deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 ⁄ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: b Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 41 f „ 2„„ 3„ ,.„„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. -AA ———y———— ALBUM. Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von Herm. Markgraf. Neunzehnter Jahrgang. Vierter Band. Der alte Cardinal. I. ———:.ꝛ—————. Wien. Herm. Markgraf. 1864. alte Cardinal. V I. Theil. „ 4 V.—— Wien. Herm. Markgraf. 1864. 5 Z 5 8 8 5 2 SF 2 8 8 3 * E 0A Inhalt. Seite Borrede................... 1 I. Capitel. Schloß„Winkel“ und ſeine Bewohner, ein Idyll 5 II. Capitel. In welchem das Idyll aufhört und der Pferdefuß ſichtbar wird............ 30 III. Capitel. Wie der Cardinal Khleſl ſich bei den Him⸗ melspförtnerinnen Träume beſtellt....... 53 IV. Capitel. Traumdeutungen ohne Traumbuch, deren Richtigkeit eine dritte Perſon, an die Niemand denkt, zu erproben Luſt hat.......... 61 V. Capitel. In welchem Khleſl durch ein Argumentum ad hominem beweiſt, welcher Unterſchied zwiſchen einem Bettelmönch und einem Cardinal iſt... 88 VI. Capitel. Zwei Auguren........... 98 VII. In welchem Capitain Eckart erfährt, daß es Angriffe giebt, die man nicht mit Stoß und Hieb pariren kann 119 VIII. Capitel. Wie Don Carlos d'Auſtria das Blinde⸗ luh⸗Spiel verſtänd............. 153 Seite IX. Capitel. In dem vom„rechten Goldhandlteig,“ „Ambroſiamandeln,“„Potarga,“ und„Granzi⸗ pori,“ dem Gutachten über die Erbfolge, den Ve⸗ netianiſchen Frieden und mehren andern Dingen gehandelt wird Der alte Cardinal. — Vorrede. ₰ℳ Als vor mehreren Jahren im Dominicaner⸗Kloſter zu Wien die alte Obſervanz wieder eingeführt wurde, zo⸗ gen es viele Mönche, welche auf die laxeren Statuten der Neuzeit hin in den Orden getreten waren, vor, das Kloſter zu verlaſſen. Ein würdiger alter Herr, der ſich gleicher⸗ maßen zur Auswanderung entſchloſſen hatte, machte mit mir auf einem Schiff die Donaureiſe nach Linz. Wir wur⸗ den ſchnell mit einander bekannt; der wackere Ordensmann war vor unvordenklichen Jahren, als er das Gymnaſium beſuchte, Poet geweſen und hatte Mond und Sterne beſun⸗ gen, wie es Gymnaſiaſten⸗Gewohnheit iſt. Der gute Alte witterte bei ſeinem Nachbar und Reiſegenoſſen, daß jene Haas; Der alte Cardinal. I. 1 Kinderkrankheit, die er ſelbſt leicht überſtanden hatte, bei Letzterem chroniſchen Charakter angenommen habe; er brachte das Geſpräch unbemerkt auf Poeſie und Roman⸗ literatur. Ich äußerte mich, wie ſchwer es ſei einen vater⸗ ländiſchen Stoff romantiſch zu bearbeiten, wie es ſo ganz und gar an dem Hauptelement des hiſtoriſchen Romans, der Hofanekdote, mangele; der heitere Greis lächelte, ſchüt⸗ telte den Kopf und meinte, man müſſe nur an dem rechten Ort zu ſuchen verſtehen. Ich hielt das für eine bloße Redensart, forſchte nicht weiter nach und hatte den Gegenſtand unſerer Unterredung längſt vergeſſen, als der gute Pater mich bat, mit ihm in die Cajüte hinab zu ſteigen. Dort angelangt kramte er eine Weile unter den Pa⸗ pieren, die in ſeinem Mantelſack ſteckten, herum, und brachte endlich ein mit grünen Schnüren ſorgfältig zuſammenge⸗ bundenes Päckchen zum Vorſchein.— Es waren, wie ich bei näherer Beſichtigung erkannte, eine bunte Menge von Abſchriften. Der Mönch zog ein zierlich dickes Convolut daraus hervor, hielt es mir vor die Augen und fragte mit innerer Selbſtbefriedigung:„Nun, was ſagen Sie dazu?“ Ich ſagte gar nichts, da ich, kurzſichtig wie ich nun einmal bin, den Titel erſt leſen konnte, nachdem ich die Rolle ganz nahe an meine Augen brachte. Wie freute ſich aber der liebenswürdige Pater, als er meine überraſchte Miene gewahrte; und überraſcht war ich, das muß ich geſtehen, als ich die Worte las: „Divi Cliselii Cardinalis Vindictio contra inimi- corum calumnias Petri Hutteri jussu scripta 1640.“ Ich erbat mir von dem geiſtlichen Herrn dieſe Ab⸗ ſchrift und las noch die ganze übrige Zeit unſerer Reiſe und die ganze darauf folgende Nacht. Der Eigenthümer geſtattete mir mit großer Bereitwilligkeit von der Abſchrift eine Copie machen zu laſſen. Ich ſchüttelte ihm die Hand und ſagte:„Wiſſen Sie auch, ehrwürdiger Herr, daß Sie mir zu einem fertigen Roman verholfen haben?“ „Wohl wahr,„meinte der Alte,“ aber er müßte doch erſt überſetzt werden.“ „Wenn es nichts Anderes iſt, zur Ueberſetzung be⸗ darf es gerade nicht allzu großer Anſtrengung.“ 1* Der Pater mahnte noch, ich möchte nicht allzu lange ſäumen, daß er den Abdruck noch erlebe. Leider kamen hundert und tauſend Hinderniſſe da⸗„ zwiſchen; ich konnte mein Wort nicht halten und bitte hie⸗ mit meinen würdigen Freund herzlich um Vergebung; er wird ſie mir um ſo lieber gewähren, als ich ja ein gebeſſer⸗ ter, bekehrter Sünder bin. Beweis deſſen die nachſtehende Ueberſetzung oder, wenn man lieber will, Nach⸗ und Umbildung des lateini⸗ ſchen Textes. —.,— Wien, am Dreikönigstag 1863. I. Capitel. Schloß„Winkel“ und ſeine Bewohner, ein Hyll. Es giebt nicht leicht ein ſchöneres Land in Europa, als das Land Tyrol. Himmelhohe mit ewigem Eis ge⸗ panzerte Berge und liebliche ſammetweiche Matten, kry⸗ ſtallhelle Waldbäche und dunkle Forſte, alte ſagenverklärte Burgen und wunderthätige Capellen und Kirchen, rei⸗ zende Dörfer, mittelalterlich gebaute, gewerbfleißige Städte, einſam verlorene Weiler und am Fuß der Gletſcher hinge⸗ baute Alpenhütten, zu welchen nur ein ſchwindelnder Steig führt, wechſeln mit einander ab, und verleihen der Land⸗ ſchaft eine Mannigfaltigkeit, wie ſie ſich auf ſo kleinem Raum ſonſt nirgends findet. Ein herrlicher Menſchenſchlag, noch heute durch be⸗ ſondere Tracht ausgezeichnet, bewohnt dieſes Land. Die Männer ſind urkräftige Geſtalten, die Weiber, vielleicht nur zu derben Körperbaues, in der Regel viel hübſcher als die Gebirgsbewohnerinnen anderer Gegenden. Zu all dieſen Reizen kommt noch die Verſchmelzung des gemäßigten, um nicht zu ſagen, kalten Nordens mit den Eigenthümlichkeiten einer wärmeren Zone.— Ein Bergkamm ſcheidet oft die rauheſten Gebirgsthäler von einer Gegend mit vollkommen ſüdlicher Vegetation.— Drei Wegſtunden nördlicher gelangen die Früchte des Apfelbaums nicht einmal zur Reife, und am ſüdlichen Ab⸗ hang derſelben Bergkette gedeiht der Weinſtock, aber auch die Citrone und der Feigenbaum. Wie es jetzt iſt, war es auch vor zwei Jahrhunderten. In Tyrol hat ſich wenig geändert; das Volk iſt bis auf den heutigen Tag dasſelbe geblieben; möglich, daß Eiſen⸗ bahnen und der geſteigerte Verkehr binnen einem Decen⸗ nium mehr ausrichten, als die verfloſſenen Jahrhunderte gethan, doch das iſt Sache der Zukunft. In dieſem Augen⸗ blick iſt Land und Volk noch unverändert dasſelbe. Dieſes ſchöne Land fiel in das Loos des Erzherzog⸗ Deutſchmeiſters Maximilian von Oeſterreich. Der Erz⸗ herzog war ſo fromm und eifrig katholiſch, wie das Volk, das er beherrſchte, denn ſeine Herrſchaft war bei der In⸗ dolenz des Oberhauptes der regierenden Familie, Rudolf II., und ſelbſt unter deſſen thätigerem Nachfolger Mathias ziemlich unbeſtritten; auch war der Erzherzog nicht der — — 7 Mann, welcher zu weitgehende Einmiſchung geduldet haben würde. Die Frömmigkeit, Selbſtſtändigkeit und der patriar⸗ chaliſche Sinn des Ordens⸗Großmeiſters bewirkten, daß die Tyroler mit viel mehr Liebe an ihm hingen, als man bei dem ſtrengen Charakter des Fürſten hätte er⸗ warten ſollen. Der Erzherzog hielt gewöhnlichzu Innsbruck Hof, aber es gab noch einen zweiten Ort in Tyrol, welchem er den Vorzug vor jedem anderen Aufenthalt einräumte, und das war„Schloß Winkel.“ Der Erzherzog hielt ſich zu der Zeit, von der wir ſprehen⸗ trotz der frühen Jahreszeit, gerade zu Win⸗ kel auf. Was war das für ein Ort?— Es kann nichts Rei⸗ zenderes gedacht werden, als das im Styl des ſechs⸗ zehnten Jahrhunderts gebaute Schloß. Reden wir zuerſt von ſeiner Umgebung. Schloß Winkel liegt im Thal von„Obermais,“ einem blühenden, ſonnigen, lachenden Thal, einem kleinen, vielſtrömigen Paradies, welches durch die Gebirge von Schena und Hafling und die hinter ihren ſanften Wöl⸗ bungen höher aufſteigenden Dolomitkoloſſe von der übri⸗ gen Welt geſchieden iſt. Eine Viertelſtunde von Winkel liegt das alte Pfarr⸗ dorf Obermais gerade an der Stelle, wo einſt die Römer⸗ ſtadt„Maja“ ſtand. Wo iſt die alte römiſche Stadt hingekommen? Wurde ſie, wie ſo viele römiſche Municipien von den Barbaren verheert? durch Kriegsſtürme erobert, von Feindeshand gebrochen? Ach nein, die Stadt wurde nicht dem Erdboden gleich gemacht; ſie ſteht noch da tief unter den Mauern und Grundfeſten von Obermais. Ein Tag, eine Stunde, einige Minuten reichten hin, den Tod mitten in ein reiches, vielbewegtes Leben zu tragen; die Stadt Maja ſollte gleiches Geſchick mit den ſagenhaften Rieſen des Aetna, dem bergentrückten Kaiſer Karl, aber auch mit Herculanum und Pompeji haben. Der Berg, an deſſen Fuße ſich das alte Maja lehnte, fing ſich zu bewegen an und erſtickte die Stadt in ſeiner Umarmung. Das ſchöne Thal von Obermais wird von ſilber⸗ hellen Bächen durchſtrömt, von blühenden Matten durch⸗ duftet, von waldigen Kuppen beherrſcht. Uralter Wald umgab das ſtattliche maſſive Ge⸗ bäude des Schloſſes von einer Seite, während ſich hell⸗ grüne Wieſen, von einem klaren luſtig ſprudelnden Bach durchſchlängelt, von der Hauptfront des Gebäudes bis an den Fuß der gegenüber liegenden Bergkette hin⸗ dehnten. Die nächſte Umgebung des Schloſſes bildeten rei⸗ zende Gartenanlagen, die ſich unbemerkt in den Wies⸗ grund oder die Stille des einſamen Forſtes verloren. No 9 Dieſe Gartenanlagen mit ihren weichen Moosbänken, ſchäumenden Cascaden, feſſelnden Fernſichten und lufti⸗ gen Felsſitzen waren das Werk des erzherzoglichen Sin⸗ nes für ſchöne Natur. Er ſelbſt hatte jedes einzelne Detail angeordnet, jede Stelle ſelbſt bezeichnet, wohin ein Weg gebahnt, eine Blumenrabatte verlegt, ein aus Nußbaum gezimmerter Tiſch geſetzt, oder ein gegen die Sonnenſtrahlen ſchützen⸗ des Zelt gebracht werden ſollte. Niicht ſelten ſah man den Erzherzog in der Tracht eines einfachen Landmannes die weitläufigen Anlagen durchwandern, ſelbſt Hand anlegen, graben, hauen, ſchnei⸗ den und die Stelle eines tüchtigen Tagwerkers ausfüllen. Die innere Einrichtung des hochgiebeligen Schloſſes mit ſeinen zahlreichen Erkern und mächtigen Fenſterbrü⸗ ſtungen war dagegen nicht ausſchließend das Werk des Erzherzogs; das Anheimelnde und Wohlthuende der geſammten Anordnung konnte von keinem Mann herrüh⸗ ren; hier mußte weiblicher Sinn und zwar ein gebildeter Frauengeiſt thätig ſein. So viel Behaglichkeit, ſo viel von Prunkſucht ent⸗ fernter Ueberfluß war überall erkennbar, daß ſich der Beſucher nicht gedrückt, ſondern wohl und freundlich an⸗ gemuthet fühlte. Vom Kamin aus lichtem Tyroler Marmor gearbei⸗ tet angefangen bis auf die weichen Thierfelle vor dem — 10 Arbeitstiſch des Eigenthümers; von den Gemälden, welche an den Wänden hingen und größtentheils dem Pinſel des erzherzoglichen Hof⸗ und Kammermalers „Melchior Hölzl“ entſtammten, bis auf die bequemen, reichgepolſterten hochlehnigen Stühle und die hochge⸗ bühnten zweiſpännigen Betten mit dem faltenreichen gold⸗ gegipfelten Baldachin, von den mit allerlei Thiergeſtal⸗ ten geſchmückten Trinkhörnern bis auf die ſchweren mit den öſterreichiſchen Wappen verzierten Eßbeſtecke und Salzfäſſer, von der geräumigen lichten Küche, den raſſeln⸗ den Bratſpießen und brodelnden Töpfen bis zu den dunklen epheuumrankten Badſtuben, drückte Alles und Jedes ſo viel Behaglichheit als Gediegenheit aus. Und welche Hand war es, die hier ordnend und ſchaffend in das Getriebe des Hauſes eingriff? dieſelbe Hand, die eben noch auf der Schulter eines blühenden Jünglings von achtzehn bis zwanzig Jahren ruhte. Frau von„Roſenberg“ mochte acht und dreißig Jahre zählen, aber man würde ſie ohne die Körperfülle, die ſie in den letzten Jahren erlangt hatte, den jugend⸗ lichen Zügen des Geſichtes nach für jünger gehalten haben. Sie war blond und hatte jene durchſichtige feine Haut, jenen koſtbaren ſammetweichen Teint, wie er nur Blondinen eigen iſt; eine freie offene Stirne, große leb⸗ hafte blaue Augen und korallenrothe Lippen vervoll⸗ 11 ſtändigten das Bild einer vollkommenen nordiſchen Schön⸗ heit. Sie trug eine Art Morgenkleid, welches die Arme unbedeckt ließ. Dieſe Arme waren voll und ſchön gerundet, aber keineswegs von ſo blendendem tadelloſem Weiß, als ſie Tſchernembl ehemals an der ſchönen Aebtiſſin von Mont⸗ martre oder an Gabriele d'Eſtrees bewunderte; im Ge⸗ gentheil waren die Arme zu ſehr geröthet und die Hände zu dunkel gebräunt, um auf Vollkommenheit Anſpruch er⸗ heben zu können. Obſchon die Kleidung dieſer Dame in Beziehung auf guten Geſchmack nichts zu wünſchen übrig ließ, ſchien ſie doch mehr auf Zweckmäßigkeit und Be⸗ quemlichkeit, denn auf Zierde berechnet zu ſein.— — Der herrſchenden Mode entgegen war das blauweiße Kleid kurz zugeſchnitten und ſo weit von Knappheit entfernt, daß es die trotz zunehmender Beleibtheit noch immer feine Taille eher verbarg als hervorhob. Frau von Roſenberg ſaß in dem Augenblick, da ſie ihre Hand auf die Schulter des jungen Mannes gelegt hatte, etwas ermüdet in einem Lehnſtuhl. Der Jüngling trug ſo kenntlich die Züge der Frau an ſich, daß Niemand zweifeln konnte, daß er Mutter und Sohn vor ſich hatte. Um die helle, reine Stirne des letzteren wiegelten ſich die goldnen Locken in üppiger Fülle. Nur die bu⸗ ſchigen Augenbrauen und ein gewiſſer den Jahren vor⸗ auseilender Ernſt ſtanden im Gegenſatz mit dem lachen⸗ den Weſen der Mutter. Merkwürdiger Weiſe behauptete Jedermann, wel⸗ cher den Jüngling neben dem Vater betrachtete und die Züge Beider mit einander verglich, daß ſich Vater und Sohn ebenfalls ſprechend ähnlich ſahen. Mit mütterlichem Stolz ruhten die Augen der Dame Roſenfeld auf dem Sohn, welcher nach der auf ſeiner Schulter liegenden Hand haſchte und ſie mit kind⸗ licher Unbefangenheit an die Lippen führte. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre und es trat ein großer ſtattlicher Mann mit buſchigen Augenbrauen und männlich⸗ ſchönen Geſichtszügen in die Stube. Der junge Menſch eilte ihm entgegen und küßte die Hand, während ſich Frau von Roſenberg an ſeine Bruſt warf. Der Ankömmling küßte Frau von Roſenberg auf die Stirn und deutete bei der Bemerkung, daß er ſchon ſo viele Stunden vergebens erwartet worden ſei, auf den jungen Mann, als ob er ſagen wollte:„Hab Geduld, mein Schatz, wie wir allein ſind, ſollſt Du Alles erfahren.“ Ein leiſer Wink der Dame Roſenberg entfernte den Jüngling und gewährte dem Angekommenen Muße das volle Herz auszuſchütten. Er ſagte:„Ich will das Herz des guten Kindes— er meinte eben den Jüngling— rein und leidenſchaftslos erhalten, ſo lange es angeht; 13 es iſt dies ja der einzige Erſatz für Alles das, was ihm an Würden und Ehren fehlen wird. Wenn der arme Burſche Liebe und Haß mit mir theilen ſollte, ohne daß ich ihm meinen Namen und Einfluß vererben kann, dürfte ſein jugendlicher Nacken für ſolche Laſt doch zu ſchwach ſein.— Er ſoll daher allen Verwicklungen fern bleiben, deren Mittelpunkt ich leider bilde; damit dies aber mög⸗ lich ſei, muß er fort— weine nicht, Katharina— es iſt zu ſeinem und Deinem Beſten, daß ich dieſen Entſchluß faßte. Bleibt er hier, ſo wird ſein Seelenfrieden noth⸗ wendig untergraben werden. Man wird ſich an ihn hängen, ſein Ohr mit Schmeicheleien umlagern, ihm weiß machen, daß er weiß Gott zu was für gewaltigen Dingen be⸗ rufen ſei, kurz man wird in der eitlen Hoffnung, durch den Sohn auf den Vater zu wirken, dieſen reinen un⸗ befleckten Charakter verderben. Er wird den Leuten Glauben ſchenken— nicht gleich, ich weiß es, Catharina— aber zuletzt wird es doch ſo kommen— er wird den Sohn des Erzherzogs ſpielen wollen, ſeinen Vater in ſchlimme Händel verwickeln, ſeinen Feinden zum willkommenen Werk⸗ zeug dienen, mir wehe thun und als ein unglücklicher, weil in ſeinen ehrgeizigen Beſtrebungen niemals zufrieden geſtellter Menſch, endigen. Ich bin nur deshalb von Inns⸗ bruck herüber geritten, um mit Dir zu reden. Eckart iſt heute zwanzig Jahre alt. Ich habe ihm hier etwas zum Geburtsfeſt mitgebracht, ein Geſchenk, von dem ich nun 14 freilich nicht zu behaupten wage, daß es Dich eben ſo wie ihn freuen werde. Der Erzherzog, denn wer hat nicht längſt den Großmeiſter des Deutſchen Ordens Maximilian von Oeſterreich in dem Mann mit den buſchigen Augen⸗ brauen erkannt? zeigte auf eine Pergamentrolle, die er aus ſeinem Mantel hervorzog.— Catharina wollte nach dieſen Worten des Erzherzogs das für Eckart beſtimmte Geſchenk lieber gar nicht ſehen, ſondern bedeutete den ſchnellen Schrittes im Zimmer auf und ab gehenden Erzherzog, er möchte ſich ſetzen, ſie ſei bereit ihn an⸗ zuhören. Marx ſtreckte ſich auf den ſchwellenden Divan hin und ſprach:„Wohlan, meine beſte Catharina— ich will es Dir nicht länger verhehlen, Du mußt von Deinem Sohne ſcheiden. Erſchrick nicht, meine Gute— Eckart ſoll darum nicht verlaſſen ſein, ich werde über ihn wachen. Er wird überall ſein, wo ich bin, ohne daß ſeine Lauf⸗ bahn meine Wege kreuzte. Eckart ſoll ein tüchtiger Kriegs⸗ mann werden, und wenn es dem Himmel gefällt, das ritterliche Wappen, das ich ihm gebe, in eine Freiherrn⸗ oder Grafenkrone umwandeln.“ Catharina's Augen füllten ſich mit Thränen; ſie bat den Erzherzog, doch wenigſtens die günſtigere Jahreszeit für den Jüngling— den ſie noch immer ihren lieben Knaben nannte— abzuwarten, damit er ſeinen erſten Ausflug bei leidlicher Witterung unternehme. Der Erz⸗ herzog hatte für die Thränen und Bitten Catharina's 15 nur ein mildes Lächeln, das von beſtändigem Kopfſchütteln begleitet war. Frau von Roſenberg hatte ſich gerade zu einem letzten Verſuch, das Herz des Deutſchmeiſters zu bewegen, gerüſtet, als Eckart eintrat. Der Erzherzog rief ihm zu, daß er zwiſchen ihr und Frau von Roſenberg Richter ſein ſolle, wer Recht hätte— zugleich legte er die Pergamentrolle in die Hand des jungen Mannes— dann fuhr er, während Eckart die Rolle öffnete, fort: „Deine Mutter behauptet ſteif und feſt, daß Dich der Inhalt dieſes kleinen Documentes, das ich Dir zum Angebinde brachte, keineswegs freuen, und daß ihr Sohn das ruhige Sitzen hinter dem Ofen einer glänzenden militäriſchen Laufbahn vorziehen würde; Du ſollſt nun ſagen, was das rechte iſt.“ Frau von Roſenberg pro⸗ teſtirte vergebens, daß ſie das gar nicht geſagt habe, der Erzherzog behauptete dagegen, daß er wenigſtens den Sinn ihrer Worte vollkommen richtig wieder gegeben habe. Eckart hatte das Pergament kaum durchflogen, als er ſchon mit leuchtenden Augen und hochgerötheten Wangen an des Erzherzogs Seite war, und ſich um⸗ ſonſt abmühte Worte des Dankes zu finden; ein Paar Freudenthränen, die ihm auf den Wangen blitzten, ga⸗ ben vielleicht das unzweifelhafteſte Zeugniß von den Ge⸗ fühlen des jungen Mannes. „Wißt Ihr, was es iſt, Mutter?“ fragte der Jüng⸗ ling, nachdem er etwas zu ſich ſelbſt gekommen und ſchwenkte die Pergamentrolle gleich einem Feldherrnſtab,—“ aber ſo blickt nur einmal her,— ein Beſtallungspatent iſt es, ein Patent, das mich zum Hauptmann unter den Stauderiſchen Fußknechten macht. So dankt doch Sr. Durchlaucht mit mir für die unverhoffte Gnade.“„Ihr ſeht, Madame,“ fiel der Erzherzog ein,„ich habe gewon⸗ nen, Herrn Eckart iſt das luſtige Reiterhandwerk lieber, als das Stillleben auf Schloß Winkel, wie Meiſter Hölz! unſere Wirthſchaft nennt. Nun Eckart, mich freut es von Herzen, daß ich Deinen Wunſch getroffen habe; was aber Frau von Roſenberg angeht, ſo mußt Du bedenken, daß es nur mütterliche Liebe und Furcht vor dem Abſchied iſt, was ihre ſchönen Augen mit Thränen füllt— die gute Frau glaubt es nicht ohne Dich aushalten zu können.“ Die letzten Worten des Erzherzogs bewirkten eine große Veränderung in den erſt noch ſo freudeſtrahlenden Mienen des neucreirten Hauptmanns, die Stirne des Jünglings verdüſterte ſich und er fand ſich bald ſelbſt dem Weinen nahe; wenn er ſich nicht vor dem Erzher⸗ zog geſchämt hätte, er würde wirklich geweint haben, ſo ging ihm die Wehmuth der Mutter zu Herzen. Max, der ſeinen Sohn aufmerkſam beobachtete, entging dieſe Veränderung nicht. Er ſagte:„Daß ein junger Soldat nicht beim heimiſchen Herd bleiben kann, begreift ſich von 17 ſelbſt; damit will aber noch nicht geſagt ſein, daß der Sol⸗ dat den heimiſchen Herd gar nicht mehr zu Geſicht bekom⸗ men ſoll. Es giebt Generale, und ich kenne ſelbſt wel⸗ che— dabei ſchmunzelte der ſtrenge Fürſt— die ſich ein Vergnügen daraus machen, die kriegeriſchen Söhne ihren ſchönen Müttern zu Troſt und Erquickung von Zeit zu Zeit nach Hauſe zu ſenden. Eckart, wie ich den jungen Mann zu kennen glaube, wird nun ſo eine Erlaubniß nicht dazu benützen, ſich im Lande herum zu treiben, ſondern hübſ nach Hauſe eilen und die Mutter durch ſeinen Anblick er⸗ freuen.“ Die Rede des Erzherzogs verfehlte nicht die bezweckte Wirkung. Frau von Roſenberg trocknete ſich die Thrä⸗ nen und Eckart wurde ſo aufgeräumt und vergnügt, als er bei der Durchleſung des Patents geweſen war. Der Deutſchmeiſter hub, nachdem er ſich von der be⸗ ruhigenden Wirkung ſeiner Troſtgründe überzeugt hatte, aufs Neue an.„Von heute in drei Tagen muß der jun⸗ ge Herr in Wien ſein, denn ich habe Sr. Majeſtät ſchrift⸗ lich verſprochen, den jungen Capitain perfönlich vorzuſtellen. Ihr habt doch ein gutes Pferd, Meiſter Eckart, will ich hoffen, mit dem man ſich in Wien zeigen kann?“ Eckart, der bisher nur ein kleines ausdauerndes Ge⸗ birgspferd ſein nannte, zuckte die Achſel und meinte, daß ſein„Luther“— Luther war der blasphemirende Name des Reitthieres— wohl recht gut für die Gebirgspäſſe Haas: Der alte Cardinal. I. 2 18 und dieſe hinwieder für ſeinen„Luther“ paßten, daß man aber in Wien und bei der Armee überhaupt, wie er an des Erzherzogs Marſtall ſehe, ganz andere Reitpferde zu erblicken gewohnt ſei.“ „Ganz meiner Anſicht, u erwiederte der Deutſchmei⸗ ſter mit dem Kopfe nickend,„und darum habe ich für den Fall, daß Meiſter Eckart ſein Reitthier für den höheren Dienſt als untauglich erklären würde, ein Paar Reitpferde aus Innsbruck kommen laſſen; wollt Ihr ſie ſehen, ſo ſchaut da hinaus. Man führt ſie gerade auf den Sandwegen des Vorgartens herum, um ſie abzukühlen.“ In der That führte der Stallmeiſter ein paar prächtige Reitpferde durch den Kiesweg. Eckart verſtand ſich zu gut auf derlei Thiere, als daß er nicht an den tadelloſen Feſſeln, den kleinen ſtolz aufgeworfenen Köpfen und an dem vollkommenen Ebenmaß der Glieder erkannt hätte, daß es ein fürſtliches Ge⸗ ſchenk war, das ihm der Erzherzog mit den Reitpferden machte. Max ſelbſt weidete ſich an der Ueberraſchung des jungen Mannes, und ſelbſt Frau von Roſenberg konnte, trotz ihrer ſtillen Trauer, nicht umhin, einen dankbaren Blick auf den Erzherzog zu werfen. Den jungen Menſchen, deſſen Freude an Pferden und Hunden, Waffen und Schießgewehren ihm wohl mit allen Jünglingen ſeines Alters gemein war, mochte der 19 Erzherzog nicht länger halten und ermuthigte ihn durch eine Handbewegung das Geſchenk in Empfang zu neh⸗ men. In ein paar Sprüngen war Eckhart unten und mit einem Satz auf dem Rücken des ſtolzen Fuchsbraunen, der mit ſeiner Laſt in Nu davon jagte. „Da reitet er ſchon, wie ein Unwetter dahin,“ ſagte Max, der durch's Fenſter blickte, mit väterlichem Wohl⸗ gefallen an der Rüſtigkeit ſeines Lieblings. Frau von Roſenberg ſeufzte. Max tröſtete ſie oder machte viel⸗ mehr einen Verſuch ſie zu tröſten, indem er ſagte:„Was willſt Du, Catharina? Haſt Du erwartet, daß Eckart ſtets an deinem Schürzenband hängen werde? Das wäre Jammerſchade, dazu hat der Junge zu feuriges Blut und zu vielen Verſtand.“ „Da werde ich aber völlig vereinſamen.“ „Bleibe ich Dir nicht?“ „Als ob Euer Durchlaucht mir mehr gehörten, als der Eckart?“ „Nicht meine Schuld, bei Gott nicht meine Schuld, ich wäre gern geſtern ſchon und am allerliebſten vor⸗ geſtern gekommen, aber konnt' ich denn? Iſt es doch, als ob ſich alle Teufel verſchworen hätten mich zu necken und mir das Leben ſauer zu machen. Da habt Ihr unſern werthen Nachbarn den Herzog, meinen Namens⸗ bruder, der täglich ſchwieriger wird und trotz ſeiner ver⸗ wandtſchaftlichen Liebe für uns Oeſterreicher ſein eige⸗ 2* 20 nes Intereſſe ganz wohl im Auge behält; da iſt der alte Fuchs mit dem rothen Hütel, der zwei Schritte vor⸗ wärts und ſechs zurück macht; dann mein Vetter Leo⸗ pold, der dem Ferdinand den Rang ablaufen und um jeden Preis Kaiſer, König oder Herzog werden und ſeine Biſchofmütze los ſein möchte, dann ſeht Ihr einen guten Bruder, der zwar nicht vom Teufel, wie mein anderer Bruder Rudolf von ſich ſelbſt glaubte, aber deſto mehr von dem hundsföttiſchen Cardinal beſeſſen iſt; ich will von unſern erklärten Feinden, den proteſtantiſchen Stän⸗ den, den deutſchen Reichsfürſten, von dem Savoyer, Bethlen⸗ Gabor, Türken und Franzoſen gar nicht reden. Das verſteht ſich von ſelbſt und war immer ſo, aber der Unfriede im eigenen Haus, damit verhält es ſich anders, der iſt erſt zehn Jahre alt und hat uns übler bekommen, als alle Anſchläge unſerer Feinde. Wenn ich mich aber mit Freund und Feind ſtreiten muß, wie kann ich dem Zug meines Herzens folgen und ſo oft und ſo lang' auf Winkel ſein, als ich wohl möchte?“ Frau von Roſenberg ſchien die angegebenen Gründe einzuſehen und bot ihren fürſtlichen Geliebten die Hand. In demſelben Augenblick ertönte die Speiſeglocke. Pater Franciscus, welcher zugleich Caplan und Lehrer des jungen Mannes war, ſprach das Tiſchgebet; dann ſetzte man ſich zu Tiſche.— Hier war nichts zu ſehen, was an den damaligen Tafelluxus der Großen 21 erinnerte. Nur der Mönch hatte eine große Flaſche Wein vor ſich ſtehen. Der Erzherzog und ſeine Fa⸗ milie begnügten ſich mit dem klaren Waſſer, das der nahe Bergguell lieferte. Nach Tiſch ſagte der Mönch ein kurzes Gebet und nun ging's hinunter in den geräumigen Schloßhof. Eckart tummelte ſich auf den geſchenkten Pferden herum, während es der Erzherzog nicht verſchmähte, ſich im Ge⸗ ſpräch mit dem viel ſtudierten Mönch zu belehren. Der Deutſchmeiſter hörte den Pater gerne ſprechen, ließ ſich ſelbſt eine kleine Zurechtweiſung gerne gefallen, ſo lange die todte Wiſſenſchaft den Stoff des Gedankenaus⸗ tauſches bot. Sobald aber der Bettelmönch auf das Gebiet der Gegenwart überſprang— er hatte es nur einigemal gewagt und dann nie wieder— begegnete er dem ſtolzen Blick des Erzherzogs, der auch nicht den lei⸗ ſeſt ausgeſprochenen Tadel vertrug. Frau von Roſenberg ſaß auf einer Gartenbank und hatte eine Handarbeit für Arme vor ſich, während Eckart ritt und die beiden älteren Männer auf und ab ſchritten; eine halbe Stunde nachher rief das Glöcklein der Schloßcapelle zur Segen, welchem alle Bewohner des Schloſſes bei Dienſtesentlaſſung anwohnen mußten. Nach gehörtem Segen ſtieg die Geſellſchaft mit Aus⸗ nahme des Mönches zu Pferde. Diesmal war es das kleine Gebirgspferd, das Eckart ſonſt zu reiten pflegte, welches geſattelt vor der Hausthüre ſtand; einen Zelter hielt der Stallmeiſter für Frau von Roſenberg am Zügel, während der Erzherzog den nun bereits alternden Rappen beſtieg, den er bei ſeiner Gefangennehmung in Polen geritten hatte. Der Zug ging in raſchem Trabe am Berggelände fort einer rauhen Schlucht zu, aus der ein Waldbach ſchäumend und toſend hervorbrach. Verfolgte man die⸗ ſen Reitpfad weiter, ſo gelangte man nach„St. Valen⸗ tin,“ einem uralten wunderverklärten Wallfahrtsort. Es war aber zu ſpät am Tage und man hielt an einer Bie⸗ gung des Sträßchens an. Hier ſtanden einige hölzerne Gebäude mit zierlichen Vorſprüngen und Erkern, kleinen Fenſtern und ſchmalen Thüren, über welchen Gemshörner prangten oder Käuzchen angenagelt waren, lauter freund⸗ liche gehäbige Wohnungen, deren Dächer durch Steinbe⸗ laſtung gegen die Wuth der Stürme geſchützt waren. Vor den Häuſern ſtanden ſchlanke Vogelbeerbäume, deren hell⸗ rothe Frucht im herbſtenden Jahr durch die lichtgrünen Zweige und Blätter ſchimmerte; etwas weiter aufwärts befand ſich ein roth angeſtrichenes Kreuz, das mit einem welken Kranz von Feldblumen des letzten Herbſtes ge⸗ ſchmückt war. Der Erzherzog bekreuzte ſich und rückte das Barret; Frau v. Roſenberg und Eckart folgten dem Beiſpiel des Familienhauptes. Nicht weit von dem rothen Kreuze kauerte ein alter gelähmter Mann und murmelte 23 Gebete. Frau von Roſenberg lenkte ihren Zelter nach der Stelle und ſchüttelte all ihr Geld in den Hut des Greiſes. Auf dem Rückweg eilte ein ſchlanker hochgewachſener Burſche, der ein längliches, feuchtes Gefäß über der Schul⸗ er hängen hatte, dem Zug nach, ſchritt auf den Erzher⸗ pg zu, rückte ehrerbietig den Hut und fragte, ob er die Fiſche, die er im Lauf des Tages geangelt hätte, auf das Schloß bringen dürfe. Die Frau ſchüttelte den Kopf und meinte, daß ſie nicht wiſſe, was mit ſo vielen Fiſchen an⸗ fangen, der Erzherzog aber ſagte:„Bringe immerhin die Fiſche zu uns; denn, wenn wir auch derſelben nicht bedürfen, bedarfſt Du doch der Bezahlung. Nicht wahr, Schlingel?“ Der Burſche lächelte, griff nach dem Mantelſaum des Erzherzogs, küßte ihn und eilte wohlgemuth nach dem Schloſſe. Als der Erzherzog und ſeine Begleitung zurückkehr⸗ ten, war die Sonne bereits im Untergange begriffen; ein Theil der reichen Landſchaft lag bereits in grauer Däm⸗ merung, während die Wieſe vor dem Schloß noch von den letzten Sonnenſtrahlen umſpielt wurde; wenige Mi⸗ nuten ſpäter ſchwand das Licht auch von der Wieſe; nur die himmelanſtrebenden Berghäupter, welche ſich dem Schloſſe gegenüber emporthürmten, wurden von einer Strahlenglorie umgoſſen und erleuchtet, der man ihrer 24 Intenſität willen die Augen nicht ungeſtraft zuwenden durfte. Nach dem Aveläuten, während welches der Erzher⸗ zog das Haupt erblößte und leiſe das„Engel des Herrn“ betete, wurde das Abendbrot eingenommen. Um neun Uhr lag bereits das Schloß in tiefem Schlaf.— Doch nein, Erzherzog Max, der das Bedürfniß des Schlafes wenigen kannte, als die meiſten Menſchen, machte eine Ausnahm⸗ und arbeitete unverdroſſen an jenem Netz, das er eins Tages, wenn erſt keine Maſche mehr fehlte, den Proteſtar⸗ ten über das Haupt zu werfen und bis zum Erſticken faft zuſammenzuziehen gedachte. Die unzähligen Briefe, die er nach Madrid und Brüſſel, Rom und Mainz, München und Paris richtete, die vielen Staatsſchriften, die er eigenhin⸗ dig abfaßte, es waren eben ſo viele einzelne Steine, die er zu dem großen Bau zuſammentrug, den er unternom⸗ men hatte. Frau von Roſenberg eilte gerade, nachdem ſie ihren Sohn noch einmal geküßt hatte, nach ihrem Zimmer, um die Letzte im Schloß den Schlaf zu ſuchen, als an der Thür gepocht wurde. Die Frau blickte überraſcht nach der Klinke; ſogleich trat das Stubenmädchen verzagt ein und erzählte, daß ſich die Kutſchersfrau nicht zu helfen wüßte, da ihr Kind von heftigen Fraiſen befallen worden.„Spute Dich, 25⁵ Ploni“(Apollonia), entgegnete die edle Frau„und ſage der Conradin, daß ich ſelbſt nachſehen wolle.“ Das Mädchen hatte die Stube kaum verlaſſen, ſo öffnete Frau von Roſenberg einen Schrein, durchwühlte die verſchiedenen Fächer desſelben, bis ſie auf einen mäch⸗ tigen Pack Kinderwäſche ſtieß, dieſen öffnete ſie und brei⸗ tete die verſchiedenen Stücke auf dem Tiſche aus, aber weder die feinen Windeln noch die Hemdchen und Tücher waren es, welche die erzherzogliche Maitreſſe ſuchte,— ſie war in Verzweiflung, das Gewünſchte nicht finden zu können; ſie eilte nochmals nach dem Schrank, endlich fand ſie ganz zu unterſt ein kleines dünnes mit einer Nadel befeſtigtes Päck⸗ chen, öffnete es und ſagte zu ſich ſelbſt:„Gott ſei Dank, da iſt es endlich.“ Sie zog, nachdem ſie die äußere Hülle entfernt hatte, ein kleines einfaches durch ein blaues Sei⸗ denband zuſammengehaltenes Kinderhäubchen hervor. Es war die vom Fürſtbiſchof von Brixen eigenhändig geweihte Fraiſenhaube, eine Kopfbedeckung der Kinder, welcher man die Gewalt beilegte, das Uebel zu vermindern, wo nicht gar völlig zu beſeitigen. Nachdem die gute Dame dieſen Fund zu ihrer voll⸗ kommenen Befriedigung gemacht hatte, verließ ſie mit lächelnder Miene die Stube und eilte, ſo ſchnell ſie konnte, nach einem mehrere Zimmer weit entfernten Gemach, das mit einer eiſenbeſchlagenen Thüre verwahrt war; ſie ſchloß dieſelbe auf und ging auf eine Art Kaſten zu, welcher eine große Anzahl ziemlich ſeichter Laden zu enthalten ſchien, an deren jeder eine Aufſchrift mit großen lateiniſchen Buch⸗ ſtaben angebracht war. Dieſer Kaſten bildete die Haus⸗ apotheke des Schloſſes Winkel. Mit geübter Hand zog ſie, ohne ſich nur einmal zu irren, die Laden, wo ſich die ihr nothwendig ſcheinenden Kräuter befanden, ſchob die verſchiedenen Päckchen in ein großes Packet zuſammen und wollte eben das Gemach ver⸗ laſſen, als das Mädchen wieder auf der Schwelle erſchien und die Frau aufforderte, ihre Hinabkunft zu beſchleunigen, da es mit jeder Minute ſchlimmer werde. Weit entfernt über dieſe Zudringlichkeit zu zürnen, fagte die Hausfrau vielmehr tröſtend:„Lauf voran, Ploni, und melde ihnen, daß ich nun gleich hinunterſteige, wecke auch Frau Crescentia und ſage ihr, daß ſie der Mutter des kranken Kindes wachen helfe; es ſolle ihr Schaden nicht ſein.