65 * 293 3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſi öſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Ubr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hoseprais. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ——— vird. Loonnemente Daſſelbe lmuß voraus zbezahlt werden und erizan Keera⸗ für wöchentlichts 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1Monat: 8 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 9 33— Auswärtige dornenton'haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Vuücher auf üihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Fanſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mirfigeliehen, auchzdafür zu ſtehen haben. —-⸗——— — ——————.——,— Hausblätter. Herausgegeben . W. Hackländer und Edmund Hoefer. Vierter Band. 1867. ( 4.— S 5 4 1 Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbce. Druck von J. Kreuzer in Stuttgart. —— Inhalt des vierten Bandes. Das Kind des Südens. Von Bernd von Guſeck.. 3.1. Allerlei Curioſa. Von Wilhelm Ernſt... 55. 142. 378. Nicht weither geholt. Von Friedrich Haſenow... 58. Skizzen aus Niederbaiern. Von Eduard Leyrer. 62. 148. Eine Reiſe nach Speier. Aus dem Nachlaſſe J. Ch. Fr. Hölderlin's. Zur Lecture...... 78. 153. 239. 346. Der Hauptmann von Sarow. Von C. W. Stuhlmann. Die Roſe aus Spanien. Von Karl Ludwig.... Verſificirte Bittſchriften an Auguſt den Starken. Von H. Schra Der Mann im grünen Rocke. Von Emma Niendorf.. mm. Der Stadtſchreiber von Hornberg. Von Walderich von Sanct Trutbert. Der Talisman. Von C. Eſcher. Aus Näh' und Ferne..... Züge aus dem Leben des Kaiſers Alexius Komnenus. Von Auguſt Die Schweſtern. Von Marie Kolb. Seid Ihr der Korporal? Von Fr. v. Wickte. Die dummen Thiere. Von E. Ebeling. Rückblicke. Von Fr. Sauter. Die Guillotine. Von Fr. Grebel. Eine Kirchweihe in Franken. Von Friedrich Lampert. Eine Fahrt in's Vintſchgau. Von Ida von Düringsfeld. Nach zwanzig Jahren. Von Claire von Glümer.. Am Schluchſee. Von Walderich von Sanct Trutbert. Von der franzöſiſchen Nordküſte. Von Hugo Schramm. 221. 296. Schall. 241. 321 292 298 362 381 383 389 401 447 469 Das Kind des Südens. Novelle von Bernd von Guſeck. 3 1. In der Welt Sturmglocken und Kriegslärm— im ſtillen Hauſe heili⸗ ger Gottesfriede! Wohl denen, die ſeiner in böſer Zeit ſich erfreuen! Das greiſe Paar, das am offenen, weinumrankten Fenſter ſitzend in die ſchöne Landſchaft, ſchön auch unter grauem Regenhimmel, hinausſchaute, war ein Bild jenes Friedens, den die Welt nicht geben und nicht nehmen kann: des Friedens im Herzen. Der Mann mit ſchneeweißem Haar, das noch in ziem⸗ licher Fülle, leicht gelockt, ſeine Schläfe zierte und nur auf der Scheitel etwas gelichtet war, hatte ein edles Antlitz mit regelmäßigen, jetzt freilich ſchon ge⸗ fiuͤrchten Zügen, deſſen ruhiger und freundlicher Ausdruck ſelbſt Fremden gleich Vertrauen einflößte. Die Frau war nicht viel jünger; auch ihr Haar, das über der Stirn geſcheitelt war, trug ſchon die Silberfarbe des Alters, aber es war noch reich und glatt und das Geſicht der Matrone unter dem feinen Häubchen konnte ſogar, ihren Jahren angemeſſen, noch ſchön genannt werden. Es trug die unvergängliche Schönheit, welche ſich Frauen bewah⸗ ren können durch Zucht des Herzens und Fernhalten verheerender Leiden⸗ ſchaft. Freilich ſind manche von der Natur mit Gleichmuth, Phlegma oder Leichtſinn begabt, denen mag das eigene Verdienſt nicht hoch angerechnet werden, um ſo mehr aber den Frauen, welchen das Leben die Kämpfe des Herzens nicht erſpart hat und die aus denſelben als Siegerinnen hervorge⸗ gangen ſind, wie die Greiſin dort im Lehnſtuhl am offenen Fenſter. Aus ihren braunen, milden Augen blickte ſie ſo klar in die Ferne hinaus, ihr Ge⸗ Hausbläͤtter. 4857. IV. Bd. 1 2 Das Kind des Südens. ſicht, das nur wenig die dunklere Hautfärbung des Alters angenommen hatte, zeigte um den Mund und das Kinn ſo gar nicht die ſcharfen Linien, welche jene Kämpfe zu hinterlaſſen pflegen, daß wohl jeder, der ihre Vergan⸗ genheit nicht kannte, von ihr glauben mußte, daß ſie nur auf blumigen Pfa⸗ den durch ihr Leben gewandelt ſei. Die beiden alten Leute waren im freundlichen liebreichen Geſpräch. Nur zu oft ſieht man ſonſt Ehegatten im Alter ſtundenlang ſtumm beiſam⸗ men ſitzen, als ob ſie ſich in ihrem langen Leben ganz ausgeſprochen und ein⸗ ander gar nichts mehr zu ſagen hätten. Mancher, der einſt in ſtürmiſcher Jugendliebe jede Stunde für verloren erachtet, die er fern von der Geliebten zugebracht, manche Frau, die als Mädchen vom Zauber der erſten Herzens⸗ neigung befangen, ſich nur in der Nähe des theuren Freundes glücklich ge⸗ fühlt hat— wie ſitzen ſie doch, nachdem ſie lange Jahre in Freud' und Leid vereint gegangen, im Alter gar oft ſo ganz erkaltet neben einander! Wäh⸗ rend ſie einſt in ſüßem Geplauder als Brautpaar oder in traulicher Unter⸗ haltung als Eheleute auch ihre kleinſten Erlebniſſe beſprochen und immer freundliche Worte für einander gehabt, müſſen ſie ſich jetzt erſt beſinnen, durch welche gleichgültige Frage oder Bemerkung ſie das endlich drückend werdende Schweigen brechen ſollen. Das iſt ſehr traurig, kommt aber leider allzu häufig vor und wird damit beſchönigt, daß alte Leute keine Liebestän⸗ deleien mehr zu treiben haben. Tändeleien freilich nicht! Wo aber die Liebe im Lauf der Jahre nicht abgeſtorben iſt— und das wird ſie nimmer ſein, wenn ſie eine wahre Liebe und nicht ein bloßes äußeres Wohlgefallen ge⸗ weſen!— da ſucht ſie auch im Alter das Auge und das Wort des treuen Lebensgefährten, und rechte Ehegatten fühlen ſich nie zufriedener, als im trauten ungeſtörten Zuſammenſein. Der Tag neigte ſich zum Abend. Ein ſtärkerer Wind erhob ſich, ver⸗ mochte aber nicht, die Wolken zu zerreißen, welche ſich ſeit den Mittagsſtun⸗ den über den ganzen Himmel gezogen hatten. Der Regen wurde immer dichter und beſchränkte den Geſichtskreis, der ſonſt aus dieſem Zimmer ein ziemlich weiter war. Bei guter Beleuchtung konnte man auf dem Gebirge, deſſen blaue Kuppen ſich in der Entfernung weniger Stunden dahin zogen, manches hochgelegene Gebäude deutlich erkennen, heut waren die Umriſſe der fernen Berge ſehr bald von Schleiern verhüllt worden, jetzt ließ ſich nicht einmal mehr das impoſante Schloß auf der nahen Höhe, das die ganze Ge⸗ gend beherrſchte, recht unterſcheiden. Als die Frau am Fenſter dieſe Bemerkung machte, erwiderte der Mann: —— Von Bernd von Guſeck. 3 „Die ſchöne Ausſicht kommt wieder, Roſel, und das Schloß bleibt ſtehen. Ich dächte, auch das mehr abgeſchloſſene Bild über das Land, das wir jetzt vor uns haben, machte ſich hübſch. Wir leben ja ſelber abgeſchloſſen von der Welt und ſind zufrieden dabei.“—„Ja, Sichart!“ ſtimmte die Frau ihm bei.„Wenn uns die Welt nur in unſerem ſtillen Winkel zufrieden läßt! Wer weiß, was jenſeits der Berge vorgeht und ob nicht doch noch ein Rück⸗ ſchlag kommt und in dieſem Augenblicke, ohne daß wir's ahnen, dort oben ſchon alles von ſchlimmen Gäſten wimmelt.“—„Dort oben gewiß nicht, Roſel,“ entgegnete Sichart lächelnd.„Wie ſollten ſie dahin gelangen? Glaubſt du, ſie werden über den Altvater und die Hohe Eule kommen mit Reitern, Kauonen und ſogar mit Schiffbrücken?“—„Verſpotte mich nur!“ ſagte ſie.„Du haſt Recht. Mein Gemüth iſt zu zaghaft. Ich weiß nur, daß alte Leute, die es von ihren Eltern und Großeltern gehört haben, viel von den Einfällen im ſiebenjährigen Kriege erzählen, von denen grade unſere Gegend mehrmals heimgeſucht worden iſt. Du verſtehſt aber dieſe Dinge beſſer und mußt daher meine kindiſche Beſorgniß lächerlich finden.“—„Ach nein, Roſel,“ erwiderte er.„Ich verſtehe vom Kriege nichts weiter, als was auch der ſchlichte Bürger und Landmann begreift. In Gegenden, wo keine Eiſenbahnen ſind, ſpielt ſich der Krieg mit den großen Armeen heutzutage nicht. Die Eiſenbahnen ziehen die Kriegsblitze an, große Heeresmaſſen brau— chen ſie zu ihrer Anſammlung, um Schlachten zu liefern und weiter zu ziehen, alſo können wir hier ruhig ſein, auch wenn der Krieg, was Gott verhüten wird und alle Menſchen für unmöglich halten, nach den großen Siegen noch einen Rückſchlag bringen ſollte.— Worauf lauſcheſt du?“—„Es klang wie Donner,“ antwortete ſie und horchte noch immer hinaus.—„Wohl möglich! Es war ſchwül genug,“ ſagte er.„Geſtehe es mir aber, du dach⸗ teeſt an Kanonendonner.“— Sie lächelte.„Ich will nicht unwahr ſein. Der Gedanke flog mir allerdings durch den Kopf, lache mich nur aus. Im Augenblicke hat man keine Ueberlegung. Hörſt du es jetzt?“ Es donnerte wirklich ganz vernehmlich; in den Wolken gegen Weſten machte ſich ein dunkles Zuſammenballen bemerkbar, das gegen die fahler werdende Färbung des übrigen Himmelsraumes ſeltſam und drohend ab⸗ ſtach. Ein Gewitter war entſchieden im Anzuge; der Wind legte ſich plötz⸗ lich, der Regen hörte faſt ganz auf, eine drückende Schwüle drang in das Zimmer. Sichart ſtand auf und ging hinaus, um Verhaltungsbefehle im Hauſe und auf dem Hofe zu geben. Die alte Frau blieb allein zurück und 1*† V 1 —ÿʒÿʒ—½————J— 4 Das Kind des Südens. faltete die Hände: es war aber nicht das ſchwarze Gewölk vor ihren Augen, das ſie bange zum Himmel aufblicken ließ. Die Gefahr, für deren Abwen⸗ dung ſie betete, war eine ganz andere. Auch ſie, wie Millionen von Men⸗ ſchen im deutſchen Vaterlande, hatte draußen im Kriege ein Leben, für das ſie zitterte. 1 Als ſie ſich lebhaft des Abſchiedes erinnerte, der leicht ein ewiger wer⸗ den konnte, zerriß ein Blitz die Wolken mit zackigem Strahl; nach kurzer Pauſe rollte ein lang anhaltender Donner über den ganzen Himmel von Weſt gen Oſt. Jetzt erhob ſich auch der Wind wieder und wurde bald zum Sturme, welcher die Kronen der alten Eichen drüben im Walde brauſend erſchütterte. Frau Sichart trat vom Fenſter zurück. Nach einer Weile kam ihr Mann wieder herein und legte, wie er bei ſchweren Gewittern zu thun pflegte, auch im Zimmer für den Fall eines Unglücks manches zurecht. Er konnte zwar ſeiner Beſonnenheit auch in gefährlichen Momenten ziemlich ſicher ſein, aber in der Vorſicht alter Zeiten aufgewachſen, verſäumte er nie, was dieſe gebot. Auf dem Lande, wo die Bewohner immer erſt nach gerau⸗ mer Zeit nachbarliche Hülfe zu erwarten haben, ſind Anſtalten für die Ge⸗ fahr doppelt nöthig, während der ächte Großſtädter, ſelbſt wenn im eigenen Hauſe zur Nachtzeit Feuer ausbricht, im Vertrauen auf ſeine Feuerwehr ſich kaum entſchließt, das Bett zu verlaſſen.—„Wo iſt Flora?“ fragte Sichart dann.„Sie läßt ſich ja heut gar nicht ſehen.“—„Sie iſt nach Hohenſtein gegangen,“ erwiderte die Frau.„Der Regen wird ſie dort feſtgehalten haben.“ Draußen dämmerte es bereits, obgleich der Hochſommerabend das noch nicht rechtfertigte. Im Zimmer wurde es ſo dunkel, daß Frau Sichart nach der Thüre ging, die Lampe bringen zu laſſen.„Die Blitze leuchten uns ge⸗ nug, Roſel,“ ſagte jedoch der Mann.„Es iſt ja für alles geſorgt, die Leute ſind achtſam. Wir können die Großartigkeit des Gewitters beſſer bewun⸗ dern, ich weiß, daß du dich nicht fürchteſt. Im Volke nennen ſie es eine„Un⸗ gnade“. Das iſt noch die alte Vorſtellung, welche im Gewitter eine Kund⸗ gebung des zürnenden Gottes erblickt, während es doch entſchieden Segen bringt.“—„Einzelnen doch auch Schaden und Unglück,“ warf Frau Sichart ein.„Du weißt, ich fürchte mich nicht, aber daß bei dieſem Aufruhr in der Natur der Gedanke an Grauen und Vernichtung den meiſten Menſchen näher liegt, als die Hoffnung auf künftigen Segen, wirſt du zugeben. Ich wollte, Flora wäre erſt glücklich zu Hauſe.“—„Das Mädel iſt herzhaft und klug,“ erwiderte Sichart.„Sie wird ſich nicht in Gefahr begeben —,— 7 Von Bernd von Guſeck. 5 haben und, wenn das Gewitter ſie unterwegs überraſcht hat, ſich ſchon zu helfen wiſſen.“— Ein flammender Blitz, der die ganze Gegend mit Tageshelle füllte, unterbrach ſeine Rede; faſt unmittelbar darauf verkündigte ein markerſchüt⸗ ternder Donnerſchlag mit jenem eigenthümlich grellen Schmettern die Wir⸗ kung des niedergegangenen Feuerſtrahls. Frau Sichart hatte erſchrocken den Arm ihres Mannes gefaßt, beide lauſchten einen Moment, ob ſich draußen im Hauſe oder Hofe etwas rege, Grund zur Beſorgniß zu geben.„Sei ruhig, Roſalie!“ ſagte Sichart dann, indem er nach der Thüre ging.„Bei uns iſt nichts geſchehen!“— Sie folgte ihm, draußen im Hausflur brannte Licht. Der Verwalter und einige Leute vom Geſinde eilten eben herbei— unzweifelhaft hatte der Blitz eingeſchlagen und zwar in der Nähe, wenn auch nicht auf dem Gutshofe oder in dem etwas davon entfernt liegenden Dorfe. Ein Knecht lief die Treppen zum Boden hinauf, um von dort auszuſchauen. —„Da geht's auf!“ rief er herab, als er kaum an das Bodenfenſter getre⸗ ten war.„In Hohenſtein, auf dem Schloſſe!“— Die Leute im Flur ſtürz⸗ ten der Bodentreppe zu, um ſich ſelbſt zu überzeugen.—„Raſch die Spritze, Riedel!“ befahl der Gutsherr dem Verwalter.„Nehmen Sie die Wagen⸗ pferde vor und Leute genug mit; ſchicken Sie gleich nach dem Dorfe!“— Der Verwalter rief den Kutſcher, der mit auf den Boden gelaufen war, herab, ſchickte eine Magd zum Schulzen, um Hülfe für die Nachbarn in Hohenſtein aufzubieten, und konnte nach kurzer Zeit ſchon mit der Spritze vom Hofe fahren. Ein mächtiger Gewitterregen war unterdeſſen nach dem Schlage, wie es oft zu geſchehen pflegt, losgebrochen. Frau Sichart ſtand wieder am Fenſter, von welchem das Schloß Hohen⸗ ſtein, das kaum eine Stunde entfernt lag, bei Tage in allen ſeinen Umriſſen auf der Höhe zu ſehen, heut aber durch die vorzeitig eingebrochene Dämme⸗ rung längſt dem Blicke entzogen war. Jetzt, wo draußen ſchon Dunkelheit herrſchte, gab nur ein heller Feuerſchein aus jener Richtung her zu erkennen, daß es wirklich in Hohenſtein brenne.„Grade heut!“ ſagte Sichart, als er nach der Abfahrt der Spritze wieder zu ſeiner Frau in das nun hell erleuch⸗ tete Zimmer getreten war.„Das iſt ein ſchlechter Empfang! Ob ſie ſchon angekommen ſein mögen?“— Erſt nach einer Weile, als habe ſie der von ihrem Manne ausgeſpro⸗ chene Gedanke beſchäftigt, antwortete Frau Roſalie:„Wohl kaum! Es iſt doch eine ſtarke Tagereiſe und die Gräfin immer leidend.“—„Darüber, meine Roſel, ſind wir halt nicht einerlei Meinung,“ verſetzte er.—„Du 6 Das Kind des Südens. thuſt ihr Unrecht, Sichart,“ entgegnete ſie.„Wenn ſie vielleicht auch körper⸗ lich nicht ſo krank iſt, als es den Anſchein hat, ſo leidet ſie doch im Gemüth und das iſt ſchwerer.“—„Und wenn das wirklich der Fall iſt, wem gibſt du denn die Schuld? Ihm allein?“ fragte er.—„Das— thue ich nicht!“ er⸗ widerte ſie ſanft, aber nicht ohne Ueberwindung.—„Wir haben ſchon ſo oft darüber geſprochen, Sichart, einig werden wir darüber doch nicht. Ich wollte, du könnteſt ſie einmal ſo recht und ſo lange beobachten, wie ich es gekonnt habe, als ſie noch jung war, dann würdeſt du anders von ihr denken.“— „Ich habe ſie auch beobachtet und zwar in der allerhärteſten Prüfung, die hat ſie ſchlecht beſtanden. Viel Menſchenkenntniß, glaube ich, gehört nicht dazu, die Frau Gräfin von Amberg in ihrem Sein und Weſen zu durch⸗ ſchauen.“—„So denken Männer über jede Frau! Durchſichtiges Glas, nicht wahr? Oh, wie täuſchet ihr euch doch!“ 1 Er zeigte nach dem Feuerſchein, der an Stärke immer mehr zunahm und ihr Geſpräch wurde dadurch von dem Gegenſtande, auf den es ſich ge— richtet, abgelenkt. In dem alten Schloſſe mußte der Blitz viel Brennſtoff ge⸗ funden haben, um alsbald dieſe mächtige Glut zu entzünden; Sichart äußerte das und ſeine Frau fand darin wieder einen Doppelſinn, weil er, vielleicht ohne alle Abſicht, das Wort Brennſtoff beſonders betont hatte. Freilich gab es in Hohenſtein auch viel anderen Brennſtoff, als das uralte mächtige Sparrwerk des Daches, das einſt einen ganzen Wald verſchlungen zu haben ſchien. Roſalie Sichart kannte dieſen Zündſtoff, der keineswegs materieller. Natur war, beſſer als ihr Mann, wenn dieſer auch in Hohenſtein ſehr be⸗ kannt war. In ſeinen jungen Jahren hatte er mit dem Vater des jetzigen Grafen in den freundſchaftlichſten Beziehungen geſtanden, Reiſen mit ihm gemacht und ſogar eine Zeitlang bei ihm gewohnt, während er auf ſeinem eigenen Gute, das ihm durch Erbſchaft zugefallen war, ſtatt des alten häß⸗ lichen Gemäuers, das die Ironie herausfordernd nach Landesart ein Schloß genannt wurde, ein neues bequemes und gefälliges Wohnhaus bauen ließ. Das war nun über vierzig Jahre her, Graf Heinrich, Sichart's Freund, ſchon dreißig Jahre todt, Sichart ſelbſt ein Greis, ſein Haus mit ihm ge⸗ altert und von den ſpäter erbauten Landhäuſern der Nachbarſchaft längſt in Schatten geſtellt— das alte Schloß Hohenſtein aber, an das ſich manche ſchöne Erinnerung ſeiner Jugend knüpfte, ſtand in hellen Flammen. Sichart war ſo vertraut mit der dortigen Oertlichkeit, daß er den Flügel glaubte be⸗ zeichnen zu können, in welchen der Blitz eingeſchlagen hatte. „Was wollte Flora eigentlich in Hohenſtein?“ fragte er ſpäter ſeine — — — ·—4—.— Von Bernd von Guſeck. 7 Frau.—„Ach, die Kammerjungfer der Gräfin, die noch immer eine große Vorliebe für das Mädchen hat, iſt ihrer Herrſchaft vorausgekommen und hat Flora heut früh bitten laſſen, ihr bei der Einrichtung ein wenig zu helfen— dazu habe ich ihr Nachmittags Erlaubniß gegeben.“—„Sie wird ſich am Ende doch noch einfangen laſſen und dir mit Undank lohnen,“ äußerte Sichart.—„Das habe ich nie von ihr zu fürchten,“ erwiderte ſie. Spät in der Nacht kam der Verwalter Riedel für ſeine Perſon zurück. Die Spritzen der Nachbardörfer, welche nach einander in Hohenſtein ange⸗ kommen waren, hatten mit großer Anſtrengung das Feuer ſo weit bewältigt, daß es wenigſtens auf den Dachſtuhl des öſtlichen Flügels beſchränkt blieb. Dieſer war freilich ſo gut wie vernichtet, denn wenn auch die überaus dicken Mauern den Flammen widerſtanden hatten, ſo war doch das Sparrwerk mit ſeinen gewaltigen Balken endlich zuſammengeſtürzt und hatte die beiden Stockwerke des Flügels bis auf den Grund durchgeſchlagen. Was darin Werthvolles geweſen, war vielleicht zum größten Theile gerettet worden, doch mochte immerhin noch manches ſchöne Stück unter den brennenden Holz⸗ ſtücken begraben ſein, aus welchen, wie aus einem feuerſpeienden Krater, nach dem krachenden Einſturze, eine Lohe von Funken und Trümmern him⸗ melhoch emporgeflogen war. Nachdem dieſe wieder geſunken, hatten die Löſchenden alle Waſſerſtrahlen dorthin gerichtet, um das Feuer an jene Stätte zu bannen, und das ſchien auch gelungen zu ſein, aber erſt nach drei, vier Tagen konnte man daran denken, unter der Aſche und dem Schutt Nach⸗ grabungen anzuſtellen. Im allgemeinen Eifer, als die Schöpfeimer in der doppelten Menſchenkette, welche aufgeſtellt war, raſch auf und nieder gingen, hatte der alte Riedel ſich endlich für überflüſſig gehalten, da der gräfliche Inſpektor die ganze Leitung der Löſchanſtalten in die Hand genommen hatte. Riedel war auf der Spritze hergefahren und mußte freilich jetzt, weil er die Pferde in Vorausſicht längerer Arbeit nach Hauſe geſchickt hatte, die Stunde Weges nach Bornau zu Fuß zurücklegen, doch hatte der Regen, der ihn völ⸗ lig durchnäßt hatte, längſt aufgehört und die Fußwanderung that dem rüſti⸗ gen Alten ganz wohl. Grade, als er die breite Allee, welche im Bogen auf den Schloßberg führte, hinabgegangen war, kam ihm ein Viergeſpann im vollen Trabe entgegen. Das war die Herrſchaft, deren Ankunft man oben ſchon ſtundenlang erwartet hatte. Es that dem Bornauer Verwalter jetzt leid, daß er nicht eine kleine Weile länger geblieben war, er hätte wohl ſehen mögen, wie der Herr Graf ſich beim Anblicke ſeines halb eingeſtürzten Schloſſes benahm— aber zum Umkehren konnte ſich der Alte deßhalb nicht 8 Das Kind des Südens. mehr entſchließen. Bei der Helle, welche das Feuer noch immer über die Gegend verbreitete, hatte er wohl bemerkt, daß die Herrſchaft mit Extrapoſt kam und daß der Reiſewagen ganz geſchloſſen war, als kümmere ſich niemand darin um den Vorfall, der ſie doch ſo nahe anging. Das war aber ſo ihre Manier, vornehme Leute müſſen thun, als könne ſie gar nichts betreffen oder aus der Ruhe bringen. Der alte Riedel hatte einmal beide, den Grafen und die Gräfin, in einer anderen Lage geſehen, die ihnen doch wohl mehr zu Herzen gehen mußte, als der heutige Verluſt, der ſich mit Geld wieder er⸗ ſetzen ließ, das war geweſen, als ſie ihre Tochter verloren hatten auf eine ſchauerliche Weiſe— und damals hatte ihnen keine Wimper gezuckt, es war geweſen, als ſeien ihre Geſichter von Stein, wie die marmornen Bilder, die in ihrem Garten ſtanden. Vielleicht lag ihnen Geld und Gut aber mehr am Herzen, als die Tochter, und ſo war's immer möglich, daß Riedel ſie heut anders geſehen hätte, als bei dem traurigen Ereigniß vor fünf Jahren, wenn er ein Zeuge ihrer Ankunft geweſen wäre. Der Berg war ihm jedoch zu ſteil, um ihn aus bloßer Neugier nochmals zu erſteigen— was hätten auch ſeine Bornauer, die er an die Befehle des gräflichen Beamten gewieſen hatte, von ihm denken ſollen, wenn ſie ihn auf einmal wieder geſehen hätten? Er ſetzte alſo im raſchen Zuſchreiten ſeinen Weg fort und legte ſich zu Hauſe, wo er alles im tiefen Schlafe fand, ruhig zu Bett. 2. Am frühen Morgen, als kaum der Tag angebrochen war, wurde er von ſeinem Heren geweckt. Es fiel dieſem etwas ſchwer, ihn zu ermuntern; als es endlich gelang, fuhr Riedel ſchreckhaft empor und ſtarrte Herrn Sichart, der vor ſeinem Bette ſtand, mit großen Augen, wie einen Fremden an.— „Nun, Riedel, Sie ſchlafen ja wie ein Dachs und haben das Hofthor offen gelaſſen,“ ſagte Sichart lächelnd.„Der eine Hohenſteiner Thurm iſt einge⸗ ſtürzt, wie man ſehen kann, auch dampft es noch, als könne das Feuer jeden Augenblick wieder ausbrechen. Wie ſteht es denn?“— Riedel hatte aber nur auf den Vorwurf gehört, der ihm gemacht worden war; er ſuchte auf dem Stuhl vor ſeinem Bette nach dem Schlüſſel des Hofthors, den er doch, nachdem er dasſelbe verſchloſſen, mitgenommen zu haben glaubte— daß er gar das Hofthor offen gelaſſen haben ſollte, war ganz unmöglich, das wäre zum erſtenmale in ſeinem Leben geweſen—„Wollen Sie einmal in meinem Rocke nachſehen, Herr Sichart?“ ſagte er, indem er Ahſtalt zum Aufſtehen Von Bernd von Guſeck. 9 machte.„Dort am Fenſter hängt der Rock, der Schlüſſel muß in der Taſche ſtecken, ich habe das Thor zugeſchloſſen und den Schlüſſel mitgenommen— wie können Sie glauben, daß ich das Thor werde offen ſtehen laſſen!“ Allerdings hatte Riedel den guten Ruf von dreißig Jahren, welche er als Verwalter in Sichart's Dienſt zugebracht hatte, für ſich und ſtand bei ſeinem Herrn im beſten Anſehen, ſo daß dieſer ihn mehr wie einen Freund, als einen Untergebenen behandelte, auch in vielen perſönlichen Verhältniſſen zu Rathe zog. Sichart fand alſo in dem Verlangen ſeines Verwalters, daß er ſelbſt nach dem Schlüſſel ſich bemühen ſollte, durchaus nichts Unge⸗ höriges, ſondern ging gelaſſen nach dem Fenſter, die Taſchen des naſſen Rockes zu unterſuchen, während Riedel ohne Umſtände aus dem Bette ſtieg.— „Hier iſt der Schlüſſel nicht,“ ſagte Sichart, nachdem er alle Taſchen durch⸗ ſucht hatte. Im Thorſchloſſe hat er auch nicht geſteckt. Sie müſſen ihn vom Thor bis zum Hauſe verloren haben.“—„Ich habe in meinem Leben noch keine Stecknadel verloren!“ brummte Riedel, indem er ſich haſtig ankleidete. — Sichart bückte ſich und hob einen Gegenſtand, der ihm plötzlich in die Augen fiel, vom Fußboden auf.—„Aber hier hat jemand etwas Anderes verloren!“ ſagte er, ſeinen Verwalter mit einem verwunderten und mißbil⸗ ligenden Blicke meſſend.„Schämen Sie ſich denn nicht, Riedel?“ Es war eine Bandſchleife, welche Sichart auf der Diele am Fenſter gefunden hatte. Er hielt ſie dem Verwalter entgegen, deſſen braunes Ge⸗ ſicht bei dieſem Anblick roth unterlief. Mit einem wenig unterdrückten Fluche bemächtigte er ſich der Schleife, beſah ſie von allen Seiten und rief dann, zornig durch die Naſe ſchnaufend:„Sie werden doch nicht glauben, Herr Sichart, daß ich noch auf meine alten Tage über die Stränge ſchlage? Was geht mich der Bandfetzen an? Es iſt mir vielleicht im Gedränge beim Feuer am Rocke hängen geblieben, da waren ſo viel Weibsleute, daß man ſich erſt gar nicht rühren konnte!“ Er warf die Schleife auf den Tiſch und ſuchte wieder murrend nach dem Schlüſſel, der ſich jedoch nicht fand. „Laſſen Sie es nur gut ſein, Riedel, wenn er auch verloren iſt,“ ſagte Sichart in ſeinem gewohnten wohlwollenden Tone,„wir haben ja noch einen zweiten.“—„Hat denn das Thor wirklich offen geſtanden?“ fragte Riedel.— „Offen nicht, aber unverſchloſſen,“ antwortete der Gutsherr.„Beruhigen Sie ſich doch nur, es iſt ja kein Unglück und kann jedem paſſiren, beſonders in einer Nacht, wie die heutige, in der Sie redlich das Ihrige geleiſtet haben.“ —„Erlauben Sie, Herr Sichart!“ verſetzte Riedel.„Paſſiren kann's jedem andern, mir aber nicht, und darum kann ich mich auch nicht beruhigen. Ich 8 1 1 10 Das Kind des Südens. habe das Thor zugeſchloſſen, habe den Schlüſſel wie immer mit in meine Stube genommen: er muß alſo geſtohlen ſein.“—„Aus Ihrer Stube?“ rief Sichart.„In der Nacht, während Sie hier ſchlafen? Sollte jemand das wagen?“—„Ich ſchlafe feſt, da iſt nichts zu riskiren!“ erwiderte der Verwalter, ſeinen Verdacht hitzig verfolgend,„daß ich mich nicht in der Stube hier einſchließe, weiß jedes Kind auf dem Hofe. Ich kann Ihnen auch gleich ſagen, wer den Schlüſſel geholt hat. Keine andere Seele, als die Schwarze!“— „Flora?“ entgegnete Sichart unwillig.„Aus welchem Grunde ſollte ſie den Thorſchlüſſel bei Ihnen holen? Was ſollte ſie damit gewollt haben?“ —„Zigeunerblut! Luſt am Unfug! Ausrücken, wenn ſie einmal nacht⸗ wandeln will!“—„Laſſen Sie das meine Frau nicht hören!“ erwiderte der Gutsherr.„Sie thun dem Mädchen Unrecht. Stellen Sie ſich über⸗ haupt nicht ſo böſe, Riedel, Sie ſind ihr ſelbſt gut!“—„Herr Sichart!“ verwahrte ſich der Verwalter entrüſtet.—„In allen Ehren, verſteht ſich!“ beſchwichtigte ihn Sichart.„Es koſtet ja übrigens nur eine Frage. Meine Frau ſoll ihr die Schleife vorhalten und ſie fragen, ob ihr dieſelbe gehört — iſt es Ihnen recht?“—„Ach— das möchten wir doch lieber bleiben laſſen,“ erwiderte Riedel.„Wenn die Schleife von ihr iſt, ſo kann ſie mir freilich in Hohenſtein an einem Rockknopfe oder dergleichen hängen geblieben ſein, ich habe das Mädel dort geſehen, Gott weiß, wie ſie hingekommen iſt, auf einmal waren wir beide neben einander im Gedränge und ich mochte ihr wohl weh thun mit meinen Knochen, denn ſie ſchoß mir einen Blick zu, als wollte ſie mich umbringen, dann lachte die Hexe und huſchte fort, wie eine Maus. Es kann aber auch ſein, daß ſie das Ding hier erſt verloren hat, denn kein anderer Menſch hat mir den Schlüſſel hier weggeholt.“ Sichart nahm die Schleife mit, um ſie wenigſtens ſeiner Frau zu zei⸗ gen, da ihn Riedel wiederholt bat, daß die Schwarze nicht zur Rede geſtellt werden ſollte.„Geſtehen wird ſie's doch nicht, daß ſie den Schlüſſel genom⸗ men hat, und wenn ihr die Schleife nicht gehört, ſo kann ſie mich auf meine alten Tage noch in's Gerede bringen. Sie glaubten ja auch ſchon Schlech⸗ tes von mir, als Sie das Ding auf der Erde liegen ſahen. Ihre Frau kennt mich beſſer, ſie wird nichts Uebles von mir denken, aber meine Reputation vor den Leuten iſt mir doch auch lieb, und das Mädel iſt rachſüchtig, wie eine Schlange.“—„Sie ſprechen heute dem armen Kinde alles Böſe nach, ich weiß aber doch, daß Sie es gut mit ihr meinen, denn Sie redeten ihr ja ſo ſehr ab, nach Hohenſtein zu gehen, als meine Frau es ihr freigeſtellt hatte, -—— Von Bernd von Guſeck. 11 den Wunſch der Gräfin zu erfüllen. Nun, Riedel, kommen Sie bald zum Frühſtück, Sie müſſen uns erzählen, wie es bei dem Feuer zugegangen iſt.“ Sichart fand im Wohnzimmer ſeine Frau, welche das Mädchen, das von Riedel verdächtigt worden war, eben entließ, nachdem ſie den Kaffee bereitet hatte. In der Thüre mochte er ſie unwillkürlich mit einem prüfen⸗ den Blicke betrachtet haben, denn ihr Auge, das dem ſeinigen begegnete, nahm einen verwunderten und fragenden Ausdruck an. Doch entfernte ſie ſich ſogleich.—„Sind Ambergs angekommen?“ fragte Sichart ſeine Frau. —„So lange Flora dort geweſen iſt, nicht,“ erwiderte ſie.„Doch wurden ſie jeden Augenblick erwartet. Flora hat in dem brennenden Flügel retten helfen.“—„Ich glaub's!“ ſagte Sichart.„Du haſt ſie doch deßwegen nicht geſcholten? Dein Ton klingt wie Anklage.“—„Wie leicht hätte ſie ver— unglücken können!“ erwiderte ſie.„Das war ihre Sache nicht— wenn Menſchenleben in Gefahr geweſen wären, hätte ich kein Wort geſagt. Aber bloßes Hausgeräth— wenn auch Werthſachen! Was hat Riedel für Nach⸗ richten mitgebracht? Flora hat ihn dort noch in voller Thätigkeit verlaſſen.“ Sichart erzählte, wie er Riedel gefunden hatte, und zeigte ihr die Schleife, die in ſeiner Stube gelegen, er vermied aber jede Anſpielung auf den Gedanken, der ſich ihm freilich im erſten Moment als ziemlich naheliegend, wenn auch im Widerſpruch mit der ihm bekannten Ehrbarkeit des Alten, aufgedrängt hatte. Im Umgange des Ehepaars waren überhaupt niemals im ganzen Zuſammenleben leichtfertige Reden vorherrſchend geweſen, wie man ſie oft genug noch bei älteren Leuten hört, widerlich gerade bei ſolchen aus vielen Gründen. Frau Sichart war verwundert über den Fund, ſie hielt die Erklärung, welche Riedel ihm gegeben hatte, nicht für unwahrſchein⸗ lich.—„In einem Gewühl und Gedränge, wie es drüben geweſen ſein mag,“ ſagte ſie,„iſt es immer möglich, daß ſich die Schleife, die jemand gerade verloren, an ſeinen Rock gehängt hat und von ihm, ohne daß er es gewußt, mit nach Hauſe gebracht worden iſt. Einem Bauermädchen kann ſie aber nicht gehört haben, die tragen dergleichen nicht. Vielleicht iſt ſie gar von unſerer Flora und auf dieſe Weiſe wieder an ihren Ort gekommen. Ich werde ſie fragen.“— Sichart konnte es nun doch nicht über ſich gewinnen, ſeiner Frau nicht von dem offen gebliebenen Hofthor und dem vermißten Schlüſſel zu erzählen— etwas zögernd fügte er Riedel's Verdacht hinzu.— „Der Alte iſt nicht geſcheidt!“ entgegnete ſie und wurde unwillig, als ſie Riedel's Aeußerungen über das Mädchen hörte.„Flora iſt keine Zigeune⸗ rin!“ rief ſie.„Ich habe ihm das dumme Volksgerede, das er nachſpricht * 12 Das Kind des Südens. ſchon mehr als einmal verwieſen. Sie machte ſich ſonſt mit den Leuten zu⸗ weilen einen Scherz, und auch mit Riedel, der hatte es gar nicht ungern— das iſt aber ſchon längſt vorüber, ich wollte, das Kind wäre noch ſo heiter. — Sie iſt freilich kein Kind mehr!“ ſetzte ſie mit einem halben Seufzer hinzu.—„Wie alt iſt ſie denn eigentlich? Einige zwanzig wohl nun, ſo viel ich rechnen kann,“ ſprach Sichart.—„Fünfundzwanzig,“ antwortete die Frau.„Sie war zwölf Jahre alt, als ſie zu uns kam.“ Riedel trat eben ein und ſah wohl an der Miene der Frau Sichart, daß alles beſprochen war. Er fing daher beim Frühſtück ſelbſt von dem verlore⸗ nen oder geſtohlenen Thorſchlüſſel zu reden an, zeigte auch auf die Schleife, die er vor der Frau liegen ſah, und ſagte mit einem halb ärgerlichen Lachen: „Ja, das habe ich vielleicht mitgeſchleppt, wenn's nicht mein Schlüſſeldieb verloren hat. Da konnte man ſich vor Frauenzimmern gar nicht retten, wenn man auch ſonſt gar nichts mit ihnen zu thun haben mag. Sie nehmen's mir weiter nicht übel, Frau Sichart. Ich mußte zuerſt an unſere Flora denken, weil die ſich manchmal auch eine feuerrothe Schleife in ihre kohlſchwarzen Haare ſteckt— aber ſie wirds ja nicht geweſen ſein.“—„Sie wird's nicht?“ wiederholte die Sichart.„Sie kann's nicht geweſen ſein, Riedel! Das wiſſen Sie ſo gut, wie ich, ſollten es wenigſtens wiſſen. Feuerroth iſt doch auch dies Band nicht, ſondern himmelblau.“—„Kommt auf eins heraus, Frau Sichart,“ entgegnete Riedel, der ſein Frühſtück unterdeſſen in Angriff genommen hatte.— Die Sichart lachte.„Es wäre Ihnen ſchon recht, wenn Flora Ihnen auf den Verdacht ſelbſt die Antwort geben könnte. Schade, daß mein Mann Ihnen halb und halb verſprochen hat, das Mädchen nicht zur Rede zu ſtellen.“—„Ich werde ſie ſelber nach der Schleife fragen,“—7 verſetzte Riedel ſchlürfend und kauend.„Sie weiß vielleicht, wer in Hohen⸗ ſtein ſolche blitzblaue Schleifen trägt, am Ende die alte Jungfer der Gräfin, die Trude oder Traud, wie ſie ſich lieber nennen hört.“ Flora trat eben ein, wie gerufen. Wer ſie zum erſtenmal ſah, mußte * ſie, wenn auch nicht für eine Zigeunerin, aber doch immer für eine Tochter des Morgenlandes halten. Schlank und ſchmiegſam war ſie, von ſchönen Formen, ihr Teint etwas dunkel, aber friſch und lebenswarm, der Schnitt ihres ovalen Geſichts fremdartig, doch nicht ſcharf, wie etwa der einer Jüdin, welchem Typus ſchon ihr Profil widerſprach; die ſchwarzen Augen hatten ein Feuer, das in Luſt und Heiterkeit, beſonders in früheren Jahren, freudig aufſprühen, in weicheren Gefühlen aber wahrhaft bezaubernd ſtrahlen konnte; fein gezogen und regelmäßig waren die Brauen von demſelben tiefen Schwarz, — „— Von Bernd von Guſeck. 13 wie das üppig reiche Haar, das in ſtarke Flechten gelegt war— vor allem reizend war aber der Mund mit ſeinen blühenden Lippen und der Perlen⸗ reihe, welche jedes Lächeln, nur jetzt leider ſo ſelten, hervortreten ließ. Frau Sichart hatte ſich des armen, verlaſſenen Kindes einſt angenommen, und Flora war in ihrem Hauſe aufgewachſen. Unbefangen bot dieſe dem Verwalter einen guten Morgen und legte dann neben Herrn Sichart einen Brief, welchen ſoeben der Reitknecht des Hohenſteiner Grafen gebracht hatte. Während Sichart den Brief las, nahm Riedel die Schleife, deren er ſich bemächtigt, in die Höhe und fragte das Mädchen, ob ſie vielleicht wiſſe, wem das Ding gehöre. Er ſah ihr dabei recht ſteif in das Geſicht, doch hätte er viel mehr Scharfblick, auch geiſtigen, haben müſſen, als er ſich deſſen rühmen konnte, um wahrzunehmen, welchen Eindruck ſeine überraſchende Frage auf ſie machte.—„Zeigen Sie!“ ant⸗ wortete Flora, die Hand ausſtreckend, und als er ihr das Band gegeben, fragte ſie mit einem ſchnellen, verwunderten Aufblick:„Wie kommen Sie zu meiner Schleife?“ „Sehen Sie, Herr Sichart? Sagt' ich's nicht?“ rief der Verwalter und Sichart ließ den Brief, den er las, mit der Hand ſinken.—„Weißt du wirklich nicht, Flora, wie ich zu deiner Schleife komme?“—„Ich habe ſie verloren— Sie müſſen ſie gefunden haben,“ antwortete Flora ruhig mit einem halben Lächeln.—„Gefunden, ganz richtig!“ verſetzte Riedel.„Aber wo gefunden? Frage nur den Herrn, der weiß, wo ſie gefunden worden iſt. Was ſagen Sie nun, Frau Sichart? Habe ich Recht gehabt? Nicht wahr, —Jlora, du haſt ſie in der Quetſche beim Feuer in Hohenſtein aus den Haaren verloren und ich mußte ſie grade vor meinen Füßen finden und aufleſen, gelt?“—„Ich habe dieſe Schleife geſtern nicht getragen,“ ſagte das Mäd⸗ chen und nur ihre Herrin bemerkte, daß ihr Ton nicht mehr ſo ruhig war, daß jenes Lächeln, welches um ihren Mund geſpielt, verſchwunden war und ihre Züge ſich ſpannten, während ihre Augen funkelten. Frau Sichart kannte dieſe Zeichen, welche ſtets verriethen, wenn Flora ſich verletzt fühlte.„Ich trage ſchon lange keine blauen Schleifen mehr!“—„Aber du ſagſt ja ſelbſt, daß es deine Schleife iſt, Mädel!“ rief der Verwalter.— Ehe Flora ant⸗ worten konnte, winkte ihr Frau Sichart, welche unterdeſſen aufgeſtanden war.—„Nimm ſie nur mit, Kind,“ ſprach ſie freundlich.„Sie gehört dir, wenn du ſie auch nicht mehr trägſt— ich weiß, daß du ſchon lange nur Pon⸗ ceau liebſt.“ Auf einen wiederholten Wink entfernte ſich Flora, obgleich man es ihr anſah, daß ſie Riedel gern geantwortet hätte; ſie war aber ge⸗ 14 Das Kind des Südens. wöhnt, auch den leiſeſten Wunſch der Frau, die wie eine Mutter an ihr ge⸗ handelt hatte, zu erfüllen. In der Thüre traf ihr Blick noch den nachſchauen⸗ den Verwalter mit ſeinem vollen Feuer. „ Gott bewahre einen!“ ſagte Riedel.„Wie ein Zündnadelgewehr! Wenn ſie gekonnt hätte, wäre ich ſchon mauſetodt! Warum ließen Sie mich denn nicht die Sache auf's Reine bringen, Frau Sichart?“—„Weil ich Ihnen eine Beſchämung erſparen wollte,“ antwortete die Sichart in ihrer gewohnten wohlwollenden Weiſe.„Laſſen wir vorderhand die ganze Ge⸗ ſchichte ruhen, ſie wird ſich ſchon aufklären.— Was ſchreibt der Graf?“ wandte ſie ſich an ihren Mann, welcher bei Flora's Entfernung ſogleich wie⸗ der den Brief aufgenommen und nun zu Ende geleſen hatte. „Ach, das iſt wieder ganz in ſeiner Art, Roſel,“ antwortete Sichart. „Amberg bedankt ſich für die Hülfe, die unſere Leute ihm geleiſtet haben und bittet mich doch zugleich, unter der Hand Nachforſchungen anſtellen zu laſſen, ob ſich vielleicht einige werthvolle Gegenſtände, die beim Ausräumen ver⸗ loren gegangen ſind, hieher verirrt haben. In einem Athem Dank und Miß⸗ trauen! Wenn dieſe Dinge wirklich beim Räumen des brennenden Flügels fortgekommen ſind, müſſen denn grade Bornauer ſie geſtohlen haben, wo vielleicht Menſchen aus vier, fünf Dörfern beim Löſchen geweſen?“— „Wenigſtens aus acht Ortſchaften!“ verſicherte Riedel.„Das iſt aber die alte Geſchichte— weil unſer Herrgott ſein Raubneſt in Brand geſetzt hat, gibt er's am Ende auch uns Bornauern Schuld.“—„Schämen Sie ſich, Riedel!“ entgegnete Frau Sichart ſanft.—„Nun, ein Raubneſt iſt hoch der Hohenſtein vor Alters geweſen— wer weiß, was ſie heut noch thäten, wenn's kein Criminalgericht und kein Landrecht gäbe.“ Sichart ſchüttelte mißbilligend den Kopf, dann ſah er wieder in den Brief.„Hausſuchung können wir doch nicht halten laſſen, Riedel,“ ſagte er. „Unter der Hand ſoll's auch nur betrieben werden, wie er mich dringend bittet. Wir müſſen Acht geben, ob ein oder das andere Ding, von dem er hier ſchreibt, irgendwo zum Vorſchein kommt, weiter können wir doch nichts thun. Ich möchte mit ihm reden, ob er einen beſtimmten Verdacht hat.“— „Was iſt ihm denn eigentlich fortgekommen?“ fragte der Verwalter.— „Dreierlei gibt er an: erſtens eine fünffache Schnur von Korallen, zweitens einen ſilbernen Pfeil, wie in manchen Gegenden die Mädchen im Haar tra⸗ gen, und drittens ein kleines Medaillon.“—„Lumpereien für einen ſo ſtein⸗ reichen Mann!“ verſetzte Riedel geringſchätzig.„Darum ſollte er doch keinen Spektakel anfangen. Und das nennt er werthvolle Gegenſtände! Klingklang .½ —— Von Bernd von Guſeck. 15 aus einer Groſchenbude!“— Frau Sichart, welche mit Aufmerkſamkeit zu⸗ gehört hatte, wechſelte mit ihrem Manne einen Blick: beide verſtanden ſich. Mit Riedel war hier kein Verſtändniß möglich. Mißt ſich der Werth, den manche Dinge für uns haben, denn immer nach Thalern und Groſchen?— „Wir wollen einſtweilen gegen niemand von der Sache reden,“ ſagte Sichart. „Hören Sie, Riedel? Es macht unter ehrlichen Leuten nur böſes Blut, und der Graf iſt ohnehin nicht beliebt in der Gegend. Ich werde mit ihm Rück⸗ ſprache iehmen.“ Ridel hatte nun den Reſt ſeines Frühſtücks, bei welchem er durch Flora geſtört vorden war, verzehrt, ſäuberte ſeinen anſehnlichen Mund mit dem auen humwollenen Taſchentuche, beſprach mit dem Gutsherrn noch einige Wirthſeaftsangelegenheiten und ging dann ſeinem Tagewerke nach. Das Ehepag konnte nun erſt über die Mittheilung des Grafen die Meinungen austaußen, welche in beiden ziemlich übereinſtimmend geweckt worden waren. Die Korallenſchnüre, der ſilberne Haarpfeil, das Medaillon— von wem rirten dieſe Angedenken her? Legte der Graf wirklich noch Werth auf ſie? Un wie kam es, daß er beinah öffentlich Schritte zu ihrer Wiedererlan⸗ gung tſt, da er doch wohl Grund hatte, dieſe Zeugniſſe ſeiner Vergangen⸗ heit deiſtrengen Auge einer unerbittlichen Richterin zu entziehen? 8 3 4 4 Unter Trümmern und Aſche war die Glut in dem niedergebrannten llee des Schloſſes Hohenſtein noch immer nicht ganz erſtickt. Starke — auchwolken wirbelten empor, wenn die Spritzen, von denen einige auch heut och in Thätigkeit waren, ihre Waſſerſtrahlen auf die bedenklichſten Stellen ichteten; von Zeit zu Zeit ſchlug ſogar noch eine Flamme hervor, welche je⸗ voch machtlos gleich wieder zurückſank. Wirkliche Gefahr war nicht mehr vorhanden. Der Graf hatte die meiſten der Leute, die ihm aus der Nachbar⸗ ſchaft bereitwillig zu Hülfe geeilt waren, mit ihren Gemeindeſpritzen wieder entlaſſen und reichlich belohnt; nur aus den nächſten Dörfern, ſo auch aus Bornau, hielten noch Mannſchaften aus, um einen neuen Ausbruch des Feuers zu verhüten. Nach Bornau hatte der Graf ſeinen Reitknecht mit dem Briefe an Sichart geſchickt, er erwartete ihn mit der Antwort noch immer vergebens zurück, und da er ſeit ſeiner Ankunft faſt die ganze Nacht beim Feuer zugebracht und ſich erſt gegen Morgen, als die größte Gefahr vorüber ſchien, eine kurze Zeit zum Schlaf gegönnt hatte, dann aber gleich nach dem Erwachen aus unruhigem Schlummer dahin zurückgekehrt war, ſo ſuchte er jetzt ſeine Gemahlin auf. In dem alterthümlichen Saale, deſſen ganze Einrichtung, wenn auch neu, dem mittelalterlichen Stile des Baues entſprach, fand er die Gräfin mit ihrer Kammerjungfer, welche vor ihr ſtand und ihr eifrige Mittheilungen zu machen ſchien. Bei ſeinem Erſcheinen trat dieſe zurück, ohne jedoch den Saal zu verlaſſen. Die Gräfin war eine hochgewachſene Frau von impenirendem Anſtande, deren Geſicht noch innere Spuren ehemaliger großer Schönheit trug. Wer ſie mit ihrem Gemahle zuſammen ſah und deſſen Betraeen gegen ſie beobachtete, konnte keinen Augenblick im Zweifel bleiben, wer vn Geien das Regiment im Schloſſe führte. Die Gräfin war auch entſchieen älter, als ihr Mann, vielleicht noch mehr, als man nach dem äußeren Anſchein ſchließen konnte. Graf Amberg hatte im Ganzen noch ein ziemlie jugend⸗ liches Aeußere, wozu ſeine mittelgroße Figur und blühende beitragen mochte, aber ſeine Bekannten wußten, daß er zwar wie Man⸗ in der erſten Hälfte der Dreißig ausſah, ſein vierzigſtes Jahr je dh läng überſchritten hatte. Der Gräfin konnte man in hieſiger Gegendyr Alter nicht genau nachrechnen, da ſie aus dem fernen Rheinland gebürtiwvar, ſie hatte indeſſen ſelbſt gelegentlich in befreundeten Kreiſen ganz uiefangen geäußert, daß ſie alter als ihr Gemahl ſei, es fragte ſich nur, unwie viel. Als Amberg eintrat und die Kammerjungfer ſich ſeitwärts zurückzog, ud die Dame langſam auf und ging ihm ein paar Schritte entgegen.—„ Je ich höre, kann man jetzt ruhig ſein,“ ſagte ſie.—„Ganz ruhig,“ verſiche der Graf.„Die Spritzen ſpielen noch fleißig fort, bald wird auch der letz— Funke, der etwa noch unter der Aſche glüht, gelöſcht ſein. Zur Nacht ſoh eine Wache dabei aufgeſtellt werden.“ „Es war eine ominöſe Illumination, die unſern Einzug verherrlichte ſprach die Gräfin.„Bengaliſch beleuchtete Waſſerkünſte wie in Sansſouci, d Funkenregen ſtatt des Blumenregens getreuer Inſaſſen, und als Schluß⸗ tableau der Einſturz des brennenden Palaſtes, wie im Propheten oder Sar⸗ Wenn es nur nicht meinen Lieblingsbau auf dem ganzen Hohen⸗ ſtein getroffen hätte, grade jenen Flügel! Wie viel mag mir dort unter den Trümmern begraben ſein, das gar nicht mehr zu erſetzen iſt!“ Er bemerkte den lauernden Blick nicht, der dieſe Worte begleitete.—„Sei auch darüber ganz ruhig, Agathe!“ tröſtete er ſie.„Was irgend von Werth, iſt gerettet, vieles ſchon vor meiner Ankunft. Die Feſtigkeit der Mauern und vorzüglich ſiven Balken unter dem Dache haben dem Feuer einen ſo tapfern und 16 Das Kind des Südens. G 1= 1 danapal. die maſ — Von⸗ Bernd von Guſeck. 8 17 langen Widerſtand geleiſtet, daß die Leute, welche der Inſpektor mit Umſicht gebraucht, Zeit gewonnen haben, alle Zimmer gründlich auszuräumen. Ich habe ſchon vorläufig alles im Mittelbau unterbringen und einigermaßen ord⸗ nen laſſen und glaube nicht, daß du irgend ein Stück, welches dir beſonders werth iſt, vermiſſen wirſt.“—„Auch du nicht?“ fragte die Gräfin, ihr Auge feſt auf ihn richtend.—„Ich— denke, nein! Wenn erſt genau alles unterſucht wird—.“—„Wohin haſt du den Tom geſchickt? Ich ſah ihn vom Hofe reiten.“— Ihrem Scharfblick entging nichts!—„Nach Bornau, liebe Agathe,“ erwiderte Amberg.„Ich hielt es für meine Pflicht, dem alten Herrn und Freunde unſeres Hauſes, der uns ſo ſchnell Hülfe geſchickt hat, meinen Dank zu ſagen und ihm melden zu laſſen, daß alle Gefahr vor⸗ über und nichts von Werth verloren iſt, als freilich der eingeſtürzte Schloß⸗ flügel. Den können wir wieder aufbauen laſſen, und wenn du meiner An⸗ ſicht biſt ſcht eht es wieder im normanniſchen Geſchmack des alten Stamm⸗ ſitzes und Ahnen. Die neueren Architekten verſtehen ſich grade auf dieſen Bauſtil vörkrefflich, meiſtérhaft!“— Er hatte lebhaft und raſch geſprochen, vielleicht weil es ihn befangen machte, daß ſeine Frau ihn länger ſprechen ließ, als ſonſt ihre Gewohnheit war.„Deiner Ahnen, wollteſt du ſagen!“ entgegnete ſie jetzt.„Unſere Ahnen, war nicht richtig ausgedrückt. So viel mir bekannt iſt, haben ſich unſere Häuſer durch uns beide zum erſtenmale verbunden, wir bg alſo keine Ahnen gemein. Von einem normanniſchen Bauſtil habe ich übrigens auf Hohenſtein ebenſo wenig bemerkt, wie an den Ruinen des Stammſchloſſes meiner Familien, das ſich in den Wellen der Nahe ſpiegelt. Laſſen wir das. Wann gedenkſt dn den Neubau anfangen zu laſſen?“—„Liebe Agathe— ſobald es möglich ſein wird,“ antwortete er.„In dieſen unſicheren Zeiten, wo der Krieg noch im vollen Gange iſt, wo man nicht wiſſen kann, welches Ende er trotz aller Siege durch die Einmiſchung Frankreichs nehmen kann—.“—„Du ſprichſt die Sprache der Börſenmänner und Fabrikan⸗ ten!“ erwiderte ſie.„Dadurch wird eben die Zeit unſicher und jammervoll, daß alles gleich den Kopf verliert, daß jeder angſtvoll aufgibt, wodurch er ſich und anderen helfen könnte! Du willſt nicht einmal dein halb verbrann⸗ tes Haus wieder aufbauen, der du es kannſt, ohne in Verlegenheit zu ge⸗ rathen! Viele brodloſe Menſchen fänden Arbeit dabei— es ſcheint aber, du huldigſt auch der Anſicht, daß es trotz unſerer Siege beſſeniſt, ein paar Cent⸗ ner eiſerne Töpfe zu kaufen und den Mammon für alle erdenklichen Fälle zu Hausblätter. 1867. IV. Bd.„ 7* — — —— —,— 18 Das Kind des Südens. * vergraben!“ Die Sprecherin war in Aufregung gerathen und dadurch wun⸗ derbar verjüngt anzuſehen: ihre Wangen hatten wieder einen lichteren Schein gewonnen, ihre Augen eine dunklere Farbe. „Du verkennſt mich, Agathe!“ verſetzte der Graf, etwas betroffen von ihrer Strafpredigt in Gegenwart der Dienerin, obgleich ihm das nichts Sel⸗ tenes ſein konnte, denn ſeine Gemahlin betrachtete ihre Zofe als einen Theil ihres eigenen Selbſt.„In Wahrheit, du verkennſt mich. Sage ich denn, daß ich unſern Neubau ganz aufgeben oder doch auf längere Zeit verſchieben will? Nur übereilen mag ich ihn nicht. Sobald ſich die Verhältniſſe einmal geklärt haben, ſo daß man weiß, daß man dauernd auf hinlängliche Arbeits⸗ kräfte rechnen kann, gedenke ich gleich anzufangen.“—„Welche Klärung der Verhältniſſe erwarteſt du denn noch?“ fragte ſie ironiſch.—„Ob der Frie⸗ den wirklich abgeſchloſſen wird oder ſich doch noch ein europäiſcher Krieg ent⸗ zündet,“ antwortete er, von ihrem Tone noch unbehaglichen „Was denkſt du über einen europäiſchen Krieg, Traud?“ wam Gräfin an ihre Zofe. Der Graf wurde dunkelroth und runzelte die Stirn. Mit unbewegtem Geſicht, wie ſie der ganzen Unterredung beigewohnt hatte, neigte die alte Dienerin nur ein wenig den Kopf, doch hatte ſie einen abmah⸗ nenden Blick für ihre Herrin, daß dieſe die Sache nicht weiter treiben ſollte, denn es gab einen Punkt, über den der Graf es nicht hinaus kommen ließ. „Da kommt Tom zurück!“ ſagte die Gräfin, welche ſeitwärts nach dem — hatte.— Der Graf ging ſchnell nach der Thüre.„Erwarteſt du eine wichtige Antwort, daß du ſo eilig biſt?“ fragte ſie.—„Die alten Leut⸗ chen nehmen ſo viel Antheil an uns—“ erwiderte Amberg.—„Sehr viel, das weiß ich!“ verſetzte ſie mit einem beſonderen Ausdruck.„Der Buſen⸗ freund und die— Freundin deines Vaters! Ihre Beileidsbezeugungen ſind wohlthuend—“ Sie brach ab, als Gertrud jetzt ihre Augenbrauen zuſam⸗ menzog. Der Graf zuckte die Achſeln und verließ das Zimmer. Allerdings erwartete er eine Antwort, die für ihn wichtig war, wenn ſie auch noch keine Gewißheit geben konnte. Die vermißten Gegenſtände, von denen er zu ſeiner Frau gar nicht geſprochen hatte, waren natürlich in Bornau wohl noch nicht gefunden worden, aber er wollte doch hören, wie der alte Sichart ſeine Mittheilungen aufgenommen habe. Den Schreibtiſch, ein Meiſterſtück moderner Schnitzkunſt, in welchem er jene für ihn ſo werth⸗ vollen Sachen aufbewahrt, hatte er bei ſeiner geſtrigen Ankunft ſchon aus dem brennenden Flügel herausgeſchafft gefunden und dafür Sorge getragen, ihn ſogleich im Mittelbau des Schloſſes, dem keine Gefahr mehr zu drohen Von Bernd von Guſeck. 19 ſchien, aufſtellen zu laſſen. In aller Morgenfrühe hatte er ſich dann ganz allein dahin begeben, um nachzuſehen, ob der Schreibtiſch unverſehrt ſei, äußerlich war er wenig beſchädigt geweſen, als er ihn aber hatte aufſchließen wollen, hatte er ihn zu ſeiner unangenehmen Ueberraſchung unverſchloſſen gefunden. Erbrochen nicht, denn keine Spur von Gewalt zeigte ſich, aber unverſchloſſen! Eine Summe in Gold, die er bei ſeiner Abreiſe darin zurück⸗ gelaſſen, lag in dem vorderſten Fache, er zählte in ungewohnter Sorglich⸗ keit gleich nach, es war eine runde Summe in Friedrichsd'or und kein Stück fehlte; als er aber das innerſte Fach öffnete, deſſen Inhalt ihm weit mehr am Herzen lag, fand er es leer: die drei Gegenſtände, die er dem Nachbar in Bornau bezeichnet hatte, Korallenſchnur, Haarpfeil und Medaillon— ſie waren freilich ſehr lange nicht von ihm betrachtet worden, jetzt waren ſie ver⸗ ſchwunden! Wer konnte ſich an ihnen vergriffen haben? Ein gemeiner Dieb hätte doch wohl im vorderen Fache das Gold mitgenommen! Sollte er ſelbſt, was bei ihm allerdings nicht unmöglich war, bei ſeiner letzten Beſchäftigung im Schreibtiſche, alſo vor ſeiner Reiſe, denſelben nicht verſchloſſen haben? Dann hatte die Neugier oder Habſucht während ſeiner langen Abweſenheit viel Zeit zur ungeſtörten Durchforſchung gehabt, dann war die Entwendung nicht geſtern geſchehen, ſondern vielleicht ſchon vor mehreren Wochen; immer jedoch blieb die Frage, warum das Gold liegen geblieben und der an ſich werthloſe Inhalt des innern, ſchwer zu entdeckenden Faches verſchwunden war? Weßhalb hatte alſo der Graf ſeinen erſten Argwohn, daß der Dieb⸗ ſtahl geſtern im Wirrwarr unbeachtet geſchehen und der Thäter wie mit Blindheit geſchlagen nicht auf das erſte, ſondern auf das innere Fach geſtoßen ſei, beharrlich feſtgehalten und grade die in der ganzen Gegend als brave Leute bekannten Bornauer gegen ihren Gutsherrn verdächtigt? Sichart's Antwort verſicherte ihn der Bereitwilligkeit, ſeinem ausge⸗ ſprochenen Wunſche nachzukommen und ohne Aufſehen forſchen zu laſſen, ſprach aber aus, daß er an einen Diebſtahl der angegebenen Sachen von Sei⸗ ten eines Landmannes nicht glauben könne, und meldete ſich zu einem Beſuch an, um mit dem Grafen darüber nähere Rückſprache zu nehmen und ſich zu⸗ gleich von der Verheerung zu überzeugen, welche das Feuer an dem Schloß⸗ flügel, wo er in jüngeren Jahren ſo glückliche Tage verlebt, angerichtet hatte. Der Graf murmelte bei dieſer Stelle etwas vor ſich hin und legte das Bil⸗ let unmuthig beiſeite.— Noch im Laufe des Vormittags traf Sichart auch ein und wurde trotz der ſeltſamen Reden, welche das gräfliche Ehepaar über 9* 17 20 Das Kind des Südens.& 4₰ die„alten Leutchen“ in Bornau gewechſelt hatte, ſehr zuvorkommend empfan⸗ gen. Abgeſehen von dem freundſchaftlichen Verhältniß, in welchem Sichart zu dem Vater des Grafen geſtanden hatte, würde es die gute Lebensart nicht anders geſtattet haben, auch wenn die Gräfin nicht Urſache gehabt hätte, dem alten Sichart in mancher Beziehung dankbar zu ſein. Nach der Begrüßung des Gaſtes und einigen freundlichen Worten über ſeine Theilnahme an dem geſtrigen Ereigniß zog ſie ſich jedoch in ihr Zimmer zurück, was ihr leiden⸗ der Zuſtand, welcher durch die ungewöhnliche Abſpannung der Nerven in Folge der Aufregung durch die Feuersbrunſt wieder mehr hervorgetreten war, vollkommen rechtfertigt. Die beiden Männer blieben allein und Sichart kam gleich zur Sache. „Haben Sie in Bezug auf die Schmuckſachen, von denen Sie mir ſchrieben, irgend einen beſtimmten Verdacht?“—„Nach meinem Billet müſſen Sie das glauben, Herr Nachbar,“ erwiderte Amberg.„Es war eine Uebereilung, daß ich Ihnen gleich unter dem Eindrucke des erſten Moments ſchrieb, ich hätte mir alles erſt überlegen ſollen, aber in meinem Verdruſſe nahm ich meine Zuflucht zu Ihnen, da Sie mir ſchon von meinen jungen Jahren an manchen guten Rath gegeben haben. Wenn ich ihn nur immer befolgt hätte!“ —„Seien Sie aufrichtig, Herr Graf!“ ſagte Sichart.„Als Sie mir ſchrie⸗ ben, hatten Sie doch wohl irgend einen beſtimmten Verdacht, der ſich Ihnen aufgedrängt hatte.“—„Ich— kann das nicht ſagen!“ erwiderte Amberg, aber ſein unſicherer Ton beſtärkte Sichart nur in ſeiner Meinung.„Es war, wie geſagt, Bedürfniß, mich zuerſt an Sie zu wenden. Aufſehen möchte ich nicht verurſachen, aber es wäre mir ſehr lieb, wenn ich wieder zu dieſen Sachen käme, vielleicht können Sie mir rathen, was ich thun ſoll. Zu ver⸗ werthen ſind die Kleinigkeiten ja nicht einmal.“ „Es ſind doch Korallen dabei,“ entgegnete Sichart.„Der Preis der Korallen, wie mir neulich verſichert wurde, ſoll in den letzten Jahren unge⸗ mein geſtiegen ſein, und eine fünffache Schnur, ſo ſchrieben Sie ja, mag alſo immer einen hübſchen Werth haben. Freilich wiſſen das unſere Bauern nicht, wenn doch einer von ihnen der Verſuchung, ſich fremdes Gut anzueig⸗ nen, nicht widerſtanden haben ſollte. Würden die Dinger gar in der Stadt zum Verkauf angeboten, ſo müßte ja gleich die Frage nach dem rechtmäßigen Beſitz entſtehen. So dumm iſt unſer Landvolk auch nicht. Ich glaube über⸗ haupt nicht, daß Ihre Schmuckſachen auf dieſe Weiſe entwendet worden ſind. Wenn Sie ſich aber nicht aufrichtig gegen mich ausſprechen, bin ich ganz außer Stande, eine Meinung, geſchweige denn einen Rath abzugeben.“— Von Bernd von Guſeck. 21 „Lieber Sichart, wie ſollte ich dazu kommen, eine beſtimmte Perſon zu be⸗ ſchuldigen—?2“—„Ei, Herr Graf, Ihr Wort in Ehren, aber ich ſehe es Ihnen an, daß Sie doch etwas der Art im Sinne haben.“—„Nun, wenn Sie mir denn bis auf den Grund der Seele ſchauen als alter Bekannter, ſo will ich nicht länger hinter dem Berge halten. Lachen Sie mich aus oder ſchelten Sie mich über den unſinnigen Einfall. Ich fand heut früh, als ich den Schreibtiſch, in welchem auch Geld lag, unterſuchen wollte, denſelben unverſchloſſen— an dem Gelde fehlte nicht das geringſte— lachen Sie ſchon jetzt über mich?“—„Ich bitte um Verzeihung, aber es überraſchte mich, daß Sie Ihre Beſtände ſo genau berechnen können,“ erwiderte Sichart lächelnd.„Nun, die Schmuckſachen aber? Dieſe fehlt en, und Sie mußten gleich an jemand denken, der ſie genommen haben könnte, nicht wahr?“ Das vornehme Geſicht des Grafen zeigte eine Verlegenheit, die er unter einem erzwungenen Lächeln zu verhehlen ſuchte, als er fortfuhr:„Es blitzen in uns zuweilen ganz wunderbare Ideen auf, ohne daß wir wiſſen, wodurch — gleichſam Traumerſcheinungen im wachen Zuſtande. Als ich an die ver⸗ lorenen Korallen dachte, ſtand mir auf einmal eine Perſon vor Augen, die ich zwar nicht im entfernteſten mit dem Verſchwinden der Sachen in Verbin⸗ dung brachte, die ich mir aber in einem unerklärlichen Gedankenſpiel mit den Korallenſchnüren und dem Haarpfeil geſchmückt, vorſtellen mußte, alles wie gemacht für ihr ſüdländiſches Geſicht.— Nun ſchelten Sie mich aus!“— „Ja, Herr Graf, wenn es ſich ſchickte, hätte ich ſchon ein Recht dazu! Das Mädchen iſt geſtern in Hohenſtein geweſen— ich will aber nicht fürchten, daß ſich Ihr Billet auf unſere unbeſcholtene—.“—„Oh nicht doch!“ unter⸗ brach ihn der Graf.„Sie wiſſen ja ſelbſt, wie ich über Ihre Fiorina denke und welche Vorliebe meine Frau für das reizende Kind hegt, das ſie unſerer armen Diana zur Geſpielin geben wollte.— Können Sie glauben, daß nur entfernt ein Verdacht— oh nein, das glauben Sie nicht! Es war nur eine Phantasmagorie, weil es nicht das erſtemal iſt, daß ich mir Ihre Fio⸗ rina mit dieſen italieniſchen Schmuckſachen geziert vorſtellte: jeder Menſch würde ſie damit bewundern, und ich ging oft mit dem Gedanken um, wenn ſie bei unſerer Diana war, ihr alles zu ſchenken— hätte ich es doch gethan!“ „ Aber, mein verehrter Herr Graf, das ſind ja eitel Widerſprüche!“ entgegnete Sichart.„Ihnen tritt, als Sie die Sachen vermiſſen, ſogleich unſere damit decorirte Flora vor Augen, aber Sie verwahren ſich, daß Sie gegen das Mädchen, das allerdings beim Ausräumen des brennenden Ge⸗ bäudes geholfen hat, einen Verdacht hegen—.“—„Wie, das hat ſie ge⸗ 22 Das Kind des Südens. than?“ rief Amberg.„Herzhaftes Kind! Das ächte Blut einer Südlände⸗ rin!“—„Gleichwohl ſchreiben Sie unverzüglich an mich,“ fuhr Sichart fort, ohne die Ausrufe des Grafen zu beachten,„und wünſchen, daß ich unter der Hand in Bornau auf die beſagten Stücke vigiliren ſoll. Wenn Sie alſo nicht identiſche Noten an alle benachbarten Ortspolizeibehörden gerichtet haben, ſo muß ich doch annehmen, daß Sie Ihren Argwohn vorzugsweiſe auf Bornau concentriren. Ich will Ihnen aber meine Anſicht über die ganze Sache, da Sie mich mit Ihrem Vertrauen beehrt haben, nicht vorenthalten. Aus dem Schreibtiſch kann der Schmuck nach meiner Meinung nicht erſt geſtern Abend fortgekommen ſein— wäre es in einer großen Stadt gewe⸗ ſen, wo ſich diebiſches Geſindel unter dem Vorwande, retten zu helfen, die Gelegenheit eines Brandes zu Nutz macht, ſo wollte ich gegen die Möglich⸗ keit, daß jemand mit einem Nachſchlüſſel den Schreibtiſch geöffnet und die Sachen geſtohlen habe, nicht viel einwenden, obgleich es immer unwahrſcheinlich bliebe, daß der Dieb nicht lieber das baare Geld, das obenein, wie Sie ſelbſt ſagen, gleich im vorderen Fache lag, genommen hätte, ſtatt ſich mit dem ge⸗ heimen Behältniß zu bemühen und Dinge, welche ſchwer zu verwerthen ſind, an ſich zu bringen. Bei unſeren Bauersleuten, die Gott ſei Dank noch nicht ſo raffinirt ſind, halte ich es faſt für eine Unmöglichkeit, daß ſie dergleichen ſich aneignen würden— allenfalls nähmen ſie Lebensmittel, die umher lie⸗ gen, oder irgend ein unbedeutendes Werkzeug mit, an Schmuckſachen wür⸗ den ſie ſich nicht vergreifen— was ſollten ſie damit anfangen? Ich lebe zu lange Jahre mit unſerem Volke und kenne es genau, weil ich es nicht bloß aus der Vogelperſpective betrachte—“ „Aus der Cavalierperſpective, wollen Sie doch wohl ſagen?“ unter⸗ brach der Graf die lange Predigt, von der er ſehr wenig erbaut war, mit lachendem Munde. Er hatte Zeit gehabt, ſich vollkommen zu ſammeln. „Sie thun mir aber Unrecht, ich kenne unſer Volk auch, mit dem unſere Fa⸗ milie viele Jahrhunderte im engſten Verbande gelebt hat. Ich verdächtige weder das Volk im Ganzen, noch eine beſtimmte Perſon. Die Widerſprüche, die Sie in meinen Worten, ſchriftlich und mündlich, gefunden haben, muß ich mir gefallen laſſen, aus Widerſprüchen ſind wir Menſchen zuſammengeſetzt, mit wenigen Ausnahmen!“ Er verneigte ſich gegen Sichart, als rechne er ihn zu dieſen und fuhr leichter fort:„Warum ich mich zuerſt an Sie gewandt habe, wiſſen Sie ſchon. Daß die Sachen ſchon früher, als geſtern Abend aus meinem Fache genommen ſein könnten, daran habe ich noch nicht gedacht— vielleicht haben Sie Recht. Dann aber ſtellt ſich alles anders, dann könnte ———,—— Von Bernd von Guſeck. 23 es nicht jemand ſein, der ſich etwa nur aus Wohlgefallen an den hübſchen Dingen dieſelben angeeignet hätte, ſondern es möchte vielmehr ein anderes Intereſſe dabei gewaltet haben. Sie geben mir zu denken, mein alter Freund!“ „Wiſſen Sie denn genau, daß Sie die Sachen in dem Schreibtiſche aufbewahrt haben?“ fragte Sichart.„Vielleicht finden ſie ſich noch irgend⸗ wo anders, wenn Sie erſt zum ruhigen Suchen kommen.“—„Nein, nein!“ rief Amberg.„Das iſt ganz unmöglich! Aus vielen Gründen! Jetzt möchte ich Ihnen jedoch eine Frage zurückgeben, lieber Herr Sichart. Wenn Sie meinen, daß mir die Sachen ſchon früher entwendet ſind, ſo kann es nur aus einem ganz beſonderen Intereſſe daran geſchehen ſein— ich appellire nun an Ihre Offenheit, die Sie mir ſo oft und ehrlich bewieſen haben: können Sie ſich eine Perſon denken, welche außer mir an den bewußten Dingen Intereſſe nähme?“—„Oh ja, wenn Sie doch eine aufrichtige Antwort wünſchen,“ erwiderte Sichart.„Ihre Frau Gemahlin.“— Der Graf ſah ihn betroffen an, obgleich er ſelbſt vielleicht daran gedacht hatte. Er fühlte, wie ihm das Blut in die vom lebhaften Geſpräch ſchon höher gefärbten Wangen ſtieg, und war unwillig über ſich ſelbſt, daß er noch kindiſch erröthe, aber er konnte das nicht ändern, ſondern nur erklären.—„Sie ſehen, daß mich dieſer Gedanke frappirt!“ ſagte er.„Wie? Meine Frau halten Sie für fähig, daß ſie ohne mein Vorwiſſen meine Fächer durchſucht und ſich der Dinge bemeiſtert, die ihr grade gefallen, wenn es auch nur Spielereien ſind?“— „Herr Graf, es wäre von meiner Seite eine unerhörte Beleidigung, wenn ich mich erdreiſten wollte, eine ſolche Meinung zu äußern, auch wenn ich ſie wirklich hegte! Sie faſſen meine Aeußerung ganz falſch auf. Ich habe nur geſagt, daß Ihre Frau Gemahlin wohl an dieſen Dingen, welche doch wohl eine gewiſſe Beziehung haben, um der Vergangenheit willen, aus der ſie herrühren, ein Intereſſe haben könnte. Eine andere Hand hat dieſelben vielleicht beſeitigt, Sie werden darüber beſſer urtheilen können, als ich.“— „Sie meinen die Traud!“ rief der Graf.„Ja, ja, das wäre wohl möglich! Aber wie ſind Sie überhaupt auf dieſen Gedanken gekommen?“—„Das will ich Ihnen ſagen,“ erwiderte Sichart.„Sie haben heut immer nur von den Korallen und dem ſilbernen Haarpfeil geſprochen, beides italieniſcher Frauenſchmuck— Sie haben ſogar in einer Viſion unſere Flora damit aus⸗ geſtattet geſehen; doch ſchrieben Sie noch von einem kleinen Medaillon. Es kommt darauf an, was darin enthalten war: leicht könnte es das Hauptſtück 24 Das Kind des Südens. der ganzen Sammlung geweſen ſein. Enthielt es vielleicht ein Portrait? Ich habe das angenommen und bin dadurch auf den Gedanken gefallen, daß Ihrer Frau Gemahlin dies Porträt ſehr intereſſant ſein könnte.“ „Sie haben den Teufel im Leibe!“ rief der Graf aufſpringend.„Sind Sie ein Seher und Wahrſager? Wahrhaftig, Sie durchſchauen Gegen⸗ ſtände, die Sie nie mit Augen erblickt haben, wie dieſe kleine goldene Kap⸗ ſel! Ich ſtreiche die Segel und capitulire auf Gnade oder Ungnade. Ja, mein alter theurer Freund, das Medaillon enthält das Bild eines bildſchö⸗ nen Weibes, auf welches meine Frau raſend eiferſüchtig geweſen iſt, die Korallenſchnüre haben ſich auf ihrer vollen Bruſt gewiegt, der Silberpfeil ihr prächtiges Rabenhaar durchleuchtet! Tempi passati, mein alter Gewiſ⸗ ſensrath! Jugendthorheiten!“—„Ich denke, Herr Graf,“ ſagte Sichart, der ebenfalls aufgeſtanden war,„wir brechen damit dies unerſprießliche Ge⸗ ſpräch ab. Auf den Titel, mit dem Sie mich eben beehrten, habe ich gar keinen Anſpruch. Sollte ſich in meinem Bereich, trotz der Unwahrſcheinlich⸗ keit, daß die Entwendung erſt geſtern geſchehen ſei, irgend eine Spur finden, ſo werde ich ſie verfolgen—alle übrigen Combinationen, zu denen die Sache etwa Anlaß gibt, gehen mich gar nichts an.“—„Oh nicht dieſen froſtigen Ton, der Ihnen durchaus nicht geläufig iſt!“ verſetzte der Graf.„Sie haben ein warmes Herz gegen alle Menſchen, auch gegen den Sohn Ihres Jugend⸗ freundes. Ich bin Ihnen noch eine Erklärung ſchuldig. Daß ſich mir das Bild Ihrer Fiorina im italieniſchen Korallenſchmucke darſtellte, hat ſeinen ganz natürlichen Grund und iſt geſtern nicht zum erſtenmale geſchehen, das Porträt, das in dem verlorenen Medaillon enthalten iſt, hat eine gewiſſe Aehnlichkeit mit Fiorina.“— Sichart ſah ihn verwundert und ungläubig an, dann ſagte er:„Das kann wohl nur in allgemeinen Charakterzügen liegen. Sie geben dem Mädchen beharrlich den italieniſchen Namen, obgleich ich nöthigenfalls ſchriftlich beweiſen könnte, daß ſie Flora getauft iſt.— Wollen wir jetzt einmal die Brandſtätte beſuchen? Es intereſſirt mich ſehr.“ Amberg hätte das Geſpräch gern fortgeſetzt, er ſchien, da er einmal zu Eröffnungen geſtimmt war, noch mehr auf dem Herzen zu haben, doch ließ ihm der Nachbar keine Zeit, den Faden wieder anzuknüpfen. Sie kamen zu den rauchenden, maſſenhaft über einander geſtürzten Trümmern des ausge⸗ brannten Schloßfügels, von welchem nur noch die dicken, durch Feuer unzer⸗ ſtörbaren Mauern ſtanden. Der Oberinſpektor, den ſie dabei trafen, wie er die noch erforderlichen Vorſichtsmaßregeln anordnete, konnte ſeinem Herrn melden, daß ein Wiederausbruch verhaltener Glut nicht mehr zu fürchten Von Bernd von Guſeck. 25 ſei. Er zeigte dann dem Nachbar, mit dem er immer einen freundlichen Ver⸗ kehr unterhalten hatte, die Stärke der Mauern und ſagte:„Das war, wie für die Ewigkeit gebaut! Wer hätte geſtern früh erwartet, daß wir heut an einer Ruine ſtehen würden.“— Der Graf lächelte bei dieſer Bemerkung, welche eine Sentenz herauszufordern ſchien, Sichart antwortete aber nur im praktiſchen Sinne und empfahl ſich bald, obgleich ihn der Graf herzlich ein⸗ lud, in Hohenſtein wenigſtens eine Suppe zu eſſen.—„So begleite ich Sie noch ein Stück, ich wollte ohnehin nach der Stadt reiten,“ ſagte Amberg. Der kleine Wagen Sichart's war gar nicht abgeſpannt worden, der alte Herr hatte das ſo angeordnet, es bedurfte aber nur einer kleinen Verzögerung, ſo ſaß der Graf im Sattel und verließ mit ſeinem Nachbar den Schloßhof. Er hielt ſich draußen ſo dicht an den Wagen, als der Weg erlaubte und ſprach zu Sichart meiſt franzöſiſch, was der Alte, wenn er auch nicht recht antworten konnte, doch wenigſtens verſtand. Die Idee, daß ſeine Frau ſich auf irgend eine Weiſe, wahrſcheinlich durch ihre Vertraute, in den Beſitz jener für ihn ſo werthvollen, für ſie aber anſtößigen Dinge geſetzt habe und dann natürlich ſchon vor längerer Zeit, war bei Amberg jetzt faſt zur Gewißheit geworden. Er konnte ſich leider nicht beſinnen, wann er das Fach zum letztenmale geöffnet und das Bild des ſchönen Weibes, das ihn einſt beinahe von Sinnen gebracht, beſchaut habe— eins aber begriff er doch nicht, was ihm ſchon immer unerklärlich geweſen war und nun erſt recht zum Bewußtſein kam: wenn ſeine Frau, wie ſie nicht anders konnte, die Aehnlichkeit des jungen Mädchens in Bornau, welche nach ſeiner Meinung wahrſcheinlich keine flüchtige war, auch bemerkt hatte, wie konnte ſie damals ſo dringend wünſchen, das reizende Kind in ihr Haus zu nehmen als Ge⸗ ſpielin für ihre Tochter? Er deutete darüber gegen Sichart etwas an und nannte es eine Frauencaprice. Dem Alten war es nicht genehm, ſich auf dieſe Erörterungen einer ge⸗ wiß unlauteren Vergangenheit einzulaſſen; ihm fiel aber ein, was ſeine treue Roſel geſtern über den Wahn der Männer, jedes Frauenherz bis auf den Grund zu durchſchauen, geſagt hatte, und antwortete in ihrem Sinne:„Ihre Frau Gemahlin, ſelbſt wenn ſie die Aehnlichkeit gefunden hat, mag vielleicht ein edleres Motiv zu ihrem Wunſche, Flora zu ſich zu nehmen, gehabt haben, als eine bloße Caprice.“—„Ich will das nicht ganz in Abrede ſtellen,“ ſagte der Graf etwas zögernd, gleichſam gezwungen zu dieſem Zugeſtändniß, „doch muß ich Ihnen bemerken, daß meine Frau keine Ader von Schwär⸗ merei oder Sentimentalität hat, ſondern dem kälteſten Realismus zugethan 26 Das Kind des Südens. iſt; ſie goutirt ideale Auffaſſungen nicht einmal im Roman. Eine ſolche Selbſtverleugnung, wie Sie ihr zuzutrauen ſcheinen, widerſpräche ihrer gan⸗ zen Natur! Wenn ſie alſo die Aehnlichkeit bemerkt hat— natürlich hat ſie nie mit mir davon geſprochen— und wenn ſie deſſen ungeachtet das Mädchen an ſich hat feſſeln wollen, ſo muß ſie dazu ihren ganz beſonderen Grund ge⸗ habt haben. Lieber Freund,“ ſetzte er plötzlich in großer Haſt hinzu,„ich habe mich Ihnen auf Discretion ergeben, hören Sie noch eines von mir— Urſache zur Eiferſucht mag meine Frau gehabt haben, denn ich liebte jenes Weib bis zum Wahnſinn, aber nur zu meiner tiefſten, ſchmachvollſten De⸗ müthigung vor einer Engelreinheit, die ich keiner Irdiſchen zutraute!“ Er warf, ohne Abſchied zu nehmen, ſein Pferd herum und ſprengte quer über das Feld von dannen, noch ehe der Kreuzweg, an dem er ſich von Sichart erſt zu trennen hatte, erreicht war. 1 4. „Das iſt wohl nur ein Spiel der Einbildung!“ ſagte Frau Sichart, als ihr der heimgekehrte Gatte den Inhalt ſeiner Unterredung mit dem Grafen erzählte.„Er hat dir ſeltſame Geſtändniſſe gemacht. Wer die Frau oder das Mädchen geweſen iſt, von der er noch jetzt ſo leidenſchaftlich ſpricht, hat er dir nicht geſagt, eine Italienerin jedenfalls und nach dem Haarpfeil ein Mädchen— kein Wunder, daß Flora in ihrer hier zu Lande fremdartigen Erſcheinung ihm Erinnerungen geweckt hat. Er nennt ſie noch immer Fiorina? Ob er denn gar nicht mit ſeiner Frau über das Mäd⸗ chen geſprochen hat! Sie würde ihm doch erzählt haben, was ſie von ihr weiß.“—„Sie ſprechen wohl ſchon lange nicht viel mehr zuſammen, als was durchaus nothwendig iſt,“ erwiderte Sichart.„Und wenn die Frau noch jetzt eiferſüchtig auf die beſagte Italienerin iſt, mag er ſie wohl nicht auf Flora's Aehnlichkeit aufmerkſam gemacht haben. Er behauptet, daß ſie ihr aufgefallen ſein müſſe, und wenn das der Fall iſt, ſo denke ich doch, daß ſie die Eiferſucht überwunden hat. Die Geſchichte muß doch auch eine Reihe von Jahren her ſein. Wann waren ſie denn zuletzt in Italien?“ Sie konnten das berechnen, da ſie ſelbſt auf einer Reiſe nach Wien mit der aus Italien zurückkehrenden gräflichen Familie zuſammengetroffen waren. Damals lebte die Tochter noch, welche nachmals in eine Gemüthskrankheit verfallen, ein ſo trauriges Ende genommen hatte. Frau Sichart war der Meinung, daß die Zeit, deren Erinnerung den Grafen noch heute in eine Von Bernd von Guſeck. 27 ſolche Aufregung verſetzt, weit früher zu ſuchen ſei, als auf dieſer letzten Reiſe nach Italien: es ließ ſich doch kaum glauben, daß ſich ein Mann, der ſchon in reiferen Jahren war und eine halberwachſene Tochter hatte, einer ſolchen Verirrung hingeben könne. Sichart kam wieder wie geſtern darauf zurück, daß die Frau im Grund doch ſchuld an dem Verhältniß in ihrer Ehe ſei und manches hätte verhüten können. Frau Sichart führte das Geſpräch auf an⸗ dere Dinge. Sie erzählte ihm, daß ſich der vermißte Thorſchlüſſel wieder gefunden habe. Riedel hatte noch mehrmals hartnäckig behauptet, denſelben, wie es ihm ſchon„am Griff“ ſei, abgezogen und in ſeiner Stube auf den Stuhl vor ſeinem Bett gelegt zu haben. Sein Verlangen, den Schloſſer holen und das Schloß am Thore abändern zu laſſen, damit der geſtohlene Schlüſſel nicht von unbefugter Hand gebraucht werden könne, war von ſei⸗ nem Herrn abgelehnt worden.„Wenn auch jemand Nachts in den Hof ge⸗ langte,“ hatte Sichart geſagt,„ſo würde er alle Gebäude verſchloſſen finden. Das Vieh kann uns doch nicht aus den Ställen getrieben werden und der Hofhund iſt wachſam.“ Den letzteren hatte Riedel darauf eines beſonderen Einverſtändniſſes mit Flora, die er noch immer im Beſitz des vermißten Schlüſſels glaubte, verdächtigt, war jedoch ausgelacht worden. Frau Sichart erzählte nun ihrem Manne, daß der Schlüſſel zwiſchen den Steinen, die am Thore einen zuſammengeleſenen Haufen bildeten, gefunden worden ſei— unbegreiflich, daß man ihn nicht gleich beim erſten Suchen bemerkt hatte! Riedel mußte ihn alſo doch aus der Hand verloren haben, trotz ſeiner ge⸗ wagten Behauptung, daß ihm das noch nicht mit einer Stecknadel geſchehen ſei. Er war etwas beſchämt geweſen, als ihm Frau Sichart ſelbſt den Fund gezeigt, hatte aber gleich wieder erklärt, das beweiſe gar nichts; der Schlüſſel könne darum doch erſt aus ſeiner Stube geholt und dann, nachdem das Thor zu beliebigem Ausrücken und Wiederkommen aufgeſchloſſen worden, zwiſchen die Steine geworfen ſein. Den Verdacht, den er auf Flora hegte, nochmals auszuſprechen, hatte er jedoch vermieden. „Haſt du mit Flora noch über die Schleife geſprochen?“ fragte Sichart. „Sie erkannte dieſelbe als die ihrige an, hat ſie ſich geäußert, wie das Ding wohl in Riedel's Stube gekommen ſein mag?“— Frau Sichart zögerte eine Weile mit der Antwort, doch ſagte ſie dann:„du weißt, wie das Mäd⸗ chen iſt. Sie ſpricht ſich ſelten ganz aus, es liegt in ihrem Charakter. Ich weiß, daß ſie mich unendlich lieb hat, und glaube auch, daß ſie mir alles ſagen würde, wenn ich ſie recht fragen wollte, aber das thue ich nicht, denn ich weiß, daß ich ſie damit quäle. Wenn die Stunde kommt, wo ſie das Bedürfniß 28 Das Kind des Südens. 4 fühlt, mir ihr volles Vertrauen zu ſchenken, thut ſie es auch— davon haben wir ja die Beweiſe. Sie hat dieſe Schleife getragen— vor Jahren aber. Dann iſt ſie ihr genommen worden, das betont ſie ausdrücklich, aus dem Haar, ohne daß ſie es hat verhindern können— zum Andenken! Du verſtehſt mich nun ſchon!“—„Von Arnold?“ rief Sichart überraſcht und ſchien den Zuſammenhang zwiſchen Einſt und Jetzt nicht faſſen zu können, denn er blickte ſeine Frau kopfſchüttelnd an. „Arnold, ja!“ beſtätigte dieſe.„Flora deutete es nur an— die andere Schleife, welche zu der gehört, die ihr vor Jahren geraubt und geſtern auf ſo unbegreifliche Weiſe wieder gefunden iſt, beſitzt ſie noch, wie ſie mir ſagte; ſeit jener Zeit hat ſie aber nie mehr Blau getragen, ſondern Roth.“—„Blau iſt ja wohl die Farbe der Treue?“ ſagte Sichart.—„Gewiß hat ſie daran gedacht, denn ſie hat auch bei anderen Dingen, die an und für ſich gering— fügiger ſind, immer ihre ſtillen Gedanken, aber ſie verräth ſie nicht und iſt verſtimmt, wenn ſie doch verſtanden werden. Natürlich fragte ich ſie, ob ſie ahne, wie die Schleife hier wieder zum Vorſchein gekommen ſei— ſie ſchüt⸗ telte aber ſtumm den Kopf und ſagte nach einer Weile:„Ich weiß es nicht!“ Dabei ſah ſie mir mit einem ſo offenen Blick in die Augen, daß ich nicht an der Wahrheit zweifeln konnte.“—„Sollte Arnold heimlich wiedergekommen ſein?“ rief Sichart.—„Heimlich? Das glaubſt du ſelbſt nicht,“ erwiderte ſie.„Er würde doch gleich zu uns kommen, wenn er auch fürchtete, daß du hart gegen ihn ſein könnteſt.“—„Er hat ſich wohl nicht über meine Härte zu beklagen,“ ſagte Sichart.—„Aber du denkſt nicht mild über ihn!“ ver⸗ ſetzte ſie.„Hart begegnen wirſt du ſo leicht niemand.“—„Das iſt eine Charakterſchwäche— die ich bekämpfe, Roſel,“ entgegnete er.„Wir wollen nicht weiter davon reden, vielleicht klärt ſich dieſe ganze wunderliche Ge⸗ ſchichte mit der Schleife noch auf; man kann dabei wahrhaftig an all' den Geiſterſpuk denken, den ſie jetzt in Amerika und ſelbſt in dem aufgeklärten Frankreich getrieben haben.“—„Was meinſt du?“ fragte ſie beunruhigt, da ſie ihn zu verſtehen glaubte.—„Sei ohne Sorgen, Roſel!“ erwiderte er. „Du wirſt mir doch nicht zutrauen, daß ich glaube, materielle Dinge ließen ſich auf dem Geiſterwege telegraphiſch befördern, wenn etwa der ſehnſüchtige Gedanke—.“—„Spotte nicht, Sichart!“ unterbrach ſie ihn ſanft. Er reichte ihr die Hand und ging dann hinaus, um ſeinen Riedel auf⸗ zuſuchen. Doch trieb er ihn mit der Angelegenheit, welche dem Alten ſehr verdrießlich war, nicht weiter in die Enge, ſondern nahm jene mürriſche Meldung, daß und wo ſich der Schlüſſel gefunden habe, mit den daran ge⸗ Von Bernd von Guſeck. 29 knüpften Muthmaßungen ohne Einwurf hin und fragte nach der Zeitung, welche heute ungewöhnlich lange ausblieb. Der Landbriefbote mußte ſehr viele Beſtellungen im Bezirk haben.—„In der Stadt iſt alles von der Friedensnachricht wie toll!“ ſagte Riedel, welcher auf dem Felde mit Vor⸗ überfahrenden geſprochen hatte.„Der Friede ſoll abgeſchloſſen ſein.“— „Gott gebe es!“ erwiderte Sichard.„Ein dauerhafter, ehrlicher Friede, da⸗ mit das Land nicht immer in der Kriegsfurcht erhalten wird, die alle Ge⸗ ſchäfte lähmt.“—„Wir können's aushalten, Herr Sichart!“ ſagte der Ver⸗ walter.„Unſere Geſchäfte gehen immer. Korn und Kartoffeln und was ſonſt das Feld trägt, brauchen die Menſchen zum Lebensunterhalt, und wenn den Fabrikanten der Brodkorb etwas höher gehängt wird, iſt es ihnen ſchon recht!“—„Sie denken wohl nicht an die Tauſende von armen Arbeitern, die brodlos werden, wenn Handel und Wandel ſtockt?“ verſetzte der Guts⸗ herr.„Man muß nicht immer bloß an ſich denken, Riedel.“ Der Verwalter brummte in ſeiner Weiſe; zu überzeugen war er bei vorgefaßten Meinungen ſehr ſchwer. Sichart brachte die Friedensnachricht ſeiner Frau, welche ſich darüber mit erleichtertem Herzen freute; als die Zei⸗ tung endlich kam und die Beſtätigung brachte, wurde ſie in dem kleinen Kreiſe mit großer Aufmerkſamkeit geleſen. Auf dem Lande graſſirt ſonſt bei aller Theilnahme an den Weltbegebenheiten das politiſche Fieber weniger als in den Städten, wie es auch mit anderen anſteckenden Krankheiten der Fall iſt. Es gab ſogar noch vor kurzem gutsherrliche Familien, welche ſich in ihrem Genügen an der Ackerwirthſchaft aller Zeitungslecture entſchlugen. Unter den jetzigen Verhältniſſen iſt das wohl nicht mehr der Fall. Aber an den Zeitungen entflammt ſich auf dem Lande doch nicht die Hitze politiſcher Beſprechung, wie ſie oft genug in den Vergnügungslokalen oder anderen ſtädtiſchen Verſammlungsorten ausbricht, ſondern die Nachrichten werden ruhig vorgeleſen und angehört, vom Familienoberhaupt oder vom Pfarrer, wenn dieſer gerade zugegen iſt und ſich dazu berufen fühlt, wohl auch erklärt. In Bornau war das gewöhnlich der Fall. Erklärungen waren bei derjenigen Zeitung, welche hier gehalten wurde, beſonders nöthig, weil ſie ſich, um jeder politiſchen Schattirung ihrer zahlreichen Leſer zu genügen, einer gewiſſen Allſeitigkeit befleißigte. Wer ſich die Signatur der Correſpondenzartikel, ob Kreuz, Stern, Quadrat u. ſ. w. recht eingeprägt hatte, konnte immer diejenigen Artikel herausſuchen, die ſeiner Parteianſchauung am beſten zu⸗ ſagten, und andere, welche ihm bloß Aerger bereiteten, überſchlagen; die um⸗ ſichtige Redaction hatte dafür geſorgt, Correſpondenten und Mitarbeiter von 30 Das Kind des Südens. den verſchiedenſten politiſchen Färbungen zu gewinnen, und ließ, um ihre eigene Unparteilichkeit recht ſchlagend zu beweiſen, oft über einen und denſel⸗ ben Gegenſtand zwei in ihrer Anſicht ſchroff entgegengeſetzte Artikel unmit⸗ telbar hintereinander abdrucken. Jetzt war d zer nur noch über Fragen der inneren Politik der Fall; während des Krieges, mochte man über deſſen Anlaß und Conſequenzen auch noch ſo verſchieden denken, hatte ſich in der Darſtellung nur der eine patriotiſche Gedanke kund gegeben, der das ganze Volk beſeelte. Heute nahm derſelbe einen weitergehenden, das geſammte deutſche Vaterland umfaſſenden Ausdruck an und ſelbſt der alte Verwalter Riedel lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Worten, welche der Pfarrer daran knüpfte: ihm war, als würden Schranken hinweggezogen, welche ſeinen Geſichtskreis bisher eingeengt hatten. Doch mochte das wohl nur eine momentane Wirkung ſein, die mit dem erſten Schritte, den er über die Schwelle that, wieder verſchwinden mußte. Es war ein heller Sonntagsabend. Während die kleine Geſellſchaft vereint war und die Nachrichten aus der Ferne, nachdem ſie vorgeleſen wa⸗ ren, noch beſprach, hatte das junge Mädchen, das im Hauſe eine große Frei⸗ heit genoß, wenn Frau Sichart ſie auch mit Abſicht nicht über ihre Verhält⸗ niſſe hinaus erzogen und ihr erwachſen nur eine Stelle als Gehülfin im Hausweſen, alſo immerhin eine dienende Stellung angewieſen hatte, ſich entfernt und in den Gartenpavillon geſetzt. Dieſer ſtand in einer vorſpringen⸗ den Ecke der niedrigen Umfaſſungsmauer auf einem feſten Unterbau, welcher zwei Räume zur Aufnahme von Gartenwerkzeug enthielt; eine Freitreppe führte hinauf in den runden Pavillon, deſſen Kuppeldach, von Säulen ge⸗ tragen, ihm ein tempelartiges Anſehen gab. Ueber die Gartenmauer ragend und vorn offen, gewährte er eine freie Ausſicht über das Land bis zum Ge⸗ birge hin. Flora hatte Erlaubniß, ſich mit ihrer Arbeit nach Gefallen in den Pavillon zu ſetzen, und ſie machte von dieſer Erlaubniß ſehr oft Gebrauch. Der alte Riedel hatte Unrecht, wenn er das einfältige Gerede, daß Flora eigentlich ein Zigeunerkind war, nachſprach, aber eine Liebe zur Freiheit und zu eigenen, unbeaufſichtigten Wegen beſaß ſie, wie nur eine junge Zigeune⸗ rin dieſelbe in gleichem Maße haben konnte. Umherzuſchweifen durch Feld und Flur, ſo weit ſie gewollt hätte, war ihr natürlich nicht geſtattet, daher ſuchte ſie wenigſtens ihren Augen dieſe Freiheit zu verſchaffen und beſuchte, ſo oft ſie konnte, den Pavillon, der ihr die beſte Gelegenheit dazu bot. Auch heute blickte ſie in die Ferne hinaus, über die geſegneten Feld⸗ marken des ebenen Landes bis zu den blauen Kuppen des Gebirges, deren Von Bernd von Guſeck. 31 Namen ſie einzeln nennen konnte, obgleich ſie nie dorthin gekommen war. Sie ſaß an der Brüſtung, die Hand mit der Nähterei ruhte auf ihrem Schooße, die Nadel mit dem gllzulangen Faden, über welchen ſie ſchon oft eine freundliche Zurechtwe 19 erhalten hatte, war in den halb fertigen Saum geſteckt. Mit der m. zigen Rechten ſtützte das Mädchen ihre leicht⸗ gebräunte Wange, während ſie träumeriſch nach dem höchſten in der Reihe der Berge blickte, den man ihr den„Altvater“ genannt hatte. Ihr Auge, feurig und ſcharf ſonſt, umflorte ſich allmälig, ihr liebliches Antlitz erhielt dadurch einen Reiz mehr, der ihr in gewöhnlicher Stimmung fehlte: den der Milde. Wer ſie jetzt zum erſtenmale geſehen hätte, ohne ihr Verhältniß im Hauſe zu kennen, der würde ſie unmöglich für eine Dienerin, ſondern für einen ausländiſchen Gaſt gehalten haben, welcher etwa hier zu einem flüchtigen Beſuch angekommen ſei. Denn ihr Anzug, ſo wenig auffallend er an ſich war, paßte doch wie ihre ganze Perſönlichkeit durchaus nicht zu der hieſigen Landesart. Es war nicht gerade ein beſonders fremdartiger Schnitt des Kleides, welcher dasſelbe von der Tracht junger Bürgermädchen der nächſten Städte unterſchied; was anders erſchien, konnte man nicht recht ſagen, wenn es nicht die beſondere Nettigkeit und Sauberkeit war, die man bei jenen, wenigſtens nicht die ganze Woche hindurch, fand. Nur die Schlei⸗ fen im Haar, welche der alte Riedel angefochten hatte, konnten abweichend von der bürgerlichen Mode genannt werden, aber ſie waren weder auffallend groß, noch drängten ſie ſich einem fremden Auge coquett auf, und Frau Sichart hatte, als ſie dieſelben vor Jahren bei der Kleinen zuerſt bemerkt, keinen Anlaß genommen, ſie ihr zu verbieten, beſonders als ihr das Kind auf die Frage, wem ſie das nachgeahmt, erröthend geantwortet hatte, daß ſie bei ihrer Mutter immer Schleifen im Haar getragen. Warum ſollte Frau Sichart dem Kinde, das ſie als eine verlaſſene Waiſe gewiſſermaßen vom Sterbebette der Mutter zu ſich genommen hatte, dieſe Erinnerung in einem äußeren, unſchuldigen Zeichen verſagen? Sie hatte ſich bald ſo daran ge⸗ wöhnt, daß ſie Flora, wenn dieſe einmal zufällig ohne Schleifen erſchien, darnach fragte. Früher war es meiſt blaues Band geweſen, das ſie getragen, beſonders in den Jahren, als ſie zur Jungfrau erwachſen war, jetzt trug ſie ſchon längſt Ponceau, was zu ihrem ſchwarzen, glänzenden Haar vortrefflich ſtand. Frau Sichart pflegte den Anzug in ihrer Umgebung nicht zu muſtern, ſie wußte alſo nicht, zu welcher Zeit dieſer Wechſel in der Farbe der Band⸗ ſchleifen ſtattgefunden, und nur der letzte wunderliche Vorgang mit den Worten, welche Flora darüber geäußert, hatte für die wohlwollende Frau —— —ÿꝛ— 3 32 Das Kind des Südens. ein Streiflicht in die Vergangenheit geworfen, das ihr traurige Gedanken weckte. Während das Mädchen, den Ellenbogen auf die Brüſtung des Pavillons und ihre Wange in die Hand geſtützt, hinaus in die Ferne blickte, ohne ihr irrendes Auge feſt auf einen beſtimmten Punkt zu richten, dämmerte um ihre feinen Lippen allmälig ein wehmüthiges Lächeln auf, das jedoch in faſt unmerklichem Uebergange mehr und mehr ſeinen Ausdruck änderte, ſo daß es nur von glücklichen Gefühlen im Herzen hervorgerufen ſchien. Woran dachte ſie eben? Oh, daß in dieſem Momente doch ein wohlwollendes Auge auf ſie geſchaut hätte, wie ſie verſchönt war: ein glückliches Lächeln übt einen wunderbar verklärenden Zauber aus! Aber der ſelige Moment währte nicht lange, das Lächeln verſchwand, Flora zog die Hand von der Wange und richtete ihr Haupt empor; ihr Auge blitzte wieder und ſchaute wie ſonſt ſcharf über die Gegend, während ſie mechaniſch ihre unterbrochene Arbeit vom Schooße aufnahm, um weiter zu nähen. Da bemerkte ſie einen Wan⸗ derer, der auf dem Fußpfade vom Eichwalde her durch die Felder geſchritten kam, offenbar in der Richtung nach der kleinen Pforte, welche dicht neben dem Unterbau des Pavillons in der Gartenmauer angebracht, aber ſtets verſchloſſen war. Flora ſtand auf, um den Nahenden zu betrachten, der ein Fremder und doch mit der Oertlichkeit vertraut ſchien, denn er mußte doch die Pforte kennen, wie hätte er ſonſt den Fußpfad eingeſchlagen, der drüben am Eichwalde ſchon die große Straße nach Bornau verließ? Auch ſie war jetzt bemerkt worden, wie es nicht anders ſein konnte. Der Wanderer hatte ſichtlich geſtutzt, als er ſie im Pavillon zwiſchen den Säulen erblickt hatte, einen Moment war er ſogar ſtehen geblieben, jetzt aber nahte er mit beſchleu⸗ nigten Schritten. Er war ein hochgewachſener Mann, ſeine Geſichtszüge konnte Flora noch nicht erkennen, beſonders da ein ſtarker, dunkler Bart ſein Kinn und ſeine Wangen umzog. Auf einmal erblaßte ſie und trat von der Brüſtung zurück, ihre Hand aber ſuchte einen Halt an derſelben und ſie zitterte. Da rief der Nahende ihren Namen:„Kennſt du mich wirklich nicht mehr? Bin ich hier ganz vergeſſen und verſchollen?“ Sie faßte ſich gewaltſam und antwortete, wenn auch mit bebender Stimme, die ſich erſt nach den erſten Worten befeſtigte:„Sind Sie es, Herr Bliedung? Wie konnte ich denken— 2“—„Kannſt du mir die Pforte auf⸗ ſchließen?“ fragte er, jetzt ganz nahe gekommen, ſo daß ſie nun ſein Geſicht auch unter dem breitkrämpigen Hut, der es beſchattete, völlig erkannte. Wie hatte er ſich aber verändert!—„Ich habe den Schlüſſel nicht,“ erwiderte Von Bernd von Guſeck. 33 ſie und in ihrem Auge blitzte es plötzlich auf, als ein Gedanke, der ſich an ihre Worte knüpfte, durch ihre Seele flog.— Er hatte zu ihr aufgeſehen und dies Zeichen mit Befremdung bemerkt.„So ſteige ich über die Mauer!“ ſagte er.„Sind meine Verwandten zu Hauſe?“—„Ich werde Sie an⸗ melden und den Schlüſſel holen! Warten Sie auf mich, überſteigen Sie die Mauer nicht!“ rief das Mädchen herab und verſchwand von der Höhe des Pavillons, obgleich ſie ſeine Stimme noch vernahm, die ihr nachrief, zu blei⸗ ben und ihm noch eine Frage zu beantworten. Raſch eilte ſie die Freitreppe hinab, eine Sekunde nur weilte ſie am Fuße derſelben und preßte die Hand auf ihr ſtürmendes Herz, dann eilte ſie faſt im Lauf nach dem Schloſſe zu⸗ rück, um Frau Sichart die Ankunft ihres Neffen zu melden. Sie war ſich wohl bewußt, welchen Eindruck ihre Nachricht machen würde. 3. „Komme ich etwa, wie der verlorene Sohn?“ ſprach der junge Mann vor ſich hin, indem er die Mauer mit den Augen maß, ob ſie das Ueberſtei⸗ gen, das er im Sinn hatte, auch leicht geſtatte. Er gab jedoch dieſen Ge⸗ danken auf und ſchlug ſich längs der Mauer pfadlos durch das wuchernde Geſträuch, um von dem Hofthore wieder auf die gebahnte Straße zu gelan⸗ gen, auf welcher der Wagen, der ihn gebracht hatte, langſam, wie er befoh⸗ len, daher fuhr. Er überlegte ſich nun alles, was ihn zu der Heimkehr ver⸗ anlaßt hatte: wie draußen im Felde die Waffen ruhten und Frieden geſchloſſen war, ſo wollte er auch ſeinen Frieden daheim ſchließen. Er hatte ſich man⸗ ches vorzuwerfen, aber das Entſetzliche, das ihn einſt in die weite Welt ge⸗ trieben, hatte er nicht verſchuldet. Welchen ſchweren Kampf es ihn jetzt auch gekoſtet, war er doch zu dem Entſchluſſe gekommen, denen vor das Angeſicht zu treten, welche ihn einſt verurtheilt hatten: es war ihm aber ein beglücken⸗ des Gefühl, daß er wenigſtens ein Herz beſaß, das ihm trotz aller Vorwürfe, die ihn treffen mochten, noch immer liebevoll ſchlug, das Herz ſeiner Tante Roſalie. Er war ſchon in ihrer Nähe geweſen, ohne daß ſie es geahnt, er hatte eine Nacht unter ihrem Dache zugebracht und war vor Tagesanbruch noch einmal, wie ein Dieb, der ſich eingeſchlichen, hinaus gegangen, weil er anderwärts ſich erſt noch eine Gewißheit über das wichtigſte verſchaffen wollte, ehe er der gütigen Frau nahte. Dieſe Gewißheit hatte er nicht er⸗ langen können, da er die Perſon, welche ſie ihm allein geben konnte, nicht Hausblätter. 1867. IV. Bd, 3 34 Das Kind des Südens. geſprochen: ſie war ihm unzugänglich geweſen nach dem Unglück, das ſich in letzter Nacht auf dem Hohenſtein zugetragen hatte, noch mehr durch die Rück⸗ kehr ihrer Herrſchaft. So hatte ſich denn Arnold Bliedung entſchloſſen, in Bornau offen auf⸗ zutreten, dem Oheim, deſſen ſtrenge Anſichten ihm nur zu wohl bekannt waren, einſtweilen ſtill zu halten und der Tante ſeine Sache anheimzuſtellen, bis er ſelbſt alle Zweifel, die ihn Jahre lang und ſelbſt in den letzten Wochen noch bis in den Kugelregen hinein gequält hatten, durch ein Wiederſehen, das ihn die ſchwerſte Ueberwindung koſtete, gelöst haben würde: hoffentlich zur vollen Beruhigung. Einen Talisman, den er einſt mit ſich genommen und bei der Heimkehr aus einem Gefühl, das er ſelbſt abergläubiſch nannte, wieder hervorgeſucht, um ihn bei ſich zu tragen, hatte er zwar in voriger Nacht verloren und ſeine Gedanken darüber vergebens als kindiſche verſpot⸗ tet, aber daß ihm heut bei dem Verſuche, unbemerkt durch den Garten in das Haus zu gelangen, Flora's Antlitz, wie ein Gruß aus alter ſchöner Zeit, zu⸗ erſt begegnet war, hatte ihn wieder friſch geſtimmt und er trat daher mit feſtem Schritt in den Hof. Hier hatte ſich nichts verändert. Der Hof war ziemlich groß und von den Fenſtern des Wohnhauſes vollkommen zu über⸗ ſehen, Arnold wußte aber, daß zu dieſer Tageszeit jetzt im Sommer ſeine Verwandten im Gartenſaale zu ſitzen pflegten, und durfte hoffen, auch vom Geſinde unbemerkt zu bleiben. Aber im letzten Momente noch, als er ſich dem maſſiven Taubenſchlage näherte, der ſeitwärts erbaut war, ſtand plötz⸗ lich der alte Riedel wie aus der Erde gewachſen vor ihm und fragte, zu wem er wolle. Arnold mußte dieſelbe Frage wiederholen, welche er an Flora gerichtet hatte: war er denn ſo ganz verändert, daß ihn kein Menſch mehr erkannte? An der Stimme wußte es Riedel jedoch gleich, wen er vor ſich habe, und ſagte mit ſeinem gewöhnlichen Ausruf der Verwunderung nur:„J wo Deubel!“ —„Ja, Riedel, ich bin es!“ erwiderte Arnold ihm die Hand reichend.„Iſt der Onkel im Gartenſaal mit der Tante?“—„Freilich! Sind Sie denn nicht mit im Kriege geweſen? Hier iſt ſchon viel um Sie geweint worden!“ —„Ich bin Soldat geweſen, jetzt iſt aber Frieden, ich habe um meinen Ab⸗ ſchied gebeten, der mir nicht verweigert werden kann, und bin einſtweilen be⸗ urlaubt. Auf Wiederſehen!“ Er eilte in das Haus, um nach dem Garten⸗ ſaal zu ſeinen Verwandten zu gelangen, denen ſeine Ankunft wohl durch Flora ſchon gemeldet war. Im Flur des Hauſes kam dieſe ihm ſchon wieder ent⸗ —— e Von Bernd von Guſeck. 35 gegen und beſtätigte ihm das, er dankte ihr nur mit einem Blick, aber Flora erblaßte wiederum, der Ausdruck in ſeinen Augen machte ſie erbeben. Da trat auch Riedel in den Hausflur, als Arnold eben in der Thüre nach den Zimmern verſchwunden war. „Na, was ſagſt du dazu?“ redete er das Mädchen an.„Das wird gut werden! Der Graf ſchießt ihn todt.“— Flora antwortete nicht, ſondern wollte ſeiner breiten Geſtalt ausweichend den Flur verlaſſen.—„Du biſt doch wie ein Aal oder wie eine Schlange! Kannſt mir nicht einen Augenblick Rede ſtehen?“ rief der Alte.„Wirſt du mir die Wahrheit ſagen von der Schleife oder dem Schlüſſel?“—„Ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt!“ erwiderte ſie unwillig.—„Du Schlange! Eine kleine Schlange biſt und bleibſt du!“—„Sagen Sie lieber, eine arme Lazerte, die ſich ſo lange durch Gras und Dornen windet, bis ſie endlich zertreten wird!“—„Lazerte!“ wiederholte er barſch.„Was iſt das für ein Ding?“—„In meinem Lande ſpielen die Lazerten zu Hunderten im Sonnenſchein; unter Moos und Stei⸗ nen ſchlängeln ſie ſich blitzſchnell dahin— fangt ſie, wenn ihr könnt!“— „Eidechſen!“ rief der Verwalter, ohne Flora's aufgeregtes Weſen zu bemer⸗ ken.„Schlange oder Eidechſe, alles ein Gelichter!— Sei aber einmal ver⸗ nünftig, Flora. Ich will dich was fragen. Weißt du, daß beim Brande dem Hohenſteiner Grafen einige hübſche Sachen weggekommen ſind? Ein paar Schnüre dicke rothe Korallen, ein ſilberner Pfeil, auf den Kopf zu ſtecken—.“ — Flora blickte hoch auf und erröthete. Diesmal bemerkte es Riedel und rief faſt erſchrocken:„Flora!“ Sie legte die Hand auf ihre volle Bruſt und ſah den Verwalter feſt an. —„Nicht wahr,“ erwiderte ſie mit Heftigkeit,„Sie halten mich für ein Ge⸗ ſchöpf, dem man am beſten gleich einen Stein um den Hals bände, um es zu ertränken!“—„Dummes Mädel!“ ſagte der Alte, von ihren Worten betroffen.„Was fällt dir ein? Meine ich es etwa nicht gut mit dir—?“ —„Und doch verfolgen Sie mich, wie der Falke einen armen Vogel, der nur fliegen, ſich aber nicht wehren kann! Was ich nur irgend thue und treibe, kommt Ihnen verdächtig vor, was auf dem Hofe oder in der Nähe übles ge⸗ ſchieht und nicht entdeckt wird, daran trauen Sie mir die Schuld zu. Sie nennen mich eine Zigeunerin und deßhalb kann ich natürlich Menſchen und Thiere verzaubern und bin eine Diebin; meine Mutter iſt eine Italienerin geweſen, darum muß ich gar eine Giftmiſcherin ſein!“ Sie wandte ſich raſch ab und wollte enteilen, denn ſie ſchämte ſich jetzt ſelbſt, daß ſie ihre Faſſung 3*† 36 Das Kind des Südens. bis zum Weinen verloren hatte. Sie wurde aber von dem Alten bei der Hand feſtgehalten. „Du biſt wohl nicht geſcheidt, Florchen!“ ſagte er in einem ganz ande⸗ ren Tone, als den er gewöhnlich gegen ſie anſchlug.„Ich bin dir ja gut, Kind! Grade darum paſſe ich auf, daß du nichts machſt, was dir zum Scha⸗ den gereicht! Wenn ich manchmal brumme, ſo meine ich es nicht ſo böſe! Ich bin ein alter Kerl und kann nicht immer ſchön thun mit den Menſchen. Nun weint ſie gar! Mädel, was iſt denn heut mit dir? Soll ich's dir ſagen?“ Jetzt ließ ſie ſich nicht länger aufhalten, ſondern befreite ihre Hand und eilte hinaus.— Der Alte ſah ihr nach und ſagte, als beantworte er eine Frage, die ihm in die Seele gekommen war:„Ja, warum eigentlich nicht! Das ſehe ich gar nicht ein! Beſſer könnte er gar nicht ankommen, da's doch mit der Vornehmen ein ſo trauriges Ende genommen hat.“ Arnold's Empfang bei ſeinen Verwandten war ein ſehr herzlicher. Als Flora in großer Haſt in den Gartenſaal getreten war und den verwundert Aufblickenden gemeldet hatte, wer angekommen ſei, hatte Frau Sichart mit einem freudigen Ausruf ſich erhoben, um ihm entgegen zu gehen und ihr Mann, ohne ſich einen Moment zu beſinnen, Flora beauftragt, ſeinem Neffen zu ſagen, daß er willkommen ſei.„Beweiſe ihm das auch, Sichart!“ hatte darauf die alte Frau in großer Bewegung geſagt, ſobald das Mädchen wie⸗ der hinausgegangen war. Sie durfte darüber keine Sorge haben. Wie auch der Greis über die Vorgänge denken mochte, welche Arnold vermocht hatten, die Heimat zu ver⸗ laſſen, ſo war er doch nach ſeiner Gemüthsart nicht fähig, ihn anders, als mit offenen Armen zu empfangen. Zu ändern oder gut zu machen war nichts mehr, wohl aber auf lauterem Boden eine feſte Exiſtenz zu begründen. Seit Wochen hatten ſie nichts mehr von ihm gehört, nachdem er im Frühling ſeine Rückkehr nach Deutſchland und ſeinen freiwilligen Eintritt unter die vaterländiſchen Fahnen ſchriftlich gemeldet hatte; ob ihn die Briefe, welche Frau Sichart an ihn abgeſandt, erreicht hatten oder mit anderen, von denen man gehört, in die Hände des Feindes gefallen waren, wußte ſie nicht, ſie hatte um ſein Leben gezittert und gebetet! Nun ſtand er vor ihr, geſund und wohlbehalten aus dem Kriege zurückgekehrt, und wie männlich ſchön war er geworden, wenn er ſich auch ſehr verändert hatte! „Ihr wundert euch, mich wieder hier zu ſehen—“ ſprach er nach der erſten Bewillkommnung.—, Freilich!“ unterbrach ihn Sichart, der ihn jetzt noch nicht in vergangene Zeiten zurückgehen ließ, wie Arnold nach ſeinem 4 Von Bernd von Guſeck. 37 Tone die Abſicht zu haben ſchien.„Der Krieg iſt kaum zu Ende— wie haſt du ſchon Urlaub erhalten können?“—„Ich bin als Freiwilliger eingetre⸗ ten, habe Offiziersdienſt gethan, bin kein geborener Preuße, nicht einmal naturaliſirt, wie lange ich früher auch bei euch geweſen. Mein Geburtsland iſt ja das neutrale Belgien, ich bat gleich an dem Tage, der uns die ſichere Friedensnachricht brachte, um meine Entlaſſung, und bis dieſe genehmigt wäre, um Urlaub, den ich nach einigen Schwierigkeiten erhielt. So bin ich über das Gebirge wieder hereingekommen— wo ich auch Frieden ſchließen will.“— Frau Sichart blickte liebevoll und bewegt zu ihm auf, der Onkel ſprach jedoch:„Das iſt rechtſchaffen von dir, wir wollen uns aber die erſte Stunde nicht gleich trüben. Du bleibſt nun hoffentlich wieder bei uns und ſo wird ſich alles finden.“ Er fragte, wie Arnold gereist ſei, und ging dann mit ihm, Sorge für ſeinen Wagen, der mittlerweile vorgefahren ſein mußte, und für das Reiſegepäck zu tragen. Die Tante ließ unterdeſſen ſein altes Zim⸗ mer, das Jahre lang leer geſtanden hatte, für ihn wieder einrichten: Flora wurde dazu gerufen und ging der Hausfrau zur Hand. Wohl hatte dieſe viel auf dem Herzen; auch hatte ihr Arnold's unerwartete Ankunft die Aeuße⸗ rung ihres Mannes, ehe er davon etwas gewußt, wieder in das Gedächtniß gerufen— ob er vielleicht heimlich zurückgekommen ſei, ob ſich der ſelt⸗ ſame, noch unaufgeklärte Fall von geſtern nun enträthſeln werde. Konnte aber die wohlwollende Frau mit Flora, in deren Herz ſie doch einſt, ohne daß Flora es ahnte, einen Blick gethan hatte, davon reden? Das wäre ihrem Zartgefühl unmöglich geweſen. Sie beobachtete das Mädchen nur und dieſe konnte es vor dem erfahrenen Blicke, welcher ihre Mienen und ihr Weſen prüfte, nicht verbergen, daß ſie in unruhiger Seelenſtimmung war. Um ſo gleichmüthiger ſprach Frau Sichart zu ihr von der freudigen Ueberraſchung, welche ihr die unerwartete Ankunft ihres Neffen bereitet hatte, ſie erzählte Flora, was dieſe zum Theil ſchon wußte, daß Arnold den Krieg mitgemacht, nun aber ſeinen Abſchied genommen habe, und ſetzte leicht hinzu:„Hoffentlich bleibt er nun wieder ganz bei uns!“ Da konnte ſie bemerken, daß Flora er⸗ blaßte, doch äußerte das Mädchen mit ziemlich feſter Stimme, daß Herr Bliedung nach ſo langer Abweſenheit ſich hier am wohlſten fühlen werde. Arnold hatte unterdeſſen, als er mit ſeinem Onkel auf dem Hofe war, ſchon eine Begegnung gehabt, welche geeignet ſchien, ſeine nur mühſam feſt⸗ gehaltene Seelenruhe, wo ihn alles an eine ſchwere Vergangenheit erinnerte, zu ſtören. Graf Amberg, aus der Stadt zurückkehrend, war auf den Hof 38 Das Kind des Südens. geſprengt, grade als Sichart mit ſeinem Neffen nach dem Wohnhauſe ſchritt. Der Gutsherr war dem Nachbarn entgegen gegangen, Arnold hatte den Grafen wohl erkannt, aber eben deßhalb ſeinen Weg fortgeſetzt, er durfte hoffen, daß ihn Amberg ebenſo wenig, wie andere, die ihn heut für einen Fremden gehalten, gleich erkannt habe— morgen wollte er zu ihm nach Hohenſtein gehen, heut von ihm überfallen, war er nicht gefaßt genug, ſich ihm wieder zu zeigen. Der Graf achtete auch wirklich nicht auf den Mann, der, ohne ſich um ihn zu kümmern, nach dem Wohnhauſe weiter ging, als Sichart ihm entge⸗ gen kam, und dieſer hielt den Augenblick auch nicht für geeignet, ihm zu ſagen, wer in Bornau heut angekommen ſei. Es war ſchon ſpät, der Graf hatte gewiß nur eine Mittheilung oder eine Neuigkeit, die er in der Stadt gehört, zu bringen und ſtieg nicht erſt ab. So war es auch. 3 „Nur auf einen Augenblick, lieber Herr Sichart!“ ſagte der Graf. „Ich muß den Eindruck bei Ihnen verwiſchen, den gewiß mein thörichtes Benehmen, als ich von Ihrem Wagen wie ein Toller wegjagte, auf Sie ge⸗ macht hat. Man iſt nicht immer Herr ſeiner ſelbſt und ich ſchäme mich jetzt. Eine Frage aber habe ich noch an Sie zu thun— da ich mich doch einmal ganz gegen Sie bloßgeſtellt habe. Rathen Sie mir, meine Frau offen zu fragen, ob ſie, gleichviel wie, in den Beſitz der bewußten Dinge gekommen iſt? Ich will Sie aber nicht um eine Antwort, wie Blitz und Schlag, drän⸗ gen, die Sache iſt zu überlegen.“—„Bei mir nicht,“ erwiderte Sichart. „Unter Eheleuten ſoll nichts geheim ſein. Die Zeit, aus welcher die vermiß⸗ ten Schmuckſachen herrühren, iſt doch wohl eine längſt vergangene—.“— „Mehr als zwanzig Jahre!“ verſicherte der Graf.—„So können Sie jetzt wohl offen mit Ihrer Frau Gemahlin ſprechen— freilich müßten Sie die nöthige Ruhe feſthalten, welche hoffentlich nach ſo langer Zeit bei Ihnen ein⸗ gekehrt iſt und nur gelegentlich einmal durch beſondere Anläſſe unterbrochen wird. Ich kann mir kaum denken, daß zwiſchen Ihnen beiden das ganze Verhältniß noch nie zur Sprache gekommen ſei— Sie verzeihen, wenn ich indiscret bin, aber Sie haben mich ſelbſt dazu veranlaßt. Wollen Sie nicht ein Weilchen abſitzen und bei mir eintreten, Herr Graf? Wir können das beſſer in meinem Zimmer beſprechen.“— „Wir ſind gleich zu Ende, lieber Sichart,“ entgegnete der Graf, ſein Pferd, das unruhig wurde, ſtrafend.„Sie haben Recht, das Verhältniß iſt zwiſchen meiner Frau und mir nicht todtgeſchwiegen worden— ich habe vulkaniſchen Eruptionen trotzen müſſen und ſelbſt— der Tod hat die Eifer⸗ Von Bernd von Guſeck. 39 ſucht meiner Frau nicht geſtillt. Seitdem ſind freilich viele Jahre vergangen und ſie denkt vielleicht ruhiger. Ich werde mich mit einem feſten Panzer waffnen und Ihren Rath befolgen: ich werde ſie fragen. Zwiſchen Eheleu⸗ ten ſoll nichts geheim ſein— ja, das können Sie in Ihrer Ehe, mit einer ſo engelsguten Frau, wohl ſagen. Ein Achatſtein iſt aber keine Roſe!“ Mit dieſer Anſpielung auf den Namen und das Weſen ſeiner Frau im Vergleich mit der Gattin Sichart's nahm er einen ſchnellen Abſchied und ritt aus dem Hofe. Die Dämmerung brach ſchon ein, er ließ ſein Pferd aber dennoch gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit langſamen Schritt gehen, es war, als wolle er ſeine Gedanken recht ſammeln, um noch heut die Frage, welche er im Sinn hatte, an ſeine Frau zu richten. Doch gab er dieſen Vorſatz, noch ehe er Hohenſtein erreichte, wieder auf: er ſah vielleicht ſeine Agathe, da ſie ein vor⸗ nehm getrenntes Leben führten, heut gar nicht mehr, der Morgen war ja überhaupt beſſer dazu geeignet, weil er die nüchterne, verſtändige Tageszeit iſt; Abends, wo ſich mehr die Phantaſie regt, war Amberg ſtets gegen den „kalten Realismus“ ſeiner Frau im Nachtheil. Aber auch am Morgen, als er ſich auf einem Gange durch den Schloß⸗ garten den ſchwierigen Eingang zu ſeiner Frage recht überlegen wollte, wurde ihm nicht Zeit dazu gelaſſen. Die Gräfin ließ ihn bitten, ihr ein paar Minuten zu ſchenken. Es war eine ganz ungewöhnliche Stunde; zu dieſer Zeit war ſie ſonſt vielleicht noch gar nicht aufgeſtanden, er wußte das nicht, jedenfalls hatte ſie noch keine Toilette gemacht, und ehe das nicht geſchehen, empfing ſie außer ihrer getreuen und verſchwiegenen Gertrud niemand. Dieſe hatte ihm den Auftrag ihrer Herrin gebracht; er forſchte nach deſſen Bedeu⸗ tung in dem Geſichte der Kammerjungfer, der langjährigen und vertrauten Dienerin ſeiner Frau, aber das Geſicht der alten Zofe war unbeweglich wie immer und ihre kalten Fiſchaugen hatten gar keinen Ausdruck.„Ich werde ſogleich erſcheinen,“ gab er der Dienerin zur Antwort, es verging aber doch eine geraume Zeit, ehe er in das Zimmer ſeiner Gemahlin trat.—„Was befiehlſt du, liebe Agathe?“ fragte er unbefangen. Sie gab ihm ein Billet, das in aller Morgenfrühe, wie ſie ſagte, durch einen Boten abgegeben worden war. Amberg hatte ſchon bemerkt, daß ſie bereits volle Toilette gemacht hatte, beinahe ſorgfältiger, als an Tagen, die einen Morgenbeſuch bringen konnten— er nahm das Blllet aus ihrer fei⸗ nen, noch immer ſchönen Hand und fragte:„Hat ſich jemand angemeldet?“ —„Ja!“ erwiderte ſie mit einem ſo ſcharfen Tone, daß er verwundert zu ihr aufſah.„Lies nur!“ ſetzte ſie hinzu. Sein Auge ſuchte zuerſt die Unter⸗ 40 Das Kind des Südens. ſchrift, er zuckte heftig auf und rief:„Das iſt doch unmöglich!“— Sie nahm ihm plötzlich das Billet wieder fort und zerknitterte es mit raſchem Druck ihrer Hand.„Es iſt unnöthig, daß du es lieſeſt! Ja, er iſt wieder hier— er wagt es, uns unter die Augen zu treten!“—„Aber— was will er? Was verlangſt du, daß ich thue?“ fragte Amberg in großer Unruhe.— „Ich verlange gar nichts!“ erwiderte die Gräfin.„Willſt du dich etwa noch mit ihm ſchießen? Ich habe dich nur vorbereiten wollen.“—„Du wirſt ihn doch nicht empfangen? Oder ihm auch nur antworten?“—„Ich habe ihm ſchon geantwortet—“ ſagte ſie, und als ſie den raſchen Blick Amberg's auf ihre Toilette bemerkte, lächelte ſie bitter.„Du glaubſt wohl, ich habe ſeinet⸗ wegen Gala angelegt? Ausfahren will ich, damit er, wenn meine ableh⸗ nende Antwort ihn nicht abhält, herüber zu kommen, mit Recht abgewieſen werden kann. Oder willſt du mit ihm reden?“—„Das wäre unter meiner Würde!“ entgegnete er.— Sie maß ihn mit einem eigenthümlichen Blicke und ſagte:„Du haſt freilich in deinem ganzen Leben ängſtlich alles vermie⸗ den, was unter deiner Würde geweſen wäre! Seit den erſten Jahren ſchon nach unſerer Vermählung!“ Der Stich traf, er wußte ſehr wohl, worauf ſie nach langem Waffen⸗ ſtillſtand einmal wieder anſpielte, heut aber demüthigte es ihn nicht, ſondern es reizte ihn und brachte ihn in natürlicher Gedankenfolge auf ſeinen geſtern gefaßten Vorſatz. Eine lange Einleitung konnte er nicht mehr machen, er ging alſo, das Geſpräch über den erſten Gegenſtand ſcheinbar abbrechend, auf den Schloßbrand über und äußerte, daß er doch nicht geahnt, welche Ver⸗ luſte er ihm verurſacht habe. Die Gräfin wandte ſich mit geringſchätzigem Achſelzucken von ihm ab, ſie begriff nicht, wie er in dieſem Augenblick dafür Sinn haben könne. „Daß die Erſcheinungen, die ſich in der Verderbniß großer Städte bei ſolchen Gelegenheiten wiederholen,“ fuhr er fort,„auch ſchon in unſerer länd⸗ lichen Gegend bemerkbar werden, iſt doch abſcheulich. Mir iſt mein Schreib⸗ tiſch geöffnet und einiges daraus entwendet worden!“—„Liegt dir auf ein⸗ mal das Geld am Herzen?“ entgegnete ſie.—„Oh nein! Geld iſt es nicht, das mir aus dem innerſten Fache meines Schreibtiſches genommen worden iſt, ſondern etwas ganz Anderes, das vielleicht dem Auge, welches in mei⸗ nen Sachen nachſpürte, anziehender war, aus einem oder dem anderen Grunde—“ Triumph! Ueber Agathens Geſicht zuckte es, als fühle ſie ſich getroffen! Doch fragte ſie in einem gleichmüthigen Tone:„Was iſt das ge⸗ weſen?“—„Dinge, welche aus einer Vergangenheit ſtammen, die ſchon Von Bernd von Guſeck. 41 mehr als zwanzig Jahre hinter uns liegt und darum wohl zwiſchen uns be⸗ graben ſein ſollte!“— Agathens Lippen bebten ſichtlich, ihr Auge richtete ſich fragend auf ihn:„Davon ſprichſt du mit mir?“ erwiderte ſie.„Und welche koſtbaren Erinnerungen hatteſt du aus jener Vergangenheit, die du auf ewig begraben wünſcheſt, in dem innerſten Fache deines Schreibtiſches aufbewahrt? Haſt du den Muth, ſie mir zu nennen?“— Die Schranken waren jetzt gefallen, er hatte allerdings den Muth, den ſie bezweifelte. „Einige Korallenſchnüre waren es,“ ſagte er aufgeregt,„ein ſilberner Haar⸗ pfeil und ein Bild, das du kennſt!“ Die Gräfin war von ſeiner rückſichtsloſen Erwiderung betroffen, ſie konnte im erſten Moment keine Worte finden, aber ihre Blicke, ihre Mienen ſprachen beredter, als Worte vermocht hätten.„Oh ja!“ ſagte ſie endlich. „Ich kenne das Bild, das du meinſt, und auch die Koſtbarkeiten, deren Ver⸗ luſt dir ſo ſchmerzlich iſt, ſind mir nicht fremd—.“—„Du kennſt ſie!“ rief Amberg.„Du weißt, wer ſie jetzt hat?“—„Ich, Herr Graf!“ antwortete ſie mit ſtolzer Haltung.— Das grade furchtloſe Wort, das er nicht erwartet hatte, brachte ihn aus der Faſſung.„Agathe!“ ſtotterte er.—„Ich habe dieſe— Angedenken an mich genommen: ſie haben für mich vielleicht ein tie⸗ feres Intereſſe, als für dich, da ich nicht ſo leicht vergeſſen kann!“—„Aber — Agathe? Aus meinem Schreibtiſch— ohne mein Vorwiſſen!“—„Oh nein!“ erwiderte ſie.„Du ſelbſt veranlaßteſt mich, in deinen Fächern nach einem Papier zu ſuchen, von dem du jetzt vielleicht auch nichts mehr weißt, obgleich es uns unſer Kind gekoſtet hat—.“—„Mein Gott!“ rief er beſtürzt. „Fällt es dir jetzt ein? Jahre ſind freilich darüber vergangen, mehr als nöthig, um dich alles vergeſſen zu laſſen! Eine Mutter vergißt niemals— und eine verrathene Frau ebenſo wenig!“ ſetzte ſie mit einem tiefen Athem⸗ zuge hinzu.„Entſinnſt du dich, daß du mich bateſt, den nichtswürdigen Brief, der unſerem Kinde das Herz gebrochen hat, aus deinem Fache zu holen?“— „Du haſt Recht, Agathe! Das war eine fürchterliche Zeit!“ ſeufzte er, von dieſer nicht geahnten Wendung des Geſprächs erſchüttert.„Laß uns dieſe traurigen Erinnerungen nicht wecken!“—„Zu wecken ſind ſie bei mir nicht, denn ſie ſchlummern niemals!“ verſetzte ſie.„Was mir in meinem Leben Gutes oder Böſes geſchehen iſt, vergeſſe ich nie— davon kannſt du über⸗ zeugt ſein. Nicht ich habe die alte Zeit wieder in dein Gedächtniß gerufen, du biſt es ſelbſt geweſen: du haſt mich zur Rede geſtellt!“—„Liebe Agathe — Bliedung's Ankunft—.“—„Nicht doch! Du haſt mich nach den Remi⸗ 42 Das Kind des Südens. niscenzen deines Treubruchs gefragt!“—„Meines Treubruchs! Wie oft habe ich dir beſchworen— 2“ „Haſt du mir die Treue in deinem Herzen etwa nicht gebrochen, wenn auch das Weib des Volkes beſſer und reiner war als du? Nichts mehr da⸗ von! Jetzt aber frage ich dich, wie kamſt du auf den Gedanken, daß ich deine ſpät vermißten Reliquien haben könnte?“—„Ich— wurde darauf ge⸗ bracht,“ erwiderte er ſtockend.„Erſt dachte ich an eine ganz andere, eine unſchuldige Perſon—.“—„Meine Gertrud etwa?“ rief die Gräfin.— „Du wirſt ungeduldig— ſo will ich dir geſtehen, daß ich, obgleich ich gar keinen Grund dazu hatte, an die Fiorina in Bornau denken mußte. Wie ich hörte, iſt ſie während des Brandes hier geweſen.“— Die Gräfin ſchien ſicht⸗ lich überraſcht und ſah ihren Gemahl groß an, doch fragte ſie heftig:„Du dachteſt, das Mädchen habe deine Fächer durchſucht und ſich beſonders von deinen Kleinodien angezogen gefühlt— vielleicht in einer räthſelhaften Ahnung—?“—„Sie iſt eine geborene Italienerin, wie du weißt; dieſe Dinge, welche ſie an ihre Heimat erinnern mußten—.“—„Hätten ſie zur Diebin gemacht, ſo glaubteſt du!“ unterbrach ihn die Gräfin.„Aber ich frage immer wieder, was hat deinen Argwohn von der Unſchuldigen ab auf mich gelenkt? Hat ſie es ſelbſt etwa gethan?“—„Oh nein, nein! Wie kannſt du glauben, daß ich ſie auf einen flüchtigen Gedanken hin, den ich im näch⸗ ſten Momente gleich verwarf, zur Rede ſtellen würde!“ Er ſtockte, das bit⸗ tere Lächeln, das bei ſeinen Worten Agathens Mund verzog, brachte ihn außer Faſſung. Sie hatte Recht! Was er dem geringen Mädchen gegenüber ſich nicht erlaubt, das hatte er gegen ſeine Gemahlin gewagt! „Ich will dir aus der Verlegenheit helfen,“ ſagte die Gräfin kalt.„Es war ſehr natürlich, daß die Verdächtigte angab, wo die Sachen, deren Ent⸗ wendung ihr zur Laſt gelegt wurde, zu finden ſeien, denn ſie wußte es. Sie hat den ſilbernen Pfeil ſchon einmal in ihrem Haar, die Korallen um ihren Hals getragen. Starre mich nicht an, als ſpräche ich Aberwitz. Wir ſind heut ſo unerhört offenherzig gegen einander geworden, daß ich kein Bedenken trage, dir auch das zu erzählen. Das kleine Medaillon, das ich bei den Schmuckſachen fand, zeigte mir ein Bild, das mir allerdings nur zu bekannt war. Beiläufig geſagt, möchte ich wiſſen, wie du ein ſolches Bild erlangen konnteſt— hat ſie einem Maler vielleicht einmal als Modell geſeſſen und der Künſtler es dir auf dein Beſtürmen verkauft?“—„Sie war ein unbeſchol⸗ tenes Weib, Agathe! Du thuſt ihr Unrecht! Ich war es, der einen Maler bat, ihre Züge, ohne daß ſie es ahnte, zu ſtehlen— darum iſt das Bild auch Von Bernd von Guſeck. 43 nicht gelungen.— Was reden wir aber noch davon! Es iſt ſo unpaſſend für uns beide! Laſſen wir es ruhen auf immer!“—„Das Bild hat ſeine Be⸗ rechtigung in der Gegenwart,“ entgegnete die Gräfin, ſeinen bittenden Ton überhörend.„Mag es noch ſo wenig gelungen ſein, ſo mußte ich auf den erſten Blick erkennen, wen es vorſtellte. Aber auch eine andere Aehnlichkeit fiel mir auf, und um den Gedanken, der ſich mir aufdrängte, zu beſtätigen oder zu entkräften, mußte ich Flora einmal mit Haarpfeil und Korallen ge⸗ ſchmückt ſehen—“ Der Graf wurde roth— hatte der Scharfblick ſeiner Frau ihn ganz durchſchaut? Sie ſchien ſeine neue Beſtürzung nicht zu bemerken, ſondern fuhr fort:„Das iſt geſchehen! Ich kann dir ſagen, daß ich keiner Aufklärung mehr bedarf. Hat Flora alſo angedeutet, wo die vermißten Dinge zu ſuchen, ſo hat ſie Recht gehabt.“—„Ich betheure dir,“ verſetzte er,„daß ich ſie gar nicht ſeitdem geſehen, alſo auch kein Wort von ihr gehört habe!“—„Nun, dann hat es vielleicht— eine Andere gethan, aus alter Freundſchaft für dein Haus!“ ſprach die Gräfin.„Genug davon! Unſer Geſpräch hat größere Dimenſionen angenommen, als wir beide zuerſt wohl beabſichtigten.“— Sie zog die Klingelſchnur.—„Sage mir nur noch das Eine, liebe Agathe—* begann der Graf dringend, aber der Eintritt der Dienerin, welche im Vor⸗ zimmer gewartet und gewiß auch gehorcht hatte, ließ ihn ſeine Frage nicht vollenden. Er erkundigte ſich nur noch, ob der Wagen ſchon beſtellt ſei, wünſchte ſeiner Frau eine angenehme Spazierfahrt und entfernte ſich, um ſelbſt das Schloß zu verlaſſen, das ihm, wie es in der Ballade heißt, zu eng wurde. Ihm lag ſo wiel auf dem Herzen, ſo viele ungelöste Fragen beun⸗ ruhigten ihn! 6. Am äußeren Thore des Schloſſes, wo ſich von der Höhe noch eine um⸗ faſſende Ausſicht über das Land bietet, ſtand ein Wanderer, als habe ihn das Aufſteigen ermüdet, ſtill, und legte die Hand auf die Bruſt, die ſich in vaſche⸗ ren Athemzügen hob. Er warf einen Blick nach den Trümmern des ausge⸗ brannten Flügels, ließ ſeine Augen eine Weile über die Gegend ſchweifen, dann ging er feſten Schrittes in den Schloßhof. Bemerkte man ihn, um ſo beſſer! Das war jedoch nicht der Fall; er ſchaute ſich vergebens nach jemand um, der ihn hätte melden können. So mußte er ſeinen Weg ſich ſelbſt bah— nen: er wußte ja Beſcheid auf Hohenſtein. Nachdem er in das Portal ge⸗ treten, ſchritt er raſch den Corridor entlang bis an eine beſtimmte Thüre— 44 Das Kind des Südens. hier wagte er auf jede Gefahr anzuklopfen.— Keine Antwort von innen! Nach einer kleinen Weile wurde jedoch die Thüre halb geöffnet und ein er⸗ ſtauntes, unwilliges, aber wohlbekanntes Geſicht erſchien vor ihm.„Fräu⸗ lein Gertrud!“ ſagte er. Sie ſtutzte bei dem Klange ſeiner Stimme und ſah ihn einen Moment ſtarr an, plötzlich erkannte ſie ihn, riß die Thüre weit auf und rief über die Schwelle tretend ſeinen Namen.—„So ſpät erkennen Sie mich?“ fragte er.—„Aber ich bitte Sie, haben Sie denn die Antwort der Frau Gräfin auf Ihr Billet nicht bekommen?“ rief die alte Kammerjungfer.„Was kann Sie dennoch hieher führen?“—„Der Wunſch, in Frieden alles zu löſen, was ein furchtbares Schickſal verwirrt hat,“ erwiderte er in großer Bewe⸗ gung, die er nicht zu beherrſchen vermochte.„Darf ich einen Augenblick bei Ihnen eintreten, liebe Traud?“ Sie ſah ihn mit einem eigenthümlichen, keineswegs wohlwollenden Blicke an, doch gab ſie ſeinem Verlangen nach und lud ihn, zurücktretend, durch eine Handbewegung ein, ihre Schwelle zu überſchreiten. Das kleine Zimmer war ein Muſter der vollendetſten Sauberkeit und Nettigkeit. Mit einem zweiten ſtummen Winke lud ſie ihn ein, auf dem kleinen Sopha Platz zu nehmen, das mit zwei geſtickten, wie ihre Beſitzerin in Farben verbliche⸗ nen Kiſſen belegt war. Er dankte:„Ich habe nur ein paar Fragen auf dem Herzen,“ ſagte er.„Dann werde ich Sie bitten, mich der Frau Gräfin an⸗ zumelden.“—„Die Frau Gräfin iſt ausgefahren,“ erwiderte die Dienerin. „So viel ich weiß, hat ſie Ihnen auch geſchrieben, daß ſie nicht in der Lage iſt, Ihren Beſuch anzunehmen.“— Arnold's Augenbrauen zogen ſich zu⸗ ſammen.„Iſt der Graf zu Hauſe?“ fragte er dann.—„Eben ſo wenig. Der Herr Graf iſt fortgeritten.“—„Sie waren einſt freundlicher gegen mich, Gertrud!“ ſagte er.„Wollen Sie mir jetzt wenigſtens über einiges Auskunft geben, wenn ich Sie bitte?“— Sie machte einen ſteifen Knix, ohne daß ſich ihre kalten Augen im mindeſten belebten. „Nach der heutigen Zurückweiſung, die ich erfahren habe, kann ich wohl annehmen, daß die Gräfin noch immer ſo denkt, wie ehemals! Zu meinem tiefen Leidweſen! Iſt es ſo?“—„Sie kennen die Frau Gräfin,“ erwiderte Gertrud,„alſo wiſſen Sie, daß ſie nicht veränderlich iſt.“—„Ich habe ihr damals geſchrieben, offen und lauter! Iſt ſie denn nicht überzeugt worden, daß mich keine Schuld an dem entſetzlichen Unglück trifft?“—„Sie haben wohl geſchrieben, Herr Bliedung,“ ſagte die alte Kammerjungfer ruhig,„aber meine Frau Gräfin hat Ihren Brief nicht geleſen, er iſt, ſobald ſie Ihre Von Bernd von Guſeck. 45 Unterſchrift ſah, in das Feuer gewandert.“— Arnold's Lippen zuckten, doch beherrſchte er ſich:„Mein geſtriges Billet hat die Gräfin aber doch geleſen?“ fragte er.—„Ja. Sie haben die Antwort darauf erhalten.“—„Nicht auf das wichtigſte, das ich darin wiederholt ausgeſprochen hatte! Nur mein Be⸗ ſuch wurde abgelehnt.“— Die Dienerin zuckte die Achſeln.—„Wiſſen Sie, was in meinem Billet geſtanden hat?“ fuhr er fort.„Ich kann nicht daran zweifeln, denn Sie beſitzen das unbegrenzte Vertrauen Ihrer Herrin, Sie ſind in alles eingeweiht, was die Familie betrifft! Sagen Sie mir darum, ich beſchwöre Sie, konnte die Gräfin einen Moment daran glauben, daß ich jener Ehrloſigkeit fähig ſei, welche— ein Herz gebrochen hat? Beruhigen Sie mich nur darüber, Sie können es!“—„Ich bin die Dienerin der Frau Gräfin, mehr nicht!“ erwiderte Gertrud.„Sie thun mir zu viel Ehre an, mich für die Vertraute meiner Herrſchaft zu halten.“—„So werde ich wiederkommen. Ich werde mir Zugang zu der Gräfin verſchaffen!“— „Thun Sie das, auf Ihre Gefahr!“ ſagte Gertrud, doch ſetzte ſie gleich hinzu: „Wenn Sie mich aber doch an alte Zeiten erinnern, wo alles anders ſtand, ſo darf ich wohl ſagen, daß ich es noch heute freundlich mit Ihnen meine. Zum Beweiſe gebe ich Ihnen den Rath, geben Sie die Idee auf, meine Herrſchaft ſprechen zu wollen. Wozu ſollte das führen? Die Frau Gräfin ändert ihre Anſichten über Perſonen und Verhältniſſe, die ſie je gekannt hat, in ihrem ganzen Leben nicht, ſie denkt noch heute über Sie, wie vor Jahren — das würde auch durch alles Ausſprechen nicht beſſer werden, im Gegen⸗ theil.“—„Gertrud, ſo muß ich mit Ihnen reden!“ rief Arnold.„Sie wiſſen, was jenes entſetzliche Unglück herbeigeführt hat— der Brief, welcher der jungen Gräfin alles nahm, was ihrem Herzen heilig war, ihr Gemüth unheilbar in Nacht und Zerrüttung ſtürzte, Sie haben ihn vielleicht geleſen, ſchauen Sie mir jetzt in's Auge— glauben Sie, daß ich ſo ehrlos geweſen ſei, wie jener Brief mir ſchuld gibt?“— Die Zofe vermied es, ihm in das Auge zu blicken, ihre Mienen wurden noch ſtarrer, als vorher, und ſie ſagte mit eiſiger Kälte:„Herr Bliedung, ich kann Ihnen auf ſolche Reden keine Antwort geben. Sie vergeſſen, daß ich nicht bei einer Krämerfrau diene, die mit ihrer Magd am Herde zu klatſchen pflegt.“ Arnold bezwang die ſtürmiſche Aufregung, welche ihn über die Schran⸗ ken, die er ſonſt nie überſchritt, hinausgeriſſen hatte, er bereute es, ſeinen Gefühlen Worte gegeben zu haben, über welche die im vornehmen Dienſte ergraute Kammerjungfer nur ſpotten konnte, und brach das Geſpräch ſogleich ab.—„Ich habe alſo Ihr Verhältniß falſch beurtheilt, weil ich in einem 46 Das Kind des Südens. bürgerlichen Hauſe aufgewachſen bin,“ ſagte er.„Vergeſſen Sie denn meine Reden, auf welche Sie nicht antworten können, vielleicht bin ich auch in die⸗ ſem Augenblicke nicht recht bei Verſtande geweſen. Melden Sie der Frau Gräfin, wenn ſie von ihrer Ausfahrt zurückkommt, daß ich dennoch hier ge⸗ weſen ſei, um eine Audienz nachzuſuchen, da ich es meiner Ehre ſchuldig ſei — wollen Sie die Güte haben, wenigſtens dieſe Redensart wörtlich zu be⸗ ſtellen?“—„Das werde ich thun,“ antwortete Gertrud mit einem Tone, der milder klang, als vorher.„Wäre es aber nicht am beſten, Sie ließen es bei der ſchriftlichen Betheurung Ihrer Unſchuld, die Sie, wie ich vorhin zu verſtehen glaubte, in Ihrem heutigen Billet wiederholt haben, bewenden?“ —„Weiß der Graf davon?“ fragte Arnold raſch.—„Das— kann ich nicht ſagen,“ erwiderte Gertrud. Sie hatte freilich hinter der Thüre im Vorzimmer gehört, daß ihre Herrin ihrem Gemahl das Billet als unnöthig zu leſen wieder weggenommen und vernehmlich zerknittert hatte, doch fand ſie ſich nicht bewogen, das zu erzählen.— „Wohlan! So werde ich den Grafen um eine Unterredung bitten— wollen Sie mir wenigſtens dazu, Ihrer alten Freundlichkeit eingedenk, ver⸗ helfen, liebe Traud? Tragen Sie dem Grafen meine Bitte vor, er mag dann den Ort und die Zeit unſerer Zuſammenkunft beſtimmen. Wollen Sie das thun?“—„Wenn Sie es durchaus wünſchen, ſo will ich es be⸗ ſtellen,“ antwortete die Dienerin.„Ich ſehe aber keinen Vortheil für Sie, es gibt nur eine unangenehme Erörterung, vielleicht gar eine von den ſchlimmſten Folgen! Glauben Sie wirklich, daß der Graf Ihnen Abſolution geben wird?“—„Deren bedarf ich nicht, denn ich habe nichts begangen 44 rief Arnold, von neuem aufbrauſend.„Ich verlange nur Anerkennung mei⸗ ner Schuldloſigkeit und die, daß der ehrloſe Brief geſchmiedet war, mich zu verderben.“—„Bringen Sie Beweiſe dafür?“ entgegnete die Zofe, welche bei ſeiner Heftigkeit ihr früheres eiskaltes Weſen wieder annahm.„Sie müſſen alles freilich am beſten wiſſen— was ich Ihnen verſprochen habe, werde ich halten, mehr kann ich nicht thun.“ Er dankte ihr für ihre Bereitwilligkeit, verließ das Zimmer und, ohne ſich aufzuhalten, auch das Schloß. Seit jener Unglückszeit hatte er es nicht betreten, kein Wunder, wenn jetzt, nachdem er auch Gertrud, die alte Diene⸗ rin, wieder geſehen hatte, die Erinnerungen mächtig auf ihn einſtürmten! Das war nun fünf Jahre her, ihm waren ſie zur Ewigkeit geworden und hier ſchienen ſie nicht das mindeſte verändert zu haben. Die Zeit hatte nichts Von Bernd von Guſeck. 47 für ihn gethan; die Familie glaubte noch immer an ſeine Schuld, der Schreiber des hinterliſtigen Briefes, der ihn verleumdet hatte, war bis auf den heutigen Tag nicht entdeckt, und er ſelbſt, wie er damals in Zorn und Verzweiflung vergebens geſonnen, wer es wohl ſein könne, der ihn heim⸗ tückiſch angegriffen, da er keinen Feind beſaß, war auch heute darüber im Dunkeln. Aus niedrigen Beweggründen konnte es nur geſchehen ſein, aber auch dieſe waren nicht zu errathen! Neid, Bosheit, Rache—? War er zu beneiden geweſen, da er niemals hoffen konnte, das Glück, das er erſehnte, mit Erfüllung gekrönt zu ſehen? Diana's Herz hatte ihm wohl gehört, ſie wäre fähig geweſen, alle Schranken, welche ſie von ihm trennten, zu zer⸗ brechen, die Seine zu werden gegen den Willen ihrer Eltern, dem Fluch der Mutter zu trotzen, mit ihm zu fliehen über Land und Meer, wenn er ihr eine Freiſtatt hätte bieten können, aber war für ihn eine ſolche Möglichkeit vor⸗ handen? Was konnte der Bosheit daran liegen, den Bund der Herzen, der doch hoffnungslos war, zu trennen? Oder hatte er, ohne es zu wiſſen, ein Werk der Rache gegen ſich herausgefordert? Gegen wen war er ſich einer Schuld bewußt? Auf einmal ſtand er auf ſeinem Gange ſtill— konnte er wirklich mit freiem Bewußtſein das fragen, hatte er wirklich in ſeinem Leben niemand tief gekränkt? Und heute, heute erſt mußte er ſich eines Unrechts zeihen, das er doch an einem Herzen begangen hatte, wenn er auch das flüch⸗ tige Spiel, das er getrieben, noch ſo leicht genommen, ſich immer eingeredet hatte, daß es auch von der anderen Seite nicht ernſter aufgefaßt worden, und als es plötzlich, wie durch einen Zauberſchlag, vor einer neuen, mächtig aufflammenden Neigung geendigt hatte, auch dort ohne Leid vergeſſen wor⸗ den ſei! Gern hatte er ſich freilich nicht daran erinnert, vielmehr ſich des Gedankens, als er bei der Kataſtrophe ſeines Schickſals in ihm wie ein Vor⸗ wurf erwacht, gewaltſam entſchlagen, heute konnte er das nicht! Wenn er ſich auch rein fühlte von all' dem, was ihm in dem anonymen Briefe an Diana ſchuld gegeben war, gegen ein anderes Herz hatte er in leichtem Spiel geſündigt— und wenn ihm auch ſpäter das Antlitz, das ihm jetzt vor der Seele ſtand, noch immer gelächelt hatte, als ſei nichts zwiſchen ihnen ge⸗ ſchehen, ſo konnte doch im Herzen das heiße, ſüdliche Blut das Gefühl der Kränkung genährt, bis zur Rachluſt geſchärft haben. Er ſchlug beide Hände vor die Stirn, als ſchwindle ihm bei dem Gedanken, der ihm jetzt ein be⸗ ſtimmtes Ziel ſeines Argwohns gab. Wäre es möglich— 2 Ein Hufſchlag, den er hörte, ließ ihn aufblicken. In einiger Entfernung 48 Das Kind des Südens. zwiſchen den Feldern ſah er den Grafen Amberg auf einem Fußpfade galop⸗ 1 piren, es war derſelbe Pfad, auf dem Arnold geſtern vom Eichwalde, wo er d ſeinen Wagen verlaſſen, nach Bornau gegangen war. Vielleicht ritt der Graf ſu dorthin, kehrte wenigſtens wie geſtern einen Moment dort ein; in Bornau 1 wollte er nicht mit ihm zuſammentreffen. Ob es überhaupt geſchehen werde, oe war ihm jetzt ſelbſt zweifelhaft: Gertrud hatte ihm die Hoffnung dazu be⸗ 8 nommen. Wozu auch? fragte er jetzt, wie die alte Vertraute der Gräfin. Er war durch alles, was ihm in dieſem Momente mit wahrhaft beängſtigen⸗ der der Haſt durch die Seele ging, in ſeinen Plänen für die endliche Begründung d einer nüchtern verſtändigen, bürgerlich ſoliden Zukunft wieder irre gewor⸗ Er den. Schon die erſten Schritte, die er hier gethan, waren ganz im alten re Geiſte geweſen, welcher gebahnte Wege verſchmähte. Statt ſich in Bornau nl bei ſeinen Verwandten, von denen wenigſtens die Tante ein nachſichtiges Herz für ihn hatte, ſchriftlich in geziemender Weiſe anzumelden und dann i wie ein anderer ehrbarer Reiſender anzukommen, war er, in der nächſten i Stadt ſein Gepäck zurücklaſſend, wie ein Dieb bei dunkelndem Abend ein⸗ ar 3 6 geſchlichen, um die Seinigen zu überraſchen, er hatte im Regen ſtehend beide ſh 4 belauſcht, als ſie im offenen Gartenſaale ſprachen— was er gehört, hatte des F ſeinen Entſchluß erſchüttert und er war in ſein Verſteck zurückgekehrt, als d des in der Nachbarſchaft ausbrechenden Feuers wegen die Leute zuſammen⸗ 1 liefen. Um ſo ſicherer hatte er in ſeinem Stübchen neben Riedel's den Tages⸗” anbruch erwarten können, um dann zuerſt den Alten, der es bei aller Barſch⸗ d heit wohl mit ihm meinte, zu ſprechen. In der Einſamkeit war ihm aber,„ J wie es ihm zuweilen im raſchen Wechſel der Stimmungen erging, der gane d Einfall thöricht und kindiſch erſchienen, er hatte Riedel nach Hauſe kommen N hören, und da er deſſen Gewohnheiten aus eigenem langjährigen Verkehr O mit ihm kannte, ſich, als der Alte feſt ſchlief, mit Leichtigkeit das Mittel ver⸗ d ſchafft, aus dem verſchloſſenen Hofe wieder in das Freie zu gelangen; im de Laufe des Tages hatte er darauf, wenn auch unangemeldet, doch in herkömme c licher Weiſe ſeinen Einzug halten wollen. Das Pfand, mit welchem er ſchon 1 im Kriege ein phantaſtiſches Spiel getrieben, Flora's Schleife, die er trotz t alledem wie ein Andenken an frohe, harmloſe Zeiten aufbewahrt und geſtern d zu ſich geſteckt hatte, als ſolle ſie ihm bei der Heimkehr jene Zeiten zurück⸗ bringen,— hätte er geahnt, daß er dies Pfand, als er den Schlüſſel nahm und in ſeiner Bruſttaſche barg, verlieren, daß es zu einer Anklage gegen das 4 di ſchuldloſe Mädchen werden könnte! Arme Flora! Nicht deſſen allein hat o Von Bernd von Guſeck⸗ 49 man dih beſchuldigt— der furchtbarſte Verdacht, ſchlimmer noch, als daß du im Schloſſe zu Hohenſtein Schmuckſachen, welche aus deiner Heimat ſtamnten, entwendet oder aus Riedel's Stube zur Nachtzeit den Schlüſſel gen/mmen haben ſollſt, hat ſich in dem Geiſte des Mannes erhoben, von welchem du einſt in einem ſeligen Jugendtraume wähnteſt, daß er eher ſein Herzblut vergießen, als dir nur das geringſte Leid anthun laſſen würde! Arnold konnte von ſeinem Wege aus nicht bemerken, ob der Graf auf dem Fußpfade, den er verfolgte, nach dem Gutshofe einbog, doch ſchlug er die Richtung nach dem Dorfe ein, um auf keinen Fall Amberg zu begegnen. Er wollte überdem den Pfarrer, ſeinen alten Lehrer, beſuchen und mit ihm reden— wenn er nur in früheren Zeiten immer auf die Worte und War⸗ nungen des würdigen Mannes gehört hätte! Graf Amberg kehrte allerdings auf dem Gutshofe in Bornau ein, er mußte nach dem Geſpräche mit ſeiner Frau und den Eröffnungen, welche ſie ihm gemacht hatte, vor allen Dingen Sichart eine Ehrenerklärung für die arme Flora bringen, dann ſich aber auch, wenn irgend möglich, Gewißheit ver⸗ ſchaffen, ob Agathen's Andeutung, wenn er ſie richtig verſtanden hatte, wirklich begründet war. Ihm ſelbſt hatte eine ſolche Möglichkeit immer vorgeſchwebt; da er aber nicht der Mann war, ſich lange und gründlich mit einem Gedanken zu beſchäftigen, ſo hatte er nur gelegentlich ein angenehmes Spiel mit dieſer Aehnlichkeit getrieben, ſie aber doch Zufälligkeit genannt, durch äußere, all⸗ gemeine Züge der ſüdlichen Geſichtsbildung hervorgerufen. Wußte ſeine Frau etwa mehr? Agathe hatte den Umgang mit Bornau ſeit dem Unglück, das ſie der Tochter beraubt, ganz abgebrochen, wenn auch alles in vornehmer Weiſe ohne Aufſehen abgegangen war. Das Ereigniß ſelbſt hatte ſich der Oeffentlichkeit nicht entziehen können, aber der Grund und das Entſetzliche desſelben war nur wenigen Perſonen bekannt und von dieſen unverbrüchlich verſchwiegen worden. Ob Agathe ſich Vorwürfe machte, den Umgang, wel⸗ cher das Unheil herbeigeführt, nach der Rückkehr ihrer Tochter aus dem Er⸗ ziehungsſtift nicht alsbald aufgelöst zu haben, wußte Amberg nicht, doch hatte ſie wohl in ihrem ungemeſſenen Stolze nicht geahnt, daß der Sohn eines wenn auch reichen Domänenpächters, welcher bei ſeinen bürgerlichen Verwandten, die ſich ſo gar nicht überhoben, aufgewachſen war, ſeine Augen auf die Tochter eines gräflichen Hauſes richten und noch ſchlimmer, daß ihr eigenes Kind, wenn es auch die Milch einer Bäuerin genoſſen, ſeine Abkunft ſo weit vergeſſen könne, um ihr Herz, wie eine Romanheldin der neueſten Hausblätter. 1867. Iv. Bd. 4 50 Das Kind des Südens. adelsfeindlichen Litteraten, an einen ſo tief unter ihr ſtehenden Mann zu ver⸗ ſchenken. Als ſie endlich zu ihrem Schrecken das Unglaubliche wahrgenom⸗ men hatte, war es zu ſpät geweſen, das Gift noch zu bezwingen— um eine fremde Hand, welche dem verblendeten Kinde die Binde von den Augen ge⸗ riſſen und ſein Ideal in tiefſter Unwürdigkeit dargeſtellt, war nur noch fähig geweſen, mit den Illuſionen auch zugleich das Leben der Armen zu ver⸗ nichten. Der Vater hatte ſeit Arnold's Rückkehr mehr an dieſe furchtbare Zeit denken müſſen, als ſonſt, wo er ſich dieſer Erinnerung gern verſchloß; ſie verwebte ſich heut auch mit ſeiner eigenen Vergangenheit, und er fragte ſich noch immer, wie es möglich geweſen, daß Agathe, wenn ſie damals ſchon die Reminiſcenzen derſelben in ihren Beſitz gebracht, dennoch das Pflegekind der Sichart habe in ihr Haus nehmen wollen. Darauf konnte er keine Antwort finden, und wenn er auch gewagt hätte, Agathen ſelbſt darnach zu fragen, ſo würde ſie ihm keine Antwort gegeben haben. Im erſten wilden Schmerz bei dem Unglück ihres Kindes hatte ſie eine Aeußerung gethan, die er jedoch auf etwas Anderes bezogen hatte.„Das iſt der Erbfluch deines Hauſes!