhalt iſt, außer— wozu ich freilich wenig Hoffnung habe— wenn der Inhalt nicht ſo entſetzlich lautet, als ich befürchte.“ Mit dem letzten Wort war ſie, ohne Antwort abzuwarten, zur Thüre hinaus. Wer vermochte den Blick zu überſetzen, den ihr Schweſter Victoria nachſandte? Sie öffnete das Schreiben, las es flüchtig durch und blieb geraume Zeit im Nach⸗ ſinnen verloren ſtehen; der Brief ſchien ſie vielmehr zu beunruhigen, als es der Inhalt zu rechtfertigen ſchien; dieſer war vielmehr der Art, daß Schweſter Victoria ſich für verpflichtet hielt, ihn der Aebtiſſin noch vor dem Mittagsmahl mitzutheilen. Die Hochwürdige ſchrack zu⸗ ſammen, als Schweſter Victoria die Kloſterküche betrat; der erhöhte Ernſt ihrer Geſichtszüge ſchien zu einer freund⸗ lichen Botſchaft wenig zu ſtimmen. Die Nonne flüſterte der erſchrockenen Oberin zu:„Kommt, und leſ't ſelbſt!“ —— Dieſe erwiederte aber, wie ein Kind, das man ver⸗ ſicherte, daß der Rauchfangkehrer oder Jude ſchon fort ſei:„Seid Ihr auch gewiß, daß nicht Böſes darin iſt?“ Sie ging endlich auf ihr Zimmer, ließ aber Schweſter Victoria nicht von ihrer Seite, dann drehte ſie den Brief einigemale um, als ob ſie fürchtete, daß plötzlich der zornige Cardinal herausſpränge, und entfaltete endlich zitternd das Papier. Der Eingang tröſtete ſie einiger⸗ maßen; der Leſer möge ſelbſt urtheilen. Der Cardinal ſchrieb:„Obſchon ich gegründete Urſache hätte, mit der Art und Weiſe, wie die Kloſterdisciplin in der Himmel⸗ pforte, die ich als meine Stiftung mit beſonderer Liebe und Sorgfalt umſchließe, geübt wird, unzufrieden zu ſein, ſo will ich Euch in der Ueberzeugung, daß Euer mütterliches Gemüth durch das, was ſich kürzlich zu⸗ getragen, ohnedies tief betrübt ſei, mit jedem Vorwurf verſchonen. Ich wünſche uns Allen nur noch Glück, daß es ſich hier blos um eine Novize und um keine wirkliche Kloſterfrau handelt. Der Zukunft willen ſage ich Euch nur Eines, daß Ihr zu gut und nachſichtig ſeid und durch dieſe Eigenſchaften fremde Sünden auf Euch ladet.“ Als die Aebtiſſin an dieſe Stelle kam, brach ſie in lautes Schluchzen aus und vermochte nur in abgeriſſenen Worten zu wiederholen:„Ich... bin 31... zu gut und nach... nachſichtig, ſchreibt der... der Car... 75⁵ Car... dinal.“ Erſt nach einer halben Viertelſtunde vermochte die leicht gerührte Dame in der Lecture fort⸗ zufahren. Blicken wir über ihre Schulter in den Brief, er lautete weiter:„Ich kann mir Euer Leidweſen vor⸗ ſtellen, darum rufe ich Euch zu: Gott allein weiß, wozu Alles gut iſt, beſſer eine abtrünnige Novize, als eine ruchloſe Kloſterfran. Ich habe die Sache in meine Hand genommen, und hat ſich daher kein Menſch weiter darum zu kümmern; ich will, daß davon im Kloſter ferner keine Rede ſei und die Francisca ſo gänzlich vergeſſen werde, als ob ſie niemals unter Euch gelebt hätte; imgleichen befehle ich den Namen dieſes ehrvergeſſenen Mägdleins aus der Kloſtermatrikel auszutilgen. Sollte ich wieder im Himmelpfortkloſter einſprechen, ſo verbiete ich Jeder⸗ mann von der Novize mit mir zu ſprechen. Und nun empfehle ich mich Euerm und der ehrwürdigen Schweſtern Gebet, da ich wohl vor meiner ungarif ſchen Reiſe ſchwer⸗ lich zu Euch kommen werde; grüßt mir deneniders c Jung⸗ frau Breunerin, und Eva⸗Roſine ſoll mir ſchreiben, wenn ſie ein Anliegen hat, verſteht ſich, daß ich kein Wort von der Gaſſenläuferin hören mag. Indem ich Gott bitte, Euch und Euerem Hauſe ſeinen erhabenen Schutz angedeihen zn nläfſen verbleibe ich Euer wohlmeinender 8. K., E. V. So viel Stoff Schweſter Virtutin zum Nachdenken gefunden hatte, ſo viel fand die Oberin zu ihrer Be⸗ ——— 76 ruhigung; ſie lachte und weinte zugleich, drückte Schweſter Victoria an die Bruſt, verſicherte ſie, daß ſie ihr liebes Turteltäubchen ſei, und rief ein über das andre Mal: „Das nenne ich mir einen chriſtlichen Mann? Was Nachforſchungen? Was Vorwürfe? Solche Dinge ſind gegen meine Natur. Wozu geht man denn in's Kloſter, wenn nicht der Ruhe halber. Nun erregt aber Alles das große Unruhe, deshalb hat unſer würdiger Biſchof den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er von der Rappach nichts mehr hören will; ich bitte Euch, liebe Khleſl, ſagt ihnen Allen, daß es des Cardinals und der hochwürdigen Frau ausdrücklicher Wille ſei. Die mir noch ein Wort von der Gaſſenläuferin ſpricht, wie ſich der Cardinal in ſeinem Zorn, Eifer wollt' ich ſagen, aus⸗ drückt, geht auf ihre Zelle und bekommt 24 Stunden hindurch nichts als Waſſer und Brot. Und künftig, das verſpreche ich Euch, Khleſl, keine Andachten außer Haus mehr. Ich habe mit dem großen Carl gerade genug. Ein Glück, wie der Cardinal meint, daß es eine Novize be⸗ trifft, die hat noch allen fleiſchlichen Sinn an ſich gehabt; wäre es dagegen eine Nonne, ich glaube, ich hätte ſie einmauern laſſen; ja lächelt nur. Wenn ich auch gut und nachſichtig bin, ſo möchte ich doch nicht für mich ſtehen, was ich mit der Rappach anſtellte, wenn ſie mir ſo vor das Geſicht träte. XIII. Capitel. Viribus unitis. Eckart hatte ſeiner wiedergefundenen Jugendfreundin, als ſie ihn zum Beſchützer der Novize auserſehen hatte, fromm und treu in's Auge geblickt und ihr durch einen warmen Händedruck, welcher ſagen wollte:„Laßt mich nur machen und ſeid unbeſorgt,“ die Verſicherung ge⸗ geben, die freiwillig übernommene Pflicht zu erfüllen. Ach, wie leicht ſind Verpflichtungen übernommen und— wie ſchwer fällt oft ihre Erfüllung! Niemand fühlte das beſſer als der junge Mann. Er durchritt alle Straßen und Gaſſen der Stadt, durchforſchte Gaſt⸗ höfe und Privatwohnungen, Kirchen und öffentliche Plätze — keine Spur von Francisca, und doch mußte ſie in Wien oder wenigſtens in der Nähe der Stadt ſein. Warum? Weil Eckart ſchon am folgenden Tage Don 78 Carlos von Oeſterreich durch die Kärthnerſtraße hin⸗ ſprengen ſah, daß die Steine unter den Hufen Funken ſprühten; am zweiten und dritten Tage war Don Car⸗ los noch immer in Wien. War es nicht eine ausge⸗ machte Sache, daß ſich Francisca nicht weit von ihrem Liebhaber finden mußte? Eckart war zu dieſer ſeiner Menſchenkenntniß— die wir noch kein einziges Mal erſtaunenswerth zu fin⸗ den Gelegenheit hatten— höchſt ehrenden Schlußfol⸗ gerung durch eine ſinnreiche Argumentation von ſeiner Perſon auf andere gelangt. Er geſtand ſich, daß er Euphroſine nicht ohne die äußerſte Noth verlaſſen würde, und doch war Euphroſine vorläufig nicht ſeine Geliebte. Um wie viel feſter und inniger mußte der kaiſerliche Baſtard an einem Frauenzimmer hängen, das ihm aller Wahrſcheinlichkeit nach unzweifelhafte Proben von Ge⸗ genliebe gegeben hätte. Eckart beſuchte alſo am zweiten Abend nach Khleſl's Friedenspredigt das Haus der Freifrau von Khuen und ſagte kurz:„Fräulein Rappach iſt in Wien, ich weiß es.“ Auf die von Euphroſinen geäußerten Zweifel ant⸗ wortete er nur mit einem ſpöttiſchen Lächeln und wie⸗ derholte:„Sie muß hier ſein!“ Das war für den erſten Abend genug; aber da⸗ bei konnte er nicht ſtehen bleiben; am dritten Abend wußte er nicht mehr, und am vierten mußte er ſich ge⸗ 79 ſtehen, daß die Wahl keine glückliche war, die auf ihn fiel. Er vermied, ſo ſchwer es ihm auch ankam, Euphro⸗ ſine zu ſehen; das Geſtändniß, nach dem vielverſprechen⸗ den Anfang noch gar nichts entdeckt zu haben, fiel ihm zu ſchwer; er beſchloß, ſich einem Freund anzuvertrauen; aber hatte er denn einen Freund? Nicht eigentlich, ſeine abgeſonderte Erziehung hatte ihm jeden Altersgenoſſen ferngehalten, doch lernte er einen jungen Adeligen flüch⸗ tig kennen, deſſen Vater ein Gütchen in der Nähe von Obermais beſaß. Er hatte den jungen Menſchen in Knielenberg getrof⸗ fen, ſeiner aber gegen Euphroſine um ſo minder Erwäh⸗ nung gethan, als der junge Mann um zwei Jahre jünger als er ſelbſt, das verachtete Hänschen, damals noch ein kleiner Knabe war, deſſen ſich Euphroſine unmöglich ent⸗ ſinnen konnte; ſpäter hatte ihn Eckart zu Innsbruck ge⸗ ſehen, dann wieder zwei Jahre gar nicht, bis er eines Tages mit ſeinem Vater, dem Erzherzog, durch das Ge⸗ birge nach Sct. Valentin hinüberpilgerte, da erblickte er den zu jener Zeit ſechszehnjährigen Burſchen, wie ihn ſein Vater am Kragen gepackt hielt und derb durchſchüttelte. Er hätte ihn vielleicht noch länger geſchüttelt, wenn er nicht des Erzherzogs anſichtig geworden wäre. Dieſe Erſchei⸗ nung wirkte auf den alten Edelmann zauberhaft, er ließ den Rockkragen des Jungen fahren und ſtellte ſich, als ob gar nichts vorgefallen wäre, in der achtungsvollſten Hal⸗ tung von der Welt an die Seite des Kirchthores. Zu ſpät, das ſcharfe Auge des Erzherzogs hatte die Familien⸗ ſcene am Kirchplatz bemerkt, und wenn auch das nicht, Wolfgang, der am Kragen geſchüttelte Sohn des Cava⸗ liers, beſaß durchaus nicht die gleiche Selbſtbeherrſchung wie ſein Vater, oder iſt vielleicht ein Unterſchied in der Denkweiſe eines Schüttelnden und eines Geſchüttelten? Um kurz zu ſein, Wolfgang verzichtete auf die Eutaxia, deren ſich der alte Rolandin rühmen konnte, wandte den Ankömmlingen den Rücken zu und ſtand mit gegen die Mauer gekehrtem Geſichte da. Eckart war ein guter Junge, dieſes Geheimniß hat ſich von ſelbſt mitgetheilt, und er bedauerte, da er ſo gut wie der Deutſchmeiſter die Mißhandlung des jungen Menſchen mit angeſehen hatte, den armen Wolfgang, der ſich widerſtandslos hatte ſchütteln laſſen, was doch in An⸗ betracht der Heiligkeit des Ortes und der Anweſenheit einer ziemlich zahlreichen Wallfahrtsproceſſion keine Klei⸗ nigkeit war. Wenn aber Jemand bedauernswerth war, ſo war es der eeremoniöſe Vater, welcher, je größer die Annäherung des Erzherzogs wurde, in deſto ſteigendere Verlegenheit gerieth. Anfänglich mahnte er den jungen Mann, ſich umzudrehen, dann nahm er ſeine Zuflucht zu Bitten, zuletzt zu Drohungen. Wolfgang blieb ſo taub als die Wand, gegen die er ſich lehnte. Der Alte gab ſich einer letzten Hoffnung hin: viel⸗ 81 leicht muthmaßte der Erzherzog nicht, daß der ungerathene Schlingel ſein Sohn war. Keine eitle Hoffnung! Die Züchtigung im Angeſicht der Kirche war eben kein zuver⸗ läſſiges Merkmal der Vaterſchaft, und Max, der ſeinen Sohn ſo mütterlich⸗zärtlich liebte, konnte ſich nicht die väterliche Autorität in vertrauter Berührung mit dem Rocktragen des Sohnes denken. Aber der verrätheriſche Eckart war das trügeriſche Felsriff, an dem die Hoffnung des Herrn von Rolandin ſcheiterte. Eckart hatte ſeinem Vater zugeflüſtert:„Seht Durchlaucht, den großen Burſchen, und muß ſich vor aller Welt wie ein Körnerſack durchſchütteln laſſen.“ Max ging gerade auf den alten Rolandin zu; in demſelben Augenblick wandte ſich auch der junge Menſch um, ſeine Augen waren ſchwer von Thränen, die er nur mühſam zurückhalten konnte. Der alte Mann knixte und ſchien über die ver⸗ weinten Augen ſeines Sohnes in großer Verlegenheit. Der Erzherzog wandte ſich mit vieler Huld an den Burſchen und fragte um die Urſache ſeiner Betrübniß. Wolfgang ſchwieg vorerſt, alsgleich nahm der Vater für ihn das Wort:„Der Bube iſt Eurer Durchlaucht Gnade nicht werth, ein unbändiger, ſchlechter Bube, auf Ehre und Seligkeit! Lernt nichts, iſt von üblen Sitten, hängt Katzen und Hunden und zuweilen auch Menſchen Schellen an, ſtellt aber auch Männern ein Bein und Haas: Der alte Cardinal. II. 6 82 wirft greiſe Mütterchen zu Boden, prügelt die Lehrer und öffnet den Schülern den Carcer.— Ich wäre ein glücklicher Mann, wenn ich kein ſo unglücklicher Vater wäre!“ Eckart merkte, wie ſich Wolfgang die Lippen zerbiß und mit ſich ſelbſt kämpfte. Augenſcheinlich hatte der Jüngling den väterlichen Klagen Manches entgegenzu⸗ ſetzen, warum that er es nicht? Ach der Blick des Erz⸗ herzogs lag ſo finſter und ſchwer auf ihm und Wolfgang war erſt ſechszehn Jahre alt. Jener finſtere Blick verkündigte in der That, daß der Vater gewonnenes Spiel hatte; es ſchien jeden Au⸗ genblick, als ob ſich die mit Glektricität erfüllte Wolke über den armen Knaben entladen ſollte; Herr von Ro⸗ landin verſtand dies ſehr gut und wollte ſeinen Vortheil nützen und dieſe Unbehutſamkeit verdarb Alles, er ſagte: „Ja Euere Durchlaucht, des Buben ſchlechte Leidenſchaften führten ihn bis— bis zur Gewaltthätigkeit gegen die eigne Mutter.“— Dieſe Anklage war unklug, denn ſie brachte den Knaben dahin, ſeine natürliche Schüchtern⸗ heit zu bezwingen; er trat einen Schritt vor und erhob ſein klares, offenes, noch thränenfeuchtes Auge gegen den Erzherzog, und ſagte daun mit furchtloſer Stimme:„Ich weiß es, daß ich ein ungeſtümer, böſer Bube bin und ich hätte mir wohl oft der wilden Streiche wegen ſelbſt eine Maulſchelle geben mögen, aber was der Vater ſagt, 83 iſt mit Euerer Durchlaucht Erlaubniß nicht wahr. Ich habe allerdings des Vincenz ſcheckiger Katze Schellen angebunden und meinem ältern Herrn Bruder, dem lan⸗ gen Fritz, ein Bein geſtellt, da er die kleine Agnes zu prügeln drohte, aber gegen die Mutter, ob ſie gleich eine böſe, böſe Stiefmutter iſt, wie dergleichen in der Geſchichte von Schneewitchen vorkömmt, habe ich es nie an Freundlichkeit fehlen laſſen; wenn aber der Herr Vater Alles für wahr hält, was das böſe Weib erzählt, iſt das meine Schuld?“ Der Erzherzog ſah den Vater fragend an. Dieſer zögerte mit der Antwort länger, als für ſeinen Vortheil gut war; der Deutſchmeiſter wandte ſich daher an den Knaben und fragte geradezu, was den Anlaß zum letzten Streit gegeben habe? Dem Knaben kam nichts er⸗ wünſchter als dieſe Frage, er ſprach:„Sagt ſelbſt, Durchlaucht, ob es ein ſo großes Verbrechen iſt, ein tüch⸗ tiger Reitersmann werden zu wollen; mein Herr Vater behauptet, daß alle Kriegsleute des Teufels wären; nun ſagte ich ihm, daß Euer Durchlaucht wohl auch des Teufels ſein müßten, da man Euch als einen ſo vor⸗ trefflichen Kriegsmeiſter rühmt. Da wollte aber der Va⸗ ter nichts davon wiſſen und zeigte mir ſeinen langen Stock; das, meinte er, ſei das Pferd, das ſich am Be⸗ ſten für mich tauge, nur ſoll es auf meinem Rücken ſitzen, ſtatt ich auf dem ſeinigen. Da mir der Vater beſtän⸗ 6* 84 dig droht, mich auf die Straße zu ſetzen, habe ich nicht Recht, unter die Reiter zu gehen?“ Der Erzherzog, der unwillkürlich lächeln mußte, fragte den Alten:„Wie iſt's, wollt Ihr den Jungen wirklich nicht zu den Reitern laſſen?“ Der Alte ſagte:„Ich habe dem Jungen eben vor Eurer Durchlaucht Ankunft in aller Sanftmuth meine Anſicht mitgetheilt. Der Reiter bedarf eines Pferdes, ja mehrerer Pferde. Wo ſoll ich, der Vater von drei min⸗ derjährigen und zwei ausgewachſenen Kindern die Pferde hernehmen?“ „Wenn aber ein Pferd das Glück Eures Kindes machen könnte?“ Rolandin gerieth in Verlegenheit; endlich fragte er kleinlaut, ob es wohl ſeine„Bläſſe“ thun würde? „Er meint den alten Ackergaul,“ fiel Wolfgang er⸗ ſchreckt ein,„der auf einem Auge blind iſt und mit dem rechten Vorderfuß hinkt.“ „Nein,“ verſetzte der Deutſchmeiſter,„mit dem Acker⸗ gaul iſt nichts zu machen.“ Ganz getröſtet erwiderte der Alte:„Nun dann müßt Ihr ſelbſt einſehen, daß es unmöglich iſt, ganz unmöglich, ſage ich.“ „Seid Ihr denn ſo arm?“ „Arm, o ſehr arm.“ „Das thut mir des guten Jungen willen leid.“ 8⁵ Deer gute Junge aber lag wieder in einem ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt; er hätte für ſein Leben gern ge⸗ redet und wagte es nicht; wieder war es aber ſein un⸗ natürlicher Vater, der durch das Uebermaß der Klagen die Zunge des zaghaften Jünglings entfeſſelte; er ver⸗ ſetzte:„O ſagt nicht, Durchlaucht, dieſes ungerathenen Bubens willen; mein Fritz iſt ein ſtattlicher Junge von ſechs und zwanzig Jahren, möchte heirathen, eigen Haus und Hof haben und ich kann ihm nichts, gar nichts ge⸗ ben als ein kleines Vorwerk, etwas Wieſe, ein Stückchen Wald, nicht mehr.“ Nun konnte ſich Wolfgang nicht länger halten und platzte heraus:„Der Fritz iſt aber des Vaters Stief⸗ ſohn, der ſchon zehnmal mehr gekoſtet, als wir Alle zu⸗ ſammen. Sagt, Herr Vater, wie viel Ihr verfloſſenen Jahres dem Kloſter Stams für eingeſchlagene Fenſter, angebohrte Weinfäſſer und übel zugerichtete Knechte zah⸗ len mußtet?“ Dieſe dem Knaben abgedrungene Frage erſchöpfte das Maß der Geduld des Deutſchmeiſtere, die ohnedies nie ſehr groß war. Er donnerte Herrn von Rolandin zu: „Iſt das Wahrheit, was Euer Sohn ſpricht? Bedenkt Euch, ehe Ihr antwortet, denn uns belügt man nicht; iſt es wahr?“ Der alte Mann, der Wolfgang lieber zu einer Car⸗ bonade zerklopft hätte, murmelte etwas von unverſtan⸗ 86 denen Verhältniſſen; der Erzherzog nickte aber und ſagte: „Es iſt alſo wahr, und dem wackeren Buben, der nicht glaubt, daß alle Kriegsleute, mich eingeſchloſſen, des Teufels ſeien, wollt Ihr ein armſeliges Pferd vorenthalten, während Ihr den ungerathenen Schlingelvon Stiefſohn, wel⸗ cher die Fäſſer der ehrwürdigen Mönche anbohrt, ihre Knechte mißhandelt und ihnen in frevelhaftem Uebermuth die Fenſter einſchlägt, für alle dieſe Schändlichkeiten belohnt. Geht mir aus den Augen, Ihr unnatürlicher Vater, aber Wolfgang ſoll ein Pferd haben und das ein recht bra⸗ ves Pferd, ich werde dafür ſorgen. Dann wandte er ſich unmittelbar an den Knaben und ſagte in befehls⸗ haberiſchem Tone: Du meldeſt Dich von heute in acht Tagen, wenn es dann noch Dein Entſchluß iſt, dem Kai⸗ ſer zu dienen, in der Burg zu Innsbruck, ich ſchicke Dich dem Fuchs von Bimbach, zu einem wackern Kriegs⸗ mann.“ „Iſt er ein tüchtiger Reiter?“ wagte der Knabe zu fragen. „Das juſt nicht.“ „Ich möchte aber ein Reiter werden,“ flüſterte Wolfgang niedergeſchlagen. Eckart blickte den Erzherzog vorbittend an, daß dieſer endlich ſagte:„Nun meinethalben, ich will an den Dampierre ſchreiben.“ Der junge Rolandin machte einen Rundſprung, als 87 er das hörte, wie er ſich gewiß für einen jungen Ca⸗ valier ſehr wenig ſchickte, aber dagegen zur tyroliſchen Aufrichtigkeit des Knaben vortrefflich paßte. . Wir ſchätzen nicht ſelten Eigenſchaften untergeord⸗ neter Art, welche uns fehlen, an Andern viel höher, als die eigenen ſoliden Fähigkeiten, die wir beſitzen. Der Erz⸗ herzog, deſſen Haupttugend gewiß die Aufrichtigkeit nicht war, fühlte ſich gerade durch dieſe Eigenſchaft des Kna⸗ ben ganz beſonders angezogen. Er ermunterte ihn mit ſcharfer Betonnng fortzufahren, ſtets die Wahrheit zu reden und Wort und That in ſchönen Einklang zu brin⸗ gen, dann werde er gewiß ſeinen Weg machen. Der Alte rümpfte zwar die Naſe, unterſtand ſich aber nicht, dem Willen des ſtrengen Erzherzogs entge⸗ gen zu handeln. So wurde Wolfgang Rolandin ein Reitersmann. Eckart beſann ſich in ſeiner Verlegenheit des jun⸗ gen Mannes, von welchem er gehört hatte, daß er ſich gerade in Wien aufhalten ſolle, und er beſchloß, ihn auf⸗ zuſuchen. Eckart hatte nun freilich nicht die Abſicht, ſich bei dem noch jüngeren Officier Rathes zu erholen, aber ſchon die Mittheilung ſelbſt vertritt oft, indem wir da⸗ durch auf dieſes oder jenes Auskunftsmittel geleitet wer⸗ den, die Stelle des freundlichſten Rathſchlages; endlich war der beſagte junge Menſch vier Jahre früher als er 88 ſelbſt in die Welt getreten und hatte, was in den Augen des Hauptmanns das Meiſte galt, Wien viel früher und beſſer kennen gelernt als er ſelbſt; es war daher ſehr möglich, daß der junge Lieutenant Beſcheid wußte, wo ſich der Hauptmann ohne alle Ausſicht auf Erfolg ſah. Wir werden im Verlauf der Erzählung ſehen, in wie weit dieſe Gedanken Berechtigung hatten. Eckart erfuhr von Obriſt Khuen, wo er die Küraſ⸗ ſiere Dampierre's zu ſuchen hatte; ein Theil des Regi⸗ mentes lag jenſeits der hölzernen Donaubrücke in den verſchiedenen Ortſchaften des Flußgeländes zerſtreut. Die Officiere thaten aber, was die Officiere aller Nationen in Friedenszeit thun, ſie lungerten auf den öffentlichen Plätzen der Stadt herum, ſchlenderten hübſchen Mäd⸗ chen nach, verwürfelten das Ihrige und auch noch das Anderer, tanzten, wo es nur Gelegenheit zum Tanzen gab, ſuchten Händel, prügelten die ehrlichen Bürger, die ſich die Verführung ihrer Frauen und Töchter nicht zur beſondern Ehre anrechneten, und fochten, was wieder nicht die Sache der Officiere aller Nationen iſt, wenn ſie mit dem Feind handgemein wurden, wie eingefleiſchte Teufel. Eckart wußte nun wenigſtens, wo er ſeinen jungen Freund zu ſuchen habe; er ließ ſich den ſchönen Braunen ſatteln, den er vom Erzherzog zum Geſchenk er⸗ halten und ritt über die Brücken. Man weiß nämlich, daß ein ganzes Syſtem von Brücken beſteht, die man .—,— 89 überſchreiten muß, um an das jenſeitige Ufer des viel⸗ getheilten Stromes zu gelangen. Er traf in Stam⸗ mersdorf, wo ein Fähnlein Küraſſiere lag, ſeinen Ju⸗ gendgeſpielen, den Lieutenant Wolfgang Rolandin. Nach den erſten Begrüßungen ging Eckart ſogleich auf den Zweck ſeines Beſuches über. Er theilte dem jungen Officier bei einer Flaſche Wein die Geſchichte der Novize mit und ließ ſich die ſtrengſte Geheimhaltung mittelſt feierlichen Handſchlags zuſichern. Wolfgang hörte ihn geduldig an und ſagte zuletzt: „Ich müßte mich ſehr irren, wenn Ihr der einzige Menſch wäret, der ſich des armen Mädchens annimmt.“ „Ja wenn noch jemand Anderer davon wiſſen könnte.“ „O ich weiß Jemand, der davon wiſſen muß und eine größere Macht beſitzt, als ich und Ihr und das ganze Dampierreſche Regiment zuſammen genommen.“ „Und wer wäre das?“ „Hm, der Cardinal Khleſl.“ „Ihr glaubt, daß ſich der alte Herr in die Sache mengt?“ „O ich meine nicht nur, ich weiß gewiß. Iſt nicht der Cardinal der Schutz⸗ und Schirmherr des Himmelpfortkloſters?