“ Das Mädchen hüpfte dienſteifrig die Treppe hinab, während die Hausfrau noch raſch eine geweihte Wachskerze, ein Glas und einen Löffel zuſammenraffte und nun mit vollen Händen in den Hofraum hinunter ſtieg. In der Stube des Kutſchers brannte ein ſpärliches Licht; das dreijährige Mädchen der Kutſchersfrau lag mit verdrehten Augen auf ſeinem armſeligen Bettchen; ein con⸗ vulſiviſches Zucken ging durch den kleinen Körper. Im Kamin hrannte trotz der vorgerückten Jahreszeit ein mächtiges, wohl unterhaltenes Feuer, das der Stube eine unerträgliche Hitze mittheilte. Dieſe Hitze ſchien die Unruhe des fraiſenhaften Kindes zu ſteigern, das arme Mädchen ſtöhnte unausgeſetzt. Frau von Roſenberg trat ein. Ein„Gott ſei gelobt“ aus dem Munde der Kutſchersfrau bewillkommte ſie. Die wackere Dame nickte mit dem Kopf und machte einige Schritte vorwärts. Die Hitze verlegte ihr den Athem; ſie ſchüttelte unzufrieden den Kopf, dachte einen Augenblick nach und ſagte dann, gleichſam mit ſich ſelbſt redend:„Das Feuer auslöſchen, das geht nicht an; Rauch und Dampf könnten den armen Wurm vollends erſticken und ſo kann es doch auch nicht bleiben, man ſieht ja, wie die Hitze das arme Kind ängſtigt.“ Endlich war Frau von Roſenberg zu einem Entſchluß gelangt, ging auf das Bettchen zu, nahm die Kleine heraus und forderte die Mutter etwas trocken auf, ihr all' die Siebenſächelchen, die ſie mitgebracht, nachzutragen. Sie hüllte das Kind in das große Umhänge⸗ tuch, in das ſie ſich ſelbſt gehüllt hatte, eilte nun die Stiege hinauf nach ihrem eigenen Zimmer. Dieſe Stube war geräumig, kühl und äußerſt wohnlich. Als das arme Kind des Kutſchers in dem blüthen⸗ weißen Bett der erzherzoglichen Maitreſſe lag, nahm Frau von Roſenberg das geweihte Häubchen und ſetzte es der Kranken auf, zugleich wurde die benedicirte mit dem Gna⸗ 28 denbild von Mariazell geſchmückte Wachskerze angezündet und die oft erprobte Arzenei eingeflößt. War es die Wirkung der geweihten Haube oder des frommen Gebetes, welches der weibliche Arzt während der Krankenpflege verrichtete, oder des nervenberuhigenden Trankes, ſo viel ſtand feſt, die Fraiſen ließen nach, das Fieber verminderte ſich, das Geſtöhn ſetzte aus.— Das Antlitz der Hausfrau ſtrahlte in heiliger Verklärung; ſie pries ihren Heiland, der ſo ſichtbar geholfen und ſchickte nach der Kutſchersfrau, deren thätige Beihülfe ſie zum größten Kummer der letzteren ſich verbeten hatte. Als die Kutſcherin ihr Kind, das erſt ſo lebhaft geſti⸗ culirt hatte, ſo ſtill und blaß auf dem weißen Bett liegen ſah, ſchlug ſie erſchreckt die Hände zuſammen, indem ſie ausrief:„Wie Gott will, hätte aber nicht geglaubt, daß es ſo ſchnell gehen würde, gewiß iſt von der jähen Kälte der Herzbrand eingetreten.“ „O der albernen Kunkel!“ rief die edle Pflegerin, „dankt Gott, daß das Kind ruhiger geworden iſt, ſchaut nur einmal die Augen jetzt an und vergleicht ſie mit der verſchrobenen Stellung der Augapfel von vorhin.“ Dieſe Bemerkungen verminderten wohl einigermaßen die Beſorgniſſe der Mutter, ohne ſie jedoch vollkommen zu zerſtreuen,— ſie ſchlich, etwas wie einen Dank vor ſich hin murmelnd, aus der Thüre. Indeſſen erholte ſich das Mädchen mit jeder Stunde 29 mehr. Die Hausfrau nahm ihren Platz zu Häupten des kranken Kindes und wandte kein Auge von dem Geſicht der Kleinen ab. Gegen Morgen war jede Gefahr vorüber, das Kind verſank in einen geſunden Schlaf, aus welchem es voll⸗ kommen geneſen erwachte. Als der Erzherzog am frühen Morgen in die Stube trat, was ſtellte ſich ihm für ein Schauſpiel dar? Frau von Roſenberg ſaß etwas bleich vom Nachtwachen an dem Krankenlager des Kindes und beugte ſich eben mit mütter⸗ licher Sorgfalt über das kleine Köpfchen, das keine Spur jener Hitze mehr an ſich trug, welche ſich des Tages zuvor auf ſo erſchreckende Weiſe kund gegeben hatte. Das Bett der Frau von Roſenberg war unberührt. Der Erzherzog ließ ſich die Scene erklären, ſchritt dann auf die ſchöne Krankenwärterin zu und drückte ihr mit dem Ausruf:„Ein wahrhaft evangeliſches Weib!“ die Hand. Das Geſicht der Frau von Roſenberg färbte ſich wie Scharlach, ſie ſuchte dem Prinzen mit ihren roſigen Fingern den Mund zu verſchließen. Eine Stunde ſpäter ſpielte das dreijährige Kind wie⸗ der zu den Füßen der Kutſchersfrau in der engen, niedri⸗ gen Stube, aus welcher es die Herrin des Schloſſes geſtern Nachts geholt hatte. II. Capitel. In welchem das Jdyll aufhört und der Pferdefuß ſichtbar wird. Wir haben auf's Gerathewohl einen Tag aus dem Leben des Erzherzogs zu Winkel herausgegriffen, können aber verſichern, daß ſich alle Tage ſo ziemlich glichen, nur daß nicht jeder der Geburtstag des jungen Eckart war und durch ein ſo verhängnißvolles Angebinde, wie das Officierspatent, gefeiert und bezeichnet wurde. Frau von Roſenberg theilte ihre Zeit in drei verſchie⸗ dene Beſchäftigungen; ein Theil des Tages war dem Haus⸗ weſen, ein zweiter der leidenden Menſchheit und der dritte ihrem Sohn Eckart gewidmet; all dem ging aber dergewiſſen⸗ hafteſte Beſuch von Segen und Meſſe bevor. Der Erzherzog ſchien oder war das Seitenſtück ſeiner Geliebten. Herablaſſend und freundlich gegen den Gering⸗ 31 ſten, mildthätig gegen die Armen, mittheilſam gegen ſeines Rathes Bedürftige, kurz mehr der väterliche Freund als Gebieter ſeiner Umgebung. Erzherzog Max war alſo wohl, was man einen guten Mann heißt? Ja— Nein, wie man's nimmt, war er gut oder auch das reinſte Gegentheil da⸗ von, ein böſer, rachgieriger, unduldſamer und falſcher Herr. Wer den Erzherzog im Schooß ſeiner Familie, in Mitte von Jägern, Fiſchern und Landleuten kennen lernte, der kannte nur eine Seite dieſes Prinzen oder kannte ihn viel mehr gar nicht. Der Gutsherr des Schloſſes Winkel und der Hoch⸗ und Deutſchmeiſter Erzherzog Maximi⸗ lian von Oeſterreich waren zwei grundverſchiedene Per⸗ ſonen, die zufällig einerlei Namen trugen. So einfach, ſchlicht und treuherzig der Gebieter des Schloſſes Winkel erſchien, ſo ſtreng, finſter und ränkevoll war er als Staatsmann; die Erklärung dieſer Doppelnatur— ſie liefert ein an ſich geringfügiger Umſtand, Erzherzog Max war bei den Jeſuiten in die Schule gegangen und zeitle⸗ bens ihr folgſamer Schüler und treuer Zögling geblieben. Jetzt wiſſen Sie, meine geehrten Leſer, weshalb der Mann zwei Geſichter, zwei Seelen und zwei verſchiedene Herzen hatte, ein zärtliches, liebendes Herz für Frau von Roſenberg und Eckart, für den Hofmaler Melchior Stölzl, für den Gärtner Edmund Briezenbuſch, den Jäger Sei⸗ fried, den Kutſcher Hieronymus Laber, für die ganze Bewoh⸗ nerſchaft von Obermais bis an den Rand und die Ge⸗ 32 markung der angränzenden Schlöſſer, und ein anderes Herz, jenen bloßen Fleiſchklumpen, der ſich ſelbſt bei ganz herzloſen Menſchen vorfindet, und von den Anatomen Herz genannt wird, für alles Widerſtrebende. Dieſem Widerſtrebenden gehörte aber Jeder an, welcher es nicht unbedingt mit den Grundſätzen des Hoch⸗ und Deutſch⸗ meiſters, das heißt mit den Principien rückſichtloſer Unter⸗ drückung der proteſtantiſchen Lehrmeinung, der blutigen Verfolgung aller Andersdenkenden und der Erhebung der ſteieriſchen Linie hielt. Den Stolz und Uebermuth des Erzherzogs mußte aber auch jeder Andere empfinden, bei dem er Unabhängigkeit des Urtheils und die Geneigtheit das⸗ ſelbe zu vertheidigen, vermuthen konnte. Macht und An⸗ ſehen waren in ſeinen Augen Fehler, die nur durch die aufopferndſte Hingebung an ſeine Perſon geſühnt werden konnten. Niedrige Geburt und geringer Stand berechtig⸗ ten zu einem gewiſſen Freimuth dem Erzherzog gegenüber. Der Prinz glaubte ſich Angeſichts ſolcher Menſchen nichts vergeben zu können. Während im Privatleben des Erzherzogs die Nei⸗ gung überwog, war im öffentlichen Leben der politiſche Haß die Haupttriebfeder ſeiner Handlungen. Max haßte aber viele Menſchen und verachtete noch mehr. Er hatte ſeinen Bruder den ehemaligen deutſchen Kaiſer nicht ge⸗ liebt, weil er von ſeiner Trägheit und Schwäche, ſeinem unſtäten oft ſehr wenig erbaulichen Weſen in religiö⸗ 33 ſen Dingen deu Ruin der katholiſchen Kirche und ſeines Hauſes beſorgte; er kannte deſſen Nachfolger, ihren ge⸗ meinſamen Bruder Mathias, als lenkſamer, liebte ihn aber noch weniger, da er ihm ſeine Sympathien für die niederländiſchen Rebellen, an deren Spitze er ſich in ſei⸗ ner Jugend geſtellt hatte, nicht verzeihen konnte; er wußte endlich zu gut, daß Mathias die bohmiſche Krone, ſo wie die Herrſchaft in den anderen Erbländern mit tadelnswerthen Zugeſtändniſſen bezahlt hatte. Wiklichen Haß trug er gegen die proteſtantiſchen Stände des Reiches und der Erbländer; in ihnen erblickte er die gefährlichſten Feinde ſeines Hauſes und Glau⸗ bens; ihnen hätte er mit dem römiſchen Imperator einen Koßf gewünſcht, um ſie mit Einem Schlag vernichten zu önnen. Unter den Mitgliedern ſeines Hauſes nahm in ſeinem Herzen den erſten Platz Ferdinand von Steiermark ein. Schon Ferdinand's Vater Carl war ihm der Geliebteſte ſeiner Vettern, weil zugleich der Glaubenseifrigſte und in Bekämpfung der neuen Lehre Rückſichtsloſeſte. Von dem Sohn dieſes geliebten Verwandten, der ſich ſelbſt als Werk⸗ zeug zur Ausrottung der Ketzerei betrachtete und von den Jeſuiten längſt dazu auserſehen war, hoffte er die Wieder⸗ herſtellung des alten Glanzes der katholiſchen Kirche und des öſterreichiſchen Hauſes, denn beides ſchien dem Erzher⸗ zog von einander unzertrennlich zu ſein. Haas: Der alte Cardinal. I. 34 Die Miniſter ſeines Bruders, mit Ausnahme der⸗ jenigen, die treu zu Rudolf gehalten hatten und erſt nach deſſen vollendetem Sturz zu Mathias übergetreten waren, hatte er ſtets mit Argwohn beobachtet, aber bis jetzt nichts gefunden, daß ſeine Beſorgniſſe gerechtfertigt hätte. Die Rolle, welche„Khleſl“ dem Vorfahr Mathias gegenüber geſpielt, ſeine Einflüſterungen und Ermu⸗ thigungen, die zur Verdrängung Rudolfs führten, hatten Maximilians Verdacht erregt. Obgleich er ſelbſt die Noth⸗ wendigkeit eines Thronwechſels erkannte und die Bemü⸗ hungen Mathias' mit Wort und That unterſtützte, ſah er doch die Intriguen des Cardinals unwillig mit an. Was ſich die Mitglieder des erlauchten Hauſes ſeiner Meinung nach erlauben durften, das konnte er einem aus dem Volk emporgekommenen Mann wie Khleſ nicht verzeihen. Konnte derſelbe Emporkömmling, welcher Rudolf ver⸗ drängen half, nicht auch ſeinen und der Jeſuiten Liebling Ferdinand, falls es dem Cardinal zweckdienlich ſchien, von der Erbfolge ausſchließen? Man kann den Verrath lieben, haßt aber ſtets den Verräther, und dieſen Namen legte Erzherzog Max in ſei⸗ nen geheimſten Gedanken dem Cardinal bei. Bisher war das Verhältniß dieſer beiden an der Geſchichte jener Tage ſo ſtark betheiligten Perſonen un⸗ getrübt. Der Cardinal verſäumte nicht, ſich um die Er⸗ füllung jedes Wunſches Seiner Durchlaucht bemüht zu zei⸗ 35 gen und der Prinz ließ es hinwieder nicht an jenen kleinen Artigkeiten und Freundſchaftsbezeugungen fehlen, welche ein kluger Prinz dem erſten Manne nach dem Kaiſer ſtets erweiſen wird. Mathias war kinderlos und hatte keine Kinder zu hoffen; alle Welt glaubte dieſe Umſtände zu wiſſen und der greiſe Herzog Wilhelm von Baiern hatte dem Erzher⸗ zog— damals war Mathias noch Erzherzog— ſeine Tochter verſagt, da zahlreiche Gerüchte ſich gegen den Brautwerber erklärten; vergebens hatte Khleſl arztliche Gutachten eingeſandt, der alte Herzog wollte, ſeit ihn ſeine Tochter Maria, die Mutter Ferdinands, über dieſe Verhält⸗ niſſe hinlänglich aufgeklärt hatte, von dieſer Vermählung nichts mehr hören. Was Khleſl am baieriſchen Hof mißlungen, richtete er bei der Tochter Ferdinands von Tyrol aus. Mathias vermählte ſich mit Anna, der Enkelin Ferdinand I., aber dieſe Ehe blieb, gleichſam um dem alten Wilhelm Recht zu geben, kinderlos. Erzherzog Max mochte als Bruder des Kaiſers ſeine Gründe haben, weshalb er ſich für überzeugt hielt, daß Mathias kinderlos bleiben würde, kurz dieſe Meinung wurzelte ſo feſt, ſein Argwohn gegen Khleſl war ſo groß und ſein Glaube an die Selbſtändigkeit des Bru⸗ ders ſo gering, daß er auf die Ordnung der Erbfolge zu dringen beſchloſſen hatte. 3* Nicht vergeblich hatte ihm die durchlauchtige Schwä⸗ gerin von Graz aus in den Ohren gelegen, ſich für ihren Sohn Ferdinand zu verwenden, nicht umſonſt hatte Ferdinand wiederholt ſeinen„Hans Ulrich Eggenberg“ an den Deutſchmeiſter abgeſchickt, um ihm die Nach⸗ folge im Reich an's Herz zu legen, nicht ohne Erfolg bearbeiteten die Väter der Geſellſchaft Jeſu den Erz⸗ herzog Tag und Nacht zu Gunſten ſeines ſteieriſchen Vetters, ihres großmüthigen Patrons. Wie Erzherzog Mathias zehn Jahre früher in Rudolf drang, die Erbfolge bei Zeiten zu ordnen, das heißt ſich lebendigen Leibes beerben zu laſſen, ſo ſtand jetzt der jüngere Bruder Mar im Begriff, an dem Thron⸗ räuber Vergeltung zu üben und auf ſchleunige Ordnung der Erbfolge— wir haben den Ausdruck bereits com⸗ mentirt— zu dringen. Der Hoch⸗ und Deutſchmeiſter war nun eben von einer Reiſe zurückgekehrt, welche die Ordnung der Erb⸗ folge zum Zweck hatte. Die meiſten befreundeten Fürſten waren mit dem Plan des Erzherzogs einverſtanden; Spanien unterſtützte das Anſinnen Maximilians durch ſeinen Geſandten, den Grafen von Onate; Baiern erklärte ſich bereit, ſich beim Reich für Ferdinand zu verwenden, Sachſen und Bran⸗ denburg erwieſen ſich trotz des abweichenden religiöſen Bekenntniſſes ihrer Fürſten nicht abhold, um jedem Inter⸗ 37 regnum vorzubeugen, denn das Gichtleiden des Kaiſers wurde ſo lebendig geſchildert, als ob der gute Mathias weder Hand noch Fuß mehr rühren könnte,— aber alle dieſe ſchönen Ausſichten erhielten erſt dann einigen Werth, wenn Kaiſer Mathias ſelbſt einſah, daß ihm die Gicht an der Alleinregierung hinderlich und die Beru⸗ fung eines Nachfolgers wirklich nothwendig ſei. Max hatte ſeinen erſten Anwurf durch ſeinen Ver⸗ trauten den deutſchen Herrn„Euſtachius Weſter⸗ nach“ bei dem Kabinetsdirector Khleſl thun laſſen. Der Cardinal ſagte nicht ja und nicht nein, ſondern ertheilte guten Rath, um den man ihn nicht gebeten hatte, warnte vor Ueberſtürzung und gab zu bedenken, wie ſchmerzlich das Anſinnen, die Nachfolge im Reich zu ord⸗ nen, für einen Mann ſein müſſe, der in ſeinen beſten Jah⸗ ren ſtünde, ſelbſt noch keineswegs die Hoffnung auf Leibeserben entſagt habe und ſich durchaus nicht in Um⸗ ſtänden befinde, welche letztwillige Anordnungen räthlich oder gar nothwendig erſcheinen ließen. Zuletzt hatte der Cardinal ſeiner alten Gewohnheit nach die bittere Pille durch den ſüßlichen Beiſchmack einer kleinen Höflichkeit zu vergülden geſucht. Er ſagte daher am Schluß ſeiner Rede:„Ich bitte Seiner Liebden dem Erzherzog zu verſichern, daß ich alle Prinzen des Hauſes Oeſterreich wie Oheime ehre oder wie Kinder liebe, daß 38 ich mich als ein ihnen zuſtehendes Gemeingut anſehe und darum bereit bin, Leben und Ehre für ſie einzuſetzen.“ Dieſe Antwort bildete die feine Linie jener kaum bemerkbaren Gränzſcheide, die zwiſchen Gleichgültigkeit und Feindſchaft hinlief. Von da an bildete ſich die gewaltige Gegnerſchaft des Erzherzogs heraus, die dem Beſitzer des Schloſſes im vorigen Capitel die Worte abpreßten,„daß der Kaiſer von dem hundsföttiſchen Cardinal beſeſſen ſei.“ Wir ſagten, die mündliche Antwort, welche der Statt⸗ halter des Erzherzogs zu Mergentheim Euſtachius, Weſter⸗ nach, ſeinem Herrn hinterbrachte, ſei der Anfangspunkt von Marximilians Feindſchaft geweſen,— die Ereigniſſe ver⸗ vollſtändigten ſie und ſchärften das Gift, deſſen erſten Tropfen wir beobachtet haben. Der Deutſchmeiſter, welche ohne Umſchweife auf ſein Ziel losging, zürnte dem Cardinal ſeines unbegreif⸗ lichen Zögerns halber, hatte aber keine Ahnung, daß Khleſl ſich ſeinem Vorhaben ernſtlich widerſetzen würde; im Ge⸗ gentheil gab er ſich der Hoffnung hin, der Principalmi⸗ niſter und deſſen Herrn noch von der Nothwendigkeit der beſchloſſenen Maßregel vollkommen zu überzeugen; er erblickte daher in der Antwort des Cardinals nichts als eine gehäſſige Aufforderung, ſeine eigenen Gründe dar⸗ zulegen. Er hatte daher vor einiger Zeit jenes ſpäter ſo berühmt gewordene„Succeſſionsgutachten“ dem 39 Wiener Hof durch einen eigenen Courier zugeſchickt und um Mittheilung an den Kurfürſten von Mainz gebeten. Der Deutſchmeiſter hatte in dieſem Schriftſtück alle jene Gründe klar und bündig entwickelt, welche eine recht⸗ zeitige Ordnung der Erbfolge räthlich erſcheinen ließen. Er gedachte darin des Grundprincipes der öſterreichiſchen Staatskunſt, die alten Inſtitutionen trotz aller ſeither er⸗ worbenen Rechte Anderer zu erhalten. „Die letzten Fürſten,“ ſagte er im Verlauf ſeines Gutachtens,„ſeien von dieſen Principien abgewichen, hät⸗ ten ſich den Neuerungen hold bezeugt, und das Reich da⸗ durch in große Gefahr gebracht. Außer der Kirche gebe es kein Heil für das öſterreichiſche Haus. Dies haben die weiſeſten Regenten deutlich erkannt. Carl V. ſei trotz zahl⸗ reicher Verlockungen dieſem Syſtem treu geblieben und Philipp der Zweite hätte lieber gar nicht, als über Ketzer herrſchen wollen. Was brauche man aber zurückzugrei⸗ fen, das Beiſpiel der baieriſchen Fürſten liege ja ganz nahe. Warum gehe dort Alles ſo vortrefflich von Statten? warum erfreue ſich das Volk ſo guten Gedeihens? Weil die Regenten des Landes von Zugeſtändniſſen nichts wiſſen wollten und die neue Lehre überall, wo ſie auftauche, mit Strenge unterdrückten; ſo ſollte man es auch in Oeſterreich machen. Er wiſſe recht wohl die guten Abſichten des Kai⸗ ſers zu würdigen und habe auch zu dem Cabinetsdirec⸗ tion, deſſen chriſtlichen Eifer er kenne, volles Vertrauen. 40 vorſichtige Menſchen ſorgten aber auch für die Zukunft; ſei dieſe Sorge ſchon die Pflicht eines einfachen Familienva⸗ ters, ſo ſei dies noch mehr der Fall bei dem Vater von Millionen Menſchen; die Ernennung eines Nachfolgers halte er für unumgänglich nothwendig, da die Feinde Oeſterreichs nur auf die Gelegenheit lauerten, die deutſche Kaiſerkrone an ein anderes Haus zu bringen und Oeſter⸗ reich auf das Aeußerſte zu ſchwächen. Gott und die Jeſuiten, welch letzteren das Haus Oeſterreich zu beſonderem Dank verpflichtet ſei, hätten die Pläne Heinrich IV. vereitelt; der Tod dieſes böſen Königs habe einen günſtigen Umſchwung der franzöſiſchen Politik zur Folge gehabt, das ſei mehr, als man von der Vorſehung billiger Weiſe erwarten konnte; nun müſſe man aber ſelbſt Hand an's Werk legen. Man dürfe es nicht dem Zufall überlaſſen, wer in den Erblän⸗ dern und im deutſchen Reich ſuccedire; an der Perſon des Nachfolgers ſei Alles gelegen, Thron und Altar müßten unfehlbar zu Grunde gehen, wenn dieſer zufällig ein ſchwa⸗ cher, den Zeitverhältniſſen nicht gewachſener Mann wäre; die Umſtände forderten einen thatkräftigen, entſchloſſenen und erprobten Charakter, deſſen unbeugſam⸗katholiſche Geſinnung außer Zweifel ſtände, ein ſolcher könne auf die Unterſtützung aller katholiſchen Mächte, insbeſondere aber Spaniens rechnen; er würde bald als der Mittel⸗ punkt aller kirchlichen Beſtrebungen angeſehen und von allen Seiten geſchirmt und getragen werden. 41 Man müſſe nicht glauben, mit guten Abſichten und redlichem Willen ſei Alles gethan. Viele Beiſpiele der Neuzeit— er könnte ſie citiren, wolle es aber lieber nicht thun— bewieſen haarſcharf, daß trotz aller guten Geſinnung Thron und Leben verloren werden können. Woran es den meiſten Fürſten mangele, das ſei nicht der gute Wille, ſondern der rechte Verſtand, nicht die redliche Abſicht, ſoudern die Kraft zur Ausführung. Kaiſer Rudolph habe es mit dem ererbten Glauben gewiß gut gemeint, kein Menſch könne das Gegentheil behaupten, aber wohin ſei es trotz dieſer guten Meinung gelangt?— zum Maje⸗ ſtätsbrief und der Sanction des offenen Aufruhrs. Hätte Philipp II. eben ſo gethan, ſo würden heute die Niederlande verloren ſein. Wie verwirrt alle Angelegenheiten, obgleich ohne Schuld des gegenwärtig regierenden Kaiſers, in Deutſch⸗ land ſeien, bewieſen die gegenſeitigen Rüſtungen der katholiſchen und proteſtantiſchen Reichsſtände; was aber offenkundig und vor Aller Augen in Deutſchland geſchehe, das bereite ſich, wie er gute Kunde habe, minder auf⸗ fällig in den öſterreichiſchen Erbländern vor, darum ſolle der Kaiſer ſeinen übrigen Großthaten noch dieſe hinzu⸗ fügen, einen ſeiner würdigen Nachfolger zu ernennen. Ein ſolcher Mann, ein ſolch unzweifelhafter Charakter, für welchen ſchon gegenwärtig die Herzen aller Katholiken höher ſchlügen; ein ſolcher Prinz, welcher in Baiern eben ſo beliebt als in Spanien und den Kurfürſten eben ſo theuer als dem Papſt ſei, wäre Ferdinand; ihn ſolle der Kaiſer zu ſeinem Nachfolger beſtimmen, die Krone Ungarns, wie es ſchon mit Böhmen geſchehen, durch vor⸗ läufige Wahl ſichern, ihn ferner unter ſeinen Augen zum römiſchen König wählen laſſen. 3 Wie er, der Schreiber, ſo denke auch ſein Bruder Albrecht in Brüſſel, von dem er eben zurückkehre; wer es mit Oeſterreich und der Kirche wohl meine, müſſe ihm beipflichten und er erwarte von einem ſo einſichtsvollen Mann wie der Cardinal, daß er ſeinen ganzen Einfluß aufbieten werde, den Kaiſer zu dieſem eben ſo wichtigen als nothwendigen Schritt zu bewegen.“ Der Erzherzog hatte in ſeinem Gutachten, deſſen Zuſätze wir des kleinſten Theils auszugsweiſe mittheilten, in der That Alles erſchöpft, was ſich über dieſen Gegen⸗ ſtand ſagen ließ, und er hoffte, daß die von ihm an⸗ geführten Gründe durchgreifen würden; er erwartete bei dieſer Geſinnung auch gar nichts Anderes, als die An⸗ zeige, daß man ſich in Wien ſeine Rathſchläge zur Richt⸗ ſchnur nehmen würde. Als der Erzherzog am folgenden Morgen ſeinen Sohn umarmte, fuhr ihm, weiß Gott mittelſt welcher Ideenaſſociation, der Gedanke an das Succeſſionswerk, das er begonnen, durch den Kopf. Der Deutſchmeiſter ſagte ſich: 43 „Was giebt es doch für ſeltſame Verkettungen im Menſchenleben, ich ſuche für einen Vetter Kaiſer⸗ und Königskronen, während mein eigenes Blut, mein leiblicher Sohn nicht einmal einen ehrlichen Namen beſitzt. Armer Eckart, Du wirſt noch am glücklichſten ſein, wenn Dir Dein Schwert einen guten, wenn auch neuen Namen erkämpft, während Dein Vater für einen Anderen Kronen erbettelt.“ Der Erzherzog warf noch einen ſchmerzlichen Blick auf Wald und Flur und den etwas bedeckten Himmel, der einen günſtigen Jagdtag verſprochen hätte und ver⸗ ſchwand in ſeinem Arbeitszimmer. Dieſes Arbeitszimmer hatte etwas vom Bureau, vom Prunkgemach und einer Capelle an ſich. Wer von der Einrichtung eines Wohnzimmers auf die Bewohner zu ſchließen verſteht, würde die dreifache Eigenſchaft des Inhabers, ſeinen religiöſen, ſtaatsmänniſchen und fürſt⸗ lichen Charakter errathen haben. Nahe am Fenſter ſtand ein wuchtiger Schreibtiſch, auf oder in welchen ſeltſame Sittenſprüche und Lebens⸗ regeln eingeſchnitten waren. Der Tiſch, ſo breit er auch war, ſtand überfüllt von Fascikeln aller Art. Staatsſchriften und ökonomi⸗ ſche Abhandlungen, Heiligenlegenden und in Schweins⸗ leder gebundene alte Bücher des verſchiedenartigſten In⸗ haltes lagen bunt durcheinander. In einer Ecke ſtand 44 ein Candelaber mit zwei Armen, in welchen noch unge⸗ brauchte Wachskerzen ſteckten. Vor dem Schreibtiſch befand ſich ein ſchwerer Arm⸗ ſtuhl mit Vergoldung, an deſſen Rücklehne eine Krone angebracht war. Dieſer Sitz war ſo geſtellt, daß der Schreiber mit der linken Hand gegen das Fenſter zu ſitzen kam; hinter dem Sitz ſtand an der breiten Zwiſchenwand ein Eichſchrank, der mit Büchern gefüllt war; die Decke des Kaſtens ſchmückten ausgeſtopfte Vögel und Eichhörn⸗ chen, den dunklen Hintergrund des geräumigen Zimmers nahm ein Hausaltar ein, über dem eine ſilberne Lampe brannte, ein Betſchemel mit koſtbarer Holzſchnitzerei geziert befand ſich vor dem Altar. 1 Ueber der Thür war das öſterreichiſche Wappen angebracht und der Teppich, welcher über dem Fußboden ausgebreitet lag, ließ gleichfalls das Wappenthier des öſterreichiſchen Hauſes, den ſchwarzen Doppeladler, er⸗ kennen. An der leeren Wand rechts von der Eingangsthür hingen prachtvolle Waffen, worunter ſich mit Edelſteinen gezierte türkiſche Säbel und Flinten auszeichneten. Am Fuße des Schreibtiſches lag eine glänzende Ti⸗ gerhaut, auf welcher es ſich eine ſchlanke, graue Dogge bequem machte. Als der Erzherzog die Thür öffnete, knurrte der Hund ein weniges, drückte ſich aber ſogleich, als er ſeinen Herrn erkannte, an den Erzherzog und blickte ihn ſo 45 lange ſtumm an, bis ihm der Prinz das weiche Fell ſtrei⸗ chelte.„Ruhig Türk,“ rief der Erzherzog, als das Thier in ſeinen Liebkoſungen fortfuhr,„ruhig, dein Herr hat jetzt Anderes zu thun als an dich zu denken.“ Max ſetzte ſich an den Schreibtiſch und nahm aus einem Bündel Schriften die Copie des erwähnten Succeſ⸗ ſionsgutachtens, las ſie durch und legte ſie dann mit zu⸗ friedener Miene bei Seite, er geſtand ſich, daß die Dar⸗ ſtellung von ſeinem Standpunkte aus meiſterhaft durch⸗ geführt war. Da ihm aber zugleich wieder der arme Eckart ein⸗ fiel, dem er nicht einmal eine Grafenkrone zu geben hatte, ſo lehnte er ſich in den Seſſel zurück und dachte einen Augenblick nach, öffnete dann ein verborgenes Fach ſeines Schreibtiſches und holte eine ſorgfältig mit einem Bindfaden zuſammengeheftete Rolle hervor, glättete ſie und legte ſie vor ſich auf den Tiſch. Die Eingangs⸗ worte:„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes,“ ſo wie die an der Außenſeite angebrachte Ueberſchrift zeigten, daß es eine letztwillige Anordnung war, die er vor ſich hatte; es war das Te⸗ ſtament des Erzherzogs ſelbſt.— Er las es durch, bis zu dem breiten leeren Raum, der unter ſeiner Namens⸗ fertigung noch übrig geblieben war, dann ergriff er eine Feder und ſchrieb das leer gebliebene Pergamentblatt voll bis zum Rande und fügte ſeine Unterſchrift bei,— es war das Codicill des Erzherzogs.— Als dies ge⸗ ſchehen war, erhob er ſich von ſeinem Sitz und durch⸗ ſchritt einigemale das Zimmer. Seine Stirne war ſor⸗ genfreier, die düſter flammenden Augen ſtrahlten voll Zufriedenheit. Nachdem er ſeinen Umgang einigemale wiederholt hatte, blieb er plötzlich vor einem an der Wand hän⸗ genden Gemälde ſtehen. Das Bild, deſſen Original ſich noch heutigen Tages in der„St. Georgenkirche“ nächſt Obermais befin⸗ det, ſtellte eine Geburt Chriſti dar. Die heilige Jung⸗ frau war Catharina Roſenberg ſprechend ähnlich, der Nährvater Jeſu trug die Züge Caſpar Roſenbergs und das Jeſukindlein glich dem jungen Eckart, wie er als Kind ausſah, wie ein Ei dem andern. Unter den hei⸗ ligen Königen, welche gekommen waren, das Kind an⸗ zubeten, war der vorderſt knieende ohne Zweifel Erz⸗ herzog Max, der hinterſte aber der kunſtſinnige Meiſter Melchior Stölzl ſelbſt. Der Deutſchmeiſter blickte zu dem Gemälde empor, faßte das Jeſukindlein, das ihn anzulächeln ſchien, in's Auge und ſagte, als ob er mit den Perſonen des Bildes redete: „Nun hab' ich es nicht recht gemacht? Her mein Junge, Du lächelſt mich dankbar an— nicht von Nöthen, ich wollte noch viel mehr thun, aber kann ich denn? Iſt es meine Schuld, daß ich deutſcher Herr und Großmeiſter obendrein 47 bin? Ich kann und darf Dir nicht meinen Namen geben, ſoll nicht einmal Alles, was ich beſitze, auf Dich vererben; um ſo billiger iſt es, daß ich ſo weit ſorge, als es mir eben möglich iſt. Als der Erzherzog dieſe Apoſtrophe an die lebloſen Perſonen in Bilde beendigt hatte, trat er wieder an den Schreibtiſch, rollte das Pergament zuſammen und verbarg es in derſelben geheimen Lade, die er früher geöffnet hatte. Er ſtand eben im Begriffe, eine mit Ziffern beſäete Rechnung zu prüfen, als die Schloßuhr zwölf ſchlug und, zugleich die Speiſeglocke ertönte. Der Prinz ſchob über die karg zugemeſſene, ſo flüch⸗ tige Zeit ſeufzend, die Rechnung unter andere Rechnun⸗ gen und ging mit raſchem Schritt nach dem Speiſeſaal. Wie groß war ſein Erſtaunen, als ſein Rath und Vertrauter Euſtachius Weſternach, den er in Mergent⸗ heim glaubte, leibhaftig vor ihm ſtand. Weſternach war ſo eben angelangt und hatte nicht einmal Zeit gehabt ſich umzukleiden, dies die Urſache, warum man den Erzherzog nicht früher von der Ankunft ſeines Statthalters benachrichtigen konnte. Deer Erzherzog fragte verwundert, was ſeinen Rath ſo unerwartet herbeiführe? Weſternach ſagte, indem er einen verlegenen Blick auf ſeine ſtaubige Reiſekleidung und einen zweiten auf die ſich in Falten legende Stirne des Prinzen warf:„Ein na⸗ menloſer Frevel iſt es, der meine Schritte beflügelte und mich, wie Eure Durchlaucht ſehen, in Reiſekleidern hieher⸗ führt.— Das ſehr vertrauungsvoll mitgetheilte Sueceſ⸗ ſionsgutachten iſt in Jedermanns und alſo auch in den Händen der Feinde Oeſterreichs. Der Erzherzog erblaßte, bezwang ſich aber und be⸗ fahl ſeinem Rath mit erkünſtelter Ruhe, fortzufahren. Weſternach gehorchte den Wunſch ſeines Herrn und fuhr fort:„In Heidelberg und Dresden wurde eine Ab⸗ ſchrift dieſes Actenſtückes gleichzeitig geleſen und verbrei⸗ tet. Mir kam über Regensburg die ſächſiſche Warnung zugleich mit der Kunde zu, daß eine Abſchrift an den Hof Moritz von Heſſen und an die anhaltiſchen Höfe abgegan⸗ gen ſei. Selbſt Brandenburg ſoll in das Geheimniß ge⸗ zogen ſein.“ „Und was denkt Ihr von dieſem Vorgang?“ fragte Max, nachdem Weſternach ſeinen Vortrag geendet hatte. „Was ich davon denke?“ entgegnete der deutſche Herr,„ich denke, daß ein großes Verbrechen begangen worden iſt, man hat Eurem Courier aufgelauert, ihn er⸗ ſchlagen, die Papiere abgenommen— Gott weiß, was Alles!— Wozu wären aber auch die Proteſtantiſchen nicht fähig?“ „Nicht doch!“ verſetzte der Erzherzog, noch immer lächelnd,„der Courier iſt zurückgekehrt.“ So hat er das Actenſtück unterſchlagen, verkauft.“ 2 49 „Eben ſo wenig, denn er brachte die eigenhändige Beſtätigung des Cabinetsdirectors mit.“ „Vielleicht iſt die Beſtätigung falſch.“ „Ach Gott nein, ich kenne die Handſchrift Melchior Khleſls aus den vielen Empfangsbeſtätigungen und Dank⸗ ſagungen— er hatte Urſache dazu— die ich von ihm in der Hand habe.“ „Dann muß mit Euer Durchlaucht Erlaubniß der Teufel im Spiele ſein.“ „Ja wohl der Teufel, obgleich ohne meine Erlaub⸗ uiß,“ entgegnete der Erzherzog, indem er auf jedes Wort beſondern Nachdruck legte,„aber der Teufel in Cardinals⸗ purpur gehüllt, der Teufel der Hochfahrt und des Nei⸗ des.— Der Proteſtant, welcher meinem Courier auflau⸗ erte und ihm die Papiere abnahm, iſt, ſo wahr mir Gott helfe, der Cardinal ſelbſt. Ich wollte mich indeß der ganzen verlorenen Mühe getröſten,“ fuhr er fort, indem er eine plötzliche Heiter⸗ keit affectirte,„wenn ich ihn nur gehängt wüßte, dieſen lumpigen Cardinal, dieſen eckelhaften Pfaffen, welcher die Sache Oeſterreichs an ſeine natürlichen Feinde verräth.— O er weiß recht wohl, was er thut, der ehrenwerthe Cabi⸗ netsdirector meines kaiſerlichen Bruders,— weil mein Rath gut iſt, müſſen alle Widerſacher unſeres Hauſes da⸗ gegen ſein, das wittert der alte Fuchs und darum wirft er mein Schreiben als Köder aus. Sie werden über Prä⸗ Haas; Der alte Cardingl. I. 4 50 judicirung klagen, dem Kaiſer ſo viele Schwierigkeiten in den Weg legen, bis ihm der Cardinal, den Gott verdam⸗ men möge, im gelegenen Zeitpunkt ſagen wird:„Es geht wahrlich nicht, Eure Majeſtät, die Unmöglichkeit liegt vor Augen, laſſen wir die Erbfolgeordnung Gott über und regieren wir ruhig fort, ſo lange wir leben. Ich habe dem Mann nie recht getraut und meinem Vetter deshalb gerathen, den käuflichen Pfaffen in Sold zu nehmen. So lange die vierhundert Gulden meines Vetters für Khleſl eine namhafte Summe waren, beſtrebte er ſich auch, ſie redlich zu verdienen; ſeit er das Vierzigfache bezieht, ſtreicht er zwar auch die Paar Gulden ein, um die er als Paſſauer Official ſollicitirte, aber glaubt, daß ein Mann in ſeinen Würden nicht mehr dankbar zu ſein brauche. Dankbar! der Kirchenfürſt und Cabinetsdirector meint ja im Gegentheil, daß wir arme Erzherzoge ihm für die Luft danken ſollen, die er uns zu athmen gönnt. Er hat meinen Bruder zum Krieg gegen den höchſt ſeligen Kaiſer gedrängt, Ihr meint vielleicht, zum Frommen des Reiches oder zum Nutzen meines Bruders? Weit ge⸗ fehlt, er hat dieſes Alles nur dem Ehrgeiz des biedern Melchior Khleſl zu Gefallen gethan, dem das Erzherzog⸗ thum Oeſterreich für ſeine Herrſchſucht zu klein war. Der alte Heuchler bedurfte eines Kaiſerthums, um nach ſeinem Willen tyranniſiren zu können. Er hat nach ſeiner Laune alle Kronen auf das Haupt ſeines Herrn 51 gebracht; nun wird er aber, wie der geizige Mann in der Fabel, mißtrauiſch und furchtſam und glaubt ſeinen Schatz nicht genug hüten zu können. Er beſorgt, der geſetzmä⸗ ßige Nachfolger des Kaiſers könnte nicht der gehorſame Diener des despotiſchen Regimentes ſein, wie mein Bru⸗ der, und ſeiner Herrſchaft ein Ende machen, darum ſoll die Erbfolge nicht geregelt werden— vielleicht denkt der alte Fuchs, findet ſich im Lauf der Zeit eine fügſa⸗ mere Perſönlichkeit, als unſer glaubenseifriger Vetter, viel⸗ leicht findet ſich ein unerfahrener Jüngling, der ſich ihm, dem allmächtigen, allwiſſenden Miniſter in die Arme wirft, ein ſolcher Nachfolger wäre ihm nun fieilich willkommen; vielleicht geht er auch noch mit weit ſchändlicheren Plänen um, ich traue ihm Alles zu und die ausgeſprochene Anſicht, daß ja noch Hoffnung auf Leibeserben vorhanden ſei, deu⸗ tet darauf hin. Wäre der Mann nicht Mitglied des Cardinalscolle⸗ giums und geweihter Prieſter, er müßte mir ſo hoch bau⸗ meln, als nur je ein Reichsverräther baumelte.