“— waren ihre Worte geweſen und er hatte an ſeinen Vater gedacht, wie dieſer, ebenfalls die Würde und Pflichten ſeiner Abkunft vergeſſend, ſeine Liebe in jungen Jahren auf ein bürgerliches Mädchen gerichtet, das er noch, als es bereits die Braut eines Andern geweſen, mit einem Heirathsantrage beſtürmt hatte, die Braut ſeines eigenen Freundes! Amberg hatte dieſe Jugendge⸗ ſchichte ſeines Vaters, die er von ihm ſelbſt in ſpäteren Zeiten erfahren, ſei⸗ ner Frau einmal erzählt— ſie wußte, daß es Frau Sichart war, welche einſt die Hand eines Grafen ausgeſchlagen hatte, und nun mochte Agathen im heißen Schmerze wohl der Gedanke gekommen ſein, daß ſich jene Verirrung an der Enkelin des Grafen Heinrich wiederholt habe! Heut ſchob ſich in Am⸗ berg's Seele noch das Bild ſeiner eigenen Verirrung ein— im Wahnſinn einer wilden Leidenſchaft hätte er ſich rückſichtslos von der Gattin, die ihm erſt wenige Jahre vermählt war, trennen und dem niedrig geborenen Weibe eines Goldſchmieds die Hand reichen mögen, wenn ſie eingewilligt hätte, Mann und Kind um des Vornehmen und Reichen willen zu verlaſſen. War Flora, welche Frau Sichart als verwaistes Weſen zu ſich genommen, dem Gegenſtande der Eiferſucht Agathens ähnlich befunden worden, wie konnte die Gräfin täglich ihren Anblick, wie einen Dorn im Fleiſche, dulden wollen? Von Bernd von Guſeck. 51 Amberg fand Sichart zu Hauſe, er traf ihn allein. Mit raſchen Wor⸗ ten erzählte er ihm, wie er ſeinen Rath befolgt und ſeine Frau offen nach den verlorenen Sachen gefragt habe, den Inhalt ſeiner Unterredung gab er zwar nicht ganz richtig wieder, aber es konnte Sichart doch nur darauf an⸗ kommen, daß die vermißten Dinge nach eigenem Zugeſtändniß jetzt in den Händen der Gräfin ſeien. „Wiſſen Sie aber, weßhalb ſie aus meinem Fach genommen worden ſind?“ fuhr er fort.„Natürlich nahm die Gräfin an, daß dieſe an ſich werth⸗ loſen Kleinigkeiten kein Intereſſe hätten, ihr fiel jedoch ein, ſich mit Ihrer Fiorina, an der ſie ja— das wiſſen Sie!— ein beſonderes Wohlgefallen gefunden hatte, einen Scherz zu machen und ſie einmal als ächte Italienerin zu ſchmücken. Das iſt, wie ich glaube, der Grund geweſen, warum ſie die Sachen aus dem Fache, wo ſie ganz vergeſſen lagen, genommen hat. Nach⸗ her hat ſie wohl ſelbſt nicht mehr daran gedacht und daher gegen mich auch nichts davon erwähnt.“ Der⸗Graf ſprach heut ganz anders, als er neulich geſchrieben und noch geſtern geſprochen hatte, Sichart fühlte ſich aber nicht berufen, ihm das vorzuhalten. Ihm war es lieb, daß die Sache nun aufge⸗ klärt war, und auch die Bemerkung ſeiner Frau, daß Flora bei der Erwäh⸗ nung der vermißten Schmuckgegenſtände augenſcheinlich betroffen geweſen war, ihre Erläuterung gefunden hatte. „Ich komme nun aber auf den zweiten Punkt, lieber Nachbar,“ ſagte der Graf,„nämlich Flora ſelbſt. Sie ſagten mir ſchon früher, daß der rich⸗ tige Rufname des Mädchens von mir mit Unrecht in das Italieniſche über⸗ ſetzt werde: mir war aber Fiorina paſſender für ihr ganz italieniſches Ge⸗ ſicht. Neulich wollten Sie es mir Schwarz auf Weiß zeigen, daß ſie trotz ihrer ſüdlichen Herkunft Flora getauft iſt, ich verſtehe das ſo, daß Sie ein Taufzeugniß des Mädchens haben.“—„Ja wohl,“ beſtätigte Sichart.— „Darf ich es einmal einſehen?“ fragte Amberg, nicht ohne eine leichte Ver⸗ legenheit.—„Wie kann Sie das intereſſiren, Herr Graf!“ entgegnete der Alte.„Das Taufzeugniß eines armen dienenden Mädchens!“—„Doch, mein verehrter alter Freund!“ erwiderte der Graf.„Meine Frau würde es intereſſiren, folglich auch mich. Sie wiſſen, daß meine Frau noch immer dem Mädchen ſehr zugethan iſt— es kann ſein, daß ſie in ihm eine, wenn auch ſchmerzlich mahnende Erinnerung an die glückliche Zeit ſieht, in welcher unſere Diana— doch wir wollen davon nicht reden, das iſt vorüber! Es wäre mir lieb, Herr Sichart, wenn ich der Gräfin in Folge unſeres geſtrigen 4*† 52 Das Kind des Südens. Geſprächs über die Geburt und Herkunft des Mädchens etwas mittheilen könnte.“ „Ich glaube, die Frau Gräfin iſt ſchon davon unterrichtet,“ verſetzte Sichart,„wenigſtens ſo weit wir ſelbſt davon Kenntniß haben. Als Ihre Frau Gemahlin das Kind— damals war Flora ja noch ein halbes Kind— in ihr Haus aufzunehmen wünſchte, hat ſie mit meiner Frau über die Ver⸗ hältniſſe des Mädchens geſprochen. Sollte ſie das vergeſſen haben? Fragen Sie heut wirklich im Auftrage der Frau Gräfin?“—„Nicht im directen Auftrage,“ erwiderte Amberg,„aber, ſo viel ich glaube, in ihrem Sinne. Wenn ſie freilich ſchon mit Ihrer lieben Frau darüber geſprochen und von ihr Auskunft erhalten hat, was ich nicht wußte, ſo habe ich mich wohl ge⸗ irrt. Indeſſen hat es doch auch für mich Intereſſe— ich möchte meine Frau nicht mit einer neuen offenen Frage incommodiren— Sie ſagen zwar, daß zwiſchen Eheleuten nichts geheim ſein ſoll, und im Prinzip muß ich Ihnen Recht geben, aber wie alle Prinzivien nicht immer praktiſch anzuwenden ſind, ſo paßt es nicht ganz für uns. Ich vermeide überdem alles, was meine Frau an ihren unerſetzlichen Verluſt erinnern muß, und Flora ſteht doch damit in Verbindung, da ſie unſerer Diana zugeſellt werden ſollte. Alſo machen wir die Sache unter uns ab. Darf ich das Taufzeugniß ſehen?“ „Gewiß, Herr Graf,“ ſagte Sichart.„Welchen Grund ſollten wir haben, Flora's ehrliche Abkunft zu verheimlichen? Meine Frau hat das Pa⸗ pier im Verſchluß, ſie i*ſt aber nicht zu Hauſe. Wenn Sie uns einmal wie⸗ der beſuchten?“—„Wo iſt das Zeugniß ausgeſtellt?“ fragte Amberg.— „In Mailand,“ erwiderte Sichart.„Verwundert Sie das? Sollte ich Ihnen das nicht ſchon gelegentlich geſagt haben? Ich dächte!“—„Kann ſein— ich entſinne mich nicht mehr genau— ja, ja, eine Mailänderin! Wir ſpra⸗ chen ſchon einmal davon! Es konnte mich nicht überraſchen— ſie hat ganz das Anſehen einer Lombardin! Darum nannte ich ſie ja immer Fiorina. Ihren Vaternamen habe ich aber noch nicht gehört, natürlich auch nicht dar⸗ nach gefragt.“—„Guzman,“ erwiderte Sichart.„Flora Guzman.“— „Das klingt aber ganz deutſch!“ rief der Graf.„Iſt der Vater ein Deut⸗ ſcher geweſen?“—„Ich ſpreche den Namen vielleicht nicht richtig aus,“ antwortete der Alte.„Nach dem Taufzeugniß iſt Flora's Vater aus Sevilla in Spanien gebürtig geweſen.“ Der Graf ſchwieg, in ſeinen Augen und Mienen konnte aber Sichart leſen, daß dieſe Auskunft einen großen Eindruck auf ihn machte.„Näheres Von Bernd von Guſeck. 53 wiſſen wir nicht,“ fuhr er fort.„Als wir in Wien das Haus bezogen, wo die Wittwe mit dem zwölfjährigen Mädchen in einem kleinen Hinterſtüb⸗ chen zu ebener Erde wohnte, wußten wir natürlich nichts von ihr, haben ſie auch gar nicht geſehen, da ſie ſchon ſehr krank darnieder lag. Erſt in ihren letzten Tagen erfuhr meine Frau zufällig von der armen Kranken und nahm ſich ihrer an, es war aber keine Hülfe mehr möglich und— meine Frau hat dann wenigſtens für das verlaſſene Kind geſorgt.“—„Ja, das weiß ich, das iſt edel und chriſtlich!“ rief der Graf in großer Bewegung.„Wiſſen Sie vielleicht den Namen der Mutter, den Taufnamen? Hieß ſie Marca?“ —„Wie ſollten wir das gehört haben?“ entgegnete Sichart.—„Aber im Taufzeugniß muß das ja ſtehen!— Wann darf ich wieder kommen? Oder kann ich Ihre Frau Gemahlin vielleicht jetzt erwarten, wenn ſie nicht zu lange ausbleibt?“ „Herr Graf, ich will keine Unwahrheit gegen Sie aufrecht halten,“ er⸗ widerte der Alte.„Den Taufnamen der ſterbenden Frau haben wir aller⸗ dings nicht gehört, ſo lange ſie noch lebte— wer ſollte ſie dabei nennen? Aber nach ihrem Begräbniß, als meine Frau der Wiener Behörde in einem abverlangten Document erklärte, für die hinterbliebene Waiſe ſorgen, ſie mit ſich nehmen und erziehen zu wollen, wurde uns nach den nöthigen Formalitä⸗ ten von jener und Bürgſchaften von unſerer Seite die wenigen Habſeligkeiten der in bitterer Armuth Verſtorbenen und ein paar Papiere, Trauſchein der⸗ ſelben und Taufzeugniß ihres Kindes, ausgehändigt und darnach hat die Frau allerdings Marca geheißen—.“—„Marca Donato!“ rief Amberg mit bebender Stimme.—„Ich ahne ſchon alles und will mich nicht verſtel⸗ len,“ ſagte Sichart, der nun auch von dieſer wunderbaren Fügung ergriffen war.„Es kann aber zu nichts führen, wenn wir das weiter beſprechen. Sie wiſſen nun, auch ohne das amtliche Zeugniß zu ſehen, wer Flora's El— tern geweſen ſind und daß ſie nicht mit dem italieniſchen, ſondern wie ſie uns ſelbſt geſagt, mit dem ſpaniſchen Namen getauft iſt, nach dem Wunſche ihres Vaters.“—„Oh, ich werde für ihre Zukunft ſorgen!“ rief der Graf.„Die arme, die engelreine Frau! Iſt das der Lohn eines grauſamen Schickſals für ihre Treue und Standhaftigkeit geweſen? Sie hätte verdient, in Glück und Herrlichkeit zu prangen und mußte im Elende ſterben! Ich werde Flora ein anderes Loos bereiten!“ „Erlauben Sie, Herr Graf, für die Zukunft des Mädchens iſt ſchon geſorgt,“ verſetzte Sichart.„Sie können überzeugt ſein, daß wir die Ver⸗ Das Kind des Südens. 54 pflichtungen, die wir übernommen haben, auch erfüllen. Es freut mich, daß Sie Flora's Mutter als eine treue, gewiſſenhafte Frau kennen gelernt haben, das arme Weib hat traurige Tage erlebt, aber Gottes Rathſchlüſſe müſſen wir Menſchen ehren— über uns waltet nicht ein grauſames Schickſal, wie Sie ſagen!“—„Wir ſollen das wenigſtens glauben,“ erwiderte der Graf flüchtig.„Dem Betroffenen können Sie es aber nicht verargen, wenn er an das heidniſche unerbittliche Fatum denken muß— Ihr Neffe iſt ja zurückge⸗ kommen!“ folgte er, das Geſpräch über Flora abbrechend, ſeinen Gedanken. —„Er hat den Krieg mitgemacht, nimmt aber jetzt ſeinen Abſchied,“ ant⸗ wortete Sichart. Wohl verſtand er, was Amberg hatte ſagen wollen, er mußte ihm je⸗ doch überlaſſen, ſich näher zu äußern, wenn er das im Sinn hatte. Amberg ſchien das auch zu wollen, denn er faßte den Alten in's Auge, wie zu einer bedeutungsvollen Aeußerung, doch gab er ſie gleich wieder auf. Nie hatte er das Verhängniß, das ſein Haus betroffen, gegen Sichart anders, wie ge⸗ gen alle Welt beſprochen, daß ſeine Tochter nämlich von einer Gemüths⸗ krankheit befallen und daran geſtorben ſei; die Urſachen waren mit keiner Silbe berührt worden, obwohl er ſich wohl denken konnte, daß Arnold's Oheim wenigſtens von der Neigung ſeines Neffen Kenntniß gehabt, wenn er auch vielleicht nicht erfahren, wie alles geendigt hatte. Arnold mochte ihm wohl verſchwiegen haben, daß er auf ſchonungsloſe Weiſe entlarvt worden war— an ſeiner Schuld hatte der Graf nach der Enthüllung keinen Augen⸗ blick gezweifelt. Nur indem er den wunden Fleck nie berührte, war es mög⸗ lich geweſen, den Schein vor der Welt durch einen nothdürftig fortgeſetzten Umgang mit Sichart für ſeine Perſon zu retten; hätte auch er, wie Agathe, abgebrochen, ſo würde unabwendbar der Grund ermittelt worden ſein, während nun die Menſchen ſich hatten ſagen müſſen, daß wenn an den un⸗ beſtimmten Gerüchten über die Krankheit und den Tod der jungen Gräfin etwas wahr ſei, der Vater doch unmöglich noch mit Bliedung's Oheim ver⸗ kehren könne. Daß die Gerüchte nicht tiefer zur Wahrheit gedrungen waren, als zu der Annahme, daß zwiſchen den jungen Leuten eine unglück⸗ liche Liebe beſtanden und die Unmöglichkeit, daß die Eltern der Gräfin ihre Einwilligung geben würden, vielleicht auch eine harte Scene das arme junge Mädchen zur Verzweiflung getrieben haben, war dem Grafen von ſeiner Gemahlin auf das glaubwürdigſte Zeugniß ihrer Zofe, der nichts entging, das ſie wiſſen wollte, verſichert worden, und ſo hatte er denn den Kummer, Von Bernd von Guſeck. 4 4 55 2△ der auch ihn trotz ſeines leichten, oberflächlichen Sinnes gebeugt, in der Hoff⸗ nung auf künftiges Vergeſſen getragen. Mußte der Menſch, der alles ver⸗ ſchuldet hatte, mit eiſerner Stirn hier wieder auftreten? Wie Amberg ſich zu verhalten habe, darüber war er mit ſich ſelbſt noch nicht einig, und auch auf dem Rückwege, als er von Sichart Abſchied genommen hatte, kam er zu keinem rechten Entſchluß. Agathe wollte den Mann, der ſie um Gehör ge⸗ beten, nicht ſehen, ſie hatte es ihm entſchieden abgeſchlagen und war ihm heut ausgewichen; ließ ſich das aber auf die Dauer thun, wenn Bliedung ernſt⸗ lich darauf ausging, ſeinen Willen durchzuſetzen? Sollte man gar das Feld vor ihm räumen? Am Ende war es doch am beſten, ſeiner unglaublichen Dreiſtigkeit angemeſſen zu begegnen und ihn mit der vollen Wucht beleidig⸗ ten Standes⸗ und Elterngefühls niederzuſchmettern. (Schluß folgt.) Allerlei Curioſa. Mitgetheilt von Wilhelm Ernſt. 9. Wer es nicht in Werken hat, pflegt's, wenigſtens ſehr häufig, deſto mehr in Worten zu haben, und wer eine wichtige Perſon auf Erden darſtel⸗ len möchte, ohne es im Grunde zu ſein, der pflegt ganz ungemein auf Eti⸗ quette zu halten. Niemand hielt denn auch mehr auf letztere, als jene kleinen deutſchen Prinzen des vorigen Jahrhunderts, von denen Reuter uns kürzlich einen, und zwar noch lange keinen der pauverſten und übelſten, ſo trefflich abeſchildert hat. Zur Aufrechthaltung der Etiquette waren denn auch allent⸗ halben Rangordnungen erlaſſen. In Mecklenburg wurde eine ſolche im Jahre 1704 beliebt und darin die ſämmtlichen Hof⸗ und Staatsbeamten in nicht weniger als 24 Klaſſen abgepfercht. Dieſe Rangordnung hatte auch am Hofe des gewitter⸗, geſpenſter und weiberſcheuen Herzogs Adolf Fried⸗ rich von Mecklenburg⸗Strelitz Gültigkeit. Wir theilen hier einige dieſer Klaſſen mit: 1) Geheimerrathspräſident;— 2) Generallieutenant;— 3) Geheime⸗ räthe, Landräthe;— 4) Hofmarſchall, Oberhauptmann, Oberſtallmeiſter. Hofmeiſter bei des Herzogs Gemahlin, Kammerherren;— 5) Oberjäger⸗ meiſter, Oberſchenk, Regierungsräthe, Landmarſchälle, Vicepräſident des Land⸗ und Hofgerichts, Juſtizdirector, Conſiſtorialdirector, Obriſten;— 6) Aelteſter Kammerjunker, Geh. Kammerräthe, Jägermeiſter, Obriſtlieute⸗ nant, Garderittmeiſter;— 7) Kammerräthe, Kangleiräthe, Aſſeſſoren des Land⸗ und Hofgerichts, Conſiſtorialräthe, Kammerjunker, Droſt;— 8) Hof⸗ Von Wilhelm Ernſt. 57 räthe, Hofjunker, Majore, Geh. Secretäre, Leibmedicus, Hauptleute;— 9) Alle anderen Räthe, Kammermeiſter, Haushofmeiſter, Stallmeiſter der Jagdpferde;— 10) Bürgermeiſter der Stadt Roſtock;— 11) Profeſſoren der Theologie, Rechtsgelahrtheit und Medicin, Superintendenten;— 12) Landrentmeiſter, Archivare, Kabinetsſecretär, Legationsſecretär, Ritt⸗ meiſter, Kapitäne, Lieutenants von der Garde, Doctoren, Hofprediger, Zoll⸗ commiſſarien;— 13) Pronotarien beim Land⸗ und Hofgericht, Profeſſoren der Philoſophie, Senioren und Präpoſiten, Amtmänner, Rathsherren der Stadt Roſtock, Lieutenants, Kammerdiener;— 14) Advokaten, Paſtoren.— So geht es weiter und weiter, und man erſtaunt wirklich über die an⸗ muthige Mannigfaltigkeit der Titel. Bemerkt werde hier noch, daß Conrec⸗ tor Aepinus erſt in die achtzehnte Klaſſe rangirte, der Läufer Halsband aber erſt in die dreiundzwanzigſte und Jochim Böhnhaſe, der Kutſcher, ſogar in die letzte, in die vierundzwanzigſte.— Uebrigens beſaß„Dörchläuchting Adolf Friedrich von Mecklenburg⸗Strelitz“ einen Hof⸗ und Beamtenſtaat von nicht weniger als 235 Perſonen, darunter allein 27 wirkliche Kammer⸗ herren. Er hielt auch eine Hofkapelle und ſogar ein Hoftheater. Glaubte man ihn demnach, bezüglich ſeiner nächſten täglichen Geſellſchaft, auf den Kammerjunker von Knüppelsdorf und auf den braven Kammerdiener Rand beſchränkt,— wozu das Leſen von Reuters vortrefflichem Buch verleiten könnte,— ſo würde man irren. Dörchläuchting hatte ebenſo gut einen Ge⸗ heimerathspräſidenten, Hofmarſchall, Oberjägermeiſter u. ſ. w. als irgend ein anderer regierender Herr, und da er immer an 30—40 Pferde in ſeinem Marſtall hielt, ſo iſt es auch kaum anzunehmen, daß Sachlebens brauner ſpattlahmer Wallach die Ehre genoſſen hat, zur Fortbewegung der hochfürſt⸗ lichen Leibkutſche in die Bucht ſpringen zu müſſen.— Trotz der zu lobenden Mannigfaltigkeit in der Betitelung der Hofbedienſteten, fehlen aber doch in der mecklenburgiſchen Rangordnung und in den mecklenburgiſchen Staats⸗ kalendern jener Periode noch allerlei Chargen, die derzeit an anderen deut⸗ ſchen Höfen florirten. Ungern vermißt man z. B. eine Hofhebamme, ferner einen Oberſauhundsmeiſter, auch ſcheint der Titel„Leibyorreiterin“ nicht ge⸗ bräuchlich geweſen zu ſein. Letzterer war in Preußen begänglich. In Nr. 179 der Voßiſchen Zeitung vom Jahre 1841 iſt eine Ankündigung zu leſen, worin eine„verwittwete königliche Leibvorreiterin Paul“ vom Stadtgericht zu Spandau vorgeladen wird. Nicht weither geholt. Von Friedrich Haſenow. V. Vom Jedervieh. Wer einem Vielverſprechenden entgegnet:„die Worte ſind gut, aber Hühner— legen Eier,“ der ſcheint mit den Hühnern nicht übel zufrieden und iſt wohl des Sprichworts eingedenk:„Wer Eier haben will, muß ſich das Kakeln gefallen laſſen.“ Gewöhnlich aber wird der guten Henne ge⸗ waltig verdacht, daß ſie ſich ſtets gedrungen fühlt, ſofort durch ihr Gekakel aller Welt bekannt zu machen, daß ſie gelegt habe. Den größten Schaden hat ſie ſelbſt davon:„Ließe die Henne das Gackern, ſo nähme man ihr nicht das Ei.“ Immer nimmt ſich's trotzdem nicht ſo leicht, denn wenn das auch „ſchon ein bös Huhn ſein muß, das die Eier in Nachbars Garten trägt,“ ſo kommt's doch vor, daß„auch ein klug Huhn einmal in die Neſſeln legt.“ Vielleicht hat da der Eigenthümer die Mahnung nicht beherzigt:„Macht man der Henne nicht bald ein Neſt, ſo legt ſie in die Neſſeln.“ Der Scha⸗ den iſt nicht allzu groß, wenn ſich's nur um ein„Ei“ handelt, wär's ſelbſt eins, das„klüger ſein will, als die Henne“; thöricht gewiß ſind wenigſtens „die um die Eier kriegen und laſſen die Henne fliegen,“ welche bald mehr Eier legen könnte, wenn auch nicht ſolche, wie man einem Prahlhans vorzu⸗ rücken pflegt:„Seine Hühner legen Eier mit zwei Dottern.“ Im Stillen denkt man dabei wohl:„Hühner, die viel gatzen, legen wenig Eier.“ Das Gatzen iſt nun aber einmal Hühnerart: Undn ausein keine) Von Friedrich Haſenow. 59 Es iſt kein Hühnlein alſo klein, Es gatzet ſo viel wie der Hahnen neun.“ Und noch eine üble Fertigkeit haben die Hühner:„Eine Henne kann mehr auseinanderſcharren, als ſieben Hähne zuſammentragen.“ Das ſoll hier keine Anſpielung ſein, wie diejenigen vermuthen könnten, die das Sprichwort im Sinne haben:„Wenn man: Huſch! ruft, meint man die Hühner.“ Andererſeits heißt's ja auch:„Kein Huhn ſcharrt umſonſt,“ aber leider gleich wieder:„Keine Henne ſcharrt vor ſich,“ und es iſt ein ſchlechter Troſt: „Was zum Huhn geboren iſt, ſcharrt nie vor ſich.“ Warum? Man muß nicht alles ergründen wollen:„Hierum und darum gehn die Hühner bar⸗ fuß,“ und man kann Beſſeres thun, als„den Hühnern die Schwänze auf⸗ binden“; lieber hüte man ſie vor dem Fuchſe und beſonders:„Wenn der Fuchs predigt, ſo nimm die Hühner in Acht!“ Dann können ſie alt werden, und:„Alte Hennen geben fette Suppen.“ Jung zu Tode arbeiten wird ſich keine Henne, deßhalb ſagt man vom Faulkranken: „He is ſo krank as'n Hohn, Mag eten keſſen) un niſcht dohn(thun).“ Aber Langſchläfer ſind ſie wenigſtens nicht, wenn ſie auch früh zur Ruhe gehn: kürzeren Beſtand kann nichts haben, als„von Veſpertid bet de Höhner upflegen,“ kein Fauler jedoch war es, der den Wahlſpruch annahm: „Früh mit den Hühnern zu Bette, Früh auf mit dem Hahnen zur Wette!“ Wird ja des Hahnes Munterkeit und Wachſamkeit ausdrücklich als Vorbild ſchon den Kindern im Fibelverſe empfohlen: „Studire fleißig ſpat und früh, Sei munter wie der Kikeriki“ Dieſen Ruf, der hier ſogar ſtatt ſeines Namens gebraucht wird, hören zu laſſen, geziemt nur dem Hahn, denn: „Kräht die Henn' und ſchweigt der Hahn, Iſt der Haushalt übel d'ran.“ Dann iſt's aber auch meiſt ein Hahn danach! Das Sprichwort ſagt die Wahrheit:„Wo ein Hahn(nämlich ein rechter!) iſt, da kräht keine Henne.“ Auf den meiſten Höfen läßt ſich das der Hahn auch nicht nehmen; Beſchei⸗ denheit wird ihm gerade nicht nachgeſagt, vielmehr„ſchwillt ihm oft der Kamm,“ und:„Ein jeder Hahn iſt König auf ſeinem Miſt,“ wenn er ſich 60 Nicht weither geholt. 4 auch nicht ſo arg überhebt wie ſein Vetter, der Truthahn, früher auch „Conſiſtorialvogel“ genannt, von dem es plattdeutſch heißt:„Woahrt de Been! ſäd' de Poageluhn to de Pier, as he in'n Pierſtall kamm(Nehmt die Beine in Acht! ſagte der Truthahn zu den Pferden, als er in den Pferdeſtall kam).“ Das meint Herr Truthahn gewiß ganz ernſt, da er zum Scherzen viel zu würdevoll iſt, aber der biedere Haushahn macht auch ſeinen Spaß, wenn er auch nicht nach jedermanns Geſchmack iſt; ſo:„Nur nicht ängſtlich! ſprach der Hahn zum Regenwurm und— ſchluckt ihn ruhig'runter.“ Wenn er ſonſt einen guten Biſſen findet, pflegt er als treuer Hausvater ſeine Hen⸗ nen zum Mitgenuß herbeizurufen, die er uneigennützig verſorgt:„Ein guter Hahn wird ſelten fett,“— aber auch eiferſüchtig hütet:„Zwei Hähne tau⸗ gen nicht auf einen Miſt.“ Nur um die Nachkommenſchaft kümmert er ſich nicht, hat's aber auch nicht nöthig, denn nur ein Geizhals ſitzt ſo feſt auf ſei⸗ nem Geldſack„wie die Henne auf den Eiern.“ Man darf ſie ihr nicht neh⸗ men, wenn man junge Hühner haben will, denn:„Broaden Eijer gewen Koken, man nich Küken(Gebratene Eier geben Kuchen, aber keine Küch⸗ lein).“ Aber betrogen wird ſo eine emſige„Klucke“ zuweilen, indem man ihr Enteneier unterlegt. Sie brütet ſie getreulich aus, denn ſie merkt den Betrug nicht und theilt daher nicht die Beſorgniß, mit der man überängſt⸗ liche Leute verſpottet:„Wie ſollen die jungen Entlein auskriechen, haben doch ſo gar breite Schnäblein!“ Bekanntlich gibt's ſogar ſolche, die ſich um „ungelegte Eier bekümmern.“ Der Klucke Kummer und Angſt beginnt erſt, wenn die ausgebrüteten jungen Enten in's Waſſer laufen, denn das iſt ihr ein fremdes Element, und wer, wenn Einer„ein Hühnchen mit ihm zu pflücken“ hat,„daſteht wie eine naſſe Henne“, ſieht nicht viel klüger aus, als eine„dumme Pute“, ſondern ziemlich ſo wie„die Gans, wenn's wetter⸗ leuchtet.“ Selbſtverſtändlich iſt damit nicht die gemeint, von der es heißt: „Die weiße Gans brütet gut,“ nämlich die weiße Schneedecke auf dem Acker, obwohl auch das Ei der wirklichen Gans nicht zu verachten iſt; wenigſtens wenn„de Köſter“ ſeggt:„Ei iſt Ei!“ ſo„nimmt he dat Goſ'ei(nimmt er das Gänſeei).“ Aber aus ſolchem Ei kriecht doch eben nur ein„Göſſel“, aus dem ſich nichts als eine Gans erziehen läßt.„Wenn die Federn den Autor machten, wäre die Gans nicht zu verachten,“ aber ſo: „Fliegt eine Gans auch über's Meer, So kommt ein Gickgack wieder her,“ viell gehn wohl geht dieG auch finde verac gehö auch dt de t die eſtall erzen paß, lich! Venn Hen⸗ uter tau⸗ ſich ſei⸗ neh⸗ ꝛwen üch⸗ man den gſt⸗ ben um erſt, ihr zu als Von Friedrich Haſenow. 61 vielleicht durch eigene Anſchauung belehrt, daß„die Gänſe überall barfuß gehn,“ was das plattdeutſche Kinderlied daraus erklärt, daß der Schuſter wohl Leder, aber keinen paſſenden Leiſten habe. Mit ihren bloßen Füßen geht die Gans an ſieben Pfützen und wenn ſie aus allen getrunken, hat ſie die Entdeckung gemacht:„Dat's een Beer!(das iſt ein Bier!),“ ſie geht auch„ſo lange zur Küche, bis ſie am Spieß ſtecken bleibt,“ und:„Jede Gans findet ihren Martinstag,“ wo es bekanntlich Gänſebraten gibt, den niemand verachtet, wenn die Köchin weiß, daß die Gans zu den ſchwimmenden Vögeln gehört, und der Lehre gefolgt iſt: „Scharrenden Vogel brate mit Eile, Schwimmenden Vogel brate mit Weile. 1 Wer dann Erlaubniß hat, zuzugreifen, der braucht nicht zu„warten, bis ihm eine gebratene Taube in den Mund fliegt.“ Wenn ſie erſt gebraten iſt, läßt ſie das Fliegen wohl, aber vorher gilt:„Wo Tauben ſind, da fliegen Tauben zu,“ und manche läßt ſich nicht geſagt ſein:„Unter Dach iſt die Taube ſicher vor'm Stößer,“ ſondern muß erfahren: „Fliegt die Taube zu weit in's Feld, Zuletzt der Habicht ſie behält.“ Das iſt kein glückliches Schickſal, und ſo ſehr auch„Taubenſanftmuth“ ge⸗ lobt werden mag, die Erfahrung lehrt:„Wer ſich zur Taube macht, den freſſen die Falken.“ Deßhalb ſoll aber ebenſowenig empfohlen ſein, ſich zum Pfau zu machen, der„am Kopf zu wenig hat, was er am Schwanze zu viel hat,“ und von dem man mit Recht ſagt:„Säh' der Pfau auf ſeine Füße, er ſchlüge kein ſo ſtolzes Rad.“ Der läßt ſich den Spruch ſchon ge⸗ fallen:„Den Vogel erkennt man an den Federn,“ aber mancher wird, wenn man ihn völlig erkannt hat, erſt recht„federleicht“ geſchätzt, und man macht dann ferner„nicht viel Federleſens“ mit ihm, am wenigſten, wenn er ein „Federleſer und Pflaumenſtreicher“ iſt, das widerwärtigſte„Federvieh“. Wenn wir aber auch über dies ganze Geſchlecht nur obenhin„wie der Hahn über die glühenden Kohlen“ hinweggegangen ſind, ſo wollen wir es lieber damit genug ſein laſſen, als es ſo weit treiben, bis ein Feinſchmecker unter den Leſern an unſerem Artikel die für alles Gedruckte fatalſte Aehnlichkeit mit gebratenen jungen Hühnern fände, an denen nämlich„das Weiße das Beſte“ iſt. Skizzen aus Niederbaiern. Aus den Mittheilungen eines Geſchäftsreiſenden. Von* Eduard Leyrer. v I. Von Beggendorf, auf den St. Alrichsberg. Und du Deggendorf im niederbairiſchen Lande biſt mit nichten eine von den geringſten unter den Fürſten Deutſch⸗ lands. Wenn wir die Analogie des Prophetenſpruches dieſen harmloſen Be⸗ trachtungen voranſchicken, ſo gilt das zwar nicht buchſtäblich. Aber daß unſer Niederbaiern im Allgemeinen ein wenig ſtiefmütterlich behandelt wird, unterliegt kaum einem Zweifel, und der Münchner oder gar der auswärtige Sommerfriſchler hat kaum eine dunkle Ahnung von Baierns reicher Korn-⸗ kammer, welche erſt in neuerer Zeit durch die keimende Reiſeluſt nach dem Baierwalde und durch den Landtagsabgeordneten Föckerer von Vilshofen zu einer gewiſſen Berühmtheit gelangt iſt. Und doch hat auch Niederbaiern ſeine große Vorzeit wie andere vielbe⸗ ſuchte Gauen deutſchen Bodens. Stolze Adelsgeſchlechter ſaßen hier auf waldumrauſchter Veſte, in den Städten wuchs und blühte Bürgerſinn und Zunftfleiß, prächtige Klöſter ſpiegelten ſich im Donauſtrom und pflanzten Kultur und Gottesfurcht in das Herz der Menſchheit, was aber leider unſe⸗ rem Landvolk im Lauf der Zeiten einigermaßen wieder abhanden kam. Zu⸗ mal das Mittelalter war hier reich an erkräftenden Parteikämpfen, darin ſich ächt niederbairiſche Raufluſt ſchon frühzeitig dokumentirte, und in grauer Vorg Auch haber au P. Biſch nicht entſch tiger nen iriſchen don den Deutſch⸗ ärtige Von Eduard Leyrer. 63 Vorzeit ſollen ſich ſogar die Römer mit Vorliebe hier angeſiedelt haben. Auch der Königin Chriemhilde ſcheint es in dieſer Landſchaft gefallen zu haben, als ſie bekanntlich um einiges ſpäter auf der Fahrt in's Hunnenland zu Plädelingen(Plattling an der Iſar) mit ihrem frommen Oheim, dem Biſchof Pilgerin von Paſſau, zuſammentraf, und wer weiß, hätte ſie ſich nicht mit dem jungfräulichen Cortege zu einem Abſtecher nach Deggendorf entſchloſſen, wenn damals ſchon die Eiſenbahn gegangen wäre?— Deggendorf hat nämlich ſeit kurzem eine Eiſenbahn. Ein Verein dor⸗ tiger Bürger und anderer groß und klein bemittelter Leute hat dieſen ſchö⸗ nen Fortſchritt zu Wege gebracht, ungeachtet des Widerſpruches rivaliſiren⸗ der Frachtboten, Lohnrößler und Gaſtwirthe ſowohl, als auch anderer mehr erleuchteter Männer, deren Namen dem Sittengeſchichtsforſcher eines künf⸗ tigen Jahrhunderts hoffentlich nicht verloren gehen. Der Bahnhof im Fiſcherdorfe jenſeits des Waſſers iſt ein recht freundlicher Ort. Es iſt zwar häufig ſtille dort, ja recht ſtille, zumal um die Mittagszeit, wenn der 12 Uhr Zug von Plattling noch nicht da iſt und die Deggendorfer bei den Knödeln ſitzen. Aber wenn wir vom Gartentiſche am Perron zwiſchen den Oleander⸗ bäumen durch über Wieſen und fernem Tannenwald der erſten Rauchwolke entgegenſpähen und dann und wann auch rückwärts nach der Donau blicken, nach der„heiligen“ Stadt am drübern Ufer mit ihren drei Thürmen und den grünen Bergen im Hintergrund, oder nach der glänzenden Kuppel des Ulrichkirchleins— da drängt es uns, bald über das Waſſer zu kommen, und recht vergnüglich wandeln wir an dem anſpruchloſen Fiſcherdorfe vorüber der neuen Donaubrücke zu.— Die Deggendorfer Donaubrücke macht einen impoſanten Eindruck, ſie iſt ein wahres Meiſterſtück moderner Baukunſt. Nach Pauli's Syſtem con⸗ ſtruirt führt ſie auf ſieben Pfeilern in eine Länge von circa 400 Schritten über den Strom, welcher hier auf bairiſchem Gebiete die größte Breite hat. Die Stadt dankt dieſes Werk der Regierung König Max II. und den Be⸗ mühungen des k. Baubeamten Joſef Schmid zu Deggendorf, denn dieſer hat den Bau begonnen und vollendet, wie auf einer ſteinernen Tafel am erſten Pfeiler der Stadtſeite conſtatirt iſt. Dem Naturfreunde bietet übrigens die Deggendorfer Donaubrücke abgeſehen von ihrer künſtleriſchen und techniſchen Bedeutung noch manchen anderen Reiz, denn die Rundſchau, deren er hier genießt, iſt herrlich und ſucht weit ihresgleichen. Zwiſchen frühlingsgrünen Weidenbüſchen ſchauen wir donauabwärts bis zu den beiden Thürmen der 64 Skizzen aus Niederbaiern. uralten Benediktiner⸗Abtei Niederaltach, einer der älteſten Pflanzſtätten mit⸗ telalterlicher Kloſterkultur. Gegenüber liegt die Stadt mit ihren freundli⸗ chen Anlagen auf dem Geiersberge und der Kapelle zu Steinrieſel am fel⸗ ſigen Ausläufer des Waldgebirges; ſtromaufwärts aber, den ſeegleichen Waſſerſpiegel entlang, glänzt Offenberg, das fromme Grafenſchloß, im Mit⸗ tagsſonnenlicht, und heitere Wieſenhöhen, dahinter die Buchenforſte des Hir⸗ ſchenſtein und ſeiner Nachbarſchaft, ziehen neben her gen Weſten, weit hinaus in's Blaue, wo das Kirchlein auf dem Bogenberge ragt, die Heimat des be⸗ kannten Einſiedel von Bogen und eines ſteinernen Muttergottesbildes, wel⸗ ches vor achthalbhundert Jahren die Donau aufwärts ſchwamm und bei Bo⸗ gen an einem Felſen hängen blieb. 1„. Derlei Umſchau nähert uns der Stadt. Links der Straße am Bachufer tummelt ſich ſtädtiſches Rindvieh auf anmuthigem Weidegrund, Gänſemüt⸗ ter führen ihre Küchlein ſpazieren, und darüber hin bemerken wir als eine kleine Vorſtadt, ſchmucke Landhäuſer mit vorſpringendem Legſchindeldache, nicht weit davon auch die Pfarrkixche und den alten Gottesacker. Wir ſtehen am Thor, gar vergnüglich wandeln wir durch. Etliche Herren mit feinem Sonntagscylinder gehen an uns vorüber, Damenſchleppen wirbeln den Früh⸗ lingsſtaub. An einem eleganten Hauſe leſen wir die Firma„J. Fremerich, Friſeur“, gegenüber ſogar ein„Café Lekas“— kurz, wir fühlten uns bei⸗ nahe in eine angenehme Kreishauptſtadt verſetzt, wie Landshut z. B., wenn uns nicht die Soldaten abgingen und nicht die Viehheerde unweit des Thores den Sieg des ökonomiſchen Elementes dokumentirte. Deggendorf iſt eine ſchöne Stadt, aber nicht bloß im Rücken, wie Heine von Göttingen behauptete, ſondern„überhaupts“, ſagt der Altbaier. Sie hat einen weiten, ſonnigen Platz, auf welchem ſich das gethürmte Rathhaus und die Grab⸗ oder Gnadenkirche befindet. Die letztere iſt eines der älteſten Denkmale gothiſcher Baukunſt, aber ihr Hauptportal öffnet ſich nur einmal im Jahre, und dann ohne menſchliches Zuthun, weßhalb es auch die Gnaden⸗ pforte heißt. Unweit zeigt man den Brunnen, aus welchem die geſchändeten Hoſtien von geweihter Hand gehoben wurden, und an der Außenſeite der Kirche ſowie an einigen Privathäuſern erinnern uns hübſche Fresken an ein⸗ zelne Epiſoden aus der Wundergeſchichte des Jahres 1337. An beiden Sei⸗ ten des Stadtplatzes ſtehen ſaubere Häuſer von unterſchiedlicher Größe mit vielen Blumen vor den Fenſtern und Oleanderbäumen neben der Hausthüre. Mitunter lenkt auch eine Seitengaſſe ab, weniger ſonnig als der Stadtplatz, aber gaſſe ahgeſe lich du liche ken ko Neſide unter Heut Üüber darit rück konn Uebr mit! gialg der g güne platz hine der tere und gärte deſſer hinter dann ulez Ei Von Eduard Leyrer. 65 aber auch recht freundlich, was ſchon der Name ſagt wie: Roſen⸗, Veilchen⸗ gaſſe u. ſ. w. An hiſtoriſchen Denkwürdigkeiten zählt die Stadt eigentlich nicht viele, abgeſehen von dem berühmten Wunder der Euchariſtie, welches ſie alljähr⸗ lich durch eine Art Volksfeſt feiert, und deſſen Urſprung und kulturgeſchicht⸗ liche Bedeutung von Ludwig Steub eingehend gewürdigt wurde. Zu bemer⸗ ken kommt noch, daß Deggendorf für eine Weile ſchon einmal Haupt⸗ und Reſidenzſtadt war, nämlich nach der bairiſchen Landestheilung anno 1331 unter Heinrich dem Natternberger, welcher hier ſogar einen Landtag hielt. Heutzutage bemerkt man von alledem wenig mehr, aber man tröſtet ſich dar⸗ über in der Hauptſache. Höchſtens mag vielleicht dann und wann ein Man⸗ darin in wehmüthiger Träumerei an jene hauptſtädtiſche Vergangenheit zu⸗ rückdenken, wovon ihm für ſich und ſeine Würde nichts gerettet werden konnte, als ein Lokalverbot, in's Wirthshaus Hunde mitzubringen. Im Uebrigen iſt das Deggendorf⸗von heute immer noch eine Stadt III. Klaſſe mit nahezu 5000 Seelen, einem rechtskundigen Bürgermeiſter, einem Colle⸗ gialgerichte und vielen anderen Behörden, Vereinen und Geſellſchaften; aber der geneigte Leſer intereſſirt ſich hiefür ohne Zweifel nicht ſehr viel. Die grünen Berge mit ihrem Ulrichskirchlein, welche ſo freundlich in den Stadt⸗ platz hereinſehen, machen auch uns alles Städtiſche vergeſſen und wir eilen, hinaufzukommen. Unſer Weg auf den St. Ulrichsberg iſt zwar nicht der gerade, aber doch der beſte und jedenfalls der ſchönſte. Gleich außerhalb des ſogenannten un⸗ teren Stadtthores beginnt die Landſchaft allmälig ihre Reize zu entfalten, und an ſauberen Landhäuſern vorüber, zwiſchen Wieſen und buſchigen Obſt⸗ gärten wandelt es ſich recht angenehm bis zu dem unfernen Gaisberg, an deſſen Fuß in freier ſonniger Lage das ſtädtiſche Krankenhaus ſteht. Gleich hinter dieſem ſteigen wir ſanft an: zuerſt durch einen prächtigen Obſtgarten, dann weiter oben durch die Rebenpflanzungen ſtrebſamer Weinbauern und zuletzt über Wieſen mit blühender Buſcheinzäunung auf den Bergrücken. Ein heiteres Landſchaftsbild grüßt uns hier im Frühlingsprangen. Nach allen Seiten blickt das Auge frei: gen Süden auf die Stadt mit Thürmen und Brücke, von Feld, Wieſe und einem Halbkranz ſchattiger Sommerkeller umgeben, darüber hin auf den breiten Strom und auf die geſegnete„Gäu⸗ ebene“ mit ihrem Natternberger Fels. Mehr weſtlich, unweit des linken Donauufers liegt Schaching. Das freundliche Gärtnerdorf, berühmt durch Hausblätter. 1867. IV. Bd. 5 66 Skizzen aus Niederbaiern. ſeine alte Kirche, in deren Nähe der Ritter von Degenberg und die Bürger von Deggendorf„den gottloſen Juden“ blutige Rache ſchworen„für die Schmach, ſo ſie an den heiligen Hoſtien verübt.“ Ein Denkſtein gegenüber dem Wirthshauſe conſtatirt dies erhebende Factum. Aus der Stadt führt eine Pappelallee an dieſen claſſiſchen Ort, und in ihrer Verlängerung findet der Pilgersmann nach der reſtaurirten Benedicti⸗ nerabtei Metten eine bequeme Straße, welche ihn längs der Villegiatur Deggendorſ'ſcher Patriziergeſchlechter in kurzer Friſt an ſein frommes Ziel führt. Von jener Gegend nordwärts entfaltet ſich unſer Bild allmälig zu einer wahren Alpenlandſchaft. Wir ſehen uns am Ausgange zweier Thäler, in ihrer Anmuth ſo großartig, daß wir uns beinahe in die de uderlaten der Inn oder der Salzach verſetzt fühlten. Abgeſehen von den Felsrieſen im Hintergrunde rauſcht hier der Hochwald ſo ſchön und friſch wie dort, alte Tannen, Buchen und Ahorne ſchauen vom moosbewachſenen Felſenriegel auf die Birkenwäldchen herunter, in welchen das Waidevieh klingelt, dort und da grüßt eine freie Höhe, ein bevölkertes Bergdorf mit Kirche, Schul⸗ und Wirthshaus, und thalwärts, wie ein weiter Garten, liegen die Anſiede⸗ lungen wohlhabender Bergbauern: ſchmucke Häuſer mit Schrot und Zier⸗ gärtlein, angebautes Land von Ahornbuſchwerk oder Haſelſtauden einge⸗ zäunt, dazwiſchen prächtige Wieſen und Nußbaumpflanzungen. Das eine dieſer beiden Thäler führt linkerhand durch den Tattingerwinkel nach Viech⸗ tach, das andere in nordöſtlicher Richtung über Maxhofen und die bekannte Ruſel nach Böhmen. In letzteres, das Bogen⸗ oder auch Mühlbogenthal geht unſer Weg. Es nennt ſich nach dem Bogenbache, welcher von den Höhen der Ruſel und des Dreitannenriegels herab in ſtarkem Gefälle durchfließt und ſpäter neben der Gänſewaide außerhalb Deggendorf in die Donau mündet. Nachdem wir entlang die Bergſchneide noch allſeitig Umſchau ge⸗ halten, wenden wir uns vom Ochſenhofe am nordöſtlichen Abhange des Hü⸗ gels wieder thalwärts, und ein angenehmer Fußweg bringt uns erſt durch ein Laubwäldchen, dann über Wieſengründe allgemach an den rauſchenden Gießbach. Wie in einem engliſchen Garten wandern wir längs desſelben an etlichen Mühlen vorüber nach dem Schedelhof, dem ſchönen Beſitzthum des Herrn Baron Hayer v. Haffenbrädl, eines der rationelſten Landwirthe dieſer Gegend. Seine und ſeines Sohnes Bemühungen dankt Niederbaiern unſeres Wiſſens die erſte Verlooſung landwirthſchaftlicher Maſchinen, und er war hier der erſte Oekonom, welcher anno 1865 ſeinen Getraidevorrath enden ſelben zthum wirthe baiern und orrath Von Eduard Leyrer. 67 zum unheimlichen Erſtaunen der Landbevölkerung mit einem Locomobil droſch.— Unweit des Schedelhofes kreuzen wir die Landſtraße. Unſer Ziel, der St. Ulrichsberg, rückt allmälig näher. Unterhalb der Kirche bemerken wir ſchon das Wirthshaus mit Nußbaum und Kegelſtatt und etwas weiter zurück die einladenden Bauernwohnungen der Ortſchaft Brechhauſen. Am Fuß der Berge liegt Großwalding, auch ein Haffenbrädl'ſcher Landſitz, aber anderer Linie. Gleich hinter demſelben ſteigt der Wald an. Es iſt ein ſchöner Gang durch dieſen Bergwald. Laub⸗ und Nadelholz findet ſich in anmuthiger Ab⸗ wechſelung, Farrenkraut wuchert am Boden, und mitunter rankt ſich ein Epheuſtrauch entlang der mooſigen Felswand. Dabei führt der Weg ſo ſanft aufwärts, daß man des Steigens kaum gewahr wird, und ehe man's meint, ſind die Bergwieſen erreicht und wir ſtehen auf Brechhauſener Grund und Boden. Von hier iſt nicht mehr weit an das Ulrichskirchlein, welches unſeres Wiſſens keine beſonderen hiſtoriſchen Denkwürdigkeiten zählt. In alten Zeiten ſoll einmal eine Burg oben geſtanden ſein, wovon ſich jetzt noch einige Spuren finden. An ihrer Stelle ſteht die reich fundirte Wallfahrts⸗ kirche und weiter unten die Schule und das Wirthshaus. Die Terraſſe neben dem Kirchlein gewährt eine weite herrliche Rundſchau, nicht allein in die ge⸗ ſegneten Gauen der niederbairiſchen Ebene, ſondern auch thaleinwärts gegen Grafling oder der Ruſel zu. Viele Stunden weit verfolgen wir den Lauf der Donau, von Straubing an bis zu den Höhen von Vilshofen und Plecken⸗ thal, und heitere Anſiedelungen, wie Plattling, Landau, Oſterhofen mit dem altenmarkter Damenſtifte grüßen aus blauer Ferne herauf. Es iſt ein ſchön Stück Land unſer Donaugau, ſchöner als man glaubt. Ein erquicklicher Hauch des Wohlſtandes weht uns an bei Muſterung dieſes Rieſenwaizen⸗ gartens, ein Wohlſtand, welchen auch die Creditnoth der Gegenwart wohl nur vorübergehend erſchüttern kann. Die hohen Waizenpreiſe früherer Jahre hätten den„Gäubauer“ faſt übermüthig gemacht. Man fühlte ſich mit Vor⸗ liebe als ſouveränen Nährſtand und über dem Jubel ſcheinen ſie vergeſſen zu haben, daß ſich die Zeiten ändern und mitunter auch das Sparen nicht Ohne ſei. Aber Erfahrung ſchult bekanntlich, und wo Mutter Natur dem Land⸗ wirthe ſo ergiebig unter die Arme greift, bleibt der jüngeren Generation ein ſchönes Feld, der Väter Sünden gut zu machen.— Landſchaftlich ſind übrigens die Waizenfelder des„Gäubodens“ nicht das Einzige, was uns daran gefällt. Die Anmuth unſerer Vogelperſpektive 5 68 Skizzen aus Niederbaiern. liegt in der Abwechſelung zwiſchen Feld und Wald, wie ſie ſich dort außen findet, wohl eine Seltenheit in Getraideebenen dieſes Umfanges. Beſonders die friſchgrünen Auwälder der Iſ arufer üben einen wohlthuenden Eindruck; aber auch anderwärts begegnet uns zwiſchen volkreichen Dörfern mit Kirch⸗ hoflinde und Sattelthurm ein vereinzeltes Stück Eichwald bis weit hinaus gegen Norden, wo die hügeligen Tannenforſte des„Hartes“ unſerem Land⸗ ſchaftsbilde einen erfreulichen Abſchluß geben. Es wird uns die Wahl ſchwer, wohin wir lieber ſchauen, in dieſe weite Ebene oder in das ſtille Graflingerthal hart unter uns, auf die ſanften Wieſenhöhen und auf die Nußwälder des Tattingerwinkels am Fuße des„Vogelſang“. Dies Thal hat uns hier zu Lande am meiſten an die Voralpen Südbaierns erinnert. Der landſchaftliche Charakter des Gebirges, das Freundliche, Friedſame, was aus dieſen Wäldern und Matten ſpricht, hat manche Aehnlichkeit mit Marbach oder Fiſchbachau. Aber auch in unſer Bogenthal, durch welches wir heraufgewandert, ſchaut es ſich vom Ulrichsberge recht angenehm zurück, namentlich an dem Nußbaume außerhalb des Wirthshauſes, wo es uns von waldigen Bergen eingeſchloſſen in ſeiner ganzen Ruhe und Lieblichkeit zu Füßen liegt. Dieſer Nußbaum iſt ein ſchöner Ort. Es ruht ſich gar vergnüglich in ſeinem Schat⸗ ten nach der ſonnigen Bergfahrt, und dabei thun die Wirthsleute ihr mög⸗ lichſtes, den Anſprüchen eines beſcheidenen Gaſtes zu genügen. Man wird gut, freundlich und billig bedient und das Bier iſt in der Regel ſehr friſch. Für größeren Beſuch von auswärts ſind die Leute zur Zeit noch nicht einge⸗ richtet. Abgeſehen von vereinzelten Münchener und Regensburger Paſſanten laſen wir meiſt nur niederbairiſche, vor allem Deggendorfer Namen in dem Fremdenbuch, welches inhaltlich einer Widmung auf dem Tittelblatte am 23. Mai 1860 von einem Joſef Silichner herauf geſtiftet wurde. „In dieſes Buch ganz neu und rein Sollſt ſchreiben Du, oh Wandrer mein, * Gar zierlich Deinen Namen ein... Unſinn jedoch und Narrethein Behalte Du für Dich allein. Dieſer letztere gute Rath findet ſich, wie anderwärts in derlei Chroniken, leider nicht durchweg befolgt, und ein vormaliger Schullehrer ſowie ein Pro⸗ feſſor ſcheinen beſonders arg hiegegen geſündigt zu haben. Wir empfehlen dem Wandersmann gelegentliche Selbſtlecture ihrer Poeſieen und erlauben uns buch ceer exgen deſer hat⸗ ndg⸗ wird friſch einge⸗ anten mdem te am niken, Pro⸗ fehlen auben Von Eduard Leyrer. 69 uns nur einigen kritiſchen Stimmen aus dem St. Ulrichsberger Fremden⸗ buche hier ein Plätzlein zu gönnen, wegen des biederen Zuges Grobheit, wel⸗ cher durch das Ganze geht. So heißt es z. B. „Oh lieber guter......„Du aller Dichter Ungeheuer, Haſt Unſinn viel und Narrethein hineingelegt in dieſen Schrein, Oh lies doch auf dem erſten Blatt, was Silichner geſchrieben hat, Und laß in Güte Dich bewegen, Dein Dichterhaupt zur Ruh' zu legen!“ „J machet an Vers gern, kann's aber net recht, Und aſo wie's der— macht, aſo ſann's mir z'ſchlecht.“ „Die Dichtung iſt frei— nicht aber für'n Eſel das Heu; Drum ſchmier nicht alles nieder, denn abgeſchmackt ſind Deine Lieder.“ (Herrn Profeſſor— gewidmet.) Neben ſolch böſen Mäulern hat aber auf dem St. Ulrichsberge auch man⸗ ches beſchauliche, naturſelige Gemüth ein Denkmal ſeines Daſeins hinter⸗ laſſen. So gedenkt z. B. eine junge Dame einer bekannten Epiſode aus der Geſchichte deutſcher Einheitsfeſte in den ſchönen Verſen: „Von St. Ulrichts Höhen ſahen wir entzückt, Wie ein Schütz aus Insbruck den Hahn hat losgedrückt!“ An anderer Stelle laſen wir— ſind wir recht, gleichfalls aus der Feder einer niederbairiſchen Dame— „Die Fürſten ſitzen zu Frankfurt am Main Beſeelt von dem Wunſche, einig zu ſein, Gott ſegne des Kaiſers redlich Bemüh'n, Laß Friede und Eintracht in Deutſchland erblüh'n!“ Wozu jemand die unartige Bemerkung gloſſirte:„aber da hat's Mucken!“ Deggendorf, die Stadt, findet ſich in derlei poetiſchen Ergüſſen begreif⸗ licherweiſe am zahlreichſten vertreten; denn der St. Ulrichsberg und das be⸗ nachbarte Hochoberndorf ſind für die Deggendorfer an Sommernachmittagen ein angenehmer Sonntagsausflug, welchen man zeitenweiſe nicht ungern mit dem Bierkeller vertauſcht. Auf luftiger Bergſchneide von Hochoberndorf wurde auch ſchon ein paarmal eine Art Volksfeſt veranſtaltet, ähnlich dem in Niederbaiern berühmten Honoratiorentage auf dem„Bichelſtein“ nächſt Hen⸗ gersberg. Aber das Unternehmen ſcheint nicht die gewünſchte Theilnahme gefunden zu haben, denn man hört davon wenig mehr. Und doch iſt Hoch⸗ oberndorf einer der herrlichſten Höhenpunkte in Baiern, und der Weg von 70 Skizzen aus Niederbaiern. Von Eduard Leyrer. Deggendorf dahin durch die Felſenſchlucht„Sauloch“ mit ihrem ſchäumen⸗ den Gießbache und ihren Buchenhängen hätte ſich in mancher vielbeſuchten Gegend unſeres ſüdbairiſchen Hochlandes nicht zu ſchämen. Im ſchönſten Lichte eines Maiabendes liegt dies Hochoberndorf uns gegenüber. In den Bauerhöfen der Nachbarſchaft haben ſie Feierabend ge⸗ macht, man hört dort und da eine Weiſe anſtimmen und dazu klingelt das Weidevieh beim Schimmer eines einſamen Hirtenfeuers. Recht friedſam liegt das Thal, der Schedelhof mit ſeinen Pappelbäumen grüßt uns ein freundliches Auf Wiederſeh'n, und jenſeit der Straße über den Haslacher Tannwald hin ſeh'n wir ſchon ein paar Sterne glänzen. Wir können uns nicht des Gedankens erwehren, daß es ſchön ſein müßte, hier eine halbe Nacht zu weilen und das Scheiden fällt uns ſchwer. Es iſt Zeit zur Heimkehr, denn wir haben Herrn Bierbrauer Lukas jun. von Deggendorf verſprochen, noch etliche Halbe auf ſeinem Sommerkeller zu trinken. Der Ort iſt uns vertraut. Unter den jungen Linden, da, wo der Spruch geſchrieben ſteht:„Hier iſt gut ruhn,“ ſind wir ſchon manche Sommernacht geſeſſen, oft noch in ſpäter Stunde, und haben über das Ro⸗ ſengärtlein nebenan und über die Dächer der Stadt in ſternbeglänzte Fernen geſchaut. Noch ſtehen die Kellerlinden und grünen jedes Jahr, auch die Ro⸗ ſen blühen zu ihrer Zeit, aber des Wirthes Töchterlein, welches ſie ſonſt ſo ſorglich pflegte, geht nicht mehr ab und zu bei dem ſpäten Gaſt unter der Linde. Unweit, am Abhange des Geiersberges, ſteht ein Roſenbuſch auf fri⸗ ſchem Grabhügel; darin ſchlägt in milden Sommernächten bisweilen die Nachtigall ein Lied der Erinnerung.— (Fortſetzung folgt.) Ma Eine Keiſe nach Speier. Aus dem Nachlaſſe J. Ch. Fr. Hölderlin's.*) Montags, den 2. Juni reiſte ich ab. Es war ein ſchöner belebender Morgen. Mein Herz erweiterte ſich in all den Erwartungen deß, das ich ſehen und hören werde. Noch nie war mir ſo wohl, als da ich, eine halbe Stunde von hier, den Berg hinunterritt, und unter mir Knittlingen lag, und weit hinaus die geſegneten Gefilde der Pfalz. Mit dieſer Heiterkeit ſetzte ich meinen Weg fort durch Bretten, Diedelsheim, Gondels⸗ heim, Heidelsheim, und jetzt war ich in Bruchſal. Ich hatte im Sinn, mich im Rückweg aufzuhalten, wartete folglich bloß im Wirthshaus auf Vetter Blum. Ich wartete bis eins, es kam kein Blum, wartete bis zwei, bis drei— noch nicht! Jetzt war ich ärgerlich. Gefallen hatte mirs in Bruch⸗ ſal ohnehin nicht, unter dummen Pfaffen und ſteifen Reſidenzfratzen; mein Pferd hatt' ich nur auf dieſen Tag gemiethet, der Weg nach Speyer war lang, die Zeit kurz, die Straße mir unbekannt. Was war zu thun?— Ich ſchickte den Mann, den ich bei mir hatte, um das Pferd zurückzunehmen, nach Haus ſetzte mich auf's Pferd, und flugs Speyer zu. Von Bruchſal aus hatte ich zwar keine Chauſſee mehr, aber doch brei⸗ ten, guten Sandweg. Ich paſſirte meiſt dicke, ſchauerliche Waldungen, ſo daß ich außer meinem Weg kaum drei Schritte weit um mich ſehen konnte. So dick habe ich in Württemberg noch keine Wälder geſehen. Kein Sonnen⸗ *) Dieſe Reiſe fällt vermuthlich in das Jahr 1788, wo Hölderlin noch in Maulbronn war. Eine Reiſe nach Speier. 72 ſtral drang durch. Endlich kam ich wieder ins Freie, nachdem ich Forſt, Hambrücken und Wieſenthal paſſirt hatte. Eine unabſehbare Ebene lag vor meinen Augen. Zur Rechten hatte ich die Heidelberger, zur Linken die franzöſiſchen Grenzgebirge.— Ich hielt lange ſtill. Der neue, unerwar⸗ tete Anblick einer ſo ungeheuren Ebene rührte mich. Und dieſe Ebene war ſo voll Segens. Felder, deren Früchte ſchon halb gelb waren, Wieſen, wo das Gras, das noch nicht abgemäht war, ſich umneigte, ſo hoch, ſo reichlich ſtand es, und dann der weite, ſchöne, blaue Himmel über mir.... Ich war ſo entzückt, daß ich vielleicht noch dort ſtände mit meinem Roß, wenn mir nicht gerade vor mir das fürſtbiſchöfliche Luſtſc=hloß Waaghäuſel in die Augen gefallen wäre. Ich wollte eben darauf zu reiten, weil ich es auch in meiner Marſch⸗ route hatte, von wo aus ich dann über Lußheim gekommen wäre, aber man wies mich links nach Oberhauſen, weil's dahin näher iſt. Von dem Luſtſchloß kann ich alſo nichts ſagen, als daß es im Wald liegt, eine Capelle und noch etliche Gebäude um ſich hat, weiter aber nichts Sehenswürdiges, keine Gärten, keine Hohenheimer Wildniſſe, oder was ich ſonſt da erwartet hätte. Vor Oberhauſen bemerkte ich erſt die Domkirche in Speyer, ob ich es ſchon bald nach Bruchſal hätte ſehen können, ſo groß iſt die Ebene, ſo un⸗ geheuer hoch iſt dieſe Domkirche. Ich glaubte, ich werde jetzt keine Viertel⸗ ſtunde mehr haben, und freute mich ſchon aufs Abendeſſen in Speyer, aber ich hatte mich gewaltig betrogen. Von Oberhauſen kam ich nach Rhein⸗ hauſen. Hier mußte ich über den Rhein fahren, mußte aber ziemlich lange warten, bis die Schiffer vom jenſeitigen Ufer herüberkamen, weil die Ueber⸗ fahrt gewöhnlich eine halbe Stunde lang dauert. Aber ſo gerne hab' ich noch nie gewartet, als damals, die Zeit wurde mir gar nicht lang. Man ſtelle ſich vor einen Strom, der dreimal breiter iſt als der Neckar, wo er am breiteſten iſt, dieſer Strom von oben herab an beiden Ufern von Wäldern beſchattet, und weiter hinab die Ausſicht über ihn ſo lang, daß einem der Kopf ſchwindelt, das war ein Anblick, ich werd' ihn nie vergeſſen, er rührte mich außerordentlich.— Endlich kamen die Schiffer herüber. Man fährt in Booten über, welche ſo groß ſind, daß zwei Gefährte mit Pferden, und noch Leute genug darin Platz haben. Nach Verfluß einer halben Stunde war ich am Speyriſchen Ufer. Ich fragte bei Vorübergehenden, wo unge⸗ fähr die Frau Blumin wohnte, und wurde von einem, der ſie kannte, in Hr. Pfarrer Majers Haus gewieſen. Weil ſich der Tag neigte, mußte mein Von J. Ch. Fr. Hölderlin. 73 Rößlein noch alle ſeine übrigen Kräfte aus den ſteifen Füßen zuſammen⸗ nehmen, ich dachte, ich und es könnten uns ja bald jetzt Abendeſſen und Nachtruhe herrlich ſchmecken laſſen. Und ſo war ich in den Speyrer Thoren. Langweilig wurde mir das ewige Umherreiten in den Gaſſen, bis ich Hr. Pf. Majer's Haus endlich fand. Ich wurde mit ſtürmiſcher Freude von der Ricke und Blumen, von der Frau Blumin, und deren Tochter, der Pf. Ma⸗ jerin, und Pf. Majer mit außerordentlicher Höflichkeit aufgenommen. Ge⸗ nug für dieſen Tag! Den 3. Juni. Der Blum und die Ricke hatten ſchon vor meiner An⸗ kunft auf dieſen Tag eine Reiſe nach Heidelberg vorgehabt. Es wurde alſo ausgemacht, daß ich mein Pferd durch des Blumen Kutſcher, der wieder zu⸗ rück nach Markgröningen ſollte, weil ſie ſich noch länger aufhalten, hinauf⸗ ſchicken ſollte, und mit ihnen fahren, wo Blum kutſchirte. Ich mußt' alſo ſchon wieder morgens um 4 Uhr aus den Federn und um 5 Uhr ſaß ich zu gutem Glücke meiner matten Glieder, im Cariol. Wir ſchifften wieder über den Rhein, und ein paar Stunden waren wir in den berühmten churfürſt⸗ lichpfälziſchen Luſtgärten von Schwetzingen. Beſchreibung iſt hier wenig. Man muß die Pracht, die außerordent⸗ lichen Schönheiten der Kunſt, die ausgeſuchten Gemälde, die Gebäude, die Waſſerwerke u. ſ. w. ſelbſt geſehen haben, wenn man ſich einen Begriff da⸗ von machen will. Doch eins muß ich nennen. Es iſt hier eine türkiſche Moſchee(Tempel) angelegt, die mancher, der ſie ſieht, unter den vielen Schönheiten, vielleicht vergißt, aber mir gefiel ſie am Beſten. Das Ganze iſt, was Hohenheim und die Solitude miteinander— meinem Begriff nach. Von Schwetzingen nach Heidelberg hatten wir drei Stunden lang ſchnurge⸗ rade Chauſſee, und auf beiden Seiten alte, eichengleiche Maulbeerbäume. Ungefähr um Mittag kamen wir in Heidelberg an. Die Stadt gefiel mir außerordentlich wohl. Die Lage iſt ſo ſchön, als man ſich je eine denken kann. Auf beiden Seiten und am Rücken der Stadt ſteigen ſteile waldichte Berge empor und auf dieſen ſteht das alte, ehrwürdige Schloß. Ich ſtieg auch hinauf, und machte eine Walfahrt zu dem berühmten Heidelberger Faß, dem Symbol ſo manches Zechers, dem Bonmot ſo manches Trinklieds. Es iſt wirklich ſo groß, daß man oben ganz bequem herumtanzen kann. Es ſind Schranken auf ihm, daß man ohne Gefahr darauf gehen kann. Aber das kann ich verſichern, daß ein Fall von ſeiner Höhe mir eben ſo unangenehm wäre, als aus meinem Kloſterfenſter. Merkwürdig iſt auch die neue Brücke daſelbſt. Nachmittags reiſten wir noch nach Mannheim. Eine Reiſe nach Speier. Wir hatten herrlichen Weg am Neckar hinab. Kaum waren wir aus⸗ geſtiegen, ſo gingen wir in's Schauſpiel. Schöner, gebildeter, vollkommener kann man ſich nichts denken, als das Mannheimer Nationaltheater.— Nach dem Schauſpiel ſah ich noch das Zeughaus, wo Kanonenkugeln, wie Stein⸗ haufen aufgebeugt ſind, wo ich zum erſtenmal Granaten, Bomben, Kanonen u. ſ. w. ſah und dann die Jeſuitenkirche, das prächtigſte Gebäude, das ich auf meiner Reiſe fand. Die Stadt iſt beinahe zweimal größer als Stutt⸗ gart. Das fürſtliche Schloß ſieht man aus den meiſten Gaſſen. Die Gaſ⸗ ſen ſind ganz gerade. Alles iſt eben. Die Gebäude machen jedesmal ein großes Viereck. Das Kaufhaus iſt ſo ungeheuer groß, daß mich ein Gang um daſſelbe herum beinah eine halbe Viertelſtunde koſtete. Am Abendeſſen kam ich neben einen Grafen von Styrom(Styrum?) zu ſitzen. Es iſt ein Bruder vom Biſchof in Bruchſal. Ich war nur eine Stunde um dieſen Mann, aber ich werd ihn bis zum Grabe verehren. Er iſt General, und in ſeines Herrn, des Königs von Frankreich Dienſten grau geworden. Er unterhielt ſich mit mir, wie mit ſeinem Bruder, erzählte mir von ſeinen Schlachten, ſeinen Gefahren, ſeinen Siegen, ſeinen Niederlagen; ich hätte bald vergeſſen, daß dieſer Mann Graf Styrom, und ich Student Höl⸗ derlin wäre, und wär' ihm um den Hals gefallen, ſo viele Liebe gegen ihn flößte mir dieſer Greis ein. Er iſt mir am verehrungswürdigſten unter allen Leuten, die ich auf meiner Reiſe kennen lernte. Mittwoch, den 4. Juni. Ich blieb noch bis morgens 10 Uhr in Mannheim, in welcher Zeit ich den Hofkammerrath Dillenius, einen Oncle von meinem Märklin, beſuchte und ſehr viel Höflichkeit genoß. Ich machte noch einen flüchtigen Strich durch die vornehmſten Gaſſen der Stadt, beſah das Schloß und das Bollwerk, und überall fand ich Palläſte, die mich mit Staunen erfüllten. Unterdeſſen hatten meine Gefährten ſich reiſefertig gemacht, ich ſprang in die Chaiſe und trennte mich ungern von einem Ort, in welchem ich noch ſo viel merkwürdiges ſehen, noch ſo manchen neuen Be⸗ griff mir hätte erwerben können. Wir mußten über fünf Brücken bis wir auf die Straße kamen; die über den eigentlichen Rhein ging, war ungeheuer lang und eine Schiffbrücke. Hier waren große Boote an Ankern beveſtigt und ſo aneinander gereiht, auf dieſen ſtand die Brücke. Wenn nun Schiffe kommen, ſo ſind Maſchinen, mit welchen man die Brücke an verſchiedenen Orten öffnen kann. Das aber, was meine Augen am meiſten auf ſich zog, waren die Churfürſtlichen Schiffe, die am Ufer ſtanden. Vom Waſſer an bis a kleine Der Meng haum konnte ganze nur d (des Von J. Ch. Fr. Hölderlin. 75 bis ans Verdeck(alſo den Boden ungerechnet) mochten ſie ungefähr einen kleinen Stock hoch ſein, ihre Länge aber betrug ſich ſicher auf 24 Schuhe. Der Maſtbaum ragte einen großen Stock über das Verdeck hinaus und eine Menge von Tauen(Seilen) hing daran herab, mit welchen man den Maſt⸗ baum herablaſſen und aufrichten, das Segeltuch einziehen und ausbreiten konnte. Ganz vorn war ein Zimmer, mit grünen Läden, und überhaupt das ganze Schiff war gelb und roth angeſtrichen. So waren zwei da, ganz gleich, nur daß das Schiff der Churfürſtin ein wenig kleiner war, als Theodors (des Fürſten) ſelbſt. Wir kamen durch die ſchönſten Alleen nach Oggersheim, wo der Churfürſtin ihr Sitz iſt. Ich kam hier in das nemliche Wirthshaus, in wel⸗ chem ſich der große Schiller lange aufhielt, nachdem er ſich aus Stuttgart geflüchtet hatte. Der Ort wurde mir ſo heilig, und ich hatte genug zuthun, eine Thräne im Auge zu verbergen, die mir über der Bewunderung des großen genialiſchen Dichters in's Auge ſtieg. Von dem Luſtſchloß der Chur⸗ fürſtin kann ich nichts eigentliches ſagen, ich ſah nichts als Häuſer und Gär⸗ ten, denn Schiller ging mir im Kopf herum. Um Mittag kamen wir zu Frankenthal an. Nach dem Eſſen gingen wir zuerſt in die Gegeliſche Buchdruckerei, dann in die Porzellanfabrik, wo ich im Magazin ſehr ſchöne Arbeit antraf, von da aus in die Seidenfabrik, wo mir's auch ſehr wohl gefiel; von da aus zum Canal, das ein ſehr ſehens⸗ würdiges Werk iſt. Beſchreiben kann ich hier nicht, weil ich ſelbſt einen dun⸗ keln Begriff davon habe. Am nemlichen Nachmittag fuhren wir nach Speyer zurück, und ſo hatt' ich die meiſten merkwürdigen Städte der Pfalz in kurzer Zeit geſehen. Morgen ſeh' ich mich in Speyer um. Donnerstags, d. 5. Juni. Mein erſter Gang war Morgens zur Domkirche. Dies iſt eines der merkwürdigſten Gebäude, die ich auf meiner Reiſe ſah und das einzige, das ich recht genau und mit gehöriger Muße be⸗ ſah. Wenn man vorn am großen majeſtätiſchen Portal eingeht, ſo ſieht man vor ſich einen leeren Platz von einer ziemlichen Länge bis an große Staffeln hin, und von ungewöhnlicher Höhe, die durch prächtige einfache Säulen von den Nebengebäuden getrennt wird. Ueber den Staffeln aber ſteht ein großer ganz marmorner Altar, welcher ſo hoch iſt, daß auch wieder Staffeln daran gebaut ſind, und auf welchem fünf brennende Lichter in gol⸗ denen Leuchtern ſtehen.(Die Leuchter ſtehen pyramidenmäßig, und der längſte mag ſicher eine Elle meſſen.) Neben dem Altar ſtanden auf beiden Seiten 76 Cine Reiſe nach Speier. Kirchſtühle, und in den zwei Ecken neben Kirchſtühlen wieder zwei Altäre, von gleicher Pracht, wie der erſte. Ganz hinten im Chor ſtand der Thron des Biſchofs von Bruchſal, das prächtigſte, was man ſich vorſtellen kann, und auf beiden Seiten des Throns herunter die Stühle der Domherren, welche alle vergoldet ſind. Und ſo nehme man das ganze rieſenmäßige Gebäude zuſammen, man ſtelle ſich unten an's Portal hin und denke ſich— wie oben herab der Thron und die prächtigen Stühle ſchimmern und der Marmoraltar, wie er mit ſeinen Lichtern ſo erhaben daſteht, und oben das unermeßliche Gewölbe—— ich hielt mich eine Stunde darin auf, und könnte beinahe noch bisher jeden Tag eine Stunde darin geweſen ſein, ohne Langeweile gehabt zu haben. Von da aus ging ich zum Rath Boßler und beſah ſeine Muſikalien⸗ handlung. Es gefiel mir da auch ſehr wohl. Doch eil' ich zu einem inter⸗ reſſanteren Gegenſtande. Ich hatte Vormittags ſo ziemlich mich in Speyer umgeſehen. Nachmittags wollt' ich alſo in's Freie, um da in der Gegend umher mein Auge zu weiden. Ich lief den ganzen Nachmittag beinahe im ganzen Speyrer Bezirk umher, ohne was zu finden, das meine Aufmerkſam⸗ keit beſonders an ſich gezogen hätte. Es ging ſchon gegen Abend, als ich auf den ſ. g. Kran kam(wo die Waaren der Schiffe ausgeladen werden). Ich glaubte neugeboren zu werden über dem Anblick, der ſich mir darſtellte. Meine Gefühle erweiterten ſich, mein Herz ſchlug mächtiger, mein Geiſt flog hin in's Unabſehliche— mein Auge ſtaunte— ich wußte gar nimmer, was ich ſah, und da ſtand ich— wie eine Bildſäule. Man denke ſich, der majeſtätiſche ruhige Rhein, ſo weit her, daß man die Schiffe kaum noch bemerkte, ſo weit hinaus, daß man ihn faſt für eine blaue Wand anſehen konnte, und am gegenſeitigen Ufer dicke, wilde Wälder und über den Wäldern her die dämmernden Heidelberger Gebirge, und an der Seite hinab eine unermeßliche Ebene und alles ſo voll Segen des Herrn — und um mich alles ſo thätig— da lud man Schiffe aus, dort ſtießen an⸗ dere in's Meer, und der Abendwind blies in die ſchwellenden Segel—— ich ging gerührt nach Haus, und dankte Gott, daß ich empfinden konnte, wo Tauſende gleichgültig vorübereilen, weil ſie entweder den Gegenſtand ge⸗ wohnt, oder Herz, wie Schmeer, haben. Den Abend brachte ich bei einem Glas Bier noch ſehr vergnügt zu— ich konnte den Leutchen anſehen, daß ſie mich gerne noch länger bei ſich gehabt hätten. Freitags, d. 6. Juni. Da wär' ich nun wieder im Kloſter. Es ltäre, Thron kann, erren, äßige ich— d der n das und ohne alien⸗ inter⸗ peyer egend ſe im ſam⸗ 3 ich man eine alder dan errn nan⸗ Von J. Ch. Fr. Hölderlin. 77 war mir noch nie ſo eng, ich möcht' als gerne meine Kirche für den Dom, meine Mauren für Palläſte, meine Seen für den Rhein, und meinen dun⸗ keln Schlafboden für fürſtliche Alleen anſehen.— Nur noch kürzlich die Geſchichte des heutigen Tages. Der Blum und die Ricke begleiteten mich mit der Chaiſe bis nach Oberhauſen, von wo aus ich mir ein Pferd bis hieher nahm. Um 12 Uhr war ich in Bruchſal, kehrete aber diesmal bei Frau Baas Vogtin ein, weil mir's im Wirthshaus ſo gar nicht gefallen hatte, und ich die ehemalige Igf. Baas Nikolain auch wieder ſehen wollte. Sie freute ſich ſehr, auch wieder was von ihnen zu hören, und war außerordentlich höflich und freundſchaftlich gegen mich. Um 3 Uhr reiſt' ich wieder weiter. Und ſo kam ich noch bei hellem Tag hieher und ſo hätte denn meine Reiſebeſchreibung ein Ende.— Zur fecture. Belletriſtik. K. Diez, Editha. 2 Bde. Berlin. Decker. 1867. Wir haben dies Buch, in welchem das Kämpfen und Ringen eines tüchtigen, edlen Frauenherzens geſchildert wird, das ſich in und mit der Muſik über alle Erdennoth erhebt, mit lebhaftem Intereſſe geleſen und kön⸗ nen nicht umhin der feinen Anlage und Entwickelung, der ſauberen, maß⸗ vollen Ausführung unſere volle Anerkennung zu zollen. Man muß freilich zu dieſer Lecture ſelbſt eine tiefe Liebe zur Kunſt und Theilnahme und Ver⸗ ſtändniß für das mitbringen, was im Menſchen ſchafft, ringt und ſtrebt. Es i*ſt ſchimm genug, daß die meiſten neueren Bücher ſolche Forderungen nur ſelten an ihre Leſer ſtellen. Louiſe Otto, Die Idealiſten. 4 Bde. Jena. Hermsdorf. 1867. Ein Roman aus dem Leben und Treiben der Gegenwart, mit dem Ge⸗ ſchick entworfen und ausgeführt, das wir in den Büchern dieſer Schriftſtel⸗ lerin ſtets wiederfinden. Zu unſerem Bedauern finden wir aber auch das wieder, was L. Otto gleichfalls ihren Büchern mitzugeben pflegt, das iſt ein Verweilen bei den Auswüchſen des heutigen Lebens und der jetzigen Geſell⸗ ſchaft, ein Hervorheben grade der Thorheiten und Schäden, ein herbes Ver⸗ ſpotten oder ſcharfes Verurtheilen deſſen, was jeder Einſichtige und Vernünf⸗ tige gleichfalls als Schatten beklagen oder belachen mag, das er aber zum Theil für unvermeidlich, zum Theil ſogar für nothwendig erkennen muß, wenn überhaupt von einem fortſtrebenden und ringenden, lebens vollen Le⸗ ben die Rede ſein ſoll. Ein ſolches kann der Gegenſüätze nicht entbehren. Zur Lecture. 79 H. E. R. Belani, Joſephine. 3 Bde. Leipzig. C. F. Schmidt. 1866. Ein„geſchichtlicher Lebensroman“ des Genres, das jetzt bei den zahl⸗ loſen Halbgebildeten das beliebteſte iſt, weil es ihnen nicht bloß zur Unter⸗ haltung, ſondern auch zur Belehrung, d. i. zur„Vermehrung ihrer Ge⸗ ſchichtskenntniſſe“ dient. Wer das Ding genauer kennt und etwas ernſter nimmt, ſchüttelt freilich den Kopf zu der Ungenirtheit oder— Kunſt, mit der in ſolchen Darſtellungen die Hiſtorie mundgerecht gemacht wird, und läßt ſich ſchwerlich durch die glatte Darſtellung darüber hinwegheben. Album, Jahrgang 1867. Bd. 5— 8. Temme, Der D omherr. Leipzig. E. J. Günther. Eine Erzählung, welche im Jahre 1815, zur Zeit der letzten großen Schlachten gegen Napoleon beginnt und den Leſer mit den auftretenden Per⸗ ſonen und an ihren Schickſalen die folgenden Jahre der ſchrecklichſten und traurigſten Neaction er⸗ und durchleben läßt. Wir können das Buch unſe⸗ rem Publikum als ein intereſſantes und leſenswerthes empfehlen. Es iſt eins von denen, aus welchen man wirklich die Zeit und Menſchen kennen ler⸗ nen kann, ohne daß ſie ſolche Belehrung auf dem Titel verheißen. L. Gräfin v. Robiano, Lebende Bilder. 2 Bde. Leipzig. Ch. F. Koll⸗ mann. 1867. Die beiden Bändchen enthalten ſieben kleine Erzählungen, die uns bei weitem mehr angeſprochen haben als der Roman der Verfaſſerin, deſſen wir neulich erwähnten. Sie ſind faſt alle recht hübſch erfunden oder zeigen den vorhandenen oder bekannten Stoff gut benützt und leſen ſich faſt immer an⸗ genehm fort. K. v. Holtei, Theater. Bd. 1. 2. Breslau. Trewendt. 1867. Die beiden Bände enthalten: Lenore, Der dumme Peter, Ein Trauer⸗ ſpiel in Berlin, Der alte Feldherr; Robert der Teufel, Wiener in Berlin, Lorbeerbaum und Bettelſtab, Berliner in Wien. Der Dichter hat jedem Stücke eine kurze Einleitung über Entſtehung, Aufführungen und Schickſale der Arbeit vorausgeſchickt. Eine Würdigung dieſer Stücke wird niemand von uns erwarten; es ſind einige darunter, die nicht durchdrangen und ver⸗ geſſen wurden, andere aber und zwar die Mehrzahl, haben zu ihrer Zeit den rauſchendſten Beifall gefunden und werden auch heut noch immer wieder Zur Lecture. 80 gern geſehen. Wir denken, daß die älteren unter unſeren Leſern ſich faſt aus⸗ nahmslos freuen werden, das hier gedruckt zu finden, was ſie vordem von den Brettern herab erheiterte und bewegte. A. Lindner, Stauf und Welf. Jena. Coſtenoble. 1867. „Ein hiſtoriſches Schauſpiel in 5 Aufzügen“, ſelbſtverſtändlich aus der Zeit des Barbaroſſa und Heinrich des Löwen. Wir müſſen uns, wie dra⸗ matiſchen Arbeiten gegenüber immer, auch hier mit der Anführung des Titels begnügen, da eine wirkliche Würdigung des Stücks weit über unſere Gren⸗ zen hinaus führen müßte. Ueberhaupt kann unſerer Anſicht nach, die rich⸗ tige Beurtheilung eines Theaterſtücks nur dann gelingen, wenn die Lecture dem Anſchauen der Aufführung folgt. aus⸗ nvon 3 der dra⸗ Litels ren⸗ rich⸗ xeture Der Hanptmann von Sarow. Eine Ritterhofgeſchichte. Von C. W. Stuhlmann. 1. Es war im Auguſtmonat des Jahres 1796. Allenthalben war man mit dem Einfahren des Getraides beſchäftigt, welches in dieſem Jahre in ganz beſonderer Fülle gewachſen war, und ſo auch auf dem großen Ritter⸗ hofe Sarow, dem Wohnſitze des Hauptmanns von Sarow. Letzterer, ein herkuliſch gebauter Mann, lag hemdsärmelig in einem offenen Fenſter des Parterregeſchoſſes des großen Herrenhauſes und ſchaute, die kurze Pfeife im Munde, nach den Fuhrwerken und den Arbeitern, welche in verſchiedenen Scheunen und auf einigen Feimen mit dem Einbanſen des Getraides be⸗ ſchäftigt waren. Ab und an warf aber auch der Hauptmann einen Blick auf das mit ſeinem niedrigen Stacketwerk umhegte Raſenrondel, welches ſich vor dem Herrenhauſe befand. Hier ſtand ein Pfahl, und an dieſen war ein Mann mit Hals, Händen und Beinen feſt angeſchloſſen, ſo daß er ſich kaum irgend⸗ wie zu bewegen vermochte. Rechts neben dem Pfahle befand ſich ein Gerüſt von Holz, welches der Schandeſel hieß, deſſen Körper dachartig ſcharf zuge⸗ ſchnitten war, und dem man vier Pfähle als Beine und einen eſelartigen Kopf und einen Kuhſchwanz eingefügt hatte. Letzteren hielt der augenblick⸗ lich darauf Reitende, ein bereits ergrauter Mann, in der Hand, und obſchon ſeine eigene Lage ſicherlich nicht behaglich war, richteten ſich dennoch ſeine Blicke und Gedanken einem dritten Unglücksgefährten zu, welcher auf der Hausblätter. 1867. Iv. Bd. 6 82 Der Hauptmann von Sarow. anderen Seite des Pfahles mit Händen und Füßen in den ſogenannten er Ganten gelegt war. Letzterer befand ſich ſicherlich von den dreien in der— übelſten Situation, denn außerdem daß er in die denkbar widernatürlichſte ertt Körperſtellung eingepreßt war, glühte ihm die Auguſtſonne geradeswegs auf es den unbedeckten Kopf.„Konrad,“ ſagte jetzt der Eſelsreiter,„kannſt du es die auch noch aushalten?“— Konrad ſchwieg eine Weile.„Ja,“ entgegnete er nunmehr,„ich halt' es ſchon aus, Vater.“— ten Es wäre jedoch klüger von ihm gethan geweſen, dieſe Meinung nicht zu we verlautbaren, denn im ſelben Augenblick gab ihm die Peitſche des Frohn⸗ ſeit vogts, welcher ſich in nächſter Nähe befunden hatte, die Belehrung, daß ſein dar jetziger Zuſtand verſchlechtert werden könne.—„Recht ſo, Langermann!“ d rief der Hauptmann dem Vogte zu, dem dieſer Ruf denn auch nicht umſonſt te erſcholl,„ſo lange ſolche Hunde noch knurren, müſſen ſie die Peitſche auf ar ihren Rücken fühlen.— Wartet Cujone, die revolutionären Ideen will ich ch euch ſchon austreiben!“— R Die Gemißhandelten ſchrien laut auf.„Was gibt es hier denn ſchon in wieder, Langermann?“ fragte in dieſem Augenblick ein bejahrter, ſchwarzge⸗ ſa kleideter Mann, welcher von ſeitwärts auf den Hof gekommen und ohne bis we dahin bemerkt worden zu ſein, auf das Rondell getreten war.„Wie? Vater Ge Lock, Er hier auf dem Eſel? Wie iſt denn das zugegangen?“ 8 Der Frohnvogt hatte bei der Anrede des Schwarzgekleideten ſeine u Peitſche ſinken laſſen.„Herr Paſtor, wenn Sie darüber Auskunft wünſchen, was auf Sarow vorgeht, ſo wenden Sie ſich an mich und nicht an andere, b am wenigſten aber an's Geſindel ſelber!“ rief in dieſem Augenblick der Hauptmann vom Fenſter her.—„Ja,“ ſagte der Prediger, indem er dem b Hauſe zuſchritt,„in der That, Herr Hauptmann, ich hätte gern eine Aus K 4 kunft darüber, was dieſe Menſchen verbrochen haben. Seit dreißig Jahr ſc bin ich nunmehr Prediger in Sarow und ich kann Sie verſichern, daß i 1 u den Bauern Lock und ſeine ganze Familie immerdar als die rechtſchaffenſten 4 Menſchen gekannt habe.“—„Rechtſchaffenſte Menſchen?“ erwiderte der gr Hauptmann,„revolutionäre Canaillen ſind es! Verräther, Empörer, Ge⸗ Ln ſindel, Diebe!“—„Diebe?“ entgegnete der Paſtor,„Herr Hauptmann, ver⸗ 1 zeihen Sie, dieſes bezweifle ich durchaus.“ u Dieſes Geſpräch war ſeitens des Paſtors Stark vom Hofe aus geführt s worden, und obſchon der Gutsherr ihn nicht einlud, in das Haus zu treten, that er es jetzt dennoch.„Herr Hauptmann,“ ſprach er,„ich bin der Seel⸗ d unten n der licſte s auf du es ete er cht zu rohn⸗ ſein mn!“ nſonſt ze auf ill ich Von C. W. Stuhlmann. 87 er aber mit den Engeln Kegel ſchieben, ſo will ich fiedeln und tanzen laſſen.“ — Nachdem der Hauptmann ſo geſprochen, ließ er den Inſpector rufen und ertheilte dieſem Befehl, das Einfahren für heute Nachmittag einzuſtellen, da es doch alsbald regnen werde. Die Kalows ſollten zum Spielen kommen, die Wirthſchafterin ſolle eine Tonne Bier auflegen, die Leute ſollten tanzen. Der Milchkeller im Wirthſchaftshauſe, welcher bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten den Fröhnern als Tanzſaal diente, war bald ausgeräumt, und bevor es zwei vom Kirchthurme geſchlagen hatte, zogen die Kalows, deren Geſchlecht ſeit Hunderten von Jahren die Sarow'ſche Begüterung mit Muſik verſorgte, darin ein und Männer und Weiber, Jungen und Dirnen kamen zum Tanz. Die Männer und Jungen waren meiſtens in friſchgewaſchenen Kitteln, hat⸗ ten die Haare ſich glatt in's Geſicht niedergekämmt und große Waſſerſtiefel angezogen, die ſie zuvor reichlich mit Thran und Talg getränkt hatten. Mäd⸗ chen und Frauen trugen buntgedruckte Leinwandmieder und buntgeſtreifte Röcke von Beiderwand und hatten kleine weiße Mützen auf den nach hinten in einen Wulſt zuſammengenommenen Haaren ſitzen. Man durfte nicht ſagen, daß dieſe Tracht eine unkleidſame war, dennoch aber ſah man nur wenige Frauenzimmer, denen ſie wirklich gut ſtand, denn auch noch jetzt hat Geltung, was ſchon die alten Griechen beobachtet hatten, nämlich, daß die Sklaverei und das Gebundenſein an die Scholle den Menſchen degenerirt und häßlich macht. Inzwiſchen war das Gewitter heraufgekommen und es donnerte und blitzte gewaltig. Dennoch befahl der geſtrenge Herr, daß der Tanz ſeinen Anfang nehmen ſolle. Vergeblich erhob dagegen das Haupt der Muſici, der bereits ſilberhaarige Weber Kalow, der Vater und reſpective Großvater der übrigen Kapelle, ſeine Einwendung: daß wenn Gott rede, der Menſch zu ſchweigen habe.„Ei was!“ rief der Hauptmann,„auf Sarow bin ich Herr und weiter niemand. Friſch, Kerls, macht euch parat, einen aufzuſtreichen! Ich ſelber will die Violine nehmen und der Meiſter Ziegenbock ſoll ſich den großen Baß holen.“—„Gnädiger Herr, den großen Baß?“ ſagte im bit⸗ tenden Tone der kleine dürre Schneider, ein Enkel des Muſikdirektors.— „Nicht lange meckern!“ erwiderte der Hauptmann,„haſt nicht gehört, was ich befohlen habe? Den großen Baß holſt du her. Soll ich dir etwa deine Spinnenbeine einmal ordentlich in Bewegung bringen?“— Bei letzteren Worten legte der geſtrenge Herr die Rechte an den Stiel der Karbatſche, welche ihm immer, wenn er ſie nicht in der Hand hielt, im Der Hauptmann von Sarow. 88 linken Schaft ſeiner hohen Reitſtiefel ſteckte. Das Schneiderlein mochte die herbe und einſchneidende Bitterkeit derſelben ſchon öfter gekoſtet haben oder doch keine Luſt ſpüren, ſie zu koſten, und ging demnach im Geſchwindſchritt nach dem Baſſe. Bald ſchleppte er denn auch dieſen mit Hülfe des Jägers herbei, und es war ein ähnlich ungethümliches Inſtrument, wie dasjenige, deſſen Darbringung einſt einen Herzog von Sachſen⸗Weißenfels dazu ver⸗ mochte, einen Neugeborenen, von dem er anfänglich abſolut nichts wiſſen wollte, als ſeinen Sohn anzuerkennen. Um es zu ermöglichen, dieſen Baß⸗ giganten zu greifen und zu ſtreichen, mußte der kleine Schneider auf einen hölzernen hohen Schemel ſteigen, welcher wider alle Natur nur drei Beine beſaß, von denen das eine obend'rein noch an einer Verkürzung litt, was die natürliche Folge hatte, daß Schemel und Muſikus nicht allzu feſt ſtanden. „Aufgepaßt!“ kommandirte nunmehr der Hauptmann, welcher ſich eine Vio⸗ line hatte bringen laſſen, ſchlug mit dem Bogen auf das Notenblatt, und Fiedelei und Tanzvergnügen nahmen ihren Anfang. Das Unglück wollte es beim zweiten oder dritten Tanze, daß der kleine Schneider mit ſeinem hochbeinigen Bocke durch irgend einen Anſtoß in ein heftiges Wackeln gerieth, faſt niedergeſtürzt wäre, und in Folge deſſen dem Baſſe die allerentſetzlichſten Grunztöne entlockte. Dieſe Diſſonanz konnte das muſikaliſch gebildete Ohr des Herrn nicht ertragen, ohne der Hand den Auftrag zukommen zu laſſen, den frechen Beleidiger zu ſtrafen, und ſo hieb denn der Herr von Sarow dem armen Schneider mit dem Violinbogen hef⸗ tig quer über das Geſicht, packte ihn dann mit der Fauſt in den krauſen Haaren und hielt ihn einige Sekunden hindurch an dieſen in die Höhe. „Kannſt nicht Takt und Balance halten, du Schwerenöther?“ rief er dem zitternden Schneiderlein zu, und während er denſelben nun wieder auf ſei⸗ nen Thron zu ſtellen beabſichtigte, purzelten der Muſikant, ſein ungeheures Inſtrument und der dreibeinige Holzbock alle ſammt und ſonders zu Boden. „Da liegt die ganze muſikaliſche Schneiderei im Graben!“ lachte nunmehr der Hauptmann, und dann gab er die Violine ab und ſagte:„Will ſelber jetzt einmal tanzen. Guckt mir ordentlich nach den Beinen, ihr Heuochſen, daß ihr es ſpäter nachmachen könnt.“— Der geſtrenge Herr trug am heutigen Tage, wie er es im Hauſe und auf dem Felde gewöhnlich zu thun pflegte, eine lange Schooßjacke von dun⸗ kelfarbigem engliſchem Kattun, der damals übrigens nicht ſo ſpinnewebig war wie in unſeren Tagen. Uebrigens ſteckte er in hirſchledernen Beinklei⸗ Baß⸗ einen eine die nden. Von C. W. Stuhlmann. 83 ſorger jener armen Menſchen, und demnach habe ich ein Recht darauf, die Frage zu ſtellen, was jene verbrochen haben. Bei Ihrem hochſeligen Herrn Vorgänger kannten wir Gottlob kaum dieſe Strafen, welche jetzt alle Tage hier gang und gäbe ſind. Damals wären nur wirkliche, ſchwere Verbrecher davon betroffen worden und vielleicht ſolche nicht einmal.“—„Und habe ich nicht ein Recht dazu?“ unterbrach hier der Hauptmann,„kann und darf ich etwa nicht mit meinen Leibeigenen ſo verfahren? Was? Sind ſie nicht mein Eigenthum, mein Hab und Gut, wie es mein Ochs, mein Eſel und mein Pferd iſt? Steht es nicht nach Landesgeſetz mir zu, daß ich die Canaillen, ſofern ſie aufſätzig und widerſpänſtig ſind, mit Block und Stock und Peitſche ſtrafen darf?— Was, thut's das etwa nicht?“—„Herr Hauptmann, ich weiß, daß es ſich ſo verhält,“ entgegnete mit würdiger Ruhe der Paſtor,„aber ich weiß auch, daß es eine höhere Gerechtigkeit gibt, als diejenige eines Gutsherrn.“—„Meinen Sie etwa diejenige des Hofgerichts, oder gar diejenige des Reichskammergerichts? Die letztere hat vollſtändig ausgebuttert!“ hohnlachte der Hauptmann.—„Nein,“ entgegnete der Pa⸗ ſtor,„die Gerechtigkeit vom Reichskammer⸗ und Hofgericht meinte ich nicht, Herr Hauptmann, ſondern ich meinte diejenige, gegen welche Tyrannen und Despoten, ja Satanas ſelber umſonſt anbelfern, ich meinte diejenige des allmächtigen und allgerechten Gottes.“ Der Hauptmann ſchwieg eine Weile und dampfte gewaltig aus ſeiner Pfeife.„'ne Verpflichtung,“ ſagte er dann,„habe ich nicht, es Ihnen klar zu machen, weßhalb die Hallunken“— und bei dieſen Worten zeigte er mit dem Daumen über die Schulter nach dem Rondel,—„dort abgeſtraft werden. In dieſem Fall paßt es mir aber, ſolches einmal zu thun, will aber gleich bemerken, daß daraus für die Zukunft kein Präjudiz gemacht werden ſoll. Sehen Sie, ich ſelber hab's heut mit meinen eigenen Ohren gehört, wie die alte Canaille dort zu ſeiner Brut ſagte, daß wenn der Franzoſe hier einmal käme, wohl manches anders und beſſer werden würde, und wie man ihm kürzlich in der Stadt erzählt habe, daß die franzöſiſchen Bauern und die am Rhein weder Hoftage noch andere Frohnden mehr kennten. Die junge Beſtie meinte darauf, daß es vielleicht auch nicht ſchaden könnte, wenn es hier im Lande einmal losginge und man den grauſamſten Junkern die Köpfe ab⸗ hackte. Was den dritten Kerl, den Hinrich Puls, betrifft, ſo hat der Hal⸗ lunke ſich geſtern Abend thätlich an meinem Wirthſchafter in Lukow vergrif⸗ fen, als dieſer einen Streit mit einer Hofgängerdirne hatte.“—„Ich habe 6* 84 Der Hauptmann von Sarow. die Sache bereits heute Morgen von dem Mädchen ſelber gehört; ſie iſt die Verlobte des Puls, und es wäre gerechter geweſen, den Wirthſchafter ſtatt ihn an den Pfahl zu ſchließen,“ ſagte der Prediger. „Die Dirmw iſt die Verlobte des Puls?“ erwiderte der Hauptmann, „ei, was Sie da ſagen, mein werther Herr Paſtor! Da müßte ich es doch wohl wiſſen? Ihnen, als einem ſo langjährigen Prediger, ſollte es doch nicht unbekannt ſein, daß ein Leibeigener ſich ohne Vorwiſſen und Einwilligung ſeiner Herrſchaft gar nicht verloben kann oder wenigſtens nicht darf. Hat 5 ennoch jener Kerl dergleichen gethan, ſo hat er ja ſchon dadurch reichlich ſich 3 die Züchtigung verdient, die er jetzt leidet, und ſo eine Canaille, die ſich offen⸗ barer Auflehnung gegen ihre ihr von Gott geſetzte Obrigkeit ſchuldig ge⸗ macht hat, findet noch einen Vertheidiger in Ihnen? Gehört die Dirne nicht mir? Wer hat über ſie zu verfügen: jener Kerl dort oder ich, ihr Leib⸗ und Grundherr?— Langermann, Ihr beſorgt mir, daß die Fiek Lübke aus Lukow 85 Feua⸗ Abend hier auf's Herrenhaus kommt.“ MNiit den Zeichen der größten inneren Erregtheit ging der Paſtor im Zimmer auf und nieder; nunmehr ſtellte er ſich dicht vor den Gutsherrn⸗ „Fürchten Sie denn gar nicht den allmächtigen und allgerechten Gott, Herr Hauptmann?“ ſagte er, wiſſen Sie nicht, daß der Ihnen dereinſt am Tage des Gerichtes zurufen wird:„was du ihnen gethan haſt, das haſt du auch mir gethan? Sind Ihre Unterthanen keine Menſchen? Wollen Sie ſelber ein Werkzeug ſein, um ſie unter das Vieh herabzuwürdigen? Sind auch da⸗ zu dieſe Unglücklichen geſchaffen, daß ſie ihrem Herrn und deſſen Bütteln zur Sünde dienen müſſen?“—„Ja, dazu ſind ſie geſchaffen!“ ſchrie der Haupt⸗ mann,„und nur ein Menſch, welcher keinen Funken von geſundem Verſtand mehr im Schädel hat, kann dieſes in Frage ziehen. Wollt Ihr es etwa läugnen, Paſtor, daß der Unterthan des Herrn wegen da iſt? Könnt Ihr das läugnen?— Dieſe Brut muß immer und unaufhörlich und zu jeglicher Stunde das Joch und den Kloben auf dem Nacken fühlen, denn ſonſt wird ſie frech, übermüthig, widerſpenſtig, ja ſelber wohl gar gefährlich! Ihr Eigen⸗ ſinn und Eigenwille muß gründlich gebrochen und ausgereutet werden, wo immer und in welcher Geſtalt er ſich zeigt. Reine Maſchine muß ſie ſein, weiter nichts. Zu freſſen muß ſie nichts haben, als trockenes Brod, eine Kerbe Häring und Kartoffeln, und hat ſie dann noch ſo viel Lumpen, um nothdürftig die Blöße zu decken, ſo iſt es hinreichend. Ihr und die übrigen Prieſter von Eurer Facon, Ihr wiegelt aber das Volk auf, und dafür ver⸗ ſt die ſtatt nann, doch nicht gung Hat h ſich offen⸗ ig ge⸗ nicht ⸗ Und Lukow or im herrn. „Herr Tage auch ſelber ich da⸗ In zur Haupt⸗ eſtand Zetwa t Ihr giccher wird Eigen⸗ Von C. W. Stuhlmann. 85 dientet Ihr ſammt und ſonders an den Galgen gehängt zu werden. Schwatzt der Canaille von Tugend und Sittlichkeit und Beſtimmung des Menſchen und von einem heiligen Rechte, das ein jeder habe, und von Ehre und der⸗ gleichen Unſinnigkeiten vor und hetzt und reizt ſie dadurch zum Ungehorſam! Was, kann ein Sklave Recht und Ehre haben? Seine einzige Tugend beſteht in unbedingteſter Unterwerfung unter ſeiner Herrſchaft Willen, und was dieſem zuwiderläuft, das iſt für ihn Sünde und Laſter! Wie und wo ich den Leibeigenen nutzen will, iſt gleich. Wollt ich's wie der türkiſche Sultan machen, ſo hat niemand d'rein zu reden, und die Kreatur, welche nicht mit allen Faſern ihres Leibes und ihrer Seele dazu willig wäre, verdiente nicht allein die Peitſche und den Ganten, ſondern auch das, was ihr Pfaffen die ewige Verdammniß nennt, denn ſie wäre eine Rebellin gegen das göttliche Geſetz: Du ſollſt deiner Obrigkeit unterthan ſein.“ „Wenn dieſes wirklich Ihre Anſicht iſt, ſo wäre es thöricht von mir noch weitere Worte darüber zu reden,“ ſagte der Paſtor,„bemerken will ich Ihnen aber noch, Herr Hauptmann, daß ich Sie, falls Sie das arme Mäd⸗ chen zur Sünde zwingen ſollten, nicht ferner zum Tiſche des Herrn zulaſſen kann und daß ich ebenſo das ſonntägliche Gebet für Sie, als den Patron der hieſigen Kirche, dann nicht länger ſprechen werde.“— Der Hauptmann ſprang von ſeinem Stuhle auf und mit drohender Geberde pflanzte er ſich dicht vor den Prediger hin.„So, das wollt Ihr?“ ſchrie er.„Ihr wollt mich wohl gar in den Bann thun, Prieſter? Das wird ja wahrhaftig immer bunter! Aber laßt es Euch geſagt ſein: ſtellt Ihr das Kirchengebet für mich ein, ſo ſtell' ich das Meßkorn für Euch ein, und wollt Ihr mir nicht Brod und Wein reichen, ſo ſollt Ihr den eigenen Trank bald hölliſch dünne finden. Die papiſtiſchen Mucken will ich Euch ſchon ausſchwe⸗ feln! Ich ſage Euch, Ihr ſollt vor Angſt in ein Mauſeloch kriechen. Ich brauche Eure Sündenvergebung gar nicht, habe ich doch andere Prieſter; der Woldſeburger wird ſich nicht weigern, mich zum Gottestiſch zu laſſen.— Ihr ſeid mir aber ja ein ſauberer Bonze, Ihr!“ Paſtor Stark hatte ſich bereits zum Gehen gewandt. Was ſollte es ihm auch nützen, hier noch länger zu reden? Einen Augenblick hatte er die Abſicht gehegt, noch einen Proteſt gegen das„Ihr“ zu erheben, mit welchem ihn der Gutsherr angeſprochen, denn eine ſolche Anrede galt zu jener Zeit für eine höchſt beleidigende, wie denn letzteres auch noch heutzutage in man⸗ chen Gegenden Norddeutſchlands bei der geringen Klaſſe ſo iſt. Er unter⸗ + Der Hauptmann von Sarow. ließ jedoch ſolches, denn er war kein Freund von Wortgezänken. Ebenſo unterließ er es auch, den Gepeinigten draußen auf dem Rondel ein Wort des Troſtes zu ſpenden, weil er ſich ſelber ſagte, daß dieſes nur dazu dienen würde, die Martern derſelben zu ſchärfen und in die Länge zu ziehen.— 24 Nachdem der Prediger gegangen war und der Hauptmann ſelbigem mit Worten und in Gedanken noch eine Weile nachgeſchimpft hatte, befahl letzterer einem Diener, der in einer alten Jagd ivre teckte, der Wirthſchaf⸗ terin zu ſagen, daß ſie ſich mit dem Anrichkemſpes eitta Herr von Sarow lebte nämlich ſeit mehreren Jahren en ge eine Frau und eine zahlreiche Familie am Leben hatte. Frau von Sarow wohnte mit den Kindern zu Woldſeburg, einem einige Meilen entlegenen Familieneigenthum der Sarows, woſelbſt auch der Herr Hauptmann ſeinen Wohnſitz gehabt hatte, bevor ihm Sarow mit ſeinen Pertinenzien, das bis vor wenigen Jahren einem nunmehr verſtorbenen weitläufigen Vetter gehört hatte, in Folge des Lehnrechtes angefallen war. So lange der Hauptmann auf Woldſeburg gehaust, hatte die Frau Gemahlin meiſtens auf einem klei⸗ nen Nebengute gewohnt, denn die Gatten harmonirten dann am beſten, wenn ſie nicht bei einander waren.— Die Wirthſchafterin zu Sarow war eine tüchtige Perſon, und ſo wußte ſie denn auch raſch der ihr geſtellten Anforderung nachzukommen; bald ſaß der Hauptmann an einer mit ländlichen Genüſſen aller Art wohlbeſetzten Tafel, und Johann, der Jäger, ſchenkte ihm fleißig einen guten Bourdeaux in das große Kelchglas.„Langermann, Ihr könnt die Hundsfötter los⸗ ſchließen!“ rief jetzt der Herr, dem der gute Wein wohl das Herz zu milde⸗ ren Gefühlen geſtimmt haben mochte. Indem er aber ſolches rief, wandten ſich ſeine Augen zugleich nach der Südweſtſeite des Horizontes.„Es zieht ja wohl ein Gewitter auf?“ bemerkte er.—„Ja,“ entgegnete der Jäger, „regnen thun wird es heute Nachmittag, gnädiger Herr, denn die Sonne und die blinden Fliegen ſtachen heute Vormittag, als wenn ſie beide toll wären.“—„Dummheit das!“ brummte der Hauptmann,„heut hätt' der Alte ſein Greinen auch laſſen können; hätten dann den Waitzen vom Sreit⸗ ort hereingekriegt. Aber der hat ſeinen Kopf für ſich und kehrt ſich den Teu⸗ fel um menſchliche Wirthſchaft— da donnert es ja wohl ſchon gar?— Will benſo Wort ienen igem efahl ſchaf⸗ ſolle. on er darow genen ſeinen 3 bis ehört mann Von C. W. Stuhlmann. 91 Ergebenheit entgegen, als gebildetere Menſchen dieſes gemeinhin zu thun pflegen. Es zeigt ſich darin, daß der Gewinn, welcher uns aus der ſoge⸗ nannten höheren Bildung erwächst, bezüglich des wichtigſten Aktes unſeres Lebens ein ſehr prekärer iſt.— Bauer Köſter kam in's Pfarrhaus und die Magd hieß ihn zur Studier⸗ ſtube des Pfarrherrn hinaufgehen. Köſter fand letzteren nicht allein, ſondern Fiek(Sophie) Lübk und Heinrich Puls waren bei ihm; jene beiden Perſo⸗ nen, von denen wir vorhin ſchon gehört haben. Auch ſie waren gekommen, um Troſt und Rath zu ſuchen.„Ich kehre, ſo raſch ich kann, zurück, bleibt ſo lange hier,“ ſagte ihnen der Paſtor, indem er raſch nach ſeinem Hute griff und die Abendmahlsgefäße dem Bauern übergab,„die Sterbenden warten nicht auf uns.“— Der Paſtor hatte mit der Kranken und ihrem Manne und den beiden alten Frauen gebetet, dann die Beichte der Sterbenden gehört, ihr die Abſo⸗ lution ertheilt und das heilige Nachtmahl gereicht, und dann hatte Marlehn gemeint: es werde ihr nunmehr ganz ſacht und wohl zu Muthe und ſie denke, daß ſie ein wenig einſchlafen könne. Und ſie hatte die Augen geſchloſſen und das Geſicht gegen die Wand gewendet und einigemale recht tief aufgeath⸗ met, und darauf war ſie ganz ſtille geworden, und als dann die Mutter Bank, die einen Augenblick das Zimmer verlaſſen gehabt hatte, wieder an ihr Lager trat, ſtrich ſie mit beiden Händen dem jungen Weibe das Haar aus dem Geſicht, faltete ihr die Hände zuſammen, ſchlug über Kopf und Bruſt ein Kreuz, und trat zu dem jungen Ehemanne, der in der dunkelſten Ecke des Gemaches auf einem Schemel hockte und das Geſicht zwiſchen bei⸗ den Händen hielt.„Fritz,“ ſagte ſie leiſe,„du mußt wohl zu Küſter Nehls hinüber gehn, daß er für unſere Marlehn die Sterbeglocken zieht.“ Als nun der Schall der Glocken auf dem Hofe vernommen ward und die Nachricht ſich unter den Tanzenden verbreitete, daß die junge Köſterſch ſoeben das Zeitliche mit dem Ewigen vertauſcht habe, da wurde es plötzlich faſt ſtille im Milchkeller, und der alte Weber Kalow ſetzte die Violine ab, ſteckte das Colophonium in die Taſche und ſagte dem Schneider, daß er ſich jemand zu Hülfe rufen und den großen Baß, der noch in einer Ecke ſtand, auf das Herrenhaus tragen ſolle.„Was habt ihr? Weßhalb ſpielt ihr, weß⸗ halb tanzt ihr nicht mehr?“ ſchallte in dieſem Augenblick die Stimme des Hauptmanns.— Man erzählte ihm, was ſich ſoeben zugetragen.„Und deß⸗ halb ſollte Tanz und Fiedelei ein Ende haben?“ rief er,„Dummheiten das! Der Hauptmann von Sarow. In jeder Sekunde des Tages ſtirbt irgend ein Menſch und ein anderer wird geboren. Friſch, ſtreicht einen neuen Schleifer auf!“— Die Männer guckten verdutzt einander an und traten zu den Mädchen und Frauen, um ſie ſich zum Tanze zu holen, und die Kalows begannen zu ſpielen. Aber von den Frauen und Mädchen wollte keine zum Tanze antre⸗ ten, ſondern alle zogen ſich zurück und die Hintenſtehenden verließen den 2 Milchkeller.„Meinetwegen rennt zum Teufel!“ ſagte der Hauptmann, den dieſe allgemeine, ihm noch nie vorgekommene Auflehnung gegen ſeinen Wil⸗ len förmlich conſternirte, und die Hände in die Taſchen ſeiner Schooßjacke ber⸗ gend und dann, als ſei ihm alles höchſt egal, den Deſſſauer pfeifend, ging er in's Herrenhaus. Einige Minuten ſpäter wußte er jedoch nicht, ob er ſich mehr über die Impertinenz der Weiber ärgern ſolle, oder darüber, daß er ſelbige nicht mit Hülfe der Karbatſche zu Paaren getrieben.„Ich will's ge⸗ legentlich ihnen ſchon wieder eintränken!“ ſagte er ſchließlich zu ſich und da⸗ rin fand er wenigſtens einigen Troſt. Der Paſtor war von dem Sterbehauſe zurückgekehrt und trat jetzt wie⸗ der in ſeine Studierſtube, wo Fiek Lübk und Hinrich Puls noch ſeiner warte⸗ ten.„Und habt ihr einen Weg aus dieſem Wirrſal zu finden gewußt?“ fragte der geiſtliche Herr nunmehr die Beiden, ihm ſelber war es nicht geglückt, einen aufzufinden, der ihm empfehlenswerth erſcheinen wollte.“—„Ja,“ ſagte das Mädchen,„ich habe einen Entſchluß gefaßt, Herr Paſtor. Will Hinrich, ſo gehen wir beide dieſe Nacht über die Grenze, will er nicht, ſo ſtürze ich mich in den Sodbrunnen auf dem Hofe.“— Der Paſtor fuhr erſchrocken auf und ſchlug die Hände zuſammen, dann faßte er das Mädchen an beiden Schultern, und während ein Zittern und Zucken durch alle Muskeln ſeines Geſichtes ging, ſchüttelte er den Kopf. „Fiek,“ ſagte er nunmehr,„dir das Leben zu nehmen haſt du nimmermehr ein Recht, und thäteſt du es, ſo würdeſt du eine Todſünde begehen. Heim⸗ lich von hier dich fortmachen darfſt du aber auch nicht und ebenſo wenig darf das Hinrich; ſeid ihr beide doch Leibeigene und demnach eurem Grundherrn zur Arbeit und zum Dienſte verpflichtet. Siehe, ich habe mir gedacht, es ließe ſich vielleicht machen, daß du bei mir in Dienſt zögeſt, bis Hinrich ſei⸗ nes Vaters Hufe übernimmt. Wenn du, Hinrich und ich ſelber den gnädigen Herrn darum anſuchen, ſollte er dann ſolches nicht geſtatten?“— Das Mädchen ſchaute dem alten Herrn recht klar und feſt in das Geſicht.„Glau⸗ ben Sie, daß er das thun wird, Herr Paſtor?“ entgegnete ſie nunmehr.— wird idchen nen zu antre⸗ n den den Wil⸗ e ber⸗ ng er er ſich aß er bs ge⸗ nd da⸗ dann —n und Kopf. rmehr Heim⸗ g darf dherrn cht es ic ſei ädigen Das Glau⸗ ehr.— Von C. W. Stuhlmann. 93 Der Geiſtliche ſeufzte und ſchlug die Augen nieder.—„Herr Paſtor,“ fuhr das Mädchen nach einer kleinen Weile fort,„Sie ſagen, daß ich kein Recht habe, von hier zu gehen und daß ich mir auch das Leben nicht nehmen dürfe. Früher haben Sie mir auch geſagt, daß Ehebruch und Unkeuſchheit Todſün⸗ den ſeien. Nun frage ich Sie aber, was ſoll ich thun, wenn es mir nur frei⸗ ſteht zwiſchen einer von dieſen drei Sünden zu wählen? Und ſo ſteht meine Sache, Herr Paſtor, und Sie ſelber denken es auch nicht anders und ſagen es auch nicht anders, wenn ich Sie auf Ihr Gewiſſen frage.“— Der Paſtor ſah wie verwundert das Mädchen an. Einen Augenblick ſchien's, als wolle er ihr etwas entgegnen, doch vor ihrem feſten Blick ſchlug ſich ſein Auge nieder.„Mich dünkt,“ fuhr nach einer Weile die Jungfrau fort,„wenn ich in den Sod ſpringe, weil ich nicht Sünde auf mich laden will, ſo begehe ich dadurch kein Verbrechen, Herr Paſtor. Ich ſuche ja nur den Leibestod, weil ich auf eine andere Weiſe mich vor Seelentod nicht retten kann, und ich hoffe auch, der liebe Gott wird in einem ſolchen Fall mein Blut nicht über mich kommen laſſen, ſondern über den, der mich zu ſolchem Greuel gebracht hat. Und wenn ich über die Grenze gehe, ſo rette ich mich dadurch vor Sünde und bewahre ſelber auch noch einen Anderen davor, daß er eine ſolche nicht auf ſich ladet.“— Sollten wir uns in ähnlichem Falle für einen Rath entſcheiden, ſo würde ſicher keiner von uns irgendwie Bedenken nehmen, zur Flucht zu rathen, denn unſerer ſittlichen Ueberzeugung gelten Sklaverei und Leibeigenſchaft als ſündhafte Inſtitutionen. Zu jener Zeit aber dachten nicht allein der große Haufe, ſondern auch brave und wohlwollend geſonnene Männer anders über die Rechte und Pflichten der Menſchen, als wir es heutzutage thun. Alles einmal Beſtehende ward geachtet und geſchützt, und in dieſem Falle kam hin⸗ zu, daß man vielfach die Leibeigenſchaft für eine wirthſchaftliche Nothwen⸗ digkeit hielt, ohne deren Fortdauer das Staatsweſen zu Grunde gehen müſſe. Die beſten Männer Deutſchlands, mit wenigen vereinzelten Ausnahmen, er⸗ kannten keine höheren Rechtsgründe an, als diejenigen, welche ſich auf das hi⸗ ſtoriſche Recht ſtützen oder ſtützen ließen. Selber ein Juſtus Möſer war aus ſolchen Gründen ein Vertheidiger des Inſtituts der Leibeigenſchaft und der Hörigkeit. Freilich hatte erſtere im Osnabrückiſchen, wo Möſer ſie vor Augen hatte, eine bei weitem mildere Form als dort, wo unſere Geſchichte ſpielt. Das damals hier zu Recht beſtehende Landesgeſetz nannte die heim⸗ lich entweichenden leibeigenen Unterthanen„böſe, meineidige Buben, welche, 94 Der Hauptmann von Sarow. wenn man ſie wieder in Händen bekommt, mit öffentlichem Staupenſchlag durch den Henker und nach Befinden mit Leib⸗ und Lebensſtrafen belegt wer⸗ den ſollen.“ Erregte doch auch Johann Heinrich Voß durch ſeine Gedichte über die Leibeigenſchaft, die er, der Vetter und Enkel von Leibeigenen, genau kannte, nicht bloß den Unwillen hochfahrender Edelleute, ſondern auch den zahlreicher anderer Leute, namentlich auch Prediger. Dieſe letzteren, welche ſelber theilweiſe zur Beſtellung ihrer Aecker auf die Dienſte von Leibeigenen angewieſen waren, fanden, wenigſtens der Mehr⸗ zahl nach, die Leibeigenſchaft an und für ſich gar nicht anſtößig, wenn ſie auch die Art und Weiſe, in der von Einzelnen die Herrſchaft über die Leib⸗ eigenen gehandhabt wurde, nicht offen zu billigen wagten. Einzelne Prediger bewieſen ſogar aus der Schrift, daß die Leibeigenſchaft eine direct von Gott angeordnete Inſtitution ſei, wie ja auch in unſeren Tagen in der amerika⸗ niſchen Union bezüglich der Negerſklaverei dasſelbe vielfach von Prieſtern be⸗ hauptet und auch bewieſen worden iſt. Daß der Menſch des beſtehenden Staatsweſens halber da ſei, iſt noch heute allgemeine Staatspraxis der euro⸗ päiſchen Regierungen, aber mehr oder minder wird doch bereits die Berech⸗ tigung ſolcher Praxis ſeitens der Unterthanen angezweifelt und angefochten. Derzeit aber geſchah letzteres faſt nie. Der gute Paſtor Stark wußte nach ſeinem Gewiſſen hier wirklich nicht, was er rathen oder abrathen ſolle. Fiek Lübk hatte ſeit einer Minute geſchwiegen und ſah noch auf den Paſtor, deſſen Augen noch immer auf dem Fußboden hafteten. Hinrich Puls, ein ſchlanker, hochgewachſener junger Mann, hatte bisher nicht geſprochen, ſondern neben der Thür geſtanden und mit ſchweigender Aufmerkſamkeit dem zugehört, was zwiſchen Fiek und dem alten Herrn geredet worden war. Jetzt trat er zu dem Mädchen heran und faßte ihre rechte Hand mit der ſei⸗ nigen.„Fiek,“ ſagte er dann,„wir gehen dieſe Nacht. Zogen doch auch die Kinder Iſrael aus Egypten fort, als ſie die Schwere des Frohndienſtes nicht mehr zu tragen vermochten und Ungerechtes von ihnen gefordert wurde, und wie der liebe Gott mit denen auf ihrem Wege war, ſo wird, er auch mit uns ſein, zumal wir nur durch unſeren Fortgang ſeinem Gebot: du ſollſt Gott mehr gehorchen als den Menſchen, eine Folge geben.— Herr Paſtor, trauen Sie jetzt ſogleich uns beide; es iſt das beſſer für Fiek und für mich.“ Der Paſtor ſah in die Höhe.„Und du willſt deine alten Eltern im Stiche laſſen, Hinrich?“ ſagte er,„die beiden bejahrten Leute, die weiter keine Stütze haben, als dich? Sie werden die Frohne nicht mehr leiſten kön⸗ ichlag t wer⸗ edichte genau ch den ter auf Mehr⸗ enn ſie Leib⸗ tediger Gott nerika⸗ ern be⸗ henden euro⸗ Berech⸗ ochten. enach af den Puld, rochen, eit dem a war. der ſei⸗ uch die s nicht de, und nit uns ſ Gott trauen tern im weiter en kön⸗ Von C. W. Stuhlmann. 89 dern, über welche, wie wir ſchon bemerkten, hohe Reitſtiefel gezogen waren, an denen ein paar gewaltige ſilberne Radſporen klirrten. Das Haar war ſtark gepudert und hinten in einen langen Zopf eingeflochten, denn der Herr Hauptmann hatte früher dem Könige von Preußen in ſeiner Leibgarde ge⸗ dient. Auf dem gepuderten Kopfe ſaß ein kleiner dreieckiger Hut, deſſen Gallons und Treſſen ein wenig ſtark vernutzt waren, und den der gnädige Herr nicht ſelten ſolchen Perſonen, die ſeinen Unmuth erregt hatten, in's Geſicht zu ſchleudern beliebte.„Aufgepaßt, ihr Schwerenöther!“ rief er jetzt und knöpfte dabei das Kattungewand zu,„heda, Muſik, Menuet: la di da da lala!— Aber merkt's euch wohl: fein ſauber und mit dem richtigen Avec! — Wo iſt Marlehn? Wo iſt des Fritz Koſters Weib?—„Nun, wo ſteckſt du ſo lange?— Lege das große Bündeltuch ab; ſollſt eine Menuet mit mir tanzen.“— Die Geforderte, eine junge Ehefrau, welche früher als Stubenmagd im Herrenhauſe gedient hatte, trat vor.„Gnädiger Herr, verſchonen Sie mich heute, ich kann nicht tanzen,“ ſagte ſie leiſe.—„Ei was!“ rief der Hauptmann,„nicht lange Sperenzen gemacht! Was ſollteſt du nicht tanzen können? Ich ſage dir: es ſchadet dir nicht.“— Die Frauen waren freilich ergrimmt darüber, daß die arme Marlehn ſo wider Wunſch und Willen zum Tanze gezwungen ward, und ziſchelten leiſe darüber mit einander, aber eine laute Aeußerung wagte keine zu machen und noch weniger wagten die Männer ſolches. Jetzt kam eine Tour des Tanzes, wo die Tänzerin mehrfach raſch von ihrem Tänzer umgeſchwenkt wurde. Der Hauptmann hatte dieſes wohl ein wenig forcirt; mit einem gellen Aufſchrei ſtürzte plötzlich die junge Frau zur Erde nieder und blieb bewegungslos liegen. Mehrere der älteren Frauen ſprangen ihr zu Hülfe. „Nun, was fehlt dir, dummer Teufel?“ fragte der Hauptmann. Marlehn gab keine Antwort, aber Mutter Bank, eine Frau mit eisgrauen Haaren, welche ſich beſonders um die Niedergeſtürzte zu ſchaffen machte, ſagte:„Herr Hauptmann, die haben Sie auf dem Gewiſſen!“—„Halt's Maul, alte Hexe!“ erwiderte dieſer und dann ertheilte er den Befehl, daß die junge Frau in ihre Behauſung geſchafft werde. Dieſes wurde ausgeführt, und die Muſici mußten nun einen neuen Tanz aufblaſen und die Scene mit der jungen Frau war raſch vergeſſen. Und dann befahl der Herr Hauptmann weiter aufzuſpielen, und tanzte ſelber mit, und ſachte zog er dabei die Karbatſche aus dem Stiefel und hieb damit 90 Der Hauptmann von Sarow. einigen jungen Kerlen, die allzu ſteif die Glieder ſetzten, plötzlich tüchtig einen über die Schenkel. Dann trollte er ſich ſeiner Behauſung zu, und als nun obend'rein die Austheilung von Bier erfolgte uund jedem ſogar auch ein Häring und ein Schnaps dazu gereicht ward, vergaßen faſt ſämmtliche Fröh⸗ ner für dieſen Abend ihr Elend und juchheiten nach beſten Kräften und ſtampften in wilder Luſt den ſteinernen Eſtrich. 3. Während es auf dem Herrenhofe ſo lärmend und luſtig herging, ſchallte in einem Hauſe des nahen Dorfes Jammer und Wehklage. Die arme junge Bauerfrau wand ſich in wilden Schmerzen und Qualen, und die alte Mut⸗ ter Bank, welche ihr mit hülfreicher Erfahrung und mit Troſtworten an die Hand ging, gab nunmehr dem jungen Ehemanne zu verſtehen, daß es gera⸗ then wäre, den Prediger von der Sache zu benachrichtigen, damit dieſer der Kranken das heilige Nachtmahl reiche.„Werden thut ſie nicht wieder,“ ſagte in dieſem Augenblick die Schwiegermutter der jungen Frau, welche aus ihrer Altentheilskammer in die Stube getreten war,„der Tod ſitzt ihr ja ſchon auf den Lippen. Nun, wer jung ſtirbt, iſt gut daran, er iſt deſto länger bei Gott!“—„Ja, ſterben thut ſie!“ ſagte jetzt auch der Ehemann, und hände⸗ ringend und ſelber das Aufſetzen oder das Mitnehmen einer Kopfbedeckung vergeſſend, lief er hinüber in das Paſtorat, damit der Sterbenden die letzte Tröſtung der chriſtlichen Religion nicht entgehe. Das arme junge Weib ſah ganz weiß im Geſichte aus und die Lippen waren blau und die Naſe war ſpitz geworden, dennoch aber hatte ſie ihr vol⸗ les Bewußtſein. Die Reden ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter, die man in„gebildeten“ Kreiſen empörend rückſichtsloſe genannt haben würde, fand ſie ganz natürlich, und ſie alterirten ſie daher auch nicht. Die arbeitende Klaſſe auf dem Lande iſt gegen einander überhaupt meiſtens aufrichtig und mittheilſam, und unter einander belügen ſie ſich ſelten, ſelbſt nicht aus ſoge⸗ nannter guter Abſicht. Uebrigens ſind ſie mit dem Tode weit beſſer vertraut, als es die Gebildeten zu ſein pflegen, denn jeder von ihnen hat ſchon oft dem Abſcheiden Anderer beigewohnt. Es herrſcht nämlich der Gebrauch, daß ſich um ein Sterbebett das ganze Dorf verſammelt, und trotzdem, oder vielleicht gerade deßwegen, daß der Sterbende daraus abnimmt, wie nunmehr ſein letztes Stündlein gekommen ſei, geht er dem Tode mit größerer Ruhe und * — —ʒõ—ʒõõ—————— Von C. W. Stuhlmann. 95 tüchtig nen, und der gnädige Herr wird ſie von der Hufe herunterwerfen, und ſie und als werden dann in ihren alten Tagen vielleicht als Bettler durch das Land ſtrei⸗ auch ein chen müſſen. Hinrich, Hinrich, haſt du das alles wohl bedacht?“—„Ich he Jröh⸗ habe es bedacht!“ erwiderte der junge Mann,„ſagen Sie nichts weiter, Herr en und Paſtor. Ich habe eingeſehen, daß dieſes eine Sache iſt, worin kein Fremder uns rathen kann, ſondern wo Fiek und ich uns ſelber rathen müſſen.— Wollen Sie uns jetzt trauen?“— Von verſchiedenen Zweifeln geplagt und beſtürmt ging der Paſtor eine geraume Zeit in ſeinem Zimmer auf und ab. Endlich blieb er dicht vor den jungen Leuten ſtehen.„Ich will euch zuſam⸗ ſchallte mengeben,“ ſagte er,„obſchon das gegen das Geſetz iſt. Mir kommt es aber ne junge vor, als wenn ihr euch im Stande der Nothwehr befändet. Und wie der te Mut⸗ Herr es ja dem vergibt, der ſeinen Arm wider den ungerechten Bedränger nan die eines Anderen erhebt, um letzteren zu ſchützen, ſo wird er ja auch wohl mir es gera⸗ ein ſolches Handeln gnädiglich verzeihen.“— teſer der Und der alte Herr trat in ſein Schlafgemach, und nach kurzer Weile ſagte kehrte er im ſchwarzen Chorrock zurück. In ſeiner Linken trug er eine mit us ihrer bunten Bändern und Flittergold verzierte Krone, wie ſie die hieſigen Land⸗ hon auf bräute an ihrem Ehrentage zu tragen pflegten, und welche Kronen die Pre⸗ nger bei digerfrauen in mehrfacher Auswahl vorräthig hielten und den Bräuten für bände⸗ den Hochzeitstag vermietheten.„Setze die Krone dir auf, Sophia Lübke,“ deckung ſagte der Paſtor, indem er dem Mädchen den Kopfſchmuck überreichte.— die lezte Das Mädchen ſah die Krone an und machte dann eine abwehrende Handbe⸗ wegung.„Es iſt ja die beſte, Herr Paſtor; und Hinrich und ich haben zu⸗ Lippen ſammen kaum ſo viel Geld, um ſie bezahlen zu können,“ ſagte ſie.—„Setze ihr vol⸗ ſie nur auf,“ entgegnete der Paſtor,„und Gott ſoll mich bewahren, von euch ter de eine Bezahlung zu nehmen. Hier, Hinrich Puls, haſt du auch einen Reiſe⸗ würde, pfennig. Wenn es in deinen Kräften ſteht, kannſt du ihn mir wieder er⸗ beitende ſtatten.“ btig und Das Mädchen hatte nunmehr ſich die Krone befeſtigt und trat an die us ſege Seite des jungen Mannes. Und der Herr Paſtor hielt eine kurze, herzliche vrtaut Anſprache, und legte dann ihre Hände in einander zum Ehebunde und ſprach iſt dem en Segen über ſie. Und dann holte er aus einem Schranke eine Flaſche hi ſch Wein und füllte drei Gläſer.„Hinrich Puls, Gottes Segen mit dir und lleih deiner jungen Frau!“— u fin Die Schwarzwälder Uhr im Zimmer ſchlug Mitternacht.„Wir müſ⸗ neh he und ſen auf die Wanderſchaft,“ ſagte der junge Ehemann. Fiek nahm die Krone duhe Un⸗ 96 Der Hauptmann von Sarow. ab und ſchlug ein Tuch über ihren Kopf.—„Ich will euch hinten aus der unn Gartenpforte laſſen,“ ſagte der alte Herr,„hier vorne möchte euer Weggang 14 bemerkt werden. Und,“ fügte er, als ſie ſchon im Gehen waren, hinzu,„haſt ii du denn keinen Wanderſtab, Hinrich?“— Der junge Mann erwiderte, daß nit er keinen habe.—„Nimm denn dieſen,“ ſagte der Paſtor, und dabei langte AM er aus dem Uhrgehäuſe einen derben Kreuzdornſtock heraus, und lächelnd eigt „.* fügte er hinzu:„ſie haben drüben hinter der Grenze biſſige Hunde.“— nan 3 Sie waren an die Gartenpforte gelangt. Hinrich und Fiek reichten Sch dem Prediger die Hand.„Gottes Lohn, Herr!“ ſagte die junge Frau.— Ane „Sagen Sie meinen Alten, daß ich nicht anders gekonnt habe, und tröſten en Sie ſelbige in ihrem Alter und in ihrem Elend, Herr Paſtor,“ fügte der dn junge Mann hinzu.— 5 Es war für die Jahreszeit eine ſehr dunkle Nacht; der Himmel hing. voll grauer Regenwolken. Dennoch ſchritten die beiden jungen Leute raſch M vorwärts, denn die preußiſche Grenze war zwei Meilen entfernt. Jetzt hat⸗ ten ſie das Dorf eine ziemliche Strecke hinter ſich gebracht und die junge 5 Tannenſchonung erreicht, wo ſich links der Weg nach Lukow von der großen* Landſtraße abzweigt. Ein Hund ſchlug plötzlich hier an und ſprang dann den gehetzt an Hinrich in die Höhe und packte denſelben an der Bruſt.„Jeſus, gie Langermann!“ ſchrie die junge Frau.— ije „Ja, der iſt's!“ erwiderte der Frohnvogt, der mit einem Knittel in der 8 Fauſt und mit einem kurzen Militärſäbel umgürtet aus der Schonung her⸗ vorſprang und das Mädchen beim Arme packte,„du haſt mich und den gnä⸗ digen Herrn reichlich lange warten laſſen, Fiek. Haſt dich wohl beſſer mit dem jungen Bengel vergnügen zu können gemeint? Halt feſt, Soldan! Dem wollen wir nur erſt die Hände binden, daß ihm das Landlaufen vergeht, und 41 bo dann vorwärts beide nach dem Hofe. Hat der Pfahl und das Halseiſen dir 4 geſtern nicht den Uebermuth aus den Knochen getrieben, Patron, ſo ſoll es lig doch heute der Ganten und die Peitſche.“ äll Der Hund war ein gewaltiges Thier und er hatte den jungen Mann mat ſo wohl gepackt, daß dieſer kaum ein Glied zu regen vermochte. Ohne Zwei⸗ nen fel würde Langermann ihn auch gefeſſelt haben, hätte nicht die junge Frau d dem Frohnvogt in dieſem Augenblick das Seitengewehr aus der Scheide ge⸗. riſſen und dieſes dem Thiere gerade zwiſchen die Schulterblätter, mitten 3 et durch den Körper geſtoßen. Ohne noch ein Glied gerührt zu haben, ſtürzte der Hund zu Boden. Heinrich Puls ſtieß dem Frohnvogt vor die Bruſt und 8 aus der eggang t,„haſt te, daß langte ächelnd reichten au.— tröſten gte der ꝛel hing te raſch etzt hat⸗ 3 junge großen g dann —ſ Feſus, Lin der ng her⸗ den gnä⸗ fſer mit a! Dem eht, und iſen dir ſoll es Mann te zwei⸗ ge Frau eide ge⸗ mitten , ſtürzte ruſt und Von C. W. Stuhlmann. 97 von fich ab:„Laß mich und mein Weib gehen!“ heiſchte er.—„Gehen ſollte ich euch laſſen?“ erwiderte der Vogt, ein Mann von gewaltiger Körperkraft, „ich ſollte euch Landläufer gehen laſſen?“— und bei dieſen Worten holte er mit ſeinem Knittel zum Schlage aus.— Hinrich vermied denſelben mittelſt einer geſchickten Wendung, aber als der Vogt nun mit der Linken ſein Weib ergriff und zum zweitenmale nach ihm ſchlug, da bediente auch er ſich des knotigen Kreuzdornſtockes, welchen der Paſtor ihm gegeben hatte. Ein Schlag traf den Schädel des Vogts; es klang gerade ſo, als wenn man einem irdenen Topf einen Riß ſchlägt. Langermann ſchoß, als wenn ein Blitz ihn getroffen hätte, in die Kniee und dann rücklings zu Bo⸗ den.—„Jeſus! Hinrich! Du haſt ihn todtgeſchlagen!“ kreiſchte die junge Frau.— Sie ſtürzte zu einer nahefließenden Quelle und holte in dem Hute ihres Mannes Waſſer herbei und wuſch dem regungslos daliegenden die Stirne, aber es nützte nichts: der Frohnvogt war wirklich todt.„Wo willſt hin, Hinrich?“ fragte die junge Frau.—„Ich will mich dem Gerichte ſtellen.“ —„Daß ſie dir die Knochen mit dem Rade brechen und meinen Kopf auf den Pfahl pflanzen?— Nein, vorwärts, vorwärts!— Greif uns hier ein Pferd in der Koppel, es gilt Menſchenleben!“— Wie weiland Leonore mit ihrem Wilhelm, ſo ſauste das junge Paar durch die dunkle Nacht in die Weite. 4. Es gab vielleicht in Sarow keine einzige Perſon, welcher der Frohn⸗ vogt ſich nicht verhaßt gemacht hatte, dennoch aber erregte die Nachricht, daß Gnebſt ſeinem Hunde erſchlagen an der Landſtraße bei den Richbergstannen liege, eine allgemeine traurige Beſtürzung. Man vergaß für den Augenblick alle Schändlichkeiten und Grauſamkeiten, deren er ſich ſo häufig ſchuldig ge⸗ macht, und ſah ſtatt deſſen nur den Frevel, welcher jetzt an ihm begangen war. Nach der Stätte des Mordes ſtrömten ſämmtliche Dorfbewohner, und als es nun allgemein kundbar wurde, daß Hinrich Puls ſich dieſe Nacht in Geſellſchaft von Fieken Lübke geflüchtet habe, da hielt jedermann dieſe ſofort für die Schuldigen, und vermochte ihrer nur mit einer Art grauſigen Ent⸗ ſetzens zu gedenken. Hausblätter. 1867. IV. Bd. 7 98 Der Hauptmann von Sarow. Zu jener Zeit wurde die Criminalsgerichtsbarkeit auf den Gütern noch Ge direct von den Patrimonialgerichten wahrgenommen. Ein gemeinſchaftliches alt Criminalgericht, wie heute, welches die Unterſuchung und Beſtrafung irgend dr wichtigerer Verbrechen von vorn herein zu übernehmen hat, exiſtirte derzeit fün nicht, und die Patrimonialgerichte erkannten ſelber auf Hals und Hand, wie rol vor kurzem noch in Schleswig⸗Holſtein. Nicht ſelten kam es damals vor, daß pen — um ſich ſchwere Koſten zu erſparen, die in ihrer Gemarkung vor⸗ dan gekommenen Verbrechen vertuſchten, ja, daß ſelbige ſogar darum wußten, und wie ihnen gehörige abgelegene Mühlen und Krüge zu Räuberherbergen und nch Diebshöhlen dienten, und dennoch das dortige Treiben nicht ſtörten. Aber de auch ſonſt noch ſah es um die Criminalgerichtsbarkeit derzeit gar mangelhaft di auf den Gütern aus. Der für jene nothwendige Apparat an Unterſuchungs⸗ gr und Strafgefängniſſen und an einem Hochgericht war oftmals entweder gar nicht oder nur höchſt mangelhaft vorhanden, und noch weniger Gutsherren ſa beſaßen einen eigenen Frohn oder Scharfrichter. D Einige der großen, reichbegüterten alten Adelsfamilien hatten jedoch e den ganzen Apparat der hohen Gerichtsbarkeit ebenſo vollſtändig, wie ihn un die größeren Städte und die herzoglichen Aemter beſaßen. Manchmal ge⸗ vier ſchah dieſes vielleicht weniger um der Derann de.ja willen, als weil rat dadurch in den Augen des großen Haufens das Anſehen und der Glanz des m Geſchlechtes erhöht wurde. Ein Scharfrichter im rothen Rock und ein mit 1 Rad und Galgen verſehenes Hochgericht waren ein gewichtigerer und Ehr⸗ an furcht gebietenderer Pomp, als ein Staatsjäger, eine Koppel Jagdhunde 6 oder eine reichvergoldete Glaskutſche, die ja auch jeder reiche Bürgersmann d ſich halten konnte.—— Der Hauptmann hatte in ſeiner Art viel auf Langermann gegeben und A die Ermordung desſelben alterirte ihn ganz außerordentlich. Er hielt ng. 1 dieſem Vorfalle auch das eigene Leben nicht mehr ſicher, namentlich wenn es es nicht gelänge, die Thäter zur Strafe zu ziehen.„Das Blut des Kerls ſoll— gerochen werden und ſollte es mich auch Tauſende von Thalern koſten!“ ſagte er zu dem Juſtitiar, der auf das raſcheſte aus der nahen Stadt n herbeigeholt worden war, damit über dem Körper des Erſchlagenen nach ln Recht und Sitte das Fahrrecht gehalten und die thunlichſten Schritte n zur Entdeckung und Habhaftwerdung ſeiner Mörder eingeleitet werden n möchten. 1 Die Sarower Begüterung hatte den ganzen Apparat damaliger hoher 4 en noch rftliches irgend derzeit nd, wie or, daß ung vor⸗ wußten, gen und Aber ngelhaft ichungs⸗ eder gar tsherren n jedoch wie ihn mal ge⸗ ls weil inz des an mit nd Chr⸗ aodhunde eromann eben und zelt na jelt na wenn es terls oll koſten! n Stadt nen nach Schritte werden ger hoher Von C. W. Stuhlmann. 99 Gerichtsbarkeit auf das vollſtändigſte. Der Scharfrichter wohnte in einem alten Thurm, und in dieſem befanden ſich nicht bloß Gefängniſſe, in die we⸗ der Sonne noch Mond je hineinzuſcheinen vermochten, ſondern auch eine voll⸗ ſtändig eingerichtete Marterkammer, in welcher weder der geſpickte Haſe, noch das ſogenannte mecklenburgiſche Inſtrument, noch Daumſchrauben, ſpaniſche Stiefel und Streckleiter fehlten. Dicht vor dem Dorfe, wo zwei Landſtraßen ſich kreuzten, ſtand nahe dieſen ein untermauertes Hochgericht und dicht daneben ein hoher Galgen, an dem in Ketten noch Reſte menſch⸗ licher Gebeine hingen. Seitwärts von dieſem erhob ſich ein Hügel, der Hexenberg genannt, und auf dieſem verriethen noch einige verkohlte eichene Pfalſtümpfe, daß hier ehedem unglückliche Opfer des Teufelglaubens einen grauſamen Tod gefunden hatten.— Der Gerichtsherr hielt es angebracht, bei dieſer Gelegenheit den ge⸗ ſammten ſchauerlichen Pomp der alten Blutgerichtsbarkeit zu entfalten. Demnach wurde allen erwachſenen Perſonen der ganzen Begüterung befoh⸗ len, der Hegung des Fahrrechtes beizuwohnen. Er ſelber als Gerichtsherr, und der Juſtitiar mit ſeinem Actuarius begaben ſich in einer offenen, von vier Pferden gezogenen Karoſſe zu der Mordſtätte, wo ſich der Frohn im rothen, mit Treſſen gallonirten Rocke, ein Schwert an der Seite, nebſt ſei⸗ nem Knechte, der eine große Keule hielt, bereits neben der Leiche aufgeſtellt hatten. Der Knecht trug ein blutrothes wollenes Hemde und auf dem Kopfe eine ſpitze, ſchwarze, roth aufgeſchlagene Mütze, welche auf ihrer vorderen Seite das Sarow'ſche Wappen zeigte. Sobald ſich der Gerichtsherr und das Gerichtsperſonal der Stätte näherten, ſchlug der Frohnknecht dreimal mit der Keule auf ein vor ihm liegendes eichenes Brett, was dem Volke die Andeutung war, ſich nunmehr ruhig und aufmerkſam zu verhalten. Der Scharfrichter aber, indem er den Hut abnahm, trat dem Gerichtsherrn einige Schritte entgegen und bewillkommnete dieſen und den Gerichtshalter mit den Worten:„Tretet näher, meine hochgebietenden Herren!“— Nachdem der Gerichtshalter mit ſeinem Schreiber, welcher letztere bei der nunmehr ſtattfindenden Formalität die Rolle des öffentlichen Anklägers übernehmen mußte, zu der Leiche herangetreten waren, ſprach der Gerichts⸗ halter:„Demnach leider! abermal durch Gottes unerforſchliches Verhäng⸗ niß und Zulaſſung ein Unglück geſchehen und gegenwärtiger vor Augen lie⸗ gender Menſch vom Leben zum Tode kommen iſt, ſo conteſtiret ein hochadeliger 7* 100 Der Hauptmann von Sarow. Gerichtsherr darob ein herzliches Mitleiden, wünſchend, daß der grundgütige Gott ſeine Unterthanen und Leute ſammt und ſonders, auch jedermänniglich vor dergleichen unverſehenes Unglück und Unfall bewahren möge. Damit denn auch keine Blutſchuldenlaſt auf dieſe Begüterung und Gerichtsbann geladen werden möge, weil man nicht eigentlich weiß, noch wiſſen kann, ob jemand an dieſes Menſchen Tode ſchuldig ſei, ſo wird darüber gegenwärtiges Fahrrecht gehegt und gehalten und thue demnach wie mir zu Rechte gefun⸗ den iſt und halte ein Ding zum erſten⸗, andern⸗ und drittenmal. Ich frage, ob ich ein Ding geheget und gehalten habe, als es recht, ſtets und feſt bleiben ſoll?“— Der improviſirte Fiscal erwiderte ſich verneigend:„Herr, Ihr habt ein Ding gehegt und gehalten, als es recht, ſtets und feſt blei⸗ ben ſoll.“— und ſo ging dieſe Zwieſprache fort bis zum Schluß, worauf von Sei⸗ ten der Gerichtsperſon und eines mitgekommenen Chirurgen eine Beſichti⸗ gung der Leiche gehalten wurde. Nachdem dann feſtgeſtellt, daß der Frohn⸗ vogt durch einen Schlag mit einem ſtumpfen Inſtrument, welches eine Zer⸗ brechung des Schädels bewirkt, ſein Leben verloren habe, befahl der Gerichts⸗ halter dem Scharfrichter, den oder die etwaigen Mörder zum Gerichte zu fordern. Der Frohn erwiderte, während er ſein Schwert entblößte und es dann dreimal um den Kopf ſchwenkte, daß er ſolches wohl beſorgen wolle, und indem er auf das eichene Brett trat, ſprach er:„Ich rufe dir zu: Jo⸗ duthe über dir, du Mörder dieſes Erſchlagenen, und fordere dich, daß du kommſt in meines Herrn Gehege, gebeſt und nehmeſt Recht!“— Dieſe For⸗ malität wurde zu dreienmalen wiederholt, dann trat das Gericht ſeine Rück⸗ wanderung nach dem Herrenhofe an, und der Frohn erlaubte nunmehr dem verſammelten Volke wieder zu ſeinen Geſchäften heimzugehen. Es wurden die größten Anſtrengungen gemacht, um der beiden entlau⸗ fenen Leibeigenen, der wahrſcheinlichen Mörder, habhaft zu werden, aber es war umſonſt. Durch die gerichtliche Unterſuchung ſtellte ſich heraus, daß jene in der Mordnacht erſt ſpät das Pfarrgehöft und zwar durch die Hinter⸗ pforte des Gartens verlaſſen hätten, und dies hatte denn auch zur Folge, daß das Sarow'ſche Patrimonialgericht bei dem Conſiſtorium auf ein Verhör des Paſtors Stark antrug. Dieſer legte vor dem Conſiſtorium ein unum⸗ wundenes Bekenntniß ab; ſelbſt daß er die Entwichenen an jenem Abend ge⸗ traut und ſie mit einem Reiſepfennig verſehen, hielt er nicht zurück, obſchon ihm dieſes einen ſcharfen Verweis ſeitens ſeiner geiſtlichen Vorgeſetzten zu⸗ ——zz dgütige nniglich Damit htsbann unn, ob värtiges e gefun⸗ h frage, und feſt „Herr, feſt blei⸗ oon Sei⸗ Beſichti⸗ rFrohn⸗ eine Zer⸗ Gerichts⸗ rrichte zu e und es n wole, du: Jo⸗ „daß du ieſe Jor⸗ ine Rück⸗ nehr dem nentlal⸗ er es aber es daß jene e Hintel⸗ olge, d in Verhör iin unum⸗ Abend ge t obſchon ſebten zu Von C. W. Stuhlmann. 101 ziehen mußte. Der Hauptmann, welcher natürlich den Uebergriff erfuhr, welchen der Prediger ſich erlaubt hatte, wurde dadurch zum hellſten Haſſe gegen denſelben angehetzt. Mit tauſend Flüchen und Schwüren bekräftigte er, daß er's dem Schwarzrock gedenken wolle.— Die kleinlichſten Tribulationen und Chicanerien wurden nunmehr gegen den Pfarrer geübt. Sein Lieblingshund wurde ihm von dem Jäger Johann erſchoſſen; das Korn auf ſeinem Acker wurde zur Nachtzeit verwüſtet und der Zaun um den Pfarrgarten ſpolirt, ſo daß die Schweine und das Feder⸗ vieh des Gutsherrn tagtägliche Gäſte im Pfarrgarten waren. Die Unter⸗ ſuchung wegen des Mordes wurde inzwiſchen noch immer fortgeſetzt, und da der Herr von Sarow jedenfalls irgend welche Einſchüchterung ſeiner Unter⸗ thanen daraus erzielen wollte, ſo wurden die alten Eltern des Hinrich Puls, als der Mitwiſſenſchaft am Verbrechen verdächtig, eingezogen und in zwei der ſchrecklichſten Gefängnißlöcher geworfen. Monate lang ſaßen ſie hier. Dennoch kam kein brauchbares Geſtändniß, und als ſchließlich der alte Mann mit Tode abging, wurde die alte Frau von der Inſtanz abſolvirt und ent⸗ laſſen. Die Hufe zog dann der Hauptmenn ein und ſchlug deren Feld zum Hofacker und die überzählige Hofwehr verkaufte das Gutsgericht und machte ſich daraus für die Prozeßkoſten bezahlt.„Die alte Hexe kann ja nun ihrer Sippe nachlaufen,“ ſagte der Herr von Sarow.— Derzeit war die Legung der Bauern in all dieſen Gegenden ſo recht im Schwange. Fürſtliche Verordnung war, daß die Legung oder Abmeierung eines Bauern nur nach einer ein Jahr vorher ſtattgehabten Aufkündigung vor ſich gehen dürfe, und ſolche Aufkündigung ſollte nur im Johannister⸗ min erfolgen. Dem ungeachtet nahm jetzt der Hauptmunn nunmehr eine plötzliche Abmeierung der Mehrzahl ſeiner Bauern vor, namentlich ſolcher, die jung und rüſtig waren und deßhalb brauchbare Tagelöhner abzugeben eerrſprachen. Als dieſe ſich dann nach Beſprechung mit dem Prediger an das uſtändige Gericht wandten, verſchwanden ſie plötzlich faſt ſammt und ſon⸗ ers auf einer Frohnfuhre. Herr von Sarow ließ dann ihre Namen, als iejenigen verlaufener Unterthanen, an den Galgen ſchlagen. Im Gehei⸗ ien munkelte man aber, er habe dieſe Leute an preußiſche Werber verkauft. hie verlaſſenen Hufen konnte er jetzt ſofort an ſich nehmen; dem ſtand ge⸗ tzlich nichts entgegen. 102 Der Hauptmann von Sarow. 5. Eine Reihe von Jahren war ſeitdem verfloſſen; doch die Zuſtände in Sa⸗ row hatten ſich während deſſen nicht ſonderlich geändert. Der gnädige Herr wohnte noch immer allein auf ſeinem Schloß und die gnädige Frau noch immer in Woldſeburg. Der jetzt bereits ergreiste Paſtor Stark ward nach wie vor, wo ſich nur Gelegenheit bot, von ſeinem Herrn Patrone chikanirt. Jetzt ſchrieb man 1806, und es war in der letzten Hälfte des Oktober⸗ monats.— Die politiſchen Bewegungen, welche Deutſchland während des letzten Jahrzehnts heimgeſucht, hatten dieſe Landſtriche bisher nur ſehr wenig affi⸗ cirt. Von Kriegserſchütterungen war das Land bis dahin völlig frei geblie⸗ ben, obſchon die Regierung mehrfach aus fürſtlichen Verwandtſchaftsgrün⸗ den Schritte gethan hatte, die das Völkerrecht dem Neutralen verbieten. In dem Kriege, der jetzt zwiſchen Frankreich und Preußen ausgebrochen war, verhielt ſich jedoch der Regent völlig neutral, und da man ſehr gewohnt iſt, frühere Verſtöße und Fehler zu vergeſſen, ſo dachte eigentlich kein Menſch daran, daß ſchlimme Ereigniſſe aus denſelben für das Land erwachſen könn⸗ ten. Der Adel, welcher damals eine Menge ſeiner Söhne in Preußens Armee dienen hatte, mochte wohl hin und wider perſönliche Beſorgniſſe für dieſe fühlen, aber im Allgemeinen war ihm dieſer Krieg ganz recht, denn er glaubte ſteif und feſt, daß derſelbe dem Napoleoniſchen Einfluſſe in Deutſch⸗ land, ja vielleicht ſogar der ganzen Herrſchaft des neuen Cäſars ein Ende machen werde. Und der deutſche Adel haßte damals das Napoleoniſche Re⸗ giment, weil dieſes freilich allerorts, wohin es kam, zahlreiche Mißſtände und Ungeheuerlichkeiten beſeitigte und das Talent und die Tüchtigkeit der Geburt vorzog. Herr von Sarow hatte ehedem in der preußiſchen Armee gedient, und von der Aufgeblaſenheit, welche in den letzten Regierungsjahren Friedrich des Großen mehr und mehr unter den Offizieren einriß, hatte er einen guten Antheil abgekriegt. Als daher nun dunkle und verworrene Nachrichten von zwei großen Schlachten, welche die Preußen verloren haben ſollten, zu mun⸗ keln begannen,— da hielt der Hauptmann ſolches zunächſt für ein Gewäſch, an dem vielleicht ein Körnlein Wahrheit ſein könne, mehr aber gewiß nicht. Als es am folgenden Tage aber gar hieß: die ganze preußiſche Armee ſei aus einander geſprengt, der Herzog von Braunſchweig und Möllendorf wären de in Sa⸗ ige Herr frau noch dard nach chikanirt. Oktober⸗ es letzten enig aff⸗ ei geblie⸗ aftsgrün⸗ eten. In hen war, vohnt iſt, Menſch en könn⸗ reußens niſſe für denn er Deutſch⸗ ein Ende iſche Re⸗ dßſtände gkeit der nt, und riedrich en guten hten von zu mun⸗ Hewäſch, iß nicht. rmee ſei wären 4.4 Von C. W. Stuhlmann. 103 erſchoſſen, der Prinz von Oranien, der Herzog von Weimar und Kalkreuth gefangen, Erfurt habe capitulirt und der König von Preußen ſei auf der Flucht nach den jenſeits der Oder gelegenen Provinzen, da lachte der Haupt⸗ mann ſeinem Nachbar, dem Herrn von Kranich, den die Angſt ob ſolcher Schreckenskunde zu ihm getrieben, hell in's Geſicht, weil er ſolche Fabeln ſich habe aufbinden laſſen.„Hundertundſechzigtauſend Mann und zwar die erſte Truppe der Welt, von dem erſten Generale kommandirt, können, ſelber wenn ſie eine Schlappe erlitten haben ſollten, niemals auseinanderſtäuben wie ein Volk Hühner, wenn ein Fuchs dazwiſchen fällt,“ ſagte er, und als der Nachbar ihm darauf bemerkte, daß die Regierung bereits befohlen habe, die Landesgrenzen durch Neutralitätspfähle zu bezeichnen, ſo entgegnete er, daß die Federfuchſer immer die Hoſen voll Angſt hätten. In der folgenden Nacht mußte Herr von Sarow jedoch bereits ſeine Meinung ändern. Auf dem Hofe entſtand nämlich ein plötzliches Lärmen, und Johann, der Jäger, kam bald darauf vor das Bette ſeines Herrn mit der Meldung, daß draußen ein preußiſcher Huſarenoffizier mit mehreren Wagen und eini⸗ gen Huſaren halte und Obdach für ſich und ſeine Mannſchaft und die Pferde begehre. Dieſe Kunde trieb den Herrn raſch aus dem Bette und in die Klei⸗ der und zu dem Offizier, und von dieſem erfuhr er nun, daß die Fama doch nicht gelogen habe.„Sie können ſchon morgen Abend die Franzoſen hier haben,“ ſagte der Lieutenant,„ſie ſind uns dicht auf den Ferſen. Mein Re⸗ giment gehörte zum Corps des General Rüchel. Die Wagen, welche ich escortire, enthalten einen Theil der Kriegskaſſe jenes Corps. Urſprünglich, nach dem Aufbruch aus Erfurt, waren wir eine ganze Compagnie und eine halbe Schwadron Bedeckung, und nun iſt die bis auf zehn Mann zum Hen⸗ ker und mehr als die Hälfte der Fuhrwerke iſt bereits auch verloren gegan⸗ gen. Ich wollte anfangs die Kaſſe nach Stettin flüchten, aber dieſes iſt nicht mehr möglich, denn die Muratſche Cavallerie hat ſich bereits zwiſchen uns und die Oder geworfen.— Seit fünf Tagen habe ich von meinem Corps⸗ ummandanten nichts mehr gehört, und ſo habe ich nun auf meine eigene zand den Plan gefaßt, mich zum General Leſtocg zu begeben, der, wie ich ſre, die in Hannover ſtehenden Truppen in der Nähe von Lüneburg zuſam⸗ ungezogen hat. Anderſeits hörte ich heute Mittag, daß ſich der General gicher mit Theilen des Hohenlohiſchen Corps und demjenigen des Prinzen Oranien in's Strelitziſche gewendet und auf Stralſund und Greifswald Der Hauptmann von Sarow. marſchire.— Was aus der ganzen Sache werden wird, mag der Teufel wiſſen, der liebe Gott weiß es ſicherlich nicht.“— Der Lieutenant und ſeine Huſaren hatten ſeit mehreren Wochen kein Bette geſehen und deßhalb waren ihnen diejenigen in Sarow doppelt will⸗ kommen, nachdem ſie ſich zuvor gehörig mit Trank und Speiſe reſtaurirt hat⸗ ten.„Morgen in der Frühe müſſen wir weiter,“ ſagte der Lieutenant,„und da mehrere von unſeren Trainpferden gänzlich marode ſind, möchte ich Sie erſuchen, mir einige von Ihren Geſpannen gegen baare Bezahlung abzutre⸗ ten.“— Herr von Sarow erklärte ſich dazu bereit und leuchtete dann in eigener Perſon dem Lieutenant zu dem Zimmer, das für ihn bereitet wor⸗ den war. 1 „Wenn die Sachen ſo ſtehen,“ ſagte der Hauptmann, welcher nach des Lieutenants Bettgang wieder in ſein Wohnzimmer getreten war, zu ſich, „dann werden wir allerdings wohl am Abend die Franzoſen hier haben, und dem Gelbſchnabel wird es auch nie und nimmer gelingen, die Gelder in Sicherheit zu bringen. Der Preuße reſpektirt unſere Neutralität keinen Pfif⸗ ferling, und demnach wird der Satanshund, der Bonaparte,— Malapart müßte der Kerl heißen,— ſie erſt recht nicht reſpektiren und wir kriegen hier den ganzen Teufelskram auf den Hals. Hier heißt es, ſich ſeinen Knochen herauszubeißen, ſo gut es glücken will, denn wir befinden uns im Kriegszu⸗ ſtande. Lieber, als daß dem Bonaparte die Kaſſe in die Hände fällt, kann ſie mir zufallen; habe ich doch ein natürliches Recht darauf, da ſie ſich auf meinem Gebiete befindet.“ Und nachdem der Hauptmann dieſes ſo bei ſich überlegt hatte, beſprach er ſich mit ſeinem Jäger, denn bei dem Plane, wel⸗ chen er ſich ausgeheckt, bedurfte er einer Hülfe.— Den jungen Huſaren⸗Lieutenant hatte es trotz aller gehabten Fatiguen nicht lange ſchlafen laſſen. Noch bevor es fünf geſchlagen, war er wieder wach und trieb ſeine Mannſchaft aus den Federn zum Füttern der Pferde. Noch war es völlig dunkel, als ſich der Zug auf den Weg begab. Der Haupt⸗ mann ſelber begleitete dieſen eine kurze Strecke zu Pferde, und nachdem er dann dem Lieutenant die Verſicherung gegeben, daß er jetzt bis zur nächſten Stadt hin gar nicht irren könne, verabſchiedete er ſich.— Die Landſtraße war faſt grundlos und wand ſich in einer dichten Hölzung ziemlich ſteil berg⸗ auf. Plötzlich ſtutzten die Huſaren; waren das nicht die ihnen nur zu wohl bekannten Hornſignale der franzöſiſchen Chaſſeurs? Schallte es dort von ſeitwärts her nicht wie ein eiliges Herantraben von Pferden? Ganz aus der rTeufel hen kein elt will⸗ eirt hat⸗ it,„und ich Sie äbzutre⸗ dann in et wor⸗ ach des zrſch en, und lder in en Pfff⸗ alapart en hier nochen du⸗ „kann ich auf bei ſich 3 wel⸗ e9d tiguen wieder ferde. Haupt⸗ em er ichſten ſtße beig⸗ wohl ton s der Von C. W. Stuhlmann. 105 Nähe fiel jetzt ein Schuß und nun wieder einer, und der Lieutenant ſank vor⸗ über auf den Sattelknopf, und nachdem das Pferd noch einige Sätze gemacht hatte, ſtürzte der Reiter zur Erde.„Der Franzos! Der Franzos!“ ſchrieen die Huſaren und die Fuhrknechte, und letztere ſchnitten, ſo raſch ſie es konn⸗ ten, die Stränge ihrer Gäule ab und jagten in Begleitung der Huſaren im Grauen des erſten Morgens von dannen. Man erzählt, daß die preußiſche Kriegskaſſe in einigen hohlen Bäumen, in einem faſt ganz von unpaſſirbaren Sümpfen und Mooren umgebenen Dickicht, verborgen wurde. Dorthin brachte man auch nach einigen Stun⸗ den die Mehrzahl des Rindviehs und die werthvolleren Pferde. Noch war es nicht völlig Mittag, als es im Dorf und auf dem Hofe plötzlich laut wurde, lärmte, tobte und fluchte. Ein Dutzend preußiſcher Reiter, den verſchiedenſten Regimentern angehörend, brach in die Häuſer ein, heiſchte unter Drohungen und Fluchen Speiſe und Trank und Geld und trieb zerſtörenden Muthwillen an dem Hausrath und anderem Eigenthum. Den Hauptmann, welcher ſeine Uniform angelegt hatte, vermeinend dadurch bei den Flüchtlingen ſich Reſpekt zu ſchaffen, verhöhnten ſie auf das gröb⸗ lichſte.„Was König, was Disciplin!“ ſchrieen ſie ihm zu,„der Trödel hat ſein Ende getriegt. Der Bonaparte i*ſt jetzt König in Preußen und dem haben wir uns nicht verſchworen!“— Die flüchtigen Reiter zogen nach eini⸗ gen Stunden weiter, ihnen folgten aber bald andere in größeren oder klei⸗ neren Trupps daherziehend. Gegen Abend kam die gnädige Frau von Wold⸗ ſeburg her mit den Kindern geflüchtet. Ihr ſelber und den beiden erwachſenen Töchtern waren die Oberkleider zerriſſen und das Haar zerrauft und eins der Mädchen blutete im Geſicht und an den Armen. Eine Rotte von Füſi⸗ liers und Trainknechten war gegen Mittag in Woldſeburg erſchienen, hatte dort geplündert und alles devaſtirt und obendrein grauſame Gottloſigkeiten wider die Bewohner begangen. Die jüngeren Kinder jammerten, die beiden Fräulein waren völlig er⸗ ſtöpft zuſammengeſunken, die gnädige Frau irrte verwirrt durch die Zim⸗ wr, der Hauptmann zernagte ſich im ſtillen, rathloſen Ingrimm. Plötzlich kllten Schüſſe, und wildes Geheul und Gejauchze ſchallte in nächſter Nähe. as iſt dieſelbe Bande, die vorher in Woldſeburg war,“ jammerte die gnä⸗ d Frau, und die Fräulein und die Kinder ſchrieen laut auf und rannten dn, ſich im Keller zu verſtecken. Eine Menge Marodeurs drangen gleich darauf in das Haus.„Da iſt Der Hauptmann von Sarow. der Höllenhund, der uns damals verkauft hat, Konrad Lock,“ ſchrie ein lan⸗ ger Grenadier,„Kameraden, der Kerl hat ärger mit ſeinen Leuten gewirth⸗ ſchaftet, als Satan in der Hölle mit den Verfluchten!“— Bei dieſen Wor⸗ ten führte er mit dem Seitengewehr einen Hieb nach dem Kopfe des Haupt⸗ manns. Dieſer wich jedoch demſelben aus und ein anderer Soldat fiel nun⸗ mehr dem Grenadier, welcher zu einem zweiten Hiebe ausholen wollte, in den Arm.„Laß ihn, Fritz, der Hund darf keinen ehrlichen Soldatentod ſterben. An ſeinem eigenen Galgen muß er hängen und ſein eigener Schinder ſoll es uns beſorgen!“—„Ja, ſein eigener Schinder ſoll ihn hängen!“ ſchrie es im wilden Chor.— Der Hauptmann ſtand bleich und gebrochen, und obſchon er bei ſeiner rieſigen Stärke ſicherlich mehreren dieſer Menſchen mit Erfolg hätte Wider⸗ ſtand leiſten können, machte er doch dazu nicht den leiſeſten Verſuch. Im Gegentheil begann er um ſein Leben zu betteln und ſeine früheren Leibeige⸗ nen um Barmherzigkeit und Vergebung anzuflehen. Als jene auf ſolches Flehen ihm nur mit höhniſchen Spöttereien dienten und ihn vorwärts zu ſtoßen begannen, warf er ſich ſogar zu Boden und umfaßte winſelnd die Kniee ſeiner Dränger. Dieſes nützte ihm jedoch nichts. Mit Bajonnetten und Säbeln ſtachelte man ihn in die Höhe und gleichzeitig wurden ihm Stricke um die Hände geſchlungen und ſo ſchleppte man ihn fort zum Hoch⸗ gericht.„Nun magſt knieen und zu Gott beten, obſchon du Hallunke nie⸗ mals an ihn geglaubt haſt!“ ſagte der Grenadier. Andere hatten inzwiſchen die Behauſung des Frohns erſtiegen und denſelben gezwungen, ihnen zum Hochgericht zu folgen.— „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ ſagte plötzlich eine milde Greiſenſtimme, und in ſeinem Chorrock, die Bibel in der Hand, trat der alte Paſtor Stark in den Kreis der wilden Soldateska. Und mit weni⸗ gen, aber beredten Worten führte er derſelben die grauſame Unrechtfertig⸗ keit ihres Vorhabens zu Gemüthe, wie dasſelbe ein ſchändlicher Mord und wie dem Mörder die Erinnerung an ſeine blutige That nimmermehr Ruhe laſſe, weder hier noch dort.„Er hat Recht!“ rief der Grenadier,„nein, tödten dürfen wir ihn nicht.“—„In dem Ganten ſoll er aber liegen!“ ſchrie Konrad Lock.—„Ja, in den Ganten mit ihm! Laßt es ihn ſelber ein— mal ſchmecken, wie das Krummliegen thut!“ riefen mehrere der Soldaten, und unter wildem Schreien und Gejauchze ging der Zug zurück nach dem Hofe.