“ „Ihr könnet Recht haben, aber was ändert das, es werden alſo zwei Männer über das unglückliche Mäd⸗ chen wachen ſtatt Eines, um ſo beſſer.“ „Sei es, daß der Küraſſier es nicht um ſo beſſer fand oder daß die ganze Geſchichte nicht nach ſeinem Geſchmack war; er ſeufzte ſo hörbar, daß ihn der Haupt⸗ mann fragte:„Weshalb ſeufzt Ihr?“ „Habe ich geſeufzt; wenn das iſt, ſo entſchuldigt, es iſt eine üble Gewohnheit von mir.“ „Allerdings, denn man iſt nur geneigt, liebeskranken Mädchen das Seufzen zu verzeihen.“ „Wohin meint Ihr, daß Carl von Oeſterreich das Mädchen gebracht hat?“ „Eine ſchöne Frage? bin ich ein Zauberer?“ „Das nicht, doch denke ich, ſolltet Ihr Euch auf derlei Angelegenheiten beſſer verſtehen als ich.“ „Als Ihr gewiß, dennoch iſt es ſchwer, einen ſo ſonderbaren Burſchen, wie dieſen Carlos zu errathen.“ „Ihr ſeid aber doch meiner Anſicht, daß Francisca in Wien oder in der nächſten Nähe von Wien ſein müſſe?“ „Ich laſſe Eurem Scharfſinn gerne alle mögliche Gerechtigkeit widerfahren und ſtimme ſomit Eurer Mei⸗ nung bei.“ „Wo werden wir ſuchen?“ „Ei man muß dem Baſtard auf Schritt und Tritt 91 „Er wird Händel anfangen, denn er ſcheint mir ſtreitfüchtig.“ „Man muß ihm eben unbemerkt folgen.“ „Wollen wir unſern Kreuzzug beginnen?“ „Ihr ſeid beritten und ich nicht.“ „Ich leih Euch mein zweites Pferd.“ „Sei es.“ Eine halbe Stunde ſpäter ſaßen beide Jünglinge im Sattel; das Glück war ihnen günſtig, ſie gelangten gerade im ſelben Augenblick auf den Burgplatz, als die Kutſche Carls von Oeſterreich vor der Stiege hielt, die zu den Zimmern des Kaiſers führte. XIV. Capitel. Wie die Bewohner von Vernhardsthal das Blindekuh⸗ ſpiel verſtanden. Die beiden Officiere warteten eine gute halbe Stunde, bis der junge Cavalier die Treppe herunter⸗ ſtieg und ſich in den Fond ſeiner Kutſche warf. Eckart wandte ſich ſorgfältig ab, da er beſorgte, von dem Ba⸗ ſtard erkannt zu werden; Wolfgang blickte dagegen dem Eigenthümer des Wagens trotzig in's Antlitz. Don Carlos war aber viel zu angelegentlich mit ſeinen eige⸗ nen Gedanken beſchäftigt, als daß er ſich um die jun⸗ gen Leute bekümmerte; er flüſterte dem Bedienten, ohne nur aufzublicken, ein Wörtchen zu, und die Kutſche rollte duvon. 1 Die beiden Reiter folgten in einiger Entfernung; die Kutſche nahm den Weg durch's„Wiednerthor,“ 93 machte dann plötzlich eine Schwenkung, überſetzte den Wienfluß und hielt vor der„Göbliſchen Schleif⸗ mühle,“ die ſpäter zwei Gaſſen den Namen gegeben hat. Die„untere und obere Schleifmühlgaſſe“ leiten ihren Namen von jenem Fabriksgebäude her. Carl von Oeſterreich verließ den Wagen und betrat die berühmte Waffenſchleiferei, welche der Urahn des gegenwärtigen Fabriksherrn, Hans Göbel, 1582 er⸗ richtet hatte. Wie alle böſen Eigenſchaften ſeines Vaters Rudolf II., ſo war auch deſſen Kunſtſinn und Geſchmack an Kunſt⸗ erzeugniſſen auf Don Carlos d'Auſtria übergegangen. Er verſtand ſich auf Gemälde, Münzen, Bildhauerarbeiten und ſchöne Waffen, wie kein anderer Mann in Oeſter⸗ reich. Der Baſtard hielt ſich darum mit Vorliebe an ſolchen Orten auf, wo ihm eine Auswahl ſolcher Dinge zu Gebote ſtand. In Göbels Werkſtätte gab es allerlei Gewaffen, vom kurzen Dolch angefangen bis zum langen ſpaniſchen Stoßdegen. Blanke Küraſſe und Pickelhauben hingen an den niedrigen Wänden, halb fertige Schwerter lagen auf dem Boden zerſtreut, Hellebarden zwanzig bis dreißig ſtanden auf einem Bündel zuſammengeſtellt in einer Ecke und harrten noch der Hände, die dem rauhen Holz die nö⸗ thige Glätte und Politur verleihen ſollte. Der junge Cavalier mit der vornehmen ein wenig gebeugten Haltung, dem ſchönen aber etwas bleichen Geſicht, das durch die tief liegenden und roth unterlau⸗ fenen Augen entſtellt wurde, unterſuchte Alles mit Kenner⸗ blick; er ließ ſich durch keinen äußern Schimmer blenden, ſondern wußte den wahren Werth der Waffe unter der rohen Hülle ſo gut als unter dem ſilbernen Zierrath und der hellen Politur heraus zu finden. Eine Pike, die er im Widerſpruch mit dem Werkmeiſter für ſchlechte Arbeit erklärt hatte, brach er mit eigenen Händen ent⸗ zwei; endlich kaufte er, die ganze Waffenſammlung durch⸗ muſternd, eine kleine kaum zwei Zoll meſſende Miſeri⸗ cordia,— ein techniſcher Ausdruck, mit welchem die kurzen Stilette bezeichnet wurden, deren ſich die italie⸗ niſchen Bravo's zur Ertheilung des Gnadenſtoßes be⸗ dienten oder noch bedienen. Nachdem er das Geld auf den Tiſch geworfen hatte, rückte er unmerklich den Federhut und ging. Die jungen Leute hatten ſich indeß die Zeit damit vertrieben, über mitten auf der Straße aufgeſchichtetes Bauholz hinweg zu ſetzen. Don Carlos, dem ritterliche Uebungen nicht eben ſo fremd geblieben waren, als ſeinem ängſtlichen Vater Rudolf, der die ſchönſten Thiere der Welt in ſeinem Marſtall hegte, ohne je eines beſtiegen zu haben, konnte ſich eines beifälligen Lächelns nicht erwehren, als er den Küraſſier 9⁵ gerade, als ob Mann und Roß aus einem einzigen Stück Erz beſtänden, über die aufgehäuften Baumſtämme hin⸗ wegſetzen ſah. Wolfgang benützte dieſen Umſtand, um ſich dem jungen Cavalier, deſſen Rang auf alle Zeichen der Ehrerbietung Anſpruch machte, artig grüßend zu nähern. Bei dieſer Annäherung hörte er deutlich, wie Don Carlos dem Kutſcher leiſe zurief:„Nach Bernh ards⸗ thal.“ Wolfgang berührte den Helm leicht mit dem Finger und rief ſeinem Freund zu:„Mir nach 1“ Mit dieſen Worten ſprengte er in raſendem Lauf vorwärts an dem Wagen des Baſtards vorüber und die Straße entlang, die heut zu Tage über Matzleinsdorf an die große italieniſche Heerſtraße führt. Eckart hielt endlich ſein Pferd an und rief:„Keinen Schritt weiter, bevor Ihr mir nicht ſagt, wohin es ſoll?“ „J, das hätte ich bald vergeſſen,“ verſetzte Wolf⸗ gang.„Wir reiten nach Bernhardsthal.“ „Was iſt das, Bernhardsthal?“ „Ei, ein armſeliges Dörfchen am Abhang des Wienerberges.“ 3 „Und das ſoll uns auf die Spur der armen No⸗ vize führen?“ „O ich zweifle keinen Augenblick, daß ſie der Bur⸗ ſche dort vor aller Welt verſteckt hält; indeß müſſen wir eilen, um dem eiferſüchtigen Liebhaber zuvorzukommen.“ Wolfgang verband mit dem Wort die That und ſpannte ſein Roß zu noch raſenderer Eile an. „Aber woher wißt Ihr?“ „Woher? Aus dem Mund des lieben Jünglings, der ſeinem Kutſcher, als ob er ihn verſchlingen wollte, zurief: Nach Bernhardsthal!“ Sie hatten ungefähr drei Viertelſtunde ſcharf geritten, als ſie eines Thürmchens anſichtig wurden, das zwiſchen den braunen Schollen friſch geackerten Grundes auf⸗ ragte.— Das Thürmchen gehörte zu einem alten Kirch⸗ lein, das wenigſtens eben ſo alt war, als St. Bern⸗ hardsthal. Denen, welche das ſtille alte Dörfchen noch heute auf der Karte der Umgebungen Wiens zu ſuchen geneigt wären, ſagen wir, daß ſie ſich nicht bemühen ſollen, da Bernhardsthal 1683, als im Jahre der zweiten Türken⸗ belagerung, ſo völlig zerſtört wurde, daß buchſtäblich kein Stein auf dem andern blieb. Vier und ſechszig Jahre früher war es der erſte vollkommen ländlich ausſehende Ort außer der Stadtgemarkung. Wer die brüllenden Rinder auf der Gemeinweide gleich rechts vom Dorfe ab ſich ſtrecken, links den Land⸗ mann hinter dem ochſenbeſpannten Pflug einhergehen, und dort vor den Hausthüren einige weg⸗, vielleicht aber auch lebensmüde Greiſe ſitzen ſah, der hätte nicht ge⸗ dacht, daß die volkreiche lärmvolle Stadt ſo nahe ſei. 97 Als die beiden Reiter, der Hauptmann der Stauderi⸗ ſchen Fußknechte und der Küraſſier⸗Officier über den Kirch⸗ platz ſprengten, da liefen Weiber und Mädchen an die Fenſter und blickten den Officieren nach; manch' altes Mütterchen prophezeihten aber aus der Haſt der beiden Kriegsleute mit zur Warnung und Bekräftigung auf⸗ gehobenem Zeigefinger, daß es noch im Verlauf des Sommers Krieg geben werde. Endlich ließen die Officiere ihre Pferde langſamer gehen und betrachteten ſich die Phyſiognomien der nie⸗ drigen Häuſer mit großer Sorgfalt. Aber was nützte alle Forſchung bei einer Reihe von Häuſern, wovon eines dem anderen ſo ähnlich ſah, wie Zwillingsgeſchwiſter. Jedes hatte mit andern Worten ein ſo ärmliches, ſchmutzi⸗ ges, halb verfallenes Anſehen, daß es nicht glaublich ſchien, Don Carlos würde ſeine Geliebte hier unter⸗ gebracht haben. Sie befanden ſich aber faſt ſchon am Ende des Dorfes und Eckart hatte große Luſt, umzu⸗ kehren, als Wolfgang auf das letzte, allerletzte Häuschen wies. Es hatte etwas höhere Fenſter, etwas breitere Thüren, war etwas weniger ſchmutzig und trug ein völlig mit Schindeln gedecktes ſtattliches Dach. Vor dem Haus ſtand ein Mann in einem Kittel aus feſtem aſchgrauen Loden⸗Cuch, eine Frau, ein klein wenig beſſer als eine gewöhnliche Bäuerin gekleidet, und ein hübſches Mäd⸗ chen von zwölf bis vierzehn Jahren, das ſich durch einige Haas: Der alte Cardinal. II. 7 bunte Bänder, welche die Haare zuſammenhielten und den Bruſtlatz ſchmückten, vor den andern Kindern des Dorfes nsicrde Die drei Leute waren ohne Zweifel im lebhafteſten Geſpräch begriffen, denn ſie ſchienen das Näherkommen der beiden Reiter kaum zu bemerken. Als ſie aufblickten, ſtanden die Reiter unmittelbar hinter ißnen Wolfgang fragte in jenem glücklichen, aus ſoldatiſcher Offenherzigkeit und der Gewohnheit des Be⸗ fehlens gemiſchten Tone, ob ſie nicht in dem netten, friſch getünchten Häuschen eine fremde Dame beherbergten. Der Mann im aſchgrauen Rock blickte ſeine Lebens⸗ gefährtin, denn das war die Unterrednerin, an, als wollte er ſagen:„Wieder die alte Geſchichte.“ Dann ſagte er, wenn auch achtungsvoll, ſo doch trocken genug:„Ihr fragt, meine gnädigen Herren, wornach ſchon geſtern, vor⸗ geſtern und vor drei Tagen, als die Frau noch bei uns war, bis zum Uebermaß gefragt wurde. Bald war es ein Livreebedienter, bald ein Bettelmönch, bald wieder ein ſchlichter Bauer, der ſich angelegentlich nach dieſer Dame, wie ſie das Frauenzimmer nannten, erkundete.“ „Und ſie iſt nicht mehr hier?“ „Nein, und wir dankten Gott dafür, wenn nicht der ſpaniſche Herr wäre!“ „Welcher ſpaniſche Herr?“ „Nun, eben derſelbe, der ſie uns aufnöthigte.“ 99 Die beiden Reiter ſahen ſich einander an, es war klar, daß ſie am rechten Ort waren. „Aber wie iſt die Dame abhanden gekommen?“ „Wie? das werde ich Euch gleich ſagen,“ hob die wohlgekleidete Frau des Mannes im grauen Rocke an: „Mein Mann— ſie bezeichnete den Graugekleideten— war über Nacht in der Stadt geblieben, denn er hatte einen vortheilhaften Handel abzuſchließen; ich blieb bei ihr, Ihr müßt wiſſen, daß ich mein Lebtag kein wunder⸗ licheres Ding geſehen habe, als die Frau des Spaniers, ſie lachte oder weinte; einen dritten Zuſtand, etwa Gleich⸗ müthigkeit, wie ſie uns Anderen eigen iſt, kannte ſie nicht. Des Nachts ſeufzte ſie ſo herzbeweglich, daß Ihr geglaubt hättet, ſie würde den Morgen nicht mehr er⸗ leben, und am Morgen empfing ſie Euch mit einem Lachen, als ob ſie vom Kirchweihfeſt käme. Am Beſten ſtand es mit ihr, wenn er da war.“ „Aber merkſt Du denn nicht, Lieſe, daß Du die Herren mit Deinen albernen Geſchichten langweilſt,“ warf der Händler ein. „Nicht doch,“ entgegnete Eckart,„die gute Frau ſieht wohl, daß mich ihre Erzählung unterhält.“ Die Frau des Händlers fuhr mit einem dankbaren Blick auf den Hauptmann fort:„Wenn er da war, ſchien ſie eine ganz andere Perſon; ſie tanzte, ſang und ſprang, und gab ſich alle erſinnliche Mühe, ihrem Gatten 7* zu gefallen. Wenn er aber fort war, ſtellte ſich augen⸗ blicklich die alte Traurigkeit ein; ein Blümchen, das er in der Hand gehabt, oder ein Buch, aus dem er ein Paar Zeilen geleſen, ließ ſie nicht mehr von ſich, bis er wiedergekehrt war. Wer nicht gewußt hätte, daß ſie Eheleute ſeien, hätte ſie für Verliebte anſehen können.“ „Und woher wußtet Ihr, daß ſie verheirathet wa⸗ ren?“ fragte Eckart.. „Von ihnen Beiden; er ſagte uns gleich Anfangs, daß ſie ſeine Frau ſei, die er übrigens gegen den Wil⸗ len eines ſtolzen Onkels geheirathet habe.“ „Und empfahl Euch vermuthlich Geheimhaltung.“ „Nicht allein das, ſondern wir durften nicht ein Mal dulden, daß die junge Frau das Haus verließ.“ „Sie war alſo eine Gefangene.“ „Wenigſtens nicht viel beſſer.“ „Und wie endete dieſe Gefangenſchaft?“ „Ja wie endete ſie? Da glaubte man doch irgend ein altes Wunderbuch zu leſen, wenn man das hört; ſie wurde entführt.“ Wolfgang und Eckart prallten bei dieſen Worten ſo zurück, daß die Pferde ſcheuten. „Sie wurde entführt!“ wiederholte die Frau des Händlers, welche mit Befriedigung die Wirkung ihrer Worte bemerkt hatte.„Es ſind kaum drei Stunden her, 101 ſo hielt hier, wo Ihr mit Euren Pferden ſteht, ein ge⸗ ſchloſſener, dicht verhangener Wagen. Ein Mann, weder alt noch jung, weder hübſch nech wild, verlangte mit dem Fräulein— gebt auf die Bos⸗ heit Acht— mit dem Fräulein zu ſprechen. Umſonſt war meines Herrn Verſicherung, daß es hier kein unverhei⸗ rathetes Frauenzimmer gebe; der Mann lächelte ſo ruhig vor ſich hin, daß ich ihm hätte die Augen auskratzen können. Eudlich führten wir ihn zu unſerer Miethfrau. Der Mann ſchloß mir die Thüre vor der Naſe zu; ich wußte nun gar nichts und könnte daher auch keinem Men⸗ ſchen, nicht ein Mal ihrem Mann Auskunft geben, wenn ich nicht mein Ohr an's Schlüſſelloch gelegt hätte; ſie rede⸗ ten aber zu meinem Verdruß ſo leiſe, daß ich faſt gar nichts verſtehen konnte. Anfänglich flriubte ſich die Frau hartnäckig, dann wies der Fremde auf den Wagen und ſagte etwas von einem Biſchof, der in der Kutſche auf ſie warte. Das ſetzte die junge Frau nun vollends in die größte Beſtürzung; ſie jammerte und weinte, daß es mir durch Mark und Bein ging. Das half aber Alles nichts, der Menſch blieb zwar äußerſt gelaſſen und unter⸗ thänig, bemerkte aber doch, daß keine Zeit zu verlieren ſei und führte ſie nach dem Wagen. Auf mich hatte er beſonders ein Auge und wollte nicht, daß ich die junge Frau an den Wagenſ chlag begleiten ſolle, das machte mich aber erſt recht neugierig, ſo, daß ich mich ſo viel 10² als möglich näherte. Nun ſtellt Euch vor, wer in dem Wagen ſaß? Ihr werdet es nicht glauben, aber ich will nicht ſelig werden, wenn er es nicht war? Nun wen glaubt Ihr?“ „Ei ſo rede in Gottes Namen!“ polterte der Mann im aſchgrauen Rock dazwiſchen,„Du ſiehſt ja, daß es die Herren nicht errathen können.“ „Nun der hochwürdige Herr Biſchof, wie er leibt und lebt!“ vollendete Frau Lieſe. „Der Biſchof!“ wiederholte Eckart. „Ja der Biſchof, wie ich ſagte,“ fuhr die Erzäh⸗ lerin fort.„Die gute Frau ſtieß einen kleinen Schrei aus, als ob ſie eine Schlange erblickt hätte und zitterte heftig; das war aber auch das Letzte, was ich beobach⸗ ten konnte, denn der geiſtliche Herr ſchien ſehr unwillig, daß der Wagenſchlag in meiner Gegenwart geöffnet worden war und richtete deshalb einige harte Worte an den Menſchen, worauf dieſer die Kutſche ſchloß und ſich zu dem Kutſcher auf den Bock ſetzte. Im Nu war der Wagen fort. Hier dieſen Zettel— die gute Frau wies den Reitern einen flüchtig beſchriebenen Papierſtreifen— ließ die junge Frau für ihren Mann zurück. Ich fürchte mich wahrhaftig, meines Lebens, wenn der ſchöne Ca⸗ valier kommt, ich meine, daß er nichts ganz läßt.“ „Warum glaubt Ihr das?“ fragte Wolfgang, während der Hauptmann den ihm dargereichten Zettel las. 103 „Weil,“ erwiederte ſie,„mir ein ſo jähzorniger Herr, ſo lange ich hauſe und ſelbſt wirthſchafte, noch nicht vorgekommen. So ſchlug er Euch das letzte Mal, als er da war, die arme, junge Frau, daß wir ſie für todt hielten, nicht wahr, Alter?“ Dieſe letzten Worte waren an den Händler gerichtet, der ſich durch die Berufung ſei⸗ ner Frau ſo wenig geehrt fühlte, daß er vielmehr aus⸗ rief:„Daß ſo eine Weiberzunge nicht bricht oder brennend wird, iſt eine beſondere Gnade Gottes; von Rechtswegen ſollte es geſchehen.“ Frau Lieſe kehrte ſich aber nicht an die Reflexionen ihres Gatten über die Weiberzunge, ſondern fuhr fort:„Und warum glaubt Ihr, daß ſie der jähzornige Mann halbtodt ſchlug? Es iſt völlig zum Närriſchwerden, wenn man ſo etwas hört; weil ſich die arme Närrin von irgend einem Hauptmann, weiß Gott bei welcher Gelegenheit im Spiel, denkt Euch, es war nur ſo zum Schein, hatte fangen laſſen.“ Eckart erhob plötzlich den Kopf, als er von einem Hauptmann reden hörte.„Und dazu kommt noch,“ fügte die Händlersfrau in geheimnißvollem Tone mit ſcham⸗ haft niedergeſenkten Augen hinzu, indem ſie mit dem Saum ihrer Schürze ſpielte,„daß die arme Frau geſegneten Leibes war; ſie hätte den Tod davon haben können, ja den Tod, denn er ſah nicht, wo er ſie hin⸗ ſchlug. Glaubt Ihr aber, ſie hätte ſich über ihren Herrn beſchwert, als ſich ihr mein Beileid bezeugte; nein, ſie 104 entſchuldigte den Unhold noch, indem ſie hinzuſetzte, ſie habe die Schläge verdient und noch weit mehr; zugleich legte ſie ihre Hand mit den zierlichen, roſenfarbigen Fin⸗ gern auf meine Achſel und ſagte, während ihr noch die Thränen in den Augen ſtanden:„Liebe Frau, vermeide ſie den erſten Fehltritt, denn jeder hat eine zahlreiche Nachkommenſchaft von Mißgriffen und traurigen Folgen; nicht mein Mann iſt es, der mich heute geſchlagen, ſon⸗ dern der Himmel, welcher ſich jener Hände bediente, deren Schlag mich am tiefſten ſchmerzt.“ Ich weiß nicht, wie es zuging, aber ich mußte mit ihr weinen. Wenn ich mir je eine Vorſtellung von dem Ausſehen der himmli⸗ ſchen Engel mache, ſo glaube ich, müßten ſie der jungen blaſſen Frau gleichen; gebt Ihr einen Lilienſtengel zwi⸗ ſchen die Finger und der Engel iſt fix und fertig. Ich, ich wäre kein ſolcher Engel und möchte dem Mann da — auf den Händler zeigend— nicht rathen, mich anzu⸗ rühren; ich glaube, es entſtünde ein Unglück daraus.“ Der Mann brummte und deutete dem Officier an, nicht auf ſie zu merken; das war aber ein verfehlter Weg, ſeine Gattin von dem beregten Thema abzubringen, ſie blieb in Gegentheil hartnäckig dabei ſtehen, ſtemmte die Hände in die Seite und ſagte mit mehr Lebhaftigkeit im Aus⸗ druck:„Er thut's auch nicht, der Mann da, ſo bärbeißig er ſich auch anſtellt, ich weiß das ganz genau, aber der vornehme Herr, der prügelt ſeine Frau.“ 10⁵ In demſelben Augenblick wollte Eckart den Zettel zurückſtellen; Frau Lieſe ſtreckte die Finger darnach aus, Eckart ließ aber das Papier zu früh los, ſo daß es aus ſeiner Hand glitt und von einem jähen Luftzug mit fort⸗ geführt wurde; die Frau des Händlers ſah dem Papier⸗ ſtreifen, der ſich hoch über den Köpfen der Reiter erhob, eine Weile herum flatterte und dann plötzlich den Augen entſchwand, mit einem Schmerzensruf nach. Eckart verſuchte ſie vergeblich zu beruhigen; er ver⸗ ſicherte ſie, daß der Zettel nichts Anderes enthielte, als ſie ſelbſt wiſſe, daß ſie ihrem Gatten einfach ihre Wegbrin⸗ gung durch den Biſchof anzeige. Das Alles wollte aber nicht verfangen, Frau Lieſe blieb über den Verluſt des Papiers untröſtlich.„Er wird mir niemals glauben, wenn er nicht ihre Handſchrift ſieht,“ jammerte das Weib, und lief rings herum, um den verlorenen Papierſtreifen wieder aufzufinden. „Aber Euer Mann wird Eure Ausſage beſtätigen,“ fügte Wolfgang bei.“ „Und der Mann der entführten Dame wird uns Beide umbringen,“ war die Antwort. Die beiden Officiere konnten ſich bei den ſichtlich übertriebenen Befürchtungen der Händlersfrau nicht ent⸗ halten zu lächeln; zu ihrer Verwunderung ſtimmte der Händler in ihre ſcherzhafte Auffaſſung durchaus nicht ein. Dieſe war indeß noch immer bemüht, das Papier zu 106 ſuchen; ſie beſchrieb es einer Nachbarin, dieſe bot ihre Kinder zur Nachforſchung auf; den Kindern geſellten ſich ihre Geſpielen zu, dieſen folgten die Eltern der Kleinen, und ſo geſchah es, daß bald der halbe Ort vor dem Haus des Händlers verſammelt war und den Papierſtreifen ſuchen half. Man ſuchte und plauderte noch viel mehr als man ſuchte; Lieſe vergoß viele Thränen und theilte ihre Be⸗ fürchtungen den Gevattern und Baſen ſo offenherzig mit, als ſie es den fremden Officieren gethan hatte; das Wehklagen der im Dorf beliebten Händlersfrau erhitzte die Leute, einige Bauernknechte ſchworen die Fauſt ballend, daß ſich Meiſter Spindelbein, ſo nannten ſie den kaiſerli⸗ chen Baſtard, den ſie wiederholt durch ihre Gemarkung ge⸗ hen geſehen hatten, in Acht nehmen möge. Der Händler, der Jürgen hieß, ſagte kein Wort, ſchüttelte aber miß⸗ muthig den Kopf und brummte hinterher:„Ein gutes Weib, aber verdammte Zunge.“ Ein Ziegelſchläger hatte ſo eben den Vorſchlag ge⸗ than, auf dem Dach nachzuſehen, ob ſich der Streifen nicht etwa an einem Schlott verfangen habe, als Don Carlos gefahren kam; ſeine Miene verdüſterte ſich, als er der bei⸗ den Officiere anſichtig wurde und er fühlte unwillkührlich, ob er ſeinen Degen an der Seite habe; das war aber nicht der Fall; ein ſonderbarer Umſtand, Don Carlos, der ſonſt nie ſein Schwert von der Seite ließ, hatte 107 ſeine Geliebte ſtets unbewehrt beſucht. Hatte ſich der junge Cavalier vor ſeinem eigenen Jähzorne gefürchtet? wer weiß es denn? Der kaiſerliche Baſtard gewahrte mit Unwillen, daß er kein Schwert mit ſich führe; als er aber der Arm zurückzog, glitt er über den kleinen Dolch, den er kürzlich gekauft hatte, das beruhigte ihn einigermaßen. Er ſpraug aus dem Wagen, ſchleuderte dem Hauptmann einen finſtern Blick zu und trat auf die Frau des Händlers zu. Dieſe erblaßte, als ſie den Cavalier mit zorngeröthetem Antlitz auf ſich zuſchreiten ſah. Sie wagte es nicht, dem Mann ins Geſicht zu ſe⸗ hen, ſondern ſtammelte die Augen zu Boden ſchlagend, daß Francisca nicht mehr hier ſei. Don Carlos be⸗ harrte einen Moment in ſprachloſer Erſtarrung; er hörte und ſah nichts, was um ihn herum vorging. Umſonſt hatte die Händlersfrau leiſe hinzugeſetzt, daß der Bi⸗ ſchof von Wien ſeine Gattin fortgeführt habe. Als er aus ſeiner Betäubung erwachte, hatte ſein Geſicht einen wahrhaft ſchrecklichen Ausdruck angenommen; ſeine Lippen waren krampfhaft verzogen, die ſonſt farbloſen Wangen wie mit Blut übergoſſen und die Augen ſo weit geöffnet, daß ſie aus ihren Höhlen zu treten ſchienen. Ein Schlag ſeiner knochigen Fauſt ſtürzte die arme Frau, wie ſie richtig vorhergeſehen, zu Boden. Zum Glück für ſie drängte die Volksmenge, die ſich geſammelt hatte, den Don von der Stelle weg. Dieſe Einmiſchung des Vol⸗ 108 kes ſteigerte die Wuth des Kaiſerſohnes; er war ſeiner nicht mehr mächtig und zog den kleinen Dolch. Kaum ſahen die Weiber den Stahl funkeln, ſo heulten ſie ins⸗ geſammt:„Zu Hülfe! zu Hülfe! man mordet uns.