“ Der Erzherzog hatte ſich ſo in den Zorn hinein gere⸗ det, daß ſeine ſonſt ziemlich farbloſen Wangen dunkelroth glühten. Er, der keinen Widerſpruch zu ertragen vermochte, war plötzlich auf ungeahnte Hinderniſſe geſtoßen, ſah ſei⸗ nen Lieblingsplan durchkreuzt und ſich einem Mann gegen⸗ über, welcher durch die Huld des Kaiſers und ſeinen geiſt⸗ lichen Charakter gewiſſermaßen kugelfeſt ſchien. 4 52 Der Erzherzog vermochte, leidenſchaftlich erregt, wie er war, keinen Biſſen zu ſich zu nehmen. Er befahl ſein Pferd zu ſatteln, öffnete die Thüre zur Hälfte, die in das Apartement der Frau von Roſenberg führte und rief mit gedämpfter Stimme:„Lebewohl, Catharina!“ dann ſchloß er ſich mit Eckart eine halbe Viertelſtunde ein. Niemand erfuhr je, was Vater und Sohn zuſammen geſprochen, wahrſcheinlich war es eine väterliche Lehre, die Max dem jungen Mann zum Abſchied vom Elternhaus geben zu müſſen glaubte. Daß er ihm, wenn wir richtig gerathen, anempfahl, dem Glauben ſeiner Väter getreu zu bleiben und den erleuchteten Vätern der Geſellſchaft blindlings zu folgen, dürfte außer Zweifel ſein. An der Schwelle wandte ſich der Erzherzog nochmals um, drückte Eckarts Hand und ſagte:„Auf Wiederſehen, ſo Gott will! Wie ich höre, kom⸗ men die Stauderiſchen Knechte nächſtens nach Wien, dort kannſt Du am bequemſten zu ihnen ſtoßen, denn der Krieg mit Venedig iſt zu Ende und Obriſt Stauder beauftragt, dem Kaiſer mündlichen Bericht über die einzelnen Kriegs⸗ affairen zu erſtatten. Bis dahin magſt Du Dich noch mit Frau von Roſenberg letzen.“ Eckart küßte ſeines Vaters Hand und begleitete ihn bis auf den Hausflur, dort ſchwangen ſich die beiden Män⸗ ner Max und Weſternach zu Pferde und ſprengten auf dem Weg nach Innsbruck fort. III. Capitel. Wie Cardinal Khlesl ſich bei den Himmelspförtnerinnen Träume beſtellt. Es war ſpät am Abend eines naßkalten Februar⸗ tages, als ein ältlicher Herr, deſſen Kleidung, obwohl ſauber und rein, doch bis auf einen ſchmalen violetten Streifen um den Hals nichts Auffallendes an ſich hatte, an der Thüre des Himmelpfortkloſters leiſe pochte. Als man ihm nicht gleich öffnete, ſchien er unwillig zu werden, ſtampfte ungeduldig den Boden und ſchlug mit dem elfenbeinenen Knopf ſeines Stockes nochmals, jedoch heftiger an die Pforte.— Endlich knarrte die Thür in ihren ſchweren eiſernen Angeln und ließ eine ſtreng verhüllte Nonne beim Schein einer düſter bren⸗ nenden Kiehnfackel erkennen, welche den Dienſt einer Pfört⸗ nerin verſah. Die würdige Schweſter erſchrack, als ſie — * 54 des ältlichen Herrn anſichtig wurde, ließ den Schlüſſel aus Ueberraſchung zur Erde fallen und ſtammelte eine unverſtändliche Entſchuldigung, daß ſie den Beſuch ſo lange warten laſſen. Der ältliche Herr ſah mürriſch darein, würdigte ſie kaum eines leichten Kopfnickens und ſchritt an ihr ra⸗ ſcher vorüber, als man von der anſcheinenden Preßhaf⸗ tigkeit des Mannes hätte vermuthen ſollen. Unbekümmert um Kloſterregel und Clauſur durch⸗ ſchritt er die Räumlichkeiten des Kloſters. Erſt vor einer der letzten Zellen hielt er an, ſchöpfte tief Athem und neigte ſein Ohr gegen die Thüre. Im Innern las Je⸗ mand laut aus dem Evangelium; die Stimme der Leſe⸗ rin war wohltönend, und der Horcher an der Thüre ſchien mit dieſer Anwendung der Zeit wohl zufrieden, ſo daß ſich die gefurchte Stirne glättete und das ganze Antlitz den Charakter väterlicher Zufriedenheit annahm. Er öffnete nun raſch die Thüre und ſtand vor einem Frauenzimmer, das wohl ſchon die erſte Jugend hinter ſich hatte, aber noch immer als ungewöhnlich ſchön gelten konnte. Selbſt das rauhe Nonnenhabit vermochte den feinen eleganten Wuchs, welcher die ganze Geſtalt aus⸗ zeichnete, nicht völlig zu verbergen, und das weiße Tuch, welches das Geſicht, wie ein bleicher Rahmen einſchloß, konnte den Strahl des großen mandelförmig geſchnittenen Auges nicht vermindern. 5⁵ Die Nonne ſchien beim Anblick des Greiſes, denn für einen ſolchen konnte Khleſl, obgleich er noch nicht im Greiſenalter ſtand, vermöge der glücklich affectirten Ge⸗ brechlichkeit gelten, herzliche Freude zu empfinden; ſie erhob ſich raſch von ihrem Sitz, eilte ihm entgegen, öffnete ihre Arme, beſann ſich aber ſogleich eines Beſſeren, ließ jene wieder ſinken und ergriff dafür die Hand des alten Man⸗ nes und küßte ſie.„Wie befindet ſich Euer Eminenz?“ lispelte ſie dann und blickte den Alten fragend an. „Wie es einem gichtiſchen armen alten Mann, den Gott mit ſo vielem Jammer heimgeſucht, gehen kann. Ja meine theuere Eva⸗Roſine, Gott hat Deinem armen Oheim eine ſchwere Laſt aufgelegt; um wie viel glück⸗ licher biſt Du hier hinter dieſen ſchützenden Mauern in glücklicher Vergeſſenheit, denn ich, welchen die halbe Welt beneidet, während ich doch wahrhaft Mitleid verdiene. Euer Kloſterknecht iſt beneidenswerther als ich. Er iſt ſtark und geſund und hat um zu leben.“ „Eure Eminenz ſcherzen wohl?“ erwiederte Eva⸗ Roſine ſchüchtern.„Wie ſollte auch der erſte Mann nach dem Kaiſer ſich ernſthaft mit einem geringen Knecht ver⸗ gleichen mögen?“ „Das thue ich und zwar alles Ernſtes!“ entgegnete der Cardinal.„Auf mir ruht die ganze Bürde einer mühſeligen, beſchwerlichen Regierung. Meine Haare be⸗ ginnen ſich zu bleichen und ich werde müd, ſterbensmüd; 56 dabei bin ich arm geblieben, wie Hiob. Die Majeſtäten von Deutſchland und Spanien glauben mit freundlichem Lächeln und leeren Titeln die treueſten Dienſte abzulohnen, die Ruhe einſam durchwachter Nächte hinreichend zu er⸗ ſetzen— nun Gott vergeb' es ihnen. Ich aber hätte geglaubt, daß ich alter Mann wenigſtens die Ausſicht auf ein ſorgenloſes Ende an ihnen verdient hätte, allein die großen Herren ſehen wohl mit Vergnügen, daß man ihnen redlich dient, nur mögen ſie von keinem Dank wiſſen, der ihnen etwas koſtet.“ Die Nonne verſetzte:„Würde mich Eure Eminenz für undankbar halten, wenn ich es wagte, auf das Evan⸗ gelium hinzuweiſen, wo in einem herrlichen Gleichniß von den Vögeln des Waldes und den Lilien des Feldes die Rede iſt, welche auch nicht für ihre Nahrung und Kleidung beſorgt ſind, und denen doch Beides der himm⸗ liſche Vater reichlich gewährt.“ „Bleib mir mit Deinen Vögeln und Blumen vom Leibe,“ ſprach Khleſl in zorniger Aufwallung.„Sehe ich etwa aus wie ein Buchfink oder Gänſeblümchen? Nein, liebe Eva⸗Roſine, von dieſen Dingen verſtehſt Du nichts. So wenig ſich Dein Horaſingen und Pſalmodi⸗ ren mit meinem Tagewerk vergleicht, ſo wenig habe ich auch mit den Feldlilien gemein; ich bin ein geplagter Herr, dabei bleibt es. Es war übrigens nicht der Zweck meiner Hieherkunft, ſolcher Dinge halber mit Dir zu 57 rechten; ich will Dir vielmehr einen Anſchlag geben, wie Du mir Deine ſo oft verſicherte Dankbarkeit bezeugen kannſt. Du weißt, daß Du mir Alles, was Du biſt und haſt, ſchuldeſt, daß dieſes Kloſter ſelbſt Dich einſt ſeine Aebtiſſin nennen wird, und daß Du jetzt ſchon, obgleich die jüngſte Nonne des Stiftes, mehr vermagſt, als die hochwürdige Mutter ſelbſt. Willſt Du mir nun zu Dienſten ſein, wenn ich Dir eine Gelegenheit zur Dank⸗ barkeit gebe?“ „Ach wenn es nur wahr wäre, gnädiger Oheim, es wäre der ſchönſte Tag meines Lebens,“ erwiederte das Mädchen aufrichtig. Der Cardinal ſchmunzelte leicht bei dieſer Ver⸗ ſicherung und fuhr fort:„Im Lauf der Woche, vielleicht ſchon nächſter Tage wird die Kaiſerin das Kloſter zur Himmelpforte mit ihrem Beſuche beehren, und ohne Zwei⸗ fel mit der Nichte des alten Khleſl einige Worte reden. Das iſt der Augenblick, da Du Deinem armen Oheim einen Theil der Sorgen zurückerſtatten kannſt, die er ſeit Deiner Geburt für Dich hegte. Erinnere die kaiſerliche Frau an die Ergebenheit Deines Onkels und vertraue es ihr als Geheimniß an, daß der alte Khleſl um eine Gna⸗ denzulage von jährlichen tauſend Goldgulden bittlich ge⸗ worden ſei. Verſprich ihre Verwendung mit jungfräuli⸗ chen Gebeten zu vergelten und ihr namentlich von der allerreinſten Gottee mutter einen Erben, verſtehſt Du mich, 58 einen männlichen Leibeserben zu erflehen.“— Der Car⸗ dinal ſchwieg hier einen Augenblick, fuhr aber gleich dar⸗ auf, als wäre ein plötzlicher Gedanke in ihm aufgetaucht, fort:„In der That wäre es ein gewaltiger Gottesſegen für die ganze Chriſtenheit, wenn die Ehe des frommen Herrſcherpaares vom Himmel geſegnet würde. Ich ſage Dir, Eva⸗Roſine, Du kannſt vielleicht mehr Gutes wir⸗ ken, als Du Dir jetzt in Deiner ſtillen Zelle träumen läßt. Es wäre ſchon etwas, wenn ich endlich das armſelige Geld, das ich doch zehnmal um das Kaiſerhaus verdient habe, erlangte— des Kloſters Schaden würde es übrigens auch nicht ſein. Wenn es aber ferner Deinen und der wür⸗ digen Schweſtern inbrünſtigen Gebeten gelänge, dem Kaiſer⸗ paar einen Erben zuwege zu bringen, ſo wäre dies verdienſtli⸗ cher als Alles, was ich ſelbſtbishergethan. Das hieße die Zu⸗ dringlichkeit der Einen und der Anderen gleich kräftig zurück⸗ weiſen, und wäre der köſtlichſte Sieg über die Feinde des Kaiſers und Deines Onkels dies⸗ und jenſeits der Alpen; alſo liebes Kind, bitte und bete, und Gott wird Dich erhören, dann wird auch Dein Onkel ruhiger ſchlafen können, und dieſer ruhige Schlaf eines Greiſes Dein Ver⸗ dienſt ſein.“ Eva⸗Roſine ſchlug ihre großen Augen verwundert ge⸗ gen den Cardinal auf und begnügte ſich, ihm zu antwor⸗ ten:„Faſſe ich Eure Eminenz auch nicht ganz, ſo will ich doch buchſtäblich thun, was Ihr von mir begehrt— 59 ich will die Fürſprache Ihrer Majeſtät wegen der taufend Goldgulden nachſuchen und ſie ſo lange bitten, bis ich ihre Zuſage erlangt habe.“ Khleſl lächelte zufrieden und bedeutete der Nonne, als ſie hier inne hielt, fortzufahren. „Hernach?—“ „Will ich,“ fuhr Eva fort,„Gott mit den Chor⸗ ſchweſtern fleißig bitten, daß er das erhabene Kaiſerpaar mit einem Leibeserben beſchenken möge.“ „Gut, meine Tochter,“ entgegnete Khleſl, und ſchickte ſich zum Fortgehen an. Plötzlich, als er die Schwelle be⸗ reits überſchritten hatte, kehrte er nochmals um und flüſterte mehr als er ſprach, ſeiner Nichte folgende Worte zu:„Ich denke, liebe Nichte, daß es, Alles wohl überlegt, beſ⸗ ſer ſein würde, Du ließeſt Dir von einem herrlichen Kaiſerkind träumen und erzählteſt Ihrer Majeſtät den Traum. Daran iſt wohl nichts Außerordentliches, und ich möchte darauf wetten, daß unſer Zwiegeſpräch Deinen Geiſt ſo ſehr beſchäftigen wird, daß ein ſolcher Traum nicht wohl ausbleiben kann. Nicht wahr, liebe Eva⸗Ro⸗ ſine, ſo wird es kommen?“ „Eurer Eminenz Scharfſinn und Vorausſicht kennt keine Gränzen,“ erwiederte die Nonne. Als der Cardinal zu erwarten ſchien, daß ſie noch etwas Weiteres ſagen würde, ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu:„Es wird mir ohne Zweifel eine derlei Erſcheinung 60 werden. Ein gekröntes Kind mit den öſterreichiſchen Far⸗ ben angethan, wird vom Himmel in die Arme der Kai⸗ ſerin niedergeführt werden, und dieſen Traum—“ „Nicht doch Traum,“ fiel hier der Cardinal ein, „dieſe Erſcheinung, ſagteſt Du ja ſoeben.“ „Alſo dieſe Erſcheinung,“ nahm Eva das Wort, „werde ich der Kaiſerin pflichtſchuldigſt mittheilen.“ „Recht ſo, mein Kind,“ ſprach der geiſtliche Oheim und drückte, gleichſam zur Belohnung der leichten Faſſungs⸗ kraft, die er bei ſeiner Nichte angetroffen, einen Kuß auf ihre Stirne. IV. Capitel. Traumdeutungen ohne Traumbuch, deren Richtigheil eine dritte Verſon, an die Niemand denst, zu erproben Luſt hat. Wenige Tage darauf raſſelte eine ſchwere, mit Gold reich verzierte Hofkutſche zum Thor des Himmelpfortklo⸗ ſters heran. Das Kloͤſterthor that ſich weit auf und an der Schwelle erſchien die etwas beleibte Aebtiſſin des frommen Hauſes, Victoria Haizenberger oder dem Gebrauch jener Zeit gemäß Haizenbergerin genannt. Auf ihrem mehr als üppigen Buſen baumelte ein maſſ ihren je kürzeren deſto dickeren Zeigefinger umſpannte ein gewaltiger Ring. Das flachsblonde Haar hing tief in die niedrige Stirne, deren Reſt von dem weißen Kopftuch völlig verſteckt wurde; ein kleines Stumpfnäschen, das zwi⸗ ſchen fettglänzenden wohlgefärbten Wangen hervorquoll ſives goldenes Kreuz und * 62 und kleine etwas matte graue Augen vollendeten das Bild der hochwürdigen Mutter, die zwiſchen den beiden Schwe⸗ ſtern Victoria, Eva⸗Roſinens Kloſtername, und Eliſabeth Breuner daher watſchelte. Die kleine Geſtalt der Kloſtervorſteherin war um ſo auffälliger, als ihre Begleiterinnen ſie mindeſtens um einen Kopf überragten und bei Weitem die beſtgewachſenen und hübſcheſten Nonnen des ganzen Conventes waren. Die Nichte des Cardinals zeichnete ſich durch ſtrenge Ebenmä⸗ ßigkeit der Formen aus und hätte jeden Bildern zu einem Modell der Schild⸗ und Schwertbewehrten Tritogeneia dienen können, während Schweſter Eliſabeths Züge eine Weichheit und ſüdlichen Schmelz athmeten, die ſie weit eher für das Familienleben, als die Abgeſchloſſenheit des Kloſters beſtimmt erſcheinen ließen. Als der Wagen ſtill ſtand, ſprangen zwei Lakaien von ihrem Sitz herunter und öffneten den Kutſchenſchlag, dem ſich langſam und äußerſt mühevoll eine hochgewachſene, ſehr corpulente Frau, welche in den Vierzigen ſtehen moch⸗ te, in der That aber erſt acht und dreißig Jahre zählte, entwand.. Die Frau trug ein Diadem von Perlen und Dia⸗ manten im Haar, Bruſt und Schultern waren ſtark entblößt, der unförmliche Körper ſteckte in einem ſackähnlichen Kleid aus Silberſtoff, dem kleine blaue Blümchen eingewirkt waren. 3— 63 Dieſe Frau war die Gemahlin Mathias, die Kaiſe⸗ rin Anna. Ihr folgte eine ältere Dame, die gleichwohl um einige Jahre jünger ausſah— Eliſabeth Freifrau von Khuen, die Schweſter des berüchtigten oder berühmten Grafen Thurn, der damals eben des Burggrafen⸗Amtes von Karlſtein entſetzt und dadurch tödtlich beleidigt wor⸗ den war. Als die Kaiſerin den Wagen verlaſſen hatte, blieb ſie einen Augenblick ſtehen und holte tief Athem, dann ſchritt ſie oder ſchleppte ſich vielmehr auf die hochwürdigſte Mutter und Schweſter Victoria geſtützt in das Refecto⸗ rium des Kloſters; Frau von Khuen folgte mit zwei ſchwe⸗ ren Gebetbüchern unter dem Arm ihrer erhabenen Gebie⸗ terin nach. Im Refectorium angelangt, ließ ſich die Kaiſerin, von ihrer Kammerfrau unterſtützt, auf einen grünſammtenen Betſchemel nieder, der vor einer Marienſtatue ange⸗ bracht war. Als ſie dort eine Viertelſtunde inbrünſtig ge⸗ betet hatte und in Begriff ſtand ſich zu erheben, fiel ihr Blick auf einen friſchen Kranz, welcher um das Haupt der Gnadenreichen geſchlungen war. Die Kaiſerin flüſterte der hinter ihr knieenden Dame einige Worte zu, auf welche ſich Frau von Khuen empor⸗ richtete und zur Kloſteroberin gewandt ſagte:„Ihre Ma⸗ jeſtät die Kaiſerin, unwiſſend, daß irgend ein hohes Ma⸗ rienfeſt in dieſem Monat falle, wünſcht den Grund kennen zu lernen, weshalb die Statue der allerheiligſten Jungfrau mit einem friſchen Kranz geſchmückt worden ſei.“ Die Aebtiſſin beeilte ſich mit einem tiefen Knix und ſchalkhaft ſein ſollenden Lächeln zu antworten:„Das mag Ihrer Majeſtät Schweſter Victoria deuten, welche vor uns Allen mit mancherlei Geſichten begnadigt iſt.“ Als die Kaiſerin auf die Nichte des Cardinals auf⸗ merkſam gemacht, ſich an Vietoria wandte, trat dieſe vor und hub, ohne ihre Stimme zu ändern oder die geringſte Verlegenheit zu verrathen, ihre Erzählung folgender⸗ maßen an:. „Es war in der Nacht von Montag auf den Dienſtag; ich hatte mein Gebet verrichtet und meine Seele Gott empfohlen, als mir im Traum die allerheiligſte Jungfrau Maria erſchien, ganz ſo wie ſie am Hochaltar unſeres Kirchleins abgebildet iſt. Von ihren Schultern floß ein blauer Mantel und auf dem Haupte ſaß ihr eine goldene Krone, die von Edelſteinen ſo hell flimmerte, daß meine Augen ihren Glanz nicht zu ertragen vermochten. Die Heilige trat ganz nahe an mein Lager und ſprach mit wundervoll ſanfter Stimme, indem ſie mich mit einem Li⸗ lienſtengel, den ſie in der Rechten trug, leicht berührte: „Eva Roſine! Eva Roſine!“ Gewöhnt, mich ſtets bei meinem Kloſternamen Victoria rufen zu hören, hatte ich darauf nicht Acht, aber die Gottesmutter fuhr fort: Freue Dich, Du gottgeweihtes Kind, mit mir und den En⸗ 65⁵ geln im Himmel, denn es wird ein mächtiger Glaubensheld erſtehen, welcher die Feinde meines Namens unter die Füße treten wird.“ Da merkte ich erſt, daß die ſeligſte Jung⸗ frau Maria zu mir unwürdigem Geſchöpf ſpräche; ich ſchlug an die Bruſt und ſenkte den Blick, die Mutter des Herrn ſprach aber weiter:„Dieſer von Gott erweckte Held wird einſt die Kaiſerkrone tragen und aus dem Hauſe meines treuen Dieners Rudolf abſtammen. Gehe hin, meine Tochter, und verkündige Allen, die es hören wollen, daß Gott ſeine Kirche nicht verläßt und St. Petri Schiff, welches die Kirche bedeutet, von meinem göttlichen Sohn durch Sturm und Wellen geſteuert wird.“— Ich wollte der ſeligſten Jungfrau zu Füßen ſtürzen, aber dieſe war im gleichen Augenblick ſammt dem blendenden Glanz ſpurlos verſchwunden; Alles war ſtill um mich her, finſtere Nacht umgab mich, ich ſchlief unter einem Dankgebet wie⸗ der ein. Ich habe auf das Andrängen meiner Mitſchwe⸗ ſtern, welche die Stimme der Gottesgebärerin vernom⸗ men und ſomit an meinem Geſicht Theil gehabt ha⸗ ben wollen, die mir gewordene Erſcheinung der hoch⸗ würdigſten Mutter mitgetheilt. Die Hochwürdige befahl, die Marienſäule zu bekränzen, die geweihten Wachsker⸗ zen anzuzünden und eine beſondere Andacht zu verrich⸗ ten. Dieſer Befehl wurde augenblicklich in Vollzug ge⸗ ſetzt. Das iſt ohne Zuſatz oder Hinwegnahme Alles, was ſich zugetragen.“ . 5 Hags; Der alte Cardinal. 1. 5 66 Die Kaiſerin ſchien durch die ſchlichte Erzählung der Nonne ſichtbar bewegt, der Chor der Nonnen im Ge⸗ genſatz davon völlig enttäuſcht. Frau Haizenberger empfand in Folge der inneren Aufregung beſchwerliche Hitze im Kopf und verſuchte es die brennenden Wangen mit Zuhülfnahme ihrer fetten ſich etwas feucht anfühlenden Hände abzukühlen. Der Verſuch mißlang und das Geſicht der würdigen Mutter glich, nach⸗ dem ſie ihre Händekraft losſinken gelaſſen, einem Con⸗ glomerat von geſottenen Schalthieren, aus welchen die Gat⸗ tung der Krebſe den hervorragenden Platz einnahm. Die⸗ ſelbe Farbe theilte ſich dem Antlitz eines hageren Bettel⸗ mönches mit, welcher in der Eigenſchaft eines Kloſter⸗ beichtigers freien Zutritt hatte und ſich in dieſem wichtigen Augenblick als Troſt und Hort an die Seite der Oberin geſtellt hatte. Victoria Haizenberger blickte den Kapuziner ſo ſchmerz⸗ haft und hülfeflehend an, daß der wohlehrwürdige Pater Procopius der rührenden Geſtalt der Oberin nicht län⸗ ger widerſtehen konnte; er, der ſchon ſeit dem Dienſttag⸗ morgen mit im Geheimniß Khuens und der Hochwürdi⸗ gen war, trat näher auf die Kaiſerin zu und ſagte mit dem ſanfteſten Ausdruck, den er ſeiner Stimme zu geben vermochte, indem er ſich halb an die Erzählerin, halb an die Majeſtät wandte:„Schweſter Victoria dürfte durch die Anweſenheit der hohen Schutzfrau des Kloſters au⸗ 67 ßer Faſſung gebracht, vielleicht einige Umſtände vergeſſen haben, die mir wenigſtens geſtern Morgens mitgetheilt wor⸗ den. Hat die gebenedeite Jungfrau nicht ausdrücklich geoffenbaret, daß der erwähnte Glaubensheld ein Sohn des dermalen regierenden Kaiſers und ſeiner erlauchten Gemahlin ſein werde? Hat ſie nicht insbeſondere Ihre kaiſerliche Majeſtät als die Mutter des Wunderkindes bezeichnet?“ Zornröthe übergoß bei den Worten des Kapuziners die Wangen der Nonne und ſie antwortete, indem ſie ihre Stimme gewaltſam zu dämpfen ſuchte, ſo daß ſie zwar der Mönch, nicht aber auch die Kaiſerin ver⸗ ſtehen konnte:„Nein, das hat die gebenedeite Jungfrau bei meinem Seelenheile nicht geſagt.“ Dann wandte ſie ſich trotz der vorwurfsvollen Blicke Victoria Haizenberger's und der drohenden Mienen Procops an die Kaiſerin und ſagte:„Was ich erzählt, iſt Alles, deſſen ich mich ent⸗ ſinnen kann, und die Deutung Gott bekannt, oder denje⸗ nigen, welchen Gott die Gabe der Auslegung anvertraut.“ „Richtig geurtheilt,“ erwiderte Procopius mit erzwun⸗ genem Lächeln, indem er die letzte Stirnrunzel zu glät⸗ ten ſtrebte.„Ihr ſagt, die Deutung ſei Gott, oder welchem Gott die Gabe der Auslegung anvertraute. Wem iſt nun aber dieſe Gabe auf das Feierlichſte übertragen worden, als uns Dienern Gottes. Alles Heilige und Göttliche kann nur durch unſern Mund erklärt werden. Hier die Probe: Es iſt mir ſo klar, wie das Sonnenlicht, daß 5 68 die hochſelige Jungfrau niemand Anders meinen und be⸗ zeichnen konnte, als das erhabene Kaiſerpaar. Iſt Kai⸗ ſer Mathias nicht aus dem Hauſe Rudolph's und würde nicht der Sproß ſeiner Lenden einſt die Kaiſerkrone tra⸗ gen? Freut Euch, fromme Seelen, wie es im Liede heißt, freut Euch, die Mutter des künftigen Kaiſers, des mächti⸗ gen Helden, des Ketzervertilgers, freut Euch. Die Nonnen verbeugten ſich, als Pater Procopius mit ſeiner Rede zu Ende war, tief vor der Kaiſerin; am allertiefſten, ſo daß ſie faſt in den Boden verſank, die wür⸗ dige Oberin und kaum merklich die Jungfrau Victoria Khleſl; dann ſtimmten ſie wie auf plötzliche Eingebung, in der That aber auf einen Wink des Bettelmönchs das„Te Deum laudamus“ an, während ſich Schweſter Victoria unbemerkt ven der Gruppe wegſchlich. Die Kaiſerin ſelbſt, deren ſehnlichſter Wunſch es ſeit ihrer Vermählung war, Kinder zu erhalten, wurde pur⸗ purroth, Thränen traten ihr in die Augen, endlich ſank ſie ſtill weinend, ihrer nicht mehr mächtig, auf den grün⸗ ſammtenen Betſchemel nieder und benetzte das Kreuzes⸗ holz, das unter der Statue hing, mit den Freudezähren, welche ihr die bevorſtehende Erfüllung eines faſt ſchon aufgegebenen Herzenswunſches entlockten. Als ſie ihr Gebet beendigt hatte, ließ ſie die Nonnen abtreten und verlangte nochmals nach Victoria; dieſe aber 69 blieb verſchwunden und konnte weder in ihrer Zelle, noch im Garten oder Speiſeſaal angetroffen werden. Die Kaiſerin, welche an die Viſion der Nonne in dem Sinne glaubte, welcher Pater Procop unterſchoben hatte, wollte ſich die nähern Umſtände der Erſcheinung nochmals von Schweſter Victoria erzählen laſſen, um ihre freudige Zuverſicht auf's Neue zu ſtärken. Die Nichte des Cardinals wollte dagegen um keinen Preis einen Schritt über jene Linie hinaus gehen, mit welcher ihr Gewiſſen den frommen Betrug umgränzt hatte. Als die Kaiſerin an der Wiederkehr Victoria's zwei⸗ felnd ſich zum Fortgehen entſchloß, übergab ihr die Pfört⸗ nerin unter dem Vorwande, daß das Papier aus den Gebetbuch entfallen ſein müſſe, ein zuſammengefaltetes Blatt. Die Kaiſerin legte es, ohne ſich weiter darum zu be⸗ kümmern, in ihr Buch und ſtieg, auf die Arme zweier Nonnen geſtützt, die Stiege hinab. In der Vorhalle unterhielten ſich indeſſen Kutſcher und Lakaien mit der Laienſchweſter, die ihnen Brot und Wein brachte. Ganz verſchieden von Victoria's Erzählung lautete die Mittheilung der guten Euſebia. Sie behauptete, die Mutter Gottes habe ein Kind an der Hand geführt, das wunderſchön von Angeſicht, gleichwohl dem Kaiſer Ma⸗ thias ſprechend ähnlich geweſen ſei, dieſes Kind habe der Jungfrau Victoria ausdrücklich den Beſuch ſeiner Mutter 70 der Kaiſerin Anna verkündigt und hinzugeſetzt:„Fürcht, Dich nicht, Vietoria, denn ich werde die herrlichſte Victorie über die Feinde des katholiſchen Glaubens erlangen, wo⸗ ferne Du aber daran Theil haben willſt, ſo verkündige meine Ankunft.“ Die Hofbedienten hörten der Laienſchweſter auf⸗ merkſam zu, ſchüttelten verwundert die Köpfe und brach⸗ ten nichts Anderes hervor, als von Zeit zu Zeit ein„Hm, Hm“ oder:„Ei, Ei“ oder:„Was Ihr ſagt?“ Nur der Kutſcher, ein alter Mann mit ſchneeweißem Haar, aber noch ganz wohl erhaltenen Zähnen, der einzige Kutſcher, von dem ſich die ängſtliche Monarchin fahren ließ, dieſer gute„Florian Strohmeier“ entgegnete mit ge⸗ heimnißvoller Wichtigkeit:„Man merkt, daß Art nicht von Art läßt, die Khleſlin iſt ganz wie der Khleſl, und wer den Papſt zum Bruder hat, wird leicht Cardinal; nun hat aber die wohlehrwürdige Schweſter Victoria einen Cardinalbiſchof zum Oheim; iſt es da ein Wunder, wenn Heilige an ihr Bett kommen? Euſebia begnügte ſich dem Leibkutſcher mit dem Finger zu drohen. Die Folge dieſer Unterredung war, daß wenige Stunden ſpäter der Kaiſer und geſammte Hofſtatt den Traum der Schweſter Victoria kannte, wie ihn Pater Procop ausgedeutet, ganz Wien aber die Geſchichte, wie ſie Euſebia erzählt hatte. 71 Die Kaiſerin hatte ſich, von ihrer Kammerfrau beglei⸗ tet, nach der Küche gewandt und dort einen Löffel Suppe zu ſich genommen. Beim Fortgehen gab ſie der Freiin von Khuen einen Wink, dieſe zog eine Perlenſchnur aus dem Beutel und überreichte ſie der Kaiſerin. Die Mon⸗ archin wandte ſich an die dicke kleine Aebtiſſin und ſprach: Dieſe Perlenſchnur weihe ich der allerſeligſten Jungfrau, die meine Thränen, deren Symbol ja die Perlen ſind, huldreich getrocknet hat. Der würdige Pater ſoll aber ſieben heilige Meſſen— ich habe auf die Siebenzahl nun einmal mein Vertrauen— für die Erfüllung eines geheimen Wunſches am Hochaltar leſen und ſich wegen des Meßgeldes an Max Trautmannsdorf wenden, der meine kleinen Ausgaben beſorgt.. Frau Haizenberger und ihre frommen Schäfchen knixten noch lange, nachdem die kaiſerliche Kutſche davon⸗ gerollt war. Als Schweſter Victoria in ihre Zelle zurückzu⸗ kehren im Begriffe ſtand, vernahm ſie ganz an Ende des langen dunklen Corridors ein unterdrücktes Weinen. Die Nichte des Cardinals, welche zwar die ganze Fe⸗ ſtigkeit ihres Oheims beſaß, ohne jedoch die Unzugäng⸗ lichkeit ſeines Herzens, eilte nach der Stelle, von welcher dieſe traurigen Töne zu kommen ſchienen. Wer be⸗ ſchreibt ihr Erſtaunen, als ſie dort die Novize Francisca Rappach zu den Füßen der Marienſtatue knieen ſah. 72 Francisca hatte ihr Antlitz verhüllt und weinte ſo bit⸗ terlich, daß ſie das Herannahen der ihrer Strenge willen gefürchteten Schweſter nicht bemerkte. Das Rau⸗ ſchen ihres Kleides machte die trauernde Novize auf⸗ merkſam; ſie wandte ſich raſch um und ſchrack heftig zuſammen, als ſie die Nichte des Cardinals erblickte. Sie folgte der erſten Regung der Beſorgniß und Angſt und faltete ihre ſchönen weißen Hände zur Bitte: „Um Gottes Willen kein Wort davon, daß Ihr mich weinen geſehen, ſonſt dürfte ich das Kloſter nicht mehr verlaſſen.“ Dieſe unvorſichtig geſprochenen Worte erregten erſt die Aufmerkſamkeit der Nonne. Francisca befand ſich noch nicht lange im Himmel⸗ pfortkloſter und genoß während ihres Noviziates einige Freiheiten, die ſonſt mit der Kloſterregel nicht wohl ver⸗ träglich waren. Sie durfte von Zeit zu Zeit das Klo⸗ ſter verlaſſen, um eine alte kränkliche Dame zu beſuchen oder irgend der Abendandacht eines Lieblingsheiligen beizuwohnen. Die Aebtiſſin geſtattete dieſe Freiheiten um ſo lieber, als Fräulein von Rappach ein Schützling der Gräfin Khuen, Khleſls vertrauter Freundin war. Da Francisca an religiöſem Eifer keiner Novize oder wirklichen Kloſterfrau nachſtand, auch eine Herzensfreu⸗ digkeit offenbarte, wie ſie bei jugendlichen Perſonen, die in ein Kloſter eingeſchloſſen wurden, ſelten vorzukommen 73 pflegt, ſo ſah die Oberin bei der zeitweiligen Entfer⸗ nung Francisca's nichts Gefährliches. Dieſe Möglichkeit, das Kloſter bisweilen verlaſſen zu dürfen, mußte für die Novize von außerordentlichem Werth ſein, denn ihre einzige Befürchtung, als ſie wei⸗ nend betroffen wurde, war, daß man ihr jene Erlaub⸗ niß entziehen könnte. Schweſter Victoria ahnte ſogleich, daß zwiſchen den heißen Thränen, deren Spur noch auf dem kalten Stein ſichtbar war, und den häufigen Beſuchen, welche Francisca ihrer Tante abſtattete, irgend eine geheime Beziehung obwalten müſſe. Sie ſelbſt hatte der Oberin die zu weit getriebene Nachſicht widerrathen, aber doch auch nicht der armen Novize dieſe Erheiterung gänzlich entziehen wollen; ſie warf nun einen jener durchdringenden Blicke auf das ſchöne, aber bleiche Geſicht der Novize, wie ſie nur wenige und in der Regel überlegene weibliche Ge⸗ ſchöpfe in der Gewalt haben. Die Novize ſenkte ihre dunklen Augen vor dieſem Blick und ſtammelte kaum hörbar:„Ich bin ſehr unglücklich!“ Dieſe im Tone des tiefſten Schmerzes, und der feſteſten Ueberzeugung hervorgebrachten Worte entwaffneten die Nonne; das mitleidige Weib trat an die Stelle der Gott geweihten Braut. „Kommt auf meine Zelle,“ war zwar Alles, was Victoria ſagte, ſie ſagte es aber in ſo tröſtlicher Weiſe 74 und bemächtigte ſich ſo liebevoll ihres Armes, daß die für ſtolz gehaltene Novize, noch ehe es Victoria verhindern konnte, einen Kuß auf ihre Hand gedrückt hatte. Victoria's Zelle war ein ſchmales, niedriges Stüb⸗ chen, das wohl eher jeden anderen Gedanken, als den klöſterlicher Askeſe aufkommen ließ; das vergitterte Fenſter, an welchem ſich Bohnen und wilder Wein hinanſchlän⸗ gelten, ging nach dem mit einigen Bäumen und vielen Salatbeeten beſtellten Kloſterhof. Die Wände waren mit zahlreichen Heiligenbildern geziert, während ein kleiner Altar, vor dem eine ſilberne Ampel ihr karges Licht auf das ſchimmernde Crucifix ausgoß, eine in der Wand angebrachte Niſche ausfüllte. Der kleine Altar glich aber trotz der frühen Jahreszeit einem Blumenbeet, weiße langſtielige Lilien und duftige Reſeda, Goldlack und Geißblatt überhingen und umdufteten den ſilbernen Hei⸗ land, der mitten aus dem Pflanzengrün, beſtrahlt von dem röthlichen Schein des Lämpchens, hervorblickte. Dem Altar gegenüber ſtand die einfache kunſtloſe Ruheſtätte Victoria's, aber die roſafarbenen Bänder, welche die Säume der Kiſſen zierten, die weißrothen Troddeln, welche von dem Deckraume niederhingen, das glänzende Weiß des Bettzeuges, das Alles in Verbindung mit dem kleinen Arbeitstiſch, auf welchem ein Erbauungsbuch, um⸗ geben von unzähligen Woll⸗ und Seidenſpulen, Stick⸗ und Strickmuſtern lag, mit einem im Erker lehnenden 75 aufgezogenen Stickrahmen und einem muſikaliſchen In⸗ ſtrument, endlich die ganze Stube, hatten einen unleug⸗ baren Anſtrich der Behaglichkeit; man fühlte beim Eintritt in dieſen Raum, daß man nicht einer herz⸗ und gemüth⸗ loſen Kloſterſchweſter, ſondern einem feingebildeten Frauen⸗ geiſt nahte. Ein Theil jener Behaglichkeit, welche die Zelle ath⸗ mete, ſchien ſich der unglücklichen Novize mitzutheilen; ihre Thränen hörten zu fließen auf, und wie die Sonne ſich hinter trüben Wolken hervorſtiehlt und die an den Blumenkelchen noch hangenden naſſen Diamanten weg⸗ küßt, ſo geſellte ſich zu den noch blinkenden Thränen ein ſchwaches Lächeln. Victoria wies dem Beſuch einen Sitz neben ſich an, und blickte der jüngeren Schweſter in die Augen, als wollte ſie ſagen: Nun rede, ich bin bereit Dich zu hören. So faßte es wenigſtens Francisca auf, denn ſie begann unaufgefordert:„Nein, ich kann es nicht mehr länger allein tragen, ich muß und ich will reden.— Ich bin nicht würdig, unter einem Dach mit Euch zu leben, Schwe⸗ ſter Victoria, nicht würdig, dieſelbe Luft zu athmen, vor demſelben Altar zu knieen und die Horas mit Euch reinen Bräuten des Himmels zu ſingen. Ich gehöre den fin⸗ ſteren Mächten an und bin für Gott und ſeine Engel verloren.— Ihr ſchaudert!— O Ihr habt das nicht vermuthet, daß ein ſo jugendliches Geſchöpf, wie ich bin, ſchon ſo gottverlaſſen und verdorben ſein könne. Ich bin es, und wenn noch etwas Gutes an mir iſt, ſo iſt es meine tiefe Abneigung gegen jene eckle Heuchelei, die ich täglich üben muß.“ Victoria ließ die Novize nicht weiter ſprechen, ſon⸗ dern legte ihr ſanft den Finger auf den Mund und er⸗ wiederte:„Ich ſchaudere nicht, aber ich entſetze mich über Eure wüſten Reden oder Ihr wollt mir einbilden, daß Ihr wirklich ſo ſchlecht und verloren, ſo gottverlaſſen und abtrünnig wäret, als Ihr vorgebt? So lange der Menſch weinen kann, iſt er auch noch im Stande zu be⸗ reuen, und wenn er bereut, nun, ſo ſteht ihm auch die Rückkehr zu Gott und ſeinen lieben Heiligen offen.