— Vergebens hatte der Paſtor den Verſuch gemacht, auch die nunmehr rie ein lan⸗ en gewirth⸗ jeſen Wor⸗ des Haupt⸗ at fiel nun⸗ allte, in den fod ſterben. hinder ſoll ſ“ ſchrie es rbei ſeiner itte Wider⸗ ſuch. Im en Leibeige⸗ auf ſolches orwärts zu inſelnd die ajonnetten urden ihm zum Hoch⸗ lunke nie⸗ inzwiſchen ihnen zum ſätlich eine Hand, trat mit weni⸗ echfertg⸗ Mord und nehr Ruhe er,„nin r liegu! ſelber ii Soldatc nach d0 nunnd Von C. W. Stuhlmann. 107 ihm zugedachte Qual von dem Hauptmann abzuwenden, aber es war vergeb⸗ liche Mühe geweſen. In demſelben Folterinſtrumente, womit er ſo oft ge⸗ quält, lag nunmehr der geſtrenge Herr ſelber, und ohne ſich nur regen zu können, mußte er mitanſehen, wie ſein ſämmtlicher Hausrath zerſchlagen und zertrümmert wurde.. Schon hatte ſich die Nacht geſenkt, als plötzlich in der Nähe mehrere Schüſſe fielen.„Die Franzoſen kommen!“ hieß es nun, und wenige Minu⸗ ten ſpäter herrſchte Todesſtille auf dem Hofe. Der Hauptmann mußte je⸗ doch die ganze Nacht in ſeiner Folter zubringen, denn die Preußen hatten die zu derſelben gehörenden Schlüſſel mitgenommen und der Schmied in Sarow hatte ſich geflüchtet. Erſt am Morgen wurden einige von dem Paſtor herbei⸗ gerufene Leute mit dem Durchfeilen und Sprengen der eiſernen Bänder und Krampen fertig und ſo der Hauptmann frei. 6. Für das ganze Land brachte der Herbſt von 1806 ſchreckliche Tage. Einzelne kleine arme Landſtädtchen berechneten den ihnen in wenigen Tagen durch Plünderung, Brand, Fouragirung und Brandſchatzung erwachſenen Schaden auf fünfzig, ja, ſelbſt auf achtzigtauſend Thaler; zu jener Zeit eine enorme Summe. Das platte Laud, namentlich der Theil desſelben, durch den der Hauptzug der Verſprengten ging, litt noch bei weitem mehr. Auf manchen Höfen und Dörfern wurden die Einwohner bis auf's Hemde ausgeplündert, das Vieh fortgetrieben und die Vorräthe vernichtet. Durch⸗ gängig wirthſchafteten die preußiſchen Marodeure noch ärger, als die fran⸗ zöſiſchen. Jene, dem grauſamen militäriſchen Sklaventhume plötzlich entron⸗ nen nahmen nun für die Unbill, welche man ihnen Jahre lang angethan, gleichlam Rache an aller Welt, dieſe wollten nur wirkliche Bedürfniſſe oder höchſtens habſüchtige Gelüſte befriedigen. Dem Herrn von Sarow hatte es nichts genützt, daß er ſein Vieh in's Holz hatte treiben laſſen. Die Franzoſen hatten den Weg dahin gefunden; wie man behauptet, waren einige von den eigenen Leuten des Gutes die Ver⸗ räther geweſen. In den Sarower Gütern ſah es überall entſetzlich aus. Auf einem derſelben waren die geſammten Gebäude niedergebrannt; in Woldſeburg war das Herrenhaus derartig ſpolirt, daß ſich eine fernere Be⸗ wohnung wenigſtens vorläufig als rein unmöglich erwies, und ſo mußte die — 8—.— 108 Der Hauptmann von Sarow. gnädige Frau ſchon in Sarow bleiben, auch nachdem, nach der Einnahme Lübecks, eine Belegung des ganzen Landes mit franzöſiſchem Militär, und dadurch wenigſtens perſönliche Sicherheit der Bewohner vor Marodeurs, er⸗ folgte. Letzteres geſchah gegen Ende des Novembermonats. Jedermann war es auffällig, wie der Hauptmann in den letzten Wo⸗ chen geiſtig und körperlich zuſammengebrochen war. Sein Bart war weiß geworden, und er ging vorübergebückt und wich ſcheu den eigenen Leuten aus. Selten verließ er das Haus, obſchon gerade jetzt das Auge des Herrn an allen Orten hätte ſein ſollen. Hin und wider ſahen einzelne Perſonen ihn am hellen Vormittage nach dem Walde ſchleichen, und Hans, der Hir⸗ tenjunge des Bauern Frahm, erzählte: er habe mehrfach geſehen, wie er dort von einer Buche zur anderen ſchleiche, gleichſam als wenn er etwas ſuche. Oft ſcheine ihn dabei eine plötzliche Angſt zu überkommen. Er, Hans, habe einigemale wie eine Eule geſchrieen, und jedesmal ſei bei ſolchem Rufe der Alte zuſammengefahren und habe ſich ſo raſch als möglich fortgemacht.„Er ſpukt bereits bei lebendigem Leibe!“ ſagte der alte Schäfer Glävke.— „Das mit dem Hängenſollen und was mit den Fräuleins paſſirt iſt, hat's ihm angethan,“ meinten Andere.— Die bisherige franzöſiſche Einquartierung war weiter der Oder zu mar⸗ ſchirt. Nun kam die Meldung, daß ein Regiment Küraſſiere vom Corps des Marſchalls Soult in den Sarow'ſchen Gütern für den Winter Quar⸗ tiere nehmen ſolle. Zwei Escadrons mit einem Major ſollten in Sarow ſelber bleiben und ſie rückten gegen Abend ein. Der Major, welcher natür⸗ lich auf dem Herrenhofe hatte Aufnahme finden ſollen, hatte dieſes abgewie⸗ ſen, das ihm zugedachte Quartier anderen Offizieren gegeben und ſich in's Paſtorat verfügt.— Der alte Geiſtliche empfing ſeinen Gaſt mit würdiger Höflichkeit und mit einem arg geradebrechten Franzöſiſch. Er erkundigte ich,— ob der Herr Major es vorziehe, in ſeinem eigenen Zimmer zu ſpeiſen, oder am Familientiſche. Jener erbat ſich das letztere.— Man hatte ſich zu Tiſche geſetzt und der Major ſaß zwiſchen dem Haus⸗ herrn und deſſen Gattin. Die Unterhaltung war ziemlich einfilbig, denn, wie ſchon bemerkt, das Franzöſiſch des Herrn Paſtors war nicht weit her, und dasjenige der Frau Paſtorin reducirte ſich ſo ziemlich auf ein oui und non. Jetzt wandte ſich der Major zu der alten Dame, und im heimiſchen Plattdeutſch ſagte er:„Frau Paſtorin, ich bin noch bei Ihnen in der Schuld für Ihre beſte Brautkrone. Sie wiſſen's wohl nicht?“ Dann wandte er — Von C. W. Stuhlmann. 109 ſich zu dem alten Paſtor und ergriff deſſen Rechte.„Herr Paſtor, bei Ihnen bin ich auch noch ſo tief in der Schuld, daß ich's nie bezahlen kann.— Herr, kennen Sie mich denn nicht mehr? Ich bin ja Hinrich Puls, des Steinbrück⸗ bauern Sohn, und Sie haben mich ja eingeſegnet und getraut.“ Das gab eine große Verwunderung, vielfältige Frage und Erzählung. Jener Tag, an welchem Hinrich Puls am Pfahl geſtanden, und die demſel⸗ ben folgende Schreckensnacht traten aus der Vergangenheit in den Kreis der Gegenwart. Der Major erzählte, wie Langermann den Tod gefunden und wie er dann mit ſeinem Weibe, weil er nur dort ſich ſicher geglaubt, bis zu den Ufern des Rheins geflüchtet ſei. Dort habe man ihn zum Kriegsdienſt eines deutſchen Fürſten gepreßt und bald darauf ſei er mit deſſen Truppen dem franzöſiſchen Heere einverleibt worden. Aus dem Kriege in Italien ſei er als Wachtmeiſter und aus dem vorjährigen mit Oeſterreich als Rittmei⸗ ſter hervorgegangen, und der Tag von Jena habe ihm das Majorspatent ge⸗ bracht.„Und nun kämpfen Sie gegen Ihr eigenes Vaterland?“ fragte der Prediger. Der Major ſchwieg einen Augenblick.„Herr Paſtor,“ erwiderte er dann,„Sie und Ihresgleichen können vielleicht von einem Vaterlande ſpre⸗ chen, aber kann dieſes auch der Leibeigene, der durch die Geburt an die Scholle gebunden iſt, mit welcher er den Herrn über Leib und Ehre wechſelt nach Erbrecht und Kaufrecht? Hier zu Lande war ich weiter nichts als ein willenloſes Ding; es wurde mir ſogar als ein Verbrechen geachtet, eine rein menſchliche Neigung zu hegen. Ausgeſtoßen war ich durch das Geſetz aus der menſchlichen Geſellſchaft; ein Vaterland habe ich hier nimmermehr be⸗ ſeſſen.“— Der Paſtor ſchwieg. Er mochte wohl fühlen, daß es verzeihlich war, wenn der Major ſo dachte und redete.„Mag man über den Kaiſer rdenken, was man will,“ ſagte Letzterer nach einer Pauſe,„ſo viel ſteht mir feſt, daß für die Maſſe des Volks allenthalben ſeine Siege auch Siege ſind. Wohin er ſeinen Fuß ſetzt, zertritt er der Tyrannei der kleinen Herren das Genick; ſeine Herrſchaft kennt keine vor dem Geſetze privilegirten Herren, denen gegenüber die anderen Menſchen rechtloſe Sklaven ſind.“— Inzwiſchen war die Frau Paſtorin gegangen, um einige Wirthſchaft⸗ lichkeiten zu ordnen. Der Paſtor hatte etwas auf dem Herzen, was ihn be⸗ drückte. Jetzt legte er es in die Frage:„Werden Sie auch dem Herrn von Sarow entgegentreten?“— Der Major ſchwieg eine Weile und ſchaute dem alten Prediger feſt in die klaren Augen.„Ja,“ erwiderte er nunmehr,„ja, — — 1 — ——— 110 Der Hauptmann von Sarow. ich werde ſolches thun und zwar ſchon morgen.“—„Er iſt während der letz⸗ ten Wochen, unter dem Druck von Unglück, furchtbar zuſammengebrochen; er iſt nur noch ein ſchwacher Greis,“ ſagte der Paſtor und wie bittend legte ſich dabei ſeine Rechte auf diejenige des Majors. Dieſer ſchwieg und wich dem Auge des Paſtors aus.„Liebet eure Feinde, ſegnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch haſſen!“ fuhr der Geiſtliche fort, und als der Ma⸗ jor noch immer keine Antwort gab, da nahm er die Rechte desſelben zwiſchen ſeine Hände und drückte ſie an ſeine Bruſt.„Hinrich Puls,“ ſagte er dabei, „willſt du den Mann nicht um Gotteswillen ſchonen, ſo ſchone ihn um mei— netwillen. Die Gewährung dieſer Bitte fordere ich von dir. Ich, dein alter Lehrer und Paſtor habe dazu ein Recht.“—„Ja, Sie haben dazu ein Recht,“ erwiderte nunmehr Hinrich Puls, und als die Männer ſich jetzt gegenſeitig in die Augen ſahen, da wurden die ihnen urplötzlich feucht, und über die ein⸗ gefallenen Wangen des Predigers und über die wettergebräunten des Ma⸗ jors träuften gleichzeitig ein paar Thränen. Nach wenigen Wochen kam auch die ehemalige Fiek Lübke, die Frau Majorin Puls, welche die anderen Offiziere ſtets madame de la Poule nann-⸗ ten, nach Sarow, um ihren Mann zu beſuchen. Es zeigte ſich an ihr, daß da, wo Kopf und Herz auf dem rechten Flecke ſitzen, unter günſtigen Umſtän⸗ den wohl eine Dame aus einer Magd werden kann. Nicht allein, daß nir⸗ gendwo ihr Erſcheinen Anſtoß erregt haben würde, im Gegentheil, ſie machte den günſtigſten Eindruck, den überhaupt eine Frau machen kann, nämlich den, daß heiterer Friede in ihrem Kreiſe wohne. Bei den ſchlechten Zeiten, die den Gutsbeſitzern nicht allein unzäh⸗ lige Laſten aufhäuften, ſondern auch den Credit vollſtändig untergruben, ge⸗ riethen in den nächſten Jahren eine Menge Güter in Concurs und unter ihnen auch die Sarow'ſchen. Sie wurden verkauft; ſchon früher hatte die Frau von Sarow mit ihren Töchtern ein Unterkommien bei Verwandten ge⸗ funden. Der alte Hauptmann wohnte jetzt als Miethsmann im Predigerwitt⸗ wenhauſe zu Sarow ganz allein mit einer alten, faſt tauben Wirthſchafterin. Allen Menſchen ging er ſorfältig aus dem Wege, dagegen redete er oft und viel mit ſich ſelber. Hin und wider hatten ihn die Dorfhirten im Walde be⸗ ſchlichen, wo er oft Stunden lang wie nach etwas Verlorenem zu ſuchen ſchien.„Alles fort, alles geſtohlen!“ hatten ſie ihn dabei ſprechen hören, „verfluchter Spitzbube, verfluchter Johann!“ Zu anderen Zeiten wieder hörten Güten ſchieß mann braun und d man! tuche die J erzäl bran Von C. W. Stuhlmann. 111 hörten ſie ihn laut klagen und ächzen:„Alles vorbei, alles vorbei! Die Güter zum Henker, es geht mit den Sarows zu Ende; ſchießt mich todt, ſchießt mich todt!“— An einem Herbſtabend gewahrten mehrere Arbeiter den alten Haupt⸗ mann, wie er in furchtbarer Haſt vom Walde her gerannt kam.„Der braune Huſar!“ ſchrie er immer fort, und ſo eilte er quer durch die Wieſen und die Aecker in die Streitbergsbuchen hinein. Am anderen Tage fand man dort ſeine Leiche an einem Aſte hängen; er hatte mit dem eigenen Hals⸗ tuche ſich aufgeknüpft. Neben ihm lag ein kleiner Beutel mit Thalern, der die Inſchrift zeigte:„Königliche Kriegszahlkaſſe.“— Die Leute in Sarow erzählen, unter derſelben Buche habe man im Herbſte 1806 die Leiche des braunen Huſarenlieutenants gefunden.— Das Kind des Südens. Novelle von Bernd von Guſeck. (Schluß.) 7. Frau Sichart kehrte mit Flora, welche ſie begleitet hatte, kurz nach der Entfernung des Grafen zurück. Es fiel dem Hausherrn, der an den Wagen trat, um ſeiner Frau herabzuhelfen, auf, daß Flora bleicher war, als ſonſt — er kannte dies Zeichen, worauf ihn Roſalie ſchon früher zuweilen auf⸗ merkſam gemacht hatte: bei Gemüthsbewegungen erbleichte Flora ſtets, nur bei leichteren Ueberraſchungen erröthete ſie. Hatte jetzt ein beſonderer Anlaß das Gemüth des Mädchens bewegt? Vielleicht ein Geſpräch mit ſeiner Frau? Sichart hatte das Richtige getroffen, ſeine Vermuthung wurde beſtä⸗ tigt, als er, mit ſeiner Gattin allein in das Wohnzimmer getreten, dieſe da⸗ nach fragte.. „Du haſt Recht,“ ſagte ſie.„Wir ſprachen zuſammen über ernſte Dinge. Flora hat einen verſchloſſenen Sinn, das liegt in dem Schickſal ihrer Kindheit: in Wien, als mit dem Tode ihres Vaters die Entbehrungen und Leiden kamen, hatte ſie ſchon das Bewußtſein derſelben und doch keinen Menſchen gehabt, dem ſie hätte ihre Angſt um die hinſiechende Mutter klagen können; nachher bei uns ſtand ſie doch auch mit ihrem fremdrändiſchen Weſen immer allein und es dauerte lange, ehe ſie Vertrauen zu mir faßte. So habe ich auch nicht alles erfahren, was ſie fühlte. Aber es kommen endlich doch Momente, in denen ihr das Herz zu voll und zu ſchwer wird und ſie das Bedürfniß fühlt, ſich gegen mich auszuſprechen.“ vertr ihren uns! „Zwi traute ſchon nichs Ambe nauſ die g einig ich? geh Tod nich dem keit Die war legu ſchr feln ließ Bil Von Bernd von Guſeck. 113 „Und das iſt heut geſchehen?“ erwiderte Sichart.„Was hat ſie dir vertraut?“—„Was mir vertraut wird,“ entgegnete Frau Roſalie mit ihrem liebevollen Lächeln,„das muß ich auch gut bewahren.“—„Zwiſchen uns wirſt du doch keine Geheimniſſe haben wollen, Roſel?“ ſagte er.— „Zwiſchen uns, was uns angeht, gewiß nicht!“ erwiderte ſie.„Aber anver⸗ trautes Gut, Sichart?“—„Nun meinetwegen! Ich kann es mir übrigens ſchon denken,“ ſagte er.„Da bin ich aber doch anders geweſen: ich habe nichts angenommen, was ich dir nicht hätte erzählen dürfen. Nun höre. Amberg hat richtig ſeine Frau nach den Sachen gefragt, die er hier in Bor⸗ nau ſuchte, und ſie iſt ſo frei geweſen, ihm kaltblütig zu erwidern, daß ſie ihm die Korallen und ſo weiter nus ſeinem Schreibtiſche genommen, ſchon vor einigen Jahren, weil— nun rathe einmal, Roſel, warum!“—„Wie ſoll ich das errathen!“ erwiderte ſie.„Weil ſie vielleicht damals ſchon die Laune gehabt, Flora einmal als Italienerin auszuputzen? Es iſt doch vor dem Tode ihrer Tochter geweſen?“—„Nachher, nachher! Der Einfall iſt ihr nicht durch den fremden Putz gekommen, ſondern durch das Medaillon mit dem Bilde— was wirſt du ſagen, Roſel, wenn du hörſt, daß die Aehnlich⸗ keit, die er gefunden hat, keine zufällige, ſondern eine ganz natürliche iſt? Die Frau, welche das Bild vorſtellt, iſt Flora's Mutter!“— Frau Sichart war ſehr überraſcht, doch ſagte ſie:„Wie kannſt du eine ſo romanhafte Aus⸗ legung glauben!“ „Liebe Roſel, in der Wirklichkeit kommen Dinge vor, die kein Roman⸗ ſchreiber wunderbarer erdichten kann. An der Sache iſt gar nicht zu zwei⸗ feln. Amberg hatte von ſeiner Frau eine Anſpielung gehört, die ihn glauben ließ, daß ihr die Möglichkeit, an die er oft gedacht, ſchon beim Anblick des Bildes aufgefallen, nun aber, ſeit ſie Flora mit den Korallen und dem ita⸗ lieniſchen Haarpfeil geſehen, für vollkommene Gewißheit gelte. Es hatte ihm keine Ruhe gelaſſen, ſich darüber Aufklärung zu verſchaffen. Ich beſitze den Taufſchein des Kindes, das wußte er, weil ich ihm kürzlich, als er ſie immer wieder Fiorina nannte, geſagt, daß ich ihm durch ihren Taufſchein be⸗ weiſen könne, daß ſie nicht mit dieſem italieniſchen Namen, ſondern einfach Flora getauft ſei. So fragte er mich denn heut nach ihrem Vaternamen, den kannte er nicht— als ich ihm aber den Taufnamen ihrer Mutter, wie er im Taufſchein ſteht, nannte, rief er ihn höchſt aufgeregt mit ihrem Mädchen⸗ namen nach: Marca Donato. Da iſt alſo kein Zweifel: Flora iſt das Kind der Frau, die er mit einer wahnſinnigen Leidenſchaft ſündlich und Gott ſei Hausblätter. 1867. Iv. Bd⸗ 8 ——— ͤö—— —— — 114 Das Kind des Südens. Dank vergebens verfolgt hat— und daß er das Mädchen grade hier, nach⸗ dem ſo viele Jahre vergangen, bei uns wieder finden mußte, iſt freilich eine wunderbare Fügung. Sieh mich nicht mehr ſo ungläubig an, Roſel, wir haben uns dann noch weiter ausgeſprochen, die Sache hat ihre vollkommene Richtigkeit. Flora mußte damals ſchon ein Kind von drei oder vier Jahren geweſen ſein; er wußte freilich, daß die Frau des Goldſchmieds, welche ſeine unlautere Leidenſchaft erweckt, ein kleines Mädchen gehabt, mit welchem er ſie oft frevelhafter Weiſe eine Madonna genannt hatte; ſein Geheimniß, ſagte er mir, ſei dann von der Dienerin ſeiner Frau, die noch jetzt bei ihr iſt, er⸗ ſpäht und dieſer verrathen worden, worauf der Gegenſtand ſeiner Untreue plötzlich mit Mann und Kind verſchwunden ſei: ob nur aus ihrer bisherigen Wohnung oder ganz aus Mailand und der Gegend, habe er trotz der eifrig⸗ ſten Nachforſchungen nie erfahren können.“ „Und nach zwanzig Jahren noch ſetzt ihn die Erinnerung, deren er ſich ſchämen ſollte, in leidenſchaftliche Aufregung!“ ſagte Frau Roſalie.—„Er muß die arme Frau doch ſehr lieb gehabt haben, Roſel!“ erwiderte Sichart. „Entſchuldigen kann ich ihn nicht, aber erklären läßt es ſich bei ſeinem halt⸗ loſen Weſen.“—„Richte nicht zu ſtreng,“ verſetzte ſie ſanft.„Ihn hat ſpä⸗ ter Unglück genug getroffen! Weiß er, daß Arnold wieder bei uns iſt?“— „Er hatte es erfahren, doch erwähnte er es nur und ſagte nichts weiter. Es wird aber nun wohl zu einer förmlichen Auseinanderſetzung kommen, denn Arnold, wie er uns ja offen geſtanden hat, geht darauf aus. Ich kann es ihm nicht verdenken und bin überhaupt ein Feind von allem Halbdunkel, wo kein Grund iſt, das helle Licht zu ſcheuen. Wenn ich mir einen Vorwurf zu machen habe, ſo iſt es der, daß ich den Jungen, ſeit er in unſer Haus kam, nicht ſtrenger erzogen und von ſeiner Vorliebe für Heimlichkeiten und aller⸗ hand Schlichen kurirt habe.“—„Es waren aber doch niemals unrechte Dinge, das haſt du ſelbſt geſagt, Sichart!“ warf ſie ein. „Das ſage ich auch noch, wenigſtens in Bezug auf ſeine knabenhaften Anſchläge—“ erwiderte er.„Er hatte eine lebhafte Phantaſie, hatte im elterlichen Hauſe viel zu früh Freiheit der Lecture genoſſen und dadurch Hang zu abe teuerlichen und geheimnißvollen Dingen bekommen. Hätte ich ihn davon zurückgebracht, mit Strenge, wenn es nicht anders ging, ſo wäre uns ſeine Liebe zu Amberg's Tochter nicht ſo lange verborgen geblieben, und wir hätten jedenfalls Mittel gefunden, den unglücklichen Ausgang zu verhüten. Wir waren aber ſo feſt überzeugt, daß deine Wehrnehmungen in einer ande⸗ Ich „Sor trauen Zufri uns n Von Bernd von Guſeck. 115 ren Beziehung richtig ſeien— und hatten deßhalb ſchon Sorgen genug!“— „Ich hatte mich auch nicht getäuſcht, Sichart,“ entgegnete Frau Roſalie. „Sorgen haſt du dir mehr gemacht, als ich, das weißt du. Ich ſah mit Ver⸗ trauen in die Zukunft, denn ich hoffte, das Verhältniß werde ſich zu unſerer Zufriedenheit entwickeln— du warſt dagegen, ich nicht. Doch wir vertiefen uns wieder in die Vergangenheit und haben es doch mit der Gegenwart zu thun. Wo iſt denn Arnold? Haſt du ihn während meiner Abweſenheit ge⸗ ſehen?“ Das war nicht der Fall geweſen; Arnold hatte ſich ſchon vor einigen Stunden entfernt, ohne anzugeben, wohin er gehen wolle, und war noch nicht zurückgekehrt.—„Amberg ſtand heut im Begriff, endlich das unnatürliche Schweigen, das er gegen uns ſeit dem Unglück bewahrt hat, zu brechen,“ er⸗ zählte Sichart noch.„Es wäre mir ſehr lieb geweſen, indeſſen wurde ihm die Sache wieder leid, er ſprach noch von einigen alltäglichen Dingen und ritt bald fort. Ich bin geſpannt, wie Arnold in Hohenſtein auftreten wird.“ Wohl hatte Arnold ſich das bedacht, als er trotz des kurzen ablehnenden Schreibens der Gräfin den Gang nach dem Hohenſtein unternommen hatte, und nun dieſer vergeblich geweſen war, im Geiſte erwogen, was er thun ſolle, wenn auch der Graf ihm eine Unterredung abſchlagen würde. Konnte er alles auf ſich beruhen laſſen, beſonders da er von Gertrud gehört, daß die Gräfin ſeinen erſten Brief, in welchem er mit der vollen Kraft der Wahr⸗ heit die ſchändlichen Verläumdungen zurückgewieſen, gar nicht geleſen hatte? In dem letzten, der ſie um Gehör bat, hatte er ſich auf jenen berufen, ohne Erfolg natürlich, da die Gräfin den Inhalt desſelben gar nicht kannte— kein Wunder, daß ſie in der alten vorgefaßten Meinung befangen, ſeine Bitte abgeſchlagen hatte. Den Grafen hoffte er zugänglicher zu finden, Gertrud hatte ihm verſprochen, ſein Geſuch zu beſtellen, aber wenn Amberg es unter dem Einfluſſe ſeiner Frau dennoch abſchlug, wie ſollte Arnold ſich verhalten? Offen deßhalb guten Rath zu ſuchen, wo er ihn vielleicht gefunden hätte, konnte er nicht über ſich gewinnen; mit dem ehrwürdigen Pfarrer, bei wel⸗ chem er heut über eine Stunde blieb, würde er noch am liebſten über ſeine Zweifel geſprochen haben, aber der geiſtliche Herr war auf keinen Fall in die Verhältniſſe eingeweiht, welche in den beiden Familien verſchwiegen geblie⸗ ben waren: was derſelbe aus der Vergangenheit in der heutigen Unterredung berührte, gab Arnold die Ueberzeugung, daß er von falſchen Anſichten dar⸗ über beherrſcht war. Doch weckte es in Arnold wunderbare Gefühle, den 8* 116 Das Kind des Südens. Greis ſo unbefangen von jener Zeit reden zu hören, an welche er zuweilen mit wehmüthiger Regung dachte: es war auch für ihn eine ſchöne, ach ſo glückliche Zeit geweſen, ehe er mit dämoniſcher Gewalt in einen fremden Zauberkreis hinüber gezogen worden war.— Langſam kehrte er aus dem Dorfe zurück. Der Graf mußte den Gutshof längſt verlaſſen, zu Hauſe ſchon Gertrud's Mittheilung empfangen haben; im Laufe des Tages oder doch morgen ließ ſich eine Antwort darauf erwarten. Arnold legte ſich be⸗ reits in Gedanken zurecht, was er gleich zum Beginn der Unterredung ſagen wollte: keine lange Einleitung, keine weit ausholende Rechtfertigung, ſon⸗ dern raſch zur Sache, wie der Blitz, der kürzlich auf dem Grafenſchloſſe ein⸗ geſchlagen hatte, das Wort beleidigter Ehre!— Bringen Sie Beweiſe? klang ihm das Wort der Zofe wiederum in der Seele. Oh, hätte er freilich den Elenden, der im Finſtern wie ein verkappter Bandit den Dolch gegen ihn ge⸗ zückt hatte, vor dem gräflichen Paare zu Boden werfen, ihm den Fuß auf den Nacken ſetzen und ihn zwingen können, ſeinen Meuchelmord an Ehre und Leben zu geſtehen! Der Gedanke, welcher Arnold durchblitzt hatte, füllte ihn jetzt mit heißer Scham; war derſelbe denn minder ſtrafbar, als die ver⸗ läumderiſche That, die ihn ſelbſt betroffen und die zu rächen er ſich glühend ſehnte? Wie konnte er nur einen Moment den abſcheulichen Argwohn auf das reinſte Gemüth richten, das der ehrwürdige Greis, den er eben verlaſſen, wiederum mit ſo väterlichem Wohlwollen gerühmt hatte! Am Wege waren Feldarbeiter auf dem Acker beſchäftigt, der alte Rie⸗ del ſtand bei ihnen und ging Arnold, als er ihn kommen ſah, mit ſeinem phlegmatiſchen Schritte entgegen. Sollte Riedel, der in Hohenſtein ſeit einem Menſchenalter verkehrte, von ſeinem Freunde, dem Oberinſpektor, nicht manches erfahren haben, wovon er nur nicht ſprach, weil ihm vielleicht Schweigen auferlegt war? Dann aber konnte er vielleicht Arnold Licht ver⸗ ſchaffen, wenigſtens einen Rath geben!—„Kommen Sie mit nach Hauſe?“ fragte dieſer, und als der Verwalter, der ſeine Gegenwart bei der Arbeit nicht mehr für nöthig hielt, ſich ihm anſchloß, begann er, ſeines Vorſatzes auch hier eingedenk, ohne alle Einleitung:„Sie wiſſen ja wohl, Riedel, weßhalb ich vor fünf Jahren mich ſo plötzlich entſchloß, Bornau zu verlaſſen?“— Offenbar war Arnold's Vorausſetzung richtig, denn der Alte ſtutzte, ſah ihn von der Seite an und brummte ein paar Worte, die nicht zu verſtehen waren. Dann äußerte er:„Sie haben's mir ja ſelber geſagt: wollten ſich trug den? drin mich dabe nen Von Bernd von Guſeck. 117 in der Welt den Wind um die Naſe pfeifen laſſen, ſich was verſuchen, nicht wie unſereins zeitlebens auf der Scholle ſitzen bleiben.“ „Sagte ich ſo? Ich kann es kaum glauben, Riedel,“ erwiderte Arnold. „Es war ein großes Unglück, das ſich damals in unſerer Nachbarſchaft zu⸗ trug— Sie wiſſen gewiß, wie das gekommen iſt!“—„Schlagen Sie auf den Buſch, Herr Bliedung? Der Haſe kommt nicht heraus, weil er nicht d'rin liegt!“—„Ich bitte Sie, nennen Sie mich nicht ſo fremd! Sie haben mich aufwachſen ſehen, mich immer Arnold genannt— laſſen Sie es doch dabei und— ſeien Sie aufrichtiger gegen mich.“—„Na, ich kann doch kei⸗ nen Herrn Lieutenant mit ſolchem Wald um's Kinn kurzweg ſo nennen, wie ich ihn als Jungen genannt habe? Was würden die Leute ſagen!“—„Hal⸗ ten Sie mir Stand, Riedel. Wiſſen Sie wirklich nicht, was ich Sie fragte?“ —„Ja na, was ſoll ich da wiſſen?“ erwiderte der Alte.„Das arme Mädel iſt irre geworden und hat's nicht überſtehen können— das wiſſen alle Leute ſo gut wie ich.“—„Irre, an wem, Riedel? Und was hat ſie nicht über⸗ ſtehen können?“ fragte Arnold, der ſeine Bewegung nicht mehr bemeiſtern konnte.—„Irre, an wem?“ wiederholte der Alte.„Na, der's war, der wird's ſchon wiſſen— mich geht's nichts an.“—„Sie glauben alſo auch an die ruchloſe Lüge?“ rief Arnold.„Ich muß von Ihnen eine grade ehrliche Auskunft haben— ich ſehe, Sie wiſſen alles und wir brauchen deßhalb nicht mehr vor einander zurückzuhalten!“—„Aber bleiben Sie doch vernünftig, Arnold!“ ſagte Riedel.„Was kann denn das alles helfen! Von einer Lüge iſt da gar nicht die Rede, wenn ich doch von der Leber weg ſprechen ſoll. Haben Sie das Unglück etwa nicht angerichtet, daß Sie dem armen Mädel, wenn's auch eine Comteſſe war, den Kopf verdrehten, daß ſie dachte, es könne doch was d'raus werden? Iſt das eine Lüge?“ Die Ausdrucksweiſe des Alten war Arnold eine Entweihung und er bereute jetzt, ſich mit ihm eingelaſſen zu haben, da er ihn doch kannte— in⸗ deſſen war er ſchon zu weit gegangen, um gleich abbrechen zu können, auch hoffte er noch, von ihm etwas zu erfahren.—„Sie umgehen abſichtlich die rechte Antwort!“ ſagte er in einem ruhigeren Tone, als vorher.„Sagten Sie nicht ſelbſt, daß die Arme in ihrem Gefühl irre geworden? So müſſen Sie doch wiſſen, wodurch ſie ſo weit gebracht worden iſt, und wenn Sie woll⸗ ten, ſo könnten Sie mir auch den Urheber dieſer Nichtswürdigkeit nennen!“ — Riedel fuhr mit der Hand nach ſeinem Kinn und ſtrich ein paarmal drü⸗ ber weg, ehe er antwortete:„Ich menge mich nicht in Dinge, die mich nichts 118 Das Kind des Südens. angehen!“—„Sie meinten es doch ſonſt gut mit mir!“ rief Arnold wieder heftiger.„Wenn es vielleicht Unrecht von mir geweſen iſt, daß ich mehr das Herz, als den Verſtand beachtet habe, ſo iſt das Mittel, das man eingeſchla⸗ gen hat, dem Verhältniß ein Ende zu machen, doch immer ein nichtswürdi⸗ ges. Sie wiſſen davon, obgleich Sie es nicht eingeſtehen. Man hat mich in Diana's Augen als einen Elenden dargeſtellt, den ſie verachten mußte, wenn ſie an die Wahrheit der ſchändlichen Verläumdung glaubte— helfen Sie mir, Riedel, ſagen Sie es mir in alter Freundſchaft, wenn Sie nur eine ſchwache Vermuthung haben, wer den Brief an Diana geſchrieben hat!“ Der Alte war ſtehen geblieben und hatte Arnold mit großen Augen an⸗ geſtarrt, als zweifle er an ſeinem geſunden Verſtande.„Na, was heißt denn das?“ ſagte er dann.„Was für einen Brief? Davon weiß ich gar nichts! Ich habe eine ganz andere Geſchichte!“—„Sie ſagten, Diana ſei irre an mir geworden?“ rief Arnold.—„Warum nicht gar! Davon habe ich kein Wort geſagt!“ entgegnete Riedel.„Irre iſt ſie geworden, das iſt ja richtig und wenn's um jemand geweſen iſt, ſo kann's ſchon ſein, daß ſie ſich's zu Gemüth gezogen hat, daß nichts draus werden konnte. Aber ich verſtehe Sie nun! Das iſt eine ganz andere Geſchichte und es war nicht auf Sie gemeint,, ſondern auf eine Perſon, von der ſie nicht geglaubt hatte, daß ſo was von ihr eingerührt werden könnte. Nun laſſen Sie mich aber zufrieden— mehr ſage ich nicht, ich kann auch nicht, denn mir iſt's auf die Seele gebunden. Seien Sie vernünftig, Arnold: was kann Ihnen denn das noch helfen? Das arme Mädel iſt nicht mehr zu ſich gekommen und nun fünf Jahre todt. Wenn ſie auch noch am Leben geblieben wäre, hätte es Ihnen auch nichts ge⸗ holfen. Von dem Briefe, was Sie da gered't haben, weiß ich nichts. Mag's aber ſein, wie's will, ſo werden Sie doch nimmermehr herauskriegen, wer ihn geſchrieben hat. Laſſen Sie alſo die alte Geſchichte ruhen und kommen Sie wieder zur Vernunft.“ Arnold ſchwieg. Er hatte in der Rede des Alten doch ein Streiflicht bemerkt, das ſeine Gedanken beſchäftigte. Sie waren unterdeſſen auf den Hof gekommen und der Verwalter trennte ſich von ihm mit den Worten: „Das wäre alles nicht geſchehen, wenn Sie keine Wetterfahne geweſen wären!“ Damit ging er, ohne eine Entgegnung abzuwarten, nach dem Ge⸗ ſindehauſe, in welchem ſeine Wohnung lag. Arno dieſen lche währ Gra mut ſtor halt wo na we Von Bernd von Guſeck. 8. Im Schloſſe zu Hohenſtein hatte die Zofe den Auftrag, den ſie von Arnold Bliedung empfangen hatte, ſofort ihrer Herrin mitgetheilt und mit dieſer eine längere Unterredung gehabt, nach welcher ſie ziemlich unfreund⸗ lich entlaſſen worden war.„Iſt das der Dank?“ murrte ſie vor ſich hin, während ſie die Hintertreppe nach ihrem kleinen Zimmer hinabſtieg. Die Gräfin blieb verſtimmt zurück. Vor der Welt behauptete ſie ſtets den Gleich⸗ muth, der auch bei ſchlimmen Erlebniſſen nach ihrer Auffaſſung zu den ari⸗ ſtokratiſchen Vorzügen gehört und darum mit aller Anſtrengung aufrecht er⸗ halten werden muß. Auch in Gegenwart ihrer alten Dienerin, obgleich dieſe wohl in alle ihre Geheimniſſe eingeweiht war, gab ſie ſelten ihrem Gefühl nach, das nur zuweilen aus ihrem ſtreng beherrſchten Innern hervorbrach, wenn es beſonders gereizt wurde. In einſamen Stunden aber, wenn kein Auge ſie beobachtete, that ſie ſich keinen Zwang an, und eine ſolche Stunde war es, welche der heutigen Unterredung mit Gertrud folgte. Die Gräfin Agathe ſaß eine Weile in ſich gekehrt in ihrem Fauteuil, ihr Antlitz nahm mehr und mehr einen Ausdruck innerer Beängſtigung an, ſie lehnte ſich zu⸗ rück und bedeckte ihre Augen mit der Hand— nicht lange währte es, ſo rollte eine ſchwere Thräne über ihre halbverhüllte Wange und noch manche folgte dieſer nach: Thränen der bitterſten Reue! Ein leiſes Klopfen an der Thüre brachte die Weinende ſchnell zum Be⸗ wußtſein ihrer Schwäche, ſie faßte ſich, warf einen Blick in den gegenüber⸗ hängenden Spiegel und hauchte in die Hand, um dieſe vor die Augen zu hal⸗ ten und damit die Spuren der vergoſſenen Thränen zu vernichten. Als nach einer Weile das Klopfen, faſt noch leiſer als das erſtemal, ſich wiederholte, ſtand ſie auf und ſagte:„Ja, Traud! Komm' nur!“ Niemand als Gertrud hatte Erlaubniß, ungerufen ſich dieſer Thüre zu nahen. „Der Herr Graf ſind zurückgekommen,“ meldete die Zofe.—„So be⸗ ſtelle ihm, was dir aufgetragen iſt,“ ſagte die Gräfin ruhig, ohne die ver⸗ wunderte Miene ihrer Dienerin zu beachten. Freilich wunderte ſich Gertrud über dieſen Befehl, da ihr vor einer Viertelſtunde verboten worden war, ihr Verſprechen, das ſie Arnold gegeben hatte, zu halten. Nur die Rückkehr des Grafen hatte ſie ſogleich anzeigen ſollen, das war geſchehen, und nun die Gräfin ihr früheres Verbot widerrufen hatte, wollte ſich Gertrud entfernen⸗ 120 Das Kind des Südens. Sie wurde jedoch auf der Schwelle zurückgehalten.—„Traud!“ ſagte die Gräfin mit eigenthümlich ſchwachem Tone. Gertrud ſchloß die Thüre wieder und nahte ihrer Herrin bis auf die angemeſſene Entfernung.„Gnädige Gräfin ſind unwohl!“ ſprach ſie be⸗ ſorgt.—„Nicht doch! Ich habe mich nie wohler befunden,“ verſicherte die Gräfin, und nach einer Weile, während die Dienerin ſchweigend ihrer Be⸗ fehle harrte, ſagte ſie:„Wenn man alles hätte vorherſehen können, wie es kommen würde! Meinſt du nicht auch, Traud?“—„Würden Frau Gräfin anders gehandelt haben?“ erwiderte die Zofe kalt.—„Ich— 2 Bin ich es denn geweſen—? Die That iſt dein!“—„Ich thue immer nur, was mir befohlen wird, gnädige Frau Gräfin,“ verſetzte Gertrud mit unbewegtem Geſicht, die Augen auf den Boden geheftet.—„Der Rath kam nicht aus meinem Kopfe!“ rief die Gräfin.—„Welchen andern hätten Frau Gräfin aber erſinnen können?“ entgegnete die Zofe, und als ihre Herrin nur mit einem tiefen Seufzer antwortete, hob Gertrud das Auge und richtete es for⸗ ſchend auf die Gebieterin, welche ſie ſeit Jahren nicht mehr in einer ſolchen Stimmung gekannt hatte. Die Gräfin mußte krank ſein, wenn ihr nicht etwas ganz Beſonderes begegnet war. Daß ſie geweint hatte, war dem Scharfblick der Vertrauten nicht entgangen, auch das war ihr fremd. Doch erlaubte ſie ſich keine Bemerkung darüber, ſondern ſagte nur mit beſcheide⸗ nem Tone:„Sie leben hier zu einſam, gnädige Gräfin: das thut Ihnen nicht gut. Sie ſollten doch noch ein Bad beſuchen und ſich zerſtreuen. Es iſt ja nun Frieden geſchloſſen, und wenn Sie auch grade nicht nach Iſchl oder nach Baden⸗Baden gehen wollen—“ „Du meinſt es gut, ich weiß es, Traud!“ unterbrach ſie die Gräfin. „Hier bleiben werde ich nicht lange, es zog mich hieher, ich dachte mir alles anders, aber nun iſt es ſo gekommen— wer konnte darauf rechnen! Sage nur dem Grafen, wer ihn ſprechen will, und rede ihm nicht ab, hörſt du? Ich kann ihn nicht ſehen!“—„Gnädigſte Gräfin, daß er es gewünſcht hat, von Ihnen empfangen zu werden, iſt doch das ſicherſte Zeichen—.“—„Wer weiß, wer weiß!“ unterbrach ſie die Herrin von neuem.„Hat er einſt die Kühnheit gehabt, ſich bis zu uns erheben zu wollen, ſo kann er es auch heut wagen, mir eine Anklage in das Geſicht zu ſchleudern!“—„Das iſt ganz unmöglich,“ erwiderte Gertrud.„Er kann gegen keinen Menſchen eine An⸗ klage erheben— dazu fehlt ihm alles. Und jedes ungeziemende Wort, deſſen er ſich getraute, würde ein Blick von Ihnen verſtummen laſſen. Aber es iſt Von Bernd von Guſeck. 121 ganz recht, daß Sie ihm die Bitte abgeſchlagen haben, darin habe ich Sie ja beſtärkt, Sie müſſen ſich ſelbſt treu bleiben— zwiſchen Ihnen und der gan⸗ zen Sippe darf keine Gemeinſchaft mehr ſein, und wenn der Herr Graf nothdürftig noch ein nachbarliches Verhältniß mit Sichart aufrecht hält, der der Freund ſeines Herrn Vaters geweſen iſt, ſo geſchieht das aus Klugheit: Frau Gräfin waren ja damit einverſtanden. Darum mag er den jungen Mann immerhin anhören, es iſt ſogar recht gut, damit man endlich zur Ruhe kommt. Wenn das vorbei iſt, nehmen Frau Gräfin wohl mit dem gnädigen Herrn Rückſpache wegen einer baldigen Reiſe. Die Verhältniſſe haben ſich ja ganz verändert, es ſteht nichts mehr im Wege, was eine Reiſe bisher ver⸗ bittern konnte, der hieſige Aufenthalt iſt durch den Brand unangenehm ge⸗ worden— Trümmer täglich vor Augen zu haben, macht nur melancholiſch und bringt auf traurige Gedanken, wie ich zu meinem Leidweſen vorhin be⸗ merkt habe. Ueberdem will Bliedung ſeinen bleibenden Aufenthalt hier neh⸗ men.“—„Ich werde mir glles überlegen, Traud,“ ſagte die Gräfin.„Geh' nur und richte deine Beſtellung aus.“ Der Graf hatte eben ſeinen Kammerdiener nach dem Umkleiden ent⸗ laſſen, als die Zofe ſeiner Gemahlin erſchien— ſie brachte ihm ſelten etwas Angenehmes und auch heut wurde ihm bei ihrer Mittheilung unbehaglich zu Muth.—„Es fällt mir gar nicht ein, den Mann vorzulaſſen!“ rief er. „Die Gräfin hat ihn abgewieſen, wie natürlich— nun denkt er es mit Ar⸗ roganz bei mir durchzuſetzen. Ich werde ihm gar nicht darauf antworten.“ —„Das wäre für mich ein Verdacht, daß ich ſeinen Auftrag nicht beſtellt hätte!“ erwiderte Gertrud.—„Warum haben Sie ihn angenommen! Sie hätten ihn abfertigen ſollen, wie er es verdient!“—„Ich habe die Beſtel⸗ lung nur auf Befehl der Frau Gräfin ausgerichtet,“ ſagte die Zofe.„Frau Gräfin ſind der Ueberzeugung, daß der gnädige Graf Herrn Lieutenant Bliedung annehmen und ſprechen werden.“—„Wie? Meine Frau wünſcht das?“ rief Amberg. Die alte Dienerin bejahte es ſtumm durch einen ihrer ſteifen Knixe.—„Das iſt etwas Anderes!“ ſagte er.„Doch muß ich zuvor mit der Gräfin ſprechen.“ „Frau Gräfin ſind unwohl und werden heut auf ihrem Zimmer ſpei⸗ ſen,“ entgegnete Gertrud.„Eine Rückſprache iſt auch wohl nicht nöthig. Der Herr Graf werden ja hören, was der Mann vorbringt, und brauchen ſich ja in keiner Weiſe auf Erörterungen, ob Sie ihm glauben oder nicht glauben, mit ihm einzulaſſen. Daß er ſich als eine verläumdete Unſchuld 122 Das Kind des Südens. hinſtellen wird, läßt ſich denken: Beweiſe dafür kann er nicht mitbringen und von dem Einen, wodurch das Unglück herbeigeführt worden iſt, von der Frechheit, ſich wie ein Gleichgeſtellter einer Comteſſe von Amberg zu nähern, kann ihn doch keine Macht der Erde freiſprechen!— Das iſt meine Mei⸗ nung, ich bitte um Verzeihung, daß ich ſie ausſpreche, aber ich bin eine alte Dienerin des gräflichen Hauſes, die ſich nicht ſcheuen würde, ſelbſt eine Sünde auf ihre Seele zu laden, wenn ſie dadurch einen Flecken und Makel von ihrer Herrſchaft abhalten könnte! Das wiſſen der Herr Graf auch.“— „Sie ſind eine treue Seele, Traud, ein wahrer Schatz für meine Gemahlin; das weiß niemand beſſer, als ich!“ erwiderte Amberg, welcher durch ihre Be⸗ rufung, vielleicht ſehr gegen ihren Willen, an eine weit frühere Vergangen⸗ heit erinnert wurde, wo Gertrud, um etliche zwanzig Jahre jünger als heut, auch gegen das, was ſie einen Flecken und Makel nannte, wachſam geweſen war.—„Sie ſind, wie der getreue Eckart in der alten Sage und haben ſo⸗ gar mich'einmal behüten wollen vor Anfechtung.“—„Haben der gnädige Herr Graf mir noch einen Befehl zu ertheilen?“ fragte Gertrud mit eſſig⸗ ſaurer Miene. Er hielt ſie nicht länger zurück.„Dies weibliche Weſen war nie ſchön,“ ſagte er für ſich, als ſie ihr Angeſicht in der Thüre noch einmal nach ihm kehrte,„aber ſo häßlich, wie in dieſem Augenblicke, habe ich ſie noch nicht ge⸗ ſehen.“ Nachdem er ſich eine Weile bedacht hatte, welche Form er wohl der Antwort an Bliedung, zu der er ſich auf den erhaltenen Wink nun doch ent⸗ ſchloſſen, geben ſolle, warf er flüchtig ein paar Zeilen auf das Papier, ſie⸗ gelte, ohne ſie nochmals durchzuleſen, das Billet ein und klingelte.—„Was haſt du?“ fragte er den eintretenden Kammerdiener, deſſen Miene ihm auf⸗ fiel.—„Die Frau Gräfin ſind krank—“ antwortete dieſer.—„Das weiß ich,“ ſagte der Graf.„Ein leichtes Unwohlſein hoffentlich nur.“—„Fräu⸗ lein Traud hat aber den Tom beſtellt, daß er gleich nach dem Arzt reiten ſoll,“ berichtete der Diener.—„Wahrhaftig? Nun, dann ſoll er eilen! Gib ihm dies Billet mit, er ſoll es in Bornau abgeben.“ Tom, der Reitknecht, ſtand auch ſchon lange im Dienſte des Grafen, er war ein geborener Engländer, doch ſchon als Knabe nach Deutſchland ge⸗ kommen und vollkommen germaniſirt oder noch beſſer, beroliniſirt. Als ihm der Kammerdiener das Billet zur Beſtimmung übergab und mit ihm über die gewiß bedenkliche Krankheit der Gräfin ſprach, ſagte er im ächten Ber⸗ liner Dialect:„Die ſtirbt ſo leicht nicht! Freilich, wenn ſie abfahren ſollte, Von Bernd von Guſeck. 123 geht hier alles aus dem Leim— die alte Traud könnte nur gleich ſehen, wo ſie bliebe!“—„Oh, dann heirathet er wieder!“ verſetzte der Andere, und was er über ſeinen Herrn äußerte, bewies, daß die männliche Dienerſchaft auf Hohenſtein weit entfernt von dem Geiſte der Anhänglichkeit war, wel⸗ cher die alte Zofe für ihre Gebieterin beſeelte. In Bornau traf Tom vor dem Thore des Gutshofes das ſchöne Mäd⸗ chen, das für ihn beſonders intereſſant war, ſeit die Gräfin, wie ihm nicht unbekannt geblieben, Flora vor einigen Jahren der Comteſſe zur Geſell⸗ ſchafterin hatte geben wollen. Daß ſie es ausgeſchlagen hatte, wußte Tom nicht, er meinte, die Gräfin habe den Gedanken aufgegeben, weil ſie bemerkt, daß ihr Mann ein Auge auf dieſe Schönheit geworfen habe, wie es ſogar Tom aufgefallen war. Die Gräfin war von jeher ſehr eiferſüchtig, das hatte ſie bei aller Klugheit nicht immer verbergen können, und ſie mochte auch Ur⸗ ſache dazu haben, beſonders weil ſie älter war, als ihr Mann und ſehr kalter Natur, was er nicht vertragen konnte. Wenn ſie jetzt ſtarb, wer weiß, wie dann alles kam: die alte Traud rückte aus, die noch immer bildhübſche Flora V vielleicht ein— am Ende, denn der Graf war durchaus nicht ſo adelsſtolz, wie ſeine Alte, und man hat doch heutzutage Exempel von Beiſpielen genug V in Fürſtenhäuſern von ſolchen gemiſchten Ehen, am Ende gar als Frau V Gräfin! „Empfehle mich zu Gnaden, Fräulein Florchen!“ ſagte Tom in dieſem Gedanken.„Wollen Sie mir einen Gefallen thun? Ich bin ſehr preſſirt, unſere Gräfin will ſterben— geben Sie doch dieſen Brief drinnen ab.“— „Iſt die Gräfin ſo krank, plötzlich?“ rief Flora, von der Nachricht betroffen, indem ſie das Billet in Empfang nahm. Tom erwiderte, daß er den Doctor todt oder lebendig herausſchaffen ſolle, und ſprengte davon; ſie war im Be⸗ griff geweſen, nach dem Eichwalde zu gehen, wo ſie dem Förſter von Frau Sichart etwas zu beſtellen hatte, jetzt kehrte ſie um, das Billet zuvor abzu⸗ geben: an Arnold! Von wem? Arnold war im Garten, ſie wußte, wo ſie ihn finden würde. Er ſaß in dem Belvedere und bemerkte ihr Nahen nicht, denn er hatte ihr den Rücken zugekehrt und blickte in die Ferne hinaus. Erſt als ſie die Freitreppe herauf⸗ ſtieg, hörte er das Rauſchen ihres Gewandes, wandte ſich um nach ihr und ſtand raſch auf. Eine ergreifende Erinnerung mochte ihn überkommen, denn ſein Blut wallte höher auf, im Herzen regte ſich ihm ein ſchmerzliches Weh — wohl mußte ihm grade dieſer Ort die Erinnerung an eine ſüße, glückver⸗ Das Kind des Südens. 124 heißende Vergangenheit wecken, da er hier einſt zum letztenmale in trautem, ungeſtörtem Zuſammenſein mit dem bleichen Mädchen, das jetzt heraufkam, ſo ſelig geweſen und nur das Wort noch gefehlt hatte, welches die Herzen auf ewig verbinden mußte. Das Wort war ungeſprochen geblieben— und ſchon am nächſten Tage war er durch eine verhängnißvolle Begegnung in ſeinem Erſtgefühl ſchwankend und ihm dann in raſcher Wandlung ganz ent⸗ fremdet worden. Wollte es ihm ſeit ſeiner Heimkehr wieder erwachen? Hatte es nur in ihm geſchlummert wie in einem Zauberſchlafe und ſollte es nun mit ewigem Vorwurf die Strafe für ſeine Abtrünnigkeit ſein, auf der kein Segen geruht, die zum Untergange eines anderen unſchuldigen Weſens geführt hatte? So bleich war Flora, als ſie ihm jetzt nahte— es mochte ihr viel Ueberwindung koſten, er hatte, ſeit er bei ſeiner Rückkehr ſie hier unter den Säulen des Tempels getroffen und ſie ſich nach den erſten Worten ſchnell entfernt hatte, mit ihr kaum flüchtig einmal geſprochen, und niemals anders, als in Gegenwart ſeiner Tante. Jetzt ſuchte ſie ihn auf— gewiß nicht aus eigenem Antriebe, aber daß ſie es auch in fremdem Auftrag that, war ein untrügliches Zeichen, daß ſie alles überwunden hatte und ſie ihn ſo gleichgül⸗ tig betrachtete, wie jeden Andern. Wie konnte er auch daran zweifeln! „Ein Brief an Sie, Herr Bliedung,“ ſagte Flora, als er ihr entgegen kam.—„Ich bekam ihn von dem Reitknechte aus Hohenſtein,“ ſetzte ſie hin⸗ zu, gleichſam zur Entſchuldigung, daß ſie das Billet ſelbſt gebracht,„es war niemand da, und ich wollte Sie nicht darauf warten laſſen.“ Sie hatte ſich in den Tagen ſeiner Anweſenheit immer wie eine Dienerin des Hauſes gegen ihn benommen— es war doch unmöglich, daß ſeine gütige Tante, welche Flora wie ihr eigenes Kind liebte, ihr ſeit er fort geweſen, eine tiefere Stel⸗ lung als bisher angewieſen habe; war es Abſicht bei Flora, ſich ihm nun in ſolcher zu zeigen? Er nahm das Billet aus ihrer Hand, ſein Auge ſuchte das ihrige, das ſich ihm aber unter den geſenkten Lidern entzog. Seinen Dank erwiderte ſie nur mit einer leichten Neigung des Kopfes und wollte ſich gleich entfernen, doch Arnold konnte den Moment nicht ſo vorübergehen laſſen. Er hatte der Handſchrift auf der Adreſſe des Billets nur einen flüchtigen Blick geſchenkt, er kannte ſie nicht, denn er hatte die des Grafen nie geſehen: aber es konnte doch nur von ihm ſein, jedenfalls die Antwort auf ſeine Bitte. Trat alles, was dieſe Bitte veranlaßt hatte, jetzt bei ihm in den Hintergrund? „Flora!“ ſagte er zu dem Mädchen, das ſich von ihm abwandte, um 4 Von Bernd von Guſeck. 125 ihn wieder zu verlaſſen. Sein Ton ließ ſie erbeben, doch bezwang ſie ſich und kehrte ihm mit einem fragenden Blick ihr Antlitz wieder zu— es ſchien noch bleicher geworden als zuvor, und ihr Auge, das nur eine Sekunde ihn getroffen hatte, ſank gleich wieder zu Boden. Sie mußte ja gehorchen— als er ſie rief— was hätte ſie damit ausgedrückt oder zugeſtanden, wenn ſie, ohne ſeinen Ruf zu beachten, ſo raſch hinweggeeilt wäre, wie es ſie trieb, zu thun! Sie war dazu nicht berechtigt, ſie mußte erwarten, was ihr der Neffe ihrer Herrſchaft noch ſagen oder auftragen wollte! Arnold aber konnte keine Worte finden, um die Gefühle, welche ihn be— ſtürmten, auszudrücken— auf die Kniee hätte er vor ihr fallen, ihr alles ab⸗ bitten mögen, was er an ihr verſchuldet hatte, ihre Verzeihung allein konnte ihm den Frieden des Herzens wieder geben und die Hoffnung auf ein noch mögliches Glück in ſeiner Bruſt erwecken! Da er nicht ſprach, blickte ſie auf — ſie fühlte, daß es an ihr ſei, dieſem peinlichen Moment ein raſches Ende zu machen.„Haben Sie mir vielleicht nach Hohenſtein etwas aufzutragen?“ fragte ſie mit erzwungener Ruhe, welcher doch jeder Zug ihres Geſichtes widerſprach.„Ich will nach der Gräfin mich erkundigen, ſie iſt ſehr krank.“ —„Kümmert mich das?“ rief er, nun ihr Wort den Bann von ihm gelöst hatte und raſch ergriff er ihre Hand, ehe ſie dieſelbe zurückziehen konnte— er drückte ſie an ſeine Bruſt, ſie konnte es mit aller widerſtrebenden Kraft nicht hindern und eine lichte Purpurglut überwallte jetzt plötzlich ihr ſchönes Antlitz, doch war es nicht die Röthe ſüßer Schamund Verwirrung, ſondern die Röthe jungfräulichen Zornes, der auch aus ihren frei aufgeſchlagenen dunklen Augen blitzte.—„Bin ich Ihrer Verachtung werth, Herr Blie⸗ dung?“ klang es von ihren zuckenden Lippen und ſie entriß ihm nun ihre Hand, die er nicht länger zurückzuhalten wagte.—„Bleibe noch, Flora! Wenn dir mein Leben lieb iſt, höre mich— habe ich dich beleidigt in dieſem Augenblick, habe dir früher weh gethan— verzeihe mir!— Willſt du mich nicht hören?“— Umſonſt! Sie war die Treppe hinabgeeilt, ohne ſich durch ſeine Worte bewegen zu laſſen; es blieb ſelbſt zweifelhaft, ob ſie die letzten noch vernommen, denn ſie hatte gleich an der unterſten Stufe den Pfad ver⸗ laſſen, auf dem er ihr nachſchauen konnte, und war im Gebüſch ſeinen Blicken entſchwunden. Ohne nach dem Wohnhauſe zurückzukehren und ſich erſt Erlaubniß zu dem Gange nach Hohenſtein zu holen, wie ſie doch gewollt, verließ Flora den Garten und ſchlug einen Richtſteig durch die Felder ein, der ſie nach dem — — — 1 1 N. ——— Das Kind des Südens. 126 fernher blickenden Schloſſe führte. Ihren Auftrag für den Förſter im Eich⸗ walde hatte ſie vergeſſen, vielleicht dachte ſie auch nicht mehr an ihre Abſicht, in Hohenſtein ſich nach dem Befinden der kranken Gräfin zu erkundigen, die immer ſo gütig gegen ſie geweſen war: ſie verfolgte nur mechaniſch in großer Haſt ihren Weg. Ihre Augen, von den langen ſchwarzen Wimpern beſchat⸗ tet, hafteten am Boden, die dunkle Glut, ſo ſelten bei ihr, hatte ihre Wan⸗ gen noch nicht verlaſſen, ihre volle Bruſt wogte im Aufruhr kämpfender Ge⸗ fühle: jedes Wort, das Arnold ihr mit ergreifendem Ausdruck nachgerufen hatte, war von ihr gehört worden und ihr zum Herzen gedrungen, aber ſie hätte ſich ſelbſt verachten müſſen, wie ſie vorhin ſein rückſichtsloſes Benehmen gegen ſie für kränkende Nichtachtung gehalten hatte, wenn ſie ſich auch durch ſeine flehendſte Bitte hätte bewegen laſſen, noch länger zu verweilen. Es war eine Täuſchung, auch wenn ihm ſeine Worte in dieſem Augenblicke Ernſt geweſen, wie ihn einſt auch nur eine Täuſchung bethört hatte; Flora durfte ſich dem Wahne, der ſie mit ſüßer Lockung wieder beſtricken wollte, nicht hin⸗ geben, ihr Stolz mußte ſie davor bewahren. Als ſie auf dem Schloſſe ankam, wo ſie von allen Leuten gekannt war, fragte ſie die erſten vom Hofgeſinde, welche ſie traf, nach der Gräfin, konnte aber keine Auskunft erlangen. Daß ſie krank ſei, wußte man nach Tom's Aeußerungen, es ſchien aber keinen beſonderen Antheil erregt zu haben, die ſtolze Frau hatte es verſchmäht, ſich die Zuneigung ihrer Dienerſchaft zu er⸗ werben. Es iſt Hochgeſtellten ſo leicht— und der Moment kommt doch wohl einmal, wo es auch für ſie von Werth iſt. Flora wollte die Kammer⸗ jungfer der Gräfin aufſuchen, ſie fand aber das kleine Zimmer, in welchem ſie zuweilen mit der alten Traud geſeſſen hatte, verſchloſſen— gewiß war ſie bei ihrer Herrin, welche wohl außer ihr niemand in ihrer Krankheit um ſich dulden mochte. Flora bedachte ſich einen Moment; was konnte ihr ge⸗ ſchehen, wenn ſie dreiſt die Treppe nach den Zimmern der Gräfin hinauf⸗ ging und dort auf dem Corridor eine Gelegenheit abwartete, vom Befinden der Kranken etwas zu hören?„Kümmert mich das?“ hatte Arnold gefragt. Dieſe Worte, die ihr jetzt wieder einfielen, verletzten ſie. Es war freilich die ſtolze Frau, die ihr Kind lieber im Sarge, als mit dem Myrthenkranz ge⸗ ſchmückt an ſeiner Seite vor dem Altare zu ſehen gewünſcht, aber hatte der Tod nicht alles geſühnt?— Eine Magd im Hofe, welche Flora beſonders zugethan war, hatte ſich auch herzlos genug über die Kranke geäußert:„Ehe ich nicht den hochwürdigen Herrn mit dem Allerheiligſten zu ihr kommen — Von Bernd von Guſeck. 127 ſehe und das Glöcklein klingen höre, eher glaube ich nicht, daß ſie gefährlich krank iſt; die hat ein zähes Leben!“— Flora jedoch, welche keine Freund⸗ lichkeit, die ſie genoſſen, ſo leicht vergaß, bewahrte der Gräfin noch immer ihre Anhänglichkeit, wenn auch manches ſeitdem geeignet geweſen war, die⸗ ſelbe zu erſchüttern. So ſtand ſie denn an der Thüre im Corridor, welche zum Vorzimmer der Kranken führte, und harrte, ob nicht jemand erſcheinen werde, von dem ſie etwas erführe. Den Arzt, nach welchem Tom geſchickt worden war, konnte ſie freilich nicht abwarten, aber ſollte der Graf denn nicht einmal zu ſeiner leidenden Frau kommen? Es war, als habe ſie ſein Nahen geahnt, denn kaum hatte ſie dieſen Gedanken gefaßt, als ein raſcher Tritt von der anderen Seite des Corridors her klang und Graf Amberg ſich den Blicken der Harrenden zeigte. Er war von ihrer Anweſenheit ſichtlich überraſcht: „Fiorina!“ rief er.„Du hier? Flora Guzman!“— Sie hatte ſich beſchei⸗ den verneigt, und ihre Gegenwart erklären wollen— der Ausruf ihres Vaternamens machte ſie betroffen verſtummen: wie konnte der Graf ihn wiſſen oder ſich darum gekümmert haben? „Du armes, liebes Kind!“ ſagte Amberg mit bewegter Stimme.„Du Ebenbild deiner Mutter Marca! Ich habe jetzt erſt mit Sicherheit erfahren, daß du ihr Kind biſt und ſie frühzeitig verloren haſt, die treue, makelloſe Frau! Dein Vater war Goldſchmied, ein Spanier von Geburt, du biſt in der Contrada die San Celſo in Mailand geboren und getauft— ſiehſt du, ich weiß alles!“—„Herr Graf!“ rief das Mädchen beſtürzt.— Da er⸗ klang plötzlich aus dem Zimmer der Gräfin ein durchdringender Schrei und ließ ihn erſchrocken inne halten; Flora beſann ſich keinen Augenblick, ſondern eilte, jede Rückſicht vergeſſend, an ihm vorüber, um vielleicht Beiſtand zu leiſten, wo er nöthig war. 9. Die Gräfin lag in ihrem Schlafgemach angekleidet auf dem Sopha, vor ihr ſtand ihre Kammerjungfer und hatte ſich über ſie geneigt; die Thüre, welche Flora geöffnet hatte, bewegte ſich ſo leiſe in ihren Angeln, Flora's leichter Tritt war ſo unhörbar, daß die alte Dienerin nicht eher etwas be⸗ merkte, als bis das Mädchen neben ihr ſtand. Da fuhr ſie erſchrocken zuſam⸗ men, wurde aber gleich ſo böſe, daß ihr ſonſt immer unbewegtes Geſicht ſich 128 Das Kind des Südens. verzerrte und ganz blaß wurde. Flora legte die Hand auf die Bruſt:„Was iſt geſchehen? Ich hörte den Schrei—“ ſie ſprach das kaum vernehmlich, in⸗ dem ſie ängſtlich in den Zügen der Gräfin forſchte, welche die Augen ge⸗ ſchloſſen hatte. Ehe Gertrud das unerhörte Eindringen der Fremden in dies Gemach ſtrafen und ſie ſtreng hinausweiſen konnte, trat auch der Graf ein, welcher Flora auf dem Fuße gefolgt war.„Was war das, Gertrud?“ fragte er, raſch dem Sopha ſich nahend. Die Zofe antwortete ihm nicht, ſondern beugte ſich wieder über die Ruhende und rieb ihr aus dem Fläſchchen, das ſie in der Hand hielt, eine ſcharfe, aber wohlriechende Eſſenz um Stirn und Schläfe.—„Warum iſt die Gräfin noch angekleidet, warum nicht im Bett?“ fragte der Graf unwillig.—„Sie war dazu nicht zu bewegen,“ er widerte Gertrud, ohne ihre Beſchäftigung zu unterbrechen.—„Der furcht⸗ bare Schrei aber—?“—„Ein Bruſtkrampf—“ war die dumpfe Ant⸗ wort.„Schicken Sie das Frauenzimmer hinaus, ſie hat hier nichts zu ſuchen! Hole Waſſer, wenn du dich nützlich machen willſt!“ wandte ſie ſich plötzlich an Flora und dieſe, dem ſtarren Blicke, der ſie traf, mit einem bit tenden Ausdrucke in ihren Augen begegnend, verließ ſchnell das Zimmer, um den Auftrag zu erfüllen. Als ſie zurückkam, hatte ſich die Gräfin erholt; ſie blickte auf, als Flora in die Thüre trat und beobachtete ſie, während das Mädchen auf Gertrud's Winl die Karaffe auf den Tiſch ſetzte; der Graf ſtand ſeiner Frau zu Häup⸗ ten, ſo daß ſie ihm nicht in das Geſicht ſchauen konnte, er ſah finſter aus und Flora zog ſich nun ſtill zurück. Sie fühlte, daß ihres Bleibens hier nicht län ger ſein durfte: zwiſchen dem Grafen und Gertrud waren in der kurzen Zeit ihrer Abweſenheit Erklärungen gewechſelt worden, das erkannte ihr natür⸗ licher Scharfblick auch an den Mienen der alten Zofe. Als ſie leiſe und ſcheinbar unbemerkt, wie ſie gekommen war, ſich aus dem Krankenzimmer entfernt hatte, athmete ſie hoch auf, als ſei ihre Bruſt aus drückender Luft befreit, und ohne ſich weiter aufzuhalten, ohne Begegnenden auf dem Hofe noch Rede zu ſtehen, trat ſie den Rückweg nach Bornau an, wo Frau Sichart wohl durch Arnold gehört hatte, wohin ſie noch gegangen ſei. Im Eichwalde beſtellte ſie beim Förſter, was ihr aufgetragen war, ſie nahm die Begleitung desſelben an, der in Bornau zu thun hatte, es war ihr lieb, daß ſie ſich nicht einſam ihren Gedanken hingeben konnte, welche wieder ihre kaum gewonnene Ruhe gefährdeten. Auf wie lange aber dieſe Friſt der Zerſtreuung? Von dem Fußpfade aus bemerkte ſie auf der Landſtraße den ihr bekannten Wagen des? geſpr „Kon nen! mein empf aufe weite hört liege mei doc der Von Bernd von Guſeck. 129 des Arztes, der ungewöhnlich raſch fuhr Tom mußte wohl ſchon voraus geſprengt ſein, der Förſter fragte und Flora gab ihm kurzen Beſcheid. „Kommt'’s auch einmal an die?“ äußerte der Waidmann, der ſonſt über kei nen Menſchen Uebles ſprach. Wodurch hatte ſich nur die Gräfin alles Wohl meinen verſcherzt? Bei der Rückkehr wurde Flora von dem alten Riedel am Hofthore empfangen, es war, als ob er auf ſie gewartet hätte, denn er kam ihr ſchon auf eine geraume Strecke entgegen.„Iſt ſie todt?“ fragte er ſchon von weitem, und als Flora verneinend erwiderte:„Wie kommen Sie darauf?“ hörte ſie zu ihrer Befremdung, daß Arnold geäußert haben ſollte, die Gräfin liege im Sterben.„Unmöglich hat Arnold das geſagt!“ rief ſie.„Ich meine—“ ſetzte ſie über ſich ſelbſt erröthend hinzu,„Herr Bliedung— kann doch nicht wiſſen—.“„Ob, zwinge dich nicht, Florchen! Sage nur wie der Arnold wie ſonſt!“ verſetzte der Alte.„Ich ſoll dich wohl am Ende auch nicht mehr Florchen und du nennen, ſondern Sie und Fräulein! Na, ſei nur nicht böſe, wir wiſſen ja, wie wir mit einander d'ran ſind. Alſo die Gräſin lebt noch! Der Doctor fuhr vorbei und nahm den Arnold mit, da verſtand ich’s wohl falſch—“ Flora ſagte darauf nichts, ſondern ſetzte ihren Gang fort und Riedel begleitete ſie.„Etwas Neues will ich dir auch noch erzählen,“ fing er wieder an.„Weißt du, wer mir den Schlüſſel vom Bette weg geholt hat in der Nacht, wie es in Hohenſtein brannte? Arnold!“ Sie blieb betroffen ſtehen.„Warum?“ rief ſie. „Ja, warum! Das fragte ich auch. Er geſtand mir'’s aus freien Stücken, weil ich mit ihm davon ſprach. Wie er ſagte, war er Abends herein gekommen und hatte ſie drinnen überraſchen wollen, nachher war’s ihm Gott weiß warum, leid geworden und er hatte nur hier geſchlafen in dem Stüb chen neben mir, er kroch ja ſchon als Junge wie ein Marder überall herum und wußte beſſer Beſcheid als ich vor Tage hatte er dann wieder fort gehen wollen, der arme Kerl kann noch immer keine Ruhe ſinden und's lei⸗ det ihn nirgends. Da war aber das Thor verſchloſſen geweſen, weil ich unterdeſſen vom Brande nach Hauſe gekommen war— ich werde das Thou offen ſtehen laſſen, Dummheit! Er wußte ſich aber zu helfen bei mir mußte der Schlüſſel vor’'m Bette liegen, wie er'’s ſelber oft genug geſehen hatte, ich bleibe bei meiner Ordnung. Da nahm er mir den Schlüſſel weg, ich ſchlief wie todt auf den Trubel. Na, Herzel, was willſt du noch wiſ ſen? Heraus damit!“„Ich bin zufrieden, daß Sie mich nicht mehr im Hausbläatter, 1867. 1V. Bd. 9 ——J——— ——— 130 Das Kind des Südens. Verdacht haben. Was ſollte ich noch wiſſen wollen?“—„Wie er deine Schleife verloren hat! Na, ſei doch vernünftig, höre doch! Ja, die hat er in der Taſche gehabt und aus Verſehen herausfallen laſſen. Ich fragte ihn: ob er vielleicht eine blaue Schleife verloren— da fuhr er wie ein Habicht auf mich los: Wo iſt ſie? Ich will ſie wieder haben.— Aber, Florchen! Was haſt du denn?“— Sie unterbrach ihn durch eine heftige Handbewegung, als wolle ſie ihm Schweigen gebieten.—„Eine Kinderei!“ rief ſie, indem ſie ſich unwillig abwandte und ihren Gang ſo beſchleunigte, daß er zurückblieb. Arnold war unterdeſſen mit dem Arzte, der ihn vor Bornau getroffen und in ſeinen Wagen genöthigt hatte, auf dem Hohenſtein angekommen. Der Arzt wurde ſogleich zu der Kranken geführt, welche unterdeſſen zu Bett gebracht worden war, und wie man ihm ſagte, ſeit dem Anfall nur einen Moment die Augen aufgeſchlagen, ſonſt aber kein rechtes Lebenszeichen ge⸗ geben hatte. Graf Amberg war nicht mehr bei ihr, er befand ſich auf ſeinem Zimmer, wo Bliedung ihm gemeldet wurde. Er nahm ihn an, ohne ſich zu beſinnen, es war ihm ganz lieb, daß er aus den düſteren Gedanken geriſſen werden ſollte, welche ſich ihm am Bette ſeiner bewußtloſen Frau aufge⸗ drängt; waren es auch ebenſo unerfreuliche, die nun geweckt wurden, ſo ge⸗ Er empfing darum Arnold hörten ſie wenigſtens der Vergangenheit an. weniger kalt, als dieſer erwartet hatte. „Ich weiß, Herr Graf, daß ich zu einer unglücklichen Stunde gekommen bin,“ begann Bliedung.„Sie hatten es zwar beſtimmt, aber wenn ich ge⸗ ahnt hätte, daß die Frau Gräfin ſo krank ſei—.“—„Das wird hoffentlich agte Amberg,„der Arzt iſt bei ihr. Sie wünſchten bald vorübergehen,“ ſ mich zu ſprechen— 2“—„Ich werde zu paſſender Zeit, wenn Sie von Ihrer ſchweren Beſorgniß befreit ſind, wieder kommen, da ich nun doch hof⸗ fen darf, gehört zu werden. Nur weil Sie die Stunde beſtimmt hatten, wollte ich Ihnen wenigſtens melden laſſen, daß ich dem nachgekommen ſei, ich erwartete nicht entfernt, in dieſem Augenblicke von Ihnen empfangen zu werden.“—„Oh, ich habe die beſte Hoffnung für meine Frau— ein ner⸗ vöſer Zufall, weiter nichts! Sie iſt ſchon ſeit längerer Zeit leidend und wird auch dieſen Anfall, wie ſchon frühere, bald überwinden. Was Sie zu uns führt, Herr Bliedung, kann ich mir denken, ich bin es Ihnen ſchuldig, Sie anzuhören, es handelt ſich doch wohl um eine Rechtfertigung?“ „Deren bedarf ich nicht, Herr Graf!“ entgegnete Arnold, durch dieſe Worte gereizt.„Es handelt ſich um die Entlarvung eines Nichtswürdigen, nem zu ſſen fge⸗ ge⸗ cold mmen ge⸗ ntlich ſchten von b hof⸗ atten, n ſei en zu ner⸗ wird u uns Sie ) dieſe digen, Von Bernd von Guſeck. 131 der ſich erfrecht hat, meine Ehre durch die gemeinſte Verläumdung anzugrei⸗ fen! Verzeihen Sie, Herr Graf, daß ich mich hinreißen ließ, in dieſem Augenblicke, wo Ihnen ein neuer Verluſt droht, dennoch von meiner Sache zu ſprechen—.“—„Oh, es iſt auch die meinige!“ unterbrach ihn der Graf. „Jener Verluſt, an den Sie mich mahnen, iſt ja unerſetzlich!— Sie wollen von jenem unglücklichen Briefe ſprechen, der zuerſt in unſerem Hauſe den Keim zu dem ſchrecklichen Verhängniß legte—.“—„Und in dieſem Hauſe iſt wohl keine einzige Seele geweſen,“ rief Arnold bitter,„welche der Lüge nicht Glauben geſchenkt hätte! Wenn ich nur die leiſeſte Ahnung davon ge⸗ habt, mich Aug' in Auge Ihnen oder wem es auch ſein mochte, hätte gegen⸗ überſtellen können, ſo wären die Schleier des Wahnes gefallen. Aber eine teufliſche Bosheit ſandte mir den Brief erſt zu, als alles zu ſpät war und er die Abſicht erfüllt hatte, ſchauerlich weit über's Ziel hinaus!“—„Lieber Herr Bliedung,“ ſagte der Graf bedrückt,„es würde mir ſelbſt und gewiß auch meiner armen Frau nur lieb ſein, wenn Sie uns ſagen könnten, wer die Be⸗ ſchuldigung, die Sie lügenhaft nennen, gegen Sie vorgebracht, wer den Brief an unſer unglückliches Kind geſchrieben hat—“ Ein Geräuſch an der Thüre unterbrach ihn— auf der Schwelle ſtand Gertrud, vielleicht ſchon vor einer Weile ungehört eingetreten. Sie war leichenblaß.„Es geht zu Ende,“ ſagte ſie mit tonloſer Stimme.— Der Graf erſchrack,„Sie kommen wieder!“ ſagte er haſtig.„Ihre Mittheilung iſt mir zu wichtig!“ Damit eilte er hinaus, die alte Dienerin zögerte einen Mo⸗ ment, ihm zu folgen. „Geht es wirklich mit der Gräfin zu Ende?“ fragte Arnold.—„Ein Nervenſchlag— den ich für einen bloßen Bruſtkrampf gehalten hatte,“ er— klärte Gertrud und ſchien ſich gewaltſam zu faſſen.„Sie ſchlug ſchon ein⸗ mal die Augen auf— der Arzt ſagte, das ſei nur convulſiviſch geweſen und komme zuweilen vor. Hier iſt keine Hoffnung mehr.“—„Ich danke Ihnen, liebe Traud, daß Sie meine Bitte erfüllt haben,“ ſprach Arnold im Begriff aufzubrechen.—„Haben Sie Ihren Zweck erfüllt?“ fragte Gertrud, in deren Augen ſich die Gemüthsbewegung des Augenblicks ſpiegelte.„Sie beſitzen die Beweiſe, von denen wir ſprachen? Sie können dem Grafen, wie ich vor⸗ hin bei meinem Hereinkommen hörte, die Hand bezeichnen, welche den unſeli— gen Brief geſchrieben hat—?“—„Das kann ich nicht! In dieſem Hauſe muß ich es aber erfahren können!“ rief Arnold. Da erloſch auf einmal der ängſtliche Ausdruck in Gertrud's Augen und 9 132 Das Kind des Südens. ſie ſagte mit ihrem gewohnten kalten Blick:„Sie irren, Herr Bliedung. Ich für meinen Theil glaube zwar vollkommen an Ihre Unſchuld, derjenige aber, der dieſe in Zweifel geſtellt, muß doch ſeine guten Gründe gehabt haben, den Brief zu ſchreiben. Ich kann Ihnen alſo nur rathen: laſſen Sie die Todten ruhen!“ Ohne ihm Zeit zur Entgegnung zu laſſen, entfernte ſie ſich und kehrte an das Sterbebette ihrer Herrin zurück, welche noch nicht voll⸗ endet hatte. Sie trat leiſe hinzu und heftete ihre Blicke ſtarr auf die Be⸗ wußtloſe, als wolle ſie mit dämoniſcher Kraft ihrer Augen das fliehende Leben zurückhalten. Der Arzt, welcher nach den letzten Zeichen desſelben forſchte, wandte ſich jetzt mit einem bedeutungsvollen Blick an den Grafen, welcher zur Seite ſtand, dieſer ſenkte das Haupt. Es war nun wohl alles vorüber.— Noch am Abende desſelben Tages ließ der Graf die geweſene Dienerin ſeiner kaum verſtorbenen Frau zu ſich rufen und gab ihr einen Befehl, bei welchem ſie aufzuckte und ihm einen Blick zuwarf, wie eine gereizte Schlange. Der ganze Haß, den ſie gegen ihn ſeit ihrer Jugend in der Bruſt ſorgfältig verhüllt getragen hatte, ſchien ſich in dieſem Blicke auszuſprechen. Er hatte ihr befohlen, die Schlüſſel ihrer Herrin ihm abzuliefern!„Augenblicklich, Herr Graf,“ antwortete ſie mit einer tiefen Verneigung und überbrachte ihm die Schlüſſel wirklich nach wenigen Minuten, die eben nur hinreichten, ſie aus dem Zimmer der Gräfin zu holen. Hätte der Graf aber das höhniſche Lächeln geſehen, das auf dem kurzen Gange um ihre ſchmalen Lippen ſpielte, ſo würde er dasſelbe kaum mißverſtanden haben. Konnte er im Ernſt wäh⸗ nen, daß ſie ihre Zeit nicht ſchon früher benützt habe? Sie hatte in der erſten freien Minute ſich der Papiere bemächtigt, welche in irgend einer Weiſe aus früheren oder ſpäteren Tagen ihr ſelbſt gefährlich werden konnten: vor allem hatte ſie den Entwurf des Briefes fortgenommen, welcher Arnold in Diana's Herzen vernichtet hatte, weil er den Nerv ihres jungfräulichen Gefühls ge⸗ troffen. Dieſer Entwurf war von Gertrud's eigener Hand geſchrieben und von ihrer Herrin mehrfach verändert und verſchärft worden. Grade die Stellen, welche Arnold am raffinirteſten der Heuchelei und gemeinen Sit⸗ tenloſigkeit mit ſcheinbaren Beweisgründen anklagten, waren von der Gräfin eigenhändig hineingeſchrieben. Konnte die alte Zofe das in fremde Hände fallen laſſen? Deſto weniger vergriff ſie ſich an anderen Papieren und Briefen, welche ein grelles Licht auf die Vergangenheit der Gräfin ſelbſt warfen: ſie ſtaunte, Von Bernd von Guſeck. 133 daß die ſtolze Frau einzelne Tagebuchblätter und empfangene Briefe, welche ſie ſchwer compromittirten, nicht vor Jahren vernichtet hatte, war ihr der gute Nachruhm, wenn das alles nach ihrem Tode geleſen wurde, gleichgültig oder hatte ſie ſich noch immer nicht von dieſen ſüßen Erinnerungen trennen können? Gleichviel! Der Graf ſollte ſich davon überzeugen, das war immer⸗ hin auch eine Rache der alten Zofe. Vielleicht fand ſich auch noch einmal der Anlaß, ihm zu ſagen, daß nicht das Gift der Verläumdung, das über den Geliebten ausgegoſſen worden, Diana's Gemüth in die Nacht des Wahn⸗ ſinns geſtürzt, ſondern ein ganz anderes Gift, das ihr alles geraubt, was ihrem kindlichen Herzen heilig geweſen war, den Glauben an ihre Mutter! Sie hatte, als ſie durch jenen Brief ſchon mit unſäglichen Qualen gerungen, ein Geſpräch der Mutter mit Gertrud anhören müſſen, ſie ſelbſt eine unbe⸗ merkte und unfreiwillige Zeugin da, wo man ihre Gegenwart nicht geahnt, ein Geſpräch, das ſie mit dem ſchwachen Reſt ihrer Seelenkraft unrettbar der Verzweiflung zum Raube gegeben hatte. Zu ſpät war es der Mutter klar geworden, wer ihre Worte zu der Vertrauten mitangehört haben mußte. Auch das dem Grafen zu ſagen, brannte die alte Zofe, das wären noch wich⸗ tigere Schlüſſel geweſen, als die er ihr jetzt abgefordert hatte! Indeſſen mußte ſie vorderhand ſchweigen: jene ſtummen Zeugen der Vergangenheit ruhten in einem und demſelben Fache mit denen ſeiner eigenen theuerſten Epiſode. Mochte er nun die Korallen nebſt dem Bilde der ſchönen Italie⸗ nerin ihrem Ebenbild ſchenken! Gertrud hatte auf dem Hohenſtein nichts mehr zu ſchaffen, ſie verließ das Schloß bald nach der Beiſetzung ihrer Her⸗ rin, welche mit dem feierlichſten Gepränge ſtattfand, und kehrte in ihre weit entfernte Heimat zurück, um dort einſt zu ſterben. Von einem Weſen in der Gegend nahm ſie aber doch freundlichen Abſchied, von Flora. Ihr hatte ſie la das Glück, das ihr einige Zeit verdunkelt geweſen, durch die That, welche ein anderes Glück vernichtet hatte, zurückgegeben, es war, als könne das ihre Schuld mildern. Daß Flora wieder glücklich war, erkannte ſie bei dem kur⸗ zen Beſuch, den ſie vor ihrem Scheiden in Bornau machte. Noch hatte das Mädchen den wiederholten Bitten Arnold's, ihn nur anzuhören, ſich zwar entzogen, aber der Moment kam endlich doch, in wel⸗ chem ſich ihr nie für ihn erkaltetes Gefühl verrieth und die mütterliche Freun⸗ din, die es auch ohne Geſtändniß längſt erkannt hatte, trug das ihrige dazu bei, der langen Spannung ein Ende zu machen; und der Oheim, der in frühe⸗ rer Zeit mit der Neigung ſeines Neffen unzufrieden geweſen war, gab jetzt 134 Das Kind des Südens. Von Bernd von Guſeck. ſeine Einwilligung mit Freuden. Auf dem Hofe, im Dorfe, wie in der gan⸗ zen Nachbarſchaft wurde zwar viel über die Sache geſprochen: Bliedung war doch ein wohlhabender junger Mann, hatte den Krieg als Offizier mit⸗ gemacht und konnte wohl eine andere Braut finden, als die Schwarze, wenn ſie auch keine Zigeunerin war, ſondern, wie man jetzt hörte, eines ehrbaren Goldſchmieds Tochter. Aus Mitleid als arme Waiſe aufgenommen, war ſie im Hauſe doch nur eine Dienerin! Das Gerede verſtummte indeſſen bald und der alte Riedel trug nicht wenig dazu bei. Er hatte der Braut, als er ihr Glück wünſchte, vor Freuden mit ſeiner großen braunen Fauſt bei⸗ nahe die Hand zerquetſcht. Die Verhältniſſe waren geordnet. Arnold kaufte mit dem Beirath ſei⸗ nes Onkels in der Nähe eine ländliche Beſitzung, wo er noch im Laufe des Jahres ſeine junge Frau einzuführen gedachte. Der Abſchied aus dem Dienſte, den er nachgeſucht hatte, wurde ihm in ehrenvollſter Weiſe zu Theil. in der Welt herrſchte nun wieder Frieden, der Frieden im Hauſe konnte für ihn ſelbſt nicht ausbleiben. Wenn er auch nie erfuhr, wer einſt ſo ſchändlich an ihm gehandelt hatte, das ſollte ſein Glück nicht ſtören— laß die Todten ruhen! ſagte er ſich. Das Leben bot ihm ja ſeine ſchönſten, reichſten Gaben Die Roſe aus Spanien. Von Karl Ludwig. Der Major a. D. Brendlin und der Amtmann Roos in Wallhauſen, das in behaglicher Nähe bei der Garniſonsſtadt lag, hatten ſich, ob auch erſt in ſpäteren Jahren und trotz der Verſchiedenheit ihrer Geiſteskräfte, recht gut zuſammengefunden und befreundet. Der Eine erzählte gerne und der Andere— der Major iſt gemeint— ließ ſich ebenſo gerne erzählen und war ſo gut, mehr zu glauben als andere Leute. So hatten die Zwei auch wieder eines Tages im Amthaus ein paar ſchöne Stunden mit einander verplaudert, bei Kaffee und Tabak und einem guten Rothen, den man ſelbſt gezogen. Doch war unſerem guten Herrn Major diesmal etwas anzumerken, was er ſonſt nicht an ſich hatte.„Die Milch ſeiner frommen Denkart“ war etwas verändert. Mit Hülfe ſcharf⸗ ſinniger Freunde hatte er die Wahrnehmung gemacht, daß ſein Freund von der Feder das Vorrecht großer Geiſter, Wahrheit und Dichtung zu miſchen, je und je ſchon in einem Grade in Anwendung gebracht habe, der für einen gewiſſenhaften Geſchichtserzähler ſich nicht ganz gezieme, und daß er überhaupt Treue des Gedächtniſſes und Wahrhaftigkeit für die allerent⸗ behrlichſten Eigenſchaften eines Berichterſtatters zu halten ſcheine. Wenn das aber einer auch noch ſo ſchön treibt, am Ende kann's doch den beſten Mann verdrießen. Das war's alſo, was dem guten Major heute im Kopf herumging. Er war ſichtlich ein minder williger Hörer, als ſonſt, und wenn der„edle“ Gaſtfreund irgendwie Miene machte, rechts oder links auszu⸗ ſchweifen und in's Blaue zu reden, gleich fing er von etwas Anderem an und ging in keiner Weiſe in's Garn. 136 Die Roſe aus Spanien. Das war nun aber dem Amtmann nur gar nicht genehm, um ſo weni⸗ ger, als ihm unlängſt zu Ohren gekommen war, in einer Abendgeſellſchaft der Stadt, wo er doch ſo viel ſchon zur Unterhaltung beigetragen hatte, habe der Undank in der Perſon eines naſeweiſen Auditors ihm einen deſpektirli⸗ chen Spitznamen aufgetrieben. Es wurmte ihn, daß er davon eine Wirkung zu ſpüren glaubte. Und als der Freund ſich zum Fortgehen anſchickte, und er ſelbſt in's Nebenzimmer gegangen war, um Hut und Stock zu holen, weil er ihm nach Gewohnheit ein halbes Stündchen das Geleit zu geben hatte, murmelte er allerhand minder freundliche Worte in den Bart:„Nein, das darf ich mir nicht gefallen laſſen; ich kann, wie ich ein guter Geſelle bin, Vieles an meinem Nebenmenſchen ertragen und verzeihlich finden, aber Miß⸗ trauen und Kritelei an dem, was ich ihm von meinen Erlebniſſen mittheile und was ich ja nachgerade alles ſelbſt glaube, das laſſe ich mir nicht bieten und vollends von dieſem Brendlin nicht; es wird ſchon Gelegenheit geben, dich zu kriegen.“ Man ſieht, der Amtmann war an ſeiner ſchwächſten Seite verletzt; in ſolchen Fällen iſt auch der edlere Menſch einer kleinen Rachſucht fähig. Vorerſt ließ ſich aber der Gekränkte nichts von ſeiner Verſtimmung an⸗ merken und begann, als ſie mit einander auf dem Wege waren, in gewohnter Weiſe:„Der Herr Major haben heute früher als ſonſt zum Aufbruch ge⸗ blaſen, darf man fragen, was Sie ſo frühe heimtreibt?“—„Iſt gerade recht, daß wir noch darauf zu reden kommen,“ erwiderte dieſer;„ich hab's ſchon beim Kaffee erzählen wollen, es iſt nur verſchwatzt worden. Wir er⸗ warten heute Abend in unſerem Clubb einen intereſſanten Gaſt, deſſen Be⸗ kanntſchaft ich um keinen Preis verſäumen möchte. Unſer Herr General will ihn mitbringen; er iſt ſeit ſechs Jahren Geſandter in Paris und heißt Reinold, hat den Grafentitel und ſoll bei Hof ſehr viel gelten.“ „Was der Tauſend, Graf Reinold iſt um den Weg?“ rief der Amt⸗ mann mit dem aufrichtigſten Erſtaunen;„dürfte ich bitten, ihm meinen ehr⸗ erbietigen Reſpekt zu melden. Er wird ſich meines Namens wenigſtens wohl erinnern.“—„Kennen Sie ihn denn, mein Beſter, und woher?“—„Hab' ich's dem Herrn Major denn noch nie erzählt, wie ich mit ihm bekannt ge⸗ worden bin. Mahnen Sie mich doch daran, wenn Sie mir wieder die Ehre ſchenken, ich will Ihnen dann ein paar ſchöne Briefe zeigen, die ich von ihm noch unter meinen Papieren haben muß.“—„Daß ich's nicht wüßte. Dürfte 1 hre rfte Von Karl Ludwig. 137 ich aber nicht bitten, mir vorläufig einige Winke über das Geheimniß zu geben.“— „Von Geheimniß iſt da keine Rede; ich habe die Geſchichte ſo oft und viel ſchon erzählt, daß ich mich in der That wundern muß, wenn ich Ihnen, lieber Herr Major, nicht auch ſchon etwas davon geſagt haben ſollte. Hätte ich wirklich gegen Sie noch nie meiner Roſe aus Spanien Erwähnung ge⸗ than? Sie Ihnen noch nie gezeigt?“— „Ei, das müßte ich doch wiſſen. Aber es handelt ſich ja um den Herrn Grafen Reinold!“—„Freilich, eben um den Geſandten in Paris; ſeit fünf oder ſechs Jahren muß er dort ſein. So lange iſt es her, daß ich die erſte Depeſche von ihm erhielt.“—„Was Sie mir ſagen! Aber was hat es denn für eine Bewandtniß mit der Roſe?“—„Für heute reicht wohl die Zeit nicht mehr, die etwas umſtändliche Affaire zu beſprechen,“ ſagte der Amt⸗ mann, indem er die Uhr herauszog,„Sie haben Eile, werther Freund, um in Ihren Clubb zu kommen, und ich muß mich vor der Abendluft in Acht nehmen. Es iſt ein Katarrh bei mir im Anmarſch. Sie gönnen mir ja doch bald wieder das Vergnügen, uns in Ruhe ſprechen zu können.“—„Ach, mein Beſter, bei dieſer milden Sommerluft iſt doch für Ihre werthe Ge⸗ ſundheit nichts zu befürchten und ich komme immer noch zeitig genug nach Hauſe. Ich würde es mit großem Danke erkennen—* „Nun auf eine Viertelſtunde ab oder auf kommt's freilich nicht anz wenn Sie's ſo ſehr wünſchen.—— Alſo, um es kurz zu machen, in mediam rem, ſagt der Lateiner, alſo vor beiläufig fünf Jahren ſitze ich Abends noch ziem⸗ lich ſpät in meiner Canzlei, da kommt ein Reitender aus der Reſidenz in meinen Hof geſprengt, ſein Pferd war Ihnen ganz bedeckt mit Schweiß, und bringt mir ein mächtig großes Schreiben mit aus unſerem Miniſterium des Auswärtigen. Ich eröffne es mit dem geziemenden Reſpekt und finde im Couvert nebſt einem Begleitſchreiben des Miniſters, einen Brief direkt von unſerer Geſandtſchaft in Paris, eben von dem Herrn Grafen Reinold, nicht an mich, ſondern an unſern Miniſter des Auswärtigen. Es war der Letzt⸗ verſtorbene, wiſſen Sie, der liebe alte Herr.“—„Ja ja, ich habe ihn gar gut gekannt, aber in dem Briefe ſtand— 2“—„NJa, der brachte mich erſt recht in Confuſion. Da ſtand mit dürren Worten zu leſen— natürlich auf's Wort hin kann ich nicht mehr alles ſo ſagen— doch es wird eben beſſer ſein, wenn wir das Weitere aufſparen, bis ich Ihnen alles auch ſchwarz auf weiß zeigen und Sie's leſen laſſen kann.“—„Den Inhalt im Allgemeinen 138 Die Roſe aus Spanien. haben Sie, lieber Herr Amtmann, doch wohl in Erinnerung? Ich mußte ja ſchon oft Ihr treffliches Gedächtniß bewundern.“ „Nun, alſo der Brief beſagte, das hohe Miniſterium in Württemberg werde erſucht, ſich nach einem Amtmann in Wallhauſen zu erkundigen und denſelben im Auftrag der Königin von Spanien um einige Flaſchen von ſei⸗ nem Kirſchengeiſt anzugehen, derſelbe müſſe aber vom Jahrgang 1811 ſein; weitere Mittheilung ſolle nachfolgen, vor allem werde unverzügliche Zuſen⸗ dung gewünſcht und ſolche mit großem Danke erkannt werden. Unterzeichnet war der Brief von Graf Reinold, deſſen Namen ich bei dieſer Gelegenheit zum erſtenmal erfahren habe. Ich ſollte aber bald von ihm unmittelbar ein ſehr verbindliches Schreiben erhalten, und deßhalb eben iſt es nicht unbe⸗ ſcheiden, wenn ich ſagte, er werde ſich meines Namens vielleicht noch erin⸗ nern.“—„Und den Kirſchengeiſt gaben Sie, lieber Amtmann, wirklich dem Boten mit?“ „Ja, das war Ihnen damit die liebe Noth. Kirſchengeiſt von anno 11, ſagte ich vor mich hin, ſollte ich denn noch ſolchen haben? Man ſchreibt ja doch ſchon 1832. Ich ſchicke alſo meinen Amtsdiener hinauf und laſſe meine Tochter herunterholen.„Ottilie,“ ſage ich,„haben wir denn noch Kirſchen⸗ geiſt vom elfer Jahrgang?“—„Das müſſen nur die zwei ſchimmligen Flaſchen ſein unter der Kellerſtaffel,“ ſagte ſie.—„So hole ſie geſchwind herauf.“— Sie brachte die Bouteillen, und richtig, wie man den Unrath. und Schimmel beſeitigt hatte, war auf einem ganz vergilbten Papier, das am Halſe hing, noch deutlich zu leſen 1811; meine Mutter ſelig hatte es ge⸗ ſchrieben. Die Sendung wurde, gut verpackt, dem Reitenden mitgegeben. Ich war ſelber begierig, wie ſich dieſe wunderliche Geſchichte aufklären würde. Doch ſchon nach acht oder zehn Tagen erhielt ich ganz unmittelbar von dem Grafen Reinold ein gar verbindliches eigenhändiges Schreiben, das mir den gewünſchten Aufſchluß gab. Davon kann ich ziemlich genau den Inhalt angeben, ſo oft hab' ich's ſchon geleſen, weil ich, wie geſagt, die Geſchichte vielleicht ſchon ein Dutzendmal mittheilen mußte. Der Brief lau⸗ tete:„Ihre gütige Zuſendung habe ich vor zwei Tagen erhalten und ſogleich nach Spanien weiter befördert, wo ſie wohl morgen an Ort und Stelle ſein wird, da ein beſonderer Bote damit abgeſchickt werden mußte. Nebſt mei⸗ nem verbindlichſten Danke bin ich Ihnen nähere Aufklärung ſchuldig in Be⸗ treff der befremdlichen und überraſchenden Zumuthung, die ich unlängſt durch meine auf amtlichem Wege an Sie gebrachte Zuſchrift an Sie gerichtet habe. —— ——.,—— Von Karl Ludwig. 139 Die Sache, anfangs mir ſelbſt völlig räthſelhaft, verhielt ſich, wie ich jetzt nach genaueren Nachrichten weiß, folgendermaßen. Eine der beliebteſten Hofdamen Ihrer Majeſtät der Königin von Spanien war ſehr bedenklich erkrankt. Ihr Befinden verſchlimmerte ſich von Tag zu Tag, kein Arzt im ganzen Lande konnte über die Natur des Leidens klug werden; zuletzt traten ſomnambüle Zuſtände ein. Doch gerade darauf ließ ſich noch einige Hoff⸗ nung bauen. Es iſt bekannt, daß ſolche Patienten nicht ſelten ſchon die für ihre Umſtände zuträglichſten, ja mitunter die einzigen ſpecifiſchen Heilmittel, auf die kein Arzt gekommen wäre, ſelbſt bezeichnet haben. Auch diesmal war dies der Fall und man ſah ſich in der Hoffnung nicht getäuſcht. In einem beſonders lange andauernden Schlafe gab die Kranke eines Tages durch Zeichen zu verſtehen, daß ſie etwas aufzuſchreiben beabſichtige. Man brachte Bleiſtift und Papier und ſie zeichnete mit feſten Zügen die Worte auf:„Kirſchengeiſt 1811, Wallhauſen, Württemberg, Amtmann.“ Nachdem die Aerzte mit Hülfe eines Dolmetſchers herausgebracht, was gemeint war, wurde ſogleich ein reitender Bote an mich hieher nach Paris und von mir an unſer Miniſterium des Auswärtigen abgeſchickt. Das Weitere iſt Ihnen be⸗ kannt und iſt ja durch Ihre Güte beſtens beſorgt worden. Ich behalte mir vor, Ihnen auch über den Erfolg der ungewöhnlichen Kur zu berichten, ſo⸗ bald ich ſelbſt darüber Kunde erhalten, die ohne Zweifel in Bälde mir zu⸗ kommen wird.“ „Dieſem Schreiben des Grafen folgte richtig faſt auf dem Fuße ein neuer kurzer Brief nach, welcher beſagte, der Kirſchengeiſt habe ganz die er⸗ wartete Wirkung gehabt, die Kranke ſei in wenigen Tagen völlig hergeſtellt worden, die Freude und die Anerkennung der Königin ſei unbegrenzt, vor⸗ läufig habe er, der Graf, den Auftrag, dem gütigen Herrn Abſender des Heilmittels zunächſt ſchriftlichen Dank zu ſagen, was hiemit geſchehe, er gra⸗ tulire mir ſchon zum voraus zu dem Weiteren, das nachfolgen werde.“— „Ja, und das Weitere?“ fragte der Major in höchſter Spannung. „Das Weitere, ſag' ich Ihnen,“ fuhr der Amtmann nicht ohne Aufre⸗ gung fort,„war— ein rechter Bettel— ein Roſenſtock, nichts dahinter und nichts davor, mir abermals durch einen Reitenden zugeſandt, allerdings mit einem weiteren Schreiben vom Herrn Grafen, der wenigſtens den Schlüſſel zu dem ſonderbaren Schatze an die Hand gab. Er ſchrieb, die Königin habe ſich bei ihm erkundigen laſſen, mit welcher Art von Geſchenk man den Retter ihrer Dame am meiſten erfreuen könnte, worauf er in Folge der von ihm 140 Die Rofe aus Spanien. angeſtellten Nachforſchungen die Antwort gegeben habe, der freundliche Geber der zwei Flaſchen ſei, wie er höre, ein vermöglicher Mann, den man mit einer Belohnung in Geld faſt zu beleidigen fürchten müſſe, auch auf Auszeichnungen durch Orden und dergleichen lege derſelbe lediglich keinen Werth, wie es in Schwaben manche ſolcher Verächter deſſen gebe, wonach viele Andere ſehnſüchtig verlangen. Glücklicherweiſe habe er aber durch einen Freund in Erfahrung gebracht, daß der Herr Amtmann eine ganz be⸗ ſondere Vorliebe für ſeltene Blumen hege und deßhalb wohl ein Zeichen der Anerkennung in dieſer Richtung am eheſten willkommen heißen würde. Die⸗ ſem Winke zufolge habe nunmehr Ihre Majeſtät in eigener Perſon in ihrem Hofgarten eine Roſe ausgewählt, die ſie kurz zuvor als eine Rarität erſten Ranges aus ihren ſpaniſchen Beſitzungen in Weſtindien erhalten hätte. Dieſe Roſe folge hiemit unter nochmaligem Ausdruck des gerührteſten Dan⸗ kes im Auftrag der Königin, und der Herr Amtmann dürfe ſich rühmen, eine Blume in ſeinen Garten zu bekommen, von der außer dem ſeinigen in ganz Europa nur noch ein zweites Exemplar im königlichen Schloßgarten zu Madrid zu finden ſei.“ Dies der Inhalt des Briefes, über den ſowie über das Geſchenk ich denn doch, offen geſtanden, etwas verblüfft war.“ „Eine Rolle ſpaniſcher Dukaten wäre Ihnen doch lieber geweſen, nicht wahr?“ unterbrach der Major den Erzähler.—„Allerdings, oder, worauf ich in der Stille mich geſpitzt hatte, eine Kiſte mit ächtem Xeres, meinetwegen auch ſonſt etwas Genießbares aus Ihrer Majeſtät Landen diesſeits des Weltmeers. Ich ließ es auch da und dort verlauten, wie wenig meine Er⸗ wartungen ſeien erfüllt worden, und Aeußerungen meines ungewaſchenen Mundſtückes gelangten ſelbſt zu höheren Ohren. Nun, dorthin waren ſie ja gemünzt. Aber bei dieſer Gelegenheit fällt mir eben noch im rechten Augen⸗ blick ein: es wird doch beſſer ſein, wenn Sie meinen Namen bei dem Herrn Grafen unerwähnt laſſen. Denn es iſt mir mehr als wahrſcheinlich, daß auch ihm nicht unbekannt geblieben ſei, wie ich mich ſeinerzeit über ihn und ſeinen nicht übel gemeinten, aber doch ſonderbar gerathenen Vorſchlag ausge⸗ ſprochen habe. So wird er an die ganze Geſchichte lieber nicht wollen erin⸗ nert ſein. Alſo nicht wahr, mein Lieber, ſie bleibt vorerſt ganz unter uns?“ —„Natürlich ganz, wie Sie wünſchen. Aber iſt denn die Roſe wirklich ſo 'was ganz Exquiſites?“ „Das wohl in alle Wege, und der Graf iſt deßhalb bei mir dennoch in freundlichem Andenken. Ja, es iſt eine Blume, wie der König keine hat. — — Von Karl Ludwig. 141 Doch auch ich habe ſie erſt das Jahr darauf ſchätzen lernen. Im erſten Un⸗ muh gab ich das Roſenſtöckchen meinem Johann und ſagte: ſetze es irgend⸗ wohin in den Garten, wohin du es für paſſend findeſt. So kam mir die ganze Sache in völlige Vergeſſenheit bis zum nächſten Frühjahr. Was ge⸗ ſchieht aber, wie ich einmal eines Abends von einem Amtsdorfe nach Hauſe fuhr? Ich war mit meinem Einſpänner auf der Landſtraße ungefähr noch eine Viertelſtunde, vielleicht war es auch noch eine halbe Stunde— doch ich ſage immer lieber zu wenig als zu viel— von Wallhauſen entfernt, da duf⸗ tet mir auf einmal etwas in die Naſe, wie ich Zeitlebens nichts gerochen hatte.—„Johann,“ ſag' ich,„was iſt denn das für ein ſonderbarer Duft?“ —„Herr,“ antwortet der,„Sie werden mich doch in keinem ſchlimmen Ver⸗ dacht haben; auf den Punkt laß ich mich finden.“—„Schafskopf, ich meine ja dieſen Duft wie von ſiebenhundert Roſen auf einmal.“—„Ja, ja, es iſt ſo,“ erwidert jetzt mein Burſch, und wie wir näher und näher zum Dorfe kommen, wird's immer ſtärker und ſtärker, und wie ich ausgeſtiegen und der Sache nachgegangen war, iſt es richtig meine Roſe aus Spanien, die an einem unſcheinbaren Platze des Gartens ihre balſamiſchen Düfte aushauchte und buchſtäblich, ja, ich ſag's Ihnen, buchſtäblich das ganze Thal damit an⸗ füllte, und das thut ſie ſeitdem alle Jahre pünktlich vom erſten bis zum letz⸗ ten Mai.— Und nun Adieu, mein Beſter, jetzt werden Sie mir zugeben, daß ich wohl von einer Bekanntſchaft mit dem Herrn Grafen reden durfte. Aber nicht wahr, Sie halten reinen Mund?“ „Verlaſſen Sie ſich d'rauf,“ verſetzte der Gute und verabſchiedete ſich unter wiederholten Dankſagungen von ſeinem Begleiter. Dieſer aber ging ſeines Weges zum Dorfe zurück. Ob er gedacht hat: den hab' ich gekriegt; das iſt für euren Spitznamen; den hat's diesmal; ſo geht's, wenn man unſereinem nicht glauben will; und dergleichen, läßt ſich nicht mit voller Gewißheit behaupten. Doch ſah er auf dem ganzen Heimweg ſo ſelbſtzu— frieden drein, als wäre ihm diesmal eine beſonders große That gelungen. ——2e— Allerlei Curioſa. Mitgetheilt von Wilhelm Ernſt. 6. Obſchon auch noch heute an manchen Höfen zuweilen allerlei Närriſches producirt wird, ſo iſt doch die gute Zeit vorüber, wo die Producenten ſotha⸗ ner Narrheiten auf den Rang und Titel eines Hofnarren ſich Hoffnung machen dürfen. Das Narrenhalten erſtreckte ſich an den meiſten deutſchen Höfen und in einzelnen ariſtokratiſchen Geſellſchaften,— denn auch dieſe beſoldeten zuweilen einen offiziellen Narren,— bis in den Anfang des vori⸗ gen Jahrhunderts. In einem von dem Lübecker Bürgermeiſter Heinrich von Kirchring im Jahre 1689 herausgegebenen Verzeichniß der adeligen Fami⸗ lien der Zirkelgeſellſchaft zu Lübeck, findet ſich auch der Name des letzten Schalksnarren jener alten und höchſt fürnehmen Geſellſchaft. Der Mann hieß Peter Tirjack. Noch jetzt bedeutet das Wort tirjacken im Plattdeutſchen ſo viel, als jemanden hänſeln oder narren. Mecklenburg, das immer ſehr ge⸗ neigt war, das gute Alte möglichſt lange zu conſerviren, iſt denn auch wohl der letzte Staat geweſen, in dem es einen Hofnarren gegeben hat. Der erſt im Jahre 1837 geſtorbene Großherzog Friedrich Franz hielt in den erſten Decennien ſeiner mehr als fünfzigjährigen Regierung ſich noch einen ſolchen, der nebenbei das Amt eines Schleuſenwärters in der Lewitz, zwiſchen Schwe⸗ rin und Ludwigsluſt, bekleidete. Dieſer Mann nannte jedermann Du; den Herzog„Schulten vadding“, deſſen Gemahlin„Schulten mudding“. Auf den Jagden war er ſtets im Gefolge des Herzogs und zwar bekleidet mit einem langen leinenen Kittel, den er mit einem Strohſeil zugeknüpft hatte. ſches otha⸗ ung Von Wilhelm Ernſt. 143 Als Reitſattel diente ihm bei ſolchen Gelegenheiten ein altes Kiſſen, an dem die Steigbügel aus Weiden geflochten waren, und ſein Zaum war aus einem hanfenen Halfter zurechtgeſchuſtert. Seine Späße waren ſehr maſſiver Na⸗ tur. Als die Herzogin einſt über Gliederreißen klagte, fragte er, ob er ſie nähen ſolle, und ein andermal wollte er abſolut eine verwachſene, vornehme Dame unter eine Zeugrolle legen, um ſie wieder„ſchier“ zu machen. Als ſeine eigene Frau geſtorben war, ſalbte er die Leiche mit Thran ein und ſtellte ſie in dieſem Zuſtand an's Feuer, um ihren Gliedern wieder„Smidigkeit“ zu geben. Thran thäte altem Leder gut. Als die Narren mit Pritſche und Kogel an den Höfen, wegen verfei⸗ nerter Bildung, in Mißkredit geriethen, kamen die Hofzwerge auf. Auch dieſe erhielten ſich in Mecklenburg am längſten.„Dörchläuchting Adolf Frie⸗ drich von Strelitz“ beſaß unter ſeinen Hofverwandten auch einen Zwerg, und in Mecklenburg⸗Schwerin gab es ſogar noch in dieſem Jahrhundert eine Hof⸗ zwergin, Namens Ilſa, Catharine Schacht. Obſchon deren Name im Staats⸗ kalender ſich in einer Rubrik mit denen der„Hofdames“ findet, muß ihr Poſten kein ſehr angeſehener geweſen ſein. Ihrem Namen iſt nämlich weder das Prädikat Frau, noch Demoiſelle oder Jungfer vorgeſetzt, während doch ſelber die Kammermädchen der Hofdames dort„Jungfers“ heißen. H gu H. au der jog jal Nicht weither geholt. 3 Von Friedrich Haſenow. —— ¹ VI. Hund und Katze. „Das iſt kein Hund!“ bezeichnet ein erheblich Ding, und:„du Hund!“ gilt für ein arg Schimpfwort, weßhalb man früher umgekehrt den Hund mit dem Namen eines Feindes rief: Hundenamen wie Cäſar, Nero, Türk, Sul⸗ ſ tan, Melas, Tiras u. a. m., obgleich ſie forterben, ohne daß man ſich jetzt noch etwas dabei denkt, haben daher ihren Urſprung. So wird das Thier behandelt, das als Sinnbild der Treue gilt! Aber freilich: 4„Will man gern ſchlagen den Hund,“ n Find't ſich ein Knittel zur Stund',“ „ was noch nicht das ſchlimmſte iſt:„Soll der Hund hangen, ſo findet ſich immer ein Strick,“ und:„Wenn man den Hund henken will, ſo muß er Schmeer gefreſſen haben.“ Hat er das wirklich gethan, ſo wird er allerdings nicht auf ehrlichem Wege dazu gekommen ſein:„Schwerlich freſſen die Hund' Bratwürſte, ſie ſtehlen ſie denn.“ Da Gelegenheit Diebe macht, ſo ſoll man„den Hund nicht nach Bratwürſten ſchicken,“ und:„Wo de Hund den Pott apen find't, dar ſleit he de Snut in(Wo der Hund den Topf offen findet, da ſteckt er die Schnauze hinein).“ Dann„leuchtet man ihm mit der Hundelaterne hinaus,“ d. h. mit einem tüchtigen Stock, und denkt wohl nicht daran, daß man ihn durch Ueberſehen kleiner Fehler zu großen hat kommen laſſen:„An kleinen Läpplin lernen die Hunde Leder freſſen.“ Nachher iſt's zu ſpät:„Es iſt ſchwer, alten Hund bändig zu machen,“ ja ſogar:„Alten t ſich ß er ings 1 die t, ſo Hund offen t der nicht unen 118 Alten ———— Von Friedrich Haſenow. 145 Hund iſt ſchwer bellen lehren,“ obgleich ſie das im Allgemeinen ſo übermäßig gut können, daß„der muß viel Steine aufleſen, der nach jedem bellenden Hunde werfen will.“ Das thut auch nicht noth, ſie hören von ſelbſt wieder auf. Wenn jemand ſich wegen einer Kleinigkeit ereifert, ſagt man platt deutſch zu ihm:„Giw di, giw di! Kiek, Murrjoahn hett ſich gewen, un Murr joahn was'n ollen Hund(Gib dich, gib dich![beruhige dich! Sieh, Murr jahn hat ſich gegeben, und Murrjahn war ein alter Hund).“ Außerdem denke man an die alte Erfahrung: „Die großen Pocher ſchlagen nicht, Bellende Hunde beißen nicht, Viel ſchlimmer ſind ſtillbiſſ'ge Hund', Stille Waſſer haben tiefen Grund,“ und:„Verzagter Hund bellt am meiſten.“ Indeſſen:„Wenn ein Hund bellt, ſo bellen ſie alle,“ und da könnte ſchon ein Beißer darunter ſein, deß halb:„Man ſoll nicht eher auf die Hunde ſchimpfen, als bis man aus dem Dorf iſt,“ bis an die Grenze kommen ſie oft noch nach. Da hat's der gut, der ſchon eine Strecke voraus iſt, denn:„den Letzten beißen die Hunde.“ Sicher iſt nur:„Todte Hunde beißen nicht.“ So lange ſie leben, beißen ſie ſich oft genug unter einander, beſonders weil„kein Hund dem andern den Knochen gönnt,“ und täglich wiederholt ſich die alte Geſchichte: „Beißen zwei Hunde ſich um ein Bein, Nimmt es der dritte und frißt's allein.“ der weiß:„Blöder Hund wird ſelten fett,“ und kehrt ſich nicht daran, ob die andern ihm wünſchen:„Es bekomme dir, wie dem Hunde das Grasfreſſen!“ Wenn dies ein Hund thut, ſoll es Regen anzeigen, was aber den Hund ge⸗ wiß wenig kümmert. Jener Hund wollte zwar nicht in den Regen, indenn er ſagte: „Man hat mich einmal mit heiß Waſſer beſchütt't, Seitdem komm' ich in’s kalte nit,“ aber im Allgemeinen hat auf den eine Sache nicht tiefen Eindruck gemacht, der„es abſchüttelt wie der Hund den Regen.“ Höchſtens läßt dieſer dabei den Schwanz ein wenig hangen, was freilich kein Zeichen„gehobener Stim mung“ iſt, deßhalb:„Fry man ierſt! ſeggt de Scheper to ſinen Hund, ſaſt den Swans wol hängen laten(Heirathe nur erſt! ſagt der Schäfer zu ſei nem Hund, dann ſollſt du den Schwanz wohl hangen laſſen).“ Durch We Hausblätter. 1867. IWV. Bd, 10 146 Nicht weither geholt. deln mit dem Schwanze pflegt dagegen der Hund Freude, Zuneigung und Bitte auszudrücken, aber:„Man gibt dem Hunde nicht ſo oft Brod, wie er mit dem Schwanze wedelt,“ und des Brodes bekommt doch der Hund von unverwöhntem Geſchmack ſo wenig genug, daß jemand, den man um etwas bittet, was er ſelbſt gern hätte, in Pommern zu antworten pflegt:„Find'ſt in'n Hun'nſtall uk Brod(Findeſt du im Hundeſtall auch Brod)?“ Der Hundeſtall hat auch noch den Fehler, daß er nicht geheizt werden kann, weß⸗ halb die unbehagliche Temperatur eines Zimmers als„kalt wie im Hunde⸗ ſtall“ bezeichnet wird. Die Wärme aber weiß der Hund ſehr wohl zu ſchätzen, und wenn man von jemand ſagt:„Er kann keinen Hund vom Ofen locken,“ ſo iſt ihm damit, buchſtäblich genommen, kein großer Vorwurf gemacht, denn das iſt in der That nicht ſo leicht. Um aber zu der verhältnißmäßig wirklich leichten Vervollſtändigung eines ſchwierigeren Unternehmens zu ermuthigen, ſagt man wohl:„Kommt man über den Hund, ſo kommt man auch über den Schwanz;“ wer jedoch dies Sprüchlein, wie oft geſchieht, bei unnöthigen Ausgaben anwendet, der kommt nicht allein„auf den Hund“ und„geht vor die Hunde,“ ſondern ſinkt wohl ſchließlich ſo tief, daß„kein Hund ein Stück Brod von ihm nimmt.“ Dann höͤrt er wohl auf, Sprünge zu machen, denn es„liegt der Knüppel beim Hunde,“ und mit Recht, denn:„Böſem Hunde gehört ein Knüppel,“ um ihn nämlich zu verhindern, daß er den Vorüber⸗ gehenden nachläuft und ihnen in die Beine fährt. Noch ſicherer iſt, ihn an⸗ zuſchließen, dann„wird der Hund dadurch nicht ledig, daß er in die Kette beißt,“ und muß ſich mit dem Futter begnügen, welches man ihm zuträgt. Dann iſt er ſchwerlich noch mitgemeint, wenn es heißt: „Wat'n ſpoart(ſpart) vör ſinen Mund, Dat freten(freſſen) Katt un Hund.“ elche hier als auf der niedrigſten Stufe der Haus⸗ genoſſenſchaft ebenbürtig zuſammen genannt werden, können doch ſo wenig mit einander auskommen, daß:„wie Hund und Katze leben,“ das gerade Gegentheil der Eintracht bezeichnet. Daran wird meiſt der Katze die größere Schuld gegeben, obwohl ſie gewöhnlich viel höflicher auftritt, als der Hund; aber man traut der„Katzenfreundlichkeit“ nicht, unter den„Sammetpföt⸗ Die beiden Thiere, w chen“ hat ſie ſcharfe Krallen, und: „Das ſind die ſchändlichſten Katzen, Die vorne ſtreicheln und hinten kratzen.“ und ie er von twas nd'ſt Der weß⸗ nde⸗ tzen, ten,“ denn klich zigen, r den bigen ht vor Stück Haus⸗ wenig gerade rößere Hund) etyföt⸗ Von Friedrich Haſenow. 147 Das wird aber eigentlich bei ihnen allen für ſo natürlich gehalten, daß man ſagt:„Wer ſich mit Katzen abgibt, muß Kratzen vorlieb nehmen.“ Allein im Pelz ſind nicht alle gleich gut, daher ſoll man„keine Katze im Sack kau⸗ fen,“ und auch nur bei Tageslicht, denn:„Bei Nacht ſind alle Katzen grau.“ Zumeiſt wird man ſie nicht des Pelzes, ſondern des Ma uſens wegen kaufen: „Wer nicht will leiden Katzen, Der leide Mäuſ' und Ratzen,“ und:„Wo die Katze nicht im Hauſe iſt, da tanzen die Mäuſe auf dem Tiſche.“ Auf das Mauſen ſcheint die Katze von Natur angewieſen:„Die Katze wird nicht fett, die ſich des Mauſens ſchämt.“ Mancher will freilich das Naſchen in Küche und Speiſekammer beſſer gefallen, und Speck ſchmeckt ihnen ſo gut, wie den Mäuſen:„Ich ſitze gut! ſagte die Katze, da ſaß ſie auf dem Speck,“ und:„den Speck den Katzen empfehlen,“ heißt nicht klug handeln. Auch den Tauben geht ſie gerne nach und, hat ſie ihre Mahlzeit gehalten, ſo ſchleicht ſie davon, wie— eben„wie die Katze vom Taubenſchlag,“ hübſch heimlich, daß niemand es merkt. Wenn ſie ſich derart durchfüttern kann, braucht ſie nicht auf den Rath zu hören: „Katze, zieh' die Handſchuh' aus, Sonſten fängſt du keine Maus.“ In der Regel aber ſind doch Mäuſe der Katzen Lieblingsgericht, und„Reiſ't eine Katz nach Engelland, ſo kommt ein Mausfänger zurück.“ Gegen Natur iſt Gewöhnung ſchwach, wenn auch„der Bäcker ſagte: Gewohn's, Miez, ge⸗ wohn's! als er mit der Katze den Backofen ausfegte,“ und ſowohl:„Katzen⸗ kinder mauſen gern,“ als:„Der alte Kater, der nicht mehr mauſen kann, ſitzt doch noch gern vor dem Loche.“ Nur„die todte Katze beißen ſelbſt die Mäuſe,“ aber:„Sterbende Katzen leben noch lange,“ denn man ſagt:„die Katze hat neun Leben, wie die Zwiebel neun Häute,“ und ſie ſteht wohl noch wieder auf, um ein Mäuslein zu greifen. Hat ſie eins gefangen, ſo treibt ſie erſt eine Weile ihr Spiel mit demſelben, aber:„Der Katzen Scherz, der Mäuſe Tod.“ Und, wir wollen nicht„d'rum herumgehn, wie die Katze um den heißen Brei,“ damit ſoll's ein Ende haben, wie das Kinderreimſel: „Eine Katz und eine Maus, Die Geſchichte iſt aus.“ 10* Skizzen aus Niederbaiern. Aus den Mittheilungen eines Geſchäftsreiſenden. Von Eduard Leyrer. II. Ein Nachmittag im„Gäu“. Die da ſterben ſollten, die lagen all’ umher. (Nibelungenl.) Es iſt ein vergnüglich Geſchäft, während der Erntezeit über Land zu geh'n. Mag auch die Juliſonne mitunter ein wenig unangenehm auf Stirne und Rücken brennen, ſo vergißt ſich das leicht über dem heiteren Leben rings umher, und es ſchafft ein wohlthuendes Gefühl, mitanzuſchauen, wie ſich der Segen des Jahres allmälig entfaltet, bis ſie ihn auf garbenbeladenem Wa⸗ gen dem nächſten Dorfe zu führen. Wir befanden uns mitten im„Gäu“, zwiſchen Rettenbach und Loh, wo der berühmte Markt gehalten wird, und wo die Bauern nach einer beliebten Fabel den Champagner aus Maaskrü⸗ gen trinken und Sonntags mit Rothwein ihre Wagenräder ſpritzen. Aber zur Zeit war von jenem Luxus wenig zu ſpüren; nur Arbeit an allen Seiten, nichts als Arbeit. Viele hundert Menſchen trieben ſie hin und her wie ein wandernder Ameiſenhaufen, Pferde wieherten, Knechte fluchten und dazwiſchen klang das Kauderwelſch der czechiſchen Erntearbeiter, welche um dieſe Zeit in bunten Schaaren über ihre Berge herausziehen, kein Geld in der Taſche, aber den Pack auf dem Rücken gelegentlicher Einfüllung zu Liebe. Das Ganze gab ein friſches, erfreuliches Bild Landleben; es zog uns faſt noch mehr an, als die Gebirgskette jenſeits der Donau, die wir nur im — Von Eduard Leyrer. 149 Umſchauen bewundern konnten, mehr als der Natternberg, unter welchem wir ſoeben vorbeigegangen waren. Der Fels iſt übrigens in mancher Hin⸗ ſicht intereſſant. Für's Erſte ſteht er in ſeltſamer Vereinſamung mitten in einer meilenweiten Ebene da. Es geht die Sage, der Teufel ſei in grauer Vorzeit einmal aus unbekannten Gründen auf die Stadt Deggendorf er⸗ grimmt und habe dieſen Stein über die Donau tragen wollen, um ſo die aufblühende Anſiedelung im Keime zu vernichten. Beim Klang des Ave⸗ läutens ſoll ihm aber glücklicherweiſe ſein Mordwerkzeug entfallen ſein, und von jener Stunde an blieb der Fels an Ort und Stelle liegen. Wald wuchs darauf und die Grafen von Bogen bauten ſich eine Burg auf den Gipfel, welche ſpäter an die Wittelsbacher kam als Sitz des herzoglichen Pflegge⸗ richtes. Die Burg hat manchen Strauß erlebt in böſen Zeiten, bis ſie zu Anfang dieſes Jahrhunderts in Privathände überging. Zuletzt beſaß ſie ein alter Austragbauer aus der Straubinger Gegend, welcher in ſeinen Muſe⸗ ſtunden den Berg kultivirte und an deſſen ſüdlichem Abhange eine Obſt⸗ baumanlage ſchuf. Er ſieht jetzt recht freundlich her, der hiſtoriſche Nattern⸗ berg. Die Mauerreſte der Vorzeit erfreuen ſich eines ſauberen Anſtriches grüne Fenſterläden geben der alten Burg das Anſehen eines wohnlichen Landhauſes, und auf die Terraſſe außerhalb des Thores haben ſie eine junge Linde gepflanzt, in deren Schatten man weit hinausſieht in's ebene Land und über die Donau hin auf die Bergreihe unſeres niederbairiſchen Hochlan⸗ des. Alſo der Natternberg liegt uns im Rücken, auch die freundliche Dorf⸗ ſchaft dieſes Namens mit ihren Gänſeheerden und einladenden Schweine⸗ tränken. Wir wandern friſch vorwärts ebenen Weges, immer zwiſchen Wai⸗ zen und Korn und pflücken mitunter eine Mohnblume am Wegabhang. Sie ſind nicht ohne Stimmung, dieſe Getraideebenen. Man kann die Landſchaft nicht grade ſchön nennen, wo das Auge nach allen Seiten hin das Nämliche wahrnimmt, und was von Höhen aus einen großartigen Eindruck übt, macht ſich oft einförmig, wenn wir mitten durch gehen. Aber doch hat derlei Land auch ſeinen eigenen Reiz; nicht bloß in der Erntezeit, auch vor⸗ her, wenn noch die gelben Aehren wogen, ruht es ſich recht angenehm unter heiterem Himmel im Raingraſe, zumal während der Ruhe eines Sonntag⸗ vormittages. Da hörſt du nur den Küfer, die Grille und die Orgel einer fernen Dorfkirche, welche dieſe wunderliche Muſik mit ihrem ernſten Choral begleitet.— Es finden ſich wenig Kirchen gegen Loh hinaus, folglich auch wenige Dörfer. Aber die wenigen ſind groß, mit ſtattlichen gemauerten Ge⸗ 150 Skizzen aus Niederbaiern. höften, Wohnhaus und Oekonomiegebäude im geſchloſſenen Hofraum. Alles verräth hier den ſoliden Wohlſtand, nur den Obſtbäumen und Wieſen haben ſie ein gar zu ſpärliches Daſein vergönnt in ihrem Uebereifer zu kultiviren. Auch Wälder gibt es in dieſem Landſtriche nicht, kaum eine vereinzelte Baumgruppe. Erſt jenſeits der Donau gegen die Berge hin und ſüdoſt⸗ wärts, wo die Iſar mündet, ſehen wiederum die heiteren Auwälder her, welche vom St. Ulrichskirchlein aus dem weiten Getraidelande eine ſo wohl⸗ thuende Abwechſelung geben. Rettenbach, Michelsbuch und Stefansjoſching ſind die Hauptorte dieſer Gegend. Der erſtere Ort beſitzt ein weitberühm⸗ tes Wirthaus, an dem letzteren befindet ſich eine Haltſtelle der Geiſelhöring⸗ Paſſauer Eiſenbahn. Dann kommt nichts Erhebliches mehr bis Loh und Wiſchlburg. Hier ſtehen wir auf antikem Boden. Wohlerhaltene Schanzen mahnen an die Donaulager und Befeſtigungen der Römerherrſchaft. Zwi⸗ ſchen dem Bollwerke hat ſich eine kleine Dorfſchaft angeſiedelt und ihr Wai⸗ devieh grast an den Hügeln, welche die Technik eines untergegangenen Welt⸗ reiches aus barbariſcher Erde mühſam aufgebaut. Ein reizendes Bild entfaltet ſich um uns her, wenn wir auf dieſen Römerſchanzen hin und wider gehen. Hart vor uns ſehen wir auf die Donau hinab. Ihr Waſſer iſt breit und ſtill wie ein See, man bemerkt kaum, daß es fließt. Am drübern Ufer liegen etliche Gehöfte zwiſchen den Wieſen, eine grüne Kirchthurmſpitze ragt daraus vor und hinter der Anſiedelung ziehen die Waldberge des Donau⸗ gau. Das Dorf heißt Mariajoſching. Seine der Wieſenkultur geneigten Bewohner ſtanden ſeit alten Tagen bis in die Neuzeit in blutiger Fehde mit den Schweine züchtenden Stefansjoſchingern am diesſeitigen Ufer. Dieſer Erbhaß der„Heuwiſcher“ und der„Schweinernen“, iſt reich an brillanten Gefechtsmomenten, worüber das Urtheilsbuch des Landgerichtes Deggendorf eine fortlaufende Chronik enthalten ſoll. Heut regte ſich auch in den Fluren von Poſching die Emſigkeit der ge⸗ ſegneten Ernte, wie wir ſie auf dem Herwege überall beobachten konnten. Die„Trutzgſangln“ waren verſtummt und das lange Meſſer in der Leder⸗ hoſentaſche war daheim gelaſſen. Derlei Ausrüſtung ſpart ſich der Gäu⸗ bauernburſche auf den Sonntag, der größeren Feier wegen. Heut ſchafft er in naturfarbigen Zwilchpantalons auf dem Waizenfelde, und auch das zar⸗ tere Geſchlecht hat ſeine Gewandung der Tagesarbeit und der Sommerhitze angepaßt: Hemd und kurzes Röcklein, dazu noch ein breiter Hut über dem ſonnverbrannten Angeſichte. Deſto ſchöner und reicher iſt, oder war viel⸗ vider breit Von Eduard Leyrer. 151 mehr die weibliche Feiertagstracht im„Gäu“. Der weiß und ſchwarz ge⸗ ſtreifte Wollrock ſtand nobel zu dem goldgeſtickten Mieder und zu dem ſchwarzen Kopftuche von Seidenſtoff. Dabei liebten es vermöglichere Frauen und Jungfrauen, bisweilen ſogar die Schuhe mit Gold ſticken zu laſſen. Allein die alte Tracht geht allmälig zum Ende. Nur das Kopftuch tragen ſie noch gern, weil es den Mangel eines geordneten Haares verbirgt. Das Mie⸗ der hat dem modiſchen Spenſer weichen müſſen, und an Stelle der alten Goldverzierung ſtecken ſie jetzt Brochen vor die Bruſt, vom Hals an der Reihe nach herunter, je nach Rang und Vermögen bis in die Unterleibsge⸗ gend. So wandelt das ſchöne Geſchlecht der Gäujugend Sonntags zur Kirche und in's Wirthshaus, bei feſtlichem Anlaſſe wohl auch mitunter auf den Tanzplatz, ein Engagement zu erwarten, oder„Schranne zu halten bis zum Hundablaſſen“— wie man ſich hier in etwas ungalanter Bilderſprache ausdrückt.— Im Allgemeinen wohnt in dieſer Gegend ein ſchöner, kräftiger Men⸗ ſchenſchlag und die Leute ſind lange nicht ſo arg, wie man ſie gemeinhin ſchil⸗ dert. Gerauft wird fleißig, das iſt richtig, allein dieſe Raufluſt beſchränkt ſich mehr auf die Flegeljahre, in welchen auch unſer deutſches Studentenleben mitunter Wahlverwandtes bringt. Aeltere, angeſeſſene Leute ſind ernſt, höf⸗ lich, gaſtfrei gegen jedermann, und auch die Jugend excedirt nur unter ihres⸗ gleichen gerne. Der imponirenden Bildung gegenüber läßt ſich dem nieder⸗ bairiſchen Bauernburſchen der Donauebene ein erquicklicher Zug Beſcheiden⸗ heit, eine gewiſſe Offenheit des Charakters im Allgemeinen nicht abſprechen, und wenn vielleicht dann und wann ein ländlicher Beamter Anderes erfährt, ſo dürfte die Schuld mehr an ihm liegen. Eine gründlich revidirte Volkser⸗ ziehung thut übrigens hier noth. Erſt wenn dieſe einmal recht im Gange iſt, läßt ſich die volle Beſeitigung des ererbten Beſtehens Raufluſt hoffen. Die Leute im Gäu müſſen ſtolz werden auf ihre Vorzeit, denn ſie kön⸗ nen ſich darauf viel einbilden. Man ſieht den anſpruchloſen Menſchen gar nicht an, auf welchem Boden ſie umherwandeln, und wer ſich einen von den behäbigen Austragbauern betrachtet, welche unter dem Titel„Privatier“ die frequenteren Wohnſtätten dieſer Landſchaft bevölkern, der Mann glaubt nicht, daß er ſich an einem der älteſten Kulturorte Deutſchlands befindet. Und doch iſt dem ſo. Alles, ſo weit das Auge reicht vor den Wiſchlburger Schanzen, die ganze weite Ebene vor uns mahnt an das klaſſiſche Alterthum. Zunächſt ſchon Plattling(das Plädelingen der Nibelungenſage) mit ſeiner 152 Skizzen aus Niederbaiern. alten St. Jakobskirche jenſeits der Iſar, dieſem granitenen Baudenkmal ro⸗ maniſcher Kunſt. Die Kirche iſt vor kurzem recht hübſch reſtaurirt worden. Eine einſame, aber ſtimmungsreiche Gegend liegt um ſie her, ein grünes Auland Iſarabwärts und gen Oſten„in's Moos“ hinüber, wo die alten Rieſenkarpfen im Schloßteiche herumſchwimmen. Die„Aichberger“ beſaßen dort einen ſtattlichen Ritterſitz; ſeit 1569 gehört derſelbe den Grafen von Preyſing, und ihr Gutspächter Andreas Ackermann treibt heutigen Tages eine Muſterwirthſchaft auf dem weiten Territorium.— Plattling ſelbſt, die Zweigſtation unſerer neuen Eiſenbahn— war ſeit Römerzeiten eine der militäriſch wichtigſten Stellen in der bairiſchen Ebene, weil hier die Iſar den uralten Heeresweg von Regensburg nach Oeſterreich durchſchneidet. Aber auch die ſchwarzgrünen Höhen des Forſthart drüben haben ſich in ihrer Hochſtraße eine Weganlage der Römer erhalten, und das benachbarte Kün⸗ zing(castra quintana) war ſogar römiſche Municipalſtadt, der eigentliche Mittelpunkt der Donaulager und Befeſtigungen von Wiſchlburg und Poſching. Leider haften all' dieſe klaſſiſchen Reminiscenzen meiſt nur an Erdwäl⸗ len und morſchem Geſtein. Dem Volksleben von heutzutage liegen ſie fer⸗ ner. Auf den Höhen des Forſthart hat das Barbarenthum im Lauf der Jahrhunderte wieder feſten Fuß gefaßt und die Taverna des Joſef Zizels⸗ berger zu Künzing— ſonſt ein recht angenehmer Ort— mahnt wenig mehr an altrömiſche Geſittung. Aber doch iſt es was Eigenes um derlei Stätten. Ein fremdes großes Volk hat ſie entdeckt und erobert, es hat den Urwald gelichtet, das Moor getrocknet und heitere Landſitze erbaut, in heimiſcher Wohnlichkeit die Götter des Südens zu ehren. Das Volk iſt untergegangen mit ſeinem Geiſte, ſeinem Schaffen, wieder iſt der Urwald aufgewachſen an Stelle blühender Kultur, und wilde Völkerſtämme haben ſich darin Zelte ge⸗ ſchlagen zu Jagd und Fiſchfang. Auch ſie beteten zu ihren Göttern, in bar⸗ bariſcher Sprache, unter ſtarkaſtigen Eichen, und durch Jahrhunderte ging das ſo zu, bis endlich wieder fremdes Volk kam, Männer in Kutten mit Buch und Kreuz, welche die heiligen Eichen niederſchlugen und die alten Götter in die Donau bannten. Und die Bogenfenſter der Kuttenmänner haben ſich wie zum Hohne im Waſſer geſpiegelt, bis das auch wieder ſein Ende nahm. Jetzt webt die Spinne ihr duftig Gewand an dieſen Fenſtern, Moos und Brombeerſträuche wuchern über die Ruinen, aber das Jelfeuer flammt noch jedes Jahr in der Sonnwendnacht den germaniſchen Göttern im Strome zu dankbarer Erinnerung.—— Von Eduard Leyrer. 153 Derlei Gedanken kommen dem Wanderer unvermerkt, wenn er auf den Wiſchlburger Römerſchanzen im Waidegras liegt und einen heißen Juli⸗ nachmittag verträumen möchte. Es ſchien wie Nacht um uns her und wir ſahen den römiſchen Vorpoſten auf einſamer Wacht hin und wider gehen, in⸗ deß ſich der Mond in dem deutſchen Strome ſpiegelte. Der Mann war bar⸗ tig, von ſchönem Anſehen, aber es mochte ihm nicht recht gefallen in der kal⸗ ten barbariſchen Nacht. Ob er ſeines Lieb gedachte, fern an kleinaſiſcher Küſte? Ernſt ſchritt er einher, faſt ſchien es, als ginge er in den Strom hinein, ſeine Geſtalt verlor die beſtimmten Formen und allmälig verſchwand ſie in dem Dufte, welchen der ſchimmernde Mond über Land und Waſſer ver⸗ breitete. Unendlich klar lag die Nacht und ihre Klarheit wandelte ſich wie durch ein Hexenſtück in Tagesgrauen. Was Mondſchein geweſen, verlor an Schimmer und gewann an Tageshelle, Nebel ſenkten ſich auf den Strom, erſt dicht, dann durchſichtiger, ein ſanftgelbes Licht überflog die Landſchaft, kühle Luft wehte von Oſten, die Nebel zertheilten ſich— und prächtig, im wärmenden Glanz der Morgenſonne ſahen wir die Nibelungenflotte unter uns vorbeiſchwimmen, wie ſie vom Rhein in's Land der Hunnen zog. Hehre Geſtalten, jeder Zoll ein Recke! Uns ſchauert der Gedanke an euer Schick— ſal! Die Sommermorgenſtimmung wandelt ſich in neue Nacht, aber in keine mondbeglänzte. Roth wie Blut rinnt die Donau thalwärts, dort und hier hebt ſich ein geſpenſtiger Schatten aus dem Uferweidenbuſch, und von Loh her, aus der Gegend, wo das Wirthshaus ſteht, klingt es wie Schlachtenruf der„Heuwiſchler“ und der„Schweinern“. Das war ein ſeltſamer Sang, wir ſind darüber wach geworden. Wir gedachten der Art. 234— 242 des bair. Strafgeſetzbuches von 1861, welche handeln von Schlägerei und vor⸗ ſätzlicher Körperverletzung, und dann wiederum der wunderbaren Wandelun⸗ gen des Menſchengeiſtes, welcher an den Zeitgenoſſen das Nämliche pönt, was ihm an den Ahnen Heldenthum gilt. Uns ſcheint dies ein ſchöner Triumph der Kultur, aber freilich noch immer nicht der volle!— Grabesruhe lag an allen Seiten. Oede war das Feld, die ſpärlichen Bäume warfen lange Schatten und fern im Weſt ſank eine Feuerkugel in den Waizgrund. Wir eilten nach Straßkirchen, den Abendzug nicht zu ver⸗ ſäumen. (Schluß folgt) Verſiſicirte Dittſchriſten an Auguſt den Starken. Mitgetheilt von Hugo Schramm. Scherzhafte Einfälle und freimüthige Aeußerungen wurden, wenn ſie die Grenzen des Anſtandes und der Ehrerbietung nicht überſchritten, von Friedrich Auguſt II., dem Kurfürſten von Sachſen und Könige von Polen, der unter dem Beinamen„der Starke“ bekannt iſt, meiſt ſehr gnädig auf⸗ genommen. Daher wagten auch manche Bittſteller ihre Geſuche in Verſen vorzutragen, die eine größere Freiheit des Ausdrucks begünſtigten, und hat⸗ ten, ſobald ihre poetiſchen Erzeugniſſe nicht gänzlich mißlungen waren, ge⸗ wöhnlich auch einen glücklichen Erfolg. Zwei ſolcher Bittſchriften, von denen beſonders die letztere wegen ihrer ergötzlich komiſchen Einkleidung durch eine wahrhaft königliche Freigebigkeit noch mehr als die Gewährung ihres Wun⸗ ſches zur Folge hatte, will ich hier zur Mittheilung bringen. Den Beſchluß der im Jahre 1730 abgehaltenen Carnevalsfeſte machte eine ſogenannte Handwerker⸗Wirthſchaft, bei welcher der Kurprinz als Wirth, ſeine Gemahlin als Wirthin, der Herzog von Sachſen⸗Weißen⸗ fels als einer der Schaffner erſchien und 100 Perſonen die Rollen von Künſt⸗ lern, Handwerkern und deren Ehefrauen darſtellten. Durch das Loos war dem Prinzen von Sachſen⸗Gotha die Rolle eines Fleiſchers, dem Prinzen von Holſtein die eines Müllers, dem Fürſten Lubomirsky die eines Schmie⸗ des, ſowie ſeiner Gemahlin die der Frau eines Eſſenkehrers, dem Könige Friedrich Auguſt II. aber die Rolle eines Kürſchners zugetheilt worden. Von Hugo Schramm. 155 Dieſen letzteren Umſtand nun benützte der unter dem Namen Micran⸗ der bekannte Schriftſteller Kittel, um dem König folgendes Geſuch zu überreichen:„Micrander's, oder Johann Gottlob Kittels Poe⸗ tiſches Schreiben an letzt verwichener Handwerks⸗Wirth⸗ ſchaft.“. „Sal. Tit. Herrn Herrn Friedrich Auguſt, pro tempore wohlbeſtalten k. Kürſchner ꝛc. „Mit Gunſt, daß ich allhier an dieſem Freudentag, Nach Handwerks Arth und Brauch ein Wörtchen ſagen mag. Weil Du, mein Königl biſt durch's Loos ein Kürſchner worden, So ſpricht Dein Knecht Dich an aus dem Poeten⸗Orden. Nur einen Kittel trägt, der gar kein Futter hat, Und alſo frieren muß: Gieb doch aus Deinem Laden Mir etwas auf Credit, es wird Dir wenig ſchaden; Du biſt ja unter uns der allergrößte Mann, Der wohl ein gantzes Land damit verlegen kann. i ſie Eins ſag ich Dir voraus: Du wirſt mir müſſen borgen, von Doch will ich Tag und Nacht vor die Bezahlung ſorgen. oler Fragſtu vielleicht, woher? So höre mir nur zu, auf⸗ Es iſt ein großer Herr, der reicher noch als Du. erſen Der Dir ſo viel verlien und zwar zu oftermalen, hat⸗ Der wird Dich hier und dort vor mich content bezahlen. 1 ge Ich dächte, daß der Mann gnug angeſeſſen wär, denen Drum gib das Futter nur auf Conto immer her. hene Erlang ich Deine Huld, die mehr als Peltz kann wärmen, Wun⸗ Werd ich mich weiter nicht des Winters wegen härmen. Wenn Friedrich Auguſt nur dazu ſein Fiat ſpricht: nachte Vergeſſ ich Lebenslang den theuren Kürſchner nicht; prinz Denn ohne deſſen Gunſt weis ſonſt kein ander Mittel ißen⸗ Zum nöthgen Unterhalt dinſt⸗ Johannes Gottlob Kittel.“ z war Der König, der dem Bittſteller ſchon bei ähnlichen Veranlaſſungen be⸗ rinzen trächtliche Geldgeſchenke hatte zukommen laſſen, wies ihm diesmal aus ſei⸗ hmie⸗ ner Oberkämmerei den Betrag von dreißig Thalern an. dönige Weit glücklicher war der königliche Secretär Hanke zu Dresden, der “ — —— ² Verſificirte Bittſchriſten an Auguſt den Starken. dem König vor ſeinerrim April 1729 erfolgten Abreiſe nach Polen folgende Supplik überreichte: „Großmächtigſter Monarch! Dein Secretarius, Der ſich durch's gantze Jahr mit Ziffern plagen muß, Ich rechne Tag und Nacht und quäle mich mit Büchern, Doch iſt vom Monat noch die Hälfte kaum verſtrichen, So iſt der vierdte Theil von 100 ſchon verzehrt, Da doch'ſo Frau als Magd faſt täglich Geld begehrt. Wo nehm ich ſolches her? Ich fürchte mich vor Borgen, Indeſſen ſoll ich doch das gantze Haus verſorgen, Ich theile, wie ich will, 300 Thaler ein, So will mein Tractement noch nicht zulänglich ſeyn. Vor 40 Thaler Holtz, damit ich nicht erfriere, 2 Thaler wöchentlich an Covent, Wein und Biere. Vor Butter, Fleiſch und Brod, vor Grütze, Saltz und Licht, Setz ich 4 Gülden an. Sie reichen öfters nicht. Ein Thaler monatlich nur an Geſindes⸗Lohne, Auf 60 Thaler Zins, damit ich ſicher wohne, Vor Knaſter, Spagniol, vor Zucker und Thee Bou, Peruquen, Wäſcher⸗Lohn, vor Hembden, Strümpff und Schuh. 4 Thaler der Barbier, wo aber bleibt der Schneider? Ich rechne monatlich 2 Thaler nur auf Kleider. Doch leider dieſes macht 400 Thaler aus, Und dennoch hab ich nicht noch alles in dem Haus. Was koſtet nicht die Frau? was koſten Band und Spitzen? Was Adrienen, Schmuck, Pantoffeln, Hauben, Mützen? Was koſt der Domino mit Spitzen ausgeziert, Wenn man ſie Winters⸗Zeit auf die Redoute führt? Und wenn man Sommers⸗Zeit in Starckens Garten fähret, So ſind 6 Groſchen bald in Kuchen nur verzehret, Wie ofte muß man nicht allhier zur Hochzeit gehn! Wie ofte muß man nicht auch zu Gevattern ſtehn! Und läßt man offtermahls den eignen Zuwachs tauffen, So muß man alſobald mit Geldd zur Kirchen lauffen. Was koſt das Kinder⸗Zeug? was koſt der Ammen Lohn? gende Von Hugo Schramm. Stirbt etwa aber gar der kleine liebe Sohn, So wird man nimmermehr das Kind umſonſt begraben, Warum? die Kirche muß vorher das ihre haben. Kurtz alles koſtet Geld und ehe ich's gedacht, Iſt mir ſchon wiederum die Casse leer gemacht. Wie können nun aufs Jahr 300 Thaler reichen? Drum, Großer König, laß Dich meine Noth erweichen; Setz 100 Thaler zu. Denn krieg ich nur ein Blat, Das Deine Gnaden⸗Hand ſelbſt unterzeichnet hat, So iſt mein Wunſch erhört. Ich ſterb in tiefſtem Danke Mein König, Fürſt und Herr, Dein pflichtverbundner Hanke.“ Der König nahm dieſe drollige Erörterung der finanziellen Verhält⸗ niſſe des in ſeiner Amtsführung thätigen und verdienten Bittſtellers ſehr wohlgefällig auf, und verordnete, daß der Gehalt desſelben verdoppelt werden ſolle, Aus dem Inhalte der Hanke'ſchen Bittſchrift ſcheint übrigens hervorzugehen, daß bei namentlich durch geringere Gehalte beſchränkten Mitteln der Befriedigung die Luxusbedürfniſſe jener Zeit faſt nicht minder zahlreich, als die der unſrigen, wenn auch manche derſelben weniger koſtſpie⸗ lig geweſen ſein mögen.— Zur kecture. Verſchiedenes. J. v. Wickede, Eine deutſche Bürgerfamilie. 3 Bde. Jena. Coſte⸗ noble. 1867. Der Verfaſſer ſcheint in der That, der Angabe auf dem Titel gemäß, nach einer Familienchronik gearbeitet zu haben. Nur iſt es um dieſe ein wenig mager beſtellt geweſen. Von der früheren Familiengeſchichte und den Eltern des Chroniſten finden ſich nur wenig Reminiscenzen— die alte Chro⸗ nik iſt leider verbrannt!— und über ſeine Geſchwiſter berichten nur einige Schlußkapitel, zum Theil nach Tagebüchern derſelben. Der zum Theil ge⸗ ſuchte Chronikenſtil iſt für einen guten Bürger des 18. Jahrhunderts zuwei⸗ len etwas auffällig, und vor allem verwundern des Chroniſten Anſichten über den Geldwerth. 100—150 Thaler für einen Studenten, und 400 Thaler Beſoldung nebſt Privatvermögen für eine Lehrerfamilie in einer klei⸗ nen Stadt waren in der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine ſehr anſtän⸗ dige Einnahme und legten dieſen Leuten bei vernünftigen Anſprüchen keines⸗ wegs beſondere Entbehrungen auf. H. E. R. Belani, Goethe und ſein Liebeleben. 3 Bde. Leipzig. C. F. Schmidt. 1866. Wir müſſen immer von neuem bekennen, daß wir den neuerdings be⸗ liebten romantiſchen Biographien oder biographiſchen Romanen keinen Ge⸗ ſchmack abgewinnen können, am wenigſten, wenn ſie aus den Dichtungen und biographiſchen Werken des„Helden“ ſelber geſchöpft werden. Hier ſind nun gar Goethe's Liebesverhältniſſe in 15 Novellen, Erzählungen, Idyllen ꝛc. behandelt. Wir wiſſen überhaupt nicht, ob zur Darſtellung von Goethe's Coſte⸗ gemäß, eſe ein nd den Chro⸗ einige eil ge⸗ zuwei⸗ nſichten nd 400 ꝛe llei anſtän⸗ keines⸗ geizig⸗ ngs be⸗ ꝛen Ge⸗ htungen iet ſind yllen ac Hoelhe Zur Lecture. 159 „Liebeleben“ die novelliſtiſche Form eine angemeſſene und willkommene ſein kann. A. Bölte, Die Welfenbraut. Jena. Hermsdorf. 1867. Die Kämpfe um die Hand der Prinzeſſin Charlotte von England und der Sieg des von ihr geliebten Prinzen Leopold von Coburg bilden den In⸗ halt des gut erzählten unterhaltenden Romans. A. Bölte, Weiter und Weiter. Jena. Hermsdorf. 1867. Auf dem Titel dieſes Bandes ſteht zwar„Roman“, in Wirklichkeit ent⸗ hält er aber ſieben kleinere Stücke, zum Theil novelliſtiſchen, zum Theil bio⸗ graphiſchen 2c. Inhalts. Wir können auch dieſe Arbeiten, eine gewiſſe Nüch⸗ ternheit in den Erzählungen abgerechnet, nur loben und ſie als anſprechende Lecture empfehlen. L. Erneſti, Ein unerfülltes Wort. 3 Bde. Jena. Hermsdorf. 1867. Wir begegnen der Verfaſſerin immer gern; Compoſition, Erfindung und Darſtellung zeugen ſtets wieder von ihrem ſchönen Talent, und ſelbſt ſogenannte verbrauchte Stoffe weiß ſie uns durch ihre Auffaſſung willkom⸗ men zu machen. Das vorliegende Buch, ein Familienroman im gut deut⸗ ſchen Sinne, widerſpricht dieſem Urtheil gleichfalls nicht, und erfreut uns auch durch das Maß und den Tact, mit dem die hier häufig naheliegenden romantiſchen— ſagen wir immer: Klippen— vermieden werden. C. Schultes, Reklame. 2 Bde. Jena. Hermsdorf. 1867. Ein Roman— eine Fabrikantengeſchichte, könnte man ſagen, aus der neueren Zeit, hübſch geſchrieben und unterhaltend. Wir begegneten dem Verfaſſer bisher noch nicht, glauben jedoch an ihm ein friſches und heiteres Erzählertalent zu entdecken, das, wenn es vernünftig gepflegt wird, uns für die Zukunft noch mehr als ein anerkennenswerthes Werk in Ausſicht ſtellt. C. Schultes, Süd und Nord. 2 Bde. Jena. Hermsdorf. 1867. Auch die Erzählungen in dieſen beiden Bänden beſtätigen das obige Urtheil und rechtfertigen die dort ausgedrückte Erwartung. Die ſechs Er⸗ zählungen— die ſiebte iſt in Verſen— zeigen friſche Erfindung und hübſche Darſtellung, und verdienen vor manchen anderen eine freundliche Aufnahme. ꝑp 160 Zur Lecture. Th. Spitta, Entſchleierte Dunkel. Berlin. R. Wegener. 1867. Leider können wir dieſem Autor, der uns hier gleichfalls zuerſt begeg⸗ net, kein ſo günſtiges Urtheil mit auf den Weg geben. Ueberſchwänglichkeit aller Orten, keine friſche, ſondern forcirte Erfindung, eine ungleichmäßige Verwendung und Behandlung der Motive, und eine Schreibweiſe, theils ebenſo überſchwänglich wie der Inhalt, theils ſo nüchtern oder ungelenk wie irgend möglich— damit mag man ſchon ein paar guten Freunden genügen, aber nicht dem Publikum. Dr. J. H. Frerichs, Geiſt und Herz. Norden. Soltau. 1865. Wir haben ſchon früher die erſte Auflage dieſer geiſt- und gemüthvollen kleinen Schrift unſeren Leſern als anregende Lecture auf das wärmſte empfohlen, und müſſen uns begnügen, auch die vorliegende neue Ausgabe mit dem gleichen Lobe zur Anzeige zu bringen. Fr. Capräz, Practiſche Sprachſtudien. Bern. Heuberger. 1867. Ein Heftchen von ſehr reichen und— man muß ſagen: werthvollem Inhalt. Der Verfaſſer, Ueberſetzer der ſchweizeriſchen Bundeskanzlei, behan⸗ delt in der trefflichſten Weiſe Stiliſtik, Ueberſetzungskunſt u. ſ. w. und wer es weiß, wie tief dieſe Materien meiſtens noch im Argen liegen, muß dem Verfaſſer wahrhaft dankbar für ſolche Anleitung ſein. Dr. K. R. Pabſt, Ueber Geſpenſter. Bern. Heuberger. 1867. Es ſind zwei akademiſche Vorträge, in denen der Verfaſſer ſeinen inter⸗ eſſanten Stoff kurz und knapp, aber lichtvoll und anſprechend behandelt. Wir bedauern auch hier wieder, daß der uns geſtattete Raum ein tieferes Ein⸗ gehen uns verbietet. Das Thema und ſeine Behandlung verdienten ein ſolches. K. L. Fr. Mezger, Deutſcher Räthſelſchatz. 1. Heft. Heilbronn. Scheurlen. 1866. Wir begrüßen das Unternehmen, unſere deutſchen Räthſel zu ſammeln, auf das freudigſte und empfehlen das Buch unſerem Publikum als eines der lehrreichſten und unterhaltendſten, welche wir uns auf außerwiſſenſchaft⸗ lichem Gebiet zu denken vermögen. Das vorliegende Heft bringt in den erſten beiden Büchern die Räthſel für das Kindesalter, und ſchon hier erſtau⸗ nen wir über dem Reichthum. Wir ſehen der Fortſetzung mit lebhaftem Intereſſe entgegen. begeg⸗ lichkeit näßige theils nk wie tügen, vollen armſte usgabe 867. vollem behan⸗ dwer ß dem inter⸗ zandelt. es Ein⸗ ſolches. ilbronn. mmeln, nes der Mti in den erſtau⸗ haften Der Mann im grünen Koche. Eine wahre Begebenheit aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Von Emma Niendorf. 1. „Es geht doch nichts über einen ungariſchen Grenadier!“ ſagte die etwas impertinente Blonde— man kann das Wort im zweifachen Sinne nehmen, im einen ſo gut wie im andern, nach Belieben—, welche um ihr üppiges und wie mit Gold gepudertes Haar einen cyanenblauen Foulard geſchlungen hatte, und zwar in ziemlich kecker, vielleicht von irgend einer Begleiterin der republikaniſchen Armee erlernter Weiſe.„Es geht doch nichts über einen ungariſchen Grenadier!“ Und dabei mußte ſich das Köpfchen mit dieſem mehr als goldenen Haar und dieſem mehr als cyanenblauen Foulard, trotz der hohen Abſätze an den kleinen Schühlein noch ein bischen recken, um von der reinlichen Straße, auf welcher zwiſchen den Pflaſterſteinen ein leichter Flaum von Gras ſproßte, in das Fenſter des nichts weniger als hohen Erd⸗ geſchoſſes hineinzuſprechen, wo hinter weitgebauchten, reichgeſchnörkelten Eiſengittern, auf dem Sims ein junges Frauenzimmer, bleich und ſchmäch⸗ tig, eines von denen, welche nie welken, weil ſie nie erblühen, eine Reihe von Blumen in Näpfen begoß. Juſtine, ſo hieß die Hausmamſell, machte dem luſtigen Weiblein ein Zeichen, nicht ſo laut zu reden, damit man es oben im erſten Stocke nicht höre, nickte zwar zuerſt beifällig, raffte ſich jedoch ſchnell wieder zuſammen um, mit dem zernähten Zeigefinger drohend, zu flüſtern:„Madame Mäus⸗ lein, ei, ſchickt ſich denn das für die Frau eines Kirchenbeamten, daß Ihnen Hausblätter. 1867. IV. Bd. 11 —.[—õy—, 162 Der Mann im grünen Rocke. die ungariſchen Grenadiere ſo über alle Maßen gefallen?“— Die Blonde war nämlich Gattin des Küſters. Die Straße, auf welcher man ſolche Worte wechſelte, war die ſchönſte Straße des freundlichen Städtchens Offenbach bei Frankfurt, auf welches das alte Schloß Iſenburg herunterſchaut und an welchem der Main ſeine gelbe Flut vorübertreibt, den prächtigen grünen Rheinwogen zu; und das Haus, vor welchem und aus welchem man ſolche Worte wechſelte, war das ſchönſte Haus in der Straße, und zwar ein Eckhaus. Es konnte mit den eiſernen, an Steinpfeilern befeſtigten Ketten, welche es mit ihren Schwin⸗ gungen wie in Feſtons einſchloſſen, und mit den gewundenen Säulen an beiden Seiten des Haupteingangs, zu dem ein paar Freiſtufen führten, auf denen rechts und links in der guten Jahreszeit immer einige Oleanderſtöcke er hohen Mittelthüre, mit ſtanden; ferner mit den zwei Kugelakazien vor dieſ den etwas ſchwerfälligen Stuccaturen über derſelben, ſowie über den groß⸗ ſcheibigen Fenſtern der beiden Stockwerke; endlich im zweiten mit dem Bal⸗ kon, welchen ein ebenfalls reiches Gitter umfaßte, beinahe für einen Edelſitz gelten, um ſo mehr, als rückwärts, an dem Nebengäßchen hinlaufend, ſich ein geräumiger Hof ſammt Garten erſtreckte, deſſen hohe Mauern Spaliere von feinen Obſtſorten tapezirten. Das Haus war modern, wenigſtens für die damalige Zeit, auch trug es einen friſchen gelblichen Anſtrich. Auf den erwähnten Hof hinaus, in welchem ſich Remiſe und Stallung befanden, hatte man zu ebener Erde die Wirthſchaftsſtuben verlegt, aber vorne gegen die Straße und die Mittagsſonne, der jetzige Eigenthümer, wel⸗ cher Reiſen in England gemacht und die dortige Wohnungsweiſe kennen ge⸗ lernt, ſich rechts von dem Säulengange, wo das Haus an die Wand des be⸗ nachbarten ſtieß, Studier⸗, Schlafzimmer und Bibliothek, links jedoch einen Eßſaal eingerichtet, in welchen man von dem weiten wohlverſchloſſenen Cor⸗ ridor durch ein Vorgemach gelangte. Dieſer Eßſaal, welcher gewöhnlich nur in der ſchönen Jahreszeit oder bei feſtlichen Gelegenheiten diente, bildete die Ecke, hatte indeſſen bloß drei Kreuzſtöcke in der Front des Gebäudes, keinen auf der Seite gegen das Gäßchen, und ſammt dem Ausgange nach dem Vorzimmer, nur noch Eine Thüre, welche in eine dunkle Vorrathkammer und durch ein an dieſe ſtoßendes enges Couloir wieder in den Corridor zu⸗ rückführte. Vor jedem der drei Fenſter ſah man Ständer in Pyramiden⸗ form, ſtets mit dem beſten Flor aus Garten und Treibhaus bedeckt; über⸗ dies in den Ecken artig gruppirt Blumenſtöcke und ſonſtige Gewächſe, welche dieſem Speiſeſaale meiſtens das heitere Anſehen eines Gartenſalons ver⸗ Von Emma Niendorf. 163 liehen.— Wir mußten dieſe Oertlichkeiten darum ſo ausführlich ſchildern, weil dieſelben nur in zu genauem Zuſammenhange ſtehen mit dem Verhäng⸗ niſſe, welches wir zu erzählen haben. Die obere Etage des Hauſes füllten Geſellſchaftsjzimmer und die Wohn⸗ und Schlafgemächer des weiblichen Theils der Familie. Wenn dasſelbe, wie ſchon bemerkt, einem Edelſitze glich, ſo zählte eben⸗ n Beſitzer zu einem Patriziergeſchlechte der alten Reichs⸗ urd Kaiſer⸗ rankfurt, ein Senator derſelben, welcher hergezogen war in die Ruhe falls ſtadt des vergleichungsweiſe ſchier ländlichen Aufenthalts, ungeſtörter einigen Lieblingsbeſchäftigungen und Studien nachzuhängen. Denn er gehörte nicht zu denen, die ſich mit einem bloß leiblichen Behagen genügen laſſen, ſondern ſuchte und wußte es auch noch durch ein geiſtiges zu verſtärken. Herr von Allblumen— wir bürgen nur für die Thatſachen, nicht für die Namen— Herr von Allblumen, frühzeitig Wittwer geworden, hatte ſeiner unvermählt gebliebenen Schweſter die Leitung ſeines Haushalts und die Obhut für ſeine beiden heranwachſenden Töchter anvertraut. ſein Fr Fräulein Emerenzia war ein wackeres Herz; nur konnte ſie eines nicht vergeſſen, wir werden ſpäter darauf zurückkommen. Warum ſie ſich nicht verheirathete? Darum müßten wir ſie ſelbſt fragen. Sie nahm ihr Kreuz willig auf ſich, das heißt ſie war Stiftsdame. Zuerſt kam dies Kreuz auf und in ihrem Herzen, dann ihr Bruder, der Senator, dann das Eine, was ſie nicht vergeſſen konnte, dann erſt die Nichten und die übrige Chriſtenheit, von der nachfolgenden Menſchheit noch wohl zu unterſcheiden in der Rang⸗ ordnung. Dies war das Haus und ſeine Beſitzer, das Haus mit den Kugelaka⸗ zien, den Oleanderbüſchen und den gewundenen Säulen am Eingange, vor welchem ſich die kleine Küſterin mit Mademoiſelle Juſtine über die Vorzüge des vor einigen Tagen hier einmarſchirten Regiments unterhielt; und zwar nichts weniger als unbefugt. Denn man konnte ſich ſchon ein Urtheil über die verſchiedenen Waffengattungen und Nationalitäten bilden, ſeit die Ein⸗ quartierungen leider ſo ſchnell wechſelten, wie hier in den Revolutionskriegen. Wer kam, wer ging da nicht alles! Man befand ſich im September des Jahres 1795, und das Grenadierregiment gehörte zu dem öſterreichiſchen Heere, welches unter Clairfait am Main ſtand.—„Es geht doch nichts über einen ungariſchen Grenadier!“ 11* 164 Der Mann im grünen Rocke. 9 Was die ſchlichte Frau und die Zofe da unten auf der Straße laut ſagten und flüſterten, das dachten die Damen dort oben auf dem Sopha, im Staatszimmer, wie es damals hieß, ſtill bei ſich ſelbſt. Keine verrieth es der andern, aber jede errieth es von der andern. Ueber den letzten Ball plauder⸗ ten ſie bei ihrer Stickerei, zu welchem das Offiziercorps beſagten Grenadier⸗ regiments die Haupttänzer geliefert. Wir ſehen, trotz der Revolution, trotz dem Kriege und trotz dem Herbſte, der im Kalender ſtand, war Roſenzeit für die Mädchen, welche unter Kuchen und Kaffeetaſſen beiſammen ſaßen. Man hatte„eine Viſite“ gehalten, wie es noch heute in manchen Gegenden Süddeutſchlands heißt, und Freundinnen eingeladen, zu Ehren einer anderen Einquartierung, nämlich eines weiblichen Gaſtes. Denn mit ſolchen jugend⸗ lichen Beſuchen aus der Nachbarſchaft ſchwärmte es ein und aus im Hauſe des Senators, trotz der vielbeſprochenen Einquartierung, oder vielmehr mit ihr um die Wette. Der gegenwärtige Gaſt war ein in der Familie oft und immer gern begrüßter, ja er rechnete ſich gewiſſermaßen zu ihr, die Baroneſſe von Fal⸗ kenburg, die ſchöne Hildegard. Herr von Allblumen war ſeit Jahren ihr Vormund. Sie beeiferte ſich, ſeine Mündel zu heißen, obgleich ſie es bald, vielleicht ſchon nicht mehr war. Er hätte ſich freilich von ihr heißen laſſen, wie ſie es wollte, denn ſie verzauberte ihn, wie alles, was in ihre Nähe kam. Erfreute ſie ſich doch ſogar eines gewiſſen Einfluſſes auf Tante Reverenzia, wie dieſelbe von der verwaisten Freiin heimlich genannt ward. Wie der Senator in Geſchichtswerken ſich vertiefte, in Chroniken, Tra⸗ ditionen und Sagen ſchwelgte, wie er ſeine lokal⸗hiſtoriſchen Forſchungen mit einer Art Leidenſchaft trieb und beſonders die Heraldik bis in ihr kleinſtes Detail verfolgte, hatten ſich bei der Schweſter dieſe Liebhabereien zu einem Cultus der Stammbäume, Geſchlechtsregiſter, Diplome, Ordenszeichen, einer Manie der Rangverhältniſſe und was ſonſt noch damit zuſammenhängt, befeſtigt. Der Vater nicht nur war Bürgermeiſter der Stadt, ſondern manche ſeiner Vorfahren hatten ſolche Würde bekleidet. Dies war, um es jetzt nur gleich zu ſagen, das Eine, was die Stiftsdame nie vergeſſen konnte. Sie hatte es nie überwunden, daß ſie ſchon als Kind vierſpännig fuhr in der Kutſche, welche Frankfurt ſeinen Bürgermeiſtern gab. Dies machte Fräulein von Allblumen zu einer Republikanerin von ſolchem Schrot und Korn, wie wir ſie vor uns ſehen. Von Emma Niendorf. 165 Sie rechnete es Hildegarden als ihr größtes Verdienſt an, daß ſie aus einer der älteſten und vornehmſten Adelsfamilien am ganzen Main und Rhein entſproßte, aus einer Familie, die ſogar reichsunmittelbar geweſen ſein ſollte, und meinte ſich um die Nichten nicht höher verdient machen zu können, als wenn ſie ihnen einen ſolchen Umgang ſicherte, der für den Schluß⸗ ſtein der denſelben gegebenen ſtandesmäßigen Erziehung gelten mochte. Mußte nicht ſchon die bloße Nähe einer ſo feinen, der Hofmanier kundigen Weltdame bildend ſein? Ihrer Geläufigkeit in der franzöſiſchen Sprache, des trefflichen Accents brauchte man gar nicht einmal zu gedenken. Die Baroneſſe, obſchon nicht unbeträchtlich älter als die Geſchwiſter Leopoldine und Fränzchen von Allblumen, verſtand es, durch Lebhaftigkeit und Grazie, durch geſchmackvollen und vortheilhaften Anzug, vielleicht ſogar durch gewiſſe Kunſtgriffe der Toilette den Unterſchied— wer weiß!