“ Die beiden Officiere ſahen, daß ſich die Lage des jäh⸗ zornigen Baſtardes mit jeder Minute verſchlimmerte, Eckart vergaß in dieſem Augenblick alle Unbill, ſtieg vom Pferde und brach ſich bis zu dem Verführer der No⸗ vize Bahn; der Zorn verblendete den jungen Mann aber dergeſtalt, daß er dem Hauptmann zurief:„Fort mit Euch, der Ihr mit dieſem Weib unter einer Decke ſpielt!“ Eckart ſuchte ihn zu beſänftigen, Don Carlos ſchleuderte ihn aber mit ſolcher Gewalt gegen den Zaun, welcher das Haus des Händlers umfriedete, daß Eckart beſinnungslos liegen blieb. Nun glaubte Wolfgang, ſei es höchſte Zeit handelnd aufzutreten; er rief daher dem Wüthenden zu, er möge ſich zurückziehen; noch mehr, er ritt, da er nicht gehört wurde, knapp an die Seite des jungen Mannes, er zog ihn am Arme. Zu ſpät, Don Carlos hatte in demſelben Augenblick die Leute, die ihn zurück drängten,„nichtsnutziges Lumpenvolk“ geſcholten. Ein Ackerknecht griff über den erlittenen Schimpf wüthend, nach dem Wamms des Baſtard, Don Carlos zuckte ſeinen Dolch nieder; er fuhr durch den Arm des Knechtes, daß das Blut wie ein Waſſerſtrahl emporſprang. Nun war es um die Beſonnenheit des 109 Volkes geſchehen, der Anblick des Blutes berauſchte ſie, Bauern und Knechte ſtürzten auf den Unglücklichen zu; mit der Schnelligkeit des Gedankens hatten ſie ihn zu Boden geworfen, die abmahnende Stimme Wolfgangs verhallte; er wollte ſein Leben für den jungen Mann einſetzen, aber zehn Männer hielten ſein Pferd, hundert Weiber hinderten ihn dasſelbe zu verlaſſen, er mußte es geduldig mit anſehen, wie man den Sohn Rudolf II. wie ein erlegtes Raubthier durch den Staub der Straße ſchleifte. Noch hatte Don Carlos keine tödtliche Wunde em⸗ pfangen, er war nur betäubt, ohnmächtig. Als man aber über die Ecke gekommen war, verſetzte ihm der⸗ ſelbe Knecht, deſſen Rechte durchſtochen war, mit einem Dreſchflegel einen Schlag auf die Bruſt, daß reichliches Blut aus Mund und Naſe quoll; ein Handwerker, der mit nägelbeſchlagenen Stiefeln hinter dem Zug einher⸗ lief, trat mit dem Abſatz des Stiefels auf den Kopf des Armen. Als er den Fuß zurückzog, hatte jenes blutbe⸗ ſudelte, entſtellte Geſicht, das einſt die Züge des kaiſer⸗ lichen Baſtardes trug, nur mehr ein Auge. Der Un⸗ glückliche verſuchte es, die Hände zur Bitte zu falten, ein Steinwurf, der ihm einen Schmerzensſchrei auspreßte, traf die Hände, welchen der Dolch längſt entglitten war. Man war an eine Pfütze gekommen, welche mit ſumpfi⸗ gem Waſſer und Unrath gefüllt war. Die Raſenden 110 empfahlen ihrem Opfer wohl zu ruhen nnd warfen es in den Moraſt. Don Carlos machte eine letzte Kraftan⸗ ſtrengung, um ſich vor dem Erſticken in der eckelhaften Jauche zu ſichern. Da ſchrie der Bruder des verwun⸗ deten Knechtes, ein Schuſter ſeines Zeichens:„Wenn man ihn nicht feſtnagelt, wird er ſich nie bändigen laſ⸗ ſen,“ und trieb ihm ein ſpitzes Eiſen durch die Rippen. Indeß war Eckart von ſeiner Betäubung erwacht, und auch Wolfgang von ſeinen Peinigern oder Beſchützern, wie man ſie immer nennen will, losgekommen; Beide jag⸗ ten nun mit gezückten Schwertern nach der Gegend, wo⸗ hin ſie Don Carlos ſchleppen ſahen. Es gelang ihnen mit leichter Mühe, den Pöbelhaufen zu zerſtreuen. Die Meiſten liefen von ſelbſt davon und nur der verwun⸗ dete Knecht mußte zum Rückzug gezwungen werden; ſie zogen den unglücklichen Fürſtenſohn aus dem Schlamm hervor, Wolfgang legte ihn quer über ſein Pferd und ritt langſam, das Schwert zwiſchen den Zähnen, mit der einen Hand den ſterbenden Mann, mit der andern den Zügel haltend, nach dem Hauſe des Händlers. Eckart folgte ſchweigend nach. Die Frau, die ſich bald wieder aufgerafft hatte und mit hoch geſchwollener Wange unter der Hausthüre ſtand, kreiſchte bei dem Anblick des bis zur Unkenntlich⸗ keit entſtellten Körpers laut auf. Aber welches Weiber⸗ herz hätte ſich je ſo verhärtet, daß nicht im entſcheiden⸗ 111 den Augenblick der vielleicht lang zurückgedrängte Quell weiblichen Mitleides mit unwiderſtehlicher Gewalt und in ſeiner ganzen Fülle und Klarheit hervorbräche. Frau Jürgen fühlte weder Schlag noch Geſchwulſt; ſie fühlte aber jene echt chriſtliche Milde und Barmherzigkeit, die uns die glühenden Kohlen des Wohlthuns auf das Haupt unſerer Feinde zu häufen befiehlt.. Die Frau aus dem Volk legte ſelbſt den lindern⸗ den Verband um den Kopf, flößte dem Unglücklichen mit der Zartheit einer Mutter belebende Tränke ein. Der Aermſte wurde auf das Bett Francisca's gelegt; Eckart blieb bei ſeinem ſterbenden Vetter, während Wolf⸗ gang nach der Stadt ſprengte, um einen Arzt zu holen. Don Carlos gelangte noch einmal zum Bewußtſein; er erkundigte ſich nach Francisca, als er hörte, daß ſie in den Händen des Cardinals ſei, lächelte er zufrieden: „Wenn nicht ich, ſo Keiner,“ war das Einzige, was er, den Blick ſtarr auf Eckhart gerichtet, ſagte. Der fromme, redlich denkende Eckart ermahnte ſei⸗ nen Vetter, an das Jenſeits zu denken und ſchlug vor, nach geiſtlichem Beiſtand zu ſchicken.„Iſt mein Vater, der ein großmächtiger Kaiſer war, ohne den Firlefanz geſtorben, ſo kann ich, ſein Kind, auch ohne das fort⸗ kommen,“ gab er zur Antwort. Eckart erſchrack über dieſe Rede dergeſtalt, daß er heftig zitterte, dennoch bat er den Händler, ſein Pferd zu 112 nehmen und zu dem nächſten Prieſter zu reiten. Jür⸗ gen willigte ſogleich ein, und ritt fort. Der Todwunde ſchloß das übrig gebliebene Auge und ſchien zu ſchlum⸗ mern; plötzlich aber richtete er ſich leichenhaft auf und verlangte nach dem Zettel. Die arme Frau gerieth in die größte Beſtürzung, dem armen Mann nicht willfahren zu können. Auf einmal erinnerte ſie ſich des Vorſchlages, das Dach zu unterſuchen; ſie kletterte mit Lebensgefahr vom Hausboden aus auf das Dach und zum Schorn⸗ ſtein empor; dort oberhalb der Oeffnung ſchwebte in der That ein kleiner Papierſtreifen, aber wie hinauf gelan⸗ gen. Der feſte Wille, den Sterbenden zu tröſten, ver⸗ lieh ihr Muth und Stärke, ſie faßte den ſchadhaften Schornſtein, wie Simſon in alter Zeit die Säulen des Tempels uud rüttelte mit ſolcher Kraft, daß ſich einzelne Steine loslöſten; nun vermochte ſie mittelſt dieſer na⸗ tkürlichen Stufen hinanzuſteigen und den Zettel zu faſ⸗ ſen; ſie preßte ihn ſo feſt an ſich, als fürchtete ſie, es könnte ihr Jemand den Schatz eines armſeligen Papier⸗ ſtreifens entreißen und doch war dieſer Streifen wirklich ein Schatz des Troſtes für ein brechendes Herz. Don Carlos erblickte kaum die Schriftzüge, als ein Lächeln der Verklärung die ſtolzen Lippen des Sterbenden um⸗ ſpielte; er ſtreckte die zitternde, halbgelähmte Hand nach der Hauswirthin aus, indem er mit einem Blick auf den Zettel deutete. Dieſes Mienenſpiel hieß überſetzt: 4 113 „Jetzt bin ich erſt völlig überzeugt; ich habe Dir Unrecht gethan und bereue.“ Auch der Vetter empfing einen leiſen kalten Handdruck. Die Glieder des jungen Man⸗ nes fingen an kalt zu werden. Aber nun tritt der Arzt ein; es iſt die höchſte Zeit, er hat Zangen, Scalbelle und Nadeln mitgebracht; ſeine Stirne iſt ſo faltenreich und ſein Auftreten ſo zuverſichtlich, daß man wohl an dem Erfolg nicht zweifeln darf. Er betrachtet ſich den Kranken, ändert ſeinen Platz, wie Einer, der ſich ein Bild beſieht und merkt, daß es an der richtigen Be⸗ leuchtung fehlt; nun nähert er ſich dem Bett, er beta⸗ ſtet unter dem Schmerzensgeſtöhn die zahlloſen Wunden des Unglücklichen, er fühlt nun das ſpitze Eiſen, das noch zwiſchen den Rippen ſteckt. Er ſchüttelt den Kopf, zieht die Augenbrauen zuſammen, läßt ein Hm! Hm! um das Andre hören und macht ſich nun daran, den fremd⸗ artigen Körper zu entfernen. Eins, zwei, drei! er hat es in der Hand; weiſ't es triumphirend und mit ſtolzem Lächeln den beiden Officieren; die Andern hält er der Theilnahme an ſeinem Triumph für gar nicht wür⸗ dig; zuletzt wendet er ſich an den Leidenden, um ihn zu beglückwünſchen; er thut es auch, aber der Leidende ant⸗ wortet nicht, auch nicht mit einem Blick, einem Lächeln. „Der Menſch muß ſinnlos ſein,“ denkt der Arzt. Er denkt vollkommen richtig, der Menſch iſt ſinnlos, denn er iſt todt. Haas: Der alte Cardinal. II. 8 114 Carl von Oeſterreich war in dem Augenblick verſchie⸗ den, als ihm das Eiſen aus ſeinem Körper entfernt worden war. Der Arzt äußerte gerade:„Ich würde ſagen, der Mann ſei todt, wenn es möglich oder vernünftig wäre zu ſterben, nachdem die eigentliche Urſache des Todes entfernt iſt,“ als der Prieſter in Begleitung des Händ⸗ lers eintrat. Er wollte, als er merkte, daß der des geiſtlichen Troſtes Bedürftige todt war, augenblicklich das Haus verlaſſen. Die Mittheilung, daß der ver⸗ ſtümmelte Leichnam die Ueberreſte weiland Carls von Oeſterreich ſeien, änderte ſeinen Entſchluß; er knieete nie⸗ der und betete, aber dabei blieb ſein frommer Eifer nicht ſtehen, er empfahl dem Mann, der ihn geholt hatte, ein Dutzend ſeiner Amtsbrüder herbei zu ſchaffen, da⸗ mit ſie dem Todten mit vereinten Gebeten zur himm⸗ liſchen Seligkeit verhülfen. Der Kutſcher und Bediente Carls von Oeſterreich hatten ſich aus den Staub gemacht, ſobald ſie bemerk⸗ ten, daß ihr Herr in ernſtliche Gefahren verwickelt wer⸗ den könne; die eigentlichen Mörder des hoffnungsvol⸗ len jungen Mannes blieben unentdeckt, auch zeigte Niemand Luſt und Willen, den Vorhang vor den letz⸗ ten Lebensvorgängen des kaiſerlichen Jünglings wegzu⸗ ziehen oder eine ſcharfe Verfolgung der Uebelthäter ein⸗ zuleiten. Die Berichte aus jener Zeit beſchränken ſich 115 auf die einfache Erwähnung, Don Carlos ſei in einem Volkstumult, der ſich wegen einer Dirne erhoben habe, umgekommen. Die gute Frau Lieſe Jürgen verfiel in Folge der Aufregung in ein heftiges Fieber, das ſie an den Rand des Grabes brachte. Ihr Eheherr ging kopfſchüttelnd im Krankenzimmer auf und ab und murmelte, indem er das ärztliche Parere wiederholte:„Zunge fieberhaft roth, natürlich konnte gar nicht anders kommen, Leber und Milz angelaufen, will's glauben, ſie hatte immer ſo etwas an ſich, aber das Herz am rechten Fleck,— das wird bis an ihren Tod ſo bleiben.“ Die ehrliche Frau genas von ihrer Krankheit und erfuhr zu ihrem nicht geringen Schreck, daß der Bi⸗ ſchof perſönlich da geweſen ſei, ſich nach ihrem Befin⸗ den zu erkundigen; er hatte für ſie ein Gebetbuch zu⸗ rückgelaſſen, auf deſſen erſtem leeren Blatt der Name Francisca eingeſchrieben ſtand. XV. Capitel. Von einem kanzluſtigen Fürſten und einem neugierigen Kriegsmann. Was hatte Eckart erreicht, erzweckt? Nichts von all dem, was man ihm aufgetragen und er ſelbſt ſich vorge⸗ nommen hatte. Es war unmöglich, Francisca zu war⸗ nen, zu ſchützen, zu ihrer Pflicht zurückzuführen. Aber bedurfte denn die jugendliche Novize jetzt ſeines oder irgend eines Menſchen Schutz? Wahrſcheinlich nicht; ihr natürlicher Schirmherr war der Biſchof von Wien, und dieſer ſchien ſeine Pflicht vollkommen begriffen, und Francisca noch rechtzeitig den Händen des Wollüſt⸗ lings entriſſen zu haben. Was die gute Frau Lieſe faſelte, war augenſcheinlich Eingebung ihrer lebhaften Phantaſie; was Eckart's ſchlimmer Genius ihm ſtets auf's Neue zuraunte, flüſterte er ihm auch nun zu, 117 daß nämlich die Novize ſo unſchuldig geblieben ſei, wie unbefleckter Schnee. Der junge Ritter lebte alſo der Ueberzeugung, daß er nach der traurigen Kataſtrophe, die er eben ſelbſt miterlebt hatte, zu Euphroſinen zurückkehren und ihr mit vollem Recht ſagen dürfe: „Sie war gerettet, als ich ihren Aufenthaltsort er⸗ fuhr, und iſt jetzt doppelt gerettet, da ihr Geliebter todt iſt und ſie ſich in den Händen ihres Biſchofs befindet.“ Dieſe Schlußfolge verſcheuchte alle trüben Gedanken, ſo daß er es jetzt war, der ſich bemühte, den ernſter geſtimmten jüngeren Freund zu erheitern. Auf Wolfgang hatte die ganze Erzählung der Händlersfrau den lebhafteſten Eindruck hervorgebracht; er fühlte unwillkürlich eine wärmere Theilnahme mit der armen Novize, als er vor ſeinem Verſtand recht⸗ fertigen konnte. Vergebens zauberte er das Bild Ana⸗ ſtaſia Brandels vor ſein Geſicht, vergebens wandte er ſich ſelbſt ein, daß ein leichtſinniges Mädchen— und der Vor⸗ wurf des Leichtſinnes ließ ſich doch ſchlechterdings nicht zu⸗ 3 rückweiſen— kein würdiger Gegenſtand ſo tiefen Mit⸗ gefühles ſei. Umſonſt, er hörte nur das leiſe Wimmern der blaſſen jungen Frau, denn wir müſſen, um vollkommen ge⸗ recht zu ſein, das Bekenntniß ablegen, daß der Lieutenant mit dem Hauptmann rückſichtlich des Vergleiches mit dem friſchgefallenen Schnee nicht völlig einerlei Meinung war, und dennoch empfand er, ſo ſeltſam es klingen mag, für die arme Verirrte viel lebhafter als Eckart. Die Folge dieſes Eindruckes war die Ueberlegung, und dieſe ſagte ihm, daß man ſich doch zuvörderſt bekümmern müſſe, ob die Novize in's Kloſter zurückgekehrt ſei. Der Hauptmann nahm den Vorſchlag Wolfgang's auf die leichte Achſel, willigte aber doch ein, ſich be⸗ vor zu erkundigen. Sie bogen alſo, in die Kärnthnerſtraße gelangt, rechts ein in die Himmelpfortgaſſe, Eckart ſprang vom Pferd und zog die Glocke. Die Laienſchweſter Perpetua öffnete und ging auf die Frage des Officiers, ob Schweſter Francisca im Kloſter ſei, mürriſch von dannen.„O Du mein Jeſu!“ klagte die erſchreckte Oberin, als ſie die Anfrage des Hauptmanns hörte, niſt es doch weit gekommen, daß ſich das barbariſche Kriegsvolk um die frommen Lämmer bekümmert! Sagt ihm, daß wir von Schweſter Francisca keine Kunde haben, oder nein, ſagt ihm gar nichts, wie Se. Eminenz befohlen hat; er braucht es auch nicht zu wiſ⸗ ſen, was gehen dieſem Habicht meine ſchuldloſen Täub⸗ chen an? Rufet mir die Khleſl, ich weiß, ſie wird meiner Anſicht ſein.“ Schweſter Victoria kam.„Habe ich nicht Recht?“ rief ihr die Aebtiſſin entgegen,„wenn ich behaupte, daß kein Hauptmann in der Welt das Recht habe, ſich nach meinen ſüßen Schäfchen zu er⸗ kundigen?“ — — 119 „Unſtreitig, unſtreitig!“ erwiederte die zu Rathe gezogene Schweſter mit ausgeſuchter Höflichkeit. „So geht, Perpetua, und trumpft ihn ab, den neugierigen Kriegsmann.“ Schweſter Victoria bewirkte durch einen raſchen Blick, daß die Laienſchweſter einen Augenblick verzog, dann fragte ſie mit großer Unterwürfigkeit, ob ſie den Inhalt der Anfrage erfahren dürfe. „Denkt Euch nur,“ erwiederte die Aebtiſſin mit großer Redſeligkeit,„dieſer weltlich geſinnte Mann— denn Kriegsleute ſind ſeit jeher die weltlichſt Geſinnten — fragt, ob ſich Schweſter Francisca im Convent be⸗ finde. Nun iſt es an ſich ſchon entſetzlich, daß ein Soldat über eine Nonne Erkundigung einzieht; dieſes Entſetzliche ſteigert ſich aber zum wahrhaft Schauder⸗ haften, wenn die unerlaubte Erkundigung einen Gegen⸗ ſtand angeht, den zu berühren Se. Eminenz ausdrück⸗ lich unterſagt hat. Ich ſchließe daher, daß eine einfache Abweiſung eine viel zu milde Form ſei, die eher einer Aufmunterung gleich ſieht, und ſo eine kleine Rüge, ein bischen Autorität, dasjenige, was unſer Präſes — die Vorſteherin verneigte ſich wieder ehrerbietig— auf die Finger klopfen nennt, gar nicht ſchaden könnte.“ „Eine Anſicht,“ entgegnete Victoria,„der ich ſo ſehr beipflichte, daß ich mich zur Verwirklichung der⸗ ſelben perſönlich anheiſchig mache.“ N 120 „Sagte ich nicht gleich, daß die Khleſl meiner Meinung ſein werde?“ rief Frau Heizenberger, indem ſie triumphirend umherblickte. Dann fuhr ſie mit außer⸗ ordentlicher Zärtlichkeit fort:„Was aber Euer Anerbie⸗ ten betrifft, ſo kann ich unmöglich zugeben, daß Ihr ſelbſt geht, geliebte Tochter. Der Krebsmeridon, den Ihr Mittags genoſſen, würde durch den Anblick des weltlich geſinnten Hauptmannes gehindert werden, ſich zu aſſimiliiren, wie ſich der Doctor Magnus ausdrückt. Ihr dürft Eure Verdauung durch Unterredungen mit Kriegsleuten nicht ſtören; laßt die Perpetua gehen, auf ſolche Geiſter machen Hauptmänner ganz verſchiedene Eindrücke.“ Schweſter Victoria zuckte die Achſel und verſetzte: „Wie Ihr wollt; nur bin ich der Ueberzeugung, mein Oheim der Cardinal würde wünſchen, daß in einer ſo wichtigen Angelegenheit keine Laienſchweſter, ſondern Ihr ſelbſt...“ Die Oberin ließ Schweſter Victoria nicht aus⸗ reden, ſondern rief, indem ſie ſich mit ihrem unge⸗ wöhnlich großen Taſchentuch Luft zufächelte:„Ich be⸗ komme meine alten Krämpfe, wenn Ihr ſo redet, liebe Khlefl; ich ſollte mit einem Mann, ich meine, mit einem wirklichen Mann— denn die Kloſterſchreiber und Hausofficianten rechne ich nicht dazu— per⸗ ſönlich reden? Nein, liebe Khleſl, geht in dieſem 121 Fall, wenn Ihr es durchaus nothwendig findet, daß eine Nonne das Geſchäft verſieht, und wenn Ihr nicht fürchtet, daß der Krebsmeridon Anſtand nimmt, in Gottes Namen ſelbſt. Ich aber will mittlerweile für Euch und Eure Mitſchweſtern beten.“ Schweſter Vietoria wartete kaum die Erlaubniß der Oberin ab, und huſchte mit Blitzesſchnelligkeit die Stiege hinab und an die Pforte. Der Hauptmann wiederholte ſeine Frage; Schwe⸗ ſter Vietoria ſchlug die geſenkten Augen auf und richtete ſie auf den Hauptmann, als wolle ſie in ſeinen Geſichts⸗ zügen die Beweggründe dieſer Erkundigung leſen; dann fragte ſie ohne Umſchweif, ob er im eigenen Namen oder Auftrag dritter Perſonen frage. Als Eckart ruhig Euphro⸗ ſinens und der Frau von Khuen erwähnte, als er endlich mit der an jungen Leuten begreiflichen Offenheit den Tod Don Carlos d Auſtria, deſſen Zeuge er geweſen, ſchil⸗ derte, da erkannte Victoria, die trotz der Einſamkeit des Kloſters etwas von dem Scharfblick ihres Oheims an ſich hatte, daß ſie es mit einem unverdorbenen jungen Mann zu thun hatte, den die Liebe noch außerdem wie ein Anti⸗ ſepticum gegen ſittliche Verderbniß ſchützte. Eckart hatte ſich keine Sylbe entſchlüpfen laſſen, die auf ſein Geheimniß hinwies, und dennoch wußte Schwe⸗ ſter Victoria nach den erſten fünf Minuten, daß ſie den Geliebten ihrer Freundin Euphroſine vor ſich hatte. O, Hauptmann Eckart hatte noch viel zu thun, bis er ſich zur Menſchenkenntniß der einfachen Nonne empor⸗ arbeitete! Die Nichte des Cardinals, deren Bedenklichkeit über die Zuſchrift ihres Oheims bereits erwähnt wurde, be⸗ kannte nun offen, daß Francisca keineswegs zurückgekehrt ſei. Dieſe Mittheilung wurde aber unter ſo offenbaren An⸗ zeichen von Beſorgniß gemacht, daß ſich des Hauptmanns eine unerklärliche Angſt bemächtigte. Auf die Frage, was denn noch zu befürchten ſtünde, wenn Francisca in des Cardinals Händen ſei, blieb Victoria die Antwort ſchul⸗ dig. Es war erſichtlich, die Nichte wollte und konnte den Oheim nicht anklagen und doch nicht verbergen, daß ſie ihre Kloſtergefährtin noch fortwährend von Gefahren be⸗ droht hielt. Aber woher ſollten dieſe Gefahren kommen? von dem geiſtlichen Oberhirten der Diöceſe, von dem ſittenſtrengen Biſchof unmöglich; alſo woher? Eckart ſchämte ſich mit Unrecht vor ſich ſelbſt, daß er ſo wenig ſcharfſinnig war, die Räthſel der in den Non⸗ nenſchleier gehüllten neuen Sphynx nicht löſen zu können. Er begnügte ſich der Nonne zu ſagen, daß er alles Erdenk⸗ liche anwenden werde, Francisca ſelbſt zu ſprechen. Victo⸗ ria lächelte traurig und ſchüttelte den Kopf.„Ich bin der Sohn des Hoch⸗ und Deutſchmeiſters Maximilian von Oeſterreich,“ verſetzte der durch die Zweifel der Nonne einigermaßen verletzte Soldat. 123 „Um ſo ſchlimmer!“ „Wie? Ihr meint, daß mein Vater nicht die Macht habe?“ „Sich die Geheimniſſe des Cardinals zu öffnen, ge⸗ wiß nicht!“ 3 „Ach, Ihr glaubt, daß der Cardinal ein Geheimniß beſitze?