“ „O, Ihr ſeid zu gut, Schweſter Victoria, und Euere Güte verleitet Euch zu einem Fehlſchluß. Ich ſagte Euch, daß ich den finſteren Mächten verfallen ſei, der Beweis dafür iſt eben der traurige Umſtand, daß ich nicht be⸗ reue, ja mich nach der Wiederholung meiner Verge⸗ hungen ſehne.“ Dieſe Worte unterbrach Victoria mit dem Zuruf: „Ihr ſeid verliebt?“ Dieſes Wort färbte die bleichen Wangen der Novize; ein unheimliches Feuer glühte in ihren ſchwarzen Augen, ſie legte ihre Hand auf das Herz, deſſen faſt vernehm⸗ bares Klopfen die Bruſt zue ſprengen ſchien, dann ver⸗ ſetzte ſie im Ton einer Begeiſterten:„Ihr habt es ge⸗ 77 ſagt, Ihr habt es ſelbſt ausgeſprochen, jenes Wort, das man innerhalb dieſer Mauern niemals hören ſollte; ja ich liebe und Gott im Himmel weiß es, wie! Er, der jeden Pulsſchlag kennt, Er, der Herz und Nieren prüft, wie die Propheten ſagten, Er weiß es, daß meine Liebe ſo grundlos tief iſt, wie das Meer, ſo unbezähmbar wie der Waldſtrom, welcher der von Gott und den Menſchen geſetzten Hinderniſſe nicht achtet; ſo inbrünſtig, wie die Gebete der Frommen, und ſo ewig, als der Menſchen⸗ geiſt. Ich bereuen? Ich denke an ihn, wenn ich das Bild des Gekreuzigten betrachte, ſein Andenken miſcht ſich in mein Gebet, ſeine Geſtalt ſchwebt mir im Traume vor. Die Marienlieder wandeln ſich in Liebeshymnen; meine Andacht iſt eine ſtumme Liebesklage; Ihr ſeht alſo, daß man Einen lieben und reuelos ſein kann.“ Von der Größe dieſer Leidenſchaft hatte Schweſter Victoria allerdings keine Ahnung gehabtz ſie ſelbſt, die ge⸗ müthsruhige Nonne, war nicht immer ſo völligleidenſchafts⸗ los geweſen, ſie hatte auch geliebt, und zwar waren es jene erſten Schwingungen der Leidenſchaft, welcher man ſich noch auf dem Sterbelager freundlich lächelnd erinnert. Ihr Onkel, der Cardinal, hatte zu ſeinem Bruder geſagt: „Georg, Du biſt arm, Deine Tochter wird ihre liebe Noth haben, einen Mann zu bekommen, ſtecke ſie in's Kloſter und ich werde für ſie ſorgen, daß Du mit mir zufrieden ſein ſollſt.“ 78 In jener Zeit kümmerte man ſich ſehr wenig um Stan⸗ desberuf, Herzensneigung und alle jene Einwürfe, welche Kinder heutzutage mit aller Ausſicht auf Erfolg den Plä⸗ nen, welche die Eltern mit ihnen haben, entgegenſetzen. Vergebens erblaßte die ſechszehnjährige Eva⸗Roſina, vergebens brachte ſie ein heftiges Fieber an den Rand des Grabes, vergebens ſchlug der Vater Georg Khleſl ſelbſt vor, die Tochter zurückzubehalten, Melchior lachte dazu auf eine Weiſe, welche dem Bruder peinlicher war, als wenn er ihm das Schlimmſte geſagt hätte, und ſchloß mit den Worten:„Die Kloſterleute werden in der Regel ſo alt wie der Stock am Eiſen; das kommt von der Gemüthsruhe und Sorgloſigkeit her; willſt Du Deiner Eva⸗Roſine ein ſolches Loos bereiten, ſteht es in Deiner Hand, willſt Du nicht, kann es mir auch recht ſein, nur hat das Jüngferchen dann von mir keinen Pfennig zu hoffen.“ Dieſes Lachen und der Beſchluß trafen zu wohl, als daß Georg Khleſl nicht zur ſelben Stunde ſeiner Tochter das Ultimatiſſimum ſeines vöterlichen Willens übergeben hätte. Nach drei Wochen war Eva⸗Roſine Novize im Himmelpfortkloſter. Damals war noch nicht die dicke, watſchlige, ſeelen⸗ gute Victoria Haitzenberger Vorſteherin des Kloſters, ſon⸗ dern eine magere, fleiſchloſe Frauensperſon mit trockenen, blaſſen Lippen, pergamentartigen Wangen und heiſerer Stimme, welche ſich Grünberger nannte. Dieſe Aebtiſſin —— 79 war aufrichtig fromm und gottergeben, aber eben ſo ſtreng gegen ihre Mitgefangenen, als gegen ſich ſelbſt. Sie ent⸗ hielt ſich Jahr aus Jahr ein des Fleiſches, und ſah es un⸗ gern, wenn die Schweſtern an hohen Feſttagen dasſelbe genoſſen; ſie brach ſich den Schlaf ab, geißelte ſich und hätte am allerliebſten geſehen, wenn die anderen Bewoh⸗ nerinnen dieſer mittelalterlichen Zellengefängniſſe die Mauern mit ihrem ſündhaften Blut gefärbt hätten. Khleſl mußte die äußerſte Strenge anwenden, um das Uebermaß des asketiſchen Eifers der Vorſteherin zu beſchränken. Eva⸗Roſine fühlte ſich unglücklich, der Ver⸗ zweiflung nahe; ſie kämpfte und kämpfte lange, endlich ſiegte ihr guter Genius, ſie ließ ſich einkleiden; an dem⸗ ſelben Tage trat Eliſabeth von Brenner als Novize in den Orden; ſie hatte nun eine Schweſter und Leidensgefähr⸗ tin, welcher ſie ſich mittheilen konnte. Sich mittheilen heißt aber den Schmerz um die Hälfte mindern. Schon nach drei Monaten war auch die alte, dürre, fleiſchloſe Aebtiſſin nicht mehr. So wurde das Leben im Kloſter erträglicher, bis endlich die menſchenfreundliche Victoria Haizenberger zur Regierung des Kloſters berufen wurde. Nun erlebten die Himmelspförtnerinnen das Gegentheil von den leitenden Principien der dürren hochwürdigen Mutter. Frau Victo⸗ ria hielt übermäßiges Faſten für geſundheitsſchädlich und wußte ihren Untergebenen von dem hochberühmten Doctor 80 Magnus ein ärztliches Parere des Inhalts zu erwirken, daß alle Hülſenfrüchte und andere blähende Speiſen für die ſitzende Lebensart der ehrwürdigen Schweſtern Gift, und ein Stück Bratfleiſch nebſt ordentlichem Tiſchtrunk unumgängliche Lebensbedingung für ſie ſei. Unter dem milden Scepter dieſer würdigen Kloſter⸗ regentin war Fräulein Francisca Rappach als Novize ein⸗ getreten und fühlte ſich trotz der Nachſicht, mit welcher ſie behandelt wurde, namenlos unglücklich. Wir ſagten, daß Victoria von einer ſolchen Gewalt der Leidenſchaft keine Ahnung hatte, wir können hinzu⸗ ſetzen, daß ſie erſchrack und zuſammenzuckte. Francisca, welcher dieſe Bewegung nicht entgangen war, rief mit dem Lachen der Verzweiflung: „O ich wußte es ja, daß ich ein Gegenſtand des Grauens für Euch ſein würde. Wie konnte ich doch nur einen Augenblick darüber zweifeln? Ihr werdet zur Aebtiſſin gehen, ihr Alles entdecken, und man wird mich ‚in pace' ſchicken— ich kenne das, aber ich werde das ‚in pace“ nicht lange ertragen, ſon⸗ dern Hand an mich legen und das ſittenreine Kloſter durch einen Selbſtmord entweihen.“ „O redet nicht ſo,“ verſetzte Victoria, die ſich wie⸗ der gefaßt hatte.„Wer ſpricht vom zin pace’-Schik⸗ ken? ſieht dies wohl der gutmüthigen Frau gleich, die an der Spitze unſerer Geſeellſchaft ſteht? Und was 81 habt Ihr denn eigentlich verbrochen, das eine ſo harte Züchtigung verdiente? Was Ihr mir geſagt, iſt aller⸗ dings ſündhaft, aber ein Selbſtgeſtändniß, das ich be⸗ wahren werde. Wollt Ihr meinen Rath hören?“ Die Novize ſchüttelte den Kopf. „Ihr wollt nicht? Nun, ſo möge Euch Gott in Euren Nöthen beiſtehen.“ „O mein Jeſus!“ fiel Francisca weinend ein, „ich will Euch ja gern anhören, obwohl ich weiß, daß mir Euer Rath nichts nützen kann.“ „Woher wißt Ihr das?“ „Weil es zu ſpät iſt.“ Victoria war hier am Ende ihrer Weisheit; wie es für einen wohlgemeinten guten Rath je zu ſpät ſein könnte, vermochte ſie nicht zu faſſen, und doch hatte die junge Novize gegenüber der erfahrenen älteren Schweſter Recht. Victoria fuhr mitleidig fort:„Glaubt mir, liebes Kind, ein guter Rath kommt nie zu ſpät.“ Francisca verhielt ſich ruhig, als wäre ſie entſchloſſen, Alles über ſich ergehen zu laſſen, folglich auch die Ertheilung eines nutzloſen guten Rathes. Victoria ſprach:„Vor Allen ſöhnet Euch in der Beichte mit Gott aus!— Ihr zuckt die Achſel, aber das nützt nichts, es muß ſein! Iſt Euch unſer Beichtvater nicht anſtändig, ſo mache ich mich an⸗ Haas: Der alte Cardinal. I. 6 8² heiſchig, Euch einen Andern zu verſchaffen und ſollte es mein Oheim der Cardinal ſelbſt ſein.“ Die Novize, die bis hieher äußerlich ruhig zugehört hatte, ſchien von den Worten Victorias plötzlich wie elektrifirt und antwortete haſtig:„Ja ganz recht, ich muß mich vorerſt in der Beichte mit Gott ausſöhnen, ich ſehe das ein! dann fragte ſie eben ſo plötzlich und ohne jeden Uebergang:„Und Ihr meint wirklich, daß Ihr Curen Oheim bewegen könntet, mich zur Beichte zu hören? „Warum nicht, doch muß ich Euch aufmerkſam ma⸗ chen, daß mein Oheim gerade gegen Ordensleute von außergewöhnlicher Strenge iſt.“ „Und dennoch wünſchte ich meine Beichte gerade ihm abzulegen.“ 8 „Nun wie Ihr wollt, mein Wort habt Ihr, daß ich meinen Oheim dazu vermögen werde. Wenn Ihr Euch nun mit Gott und der Kirche ausgeſöhnt habt, dann lernt Muſik oder Latein, wie ich ſelbſt gethan habe, als ich mich namenlos unglücklich fühlte und das Gebet doch nicht alle müſſigen Stunden in Anſpruch nahm. Seht, in der Muſik liegt ein Schatz von Troſt und Auf⸗ richtung des Gemüthes; ich wünſchte, Ihr könntet ein we⸗ nig ſpielen.“ Victoria deutete dabei auf die Harfe, wel⸗ che zu Häupten ihres Bettes ſtand. Francisca lächelte, ſchritt auf die Harfe zu und fuhr mit ihren Fingern ſo — — 83 ſicher und behende durch die Saiten, daß ſich Victoria bald für überzeugt hielt, daß ſie es mit keinem unter⸗ geordneten muſikaliſchen Talent zu thun habe. Nach ei⸗ nem kurzen Vorſpiel ſchlug ſie die Melodie des ſchönen Liebesliedes:„O ſchöne Gabrielle, an“ welches damals des ganze gebildete Europa durchtönte.„Aber ſagt mir um Alles in der Welt,“ hob Victoria auf's Neue an, „was Euch mit dieſen weltlichen Geſinnungen in die Räume eines Kloſters führte?“ „Ach Gott, wie könnt Ihr nur ſo fragen? mich führte hieher, was mindeſtens die Hälfte unſerer Gefähr⸗ tinnen hieher brachte,— der väterliche Wunſch, das Ver⸗ mögen des Hauſes ungeſchmälert den Söhnen zu über⸗ laſſen, das Heirathsgut der Töchter zu erſparen, der Widerwille gegen einen läſtigen Freier, mit einem Wort alles Andere, nur nicht Beruf und Neigung.“ „Und dennoch ſchienet Ihr mit Euerem Loos voll⸗ kommen zufrieden.“. „Weil ich am Ende das Bischen Freiheit, das ich als Novize hoffen durfte, nicht auf's Spiel ſetzen wollte. „Es war alſo Verſtellung?“ „Es war die einzige Waffe, die man mir nicht rauben konnte.“ „Nun, Ihr habt noch kein Gelübde abgelegt und könnt, wenn Ihr Luſt habt, das Kloſter noch immer verlaſſen.“ 6* „O ſeid überzeugt, daß ich es thun werde, wenn ich die geringſte Möglichkeit ſehe.“ „Und ich ſage Euch, daß es Gott wohlgefälliger iſt, wenn Ihr ihm reinen Herzens in der Welt dient, als mit verbittertem, widerwilligem Gemüth unter dem Nonnen⸗ ſchleier.“ „Ich danke Euch für dieſe Meinung und verſpreche ſie zu beachten.“ „Indeß täuſcht man ſich oft über ſich ſelbſt; ich habe einſt ebenfalls gedacht, ich könnte es nicht ertragen.“ „O Ihr ſeid ſo ſtark.. „Wie kommt Ihr auf dieſen Einfall?“ „Wenn ich heute an Eurer Stelle geweſen wäre.“ Schweſter Victoria ſtutzte, ließ ſich aber nichts an⸗ merken, ſondern fragte:„Wenn Ihr an meiner Stelle ge⸗ weſen wäret?“ „Ich hätte meinen Traum vollkommen nach dem Wunſch des ehrwürdigen Pater Procop eingerichtet.“ Bictoria erwiderte kurz und nicht ohne ihre Stirne in Falten zu legen:„Ihr wißt nicht, was Ihr redet.“ „Nicht doch, ich weiß es im Gegentheil recht wohl, ich würde mich für den glücklichen Ausgang der geheim⸗ nißvollen Prophezeihung verbürgt haben.“ Die Nonne ließ einen ſtrengen, faſt verächtlichen Blick über das Geſicht der Novize gleiten und ſagte dann mit allen Zeichen der tiefſten Entrüſtung:„Ich habe 8⁵ Euch bis zu dieſem Augenblick nur für leichtſinnig, dann für unglücklich gehalten, jetzt ſehe ich, daß Ihr eine ſchamloſe, lüſterne Dirne, ein völlig verlorenes Geſchöpf * ſeid.“ „Und gerade jetzt thut Ihr mir ſchreiendes Unrecht. An Eurer Stelle als reine Gott geweihte Jungfrau, deſ⸗ ſen iſt Gott mein Zeuge, würde ich genau ſo wie Ihr ge⸗ handelt haben; als unwürdige Dienerin Gottes— und vergeßt meine Selbſtanklage nicht,— als ein unglückliches Mädchen würde ich gerade aus dem entgegengeſetzten Grunde, aus Schamgefühl die Hoffnungen des Vaters Procop erfüllt haben.“ Wie plötzlich ein Blitzſtrahl durch die Wolkenſchichten niederfährt und alle Gegenſtände, die in Wetternacht gehüllt waren, für einen Augenblick grell erleuchtet, ſo erkannte Victorie bei dem Licht, welches die Worte der Novize auf einmal entflammten, die ganze ſchreckliche Wahrheit. Sie rief die Hände ringend:„Armes, armes Kind! und wißt Ihr, was Ihr ſündhafter Weiſe begehrt?“ „O ich weiß es— ich begehre nichts als die Ret⸗ tung meiner Ehre und wenn es mit dem Preis eines Kopfes ſein müßte.“ „Und darum möchtet Ihr dem Cardinal Eure Beichte ablegen?“ Ddiie Novize ſchwieg; Victoria, welche ſich das Ver⸗ ſtummen Francisca's richtig deutete, fuhr haſtig fort:„Ich 86 nehme mein Wort zurück, Ihr ſollt Eurem ordentlichen Seelſorger beichten.“ „Wie Ihr wollt, aber ich ſage Euch, daß Ihr da⸗ durch das Verhängniß, das Ihr aufzuhalten denkt, nur beſchleunigt.“ „Sei es, wenigſtens werde ich Euer Unglück nicht auf der Seele haben.“ „Das gewiß nicht.“ „Und nun nur noch ein Wort.“ „Ich bitte, redet.“ „Die einfachſte Löſung des traurigen Widerſtreites, in dem Ihr befangen ſeid, ſchiene mir die Verheirathung.“ Wenn aber mein Geliebter nicht will oder kann?“ „Dann bleibt mir nichts übrig, als Euch zu be⸗ weinen.“ „Doch noch etwas Anderes.“ „Sprecht!“ „Betet für mich!“ „Das will ich mit der ganzen Inbrunſt meines Her⸗ zens thun.“ „Und Ihr werdet über Alles, was wir geſprochen, das ſtrengſte Geheimniß bewahren?“ „Eure Mahnung iſt unnöthig.“ „So erlaubt nun, daß ich mich auf meine Zelle zu⸗ rückziehe.“ 87 „Und möge Euch Gott und die allerſeligſte Jung⸗ frau beiſtehen.“ Francisca fiel, ehe es die Nonne verhindern konnte, der Schweſter um den Hals, und hielt ſie lange, lange umſchlungen. Als ſie ſich endlich losgeriſſen und die Zelle verlaſſen hatte, bemerkte Victoria, daß Nacken und Hals von den Thränen der armen Novize feucht waren. V. Capitel. In welchem Khleſt durch ein Arsumentum ad hominem beweiſt, welcher Anterſchied zwiſchen einem Bettelmönch und einem Cardinal iſt. Kurz nach der Entfernung der Kaiſerin ſtürmte ein Kapuziner die Stiege hinauf, welche zu Melchior Khleſl's Wohnung führte. Vergebens ſtemmte ſich der Kammer⸗ diener des Cardinals gegen die Haſt des Mönches. Procopius behauptete, der Cardinal werde ihm ſchlechten Dank für ſeine Halsſtarrigkeit wiſſen, ſchob den alten Diener zur Seite und drang in das Cabinet des Cardinals. Khleſl ſaß gerade an einem mit damaſtenem Tuch bedeckten Tiſch, auf welchem ein angeſchnittener Schinken ſtand; ein halb gefülltes Kelchglas und eine angebrochene 89 Flaſche Nierenſteiner bildeten das Gefolge jenes Ge⸗ richtes. In Anbetracht der noch frühen Tageszeit, es war die zehnte Stunde noch nicht vorüber, konnte man an der guten Körperdispoſition des geiſtlichen Würden⸗ trägers nicht zweifeln. Neben dem Schinken lagen unzählige Papiere auf⸗ gehäuft, und der Cardinal ſelbſt ſaß, oder lag vielmehr zurückgelehnt in einem alten reich vergoldeten Lehnſtuhl, und las mit Aufmerkſamkeit eines jener Papiere durch. Der im Leſen vertiefte Miniſter achtete nicht auf ein wiederholtes Pochen, das ſich an der eichenen Pforte hören ließ. Der Pocher konnte endlich ſeine Ungeduld nicht länger bezähmen, that einen raſchen Griff an die Klinke, öffnete die Thür und trat auf den Cabinets⸗ director zu. Khleſl ließ ſich im vollen Gefühl ſeiner Würde durch den Eintritt des Bettelmönches nicht im Mindeſten ſtören. Er blickte, durch das Geräuſch der ſich öffnenden Pforte aufmerkſam gemacht, empor und fuhr dann ſogleich in der angefangenen Lecture fort. In dem gerötheten Geſicht des Kapuziners, deſſen Stirne die Ungeduld zuſammenzog, konnte man den Kampf leſen, den es ihm koſtete, ſo lange zu warten, bis der Cardinal mit ſeiner Schrift zu Ende gekommen wäre. Als aber Khleſl, uachdem er die Durchleſung be⸗ 90 endigt hatte, nach einem andern Papier griff, vermochte ſich Procop nicht länger zu beherrſchen und brach in die Worte aus:„Euere Eminenz müſſen mich hören, und das ſogleich, die wichtigſten Intereſſen ſtehen auf dem Spiel. Es kann Eurer Eminenz den Kopf koſten, wenn die Dinge ſo verkehrt gehen, wie ſie heute begonnen wurden.“ Khlefl ſah bei dieſen Worten den Sprecher einen Augenblick unverwandt an, ſchüttelte hierauf den Kopf und ſagte:„Ihr hättet Euch melden laſſen ſollen, wie es ſich ziemt, wenn man bei einem Fürſten der Kirche eintritt, dies nehmt in Hinkunft zur Richtſchnur, und jetzt, was habt Ihr mir zu ſagen?“ Der Mönch bekämpfte nur mit Anſtrengung den Zorn, der ihm bei den harten Worten des Cardinals die Adern ſchwellte und erwiederte mit gebrochener Stimme: „Ich hielt es für die Pflicht eines ergebenen und treuen Dieners, Eurer Eminenz zu ſagen, daß Schweſter Vie⸗ toria nahe daran war, Alles zu verderben und es viel⸗ leicht wirklich verdorben hat.“ Dann ſetzte er im Tone des Vorwurfes hinzu:„Und doch haben Eure Eminenz mir und der Frau Aebtiſſin empfohlen, uns völlig auf Schweſter Victoria zu verlaſſen.“ 3 „Und worin hätte denn meine Nichte Alles ver⸗ dorben?“ frug der Cardinal mit Strenge. „Indem ſie gerade das Wichtigſte, worauf Alles 1 91 ankommt, außer Acht ließ, indem ſie zwar das Erſcheinen eines großen Glaubenshelden, nicht aber die Geburt eines Kronprinzen verkündigte. Ohne mein Dazwiſchen⸗ treten war Alles verloren. Ich deutete aber mit einer Geiſtesgegenwart, um welche mich die würdige Mutter Haizenberger wiederholt beneidete, die Viſion der Schweſter Victoria auf paſſende Weiſe und ließ dieſe meine Deutung auch den Leuten außerhalb des Kloſters mittheilen.— Habe ich nun nicht recht gehabt, Eure Eminenz ſo ſchnell als möglich von dieſem Vorgang in Kenntniß zu ſetzen? Ohne Zweifel wird Eure Eminenz die Verläßlichkeit von Schweſter Victoria zu beurtheilen im Stande ſein.“ „Ja, aber das entſchuldigt nicht die unziemliche Art Eures Eintrittes. Uebrigens hatte, Alles wohl überlegt, Schweſter Victoria ſo unrecht nicht, zu handeln, wie ſie handelte.“ Der Kapuziner machte ein erſtauntes Geſicht, das eine Erklärung zu fordern ſchien, der Cardinal entſchloß ſich ſie zu geben und ſagte:„Träumt Ihr nach Belieben?“ „Wer könnte das?“ „Nun gut, meine Nichte kann es auch nicht.“ Bei dieſen Worten ſchüttelte der Cabinetsdirector den Kopf, als ob er dem Kloſterbruder, der ſich noch immer nicht von ſeinem Erſtaunen erholen konnte, das innigſte Mit⸗ leid mit ſeiner geringen Faſſungskraft ausdrücken wollte. Nach einer Pauſe ſetzte er noch, wie mit ſich ſelbſt 92 redend, hinzu:„Die Eva⸗Roſine iſt ein kluges Mäd⸗ chen, ein meiner würdiges Kind, klüger als ich ſelbſt dachte.“ Gleich darauf wandte er ſich wieder an den Mönch und fragte ihn barſch, ob ſeine Nichte nichts noch über andere Dinge mit der Kaiſerin geredet. „O daran habe ich ſie weislich verhindert,“ gab Procop zur Antwort. Khleſl, dem das Blut zum Kopf ſchoß, öffnete ſchon die Lippen zu einer derben Erwiderung, bedachte ſich aber eines Beſſeren und nickte nur mit dem Haupt, was der Mönch vollkommen richtig, als ein Zeichen der Ver⸗ abſchiedung auslegte.— Er hatte ſchon die Hand an die Klinke gelegt, als ihn der Cardinal zurückrief und mit zur Warnung erhobenem Finger ſagte: „Procop, hütet Euch, je eines meiner Worte zu mißdeuten und mir Pläne zu unterſchieben, die ich nicht habe, nicht haben möchte. Ihr habt mir da etwas von Entwürfen geſagt, deren Scheitern mir, mir, dem alten Khleſl, den Kopf koſten ſollte. Das iſt Unſinn, barer Unſinn, den ich Euch mit chriſtlicher Sanftmuth un⸗ terſage je zu wiederholen, das iſt ferner ein gefährlicher unſinn, den ich Euch heute noch aus chriſtlicher Milde nachſehe, aber für die Zukunft verbiete, das iſt endlich ein Unſinn— ja ſtiert mich immerhin an— der Euch ſelbſt viel leichter als mir den Kopf koſten könnte; ich wenigſtens fühle den meinigen ſo feſt auf den Schul⸗ 93 tern ſitzen, daß ich Euch nur ſtets ein gleiches Gefühl der Sicherheit wünſche.— Ich wiederhole Euch alſo nochmals in beſtimmteſter Weiſe, daß ich keine Ent⸗ würfe habe und mich um die Eurigen nicht kümmere, eben ſo wenig gehen mich die Viſionen Eurer Kloſter⸗ frauen an. Merkt Euch das und nun pax vobiscum!“ Der Pater blieb noch eine Weile wie eingewur⸗ zelt in dem Boden ſtehen, er glaubte zu träumen und konnte lange nicht zur Ueberzeugung kommen, daß er recht gehört habe.— Zuletzt überflog ſein Geſicht ein un⸗ gläubiges Lächeln und er begann:„Ach, Eure Eminenz ſollte doch einen treuen Diener nicht ſo hart auf die Probe ſtellen.— Ich weiß ja, was ich zu denken habe.“ „Euer Denken kümmert mich nicht, das macht mit Eurem Beichtiger aus. Nochmals Gott mit Euch!“ Hier nickte der Cardinal wieder, griff haſtig nach einem ſeiner Papiere und ſank wie erſchöpft in den Lehnſtuhl zurück. Procop, der einſah, daß er keine weitere Anrede wagen dürfe, griff nach ſeinem Kopf, als ob er ſich ſei⸗ nes Daſeins verſichern wollte, und ging troſtlos fort. Als ſich die Thüre geſchloſſen und der Schall der Tritte weit genug entfernt hatte, beugte ſich Khleſl mit dem Lächeln der Selbſtzufriedenheit über den Tiſch, ſchnitt ſich ein Stück Schinken ab und aß mit vortrefflichem Appetit, den nichts als der Ruf des Kammerdieners, daß 94 Herr von Tſchernembl im Vorſaal einer Audienz harre, zu unterbrechen vermochte. Khleſl, welchen der Eintritt des Mönches ſo un⸗ angenehm berührt hatte, rieb ſich bei der Anmeldung des Proteſtanten⸗Chefs die Hände. Er ſagte ſich: „Endlich, endlich kommt der Mann, auf den ich ſeit nahebei zwanzig Jahren vergebens wartete. Es iſt wahr, der Mann hat die Verbindlichkeit, die er gegen uns hatte, ehrenhaft gelöſt; wir danken ihm die Hülfe der Ob der Enſiſchen Stände gegen Kaiſer Rudolph, die raſche Huldigung des gegenwärtigen Kaiſers in beiden Oeſterreich, das Niederhalten des Ungeſtüms der cal⸗ viniſtiſchen Edelleute, mit einem Wort, wir ſind ſeine Schuldner. Er hat uns manchen guten Rath ertheilt, und manchen ſchriftlichen Auftrag meiſterhaft durchge⸗ führt, aber der Mann iſt ein ſelbſtändiger Charakter, und das iſt ſchade, wir hätten aus ihm was Ordentli⸗ ches machen können, wenn er gewollt hätte. Aber was thut das zuletzt, wenn man nur Alles und Jedes nach ſeiner Eigenthümlichkeit zu benützen verſteht? Darum willkommen, mein beſter Herr!“ Nach dieſem Selbſtgeſpräch befahl der Cabinets- Director, noch einen Römer auf den Tiſch zu ſetzen, dann ließ er den Küchenmeiſter holen und fragte ihn, was zur Stunde gar gekocht wäre. Der Küchenmeiſter, ein kleines, zierlich gekleidetes Männchen, deſſen Geſichts⸗ 95 züge eine Art Ehrgeiz bargen, den man den Ehrgeiz der Küche nennen könnte, antwortete:„Eure Eminenz weiß, daß für jede Stunde des Tages geſorgt iſt; in dieſem Augenblicke erfüllen zwei Kapaunen, übergoſſ en mit einer köſtlichen Zimmettunke, die Küche mit ihrem feinen Duft, dann bräunen ſich ſo eben die kleinen Fleiſchpaſtetchen, welche Eure Eminenz einer ſo gerech⸗ ten Neigung würdigen, item haben wir friſches Piscaten⸗ brot mit Piſtacien und Mandeln gefült, und verzuckerte Orangenſchalen.“ Der Cardinal antwortete, indem er dem Küchen⸗ meiſter, einen würdigen Kunſtgenoſſen des Herrn Benoit, zufrieden auf die Schulter klopfte:„Ich weiß, daß Ihr Eure Sache gut macht und den alten Khleſl liebt, alſo ſputet Euch und ſendet mir die zwei Kapaunen und zwei Gedecke; den Kellermeiſter aber laßt wiſſen, daß er von dem älteſten Rheinwein meines Kellers, merkt wohl, von dem älteſten, von dem nur Se. Majeſtät und ich ein paar Fäßchen beſitzen, heraufſchicke.“ Der Küchenmeiſter entfernte ſich mit einer ſtummen Ver⸗ beugung, ſein Geſchäft auszurichten. Um die Freundlichkeit des ſtolzen Prälaten gegen einen ſeiner Haus⸗Officiere zu verſtehen, müſſen wir aufmerkſam machen, daß Khleſl, obwohl von Natur nicht ſonderlich mißtrauiſch, es doch für angemeſſen, hielt, Küchen⸗ und Kellermeiſter noch durch ein anderes Band 96 als das der jährlichen Bezahlung an ſich zu ketten. Die Geſchichte jener Zeit bekundet es hinreichend, daß man⸗ cher Gewaltige an einem ſaftigen Kapaun oder einem friſchen Trunk Weines zu Grunde ging. Khleſl hatte zwar bisher auf dem Grunde ſeines Bechers keinen ver⸗ dächtigen Bodenſatz entdeckt, und an keinem Braten ir⸗ gend eine Zuthat verſpürt, die zum Argwohn Anlaß ge⸗ ben konnte; ſeine Kutſche war aber in der Nähe der Stadt Baden von rußgeſchwärzten Geſellen unter Todes⸗ drohungen angefallen worden und nur dem Zufall, daß er die Kutſche voranfahren ließ und ſelbſt einen kürzeren Fußweg einſchlug, hatte er ſeine Rettung zu danken; aber auch in Prag hatte man ſchon einmal ſein Verderben beſchloſſen, dem er nur durch die rechtzeitige Warnung treuer Freunde entronnen war. Der Verlauf dieſer Er⸗ zählung wird endlich zeigen, in wie weit die Beſorgniſſe des Cabinetsdirectors gegründet waren. Der Cardinal hatte alſo Recht, die Hände, welche ven Tiſchtrunk kredenzten und das Mahl auftrugen, zu dergolden. Der Küchenmeiſter hielt für Freundſchaft, was Vor⸗ ſicht, und der Kellermeiſter für Freigebigkeit, was nichts als eine Lebensaſſecuranz war, die der ſonſt eben nicht verſchwenderiſche Prälat bezahlte. Kaum hatte ſich der Küchenmeiſter entfernt, ſo winkte er dem Kammerdiener, eben demſelben„Mar⸗ 97 tin,“ welchem er nachmals das für unſere Zeit ſehr bedeutende, für jene Tage aber vollends übergroße Le⸗ gat von tauſend Ducaten teſtamentariſch feſtſetzte, und befahl ihm, die zwei hohen Kaſten im anſtoßenden Zim⸗ mer zu öffnen. Es waren zwei häuſerähnliche Unge⸗ thüme, aus Eichenholz aufgebaut und mit allerlei Zier⸗ rath geſchmückt. Hölzerne Schnörkel zogen ſich von der zimmerhohen Decke bis zu den Füßen der beiden Häng⸗ käſten nieder. An den Wänden derſelben waren über⸗ dies noch Heiligenbilder angebracht, die mit den lebhaf⸗ teſten und dauerndſten Farben gemalt waren. Einen dieſer beiden Kaſten öffnete Martin und blickte, nachdem beide Flügel weit offen ſtanden, ſeinen Herrn fragend an. Der Cardinal näherte ſich und unterzog den In⸗ halt des Schreines einer raſchen Muſterung. Dieſer Inhalt beſtand in Röcken von allerlei Far⸗ ben, Größenverhältniſſen und Stoffen; als Khlefl die zahlloſen Röcke ſchnell überblickt hatte, bezeichnete er ein Kleidungsſtück, es war eine Simarre aus veilchen⸗ blauem geblümten Atlas, innen mit Zobel gefüttert. Dieſes langte der Kammerdiener vom Haken, an dem es befeſtigt war, herab und half es ſeinem Herrn anziehen. Als Khlefl bemerkte, daß es ihm gut, am Leibe ſaß, rief er vergnügt:„Jetzt mag er kommen!“ Haas: Der alte Cardinal. I. 7 VI. Capitel. Zwei Auguren! Erſt als die beſprochenen Anſtalten getroffen waren, ließ der Cardinal Herrn von Tſchernembl eintreten. Ein wohlwollendes Lächeln hatte ſich auf den Lip⸗ pen des Prälaten gelagert. Er hatte das vor ihm ſtehende Glas zur Hand genommen, als hätte er eben im Be⸗ griff geſtanden, es zu leeren, dann rief er dem Anpo⸗ chenden ein freundliches„Herein“ entgegen. Nichts, gar nichts war von dem Cardinal bekannt⸗ lich innewohnendem Stolz zurückgeblieben, ja das Außer⸗ ordentliche geſchah: Khleſl erhob ſich anſcheinend mühe⸗ voll aus ſeinem Lehnſtuhl und machte Miene, das Glas in der Hand, dem Ankömmling entgegen zu gehen. Tſchernembl, es war das erſte Mal, daß der kühne Landſtand mit dem Miniſter des Kaiſers perſönlich zuſam⸗ 99 mentraf, blieb einen Moment, als ob er ſeinen Augen nicht traute, erſtaunt auf der Schwelle ſtehen. Wir benützen dieſen Augenblick, um uns den Frei⸗ herrn anzuſehen. Tſchernembl war ſeit ſeiner Reiſe nach Frankreich um zwanzig Jahre älter geworden; zwanzig Jahre gehen an keinem Menſchen ſpurlos vorüber, zwan⸗ zig Jahre laſſen Merkmale zurück, zwanzig Jahre bilden einen großen Kreisabſchnitt der menſchlichen Lebenscurve. Die Haare des Landſtandes ließen ihre einſtmalige Farbe nur ſchwer erkennen, gegenwärtig waren ſie aſch⸗ grau; an der freien offenen Stirne traten bereits einzelne Runzeln auf und ſelbſt der Schnur⸗ und Stutzbart fing zu ergrauen an, die Geſtalt des Freiherrn war voller geworden und der Kopf hatte eher an Bedeutung gewon⸗ nen als verloren. Tſchernembl hatte das fünfzigſte Jahr überſchritten, konnte aber als Vierziger gelten; er lebte im Gefühl und Bewußtſein der vollen Manneskraft, thätig nach Au⸗ ßen und genußfähig in Kunſt und Leben. Wie ſagten, daß der Freiherr einen Augenblick ſte⸗ hen blieb; als er ſich den frohmüthigen Cardinal hin⸗ länglich betrachtet, ging er raſch auf ihn zu, ergriff die von Khlesl ihm dargebotene Hand und ſchüttelte ſie derb, ſtatt ſie, wie der Prälat vielleicht erwartet hatte, zu küſſen. Der Cardinal ergriff ihn ſeiner Seits beim Arm, führte ihn zu einem ihm gegenüber befindlichen Stuhl 7* 100 und ſprach:„Welch glücklichem Zufall oder Geſchick hab' ich es zu danken, einen Mann, den ich, obgleich in vielen Dingen mein Widerſacher, ob ſeiner Talente ſchon lange bewunderte, bei mir zu ſehen?“ Tſchernembl, der ſo freundlichen Empfang bei den bekannten Geſinnungen des Cardinals nicht erwarten durfte, konnte ſeine Verwunderung nicht bergen. Dies bemerkte Khleſl und ſagte, ehe Tſchernembl zum Wort gelangen konnte:„Gewiß, man hat Euch den alten Khleſl als einen hochfährtigen, grämlichen Mann geſchildert, den das Alter unduldſam und hart gemacht hat? Ihr habt gewiß nicht gedacht, daß ich noch eines Lächelns fähig wäre? An derlei bin ich gewöhnt und hab' es, unter uns geſagt nicht ungern, wenn man es glaubt und die, ſo von mir fortgehen, eine beſſere Meinung mit ſich wegtragen, als jene war, mit der ſie kamen.“ Abermals wollte Tſcher⸗ nembl reden, aber der Cardinal ſchnitt ihm freundlich lächelnd das Wort ab, indem er ihm eigenhändig das Glas füllte und zugleich aus ſeinem Becher auf Cſcher⸗ nembls Wohl trank. Tſchernembl war mit den Sitten der großen Welt jener Zeit zu vertraut, um die Herablaſſung und Freund⸗ lichkeit ſeines Wirthes nicht gebührend zu ſchätzen und zu erkennen, daß der Kirchenfürſt für's Erſte nicht geneigt ſei von Geſchäften zu reden. Er trank alſo artig dan⸗ kend dem Cardinal zu. 101 Als wenige Augenblicke nachher die ſtattlichen Ka⸗ paune in der gerühmten Zimmttunke erſchienen, war eben ſo wenig Zeit zu redeu. Dazu kam noch, daß Khleſl wi⸗ der ſeine Gewohnheit die Aufwärter zur Bedienung im Zimmer behielt, ein Umſtand, welcher jede vertrauliche Beſprechung unmöglich machte. Tſchernembl fügte ſich dieſem Zwang anfänglich ſeufzend, bis die halbe Flaſche älteſten Rheinweines ge⸗ trunken war, dann ſchien ſich der Freiherr, deſſen Schwäche für Tafelfreuden der Cardinal ſo gut wie alle Welt kannte, mit weniger Ungeduld in ſein Schickſal zu ergeben und als erſt die zweite und dritte Flaſche die zuerſt aufge⸗ ſtellte erſetzt hatten und der Cabinetsdirector nicht aufhörte zu lächeln und mit an ihm ungewohnter Milde von dem Starrſinn der ſtreitenden Parteien in Kirche und Staat zu ſprechen, da fühlte ſich Herr von Tſchernembl, ohne darum ſeine kluge Vorſicht aufzugeben, ſo gemüthlich, als wenn er mit ſeinen politiſchen Freunden, den Herren von Thonradl, Kunigsberg, Hofkirchen u. ſ. w. zuſammenſäße. Als Khleſl nun bemerkte, daß ſich die Wangen des Freiherrn höher färbten und ſeine Haltung mit jeder Minite ungezwungener wurde, ließ er die Dienerſchaft abtreten. Tſchernembl konnte ſich gegen den Miniſter der Bemerkung nicht entbrechen:„Euere Eminenz verſteht 10² ſich darauf den Wirth zu ſpielen; in der That war es Zeit, daß ſich dieſe Geſellen entfernten.“ Khleſl erwiederte bedächtig:„Alles zu ſeiner Zeit, Bedienung, ſo lange man ihrer bedarf und Ungeſtört⸗ heit, ſo bald ſie noth thut und jetzt ſagt an, mein be⸗ ſter Freiherr, was Euch hieher führt?“ „Eine Kleinigkeit, Cardinal, eine pure Kleinigkeit, es handelt ſich darum, daß mich ein ſchurkiſcher Pfaffe aus reinem Brotneid beim hohen Conſiſtorium verklagte, daß ich einige Wiener Bürger bei meinem Hausgot⸗ tesdienſt zuließ. Ihr wiſſet, daß Se. kaiſerliche Majeſtät uns Herren und Ständen freie Religionsübung bewilligte, und ſo habe ich den gelehrten Chitraeus aus deutſchen Landen hieher verſchrieben, um das Wort Gottes auf Art unſres großen Reformators zu verkünden. Weil nun außer meiner Familie ein paar ehrliche Strumpf⸗ wirker oder Schuſter dem Gottesdienſt anwohnten, ſchlug der heilloſe Pfaff— Euer Gnaden halten zu Gute— einen Höllenlärm. Der Schelm erreichte ſeinen Zweck, denn man ſchickte mir vor ein paar Tagen dieſen Wiſch — hiemit zog der Freiherr einen Beſcheid aus der kai⸗ ſerlichen Kanzlei hervor. Aus dem Geſalbader konnte ich nur ſo viel entnehmen, daß mir die Schließung meiner Hauscapelle anbefohlen wird, und dieſer Wiſch, der gegen unſere wohlverbrieften Freiheiten verſtößt, iſt obendrein von Eurer Eminenz unterfertigt!“ 103 Statt bei der wenig anſtändigen Weiſe, in welcher der von dem genoſſenen Wein anſcheinend aufgeregte Tſchernembl ſeine Beſchwerden vortrug, aufzufahren, wie es Khleſl in hundert ähnlichen Fällen gethan haben wür⸗ de, beantwortete der Cardinal Tſchernembl's Rede mit einem unnachahmlich milden Lächeln, das nicht ganz frei von leiſem Spotte war:„Wenn es nur das iſt, mein Beſter, ſo laßt es Euch doch nicht den genoſſenen Trunk verleiden. Ich habe Zeit meines Lebens alle Gewaltthätigkeit gehaßt und Ihr werdet trotz Eurer ab⸗ weichenden Meinungen geſtehen müſſen, daß ſich mein Regiment vortheilhaft genug von dem des verſtorbenen Kaiſers und noch mehr von dem der Erzherzoge unter⸗ ſcheidet.