— eines halben oder wohl beinahe ganzen Jahrzehnts, mehr oder weniger auszuglei⸗ chen, und fand in vielfacher Hinſicht die Rechnung dabei, ſich durch ſolchen Verkehr friſch zu bewahren und immer wieder zu verjüngen. H Hildegard war wirklich der Falke in dieſem Taubenſchlage. Das ſchnäbelte und pickte und hüpfte und ſchlug mit den weißen Flü⸗ geln, um ſo ungenirter, als Tante Reverenzia von ihrem Mahagonitiſchchen, auf welchem ſie bisher die Nachmittagpatience gelegt, ſich jetzt leiſe entfernt hatte, den feinen Strickſtrumpf in den beringten Händen, um begleitet von ihren beiden Adjutanten, ihrem Bologneſerchen und der lichtgrauen dicken Katze, unten im Hofe Revue über die Truthühner und Pfauen zu halten und nachher im Garten die Reineclaudes, die reifenden Trauben, die pur⸗ purnen Pfirſchen am Geländer zu inſpiciren. Inzwiſchen wurde oben der letzte Ball im Caſino, oder wie die ge— ſchloſſene Geſellſchaft ſonſt heißen mochte, welchen man zu Ehren der in die Stadt neueingezogenen Oeſterreicher veranſtaltet hatte, noch einmal durch⸗ ſprochen und durchlebt, durchlacht und geiſtig durchtanzt. Welche prächtige Muſik, welche herrlichen Tänze— und Tänzer! Wie feſt und ſicher wurde man gehalten, getragen faſt, und wie ſchwebte man dahin auf dem Parket! Wie blitzte und glitzerte alles von reichen Uniformen! Lauter Cavaliere, mit unausſprechlichen Namen und— unausſprechlichen Augen, Augen, dunkelglühend und ſüß wie der Ungarwein! Meiſtens waren’'s Magnaten⸗ ſöhne oder ſonſt edles Blut, ſtolze Geſtalten.„Man hätte ſich doch fürchten können,“ meinte Clara, eine der eingeladenen Fräulein, ein ſchüchternes Kind,„man hätte ſich doch fürchten können vor den vielen fremden, trotzigen, —— 166 Der Mann im grünen Rocke. wilden Schnurrbärten!“— Die Baroneſſe lachte laut.„Es iſt ein Zauber,“ ſagte ſie raſch,„ſich zu wiegen in Armen, die geſtern noch den Tod aus⸗ theilten, dahin zu fliegen, gedrückt an eine Bruſt, welche morgen die klaffende Wunde empfangen kann!“— Die Andern ſahen ihre Freundin faſt er⸗ ſchrocken an, welche jedoch kaum leicht erröthete vor den fragenden und un⸗ ſchuldig verwunderten Augen. In Hildegard's ſchwarzem Sammetauge zeigte ſich nur ſelten etwas wie Verlegenheit oder Mißmuth, und zwar nur dann, wenn man zufällig den Oberſten des ungariſchen Grenadierregiments nannte. Wir werden bald ſehen warum. Und man nannte ihn oft, den jungen Oberſten. Das zeigte ſich gleich bei Erwähnung jenes überraſchenden, angeſtaunten Ein⸗ marſches, den man ſich noch von neuem ausmalte, mit dem man anfing, und zu dem man immer wieder zurückkehrte— zu dem Moment der Verheißung: Die Trommeln wirbeln, Pauken drönen, die türkiſche Muſik braust, zum Thore ſchiebt es ſich wie eine Mauer herein, Mann an Mann, feſtge⸗ ſchloſſen in Reihe und Glied, wir könnten ſagen ein feierlicher Katarakt von Menſchen. Ernſt und gut, ſturmerprobt, ſchauen die edelgeſchnittenen Ge⸗ ſichter aus den ſchwarzen rieſigen Bärenmützen. Das ganze Regiment mar⸗ ſchirt wie Ein Mann. Die Offiziere ſalutiren ritterlich an die Fenſter. Voraus an der Spitze, auf einem arabiſchen Schimmel, deſſen Mähne und Schweif lang herabwallt, reitet der noch ganz junge Oberſt— man hatte Eile damals in allem, man rückte ſchnell vor in die immer wieder gelichteten Reihen. Langſam, im Paradeſchritt reitet er, das kühne Roß zügelnd, unter den Klängen des feſtlichen Marſches voraus. Iſt es ein Triumphzug? Führt er den Commandanten zum Siege, oder zum Tode?— Das antik ſich profilirende Geſicht iſt wie aus Marinan gemeiſelt, es könnte einem griechiſchen Heros gehören. Wie aus St in ehauen ſitzt er auch da, mit keiner Wimper zuckend, und läßt ſich von dem in die Zügel ſchäumenden Thiere tragen. Die ſchlanke und doch geſchmeidige Geſtalt ſitzt bei aller Würde doch leicht und anmuthig auf dem Pferde.— Aber nicht allein die klaſſiſche Schönheit der regelmäßigen Züge iſt es, was den Blick des Zuſchauers auf dieſe Erſcheinung bannt. Was iſt es denn? Schwebt noch etwas wie das Schickſal, ein Verhängniß über ihm? Nun, das Schick⸗ ſal iſt immer dabei. Ziehen nicht vielleicht Geiſter unſichtbar mit ihm? Sind es Schutzgeiſter oder Dämonen?— Nur die Baroneſſe konnte ungefähr einige ähnliche Bemerkungen in tief⸗ ſter Stille gemacht haben. Fräulein Emerenzia hatte ſich mehr als mit den Von Emma Niendorf. 167 melancholiſchen Augenſternen des intereſſanten Chefs, mit denen auf ſeiner Bruſt beſchäftigt und mochte auch die Erſte und Einzige geweſen ſein, welche die übrigen bunten Bänder und Kreuzlein darum und daran beobachtete; der übrige frohe Mädchenkreis hatte zu viel Anderes zu thun, ſchwirrte in hun⸗ dert flatternden Wahrnehmungen. Beſonders vom Balle. Wie viel war ſonſt zu erinnern von dem vergangenen Balle und zu hoffen von dem künf⸗ tigen! Für Letzteren war man ſchon guf alle Tänze zum voraus engagirt. Kaum daß noch einige konnten frei erhalten werden für drei junge Herren vom Civil, Aſpiranten auf Tänze, Aemter und Frauenherzen, drei junge Herren, welche in ruhigen Tagen, nach dem neueren Ausdrucke, die Löwen von Offenbach vorſtellten. Das waren der Arzt, der Profeſſor und der Ad⸗ vokat, ſonſt auch nur mit dem Collektivnamen der drei— Könige bezeichnet, die Könige der Caſinobälle, alſo eine ſchätzenswerthe Reſerve, wohl zu be⸗ rückſichtigen für vorkommende Fälle. Denn die Grenadiere vergehen, aber Aerzte, Profeſſoren, Advokaten ſind ſo zu ſagen, wenn auch nicht die Ein⸗ zelnen, unſterblich. Auch auf dem Balle hatte der junge Oberſt vielfach Aufmerkſamkeit er⸗ regt, ebenſo durch ſeine Wohlgeſtalt und Haltung, als durch eine gewiſſe fremdartige Hoheit in ſeinem Weſen, eine Ruhe, welche ſchier an Kälte grenzte und jede Vertraulichkeit von ihm entfernte; eine tiefe Schwermuth in dem ſchönen, feſſelnden Kopfe, vor allem durch die Romantik, in welcher gleichſam dieſe ganze Figur ſchwamm. So ſehr ihn dies den Damen anziehend machen mußte, ſo wenig ſchien er ihnen nahen zu wollen. Er ließ ſich Keiner vorſtellen, er tanzte nicht. Das eben war es, was ihm die Baroneſſe im Geheimen nicht vergab und wie eine Beleidigung gegen ſich ſelbſt empfand. Sie fühlte ſich dadurch zum Zorne bewegt, aber freilich auch in anderem Sinne gereizt. Graf Maximilian von Perlau, ſo nannte er ſich, unter⸗ hielt ſich in feinſter aber gleichgültigſter Höflichkeit mit einigen um ihn ſich gruppirenden älteren Herren, zuletzt und am längſten mit dem Advokaten, dem Arzte und dem Profeſſor, welche freilich für ausgezeichnet unterrichtete und gebildete Männer galten. Am oberen Ende des Saales, mit verſchränk⸗ ten Armen gegen eine Conſole gelehnt, ſchenkte er keiner der Tänzerinnen einen Blick, wogegen ſie ihn nicht aus den Augen verloren und keine ſeiner Bewegungen ſich entgehen ließen, bis er ſeine vornehme Abgeſchloſſenheit da⸗ mit krönte, daß er, wie es ſchien, müde und abgeſpannt ſich vor der Zeit zu⸗ rückzog. — ——— 168 1 Der Mann im grünen Rocke. Dies alles bedachten und beſchwatzten die Jungfrauen im Staats⸗ und Kaffeezimmer, einzeln und oft auch alle zugleich. Nur Eine hörte ſchweigend zu, die jüngſte und blühendſte der Allblumen, Fränzchen. Sie hätte auch weiter nicht mitreden können, weil ihr die neueſten Ereigniſſe hier fremd, da ſie ſoeben, heute Nacht erſt, von einem mehrwöchentlichen Aufenthalte in Frankfurt heimgekehrt war, von einem Beſuche bei einer adeligen Familie, welche ſich in lebhaftem Verkehre mit der des Senators befand und faſt un⸗ mittelbar vor den Thoren der Reichsſtadt ein Gütchen, einen Meierhof be⸗ wohnte. Das gute Kind befand ſich mit ihren Gedanken noch mehr dort bei ihren Geſpielinnen und Inſtitutsgenoſſinnen, den beiden Töchtern des Kam⸗ merherrn und Johanniters, von denen wir noch allerlei und ſicher Unerwar⸗ tetes erfahren müſſen. So ſaß die Kleine ſinnend da im Vaterhauſe, wie ein träumeriſcher Maitag, und auch licht wie ein Maitag. Mamſell Juſtine hat die Kerzen angezündet. Plötzlich, mitten im Ge⸗ ſpräche, ſpringt die Baroneſſe auf und öffnet ein Fenſter.„Es iſt ſchwül zum Erſticken im Zimmer,“ ſagt ſie. Aber auch die Luft außen iſt drückend und gewitterhaft. Eine düſtere, undurchdringliche Decke umhüllt den Hori⸗ zont, nur hin und wider wie goldwallend am Saume, durchzittert von Wet⸗ terleuchten. Hildegard läßt ſich auf das Tabouret am Klavier ſinken und fängt an mit leichten und doch mächtigen Fingern Melodien zu phantaſiren, bald leidenſchaftlich ſtürmiſch, bald ſchmeichelnd und koſend. Zwiſchen hinein hört man von der Straße den Takt raſcher, dann gedämpfter Schritte, welche plötzlich anhalten, als ob der Fuß feſtgewurzelt wäre. Wer lauſcht dort unten verzaubert?— Wer kann es wiſſen! 3. So völlig unbeachtet, wie es das Anſehen trug, war die Ballſcene doch nicht an dem Grenadieroberſt vorbeigeſaust. Mit dem ſcharfen Auge des Soldaten, welches, wo es kaum ſtreift, doch alles genau erfaßt, und dem nichts, ſogar bis in Einzelnheiten hinein entgeht, hatte der Graf die geſchmeidige verführeriſche Geſtalt, mit den Nixenarmen, den Nixenaugen, Hildegard mit Einem Worte, bemerkt, welche viel Grazie und noch mehr Koketterie ver⸗ ſchwendete, ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen.„Du verlockſt mich nicht,“ hatte er gedacht.„Oh, ich kenne euch nur zu gut, ihr ſchönen gleißenden Schlan⸗ gen, die ihr uns Sinn und Herz verzaubert und all unſer Sein vergiftet! Ich habe euch nur zu früh gekannt und zu ſpät erkannt!“— ſtink erw ihm nicht cen Gele ſoh nier rech Au l Von Emma Niendorf. 169 Wenn gleich die Baroneſſe das nicht wiſſen oder doch höchſtens nur in⸗ ſtinktartig ahnen konnte, gab ſie es dem Oberſt vollſtändig zurück. Denn ſie erwähnte ſeiner ſo wenig als möglich. Wo es ſich nicht vermeiden ließ, von ihm zu reden, äußerte ſie bloß:„Er ſieht aus wie ein Vampyr.“— Weiter nichts. Was ſoll man ſagen von dieſem Anziehen und Abſtoßen, dieſem Su⸗ chen und Fliehen? Gibt uns der neue Ball, der heute eben beginnt, vielleicht Gelegenheit zu beſſeren Beobachtungen? Die Allblumen kommen ganz ſpät, Hildegard iſt mit der Toilette ſo lange nicht fertig geworden. Sie hat die Geduld ihres Vormunds auf eine ſo harte Probe geſtellt, wie noch niemand zuvor aus der Familie that. Auf niemand hätte er auch ſo lange gewartet wie auf ſeine Mündel. Das iſt be⸗ rechnet, ſie will ſich vermiſſen laſſen, durch ihr Erſcheinen in dem Ballſaale Aufſehen erregen, überraſchen. Das Aufſehen, die Ueberraſchung finden wohl ſtatt, aber in einer ganz anderen Weiſe als die Baronin beabſichtigt. Sie ſchwebt herein, geführt vom Senator. Fräulein Emerenzia folgt, zwi⸗ ſchen ihren beiden Nichten, wie die Gluckhenne mit ihren Küchelchen, und zwar bauſchig gehüllt in eine Robe von ſchwerem, großblumigem Damaſt, welcher vielleicht ſchon als Baldachin irgend eines bürgermeiſterlichen Pracht⸗ bettes gedient hatte. Jetzt geſchieht ein Wunder. Der Oberſt, wieder auf ſeinem alten Platze in plaſtiſcher Ruhe an die Conſole gelehnt, mit verſchränkten Armen und in gleichgültigem Geſpräche mit dem Profeſſor oder Advokaten oder mit beiden zugleich, läßt zufällig das Auge über die Eintretenden gleiten. Das Wort ſtockt ihm auf der Lippe. Plötzlich belebt ſich die Statue. Eine leiſe Röthe fliegt über das Marmorgeſicht des Ungarn, das dunkle Auge ſtrahlt auf, es verfolgt die Familie Allblumen durch die labyrinthiſchen Windungen des Ballgewimmels zu den Sitzen und wankt und weicht nicht mehr von jener Stelle. Man ſieht die Baroneſſe, ſiegesgewiß, leiſe lächeln im ſtillen Triumphe. Da braust die Regimentsmuſik auf, einen jener hinreißenden, wahnſin⸗ nigen Ländler wirbelnd, welche die Sage von Oberon's Wunderhorn wahr machen möchten, und die ſchier in ihre Kreiſe die Erde ſammt dem ganzen Planetenſyſtem mit in den Tanz hineinziehen. Von allen Seiten ſtürzen Tänzer auf fertigen Beinen herbei, die Engagements einzukaſſieren. Hilde⸗ gard und Leopoldine werden von den beiden ſchmuckſten Offizieren, Haupt⸗ mann und Lieutenant, die im Hauſe des Vormunds einquartiert, in die Reihen geführt. Fränzchen, die noch nicht viele Frühlinge und noch weniger Bälle 170 Der Mann im grünen Rocke. zählt, ſchaut mit ihren großen unſchuldigen Augen ſchüchtern und fragend hinaus in das ſich lichtende Gewüll, ſenkt dieſelben aber ſogleich wieder, um nicht zu verrathen, daß ſie warte. Wie ſie die verſchleiernden langen Wim⸗ pern wieder aufſchlägt, ſteht der Oberſt vor ihr, mit ſeinen vielen Ordens⸗ und ſeinen zwei Augenſternen, die Kleine mit einer Verbeugung zum Walzer ladend. Er umſchlingt ſie, er hebt ſie, eigentlich trägt er ſie mehr als er ſie hebt, daß ſie kaum mit den Spitzen der kleinen Schuhe das Parket berührt, er fliegt mit ihr davon, daß ihr Hören und Sehen vergeht, dreimal fliegt er mit ihr im Kreiſe herum, und ſtellt ſie dann vor ſich hin in der Reihe prall wie eine Puppe, ſo daß Fränzchen hell auflacht, gerade hinaus mit ihrem ſilbernen kindlichen Lachen. Stumm betrachtet er ſie, nicht mit Bewunderung oder gar Verwunderung. Mit ſeligen Blicken betrachtet er ſie, als ob ihm mit ihr ein neues Leben, eine ganze Welt, nein, der Himmel aufginge. Wie ſteht ſie ſo ſüß befangen da, in ihrem ſchneeweißen einfachen Kleide von Mouſſeline! Um den frommen Kopf voll ungepuderten lichtbraunen Löckchen trägt ſie einen dichten Kranz von friſchgewundenen Vergißmeinnicht, und den gleichen Strauß im Gürtel; um den Hals als einzigen Schmuck, an ſchwar⸗ zem Sammetband, ein Kreuzlein aus Diamanten, Erbe von der Mutter, ſonſt nichts. Der Graf ſagt dem Fräulein, ſie gleiche ſeinem Schweſterchen — es iſt nicht wahr, er thut das nur, um ſeine Zutraulichkeit zu entſchul⸗ digen. Der Hildegard iſt hinter ihrem flittergeſtickten Fächer vor, keine Bewe⸗ gung, keine Miene des Paares entgangen, obſchon die Baroneſſe nicht auf dasſelbe zu achten ſcheint, raſtlos beſtrebt mit beſagtem Fächer ihre glühen⸗ den Wangen zu kühlen. Nur übel verbirgt der ſchöne Mund voll blendender Zähnchen ein ſpöttiſches Lächeln. Es hinderte Graf Maximilian nicht, als er nachträglich den Damen Allblumen vorgeſtellt war, ſich mit ihr in ein lebhaftes Geſpräch zu verwickeln, wobei ein Feuerwerk von Witz abgebrannt, Rakete um Rakete herüber und hinüber geſchleudert wurde. Er tanzte noch einmal und noch einmal mit Fräulein Fränzchen, ſonſt aber mit niemand mehr, verließ aber heute den Ballſaal nicht früher, ſondern blieb bis zum Kehraus oder Großvater, wie man die letzte endloſe Tour vor Zeiten nannte, in welcher abgeklatſcht, das heißt durch Zuſammenſchlagen der Hände, dem Cavalier das Zeichen vom Nachbar gegeben wurde, Letzte⸗ rem die Dame abzutreten. So heiſchte es das Geſetz des meiſt ziemlich ſtürn Stro wenn ſonde und zu G m Von Emma Niendorf. 171 ſtürmiſch ausartenden Tanzes, welchen das Abſingen der herkömmlichen Strophe begleitet: „Und als der Großvater die Großmutter nahm Da war der Großvater ein Bräutigam!“ Es gab ſicher hier Leute, welche mit dem Großvater getauſcht hätten, wenn es ihnen auch juſt nicht um die Großmutter zu thun geweſen wäre, ſondern lieber um die ſeitdem entknospte Enkelin. Wie viele Großväter und Großmütter mochten ſich ſchon den Reim, ſchlecht und recht wie er war, zu Gemüth geführt haben! Die Schweſtern durften den Kehraus nicht mehr mittanzen und ſollten zuſchauen, unter dem Vorwande, ſich abzukühlen zum Heimfahren. Fränz⸗ chen ſaß zwiſchen der Tante und Leopoldine, neben welcher der Profeſſor Platz gefaßt hatte, der ihre klaſſiſchen Züge, beſonders das Adlernäschen ver⸗ ehrte. Sie galt darum auch für ſchöner als die Jüngere, weßhalb die Stifts⸗ dame ſich bewogen fand, ihre eigene Aehnlichkeit zunächſt, und was gleichbe⸗ deutend, die ſämmtlicher Bürgermeiſter von Allblumen mit dieſer älteſten Nichte zu vergleichen. Fränzchen glich dagegen mehr der frühverblichenen Mutter und war des Vaters geheimer Liebling, dabei von einer beſonderen, ſchier möchte man ſagen magnetiſchen Anziehungskraft; die Herzen rührend mit einem Schmelz von Weichheit und vertrauender Güte in dem roſigen Geſichtchen, und mit der unbewußten Anmuth des reinen, durchſichtigen Weſens, welches kein Arg kannte. Dieſe Meinung mochte wohl auch der junge Grenadieroberſt theilen, welcher ſich jetzt damit begnügte, das Kind von weitem zu betrachten, ſobald die Damen ſich erhoben, um den Saal zu verlaſſen, jedoch herbeieilte, ſeinen Arm der Fräulein Tante zu bieten, ſie an die Haus⸗ und vermuthlich auch Ahnenkutſche zu führen und ſammt allen Begleiterinnen hineinzuheben, eine nach der andern, auch die Baroneſſe,— nicht jedoch ohne vorher die Erlaub⸗ niß erbeten und erlangt zu haben, dem Herrn Senator ſowohl wie ſeiner Familie mit nächſtem aufwarten zu dürfen. 4. Am folgenden Morgen in aller Frühe— niemand konnte noch recht ausgeſchlafen haben vom Balle— erſchallten unter den Fenſtern des Eck⸗ hauſes mit den zwei Kugelakazien und den Oleanderſtöcken Hufſchläge, ſo flüchtig, ſo leicht, ſo wohl cadencirt, daß es Pegaſus ſelber hätte ſein können, mm— 172 Der Mann im grünen Rocke. wenn nämlich Pegaſus ein Rappe iſt, mit ſeinem glänzenden Haare, ſchwarz wie die Nacht, mit wallender Mähne, feuerſprühend, das ſtolzeſte und kühnſte ungariſche Roß, und doch in aller urſprünglichen Wildheit gehorſam dem kunſtgerechten Meiſter. Denn natürlich war es kein anderer als der Oberſt, welcher ſchuldigermaßen Fenſterparade machte und alles ſalutirte, was nur irgend einem Kopfe ähnlich zu ſehen war, wäre es auch nur der Juſtinen's zwiſchen den Blumenſcherben geweſen, oder die beflaggte Haube von Fräulein Emerenzia, oder der grüne Schlafrock des Herrn Senators. Aber es gab noch andere Schlaf⸗ und Negligéehäubchen oder in der Haſt übergeworfene Fanchontüchlein, welche ſich hinter den Gardinen verbargen, dem ſpähenden Auge kaum bemerkbar. Nach dem Rappen kam der Schimmel, und nach dem Schimmel der Braune und wer weiß, was noch, und dann wieder der Rappe. Jetzt, ſpäter am Tage, wurde das huldigende Grüßen wie billig durch Verneigen vom Balkon herab erwidert und belohnt. So ritt man gewiſſermaßen Manege vor dem ſtillen, ernſten, aber ſehr gemüthlichen Hauſe des Senators. Man lebte damals in einer Zeit, wo man ſich keine Zeit nehmen durfte und raſch zu jedem Ziele, was es auch für eins ſei, eilen mußte. Von dem kleinen Fränzchen konnte mit Recht geſagt werden, daß ihr Ideal mit einem Walzer ihr in das Herz hineintanzte, auf einem Araber in das Herz hineinritt! Sie hatte davon ſogar ſchon Eindringliches und Naives den Geſpielinnen zu Frankfurt geſchrieben, den Töchtern des Johanniters, Wilma und Frieda. Denn der Graf ſchlug auch ſolidere Wege ein, in dieſes Herz zu kommen und darin zu bleiben. Er hatte ſeinen Beſuch in der Familie abgeſtattet und wiederholt durch Liebenswürdigkeit ſich zuerſt von Tante Reverenzia die Einladung erworben, welche ihm den geſelligen Abendzirkel und bald auch den engeren häuslichen öffnete, zu welchem man die bei dem Senator ſelbſt einquartierten Offiziere nicht zog, und wo Perlau ſich flugs nicht bloß un⸗ vermeidlich, ſondern ſogar auch unentbehrlich zu machen wußte. Durch ſeinen ſprühenden Geiſt, mehr aber noch durch die Wärme und Zartheit ſeiner Seele; durch ſeine feinen Weltformen, mehr aber noch durch ſein treuherziges, ſchlicht zutrauliches Weſen; durch ſeine Kenntniſſe, mehr aber noch durch ſeine Talente; durch ſeine hübſche Art zu reden, wie durch ſeinen Takt zu ſchweigen, in Summa durch alles was er that und nicht that, vor⸗ nehmlich aber durch ſeinen Sinn, ſich in alles hineinzufühlen, was ihn hier umgab; durch vieles alſo, was ſich erklären, und vieles was ſich nicht er⸗ klären ließ, wußte er alles einzunehmen. Oh ihm war in dieſen Mauern ſo — —,— ——.,—— —₰ — ˖.—O ⏑i Von Emma Niendorf. 173 wohl wie lange nicht mehr, wie vielleicht noch nie zuvor!— Wie ſanfter Regen thaute es auf ihn herab. Weil er liebte, weil er in der Einen alles umfaßte! Sie war ihm eine reine Blume, auf die er nicht mehr gehofft hatte. Sie war ihm eine Entſühnung, eine Gnade, eine Verſöhnung mit dem Himmel. Für ſie war Maximilian alles, was ſie, dieſes kaum entknospete Mädchenherz, von ihrer Zukunft erwartet hatte; für ihn war ſie alles, was er nach ſeiner Vergangen⸗ heit nicht mehr erwartet hatte. Er hing an ihren innigen, feuchten Blicken und ſie an den ſeinen und beider Blicke vermählten ſich, noch ehe die Hände ſich ineinander ſtahlen leiſe und ſelig. Die Falkenburg, wie ſie in ihren Schlingen ſchon ſo manchen gefangen, ſchon manches unverdorbene Kind um ſein erſtes Hoffen betrogen, ihm unter den Augen die Liebe und das Glück weggehaſcht, ſollte nun ſehen, daß ein unſchuldiges Geſchöpf in aller Harmloſigkeit, nur mit ſich und ſeinem Gott, plötzlich über ſchmeichelnde Reize ſiegte, die Berechnungen der bis zur Leiden⸗ ſchaft geſteigerten Gefallſucht zu Schanden machte, und ihr, Hildegard, die Krone und den Kranz entrang. Auf der Stirne freilich war nichts davon zu leſen. Die Baroneſſe drängte alles hinab in die aufgewühlte Tiefe der Bruſt. Es empörte ſie innerlich, ſtählte ſie äußerlich nur um ſo mehr, daß der Oberſt ſich jetzt auch gegen ſie freundlich und annähernd, mittheilend ſogar erwies. Denn er fürchtete ſie nicht länger, gefeit wie er ſich fand. Bei ihm, in dem frommen Banne der Geliebten, löste ſich alles in Milde, floß alles über von Frieden. Man nahm in jeder Weiſe der koſtbaren Zeit wahr. Man ſchwatzte, lachte, erzählte, las, muſizirte. Ihr hättet hören ſollen, wie der Graf den Egmont vortrug und Don Carlos, die neuerblühten Meiſterwerke unſerer vaterländiſchen Litteratur, darin von dem jungen Profeſſor ſecundirt, wie der Graf auf dem Klavier phantaſirte, wie er ſang die Lieder ſeines Volkes. Oder er ſchilderte die militäriſche Erziehung, die Abenteuer des Kriegs, der Reiſen, das Treiben in den großen Städten, die Feſte an den Höfen, bunt durcheinander. Mit warmem Colorit malte er ſeine eigene Heimat, die Puſta und ihre Figuren, den tollen dämoniſchen Ritt, die Zigeuner, welche berauſchen mit ihren unſäglichen, ihren ſüßen und wilden Melodien; die Geſtade der ſilberſchuppigen, in ihren Windungen ſelbſt gleich Seen ſich ausbreitenden Donau, Warten und Burgen, die Kirchen und Veſten, den goldnen Himmel, die purpurnen Wolken, das Grün der Reben und der mit Heerden bedeckten Auen, die ſtolzen Linien der Berge, ihren duftigen 174 Der Mann im grünen Rocke. verklärten Glanz und ihre Erinnerungen von begeiſterten Heldenthaten, von geheimnißvollen blutigen Sagen der Vorzeit, noch über der heiligen Erde ſchwebend. Das alles malte er, und noch dazu ſein väterliches Schloß auf der Stromterraſſe, mit ſeinem Park, ſeinen Gärten, ſeinen Sälen, ſeinen Erkern, ſeinen Ahnenbildern und Rieſentreppen, ſeiner Kapelle mit ſteingehauenen Rittern und Frauen, ſeiner blauen Fernſicht. Der Bruder bewohnte dieſes ſein Erbſchloß, Maximilian war nur der zweite Sohn. Seine Mutter lebte noch, eine zarte, ſchöne, hochſinnige Frau, und mit ihr eine junge Tochter. Auch der Vettern, der Mühmchen beſonders gab es genug.— Das alles erzählte der Oberſt mit ſeiner tiefen, von Wohllaut ſchütternden Stimme. Fränzchen lauſchte mit Augen und Ohren, wendete keinen Blick von ihm. Die Baroneſſe horchte nur wie halb und wie zerſtreut, mit geſenkten Lidern, denn ſie wagte die Wimpern nicht aufzuſchlagen, weil ſie fürchtete, ſich zu verrathen; aber ſie verlor kein Wort, ſie verſchlang alles, ſie horchte durſtig, glühend, es ſchwindelte ihr.— Es war auch ein wunderſamer Reiz im Gegen⸗ ſatze, wie die Fremde und ihre Märchen ſo hineingezaubert wurden in das Stillleben dieſes traulichen Familienhauſes in der kleinen Stadt Offenbach am Main. So geſchah es, daß der junge ungariſche Grenadier ſo ſchnell Wurzel faßte in dieſen Gemüthern und an dieſem Herde. Man konnte die Abend⸗ ſtunden jedesmal kaum erwarten. Man kam ſo früh als möglich zuſammen, immer früher, und trennte ſich ſo ſpät als möglich, immer ſpäter, oft erſt gegen Mitternacht. Zuweilen, wenn der Graf ſtets langſam uns zögernd aus der Haus⸗ thüre trat, welche Kilian, der Bediente, hinter dem Gaſte ſogleich zuſchloß, ſtieß dieſer noch in der Straße auf ſeinen Vetter und Jugendgefährten, den zweiten Stabsoffizier im Regimente,) Kajor Naſtas, welcher, vom Caſino heimkehrend, zu ſo ſpäter Stunde noch auf ſeinen Freund und Chef wartete. Der ſuchte immer, ſo lang es ſich thun ließ, noch etwas zu verweilen unter den Fenſtern ſeines Mädchens. So gingen die Beiden, der Oberſt und der Major, auch einmal wieder auf den Steinplatten vor dem Hauſe im leiſen flüſternden Geſpräche noch auf und ab. Oben war bereits das letzte Licht ausgelöſcht. Dafür verſil⸗ berte der Vollmond die einſame Straße, die ſchweigenden Fronten und Giebel der Häuſer, Die Luft war lau wie im Sommer, kein Blättchen regte ſich an den Kugelakazien, an den Oleanderſträuchen. Gleich einer Von Emma Niendorf. 175 Wache ſchritten die beiden jungen Männer, ihre Tritte wie ihre Stim men dämpfend, auf und nieder vor den zu dem Hauſe führenden Stufen. „So iſt es,“ ſagte der Graf in Fortſetzung des Geſprächs.„Siehſt du, Severin, das Räthſel meiner Seele löst ſich hier plötzlich klar und mild. Nirgends, als bei dieſem Kinde, finde ich den verlorenen Frieden, den nimmer beſeſſenen und immer erſehnten, den goldenen Frieden, nirgends, als bei ihr! In ihre Unſchuldswelt laß mich flüchten aus meinem verwirrten und leider in vielfacher Hinſicht vervehmten Leben. Laß mich flüchten vor ſeinen Ver⸗ ſuchungen und Vergeltungen— und vor mir ſelbſt!“—„Max, auf das ſtürmiſche Drama folgt nun die Idylle.“—„Wer hätte das gedacht, Se⸗ verin? Ich kann noch einmal lieben! Ich kann wieder glauben! Keiner, der glaubt, iſt verdammt. Erinnerſt du dich der düſteren Familienſage, welche ein Verhängniß über jedem aus meinem Hauſe ſchweben läßt? Fränzchen wird jene Schickung brechen mit ihrem Segen. Liebe, in deine läuternde Macht rette ich mich! Ich will die Probe beſtehen, wenn auch noch ſchwere Prüfungen kommen!— Aber, mein Severin, darf ich die hold⸗ ſelig reine Blume mit herüberziehen auf den vulkaniſchen Boden, wo ich ſtehe? Frevle ich nicht an ihr, wenn ich ſie in den Fluch verwebe, der uns zu folgen ſcheint und den ich vielleicht, wer weiß, ſelbſt mit habe verſchulden helfen?“— In dieſem Augenblicke dröhnte der Glockenſchlag Eins vom Stadt⸗ kirchenthurme.„Die Geiſterſtunde iſt vorbei,“ ſprach Severin.„Komm Max, laß jetzt die Geſpenſter ruhen, rüttle nicht an den Pforten der Ver⸗ gangenheit und Zukunft, ſondern freue dich der Gegenwart. Biſt du ſicher, daß du nicht morgen ſchon die Marſchordre in der Taſche trägſt?“ — Unter dieſen Worten zog er den Couſin mit ſich fort und ihre Schritte verhallten fern und ferner. 9. Wie die helle Mondſcheibe es in der Nacht verkündet hatte, war der Morgen wieder klar und durchſichtig, der Himmel gleich blauem Kryſtall und die Sonne ſchien ſo warm wie im Mai. Die Familie hatte im Garten gefrühſtückt. Waren es ja die letzten ſchönen Tage, welche immer wie ein ganz beſonderes Gnadengeſchenk ſind, und man wollte ſie noch nach Möglich⸗ keit genießen. Der Vater freilich war bereits in das Studirzimmer zu⸗ rückgegangen, die Tante klirrte mit den Schlüſſeln Treppe auf, Treppe ab 176 Der Mann im grünen Rocke. und rief Juſtine in das Bügelzimmer vor die Weißzeugſchränke. Baroneſſe Hildegard beſchäftigte ſich bei zugezogenen Vorhängen mit ihrer Toilette, die beiden Schweſtern aber ſaßen unter der aufgeſpannten Marquiſe auf dem Balkon und nähten, von dieſem und jenem plaudernd. Plötzlich bückt ſich Fränzchen noch tiefer auf ihre Arbeit. Das gute Kind hat in der fernſten Perſpective der Straße Hufſchläge gehört, ehe irgend jemand anders ſie vernahm, ehe ſie im Grunde überhaupt gehört werden konnten. Alſo täuſcht ſich Fränzchen,— nein, ſie täuſcht ſich nicht; denn jetzt ruft auch Juſtine, die inzwiſchen wieder heraufgekommen iſt und, im Staatszimmer abſtäubend, das Tuch aus dem Fenſter ſchüttelt:„Da unten kommen ſchon der Herr Oberſt auf Ihrem Schimmel geritten!“ Die Fenſterparade iſt Idylle und Drama zugleich in den kleinen Garniſonen; ihre Komödie und Tragödie, die Wonne und das Weh; noch mehr, die Fenſterparade iſt beinah etwas wie das Schickſal ſelbſt.— Hier ſollte ſich das, in einem viel tieferen Sinne noch, verhängnißvoll bewahrheiten. Ja, Fränzchen hat es vorher, ſie hat es zuerſt gewußt, obſchon ſie nicht von ihrem Nähzeug aufſchaute. Sie hat nicht nur die Hufſchläge gehört, ſondern auch deren leichten beflügelten Takt erkannt, die Hufſchläge, mit denen Fränzchen's Herzſchläge correſpondirten. Jetzt wird er gleich im Paradeſchritt reiten, ſalutiren, die Hand an die Bärenmütze gelegt ſo lang, bis er unter den Fenſtern vorbei— er i*ſt ja in großer Uniform und hat eine Ordonnanz hinter ſich! Rückt das Regiment heute aus zur Muſterung? Um Gotteswillen, es wird doch nicht Marſchbefehl da ſein? Sie werden doch nicht fortziehen auf Leben und Tod, in die Schlacht! Nein, der Oberſt reitet heute nicht wie gewöhnlich im Paradeſchritt, ſalutirt nicht, die Hand an die Bärenmütze gelegt, ſo lange bis er unter den Fenſtern vorbei. Er ſprengt die Straße herauf, por das Haus, ſteigt ab, grüßt nur flüchtig herauf, eilt die Stufen empor durch die Oleanderbüſche, verſchwindet zwiſchen den gewundenen Säulen, während die Ordonnanz den Schimmel hält. Man hört die Thüre zu den Zimmern des Senators gehen. „Was thut denn der Graf ſchon ſo früh am Morgen bei eurem Vater 24 fragt Tante Reverenzia, welche ſich mit der Baroneſſe an der Altanthüre bekomplimentirt, wer zuerſt hinaustreten ſoll.„Juſtine hat ihn zu meinem Bruder hineingehen ſehen. Was thut denn der Graf ſchon ſo früh im Studirzimmer?“—„Abſchiednehmen, was ſonſt? Man ſagt ja für beſtimmt, daß die Grenadiere eher heute, als morgen abziehen,“ wirft Hildegard leicht hin, doch ohne einen ſtechenden Blick auf das arme Fränzchen unterdrücken icht Von Emma Niendorf. 177 zu können, welchen freilich niemand merkt.„Das iſt ſo der Lauf der Welt! Das iſt nicht anders im Kriege, meine Theuern. Das iſt Soldatenleben. Heute da, morgen dort, heute roth, morgen todt, ein anderes Städtchen, ein anderes Mädchen!“— Dabei trillert ſie lachend ein Soldatenliedlein, und noch dazu ein franzöſiſches, vor ſich hin mit gelenker Zunge und feiner Stimme, und beugt das Geſicht, welches neckiſch ſein ſoll, aber böſe ausſieht, vielleicht unwillkürlich, um ihren eigentlichen Sinn zu verbergen, auf einen der das Balkongeländer einfaſſenden Reſedaſtöcke, hinter denen man nöthi⸗ genfalls auch den zurückkommenden Grenadieroberſt ſchicklich erſpähen kann. Damit ging es jedoch nicht ſo geſchwind, er ließ lange auf ſich warten. Die Ordonnanz führte den Schimmel auf und ab, her und hin, wendete immer und immer wieder an der Ecke des Hauſes um, noch einmal und noch einmal, ohne daß der Herr Oberſt ſich zwiſchen den Säulen und den Kugel⸗ akazien auf den Stufen der ſteinernen Freitreppe zeigte, welche der Grena⸗ dier und auch noch manche andere Perſon ſonſt, nicht aus den Augen verlor. Auf dieſen Stufen, an die Näpfe des Oleanders geſchmiegt, ſonnt ſich Mietz, das graue Kätzchen, in ihrem Sammet. Achilles und Hektor, die bei⸗ den ſchwarzgetiegerten Hunde des Hauſes, umkreiſen und umſchnauben ſchweifwedelnd das edle Roß, als wollten ſie ihm freundſchaftlich huldigen. Eine Gruppe von neugierigen Kindern hat ſich vor demſelben geſammelt und umſteht es gaffend. Gegenüber im Laden bei der Kaufmännin ſtreckt ſich ein Kopf heraus, der jener blonden Küſtersfrau gehört, mit welcher wir ſchon Bekanntſchaft gemacht haben. Und jetzt kommt noch eine andere Fen ſterparade, die beſcheidene des Gelehrten: der junge Profeſſor zu Fuße. Er iſt auch unter den Waffen— er trägt Bücher und hat den Arm ſo voll, daß er kaum den Hut ziehen kann vor dem Balkon. Jetzt iſt es an Leopoldine bis über die Oehrchen roth zu werden. Die Unterredung zwiſchen dem Vater und dem Oeſterreicher muß ſehr wichtig ſein, ſie dauert lang. Oder hat ihm Herr von Allblumen die Biblio⸗ thek aufgeſchloſſen?„Vermuthlich,“ ſpricht die Stiftsdame in ihrer bedächt⸗ lichen Weiſe,„vermuthlich zeigt mein Bruder dem Grafen die Wappenbücher und die römiſchen Münzen.“—„Und die Schmetterlinge und die ägyptiſche Mumie!“ wirft die Falkenburg ziemlich ironiſch hin, von dieſen patriarcha⸗ liſchen Leutchen auch wieder nicht beachtet, weil ſie zu zerſtreut dafür, vor allem aber zu arglos ſind. Oben auf der Altane verliert man ſchier die Geduld. Wie oft iſt nicht Hausblätter. 1867. IV. Bd. 12 178 Der Mann im grünen Rocke. ſchon der Faden geriſſen, mit welchem Fränzchen näht! Endlich hört man unten Thüren gehen, laut ſprechen. Der Papa begleitet ſeinen Beſucher bis an das Portal, wo ſie ſich verabſchieden:„Guten Morgen, Herr Senator!“ —„Auf Wiederſehen, Herr Oberſt!“— Der ſchwingt ſich auf ſeinen Schimmel, grüßt diesmal nur flüchtig zum Balkon herauf und galoppirt da⸗ von. Der Vater ſchlägt die Studirzimmerthüre hinter ſich zu, und im Nu regt ſich kein Mäuschen im Hauſe mehr, und die Straße iſt wieder menſchen⸗ leer und ſtill, wie ausgeſtorben. Jetzt läutet es von der Stadtkirche, mit den tiefen vollen Glocken weit vor die Thore in das Land hinein hallend. Es iſt elf Uhr. 6. „Wo bleibt denn das Fränzchen? Sie geht ja gar nicht mehr auf den Balkon heraus,“ ſagte Fräulein Emerenzia an einem der folgenden Nach⸗ mittage.—„Die ſitzt im Garten,“ entgegnete Leopoldine,„mit dem Buche, das ihr der Profeſſor gegeben hat. Sie vergißt über Werther's Leiden Eſſen, Trinken und Schlafen.“—„Beſſer, als wenn ſie es über dem Profeſſor ſelbſt vergäße!“ dachte die Tante nicht ohne Anzüglichkeit auf ihre ältere Nichte. Auch mochte es der ehrwürdigen Stiftsdame dünken, die Kleine ſitze behüteter unten im Garten, als draußen auf dem Balkon. Sie ſelbſt, Tante Emerenzia, hat heute im Garten zu thun. Ein Körb⸗ lein am Arme, abgemeſſen, mit ihrer gewohnten Grandezza, öffnet ſie die mit vergoldeten Eicheln gezierte Gitterthüre, begleitet von dem Bologneſer⸗ chen, verſteht ſich, und bewegt ſich langſam und lautlos nach den ſonnigen Spalieren, um reife Pfirſchen zu brechen, für morgen, Sonntag, zum Deſſert, und Reineclaude's, die meergrünen, mit roſa Tüpfchen. Vorſichtig wird Stück um Stück abgenommen und in das Körblein gebettet. Nach gemäch⸗ lich vollbrachtem Geſchäfte will Tantchen auch noch Kapuziner pflücken zum Salat; ſchließlich könnte ſie auch noch ein paar Roſen abſchneiden. Das bringt unſer Stiftsfräulein in die Nähe der Weinlaube. Wie, wenn ſchon ein Muscateller reif wäre? Behutſam, man könnte faſt ſagen reſpektvoll, ſchleicht ſie den ſchmalen, von Tauſendſchön in allen Farben und Schattirungen umkränzten, mit fei⸗ nem gelben Sand beſtreuten Pfad zu dem edlen, von üppigen Rebengehän⸗ gen ſchweren Blättergezelt. Das Bolognerſerchen folgt ihr Schritt für Schritt, ein wenig knurrend. Unter dem rundgewölbten Eingange ſteht ſie plötzlich wie zur Salzſäule tman er bis ator!“ ſeinen rt da⸗ m Nu ſchen⸗ Eſſen, ofeſſor Von Emma Niendorf. 181 Macht von Umſtänden und Verhältniſſen weiter vorgeſchoben, als man zu⸗ erſt wollte und meinte, immer weiter. Das Huldigen und Werben des Oberſten hatte, verſteht ſich, im Städtchen Gerede verurſacht, wenn man es auch in den Kriegsläufen juſt mit der Splitterrichterei nicht ſo genau nahm wie ſonſt. Es ſchien der Würde unſerer Familie Allblumen, der Reinheit von Fränzchens Namen, über welchen nicht der leiſeſte Schatten gleiten durfte, angemeſſen, den Verſpruch zu declariren, und zwar in aller Form, wie Tante Reverenzia von amtswegen ſich ausdrückte. Es iſt überflüſſig, hinzu⸗ zufügen, daß ſie ſich in den Anordnungen gefiel und dieſelben möglichſt aus⸗ zudehnen trachtete. Perlau mochte aus Gründen des Zartgefühls am wenigſten etwas von der in der Familie nöthig erachteten Convenienz ſchmälern. Er glaubte der Einwilligung ſeiner Mutter gewiß zu ſein, welche eifrigſt wünſchte, ihn, ſo⸗ bald der Friede es geſtatten würde, vermählt zu ſehen, und zwar um ſo mehr, als der ältere Bruder, der Majoratsherr, ſich noch immer nicht entſchließen konnte zu heirathen. Er hatte von ſeinem Vater nicht bloß Beſitzungen, ſon⸗ dern auch Schulden geerbt und mit deren Regelung noch zu kämpfen. Die Einkünfte unſeres Grafen Maximilian waren demgemäß nur ſehr beſchei⸗ den, obſchon in der Folge bedeutende Gütercomplexe noch dieſer Linie zufal⸗ len ſollten. Für jetzt durfte er nur ein ihm abgetretenes artiges Schlößchen an der Leitha ſein eigen nennen, wohin er ſich etwa in ländliche Stille zu⸗ rückziehen konnte, nicht weit von dem Wittwenſitze der Mutter. Muthmaß⸗ lich öffnete ſich aber dem ſchon ſo früh avancirten Kommandanten eine hohe militäriſche Carrieère. Mit ſolchen Ausſichten bot er Herz und Hand, ſchwur er Treue, nicht bloß über das Grab hinaus, ſondern was noch mehr, auch über den Krieg hinaus. Perlau gelobte ſich und der Liebſten, gleich nach Beendigung der Feldzüge, ſobald ihm der Frieden Freiheit gönnte, wiederzukehren und die Braut heimzuführen. Dem Senator war die Verzögerung nicht im geringſten leid. Einmal fand er Fränzchen noch viel zu jung, und beſonders lag ihm am Herzen, ſich nicht ſo früh von dem Kinde zu trennen, von dem Ebenbilde ſeiner zu bald vollendeten Cornelia, der Einzigen, welche jung, wie ſie ſchied, dem Freunde und Gatten auch in ewiger Jugend vorſchwebte. Iſt es, erwog er, nicht gar heilſam, daß die zwei ſo raſch verbundenen jungen Leutchen ſich vor der Ehe erſt noch genauer kennen lernen? Der Vater hätte das für ſich gar nicht ändern mögen, wenn er auch gekonnt. Ihm däuchte es überaus zweckmäßig, 182 Der Mann im grünen Rocke. daß den Beiden eine ſolche ernſte Prüfung ihrer Neigung auferlegt. Mit⸗ theilungen über die ſonſtigen Verhältniſſe, welche der Graf an dem Morgen gab, wo der Schimmel ſo lang vor den Kugelakazien auf- und abgeführt wurde, mußten Herrn von Allblumen befriedigt haben. Dies war die Lage, in welcher man das Verlobungsfeſt ſo fröhlich und man durfte wohl ſagen, ſo ahnungslos feierte, trotz dem dunkeln, ja drohen⸗ den Hintergrunde, auf den es ſich hell und farbig abmalte— fröhlich, ahnungslos, wie jugendliche Paare in leichter, blumengeſchmückter Barke hingleiten auf ſchon umdüſterten Wogen. Nur der Augenblick gehört euch, genießt ihn, fragt nicht was ihm folgt! Wer kann es wiſſen! Es fragte auch niemand, oder vielleicht nur Eine. Eine, die früher als alle und müder als alle den Tanz und die Geſellſchaftszimmer verließ. We⸗ niger äußerlich erſchöpft, als innerlich aufgerieben, zerſtört, ſank die Falken⸗ burg hin in ihrem Schlafgemache. Hier brauchte ſie ſich nicht mehr zu ver⸗ ſtellen, um Vergnügen zu heucheln, hier brauchte ſie nicht länger ſich zu be— kämpfen. Sie weinte, ſie riß aus ihren aufgelösten Locken die Blumen, mit welchen ſie ſich die Stirne bekränzt hatte, herab und zertrat dieſelben. Fort! Fort! Die Baroneſſe fühlte ſich wie gefangen hier. Sie begehrte heiß, ſich zu entfernen, aber ſie durfte nicht ſo plötzlich abreiſen. Sollte ſie ihre Nieder⸗ lage durch die Flucht verrathen und erſt beſiegeln? Nein, Hildegard mußte bleiben, bleiben, um den Triumph, das Glück ihrer Nebenbuhlerin zu con⸗ ſtatiren, des kleinen Mädchens, Hildegard, die ſtolze Schönheit! Erſt nach Verfluß von mehreren Tagen wagte ſie anzukündigen, daß ſie unerwartet von einem Briefe ihrer erkrankten Couſine in Straßburg zu deren Pflege berufen, zu ſchleuniger Abreiſe ſich gezwungen ſähe. Die Baroneſſe mochte zuſehen, wie ſie ihren Weg nahm hindurch zwiſchen den gegen das Elſaß am Rheine aufgeſtellten Heerſchaaren Wurmſer's. — 4 „Ich ſollte dir mein ganzes Leben erzählen, mein inneres und äußeres vor dir aufdecken, alles Sehnen und Streben, alle Irrthümer und allen Trug einer früh und vielfach verlockten, einer gewitterhaften Jugend. Ich müßte vieles ſagen, um mich anzuklagen, vieles, um mich zu entſchuldigen. Ich thue es nicht, Fränzchen. Ich will dein lauteres Ohr, dein Gemüth nicht mit dieſen Wirrſalen berühren. Eines nur laß mich erklären: Ich habe Von Emma Niendorf. 183 oft geſündigt, aber niedrig habe ich niemals gehandelt. Willſt du mir ſo die Abſolution geben, mein treues Kind?“— Dieſe Worte ſprach Perlau. Der Mond, der nämliche Mond, den wir ſchon kennen, überflutete wieder mit ſeinem Silber die einſame Straße, das ſchweigende Eckhaus und den Balkon, auf welchen die Verlobteu hinaustra⸗ ten aus dem in der Mittelſtube vereinigten Familienkreis. Die Reſeden duf⸗ teten ſanft und doch ſtark draußen auf dem Geländer. Die Luft war noch immer ſommerlau und ſo ſtill, daß man in den Gärten die Aepfel von den Zweigen konnte fallen hören. Von der Gaſſe hallten nur die Schritte des Nachtwächters herauf, der mit ſeinem frommen Sprüchlein die zehnte Stunde anrief. Es herrſchte eine ſolche Ruhe und Friedlichkeit ringsum, kein feind⸗ liches Element war zu ſpüren weit und breit, kein Mißton. Die Nacht athmete leis und ſüß. „Du trauſt mir?“ fragte Maximilian zu Fränzchen gebeugt, die ihn ſo hold unverſtändig und ſo träumeriſch angeſchaut hatte, als ob er in einer fremden Sprache zu ihr redete.„Du trauſt mir?“— Sie ſtreckte ihm beide Hände hin, lächelnd, und er hielt das Mädchen feſt an dieſen zwei kleinen warmen Händen.„Du biſt mir wie die Gnade Gottes,“ fuhr er fort.„Mir iſt verziehen, weil du mich liebſt! Nein, ich kann nicht verloren, nicht gerich⸗ tet ſein. Ich bin ſchon gut— weil du mir gut biſt! Sieh, nun muß alles gut werden. Mir kann nichts Schlimmes mehr widerfahren. Das Böſe hat fortan keine Gewalt über mich. Der Himmel kommt ja mit dir ſchon auf Erden zu mir!“—„Ich kann es nicht ſagen, Max, wie du,“ entgegnete ſie mit ihrer klaren Stimme und mit ihrem klaren feſten Blick;„ich kann nicht davon reden, lieben will ich dich, lieben, ſo lange ich lebe und noch darüber hinaus.“— Nicht ſo zuverſichtlich wie am Abende im Mondſchein gegen die Liebſte, ſprach der Graf am andern Morgen ſich gegen ſeinen Vetter Naſtas aus beim Frühritte längs dem funkelnd geſchlängelten Main, der vom friſchen Winde ſich ſilbergeſchuppt zeigte, gleich einem Panzer.„Wenn ich es ändern könnte,“ ſprach der Oberſt,„wenn es in meinen Willen gegeben wäre, mich jetzt nicht von ihr loszureißen, Severin, ich möchte es nicht. Mir iſt es ganz recht, daß ich erſt noch um ſie kämpfen darf, daß ich durch dieſe bange Tren⸗ nung Buße thun muß für mein Glück. Ich verdiene das Mädchen nicht, und ich kann ihres Beſitzes mich nur freuen, wenn ich geſucht habe ſie zu ver⸗ dienen. Der Krieg, der mich von ihr trennt, iſt meine Sühne, und der Frie⸗ 1 ———— 184 Der Mann im grünen Rocke. den, der mich mit Fränzchen vereint, wird erſt wahrhaft Frieden werden.“ —„Dazu gebe der Herr ſeinen Segen, Max.“— „Severin, wenn ich nicht mehr käme! Wenn ich nicht mehr käme! Den⸗ noch würde ich mein Loos preiſen: Ich habe ſie ja gekannt und geliebt! Sie vergißt mich nicht, ſie weint um mich. Wenn ichnicht mehrkäme!“— Die Freunde wußten nicht, wie das Verhängniß ſich dieſes Wortes bemäch⸗ tigte; aber der Graf fügte mit gedämpftem Klange ſeiner magiſchen Stimme hinzu:„Wer weiß, Bruder, wie bald im mörderiſchen Gewühle die Kugel des Feindes dies jetzt noch ſo hochſchlagende Herz ereilt! Wer weiß, wie bald dieſe Arme erſtarren, welche jetzt noch die Braut umfaſſen, wie bald die Lip⸗ pen verſtummen, welche jetzt überfließen von Liebe! Mehr als je weht mir ein Ahnen durch die Seele.“— Er hatte die Mütze abgenommen und ſtrich ſich die weichen Locken aus der Marmorſtirne.„Nun wohlan, der Schlach⸗ tenblitz mag mich treffen, wo er will— ich liebe und bin geliebt! Du weißt, Vetter— wenn du dein Latein nicht ganz vergeſſen haſt— die vom Blitz Erſchlagenen waren den Göttern heilig und im Tode noch beneidet.“— Und damit gab er ſeinem Schimmel die Sporen und jagte in Carrieère der Stadt wieder zu.—„Grillen!“ murmelte der Major in den ſtarkgewichsten Schnurrbart, ohne ſich über ſein Latein zu verantworten.— Wenn Grillen, ſo waren ſie raſch wieder vergeſſen im Eckhauſe, im Garten, auf dem Balkon an Fränzchen's Seite. Ihr habt dreimal Urſache, des Augenblicks wahrzunehmen. Wer weiß, wie ſchnell alles hin iſt!— Schon klopfte das Schickſal an die Hausthüre mit dem blanken Meſſinggriffe, das Schickſal mit der Fauſt einer Grena⸗ dierordonnanz, welche eine Depeſche trug. Es war die Marſchordre! Fränzchen erblaßte und weinte. Im Grunde hatte ſie gemeint, alles müßte immer gerade ſo fortgehen wie jetzt, und ſich bisher eigentlich gar nicht vorſtellen können und mögen, daß es jemals anders würde. Sie trock⸗ nete ſich auch bald die Thränen ab und lachte wieder— Max war ja noch da! Noch ſtand er vor ihr, er ſelbſt, noch ſchaute er ſie an mit Augen, die von Seelenliebe überfloſſen, noch breitete er die Arme nach ihr aus, um die Kleine an ſein Herz zu ziehen. Bei jeder Stunde aber, die vom Kirchthurme dröhnte und das Scheiden immer näher brachte, ward Franziska trauriger und immer ſtiller.„Ich kann die Uhr nicht mehr ſchlagen hören und das Glockenläuten dringt mir durch Mark und Bein,“ flüſtert ſie.—„Die Uhr wird uns ja auch die Stunde des Wiederſehens ſchlagen!“ Daran mußt Von Emma Niendorf. 185 du denken,“ entgegnet der Oberſt;„und die Glocken werden uns, wer weiß, wie ſchnell, zum ſchönſten Feſte ewiger Vereinigung läuten.“— Schon Abends, als er ging, und noch mehr Morgens, als er kam vor dem Abmarſche, zum letztenmale, beſiel das Mädchen ein Zittern. Sie hing in Thränen gebadet an ſeinem Halſe und wollte ihn nicht laſſen.„Kind,“ mahnte er,„wenn man eine Soldatenfrau werden will, muß man Courage haben.“— Das half. Sie ſuchte ſich zu faſſen und blieb auch tapfer bis zu⸗ letzt, bis ganz zuletzt, bis die Trommeln dumpf wirbelten, die Muſik auf⸗ rauſchte, als der bärtige Tambourmajor ſeinen Stab in die Luft ſchleuderte und ihn wieder auffing; die Grenadiere mit klingendem Spiele vorbeizogen mit dem monotonen Taktſchritt, kühn und ſtolz, als träten ihre Sohlen die Erde mit Verachtung, in feſtgeſchloſſenen Reihen, das ganze Regiment wie Ein Mann. Weit voraus der Oberſt, gleichſam ſchickſalsgeweiht, ſeinen Ad⸗ jutanten an der Seite, noch einmal, zum letztenmale, auf dem Schimmel vorbeireitend an dem Hauſe mit den Oleanderbüſchen, wo im Parterre an den drei Fenſtern des Eckzimmers links vom Portale, die Fräulein von All⸗ blumen ſtanden, jung und alt, mit Taſchentüchern winkend. Wir müſſen uns dieſe drei Fenſter zu ebener Erde beſonders merken, denn ſie ſpielen noch eine Hauptrolle in den Begebenheiten dieſer Erzählung. Im langſamen Schritte, feierlich, ritt der Oberſt, die Hand an der Bärenmütze, ſo lang er ſich unter dieſen Fenſtern befand; ernſt und feſt ſchaute er hinauf, keine Wimper zuckte. Rührend faſt war es, und man er⸗ innerte ſich erſt ſpäter ſo recht daran, daß der Schimmel, welcher ſchon man⸗ ches Stück Zucker aus den Roſenfingern der jungen Braut empfangen hatte, plötzlich den Kopf nach ihr wandte, zu ſchnauben begann, mit dem Hufe auf dem Pflaſter kratzend, und eine Minute lang nicht von der Stelle wollte. Das war wohl nur ein Akt der Dankbarkeit, doch gab es Perſonen, unter ihnen Juſtine und Kilian vorne an, welche in dieſem Zaudern und Sträuben des edlen Streitroſſes keine gute Vorbedeutung ſahen. Lag doch beim Blicke auf den glänzenden Grenadieroberſten die Frage nah: Welchem Geſchicke reiteſt du entgegen, du wunderſchöner, kühner, ernſter Mann? Es blieben bei dieſem Ausmarſche die wenigſten Augen trocken in Of⸗ fenbach am Main. Noch von keiner Einquartierung hatte man ſich im All⸗ gemeinen auch ſo ungern getrennt. Denn der Ausſpruch unſerer kleinen Küſterin bewährte ſich bis zum letzten Moment:„Es geht doch nichts über einen ungariſchen Grenadier!“— Sie ſtand neben der Kaufmannsfrau, 1 186 Der Mann im grünen Rocke. welche mit gefalteten Händen zuſah, in der Ladenthüre und trocknete ſich mit der Schürze die Augen. Fahrt wohl, ihr ungariſchen Grenadiere, ſo wie ihr kommen keine mehr, keine! Fahrt wohl! Man ſtreut euch im Geiſte Blumen auf euern gefahr⸗ vollen, ach, vielleicht blutigen Todesweg. Wie gern hätte man noch länger mit euch und nach eurer Pfeife getanzt! Wie weit mehr Ehren hätte man euch noch angethan! Tante Emerenzia trug in der Perſpektive, mit ihren Nichten eine Fahne zu ſticken, für dich, du ungariſches Grenadierregiment, und der Herr Profeſſor war bereits mit einer Zeichnung dafür betraut. Wer weiß? Herr von Allblumen hätte noch deine Hiſtoria geſchrieben, bis zur erſten Abſtammung hinab reichend und in alle Zukunft hinaus. Doch du haſt deine Chronik beſſer hinterlaſſen— in den Herzen. 8. Wie oft iſt Fränzchen in ihrem Kämmerlein auf den Knieen gelegen, um zu beten für ihren Max, daß ihn Gott behüte in allen Gefahren und ſeine Engel ſende zur Wache! Welches Echo fanden alle Wechſelfälle der verhängnißſchweren Zeit in dieſem ſtillen Hauſe, in dieſen treuen Gemüthern! Es gab da für Herrn von Allblumen manches Ereigniß einzutragen in den Umſchlag der großen Hausbibel, welche gemäß alter guter Sitte als Fami⸗ lienmonument und Archiv diente; denn der Vater mußte ja jetzt auch die Begebenheiten eines Sohnes verzeichnen. Jede Zeitung ein Schickſal, jeder Brief eine ganze Welt. Es iſt ein wunderlich abſtraktes und doch ſo wirk⸗ liches Leben, dies Leben nur von, nur in und aus Briefen. Wer hat es nicht ſchon gekannt? Was ſich ſo raſch begegnet hatte, wuchs nun langſam immer tiefer in einander, wurzelte immer feſter. Wenn man dieſe Corre⸗ ſpondenz drucken könnte, das wären die innigſten Seelenmemoiren. Aber wer würde, auf der Flucht des heutigen Daſeins, in unſerer Haſt, noch eine ſolche Correſpondenz leſen?— Eben deßhalb kann es uns auch nicht ein⸗ fallen, die kriegeriſchen Verwickelungen zu berühren, man kennt ſie aus den Geſchichtsbüchern. Andeuten wollen wir nur den Rückſchlag auf ein Mädchenherz und auf einen häuslichen Kreis. Zuerſt das gewöhnliche Umherſchieben von Truppenkörpern. Bald genug kommt die Abwechſelung. Bunt drängen ſich die Nachrichten durch⸗ einander. Was eine gibt, nimmt die andere wieder und ſo umgekehrt. Wie viel falſches Vergnügen und falſcher Schreckag— und noch mehr Schrecken! Von Emma Niendorf. 187 Hier unnöthige Angſt, dort vergebliche Hoffnung. Alle Ueberraſchungen des Daſeins überhaupt in höchſter Gipfelung, alles auf die Spitze getrieben. Wenn das nicht Leben heißt, Hangen und Bangen, leidvoll und freudvoll!— Heute Allarm wegen einer verlorenen, morgen wegen einer gewonnenen Schlacht. Jetzt Sieg, jetzt Niederlage, oder Rückzug. Das ging, wie auf einem Schachbrette hin und her. Mehr als einmal Sorge um eine Ver⸗ wundung, welche gefährlich ſein oder werden konnte. Mehr als einmal Be⸗ friedigung über einen verliehenen Orden, der freilich mit Blut erkauft war. Fränzchen muß ſich ſagen, daß Perlau nie zurückweichen, immer voran, im⸗ mer in den wildeſten Kampf ſich ſtürzen wird, und wie ſehr ſie auch zittert, ſie hätte es gar nicht anders von ihrem Oberſt gewünſcht. Ein andermal droht ihm ſogar Amputation, doch ſchwindet die Furcht glücklich. Aber es ſoll noch ſchlimmer kommen!— Die Todesbotſchaft! Er iſt geblieben, fern im Treffen! Und wie heiß wird der Geliebte beweint!— Nein, es iſt nur eine Lüge, eine Verwechſelung, ein Mißverſtändniß, was weiß ich. Max iſt dem Herzen neu geſchenkt!— Plötzlich öffnet ſich Ausſicht auf ein, wenn auch flüchtiges Wiederſehen. Der Graf will die Verlobte an ſeine hochklopfende Bruſt drücken.— Man harrt— und wie brennend, wie verzehrend! Der Angemeldete, der ſelig und ſchmerzlich Erwartete, kommt nicht. Auch ſtatt ſeiner kein Brief. Vergeblich Warten— welches langſame Sterben, Zerſtückeln, Minute um Minute!— Sollte er krank, ſollte er dennoch verunglückt ſein? Ach, ſeine Ahnungen waren oft ſo ſchwer, ſo düſter! Müſſen ſie zuletzt doch Recht behalten? Hat jene tiefe Schwer⸗ muth, welche dich oft überſchattete, wir lich dein frühes Ende verkündet? Ja, die Briefe bleiben aus. Es iſt eine Verzweiflung. Beinahe noch ſchlimmer als jene Todespoſt dieſe Ungewißheit, welche ſtets das Aergſte vorrückt.— Sieh, die Zeitung, da ſteht ſein Name, wirklich und wahrhaftig ſein Name, in einem Armeebericht! Perlau lebt, er iſt wohlbehalten, er befindet ſich auf dem Marſche!— Unbegreiflich!— Alſo vergeſſen! Leichter Sinn, Zerſtreuungen, Flattern, fremde Reize, neue Bande! Die Falken⸗ burg hatte doch Recht, wenn ſie ſpöttelte über Männer⸗ und Soldatentreue. Er treulos! Das iſt doch noch ſchlimmer als ſein Tod. Niemand wagt es auszuſprechen, den entſetzlichen Gram. Er treulos! Fränzchen denkt es wohl, allein ſie glaubt es nicht, ſie ſelbſt glaubt in der tiefſten Seele doch unerſchütterlich an ihren Max, welche Zweifel ſich auch von allen Seiten thürmen. Nur wird ſie darüber ſehr ſtill und immer ſtiller. Juſtine weiß —-—* — 1 188 Der Mann im grünen Rocke. gar nicht mehr, was ſie dem blonden Küſterweibchen, der Kaufmannsfrau und den übrigen neugierigen Nachbarinnen auf ihre Fragen erwidern ſoll. Als Ableiter müſſen die zwei Ausſteuern dienen, an welchen man im Senatorhaus arbeitet, und zwar die eine für Leopoldine, welche nach Fug und Recht noch vor der jüngeren Schweſter an den Altar treten ſoll, an der Hand des ſeit geraumer Zeit im Geheimen liebenden und geliebten Pro⸗ feſſors. Er fand am meiſten Befürwortung, wo man es am wenigſten ge⸗ dacht hatte, nämlich bei der Tante, trotz der lang genährten Vorurtheile ge⸗ gen das, was ſie noch immer leiſe eine Mesalliance nannte. Fräulein Emerenzia bemächtigte ſich zuletzt der Sache— eben um ſich zu bemächtigen, und griff nach dem leitenden Faden, vermuthlich weil ſie fürchtete, er möchte ihr entſchlüpfen wie bei der andern Verlobung. Auch ſchien es der Stifts⸗ dame gegen alle Ordnung, zu ſtreiten, daß die jüngere Tochter vor der älteren unter die Haube komme. Herr von Allblumen ließ ſich gern von ſeiner Schweſter zureden, zumal ihm der Profeſſor ganz geſchickt und befliſſen in der Bibliothek an die Hand ging. Franziska hatte man mit dem Wunſche, ſie zu zerſtreuen, ein Weilchen nach Frankfurt ſpedirt, woher ſie von den zwei Freundinnen, den Johanniterinnen, begleitet— denn ſo nannte ſie der Senator, welcher den Leuten gern Namen gab— erſt zur Hochzeit wieder⸗ kehrte, die in Anbetracht der Zeiten ſo ſtill veranſtaltet wurde, als es der Tante Reverenzia abzugewinnen, die ſich nicht verſagen konnte, auch„das Burgfräulein“ die Baroneſſe einzuladen. Dieſe und die beiden jungen Freundinnen figurirten dabei neben der jüngeren Schweſter als Kranzjung⸗ fern. Letztere mochte ſich für den freilich noch fernen Tag, wo ſie und Max an die Reihe kamen, das Ceremoniel des Kirchgangs und der von dem Stadtpfarrer vollzogenen Copulation genau einprägen, da ſich alles ja ſo in Der Folge bei ihr wiederholen mußte. So ſind zwei Jahre vergangen. Wie langſam und doch auch wieder wie ſchnell vergehen zwei Jahre!— Was geſchieht? Eines Morgens, aber⸗ mals ſchon im Oktober, tritt Juſtine mit triumphirender Miene und ſchier einem roſigen Anfluge auf den Wangen, in das Frühſtückzimmer, einen Brief hoch zwiſchen Daumen und dem verſtichelten dünnen Zeigefinger hal⸗ tend. Die Adreſſe iſt von bekannter Hand geſchrieben, das Wappen von dem bekannten Siegelring aufgedrückt. Ein kurzer, ein ſtürmiſcher Brief, voll Leidenſchaft, Eiferſucht, Beſorgniſſe, zärtlicher Vorwürfe. Es müſſen mehrere Briefe des Oberſten verloren ſein, er beſchwert ſich über das Schweigen ſeiner Liebſten. Ihn ſelbſt haben eilige Märſche, Detachirungen, on Emma Niendorf. 191 Frühe zeigt ſich das Portal mit Gewinden behängt, die Treppe, das große Eckzimmer im Parterre, wo die Hochzeitstafel gedeckt werden ſoll, für welche man den Wald um alle ſeine Maiglöcklein geplündert hat. Herr von All⸗ blumen ſtellte bereits geſtern ſämmtliche Uhren eine halbe Stunde voraus, um dem weiblichen Theile der Bewohner des Hauſes zu ermöglichen, mit— wie der Senator ſich den Umſtänden angemeſſen ausdrückte— mit militä⸗ riſcher Geuauigkeit, auf die Minute fertig zu ſein. Denn es iſt heute von oben bis unten mit Gäſten angefüllt. Unter dieſen finden wir einen, den wir nicht erwarten konnten, obwohl ſeine Anweſenheit nur uns, ſonſt nie⸗ mand, überraſcht. Wir meinen die Baroneſſe von Falkenburg. Man hatte nicht verſäumt, bei dieſem feierlichen Anlaſſe, ſie, die Zeuge der Verlobung geweſen, in aller Form zu laden; und Hildegard hatte geglaubt, es nicht ablehnen zu dürfen, um ſich nicht zu verrathen, die Leidenſchaft, die Eiferſucht, den Neid, den Haß. Vielleicht war es auch ein unwiderſtehliches Verlangen, ihn um jeden Preis wiederzuſehen, oder Gott weiß was ſonſt. Wir können uns an einem ſo unruhigen Tage nicht damit aufhalten, zu unterſuchen, mit welchen Em⸗ pfindungen das Burgfräulein— ſo pflegt der Vormund ſie zu bezeichnen — dem Grafen wieder begegnete und mit ihm unter einem Dache wohnte. Genug, ihre Augen funkelten ſiegreich, trotz alledem, aber es lauerte doch ein ſtechender Baſiliskenblick darin. Mit welcher Sorgfalt, mit welchem Aufwande von Talent machte ſie Toilette an dieſem Schickſalsmorgen! Welches Rennen Treppe auf, Treppe ab, Thüre auf, Thüre zu, je näher der Stunde, deſto eiliger, ängſtlicher, heftiger, crescendo je mehr ſämmtliche Uhren nach einander elf ſchlagen. Juſtine und die andern Mäd⸗ chen kennen ſich nicht mehr vor Eifer und Haſt. Es iſt auch keine Kleinig⸗ keit, wenn zur feſtgeſetzten Stunde ſo viele junge ſchöne, und was noch ſchlimmer, einige alte unſchöne Damen geſchmückt ſein wollen. Jetzt ſchlägt es ebenfalls draußen auf dem Thurme elf. Im Parterre, in dem bewußten, von Guirlanden durchgrünten und durchdufteten Speiſe⸗ ſaale, verſammelt man ſich zum Kirchengange; der Senator im Vorgemache, Fräulein Emerenzia in der inneren dreifenſterigen Eckſtube, ſammt Profeſſor und Profeſſorin, welche helfen die Honneurs machen, ſind der Ankommenden gewärtig, die allmälig eintreten, die älteren Herren zuerſt nächſt dem Grafen ſelbſt, Freunde des Vaters, mit denen er im Caſino die Whiſtparthie ſpielt. Einige ariſtokratiſche Familien der Nachbarſchaft folgen mit zwitſchernden Töchterlein, der junge Arzt, der Advokat, nicht zu vergeſſen die höchſten — 192 Der Mann im grünen Rocke. ſtädtiſchen Notabilitäten und ſo weiter. Endlich kommt die Braut, von dem Bräutigam an der Thüre empfangen, alle Hande ſtrecken ſich grüßend nach ihr aus. Ganz zuletzt natürlich erſchien gewohntermaßen wieder die Baroneſſe, mit möglichſtem Geräuſche und Aufſehen, gleich einer Fürſtin, welche in ihren Hofzirkel hereinrauſcht, und von Pariſer Parfums umflutet, wie die Königin der Nacht in einem ſchwarzen, mit goldenen Sternen beſäeten Gewande, welches die ſtolze Schönheit erhebt, und in dem Rabenhaare blitzen Diamanten. Franziska trägt, nach Maximilian's Wunſch, ein ſchlichtes ſchneeiges Kleid, wie er ſie zum erſtenmale auf dem Balle geſehen, nur daß der viel⸗ ſagende Kranz von Vergißmeinnicht um das ſüße Kindergeſicht ſich in den noch viel bedeutſameren von Myrthen verwandelt hat. Auf dem von Rüh⸗ rung und Freude ſchwellenden Buſen, um den blüthenweißen runden Hals, ſchlingt ſich eine Schnur von orientaliſchen Perlen, Angebinde der Gräfin Mutter, welches dieſe, ſammt dem von dem Myrthenkranze niederwallenden Spitzenſchleier, durch den Sohn übergeben ließ. Das Köpfchen, die ganze Geſtalt, überhaucht ein Schmelz, es ſchwebt um ſie die Glorie des Glücks! Ihr habt es erreicht! Alles überwunden, der glühend erflehte, der höchſte Moment eures Lebens iſt da! Nichts kann euch mehr auseinanderreißen, nichts mehr trennen, diesſeits und jenſeits. Oh haltet euch nur feſt, feſt an der Hand! Die Flügel der Kirchenthüre ſind weit offen, die Stufen, der Altar mit Blumen beſtreut. Schon ſchwingt ſich empor in den kryſtallblauen Mai⸗ himmel voller Klang der Glocken, die zur Trauung läuten. Draußen auf der Straße laufen die Leute zuſammen, um den Zug anzuſchauen. An allen Ecken, unter allen Thüren ſtehen Gaffer, es bilden ſich Gruppen, es verdichten ſich Haufen, aus allen Fenſtern ſtrecken Nachbarn ihre Köpfe. Innen im Speiſeſaale denkt man ſchon daran, wie man ſich zu dieſem be⸗ gierig erwarteten Zuge ordnen ſoll, und reiht ſich zum voraus an einander. 10. Der Bräutigam hat ſeinen Hut abgelegt und tritt jetzt eben an das ge⸗ öffnete Mittelfenſter, um in Papier ein Goldſtück einzuwickeln, welches er in der Kirche am Altare opfern will. Er legt es auf den Sims, juſt im Begriffe es in die Weſtentaſche zu ſtecken. Da kommt ein Mann her an das Von Emma Niendorf. 193 Fenſter, ein Mann in einem grünen Rocke, es hat den Anſchein, als wolle er dem Oberſten etwas ſagen. Dieſer entfernt ſich aus dem Zimmer mit der Entſchuldigung:„Ich habe nur ein Wort da mit dem Herrn zu ſpre⸗ chen!“ nimmt nicht einmal den Hut von der Wand, ſondern tritt nur ſo hinaus auf die Straße, wo man Graf Perlau baarhaupt im Geſpräche mit dem Herrn im grünen Rocke vor dem Hauſe auf und ab gehen ſieht. Die im Speiſeſaal Harrenden, die ganze Geſellſchaft, ſchauen zu, wie die Beiden neben einander hin und her ſchreiten auf den Steinplatten längs den eiſernen Ketten, welche das Haus einfrieden, und wie die Redenden jedesmal an der Ecke wenden, um nach einigen Augenblicken wieder zu ihr zurückzukehren und bei ihr wieder von neuem umzudrehen. Schauen zu, wie die Zwei zufällig in das Geſpräch vertieft, auch einmal um die Ecke des Hauſes biegen, ſo daß man das Paar in ſeiner noch immer fortgeſetzten Unterhaltung nicht mehr gewahren kann, weil der Eßſalon, obgleich zwar Eckzimmer, wie wir wiſſen, doch nur vorne hinaus Fenſter bietet, aber nicht auf der Seite gegen jenes ſchmale, an der Gartenmauer hinlaufende Neben⸗ gäßchen, nach welchem nun dem Auge für Sekunden die Wandelnden ent⸗ zogen ſind. Es dauert eine kleine Weile, ehe ſie wiederkehrend an der Ecke ſichtbar werden. Die Glocken läuten, melodiſch die ſanfte Frühlingsluft er⸗ füllend, fort und fort. Es dauert eine kleine Weile. In der Eckſtube ziehen ſich die Geſichter un⸗ willkürlich entſprechend auch etwas in die Länge. Man zupft da und dort an den Bändern, an den Spitzen. Alles ſieht ſich an, trippelt müßig hin und her. Fräulein Emerenzia, ohne ihr Wiſſen und Wollen, runzelt die ſtarken Brauen über der römiſchen Naſe. In dem grauen Atlas, welcher bereits die älteſte Nichte copuliren half, rauſcht unſere Stiftsdame auf ihren Bruder zu, der in einige Zerſtreuung zu verfallen ſcheint, wer weiß über welchen Kaiſer oder Conſul, über welche Krönung oder über welches Conzil ſich beſinnend, und ſtellt ſich, das Ceremoniel zu wahren, dem Senator links zur Seite. Die Braut faßt ſeine Hand wie entſchuldigend und ſieht ihn lächelnd an mit ihren lieben Augen, während ihr Leopoldine die Falten am Kleide zurecht ſtreift und ihrem Gatten etwas in die Ohren raunt, weil ſie ihn nach dem zögern⸗ den Oberſten entſenden möchte; der ebenfalls in eine Zerſtreuung verfallen ſein muß in ſeinem Geſpräche mit dem Manne im grünen Rocke. Die Ba⸗ roneſſe lächelt auch, aber anders, indem ſie hinter ihrem Fächer dem jungen Advokaten eine witzige Bosheit zuflüſtert, die er mit einem erzürnten Blicke Hausblätter. 1867. lv. Bd, 13 194 Der Mann im grünen Rocke. erwidert. Eines um das Andere der älteren Glieder dieſer Geſellſchaft unter⸗ drückt nur mühſam ein Gähnen. Noch immer nicht! Die Glocken läuten immer fort und immer fort, man möchte glauben, immer lauter und mahnender. Hin und wider läßt ſich bei den Wartenden ein Hüſteln vernehmen, anſteckend, der Reihe nach. Sie ziſcheln zuſammen in merklicher Verlegenheit. Man fängt doch an un⸗ geduldig zu werden und zuletzt es doch zu zeigen. Der Bräutigam kommt immer noch nicht. Unbegreiflicher⸗, um nicht zu ſagen unverzeihlicherweiſe ſcheint er ſich in ſeiner Unterredung mit dem Manne im grünen Rocke zu vergeſſen. Kilian hat ſchon mehrmals den Kopf zur Thüre hereingeſteckt, wie um an den Aufbruch zu erinnern, und Juſtine zeigt ihr blaſſes Geſicht zur Abwechſelung. Jetzt naht der Diener auf den Zehenſpitzen, Seiner Gnaden zu melden, daß Seine Hochwürden bereit ſei, er habe es durch die Küſterin ſagen laſſen, und jetzt ſtehe Herr Mäuslein ſelbſt draußen. Nein, man darf nicht länger ſäumen. Nun drängt man plötzlich. Der Bräutigam kommt noch nicht. Man ſchickt hinaus ihn zu rufen.— Manr glaubt, man dürfe ſich da außen bloß nach ihm umſehen, dort ge⸗ ſchwind um die Ecke. Aber er iſt nicht mehr auf der Straße zu finden, nicht er, nicht der Mann im grünen Rocke— beide ſind verſchwunden. Man fragt, man ſucht, läuft, rennt umher athemlos, her und hin, kreuz und quer. Niemand weiß, wohin ſie gegangen ſind, niemand will ſie auch nur geſehen haben. Sonderbar, ſehr kurios, daß nicht Einer von den vielen Leuten, die ſchon auf der Straße und an den Fenſtern harrten, dieſes Braut⸗ paar in die Kirche gehen zu ſehen, und kein Auge von der Schwelle, von den Stufen mit den Oleanderbüſchen, den Kugelakazien verwandten, weder den Mann im grünen Rocke, noch den jungen Grenadieroberſt geſehen haben will! Die Beiden ſind wie von der Erde weggetilgt, wie von ihr ver⸗ ſchlungen, wie in ihren Schooß verſunken, unter das Steinpflaſter an der Ecke. Wie erklärt ſich das? Verſchwunden, in den paar Minuten, welche man braucht, um die Ecke des Hauſes zu gehen, verſchwunden, ſpurlos, in einer friedlichen, heimiſchen Stadt unter den Augen ihrer ganzen Bevölke⸗ rung!—— Es iſt nicht zu glauben! Wer die verſchiedenen Nuancen der Beſtür— zung und ſonſtigen Empfindens in allen dieſen Mienen und Geberden malen ſollte! Fräulein Emerenzia behauptet ſtumm ihre Haltung, iſt todtenbleich bis in die Lippen hinein, das geſtickte Taſchentuch in ihren Händen zerknit⸗ ternd, zerreibend. Der Senator, obſchon in fieberhafter Aufregung, ſo daß iter⸗ 4 ge⸗ 1 ge Von Emma Niendorf. 195 er zittert, verliert doch die Würde keinen Augenblick. Seine feinen, ſilbernen Haare richten ſich empor, mit den Augen hütet er ſein Kind, ſein armes Fränzchen, die wie im Traume auf dem Armſtuhle ſitzt, in welchen ſie ſich fallen ließ, und nicht zu faſſen ſcheint, was um ſie vorgeht, die ſieht ohne zu ſehen, und hört ohne zu hören, ſelbſt das, was Leopoldine, über die Lehne gebeugt, leiſe an das Ohr der Schweſter redet. Die Baroneſſe hält die Wimper geſenkt, wie aus Zartgefühl oder Schonung, in der That aber, um nicht die innere Schadenfreude, nein, noch mehr, den aufjauchzenden Hohn, den Triumph, all das wilde Flammen ihres Buſens zu verſchleiern. Der Bräutigam kommt nicht zurück. Noch hängt ſein Hut da. Noch liegt das eingewickelte Goldſtück auf dem Simſe des halbgeöffneten Fen⸗ ſters, vor welchem ſich das graue Kätzchen ſonnt. Der Bräutigam kommt nicht.— Die Glocken läuten noch einige Zeit fort, und dann verhallen ſie end⸗ lich, langſam, nach und nach, in den Lüften auszitternd, gleich einem erſter⸗ benden Seufzer. Das Glück verhallt mit den Glocken, das Glück!—— Alles geht auseinander, die ganze Hochzeitsgeſellſchaft, alles iſt wie auseinandergeſtoben, als ob die Windsbraut hineingefahren. Das erſt noch ſo feſtliche, laute Haus iſt leer und öde, verlaſſen und ſtumm, geſpenſterhaft ſchier unter ſeinen lächelnden Guirlanden, die jetzt Spott geworden. So iſt denn das Glück ſchneller verwelkt, als dieſe Kränze, welche es ſchmücken ſollten!— Der Bräutigam kommt nicht. Die Braut, mit der Myrthenkrone auf den Locken, mit dem wehenden Schleier, mit den Perlen um den Hals, mit den Thränentropfen, welche über die erbleichten Wangen rollen, nimmt ſchweigend den Hut des Oberſten von der Wand und das eingewickelte Gold⸗ ſtück auf dem Sims, beides, und verwahrt es.— In dieſem Herzen, in dieſem Hauſe ſind alle Saiten auf einmal geſprungen. 11. Verſchwunden, in den paar Minuten, welche man brauchte, um die Ecke des Hauſes zu gehen! Natürlich ließ man es nicht fehlen an den eifrigſten, genaueſten Nachforſchungen aller Art, welche der Profeſſor und ſeine beiden Freunde leiteten, der Arzt und beſonders der Advokat. Die Gerichte zeigten ſich nicht müſſig in Stadt und Land. Es wurde förmlich geſtreift in der 43* 196 Der Mann im grünen Rocke. Gegend. Alles fruchtlos! Der Grenadieroberſt blieb verſchollen, nicht bloß in Offenbach, ſondern auch in Wien und Peſth, im öſterreichiſchen Heere wie an der Magnatentafel. Denn die ſorgfältigſten Erkundigungen, welche man in des Grafen Heimat anſtellte, führten weder jetzt, noch nachmals und ſchließlich zu irgend einem Erfolge. Alles, was man dort erfuhr, deutete darauf hin, daß Perlau keineswegs täuſchen wollte, daß es ihm vielmehr Ernſt mit allen Vorberei⸗ tungen zu ſeiner Ehe geweſen. Dies mochte dienen, boshafte und beſchämende Gerüchte zu widerlegen, die im Publikum, und gar im Publikum einer klei⸗ nen deutſchen Stadt, nicht fehlen konnten, umlaufende Gerüchte: als habe es der Oberſt auf Verſpottung und Betrug abgeſehen. Wenn, was unter den obwaltenden Umſtänden nicht zu verargen, auch im Innern der Fami⸗ lie ſelbſt ſich Zweifel gegen die Aufrichtigkeit und Ehre des Bräutigams leiſe geltend machen wollten— laut wurden ſie nie und erreichten auch Franziska nicht, welche unerſchütterlich blieb im Glauben an ſeine Liebe und Treue— ſo wurden dieſe geheimen Zweifel bald völlig zerſtreut, weil ſchon in einigen Wochen nach dem ſo ſchmerzlich und ſo räthſelhaft aufgelösten Hochzeits⸗ feſte, mehrfach Briefe an den Verſchwundenen aus ſeiner Heimat ein⸗ liefen, mit Vorwürfen, daß er ig ſeinem Glücke, vor Wonne, alles ver⸗ geſſe; mit Fragen: warum er denn nichts von ſich hören laſſe? Ob denn ſeine Vermählungsfeier am dazu feſtgeſtellten Tage vollzogen ſei? Wann er heimzureiſen denke mit ſeiner jungen Gemahlin? und dergleichen mehr. Am dringendſten erkundigte ſich, nächſt dem Bruder, dem Majoratsherrn, Vetter Severin, welcher aus Auftrag der übrigen Verwandten und Freunde es übernommen hatte, einen Empfang des Paares vorzubereiten. In Zeilen der Mutter, der Schweſter, äußerte ſich das Verlangen, Franziska kennen zu lernen, ſie liebend zu begrüßen. Und nun kamen Details über die von Maximilian für ſeine Gattin und den neuen Hausſtand angeordneten, und zum Theile noch zu beſorgenden Einrichtungen im Schlößchen und ſo weiter. Und nun kamen Zeilen, in denen Naſtas ſeine Ungeduld verrieth, den Vetter mündlich mit einem ſchönen, fröhlichen Geheimniſſe zu überraſchen, um ihm zu beweiſen, daß er, der Major, in allem dem Beiſpiele ſeines Oberſten und Freundes treulichſt Folge zu leiſten ſtrebe. Was half das alles? Er blieb vermißt. Genug, man hat nie wieder von ihm gehört, weder in Offenbach, weder in der Hofburg, noch an der Leitha, noch ſonſt wo in der weiten Welt, trotz aller Verſuche, welche die gräfliche Familie, das Corps kommando, die kaiſerliche Regierung unternah — Von Emma Niendorf. 197 men. Selbſt die Diplomatie bemächtigte ſich weitſchweifig und fruchtlos wie gewöhnlich, der Angelegenheit, ſogar die Kriminalgerichte hineinziehend we⸗ gen eines muthmaßlich an dem Oberſten begangenen Verbrechens. Der Fall war einzig in ſeiner Art, ſo wahrſcheinlich unwahrſcheinlich, ſo ganz ohne Abenteuerlichkeit, in aller Alltäglichkeit, ſo unter den Augen verloren — am hellen Mittage, in der volkreichen Straße, vor den Fenſtern, nur um die Ecke! Nur der Eine Schritt! Mit dem Einen Schritte alles hin— Da⸗ ſein, Liebe, Glück, Glanz, Ruhm, Hoffnung, alles hin! Es war ein Abgrund, der ſich nicht ausfüllen ließ. Man konnte wahnſinnig werden, nur darüber nachzudenken. Das ſagten ſich die mehr oder weniger betheiligten drei Freunde auch oft, der Profeſſor, der Advokat und der Arzt. Nach allem Mühen und Grä⸗ men darum, nach allem vergeblichen Warten und Suchen, Laufen und Fra⸗ gen, Schreiben, Reden, wunderte man ſich doch und zerbrach ſich den Kopf immer wieder von neuem darüber. Nachdem man alle Möglichkeiten er⸗ ſchöpft hatte, ſtand man immer wieder vor der ſiebenfach verſchleierten Un⸗ möglichkeit. Kein Autor moderner Drama's zeigt ſich erfinderiſcher in Ver⸗ wickelungen, als dieſes Kleeblatt von Männern es that, um die Thatſache zu entwirren. Ja ſie wurden in ihren Annahmen ſelbſt kühn, ſo daß die Sitzung zuweilen bei geſchloſſenen Thüren gehalten werden mußte, das heißt, die Frau Profeſſorin Leopoldine konnte dabei, wie ſie ſonſt meiſtens pflegte, nicht gegenwärtig ſein. Man erörterte alles ſcharf, für und wider; faktiſch wie moraliſch konnte auf Perlau's Redlichkeit kein Argwohn haften. Unſinn! Wollte er der Ver⸗ lobten die Treue brechen, er hätte ja hundertfach im Kriege Zeit und Gele⸗ genheit dazu gehabt. Wollte er ſie vergeſſen, ſo brauchte er ja nicht wieder— zukommen. Wollte er ſie dennoch verlaſſen, warum die Sachen ſo weit trei⸗ ben, bis zur Spitze, warum warten bis zum allerletzten Augenblicke?— Oder ergriff in dieſem allerletzten Augenblicke den Grafen doch noch eine Reue, durch jenen plötzlichen Umſchwung, deſſen man geniale Naturen, die leichter entzündbaren und beweglichen, im Allgemeinen beſchuldigen will? Erkannte er zu ſpät ſich und ſein Herz? Schreckte er in einer Anwandlung von Flatterhaftigkeit erſt jetzt noch vor dem Opfer ſeiner Freiheit zurück und ſuchte ſchließlich um jeden Preis den gefürchteten Feſſeln zu entfliehen?— Oder folgte er unaufhaltſam einer dämoniſchen Lockung, die ihn überraſchte? Riß ihn eine übermächtige Verſuchung hin? Wirkte auf einmal wieder ein alter Zauber auf ihn, längſt erloſchen gewähnt, dem er ſich zu entreißen ge⸗ 198 Der Mann im grünen Rocke. hofft und der ihn doch nicht losließ, dem er verfallen war? Nein, das durfte, das mochte niemand denken! Freilich, es gibt ein Verhängniß. Du biſt es, Sünde, welche dem, der ſich dir einmal ergab, an die Ferſen hängt, und wäre es nur durch das Elend, durch den Fluch, welcher dir nothwendig folgt!— Nein, das durfte, das mochte keiner der Freunde denken. Eher verweilten ſie bei der Vorſtellung von einem noch nicht ausgerun⸗ genen Ehrenhandel, der ſich bis an die Altarſtufe drängte, und den zuletzt der Bräutigam ſelbſt noch geſchwind ſchlichten wollte, bevor er in ein neues Leben träte, in welchem er einem andern Weſen für ſich verantwortlich wäre. Vielleicht auch ſonſt eine verjährte Forderung, die ſich gegen ihn aufbäumte, eine Forderung geiſtiger oder materieller Art, gleichviel. Hatte er jemand einſt Rechte auf ſich gegeben, welche dieſe jetzt geltend machte? Fremde oder eigene Schuld konnte den Oberſten zur Flucht gezwungen haben. Nicht das unwahrſcheinlichſte däuchte ein Duell mit unglücklichem Ausgange, ſo oder ſo. Wenn der Argwohn eines an Perlau vollzogenen Verbrechens ebenſo nahe lag, wies man bei ſeiner edlen, enthuſiaſtiſchen Natur auch nicht die Idee völlig zurück, daß er ſich freiwillig, ſchweigend geopfert einer undurch⸗ dringlichen That. An welche Scheidewege kann nicht ein Menſch geſtellt, in welches Netz von Lügen kann er gefangen werden! Was ließ ſich da nicht träumen? Zumal für die Frauen. Während der Profeſſor mehr bei dem pſychologiſchen Problem ver⸗ weilte, beſchäftigte ſich der Arzt und beſonders der Juriſt mit den That⸗ ſachen. Immer fragte man ſich, wer denn dieſer Mann im grünen Rocke geweſen, den niemand kannte, der Oberſt ausgenommen, welchem jener aller⸗ dings weder fremd noch befremdend ſchien. War es ein Agent, ein Spion der Polizei? Ein Intriguant oder Gauner, der Schlingen legt? Dieb? Räu⸗ ber? Mörder? Ein Werkzeug gemeiner Habgier oder geheimer Rache? Viel⸗ leicht eines beleidigten Nebenbuhlers oder einer verſchmähten Schönheit? Oder Eiferſucht, Neid eines Gegners, eines Gegners etwa gar in der eige⸗ nen Verwandtſchaft Maximilian's? Hatte man es mit einem Anſchlage auf das Leben oder urſprünglich nur auf die Koſtbarkeiten zu thun, welche der Bräutigam bei ſich tragen mochte? Konnte nicht die Politik eine Rolle in der Kataſtrophe des Verlorenen ſpielen? Beiſpiele lagen nicht fern. Man lebte in einer Zeit, wo man ſich auf alles gefaßt machen durfte, wo derartige Verbrechen nicht zu den Seltenheiten gehörten.— Alles dies konnte ſein und auch nicht ſein, wie noch vieles Andere. Wir wollen nicht noch mehr Fragen, welche hin und her geworfen wurden, wiederholen, und unſeren Leſern über⸗ Von Emma Niendorf. 199 laſſen, die Hypotheſen der Freunde und des Publikums noch weiter zu er⸗ gänzen. Das dortige Volk ſpann ſich die Vorgänge in ſeiner Weiſe aus. In ſeiner Phantaſie ſpukte die Geſchichte des ungariſchen Grafen noch lange, ſpukt vielleicht noch heute fort und verwandelte ſich ſchier zur Sage. Dabei trat einmal wieder der Hang zum Uebernatürlichen vor nach Herzensluſt. Mit dem Manne im grünen Rocke, meinten ſie kopfſchüttelnd, müſſe es doch eine eigene Bewandtniß haben.„Wer kannte ihn denn? Wer hatte ihn denn weder vorher noch nachher wieder geſehen? Wer hatte ihn denn überhaupt geſehen, dieſen kurioſen Grünrock? Wer konnte mit gutem Gewiſſen ſagen, daß er ihn leibhaftig geſehen, den Mann im grünen Rocke, den Ueberallund⸗ nirgends? Die ſtudirten Leute freilich, die wollen ſo was nicht gelten laſſen. Wir aber, wir wiſſen das beſſer.“— Das Volk, kürzer und draſtiſcher, ohne alle Grübelei, behauptete ſchlagend: Der Gottſeibeiuns hat den jungen, ſchö⸗ nen, tapfern Grenadieroberſt jetzt geholt, der ſich dem Teufel daheim einſt verſchrieben, um kugelfeſt, Herr aller Güter und Ehren dieſer Welt zu wer⸗ den. Der Teufel, das war der Mann im grünen Rocke. Dagegen iſt nur einzuwenden: Die Hochzeitsgäſte, alle, welche ihn vom Fenſter aus gewahrten, ſtimmten darin überein, daß er durchaus nichts Auf⸗ fallendes an ſich gehabt, ſondern ganz gewöhnlich und alltäglich ausgeſehen⸗ wie jeder Andere. Aber zu verwundern und äußerſt ſonderbar blieb es immer, daß von den vielen Leuten, welche in der Straße und an den Fen⸗ ſtern auf den Hochzeitszug warteten, kein Einziger den Mann im grünen Rocke, der am hellen Mittage auf dem Pflaſter umherging, auch nur geſehen haben wollte. Niemand, von allen Zuſchauern, von allen Einwohnern der Stadt konnte ſich des Mannes im grünen Rocke erinnern, und an gutem Willen ſich ſeiner zu erinnern, fehlte es ihnen ſicher nicht. Um ſo mehr mußte er für ſie eine myſtiſche Figur werden. Wie man das Ereigniß aber auch wenden und beleuchten mochte, es war, um uns wieder auf den Standpunkt der näher dabei Betheiligten zu ſtellen, ein Abgrund, der ſich nicht ausfüllen ließ. Man konnte wahnſinnig werden, nur darüber nachzudenken, wiederholen wir. Wenn der Vater es auch nicht ausſprach, etwas davon ſchauderte doch durch das Bangen, mit welchem er ſein ſtilles, blaſſes Kind beobachtete. Man hatte zu befürchten, daß ſie geiſtig oder leiblich erkranke. Es geſchah keines von beiden. Sie lebte ſo hin, immer gleich freundlich und ſchweigſam. Nie hat ſie ſich vermählt. Sie wurde eine alte Jungfer 200 Der Mann im grünen Rocke. Von Emma Niendorf. und pflegte und hegte Leopoldinen's frohe Kinderſchaar. Eines war, worauf Juſtine lebte und ſtarb, Eines, worauf ſie ſchwur, wenn auch nur in das Ohr ihrer Vertrauteſten, zu denen Frau Mäuslein nicht gehörte; Eines, was die Mamſell beim Friſiren entdeckt hatte, nämlich: daß ſeit dem unſeligen Hochzeitstage ſich unter Franziska's braunen Locken eine ſilberweiße ver⸗ ſteckte. Juſtine ſchwur ſo lang darauf, bis alle Locken ihres Fräuleins ſilber⸗ weiß waren. Denn dieſelbe kam zu hohen Jahren, war nun auch die Tante — aber eine andere wie Reverenzia in ihren Tagen.— Bis in das graue Alter hat die Braut den Hut und das eingewickelte Goldſtück des Bräuti⸗ gams aufbewahrt. Was wir hier erzählten, ward uns von Augenzeugen mitgetheilt, und zwar von zwei Hochzeitsgäſten, den beiden„Johanniterinnen“. Sie erzähl⸗ ten uns von der Hochzeit, die keine geworden iſt. Die zwei hochaufgeſchoſſe⸗ nen ſchmächtigen Jungfrauen von damals waren jetzt Greiſinnen, welche in ihrer Erſcheinung faſt etwas Männliches hatten. Beide Zwillingsſchweſtern Wittwen, ſchon in den Achtzigen. Man nehme die von ihnen verbürgte Thatſache hin als Beitrag zu der Geſchichte jener Kriegs- und Friedenszeit. Wenn wir einen Roman ſchrie⸗ ben, würden wir auf Verwickelungen ſinnen, um die Kataſtrophe zu erklären oder„ſpannend“ und überraſchend an dieſelbe anzuknüpfen. Da wir aber bloß einen wahren und wirklichen Vorfall berichten, müſſen wir uns begnü⸗ gen, das Räthſel zu beurkunden, welches bis zur Stunde ungelöst bleibt. Somit iſt die letzte Seite unſerer Erzählung ein weißes Blatt, welches wir dem Leſer überreichen, daß er es ſelbſt ausfülle. Möglich, daß ſich noch ſpät ein Verbrechen entdeckt, deſſen Thäter nicht mehr vor die irdiſche Juſtiz ge⸗ fordert werden kann. Der Stadtſchreiber von Hornberg. Von Walderich von Sanct Trutbert. Droben im Hochland ſchlängelt ſich die Gutach als ein harmloſes Kind durch den Moorgrund und hat es gern, wenn die Kinder von Schönewald mit ihr plätſchern und ſpielen. Ihr Weg aber führt ſie bald an den Rand einer ſchwarzen Felskluft, die drunten mündet im tiefen Thal. Neugierig ſchaut die Gutach hinab:„da drunten,“ meint ſie,„iſt's offenbar ſchöner, als auf meiner langweiligen Höh, auf der mich es ſogar im Sommer friert. Du hellgrünes Thal, ihr blanken Häuſer drunten im ſonnigen Triberg und fern, ach fern draußen Berg an Berg ſo duftig blau, ſo friedſam ſtill! Leb' wohl, Schönewald, ich wandere in die Welt hinab wie deine Uhrenmacher, bin ja auch nun groß und geſcheidt genug dazu; laß mich nicht mehr wie ein Kind behandeln, will fortan dem Volk gefallen als eine ſchöne Jungfer, die tanzen und ſingen kann.“— Verwegen hüpft ſie in den Felſenſchlund, der aber brummt mit ſeiner hohlen Stimme:„mit derlei naſeweiſem Volk macht unſereine wenig Um⸗ ſtände und wirft es kurzweg die Treppe hinunter, um es los zu werden. Wart,, ich will dir tanzen!“ Ueber ſieben hohe Felſen wirft er ſie hinunter, zornig ſauſend, doch wohlbehalten kommt ſie drunten an:„der kann auch warten, bis ich wiederkomm'. Bedank' mich ſchön für die ſieben Purzel⸗ bäume!“— Maulend ſchwänzelt ſie das Thal hinab und die Felſenwände, die zur Rechten und zur Linken ſtehen, ſummen ihr nach:„nicht ſo haſtig und unwirſch, wir meinen's beſſer mit dir als der droben, bleib' da, das Thal iſt ohne dich ſo langweilig, wie im Haus ohne Tochter.“— Und in des Thales Mitte tritt ein gewaltiger Granitfels vor, der herrſcht ſie an:„ich erlaub' dir den Durchgang nur unter der Bedingung, daß du dein Maulen *. 202 Der Stadtſchreiber von Hornberg⸗ läſſeſt und deine Sprünge und fortan ſtill und beſcheidentlich wandelſt.“( Sie aber raffelt hinauf:„ſo lang' ich einen von euch ſeh', bleib' ich bös, ihr ſeid ja doch nur in der Welt, damit ordentliche Leute wie unſereins auf euch Hals und Bein brechen.“— Er aber ſpricht verſöhnlich:„ſei gut, ich bin der letzte. Haſt nur noch zwei Stündlein bis zu deiner großen Schweſter, der Kinzig, die nimmt dich in den Rhein mit, der euch alle beide heirathet, denn er hat ſo viele Weiber als der König Salomo und können einander alle bei ihm vertragen.“— Durch dieſen Zuſpruch verſöhnt, ſchaut ſie lachend aus ihrer Tiefe empor und der Fels, der es ſo väterlich gut mit ihr gemeint, iſt gekrönt von einem altersgrauen Burgthurm, vor dem ſich ein modernes Schlößchen in die Länge zieht und um deſſen Fuß ſich Hornberg ausbreitet, das freundliche Städtchen, durch das ſie wohlgelitten wandelt, um es ſich im breiten winden⸗ den Thale wohl ſein zu laſſen, das keine Felſenwand mehr beengt, nur ſanft⸗ gewölbte Waldberge ſchmücken. Sie wird darüber ſo beſänftigt, daß ſie die Holzfäller mit ihren Flößen beladen und auf ihr in die Kinzig hinabfahren dürfen, und daß ſie nun gern fleißig iſt mit den Fleißigen. So zieht der Wald ſeine Töchter groß, die wohl eine Weile hinausſchlagen, aber bald einen ernſten und geſetzten Wandel führen lernen. Vor Gutach aber ſitzen drei Mädchen am Ufer und brechen den Hanf mit rüſtigen Armen; ſtatt des Geſprächs dient ihnen das Draufſchlagen zur Unterhaltung, das alle ihre Kraft in Anſpruch nimmt. Siehe, da fährt luſtig ein Floß das geſchwellte Waſſer hinab und ein flotter Burſch' ſteht auf ſeinem letzten Gehänge, ſchwingt den Hut und läßt einen ſchrillen Jubelſchrei los. Zwei der Mädchen fahren auf und lachen, die dritte bricht ihre Hand voll Hanf, ohne den Vorbeifahrenden eines Blickes zu würdigen, und hört ſchweigend an, was die beiden andern, ihre Arbeit einſtellend, plaudern:„ſo, des Bachandreſen Langer fährt diesmal ſelber mit dem Floß nach Kehl?— Wird in Straßburg etwas einkaufen für ſeine Zukünftige.“—„Ei, möcht' wiſſen, wem der die Ehr' anthät'.“—„Die hätte auch nicht mehr nöthig, ſich am Hanfbrechen die Arme müd' zu ſchaffen und könnte die Frau ſpielen bei des Mannes Reichthum.“—„Der wär' einer für die Burgel da; der Reiche nimmt doch nur eine Reiche.“—„Ja, ja, das Geld lauft dem Geld nach.“—„Und der Bettelſack dem Bettelſack,“ denkt die Burgel, iſt aber ſtill.—„Nein,“ ſchreit die Erſte,„gelt Burgel, du nimmſt einen Herrn in der Stadt und läſſeſt einer andern den Bachhannes mit ſammt ſeinem Geld und ſeinem flotten Wirthshaus zum goldigen Löwen, das ihm ſein Vater Von Walderich von Sanct Trutbert. 203 um ſein übriges Geld zum Zeitvertreib gebaut hat? Iſt's wahr, daß du von deiner Großmutter fortziehſt zu deinem Pfleger, dem Stadtſchreiber, nach Hornberg, der dein Geld umtreibt?“— Burgel nickt ſtill mit dem Kopf und klopft auf ihren Hanf los.—„Gelt Burgel, du wirſt ein Fräule und lernſt franzöſiſch parliren und dich einſchnüren wie eine Korngarb. Wünſch' dir Glück zum Herrenleben.“— Waldburg hat genug gehört, nimmt ihren Brechſtuhl und geht heim, während ſie denkt: der Bachhannes weiß doch, wem er Juhe ſchrie; es hat auch in mir gejuheit, als der Staatsburſch' vorüberfegte. Warum muß ich nach Hornberg?— Die beiden Andern aber maulen ihr nach:„das hat einen Hochmuth wie ein Pfau! Aber die Herrenleut' rupfen ihr die Federn aus. Möcht's nicht mit ihr halten, und der Bachhannes wär' ein Narr, wenn er ſie nähm'. Möcht' nur wiſſen, nach welcher er Juhe ſchrie. Mich hat er ſcharf dabei angeſehen.“—„Und mich freundlich.“—„Meinſt du?“— Die Beiden wurden grimmig zornig auf einander und ſchlugen mit dem bos⸗ haften Gedanken auf die Breche los: hätt' ich nur dich darunter! Waldburg ſoll ſchon morgen nach Hornberg, ſie geht aber erſt über⸗ morgen, denn morgen kommt der Bachhannes von Kehl zurück und will ſie übermorgen mit Sack und Pack auf ſeinem Wägelchen an den Stadtſchrei⸗ ber abliefern. Er knallt auch wirklich am frühen dritten Morgen vor ihrer Ahne Haus und hält dort mit ſeinen zwei ſtattlichen Fuchſen. Waldburg kommt neben einem himmelblauen Kleiderkaſten, den das Hausgeſind ihr trägt, läßt ihn unter Herrſcherworten quer über den Wagen legen und ſetzt ſich mit Aplomb auf den Kaſten nieder; der Hannes aber haut grimmig auf ſeine Fuchſen und fährt in ſauſendem, geſtrecktem Trab davon.„Hänſel!“ ruft ſie ſchmeichelnd hinter ihm, er aber haut auf die Gäule und hört nicht. —„Hannes!“— Er hört und brummt, aber wendet ſich nicht nach ihr um. —„Hänſel, biſt du mir bös?“— Hannes brummt lauter, da faßt ſie ihn gelind am rechten Ohr und dreht ihm ſachte den Kopf herum, aus deſſen Augen die Thränen fallen.—„Oh je, er briegt!“ ſchluchzt die Burgel und weint überlaut, und der Hannes heult noch viel lauter. Auch ſeinen Fuchſen wird es weinerlich, ſie ſtehen plötzlich, ſtecken die Köpfe zuſammen und ſpitzen die Ohren, denn ſo etwas haben ſie ihr Leben lang noch nicht gehört. Bur⸗ gel faßt ſich zuerſt:„gelt, weil ich nach Hornberg muß? Kehr' um!“— „Nein, Burgel, ich kehr' nicht um!“ Und er peitſcht ſeine Fuchſen wieder.— „Aber Hannes, iſt dir's denn recht?“—„Ja wohl, aber es thut mir weh.“— „Ich komm' wieder zu dir, ebenſo, ganz ſo, wie ich von dir geh'.“—„Nein, 3 A 4 1 — — 204 Der Stadtſchreiber von Hornberg. Burgel, du mußt geſcheidter wiederkommen.“—„Das hoff' ich auch, Han⸗ nes, aber ich komm' doch ganz ſo, wie ich jetzt bin, denn ich bin dir gut.“— „s iſt ſchon recht, aber du mußt's in Hornberg niemand ſagen; ſie würden dich nur auslachen.“—„Aber du glaubſt's doch?“—„Ja, Burgel, daran fehlt's nicht. Doch ſo lang' du in Hornberg biſt, bleiben wir fern von ein⸗ ander, und das thut weh.“— Beiden kam das Weinen wieder, aber da waren ſie ſchon an den erſten Häuſern von Hornberg und luſtig rollte das Fuhrwerk vor die Stadtſchreiberei, wo der Hannes den Kaſten nach ſeinem Schatz ablud und wieder davon fuhr, als ginge der ihn gar nichts an. Der Stadtſchreiber erwartete ſeine reiche Mündel, um ſie durch ſeine Frau, auf dexen dringendes Verlangen, ausbilden zu laſſen, denn der Reich⸗ thum muß ſeine anſtändige Verwendung finden, die ihm der Bauer nicht geben kann, und muß Genüſſe bringen, von welchen das Landvolk nichts verſteht; er iſt nur bei den gebildeten Ständen am rechten Platz. Das war die gemeinſame Anſicht beider Ehegatten, von welchen übrigens jeder ſeine geheime Abſicht mit dem Mädchen hatte. Der Sohn fehlte ihnen, dem ſie die reiche Braut in gemeinſamem Streben zuwenden konnten, an ſeine Statt ſtellte jeder ſeinen Favoriten. Der Gemahl wählte ihn aus ſeinen Amtsge⸗ hülfen; gehörte ja Stadt und Amt Hornberg damals noch zum Herzogthum Württemberg, dem einſt ſo erſprießlichen Land der Schreiber und Magiſter. Der Magiſter höchſtes Ziel war der Prälat mit der reichgenährten Ruh' auf ſeiner Abtei, deren Einkünfte er als Ehrenſold für treu und lang geleiſteten Kirchendienſt verzehren durfte, nebſt einem Schlaftränklein von zwanzig Eimern des beſten Gefällweines. Der Schreiber Ziel und Ehrenpreis da⸗ gegen war der Stadtſchreiber, der in Stadt und Amt alle Vermögensinven⸗ turen und Theilungen, alle Curatel⸗, Gemeinde⸗ und Stiftungsrechnungen gegen erkleckliches Tag⸗ und Blattgeld beſorgte und ſich, um fertig zu wer⸗ den und es bequem zu haben, ſeine Subſtituten hielt, die ihm dieſe Geſchäfte auf dem Lande fertigten und ihm die Hälfte des Verdienten ablieferten, wäh⸗ rend noch Vollgenügendes für ſie übrig blieb. Des Stadtſchreibers Günſt⸗ ling aber war der Amtsſubſtitut Bleimer, ein Mann von dreißig Jahren, tüchtiger Geſchäftsmann, luſtiger Geſellſchafter, Beſitzer eines Reitpferdes, eines Hühnerhundes und einer Jagdflinte, der viel erwarb und mehr ver⸗ that. Er war es auch, der dem Prinzipal, nach dem frühen Tode von Wald⸗ burgs Eltern, die einträgliche Verwaltung ihres großen Vermögens in die Hände geſpielt hatte, um ſelbſt auf Geld und Mündel zu ſpeculiren. Und dem Prinzipal war das gar nicht unlieb. Von Walderich von Sanct Trutbert. 205 Die Frau Prinzipalin aber war anderer Meinung. Ihr war der kurz angebundene, wenig gebildete Schreiber unangenehm; der Glückliche, der das volle Blümchen pflücken ſollte, mußte von zarterem Stoff ſein, und dieſen fand ſie zu rechter Zeit in Anſelm, dem neuen Vikar zu Gutach. Der hatte ſich beeilt, der einflußreichen Frau ſeine Aufwartung zu machen, und ſogleich hatte der allzeit lächelnde Jüngling mit den ſtets geſenkten Augen ihre Gunſt gewonnen. Er war zu ſeinem ſtereotypen Lächeln auch auf eine Weiſe ge— kommen, die ihn nur empfehlen konnte. Mit geringen Geiſtesgaben ausge⸗ ſtattet, keiner Idee fähig, hatte er ſich mittelmäßige Kenntniſſe als breiten, ſeichten Gedächtnißſchatz, durch langen Fleiß erworben und war mit ihnen, ganz wider ſein Erwarten, ſehr glücklich durch's Examen gekommen. Als ihm die geſtrengen Examinatoren dies günſtige Reſultat ſeiner unter ſchwe⸗ rer Angſt präſtirten Prüfung in feierlicher Sitzung eröffneten, klang ein Ach der Selbſtbewunderung durch ſein entzücktes Herz und verbreitete ſich ein lächelnder Freudenſtrahl über ſein Vollmondgeſicht, den er als erbauliches Empfehlungsmittel ſeiner Talente, Verdienſte und Tugenden beizubehalten ſich entſchloß, denn auch ſein Herz lächelte. Holdſelig lächelnd verließ er den Sitzungsſaal des Conſiſtoriums, holdſeliger lächelnd trat er in Gutach ſein Vikariat an, holdſeligſt lächelnd präſentirte er ſich der Frau Stadtſchreibe⸗ rin. Und ach, auch um ihre Mundwinkel pflegte ſich ja das endloſe Lächeln ſtillen Selbſtlobes zu verbreiten, deſſen ſanfter Widerſchein ihr nun aus des Vikars Angeſicht entgegendämmerte. Weil aber der Spiegel der Frauen liebſter Hausfreund iſt und ſich im Vikar ihre Anmuth und Würde ſpiegelte ſo wurde er ihr liebſter Hausfreund. Seit ſie zudem wahrnahm, daß er ſeine Nachmittage zu Hausbeſuchen bei Hohen und Niedrigen verwendete, wurde er ihr unentbehrlich; denn ſie wollte das geſellige Leben des Städtchens als eine umſichtige Gebieterin leiten, deſſen Mittelpunkt ihr wohlhabendes, gaſt⸗ liches Haus war. Und ſo ſpürte denn ihr Vertrauter alle Skandale und Zwiſtigkeiten der Familien auf und hinterbrachte ſie der Gönnerin zu weite⸗ rer Verfügung, jedenfalls als ergiebigſten Stoff ihres Kaffee's und Thee's, deren Sonne ſie war und deren Trabant das lächelnde Mondgeſicht des Vi⸗ kars wurde. Waldburg war ein kluges, anſtelliges Kind, das ſich trefflich in des Hauſes Sitte zu finden wußte, die Huldigungen der beiden Favoriten ſich gefallen ließ, indem ſie liſtig bedachte:„bin ich gegen den Subſtituten freund⸗ lich, ſo iſt's der Herr Pfleger gegen mich, und erweiſe ich mich dem Vikar ge⸗ neigt, ſo gewinne ich die Huld der Gebieterin. Das kann mir vorerſt genü⸗ 206 Der Stadtſchreiber von Hornberg. gen, da ich doch weiß, was ich am Ende zu thun haben werde. Mögen ſie an mir nach Vermögen bilden und zieren, ich bleib' doch die Gutacher Bauern⸗ burgel mit dem Hannes im Herzen und mit dem ſtillen Hohn gegen die Her⸗ renleute, gegen die ja jede Bauernſeele eine natürliche, nicht angelernte Anti⸗ pathie hat. Sie meinen ja doch, es ſei mir bei ihren Flattuſen zu Muth wie meinen Gänslein, wenn ich ihnen Schlick, Schlick und Wuſa rufe. Daneben lern' ich etwas, wenn ich die Huldigungen der beiden Herren mit den Auf— merkſamkeiten des Bachhannes vergleiche, der mir jedenfalls zuletzt Juhe ſchreit.“ Hader und Neid konnten bei ihrem Benehmen nicht ausbleiben. Die Stadtſchreiberin eröffnete den Feldzug, ihren Gemahl angreifend:„die Be⸗ günſtigung deines Subſtituten wirft kein günſtiges Licht auf deinen Charak⸗ ter und reißt dich in eine Sünde hin, ſobald du des Mädchens unerfahrenes Herz dieſem Menſchen bloßſtellſt. Der Zechbruder wird ſie roh behandeln, der Reiter und Jagdfreund wird durch ſeine noblen Paſſionen ihr Vermögen herunterbringen, ſeine Schreibersarroganz wird ſich an die Stelle der auch ihm fehlenden Bildung ſetzen und das ſchlichte Dorfkind erniedrigen. Das kannſt du nicht verantworten wollen, lieber Mann.“—„Gib dich zufrieden, theure Gebieterin, laß ich ja doch den Bleimer ſein Glück allein verſuchen, ohne nur ein gutes Wörtchen für ihn bei dem Mädchen einzulegen, und was ſollte auch bas? Mißfällt er ihr, ſo ſchlägt ſie ihn ungeachtet alles Zuſpruchs aus, und gefällt er ihr, ſo nimmt ſie ihn trotz allem Widerſpruch von unſerer Seite. Sie wird ſelbſtändig wählen, ſo weit kenn' ich ſie. Was haſt du denn aber wider Bleimer, den guten Geſellen? Er trinkt gern ſein Glas in heite⸗ rer Geſellſchaft, reitet lieber auf ſeinem Braunen, als auf ſeinen Stiefeln, und ſtärkt ſich zuweilen durch einen Jagdexcurs. Dazu mag ihm das Ver⸗ mögen ſeiner Gemahlin Succurs liefern, die er in ſeiner Gutmüthigkeit ehren und in ſeiner Jovialität erheitern wird. Das iſt es auch gar nicht, was dich gegen ihn aufbringt, ſind ja ſeine Qualitäten auch die meinigen, und duldeſt du ſie an mir doch in Gnaden, gehſt mit mir in Geſellſchaft, läſſeſt dich von mir ſpazieren fahren und dir durch mich zuweilen einen Auer= hahn oder Haſen in die Küche jagen. Gönne einem Andern, was du mir gönnſt. Aber der girrende Lachtauber hat dein Herz beſchlichen, und ihm willſt du das Mädchen kapern, weil du zu rechtſchaffen und zu alt biſt, um ihn ſelber einzufangen. Wollte ſie ihn ohne deine Beihülfe, ſo ließe ich es mir gefallen. Du ſollteſt nichts für ihn thun, wie ich nichts für meinen Blei⸗ mer thue, das wäre der Weg zu unſerem Frieden.“—„Darauf reich' ich dir Von Walderich von Sanct Trutbert. 207 die Hand, lieber Mann,“ erwiderte die Stadtſchreiberin mit dem heimlichen Vorbehalt, ihren Willen dennoch durchzuſetzen. Der Gatten Hader war geſchlichtet, unverſöhnlicher brach er zwiſchen den beiden Freiern aus. Der Subſtitut, in gebildeter Geſellſchaft linkiſcher als der biegſame Vikar, nahm ſeine Zuflucht zur Feder und couvertirte an ſeine Angebetete ein Schreiben folgenden Inhalts:„Liebwertheſte Jungfer Waldburga Kuglerin! Das neue Rechnungsjahr läſſet ſich anheute mit dem dreiundzwanzigſten Aprili ſäuberlich und gut an und vermahnet Endesunter⸗ zeichneten, auch in ſeinen Privatangelegenheiten ſeine Rechnungen richtig zu ſtellen. Dieſelben ſtehen aber derzeit auf Null, wasmaßen mir bis dato das Glück verſagt iſt, in den Hafen des ehelichen Standes einzulaufen. Somit geht meine Rechnung für das neue Rechnungsjahr auf den Eheſtand los, und weil zu dieſem zwei Perſonen, ein Mann und ein Frauenzimmer, erfor⸗ derlich und Sie zu letzteren gehören, ſo ſehe ich mich veranlaßt, Ihnen einen wohl und ſorgfältig berechneten Heirathsantrag zu machen, den Sie, wenn Sie ihn gleichermaßen in Ueberlegung ziehen, acceptabel finden dürften. Mich ſelbſt zu prädiciren, iſt wider alle Geſchäftsordnung; ich erſuche daher, mein Teſtimonium bei meinem Herrn Prinzipali geneigteſt einzuholen, wozu Sie durch Vorweiſung des Gegenwärtigen bevollmächtigt ſind. Nur gegen böswillige Calumnien erlaube ich mir, mehr um Ihrer Ruhe, als um mei⸗ ner Reputation willen, mich gegen Sie auszuſprechen. Es iſt nämlich noto⸗ riſch und daher auch zweifelsohne vor Ihre Ohren gekommen, welche deſpek— tirliche Urtheile wider mich ſich der Vikarius Anſelm aus Gutach herausnimmt. Von der Lügenhaftigkeit derſelben werden Sie ſich überzeugen, ſobald Sie mein bei Herrn Prinzipali eingeholtes Teſtimonium von meiner Ehrenhaf⸗ tigteit überzeugt haben wird. Bemeldten Vikarium betreffend, ſo iſt Ihnen das keineswegs voluminöſe Urtheil des Publikums über ihn vielleicht noch verborgen, da es Ihnen muthmaßlich durch die Frau Prinzipalin vorenthal⸗ ten wird, bei der dieſer Menſch ſehr in Gnaden ſteht. Ich halte mich daher für verpflichtet, Ihnen Folgendes mitzutheilen, das ich gerichtlich beweiſen kann. Vikarius iſt ein Obſcurante voll gemeiner Habſucht, der täglich nur diejenigen Häuſer beſucht, welche ihm den Magen oder die Taſchen füllen, ſo daß die Hunde ihm nachlaufen und nach den Würſten, Speck⸗ und Käſe⸗ ſchnitzeln ſchnuffeln, die er in beiden Hintertaſchen ſeines Frackrocks mit nach Hauſe trägt. Auch muß er noch zehn Jahre warten, ehe er bei ſeinen gerin⸗ gen Teſtimonii's eine Pfarre erhält, die ihn aus der Armuth in die Dürftig⸗ keit befördert. Wollen Sie ihm zehn Jahre lang die Taſchen füllen, darüber 208 Der Stadtſchreiber von Hornberg. alterthümlich werden um endlich ihn noch aus Barmherzigkeit zu heirathen, ſo ſteht das Ihnen frei. Eine Perſon von Ihren Anſprüchen hat das aber gar nicht nothwendig. Was mich betrifft, ſo bin ich jede Stunde heiraths⸗ fähig und ſtandesgemäß ausgerüſtet. Um Antwort wird gebeten von dero gehorſamem Diener Amtsſubſtitut Bleimer.“ Lachend überlas Waldburg die Epiſtel, die ſie ſchnell in ein Buch ver⸗ barg, als man an ihre Thüre klopfte und der Vikar hereintrat, mit den Wor⸗ ten:„ich komme als Ihr geringer Diener und Verehrer, ermuthigt durch den Auftrag Ihrer Frau Pflegemutter, der nicht mehr länger verſchweigen kann, was er in Folge höherer Eingebung für Sie empfindet. Denn dieſe Eingebung ſagt mir, ich ſei berufen, Sie mit treuer Gattenhand durch dieſes Jammerthal in die Wohnungen des Friedens zu führen. Oh, daß Sie ſich entſchließen möchten, mein ſo redliches Geſtändniß mit einem entſprechenden zu erwidern und ſich dadurch aus Schlingen retten zu laſſen, die Ihnen gott⸗ loſe Menſchen legten.“—„Welche Menſchen, Herr Vikar? Sie erſchrecken mich!“—„Mit Abſcheu nenne ich den Namen des Subſtituten Bleimer, des Trinkers, Spielers, Verſchwenders, des Mannes ohne Chriſtenthum.“ Bleimer hatte, nachdem ſein Brief befördert war, das Herz zuſammen⸗ genommen und wollte ſich die Antwort ſelber holen. Durch einen tüchtigen Trunk aufgefriſcht, betrat er unbemerkt den oberen Gang der Stadtſchreiberei, vernahm dort des Vikars ſalbungsvollen Vortrag und legte lauſchend das Ohr an das Schlüſſelloch. Zornſprühend vernimmt er ſein Lob, gekränktes Ehrgefühl, Wein und Eiferſucht bringen ihn um die Beſonnenheit, er ſtürzt herein und auf Anſelm los. Angſtvoll umklammert dieſer die Jungfrau und ruft:„Retten Sie mich von dieſem Wütherich!“ Bleimer, durch dieſen neuen Ehrentitel ganz in Wuth verſetzt, ſchlägt nach dem Erſteren, aber unglücklicherweiſe trifft ſeine Hand das Haupt Waldburg's, die laut über die unerhörte Mißhandlung aufſchreit, den ſummenden Kopf zwiſchen beide Hände nimmt und davonläuft. Schnaubend ſteht Bleimer dem Feinde gegen⸗ über, der in Todesangſt jammervoll um Hülfe ruft. Des Hauſes Gebieter eilen herbei mit der weinenden Mündel, der Stadtſchreiber reißt ſeinen Sub⸗ ſtituten zurück, der ſchon die Hand an Anſelm's Kehle gelegt, und herrſcht ihn an:„Herr, Sie verlaſſen ſogleich mein Haus und in vier Wochen meine Dienſte!“—„Oh, Herr Prinzipal, welch' Mißverſtändniß und welch' Miß⸗ geſchick! Ich traf die Unrechte, dem da hat's gegolten!“—„Herr, Sie ſind zen, Von Walderich von Sanct Trutbert. 209 von Sinnen, faſt kein Menſch mehr, gehen Sie!“—„Oh ich Thor aller Thoren,“ jammert der ernüchterte Bleimer und poltert davon. Die Prinzipalin aber ſpricht:„Das ſind die Früchte deines unbeſon— nenen Vertrauens, lieber Mann, das du an dieſen Nichtswürdigen ſo lange weggeworfen!“— Der Vikar aber meinte:„Sie unſchuldiges Lamm, das für mich den Streich empfing! Ich bitte Sie demüthig, geben Sie mir gü⸗ tigſt eine Ohrfeige, denn mein iſt ſie und gehört mir zu. Entziehen Sie mir aber Ihre Gunſt nicht und vergeſſen Sie nicht, um was ich bat.“— Statt des Verlangten händigt ſie ihm Bleimer's Liebesepiſtel ein, die auf ihn die⸗ ſelbe Wirkung üben konnte, wie das von ihm Erbetene. Er aber hatte als feiner Pſycholog gehofft, eine Ohrfeige aus der Geliebten Hand ſei in dieſer Situation die deutlichſte Erklärung ihrer Gegenliebe, der Beweis ihres nicht mehr getheilten Herzens. Aber auch ohne dieſes Zeichen erhob ſich ſeine Hoffnung, als er ver⸗ nahm, wie ſeine Angebetete zu der Stadtſchreiberin ſprach:„Geſtatten Sie mir, mich morgen zu meiner Großmutter nach Gutach zu begeben. Sie iſt meine müt⸗ terliche, meinenächſte Verwandte, ihrer Einwilligung zu einer Heirath bedarf ich vor jeder anderen.“— Beifallächelnd gab ihr die Stadtſchreiberin die Erlaubniß. Tief gerührt eilte der Vikar auf ſie zu und erfaßte ihre Rechte:„So wird ſie denn mein, dieſe liebe Hand!“— Waldburg entzog ſie ihm und wendete ſich an den Stadtſchreiber:„Herr Pflegevater, geſtatten Sie mir eine Unter⸗ redung mit Ihnen allein, ehe ich zu der Großmutter gehe.“—„Sogleich!“ erwiderte er, und Anſelm's Herz jauchzte:„Das iſt wegen der Ausfolge ihres Vermögens, oh ich reichgeſegneter Bräutigam!— Frau Stadtſchrei⸗ berin, wir wollen dieſe Unterredung nicht verzögern, geſtatten Sie mir, Sie in Ihr Beſuchzimmer zu begleiten.“—„Ich danke dem Herrn Vikar für dieſe Aufmerkſamkeit,“ ſpricht Waldburg,„und werde mich übermorgen früh ſelbſt mit noch jemand im Pfarrhauſe zu Gutach einfinden.“— „Oh ich dreifach Geſegneter,“ jubelt der Vikar in ſich hinein;„ſie wird mit ihrer Großmutter kommen und alles in's Reine bringen!“ Und zu Waldburg redet er:„Darf ich Sie denn nicht zuvor allein hier ſprechen? Was mein Herz erfüllt, das taugt ja nur allein für Sie!“—„Laſſen Sie das inzwiſchen gut ſein, lieber Herr, die Großmutter wird entſcheiden, und was die entſchied, erfahren Sie ja übermorgen.“—„Ich werde eine chriſt⸗ liche Ehefrau heimführen!“—„Die wünſch' ich Ihnen jedenfalls, Herr Vikar, adieu bis morgen.“— Beſeligt bot er der Stadtſchreiberin den Arm Hausblätter. 4867. Iv. Bd. 14 — ———— — 210 Der Stadtſchrelber von Hornberg. und geleitete ſie hinaus.— Bald kommt der Stadtſchreiber ihnen nach und reibt die Hände:„es iſt alles im reinen, und Sponſus hat ſich auf ein Beibringen von 80,000 Gulden zu freuen.“—„Sie Glücklicher,“ bricht die Gemahlin aus,„aber Sie verdienen Ihr Glück.“—„Und dank' es Ihnen!“ ſtammelt der Wonneberauſchte,„und Ihnen mit, verehrter Herr Stadt⸗ ſchreiber!“—„Daß ich nicht wüßte!“ lacht dieſer und geht auf ſeine Schreibſtube. Am folgenden Abend kommt Waldburg zur Großmutter, einer achtzig⸗ jährigen Frau mit ſchneeweißen Haaren. Blind, aber heiter ſitzt ſie im luf⸗ tigen Hinterſtübchen ihres älteſten Sohnes und horcht freudig auf, da ſie der Enkelin Stimme hört.„So? Das Burgele hat doch die alte Ahne nicht vergeſſen? Das iſt recht. Gelt, du biſt jetzt ein Jahr in Hornberg?“ —„Ei, Großele, wo denkſt du hin? Drei Monate ſind's, und hab' übrig genug daran.“—„Oh, ich mein', ich hab' dich zehn Jahre entbehren müſſen. Sitz' her und erzähl', Was hat das Maidli denn lernen dürfen?“—„Ach Ahne, hab' allerhand angefangen und iſt mir alles gleich wieder verleidet, denn was thät' ich mit? Dacht' alleweil nur an Gutach.“—„Das wußt'ich wohl, da gehörſt du hin. Iſt aber doch gut, daß du in der Stadt geweſen bei den Herrenleuten; hätteſt es dir ganz anders vorgeſtellt als es iſt, und wäreſt das Gelüſten dennoch nicht los worden. Nun merkſt du, daß es für dich doch am beſten iſt in Gutach.“—„Ja, das merk' ich.“—„Burgele, lüg' mich nicht an; du begingeſt an mir eine doppelte Sünde, denn ich ſeh' nichts mehr. Haſt du in Hornberg keinem gefallen?“—„Doch, ſogar Zweien, aber mir hat keiner gefallen.“—„Warum denn nicht und biſt ein Maidli?“—„Der Eine hat mir eine Ohrfeig' gegeben, und der Andere hat verlangt, ich ſoll ihm eine geben.“—„Entweder treibſt du Poſſen mit mir nach deiner Gewohnheit, du Kindskopf, oder ſind die Stadtleut, närriſch zworden.“—„Das iſt beides nicht ſo, Ahne, aber ſo viel weiß ich, ich kann keinen Mann brauchen, der mich ſchlägt, und noch viel weniger Einen, den ich ſchlagen muß.“—„Burgele, es gibt auch andere, und ich laß' dir einen holen. Ruf den Ochſenbuben.“—„Warum?“—„Daß er zum Bachhans in den Löwen lauf' und ihm einen Gruß von dir ausricht't.“—„Groß⸗ mutter, warum?“—„Lüg' mich nicht an in deiner Bosheit! Wenn ich nicht ſtockblind wär', ſo ſäh' ich, wie du jetzt ſo ſcharlachroth wirſt, wie des Hanſen Bruſttuch. Ruf' alſo den Ochſenbuben!“—„Großele, das iſt un⸗ nöthig.“—„Hab mir's eingebildet, ihr werdet ohne den Ochſenbuben wiſſen, Von Walderich von Sanct Trutbert. 211 wo ihr einander antreffet.“—„B'hüt Gott, Ahne,“ ſprach Waldburg ſchnip⸗ piſch und lief davon. Sie lief hinter das Haus in den Garten, der mit ſeiner Hinterthüre an die Gutach und ihren Steg ſtieß. Die Sterne waren aufgegangen und funkelten um die Berge her, im Garten ſtanden die Kirſchenbäume in voller Blüthe, und außer dem Bach war alles ſtill. Waldburg ſah ſich um, huſtete und rief endlich, da das vergebens war, ihrem Hannes. Aber alles blieb ſtumm, nichts regte ſich außer dem Bach.—„Er hat drei Monate auf mich warten müſſen, ſo kann ich ja wohl eine Weile auf ihn warten. Vorbeilaufen hat er mich am Löwen geſehen, denn als ich zwanzig Schritte dort vorbei war, drehte ich mich um und ſah, wie er den Kopf aus dem Fenſter ſtreckte; und wo er mich nachts antrifft, weiß er ſchon lang'. S'iſt aber doch nicht recht, daß er mich warten läßt.“— Unruhig ſpaziert ſie auf und ab, bis der Voll⸗ mond hinter dem Berge aufſteigt: da ſieht ſie den Hänſel, der hoch oben auf dem Kirſchenbaume ſitzt und raucht.—„Ei, Hänſel, ich bin ſchon lange da!“ —„Und ich noch viel länger.“—„So geh' her!“—„Muß zuvor meine Pfeif' ausrauchen, weil du das Rauchen nicht leiden kannſt.“—„So? Zu⸗ erſt deine Pfeif', dann ich? Laß mir's gefallen. Kommſt jetzt?“—„Es kommt vielleicht noch einer.“—„Hänſel, wer?“—„Ei, der Vikar.“— „Um's Himmelswillen, was weißt du?“— „Will dir's erzählen, Burgel. Sitz' da geſtern abermals hinter dem Syringenhag in meinem Baumgarten an der Landſtraß' und ſchau' meinen Immen zu. Kommt der Vikar die Straße herab und grüßt die alte Schmie⸗ din, die unter ihrem Hauſe mir gegenüber ſteht.— Sagt die Schmiedin: „Guten Abend, Herr Vikar, in Hornberg geweſen?“—„Ja wohl, theure Schweſter,“ antwortet er,„in dem geſegneten Hornberg.“—„Wie ſteht's mit der Waldburg, Herr Vikar?“—„Preiſet den Herrn,“ ruft er aus und glänzt wie der Vollmond dort,„ſie wird mein und wird mir übermorgen im Pfarrhauſe ſelbſt das Jawort bringen mit noch Jemand!“— Hat dann ein Breites erzählt, von einer Ohrfeig', die du bekommen haſt, was dir ganz nach Recht geſchah, wie ich mein', und von ſeiner großen Barmherzigkeit gegen dich und deinen Reichthum, und von deiner Frömmigkeit und Sanftmuth, von denen ich bisher nichts vermerkt.“—„Hänſel, bleib' auf dem Baum, bis du alles erfahren haſt.“— Wer aber nicht auf dem Baume blieb, das war der Hannes; mit einem Satz war er auf dem Boden, mit einem Griff hatte er die Burgel auf den 14* 212 Der Stadtſchreiber von Hornberg. Armen und ſprang mit ihr auf den Steg, der hinter dem Garten über die Gutach führt. Dort ſetzte er ſie ſcherzend auf das ſchwankende Geländer nieder, hielt ſie mit beiden Händen feſt und rief lachend:„Einen von uns beiden führſt du an, und wen?“—„Den Vikar, und wenn du's nicht glaubſt, ſo laß mich in's Waſſer fallen.“—„Ich glaub's und hab' dich um ſo lieber. Hätt' ſchon lange gern dem eine Naſe gedreht; läuft an unſer Einem mit einem Geſicht vorbei, auf dem ein ſchadenfrohes Lachen über ſeine Mit⸗ menſchen ſteht.“— Arm in Arm ſpazieren ſie durch den Garten, und un⸗ erſchöpflich ergießt ſich Waldburg's beredte Erzählung über das, was ſie in Hornberg erlebt und angeſtellt. Am Morgen des Sonnabends kommt Waldburg, ihr Verſprechen hal⸗ tend, in das Gutacher Pfarrhaus, nicht mehr im ſtädtiſchen Gewand, ſon⸗ dern in ihrer kleidſamen ſchwarzen Volkstracht mit dem breitkrämpigen weißen Strohhut, den fauſtgroße rothe Wollbukeln ſchmücken. Vor ihr her geht der Bachhannes im Sonntagsrock, mit einem hohen Strauß auf dem Hute und einem Rosmarinſtengel im Knopfloch. Sie treten in die Wohn⸗ ſtube ein, in welcher der alte Paſtor mit ſeinem Vikar noch am Kaffee ſitzt, und melden ſich als Brautpaar an, das um das kirchliche Aufgebot bittet. Erblaßt fährt der Vikar auf:„Waldburg, Waldburg, was haben Sie vor⸗ geſtern verſprochen?“—„Ihnen gar nichts, und dem da verſprach ich alles.“ — Der Vikar rennt ſeufzend und polternd die große, getäfelte Stube auf und ab, und der halbtaube Pfarrer bittet ſich von den Brautleuten nähere Erklärung dieſes eigenthümlichen Auftritts aus. Der Bachhannes aber er⸗ widert:„Das wird bald geſchehen ſein. Die Burgel und ich haben einander gern von Kindheit an. Da hat ſie in die Stadt gemußt und verſprach mir beim Abſchied:„dich nehme ich und keinen anderen.“ Ein Vierteljahr hab' ich ſie nicht geſehen, und das war lang. Aber geſtern hab' ich ſie wieder an⸗ getroffen und mich vor ihrer Ahne und ihrem Ohm mit ihr verlobt. Was ſie in der Stadt mit den Mannsleuten gehabt, weiß Euer Vikar am beſten und ſoll es Euch jetzt ſagen, wenn er das Herz dazu hat.“— Der Vikar be⸗ hauptet, nichts von Belang zu wiſſen, aber durch Waldburg's Heimtücke auf falſche Fährte geführt worden zu ſein, und geht ſchleunig aus der Stube. Dem Pfarrer war noch nicht genug gethan, er that den Ausſpruch: „ehe ich die Sponſalien vollziehe, muß mir die Genehmigung deines Herrn Pflegers, des Stadtſchreibers, vorliegen.“—„Ei, Herr Pfarrer, der könnt' ſelber ſchon da ſein, denn er hat mir verſprochen, mich bei Euch zu erwarten. 2 Von Walderich von Sanct Trutbert. 213 Sehet, da fährt er eben heran, und um's Himmelswillen, Hannes, da kommt der Subſtitut mit, den ich erſchrecklich fürchte, du weißeſt wohl warum!“— Beide treten ein. Der Stadtſchreiber bringt neben den erforderlichen Urkunden ſeinen Glückwunſch dar, der Hannes aber macht ſich an den Sub⸗ ſtituten mit dem Anerbieten:„wenn Er vermißt, was Er meiner Braut verehrt hat, ſo kann Er's augenblicklich wieder haben.“ Er holte, während er ſprach, mit dem rechten Arm aus.—„Ich vermiſſe gar nichts, liebſter Herr Löwenwirth! Wenn Sie gelegentlich Eine in Ihrer Fauſt übrig haben, ſo laſſen Sie die dem Vikar zukommen; mir aber verſchaffen Sie die Ver⸗ zeihung Ihrer Braut, denn nur unter dieſer Bedingung behält mich der Herr Prinzipal in ſeinen Dienſten und läßt mich Ihre Zubringensinventar fer⸗ tigen.“— Waldburg wendet ſich heiter zu ihm:„meine Verzeihung haben Sie, und Ihren Brief an mich hat der Vikar, bei dem Sie ihn wieder holen können.“—„Ei, hätt' ich das gewußt,“ fährt Bleimer auf,„ſoeben iſt uns der Vikar auf dem Wege nach Hornberg begegnet, ohne an den Hut zu langen, und mit einem Geſicht, das ausſah, als wollt' es lebenslang nicht mehr lä⸗ cheln.“—„Meine Frau,“ meinte der Stadtſchreiber,„wird an ihm zu tröſten haben, bis ſie eine Jungfrau für ihn zu finden weiß. Den Bleimer aber rekommandire ich Euch zum Brautführer.“— Und dieſer ſprach:„em⸗ pfangen Sie denn auch meine Gratulation, liebwertheſte Jungfer Wald⸗ burga Kuglerin, und hoffen Sie mit mir, daß ich vielleicht doch im nächſten Rechnungsjahre meine Privatrechnung auf etwas bringen kann.“ V 1 b ——— Der Talisman. Von C. Eſcher. „Was für einen kurioſen Ring haſt du an deinem Finger?“ ſagte ich zu meinem Freund Gerald Marſton, als wir einige Wochen nach ſeiner Ver⸗ heirathung gemüthlich in ſeinem Rauchſtübchen beiſammen ſaßen;„er ſcheint ein Alterthum zu ſein.“—„Sollte mich wundern, wenn es ſo wäre,“ ver⸗ ſetzte er, indem er den Ring abnahm und mir hinbot.„Haſt du ihn noch nie näher betrachtet?“— Er ſah jedenfalls ſehr alt aus— ein Amethyſt mit ſchwerer Goldfaſſung, darauf eingravirt eine Sphynx mit einem Menſchen unter ihren Krallen und einige andere egyptiſche Embleme. Der Stein war ſehr abgerieben und der Reif ſelbſt ziemlich verbogen.—„Was haben dieſe Symbole zu bedeuten?“ fragte ich.—„Die Sphynx bedeutet den Kö⸗ nig und der Menſch einen Feind, den er nach Königsart mit Füßen tritt. Die übrigen Embleme wollen beſagen:„Gott iſt gut, der Herr der Welt.“ —„Wie biſt du dazu gekommen? Stammt der Ring von dem Finger einer Pharaonmumie?“—„Nicht gerade. Es iſt eine etwas lange Geſchichte, aber wenn du Luſt haſt, ſie zu hören, ſo mag Scipio die Gläſer wieder füllen.“ Er rief Scipio, einen handfeſten Neger, der im Haus als Majordomus functionirte, und trug ihm auf, eine friſche Flaſche zu bringen.—„Ich will meinem Freund da erzählen, wie ich zu dem Ring kam,“ ſagte Marſton,„und wie du mit Meiſter Urian Bekanntſchaft machteſt.“—„Ja, Maſſa, ich mein' damals, ich ſeh der Deibel ſelber. Das eine ſehr gute Geſchicht, Maſſa. Wenn mir Maſſa erlaub, zu bleib, ſo ich vielleicht kann nachhelf ſeine Ge⸗ dächtniß.“— Ich unterſtützte dieſe Bitte, und der Schwarze nahm, von einem Ohr bis zum anderen grinſend, in einer Ecke des. Zimmers Platz. Von C. Eſcher. 215 „Du weißt,“ begann mein Freund,„daß ich nach Egypten ging, um dort mein Glück zu verſuchen, weil ich gefunden, daß es in England mehr Ingenieure gab, als einträgliche Beſchäftigung; auch iſt dir bekannt, daß ich ſchon damals mit deiner Couſine Kate verſprochen war. Es ging mir nicht übel, und nach zwei Monaten wurde mir für die Herſtellung von Bewäſſe⸗ rungswerken die Direktion übertragen. Mein Auftraggeber war ein alter Türke, der ſich im Dienſt der Regierung einiges Geld gemacht hatte und es nun durch Agriculturunternehmungen zu vermehren wünſchte. Es forderte einige Zeit und Mühe, die Maſchinerie, die von England beigeſchafft wor⸗ den, ſo in Stand zu ſetzen, daß wir die Operationen beginnen konnten, und ich muß dem Scipio Africanus, wie wir ihn tauften, das Zeugniß geben, daß er mir dabei ſehr gut zu ſtatten kam. Die Egypter wiſſen nämlich nicht, was Arbeit iſt, und leiſten nicht in einer Woche, was ein in der engliſchen Marine erzogener Menſch in einem einzigen Tage zu Stand bringt. Der Eigenthümer überließ alles mir, und was die Arbeit betraf, ſo war ich hauptſächlich auf Scipio angewieſen.“—„Das wahr, Maſſa. Scipio be⸗ ſorg die Arbeit und mach denen ſchwarze Kerls Händ und Füß.“ Und Scipio kicherte in ſeiner Ecke.—„Ja, er brachte ſo eine Art Tagwerk aus ihnen heraus, bald durch Zuſpruch, bald durch handgreiflichere Mittel. Wir hät⸗ ten ſchon ein paar Jahre gegraben, um das Waſſer nach unſerer Maſchinerie hinzuleiten, als eines Tags der alte Türke kam, um von dem Fortſchritt der Arbeiten Augenſchein zu nehmen, und mir bei dieſer Gelegenheit ſagte, daß er im Begriff ſei, eine Luſtfahrt auf dem Meer(natürlich dem rothen) zu machen. Ich drückte gegen ihn den Wunſch aus, mich ihm anzuſchließen. Dies war ihm nicht unangenehm, und ſo wurde denn das Abfinden getrof⸗ fen, daß die Arbeiter einige Tage feiern ſollten, da wir nur auf dieſe Weiſe Zeit gewannen, etwas für unſere Erholung zu thun. Wir benützten bis Suez die Eiſenbahn und nahmen von dort aus für unſere Waſſerexcurſion ein Boot. Du haſt natürlich noch nie eine Fahrt auf dem rothen Meer ge⸗ macht; aber ich kann dir verſichern, daß es nicht das unangenehmſte Gefühl iſt, auf den Wellen dieſer See hinzugleiten. Stellenweiſe iſt das Waſſer ſo klar, daß man bei ſechs oder acht Faden Tiefe jedes Steinchen auf dem Grund deutlich unterſcheiden kann; dabei ſieht es köſtlich kühl und einladend aus. Wir ſegelten zwei Tage umher und kehrten am Abend des anderen Tages wieder nach Suez zurück. Hier fügte ſich's nun unglücklicherweiſe, daß durch eine Ungeſchicklichkeit der Schiffer das Boot umſchlug; doch kamen wir dabei nicht weiter zu Schaden, als daß wir bis auf die Haut durchnäßt 216 Der Talisman. wurden.— Wir gratulirten uns wechſelſeitig, daß die Sache ſo glücklich ab⸗ gelaufen war, und fluchten auf die Tölpel von Bootsleuten, als auf einmal der alte Türke mit der Miene der Verzweiflung ausrief:„Allah iſt groß; aber ich habe es verloren. Allah iſt groß!“—„Was verloren?“ fragte ich. —„Meinen Talisman, meinen Schatz— den Ring und die Kette.“— Ich machte bald ausfindig, daß der alte Mann eine ſchwere goldene Kette mit einem daran Lejeſtidien eiſernen Ring verloren hatte, welchem er fabelhafte Kräfte zutraute. Der Ring war ſchon im Beſitz ſeines Großvaters und ſei⸗ nes Vaters geweſen; jetzt aber ſei es vorbei mit ſeinem Glück, ſagte er, und Unglück aller Art werde ſich fortan an ſeine Ferſen heften. Ich vermochte kaum mich des Lachens zu erwehren über ſo viel Weſens über ein Stück alten Eiſens, fand aber ſchon nach ein paar Tagen, daß die Sache nicht zum Lachen war. Wir kehrten wieder zu unſerem Geſchäft zurück; allein von Stund' an ſchien der alte Kerl völlig verrückt zu ſein, indem er unabläſſig in ſeiner ruhigen Weiſe die Schiffer verwünſchte, ſeinen Verluſt bejammerte und„Allah iſt groß! Allah iſt gut!“ vor ſich hin murmelte.— „Der Verluſt wurde bekannt, und nun verweigerten die Fellah's aus der Umgegend die Arbeit. Vergeblich tröſtete ich den Türken; er hatte für ſtets dieſelbe Antwort, daß er verloren und Allah groß ſei. Ich wußte was ich anfangen ſollte. Die Arbeiten waren ihrem Ende nah; aber er nn keine Aufträge mehr, zahlte kein Geld aus, dachte an nichts als an ſeinen Verluſt und verhielt ſich vollkommen gleichgültig gegen alles übrige. Ich wartete von einem Tag auf den andern, bis ich meines Lebens über⸗ . ſſig war; denn ich brauchte das Geld, das ich nach Beendigung der Ar⸗ beit erhalten ſollte, um mich, ſobald ich wieder freie Hand hatte, bei einem äußerſt vortheilhaften Ingenieurunternehmen als Actionär und mitwirken⸗ der Techniker betheiligen zu können; auch zog mich noch ein anderer, dir wohlbekannter Grund nach der Heimat, denn ein dritthalbjähriges Warten iſt eine gar lange Zeit. Wie geſagt, ich wußte nicht, was ich anfangen ſollte; fort konnte ich nicht, aber auch nicht bleiben, wenn mein Mandant nicht eines anderen Sinnes wurde. Da kam eines Tages Scipio zu mir, um mit mir über die etwa einzuſchlagenden Schritte Rückſprache zu nehmen.—„Was geb mir Maſſa, wenn ich den Ring wieder herſchaff?“—„Was ich dir geben ſoll? Was du verlangſt.“—„Maſſa muß mir verſprech auf Ehr, daß er mich nehm heim,“ ſagte Scipio.—„Recht gerne.“—„Dann muß Maſſa mich nehm zu der alte Türk, und wenn der mir verſprech, daß er mir will ablaß die Mädel, die ihm Kaffee mach, ſo will ich hol das verhenkert alt a Von C. Eſcher. 21 Ding.“—„Es holen— wie?“—„Secipio tauch unter in der Waſſer.“ Beim Zeus, das iſt ein koſtbarer Gedanke, Scipio.“— Ich ging mit ihm nach dem Haus und ſetzte dem alten Mann unſeren Plan auseinander. Die⸗ ſer begann der Hoffnung Raum zu geben und verſprach uns die Hälfte ſei⸗ nes ganzen Beſitzthums.„Und die Mädel, die ihm Kaffee mach,“ ſagt Sci⸗ pio. Mädchen in beliebiger Zahl— alle, wenn er ſie wollte. So kamen wir überein. Wir verſahen uns mit ein paar Kamelen und ſchickten uns zu dem Ausflug an, den mitzumachen der alte Türke ſich nicht nehmen ließ.— An dem Platz angelangt, wo wir gelandet hatten, begann Seipio ſeine Arbeiten. Es lag in dem Plan, daß Scipio in einem Boot nach der Stelle hinausfah⸗ ren ſollte, wo das Unglück ſtattgefunden. Dort nahm er ein paar Steine in die Hand und tauchte unter. Das Waſſer mochte eine Tiefe von achtzehn Fußen haben; doch konnte man faſt bis auf den Grund ſehen. Wir lavirten mit dem Boote, und Secipio ſetzte ſeine Taucherverſuche fort, bis es dunkel zu werden begann. Ich glaube, er hat ſich wohl etlich und zwanzigmal auf den Grund niedergelaſſen“—„Ja, das ſo ſein, Maſſa,“ flocht Scipio ein; „an jene Tag mach dies Kind zweiundzwanzigmal Loch in der Waſſer.“— „Natürlich war es nach Einbruch der Dunkelheit nutzlos, in der Sache forth⸗ fahren; wir machten es uns daher für die Nacht bequem und gingen am ande⸗ ren Morgen wieder an das Werk. So, Scipio, das Uebrige magſt du erzählen.“ „Gut, Maſſa,“ ſagte Scipio, je nach ein paar Worten mir mit ſeinem Stuhle näher rückend,„ich geh nächſte Tag wieder auf die Grund und bei die zweite Tauch ich ſeh etwas glänz; aber ich ſeie zu viel ohne Athem, um zu ſeh, was es ſei; ſo laß ich fall die Stein und komm herauf und ſag:„Maſſa, ich drunten etwas ſah; halt Sie der Boot jaſt an dieſe Stell' und ich ſogleich wieder tauch. Diesmal ich ſuch aus zwei recht große Stein für ſchnellere Tauch, um zu gewinn Zeit für beſſere Umſchau, und diesmal ich komm ge⸗ rade darauf unten juſt neben eine ſchwarze Felsblock. Aber wie ich die Kett' will eben faß mit meine Zehen, Maſſa, da wandel ſich plötzlich um die ſchwarze Felsblock in der Deibel und ſperr auf ſeine Augen— ja, wahr⸗ haftig— ſo daß ich laß fall die Stein und ſchnurr herauf wie ein Raket, um zu komm wieder in der Boot. Bei Golly, Maſſa, ich nicht anders denk, als zu hab geſeh der Deibel, und er gar nicht ſchön anzuſeh in achtzehn Fuß tiefe Waſſer, und er peitſch mit ſeine Schwanz, und er treff mich, daß Blut nachlauf.“ „Er kam in's Boot geſtürzt,“ nahm jetzt mein Freund wieder auf,„ſo blaß, als es bei ſeiner Farbe möglich war. Aus einer Art Hiebwunde in ſei⸗ nem Schenkel ſtrömte Blut nieder und er rief:„Maſſa, ich ſah der Deibel; — 4 218 Der Talisman. ich nicht mehr geh hinab. Kein Wunder, daß der alte Gentlum will hab ſein Ring, wenn der Deibel ihn will hab auch.“ Ich ließ mir von ihm be⸗ ſchreiben, was er geſehen— nun ja, die Kette, aber daneben etwas, das näher zu bezeichnen er ſich außer Stand fühlte. Seiner Schilderung nach war es ein oben dunkelfarbiger, unten aber weißer Gegenſtand mit einer Art Rattenſchwanz und einem Stachel an deſſen Ende. Ich fragte ihn nach der Größe. So lang und ſo breit wie unſer Boot und der Schwanz zwei⸗ mal ſo lang als die Ruder. Ich erging mich in Muthmaßungen, was für ein Ungeheuer der Tiefe dies ſein möchte— jedenfalls kein ungefährliches, wie man aus Scipio's Schenkelwunde entnehmen konnte. Endlich erinnerte ich mich, in dem Bericht des Franzoſen Le Vaillant über ſeine zweite Reiſe in Afrika geleſen zu haben, daß ihm ein Fiſch, dreißig Fuß breit und fünf⸗ undzwanzig Fuß lang, aufgeſtoßen ſei. War es nicht möglich, daß unſere fragliche Beſtie von dieſem König der Plattfiſche abſtammte? Ich beſchlo die Sache ſelbſt zu unterſuchen, und kleidete mich zu dieſem Ende aus.“ „Ja, das Sie thun, Maſſa. Ich denk, ich ſeh nie eine kühnere Mann, als Maſſa an jene Tag. Ich ſag: Oh Maſſa, thun Sie nicht geh. Hol die eker der verwünſcht alte Ring und Kett! Sie nicht zu Deibel geh wegen ſolche Lumperei wie dies.“— „Ich ließ mich jedoch nicht zurückhalten, und nachdem der erſte unan⸗ genehme Eindruck, welchen man ſpürt, wenn man die Augen unter dem Waſſer öffnet, vorüber war, konnte ich deutl ich die Kette ſehen, daneben aber das häßlichſte Exemplar aus der Zunft der Fiſche, das mir je zu Geſicht ge— kommen. Eine kurze Weile ſchien es michgnicht zu bemerken; dann aber pfitzte es mit ſeinem langen Peitſchenſchwanz gegen mich aus. Ich ſah noch in guter Zeit die Bewegung an der Schwanzwurzel ihren Anfang nehmen, ließ hurtig meine Steine los und ſah mich im Nu wieder gegen die Ober⸗ fläche des Waſſers gehoben. Nachdem ich in das Boot geſtiegen war und mich angekleidet hatte, erwog ich bei mir, was in dieſem Fall anzufangen ſein dürfte. Da unten lag die Kette, an der alle meine Hoffnungen hingen, wurde aber von einem Drachen bewacht, der weit abſcheulicher war als der⸗ jenige, welcher die goldenen Aepfel der Heſperiden hütete. Endlich kam ich zu dem Entſchluß, daß die Beſtie getödtet werden müſſe, und traf demgemäß meine Einleitungen. Ich lud alle unſere Feuerwaffen ſo ſtark als es thun⸗ lich war— zwei ſchwere Büchſen nämlich, wie man ſie für die Nashornjagd braucht, mit doppelter Pulvermenge und zwei ſtarken eiſernen N tiethknöpfen, ferner vier Reiterpiſtolen faſt bis an die Mündung. Die Gewehre wurden Von C. Eſcher. 219 dermaßen vertheilt, daß ich die eine, Scipio die andere Büchſe nahm, wäh⸗ rend zwei von den Fellah's ſich je mit ein paar Piſtolen bewaffnen mußten; die anderen wies ich an, einen mächtigen Stein von etwa zwei Centnern Schwere nach dem Sternbord zu ſchaffen und das Boot im Gleichgewicht zu halten. Wir alle, die Ruderer ausgenommen, machten uns vorwärts gegen den Schnabel. Nun ließ ich ſämmtliche Geſchützmündungen etwa ſechs Zoll über dem Waſſerſpiegel ſenkrecht niederhalten und gab das Signal:„Fer⸗ tig? Feuer!“ Der Stein pflumpfte, die Kugeln ziſchten, und ſobald der Pul⸗ verdampf ſich etwas verzogen, verwandte ſich kein Auge mehr von dem Waſſer. „Bald hob ſich ein rother Fleck gegen die Oberfläche und verſchwamm in dem umgebenden Naß. Wir hatten alſo das Ungeheuer getroffen, das war gewiß. Noch eine Salve, diesmal ohne Stein. Wir luden.„Wieder fertig? Feuer!“ Nach einigen Minuten ſahen wir wieder drei Blutwellen geſondert in die Höhe ſteigen und wie zuvor an der Oberfläche ſich verwi— ſchen. Nachdem wir eine halbe Stunde zugewartet, forderte ich Scipio auf, wieder unterzutauchen. Er verweigerte es.“—„Ja, aber wie hab ich könn wiß, daß der Deibel todt ſei? Sie ſeh Maſſa, das nicht gewiß.“—„Wie dem ſei, er wollte nicht, und ſo wollte ich. Ich ließ mich in dem blaßroth ge⸗ färbten Waſſer nieder und erkannte ſchnell, daß der Drache, den wir ge⸗ fürchtet, todt war; aus den Wunden ſtiegen vier dünne Säulchen rother Flüſſigkeit in die Höhe, und der Schwanz, der ſchreckliche Schwanz, lag in regungsloſer Lähmung da. Es war mir nicht darum zu thun, dem Ungethüm allzunah zu kommen, und ich konnte die Kette nicht ſehen. Nachdem ich wie⸗ der aufgeſtiegen, ließen wir den Bootsanker, an deſſen Schaufeln wir ein paar ſtarke Haken befeſtigten, nieder, und begannen nach dem Fiſch zu dreg⸗ gen. Bald war er gefaßt. Wir ruderten nun dem Ufer zu und ſchleppten die Laſt nach. Als das Waſſer für das Boot zu ſeicht wurde, warfen wir das Ankertau an das Land und zogen, bis wir unſere Priſe am Ufer hatten — ein höchſt unheimlich ausſehendes Rieſenexemplar aus dem Geſchlecht der Rochen. Ein Freund, dem ich den Schwanz zeigte, erklärte es für ein Pracht⸗ ſtück von Raia myliobatis. Prachtſtück oder nicht, es war ein abſcheuliches Ungethüm, und ich wundere mich nicht, daß Scipio es für den leibhaftigen Teufel hielt; er zog übrigens aus Leibeskräften mit an dem Schwanz, der ihm einen ſo garſtigen Hieb verſetzt hatte. Nun aber packte ich ihn am Ohr und erklärte ihm, nun der Teufel kaput ſei, müſſe er wieder hinunter und die Kette holen. Das Boot fuhr abermals hinaus, und nach dem vierten Ver⸗ 220 Der Talisman. Von C. Eſcher. ſuch gelang es ihm wirklich, zwiſchen den Zehen die Kette herauszufiſchen.“ —„Das ſein ſo, Maſſa; dieſe Fuß da bring der Kett herauf.“—„Als der alte Türke ſeinen Ring und ſeine Kette wieder hatte, umarmte er mich, um⸗ armte Scipio, ſchwur bei dem Propheten, daß er unſer Sklave ſei für immer und benahm ſich überhaupt wie ein Beſeſſener. Wir traten nun jubelnd unſern Rückweg an. Von dieſem Tag an war der Alte wieder voll Regſam⸗ keit und Eifer, und noch vor Ablauf eines Monats hatten wir unſer Werk beendigt. Die Maſchinerie arbeitete vortrefflich, und in weniger als zehn Tagen konnte das Land unter Waſſer geſetzt werden. Scipio erhielt von dem Türken das gewünſchte Weib, deren Curry dir beim Diner ſo gut geſchmeckt hat, und mir wurde das Doppelte der bedungenen Summe ausbezahlt, ſo daß ich heimreiſen und die Maſchinenwerkſtätte gründen konnte, die du ge⸗ ſehen haſt.“ „Aber der Ring— dieſer Ring, Freundchen?“—„Ja ſo, dieſer Ring— den habe ich ganz vergeſſen. Wir zerlegten das Ungeheuer und fanden in deſſen Magen neben zerbrochenen Muſchelſchalen, Fiſchknochen und Sand dieſen Ring, den ich natürlich mir zueignete. Möglicherweiſe iſt's ein Ring von der Hand eines der Fürſten, welche bei Verfolgung des Volkes Israel durch das rothe Meer zu Grunde gingen, vielleicht der Ring des Tyrannen von Samos, Polykrates— was weiß ich? Wie er in den Magen des Rochen kam, kann ich ebenſo wenig ſagen, wie du; aber da war er, und jetzt iſt er an meinem Finger. Wenn es dir recht iſt, ſo können wir jetzt in das Speiſezimmer gehen und uns Kate's Kaffee belieben laſſen.“ nmer belnd ſam⸗ Aus Näh' und Fferne. Kurze Mittheilungen. 16. Gute Tehren. Unter der Regierung der erſten Kalifen lebte in Bagdad ein Kauf⸗ mann, der ebenſo reich als geizig war. Eines Tages kam er mit einem Laſt⸗ träger überein, daß ihm dieſer für eine Belohnung von zehn Paras einen Korb mit Porcellänvaſen nach Hauſe trage. Während ſie mit einander gin⸗ gen, ſagte der Kaufmann zu dem Laſtträger:„Mein Freund, du biſt jung und ich bin alt; du kannſt noch viel verdienen— darum bitte ich dich, laß einen Para ab von dem bedungenen Lohn.“—„Es kommt mir nicht darauf an,“ antwortete der gutmüthige junge Mann.— Die Nachgiebigkeit aber ſpornte den alten Geizhals, und er wiederholte auf dem Heimweg ſeine Bitte ſo oft, bis der Laſtträger, vor dem Haus des Kaufmanns angelangt, nur noch einen einzigen Para zu fordern hatte. Während ſie die Treppe hinauf⸗ ſtiegen, ſagte der Alte:„Wenn du auch auf dieſen Para vollends verzichteſt, ſo will ich dir dafür drei gute Lehren geben.“—„Das laſſe ich mir gefal⸗ len,“ entgegnete der Laſtträger.—„Wohlan denn,“ nahm der Kaufmann wieder das Wort,„wenn dir jemand ſagt, Faſten ſei beſſer als Eſſen, ſo glaube ihm nicht. Sagt dir jemand, die Armuth ſei beſſer als Reichthum, ſo glaube ihm nicht; und wenn dir jemand weiß machen will, Gehen ſei beſſer als Fahren, ſo glaube ihm nicht.“—„Das ſollen die guten Lehren ſein?“ verſetzte der Laſtträger.„Ei, das habe ich alles vorher gewußt. Aber wenn du mir Gehör ſchenken magſt, ſo will auch ich dir eine gute Lehre geben, wie du noch keine gehört haſt.“— Der Kaufmann ſah den Laſtträger groß an; 222 Aus Näh' und Ferne. dieſer aber warf den Korb die Treppe hinunter und ſagte:„Wenn dir je⸗ mand weiß machen will, daß von deinen Vaſen eine noch ganz ſei, ſo glaube ihm nicht.“ Sprach's und war zum Hauſe hinaus, noch ehe der alte Filz ein Wort der Erwiderung finden konnte. 