“ Eckart meinte Schweſter Veronica durch dieſe Frage eine günſtige Meinung von ſeinem Scharfſinn beizubrin⸗ gen; dieſe aber ſetzte Eckart von dem Augenblick, als ſie ihn auf dem Weg zur Wahrheit ſah, beharrliches Schwei⸗ gen entgegen. Da der Hauptmann merkte, daß die Nonne entſchloſſen ſei, nicht mehr zu ſagen, als ſie gethan hatte, empfahl er ſich ihrem Gebet und ſchritt nach jener Seite, wo Wolfgang mit den Pferden wartete. Dem Küraſſier trat der Schweiß auf die Stirne, als er erfuhr, daß die Novize, die er doch perſönlich nie geſehen hatte, nicht im Kloſter war, und Schweſter Victoria dunkle Beſorgniſſe geäußert hatte, deren Verſtändniß Eckart der Combina⸗ nationsgabe ſeines Freundes überließ. Am ſelben Abend war Ball im Hauſe des Oberſt⸗ kämmerers von Meggan— man befand ſich nämlich in der Zeit des Carnevals— Hauptmann Eckart fand eine Einladung; er beſchloß zu gehen, da er hoffte, Frau von Khuen und Fräulein Bock dort zu treffen. Das an der„Hochſtraße“ in der Nähe des heutigen 124 Lobkovitzſchen Palaſtes gelegene Haus des Oberſtkämmerers ſtrahlte in einem Meer von Lichtglanz. Die Stufen waren mit Teppichen belegt und an jedem Stiegenabſatz Pechfackeln in eigens zu dieſem Zweck ausgehöhlte Steine geſteckt. Treppe und Vorhalle wimmelte von eignem und fremdem Dienertroß. Wir haben es hier keineswegs mit einer harmloſen Abendgeſellſchaft zu thun, wie ſie im Haus der Freifrau von Khuen verſammelt war, ſondern mit einem Carnevals⸗ feſt, das Graf Helfried von Meggan in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Mitglied des geheimen Rathes und Oberſt⸗ kämmerer dem öſterreichiſchen Adel und der auswärtigen Diplomatie gab. Se. Majeſtät Kaiſer Mathias ſollte das Feſt in eigner Perſon durch ſeine Anweſenheit ver⸗ herrlichen. Alles, was ſich von vornehmen Fremden in der Hauptſtadt aufhielt, war im Meggan'ſchen Hauſe ver⸗ ſammelt. Begleiten wir den jungen Hauptmann in die Gemä⸗ cher des Oberſtkämmerers. Man liebt die Bequemlich⸗ keit, ſich wohl bedient zu ſehen, heute eben ſo ſehr als vor zwei Jahrhunderten; die fürſtlichen Perſonen und insbeſondere die reichen Biſchöfe und Prälaten halten große Stücke darauf, zwei, drei abenteuerlich gekleidete Lümmel, deren dicke Köpfe mit dreieckigen Hüten bedeckt ſind, hinter dem Wagen aufſtehen und einen derlei Lüm⸗ — — 125 mel vorne am Bock ſitzen zu haben. An ſo genannten Auffahrts⸗ oder Hofgallatagen kommt oft noch ein Huſar in buntſcheckiger Tracht hinzu, beſonders, wenn der Ca⸗ valier dem ungariſchen Adel angehört. Es giebt ferner bei der Tafel der Vornehmen noch immer ſo viele Bediente, daß einem die Zudringlichkeit dieſer außerhalb der Salons kecken, ſackgroben und plumpen, in den Gemächern ihren Herren dagegen hündiſch demü⸗ thigen und augendieneriſchen Kerls herzlich zuwider werden kann. Man liebt gegenwärtig einen guten Tiſch, wie vor zweihundert Jahren und es werden bei einem Feſtmahl noch immer mehr Schüſſeln aufgetragen, als für eine doppelte Anzahl Gäſte nöthig wäre. Man kann ſich je nach Belieben heute, wie vor zweihundert Jahren an fürſtlichen oder Prälatentafeln übereſſen oder auch aus übermäßiger Schüchternheit hungrig aufſtehen. Und dennoch ſind die heutigen Schmäufe nur blaſſe, nebelhafte Nachbildungen jener Schauſtellungen, die in jenen Tagen ſtattfanden. Man begnügte ſich damals nicht mit einer zahl⸗ reichen Dienerſchaft, man ſuchte ſich gegenſeitig zu über⸗ treffen, den Rang abzulaufen. Man hielt ein ſtehendes Heer von Dienern, welche in Kriegszeit, das will ſagen im Fall eines Soupers oder Ballfeſtes, noch außeror⸗ dentlich vermehrt wurde. Man beſchränkte ſich nicht auf Ueberflüſſiges, ſondern ſetzte einen beſondern Stolz, wie durch die Zahl der Diener auch durch die Zahl der Speiſen zu glänzen. Man kochte nicht wie für eine hungrige Tiſchgeſellſchaft, ſondern wie für ein ganzes Volk, das geſättigt werden ſollte. Ganze Landſchaften mußten zu einem einzigen ſolchen Feſt ihren Vorrath an Gemüſe, Geflügel und Wild einſchicken, alte voll⸗ gepfropfte Herrenkeller wurden bei einer einzigen ſolchen Gelegenheit vollſtändig geleert. Mit einem Wort, es lag in den Luſtbarkeiten unſerer adeligen Vorfahren ein großer gewaltiger Styl. Es bedurfte damals gerade keinerkoſtbaren Theaterprinzeſſinnen, raub⸗ und plünderungsſüchtiger Maitreſſen und anderer außergewöhnlicher Divertiſſements; man wußte damals nichts davon, wie man ſchöne Schlöſſer und reiche Herrſchaf⸗ ten in Küſſe und reizende téte- à— töte verwandelte; man konnte aber Alles das in wirklich großem Style durch die Gurgel jagen, vereſſen, vertrinken, ſich mit der frommen Aebtiſſin und Doctor Magnus zu reden, aſſi⸗ miliiren. Herr von Meggan war ein wohlbedachter, ſpar⸗ ſamer großer Herr, der ſich auf das Rechnen verſtand. Die Folge davon war, daß er Tafeln und Ball⸗ feſte gab, ohne ſich dadurch zu ruiniren. Wir ſagten, daß Gang und Vorhalle von Livrree⸗ bedienten wimmelten; dieſe wohlgekleideten, in die bunteſten 127 Kleider geſteckten Schelme bemächtigten ſich der Gäſte beim Eintritt und erſtickten ſie faſt durch die fürchter⸗ lichſten Paroxysmen von Dienſtbefliſſenheit. Der Herr des Hauſes richtete ſein Benehmen nach dem Rang des Gemeldeten ein; davon hing es ab, wie viele Schritte er dem Gaſt entgegen ging oder ob er ihn etwa gar ſtehenden Fußes erwartete. Auch die Bewegungen der Frau vom Haus hingen von dem Rang der weiblichen Gäſte ab. Als Eckart eintrat, machte Graf Meggan drei Schritte vorwärts— viel zu viel für einen kaiſerlichen Hauptmann ledigen Standes, der von keiner alten Fami⸗ lie ſtammte; die drei Schritte galten auch nicht dem jungen Officier, ſondern dem alten Erzherzog. Der Graf trug ein ſcharlachrothes Kleid, deſſen geſchlitzte Aermel mit weißem Atlas beſetzt waren; eine goldene Gnadenkette hing um ſeinen Hals. Die Ge⸗ mahlin des Feſtgebers trug eine ſteife Halskrauſe, ein ihren mehr als üppigen Körper eng umſchließendes gold⸗ durchſponnenes Mieder und ein mit der Krauſe an Steif⸗ heit wetteiferndes Kleid aus Silberbrokat; die breiten dicken Finger ſtarrten unter einem Goldpanzer von Rin⸗ gen, der dicke, kurze Hals unter den milchweiß glänzenden Feſſeln von orientaliſchen Perlen, welche eine ſchwere medaillenartige Schließe vorne unter dem Doppelkinn zuſammenhielt. 3 2 128 Frau von Meggan ſuchte Würde und Liebenswür⸗ digkeit zu verbinden; ſie hatte für jede nur halbwegs bedeutende Perſönlichkeit ein freundliches Nicken, eine zuvorkommende Handbewegung, einen huldreichen Blick, ein anmuthiges Lächeln. Weder die reiche Kleidung der Fräulein von Fürſtenberg noch der Gräfin Palfy noch irgend einer der andern eingeladenen Damen beirrte ſie ſie in ihrer Vorſorge für die Gäſte. Unter ihnen befand ſich Graf Sixt Trautſon, der Schwiegerſohn Meggans, mit ſeiner Gemahlin der Tochter der Hausfrau, der Oberſthofmeiſter Graf Friedrich Fürſtenberg mit ſeinen Töchtern, Graf Karl von Harrach mit ſeiner Tochter, der nachmaligen Herzogin von Friedland, der Graf von Hohenzollern⸗Hechingen, im Volksmund„Hansjürg“ genannt, der die Stelle des Reichshofrathspräſidenten bekleidete, der Vicekanzler Freiherr von Ulm, Fürſt Carl Liechtenſtein, und ſein nachmaliger Schwiegerſohne der ſpäter ſo berühmt gewordene Diplomat des weſtphäli⸗ ſchen Friedens, Graf Max Trautmannsdorf, die Obriſten Fuchs von Bimbach, Khuen, Collalto, Montecuculi, der General Graf Dampierre; von Frauen noch die Gräfin Anna Kolowrat, Fräulein Ludmila Bernſtein, die Ge⸗ mahlin der Obriſten Khuen und Euphroſine, lauter Gäſte, die mehr oder weniger mit dem kaiſerlichen Hof⸗ ſtaat in Verbindung ſtanden. Damals war aber die Stellung des Hofes, Dank 129 der Politik Khleſl's, noch eine ſolche, daß er durchaus nicht in ſchroffeſter Oppoſition zu dem vaterländiſchen proteſtantiſchen Adel ſtand. Viele Proteſtanten aus guten Familien bekleideten hohe Aemter und Würden und konnten daher um ſo weniger von den katholiſchen, wel⸗ che die Minderzahl bildeten, ausgeſchloſſen werden. Eckart bemerkte daher ohne große Verwunderung mitten unter den Gäſten welche man beſonderer Aufmerkſamkeit wid⸗ mete, den Freiherrn von Tſchernembl. Auf ſeine Frage erfuhr er von Trautſon, der ſich ſchon der Landsmann⸗ ſchaft willen gerne zu dem jungen Mann hielt, daß der ſtete Begleiter des Freiherrn, ein unterſetzter Mann mit Stutzbart und kurz geſchornem Haar, einer der leiden⸗ ſchaftl ichſten und beharrlichſten Parteigänger des Prote⸗ ſhndtumns in Oeſterreich, Freiherr Andreas Thonradl, Herr zu Ebergaſſing und Thernberg ſei. Im Gefolg Cſcher⸗ nembls befanden ſich außerdem als Leute, welche in dem Freiherrn ihren natürlichen Führer anerkannten, noch zwei Herren von Hager zu Alentsteig, ein Baron Jörger auf Hernals, ein Freiherr von Polheim, zwei Hofkirchen, ein Geyer von Oſterburg und drei Strein von Schwar⸗ zenau. Die Frauen der proteſtantiſchen Barone, unter welchen Catharina Strein an Schönheit Alle überragte, wurden von der Gemahlin des Oberſtkämmerers mit Artig⸗ keiten überhäuft. Frau von Meggan gewährte ihnen Haas; Der alte Cardinal. II. 9 130 willig den Vortritt, wo ſich nur immer Gleichheit des Ranges mit ihren katholiſchen Gäſten herausſtellte. Man wußte recht wohl, daß ſie im Beſitz des Zaubergürtels waren, womit die Luſt ihrer Gatten zum Widerſtand in den Schlaf gelullt werden konnte. Nachdem wir die bedeutendſten Namen der An⸗ weſenden genannt, wird es uns wohl erlaſſen bleiben, jeden Fähnrich oder Lieutenant, der einen Algard oder Paſſioneſa zu tanzen wußte, beſonders namhaft zu ma⸗ chen; eben ſo wenig wird von man uns verlangen, daß wir jedes Fräulein und jede Frau, die ihrem Tänzer ſittſam erröthend die Hand zum Tanz reichte, mit Namen an⸗ führen. Daß die Geſandten Venedigs und der befreunde⸗ ten italieniſchen Höfe, dann diejenigen Spaniens und Frankreichs, daß die Agenten vieler großer und kleiner Reichsſtände anweſend waren und an Pracht der Erſchei⸗ nung mit einander wetteiferten, darf wohl nicht beſonders geſagt werden. Graf Onate verdunkelte an ernſter Pracht alle ſeine Nebenbuhler. Sein Degengriff funkelte von großen Brillanten und die Hutſchnur befeſtigte ein einziger Stein von ungeheuerem Werth. Auf der Bruſt trug er den Orden des goldenen Vellus, wie damals das Vließ ausſchließlich genannt wurde, ein Kleinod, für welchen b b 131 die Hälfte der männlichen Gäſte viele Jahre ihres Le⸗ bens als Preis bezahlt haben würden. Giuſtiniani und Gritti, zwei Venetianer erſten Ranges, übertrafen an Reichthum ihrer äußeren Erſchei⸗ nung, wenn auch nicht an Würde ſelbſt das Haupt der ſpaniſchen Geſandtſchaft. Unbedeutend, um nicht zu zu ſagen armſelig, nahm ſich neben dem prunkhaften Auf⸗ treten der italieniſchen, franzöſiſchen und ſpaniſchen Geſand⸗ ten der kurbaieriſche Geſchäftsträger Bernhard Richel und der Mainziſche Agent Caſimir Anſelm aus. Es wurde gegeſſen, getanzt und geſungen. Graf Bernhard Heltried von Meggan hatte in Ankhoffnung, daß der Kaiſer in eigener Perſon das Feſt verherrlichen werde, den Signor Giovani Sanſone mit ſei⸗ nem ganzen Orcheſter zu ſich entbieten laſſen. Die Muſiker und Sänger nahmen auf einer et⸗ was erhöhten Eſtrade Platz. Sanſone dirigirte, wäh⸗ rend Batiſta Rubini die erſte Violine und Agoſtino Roſini den Contrebaß ſpielte.) Um eilf Uhr gab ſich im Saal plötzlich eine un⸗ gewöhnliche Bewegung kund; die Gäſte ziſchelten unter ein⸗ ander, die Reihen der Tanzenden löſten ſich förmlich auf; das Orcheſter verſtummte mitten im Tact, Frau von Meggan's Antlitz wetteiferte an Röthe mit der Schar⸗ lachkleidung ihres Gemahles; Eckart ſuchte vergebens die Urſache dieſer Bewegung zu ergründen; ſchon glaubte 9* 132 er, da er den Hausherr und den größten Theil der ge⸗ heimen Räthe nach der Thüre ſtürzen ſah, es ſei Feuer ausgebrochen, als ihm Frau von Khuen zuflüſterte, daß Se. Majeſtät angelangt ſei. Wirklich erſchien gleich dar⸗ auf der Monarch auf der Schwelle; Mathias ſtand damals im ein und ſechszigſten Jahr, ſah aber wie ein ſiebenzig⸗ jähriger Greis aus; ſein Gang war unſicher und etwas ſchwankend, die Hände zitterten ſo heftig, daß er kein volles Glas ohne zu verſchütten an die Lippen ſetzen konnte; er war ſelbſt von mittlerer Größe, blaſſer Geſichts⸗ farbe und nicht unangenehmen Zügen, die ein gewiſſes Wohlwollen ausdrückten. Die Haare waren faſt weiß, der Bart ſtahlgrau, die Stirne von zahlloſen Runzeln durchfurcht; neben dem etwas gebeugten Kaiſer ſchritt vollkommen aufrecht der viel ältere Ottavio Cavriani und links ein ſchlanker jüngerer Mann, deſſen ganzer Körper Muskel und Sehne zu ſein ſchien. Auf breiten herkuliſchen Schultern ſaß ein gewaltiger Kopf, deſſen breite Stirne tiefes Nachdenken und unbeugſame Ent⸗ ſchloſſenheit verkündete. Haar und Bart truger kurz geſtutzt. So jung dieſer Mann auch noch war, er zählte nicht ganz fünf und dreißig Jahre, ſo achtunggebietend war doch ſeine ganze Erſcheinung. Schon jetzt ein Liebling König Ferdinands und ſeines Miniſters Eggenberg, zählte er auch hervorragende Freunde unter den Räthen Mathias und bisher keinen einzigen Feind. Dieſer Mann, welcher 133 ſpäter ſo entſchieden in die Tragödie des dreißigjähri⸗ gen Krieges eingreifen ſollte, war Albrecht von Wal⸗ lenſtein. Unmittelbar hinter den Kaiſer hüpfte ein phantaſtiſch gekleidetes Weſen, der luſtige Rath Sr. Majeſtät Nelle. Der kleine Mann, er maß nicht über vier Schuh, trug auf der Narren⸗Kappe eine lange Pfauenfeder, die über die Hälfte ſeiner eigenen Länge überragte. Der kleine, ſchmächtige, knabenhafte Körper des bejahrten Männchens ſteckte in einer rothen Jacke und die Füße in apfelgrünen ſeidenen Hoſen; an der rechten Seite trug er einen hölzernen Säbel. Der Eintritt Sr. Majeſtät wurde durch eine Can⸗ tate gefeiert, welche der Hofcapellmeiſter Johann Valen⸗ tini eigens zu dieſem Zweck componirt hatte. Der Chor der römiſchen Caſtraten bezeugte die freudigen Gefühle der Engel, daß Gott dem Kaiſer wieder vollkommene Geſundheit verliehen habe; der Baſſiſt Zacharias Mecker ſang den König der Unterwelt, Pluto, der in Verzweiflung iſt, daß er den Kaiſer, welchem er ſeiner Gerechtigkeit und Tapferkeit willen die Regierung des Hades abzu⸗ treten gedachte, auf der Oberwelt laſſen mußte; Virgi⸗ lius Bickel als Jupiter macht ſeinen dunklen Bruder aufmerkſam, daß Monarchen, wie Mathias, nie ſterben können, da ihnen Fama— auf den Caſtraten Giordani deutend— Unſterblichkeit verleiht. Darauf erſchien der Tenoriſt Luigi Bartolaja, als Apoll gekleidet, mit einer 134 Lyra in den Händen, und fing damit an das Lob des Kaiſers zu ſingen, worauf Einer aus der Zahl der Engel hervortrat und mit feiner Discantſtimme einen Preis⸗ geſang auf die Kaiſerin anhob. Zuletzt vereinigten ſich die vier verſchiedenen Chöre der Baſſiſten, Tenore, Altiſten und Discantſänger, um unter rauſchendem Trompetengeſchmetter als die glück⸗ lichen Völker, welche Mathias' Scepter gehorchten, Gott ihren Dank für die Wiedergeneſung des erhabenen Mon⸗ archen darzubringen. Muſik und Geſang mußten nach den Begriffen des Jahres 1618 über alles Lob erhaben geweſen ſein, da Alles entzückt lauſchte und der Kaiſer am Ende des Stückes ſelbſt in die Hände klatſchte. Nach erhaltener Erlaubniß Sr. Majeſtät ertönte eine Trompetenfanfare, welche die Tänzer zu einer Galliarde rief. Als Mathias bemerkte, daß ſich ſein alter Oberſt⸗ ſtallmeiſter der Hand Catharina Strein's bemächtigt hatte, überkam den alternden podagrageplagten Fürſten die alte Leidenſchaft dergeſtalt, daß er, ſo ſchnell es ſeine gichtiſchen Gliedmaßen geſtatteten, auf Frau von Meggan zueilte, um ſie zum Tanz zu führen. Wer war glücklicher als die Gattin des Oberſtkämmerers, welche bereits mit ihrem Schwiegerſohn Sixt Trautſon in die Reihe der Tanzenden getreten war. Sie bemächtigte ſich freude⸗ ſtrahlend des Armes der ſchwachen Majfeſtät, entſchloſſen, 13⁵ mit ihm, kraft ihres ſtämmigen Körpers, ungefährdet alle Touren des italieniſchen Tanzes durchzuführen. Anfangs ging Alles vortrefflich; das Orcheſter ſpielte auf einen Wink Meggans doppelt ſo langſam, als es der Rhythmus des Tanzes eigentlich erfordert hätte, aber der Kaiſer, welcher ein ſicheres Ohr für jede Tanzmuſik hatte, rief dem Sanſone zu, ob er denn glaube, daß man Jemand zu Grabe tragen wolle, worauf der Director des Orcheſters ein ſchnelleres Tempo anſchlug. Mathias ſchien im Tanz aller ſeiner Leiden vergeſſen zu haben und tanzte ſo flink, wie ein zwanzigjähriger Burſche. Der Cambiamento delle Signore befeuerte ſeine Tanz⸗ luſt noch mehr, ſo daß der kränkliche Monarch faſt außer Athem gerieth. Ein leiſer Gegendruck, welchen der arme kleine kaiſerliche Herr fühlte, als er im Wechſel der Tänzerinnen Frau Katharina Strein an ſeiner zitternden Hand führte, überſpannte ſeine Nerven völlig. Er tanzte eben noch fünf Schritte weiter, als er am rechten Fuß einen brennenden Stich empfand, der ihn nicht nur feſt bannte, ſondern ſogar nöthigte, ſich auf die marmorglän⸗ zende Achſel der ſchönen jungen Frau zu ſtützen.„Es kommt nichts dabei heraus, Gevatter Mathias!“ rief Nelle, der ſich dicht hinter ſeinen Herrn hielt, dem ſchwach gewordenen Monarchen zu.„Was würdet Ihr dazu ſagen, wenn der kleine Nelle in ſeinen alten Tagen Poeta lau- reatus werden wollte? Ihr würdet ſagen: ‚Mein kleiner 136 herziger Nelle iſt toll geworden wie Nabuchodonoſor, hält ſich für einen Kalbskopf und iſt nach Lorbeerblättern lüſtern. Nein Gevatter Mathias, in Nelle's Jahren geht es mit dem Poeta, und bei Euer Majeſtät Podagra mit dem Tanzen nicht. Sustine, Abstine, wie die bar⸗ füßigen Herren ſagen.“ Die Plaudereien des luſtigen Rathes zauberten ein ſchmerzhaftes Lächeln auf die Lippen des Kaiſers, er ſeufzte tief und ſagte:„Man hat nicht gerade vonnöthen, beſtändig einen Todtenkopf vor ſich zu haben, deſſen zahn⸗ loſer Mund grinſend ſein Memento mori zuzurufen ſcheint, die eigenen noch mit Fleiſch bedeckten Knochen erfüllen ganz denſelben Zweck, und wiederholen uns unaufhörlich und immer lauter und rebelliſcher ‚Memento mori, me- mento mori!’ Meine Füße ſagen es mir hier mitten im fröhlichen Gewühl, aber Herz und Kopf flüſtern mir es auch in einſamer Nacht zu: ‚Mathias, Du mußt ſterben, Mathias, Du nüherſt Dich der entſcheidenden Stunde!“ Glaubſt, Du guter Burſche, daß meine Beine nie eine andere Melodie gekannt haben? O ſie wiederholten mir lange Zeit hindurch: ‚Was iſt das doch für eine unbe⸗ greifliche Sache Sterben? wir Deine Glieder haben keine Idee davon, es iſt uns, als ob wir ſo alt werden ſollten, als der Stephansthurm. Als Kopf und Herz ſo jugend⸗ liche Gedanken hatten und ſo leichtſinnig daherſchwatz⸗ ten, da mußte ich über den Gedanken von Alter und —— 137 Tod lachen. Ich bin alt geworden und ich glaube, der Tod iſt ein Zwillingsbruder der Senectus.“ Frau von Strein, welche einen Theil der leiſe ge⸗ führten Unterhaltung des Kaiſers mit ſeinem Narren gehört hatte, tippte den Monarchen, der ſich an ihrer Seite niedergelaſſen hatte, ganz leicht auf die Schulter und ſagte ſchmollend:„Soll ich Eurer Majeſtät Beicht⸗ vater aufſuchen; es hat wenigſtens allen Anſchein, als ob die letzte Oelung und Abendmahl ſtehenden Fußes em⸗ pfangen werden ſollte.“ „Ihr zürnt,“ entgegnete der Kaiſer huldreich,„daß ich bei ſo unſterblichen Reizen an die menſchliche Sterb⸗ lichkeit zu denken vermag. Aber gerade alles Vollkommene muß vermöge der Gegenſätzlichkeit an das Unvollkommne erinnern. Eure Jugend ließ mich mein Alter ſchwerer fühlen, Eure Liebenswürdigkeit die beklagenswerthe Wun⸗ derlichkeit meiner Jahre, und eine böſe Mahnung mei⸗ nes alten Uebels gab den Ausſchlag, es war, als ob mir das Schickſal zuriefen:„Ziehe die Hand zurück von dieſer reizenden Blüthe, für graue Haare ziemen ſich keine Roſen.“. Frau von Strein, die wie es tauſend andre Frauen an ihrer Stelle auch gethan hätten, ſich durch die Huldi⸗ gung des Monarchen geſchmeichelt fühlte, glaubte dem melancholiſchen Monarchen Troſt einſprechen zu müſſen. Sie wandte ſich gegen Mathias, ſah ihn mit ihren großen blauen Augen voll an und ſprach:„Wie Eure Majeſtät hält uns Frauen für ſo einfältig, Manneswerth und Mannestugend nach dem Alter zu ſchätzen, wie man etwa ein Pferd oder Zuchtſchaf taxirt. Ich ſehe an Eurer Majeſtät weder graues Haar noch Wunderlichkeit, noch höre ich die Stimme, welche den Schmuck der Roſe unterſagt. „Wie, das wäre Euer Ernſt?“ „Gewiß glaube ich, daß für Euer Majeſtät die Roſen ſo gut blühen, als für den füngſten Mann im Kaiſerreich.“ Mathias drückte Catharinens Hand und ſetzte hinzu: „Meint Ihr aber auch, daß alle Roſen da⸗ Ausnahme für mich duften und ihre Pracht entfalten?“ Frau von Strein ſenkte die von langen Wimpern beſchatteten Augen zu Boden und flüſterte verlegen: „Euer Majeſtät fragt mehr als ich beantworten kann.“ „Oder feneß der liebenswürdige Don Carl, o meine Augen ſehen um ſo ſchärfer, ſeit die Gicht meinen Beinen zuſetzt— ſollte deeſer liebenswürdige Thunichtgut gewiſſe Roſen als ſein beſonderes Eigenthum angeſehen haben?“ „Ich weiß nicht, was Euer Majeſtät zu dieſer boshaften Bemerkung veranlaßt; was ich aber verſichern kann, iſt, daß ſich der erwähnte Cavalier, wie man ſagt, in eine mönchiſche Einſiedelei am Fuß des Wienerberges zurückgezogen hat.“ 139 „Ja, er hat ſich zurückgezogen und hört mich an, ſchöne Catharina, er wird von dieſer Einſiedelei nicht mehr zurückkehren. Ich ſage Euch das, damit Ihr zur Einſicht kommt, daß Euch jetzt wieder das freieſte Ver⸗ fügungsrecht über jene Roſe zuſteht.“ „Obgleich ich Euer Majeſtät nicht völlig verſtehe, erlaube ich mir doch zu zweifeln, daß ein junger Mann wie Don Carlos ſich plötzlich und auf immer von der Welt zurückziehen ſollte.“ „Freiwillig gewiß nicht.“ „Wer kann ihn dazu zwingen?“ „Der Tod! meine Liebſte.“ „Ihr wollt doch nicht ſagen....?“ „Daß der Baſtard meines Bruders todt ſei, gewiß will ich das, und wenn Ihr an meiner Ausſage zweifelt, mögt ihr jenen ſchmucken Officier fragen, der dort eben mit dem Obriſt Khuen plaudert; er war zugegen, als Carlos ſtarb.“ Frau von Strein wurde bei dieſer Nachricht kreide⸗ weiß; der Kaiſer fuhr mit einer Art ſtudierter Grau⸗ ſamkeit fort:„Auch die weißen Roſen haben ihre eigen⸗ thümlichen Vorzüge, obgleich man ſie gewöhnlich als Symbol der Trauer um Verſtorbene anſieht.“ „Ich trauere nicht, aber ich bin überraſcht.“ „O ich habe im Lauf des geſtrigen Tages einige Hiſtörchen vernommen, daß noch andere Damen durch 140 dieſen Tod traurig überraſcht wurden; ſoll ich ſie Euch erzählen.“ „Thut es nicht, Majeſtät.“ „Und warum ſollt' ich nicht, es ſind ganz artige Hiſtörchen.“ „Wenn ich aber inſtändig bitte.