“ Tſchernembl machte ein Zeichen der Bejahung, wor⸗ auf der Cardinal zufriedengeſtellt fortfuhr:„Wenn ich im Großen und Ganzen die Gewalt verabſcheue und jedem andern Mittel den Vorzug einräume, wie ſollte ich im Privatleben und einzelnen Perſonen gegenüber die Strenge zum Aeußerſten treiben?— Ich mag nicht wiſſen, ob die Anweſenheit von ein paar Wiener Bürgern — das Wort paar betonte er auffällig ſcharf— ganz zufällig war; ich mag nicht wiſſen, ob ſich Herr Chitraeus jedes Angriffes auf unſere heilige Kirche— wie be⸗ kannt, eine Hauptbedingung der gnädigen kaiſerlichen Nachſicht— gänzlich entſchlug. 104 Ihr werdet mir, dem alten Khleſl, Euer Wort als Ehrenmann und Cavalier geben, daß künftig in Eurer Capelle nur Familiengottesdienſt gehalten werden ſoll und— hiemit ergriff er das Papier, welches Tſchernembl noch immer in der Hand hielt und zerriß es— ich habe einen Mann mehr, welcher den alten Khleſl richtiger beurtheilen wird, als die Menge.“ So klug Tſchernembl auch war, ſo vermochte er doch ſo vieler Herzlichkeit nicht zu widerſtehen, er reichte alſo dem Cardinal, gleichſam dankbar, eine weiße ſchön geformte Hand, deren Finger koſtbare Ringe ſchmückten. Der Miniſter bezwang auch diesmal den geheimen Un⸗ muth, welchen der ſtolze Prieſter über die geringe Ach⸗ tung empfand, welche der Freiherr für die geiſtliche Würde an den Tag legte, und drückte die ihm dargebotene Hand. Endlich hub er wieder an, als gehorche er einer plötzlichen Eingebung:„Seht, Herr von Tſchernembl, Ihr habt mich vielleicht für Euren perſönlichen Feind an⸗ geſehen, während ich doch nur der natürliche Gegner Eurer Parteimeinung bin, ein Gegner, der es übrigens bloß mit Sachen und nie mit Perſonen zu thun hat; zum Beweis deſſen gebe ich Euch den wohlgemeinten Rath, nie von Franzoſen und Ausländern das Heil des Vaterlandes zu erwarten.“ Tſchernembl that, als ob ihn die Rathſchläge des Cardinals nicht mehr oder weniger kümmerten, als Je⸗ 105⁵ dermann, gegen den man gerade dieſe Abſicht äußert. Khleſl, welcher ſeinem Gaſt fühlen laſſen wollte, daß er um ſeine wahren Geſinnungen wiſſen, fuhr unerbittlich wie das Fatum fort:„Es befremdet Euch vielleicht, daß ich gerade Euch dieſen Rath ertheile und ich habe dafür meine guten Gründe.— Tſchernembl horchte hoch auf und neigte den Kopf vorwärts.— Die Franzoſen haben zu allen Zeiten uns Deutſche wieder durch Deutſche bekriegt; ſelbſt die Römer haben in noch viel früherer Zeit ſich der Deutſchen gegen Deutſche bedient; es könnte dieſen Erzfeinden unſerer Nation bei den Wirren, die gegenwärtig in ganz Deutſchland herrſchen, wieder ein⸗ mal einfallen, ihre Zuflucht zu dem alten Kunſtgriff zu nehmen. Mich oder meinen Amtscollega Dietrichſtein kennen ſie nun nicht, denn wir waren nie in Frankreich; Euch kennen ſie, an Euch werden ſie ſich wenden, Euch werden ſie zu umſtricken ſuchen, ich bitte Euch, geht ihnen aus dem Weg.“ Das hieß ſo deutlich geſprochen, daß Tſchernembl mit dem beſten Willen nicht mehr ausweichen konnte; er entgegnete daher etwas empfindlich, er glaube dem Car⸗ dinal noch keine Urſache gegeben zu haben, ihn landes⸗ verrätheriſcher Einverſtändiſſe zu verdächtigen. Khleſl verſetzte ruhig:„Werdet mir nur nicht böſe, mein wer⸗ theſter Gaſt, ich habe Euch einfach einen guten Rath er⸗ theilt, wie ihn mein ſchlichter Verſtand eingiebt und 106 Ihr erhitzt Euch darüber. Ja wenn ich, was gewiß völ⸗ lig grundlos, ſogar unſinnig wäre, behauptet hätte, daß Ihr recht eigentlich, um uns die Franzoſen auf den Hals zu hetzen, in Paris geweſen wäret, daß Ihr Briefe mit dem Anerbieten von Truppen übergeben und König Hein⸗ rich, den Gott im Jenſeits tröſten möge, zum Krieg ge⸗ gen Oeſtereich angeſpornt hättet, in jedem ſolchen Falle hättet ihr vollkommen Recht in Eifer zu gerathen, weil kein Mann von Ehre eine ſolche Zumuthung ruhig hin⸗ nehmen darf. Ich dagegen gebe Euch mein Wort als Prieſter, daß ich ſolchen Gerüchten, wie ſie oft über die ergebenſten Unterthanen verbreitet werden, wie ſie ſelbſt zu meinen Ohren dringen, keinen Glauben ſchen⸗ ken würde. Ja, wenn mir Jemand ein an Euch gerich⸗ tetes hochverrätheriſches Schreiben überlieferte, ich würde es damit ſo machen,— der Cardinal nahm bei dieſen Wor⸗ ten einen Brief aus einem Fach ſeines Schreibpultes, den er ſo lange in der Hand hielt, daß der Freiherr ſehr wohl Zeit hatte, die von Thonradl's Hand herrührende Aufſchrift an:„Den Freiherrn Georg Erasmus Tſcher⸗ nembl, Herrn zu Schwertberg und Windek in Paris“ zu leſen und das Original jenes Schreibens zu erkennen, das ihm Thonradl auf des damaligen Adminiſtrators Khleſl Empfehlung zugeſchickt hatte.— Dann zerriß ihn der Cardinal und warf die Stücke auf die glimmen⸗ den Kohlen, welche das Gemach erwärmten. 107 Tchernembl, für den jedes Wort des Miniſters ein Dolchſtich war, erröthete trotz ſeiner Verſtellungsgabe mehr als ihm lieb war und ſagte, indem er ſich das Anſehen rückhaltsloſer Treuherzigkeit gab: „Was und wie viel Euch von meinem Thun und Laſſen auch bekannt ſein mag, deſſen hat Euch die Er⸗ fahrung wohl ſchon verſichert, daß Ihr von mir und mei⸗ nen Anhängern nichts zu beſorgen habt. Seht, ich ſpreche ſo aufrichtig wie mit einem Vater, ja, ich habe, ſo viel ich mich entſinnen kann, mit meinem Vater nicht ſo um⸗ ſchweiflos geredet; wir lieben und fürchten Euch nicht— O werdet nicht ungeduldig, das Beſte kömmt nach— aber wir ſind entſchloſſen Euch zu ſtützen.“ Der Cardinal, welcher einen ſo hohen Grad von Aufrichtigkeit, die nebenher nicht einmal war, wofür ſie ſich ausgab, gar nicht verlangt hatte und bei dem wenig ſchmeichelhaften Vorderſatz im Begriffe ſtand, die Maske der Freundlichkeit fallen zu laſſen, fand in dem Nachſatz, wenn er nur Wahrheit enthielt, ſo viele brauchbare Elemente, daß er mit dem väterlichſten Wohlwollen ant⸗ wortete:„Ach mein Gott, wie habt Ihr doch ſo ganz die rechte Saite meines Herzens angeſchlagen. Ich bin ein ſchlichter, deutſcher Mann und erwarte dieſelbe Ge⸗ radheit von Jedem, der mir ein Bischen gut iſt. Ich will mit Euch wie mit einem lieben Sohn reden. Ihr ſeid entſchloſſen mich zu ſtützen, ich glaube Euch und 108 wiſſet Ihr, warum? weil es die klügſte Partie iſt, die Ihr ergreifen könnt. Ich bekehre zwar auch ſo viel ich kann, aber meine Bekehrungen führe ich nicht mit Feuer und Schwert durch; ich ſuche ebenfalls ſo viel als möglich die lutheriſchen Bücher außer Gebrauch zu ſetzen, aber ich trage ſie nicht auf einen Stoß zuſammen und laſſe die Gaſſenjungen um den brennenden Scheiterhaufen zum Hohn Eurer Glaubensgenoſſen tanzen und ſingen; ich heiße die Halsſtarrigen auch aus den bekehrten Orten ziehen, aber nur dann, wenn ſie die Zurückgetretenen beunruhigen. Ihr werdet zugeben, daß es noch ganz andere Bekehrungsmethoden giebt, als die meine. Wenn Ihr auf meiner Seite bleibt, ſo kämpft Ihr für die Mä⸗ ßigung gegen den Fanatismus, für die Erhaltung Eurer Lehrmeinung gegen die Ausrottung, deshalb liebt und fürchtet mich nicht, liebt Euch aber dagegen ſelbſt ſo ſehr, um meiner Regierung gegen den gemeinſamen Feind bei⸗ zuſpringen.“ „Das wollten wir von Herzen gern, wenn uns Je⸗ mand verſicherte, daß Ihr unſere Rechte und Freiheiten ſtets aufrecht erhalten würdet.“ „Ich thu' es ohne Bedenken.“ „Es könnte Euch aber eines Tages reuen.“ „Wie kann ich Euren Argwohn vernichten.“ „O ſehr leicht. Zeigt mir nur wie Ihr ſchreibt.“ 109 „Was ſoll ich ſchreiben?“ „Einen Revers.“ „Im Namen des Kaiſers?“ „Bei Leibe nicht, einfach im Namen Melchior Khleſl's.“ „Und was ſoll dieſer Revers enthalten?“ „Euer prieſterliches Wort, daß Ihr uns bei unſern Privilegien und Freiheiten ſchützen wollt.“ „Ihr ſcherzt.“ „Ich?“ „Ohne Zweifel Ihr, da Ihr mir einen ſolchen Vor⸗ ſchlag macht.“ „Ich mache mich in gleicher Weiſe anheiſchig, Euch in jedem billigen Begehren zu unterſtützen.“ „Ei da haben wir's, in jedem billigen Begehren, was haltet Ihr aber für billig? Wenn ich nun zum Bei⸗ ſpiel von Euren Mitſtänden im Land Ob der Enns eine kleine Vergütung, irgend ein freiwilliges Geldgeſchenk für die Mühwaltung beanſpruchte, welche der Schutz des Landes vor Werbeplätzen und Kriegsvolk koſtete?“ „Wir würden, glaube ich, die Vergütung ohne ein Wort zu verlieren bezahlen.“ „Iſt das Euer Ernſt?“ „So ſehr, daß ich nur Eure Eminenz bitte, die Summe zu beſtimmen.“ Was meintet Ihr zu viertauſend Gulden?“ 1 110 „Ich meine, daß ich meinen Genoſſen nicht dazu rathen werde.“ „Ja, wenn Euch ſchon dieſe Kleinigkeit zu viel dünkt, ſo ſagt mir wenigſtens, welche Summe Euch annehm⸗ bar ſcheint?“ „Mindeſtens ſechs tauſend Gulden.“ „Aber das iſt ja mehr als ich verlangt habe.“ „Ich war aber der Meinung, daß Ihr zu wenig verlangt habt.“ „Und glaubt Ihr, daß Euer Antrag auf dieſe Re⸗ muneration durchgehen wird?“ „So ſicher, daß es das Nämliche wäre, wenn ich Euch die Summe gleich hier ausbezahlte.“ „Was aber nicht möglich iſt,“ ſagte der Cardinal mit einer bitterſüßen Miene, bitter, weil er wirklich ein⸗ ſah, daß Tſchernembl ihm die Summe nicht augenblick⸗ lich auf den Tiſch zählen könne, ſüß dagegen, weil ihm ſelbſt die zweifelhafte Ausſicht, ſchnell zu einer Geldſumme zu gelangen, von deren Erhebung er noch vor einer Vier⸗ telſtunde auch nicht geträumt hätte, willkommen war.“ Tſchernembl zog eine lederne Taſche hervor und kramte eine Weile in ihren Eingeweiden herum, der Car⸗ dinal verwandte keinen Blick von der Taſche und folgte jeder Bewegung der Finger des Freiherrn, endlich zog Tſchernembl einige Pergamentſtreifen hervor und bot ſie dem Cardinal. Es waren Schuldſcheine der ober⸗ öſterreichiſchen Stände im ungefähren Werth von ſechs tauſend vierhundert Gulden, für welche Tſchernembl zu beſonderen ſtändiſchen Zwecken, namentlich aber behufs der Vertheidigungs⸗Anſtalten des Landes baares Geld ſchaffen ſollte. Tſchernembl dachte, daß er in dem Cardinal die beſte Vertheidigungsanſtalt bezahlte und hielt ihm die Schuld⸗Verſchreibungen hin.— Khleſl wandte das Ge⸗ ſicht ab und murmelte:„Nein, es geht wahrhaftig nicht!“ ſtreckte aber zugleich maſchinenmäßig beide Hände nach den Urkunden aus, als hätte er ſeine eigenen Worte Lügen ſtrafen wollen. Als ſich die Verſchreibungen einmal in ſeinen Hän⸗ den befanden, wußte Khleſl auch wieder ganz Herr der Lage zu ſein, er durchlief ohne falſche Scham und Zau⸗ dern den Inhalt und ſtellte eine Verſchreibung, die auf achthundert Gulden lautete, mit dem Bedeuten, daß er um vier hundert Gulden zu viel empfangen habe, zurück. Der Freiherr legte ſie gleichmüthig auf das Schreib⸗ pult des Kirchenfürſten und ſagte: Eure fürſtliche Gna⸗ den vergeſſen, daß wir oberöſterreichiſchen Stände auch Katholiken unter unſern Mitgliedern zählen, die ſehr erfreut ſein werden, daß Se. Eminenz für ſie einige Meſſen perſolviren will. 11² „Ihr habt vollkommen Recht,“ erwiederte Khleſl ſalbungsvoll,„und ich erkenne an dieſer Aeußerung den vorurtheilsfreien Kopf. Die heiligen Meſſen für Eure katholiſchen Mitſtände ſollen in den beiden Domkirchen von Wien und Neuſtadt celebrirt werden. Jetzt aber zu Euerem früheren Vorſchlag; mich dünkt die Ausſtel⸗ lung jener Verſicherung, nennen wir es deutſch Ver⸗ ſicherung ſtatt des verwälſchten Reverſes, wenn ich es recht überlege, nicht ſo abſolut unmöglich.“ „Das dachte ich von vorn herein.“ „Würde es aber nicht ein bloßer Handſchlag thun?“ „Für meine Perſon gewiß; Ihr müßtet aber folge⸗ richtig jedem meiner Genoſſen den Handſchlag geben, was etwas umſtändlich wäre.“ „Nicht blos umſtändlich— Ihr vergeßt das Schlimmſte daran— es würde Aufſehen erregen.“ Der Cardinal dachte einen Augenblick nach und ſagte dann plötzlich:„Mit dem Handſchlag geht es nicht, mit der geſchriebenen Verſicherung aber auch nicht.“ Tſchernembl, welcher das Document ſchon in der Taſche zu haben vermeinte, fragte überraſcht:„Weshalb nicht, Herr Cardinal?“ „Weil ich ein ſo kitzliches Ding, wie dieſe Ver⸗ ſicherung, nicht an die große Glocke hängen kann, weil ich mich nicht der Gefahr ausſetzen will, daß die Ur⸗ kunde meinem Feinde, dem Erzherzoge producirt wird.“ 113 Tſchernembl lächelte geringſchätzig und verſetzte: „Wenn es nur das iſt, dann mag Eure Eminenz im⸗ merhin die Verſicherung ausſtellen und darüber ruhig ſchlafen.“ „Wie, Ihr wüßtet einen Ausweg?“ „Und das einen ſehr nahe gelegenen.“ „Ich ſehe ihn nicht.“ „Ich will ihn Euch zeigen.“ „Wo iſt er?“ „Ich ſtelle Euch die Gegenverſicherung aus, daß wir proteſtantiſchen Stände Ober⸗ und Nieder⸗ Oeſter⸗ reichs die Regierung Sr. Majeſtät des Kaiſers und alle von ihm getroffenen Maßregeln inſolange unter⸗ ſtützen wollen, als Ihr, Cardinal Khleſl, in Amt und Würden bleibt. Ihr werdet Euch mit meiner Ver⸗ ſicherung begnügen, da Ihr meinen Einfluß und das Vertrauen der Mitſtände zu mir hinlänglich kennt, um nichts weiter zu fordern. Es verſteht ſich, daß der Vertrag höchſt perſönlicher Natur iſt, und mit dem Tod oder amtlichen Rücktritt der Paciscenten erliſcht. Eben ſo gut begehren wir nicht, daß Eure Verſicherung von Megau, Krenberg, Barvitius und weiß Gott, von wem noch, gezeichnet ſei, Eure Unterſchrift genügt. Ihr ſeht, daß es ſich ſchließlich nur um einen Vertrag zwi⸗ ſchen uns Beiden handelt. Habt Ihr das hinreichende Vertrauen in meine Redlichkeit, ſo ſchlagt ein!“ Haas; Der alte Cardinal. I. Khleſl blickte den Landſtand eine Weile forſchend an, als ob er mit ſeinen klaren Augen den äußeren Menſchen durchdringen und in Kopf und Herz leſen wollte. Tſchernembl hielt den Blick des Cardinals, ohne auch nur ein Augenlid zu bewegen, aus. Khleſl ſprach:„Ihr ſchwört, daß Ihr die Schrift, die ich Euch übergebe, eher vertilgen, als dulden wollt, daß ſie in die Hände meiner Gegner gelange?“ 4 Tſchernembl wandte ſich gegen ein Crueifix, wel⸗ ches beſtändig auf dem Arbeitstiſch des Kirchenfürſten ſtand, und ſagte:„Ich ſchwöre!“ Der Cardinal ſetzte ſich nun an das Pult und ſchrieb einige Zeilen nieder. Ihre Faſſung war eine ſolche, daß ſie ihm, ſelbſt im Fall einer Entdeckung, nur wenig gefährlich werden konnten, falls die Gegner nicht Sinn und Inhalt völlig verdrehten. Das Docu⸗ cument lautete ungefähr:„Ich Endesgefertigter ver⸗ ſichere die verehrten Herren Stände im Erzherzogthum ob und unter der Enns bei den ihnen von Sr. Maje⸗ ſtät dem Kaiſer als Erzherzog von Oeſterreich im Jahre 1608 erneuerten, beſtätigten und ertheilten Privilegien, worunter das freie Exercitium Religionis in ihren Schlöſſern, Dörfern, Feſtungen, dann in Städten und Privathäuſern, zu ſchützen und zu erhalten, wie es mir als getreuem Diener des Kaiſers geziemen will.“ 11⁵ Tſchernembl nahm die wohl unterfertigte und be⸗ ſiegelte Urkunde an ſich, und ſtellte dagegen die Ver⸗ ſicherung der Unterſtützung von Seite ſeiner Genoſſen aus, welche der Cardinal haſtig zu ſich ſteckte. Tſchernembl begleitete die Bewegung des Cardi⸗ nals mit den Worten:„Das gilt aber nur inſolange, als Ihr an der Gewalt ſeid; wenn einmal der König Ferdinand an die Spitze der Geſchäfte tritt—“ „Das iſt es eben,“ fiel der Cabinetsdirector in's Wort,„was mich noch in's Grab bringt— der Ge⸗ danke, daß die Haſt eines jungen Mannes zerſtören ſoll, was ich ſo mühevoll begründete. Ich habe es ſchon geſagt, daß ich mich als Euren Vater betrachte, aber ein Vater pflegt vor ſeinen Kindern kein Geheimniß zu haben.— Es war mir zeitlebens nichts widriger, als die Geheimnißkrämerei der Diplomaten. Glaubt mir, Herr von Tſchernembl, Offenherzigkeit bekundet die Meiſterſchaft in der Staatskunſt. Weg mit all' dieſen kleinlichen Wichtigthuereien!— Da nehmt dieſes Blatt zur Hand, lest es aufmerkſam durch und ſagt dann noch wie ſo Viele, daß der alte Khleſl ein falſcher Tuckmäuſer ſei, dem Niemand trauen dürfe.“— Bei dieſen Worten reichte ihm der Cardinal jene dringende Vorſtellung des Erzherzogs Max, betreffs der Erbfolge Ferdinand's, welche bereits, wie wir aus den Zornes⸗ äußerungen des Hoch⸗ und Deutſchmeiſters wiſſen, die 8 Runde an den proteſtantiſchen Höfen Deutſchlands machte, obgleich ſie dem Cardinal im tiefſten Vertrauen mitgetheilt worden war. Khleſl wußte recht wohl, daß der Inhalt dieſes Schreibens nach wenigen Tagen ſelbſt in Wien kein Geheimniß mehr ſein würde, er benützte daher das et⸗ was dringlich gehaltene Anſuchen des Erzherzogs, die Proteſtanten in Umuhe zu verſetzen und ſeinen Plänen und Entwürfen geneigt zu machen. Die Proteſtanten ſollten die Ueberzeugung gewinnen, daß Khleſl's Regi⸗ ment noch eine Wohlthat ſei, die man ſich um jeden Preis zu erhalten ſtreben müſſe. Es war alſo keineswegs ein Ausbruch von Leiden⸗ ſchaftlichkeit oder der wirkliche Beweis eines argloſen Herzens, welchen wir in der Mittheilung der erzherzog⸗ lichen Staatsſchrift erblicken. „Was ſagt Ihr dazu?“ fragte der Cardinal erwar⸗ tungsvoll, als er bemerkte, daß Tſchernembl zu leſen aufgehört hatte. „Ich ſage, daß ich die Nachfolge Ferdinands für ein großes Unglück anſehe.“ „Ihr hieltet alſo eine directe Nachfolge für wün⸗ ſchenswerth?“ „Ich verſtehe Euch nicht.“ „Ich frage, ob Ihr und Eure Freunde nicht wünſch⸗ 117 tet, daß die Krone in der Familie des alten Kaiſers bliebe?“ „Aber er hat keine Familie.“ „Wer ſagt Euch, daß es immer ſo ſein wird.“ „Ei, es denkt Niemand anders.“ „Wenn aber die Kaiſerin dennoch...“ „Unmöglich!“ „Unmöglich! Was heißt Ihr unmöglich? Man hat noch ganz andere Dinge für unmöglich gehalten, die ſich ſpäter doch als möglich und wirklich heraus ſtellten, indeß wollen wir uns über das Wort nicht ſtreiten; ich fragte Euch, wenn mir recht iſt, ob Ihr nicht lieber einen Sohn des Kaiſers als jenen Ferdinand von Steiermark auf dem Thron ſähet?“ Tſchernembl, dem es mit ſeinem Staunen bei dem Tiefblick, den er beſaß, nicht Ernſt ſein konnte, erwie⸗ derte dem Cardinal, daß er ſich wohl ſelbſt vorſtellen könne, wie die Proteſtanten lieber den Belzebub ſelbſt als den ſteiriſchen Ferdinand auf den Thron ſetzen würden. „Wohlan,“ ſagte hierauf Khleſl,„würdet Ihr alſo Euren Beiſtand leihen, wenn der Fall einer Vormundſchaft einträte?“ „Ohne Bedenken ſage ich ja.“ Der Cardinal verſetzte:„Ich wollte nur wiſſen, wie Ihr von dieſem oder jenem Falle denkt; der Kaiſer iſt kinderlos, der vorhin aufgeſtellte Caſus wird darum 118 nicht eintreten. Jezt aber trinkt, mein beſter Freiherr, und laßt mich nicht glauben, daß Euch mein Geſpräch Hunger und Durſt verleidet.— He Martin! eine neue Flaſche, und etwas Süßes; das macht einen angenehmen Geſchmack.“ Die Gläſer wurden friſch gefüllt, der alte Herr trank ſeinem Gaſt mit der ganzen Gemüthlichkeit eines wohlwollenden Hausvaters zu, Tſchernembl that als zärt⸗ lich liebender Sohn Beſcheid und Martin beeilte ſich jedem Wink ſeines Herrn zu gehorchen. Die Sonne war bereits im Sinken, als der Baron von Khleſl Abſchied nahm. Der Miniſter ſchloß ſeinen Gaſt in die Arme und geleitete ihn trotz ſeiner ſcheinbaren Preßhaftigkeit bis an die Schwelle ſeines Gemaches. VII. Capitel. In welchem Capitain Sckart erfährt, daß es Angriffe giebt, die man nicht mit Stoß und Hieb pariren kann. Vierzehn Tage, nachdem der Erzherzog Abſchied von Winkel und ſeinen Bewohnern genommen hatte, konnte man einen hübſchen jungen Officier der Stauderiſchen Knechte durch die Straßen Wiens luſtwandeln ſehen. Den jungen Officier kleidete die kriegeriſche Tracht jener Zeit vortrefflich. Er trug fein lederne Stulpſtiefel an den Füßen, dunkelfarbige weite Beinkleider, ein braunes ſilber⸗ geſticktes Wamms, über welches die grüne öſterreichiſche Feldbinde von der Schulter ſchräg herablief, einen brei⸗ ten Ringkragen und ein Baret mit weißer Feder. Ein gutes Schwert hing an ſeiner Seite. Der junge Officier war in Wien eben angelangt, und hatte nur ſo viel Zeit gefunden, ſich in das völlig neue noch unbe⸗ 120 rührte Gewand zu werfen, und nicht ohne alle Eitelkeit den erſten Gang durch die Stadt zu thun. Daß der Sohn des Deutſchmeiſters und Frau von Roſenberg's ein hübſcher Junge war, wiſſen wir; es darf uns daher nicht Wunder nehmen, wenn die Mädchen dem jungen Krieger nachſchielten und wenn Meiſter Eckart, dieſes Gebahren bemerkend, den Kopf noch etwas höher trug. Oberſt Stauder ſollte erſt des folgenden Tages in Wien einrücken, Eckart hatte daher völlig Muße, die hübſchen Mädchen zu betrachten, die alten Häuſer an⸗ zuſehen, die hohen Dome zu beſuchen und ſich mit der Stadt etwas bekannt zu machen; er hatte, ſagen wir, dazu um ſo mehr Muße, als ſein Vater der Erzherzog ſich gerade in Ebersdorf beim Kaiſer aufhielt. Der junge Mann war noch nicht weit gegangen und befand ſich gerade am Neuenmarkt an der nämlichen Stelle, wo ſich heut zu Tage die bleiernen Figuren Raphael Donners aus und über dem Waſſerbecken er⸗ heben, als er ſich von einem demüthig ausſehenden Ordensmann feſtgehalten fühlte. Eckart, dem die größte Achtung vor allen geiſtlichen Perſonen ſeit ſeiner zarteſten Kindheit eingeſchärft worden war, verbeugte ſich artig und ſchien nicht wenig überraſcht, da, wo er gar keinen Bekannten zu haben glaubte, plötzlich auf Jemand zu ſtoßen, der ihn kannte. Der Geiſtliche, ein ältlicher Mann 121 mit ergrauendem Haupthaar, ſchien offenbar ein äußerſt wohlwollender und freundlicher Prieſter zu ſein, denn er bot ſich dem fremden Officier unaufgefordert zum Führer an.„Ich habe,“ ſagte er mit gutmüthigem Lächeln,„ſo eben meine Geſchäfte beendigt und wollte die freien Augenblicke, die mir karg genug zugemeſſen ſind, be⸗ nützen, um Luft zu ſchöpfen; nun eilte ich durch die Stra⸗ ßen, um Euch aufzuſuchen, denn ich ſagte mir, der junge Mann iſt hier fremd, und hat einen Führer noth.“ Der Officier erröthete, wir wiſſen ſelbſt nicht warum, vermuthen aber aus Beſcheidenheit, daß es ſich ein ſo ausgezeichneter Mann, wie jeder Jeſuit von Natur aus ſein mußte, beigehen ließ, ihn, den unbedeutenden jungen Menſchen, aufzuſuchen. Wir haben wohl nicht noth, auf die ſelbſt in jenen Tagen außerordentliche Erſcheinung aufmerkſam zu machen, daß ſich ein junger Menſch für unbedeutend hielt; dieſe Erſcheinung gränzt aber an das Märchenhafte, Unglaubliche, wenn dieſer junge Menſch der Baſtard eines Erzherzogs iſt. Eckart hielt ſich alſo— ein Reſultat ſeiner extrava⸗ ganten Erziehung— für einen unbedeutenden jungen Mann, und darin irrte der Sohn des Deutſchmeiſters in einem gewiſſen Sinn. Der von ſeinem Vater geliebte Sohn eines Herzogs iſt nie unbedeutend; er iſt es aber noch viel weniger, wenn dieſer Herzog⸗Vater eine ſo vorragende Rolle ſpielt, wie es bei Max von Oeſterreich der Fall war. Was der Deutſchmeiſter gegen Frau von Roſenberg geäußert, daß man in ſeinem Sohn ein will⸗ kommenes Werkzeug erblicken würde, um auf ihn, den Vater, einzuwirken, das ſollte ſich in der erſten Viertel⸗ ſtunde ſeines Aufenthaltes in Wien als richtig bewähren. Freilich war es nicht der Zweck des Jeſuiten, der an der Seite des Officieres einherging, ſich des Erz⸗ herzogs, welcher der Geſellſchaft ohnedies mit Haut und Haar angehörte, noch mehr zu verſichern; es handelte ſich aber darum, den Sohn wie den Vater zu umgar⸗ nen und ſich auch der vielverſprechenden Perſönlichkeit des erzherzoglichen Baſtards für die Zukunft zu ver⸗ ſichern. Auf die Frage des erröthenden Officiers, woher er denn von ſeiner Ankunft gewußt habe, gab der Jeſuit eben ſo einfach zur Antwort, daß der Erzherzog ſeinen Sohn ihrem ganzen Collegium ſo warm empfohlen habe, daß kein Tag vergangen ſei, an welchem ſie ſich nicht nach den zugereiſten Stauder'ſchen Officieren erkundigt hätten. Eckart, durch ſo viele Güte und Freundſchaft ge⸗ rührt, dankte dem Mönch mit einem warmen Händedruck. Beide ſchlenderten gemächlich durch die Straßen und gelangten endlich auf den Stephansplatz, damals noch „Stephansfreithof.“ Hier legte der Pater ſeine Hand auf die Schulter 123 des jungen Officiers und ſagte:„Seht Euch einmal, mein Sohn— Ihr erlaubt doch, daß ich Euch geiſtiger Weiſe meinen Sohn nennen darf?— ſeht Euch einmal dieſen Wunderbau an, ſollte man nicht ſagen, daß dieſer Dom die in Stein verwandelte Andacht der Gläubigen ſei? Kommt es Euch nicht vor, als ob dieſe Säulchen und Knäufe, dieſe Schnörkel und Roſen, kurz dieſe tau⸗ ſendfältigen Verſchlingungen der wahrſte und anſchau⸗ lichſte Ausdruck der göttlichen Geheimniſſe darſtelle?— Jetzt laßt uns aber eintreten.“ Der Pater zog den Officier am Arm in die Kirche hinein; als ſie darinnen ſtanden, hob der Jeſuit wieder an:„Erfüllt dieſes Halbdunkel, dieſes ſich an den farbigen Langfenſtern brechende Licht, dieſe Stille, dieſer Weihrauchgeruch, dieſe Schreine voll Ueberbleibſel ſeliger Blutzeugen, dieſe ernſten Grabdenk⸗ male, erfüllen ſie nicht die Seele mit unendlichem Frie⸗ den? Sagt, junger Menſch, fühlt Ihr Euch hier an dieſem Ort nicht heiliger und beſſer, als Außen— der Jeſuit wies nach der Pforte— im Gewühl des Volkes?“ Eckart mußte geſtehen, daß der Jeſuit mit einem ſeltenen Verſtändniß ſeines Herzens geſprochen hatte, Eckart fühlte das Alles, was der Mönch ſo paſſend und hübſch auszudrücken wußte.— Er nickte daher beja⸗ hend. Der Jeſuit fuhr fort, indem er einen Blick über den Anzug des Jünglings hingleiten ließ:„Vermuthlich 124 Eure Wahl?“— Dabei deutete er auf den kriegeriſchen Rock Eckarts. „Nicht doch, meines Vaters Wunſch.“ „Schön von einem Sohn, wenn er die Wünſche eines ſo liebenden Vaters erfüllt, wie Se. Durchlaucht einer iſt, aber nicht ohne Gefahr.“ „Pr!“ machte Eckart mit einer abweiſenden Geberde. „O ich rede nicht von den Gefahren des Leibes, ich weiß, daß der Sohn eines Helden nicht feige ſein kann, ich ſpreche von jenen Gefahren, welche das Leben im Feldlager mit ſich bringt, von den unordentlichen Begierden, welche durch das böſe Beiſpiel gereizt werden, von dem Blutvergießen, vor dem eine zarte jungfräuliche Seele unwillkürlich zurückbebt, mit einem Wort— hier ſchüttelte der Mönch unaufhörlich den Kopf— ich hätte dieſen Stand nicht gewählt.“ „Und was hätte ich denn für einen nach Eurer Anſicht erwählen ſollen? fragte Eckart, den Unmuth nur mit Mühe unterdrückend. „Was für einen Stand? Es giebt doch ſo viele Gott gefällige Beſchäftigungen. Da habt Ihr gleich den Stand eines wackeren Grundherrn, welcher durch den Schutz, den er unſerer heiligen Religion gewährt, unendlich viel Gutes wirken kann, da habt Ihr den Stand eines Staatsdieners, welcher ſich durch die kluge Leitung der öffentlichen Angelegenheiten unſterbliche Verdienſte 125 erwerben kaun, da habt Ihr endlich Kaufherrn, der mit den errungenen Reichthümern ſich irdiſche Wohlfahrt und die ewige Seligkeit erkaufen mag. Die ehrenwerthen Fugger waren ſchlichte Kaufleute, zweifelt Ihr an ihrem zeitlichen Glück? oder glaubt Ihr, daß dieſe großen Wohl⸗ thäter der Kirche und Armuth nicht der ewigen Freuden theilhaftig wurden?“ „Ihr redet von allen Ständen, nur von Einem nicht?“ Der Mönch ſtellte ſich überraſcht und fragte:„Von welchem Stand hätte ich denn nicht geſprochen?“ „Von Eurem eigenen.“ „Mein Stand! mein Stand! der kommt wohl bei Euch nicht in Frage“— wer das Aufleuchten der Au⸗ gen des Jeſuiten beobachtet hätte, würde aber ganz über⸗ zeugt worden ſein, daß dieſer Stand nach des Jeſuiten Meinung gar ſehr in Frage kam, ja daß der Mönch von vorne herein gar keine andere Abſicht hatte, als dieſe Frage herbeizuführen. Er fuhr fort:„Mein Stand ift ein beſcheidener, demüthiger Stand, nicht ohne Freuden, ich geſtehe es, nicht ohne Befriedigung, ja ich möchte ſa⸗ gen, daß die Reſultate unſerer Bemühungen, je geräuſch⸗ loſer ſie zu Stande kommen, deſto wichtiger und umfaſſen⸗ der ſind, aber Ihr wißt, was von Eigenlob zu halten iſt, und ſo ſchweige ich, aber des Einen darf ich Euch ver⸗ ſichern, daß ich dieſes ſchlichte Habit um Alles in der 126 Welt nicht gegen Euer glänzendes Wamms vertauſchen möchte.“ Der Ordensmann ſagte dies mit ſo aufrichtiger Miene, daß Eckart, dem die Gottgefälligkeit des Mönchs⸗ ſtandes frühzeitig eingeprägt worden war und der ſelbſt einen Bettelmönch zum Lehrer hatte, ſich einen Augenblick ſeiner prunkvollen Kriegertracht ſchämte und das beſchei⸗ dene Habit ſeines Begleiters mit einer Art Neid anſah. „Ach mein Gott!“ rief Eckart aus, um ſeinen Gefühlen Worte zu verleihen,„ſagt es nur gerade heraus, das ich mich ſelbſt von einem Stand ausgeſchloſſen habe, welcher der ſchönſte und nützlichſte iſt, den ich kenne.“ Der Mönch, welcher dieſen Ausſpruch erwartet zu haben ſchien, drückte dem jungen Soldaten die Hand und erwie⸗ derte:„Redet nicht ſo, mein lieber Sohn, wer ſpricht denn von Ausſchließung? ſeit wann ſchließt die Kirche ihre frömmſten Söhne von ihrem Dienſte aus. Ihr habt einfach bis jetzt keine Luſt, keinen Beruf gefühlt, dieſen Stand zu ergreifen, das iſt Alles! Ich bin weit entfernt zu ſa⸗ gen, kommt in unſre Mitte, werdet ein einfacher Mönch, aber ich gebe Euch die Verſicherung, daß wir uns Alle herz⸗ lich freuen würden, Euch als lieben Genoſſen unſeres hei⸗ ligen Amtes zu begrüßen.“ Die Worte des Mönchs waren augenſcheinlich nicht ohne mächtigen Eindruck auf das Herz des Jünglings ge⸗ blieben; er ſtand lange ſinnend da, ohne daß ihn der 127 Mönch aus den Augen ließ und wollte eben den Mund zu einer vielleicht verhängnißvollen Antwort öffnen, als ſich ſein Begleiter am Aermel gezupft fühlte; es war ein Hof⸗ bedienter des jungen Königs, der den Jeſuiten zu ſeinem Herrn beſchied. Der Mönch war über dieſe Unterbrechung im entſcheidenden Augenblick ſichtlich geärgert, wagte aber doch nicht länger zu ſäumen und fragte daher, als könne er nicht ohne Reſultat bleiben: „ Nun, mein lieber Sohn, wolltet Ihr wirklich das Menaen annehmen?“ Dieſe zu directe Anfrage verdarb Alles, was der Je⸗ ſuit gut gemacht hatte; ſie nöthigte dem jungen Mann eine Entſcheidung ab, zu der er ſich vielleicht freiwillig entſchloſſen hätte. Eckart ertappte ſich, daß er auf dem Punkte ſtand, eine unendlich wichtige Angelegenheit ohne gehöriges Nachdenken mit ein paar Worten abzuthun; er ſchrack zurück und entgegnete kurz grüßend:„Ich werde über die Sache nachdenken,“ und als der Jeſuit die Stirne in Falten zog:„Ihr habt doch nichts dawider, daß ich einen ſo wichtigen Entſchluß, als der iſt, zu dem Ihr mich auffordert, in Erwägung ziehe?“ „Ganz und gar nicht, erwägt ſo viel Ihr wollt, aber bemerkt, daß der Menſch Zweifelhaftes lange, gute Ent⸗ ſchlüſſe dagegen niemals bedenken, ſondern ſogleich aus⸗ führen ſoll.“ Nachdem der Jeſuit dieſe Mahnung mit großem Ernſt an den Officier gerichtet hatte, ſetzte er mit der alten Herzlichkeit hinzu: „Unſer Haus, Ihr wißt doch am Hof zu den neun Chören der Engel, ſteht Euch jeder Zeit offen, dann nickte er und entſchwand. Eckart wäre noch eine Weile, ſeinen Gedanken Gehör gebend, ſtehen geblieben, wenn ſich ihm nicht gleich nach der Entfernung des Jeſuiten eine ſchwere in hirſchledernen Stulphandſchuhen ſteckende Hand auf die Schulter gelegt hätte. Der Mann, welcher dieſe unvorhergeſehene Bewe⸗ gung ausführte, hatte bisher hinter einem der hohen Pfeiler verborgen geſtanden; er trug die Uniform eines kaiſerlichen Obriſten und war ein Mann von feinen Ge⸗ ſichtszügen, die einen gewiſſen Grad von Schlauheit aus⸗ drückten, ſein Bart war ſorgfältig gepflegt und man be⸗ merkte ſogleich, daß die ſoldatiſche Rauheit, die er zu⸗ weilen zur Schau trug, nicht angeboren, ſondern eigen⸗ willig angenommen war. Der Obriſt ſprach, als ob er den jungen Men⸗ ſchen weiter nicht kenne:„Ei Kamerad, lieber mit ſchein⸗ heiligen Pfaffen als mit ſchönen Weibern? das nimmt mich Wunder, iſt ſonſt nicht Soldatenbrauch.“ Der junge Mann wurde blutroth und erwiederte, daß der Mann, welcher ihn ſo eben verlaſſen, gewiß die höchſte Achtung verdiene. Der Oberſt machte eine geringſchätzige Be⸗ 129 wegung und ſetzte lächelnd hinzu:„Ihr wollt ſagen, die höchſte Beachtung und damit mögt Ihr nicht Unrecht haben, ich ſetze natürlich voraus, daß Ihr den Mann kennt, mit dem Ihn in einer ſo vertraulichen Unterredung begriffen waret. Eckart, welcher ſich mit ſeinem neuen Bekannten der Kirchthüre genähert hatte und ehrerbietig einen Schritt hinter dem Oberſten einherging, blieb ſtehen und erwiederte kopfſchüttelnd:„Eure Vorausſetzung iſt falſch, denn ich kenne ihn ſo wenig als Euch, mein Herr.“ „Nun wohl, um dem letzteren Uebelſtand abzuhel⸗ fen, habe ich die Ehre Euch zu ſagen, daß ich der Obriſt Freiherr von Khuen, Sr. Majeſtät geheimer Rath bin, und Ihr mein junger Freund? „Hauptmann Eckart bei den Stauderiſchen.“ „Eckart! Eckart! Ei mein Gott— der Obriſt rieb ſich die Stirne,— wer kann ſich auch alle Familien⸗ namen merken, Eckart von— 2“ „Eckart von Winkel,“ antwortete der Befragte, auf's Neue hoch erröthend. „Alſo Eckart von Winkel, freut mich, mein lieber Eckart, Eure Bekanntſchaft gemacht zu haben, der alte Stauder mein beſonderer Freund, roſtiger Haudegen der alte Stauder, nicht wahr, mein Söhnchen?