17. Ein Türſtenvergnügen. In den Pariſer Clubs erzählt man ſich eine heitere Geſchichte. Vor einiger Zeit hatte ein ruſſiſcher Fürſt eine hohe Wette angeboten, daß er es einleiten wolle, durch die Polizei verhaftet zu werden, ohne daß er ſich ein Vergehen zu Schulden kommen laſſe oder irgendwie die Behörden reize. Ein Mitglied des kaiſerlichen Clubs ging auf die Wette ein. Der Fürſt begab ſich nun in eines der ariſtokratiſchen Kaffeehäuſer von Paris, angethan mit einem zerbeulten Hut, einer geflickten Blouſe und durchlöcherten Stiefeln, ſetzte ſich an einen der Tiſche und beſtellte ſich eine Taſſe Kaffee. Die Kell⸗ ner ſchenkten dem verwahrlosten Gaſt keine Aufmerkſamkeit, woraus dieſer Anlaß nahm, in die Taſche zu greifen und ein Paket Banknoten vorzuzeigen. Der Kaffetier befahl ſodann, den Mann zu bedienen, zögerte aber nicht, von der nächſten Station einen Polizeimann herbeizubeſcheiden. Der Fürſt wurde ohne weiteres in Haft genommen und vor den Polizeicommiſſär geführt; dieſem ſagte er, wer er ſei und bat, zur Beglaubigung ihn nach der Woh⸗ nung des Herrn eskortiren zu laſſen, mit dem er die Wette abgeſchloſſen, da derſelbe werde keinen Anſtand nehmen, ſeine Identität zu beglaubigen. Skizzen aus Niederbaiern. Aus den Mittheilungen eines Geſchäftsreiſenden. Von Eduard Leyrer. (Schluß.) III. Niederbairiſch Viſchbachau. Auf die Berge will ich ſteigen, Wo die frommen Hütten ſtehn. H. Heine. „A weng aneloan(ein wenig anlehnen) an den Preußen, wär' das Ge⸗ ſcheidtere“— hat einmal ein alter Bauer gemeint, mit welchem wir einige Tage nach dem denkwürdigen Bundestagsbeſchluſſe vom 14. Juni 1866 zu⸗ fällig zuſammentrafen. Der Mann war unanſehnlich von Geſtalt, mangel⸗ haft raſirt und ein wenig braſilfarbig in der Naſengegend, aber er ſchien nicht ohne Verſtand und nicht ohne Sinn für das Vaterland. Unſer bedenkliches Achſelzucken auf ſeine Frage, was wir denn eigentlich vom deutſchen Bruder⸗ kriege hielten, hatte ihm obige Bemerkung entlockt, und dazu verſicherte er recht ehrlich, daß ihm ſeines Ortes„der Preuß“ viel weniger zu fürchten ſchiene, als die Kameradſchaft mit den„Kaiſerlichen“. Dies offene Bekennt⸗ niß eines Waldlerbauern klang ſeltſam, aber wir haben uns derzeit überzeugt, daß die Traditionen von der nachbarlichen Lieb' und Treue jenſeits des Inn im niederbairiſchen Landvolke mitunter mehr Boden haben, als die öffent⸗ liche Meinung des Volksboten, und daß den Leuten nichts ferner liegt, als blinder Fanatismus gegen ein ſtammverwandtes Volk, von welchem ſie noch kein Leid erfuhren. 124 Skizzen aus Niederbaiern. Wir ſtanden auf luftiger Höhe zwiſchen dem Breitenauer⸗Riegel und der Ortſchaft dieſes Namens, als der Mann ſo zu uns ſprach. Die Abend⸗ ſonne ſchien aus blauem Himmel über die Sommerlandſchaft hin, aber der nahe Buchwald rauſchte wie im Spätherbſt, denn die Maifröſte hatten ihm ſein Laubwerk roth und dürr gemacht. Das war wie eine Mahnung an den Ernſt der Zeit und daß man ſich der heiteren Sommerfriſche nicht allzu ſtark erfreue. Faſt wehmüthig ſahen wir über Thäler und Hügel nach der waldi⸗ gen Bergkette im Oſten. Der Gedanke lag nicht allzu fern, daß ihre Ruhe bald geſtört, daß der Krieg mit ſeinem Leide innerhalb weniger Wochen das ſchöne Böhmen heimſuchen werde, in deſſen geſegnete Fluren der Bergſteiger von der Arber⸗ oder Rachelſpitze ſonſt gerne hinausgeſchaut. Die Breitenau iſt eine der ſchönſten und höchſtgelegenen Ortſchafte in Baiern. Ein großer Theil des„untern Waldes“ läßt ſich dort überſehe und die vorgerückte Lage dieſer Höhe gewährt nach der anderen Seite auch einen weiten Blick in die Donauebene. Es iſt eine kleine Hochebene, circa 2500 Fuß über den Meeresſpiegel erhaben. Ihr Umkreis beträgt eine Vier⸗ talſinnde, und an ihrem ſüdöſtlichen Ende ragt der Felſenriegel aus dem Buchwald, frei und kühn, ein ſtolzer Beherrſcher der Gegend. Die Ortſchaft zählt wenige Häuſer, meiſt kleine, aber auch ein paar größere Anweſen mit ſchönem Viehſtande und reichem Waldbeſitz. Feldwuchs gedeiht wenig mehr auf dieſer Höhe und Obſtbäume finden i nur ſpärlich und verkümmert. Aber die Wieſen ſind friſch und fett, und das Volk der Breitenauer iſt gut⸗ willig, ja freundlich, nur ein bischen ſceu⸗ beim erſten Begegnen, was nicht verwundern darf, wenn man weiß, daß die Breitenau in ſtrengen Wintern oft monatlang eingeſchneit und aller Verkehr mit Thal und Ebene aufgeho⸗ ben iſt. Als einſt die Geſellſchaft der Deggendorfer Ritter einen roman⸗ tiſchen Pfingſtausflug nach dem Riegel unternahm und ihr Vorſtand, ein braver Schneidermeiſter, zu ſeinen Mannen erhebende Worte ſprach, da ſol⸗ len ſich auch die Breitenauer in ſcheuer Andacht um den Stein verſammelt und entblößten Hauptes der Feier beigewohnt haben. Auch wir ſchienen den Leuten ſeltſam, vielleicht weil wir uns zum Kaffee auf die Wieſe ſetzten, aber man gab uns gerne, was vorhanden war, und be⸗ dankte ſich für die freiwillige Bezahlung. Wir ſchieden ungern von dem ſtil⸗ len Orte und von der heiteren Rundſchau um uns her, denn die vorgerückte Tageszeit empfahl den Heimweg zu Thale.— Von Breitenau in den„Tat⸗ tinger⸗Winkel“ führt ein wunderſchöner Weg. In ſanfter Senkung geht es 3 Von Eduard Leyrer. 225 den Berg hinab, zuerſt lange Zeit durch einen Hochwald zwiſchen Farnkraut und Brombeergeſträuche über das moosbewachſene Felswerk hin; erſt wei⸗ ter unten fangen die Birkenwäldchen an, hierorts eine ſehr heimiſche Pflan⸗ zung, welche im Frühſommer gar freundlich herſehen, obwohl ſie dem Forſt⸗ manne unſeres Wiſſens wenig mehr als Unkraut gelten. Zwiſchen den Birken klingelte das Weidevieh und der Kukuk rief im fer⸗ nen Tannicht, als wir auf die freien Höhen von Wühnried und Engelsbach⸗ ried heraustraten und in dieſer anmuthigen Bergeinſamkeit ein wenig Um⸗ ſchau hielten. Ein Gießbach, von Breitenau her unſer Begleiter, bog hier zur Linken ſeitwärts in den Thalkeſſel, wo er ein paar Mühlen trieb, deren Legſchindeldächer durch Buſch und Wieſengrün herauflugten. Darüber hin lag der Hochwald mit ſeinem ewigen Rauſchen, nur ſtellenweiſe von Berg⸗ wieſen oder Kornfeldern unterbrochen, an welchen die Bauern von Loderhart und Breitenau in ihren Einödhöfen ſitzen. Vor uns lag Wühnried, ein ſtil⸗ ler Ort mit etlichen Bauernhäuſern, aber ſchon um vieles freundlicher und obſtbaumreicher als Breitenau, und zur Rechten ſah man jetzt wieder in ein Stück Baierwald hinaus, in das Thal von Gotteszell und auf die Ausläu⸗ fer des„Arber“, welche die hügelige Landſchaft zwiſchen ihnen und uns be⸗ grenzten. Die Fernſichten von den Donaubergen in den Baierwald haben große Aehnlichkeit, und man darf behaupten, daß es gleich ſei, ob wir von der Ruſel, oder vom Hirſchenſtein, oder von Schöfweg hinterm Sonnen walde, oder von irgend einem anderen unſerer Höhenpunkte hineinſehen. Ueber⸗ all das nämliche Bild von Thal und Hügel, Wald, Feld und Wieſe mit unter⸗ ſchiedlich großen Dorfſchaften und vereinzelten Anſiedelungen bevölkert, und überall der nämliche Abſchluß des bairiſch⸗böhmiſchen Waldgebirges im Hin⸗ tergrund. Auch im Innern iſt es nicht anders, nur fehlt uns hier noch das Freundliche des Ueberblickes, deſſen wir oben genießen. Man wandelt von einem Thalkeſſel in den andern, und hat man die nächſte Höhe erreicht, ſo iſt es wieder ganz dieſelbe Landſchaft mit ihrem beſchränkten Geſichtskreiſe, wie zuvor Der gandſchaftliche Charakter des Baierwaldes iſt von jenem des Voralpengebirges und des niederbairiſchen Hochlandes grundverſchieden, und der bisher wenig beachtete Gegenſatz des letzteren kann nicht ſcharf genug hervorgehoben werden. Weite freundliche Thäler, obſtreiches Mittelgebirge, freie Höhen mit maleriſcher Vogelperſpektive auf eine allmälig abdachende Hügellandſchaft, auf Strom und Ebene, wie ſie hier faſt überall zu finden ſind, gibt es jenſeits der Donauberge im innern Walde wenig. Uns ſind in Hausblätter. 1867. IV. Bd. 15 — — 226 Skizzen aus Niederbaiern. dieſem Sinne zunächſt nur zwei Thäler bekannt, das von Zwieſel und das von Zenting, welche in manchen Stücken an das ſüdbairiſche Gebirge und an unſer ſchönes Oberland an der Donau erinnern. Auch dies Gotteszell ſieht ganz ſo aus, wie hundert Ortſchaften zwi⸗ ſchen Breitenau und dem Arberrücken. Kirche, Pfarrhaus und ein Theil der Bierbrauerei gehörten früher dem Kloſter dieſes Namens an, welches an Stelle des Meierhofes Droßlach von dem bairiſchen Ritter Heinrich von Pfelling, ſeiner Gemahlin Mechthildis und ihrem Bruder, dem Regensburger Biſchof Heinrich von Roteneck anno 1285 den Ciſterzienſern gegründet wurde. Unter den Ruinen der alten Kloſtermauer befindet ſich jetzt ein küh⸗ ler Sommerkeller mit altehrwürdigen Schirmtannen und einer heiteren Ausſicht nach den Breitenauer Bergen. Das Kloſter hat anno 1803 das Schickſal verwandter Stiftungen ereilt, aber eine fromme Sage läßt es einſt wieder keimen und blühen, wenn unter dem Schatten der einſamen Tanne auf dem„Vogelſang“ ein Fürſt ruhen und über dem verdorrten Stamme die Kloſtertaube mit dem Brautringe der Stifterin Mechthildis geheimniß⸗ volle Worte enthüllt haben wird. Die Taube ſcheint das noch nicht gethan zu haben, obwohl ſich annehmen läßt, daß der benachbarte, Fürſt von Schwar⸗ zenberg“ ſchon dann und wann im Tannenſchatten raſtete. Dieſer Mann war ein Bauer, berühmt durch eine große Abneigung gegen die Waldkultur. Er hat ſich übrigens jetzt in das Austragsleben zurückgezogen und auf ſei⸗ nem Anweſen zu Schwarzenberg treibt Herr Gutsbeſitzer Rabl aus Münchs⸗ höfen bei Straubing eine Art Alpenwirthſchaft. Wir ſehen recht ſchön hinüber auf das Haus mit ſeinen Lindenbäumen nebenan, und auf den langgeſtreckten Bergrücken des Vogelſang, von wel⸗ chem die fromme Sage ſpricht. Vor Zeiten war dort oben eine dem altade⸗ ligen Geſchlechte der Degenberger gehörige Schwaige geweſen, ein Sammel⸗ platz für die Wildſchweinjagd. Die Ritter hatten ſie ſpäter den Gotteszeller Mönchen geſchenkt und heutigen Tages iſt davon nur noch eine halbverfallene Hütte übrig, welche ein alter Gütler, der ſogenannte Vogelſangſepp, in ge⸗ müthlicher Eintracht mit ſeinen Hausthieren bewohnt. Der Mann hat eine der luftigſten Menſchenwohnungen, die ſich denken laſſen; ungeſtört weht der Wind in Stall und Stube und der Haushund ſchlüpft durch ein Loch in der Bretterwand aus und ein. Nur im Winter pflegt der„Sangſepp“ die Lücken ſeiner Behauſung mit Heu auszuſtopfen, damit der Viehſtand keinen e und Von Eduard Leyrer. 227 Schaden nehme; ihn ſelber friert nicht leicht, und er iſt immer friſch und guter Dinge in ſeiner lachenden Naturfreiheit. Außer der alten Schwaige ſtehen nur wenig Häuſer an den beiden Ab⸗ hängen des Bergrückens: Beſitzthum kleiner Leute mit ärmlichem Feldbau. Sonſt iſt es recht einſam auf dem Vogelſang. Aber nach allen Seiten ſieht das Auge in Grün, auf Berg und Thal, Wald und Wieſe durch den buſchi⸗ gen Tattingerwinkel in's ebene Land hinaus, weit, unendlich weit bis an die blauen Alpen. Der geographiſche Touriſt mag hier auf heiterer Bergraſt ſtundenlange weilen, das Reiſekärtchen im Weidgras ausgebreitet, und er findet doch nicht alle Orte, welche dieſe Rieſenvogelperſpective in ſich faßt.— Wir dürfen nicht allzu lang dort verweilen. Der geneigte Leſer mag ſelbſt bei Gelegenheit nachſehen, wie ſich's oben ruht an einem heiteren Sommer⸗ morgen. Die Raſt im thauigen Gras und ein Gang durch den benachbarten Buchwald zum Regensburger Steine wird ihm ſtets eine liebe Erinnerung bleiben.— Für heute mag er uns wieder thalwärts folgen, denn wir haben dem Sägmeiſter in Englbachsried verſprochen, vor unſerer Heimkehr von der Breitenau noch ein Stündlein bei ihm Halt zu machen. Am Bachufer, zwi⸗ den Wald und Wieſe arbeitet die Schneidſäge, und ein ſauberes Haus im l der Fiſchbachauer Gegend mit Ziergärtlein und Rosmarinſträuchen ſ gegenüber. Dies ſtille, freundliche Beſitzthum gehört der Sägmeiſter⸗ familie welche aus Mann und Weib nebſt zwei fleißigen Söhnen beſteht. Dienſtboten haben die Leute nicht, obwohl ſie mehrere Stücke Vieh und einen ganz hübſchen Grundbeſitz halten. Die Sägmeiſterin meint, fremde Leute brächten nur Unordnung in die Wirthſchaft und ſollten wegbleiben, ſo lang es geht. Aber es iſt zu wundern, wie ſie allein zurechte kommt, denn ihr Anweſen mag zumal in Betreff der R teinlichkeit hier zu Lande als wahre Muſterwirthſchaft gelten. Sie iſt überhaupt eine prächtige Frau, und ihre einfache, verſtändige Art erinnert wie das ſtille Hochthal von Englbachsried an die Bergeinöden des Innthaler Mittelgebirges. Sie liebt vernünftigen Fortſchritt und man hält in ihrer Familie ſogar eine illuſtrirte Unterhal⸗ tungsſchrift; aber dem altbairiſchen Mieder iſt ſie dabei treu⸗ geblieben und die Gewandung der benachbarten Waldler Frauenzimmer will ihr gar nicht recht eingehen. Hinter dem Hauſe liegt eine Wieſe mit ſchönen Kirſchbäumen, und dort hatten ſie uns Tiſch und Stühle hinausgetragen zu kurzer Raſt vor der Berg⸗ 15* 228 Skizzen aus Niederbaiern. wanderung. Es war ein ſtiller, aber ein reizender Ort mit einer kleinen Fernſicht über die Wieſen des Thales und auf die Waldberge, welche es an allen Seiten umſchloſſen. Blauer Rauch ſtieg aus dem Legſchindeld ache in einen klaren, lichtgefärbten Abendhimmel, der Gießbach rauſchte hinter dem Hollerbuſch und im nahen T Birkengrunde klingelte das Jungvieh. Wir aber ſaßen geraume Weile unter den Kirſchbäumen, und Bier wie Butter war vortrefflich. Wir unterhielten uns prächtig mit unſeren gaſtfreundlichen Wirthen, bald über Landwirthſchaft und die Freiſinger Bauernzeitung, bald über den drohenden Krieg, in welchen auch die Sägmeiſterfamilie den älte⸗ ren Sohn hinausſchicken mußte. Die zwei„Buben“ kamen erſt heim, als wir aufbrachen. Es waren ſaubere, hochgewachſene Burſche von beſcheide⸗ ner Manier; aber der Kriegerſinn ſchien nicht ſtark ausgebildet, und ſie mein⸗ ten wie die Mutter, daß es beſſer wäre, bei nahender Ernte daheim zu ſchaf⸗ fen, als deutſche Landsleute todt zu ſchießen. Mit Gruß und Handſchlag ſchieden wir; wer weiß, wie's dem einen von den Beiden bei Kiſſingen, Helmſtadt oder Roßbrunn ergangen?— Vom Sägmeiſterhauſe führtẽ uns ein angenehmer Fußweg zwiſchen Gießbach und Birkenhängen zur Ortſchaft Englbachsried. Es iſt der letzte T Ort auf dieſem niederbairiſchen Mittelgebirge. Kleine Zuben ſtanden vor den Häuſern und ſahen uns offenen Mundes nach; auch hinter Thüren und Fenſtern bemerkten wir un terſchiedliche Bauernangeſichter mit einer ſeltſa⸗ men Miſchung von Neugier und Spott in ihrem Ausdrucke. Man habe uns für vorgeſchobene Preußen gehalten— hat die Sägmeiſterin des anderen Tages im Tattinger Wirthshaus erzählt. Aber es that uns niemand was zu Leide, und unbeirrt ließ man uns die Inſchriften der Todtenbretter leſen, welche außerhalb des Dorfes am Wege ſtehen. Dieſe bekannte Mahnung an die Vergänglichkeit irdiſchen Daſeins nimmt freilich mitunter an ihrem Ernſte etwas Schaden, wenn man z. B. unweit Deggendorf auf himmel⸗ blauem Todtenbrette die Inſchrift liest: „Wandrer, ſteh' ſtill und geh' mit mir ſpazire, Ich zeig' Dir eine Grabſtatt an— Du kannſt Dich nicht verirre.“ Im Uebrigen bleibt die alte Sitte immer ſchön und es ruft eine eigene Stimmung hervor, im Abendlichte vor derlei kunſtloſen Denkſteinen zu ſtehen, wenn rings umher alles ſo friedlich iſt, Natur wie Menſchheit, den fernen Sang der Hirtenkinder etwa ausgenommen, welcher von den Bergen Von Auguſt Schall. 237 zu ſuchen, auf welcher ihn Robert durch ſeine beſten Soldaten verfolgen ließ. Dieſe jagen ihm bis an den von den Eingeboren„Schlimme Seite“ ge⸗ nannten Platz nach, wo unten der Garzanes fließt, über ihm ein ſteiler Fels liegt. Hier waren ihm ſeine Verfolger, im Ganzen neun, ſchon ſo nahe, daß ſie ihre Lanzen nach ihm warfen. Da ſchwang ſich ſein Pferd, wie wenn es die Flügel des Pegaſus gehabt hätte, mit einem Satz auf den Felſen hinauf, daß die Franken ihm anfangs ganz betroffen und voll Verwunderung nach⸗ ſahen. Als ſie ihn aber bald auf's neue verfolgten, kehrte er um, ging auf einen ſeiner Verfolger los, rannte ihm die Lanze durch die Bruſt, daß er rücklings vom Pferde ſtürzte, und jagte dann wieder weiter. Aber auch jetzt war er ſo wenig geborgen, daß er vielmehr doch noch alle Hoffnung auf ſeine Rettung aufgeben mußte. Denn während er von hinten immer noch verfolgt wird, ſieht er eine Truppe Franken, welche von der Verfolgung ſeiner Soldaten zurückkamen, auf ſich zureiten und ſich ſchon von weitem gegen ihn zuſammenſchaaren. Was thut er nun? Weil er einen von ihnen wegen ſeiner Größe und ſeines Waffenſchmuckes für Robert hält, geht er auf dieſen los und ſticht ſeinem Gegner die Lanze durch die Bruſt, daß ſie bis auf den Rücken drang und der Barbar todt vom Pferde ſtürzte, der Kaiſer aber durch die freie Gaſſe, welche ſich für den Zweikampf gebil⸗ det hatte, mitten hindurch ritt. Denn weil der Gefallene Robert's höchſter Befehlshaber geweſen war, fand er allgemeine Theilnahme und wurde er ſelbſt darüber von nun an nicht mehr verfolgt. So hatte Alexius gleich im Anfang ſeiner Regierung zwar eine furcht⸗ bare Niederlage erlitten, war aber, Dank der Vorſehung und ſeiner außer⸗ ordentlichen Tapferkeit, wie durch ein Wunder doch vor der Gefangenſchaft und dem Tode bewahrt geblieben. Darüber war jedoch Herzog Robert, welcher in der Kirche des hl. Nikolaus den Augenblick kaum erwarten konnte, in dem man ihm den Kaiſer als Gefangenen bringen würde, ſo wüthend, daß er ſeinen Leuten die größten Vorwürfe machte und einem von ihnen, einem Mann von Bedeutung, wegen ſeiner Feigheit und ſeines elenden Be⸗ nehmens ſogar mit Peitſchenhieben drohte; weil er mit ſeinem Pferde nicht auch auf den Felſen hinaufgeſetzt ſei und den Kaiſer Alexius nicht getödtet oder gefangen genommen habe, verdiene er eine ſolche Strafe. Dieſer verſicherte ihm aber, daß der Platz ſehr hoch und der Fels ſpitzig und gefährlich ſei und man ohne Gottes Hülfe weder zu Fuß, noch zu Pferd hinaufkommen könne, noch 238 Züge aus dem Leben des Kaiſers Alexius Komnenus. Von A. Schall. viel weniger ein bewaffneter Soldat, und wenn man auch mit keinen Waffen beſchwert ſei, ſo ſei es eine Unmöglichkeit ihn zu erſteigen.„Wenn du mir aber,“ ſetzte er hinzu,„durchaus nicht glaubſt, ſo probire es ſelbſt, oder laſſe es einen deiner kühnſten Reiter verſuchen, du wirſt dich dann von der Un⸗ möglichkeit überzeugen. Wenn dann einer auf den Felſen hinaufkommt, ich will nicht ſagen, ohne Flügel, ſondern wenn er auch Flügel hätte, ſo will ich mir gerne jede Strafe gefallen und mich eine feige Memme ſchelten laſſen.“ Dies war die erſte und die letzte Niederlage des Alexius durch die Nor⸗ mannen; weil ſeine Griechen vor ihnen nicht Stand hielten, lernte er von da an auf eine andere Weiſe über die Normannen und Robert's Sohn, Boemund, nämlich ein Jahr nachher bei Lariſſa, ſpäter während des erſten Kreuzzuges vor Antiochien, und zuletzt bei einer abermaligen Belagerung Dyrrachiums ſiegen. ——.——— — zaffen u mir laſſe r Un⸗ mmt, te, ſo helten Nor⸗ r von Sohn, erſten erung Zur Lecture. Belletriſtik. L. Heinrich, Der Sclavenhändler. 2 Bde. Breslau. Trewendt. 1867. Ein Originalroman, oder vielmehr eine Erzählung aus Südamerika, „nach den Papieren eines Deutſchen“, die allerdings auf Thatſachen zu be⸗ ruhen ſcheint und ſchon um deſſentwillen den Leſern zu empfehlen iſt. Aber nicht bloß um deſſentwillen. Das Buch liest ſich ſehr angenehm, der Ver⸗ faſſer verſteht zu ſchildern und zu erzählen, und was er erfindet, berührt uns ſo natürlich, wie es nur das Wirkliche vermag, die Verwickelung iſt geſchickt, und die Auflöſung befriedigend— in Summa, es iſt ein gutes Buch. Trewendt's Volkskalender auf 1868. Breslau. Der Jahrgang tritt durch Ausſtattung und Inhalt ſeinen Vorgängern würdig zur Seite. Der erſteren gedenken wir nicht weiter; daß ſie hübſch i*ſt, verbürgt der Name der Verlagshandlung. Vom Inhalt nennen wir die Erzählung Ludwig Roſens:„In der zwölften Stunde“; eine zweite von Gerſtäcker:„Die Privatlotterie“. Daneben ſind die naturwiſſenſchaft⸗ lichen Artikel von Karl Ruß beſonders hervorzuheben, und auch zwiſchen den Gedichten ſind allerliebſte Stücke. Originale aus Stadt und Land. Wittenberg. Herroſé. 1867. „Eine En-tout-cas-Lecture“ ſteht auf dem Titel, und das Büchlein wird demnach, wie manche neuerdings, hauptſächlich für Reiſende beſtimmt ſein. Als ſolche mag es gelten— wer ſich auf der Reiſe langweilt, iſt mit jeder Unterhaltung zufrieden. Uns ſprachen dieſe„Originale“ meiſtens als ziemlich gewöhnlich an und wir haben nicht ſelten vermißt, was man die Pointe einer Geſchichte zu heißen pflegt. 240 Zur Lecture. K. Neumann Strela, Mit dem Zopf. 2 Auflg. Leipzig. Dürr. 1868. Wir freuen uns dieſer zweiten Auflage des vor einigen Jahren von uns freundlich empfohlenen Buchs. Sie zeigt, daß das Publikum dieſe hüb⸗ ſchen Geſchichten zu würdigen verſtand. Th. Meſſerer, r kleine Hauptmann. Leipzig Schlicke. De Dieſe erſte diesjährige Weihnachtsgabe iſt eine ſehr hübſche, wie wir ſie freilich von der uns wohl bekannten Verfaſſerin auch erwarten durften. Das iſt ein Büchlein, wie es Kindern gefällt und für ſie paßt. Die vier Bilder werden gleichfalls dem kleinen Publikum gefallen. H. Kleinſteuber, Ein nordiſcher Richelieu. 2 Bde. Jena. Coſtenoble. 1867. Der Verfaſſer erzählt uns eine Liebesgeſchichte, wenn man ſo will, aus dem Leben des däniſchen Reichskanzlers Griffenfeld in geſchickter und unleug⸗ bar intereſſanter Weiſe. Das iſt keines der modernen Roman⸗Memoiren⸗ Fabrikate, ſondern eine auf gute Vorſtudien begründete, fleißig ausgeführte, lebensvolle und lebenswahre Erzählung, welche die Leſer nicht bloß unter⸗ hält, ſondern wirklich belehrt. L. Sacher Maſoch, Der letzte König der Magyaren. 3 Bde. Jena 1867. Es iſt der unglückliche, junge und ſchwache König Ludwig II., welcher uns in dieſem Buche vorgeführt wird. Wir leugnen nicht, daß wir recht lebendige Schilderungen und gute Charakterzeichnung finden,— wir ver⸗ weiſen iiaied hube auf die Schlacht von Mohacz, welche dem König das 2Q Leben„trotzdem aber können wir dem Buche leider nicht unſer L Lob mit zuß de Weg geben. Unwahrſcheinlichkeit und Uebertreibung ſtoßen uns überall auf eine gewiſſe Maßloſigkeit— oder iſt es Unfertigkeit?— begeg⸗ net uns nur allzu häufig, und vor allem iſt die Sprache in einer Weiſe man⸗ gelhaft, daß wir oft eine, obend'rein ſchlechte, Ueberſetzung zu leſen glauben. Wir erinnern uns nicht, dieſe Mängel auch in den früheren Büchern des Verfaſſers in gleicher Schärfe gefunden zu haben. 6. 64 ll, aus nleug⸗ wir en⸗ führte, untet⸗ a2 ie Schweſern. Eine Erzählung Von Marie Kolb. Erſtes Kapitel. Ich möchte glauben, daß es für den Erfolg werthvoll iſt, nur die eine Seite des angeſtrebten Zieles zu ſehen. Wenigſtens ſcheint dies bei meiner Schweſter der Fall geweſen zu ſein, welche wirklich zu einem Erfolg ge⸗ langte, wenn man anders die Erreichung deſſen, was man wünſcht, ſo nen⸗ nen kann. Nun ich dieſe Worte niedergeſchrieben, weiß ich kaum, ob ſie das klar ausdrücken, was ich ſagen will; es wäre wohl beſſer geweſen, wenn ich ſie ſo gefaßt hätte—— doch nein, mögen ſie ſtehen bleiben, wie ſie ſind.— Die Kehrſeite der Medaille iſt durch's ganze Leben mein Hemmſchuh gewe⸗ ſen, da ich meiner Phantaſie ſtets geſtattete, ſich ebenſo ſehr mit dem, was ſich gegen meine Entwürfe, Pläne oder Reden einwenden ließ, als mit dem, was fuͤr ſie ſprach, zu beſchäftigen. Doch in dieſer ſtillen Dämmerungszeit meines Lebens und auf dieſen Blättern, welche erſt geleſen werden ſollen, wann die Dämmerung übergegangen iſt in Nacht und die Nacht, wie ich de⸗ müthig hoffe, in das Morgenroth eines himmliſchen Tages, will ich nur ein Ziel im Auge behalten und mir Mühe geben, es zu erringen mit einfältigem, aufrichtigem Sinne. Du ſollſt nämlich, meine theure Lucie, die wahre Ge⸗ ſchichte derjenigen kennen lernen, welche dir vorangegangen ſind und deine Jugend gepflegt haben, die Geſchichte zweier Frauen, die einſt jung waren, wie du es jetzt biſt, welche lebten, liebten und litten, wie du eines Tages leben, lieben und leiden wirſt. Ich habe wenig Hoffnung, daß das Hausblätter. 1867. Iv. Bd. 16 1 1 — b — 242 Die Schweſtern. Warnezeichen unſerer Erlebniſſe dich bewahren wird vor Klippen. Dieſe Erlebniſſe greifen um Menſchenalter zurück in die Tage meiner Jugend, ob⸗ ſchon deine zwölfjährige Einbildungskraft dir kaum eine Zeit wird denkbar machen können, in welcher Tante Margareth jung war, und doch habe ich nie von einem Fall gehört, in welchem die Erfahrungen eines Menſchenher⸗ zens zu anderer, als zu eigener Belehrung gedient hätten. In einem gewiſ⸗ ſen Sinne ſind wir allerdings die Erben der Vergangenheit. Die Wiſſen⸗ ſchaft vermacht uns ihre durch mühſames Forſchen gehobenen Schätze. Der menſchliche Geiſt wankt, fällt bisweilen, ſchreitet aber gleichwohl ſtetig fort. Die Pioniere des Gedankens arbeiten unabläſſig weiter, und eine edle Schaar um die andere ſprengt in's rauhe Geſtein die Pfade, auf welchen wir behag⸗ lich und mit wenig Dank für die unverdroſſenen Arbeiten unſere Reiſe voll⸗ bringen. Doch in der Wiſſenſchaft des Lebens müſſen wir alle von demſel⸗ ben Punkt ausgehen, von welchem unſere Ureltern ihren Anfang genommen haben. Der nächſte Tag beginnt ganz die gleiche Reihenfolge von Morgen, Mittag und Abend, wie ſie ſchon in Eden gedämmert, geflammt und ſich wieder in Nacht verloren haben. Indeß wird es doch gut ſein, daß du eines Familiengeſchichte erfährſt, die jetzt ſchon zu Tags den wahren Verhalt einer Mögeſt du daraus mit Liebe und Mitleid verſtehen du noch zu jung biſt. gedenken lernen der bereits Heimgegangenen; möge ſie dir zeigen, daß nur ein zufriedener Sinn zu beglücken vermag, und möge ſie vor allem dein Herz der Ueberzeugung aufſchließen, daß ſelbſt die vollſtändige Erreichung eines Zieles, wenn es kein würdiges iſt, nie und nimmermehr Zufriedenheit brin⸗ gen kann. Deine Großmutter war meine Schweſter Anna, dieſelbe Schweſter, von welcher ich bereits geſagt habe, daß ihr Streben von Erfolg gekrönt ge⸗ weſen ſei. Du haſt ſie zum letztenmal geſehen, als du ein Kind von zwei Jahren warſt, und ich weiß nicht, wie ich es angreifen ſoll, um dir ein treues Bild zu geben von der Schweſter der blaſſen, runzeligen, grauhaarigen Tante Margareth, als dieſe Schweſter noch ein ſchönes, ſtolzes, von Geiſt und Lebensmuth überſprudelndes junges Mädchen war. Sie hatte dunkelbraune Augen, wie ich, doch größer und feuriger— Augen, welche blitzten und fun⸗ kelten, freilich bisweilen, wenn ſie aufgeregt oder zornig war, einen allzu⸗ wilden Glanz verbreiteten. Sie war etwas kleiner als ich, trug ſich aber ſo aufrecht, daß ſie als die größere erſchien. Auch eine Familienähnlichkeit be⸗ ſtand zwiſchen uns; doch rühmte man mir nie Schönheit nach, während Anna wirklich ſchön war. Die Eltern hatte uns ein nervöſes Fieber innerhalb der korgen, nd ſich Von Marie Kolb. 243 kurzen Friſt von vierzehn Tagen entriſſen, als ich fünf und Anna kaum drei Jahre zählte. Ich habe mir ſagen laſſen(denn meine Erinnerung reicht nicht ſo weit zurück, um aus eigener Wahrnehmung ſprechen zu können), daß die Mutter zuerſt ſtarb, und zwar im Delirium, ohne daß ſie eine Ahnung hatte von der treuen, zärtlichen Hand, welche die ihrige umfangen hielt bis zum letzten Augenblick. Von dieſem Moment an begann unſer Vater, der alle ſeine Kräfte aufgeboten, um ſie unabläſſig zu pflegen und zu warten, zuſam⸗ zubrechen; er ſah, daß auch ſein Tod nahe war. Am meiſten ſchmerzte ihn, daß ſie in ihren letzten Stunden ihn nicht mehr erkannt und mit keiner Silbe von ihm Abſchied genommen hatte. Wie mir geſagt wurde, waren ſeine letz⸗ ten Worte:„Jetzt wird mich Phöbe wohl erkennen, wenn ich ſie ſehe.“ Man verſicherte mich, daß ich ihm ſehr ähnlich ſei.— Unſer Pfleger kam und nahm uns fort aus dem verödeten Haus. Wir vergaßen bald unſer kurzes Leid, denn die armen jungen Vögelchen, welche die ſchützenden Fittiche der Mutter ſo früh verloren, hatten wieder ein warmes weiches Neſtchen gefunden. Ich habe mich des Ausdrucks„unſer Pfleger“ bedient; er machte dieſer Bezeichnung in Wahrheit alle Ehre, obſchon ich damit nicht ſagen will, daß er geſetzlich dazu beſtellt war, da wir nicht bedeutſam genug waren, um des Schutzes der Geſetze würdig erachtet zu werden. Wir beſaßen keine Schätze, die des hütenden Drachen bedurften; aber Gott hatte uns einen Freund ge⸗ ſchickt, der, weil es bei uns nichts anderes zu verwalten gab, aus Liebe und Mitleid ſich unſerer Perſonen auf's ſorglichſte annahm. Er war der Gatte von meiner Mutter Halbſchweſter, einer Frau, viel älter als meine Mutter, und hatte meine Eltern gekannt und geliebt. Da ſie ſelbſt ſich keines Kin⸗ derſegens erfreuen durften, ſo hatten ſie oft halb im Scherz, halb im Ernſt gebeten, es möge ihnen eines von uns überlaſſen werden, damit ſie es als eigenes Kind erziehen könnten. Anna war ihr, wie überhaupt aller Welt, Liebling, ein hübſches, watſcheliges Ding mit großen Augen und von Natur ſchön gekräuſeltem Haar; doch würden ſie ebenſo gern auch mich bei ſich auf⸗ genommen haben. Ich hörte ſie oft erzählen, wie der Vater lachend zu ihnen zu ſagen pflegte:„Warte, bis ich ſterbe, Jim; dann will ich dir eine von meinen Kleinen im Teſtament vermachen.“ Der arme Vater! Die Mutter hätte gern einen Sohn gehabt und war, glaube ich, ſo weit gegangen, für den Fall, daß ihr ein Knabe geboren würde, halb das Verſprechen zu geben, daß eines von uns untergeordneten Weſen in das Giebelhaus kommen ſollte; doch glaube ich nicht, daß ein ganzer Schwarm von Söhnen uns der Plätz⸗ 16* — — 244 Die Schweſtern. chen in dem Herzen unſeres Vaters zu berauben im Stand geweſen wäre. Anfangs hoffte man, nach Regelung der Hinterlaſſenſchaft dürfte für uns einiges Vermögen übrig bleiben. Nicht daß man viel erwartet hätte; aber er hatte eine ausgedehnte Praxis gehabt, ſehr einfach gelebt und keinerlei koſtſpielige Liebhabereien gepflegt; doch außer einer kleinen Summe, die aus der Bibliothek und den Möbeln erlöst worden, blieb uns buchſtäblich nichts. Ein Landarzt von der Klaſſe der gutherzigen Samariter, dem der Anblick hülfloſen Leidens genügt, nicht nur Wein und Oel für die zu heilenden Wunden zu ordiniren, ſondern ſie im Nothfall auch ſelbſt herzugeben, iſt ſel⸗ ten reich; und mein Vater war ein noch junger, kräftiger Mann, als er dem Typhus erlag. Den Tod hatte er nicht in nahe Ausſicht genommen— wie wenige thun dies ſelbſt unter jenen, die ſchon eine lange Reiſe hinter ſich haben und ſich zu ſagen Urſache hätten, daß das Ziel nicht mehr ferne ſein könne? Onkel Gough brachte Anna und mich in unſeren ſchwarzen Kleidchen nach Haus; Tante Gough küßte uns, weinte über uns, nahm uns in ihr Herz auf und ſuchte treulich, ſo lang ſie lebte, an uns Mutterſtelle zu ver⸗ treten. Ich erinnere mich, daß unter uns beiden von Anfang an Anna die ge⸗ waltthätigere war. In ihren Wünſchen zeigte ſie ein Ungeſtüm, in ihren Beſtrebungen trotz ihrer Jugend eine ſo blinde Leidenſchaftlichkeit, daß der ſchwächere Wille unwillkürlich ihr nachgab und ihr kein nachdrückliches Hin⸗ derniß in den Weg legte. Dieſe Nachgiebigkeit von Seiten der ganzen Um⸗ gebung konnte Anna nicht zum Frommen gereichen. Es iſt mir bisweilen der Gedanke gekommen, wenn unſere Eltern uns nicht durch einen ſo frühen Tod entriſſen worden wären, ſo dürfte uns das bittere Leid erſpart geblie⸗ ben ſein, das ſpäter für mehr als ein Leben zur verderblichen Klippe wurde; doch ſcheint mir ſchon die Kundgebung dieſes Gedankens eine Art Vorwurf gegen das Andenken der treuen Behüter unſerer Jugend zu ſein, und ich will ihn deßhalb nicht aufkommen laſſen, denn wenn wirklich ein Fehler begangen wurde, ſo hatte er ſeinen Grund nur in der übergroßen Herzensgüte der Tante und des Onkels Gough. Die Waiſen(dies lag in ihrer Abſicht) ſoll⸗ ten nie die Süßigkeit der Mutterliebe vermiſſen, ſollten ſich nie fremd fühlen in der neuen Heimat; deßhalb ſchracken ſie zurück vor allem, was nur einen Anſchein von Härte hatte, und machten ihr Anſehen mit einer Milde geltend, die faſt als Schwäche erſcheinen mochte. Von Marie Kolb. 245 Zweites Kapitel. Das Aeußere unſerer neuen Heimat war entzückend— ein ſehr altes Gebäude, das durch den guten Geſchmack oder das Vermögen ſeiner zeitwei⸗ ligen Eigenthümer faſt ganz im urſprünglichen Zuſtand erhalten worden war. Ich habe in England, die gute alte Stadt Schrewsbury ausgenom⸗ men, nirgends ein ſo bequemes und maleriſches altes Wohnhaus gefunden. Onkel Gough's Sitz lag jedoch in einem ganz anderen Theil von England, in einem lachenden County des Südens und keine zwanzig Miles pon der See ab. Das Haus war das größte und ſicherlich auch bei weitem das an⸗ ſehnlichſte in dem Städtchen Willborough und von ſchönen Gartenanlagen umgeben. Letztere nahmen einen bedeutenden Raum ein; doch ſtand die Vor⸗ derſeite des Gebäudes nahe genug an der Hauptſtraße, ſo daß man von letz⸗ terer aus über den hohen Backſteinmauern des Hofes weg gut die zahlreichen Giebel überſchauen konnte. Der Zugang geſchah durch ein großes eiſernes Stacketenthor und führte nach einem Säulenportal mit Steinbänken zu bei⸗ den Seiten, auf welchen man bei ſchönem ſonnigem Wetter nicht ſelten ein Häuflein von Kinderbüchern und Spielzeug, vielleicht neben einem kleinen Strohhut oder einem zerknüllten Gürtelband liegen ſehen konnte, die von einem lärmenden ſchwarzen Dachshündlein mit rothgelben Beinen und Aug⸗ brauen auf's eifrigſte bewacht wurden. Dieſes Portal war nämlich Anna's Lieblingsſpielplatz und Vixen ihr Lieblingsſpielgefährte. Der Porticus bil⸗ dete einen ſtetigen casus belli, nicht zwiſchen Anna und der Tante Gough welche nichts dagegen hatte, wenn ihre kleine Nichte es vorzog, Angeſichts der Hauptſtraße und der darauf wandelnden Perſonen zu ſpielen, ſondern zwiſchen der erſteren und dem alten Stock, des Onkels Faktotum und abſo⸗ luten Tyrannen, welcher gegen die Unziemlichkeit von Anna's Tummelplatz entſchieden Einſprache erhob. Stock war ein wunderlicher, hölzern ausſehen⸗ der alter Mann, der eigentlich die Funktion eines Gärtners bekleidete, dabei aber ſich einbildete, er habe ein verbrieftes Recht auf jeden Zoll von Onkel Gough's außerhalb des maſſiven Hallenportals gelegenen Grund und Bo⸗ den. In den Bann des Hauſes hinein dehnte er nie ſeine Autorität aus; hatte man aber einmal den Fuß auf die breiten Fließen des Portikus geſetzt, ſo befand man ſich in der Domäne des Königs Stock oder, wie wir Kinder ihn zu nennen pflegten, als wir unſere Studien in Aeſop's Fabeln begonnen, des Königs Storch. Sicherlich konnte jener langbeinige Monarch nicht abſo⸗ luter und mit hochmüthigerer Mißachtung der Wünſche ſeiner Unterthanen 4 246 Die Schweſtern. regiert haben. Wenn Stock etwas recht loben wollte, ſo nannte er es„ziem⸗ lich“, und ich habe gehört, wie er eines Tages das ſchneeige Meer der Apfel⸗ blüthen im Obſtgarten, als es im röthlichen Widerſchein der untergehenden Sonne prangte, für einen„ziemlichen Anblick“ erklärte. Wenn er dagegen eine Perſon, einen Platz oder eine Sache als„unziemlich“ bezeichnete, ſo wußten wir alle, daß er damit ein ſcharfes Verdammungsurtheil ausſprechen wollte. Ich habe mir bisweilen gedacht, er halte das Wort für bibliſch und ſuche da⸗ her ein gewiſſes feierliches Gewicht darin, daß das keiner anderen gewöhn⸗ lichen oder bloß weltlichen Phraſe zukomme. Wie dem übrigens ſein mag, ich weiß, daß er und Anna manchen und manchen Strauß über den unglück⸗ lichen Porticus mit einander hatten.„Der Tauſend, Miß Anna,“ pflegte er mit ſeinem unbeweglichen hölzernen Geſicht zu ſagen,„iſt's nicht genug, daß Sie zu Ihren Spielen den Hof haben, die Gärten, das Geſträuch, das Baumgut und die Wieſen? Wenn Sie dort alles verderbt und ruinirt haben, was Henkers treibt Sie denn dazu, auch noch in dem Portikus Ihr Unweſen zu treiben mit Ihren Bilderbüchern und Siebenſachen? Dazu noch das kleine ſcharrende Ungeheuer von Vixen, das mir die Kieswege und Steinbänke ärger zerkratzt, als wenn man den ganzen Hühnerhof hieher ausgeleert hätte! Das iſt nicht ziemlich, ſage ich Ihnen. Treiben Sie im Haus, was Sie wollen, im oberen Stock gibt's alte Stuben und Gänge genug, daß Sie in einer ganzen Woche nicht damit fertig werden; aber hier im Portikus kann ich's nicht dulden. Es iſt unziemlich, und damit Punktum!“ Doch trotz des Punktums war es damit nicht abgethan. Anna ſtampfte mit ihren ſcharlachbeſchuhten Füßchen(Kinder trugen in jenen Tagen rothe Saffianſchühlein), runzelte die kindiſche Stirne und warf ſich bei dem min⸗ deſten Verſuch, ihre Schätze wegzuräumen, wüthend neben denſelben auf die A Steinbank nieder, während Vixen kläffend und ſchnappend Front machte; in der Regel endigte der Kampf damit, daß Kind und Hund athemlos, aber doch ſiegreich im Beſitz des Feldes blieben. Nur einmal brachte der alte. Stock, der in dieſen Fehden äußerlich ſo kalt und ruhig blieb, als ſein kleiner Feind in Glut und Wuth gerieth, die extreme Maßregel zur Anwendung, daß er die ſchreiende und kratzende Widerſpenſtige auf den Arm nahm und zur augenblicklichen Beſtrafung nach dem Bibliothekzimmer des Onkels trug, während Vixen, deren kleiner Leib einen muthigen Geiſt barg, ſich in die Wade ſeiner ledernen Gamaſche einbiß und ſo mit allen Vieren in der Luft mitfortgeſchleppt wurde. Die Scene war poſſierlich; doch wurden unſere gütigen Pflegeeltern, die uns nicht gerne einen Wunſch verſagten, durch Von Marie Kolb. 247 Anna's Ungeſtüm ſo eingeſchüchtert, daß die Berufung des Gärtners an die höhere Inſtanz für ihn zur totalen Niederlage wurde und mit dem Triumph des Feindes endigte, den man mit einer Orange und einem blanken halben Schillingſtück tröſten zu müſſen vermeinte. Der gute, liebe Onkel Gough! Wie zärtlich, mitleidig und geduldig er war gegen die hülfloſen Waiſen, die er unter ſeinen Schutz genommen! Von dieſem Tag an verſuchte es Stock nicht mehr, Anna in der Wahl ihres Spielplatzes zu ſtören. Ich glaube, ſie war ſeit Menſchengedenken das einzige Geſchöpf geweſen, das den Gärtner erfolgreich auf ſeinem eigenen Gebiet bekämpft hatte, und man hätte erwarten können, daß er einen unver⸗ ſöhnlichen Groll hegte gegen ſeinen nur vier Spannen langen Ueberwinder; doch dem war nicht ſo. Zwar kam es mir vor, als behaupte er gegen die ganze übrige Welt ſeine Autorität mit doppelter Strenge, und ich habe noch eine unbeſtimmte Erinnerung, daß ihm Onkel Gough als Sühnopfer der beleidigten Würde in Betreff gewiſſer Sellerybeete, die nicht nach Mr. Stock's Geſchmack waren, nachgeben mußte; indeß denke ich nicht, daß er nach dem Sieg härter gegen Anna geweſen wäre, ſondern er ſchien mir eher ſogar eine größere Zuneigung zu dem Kind gewonnen zu haben. Bei einer Gelegen⸗ heit wagte ich es, dreiſt geworden durch den Erfolg von Anna's Rebellion, inigermaßen in ihre Fußſtapfen zu treten; doch wurde meiner Kühnheit ein ſo raſcher und wirkſamer Einhalt gethan, daß dem anmaßenden Gründling für immer die Luſt verging, mit König Storch anzubinden. Wir hatten uns nämlich an einem ſchönen Sommermorgen im Garten durch unbändiges Umherjagen und Tummeln ſo abgehetzt, daß wir gegen Mittag ſehr erhitzt und müde waren. Die Kindsfrau hatte die halbſchläfrige, aber gleichwohl ſtörriſch ſich betragende Anna fortgenommen, damit dieſelbe vor dem Diner noch ein Schläfchen mache. Da ich um ein paar Jahre älter, folglich auch nicht ſo zart und leicht zu ermüden war, wie meine Schweſter, ſo überließ man mich mir ſelbſt, bis es Zeit wäre, mich für das Familienmahl zu käm⸗ men und anzukleiden. Während ich noch mit mir zu Rathe ging, wie ich die nächſte Stunde todtſchlagen ſollte, fiel mein Auge auf die breite Schattenin⸗ ſel, welche der Portikus auf den blendenden gelben Kiesplatz vor dem Hauſe warf. Von dem Eingang hingen die Ranken einer wilden Rebe nieder, und der Portikus nahm ſich in ſeinem ſchwarzen Schatten ſo tief und geheimniß⸗ voll aus, daß ich dabei an eine gewiſſe Waldhöhle aus einem ſchönen Feen⸗ märchen dachte und die Idee in mir aufſtieg, wie entzückend es ſein würde, hier die verzauberte Jungfrau zu ſpielen, die eine böſe Fee gefangen hielt und 248 Die Schweſtern. zwang, ſtarr und regungslos in der Höhle liegen zu bleiben, bis der ſchönſte Prinz von der Welt kam, um ſie durch Berührung mit einem magiſchen Lin⸗ denzweig aus dem Zauberſchlaf zu wecken, die Erwachte zu heirathen und mit ihr ein Leben ewigen Glückes zu führen. Neben dem Portikus ſtand in ſchönſter gelber Blüthe ein Akazienbaum, der recht gut die Linde vertreten konnte und ſogar ſich noch viel ſchöner ausnahm. Ich eilte daher in heißer Haſt nach der„Wildniß“, wie unſere Spielſtube ſehr bezeichnend getauft worden war, und kehrte glühend und glücklich mit meiner Puppe und einem weißen Baumwollenlamm auf Rädern, an dem jedoch zu meinem großen Aerger die Uneingeweihten auf den erſten Blick nie den Kopf von dem Schwanz zu unterſcheiden vermochten, nach dem Portikus zurück. Die Puppe war kein ſo ſchönes Kunſtwerk, wie dein Wachskind, Lucie, ſondern plump aus Holz geſchnitzt, mit karminroth gefirnißten Backen und in der Mitte der Scheitellinie ſehr augenfällig durch feine Stifte feſtgenageltem Haar; gleich— wohl hing mein kindliches Herz an ihr, und da ich ihr beliebig eine proteus⸗ artige Umwandlung geben konnte, ſo würde ich ſie nicht für die auserleſen⸗ ſten und koſtbarſten Puppen aus Frankreich oder Deutſchland vertauſcht haben. Ich kam alſo mit Dolly und Schneeball nach dem Portikus zurück. Schneeball, das baumwollene Lamm, war eine Neuerung, da dieſer Charak⸗ ter in dem urſprünglichen Märchen nicht vorkam; aber mein Geiſt ſchuf ſich eine Epiſode, des Inhalts, daß Schneeball durch ſeine Bemühungen, die ge⸗ liebte Herrin zu vertheidigen, den Zorn der böſen Fee auf ſich geladen hatte, und daher die Gefangenſchaft theilen mußte; ſeine Anweſenheit in der Höhle war ſonach genügend erklärt. Ich bedeckte Dolly's Kopf und Schultern mit einer ſeidenen Roſaſchärpe von meinem eigenen Hals, wodurch ſie augen⸗ blicks zu einer ſo großartigen und boshaften Fee wurde, wie man es nur wünſchen konnte. Dann legte ich mich, die Arme um Schneeballs Hals ge⸗ ſchlungen, auf die kalte ſteinerne Bank nieder und wartete auf den Prinzen Goldherz mit dem Lindenzweig. Nach den wilden Bewegungen des Morgens war ich in dem Schatten und der Stille ſchläfrig geworden und eben im Begriff, das Gefühl von Schneeballs gegen meine Wange gedrücktem wolligen Vließ zu verlieren, als mich ein langſamer ſchwerer Tritt auf dem Kiesweg draußen wieder auf⸗ ſchreckte; ich richtete mich auf, blieb ruhig ſitzen und ſchaute durch die nieder⸗ hängenden Rebenranken hinaus. Natürlich war es der alte Stock, den ich ſchon an dem Auftreten erkannt hatte. Er ging, einen ſchweren Spaten auf der Schulter tragend, gegen den Garten hin. Der Portikus war ſo dunkel 60 Von Marie Kolb. 249 und das äußere Sonnenlicht ſo blendend, daß er mich wahrſcheinlich nicht bemerkt haben würde, wenn nicht die arme Dolly, ihrem dermaligen Cha⸗ rakter als boshafte Fee getreu, das Mittel geworden wäre, mich in Noth zu bringen. Ich hatte ſie am Eingang der Höhle als Wache aufgepflanzt, und die Roſaſchärpe feſſelte Stock's Aufmerkſamkeit.„Hollah“, ſagte er, indem er, die Augen mit ſeiner groben braunen Hand beſchattend, zu mir herein⸗ ſah;„ei, ſind Sie es, Miß Margareth?“ Er ſprach dies in ſtrengem Tone und beugte ſich nieder, als wolle er Dolly aufnehmen.—„Oh, ich bitte, rühren Sie ſie nicht an, Stock,“ ſagte ich haſtig;„es iſt die Fee Malevola, und ich bin Roſabella; niemand kann in die Höhle kommen ohne einen Zweig von dem verzauberten Lindenbaum, und—.“—„Oho!“ brummte Stock, der mich nicht ausreden ließ, ſondern erbarmenlos die Fee Malevola an dem einen Beine packte, ſo daß ſie hülflos abwärts hing und ihre loſen Locken mit Ausnahme der Stelle, wo ſie angenagelt waren, den ganzen Holzſchädel kahl der Beſchauung bloßſtellten,„oho, wollen Sie auch anfangen, mir Trotz zu bieten, Miß Margareth? Wenn niemand in die Höhle kommen kann, ſo ſoll mir ein gewiſſer Jemand heraus. Schämen Sie ſich nicht, einem Mann zu trotzen, den die Vorſehung in dieſe Lebensſtellung gerufen hat? Sogleich heraus jetzt, Sie unartiges Kind!“ Als ich ſah, wie er Dolly langſam hin und her ſchleuderte und mit ihrem Haar ſchimpflich den Boden fegte, ſtachelte mich die Entrüſtung zum Widerſtand.„Geben Sie mir meine Puppe!“ rief ich, halb erſtaunt über meine eigene Kühnheit. Sie war jetzt nicht mehr die Fee Malevola, und mit ihr hatten Zauberhöhle, magiſche Linde und Prinz Goldherz zu exiſtiren aufgehört. Alles dies war geplatzt wie eine Seifenblaſe; Stock hatte die ganze Herrlichkeit verderbt. Ich drückte übrigens Schneeball mit dem einen Arm feſt an mich und ſtreckte den anderen mit einer gebieteriſchen Geberde nach Dolly aus.„Ich will ſie haben.“—„Wer ſpricht da von will?“ entgegnete Stock mit aufbringender Mißachtung meiner Forderung.„Was iſt dann, wenn Sie wollen? Das iſt kein Wort, das für kleine Kinder paßt.“—„Dolly gehört mir und nicht Ihnen,“ ſagte ich, gegen meine Thrä⸗ nen ankämpfend und Schneeball nur um ſo feſter an mich drückend;„ſie ge⸗ hört mir, niemand anders, als mir, und Sie haben kein Recht, ſie mir zu nehmen.“—„Kein Recht?“ wiederholte Stock, mich mit großen Augen an⸗ ſehend—„kein Recht? Wenn ich hergekommen wäre, um mit einem ſolchen Rotznäschen zu ſtreiten, ſo würde ich fragen, welches Recht Sie haben, zu ſpielen und dummes Zeug zu machen an einem Platz, der Ihnen zum Spie⸗ 250 Die Schweſtern. len verboten iſt.“— Die Logik dieſer Entgegnung wirkte nachdrücklicher auf mich, als allem Schmälen möglich geweſen wäre. Der Onkel hatte mir wirklich verboten, mein Spielzeug nach dem Portikus zu bringen. Dann fiel mir aber ein, welchen Triumph Anna unter ähnlichen Umſtänden davon⸗ getragen, und Stock's Begründung ſchien mir eine unbillige zu ſein.„Anna hat geſtern auch herkommen dürfen,“ verſetzte ich haſtig,„und hat den Kies⸗ weg mit ihrem Hüpfſeil verderbt. Hat ſie ein Recht, hier zu ſein, ſo habe ich's auch.“— Stock richtete ſeine tiefliegenden Augen feſt auf mich und ſah mich eine kleine Weile durchbohrend an.„Miß Margareth,“ ſagte er end⸗ lich,„laſſen Sie ſich nicht auf einen Disput ein. Das Disputiren paßt nicht für das Frauenvolk, geſchweige denn für ſolche kindiſche Milchſüpplein. Es iſt nie etwas Gutes dabei herausgekommen. Ihre Aufgabe iſt, aufzu⸗ merken auf das, was man Ihnen ſagt, und es zu thun. So ſteht es in dem Geſetz und in den Propheten. Ich frage Sie, ob Sie Augenblicks aus die⸗ ſem Portikus herauskommen wollen; wo nücht, ſo ſoll mir dieſer Holzkopf dafür herhalten.“ Er erhob ſeinen Spaten und machte Miene, als wolle er Dolly damit entzweiſpalten. Ich glaube zwar jetzt nicht, daß dieſe ſeine Drohung ernſtlich gemeint geweſen, denn bei all ſeiner Rauhheit und Wun⸗ derlichkeit war er kein brutaler Menſch; allein mein kindliches Herz ſchrack entſetzt zuſammen, als ich die mörderiſche Waffe über der lächelnden, nichts ahnenden Dolly ſchweben ſah. Mit lautem Aufſchrei ſtürzte ich heran, fing die Puppe mit meinen Armen auf und eilte mit ihr über den Hof weg nach der Hinterſeite des Hauſes, keinen Augenblick innehaltend, bis ich mich in dem dichteſten Verſteck des Geſträuches befand, wo ich mich ſchluchzend zu Boden warf und meinen geretteten Schatz umarmte. Seit jenem Tag, an welchem ich Anna mit ſo ſchlechtem Erfolg nach⸗ eiferte, ſind mehr als ſechszig Jahre vergangen.(Denn ich kann damals nicht viel über ſieben geweſen ſein), und doch ſtehen die Einzelnzüge dieſes Vorfalls noch lebhaft, ja viel lebhafter als alle Vorkommniſſe ſpäterer Zeit vor meinem Geiſte. Ich kann mir noch den bitterſcharfen Geſchmack der Nadel von dem alten Forchenbaum vergegenwärtigen, unter dem ich lag; ſie war mir zufällig zwiſchen die Zähne gekommen und hatte mich mit ihrer Spitze in die Lippen geſtochen. Ach, Lucie, ſeit jener Zeit habe ich Tag⸗ träume geträumt in anderen Zauberhöhlen, bin gefeſſelt geweſen durch mäch⸗ tigere Bannformeln, als die der Fee Malevola, und wartete auf den Prinzen Goldherz, wie du eines Tages auf ihn warten wirſt; aber ſtatt des ſchönſten Jünglings von der Welt, mit dem duftenden Zweig in der Hand, kam nur Von Marie Kolb. 251 der alte Stock herangehumpelt mit ſeinem Spaten, um die ſchöne Viſion zu zertrümmern. Doch nie, meine Lucie, iſt die Wärme der Liebe, des Mitleids und der Theilnahme gegen die Leidenden in meiner Seele erloſchen, und ich ſollte daher auch in meinem Alter mich glücklich preiſen. Ja, und ich thue es, meine Liebe— ich bin eine glückliche alte Frau. Wir waren auch ſo glücklich in jenen Tagen, wie es nur Kinder ſein können. Mit dem voranſchreitenden Alter durften wir allerdings nicht mehr vom Morgen bis zu Abend wild auf dem Gut umherlaufen; doch die Auf⸗ gaben, welche uns vorgeſchrieben wurden, brachten keine Schrecken mit ſich und ließen ſich leicht bewältigen. Ich fürchte, du wirſt, wie überhaupt die heranwachſende Generation, eine geringe Meinung gewinnen von dem Er⸗ ziehungstalent der Tante Gough, wenn ich geſtehe, daß ich in meinem achten Jahr es noch kaum bis zum fertigen Leſen gebracht hatte; doch konnte ich in ndem jenem Alter ſchon nach einem Muſter feſtoniren und auch einen brauchbaren aus dle⸗ Steppſtich an einem Hemd machen. Anna's Erziehung begann natürlich Holzkopf etwas früher; denn die zwei Jahre Altersunterſchied befähigten mich, ſie bald über die Geheimniſſe des großen A und des kleinen b aufzuklären. Tante Gough war eine eifrige Anhängerin der Hochkirche. Jeden Sonntagmorgen wurden wir nach dem großen Familienkirchenſtuhl mitgenommen, wo rechts und links von ihr auf dem Sitz zwei ſcharlachfarbige Polſter lagen, die uns ſnichts ſo weit erhöhten, daß der Rand meines Hütchens juſt bis zum oberen Ende f der Stuhllehne reichte. Die kleinere Anna blieb für die äußere Welt ganz nach unſichtbar, wenn ſie nicht etwa während der Pſalmen auf ihr Polſter ſtieg. Heutzutage gibt es kaum noch Kirchenſtühle. Jedermann ſitzt auf einer har⸗ gzend ten Bank und kann in ganzer Figur von ſeinem Nachbar gemuſtert werden. Dies iſt ſicherlich bei weitem nicht ſo behaglich, als die alte Art; hoffen wir, G la nach daß dafür geiſtige Vortheile eingetauſcht worden ſind. d mals Anna und ich, wir beide gingen gern in die Kirche. Man hatte ſie un⸗ 3 dieſes ſerer jungen Einbildungskraft nicht ſchrecklich gemacht, und es war uns nicht gelehrt worden, in der Religion eine ſtrenge Meduſa zu ſehen, deren Anblick den Beſchauer in Stein verwandelt. Ueber den Gedanken, ein Stück aus lag; der heiligen Schrift zur Strafe auswendig zu lernen, würde ſich Tante Gough 2 ürer entſetzt haben. Sie betrachtete es allerdings für eine Pflicht, uns in dem Tag Katechismus, den wir nicht verſtanden, zu unterrichten, erzählte uns aber 7 dazu Geſchichten aus dem neuen Teſtament, die wir verſtanden und mit Luſt lner anhörten. Eine Hauptquelle unſerer Sonntagsunterhaltung war die Muſik. . In unſerer Kirche befand ſich eine ſehr ſchöne alte Orgel, und obgleich der 252 Die Schweſtern. Organiſt heutzutage keinen Anſpruch auf Wiſſenſchaftlichkeit erheben dürfte, wußte er doch dem Inſtrument die ſchmelzendſten Töne und die reichſten Harmonien zu entlocken. Seine Orgel ging ihm über alles; er dachte an ſie mehr als an ſich ſelbſt, und dieſes Gefühl, das Selbſtvergeſſen des wah⸗ ren Künſtlers, theilte ſich unwiderſtehlich ſeinen Zuhörern mit. Selbſt wir Kinder erfaßten außer dem bloßen Ton das Schöne in den Pſalmen und Präludien. Ich erinnere mich, einmal zu dem Onkel geſagt zu haben:„Ich höre Mr. Dixon gerne; er ſpielt ſo liebevoll.“ Als wir älter wurden und über den einfachen Unterricht der lieben Tante Gough hinauswuchſen, ſchickte man uns in eine Schule der Stadt. Unſere Lehrerin Miß Wokenham war eine der kleinſten Frauengeſtalten, die mir je zu Geſicht gekommen ſind. Es gab in der Schule manches eilf⸗ oder zwölfjährige Kind, das über ſie hinausragte, und neben Miß Wokenhams elfenartiger Figur nahmen ſich unſere rothen Pausbacken und runden Arme eigentlich roh und plump aus(bäuriſch pflegte man damals nicht bloß das Derbe und Unpolirte, ſondern alles zu nennen, was von Kraft und Geſund⸗ heit ſtrotzte). Wie ich jetzt rechne, war ſie nicht alt, vielleicht fünfundvierzig; doch damals kam mir ihr Alter ſehr ehrwürdig vor. Ihr Haar war ſchnee⸗ weiß, aber weich, glänzend und von Natur gelockt; ſie hatte glänzende ſchwarze Augen und einen ſehr großen Mund, hinter dem ſich jedoch zwei kerngeſunde Zahnreihen bargen. Vielleicht war es mit dem Wiſſen der guten Dame nicht ſo weit her; doch wir alle ſahen in ihr ein Wunder von Gelehrſamkeit. Und in der That bin ich, wenn man den ſeitherigen Fortſchritt des menſch⸗ lichen Geiſtes in Rechnung nimmt, noch jetzt zu glauben geneigt, daß Miß Wokenham manche ſolide Kenntniſſe beſaß, die man bei dem äußeren An⸗ ſchein nach talentvolleren Gouvernantinnen vergeblich ſuchen würde. Sie kannte ſich gut aus in der Geſchichte und Geographie, war eine erſtaunlich gute Rechnerin und verſtand wie man ſich zuflüſterte, etwas von der Mathe⸗ matik; auch pflegte unſer Pfarrer, der in Cambridge das Doctordiplom ge⸗ nommen, zu ſagen, wenn Miß Wokenham ein Mann geworden wäre und Univerſitätsſtudien gemacht hätte, ſo würde ſie bei der Preisvertheilung ihres Jahrgangs einen ſcharfen Competenten geſtellt haben. Möglich, daß er da⸗ mit nur figürlich ſprechen wollte, denn ſo erklärte es Miß Wokenham ſelbſt die eine äußerſt beſcheidene und wahrheitliebende Perſon war. Wenn es bisweilen vorkam, daß eine wiſſensdurſtige Schülerin Fragen ſtellte, die über ihren Horizont gingen, ſo trug ſie keinen Augenblick Bedenken, ihre Unwiſſenheit einzugeſtehen.„Ich weiß es nicht, meine Liebe,“ pflegte ſie Von Marie Kolb. 253 dann zu ſagen, indem ſie ihre wackeren ſchwarzen Augen ernſt auf die Fra⸗ gerin heftete.„Du fragſt mehr, als ich für den Augenblick beantworten kann; doch wenn man es überhaupt weiß, ſo wollen wir es ausfindig ma⸗ chen.“ Sie langte dann das Wörterbuch, den Atlas und was immer zu Lö⸗ ſung der Frage erforderlich ſein mochte, herunter und arbeitete Seite an Seite mit der Schülerin, bis die gewünſchte Auskunft gefunden war. Dieſe Aufrichtigkeit that ihrem Einfluß auf uns nicht nur keinen Eintrag, ſondern bewirkte im Gegentheil, daß wir ſammt und ſonders darauf zu ſchwören be⸗ reit geweſen wären, alles, was uns von Miß Wokenham als thatſächlich ge⸗ lehrt wurde, ſei eine poſitive Wahrheit. In ihrer Schule blieben ich und Anna, bis wir beziehungsweiſe ſieben⸗ zehn und fünfzehn Jahre zählten, ohne uns von den ſogenannten weiblichen Fertigkeiten viel weiter angeeignet zu haben, als hinreichend Muſik, um einen Walzer oder ein anderes Tanzſtück herunterzuklopfen, und ein wenig fran⸗ zöſiſches Geplapper, uns beigebracht von einem hektiſchen Franzoſen Na⸗ mens de Beauguet, den wir ſehr unehrerbietig mit dem Titel„Old Bogie“ (alter Belzebub) zu bezeichnen pflegten. Anna hatte eine lebhafte friſche Stimme und verſetzte uns oft in Entzücken durch den Vortrag alter Volks⸗ lieder oder einer Canzone von Haydn, wenn wir im winterlichen Zwielicht um den Kamin herſaßen. Ich ſang auch ein wenig; doch hatte meine Stimme lange nicht die Kraft und den Schmelz, wie die von Anna. So entſchwanden uns die Tage recht angenehm und friedlich in dem Giebelhaus. Als die Zeit Schnee in Onkels Gough's Haar zu ſtreuen und in dem ſchönen Geſicht der Tante die Linien zu vertiefen begann, geſchah der Wechſel ſo allmälig, daß er uns nicht auffiel. Der alte Stock hatte ſich im Lauf der zehn Jahre ſo wenig als möglich verändert. Er war, ſeit wir ihn kannten, alt geweſen, hatte immer eine braune Haut gehabt, und ſein ge⸗ beugter Gang, die Runzeln in ſeinem Geſicht und ſein wunderliches Weſen verhielten ſich, wie von Anfang an; alle dieſe Dinge waren uns nichts Neues. Der arme alte Stock ſchien in ſeinem Leben nur eine einzige Luſt zu kennen, wenn nicht etwa das ſtete Zanken mit ſeiner ganzen Umgebung ihm ein Ver⸗ gnügen bereitete. Er war nämlich ein leidenſchaftlicher Raucher, dampfte Abends beim Küchenfeuer aus einem alten Kloben den ſtärkſten Knaſter, den er auftreiben konnte, und hielt nebenbei den Mägden theologiſche Vor⸗ träge; denn Stock hatte ſehr entſchiedene Anſichten über Religion. Als Kind war ich geneigt, zu glauben, daß er dabei ganz ſeinem eigenen Syſtem folge; doch habe ich im ſpäteren Leben allen Ernſtes Dogmen veröffentlichen hören, 254 Die Schweſtern. die, etwa die Grammatik ausgenommen, ganz ſo klangen, als ob ſie aus dem Gehirn des alten Stock ſtammten. Unter den Dienſtboten beſaß die Köchin allein Kühnheit genug, ihm Widerpart zu halten, mußte aber in dem Kampf oft den kürzeren ziehen.„Ich weiß nicht,“ konnte ſie, auf das Feld der Generalitäten ſich flüchtend, ſagen, „aber ich habe immer geglaubt, Mr. Stock, daß jeder, der nach ſeinem Ge⸗ wiſſen handelt, auf dem rechten Wege ſei. Ihr wißt, es gibt mehrere Pfade, die zum Himmel führen.“—„Zum Himmel?“ antwortete dann Stock mit einem verächtlichen Brummen.„Sie weiß auch viel von dem Himmel!“— „Gott behüte und bewahre uns, Mr. Stock! Ich hoffe, ich weiß jedenfalls ſo viel vom Himmel, wie Ihr.“—„Ich bin einer von den Auserwählten,“ konnte dann der alte Mann erwidern; ſein Geſicht war dabei ſo hölzern wie immer, ſeine bedächtige Ausſprache trug das Gewicht der abſoluten Ueber⸗ zeugung in ſich.„Das Rechte iſt nur auf meiner Seite. Unter uns da gibt es vielleicht noch einen oder zwei— jedenfalls werden von uns nur wenige gerettet werden— ſehr wenige.“ Ich erinnere mich noch, daß ſolche Reden eigenthümliche Gedanken in meinem Geiſt weckten. Ich konnte keinen Augenblick glauben, daß Stock recht habe, und pflegte mich mit der Neugierde eines ſinnigen Kindes zu wundern, was er wohl für ein Geſicht machen werde, wenn er einmal viel mehr Leute im Himmel finde, als er erwartet, und ob er ſich wohl freuen oder ärgern dürfte, wenn er die Wahrnehmung mache, daß der Himmel nicht ausſchließlich für ihn und„einen oder zwei von uns“ beſtimmt ſei. Drittes Kapitel. Obgleich das Giebelhaus der edelſte Bau in Willborough war, konnte man Onkel und Tante Gough doch nicht zu den Reichen und Vornehmen der Stadt zählen. Mein Onkel beſaß die Wohnung nicht als Eigenthum, ſondern in Folge langen Zeitpachts. Das Anweſen gehörte einer angeſehenen Magiſtratsperſon des County's, einem Baronet, deſſen Namen ich vergeſſen habe, obſchon er in Willborough eine gewaltige Perſon und in der Umge⸗ gend reich begütert war. In geſellſchaftlicher Beziehung ſtand er unſerem Haushalt ſo fern, als hätte er in Kamtſchatka gelebt. Seinen Verwalter, Mr. Lee, kannten wir ein wenig und grüßten ihn, wenn wir an Markttagen ihm in der Straße begegneten; aber er war ein ſo feierlicher, hochtrabender Mann, daß er mir ſtets ein ehrfurchtsvolles Schweigen einflößte, obſchon je aus dem enug, ihm ehen.„Ich end, ſagen, inem Ge⸗ ere Pfade, Stock mit nit r unſerem erwalter, zarkttagenn trabender ohſch Von Marie Kolb. 255 er ſich bisweilen herabließ, uns heranwachſenden Mädchen zuzulächeln oder uns anzureden. Einmal bemerkte er gegen den Onkel, daß ſich Miß Anna gewaltig gut mache und mit der Zeit allen jungen Burſchen die Köpfe ver⸗ drehen werde.„Und hat er nichts von unſerem lieben Gretchen geſagt?“ fragte die Tante, als dieſe Worte zu Haus berichtet und unter Erröthen be⸗ lächelt wurden. Die liebevolle zärtliche Tante fürchtete, ich möchte mich ge⸗ kränkt fühlen; allein ich hatte nie an die Möglichkeit gedacht, daß der pomp⸗ hafte Mr. Lee mich beachten oder überhaupt ſich meiner erinnern könnte. „Oh, thut nichts,“ ſagte der Onkel, mit einem wohlwollenden Lächeln, ob dem mir Thränen in die Augen traten, mich an ſich ziehend;„Mr. Lee braucht keine ſchönen Reden über unſer Gretchen zu halten. Es mag ihm vielleicht ein Urtheil darüber zuſtehen, welche von euch beiden die hübſcheſten Augen hat, und ich will dich daher deines Kompliments nicht berauben, Anna. Doch wenn auch Gretchen keine Köpfe verdreht, ſo wird ſie ſich dafür in die Her⸗ zen einſchleichen— meinſt du nicht, meine Liebe?“ Er fuhr dabei mit ſei⸗ ner Hand leicht über mein Haar. Wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll, ſo muß ich bekennen, daß ich in jenem Augenblick eine Art ungeduldiger Reiz⸗ barkeit fühlte. Warum ſollte ich nicht ſo gut Köpfe verdrehen können, wie eine andere? Ich zog mich halb zurück vor der Berührung der väterlichen Hand, welche mich liebkoste; aber die unwürdige Regung entſchwand ſchnell wieder. Ich küßte den Onkel, und wir lachten über Anna's Verſicherung, daß ſie mit dem Kopfverdrehungsprozeß bei Mr. Lee ſelbſt den Anfang ma⸗ chen wolle, ſobald ſie ihn das nächſtemal ſehe. Die Gelegenheit ließ nicht lange auf ſich warten; allein Anna mußte wohl ihr Vornehmen wieder vergeſſen haben, denn ich merkte nicht, daß ſie es zu erfüllen verſuchte hätte. Etwa zwei Wochen nach dem vorerwähnten Kompliment des Verwalters, am andernächſten Markttag, ſahen meine Schweſter und ich, als wir auf dem Heimweg die hohe Straße herunter— kamen, die hohe Geſtalt des Onkels neben dem ſtattlichen Mr. Lee einher⸗ ſchreiten. Sie ſprachen angelegentlich miteinander, und da ſie langſamer gingen, ſo holten wir ſie bald ein. Die Trottoirs der hohen Straße von Willborough ſind ſehr ſchmal, ſo daß bloß zwei Perſonen neben einander gehen konnten; und da an Markttagen die Straße mit Landvolk überfüllt iſt, ſo war es uns nicht möglich, durch Hinaustreten auf den Fahrweg, der durch Körbe mit Eiern, Geflügel, Butter, Obſt und Gemüſen verſtellt war, an ihnen vorbeizukommen. Mächtige Karren, mit den Produkten der Land⸗ wirthſchaft oder mit einer rothbäckigen Pächtersfamilie beladen, holperten 256 Die Schweſtern. ſchwerfällig dahin, während der Kärrner, die Peitſche in der Hand, die ſchweren Roſſe ſo gut wie möglich durch das Gedränge ſteuerte, wobei die klugen Thiere auf ſeine Hiſt's, Hott's und Hü's mit faſt menſchlichem Ver⸗ ſtand anſprachen. Hin und wider ritt ein wohlhabender Neoman vorbei, das wohlgenährte Pferd ſchnaubend und ſtampfend über die gezwungene Langſamkeit. Man konnte ferner kräftige Dienſtmägde ſehen mit ſchweren Körben auf dem Kopf, wandernde Hauſirer, die mit heiſergewordenen Stim⸗ men ihre Waaren anprieſen, einen blinden Geiger oder einen von einem Leierkaſten accompagnirten Volksſänger, träg einherſchlendernde Farmar⸗ beiter, geſchäftige Krämer, lärmende Gaſſenjungen, bellende Hunde, gackernde Hühner und ſo weiter. Wir hatten uns dem Onkel und ſeinem Begleiter angeſchloſſen, ohnen daß ſie anfangs unſere Nähe bemerkten.„Ja, Mr. Gough,“ ſagte der Ver⸗ walter mit pomphaftem Nachdruck,„ſo iſt's ausgemacht. Mein Name, meine Stellung, meine Bekanntſchaften werden ihm zu ſtatten kommen; das ſichert ihm, denke ich, einen guten Anfang. Wenn einem Anfänger ſolche Vortheile zu Gebot ſtehen, ſo behaupte ich, es iſt nur ſeine eigene Schuld, wenn er's nicht vorwärts bringt.“—„Vollkommen einverſtanden, Mr. Lee,“ verſetzte mein Onkel mit einem heiteren Lachen.„Ich zweifle nicht daran, daß der junge Gentleman ſeinem Beruf Ehre machen wird.“ In dieſem Augenblick erhob ſich Anna auf die Zehen, ſtreckte ihren Arm über die Schulter des Onkels und hielt ihm einen Büſchel wohlriechen⸗ der Kräuter, die wir zu häuslichen Zwecken gekauft hatten, unter die Naſe. Er machte mit ſeinem Begleiter Halt und beide wandten ſich um; zugleich blieb auch ein dritter Gentleman, der ein wenig vorausgegangen war und den wir bisher nicht bemerkt hatten, ſtehen.„Was ſoll dies?“ rief der Onkel und ſein Geſicht ſtrahlte vor Lächeln, wie es gewöhnlich der Fall war, wenn ihm eines von uns Mädchen unterwegs begegnete.„Natürlich die muthwil⸗ lige Anna! Ich hätte mir's denken können, daß es einer von deinen Poſſen iſt. Pfui, Miß! Schämſt du dich nicht? Sieh, Mr. Lee ſelbſt erröthet für dich.“ Ich glaube nicht, daß Mr. Lee erröthete; wohl aber that es Anna und lachte dazu, wobei ſie ſich allerliebſt ausnahm. Mr. Lee reichte uns beiden mit großer Herablaſſung die Hand; da jedoch von der Seite her das Gewühl uns beengte, ſo hieß uns Onkel Gough vorausgehen, indem er beifügte:„Viel⸗ leicht iſt Mr. Lee und Mr. Heinrich ſo freundlich, nach dem Giebelhaus zu kommen und die Tante zu beſuchen. Wir wollen dann altem Brauch gemäß Von Marie Kolb. 257 nach dem Diner ein Glas Wein trinken auf das gute Glück des Mr. Hein⸗ rich.“ Der dritte Gentleman wurde uns nun von dem Verwalter als„mein Sohn Heinrich, meine Damen“ vorgeſtellt, die Einladung des Onkels ange⸗ nommen und wir alle ſchritten der Heimat zu. Die beiden älteren Herren nahmen ſogleich ihr Geſpräch wieder auf und machten darin auf dem ganzen Wege fort; wir jungen aber gingen in ſchüchternem Schweigen neben einan⸗ der her, bis wir das Stacketenthor des Giebelhauſes erreichten.— Dies war das erſtemal, daß mir Heinrich Lee zu Geſicht gekommen. Viertes Kapitel. Es wird mir jetzt ſchwer, den erſten Eindruck von dem zu trennen, was ich ſpäter über Heinrich erfuhr; aber ich glaube faſt, daß er mir von Anfang an wohl gefiel, obſchon er ſich etwas ſcheu, ſchweigſam und vielleicht ein we⸗ nig ſteif benahm. Deſſen erinnere ich mich übrigens mit Beſtimmtheit, daß die Wahrnehmung, der jüngere Mr. Lee habe keine Aehnlichkeit mit ſeinem Vater, einen angenehmen Eindruck auf mich machte, obſchon ich in große Verlegenheit gekommen wäre, wenn ich dafür einen Grund hätte angeben ſollen. Nur die graublauen Augen und das krauſe Haar hatten beide mit einander gemein; dagegen fehlte Heinrich das breite Kinn und der unſchöne Mund ſeines Vaters; auch hatte in der Ruhe ſein Geſicht einen ſanften, ge⸗ dankenvollen Ausdruck, den er, wie ich mir dachte, von ſeiner verſtorbenen Mutter geerbt haben mußte. Onkel Gough ging durch den denkwürdigen Portikus nach der Halle voran; wir vier, Anna, ich und die beiden Lee's folgten bunt durch einan⸗ der Doch bemerkte ich, daß, als wir die Thüre des Speiſezimmers erreich⸗ ten und meine Schweſter und ich einen Augenblick Halt machten, der alte Mr. Lee in ſeiner pomphaften Weiſe vorandrängte und zuerſt eintrat. Mr. Heinrich ſchien dies, dem ärgerlichen Zug nach zu ſchließen, der über ſein Geſicht hinflog, etwas mißfällig zu vermerken; er trat mit einer förmlichen Verbeugung etwas zurück und ließ uns an ſich vorübergehen. Die liebe Tante war eine gar gaſtliche Frau und würde, glaube ich, wenn der Onkel halb Willborough zum Diner mitgebracht hätte, darüber kein anderes Be⸗ dauern gefühlt haben, als daß ſie nicht vorbereitet genug ſei, um alle nach ihres Herzens Wunſch zu bedienen. Wohl machte ſie eine etwas überraſchte Miene, als Mr. Lee eintrat, denn der Verwalter hatte zu den Bewohnern Hausblätter. 1867. Iv. Bd. 17 258 Die Schweſtern. des Giebelhauſes nie auf dem Fuß der Vertraulichkeit geſtanden; doch hieß ſie ihn und ſeinen Sohn mit jener einfachen Herzlichkeit, die ſich nicht erkün⸗ ſteln läßt, willkommen. Während des Diners erfuhren wir, welche Be⸗ wandtniß es mit dem Erſcheinen des jungen Lee in Willborough hatte, und was der Onkel gemeint, als er von dem Toaſt auf deſſen gutes Glück ge⸗ ſprochen. „Mr. Lee's Sohn will ſich hier unter uns ſeßhaft machen, Alte,“ ſagte der Onkel zur Tante.„Er hat in Birmingham Studien gemacht in der Feldmeßkunſt und im Ingenieurweſen, bei Mr.— Mr.—.“—„Topps.“ ergänzte der ältere Lee, als er ſah, daß dem Onkel der Name nicht einfallen wollte.„Topps. Ein ganz ausgezeichneter Mann, Madame. Und koſtſpie⸗ lig, ſehr koſtſpielig. Doch etwas Gutes koſtet immer Geld.“ Der alte Gent⸗ leman ſchaute umher, als habe er etwas ſehr Befriedigendes geſagt und er⸗ warte, daß wir uns darüber freuen. Heinrich ſtarrte vor ſich hin auf das Tiſchtuch.—„Ja,“ nahm mein Onkel wieder auf,„Mr. Heinrich hat ſeine Studien bei Mr. Topps gemacht. Ich bin überzeugt, daß Mr. Heinrich die ihm gebotenen Gelegenheiten nicht unbenützt ließ. Seine Studienlaufbahn iſt jetzt vollendet, und es freut mich, ſagen zu können, daß er hieher zieht, um uns Willboroughern den Vortheil ſeiner Geſchicklichkeit zu gute kommen zu laſſen.“—„Ich habe ihm einen Antheil an dem alten Geſchäft von Phil⸗ lipps aus Rotherwood gekauft,“ flocht Mr. Lee ein.„Mr. Phillipps zieht ſich zurück, und ſo haben wir einen Anfang für einen jungen Mann mt mäßigem Kapital und guten Connexionen. Ich glaube, gegen meinen Sohn meine Pflicht erfüllt zu haben, indem ich ihm von Jugend auf ſtets den Nutzen guter Connexionen vorhielt. Und wenn mir die Bemerkung erlaubt iſt, ſo denke ich, es wird ſich auch eine gute Connexion bieten, welche bereit iſt, ihn aufzunehmen und zu ſchätzen— um ſeines Vaters willen.“—„Ohne Zweifel,“ verſetzte Onkel Gough nach einer Pauſe, die jedoch ſo kurz war, daß ſie kaum eine Pauſe zu ſein ſchien,„und ihn gern zu haben um ſeiner ſelbſt willen.“— Heinrich ſchaute jetzt zu meinem Onkel auf und dankte ihm mit einem ſo ſtrahlenden Lächeln, daß ſein Geſicht ſich ausnahm, als werde es durch einen plötzlichen Sonnenblick verklärt. Wir Mädchen entfernten uns nun mit der Tante und ließen die Gent⸗ lemen bei ihrem Wein; dieſe blieben jedoch nicht lange ſitzen, denn die Lee's hatten nach Haus zehn Miles zu fahren, und da es ſtark in den Herbſt ging, waren die Tage bereits kurz. Sie kamen nach dem Morgenzimmer, nach welchem wir uns zurückgezogen hatten, um ſich von der Tante zu verabſchie⸗ Von Marie Kolb. 259 den. Der alte Mr. Lee ſah ſehr roth aus und hatte, wie es ſchien, des Onkels Weinkeller alle Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Dies war in jenen Tagen ein nicht ſeltenes, für uns aber ſehr ungewöhnliches Vorkommniß, da Onkel Gough für ſeine Perſon äußerſt mäßig lebte. „Wollen Sie nicht noch bei einer Taſſe Thee bleiben?“ fragte die Tante gaſtlich, obſchon ſie ein wenig verlegen ausſah, als Mr. Lee ſie bei der Hand nahm und ihr feierlich in's Geſicht ſtarrte. Er war nicht betrunken, hatte aber doch genug zu ſich genommen, um noch proſaiſcher und pomphaf⸗ ter zu erſcheinen, als ſonſt.—„Ich danke Ihnen, Madame,“ verſetzte er; „mit dieſem Getränk laſſe ich mich nie ein, und wir ſind preſſirt in unſerer Zeit. Mein Einſpänner erwartet uns in der blauen Glocke; aber ich konnte nicht ſcheiden, ohne Ihnen meinen beſten Dank auszudrücken für die freund⸗ liche Bewirthung. Heinrich, warum bedankſt du dich nicht ebenfalls? Ich kann mich nicht genug wundern über deine Nachläßigkeit.—„Oh, ich bitte,“ nahm die Tante eifrig das Wort,„das iſt ja gar nicht nöthig. Es hat uns ein Vergnügen gemacht, den jungen Gentleman an unſerem Tiſch zu ſehen, wenn er mit unſerer Hausmannskoſt vorliebnehmen wollte.“—„Es iſt allerdings nöthig,“ beharrte Mr. Lee.„Ich ſage, es iſt nöthig, Madame. Entſchuldigen Sie mich, wenn ich Ihnen widerſpreche; aber ich bin ein Düft⸗ ler in Betreff der Beobachtung jener höflichen Formen, welche— welche— die Räder des Lebens vergolden. Ich bin zu Beobachtung der größten Höf⸗ lichkeit erzogen worden, namentlich gegen das zartere Geſchlecht. Du magſt nich für überdifficil halten, junger Menſch, aber in meinen Tagen hätte man es für unmanierlich gehalten, das Haus einer Dame ohne Abſchieds⸗ compliment zu verlaſſen. Artigkeit, Höflichkeit und Rückſicht für das ſchöne Geſchlecht, ſelbſt in den geringfügigſten Dingen, iſt ſtets meine Lebensregel geweſen.“ Ich konnte nicht umhin, mir die kleine Scene an der Speiſezimmerthüre zu vergegenwärtigen, und dabei ſtieg mir die unbehagliche Idee auf, daß auch Mr. Heinrich daran denke. Ich fühlte, daß ich über und über roth wurde. Mr. Lee machte noch eine Weile in demſelben Ton fort und hielt eine förmliche Rede, die jedoch mehr uns, als ſeinem Sohne zu gelten ſchien. Als er endlich zum Schluß kam, verabſchiedete er ſich von mir ſehr gnädig, von Anna aber unter gezierten Bewunderungsfloskeln, welche dieſe mit großer Huld und Faſſung entgegennahm. Heinrich machte gegen jede von uns ſeine ſteife Verbeugung. Es kam mir vor, als habe die väterliche Ermahnung 17* 260 Die Schweſtern. nicht dazu beigetragen, ihn in eine unbefangenere Stimmung zu ſetzen. Doch unter dem Einfluß von Tante Gough's warmem, mütterlichem Weſen mußte jede Schüchternheit dahinſchmelzen; der junge Mann ergriff ihre Hand und ſagte ihr ein recht herzliches Lebewohl.—„Ich hoffe, wir werden Sie oft in dem Giebelhaus ſehen,“ hörte ich den Onkel ſagen, als er ſeine Gäſte die Treppe hinunter begleitete.„Sie wiſſen, wir werden Nachbarn ſein, Mr. Heinrich. Wenn Sie mit langweiligen, altmodiſchen Leutchen, wie wir ſind, vorliebnehmen wollen, ſo werden Sie bei uns ſtets einen war⸗ men Willkomm und einen friſchen Trunk finden.“ Ich erfuhr ſpäter, daß der alte Mr. Lee auf dem Markt meinen Onkel angeſprochen und ihm ſeinen Sohn vorgeſtellt hatte, ausdrücklich in der Ab⸗ ſicht, eine ſolche Einladung zu veranlaſſen und ein gutes Verhältniß zu dem Giebelhaus herbeizuführen. Ich weiß nicht, ob ſchon damals etwas Weite⸗ res im Plan lag; doch war es an ſich ſchon für den neuen Ankömmling in Willborough kein geringer Vortheil, als ein im Giebelhaus willkommener Gaſt bekannt zu werden, und der Verwalter wußte dies recht wohl, obſchon er ſo prahleriſch mit ſeinen guten Connexionen um ſich warf. Vor dieſer Zeit war uns die Ehre von Mr. Lee's Geſellſchaft nicht oft zu Theil gewor den, und ich denke, wir alle ſtimmten ſtillſchweigend darin überein, daß eine häufige Wiederholung dieſes Genuſſes nicht eben erwünſcht ſei. Mein Onkel hatte indeß eine Zuneigung zu dem Sohn gewonnen und pflegte oft und oft zu ſagen:„Es iſt ein netter junger Menſch, ſauber von Geſtalt und manier⸗ lich, obſchon er ſich noch fremd unter uns fühlt. Der Himmel weiß, woher er ſeine Schüchternheit hat, jedenfalls von ſeinem Vater nicht. Ich denke mir, ſeine Mutter muß eine ſanfte Frau geweſen ſein. Ich habe ſie nicht gekannt; aber er ſieht aus wie ein Burſche, der eine angenehme Mutter hatte.“ Die Herbſttage wurden kürzer und kürzer; in der Luft roch es nach ge fallenem Laub, und der blaſſe, hin und wider von einem Funken zitterigen Glanzes durchzuckte Abendhimmel begann ein fernes Gewebe entblätterter Zweige auf dem gelben Hintergrund des weſtlichen Horizonts zu zeigen. Heinrich Lee war inzwiſchen unter dem Dach meines Onkels eine ſo ver traute Erſcheinung geworden, wie der alte Stock ſelbſt. Seine Schüchtern⸗ heit verlor ſich bei näherer Bekanntſchaft, und wir fanden in ihm einen ſehr angenehmen Geſellſchafter, mit einer Ader von jugendlicher guter Laune und Heiterkeit, die namentlich meinem Onkel viel Vergnügen machte. Zufällig enthüllte ſich auch ein näherer Anlaß zu einer freundſchaftlichen Beziehung. Von Marie Kolb. 261 Mein Onkel war von Geburt und Familie ein Nordländer. Ich weiß jetzt nicht mehr(wenn ich es je wußte), welche Wechſelfälle des Glücks ihn bewo⸗ gen hatten, ſeinen Wohnſitz in dem Süden zu nehmen; ſo viel iſt aber ge⸗ wiß, daß er in ſeinem Herzen ſtets einen warmen Winkel bewahrte für alles, was ſeinem theuren Grenzland angehörte, und namentlich mit claniſcher In⸗ nigkeit an ſeinen Verwandten hing, ſelbſt bis auf den Vetter im dritten Glied hinaus. Da ſtellte ſich nun eines Abends heraus, daß Heinrich Lee's Mutter eine Northumberländerin geweſen war, geboren und erzogen keine zwanzig Miles von dem Geburtsort des Onkels. Das war eine ſehr ange⸗ nehme Entdeckung. Onkel Gough konnte es nicht ſatt werden, Heinrich über ſeine verſtorbene Mutter auszufragen und ſeine eigenen Erinnerungen über ihre Familie, die Mac Naghtons, aufzufriſchen, bis er ſich zuletzt in die Ueber⸗ zeugung hineingearbeitet hatte, er müſſe Mrs. Lee als Mädchen gekannt haben, obſchon ich fürchte, daß die Daten und Thatſachen die Unmöglichkeit einer ſolchen Bekanntſchaft auf's unerbittlichſte bewieſen. Er konnte ſtun⸗ denlang von den wilden Moorlanden und den einſamen Haiden erzählen, die er als Knabe durchwandert, ein Abenteuer um das andere beſtehend. Dies geſchah dann gewöhnlich in dem nordiſchen Dialekt, und in ſeinen Augen blitzte die alte knabenhafte Luſt wieder auf; er pflegte wohl auch Anna um den Vortrag einer alten Grenzballade zu bitten und lauſchte dann mit ge⸗ ſchloſſenen Augenlidern auf ihren hinreißenden Geſang, während ſein Herz auf's neue die Tage der Vergangenheit durchlebte und unwillkürliche Thrä⸗ nen über ſein liebes ehrliches Antlitz niederrieſelten. Auch Heinrich hörte bei ſolchen Gelegenheiten mit entzückter Aufmerk⸗ ſamkeit zu. Anna, welche die Aufregung und Bewunderung ſo ſehr liebte, wie die meiſten ihrer Schönheit bewußten Mädchen, und an ein nicht kärg⸗ lich zugemeſſenes Lob gewöhnt war, legte nie ſo viel Kraft und Pathos in ihre Stimme oder ſo viel Ausdruck in ihr bewegliches Geſicht, als wenn Heinrich eine Abwechſelung brachte in die Einförmigkeit der gewöhnlichen Zuhörerſchaft und die Beifallsſpenden der Familienangehörigen mit einem neuen Element bereicherte. Fünftes Kapitel. Miß Wokenham war um jene Zeit ein häufiger Gaſt in unſerem Hauſe. Sie hatte uns zu ihren Vertrauten gemacht und uns eine wichtige Neuigkeit mitgetheilt, die uns halb mit Freude, halb mit Schmerz erfüllte. Die Freude 8 1 262 Die Schweſtern. wurde veranlaßt durch die Hoffnung, daß ſie glücklich ſein werde, der Schmerz durch den Gedanken, daß wir ſie verlieren ſollten. Miß Wokenham beab⸗ ſichtigte nämlich, ſich zu verheirathen, und ihr Gatte wollte ſie fortnehmen aus Willborough, aus England, aus Europa, weit fort über das ſalzige Meer nach Nordamerika. Ich erinnere mich noch gut des Tages, an welchem ſie uns die erſte Eröffnung machte, und des komiſchen Kampfes zwiſchen Weinen und Lachen, welcher während der ganzen Mittheilung ihre Geſichts⸗ muskeln in Thätigkeit erhielt. Es war am Abend eines ſchönen Oktober⸗ tages, einem halben Feiertag, als ſie in das Sprechzimmer trat, in welchem Tante Gough, die über einer Stickerei nickte, Anna und ich beiſammen ſaßen.„Nun, meine ſanftäugige Philoſophin,“ ſagte Miß Wokenham und grüßte mich mit einem Kuß, zu deſſen Empfangnahme ich mich gegen ſie nie⸗ derbeugen mußte.(Sie pflegte alle ihre Zöglinge mit Spitznamen zu bele⸗ gen. Ich hieß die Philoſophin, während ſie Anna ſtets nur als den Irr⸗ wiſch bezeichnete.„Nun, meine ſanftäugige Philoſophin, wie geht es Ihnen — und was macht die liebe Tante? Nach Ihnen brauche ich nicht zu fragen, Irrwiſch; Sie leuchten und fackeln hell genug, um eine ganze Legion unvor⸗ ſichtiger Wanderer irre zu führen und mit luſtigem Lachen im Sumpf zap⸗ peln zu laſſen.“ Sie war immer ein lebhaftes Weſen, ſprach aber diesmal viel raſcher als gewöhnlich, ſo daß ich ihr auf der Stelle anmerkte, ſie müſſe etwas Auf⸗ regendes auf dem Herzen haben. Dies kam auch ſchon nach einigen Minu⸗ ten heraus; denn nachdem ſie neben Tante Gough auf einem breiten, niedri⸗ gen Polſterſitz Platz genommen, drückte ſie ihre Hände feſter zuſammen und ſagte abgebrochen:„Ich bin nicht gewöhnt, eine Lüge zu ſprechen, und finde, daß ich auch nicht im Stande bin, eine Unwahrheit in Scene zu ſetzen. Es— hilft nichts, daß ich ſtolzirend hieher komme und mich wunder wie ruhig an⸗ ſtelle, denn ich muß Ihnen verſichern, daß mir ganz und gar nicht ruhig zu Muthe iſt. Die Abſicht führt mich hieher, Ihnen etwas mitzutheilen, Mrs. Gough, und da die lieben Mädchen hier ſind, ſo mögen ſie wohl bleiben und zuhören, denn ſie müſſen es doch früher oder ſpäter erfahren.“ Sie hielt einen Augenblick inne; als ſie aber ſah, daß die Tante ſprechen wollte, erhob ſie bittend die Hand und fuhr mit einem raſchen Anlauf fort:„Ich bin im Begriff zu heirathen und weiß alles, was man über die Abgeſchmacktheit eines ſolchen Schrittes bei einer Perſon in meinem Lebensalter ſagen kann. Ich habe die Nachtheile in's Auge gefaßt, wenn man als ein vereinzeltes Frauenzimmer leben und ſterben ſoll, ohne ein menſchliches Weſen um ſich Von Marie Kolb. 263 zu haben, das einen tröſtet in Leid und Krankheit, gegen die Ausſicht, als alte Närrin verlacht und verhöhnt zu werden, weil ich mich und meine Er⸗ ſparniſſe weggeworfen habe an den erſten beſten froſcheſſenden Franzoſen, der es für der Mühe werth hielt, einen Finger nach mir auszuſtrecken, und gelangte dabei zu dem Schluß, daß es beſſer ſei, in guter Geſellſchaft ein Gegenſtand des Spottes zu ſein, als im trübſeligen Alter allein zu ſtehen. Ihr habt nun meine große Neuigkeit, Kinder, und braucht der Kundgebung eurer Gefühle keinen Zwang anzuthun.“ Ich habe die Tante nie wegen feinen Taktes beſonders loben hören; doch hatte ſie jedenfalls eine Art an ſich, im rechten Augenblick das Rechte zu ſagen und zu thun, ſo daß ihr Benehmen wie ein beruhigender Balſam auf die Gemüther ihrer Umgebung wirkte. Sie war das, was man heutzu⸗ tage„ſympathetiſch“ zu nennen beliebt, in höherem Grade, als ich dieſe Eigenſchaft je bei irgend einem anderen Menſchen wahrgenommen habe. Nachdem die kleine Miß Wokenham ihre Rede zu Ende gebracht hatte und nun mit einem krampfhaft zuckenden Lächeln um den Mund daſaß, während ihre klaren ſchwarzen Augen ſich von einem zuſammenrinnenden Naß trüb⸗ ten, ergriff die Tante ſanft ihre Hand, ſtreichelte ſie und ſprach in ihrer wei⸗ chen, langſamen Weiſe, ohne daß ihre Stimme eine Spur von Ueberraſchung verrieth:„Das iſt ja eine recht erfreuliche Neuigkeit, und ſicherlich wird je⸗ dermann Ihren Entſchluß als ſehr verſtändig anerkennen. Wer iſt der gute Mann, meine Liebe?“— Die kleine Dame ſprang auf, ſchlang ihre Arme um den Hals der Tante und brach in einen Strom von Thränen aus.— „Das iſt der rechte Ausdruck,“ rief ſie,„ganz der rechte Ausdruck, oh Sie liebe, freundliche Seele. Ich habe mir immer den Kopf zerbrochen, wie ich ihn nennen ſolle— natürlich nicht in meinen Gedanken, ſondern gegen andere Leute, denn das Wort„Liebhaber“ oder„Verlobter“ ginge mir nicht über die Lippen. Sie wiſſen, es iſt zu ſpät, um damit anzufangen. Aber „guter Mann“, das iſt das rechte, proſaiſch zwar, aber doch ſo lieb. Und Sie halten mich nicht für eine kindiſche alte Thörin?“ Mittlerweile hatte ſich das kleine Frauenzimmer ſo weit beruhigt, um unſere Glückwünſche mit ihrer gewöhnlichen verſtändigen Faſſung entgegen⸗ zunehmen. Dann kam allmälig die Geſchichte der Werbung zum Vorſchein. —„Es iſt Monſieur de Beauguet, der franzöſiſche Sprachlehrer— Old Bogie, wie ihn die Mädchen nennen. Ich werde die Mrs. Old Bogie ſein. Iſt dies nicht ein ſehr paſſender Name für mich? Gewiß, in der langen Zeit, ſeit ich ihn kenne, iſt mir nie ein ſolcher Gedanke gekommen, obſchon wir 264 Die Schweſtern. immer auf dem beſten Fuß zu einander ſtanden, bis er etwa vor einem Mo⸗ nat zu mir kam und mir erzählte, daß ihm ein unerwartetes Glück zuge⸗ floſſen ſei.„Ich freue mich aufrichtig darüber,“ entgegnete ich,„denn ich ſchätze Sie ſehr und muß ſagen, daß Sie von Fortuna wohl einmal ein Lä⸗ cheln verdienen, nachdem Sie ihr finſteres Stirnerunzeln ſo lang mit Mann⸗ haftigkeit ertragen haben. Doch alle Welt weiß, daß dem Franzoſen ein muthiges Ringen mit ſeinem Schickſal angeboren iſt.“ Ich wußte, meine Lieben, daß er ſehr— ſehr arm war und ſich ſauer durch die Welt ſchlagen mußte, ohne indeß je einen Menſchen mit Klagen oder Bitten um Beiſtand zu behelligen; was ich ihm erwidert, war ſonach nicht bloße Floskel. Er machte eine tiefe Verbeugung und verſetzte:„Ich acceptire das Compliment für meine Nation, nicht für mich ſelbſt, Mademoiſelle.“ Dann theilte er mir mit, ein entfernter Verwandter, von welchem er nie etwas erwartet, ſei in Canada, wohin derſelbe vor vielen Jahren ausgewandert, geſtorben und habe teſtamentariſch eine in der Nähe von Quebee gelegene Farm nebſt eini⸗ gem Kapitalvermögen ſeinem Couſin im zweiten Grad, Louis Auguſte Phi⸗ lippe Emile de Beauguet vermacht. Ich ſchrieb nachher die Namen auf; deß⸗ halb gehen ſie mir jetzt ſo geläuſig von der Zunge. Er ſagte dann, er habe ſich entſchloſſen, den Unterricht in der franzöſiſchen Sprache aufzugeben und ſich in Canada niederzulaſſen, wo ſich bereits eine ganze Kolonie ſeiner Lands⸗ leute befinde, und verbreitete ſich ausführlich über ſeine Hoffnungen und Plane. Von mir ſprach er damals noch kein Wort. Ich geſtehe, daß ich mich, nachdem er ſich entfernt hatte, ſehr gedrückt fühlte. Ich war zwar ſehr er⸗ freut über ſeine guten Ausſichten; doch der Gedanke, daß er ſo weit fortging, legte mir nahe, daß jedermann, mit dem ich in Berührung kam, in der Welt andere und ſtärkere Bande hatte, als ich. Eine Mädchengeneration um die andere, die ich unterrichtet und liebgewonnen, war an mir vorübergegangen und hatte glückliche Heimaten gefunden, ohne weiter der armen Lehrerin zu gedenken, die in ihrer Verlaſſenheit alt wurde. Auch konnte ich mich der Betrachtung nicht erwehren, wie andere Frauenzimmer ſozuſagen Wurzel faßten in der Welt, Früchte trugen und ſelbſt im Alter noch blühten, wäh⸗ rend ich vereinzelt daſtand, einem kalten kahlen Felſen gleich, der weder Schönheit noch Nutzen hat und eines Tages umſtürzt, ohne daß ſich irgend jemand weiter um ihn kümmert. Zu meiner Schande muß ich ſagen, daß ich mich in eine ſehr unglückliche Gemüthsſtimmung hineinarbeitete, denn ich kauerte vor dem Herd nieder und weinte und ſchluchzte wie eine Närrin. Da kam auf einmal mein kleines Dienſtmädchen Kate in das Zimmer geſprun⸗ Von Marie Kolb. 265 gen.— Sie erinnern ſich, liebe Philoſophin, daß wir ſie nie lehren konnten, vorher an die Thüre zu pochen— und überbrachte mir ein mächtiges vier⸗ eckiges Schreiben mit einem Siegel, ſo groß wie eine Kaffeetaſſe. Es war natürlich von de Beauguet. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen den Inhalt wiederhole, obſchon ich ihn auswendig weiß,“ bei dieſen Worten überflog ein leichtes Roth Miß Wokenham's blaſſes feines Antlitz;„allein ich kann ſagen, daß es ein ſehr ſchön geſchriebener Brief war. Er ſagte, er ſtehe allein in der Welt; er habe ſich vor vielen Jahren losreißen müſſen von ſeinem Land und allem, was ihm dort theuer, ſo daß er ſich Frankreichs nur noch als eines ſchönen Traumes, nicht als einer Wirklichkeit erinnern könne. Dann ſtrich er, weit mehr, als Grund vorhanden war, die gütige Großmuth und zarte Theilnahme heraus, die ihm eure geringe Dienerin erwieſen haben ſoll. Ich will mich nicht anſtellen, als ſei ich nicht erfreut darüber geweſen; doch that er mir mehr, tauſendmal mehr Ehre an, als mir gebührte. Und zum Schluß ſagte er, wenn ich mein Los an das ſeinige ketten und mit ihm in's Ausland ziehen wolle, ſo werde er bemüht ſein, alles aufzubieten, damit ich mein Vertrauen nie bereue. Ich verlangte eine Woche Bedenkzeit, obſchon ich faſt fürchte, daß da nicht mehr viel zu bedenken und ich ſchon von Anfang an meinen Entſchluß gefaßt hatte. Nach Ablauf dieſer Zeit verſprach ich Louis, den Bund mit ihm einzugehen für gute und ſchlimme Tage und ihm eine treue und liebevolle Gefährtin zu ſein, ſo lange mir Kraft und Leben bleibe — ja, und auch über dieſes Leben hinaus.“ Von nun an kam Miß Wokenham oft nach dem Giebelhaus. Sie hatte noch viele Vorbereitungen zu treffen und nicht viel Zeit dafür. Die Trauung ſollte in Liverpool ſtattfinden, von wo aus ſie ein Kaufmannſchiff zur Fahrt nach Quebee benützen wollten. Monſieur de Beauguet hatte dies ſo ausge⸗ macht. Die Tante war eine ausgezeichnete Nähterin und hatte auch uns Mädchen für derartige Arbeiten gut unterwieſen; daher konnten wir zu dreien unſerer alten Freundin nützlich werden und ſchätzten uns glücklich, an der Herſtellung ihrer Ausſtattung mithelfen zu dürfen. Das Jahr lief um, und wir hatten bis mitten in den Winter hinein eifrig gearbeitet. Anna war eine fertigere Nähterin als ich, und ihre hurtigen Finger kamen uns bei Her⸗ ſtellung der Hauben, Schürzen und anderen nüchternen Zierſtücke, wie ſie für Miß Wokenham's Alter paßten, ſehr zu ſtatten. Ich arbeitete ſolid, aber langſam, und unſere ſchalkhafte kleine Braut pflegte zu ſagen:„Ihr ſeid beide liebe gute Kinder; doch wenn beim Stichemachen die Noth an den Mann geh, ſo lobe ich mir Anna. Die Philoſophin macht bei der beſten Ab⸗ 266 Die Schweſtern. ſicht an jedem Kreuzweg Halt und überlegt, welche Richtung ſie jetzt einſchla⸗ gen ſoll; aber der Irrwiſch ſchnurrt hurtig über den Grund hin und bringt ihn hinter ſich, wenn es auch hin und wider im Zickzack geht.“ An einem kalten Tage hatten wir von einer frühen Stunde an in unſe⸗ rem Zimmer gearbeitet. Als es zu dunkeln anfing, packte Miß Wokenham zuſammen und ſchickte ſich an, nach Haus zu gehen; die Tante aber hielt ſie zurück und beſtand darauf, daß ſie noch den Onkel abwarte und beim Thee bleibe.—„Ich bliebe recht gerne,“ verſetzte Miß Wokenham;„aber Mon⸗ ſieur hat verſprochen, mir entgegen zu gehen, und er würde mir's wohl übel⸗ nehmen, wenn ich nicht käme.“—„Natürlich würde er dies,“ entgegnete die Tante;„aber ich will jemand zu ihm ſchicken mit der Meldung, daß Sie hier ſeien und ihm ſagen laſſen, daß wir ihn beim Thee erwarten, wenn er uns, ohne Umſtände zu machen, die Ehre anthun will, zu kommen.“— Dies war verführeriſch genug, um Miß Wokenham zum Bleiben zu bewegen, und im Lauf der Zeit fand ſich auch Monſieur ein. Seit uns ſeine Verlobung mit unſerer alten Lehrerin bekannt geworden, hatte er der Tante einen förmlichen Anſtandsbeſuch gemacht und war durch ſeine Braut gebührend vorgeſtellt worden; bei dieſer Gelegenheit kam es jedoch zu einem traulicheren Verhält⸗ niß, indem er die Rüſtung der Etiquette und Ceremonie, in welcher er ſich anfangs eingehüllt, bald ablegte. Er erwies ſich, nachdem einmal das Eis gebrochen, als einen einfachen, aber ſehr gemüthlichen Mann, der mehr jugendliche Friſche und romantiſche Ritterlichkeit zeigte, als ich oft an Herren wahrgenommen, die nur halb ſo alt waren wie er. Er mochte fünfzig Jahre zählen und hatte ein anſprechendes geiſtvolles Geſicht, aus dem ein paar ſehr ſchöne blaue Augen hervorleuchteten. „Es iſt ſehr freundlich von Ihnen, Mr. Bogie,“ ſagte die Tante, in aller Einfalt und gutem Glauben ſeinen Namen ausſprechend, wie die Schulmädchen ihn verketzert hatten,„ſehr freundlich von Ihnen, daß Sie uns das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft gönnen wollen. Wir hoffen, es werde Ihnen unter uns nicht übel gefallen.“— Monſieur fühlte ſich bald heimiſch. —„Ah, Eliſa,“ ſagte er, als er vor dem Kamin koſig neben Miß Woken⸗ ham ſaß,„ſolke Sen'mak uns thu leid, ſu verlaſſen England.“—„Ja, in der That,“ verſetzte ſie;„ich kann zwar Ihre Grammatik nicht loben, aber Ihre Geſinnung iſt ganz und gar auch die meinige. Ich werde ihn nicht da⸗ hin bringen, gut engliſch zu ſprechen, Mrs. Gough, ebenſowenig, als er mich wird lehren können, das Franzöſiſche gut zu prononciren; und dies will viel heißen, wie Sie wiſſen würden, wenn Sie je meine Verſuche mitangehört 5 Von Marie Kolb. 267 hätten.“—„Sie ſprick ſehr gutt, Madame,“ unterbrach ſie der erleſene Bräutigam.„Sie kann ſaghen Oui, kann ſaghen je t'aime, und das iſt ſo viel franzöſiſch, als ik von ihr verlang.“—„Während wir darüber lachten und Miß Wokenham mit unnöthiger Heftigkeit betheuerte, daß ſie wenig⸗ ſtens zu ihm nie geſagt habe, je t'aime(ihre Freunde würden ja glauben, ſie habe den letzten Reſt ihres Verſtandes verloren, wenn er ſo fortmache), trat der Onkel mit Mr. Heinrich Lee in's Zimmer. „Ich habe dieſen jungen Gentleman auf dem Rückweg von Oatslands aufgeleſen, oder vielmehr er mich, denn ich war zu Fuß und er fuhr in Ro⸗ therwoods Gig. Er war draußen beim Feldmeſſer und ſchritt, mit einer Kutte oder einem ähnlichen Ornament um den Leib, über friſch gepflügte Felder, ſo daß—.“—„Er nicht in dem geeigneten Zuſtand iſt, ſich vor Damen zu zeigen, Mrs. Gough,“ beendigte Heinrich den von dem Onkel begonnenen Satz.„Doch Mr. Gough ließ meine Vorſtellung nicht gelten. Sie wiſſen, wie entſchieden bei Gelegenheit Ihr Herr und Meiſter ſein kann.“ —„Was wird ſie wiſſen!“ verſetzte der Onkel lachend.„Oh, die ſüße Ein⸗ falt von dreiundzwanzig! Als ob je ein Mann entſchieden auftreten könnte gegen ſeine Frau! Doch gehen Sie nach meinem Zimmer, junger Herr— den Weg finden Sie, ohne daß man Ihnen denſelben zeigt— und poliren Sie ſich ein wenig, eh' die Lichter kommen. Bis jetzt hat noch niemand be⸗ merkt, wie Sie ausſehen.“ Mit Ausnahme des trübrothen Scheines, der ſich um das Kamin her ausbreitete, herrſchte in dem Zimmer Dunkelheit; denn wir alle liebten das gelegentliche träumeriſche Aufflackern des Feuerlichtes und hatten mit ein⸗ ander geplaudert bis das graue Geſpenſt des Tages, das durch unſer Fenſter herein geſchaut, in die ſchwarzen Schatten einer Winternacht hineinge⸗ ſchmolzen war.—„Wo iſt Nanny?“ fragte der Onkel plötzlich von ſeinem Lehnſtuhle aus, in welchem er ſich ein Glas Glühwein, das ihm die Tante eigenhändig zubereitet, belieben ließ.„Wo iſt Nanny? Ich habe ja heute den ganzen Tag ihr Borſtorfergeſichtchen mit keinem Auge geſehen.“— Sie war bei dem Eintritt des Onkels unter uns geweſen, aber jetzt mit einemmal verſchwunden.—„Mademoiſelle Anna, war näkſt an die Thür, als Monſieur Gough und Monſieur Lee'ereinkam, und ſie ſch— ſchlüffet weg ohne ein Wort. Ick'ab es bemerkt,“ ſagte Monſieur.—„Schlüffet weg! Ach, du mein Himmel, Louis— man ſagt: ſchlüpfte— ſchlüpfte hin⸗ weg,“ rief Miß⸗Wokenham in komiſchem Entſetzen.—„Ah bien, ſchliefte,“ ſagte de Beauguet in vollkommen gutem Humor, indem er uns allen zu⸗ 268 Die Schweſtern. lächelte;„ſie ſchliefte inweg ganz ruhig.“—„So wollen wir die eigenſin⸗ nige Hexe wecken,“ ſagte der Onkel, der im heimiſchen Kreiſe Anna's ſtrah⸗ lendes Geſicht keinen Augenblick miſſen konnte. Er hatte jedoch kaum aus⸗ geſprochen, als die Thüre aufging und Anna wieder eintrat. Heinrich Lee folgte ihr auf dem Fuße.—„Wohin ſeid ihr Beide miteinander entlaufen?“ fragte Onkel Gough.„Komm her, Jungfer Unverſchämt. Empfängt man den Hausherrn ſo, daß man davonläuft, ſobald er ſein Geſicht blicken läßt?“ —„Ich begegnete Miß Anna auf der Treppe, als ich von Ihrem Zimmer herunter kam, Sir,“ ſagte Heinrich Lee erklärend, indem er ſeinen Stuhl neben den meinigen an das Feuer rückte. Ich ſahe meine Schweſter an und bemerkte, daß ſie auf ihrem Zimmer geweſen war und ein ſcharlachrothes Sammetband, das ſie bisweilen trug, in ihre dunklen Locken geſchlungen hatte. Auch Miß Wokenham, die eine feine Beobachtungsgabe beſaß, war das Band aufgefallen; doch ſagte ſie nichts, obſchon mir nicht entging, daß ſie den ganzen Abend aufmerkſame, ſpähende Blicke auf Anna warf. Dieſes Stückchen harmloſer Coquetterie nahm uns indeß nicht Wunder, am aller⸗ wenigſten an Anna, welche kein Hehl daraus machte, daß ſie ſich ihres guten Ausſehens wohl bewußt war und ſich gern etwas darauf zu Gute that. Sie war auch wirklich recht ſchön, und während ſie zu den Füßen des Onkels auf dem weichen, weißen Fries ſaß, das glühende Geſicht von einem heiteren Lächeln beſeelt und den hübſchen runden Arm auf ſein Knie ſtützend, glaubte ich nicht einmal im Bilde je eine lieblichere Geſtalt geſehen zu haben. Der Onkel mochte auch ſo denken, wenn ich aus dem entzückten Lächeln, mit dem er auf ſie niederſchaute, einen Schluß ziehen durfte.—„Sing' uns ein Lied, Nanny,“ ſagte er endlich.„Laß Monſieur eine von unſeren Grenzballaden hören. Keine kunſtgerechte Muſik, Monſieur, ſondern einfache alte Volks⸗ weiſen, in welchen Text und Melodie zuſammengehören und auseinander herausgewachſen ſcheinen, wie das Laub und die Blüthe einer Blume. Sing' uns den Sir Patrick Spence, Nanny.“—„Nicht, wenn Sie mich “ verſetzte ſie ſchmollend.„Ich ſehe nicht ein, wofür man von den Pathen ſchöne Namen erhält, wenn ſie in Nan oder Nanny verun⸗ ſtaltet werden. Man könnte mich ebenſo gut Bärbel heißen.“—„Aber hübſche Namen gehören für hübſche Leute— weißt du dies nicht, Nanny? Nun, ſo will ich meinetwegen Anna ſagen. Fahre nicht auf, wie ein Vulkan, mein Kind, ſondern ſing' uns den Sir Pakrick Spence.“ Doch Anna war verſtimmt und wollte weder den Sir Patrick Spence noch etwas anderes ſingen. Die ſtetige Verhätſchelung hatte überhaupt ein Nanny nennen, Von Marie Kolb. 269 ſehr launenhaftes Weſen aus ihr gemacht. Der Onkel und die Tante ver⸗ ſuchten es in ihrer liebevollen Weiſe im ſchmeichelnden Zuſpruch, und Mon⸗ ſieur de Beauguet drückte höflich die Hoffnung aus, Mademoiſelle werde ihm das Vergnügen gönnen, ihre bezaubernde Stimme zu hören; aber ſie ſchüttelte nur ihr Lockenköpfchen und hielt ihre Augen unverwandt auf den Boden geheftet.—„Verſuchen Sie's mit dem Zuſpruch, Heinrich,“ ſagte plötzlich der Onkel;„vielleicht thut ſie's Ihnen zu lieb.“— Heinrich hatte ſtumm an meiner Seite geſeſſen und allem Anſchein nach auf die bisherige Verhandlung nicht geachtet. Man bemerkte an ihm bisweilen eine gewiſſe Zerſtreutheit, und eben jetzt ſpielte er mit einer kleinen Haarſchnur, die er zwiſchen ſeinen Fingern hin und her ſchob. Die Schnur gehörte mir; ich trug ſie um den Hals, und es war an ihr ein goldenes Medaillon befeſtigt, in welchen ſich etwas Haar von unſeren verſtorbenen Eltern befand. Anna hatte ganz dieſelbe Schnur. An der meinigen war das Schloß aufgegangen und ſie auf den Teppich hinuntergefallen. Ich legte ſie nicht ſogleich wieder an, und Heinrich, der ſie von dem Tiſch aufgenommen, trieb mit ihr das erwähnte Spiel. Er fuhr bei der Anrede des Onkels zuſammen, raffte ſich aber alsbald auf und ſagte:„Oh, ich bitte um Verzeihung— ja, Miß Anna, ich bitte, ſingen Sie.“—„Was ſoll ich denn ſingen?“ fragte ſie in ſanftem Tone und erhob den Kopf ein wenig, ohne jedoch die Augen aufzuſchlagen.— „Da, ſehen Sie— Ihnen iſt es gelungen, Heinrich,“ ſagte der Onkel.„Ich dachte mir's wohl.“ Dabei machte er ein Geſicht, als ob er ſich etwas ge⸗ kränkt fühle.„Wollen Sie uns nicht das vortragen, um was Ihr Onkel Sie gebeten hat?“ fragte Heinrich.—„Nein; ich will den gelbhaarigen Knaben ſingen,“ antwortete Anna entſchieden. Sie war im Begriff anzu⸗ fangen; als ſie aber nach ihm hinſah, hielt ſie inne.„Woher haben Sie Margareths Haarſchnur? Hinweg damit; es geht mir durch Mark und Bein, wenn ich ſehe, daß Sie eine Sache ſo zwiſchen Ihren Fingern hin und her ziehen.“ Heinrich legte ohne ein Wort der Erwiderung die Schnur nieder, und es war eine Weile alles mäuschenſtille. Endlich unterbrach Anna's klang⸗ volle Stimme das Schweigen. Sie ſang eine alte Legende, deren Titel ich vergeſſen(es war nicht der gelbhaarige Knabe), ein wildes, trotziges, ſtür⸗ miſches Lied, das ſie mit erſtaunlicher Kraft und Leidenſchaft vortrug. Wäh⸗ rend noch die letzte Note durch das Zimmer bebte, ſtand ſie auf und entfernte ſich, ohne irgend jemand gute Nacht zu ſagen, wobei ſie die Tbüre ſcharf hin⸗ ter ſich zuſchlug. Wir alle kannten ihr launenhaftes Weſen, den raſchen 270 Die Schweſtern. Wechſel von Sonnenſchein und Wolken; doch lag in dieſem Benehmen etwas Drückendes und Unheimliches. Unſere drei Gäſte verabſchiedeten ſich; ſie wollten auf dem Heimweg eine Strecke weit mit einander gehen. Miß Wokenham blieb bei mir zurück, während de Beauguet und Heinrich in der Halle ſich einhüllten, um ſich gegen die Kälte zu ſchützen. Onkel und Tante ſtanden vor der Thüre des Beſuch⸗ zimmersz; letztere hatte das Mädchen fortgeſchickt um Miß Wokenhams Hut und Mantel zu holen, ſo daß meine alte Lehrerin und ich bei einander allein waren. Sie kniete auf einen Stuhl, legte, während ich vor ihr ſtand, ihre Hände auf meine Schultern und ſah mir angelegentlich in's Geſicht.„Ich bin ſehr geſpannt,“ ſagte ſie langſam,„ob meine Philoſophin nur ein Ma⸗ troſe für's ſchöne Wetter iſt. Wird ſich ihr Muth heben, oder wird er nieder⸗ ſinken, wenn bei einer glücklichen, von günſtigem Wind und ruhiger See be⸗ günſtigten Fahrt plötzlich der warnende Ruf ertönt: Brandendes Meer vorn!“ Dann fügte ſie mit einem raſchen Uebergang zu ihrem gewöhnlichen lebhaften Weſen bei:„Welch ein ſüßes, ruhiges Weſen meine Margareth iſt! Warum auf einmal ſo blaß, mein Kind? Gute Nacht! Gott ſei mit Ihnen.“ Und ſie eilte von hinnen. Eh ich zu Bette ging, fahndete ich nach meiner Haarſchnur. Das Me⸗ daillon war wohl da; es lag wohlbehalten auf dem Tiſch; allein die Schnur, an der es ſonſt hing, wollte ſich nicht finden. Dies ärgerte mich ein wenig; beſonders aber verdroß mich Anna's unverſtändige üble Laune. Es that mir leid, wenn ſie von anderen hart beurtheilt wurde; allein einem ſolchen Ur⸗ theil konnte ſie diesmal kaum entgehen, da ſie ſich allzu ſehr bloßgeſtellt hatte. Ich konnte lange nicht zur Ruhe kommen. Während ich mich ſchlaſtos in meinem Bette hin und her wälzte, klang es ſtets wie der Refrain eines ſpuk⸗ haften Liedes in meinen Ohren:„Brandendes Meer vorn! Brandendes Meer vorn!“ Sechstes Kapitel. Zwiſchen dem Abend, an welchem Anna in ſo befremdlicher Weiſe das Zimmer verlaſſen, und dem für Miß Wokenhams Trauung anberaumten Tage lag nur noch ein kurzer Zeitraum. Natürlich wurden unſere Gedanken von der nahen Abreiſe unſerer Freundin ſehr in Anſpruch genommen. Das wichtige Ereigniß hatte in dem gleichmäßigen Lauf unſeres Lebens eine große Aufregung zur Folge, denn eine Reiſe nach Amerika war damals eine weit ernſtere Angelegenheit, als heut zu Tage.— Miß Wokenham hielt ſich übri⸗ li lie Von Marie Kolb. 271 ten eiwas gens ſo muthig und wacker als möglich. Erſt an dem Abend vor ihrer Ab⸗ reiſe brach ſie zuſammen oder verlor wenigſtens die heitere Stirne, die wir an ihr gewöhnt waren.—„Es iſt nicht, daß ich mich fürchtete, meine Lie⸗ ben,“ ſagte ſie ſchluchzend,„oder daß ich auch nur das mindeſte Mißtrauen in Louis ſetzte; allein mein Herz hängt an euch allen, die Heimat iſt ſo ſüß, und die Zukunft liegt ſo fremd vor mir— man müßte ein hartſchlägiges Thier ſein(was ich hoffentlich nicht ganz bin), wenn einem dies nicht den Kopf ein wenig verrücken ſollte, und— und ich kann mein Taſchentuch nd, ihre nicht finden.“ „Ich Mein Herz erwärmte ſich gegen Monſieur de Beauguet, als dieſer ein ein Ma⸗ hellfarbiges Foulardtuch aus der Taſche zog und damit ſanft die ſtrömenden Thränen des kleinen Frauenzimmers abwiſchte, als ob er ein Kind vor ſich habe. Ich hätte ihn umarmen mögen, als ich ihn ſpäter mit der größten Einfachheit von der Welt das Tuch nach ſeinen eigenen Augen führen ſah; denn ich erkannte daraus, daß unſere liebe Lehrerin bei ihm in guten Händen war.— Es hatte in ihrem Plan gelegen, nach der Trauung noch einige Tage in Liverpool zu verweilen; doch der Kauffahrer, in welchem ſie abreiſen woll⸗ ten, beabſichtigte gegen alle Erwartung, früher auszuſegeln, und es blieb ihnen 5M keine Zeit mehr übrig. Miß Wokenham verabſchiedete ſich an jenem Abend Schnur, von uns in ihrem jungfräulichen Stand, um am anderen Morgen die Ver⸗ heirathungsceremonie über ſich ergehen zu laſſen, die im Drang der Verhält⸗ niſſe nicht, wie früher beabſichtigt war, in Liverpool, ſondern in Willborough ſtattfand. Der Onkel vertrat die Stelle des Brautvaters. Er und die Tante waren Miß Wokenhams ausdrücklichem Wunſch gemäß die einzigen in der Kirche anweſenden Gäſte. Sie hatte Verwandte, dritte Kinder, glaube ich, wie in der Vorſtadt ein hohes Backſteinhaus bewohnten, ſehr ſteife und ſtatt⸗ liche Leute, obſchon für ſie, ſo viel ich weiß, kein beſonderer Grund vorhan⸗ den war, ſich ſo hoch zu geben. Das alte Paar hatte keine Kinder und ein gemächliches Auskommen, fühlte ſich aber im Geheim ſehr verletzt durch die Thatſache, daß ihre Muhme zum Schulunterricht gegriffen, obſchon ihnen in Wirklichkeit dieſe Sünde ſehr verzeihlich hätte erſcheinen ſollen, ſofern Miß Wokenhams Schulhalten ihre Freunde der Nothwendigkeit enthob, ſieſelbſt zu unterhalten. Als ſie dieſen Verwandten die Anzeige machte von ihrer a beabſichtigten Verheirathung, geriethen ſie, namentlich Mrs. Parker, in hohes ſe Entſetzen.—„Wenn man die Muhme Sara hörte,“ ſagte Miß Wokenham ie git zu meiner Tante,„ſo hätte man meinen ſollen, ich habe ihr wunder was für ein ſchreckliches Verbrechen eingeſtanden, denn ſie hielt eine Rede an mich 272 Die Schweſtern. wie ein leibhaftiger Gefängniß⸗Kaplan. Ich dürfe fortan, erklärte ſie mir, nicht erwarten, auch nur einen Penny von ihrem Gelde zu erben(als ob ich es je gethan hätte!), und declamirte über Ruin und Schande, welche der Familie bevorſtünden. Ich nahm mich indeß leidlich zuſammen, bis ſie ſich Unverſchämtheiten über Louis erlaubte; dann erſt loderte ich auf und ſagte ihnen rund heraus, daß er ein Gentleman und von den Parkers keines wür⸗ dig ſei, ihm nur die Schuhriemen aufzulöſen. Nach dieſem Auftritt wäre es natürlich zwecklos geweſen, Muhme Sara und ihren Mann zur Hochzeit ein⸗ zuladen. Und ſie hätten mir auch nicht kommen ſollen, ſelbſt wenn ſie ge⸗ wollt hätten, ohne vorher Monſieur eine gehörige Abbitte zu leiſten.“ So wurde unſere kleine Lehrerin eine Frau, ohne daß die Feierlichkeit durch den Glanz der Parker'ſchen Gegenwart oder Patronage verherrlicht worden wäre. Das Frühſtück nahmen die Neuvermählten in dem Giebel⸗ haus ein. Im letzten Augenblick, als die Reiſenden eben im Begriff waren, ſich zu verabſchieden, kam Heinrich Lee glühend und ſchnaubend mit einem großen Strauß von Treibhausblumen heran, mit welchem er die Braut be⸗ ſchenkte. Die gute liebe Seele befand ſich eben in einem Zuſtand ſchmerzlicher Aufregung und klammerte ſich an die Tante an, als ob ſie ſie gar nimmer loslaſſen wolle; doch lächelte ſie durch ihre Thränen, als ſie Heinrichs an⸗ ſichtig wurde, da er bei ihr ſehr in Gunſten geſtanden hatte.„Ach, Himmel,“ rief ſie mit einem Anflug von ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit,„woher neh⸗ men Sie dieſe prächtigen Blumen? Doch Ihr Geſicht iſt ebenſo ſtrahlend. Ich habe kaum gehofft, Sie vor meiner Abreiſe noch einmal zu ſehen, weil ich hörte, Sie ſeien auf eine Woche zu Ihrem Vater gegangen.“—„Was, Sie meinten, ich werde Sie von Willborough fortlaſſen, ohne Ihnen Lebe⸗ vohl zu ſagen?“ entgegnete Heinrich.„Ich bin ſchon ſeit ſechs Uhr auf den 6 Beinen und habe alle Gewächshäuſer des Baronets geplündert. Als ich dem Obergärtner ſagte, ich brauche Blumen für eine Braut, half er mir ſelbſt bei der Auswahl und ſtellte mir frei, zu nehmen, was ich wollte. Dann galo⸗ pirte ich auf dem neuen Roß nach Willborough herüber, und hier bin ich, um meinen Botenlohn anzuſprechen, Madame de Beauguet.“ Es war der Mühe werth, zu ſehen, wie die kleine Dame zuſammen⸗ fuhr, als ſie ſich bei ihrem neuen Namen nennen hörte. Dann legte ſie ihre Hände in die ſeinigen, ſtellte ſich, um ſeinen Kuß in Empfang zu nehmen, auf die Zehen und ſagte:„Gott behüte Sie, mein lieber Mr. Lee; ich werde Ihnen und den theuren Freunden im Giebelhaus ſtets ein dankbares Anden ken bewahren. Sie wiſſen wohl, daß ich Sie nicht höher ehren kann, als Von Marie Kolb. 273 wenn ich Sie mit dieſen zuſammenſtelle.“— Noch mehr Küſſe und Umar⸗ mungen, verwirrte Lebewohle, Correſpondenzzuſagen, Dankesergießungen, Segenswünſche— und unſere liebe alte Freundin war fort. Ich ſah ſie zu⸗ letzt, wie des Onkels kräftiger Arm ſie in den Wagen hob. Gute, treue Freundin mit dem großen Herzen in dem kleine Körper! Welch eine Rieſin von Geſtalt hätte Miß Wokenham ſein müſſen, wenn ihr Leib im Verhältniß zu ihrer Seele entwickelt geweſen wäre!— Nach ihrer Abreiſe ſtand es einige Tage an, bis unſer Haushalt wieder in das alte Geleiſe kam. Anna und ich trieben uns unſtet umher, vom Haus in den Garten, vom Garten nach dem Baumgut und ſo fort. Die Ruhe wollte ſo ſchnell nicht wieder einkehren. Der alte Stock hatte dem Alter und den Rheumatismen ſo weit nach⸗ geben müſſen, daß er ſich den Beiſtand eines ſtändigen Untergärtners gefal⸗ len ließ, der unter ſeinem Befehl ſtehen und ihm den ſchwerſten Theil der Arbeit im Freien abnehmen ſollte. Dies war freilich eine ſchwere Prüfung für ihn, bis ſich ihm in der angeblichen gänzlichen Unfähigkeit ſeines Gehül⸗ fen eine Quelle des Troſtes aufſchloß. Dieſes unerſchöpfliche Thema des Brummens ſchien ihm mehr Behagen zu bereiten, als irgend etwas ſonſt, ſeine Pfeife ausgenommen.—„Guten Morgen, Stock,“ ſagte ich einige Tage nach Miß Wokenham's Hochzeit zu ihm;„was verſprechen Sie ſich von dem Frühjahr, und wie machen ſich hier die Dinge?“— Er ſtand eben, auf einen Knotenſtock geſtützt, der ſo braun und knotig war, wie ſeine Hände, in dem Küchengarten und beaufſichtigte die Arbeit ſeines Untergebenen, der ein Stück Landes zum Anbau von Kartoffeln umgrub. Stock hatte eben ſeinen ſchlimmen Morgen und war wegen des Rheuma's außer Stand, ſelbſt den Spaten zu handhaben.—„Das Frühjahr, Miß Margareth?“ brummte der alte Mann.„Das Früjahr wird ſchon recht werden— dafür laſſen wir unſeren lieben Herrgott ſorgen— aber wie ſich die Dinge hier machen? Nicht anders, als wie ſie ausfallen müſſen, nachdem der Meiſter ſie dem guten Willen eines Menſchen, wie dieſer Bill Green da, überwieſen hat. Meine Schuldigkeit kenne ich natürlich“(dies war ein Punkt, über den ſich Stock vollkommen beruhigte);„ich ſoll die Sachen recht angeben. Aber es iſt hart für einen Mann, der dem Meiſter vierzig Jahre treulich gedient hat, mitanſehen zu müſſen, daß der Boden in einer Weiſe aufgewühlt wird, als rühre man mit einem Löffel in einem Zuber Hefe. Meinetwegen; wenn's der Meiſter nicht anders haben will, ſo muß er's eben ſo hinnehmen.“— Hausblätter. 1867. IV. Bd. 18 274 Die Schweſtern. „Seid nicht hart gegen den armen Green, Stock,“ entgegnete ich begütigend; „er wird ſich ohne Zweifel beſſern bei der Mühe, die Ihr Euch gebt, ihn zu unterrichten.“—„Ach, was Mühe! Da iſt Hopfen und Malz verloren. Sehen Sie den Kerl nur an, Miß Margreth— ſteht er nicht da und macht Augen wie ein geſtochenes Kalb, ſtatt ehrlich ſeinen Taglohn zu verdienen? Habt Ihr noch nie ein junges Frauenzimmer geſehen, Ihr Holzkopf?“— „Oh, ſchon viele,“ antwortete Bill Green, ein blauäugiger Tolpatſch, auf den weder der Sarkasmus, noch die Schmähreden des Obergärtners einen Eindruck zu machen ſchienen.—„So, iſt's wahr? Warum ſteht Ihr dann ſo faul da und ſperrt die Augen auf? Ich würde wenigſtens etwas thun, um mein tägliches Brod zu verdienen, wenn's auch nur dieſes Löffeln iſt.“— „Ich bin mit dieſem Beet fertig und weiß nicht, was ich zunächſt angreifen ſoll,“ ſagte Green.— Stock wandte ſich triumphirend gegen mich.„Da ſehen Sie's, Miß Margareth, da ſehen Sie's. So macht er's immer. Er hat ſo wenig einen Begriff von ſeiner Schuldigkeit, als ein Wickelkind, und es iſt eine barmherzige Gottesſchickung, daß ich noch im Stande bin, ſelbſt zum Zeug zu ſehen. Kommt mit, Bill Green; ich will Euch dann zeigen, wo Ihr zunächſt mit Eurer Löffelei Unfug anrichten könnt. Nehmt nur Euer Werkzeug mit. Du grundgütiger Gott! Freilich, wo Ihr ſeid, wird's an dem Löffel nie fehlen.“ Und der alte Mann humpelte nach einem anderen Theil ſeiner Domäne; Bill folgte, zum Abſchied mir noch ein vertrauliches breites Grinſen zuſendend. Die Excentricitäten des alten Gärtners machten Heinrich viel Spaß, und ich führte förmlich ein Protokoll über Stock's Reden und Thaten, um unſeren Beſuch damit unterhalten zu können. Heinrich beſaß viel Witz, und es gab nicht leicht einen angenehmeren Geſellſchafter, wenn er einmal ſein⸗ ſchüchternes Weſen abgelegt hatte. Bisweilen zeigte er Anfälle von Muth⸗ willen, ob denen der Onkel ſich faſt todtlachen wollte, während er anderer⸗ ſeits ein ſehr weiches, leicht rührbares Herz hatte. Eine klagende Melodie oder eine traurige Erzählung konnte ihn zu Thränen bewegen. Selten ver⸗ weigerte er dem Bettler eine Gabe, und gegen alte Leute oder Kinder benahm er ſich mit faſt weiblicher Zartheit. Onkel Gough pflegte zu verſichern, Hein⸗ richs Hauptfehler beſtehe darin, daß er nicht„nein“ ſagen könne.„Der Junge braucht mehr Ballaſt,“ meinte der Onkel.„Doch Gott wird's ſchon zum Guten lenken. Wir alle werden bald genug hartſchlägig, und ein altes Herz in einer jungen Bruſt iſt ſchlimmer, als ein alter Kopf auf jungen Schultern.“ ſtel tigend; ihn zu erloren. d macht dienen? anderer⸗ Melodie lten ber⸗ r benahm Hein ern, O Von Marie Kolb. 275 Siebentes Kapitel. Es kam allmälig ſo weit, daß ich jedes Ereigniß meines Lebens mit Heinrich in Verbindung brachte. Kamen die Maiblümchen an der Schatten⸗ ſeite der mit Moos bewachſenen Baumgutmauer zum Vorſchein, ſo ſagte ich zu mir ſelbſt:„Wie wird ſich Heinrich über dieſen Anblick freuen!“ denn er liebte die Blumen ſehr. Als der alte Bran, der Hofhund, eines Tages zum erſten- und letztenmal in ſeinem Leben ſich nach dem Wohnzimmer ſchleppte und, den treuen Kopf zu den Füßen des Onkels niederlegend, verendete, dachte ich mit thränenfeuchten Augen:„Wie wird es Heinrich um Bran leid thun.“ Trug ich ein helleres Band, als ſonſt, oder irgend einen neuen mäd⸗ chenhaften Zierrath, ſo fragte ich im Geheim mich ſelbſt:„Wird es wohl Heinrich gefallen?“ Dies war vielleicht ſchon ein Verliebtſein; aber ich wußte es nicht. Ich war ſo Schrittchen für Schrittchen unvermerkt hineingekom⸗ nen, wie die Liebe zu den Verwandten, zum Vater, zur Mutter und zu den Geſchwiſtern in unſeren Herzen heranwächst, bis ſie zu einem Theil unſeres Weſens geworden iſt und wir uns nicht mehr erinnern können, wann ſie nicht da war, ſo wenig als wir uns die Tage unſerer erſten Jugend zu ver— gegenwärtigen vermögen. Bei mir war ſie nicht leidenſchaftlich, aber doch tiefgehend— nicht das wilde, verzehrende, alles überwältigende Gefühl, wie ich es an anderen wahrgenommen, ſondern ein Theil meines Ichs, eine ſtets gegenwärtige, innige, ſtarke Neigung, die ſich nicht in ungeſtümen, leiden⸗ ſchaftlichen Ausbrüchen kund that, aber in meinem Leben lebte, in meinem Athem athmete und in der innerſten Tiefe meines Herzens wurzelte. Ja, dies war die Liebe, die ich für Heinrich Lee fühlte, wahr, treu und unſterb⸗ lich. Unſterblich, denn ach, es liegt ein langes Leben zwiſchen jenen Tagen meiner Jugend und der Zeit, in welcher ich dieſe Zeilen niederſchreibe— und oh, liebe Lucie, für die meine Geſchichte beſtimmt iſt, ich liebe ihn noch zu dieſer Stunde! Obſchon mich jetzt eine Rückſchau meine damaligen Gefühle gut ver⸗ ſtehen läßt, ſo darfſt du doch nicht glauben, daß ich ſie in einem Alter von neunzehn zu verſtehen vermochte. Ich dachte nie daran, mein Herz zu fra⸗ gen, meine innerlichen Regungen zu zergliedern oder mich an einem der tie⸗ fen metaphyſiſchen Probleme zu verſuchen, welche nach Ausweis der Leihbib⸗ liothek⸗Romane die Mädchen unſerer Tage zu löſen gewöhnt ſind. Freilich fürchte ich bisweilen, unſere Generation dürfte alle ihre natürlichen Regun⸗ 18* 276 Die Schweſtern. gen weganalyſiren oder die holde, ſchnell dahinſchwindende Friſche derſelben verlieren, ſo daß auf dem Boden desſelben nichts zurückbleibt, als ein wenig erdige Schlacke; wenn ich aber um mich ſchaue und die Augen ſo klar, die Wangen ſo blühend ſehe, wie die Augen und Wangen in alten Zeiten, ſo gebe ich gern dem Glauben Raum, daß nach Gottes gütigem Rathſchluß ſtets friſche und unverdorbene Herzen gleich den Wieſenblümchen aufſchießen, um die Erde zu erfreuen, und komme zurück auf meine alte tröſtliche Ueber⸗ zeugung, wenn Tugend und Liebe einmal aus der Welt verſchwänden, müſſe es mit der Welt ſelbſt auch zu Ende ſein.— Das Mädchen in dem Giebel⸗ haus erſcheint mir jetzt als ein ganz anderes Weſen, das mit mir nichts ge⸗ mein hat. Ich lächle über ihre Einfalt und ihre Thorheiten, weine bei ihrem Schmerz und gräme mich über die bitteren Tage, die vor ihr liegen. Ach, wie jung kommt ſie mir vor in ihrem neunzehnten, und wie alt bin ich, die Tante Margareth! Wie geſagt, Heinrich Lee wurde die Hauptfigur und der Mittelpunkt meines Lebens; ſeine Anweſenheit erfüllte mich mit ſtillem Glück, und ich liebte meine theuren Pflegeeltern und Wohlthäter nur um ſo inniger, weil auch ſie ihn liebten. Dennoch kam mir dies nicht zu einem klaren Bewußt⸗ ſein. Heinrich war wie der Sohn des Hauſes, und der Onkel pflegte ihn und Anna nur ſeine zwei verhätſchelten Kinder zu nennen. Anna hatte ſeit jener Nacht, in welcher ſie ſich ſo ſtarrſinnig benommen, keine ähnlichen Aus⸗ brüche von widerwärtiger Laune mehr gezeigt, und wir hofften, mit zuneh⸗ mendem Alter werde ſie auch geſetzter und ruhiger werden. Doch fiel mir oft ein, was Miß Wokenham an demſelben Abend geſprochen, und ich machte mir Gedanken darüber, welches„brandende Meer“ ſie wohl vorausgeſehen oder vorauszuſehen geglaubt hatte. Ich kam endlich zu dem Schluß, ſie habe befürchtet, Anna's heftiges Temperament werde uns allen Trübſal bereiten, weil ſie aus Erfahrung wußte, wie wenig von früher Kindheit an dieſer trotzige Geiſt auch durch die feſteſte Gegenthätigkeit ſich Einhalt thun ließ, und hätte nun gewünſcht, unſere liebe Freundin möchte Zeuge des Wechſels ſein, der während der letzten zwei Monate mit meiner Schweſter vorgegan⸗ gen war. Darum wollte ich auch, wenn ich das nächſtemal nach Canada ſchrieb, ihr einen recht anſchaulichen Bericht über Anna's Fortſchritte zum Beſſern ſenden; ſie ſollte daraus entnehmen, daß ich wohl verſtanden, was ſie mit ihrer Warnung gemeint habe, und daß ihre Beſorgniß ſehr unnöthig geweſen ſei. Doch auch in anderer Beziehung wollte mir jener Abend nicht aus dem Sinn kommen, weil ſich von da ab der Verluſt meiner Haarſchnur Von Marie Kolb. 277 datirte. Alle am anderen Tag angeſtellten Nachforſchungen erwieſen ſich fruchtlos, und ſpäter nahmen die Vorbereitungen für die Hochzeit unſerer Lehrerin das ganze Haus von der Tante an bis zu dem Küchenmädchen herab ausſchließlich in Anſpruch. Der alte Mr. Lee beſuchte uns hin und wider, um dem Onkel und der Tante für die Güte und Gaſtlichkeit, die man ſeinem Sohn erwies, zu dan⸗ ken.—„Heinrich macht ſich gut bei Rotherwood,“ ſagte der alte Gentle⸗ man;„wenigſtens gibt man mir dieſe Verſicherung. Sir Robert“(dies war der Name des Baronets, in deſſen Dienſt Mr. Lee ſtand)„hat kürzlich meinen Sohn nach der Halle berufen, um mit ihm eine kleine Geſchäftsan⸗ gelegenheit, die Drainirung der Fluren, Wieſen, zu beſprechen. Sir Robert nahm ihn mit nach dem Beſuchzimmer— nach dem Beſuchzimmer, wo die gnädige Frau ſitzt— und behielt ihn dort beim Lunch.“— Ueber uns alle kam ein unbehagliches Schweigen, und ich fühlte, ohne hinzuſehen, daß Hein⸗ rich ſcharlachroth geworden war. Doch Mr. Lee machte in ſeiner gewöhn⸗ lichen ſelbſtzufriedenen Weiſe fort, ohne eine Ahnung zu haben von der un⸗ erquicklichen Stimmung, in die er uns verſetzte.„Er blieb in dem Beſuch⸗ zimmer, in welchem ſich die gnädige Frau befand, volle zwanzig Minuten — oder war's vielleicht gar eine halbe Stunde, Heinrich?— und Sir Ro⸗ bert ſchüttelte ihm die Hand zum Abſchied. Sehr erfreulich. Allein es be⸗ liebt der Herrſchaft, mich(wie unverdient es auch ſein mag) ſtets mit großer Achtung zu behandeln.“ Je mehr Boden Heinrich in meinem Herzen gewann, deſto mehr fühlte ich mich von Mr. Lee abgeſtoßen. Ich muß ihm wohl recht einfältig vorge⸗ kommen ſein, denn wenn er zugegen, war mir die Bruſt wie zuſammenge⸗ ſchnürt, und ich konnte nur ſelten ein Wort hervorbringen. Anna dagegen bewegte ſich ſtets mit weit größerer Zuverſichtlichkeit, als ich, und auch mit Grund, denn ſie war ein heiteres, freimüthiges Weſen, deſſen Dreiſtigkeit ſich durch keinen Verweis, keine Kälte beirren ließ; ſie lachte, plauderte und entfaltete ihre kleine Coquetterie gegen den alten Gentleman mit erſtaun⸗ licher Lebhaftigkeit. Er bewunderte ſie ungemein und gab ihr alle erdenk⸗ liche Titel— Sylphe, Nymphe, grauſame Zauberin, ſchöne Herzbezwingerin und ſo weiter, Complimente, über welche Anna, ſobald ſie allein war, in die hellen Lachkrämpfe auszubrechen pflegte; doch ſchien ſie entſchloſſen zu ſein, Mr. Lee völlig in ihr Netz zu ziehen, und dies gelang ihr ausgezeichnet gut. Einmal, als der Frühling ſchon ziemlich vorangeſchritten war und das junge Laub, die zarten Grashalme die Landſchaft mit friſchem köſtlichem 278 Die Schweſtern. Grün zu bedecken begannen, erſchien Mr. Lee früh am Vormittag im Gie⸗ belhaus. Er hatte ſeine Chaiſe vor der Thüre ſtehen und ſagte, er komme, um die Tante zu bitten, daß ſie ihm die Ehre erweiſe, eine Spazierfahrt mit ihm zu machen; da ſie in der letzten Woche etwas unpäßlich geweſen, ſo meinte er, die friſche Luft und die warme Sonne würden ihr gut thun.— „Gehen Sie, liebe Tante,“ ſagten wir, und der Onkel ſchloß ſich unſerem Drängen an.—„Ich will Sie nach der Farm eines von Sir Roberts Päch⸗ tern mitnehmen, bei dem ich ein Geſchäft habe,“ ſagte Mr. Lee;„die guten Leute werden ſich's zur Ehre rechnen, einer Freundin von mir eine kleine Erfriſchung anzubieten. Ich werde heute in Willborough übernachten und bringe Sie wieder zurück, ehe es dunkelt. Es iſt— ahem!— ein dritter Sitz hinten, und wenn eines von den jungen Frauenzimmern uns begleiten will——“ Der Blick, den er mir zuwarf, war komiſch anzuſehen, denn er ſagte mir ganz deutlich:„dich wollen wir nicht.“ Unwillkürlich antwortete ich darauf mit dem Ruf:„Oh nein; natürlich muß Anna mitgehen.“ Aber Anna wollte das Vergnügen der Spazierfahrt mir überlaſſen und erklärte, es ſei ihr um keinen Ausflug zu thun, wenn ich zurückbleiben müſſe. „Schwatze keinen ſolchen Unſinn, liebe Anna,“ entgegnete ich.„Geh', nimm die Tante in deine Obhut und ſorge dafür, daß ſie ſich nicht erkältet. Viel⸗ leicht nimmt mich Mr. Lee ein andermal mit.“ Dieſem Vorſchlag pflichtete Mr. Lee in ſeiner Freude, ſich diesmal meiner Geſellſchaft erwehrt zu haben, höflich und ſogar herzlich bei. Es war alſo ausgemacht, daß Anna mitgehen ſollte, und ich half warme Umhüllungen in die offene kleine Chaiſe ſchaffen für den Fall, daß es gegen Abend kühler würde. Ich ſtand unter dem Haus, als ſie wegfuhren. Anna's dunkle Locken wallten um ihr ſchönes Geſicht, und ihr Mund verzog ſich zu einer lächerlichen Grimaſſe gegen den nichts ahnenden Mr. Lee hin, der breit und ſtattlich vor ihr ſaß. In dem Giebelhauſe fehlte es nie an Beſchäftigung. Tante Gough. hatte uns in alle Obliegenheiten der Wirthſchaft eingeführt, und meine Schweſter und ich waren ſtolz auf unſere Anſchicklichkeit als Haushälterin⸗ nen. Ich hatte am Morgen gehörig zu thun. Nachdem ich dem Onkel ſein frühes Diner vorgeſetzt und im Speiſezimmer ihn mit ſeiner Pfeife und ſei⸗ ner Londoner Zeitung verſorgt hatte, nahm ich mein Strickzeug und ging in den Garten, um mich des ſchönen, ſonnigen Nachmittags zu erfreuen. Ich wandelte im Garten, unter dem Geſträuch und auf dem Baumgut umher, wo die glücklichen Vögelchen auf den knospenden Zweigen der alten Obſt⸗ bäume zirpten und zwitſcherten. Die Rabatten waren bereits bunt getupft Von Marie Kolb. 279 mit Crocus und frühen Tulpen, und mit Intereſſe betrachtete ich im Hof die verheißungsvollen Triebe an den Roſenbäumchen. Es war alles ſo lieb, ſo traulich. Ich kannte jedes Winkelchen, jeden vom Mörtel entblößten Fleck an der alten Backſteinmauer, jeden Strauch, jeden Zweig, ja faſt jedes Blatt. Während ich langſam nach dem Haus zurückkehrte, beugte ich mich nieder, um ein Sträußchen gefüllter Maßliebchen zu pflücken, welche an dem ſonni⸗ gen Rand des Geſträuchboskets in üppiger Menge wuchſen. Es befand ſich da ein kleiner Hügel mit einem aufrechten Stein, auf dem die Silbe VIC eingegraben war. Hier lag die arme kleine Vixen eingeſcharrt, deren luſtiges Bellen und Springen für immer aufgehört hatte.„Vic,“ ſagte ich halblaut, „wie freut es mich, zu wiſſen, daß du ein glückliches Hündchen warſt.“ Und ich begann unſerer kindlichen Tage zu gedenken, als man Anna und Vixen unzertrennlich bei einander ſah. Ich erinnerte mich der großen Schlacht in dem Portikus, in welcher Stock ſo entſchieden den Kürzeren gezogen, dann auch meiner eigenen Niederlage und der Todesgefahr, in welcher die arme Dolly ſchwebte. Da ich mich eben in der Nähe des Portikus befand, ſo ging ich hinein und ſetzte mich nieder. Trotz der frühen Jahreszeit war doch der Schatten angenehm, denn die Sonne fiel auf jene Seite des Hauſes und reflektirte ein lebhaftes Licht von dem gelben Kiesplatz, der noch immer den Stolz von Stock's Herzen bildete. Das Geknitter meiner Stricknadeln wurde langſamer und langſamer, bis es zuletzt ganz aufhörte. Ich war in eine Art ſchlaftrunkenen Träumens verfallen. Bilder aus meiner Kindheit, von Leuten und Plätzen, die ich kannte, vergegenwärtigten ſich meiner Ein⸗ bildungskraft in raſcher Reihenfolge, bis auf einmal der Ton eines Fußtrit⸗ tes auf dem Kies draußen an mein Ohr ſchlug. Diesmal war es nicht das ſchwerfällige Auftreten des alten Stock, ſondern ein viel leichteres. „Ich dachte mir's, daß ich Sie hier finden werde,“ ſagte Heinrich, der aus dem Sonnenlicht an meine Seite trat.—„Wirklich? Ich bin doch die⸗ ſes ganze Jahr noch nie in dem Portikus geweſen. Nur der liebliche Nach⸗ mittag hat mich verlockt. Die Tante und Anna ſind mit Ihrem Vater aus⸗ gefahren.“—„Ich weiß es und freue mich, daß Mrs. Gough eingewilligt hat, mitzugehen. Ich denke, die friſche Luft wird ihr gut bekommen.“— Er war mit großer Haſt in den Portikus getreten, als ob er mich geſucht und mir etwas zu ſagen gewünſcht hätte; allein jetzt ſaß er ſtumm da und ſpielte mit dem Knäuel Strickgarn, der in meinem Schooße lag. Ich habe bereits erwähnt, daß er in der Zerſtreuung gern an den Dingen zupfte, die er unter die Finger bekam.—„Was Sie jetzt thun, erinnert mich an meine 280 Die Schweſtern. Haarſchnur,“ ſagte ich zu ihm.„Wiſſen Sie auch, daß ich ſie nie habe wie⸗ der finden können ſeit dem Abend, an welchem Ihr Spielen damit Anna ſo aufregte— iſt dies nicht ſeltſam?“ Er ſteckte die Hand in ſeine Bruſt und heftete einen Blick auf mich, der mich erröthen machte und mein Herz zu raſcherem Pochen veranlaßte.— „Margareth“— und mit welcher Innigkeit ſprach er meinen Namen— „Margareth, ſoll ich Ihnen etwas ſagen? Hier iſt Ihre Schnur; ich habe ſie ſeit jenem Abend zunächſt meinem Herzen getragen.“ Er zog ſie hervor und hielt ſie mir hin. Eine große Freude kam über mich; aber es lag in meiner Natur, einem ſolchen Glück nicht recht zu trauen. Ich ſtreckte daher mit einem leichten Ausruf der Ueberraſchung zitternd die Hand nach der Schnur aus.—„Nein,“ verſetzte Heinrich, mir näher rückend,„nicht bis Sie gehört haben, warum ich ſie nahm. Sie haben mich darum noch nicht ge⸗ fragt, Margareth. Wiſſen Sie es?“— Ich ſchüttelte den Kopf; es wäre mir unmöglich geweſen, ein Wort hervorzubringen.—„Können Sie's er⸗ rathen?“— Thränen begannen mein Auge zu blenden, und ich vermochte ein Schluchzen nicht zu unterdrücken. Er ſchlang die Arme um mich und zog mich an ſeine Bruſt.„Weil es die Ihrige war— weil ſie an Ihrem Hals gehangen hatte— weil das geringſte Band, das Sie getragen, der Hand⸗ ſchuh, der an Ihrer Hand geſeſſen, die Blume, die Sie gepflückt und weg⸗ geworfen, mir theuer und koſtbar ſein würden— weil ich Sie liebe, Mar⸗ gareth!“ Oh dieſe theuern, theuern Worte! Oh der glücklichen, dreimal glück⸗ lichen Zeit!„Heinrich,“ flüſterte ich nach einer Weile,„Prinz Goldherz iſt endlich gekommen.“ Er kannte nämlich die Geſchichte meines kindiſchen Spiels und hatte oft mit mir darüber gelacht.—„Iſt es wirklich der Prinz Goldherz?“ verſetzte er.„Freilich muß ein Goldherz haben, wer um meine Margareth freit. Jedenfalls danke ich Gott, daß keine boshafte Fee da iſt, die meine ſüße Prinzeſſin verzaubert oder zwiſchen ſie und ihre Liebe tritt.“ Während er noch ſprach, ſchloß plötzlich ein Schatten das Abendlicht aus und als er vorübergeſtrichen, war die Sonne untergegangen.—„Was war dies?“ fragte ich aufſchauend.—„Sie ſind nach Haus gekommen? Kann es denn ſchon ſo ſpät ſein? Es war Ihre Schweſter Anna.“—„Sie ſind wieder da? Dann müſſen ſie um den Stallhof herum gefahren und auf dem hinteren Weg in das Haus gekommen ſein. Wahrſcheinlich hat Anna mich geſucht. Ich muß jetzt gehen, Heinrich— bitte, laſſen Sie mich los.“ Es war mir faſt wie damals dem zwölfjährigen Kind, als der alte Von Marie Kolb. 281 Stock, eine Perſonifikation der nüchternen Alltagswelt, in meine Feenphan⸗ taſie hereinbrach. Heinrich und ich hatten, während wir allein bei einander ſaßen, ſo ſchön geträumt, daß es uns ſchwer ankam, uns loszureißen aus unſerer Zauberwelt, um wieder in den gewöhnlichen Kreislauf der Dinge einzugreifen.„Nur noch einen einzigen Augenblick!“ Er hielt meine beiden Hände in ſeiner Rechten, legte die freie Hand ſanft auf mein Haupt und ſchaute zu mir nieder.—„Die Tante wird ſich nicht denken können, was aus mir geworden iſt.“—„Antworten Sie mir auf die eine Frage— lieben Sie mich— lieben Sie mich wirklich?“—„Oh Heinrich, habe ich's denn nicht ſchon geſagt?“—„Wiederholen Sie es— noch einmal— nur noch einmal.“—„Darf ich dann gehen, wenn ich's gethan habe? Verſprechen Sie mir dies?“—„Ich verſpreche es, mein Herz.“— Ich machte mich los von ihm, drückte ſeine auf meinem Kopf ruhende Linke bei Seite, ſtützte dann meine beiden Hände auf ſeine Schultern, erhob mein Geſicht zu dem ſeinigen und küßte ihn; im nächſten Augenblick ſchoß ich von hinnen und machte nicht eher Halt, bis ich die Thüre zu dem Morgenzimmer erreicht hatte. Hier blieb ich ſtehen, da mir plötzlich einfiel, mein Geſicht glühe und mein Haar ſei etwas zerzaust, während zugleich meine Eile mich außer Athem geſetzt hatte. Von dem Zimmer her hörte ich lachen und ſchwatzen: ich ſchloß dar⸗ aus, daß niemand an mich denke, und ſchlich nach meinem Gemach hinauf, um mein Geſicht mit friſchem Waſſer abzukühlen und mein Haar glatt zu machen. Als ich wieder herunterkam und in das Morgenzimmer trat, war der Theetiſch bereits gedeckt, und Heinrich ſaß neben meiner Tante, welche müde in ihrem Armſtuhl zurücklehnte. Auch Anna, der Onkel und Mr. Lee waren da.„Liebe Tante, ſind Sie müde? Haben Sie nicht einen vergnüg⸗ ten Tag gehabt?“ ſagte ich, auf ſie zueilend.—„Wo biſt du geweſen, liebes Gretchen? Anna hat ſich nach dir umgeſehen. Willſt du ſo gut ſein, den Thee anzurichten und Mr. Lee etwas kalten Braten vorzuſetzen? Es war eine ſehr angenehme Spazierfahrt, mein Kind, doch fühle ich mich jetzt etwas angegriffen.“— Die Aufgabe der Theebereitung kam mir ſehr gelegen, da ich darunter meine Verwirrung verbergen konnte. Nachdem ich unſeren Gaſt bedient hatte, faßte ich ein Herz, nach Heinrich hinzuſehen. Er nahm ſich beſorgt der Tante an, reichte ihr die Theetaſſe, rückte die ſpaniſche Wand herbei, um ſie gegen den erſten Anprall der von dem helllodernden Holzfeuer ausſtrömenden Hitze zu ſchützen(der Onkel ließ nämlich bis faſt um Johanni heizen) und ſchob ein breites Polſter unter ihre Füße. Dann nahm er an ihrer Seite Platz und beugte ſich zu ihr nieder, um auf ihre Worte zu hören. 282 Die Schweſtern. 4 Wie glücklich machte mich dieſer Anblick— die Ehrerbietung der kräftigen Jugend dem hinfälligen Alter gegenüber! Anna plauderte heiter mit dem Onkel und Mr. Lee; doch ließ auch ſie ihre Blicke gegen die Tante und Hein⸗ rich hinſchießen, als erfreue ſie ſich gleichfalls dieſes Schauſpiels. „Wir ſind bei recht lieben Leutchen geweſen, Margareth,“ ſagte Anna. „Ein maleriſch gelegener alter Hof, Flurwieſe genannt! Die Fahrt war allerliebſt, und wir haben uns ſehr vergnügt.“—„Der Farmer und ſein Weib haben ſich's zu hoher Ehre gerechnet, Mrs. Gough und Ihre Schwe⸗ ſter zu bewirthen,“ bemerkte Mr. Lee.„Die armen Leute ſind gaſtliche freundliche Seelen.“—„Ja, recht gaſtlich, Gretchen. Ich habe nie ſolche Haufen Lebensmittel geſehen, wie die waren, welche ſie vor uns aufthürm⸗ ten. Krapfen, Käſe, Rahm, Schinken, Butter, Ale und Brod. Auch erſchrack ich förmlich vor der Beuge von Apfelküchlein, die ſie uns vorſetzten. Und ſie erwarteten, daß wir alle aufeſſen ſollten.“—„Du mußt auch einmal hin⸗ gehen, liebe Margareth,“ ſagte die Tante.„Es wird dir ſicherlich dort ge⸗ fallen, denn Farmer Gibſon und ſeine Frau halten alle die Thierchen, die du gern haſt.“ Der alte Mr. Lee wollte in der blauen Glocke übernachten, wo er im⸗ mer einſtellte, wenn er nach Willborough kam, und brach früh auf.„Ich habe morgen ein Geſchäft zu beſerden, meine liebe Madame, das mich zeitig aus den Federn treiben wird,“ ſagte er in ſeiner langweiligen Manier zu der Tante;„Sie werden mich d daher entſchuldigen, wenn ich mich ſchon jetzt verabſchiede. Späte Stunden ſind nichts mehr für mich; ſie vertragen ſich nicht mit der Klarheit des Kopfes, die man braucht, wo ſich's um wichtige Angelegenheiten handelt.“— Ich war ſehr froh, ihn gehen zu ſehen; denn ſpäte Stunden ſagten der Tante ebenſo wenig zu, wie ihm, und man ſah ihr an, daß die Ausfahrt ſie ſehr ermüdet hatte.„Heinrich,“ fuhr Mr. Lee fort, „ich muß dich morgen früh ſprechen; für heute gehen wir nicht den gleichen Weg. Ich habe von Sir Robert einen Auftrag an dich. Gute Nacht, meine liebe Madame. Nein, nein,“ ſagte er, den gemurmelten D Dank der Tante ablehnend,„ich bin belohnt, wenn Sie ſich gut unterhalten haben. Leben Sie wohl, Miß Anna. Ich bin überzeugt, Sie werden auf der Flurwieſe nicht ſo bald vergeſſen ſein. Eine Viſion von Tugend und Schönheit, die aus⸗ ſtrahlt über die— hem, wie heißt doch das Wort? Gleichviel; Sie ver⸗ ſs hen mich. Gute Nacht, Mrs. Gough. Und gute Nacht auch Ihnen, Miß Sedley.“ Er hätte mich wahrſcheinlich ganz vergeſſen; allein ich konnte gelade an dieſem Abend Heinrichs Vater nicht ohne Adieu ziehen laſſen und Von Marie Kolb. 283 war daher aus meinem Winkel hinter dem Theetiſch aufgetaucht. Mr. Lee verſuchte ſich den Anſchein zu geben, als habe er abſichtlich das Vergnügen, mir die Hand zu reichen, auf die Letzte geſpart und als wäre er unfehlbar, wenn ich nur geduldig gewartet, um die Tiſchecke herumgekommen. Ich fürchte jedoch, das demüthige Bekenntniß ablegen zu müſſen, daß ich glaube, meine Anweſenheit ſei ihm völlig außer Acht gekommen. Sobald Mr. Lee ſich entfernt hatte, erhob ſich die Tante und ſagte, daß ſie zu Bette gehen wolle. Sie war ſehr unſicher auf ihren Beinen, und ich begann zu fürchten, die Anſtrengung des Tages ſei zuviel für ſie geweſen. Heinrich reichte ihr bis zur Zimmerthüre den Arm. Es kam mir vor, als ob jetzt ihre Schwäche den Onkel beängſtige. Er fragte ſie, ob er ſie nicht die Treppe hinauftragen ſolle; es ſei ja nicht das erſtemal.