“ „Seltſam, als ob Euch dieſes Hofgeklätſche etwas anginge, als ob Ihr bei den abgeſchmackten Hiſtörchen betheiligt wäret.“ „Nun ſo erzählt denn, Majeſtät, erzählt,“ ſagte Catharina mit allen Anzeichen großer Selbſtüberwindung.“ Eckhart, welcher nur den Namen des kaiſerlichen Baſtards erhaſcht hatte, ſchlich ſich ſo nahe als möglich heran. Mathias, der den jungen Officier bemerkt hatte, rief ihm zu:„Hieher, hieher, wenn es beliebt, mein be⸗ ſter Hauptmann, denn gerade Ihr ſeid es, deſſen ich bedarf; Ihr werdet mich verbeſſern, wenn ich irre. Ich ſtehe, müßt Ihr wiſſen, ſo eben im Begriff, die Neugierde dieſer jungen Dame, die zu wiſſen wünſcht, wer Alle Carl von Oeſter⸗ reich betrauert, zu befriedigen.“ Eckart ſah Frau von Strein verwundert an; dieſe aber ſagte ganz verwirrt:„Se. Majeſtät beliebt zu ſcherzen,“ worauf Mathias vollkommen ernſt erwiederte: „Ja unſer ſeliger Carl— wir wollen hoffen, daß er zur ewigen Seligkeit eingegangen,— war ein arger Mädchen⸗ verführer. Ich will von denen aus dem Bürgerſtand nicht 141 reden, die er mit ſchönen Worten berückte, das ſind derlei Leute gewöhnt, die Folgen laſſen ſich durch ein Stück Geld wieder gut machen und ſomit iſt das Unglück nicht ſo groß. Aber Carl mußte nicht meines Bruders Sohn ſein, wenn ſeine Leidenſchaft Maß und Gränze gekannt hätte, der Cardinal hat mich von diſtinguirten Perſonen unterrichtet, welche der Geck ſeinen verliebten Launen opferte,— ſeid Ihr unwohl, ſchöne Frau?— geſchwind holt ein Glas Waſſer, Capitain, Ihr ſeht ja, daß Frau von Strein das Bewußtſein verliert.“ In der That konnte ſich die Dame kaum aufrecht halten; ein Schluck Waſſer aus dem von Eckart herbei⸗ gebrachten Glas wandte indeß die drohende Ohnmacht ab, der Kaiſer fuhr aber erbarmungslos fort:„Mein werther Neffe in partibus infidelium hatte ſtets einen bizzaren an das Abenteuerliche ſtreifenden Geſchmack und ſo verliebte er ſich denn zuletzt in eine Nonne. Was ſagt Ihr dazu, ſchöne Frau? Nun die Perſon war hübſch genug, das muß ich als unparteiiſcher Zeuge eingeſtehen.“ „Wie, Euer Majeſtät hätten ſie geſehen?“ „Würde ich ſonſt ſagen, daß ſie hinreichend ſchön war, um Carl von Oeſterreich zärtliche Gefühle einzuflößen? Ja ich ſah ſie wenige Stunden nach ihres Geliebten Tod; ſie ſah etwas angegriffen und ſo bleich aus, als Ihr ſelbſt vor wenigen Secunden. Der Cardinal hatte den wunder⸗ lichen Einfall, die Kaiſerin zu bereden, ſie als Vorleſerin 142 und Geſellſchaftsdame zu ſich zu nehmen. Ich weiß nicht, was ſich die Leute über die Härte meines Cabinetsdirectors beklagen? Es giebt zuweilen keine mitleidigere Seele, als der Cardinal. Ich kann Euch gar nicht ſagen, wie ängſtlich der alte Mann um das hübſche Nönnchen be⸗ ſorgt ſchien; ſie hätte ſeine eigne Tochter ſein dürfen.“ „Und kann man die ſchöne Nonne nicht zu Geſichte bekommen?“ frug Frau von Strein mit einem Anflug übler Laune. „Gewiß nicht, der Cardinal hat ſie unter ſeinen beſondern Schutz geſtellt.“ „Aber Eure Majeſtät haben ſie doch geſehen.“ „O nur ganz zufällig, da ich unverſehens in das Gemach der Kaiſerin trat.“ „Eure Majeſtät hat aber doch nur zu befehlen.“ „So kann nur eine Ketzerin reden, als ob katho⸗ liſche Fürſten nicht das Kirchengut zu reſpectiren verbun⸗ den wären. O mein alter Khleſl verſteht über dieſen Ge⸗ genſtand keinen Spaß.“ „Und betrauert die hübſche Nonne ihren Verehrer?“ „Ich denke wohl!“ Zu ſeinem Leidweſen kannte Eckart von der ſelt⸗ ſamen Unterredung des Monarchen mit den ſchönen Proteſtantin nichts weiter erlauſchen, da ihn die Stimme der Frau von Khuen abrief, ſie benützte den geeigneten Augenblick, da ſie ſich eben in ein freundliches Geſpräch 143 mit Wallenſtein vertieft hatte, ihren neuen Schützling dem vielverſprechenden, ſchon damals hochangeſehenen böh⸗ miſchen Edelmann vorzuſtellen. Wallenſtein hatte zu jener Zeit bereits den Grund⸗ ſtein zu jener ſeltenen Gunſt gelegt, in welcher er ſpä⸗ ter bei Ferdinand II. ſtand. Sein Zuzug mit zwei tauſend auf ſeine Koſten erhaltenen Kriegsknechten zum venetianiſchen Feldzug hatte König Ferdinands Seele mit Freundſchaft erfüllt; rechnet man noch dazu, daß Albrecht von Wallenſtein nach Ferdinands Vorſtellung ein der Hölle abgejagter Menſchengeiſt war, denn er war in der lutheriſchen Ketzerei erzogen, erſt ſpäter zur katholiſchen Kirche zurückgekehrt, ſo kann man ſich die Vorliebe des jungen Königs für Wallenſtein erkennen. Wallenſtein richtete einen langen durchdringenden Blick auf den jungen Officier, der ihm vorgeſtellt wurde; dieſer äußerte freimüthig das Vergnügen, welches ihm das Zuſammentreffen mit einem ſo vortrefflichen Füh⸗ rer gewährte. Wallenſtein nickte bloß und ſtahl ſich dann bald von der Seite der Frau von Khuen, ſein Wamms bis an den Hals zuknöpfend, fort. Als ihm ſein künfti⸗ ger Schwiegervater Carl von Harrach befragte, wie er ſich bei einer ſolchen Hitze, wie ſie im Saal herrſchte, noch ſein Wamms ſchließen könne, verſetzte der Böhme: „Ich habe dort in der Ecke bei Frau von Khuen einen jungen Menſchen angetroffen, bei deſſen Leiden⸗ 144 ſchaftsloſigkeit ich mir eine ordentliche Verkühlung zuge⸗ zogen habe; das Herz dieſes Jungen gleicht einem offe⸗ nen Fenſter, es weht Einem friſche Luft entgegen, ſo friſch, daß man ſich bei ihrem Zug verkältet. Der arme Teufel thäte am Beſten, in ſeine Forſte und Burgen zu⸗ rück zu kehren, wenn er welche hat, hier wird er ſein Glück ſchwerlich machen. Dieſer Junge hat ſo wenig Höflingartiges an ſich, daß man faſt Reſpect vor ihm bekommt.“ Carl von Harrach lächelte und ſagte:„Der junge Menſch iſt der Sohn des Hoch⸗ und Deutſchmeiſters. Eg⸗ genberg, der ihn auf unſere Seite ziehen wollte, ſagte ſchon des nächſten Tages:„Laßt mir den Jungen in Ruhe, wir könnten ihn doch nur beſchädigt einfangen, und da iſt es beſſer, wir laſſen ihn in Freiheit; wenn der Falter lange genug hin und her geflogen iſt und ſich halb todt geſtoßen hat, wird ihn jedes Kind an Ort und Stelle ertappen können. Während ſich der Kaiſer mit Frau von Strein und Wallenſtein mit dem Grafen Harrach unterhielt, flüſterte Eckart ſeiner Jugendfreundin zu:„Francisca iſt unter Obhut der Kaiſerin.“ Dieſe Nachricht klang dem einfa⸗ chen Naturkind ſo erfreulich, daß ſie ungeſehen von Baſe und Gäſten einen gewaltigen Rundſprung machte, denn nun war ja ihre Freundin augenſcheinlich gerettet. Ganz anderer Meinung ſchien Rolandin, als ihm 145 Eckart die, wie er meinte, dete, daß der Cardinal die ent ſerin gebracht habe. „Das geht nicht mit natürlict Wolfgang aus.„Der Cardinal Mann, Abfall und P lachte ſeinen jungen dermalen ſein Bewenden. Haas: Der alte Cardinal. II. ſehr tröſtliche N. flohene Novize zur Kai⸗ iſt doch ſonſt nicht der flichtentziehung zu belohnen. Eckart Freund aus und dabei hatte es für euigkeit mel⸗ hen Dingen zu,“ rief 10 XVI. Capitel. Wie der Cabinetsdireckor Khleſl die Wache des Irzherzogs Maximilian bewachen ließ. In den Räumen der Hofburg herrſchte große Ge⸗ ſchäftigkeit, Lakaien eilten trepp auf, trepp ab, ſchleppten Kiſten und Koffer herbei, und übergaben ſie andern Die⸗ nern und in Hoflivrée ſteckenden Knechten, welche ſie im Hofraum aufſchichteten. Aus dem Magazine wurden unter Aufſicht des Zehrgadners Körbe mit Lebensmitteln hervor⸗ geſchoben und die Wäſchebeſchaffer brachten ganze Päcke mit Bettzeug an Ort und Stelle. Unten im Hofe ſtanden mehrere beſpannte Pack⸗ wagen, während unmittelbar vor der Haupßtſtiege, die vom Schweizerhof aus zu den kaiſerlichen Gemächern führte, ein reich vergoldeter, aber höchſt ſchwerfälliger Reiſe⸗ wagen anhielt. überragte, dem Publieum zurief: 147 Eine Menge Volkes umſtand die Wagen und drängte ſich ſo nahe an die Pferde, daß es nur einem glück⸗ lichen Zufall zu danken war, wenn Niemand von den Hufen der Pferde verletzt oder von den Rädern gequetſcht wurde. Die Bedienten und Kutſcher, welche mit dem Gepäck beſchäftigt waren, und ſich hie und da in ihrer Thätigkeit gehemmt fühlten, fluchten und ſchalten, theilten Püffe aus und verſuchten es, die unwillkommenen Be⸗ wunderer ihrer amtlichen Wirkſamkeit zu verſcheuchen, aber, wo auch ein Fußtritt oder Fauſtſchlag die dicht ge⸗ ſchloſſenen Reihen einen Augenblick lichtete, ſchloſſen ſich dieſelben eben ſo ſchnell wieder. Der Inſpector der Sattelkammer, ein gewaltiger Mann, deſſen ſich in's Schrankenloſe ausdehnender Bauch der Hofwirthſchaft das ſchönſte Lob ertheilte, drohte eben einem Lehrjungen, deſſen geſchwärztes Geſicht und über den Arm herunterhängende neue und friſch gewichſte Stiefel ſeinen künftigen Beruf keinen Augenblick in Zwei⸗ fel ließen, mit Prügeln, indem er eine mit ſilbernem Knopf verzierte Reitgerte um den Kopf des reizenden Jungen ſauſen ließ, wenn er die beſchmutzten Finger noch⸗ mals mit dem vergoldeten Adler, der am Kutſchenſchlag prangte, in Berührung bringen würde, als ein invalider Officier, welcher die Menge wenigſtens um einen Fuß „Habt Achtung! da kommen ſie.“ 10* —— — —õ— — 148 Augenblicklich trat ehrfurchtsvolle Ruhe ein, die ſich aber in ſtürmiſches Gelächter umwandelte, da ſich zwar allerdings die Glasthüre, welche damals wie heute die Hauptſtiege abſchloß, öffnete, aber nur ein buckliger Hausknecht mit einer Tracht Brennholz auf dem Rücken auf der Schwelle erſchien. „Hat der verfluchte Bocksbart,“ ſchrien ein Höker⸗ weib, auf den Officier deutend,„keine Augen im Kopf, oder will er uns zum Beſten haben?“ „Nun beruhigt Euch, Frau Eva,“ ſagte ein roth⸗ gekleideter Sänftenträger, der neben ihr ſtand,„ich war auch Soldat und hör' es nicht gerne, wenn man auf einen Gedienten ſchimpft.“ „Gedient?“ erwiederte die hartnäckige Hökerin geringſchätzig,„mir iſt aber nicht gedient, wenn man mich zum Narren hat.“ „Aber Frau Eva!“ „Aber Herr Benedict, was Ihn nicht brennt, das blas er nicht, verſtanden?“ Herr Benedict glaubte, es ſeinem rothen Rock von jetzt und ſeinem Soldatenrock von ehemals ſchuldig zu ſein, die Beleidigung nicht auf ſich ſitzen zu laſſen, und rief laut:„Mir ſcheint gar, die alte Strunzel ſucht Hän⸗ del?“ Dieſe Worte waren nicht geeignet, den Frieden herzuſtellen; der Streit wurde mit jeder Minute hef⸗ tiger. Die Umſtehenden miſchten ſich darein und machten 149 dadurch die Sache noch ſchlimmer; die rothnaſige Ama⸗ zone holte bereits zu einem Schlag nach dem farben⸗ verwandten Geſicht des Sänftenträgers aus; die Zuſeher hatten bereits einen Kreis gebildet, innerhalb welchem die Balgerei anſtandlos vor ſich gehen konnte, als ein anderes Ereigniß die Aufmerkſamkeit des Publicums auf ſich zog. Ein ſpaniſcher Kriegsknecht aus des Molart's Hakenſchützen war, man wußte nicht, warum, mit dem gewaltigen Aufſeher der Sattelkammer in Streit ge⸗ rathen. Der Spanier, der nur gebrochen Deutſch redete, behauptete, zur Begleitung des böhmiſchen Königs nach Presburg beſtimmt zu ſein. Der Inſpector zog indeſſen vergebens ſein Itinerar zu Rathe und fand, ſo viel er auch ſuchte, nirgends einen Hakenſchützen Namens Pedro Tſchapin ver⸗ zeichnet. Als der Streit dem Soldaten zu lange dauern mochte, beſchloß er, ihn dadurch zu beenden, daß er ſich mit der Gewandtheit eines Eichhörnchens auf den Kutſcher⸗ bock eines Packwagens ſchwang und von ſeinem Hochſitz aus herunter ſchwor, daß er dem Inſpector den Kopf ſpalten wolle, wenn er ſich in ſein Bereich wage. Der Sattelkammer⸗Gewaltige erſchöpfte ſich ver⸗ gebens in Befehlen und Drohungen und mannigfachen Bewegungen der Reitgerte; der Soldat machte es ſich 150 auf ſeinem Sitz ſo bequem, als es eben anging und that, als ob er blind und taub wäre. Das Volk, dem eine tief eingewurzelte Abneigung gegen alles Hofgeſinde innewohnte, nahm Partei für den Schützen und verſpottete den Inſpector, der ſich um Alles in der Welt nicht in die Nähe des Kutſcher⸗ ſitzes gewagt hätte. Der Hohn des Publicums erregte indeß den Ehr⸗ geiz des Hofbedienten dermaßen, daß er ſich um fremde Hülfe umſah. Als er einige Knechte um ſich verſam⸗ melt hatte, hoffte er ſeinen Willen durchzuſetzen. In demſelben Augenblick, als ein allgemeiner Angriff unter der Leitung des Aufſehers unternommen wurde, erſchien der Cardinal auf der Schwelle. Das Publicum gab ſogleich ehrerbietig Raum. Auf die Frage, was der Lärm bedeuten ſolle, richtete ſich der Hakenſchütze hoch auf und zeigte nun zum erſten⸗ mal dem Publicum ſein Antlitz. Sein Geſicht war oli⸗ venfarbig und durch eine breite Narbe, die über die rechte Wange hinlief, entſtellt. Eine gekrümmte Naſe, zwi⸗ ſchen ſtechenden ſchwarzen Augen und das hervorragende Kinn vollendeten das Ganze einer Art Galgenphyfiog⸗ nomie. Der Inſpector ſtand eben im Begriff ſeine Klage anzubringen, als der Spanier mit dem Geſchrei: „Hier, ich bitte, iſt meine Marſchordre,“ die Aufmerk⸗ ſamkeit Khleſl's auf ſich lenkte. 151 In der That trug Herr Tſchapin ein vom Erzher⸗ zog Mar gezeichnetes Papier bei ſich, das ihm einen Platz unter den Mitfahrenden anwies. Die Augen des Cardinals irrten zwiſchen dem Papier und ſeinem Be⸗ ſitzr hin und her, dann ſagte er freundlich lächelnd, indem er auf die breite Narbe wies: „Gewiß aus dem venetianiſchen Krieg?“ „Von Gradisca her,“ antwortete der Hakenſchütz, dem Cardinal gerade in's Geſicht blickend. „Ein tapferer Soldat, wie ich ſehe.“ „Man thut ſeine Pflicht.“ 4 „Und beſcheiden.“ „Man behauptet, daß die größten Verdienſte durch Unbeſcheidenheit an Werth verlieren.“ „Ein kluger Junge!“ „Bitte ſehr,“ ſagte Tſchapin und verbeugte ſich. „Aber wie kommt es, daß Ihr nicht auf der Liſte ſteht, die von den Räthen Sr. Majeſtät entworfen wurde?“ „Weiß nicht.“ „Wer hat Euch denn die Ordre gegeben?“ „O Se. Durchlaucht perſönlich.“ „Da ſieht man, wie weit ein Prinz ſo hohen Ranges die Herablaſſung treiben kann. Herr von Mo⸗ lart! Herr von Molart!“ Dieſer Zuruf ging den Freiherr Hans von Molart an, welcher damals das Amt eines Präſidenten des 1⁵² Hofkriegsrathes bekleidete. Molart, welcher eben ange⸗ langt und aus dem Wagen geſtiegen war, beeilte ſich dem Wunſch des Cardinals nachzukommen und trat zu ihm. Der Cardinal fuhr fort: „Stellt Euch vor, mein beſter Molart, was für ein prächtiger Herr der Erzherzog iſt, verſieht er eigenhän⸗ dig dieſen alten Burſchen da mit einer Marſchordre und das ganz in's Geheim, um nur das koſtbare Leben un⸗ ſeres jungen Königs recht ſicher zu ſtellen. Es war gar nicht nöthig, ſonſt hätte ich oder vielmehr hätte der Kai⸗ ſer dafür geſorgt. Dieſer Mann iſt ſo überflüſſig, als ein Kerzenlicht am hellen Tag, um ſo mehr rührt mich die faſt mütterliche Zärtlichkeit Sr. Durchlaucht. Ihr könntet mir ſagen, das iſt es nicht. Aber ich frage Euch, was kann es denn ſein? Der Mann ſoll uns doch nicht beim Speiſen auf⸗ warten, dazu haben wir Bediente, auch nicht unſer Mit⸗ tagsmahl bereiten, zu dieſen Zweck gehen die Köche mit; er ſoll uns aber eben ſo wenig Meſſe leſen, da er kein Prieſter iſt; ich komme alſo darauf zurück und wieder⸗ hole, daß Sr. Durchlaucht der vorſichtigſte, beſte und liebenswürdigſte Herr von ganz Deutſchland iſt— Ihr könnt ihm das ſagen, Molart, ich habe gar nichts da⸗ gegen— er wird darüber lachen, das iſt Alles. Aber jetzt noch eins, Molart, kennt Ihr dieſen Mann?“ Mo⸗ lart zuckte die Achſel und erwiederte grämlich und mit 153 einer Miene, als ob er nicht recht mit der Sprache her⸗ aus wollte:„Der Erzherzog hat ihn unter meine Leute geſteckt und behauptet, daß er viel auf den Burſchen halte— weiter hat mich der Handel nicht zu kümmern.“ „Gewiß nicht, gewiß nicht,“ verſetzte Khleſl nach⸗ denklich, indem er den Hakenſchützen nicht aus den Augen ließ. Dann wandte er ſich wieder plötzlich an den Sol⸗ daten und fragte mit derſelben leutſeligen Miene wie früher:„Du ſagteſt mir nicht, wie du zu dieſer ehren⸗ vollen Narbe gekommen biſt.“ Der Soldat antwortete abermals:„Von Gra⸗ disca her.“ Aber der Cardinal gab ſich mit dieſer Antwort nicht zufrieden, ſondern ſagte noch einmal ſo freundlich:„Nein mein Sohn, das iſt es nicht, was ich zu wiſſen verlange, ich frage, wie Du dazu kamſt?“ Tſchapin hob nun eine wundervolle Geſchichte an, die ihn zum Helden des ganzen Feldzuges machte. Er hatte die vorzüglichſten Generale der Venetianer perſönlich be⸗ kämpft, die Tapferſten kampfunfähig gemacht, und den Reſt in die Flucht geſchlagen. Tſchapin war, wenn man ſeinen Worten trauen durfte, der einzige, überlegene Mann, der den Feind als Feldherr ſchon vor zwei Jahren in's Meer zurückge⸗ drängt, ja vielleicht Venedig ſelbſt erobert hätte. Tſchapin hatte ſeine Erzählung, ſei es aus Beſchei⸗ 154 denheit oder Beſorgniß, etwas kleinlaut begon nen, gerieth aber im Verlauf derſelben, da er den Cardinal von Zeit zu Zeit freundlich nicken ſah, in ſolches Feuer, daß er von den Anführern König Ferdinands in den geringſchätzigſten Ausdrücken redete, die treueſten, tapferſten Officiere verdäch⸗ tigte und ſich ſelber mit beneidenswerthem Selbſtgefühl den Lorbeer auf's Haupt ſetzte. „Ja,“ ſagte der Cardinal, den Kopf ſchüttelnd, indem er das Wort an Molart richtete,„was Ihr da gehört, müßt Ihr ohne Aufenthalt dem König berichten; ich ſehe, daß es dieſer wackerer Burſche trotz ſeines Heldenmuthes zu gar nichts gebracht hat— ich würde beim Kaiſer vor⸗ ſprechen, wenn der Mann der kaiſerlichen Armada ange⸗ hört hätte, ſo geht es aber den jungen König an, ich em⸗ pfehle Euch den Burſchen, Molart.“ Der Genannte, welcher wußte, wie ſparſam Cardinal Khleſl mit Lob und Lohn umging und wie viel es brauchte, um den Cabinetsdirector von dem unleugbarſten Verdienſt zu überzeugen, ſtutzte bei der Lobpreiſung eines Mannes, welcher der alleinige Verkünder ſeines Ruhmes ſelbſt war. Tſchapin dagegen, welcher den Cardinal weniger kennen zu lernen Gelegenheit hatte wie Molart, fuhr unaufgefordert in demſelben ruhmredigen Ton zu erzählen fort. Er theilte dem Cardinal mit, daß der Säbel des Procurator Giuſti⸗ niani ſelbſt dieſe ungeheure Narbe veranlaßt habe. „Ei, ei!“ verſetzte Khleſl ſtill lächelnd,„was doch die 155 Venetianer für verabſcheuungswürdige Menſchen ſind; ſie entblöden ſich nicht, ſo einen armen Teufel wie den da zu verleumden. Stellt Euch vor, Herr von Molart— aber was ſchaut Ihr denn beſtändig weg? ich verſichere Euch, daß das, was ich von den Venetianern erzählen will, ob⸗ gleich augenſcheinlich Märchen, nicht ganz abgeſchmackt iſt.“ Sonderbarer Weiſe ahnte Molart, daß er nichts Ange⸗ nehmes zu hören bekommen würde und folgte dem Cardi⸗ nal nur unwillig, während ſich des Hakenſchützen eine unbegreifliche Unruhe bemächtigte, denn er wälzte unauf⸗ hörlich auf dem Sitz herum und würde nun dem In⸗ ſpector der Sattelkammer gern freiwillig den Gefallen erwieſen haben, den dieſer eine halbe Viertelſtunde bevor mit allen erdenklichen Drohungen nicht erreichen konnte. Der Cardinal hub an, indem er dem Soldaten zu⸗ winkte fein aufzumerken:„Hieronymus Ginſtiniani, der Bruder des Proveditore, ein von ganz Venedig geachteter Mann, dem ich in meinem Leben nicht ſo viele Falſchheit zugetraut hätte, erzählte von einem Zigeuner ähnlichen Menſchen, der ſich in der Nacht an das venetianiſche La⸗ ger hingeſchlichen, um den Proveditore meuchleriſch zu über⸗ fallen. Die Wache bemächtigte ſich des Mannes nach einem harten Strauß, bei welchem der Mörder gerade ſo eine Wunde erhielt, wie dieſer Brave, führte ihn vor den Pro⸗ veditore, dem er ein weitläufiges und wie es den Anſchein hatte reuiges Geſtändniß ablegte. Er bekannte, daß ihm 156 ein gewiſſer Pater.... wie ſchwach wird doch mein Ge⸗ dächtniß, daß mir der Name nicht einfällt— ein Ordens⸗ mann, den die Venetianer hernach aufgriffen und über ein Jahr gefangen hielten,— bewieſen habe, daß der Zweck die Mittel heilige. Dieſer Grundſatz trug bei mei⸗ nem Mann die ſeltſame Frucht eines verſuchten Meuchel⸗ mordes. Er glaubte mit dieſem einzigen Schlag den gan⸗ zen Krieg zu beendigen und zur Belohnung wenigſtens in den Fürſtenſtand erhoben zu werden. Der Proveditore ließ den Kerl unter der Bedingung laufen, daß er ihm Ge⸗ legenheit ſchaffen wolle, den ehrwürdigen Vater— iſt es doch unangenehm, von ſeinem Gedächtniß ſo in Stich gelaſſen zu werden— in die Gewalt zu bekommen. Der ehrliche Soldat erfüllte die Bedingung auf der Stelle und verrieth dem Proveditor, daß der Pater— ich entſinne mich noch nicht ſeines Namens— eben auf der Reiſe von Görz nach Laibach begriffen ſei. Der Venetianer erfüllte ſeine Zuſage und ließ den Meuchelmörder frei und nahm den Pater— vermaledeites Gedächtniß!— gefangen. Und wißt Ihr, beſter Mollart, wie der Soldat geheißen?— Es iſt rein zum Lachen, gerade wie dieſer fromme Junge am Packwagen oben, Tſchapin— diesmal betrügt mich mein Gedächtniß nicht, Pedro Tſchapin, bis auf den Na⸗ men trifft es ein.“ Der Hakenſchütze ſchrie ohne Aufhören dazwiſchen: „Die Venetianer lügen, ich war es nicht, beim heiligen 157 Jakob, ich nicht! Mag ich in der Hölle brennen, wenn ich je ein Wort mit dem Proveditore geſprochen; die Zunge ſoll mir abfaulen, wenn ich es je gethan!“ Der Cardinal ſetzte dieſen Ausrufungen damit ein Ziel, daß er mit der größten Freundlichkeit verſicherte, er hätte gleich von Anfang an die Venetianer für gott⸗ loſe Verleumder gehalten, die an keinem Menſchen einen guten Faden ließen; am wenigſten aber an einem tapfe⸗ ren Soldaten, wie der vor ihnen ſitzende Namensge⸗ fährte jenes ruchloſen Tſchapin, der natürlich nur eine Erdichtung venetianiſcher Bosheit ſei. Molart, der die ganze Zeit über etwas nachgegrü⸗ belt hatte, fragte den Cardinal plötzlich, ob der gefangene Geiſtliche nicht Villerius geheißen hätte. Khleſl zuckte die Achſeln und entgegnete:„Iſt mir ſehr leid, aber ich kann mich trotz aller Anſtrengung des Namens nicht mehr entſinnen.