— Aber um Haas; Der alte Cardinal. I. 9 auf unſer früheres Thema zurückzukommen, Ihr kann⸗ tet alſo den Mönch in allem Ernſte nicht?“ „Wie ſollte ich? da ich erſt ſeit ein paar Stunden in Wien bin.“ „Ach, Ihr ſeid erſt ein paar Stunden hier? Dann kennt Ihr freilich nicht den verſchmitzten Patron.“ „Er ſieht aber in keiner Weiſe verſchmitzt aus.“ „Ihr meint?“ „Ich getraue mich ſogar zu behaupten, daß er ein durchaus würdiger Mann iſt.“ Khuen lachte, da die Kirchthüre bereits hinter ihnen lag, als ob ſein junger Freund etwas abſonderlich Spaßi⸗ ges geſagt hätte; in dem jungen Mann ſtritt ſich die Ach⸗ tung vor einem Officier von Khuens Rang mit der aufrich⸗ tigen Ehrfurcht, die er für jeden Geiſtlichen und insbeſon⸗ dere den ſchlichten gemüthvollen Jeſuiten hegte; er ſchwieg daher und wartete geduldig ab, bis der Obriſt den diit⸗ ten und letzten Anfall eines hartnäckigen Lachkrampfes glücklich überſtanden hatte, dann ſagte er etwas bitter: „Es freut mich, wenn ich zu Euer freiherrlichen Gnaden Unterhaltung beigetragen.“ „Seid mir darum nicht böſe, mein Liebſter, aber Wilhelm Lamormain gilt nun einmal für einen der verſchlagenſten Mönche, die es je gegeben hat.“ „Wie, das wäre des Königs Beichtvater geweſen?“ „Da er exEuch in ſeiner ſchlichten Auftichtigkeit zu 131 ſagen vergeſſen hat, ſo erlaube ich mir Euch zu verſichern, daß es Wilhelm Lamormain war, der Euch ohne Zwei⸗ fel für Ordenszwecke anwarb.“ Eckart, der den Sinn dieſer Rede mißverſtanden hatte, verſetzte:„Ich kann einen guten Rath noch keine Werbung nennen.“ „Alſo der ſchlichte Pater hat Euch Rath ertheilt? Es wäre wohl zu vorwitzig, wenn ich dieſe Rathſchläge zu hö⸗ ren wünſchte. „Mit Vergnügen, der ehrwürdige Vater meinte nur, daß ich gut thäte, dieſes Kleid gegen das Ordenshabit zu vertauſchen.“ 2 „Sonſt nichts?“ 3 „Und ich muß geſtehen.... „Keine Geſtändniſſe, junger Mann, die Euch in ſpä⸗ tern Tagen die Schamröthe in die Wangen treiben wür⸗ den; der liebe Bruder Wilhelm wollte alſo nichts anders, als Euch zum Mönch machen. Khuen rieb ſich ſeelen⸗ 71 vergnügt die Hände— kein übler Gedanke, einen geſun⸗ den jungen Mann, einen hübſchen Mann, einen Mann, deſſen Anblick dem keuſcheſten Mägdlein das Mieder zu eng werden läßt, einen Mann, der für Ruhm und Ehre ge⸗ boren zu ſein ſcheint, in ein Kloſter einzuſperren. Ich muß Euch etwas geſtehen!“ „Was denn, Herr Obriſt?“ 9* „Daß mich dieſe Keckheit ſelbſt in dem Mund dieſes heuchleriſchen Pfaffen überraſcht.“ „Ihr verfahrt ſehr hart mit dem würdigen Prieſter.“ „Laßt mich mit dieſer Würdigkeit in Ruhe. Hättet Ihr mehr Erfahrung, ſo würdet Ihr dem ganzen empören⸗ den Seelenſchacher beſſer auf den Grund ſehen. Glaubt Ihr wohl, daß der ehrwürdige Herr ſich eben ſo angele⸗ gentlich um das Seelenheil des Lieutenants Hinz oder Kunz bemühen würde? Ja wenn dieſe vortrefflichen Officiere gleich Euch Eckart hießen und in Winkel zu Hauſe wären, dann könnte es geſchehen.“ Eckart merkte zu ſeiner Ueberraſchung, daß ſeine Geburt auch dem Oberſten kein Geheimniß war, und er⸗ wiederte gleichgültig:„Ihr ſeid allzu ſtreng.“ „Wie zu ſtreng? Meint Ihr nicht, daß wenn es der Wunſch Eures Vaters oder Gerhabe's geweſen wäre, daß Ihr in einen geiſtlichen Orden treten ſolltet, dieſe Euch ihren Willen ſchon früher zu erkennen gegeben hätten?“ „Darin habet Ihr Recht,“ antwortete Eckart, dem die Wahrheit dieſes Gedankens vollkommen einleuchtete. „Nun, wenn ich Recht habe, ſo habe ich vielleicht auch damit Recht, wenn ich Euch ſage, daß Ihr jetzt dem Kaiſer gehört und niemand Anderem. Des Kaiſers rechte Hand iſt aber, wie Euch genugſam bekannt ſein dürfte, der Car⸗ dinal, ein großer Mann, auf Ehre! ein Mann, der das wahre Verdienſt zu ſchätzen und belohnen weiß, ein Mann 133 von deſſen Willen Eure Zukunft abhängt. Ihr meint viel⸗ leicht, wie hundert Andere, die einen Pfaffen, einen Kam⸗ merherrn oder gar Erzherzog zum Gönner hatten, das würde Euer Glück machen. Laßt aber, wenn Ihr zufällig in dieſem Fall wäret, jeden derlei Gedanken bei Seite, bei unſerm Cabinetsdirector hilft nur Eines— das wahre Verdienſt und die unerſchütterliche Treue gegen den Lan⸗ desherrn. Damit Ihr aber beurtheilen könnt, wie es mit dem Schutz der Großen, den Cardinal natürlich ausge⸗ nommen, beſchaffen ſei, ſo will ich nur das Andenken an einen der tüchtigſten Haudegen auffriſchen, die je einen Strauß ausfochten. Habt Ihr nie von dem Oberſten Ramé gehört?“ „Wartet einen Augenblick,— diente er nicht dem Erzherzog Leopold?⸗ „Ganz recht und das war ſein Unglück. Der Erz⸗ herzog hielt auf den Ramé große Stücke und ging mit ihm wie mit ſeines Gleichen um, aber der gute Obriſt hatte das Unglück nicht eben ſo gut kaiſerlich als Leopol⸗ diſch geſinnt zu ſein und da....“ „Und da?“ „Verlor er denn den Kopf....“ „Und that ſich ein Leid an?“ „Nein, es wurde ihm ein Leid angethan, der Erz⸗ herzog, der ſo große Stücke auf ihn hielt, ließ ihm den Kopf vor die Füße legen.“ „Und weshalb? wenn die Frage erlaubt iſt.“ Khuen neigte den Kopf etwas ſeitwärts, blies die Luft zwiſchen den geſchloſſeuen Lippen durch und ſagte: „Aus höchſt bedeutender Urſache.“ „Und dieſe Urſache?“ „Hat Se. Durchlaucht mitzutheilen nicht für klug erachtet.“ „Er hat ſich vielleicht gegen den Erzherzog ver⸗ ſchworen?“ „Ach geht, der Ramé war ja der blindeſte Anhänger ſeines Herrn.“ „Nun eine Urſache muß aber doch da geweſen ſein.“ „Könnt Ihr ſchweigen?“ „Ob ich es kann!“ „Nun ich will Euch dieſe Urſache im Vertrauen ent⸗ decken, Ramé verlor den Kopf, weil es der Cardinal ſo haben wollte.“ „Unmöglich!“ „Nicht im Geringſten, und Ramsé hat ſein Schick⸗ ſal ſogar wohl verdient, nur nicht von ſeinem Herrn, den er zum König von Böhmen und deutſchen Kaiſer ma⸗ chen wollte.“ „Was Ihr ſagt?“ „Die lautere Wahrheit. Seht Ihr dort jenen mage⸗ ren, gebeugten Mann ſich mit den Händen zurecht taſtend, um die Ecke der Goldſchmiedgaſſe biegen?“ 13⁵ „Ich ſehe, aber was hat der hilfloſe alte Mann mit dem Oberſten Ramé gemein?“ „Viel mehr, als Ihr glaubt, übrigens iſt der Mann nicht ſo alt, nur ſind ſeine Füße halb gelähmt, die Augen ſehr ſchwach und ſeine Arme faſt unbrauchbar. Woher meint Ihr, daß ſeine Preßhaftigkeit rührt?“ „Von Krankheiten ſonder Zweifel, denn der Mann ſcheint kein Kriegsmann, ſonſt würde ich ſagen, von ſeinen Wunden.“ „Ihr habt Recht, er iſt kein Kriegsmann, aber mit den Krankheiten habt Ihr es ſchlecht getroffen. Der gute Mann wurde auf der Folter ſo lange gereckt und geſtreckt; an ſeine Beine wurden ſo ungeheure Laſten gehängt, ſeine Arme wurden ſo fürchterlich gebrannt, daß es ein halbes Wunder iſt, daß er überhaupt noch lebt.“ „Und wer iſt der Unglückliche?“ fragte Eckart mit einem Anflug vor Grauen. „Ein Freund des Obriſten Rams und Liebling des Biſchof's von Paſſau, der geheime Rath Tenagel, der dieſes durchlauchtigen Biſchofs und Erzherzogs willen noch fort im Kerker ſchmachten könnte, wenn ſich nicht der Cardinal ſeiner erbarmt und der König von Spanien für ihn ſich verwendet hätte.“ „So iſt der Erzherzog wohl ein harter Gebieter?“ „Hart? könnte nicht eigentlich ſagen hart, denn er ging mit dem Ramee, Tenagel und Hubitzty wie mit Brüdern um.“ „Aber?“ „Aber er hat eine eigne Art. So befand ſich Se. Durchlaucht eben auf der Reiherbeize, tutete auf dem Horn, ritt ſein Pferd halb lahm, lachte und trank mit ſeinen Jagdgenoſſen, und unterſchrieb mitten in dem allge⸗ meinen Jubel das Bluturtheil über den Ramé.“ „Ein ſeltſamer Herr!“ „Wie Ihr wollt, mein Cardinal dagegen iſt ein ganz anderer Mann; felſenfeſt und jedes Verdienſtes ein⸗ gedenk. Die Khevenhüller könnten davon erzählen, ſelbſt die religiöſen Anſichten vermögen ſein ſcharfes Auge nicht zu blenden; Katholik und Proteſtant ſind ihm in dieſer Beziehung gleich.“ „Das iſt aber ſehr ſchlimm.“ „Schlimm? O man merkt es, daß Ihr an einen Je⸗ ſuiten angeſtreift ſeid, als ob ein Verdienſt von einem Lutheraner erworben nicht eben ſo werthvoll wäre, als das des Katholiken.“ „Ihr ſeid doch Katholik?“ „Das will ich meinen.“ „Und Eure Familie, wenn Ihr welche habt?“ „Meine Frau iſt eine beſſere Katholikin, als die hei⸗ lige Thereſia.“ „Spottet nicht!“ 137 „O ſo bemüht Euch zu fragen.“ „Dann begreife ich nicht.“ „Werdet ſchon begreifen, wenn Ihr Eure mönchiſchen Begriffe einmal abgeſtreift habt.“ „Und der Cardinal?“ „Iſt doch wohl unverdächtig, da er ſelbſt Tauſende zum Katholieismus bekehrt hat. Ich ſage Euch, junger Mann, haltet Euch an den Khleſl und Ihr werdet damit gut fahren. Uebrigens wird es mich freuen, wenn ich Eure Jugend hie und da berathen kann.“ Eckart verbeugte ſich, feſt entſchloſſen von dem Aner⸗ bieten Khuens keinen Gebrauch zu machen und dem Car⸗ dinal noch mehr mißtrauend, als es ſchon in Folge man⸗ ches aufgefangenen Wortes ſeiner Eltern der Fall war, tief vor dem Oberſten, der, ihm die Hand ſchüttelnd, ſei⸗ nes Weges ging.“ „Der wird anbeißen!“ ſagte ſich Khuen frohlockend, „und wir werden den Alten mit dem Jungen zugleich fangen.“ „Der hat ſich verrechnet!“ dachte Eckart,„er hält mich für einfältig und glaubt, ich merkte nicht, daß er mich in die Klauen des Cardinals bringen will, übrigens traue ich auch dem Schwarzrock nicht weiter, der mir zu ſagen vergeſſen hatte, daß er Pater Lamormain, der Beicht⸗ vater des Königs ſei. Woher übrigens alle die verwünſch⸗ ten Leute wiſſen, daß ich meines Vaters Sohn bin? 138 Iſt es doch, als ob es mir auf der Stirne geſchrieben ſtände.“ Bei Eckart war das ſtumme Denken gegen Ende ſeines Monologes in lautes Reden übergegangen. Eine dritte Perſon, welche den letzten Satz gehört hatte, ging auf den jungen Mann zu und ſagte mit der Tröſter⸗ miene eines alten Vaters oder Oheims, indem er dem Offieier die Hand drückte:„Beruhigt Euch, mein Freund, es ſteht nicht auf Eurer Stirne geſchrieben, daß Ihr Eures Vaters Sohn ſeid, dagegen ſteht es aber in zehn, zwanzig, vielleicht hundert Briefen, daß Herr Johann Eckart, kaiſerlicher Officier und Sohn Sr. Durchlaucht des Erzherzogs⸗Deutſchmeiſter an dem und dem Tage in Wien eintreffen, und dort und dort wohnen werde. Die Jeſuiten haben ihre geheime Cor⸗ reſpondenz, Se. Eminenz der Cardinal hat ſie und die proteſtantiſchen Stände haben ſie auch. Ich zum Bei⸗ ſpiel erhielt ein Schreiben, worin es heißt: Johann Eckart, Sohn des Hoch⸗ und Deutſchmeiſters, ſoll, dem Willen ſeines Vaters gemäß, in die Welt treten; der junge Mann hat gute Anlagen, viele Kenntniſſe, reine Sitten, wurde jedoch ſo wenig an ſelbſtändiges Den⸗ ken gewöhnt, daß ihm alles und jedes Urtheil mangelt; er hält die Proteſtanten für etwas ſchlimmer als die Heiden, und würde es wahrſcheinlich vorziehen, falls man ihn zu einer Religionsänderung zwänge, Jude zu 139 werden. Ich glaube nicht, daß es der junge Mann jemals zum Selbſtdenken bringen werde; übrigens wer⸗ det Ihr Euch ja bald ſelbſt überzeugen, denn der junge Cavalier reiſt übermorgen von Innsbruck ab und wird Donnerſtag den ſiebenten in Wien eintreffen.“ Eckart konnte vor Erſtaunen kaum zu ſich ſelbſt kommen, das war ſtärker, als er erwartet hatte; übri⸗ gens wußte er jetzt wenigſtens, was ihn noch vor einer Minute in Beſtürzung verſetzt hatte, nämlich woher die Leute von ſeiner Ankunft Kenntniß hatten. Er wandte ſich an ſeinen Unterredner, einen ſtattlichen Mann, der in den Fünfzigern ſtehen mochte, und ſagte nicht ohne Verlegenheit:„Und welcher der genannten Parteien darf ich Sie, mein Herr, zuzählen?“ „Der letzteren natürlich; keine Partei wiederholt ſich an ein und demſelben Tage, alſo muß ich wohl den Proteſtanten angehören, da dieſe noch nicht ange⸗ klopft haben. Ich will kurz ſein und nicht ſagen, was meine Vorgänger vermuthlich mit vieler Geſchicklichkeit angebracht haben, daß ſie ſtets zu den verſchiedenartigſten Dieſtleiſtungen bereit ſeien. Ich komme gar nicht, um Ihnen, mein Herr, einen Dienſt zu erzeigen, ſondern im Gegentheil Sie zu vermögen, uns derlei zu erweiſen. Ich komme wie meine Vorgänger mit der geheimen Abſicht, Sie für meine eigene Partei zu gewinnen— nicht, als ob uns Ihre Perſönlichkeit ſo wichtig ſchiene, als ob wir 140 von Ihrer Kraft große Vortheile erwarteten; es iſt uns, wie den Anderen, um den Vater zu thun, deſſen Stellung und Einfluß tauſendmal bedeutender iſt, als es die Ihrige jemals ſein wird. Ich glaube, daß meine Schritte ver⸗ gebens ſein werden, und daß Diejenigen irren, welche von der Freundſchaft des Sohnes zu viele Aenderungen im Charakter des Vaters erwarten, aber ich habe meinen Freunden zugeſagt, einen perſönlichen Verſuch zu wagen, und ſo habe ich denn meine Zuſage, und zwar auf die geſchickteſte Weiſe von der Welt erfüllt, denn ich weiß gar wohl, daß meine Sendung nur auf die Weiſe, wie ich mich ihrer ſo eben entledigte, gelingen kann.“ Die Rede des Fremden nahm den jungen Officier, ſeiner ſelbſt unbewußt, für ſich ein, Eckart konnte ſo freimüthige Worte nicht hören, ohne denjenigen zu be⸗ wundern, der ſie an ihn richtete und ſich zugleich durch die günſtige Meinung, welche man gerade dieſes Frei⸗ muthes willen von ihm haben mußte, geſchmeichelt zu fühlen. Er entgegnete:„Etwas, mein Herr, haben Sie jedenfalls erreicht, falls Ihnen dasſelbe von irgend welchem Werth ſcheint; Sie haben neine Achtung, die Achtung für Ihren Verſtand und Ihr Herz im Sturm erobert und mich jungen Officier durch Ihre Ueberlegenheit zur Uebergabe gezwungen.“ Der Fremde verbeugte ſich leicht und fuhr fort: „Uebergeben Sie nie eine Feſtung, ehe Sie noch den 141 Belagerer kennen, und verſichern Sie nie einem Menſchen Ihre Achtung, ehe Sie noch wiſſen können, ob er ſie Ihren Begriffen nach verdient.“ Eckart wollte Gegenvorſtellungen machen, der Fremde aber ließ ihn nicht zu Worte kommen, ſondern ſprach: „Ich kenne eine Perſönlichkeit, die mein religiöſes Be⸗ kenntniß theilt, und welcher Sie gewiß nicht geſagt hätten: Herr, ich achte Sie!“ „Und welche Perſönlichkeit wäre das?“ „O, ich rede von einer Perſönlichkeit, die ich ge⸗ nau kenne, von einem meiner beſten Freunde, von Georg Erasmus Tſchernembl.“ „Dem Rebellenchef und Hochverräther?“ fiel der Officier mit allen Anzeichen des Aergers ein. „Rebellenchef und Hochverräther? Mir iſt nicht be⸗ kannt, daß Herr von Tſchernembl je ſolcher Verbrechen angeklagt worden wäre.“ „Kann ſein, daß er es nicht wurde, ich aber weiß doch, daß er es verdient hätte.“ „O, erzählt dies mir, lieber Herr, es würde mich ſehr intereſſiren.“. „Ihr nanntet den Mann Euren Freund?“ „Ihr hörtet aber auch, daß ich ſelbſt zweifelte, ob er Eure Achtung verdient hätte.“ „Ihr verſprecht alſo, nicht böſe zu werden?“ „Dieſes Schlingels willen gewiß nicht.“ 142 „Tſchernembl iſt der geſchworene Feind Gottes, der perſönliche Gegner Jeſu Chriſt's.“ „Das iſt mir allerdings neu!“ „Er hat den kühnen Streiter Chriſti ſelbſt verhaftet, welcher ſeinen Fuß auf den Kopf der Schlange ſetzen wollte.“ „Damit wollt Ihr vermuthlich ſagen, daß mein Freund, der Gott⸗ und ehrvergeſſene Wicht, den Mord⸗ verſuch Jean Chaſtels vereitelte und den großen König Heinrich rettete?“ „Ich habe bis auf den Tag nur gehört, daß dieſer König Heinrich der Inbegriff aller Laſter war.“ „Ganz die Anſicht eines andern meiner perſönlichen Freunde.“ „Der ſcheint mir ſchon ein anderer Mann, und wie heißt er?“ „Franz Ravaillac, zu dienen.“ „Und Ihr kanntet dieſen Meuchelmörder?“ „Ja ich kannte ihn, aber nennt ihn nicht Meuchel⸗ mörder, heißt ihn einen andern St. Georg. Ihr wißt ja ſelbſt, Heinrich war ein Drache.“ „Nach meiner Meinung iſt Ravaillac ein Elender.“ „Hierin iſt wieder mein anderer Freund ganz Eurer Anſicht. Aber klärt mich doch auf, lieber Herr, warum ihn den Jean Chaſtel ſo hoch haltet und den Ravaillac ſo nieder?“ 143 Mein A Vater und alle meine Lehrer waren in dem Lob dn Chaſtels, ſo wie in dem Abſchen vor Ravaillac einig.“ „Soll ich euch ſagen, weshalb?“ „Thut es.“ „Weil ſie nach dem mißlungenen Verſuch Chaſtels noch Jemand brauchten, d er die That ausführte, nach Ra⸗ vaillac's vollbrachtem Mord aber Niemand mehr.“ „Ihr werdet doch nicht t glauben n?“ „Daß Euer Vater ſich je einem Mordgedanken be⸗ freunden könne, niemals, eher würde ich noch auf die Achtbarkeit des armen Tſchernembl lchwren. 4 „Thut das auch nicht, denn er verdient es ſo wenig.“ „Hat er noch andere Verbrechen verübt?“ „Er hat gegen Kaiſer Rudolf con ſpirirt.“ „Wenn das iſt, dann habt Ihr diase Man ſollte Alle, die ſichi in die Verſchwörung gegen den Kaiſer einließen, an einen und denſel lben Galgen hängen, ſeid Ihr nicht auch meiner Anſicht?“, „Verdient hätten ſie's.“ „Aber es ginge d doch nicht. 4 „Und warum ginge es nicht?“ „Weil ſich unter den V zerſchiwürern einige angeſehene Perſonen befinden, mit denen man doch nicht ſo kurzen Proceß machen könnte.“ 144 „Zum Beiſpiel?“ „Ein gewiſſer Nathias, der nachher deutſcher Kaiſer wurde, ein ſicherer Melchior Khleſl, den der Papſt etwas ſpäter mit dem Cardinalshut beehrte, einige Prinzen von Geblüt, die gegenwärtig damit umgehen, dem Kaiſer Glei⸗ ches mit Gleichem zu vergelten. Nein, es geht wirklich nicht. Ob aber der Tſchernembl ſtrafbarer iſt, als die Prinzen und Cardinäle?“ „Nein, ſtrafbarer nicht, aber man ſagt....“ „Was ſagt man?“ „Daß er an der völligen Freigebung ſeines Cultus arbeitet.“ „Nun, die letzte Miſſethat hat er mir ſelbſt zugeſtan⸗ den, und ſolltet Ihr es glauben, er rühmte ſich noch derſel⸗ ben. Aber wir entfernen uns von dem Ausgangspunkt des Geſpräches; es handelte ſich, wenn ich nicht irre, darum, ob Ihr dem guten Tſchernembl auch Eure Achtung bezeugt hättet.“ „Niemals, das ſchwöre ich!“ „Ich bitte, ſchwört nicht, ſondern hört mich einen Augenblick an. Haltet Ihr mich für aufrichtig?“ „Sogar für ſchrankenlos aufrichtig.“ „Sehr gut, würdet Ihr alſo glauben, wenn Euch Jemand verſicherte, daß ich kein wahres Wort über die Zunge brächte?“ 145 „Ich würde im Gegentheil behaupten, daß Ihr ver⸗ leumdet von dem ſeid.“ „Noch beſſer, denkt alſo, guter Herr, mein Freund Tſchernembl ſei verleumdet worden.“ „Euer Schluß hinkt, ich kann mir gar wohl ein⸗ bilden, daß Ihr keiner Vorſtellung fähig ſeid, aber nicht, daß Tſchernembl eben ſo aufrichtig iſt.“ „Warum nicht?“ „Weil ich den Mann nie kennen gelernt habe.“ „Da habt Ihr ein wahres Wort geſprochen, aber ſagt, iſt es ſeine Schuld, daß Ihr ihn nicht kennt und daher nicht beſſer beurtheilt?“ „Das will ich eben nicht ſagen.“ „Wenn ihr Ihn aber kennen lerntet?“ „Würde ich ihn vielleicht günſtiger beurtheilen.“ „Nun ſo haltet Wort.“ „Sobald ich ihn kennen lerne.“ „Es iſt geſchehen.“ „Wie das?“ „Ihr kennt ihn.“ „Wen?“ „Meinen böſen Freund.“ „Ihr wäret?“ „Der Rebellenchef und Hochverräther, der Feind Gottes und perſönliche Gegner Jeſu Chriſti, der ab⸗ Haas: Der alte Cardinal. I. 10 146 ſcheuliche Lebensretter Heinrich IV. und der Mitverſchwo⸗ rene Eures Vaters— Tſchernembl.“ „Ihr wäret der Freiherr von Tſchernembl?“ „Ja und was das Merkwürdigſte iſt, trage ich keine Hahnenfeder am Baret und ſchleppe keinen Pferdefuß nach.“ Dieſe letzte Redensart des Freiherrn war ganz wohl angewendet, denn Eckart hatte eine ſo üble Meinung von allen Proteſtanten und von dem öſterreichiſchen Pro⸗ teſtautenhaupt insbeſondere, daß er ſich nicht gewundert haben würde, teufliſche Merkmale an ihm zu erblicken. TCſchernembl, welchen die Ueberraſchung des jungen Officiers unterhielt, fuhr fort:„Ich ſehe, daß die Bericht⸗ erſtatter meiner Partei nicht gelogen haben, Ihr ſeid, mein beſter Eckhart, wie Euch der Pfarrer von St. Jakob ſchil⸗ dert, ein ganzer Mann, aber tagblind; eine Augenkrank⸗ heit, welche die natürliche Folge andauernder Finſterniß iſt. Iſt das Uebel noch heilbar, ſo wird es durch die Ge⸗ wöhnung an das Sonnenlicht gehoben werden.“ Eckart hatte von der ganzen Rede Tſchernembls nichts als die Erwähnung des Pfarrers von St. Jakob verſtanden. Wie kam der ehrwürdige Stadtpfarrer von Innsbruck dazu, dem Proteſtantenchef ſein Bild zu ent⸗ werfen, das mußte er erfahren. Er fragte deshalb. Tſcher⸗ nembl entgegnete, ſeine ſpöttiſche Miene mit einem Mal ablegend: Ich will es Euch ſagen und hiemit einen Be⸗ 147 weis geben, daß ich den Satz„Haereticis non est ser- vanda fides“ nicht für das allgemeine Dogma der Ka⸗ tholiſchen halte; ich erwarte von Eurem Ehrgefühl Be⸗ wahrung des Euch anvertrauten Geheimniſſes. Der Pfar⸗ rer von St. Jakob iſt Proteſtant.“ „Der ehrwürdige Mann, der ſich mit mir ſo vä⸗ terlich unterhalten hat! Wie konnte er doch ſeine Her⸗ zensmeinung verbergen?“. „Die Antwort ſteht hier in ſeinem Brief.“(Lieſt:) „wurde jedoch ſo wenig an ſelbſtändiges Denken ge⸗ wöhnt, daß ihm alles und jedes Urtheil mangelt, er hält die Proteſtanten für etwas ſchlimmer, als die Heiden.“„Ihr ſeht ein, daß es der ehrwürdige Mann nicht wagen konnte, gegen Euch aufrichtig zu ſein.“ „Aber warum ſeid Ihr aufrichtig?“ „Das macht mich lachen. Was hätte ich denn von Euch zu beſorgen, Herr Officier?“ Der Pfarrer dagegen in Mitte einer fanatiſchen Katholikengemeinde, unter einem katholiſchen Eiferer wie Max von Oeſterreich, hatte ganz guten Grund, ſeine wahre Meinung zu verbergen.“ „Und dennoch vertraut Ihr mir den wahren Sach⸗ verhalt?“ „Weil ich weiß, daß der redliche Pfarrer dabei keinerlei Gefahr läuft. Zwiſchen dem jungen Herrn Eckart und dem kaiſerlichen Officier liegt doch wohl eine weite Kluft. Ich werde dem letzteren unbedenklich Dinge an⸗ 10* 148 vertrauen, die ich mich Jenem mitzutheilen gehütet haben würde.“ „Und Ihr habt Recht, vollkommen Recht.“ „Jetzt aber zu meinem eigentlichen Zweck.“ „Ich höre.“ „Glaubt Ihr wirklich, daß die Hunderttauſende und Millionen, welche ſich der neuen Lehre zuwandten, nichts als Verſchwörer ſind? denkt Ihr, daß die vielen ſtandhaften Bekenner, die für ihren Glauben den Mär⸗ tyrer⸗Tod geſtorben, wirklich nichts als Laſterhafte waren, wie Eure Prieſter verkündigen? meint Ihr, daß die vie⸗ len gelehrten Männer und ſieggekrönten Helden, die aus den Reihen der reformirten Kirche hervorgegangen, in der That nichtswürdige Menſchen geweſen?“ „Soll ich Euch die Wahrheit ſagen, ſo muß ich geſtehen, daß ich bis zur Stunde hierüber nicht nach⸗ gedacht habe, doch kaun ich Euch die Verſicherung geben, daß ich meiner Kirche und meinem Glauben bis an das Ende meiner Tage treu anhängen und ihre Gegner als meine Feinde bekämpfen werde.“ „Ich habe es nicht anders erwartet.“ „Eure Religionsgenoſſen ſind die natürlichen Feinde meiner Freunde.“ „Auch das iſt bis zu einem gewiſſen Grade wahr.“ „Meine Freunde ſtehen auf der Seite des Rechtes 149 und haben kein anderes Ziel, als ihr Seelenheil und die Rettung der bedrängten Kirche.“ „Was zwar unrichtig iſt, Euch aber nicht von mir, ſondern von einer viel ernſteren Lehrerin, die man Er⸗ fahrung heißt, bewieſen werden muß.“ „Ich habe auf meinen Vater in allen öffentlichen Angelegenheiten keinerlei Einfluß, und würde ihn, falls mir ein ſolcher zu Gebot ſtünde, nicht ſowohl gegen Eure Perſon als gegen Eure Sache benützen.“ „Amen! mehr wollte ich nicht wiſſen. Gehabt Euch wohl, mein Beſter und erlaubt mir, hinzuzufügen, daß ich, wenn auch nicht mit Gefühlen der Freundſchaft, doch mit ſeltener Achtung von Euch ſcheide; wenn ich Eines bedaure, ſo iſt es das, daß Ihr einer ſchlimmen Sache dient.“ „So eben wollte ich dieſelbe Bemerkung an Euch richten.“ „Euer Diener!“ „Desgleichen!“ Die beiden Unterredner verbeugten ſich gegenſeitig, um wie im ganzen Leben, ſo auch in dieſem Augenblick verſchiedene Wege einzuſchlagen. Eckart ſchlenderte gedankenvoll ſeiner Wohnung zu, die er in der Weihburgſtraße genommen hatte. Die drei unmittelbar auf einander folgenden Unter⸗ redungen ſo ähnlichen und doch wieder verſchiedenen In⸗ 150 haltes hatten ſein ganzes Denkvermögen in Aufruhr ge⸗ ſetzt. Er hatte zum erſten Mal fremde Meinungen gehört; in Tyrol und der Umgebung ſeines durchlauchtigen Va⸗ ters konnte es nur Eine Meinung geben, welche wieder die Verdammung jedes Gegenſatzes in ſich faßte. Er konnte ſich bei ſeinem an ſich ganz geſunden Verſtand nicht darüber täuſchen, daß man von drei entgegengeſetzten Seiten die Angel nach ihm ausgeworfen hatte. Ein egoiſtiſcher Zweck war jenen drei Männern, deren erſte Bekanntſchaft er heute gemacht hatte, völlig gemein. Dieſes Beſtreben, einen Parteizweck zu erreichen und ihn als Mittel zu benützen, konnte alle drei in ſeiner Achtung nicht gerade höher ſtellen. So weit war Eckart mit ſich ſelbſt einig; eine innere Stimme flüſterte ihm zu, daß der Ketzer unter den Dreien am ehrlichſten und klügſten zu Werke gegangen ſei, aber er verſtopfte ſich die Ohren, und wollte dieſe rebelliſche Stimme nicht hören.— Er eilte die Stiege hinauf und ſchritt auf den Tiſch zu, denn er hoffte auf Nachrichten von ſeiner Mutter, die ihm zugeſagt, er werde in Wien bereits Briefe vorfinden. Ein Brief lag in der That auf dem Tiſch; er erbrach ihn, unbekannte Schriftzüge traten ſeinen Augen entgegen; er forſchte nach der Unterſchrift und las„Eli⸗ ſabeth Freifrau von Khuen.“ 151 Was wollte die Freifrau Eliſabeth von Khuen von dem jungen Officier? Er begann den Brief nun regel⸗ recht vom Anfang bis zu Ende zu leſen und erfuhr, daß die Freifrau als eine geborene Gräfin Thurn die Verwandte und Freundin Catharina's von Roſenberg war, daß ſich dieſe Dame freute, den Sohn ihrer unvergeßlichen Freun⸗ din kennen zu lernen, daß ſie ihn bitte, ihr das Ver⸗ gnügen nicht zu verſagen, den Abend in ihrem Hauſe zuzubringen, und daß ſie ſich glücklich ſchätzen werde, bei ihm Mutterſtelle zu vertreten. Warum hatte aber ſeine Mutter dieſer Freundin nie erwähnt, warum hatte ſie ihm nicht einmal einen Gruß an ſie aufgetragen? Das mußte einen Grund haben, und da Eckart ſeine Mutter zu wohl kannte, als daß er ſie einer zufälligen Unterlaſſungsſünde beſchuldigen konnte, ſo war er auch überzeugt, daß Frau von Roſen⸗ berg für ihr Schweigen ſehr triftige Gründe haben mochte. Aber die gute Dame ſchien nach ſeiner Bekannt⸗ ſchaft ordentlich zu lechzen; durfte er eine ſolche Sehnſucht ungeſtillt laſſen? Das ging nicht an; Eckart beſchloß alſo, der Einladung Folge zu leiſten. Es würde ſeine Mutter— die doch, wie er ſelbſt eingeſtand, ihre guten Gründe haben mußte, der Frau von Khuen nicht zu erwähnen— angenehm überraſchen, bildete er ſich ein, wenn er ihr ſchreiben könnte, er habe eine ihrer Jugend⸗ freundinnen geſehen. Wäre Eckart gegen ſich ſelbſt auf⸗ 152 richtig geweſen, ſo würde er ſich bekannt haben, daß Neugierde und der Wunſch, neue Bekanntſchaften zu knüpfen, den bei weitem größten Antheil an der zarten Aufmerkſamkeit für die Dame Eliſabeth Khuen hatten. VIII. Capitel. Wie Don Carlos d'Austria das Blindekuh⸗Hpiel verſtand. Eckart überzog ſich und kleidete ſich in ein Wamms mit Silber ausgeſchlagen, mit weit aufgeſchlitzten und mit Seide ausgenähten Aermeln; als er glaubte anſtändig genug gekleidet zu ſein, begab er ſich nach der Wohnung des Oberſten. Khuen bewohnte ein dem neuen Bankge⸗ bäude in der Herrngaſſe gegenüber liegendes Haus. Mehrere Kutſchen, die vor dem Thor hielten, be⸗ wieſen ſattſam, daß er nicht der einzige Gaſt des Frei⸗ herrn ſein werde. Er ſtieg die hölzerne Treppe hinauf— leider ſind wir als gewiſſenhafter Berichterſtatter genöthigt zu ſagen, daß keine Marmorſtufen, ſondern eine ziemlich brüchige Stiege aus Holz zur Wohnung des geheimen Rathes führte,— er ſtieg alſo, wie geſagt, hinauf und hörte 154 ſchon von ferne ein Gemiſch verſchiedener Stimmen, aus welchem ſich eine tiefe Männerſtimme, die eine etwas fremdartige Ausſprache bekundete, beſonders hervorhob. Der Hausherr ſtand auf der Schwelle und becom⸗ plimentirte gerade einen ſchlank gewachſenen ziemlich be⸗ jahrten Mann in Hoftracht. Eine Minute ſpäter, nach⸗ dem Eckhart von der Frau des Hauſes willkommen ge⸗ heißen war, wurde er dem fremden Cavalier vorge⸗ ſtellt, und erfuhr bei dieſer Gelegenheit, daß der Mann in Hoftracht der oberſte Stallmeiſter des Kaiſers, Graf Capriani war. Cavriani ſtand damals bereits tief im Herbſt ſeines Lebens, aber in einem angenehmen Herbſt; ſein Herz war jung geblieben, jünger als das ſeines Herrn, der doch ſein eigener Zögling war; Cavriani war jetzt noch ein raſcherer Tänzer als Mathias, obgleich auch dieſer in podagrafreien Stunden dieſer angenehmen Bewegung leidenſchaftlich huldigte. Cavriani hatte ſich an die Seite der Gräfin geſetzt und ihr bereits zum hundertſten Male verſichert, daß er beim Kaiſer für den Oberſten einen Uriasbrief auswirken wolle, um ſeine Wittwe, wie König David in ſeine Burg zu führen. Frau von Khuen hatte zum hundertſten Mal die gewohnte Schmeichelei geduldig belächelt und Obriſt Khuen ſich ebenfalls zum hundert⸗ ſten Male eiferſüchtig geſtellt, mit dem Finger gedroht und geſagt:„Graf, nehmt Euch in Acht, das wird einen 15⁵ ſchlimmen Ausgang nehmen,“ worauf der Oberſtſtall⸗ meiſter ſtets mit der gleichen Schalkhaftigkeit erwiederte: „Ereifert Euch nicht, beſter Obriſt, Eure Frau iſt zu gut für Euch, viel zu gut.“ Nach und nach waren mehrere Güſte eingetreten, lauter Adelige,— es iſt ja ein Salon der guten Ge⸗ ſellſchaft des ſiebenzehnten Jahrhunderts, wohin wir un⸗ ſere Leſer bemühten— Cavaliere und Damen, den ver⸗ ſchiedenen Parteien des Landes angehörig, aber alle insgeſammt geadelt, oder auf dem beſten Weg es zu werden. Beginnen wir mit den Damen. Eine hohe ſchlank gewachſene Dame in ungariſcher Nationaltracht mit der wallenden Barta über dem rabenſchwarzen Haar und den goldſpangengeſchmückten Gürtel zog durch den un⸗ gewöhnlichen Glanz ihrer äußeren Erſcheinung die Auf⸗ merkſamkeit Eckarts auf ſich; es war die Conteſſa Palffy, das einzige ungariſche Hoffräulein der Kaiſerin. Mit ihr waren zwei junge Damen eingetreten, die der auffallen⸗ den Aehnlichkeit nach Schweſtern ſein mußten, die Fräu⸗ lein Euſebia Maria und Johanna Hippolita von Förſterberg. Neben der Hauswirthin nahm die Gräfin von Meggan, Gemahlin des Obriſt⸗Kämmerers Leon⸗ hard Hellfried, Grafen von Meggan, Platz. Zwei Mädchen, deren eines ganz einfach gekleidet war, wäh⸗ rend die Andere die Tracht einer Auguſtiner⸗Novize 156 trug, unterſtützten Frau von Khuen in der Bemühung um ihre Gäſte, während eine Anzahl von Bedienten ſich unausgeſetzt damit beſchäftigte, verſchiedenerlei Handrei⸗ chungen zu bieten. Unter den Herren bemerkte Eckhart den ihm bereits bekannten Obriſthofmeiſter des Kaiſers Friedrich Fürſten⸗ berg, Vater des liebenswürdigen ſchwäbiſchen Geſchwi⸗ ſterpaares, den etwas mürriſchen Gatten der kleinen dicken Dame, die zur Rechten der Hausfrau ſaß, Herrn von Meggan, dann den ſehr beliebten Paul Sirt Trautſon, Schwiegerſohn der kleinen dicken Frau und des mürri⸗ ſchen Herrn, ferner einen ſchwarzweiß und braun geklei⸗ deten Officier, deſſen Wamms mit Gold überladen war; er trug die Haare ſchlicht über den Scheitel herabfallend und hatte trotz ſeiner vierzig Jahre das Anſehen, als ob er dem Greiſenalter naheſtände. Dieſer alt ausſehende junge Mann, der noch zwei Kaiſern die Augen zudrücken ſollte, war der Trabantenhauptmann Graf Bruno Mansfeld. Auffallend contraſtirte mit der mehr oder minder kriegeriſchen, immer aber ſehr reichen Tracht der Anweſenden die Kutte des Dominicanerpriors Peter Hutner, der ſich auf Veranlaſſung des Cabinets⸗Di⸗ rectors, deſſen vertrauter Freund der Mönch war, bei Herrn von Khuen eingefunden hatte. „Leider,“ kündigte Frau von Khuen ihren Gäſten an,„leider muß ich Ihnen mittheilen, daß Se. Emi⸗ 157 nenz der Herr Cardinal, wie mir ſo eben der würdige Herr mitgetheilt— Hutner nickte beiſtimmend— ver⸗ hindert iſt, unſere kleine Geſellſchaft mit ſeiner Gegen⸗ wart zu verherrlichen, Se. Eminenz wurde plötzlich zu Se. Majeſtät den Kaiſer nach Ebersdorf berufen.