—„Nicht doch, mein Lieber; ſo todmüde bin ich nicht,“ verſetzte ſie.„Gretchen kann mit mir kommen. Gute Nacht euch allen. Morgen, wenn ich geſchlafen habe, werde ich wieder rüſtig und munter ſein.“— Anna ſchien Luſt zu haben, noch länger zu bleiben; aber Heinrich war gedankenvoll und wortkarg, der Onkel aber zu bekümmert um ſeine Frau, als daß er ſeiner gewöhnlichen Redeſeligkeit hätte Raum geben mögen. Anna, der nichts mehr zuwider war, als eine langweilige Stille, begann zu gähnen und folgte uns bald die Treppe hinauf nach. Heinrich blieb in dem Morgenzimmer; ich hatte aus ſeinen Blicken und aus dem Händedruck, den er mir zum Abſchied gab, ent⸗ nehmen können, daß er noch am nämlichen Abend, eh' er das Haus verließ, dem Onkel ſein Herz aufzuſchließen beabſichtigte. Der Gedanke verſetzte mich in eine nicht geringe Aufregung, obſchon ich, der Himmel weiß, nie Urſache hatte, mich vor meinem lieben Pflegevater und Wohlthäter zu fürch⸗ ten. Es drängte mich, mit Tante Gough zu ſprechen, ihr von meinem großen Glück zu erzählen und aus ihrem Munde die Worte liebevoller Theilnahme zu hören, deren ich nach allen Vorgängen ſicher ſein durfte; allein ſie war augenſcheinlich ſo erſchöpft und abgeſpannt, daß ich es nicht wagte, noch an jenem Abend ſie mit meiner ſelbſtſüchtigen Wonne zu behelligen. Ich blieb bei ihr, bis ihre Augen geſchloſſen waren und ihr Kopf in ruhigem Schlum⸗ mer auf dem Kiſſen lag; dann ging ich, die Lampe in der Hand, über den breiten Flur nach meinem Schlafgemach. Anna und ich, wir theilten uns in ein großes, niedriges Zimmer mit eichenem Getäfel und drei tiefen Fenſtern, die nach dem Hof hinausgingen. Unſere mit weißen Gardinen verſehene Betten ſtanden Seite an Seite auf einer durch einen ſcharlachrothen Teppich gebildeten Inſel, die ſehr gegen den 284 Die Schweſtern. dunkeln gebohnten Boden abſtach. Meine Schweſter war bereits zu Bett gegangen und ſchien zu ſchlafen; ich beſchattete die Lampe in meiner Hand, ſchritt leiſe an den Ankleidetiſch und ſchaute in den Spiegel. Dieſer war ein großes, altmodiſches, ovales Möbel in einem drehbaren, geſchnitzten ſchwar⸗ zen Rahmen. Wie deutlich ſteht alles dies wieder vor mir! Noch kann ich mir das bläuliche Mondlicht vergegenwärtigen, das ſchräg durch die viel⸗ ſcheibigen Fenſter einfiel und auf den eichenen Dielen ein phantaſtiſches Schattennetz herſtellte, das Geſträuch des Gartens, das geſpenſtiſch aus dem ſilbernen Nebelſchleier auftauchte, die langen Baumſchatten, die unter dem rauſchenden, vom Nachtwind bewegten Laub hin und her zitterten, und den Wohlgeruch der Blumen, die in einer Porcellänvaſe auf dem Fenſterſims ſtanden und ihren Duft um ſich her verbreiteten. Alles dies prägte ſich mei⸗ nem Geiſt in dem Moment ein, in welchem ich die Lampe auf den Ankleide⸗ tiſch niederſetzte und den Spiegel in einen geeigneten Winkel rückte, um darin mein Geſicht ſehen zu können. Durch fünfzig Jahre hindurch hat ſich jeder Zug, jeder Schatten dieſes Bildes in meiner Seele erhalten.„Dies iſt alſo das glückliche Mädchen, das Heinrich liebt,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, indem ich das Antlitz betrachtete, das mir aus der dunkeln meergrünen Tiefe des Spiegels entgegenſchaute. Ich wußte wohl, daß es kein ſchönes, vielleicht nicht einmal ein hübſches Geſicht war; doch jetzt erſchien es mir in einem verklärten Lichte.„Oh, wie iſt mein Herz ſo voll Freude,“ flüſterte ich, während mir glückliche Thränen im Auge ſtanden.„Ich glaube faſt, das Bewußtſein, zu lieben und ſo geliebt zu werden, kann mich hübſch machen.“ Dann beugte ich mich vor, brachte meine Lippen an die kalte Oberfläche des Glaſes und ſagte:„Dies zur guten Nacht meinem Heinrich!“ Mit einem Herzen voll ſeliger Gedanken wandte ich mich von dem Spiegel ab, während meine Thränen noch immer ſtrömten. Anna lag ſchla⸗ fend auf ihrem weißen Bett, und als ich ihr friſches, liebliches Geſicht in ſei⸗ nem Neſt von wallenden Haaren betrachtete, ſehnte ich mich, meine Wonne dieſem holden, ſchönen jungen Weſen mitzutheilen, ihren ſchweſterlichen Kuß entgegenzunehmen und ihre Arme um meinen Hals zu fühlen, wie ich ſie ſo oft gefühlt hatte, wenn ſie zu mir gekommen, um in irgend einem kindlichen Leid Troſt bei mir zu holen und wir mit einander darüber eingeſchlafen waren. Ich meinte, im Dunkeln beſſer mit ihr ſprechen zu können; deßhalb löſchte ich, nachdem ich mich ausgekleidet, die Lampe aus und kniete neben ihrem Bette nieder. Der Mond ſchien in das Gemach, und einer ihrer Arme, der auf der Decke ruhte, erſchien in einem Strom blaſſen Lichtes gebadet; Von Marie Kolb. 285 ihr Geſicht aber lag im Schatten.—„Anna,“ ſagte ich mit gedämpfter Stimme, indem ich meine Wange an die ihrige legte,„Anna, ich habe dir etwas zu vertrauen.“— Sie antwortete mir nicht.—„Liebe Anna, es han⸗ delt ſich um eine Sache, die mich überglücklich macht, und ich kann nicht ſchla⸗ fen, ohne dich davon unterrichtet zu haben.“— Sie athmete ſchneller, und die vom Mondlicht erhellte weiße Hand ballte ſich zuſammen.—„Du darfſt nicht erſchrecken, mein Kindz; es iſt eine gute, ſehr gute Neuigkeit, die ich dir zu eröffnen habe.“— Keine Antwort. Die Wange, an welcher die meinige ruhte, bewegte ſich etwas zur Seite; aber Anna blieb ſtumm.—„Anna, Heinrich Lee liebt mich. Er hat mir dies heute erklärt.“— Sie ſtieß meine Arme zurück, drehte ſich ſo, daß ihr Geſicht vom Kiſſen verborgen wurde, und die vom Mond beleuchtete Hand ging aufwärts in den Schatten über ihrem Kopf, wo ſie blieb.—„Warum weckſt du mich, Margareth? Ich habe geſchlafen und geträumt. Ich war ſo glücklich, und nun ſtörſt du mich; ich werde mich nie wieder in dieſen ſchönen Traum hineinfinden.“—„Anna, mein Herz, mein Kind, ich wußte nicht, daß du ſo tief ſchliefſt, und wollte dich gewiß nicht ſtören. Oh, ich bitte, weine nicht, weine nicht!“ denn ſie hatte kläglich zu ſchluchzen angefangen.—„Sprich nicht weiter, Margareth; lege dich ſchlafen. Du kannſt mir morgen ſagen, was du mir mitzutheilen haſt. Ich— ich kann dich jetzt nicht verſtehen. Ich bin müde; du haſt mich geweckt. Ich träumte ſo angenehm, und jetzt iſt mein Traum dahin.“ Sie ſtieß mich gereizt zurück. Das Herz wurde mir ſehr ſchwer; es war mir, als ergieße ſich ein eiskalter Waſſerſtrahl über die Glut meiner Freude und meiner Theilnahmebedürftigkeit. Doch wir alle waren gewöhnt, ſie gewähren zu laſſen; ich erhob mich daher von meinen Knieen und ging zu Bette.„Ich hätte ſie nicht wecken ſollen,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich mich niederlegte;„ſie iſt müde und ſchlaftrunken und noch das helle Kind.“ Einmal ſtreckte ich meine Hand aus, um ſie zu berühren; ſie lag vollkommen ſtill, und ich hoffte, daß ſie wieder ſchlafe. Allmälig wurde auch ich ſchläfrig, und meine Augen ſchloſſen ſich; vor ihnen eine Weile noch das Bild Hein⸗ richs; wie er mich unter den zitternden Laubſchatten in ſeinen Armen gehal⸗ ten; dann ſchmolz auch dieſes dahin. Doch hatte ich in Zwiſchenräumen die ganze Nacht über ein Gefühl von Unruhe, und es kam mir vor, als ob ſich jemand im Zimmer auf und ab bewege. Einmal träumte mir, Anna ſchreite mit bloßen Füßen auf dem gebohnten Boden hin und her; aber als ich auf⸗ ſchrack, eine ſitzende Stellung annahm und umherſchaute, war alles ſtill. Ich 286 Die Schweſtern. konnte keinen Fußtritt vernehmen. Der Mond war untergegangen, und es herrſchte tiefe Dunkelheit in dem Gemach. Achtes Kapitel. „Ich habe in meinem Leben nie eine Strickerei in ſolcher Unordnung geſehen. An was dachteſt du doch, Gretchen?“— Dieſe milde Neckerei ent⸗ ſandte Tante Gough in der Ueberfülle ihrer Freude gegen mich einige Tage nach dem glücklichen Abend, an welchem Heinrich mir erklärt hatte, daß er mich liebe. Sie alle wußten es jetzt. Der liebe Onkel hatte mich geküßt und geſegnet, aber beigefügt, daß es klug ſei, noch zuzuwarten, wegen unſerer Jugend und Unerfahrenheit. Er war indeß ſehr vergnügt über unſer Ver⸗ hältniß, und dieſes Bewußtſein machte mich unausſprechlich glücklich. Das Warten kam mich gar nicht ſchwer an. Natürlich waren wir jung, natürlich auch unerfahren, und unſere Ausſichten hatten noch keinen feſten Anhalt; allein wir liebten uns und unſere Liebe wurde gebilligt von denen, welche wir am meiſten ſchätzten und ehrten. Natürlich lag darin Glück genug, um Jahre des Harrens auszufüllen, im Fall es noch Jahre anſtehen ſollte. Heinrich war nicht ſo ganz zufrieden mit Onkel Gough's Worten der Weis⸗ heit und nahm es etwas empfindlich, wenn man von ſeiner Jugend und von ſeinem Mangel an Erfahrung ſprach.—„Zu jung?“ ſagte er zu mir, als wir allein mit einander einen Gang durch den Garten machten.„Weiß Ihr Onkel nicht, daß ich ſchon mein dreiundzwanzigſtes zurückgelegt habe?“ Er machte ein ſehr feierliches Geſicht, als er von ſeinem ehrwürdigen Alter ſprach.„Wenn er geſagt hätte, ich ſei nicht gut genug, ſo könnte er wohl Recht haben; allein wenn mein liebes Mädchen es zufrieden iſt, es mit mir zu verſuchen, weil ich ſie mehr liebe, als die ganze übrige Welt—.“— „Nein, weil ich Sie liebe, Heinrich.“—„Gut, mein Engel; wenn Sie es zufrieden ſind, ſo ſehe ich nicht ein, was andere Leute dagegen haben ſoll⸗ ten.“—„Lieber Heinrich, Sie müſſen der Vernunft Gehör ſchenken. Iſt Onkel Gough's Benehmen nicht im höchſten Grade freundlich und edelmü⸗ thig? Er iſt natürlich in ſeinem Recht, wenn er ſagt, daß unſere Jugend—.“ —„Schon wieder dieſe Jugend! Muß man denn fünfundfünfzig Jahre alt ſein, um für die Liebe und die Ehe zu paſſen? Meiner Treu, ich möchte mir das Alter des Monſieur de Beauguet wünſchen.“—„Vielleicht dürfte in dieſem Fall die Einwendung von mir ausgehen, Heinrich, nicht von dem Onkel.“—„Ich ſage immer abgeſchmackte Dinge, wenn ich ärgerlich bin,“ das leu ſich wo gerath Stap dem über haſt möch „Ach, e ſeinee Iuten legenh haſſti komn Sie von dür ft Ueber dnper dard inwe rüſt ihr nd es Von Marie Kolb. 287 verſetzte Heinrich, nach einem ſchallenden Gelächterausbruch ſich die Augen wiſchend.„Ich glaube, es ergeht den meiſten Menſchen ſo.“ Ob dies in Beziehung auf andere Perſonen ſeine Richtigkeit hat, weiß ich nicht; doch bei Heinrich war es ſicherlich der Fall. Konnte es etwas Ab⸗ geſchmackteres geben, als die Idee, daß er je fünfundfünfzig ſein könnte— mein ſchöner, mein feuriger Heinrich?— Alles dies führt mich zu Tante Gough und meinem verwirrten Strickzeug zurück. Eine der Mägde hatte das letztere im Portikus gefunden und der Tante gebracht, dieſe aber, welche ſich wohl dachte, unter welchen Verhältniſſen es in ſolchen chaotiſchen Zuſtand gerathen war, ſich vorgenommen, auf meine Koſten einen kleinen Scherz vom Stapel zu laſſen. Heinrich und ich ſaßen neben ihr; wir waren eben von dem Spaziergang zurückgekehrt, auf welchem die vorgedachte Beſprechung über die Nothwendigkeit eines geduldigen Zuwartens ſtattgefunden.—„Was haſt du denn mit deinem Strickzeug getrieben?“ ſagte die Tante.„Ich möchte den Menſchen kennen, der einen ſolchen Strumpf tragen mag.“— „Ach, Tante, Heinrich iſt ſchuld daran; er drehte das Garn um ſeine Finger.“ —„Und wie kam Heinrich dazu, dir beim Stricken zu helfen? Ich hoffe, ſeine Strümpfe ſtrickſt du anders, oder du machſt meiner Mühe, dich zu einer guten Hausfrau zu erziehen, wenig Ehre.“—„Geben Sie mir nur Ge⸗ legenheit, Mrs. Gough, ſie bald auf die Probe zu ſetzen,“ rief Heinrich, haſtig den Anlaß benützend.„Wir haben eben faſt Streit mit einander be⸗ kommen, und ich fürchte, Mr. Gough iſt ganz auf Margareth's Seite. Legen Sie Ihren Einfluß in die Wagſchale und unterſtützen Sie meine Anſchauung von der Sache.“ Heinrich brachte alles vor, was er erſinnen konnte, um zu beweiſen, daß wir beide ſchon alte Perſonen und ſeine Ausſichten von der Art ſeien, um zu einer Verheirathung binnen ſpäteſtens drei Monaten zu berechtigen. Er war ſehr beredt in ſeinen Vorſtellungen, ſo daß ich endlich meinte, er dürfte wohl Recht haben, und auch die Tante ſchien dieſe Anſicht zu theilen. Ueberhaupt floß ihm die Rede der letzteren gegenüber viel geläufiger von den Lippen, als wenn er mit dem Onkel zu thun hatte. Wie ich ſchon bemerkte, war die Tante eine ſehr theilnehmende Seele und Sympathie das Element, in welchem Heinrich aufthaute und erſt recht lebte. Es gibt ſtarke, kampf⸗ rüſtige Naturen, für welche das Ringen und die Hoffnung auf den Sieg ein Bedürfniß iſt; allein er gehörte nicht zu dieſer Claſſe.— Seit dem Beſuch der Flurwieſe war die Tante ſtets unpäßlich geweſen. Man bemerkte an ihr keine Zeichen einer eigentlichen Krankheit; aber ihre Kräfte wollten nicht 288 Die Schweſtern. zulegen, ſie hatte keinen Appetit, und jede körperliche Anſtrengung wirkte er⸗ ſchöpfend auf ſie. Dies war die einzige Wolke an unſerem Himmel— die Tante und Anna.— Letztere benahm ſich ſeit dem Abend, an welchem ich ſie im Bett angeredet, ſo ſonderbar und launiſch, daß die Tante ihre liebe Noth mit ihr hatte. Die Tante ſelbſt war das gutmüthigſte und ſanfteſte Weſen von der Welt; aber ihre Nerven befanden ſich in einem Zuſtand gro⸗ ßer Schwäche, ſo daß ſie durch jede ungewöhnliche Aufregung ohnmächtig wurde. Anna war nicht immer reizbar oder mürriſch, nicht immer thränen⸗ voll, nicht immer in unerklärlicher Weiſe lärmend heiter; allein alle dieſe Stimmungen wechſelten bei ihr in erſtaunlicher Schnelle. Namentlich gegen Heinrich benahm ſie ſich ſehr wandelbar; das einemal zeigte ſie gegen ihn eine ſo liebe, ſchweſterliche Geſinnung, daß wir alle unſere Freude daran hatten; doch im nächſten Augenblick konnte ſie eine Kleinigkeit, ein Umſtand von ſo geringfügiger Bedeutung, daß wir ihn gar nicht merkten, ſo gereizt und wi⸗ derwärtig, ſo anmaßend und trotzig gegen ihn machen, daß es mich in tief⸗ ſter Seele verwundete. Einmal verlor ich die Geduld darüber und ſetzte ihr in Heinrich's Beiſein mit ſcharfen Vorwürfen zu; da wurde ſie zu meinem Erſtaunen plötzlich ganz weich, kam auf mich zu, kniete neben mir nieder und verbarg ihr Antlitz in meinem Schooß.—„Margareth, ich liebe dich,“ ſagte ſie ſo leiſe, daß ich, obſchon ich mich zu ihr niedergebeugt hatte, die Worte kaum verſtand.—„Ich weiß dies wohl, mein Kind, aber eben deßhalb ſoll⸗ teſt du auch freundlich gegen Heinrich ſein.“ Jetzt ſchüttelte ſie unwillig ihren Lockenkopf zwiſchen meinen Knieen.„Ja, Anna; er iſt ſo gut gegen dich, und du weißt, daß er dein Schwager ſein wird. Komm'' reich' ihm die Hand und haltet gute Freundſchaft.“ Sie hielt ihr Antlitz noch immer ver⸗ borgen, duldete aber, daß ich ihre kalten Finger ergriff und ſie in Heinrich’s. ausgeſtreckte Hand legte. So war der Friede wieder für eine Weile her⸗ geſtellt. Indeß wirkten ſolche Scenen ſehr ungünſtig auf die Tante. Onkel Gough ſah weniger davon, als ſie, doch immerhin genug, um ſich darüber zu betrüben. „Ich glaube, dir wird eine kleine Luftveränderung gut thun, denn du ſcheinſt mir nicht ganz wohl zu ſein, Nanny,“ ſagte er zu Anna.„Ich will dich auf eine Woche oder zwei auf die Flurwieſe ſchicken und den Farmer Gibſon bitten, dich nur mit Apfelküchlein und ſtarkem Ale zu füttern. Du wirſt ja ſo dünn, wie ein Haſelnußſtecken, mein Kind.“—„Ich bin geſund,“ entgegnete Anna mit Entſchiedenheit;„doch glaube ich, daß es mir auf der Flurwieſe wohl gefiele.— Der Gedanke erſchien uns allen annehmbar; künd nicht was Ang Wal gabr Gon beſſ mei wei laſſe willi der uns Sch ich kon war mun von die ſein den das der nenn 3 „di ihn Abf irkte er⸗ — die ſchem ich hre liebe ſanfteſte and gro⸗ mächtig thränen⸗ alle dieſe ich gegen ihn eine hatten; dvon ſo und wi⸗ Hin tief⸗ ſetzte ihr meinem der und „'ſagte e Worte alb ſoll unwilli ut gege ihmd mer bei einrichs eile her Onkel darübel denn d Ich wl Farm n. 2 eium aulf nd Von Marie Kolb. 289 denn ich hatte ſchon früher gefürchtet, Anna's ungemeine Reizbarkeit dürfte in einer beginnenden Krankheit begründet ſein, um ſo mehr, da ſie immer magerer und ſchmächtiger wurde. Man verſtändigte ſich deßhalb dahin, daß ſie auf ein paar Wochen nach dem Flurwieſenhof gehen ſollte. Ich habe noch nicht darüber geſprochen, wie der alte Mr. Lee die An⸗ kündigung meiner Verlobung mit ſeinem Sohn aufnahm. Ich weiß darüber nicht viel anzugeben, denn Heinrich wollte nie recht mit der Farbe heraus, was ſein Vater eigentlich geſagt hatte; doch konnte ich wohl merken, daß die Angelegenheit nicht ganz nach dem Wunſch deg alten Herrn ausgefallen war. Wahrſcheinlich lag ſeinem Mißvergnügen mein Mangel an perſönlicher Be⸗ gabung zu Grund, denn ich wußte, daß eine Verbindung mit der Familie Gough vom Giebelhaus in ſocialer Beziehung ſo war, daß er ſich auf keine beſſere Rechnung machen konnte. Der alte Gentleman behandelte jedoch meinen Onkel mit aller Herzlichkeit und mich mit großer Herablaſſung, zeit⸗ weilig ſogar mit einer drückenden, peinlichen Höflichkeit, die ich ihm gerne er⸗ laſſen hätte, denn er erſchien dann widerwärtiger als je. Er nahm es bereit⸗ willig auf ſich, das Unterkommen Anna's bei den guten Farmersleuten auf der Flurwieſe zu vermitteln. Doch eh' Anna ihren Beſuch antrat, gingen uns zwei angenehme Ueberraſchungen zu.— Die eine beſtand aus einem Schreiben von unſerer lieben Freundin in Canada, die andere, von welcher ich ſogleich ſprechen werde, betraf Heinrich. Die liebe kleine Madame de Beauguet ſchrieb ſehr vergnügt, und man konnte aus ihrem Brief entnehmen, daß ſie ſich ſehr glücklich fühlte. Sie waren bei dem Abgang des Schreibens noch nicht lang an ihrem Beſtim⸗ mungsort angelangt, doch wußte ſie ſehr viel von ihrer neuen Heimat und von ihrem„guten Mann“ zu erzählen.—„Sie erinnern ſich, daß Sie ihm dieſen Titel gaben?“ Der Brief war an die Tante gerichtet.„Wie dem ſein mag, ich habe ihn nicht vergeſſen, und er paßt vollkommen. Legen Sie den möglichſt ſtarken Nachdruck auf das erſte Wort, meinetwegen auch auf das zweite, oder auf beide, und Sie werden ſo wie ſo Recht haben. Es iſt der beſte Mann von der Welt. Darf ich mich da nicht eine glückliche Frau nennen?“— Dann ſchickte unſere alte Lehrerin freundliche Grüße an die Philoſophin, an den Irrwiſch, und ſtellte viele Fragen wegen Heinrich's— „dieſes bezauberndſten und höflichſten von allen Civilingenieuren,“ wie ſie ihn nannte.„Sagen Sie ihm, ich habe die Blumen, mit denen er mich zum Abſchied beſchenkte, in ein Buch gepreßt und ſchätze ſie über alles, ſo daß Hausblätter. 1867. Iv. Bd. 19 290 Die Schweſtern. mein guter Mann ſagt, er hoffe, es werde keine junge Dame eiferſüchtig werden, wenn ſie davon hört.“— Wir machten dabei Bemerkungen, ob Monſieur wohl Heinrich's Geheimniß— unſer Geheimniß— entdeckt habe, lachten viel und ſprachen in glücklicher Laune thörichtes Zeug. Ma⸗ dame de Beauguet's erfreulicher Brief wurde wieder und wieder geleſen und in vollem Familienrath beſprochen. Dann rückte Heinrich mit ſeiner Neuig⸗ keit heraus— die zweite Ueberraſchung. „Ich habe einen Brief erhalten von Mr. Topps in Birmingham, Sir,“ ſagte er, ſich an den Onkel wendend.—„Was, von Mr. Topps? Ich wußte nicht, daß Sie mit dieſem Herrn in Correſpondenz ſtehen.“—„Nicht ge⸗ rade in Correſpondenz— es iſt ein Geſchäftsbrief.“— In Heinrich's Au⸗ gen lag ein triumphirender Ausdruck, als er das Schreiben dem Onkel hin⸗ bot, obſchon er eine nüchterne, unbekümmerte Miene zu Schau zu ſtellen ſuchte, wie wenn er ſagen wollte, ein Geſchäftsbrief von Mr. Topps an einen Mann von ſeinem Alter und ſeiner Stellung ſei eben nichts Außer⸗ ordentliches.—„Darf ich ihn leſen?“—„Wenn Sie ſo gut ſein wollen, ja.“—„Um was handelt ſich's, Heinrich?“ fragte ich haſtig. Er hieß mich jedoch mit einer Handbewegung ſchweigen, und wir alle warteten geduldig, bis der Onkel den Brief geleſen hatte.—„Das iſt ja recht ſchön, und ich bin ſehr erfreut darüber, mein Junge.“ Der Onkel nahm die Brille ab und holte aus, um mit ſeiner kräftigen Rechten Heinrich herzlich die Hand zu drücken.„Es macht Ihnen Ehre, und Sie dürfen mit Recht darauf ſtolz ſein.“—„Das bin ich auch, Sir,“ entgegnete Heinrich.„Es freut mich doppelt, weil Sie daraus erſehen und ſich zu überzeugen Gelegenheit finden, daß— daß— meine Ausſichten—.“—„Ja, ja, ich verſtehe. Sie ſind ſtolz darauf und freuen ſich, daß mir von einer ſo unanfechtbaren Autorität begreiflich gemacht wird, welchen vertraueneinflößenden, zuverläſſigen jungen Gentleman ich in meinem künftigen Neffen zu verehren habe. Ich müßte wohl der blödeſte alte Tropf ſein, wenn ich noch dem Gedanken Raum gäbe, man ſolle nur noch einen einzigen Tag verziehen, eh' man alle Sorgen der Welt ſeinen Schultern auflädt. Dies wollen Sie doch ſagen, junger Herr?“ — Heinrich erröthete und antwortete mit einem Lächeln:„Sie haben dafür Ihre eigenen Worte gebraucht; doch in der Hauptſache hat mir etwas Aehn⸗ liches im Sinn gelegen.“—„Dürfen wir nicht auch etwas von dem großen Geſchäft erfahren?“ fragte die Tante von ihrem mit Kiſſen belegten Arm⸗ ſeſſel aus. Nun las uns der Onkel mit Heinrich's Zuſtimmung den Brief des Von Marie Kolb. 291 Mr. Topps vor. Dieſer ausgezeichnete Ingenieur gedachte immer noch mit Wohlwollen ſeines früheren Zöglings, auf den er große Stücke hielt, und war bereit, demſelben ein oder das andere Geſchäft zuzuweiſen, wann immer ſich eine gute Gelegenheit dazu bot. In dem gegenwärtigen Fall handelte es ſich um die Herſtellung einiger neuen Waſſerwerke für eine kleine Stadt im Norden nicht weit von der ſchottiſchen Grenze; man hatte ſich an Mr. Topps gewendet und ihn um die Bezeichnung eines tüchtigen Mannes ge⸗ beten, dem man mit Ruhe die Ausfertigung des Planes und die Leitung des Baues übertragen könne. Er ſelbſt war viel zu hochſtehend und koſtſpielig, wie Mr. Lee geſagt haben würde, als daß man ihn perſönlich um die Ueber⸗ nahme des Geſchäfts hätte angehen mögen; da indeß der Vorſtand der Waſſerwerkcompagnie den berühmten Birminghamer Ingenieur näher kannte, ſo hatte er denſelben brieflich um ſeinen Rath angegangen.„Und mein Rath ſt, daß man Sie nehmen ſoll, Lee,“ hieß es in Mr. Topps' Schreiben.„Ich habe alles Vertrauen zu Ihnen, und wenn Sie das Geſchäft übernehmen, kann es zu beſſeren Dingen führen.“— Zu beſſeren Dingen? Was kann wohl beſſer ſein? dachte ich; doch dem Mr. Topps auf ſeiner Höhe kam die Angelegenheit wahrſcheinlich klein genug vor.—„Was ſagt Rotherwood dazu?“ fragte der Onkel.—„Er hat nichts dagegen, daß ich auf das An⸗ erbieten eingehe,“ verſetzte Heinrich.„Eleich, ſein Bauführer, kann alle die Arbeiten beſorgen, welche im letzten halben Jahr mir zugefallen ſind.“ Der einzige ſtörende Moment in unſerem Glücke war, daß Heinrich nach dem Norden gehen und daſelbſt geraume Zeit verweilen ſollte. Doch dies ſtand nicht in nächſter Nähe. Es konnten ſechs Monate vergehen, bis die Sache ſo weit vorgerückt war, um ſeine Anweſenheit nöthig zu machen. Und ſechs Monate kamen mir, als ich neunzehn zählte, als eine ſehr lange Zeit vor 19* Seid Ihr der Korporal? Aus dem Tagebuch eines invaliden Soldaten. Mitgetheilt von Fr. v. Wickte. Es war eine ſtockfinſtere Nacht. Der Wind heulte, der Regen fiel in Strömen und wie die wogende See rauſchte der Wald. Mein Kamerad, Thomas Bunk, und ich konnten in unſerem Zelt kaum einander erkennen, während wir auf den Ruf Harry Jile's, des Korporals der Wache, warte⸗ ten, der uns auf Poſten ſchicken ſollte. Wir hatten nicht nöthig, lange ſeiner zu harren, und bald war jeder Mann an ſeinem Platz. Der meine war ziemlich weit vom Lager entfernt, am Rande eines ge⸗ gen Norden an den Wald ſtoßenden Maisfeldes, das ſich wohl eine engliſche Meile erſtreckte. Es war ein einſamer Platz und mein Kamerad ſtand eine gute Strecke hinter mir. Der Wind fegte durch die grünen Halme, und das dadurch verurſachte Geräuſch glich dem dumpfen Stöhnen wandelnder Gei⸗ ſter; die Finſterniß war derart, daß ich nur mit Mühe auf einige Schritte Entfernung Gegenſtände, und auch nur in unſicheren Umriſſen, erkennen konnte. Wie ein Schauerbad kam der Regen auf mich nieder, und in weni⸗ gen Minuten war ich bis auf die Haut durchnäßt. Meine Schuhe— wahre Kanonenboote aus Rindsleder— waren bald derart von Waſſer durchzogen, daß ſie mit jedem Schritt, den ich machte, wie junge Schweine quickten, die ſich luſtig in der Pfütze wühlen. Ich ging ſchnell auf und ab, um mich zu erwärmen, und übte mich im Bajonnetfechten, indem ich ganz verzweifelte Stöße in die Luft machte. Mit⸗ Von Fr. v. Wickte. 293 ten in dieſem Exercitium ward ich plötzlich durch eine quackende Stimme hinter mir aufgeſcheucht.„Seid Ihr der Korporal? Seid Ihr der Korpo⸗ ral— Korporal?“—„Werda?“ rief ich, meinen Hahn ſpannend und mich im Nu umdrehend.—„Seid Ihr der Korporal— Korporal— Korpo⸗ ral?“— Die Stimme ſchien von einer Stelle an dem Zaun herzukommen, der mich von dem Maisfelde trennte; ich war aber außer Stande, den Spre⸗ cher zu ſehen.„Werda?“ rief ich noch einmal, mich der Stelle nähernd und meine Augen nach Kräften anſtrengend.—„Seid Ihr der Korporal— Kor—“ Die Stimme ſchwieg plötzlich, als ich dicht an den Zaun trat, und mich niederbeugend, um durch die Zaunriegel in's Maisfeld blicken zu können, ſah ich einen großen grünen Froſch auf einem derſelben ſitzen! Wie ich das Ding anſah, blinzelte es mir erſt mit einem und dann mit beiden Augen in einer ſo ſchlauen Weiſe zu, daß ich unwillkürlich lächeln mußte.„Wie iſt's mög⸗ lich,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„daß ich das Quacken eines Froſches für eine menſchliche Stimme halten konnte.“— Nach einiger Ueberlegung mußte ich mir aber ſagen, daß es doch der Fall geweſen ſei und, ärgerlich über mich ſelbſt, daß ich mich von meiner Einbildung ſo täuſchen laſſen konnte, ſetzte ich meine Promenade fort. Kaum aber hatte ich mein Revier wieder einigemale durchmeſſen, als die quackende Stimme wieder an mein Ohr ſchlug.„Seid Ihr der Korpo⸗ ral— Korporal, Korporal?“— Mit einem Satze war ich am Zaun, feſt überzeugt, diesmal eine menſchliche Stimme gehört zu haben. Aber nie⸗ mand war zu ſehen, nur der Froſch ſaß ernſt und würdig, wie vorher, auf dem Zaunriegel.—„Dich ſoll der— holen!“ rief ich,„was quackſt du bei dem Wetter?“—„Seid Ihr der Korporal— Korporal— Korporal?“ Erſtaunt trat ich zurück— die Worte konnten nur von dem Wetter⸗ propheten kommen. Ich betrachtete ihn mit aufgeriſſenen Augen und offenem Munde. Was für eine Art Froſch mußte dies ſein, der eine Stimme wie ein Menſch hatte? Es war jedenfalls etwas Wunderbares in dieſer Sache. Von ſprechenden Vögeln hatte ich wohl ſchon gehört, von ſprechenden Frö⸗ ſchen aber noch nicht! Dieſer war jedenfalls ein Wunderthier— eine Curio⸗ ſität— die ich meinen Kameraden zeigen mußte. Er mußte gefangen wer⸗ den, und dies war leicht geſchehen. Mit einem ſchnellen Griff hatte ich ihn in der Hand und nolens volens ſpazierte er in meinen Schnappſack. Dann ſetzte ich meinen Gang fort. 294 Seid Ihr der Korporal? Ich war kaum fünf Schritte vom Zaune entfernt, als ich die ominöſe Stimme wieder hörte, und ich war mehr denn je erſtaunt, denn es wollte mir ſcheinen, als ob die Worte doch nicht von dem Froſch kämen. Um mich genau zu überzeugen, hielt ich den Schnappſack an's Ohr und wartete auf eine Wiederholung des Rufes.—„Seid Ihr der Korporal— Korporal— Korporal?“— Ich ließ den Schnappſack nicht ohne ein Gefühl der Enttäu⸗ ſchung los, denn mein Froſch war kein Sprecher, wie ich geglaubt hatte. Die Stimme kam von der früheren Stelle und ich vermuthete jetzt, daß einer meiner Kameraden ſich in dem Maisfelde verſteckt habe, um ſich auf meine Koſten einen Scherz zu machen. Ich ſchritt dem Zaune wieder zu und ſtieß mit dem Gewehrkolben mit aller Gewalt durch die Zaunriegel, hoffend, den Uebelthäter durch einen ge⸗ hörigen Stoß zu beſtrafen. Aber im ſelben Moment ſah ich einen langen Hals, der von einem weißen, abgemagerten Geſicht überragt wurde, über den Maisſtengeln auftauchen— ein Geſicht, aus dem mich ein paar tieflie⸗ gende Augen mit unheimlichem Glanz anſtarrten. Als ich ſeiner anſichtig wurde, öffneten ſich die Lippen und dieſelbe Stimme wie vorher rief:„Seid Ihr der Korporal— Korporal— Korporal?“—„Wer ſeid Ihr?“ fragte ich erſtaunt.—„Ich bin ein Rebell— Rebell— Rebell,“ krächzte der Fremdling,„ich bin bei Fair Oaks erſchoſſen. Ich bin todt, todt— todt, aber mein Geiſt iſt lebendig. Ich folge dem Korporal— Korporal— Kor⸗ poral, der mich erſchoß!“ Als er ſprach, ward ich in ſeiner erhobenen Hand eines blitzenden Meſ⸗ ſers anſichtig und ſprang ſchnell einen Schritt zurück.— Ich legte meine Muskete an, zielte gerade auf die Stirne des Rebellen und drückte los. Der ſchrille Knallte widerhallte im Wald und— da ſtand der Rebell unverletzt! Auf derſelben Stelle wie früher und blickte mich mit ſeinen hoh⸗ len, überirdiſchen Augen an. Ich wußte, daß ich gut gezielt hatte, wußte, daß mein Gewehr ſcharf geladen war— mir ward ganz ſonderbar zu Muth,— an allen Gliedern zitternd, ſtarrte ich wie betäubt auf die ſeltſame Erſchei⸗ nung vor mir.— Ja, er hatte die Wahrheit geſprochen— es war kein Fleiſch und Blut— es war eine Erſcheinung, durch die meine Kugel, ohne ihr Schaden zu thun, geflogen war, wie als ob ſie durch Rauch oder Waſſer gefahren wäre. „Hi— hi— hil! Seid Ihr der Korporal— Korporal— Korporal?“ Dann trat er vor und legte die Hand auf den Zaun— und welch' eine dürre, abgemagerte Hand! Ich glaubte, er würde mich anpacken, und ſprang weiter Von Fr. v. Wickte. 295 zurück, bereit zur Bajonnetattaque. Im gleichen Augenblick hörte ich das Knacken von eten ſah den Schein einer Laterne, und eine Minute darauf den Korporal der Wache, der, durch meinen Schuß herbeigezogen, mit ſechs ſeiner Tupferen neben mir ſtand. Mir ward ganz leicht um's Herz, und noch einen Blick auf das Geſpenſt werfend—— es war verſchwunden. Ich erzählte die Geſchichte und—— ward ausgelacht. Der Korporal behauptete, ich habe mich von meiner Einbildung hinreißen laſſen. Ich be⸗ ſtand aber auf der Wahrheit meiner Behauptung— man lachte mich wieder aus, ſagte, ſo etwas könne nicht paſſirt ſein, ſprach von Geſpenſterfurcht und ſo weiter.— Schließlich gingen ſie fort, und ärgerlich, zum Geſpött gewor⸗ den zu ſein, ſetzte ich meinen früheren Gang wieder fort. Schärfer als je nahm ich die verdächtige Stelle auf's Korn, ward aber von keiner Erſcheinung wieder behelligt und ging, nachdem ich bald darauf abgelöst war, in mein Zelt Eine Stunde darauf ward ich durch die Stimme des Mannes geweckt, der nach mir den Poſten bekommen hatte und aus Leibeskräften nach der Wache rief. Neugierig, zu erfahren, ob dies etwas mit meinem Geſpenſt zu thun habe, griff ich nach meiner Muskete und rannte zur Stelle. Da ſtand die Schildwache und hatte die„Erſcheinung“ feſt am Kragen gepackt. „Seid Ihr der Korporal— Korporal— Korporal?“ krähte der Ge⸗ fangene, 8 er von den Herzueilenden umringt ward;„wenn Ihr's len— ich bin ein Rebell— Rebell— Rebell, der kein en wurde bei Fair Oaks Oaks— Oaks.“—„Der iſt ja verrückt,“ riefen meine Kameraden. „Jetzt, du Narr,“ ſagte mein Korporal di zu mir,„iſt es jetzt Fleiſch und Blut? Gib'mal dein 5 wehr her, ob du überhaupt geſchoſſen haſt?“ — Ich reichte ihm die Muskete hin— das Geſpenſt war aber nicht Fleiſch und Blut, ſondern nur Haut und Knochen.— Die Unterſuchung ergab, daß mein Schuß abgefeuert war, und als ein guter Schütze war ich bekannt. Er gab mir das Gewehr zurück— ich ſah aber beim dämmernden Morgenlicht, daß es nicht das meine, ſondern meines Kameraden Bunk's war, das ich in lufziehen verwechſelt hatte. Bunk hatte den Poſten Nr. 4 in der Nähe des Majorzeltes, und da dieſer L Offizier einmal einen Schuß bekommen hatte, durfte ſeine Schildwache fortan nicht ſcharf laden. — Mir war es lieb, daß die Sache ſich ſo geſtaltet hatte, denn ich würde es mir nie verziehen haben, hätte ich den armen Irren erſchoſſen. Beſchämt aber ließ ich meinen Froſch aus dem Schnappſack ſpringen, den ich in der Extaſe mit mir heimgetragen hatte. der Dunkelheit beim A 1 4 1 Aus Uäy und Ferne. Kurze Mittheilungen. 18. Inſtinkt oder Verſtand. Selbſt in unſeren Tagen fehlt es nicht an Perſonen, welche den Thieren den Verſtand abſprechen, obſchon für das Vermögen, aus beſtehenden Ver⸗ hältniſſen Schlüſſe zu ziehen, vom Elephanten an bis zur Ameiſe herunter, ſo viele ſchlagende Belege vorliegen, daß man nicht begreift, wie man das Vorhandenſein einer combinirenden Gehirnthätigkeit bei den Thieren noch beanſtanden mag. Einen nicht unintereſſanten Beitrag zu der Menge von Beweiſen, die man zuſammenleen kann, bietet folgende Erzählung, welche ich aus dem Munde des verſtorbenen Sir Auguſtus Fraper, Ritters des Bath⸗ ordens, habe, deſſen Wahrheitsliebe keinem Zweifel unterliegt und der mit der betreſſenden Familie perſönlich gut bekannt war. Die Geſchichte ſelbſt hat vor ſechzig Jahren, zu einer Zeit alſo ſtattgefunden, in welcher das Rei⸗ ſen nicht ſo leicht ging, wie heutzutage. Mr. und Mrs. H., die auf der Reiſe nach London begriffen waren, übernachteten in St. Albans. Ein Dachs⸗ hündchen begleitete die Pferde(ſie hatten eigene Equipage bei ſich), war aber kaum in den Stallhof gelangt, als es von einem großen, zum Hauſe gehöri⸗ gen Hund angefallen und kläglich mißhandelt wurde. Der Kutſcher half zwar dem armen Thier; doch dieſes war ſo erſchreckt, daß es davonlief und nicht wieder zurückkehrte. Da Waldmännchen bei ſeiner Herrſchaft ſehr in Gunſt ſtand, ſo ließ dieſe, welche um des Thieres willen ſogar einen Tag in St. Albans verweilte, durch den Ausſcheller eine Belohnung für die Wieder⸗ bringung des Flüchtlings ausbieten, jedoch ohne Erfolg; die Reiſe mußte deßhalb ohne den Hund fortgeſetzt werden, doch erhielt der Wirth Weiſung, Aus Näh' und Ferne. 397 was er mit dem Dachs anzufangen habe, im Fall er eingebracht würde. Mr. H. befand ſich ſchon einige Tage in London, als von dem Wirth ein Schrei⸗ ben einlief mit der Meldung, einen Tag nach der Abreiſe der Herrſchaft ſei Waldmann wieder gekommen, von einem großen Neufundländer Hund be⸗ gleitet, der, ſobald er im Hof angelangt, den Haushund angefallen und faſt zu Tode gebiſſen habe; dann hätten die beiden Hunde ſich wieder aus dem Staub gemacht, ohne daß es möglich geweſen, den Dachs zu fangen. Wald⸗ mann war ſonach unmittelbar nach der Kränkung, die ihm zu Theil gewor⸗ den, geradenwegs nach Haus geeilt, wo er ſeinem Freund die ihm widerfah⸗ rene Beleidigung geklagt haben mußte; am andern Tag aber traten ſie ge⸗ meinſchaftlich die Reiſe nach St. Albans an, wo der Neufundländer den Uebelthäter züchtigte. Nach Erfüllung dieſer Freundespflicht kehrten beide wieder nach Mr. H.s Gut zurück, das eine volle Tagreiſe von St. Albans entlegen war. 19. Damen und Zeitungen. Es iſt ein großer Fehler in der weiblichen Erziehung unſerer Tage, wenn man meint, ſchönwiſſenſchaftliche Lecture ſei das geeignetſte Feld, um den Geiſt einer jungen Dame zu bilden. Will man ſie für die Unterhaltung befähigen, ſo gebe man ihr etwas zu ſprechen, indem man ſie bekannt macht nicht mit den Erzeugniſſen einer mehr oder minder reichen Phantaſie, ſon⸗ dern mit der wirklichen Welt und dem, was auf ihr vorgeht. Man laſſe ſie Zeitungen leſen, damit ſie vertraut werde mit dem Charakter und den Be⸗ ſtrebungen des mit ihr lebenden Menſchengeſchlechts. Die Geſchichte frühe⸗ rer Perioden iſt wohl auch nicht ohne Bedeutung; allein die vergangene Welt iſt todt und außer Berührung mit uns. Unſer Thun und Denken da⸗ gegen gehört der Gegenwart an, und wir ſollten wiſſen, wie es in ihr aus⸗ ſieht und wie ſich ihre Zuſtände verbeſſern laſſen. Man bringe daher unſeren Damen verſtändige Anſchauungen bei, durch welche allein ſie ſich befähigen, an einem Geſpräch über die geiſtigen, ſittlichen, politiſchen und religiöſen Fortſchritte unſerer Zeit ſich in achtbarer Weiſe zu betheiligen. Die dummen CThiere. Kulturgeſchichtliche Skizze von E Ebeling. Ochs und Eſel, Schaf und Gans ſind wegen ihres Mangels an Klug⸗ heit verſchrien und werden dummen Leuten als Ehrentitel gegeben. Indeſſen ſind ſie, wie Schottlands Königin, beſſer als ihr Ruf und ſtehen auf keiner niedereren Stufe geiſtiger Fähigkeiten, als andere ihres Geſchlechtes. Sie genießen außerdem eine gewiſſe geſchichtliche Berühmtheit und ſind auf man⸗ nigfache Weiſe in Sage und Legende verwoben. Ochs und Schaf ſtehen mit Sternenſchrift am nächtlichen Himmel ge⸗ zeichnet, obſchon ihnen dort die vornehmen Namen Stier und Widder ver⸗ liehen ſind. Vor einem Ochſen beugten die weiſen Egypter die Knie, ihm erwieſen ſie göttliche Verehrung. Wenn dem Lande ein Kälbchen geboren war, deſſen Haar eine ſchwarze Farbe hatte, das einen weißen, beſonders ge⸗ formten Fleck auf der Stirn— einen anderen in Geſtalt eines Adlers auf dem Rücken trug, wenn ihm ein Knoten in Käferform unter der Zunge ſaß — dann erſcholl Jubelgeſchrei, dann jauchzten die Völker des Landes. Der zukünftige Apis, der Berger der Seele Oſiris', ward in ein Haus geführt, welches gegen den Aufgang der Sonne lag, daß die erſten Strahlen des Tages Egyptens werdende Gottheit beleuchteten. Hier ward der zarte Säugling vier Monate hindurch mit Milch getränkt, dann aber nach Nilo⸗ polis übergeſiedelt, wo er vierzig Tage verweilte. Nach Verlauf dieſer Zeit erſchien eine herrliche, mit goldenen Zierrathen und bunten Tüchern ge⸗ ſchmückte Barke. Der Apis wurde hineingeleitet und unter mannigfachen G Von E. Ebeling. 299 Feſtlichkeiten von der Nilflut nach Memphis getragen. Hier bezog er die Wohnung ſeines Vorgängers, einen weiten Hof und zwei auf das reichſte verzierte Hallen im Tempel des Gottes Ptah. Wenn ihn in Nilopolis Frauen gewartet, ſo waren hier Prieſter ſeine Hüter und Pfleger. Sie brachten ihm ſeine Nahrung, ſie tränkten ihn aus einem beſonderen Brun⸗ nen, ſie wuſchen und glätteten das Haar des heiligen Thieres. Stiere von rother Farbe fielen ihm zum Opfer und kniend verehrte ihn das Volk der Egypter. Von ſeinem Appetit, von ſeinem Gange, von der längeren oder kürzeren Zeit, die er im Hofe oder in den Hallen zubrachte, wurde das Wohl und Wehe des Landes abhängig gemacht. Seine Bewegungen, ſein Beneh⸗ men ward zu Orakelſprüchen benützt. Auf dieſe Weiſe lebte der Apis fünfundzwanzig Jahre lang in Mem⸗ phis. War er nach Verlauf dieſer Zeit noch unter den Vierfüßigen, ſo mach⸗ ten die Prieſter ſeinem Daſein ein Ende. Sie ertränkten ihn in einer heili⸗ gen Quelle, erzählten aber dem Volke, daß er ſelber ſich auf dieſe Weiſe getödtet habe. Denn wunderbar, wie des Apis Entſtehung(man ſchrieb dieſelbe der Vermählung eines Mondenſtrahles mit einer Kuh zu), mußte ſein Leben, mußte ſein Sterben ſein. War er nun verſchieden, ſo erſcholl Klage und Jammer im Lande der Egypter. Die Leiche des heiligen Ochſen wurde einbalſamirt und dann mit großen Feierlichkeiten im Tempel beſtat⸗ tet. Die Prieſter, in Thierfelle gehüllt und Thyrſusſtäbe tragend, beobach⸗ teten hierbei die ſeltſamſten Ceremonien. Erſt wenn ein neuer Apis entdeckt war, verwandelte ſich die Trauer des Volkes in Freude. Unter dem Jauch⸗ zen der Menge begann derſelbe das verehrte Daſein ſeines Vorgängers. So war das Leben des heiligen Stieres beſchaffen. Doch, um der Sache auf den Grund zu gehen, war es wohl nicht der Ochs als ſolcher allein, dem die Anbetung galt. Wie die Egypter in Oſiris den Erfinder des ſtädtebegrün⸗ denden, civiliſirenden Ackerbaues verehrten,— ſo war ihnen der Apis, das Thier, welches den Pflug zog, deſſen geduldige Kraft den Erdboden lockerte, daß er das Brodkorn in ſich aufnimmt, die Verkörperung der Arbeit. Sie erkannten den unnennbaren Segen, die namenloſe Wohlthat, welche der Feldbau dem Menſchen erweist. Die Arbeit war ihnen keine Laſt, ſie be⸗ trachteten ſie als ein Geſchenk der Gottheit und den Feldbau als die Krone derſelben. Daher die Anbetung, die abgöttiſche Verehrung des geheiligten Ochſen. Daher das Kuhhaupt der Iſis, welche, als Gattin Oſiris', oft in dieſer Geſtalt gefunden wird. — — 300 Die dummen Thiere. Einer anderen Mythe nach war Jupiters Geliebte Jo die Urſache, daß Iſis mitunter ein Kuhhaupt trägt. Der Donnerer hatte ſie bekanntlich, um ſeine argwöhniſche Gemahlin zu täuſchen, in eine weiße Kuh verwandelt, war aber durch die Bitten der Eiferſüchtigen bewogen worden, ihr das Thier⸗ chen zu ſchenken. Juno hatte die auch als Vierfüßlerin gehaßte Nebenbuhle⸗ rin dem hundertäugigen Argus zur Obhut übergeben, um jede Zuſammen⸗ kunft der Liebenden zu verhüten. Endlich war es Merkur, dem Abgeſandten des Jupiter, gelungen, den Wächter der Jo zu tödten. Zeus jubelte über die Erlöſung der Geliebten, aber zu früh.— Juno ſchickte der armen Jo eine Bremſe, welche das geplagte Thier mit ſeinen giftigen Stichen verfolgte und ſie ruhelos durch die Länder jagte. Erſt nachdem die in Kuhgeſtalt um⸗ herirrende Prinzeſſin durch die ganze den Griechen bekannte Welt gekom⸗ men, gelang es dem Götterfürſten, die Bremſe zu tödten und der zum Tode erſchöpften Jo Ruhe zu verſchaffen. Sie befand ſich damals in Egypten und ward dort in Zukunft mit der Iſis verſchmolzen. Wenn es der Donnerer nicht verſchmähte, der einen ſeiner Geliebten eine Kuhgeſtalt zu geben, ſo fühlte er ſeinerſeits ſich nicht zu erhaben, in die Hülle eines Ochſen zu ſchlüpfen, um eine andere anmuthige Sterbliche zu berücken. Europa, die Tochter des Phönizierkönigs Agenor, hatte des Göt⸗ terfürſten Blicke auf ſich gezogen, denn ſie war ſchön wie eine Blume des Feldes. Einſt, als ſie ſich am Geſtade des Meeres erging, nahte ein rieſi⸗ ger, buntgefleckter Stier ſchwimmend dem Ufer. Die Jungfrau bewunderte das herrliche Thier und als es, an's Land gekommen, die Kniee vor ihr beugte, als es den mächtigen Kopf demüthig zu ihren Füßen legte, da wagte ſie es, ſich auf den Rücken desſelben zu ſetzen. Jetzt zeigte ſich der Stier in ſeinem wahren Charakter. Pfeilſchnell erhebt er ſich, ſeine Augen blitzen, ſeine Nüſtern blähen ſich— in wenigen Sprüngen iſt das Meer erreicht. Trotz des Hülferufes der bebenden Jungfrau, trotz ihrer Thränen trägt er ſie durch die Wogen zur Inſel Kreta, wo er ſeine Göttergeſtalt annimmt und um die Liebe der holden Sterblichen bittet. Und als nun Kadmus, der Bruder der Geraubten, in die Weite zieht, um die verlorene Schweſter zu entdecken, da wird ihm durch das Orakel die Weiſung, er ſolle nicht weiter ſuchen, es ſei dem Göttervater(aus ſehr erklärlichen Gründen) nicht ge⸗ nehm, wenn Europa's Aufenthalt gefunden würde, er möchte nur ſtatt deſſen eine Stadt erbauen, zu dieſem Zweck der erſten Kuh, die ihm begegnen ache, daß llich, un wandelt s Wjier⸗ enbuhle⸗ ſammen⸗ ſandten elte über rmen Jo verfolgte talt um⸗ t gekom⸗ im Tode öten und zeliebten in die liche zu s Göt⸗ ume des ein rieſt vunderte vor ihr a wagt Stier i blitzen erreich trägt? unimm nus, d zeſter; t weit⸗ nicht t deſ egeg Von E. Ebeling. 301 würde, nachgehen und an der Stelle, wo dieſelbe ſich niederlege, die Grün⸗ dung des Ortes vornehmen. Der abenteuerluſtige Kadmus, dem die Aufſuchung der Schweſter nicht ſehr erwünſcht geweſen, befolgte nur allzugern das Gebot des Orakels. Die fragliche Kuh ſtellte ſich ein und führte ihn in eine Provinz des griechiſchen Landes, die ſpäter den Namen Ochſenland(Böotien) erhielt, allwo der Prinz Theben erbaute. Europa erhörte indeſſen den liebeflehenden Donner⸗ gott und ward in Zukunft gewürdigt, dem zwar an Länderinhalt kleinen, an Intelligenz aber großen Welttheil ihren Namen zu verleihen. Auch in der wunderlichen Mythe von der Paſiphas iſt einem Ochſen die Hauptrolle zuertheilt. Minos, der Gemahl dieſer Fürſtin,— der Herr⸗ ſcher von Kreta, pflegte ſeine Gattin oft zu verlaſſen, lange umherzukreuzen auf der wogenden See, oder zu landen an fernen Geſtaden. Paſiphaé er⸗ wählte eine eigenthümliche Zerſtreuung, um ſich während der Abweſenheit ihres Gemahls die Zeit zu vertréiben. Sie vermählte ſich insgeheim mit einem dereinſt durch Neptun erſchaffenen Stiere, und dieſer Verbindung ent⸗ ſtammte ein Sohn, halb Menſch, halb Ochs: der Minotaurus. Außer ſeiner furchterregenden Geſtalt, hatte dies Ungeheuer auch noch die unangenehme Eigenſchaft, nur durch Menſchenfleiſch geſättigt zu werden, und zahlloſe Jünglinge und Jungfrauen wanderten in ſeinen gefräßigen Rachen, bevor der kühne Theſeus ſeinem Leben ein Ende machte. Unter den Thieren, welche den Göttern zum Opfer fielen, war es wie⸗ der der Ochs, der als das vornehmſte galt. Zeus, der Donnerer, war der Bevorzugte, ihm bluteten beſonders die Stiere und, wenn man ihm eine außergewöhnliche Ehre erweiſen, wenn man die Gnade des majeſtätiſchen Gottes für die Sterblichen recht dringend erflehen wollte, dann ward ihm eine„Hekatombe“ dargebracht— hundert breitgeſtirnte Rinder mußten ihr Leben laſſen, um dem Vater der Götter einen angenehmen Duft zu ver⸗ ſchaffen, um ſeiner hohen Naſe mit dem Wohlgeruch zu kitzeln, der ihrem bratenden Fleiſche entſtieg. Bei beſonders feierlichen Gelegenheiten wurden ſogar die Hörner des zu opfernden Rindes mit Gold überzogen— ſo im dritten Geſange der Odyſſee, wo Pallas⸗Athene durch Neſtor den Weiſen um Schutz und Beiſtand gebeten wird: „Dir dann opfr' ich ein jähriges Rind, breitſtirnig und fehllos, Ungezähmt, das nimmer ein Mann zum Joche gebändigt: Dieſes opfr' ich Dir mit goldumzogenen Hörnern.“ 30²2 Die dummen Thiere. verheißt er der Göttin und ſpäter wird das Opfer mit großer Feierlichkeit vollzogen. An einer Stelle der Ilias aber wird des Ochſen in noch ehren⸗ vollerer Weiſe Erwähnung gethan: „So wie der Stier in der Heerd' ein Herrlicher wandelt vor allen, Männlich ſtolz, denn er ragt aus den Rindern hervor auf der Waide, Alſo verherrlichte Zeus an jenem Tag Agamemnon.“ ſingt Homer im zweiten Geſang dieſes Heldengedichts, wo der Held die Völker der Achaier in Schlachtordnung aufſtellt. Eine der Heldenthaten des Herkules beſtand in der Beſiegung des wü⸗ thenden Stieres, welcher die Felder von Kreta verwüſtete. Es war dies dasſelbe Ungeheuer, welches die Liebe der Paſiphas erregte. Wie ſchon er⸗ wähnt, hatte es Neptun auf eine Bitte des Minos dem Meere entſteigen laſſen, dieſem dann aber geboten, es zu ſeiner Ehre zu opfern. Der König indeſſen war dieſem Befehle nicht nachgekommen, ſondern hatte das unge⸗ wöhnlich ſchöne Thier unter ſeine Heerden aufgenommen. Die Strafe er⸗ eilte den Ungehorſamen. Nicht genug, daß ſeine Gattin ſich dem wilden Geſchöpfe vermählte, daß ihm der entſetzliche Minotauraus Furcht und Schrecken einflößte— der wüthende Stier, den niemand zu bändigen ver⸗ mochte, durchraste ſchnaubend die Gefilde der Inſel, verheerte die Wälder und zerſtampfte die Saaten. Da ſandte Euryſtheus den Herkules, daß er das Unthier bewältige. Dem ſtarken Heros gelang es, dasſelbe zu fangen. Er band ihm die Füße, warf es auf ſeine Schulter und brachte es dem Eu⸗ ryſtheus. Dieſer ſtaunte über die Schönheit des Stieres. Der kraftvolle Körper, der mächtige Kopf mit den gewundenen Hörnern, die feuerſprühen⸗ den Augen, die ſchnaubenden Nüſtern erregten ſeine Bewunderung. Er konnte ſich nicht dazu entſchließen das herrliche Geſchöpf tödten zu laſſen und gebot, ihm die Freiheit zu geben. Seiner Feſſeln entledigt, ſtürmte es von dannen und verwüſtete die Ebenen von Attika. Erſt Theſeus, dem Be⸗ zwinger des Minotauraus, war es vorbehalten, auch den Vater desſelben— unter dem Namen des marathoniſchen Stieres— zu tödten und ſomit der Vertilger von zwei der berühmteſten Ochſen des Alterthums zu werden. Als es galt, das goldene Vließ zu erringen, beſtand die erſte Aufgabe des Jaſon darin, die beiden flammenathmenden Stiere des Aetes, welche dem Vulkan geweiht waren, an einen diamantenen Pflug zu ſpannen, und nur durch die Zauberkünſte der Medea— gelang es ihm, die verderbenſprühen⸗ den Thiere zu bändigen. G Von E. Ebeling. 303 Merkur, der Sohn des Donnerers und der Maja, erfand ſchon am Tage ſeiner Geburt die Laute, indem er eine Schildkrötenſchale mit Saiten beſpannte. Einige Stunden ſpäter ſchlich er zu den Pieriſchen Gebirgen, wo Apollo die Heerden der Götter zu weiden hatte, und ſtahl dem erhabenen Hirten fünfzig ſeiner Rinder. Dann trieb er den Raub mit ſo großer Vor⸗ ſicht und Liſt nach der Stätte, wo er ſeine Wohnung hatte, daß nur ein Greis, der auf dem Felde arbeitete, es bemerkte und den Apollo davon be⸗ nachrichtigte. Der kleine Dieb ſchlachtete indeſſen zwei von den Rindern, opferte ſie ſich ſelber und kehrte dann in ſeine Wiege zurück. Ueber die Maßen erzürnt, begab ſich Apollo zum Donnerer und verlangte eine harte Strafe für den Räuber. Zeus ließ den Säugling herbeiholen und ſtellte ihn dem entrüſteten Hirten gegenüber. Merkur erſchien in Windeln gehüllt, as Lächeln der Unſchuld auf den Lippen und leugnete den Diebſtahl auf eine ſo liſtige Weiſe, ſprach ſo überzeugend von ſeiner Jugend, daß Jupiter, obſchon von der Schuld des Schelines überzeugt, es nicht über ſich gewinnen konnte, ihn zu ſtrafen. Doch gebot er dem Knaben, die Rinder wieder her⸗ auszugeben. Merkur gehorchte und ſchenkte dem Apoll, um auch dieſen zur Nachſicht zu bewegen, die von ihm erfundene Laute. Erfreut griff der Gott in die Saiten und entlockte ihnen ſo himmliſche Töne, daß jeder Unmuth aus ſeinem Herzen entwich, daß der Groll, den er empfunden, ſich in innige Freundſchaft verwandelte. Als Gegengeſchenk überreichte er dem Sohne der Maja einen goldenen Stab, der die Eigenſchaft beſaß, alle Uneinigkeit zu ſchlichten. Merkur ver⸗ uchte die Macht desſelben zuerſt bei zwei Schlangen, die im wüthendſten Kampf begriffen waren. Kaum empfanden die Thiere die Berührung des auberiſchen Stabes, ſo lösten ſie ſich aus der Umſtrickung, in welche ſie ſich ſtreitend verwickelt hatten, und krochen friedlich an dem Zepter der Ein⸗ racht empor. Seit dieſer Zeit trägt der Götterbote den Schlangenſtab, ſeit dieſem erſten ſo liſtig vollführten Raube iſt er der Schützer der Diebe Apollo aber iſt ſeit jenem Vorfall der Gott der Lieder, der Hüter des Ge⸗ ſanges— in ſeinen Armen ruht die Laute, die Gabe des kleinen Diebes, von der er ſelber, der göttliche Führer der Muſen, zu ſagen pflegte:„Sie ſei wohl mehr ihm werth, als fünfzig entwendete Rinder!“— Wenn Pal⸗ ſas⸗Athene des Donnerers blauäugige Tochter genannt wird, wenn Ceres Augen, der Bläue des Sommerhimmels vergleichbar, in Kornblumen ver⸗ wandelt werden, ſo erſcheint dagegen Juno, die Gebieterin der olympiſchen 304 Die dummen Thiere. Götter, vor deren Zorne ſogar der Herrſcher erzitterte, Juno, die lilienar⸗ mige, mit Ochſenaugen. Die in egyptiſche Gefangenſchaft gerathenen Iſraeliten hatten von dem Götzendienſt ihrer Unterdrücker etwas in ſich aufgenommen. Als Moſes, auf dem Zuge durch die Wüſte, den Sinai beſtieg, um mit Jehovah zu reden, da kamen ihnen böſe, gottesläſterliche Gedanken. Sie erſehnten das üppige Leben und die Fleiſchtöpfe Egyptens zurück und zwangen den Aaron, den ihnen Moſes während ſeiner Abweſenheit zum Herrſcher geſetzt, ihnen ein Kalb zu machen. Aaron ſah ſich genöthigt, der Uebermacht zu weichen und verfertigte den Empörern aus ihren Spangen und Ringen ein kleines golde⸗ nes Abbild des Apis. Dies umtanzten die Abtrünnigen unter lautem Ge⸗ ſchrei und glaubten wahrſcheinlich, die Gottheit der Egypter werde ihnen den Ueberfluß des verlaſſenen Landes in den Schooß ſchütten. Moſes aber, als er wiederkehrte von ſeinem heiligen Gange und das läſterliche Treiben ſei⸗ nes Volkes bemerkte, entbrannte vor Zorn. Er zertrümmerte das Götzen⸗ bild und verhängte harte Strafen über die Abtrünnigen. Es glänzte aber ſein Antlitz, ſeit der Zeit, daß er mit Gott geredet, und ſeiner Stirn ent⸗ ſtrömten leuchtende Strahlen. Nun hat Strahl und Horn im Ebräiſchen dieſelbe Benennung, daher ward in einigen Ueberſetzungen des alten Teſta⸗ mentes geſagt, das Haupt Moſes habe Hörner getragen und viele Darſtel⸗ lungen des weiſen, alten Volksführers, wie die herrliche Statue desſelben von Michel Angelo, zeigen uns ſeine Stirn mit kurzen Ochſenhörnern ver⸗ ſehen. Eine ziemlich bedeutende Rolle iſt dem Stiere auch in den Götterſagen der alten Germanen zuertheilt. Eine Kuh, Audhumbla geheißen, war nebſt dem Rieſen Ymir das erſte lebende Geſchöpf in den Vorſtellungen der deut⸗ ſchen Mythe. Zu Anfang gab es dort nichts als eine ungeheure gähnende Kluft; an den beiden Enden derſelben befanden ſich zwei Welten— im Sü⸗ den Muspelsheim, im Norden Niflheim. Muspelsheim war die Stätte des Feuers, in Niflheim wurden die Nebel geboren, inmitten desſelben lag der Brunnen Hvergelmir(der gährende Keſſel), dem zwölf brauſende Ströme entſtrömten. In Muspelsheim herrſchte die Glut, in Niflheim war das Ge⸗ biet erſtarrender Kälte. Bald nach ihrem Ausfluß verwandelten ſich daher die dem Hvergelmir entſtrömenden Fluten in eiſige Schollen, welche, immer mächtiger anwachſend, allmälig die zwiſchen der Feuer⸗ und der Nebelwelt befindliche Kluft auszufüllen begannen. Als die Eiſesblöcke bis Muspels⸗ lilienan von der Moſe⸗ zu reden ihnen ei ichen und tes golde ttem Ge hynen de aber, ale eiben ſe⸗ Götzen nzte abe ſtirn ent 5 räiſche ſt en Te Darſte desſelbe nern bei tterſag Von E. Ebeling 305 heim vorgedrungen waren, zerſchmolzen ſie, getroffen von der daſelbſt herr⸗ ſchenden Glut in Tropfen. Die Wärme gab dieſen Tropfen Leben, aus ihnen entſtanden: Ymir, der Rieſe und Audhumbla, die Kuh. Von Ymir ſtammt das böſe Geſchlecht der Reifrieſen— Audhumbla aber, deren Milch dem Nmir zur Nahrung diente, ernährte ſich ihrerſeits durch Lecken an den ſalzigen Eisblöcken, und indem ſie dieſelben mit ihrer Zunge berührte, geſchah ein zweites Wunder. Unter dem belebenden Hauche ihres Athems wuchs am erſten Tage das Haupthaar, am zweiten Tage der Kopf und am dritten end⸗ lich die vollkommene Geſtalt eines ſchönen, ſtarken Mannes aus der kryſtal⸗ lenen Scholle. Dieſer Mann hieß Buri(der Gebärende) er war der Stamm⸗ vater der Aſen— der Götter des Nordens— und ſein Enkel Odin, der mächtige Gebieter von Walhalla. Als Thor, der donnererzeugende Kriegsgott der Deutſchen, die Mid⸗ gardsſchlange ködern wollte, um die Welt von dieſem entſetzlichen Sprößling des böſen Loki zu erlöſen, da riß er einem rieſigen, dem Ymir gehörenden Ochſen den Kopf ab und ſteckte dieſen an die Angel. Das Wageſtück gelang, der ungeheure Wurm ſchnappte nach dem leckeren Biſſen und wäre verloren geweſen, wenn der boshafte Rieſe nicht die Schnur zerſchnitten und die Schlange auf dieſe Weiſe befreit hätte.— Wieder einmal wäre Thor durch einen Ochſen beinahe verrathen worden. Während er ſchlief hatte ihm der Rieſe Thrym ſeinen Hammer, den donnererzeugenden Mjöllner, geraubt und drohte ihm, denſelben nur dann wiederzugeben, wenn ihm der Gott die in höchſter Anmuth ſtrahlende Freya, die Venus des Nordens, zum Weibe verſchaffte. Freya aber ergrimmte vor Wuth, als ſie die Werbung des Fre⸗ chen vernahm und wies den Antrag mit Hohn und Entſetzen zurück. Da beſchloß Thor eine Liſt zu verſuchen. Er warf ein weites Frauengewand um die kräftigen Glieder, er ſchmückte Arme und Hals mit Spangen und ſchimmerndem Geſtein, hängte ein klirrendes Schlüſſelbund an ſeinen Gür⸗ tel und umhüllte das Haupt mit einem wehenden Schleier. Dann begab er ſich nebſt Loki, der ſich ebenfalls in weibliche Gewänder vermummt hatte, zu dem liebeglühenden Rieſen. Thrym war freudig erſtaunt, als er die Mäd⸗ chen gewahrte, und glaubte allen Ernſtes, Freya ſei gekommen, um die Seine zu werden. „Hurtig ſchmücket Haus und Bänke, Freya, die Himmliſche, ziehet ein Viele der goldhörnigen Kühe, viele der ſchwarzen Stiere nannte ich ſchon mein eigen, nur die Braut fehlte noch zu meinem Glücke!“ So ſprach der Hausblätter. 1867. IV. Bd. 20 306 Die dummen Thiere. Wilde und gebot den Hofleuten ein Mahl zu bereiten, um die willkommenen Gäſte würdig zu empfangen. Da eilten die Rieſen und Rieſinnen herbei und brachten Stiere zum Braten und Meth zum Getränk, ſo viel, daß die Tiſche ſich bogen unter der Laſt. Thor aber, hungrig vom Gange, aß, daß es zum Staunen war. Nicht bedenkend, daß er in der Rolle der Freya an der Tafel ſaß, verzehrte er wohlbehaglich acht Lachſe, eine Unmaſſe Naſch⸗ werk und einen ganzen Ochſen, dazu trank er drei Kufen des trefflichen Methes.„Wer ſah je Bräute gieriger ſchlingen?“ fragte Thrym und ſchüt⸗ telte bedenklich das Haupt. Ohne die Geiſtesgegenwart des gewandten Loki wäre Thor verrathen und verloren geweſen. Dieſer aber erwiderte:„Acht Tage ſchon aß Freya ja nichts, ſo innig ſehnte ſie ſich nach dir.“ Das ſchmei⸗ chelte dem Rieſen, er befahl den Hammer herbeizubringen, der als Brautge⸗ ſchenk gelten ſollte und, als dies geſchehen, warf er das Kleinod der vermeint⸗ lichen Göttin in den Schooß. Sobald der Mjöllner wieder in Thors Hän⸗ den war, entledigte er ſich ſeiner Verhüllung. Die ſchreckliche Waffe erhe⸗ bend, ſprang er mitten unter die Rieſen, ſein Auge blitzte, ſeine Stimme rollte wie furchtbarer Donner. Mit wuchtigen Hieben zerſchlug er allen die Köpfe, daß keiner mit dem Leben davonkam. Weiße Kühe waren der Erdgöttin Hertha geweiht.„Bisweilen,“ ſo berichtet ein alter Schriftſteller,„erzählten die Prieſter, daß die Göttin ihren Tempel verlaſſen werde. Dann fuhr ein tiefverhüllter Wagen, mit geweih⸗ ten weißen Kühen beſpannt, durch die Lande. Dann waren die Tage fröh⸗ lich, die Orte feſtlich. So lange der Umzug der Himmliſchen währte, ruhten die Waffen. Wenn endlich die Göttin— nach dem Ausſpruch der Prieſter — wieder heimkehren wollte in ihre Wohnung, dann wurden Wagen, Tep⸗ pich, Kühe und Hertha ſelbſt gebadet, gereinigt von ihrem Umgange mit der irdiſchen Welt, in den Wellen des heiligen Sees, der noch jetzt den Namen der hehren Erdenmutter trägt.— Eine der berühmteſten Städte des Alterthums verdankt, der Sage nach, ihre Entſtehung einer Ochſenhaut. Pygmalion, der König von Tyrus, er mordete den Gemahl ſeiner Schweſter, den reichen Acerbas, und gedachte ſich der Schätze desſelben zu bemächtigen. Aber Dido, die Wittwe des Er⸗ ſchlagenen, raffte eilig die Kleinodien desſelben zuſammen und floh vor den Schergen ihres blutdürſtigen Bruders nach Afrika. Der numidiſche König Hiarbas nahm die Prinzeſſin auf und erlaubte derſelben in ſeinem Gebiet eine Stadt zu erbauen. Doch ſtellte er ihr die wunderbare Bedingung, nur mme n herbe aß, dah freya a Naſch efflichen a ſchüt ten Loki ermeint rs Hän⸗ ffe erhe Stimme allen di ein ihre geweit ge fröt ruühte e ruht Pritſte en, T mit d 8 Von E. Ebeling. 307 ſo viel Land dazu zu nehmen, als ſie mit einer Ochſenhaut bedecken könne. Dido fügte ſich ſcheinbar in dieſen närriſchen Einfall und that dem Buch⸗ ſtaben nach, was ihr geboten. Sie ſchnitt eine Ochſenhaut in ſchmale Streifen und umgrenzte damit einen Raum, anſehnlich genug, um die Welt⸗ ſtadt Karthago darauf erbauen zu können. Bei den Hindus genießt das Rind noch jetzt eine göttliche Verehrung. Schiwa reitet auf einem Stiere, dem Sinnbilde der fruchtbaren Kraft der Erde. Wenn ein Hindu mit dem Tode ringt, wenn er bereits zur letzten Reinigung mit dem Waſſer des Ganges beſprengt worden, dann pflegt man eine Kuh in das Zimmer zu führen und dem Sterbenden den Schwanz der⸗ ſelben in die Hand zu ſtecken, damit die in dem Rinde verborgene Gottheit die Seele gen Himmel geleite und ſie dort in ihre Obhut nehme. Zu den größten Sünden rechnet man es bei dieſem Volke, eine Kuh zu tödten, und ſelbſt der Miſt dieſes Thieres gilt ihnen für heilig. Ihre Fakirs(Heilige) beſchmieren ſ ſch über und über mit gebranntem Kuhmiſt, wodurch ſie ein äußerſt ſonderbares Anſehen erhalten, und die Sanyaſi's, welche ſie ihrer Frömmigkeit wegen beſonders hoch halten, beſtreuen ſich dreimal täglich mit dieſer eigenthümlichen Ingredienz. Selbſt der Körper des Schiwa wird mit Beſondere Verehrung genießt in Indien der Zebuochs, auch Brahminenſtier genannt, der ſich durch einen auf dem Rücken befindlichen Höcker von dem anderen Rindvieh unterſcheidet. Eines der berühmteſten und beliebteſten Schauſpiele der Spanier iſt das Stiergefecht. Großartig ſind die Zurüſtungen, die dazu gemacht wer⸗ den. Glänzend und reich iſt die Ausſchmückung, die darauf verwandt wird. Ein großer Cirküs iſt der Schauplatz dieſer Kämpfe. Eine zierlich dekorirte Baluſtrade Lumibtd den inneren Raum, dieſelbe enthält die Plätze der Zu⸗ dieſer unſauberen Einreibung beſudelt. ſchauer. Die Leute, welche zuerſt mit dem Stiere zu kämpfen, welche ihn zu reizen haben, heißen Picadores. Der Kühne, der ihm den Todesſtoß gibt, iſt der Matador. Zuerſt erſcheinen die Picadores, reich in den bunteſten Farben gekleidet, mit goldenen und ſilbernen Stickereien verziert. Ein lau⸗ ter Jubelruf der Zuſchauer pflegt ſie zu begrüßen. Bald darauf öffnet ſich eine Thüre, welche ſchon lange ein Gegenſtand der geſpannteſten Erwartung geweſen; der Stier, mit lautem Gebrüll, mit flammenden Augen ſtürzt in die Arena. Beim Anblick der großen Menſchenmenge ſtutzt er und bleibt zaudernd ſtehen. Nun iſt es an den Picadores ſeine Wuth zu erregen. Mit kleinen Wurfpfeilen, die ihn leicht verwunden, mit rothen Fahnen, deren 20* 308 Die dummen Thiere. Farbe ihm verhaßt, wird er bis zum Raſen gebracht. Dumpf brüllend, den Kopf geſenkt, um ſeine Gegner an den Hörnern aufzuſpießen, ſtürzt er durch den Cirkus. Seine Hufe wühlen die Erde auf, ſeine Nüſtern dampfen, ſeine Augen ſcheinen Feuer zu ſprühen. Die Picadores müſſen alle ihnen zu Ge⸗ bote ſtehende Geſchicklichkeit aufbieten, um dem grimmigen Thiere zu ent⸗ gehen. Nicht immer kommen ſie mit geſunden Gliedern, nicht immer mit dem Leben davon. Oft genug fällt ein junger, blühender Mann dem raſen⸗ den Thiere zum Opfer, und dennoch drängen ſich noch immer Hunderte zu dieſem wilden, gefahrvollen Beruf. Iſt nun der wüthende Ochs auſ's höchſte entflammt, hat ſeine Leiden⸗ ſchaft den fürchterlichſten Grad erreicht, ſo räumen die Picadores das Feld und der Matador betritt die Arena. Er iſt reicher, köſtlicher gekleidet, als ſeine Vorgänger und nur mit einem kurzen Schwerte bewaffnet. Ein unge⸗ heurer Jubelruf ſchallt ihm entgegen, denn nun naht der wichtigſte, der ent⸗ ſcheidende Augenblick des blutigen Schauſpiels. Mit vollſter Ruhe ſteht der Kühne ſeinem ſchnaubenden Feinde gegenüber. Der Stier ſenkt das Haupt und ſtürzt auf ihn zu. Der Matador ſpringt zur Seite, verſchmäht es aber, dem Gegner ſogleich mit einem Stich in die Weichen den Todesſtoß zu geben. Der gefahrvolle Kampf darf nicht ſo ſchnell beendet werden, er muß noch eine Zeitlang dem Publikum zur Augenweide dienen. Endlich, nachdem der Tapfere alle ihm zu Gebote ſtehende Geſchicklichkeit gezeigt— naht der Schluß des entſetzlichen Spieles. Ein Stoß des ſtarken Degens macht dem Leben des aus hundert Wunden blutenden Stieres ein Ende.— Oft wer⸗ den fünfzehn bis zwanzig dieſer Thiere an einem Tage erſtochen. Allzuhäufig müſſen aber auch die Matadores das Leben einbüßen und dennoch ſollen es ſelbſt Edelleute und Prinzen nicht verſchmäht haben, als ſolche zu kämpfen. Von Spanien aus, oder vielmehr mit den Spaniern haben ſich die Stiergefechte in Südamerika eingebürgert, und in der neueſten Zeit hat ſo⸗ gar das feingebildete Frankreich an dieſem grauſenerregenden Schauſpiel Gefallen gefunden. Noch ein anderes vielberühmtes Volksfeſt, bei dem der Ochs die Hauptrolle ſpielt, wird in dieſem Lande begangen. Alljährlich, am Sonntag vor Faſtnacht, findet in Paris ein prachtvoller Umzug ſtatt, um den Helden des Tages, den größten und fetteſten Stier zu zeigen, welcher am Sonntage nach Faſtnacht von den erſten Familien verſpeist werden ſoll. Dieſe Schlächterprozeſſion zeichnet ſich durch großen Prunk aus. Unter allgemeinem Jubel durchzieht ſie die Hauptſtadt. Eine Bande von Muſikan⸗ üllend, den zt er durch pfen, ſeine en zu Ge⸗ ere zu ent⸗ immer mit dem raſen⸗ zunderte zu ine Leiden⸗ s das Feld kleidet, als Ein unge⸗ ſte, der ent⸗ he ſteht der das Haupt zu geben muß noch achdem der —naht dei macht dem Oſft wel Allzuhäuff ch ſollen ee u kämpfen hen ſih di Zeit hat ſc Schauſpi bei dem d ährlich,1 Von E. Ebeling. 309 ten, der zwei phantaſtiſch gekleidete Herolde vorangehen, bildet die Spitze des Zuges. Dann folgen berittene Garden in der Uniform früherer Zeiten. Hierauf erſcheint der glückliche Fleiſcher, deſſen Ochſe würdig befunden wor⸗ den, eine ſo wichtige Rolle zu ſpielen. Ihm folgen drei ſtarke Männer, in bunter Kleidung, mit bloßen Beinen und Lorbeerkränzen. Der Erſte derſel⸗ ben trägt die Axt, welche den Wunderſtier tödten ſoll, die beiden Anderen halten Bündel von Pfeilen in den Händen, gleich den römiſchen Lictoren. Jetzt kommt der Ochſe— eine koſtbare Decke von farbigem Sammet um⸗ wallt ihn, ein Kranz von Lorbeeren ziert ſeine breite Stirn. In vergange⸗ nen Zeiten ſaß ein Kind, der ſogenannte Metzgerkönig, auf ſeinem Rücken, welches eine blaue Schärpe, einen Scepter und ein Schwert trug. Später folgte dasſelbe in einer Art von vierſpännigem Triumpfwagen, in der Ver⸗ kleidung eines Amor, mit Binde, Köcher und Brandfackel.— Am Faſt⸗ nachtsdienſtag(mardi gras) hält der Ochſe noch einmal ſeinen feierlichen Umzug durch die Hauptſtadt. Hierauf ruht er einige Tage, ehe ſeinem Leben ein Ende gemacht wird, ehe er ſeine Beſtimmung erfüllt, in die Mägen der bevorzugten Pariſer hinabzuwandern, welche dieſen Leckerbiſſen bezahlen können. Unter den Attributen, welche den Evangeliſten beigegeben, befindet ſich ebenfalls der Ochs. Er iſt dem Lukas zugeſellt, während Markus den Löwen, Johannes den Adler und Matthäus den Engel zur Seite haben.— In Ver⸗ ein mit dem Eſel finden wir ihn in dem Stalle zu Bethlehem, neben der Krippe, worin dem Jeſuskinde ſeine Wiege bereitet iſt. Allüberall in den Erzählungen und Sagen des alten und neuen Teſtamentes tritt uns der Letztere, das geduldige Grauthier, entgegen. Die Eſelin Bileams, des Propheten, war weiſer als ihr Herr. Sie erblickte den Engel, den Gott ihm entgegengeſandt, während ſeine Augen noch geſchloſſen waren. Erſt als ſie, wie die Legende berichtet, zu reden an⸗ hub und ihn auf die Ungerechtigkeit aufmerkſam machte, womit er ſie behan⸗ delt, da er ſie durch Schläge hatte zwingen wollen, dem Geſandten des Herrn in den Weg zu treten, erſt da wurden auch dem Propheten die Augen geöff⸗ net, erſt da gewahrte auch er den Engel und vernahm die Worte desſelben, welche ihm das wiederholte Gebot Jehova's verkündigten, an dem Hofe des Moabiterfürſten Balak nur das zu thun, was ihm von oben her befohlen war, und nicht, wie dieſer König es gefordert hatte, dem Volke der Israeli⸗ ten zu fluchen. Bileam, der wohl früher nicht recht geneigt geweſen, den Wil⸗ 310 Die dummen Thiere. len Gottes in jeder Beziehung zu erfüllen, wurde durch dies Wunder bewo⸗ gen, getreulich zu thun, was der Höchſte ihm geboten hatte.— Simſon, der Heldenkühne, erſchlug tauſend Philiſter mit dem Kinnbacken eines Eſels, und als er ermattet vom Kampfe, verſchmachtet vor Hitze, den Himmel um eine Labung bat— da ſpaltete ſich ein Backzahn jenes wunderbaren Kiefers und ein Quell ſprudelte daraus hervor, friſch und klar wie Kryſtall, eine herr⸗ liche Erquickung für den entkräfteten Sieger. Saul, der Sohn Kis, wurde ausgeſchickt, die verlaufene Eſelin ſeines Vaters zu ſuchen und fand eine Krone. Der weiſe Samuel, bei dem er Er⸗ kundigungen einzog— nach der Verirrten— erkannte in ihm den von Gott erkorenen Herrſcher der Israeliten und ſalbte ſein Haupt mit dem Oele der Könige.— Auf einem Eſel entwich Maria mit dem Jeſuskinde nach Egyp⸗ ten, auf dem Füllen einer laſtbaren Eſelin ritt der Heiland zum letztenmale in die Hauptſtadt ſeines Landes ein. Ein Eſel war es, der ihn dem Mär⸗ tyrerthum, dem Kreuzestode entgegentrug. Die Legende hat dieſen Umſtand benutzt und der undeutlichen Zeichnung, welche ſich auf dem Rücken dieſes Thieres befindet, die Form eines Kreuzes verliehen. Zur Erinnerung an den Eſel, welcher den Heiland nach Jeruſalem ge⸗ tragen und zum Andenken an den, worauf die heilige Familie nach Egypten entflohen, wurden zur Zeit des Mittelalters kirchliche— bald in den tollſten Mummenſchanz ausartende Feſte begangen. In Frankreich, Italien und auch in Deutſchland feierte man dieſelben zur Weihnachtszeit und im Juni, nach andern am 14. Januar. Der Eſel ſpielte beidemale die Hauptrolle. Er wurde mit einem Chorhemde bekleidet, eine junge Dirne(die Mutter Maria) beſtieg ſeinen Rücken, dann geleitete man ihn unter den unſinnigſten Ceremonien zur Kirche. Am Altar mußte er niederknieen(wozu er lange vorher ſorglich abgerichtet war) und den Abendmahlsgaſt ſpielen. Hierauf begann die ſogenannte Eſelsmeſſe. Alle Geſänge wurden dabei mit dem mißtönenden Eſelsgeſchrei„Y A“ beſchloſſen. Anſtatt des Segens rief der Prieſter dreimal„Y A“, und das Amen des verſammelten Volkes beſtand ebenfalls in einem„Y A“. Ausgelaſſene Lieder und Trinkgelage pflegten das widerwärtige und frivole Narrenfeſt zu beſchließen. Der von Johannes da Matha und von Felix von Valois 1198 geſtif⸗ tete Orden der Trinitarier, welcher verpflichtet war, Almoſen zur Loskau⸗ fung gefangener Chriſten zu ſammeln, hieß im Volksmunde der Eſelsorden, weil die Mitglieder desſelben auf Eſeln herumreisten. Sie hatten dieſe nder bewo imſon, der Eſels, und el um eine iefers und eine herr⸗ ſelin ſeines dem er Er⸗ von Gott n Oele der rach Egyp⸗ letztenmale dem Mär⸗ n Umſtand icken dieſes iſalem ge⸗ Egypten en tollſten jalien und Him Juni zauptrolle ie Mutter nſinnigſten uer lange Hierauj ej mit dem n rief der tes beſtan e pflegie 198 geſi 1r Loska Von E. Ebeling. 311 Sitte wohl deßhalb angenommen, weil dies Thier auf ſo wunderbare Weiſe in die Lebensgeſchichte des Erlöſers verflochten iſt und weil ſein langſamer Gang es mehr dazu geeignet macht, einen Prieſter zu tragen, als das wilde, muthige Pferd. Derſelbe Umſtand bewog auch ſicher den zum Kreuzzug er⸗ mahnenden Peter von Amiens, ſich zu ſeinen Reiſen eines Langohrs zu be⸗ dienen, und aus eben dem Grunde mag die Sitte entſtanden ſein, daß der Kämmerer des Papſtes, dem es oblag, ſeiner Heiligkeit das große Prozeſ⸗ ſionskreuz voranzutragen, auf dem Rücken eines Eſels ſitzen mußte. Dieſer eigenthümliche Gebrauch war auch ſchuld, daß Napoleon's Kai⸗ ſerkrönung eine beträchtliche Zögerung erlitt. Bekanntlich hatte der ſtolze Korſe den Papſt nach Paris entbieten laſſen, um aus ſeiner Hand das Dia⸗ dem zu empfangen. Der feierliche Tag war angebrochen und alles vorberei⸗ tet zu der ebenſo großartigen, als prachtvollen Ceremonie, da, als der hei⸗ lige Vater ſich anſchickt, ſeinen Pallaſt zu verlaſſen, um ſich in die Kirche zu begeben, da ſtellt es ſich heraus, daß kein Eſel in Bereitſchaft ſteht, um den Kämmerer durch die Straßen zu tragen. Herr von Ségur, der das Ganze geordnet, hat dieſen Gebrauch nicht gekannt, und der eigenſinnige Träger des Prozeſſionskreuzes weigert ſich entſchieden, ein Pferd oder einen Mauleſel zu beſteigen. Nach allen Seiten fliegen nun Boten aus, um ein Grauthier her⸗ beizuſchaffen. Lange bleibt das Suchen erfolglos. Endlich gelingt es, den Packeſel einer Obſthändlerin zu entdecken, der einigermaßen geeignet er⸗ ſcheint, den ſtolzen Prieſter zu tragen. Er wird angeſchirrt, mit einer gold⸗ geſtickten Sammetdecke behangen und zum Palaſt des Papſtes geführt. Der Kämmerer beſteigt ihn, der Zug ſetzt ſich in Bewegung und der Herrſcher der Franzoſen kann die Kaiſerkrone empfangen.— Auch in der Götterlehre der Griechen wird des Eſels auf eine ſehr ſchmeichelhafte Weiſe Erwähnung gethan. Silen, der Erzieher des Bacchos, pflegte auf einem ſolchen zu reiten, und zwar beſaß dies Thier einen ſo hohen Grad von Klugheit, daß es bisweilen die Stimme erhob, um die Götter des Olymps vor etwaigen Gefahren zu warnen.— Minder ſchmeichelhaft er⸗ ſcheint es für unſer Grauchen, daß eine ſchimpfliche Strafe des Mittelalters darin beſtand, verkehrt auf einem Eſel ſitzend, den Schwanz desſelben in der Hand haltend, durch die Straßen geführt zu werden— oder auch ſtunden⸗ lang auf einem hölzernen Langohr, mit beſonders ſcharf zulaufendem Rücken zu reiten. Ebenſowenig ſpricht es für den Ruf desſelben, daß man die Un⸗ art, Bücherſeiten einzukniffen„Eſelsohren machen“ getauft hat, und daß man 312 Die dummen Thiere. ſolchen Hülfsmitteln, welche zum Verſtändniß anderer Sprachen dienen ſol⸗ len und auf die Trägheit oder Dummheit der Lernenden berechnnet ſind, „Eſelsbrücken“ zu nennen pflegt.— Auch Midas, der König der Phrygier, freute ſich nicht der Gabe des Apollo, der Eſelsohren, womit ihn dieſer be⸗ lehnt, weil er in einem Wettſtreite des Muſengottes mit dem Pan, dem Letz⸗ teren den Preis zuerkannt hatte. Der arme König war lange bemüht, das unangenehme Geſchenk unter ſeinem Turban zu verbergen, aber ſein ge⸗ ſchwätziger Barbier verrieth es dem rauſchenden Schilfrohr und von dieſem haben auch wir es erfahren.— Ebenſo ſchlimm ergeht es den armen kleinen Franzöſinnen, die der Strafe anheimfallen, die Eſelsmütze zu tragen. Von dem ſtrengen Schulgeſetz zu dieſer Schande verdammt, muß die betreffende Schülerin inmitten ihrer ſchadenfrohen Klaſſe ſtehen und die ſie unangenehm auszeichnende Mütze von gelbem Glanzkattun mit den langen Ohren vor den Augen ihrer Colleginnen auf dem Kopfe tragen.— Sprichwörtlich geworden iſt der Eſel durch den Philoſophen Buridan, der zu Ende des 14. Jahrhunderts gelebt. Dieſer ſoll den Satz aufgeſtellt haben, es könne keine Handlung ohne einen beſtimmenden Willen ſtattfin⸗ den; wenn man daher einen Eſel, der ebenſo hungrig, wie durſtig ſei, genau in der Mitte, zwiſchen einem Bündel Heu und einem Eimer Waſſer ſtelle, ſo würde das Thier verſchmachten, da es— von beiden Seiten in gleichem Maße angezogen— nicht wiſſe, wohin es ſich wenden ſolle. Daher ſagt man von einem unſchlüſſigen Menſchen:„Il en est de lui, comme de l'ànc de Buridon.“ Ziemlich bekannt iſt es, daß die Schleſier den Spottnamen„Eſelsfreſ⸗ ſer“ führen— etwas unklar dagegen, woher ſie dieſe Benennung erlangt haben. Einige wollen ſie von einem alten Stollen der ehemaligen Reichen⸗ ſtein'ſchen Goldbergwerke ableiten, der den Namen„Eſel“ geführt; andere meinen, er rühre aus den vorchriſtlichen Zeiten des Landes her, wo die Schle⸗ ſier den Silenus und ſeinen Eſel verehrt, oder wohl gar dem Gotte Eſel ge⸗ opfert und dann theilweiſe verzehrt hätten. Jedenfalls weiß Holtei, der dieſe Benennung durch ſeinen Roman gleichen Namens verbreitet hat, auch nicht mit Genauigkeit anzugeben, woher ſie entſtanden iſt. Sogar in den Spitzbögen der Gothik finden wir unſer Langohr vertre⸗ ten. Eine beſonders ſpitz zulaufende Art dieſer Wölbungen führt den Na⸗ men Eſels⸗Rücken oder ⸗Sattel.— Auch das deutſche Märchen zeigt uns das Grauthier in den verſchiedenſten Lagen und Lebensſtellungen. Bald iſt dienen ſo chnnet ſind, Phrygie dieſer be⸗ n, dem Let⸗ emüht, das er ſein ge⸗ von dieſem men kleinen agen. Von betreffende nangenehm Ohren vor n Buridan, aufgeſtellt ſen ſtattfin⸗ ſei, genau aſſer ſtelle, ung erlangt en Reichen ort; andelt hdie Schle ztte Eſel 9 tei, der di „auch iit 2, Hef ohr vell q zit den⸗ n Feigt! Si 1 Von E. Ebeling. 313 ein Prinz in die Hülle eines ſolchen gebannt, bald erſcheint eine Prinzeſſin in einer Eſelshaut, und daß die Liebe blind genug iſt, ſich auf ein Langohr zu werfen, beweist Shakeſpeare in ſeinem Sommernachtstraum.— Nun zu dem Dritten im Bunde der Dummen, zum Schaf. Als Lamm iſt es das Sinnbild der ſchuldloſen Reinheit, der duldenden Sanftmuth, der rührenden Ergebung. Als ſolches iſt es in zahlloſen Stellen des neuen Te⸗ ſtamentes zu finden. Den Hirten, die des Nachts bei ihren Schafen auf dem Felde ſind, erſcheinen die Engel des Herrn und verkündigen ihnen die Ge⸗ burt des Heilands. Dieſer ſelbſt wird das Lamm Gottes genannt, das der Welt Sünde trägt. Er iſt der gute Hirte, Er ſorgt für ſeine Schafe, Er ſucht die Verirrten, Er trägt ſie auf ſeiner Schulter, Er läßt ſein Leben für ſie, Er ſagt dem Petrus beim Scheiden:„Weide du meine Lämmer.“ Schon durch die Erzählungen des alten Teſtamentes, durch die myſtiſchen Satzun⸗ gen des Judenthums zieht ſich dieſe Heilighaltung des Lammes. Das Oſter⸗ feſt der Israeliten wird mit einem ganzen gebratenen Lämmchen begangen und die mit dem Blute desſelben beſtrichenen Thürpfoſten kennzeichnen dem Würgeengel die Häuſer der Juden, an denen er vorübergehen ſoll.— Paris, der Troerprinz, weidet die Schafe ſeines Vaters. Inmitten ſei⸗ ner Heerden empfängt er die Juno, empfängt Minerva, die Hüterin der Weisheit, und Venus, den Inbegriff der Schönheit. Der fürſtliche Schaf⸗ hirt iſt vom Göttervater beſtimmt, den Streit der Göttinnen zu ſchlichten. Seine Entſcheidung verurſacht nun zwar den blutigen, männermordenden Krieg, doch läßt es ſich nicht leugnen, daß der Herrſcher des Olymps eine hohe Meinung von ſeinem Geiſte gehegt hat, denn ohne dies würde er ihn nicht zum Schiedsrichter erkoren haben.— Eine zweite kriegeriſche Unter⸗ nehmung der Griechen wird durch einen Schafbock veranlaßt. Phrixus und Helle werden von ihrer Stiefmutter gehaßt und zu harter Arbeit gezwun⸗ gen, da erſcheint ihnen die verſtorbene Mutter und führt ihnen einen Widder zu, der mit einem goldenen Felle(Vließ) bedeckt iſt, der Verſtand und Sprache beſitzt. Die Kinder beſteigen das wunderbare Thier, es trägt ſie durch die Meerflut nach Kolchis. Helle ertrinkt zwar bei dem grauſigen Ritt, Phrixrus aber erreicht glücklich das ferne Geſtade. An's Land geſtie⸗ gen, opfert er, dem Göttergebote folgend, den wunderbaren Widder und hängt das goldene Vließ in einem Tempel auf. Er ſelbſt wird Herrſcher von Kolchis.— Lange darauf, als Phrixus bereits im Schattenreiche wandelt,— als ——— 4 V 1 b 4 1 6 314 Die dummen Thiere. Aötes an ſeiner Statt die Krone trägt, erſcheinen die größten Heroen von Griechenland unter der Anführung des Jaſon, um das Fell, das herrliche, mit Gewalt oder Liſt zu erlangen. Mit Hülfe der zauberkundigen Medea, deren Herz für Jaſon entbrennt, gelingt das Wageſtück; die Argoſchiffer erringen das goldene Vließ, ihr Anführer aber ein böſes Weib, die ihm das Leben zur Hölle macht. Einer der angeſehnſten und älteſten Ritter⸗ orden, deſſen Aufgabe es war, die katholiſche Kirche zu beſchützen, iſt der des goldenen Vließes. 1430 wurde er durch Philipp III. von Burgund, bei Gelegenheit ſeiner Vermählung mit der portugiſiſchen Prinzeſſin Iſabella geſtiftet. Die Ritter desſelben tragen ein kleines goldenes Schaffell an einem rothſeidenen Bande um den Hals.— Ammon, eine der oberſten altegyptiſchen Gottheiten, wurde in der Ge⸗ ſtalt eines Widders verehrt. Außerhalb des Landes, gleich einer Inſel im Sandmeer, lag eine herrliche Oaſe; dort, von hohen Palmen umſchattet, erhob ſich ein Tempel des geheimnißvollen Gottes, dort befand ſich ſein heiliges, ſein berühmtes Orakel. Nach der Ammonsoaſe, wo eine fromme Prieſterſchaar in heiliger Einſamkeit lebte und lehrte, wallfahrteten die Pilger, unter ihnen Cambyſes, Alexander d. Gr., Kato und viele der Erſten ihres Zeitalters.— Den Aethiopiern und Lybiern war der Widder(das Sinnbild der Kraft und der Fruchtbarkeit) nicht minder heilig, als den unteregyptiſchen Ackerbauern der Apis.— Ulyſſes entkommt aus der Höhle des Polyphemus nur mit Hülfe der weißwolligen Schafe, ein feiſter Widder, unter dem er ſich feſtklammert, trägt ihn ſicher der Freiheit entgegen, und die Alten berennen die feſten Städte ihrer Feinde mit Widdern— unter den mächtigen Stößen dieſer Belagerungsmaſchinen brechen die Mauern derſelben zuſammen. Die Letzte unſeres vierblättrigen Kleeblattes iſt die Gans. Wir be⸗ grüßen dieſelbe gleich ihren Vorgängern in Mythe und Geſchichte. Jupiter, der in der Hülle eines Wanderers die Erdenbewohner beſucht, um ihre Herzen kennen zu lernen, kehrt in Phrygien bei einem frommen, hochbetagten Ehepaare ein. Philemon und Baucis, ohne eine Ahnung von der Gott⸗ natur ihres Gaſtes zu haben, bieten alles auf, ihm ein freundliches Aſyl zu verſchaffen. Ihre Aufopferung geht ſo weit, daß ſie ihm die einzige Gans, welche ſie beſitzen, zum Mahle herrichten wollen. Der Donnerer, gerührt von dieſer ſelbſtloſen Hingebung, zeigt ſich in ſeiner wahren Geſtalt, gebietet ihnen, der Gans zu ſchonen und verwandelt ihre Hütte in einen Tempel, deſſen Prieſteramt ihnen übertragen wird. Nachdem ſie, wie ſie gebeten, Hveroen vor S herrliche en Medea lrgoſchiffe b, die ihn ten Ritter iſt der des rgund, bei in Iſabelle caffell an in der Ge r Inſel im umſchattet d ſich ſein ne fromme rteten die der Erſten er Widden, gegen, und n— unten he Mauer Wir be e Jupite um ihn , ochbetagt Von E. Cbeling. 315 an einem Tage geſtorben ſind, leben ſie fort in zwei grünenden Bäumen, welche den Eingang ihres Tempels beſchatten. Neben dem Pfau, war die Gans der Juno geheiligt, daher befand ſich auf der Burg der Siebenhügelſtadt ein Behältniß mit dieſen, der oberſten Göttin geweiheten Vögeln. Als nun Brennus, der Anführer der Gallier, die Römer beſiegt und die ewige Stadt erobert hatte, als er die letzte Zu⸗ flucht der Geſchlagenen, das Capitol bewältigen und den Felſen, der die Burg trug, bei Nacht erklimmen wollte, da waren es die durch das Ge⸗ räuſch erweckten Gänſe, welche den Manlius ſchnatternd und flatternd von der Gefahr benachrichtigten, welche die Veſte bedrohte. Manlius eilte her⸗ bei, er ermunterte die übrigen Römer, die Gallier wurden zurückgeworfen — das Capitol war gerettet und mit ihm die Stadt der Städte, denn bald darauf wurden die Feinde durch den Mangel an Lebensmitteln und durch den Sieg des tapferen Camillus gezwungen, das Land zu verlaſſen. Man⸗ lius erhielt zum Lohne ſeiner Tapferkeit den Beinahmen Capitolinus und auch der Gänſe vergaß man nicht. Eine Heerde dieſer Thiere wurde ſeit jener Zeit auf Staatskoſten erhalten; auf dem Capitole erhob ſich das Bild einer goldenen Gans, und alljährlich wurde den Schnattervögeln ein Triumphzug gebracht, wobei eine derſelben in einer ſchönen Sänfte ſitzend, vorangetragen ward. Der böhmiſche Reformator Huß(Huſſo— zu Deutſch: Gans) brach auf dem Scheiterhaufen in die Worte aus:„Heut' bratet ihr eine Gans, doch nach mir kommt ein Schwan, den ſollt ihr un⸗ gebraten lan.“ Und wahrlich, der Schwan, der nach ihm in die Welt kam, berufen, die Pfeiler der katholiſchen Kirche zu untergraben, der große Luther, erlag nicht dem Märtyrerthum, welches ihm ſeine Feinde ſo gern bereitet hätten. Schließlich ſei nur noch erwähnt, daß ſämmtliche dummen Thiere lange Zeit die Bewahrer und Verbreiter der Wiſſenſchaft geweſen ſind. Was kluge Köpfe erdacht, was geniale Geiſter erſonnen haben, es iſt durch die Feder der Gans auf den zu Pergament verarbeiteten Fellen des Kalbes, des Eſels oder des Schafes feſtgehalten, iſt durch ſie der Nachwelt überliefert worden,— und wenn die harte Stahlfeder nicht den biegſamen Gänſekiel, wenn das vergängliche Lumpenpapier nicht das ehrwürdige Pergament ver⸗ drängt hätten, dann würde auch dieſe unſere Rechtfertigung der verkannten Kreaturen wohl mit den Erzeugniſſen ihrer Flügel auf die ihnen abgezogenen Häute geſchrieben ſein. b V V 1 1 b Zur Fectnure. Verſchiedenes. H. Otto, Schalkauer Geſchichten. 3 Bde. Glogau. Flemming. 1867. Der Verfaſſer dieſes Romans iſt uns bisher unbekannt geblieben und wir erhalten neben dieſem erſten Buche von ihm zugleich die Notiz, daß er bereits vor Jahr und Tag geſtorben und die letzte Hand nicht mehr habe an dieſe Arbeit legen können. Man ſieht das dem Buche allerdings ein wenig an: es fehlt hier und da in der Oekonomie und Gleichmäßigkeit, und auch der ſcherzhafte oder ironiſche Ton— denn dieſen finden wir mehr als eigent⸗ lichen Humor— möchte in mehr als einer Partie wohl noch zu mildern ge⸗ weſen ſein. Trotzdem liest ſich aber der Roman nicht übel und ſchildert die Zuſtände von anno achtundvierzig in ſehr prägnanter, oft draſtiſcher, und zuweilen ergreifender Weiſe. F. Marryat, Für immer und ewig. A. d. Engl. 3 Bde. Leipzig. B. Schlicke. 1867. Ein Buch von der Tochter des bekannten See⸗Geſchichten⸗Erzählers nimmt ſchon um deſſentwillen eine gewiſſe Aufmerkſamkeit in Anſpruch, und würden wir uns freuen, ihm ein Lob mit auf den Weg geben zu können, wie die Romane des Vaters es trotz aller einzelnen Mängel im Ganzen ſtets verdienten. Das vermögen wir aber leider nicht. Es iſt eine Familienge⸗ ſchichte von der Art, wie ſie uns in der engliſchen Litteratur nur allzu⸗ häufig begegnen, mit meiſtens ein wenig verbrauchten Motiven und den ent⸗ weder herkömmlichen oder auch einigermaßen unwahrſcheinlichen Charakteren ſo gut wie Situationen. Etwas wirklich Hervorragendes begegnete uns nicht, ing. 1867, blieben und tiz daß er ehr habe an ein wenig und auch als eigent mildern ge ſchidert tiſcher, und Leibzi ⸗Etzäͤhle iſpruch 1 können, zanzen ſi gamilitn nur i nd den Tharaltet teuné Zur Lecture. 317 und die Darſtellung und Erzählung macht uns das Buch auch nicht anziehen⸗ der, ohne daß wir zu ſagen wiſſen, ob dieſer Mangel nur in der Ueberſetzung begründet iſt. Aus zwei Sammelwerken: Internationale Bibliothek und Welt⸗Bibliothek, Berlin, R. Leſſer, liegen uns ein paar Lieferungen vor, C. v. Glümer, Novellen, und G. Heſekiel, Abſonderliche Menſchenkinder. Beide Bücher ſcheinen uns dem Zweck, der Unter⸗ haltung auf Eiſenbahnfahrten, wohl zu entſprechen, ja die beiden Novellen C. v. Glümer's müſſen auch anderen Leſern gefallen. Sie beſitzen alle Vorzüge, welche wir den Arbeiten dieſer Schriftſtellerin ſtets nachrühmen dürfen. J. Schuriem, Geſammelte Erzählungen und Novellen 4. Bd. Caſſel. C. Luckhardt. O. J. Auch in dieſem Buch erhalten wir Erzählungen eines Verfaſſers, dem wir bisher noch nicht begegnet ſind, und leider können wir auch hier kein all⸗ zugünſtiges Urtheil fällen. Wir geſtehen zu, daß die Stoffe anziehend und gut benützt und Darſtellung und Erzählung im Allgemeinen nicht übel ſind. Doch macht ſich häufig eine ganz ſeltſame Ueberſchwänglichkeit be⸗ merkbar und daneben eine Vorliebe für Diminutive, die uns geſchmacklos erſcheint. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. 5 Bde. Leipzig. Günther. 1867. Dieſer Roman, der den 9.— 13. Band des Albums bildet, iſt mit der ganzen Routine und Ele ganz geſchrieben, die wir von dem Herrn Verfaſſer in jedem ſeiner Bücher uns geboten fanden. Es fehlt nicht an Erfindung, nicht an guter Charakteriſtik; es ſind höchſt bedenkliche Verwickelungen da und ſehr überraſchende Auflöſungen, Anmuthiges und Schreckliches, kurz alles, was man von einem ſpannenden und unterhaltenden Buche irgend er⸗ warten kann. Wir— das bekennen wir ehrlich— haben dem Roman trotz⸗ dem nicht viel Geſchmack abgewonnen, weil wir darin nicht das Leben, ſon⸗ dern nur den Schaum zu finden meinten, den es an ſeiner Oberfläche bald ſchillernd und glänzend, bald trübe und ſchmutzig abſetzt. 318 Zur Lecture. Leo Wolfram, Verlorene Seelen. 3 Bde. Berlin. Janke. 1867. Der durch ein früheres Buch raſch bekannt gewordene Verfaſſer bringt uns in dem vorliegenden Roman Zeichnungen und Schilderungen der Prie⸗ ſter und ihrer Herrſchaft in Oeſterreich, voll ſo ſcharfer, prägnanter Züge, daß man, auch wenn man ſonſt nicht ſchon genug von dieſen Zuſtänden er⸗ fahren hätte, wohl an die Wahrheit der Schilderungen und Zeichnungen glauben muß. Somit iſt dem Roman ſchon hierdurch einerſeits ein großes Intereſſe und andererſeits ein bedeutender Leſerkreis geſichert. Aber auch als Roman verdient das Buch ein geſchicktes und anſprechendes genannt und als ſolches empfohlen zu werden. Balduin Möllhauſen, Nord und Suüd. 2 Bde. Jena. Coſtenoble. 1867. Zwei Erzählungen,„Alice Ludlow“ und„Der Feldmeſſer“, nebſt „Prairiebildern“ aus Amerika. Herr Möllhauſen kennt das Terrain und auch die Menſchen, welche er uns in ſeinen beliebten Schilderungen vorzu⸗ führen gewohnt iſt, und man muß ihm zugeſtehen, daß er ſicher zu zeichnen, anſchaulich zu ſchildern, trefflich zu erzählen verſteht. Die beiden Erzählun⸗ gen verdienen Theilnahme und Beifall— aber, wäre es nun mit den ame⸗ rikaniſchen Geſchichten nicht endlich für einige Zeit genug? Es iſt beinah, als hätten ſie in unſerer Litteratur die Dorfgeſchichten abgelöst,— und ſie ſind hartnäckiger als dieſe!— H. Breuſing, Ein Geächteter. III. Abthlg. 2 Bde. Jena. Coſte⸗ noble. 1867. Wir ſehen uns auch nach dieſer, wie es ſcheint, letzten Abtheilung des Buchs leider außer Stande, unſer früheres Urtheil zu modificiren, geſchweige denn zurückzunehmen. Auch hier vermiſſen wir eine ächte und rechte Verſöh⸗ nung,— im menſchlichen Sinn, meinen wir, die auch den Leſer verſöhnt und befriedigt. Auch hier bleibt die Bitterkeit, die Schärfe, die Uebertreibung, die Rauhheit, und eine Geſuchtheit, die nur zu oft zur hellen Barockheit wird. Und die ſchließliche— ſagen wir: Verweiſung oder Hoffnung— auf Deutſchlands Größe und Preußens Beruf— wir wiſſen nicht, ob die Leſer darin den nöthigen Erſatz und die nicht minder nöthige Befriedigung finden, welche ſie grade nach den Stürmen und Qualen dieſes Romans verlangen, 2. 1867. aſſer bring n der Prie mier Züge ſtänden e eichnungen ein großes Aber auch des genannt Toſtenoble ſer“, nebſt errain und gen vorzu⸗ u zeichnen, Erzählun⸗ Foſte Coſt geilung de geſchwel bte Verſol eſüähnt u Zur Lecture. 319 und wir bezweifeln, daß auch der Held des Buchs darin— ſagen wir ein⸗ nal: zur Ruhe kommt. Pietſch, Aus Welt und Kunſt. 2 Bde. Jena. Coſtenoble. 1867. Zwei Bände Studien und Skizzen, und zwar erſtere aus Paris und Berlin, die anderen Schil derungen von Sommerausflügen nach Baden⸗ Baden, zum Octoberfeſt in Leipzig, dem Napoleonstag in Straßburg, nach Wetzlar und Seſenheim. Wir können dies Buch unſeren Leſern als ſehr lesbar und unterhaltend, ja als recht inſtructiv empfehlen. Der Verfaſſer beobachtet ſcharf und ſchildert das Erſchaute gar anſchaulich, mit Einſicht und Verſtändniß hier, mit Witz und Humor da, ſo daß man ihm gern folgt, auch wo man hie und da ſeinem Urtheil nicht ganz zuſtimmen möchte. K. A. Schultz, Maria Kanniß Rittberg. Anklam. Dietze. 1867. Der Verfaſſer erzählt uns in dem Buch das Leben der eigenthümlichen und vortrefflichen Frau, welche als Erbtochter von Oſtfriesland geboren, den Grafen Maximilian Ulrich von Kaunitz heirathete und die Mutter des Fürſten Kaunitz wurde, jenes größten Staatsmannes, den Oeſterreich viel⸗ leicht jemals gehabt, des Vertrauten, Berathers, ja Freundes von Maria Thereſia, Franz I. und Joſeph II. Das Buch gibt uns eine höchſt eigenthüm⸗ liche, aber darum nicht minder anſprechende Biographie und läßt in der Zeich⸗ mung dieſer Frau und der Schilderung ihres Lebens eii höchſt intereſſantes Bild jener Zeit— von 1683— 1765— und der damaligen Zuſtände in ſiriesland, wie in Oeſterreich und Wien vor uns auftauchen. Schade, daß der Verfaſſer uns nicht die— anſcheinend vortrefflichen— Quellen an⸗ Zab, nach denen er arbeitete. Nervenheilmethode ohne Arznei. 2. Aufl. Nördlingen. Beck. 1867. Wir begnügen uns, dies Schriftchen hier einfach anzuzeigen; ein Ur⸗ theil über ſeinen Inhalt können wir. wenn überhaupt, nur dahin abgeben 7 daß derſelbe gewiß manche gute Lehren oder vielmehr Fingerzeige bietet, dieſe aber für einen Kranken oder Belehrung Suchenden ſchwerlich ausreichen 9 9 dürften. A. Ludwig, Joſeph Haydn. Nordhauſen. Büchting. 1867. Eine fleißig zuſammengetragene und liebevoll und ſehr lesbar ausge⸗ arbeitete Biographie des großen Componiſten, die nicht bloß ſeinen vielen V 1 4 320 Zur Lecture Verehrern Freude machen wird. Es gibt kein Volk, das im Allgemeinen ſo wenig von ſeinen großen Männern weiß, wie unſer deutſches, und wir müſ⸗ ſen daher für jeden neuen Beitrag zur Hebung ſolcher Unkenntniß ernſtlich dankbar ſein. A. Büchting, Bibliotheca musica und B. theatralis. Nordhauſen. Büchting. 1867. Der Herr Verfaſſer hat in dieſen Heftchen mit dankenswerthem Fleiß alle Schriften zuſammengeſtellt, welche während der letzten zwanzig Jahre in Bezug auf Muſik und Theater erſchienen. Ausgenommen ſind nur Lie⸗ derbücher und Muſikalien, ſowie die eigentlichen Theaterſtücke. So viel wir zu beurtheilen vermögen, iſt die Vollſtändigkeit beinahe, wo nicht ganz er⸗ reicht— etwas, das, wenn man die Fülle des Stoffes anſieht, die lebhafteſte Anerkennung verdient. Das illuſtrirte Buch der Welt, Heft 9 und 10; Freya, Heft 9. Stuttgart. Verlag von Hoffmann, liegen uns zugleich vor. Wir begnügen uns mit dieſer Anführung und fügen nur noch hinzu, daß auch dieſe Hefte an Inhalt und Ausſtattung den früheren nicht nach⸗ ſtehen. llgemeinen und wir miſ tniß ernſtlt verthem Fle wanzig Jaht ſind nur d So viel w nicht ganz? die lebhaftet 0; Freye zugleich ve noch hinze nicht nach Die Schweſern. Eine Erzählung Von Marie Kolb. (Schluß.) Neuntes Kapitel. Als ich noch ein kleines Mädchen war, zu jung, um es zu verſtehen, hat man mir einmal geſagt, ich werde finden, daß im Leben Gutes und Böſes, Freude und Leid, in der Regelmäßigkeit der ſchwarzen und weißen Felder auf dem Schachbrett mit einander abwechſeln. In der Hauptſache hat ſich mir dies als wahr erwieſen, als wahr in dem Sinn nämlich, in welchem das Bild gemeint iſt; doch konnte ich die ſcharfe Abgrenzung von Dunkel und Hell, wie ſie das Schachbrett bietet, nie wahrnehmen. Die ſchwarzen Felder ſind an mich gekommen und, Gott ſei Dank, auch die weißen, doch keines⸗ wegs in ſchroff geſchiedenem Uebergang. Das abſolute Schwarz war ſelten, im Ganzen ſeltener vielleicht, als das abſolute Weiß, und wenn ich auch beide kennen lernte, ſo lagen doch ſtets verfließende Schatten dazwiſchen. Ich glaube, daß die ſcharf abgrenzenden Linien nicht zu den gewöhnlichen Erſcheinungen gehören, in der Natur ſo wenig als im Menſchenleben.— An das Schachbrett erinnert mich die Wolke, welche über uns hinzog bald nach dem ſtolzen Triumph, mit dem wir die Kunde von Heinrich's gutem Glück aufgenommen. Die liebe Tante Gough wurde ſehr leidend, obſchon ſich, nach der Erklärung des Hausarztes, noch immer keine beſtimmte Krank⸗ heit erkennen ließ; ihr Kräftezuſtand nahm zuſehens ab, und ſie fühlte ſich ſehr unwohl. Sie kam jetzt ſelte Mehr aus ihrem Zimmer, und da Anna fort war, fiel mir ausſchließlich ihre Pflege zu. Trotz ihrer Schwäche wollte Hausblätter. 1867. IV. Bd. 21 4 1 4 4 6 1 6 3 5 4 f 1 8 4 1 1 1 322 Die Schweſtern. ſie doch mich ſchonen; allein ich erklärte ihr der Wahrheit gemäß, daß es mich unglücklich machen würde, wenn ich die liebevolle Sorge für ſie anderen Händen überlaſſen müßte.„Es iſt im Grund nur Selbſtſucht, liebe Tante; denn wenn ich nicht um Sie bin, werde ich unruhig, und ich mache mir alle mögliche Gedanken, daß dieſes oder jenes vergeſſen, vielleicht auch nicht ge⸗ than worden ſei, wie es hätte geſchehen ſollen. Die Eigenliebe drängt mich dann, ſelbſt nachzuſehen.“—„Aber Heinrich wird mich für ſehr ſelbſtſüch⸗ tig halten, wenn ich dich ſo ganz in Anſpruch nehme. Dies darf nicht ſein.“ —„Ich bin überzeugt, daß er ſich nichts daraus macht, Tante. Und außer⸗ dem iſt er ja in letzter Zeit viel abweſend.“. Dies hatte ſeine Richtigkeit; Heinrich war häufig fort von Willborough. Eh' er die Reiſe nach dem Norden übernahm, ſollte er noch einige Geſchäfte in der Umgegend beſorgen, für die Mr. Rotherwood ſeine perſönliche Lei⸗ tung wünſchte. Es handelte ſich unter anderem um die Drainage der Flur⸗ wieſen. In dieſem Fall kam zu Mr. Rotherwood's Wunſch auch das Ver⸗ langen des alten Mr. Lee. Hatte nicht Sir Robert wegen dieſer Angelegen⸗ heit ausdrücklich ſeinen Sohn nach dem Herrenhaus beſchieden, demſelben die Hand gegeben und im Beſuchzimmer ihn der gnädigen Frau vorgeſtellt? Heinrich meinte zwar, daß Clinch dieſen Auftrag recht gut beſorgen könne, ließ ſich aber doch beſtimmen, ſelbſt nach dem Flurwieſenhof zu gehen. Eine Folge ſeiner Abweſenheit und meines ſtetigen Dienſtes um die Kranke war, daß wir nicht ſo viel von einander hatten, als man bei unſerem wechſelſeiti⸗ gen Verhältniß häfte erwarten ſollen; doch kam er von dem Hauſe ſeines Vaters, in welchem er wohnte, um dem Geſchäft näher zu ſein, faſt jeden Tag herübergeritten und brachte aus den Gewächshäuſern der Halle man⸗ chen ſchönen Strauß, manche ſeltene Frucht für die Tante mit. Der Gar⸗ tenbau hatte ſich damals noch nicht zu der Höhe der Kunſtgärtnerei erhoben; doch war Mr. Mac Gee, Sir Robert's ſchottiſcher Gärtner, ein Mann, der ſein Geſchäft mit einer gewiſſen Wiſſenſchaftlichkeit betrieb, und ich kann ihm das Zeugniß geben, daß er Roſen züchtete, wie in Beziehung auf Größe, Wohlgeruch und Farbenpracht nicht leicht ihresgleichen fanden. Dieſe Blu⸗ menſpenden wurden ein ſchwerer Stein des Anſtoßes für den alten Stock, der keine Gelegenheit verabſäumte, ſich mit bitterem Ingrimm über Mr. Mac Gee's Geſchicklichkeit auszulaſſen. Eines Abends war die Tante einge Mummert, nachdem ſie mich vorher aufgefordert, ich ſolle mich ein wenig in der friſchen Luft ergehen. Ich wies eine der Mägde an, bei der Kranken im Zimmer zu bleiben und mich zu drängt mi r ſelbſtſüch nicht ſein.” Und außer ge Geſchäft ſönli iche L Lel r Flur ich das Ver Angcge emſe lben oſtollt? vorgeſtellt? Hauſe ſeines faſt jede önne, Von Marie Kolb. 323 rufen, ſobald dieſelbe vieder erwache; dann ging ich die Treppe hinunter durch die Küche, um durch die Hinterthüre des Hauſes in den Garten zu ge⸗ langen. Die Bedienten erfreuten ſich nach dem Geſchäft des Tages in Muße der lieblichen Abendſtunde, und die Mägde nähten und plauderten bei ihrer Arbeit. Stock ſaß, die Pfeife im Mund, in der Nähe des offenen Fenſters und betrachtete beſchaulich die Herrlichkeiten des Küchengartens. Ich ging nie an dem alten Mann vorüber, ohne ein paar Worte des Grußes mit ihm zu wechſeln; denn obſchon er keine demonſtrative Natur war und ſich äußer⸗ lich nichts anmerken ließ, fühlte ich doch, daß er für mich und meine Schwe⸗ ſter ein weiches Winkelchen in ſeinem Herzen bewahrte. „Wie ſchön Eure Frühgemüſe ausſehen, Stock,“ ſagte ich.—„Ich glaube nicht, Miß Margareth, daß Sie viel von ſolchen Dingen verſtehen,“ entgegnete der alte Brummbart.—„Aber doch ein wenig, Stock, ein klein wenig.“„Jedenfalls ſehr wenig.“—,„Die Erbſen zum Beiſpiel— ſtehen ſie nicht prächtig?“—„Ueber den Erbſen wacht die Vorſehung,“ ſagte Stock, „und auch über den Boßzten Ein Glück, daß es ſo iſt.“ Es fiel Stock nicht ein, daß dieſe Redeweiſe als Plattheit oder Unehrerbietigkeit aufgefaßt wer⸗ den könnte; aber er liebte feierlich klingende Worte und glaubte vielleicht, ihre Benützung ſei gewiſſermaßen ein verdienſtlicher Act und verleihe ſelbſt in einem völlig unpaſſenden Zuſammenhang ſeinen Geſprächen einen Ge⸗ ruch von Heiligkeit. Er war ohne Frage ein ſehr beſchränkter und unwiſſen⸗ der Menſch; doch habe ich ſeitdem nach einem ähnlichen Grundſatz gemodelte fromme Reden aus dem Mund von Perſonen gehört, von denen man mehr Verſtand hätte erwarten können.—„Ein Glück, daß es ſo iſt,“ ſagte Stock, „ſonſt würde der Meiſter dieſes Jahr nicht viele Erbſen oder Bohnen auf ſeinen Tiſch kriegen. Bill Green hat gethan, was er konnte, um ſie zu Grund zu richten; aber die Vorſehung iſt mächtiger als Bill Green.“— Man wußte nachgerade in dem ganzen Haushalt, daß Stock's Schimpfen über den Untergärtner nur als eine Redefigur aufzufaſſen war, in der ſich eher das Bewußtſein, er ſelbſt ſei ein ſieizalter rheumatiſcher Kerl, als irgend etwas Anderes kundthun wollte; es fiel daher niemand ein, ein Wort der Vertheidigung für Bill Green zu ſprechen, der beiläufig bemerkt, ein ſo ehr⸗ licher, fleißiger Junge war, wie man nur einen finden konnte. „Ich gehe in den Garten, Stock, um für die Tante einen Strauß zu holen.“„Ah,“ brummte Stock, „die Miſſis braucht keine Sträußer aus dieſem Garten— nein, wahrhaftig 21* Dies war eine etwas unbeſonnene Rede. —— — ——— 324 Die Schweſtern. nicht.“„Freilich, Stock,“ entgegnete ich.„Von allen Blumen hält ſie die unſrigen für die ſchönſten.“„Darin hat ſie auch Recht, vollkommen 8 S Recht, Miß Margareth. Ich verſtehe auch'was von Blumen— ſollt's we⸗ 6 nigſtens— und ich fordere ganz England auf, mir einen ſchöneren Flor zu 6 zeigen, als der unſrige iſt. Allein mit der Schönheit und der regelmäßigen 1 Züchtung will man ſich heutzutage nicht begnügen. Da heißt's immer nur „ treiben und treiben, bis der ſchönſte Stock vergackelt iſt.“—„Aber doch bei 1 uns nicht, Stock?“„Bin nicht der Mann, der ſich auf ſolche Narrenpoſ⸗ 1 ſen einläßt, Miß Margareth. Ich hab' immer meine Schuldigkeit gethan und werde ſie thun bis an mein Ende; aber ich behaupte, die Blumen, welche der junge Mr. Lee herbringt, ſind nichts Anderes, als vergackeltes Zeug. Und ich ſage als einer der Auserwählten, daß man da, wo ich hinkomme, keine ſolche Gackeleien finden wird. Ich und noch einige wenige andere, wir ſind nicht dazu beſtimmt, den Gackelern Geſellſchaft zu leiſten.“—„Mr. I Lee wollte nur der Tante eine Freude machen, Stock. Ich weiß, daß er die Gärten des Giebelhauſes ſehr bewundert; und Ihr müßt nichts Unfreund⸗ liches über ihn ſagen, Stock, denn es iſt Euch ja bekannt, daß ich viel auf ihn — halte und daß er mein Mann werden ſoll.“„Ach ja meinetwegen 4 nein, ich will nichts gegen den jungen Mr. Lee aushaben. Der Mann wer⸗ den von der kleinen Miß Margareth!“ fügte er gedankenvoll bei.„Ich hab' davon gehört. Nun, mein Kind, möge der Herr Erbarmen haben mit Ihnen.“ Dies klang nicht beſonders ermuthigend; allein ich verſtand Stock, und obſchon ſeine tiefliegenden ſchwarzen Augen finſter blickten und keine Muskel ſeines ſtrengen, gebräunten Geſichtes ſich bewegte, wußte ich doch, das Herz des alten Mannes hatte Gefühl für das verwaiste Mädchen, das er ſo viele Jahre gekannt. Ich ging nach dem Garten und war emſig mit dem Sam⸗ meln meines Straußes beſchäftigt, als ich von dem Stallhof her einen klap pernden Hufſchlag vernahm. Faſt im nämlichen Augenblick wurde das Fen ſter meines Zimmers geöffnet und Eſther, das Stubenmädchen, rief mir zu, daß die Tante erwacht und eben der Doctor bei ihr ſei.„Ich komme in einigen Minuten, noch ehe der Doctor fort iſt.“ Während Eſther das Fenſter wieder ſchloß, kam Heinrich geſtiefelt und geſpornt über den Hof geeilt. „Meine ſüße Margareth, wie erfreut bin ich, Sie hier zu finden,“ ſagte er.„So oft ich in der letzten Zeit kam, ſind Sie ſtets in die dumpfe Stube eingeſperrt geweſen.“„Ach, lieber Heinrich, das macht mir nichts; ich hält ſie die ollkommen ſollt's we⸗ en Flor zu helmäßigen immer nur er doch bei Narrenpoſ⸗ keit gethan nen, welche eltes Zeug. hinkomme, mndere, wir 4—„Mr. daß er die Unfreund⸗ iel auf ihn twegen— rann wer⸗ „Ich hab haben mit Stock, und ne Muskal er ſo biel dem Sam⸗ einen klab edas Fe jef mir zu kommel Von Marie Kolb. 325 bin ja geſund.“—„Aber mir macht es etwas, weil ich ſo wenig von Ihnen zu ſehen kriege. Wie geht es Mrs. Gough?“—„Mr. Dixon iſt eben bei ihr; man hat mich gerufen, und ich bin begierig, zu hören, was er über ihren Zuſtand ſagt.“—„Sie wollen ſchon wieder in das Haus? Es ſcheint mir faſt, Margareth, als komme Sie jeder Augenblick ſchwer an, den Sie mir widmen müſſen.“ Er hatte meinen Arm in den ſeinigen gelegt, und wir gingen langſam auf dem Gartenweg dahin, ich mit meinem Körbchen friſch⸗ gepflückter Blumen in der Hand.—„Wie mögen Sie ſo ſprechen, lieber Heinrich?“—„Es ſieht faſt ſo aus. Natürlich iſt es nur zu loben, daß Sie liebevoll und aufmerkſam ſind gegen die Tante, die mir faſt ebenſo am Herzen liegt, wie Ihnen; allein Sie kommen mir ſo gleichgültig vor, Mar⸗ gareth, als ob Sie ſich gar nicht um mich bekümmerten.“— Sein Ton war ärgerlich, reizbar und gar nicht, wie ſonſt. Ich ſah ihn genauer an und be⸗ merkte in ſeinem Geſicht, das ſich ſehr blaß ausnahm, nachdem die Glut des raſchen Rittes entſchwunden, einen Zug von Erſchlaffung.—„Oh Hein⸗ rich!“ Hätte ich ihm nur zum zehnten Theil ſagen können, welche Freude es mir bereitete, wieder bei ihm zu ſein! Doch ich vermochte es nicht, obgleich ihm nicht hätte entgehen ſollen, daß ſchon der Ton ſeiner Stimme, das Auf⸗ treten ſeines Fußes, der Blick ſeines Auges mein Herz überſtrömen machte von glücklichen Gefühlen. Wenn er dies nicht ſelbſt entdeckte, ſo war ich außer Stand, ihm dies durch Worte oder Betheuerungen kund zu thun. Ich habe, glaube ich, bereits bemerkt, daß es zu meinen Schwächen gehörte, überempfindlich zu ſein gegen Vorwürfe, namentlich wo meine Gefühle mit in's Spiel kamen; denn ich ſah immer nur allzudeutlich auch die andere Seite der Dinge. Was er dachte und fühlte, war mir faſt ſo klar, als ginge es in mir ſelbſt vor; allein obſchon ich wußte, daß er Unrecht hatte, vermochte ich doch nicht, für mich ſelbſt das Wort zu nehmen. Es wäre beſſer gewe⸗ ſen, wenn ich frei und furchtlos geſprochen hätte von der Gewalt meiner Liebe— beſſer ſogar ein unwilliges Auflodern, wie es vielleicht meine Schweſter ſich erlaubt haben würde; allein ich konnte mich nur in mich ſelbſt zurückziehen und die Kränkung in Geduld ertragen. Wir erreichten, ohne weiter zu ſprechen, das Ende des Kieswegs. Als wir uns umwandten, um nach dem Haus zurückzukehren, umſchlang er mich plötzlich mit ſeinen Armen, ſo daß das Körbchen umſchlug und ſeinen In⸗ halt auf den Weg entleerte.„Nein, mein Herz,“ ſagte er,„kehren Sie ſich nicht an meine Worte. Ich glaube es nicht.“—„Was glauben Sie nicht, Heinrich?“—„Daß Sie etwas Anderes ſeien, als das ſüßeſte, liebſte, ——,, 6 1 1 4 6 717 * 1 326 Die Schweſtern. treueſte und ſelbſtſuchtloſeſte Mädchen von der Welt.“—„Sie thun mir zu viele Ehre an, Heinrich; doch laſſen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren. Wenigſtens gleichgültig bin ich nicht.“—„Nein, nein, meine Liebe; ich bin davon überzeugt. Vergeben Sie mir.“— Wie Kinder küßten wir wechſel⸗ ſeitig unſere naſſen Wangen.—„Was Sie da mit meinen armen Blumen angerichtet haben, Sie böſer Menſch. Sie müſſen ſie wieder ordentlich in das Körbchen zuſammenleſen, denn ich möchte um keine Welt, daß Stock auch nur eine einzige auf dem Boden liegend fände. Jetzt darf ich den Doc⸗ tor Dixon nicht länger warten laſſen. Warten Sie, bis die Tante Sie nach ihrem Zimmer rufen läßt, und erzählen Sie uns von Anna. Natür⸗ lich ſind Sie ſtets um ſie?“—„Ja, ich— ich habe ſie geſehen. Müſſen Sie jetzt fort?“ Ich nickte nur mit dem Kopf und eilte in das Haus. In dem Zimmer der Tante fand ich den Onkel und Doctor Dixon. Letzterer war ein ſanfter Mann in mittlerem Alter und ſtand bei den Einwohnern von Willborough in hoher Achtung. Er war ein Bruder jenes Mr. Dixon, des Organiſten, von dem ich als Kind geſagt hatte,„er ſpiele ſo liebevoll.“—„Guten Abend, Miß Sedley,“ ſagte der Doctor, mir ſeine Rechte entgegenſtreckend, in welcher er einen ledernen Handſchuh trug. Ich erinnere mich nicht, den Doctor je ohne denſelben geſehen zu haben, obſchon er ihn nie angeſteckt hatte.—„Wie finden Sie die Tante, Sir?“—„Mrs. Gough iſt beſſer, entſchieden beſſer. Wenn wir ihr mehr Kraft, mehr Tonus beibringen kön⸗ nen, ſo wird ſich alles gut machen.“—„Sie beglücken mich durch dieſe Kunde.“—„Ja, etwas mehr Tonus. Wiſſen Sie, was ich Ihrem Onkel vorgeſchlagen habe?“—„Pah, vorgeſchlagen. Es iſt ſchon abgemacht und feſt beſchloſſen, Mädchen,“ nahm der Onkel das Wort, der neben dem Stuhl ſeiner Frau ſaß und ihre abgezehrte Hand mit ſeiner derben ſanft ſtreichelte. —„Ich habe vorgeſchlagen,“ fuhr der Doctor fort, in milder Weiſe auf ſei⸗ ner eigenen Wortfaſſung beharrend,„daß Mrs. Gough auf einige Monate einen Küſtenort beſuche— damit ſie mehr Tonus gewinne; verſtehen Sie mich, ein wenig mehr Tonus.“—„Ich glaube gerne, daß ihr dies ſehr gut thun wird, Doctor Dixon.“—„Ja, ja, das iſt das Wahre, Gretchen,“ ſagte der Onkel.„Sie ſoll in der nächſten Woche nach Beachington gehen. Es wundert mich, daß wir nicht ſchon früher daran dachten.“—„Früher wäre es nicht paſſend geweſen, mein lieber Mr. Gough,“ verſetzte der Doc⸗ tor.„Die Jahreszeit iſt ſelbſt jetzt kaum weit genug vorgerückt. Aber ich habe noch eine andere Propoſition gemacht, Miß Sedley.“—„Nein, nein,“ jchun mir; viderfahren be; ich bit vir wechſel Organiſten, uten Abend, nicht, den t angeſteck h iſ beſſer gemacht und dem Stul t ſtreichelt ſe auf ſei zae Monal Von Marie Kolb. 327 unterbrach ihn die Tante mit matter Stimmez„ich kann dies nicht zugeben.“ „Entſchuldigen Sie, meine liebe Madame— mein Vorſchlag lautet, daß Miß Sedley die Kranke begleite.“ Daß ich ſie begleite! Hinweg zu gehen von Heinrich, der nur noch ſo 1 kurze Zeit ſein Verbleiben in Willborough hatte! Doch ich ſchämte mich als⸗ bald dieſes ſelbſtſüchtigen Gedankens.„Natürlich gehe ich mit, wenn ſie es mir geſtattet, Doctor Dixon.“—„Es hieße dem lieben Kind viel zu viel zumuthen,“ ſagte Tante Gough.— Der Onkel warf einen bittenden Blick auf mich.„Es thut mir allerdings leid, ſie von ihrem Verlobten zu tren⸗ 11 nen,“ flocht er ein;„aber ich weiß, daß ſie ihrer guten Tante jedes Opfer zu bringen bereit iſt. Sie iſt das beſte Mädchen von der Welt, Doctor.“— Bitte, bitte, mein lieber, gütiger Onkel,“ ſagte ich,„ſrochen Sie nicht ſo, wenn ſich's darum handelt, mich nützlich zu machen. Ich freue mich, wenn ich der Tante einen Dienſt erweiſen kann.“—„Den größten Dienſt von der Welt,“ entgegnete der Doctor, ſeinen Hut aufnehmend.„Sie ſind ge⸗ duldig, ſanft und lieblich anzuſehen, drei Eigenſchaften, die bei einer Kran⸗ kenpflegerin nicht hoch genug geſchätzt werden können.“ Nach dieſer Erklä⸗ „Gott lohne es dir, mein Kind,“ ſagte der Onkel.—„Heinrich wird mir's nie verzeihen,“ bemerkte die Tante; „allein kommt die Zeit, hat er Gretchen für das ganze Leben, und ich rung entfernte ſich der Doctor.— werde ihm wahrſcheinlich nicht mehr lange Unluſt bereiten.“ Zehntes Kapitel. Meer und Himmel, Himmel und Meer, Meer und Himmel! Tiefblau oder blaßgrün, bleifarbig unter der Wolke, glitzernd im Sonnenlicht, mit gedehntem Athem ſchlummernd im Schein des Mondes, den Schaum maſt⸗ hoch aufſpritzend Morgens gegen die von Aurora gerötheten Segel, ſchön, ſchrecklich und wundervoll zu jeder Zeit, lag viele Wochen lang die endloſe Waſſermaſſe vor meinen Augen ausgeſtreckt. Von dem Fenſter meines Ge⸗ machs in Beachington ſah ich jeden Morgen und jeden Abend darauf nieder. Nichts ſtörte meine Beſchauung, wenn ich meine Blicke hinſchweifen ließ bis an den fernen Horizont. Und ich ſchaute, ſchaute und ſchaute, bis alles Leben in mir ſich in meinen Augen zu concentriren ſchien; es war mir dabei, als ſchwebe ich wie eine Seeſchwalbe mitten in der Luft, über mir der endloſe Himmel, unter mir der bodenloſe Ocean. Oh Meer und Himmel! Oh Him⸗ 328 Die Schweſtern. mel und Meer! Oh kleines klopfendes Menſchenherz innen und mächtiger Wogenſchlag außen! Die alte, alte Geſchichte! Die Tante hatte die Reiſe von Willborough, die eben keine lange war, beſſer ertragen, als ſie ſelbſt geglaubt, und während der erſten vierzehn Tage unſeres Aufenthalts in Beachington machte ihr Befinden die erfreulichſten Fortſchritte; dann aber wurde es wieder etwas ſchlimmer. Man ſagte uns, ſolche Schwankungen ſeien eine gewöhnliche Erſcheinung, und wir ließen die Hoffnung nicht ſinken. Der Onkel blieb in dem Giebelhaus. Er hatte uns nach Beachington begleitet und in unſere Wohnung eingeführt, um ſodann wieder nach Willborough zurückzukehren; Anna war vom Flurwieſenhof heimgekommen und führte ihm die Haushaltung. Nur mit ſchwerem Her⸗ zen hatte ich mich von Willborough trennen können; der Abſchied wurde mir noch erſchwert durch den Umſtand, daß mir Heinrich faſt im Zorn Adieu ſagte. Ich kann nicht ſagen, daß er mir abſolut zugemuthet hätte, die Tante allein ziehen zu laſſen; allein er ſchien der Meinung zu ſein, ich hätte augen⸗ fälliger zu Schau tragen ſollen, welches große Opfer ich durch mein Mit⸗ gehen bringe; und wie wäre dies möglich geweſen, ohne meinen theuren Wohlthätern wehe zu thun?—„Ich bitte, Heinrich,“ ſagte ich,„bedenken Sie doch, was ſie uns zwei Schweſtern geweſen ſind. Die Liebespflicht, die ich und Anna ihnen ſchulden, ſcheint mir faſt heiliger, als ob ſie unſere El⸗ tern wären.“—„Pflicht! Ja, die Pflicht iſt Ihr Gott, Margareth. Sie wägen die Liebe, die Sie ſchulden, bis auf das letzte Quentchen ab in der Wagſchale der Pflicht. So viel für die Tante, ſo viel für den Onkel, und ſo viele Lothe für Heinrich— dem Heinrich gutes Gewicht, denn er ſoll mein Gatte werden!— Margareth, wenn Sie wüßten, was wahre Liebe iſt, ſo könnten Sie nicht ſo ruhig und kalt ſein beim Abſchied.“ Ich entſchuldigte ihn in meinem Innern, ſo gut ich konnte, verließ aber die Heimat doch mit ſchwerem Herzen. Seine erſten Briefe waren ſehr liebe⸗ voll und entſchädigten mich für das Bittere der Trennung. Er erkundigte ſich ſo theilnehmend nach der Tante und war ſo beſorgt um meinetwillen, daß ich mich wieder glücklich fühlte. Da außerdem die Kräfte der Tante zu⸗ legten, ſo entſchwand die erſte Zeit in Beachington, wie wir es nur wünſchen konnten. Doctor Dixon hatte uns ein Empfehlungsſchreiben an einen Arzt des Kurortes, Mr. Bertram Noccliffe, mitgegeben. Dieſer Herr war nicht nur ſehr geſchickt in ſeinem Beruf, ſondern auch ein Gelehrter, den man we⸗ gen ſeiner Kenntniß der alten und neuen Sprachen hochſchätzte. Als uns Doctor Diyron vor unſerer Abreiſe von dieſen Eigenſchaften erzählte, erklär⸗ und mächtige ie lange war an ſagte uns wir ließen die Er hatte uns um ſodann Flurwieſenhof hwerem Her⸗ ed wurde mit Zorn Nieu tte, die Tante zhätte augen⸗ ch mein Mir⸗ inen theuren „„bedenken gpflicht, die ie unſere Er⸗ uh hen ab in der Onkel, und ſ Ker ſoll mein Liebe iſt⸗ verließ abt ren ſehr lich gr erkundiſ meinetvill der Tantei nur wünſt mn einen Ä err war ii den man e 16= erlül zäͤhlte, e zähli Von Marie Kolb. 329 ten wir, daß uns förmlich Angſt darauf ſei, mit einer ſo ehrfurchtgebieten⸗ den Perſönlichkeit in Verkehr zu kommen; allein wir fanden bald, daß ſich recht gut mit ihm ſprechen ließ, und gewannen ihn ſogar lieb. Er war nicht jung, ungefähr von Dixon’s Alter; allein er hatte keine Familie und be⸗ wohnte als Junggeſelle ein ſchönes Haus etwa drei Miles landeinwärts von Beachington. Der Zuſtand der Tante hatte für ihn großes Intereſſe; er ſagte, es ſei weſentlich, daß man ſie ſtets in heiterer Stimmung erhalte, und erbot ſich, jeden Abend perſönlich dazu beizutragen, indem er uns für ein halbes Stündchen Geſellſchaft leiſte. Dies that er denn auch in ſo unge— zwungener und herzlicher Weiſe, daß wir nicht mehr an ſeine Gelehrſamkeit dachten. Natürlich thaten wir in unſeren Briefen nach Willborough des freund⸗ lichen Arztes häufig Erwähnung— die Tante wenigſtens, wenn ſie zu ſchrei⸗ ben vermochte, obſchon ſie nie verſäumte, meinem Wochenbericht an den On⸗ kel einige Zeilen beizufügen. In jener Zeit war der Briefträger keine ſo häufige Erſcheinung in jedem Haus, wie heutzutage, und das Abſenden oder Einlaufen eines Briefes galt als eine gar ernſte Sache. Die Poſtverbindung zwiſchen Willborough und Beachington mußte auf Umwegen ermittelt wer⸗ den, und ich ſandte ſelten öfter als einmal in der Woche ein Packet nach dem Giebelhaus. Heinrich hatte keinen ſtändigen Aufenthalt, ſondern war ſtets zwiſchen Willborough, den Flurwieſen und dem Herrenhauſe auf dem Zug; er hatte ſogar einmal einen flüchtigen Beſuch in dem Norden gemacht, um ſich mit dem Vorſtand der Waſſerwerk⸗Geſellſchaft zu berathen und von dem Terrain Einſicht zu nehmen, auf die Hin⸗ und Herreiſe aber und auf das Geſchäft nicht mehr als fünf Tage verwendet. Jetzt könnte dies in wer weiß wie vielen Stunden ausgeführt werden; doch damals erſchien es uns als eine wundervolle Leiſtung. Ich ſandte meine Briefe an Heinrich gewöhnlich unter Couvert an Onkel Gough oder an Anna nach dem Giebelhaus und erhielt die ſeinigen häufig durch dieſelbe Vermittlung. Allmälig fand in dem Ton der Briefe meines Verlobten eine Verände⸗ rung ſtatt. Dies geſchah in ſo leichter Abſtufung, daß es unmöglich war, einen präciſen Anhaltspunkt zu finden, etwa wie wenn man den wechſelnden Farben der Meereswellen beim Sonnenuntergang folgt; ſie zeigen anfangs einen roſigen Glanz und gehen unmerklich zur Dunkelheit über. Es ſchien ein Bann auf Heinrich zu liegen— als ſei zwiſchen ihn und mich ein feind⸗ licher Schatten getreten; und zuletzt ſchrieb er gar nicht mehr. Ich kämpfte an gegen die Angſt, die mit eiſiger Kälte mein Herz umziehen wollte, und — — 330 Die Schweſtern verſuchte, ein heiteres Geſicht zur Schau zu tragen. Wie gut die Tante war — wie geduldig, wie ſelbſtſuchtslos! Ein reineres, lieblicheres Leben, als das von Lucie Gugh, iſt nie beſchrieben worden. Du trägſt den Namen von ihr, mein Pathchen. Sie beſaß ein großes Herz, das, wie innig es auch an den eigenen Angehörigen hing, Raum hatte für alle leidenden Seelen und ihnen nach Kräften thätige Hülfe ſpendete. In deinem Gang durch's Leben wirſt du allerlei Menſchen begegnen— Frauen, die ihre Liebe zum Gatten da⸗ durch bethätigen zu müſſen glauben, daß ſie jedem, der mit ihm auf gleicher Stufe der Geſellſchaft ſteht, den verdienten Ruhm, das ſauer erworbene Vermögen neiden; anhängliche Schweſtern, die ihr Glück darin finden, die im Kampf des Lebens zurückgebliebenen Nebenbuhler ihrer Brüder zu ver⸗ höhnen; zärtliche Mütter, die ihre eigenen Kleinen warm umfangen mit dem weichen Fittig mütterlicher Liebe, aber doch kalt und ſtreng ſich abwenden von der verlaſſenen, ſchutzloſen Kindheit, die aus der eiſigen Außenwelt ſchau⸗ dernd den Blick hineinſendet nach der behaglichen dunadie ihrer heimatlichen Herde. Unter dieſe gehörte die Tante nicht. Vielleicht lehrte mich mein eig ner Kummer, ſie beſſer zu verſtehen und zu ſchätzen, a0 es je zuvor der val geweſen. Die Leiden ſind eine gute Schule. Das ſchlimmſte war, daß ich meinen Grnu nicht ganz für mich behalten konnte.„Hat.Heinrich in dieſer Woche nichts von ſich hören laſſen? Was ſchreibt er?“ Wenn ſie mich ſo fragte, konnte ich nicht immer meine Thränen zurückhalten, wie ſehr ich mir auch Mühe gab. Es nahte die Zeit heran, welche für Heinrich s Abreiſe nach dem Nor⸗ den beſtimmt war. Nach meiner Rechnung fehlten nur noch ein paar Tage, und in fiebriſcher Erwartung ſah ich einem Brief entgegen. Eines Morgens traf vom Giebelhaus ein Packet an, das von Anna's Hand überſchrieben / war und einen langen Brief des Onkels nebſt einem kurzen Billet meiner Schweſter an die Tante enthielt. Von Heinrich nichts— nicht eine Silbe. In dem Schreiben des Onkels befand ſich eine mir unverſtändliche Anſpie⸗ lung auf meine Trägheit als Korreſpondentin.„Gretchen ſchreibt doch mir ſo fleißig,“ lautete die Stelle;„bemerke ihr doch, daß es nicht recht von ihr ſei, wenn ſie ihre Aufmerkſamkeit ſo ganz uns alten Leutchen widme. Ich glaube, Heinrich fühlt ſich gekränkt.“ Was ſollte dies heißen? Ich konnte mir nicht denken, was er damit wollte. Der Tag war drückend heiß geweſen, und es folgte eine ſchwüle, mond⸗ loſe Nacht. Wir ſaßen an den offenen Fenſtern und lauſchten auf das Plät⸗ ſchern der Flut an dem kieſigen Geſtade; hin und wider ſchlug in der Ferne M 4 ie Tante w teben, alsd men von ihn Hauch an de und ihne § Leben wirſ Gatten da nauf gleiche er erworben finden, di 0 mi do ngen mit der ſich abwenden genwelt ſchau heimatlichen Von Marie Kolb. 331 der weiße Kamm einer ſtärkeren Woge weit über die übrigen in die Höhe. Mr. Norcliffe war bei uns; wir hatten einige Minuten ſchweigend dageſeſ⸗ ſen.—„Die See ſcheint einen Anlauf zum Hochgehen zu nehmen,“ ſagte ich.„Hören Sie dieſes hohle, drohende Toſen?“—„Ja; ich kenne dieſen Ton wohl,“ antwortete der Doctor.„Wir kriegen Sturm.“— Während er noch ſprach, vernahmen wir Hufſchlag und Rädergeraſſel von der Straße her; eine Poſtchaiſe machte vor unſerem Hauſe Halt. Ich hörte eine Stimme dem Poſtillon zurufen.„Das iſt der Onkel!“ Athemlos fuhr ich auf.— „Mein Mann?“ rief die Tante halb erſchrocken.„Was kann ihn hieher füh⸗ ren?“—„Oh, ich weiß es, ich weiß es,“ entgegnete ich. ‚„Heinrich muß bei B 1 B 3˙*/ Le „ ihm ſein; er iſt gekommen, um von mir Abſchied zu nehmen, eh' er ſeine Reiſe antritt.“ Ich eilte gegen die Zimmerthüre; ſie ging auf und der Onkel ſtand vor mir— allein. Ich weiß nicht mehr, welche wilden Gedanken in jenem Augenblick mein Gehirn durchzuckten. Ein Schwindel bemächtigte ſich mei⸗ mer. Ich ſah ſein blaſſes, ſtarres Geſicht, und das Herz ſtand mir ſtill.— „Heinrich!“ keuchte ich.„Er iſt todt!“—„Mein Kind! Mein Kind!“— „Er iſt todt, und Sie haben mich nicht zu ihm gelaſſen!“ Meine Stimme klang heiſer und unheimlich ſelbſt in meinem eigenen Ohre.—„Margareth, mein Herzenskind— ſei ſtark, ſei ſtandhaft.“—„Sagen Sie mir die Wahr⸗ heit. Er gehört mir. Ich habe ein Recht, alles zu wiſſen. Iſt er todt?“— Mit krampfhaften Fingern faßte ich den Arm des Onkels. Als er die Be⸗ rührung meiner Hand ſpürte, verloren die Linien ſeines feſtgeſchloſſenen Mundes den Ausdruck der Starrheit und zuckten unter jenen ſchmerzlichen Convulſionen, die bei einem ſtarken Mann die Vorläufer der Thränen ſind. —„Nein, Margareth, er iſt nicht todt. Aber fort iſt er— auf und davon gegangen— mit Anna— der ſchändliche, der niederträchtige Schurke!“— Das Toſen des Meeres ſteigerte ſich zu wildem Brauſen: eine dichte Finſter⸗ niß kam über mich, und ich brach ohnmächtig zuſammen. Elftes Kapitel. Im neunzehnten iſt das Leben in uns ſehr kräftig. Mag die Seele be⸗ kümmert, der Geiſt gequält ſein, wie ſie wollen, der Körper kämpft fort und müht ſich, die Laſt des Leides abzuwälzen. Die Kraft der Jugend behaup⸗ tete auch bei mir ihr Recht, und der Jammer meines Herzens hatte keine leibliche Krankheit zur Folge. Anders verhielt ſich's bei der Tante. Der 332 Die Schweſtern. Schlag hatte das ſchwache Band, das ſie an das Leben feſſelte, zu heftig ge⸗ zerrt, und wir ſtanden voll banger Ahnung ſtumm an ihrem Lager. Die Bekümmerniß um ſie und die Nothwendigkeit, ſie zu pflegen, entriß mich mei⸗ nen eigenen Gedanken, wie überhaupt ein gegenwärtiger heftiger Schmerz auf Augenblicke jedes andere Herzweh übertäubt. Doch kamen auch wieder Stunden, in welchen meine gekränkte Liebe erwachte und aus meiner Seele maßlos bittere Klagen zum Himmel ſtiegen; das Aechzen des Meeres ſchien nur der Widerhall meines kleinen menſchlichen Wehes zu ſein. Anfangs konnte ich nicht davon ſprechen, durfte nicht einmal daran denken, obſchon mein Herz übervoll davon war. Doch allmälig verlor ſich das überwälti⸗ gende Gefühl des Entſetzens, das ſich bei der erſten Kunde von dem Schlag meiner bemächtigte, und ich wagte es nachgerade, dem Feind in's Geſicht zu ſchauen. Drei Tage lang nach der Ankunft des Onkels ſchlich ich nur wie in einem Traum umher; mechaniſch erfüllte ich meine Tagesobliegenheiten, ſprach nicht und ſtellte keine Frage. Doctor Norcliffe war faſt beſtändig im Haus und erfüllte die Pflichten des Arztes und des Freundes in der unauf⸗ dringlichſten Weiſe. Ich glaube, es geſchah auf ſeinen Rath, daß man mich mir ſelbſt überließ und mir nicht mit Reden zuſetzte, bis ich in der Faſſung war, um zu hören. Wie geſagt, faßte ich mir endlich ein Herz, meinem Jammer in's Geſicht zu ſehen; ich beſchloß, Auskunft zu verlangen über die Vorgänge.„Ich will mit einemmal alles hören,“ ſagte ich;„und dann—“ — Und dann?— Ich konnte nichts ſehen, was jenſeits lag. Die lange Viſta meiner Zukunft hatte ich mir nie anders gedacht, als an der Seite einer mitreiſenden Geſtalt— gleichviel, welche Prüfungen uns auch bevor⸗ ſtehen mochten. Dieſe Gemeinſamkeit war der Traum meines Lebens ge⸗ weſen. „Onkel,“ ſagte ich eines Abends, als der Haushalt ſich zum Schlafen⸗ gehen anſchickte und die Tante nach einem ruheloſen Tag in einen ſchweren Schlummer gefallen war,„wollen wir nicht noch einen kleinen Spaziergang am Geſtade machen? Die Tante ſchläft, und das Mädchen kann auf ihrem Zimmer bleiben, bis ich zurückkomme. Es verlangt mich, mit Ihnen zu ſprechen, und hier im Hauſe iſt mir's ſo enge, als ob ich erſticken müßte. Wollen Sie mir die Liebe erweiſen?“ Er drückte mir die Hand, nahm ſei⸗ nen Hut, und ſchweigend gingen wir die Treppe hinunter. Von der Terraſſe aus, auf welcher unſere Wohnung ſtand, hatten wir bald das Meeresufer erreicht und befanden uns in vollkommener Einſamkeit. Es war eine warme Nacht, und auf dem Waſſer zuckte zeitweilig ein phosphoriſches Leuchten. te, zu heftig in Lager. entriß mich m ftiger Schm ten auch wie s meiner Ee 8 Meeres ſchi ſein. Anfan denken, obſche das überwäl on dem Schl in's Geſicht lich ich nur vobliegenheit ſt beſtändigi zin der unau daß man mik n der Faſſun Herz, meine angen über d und dann— J. Die lan 3an der Sei ns auch bere nes Lebens! zum Schlaſ einen ſchwe Spmzierh kann auf in mit Ihnel rſticken mil nd, nahn n der i 45 Merralt ar einewe ſta bus Von Marie Kolb. 333 Der milde, vom Land her wehende Wind brachte den lieblichen Duft der Gärten und Bäume mit ſich. Langſam und ſchweigend gingen wir vor⸗ wärts, bis ein Bug an dem Geſtade uns einen fernen Leuchtthurm zeigte, deſſen rothe Augen weit in die Nacht hinaus blickten. „Lieber Onkel, erzählen Sie mir jetzt—.“—„Was ſoll ich dir erzäh— len, mein Kind?“ Ich war ſtehen geblieben und hielt ihn mit der Hand, die auf ſeinem Arm ruhte, feſt.—„Alles, alles— von Heinrich und meiner Schweſter. Ich frage Sie nur dieſes einzigemal; dann wird es vorüber ſein.“—„Es iſt mir lieb, daß du ſelbſt davon angefangen haſt, Gretchen. Wäre es nach mir gegangen, ſo wüßteſt du es ſchon längſt; aber andere ſind der gegentheiligen Anſicht geweſen und hatten vielleicht Recht.“—„Ja, Onkel, ganz Recht. Und— und— ich möchte Sie nur um eines bitten.“ Er ergriff meine zitternde Hand und hielt ſie in der ſeinigen.„Nicht wahr, Sie ſagen keine ſolchen Dinge mehr?“—„Was für Dinge, mein Herz?“ „Worte, wie Sie ſie an jenem Abend gegen Heinrich geſprochen. Ich kann mir wohl Ihre Gefühle denken; aber ich bitte, lieber Onkel, reden Sie nicht in meiner Gegenwart ſo hart über ihn.“ Schluchzend drückte ich mein Haupt an ſeine Bruſt.—„Wie kann ich die Wahrheit ſprechen und mich nicht hart über ihn auslaſſen?“ verſetzte er mit Bitterkeit.„Doch ſei nur ruhig, mein liebes Kind. Der Himmel weiß, es iſt mir nicht darum zu thun, deine Laſt zu erſchweren. Ich will mein Beſtes verſuchen, Gretchen.“ Dann erzählte er mir unter vielfältigen erſchütterten Unterbrechungen alles, was er von der Flucht meiner Schweſter wußte.„Ich habe nicht das mindeſte geahnt,“ ſagte er.„Es muß den Anfang genommen haben, als ſie auf dem Flurwieſenhof ſo viel bei einander waren. Er kam mir ſchon um ene Zeit ſo launiſch vor und kam nicht ſo oft wie ſonſt nach dem Giebel⸗ haus— wenigſtens meines Wiſſens nicht. Gott allein weiß, was hinter neinem Rücken vorgegangen iſt. Anna hatte volle Freiheit, und was ihn betrifft, ſo war er wie der Sohn des Hauſes.“— So kam gradweiſe alles Heraus, was er mir mittheilen konnte. Sie hatten Willborough nicht ge⸗ neinſchaftlich verlaſſen. Heinrich war mit der Nachtkutſche nach ſeinem Be⸗ ſtimmungsort im Norden aufgebrochen, und Anna mußte an einer zum vor⸗ aus beſtimmten Unterwegsſtation mit ihm zuſammengetroffen ſein. Geraume Zeit wurde ſie nicht vermißt, da ſie dem Geſinde geſagt hatte, ſie gehe auf einige Tage zu den Gibſons auf dem Flurwieſenhof. Weder der Onkel noch ich war im Stand, es über ſich zu gewinnen, allen den Windungen des Pla⸗ nes zu folgen. Als man ſie endlich vermißte und wegen ihrer unruhig wurde, V — —— 334 Die Schweſtern. lief ein von Anna haſtig niedergekritzeltes Schreiben ein, des Inhalts, jeder Verſuch, ihr nachzuſetzen, würde ſchlimmer als nutzlos ſein, denn ehe dieſe Zeilen in Willborough einträfen, ſei ſie bereits über der ſchottiſchen Grenze und vermält.„Ich kam faſt von Sinnen,“ ſagte der Onkel.„Zu Haus litt mich's nicht mehr. Ich hätte ihnen nur nach Schottland nachjagen und ihn an der Kehle packen mögen, den— nein, nein, ich will nicht weiter ſagen, mein Mädchen. Doch ſo war's mir anfangs zu Muthe. Als ich mir endlich klar gemacht, daß alles zu ſpät ſei und ich in dieſer Geſchichte nichts Weite⸗ res thun konnte, warf ich mich in eine Poſtchaiſe, um dich und deine Tante aufzuſuchen. Rede man mir da von der Kraft des Mannes! Ja, ſie iſt ſchon recht, wenn's zum Draufſchlagen kommt! Aber ſich in Geduld zu fügen— ha, der wackerſte von uns iſt froh an der Stütze, die ihm euer ſchwaches Ge⸗ ſchlecht bietet, wenn der Jammer einkehrt und vom heimiſchen Herd Beſitz nimmt.“ Aus allem, was der Onkel ſagte und ungeſagt ließ, konnte ich entneh⸗ men, welche tiefe Wunde Anna, die er ſo ſehr geliebt, ſeinem Herzen geſchla⸗ gen hatte; er war ſtolz geweſen auf ihre Schönheit ſowohl, als auf ihren Geiſt, ja ſogar auf ihr eigenwilliges, ungeſtümes Temperament. Doch auch mich liebte er zärtlich und zollte mir inniges Mitgefühl. Am bitterſten empfand er es, daß ein ſolcher Schlag von ihr ausgegangen, daß ſein Her⸗ zenskind ſo falſch, verrätheriſch und undankbar ſich hatte benehmen können. Wie ſehr er ſich auch mühte, die Schuld auf Heinrich zu wälzen, fühlte er doch nur zu tief auch ihre Werthloſigkeit. Bei den ſeltenen Anläſſen, welche die Rede auf meine Schweſter brachten, nannte er ſie nie mehr bei den trau⸗ lichen Namen, die er dem Kind ertheilt hatte; ſie waͤr eben jetzt„deine Schweſter“,„Mrs. Lee“ oder„Anna“, nicht mehr„Nan“ oder„Nanny“. — Nachdem Onkel Gough zu ſprechen aufgehört hatte, trat ein langes Schweigen ein. Endlich erhob ich mich von dem Steinhaufen, auf den wir uns niedergeſetzt, und nahm ſeinen Arm.„Ich danke Ihnen, Onkel,“ ſagte ich;„Sie ſind ſehr gütig gegen mich geweſen.“—„Gott ſei mit dir, mein theures Kind!“ Dies war alles, was er in unartikulirten Lauten und unter ſtrömenden Thränen hervorbrachte. Er umſchlang mich mit ſeinen Armen, als ſei ich wirklich ſeine eigene Tochter, und weinte, wie eine Mutter über ihrem kranken Kinde weint. Auch ich half treulich mit, bis der erſte Sturm der Gefühle ſich gelegt hatte und eine Art Frieden wieder Raum fand in unſeren Seelen. Als wir langſam nach Hauſe gingen, begann der erſte Blick jenes„und dann“ in mir aufzudämmern. nd deine L Ja, ſie iſt ſch ld zu fü igen ſhweims G en Herd B inen Muttei erit⸗ Von Marie Kolb. 335 Die ſonnige Glorie meines Morgens war erloſchen für immer; allein s gibt noch lange Zwielichtſtunden, die man verwerthen muß, ehe die Nacht kommt, in der niemand mehr wirken kann. Ich war noch immer ſehr ſchwach, ſehr herzkrank, ſehr elend; dennoch lag ein ſchwacher Strahl des Troſtes in dem Gedanken, daß ich noch anderen theuer und nützlich werden könne.— Als wir unſere Wohnung erreichten, ſtand ein Dienſtmädchen uns erwar⸗ end unter der Thüre; ſie kam uns entgegengeeilt mit der Nachricht, ihre Frau befinde ſich bei der Tante, und man habe jemand nach dem Arzt ge⸗ ſchickt. da Mrs. Gough erwacht ſei, aber ſich„todesſchwach“ zu fühlen ſcheine. Im Nu waren wir an der Seite der Kranken, und bald nachher traf auch Doct No orcliffe ein; allein trotz meiner Unerfahrenheit hatte mir der erſte Blic auf ihr Antlitz geſagt, daß es außer dem Bereich menſchlicher Kunſt liege, dieſes Leben zu verlängern. Sie ſtarb ſelbige Nacht friedlich in den Armen des Onkels Zwölftes Kapitel. Der Onkel und ich, wir kehrten nach dem alten Haus in Willborough zurück, unſeren Schmerz und unſere Trauer mitnehmend. Ich übergehe die erſten Eindrücke, welche der Anblick der bekannten Gegenſtände und der lten Geſichter in uns hervorrief— übergehe die Betrübniß der Dienſt⸗ oten, die Beileidbezeugungen der Freunde und die Sympathie unſerer Nach⸗ arn. Wie der Onkel geſagt, hatte der Jammer Beſitz genommen von un⸗ ſerem heimiſchen Herd, und er ſuchte jetzt Troſt bei mir. Er war ein für weiblichen Einfluß eigenthümlich empfänglicher Mann und bedurfte der weiblichen Theilnahme. So ſanft und anſpruchslos der Charakter ſeiner Gattin geweſen, hatte er doch in den täglichen Angelegenheiten des Lebens ſich ganz auf ſie verlaſſen und bei jedem Ungemach bei ihrer treuen Liebe ſicheren Troſt gefunden. Nun ſie todt, Anna fort und Heinrich, an dem er mit ſo vieler Liebe gehangen, für immer ausgeſtoßen war aus ſeinem Her⸗ zen, hatte er zu Ausfüllung der leeren Plätze niemand mehr, als mich. Wir verbrachten nach unſerer Rückkehr in das Giebelhaus einen traurigen Hexbſt. Der Sommer war zu Ende gegangen, ehe wir Beachington verlaſſen, und wenn der Onkel und ich Arm in Arm durch den Garten und die Geſträuch⸗ anlagen wandelten, ſchritten wir knöcheltief über gefallenes Laub. Selten his er ſich in der Stadt blicken, und von Fremden kamen nur wenige über inſere Schwelle. Bloß einmal beſuchte uns der alte Lee, und zwar bald nach ſer unſerer Rückkehr. Es war ein ſonniger Nachmittag, und ich ſaß, mit einer 336 Die Schweſtern. Nähterei beſchäftigt, an dem Fenſter des Morgenzimmers, als ich die Thor⸗ glocke ſchellen hörte. Ich ſah hinaus, wer wohl kommen mochte; allein als ich des Beſuchs anſichtig wurde, fiel mir die Arbeit aus der Hand, und ich zitterte an allen Gliedern.—„Was gibt's, Margareth?“ fragte der Onkel, mich erſchrocken anſehend; dann folgte er der Richtung meines Blickes und erkannte gleichfalls Mr. Lee, der ſich ſchon in der Nähe des Portikus be⸗ fand.—„Es iſt mir unmöglich, ihn zu empfangen, Onkel. Was ſoll ich thun? Erlauben Sie mir, fortzugehen.“—„Ja, geh', meine Liebe,“ ver⸗ ſetzte der Onkel, und ſeine Stirne legte ſich, wie jetzt öfter geſchah, in fin⸗ ſtere Falten.