“ „Aber der Beichtvater Erzherzog's Ferdinand's— damals war er noch Erzherzog, wurde auf dem Wege zwiſchen Görz und Laibach aufgehoben.“ „Wirklich?“ fragte der Cardinal in einem Ton, der zwiſchen Verwunderung und Spott ſchwankte. „Ich verſichere Euch.“ „O Euer einfaches Wort genüg!“ „Hieß jener Gefangener vielleicht Villerius?“ „Beſchämt mich nicht länger, beſter Herr,— ich —— 158 habe Euch ſchon geſagt, daß mein Gedächtniß ſchauder⸗ haft treulos iſt. Uebrigens kann es gar nicht ſein, daß Giuſtiniani den Beichtvater König Ferdinands im Sinn hatte, ſo wenig als er mit ſeinem Schurken Tſchapin die⸗ ſen Ehrenmann Tſchapin meinen konnte, denn ſonſt würde der alte Junge wohl ſchwerlich mit einer eigen⸗ händigen Anweiſung des Erzherzogs hier oben ſitzen.“ Molart fühlte ſich entweder durch die Erklärung des Cardinals wirklich befriedigt oder gab ſich minde⸗ ſtens den Anſchein davon— kurz er nickte und ſagte blos:„Alſo Euere Eminenz ſind mit der Begleitung des Hakenſchützen einverſtanden?“ „Als ob es noch meines Einverſtändniſſes bedürfte, wenn Se. Durchlaucht befiehlt; ich bin nicht nur ein⸗ verſtanden, ſondern bitte Euch ſogar, Sr. Durchlaucht meinen unterthänigſten Dank auszudrücken, daß er Vor⸗ ſichtsanſtalten trifft, an wolche der alte Khleſl bei ſeiner Vergeßlichkeit gar nicht gedacht hätte, und Euch, lieber Mann — hier wandte ſich der Cardinal an den Soldaten, der von bangen Zweifeln beſtürmt, ein Bild der Verlegenheit da ſaß— und Euch gebe ich die ganze Reiſe hindurch eine Gratislöhnung aus meinem Beutel.“ Tſchapin verzog bei dieſen Worten ſein Geſicht zu einem freundlichen Grinſen, was ihn einem Pavian ſehr ähnlich machte; Mol⸗ lart dagegen, den ein ſolcher Act der Freigebigkeit des kargen Mannes befremdlich vorkam, dachte, der Khleſl 159 geht wirklich ſchon auf den letzten Füßen. Nachdem Khleſl den Soldaten nochmals freundlich zugenickt und ſich bei Hans Mollart empfohlen hatte, nahm er den Inſpector der Sat⸗ telkammer bei Seite und ſagte gebieteriſch:„Der Wagen, auf welchem der Spanier ſitzt, wird zwei Stunden ſpäter abfahren.“ Der Aufſeher ſchlug verzweifelt die Hände zuſammen und fragte:„Wie ſoll ich denn das anfangen, der Wagen iſt ja gepackt, beſpannt und Alles in ſchönſter Ordnung?“ „Macht das, wie Ihr wollt, laßt die Pferde Hufeiſen, den Wagen Räder, den Kutſcher Leitſeil und Peitſche ver⸗ lieren, das geht mich nichts an; ich ſage Euch nur, der Wagen wird zwei Stunden ſpäter abgehen.“ Laſſen wir den dicken Inſpector die Hände ringen und ſchauen wir, wohin ſich der Cardinal begiebt. Er tritt bei dem dienſtthuenden Officier ein. Es iſt ein noch ſehr junger Mann von offenen freund⸗ lichen Zügen, deren Aehnlichkeit mit einem viel ernſteren verſchloſſeneren Geſicht, das uns ſchon wiederholt unter die Augen gekommen, auffallend iſt. Der junge Mann ſieht jener Dame ähnlich, welche wir im Schloß Winkl begegneten und jenem deutſchen Herrn, welcher dort als Patriarch waltete, ſonſt aber als Erzherzog Maximilian mehr gefürchtet als geliebt war. Der Hauptmann, den wir vor uns haben, glich ſei⸗ nem Vater und zwar zum Sprechen; aber alle die Här⸗ 160 ten des Deutſchmeiſters waren in dem Angeſicht des Jüng⸗ lings gemildert. Dazu kamen die lichten Augen und roſigen Wangen der Frau von Roſenberg. Khleſl war bei dem Anblick des jungen Menſchen und der ſprechenden Aehn⸗ lichkeit, die ſich ihm darbot, ſo betroffen, daß er einen Augen⸗ blick lang nichtreden konnte und doch wußte der Cardinal recht gut, wen er im Vorſaal des Kaiſers treffen würde. Als er ſich wieder gefaßt hatte, ſagte er, indem er ſich ſtellte, nicht zu wiſſen, wen er vor ſich habe:„Hauptmann, ich habe für Sie einen Auftrag, der eben ſo viele Verſchwiegenheit als Tact erfordert, darum betraue ich Sie damit. Kennt Sie der Soldat dort unten am Packwagen, oder kennen Sie ihn?— bei dieſen Worten zeigte er dem Officier durch das Fenſter den ehrenwerthen Don Tſchapin.— Der Hauptmann ſchüttelte den Kopf. „Um ſo beſſer, Sie werden ſich in die Uniform eines gemeinen Fußknechtes von des Molarts Leuten ſtecken und den Hakenſchützen, den Sie auf dem Pack⸗ wagen Nr. 3 ſitzen ſehen, nicht aus den Augen laſſen. Sie werden mir über jede Bewegung und jeden Gang dieſes Mannes Bericht erſtatten, ohne ihn jedoch an irgend etwas zu hindern. An was immer, verſtehen Sie mich wohl, wenn Sie zum Beiſpiel bemerken ſoll⸗ ten, daß der Mann mit einem Anſchlag auf irgend ein Menſchenleben ſchwanger geht, ſo werden Sie es pflicht⸗ ſchuldigſt melden, ihn aber in keiner Weiſe ſtören. Ich 161 brauche Ihnen Verſchwiegenheit ich nochmals a anzuem⸗ pfehlen; Alles hängt davon ab, daß Ihre Sendung geheim bleibt. Ich habe gehört, daß Sie ein braver Junge ſeien, und ſo habe ich Ihnen vertrauen wollen rechtfertig gen Sie meine Geſinnung.“ 3 Der junge Mann war ſeelenvergnügt und wußte nicht genug Ausdrücke ſeines Dankgefühles zu finden. Sein gutes Herz ſagte ihm indeß, daß Derjenige, der ihn dem Cardinal anempfohlen, den erſten Dank ver⸗ diene. Er fragte deshalb:„Um Verzeihung, wem ſchulde ich aber die Aufmerkſamkeit Eurer Eminenz?“ „Mein Gott! wem anders als meinem alten Freund Hans Molart? Aber ſagt ihm nichts davon, er kann das nicht leiden, und würde nie wieder für Jemand ein Wort einlegen, wenn er erführe, daß ich es Euch geſagt habe.“ „Wie ugeigenmitiat. „Oh. Oh!“ rief der Cardinal in ſo ſchrillem Tone, daß der Hauptmann faſt erſchrack. „Wie heißt Ihr, mein Lieber?“ fuhr Khleſl fort, willens, den jungen Mann vollends auf die Probe zu ſtellen. „Johann Eckart, zu dienen,“ entgegnete der Junker. „Und ſeid?“ „Aus Tirol, Eminenz.“ „Und Eure Eltern?“ Haas: Der alte Cardinal. II. 11 162 Hier ſtockte der junge Mann, wurde blutroth im Geſicht und ſagte endlich ſo leiſe, als ob er ſich laut zu ſprechen fürchtete:„Ich habe nur Zieheltern.“ „Und Eure leiblichen Eltern?“ Eckart wurde noch röther als zuvor und ſagte noch leiſer:„Ich bin ein Findelkind.“ „Und doch Hauptmann!? Nun, Ihr müßt eine Alraunwurzel bei Euch führen.“ „Meine Alraunwurzel iſt die Gnade Sr. Durch⸗ laucht.“ „Welcher Durchlaucht?“ „Des Erzherzog⸗Deutſchmeiſters.“ „Wenn ich das früher gewußt hätte!“ „Wenn? Eure Eminenz?“ „So würde ich meinen Auftrag jemand Anderem gegeben haben.“ Ganz beſtürzt fragte der Hauptmann, womit er dieſe Sinnesänderung verſchuldet habe. „Seht,“ ſagte Khlefl, indem er ſein Kinn zwiſchen Daumen und Zeigefinger der linken Hand klemmte und ſeine Rechte auf die Schulter des Officiers legte,„ſeht, der Erzherzog— gebt Euch keine Mühe, mich davon abzubringen— liebt mich nicht, warum nicht? deſſen mag einmal Gott zwiſchen uns richten, immer bleibt es dabei, der Erzherzog iſt mir in Allem zuwider; nun iſt aber dieſer Erzherzog, wie Ihr ſagt, Euer Beſchützer; 163 was iſt natürlicher, als daß Ihr dem älteren Beſchützer mehr anhängt als dem neuen? Der Erzherzog iſt Sol⸗ dat, ich bin höchſtens ein Streiter Chriſti mit dem geiſtlichen Wort, aber kein Krieger, gewiß nicht; was iſt natürlicher, als daß Ihr Euch zu dem Soldaten inniger hingezogen fühlt, als zu einem alten Prieſter? Ich muß daher erwarten, daß Ihr mein Geheimniß einem ſo mächtigen Mann, wie der Erzherzog iſt, mit⸗ theilen werdet, und dieſe Gefahr wäre ich bei einem Anderen nicht gelaufen.“ Eckart beeilte ſich, den Argwohn des Cardinals zu beſchwichtigen. Er beſchwor denſelben, ihn doch kei⸗ ner ſolchen Chrloſigkeit fähig zu halten und zu glauben, daß er lieber ſterben, als ein Dienſtgeheimniß ver⸗ rathen würde. Khleſl gab ſich den Schein, als ob er überzeugt wäre und verließ, nachdem er Eckart die Hand zum Kuß gereicht hatte, die Stube. Im Fortgehen ſagte er ſich:„Iſt der Junge ein Einfaltspinſel erſter Claſſe! meint, wenn ich Argwohn hätte, würde ich ihm kraft ſeiner Schwüre trauen. Ichfürchte vielmehr das Gegentheil, daß der Burſche zu ehrlich iſt und ſeinem Herrn Papa den Sachverhalt wirklich verſchweigt. In letzterem Falle komme ich um die ganze Frucht meines ſo muſterhaft angelegten Planes. Der Erzherzog wird nicht auf den Gedanken fallen, daß 11* 164 ſeine mir höchſt wahrſcheinliche Mordabſicht entdeckt iſt, er wird daher nicht Gegenbefehl ertheilen: er wird folglich auch keinen Verſuch der Ausſöhnung anſtellen, und was das Schlimmſte iſt, dem Mörder freien Lauf laſſen, ſo daß es in der That von der Wachſamkeit des guten Burſchen abhängt, ob ich wie eine Lerche ge⸗ ſpießt, oder wie ein Haſe geſchoſſen oder gerettet wer⸗ den ſoll.— Aber nein, wo denk' ich hin! warum ſollte der Sohn dieſes heimtückiſchen Max beſſer ſein als der Vater? Warum ſollte er, den der Erzhexzog mit ſolcher Zärtlichkeit liebt, vor dem erlauchten Vater ein Geheim⸗ niß haben? Und hat er es, und iſt er redlicher, als ich glaube, um ſo ſchlimmer für ihn Er wird es ihn entgelten laſſen. Die Folge kann ein Zwiſt, ein Streit zwiſchen Vater und Sohn, ein Familienunglück ſein. Euer Liebden ſehen, daß Sie der alte Khleſl bei Ihrer ſchwäch⸗ ſten Seite zu faſſen weiß.“ So für ſich hin redend war der Cardinal wieder an der Glasthür angelangt. Die beſpannten Packwagen ſtanden noch immer von Zuſehern umringt im Hofraum, die goldverzierte Kutſche hielt noch immer unterm Thor, die rothnaſige Hökerin, der Seſſelträger und der lange Officier gafften noch immer die Glasthür an, da ſchlug es zehn Uhr. Der Cardinal blickte um; hinter ihm ſtieg der Erzherzog Deutſchmeiſter Arm in Arm mit König Ferdinand die Stufen herab. Die Kämmerer Graf Athems 165 und Wolkenſtein folgten ihnen auf dem Fuße. Beide Prinzen beſtiegen den Wagen, ohne ſich um den Cardinal zu kümmern; eine zweite Kutſche nahm die geheimen Räthe, die zum Beſuch des ungariſchen Landtages be⸗ ſtimmt waren, auf; eine dritte mit vier Pferden beſpannte, den Cardinal, welcher in Geſellſchaft ſeines Vicars Stein⸗ ſchneider reiſte, und eine vierte, die gleichzeitig vom Col⸗ legium der Jeſuiten am Hof abfuhr, vier Zöglinge Loyo⸗ la's, an deren Spitze der ehrwürdige Pater Lamormain ſtand. Die Packwagen folgten hinter den Kutſchen; nur der einzige Packwagen Nr. 3, an welchem der Schloſſer doch eine Viertelſtunde länger als an allen andern Wagen gearbeitet hatte, mußte eines Axenbruches halber, den man noch zeitlich genug bei der erſten Bewegung des Wagens entdeckt hatte, zurückbleiben und durch einen andern erſetzt werden. Das Ueberladen nahm Zeit weg, ſo daß dieſer Wagen erſt Schlag zwölf den Schweizer⸗ hof verlaſſen kounte. Zu Tſchapins nicht geringem Erſtaunen geſellte ſich ihm noch ein Waffenbruder von den Stauderiſchen zu; ein junger Burſche, deſſen Antlitz ſich wie Milch und Blut anſah. Der Spanier empfand zuerſt ein wenig Verdruß über die unerwartete Reiſegeſellſchaft, tröſtete ſich aber mit dem Gedanken, daß er dem jungen Burſchen min⸗ 166 deſtens ſeine Autorität würde fühlen laſſen können. Als Tſchapin die Verzögerung bemerkte und ſah, daß die Kutſchen weit voran ſeien, machte er ſeinem Unmuth in zahlreichen Flüchen und Betheuerungen Luft.„Dieſe Beſtien von Hofſchranzen,“ rief er aus,„haben nichts zu thun und laſſen Leute unſers Standes warten. Ca- ramba! wenn ich ſo einen Tafellecker unter meine Fauſt bekäme— dabei machte er die unzweideutige Pantomime des Erwürgens— ich wollte ihm einen Denkzettel in die Ewigkeit mitgeben.“ Umſonſt bemühte ſich ſein verkappter Camerad den Zorn des Spaniers zu mäßigen, welcher noch im Fort⸗ fahren eine höchſt unehrbare Fratze zog, die dem In⸗ ſpector der Sattelkammer galt. Der Reſt des Publicums, welcher die Abfahrt des letzten Packwagens abgewartet hatte, nahm die Pantomime des Soldaten mit lautem Beifall auf und verlief ſich ſchreiend und lachend, ohne den ſtillen Genoſſen ihrer Beluſtigung an einem Fenſter des zweiten Stockes be⸗ merkt zu haben. Dieſer ſtille Genoſſe, der nicht weniger lachte, war Kaiſer Mathias. XVII. Capitel. Cin„qui pro quo.“ Presburg bot während der drei erſten Sommer⸗ monate des Jahres 1618, Mai, Juni und Juli einen überraſchenden Anblick dar. Die Bevölkerung war für den Augenblick durch den Zuzug ſo vieler Fremder auf ſiebenzig tauſend Menſchen geſtiegen; die Stadt iſt jetzt nicht groß und war vor zwei hundert fünfzig Jahren noch um ein gutes Theil kleiner. Daß die Stadt eine ſo große Anzahl Menſchen nicht innerhalb ihrer Ringmauern faſſen konnte, war um ſo natürlicher, als die Magnaten und das Gefolge des königlichen Hofes ohnedies größere Räumlichkeiten in Anſpruch nahmen. Bei dieſer Wohnungsnoth blieb nicht Anders über, als einen Theil in dem ſtundenweit entfernten Tebln unter⸗ zubringen und für den andern im nahen Stadtwäldchen am 168 jenſeitigen Stromufer hölzerne Wohnungen zu errichten. Wer im nahen Weingebirg ein Haus beſaß, zog ſich auf das Land zurück und überließ die Stadtwohnung gegen hohen Miethpreis den Ankömmlingen. Sehen wir uns Stadt und Bewohner einen Augen⸗ blick an; es lohnt ſich wohl der Mühe, die ungariſche Krö⸗ nungsſtadt ein bischen in's Aug' zu faſſen. „Poſony,“ das deutſche Presburg, liegt am lin⸗ ken Donauufer ganz hart an dem breiten majeſtätiſch dahin⸗ rollenden Strom und lehnt ſich mit dem Rücken an ziem⸗ lich hoch anſteigendes Weingebirg, von deſſen Höhen man eine entzückende Fernſicht genießt; bis weit über St. Geor⸗ gen hinaus ſchweift der durch kein Terrainhinderniß ge⸗ hemmte Blick. Auf einem Hügel, dem Promontor des höher anſteigenden Gebirges, liegt das Schloß, jetzt eine halbe Ruine, deren eingeſunkene Mauern von Rauch geſchwärzt ſind; damals eine ſtattliche Burg, welche zum Aufenthalt der Fürſten und ihres Gefolges hinlänglich Raum darbot. Dieſes Schloß war zur Zeit, von der wir reden, ein feſter Punkt, ſpäter eine Caſerne und iſt heutzutage ein wüſtes Durcheinander von Schutt und Gemäuer. Dieſes Schloß beherrſchte die Stadt, wie es ſeiner Seits wieder von den Höhen des Gebirges beherrſcht wurde. Die Stadt ſelbſt hatte damals die wenigen geraden und geräumigen Straßen und regelmäßigen Plätze, die ſie heutzutage beſitzt, noch nicht; die krummen holprigen 169 und dunklen Gäßchen, deren reinſte Formen noch gegen⸗ wärtig der Schloßberg aufbewahrt, wanden ſich labyrinth⸗ ähnlich durch die Stadt und mündeten oft auf einem freien, lichten, wenn auch höchſt unregelmäßigen Platz. Außer der hübſchen, wenn auch nicht ſehr geräumigen Kathedralkirche beſaß die Stadt nur unbedeutende Gebäude; ſelbſt die Klöſter und Kloſterkirchen machten davon keine Ausnahme; Alles war nur ſehr mittelmäßig bis auf die ſchöne freundliche Lage und dieſe wurde damals weniger gefühlt und bewundert, als in unſern naturſinnigen Zeiten. Die mittelmäßigen, höchſtens ſtockhohen Häuſer wurden von Bürgern, die ſich eines mittelmäßigen Eiukommens er⸗ freuten, bewohnt, ſie trieben etwas Handel und zogen aus den Krönungsfeſten und Reichstagen den größten Gewinn; wäre es nach ihrem Sinn gegangen, ſo hätte jeder König ſeine Söhne dutzendweiſe krönen laſſen ſollen, denn die Krönung bewirkte einen großen Zuſammenfluß von Men⸗ ſchen, viele Bedürfniſſe und daher großen Abſatz. Wenn ſich darum ein Krönungsgeſchäft, wie das des Erzherzogs Ferdinand, an die drei Monate hinausſchob, da hatten die guten Presburger ihre lebhafteſte Freude. Waren auch zu andern Krönungsfeſten die Leute aus allen Umgegenden zu Tauſenden herbeigeſtrömt, ſo bot doch die gegenwärtige Feier noch ganz andere Vortheile dar. Die unzufriedenen Stände benützten den Reichstag als Conventikel zur Durchſetzung ihrer Sonderintereſſen. Welche Stände? Die proteſtantiſchen Stände Ober⸗ und Niederöſterreichs, Böhmens, Mährens und Schleſiens; ſie wollten die Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen laſſen, den verhaßten Ferdinand bei den Ungarn anzu⸗ ſchwärzen und die alte Verbindung mit ihren ungari⸗ ſchen Glaubensgenoſſen zu erneuen. Die Stände ſchickten ihre ausgezeichnetſten Redner, um entweder die Krönung Ferdinands zu hindern oder doch die Gleichgeſinnten zur Rüſtung gegen den gemein⸗ ſamen Feind anzuſpornen. Sie alle zehrten zu Pres⸗ burg für ihr Geld und waren deshalb den Presburgern, ganz abgeſehen von ihren politiſchen Entwürfen, will⸗ kommen.— Unter den Böhmen ragte der gelehrte Jeſſenius von Jeſſen, ein geborner Ungar, der ſich in Prag nie⸗ dergelaſſen, unter den Oeſterreichern Tſchernembl und Hofkirchen hervor. Außer den öſterreichiſchen Ständen hatte noch Bethlen⸗Gabor, der Siebenbürgerfürſt, ſeine Abgeſandten in Presburg, die ſich alſobald mit den unzufriedenen Ungarn, Böhmen und Deutſchen in genaues Einvernehmen ſetzten. Mit dem Krönungscandidaten Erzherzog Ferdinand war in Ermangelung des Kaiſers, welcher krank zu Ebers⸗ dorf lag, als Principalcommiſſär der Hoch⸗ und Deutſch⸗ meiſter Erzherzog Maximilian, und mit ihm des Kai⸗ ſers erſter Miniſter Cardinal Khleſl erſchienen; Hans Molart und Freiherr von Ulm befanden ſich im Gefolge des Cardinals.— Die Hauptſtütze König Ferdinand's war aber ein ungariſcher Kirchenfürſt, ein Jeſuitenfreund und Günſtling Spaniens, der Primas von Ungarn, Cardinal Paczmann. Dieſer zog alle eifrigen Katho⸗ liken Ungarns in Ferdinand's Intereſſe und bezeichnete die Perſonen, die gekauft werden müßten; da öffnete denn Erzherzog Max den meiſt wohlgefüllten Beutel und reichte Dasjenige, was man damals„einige Er⸗ götzung“ nannte und heute mit Beſtechung brandmarken würde. Unter den mächtigen Ungarn war beſonders Einer, eben ſo gewandt in der Rede, als einflußreich bei den Magnaten, der Abkömmling eines uralten Hauſes, Graf Forgacs, ein Mann, der für das Intereſſe ſeiner Kaſte ſchwärmte und nicht übel Luſt zu haben ſchien, in die Fußſtapfen des Boczkay und Bethlen zu treten. Eines Abends kehrte er mit einem feierlichen Schwur, die Wahl Ferdinand's vereiteln zu wollen, aus dem pro⸗ teſtantiſchen Lager noch ziemlich frühzeitig nach Hauſe zurück; auf dem Heimwege begegnete er dem Hedani Erzbiſchof von Gran(Cardinal Paczmann); am fol⸗ genden Morgen, den 16. Mai, erklärte er ſich in für alle Parteien überraſchender Weiſe für die Wahl Fer⸗ dinand's. Hätte der Kammerdiener die Hoſentaſchen ſeines Herrn des Abends zuvor unterſucht, er würde 172 die königliche Genehmigung ſeiner Wahl zum Palatin in ſehr ſchönen Buchſtaben auf Pergament gefunden haben. Bis zu dieſem Moment gingen die beiden Kirchen⸗ fürſten Khleſl und Paczmann Hand in Hand; von dem Tag an, da die Wahl Ferdinand's eine beſchloſſene Sache war, trennten ſie ſich; Khleſl, um den Vollzug der Wahl zu hintertreiben oder möglichſt weit hinaus⸗ zuſchieben, und der Primas, um die Krönung ſo viel als thunlich zu beſchleunigen. Khleſl ließ den öſterreichiſchen Abgeordneten der Stände wiſſen, daß er ihrem Aufenthalt in Presburg nichts in den Weg zu legen denke, und gewährte ſelbſt dem Doctor Jeſſenius eine Audienz, die er freilich ſpäter für eine ärztliche Conſultation ausgab. Die freundliche Art, mit welcher der öſterreichiſche Cardinal die Unzu⸗ friedenen behandelte, beſtärkte die Stände in ihrem Un⸗ ternehmen und verſetzte die Partei Ferdinands in Wuth. Dieſelbe wurde noch durch einen ſonderbaren Zwiſchen⸗ fall geſteigert. Der Cardinal ſaß ruhig an ſeinem Schreibpult und arbeitete eine Rede aus, die dazu be⸗ ſtimmt war, die Hebung der Gravamina der Ungarn, und ſomit auch die Krönung in endloſe Ferne zu rücken, als ein Courier des Kaiſers gemeldet wurde; der Cou⸗ rier übergab dem Cardinal einen Brief ſeines Herrn, in welchem Mathias Khleſl's Rath erbat, ob er die 173 Bitte ſeines Bruders, des Erzherzogs Max gewähren ſolle oder nicht. Max hatte als Lohn für ſeine Be⸗ mühungen am Landtag die Statthalterſchaft von Böh⸗ men begehrt. Alſogleich ſetzte ſich der Cardinal hin, befahl dem Courier zu warten und ſchrieb:„Wenn erſt Erzherzog Ferdinand König von Ungarn und Böh⸗ men, und Se. Durchlaucht der Deutſchmeiſter deſſen Statthalter iſt, dann rathe ich Euer Majeſtät, ſich bald um eine Anſtellung bei Herrn von Weſternach oder Eggenberg umzuſehen. Man ſagt, der Eggenberg ſei ein freigebiger Herr; wenn das wahr iſt, kann es Eurer Majeſtät in ſolchem Dienſt nicht fehlen. Bitte nur, mich bei Zeiten wiſſen zu laſſen, wann dieſe Verän⸗ derung vor ſich gehen wird, da ich bei meinem Alter mich in den neuen Dienſt nicht wohl ſchicken möchte. Mit der Bitte zu Gott, daß er Eure Majeſtät erleuch⸗ ten und gegen die rebelliſchen Gelüſte der eigenen Blutsverwandten das Herz ſtärken wolle, verbleibe ich Ihr alter und in Ehren grau gewordener Khleſl, der nicht erwartet hätte, daß es ſo weit kommen würde.“ In der Nachſchrift hieß es einfach:„Mit dem Brief in's Feuer.“ Gleich nach Beendigung dieſes Schreibens begann er einen anderen Brief, den er an Sixt Trautſon, von dem er wohl wußte, daß er der Gegenpartei angehörte, richtete. Der Inhalt dieſer Zu⸗ ſchrift war nichts als eine lange, mit zahlreichen Cita⸗ 174 ten aus der heiligen Schrift belegte Jeremiade über die undankbare, geiſterſchöpfende Arbeit, der er ſich un⸗ terzogen, wie er es tief bedauere, ſich je in Staats⸗ dienſte eingelaſſen zu haben. Beneidenswerth dünke ihm das Loos ſolcher Männer, die auf eine ruhmvolle Ver⸗ gangenheit pochend, den Reſt ihrer Jahre procul ne- gotiis zubrächten; eine ſolche beneidenswerthe Perſön⸗ lichkeit ſei Se. Durchlaucht Erzherzog Max. Er— der Erzherzog— habe ein ſchönes Stück Arbeit hinter ſich, habe ſtets nach Recht und Gewiſſen gehandelt, und könne nun von ſeinen Mühen in behaglicher Muße aus⸗ ruhen; wann werde ihm ein gleich günſtiges Schickſal gegönnt ſein? Ob ihm wohl Jemand, und wenn er der Beherrſcher der ganzen Welt wäre, die aus ſeinem Leben herausgeriſſenen Jahre, die er ſich mit Staats⸗ geſchäften abgegeben, erſetzen könne?