“ Dieſe Nachricht machte je nach der verſchiedenar⸗ tigen Geſinnung der Anweſenden auch verſchiedenen Ein⸗ druck; Cavriani fand es ſehr langweilig, daß die Maje⸗ ſtät den lieben alten Papa in der feuchten Fepruarwit⸗ terung nach Ebersdorf hinaushetzte; der Graf von Für⸗ ſtenberg ſchnitt ein ſehr bekümmertes Geſicht, bei dem er eigentlich nichts dachte, und Graf Meggan huſtete und meinte in ſeinem Innern, daß es jetzt des Wehklagens genug wäre; Eckart aber, der ſchon lange Luſt hatte, den Biſchof, welcher viel belobt und noch mehr geſchmäht wurde, perſönlich kennen zu lernen, mußte ſich auf eine andere Gelegenheit vertröſten. Pater Hutner ließ ſich indeß durch die Gleichgültigkeit Trautſon's und das Hu⸗ ſten Meggans nicht hindern, dem abweſenden Cardinal eine Lobrede zu halten, in welcher er das ſeltene ſtets rege Pflichtgefühl ſeines hochfürſtlichen Freundes in den dritten Himmel erhob. Die aufrichtigſte Zuhörerin des würdigen Domini⸗ caners war unſtreitig Khleſl'’'s Beichtkind, Frau Eliſabeth von Khuen; Sie war in Allem, was zu des Cardinals Lob geſagt wurde, das ſtets wache Echo jedes Apolo⸗ 158 geten; Graf Cavriani klatſchte ebenfalls beifällig in die Hände, Graf von Meggan aber gähnte, und Trautſon machte ſich etwas am Kamin zu thun. Lebhafter wurde die Unterhaltung, als der Reichs⸗ vicekanzler Freiherr von Ulm mit dem geheimen Rath Grafen Carl von Harrach in den Saal trat. Eckart ſah ſich trotz ſeiner Jugend von allen An⸗ weſenden mehr ausgezeichnet, als ein ſo unerfahrener junger Mann erwarten konnte. Der Prior machte ſich viel mit ihm zu ſchaffen und benützte jede freie Minute, da er ungeſtört mit Eckart reden konnte, ihm von der Geneigtheit des Cardinals zu erzählen, junge verdienſtvolle Männer zu einer ihren Fähigkeiten würdigen Stellung zu verhelfen. Graf Meggan nahm den jungen Officier am Arm, und ſtellte ihn ganz beſonders ſeiner kurzen dicken Frau vor, welche trotz ihrer ſiebenundvierzig Jahre bis unter die Haare erröthete, und Graf Carl Harrach ließ es ſich nicht nehmen, Eckart von ſeinem Platz zu verdrängen, und zwiſchen die beiden ſchwäbiſchen Grafentöchter einzuſchieben.„Das glaube ich,“ ſagte der Graf zum Oberſthofmeiſter gewandt, iſt ein paſſenderer Platz für einen jungen Mann, als zwiſchen dem freundlichen Wirth und unſerm queckſilbernen Freund Ottavio, der nicht müde wird, jenen jungen Damen nachzublicken, die in jener Ecke mit Stickerei beſchäftigt ſind. 159 Ottavio Cavriani war aber nicht der Einzige, für welchen die beiden minder prachtvoll gekleideten Mäd⸗ chen höheren Reiz zu haben ſchienen, als die blonde Schönheit der Fürſtenbergiſchen Hoffräulein und die Ueberreife der ungariſchen Gräfin. Die beiden Mädchen ſchienen vertraute Freundinnen zu ſein. Das eine nonnenhaft gekleidete blaſſe Mädchen mit den großen geiſtigen Augen, die von langen Wimpern beſchattet, und von kühn geſpannten Brauen überwölbt wurden, trug, wie erwähnt, die Tracht der Auguſtinerinnen. Ob die jugendliche Novize wohl wahrhaften Beruf zum Kloſterleben in ſich fühlte!— Alle Welt glaubte es, ſelbſt Frau von Khuen und die hochwürdige Mutter Victoria; der bepurpurte Schutzherr der„Himmelspforte,“ Khleſl, ſchien es zu glauben, und Schweſter Franciska ſagte Jedem, der ſie fragte,„ja ich ſehne mich nach der ſtillen Zurückgezogenheit hinter den Mauern des Kloſters.“ Nur derjenige würde an dem Beruf der Schwe⸗ ſter Francisca einigermaßen gezweifelt haben, welcher ihr plötzliches Erröthen bei dem Eintritt eines neuen Gaſtes, eines noch jugendlichen Mannes bemerkt, dann beobachtet hätte, wie ſie ſich an der Fenſterbrüſtung feſt⸗ halten mußte, um nicht umzuſinken. Der Eingetretene war ein blaſſer, vornehmer jun⸗ ger Herr, der einen Sammetmantel über der Schulter, 160 Sporen an den Halbſtiefeln, und an der Seite einen mit koſtbarem Griff geſchmückten Degen trug. Der junge Mann war, wie wir ſchon erwähnten, ſehr blaß, hatte ein längliches ſchmales Geſicht, roth unterlaufene Augen, eine hohe kreideweiße Stirne und viel, ſehr viel unor⸗ dentlich niederhängendes Kopfhaar; um die Lippen kräu⸗ ſelte ſich ein dünner Schnurbart, während das Kinn mit einem etwas dichteren Knebelbart beſetzt war. Der junge Cavalier hatte etwas unverkennbar Vor⸗ nehmes in ſeiner äußern Erſcheinung, verdarb aber den ſtets günſtigen Eindruck dieſer natürlichen Vornehmheit durch das ſichtliche Beſtreben, alle Regeln des Anſtan⸗ des und guter Sitte mit Füßen zu treten, durch eine rückhaltlos an den Tag gelegte Verachtung ſeiner gan⸗ zen Umgebung. Wiewohl Frau von Khuen durch den Eintritt des jungen Mannes eben nicht freudig überraſcht ſchien, er⸗ hob ſie ſich doch augenblicklich und erwies dem Ankömm⸗ ling einen ſolchen Grad von Ehrfurcht, wie es ſonſt nur bei einem Prinzen von Geblüt oder Kirchenfür⸗ ſten üblich war. Auch die andern Gäſte wetteiferten mit einander in Achtungsbezeugungen gegen den jungen Mann, der ſie insgeſammt nicht zu bemerken ſchien, und von ſeinem Eintritt an die er ſcheukeue Novize nicht mehr aus den Augen ließ. 161 Eckarts Blicke richteten ſich aus einem ganz andern Grunde nach derſelben Ecke, wo Cavriani's und des Fremden Blicke zuſammentrafen. Während die Novize die Augen des blaſſen Cavaliers im ſpaniſchen Mantel gefeſſelt hielt, war es das andere Mädchen, das Eckarts Aufmerkſamkeit gleich bei ſeinem Eintritt auf ſich gezogen hatte. Es war ein wohlge⸗ bautes kräftiges Mädchen mit lebhaft blickenden dunklen Augen, blauſchwarzen Haarflechten und bewunderungs⸗ würdig kleinem Fuß. Etwas in den zwar nicht regelmäßigen, aber lieb⸗ lichen Zügen des Mädchens erinnerte ihn dunkel an eine Erſcheinung, die ihm in ſeinem Knabenalter ge⸗ worden war. Er hatte ein eben ſolches Mädchen, das aber viel kleiner und ſchmächtiger geweſen, zur Jugend⸗ geſpielin gehabt. Der Gedanke an ſeine Euphroſine, deren ſchöneres Abbild er plötzlich weit, weit von der Heimath treffen ſollte, beſchäftigte den jungen Krieger dergeſtalt, daß er ſchon drei Fragen des Fräuleins Euſebia über⸗ hört, und drei andere Johanna Hypolita's unbeantwortet gelaſſen hatte.„Ein zerſtreuter Mann, dieſer Meiſter Eckart,“ dachten die Conteſſen.„Ein junger Menſch, der ſich für einen jungen Herzog hält,“ meinte der alte Graf.„Ihr findet gewiß gleich mir,“ ſagte der alte Otta⸗ vio,„daß jenes Mädchen in Nonnentracht etwas unbegreif⸗ lich Anziehendes an ſich hat?“. Haas; Der alte Cardinal. 1. 11 162 „Meint Ihr dies wirklich, mein Beſter?“ verſetzte der junge Mann mit dem Sammetmantel, deſſen Lippen ſich bei dieſen Worten höhniſch verzogen. „Wir Beide ſind über den Punkt ganz gleicher An⸗ ſicht,“ nahm Eckart, welcher gegen den Fremden einen eigen⸗ thümlichen Widerwillen in ſich aufkeimen fühlte, das Wort, obſchon ihm die Novize vollkommen gleichgül⸗ tig war. „Ihr gehört alſo gleichfalls zu den Bewunderern dieſes Frauenzimmers?“ fragte der fremde Cavalier, der ſich nicht bemühte, das Geringſchätzige ſeines Tones zu verbergen. „Und wenn ich dazu gehörte, hättet Ihr etwas da⸗ wider?“ „Ich wahrlich nicht, Gott behüte mich, etwas da⸗ gegen zu haben, indeſſen—“ „Vollendet, mein Herr, wenn ich bitten darf.“ „Indeß iſt es noch fraglich, ob das Fräulein nach Eurer Bewunderung verlangt.“ Der junge Officier, welcher das Beleidigende in den Worten des Cavaliers herausfühlte, hielt mit gro⸗ ßer Selbſtbeherrſchung an ſich und erwiederte gelaſſen: „Ach mein Gott, ich bin von einer ſolchen Selbſtüber⸗ ſchätzung meiner Perſon ſehr weit entfernt.“ Der Mann mit dem Mantel drehte, ſich durch die Antwort des Officiers zufriedengeſtellt, mit wahrhaft 163 ſpaniſcher Grandezza um, und ſagte nur noch:„Das freut mich, von Euch zu vernehmen;“ in der nächſten Minute ſaß er mit dem Oberſthofmeiſter, Frau von Meggan und dem Vicekanzler von Ulm an einem Spiel tiſch, während ſich der jüngere Theil der Geſellſchaft, zu welchem ſich der alte Capriani rechnete, die Zeit mit ſolchen Spielen vertrieb, die man heutzutag mit unab⸗ ſichtigter Ironie“ jeu d'esprit nennt, um bald darauf zur„Blindekuh“ zu greifen. Eckart war im Beginn des Spieles ſo zerſtreut, daß er ſich jeden Augenblick irgend eine Strafe, ſei es die Abgabe eines Pfandes oder ſonſt einer Abbüßung zuzog. Dieſe Zerſtreutheit, wir wollen gerecht ſein,— rührte weniger von den allerliebſten Grübchen und dem loſen Spiel der Schelmenaugen Euphroſinens, als von der Betrachtung her, welche Eckart über die letzten Worte des würdevollen blaſſen jungen Mannes anſtellte. — Die in gereiztem Tone hervorgebrachten Worte ließen keinen Zweifel über, daß der Fremde gewiſſe Rechte auf die Novize zu beſitzen glaubte. Das Räthſel, welches jenen Worten zu Grunde zu liegen ſchien, wirkte auf den jun⸗ gen Mann um ſo ſtärker, als er ſich nach dem ihm bei⸗ gebrachten Begriffen von Mönch⸗ und Kloſterleben nicht einbilden konnte, daß zwiſchen einer Novize und einem 11 164 weltlichen Herrn der geringſte Zuſammenhang ſtattfinden könne. „Habt Acht!“ rief ſo eben der alte Oberſtſtallmei⸗ ſter, der, ein greiſer Liebesgott mit einer Binde um die Augen, und wie es ſchien, zwiſchen dem Tuch her⸗ vorblinzelnd, ſich alle erdenkliche Mühe gab, die angehende Nonne zu haſchen. Wie kam aber Graf Ottavio Cavriani zur Binde? Ei, man ſpielte vor zwei hundert Jahren„Blinde Kuh,“ wie heutzutage, nur daß ſich damals, wie wir an dem Beiſpiel des Oberſtſtallmeiſters genugſam ſehen, die Erwachſenen nicht ſchämten, an dem fröhlichen Spiel theil zu nehmen. „Habt Acht!“ rief der Graf nochmals, um den jun⸗ gen Öfficier, um deſſen Inhaftnahme es ihm am aller⸗ wenigſten zu thun war, zur Flucht zu bewegen. Zum Bedauern des alten Herrn lief ihm Eckart, durch den wiederholten Zuruf aufgeſchreckt, ſtatt zu fliehen, gerade in die Arme; der laute frohe Beifall der Mitſpielen⸗ den, welche das Schickſal des Officiers zu früh merkten, ſo daß ihn Capriani— wozu er wirklich Luſt hatte, — nicht ohne Löſegeld abziehen laſſen konnte, ein Bei⸗ fall, zu dem auch das ſtattliche Mädchen mit dem kleinen Fuß ihr Schärflein beitrug, nöthigte Eckart die von den Augen des greiſen Eros geſunkene Binde auf. Eckart, welcher im Spiel und Ernſt, in Allem und 165 Jedem von pedantiſcher Redlichkeit, wir ſagen von einer Redlichkeit war, die Einen zur Verzweiflung bringen konnte, paßte ſich das Tuch ſo hermetiſch ſchickend an, daß unmög⸗ lich ein Lichtſtrahl zu ſeinen Augen dringen konnte. Mit dieſer ſtrengen Verhüllung entſchloß er ſich nun, die ſchöne bekannte Unbekannte zu verfolgen. Er verſetzte ſeine Sehkraft in das Gehör, und horchte auf jedes leiſe Rauſchen eines Frauengewandes, auf jedes noch ſo leiſe geflüſterte Wort; ſobald er den geringſten ähnlichen Laut vernahm, eilte er nach der Seite hin, von welcher her er an ſein Ohr geſchlagen hatte. Einmal hätte er, in ſonderbarer Sinnestäuſchung befangen, beinahe die ru⸗ hig am Spieltiſch ſitzende dicke kleine Gräfin von Meg⸗ gan gehaſcht; ein erſtickter Angſtausruf rettete ihn gerade noch zur rechten Zeit vor dem Mißgriff, ſelbſt Graf Harrach war vor den ruderartig vorgebeugten Händen des blinden Mannes nicht allzu ſicher— endlich hörte er am andern Ende des Zimmers deutlich das Rauſchen ihres Kleides— ſagen Sie nicht, daß ein Kleid wie das andere rauſcht, verliebte Männer haben einen äußerſt empfindlichen Unterſcheidungsſinn und Sie werden doch ein beginnendes Verliebtwerden bei dem armen Eckart inne geworden ſein?— er hörte alſo ihr Kleid rau⸗ ſchen; noch mehr, er hörte deutlich, wie ſie ihrer Freun⸗ din einige unverſtändliche Worte zuflüſterte— mit ein Paar langen Schritten war der junge Soldat in der 166 Ecke und ſtand in Begriff die weit geöffneten Arme um ſeine Beute zuſammenzuſchlagen, als das große Mäd⸗ chen ſich raſch niederbeugte und unter ſeinen Armen un⸗ bemerkt durchſchlüpfte. Das hatte der Mann mit dem ſpaniſchen Ernſt nicht bemerkt, wohl aber traf ſein Blick gerade auf Eckart, wie ſich ſeine Arme um ein anderes Opfer polypenartig ſchloſſen, das nicht mehr Zeit hatte, der drohenden Gefahr zu entgehen. Eckart hatte ge⸗ funden, was Cavriani trotz ſeiner nicht ſo gewiſſenhaft verwahrten Augen vergeblich ſuchte,— die ſchöne Novize. Wir müſſen den Gang der Erzählung hier einen Augenblick unterbrechen und über das Spiel ſelbſt ein Wort ſagen.— Wer von Ihnen Allen, meine Leſer und Leſerinnen, weiß es nicht, daß der Kuß die ſouveraine Gottheit aller Jugendſpiele dieſer Art iſt; wer erin⸗ nert ſich nicht, daß der Strafkuß in ſehr vielen Fällen als nichts weniger als Strafe betrachtet war; welcher junge Mann hat ſich nicht ſchon freiwillig nur des lei⸗ digen Kuſſes wegen ſtraffällig gemacht. O die Buße im Pfänderſpiel iſt ganz geeignet, uns die Wolluſt der mönchiſchen und kloſterfräulichen Kaſteiungen anſchaulich zu machen. Man verband oder verbindet vielleicht noch mit der Blindekuh die Strafe des Kuſſes; ein Pönfall, den Jeder gern entrichtet, wenn ein roſiger Mund das Zahl⸗ amt vorſtellt, welches die Zahlung in Empfang nimmt. 167 Eckart aber, der junge Mann aus der Provinz, war viel zu erſtaunt, die ſchöne Novize ſtatt jener an⸗ dern Dame, auf die er ordentlich Jagd gemacht hatte, in ſeinen Händen zu ſehen, als daß er an den Kuß ge⸗ dacht hätte. Graf Cavriani, dem eine ſolche Entſagung unbegreiflich und unverzeihlich ſcheinen mußte, ſchrie ihm zu:„Euer Recht, Euer Recht— bei allen Teufeln, Ihr werdet es doch nicht gutwillig fahren laſſen.“ Was wollte Eckart thun, er mußte küſſen, das ſtand feſt, dem Kuß nach den Worten des Oberſtſtall⸗ meiſters länger entſagen, hieß die Dame beleidigen. Francisca richtete einen fragenden Blick auf Frau von Khuen, die ihr freundlich zuwinkte, worauf ſie Eckart die Wange darbot. Eckart küßte ſie auf die Wange, Cavriani ſchrie über Verrath, Graf Harrach nahm ebenfalls Partei für den jungen Officier, der ſich nicht einmal beklagt hatte; nur der Prior erklärte ſich mit einer ſchlauen Wendung, welche dazu dienen ſollte, die Beſcheidenheit des jungen Mannes in das roſigſte Licht zu ſetzen, für das Fait accompli des nun einmal vollbrachten Wan⸗ genkuſſes. 3 Anderer Meinung als Graf Cavriani und Harrach und als ſelbſt Frau von Khuen und der Dominicaner ſchien der ernſte Mann am Spieltiſch, deſſen Blick den armen Eckart zu verzehren ſchien. „Aber, aber,“ wagte der Oberſthofmeiſter zu ſa⸗ 168 gen,„Ihr werft ja unrichtig zu.“ Der Fremde that, als ob er es nicht gehört hätte, ſprang brusk vom Tiſche auf und ſprach:„Iſt Niemand, der meine Partie übernehmen will, ich ſpiele ſchlecht und mag Keinem mit meinem ſchlechten Spiel zur Laſt fallen.“ Vergebens entſchuldigte ſich Graf Fürſtenberg, daß er es nicht ſo ſchlimm gemeint habe; der Fremde blieb dabei, nicht weiter ſpielen zu wollen und hielt noch im⸗ mer die Karten in der Hand, um ſie ſeinem Erſatzmann zu übergeben. Obriſt Khuen, welcher die Ungeduld des Gaſtes wahrnahm, murmelte vor ſich:„Ganz ſein Va⸗ ter, wie er leibte und lebte!“ und beeilte ſich, das Spiel zu übernehmen:„Ihr ſeid frei, Don Carl,“ ſagte er zu dem Fremden und ſetzte ſich an ſeine Stelle, wäh⸗ rend ſich der mit Don Carl Angeredete unter die an⸗ dern Spielenden miſchte. „Wie artig ſich das anſieht,“ rief er dann aus, ſich in die Mitte des Zimmers ſtellend,„wie ganz beſonders artig, wenn ſolche junge Herren wie Graf Mansfeld, Trautſon, Meggan, oder ein wahrer Knabe, wie Ca⸗ vriani oder ein Springinsfeld, wie Sr. Würden der Herr Prior„blinde Kuh“ ſpielen.“„Ich ſpielte nicht mit,“ entſchuldigte ſich der Dominicaner.„Und ich,“ verſicherte Cavriani,„ich bemitleide Euer hohes Alter, das Euch zu ſo kindiſchen Spielen vollkommen untauglich macht.“ „Das ſollt Ihr nicht ein zweites Mal ſagen,“ ent⸗ 169 gegnete Don Carl, und ſtellte ſich mit verhaltenem Grolle unter die Spielenden. Eckart erſah den günſtigen Augen⸗ blick, während der fremde Cavalier den Anweſenden die ſcharfe Predigt hielt, um mit dem Fräulein, das ihm ſchon einmal entwiſcht war, ein Paar Minuten zu plau⸗ dern.„Helft mir ſuchen, mein Fräulein,“ hub er an, „wo und wann ich ſchon das Vergnügen hatte, Euch zu ſehen, denn daß dies ſchon einmal der Fall geweſen, weiß ich beſtimmt.“ „Da wißt Ihr unſtreitig mehr als ich,“ entgegnete das Mädchen,„denn ich kann mich dieſes Vergnügens durchaus nicht entſinnen.“ „Und wenn es irgendwo in Tyrol geweſen wäre?“ Das Mädchen erröthete plötzlich, ſagte aber dann: „Das iſt keine Kunſt zu errathen, daß ich aus Tyrol bin, zumal wenn es Euch meine Muhme die Frau von Khuen vor einer Viertelſtunde geſagt hat.“ Eckart klatſchte vor Vergnügen, daß er richtig ge⸗ rathen, in die Hände und verſicherte nun die Hand auf der Bruſt, daß er von der Baronin keine Silbe gehört habe. 1 „O das wiſſen die jüngſten wie die älteſten Män⸗ ner prächtig anzuſtellen, aber man glaubt ihnen nicht.“ „Was, Ihr haltet meine Verſicherung für Liſt?“ „O werdet nur nicht ungehalten, vielleicht— ich 170 gebe ja die bloße Möglichkeit zu, war es auch nicht Verſtellung.“ „Gut, um Euch zu überzeugen, füge ich bei, daß wir uns zu Innsbruck oder in der Gegend von Meran getroffen haben müſſen.“ Das Mädchen erröthete auf's Neue und wieder⸗ holte:„Die Muhme, die Muhme!“ „Aber ich gebe Euch mein Ehrenwort, keinerlei Muhme. Seid ihr nie in Knielenberg geweſen?“ „Und wenn?“ „Ihr ſeid alſo dort geweſen, geſteht es nur ein.“ „Und was dann?“ 4 „Dann habt Ihr mit einem etwas ältern Knaben geſpielt, der ſich Hans nannte.“ „Hans, kein hübſcher Name.“ „Es fragt ſich hier nicht darum, ob der Name hübſch ſei, ſondern ob Ihr mit einem Buben dieſes Namens geſpielt habt.“ „Laßt ſehen— Hans nannten wir den Sohn des Gärtners— mit dem habe ich nicht geſpielt, aber nein, ich will Euch nicht betrügen, mit dem Hans habe ich ge⸗ ſpielt,— Ihr ſeid doch nicht der Gärtnerhans?“ „Ihr thut mir unverdiente Ehre an, erinnert Ihr Euch ſonſt keines gleichnamigen Bubens?“ „Ja wohl, zuweilen kam ein ſtolzer, ſtrenger Herr zu uns, vor dem Alles tief knixte und dem mein ſeliger 171 Vater alle erdenkliche Hochachtung bezeugte, der führte einen Knaben mit ſich, den er Hänschen nannte.“ „Und mit dem Hänschen habt Ihr wohl nie ge⸗ ſpielt?“ „Kann ſein, daß ich es gethan, dann ging mir aber das Spiel gewiß nicht von Herzen; mein Vater empfahl mir ſo viel Sorgfalt für das alberne Hänschen des ſtolzen, ſtrengen Mannes, daß ich es über alle Berge wünſchte.“ „Dieſes alberne Hänschen ſteht vor Euch.“ „Was fällt Euch ein!“ „Kann ich dafür, daß aus dem albernen Hänschen ein alberner Hans geworden iſt?“ „Wäre nicht übel.“ „Ich verſichere Euch.“ „Erklärt mir nur.“ „Augenblicklich, der ernſte, ſtolze Mann, entſinnt ihr Euch Seiner noch?“ „Als ob er vor mir ſtünde.“ „Habt Ihr ihn hier noch nicht geſehen?“ „Ihn ſelbſt nicht, wohl aber einen Mann, der ihm ſehr ähnlich ſieht.“ „Vielleicht iſt es derſelbe.“ „Nein, er iſt viel älter und ein großer Herr.“ „Und der ſtolze ernſte Mann in Knielenberg?“ 172 „War, ſo viel ich mich entſinne, ein Gutsherr aus der Nachbarſchaft.“ „Von Winkel?“ „Ja, ja, von Winkel, wie lange habe ich dieſen Na⸗ men nicht mehr gehört, wie kommt Ihr aber zu dem Na⸗ men Winkel?“ „Ei, weil Ener Gutsherr und ſein Wiener Doppelgän⸗ ger ein und dieſelbe Perſon ſind, und weil ich Euch endlich zu wiederholen die Ehre habe, daß ich des ſtrengen Man⸗ nes Hänschen bin.“ „Ihr nehmt es doch nicht übel?“— Das Mädchen blickte den Officier bei dieſen Worten flehend an. „Was, daß ich ein albernes Hänschen war, das Ihr nicht ausſtehen konntet?“ „Gewiß nicht?“ „Ich nehme es nicht übel, wenn—“ „Nun macht nur Eure Bedingungen, ich habe es durch meine Vorlautheit wohl verdient.“ „Alſo hört, ich nehme dieſen Schimpf....“ „Schimpf? Ich wollte Euch ja nicht beſchimpfen.“ „Mag ſein, aber ein Schimpf bleibt es doch, wenn man einem Officier in's Geſicht ſagt:„Ihr alberner Hans!“ „Ihr verdreht.“ „Ich verdrehe gar nichts. Wäre ich des Gärtners Hans, mit dem Ihr gerne ſpieltet, o dann ließ ich mir 173 den dummen Hans gern gefallen, da ich aber leider das unausſtehliche alberne Hänschen bin, mit dem Ihr nicht ſpielen mochtet, da muß ich ſchon zu einigen juri⸗ diſchen Spitzfindigkeiten meine Zuflucht nehmen.“ „Der ehrliche Name Hans und Spitzfindigkeiten?“ „Ach, Ihr haltet mich meiner Albernheit willen der⸗ ſelben gar nicht für fähig! Immer beſſer.“ „Ihr rächt Euch zu hart!“ „Wartet nur erſt meine Friedensbedingungen ab!“ „Ich will ſehen, ob ſie annehmbar ſind.“ „Als ob Euch ohne meinen Edelmuth noch etwas übrig bliebe, als Unterwerfung auf Gnad' und Un⸗ gnade.“ „Die Bedingungen, die Bedingungen!“ „Ich verzeihe Euch, wenn Ihr künftig mit mir ſpielen und mich lieber haben wollt, als das arme Häns⸗ lein, ſagt Ihr zu?“ Das Mädchen wurde purpurroth, wie ſollte ſie dem jungen Mann ſo gerade unter vier Augen verſpre⸗ chen, daß ſie ihn lieb haben wolle, das war gewiß eine ſehr harte Friedensbedingung; ſie unterhandelte.„Die erſte Bedingung,“ ſagte ſie,„habe ich zu erfüllen ange⸗ fangen, noch bevor Ihr ſie ſtelltet, denn wir haben zu⸗ ſammen geſpielt, die zweite“— hier ſtockte die Unter⸗ handlung. „Die zweite haltet Ihr für ganz unerfüllbar, für 174 das, was die römiſchen Rechtslehrer eine unmögliche Be⸗ dingung heißen?“ „Das ſagte ich nicht.“ 8 „Ihr haltet ſie für keine Unmöglichkeit?“ „Warum ſollte ich ſie für unmöglich halten?“ „Ihr glaubt alſo mich einmal lieben zu können?“ Das Mädchen verlor die Faſſung gänzlich und machte in ihrer Verlegenheit Miene, ſich von Eckart, der ſie bei der Hand hielt, los zu machen; Eckart blickte ihr aber ſo offen und ehrlich, ſo unbefangen und gutmüthig in’s Auge, daß ſie ſich wunderbar beruhigt fühlte und blieb. Eckart fuhr lebhaft fort:„Beunruhigt Euch nicht weiter dieſer Bedingung willen, ich weiß ja, daß ſich lieben und haſſen nicht erzwingen läßt, weiß aber auch, daß Ihr mir wenigſtens meine Hoffnungen nicht nehmen dürft, denn jetzt, da ich die Gewißheit habe, die kleine Euphroſine des Herrn von Bock auf Antholz vor mir zu ſehen, kann ich Euch die vollſte Verſicherung geben, daß das alberne Hänschen Eure Abneigung nicht im Geringſten theilte, ſondern oft die ganze Woche fleißig lernte, um nur ja nach Knielenberg zur kleinen Froſi mitgenommen zu werden; ich darf Euch ferner geſtehen, daß das arme Hänschen zwei, drei Nächte kein Auge ſchloß, als Euer Vater Knielenberg verkaufte und mit Euch aus der Gegend fortzog. Meine Mutter hatte damals ihre große Noth mit mir, denn es wollte mir — ü——y— auf Winkel nimmermehr gefallen und ich konnte den Win⸗ ter nicht erwarten, um Euch zu Innsbruck wieder zu⸗ ſehen. Eitle Hoffnung! Die kleine Froſi war in Innsbruck ſo wenig mehr zu treffen, als in Knielenberg. Wo Ihr hingekommen, wußte Niemand.“ „Ach mein Gott, wo mein Vater hingekommen, hätte Euch das Grabdenkmal bei St. Jakob ſagen kön⸗ nen und nach einem einfältigen Mädchen fragt Niemand.“ „Redet nicht ſo, Euphroſine,“ verſetzte Eckart ernſt⸗ lich verweiſend.„Ich habe viel und oft nach Euch gefragt, und es hieß nur, Ihr ſeiet außer Landes zu Verwandten gezogen.“ „Und das war die lautere Wahrheit; zuerſt ging ich nach Steier zur Baſe Lamberg und von da zu Frau von Khuen.“ Die beiden jungen Leute würden bis Mitternacht und noch länger ſo fort geplaudert haben, wenn es Don Carlos nicht ſo eben gelungen wäre, ſich von der Novize ertappen zu laſſen. Der junge Cavalier flüſterte der ſchönen Nonne bei dieſer Gelegenheit ein paar Worte in's Ohr, die ſie feuerroth machten. Widerwillig folgte ſie ihm hierauf in einen Erker, wo ſich die Beiden in ein tiefes und, wie es allen Anſchein hatte, ſehr lebhaftes Geſpräch verſenkten. Die Geſellſchaft machte aber nun um ſo mehr ihre Rechte auf den jungen Krie⸗ ger und Euphroſine geltend. 176 Während die Novize und Don Carlos d'Auſtria zuſammen flüſterten, der Oberſtſtallmeiſter mindeſtens zum vierzehnten Mal die Binde vor die Augen band und Graf Bruno Mansfeld Fräulein Euſebia von Fürſtenberg un⸗ ausgeſetzt mit ritterlicher Galanterie wie mit einem Sturz⸗ bad überſchüttete, während Frau von Khuen und der Do⸗ minieaner⸗Prior mit einander ſchwatzten und Eckart und Euphroſine Blicke wechſelten, ſtanden Trautſon, Harrach und Meggan zuſammen und beſprachen die Ereigniſſe des Tages. Der Friede mit Venedig war ſo eben unterzeichnet worden. Ferdinand hatte ſich vor der Republik beugen müſſen, ſo daß es allen Anſchein hatte, als ob, wie Khleſl unverholen geäußert, das Recht auf Venedigs Seite ſtünde. Hätte Mathias Kinder gehabt oder wäre Mathias um zehn Jahre jünger und rüſtiger geweſen, Harrach, Meggan und Trautſon würden ſo gut wie Khleſl über die Niederlage des Erzherzogs im Intereſſe ihres eigenen Herrn triumphirt haben, ſo aber wandten ſie dem Kaiſer halb und halb den Rücken, um ſich der neu aufgehenden Sonne Ferdinands von Steiermark zuzukehren. Es war dies bereits das dritte Geſtirn, daß an ihrem Horizont aufſtieg, das dritte, das ſie bewillkommten, das dritte, um deſſent⸗ willen ſie den regierenden Planeten verließen. Wer Mathias halber an Rudolf zum Verräther —— 177 geworden war, was ſollte den hindern, um eines jedesfalls bedeutenderen Charakters willen nochmals die Rolle zu wechſeln. Von Meggan behauptete, daß man ſchmachvoll ge⸗ handelt, es ſo weit kommen zu laſſen. Ein rechtzeitig ab⸗ geſchicktes tüchtiges Hülfscorps hätte zu ganz anderen Reſultaten geführt. Harrach nickte und Trautſon ſah ſchüchtern umher und ſagte dann ſo leiſe, daß ihn nur der Oberſtkämmerer verſtehen konnte:„Ich weiß aus guter Quelle, daß der Cardinal alle Anſtalten, den Erz⸗ herzog gegen die Venetianer wirkſam zu unterſtützen, rückſtellig machte. Ich ſelbſt war zugegen, als Khlefl in Gegenwart des Kaiſers und Sr. Durchlaucht die Errich⸗ tung eines Regimentes zuſagte und die nöthigen Anwei⸗ ſungen an die Hofkammer niederſchrieb, der alte Breuner ſteckte mir aber ſpäter, daß ihm der Cabinetsdirector Gegenbefehl ertheilt, keinen Groſchen auszufolgen— das projectirte Regiment löſte ſich daher in Dunſt auf.“ „Raum, meine Herren, Raum!“ ſchrie die Stimme des kaiſerlichen Baſtards Carl von Oeſterreich dazwi⸗ ſchen, der plötzlich nach der lange dauernden Unterhaltung mit der ſchönen Novize den Platz neben ihr verlaſſen und ſich die Binde wieder umgelegt hatte. Don Carlos gab ſich gar nicht Mühe, den Betrug zu verbergen, indem er das Tuch über die Augen her⸗ abzog, ſondern trug die Binde ſo, daß die Hälfte ſei⸗ 12 Haas: Der alte Cardinal. 1. nes Geſichtes unbedeckt blieb. Er ging mit raſchen Schritten einige Male, mehr der Förmlichkeit willen in Zimmer herum, ohne irgend Jemand zu beunruhigen, und näherte ſich dann der Novize, welche einer gewiſ⸗ ſen Aufregung, die ſich unverkennbar in ihrem hochge⸗ rötheten Geſicht abſpiegelte, nicht Herrin zu werden ver⸗ mochte; ſie ſtellte ſich an, vor dem Verfolger zu fliehen, that es aber mit ſo zögerndem Fuß, daß es dem Ba⸗ ſtard ein Leichtes geweſen wäre, ſie einzuholen; es ſchien dies aber nicht in ſeiner Abſicht zu liegen, er ließ dem Mädchen vielmehr Zeit das Zimmer zu verlaſſen. Fran⸗ ciska vergaß zufällig die Thür hinter ſich zu ſchließen. Don Carlos glaubte, da die Novize die Regel des Spiels, welche die Entfernung aus dem Spielraum ſtrenge verbietet, zuerſt übertreten hatte, nicht länger daran gebunden zu ſein und folgte dem Mädchen unter dem Gelächter der Anweſenden nach, warf aber, wohl unr um die Rückkehr des Fräuleins zu hindern, die Thüre hinter ſich zu. Die Anweſenden warteten auf irgend einen Aus⸗ ruf der überraſchten Novize, auf ein Echo ihres eigenen Gelächters von den vor der Thüre Spielenden, ſie warteten lange— es ließ ſich keinerlei Geräuſch, kein Ausruf, nichts— gar nichts vernehmen. Die Hausfrau bemerkte mit mütterlicher Sorgfalt:„Wenn ſich die Rappach— ſo lautete der Zuname der Auguſtiner⸗No⸗ 7 179 vize— nur nicht in der Zugluft des Vorhauſes ver⸗ kühlt.“ Der Prior tröſtete ſie noch mit der Verſiche⸗ rung, daß junge Leute— o kurzſichtiger Mann!— nicht ſo leicht Schaden nähmen. Die älteren Herren hatten ihr Geſpräch, die Spiel⸗ geſellſchaft ihr Spiel wieder aufgenommen und Don Carlos war noch ſo wenig als Fräulein von Rappach zurückgekehrt. Endlich ſagte die Freifrau, ſich an Fräu⸗ lein Bock von Antholz wendend:„Sieh doch nach, Eu⸗ phroſine, wo die beiden Leute bleiben oder ob ſie wohl gar— ihr Ausbleiben ließe es faſt vermuthen,— in den Keller geſtürzt ſind.“ Eckart wollte Euphroſine begleiten, was aber Frau von Khuen mit dem ſcherzhaften Ausruf hinderte:„Das wäre was Schönes, wenn noch ein zweites Paar nach⸗ ſtürzte, damit morgen ganz Wien erzählte, man habe im Khuen ſchen Hauſe die Leichen von vier Gäſten der Hausfrau aufgefunden.“ Eckart mußte dieſer Weiſung willig oder unwil⸗ lig Folge leiſten. Aber auch Euphroſine blieb länger außen, als man hätte vermuthen ſollen— endlich kehrte ſie zurück, aber mit verſtörtem Geſicht. Auf die von allen Seiten an ſie gerichtete Frage, was ſich zuge⸗ tragen habe, erwiederte ſie mit mühſam erzwungenem Lä⸗ cheln, daß es nichts, gar nichts auf ſich habe und Fran⸗ ciska nur eben von einem vorübergehendem Unwohlſein, 12* 180 von dem ſie oft befallen werde, angewandelt worden ſei; der Hausfrau flüſterte ſie dagegen ein Paar Worte in's Ohr, welche dieſelbe Veränderung in den Geſichts⸗ zügen der Freifrau hervorbrachten. Dieſe zauberhaft wir⸗ kenden Worte lauteten: „Sie iſt, Gott verzeihe mir, wenn ich irre, mit dem Baſtard auf und davon, das Hausthor ſteht offen und auf der Stiege fand ich noch dieſes Tuch“— es war Francisca's Sacktuch.“ Die Gräfin verließ, ohne ein Wort zu ſagen, das Zimmer, hüllte ſich in einen Shawl, eilte auf die Gaſſe hinunter und frug in dem Laden des Hausmeiſters— damals gab es noch keine Portiers— ob der Baſtard von Oeſterreich ſchon fort ſei. Man erwiederte, daß Nie⸗ mand weggefahren, wohl aber ein Mann mit unbedecktem Haupt die Stiege herab gekommen und mit einem Mäd⸗ chen, deſſen Geſicht man nicht ſehen konnte, zu Fuß aus dem Thore getreten ſei. Frau v. Khuen wußte genug; ſie ſtöhnte„Gott im Him⸗ mel ſei der armen Creatur gnädig!“ und kehrte zur Geſell⸗ ſchaft zurück. Kein Wort kam über ihre oder Euphroſinens Lippen, daß zu irgend einer üblen Deutung der plötzli⸗ chen Entfernung Francisca's hätte Anlaß geben können; im Gegentheil verkündigte Frau v. Khuen der Geſellſchaft, daß ſie die Novize nach Hauſe geſandt habe. Die ganze Geſellſchaft, den treuherzigen Junker aus 181 der Provinz mit eingeſchloſſen, glaubte der Gräfin auf's Wort nur der ſchlaue Italiener Cavriani, welcher die Art des Vaters— Rudolf II.— aus eigener Anſchauung genugſam kannte, um zu wiſſen, was von dem Baſtard zu erwarten ſtand, ſchüttelte unmerklich mit dem Kopf. Die Gräfin berief ihre Geſellſchaft eben zur Tafel und wies ihren Gäſten die für ſie beſtimmten Plätze an— wir bemerken nochmals, daß Obriſt Khuen, ob er auch die ausgezeichnetſten Perſonen ſeiner Zeit bei ſich em⸗ pfing, durchaus nichts von jener ceremoniellen Art kannte, mit welcher ſich die damalige und noch mehr die darauf folgende Generation des öſterreichiſchen Adels ſo viel wußte. Der Obriſt hielt keine Läufer, Vorreiter und Fackel⸗ trägen, keine Banatiers, Credenzer und Mundſchenke, kurz die Sitten des Hauſes waren, Dank der einfachen gottes⸗ fürchtigen Hausfrau, mehr altbürgerlich als nach ariſtokra⸗ tiſchem Zuſchnitt. Die Gräfin verſammelte, wiederholen wir, ihre Gäſte aber um die Tafel, als Se. Excellenz der Kammerpräſident Seyfried von Breuner und gleich darauf Fürſt Eggenberg gemeldet wurden. IX. Capitel. In dem vom„rechten Goldhandelteig,“„Ambroſiamandeln,“ „Votarga“ und„Granzipori,“ dem Gutachten über die Lrb- folge, den Venetianiſchen Frieden und mehreren andern Din⸗ gen gehandelt wird. Hans Ulrich, der erſte Fürſt von Eggenberg und nachmalige erſte Herzog von Krumau, war damals ſchon ein von Fußgicht und Koliken ſchwer heimgeſuchter Herr. Er war groß und hager und hatte einen intereſſanten Kopf auf dem Nacken ſitzen. Ein ſchön geformter Mund, eine mehr hoch als breite Stirn und zwei helle, klare und lebhaft blickende Augen machten den Hauptreiz des unregelmäßigen Geſichtes aus. Er war bloß in die Stadt gekommen, um dem Sohn des Hoch⸗ und Deutſch⸗ meiſters ſeine Aufmerkſamkeit zu bezeugen. Es war be⸗ kannt, daß Eggenberg ſich zu Khuen ſehr wenig hingezogen 183 fühlte. Wie auch anders möglich? hielt ſich doch der Obriſt zur Partei des erſten Miniſters, während Eg⸗ genberg in Verbindung mit den Jeſuiten, wenn auch insgeheim, ſein Hauptgegner war. Eggenberg fühlte in ſich alle die zu einer ſo hohen Stellung nöthige Bega⸗ bung und erblickte in der Gunſt ſeines Herrn, König Ferdinands, das untrügliche Mittel, über kurz oder lang an den Platz des Cardinals zu treten. Eggenberg mußte folgerichtig Allen abgeneigt ſein, die den Principal⸗ miniſter des Kaiſers ſtützten und ihn ſelbſt von dem ſo heiß erſehnten Platze trennten. Dieſe Abneigung hinderte aber den Fürſten keineswegs, ſich, ſelbſt ſeinen entſchiedenen Feinden gegenüber, als wahrer Hofmann zu betragen. Nichts kam dem einnehmenden und doch ſo ungeſuchten Weſen Eggenbergs gleich. Zuerſt brachte er ſeine Huldigung der Frau des Hauſes dar; hierauf beeilte er ſich, dem Obriſten ein freundliches Wort zu ſa⸗ gen, dann wandte er ſich an die anweſenden Räthe des Kaiſers und zuletzt erſt an Johann Eckart und zwar mit der Bemerkung, daß man ſich das Beſte zuletzt auf⸗ hebe. Er ſagte unverholen, daß er dem Oberſten zu gro⸗ ßem Dank verbunden ſei, welcher ihm von der Gegen⸗ wart Eckarts Nachricht gegeben. Gerne, fügte er hinzu, habe er ſeinen alten Feind, das Podagra, dem Wunſch, mit Eckart Bekanntſchaft zu ſchließen, unterthan gemacht. Was liege ihm an dem bischen Gliederſchmerz, wenn 184 es ſich darum handelte, einen jungen Mann kennen zu lernen, der, wie er wohl wiſſe, ſeinem alten Gönner, dem Erzherzog, ſo lieb und werth ſei. Eckart ſolle ge⸗ gen ihn aufrichtig ſein und mittheilen, wenn ſein Wunſch nach irgend etwas ſtehe, wenn auch nur ein geringer Mann ſolchen einflußreichen Herren gegenüber— er be⸗ zeichnete hiemit die Räthe des Kaiſers— wolle er durch Fleiß und Redlichkeit erſetzen, was ihm an Macht fehle. Junge Leute, fuhr Eggenberg fort, er wiſſe das aus ſeiner eigenen Jugend, wollten ſich zuweilen luſtig ma⸗ chen; ſie hätten aber auch arme Cameraden, denen ſie gerne aushülfen, das Alles koſte Geld; nun ſei es nicht aller jungen Leute Art, ſeiner eigen ſei es beiſpielsweiſe gleich nicht geweſen, ſich, wenn der Beutel vorzeitig leer geworden, alſobald an Vater und Mutter zu wenden. Das Schlimmſte ſei nun der Borg mit Wucherzinſen, zu ſo etwas, das dürfe Eckart ſeiner väterlichen Zunei⸗ gung, die nicht erſt von heute datire, nicht übel nehmen, könne er nie rathen. Er beſchwöre den jungen Herrn, es ihm als keine Vermeſſenheit auszulegen, wenn er mit der Farbe gerade herausgehe und ihm ohne Umſchweif ſeine Börſe anbiete; er, Eggenberg, werde ſich glücklich ſchätzen, wenn er zur Zufriedenheit eines ſo lieben, jun⸗ gen Herrn beitragen könne. Eckart werde über ein ſo raſches, vorſchnelles Anerbieten vielleicht ſtaunen; nach ſeiner geringen Einſicht gebe es aber nichts zu ſtaunen, 185 ſeine Vorfahren hätten ſchon in längſt vergangenen Zei⸗ ten die Ehre gehabt, der Kaiſerin mit Geld und Gut beizuſpringen; er ſelbſt wolle nun nicht aus der Art ſchlagen und ſich freuen, wenn ein Glied des erhabenen Hauſes ihn der Annahme kleiner Hülfeleiſtungen wür⸗ dige. Eggenberg hatte ſein Anerbieten mit ſo freund⸗ lichem und herzlichem Eifer geſtellt, daß Eckart die Kürze der Bekanntſchaft und das Aufdringliche des Anerbie⸗ ters ſelbſt bei ſeiner großen Unerfahrenheit gar nicht in Anſchlag brachte, ſondern ſich in ſo warmen Dankes⸗ ergießungen erging, als ob er von Eggenberg wirklich eine kleine Million geſchenkt bekommen hätte. Eggenbergs Freundlichkeit, die nicht ganz Product kal⸗ ter Ueberlegung allein, ſondern in ſeiner Natur tief begrün⸗ det war, hatte früher und ſpäter viel gewiegtere Männer als Eckart, Diplomaten von Fach, und ſelbſt Mönche beſto⸗ chen, welches Wunder, daß Eckart, welcher freundlichen Worten ſo leicht zugänglich war, endlich in Eggenberg den echten Bruder gefunden zu haben wähnte! Was war der ſelbſtſüchtige, wenn auch fromme Lamormain, was der weltliche Khuen, was endlich der ſchlangenkluge, aber ketzeriſche Tſchernembl gegen dieſen Mann? Ja Eggenberg, der gutherzige väterliche Eggenberg war der Mann, dem ein junger Menſch Vertrauen ſchenken durfte. Khuen bemerkte mit klopfendem Herzen, wie ſich ſein junger Gaſt dem Vertreter der Ferdinandeiſchen Ideen rückhalt⸗ los zuneigte; glücklicher Weiſe gab es ein Nittel ſicherer Diverſion und der Obriſt zögerte keinen Augenblick, es in Anwendung zu bringen. Er ſagte lachend:„Seiner Excellenz Graf Harrachs Weisheit beſchränkt ſich nicht auf die Rathſtube ſeines Monarchen; der wahrhaft ver⸗ nünftige Mann iſt es immer und überall!