„Er ſoll dich nicht ſtören. Was führt ihn überhaupt her? Es war eine unglückliche Stunde, als zum erſtenmal einer ſeines Namens über unſere Schwelle kam.“— Mit faſt unter mir zuſammenbrechenden Knieen eilte ich die Treppe hinauf und ſchloß mich in meinem Zimmer ein. Da blieb ich gegen eine Stunde. Mit bitterem Herzweh ſaß ich trockenen Auges und regungslos auf meinem Bette, bis endlich Eſther heraufkam und an meine Thüre klopfte. —„Einen Gruß von dem Onkel, Miß; er läßt fragen, ob Sie ſich wohl genug fühlen, um ihm ſeinen Thee zu geben.“— Daraus konnte ich entneh⸗ men, daß Mr. Lee fort war; ich erhob mich daher und ging zu dem Onkel hinunter. Er ſprach damals kein Wort über den Beſuch; doch erfuhr ich ſpäter, daß die Begegnung eine ſehr ſtürmiſche geweſen war. Er hatte, in⸗ dem er wegen der Aufführung ſeines Sohnes um Verzeihung bat, eine Ver⸗ mittlung zwiſchen Heinrich und dem Onkel verſucht und zugleich letzterem vorgeſtellt, daß ein fortgeſetzter Groll bloß ſeiner eigenen Geſundheit ſchade und in Wirklichkeit nicht gerechtfertigt ſei; geſchehene Dinge können nicht ungeſchehen gemacht werden(das ſei ja eben das ſchlimmſte an der Sache, meinte der Onkel) und ſo weiter. Als Hauptzweck des unverhofften Be⸗ ſuchs ſtellte ſich endlich heraus, daß Mr. Lee ſich erkundigen wollte, ob An⸗ na's Verheirathung wohl einen Einfluß üben dürfte auf den Betrag ihres künftigen Erbes; denn der Onkel hatte früher immer erklärt, daß ſeine der⸗ einſtige Hinterlaſſenſchaft zu gleichen Theilen an mich und meine Schweſter kommen ſollte.„Ich habe ihm aber rundheraus geſagt,“ theilte mir der Onkel ſpäter mit,„daß weder ſein Sohn noch deſſen Weib je einen Penny von meinem Geld erhalten werde; ſie hätten ihre Wege ſelbſt gewählt und ſollen nun zuſehen, wie ſie auch ſelbſt zurechtkommen. Mit meiner Zuſtim⸗ mung dürfe ihnen wedér während meines Lebens noch nach meinem Tod von meinen Mitteln irgend eine Unterſtützung zugehen. Ich habe nur noch ich die Te hte; allein Hand, undi gte der Ont es Blickes m Portikus! Was ſolli ne Liebe,“ geſchah, inft be berhaupt her ſeines Namen ich die Treyt ich gegen ei ind regungsle Thüre klopft Sie ſich wol nte ich entne au dem Onk ich erfuhr i Er hatte, Ä' gleich lebtee ſundheit ſcha können ri an der Salh verhofften d vollte, ob 1 Betrag t daß ſmei eine Schiu heilte mit 4 einen do t gewäßlt reiner h gmeinem Von Marie Kolb. 337 eine einzige Nichte, ein einziges Kind, meine einzige Erbin. Er verlangte dann mit dir zu ſprechen und meinte, daß dies gewiß nicht in deinem Wunſche liege; allein ich bedeutete ihm, wenn du auch ein Engel ſeieſt, ſo ſei jeden⸗ falls ich keiner, und in dieſer Angelegenheit gelte kein anderer Wille, als der meinige. Damit entließ ich ihn.“ Natürlich gab ich mir alle Mühe, dem Onkel eine andere Geſinnung beizubringen, denn was lag mir an dem Gelde? So oft ich aber auch nur entfernt dieſes Thema berührte, regte ich auf's neue ſeinen Zorn gegen ſie auf, ſo daß ich gerne auf die weitere Fürſprache verzichtete und von der Zeit hoffte, ſie werde die Sinnesmilderung herbeiführen, die meinen armen Wor⸗ ten nicht gelingen wollte. So entſchwanden der Herbſt, der Winter, der Frühling, und endlich kam der Sommer. Im Lauf dieſer Zeit hatte Doctor Norcliffe uns zweimal beſucht und bei Gelegenheit ſeiner letzten Anweſen⸗ heit in Willborough mir den Schmerz bereitet, um meine Hand zu werben. Ich ſage Schmerz, weil mein eigenes Leid mir innige Theilnahme einflößte für das ächte Gefühl eines redlichen Herzens. Es konnte ja nicht ſein— nie ſein.—„Ich verlange keine Liebe, Miß Sedley,“ ſagte er,„denn ich kenne und ſchätze Ihre Gefühle. Aber wenn Sie es je über ſich gewinnen können, freundlicher an mich zu denken— wenn Sie mir nur einen Funken von Hoffnung geben wollten, daß vielleicht die Zeit eine Veränderung in Ihrem Entſchluß hervorbringen dürfte, ſo würden Sie mich zu einem über⸗ glücklichen Mann machen.“— Ich glaube, daß ich nie die Fülle meiner Liebe zu Heinrich und die Schwere meines Verluſts ſo ſehr erkannte, als in dem Augenblick, in welchem mir dieſer Antrag gemacht wurde. Der Onkel ſprach mir zu, und Doctor Norcliffe ſtand in jeder Beziehung ſo hoch über mir, daß ich recht wohl erkannte, wie ehrenvoll für mich ſein Vertrauen war Doch ich konnte an keine Heirath mehr denken. Ich erklärte ihm dies, und er nahm es auf wie ein Mann von Gefühl und feiner Bildung. Die letzten Worte, welche er bei jener Gelegenheit zu mir ſprach, lauteten:„Miß Sed⸗ ley, wenn Sie je den Rath eines Freundes oder den Schutz eines Bruders brauchen, ſo ſpreche ich es als ein heiliges Vorrecht an, Ihnen beides zu ge⸗ währen. Darf ich die Hoffnung mitnehmen, daß Sie mir hinreichend ver⸗ trauen, um in irgend welcher Lage, in der ich Ihnen nützlich werden kann, ſich an mich zu wenden?“— Dies konnte ich aus vollem Herzen dankbar bejahen. Von Anna liefen mehrere Briefe an den Onkel ein, und einer derſelben Hausblätter. 4867. IV. Bd. 22 —jj4——— Die Schweſtern. 338 war von Heinrich's Hand überſchrieben; doch Onkel Gough warf ſie uner⸗ öffnet in's Feuer und ging nicht von der Stelle, bis jeder Fetzen des Pa⸗ piers von der Flamme verzehrt war. Mein Herz ſehnte ſich danach, biswei⸗ len Kunde von der Schweſter zu erhallen. Das ganze Jahr hindurch hatte ſich mein Denken und Träumen mit ihr und mit Heinrich beſchäftigt, und nachdem mein erſter Schmerz ſich abgeſchwächt, begann ich mich zu fragen, ob denn dieſe Entfremdung das ganze Leben über fortwähren ſolle. Er hatte ſie mehr geliebt, als mich— durfte ich mich darüber wundern, da ſie ſo viel ſchöner und anziehender war? Bisweilen dachte ich, wenn ſie nur zu mir ge⸗ kommen wären und mir bekannt hätten, daß ſie einander liebten; ich würde Heinrich die Bitte um Freilaſſung nicht abgeſchlagen haben. An einem ſchönen Tag überredete ich den Onkel, eine Ausfahrt von einigen Miles zu machen und ein kleines Eigenthum zu beſuchen, das er in einem nahen Dorf beſaß; es beſtand aus einem Stück Waideland mit eini⸗ gen Häuschen, und einer der Pächter hatte den Wunſch geäußert, der Herr möge wegen einiger Verbeſſerungen, die anzubringen ſeien, ſelbſt nachſehen. Dies war wenigſtens ein Wechſel, eine Beſchäftigung, ein Grund, um, wenn auch für noch ſo kurze Zeit, vom Haus fortzukommen. Es ängſtigte mich, daß er ſeine früheren thätigen Gewohnheiten ſo ganz aufgegeben hatte und daß er Tag für Tag träumend in ſeiner Ecke ſaß. Deßhalb ließ ich ihm keine Ruhe, bis er ſich endlich entſchloß, auch dem alten Roß wieder Bewe⸗ gung zu gönnen und in ſeinem hohen Gig von hinnen zu fahren. Seine Abweſenheit benützte ich, um in dem Städtchen einige Einkäufe für die Haushaltung zu machen. Ich war mit meiner Aufgabe faſt zu Ende und ſchon wieder auf dem Heimweg nach dem Giebelhaus begriffen, als mir ein⸗ fiel, daß mich die Köchin gebeten hatte, einige Küchenkräuter mitzubringen. Ich ging nach dem betrefſenden Laden. Jedermann weiß, wie geeignet ein bekannter Geruch iſt, um im Gehirn ſchlummernde Erinnerungen zu wecken, und die Ausdünſtungen jenes Ladens verfehlten nie, mich an jenen Markt⸗ tag zu mahnen, an welchem Anna neckiſch den würzigen Büſchel Bohnen⸗ kraut dem Onkel von hinten her unter die Naſe geſchoben und wir zum erſten⸗ mal Heinrich Lee geſehen hatten. Ach, wie lange ſchien jene Zeit hinter mir zu liegen.— Die Gemüſehändlerin gab mir, was ich verlangte; wie ich meinen Kräuterbündel in dem Armkorb unterbrachte, ſagte ſie:„Wir haben alſo jetzt Ihre Schweſter wieder unter uns, Miß Sedley.“—„Meine Schweſter?“— Ich mußte ſehr blaß geworden ſein, denn ich fühlte, daß alles Blut meinem Herzen zuſtrömte. Die Frau ſah mich mit einem Aus⸗ warf ſie un Fetzen des anach, bisw hindurch hit eſchäftigt, nich zu frag ſolle. Er hai n, da ſie ſo di nur zu mir ten; ich wün Ausfahrt de hen, das eri elland mit ei ßert, der He ſelbſt nachſehe fahren. S inkäufe für iſt zu Ender en, als mite T nitzubrin wie geeigne ungen zu we un jenen 1 güſchel Be wir zum Zeit hinte langte 1 ggir Von Marie Kolb. 339 druck von Beſtürzung an.—„Ach du meine Güte, Miß, es iſt doch nichts Unrechtes geweſen, daß ich davon geſprochen? Natürlich habe ich nicht anders geglaubt, als daß Sie es wüßten. Wollen Sie nicht einen Augenblick nie⸗ derſitzen?“—„Nein, nein, ich danke. Aber ſagen Sie mir, ſeit wann— das heißt, wie lange—.“—„Wie lange ſie ſchon hier ſind?“ half mir die Frau den Satz beendigen.„So genau weiß ich es nicht; doch muß es bald eine Woche ſein. Mein Mann hat den jungen Mr. Lee letzten Donnerstag unter Rotherwood's Thüre geſehen. Ich denke, ſie wohnen dort.“ Ich dankte ihr und eilte aus dem Laden fort. Zu Haus angelangt, ſchloß ich mich in meinem Zimmer ein und ſetzte mich, ohne Hut oder Man⸗ tille abzulegen, nieder, um zu überlegen. Mit jedem Augenblick lief ich Ge⸗ fahr, ihnen unvorbereitet zu begegnen, und ich wußte zu gut, daß man vor⸗ derhand wenigſtens nicht hoffen durfte, der Onkel werde ihnen Zutritt unter ſein Dach geſtatten. Doch glaubte ich nicht, daß er mir verbieten würde, meine Schweſter zu ſehen. Wußte er, daß ſie hier war? Schwerlich, denn es war allgemein bekannt, daß man vor ihm ihren Namen nicht erwähnen durfte. Es lag jetzt mir ob, zu erwägen, wie ich handeln ſollte. Konnte ich's über mich gewinnen, ihn als den Gatten meiner Schweſter zu ſehen? Wie empfingen ſie mich wohl, wenn ich ſie aufſuchte? Ich erwog alle die verſchie⸗ denen Seiten der Frage, ohne zu einem Entſchluß kommen zu können, bis es endlich plötzlich in meinem Innern rief:„Sie iſt deine Schweſter, iſt die mutterloſe Spielgefährtin deiner Kindheit, das einzige lebende Weſen von deinem Blut, an das du mit Liebe dich anklammern kannſt. Geh' zu ihr!“ Ich ſchenkte der Stimme meines Herzens Gehör, erhob mich und gab unge— ſäumt dem Drang meiner Gefühle Folge. Bald hatte ich das von der Ge⸗ müſehändlerin genannte Haus erreicht. Rotherwood's Geſchäftslokale be⸗ fanden ſich in dem Erdgeſchoß, und die oberen Stockwerke hatten, da der In⸗ genieur ein Wohnhaus in einem anderen Stadttheil beſaß, bisher unbenützt geſtanden. Wie ich nach den Fenſtern hinaufſah, bemerkte ich Vorhänge, ein Beweis, daß die Gelaſſe bewohnt waren. Ohne zu zögern, damit mir nicht etwa der Muth wieder entſinke, klopfte ich athemlos an die Thüre; ein klei⸗ nes Landmädchen öffnete und ſah mich mit großen runden Augen an.„Iſt — Eure Frau— zu Haus?“ Erſt in dem Augenblick der Frage fiel mir ein, daß ich jetzt von Anna als von der Mrs. Lee ſprechen mußte. Seltſame Inconſequenz! Ich, die gekommen war, um die Wunden der Vergangenheit zur Heilung zu bringen und Verſöhnung anzubieten, konnte mir nicht die 992* 340 Die Schweſtern viel kleinere Anſtrengung abgewinnen, meiner Schweſter ſeinen Namen bei⸗ zulegen.—„Ja,“ antwortete das Mädchen, die verwunderten Augen noch immer auf meinem Geſicht haften laſſend;„ſie iſt droben.“—„Ich kenne ſie, bin eine Freundin von ihr. Laßt mich hinauf.“ Ich ſchob ſie beiſeite, eilte die Treppe hinauf und öffnete die erſte Thüre. Da ſaß denn meine Schweſter Anna, ein Kindlein an der Bruſt, das ſie mit ihrer alten ſüßen Stimme in Schlummer ſang.—„Margareth!“— Sie ſtand auf und trat mir entgegen. Ein tiefes Roth übergoß ihr Antlitz und ihren Hals; es wich wieder, um einer Leichenbläſſe Platz zu machen.—„Oh Anna, Anna, laß mich dein Kind küſſen.“ Unter Schluchzen und abgebrochenen Worten hielten wir uns leiden⸗ ſchaftlich umſchlungen, das kleine Weſen zwiſchen uns. Und ſo weinten und weinten wir, bis, Gott ſei Dank, die ſtrömenden Thränen den letzten Reſt von Groll aus dem Innerſten meiner Seele fortgeſpült hatten.— Als wir ruhiger wurden und mit einander ſprechen konnten, fragte mich Anna, ob auch Onkel Gough komme und ob er von meinem Beſuch wiſſe; doch las ſie die Antwort in meinem Geſicht, noch ehe ich eine Silbe erwidert hatte, und wich mit der ſtolz aufgeworfenen Lippe, die ich ſo gut kannte, von mir zu⸗ rück.„Ah, nein— ich ſehe. Er iſt noch hart, unverſöhnlich und rachſüchtig. So müſſen wir uns eben darein finden.“—„Bst, bst, Anna; rede nicht ſo, ich kann's nicht hören. Erzähle mir von dir ſelbſt. Wie heißt dein Kind und wie alt iſt es?“—„Das arme Geſchöpflein; findeſt du es nicht recht ſchwach und hinfällig? Es iſt nur zwei Monate alt. Wir verließen den Norden, ſo⸗ bald ich zu reiſen im Stande war. Es heißt Lily.“— Ich erinnerte mich, von Heinrich gehört zu haben, der Name ſeiner Mutter ſei Lilias geweſen. Als ich meine Schweſter genauer anſah und ihr Geſicht nicht mehr die Spu⸗ ren der durch unſer Wiederſehen hervorgerufenen Aufregung zeigte, bemerkte ich, daß ſie viel von ihrer früheren Fülle verloren hatte. Doch war ſie noch ſehr lieblich unter den reichen dunklen Locken, die ihre Stirne umrahmten, und in dem ſchmächtigen Antlitz erſchienen ihre glänzenden braunen Augen⸗ größer als je. Die Wangen zeigten indeß kein Roth mehr, und um ihren Mund lagerte ein Ausdruck von Kummer und Leiden; auch bekundeten quere Linien auf ihrer ſchönen Stirne, daß dieſe häufig gefurcht geweſen.—„Kleine Lily,— arme kleine Lily, ſchöne weiße Lilie, kennſt du mich? Ich bin deine Tante Margareth; du mußt freundlich gegen mich ſein und mich lieben.“— Ich hatte das Kind in meine Arme genommen und wiegte es, bis es einge⸗ ſchlummert war. Anna hieß mich dann es auf ein Ruhebettchen niederlegen ten Namen! ihr Antlitz u nachen.— wir uns lei ſo weinten u den letzten h ten.— Als ſ mich Anna, ſſe; doch las dert hatte, un von mir; id rachſüchte rede nicht dein Kindu t recht ſchue den Norden, erinnerte n eilias gewwe mehr diee zeigte beme och war ſie „und um it ekundeten eſen.— Jch bin nich libe , bis d cen nithe Von Marie Kolb. 341 und deckte es mit Kiſſen und einem leichten Shawl zu.—„Horch!“ rief Anna, nachdem das Kind verſorgt war;„das iſt ſein Tritt. Heinrich kommt.“ Ich habe noch eine wirre Erinnerung, daß ich in meiner Seele ein haſti⸗ ges Gebet um Kraft ſprach, während die Fußtritte die Treppe heraufkamen. Dann drückte ſeine Hand auf die Klinke und er ſtand vor uns. Anna ging ihm entgegen und legte ihre Hände auf ſeine Schultern; aber ſeine Augen hatten mich bemerkkt, wie ich gleich einer Schuldbewußten zitternd daſtand. Er warf die Papiere, die er in der Hand trug, von ſich, drängte mit einem Ruf, den ich nie vergeſſen werde, ſeine Frau beiſeite, eilte auf mich zu und umſchlang mich mit ſeinen Armen. Dies geſchah ſo plötzlich, daß ich für einen Moment keiner Bewegung fähig war. Dann aber machte ich mich los, trat einen oder zwei Schritte zurück und reichte ihm meine Hand. Nun der Augenblick der Probe gek kommen war, ſtaunte ich über meine eigene Kraft.—„Verzeihen Sie mir,“ ſagte er, mit der Hand über die Stirne fahrend,„es war ſo unerwartet. Ich— ich wußte nicht, was ich that, als mir Ihr Antlitz wieder zu Geſicht kam.„Verzeihen Sie mir.“—„Ver⸗ zeihen?“ rief eine Stimme, ſo hart und ſchrill, daß ich zuſammenfuhr und darin kaum die meiner Schweſter erkannte. Sie ſtand uns gegenüber mit finſter gefurchter Stirne; ihre Augen blitzten drohend, und ich ſah, welchen mächtigen Wechſel dieſes eine Jahr in Anna's Geſicht hervorgebracht hatte. Alle Jugend war daraus verſchwunden.„Verzeihen?“ rief ſie.„Haſt du vergeſſen, daß dein Weib anweſend iſt, und reicht Margareth's Anblick aus, um die Erinnerung an die letzten zwölf Monate aus deiner Seele zu til⸗ gen?“— Heinrich ließ meine Hand fallen und wandte ſich gegen ſie.— „Nein, nein, Anna,“ antwortete er,„ich habe nicht vergeſſen, daß du mein Weib biſt.“ In dem Ton dieſer Worte lag etwas, was ihre reizbaren Ner⸗ ven aufregte und ſie in Flammen ſetzte. Das alte ungeſtüme Temperament gewann in ihr die Oberhand; ſie brach gegen uns beide in einen Strom von Vorwürfen aus, über die ich mich entſetzte.—„Sie thun am beſten, wenn Sie dazu ſchweigen,“ ſagte Heinrich, ſich gegen mich wendend.„Sie iſt rein verrückt, wenn ſie ihren Anfall hat.“— Er ſetzte ſich dann nieder und beugte den Kopf gegen ſeine Hände. Anna's laute zornige Worte hatten das Kind geweckt, das jetzt kläglich zu weinen anfing. Ich wollte es auf die Arme nehmen und beſchwichtigen; aber ſie entriß es mir und drückte es krampfhaft an ihre Bruſt. „Es gehört mir— iſt mein Kind; du ſollſt es nicht anrühren. An 342 Die Schweſtern. ſeine Liebe wenigſtens habe ich ein Recht.“ Gegen ihren Gatten gewandt, fuhr ſie fort:„Du biſt ein Schwachkopf. Meinſt du, ich ſehe nicht, daß bei Margareth's Anblick die alte Bethörung wieder über dich gekommen iſt? Ja, du biſt ein blöder Narr. Was war ihre Liebe gegen die meinige? Sie hat dich nie geliebt. Siehſt du nicht, wie ruhig ſie auch in dieſem Augenblick da⸗ ſteht? Was that ſie je, um ihre Liebe zu beweiſen? Würde ſie je Anſchläge gemacht, betrogen, gelogen haben, um dich zu gewinnen?“—„In's Him⸗ mels Namen, halt ein, Anna,“ rief Heinrich, ſich erhebend.„Kein Wort mehr, ſo lang dieſe tolle Stimmung in dir übermächtig iſt. Schone uns— ſchone dich ſelbſt.“—„Nein, ich will mich nicht ſchonen. Ich habe Ränke geſpon⸗ nen, habe betrogen, habe gelogen. Ich war falſch gegen meine Schweſter, gegen den Onkel, gegen jedermann. Es gibt nichts, was ich nicht gethan oder gewagt haben würde um deinetwillen, weil ich dich liebte und weil ich mich überzeugt fühlte, das Uebermaß meiner Liebe müſſe dich endlich ge⸗ winnen.“—„Wenn du weder auf mich, noch auf dich Rückſicht nehmen magſt, ſo bitte ich dich, wenigſtens um des Kindes willen dich zu beherrſchen,“ ſagte Heinrich. Das Ungeſtüm ihrer Leidenſchaft hatte ſich jetzt ſo erſchöpft, daß ſie in einen Sturm hyſteriſchen Geſchluchzes ausbrach und mit dem winſelnden Kind auf den Armen gegen das Sophapolſter ſank. Heinrich trat an ihre Seite und winkte mir zurück, als auch ich mich ihr nähern wollte.—„Gehen Sie jetzt, Margareth; Sie können hier nichts nützen,“ ſagte er mit ſanfter Stimme. Und in der That hatte ſich bei meinem Näherkommen Anna’'s Schluchzen verdoppelt, während ſie vor mir zurückwich:„Gehen Sie und verſuchen Sie dieſe unglückliche Scene zu vergeſſen. Gott lohne Ihnen die⸗ ſen Beſuch, Margareth, und— und—“ er ſtockte und fügte dann mit leiſe⸗ rer Stimme bei:„verlaſſen Sie uns nicht ganz. Wir haben freilich ſehr ſchlecht an Ihnen gehandelt, aber Sie gehören nicht unter diejenigen, welche nur dieſe bittere Wahrheit im Auge behalten, während wir Ihrer ſo ſehr be⸗ dürfen. Margareth, um dieſes unſchuldigen Kindleins willen— haben Sie Erbarmen mit uns und verlaſſen Sie uns nicht.“ Ich verließ das Zimmer und das Haus; aus dem dunklen Sorgen⸗ meer nahm ich nur einen einzigen klaren Gedanken mit mir fort. Er hatte mich geliebt, bis ſie ſein Herz gegen mich kehrte. Er war von ihr getäuſcht worden und ſeine Abtrünnigkeit kein Akt kalter Falſchheit geweſen.— Einige Tage ging ich mit mir zu Rathe, ob ich dem Onkel mittheilen ſollte, daß ich Anna geſehen habe. Wäre der Beſuch friedlich abgelaufen oder hätte er auch atten gevvand nicht, daß! nmen iſt? a ige? Siel Augenblickd te je Anſchlig —,In’s Hi in Wort menn uns— ſchou Ränke geſpon ine Schweſte c nicht gether t und weili wich endlich icficht nehmen ubeherrſchen, ft, daß ſie u m winſelnder trat an ilr Von Marie Kolb. 343 nur eine Hoffnung auf ein freundliches Verhältniß gegeben, ſo würde ich auf die Gefahr hin, für eine kleine Weile ſeinen Unwillen auf mich zu laden, ihm ohne Verzug die Wahrheit bekannt haben; allein ich ſchrack zurück vor dem Gedanken an die Wiederkehr ſolcher peinlichen Scenen. Ich konnte nicht ermitteln, ob er von Heinrich's Rückkehr nach Willborough Kunde hatte; doch ſchien es mir faſt eine Unmöglichkeit zu ſein, daß er nicht darum wiſſen ſollte. So entſchwand eine Woche, und ich war noch immer unſchlüſ⸗ ſig. Endlich nahm ich mir vor, auf mittelbarem Wege den Onkel zu unter⸗ richten. Ich trug Stock auf, ein Körbchen Spalierobſt, um deſſen willen der Garten des Giebelhauſes berühmt war, zu ſammeln, da ich es einer Freun⸗ din ſchicken wolle. Der alte Mann brachte das Gewünſchte, ſauber mit Traubenlaub umhüllt, nach dem Morgenzimmer, in welchem der Onkel eben die Londoner Wochenzeitung las. Der arme Stock war jetzt ſehr gebrechlich und von Rheumatismen gebeugt. Den Tod der Tante konnte er noch immer nicht verſchmerzen, denn ſeine Anhänglichkeit für die wenigen, die er in ſein Herz aufgenommen, war tief und nachhaltig. „Da bringe ich, was noch übrig iſt, Miß Margereth,“ ſagte er.„Si ſind nicht mehr wie ſonſt; doch des Herrn Wille geſchehe.“—„Ich danke Euch, Stock; ſie ſehen recht ſchön aus.“—„Ja, wenn's auf's Ausſehen an⸗ käme, ſo ſtünde es um einige von uns ſchlecht. Die Aprikoſenpflaumen da — ich kann mich noch der Zeit erinnern(das war, ehe noch ein Bill Green den Fuß in den Garten geſetzt hatte), als ſie nur eine einzige Saftmaſſe waren und aufplatzten vor Reife. Es iſt, als ſei aus allem der Wohlge⸗ ſchmack verſchwunden.“— Onkel Gough blickte über ſeiner Zeitung weg. „Ja, Stock, es kommt mir nachgerade auch ſo vor. Ich fürchte, wir beide leiden an einem Uebel, das geeignet iſt, allem den Wohlgeſchmack zu beneh⸗ men. Das Alter, Stock— das Alter. Doch auch dieſes wird kurirt,“ fügte er in ſanftem Tone bei.—„Ja wohl, Herr,“ entgegnete Stock, und in die Starrheit ſeines unbeweglichen Geſichtes, in die Eintönigkeit ſeiner Stimme kam ein Anflug von Weichheit—„ja wohl, Herr, und die Kur wird eine nachhaltige und geſegnete ſein. Hat man einmal das Thal der Schatten hinter ſich, ſo gibt es jenſeits ein freudiges Wiederſehen. Und keine Tren⸗ nung mehr— iſt dies nicht der reichſte Segen?— Keine Trennung mehr.“ —„Margareth,“ ſagte der Onkel plötzlich, nachdem der alte Mann ſich ent⸗ fernt hatte und ich das Obſt in einem hübſchen Körbchen zurechtlegte,„wer ſoll dieſe Nectarinen erhalten?“— Ich zitterte; allein ich hatte die Gelegen⸗ heit herbeigeführt und wollte ſie nicht entſchlüpfen laſſen. Indem ich alle ————— 344 Die Schweſtern. Feſtigkeit, die mir zu Gebot ſtand, zuſammenraffte, antwortete ich:„Lieber Onkel, ich hoffe, Sie werden mir nicht zürnen. Ich glaubte, nichts Unrech⸗ tes zu thun, wenn ich ſie meiner Schweſter Anna ſchicke.“ Er hielt die Zeitung ſo, daß ich ſein Geſicht nicht ſehen konnte; aber ich hörte in der tiefen Stille, die nun folgte, das Papier rauſchen und knit⸗ tern. Ich gerieth in große Angſt. Endlich erhob ſich der Onkel von ſeinem Stuhl und ging langſam nach der Thüre; doch ehe er ſie erreichte, ſtreckte er ſeine Hand aus, und ich eilte in ſeine Arme.„Gottes Segen über dich, mein Kind!“ ſagte er in ſehr weichem Tone, und ich fühlte eine Thräne auf meine Stirne niederträufeln. Seine Hand war auf der Klinke, doch zögerte er, die Thüre zu öffnen, und ohne ſich gegen mich umzuwenden oder mich anzuſehen, fügte er bei:„Ich gehe in den Garten, mein Mädchen. Es gibt dort Obſt und Blumen in einer Fülle, daß ſie verderben. Nimm, was du willſt, und thu' damit nach Belieben. Du— du mußt mir aber nichts da— von ſagen.“— So erhielt ich mittelbar die Erlaubniß, meiner Schweſter viele kleine Gaben zuzuſenden, welche angenommen wurden. Es ſtand lange an, bis ich es über mich gewinnen konnte, ſie wieder zu beſuchen; endlich aber that ich es, weil ich von einer unſerer Mägde gehört hatte, daß Lily ſehr lei⸗ dend ſei. Von nun an wurden meine Beſuche regelmäßig. Ich wählte dazu immer jene Stunden, in welchen muthmaßlich Heinrich nicht zu Hauſe war, und bekam ihn auch wirklich im Lauf von mehreren Monaten kaum ein halb⸗ dutzendmal zu Geſicht. Anna's Benehmen gegen mich war ſehr ſchwankend — oft reizbar und ſehr unverſtändig; doch kam es nie wieder zu einem ſol⸗ chen Ausbruch wie bei unſerer erſten Begegnung. Die kleine Lily ſchwand zuſehens dahin, und unſere Beſorgniß und Liebe für das arme Weſen bildete für uns beide einen gemeinſamen Boden der Sympathie. Ich hatte von Madame de Beauguet mehrere Briefe erhalten, in wel⸗ chen ſie uns ſehr erfreuliche Berichte über ſich und ihren Gatten zugehen ließ. Auch von mir wußte ſie alles, was ſich in dem Giebelhaus zugetragen, den Tod der Tante und Anna's Verheirathung. Wie man ſich denken kann, waren meine Mittheilungen gar traurige Antworten auf ihre vergnügt klin⸗ genden Epiſteln; allein ſie wünſchte auf dem Laufenden erhalten zu werden und fühlte ſich glücklich über jede Kunde, die ſie durch mich aus der alten Heimat erhielt. So ſagte ſie mir wenigſtens, und ich glaubte ihr. Anna fragte mich oft, was wir von de Beauguets wüßten. Ihr Leben in Canada und die Perſonen, mit denen ſie umgingen, ſchienen für ſie ein unerſchöpf⸗ liches Intereſſe zu haben. Allmälig machte ich auch die Entdeckung, daß ſie Von Marie Kolb. 345 eich:„Liebe Heinrich zu bereden ſuchte, England zu verlaſſen und ſein Glück auswärts nichts Unre zu verſuchen; er finde im Lande keine Ruhe und fühle ſich unglücklich, ſagte ſie; ſeine Angelegenheiten gingen nicht, wie man wünſchen möchte; Amerika konnte; ale dürfte für ſeine Talente und ſeine Arbeitskraft ein weiteres Feld bieten. chen und knit Ich glaube indeß, daß ein anderer Grund beſtimmend auf ſie wirkte; wenn kel von ſeinen er den Schauplätzen ſeiner Jugend und den Freunden, denen er in der Hei⸗ hte, ſtreckte mat anhing, entriſſen war, ſo gehörte er unbedingter und ausſchließlicher ihr ſelbſt an. Mag dem ſein, wie ihm wolle, Anna hatte ihr Herz an den Ueber⸗ ne Thräne auf ſiedelungsplan geſetzt und verfolgte ihn mit der ungeſtümen Energie ihres Charakters. Wie Heinrich darüber dachte, kann ich nicht ſagen, denn er ſprach nie mit mir über dieſen Gegenſtand; auch traf ich, wie geſagt, nur ſehr ſelten mit ihm zuſammen. Bald trat jedoch ein ſchmerzliches Ereigniß xgen über dic e, doch zögert den oder mich hen. Es git mm, was d ein, das ihn beſtimmte, dem Drängen ſeiner Frau nichts mehr entgegenzu⸗ V d 2 ber nihts d ſetzen. Der Baronet Sir Robert wohnte ſelten in der Halle; Mr. Lee hatte 6 4 e 7 9 DM 5 F.. ee ¹ ner Schweſte daher oft bedeutende Geldſummen einzuziehen und war gewiſſermaßen der er Schweſter Gutsherr, von deſſen Beſchlüſſen und Entſcheidungen keiner der Pächter zu appelliren wagte. Indeß galt er trotz der anmaßenden Pomphaftigkeit ſeines Weſens und des unbedingten Glaubens an ſeine eigene Weisheit im Gan⸗ zen als ein Mann, der den Rechten der Grundſaſſen nirgends zu nahe trat. ſs ſtand lange n; endlich aben Lilh ſehr lei weſe. dnn niſlie a Selbſt diejenigen, welche ihm nicht geneigt waren(und deren gab es, wie ich 1 Hauſe 8 mit Bedauern geſtehen muß, ziemlich viele), begnügten ſich, ihre Bemerkun⸗ num en hal gen bloß gegen ſein„hochfahriges Obenhinauswollen“ loszulaſſen.„Wenn ir ſchwanke ich Mr. Lee ſehe, muß ich immer an unſeren alten Gänſerich denken,“ ſagte wzu dnei 4 einmal Farmer Gibſon.„Schwimmt dieſer unter dem ſteinernen Brücken⸗ 1 eLil ſchwa bogen des Fluſſes weg, ſo duckt er jedesmal mit dem Kopf, juſt als ſei er 5* Weſen bildet groß und ſtark genug, um die Brücke ſammt allem mitfortzufegen, wenn er . nicht dieſe Vorſichtsmaßregel beobachte. Nun ſteht der Bogen immer gute 1 alten, in we ſechs Fuß von ihm ab, mag er den Hals ſtrecken wie er will; allein das ein⸗ 1 en zugehen i fältige Thier begreift dies nicht. Gerade ſo iſt's mit dem Verwalter. Kommt 5 ggetragen, er auf unſere Farm, ſo läßt er ſich ſo herablaſſend gegen uns an, als könnte denken 5 uns durch das Gegentheil ein Unglück zuſtoßen, während wir doch eine Meile 17 vergnügt 1 hoch über ihm ſtehen; dies ſieht er aber ebenſowenig ein, als der Gänſerich.“ ten zu wel Leider folgte auf dieſen blinden Hochmuth ein Fall, der auch andere 4 aus der dl Leute unter ſeinen Trümmern begrub. Es ſcheint, daß mein Onkel durch 8 te ihr. I Gerüchte von der Kataſtrophe unterrichtet war, noch ehe ſie zum Losbruch b gen in Camd kam. Meiſt gehen einem Unglück warnende Schatten voraus. Ich lebte in⸗ ein unerſti deß auch dem Kreis unſerer kleinen Welt ſo fern, daß die Hiobspoſt mich eckung N 346 Die Schweſtern. ganz unvorbereitet traf. Mr. Lee, der ausſchließlich auf ſein eigenes Urtheil baute und nie von Leuten Rath annahm, deren reifere Erfahrung ihm von Nutzen hätte ſein können, hatte ſein ganzes Vermögen an eine gefährliche Spekulation gerückt, die, als ſie ſich endlich als platzende Seifenblaſe erwies, ihn und viele andere um alle ihre Habe brachte. Doch dies war nicht das ſchlimmſte. Man flüſterte ſich zu, Mr. Lee habe nicht bloß ſein Eigenthum auf's Spiel geſetzt und verloren. Wäre dies allein der Fall geweſen, ſo hätte man darin wahrſcheinlich nur eine Unklugheit geſehen, um deren willen er Mitleid verdiente, obſchon im Allgemeinen die Welt gegen Leute, die ihr Geld verlieren, gar ſtreng iſt und dieſe Sünde ſchwer verzeiht; doch man behauptete, der Verwalter habe eine ſehr bedeutende Geldſumme, die er für ſeinen Herrn eingenommen und in der County⸗Bank hätte niederlegen ſol⸗ len, dieſem fremdartigen Zweck zugewendet, ohne Zweifel in der Abſicht, ſie zurückzuerſtatten, in dem allgemeinen Ruin aber ſie mit ſeinem eigenen Gelde verloren. Zuerſt erfuhr ich dieſe Nachricht durch Anna, die darüber faſt ver⸗ rückt wurde.„Oh der Schande, die er über uns, über Heinrich gebracht hat!“ rief ſie.„Schon der Verluſt ſeines eigenen Geldes wäre ein großes Unglück geweſen; aber nun haben wir noch obendrein Entehrung und Ruin.“ Ich warnte meine Schweſter, nicht ſo unvorſichtig ſich auszulaſſen, bis die Wahrheit der Sache poſitiv ermittelt ſei; aber ſie nahm dieſe Bemerkung ſehr empfindlich und fragte mich hoch herab, ob ich denn meine, der gute Name von ihres Mannes Vater ſei ihr nicht ebenſo theuer, wie mir. Kurz, ſie war in keiner Stimmung, um vernünftigen Vorſtellungen Gehör zu ſchen⸗ ken, und ich konnte nur hoffen, daß ſie in ihrer Aufregung den Umfang des Uebels durch eine Vergrößerungsbrille angeſehen habe. Als ich jedoch über die Angelegenheit mit dem Onkel ſprach, erfuhr ich zu meinem Entſetzen, daß das ſchlimmſte ſich beſtätigt habe und Mr. Lee nicht nur um ſein ganzes Vermögen gekommen ſei, ſendern fortan auch einen befleckten Namen tragen werde.„Was kann man Mr. Lee thun, Onkel?“ fragte ich.„Wird ihn Sir Robert zur Strafe ziehen? Wie mag dies gehen?“ In meiner Angſt hatte ich die ſtillſchweigend zwiſchen uns beſtehende Uebereinkunft vergeſſen, im Giebelhaus nie mehr den Namen Lee zu nennen. Dem Onkel mochte es wohl ebenſo ergangen ſein, denn er antwortete mir mit bekümmertem Ge⸗ ſicht:„Mein Mädchen, das iſt ein ſchlimmer Handel. Wie ich höre, gibt ſich ſein Sohn alle Mühe, das dem Sir Robert gehörige Geld beizuſchaffen, und wenn es ihm gelingt, ſo wird dem Vernehmen nach die Sache vertuſcht werden. Was indeß die Erſparniſſe des alten Mr. Lee betrifft, ſo ſind ſie igenes Urthe rrung ihm vo ine gefährlic nblaſe erwie war nicht de in Eigenthu U geweſen, ſe n deren willen ht; doch man me, die er füt iederlegen ſo der Abſich, ſie eigenen Geld rüber faſt der inrich gebrach äre ein großes Hehör zu ſchen n Umfang des ich jedoch üben nem Entſeben m ſein gauz Namen trag Wird 1 kaut i . YM meiner An a veraeſſ mft velge nkel mochte „m O mmertem 9 Von Marie Kolb. 347 natürlich, wie der Staub des letzten Sommers, in alle vier Windrichtungen geflogen.“— Dies war das Unglück, das in Heinrich den Entſchluß, Eng⸗ land zu verlaſſen, zur Reife brachte. Er verkaufte den Antheil, den er an dem Rotherwood'ſchen Geſchäft hatte, an den jungen Clinch, und die erlöste Summe in Verbindung mit dem, was er im letzten Jahre erſpart, reichte aus, den Kaſſenreſt, der in Sir Robert's Verwaltung geſetzt worden war, zu vergüten. Ich glaube, daß der Baronet ſich rückſichtsvoll benommen und auf Heinrich's Verſicherung hin, daß der Abmangel gedeckt werden ſolle, ein Aufbieten des Gerichts unterlaſſen hatte; allein natürlich verlor Mr. Lee den Poſten, den er ſo viele Jahre ausgefüllt, und ſtand jetzt in ſeinem hohen Alter als ein hülf⸗ und mittelloſer Mann in der Welt. Nachdem die ganze Geſchichte abgewickelt war, blieb nur noch ein geringer Betrag übrig, mit welchem Heinrich ſammt Weib und Kind nach Canada überſiedeln wollte. Er beſchloß, zuerſt nach Quebee zu gehen, in der Hoffnung, de Beauguet, jetzt ein wohlhabender Mann, dürfte in der Lage ſein, ihm zu Beſchäftigung zu verhelfen. Es war eine trübe, traurige Zeit. Ich war viel bei ihnen und leiſtete Beiſtand, wo ich konnte. Bald nachdem die Abreiſe feſtgeſetzt wor⸗ den, erklärte mir der Onkel eines Tages, daß er für acht oder zehn Tage Willborough zu verlaſſen beabſichtige. „Ich will zu Norcliffe gehen, Gretchen,“ ſagte er;„er hat mich ſchon ſo oft eingeladen, ihn zu beſuchen, habe aber bisher nie ein Herz dazu faſſen können. Du wirſt dich freier bewegen können, wenn ich für eine Weile aus dem Wege bin. Am zwanzigſten magſt du mich zurückerwarten.“— Hein⸗ rich und meine Schweſter gedachten am neunzehnten Willborough zu ver⸗ laſſen. Ehe der Onkel nach Beachington aufbrach, faſt im letzten Augen⸗ blick, gab er mir ein kleines Packet.—„Dies gehört dir, Gretchen,“ ſagte er mit angegriffener Stimme.„Ich lege dir keinerlei Zwang auf. Du kannſt damit anfangen, was du willſt; aber laß mich nie wieder davon hören.“— Nachdem er fort war, öffnete ich das Päckchen; es enthielt eine Banknote von fünfzig Pfunden. Die wenigen Tage bis zur Abreiſe meiner Schweſter gaben viel zu ſchaffen, und ſchienen im Flug dahinzueilen.— Am letzten Abend war ich mit Heinrich allein. Anna hatte uns verlaſſen, um ihr Kind zur Ruhe zu bringen, und wir ſaßen in dem kahlen Zimmer, umgeben von der Unbehaglichkeit und Verödung, welche die Vorbereitungen für eine weite Reiſe begleiten, während die Schatten des Abends raſch ſich zur Dunkelheit vertieften. Ich erfuhr jetzt zum erſtenmal, daß der alte Mr. Lee die Reiſe gleichfalls mitmachen ſollte.„Ich kann meinen armen alten 348 Die Schweſtern. Vater nicht hier laſſen und dem Verhungern preisgeben,“ ſagte Heinrich. „Mittel, um ſeinen Unterhalt zu decken, beſitze ich nicht, und ſo muß er eben ſein Loos an das unſerige knüpfen. Außerdem, was bietet ihm Willborough und ſeine Einwohnerſchaft anders noch, als peinliche Erinnerungen? Es iſt am beſten, wir gehen mit einander und verbergen unſere Schande, unſer Elend, wo wir können.“ „Ich hoffe,“ ſagte ich ſtotternd,„ich hoffe und habe das Vertrauen, daß die Reiſe zu eurem Beſten dienen wird. Es gibt hier manche, welche meinen, daß dieſes— dieſes—“—„Dieſe Schande,“ ergänzte Heinrich mit Bitterkeit.—„Dieſes Unglück nicht eben Ihre Entfernung aus Eng⸗ land nöthig macht, da Sie wenigſtens kein Vorwurf trifft.“—„So?“ ent⸗ gegnete er in einem Tone, der mir in die Seele ſchnitt.„Ja, oh ja— ich bin ein ganz tadelloſer Menſch. Margareth, glauben Sie, daß ich dieſes Leben viel länger hätte fortführen können? Es bringt mich um.“—„Hein⸗ rich!“—„Ja, es bringt mich um, und ſie auch. Wir werden nie wieder erfahren, was Glück heißt.“—„Oh Heinrich, reden Sie nicht ſo.“—„Nie, nie wieder. Doch wenigſtens die tägliche und ſtündliche Qual, die wir hier erleiden, können wir uns erleichtern. Ich bin ein Elender, daß ich Sie be⸗ trübe, Margareth,“ ſagte er, indem er aufſtand und an das Fenſter trat, „ein ſelbſtſüchtiger Elender; allein, ich ſpreche nur die Wahrheit, wenn ich ſage, daß die letzten paar Wochen mich körperlich und geiſtig aufgerieben haben. Bisweilen weiß ich gar nicht mehr, was ich thue.“ Er drückte die Hand an den Kopf.—„Ich weiß, Sie ſind nicht wohl,“ entgegnete ich, mit Mühe um Faſſung ringend,„ich habe dies ſchon ſeit einiger Zeit bemerkt. Die Reiſe und die Veränderung wird Ihnen zu Statten kommen, Ihnen und meiner armen blaſſen Lily. Heinrich, ich habe Ihnen nur noch ein Wort zu ſagen, ein Wort, aus tiefſter Seele geſprochen— ſeien Sie gut gegen Anna. Sie liebt Sie; tragen Sie Geduld mit ihr und vergeſſen Sie nicht, daß ſie fortan in der ganzen Welt niemand mehr hat, als Sie.“ —„Gott habe Erbarmen mit dem armen Weib!“ ſagte er.„Ja, Mar⸗ gareth, Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, daß ich Geduld mit ihr haben werde. Wer ſoll Geduld mit ihr tragen, wenn nicht ich? Wir müſſen einander helfen.“ Anna kam wieder. Wir blieben noch eine Weile beiſammen und plau⸗ derten mit kläglich erkünſtelter Heiterkeit. Die Rede kam auf unſere alte Lehrerin und ihren Hochzeittag; ich trug Anna viele Grüße an ſie und ſagte Heinri ſo muß er er n Willboroui erungen?( Schande, unſer das Vertrauer manche, welch ſänzte Heinrich nung aus Eng —,So?“ ent a, oh ja— ich daß ich dieſes m.“—„Hein den nie wiede tſo.—„Nie, die wir hier aß ich Sie be⸗ Fenſter trat cheit, wenn ich ig aufgerieben Er drückt d egnete ich, mi zeit bemert mmen, Ihne nur noch ei ſeien Sie g und vergeſe mit ihr hi Wir müſſ nen und h nuf unſeken ze an ſe Von Marie Kolb. 349 an ihren Gatten auf. Ehe ich das Haus verließ, begab ich mich nach dem Gemach, wo Lily in ihrer Wiege ſchlief. Ich ſchob dem Kinde ein Papierröllchen, das die Spende des Onkels enthielt, zwiſchen die winzigen Finger; darauf hatte ich geſchrieben:„Für Lily, von Tante Margareth.“ Doch am folgenden Tage brachte mir das kleine Dienſtmädchen einen Brief, den Anna für mich zurückgelaſſen hatte. Er enthielt die Banknote und die Worte:„Wenn der Onkel mich als ſeine Nichte und adoptirte Tochter anerkennen will, ſo werde ich mit Freuden ſeinen Beiſtand annehmen; aber für ein Almoſen von dir danke ich. A. L.“ Starrſinniger Geiſt, der ſo ſich ſelbſt quälen mochte! Armes, miß⸗ leitetes Geſchöpf! Breizehntes Kapitel. Die Wochen und Monate waren zu Jahren geworden, ſeit meine Schweſter und ihr Gatte England verlaſſen hatte. Anna's Leben geſtaltete ſich ſo wechſelreich und abenteuerlich, als das meine ruhig und eintönig war. Sie ſchrieb mir hin und wider; ihre Mittheilungen aber blieben ſelten und faßten ſich ſehr kurz. Mehr nnd Ausführlicheres über ſie, ſo lange ſie in Quebee verweilten, erfuhr ich durch Madame de Beauguet. Es begann je⸗ doch bald eine Reihe von Wanderungen, welche meine Schweſter und ihren Gatten mehr und mehr dem Geſichtskreiſe unſerer alten Freundin entrückten. Zu meinem Leidweſen mußteich vernehmen, daß ſie nicht vorwärts kamen. Es lag jetzt eine ſchwere Laſt auf Heinrich's Schultern, und ſeine Geſundheit war nichts weniger als gut. Die arme kleine Lily überlebte den erſten canadiſchen Winter nicht. Anna gebar noch drei Kinder, die jedoch, das jüngſte ausgenom⸗ men, in den erſten Monaten ihres Lebens wieder hinſtarben. Den über⸗ lebenden Knaben pflegten und hätſchelten die Eltern mit der größten Angſt und Sorgfalt. Madame de Beauguet ſchrieb mir, die zitterige Furcht An⸗ na's, daß auch dieſer letzte Sprößling ihr entriſſen werden könnte, ſei ein Anblick zum Erbarmen. Der alte Mr. Lee war geiſtesſchwach geworden und mußte gepflegt werden wie ein Kind. Alle dieſe hülfloſen Weſen hatten nur in Heinrich ihre Stütze. Mein Herz blutete für ſie, und es wollte mir oft unerträglich werden, daß ich in dem Giebelhaus von allen Bequemlich⸗ keiten einer ſorgenfreien Heimat umgeben ſein ſollte, während ſie in einem fremden Lande mit Armuth und Elend kämpften. Der Troſt, ihnen hülf⸗ 350 Die Schweſtern. reiche Handreichung zu thun, ſollte mir nicht zu gute kommen. Der Onkel gab mir zwar von Zeit zu Zeit Geldſummen, mit welchen ich nach Belieben ſchalten durfte, und da ſie mir ordnungsmäßig zufloſſen, wenn irgend ſchlimme Nachrichten von Canada eingelaufen waren, ſo nahm ich keinen Anſtand, ſie meiner Schweſter zu ſchicken; doch ſchien das Unglück und die Armuth ihren ſtolzen Sinn nicht gebrochen, ſondern eher geſteigert zu haben. Meine Spenden wurden mir mit der kalten Verſicherung zurückgeſchickt, daß man ihrer nicht bedürfe. Ich konnte daher nichts Anderes thun, als daß ich das Geld Madame de Beauguet ſandte und ſie bat, es als von ihr ſelbſt kommend, im Intereſſe der Lee'ſchen Familie zu verwenden, wenn dieſe in irgend einer ſchweren Bedrängniß ſich befinde. Die Zeit hatte es ſehr gut mit mir gemeint. Ich glaube, ich war in gewiſſer Beziehung älter, als ich den Jahren nach hätte ſein ſollen. Wenn ich einmal jugendliche Lebhaftigkeit beſeſſen, ſo hatte das große Leid meines Lebens gehörig ernüchternd auf mich gewirkt; aber, obſchon ich vielleicht dem Aeußeren nach zu geſetzt und zu ruhig für mein Alter war, ſo fehlte es mir doch nie an innerem Frieden und einem heiteren Sinn. Der geheime Grund davon lag wohl in dem Bewußtſein, daß ich meinem Onkel theuer und nützlich war, möglicherweiſe aber auch noch anderen nützlich werden konnte. Ach, Lucie, du wirſt nie ganz unglücklich ſein, ſo lange dir nur noch ein einziges Weſen geblieben iſt, das deine Liebe zu ſchätzen weiß. D'rum, mein Kind, liebe, ſo lange du lieben kannſt— liebe ohne Rückhalt und in reichem Maße; es wird dir tauſendfältig vergolten werden. Doctor Norecliffe war ein häufiger und willkommener Gaſt in dem Giebelhauſe. Der Onkel ſchöpfte viel Troſt und Vergnügen aus ſeiner Geſellſchaft; für mich aber war er, was er verſprochen Bruder. Nur einmal noch hatte er ſeinen Antrag erneuert; allein der Ernſt, mit welchem ich denſelben aufnahm, überzeugte ihn von der Hoffnungsloſig— keit jeder weiteren Werbung, weßhalb er denn auch aus freien Stücken mir verſprach, nie wieder auf dieſes Thema zurückzukommen. Dieſe Zuſage hielt er auf's gewiſſenhafteſte.„Es würde eine zu große Lücke ſchaffen in meinem Herzen, wenn ich Ihre Freundſchaft verlieren müßte, Margareth,“ ſagte er.„Ich darf Sie doch Magareth nennen? Ich bin ſo viele, viele ein Freund und Jahre älter als Sie, mein Kind, und vermöchte es nicht zu ertragen, wenn in unſerem Verkehr ein Zwang oder eine peinliche Beengung beſtünde. Seien Sie verſichert, daß Sie von mir nie mehr durch ein Wort oder einen n. Der Omt nach Belie wenn irge nahm ich kein Unglück und ateigert zu haben ückgeſchickt de es thun, als dae ls von ihr ſell —, wenn dieſei ſollen. Wenn oße Leid meine ſich vielleicht der oo fehlte es ni Der geheim n Onkel theuel nützlich werde ge dir nur no weiß. Drun Rückhalt undi r Gaſt in de gen aus ſein ein Freund u allein der Em in ſo viele, ertragen, doſt gung beſt gort odel Von Marie Kolb. 351 Blick unangenehm berührt werden ſollen. Weg mit allen dieſen Dingen — begraben wir ſie im todten Meere, denn dies iſt ja, glaube ich, der Platz, nach dem man alle unruhigen Geiſter bannt. Der meinige wenigſtens, ſoll Sie nicht mehr beläſtigen.“ Wie geſagt, er hielt treulich an ſeinem Wort. Da er in unſere Familiengeſchichte genau eingeweiht war, ſo pflegte der Onkel in vielen Punkten ſich bei ihm Raths zu erholen. Obſchon er noch immer in der Nähe von Beachington wohnte, hielt er ſich doch viel bei uns auf. Der Onkel meinte, das Giebelhaus habe hinreichend Raum für drei, und es ſei ein Werk der Barmherzigkeit, wenn er ſo oft wie möglich komme und uns aufheitere. Die Geſchichte eines Tages in unſerem Leben, war, in Anbetracht der äußerlichen Einzelheiten, ſo ziemlich die aller anderen. Die Jahreszeiten gingen in einander über und bedingten jeweilig, daß wir den Herd mit dem Garten vertauſchten; doch aufregende Ereigniſſe kamen nicht vor, die den ruhigen Kreislauf unſeres Alltagslebens geſtört hätten. An einem ſchönen Junitage ſaßen der Onkel, Doctor Norcliffe und ich draußen auf dem Heu⸗ feld. Eine mächtige Ulme breitete über uns ihr friſches Dach aus; es lag eine einſchläfernte Lieblichkeit in der Luft, und niemand fühlte ſich in dem friedlichen Baumſchatten zum Reden geneigt. Der Onkel, der in ſeinem Gartenſtuhl ſaß, war eingenickt, und Doctor Norcliffe, der im Graſe lag, ſchaute in die Tiefen des Laubwerks über uns. Auf einmal richtete er ſein Auge auf mich und fragte mit leiſer Stimme:„Welches Datum haben Sie mir als das des letzten Briefes aus Canada genannt?“—„Den drit⸗ ten April. Es wäre Zeit, daß wir wieder etwas von dorther hörten.“— „Der Brief war von Madame de Beauguet?“—„Ja; von Anna habe ich lange keinen mehr erhalten. Sie ſind immer auf dem Zuge, und die letzten Berichte kamen aus einem wilden, nur halb coloniſirten Bezirke. Es iſt auffallend, daß Heinrich nirgends eine ruhige Stätte finden kann.“—„Ja; und Sie kennen das Sprichwort— ein rollender Stein ſetzt kein Moos an.“ —„Aber warum dies? Es muß ſehr hart für ihn ſein.“—„Margareth,“ entgegnete der Doctor nach einer Pauſe,„es iſt freilich hart, nimmt mich aber nicht wunder. Ihrem Schwager fehlt es bei all' ſeinem Talent und ſeiner Arbeitsluſt an der phyſiſchen und geiſtigen Thatkraft, die unerläßlich iſt, um es in dem Land, nach welchem er gezogen, zu etwas zu bringen. Er wird kämpfen, aber ohne Hoffnung, und dies iſt nicht der Weg, um zu ſiegen. Als ich ihn das letztemal in den Straßen von Willborough ſah, erſchien er 352 Die Schweſtern. mir als ein gebrochener Mann. Der Muth iſt ihm benommen. Ich erkannte dies aus ſeinem Gange, der Haltung ſeines Kopfes, dem Ausdruck ſeinen Augen. Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen weh thue; aber Sie ſetzen Ver trauen in mich, und ich kann Ihnen die Wahrheit nicht vorenthalten.“ „Ich weiß, daß Sie nichts ſprechen, was nicht wahr und gut iſt,“ antwor tete ich;„aber ich kann mich der Thränen nicht erwehren, wenn ich an— an— Anna und das Kind denke. Es iſt ſo ſchrecklich, daß ich ihnen nicht helfen kann. Wenn nur der Onkel verzeihend ſeine Hand ausſtrecken wollte! Von ihm würde Anna Beiſtand annehmen. Können Sie ihm nicht zureden, Doctor?“—„Der Himmel kennt meine Bereitwilligkeit, für Ihre Schwe ſter alles zu thun, was in meinen Kräften liegt, Margareth; aber ſehen Sie nicht, um wie viel ſchwerer es jetzt gegen früher iſt, Mr. Gough zu ihren Gunſten umzuſtimmen? Er glaubt natürlich, die Summen, die er Ihnen gegeben, ſeien zu Anna's Beſtem verwendet worden: glauben Sie, es dürfte ſeinen Sinn gegen ſie mildern, wenn er erfährt, ſie ſeien ſtarrköpfig und und verſöhnlich zurückgewieſen worden, weil ſie durch Ihre Hand gegangen ſind?“ — Ich wußte darauf nichts zu erwidern.—„Indeß will ich verſuchen, was ich kann“, fuhr der Doctor fort.„Ich begreife übrigens vollkommen den Grund, warum Ihre Fürbitten für die Schweſter, obſchon in allen anderen Dingen Ihr Einfluß bei ihm das größte Gewicht hat, ihn nicht bewegen, ihr zu vergeben.“—„ Mirklich 2 Warum?“— Er ſah mich einen Moment in eigenthümlicher Weiſe an und erwiderte dann:„Weil Sie es ſind, an welcher ſie das ſcwerſtr Unrecht übte, Margareth.“ Der Onkel erwachte jetzt aus ſeinem kurzen Schlummer, und es wurde damals nicht weiter über die Sache geſprochen; doch war dies nur die erſte von vielen ähnlichen Unterhaltungen, die zwiſchen mir und dem Doctor vorfielen. Norcliffe benützte ſeinen Einfluß auf den Onkel in Anna's Intereſſe, ohne daß es ihm übrigens gelungen wäre, einen thätigen Schritt der Verſöhnung herbeizuführen. Nur ſoviel gewann er endlich über ihn, daß er ihm halb das Verſprechen entlockte, ſein Teſtament noch einmal in Erwä gung zu ziehen. Der Onkel hatte nämlich im erſten Zorne auf Anna und ihren Gatten die urſprüngliche Verfügung über ſein Vermögen völlig abge ändert und, wie er dem alten Lee geſagt, ſeine ganze Habe mir vermacht Norcliffe war es gelungen, wenigſtens ſo viel von ihm zu erwirken, daß er verſprach, er wolle darauf denken, daß auch Anna's Kind etwas zufalle; ſie ſelbſt aber, oder ihr Gatte, ſollte von ihm nicht einen Farthing erhalten b b b en. Ich erken Ausdruck ſt Sie ſetzen! orenthalten.“ aut iſt,“ antn „wenn ich an iß ich ihnen n löſtrecken wol jm nicht zurod für Ihre Sch z; aber ſehen Gough zu i ten, die er Ih en Sie, es düt errküöpfig und gegangen ſind h verſuchen, it vollkommen d in allen anden nnicht bewen c einen Mon Sie es ſind lummer, und och war dies! zen mir und Onkel in W tbe mir e erwirken twas zulo jarthing 4 Von Marie Kolb. 353 Der Sommer und der Herbſt jenes Jahres entſchwand, ohne daß ich on Anna einen Brief erhielt. Unſere alte Lehrerin ſchrieb noch mit der bekannten, lieben, alten Treue, die in ihrem Weſen lag, doch konnte ſie nur dwürftige Auskunft über die Lee's geben. Zwei traurige Thatſachen ſeien ihr indeß klar, ſagte ſie— daß ſie mit Armuth zu ringen hätten und daß Hein⸗ rich's Geſundheit unter dem ſcharfen Hauch des rauhen Klima's leide. Der Onkel ſprach mit Norcliffe öfter von der Abſicht, ſein Teſtament zu ändern; er wolle ſein Haus beſtellen, ehe er abberufen würde. Wie das Jahr voran⸗ ſchritt, wurde er ruhiger und ſchweigſamer— trauriger konnte man es nicht nennen. Sein ſtets freundliches Weſen nahm nachgerade eine Weichheit an, wie ich ſie nie an ihm gekannt hatte. Er konnte ſtundenweis daſitzen, ohne zu ſprechen oder etwas zu leſen, wobei er mit einer Miene vor ſich hin ſchaute, els betrachte er irgend etwas weit, weit Abgelegenes. Am Chriſtfeſte waren wir mit einander in der Kirche geweſen; es herrſchte eine Grimmkälte, und tals wir nach Hauſe kamen, hatte ich Mühe, ihn zu erwärmen. Ich bereitete ühm nach dem Diner, wie es die Tante zu thun gepflegt, etwas Glühwein, und wir lauſchten in dem von dem Kaminfeuer erhellten Zimmer auf das Geläute der Abendglocken.—„Frieden— guter Wille,“ murmelte er vor ſich hin.„Frieden— guter Wille. Wie deutlich ſagen dies die Glocken, Gretchen.“— Es war mir, als ſeien dieſe Worte nicht ſeine eigenen, ſon⸗ wern ihm in den Mund gelegt; deßhalb ſtand ich auf, umarmte ihn und ſagte:„Oh liebſter Onkel, verzeihen Sie ihr— verzeihen Sie ihr!“— Er drängte mich nach einer Weile ſanft zurück, ohne mir eine Antwort zu geben; als wir uns aber für die Nacht trennten, küßte und ſegnete er mich feierlich. Die letzten Worte, die er zu mir ſprach, lauteten;„Selig ſind die Fried⸗ fertigen.— Ich will's verſuchen, Gretchen; ich will's verſuchen.“ Das ſchwache Flackern eines Kerzenlichtes in der trüben Dämmerung ines Wintermorgens war das Erſte, was meinem Aug' begegnete, als ich um anderen Tage erwachte, und das Geſicht einer Weibsperſon, welche die Kerze in zitternder Hand hielt, brachte mit einemmale mich zu hellem Be⸗ wußtſein.—„Eſther, was gibt es?“—„Miß Margareth, der Meiſter!“ —„Iſt mein Onkel unwohl?“—„Oh, Miß Margareth, ich fürchte—“ — Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich ſein Zimmer erreichte. Wirr ſchwebt mir noch vor, daß mir jemand einen Mantel über die Schultern ge⸗ worfen hatte und daß der gedielte Boden ſchneidend kalt auf meine bloßen Füße wirkte. Ich hatte kaum einen Schritt über die Schwelle von des Hausblätter. 1867. IV. Bd. 23 ———— i 354 Die Schweſtern. Onkels Schlafgemach gethan, als eine kräftige Hand mich am Arme feſthielt und Mr. Dixon's Stimme in mein Ohr klang.—„Nur einen Augenblick, meine liebe Miß Sedley. Gedulden Sie ſich einen Augenblick, um Kraft zu ſammeln.“—„Mr. Dixon, laſſen Sie mich zu ihm. Er iſt krank und braucht mich. Sie müſſen mich nicht von ihm zurückhalten.“—„Glauben Sie mir, meine liebe Miß Sedley, ich würde es nicht thun, wenn Ihre Ge⸗ genwart ihm von Nutzen oder Troſt ſein könnte. Aber faſſen Sie ſich, ich bitte Sie— er—.“— Ich riß mich los von ihm und ſtürzte auf das Bette zu. Oh mein tbeurer Pfleger und Wohlthäter! Kein leidenſchaftlicher Ton der Stimme, welcher er ſo oft Gehör geſchenkt— keine liebende Berührung der Haud, die er ſo oft in der ſeinigen gehalten, konnte ihm jetzt eine Be⸗ wegung entlocken. Todt! todt! Ich war nicht ſtützelos in jener ſchweren Stunde. Unſer alter Doctor benahm ſich ſehr theilnehmend, und Norcliffe kam alsbald auf die Nachricht, die ich ihm durch einen Eilboten zugehen ließ. Beide Aerzte ſtimmten in der Anſicht überein, die unmittelbare Urſache des Todes habe in einer Affektion des Herzens gelegen, und mein Onkel müſſe friedlich und ſchmerzlos geſtor⸗ ben ſein. Er ſei im Schlaf dahingegangen, meinten ſie, denn er hatte, als man am Morgen ihn kalt und entſeelt gefunden, ganz ruhig auf dem nichtzer⸗ wühlten Kiſſen gelegen. Mit Ausnahme einiger Legate an die Dienſtboten hatte er in ſeinem Teſtament ſeine ganze Hinterlaſſenſchaft mir vermacht. 8 —, Ich weiß,“ ſagte ich zu Norcliffe,„daß er noch eine Verfügung trefſen wollte zu Gunſten Anna's und ihres Knaben. Es iſt mir eine troſtvolle Erinnerung, daß ſeine letzten Worte an mich einen gemilderten Sinn gegen meine Schweſter kundthaten.“—„Ich glaube ſelbſt auch, Margareth, daß er eine wohlwollende Abſicht hatte,“ verſetzte Norcliffe;„aber die Aenderung iſt nicht vollzogen worden. Was immer von dem Geld Ihres Onkels an Mrs. Lee kommen ſoll, muß ihr durch Ihre Hand zugehen.“—„Ich will mich nur als die Verwalterin anſehen,“ entgegnete ich; und es wurde nicht weiter über die Sache geſprochen. Vierzehntes Kapitel. „Es will jemand zu Ihnen, Miß Margareth,“ ſagte einige Tage ſpäter Eſther zu mir, als ich ſehr traurig und im Vollgefühl meiner einſamen Stellung in dem alten Morgenzimmer ſaß. Das Kaminfeuer war zu einer n Arme feſtt nen Augentt blick, um K er iſt krank ¹—„Glan wenn Ihre ſſen Sie ſic te auf das d iſchaftlicher! ende Berühn zm jetzt eine! ſer alter du uf die Nachri ſtimmten in n n einer Affch hmerzlos geſ nn er hatte, ꝛuf dem nicht die Dienſtbe ft mir verm gerfügung ti ir eine troſt erten Sinn Margareth er die Aende 28 Onke i inige ² 34 meiner di euer wali Von Marie Kolb. 355 trübrothen Glut zuſammengeſunken, und draußen deckten bleigraue Wolken den Himmel; außer dem Haus Winter, und innen der Schmerz. Erſt geſtern hatte man den Herren fortgetragen, der nicht wieder kommen ſollte. Er hatte das letztemal jene Schwelle überſchritten und die unvermeidliche Reiſe angetreten, welche die Zurückbleibenden ſo troſtlos macht. Norcliffe wohnte in dem Haus des Doctors Dixon und beide hatten ſich entfernt, um mich für den Reſt des Abends allein zu laſſen. Ich ſaß, wie geſagt, einſam und voll Trauer vor dem niedergebrannten Kaminfeuer, als mich die Meldung Eſther's aus meinem ſchwermüthigen Traume weckte:„Es will jemand zu Ihnen, Miß Margareth.“—„Zu mir? Wer?“—„Es wurde zuerſt nach dem Meiſter gefragt, Miß,“ verſetzte Eſther, die Schürze nach ihren Augen führend,„und ich ſagte, daß— daß— niemand da ſei, als Sie.“ Die Un⸗ ſicherheit in ihrer ſonſt ſo abgemeſſenen Redeweiſe erweckte meine Aufmerk⸗ ſamkeit, trotzdem daß ich von dem vielen Weinen ſehr abgeſtumpft worden war.—„Wer iſt es, Eſther?“—„Oh, Miß Margareth, ich bitte, wollen Sie nicht in das Speiſezimmer kommen? Ich konnte es nicht über mich gewinnen, es ihr zu ſagen. Ach, kommen Sie— kommen Sie doch.“— Ich ſtand auf und folgte ihr mit einem Gefühl, als drehe ſich alles mit mir im Ringe. In dem Speiſezimmer brannte kein Feuer, und die Luft ſchlug mir kalt und dumpf entgegen. Einige entlaubte, mit Reif beſchlagene Zweige klopften vom Garten her gleich Elfenfingern an die Fenſterſcheiben. Eine in tieſſe Trauer gekleidete weibliche Geſtalt ſaß an dem Ende des Gemachs in dem Lehnſtuhl— des Onkels Lehnſtuhl. Bei meinem Eintritt erhob ſie ſich.„Ich wünſche meinen Onkel zu ſehen,“ ſagte ſie.—„Anna!“— Sie ſtreckte, als ich auf ſie zuſtürzte, die eine Hand aus, um mich zurückzuhalten, und jetzt bemerkte ich, daß ſie auf dem andern Arm ein in einen Shawl ge⸗ hülltes, ſchlafendes Kind trug.„Ich will meinen Onkel ſehen. Willſt du mich etwa nicht zu ihm laſſen?“—„O, Anna, Anna, um deiner ſelbſt willen ſprich nicht ſo hart. Meine arme Schweſter— zu ſpät, zu ſpät!“— Sie wankte, und Eſther, die mit mir in das Zimmer gekommen war, that einen Schritt vorwärts, als wolle ſie ihr das Kind abnehmen. Anna aber drückte den Kleinen feſter an ihre Bruſt und ſuchte eine Stütze an dem Stuhl hinter ihr.—„Zu ſpät! Was ſoll dies heißen?“ Ihre Stimme klang ſo dumpf und ſchwach, daß ich die Worte kaum verſtehen konnte.—„Anna, er iſt todt. Geſtern wurde er begraben.“ Sie ſank in den Lehnſtuhl zurück; das Kind entglitt dem erſchlafften 23*† —— — 356 Die Schweſtern. Arm und rpollte ihr in den Schooß; Eſther aber nahm den Kleinen, der noch immer halb ſchlief, auf und legte ihn auf das Sopha, während ich mich mit Anna beſchäftigte, die ohnmächtig geworden war. Unter dem Beiſtand der anderen Dienſtmädchen, die ich herbeirief, brachte ich ſie allmälig wieder zum Bewußtſein und ließ ſie nach meinem Gemach tragen, wo man ſie ent⸗ kleidete und auf das Bett niederlegte. Sie ließ alles mit ſich anfangen, ohne ein Wort der Widerrede; ihr eingefallenes Geſicht war ſtarr und unbeweg⸗ lich. Nach einer Weile ſchickte ich die Dienſtboten fort und blieb ſtumm an dem Bette ſitzen. Von der beſchatteten Lampe aus fiel ein mattes Licht auf ihr Antlitz, und während ich dasſelbe betrachtete, war es mir, als rolle von der Vergangenheit ein Vorhang weg; es vergegenwärtigte ſich mir jene mond⸗ helle Nacht, in welcher ich hier in dem nämlichen Zimmer Anna von dem Glück meiner Liebe erzählte. Aber wie ſehr hatte ſich dieſes arme Geſicht verändert— blaß, hager, welk, wie verſchieden von den lieblichen Zügen, dem hübſchen Lockenkopf, der hier auf dem Kiſſen gelegen!— Ich warf einen Blick nach dem ſchwarzen Anzug, der neben dem Bette lag, und las darin die ganze Geſchichte ihrer Rückkehr. Während ich ſo daſaß und das Geſicht meiner Schweſter betrachtete, thaten ſich die großen dunklen Augen auf und ſahen mich an.—„Ich bin ſehr krank geweſen, Margareth— an den Pforten des Todes. Daher rührt meine Schwäche. Oh, ich habe ſchwer gelitten, körperlich und geiſtig.“— Sie folgte meinem Blick nach dem ſchwarzen Gewand, das neben dem Bette lag.„Ja,“ fuhr ſie langſam und mit tonloſer Stimme fort,„ich habe ihn verloren und bin verlaſſen zurückgekehrt in die Heimat mit meinem vater⸗ loſen Knaben. Wäre es nicht um des Kindes willen, ſo würde ich beten, daß dieſe Stunde meine letzte ſein möchte. Du glaubſt, ich ſpreche ruhig, während du weinſt. Wie beneide ich dich um dieſe Thränen; ich glaube, die meinigen ſind verſiegt.“— Sie ſchloß die Augen wieder und lag geraume Zeit ſtumm da; dann bewegte ſie die Lippen, und ich hörte ſie flüſtern: „Margareth, neige dein Geſicht zu mir nieder.“— Ich beugte mich über ſie hin und berührte ihre Wange mit der meinigen. Vielleicht tauchte in ihrem Geiſt dieſelbe Erinnerung auf, welche eine Weile früher mich beſchäftigte, denn ſie ſchlang plötzlich ihre Arme um meinen Hals, verbarg ihr Geſicht an meiner Bruſt und brach in ein lang anhaltendes Schluchzen aus. Ich ließ ſie weinen, hielt ſie in meinen Armen feſt und ſprach kein Wort, bis der Anfall ſich erſchöpft hatte. Die Thränen ſchafften ihrem Herzen Erleichte⸗ n Kleinen,d ährend ich mi dem Beiſtar lllmälig wiede vo man ſie en anfangen, oh rund unbeweg blieb ſtumm a nattes Licht au —, als rolle vo mir jene mond Anna von den s arme Geſich eblichen Zügen Ich warf einen und las darin ſer betrachtete —„Ich bi Daher rühte nd geiſtig— eben dem Bett ſich habe ihr meinem vatet ürde ich beten ſpreche ruhid ih glaube⸗ nd lag geraul te ſie flüſten e mich übe ruchte in ihre ch beſchäftl rg ihr Gſt zen aul- Wort, bi⸗ nzen Gilit Von Marie Kolb. 357 rung; ſie lag endlich da, ſchwach, aber ruhig, und hielt meine Hand in der ihrigen. Bis ſpät in die Nacht hinein blieb ich an ihrem Bette ſitzen und hörte ihre Geſchichte an, die ſie ſtoßweiſe und mit gebrochener Stimme mir erzählte. „Nein, laß mich ſprechen,“ ſagte ſie, als ich im Hinblick auf ihre Schwäche ſie bat, ſie möge verſuchen, ob ſie nicht ſchlafen könne;„ich kann nicht ruhen, bis ich dir mein ganzes Elend mitgetheilt habe. Du weißt, daß wir mit Armuth kämpfen mußten, haſt aber keinen Begriff, wie arm wir waren. Was wir auch anfingen, nichts wollte gelingen. Heinrich rang und litt wie ein Mann; aber ich weiß jetzt und wußte es ſchon damals, daß er fühlte, es ſei alles vergebens. So lange wir in der Nähe der Madame de Beauguet und ihres guten Gatten blieben, ging es nicht ſo ſchlimm; ſie halfen uns auf hunderterlei Weiſe. Als meine arme Lily krank lag, Mar⸗ gareth, hätte ich ohne unſere alte Lehrerin die erforderliche Pflege unmög⸗ lich beſchicken können. Ich weiß,“ fügte ſie haſtig bei,„was mir dein Geſicht ſagt, aber ich konnte damals kein Geld von dir annehmen. Mein Herz war gegen dich verhärtet, Margareth, weil ich wußte, wie viel beſſer du warſt, als ich, und weil er auch das Gleiche fühlen mußte. Jedes Liebeswerk von dir verwundete mich in tiefſter Seele; denn ich dachte in meinem eiferſüch⸗ tigen Herzen, Heinrich werde dich darum mehr lieben.“—„Oh Schweſter!“ „Ja, ſo ſah es in meinem Innern aus— es iſt die Wahrheit. Ich war arm, leidend, erſchöpft, ſtand aber gleichwohl früh auf und ging ſpät zu Bett, und arbeitete mit fieberiſchem Eifer, um mit meiner ſchwachen Kraft meinen Beitrag zu leiſten zu der Nothdurft des Lebens. Ich pflegte den alten Mann, den Vater meines Gatten, bis zu ſeinem Tode. Ich ſah meine Kindlein, die geboren worden waren, unter Elend und Jammer hinwelken und ſterben; aber mein ſchlimmer ſtolzer Geiſt wollte nicht nachgeben.“ Während ſie ſo ſprach, leuchtete ein Funken des alten Feuers aus ihren Augen.„Ich hätte dies alles und noch mehr ohne Murren ertragen können, wenn nur er mir erhalten geblieben wäre; allein da ich mich nicht beugen wollte, ſo ward ich zerbrochen, in den Staub getreten durch den einzigen Schlag, der mich gänz⸗ lich zu überwältigen im Stande war. Wir befanden uns an einem wilden, halbbarbariſchen Platz, ohne einen Penny. Damals, Margareth, als er nie⸗ dergeworfen wurde in ſeiner Jugend und auf dem Krankenbett lag— da⸗ mals erſt fühlte ich mich gedemüthigt, und Furcht erfüllte meine Seele. Ich hätte vor dir auf die Kniee niederfallen können, um dich zu bitten, ihm nur —— 358 Die Schweſtern. einiges zu reichen, was er zu ſeiner Erleichterung bedurfte. Wir waren hunderte von Miles weg von den einzigen Freunden, die auf jenem unge heuren Kontinent Antheil an uns nahmen. In meiner Verzweiflung ſchrieb ich an Madame de Beauguet, und bat ſie um Hülfe. Das wohlwollende Weſen kam ſelbſt zu mir.“—„Gott ſegne ſie dafür!“ „Amen! Gott lohne ihr's! Ja, ſie machte jene ſchrecklich weite Reiſe allein, reiste Tag und Nacht, um bald zu uns zu kommen. Heinrich lebte neu auf, als er ſie ſah; aber es war nur das letzte Aufflackern. Er hatte es gern, wenn man ihm unſern Knaben, unſer einziges noch am Leben befind⸗ liches Kind, auf das Bette gab, und er konnte dann ſtundenlang die kleinen Händchen in der ſeinigen halten und das kluge Geſicht des Knaben betrach⸗ ten. Der kleine Menſch, der kaum zwei Jahre alt war, blieb ſtill neben dem Vater ſitzen, an den er ſich anſchmiegte. Wollte ich ihn wegnehmen, ſo ſträubte er ſich und ſchluchzte ſo kläglich, daß wir es nicht wagten, ihn fortzuſchaffen; oft und oft haben wir gewartet, bis er eingeſchlafen war, um ihn nach ſeinem Bettchen zu bringen. Einmal war ich vor Erſchöpfung in einen unruhigen Schlummer verſunken und lag zu den Füßen von meines Mannes Bette ausgeſtreckt auf dem Boden, als ich mitten in ſtiller Nacht geweckt wurde, weil ich mit lauter, klarer Stimme deinen Namen nennen hörte. Ich fuhr auf und ſah, daß Heinrich's Blicke angelegentlich auf die Thüre geheftet waren.„Kommſt du?“ ſagte er mit einem Lächeln.„Ich wußte, daß du kommen würdeſt!“ Margareth, bei dem rächenden Gott, ich glaube, der Seelenſchmerz, welchen ich in jenem Augenblick erduldet, könnte Sühne leiſten ſelbſt für das ſchwere Unrecht, das ich an dir verübt habe.„Oh mein Heinrich,“ rief ich außer mir, indem ich ſeine abgezehrte Hand faßte, „kennſt du mich nicht? Sprich mit mir, mein Gatte, oder das Herz bricht mir.“ Sein Blick blieb unverwandt an der Thüre haften; doch drückte er leicht meine Hand und flüſterte:„Sieh' dort, Margareth!“ So ſtarb er.— Daß der Schmerz nicht tödtet, dafür bin ich ein lebender Beweis. Sechs Wochen lag ich an einem Gehirnfieber darnieder, in dem ich fortwährend delirirte und niemand von meiner Umgebung erkannte. Unſere gütige Freundin wartete mir ab, nahm ſich meines Knaben an, nährte uns, kleidete uns und nahm uns, als ich transportirt werden konnte, nach ihrem Haus in der Nähe von Quebeck. Dazu drang ſie in mich, daß ich zurückkehren, mich dem Onkel zu Füßen werfen und ihn um Verzeihung und Verſöhnung anflehen ſolle. Sie ſprach offen und feſt mit mir, legte die Sonde an mein Wir wu f jenem ung eiflung ſchre wohlwollen ich weit R Heinrich lebt n. Er hatte Leben befind ang die kleinen naben betrach ſtill neben den nen, ſo ſträubt fortzuſchaffen ion nach ſeinen inen unruhigen Mannes Bette geweckt wurde, grte. Ich fuht chüre gehefte wußte, daß d ch glaube, de könnte Sühn t habe. ‧ te Hand jaßte erzbricht mit och drückte 5o ſtarb ei⸗ geweis⸗ Sel h fottwähte Von Marie Kolb. 359 Herz und zeigte mir unverhohlen, was für eine Elende ich geweſen, ſelbſt als ich mir am meiſten auf meine Kraft eingebildet. Sie ſagte mir, es ſei eine Pflicht gegen meinen heimgegangenen Heinrich, ſeinen Knaben der liebe⸗ vollen Sorge derjenigen zu vertrauen, die etwas für ihn thun können. Ihr Rath überwand den letzten Reſt thörichten Stolzes in meinem gebrochenen Herzen, und ich kam. Wenn ich nur den Onkel noch einmal hätte ſehen, wenn ich ihm nur hätte zu wiſſen thun können, wie ſehr ich mich nach ſeiner Verzeihung, nach ſeiner Liebe ſehnte, ſelbſt als ich mich am härteſten und ſchlimmſten anließ. Doch dieſer Troſt war mir nicht beſchieden. Ich beuge mich vor dem Walten eines gerechten Gottes.“—„Anna, er liebte dich und vergab dir noch in der letzten Stunde. Ich kann dir aus feſter Ueberzeugung dieſe Verſicherung geben. Wäre er nicht ſo plötzlich abgerufen worden, ſo würde er dir auch durch ſein Teſtament bewieſen haben, daß—.“— Sie legte ihre Hand auf meine Lippen und ſagte:„Es iſt beſſer ſo, wie es iſt. Ich weiß, daß ich und mein Knabe, wir beide alles deiner großmüthigen Hand verdanken müſſen, und will jede Gabe von dir annehmen, als ſende der Himmel ſelbſt ſie mir zu. Ich bin nicht mehr, was ich war. Ich habe eine ſchwere, ſchwere Schule durchgemacht. Es iſt beſſer ſo, wie es iſt, Margareth.“ Ich habe wenig mehr beizufügen, Lucie. Anna kam allmälig wieder zu Kräften, wurde aber nie mehr das ſchöne, blühende Weſen, der früheren Pe⸗ riode. So lange ſie lebte, theilte ſie meine Heimat, und im Lauf der Zeit kehrte auch einigermaßen die alte Zärtlichkeit zurück, die uns als Kinder verbunden hatte. Wohl brach gelegentlich auch der ſtolze Geiſt, die eigenſinnige Ge⸗ müthsart wieder hervor, doch kam es zwiſchen uns zu keinem ernſtlichen Bruch mehr. Ihr Knabe, der kleine Sedley— dein Vater, Lucie— wuchs und gedieh, und war die Freude, die Sonne unſeres ſtillen Heimweſens. Stock, welcher das Bett nicht mehr zu verlaſſen vermochte und ſich dem Ende ſeiner Tage näherte, geſtattete ihm, auf einen Stuhl nach dem alt⸗ modiſchen Kaminſims ſeines Gemaches hinauf zu klettern, für ihn die geliebte Pfeife herabzulangen und ſie ihm zu ſtopfen. Ein ſolches Zugeſtändniß er⸗ ſchien bei dem alten Mann als ein Wunder von Vertrauen. Zwar ging mancher Pfeifenkopf unter den ungeübten Fingerchen des Knaben in Trüm⸗ mer; aber Stock duldete nicht, daß ihm irgend jemand darüber einen Verweis gab.—„Laſſe Sie ihn nur machen,“ konnte er Eſther zubrummen, —— 360 Die Schweſtern. die ſich als Hauptwärterin des Knaben betrachtete und auf ihre Autorität ein wenig eiferſüchtig war.„Was verſteht das Weibervolk von Knaben!“ —„Kinder müſſen gehorchen, Mr. Stock,“ mochte Eſther darauf erwidern. —„Ja, und die Weibsleute auch. Laſſe Sie ihn machen; es wird alles recht werden, kann ich Ihr ſagen. Er hat mehr Verſtand in ſeinem kleinen Lockenkopf, als manche, die zwanzigmal ſo alt ſind. Du mein Himmel, es iſt eine Luſt, zu ſehen, was das für ein geſcheidtes Kind iſt.“ Auch erſchütterte die Unzahl zerbrochener Pfeifenköpfe den alten Stock durchaus nicht in ſeiner Ueberzeugung, daß der Maſter Sedley, wenn ihn nur die Weibsleute gehen ließen, durch ſeinen geſcheidten Kopf unfehlbar triumphi⸗ rend jede Prüfung beſtehen werde. Gegen mich zeigte der Knabe große An⸗ hänglichkeit. Wohl verſetzte mich gelegentlich ſein fröhliches Weſen, ſein heiteres Lachen und ſein ſchalkhafter Blick in eine wehmüthige Stimmung; denn alles dies hatte er von ſeinem Vater, und der Geiſt des letzteren ſchien mich durch ſeine hellgrauen Augen anzuſchauen. Gleichwohl war der kleine Sedley, obſchon er die Lebhaftigkeit und das ſanfte Gemüth ſeines Vaters geerbt, von viel derberem Stoff als dieſer. Er beſaß das, was Onkel Gough an Heinrich vermißt hatte— Ballaſt. Du haſt durch deinen Vater von Doctor Noreliffe gehört. Er nahm meinen Neffen als ſeinen Zögling zu ſich, und machte den geſchickten Arzt aus ihm, als welcher er jetzt im Rufe ſteht. Das hübſche Haus, in welchem du und deine Geſchwiſter geboren wurden, gehörte ehedem dieſem väterlichen Freunde. Nach dem Tod meiner Schweſter verließ ich das Giebelhaus, um in der Nähe von Sedley Lee und ſeiner jungen Frau zu wohnen. Als ſich ſein Haus mit Kindern füllte, bat ich ihn, dich, mein Pathchen, mir als Tochter zu überlaſſen. Deine guten Eltern vertrauten mir ihren Schatz, der meinem Herzen theuer und koſtbar geworden iſt.— Anna ſtarb, das Haupt an meiner Bruſt, und meine Hand in der ihrigen. Mein Name war das letzte Wort auf ihren Lippen, wie es das letzte auf den Lippen desjenigen geweſen war, den wir beide ſo innig geliebt hatten. An meinem Fenſter, das gegen die See hinausgeht, ſitze ich oft und ſchaue hinaus auf die raſtlos thätigen Wellen, die ſich heben und fallen, und fallen, um ſich wieder zu heben. In welch ganz anderem Geiſte betrachte ich jetzt dieſes Schauſpiel, als es das um ſeine Liebe betrogene Mädchen vor faſt fünfzig Jahren durch ſeine Thränen that. Die Wogen nehmen noch Von Marie Kolb. 361 fihre Autont ihren wilden Gang; aber das Herz, das einmal noch wilder ſchlug, als ſie, von Knabe hat Frieden gefunden. Wenn ich meinen Blick werfe auf die untergehende arauf erwide Sonne, ſo gedenke ich mit dankerfülltem Sinn, daß es auch mit meinem z ss wird il Leben zur Neige geht, ein ſchöner, ruhiger Niedergang, gleich dem des Ta⸗ n ſeinem klii gesgeſtirnes im Weſten. Ich harre des Aufgebots zum Scheiden nicht mit ein Himmel, Ungeduld, denn das Leben hat für mich noch manche ſüße Augenblicke, ſon⸗ 1 dern voll Hoffnung. Die Erinnerungen an die Vergangenheit, ihre Schau⸗ den alten Eto plätze, Perſonen und Ereigniſſe ſchwächen ſich nicht ab, ſondern werden im y, wenn ihnn Gegentheil klarer, je älter ich ſelbſt werde. Ich fühle dann bisweilen den ehlbar triumph Sinn der Worte des Dichters:„Das Gegenwärtige und Nahe ſcheint fernab enabe große A zu liegen, und das, was verſchwunden, wird die einzige Wirklichkeit.“ iſen, ſein heiten timmung; den teren ſchien mie er kleine Sedle Vaters geert nkel Gough aI ört. Er nabe geſchicten An aus, in welche jeſem väterlich Giebelhaus, ohnen. As ſt üſchen, mit 9 t ihren Stn nna ſtatb, Nein Name n ppen desjeni be ic tſt und falln u Geiſt befut re Mäͤchen 1 nthmm Rüchblicke. Kleine Situationsbilder. Aus den Papieren eines Verſtorbenen mitgetheilt von Fr. Sauter. Vaterhaus. Erwachen. Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar; Oh wie liegt ſo weit, oh wie liegt ſo weit Was einſt mein war. Rückert. In braungetäfelten Kabineten unter einem Gemiſche von ſeltenen Din⸗ gen, Ueberreſten, Trümmern und allerlei Geräth aus alten Zeiten; unter Glasmalereien, Kupferſtichen, Zeichnungen, Manuſcripten, Inkunabeln, Fo⸗ lianten, Sternkarten, Globen, Lavaſteinen, Schildkrötenſchalen, Straußen⸗ eiern, Schlangenhäuten, Mineralien, Konchylien; unter Harniſchen, Turnier⸗ helmen, Panzer⸗ und Büßerhemden, Wappenſchilden, künſtlich eingelegten Waffen aller Arten, Schwertern, Dolchen, Büchſen, Lanzen, Streitäxten, Hellebarden, Schießprügeln, Sporen, Pulver⸗ und Hüfthörnern, Vaſen, Trinkpokalen, Opferſchalen, Majoliken, Götzenbildern, Sanduhren und Pfei⸗ fen; in brillanten Sälen mit koſtbaren Kleinodien und ſchimmernden Sel⸗ tenheiten von eitel Gold und Silber, Bronze, Glas, Erz, Marmor, Ala⸗ ſter, Oelgemälden, elfenbeinernen und bernſteinernen Arbeiten, Kaméen, Gemmen, Ringen, Amuleten, Münzen, Schnitzarbeiten, Wachs⸗ und ande⸗ ren Figuren— da verlebte ich meine Jugendjahre.— Mein Vater war, unter uns geſagt, ein großer Narr für Künſte, altes Zeug und Raritäten. Uebrigens war er nicht ſo leichtgläubig, wie der berühmte Jeſuit Athanaſius Kircher, der einige Nürnberger Gruppen, die eine Zeitlang zuvor unter der Erde gelegen hatten, nach manchem Kopfzerbrechen für alte Barden oder Druiden erklärt haben ſoll heilt Jugendzeit liegt ſo weit 3 Rückert ſeltenen Din Zeiten; unten akunabeln, go en, Straußen ſchen, Turnier ich eingelegte 9, Streitäxten rnern, Vaſtr üren und Pfe mernden 9 Marmor, Me iten, Kame chs⸗ und old in Vater d und Rarität uit Athanuſ wvor unker ‚Barden Von Fr. Sauter 363 Der Garten hinter dem Hauſe mit Geißblattlauben und verſiegten Springbrunnen war ein Park, wo ich zur Sommerszeit auf Schmetterlinge, Käfer und dergleichen fliegendes Wild meine Jagden hielt.— Ich war mir ſelbſt überlaſſen. Eine eigentliche Erziehung und Gewöhnung an irgend ine Lebensbeziehung erhielt ich nicht, was um ſo unbegreiflicher ſcheinen mußte, als mein Vater vor allen der klaſſiſchen Anſicht war:„Laſſet euren Kindern eine ſolche Erziehung geben, daß ſie auch im Schiffbruche ihre Schätze nicht verlieren können.“ Der für einen künftigen Stand nöthige Unterricht war nur auf wenige Gegenſtände beſchränkt, und ſelbſt in dieſen ᷣ mocht' ich's nicht recht weit gebracht haben, denn eines Tages ſchickte der Lehrer mit einem verſiegelten, an meinen Vater adreſſirten Beſchwerdebrief⸗ chen mich nach Hauſe. Als ich's meinem Vater übergab, war er gerade in einem jener alter⸗ thümlichen Kabinete mit der Aechtheit einiger Lavaſteine vom Aetna beſchäf⸗ tigt. Flüchtig durchſchaute er das kurze, in den Worten:„Ihr Sohn wird ſtets unfleißiger!“ beſtehende Epiſtelchen, bemerkte ſofort mit rieſigen Buch⸗ ſtaben an den Rand:„ad notam genommen!“, ſchleuderte aus dem ſchwar⸗ zen Krater ſeiner Augen einen ſicilianiſch⸗vulkaniſchen Blick mir zu und don⸗ nerte, das offene Papier mir zurückgebend, mit einem„Schon gut!“ mich zur Thüre hinaus. Nach dem Dafürhalten der Lehrer und Anverwandten war ich ein ſchwärmeriſcher Menſch. Man hatte nämlich die entſetzliche Entdeckung bei mir gemacht, daß ich im Dichten und Reimen zuweilen mich verſuche. Oh wie ſteinigten ſie mich meiner unſchuldigen Reimerei wegen, alle die von mir in den Tartarus gewünſchten Bonzen und Baſen, gegen die ich all' meinen jugendlichen Muth wenden mußte, um mich ihrer vagen Vorurtheile zu ent— binden. Wie kleinlich iſt aber heutzutage überhaupt bei nur zu vielen, auch Gebildeten, der Begriff von Dichter! Nicht der Verſemacher iſt Dichter; nicht die Kunſt, mit lieblichem gereimtem Geklingel ſanft einzuſchläfern, einen Strauß künſtlich nachgemachter Blumen aus hochtönenden Worten und Phraſen zu binden, oder wohl gar niedriger Sinnlichkeit Giftblumen zu ſtreuen, und eine kränkelnde Phantaſie vollends todtkrank zu machen; nicht die Kunſt, äſthetiſch zu lügen, iſt Dichtkunſt. Nein, dieſe iſt Verſinn⸗ lichung des Göttlichen, der Aufſchwung der Wahrheit mit der Pſyche, zu der dieſe vom Himmel herniederkommt und ſie mit anderen verwandten Geiſtern zu ſich gleichſam entführt. Jener von meinem Vater mir zugeworfene fulminante Blick ſpornte 364 Rückblicke. mich an, unter Anleitung eines verkommenen Candidaten der Theologie, das Verſäumte nachzuholen. Mit der Einſicht und dem Selbſtvertrauen in meine beſcheidene Kraft wuchs der Muth der Anſtrengung. Mein Vater, ermun⸗ tert durch den Eifer, den ich in Verfolgung meiner Vorſtudien an den Tag legte, ließ mich ſofort die Hochſchule beziehen, wo ich den hiſtoriſchen Wiſ⸗ ſenſchaften nach allen Theilen mich ſo weit unterzog, daß ich nach einigen Jahren ein ſelbſtändiges Urtheil über die Wiſſenſchaft und das Leben über⸗ haupt mir wenigſtens errungen zu haben glaubte. Als der höchſte Lebens⸗ zweck erſchien mir die Freiheit und Unabhängigkeit der geiſtigen Selbſtent⸗ wickelung. Das erträumte Glück läßt ſich aber nicht erzwingen, wohl errin⸗ gen. Und was iſt das Glück Anderes, als jener ewige, ſehnſüchtigen Fluges in das geiſtige Paradies einziehende innere Seelenfrieden!— Mein ganzes Denken und Empfinden war auf das Leben der Vorfahren und die kryſtal⸗ lenen Tiefen der Vergangenheit gerichtet, als ich die traurige Kunde erhielt, mein Vater ſei ſterbenskrank. Ich eilte zu ihm hin. Im braunen alterthümlichen Lavakabinete ſtand ich thränenlos an ſei⸗ nem Lager. Der gegen mich ſonſt ſo Wortkarge gab als Vermächtniß mir die letzten Worte:„Wenn du, mein Sohn, ein ſolider, tüchtiger Menſch wer⸗ den willſt, ſo verlege dich mehr auf poſſitive Wiſſenſchaften und Geſchichte, als auf metaphyſiſche Unterſuchungen.“ Darauf hauchte er ſanft ſein archäo⸗ logiſche Seele aus. Vor ſeinem Tode hatte er ſelbſt ausſchließlich der Poeſie gelebt. Ein längeres, mit Anmerkungen begleitetes Gedicht, betitelt:„Zwie⸗ geſpräch zwiſchen dem Paulsthurme zu London und dem Petrithurme zu Rom“, und in Proſa geſchribene„Arcana gegen geiſtige Gebrechen und kör⸗ perliche Uebel“ lagen auf ſeinem Pulte. II. Der Züngling. Hein inneres und ſein äußeres Teben. „Sie war ſo ſchön und morgenklar, So zart und ſtolz, ihr Auge war Nicht groß und zündend, Doch blau wie der Himmel und Gott verkündend.“ Wie einer, der ſeine heimatliche Flur und ſein Haus für immer ver⸗ laſſend, von dem lauthallenden Glockenſchalle eines nach fernen Geſtaden ziehenden Schiffes zur Abfahrt gemahnt wird, ſo rüttelte der Umſchwung ier Theologie ertrauen in ma n Vater, erm dien an den? hiſtoriſchen I Pich nach ein das Leben üh er höchſte Lebe ſtigen Selbſte ngen, wohl erti nſüchtigen Nug = Mein gang und die kryſte ge Kunde erli gränenlos an ſe Vermächtniß mi ger Menſch wer und Geſchich anſt ſein archä eßlich der Poe betitelt:„Bw⸗ Petrithurme: brechen und 1 Von Fr. Sauter. 365 meiner Lebensſtellung nach meines Vaters Tode mich unſanft aus meinem Denken. Ich beſchloß, an ein einſam ſtilles Leben mich zu gewöhnen, und in irgend einen Winkel der Erde, fern vom Getöſe des Marktes, mich zu⸗ fückzuziehen. Dazu fand ſich alsbald eine paſſende Gelegenheit. In einer lhochgelegenen Waldgegend lag das reizende, zu einer nahen ſäkulariſirten Prämonſtratenſerabtei gehörige Dorf und Schlößchen Zell vorm Walde, welch' letzteres ehedem den Konventualen als Excurſions⸗ und Rekreations⸗ nort gedient hatte. Der Name Zell vorm Walde ſoll daher rühren, daß ſich im zehnten „Jahrhundert an dem See, der mit dichten, ſumpfigen Wäldern umgeben war, ſechs Einſiedler niedergelaſſen hätten, um in ſtiller Abgeſchiedenheit dem Herrn zu dienen. Selbſt in der nächſten Nachbarſchaft— ſo lautet die lalte Sage— wußte man nichts von dem Daſein dieſer Männer in dem dich⸗ ten Walde. Einſt aber drang zufällig ein entſprungenes Pferd des nahen Ritters von Schellenberg, verwundet und von Durſt gequält, zu der Zelle am See hindurch, wo es bei den Einſiedlern Aufnahme und Pflege fand. Die Diener des Ritters, welche den Spuren des Pferdes gefolgt waren, entdeckten die abgeſchiedene Wohnſtätte und bewogen ihren Herrn, den Wald zu lichten und Häuſer an das Geſtade des Zellenſees zu bauen. Dies ſtörte den Frieden der frommen Brüder, ſo daß ſie es vorzogen, die Stätte, die ſie angebaut, den Eindringlingen zu überlaſſen, und ſich nach der Prämonſtra⸗ tenſerabtei W. zu überſiedeln. Ein nicht unbedeutender Schatz einer Oelgemälde⸗, Bücher⸗ und Hand⸗ ſchriftenſammlung war darin aufbewahrt. Von dem Beſitzer, einem frühe⸗ ren Univerſitätsfreunde meines verſtorbenen Vaters, war mir geſtattet wor⸗ den, in dem ſeit der Zeit der franzöſtſchen Invaſion nur von einer Beſchließe⸗ rin bewohnten Kloſterſchlößchen, mit Benützung der Bibliothek, meine Woh⸗ mung zu nehmen. Oft ſchon hatte ich nachgedacht über das innere Leben des Menſchen. Mein Herz verlangte nach jenem hohen ſeligen Genuſſe, das ge⸗ heimnißvolle Dämmern, Wirken und Weben der eigenen Seele in dem rei⸗ men Gemüthe eines verwandten Weſens abgeſpiegelt zu ſchauen. Da ließ das freundliche Schickſal nach meinem Einzuge in das Schlößchen mich in ein benachbartes Haus kommen, um hier zu finden, was ich ſo lange ſehn⸗ lichſt geſucht. Gleich die erſtenmale nach meinem Eintreten in die aus einem Vater und zwei Töchtern beſtehende Familie, hatte mich die ältere Tochter, Namens (Siddy, durch ihr ſtilles, ſanftes und wie mir ſchien, doch entſchloſſenes —— 366 Rückblicke. Weſen angezogen.„Wenn du ein Weſen triffſt,“ ſo ſprach meine innen Stimme,„das dir auf den erſten Anblick gefällt, ſo gehe keck darauf zu, und wenn du weniger erwarteſt, als du eigentlich erwarten ſollteſt, ſo wirſt du mehr bei ihm finden, als du erwarteſt haſt.“ So oft ich mir nun die Gele genheit erſehen mochte— der Vater hatte mich zu landwirthſchaftlichen Unterhaltungen in ſeinen Garten eingeladen— belauſchte ich ihren Gang ihre Mienen, Körperbewegungen, Augen, Geberden und einfachen Reden — Siddy war ein Weſen, von dem ich mir die träumeriſche Vorſtellung machte, es ſei nichts Anderes, denn die harmoniſche Geſtaltung einer halt offenen Roſe, einer zarten Feldlilie und einer verborgen blühenden Nacht⸗ viole, und in dieſer, durch organiſche Vermittlung und im Wechſelverkeht geheimnißvoller, dem äußeren Leben verborgener Kräfte entſtandenen Ver hüllung und Verſchlungenheit, wohne eine tiefe und reine, ſtille Lebenskreiſt ziehende menſchliche Seele. In ihren blauen Augen lag der feierlich däm⸗ mernde Frühmorgen eines germaniſchen Eichenwaldes. Ihr Blick drang wie eine weiche, herzinnige Liebkoſung zu meinem ſehnenden Herzen. Auß dem milden Lichte ihres ſanften Auges lächelte wohl ein feſter Friede; auf deſſen dunklem Grunde aber war Bewegung oder Ruhe ſchwer auch zu erkennen. Sie kannte nur allzubald die Macht der Empfindungen, die ich für ſie trug, und fühlte mit ſicherem Takte heraus mein Ringen nach ihrem Beſitze um jeden Preis. Der Preis für ihre Liebe, welch' anderer konnte es ſein, als Wiedergebung auch des ganzen Ich's, ohne Vorbehalt und ungetheilt fürs ganze Leben. So bedurfte es für ſie keiner eigentlichen Schilderung meinan Gefühlslage, um das mitzufühlen, was meine Seele ſo mächtig bewegte Von der Zeit an, da ich ſie ſah, ſehnte ſich mein Herz nach ihrer Nähe, war ihr Bild mit zauberiſchem Griffel in meine Seele geſenkt, und ich betrachten mich mit einer von Kühnheit in Klarheit übergegangenen Gewißheit fortan als ihr angehörig, der Hoffnung hingegeben, daß auch ſie dieſe Abſchließund in ſich vollzogen haben möge. rach meineiin eck darauf zu⸗ llteſt, ſo wieſ mir nun die G dwirthſchafte eich ihren Ge d einfachen R eriſche Vorſſel raltung einer! blühenden Na im Wechſelven entſtandenen” ſtille Lebenel der feierlich d Ihr Blick dee den Herzen. Ä feſter Friede; 4 ſchwer auch en, die ich fü nach ihrem B rer konnte 6s und ungetheilt Schilderung me mächtig bew c ihrer Nähe, und ich betra Gewißheit fe dieſe Aüſch Von Fr. Sauter. III. Einkehr in ſich ſelbſt. Kloſterſcheu. Ich ging in’s Refectorium der Brüder Und ſetzte mich zum Mahl mit ihnen nieder; Auf ſchwarzer Tafel aber ſtand mit Kreide: „Silentium!“ der Todesſpruch der Freude. A. Grün. In einer Art hellgetünchter Zelle mit der freien Ausſicht auf einen dunkelbeſchatteten, ſchilfbedeckten See, am Fuße eines Waldhügels, und auf einen ſtill dahingleitenden Forellenbach mit rauſchendem Mühlwehr, hatte ich mir's nach Junggeſellenart eben nicht ſehr comfortabel eingerichtet. Die Wände waren mit Oelgemälden geſchmückt, und zwei darunter beſonders geeignet, meiner Phantaſie ſtundenlang Nahrung zu geben. Es ſtellte das eine das üppig blühende Leben, in der Geſtalt eines mit glühenden, Correg gio'ſchen Farben gemalten, halbverhüllten jungen Weibes dar; auf dem andern war der faſt ſchon in Verweſung übergegangene Leichnam eines Mannes, in der grauenhaften Beleuchtung der bekannten Effektbilder des Künſtlers Maés zu Rom, ausgeführt. Dieſe letztere Darſtellung reichte hin, alle in mir ruhenden Gedanken über die Vergänglichkeit des Irdiſchen und die Vernichtung des Menſchen insbeſondere, zur Betrachtung und Selbſt beſchauung wachzurufen. Wenn ich ſo in den nächtlichen Stunden in meiner Zelle ſaß, ſann ich lebhaft nach über die Worte:„Jedes Menſchen Leib folgt dem übermächti gen Tode, unſterblich aber bleibt das Bild des Lebens; denn dieſes ſtammt allein von den Göttern.“ Aber auch lebhaft gedachte ich der frivolen fröh⸗ lichen, und der traurigen, in die Fugen geiſtiger Unfreiheit gezwängten Mönche, durch ihre Obſervanz darauf hingewieſen, ihre Selbſtändigkeit, Willensfreiheit, Perſönlichkeit und jede höhere Vernunftthätigkeit aufzugeben und in ihrer Einſamkeit und Stille der Abgeſchiedenheit vom lärmenden Schauplatze der Welt, in Kontemplationen und Meditationen über die Nich tigkeit des Daſeins und das Vergehen der Menſchen nur für ihr inneres Heil zu wirken. Was magſt du gelitten haben, armer Enk von der Burg, innerhalb den Mauern deines üppigen Kloſters! Dieſe Empfindung erregte ſich in mir un⸗ abläſſig in derartigen ernſten Betrachtungsſtunden. Auf meinen mit Siddy nach der Waldeshöhe allabendlich fortgeſetzten Wanderungen am Ufer des 368 Rückblicke. mit Erlen und Birken dichtbewachſenen Forellenbaches, ward nicht ſelten dieſer unglückliche Mönch und hochbegabte Dichter in unſeren Unterhaltungs⸗ kreis hereingezogen. Der geiſtreiche Romanſchriftſteller und Kunſtkritiker Michael Leopold Enk von der Burg ſoll in früher Jugend gezwun⸗ gen worden ſein, ganz gegen ſeinen Wunſch und ſeine innere Neigung in dem niederöſterreichiſchen, von den Augen der Welt als human und tolerant er⸗ ſcheinenden reichen Benedictinerkloſter zu Mölk an der Donau als Mönch einzutreten. Der Herr ſchien ihm weder das Wollen gegeben, noch auch das Vollenden und die zu ſeinem Berufe nöthige Gnade verliehen zu haben. Von Selbſtzerfallenheit, Unzufriedenheit und Ueberdruß mit dem klöſterli⸗ chen Stande überwältigt, nahm er ſich in noch kräftigem Mannesalter durch einen Dolchſtich ſelbſt das Leben. „Ach, wenn nur auch du das Dichten ließeſt,“ ſprach Siddy tiefbetrübt zu mir, nachdem vom Mönch und Dichter eben die Rede geweſen war. „Warum Verſe machen und dergleichen? Doch ich wollte von dieſem nichts ſagen, aber mir ſcheint, und ich thue in dieſem Betracht dir gewiß nicht Un⸗ recht, deine Gedanken gerathen dir ſo ſelten, und wenn es je Gedanken ſind, ſo ſind ſie immer ſo finſter, unheimlich und abgeriſſen.— Auch rathe ich dir ſehr, du möchteſt deiner zu ungeregelten Phantaſie die ſchwarzen Flügel bin⸗ den und dann und wann aus ihrem in unabſehbarer Höhe hängenden Wol⸗ kenſchleier in die Wirklichkeit dich herabbegeben. Die hellflackernden Kinder deiner Phantaſie ſind wenigſtens lieblich anzuſchauen; die Nachtſchmetter⸗ linge derſelben aber ſind nicht bloß grau, ſondern gleich rabenſchwarz und ſchrecken mich durch ihr unruhiges Umſchwirren des Lichtes, in das ſie ſich zu verſenken ſtreben, ſtatt mit ſeiner Klarheit Hülfe den rechten Ausgang zu finden. Darum gib das Dichten auf und denke an die vielen, maßlos un⸗ glücklichen Dichter von Homer an bis auf unſere Tage, an die Dichter, die gehungert und ſich gehärmt haben, wahnſinnig geworden ſind; deren Elend nur der Tod ein Ende machte. Gehe die Reihe durch der Dichter; wie viele ſind, die du glücklich preiſen kannſt? Noch einmal, gib das Dichten auf, oder du wirſt untergehen!“ ward nicht ſtl en Unterhaltun und Kunſtkrit Jugend gezwe r Neigung ind n und tolerant Donau als Mn ben, noch auch erliehen zu hab mit dem klöſter Mannesalter dur Südy tiefbetri ede geweſen vi von dieſem ni ir gewiß nicht u ſe Gedanken ſin Auch rathe ichd arzen Flügel be hängenden Mi lackernden Kind ie Nachtſchmett rabenſchwarz ,in das ſie ſi icten Ausgand elen, maßlos! Dichter, n die J ren Ci⸗ ind; de dichter wien Dichten ouf 9 Von Fr. Sauter. IV. Dichterelend und Dichtertod. In das ſchwarze Aug' der Nacht Schau' ich trüb' und immer trüber, Eine heiße Bilderſchlacht Wälzt ſich wirr’ an mir vorüber. K. Beck. Homer lebte auf ſeinen Wanderungen durch die griechiſchen Dörfer von milden Gaben.— Die Griechin Sappho war Dichterin und liebte; aber ſie liebte unglücklich. Der ihr alles war, ihr Gedanke, ihr Traum, ihr Pulsſchlag, ihr Leben, dieſer Eine, Phaon mit Namen, verſchmähte ihre Glut und liebte ſie nicht.„Verfehlte Liebe, verfehltes Leben!“ war der ewige Refrain ihrer Seele. Sie ſtürzte vom Leukadiſchen Felſen ſich in die grauſe Meerestiefe und fand hier die Ruhe und auch ihr Grab.— Plautus, der römiſche Dramendichter, darbte ſein Leben lang. Um kümmerlich das Leben friſten zu können, arbeitete er als Tagelöhner in einer Stampfmühle.— Der Dichter Lutorius hatte in einem Trauerſpiele den Agamemnon zu tadeln beliebt. Unter Tiberius verlor er deßhalb ſein Leben.— Titus Carus Lucretius, der römiſche Dichter des Werkes:„De rerum natura“, ward durch einen Liebestrank wahnſinnig. In dieſem Zuſtande brachte er ſich ſelbſt um. Ovidius Naſo; Dante Alighieri, der Dichter der„göttlichen Komödie“, und der ſchwediſche Dichter Thomas Thorild, der über die „allgemeine Freiheit der Vernunft“ geſchrieben hatte, ſtarben in der Ver⸗ bannung. Torquato Taſſo, der Sänger„des befreiten Jeruſalems“; Louis Camoéns, der Dichter der„Luſiaden“; der geſinnungsſtarke, reich⸗ begabte Hégeſippe Moreau, und Laurette Junot, Herzogin von Abran⸗ tes, ſtarben dürftig im Krankenhauſe. Camoéns ward fünfzehn Jahre nach ſeinem Tode ein prächtiges Denkmal geſetzt. Der Dichter Schubart, einer aus jenem Titanengeſchlechte, ſaß zehn Jahre lang auf der Feſtung, ein Opfer der Kabinetsjuſtiz.— Der Dichter Stubbs hatte ein Pamphlet gegen die Heirath der hochgeprieſenen Königin Eliſabeth von England mit einem franzöſiſchen Prinzen geſchrieben; Eliſabeth ließ ihm deßhalb auf öffentlichem Markte die rechte Hand abhauen. Jonathan Swift, der Dichter des„Märchens von der Tonne“, war Hausblätter. 1867. IV. Bd. 24 370 Rückblicke. der erſte, der in das von ſeinem eigenen Vermögen geſtiftete Irrenhaus auf⸗ genommen wurde.— Miguel de Cervantes Saavedra, der Verfaſſer des „Don Quixotte“; Samuel Buttler, der Schöpfer der komiſchen Epopoé „Hudibras“; Pierre Corneile, der Sänger des„Cid“; Thomas Otway, der Dichter des„befreiten Venedigs“; Joh. Gottlieb Willamow, deut⸗ ſcher Fabeldichter; J. Jünger, ein talentvoller Luſtſpieldichter; Wilhelm Heinſe, der Dichter des glühenden„Ardinghello“; John Dryden, ein engliſcher Dramendichter; die franzöſiſchen Poeten Nikolas Gilbert, Jac⸗ ques Malfilaàtre und Eliſe Mercoeur, und der deutſche Lyriker Auguſt Schnezler verhungerten. Gerard de Nerval, talentvoller Dichter der franzöſiſchen Neuromantiker und Ueberſetzer von Goethe's Fauſt, wurde geiſtig zerrüttet, ohne einen Sou in der Taſche, zu Paris in einer kalten Winternacht, an einem Laternenpfahl erhängt gefunden. Die engliſchen Liederdichter Heinrich Carey, Thomas Chatterton und der zwanzigjährige franzöſiſche Poet Jules Mercier, brachten ſich von Elend, Hunger, Sorgen und Kummer gebeugt, ſelbſt um's Leben.— Jo⸗ hann Ewald und Johann Heinrich Veſſel, däniſcher Dichter; Chriſtian Günther, Dichter der ſchleſiſchen Schule; Dominikus Baudius, Dichter zu Leyden; Gottlob Wilhelm Burmann aus der Lauſitz; Erik Johann Stagnelius, ſchwediſcher Dichter, und Chriſtian Grabbe aus Detmold, der ſchwungvolle Dichter der„Hohenſtaufen“, endeten in geiſtiger Ver⸗ ſumpfung ihr diſſolutes Leben, denn wie Freiligrath bei des Letzteren Tode ſang:„Der Dichtung Flamm' iſt allezeit ein Fluch!“— Der engliſche Luſt⸗ ſpieldichter Richard Savage ſtarb zu Newgate im Schuldgefängniſſe.— Ludwig Hölty's, Gottfried Auguſt Bürger's, van der Velde'’s, des ſchottiſchen Volksliederdichters Robert Burns' und Wilhelm Waiblin⸗ ger's Leben und Lebensende war mit Mißgeſchick, Armuth und Elend überſchüttet. Der komiſch⸗romantiſche Dichter Wetzel von Sondershauſen und der geniale Dichter der Komödie„der Hofmeiſter“, Reinhold Lenz, Goethe's Jugendfreund, lebten als Wahnſinnige von Almoſen und ſtarben, von nie— mand vermißt, von wenigen bedauert. Franz, Freiherr von Sonnenberg, der Dichter der„Donatoa“; Heinrich von Kleiſt, der Dichter des„Käth⸗ chens von Heilbronn“, und der muntere Novellendichter Daniel Leßmann ſuchten das Glück und die Befriedigung, die ſie weder in der Wirklichkeit noch in der Kunſt finden konnten, in einem freiwilligen Tode. Der engliſche Dramendichter Shelley, Byrons Freund, fand, vom e Irrenhaus der— miſchen Cyo Thomas Otw illamow, d dichter; Wilt n Dryden, Gilbert, he Lhriker Au⸗ lentvoller Dich hes Fauſt, wu is in einer kal as Chattert brachten ſicht n's Leben.— dicter; Chriſi audius, Dich „Erik Johe aus Detme in geiſtiget!— des Letzteren Der engliſche! dldgefingriſe der Velde lhelm Waihl 3 rmuth und d 1 und ge Lenz, Ge rrshauſer ſtarben, be n Sonnent Dichter des Daniel Leb 2 1 Til der Wit Von Fr. Sauter.— prüden Vaterlande verbannt, in den Meereswellen ein unfreiwilliges Grab. — Von getäuſchtem litterariſchem Ehrgeiz geblendet, ſtürzte ſich der latei⸗ niſche Dichter Caspar Barläus zu Amſterdam in eine Ziſterne.— Vom Vaterlande nicht anerkannt, verfiel der Epigrammendichter Ephraim Moſes Kuh in Wahnſinn, und härmte Auguſt Graf Platen⸗Hallermünde ſich zu Tode.— Friedrich Schulz, den Verfaſſer vorzüglicher hiſtoriſcher Romane; Robert Southey, einen geiſtreichen engliſchen Dichter; den melancholiſchen Lyriker Nikolaus Lenau; Eſaias Tegnér, den ſchwediſchen Sänger der „Frithiofsſage“, und Friedrich Hölderlin, den Dichter des„Hyperion“, hielt Jahre lang die tiefſte Geiſtesnacht umfangen. Louiſe Brachmann, die verarmte Dichterin, kühlte ihre unglückliche Liebesflamme in der Saale rauſchendem Wellengrab. Charlotte Stieglitz und die Dichterin Karoline von Günderode, Bettina's Freundin, führten den Stahl nach dem eigenen Herzen. Jene von allzugroßem poetiſchen Ueber⸗ ſchwange getrieben; dieſe vom Liebesgram zernichtet. Die engliſche Dichterin Lätitia Eliſabeth Landon, mit reinem Geiſte geſchmückt, hoch begünſtigt von den Muſen, herzlich geliebt von allen, trank die Giftphiole.— Der ungariſche Dichter Johann Graf Mailäth endete freiwillig mit ſeiner Tochter ein eng und ſorgenvoll gewordenes Leben in den Wellen des Starn⸗ bergerſee's.— Moritz Reich aus Rokotnitz in Böhmen, der Verfaſſer der von Alfred Meißner herausgegebenen Erzählungen„An der Grenze“ er⸗ hängte ſich in ſeiner Heimat im Dunkel des Waldes aus Verzweiflung über die Erfolgloſigkeit ſeiner dichteriſchen Thätigkeit.„Wenn man nicht grade ein Goethe iſt,“ ſchrieb er einem Freunde,„kann man heutzutage nichts gegen dieſen Wall von Hinderniſſen ausrichten, die ſich einem poetiſchen Streben entgegenſetzen.“— Und ſo iſt es denn die erſchütternſte Wahrheit, was der Dichter ſingt: „Die Blindeſten aber Sind die Götterſöhne! Denn es kennt der Menſch(der Alltagsmenſch) Sein Haus und dem Thiere ward, Wo es bauen ſolle, Doch jenen iſt der Fehl, Daß ſie nicht wiſſen, wohin, In die unerfahrene Seele gegeben.“— —— 372 Rückblicke. V. Am Meer und auf den Bergen. Mich dünkt, als ob Natur mir allerwegen Hielt' eine große lichte Freud' entgegen, Und wie Madonna mit dem heil'’gen Kinde Den Schmerz der Welt verſöhnend, vor mir ſtünde. A. Grün. Dieſe die Phantaſie aufreibenden und zerrüttenden Betrachtungen ließen eine krankhafte Gemüthsſtimmung in mir zurück. In der Noth der peinlichen ängſtigenden Kämpfe zog Siddy, als meine Ariadne, mich aus dieſem Nacht bilderlabyrinthe.„Dir bleibt wohl nichts,“ ſprach ſie nach einigen Tagen mit der reinen Klarheit ihres ſo hellen als ſchlichten Geiſtes,„als daß du zur Erholung auf eine Reiſe dich begibſt. Suche in der herrlichen Natur Erheiterung! Verſcheuche alle trüben Bilder! Schreibe mir nur ein paar Zeilen aus der Ferne, daß meine Seele dich auf der ganzen Reiſe begleite von Ort zu Ort von Anfang bis zum Ende.“— Nach ſchwerem Abſchiede füllte nur die Gewißheit, daß unſere durch keinerlei Einwirkung erſchütter⸗ lichen Seelen ſich dennoch nahe, die Kluft räumlicher Trennung unſerer Per⸗ ſönlichkeiten geiſtig aus. Ich floh ins Gebirge und trieb mich einige Wochen auf den Steyriſchen Bergen umher, um wo möglich ein geheiltes Gemüth nach Hauſe zu tragen Der Frühling grünte und blühte, die Bergſeen lachten mich an mit den tief blauen Augen, und die Alpenblumen erquickten mein Herz mit ihrem Duft Ein wilder Bergſtrom ſchied die Vorläufer der Alpen, die mit hohen Felſen wänden, auf denen nur einzelne Fichten und Tannen wuchſen, ſich gegenüber ragten. Ich ſtand hoch auf dem Gipfel der einen Wand, roth blühendes Haidekraut wucherte rings, über mir blaute der Himmel, unter mir toste der Strom vom ſchmelzenden Schnee angeſchwellt. Da riß ich mit zittern der Hand und zitterndem Herzen die Trümmer vom Felſen und ſchleuderte ſie hinab und freute mich, wenn die Tannenwipfel zerſplitterten und die Flut hoch aufſchäumte. So lange ich in Siddy's Nähe weilte, war meine Liebe ein beſeligen des, ſeit ich von ihr getrennt, war ſie ein die Seele brennendes, glühendes Gefühl. Mein Herz wurde aber allmälig beruhigt, je mehr ich auf den Ber gen Herz, Aug' und Sinn' neue Kraft und friſchen Muth ſchöpfen ließ. Ein Von Fr. Sauter. 373 ganz beſonderer Reiz lag in der Beſteigung der Alpen für die zur Höhe der Freiheit ſich ſchwingende Seele. Die Ausſicht von der Sennhütte aus, wo ich mich für die Zeit meiner Luftkur niedergelaſſen hatte, war wohlthuend erhaben. Städte und Dörfer, Flüſſe und Seen, Thäler und Hügel, Triften t allerwegen und Wälder und die ganze Alpenkette präſentirten wie eine magiſche Welt entgegen, d-„..— F..„„. gel dn g ſich dem trunkenen Auge. Mächtig zog die Sehnſucht mich hinüber über die nend, vor mir ſ unendliche Fläche und die fernen den Horizont bis zur Unkenntlichkeit begren⸗ ) 1 4 I Grin zenden Berge nach dem Norden, wo Siddy weilte, wenn ich in zärtlichem 6 9 7 5 4 trachtungen lit Andenken an ſie, zur Zeit der ſcheidenden Sonne die hohe Alp erſtieg, im ſoth der peinlih Sinnen verloren, ob zur ſelbigen Stunde auch ſie meiner gedenkend, nach 7 d d g aus dieſem N der Waldeshöhe ſich ergehe und zu mir herüberſchaue. aus di ach einigen Ta Die Liebe iſt ein freies Geſchenk der Götter. Wer hat es je zu ergrün⸗ 1 ſtes,„als daß den vermocht, wie geiſtig ihre Empfindungen ſind! Meine Seele flog Siddy herrlichen Nat entgegen, wie eine Schwalbe, die ihren Jungen Futter bringt; mit aller Spannkraft ſandte ich Siddy aus der wärmſten Bucht meines Herzens mei⸗— nen Gruß und Handkuß zu. Sie wird es mit ihrem inneren Auge gewiß bemerkt und auch im Herzen empfunden haben. Wohl hätte ich dann mit dem Geſchicke hadern mögen, das mich durch Seen, Berge und Thäler von ihr getrennt hielt; und doch gab ich mich nicht einer Unzufriedenheit mit des Geſchickes Mächten hin, ihnen Dank wiſſend für das Glück, das ſie mir durch ihre Liebe geſchenkt, wenn auch dieſe Schenkung bis jetzt nur ein Vollmachts⸗ 4 brief war zu künftigem Lebensglücke. Seit einem nächtlichen Gewitter war's da oben in der engen Alpen⸗ hütte mehr Novembertemperatur, als Sommerwärme. Alles ſaß um den mir nur ein po gen Reiſe begl hwerem aih Hau uſe z u trag h an mi ſnit den! mit iirn Kochherd und ſuchte das wärmende Feuer durch Holzzulegung flackernd zu mit höhen 3 erhalten. In die Flammen ſchauend, ertappte ich mich im Nachhängen mei⸗ en, ſch gegn ner Empfindungen, ſtatt meinen Vorſatz auszuführen, durch ein Brieſchen d, roth blühn meiner Siddy von meinem derzeitigen Aufenthaltsorte Kunde zu geben und 4 unter mn ihr einen Theil von dem mir immer mehr innewohnenden Vertrauen auf ich mit zl eine glückliche Zukunft in ihre ſo geduldreiche und hoffnungsvolle Seele zu en und ſchla gießen. So iſt der Menſch, ſo ſtümperhaft ſeine Willensſeite. In demſelben erten und di Augenblicke, in dem wir uns ganz in das Andenken und die Theilnahme an dem Zuſtand des Andern verſenken wollen, denken wir nur an uns ſelbſt, an Kbeſh Luſt oder Unluſt unſeres eigenen Ichs, während wir uns überreden, in der el gl Beziehung zum geliebten W Weſen uns aller Selbſtſucht entäußert zu haben 4 aufd und nur im Wahlverwandten zu leben. Unſere Liebe war ſtets ſichere Trägerin der wechſelſeitigen klaren Ueber⸗ 374 Ruckblicke. zeugung von der Unwandelbarkeit unſerer Empfindungen und Entſchließun⸗ gen. Nimmer ward dies Herz, worin ihr Name brannte, untreu ſeinem Lieben. Der Wechſel der Liebe zeugt entweder davon, daß wir in der Wahl nur einer Verlockung der Phantaſie gefolgt ſind, ohne über die Würdigkeit unſern reflectirenden Verſtand zu Hülfe zu rufen; oder davon, daß wir auch die tieferen Empfindungen der Seele nicht feſtzuhalten vermögen, ſei es aus charakteriſtiſcher Unbeſtändigkeit oder aus Sorgloſigkeit. Es iſt keinem Zweifel unterworfen, daß die Liebe als eine Empfindung der Seele, wie alle Empfindungen und Eindrücke, der Veränderung unter⸗ liege. Darum bedarf ſie zu ihrer Stetigkeit einer ſorgſamen Pflege und Hütung. Die Pflege gibt ihr die Zärtlichkeit der liebenden Seele, gehütet wird ſie von der Treue des Gemüths. Wo die empfindende, aufmerkſame, bis zur Aufopferungsfähigkeit gewobene Zärtlichkeit und wo die Treue im Gemüthe fehlen, da iſt für die Dauer auch einer noch ſo heißen Liebe kein Hort. Darum legen wir ſo viel Werth auf diejenigen Elemente des Charak⸗ ters, welche das Vorhandenſein dieſer natürlichen Bürgſchaften für die Dauer⸗ haftigkeit der Liebe vorzeigen. Jeder meiner Blicke in die Zukunft, ſelbſt unter dem Wechſel vorüber⸗ gehender Erſcheinungen, war mit dem lebhafteſten Verlangen verwachſen, dem Herzen Siddy's näher zu ſein, und doch wollte ich mir nicht verſagen, auch einmal den alten tückiſchen Vater Oceanus kennen zu lernen. Noch hatte ich die mir vorgeſteckte Zeitdauer meines Aufenthalts auf dem Berge nicht überſchritten, als die Sonne ihr Antlitz verhüllt und der Nebel ſeinen trüben Flor über die Alpen gehängt hatte. Das Unluſtige eines bloß von der Erwartung beſſerer Witterung erfüllten Aufenthalts am Kochherdfeuer mahnte dringender zum Niedergange in die milderen Regio⸗ nen, und ich zog daher weiter fort über's Gebirge, in das Thal hinab bis an die Küſte der tiefblauen wogenden See. Großartig, überwältigend iſt der Anblick des offenen Meeres. Seine Größe aber verſchlingt das Schöne. Ich weiß nicht, was ich vorziehen ſoll, ob das impoſante Stück eines zwiſchen herrlichen Ufern ſich bewegenden Stromes, oder die Ausſicht auf die freie See. Der Strom ſcheint viel mehr titaniſche Perſönlichkeit zu haben, als das Meer. Man überſieht doch einen Theil dieſes Rieſen. Sein Eilen in das Meer hinab gibt ihm das Anſehen, als verfolge er einen Zweck. Das Meer liegt dagegen ſo unabſehbar, ſo zweck⸗, ſo endlos da. Es ſchaukelt auf und nieder, in ewigem Einerlei ſeine Wogen wälzend. Der Strom hat ſo vielfache Abwechſelung, krümmt ſich, ſammelt ſich, ſcheint nachzuſinnen, fließt entſchliefun treu ſeine n der W Würdigt aß wir a n, ſei es a Empfindun erung unte Pflege un eele, gehüt zufmerkſame ie Treueit en Liebe ki des Charat r die Dauen ſel vorüber verwachſen ht verſagen n. fenthalts al hüllt und d a5 Unluſti fenthalts deren Reyi hinab bi igend iſ Schöne. nes zwiſt auf die ſ uhaben, un Gir weck. 1. ſchaukel 1 Jtrom lu ſinnen, Von Fr. Sauter. 375 weiter, immer weiter, langſamer, ſchneller. Das Meer läßt ſich nur von den Göttern überſchauen und begreifen. Die Ströme, die Binnenſeen, mit ihren unſeren Augen noch erreichbaren Ufern liegen unſerem menſchlichen Geiſte näher. Einſam wandelte ich am Geſtade des uferloſen Meeres, das Phänomen des wechſelnden Steigens und Fallens des Waſſers bei Ebbe und Flut zu beobachten und den reißenden Zug der in maßloſem Umſchwunge begriffenen Gewäſſer und die hohen ſpritzenden und donnernden, Schaum heranwerfen⸗ den Wellen zu ſchauen. Eine leiſe Erinnerung an die melancholiſchen Ufer des heimatlichen, ſchilfbedeckten See's zog wie ein Windhauch durch meine Seele. vVI. Heimkehr. Stillleben. Friſchen Muth zu jedem Kampf und Leid Hab' ich thalwärts von der Höh' getragen; Alpen! Alpen! unvergeßlich ſeid Meinem Herzen ihr in allen Tagen! Lenau. Ich verweilte nur ſo lange, als nöthig war, um einen Totaleindruck von dem Koloſſalen des Meeres aufzunehmen. Eines Frühmorgens, als die roſenfingerige Freundin der Muſen dem unendlichen Meere die baldige An⸗ kunft der Sonne verkündigte, ein leiſer Weſtwind in dem friſchen Blau der Wellen ſpielte, Blumen und Gräſer ihren duftenden Gruß entboten, als die Centifolie nach dem Lichte ſich ſehnend aus der Knospe ſich befreite und unter dem ſanften Dunkel der Blätter den erſten Strahlen der ſättigenden Sonne ſich erſchloß und die ganze muntere Schaar der Seevögel die Lüfte mit ihren Tönen erfüllte, trat ich meine Reiſe heimwärts an. Die erhabenen Wunder der Natur nochmals im Geiſte überſchauend, ſchritt ich ſtill ſinnend meines Weges dahin. Alle Bilder aus der ſtillen, friedlichen Alpenwelt umfingen wieder meine Seele: der furchtbare Donner der Lawinen; des Alphorns melancholiſche Töne; das heitere Geläute der Heerdenglocken; das Schäumen, Rauſchen, Brauſen und Toſen der wildver⸗ heerenden Waſſerfälle und Alpenbäche; der reine, kühle Glanz und Schein der Schneefelder und dunkelblau ſtarrenden Eismeere; die ſchauerliche Ver⸗ wüſtung, Zertrümmerung, ſchreckenvollen Bildungen und koloſſalen Geſtal⸗ 376 Rückblicke. tungen der herabgeſtürzten Felſenhäupter und grauſchwarzen Schuttmaſſen, die an einander geketteten, theils zerklüfteten Zacken, Haken und Hörner der gletſcherumpanzerten Gebirge; die ſteilen Abhänge, engen Päſſe, Schlünde und Schluchten, die Alpenſeen, Thäler, grünen Wieſen und lieblichen Mat⸗ ten mit der ganzen zauberkräftigen Pflanzenwelt—— alle dieſe Töne, Bil⸗ der, Umriſſe und Geſtalten drängten ſich wieder neubelebend an meine Phan⸗ taſie heran. Unter den Reiſenden zog mich eine in tiefe Trauerkleidung gehüllte junge Dame mit andächtigen braunen Augen, die den Tod eines Bruders beweinten, durch ihre natürliche Schönheit an. Edle Frauen haben ſtets einen regen Sinn für Naturſchönheiten. Sind ſie doch ſelbſt die herrlichſte Blüthe der Natur. Die übrigen blaſirten Reiſenden trugen keinen Funken in ſich von jener Abenteuerlichkeitsluſt, die eine natürliche Tochter ſchöner Gefühle und poetiſcher Lebensauffaſſung iſt. Von dem Zuſammenleben mit ſolchen Geiſtern würde ſelbſt Lord Byron keine Hesperidenfrüchte eingeſam⸗ melt haben. Mein Zuſtand auf der Heimreiſe war der eines Nachtwandlers, deſſen Fuß ſich in gewohnten Fußſtapfen ergeht, deſſen Seele aber anderswo weilt. Vollkommen geneſen von jenem Anfluge einer Gemüthskrankheit traf ich in einer von friſcher Sonntagsfrühe getragenen heiteren Stimmung des Ge⸗ müthes und angeweht von dem Hauche der nahen Seele Siddy's im Kloſter⸗ ſchlößchen am See wieder ein. Der Freude des Wiederſehens meiner Siddy ſchlugen alle Pulſe entgegen. Die Leitern, deren es bedurfte, mit Vorſicht zu erklimmen all' die hohen Erkerthürmchen ihres Herzens, waren nicht auf bedenklichen ſandigen Grund geſtellt, und klang mir daher das Avemaria⸗ glöckchen ihrer Liebe wie eine Friedensſtimme:„Willkomm! Willkomm!“ gar wonnigſüß entgegen. Es war mir jetzund wie einem Feldherrn am Abend vor der Schlacht, von deren ſiegendem Ausgang ſein ganzes Glück abhängt.— Ich kaufte mir unweit des Schlößchens ein beſcheidenes Beſitz⸗ thum an, und Siddy ward mein Weib.—— 5. Wo der ſtille Fleiß einer weiblichen Seele in einem Hauſe einzieht, um künftighin darin zu walten, da darf der Mann, der eine vielverſprechende Hausfrau ſich geſucht, ohne Bedenken die Laterne auslöſchen und mit Dio⸗ genes ausrufen:„Glück auf, ich habe ſie gefunden!“— Die Liebe hat auch ihre Illuſionen und jede Illuſion ihre Enttäuſchung. Die wahre Liebesprobe Huttmaſſer, Hörner der e, Schlünde lichen Mat Töne, Bi⸗ neine Phan⸗ ng gehüllte es Bruders haben ſtets eherrlichſte nen Funken ter ſchöner enleben mit e eingeſam⸗ kers, deſſen swo weilt. traf ich in ng des Ge⸗ im Kloſter⸗ einer Siddd nit Lorſiht en nicht auf Apemarir gillkomm Adherrn aln anzes Glüc enes Beſtt ſnzeßt n rppreta 4 GHll d mit D be hal gutbesre 377 Von Fr. Sauter. beſteht in gegenſeitigem Ertragen der letzteren mit Gleichmuth. Wenn Lie⸗ bende dieſe Prüfung beſtanden und doch ihre Liebe und Treue dabei bewahrt haben, dann werden ſie in ungetrübtem Liebesglück Hand in Hand den Le⸗ bensweg durchwallen. In gewohnter Geſchäfts⸗ und neugefundener Lebensbahn bewegt ſich beglückt mein ganzes Weſen. Nun iſt mir jeder Tag ein ganzes Leben und das Leben iſt ſo ſchön, wenn wir ſeiner Blumen uns freuen, und ſo traurig, wenn wir nichts Beſſeres zu thun wiſſen, als das Todtengräberamt an ſei⸗ nen fallenden Blüthen zu verwalten. Und zufrieden mit ſeinem Schickſale und mit ſeiner Freiheit am engen, aber eigenen Herde, kann ſich der Menſch allüberall auf dem kleinſten Fleck der Erde ein Paradies auferbauen. Fri⸗ ſches Genießen der Natur und gemeinſchaftliche Leſung auserwählter Schrif⸗ ten bewahrt uns in dem Kreiſe des ſtillen, einförmigen Landlebens vor In⸗ differentismus, Einſeitigkeit und Vertrocknung des Geiſtes und Gemüthes. In frohem Lebensmuthe rufen wir aus mit dem Pfaff vom Kahlenberg: „Dem armen augenkranken Kinde Geneſung bringt das Schaun in's Grün; So winkt des Dichterwaldes Blüh'n, Daß nicht das Seelenaug' erblinde.“— Allerlei Curioſa. Mitggetheilt von Wilhelm Ernſt. — 4 Wenn einer im Lande Mecklenburg etwas auf eine gute Schnabelweide gibt, ſo iſt es ſicher der Herr Stadtrichter zu Irſenow. Weit mehr als der Inhalt des corpus juris intereſſirt ihn derjenige einer gebratenen Gans, und viel eifriger als Glück's Pandecten ſtudiert er, was ſeine liebe Frau zum Mittag und zum Abendbrod für ihn in der Pfanne hat. Frau Stadtrichterin war gerade mit dem Braten einer fetten Ente be⸗ ſchäftigt und überlegte dabei für ſich, was ſie am nächſten Sonntag ihrem lieben Mann zu Tiſche bringen möchte, als der Herr Stadtrichter zu ihr in die Küche trat.„Frau, ich habe ſoeben uns einen Kuhnhahn(Truthahn) gekauft.“—„Einen Kuhnhahn?— Sieh, das iſt ja recht niedlich von dir!— Von wem haſt du ihn denn?“—„Von der Schwenziner Schulzenfrau.“—„Von Schultenmudding?— I, Walting, iſt das aber auch wohl einer von den ſchwarzen?— Die Art hat meiſt gewal⸗ tig viele Spielen.“— Herr Stadtrichter ſchüttelte halb unwillig ſei⸗ nen Kopf.„Werd' ich'nen ſchwarzen Kuhnhahn kaufen!— Nein, Frau, es iſt einer von der weißen Art, von jener engliſchen Race, die ſie zu Dämlow und zu Fetterow haben. Er iſt auch noch lebendig.“—„Lebendig iſt er? Iſt er denn auch fett?“— Herr Stadtrichter guckte ſeine kleine Frau mit großen Augen an:„Nun, Malchen, daß ich keinen mageren Kuhnhahn einhandeln werde, das, mein' ich, kannſt du dir doch ſelbſt beantworten. Ich wünſche aber dennoch, daß er noch eine Zeit gemäſtet wird, und zwar in der Manier, die Maiſtre de Laveau in ſeinem esprit de la cuisine vorſchreibt.“ jchnabelwein mehr als de en Gans, un be Frau zun nen Ente b onntag ihren hter zu ihri (Truthah recht niedli Schwenzi ing, it! meiſt gele unwilli dein, Frau 2 zu Däm dig iſt er. u mit gi neinhald Ich w. 1 Mal 19 1 der“ —t. Von Wilhelm Ernſt. 379 Maiſtre de Laveau war in den guten alten Zeiten Küchenmeiſter des hochſeligen Herrn Herzogs Philipp von Orleans. Seine Manier, die Kuhn⸗ hähne oder Puter zu mäſten, läuft nun darauf aus, daß man ſolche Vögel mit Nudeln füttern ſoll, die aus alten Herdſemmeln gemacht ſind, welche man zuvor im beſten Burgunderwein aufgeweicht hat. Obenein räth der Herr Küchenmeiſter an, den Thieren täglich einige Loth ſüße Mandeln und ebenſoviele Roſinen zu geben, wofür er denn aber auch verheißt, daß der Braten extréèmement delicat und von einem goüt très admirable et rare- ment délicieux ſein wird. Das läßt ſich auch wohl hören, denn wie der Trank, ſo das Schwein, und ſchmiert Gretfiek ſich von der gnädigen Frau Pomade in ihr Haar, ſo riecht ſie ganz ſo ſüß wie die.— Der Kuhnhahn wurde alſo aufgeſtallt. Dem Herrn Stadtrichter war es nunmehr ein abſonderliches Plaiſir, die Nudeln ſelbſt zu drehen und ſechs⸗ „mal auf den Tag den Kuhnhahn ſelbſt zu pfropfen.„Ich ſag' dir, Frau, er beſſert ſich von Tag zu Tag, daß man es ordentlich ſehen kann.“—„Aber, Männing, er wird nur gar zu theuer. All dieſe vielen Mandeln und Roſi⸗ nen!“— Herr Stadtrichter hörte dies nicht gern.„Nun,“ ſagte er ein we— nig haſtig,„ein einzigmal in meinem Leben werd' ich mir doch wohl einen guten Mund voll Eſſen in meinem eigenen Hauſe erlauben dürfen?“— Frau Stadtrichterin gewahrte, daß ihr Herr Gemahl ihr letztes Wort ein wenig krumm genommen, und ſo brachte ſie denn dadurch wieder Schick und Ordnung in die Sache, daß ſie ihn fragte, ob er nicht die Leber von der Ente ſpeiſen möge, welche ſie eben wieder auf dem Feuer hatte, und die gerade jetzt die rechte Bratung habe.— Das hielt denn auch der Herr Stadtrichter für einen ſehr verſtändigen Vorſchlag, und ſo ſetzte er ſich an den Küchentiſch und verſpeiste die Leber mit gutem Appetit.— Alle Menſchen müſſen ſterben, alles Fleiſch vergeht wie Heu, lehrt das Geſangbuch, und ſo kam denn endlich auch für unſeren Kuhnhahn jener ſchwarze Tag, wo er vom Leben ſcheiden mußte. Herr Stadtrichter hieb ihm eigenhändigſt mit dem Küchenbeil den Kopf herunter.„Marieken,“ ſagte der Herr nunmehr zu ſeiner Köchin, welche bei der Execution ihm Beiſtand geleiſtet hatte,„Marieken, trage jetzt den Kuhnhahn in den Garten und grab' ihn bis zum Sonntag in die Erde.— Das Fleiſch wird dadurch noch bei weitem zarter und kriegt noch einen feineren goüt.“— Dies Indieerdegra⸗ ben war auch eine Vorſchrift des ſeligen Herrn Maiſtre de Laveau.— Die Magd ging mit dem Puter ab.„Jan Timm,“ ſagte ſie zu einem 380 Allerlei Curioſa. Von Wilhelm Ernſt. Arbeitsmann, den ſie im Garten beſchäftigt fand, den Kuhnhahn hier en bäten in he Jer(Erde).“—„Den Kuhnhahn, Diern? Du büſt wohl dull?“—„De Oll, de will dat ſo. He ſall hier ierſt en bäten rotten(faulen). Leg He öbers ok jo un jo en Steen darop, dat em de Kat⸗ Jan Timm, graw' He „X‿ 1 ten(Kaben) mi nich angahn können!“—„Wo ſelhe kem di denn inpurrn?“ —„O, hier man bi den Beerbohm(Birnenbaum).“— Und damit ging die Köchin ab. „Marieken,“ ſagte am Sonnabend Nachmittag der Herr Stadtrichter, „komm' flinking her, wir wollen unſeren Todten jetzt einmal auferſtehen laſ⸗ ſen.— Die Trüffeln und die Champignons haſt du mir doch beſorgt?— Wo haſt du ihn denn eingeſargt?“—„Hier bie'n Ch hampagnerbeerbohm ward he liggen, Herr.“— Hier lag der Puter aber nicht, und auch nicht bei dem Bergamotterbirnenbaum und wo ſie ſonſt noch nach ihm ſuchten.— Herr Stadtrichter wurde allgemach ganz ungeduldig und Schweiß und. X 1. L.— 2.— Röthe trat ihm auf die Stirne.„Du biſt des Teufels, Dirn! Wo biſt du mit dem Kuhnhahn abgeblieben?“—„Ik weet dat wider nich to ſeggen, Herr. Ik heff Jan Timm em geben, dat de em hier uns inpurrn ſull.“— „Jan Timm?— So lauf' und ruf' geſchwind ihn her.“— Marieken merkte, daß mit dem Herrn nicht zu ſpaſſen war. Sie ſetzte alſo ſich in ſchlanken Trab und rief den Arbeitsmann herbei.—„Jan Timm, wo liegt der Kuhn⸗ hahn?“ rief, ſobald der Mann ſich in der Gartenpforte zeigte, der Herr Stadtrichter. Verwundert und erſchrocken ſtarrte jt Jan Timm den Frager an. „De Kuhnhahn, Herr Stadtrichter?“—„Ja, der Kuhnhahn!— Er hat ihn hier ja eingegraben?“— Mit allen Fingern fuhr Jan Timm ſich jetzo in die Haare, und ſah dann ganz erbärmlich den Herrn und die Köchin an. Der Herr Stadtrichter gerieth in helle Wuth.„Wo iſt der Kuhnhahn, Kerl?“—„De Kuhnhahn?“—„Ja!“—„Denn Herr Stadtrichter, denn will ik Se dat lever gliek man ſeggen, den Kuhnhahn, den hebben mine Fru un ik upeten.“—„Den habt ihr aufgefreſſen?“—„Ja. Ik dacht', dat wier doch Schad, dat de hier in de Jer verrotten ſull.—„Und wie habt ihr ihn euch denn zubereitet?“—„Mien Fru hett em dägt inſolt't(tüchtig ihn ein⸗ geſalzen) un hett em denn mit Räuwen un Pantüffeln kakt(mit Rüben und Kartoffeln gekocht).“—„Dickköpf'ge Beſtien!“ ſchrie der Herr Stadtrichter und damit rannte er, als brenne ihn der Kopf, zur Gartenthüre hinaus. n, graw'h ahn, Dien terſt en bäte t em de Kat i inpurm! amit ging Stadtricht fferſtehen li beſorgt? gnerbeerbohe auch nicht ſuchten.— Schweiß un Vo biſtd ich to ſeggen ern ſull.— rieken merkte in ſchlanke gt der Kuhn gte, der Hen in Frager di a1— Er b imm ſich jt ie Köchin er Kuhnhe dtrichter, de ben mine 1 acht, dat h e habt ihr ichtig ihn 4 it Rüben! Stadni enaus re hinan Von Fr. Grebel. Es iſt ein allgemein verbreiteter Irrthum, daß die Guillotine, welche ihre ſchreckliche Meiſterſchaft während der franzöſiſchen Revolution erwieſen hat, eine Erfindung des Dr. Gulllotin und er ſelbſt damit hingerichtet wor⸗ den ſei. Eine der Guillotine ganz ähnliche Köpfmaſchine war ſchon im Jahre 1233 in Deutſchland im Gebrauche unter dem Namen Aſſér oder Planke in der damals noch deutſchen Stadt Dendermonde. Ebenſo kommt ſie unter dem Namen„Winbrechen Diele“ im 13. Jahrhundert in der Stadt Saal⸗ feld vor, im 15. Jahrhundert in Kärnthen und ſchon im Jahr 1248 in Böh⸗ men, im Jahr 1381 in Schwaben und faſt gleichzeitig in Lübeck. In Oſt⸗ indien iſt die Köpfmaſchine ſchon ſeit Jahrhunderten und noch jetzt im Gebrauche. In vielen Städten Deutſchlands finden ſich noch jetzt Abbil⸗ dungen ſolcher Köpf maſchinen. Obſchon dieſelben die größte Zuverläſſigkeit gaben und beſonders deßhalb zu empfehlen waren, weil dabei nicht der Menſch gezwungen wird, ſelbſt die tödtende Hand an ſeinen Nebenmenſchen zu legen, ſo kamen ſie doch durch die Einführung des römiſchen Rechtes außer Gebrauch und an ihre Stelle trat das Schwert. Auch die ſeit Ein⸗ führung der Halsgerichtsordnung Kaiſer Karls V. immer mehr zunehmende Grauſamkeit in Vollziehung der Todesſtrafen, indem man mit einfachen Strafen ſich nicht begnügte, ſondern geſchärfte Todesarten, wie Rädern, Verbreniten u. ſ. w. lieber wählte, trug zur Verdrängung der Köpfmaſchine viel bei. — — — ——;—ʒ3ÿÿFꝛyjꝛ— ͤ—— — — 382 Die Guillotine. Von Fr. Grebel. In Italien kommt dieſe Maſchine unter dem Namen Mannaja ſchon ſehr früh vor. Mit ihr wurde Conradin von Hohenſtaufen und ſein Freund Friedrich von Oeſterreich in Neapel hingerichtet und Guido Panciroli er⸗ zählt, daß zu ſeiner Zeit(er ſtarb 1599) in Italien die Enthauptungen all⸗ gemein mittelſt des Fallbeils vollzogen würden.— England und Schott⸗ land kannten eine ähnliche Maſchine unter dem Namen Maiden(die Jung⸗ frau). Maccaulay erwähnt in ſeiner Geſchichte von England, daß der Earl von Argyle im Jahr 1685 zu Edinburg mit der alten plumpen Gulllotine Schottlands, die Jungfrau genannt, hingerichtet worden ſei.— Auch im älteren Frankreich kam eine, im Jahr 1632 bei der Hinrichtung des Her⸗ zogs von Montmorency gebrauchte, der Guillotine ganz ähnliche Maſchine, doloire genannt, vor. Hiernach konnte es ſich nur um die Wiedereinführung einer längſt be⸗ kannten Maſchine handeln und hat allerdings Dr. Guillotin hierzu die Ver⸗ anlaſſung gegeben, indem er als Deputirter des dritten Standes den Antrag ſtellte, die Gleichheit der Todesſtrafe zu decretiren, indem vor der Revolu⸗ tion nur der Adel in Frankreich das Recht, enthauptet zu werden, hatte, während alle bürgerlichen Verbrecher in der Regel gehangen wurden. Eine Commiſſion gab ihr Gutachten dahin ab, daß die Gleichheit der Todesſtrafe den Grundſätzen der Revolution entſpreche, und beauftragte den berühmten Dr. Louis einen Bericht über die am wenigſten ſchmerzhafte Todesart zu er⸗ ſtatten. Dieſer ſchlug das ſeit langen Jahren in Schottland unter dem Na⸗ men„Jungfrau“ gebrauchte Fallbeil vor und bezeichnete die daran nöthigen Verbeſſerungen. Die Verſammlung nahn dieſen Vorſchlag an und die Maſchine wurde von den Pariſern die Louiſette getauft. Den Namen Gulllotine erhielt ſie erſt ſpäter, obſchon Dr. Louis die nächſte Veranlaſſung zu ihrer Einführung gegeben hatte. Am 1. December 1789 hielt Dr. Guillotin in der National⸗ verſammlung einen Vortrag über ſeinen Antrag, worin er ſich im Allge⸗ meinen für die Hinrichtung durch eine Maſchine ausſprach und dabei den Deputirten die ebenſo merkwürdigen, wie ominöſen Worte zurief:„„avec machine je vous fais sauter la tête et vous ne souffrez pas(mit einer Ma⸗ ſchine laſſe ich Ihre Köpfe ſpringen, ohne daß Sie Schmerzen empfinden).“ Dr. Guillotin ſtarb nicht durch die nach ihm genannte Maſchine, ſon⸗ dern im hohen Alter zu Paris am 26. Mai 1814. kannaja ſche ſein Freu Pancirolin uptungen äll und Schat n(die Jung daß der Emn en Guillotin .— Auch in ung des Her che Maſchine ter längſt be⸗ eerzu die e es den Antra rer Revoll⸗ zerden, hatte urden. Ein Todesſtraf en berühmte odesart zue nter dem A aran nöthige rſchine wun ine erhielt e Einfühmn der Nation ſich im Ad- und dabeit urief: ni nit einer N' empfinde Noſcgine Eine Kirchweihe in Franken. Von Friedrich Lampert. „Land und Leute“, das wird nun nachgerade ſo eine ſtehende Ueberſchrift in unſeren Unterhaltungsblättern, und nicht mit Unrecht; ſoll man doch und gerade, wenn Zerſplitterung und Trennung droht, ſein Vaterland recht genau kennen und auch in den einzelnen Theilen als Ein großes Ganzes lieben ler⸗ nen. Da möchte ich auch einmal in den Hausblättern etwas von meinen heimatlichen Gauen, vom fränkiſchen Haus, ſeinen Sitten und Gebräuchen, in Freud und Leid, ſeinem Sonn⸗ und Alltagsleben erzählen; und da greife ich gleich heute ſo recht in's Volk hinein und nehme ein Stück„luſtiges Le⸗ ben“ heraus, wie es die Ueberſchrift nennt, vielleicht auch darum, weil ge⸗ rade jetzt bei uns die Zeit der Kirchweihen iſt. Kirchweihe! Da jubelt jedes Herz im Dorfe auf, wenn die näher und näher rückt; da iſt keiner ſo arm, faſt keiner ſo traurig, daß er ſich nicht dar⸗ auf freuen könnte. Es iſt was Ruhiges, Bedächtiges in unſeren fränkiſchen Bauern, allein der Gedanke an die Kirchweihe kann ſein Blut raſcher wallen laſſen. Sie iſt ihm Volks⸗ und Familienfeſt, die einzige Zeit im Jahr, wo er ſo einmal ein paar Tage recht ausruht, ein wenig von ſeinem ſteten Schaffen und Arbeiten nachläßt und ſich ſeines Lebens freut. Die Kirchweihen fallen meiſt in die Spätherbſtzeit, man kann alſo da feiern. Die Felder ſind abge⸗ erntet, auch die letzten Früchte nach Hauſe geſchafft, man kann dankbar auf die gefüllten Scheuern und Böden, die Früchte eines mühevollen Arbeits⸗ jahres. Iſt noch gar eine gute Weinernte geweſen, perlt der„Brem⸗ ſer“ oder„Lederwaſt“ im Glas, dann iſt's doppelt ſchön, kann man noch 384 Eine Kirchweihe in Franken. vergnügter Kirchweihe halten. Wochenlang gehen die Zurüſtungen voraus, d. h. die Hausfrauen ſparen wochenlang ſchon Milch und Eier, um ja recht viel zum Backen zu haben, denn Weißbrod, Käskuchen, an manchen Orten die ſogenannten„Küchlein“, müſſen in Fülle vorhanden ſein; kein Mangel darf gemerkt werden; acht Tage lang wenigſtens muß auch den Dienſtboten das weiße Brod zugänglich im Tiſchkaſten liegen; wehe dem kärglichen Haus⸗ halten, das daran es fehlen ließe! Auch die Aermſten ſparen auf die Kirch⸗ weihe, und das Haus müßte ſehr, ſehr arm ſein, das gar kein„Bäcket“ Kirchweihbrod aufbringen könnte. Und wo es wirklich gar nicht möglich iſt, da thut, wenn vielleicht ſonſt im ganzen Jahre nicht, ſo doch an der Kirch⸗ weihe wenigſtens die Mildthätigkeit ihre Hand auf und bringt für die noto⸗ riſch Armen ſo viel Brod und Kuchen zuſammen, daß auch ſie in dem Stück fröhlich Kirchweihe halten können. Wie in Eine Rauchwolke gehüllt, erſcheint das Dorf am Freitag vor dem Feſte: in allen Häuſern wird gebacken. Am Tage vorher iſt geſchlach⸗ tet worden, um auch friſches Fleiſch zum Brod zu haben. Dann wird ge⸗ ſcheuert und geputzt, gefegt und gewaſchen, daß auch Tiſch und Bank, Diele und Tennen blank und ſauber ſind. Die Garderobe wird nachgeſehen und in Stand geſetzt; Schneider und Näherin haben alle Hände voll zu thun; ſelbſt den kleinſten Kindern werden neu Kleider gemacht, denn ſie ſollen auf den Armen der älteren Schweſter oder der Kindermägde paradiren, und mit ihnen von einem Wirthshaus zu anderen ziehen. Endlich iſt alles fertig, der Kirchweihſonntag da. Das ganze Dorf trägt ein feſtliches Anſehen. Der ſonſt gar nicht immer ſo ſaubere Hof iſt aufgeräumt, Wagen und Pflug auf ein paar Tage hübſch beiſeite geſtellt, Hühner und Gänſe ſind eingeſperrt, Gaſſen und Pflaſter reinlich und ordent⸗ lich gekehrt. Der Bauer ſteht in friſchen weißen Hemdärmeln, die Hände behaglich in die Taſchen der blauen Sonntagshoſen geſteckt, unter der Haus⸗ thüre und ſchaut vergnüglich das Dorf hinab; aus dem Schlot faſt eines je⸗ den Hauſes kräuſelt ſich eine leichte Rauchwolke empor; er tritt in das ſeine zurück, denn ein kräftigerer Geruch, als er ſonſt gewohnt, ſagt ihm, daß der Frühſtückskaffee bereitet iſt. Da läuten die Kirchenglocken ſchon zum dritten⸗ mal. Er macht ſich mit den Seinen auf zum Kirchgang; es ſoll keins im Gotteshauſe fehlen: die eigentliche Bedeutung des Tages, die Erinnerung an die Weihe ſeiner Kirche iſt ihm heilig; es iſt ihm, als ob die Orgel noch einmal ſo ſchön„geſchlagen“ würde, wenn das ſchöne Kirchweihlied„kommt ungen vorau um ja rec anchen Ote kein Mang Dienſtbot glichen Hm auf die Kirc kein„Bäckt t möglich i an der Kirc tfür die nolt in dem Sti m Freitag v riſt geſchlat Dann wird g Bank Dil chgeſehen un voll zu thun ſie ſollen a diren, und m as ganze D fi ſaubere H eſſete geſu ch und orde An, die Hin nter der Har t faſt din tin e tim, dn r zum dii ſoll keind ie Erinnen die deg 1 iblied 4 Von Friedrich Lampert. 385 her, ihr Chriſten voller Freud“ angeſtimmt wird, und bringt der Pfarrer etwas von der alten Zeit in ſeine Predigt hinein, wie es früher geweſen, wie die Väter ihre Kirche gebaut haben und dann auch die folgenden Geſchlechter nicht aufgehört, das Gotteshaus zu ſchmücken mit mancherlei Schmuck, dann horcht man gar andächtig auf Wort und Predigt.— Die Kirche iſt aus, in langem Zug kehrt die Gemeinde in ihre Häuſer zurück, alles in vollem Sonntagsſtaat, Frauen und Mädchen jedoch meiſt ſchwarz gekleidet, eben weil es Feſttag iſt. Aber daheim wird der Feſtputz bis zum Nachmittagsgottesdienſt aus⸗ gezogen: man iſt vorſichtig und ſparſam, man kann auch in Hemdärmeln und der gewöhnlicheren Jacke zu Tiſche ſitzen. Der iſt heut reich beſetzt: eine große Schüſſel dampfender Nudelſuppe, Rindfleiſch und Braten und vor allem das Leibgericht, das alte deutſche Sauerkraut, von dem, wenn auch noch nicht der ganze Wintervorrath, doch jedenfalls für die Kirchweihe ſchon ein zureichend Theil„eingemacht“ worden iſt. Man bleibt nicht allein bei der Mahlzeit: es klopft an der Thüre, der Bauer ſagt herein, aber er ſteht nicht gerade auf, um den eintretenden Beſuch zu begrüßen; er freut ſich der Kommenden, aber er iſt kein Freund von vielen Formen: der Gaſt kann ſelber ablegen und ſich an den Tiſch ſetzen, es iſt ihm ja alles herzlich ver⸗ gönnt. In dieſer Beziehung ſind die Kirchweihen Familienfeſte: Eltern und Kinder, Geſchwiſter und Verwandte, die ſich das ganze Jahr lang nicht ge⸗ ſehen, an der Kirchweihe beſuchen ſie ſich; ſie iſt ihnen oft nur das einzige Band des perſönlichen Sichbegegnens, die einzige Gelegenheit, bei der man ſich ſieht, von einander hört. Wir wiſſen, daß eine ſchon ganz feſt abgemachte Heirath wieder auseinandergegangen iſt, als die Mutter der Braut auf ein⸗ mal herausbekam, daß die Kirchweihe der neuen Heimat mit der der alten ſuſammenfiel, alſo ein Beſuch zwiſchen Mutter und Tochter unmöglich war. Aber doch wird noch wenig geſprochen zwiſchen Gaſt und Gaſtherrn, eber deſto beſſer gegeſſen und getrunken. Da ertönt außen Kinderjubel: man ſteht doch auf und öffnet das Fenſter: helle Klänge ziehen die Straße herauf: der Muſikwagen, der Leiterwagen nämlich, den der Wirth der von ihm be⸗ tellten Muſik entgegengeſchickt hat, hält mit fröhlichen Weiſen ſeinen Ein⸗ ug. Aber noch dürfen dieſe nicht den Hauptton anſchlagen, denn noch ein⸗ mal rufen die Glocken zum Nachmittagsgottesdienſt. Der iſt faſt noch be⸗ ſuchter, als der am Morgen, denn die Gäſte werden mit hineingenommen Hausblätter. 1867. IV. Bd. 25 386 Eine Kirchweihe in Franken. und auch die Frauen holen nach, was doch die eine oder die andere in der Frühe wegen der Mittagsvorbereitungen verſäumt hat. Aber nun iſt's Nachmittag geworden, die Armen des Dorfes eilen dem „Rathhaus“ zu, wo ihnen das ſchon oben erwähnte von freiwilligen Spen⸗ den angeſammelte Kirchweihbrod ausgetheilt wird. Es iſt doch ein geordne⸗ teres Weſen, als vor 70—80 Jahren, da ganze Schaaren von fremden Bett⸗ lern im's Dorf einzogen und ſich auf öffentlichem Platze aufſtellten, um, von dem zwiſchen ihnen herumreitenden Bettelvogt im Zaum gehalten, aus den Händen des Ortsſchultheißen Brod und Geld zu empfangen. Jetzt wird's lebendig auf der Gaſſe: ein Trupp junger Burſche, die Muſik voran, zieht zum Dorf herein; ſie haben die Kirchweihe„ausgegraben“; das Feſt iſt er⸗ öffnet. Aber am erſten Tage wird das wenig weiter nach außen ſichtbar; man bleibt im Wirthshaus, bei Spiel und Tanz. In zwei oder drei Zim⸗ mern ſpielt die Muſik, ſie ſind nicht groß, bald iſt alles gedrückt voll; aber der Bauer braucht wenig Raum, er kann ſich auf dem engſten Plätzchen be— wegen, ſogar tanzen. Es iſt unbegreiflich, wie ſich die Paare in dem kleinen Kreis, der frei gelaſſen iſt, drehen können. Aber ſie drehen ſich doch, man tanzt hier leidenſchaftlich, wie nur in irgend einem Ballſaal der großen Welt. Der Nachmittag gehört noch faſt ausſchließlich der Jugend; aber am Abend kommen auch die Alten, Mann und Frau miteinander, die ſonſt das ganze Jahr nicht zuſammen ausgehen, tanzen wohl auch einmal zuſammen, aber meiſt ſitzen ſie hinter den großen Tiſchen und machen dem Wirth„eine Zeche“, die der aber nicht aufſchreibt, ſondern nach der Kirchweihe ganz finanzkundig nach den Vermögensverhältniſſen der einzelnen Gäſte aus⸗ ſchlägt. Aus ſteinernen Maaskrügen wird der Kaffee getrunken, Bier und Wein reichlich conſumirt. Die Polizeiſtunde fürchtet man nicht, die Wäch⸗ ter des Geſetzes ſind wohl da, allein ſie ſitzen auch mit am Tiſche und wiſſen den Bauern Beſcheid zu thun und lernen's auch glauben, daß„dem Glück⸗ lichen keine Stunde ſchlägt“. Der zweite Kirchweihtag kommt, der Montag. An manchen Orten iſt früh wieder Kirche, gewöhnlich geſtifteter Gottesdienſt. Auch er wird zahl— reich beſucht, aber doch iſt's da beſſer, wo er nicht beſteht: es herrſcht doch weniger Aufmerkſamkeit, es gibt zu viel übernächtige Geſichter. Am Mon— tag Nachmittag tritt die Kirchweihe mehr in volksthümliche Sichtbarkeit. Die jungen Burſche„ſpielen ihre Mädchen zuſammen“, d. h. ſie ziehen mit der Muſik von Haus zu Haus, wo ſie ihre Tänzerinnen, und meiſt die, mit ein georde fremden Bei ten, um, dor lten, aus de Jetzt wirde kvoran, ziet as Feſt iſte ußen ſichtbar Dm der drei Zim ict voll; ah Plätzchen b i dem klein ſch doch, man We gro ßen W d er am m Abend nſt das gan mmen, abe Wirth„in ichwäihe ſu n Cäes n ken, Bier cht, die Vi ſche und wi Hlü dem B„ Von Friedrich Lampert. 