„Nein,“ ſchloß er,„das kann Niemand! Nur im Jenſeits, wo die Thaten der Fürſten und ihrer Miniſter mit ehernem Griffel aufgezeichnet ſind, darf ich den Erſatz er⸗ warten.“ Als Poſtſcript rückte er folgende Worte ein:„Ich kann Euch melden, daß ich lieber mit ganz wilden, heid⸗ niſchen Völkern, als mit den Ungarn unterhandeln möchte. Mit den Leuten iſt vernünftiger Weiſe nichts anzufangen, oder ſollte ich, wie Einige meinen, die Autorität meines Herrn völlig preisgeben und vom Königthum Alles bis 175 auf den Namen opfern? Die das wollen, kennen den alten Khleſl ſchlecht. Ich bin ein ehrlicher deutſcher Mann und verſtehe mich nicht auf die wälſchen Künſte, und ſomit Gott befohlen.“ Dieſen Brief erhielt Erzherzog Max, einem eigen⸗ händigen Schreiben Trautſons beigeſchloſſen, drei Tage ſpäter. In Trautſons Brief hieß es lakoniſch, daß Se. Majeſtät, die erſt ſo bereitwillig geſchienen habe, Sr. Durchlaucht das Generalat des Königreiches Böhmen zu verleihen, plötzlich anderen Sinnes geworden und ihm geſagt habe, von einer Aenderung in Böhmen könne bei ſo gefährlichen Zeiten, da die Proteſtanten täglich ſchwie⸗ riger würden, keine Rede ſein. Den Tag nach Empfang dieſes Schreibens zeigte ſich im Vorgemach des Erzherzogs ein Hakenſchütze von des Mollart Bande, ein alter verwitterter Burſche von olivengrüner Geſichtsfarbe, mit ſtruppigem Haupthaar, verſchmitzten Zügen und einer breiten Narbe unter dem linken Auge. Der Mann behauptete gegen den dienſt⸗ thuenden Kämmerer Freiherrn von Stadion, daß ihm Mollart ſelbſt befohlen habe, nach dem Schloß zu kom⸗ men. Ein anderer Hakenſchütze, derſelbe, der ſich in Wien auf den gleichen Wagen mit ihm geſetzt hatte, war mit dem Olivengrünen eingetreten und hatte ſeinen Came⸗ raden erſt verlaſſen, als Stadion zurückgekehrt war und den Soldaten ihm folgen hieß. 176 Der Camerad des Mannes, welcher ſich ſoeben zum Erzherzog begab, blieb in der Burg und richtete ſeine Schritte nach der Wohnung des Cardinals. Hören wir aber, ehe wir dem jüngeren Soldaten folgen, was ſein älterer Camerad bei dem Erzherzog zu thun hatte. Erz⸗ herzog Max ſaß oder lag vielmehr auf einem perſiſchen Divan; ſeine Stirne war ſorgenvoller als je, er hielt ein Papier in der Hand und ſchien über den Inhalt desſelben zu brüten. Das Papier enthielt die erſte Nach⸗ richt von dem berühmten Prager Fenſterſturz. Die Böhmen hatten das erſte Zeichen zur Revolution gegeben. Für Max war es gewiſſermaßen ein Freudenzeichen, wenn man freie Hand behielt, mit den Rebellen auf gut Spaniſch vorzugehen, aber ein Zeichen des ſichern Untergangs, falls der friedfertige Cardinal an der Spitze der Ge⸗ ſchäfte blieb. Daß dieſer Fenſterſturz das Signal eines dreißigjährigen, verderblichen Krieges ſein könne, kam dem Erzherzog ſo wenig wie jemand Anderm in den Sinn. Als Stadion den Soldaten meldete, ſagte der Erz⸗ herzog, ohne von dem Papier aufzublicken:„Er mag eintreten.“ Eine Minute ſpäter ſtand der Hakenſchütze vor dem Erzherzog. Max ſah auf und unterzog den Soldaten einer langen und ſtrengen Muſterung; wiederholt glitt ſein Blick über die nichts weniger als angenehmen Züge des 177 Schützen, dann ſagte er zögernd:„Noch immer eine ſichere Hand?“ „So ſicher, als ob ſie von Eiſen wäre.“ Der Erzherzog nickte beifällig.„Ihr ſeid von des Mollart Knechten?“ „Nicht ſo eigentlich, ich bin nur bei der Bagage,“ — beim Depot würde man heutzutage ſagen.— „Und Ihr habt freie Zeit?“ „Herr von Mollart empfahl mir wenigſtens, die Zeit ganz nach meinem Gefallen anzuwenden.“ „Ihr wißt nicht, wem Ihr es dankt, hier in Pres⸗ burg zu ſein, ſtatt längſt als verfaulter Leichnam über irgend einem Stadtthor ausgeſteckt zu ſein.“ „Ich kann nur vermuthen!“ „Und was vermuthet Ihr?“. „Der Marſchbefehl war von Euer Durchlaucht unterzeichnet.“ „Genug davon. Ihr ſeid ein Mörder, Beutelab⸗ ſchneider, falſcher Spieler, Aufwiegler!“ „Euer Durchlaucht—“. „Gebt Euch keine Mühe, Eure Thaten zu beſchö⸗ nigen, ich weiß das Alles genau.“ Unſer alter Bekannter Don Tſchapin war über dieſen Eingang ſo betroffen, daß er an Händen und Füßen zitterte, und vor dem Erzherzog in die Knie ſank; dieſer wandte ſich mit einer unzweifelhaften Geberde des größ⸗ Haas: Der alte Cardinal. II. 12 —— 178 ten Eckels ab und ſagte, ohne den Wicht ferner eines Blickes zu würdigen:„Ihr wißt wohl, daß jedes ein⸗ zelue Eurer vielen Verbrechen d den Galgen verdient hätte, und daß es mich nur einen Wink koſtete, Euch auf der Stelle hängen zu laſſen?“ Don Tſchapin heulte noch immer auf den Knien liegend:„Barmherzigkeit, durchlauchtigſter Herr! Nur dies eine Mal noch Barmherzigkeit!“ Der Prinz ſprach nach einer Pauſe, die Tſchapin eine Ewigkeit deuchte:„Nunwohl, ich will barmherzig ſein, aber Ihr müßt meine Barmherzigkeit verdienen.“ „Ich will nach Jeruſalem wallfahrten.“ „Das könnt Ihr meinetwegen, aber erſt, wenn der Cardinal todt iſt.“ Tſchapin wiederholte inſtinctmäßig:„Wenn der Cardinal todt iſt.“ „Ja, dann könnt Ihr, wenn es Euch gefällt, Kar⸗ thäuſer werden, ich habe nichts dagegen, ſo lange aber Se. Eminenz lebt, tragt Ihr ſtets den Strick um den Hals— Ihr verſteht doch?⸗ Dieſe Worte bewirkten eine ſeltſame Veränderung in dem Aeußeren des jammervollen Menſchen; er ſprang auf, ſeine Augen leuchteten, wie die des Raubthieres, Tſchapin hatte die ehemalige Sicherheit wieder gefunden. Er ſagte mit erhobener Stimme:„Und wenn der Car⸗ dinal todt iſt, bin ich frei?“ 179 „So frei als nur ein Menſch ſein kann.“ „Aber ich beſitze nichts, wovon ich leben kann.“ „Ihr werdet den Cardinal beerben.“ Aber der ſoll ja ſo reich ſein, wie der König von Lydien.“ „Der Cardinal wird Euch wohl nur ein beſcheidenes Legat von ein Paar tauſend Gulden ausgeſetzt haben.“ „Das iſt mehr, als ich je hoffen durfte.“) „Und ich ſage Euch, daß der Cardinal wirklich an Euch gedacht hat.“ „Gut, ich habe Luſt, die Erbſchaft bald anzutreten.“ „Das iſt Eure Sache, ſo wie es die meine war, Euch mit dem Legat des frommen Mannes bekannt zu machen.“ „Und wann glaubt Eure Durchlaucht, daß der Car⸗ dinal ſterben könnte?“ „Der berühmte Aſtronom Tycho Brahe ſoll in ſei⸗ ner Nativitätsſtellung gefunden haben, daß den Biſchö⸗ fen von Wien die Erſten jedes Monats verhängnißvoll ſeien. Jetzt aber geht, ich habe nicht Zeit über ſolche Dinge zu ſchwatzen.“ Als ſich Tſchapin noch immer nicht von der Stelle rührte, fragte der Erzherzog uach einer kleinen Panſe im rauhen Tone:„Iſt es noch nicht genug?“ Tſchapin aber ſagte demüthig:„Ich bin überzeugt, daß Herr Tycho de Brahe recht behielte, wenn ſich nicht 12 180 eine dritte Perſon zwiſchen mich und dieſen wohlthätigen Erblaſſer drängte.“ „Was meint Ihr damit?“ „Ich meine damit, daß ich das Unglück habe, einen Cameraden zu beſitzen, der mir ſo freundſchaftlich zuge⸗ than iſt, daß er buchſtäblich nicht von meiner Seite weicht; ſeine Beſorgniß um mein Wohl geht ſo weit, daß er mich ae bis in das Vorgemach Eurer Durchlaucht begleitete.“ Dieſe Worte ſprach Tſchapin mit einem Gemiſch von geſchmeichelter Eitelkeit und Mitleid mit dem armen Burſchen, der durchaus ſein Freund ſein wollte. Der heller blickende und dabei viel argwöhniſchere Erzherzog rief: „Vielleicht ein Spion Sr. Eminenz? „Spion! der Burſche iſt ſo dumm, daß er nicht merkt, wenn man ihm den Schellen-Obern mit dem Eichel⸗Obern ſticht, ſo albern, daß er Spade und Denari ſtets verwechſelt und ſo anhänglich, daß er ſich für mich hängen ließe.“ „Wozu ihm allerdings leicht Gelegenheit werden könnte.“ „O redet nicht ſo Euere Durchlaucht, ſolche Reden wirken auf meine Nerven und könnten die Sicherheit mei⸗ ner Hand beeinträchtigen.“ „Nun, wenn der Burſche Euer ſo warmer Freund iſt, was habt Ihr denn zu klagen?“ „Ach zu große Freundſchaft iſt oft ſehr hinderlich und 181 ſo wünſchte ich denn, daß der Burſche, der mir nicht einen Schritt von der Seite geht, auf einige Tage entfernt würde.“ „Wie das anfangen?“ „Ei man brauchte ihr nur in's Stockhaus zu ſchicken.“ „Was zwar ein leichtes, aber nicht eben ſehr freund⸗ ſchaftliches Mittel wäre.“ „O ich beſtehe auch nicht gerade darauf.“ „Wie, wenn man ihn mit Beförderung zu einem andern Corps verſetzte?“ „Einen ſo jungen Laffen befördern, Eure Durch⸗ laucht iſt zu gnädig.“ „Vielleicht gegen Euch.“ „Ich, das iſt ein Anderes, ich habe noch den Cardinal zu beerben und mein Camerad hat Niemanden, nicht ein Mal einen Vater.“ „J woher iſt er denn?“ „Was weiß ich, aber ich denke, er muß aus Neu⸗ ſtadt ſein, da er zuweilen bei dem Cardinal vorſpricht.“ Man hätte glauben ſollen, der Hakenſchütz habe eine Zauberformel ausgeſprochen. Erzherzog Max ſprang wie elektriſirt vom Sopha auf und rief:„Ja der Kerl muß mir hängen. Alſo ſeine Eminenz verpflanzt ſein Spionenſyſtem ſelbſt auf die Armee, gut, daß ich es weiß, wie heißt Euer Freund?“ „Hans Winkl, Euer Durchlaucht.“ „Hans Winkl“— der Name klang ſo ſeltſam in den Ohren des Erzherzogs, der ein Schloß hatte, das Winkl und einen Sohn, der ſich Hans nannte, dann aber fuhr er nach einer Secunde gleichgültig fort:„Du ſagſt, das Dich der Burſche hieher begleitet.“ „Ja das ſagte ich, und ich bin überzeugt, daß er mich auch hier erwartet.“ „So hat der Burſche nichts zu thun? ſchöne Ord⸗ nung, ich werde mit Herrn Mollart ſprechen.“ „Der kann da nichts thun, der Burſche iſt nur mir zu Liebe mitgezogen.“ „Um ſo ſchlimmer, glaubſt Du, alſo, daß der Spion noch im Schloſſe ſei?“ „Höchſt wahrſcheinlich.“ „Gut— Du wirſt ihn, ſobald er ſich nähert, hie⸗ her bringen laſſen.“ „Wer wird mir glauben?“ „Ich werde es anders einrichten,— Der Erzher⸗ zog ſchritt auf die Thüre zu und rief:„Stadion!“ Sogleich erſchien der Kämmerer. Max ſagte:„Ihr werdet Acht haben, wenn ſich ein Hakenſchütze inner⸗ halb der Burg dieſem Manne(auf Tſchapin deutend) nähert. Dieſer Menſch wird in aller Stille aufgehoben 183 und hieher gebracht, Ihr und Wolkenſtein werdet im Vorgemach harren, bis ich rufe.“ Nachdem ſich der Käm⸗ merer entfernt hatte, ſagte der Erzherzog:„Künftig nehmt Euch bei der Wahl Eurer Freunde mehr in Acht; dies⸗ mal will ich Euch davon befreien, morgen könnt Ihr ihn, wenn Ihr Luſt habt, bei ſeinen letzten Luftſprüngen ſehen. Jetzt geht!“ Als Tſchapin, dem Stadion mit ein paar Dienern in einiger Entfernung folgte, den Corridor erreichte, bemerkte er, wie ſein Freund Hans Winkl mit voller Gemüthsruhe, die nächſte Zukunft gar nicht ahnend, lang⸗ ſam auf und abſchritt. Tſchapin winkte dem nachfolgenden Kämmerer mit unanſtändiger Vertraulichkeit, als wollte er ſagen:„Laßt nur mich machen, ich habe ſchon ſchlau⸗ ere Füchſe gefangen, als den Bauerntölpel und will Euch zeigen, wie es Don Tſchapin Guerrera anfängt, das Crocodylum zu fangen. Er ſchritt auf ſeinen Cameraden zu und ſagte: Willſt Du mir einen Gefallen thun, he Burſche?“ „Mit vielem Vergnügen, Herr Tſchapin.“ „Nun gut, ich habe da drinnen, er deutete auf den Eingang zur Wohnung des Erxrzherzogs, meine Börſe, Du kennſt ſie ja, den goldgeſtickten Beutel, als ich einem dieſer Lümmel— auf die erzherzoglichen Be⸗ dienten deutend— ein paar Silberſtücke in die Hand drückte, liegen gelaſſen.“ 184 Sein Camerad erklärte ſich, obſchon ihm eine ſolche Freigebigkeit Don Tſchapins abſonderlich ſeltſam vor⸗ kommen mußte, gern bereit den Beutel zu holen. Tſchapin winkte dem Kämmerer mit den Augen und ſetzte ſehr mit ſich ſelbſt befriedigt ſeinen Weg fort, Herr von Stadion eilte dagegen zurück, um ſeinen Herrn auf die Ankunft des Hakenſchützen vorzubereiten. Als der Haken⸗ ſchütz in das Vorgemach trat, wo ſich die Herren Wolken⸗ ſtein und Stadion, der erhaltenen Ordre gemäß auf⸗ hielten, und an den beiden Kammerherren vorüberſchritt, übergoß ſein Angeſicht eine dunkle Röthe, während die beiden Kammerherren ſich unwillkürlich tief verbeugten. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre, der Erzherzog näherte ſich dem vermeintlichen Spion. Er ſtand eben im Begriff, den Fremden durch das olym⸗ piſche Schütteln der dunklen Brauen einzuſchüchtern, als er in das offene Antlitz des jungen Schützen blickte und darin die Geſichtszüge ſeines Sohnes erkannte. Der Erzherzog wich, wie vor einem Geſpenſt, einige Schritte zurück und konnte ſich erſt dann von der Wirklichkeit voll⸗ kommen überzeugen, als Eckart treuherzig die väterliche Hand faßte und mit kindlicher Ehrfurcht küßte. Der Erzherzog kannte ſeinen Sohn zu wohl, als daß der ſo argwöhniſche Mann nur den leiſeſten Ver⸗ dacht gegen Eckart gefaßt hätte. So unangenehm auch dem Erzherzog die wunderſame Begegnung mit ſeinem 185 Sohn war, ſo wußte er doch recht wohl, daß er rückſicht⸗ lich ſeines kindlichen Sinnes und der reinſten Abſicht vollkommen beruhigt ſein konnte. Wie aber Hauptmann Eckart zu ſo unpaſſender Gelegenheit und noch dazu im Gewand eines gemeinen Soldaten und als der Freund der ärgſten Gauners der ganzen Armee nach Preßburg kam, das war es, was der Erzherzog erfahren mußte. May ſchloß eigenhändig die Thür, warf ſich augen⸗ ſcheinlich in beſſerer Laune als zuvor auf das Sopha und bedeutete dem Hauptmann, neben ihm Platz zu nehmen. Nach einer ziemlich langen Pauſe ſagte endlich der Erzherzog im Tone eines liebreichen Vorwurfes: „Ich möchte wetten, Du biſt ſchon länger als vier und zwanzig Stunden in Presburg und haſt noch keinen Augenblick Zeit gefunden, Dich nach meinem Wohlſein zu erkundigen, ja ich habe alle Urſache zu glauben, daß Du ohne Vorſtellung und Beſuch aus dem Schloß weggegan⸗ gen wäreſt. Auf einmal that der Erzherzog, als wenn er die Soldatentracht Eckarts jetzt erſt bemerkte und rief aus: Du lieber Gott, was ſoll das heißen, mein Sohn in der Tracht eines gemeinen Soldaten; ſollte ihn der Oberſt Stauder durch ein Kriegsgericht haben degradiren laſſen?“ „Dieſe letzten Worte waren für das etwas ſtark zugeſpitzte Ehrgefühl des jungen Officiers etwas zu barſch, er legte die Hand an die Stirne, als ob er ſich empfehlen wollte und machte Miene, den Erzherzog ohne ein Wort der Erwiderung zu verlaſſen— es war dies die erſte Mißſtimmung ſeit zwanzig Jahren, die ſich zwiſchen Vater und Sohn fühlbar machte.— Der ſonſt ſo harte, unbeugſame Prinz war, wie ſchon be⸗ merkt, ein zärtlicher Vater. Er ließ daher den jungen Mann nicht die Klinke berühren, ſondern rief mit ſo veränderter, wunderbar freundlicher Stimme„Eckart!“ daß der Officier dem alten lieblichen Klang nicht wider⸗ ſtehen mochte und raſch umkehrte, er ſah nichts als die geöffneten Arme des Vaters und ſtürzte hinein— die Mißſtimmung hatte nicht lange gewährt. Was der Erzherzog mit aller väterlicher Strenge nicht erpreßt haben würde, erzählte nun Eckart freiwil⸗ lig; er begann mit dem Auftrag des Cardinals, ſich als Hakenſchütze zu verkleiden und den Molartiſchen Knecht nicht aus den Augen zu laſſen, von deſſen Thun und Laſſen aber, ohne Jemand Andern in's Geheimniß zu ziehen, dem Cardinal perſönlich Bericht zu erſtat— ten. Er— Eckart— würde das Geheimniß fortan ſelbſt vor ſeinem durchlauchtigen Vater bewahrt haben, wenn er nicht in ihm das erſte Kriegshaupt der öſter⸗ reichiſchen Armada erkennen würde, dem nichts verſchwie⸗ gen werden dürfe. Er bitte ſeinen Vater des bisher beobachteten Geheimniſſes willen um Vergebung, ſei 187 aber überzeugt, daß er ihn deshalb nicht minder lieben würde. Erzherzog Max war zu gerecht, um Eckart einen Vorwurf zu machen; er umarmte ihn im Gegentheil mit der Verſicherung, daß er vollkommen zufrieden geſtellt ſei. Dann ſann der Prinz einen Augenblick nach und ſagte plötzlich:„Höre Max, würde es Dir ein großes Opfer koſten, der Krönungsfeierlichkeit nicht beizuwohnen?“ „Habt Ihr nicht ſelbſt geſagt, daß der Dienſt vor Allem gehe.“ „Nun ich hätte denken können, daß Du mir ſo und nicht anders untworken würdeſt. Ich muß eine ver⸗ traute Perſon nach Wien ſenden.“ „Nach Wien?“ jauchzte Eckart, der an Euphroſine dachte,„o ſchickt mich.“ „Das wars eben, was ich Dir anbieten wollte.“ Plötzlich aber ſenkte der junge Mann die Augen und ſagte mit trübſeliger Miene:„Und doch fällt mir plötzlich ein, daß ich nicht kann, nicht darf.“ „Weshalb kannſt und darfſt Du nicht?“ „Ihr vergeßt des Cardinals?“ „Bin ich nicht Dein Vater?“ „Ja aber..... 4 „Und der oberſte Befehlshaber.“ „Vollkommen wahr und doch ſagt mir eine innere Stimme, daß es nicht recht gehandelt wäre, wenn ich 188 ſo mir nichts Dir nichts den mir anvertrauten Poſten verließe. „Was willſt Du denn?—“ „Ja wenn mich der Cardinal ſelbſt dieſes unleidli⸗ chen Dienſtes— denn ich geſtehe gern, daß er unleidlich war, entließe, ich wollte Gott und Euch dafür danken.“ Der Erzherzog dachte eine Weile nach und verſetzte dann:„Du haſt Recht, es iſt ſo beſſer, der Cardinal ſoll Dich ſelbſt Deines Dienſtes, der nebenher geſagt, eine Beleidigung für mich enthält, entbinden.“ „Der Mann war doch ſo freundlich mit mir.“ „Du meinſt vielleicht aus Herzengüte?“ „Aus was für einem Grunde ſonſt?“ Der Deutſchmeiſter antwortete nicht, ſondern ging mit über den rückengeſchlagenen Händen in Zimmer auf und ab und murmelte:„Wir hätten den Jungen doch nicht ſo ohne alle Menſchenkenntniß aufwachſen laſſen ſollen.“ Dann ſagte er laut:„Der Cardinal iſt ein erbärmlicher Menſch.“ Dieſe Rede im Munde ſeines Vaters, des größten Be⸗ wunderers der Geiſtlichkeit, befremdeten den jungen Mann dergeſtalt, daß er erſtaunt ausrief:„Wie ein Cardinal ſollte trotz ſeiner prieſterlichen Würde ein ruchloſer Menſch ſein können?“ „Leider, leider, der Khleſl iſt es, kannſt Dich darauf 189 verlaſſen, ein heimlicher Schleicher und Erzfeind unſers Hauſes.“ Eckart wagte es nicht eine Einwendung zu erheben, obwol es ihm ſonderbar vorkam, daß eine ſo fromme Frau wie Gräfin Khuen und eine ſo vortreffliche Nonne wie Schwe⸗ ſter Victoria an einem ſo ruchloſen Menſchen ſo warm hängen konnten, zugleich erinnerte er ſich der Ausdrücke von Bewunderung, die er im Mund des Obriſten, des Vi⸗ cekanzlers Ulm und anderer Männer von Bedeutung ver⸗ nommen hatte. Eckart wollte von ſeinem Vater Abſchied nehmen; dieſer blieb aber mitten auf ſeinem Weg durch's Zimmer plötzlich ſtehen und fragte:„Wie haſt Du es aber nur angefangen, hier unter ſo vielen Menſchen, die Dich kennen, unbekannt zu bleiben?“ „Was das betrifft, ſo war nichts leichter. Da der Cardinal zu vermuthen ſchien, daß ſich dieſer Spitzbube von Tſchapin mit ſtaatsgefährlichen Plänen trüge, ſo ſuchte ich mich in ſein Vertrauen einzuſchleichen. Ich ſchlug den alten Landsknechtton an, wie ich ihn bei den Stauderiſchen Knechten kennen lernte, borgte ihm Geld und bezahlte für ihn die Zeche, lauter unfehlbare Mittel, Tſchapins Freundſchaft zu gewinnen. Ich brachte es ſo weit, daß der Wälſche keinen Schritt that, ohne mir davon zu ſagen. Ich mußte ihn überall hin begleiten, und heute noch hieher, wo er behauptete, daß ſich ein großer Herr darnach ſehne, ihn wieder zu ſehen.— Ich 190 war ganz erſtaunt, daß dieſer ſehnſüchtige große Herr Eure Durchlaucht waren. Ich hielt mich des Tags über im Quartier der Mollartſchen Knechte verborgen und ging nur des Abends aus, um meiner geiſtlichen Eminenz Bericht zu erſtatten. Ich ſollte ihm außerdem die Ankunft jedes Couriers melden und jeden Schritt auskundſchaften, den Einer der anweſenden Stände heimlich machte; um dies zu erfahren, mußte ich meine Cameraden ausſenden und mit dem Gelde des Cardinal's bezahlen.“ „Mit einem Wort, der würdige Cardinal ließ Euch den Häſcher ſpielen.“ Eckart wurde todtenblaß und drückte die Zähne gegen⸗ einander, daß man ſie ächzen hörte. Der Erzherzog legte die Hand auf die Schulter des Sohnes und fuhr fort: „Was liegt daran? wußtet Ihr denn, wozu der Schuft Eure Unerfahrenheit nützte? Das Beſte, was geſchehen kann, iſt, daß Ihr Euch ſo ſchnell als möglich entfernt; geht jetzt, lieber Eckart und beruhigt Euch; in einer halben Stunde wird Euch Herr von Mollart einen Brief an meinen kaiſerlichen Bruder, zugleich mit dem Urlaub des Cardinals zuſtellen. Nun lebt wohl, mein Kind und umarmt mich.“ Eckart küßte dem Erzherzog weinend vor Scham und Zorn die Hand und verließ das Gebäude. Erzherzog ſagte aber zu ſich ſelbſt:„Gott Lob, daß die ehrliche 191 Haut fort iſt; er hätte uns durch ſeine dumme Biederkeit das ganze Concept verrückt; übrigens freut es mich, daß er ſo ein gerader Junge iſt; als Soldat wird er damit durchkommen und Cabinetsdirector wird er ja nicht.“ Eine Stunde darnach trat Freiherr von Mollart in die gemeinſame Stube Eckarts und Tſchapins ein, und überreichte dem jungen Manne mit einer tiefen Ver⸗ beugung das mit dem erzherzoglichen Siegel verſehene Schreiben an den Kaiſer und den eigenhändigen Urlaubs⸗ brief des Cardinals. XVIII. Capitel. Das Neduſenhaupt. Wir müſſen in unſerer Erzählung um eine Viertel⸗ ſtunde zurückgreifen. Als Eckart ohne Börſe zurückgekehrt war, ſchrie ihm der Spanier verwundert entgegen:„Wie, Ihr kommt zurück, und— er ſah ringsum— ohne Wache? ſo haben ſie Euch entſchlüpfen laſſen; nun, das mögen die Herren mit dem Erzherzog ausmachen, mir kann es recht ſein; ſo fällt wenigſtens die volle Ehre, einen Gauner Eures Gleichen verhaftet zu haben, mir ganz allein zu. Ihr ſeid von dieſem Augenblick an mein Gefangener. Ja, ſpannt Eure großen Augen nur noch weiter auf, Ihr ſeid und bleibt mein Gefangener, bis weiter über Euch verfügt wird. Solltet Ihr es aber wagen, Euch wegzurühren, ſo ſchaut Euch dieſes Ding 193 recht gut an— er wies auf ein Piſtol, deſſen Hahn geſpannt war— ich jage Euch, beim heiligen Jacob von Compoſtella! eine Kugel durch die Bruſt, daß Euch der Athem zum Entlaufen zu kurz werden ſoll.