— Der ge⸗ heime Rath durch die Schmeichelworte Khuens ſanft gekitzelt, horchte hoch auf— Graf Harrach glaubte, unſer junge Gaſt würde ſich zwiſchen den würdigſten alten Her⸗ ren langweilen und dachte ihm vorhin ſchon das benei⸗ denswerthe Loos zu, zwiſchen unſern verehrten Fräulein zu ſitzen, unſer Gaſt ſoll dieſes Privilegiums bei Tiſche nicht verluſtig gehen, Platz dort für unſern jungen Freund.“ Khuen deutete aber nach jener Stelle, wo Euphroſinens Couvert aufgelegt war. Daß ſich Eckart raſch und freudig in den Beſchluß des Wirthes fügte, und ohne Leidweſen den neu gewonnenen Freund verließ, daß Euphroſine, wenn auch nicht ohne Erröthen, eben ſo willig rückte und dem ihr octroyirten Nachbar Raum gab, wird Jedermann natürlich finden,— nur Fürſt Eggenberg war über die plötzliche Aenderung etwas min⸗ der entzückt und lächelte ironiſch über den Enthuſiasmus, mit welchem Graf Harrach die neue Tafelordnung un⸗ terſtützte, während der Dominicanermönch ſich darüber ſo erfreut zeigte, als wenn man ihn zum Cardinal er⸗ nannt hätte. 3 187 Sollen wir die Tafelfreuden eingehend ſchildern, ſollen wir von der ſchmackhaften Suppe beginnen und mit dem Haupttafelſtück, einem koloſſalen Steinadler, der ſich mit ausgeſpannten Flügeln und weitgeöffnetem Schna⸗ bel auf dem goldigbraunen Aufſatz einer Rieſenpaſtete erhob, ſchließen, oder ſollen wir noch der Gugerellen erwähnen und des„rechten Goldhandelteiges,“ deſſen ausgezeichnete Bereitung der häufige Tafelgenoſſe der Freifrau von Khuen, Cardinal Khleſl, nicht genug rüh⸗ men konnte, der groß und ſchön gebackenen Salbei und der Brennneſſel, Ambroſiamandeln und Mandel⸗ Scherr⸗Rüblein. Beobachten wir lieber den wackern Prior, deſſen kahler Schädel unter der Aufgabe, die angefüll⸗ ten Teller ſo raſch als möglich zu leeren, von Schweiß glänzte und an Glanz mit der breiten Stirne wetteiferte. Der gute Dominicaner ſchien ſich der Ehre bewußt zu ſein, ſeinen Herrn und Meiſter den Cardinal zu vertre⸗ ten, denn er ſpeiſte für zweie und trank für zehn. „Potarga“ und„Granzipori“ verſchwanden, als ob ſein Inneres ein weiter See wäre, in den dieſe Meeresfrucht wieder zurückkehrte, einen majeſtätiſchen Huchen begrüßte er als alten Bekannten und ſagte zu Eggenberg auf den Fiſch hinweiſend:„Ein Landsmann, Exeellenz, ein fetter Steirer.“„Landsmann mag ſein,“ gab der Fürſt gut⸗ müthig zur Antwort,„nur bin ich, wie Ihr ſeht, ein gar magerer Steirer.“ 188 Sich mit dem„Cleriet,“ rechten„Goldhandelteig“ „Zuckerherzlein“ und„Ambroſia⸗Mandeln“ abzugeben, hielt er unter ſeiner Würde und widmete ſich mit um ſo rühmenswertherem Eifer dem Studium der Orni⸗ thologie, zu welchem durch mehrere Exemplare des Haus⸗ huhnes, der Gans und Ente, dann den wilden Spe⸗ cies von Wachteln, Haſelhühnern ꝛc. Gelegenheit ge⸗ boten war. Wenn dem ehrwürdigen Vater die himmliſche Palme ſo ſicher gebührte, als die Siegespalme an der Tafel, ſo war ſeinem Orden unſtreitig zu dieſem vortrefflichen Prior Glück zu wünſchen. Keiner von allen Gäſten, die ge⸗ fräßigſten, wie den Hofkammerpräſidenten von Breuner nicht ausgenommen, durften ſich mit ihm meſſen. Sey⸗ fried Breuner hatte noch nicht fünf Worte geſprochen, Meſſer und Gabel nahmen ſeinen Geiſt zu ſehr in An⸗ ſpruch; eine beifällige Neigung des Kopfes oder ein unverſtändliches Gemurmel aus vollgeſtopftem Mund waren bis jetzt alle Zeichen der Theilnahme, die man dem Präſidenten abringen konnte; aber der Präſident blieb weit hinter dem Prior zurück, das machte, weil er kein Eßkünſtler war wie Hutner. Der Münch leerte mit Taſchenſpieler⸗Geſchwindigkeit den Teller, füllte ihn aufs Neue und fand noch immer Zeit, irgend einen körnigen Witz einzuſtreuen oder ein paſſendes Compli⸗ ment für die Hausfrau anzubringen; für den Mönch war 189 ein angenehmes Spiel, was für Breuner eine ernſte Lebensaufgabe ſchien; freilich ſtachen die ſchadhaften bran⸗ digen Zähne des Präſidenten von dem blendend weißen Haifiſchgebiß des Priors unvortheilhaft ab; freilich mußte Breuner an einem Stück eine halbe Stunde nagen, das der ehrwürdige Herr mit einem einzigen Biß zermalmte, aber eine Sache erklären heißt ſie darum noch nicht beſſer machen. Seyfried Breuner keuchte unter der Laſt ſeiner Arbeit und hätte bei ſeinen unnatürlich aufgeblähten Backen nicht nein ſagen können, wenn man in ſeiner Gegenwart geſchworen hätte, daß ihn Khleſl— bekannt⸗ lich Breuners Todfeind— zum Erben eingeſetzt habe. Das vollendete Gegenſtück zu den feurigſten Ver⸗ ehrern der culinariſchen Kunſtſtücke des freiherrlichen Hauſe, bildeten die Schwäbinnen, welche zu beiden Seiten des Grafen Ottavio Cavriani ſaßen. Vogelähnlich tipp⸗ ten ſie auf den Tellern herum und netzten kaum die Lippen mit Waſſer, denn Wein zu trinken, wie die Uebri⸗ gen, hätte ihnen unſchicklich geſchienen. Umſonſt war Graf Cavriani um das zeitliche Wohl ſeiner Tiſchnach⸗ barinnen unabläſſig bemüht, die Hoffräulein zwitſcherten mit halbgeöffneten zugeſpitzten Mündchen irgend eine Ablehnung und ſchlugen gleichzeitig die Augen zu Bo⸗ den, als ob ſie alle Urſache hätten, ſich zu Tod zu ſchä⸗ men, daß ſie überhaupt mit Schlund und Magen zur 190 Welt gekommen. Anders die überreife ungariſche Dame. Conteſſe Palfy theilte ihre Aufmerkſamkeit; zuerſt war es ihr darum zu thun, während des Zulangens die vollen runden Formen ihres Armes ſichtbar zu machen, und da dies nur durch oftmalige Wiederholung derſel⸗ ben Bewegung erreicht werden konnte, ſo langte ſie viel und oft zu und aß und trank daher oft und viel; dann ließ ſie ihre Genoſſinnen nicht aus den Augen und ſchien über jede Albernheit, welche dieſe vorbrachten, in ſtilles Entzücken zu gerathen. Wenn es aber dem Fräulein Euſebia Maria oder Johanna Hippolita je ganz von ungefähr geſchah, daß ſie ein verſtändiges Wort redeten, warf ſie ſich ſchnell wie der Blitz zwiſchen die Unterre⸗ denden, und ſuchte die etwa mögliche günſtige Wirkung des geſcheuten Wortes zu vernichten. Euphroſine hatte es einzig dem Umſtand, daß ſie nicht Hoffräulein war, zu danken, daß die ſchöne Conteſſe ihre Unterredung mit dem Jugendgeſpielen ſo wenig ſtörte. Frau von Meggan, die dicke kleine Dame mit dem Blasengelgeſicht, litt— wer ſollte es glauben?— an verſchiedenen recht ernſten Krankheitszufällen. Die neuen Perlenſchnüre Fräulein Euſebia Maria's machten ihr halbſeitigen Kopfſchmerz; die geringe Aufmerkſamkeit, welche ihr der alte Hofcourmacher Cavriani ſchenkte, be⸗ wirkten Magenkrämpfe und der allerdings große Verſtoß, daß die Hausfrau den Prior zu ihrer Linken geſetzt 191 hatte, brachte ſie vollends in nervöſe Aufregung. Die Folge dieſer complicirten Uebel, von welchen die Ge⸗ mahlin des Oberſtkämmerers befallen wurde, äußerte ſich in der raſchen Aufeinanderfolge der ihrem Gatten er⸗ theilten Antworten und in der etwas heftigen Art, mit welcher ſie den Aufwärtern die Schüſſeln zurückſtieß. Graf Fürſtenberg, der Oberſthofmeiſter Sr. Majeſtät des Kaiſers Mathias, überbot alle Anweſenden durch die Zierlichkeit, mit welcher er Meſſer und Gabel handhabte, und man hätte glauben mögen, daß dieſe Eßwerkzeuge eigens erfunden worden, um die edlen Bewegungen des Oberſthofmeiſters in's rechte Licht zu ſetzen. Es wurde getrunken und viel getrunken; man kannte damals noch nicht die Zimperlichkeit, ſich in Gegenwart von Damen der geiſtigen Getränke zu enthalten. Wollten wir dem Geſpräch des Priors lauſchen, wir würden ſehr lehrreiche Bemerkungen über die da⸗ malige Ausdehnung des Weinbaues im Erzherzogthum Oeſterreich niederſchreiben können; da wir aber nicht glauben, daß dies ein Gegenſtand von allgemeinem Intereſſe ſei, ſo begnügen wir uns das Urtheil des geiſt⸗ vollen Priors zu wiederhoken, daß der Wein an Khuen's Tafel ſehr gut war. Man trank von verſchiedenen Gat⸗ tungen und Jahrgängen; der Hausherr ſetzte eine ganze Muſterkarte von Oeſterreicher Weinen auf. Es fand ſich darunter Hasbacher und Bittner, Weingattungen, die nach 192 Ausrottung der Weinrieden ſelbſt aus dem Gedächtniß der Menſchen geſchwunden ſind; endlich Wein vom Sil⸗ bersberg,“ damals weit und breit berühmt, jetzt nur mehr ein armſeliges, eſſigſaures Getränk. Der Wein hat zu allen Zeiten die Zungen unſerer deutſchen Landsleute gelöſt; er brachte auch bei dieſer Gelegenheit ſeine unfehlbare Wirkung hervor. Freiherr von Ulm dachte nicht mehr daran, daß er ſich unter dem Cardinal feindſeligen Männern befand und Herr von Breuner eben ſo wenig, daß der Wirth des Hauſes einer der wärmſten Anhänger Khleſl’'s war. „Nun,“ bemerkte der Reichsvicekanzler von Ulm, „wird der unwürdige Verdacht und Argwohn der Feinde des Cardinals doch für immer geſchweigt ſein; der Secretär Grappler hat es heute in meiner Gegen⸗ wart bei zwei angezündeten Lichtern und vor dem ge⸗ weihten Crucifix beſchworen, daß das erzherzogliche Gut⸗ achten nicht aus ſeiner Hand gekommen; ich meinte, der Weſternach müßte vor Scham erſticken— aber nein, er ging, die Hände uͤber den Rücken gelegt und vor Luſtigkeit ein klein wenig pfeifend zur Thüre hinaus, iſt das nicht außerordentlich?“ Die geheimen Räthe ſchauten ſich einander an und ſchmunzelten, nur der Hausherr erwiederte:„Nein, außerordentlich finde ich das nicht, ſondern vielmehr ganz in der Ordnung; wen die Wahrheit beſchämt, geberdet 193 ſich faſt ohne Ausnahme unverſchämt, um nur dem Schein von Schwäche auszuweichen, den eigenen Fehler einzugeſtehen.“ „Verzeiht,“ fuhr Seyfried von Brenner, der eben den Reſt einer Paſtetenkruſte hinuntergewürgt hatte, da⸗ zwiſchen,„verzeiht, wenn ich ſo begriffſtützig bin, nicht einzuſehen, warum Herr von Weſternach nicht mit auf den Rücken gelegten Händen und pfeifend zur Thür hinausgehen ſollte. Erſtens iſt Grappler kein ſo großer Herr, daß ſich der Deutſchordensritter vor ihm Zwang anthun mußte, dann will der Eid eben nicht viel ſagen.“ „Wie nicht viel ſagen?“ frug der Vicekanzler, Ihr wollt damit doch nicht zu verſtehen geben...2“ „Daß Grappler falſch geſchworen, durchaus nicht.“ „Oder daß der Cardinal...?“ fiel Hutner ein. „Wer ſpricht vom Cardinal?“ entgegnete Breuner unwillig. „Nun was wollte Eure Excellenz denn ſonſt ſa⸗ gen?“ fragte der Oriſt. „Ich will ſagen, daß es eine ſeltſame Geſchichte ſei, die mit dem Erbfolgegutachten, und daß ich als Cabi⸗ netsdirector nicht eher ruhen und raſten würde, bis ich den Verräther entdeckt hätte.“ Ulm erwiderte:„Meint Ihr denn, daß es ſo leicht ſei, den treuloſen Wicht aufzufinden?“ Ein ſeltſames Lächeln umſchwebte die dünnen noch Haas: Der alte Cardinal. I. 1 194 fettglänzenden Lippen des Hofkammerpräſidenten; er ent⸗ gegnete:„Laßt uns unterſcheiden, mein lieber Herr von Ülm, es giebt phyſiſche und moraliſche Schwierigkeiten; wenn ſich Eure Frage nur auf die moraliſche Schwie⸗ rigkeit bezieht, ſo will ich Euch ohne Anſtand recht ge⸗ ben; meint Ihr dagegen, daß die Entdeckung phyſiſch ſchwierig ſei, ſo erlaubt mir der entgegengeſetzten Anſicht zu ſein.“ Graf Khuen als Hauswirth wurde über den Verlauf, den das Geſpräch nahm, unruhig und verſuchte es, einen andern Gegenſtand zur Verhandlung zu bringen. Er⸗ fing vom venetianiſchen Frieden an.„Das iſt eine große Wohlthat für das arme Land,“ bemerkte der Dominica⸗ ner.„Man muß dem Cardinal dafür ewig dankbar ſein,“ fügte Frau von Khuen bei.„Und die deutſchen Län⸗ der werden die glücklichen Folgen des Friedens mit ver⸗ ſpüren,“ ſagte von Ulm. „Wenn man die Länder des böhmiſchen Königs (Ferdinand war damals nur erwählter böhmiſcher König) ausnimmt,“ entgegnete Eggenberg, ohne das geringſte Zeichen von Gereiztheit.„Ich glaube,“ fuhr er fort, „daß alle möglichen Länder zu beglückwünſchen ſind, nur nicht mein Herr, welcher einen großen Kaiſer und ge⸗ waltigen König zu Vettern hat und dennoch einen nachtheiligen und wenig ehrenvollen Frieden mit dem Feind eingehen mußte. Ich kann übrigens mit gutem Gewiſſen die Verſicherung ertheilen, daß König Ferdi⸗ K nand im Beſitz eines außergewöhnlich ſcharfen Gedächt⸗ niſſes iſt und ſich derjenigen ſtets erinnern wird, die ihn durch Verſagung alles Beiſtandes zu dem geprieſenen Frieden nöthigten.“ Trotz der Ruhe, mit welcher Eggenberg ſeine Anſicht mittheilte, überlief den Vicekanzler ein kalter Schauer, wenn er an das vortreffliche Gedächtniß König Ferdinands dachte. Er räuſperte ſich verlegen und ſagte endlich: „Die anweſenden Herren Räthe werden mir bezeugen, daß ich ſtets ganz wie Se. Eminenz der Herr Cardinal für die nachhaltigſte Unterſtützung des Erzherzogs meine Stim⸗ me erhob.“— Die angerufenen Zeugen nickten mit zwei⸗ deutigem Lächeln— und der Vicekanzler fuhr durch dieſe Zeugenſchaft gekräftigt mit mehr Eifer fort:„Der Cardinal hätte gerne die ganze öſterreichiſche Kriegsmacht gegen den Feind dirigirt, wenn das Geld zugereicht hätte, daß aber dieſer Nervus rerum agendarum wirklich fehlte, kann Niemand beſſer bezeugen, als Herr von Breu⸗ ner, deſſen Sache die Herbeiſchaffung des Geldes iſt.“ Aller Augen waren auf den Hofkammerpräſidenten gerichtet; dieſer zuckte die Achſel und erwiderte etwas mür⸗ riſch, indem er noch zuvor einen Becher Wein hinunter ſchüttete:„Es iſt leider nur zu wahr, daß wir ſchon lange kein Bargeld in der Caſſe haben; es iſt ferner eben ſo wahr, daß bereits einige Zölle und Salinen verpfändet wurde, was ich aber dennoch für eine Lüge halte, iſt die 13* 196 angebliche Unmöglichkeit Geld aufzubringen. Hat Se. Maje⸗ ſtät, was traurig genug iſt, kaum das Hinreichende, um ſeine Tafel zu beſetzen, ſo haben andere Leute mehr als genug, ja ſie haben zu viel, jedenfalls zu viel für die Sicherheit des kaiſerlichen Haufes. Wozu brauchen einfache Edelleute Hochzeiten und Taufgelage zu veranſtalten, wie ſie ein ſouveräner Fürſt nicht glänzender begehen könnte? Sie kommen ja bei Gott mit zweihundert und mehr Pferden zuſammen, banket⸗ tiren Tag und Nacht und trinken ſich ſo voll, daß die Häu⸗ ſer einſtürzen, ohne daß ſie es merken; ſind nicht bei des Herrn von Streie Vermählung ſechs und achtzig Perſonen durchgebrochen und in's Erdgeſchoß hinabgeſunken, ohne daß es Jemand bemerkte? Iſt etwa der Völlendörfer durch das Krachen der Balken aus ſeinem Schlaf erwacht?— oder iſt es vielleicht auf das Kölnpökiſchen Hochzeit be⸗ ſcheidener zugegangen. 3 Die Gäſte kamen gar mit dreihundert ſiebenzig Pferden daher gefahren und geritten und ließen ſich von zwei hundert Bedienten aufwarten. Wenn einfache Edelleute eigene Silberkämmerer haben, wie die Kölnpöck und Siegendorf, ſoll auch dem Kaiſer noch Silber genug übrig bleiben, oder er muß es eben dort ſuchen, wo es ſich findet. Wer hat allen Reichthum, als die Proteſtanten, und Se. Majeſtät hat das Nachſehen. Mit dem Geld eines einzigen ſolchen Edelmann's hätte man ein ganzes Regi⸗ 197 ment ausrüſten und dem bedrängten Erzherzog zu Hülfe ſchicken können.“ Fürſt Eggenberg horchte auf die Rede des Kammer⸗ präfidenten mit einer Aufmerkſamkeit, die ſie allem Uebrigen nach nicht zu verdienen ſchien; drei Jahre ſpäter erkann⸗ ten die Ueberlebenden, wie ſehr der kaiſerliche Miniſter Eggenberg die Lection des Kammerpräſidenten genutzt hatte. Damals aber durfte ſich noch Freiherr von Khuen erheben und im Ton des Verweiſes ſagen:„Ihr ſcherzt wohl!— wer kann das Eigenthum Anderer, wenn auch zu den wohlthätigſten Zwecken verwenden. Aendert etwa die Confeſſion etwas an dem Eigenthumsrecht?“ Breuner murmelte etwas in den Bart, das ſo klang, als ob er wirklich glaube, das religiöſe Bekenntniß ändere gar Vieles; laut ſagte er aber, als er die faſt allgemeine Mißbilligung ſeiner Worte auf den Geſichtern der Anwe⸗ ſenden las:„Wie, giebt es keine Iuden zu ſchröpfen?“ „Iſt es nicht beſſer, wenn man dieſe Blutigel, ohne ſie zu tödten, auspreßt, als daß man einen ſo frommen Prin⸗ zen wie König Ferdinand in Stich läßt? „Findet man aber für gut, daß auch der Juden zum Lohn der Kreuzigung Chriſti geſchont werde, befindet ſich etwa in der kaiſerlichen Schatzkammer kein goldenes Klei⸗ nod mehr, das verkauft oder verpfändet werden könnte, wenn man dem König gegen die Venetianer wirklich hel⸗ fen wollte?“ Der Dominicaner, der bis zu dieſem Augenblick 198 geſchwiegen hatte, entgegnete:„Was Eure Excellenz ge⸗ ſagt, iſt vortrefflich; nur will ich auf einige Umſtände, die Ihr wahrſcheinlich vergeſſen, aufmerkſam machen. Zur Hochzeit des Herrn von Streie mit Fräulein Regina Tſchernembl ordnete Se. Durchlaucht Erzherzog Ernſt den Landmarſchall von Roggendorf als Vertreter ſeiner eigenen Perſon ab; wer daher dieſes Vermählungsfeſt und den damit verbundenen Prunk mißbilligt, der ſcheint — vergebt Excellenz— auch den Prinzen zu tadeln, deſſen Geſandter mit den übrigen fünf und achtzig Per⸗ ſonen in das Erdgeſchoß hinabſank. Bei der zweiten zu Niederwalſee erſchien ſelbſt ein kaiſerlicher Geſandter in der Perſon des Grünthal, ſo daß die zweihundert Bedienten nicht ſowohl des Brautpaares willen, als der kaiſerlichen Beſchickung halber aufwarteten. Was die Juden angeht, ſo ſcheinen Eure ohne Zweifel recht chriſtlich gemeinten Worte mit der Anſicht des römiſchen Stuhles, der in den armen Juden nur Verirrte ſieht, die man auf den rechten Weg bringen müſſe, nicht völlig überein⸗ zuſtimmen, in Beziehung auf die Schatzkammer aber könnte vielleicht ſo manches Kleinod ohne Euer Excellenz Wiſſen bereits verpfändet ſein.“ Die letzten Worte des Mönches trieben mehr als einem der Anweſenden, die ſolche kaiſerliche Pfänder, wie zum Beiſpiel der Hausherr ſelbſt inne hatten, das Blut in die Stirne; namentlich erröthete die arme Euſebia Maria bis unter die Haare, da ihr bewußt war, daß 199 die Perlenſchnur, welche der Frau Gräfin Meggan ſo viel Kopfſchmerz verurſacht hatte, aus dem kaiſerlichen Schatz ſtammte. Nur Graf Breuner, der gerade um dieſe Ver⸗ pfändungen nicht wußte, lächelte geringſchätzig und ſagte: „Hätte Kaiſer Mathias die Kleinode ſeines Schatzes verpfänden wollen, ſo hätte ſein Blutsverwandter König Ferdinand den Frieden dictiren müſſen.“ Wie Fürſt Eggenberg kein Wort von der Rede Breuner's verloren hatte, ſo ſchenkte er nun auch dem Dominicaner die vollſte Aufmerkſamkeit. Die Worte des Priors in Verbindung mit der Verlegenheit einiger Excellenzen und dem Erröthen Fräuleins Euſebia ließ ihn die ganze Wahrheit errathen; die Finanz⸗Operationen mit den Kleinoden der Schatzkammer, die unter der Regierung Ferdinand II. bei drückendem Geldmangel vorgenommen wurden, waren nichts als die Ausbildung der finanziellen Studien, die Fürſt Eggenberg im Haus des Freiherrn von Khuen machte. Er äußerte indeß mit dem gutmüthigſten Lächeln von der Welt, daß es ihn Wunder nehme, einen Mönch, deſſen Orden der Schreck aller Ketzer ſei, die Partei von Juden und Lutheranern ergreifen zu hören. „Nicht doch, nicht doch Excellenz,“ entgegnete der Prior,„ich bin kein Freund der Ketzer; wer meine Pre⸗ digten gehört hat, wird mir dieſe Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen; ich bin ſogar der Meinung, daß ſie Alle insgeſammt zum Teufel fahren, aber das hat mit dem 200 Eigenthumsrecht nichts zu thun. Ja könnte man dieſe Herren des Hochverrathes überweiſen, das wäre was Anderes; in dieſem Falle könnten ihre Güter vom Mon⸗ archen eingezogen werden. So lange ſie aber als ruhige Unterthanen leben(Seyfried Breuner konnte ſich nicht enthalten, dem Dominicaner in's Geſicht zu lachen), ſo lange ſie nicht den Landfrieden brechen, müſſen wir ſchon mit der menſchlichen Schwachheit Geduld haben. Se. Eminenz, die doch ein Mitglied des Cardinalcollegiums iſt, theilt mit mir die gleiche Anſicht, ob er auch nichts unterläßt, die Abgefallenen wieder in den Schooß der Mutterkirche zurückzubringen.“ „Morgen wird er ja predigen,“ ſchaltete Bruno Mansfeld ein, der für den kommenden Tag zur gottes⸗ dienſtlichen Feier eigens entboten worden war. „Ja, wir werden das Glück haben,“ verſetzte die Hausfrau,„wieder einmal das Wort Gottes aus dem Munde des begeiſterten Mannes zu hören.“ „Den der Teufel holen ſolle!“ fügte Breuner in Gedanken hinzu. Von all dem, was die Anweſenden ſo ernſtlich be⸗ ſchäftigte, nahm weder der alte Oberſtallmeiſter noch der junge Hauptmann die geringſte Notiz. Jener war viel zu beſchäftigt, Johanna Hippolita von Fürſtenberg den Nutzen des Cicisbeates auseinander zu ſetzen, und das Fräulein ſolchermaßen von ſeinem nationellen Stand⸗ punkt würdig auf den Eheſtand vorzubereiten, und dieſer 201 hatte im Geſpräch mit ſeiner reizenden Landsmännin die ganze Welt vergeſſen, und träumte ſich ſo lebhaft nach dem Obſtgarten von Knielenberg zurück, daß er von Zeit zu Zeit aufblickend, ordentlich erſtaunt war, lauter unbekannte Geſichter ringsumher zu gewahren. Schon hatte die Mehrzahl der Gäſte die Stühle gerückt, ſchon hatte Gräfin Meggan den Fuß des Oberſt⸗ kämmerers zum zehntenmale gedrückt, um ihn zum Auf⸗ ſtehen zu veranlaſſen; ſchon hatte ſich endlich der Graf von Fürſtenberg wirklich erhoben und ſeine Abſchiedsrede begonnen, als Eckart und Euphroſine, Cavriani und Johanna Hippolita noch ſo feſt auf ihren Plätzen ſaßen, als ob ſie die ganze Nacht darauf zubringen wollten. In der That war auch der größere Theil der Ge⸗ ſellſchaft bereits zum Thore hinaus, als Eckart ſein Schwert, das er in eine Ecke geſtellt, noch immer nicht finden konnte und ſeinen Federhut fortan vermißte. Da er ſich ſchon empfohlen und Frau von Khuen mit ehrlichem Herzen gelobt hatte, ſeinen Beſuch recht oft zu wiederholen, als er bereits das Vorgemach betreten hatte, hielt ihn Euphroſine ſelbſt noch einen Augenblick zurück. Daß der Augenblick ſich ungebührlich bis zu einer halben Viertelſtunde ausdehnte, war gewiß nicht der bei⸗ den Jugendgeſpielen, ſondern einzig die Schuld des Ge⸗ genſtandes, den ſie eben beſprachen. Euphroſine ſchlug die Augen nieder und erklärte, daß ſie große Luſt habe ihm etwas anzuvertrauen, wenn er ihr 202 erſtens Verſchwiegenheit zuſichere und zweitens ſein Eh⸗ renwort verpfände, ſich in keinerlei Streit oder Zank ein⸗ zulaſſen, an allerwenigſten aber ſich irgend einer Gefahr auszuſetzen. Natürlich gelobte Eckart alles Verlangte an, und fühlte ſich dabei ſo glücklich, als ob ihn Herr von Khleſl mit der geheimſten Miſſion der Welt betraut hätte. Eu⸗ phroſine ſchien aber ihr Vornehmen zu reuen, denn ſie ſagte plötzlich:„Wenn ich Alles recht überlege, iſt es doch beſſer, ich ſchweige, alſo gute Nacht, Herr Capitain.“ Mit dieſer Reue, ob ſie ernſtlich gemeint war oder nicht, ſchien Eckart durchaus nicht einverſtanden, denn er bat und flehte ſo lange, bis Fräulein Euphroſine durch ſo viel Andringen erweicht, ihren Entſchluß änderte. Sie ſagte: Nun mag es ſein, kommt etwas Böſes dabei heraus, iſt es doch nicht meine Schuld und am Ende drückte es mir ja auch das Herz ab, wenn ich ſie ſo ganz ſchutzlos dem Ab⸗ grund zutaumeln laſſen müßte.“ Dieſe Worte erhöhten die Neugierde des jungen Offi⸗ ciers. Er rief:„Das ſoll ſie nicht, das ſoll ſie nicht!“ Mit einem ſtrafenden Blick entgegnete Euphroſine: „Freilich ſoll ſie nicht, aber werdet Ihr ſie hindern?“ „Ob ich ſie hindern werde!“ „Wißt Ihr auch, wen ich meine?“ „Das nicht.“ „Und wollt Jemand hindern, den Ihr gar nicht kennt?“ Der junge Mann mußte geſtehen, daß er ſich etwas 203 übereilt habe, darum ſetzte er vorſichtig hinzu: Wenn es überhaupt möglich iſt.“ „Das laß' ich mir gefallen, und darum wollte ich eigentlich bitten, die Perſon, die ich meine, zu ſchützen, ſo weit es überhaupt möglich iſt.“ „Und es wird ſehr viel möglich ſein.“ „Was weder meine Muhme noch ich glaube.“ „Wie, Eure Muhme iſt im Geheimniß?“ fragte Eckart, etwas herabgeſtimmt. „Als ob ich vor ihr überhaupt ein Geheimniß hätte, übrigens weiß ſie wenigſtens bis jetzt nichts davon, daß ich mit Euch von dieſem Gegenſtand ſpreche.“ „Und wird es auch nicht erfahren?“ „Im Gegentheil wird ſie es ſogleich erfahren, wenn wir uns trennen.“ „Ihr verderbt mir die ganze Freude, Euer Vertrauter zu ſein.“ „Ihr verſteht Euren Vortheil nicht.“ „Welchen Vortheil?“ „Im Nu der Vertraute zweier Damen zugleich zu werden.“ 4 „Aber ich will nur der Vertraute Einer Dame ſein.“ „Wohlan ich gehe.“ „Wohin?“ „Um Frau von Khuen hieher zu ſchicken, damit Ihr nur der Vertraute Einer Dame zu werden braucht.“ 204 „Wer ſagt Euch aber, daß ich gerade ihr Vertrauter werden will?“ „So müßt Ihr Euch deutlicher ausdrücken und nicht ſagen, Ihr wolltet überhaupt nur das Vertrauen Einer Dame.“ „Ich will ausſchließend das Eure, Euphroſine, iſt das deutlich?“ Euphroſine nickte, nicht ohne einen dankbaren Blick auf den jungen Mann zu werfen, doch ſagte ſie gleich dar⸗ auf:„Nun gut, ich will Euch wie einem Freund und Bru⸗ der vertrauen, aber das Geheimniß gehört nicht mir allein, und die Freifrau, welche die edelſte Dame von der Welt iſt, hat das gleiche Recht darauf; Ihr ſeht daher ein, daß ihr Alles, was zwiſchen uns abgeredet wird, mitgetheilt werden muß.“ Eckart wagte keinen ferneren Widerſpruch. Euphro⸗ ſine aber fuhr fort:„Ihr habt den trotzigen ſtolzen Mann bemerkt, der uns insgeſammt wegen des unſchuldigen Spieles höhnte?“ „Den Don Carlos d'Auſtria meint Ihr?“ „Denſelben, er iſt ein Sohn des verſtorbenen Kaiſers, dem ſein Nachfolger, der Himmel mag wiſſen warum, ſo Manches durch die Finger ſieht; nun ſind aber alle dieſe Baſtarde, wie der Obriſt ſagt, des Teufels.“ „Alle?“ fragte Eckart verſtohlen lächelnd. „Alle wenigſtens, die mein Vetter kennt.“ „Wann ſagte er das?“ — 205 „Was?“ „Nun, daß alle Baſtarde des Teufels ſeien.“ „O erſt vorgeſtern.“ „Dann iſt es gut.“ „Daß ich alſo darauf zurückkomme, Don Carlos kümmert ſich weder um Recht und Geſetz, noch um Schick⸗ lichkeit und Anſtand, er iſt Euch im Stande, bei einem Hof⸗ ball im Reiſeanzug zu erſcheinen, einer Dame in Hemd⸗ ärmeln aufzuwarten, und einer Küchenmagd ſein Portrait zu verehren, er tanzt wie ein Elf ſo leicht und ſchön und rührt ſich bei Feſttänzen nicht von der Stelle, während er bei Kirchweihfeſten die gemeinſten Dirnen um die Mitte faßt; man hat ihm die Vermählung mit Prinzeſſinnen ange⸗ boten und er ſchlug ſie rundweg ab, während er einer armen Nonne auf alle Weiſe nachſtellt. Ihr habt wohl auch die junge Gräfin Rappach bemerkt?“ „Wer iſt die Gräfin Rappach?“ „Eben die ſchöne Novize, die Ihr gleich Anfangs ſtatt meiner haſchtet.“ „Ah, Ihr wißt darum, daß es Euch galt?“ „Da müßte ich kein Mädchen ſein.“ „ Und was iſt es mit der ſchönen Nonne?“ „Gottlob vorerſt noch Novize.“ „Alſo mit der Novize?“ „Der Baſtard verfolgt ſie mit ſeiner Liebe.“ „Worin da das Unglück beſtehen ſoll, ſehe ich nicht 206 ein, Ihr müßtet es denn in dem Umſtand finden, daß der gute Don ein Baſtard iſt.“ Euphroſine erröthete ein klein wenig und erwiderte dann etwas empfindlich:„Kennt Ihr das Kleid, welches Francisca Rappach trägt?“ „Nun ſie ſoll es ablegen und gegen ein Brautkleid vertauſchen.“ „Seid Ihr denn ſo gewiß, daß ihr Liebhaber aber dasſelbe wünſcht?“ Bei dieſer Frage Euphroſinens röthete ſich die glatte freundliche Stirne des jungen Mannes; er fuhr auf, als ob er auf eine Natter getreten wäre und rief:„Dann iſt der Don ein Schelm, den man hängen laſſen ſollte.“ „Sollte? aber wer wird Carl von Oeſterreich hängen?“ „Er geht alſo nicht mit Heirathsgedanken um?“ „Ich fürchte nein.“. „Und die Novize weiß das?“ „Ich glaube nicht, daß ſie je darnach gefragt hat.“ „Ach, ſie kümmert ſich nicht um ihn.“ „Was Ihr doch für einen ſtützigen Kopf habt, ſie kümmert ſich leider mehr um ihn, als gut iſt.“ „Sie liebt ihn?“ „Ja.“ „Und er?“ „Man ſollte meinen, daß er ſie ganz außerordent⸗ lich liebe, aber....“ 3 207 „Aber?“ „Carl von Oeſterreich äußerte ſich erſt neulich, als die Baronin die Rede auf den Widerwillen ſeines Vaters gegen jede eheliche Verbindung brachte, daß er ganz die gleiche Anſicht habe und nie zu heirathen denke.“ „Was will er denn mit dem armen Mädchen beginnen?“ „Dieſe Frage bitte ich Euch ſelbſt zu beantworten, für jetzt nur ſo viel, Don Carlos entfernte ſich heimlich mit der armen Franciska; was Frau von Khuen von der Unpäßlichkeit der Novize erzählt, war eine Fabel. Könnt Ihr nun unter den oben geſtellten Bedingungen etwas zur Rettung meiner Freundin ausrichten, ſo wird Euch Gott lohnen.“ Eckart verſetzte:„Aber warum ſo ſpät?“ „Warum ſo ſpät? hätte man die Ehre des guten Mädchens der halben Stadt preisgeben ſollen?“ „Nein, aber Ihr konntet vor einer Stunde thun, was Ihr jetzt gethan.“ „Damit Ihr vor allen Gäſten aufgefahren, dem Prin⸗ zen nachgeeilt wäret und Euch mit ihm geſchlagen hättet.“ „Was Alles zur Stunde ſo gut geſchehen wird, wie vor einer Stunde.“ „Ihr habt verſprochen....“ „Ja und werde halten, natürlich ſo weit es mit dem Rock, den ich trage, vereinbarlich iſt.“ „Davon ſteht kein Wort in unſerem Vertrag.“ „In unſerm Vertrag allerdings nicht, aber wohl in jenem Katechismus, den Jeder auswendig können ſoll, der auf den Ruf eines Mannes von Ehre Anſpruch macht.“ „Wenn ich Euch aber bitte, jede Gefahr zu meiden.“ „Ich werde ſie nicht ſuchen!“ „Ihr ſollt ihr ausweichen.“ „Lebt wohl!“ „Ihr verſprecht!“ „Ich verſpreche mich als Menſch aus dem Handel zu ziehen, deſſen Ihr Euch nicht zu ſchämen haben ſollt.“ „Ich hätte Euch nicht für ſo hartnäckig gehalten.“ „Ihr dachtet an das verwünſchte Hänschen, mit dem Ihr durchaus ſpielen ſolltet.“ „O ich bin beſtraft dafür!“ Dies ſagte Euphroſine mit ſo troſtloſer Miene, daß ihr Eckart gern um den Hals gefallen und die ſchönen etwas feuchten Augen geküßt hätte; er merkte, daß er jetzt ſcheiden müſſe, wenn ſeine guten Vorſätze nicht noch Schiffbruch leiden ſollten, alſo drückte er Euphroſinens Hand mit etwas mehr Ungeſtüm, als einem ruhigen leidenſchaftloſen Jüngling anſtändig, an die Lippen und eilte, als ob er ſich auf der Flucht be⸗ fände, die Treppen hinab. Ueberlaſſen wir dem wackern Hauptmann die Hand⸗ habung ſeines neuen ritterlichen Amtes, die Unſchuld zu ſchützen und folgen wir dem Schall der Glocken, welcher den Morgen feierlich einläutet. 4 — bAon ſ