“ Eckart ſtand ſo verblüfft vor dem Banditen da, daß ſich Herr Tſchapin durch ſeine Figur nicht wenig amuſirt fand.„Ei, das hättet Ihr Euch wohl nicht gedacht,“ fuhr er fort,„daß alle Eure Schurkereien ſo bald an den Tag kämen? aber Se. Durchlaucht der Erz⸗ herzog iſt ein großer Geiſt, ein ſehr ſcharfblickender Geiſt; ein Geiſt, vor dem keine Larve— er dachte wohl dabei an die überraſchende Kenntniß, welche der Erzherzog kurz zuvor von ſeinem eigenen Charakter an den Tag gelegt hatte— keine noch ſo trefflich gewählte Maske ſchützt. Ja, mein lieber Vetter, mit uns geht es zu Ende, überraſchend ſchnell, ich geſteh' es; morgen werden wir ſtürmiſches Wetter haben, einen Erzwind, einen wahren Orkan, ſag' ich Euch, und wißt Ihr, weshalb? Weil Ihr um's Frühroth herum da draußen baumeln werdet! Ja, ſchaut Euch die Augen heraus, Ihr thut Recht daran, dieſelben noch, bevor ſie ſich auf ewig ſchließen, ein wenig zu nützen; und könntet Ihr ſie beſſer nützen, als wenn Ihr mich anſchauet, mich, der Euer unwiſſender, unſchuldsvoller Freund war? Wer hätte ſich aber auch denken können, daß hinter einer ſo. treuherzigen Außenſeite ſo viel Argliſt wohne? Ihr 13 Haas: Der alte Cardinal. II. 194 könnt übrigens ruhig aus der Welt gehen und mit dem tröſtlichen Gedanken ſterben, daß Ihr die Gaunerkrone verdient hättet, wenn es eine gäbe; die Gardunna würde für Euch beten, wenn Ihr derſelben angehörtet— denn Ihr habt mich, Tſchapin getäuſcht, Caramba! das will etwas ſagen. Ein ſechszigjähriger Fuchs iſt ſchwer zu betrügen, Ihr habt es vollbracht! Uebrigens be⸗ greife ich nur Eines nicht, warum Ihr hierher zurück⸗ kehrtet. Seid aufrichtig, und ich verſpreche Euch, daß Euch der Scharfrichter das Genick zerbrechen ſoll, als ob es aus Marzipan wäre.“ Eckart wußte nicht, ob ſein Freund Tſchapin träume oder, wie es ſchon öfter vorgekommen, ſo ſtark berauſcht war, daß er die Beſinnung verloren hatte; er ſagte daher, ſich der letzteren Meinung zuwendend, ziemlich unwillig:„Legt Euch nieder und ſchlaft Euern Rauſch aus], macht aber ſchnell damit, da ich Euch nicht ver⸗ ſprechen kann, ob ich in einer Stunde noch bei Euch ſein werde.“ Der Bandit erwiederte, die Hände über dem Kopf zuſammenſchlagend:„Du heilige Jungfrau vom Pfeiler! das Unglück hat den armen Burſchen ganz verwirrt gemacht; er redet vom Fortgehen wie von einem Spa⸗ ziergang! Jawohl werdet Ihr von hier fortgehen, aber nicht ſo ſchnell, als Ihr meint; ich denke, morgen früh wird es auch noch Zeit ſein. Ihr ſeid glücklicherweiſe 195⁵ ein rechtgläubiger Katholik, und guten Katholiken wird ein Beichtvater und der Empfang des heiligen Abend⸗ mahls nie verſagt. Es hat alſo mit dem Fortgehen noch gute Weile, die Ihr am beſten mit der Anordnung Eures letzten Willens ausfüllen könnt. Wie ich Gele⸗ genheit zu bemerken hatte— gewöhnt Euch doch das Dareinreden ab, wenn ein älterer Mann ſpricht— ſo ſeid Ihr ein Mutterſöhnchen, das Geld zugeſteckt er⸗ hält oder ein Glückskind, das Fortuna mit ihrem Füll⸗ horn überſchüttet, oder ein Gauner, dem das Leeren frem⸗ der Säcke auf überraſchende Weiſe gelingt; mit einem Wort, Ihr habt Geld! O macht keine ſo wilden Au⸗ gen— Ihr habt Geld, ich weiß es.— Wo habt Ihr meinen Beutel? Er enthielt wenigſtens zwanzig Gold⸗ ſtücke; was ſage ich: er enthielt dreißig, vierzig, fünfzig Ducaten; ja fünfzig, jetzt erinnere ich mich, gebt mir den Beutel!“ Vergebens betheuerte Eckart, daß er keine Spur eines Beutels erblickt habe; der Hakenſchütz verſetzte im Tone der Nachſicht:„Nun gut, Ihr habt den Beutel geſtohlen, das begreift ſich; aber was kann Euch das viele Geld jetzt noch nützen, da Ihr morgen Abends ſchon ein vortreffliches Souper für die gefiederten Be⸗ wohner des Stadtwäldchens abgeben werdet.— O ſtellt Euch nur nicht ſo entrüſtet— ich will ja gar keine Be⸗ kenntniſſe, behaltet meinetwegen den Beutel und nehmt 13** 196 ihn auf Eurem letzten Weg mit Euch, wenn es Euch glücklich macht; was ich will, iſt Schadenerſatz in einer beliebigen Form, zum Beiſpiel mittelſt Teſtament. Ihr ſchriebet— nehme ich an— meinem erprobten Freund— aber nein, Freund dürft Ihr mich nicht nen⸗ nen— alſo meinem liebreichen Gönner, der mir in kleineren Summen— ich ſage in kleineren Summen, daß Niemand auf den Gedanken eines Diebſtahls ver⸗ fallen könne— der mir in kleineren Beträgen— es iſt dasſelbe— zuſammen an die achtzig Ducaten geborgt hat, beſtimme ich meine ganze Baarſchaft— es iſt nicht nöthig, daß Ihr die Höhe derfelben ausdrücklich an⸗ gebt— nebſt meiner Uhr— ich glaube etwas der⸗ gleichen bei Euch bemerkt zu haben— meine Uhr, die ein Erbſtück meines ſeligen Herrn Vaters iſt— thut nichts, wenn Ihr ſie geſtohlen habt, aber ſchreiben müßt Ihr, woher ſie ſtammt, weil ich ſonſt in unangenehme Zerwürfniſſe mit den Gerichten gerathen könnte— idem die Kleider, die ich am Leibe trage— man wird Euch für ſehr reuevoll halten, wenn Ihr, ſo wie Ihr zur Welt gekommen, auch aus der Welt zu gehen wünſcht— idem ein verſiegeltes Päckchen— ich meine dasjenige, das Ihr mit von Wien gebracht habt, könnt Ihr mir nicht beiläufig ſagen, was es enthält?— Ihr wollt nicht? Auch gut; ſo ſchreibt nur: mit diverſen Gegenſtänden. Für Meſſen braucht Ihr keinen Kreuzer —— 197 auszugeben, die Meſſen wird der Erzherzog leſen laſſen; dieſe Prinzen ſind ſo fromme Leute, daß ſie nie Je⸗ manden hinrichten laſſen ohne einige Hundert Meſſen. Nun wißt Ihr, wie Ihr es anzuſtellen habt, um meine gerechten Anſprüche, ohne Euch im Mindeſten bloszu⸗ ſtellen, befriedigen zu können.“ Eckart, der nun aus dem Zuſammenhang von Tſchapin's Reden deutlich erkannte, daß weder Rauſch, noch überreizte Einbildungskraft aus ihm ſpreche, ſagte: „Ihr ſeid ein Einfaltspinſel!“ und drehte ihm den Rücken. So viel hatte ſich der junge Mann noch nie her⸗ ausgenommen; Tſchapin that ſich unſtreitig Gewalt an, indem er lächelte und den erhobenen Arm wieder ſinken ließ. Er dachte, die Todesfurcht hat den armen Kerl ganz verändert; wir wollen geiſtreich handeln, um den armen Schelm zurechtzubringen. Er trat an die Thür und rief mit einer wahren Löwenſtimme nach Wein; dann wandte er ſich an den jungen Menſchen, der mit der Ordnung einer kleinen Rechnung beſchäftigt ſchien, und ſagte:„Laßt Euch das böſe Geſchick nicht anfech⸗ ten und holt Euch aus dem Ding da Troſt— er deutete auf eine volle Flaſche, die ſo eben auf den Tiſch geſtellt worden war— der Wein iſt ein kräftiger Tröſter und ich habe Leute gekannt, welche die erbärm⸗ lichſten Memmen waren, ſo lang ſie keinen Wein tran⸗ 198 ken; mit dem Wein kam ihnen aber der Muth, ſo daß Jeder von ihnen zum Cid wurde, wenn er genug zu trinken hatte; ich habe Männer gekannt, die wie alte Weiber heulten, wenn es mit ihnen zum Galgen ging; das kam daher, weil ſie nüchtern waren, und ich habe Andere gekannt, die ſangen luſtige Lieder und riſſen auf der Galgenleiter noch Zoten, und das Alles, weil ſie zur rechten Zeit ein paar Gläſer guten Wein ge⸗ trunken; ich weiß Fälle, wo die ſpaniſche Gardunna, ein löbliches Inſtitut, nach dem Ihr Euch vergebens in dem ganzen Welttheil umſeht, die Koſten aus eige⸗ nen Mitteln beſtritt, nur um ihren Zöglingen zu einem ehrenvollen Ende zu verhelfen, darum trinkt, Junge, trinkt!“ Tſchapin hielt ſeinem jungen Cameraden ge⸗ rade die Flaſche unter die Naſe, als geklopft wurde. „Hätte nicht gedacht, daß ſie ſo ſchnell kämen,“ ſagte der Bandit kopfſchüttelnd.„Aber Ihr werdet ihnen doch ſagen, daß ich es bin, der Euch feſthielt?“ Tſchapin hatte den Satz noch nicht vollendet, als der Präſident des Hofkriegsrathes, Stadtoberſt Hans von Mollart in's Zimmer trat. Tſchapin dachte:„Die Schurkereien meines Freundes müſſen verteufelt wich⸗ tig ſein, daß ſich Seine Gnaden ſelbſt um ihn her⸗ bemüht.“ Seine Verwunderung ſtieg aber um ſo höher, als der Freiherr ſeinen Ruf:„Da iſt dieſer Mann!“ ganz zu überhören ſchien, und Eckart die beiden Schrei⸗ — 199 ben, das mit dem erzherzoglichen Siegel verſehene an den Kaiſer, und ein zweites von Seite des Cardinals übergab. Anfangs meinte Tſchapin, es ſei das Todes⸗ urtheil, dann erinnerte er ſich aber doch, daß man dasſelbe dem Verbrecher nicht brevi manu zuzuſtellen pflegt; er würde vor Eiferſucht und Neugierde in den Boden geſunken ſein, wenn ihm nicht die Ordonnanz des Präſidenten ebenfalls ein verſiegeltes Schreiben eingehändigt hätte.„Aha,“ ſagte er ſich, ohne das Papier zu entfalten,„es ſcheint ſich hier um eine ganz ſtille Privathinrichtung zu handeln; im Grund iſt es auch beſſer, man bleibt dabei mehr Herr der ganzen Situation.“ Freiherr von Mollart hatte ſich nach Ueber⸗ reichung der beiden Briefe vor Eckart höflich verneigt und ihm glückliche Reiſe gewünſcht.„Iſt der Kerl ſatyriſch,“ ſagte Tſchapin, als Mollart die Thüre hin⸗ ter ſich geſchloſſen hatte;„wünſcht auch noch glückliche Reiſe, als ob es nicht an ſich ſchlimm genug wäre; aber laßt doch ſehen, was Ihr da habt.“ Tſchapin fragte nicht lange, ſondern verband mit dem Wort die That, und riß dem verkappten Freunde die Briefſchaft aus der Hand. Auf dem Briefe des Cardinals ſtand die Adreſſe:„An Se. des Herrn Hauptmann Ritter Johann Eckart zu Winkl.“ Tſchapin wandte den Brief hin und her und kam endlich zu dem Schluſſe, daß hier ein großer Irrthum ſtattfinden müſſe. Seinen 200 gewiß ſehr ſcharfſinnigen Erwägungen wurde er durch die Bemerkung entriſſen, daß Eckart jenes geheimniß⸗ volle Päckchen, welches ſich Tſchapin teſtamentariſch zu⸗ gedacht hatte, entſiegelte. Der Hakenſchütze wollte ſei⸗ nem Cameraden in die anſtoßende Kammer folgen, Eckart warf aber die Thür hinter ſich zu und ſchob den Riegel vor. Tſchapin war darüber wüthend und ſchlug mit der Fauſt gegen die Thüre, aber dieſe widerſtand. Tſchapin zitterte plötzlich an allen Gliedern; ſein Zorn löſte ſich in Schreck und Angſt auf, er hatte aus der Kam⸗ mer einen Schall vernommen, als ob Jemand den Hahn einer Piſtole knacken ließe, das hatte ihn auf den Gedan⸗ ken gebracht, daß in dem Päckchen ſich wohl ein paar Pi⸗ ſtolen befinden und ſich der Unglückliche in einem Anfall der Verzweiflung ihrer bedienen möchte. Tſchapin ſtand, ein wahres Bild des Jammers, vor der geſchloſſenen Thüre; er wagte es nicht die Thüre einzurennen, um nicht den un⸗ glückſeligen Augenblick ſelbſt zu beſchleunigen; er wagte eben ſo wenig die Stube zu verlaſſen, da er fürchtete, bei ſeiner Rückkehr einen todten Mann zu finden; er wagte aber auch nicht, um Hülfe zu rufen, da er dafür hielt, das es ſich um ein Geheimniß handle; er beſchloß es zuletzt mit ſeiner Beredtſamkeit zu verſuchen. Er näherte ſich der Thüre, legte ſeinen Mund an das Schlüſſelloch und rief:„Seid Ihr ein Chriſt, ein katholiſcher Chriſt, 201 ein rechtgläubig⸗römiſch⸗katholiſcher Chriſt, ſo hört mich an,— Ihr hört doch?— Der Selbſtmord iſt eines der abſcheulichſten Laſter, ein fluchwürdiges Verbrechen, eine Todſünde, die zur ewigen Verdammniß führt; der Selbſtmord iſt ein Act der Inſubordination, ein Bruch des Fahneneides, Deſertion, ſchändliche Verlaſſung. Ihr ſeid ein Halunke, glaub's wohl, ſonſt wäret Ihr nicht verurtheilt aufgeknüpft zu werden, aber ein ehrlicher Halunke entzieht ſich keinem Befehl ſeiner Oberen, ein ehrlicher Halunke ſtirbt nicht durch eine Kugel, wenn es in der Ordre heißt„Strang.“ Ein Halunke, der ein Ehren⸗ mann iſt, bringt nicht den Henker um ſeinenwohlerworbenen Lohn und ein verehrliches Publieumum das erlaubte Vergnü⸗ gen, ihn ein Weilchen zappeln zu ſehen, endlich— und da hätte ich das Beſte faſt vergeſſen, geht ein Ehren⸗ mann von Halunke nicht ohne den Freipaß der Reli⸗ gion, ohne Sacrament und prieſterlichen Zuſpruch durch. Bedenkt, wie ſchön es ſich ausnimmt, wenn der ſteinalte Prieſter ſich liebreich über Euch niederbeugt und Ihr ganz blaß und leichenähnlich, das Kreuz an die Bruſt gedrückt, auf dem Karren daſitzt, wenn die zarten Jung⸗ frauen aus allen Fenſtern auf Euch niederblicken, ſich die feuchten Augen trocknen und„Schade um das junge Blut!“ liſpeln. Ich verſichere Euch, daß ſo ein Todes⸗ gang einer langen Krankheit gar ſehr vorzuziehen iſt. Werdet alt, ſcharrt euer Geld fleißig zuſammen und krän⸗ 202 kelt ein paar Jahre, ſo wünſcht Euch die ganze Welt eine glückliche Reiſe; keinem Menſchen fällt es im Schlafe ein zu ſagen:„Schade um den alten Satan!“ nein, im Gegentheil! das mildeſte Urtheil lautet dahin und Tſcha⸗ pin zuckte, obwohl er von Eckart nicht geſehen werden konnte, unwillkürlich die Achſerln—, Junge können, Alte müſſen ſterben.“ Legt ja nicht Hand an Euch, Ihr würdet Euch einer ganz angenehmen Todesart berauben, ich habe Leute, die noch rechtzeitig abgeſchnitten wurden, ſagen gehört, daß Gehenkte die angenehmſten Melodien vernähmen und daß das Gehangenwerden ſelbſt echt elaſſiſch ſei; die berühmteſten Frauen des Alterthums ſollen ſich erhenkt haben und die im Orient gebräuchliche ſeidene Schunr iſt nichts als ein Aufhängen ohne Gal⸗ gen, kurz eine Hinrichtung ohne Gepränge und Feierlich⸗ keit. Wenn es mir einmal zuſtoßen ſollte hingerichtet zu werden, ſo wünſche ich es nicht beſſer; ich hatte einen Vetter, der gehangen wurde— doch nein, es war kein Vetter, ſondern nur ein ſehr weitſchichtiger Verwand⸗ ter,— dieſer Mann hielt Euch von der Leiter aus eine Rede, ich ſage Euch, eine entzückend ſchöne Rede, Aeschi- nes pro Corona konnte nicht hinreißender geſprochen haben. Kein Auge blieb trocken und ich verſichere Euch, zehn junge Leute meiner Bekanntſchaft brachen nur dar⸗ um mit dem Geſetze, um eine gleich elektriſirende Rede von der Leiter herab halten zu können. Thut Euch kein 203 Leid an, mein Wertheſter.“ Tſchapin konnte den Satz nicht ſchließen, denn im ſelben Augenblick wurde die Thür von innen geöffnet, ſo daß Tſchapin bald auf die Naſe gefallen wäre; nur der furchtbare Anblick, der ſich ihm darbot, verlieh ſeinem ſchief geneigten Körper die Kraft ſich in's Gleichgewicht zu ſetzen; er ſah Eckart nicht in ſeinem Blute ſchwimmen; er bemerkte nicht, daß die Kammer von Pulverdampf erfüllt war; ja er gewahrte nicht einmal die gefürchteten Piſtolen, dagegen ſtarrte ihm Johann Eckart im goldverbrämten Schmuck eines kaiſerlichen Capitains wie das grauenvolle Meduſenhaupt entgegen; er war der Hauptmann, an welchen der Brief gerichtet war. Das war gewiß genug, um einen Menſchen um den Verſtand zu bringen; Tſchapin ſtöhnte und ächzte, als ob er auf der Folter läge; er konnte es ſich nicht verſagen den Arm des Capitains zu befühlen, um ſich nur von der Wirklichkeit des Erlebten zu überzeugen. In dem Augenblick fiel ihm aber ein Gedanke ein, den er als eine höhere Erleuchtung betrachtete. Was ver⸗ ſicherte ihn, daß nicht Alles ein ſeltſames Gaukelſpiel war, wie es ſehr geſchickte Gauner öfter zur Ausführung bringen, um ſich vor einer entehrenden Todesſtrafe zu ſchützen; er riß den ihm eingehändigten Befehl ausein⸗ ander. Darin hieß es, Don Tſchapin habe ſich unter den Befehl des Hauptmanns Eckart zu ſtellen und ihn bis an die öſterreichiſche Gränze zu geleiten, ſodann aber 204 3 ſtracks nach Presburg zurückzukehren.— Dieſer Auf⸗ trag verwirrte den Spanier noch mehr. Es war alſo unzweifelhaft Wahrheit, daß der mißachtete Camerad, dem er ſo eben noch eine Armenſünderrede gehalten, ein Officier und wie es allen Anſchein hatte, ſehr hoch ge⸗ ſchätzter Officier war, und er, der den vermeintlichen Cameraden verhöhnt, betrogen, ausgebeutet, kurz nach ſeinen Anſichten benützt und ausgenützt hatte, ſollte nun, wenn auch nur auf ein Paar Stunden unter ſeinem Com⸗ mando ſtehen, das richtete ſeine Haare zu Berge. Wie wenn Eckart die kurze Zeit ſeines Befehles dazu benützte, ihn, den wackeren Tſchapin, desſelben Todes ſterben zu laſſen, welchen er mit ſo viel Zuverſicht ſeinem vermeintlichen Cameradenver⸗ kündigt hatte; auf dem Weg nach der Gränze gab es ſo viele, Bäume, die alle im Stande waren einen menſchlichen Körper zu tragen? Wie, wenn ſich der brave Officier unbeſchadet ſeines eigenen Körpers das herzerhebende Schauſpiel einer Hinrichtung verſchaffen wollte? Tſchapin ſchauderte. Endlich, endlich verweilte ſein Gedanke bei ei⸗ nem, wenn möglich noch ſchlimmeren Gegenſtand, der ihm die hellen Thränen in die Augen trieb; es war die rächende Geſtalt jenes nur in der regen Phantaſie Tſchapins exiſti⸗ renden Beutels mit den dreißig, vierzig, fünfzig Ducaten. Konnte ihm der Hauptmann, wenn er ihm auch die täglichen Frechheiten verzieh, dieſen klar zu Tage liegenden Betrug ver⸗ geben? Er wenigſtens, Tſchapin, hätte ihn ſeinem Bru⸗ 205 der nicht verziehen. Wir ſagten, daß der muthige Don in Weinen ausbrach; als Eckart darauf nicht achtete, rollte er ſich zu ſeinen Füßen, umklammerte ſeine Knie, ächzte und ſchrie, als ob er des Teufels wäre und bat endlich, gar ſehr vertrauend, daß ſein Wunſch nicht erfüllt würde, um einen ehrlichen Soldatentod. Wer erwartet von einem gut gearteten Jüngling, bei deſſen Erziehung eine Weiberhand thätig war, jene rauhe Strenge, die der erfahrene Mann, dem längſt alle Täu⸗ ſchungen über Menſchenwerth abhanden gekommen, mit Recht üben mag? Eckart ließ ſich nicht nur durch das Geſchrei und Jammern Tſchapins hintergehen, ſondern er begriff nicht einmal, daß ihn ein Anderer an ſeiner Stelle ſchwer gezüchtigt haben würde. Für unſern jungen Freund war der Augenblick, da er ſich an der Verlegenheit des alten Böſewichtes weidete, eine vollkommene Schadloshaltung für die monatlange Schmach, die er in der Camerad⸗ ſchaft des gemeinen Gauners erduldet; was aber den letzten Verrath des alten Teufels betrifft, ſo war Eckart weit entfernt, die Wahrheit zu ahnen; er hatte keine Idee, daß ihn Tſchapin in die Hände ſeiner vermeint⸗ lichen Feinde geliefert habe, und noch viel weniger die leiſeſte Vorſchau, wozu der Arm Tſchapins ſchon im Ver⸗ lauf des nächſten Tages beſtimmt war; hätte er dieſe Beſtimmung gekannt— er würde den Gauner trotz ſeines 206 ſehr herabgeſtimmten Vorurtheils für den Cardinal mit eigener Hand erdroſſelt haben. Eckart lächelte alſo, ſtatt daß er das Geſchmeiß zu ſeinen Füßen zertreten hätte; Eckart lächelte und Tſchapin ſchnappte nach Luft; er fühlte wieder feſten Boden unter ſeinen Füßen, dennoch kam ihm jeder Blick, den ſein Hauptmann unterweges auf irgend einen zur Seite der Straße aufſteigenden Baum warf, höchſt bedenklich vor; ja er war nahe daran, weg⸗ zulaufen, als er bemerkte, daß der Hauptmann nachſah, ob auf der Pfanne ſeines Piſtols Pulver ſei. Erſt als er ſich an der Brücke des Leithafluſſes, welcher die Gränz⸗ ſcheide beider Länder bildet, beurlaubt hatte, und ohne ſich umzuſehen ein paar Hundert Schritte feldeinwärts gelaufen war, holte er wieder regelmäßig Athem. Seine Gedanken drehten ſich auf dem Rückweg hauptſächlich um das alte Thema, daß mit großen Herren nicht gut Kirſchen zu eſſen ſei.„Wer hätte gedacht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, daß dieſer ſtille, beſcheidene Knabe mich über⸗ liſten würde; er beſitzt einen Spiritus familiaris, das iſt ſicher— Tſchapin hatte freilich keine Ahnung, worin dieſer Spiritus familiaris wirklich beſtand— er beſitzt irgend einen übernatürlichen Beiſtand, eine geheime Kraft, mittelſt welcher er ſich beliebig in einen Cardinal oder Oberſten verwandeln kann. O, ich hätte ihn um ſein Geheimniß fragen ſollen; es wäre doch wirklich ſchön, wenn ich auch eines Tages als Hauptmann erwachte. „ 207 Ja Tſchapin, Du mußt ſehen, zu einem ſolchen Spiritus zu gelangen; vielleicht wird auch für Dich eines Tages der Strick zum Wehrgehäng und der Galgen zum könig⸗ lichen Reitpferd.“ Mit ſolchen Gedanken kehrte der Bandit nach Pres⸗ burg zurück; mit ganz andern aber näherte ſich Eckart zur gleichen Zeit der Hauptſtadt:„Ich werde ſie wieder⸗ ſehen, mit ihr in einer Stadt, unter einem Himmel wohnen. Gott möge den Cardinal und die ganze Kleriſei in ſeinen heiligen Schutz nehmen; ich bin es zufrieden, daß mich dieſer durchlauchtige Vater wegſchickte. O Euphroſine, liebe mich nur den hundertſten Theil ſo, wie ich Dich, und ich will weder Papſt noch Kaiſer beneiden. Wenn ich nur früh genug anlange, um heute noch einen Beſuch beim Obriſt zu machen; es wird ſich zwar nicht ſchicken, aber am Ende komme ich ja von Seite des Erzherzogs; Gott ſei Lob und Dank, daß mein Herr Vater Erz⸗ herzog iſt— Eckart hatte heute zum erſten Mal ent⸗ deckt, daß es doch vortheilhaft ſei, aus erzherzoglichem Geblüt zu ſein— man muß mich wohl empfangen, aber muß Euphroſine auch? Nein, das nicht; aber ſie wird!“ Mitten durch dieſe Gedanken ſtahl ſich das Bild ſeiner Mutter; er machte ſich Vorwürfe, daß ſein Herz ſo voll von einem einzigen Gefühl war, daß die kindliche Liebe ſich in einen unſichtbaren Winkel verkrochen zu 208 haben ſchien. Die Vorwürfe waren ungerecht, die kind⸗ liche Liebe war ja nicht ausgezogen, ſondern wurde nur durch das lebhaftere Farbenſpiel eines verwandten Feuer⸗ körpers etwas beſchattet. Laßt die Flammengarben ver⸗ löſchen und die Schwärmer verfliegen, ſo bleibt auch von. dieſer Liebe jenes ſtille, mondlichthelle Bewußtſein übrig, das die kindliche Neigung zu Vater und Mutter charak⸗ teriſirt. —eonoe durch körper löſchen dieſer das d teriſir 8 haber. liche