387 denen ſie gerade gehen, d. h. ein ernſtliches Verhältniß haben, wiſſen— oft ein toller, luſtiger Aufzug, etliche zu Pferd, andere in komiſche Masken ge⸗ ſteckt, allen voran der Mundſchenk mit dem ſtets gefüllten Glas. Nun iſt die Schaar beiſammen; der Zug geht zum Wirthshaus zurück, ein friſches, hübſches Bild, die ſchmucken Mädchen mit den friſchen weißen Hemdärmeln oder der ſchwarzen knappen Sammetjacke und der reichen Bandhaube auf dem Kopf, die Burſchen mit den kurzen Jacken und den mit Silbermünzen geknöpften Weſten und den jovial auf's Ohr geſetzten Pelzmützen. De Abend bricht raſch an, aber mit der Nacht kommt auch erſt die rechte Luſtig— keit. Geht ſie auch manchmal in hohen Wogen, thut auch der oder jener des Guten zu viel, im Ganzen ſind doch rohe Exceſſe, wie ſie in den ober- und niederbairiſchen Gegenden faſt an jedem derartigen Feſte vorfallen, ſelten. Aber Geld, viel Geld geht auch hier darauf, nicht in Eſſen und Trinken, ſondern der iſt der„Nobelſte“ und Gefeiertſte, der den Muſikanten am mei⸗ ſten gibt, ſich etwas„extra“ von ihnen aufſpielen läßt, wenn er vor ihnen ein Liedlein, oft— darin glücklich epigrammatiſch— ein Spott⸗ und Trutz⸗ liedlein improviſirt, und je mehr Beifall ihm von den Zuhörern wird, deſto mehr Gulden und Kronenthaler in die in tiefen Tönen accompagnirende Baßgeige wirft. Das Singen iſt immer ein Hauptbeſtandtheil der Kirch⸗ weihluſt, und gar erſt, wenn ſich nun einer nach dem andern, dem doch end— lich das Heimgehen an der Zeit erſcheint,„heimſpielen“, d. h. von Muſik und Freunden das Geleite bis an ſein Haus geben läßt, wobei, auch wenn der Tag ſchon graut, die große Laterne nicht fehlen darf, die dem Zuge vorangetragen und in möglichſt hohem Rade kunſtvoll geſchwungen wer⸗ den muß. Wohl geſtattet das Geſetz eigentlich nur zwei Kirchweihtage, aber man iſt ja auch auf dem Dorfe weiter gekommen, moderniſirt, man hat Geſang⸗ Schützenvereine: die Erlaubniß zum„Schützenball“ bekommt man ſchon noch, und ſo ziehen denn am Dienſtag Früh ein großer Theil der ſtreitbaren Bürger des Orts mit Gewehren, freilich der mannigfachſten Art, auf der Schulter, voran wieder die Muſik und die Schuljugend mit blau⸗weißen Fahnen und allerlei hübſchen blinkenden Preiſen von Blech, Zinn, Kupfer ¹. ſ. w., hinaus auf die noch grüne Wieſe am Dorf, und jedes ſchießt ſeine ihm als„Bürger“ zuſtehenden drei Schüſſe auf die Scheiben, ſo gut er eben kann, um am Abend entweder als Schützenkönig und Preisträger, oder im ſchlimmſten Fall doch wenigſtens als Zechgenoſſe der Glücklicheren heimzu⸗ 25* — 388 Eine Kirchweihe in Franken. Von Friedrich Lampert kehren. Daneben wird vielleicht auch auf demſelben grünen Plan ein Tanz um einen geputzten Hammel abgehalten und ſo wenigſtens doch noch ein kleiner Reſt der alten Sitte, da um die große Linde inmitten des Dorfes der „Kirchweihplan aufgeführt“ wurde, gewahrt. Doch auch der Tag mit ſeiner Nacht geht zu Ende. Es iſt nun wieder für Jahresfriſt aus und gar; auch der letzte Ton der mit ſchmetterndem Tuſch am anderen Morgen zum Ort hinausfahrenden Muſik verklingt, trüb⸗ ſelig ſchaut man ihr aus dem oder jenem Fenſter nach; die Kirchweihe iſt wieder begraben und nur der hohe Baum mit dem im Wind flatternden Bänderkranz vor dem Wirthshaus und das auch nach der Kirchweihe noch etliche Zeit verbleibende dürre weiße Brod im Tiſchkaſten iſt für Wochen hinaus die letzte Erinnerung an ſie. Zlan ein d doch noch d es Dorfesd ſt nun wi ſchmetternder erklingt trut Kirchweihe i nd flatternden irchweihe no ſt für Woche Eine Fahrt in's Vintſchgan. Von Ida von Düringsfeld. Wir befanden uns bereits ſeit drei Wochen in Meran und hatten uns in der Trägheit des Sehens, der man bei vollendet ſchöner Umgebung ſo leicht unterliegt, bis dahin noch ausſchließlich auf den Küchlberg, die Paſſeier⸗ ufer und das reizende Obermais beſchränkt. Allmälig indeſſen erwachte doch das Bedürfniß, auch das zu ſehen, was außerhalb des nächſten Zauberkreiſes lag, und der erſte Verſuch dieſer Art war eine Fahrt nach Naturns. Was eigentlich in Naturns vorzüglich Anlockendes iſt? Die Wahrheit zu ſagen: nichts. Ich allein hatte ein beſonderes Intereſſe daran. Trees, das origi⸗ nelle Mädchen, welches uns im deutſchen Hauſe zu Meranerſteinach bediente, war aus Naturns gebürtig, und da ich in ihr eine„Novellenheldin“ gefun⸗ den hatte und der Schriftſteller den Geburtsplatz ſeiner Heldin doch wo mög⸗ lich kennen muß, ſo fuhren wir nach Naturns. Steinach iſt der obere Theil der Stadt Meran, welcher unmittelbar am Eingang des Paſſeierthales und folglich der Paſſer oder des Paſſeier⸗ baches liegt. Auch die eigentliche innere Stadt, welche aus der Laubenſtraße beſteht, zieht ſich auf dem nördlichen Ufer der Paſſeier dahin. Wir fuhren alſo die Waſſerſeite entlang, bogen beim ehemaligen Ultnerthore rechts ein auf den Rennweg, wo früher Rennen und Aufzüge ſtattfanden, und kamen dann am Kapuzinerkloſter vorüber durch's Vintſchgerthor in die köſtliche Wieſen⸗ und Baumebene, die ſich vom Küchlberg bis zur Etſch zwiſchen Meran und den gewaltigen Bergen ausdehnt, deren Schutz die Stadt ihr ſüdliches Klima verdankt. 390 Eine Fahrt in's Vintſchgau. Wer, der ſich mit altdeutſcher Dichtung beſchäftigte, kennt nicht die Sage von König Laurin? Nur beſchäftigen ſich verhältnißmäßig immer bloß wenige mit altdeutſcher Dichtung, und für die Vielen, die es nicht thun, iſt, ſobald König Laurin erwähnt werden ſoll, ſeine Biographie unerläßlich. König Laurin alſo war ein Zwerg in Tirol, drei Spannen hoch, dabei je⸗ doch, Dank einem Zaubergürtel, ſtark wie zwölf Männer und voll von den klugen Tücken ſeines Geſchlechtes. Seine Reſidenz war in einem unterirdi⸗ ſchen Kryſtallſchloſſe, ſein Vergnügen beſtand in einem prachtvollen Roſen⸗ garten, zu welchem goldene, von Edelſteinen funkelnde Thore führten. Statt der Mauern aber diente ein ſeidener Faden, und dieſe fein angedeutete Grenze wurde nimmer verletzt: die Furcht vor König Laurin hielt alles in entfernter Bewunderung vor dem Roſengarten. Leider bekam unſere Zwerg⸗ majeſtät die ſchöne Simild von Steier zu ſehen, warf ihr eine Nebelkappe über und entführte ſie. Das brachte Dietrich von Bern und deſſen Kampf⸗ gefährten Wittich, bei denen Dietlieb von Steier ſich über den Raub ſeiner Schweſter beklagte, in den„Tann“, wo der Roſengarten lag, und die armen ſchönen Roſen wurden ausgeriſſen und die goldenen Thore zerſtört. Umſonſt erſcheint König Laurin zur Rache, gegen fünf chriſtliche Helden kann er nicht ſiegen; umſonſt verſucht er es darauf unten in ſeiner Kryſtallburg mit etwas Zwergenverrath, Simild wendet ſich gegen ihn, und das Ende iſt, daß er von Dietrich nach Bern, d. h. nach Verona abgeführt wird und ſein purpur⸗ ner Roſengarten verwüſtet liegen bleibt. Ich weiß nicht, ob es andern ergeht wie mir, daß nämlich die Sympa— thie bei dieſer Erzählung unwillkürlich bei Laurin und ſeinen Roſen iſt und keineswegs bei Simild und den Rittern. Jedenfalls iſt es dem Volk ergan⸗ gen, wie mir, denn die Sage will nichts von Laurin zu Verona wiſſen, für ſie wohnt er noch immer in ſeinem Kryſtallpalaſt. Nur über das Wo dieſer unterirdiſchen Wohnung iſt ſie uneins. Sie ſoll im Schlern und der Roſen⸗ garten im Hauenſteiner Wald geweſen ſein, der Roſengarten ſoll geblüht haben, wo„ob Plarſch“ am Fuße des Berges mächtige Blöcke liegen; end⸗ lich wird der Roſengarten da geſucht, wo Gratſch und Allgund unterhalb Schloß Tirol, zwiſchen ihren Obſtbäumen und Rebenleiten liegen, und ich eine Gegend wie ein ſtimme vollkommen dieſer Annahme bei, denn gibt es Garten, ſo iſt es ſicherlich dieſe. Schloß Tirol blickte von weitem auf uns herab, als wir durch die ge⸗ ſunde, üppige Sommerſchönheit der Ebene fuhren; es iſt, um ſo zu ſagen, Fimmer lle cht thun, iſ unerläßlih ch, dabei je voll von de em unterirde vollen Roſen hrten. Stai angedeutet hielt alles in mſere Zwerg⸗ ne Nebelkappe eſſen Kampf Raub ſeinen nd die armen rt. Umſonſt kann er nicht rg mit etwad eiſt, daß e⸗ ſein purput⸗ Hoſen it un Lolkegn a wiſſen, f as Wo dieſ nd der Ruſe ſoll gebli liegen; in nd unterbin Gen, ude egend wie durch di n an ſtgel n ſo zu 391 Von Ida von Duringsfeld. allgegenwärtig in der Gegend. Zum Maleriſchen derſelben trägt es nicht bei, ſondern ſieht, es muß geſagt ſein, mit ſeinem gelben Anſtrich ſogar recht alltäglich aus. Von der köſtlich ruinirten Zenoburg gar nicht zu reden, welche am Eingang zum Paſſeierthale Wache ſteht, gibt es um Meran herum zehn Schlöſſer und mehr, die alle ſich romantiſcher darſtellen, als Tirol, z. B. gleich Durnſtein oberhalb Allgund. Damit ſoll indeſſen dem Schloß Tirol ſeine hiſtoriſch romantiſche Bedeutung durchaus nicht abgeſprochen werden, im Gegentheil, es hat die höchſte: es iſt ſo recht im eigentlichen Sinne eine Landesveſte. Die Grafen wohnten dort, noch bevor es, unter den erſten Meinharden, dem ganzen Lande den Namen gab, und ſo lange Tirol eigene Grafen hatte, ſo lange wurde Hof zu Schloß Tirol gehalten. Als das Land an Oeſterreich kam, verlor Schloß Tirol freilich die Fürſten und behielt nur die Burggrafen und Landeshauptleute, bis auch dieſe zuerſt nach Botzen und dann nach Innsbruck überſiedelten, aber dennoch blieb der Begriff der Lan⸗ deshoheit an den Beſitz von Schloß Tirol geknüpft, und ebenſo bezeichnend wie rührend iſt es, daß 1814 Meran die ſechs Jahre früher von Baiern ver⸗ kaufte Veſte einlöste und dem Kaiſer Franz wieder übergab. Zwiſchen Tirol und Durnſtein, höher als dieſes, tiefer als jenes, glänzte uns das weiße St. Peter zu. Es iſt die älteſte Kirche der Gegend und noch obenein Zwergenbauwerk. Die armen kleinen Architekten haben indeſſen viel Noth damit gehabt. So oft ſie bis zum Dachſtuhl gekommen waren, langte einer der Rieſen, die damals auf Schloß Tirol wohnten, gemächlich mit dem Arm herüber und ſchnellte mit einem Finger den ganzen Bau über den Haufen. Da nahmen die Zwerge ſich tapfer zuſammen: in einer einzi⸗ gen Nacht wurde das Gebäude mit Dach und allem vollendet, und als am nächſten Morgen die Rieſen erwachten, mußten ſie St. Peter ruhig ſtehen laſſen, denn nur über Halbfertiges hatten ſie Gewalt.— Tirol iſt der Bo⸗ den für Zwergenſagen, die in der hieſigen Gegend Nörgl genannt werden. Auf der Multſpitze, der erſten des Nordgebirgszuges, auf welcher wir im hellen Morgenlichte das erſte friſche Grünen ſahen, ſoll ein Nörgl wohnen, ſich bisweilen zeigen und dann traurig die Klage eines zu langen Lebens ausſprechen: „Wie bin ich ſo grau, wie bin ich ſo alt! „Denk' den Muttkopf dreimal als Wieſ' und dreimal als⸗Wald.“ Als wir, etwa vierzehn Tage früher, den Anblick eines Feuerwerkes auf der Multſpitze genoſſen, behufs deſſen Abbrennung einige junge Meraner 392 Eine Fahrt in's Vintſchgau. ſich dem bitter kalten Nachtlager oben ausſetzten, da fragten wir uns mit wehmüthigem Humor:„was wird das arme alte Nörgl nur dazu ſagen?“ An dieſem Morgen gaben uns die Kaſtanien ein Blüthenfeuerwerk. Dieſe ſchönen edlen Bäume ſind in der Thalebene, die uns zur Rechten grünte, und auf dem Marlinger Berge, der— mit ſeinen Abwechſelungen von Anmuth zu unſerer Linken erhob, ſo recht daheim und ſtanden eben in der vollen Pracht ihrer mattgelben Bl ugenunche welche, von unten herauf betrachtet, in einem röthlichen Schein zu ſchwimmen ſchienen. Auch ihren Duft ſpürte man, dagegen war der des Weines, welcher noch vor wenigen Tagen bis in die Zimmer drang, gänzlich vorüber Die Trauben hatten an⸗ geſetzt und verſprachen, wenn die Krankheit nicht wieder hineinkam, eine reichliche Leſe. Die Krankheit wird in der Meraner Gegend ſehr gefürchtet De und mit Recht. r Wein iſt hier kein Luxus, ſondern ein Bedürfniß, nicht gerechnet den Ertrag des ausgeführten. Als er mehrere Jahre hindurch fehlſchlug, ſoll ſelbſt das reiche Allgund ſchwer gelitten haben. Wir hatten über Allgund gewollt, es ſehen und zugleich dort früh⸗ ſtücken, denn mit einer Taſſe Thee und etwas Gugelhopf kann man bei der hieſigen magenanregenden Luft nicht füglich von Meran bis Naturns fahren. Aber wir hatten ohne Matthies Pilger, den Sohn des Stampfmüllers in Untermais, gerechnet, mit deſſen Einſpänner wir ſammt Trees Vintſchgau⸗ wärts kutſchiren wollten. Groß, ſchlank, ernſt wie ein alter junger Ritter, der die erſte Waffenwacht thun ſoll, mit dunklem Haar und braunen, lang⸗ ſam blickenden Augen, mit dem ächteſten, geradeſten, länglichſten Tiroler⸗ profil, ſäuberlich grau angethan in kurzer Joppe, mit blendend reinem Hemd, am grauen Hut ein rothes Sträußchen, hörte er, neben dem Wagen ſtehend, unſere Inſtruktionen an und beantwortete jie mit einem gemeſſenen Kopfnei⸗ gen. Erſt als wir in die Nähe des Weges kamen, der nach Allgund hinein und von dort auf die alte Straße nach dem Töll führt, erſt da wandte er ſich zu uns um und gab ſein Bedenken über das Verlaſſen der neuen Straße kund. Er wollte die alte Straße fahren, ihm machte es nichts; aber— ſie war nur noch für die Bauern. Gebeſſert wurde nichts mehr daran— an manchen Stellen war ſie eng. Dazu führten die Bauern jetzt gerade das Heu ein, wenn wir da einem oder mehreren Heuwagen begegneten— Mat⸗ thies Pilger ſtand für nichts. Trees, die ſeinen Kutſcherſitz theilte, beſtätigte alle ſeine Vorſtellungen. Es verſteht ſich, daß wir auf der neuen Straße blieben. wir uns mi azu ſagen?” henfeuerwert wechſelung unden eben in unten herauf Auch ihren vor wenigen en hatten an⸗ reiinkam, ein ehr gefürchtet fniß, nicht ahre hindurch dür ich dort frü⸗ man bei der turns fahren fmüllers in Vintſchgau⸗ unger Ritten aunen, lang⸗ jſten Tiroler⸗ reinem Hemd agen ſtehen enen Kopfni llgund hinci da wandte neuen Stti ; sber= daran ;t geraded 4,= MM ten—2 lte, beſtä euen Ell Von Ida von Düringsfeld. 393 Sie brachte uns, während Plarſch jenſeits des Thales liegen blieb, zu⸗ erſt nach Steinach, ein Name, der in Tirol häufig vorkommt. Hier ſtand das Kloſter, welches 1241 von einer Königin von Schottland geſtiftet wurde, die als Vertriebene in Schloß Tirol Gaſtfreundſchaft genoß. Ihr Plan war gefaßt, nur über die Stelle zur Ausführung war ſie noch ungewiß; da kamen ein paar Turteltauben zu ihr an das offene Fenſter geflattert, an welchem ſie ſtand, um mit den Augen und mit dem Geiſt ſuchend auszuſchauen. Die Tauben blieben einr Weile zutraulich bei ihr, dann flogen ſie nach dem heu⸗ tigen Steinach, wo ſie ſich auf ein„Eremitenhäuſel“ niederließen. Die Stätte war gefunden; das Kloſter wurde gegründet, anfangs nur für zwölf Jungfrauen. Später wurde die Zahl unbeſchränkt, 1258 gab ihnen der Biſchof von Chur die Dominikanerregel. Als 1525 die Bauern des Burg⸗ grafenamtes in den furchtbaren Sturm wider alles Geiſtliche ausbrachen, wurden auch die Nonnen zu Steinach ihre Opfer und alle, denen die Flucht nicht gelang, getödtet. Später finden wir wieder zwölf Nonnen dort, die ſich Verhältniß zu den Brüdern in der Karthauſe Jede Schweſter betete für in einem wunderſamen Schnals befanden, deren Zahl die gleiche war. einen Bruder, der wiederum für ſie beten mußte. Aus Schnals kamen Nel⸗ ken, aus Steinach fromme Bildchen— ſelten fand eine perſönliche Bekannt⸗ ſchaft ſtatt. Im Jahre 1636 ſtarben, eine einzige Laienſchweſter ausgenom⸗ men, alle Nonnen an der Peſt; es war zu jener Zeit, wo die Bauern aus Allgund den Ferdinand von Mamming todtſchoſſen, weil er ſich aus Meran hinüberflüchten wollte. So ſtreng wurde die Abſcheidung der Gemeinden aufrecht erhalten, ſo grauſam war die Furcht vor der ſchrecklichſten aller Feindinnen: der Seuche. Freilich, die Sonne war damals„wie mit einem Flor überzogen“ und die Luft ſo verderbt, daß Wäſche, die man zum Trock⸗ nen aufhing, grüne und blaue Flecke bekam. Jetzt iſt das Kloſter wieder belebt und wir hatten die herrlichſte Luft, wie ſie ſich wohl zur Eröffnung von Sommerfriſchen eignete. Man weiß, daß in Tirol ſo die Häuſer im Gebirg oder im Wald, beſſer noch im Wald⸗ gebirg heißen, wo alle Stände, je nach den getroffenen Einrichtungen hier der, dort jener, Eiſenwaſſer, Gais⸗ und Kuhmilch, Morgen⸗ und Abendkühle, Berg⸗ und Baumluft genießen. Schon waren wir am Eggerbauer vorüber⸗ gekommen, der links hoch oben am Marlinger Berge ſichtbar geworden war; jetzt deutete der ernſte Matthies rechts hinüber in die Höhe und ſagte:„da iſt auch noch ein Friſchhaus.“—„Oberhaus,“ ſagte Trees, aus großen —— 394 Eine Fahrt in's Vintſchgau. lichtblauen Augen ſehnſüchtig hinaufguckend;„ich bin, vor drei Jahren, moan' ich, auch einmal acht Täg' oben deupirei Eine Kapelle, ein Stadel und zwei Häuſer, das waren die Lokalitäten von Oberhaus; die Vergnü⸗ gungen beſtanden in Bergſteigen und Milcheſſen auf einer benachbarten Alm. Ich muß bekennen, daß ich Trees um ihre Sommerfriſchfreuden nicht beneidet habe. Müßt' ich mich durchaus in Geſellſchaft erfriſchen, ſo würde ich doch lieber Joſephsberg wählen, das frühere Hieronymitanerkloſter, wel⸗ ches links aus dem Vorſterwald herabblickte. Es iſt nicht allzuhoch gelegen und der Wald mit ſeinem Gemiſch aus Nadelholz und edlen Kaſtanien ganz wunderſchön. Und dann die Nähe von Schloß Vorſt, einem wahren Juwel von Ruine, dicht neben der Straße auf dem rechten Ufer der Etſch, über welche wir bei Steinach gefahren waren! Die grauſchillernde Stromſchlange der Etſch ſchießt durch viel ſagen⸗ haftes Land, wo manche alte Schlöſſer an ihr thronen; ſchöner kann keines ſein, als Schloß Vorſt, wie es um ſeinen poetiſchen Verfall die großen Trauerſchleier des Epheu's trägt. Daß Sagenblumen zwiſchen dieſem Epheu blühen, iſt einfach. Zwei Ritter von Vorſt, einem Nebenzweige der Herren von Partſchins, geriethen in einem Zimmer, wo noch jetzt zwei weiße Kreuze an der Decke ſein ſollen, beim Spiel in Streit, welcher mit dem Tode des einen endete. Ein Blutſtrahl ſpritzte aus ſeiner Bruſtwunde bis an die Decke und ließ, wo jetzt die Kreuze ſind, zwei Flecken zurück. Andere erzählen von zwei ſich haſſenden Brüdern, die der Schloßkaplan in jenem Zimmer zu ver⸗ ſöhnen trachtete. Als ſie ſich Angeſicht zu Angeſicht gegenüberſtanden, zuck⸗ ten ihre Hände, ſtatt ſich zur Verſöhnung zu ergreifen, nach den Dolchen, beide fielen, beider Blut befleckte die Decke. Auch können ſie im Grab nicht raſten: zu den heiligen Zeiten reitet der eine auf einem Schimmel durch die Mooſer Au bei Vorſt, der andere ſprengt ihm auf einem Rappen nach, der Zweikampf beginnt und weithin vernimmt man das Klirren der Schwerter. Deßgleichen ritt in der Au früher oft ein anderer geſpenſtiger Reitersmann auf und ab, und hielt denen, welche ihm begegneten, eine Taſche mit golde nen Buchſtaben hin, eunntblch das dibend ſeiner Erlöſung, welches ihm jedoch von niemand abgenommen wurde. Blaue Flämmchen, die in der Au ſchweben, müſſen durchaus arme Surlen ſein, welche da büßen; einem Mül⸗ ler, der zur Nachtzeit Mehl fuhr, begegnete am Schloſſe ein langer Leichen⸗ zug, und als einſt die Knechte des Pächters, der Vorſt jetzt bewohnt, im benachbart hfreuden ni hen, ſo würd nerkloſter, we zuhoch gelege daſtanien gan wahren Juw er Etſch, üh rch viel ſagen ter kann keine roßen „, ſdſh dieſem Gpl ge der Herre weiße Kreuz welhe — ſtanden, zü den Dolche im Grab iit umel durch! apen nach, der Schwel Reitersne ſche mit ge Von Ida von Düringsſeld. 395 Schloßhof„dengelten“, erblickten ſie plötzlich oben an den Fenſtern Herren mit dreieckigen Hüten. Von Joſephsberg wird nur eine Geſchichte erzählt: die der Gründung Es war im Jahre 1669, daß Joſeph Planer von Kaſtelrutt, ein Schüler des Jakob Müller, des Einſiedlers auf Dreikirchen ob Kollmann, im tiefſten Winter nach Meran kam und ſich im Walde über Vorſt niederließ. Der Herr des Waldes und des Schloſſes, Graf Franz Adam von Brandis, Ver⸗ faſſer des tiroliſchen Ehrenkränzels, welcher damals zu Fahlburg bei Tiſens wohnte, litt an tiefer Gemüthskrankheit. Ein Traum zeigte ihm eine Wald⸗ gegend mit einem friſchen Born, und eine Stimme belehrte ihn: er werde geneſen, wenn er dort dem heiligen Joſeph eine Kapelle baue. Durch einen Waldbrand nach Vorſt geführt, entdeckte er dort in der Gegend ſeines Trau⸗ mes, den frommen Klausner, baute die Kapelle und beſtellte Planer zum Meßner. Andere Einſiedler zogen zu, Planer und der erſte nach ihm lernten Latein, damit ſie ſich zu Prieſtern weihen laſſen könnten, Stiſtungen wurden gemacht, und dreißig Jahre ſpäter entſtand das Kloſter, wo ſchon damals die Herren von Meran ſich gern der Sommerfriſche erfreuten. Von Jo⸗ ſeph II. aufgehoben, ging es durch viele Hände, jetzt iſt es ganz wiederherge⸗ ſtellt und ſoll viel beſucht werden. Ueber ihm auf der ſogenannten Quadrat gibt es ſchönen weißen Marmor. Wenn man von Meran aus das Nordgebirg betrachtet, ſo macht die Zielſpitz, welche gerade in die Laubengaſſe hereinblickt, ganz den Eindruck, als ſei ſie das letzte Glied der Felſenkette. Jetzt ſahen wir ſie von der Tſchi⸗ gatſpitze durch das Zielthal geſchieden, welches ſich bis an die Grenze des Paſſeierthales erſtreckt. Der Zielbach durchſchäumt es; auf ſeinem linken Ufer, dicht am Eingang des Thales, liegt Partſchins, Pertſchins, wie es ausgeſprochen wird, eine der intereſſanteſten Ortſchaften im ganzen Burg⸗ grafenamt. Sagenreich wie eine, römiſchen Urſprungs, hatte es bereits 1371 ein ſchriftlich feſtgeſetztes Dorfrecht im Gegenſatz zum Herrſchaftsrecht. Der erſte Pfarrer zu Partſchins wird 1264 angemerkt. Die edlen Geſchlechter, welche hier„Anſitze“ hatten, gehörten zu den älteſten im Lande. Der letzte der eigentlichen Herren von Partſchins ſtarb ſchon 1360, und Friedrich von Montelbon wurde bereits 1282 Biſchof von Freyſing. Das Volk ſelbſt wird noch heut als eigenthümlich und oft von großer Schönheit geſchildert. Im † 16. und 17. Jahrhundert war es ausgeartet, zuchtlos, dem„Suff“ ergeben, raufſüchtig, genug, in's Wilde geſchlagen. Jetzt iſt es gemäßigt wie ſein 396 Eine Fahrt in's Vintſchgau. Klima, und baut auf ſeinen Sonnenbergen vorzüglich guten Weizen, aber Wein ſchon ſeit dreihundert Jahren weniger und weniger. Es iſt dem Wein dort zu kalt geworden. Auch wir empfanden eine merkliche Verminderung der Hitze, als wir erſt auf der alten Töllbrücke hinüber in's Vintſchgau gekommen waren. Die Etſch gab uns hier ein ſchönes Schauſpiel durch die Gewalt, mit der ſie in Sturzwellen durch ihr eingeengtes Bett ſchäumt und ſich herabwirft, und ich hatte die befriedigende Ausſicht, daß Trees und Matthies mir endlich Einkehr und Stillung meines Hungers geſtatten würden. Beides wurde mir denn auch im Töllwirthshauſe erlaubt, aber nur im zweiten Stock, wo's„feiner“ war. Der feine kleine Saal nahm die ganze Tiefe des Hauſes ein, war ſehr bunt tapeziert und hatte auf drei Seiten vier Fenſter. Aus dem hinteren ſah man die Etſch, wie ſie breit und hier noch ruhig am Hauſe vorüberfloß. Auf der Straßenſeite blickte man vorbei an der kleinen uralten Kirche St. Helena, der„Töllkirche“; wie die Leute ſie nannten, die mir den„großen Herrgott“ d'rinnen anprieſen, in das Zielthal und auf den ſchimmernden weißen Fall, welchen der Zielbach aus der Mittelhöhe des Berges in die Tiefe thut. Es war, wie ich es gern mag: ſchöne Ausſicht mit Bequemlichkeit ge⸗ — B noſſen. Das Frühſtück war auch gut und wirklich merkwürdig billig: Brod, Butter, Eier und Wein einundſiebenzig Kreuzer. Und Trees hatte noch da⸗ zu die Hälfte der Butter abgelehnt.„Wir ſind aus der Stadt,“ ſagte ſie dabei zu der Frau,„wir eſſen nicht Butter wie die Bauern von den Ber⸗ gen.“ Die Frau ſchien ängſtlich durchdrungen von unſerer ſtädtiſchen Ueber⸗ legenheit. Als ich ſie einmal nicht ganz verſtand und Trees um Verdollmet⸗ ſchen anging, meinte ſie entſchuldigend:„wir ſprechen ſo bairiſch,“ was bäuriſch bedeuten ſollte. Sie war eben noch neu hier in der Wirthſchaft an der Töll, ſonſt hätte ſie wohl einiges Selbſtbewußtſein aus der Erinnerung geſchöpft, daß im Jahre 1824 der Fürſt Portia mehrere Wochen hier zu wohnen„be⸗ liebt hatten“, eine Thatſache, welche den nachkommenden Geſchlechtern durch eine Inſchrift unter dem Wappen des Fürſten kundgemacht wurde, das, ſchön gemalt, im Flur neben der Thüre des„feinen“ Saales hing. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach hat der Fürſt den feinen Saal zu benützen„beliebt“. Was Töll bedeutet, erklärt ſich von ſelbſt, es iſt Zollſtätte. Auch war hier ein römiſcher Zoll, und von 1271 an ein landesfürſtlicher. Außerdem fängt geographiſch bei der Töll das Vintſchgau an, wenn gleich die eigentliche Grenze bei der Schnalſerbrücke iſt. Es iſt merkwürdig, wie die ganze Land⸗ Hitze, als m en waren. D mit der ſiei bwirft, undi endlich Cinke urde mir den wo's ‚feiner ein, war ſe dem hintert ſe vorüberflo ten Kirche E. r den„große ſchimmernden in die Tie ulichkeit ge⸗ ddt,“ ſagte ſ von den Be dtiſchen Uebe m Verdollme Awas bäurit ſt an der d rung geſchi u wohnen 1 glechtern di rde, das, ſc Aller Wun beliebt Auch Außeide te t. 9 die eigen „ K ie gande Von Ida von Düringsfeld. 397 ſchaftsart ſich plötzlich ändert, ſobald man über die Töll hinaus iſt. Kein Wein mehr, Getreide, am Sonnenberge, d. h. an der Südſeite, zur Rechten das trockene Grau der Felſenkahlheit, wenig von Grün unterbrochen, an der Schattenſeite dagegen Wald⸗- und Weidefriſche, an der Etſch Moorwieſen und Erlenbrüche, aus denen das„harte“ Holz zum Winterverbrauch nach Meran kommt, während Paſſeier das weiche liefert; ſo ſieht das Thal aus, welches gelegentlich vom Zielbach und von der Etſch unter Waſſer geſetzt wird. Matthies erzählte uns, er ſei einſt bei Nacht von Mals herunterge⸗ kommen und hier mitten in's Waſſer hineingerathen, welches ſich ganz un⸗ verſehens eingefunden hatte. Es lief ihm in den Wagen, wo er zwei Herren hatte; eine Stunde dauerte die Fahrt, vom Weg war natürlich keine Spur zu entdecken—„ich dachte, ich würde nicht mehr herauskommen,“ ſagte Mat⸗ thies ruhig und feierlich. Das Pferd, welches auch uns jetzt fuhr, hatte ge— holfen, indem es den Fuß behielt und den Weg nicht verlor.„Wenn's das Pferd nicht geweſen wäre,“ meinte Matthies—„ein anderes—“ und er überließ es uns, zu errathen, was mit einem anderen Pferde geſchehen ſein würde. „Das iſt Robland,“ ſagte Trees. Das Dorf, geſchrieben Rabland, iſt ein unintereſſanter Ort, von dem ſelbſt Beda Weber nur zu ſagen weiß, daß er zwei gute Wirthshäuſer beſitze, in denen die Fracht- und Weinfuhrleute vom unteren Etſchland gern übernachteten. Nicht einmal eine Sage liefert es, und dasſelbe gilt von Plaus, einem Dorfe jenſeits der Etſch, welches ganz ſo alt wie ungeſund iſt. Bad Egart dagegen,„'s Badl“, obgleich eben⸗ falls an der Schattenſeite dicht bei der Etſch gelegen, gilt für äußerſt geſund. Freilich, es kommt früher als Plaus und wird noch von den Lüften des Me⸗ ranerthales„angeweht“, wie man hier gern zu ſagen pflegt. Uebrigens be⸗ ſteht es nur aus zwei Häuſern, eines für die Aermeren und eines für„die Guten“, wie Trees von allen ſagt, die Geld haben. Von den Reichſten ſagt ſie:„die Beſten“. Eine Eigenthümlichkeit hier iſt es auch, daß die Schlöſſer ſehr häufig nach ihrem letzten Beſitzer getauft werden. So hieß denn auch für Matthies und Trees das Schloß Dornsberg, welches auf Plaus folgt und früher als die Stammburg der edlen Taranden, Tarandsberg genannt wurde, kurz und gut Schloß Mohr, weil die Grafen von Mohr es zuletzt beſeſſen haben. Seine Lage auf einem Felſenvorſprung im Walddunkel der Schattenſeite, iſt ſo romantiſch wie möglich, und man glaubt der Sage gerne, wenn ſie manch⸗ 3 6 1 1 4 1 398 Eine Fahrt in's Vintſchgau. mal des Nachts einen alten Ritter mit großem Jagdgefolge in den Schloß hof reiten, von dort alles ſich in den großen Saal begeben und oben bis zum Morgen tanzen und zechen läßt, und an dieſe Erſcheinung die Vorbedeutung eines Unglücks oder gar eines Todesfalles knüpft. Naturns, das Ziel unſerer Ausfahrt und der Ort, wo wir zu Mittag ſpeiſen wollten, lag jetzt vor uns. Wenn ich ſage: wir, ſo mein' ich mich und Otto, denn Trees wollte vom Frühſtück noch ſo ſatt ſein, daß ſie nur noch zu einem„Kaffeh“ fähig zu ſein behauptete, und Matthies hatte auf der Töll bereits„ein Bratl“ mit Kraut zu ſich genommen. Es wäre gut geweſen, wir wären ſeinem Beiſpiel gefolgt, eine ſo unorthodoxe Mittagsſtunde halb⸗ elf auch ſein möge. Auf Reiſen muß man wirklich eſſen, wenn etwas da iſt, in Naturns gab's nichts, trotzdem wir beim„Schlupferwirth“, dem zweiten und beſten Gaſthauſe des Dorfes, abgeſtiegen waren.„Es iſt hier nicht wie in der Stadt,“ ſagte die Kellnerin,„es wird nur einmal die Woche geſchlach— tet— Fleiſch haben wir nicht.“—„Die Schützen ſind hier geweſen,“ ſetzte die Wirthin hinzu,„wir haben Preisvertheilung gehabt, und da iſt alles auf⸗ gegeſſen worden.“—„Ein Butter können's haben und Eier,“ fing die Kell⸗ nerin wieder an. Ein da capo des Frühſtücks— es lockte uns nicht. Waren denn keine Fiſche da?(Fiſche ſind hier ſelbſtverſtändlich Forellen.)„Oh ja, aber nur wenig.“— Nun, wir brauchten ja auch keine Schüſſel voll.— Und was kochte denn da in der Pfanne? Schwarzblenteknödel, verfertigt aus Brod, Speck und Mehl von Blente, d. h. Heidekorn. Die hatten wir immer gern verſuchen wollen, ſeit wir ſie in Klauſen zuerſt geſehen. Weiter war ja dort noch„ein Kraut“— ich ſtöberte nämlich in der Küche herum, die, wie überall hier zu Land, ſehr reinlich war. Nun war für unſeren Mittag reich⸗ lich geſorgt. Hier durfte ich in die Wirthsſtube, aber nur, weil's oben von den Schützen her noch ſo unordentlich ausſah. Ein kleiner Erker mit Tiſch und Bänken war der Ehrenplatz, dort rückten wir uns zurecht, Trees mit uns. An einem Ecktiſch ſaßen zwei ſchweigende„Welſche“ bei Bier, ich war neu⸗ gierig, ob Matthies ſich zu denen ſetzen würde? Nein, er that's nicht, es war gegen ſeine Würde. Nachdem wir ihn gefragt, was für einen Wein er trin⸗ ken wolle und er„einen zeitigen“ gewählt, kam er langſam zu uns und ließ ſich neben Trees nieder. Es war ein wohlerzogener Menſch, er dachte nicht daran, zu rauchen, im Trinken oder Reden laut zu werden, langſam goß er A ein und bot uns ſein Glas, damit wir„ſeinen“ Wein verſuchen möchten. in den Sch oben bis; Vorbedeute wir zu Mit ich mich w ſie nur noch eauf der Ti e gut geweſen gsſtunde hall etwas da iſ „ dem zweiten hier nicht wi oche geſchlach weſen,“ ſetze iſt alles auf fing die Kel⸗ Waren en wir imme Weiter war ſ rum, die, we Mittag 1 rech uben von dei t dicm tes mit und ich war n nicht, es Wein er tin uns und li rdachteni gſam poß ten nhſ Von Ida von Duͤringsfeld. 399 Alls wir ihm unſererſeits ein Glas Etſchwein anboten, nippte er davon und ſchob es dann Trees zu, indem er ſie durch eine höfliche Bewegung auffor⸗ derte, ihm Beſcheid zu thun. Trees aber hatte ſich über den Theil des halben Knödels hergemacht, welchen ich übrig gelaſſen hatte, und der war nicht klein, denn mit allem wiſſenſchaftlichen Eifer für ethnographiſche Kochkunſt brachte ich es doch nicht zu mehr als vier Biſſen von dem tiroliſchen Nationalgericht. Es war gar zu kräftig; Trees dagegen aß es mit einer Art Magenheimweh: im„deutſchen Hauſe“ wurde alles von weißem Mehl gebacken. Ebenſo eif⸗ rig ſpeiste ſie„Rubenkraut“, welches von den weißen Rüben gemacht wird. Ich fand es geſchmacklos, Trees aber belehrte mich:„Kopfkraut“, d. h. ge⸗ wöhnliches Sauerkraut ſei zu ſcharf. Nachdem ſie ſo landesüblich Mittag gehalten, trank ſie einen entſetzlich weißen„Kaffeh“, und wir bekamen unſere Forellen. Mit ihnen erſchien die Wirthin, ſetzte ſich neben Trees und nippte von dem Glaſe, welches der höfliche Matthies ihr reichte. Wir lobten d ie Forel⸗ len als gut gebacken, ſie aber wollten nichts von ihren Fiſchen wiſſen.„Wir haben ein Waſſer im Keller, wo wir ſie hineinthun,“ ſagte ſie mit einer drollig preciöſen Miene,„aber ich weiß nicht, wie es kommt, wenn ſie etwas d'rinnen bleiben, ſo werden 44 kleiner, ſtatt größer.“ Die Wirthin war aus Obermais, der Gemeinde, welche Meranerſteinach gegenüber auf dem ande⸗ ren Ufer der Paſſer Tente und aus einem Dorfe und einer Menge von hiſto⸗ riſch und baulich intereſſanten Schlöſſern beſteht. Obermais gilt mit Recht für eine reizende Gegend und der Unterſchied zwiſchen ſeinen Rebengeländen und den ſumpfigen Etſchwieſen von Naturns mochte der Frau fühlbar genug ſein. Sie war ein ganz armes Mädchen, als Kellnerin zum Schlupferwirth gekommen und von ihm, dem noch jungen Mann, geheirathet worden. Aber ſelbſt daß ſie jetzt Herrin war, wo ſie kaum noch Dienerin geweſen, ſöhnte ſie nicht mit Naturns aus.„Das O Ort gefällt mir nicht,“ ſagte ſie melan— choliſch vornehm.„Der Luft iſt nicht gut, und man ſieht oft drei Tage lang keinen Menſchen. Und wenn auch wer kommt, was iſt's denn? Bauern, die gar nicht in der Welt geweſen ſind und immer nur von denſelben Dingen zu reden wiſſen. Wenn man mit Herrſchaften geweſen iſt, ſo fällt einem das auf.“ Als gute Köchin war die Frau in ihren Mädchenjahren da und dort in Meran und Mais herumgekommen, einen Winter ſogar Gehülfin beim Koch des Fürſten L. zeejen, welcher ſchon länger Schloß Winkel in Ober⸗ mais bewohnte. Das war der Obermaiſerin in den kleinen Kopf geſtiegen, Eine Fahrt in's Vintſchgau. 400 Von Ida von Düringsfeld. und darum fühlte ſie ſich jetzt in Naturns ganz und gar nicht an ihrem Platze. Das von„dem“ Luft beſtätigten übrigens ſowohl Trees wie Matthie Trees rieth uns dringend ab, hier Waſſer zu trinken, weil man gleich das Fieber davon bekomme. Da hatten wir indeſſen buchſtäblich die Rechnung ohne unſeren Wirth deezadt der, klein, rüſtig und aufgeweckt aus klugen ſchwarzen Augen blickend, in ſeinem weißen Arbeitsanzug mit der großen Latzſchürze irgendwo werg nnden war und jetzt nebſt ſeinem kleinen Pfeif⸗ chen ein Mitglied der Geſellſchaft ausmachte. Ein Lob ſeines Weines be⸗ antwortete er augenblicklich mit dem des Waſſers, welches er im Keller habe, vermuthlich dasſelbe, worin die Forellen kleiner ſtatt größer wurden. Das Waſſer verlieh dem Keller und folglich dem Wein ſeine Friſche, ein ſolches Waſſer gab es weder in Naturns, noch in Meran, und das Waſſer mußten wir verſuchen. Ab trabte der Wirth und kam in kürzeſter Zeit mit einer Flaſche wieder, aus der wir bedient wurden. Was ſollte man thun? Den Mann kränken? Ich dachte: einmal wird's ja nicht ſchaden, und trank. Und ſiehe, meine Aufopferung wurde belohnt, das Waſſer war kryſtallklar und ſchneefriſch, und ſelbſt Trees, die er nicht aufgefordert hatte, machte ſich un⸗ aufgefordert daran, zu trinken. Dann nahmen wir, nachdem für uns alle die große Summe von andert⸗ halb Gulden entrichtet worden war, einen ſehr freundlichen Abſchied, ich ver⸗ ſprach der zierlichen Wirthin, Obermais zu grüßen und ſah mir„das Ort“, welches ſie ſo gar nicht leiden konnte, noch genauer an. Die Gemeinde Na⸗ turns beſteht, wie faſt alle hier, aus dem eigentlichen Dorf und dann aus verſchiedenen Gehöftgruppen diesſeits und jenſits der Etſch und einzelnen Häuſern tiefer und höher an den Bergen. Die Alpe von Naturns auf der Schattenſeite geht bis Ulten hinüber. Das Schloß Hochnaturns, erbaut durch die Herren von Naturns, vom älteſten Adel, heißt deßwegen auch Na⸗ turns ſchlechtweg, oder nach einer ſpäteren Beſitzerfamilie Tſchetſch. Es er⸗ hebt ſich maleriſch genug auf einer Höhe über dem Dorfe und iſt, wie Vorſt, mit dem es jedoch anderweitig nicht verglichen werden darf, eine bewohnte Ruine. Wer indeſſen Naturns nicht mit einem beſtimmten Zweck beſucht, kann es ruhig jenſeits des Töll liegen laſſen, oder, will man weiter hinein in's Vintſchgau, gleichgültig durchfahren. nicht an ihr wie Matthi man gleich h die Rechne vpeckt aus klug mit der grof n kleinen Pf nes Weine im Keller hat wurden. D ſche, ein ſolch Waſſer m nußt Zeit mit ein an thun? De und trank. Un kryſtallklar unl machte ſich un me von andele bſchied, ichver rir,das Di Gemeinde! Nn und dann al h und iinzun aturns auf aturns, erbe raau: ¹ in ſ, wie du eim bench Zwe ck 6 ſuh weiter! 4 1 Nach zwanzig Zahren. Novelle von Claire von Glümer. Tudwig von Kronau an Charlotte von der Wenſe. Moorheim, 23. Febr. 1863. Liebe Tante! Dieſer Brief iſt für Dich allein; hoffentlich bekommſt Du ihn, noch ehe Papa in ſeinem Rollſtuhle am Frühſtückstiſch erſcheint, und findeſt Zeit, ihn umgehend in aller Heimlichkeit zu beantworten. Ich brauche Geld, liebe Tante, cito, citissime, 56 Thaler. Eigentlich noch 20 Silbergroſchen mehr, aber die will ich aus eigenen Mitteln zuſchießen, was für einen Lieutenant zu Ende des Monats alles Mögliche iſt. Heute kann ich Dich nur bitten und beſchwören, ſchick' mir das Geld! Wozu ich's ge⸗ brauche, ſage ich Dir im nächſten Briefe. Thu' mir aber den Gefallen und mache Dir keine ſchwarzen Gedanken— ich habe weder geſpielt, noch ſonſt dumme Streiche gemacht. Hätte ich das gethan, genug um den Namen derer von Kronau zu gefährden, ſo würde mir Onkel Heinrich's Kaſſe zu Gebot ſteden; da ſich's aber nur um die Freude eines ganz obſcuren Menſchenkin⸗ des handelt, muß ich den Pump bei Dir anlegen. Alſo umgehend Ant⸗ wort, nicht wahr, liebe, kleine Tante? Und zwar fünffach geſiegelt. Zum Lohn bekommſt Du dann ſofort einen weitläufigen Bericht von Deinem ſehnſüchtig wartenden Neffen Ludwig. Tudwig an Charlotte. Moorheim, 27. Febr. 1863. Du biſt die beſte Tante der Welt! Geſtern iſt Deine Sendung gekom⸗ en: 57 Thaler in wackeren Kaſſenſcheinen.„Somit bin ich Dir 10 Sil⸗ Hausblätter. 1867. IV. Bd. 26 402 Nach zwanzig Jahren. bergroſchen ſchuldig, das Uebrige haſt Du von dem Privatlehrer Friedrich Wilhelm Klaus zu erhalten, der mir darüber Brief und Siegel ausgeſtellt. Dies iſt nicht, wie ich's wollte, und ich fürchte, daß ich mich ungeſchickt be⸗ nommen habe. Aber ich will Dir die Geſchichte hübſch von Anfang an er⸗ zählen.„Ordnung iſt das halbe Leben,“ heißt es im Katechismus der Weis⸗ heit. Alſo ſetz' Dich an Dein Arbeitstiſchchen, kleine Tante; ich will, wie in guten alten Zeiten, zu Deinen Füßen auf dem Fenſtertritt Platz nehmen (meine Beine waren damals freilich nicht ſo lang und unbequem wie heute), aber wie damals höre ich das Ticken der alten Uhr, das Praſſeln des Feuers im Ofen, das Klirren der Stricknadeln in Deinen fleißigen Händen, und wie damals leuchten Deine Augen durch die Dämmerung; nur Deine liebe, ſanfte Stimme iſt es nicht, die heute anfängt:„Es waren einmal ein König und eine Königin,“ denn ich habe das Wort und meine Geſchichte beginnt in aller Beſcheidenheit:„Es war einmal ein Lieutenant.“ Werde nicht ungeduldig, Tantchen, wir ſind bereits in medias res. Alſo: es war einmal ein Lieutenant, der lag in Garniſon in einer großen Handelsſtadt, wo viele„gebildete“ Leute wohnen, und folglich viel Muſik gemacht wird. In dem erſten Hauſe, das der Lieutenant bezog, gab es drei Claviere, auf denen Tag ein, Tag aus geſündigt wurde. Im zweiten nur ein Clavier, aber daneben ein fürchterliches Streichquartett. Im dritten Cla⸗ vier und Flöte; im vierten Clavier und Engländer, die ſchrecklichſte muſika⸗ liſche Zuſammenſtellung, die zu denken iſt. Endlich entdeckte er hinter dem Dome ein Gartenhaus, worin nach der Verſicherung der Wirthin weder Clavier, noch Streich⸗, noch Blasinſtrumente ſpuken. Von dem Vorder⸗ hauſe, dem nicht zu trauen iſt, wird das Häuschen durch einen großen Gar⸗ ten getrennt; rechts und links auch nur Gärten; nach rückwärts Speicher und Lagerhäuſer und im Parterre des Pavillons nur einige Räumlichkeiten zum Aufbewahren von Sämereien und Gartengeräthen. Beruhigt zog der Lieutenant ein, freute ſich über die Ausſicht in's Grüne, und wenn er hin und wider auf Gang oder Treppe ſeinem Stubennachbar, einem großen, ältlichen Mann mit feinem melancholiſchem Geſicht begegnete, an deſſen Thür „Friedrich Wilhelm Klaus, Lehrer der Mathematik“ zu leſen war, grüßte er ihn höflich und ohne Mißtrauen. Acht Tage mochten ſo vergangen ſein, da geſchah es, daß der Lieuto⸗ nant eines Abend nicht in's Kaffeehaus ging, ſondern auf ſeinem Soph tzend in Betrachtungen über Welt und Menſchen verſunken, einſam ſein Von Claire von Glümer. 415 ehrer Fried Ich preßte die Hände auf's Herz, das mir klopfte, wie noch nie im Le⸗ gel ausgeſte ben, und als der Sänger längſt verſtummt war, tönten mir noch immer ſeine ungeſchict letzten Worte im Ohr:„Weiß nicht, wie mir geſchehen.“ Anfang en Das alles war vielleicht ſehr unbeutend, aber junge, unerfahrene Weſen nus der Wet verlieren in der Abgeſchiedenheit ſehr leicht das rechte Maß der Dinge. Mir ich will, wie war zu Muth, als hätte ich etwas Großes erlebt, als wäre mein ganzes Da⸗ Platz nehme ſein umgeſtaltet. Und eigentlich war dies auch der Fall, denn von dieſem em wie heute Abend an entſpann ſich ein eigenthümliches Verhältniß zwiſchen mir und dem ſeln des Feu fremden jungen Mann. So oft ich ſang, kam von drüben eine Antwort, Hinden, u aber immer erſt, wenn ich allein war. Immer beſſer verſtändigten wir uns ur Dam lie durch unſere Lieder, was ſie andeuteten, ſpann ich Tags über in Gedanken mal ein Kön aus, führte endloſe Geſpräche mit dem namenloſen Freunde, und fand nach ſchichte bezm der tiefen Einſamkeit, in der ich bisher gelebt hatte, einen ſolchen Genuß in dieſer Art des Verkehrs, daß ich mich für den Augenblick wenigſtens völlig befriedigt fühlte. Daß mein Freund ebenſo genügſam geweſen wäre, wage ich nicht zu behaupten. Ich habe ihn ſogar im Verdacht einer Art von Wege⸗ lagerei— denn Zufall war es ſchwerlich, daß ich ihm faſt jedesmal, wenn ich ausging, im Vorderhauſe begegnete. Aber ich eilte dann immer ſo ſchnell, mit ſo beſtürzten Mienen an ihm vorbei, daß er nie den Verſuch machte, mich anzureden, und was ſeine Augen ſagten, ſah ich nicht, weil ich die meinigen nicht aufſchlug. So war der Februar herangekommen; ich fühlte mich täglich glücklicher im Genuß meiner überirdiſchen Freundſchaft, aber nun begann mein Freund mich mit allerlei ſehnſüchtig⸗ſtürmiſchen Liedern zu quälen, die auch mich trotz alles Sträubens mit wachſender Unruhe erfüllten. In dieſer Stimmung „ich eines Morgens allein zu Haus; der Vater war zur Parade gegangen; in medias 1 in einer große glich viel Muſ dg, gab es die m zweiten nu 4 n dritten Cl 8 Klchſte muſt eer hinter de Wirthin wei n dem Vordt en groben — wärts Spas⸗ ich ſaß am Stickrahmen und dachte an meinen Sängerfreund, als mich plötz⸗ Rüumlicle lich ein bekannter Schritt, der durch den Garten kam und die Treppe herauf⸗ geruhigt 3 eilte, aus meinem Sinnen aufſchreckte. Im nächſten Augenblick wurde an d wenn e der Thür geklopft— und ich hatte mich nicht geirrt— es war wirklich mein einem! 5 Freund, der hereintrat. Sprachlos vor Schrecken fuhr ich in die Höhe, er an deſſnd aber ſagte ſo ernſt:„Ihr Herr Vater ſchickt mich“; daß meine thörichte Angſt war, g rißi ſofort verſchwand, freilich nur, um der berechtigten Sorge Platz zu machen. - Mein Vater war bei der Rückkehr von der Parade, unweit unſeres Hauſes daß der l auf dem glatten Schnee geſtürzt und hatte das Bein gebrochen. Unſer junger ſeinem„ Nachbar war dazu gekommen, hatte für den Transport des Verunglückten geſorgt, war vorausgeeilt, mir den Unfall anzuzeigen und half nun zu thun, 416 Nach zwanzig Jahren. was nöthig war. Er half auch den Verwundeten herauftragen und zu Bett bringen, blieb dabei, als der Arzt den Verband anlegte, und erklärte, daß er die Krankenpflege mit mir theilen würde.„Laß ihn nur,“ ſagte der Vater, als ich Einwendungen machen wollte;„er iſt der Sohn meines Jugendfreun⸗ des Klaus von Rudorf— habe mit ſeinem Vater allerlei durchgemacht, und der Herr Sohn hätte ſich längſt um mich kümmern ſollen.“— So hatten wir denn urplötzlich das Recht, beiſammen zu ſein, und konnten viel vertraulicher mit einander verkehren, als unter gewöhnlichen Verhältniſſen möglich geweſen wäre. In der Sorge um den Vater hatte ich ſchnell die erſte Verlegenheit überwunden, und ſaß nun halbe Tage und Nächte lang mit meinem Freunde in der Krankenſtube, glücklich, wenn er nur da war, noch glücklicher, wenn er mir, während der Vater ſchlief, mit gedämpfter Stimme von ſeinem Leben, ſeinen Kämpfen und Plänen erzählte. Eine neue Welt ging mir auf. Rudorf hatte auf Wunſch ſeines Vaters die Richtercarriere eingeſchlagen, hatte in Göttingen ſtudiert und ſprach mit Begeiſterung von den Männern, deren Namen ich bisher nur mit dem Aus⸗ druck des Abſcheu's nennen gehört. Er ſchilderte mir, wie ſie für Recht und Wahrheit geſtritten, wie er ſelbſt ſich nach Kräften an dieſem Kampf betheiligt und den Staatsdienſt, in dem er eben eingetreten, wieder ver⸗ laſſen hatte, als in ſeinem Vaterlande durch Aufhebung der Verfaſſung der Willkürherrſchaft Thür und Thor geöffnet war. Mit ſeiner Familie war er ſeitdem zerfallen, und lebte von einer beſcheidenen Anſtellung bei der Redaktion der liberalen Zeitung, die damals in Moorheim erſchien. Er hatte Freude an ſeiner neuen Thätigkeit. Zuweilen brachte er mir, was er ge⸗ ſchrieben hatte. Wie leuchteten ſeine Augen, während er es vorlas! Wie klopfte mir das Herz, während ich zuhörte! Zu jener Zeit wurde in mirdee Grund zu der Richtung gelegt, die Du„Tante Charlotten's unbegreifliche Revolutionsſchwärmerei“ zu nennen pflegſt. Leider iſt mir die Gabe ver⸗ ſagt, was ich denke und fühle, überzeugend auszuſprechen. Hätteſt Du Rudorf gehört, Du würdeſt anders urtheilen. Daß ſich mein Freund und mein Vater in ihren politiſchen Anſichten feindlich gegenüberſtanden, machte mir anfangs Sorge. Dieſe Meinungs⸗ verſchiedenheit war auch der Grund, daß Rudorf unterlaſſen hatte, ſich bei uns einzuführen, obwohl er mich ſeit Monaten beobachtet, mir meine Lieder abgelauſcht, und immer den Wunſch gehabt hatte, mir näher zu kommen. Jetzt aber, da die Bekanntſchaft ſo unvermuthet und unter Umſtänden ver⸗ mittelt war, die ihm ohne weiteres die Vorrechte eines Freundes gaben, en und zu d rklärte, da gte der Vat Jugendften cgemacht, n zu ſein u r gewöhnlich Vater hattei age und Nach venn er nurd mit gedämyſt ählte. Hſeines Vate und ſprach n mit dem Au efür Recht un dieſem Kam wieder vei n r Verfaſſu ſeiner Fami ſtellung bein ſchien. Erhe nir, was ei Von Claire von Glümer. 417 hoffte er, daß ſich alles ordnen würde. Wir kamen überein, politiſche Ge⸗ ſpräche ſo lange als möglich zu vermeiden, und je mehr ich ſah, wie geſchickt, geduldig und liebevoll Rudorf den Kranken zu behandeln wußte, wie er ſeine Wünſche errieth, ſeine Launen ertrug, für ſeine Unterhaltung ſorgte, um ſo mehr gewann auch ich an Zuverſicht und um ſo ungeſtörter genoß ich das Glück des Zuſammenſeins mit dem Freunde. Es wurde aber noch beſſer, als der Vater wieder verlangte, Muſik zu hören, als Rudorf ſeine Guitarre herüberholte und wir nun mit einander ſingen konnten. Wochen vergingen. Die Geneſung des Vaters nahm ihren zruhigen Verlauf. Die Tage wurden länger und heller. Der Schnee zerſchmolz im Sonnenſchein. Die Kaſtanie vor meinem Fenſter bekam ihre prächtigen Blätter⸗ tnospen; die Pappel duftete; über dem Schleedorn lag es wie ein grüner An⸗ hauch; ein Finkenpaar hüpfte durch die Zweige, putzte die Federn und das Männchen ſang ſein altes, luſtiges Lied. Ich hatte das alles oft erlebt, aber zum erſtenmale trat es mir wirklich nah'— es war der erſte Frühling, den ich mit ſehendem Herzen genoß, und das Herz ſieht noch ganz anders, als die Augen, beſonders wenn es in einem zweiten Herzen das Spiegelbild ſeiner Freuden findet. Aber„es iſt geſorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen“. An einem köſtlich warmen Apriltage ging mein Vater zum erſten Male aus; wir Beiden begleiteten ihn, und auf Rudorf's Arm geſtützt, ging er in der Mittagsſonne unter den Bäumen des Domplatzes auf und nieder. Ein älterer Offizier, der uns begegnete, grüßte den Vater, ging aber, obwohl dieſer ſtehen blieb, um den Kameraden anzureden, raſch vorüber. Nachmittags hatte ich in der Stadt zu thun; als ich nach Hauſe kam, begegnete mir derſelbe Offi⸗ Fier auf unſerer Treppe, und als ich in die Wohnſtube trat, ſah ich den Vater mit ſo grimmiger Miene an ſeinem Stocke umherhinken, daß ich ſofort auf Schlimmes gefaßt war. Das Ungewitter kam auch ſogleich zum Ausbruch. Hauptmann Walter war dageweſen, um den Vater vor Rudorf zu warnen, den er als einen verrufenen Litteraten und Volksaufwiegler bezeichnet hatte, mit dem ein loyaler Unterthan und ehrenhafter Soldat nicht verkehren dürfe. Während mir der Vater dieſe Anſchuldigungen mittheilte und ich um⸗ ſonſt verſuchte, ihn zu beſchwichtigen, kam Rudorf. Ich wollte ihm entgegen⸗ eilen, ihn womöglich wieder fortſchicken, aber der Vater hielt mich zurück. „Hier bleibſt du und verhältſt dich ruhig;“ ſagte er,„und Sie Herr,“ rief er dem Eintretenden entgegen,„beantworten mir einige Fragen ohne Um⸗ Hausblätter. 1867. IV. Bd. 2. 27 4 ———— — 418 Nach zwanzig Jahren. ſchweife mit Ja oder Nein. Iſt es wahr, daß Sie ein Schüler und Anhänger des ſauberen Profeſſors ſind, den ſein König ſchimpflich wegjagen mußte?“ —„Sein Schüler und Verehrer bin ich,“ antwortete Rudorf mit ruhiger Beſtimmtheit,„auf welcher Seite der Schimpf iſt—.“—„Genug Herr!“ fiel mein Vater heftig ein;„Ihre hirnverbrannten Anſichten zu predigen, iſt hier nicht der Ort! Ich frage Sie weiter, ob es wahr iſt, daß Sie mit Ihrer Familie zerfallen ſind? Ja oder Nein!“—„Mein Vater zürnt mir, aber ich hoffe, ihn zu verſöhnen;“ erwiderte Rudorf, der ſehr bleich geworden war. Mein Vater lachte.„Und auf dieſe Hoffnung haben Sie den Namen des Ehrenmannes mißbraucht, um ſich hier einzuſchleichen;“ ſagte er bitter. „Ja, Herr, ich wiederhole das Wort: eingeſchlichen haben Sie ſich. Genug, über genug! Doch nein, der Vollſtändigkeit wegen will ich auch noch die dritte Frage thun: iſt es wahr, daß Sie für das Schandblatt, die hieſige Neue Zeitung, allerlei Schandartikel geſchrieben haben?“ Rudorf trat einen Schritt zurück und ſeine Augen blitzten, aber er bezwang die aufſteigende Heftigkeit. „Ja, Herr Hauptmann,“ ſagte er mit heiſerer Stimme,„ich ſchreibe für das Blatt— einem kranken, unzurechnungsfähigen Manne gegenüber beſchränke ich mich auf dieſe Antwort.“ Mein Vater, der während dieſes Geſprächs in ſeinem Lehnſtuhl geſeſſen hatte, fuhr in die Höhe. Sein Geſicht glühte vor Zorn, ſeine Glieder bebten. „Hinaus!“ ſtieß er hervor, indem er ſich mit der Linken auf die Seitenlehne des Seſſels ſtützte und in der zitternden Rechten den Krückſtock aufhob. „Hinaus!“— Und Rudorf wandte ihm mit einem unbeſchreiblich ſtolzen Blick den Rücken und ging der Thür zu. Ich eilte ihm nach, halb ſinnlos vor Angſt und Schmerz.„Um Gottas willen Rudorf, gehen Sie ſo nicht fort,“ bat ich, indem ich ſeinen Arm um⸗ klammerte. Aber der Vater kam mir nachgehinkt.„Zu mir, Charlotte!“ rief er;„du haſt mit dieſem Menſchen nichts zu ſchaffen.“ Und als ich, während Rudorf zögernd hinausging, weinend auf den nächſten Stuhl ſank, fügte er mit ſanfterem Ton hinzu:„Sei ruhig, Kind, ich zürne dir nicht. Es war meine Schuld, daß du Vertrauen und Zuneigung an einen Unwür⸗ digen verſchenken konnteſt.“ Der Reſt des Tages verging in dumpfer Qual, die Nacht in Thränen. Am andern Morgen aber kam ein Brief von Rudorf, der mir den Troſt gab, daß er trotz meines Vaters Ungerechtigkeit und Härte nicht von mir laſſen wollte. Im Gegentheil, die böſe Stunde hatte uns nur näher zuſammenge⸗ führt. Was ich bisher nur erſehnt und geahnt, war jetzt ausgeſprochen: er Von Claire von Glümer.„ 419 er und Anhin hatte mich lieb! Er fügte hinzu, daß er auf meine Gegenliebe hoffe, auf gjagen mußt meine Beſtändigkeit vertraue. Die Zeiten würden ſich ändern, ſchrieb er, dorf mit ruhl die gute Sache würde ſiegen, die Reinheit ſeiner Beſtrebungen offenbar „Genug Hen werden, und unſere beiden Väter würden ſich mit ihm ausſöhnen.— Je öfter ten zu predig ich die innigen, zuverſichtlichen Worte las, um ſo größer wurde mein Muth, iſt, daß Sie und endlich kam ich zu dem Entſchluß, noch einen Sturm auf das Herz des Vater zürnt n Vaters zu wagen. Vielleicht wenn er hörte, daß mein Lebensglück auf dem bleich gewond Spiele ſtand, nahm er ſein Verdammungsurtheil zurück, verſtand ſich dazu, Sie den Nan Rudorf's Rechtfertigung anzuhören, und wenn er ſie hörte, war es unmöglich, ſagte er bitt daß er an ſeinen Vorurtheilen feſthielt. Sie ſich. Gem Der Vater ließ mich alles ſagen, was ich auf dem Herzen hatte, aber ch noch die drit ſeine Miene nahm mir die Hoffnung, noch ehe ich ſprach, und dann antwortete er in der ſtrengen Weiſe, die mir von früheſter Kindheit an ſo furchtbar ge⸗ weſen: das alles wäre Thorheit; der Mann, den ich zu lieben glaubte, wäre ein Unwürdiger, den ich vergeſſen müßte; jeder Gedanke an ihn wäre ein Unrecht gegen mich ſelbſt und eine Sünde gegen das vierte Gebot.„Denn ich haſſe ſeine Richtung und verabſcheue jeden, der ihr anhängt,“ fuhr er 3 heftig fort.„Eine Verſtändigung zwiſchen uns iſt unmöglich— er oder ich, s du haſt zu wählen. Was aber aus einer Verbindung wird, die ohne den Segen der Eltern geſchloſſen iſt, haben wir, deine Mutter und ich, zur Ge⸗ nüge erfahren. Und nun mein letztes Wort in dieſer Sache. Der Menſch, der dich und mich betrogen hat, kommt nicht mehr über meine Schwelle und ſein Name wird zwiſchen uns nicht mehr genannt. Daß ich's nicht hindern kann, wenn du hinter meinem Rücken mit ihm verkehren willſt, weiß ich, aber ſchh verlaſſe mich auf deine kindliche Liebe, und bin überzeugt, daß du unfähig „Um Ga iſt, mich zu hintergehen.“ ſeinen Arm 1 Das war ich auch, und das ſchrieb ich Rudorf in der Antwort, die mir die hieſige Ne rat einen Schti gende Heftigt ſchreibe fürd nüber beſchrän hnſtuhl geſeſe Gleder bebte⸗ die Seitenlet ückſtock aufte lic ſtohen d ir, Eharlon der Vater erlaubte; d. h. ich bat ihn, ſich für den Augenblick mit mir in das ,¹ Und als Unvermeidliche zu fügen, aber ich verläugnete weder meine Liebe zu ihm, noch ſſten Stuhl ſi meine Hoffnung auf beſſere Zeiten. Ich konnte das nicht, ohne die Wahrheit uürne dir nü zu verletzen, die ich ihm und mir ſelber ſchuldig war. neinen Unw) Es kamen nun trübe Tagez; lange, ſchwere Stunden der Einſamkeit; noch ſchwerer, wenn ich die Aufgabe hatte, den Vater zu unterhalten; die ſchwerſten, wenn Rudorf, wie in früheren Zeiten, am Fenſter drüben unſere an icht in Thia den Troſt’alten, lieben Lieder ſang, auf die ich nicht mehr antworten durfte. Mehr als von mit a einmal habe ich dabei das Gefühl gehabt, als wäre mein Gehorſam gegen 1 er zujonm 27* ogeſprohn 420 Nach zwanzig Jahren. den Vater ein Unrecht gegen den Freund, und gut war's, daß die Verſuchung nicht zu lange währte— wer weiß, ob ich ihr widerſtanden hätte! Wir verreisten nämlich. Meinem Vater war eine Badekur verordnet und ich ſollte ihn begleiten. Zu anderen Zeiten hätte mich dies Ereigniß vor Freude ſchwindeln gemacht; jetzt empfand ich nur das Scheiden, das Auf⸗ hören des letzten Verkehrs zwiſchen Rudorf und mir. Es war Mitte Juni, als wir Moorheim verließen, und der Auguſt ging zu Ende, als wir zurück⸗ kamen. Der Vater hatte im Bade einen ehemaligen Regimentskameraden getroffen, der uns nach ſeinem Gute einlud, und hauptſächlich wohl um mei⸗ netwillen wurde die Einladung angenommen. Zum erſtenmale im Leben kam ich in einen heiteren Familienkreis, unter junge Mädchen, unter Kin⸗ der, die ſich ſchnell an mich anſchloſſen. Das Herz ging mir aufV; ich fühlte mich erfriſcht, ermuthigt und kehrte in gehobener Stimmung nach Moorheim zurück. Als ich in der Ferne die Thürme des Domes ſah, hätte ich aufjauchzen mögen, und während wir durch die alten Gaſſen rollten, war ich überzeugt, daß ich Rudorf in den nächſten Minuten ſehen würde. Bei unſerer Abfahrt war er am Poſthauſe und grüßte zum Abſchied— konnte ihn die Ahnung nicht auch zum Willkommen hinführen? Aber er ſtand nicht unter dem Thorbogen der Poſthalterei; er begeg⸗ nete uns nicht auf unſerem Wege, nicht im Vorderhauſe, und als ich durch den Garten gehend einen ſchüchternen Blick nach ſeinem Fenſter warf, war es verſchloſſen und das Rouleaux war herunterggelaſſen. Und dann wartete ich in zitternder Sehnſucht, daß er ſingen würde, und ſobald das nothwen⸗ digſte geordnet war, ſetzte ich mich an's Clavier, ihm meine Heimkehr kund zu thun— aber keine Antwort ließ ſich hören, und ſo oft ich durch die Laub⸗ kronen ſpähte, ich vermochte keinen Lichtſchimmer zu entdecken. So blieb es auch in den nächſten Tagen. Was mochte geſchehen ſein? Beſtändig klang es mir im Ohr: „Er aber iſt fortgezogen, Und weit in das Land hinaus.“ Ob der Vater etwas von ihm wußte? Er ſah mich oft ſo forſchend an. Aber fragen konnte ich nicht, und that, was in meinen Kräften war, um äußerlich wenigſtens meine Ruhe zu bewahren. Eines Morgens war er aus⸗ gegangen und ich ſaß am Stickrahmen in traurigen Gedanken, aus denen ich plötzlich durch die Stimme der Aufwärterin aufgeſchreckt wurde.„Ja, Herr, das gnädige Fräulein iſt zu Haus,“ ſagte ſie, machte ohne weiteres die Thür die Verſuchmn ätte! dekur verordn es Ereigniß eiden, das Au dar Mitte Ju als wir zurüth nentskamerade h wohl um ma mmale im Lebe hen, unter Kin Lauf; ich füht nach Moorhei eich aufjauche ar ich überzeug unſerer Abfahe ihn die Ahnun terei; er bege id als ich dure nſter warf, u nd dann walte ld das nothwe . Heimkehr 11 durch die Lal en. So bliel Beſtändig b ſo forſchend räſten wal zwar el! n, aus dent 4 9, de. 6 dle d“ eitere Von Claire von Glümer. 421 auf und ließ einen Fremden, einen jungen, vornehm ausſehenden Mann hereintreten. „Entſchuldigen Sie, Couſine, daß ich Sie ſo ohne weiteres überfalle,“ ſagte er.„Ich bin Friedrich von Kronau, von dem Sie freilich nichts wiſſen werden. Mein Papa iſt der älteſte Bruder Ihrer Mutter.“ Er hatte Recht, die Kronau's kannte ich nicht einmal dem Namen nach; aber es war etwas ſo Herzgewinnendes in ſeinem Ton und ſeiner Miene, daß ich gleich Ver⸗ trauen zu ihm faßte. Er erzählte mir dann, daß er ſeit einigen Wochen als Hülfsarbeiter beim Obergericht zu Moorheim angeſtellt ſei, bei ſeinem erſten Beſuch verſchloſſene Thüren gefunden habe, und nun, da er unſere Rückkehr erfahren, noch einmal verſuchen wolle, den geſtrengen Onkel Wenſe zu er⸗ obern.„Aber laſſen Sie mich lieber die Wahrheit ſagen,“ fügte er hinzu; „hauptſächlich komme ich zu Ihnen als Abgeſandter meines Freundes Rudorf.“ Was ich nun erfuhr, übertraf alle meine Befürchtungen. Im Laufe des Sommers hatte die Neue Zeitung eine Reihe von Artikeln gebracht, deren Schärfe allgemeines Aufſehen und in Regierungskreiſen ſo großes Mißfallen erregte, daß ſich die Behörde zum Einſchreiten veranlaßt ſah. Rudorf war der Verfaſſer— er wurde verhaftet und der Majeſtätsbeleidigung angeklagt. Kronau, der ein Univerſitätsfreund von ihm war, hatte ihn im Gefängniß aufgeſucht, ihm ſeine Dienſte angeboten und verſprochen, ſeine Verwandt⸗ ſchaft geltend zu machen, um ſich in unſerem Hauſe Zutritt zu verſchaffen. „Ohne Rudorf würde ich kaum daran gedacht haben,“ ſagte Friedrich Kronau in ſeiner freimüthigen Weiſe;„aber nun bin ich dem alten Jungen unge⸗ heuer dankbar und werde ſo lange auf Onkel Wenſe Sturm laufen, bis er ſich ergibt. Es iſt merkwürdig, Couſine Charlotte, wie ſehr Sie Ihrer Schweſter Karoline ähnlich ſehen.“ Dieſe Aehnlichkeit, Friedrich's Intereſſe für Rudorf und die Wärme, mit welcher er mir von Mutter und Schweſter erzählte, brachte uns ſchnell in einen verwandtſchaftlich⸗traulichen Ton. Mein Vater ſchien dagegen durch den Beſuch des Vetters nicht ſonderlich erfreut, nahm ihn jedoch höflich ge⸗ nug auf, um das Wiederkommen möglich zu machen, und je öfter Friedrich kam, um ſo mehr nahf ſein friſches, heiteres Weſen auch den Vater gefan⸗ gen. In ihren politiſchen Anſichten ſtimmten die Beiden überein; mir blu⸗ tete das Herz, wenn ich anhören mußte, wie ſie die Beſtrebungen der libera⸗ len Partei verurtheilten, aber zürnen konnte ich Friedrich nicht, und ſo oft er in Augenblicken des Alleinſeins verſicherte: trotz ſeiner Freiheitsphan⸗ taſterei wäre ihm Rudorf lieb wie ein Bruder, und er würde thun, was er 422 Nach zwanzig Jahren. könne, um das verirrte Lamm aus dem Pferdſtall zu erlöſen, hoffte ich auch wieder— auf was, wußte ich freilich nicht. Eines Abends— es war ſchon im Oktober, kam Friedrich in großer Haſt und bat, ich möchte mit ihm gehen, um ein Geburtstagsgeſchenk für ſeine Schweſter einzukaufen.„So ſpät? Wartet doch bis morgen,“ ſagte der Vater; Friedrich antwortete jedoch, ſein Packet müſſe mit der nächſten Frühpoſt abgeſchickt werden, um noch zurecht zu kommen, und ſo ging ich mit. Es war eine auffallende Unruhe im Weſen des Vetters; der Arm, an dem er mich führte, zitterte; er athmete ſchwer, die Antworten, die er mir gab, paßten nicht, und endlich bog er in eine Seitengaſſe, die unmöglich zu den eleganten Verkaufsſtraßen führen konnte. Ich machte ihn auf ſeinen Irrthum aufmerkſam, aber ungeſtüm zog er mich fort.„Verlangen Sie jetzt keine Erklärungen,“ ſagte er, und erſt als wir über einen völlig men⸗ ſchenleeren Platz gingen, fing er wieder an zu ſprechen.„Seien Sie ein verſtändiges, ſtarkes Mädchen,“ bat er;„ſchreien Sie nicht auf bei dem, was ich Ihnen mitzutheilen habe; weinen Sie nicht und laſſen Sie uns in gleich⸗ mäßigem Schritt weiter gehen. Rudorf iſt frei, iſt vergangene Nacht aus ſeinem Gefängniſſe entflohen, hat ſich bis jetzt verſteckt gehalten, ſoll nun aber fort. Ich wollte Sie zu ihm bringen, um Abſchied zu nehmen. Hof⸗ fentlich haben Sie keine Bedenken und werden unſerem Freunde das Herz nicht zu ſchwer machen.“ Ich hatte keine Bedenken! Wäre der Vater in dieſem Moment erſchie⸗ nen, mich zurückzuhalten, ich hätte mich, glaube ich, mit Gewalt von ihm losgemacht. Ich weinte auch nicht und ging ſchnell an Friedrich's Seite weiter, aber wie lange wir gingen oder wohin er mich führte, weiß ich nicht; ich erinnere mich nur, daß wir endlich in ein großes, niedriges, ſchlecht er⸗ leuchtetes Zimmer traten, aus deſſen Hintergrunde Rudorf mit einem Freu⸗ denſchrei auf uns zuſtürzte. Es war ein traurig⸗ſüßes Beiſammenſein, und nur zu bald ging es zu Ende. Ein großer, breitſchulteriger Mann trat in's Zimmer und mahnte zum Aufbruch.„Haben Sie keine Sorge,“ ſagte er gutmüthig, als ich trotz aller Anſtrengung in Thränen ausbrach.„Daß der Müller von Rambach ſpät in der Nacht nach Hauſe kommt, iſt nichts Neues, und wenn man mich fragt, wen ich da bei mir habe, ſo iſt's der neue Hauslehrer für den Herrn Oberförſter im Steinwald, den ich bis zum Grenzkruge mitnehme. Im Kruge wird der wackere Oberförſter auch ſchon warten— gegen Mitter⸗ 1 hoffte ich' eedrich in guoß tagsgeſchenkiſ morgen,“ ſe mit der nächſ dſo ging ich miů 8; der Arm, rien, die er mi die unmöglich ihn auf ſeine Verlangen Ei nen völlig man „Seien Sie ii uf bei dem, wa ie uns in gleit ngene Nacht au alten, ſoll mu nehmen. Hof eunde das Hen Moment erſchi gewalt von ih riedrichs Sei weiß ich nic ges, ſchlecht 2,p o Fral mit einem öi bald ging 4. ner und mahle ſig als ich ha r von Rantee venn man für den hi iimehme.— gegen Mät Von Claire von Glümer. 423 nacht ſind wir dort, und dann hat's für's Erſte keine Noth mehr— aber fort müſſen wir jetzt.“ Wir nahmen Abſchied und dann gingen wir noch mit einander in den Hof, wo ein angeſpannter Korbwagen bereit ſtand.„Da iſt auch dein Sai⸗ tenſpiel, nach dem du ſo großes Verlangen trugſt, Herr Minneſänger,“ ſagte Friedrich, aber es war etwas Gezwungenes in der Heiterkeit ſeines Tones. Und dann ſtieg Rudorf auf, der Müller folgte, noch ein Händedruck, ein Lebewohl, ein:„Auf Wiederſehen!“— dann fuhr der Wagen durch das Hinterthor des Gehöftes in die Nacht hinaus. Und ich kehrte heim in die alten Verhältniſſe, in das alte Tagewerk aber in mir war alles anders geworden. Der Muth und die Freudigkeit, womit Rudorf ſeinem neuen Leben entgegen ging, hatten auch mich mit Zu⸗ verſicht erfüllt. Er wollte nach Amerika gehen, wollte ſich dort durch irgend eine Arbeit eine Exiſtenz gründen, und hatte er ſie gefunden, ſo wollten wir dem Vater ſagen:„Das Schickſal hat uns lange und hart auf die Probe ge⸗ ſtellt— aber wir können nicht von einander laſſen; gib uns deinen Segen!“ — Bis das geſchah, mochten Jahre vergehen— doch wir waren jung und hatten uns lieb genug, um die Trennung zu überwinden. Vielleicht wurde auch alles noch beſſer: vielleicht änderten ſich die Verhältniſſe in Deutſch⸗ land, ſo daß Rudorf zurückkehren durfte. Vielleicht gelang es Friedrich und mir, die Eltern zu verſöhnen, und die Mutter erweichte des Vaters Herz, ſo daß er mir geſtattete, dem Geliebten zu ſchreiben.— Vorläufig wollte Fried⸗ rich zwiſchen uns Vermittler ſein. Das alles hatten wir in der Abſchieds⸗ ſtunde mit einander beſprochen und immer klang mir der ſiegesgewiſſe Ton im Ohre, in dem Rudorf geſagt:„Es wird alles gut, wenn wir nur an ein⸗ ander feſthalten.“ Die Tage vergingen„freudvoll und leidvoll“— denn daß es auch Stunden gab, in denen mich Angſt und Sehnſucht folterten, verſteht ſich von ſelbſt. Und dann kamen die erſehnten Briefe— an Friedrich gerichtet, aber für mich geſchrieben. Der erſte aus Hamburg vom Bord des Schiffes, der zweite aus England, der dritte aus New⸗York. Ich jubelte auf, als ich er⸗ fuhr, daß er die gefahrvolle Herbſtreiſe überſtanden hatte, aber aus ſeinen ſpäteren Mittheilungen ging hervor, daß ſeine größten Mühen und Be⸗ ſchwerden erſt begonnen hatten, ſeit der Hafen erreicht war. Jeder Brief berichtete von neuen Enttäuſchungen, in jedem wurden Ton und Stimmung düſterer; aber es waren nicht nur die eigenen Erfahrungen, die ihn bedrück⸗ ten, es war vielmehr die ganze geiſtige Atmoſphäre der neuen Welt. In 424 Nach zwanzig Jahren. einem ſeiner Briefe hieß es:„Der Kampf um die eigene Exiſtenz wird hier von jedem Einzelnen mit einer ſolchen Rückſichtsloſigkeit geführt, daß jeder — der Eingewanderte wenigſtens— vor dem Gefühl der Rechtloſigkeit nicht zum Genuß der Freiheit gelangt. Das amerikaniſche Leben iſt ein be ſtändiges Inſceneſetzen des Spruches: No contra todos, y todos contra yo.“ — Als Rudorf dies ſchrieb, war er ſeit etwa einem Jahre fort. Dann hör⸗ ten wir nichts mehr von ihm, den langen, langen Winter hindurch. Erſt im April kam wieder ein Brief, der, Gott weiß warum— vierzehn Wochen unterwegs geweſen war. Rudorf meldete uns darin, daß er New⸗York ver⸗ laſſen würde, um in einer kleinen Stadt im Innern eine Lehrerſtelle anzu nehmen. Dies war die letzte direkte Nachricht, die wir von unſerem Freunde empfingen. Umſonſt ſchrieb Friedrich wiederholt, ſowohl an die zuletzt ange⸗ gebene Adreſſe, wie nach New⸗York; umſonſt gab er Bekannten, die nach Amerika gingen, den Auftrag, nach Rudorf zu forſchen— er war und blieb verſchwunden. Nur einmal, etwa drei Jahre nach ſeinem Fortgehen, wurde Friedrich aus Baltimore gemeldet, der Verlorengeglaubte wäre am Bord eines nach Europa beſtimmten Schiſſes geſehen worden. Wie das Schiff geheißen und wohin es gegangen, haben wir nicht in Erfahrung bringen können, und ebenſowenig haben wir aus Rudorf's Heimat oder aus Moor⸗ heim etwas von ihm gehört. Ich hatte von vornherein der Nachricht keinen rechten Glauben zu ſchenken vermocht, und wie ich Rudorf längſt als todt betrauerte, ſo that ich's auch ferner. Daß er leben und mich aufgeben ſollte, war mir unfaßbar— war ſich doch meine Empfindung in der Flucht der Jahre und im Wechſel der Verhältniſſe immer gleich geblieben! Drei Monate etwa, ehe jene Nachricht kam, hatte mich ein herber Ver⸗ luſt betroffen; mein Vater war geſtorben, nachdem er ſich— hauptſächlich auf Friedrich's Bitten— in ſeinen letzten Lebenstagen mit meiner Mutter verſöhnt, und dieſe hatte mich mit nach der Reſidenz genommen, wo ſie ge⸗ wöhnlich lebte. Der Glanz, der ſie umgab, beängſtigte mich beinahe. Die Erbſchaft einer Tante hatte ſie zur reichen Frau gemacht und ſie fand Freude daran, ihren Reichthum zu zeigen. Aber Friedrich, der immer hülfreiche ſtand mir auch beim Uebergang in dies neue, fremde Leben treulich bei, und es war meine erſte Freude nach langer trüber Zeit, als er ſich mit meiner Schweſter Karoline verlobte. Meiner Mutter, die den Vater nur wenige Jahre überlebte, herzlich nahe zu kommen, gelang mir nicht, aber ich fand nach ihrem Ende im Hauſe der Geſchwiſter eine wahre Heimat, und als ſich riſtenz wind! führt, daß je er Rechtloſtg Keben iſt ein 0dos contray fort. Dann he indurch. Erſti vierzehn Wot r New⸗York e Lehrerſtelle an⸗ unſerem Freund di zuletzt ang annten, die m er war und bü fortgehen, wund wäre am Wie das Schi Wie ahrung bring oder aus Mol Nachricht kein jlängſt als b aufgeben ſolt der Flucht een! ein herber Ve — hauptſäch meiner Mute men, wo ſen Hbeinahe: ſie fand Sim mmer hülfrel treulich bei,n ſich mit meln ter nur wenn aber ich at und al Bor Von Claire von Glümer. 425 die Kinderſtube in Kronau mit kleinen, unruhigen Weſen bevölkerte, gab mir Karoline ſo viel Antheil an ihren Mutterfreuden und Mutterſorgen, daß ich das traurige Gefühl, einſam und unnütz zu ſein, nicht haben konnte. So bin ich denn nicht unglücklich geworden, obwohl ich meinem Jugendtraum entſagen mußte, und ſeit vielen, vielen Jahren iſt mir der Gedanke an Ru⸗ dorf nur eine liebe, freundliche Erinnerung geweſen, frei von jeder Unruhe oder Sorge, bis mich Deine Mittheilungen aus meiner egoiſtiſchen Ruhe aufgeſtört haben. Deinem Vater mag ich noch nichts von unſerer Entdeckung ſagen— Du weißt, wie ſtreng der Arzt befohlen hat, ihn vor Aufregungen zu behüten— es iſt ja auch genug, daß ich mich quäle! Aber Du biſt gut und hülfebereit wie er— ich verlaſſe mich auf Dich. Nachdem Du dieſe Blätter geleſen haſt, begreifſt Du auch, daß die Nennung meines Namens für Rudorf, wie für mich nur peinlich ſein könnte. Das Vergangene muß ganz vergangen ſein— obwohl Rudorf lebt, iſt mein Freund doch todt— und wie an einen Todten will ich auch künftig an ihn denken. Um das zu können, muß ich aber wiſſen, daß er wenigſtens nicht mit den Miſèren des Lebens zu kämpfen hat. Dazu hilf mir, lieber Ludwig! Vor allem müſſen wir erfahren, wo er iſt.—— Nachſchrift Annettens. Ja, Bruder, das müſſen wir erfahren! Arme gute Tante! Siehſt Du, wie bei den letzten Sätzen ihre Hand gezittert hat, und wie ſie plötzlich ab⸗ brechen mußte, weil ihre Thränen auf das Papier gefloſſen ſind. Und dann hat ſie Fieber bekommen und liegt nun da, ſo matt und blaß und mit ſo trau⸗ rigen Augen, daß es einen Stein erbarmen könnte. Begreifſt Du, wie ſie es ausgehalten hat, ſo dazuſitzen und zu warten, zu warten Tag für Tag und Jahrelang? Anfangs war ich wüthend auf dieſen Herrn von Rudorf, aber dann iſt mir eingefallen, daß in Romanen Mißverſtändniſſe und alberne Rückſichten das größte Unheil anrichten. Wer weiß, ob nicht auch hier der⸗ gleichen zu Grunde liegt. Vergeſſen ſcheint Dein kurioſer Freund die Tante nicht zu haben— warum ſänge er ſonſt noch immer ihre Lieder? Untreu wird er doch nicht geweſen ſein— und wenn er's wäre! Tante Charlotte i*ſt ſo himmliſch gut; ſie würde auch mehr Freude haben über einen Sünder, der Buße thut u. ſ. w.— Kurz, die Beiden müſſen um jeden Preis verſöhnt und glücklich gemacht werden. Vor allem haſt Du den Flüchtling aufzuſpü⸗ ren und herzuſchaffen— zur Raiſon wollen wir ihn ſchon bringen— und eines Tages wird dann Jungfrau Marie Louiſe Charlotte von der Wenſe 9* 1 3 1 8 4 1 1 13 9 11 ¹ 1 1 b . 1 1 1 3 d 19 14 3 6 I I 426 Nach zwanzig Jahren. Herrn Friedrich Wilhelm Klaus von Rudorf angetraut. Du biſt Brautfüh⸗ rer— Dein namenloſes Elfenkind und ich ſind die Brautjungfern, und Du weißt ja, lieber Junge:„es wird keine Hochzeit gemacht, eine andere wird erdacht.“ Aber ſei doch ſo gut, mir den Namen des holden Weſens zu nennen, das dereinſt meine Schwägerin ſein ſoll.„Elfenkind“ oder„kleine Schön⸗ heit“ klingt ganz reizend, iſt jedoch bei Vorſtellungen im Salon nicht gut zu brauchen.— Du ſieht, mon frore, daß ich auch Deinen vorletzten Brief ge⸗ leſen habe. Das Verbot kam zu ſpät. Da ich einmal angefangen hatte„über die Schulter zu ſehen,“ war's nicht mehr möglich, mich abzuſchütteln. Und das laß Dir lieb ſein! Tante Charlotte wird in nächſter Zeit zu viel mit ſich ſelbſt zu thun haben, um eine gute Vertraute zu ſein und die brauchſt Du doch— leugne nicht! „Seh' ich doch des Herzens Glut Schon durch Deine Weſte brennen.“ Uebrigens kommſt Du erſt in zweiter Reihe, die Hauptfrage iſt unſer Tantchen. Und nun ſei brav und verzichte auf das edle, unnütze Zartgefühl, das Tantchen anbefiehlt, damit kommen wir nicht vom Flecke. Dixi! Deine weiſe Schweſter Annette. P. S. Daß Tante Charlotte von meinem Plan nichts wiſſen darf, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Tudwig an Annette. Moorheim, 12. März. Liebe Annette! Du biſt zwar noch zu jung, um den Ernſt des Lebens aus Erfahrung zu kennen, aber wiſſen müßteſt Du nachgerade, daß Scherz und Laune Spielzeug ſind, keine Waffen, mit denen man Unglück oder Un⸗ recht in die Flucht ſchlagen kann. Das Benehmen des Herrn von Rudorf gegen Tante Charlotte iſt nicht zu entſchuldigen; ich beklage tief, daß ſie vom Daſein dieſes Menſchen wieder gehört hat, und bin zum erſtenmale im Le⸗ ben auch mit ihr unzufrieden— mit ihrer Güte und Nachſicht. Was hätte ich nicht darum gegeben, daß ſie ein Wort der Verachtung oder nur der Miß⸗ billigung geſprochen! Aber ſie ſorgt ſich nur um ihn und iſt unglücklich, daß es ihm möglicherweiſe nicht gut geht— als ob er das nicht hundertfältig um ſie verdient hätte! Ein offener Treuebruch wäre ja nicht halb ſo ſchlimm, als dieſes feige Verſtummen!— Ich bin ſo empört, daß ich jetzt noch nicht an biſt Brautft⸗ gfern, und ne andere wit ſens zu nenner „kleine Schn lon nicht gut ſletztten Brief gen hatte übe ſſchütteln. Un zu viel mit ſi die brauchſt d frage iſt unſe Eze Zartgefit; Dixi- Unnette. iſſen darf, ve 2. März rnſt des Leben de, daß Schen nglück oder U rn von Rudon ii daß ſie bon ſtenmale in i ht. Was 9 er nut der W unglüclic 1 adettfäli 10 ſo ſchlinn t noch nt Von Claire von Glümer. 427 Tante ſchreiben könnte, ohne ſie zu verletzen, und das will ich nicht. Dir ſchreibe ich auch nur, weil es mir nöthig ſcheint, Dich ernſtlich zum Aufgeben oder wenigſtens Geheimhalten Deiner kindiſchen Pläne zu ermahnen. Unſer armer Vater iſt jetzt zu reizjbar, um ohne Nachtheil für ſeine Geſundheit vom Wiederauftauchen ſeines ehemaligen Freundes und dem an Tante Char⸗ lotte begangenen Verrath hören zu können— und dann bedenke, wie es Tante kränken müßte, erführe ſie, daß Dich ihre traurige Herzensgeſchichte zu ſolchen Thorheiten veranlaßt. Du ſagſt zwar ſelbſt, die Tante dürfe von Deinen Plänen nichts erfahren— aber man weiß ja, was das Schweigen junger Mädchen ſagen will; mit den beſten Vorſätzen läuft das Zünglein in einer ſchwachen Stunde auf und davon.— Aus dieſem Grunde ſcheint es mir unerläßlich, Dich mit allem Ernſt auf die Thorheit Deiner Wünſche und Abſichten hinzuweiſen. Sei ein gutes Kind, Annette, beſcheide Dich, nichts Anderes zu ſein— ich meine, laß Dir nicht einfallen, Schickſalsfäden ſpinnen oder entwirren zu wollen. Daß ich trotz meiner Abneigung den Auftrag der Tante ausführen werde, verſteht ſich von ſelbſt. In gewiſſer Beziehung verlangt mich ſogar danach, ihre großmüthige Abſicht erfüllt zu ſehen, weil damit hoffentlich die ganze widerwärtige Epiſode zu Ende geht. Sobald ich etwas auskundſchaf⸗ tet habe, ſchreibe ich wieder. Du aber beherzige den wohlgemeinten Rath Deines treuen Bruders Ludwig. Tudwig an Tante Charlotte. Moorheim, 24. März 1863. „ Liebe Tante! Seit vierzehn Tagen iſt Dein Brief in meinen Händen, aber obwohl ich mir ſeitdem die erdenklichſte Mühe gegeben, eine Spur des verſchwundenen Herrn von Rudorf aufzufinden, iſt's mir doch erſt vorgeſtern gelungen und wieder nur in der ungenügendſten Weiſe. Vergebens hatte ich bis dahin alle möglichen Kaffeehäuſer und Reſtaurationen durchſtöbert; ver⸗ gebens in öffentlichen und Privatſchulen Erkundigungen eingezogen, auf der Poſt ſelbſt vergebens nach ihm gefragt. Seine Briefe, hieß es, kämen poste restante— und ſo war ich mit meinem Latein zu Ende, als ich einem jun⸗ gen Menſchen begegnete, der bei Rudorf Stunden zu nehmen pflegte. Ich ſtürzte natürlich auf ihn los, fragte nach der jetzigen Adreſſe ſeines Lehrers und erfuhr ſie. Ob mich nun der junge Mann verrathen hat oder ob es Zufall iſt— 428 Nach zwanzig Jahren. genug, als ich mich geſtern in dem bezeichneten Hauſe, weit draußen in der Vorſtadt, nach dem Privatlehrer Klaus erkundigte, hieß es, er hätte aller⸗ dings einige Wochen da gewohnt, wäre aber denſelben Morgen mit der Eiſenbahn fortgereist— wohin, wußte mir niemand zu ſagen. So bin ich denn wieder vis à vis de rien, liebe Tante, und weiß im Augenblicke durch⸗ aus nicht, was ich thun könnte, um Deinen Wünſchen nachzukommen. Mir wäre es überhaupt am liebſten, Herrn von Rudorf ſeiner Paſſion für's Ver⸗ ſchwinden zu überlaſſen. Magſt Du ihm verzeihen, was er an Dir geſün⸗ digt hat, ich brauch' es nicht, und kann es nicht, und will es nicht!— Seit vierzehn Tagen verſuche ich vergebens, die Verhältniſſe mit Deinen milden Augen anzuſehen— es gelingt mir nicht, und ſoll ich Dir gegenüber nicht ganz ſtumm werden, ſo muß ich ausſprechen, wie mir um's Herz iſt. Das Blut kocht mir in den Adern, wenn ich mir vorſtelle, wie Du um dieſen Menſchen gelitten haſt. Wäre Herr von Rudorf nicht ein alter, gebrochener Mann, ſo müßte ich ihn finden, um in meiner Weiſe mit ihm abzurechnen. Du ſiehſt einmal wieder, daß Du noch viel an mir zu erziehen haſt; wäre ich nur erſt wieder unter Deinem milden Scepter. Grüße Papa und Annette und laß Dir die Hand küſſen von Dei⸗ nem Neffen Ludwig. Laß mich abbrechen, kleine Tante Annette an Tudwig. Kronau, 30. März. Vietoria Brüderlein! Deine Weisheit wird zu Schanden. Ich konnt's nicht länger mitanſehen, wie ſich Tantchen quälte, wie Du ſie quälteſt— ja Du— trotz Deiner Liebe und Verehrung und Rückſicht u. ſ. w. Als vor⸗ geſtern Schweſter Luiſe mit ihrem reizenden Kindchen ankam, das ſich natür⸗ lich ſogleich auf Tantes Krankenbett etablirte— denn krank iſt ſie noch immer von all den abſcheulichen Gemüthsbewegungen, oder war es, bis ich—— nein, ſo wird nichts aus dem Berichte. Wir müſſen beim Anfang anfangen und Du ſollſt mich als treuer Cavalier durch dick und dünn begleiten. Alſo Tante Charlotte lag mit Fieber zu Bett, Papa ſaß mit Schmer⸗ zen im Rollſtuhl, ich ging zwiſchen beiden hin und her und war durch Dei⸗ nen Ukas völlig verſchüchtert. Da kam Dein letzter Brief an Tantchen mit der Nachricht vom abermaligen Verſchwinden ihres Freundes— und das betrübte ſie ſo ſehr, und in ihren Phantaſien ſeufzte ſie ſo kläglich:„ich muß draußen in e „er hätte alle Rorgen mitd en. So bini ugenblicke durc ukommen. M. aſſion für's Ve ran Dir geſün Snicht!— Sil Deinen milde genüber nich Herz iſt. Das Du um dieſen lter, gebrochene hm abzurechnen r, daß Du not Deinem milde küſſen von Dei⸗ Ludwig. -0. Mätz. en. Ich konnte je quälteſt— w. Als vot dus ſch muit ſi noch imme * Von Claire von Glümer. 429 ihn finden— ich muß ihn finden!“ daß ich es endlich nicht mehr aushielt und beſchloß, die Sache in meiner Weiſe anzufaſſen. Drei Tage ſpäter traf Schweſter Luiſe in Kronau ein— nun war meine liebe Kranke in guter Hut und ich konnte an's Werk gehen. Der Him⸗ mel war meinem Vorhaben günſtig: die Sonne ſchien ſo hell, die Luft war ſo erfriſchend, die erſten Lerchen ſangen ſo lockend über den Feldern, daß meine unbezwingliche Sehnſucht, in's Freie zu kommen, ſehr natürlich er⸗ ſchien. Ich ließ meine Bella ſatteln, der alte Werner ritt mit, und fort ging's„daß Kies und Funken ſtoben.“— Meine Frühlingsempfindung er⸗ laſſe ich Dir. Zur Lyrik hatte ich überhaupt nicht Zeit, galt es doch ein In⸗ triguenſtück in Scene zu ſetzen. Wir ritten den Weg nach Buchenau. Dann links durch das Tannen⸗ gehölz, und als wir den Ausgang desſelben erreichten, ſagt' ich:„Nun paſſ' auf, Werner, jetzt verirren wir uns und reiten geradeswegs nach Eppen⸗ heim.“— Der arme Menſch ſah mich an, als ob er glaubte, ich hätte den Verſtand verloren, aber Du weißt, daß er trotz ſeiner ſchrecklichen Vernunft ſchließlich doch immer thut, was ich verlange. Wir ſchlugen alſo den Weg nach Eppenheim ein und nach anderthalb Stunden tauchte das ſpitzige Dach des Herrenhauſes aus den entlaubten Buchen auf. Ich war ſeit wenigſtens zehn Jahren nicht dort geweſen— ſo lange iſt's gewiß, daß Tante Eppen⸗ heim und Papa zerfallen ſind, aber ich orientirte mich ſofort und brauchte ja auch nur der Fahrſtraße zu folgen, um den Eingang zu erreichen.„Jetzt verirrſt du dich allein, wohin du willſt,“ ſagte ich zu meinem Begleiter,„und kommſt erſt nach einer guten Stunde in's Schloß, um nach mir zu fragen. Ich habe dich fortgeſchickt, um zu recognosciren, bin aber, des Wartens müde, weiter geritten und ſo haben wir uns verloren.“— Der Alte machte die üblichen Einwendungen, lachte aber, fügte ſich zuletzt und ritt um das Dickicht am Bache herum, während ich mich geradeswegs in die„Drachen⸗ höhle“ verfügte. Nun, Brüderlein, ſchlägt Dir nicht das Herz? Wär'ſt Du nicht gern an meiner Stelle geweſen? Im Schloßhofe verwunderter Empfang von Hunden uud Dienerſchaft. Ich verlangte kühn und keck die Tante zu ſprechen, und Stephens, der alte Kaſtellan, führte mich, das Sammetkäppchen in der Hand, unterthänigſt und falſchblickend, wie er mir ſchon in meiner früheſten Kindheit ſo verhaßt ge⸗ weſen war, die Treppe hinauf in den bewußten Wohnſaal. Da hingen wie ſonſt die beiden Kronleuchter mit Gaze überzogen, die Möbel trugen ihre Kutten von grauer Leinwand; über dem Teppich lag ein zerriſſenes Laken; 430 Nach zwanzig Jahren. die Uhr zeigte, wie vor zehn Jahren, mit zerbrochenem Weiſer auf halb ſieben, und der Ariadne auf dem Kaminſims fehlte der linke Fuß. Und inmitten dieſer Pracht thronte unſere gnädige Großtante: dick, ſtolz und ſtreng wie ſonſt, an ihrem gewöhnlichen Fenſterplatze, in ihrem gewöhnlichen grauen Kleide und ſtrickte an dem gewöhnlichen grauen Strumpfe. Ganz wie ſonſt ſah ſie über die Brille, als der Diener meinen Namen nannte, und als ich eintrat, fielen ihre zwölf Schooßhunde lärmend über mich her und halfen mir über die Verlegenheit der Begrüßung hinweg. Wirſt Du's glauben, es war mir wirklich etwas bänglich zu Muth, als ich den böſen grünen Augen gegenüber die Fabel vom Verirren vortrug. „Alſo kommt man eigentlich nicht zu mir,“ ſagterdie Tante mit harter Stimme, aber dann bekam„man“ doch die Erlaubniß, ſich zu ſetzen, und als ich geſtattete, daß ſich zwei der vierfüßigen Lieblinge auf meinem Schooße und der Reſt der Meute auf der Schleppe meines Reitkleides etablirte, erhellte ſich das Geſicht der Gnädigen, und die„belehrende Unterhaltung“ nahm ihren Anfang. Du weißt, ich nenne es ſo, wenn man in freundlichem Con⸗ verſationston ſeinen Mitmenſchen allerhand bittere Wahrheiten beibringt. Tante Eppenheim beſitzt dafür ein eminentes Talent. Was habe ich nicht alles über uns erfahren! Daß Papa an ſeinem Nervenleiden ſelber ſchuld iſt was braucht ein Landedelmann ſo viel zu ſtudieren! Er hat die Aufgabe, ſeinen Kohl zu bauen und ſeine Untergebenen in angemeſſenem Gehorſam zu halten. Daß die Schweſtern ſchlechte Partien gemacht haben— aber freilich, wenn man ſein Vermögen in neumodiſcher Philantropie verzettelt, — 5 ſtatt es für ſeine eigenen Kinder zuſammenzuhalten!— Daß Bruder Albrecht der ganzen Familie zur Unehre gereicht; ein Kronau, der wie ein Handwerker mit Farben hantirt und ſich in italieniſchen Künſtlerkneipen herumtreibt— fi done! daß ich ein leidlich hübſches Mädchen wäre, wenn ich etwas mehr Tournure beſäße— aber wo ſollte die herkommen, bei unſerer bürger⸗ lichen Lebensweiſe und dem überwiegenden Einfluß einer ſo ſimpelen Perſon wie die„gute Schwägerin des armen Friedrich“.— Unſere Tante Charlotte eine Perſon! Ich glühte vor Zorn, und wer weiß, was ich trotz aller guten Vorſätze geſagt haben würde, wäre ſie nicht in dieſem Moment eingetreten— ſie, die herrliche, die„trotz ihrer Jugend kein Backfiſch iſt und auch nie einer war.“ Natürlich ſtand ich auf, ſie zu begrüßen, aber die Tante befahl:„bleib ſitzen mon enfant, es iſt nur meine Geſellſchafterin.“ Oh, Bruder, dies nur— und wie ſie roth wurde, die arme Kleine, und wie mir ihr wehmüthiges Lächeln ins Herz ging! rauf halb ii Und inmit und ſtrengu üöhnlichen grau Ganz wie ſe inte, und alsit h her und halſ Dus glauben, n grünen Auge Tante mit hart zu ſezen, und hem Schooße un tablirte, erhell rhaltung“ nalt eundlichem Can heiten beibring ds habe ich nich ſelber ſchuldi hat die Aufgal nem Geharſt haben— abe tropie verzett Bruder Albret ein Handwelt berumtreib 3 wenn ich etwe unſerer bürg ſinpelen Pelſ Tante G harlt z ich trot d diſem Nune Bacffſch iſtuu hine aber die 10 gftein⸗ 1 ne, und we 1 1 Von Claire von Glümer. 431 Sie brachte eine wirthſchaftliche Meldung, die Großtante erhob ſich und wandelte majeſtätiſch aus dem Zimmer, und nun fiel ich der Kleinen ohne weiteres um den Hals, ſagte, ich wäre Deine Schweſter, und Du hätteſt von ihr geſchrieben, und ich wäre gekommen, um ſie zu ſehen. Tante Eppen⸗ heim dürfe das natürlich nicht wiſſen, aber es würde ſich alles anders geſtal⸗ ten, wenn ſie ein gutes Kind wäre und mir ſagte, wo ſich ihr Pflegevater, Herr von Rudorf, befände. Dazu wollte ſie ſich jedoch nicht verſtehen. Sie hätte verſprochen, es niemand zu verrathen, ſagte ſie, und Onkel Klaus wäre ſchon ſo unglücklich, er hätte ſich ſchon ſo oft in ſeinem Vertrauen getäuſcht geſehen, daß ſie ihm für nichts in der Welt noch einmal dieſen Schmerz be⸗ reiten würde.„Aber es ſind ja ſeine beſten Freunde, die nach ihm ſuchen!“ rief ich aus. Da ſchüttelte ſie den Kopf und lächelte ſo ſonderbar, daß ich heftig fragte, was das bedeuten ſolle? Und nun brach ſie in Thränen aus, das arme, verſchüchterte Kind, und verſicherte: es thäte ihr ſehr weh, daß ſie meinen Wunſch nicht erfüllen könne, aber Onkel Klaus hätte ſo viel durch mneine Eltern gelitten, daß man es ihm nicht verargen dürfe, wenn er den Kronau's auszuweichen wünſche. Als ſie das ſagte, wurde ich auf einmal ganz ruhig. Mein guter Papa, den Tante Charlotte ſo richtig den immer Hhülfreichen genannt hat, und meine gute, ſchöne, heitere Mama, die gewiß in ihrem ganzen Leben kein unfreundliches Wort geſprochen, ſollten irgend jemand, noch dazu einem Freunde, Grund zur Klage gegeben haben? Das konnte nur das bewußte Mißverſtändniß im Romane ſein! Ich bemächtigte mich auch wieder der beiden Hände Deines Elfenkindes — Margarethe heißt ſie und Gretchen läßt ſie ſich am liebſten nennen— und ſagte ihr, ſie wäre ein thörichtes kleines Ding, eine Geſpenſterſeherin am vellen Tage; mein Papa wäre ein treuer Freund des Herrn von Rudorf, und meine ſelige Mama hätte ihn, ſo viel ich wüßte, nie im Leben geſehen. Aber hartnäckig iſt die Kleine, obgleich ſie biegſam ſcheint, wie das Rohr im Winde; ſie blieb dabei; daß ſie es beſſer wüßte, und als ich fortfuhr, ihr zu⸗ zureden und behauptete, ſie würde ſchuld ſein, wenn ihr Pflegevater unglück⸗ llich und verlaſſen bliebe, erklärte ſie endlich, ſie hätte einen Brief, der ihr die Ueberzeugung gegeben, daß ſich Onkel Klaus niemals mit meinem Vater aus⸗ ſöhnen könne; einen Brief, den der Onkel an ihren verſtorbenen Vater ge⸗ ſchrieben und worin die ganze Geſchichte ſeines Unglücks enthalten ſei. Den Brief, Gretchen, geben Sie mir den Brief!“ bat ich, und bat ſo lange und verſicherte ſo eindringlich: ich hätte vom erſten Augenblick an die größte Zu⸗ neigung für ſie gefühlt und es würde mich ſchmerzen, wenn ſie kein Vertrauen 432 Nach zwanzig Jahren. zu mir hätte, daß ſie endlich nicht mehr widerſtehen konnte, und verſprach, mir das Aktenſtück auszuliefern. Und während ſie nun ging, es zu holen, erſchien die gnädige Tante wieder auf der Bühne, mich allergnädigſt zu einer ihrer berühmten„Collationen“ einzuladen. Der alte Johann präſentirte mir mit einem Geſicht wie Gift und Galle auf ſchönem, ſilbernem Plateau verſchimmelte Kuchen und eine mörderiſche Weinſorte, und nachdem ich mit einer Diskretion, die der Tante gefiel, genippt und gekoſtet, wurde mir die Ankunft meines Reitknechtes ge⸗ meldet. Ich bedankte mich gehorſamſt für die genoſſene Gaſtfreundſchaft, wurde mit einem herablaſſenden„au revoir, ma niège“, entlaſſen; wechſelte im Corridor einen Abſchiedsgruß mit Gretchen, gab ihr das heilige Ver⸗ ſprechen in den nächſten Tagen wieder zu kommen und empfing den erſehnten Brief. Wie ich nach Hauſe jagte, kannſt Du Dir denken, und wie ich den Brief verſchlang(ich meine natürlich ſeinen Inhalt), und dann—— aber das will ich Dir ſpäter ſagen; erſt ſollſt Du eine wortgetreue Abſchrift der Epi⸗ ſtel des Herrn von Rudorf leſen. Hier iſt ſie: Amberg, 24. Sept. 1841. Lieber Freund! Kaum drei Wochen ſind verfloſſen, ſeit ich bei den erſten Schritten auf vaterländiſchem Boden unvermuthet mit Dir zuſammen⸗ traf, Dir von meinen Wünſchen erzählte und dankbar darauf einging, als Du vorſchlugſt, mich deinem Freunde, Brand, als Redakteur ſeiner Zei⸗ tung zu empfehlen— heute aber komme ich mit der Bitte, von allen Schrit⸗ ten, die Du für mich thun wollteſt, abzuſehen. Wenn ich mich recht erinnere, hatteſt Du erſt in den letzten Tagen des Monats Gelegenheit, mit Brand zu ſprechen; hätteſt Du aber ſchon mit ihm verhandelt, ſo ſage, ich wäre nach Amerika zurückgekehrt. Ich habe triftige Gründe, mein Hierſein nicht bekan werden zu laſſen.— Doch damit Du mich begreiſſt, iſt's am beſten, ich ſage Dir jetzt, was ich in der Heimat erlebt habe, und dann ſprechen wir nicht mehr darüber. Ich erzählte Dir ſchon, daß ich durch die Nachricht vom Tode des Haupt⸗ mannes von der Wenſe, die ich zufällig in einer deutſchen Zeitung fand, zur Rückkehr in die Heimat veranlaßt worden bin. Die Amneſtie für politiſche Vergehen, die ein halbes Jahr früher, bei der Vermählung des Erbprinzen erlaſſen wurde, hatte mich nicht dazu vermocht. Ich fühlte mich damals ſo losgetrennt von der Heimat, ſo aufgegeben von denen, die ich liebte, ſo er⸗ müdet vom Kampf um die Exiſtenz, der in Amerika mit Waffen geführt wird, auf deren Handhabung ich mich nicht verſtehe, daß ich ohne Hoffnung von ind verſprach, dige Tante wi en„Collatione Geſicht wie Kuchen und ion, die der T s Reitknechtes Gaſtfreundſch ntlaſſen; wechſe das heilige J fing den erſehnt wie ich dend —— aber! Abſchrift der G Sept. 1841. /, ſeit ich beid tDir zuſamme rauf einging kteur ſeiner 3 von allen Soh ich recht erinne eit, mit Brand rſein nicht beld⸗ ſ's am beſten dann ſprechen! Tode des hat Zeitung fande ihn zu nennen. Von Claire von Glümer. 433 einem Tage zum andern fortvegetirte, und nicht einmal auf den Gedanken kam, daß eine Aenderung möglich wäre. Aber der Tod des Mannes, deſſen Befehl die Geliebte von mir getrennt hatte, entriß mich meiner Apathie. Ich vergaß, daß Charlotte ſelbſt den letzten Verkehr zwiſchen uns abge⸗ brochen hatte, oder redete mir ein, daß ſie durch äußere Einflüſſe: Krank⸗ heit des Vaters und dergleichen, dazu gezwungen ſein könnte, und als ich erſt auf dem Wege zu ihr war, verſank der letzte Zweifel im Vorgefühl des Wie⸗ derſehens. In dieſer Stimmung war ich, als ich Dich traf. Deine Mittheilungen machten mir die Hoffnung, der Geliebten in kurzer Zeit eine beſcheidene Heimat bieten zu können, faſt zur Gewißheit. Ich wußte, daß ihre Mutter lebte, aber nicht in welchen Verhältniſſen. Friedrich Kronau hatte von ihr wie von einer guten Frau geſprochen— von dieſer Seite erwartete ich alſo keine Hinderniſſe und trat in froher Ungeduld meine Reiſe nach der Haupt⸗ ſtadt an, als ich in Moorheim erfuhr, daß Charlotte ihrer Mutter dorthin gefolgt war. Auch Friedrich Kronau war ſeit kurzer Zeit in die Reſidenz verſetzt. Es war Abend, als ich mein Reiſeziel erreichte, aber die Sehnſucht ließ mich nicht ruhen, ich mußte Charlotte ſobald als möglich wiederſehen und erkundigte mich nach der Wohnung ihrer Mutter. Man wies mich in das eleganteſte Stadtviertel an der neuen Promenade, und unter der angegebenen Nummer fand ich ein kleines, elegantes Haus zwiſchen Hof und Garten. Das Thor ſtand offen; Gaslaternen erleuchteten eine ſchöne Auffahrt. Daß meine Charlotte hier wohnen ſollte, ſchien mir unmöglich. Ich hatte ſie mir en nie anders vorgeſtellt, als in einem einfachen Stübchen, fleißig an ihrem ich wäre n age, ich w Srickrahmen, wie in früheren Zeiten, und neben ihr eine einfache, freundliche . Frau, die ihre Mutter war und die ich als ſolche ehren und lieben wollte. Es gab wohl mehrere Familien ihres Namens! Ueberzeugt, daß ich dieſen Beſcheid erhalten würde, ging ich dem Hauſe zu, fragte den reichgallonirten Pportier, der mir die Thür öffnete, nach Fräulein Charlotte von der Wenſe und erhielt die Antwort, das gnädige Fräulein wäre beim Diner— ich müſſe warten, oder wiederkommen. Ich wählte das letztere. Der Mann fragte nach meinem Namen, aber ich konnte mich nicht entſchließen, Charlotte ſollte ihn nicht zuerſt aus dem Muude eines Dieners hören. Auch nach Kronau's Wohnung hatte ich mich erkundigt und ging zu ihm. Hausblätter. 1867. IV. Bd. 28 434 Nach zwanzig Jahren. Er war ausgegangen, und nun wanderte ich ohne Zweck und Ziel durch die Straßen, bis ich an das Theater kam. Eine Equipage, die eben in die Wagenhalle fuhr, zwang einige Offiziere und mich, zur Seite zu treten. „Das war Frau von der Wenſe mit ihrer Tochter,“ ſagte der Eine.—„Un⸗ möglich, ſie iſt in Trauer,“ rief der Andere.—„Was macht die ſich daraus,“ entgegnete der Erſtere, indem ſie die Treppe zum Eingang hinaufſtiegen. Ich folgte. War Charlotte wirklich im Theater, ſo wollte ich ſie wenig⸗ ſtens ſehen. Und ich ſah ſie! Wenige Augenblicke, nachdem ich meinen Platz einge⸗ nommen, trat ſie mit mehreren älteren Damen in eine Loge des erſten Ranges und ſetzte ſich vorn an die Brüſtung in's volle Lampenlicht, ſo daß mir kein Zug des geliebten Angeſichts entging.— Das waren die großen, tiefblauen Augen mit den ſchwarzen Wimpern und Brauen, das üppige, aſchblonde Haar, das feine Profil, der ausdrucksvolle Mund, die unvergleichliche An⸗ muth in Haltung und Geberden— und doch ſah ſie anders aus, als früher! War's nur der reiche Anzug, der ſie ſo erſcheinen ließ? Aber es war ja die beſcheidene Zuſammenſtellung, die ſie liebte: grau und ſchwarz. Nein, ſie ſelbſt war anders geworden— ein fremder Glanz war in ihren Augen, ein fremdes Lächeln auf ihren Lippen. Vielleicht war ſie jetzt ſchöner als je. Der Druck, der ehemals auf ihr lag, war verſchwunden; die leiſe Wehmuth, die ſonſt ihr Weſen verſchleierte, hatte einem Ausdruck jugendfriſcher Heiterkeit Platz gemacht. Aber zu dem Bilde meiner Charlotte gehörte dieſe ſanfte Trübung, und wie war's möglich, daß ſie dieſelbe ſo bald nach dem Tode des Vaters und ſo lange nach dem Abſchied von mir überwunden hatte? Ein Geſpräch, das hinter mir begann, ſollte mir Aufſchluß geben. „Die kleine Wenſe iſt ſo unruhig— immer ſieht ſie nach der Logen thür,“ ſagte eine Männerſtimme.—„Wahrſcheinlich erwartet ſie ihren Bräutigam,“ lautete die Antwort.—„Iſt die Verlobung endlich deklarirt?“ fragte der Erſte wieder.—„Vor einigen Tagen ſchon, haben Sie es nicht geleſen?“ erwiderte der Zweite.„Frau von der Wenſe wird glücklich ſein daß ſie den reichen Schwiegerſohn endlich feſt hat. Seine Eltern haben ſich lange geſträubt. Gegen das Mädchen iſt zwar nichts einzuwenden und reich genug iſt ſie auch— aber die Mutter!“— So ging das eine Weile fort, dann begann die Vorſtellung. Ich ſaß wie betäubt und hatte nur den einen Gedanken: Charlotte verlobt— für mich verloren! Im Zwiſchenakt nahm ich alle Kraft zuſammen und fragte die Herren⸗ ob ich recht gehört, daß Fräulein von der Wenſe verlobt ſei? Sie bejahten und Ziel durh he, die eben i er Seite zu tnt der Eine.-) ͤtdie ſich darn jang hinauſſtie lte ich ſie wen neinen Platz ein des erſten Ran t, ſo daß mir gooßen, tiefbla üppige, aſchble nvergleicliche! s aus, als frit Aber es war ja hwarz. Nein ißren Augen, ſchöner als je. leiſe Wehmuth dfriſcher Heite gehörte dieſe zald nach dem? rwundenh hatte uß geben. ſie nach der erwarte t ſie i endlich del llai haben Sie d wird g glüdlit ne Eltern) habe⸗ zuwenden unh b eine Weilt hatte nur den de di bt 3 i? Sie b J Von Claire von Glümer. 435 und der Eine fügte hinzu:„Sehen Sie, eben kommt der Bräutigam.“— Ein Mann war in die Loge getreten, begrüßte die Damen und ſetzte ſich neben Charlotte. Es war Friedrich von Kronau. Und als ſie ihn anſah, verrieth ihr Erröthen, das Aufleuchten ihrer Augen eine Leidenſchaftlichkeit, die ich in ihr nie geſucht haben würde. Die Nacht, die dieſem Abend folgte, war die ſchwerſte meines Lebens. Ich war halb ſinnlos vor Schmerz, Zorn und Eiferſucht. Als der Morgen kam, hatte ich mich jedoch wieder gefunden und meinen Entſchluß gefaßt. Daß von einem Geltendmachen meiner Anſprüche unter den obwaltenden Umſtänden nicht die Rede ſein konnte, verſteht ſich von ſelbſt. Aber ich wollte überhaupt auf ein Wiederſehen verzichten, das für uns alle nur peinvoll ſein konnte, und Charlotten's Glück, das erſte, das ſie voll und ganz genoß, vor⸗ übergehend wenigſtens, geſtört hätte. Ihr zürnte ich nicht. Sie war ſo jung und ſo einſam, als ich ſie verlaſſen mußte— und wenn ich's Friedrich von Kronau auch nicht verzieh, daß er ſein Verſprechen, der Beſchützer mei⸗ ner Liebe zu ſein, ſo ſchnell gebrochen— ein Recht, ihn anzuklagen, beſaß ich kaum. Wie konnt' ich erwarten, daß er die Sorge für Charlottens Geſchick einem Manne vertraute, den ſo wie mich auf Schritt und Tritt der Mißer⸗ folg begleitete. Die Welt iſt praktiſch geworden— nicht nur die amerika⸗ niſche! Im Elpenor heißt es noch:„verworfen ſcheinen ſie, weil ſie das Glück verwarf—“ in unſeren Tagen ſagt Dir jedes Kind, daß der Unglück⸗ liche verworfen iſt. Ich hätte längſt zu dieſer Einſicht kommen müſſen, denn ſchon ſeit Jahren hat Friedrich Kronau keinen meiner Briefe beantwortet; aber in unbegreiflicher Verblendung redete ich mir ein, daß nur äußerliche Zufälle ſchuld daran wären, und ſo oft mir in Amerika ein neuer Beweis von Egoismus, Wortbruch oder Liebloſigkeit entgegentrat, ſagte ich mir zum Troſt: bei uns iſt es anders! Genug davon. Ich habe die Hauptſtadt ohne Zögern wieder verlaſſen. Ein Deutſch⸗Amerikaner, den ich während der Ueberfahrt kennen gelernt, hatte mir für alle Eventualitäten Empfehlungen an den Director der Kna⸗ benerziehungsanſtalt zu Amberg gegeben, und auf Grund dieſes Briefes habe ich hier als Unterlehrer Platz gefunden. Das Städtchen liegt ſo fern von den großen Verkehrsſtraßen, daß ich hoffen darf, hier unbemerkt zu vege⸗ tiren, und zu thun habe ich ſo viel, daß ich kaum zur Beſinnung kommen werde. Erſpare mir, ich bitte Dich, Deinen alten Vorwurf vom Mißbrauch 28* 436 Nach zwanzig Jahren. meiner Gaben.— Die Welt wird auch ohne meine Hülfe ihren Entwicke⸗ lungsgang gehen. Wenn ich meinen Schulbuben mit möglichſter Freund⸗ lichkeit das amo, amas, amat einpauke, arbeite auch ich am„Wohl der Menſchheit“ und ſorge nebenbei für mein tägliches Brod. Was ſoll ich mehr? Zu einer großen Wirkſamkeit gehört der Glaube, der die Berge verſetzt— ich habe nur noch Zweifel.— Wenn Du mir ſchreibſt, adreſſire an F. W. Klaus, der andere Name ſoll verſchollen ſein und bleiben.— Klau 8.—— Das iſt der Brief, den Gretchen unter den Papieren ihres Vaters ge⸗ funden.— Wer hat nun Recht, Bruder? Haben wir da nicht das ſchönſte Mißverſtändniß von der Welt? Unſere Mutter hat Dein armer Freund für ſeine Charlotte gehalten, was bei der merkwürdigen Aehnlichkeit der Schwe⸗ ſtern ſehr erklärlich war, und weil er zum Verzweifeln zart und rückſichts⸗ voll iſt, haben er und Tante zweiundzwanzig Jahre lang ein Glück entbehrt, das ihnen von Gott und Rechtswegen zukam. Iſt das nun mehr zum Aer⸗ gern oder zum Grämen?— Natürlich hielt ich mich nicht mit ſolchen Er⸗ wägungen auf, ſondern brachte der Tante den Brief— was wieder ſehr rückſichtslos war, aber die beſten Folgen hatte, denn ſie war ſofort im Stande, das Bett zu verlaſſen. Und dann hatte ſie eine lange Unterredung mit Papa, deren Inhalt man ſich ſchon denken kann. Und am nächſten Mor⸗ gen, d. h. heute Früh, ſind Tante und ich nach Eppenheim gefahren. Tante Charlotte hat ſich in aller Form für die Aufnahme bedankt, die mir in der Drachenhöhle zu Theil geworden. Ich habe inzwiſchen unſer Gretchen ad coram genommen, habe ihr alles erklärt, ein paar Freudenthränen mit ihr geweint, die Adreſſe des Ausreißers erfahren, ein wunderbares Dejeuner: ſaure Bouillon und Cottelets mit Haut-gout(in dieſer Jahreszeit eine Rarität) im prächtigen, ſilberſtrotzenden Speiſeſaale zu Eppenheim ein⸗ genommen— und dann ſind wir„ſtill und bewegt“ nach Hauſe ge⸗ fahren und Tante Charlotte hatte einen wahren Sonnenſchein in den blauen Augen. Jetzt ſitzt ſie am Schreibtiſch und ſchreibt an ihren Freund— eine ſchwierige Aufgabe, wie es ſcheint, denn Blatt auf Blatt hat ſie wieder zer⸗ riſſen. Auch Papa hat mit ſeinen kranken Händen ein paar Zeilen fertig ge⸗ bracht, um Herrn von Rudorf nach Kronau einzuladen. Wenn er kommt, erzähl' ich Dir alles— und wenn ſich erfüllt, was ich nicht mehr ausſpreche, weil es Deine zartfühlende Seele beleidigt, was zu wünſchen ich aber nicht laſſen unnöt wohl3 Entwit er Freud „Wohld lich m verſetzt- ean F.! aus.— Vaters! das ſchön Freund der Schr drückſich ück entbel r zum A ſolchen( wieder ſt ſofort Interredl ichſten M ren. N mir in Gretchen nen mi 5Dejeu greszeit enhein Hauſt hein in eund— wied en fel Von Claire von Glümer. 437 laſſen kann, dann erwart' ich von gewiſſen Leuten die Einſicht, daß ſie ſich unnöthig auf's hohe Pferd geſetzt. In welcher Erwartung ich verbleibe, Dero wohlgeneigte Schweſter Annette. Annette an Judwig. Kronau, 21. April. Lieber Bruder! Er iſt da, er iſt da, er iſt da!— Aber Mühe hat's gekoſtet, d. h. Tante, Papa und er haben einen hitzigen Depeſchenwechſel mit einander gehabt und mehr als einmal iſt Papa ſehr ungeduldig gewor⸗ den. Tante Charlotte hat ihn jedoch immer zur Ruhe geſprochen; du weißt ja, wie ſie das verſteht, mit ihren guten Worten und ihrer ſanften Stimme. Vorgeſtern endlich, als wieder eines der länglichen Couverts erſchienen war, die unſer tägliches Brod geworden, hieß es: Rudorf wird kommen— und Tante nahm mich beiſeite und ſagte mit einer gewiſſen Verlegenheit: ſie hoffe, ich würde vernünftig ſein. Ich verſprach es„ſo viel in meinen Kräf⸗ ten läge“— cela n'engage à rien! Heute früh war nun alles zur Wiederſehensfeier gerüſtet. Himmel und Erde in Großgalla, Deine Schw Annette deßgleichen: blauweiße Mouſſelinrobe mit blauer Schärpe— ein charme ſage ich Dir! Wie aber ſoll ich meine Entrüſtung beſchreiben, als Tante Charlotte mit ihrem ge⸗ wöhnlichen grauen Wollkleide mit ſchlichtem Leinwandkragen und dito Man⸗ ſchetten erſchien. Zum Ueberfluß hatte ſie ein ſchwarzes Spitzentuch über den Kopf gebunden, das ihr ſchönes blondes Haar faſt ganz verſteckte, und bleich und übernächtig war ſie zum Erbarmen. „Tante, wie ſiehſt Du aus!“ rief ich in meiner unbedachtſamen Weiſe. „Du hätteſt Dich beſſer anziehen ſollen. Was wird Herr von Rudorf den⸗ ken!“—„Daß ich alt geworden bin,“ ſagte ſie freundlich, aber ihre Lippen bebten.— In dieſem Augenblick wurde der Papa in's Zimmer gefahren, auch er ſah ungewöhnlich blaß aus. Die Tante ging zu ihm. Man hörte einen Wagen in den Hof rollen. „Charlotte!“ ſagte Papa mit einem Ton, den ich nie von ihm gehört hatte und der ſo eindringlich war, daß mir die Thränen in die Augen tra⸗ ten. Die Tante faßte ſeine Hand, und als die Thür aufging und Rudorf eintrat, zitterte ſie am ganzen Körper, als ob ſie umſinken ſollte. Er blieb wie zögernd einen Moment auf der Schwelle ſtehen, dann ging er raſch auf Papa und Tante zu und küßte ihr die Hand. Da wurde ich abgerufen. 438 Nach zwanzig Jahren. Gretchen war angekommen, Tante Charlotte hatte ſie eingeladen, den Pflegevater bei der Ankunft zu begrüßen, aber die ſchüchterne Kleine wagte ſich nicht ohne Escorte in den Gartenſaal, und ſo brachte ſie mich darum, die erſten Worte zu hören, die Tante und Rudorf mit einander wechſelten. Als wir ſelbander in's Zimmer traten, ſaßen Papa, Tante und Herr von Rudorf ſehr verſtändig beiſammen und alles ging ſeinen alltäglichen Gang. Es wurde gegeſſen; während Papa ſeine Mittagsruhe hielt, führte Tante ihren Freund durch den Garten, aber Gretchen und ich durften immer dabei ſein. Und dann wurden Zeitungen geleſen. Man ſprach lang und langweilig über Politik— und es war nicht anders, als wenn andere Gäſte in Kronau ſind. Nur ginmal wurde Tante verlegen und das wieder durch meine Schuld. Als die Dämmerung kam, bat ich nämlich Herrn von Ru⸗ dorf, uns eines von ſeinen und Tante's Lieblingsliedern vorzuſingen. Im Geiſte hörte ich ſchon, wie ſie einſtimmte und wie die Beiden ſich zum zwei⸗ h tenmale„auf Flügeln des Geſanges“ zuſammenfanden. Tante errieth auch, was ich wollte, ſie wendete ſich ab und wurde dunkelroth, aber Herr von Rudorf ſagte mit ſeiner ſtillen, ſtolzen Freundlichkeit:„Ich ſinge nicht mehr, mein liebes Fräulein; ich bin ein aufet Mann.“ Begreifſt Du dieſe Manie, ſich für alt zu erklären? ¹ Den 25. Neulich wurde ich geſtört, und es gibt auch eigentlich nichts mehr zu er⸗ zählen. Gretchen iſt ſchon denſelben Abend nach Eppenheim zurückgefahren und wir leben im alten Schlendrian ruhige Tage. Papa, Tante und⸗Qer von Rudorf benehmen ſich, als ob er ſeit Jahren in Kronau aus⸗ und einge⸗ gangen wäre und für ewige Zeiten in derſelben Weiſe aus⸗ und eingehen würde. Iſt's denn möglich, daß eine Liebe, die ſo romantiſch mit Liedern und Guittarenbegleitung anfing, eine Liebe, in der Gefängniß, Flucht, Ver⸗ ſchollenſein, furchtbares Mißverſtändniß und zweiundzwanzigjährige Treue von beiden Seiten vorkommt, endlich im Sande verläuft und zur hausbacke⸗ nen Freundſchaft wird? Herr von Rudorf ſpricht mit der größten Ruhe da⸗ von, daß er übermorgen abreiſen müſſe, und Tante hört es an, als ob es ſich ſo von ſelbſt verſtände.„In den Schulferien kommt er ja wieder,“ ſagte ſie begütigend, als ich erklärte, daß es eine Schmach und Schande wäre, uns — ich meinte ſie— zu verlaſſen, um eine langweilige Lehrerſtelle anzuneh⸗ men. Herr von Rudorf hat nämlich eine Anſtellung am Gymnaſium zu eladen, den terne Klei hte ſie mich nit einanden te und Heu alltäglichen hielt, führt rſten immen ich lang und nndere Gäſt wieder durch ern von Ru ingen. I h zum zw errieth auch er Herr bon nicht mehr jeſe Mani 5. mehr zu rückgefehn te und W „und eing und eingeh mit Lied ihrige e r hausbad 1 en Ruhe 1 gb „ als 00 , Von Claire von Glümer. 439 Fahrbach bekommen. Und es iſt nicht etwa nur Selbſtbeherrſchung, daß Tantchen ſo freundlich und heiter iſt. Gott bewahre! Sie fühlt ſich glücklich, das ſieht man ihr an, denn trotz ihrer Kleidung à la Diakoniſſin wird ſie täglich hübſcher und ſieht förmlich jung aus. Alles an ihr iſt hell: Augen, Stirn, Stimme, Lächeln. Goethe würde von ihr ſagen:„Rings mit Son⸗ nenſchein iſt ſie emaillirt.“ Dennoch bleibt ſie dabei, ſie wäre alt, Rudorf dagegen hätte ſich kaum verändert. Die gute Tante— wenn er vor zwei⸗ undzwanzig Jahren nicht anders ausgeſehen hat, ſo begreife ich nicht, wie ſie ſich in ihn verlieben konnte(das ſage ich natürlich nur Dir im engſten Ver⸗ trauen)! Was Rudorf von Tantchen denkt, weiß ich nicht. Beide gehen mit großer Zurückhaltung um einander herum. Es iſt, als hätten ſie die Auf— gabe, das Sprichwort darzuſtellen:„Liebe Deinen Nachbar, aber reiße den Zaun nicht nieder.“ Ich werde dabei ganz zornig vor Ungeduld. Wer doch nur einmal in die Herzen zu blicken vermöchte! Geſtern ſagte Herr von Ru⸗ dorf: unter den Kindern ſeines Freundes wäre ihm Gretchen von jeher am liebſten geweſen, weil ihre Augen ihn an die der Tante erinnert hätten. An Tante's Stelle hätte ich das übelgenommen. Wie kann man ihre ſchönen blauen Augen mit ſo entſchieden grauen vergleichen. Brauchſt mich nicht zor⸗ nig anzuſehen, Bruder. De gustibus nomest disputandum, zu deutſch:„graue Augen häßlich, aber unvergeßlich.“ Ich erzähle Dir das auch nur zum Beweis, daß Rudorf immer an Tante gedacht hat und daß er alles, was ihm lieb iſt, mit ihr vergleicht. Dennoch iſt er zuweilen unfreundlich gegen ſie. Neulich z. B. bot ſie ihm an, Gretchen aus Eppenheim zu erlöſen und zu uns zu nehmen, aber das ſchlug er rundweg ab. Jetzt wäre ſie frei durch ihre Arbeit, ſagte er.(Schöne Freiheit das!) Bei uns würde ſie ſich überflüſſig und darum über kurz oder lang unglücklich fühlen. Ueberhaupt iſt ein großer Stolz in ihm, und ich glaube, Tante hat Recht, wenn ſie ſagt, ſie dürfe den Plan, ihm einen Theil ihres Vermögens zu geben, nicht feſthalten. Er würde errathen, daß es von ihr käme, und das würde ihn kränken. Wenn ich ſage, Recht, ſo meine ich damit nur, daß ſie ihn richtig beurtheilt, denn in der Ordnung ſcheint es mir durchaus nicht, aus Zartgefühl einen Mann, den man lieb hat, in drückenden Verhältniſſen zu laſſen, oder aus Zartgefühl von der geliebten Frau nichts annehmen zu wollen.—„Das verſtehſt du nicht!“ ſagt mein Herr Bruder mit Mentor⸗ miene.„Das verſtehſt du nicht!“ wiederholt die Tante.„Das verſtehſt du b 440 Nach zwanzig Jahren. nicht!“ ruft die ganze Welt. Laßt mich in Ruhe mit Eurer dummen Klug⸗ heit!— Heirathet nicht in den allerſchönſten Märchen die Prinzeſſin den Hirtenjungen und der König die Schäferin?— Zu Papa's Geburtstag nimmſt Du doch Urlaub und bleibſt einige Wochen hier? Wenn Du dann ein guter Junge biſt, verirre ich mich auch 'mal mit Dir nach Eppenheim, oder willſt Du das lieber allein thun? Ich freue mich ſehr auf den„wunderſchönen Monat Mai, wenn alle Knospen ſpringen—!“ Adieu, Adieu— auf Wiederſehen in vierzehn Tagen! Bis dahin und für alle Zeit Deine treue Schweſter Annette. Tudwig an Annelte. Moorheim, 2. Juli 1863. Liebenswürdigſte Schweſter! Das vierwöchentliche Zuſammenſein hat mich wieder ſo in Deine Feſſeln geſchlagen, daß ich nicht mehr ohne Dich leben kann. Welch Glück, daß Schwager Günther's Regiment hierher ver⸗ ſetzt iſt, daß Luiſe geſtern ſchon mit Sack und Pack, Kind und Kegel ange⸗ kommen, und daß ſie alle meine ſehnſüchtigen Gefühle theilen. Sieh, in pleno breiten wir die Arme nach Dir aus— laß uns nicht ſchmachten und ver⸗ ſchmachten! Dieſer Brief geht als Einlage einer dringenden Bittſchrift an Papa, worin er angefleht wird, Dich uns zu gönnen. Wird Dir die allge⸗ meine Anbetung unbequem, ſo kannſt Du Dich davon ſtundenweiſe durch Wohnungseinrichten und Kinderwarten erholen. Komm' nur, komm'! Ich weiß zwar, daß es grauſam iſt, Dich mitten im Sommer in die Stadt zu verlocken, aber Schweſter Luiſe hat eine ſchöne Wohnung mit Garten; die Generalin von Walbach gibt in ihrer Villa reizende bals champétres, ich garantire Dir Gartenconcerte, Gondelfahrten auf dem Fluſſe und für jeden blühenden Roſenſtrauch, den Du dahinten läſſeſt, einen glühenden Lieute⸗ nant. Vor allem aber lege ich mich ſelbſt vor Deine kleinen Füße(oder heißt es zu Deinen?) u. ſ. w. Komm' nur, komm'— ich erwarte Dich ſpäteſtens heute über acht Tage, bis dahin werden die Koffer wohl gepackt ſein kön⸗ nen. Natürlich findeſt Du auf dem Bahnhofe Deinen vor Sehnſucht halb todten Bruder 4 Ludwig. mmen Kl nzeſſind ibſt ein mich aut thun? I. le Knosper en! N. agen! Ä gette. 863. menſein h rohne diſ jierher ben degel ange h, in plem en und de ütſchrifte ir die allg weiſe dur mm!¹ ie Stadi Harten;! pétres, d für ji den Liut (oder ſpütiſ t ſein niuch 7 Von Claire von Glümer. 441 Annette an Audwig. Kronau, 5. Juli 1863. Falſcher Bube! Meinſt Du, ich ließe mich durch Dein Schönthun be⸗ thören? Nimmermehr! Die ganze Intrigue liegt mir klar vor Augen. Weil ich trotz Deiner Beredtſamkeit nicht zu der Einſicht gekommen bin, daß ich mich während Rudorf's Beſuch„unverantworlich“ benommen und nicht das Gelübde geleiſtet, mich in Zukunft beſſer, d. h. anders zu benehmen, ſoll ich für die Zeit ſeines Wiederkommens fortgeſchafft werden. Luiſens Umzug gibt dazu den beſten Vorwand und beſtimmt den Papa, zu der Reiſe Ja und Amen zu ſagen! Wüßt ich nur, ob er arglos in Deine Fallſtricke gerathen iſt, oder ob Du ihm mit Deinen Anklagen gegen mich den Sinn vergiftet haſt!— Wenn ich ſo bösartig wäre, wie Du, ſo machte ich Dir jetzt einen Strich durch die Rechnung, indem ich Tante in Deine Schliche einweihe— ſie würde nicht dulden, daß man mich ihretwegen, noch dazu in der Roſen⸗ zeit, aus Kronau verbannt. Aber ich bin edel— ich komme, ich richte Woh⸗ nungen ein, ich warte Kinder und tanze auf den Raſenplätzen der Generals⸗ villa. Zu jubeln brauchſt Du darum aber nicht, denn, oh Du Kurzſichtiger, weißt Du denn nicht, daß meine Abweſenheit meinen Plänen ſehr förderlich ſein kann? Tante und Rudorf werden ſtundenlang allein ſein müſſen, und wie herrlich wird die Vergangen heit zu ihrem Rechte kommen, wenn ich nicht immer als Gegenwart in die Erinnerungen der Beiden hineingucke! Ferner lerne ich das Terrain der Vorgeſchichte kennen, und gewinne dadurch Anhaltspunkte zu ferneren Actionen. Kurz, wenn auch für den Moment bei⸗ ſeite geſchoben— beſiegt bin ich nicht. Wer zuletzt lacht, lacht am beſten und ich hoffe, daß Dich noch herzlich auslachen wird Deine treue Annette. Charlotte an Annette. Kronau, 24. Auguſt 1863. Liebes Kind! Es thut mir leid, Dich Deinen Geſchwiſtern und den geſelligen Freuden entreißen zu müſſen, die Du ſo lebendig zu ſchildern weißt — aber Dein Papa hat ſich doch zur Reiſe nach Meran entſchloſſen, und will nun ſein Töchterchen noch einige Tage hier haben. Graf Walwitz muß auch nach Meran und hat ſo lange gebeten, bis ſich Dein Vater zur Mitreiſe bequemte. Der Arzt verſpricht ſich Wunderdinge von einem Winteraufent⸗ 442 Nach zwanzig Jahren. halt im Süden, und in der Geſellſchaft des Freundes wird er die Trennung von den Seinigen leichter ertragen. Die Reiſe wird er in aller Bequemlich⸗ keit machen. Daß er ſeinen Anton mitnimmt, verſteht ſich von ſelbſt, und Rudorf begleitet ihn bis nach der Hauptſtadt, wo er mit Walwitz zuſam⸗ mentrifft. Die Abreiſe iſt auf den 6. September feſtgeſetzt, alſo zögere nicht, zu kommen. Damit Du es hier nicht zu einſam findeſt, habe ich eine liebenswürdige Geſellſchaft für Dich gewonnen. Gretchen iſt da. Das arme Kind wurde in der letzten Zeit von Tante Eppenheim wahrhaft mißhandelt und iſt end⸗ lich ohne weiteres von ihr entlaſſen worden unter dem Vorgeben, ſie wäre ja doch mit ihren Gedanken beſtändig in Kronau. Daß ich ſie mit Freuden aufgenommen habe, kannſt Du denken. Rudorf hat nun auch meinen Bitten nachgegeben und läßt ſie mir. Mit den beſten Grüßen von uns allen an Euch alle Dein Tante Charlotte. b Annette an Audwig. Kronau, 29. Auguſt. Nein, lieber Bruder, wir haben uns umſonſt geängſtigt, Papa iſt nicht kränker geworden. Der Aufenthalt in Meran ſoll nur die guten Wirkungen der Badekur befeſtigen. Es iſt eine Freude, zu ſehen, wie Papa jetzt mit Hülfe eines Stockes umhergeht; auch ſchreiben kann er beſſer als ſeit Jahren; er will uns aus Meran jede Woche einen Brief ſchicken. Meine Reiſe iſt gut, d. h. langweilig von Statten gegangen— Aben⸗ teuer erlebt man heutzutage nicht mehr— und ſo bin ich denn nun wieder in meinem lieben, lieben Kronau, nach dem ich immerfort eine leiſe Sehn⸗ ſucht gehabt habe. Es war ja bei Euch ſehr hübſch, heiter und intereſſant, hatt' ich doch ſogar einen erklärten Verehrer, der mich ſicherlich nicht mehr für einen Backfiſch hielt— aber, aber, daheim iſt's doch am beſten— noch dazu, wenn das Daheim ſo ſchön iſt! Solche Bäume, wie der Garten von Kronau, hat ganz Moorheim nicht aufzuweiſen, und Luft, Vögel, Blumen, Sonnenuntergänge, alles iſt hier ſchöner, fröhlicher, farbenreicher. Nur eins i*ſt nicht, wie ich's zu finden hoffte. Rudorf und Tante gehen noch immer ſo gehalten um einander herum, obwohl ſie mit jedem Wort und jeder Miene verrathen, daß ſie eigentlich nicht gut ohne einander leben können. Dazu kommt, daß ſich Tante um ſeine Geſundheit ſorgt. Das Klima in Fahrbach ſoll rauh ſein und er ſieht aus, als ob ihn jeder Windſtoß umwerfen müßte. der groß Ich ſtill müt wä wie eTrennun Bequenli ſelbſt u witz zuſen üögere nic enswürdi Kind wund und iſt en ſie wäre nt Freuden nen Bitte en an Cuc lotte. Wirkungen a jetzt m eit Jahten zun wiede eiſe Sehr ntereſſan nicht ma en— N arten! 1 Blume Nur en immel Mi Von Claire von Glümer. 443 Auch ſeine Tertianer mögen ihm das Leben ſchwer machen; er iſt eine viel zu ſanfte, ſtille Natur, um ſolche Schaar junger Taugenichtſe zu zügeln. Geſtern, als er wieder einmal ſo hübſch, wie nur er es kann, von ſeinen amerikaniſchen Erlebniſſen erzählte, ſagte Papa, es wäre ſchade, daß er ſie nicht zu einem Buche benutzt hätte. Er meinte jedoch, dazu würde er kein Talent haben, aber mit einem anderen Werke— es war etwas auf ogie oder logie— wäre er im Geiſte ſeit Jahren beſchäftigt, und es wäre ein großer Wunſch von ihm, das noch vor ſeinem Tode ſchreiben zu können. Ich fragte etwas unbedacht, warum er das nicht längſt gethan? Mit dem ſtillen Lächeln, das Du kennſt, antwortete er, ſein Tagewerk mache ihn ſo müde, daß ihm zu dieſer Arbeit nicht die nöthige Kraft und Friſche geblieben wäre. Als er das geſagt, ging Tante hinaus, und als ſie nach einer Weile wieder kam, ſah ich, daß ſie geweint hatte. Nachher erzählte mir Gretchen, vor einigen Tagen hätte Tante Herrn von Rudorf dringend gebeten, Papa nach Meran zu begleiten. Sie hätte die Reiſe eigentlich mitmachen wollen, hatte ſie geſagt, nun läge das Reiſegeld da, und es würde ſie glücklich machen, wenn es durch Rudorf's Eingehen auf ihre Wünſche ihren beiden Freunden nutzbar würde. Aber er hatte den Vorſchlag zurückgewieſen und hinzugefügt: da er nicht das mindeſte für Tante zu thun vermöchte, wär's grauſam von ihr, ihm ſolche Anerbietungen zu machen. In jedem Verhält⸗ niß gleichberechtigter Weſen müſſe auch ein Gleichmaß der Leiſtungen ſtattfinden, ſonſt würde dasſelbe für den wenig oder nichts Leiſtenden eine Qual.— Gretchen hatte dies Geſpräch, das im Gartenſaal geführt wurde, wider Willen mit angehört, weil ſie Papa in der Bibliothek in den Schlaf geleſen hatte und nun nicht fortzugehen wagte. Die kleine Schönheit war ganz be⸗ ſtürzt, wenn ſie ſich an den heftigen Ton des ſonſt ſo ſanften Onkels erinnerte, und was Tante Charlotte dabei empfunden hat, kann ich mir denken. Hätte ſie das ihrem Freunde gezeigt, ſo wäre er wahrſcheinlich zur Vernunft gekom⸗ men— aber Gretchen ſagte, ſie wäre nach wie vor freundlich, gütig und hei⸗ ter geweſen. Der Glanz aber, von dem ich Dir im Frühling ſchrieb, iſt fort. Wenn Tante jetzt auch noch ebenſo lächelt, iſt's, weil ſie will, nicht weil ſie muß.— So quälen ſich nun die Beiden, und Ihr geſcheuten Leute findet das in der Ordnung. Ich aber gerathe in Zorn, wenn ich ſehe, daß zwei Menſchen, die glücklich ſein könnten, es nicht werden, weil ſie nicht die Courage haben, ſich über einige äußerliche Rückſichten hinwegzuſetzen, und am meiſten empört es mich, wenn ein ſonſt guter, feinfühlender Menſch zu ſeiner 444 Nach zwanzig Jahren. Freundin ſagen kann: weil du ſo und ſo viel mehr vom Glück begünſtigt biſt, als ich, muß ich dir von meiner Zuneigung ſo und ſo viel abziehen, und es muß eine ſo und ſo hohe Scheidewand zwiſchen uns ſein.—— Das fatale Rechnen! Die Tiſchglocke läutet— adieu für heute. Den 30. Auguſt. Oh, Ludwig, was hab' ich zu geſtehen! Hülle Dich in das Prie⸗ ſtergewand der Bruderwürde, ſetz' Dich in den Beichtſtuhl der Geduld und höre: Ich hatte mich geſtern in ſolchen Grimm hineingedacht und geſchrieben, daß ich ihn nicht verſchlief, ſondern heute früh nur gewachſen fand, und als während des Frühſtücks Herr von Rudorf von ſeinem einſamen Leben in Fahrbach erzählte, und Tante mit ihrem ſtill reſignirten Lächeln zuhörte, das gegen ihren Willen ſagte:„ich werde ebenſo einſam ſein“— und ich mir dachte, daß nur ein bischen Unglück nöthig wäre, um die Beiden glücklich zu machen, hielt ich's nicht mehr aus. Ich mußte ihr etwas anthun, ſie aus ihrer Ruhe herauszubringen; ſie ſollte eingeſtehen, daß ſie litt. Es war keine Ueberlegung, lieber Ludwig— es kam über mich, wie ein Rauſch, dem ich nicht widerſtehen konnte. Als daher Papa in ſeine Stube gegangen war, und Rudorf im Garten ſeine Cigarre rauchte, ſagt' ich, indem ich an's Fenſter trat, um Tante nicht anſehen zu müſſen:„Liebe Tante, ich habe eine Bitte an dich, aber du mußt mir verſprechen, daß du ſie nicht übelnehmen willſt.“—„Kind, wozu die Umſchweife,“ gab ſie freundlich zur Antwort, und ich fuhr mit ſtockendem Athem fort:„Ich wollte dich bitten, daß du mich dieſen Winter zu Schweſter Luiſe zurückgehen ließeſt. Hier wird es ſo einſam, und dort gibt es ſo ſchöne Bälle— und du haſt ja Gretchen—.“ Weiter ging's nicht, mein Herz klopfte, daß ich's wie Wellen im Ohr hörte.„Annette, iſt das dein Ernſt?“ fragte Tante Charlotte, und als ich mich unwillkürlich nach ihr umſah, war ſie ſo blaß und blickte mich mit ſolchem Ausdruck ſchmerzlichſter Ueberraſchung an, daß ich ihr am liebſten gleich um den Hals gefallen wäre— Aber ich be⸗ zwang mich.„Ja, Tantchen, du weißt ja, daß mir Luiſe das ſchöne Ball⸗ kleid geſchenkt hat,“ ſtieß ich hervor.—„Gut, ich will's deinem Vater vor⸗ ſchlagen,“ ſagte ſie, und nun nahm ich Gretchen bei der Hand und zog ſie in die Bibliothek. „Wie konnteſt du das thun?“ fragte die Kleine, und ihre ſonſt ſo freund⸗ lichen Augen ſahen mich ſtrafend an. Aber ich hatte nicht Zeit zu Erklä⸗ ic begünſit bziehen, u Das fatal ſt n das Pii der Gedul geſchrieben nnd, und al en Leben i zuhörte, de und ich mi den glückih anthun, ſ ſie litt. E ein Nauſch un Garte Tante nit ger du mut d, wozud tſtockende u Schwet ss ſo ſch derz lopi iſt 93 frag war ſi aſchung 1 Aber ihl chöne Bul Jater dö Von Claire von Glümer. 445 rungen, denn durch die Spalten der Portiere ſah ich, daß Tantchen weinte. „Geh' ſchnell zu deinem Onkel und bitte ihn, daß er zu Tante Charlotte kommt, ſag' aber nicht, was ich gethan habe!“ Dahin flog das Elfenkind und ich ſank auf den nächſten Stuhl. Es war mir ſchlecht zu Muth, das kannſt Du mir glauben. Bald darauf hörte ich raſche Schritte auf der Freitreppe; es war Ru⸗ dorf, der mit den Worten„Charlotte, um Gotteswillen, was iſt geſchehen?“ auf Tante zueilte. Sie antwortete durch ein Aufſchluchzen, und nun ſetzte er ſich zu ihr und redete ihr zu und bat: ſie möge ihm vertrauen; ob er denn nicht mehr ihr Freund wäre und das Recht hätte, ſie zu tröſten? Er ſprach mit ganz anderer Stimme als ſonſt— ſo weich und warm, daß ich dabei in Thränen ausbrach, während Tante ſich zuſammennahm und verſicherte: es wäre Unrecht von ihr, daß ſie ſich ſo hätte gehen laſſen, und daß ein kindiſcher Wunſch von mir ſie ſo zu betrüben vermöge. Sie hätte ſich gewöhnt, uns alle als ihr eigenſtes Eigenthum anzuſehen, ſagte die Gute, Liebe, und jedes⸗ mal, wenn Eins von uns das Vaterhaus verlaſſen hätte, würde ihr gleichſam ein Stück vom Herzen geriſſen. Nun wolle ich, ihr letztes Kind, freiwillig von ihr gehen, und das hätte ihr auf einmal zum Bewußtſein gebracht, daß ſie keinem Menſchen zu ſeinem Glücke nothwendig ſei.— „Charlotte, mir biſt du's—“ fing Rudorf an, und da ſtürzte ich fort — für nichts in der Welt hätte ich länger dableiben können— und geweint habe ich, wie noch nie im Leben. Warum, wußte ich eigentlich nicht. Als ich mich endlich ſoweit gefaßt hatte, daß ich wieder hinuntergehen konnte, hörte ich ſchon im Gan daß Papa im Saale war, und als ich eintrat, ſaß er zwiſchen Rudorf und Tante und hatte ihre Hände gefaßt, und die Beiden ſahen aus, als ob ſie plötzlich ganz jung geworden wären. „Komm' her, Wildfang,“ ſagte er,„und höre eine wunderſame Ge⸗ ſchichte: Tante Charlotte will durchaus nicht länger bei uns bleiben; ſie wird ſich von Rudorf entführen laſſen und mit ihm nach ihrem Bergſchlöß⸗ chen, Liebenau, ziehen. Du armes Kind, mußt dich alſo bequemen, nach Moorheim zu gehen, bis ich wiederkomme.“— Ich aber fiel der Tante um den Hals und bat:„Liebe, Beſte, Einzige, nimm mich mit nach Liebenau.“ —„Da iſt's aber noch einſamer, als hier,“ ſagte ſie unter Thränen lächelnd. „Oh Tante, wenn du wüßteſt, wie unglücklich ich dieſe Stunde geweſen bin,“ fing ich an, und dabei traten auch mir die Thränen in die Augen; ſie aber zog mich ſchnell in ihre Arme, verſicherte, ich wäre ihr liebes, liebes Kind— 446 Nach zwanzig Jahren. Von Claire von Glümer. und ſo ſind wir nun beſſere Freunde, als je. Und dann wurde Gretchen ge⸗ rufen und wir waren ſo glücklich, wie Du Dir gar nicht denken kannſt. Papa bleibt nun noch ein paar Wochen länger hier; dann laſſen ſich die Beiden trauen und begleiten Papa nach Meran. Im Vertrauen hat mir Tante eröffnet, ſie wolle Rudorf bereden, den Winter über dort zu blei⸗ ben, und wenn er darauf eingeht, werden Gretchen und ich mitgenommen. Denk'’ nur, welche Ausſichten! Und wenn wir wiederkommen, ziehen Rudorf's nach Liebenau, und der Onkel ſchreibt ſeine— logie, und Tante verzieht ihn und Gretchen, wie ſie mich früher verzogen hat— und wenn es mir hier zu einſam wird, reit' ich ſchnell'mal zu ihnen hinüber. Was ich in Kronau ohne Tante anfangen werde, weiß ich noch nicht— den beſten Willen, Papa gut zu pflegen und das Hausregiment à la Char⸗ lotte fortzuführen, habe ich zwar— und daß ich meinen Willen durchzu⸗ führen weiß, wirſt Du zugeben müſſen. Natürlich bleibt der Inhalt dieſes Briefes ein tiefes Geheimniß zwiſchen Dir und mir. Bedarfſt Du aber je⸗ mals einer helfenden Hand in Liebesaffairen, ſo erinnere Dich der Geſchick⸗ lichkeit deiner allezeit dienſtfertigen Schweſter Annette. Gretche kannſt laſſen ſiö ertrauen! dort zull itgenomn hen Rudon ante verz⸗ es mir h noch nicht tà la Char len durch znhalt diſ Du aber der Geſchit nette. Am Schluchſee. Von Walderich von Sanct Trutbert. Eine Meile von Lenzkirch weitet ſich ein Grund zwiſchen den Waldber⸗ gen, den der Schluchſee ausfüllt, ein in halbem Bogen zwei Stunden lang ſich hinziehender Spiegel, deſſen Rahmen die Hochwaldung iſt, aus dem die Schwarzach in eine düſtere Felſenkluft hinabſpringt. Am öſtlichen Geſtade lichtete die Vorzeit den Wald den Hügel hinan, der nun mit Wieſen und Aeckern prangt, mit einem Dorf auf der breiten Höhe, das den Namen des Sees führt. Milde Schwermuth breitet ſich über Flut und Geſtade, ernſt beſcheint die Sonne das bräunliche afear Waſſer, und wenn der Nebel in bunten Säulen im Morgenſchein heiter aus den Wolken ſteigt oder die Sterne aus ihnen heraufäugeln, ſo ſieht es aus, als ſchliefe drunten ein Geiſtervolk und lispelte träumend aus ſeinem Ruhebett: wie iſt uns ſo wohl, ſo wohl im ſtillen Reich! die ſchlummern wir wonnevoll im leichten Pfühl! Hernieder zu uns, du müder Wanderer, ruh' uns ſanft im Arm, bei uns iſt Ruh'. Und willſt du vorüber, ſo walle ſtill und ſtör' uns nicht. Oh, wo du hingehſt, da wohnt der Schmerz und der Mühſal Pein; gönn' uns den Frie⸗ den, und biſt du wandernsmüd und ſchläfſt ein in ſtiller Nacht, ſo träum' von uns, dann ſteigen wir ſingend, dann kommen wir klingend und fluten dir Frieden in's arme Herz, daß er es kühle, wie der Nachtthau deine Erd⸗ ſcholle kühlt. Sturm und Wetter umſchlagen dein Leben, was dir grünt, vergeht, und was dir blüht, welkt hin. Dein Tod iſt wie unſer ſtiller See, den die Waldberge vor dem Sturme ſchirmen. Gut' Nacht, gut' Nacht, wir wachen nicht auf im Morgenlicht; wir träumen fort, ſo lang uns die Woge wiegt und der See uns ſingt ſein Schlummerlied.— Im letzten Häuschen des Dorfes aber wohnte mit Emerenz, ſeiner — — —— 448 Am Schluchſee. Tochter, der alte Waldſchütze Fridolin, der nach langen Kriegserlebniſſen hier eine beſcheidene Verſorgung gefunden, ſich ein rüſtiger Fünfziger mit einer Tochter des Waldes verheirathet hatte, die ihm in Emerenz zurückließ, was dem nun Siebenzigjährigen zum Frieden diente, denn das Mädchen hing treu am Vater und erleichterte ihm ſeine Armuth. Ihre Zukunft konnte ihm nicht bang machen, glänzte ihr doch eine reiche Hoffnung zu; ſie beſtand in einer beträchtlichen Erbſchaft, welche im Beſitz von Fridolin's Schweſter war, einer vom Glück reichlich Bedachten. Sie hatte in ihrer Jugend einen Advokaten geehelicht, der durch große Praxis und verſchiedene andere Prak⸗ tiken ſich ein Landgut und bedeutende Kapitalien erworben hatte, in deren Beſitz nun ſeine kinderloſe Wittwe war. Auch ſie hatte gleich ihrem Bruder ſtrapazirende Kriegserlebniſſe beſtanden, mit ihrem Gemahl den dreißigjäh⸗ rigen Krieg durchgehadert. Nach dem weſtfäliſchen Friedensſchluß, dem Tode des Gemahls, hatte die ſtattliche, achtundvierzigjährige Frau einem Arzt in der Amtsſtadt ihre Hand gereicht, dem ſie dann ſchon in den Honigwochen davongelaufen, um den ſiebenjährigen Krieg mit ihm durchzuprozeſſiren, der mit einer Scheidung endigte, die ſie viel Geld koſtete. Seitdem verkehrte die Doctorin auf originelle Art mit den Menſchen und dem Mammon. Von den Menſchen ſonderte ſie ſich ſeit ihrer Scheidung ab, weil ſie manchfach von ihnen erzürnt worden war. Nur eine Magd durfte bei ihr wohnen, die ſo dumm als mmöglich ſein mußte, denn die Gebieterin wollte allein denken, was zu bedenken war, und nur Hand und Fuß ihrer Dienerin in Anſpruch nehmen, ſo daß man die Doctorin und ihre Magd für eine Perſon mit vier Händen und auf vier Füßen halten konnte. Bruder und Nichte durften ſie im Sommer nur auf der Hausflur, im Winter nur in der unteren Magdſtube auf eine halbe Stunde beſuchen und nie in das innere und obere Heiligthum des Hauſes blicken, das außer ihr und dir Magd jedermann verſchloſſen blieb— denn Sehen macht Diebe, meinte die Doctorin. Den zuweilen nothwendig werdenden Tagelöhnern öffneten ſich für ihre Speiſeſtunde dieſelben Räume, wie den Verwandten. Neben ihrem Hausbuch führte ſie ein Sittenregiſter, in das fie ſorgfältig alle Beleidigun⸗ gen eintrug, die ihr die Menſchen angethan. Es war in Rubriken eingetheilt als da waren: Obſtdiebe, Felddiebe, Hausdiebe, falſche Borger, ſaumſelige Zahler, Grobiane, Spötter, Läſterer und Erbſchleicher. Ihr liegendes Gut gubernirte ſie von der Stube aus und hatte alles, was draußen ſtund und nicht ſtund, im Gedächtniß. Ihre Kapitalien aber behandelte ſie wie ein klei⸗ ner Potentat ſeine Soldaten, ſie zog ihnen in jedem zweiten Jahr andersge⸗ Jaute aals w maub den leich Na⸗ egserlebe Fünfäigar enz zurüch das Midc ukunft b zu; ſie beſt n's Schwe Jugend üi andere atte, ind ihrem Bru en dreißig luß, dem d einem Arzt Honigwo rozeſſiren, den Menſe er Scheit Magd d die Gebit und Fußi ihre Magt te. 9 n Winten nd nie i ihr und be, meint n öffnete Neben ſe Beleid ken eingel er, ſaun ſiegende Von Walderich von Sanct Trutbert. 449 ſtaltende Uniformen an. Der Armeeſchneider war der Notar mit ſeinen Zeu⸗ gen, der jedes zweite Jahr von ihr berufen wurde, um ihr ein anderes Teſta⸗ ment zu machen, aus welchem ſie diejenigen ausließ, welchen ſie früher ein Legat beſtimmt hatte, von welchen ſie aber ſeitdem beleidigt und erzürnt worden war. An ihre Stelle rückten diejenigen ein, die in der letzten Periode ihre Gunſt erworben hatten. Auch die Armen wurden reichlich bedacht; aus lauterſter Barmherzigkeit reichte ſie ihnen nichts, ſo lang ſie lebte, weil ſie als weiſe Wohlthäterin für ſie ſammeln wollte. Gegen Einbrüche und Be⸗ raubungen hielt ſie eine tapfere Sauvegarde, und die war der Aberglaube, den ſie zu ihrer Sicherheit zu kommandiren wußte. Sie verbreitete durch ihre leichtgläubigen Mägde das Gerücht, der Geiſt ihres erſten Gemahls ſpuke Nacht an Nacht im Hauſe, denn er war ein ſchrecklicher Flucher geweſen. Auch ließ ſie ſich gern für eine Frau halten, die geheime Zauberkünſte ver⸗ ſtehe und ſehr zu fürchten ſei. Weil ſie der faulen Magd überall im Hauſe mit dem Beſen nachfuhr und jedes Stäubchen hinter ihr wegfegte, auch ihren Kopf ſtets durch ein ſchwarzes Tuch vermummte, ſo hielten ſie die Bauern für eine Hexe und ſahen faſt erſchrocken nach ihr, wenn ſie die lange Naſe aus der Verhüllung ſteckte. Dem Haß und Neid endlich begegnete ſie mit ihren Legaten, zu welchen ſie jedermann Hoffnung machte, der ſie im Frieden ließ, denn ſie wußte wohl, was den Menſchen an den Menſchen bindet, iſt mehr der Eigennutz, als die Liebe. Von dieſer Frau hing die glänzende oder dunkle Zukunft der Emerenz ab, und ſie verſah's mit ihr zu ihrem Schaden. Der fidelſte Burſche des Dorfes gewann ihre Neigung, und der war Joſeph, der Sohn eines armen Webers, der pfeifen und ſingen konnte wie keiner, im großherzoglichen Gre⸗ zadierbataillon diente und allen Mädchen in die Augen ſtach, wenn er ſchlank und aufrecht wie eine Tanne in ſeiner Montur durch's Dorf ſpazierte. Faſt von Kindheit an hatte er ſeine Neigung auf des Waldſchützen armes Kind geworfen und nur ihr zu Ehren die wilden Triebe ſeiner Jugend gezähmt. Erſt nachdem er den Militärabſchied erhalten hatte, warb er um ſie, ohne ihr zuvor ſeine Leidenſchaft nur mit einem Wort verrathen zu haben. Als ein Auger Geſell hatte er es, ehe er frei und mündig war, auf die Gunſt des Alten abgeſehen, dem er ſich im Wald als der rüſtigſte Holzhauer empfahl, her ſein Erſpartes zuſammenhielt, ſich trotz ſeiner Armuth gegen jedermann ſehr ſelbſtbewußt betrug, nur nicht gegen den Waldſchützen, dem er Gehor⸗ ſam leiſtete, wie der Soldat ſeinem Hauptmann. Doch auch ihm eröffnete Hausblätter. 1867. IV. Bd. 29 450 Am Schluchſee. er ſeine Abſicht auf die Tochter nicht, denn er hatte einmal in Karlsruhe Schiller's Kabale und Liebe aufführen geſehen und ſich des alten Geigers Wort hinter's Ohr geſchrieben: Donnerwetter, das Mädel muß Sie neh⸗ men, nicht ich. Nun wurde das Mädel durch ſeinen Antrag, der ihr ganz wider Erwarten kam, nicht wenig überraſcht, lernte den ehrlichen Kerl aber ſogleich durch die Art gründlich kennen, mit der er ſeine Werbung an ſie brachte. Emerenz fegte einſt bei einer Hochzeit im Ochſen zu Schluchſee tüchtig herum, der Joſeph aber ſtund mit der Pfeife im Mund unter den Zu⸗ ſchauern, regte keinen Fuß, ſtieß die in der Reihe Ausſchnaufende an den Ellenbogen und ſprach zu ihr mit einem pfiffigen Geſicht:„Laß das Tanzen bleiben, es ſchickt ſich nicht für dich.“—„Warum nicht? Was geht's dich an? Begehr' ja dich nicht dazu.“—„Und ich ſag' dir, es ſchickt ſich nicht, weil du eine Braut biſt und weil der Deine auch niiht lanzie—„Möcht' wiſſen, weſſen Braut ich wär'!“—„Närrle, die meine.“— Dazu ſah er ſie gar zutraulich an. Emerenz tanzte nicht mehr und fragte feuerroth:„iſt's dein Ernſt?“—„Freilich! Willſt du mich?“— Solch ein entſchiedener Mann war ihres Herzens Wunſch, denn ſolch einer war ihr biderber Vater, in welchem ſie das Muſter aller Männer ehrte; deßwegen antwortete ſie kurz angebunden:„ich will dich, komm' mit.“ Sie führte ihn durch das Dorf nach ihres Vaters Hauſe und fragte ihn unterwegs:„wie kommſt du auf mich und ſeit wann bin ich ſo wohl d'ran bei dir?“—„Seit zwölf Jahren. Weißt du noch? Aber du haſt's vergeſ⸗ ſen. War damals vierzehn Jahr alt und ſtrolchte hinter der Doctorin Gar⸗ tenhaag herum, da ſaßeſt du mit deinen jungen Gänslein als ein fünfjähri⸗ ges Mädele mit deinen blauen Augen und hellgelben Zöpfen, ſchauteſt nae) dem Aepfelbaum, der ſeine Aeſte über das Haag herausbog, ſtreckteſt begie rig deine kleinen Händlein hinauf und lachteſt mich an, indem du riefeſt: „Aepfele, rothe Aepfele!“ Und ich, nicht faul, ſpring' über den Haag, ſteig auf den Baum und ſchüttel' dir den Schurz voll Aepfel. Du lachteſt mich wieder an, aber die Doctorin ſtreckte die lange Naſ' aus dem hinteren Fen⸗ ſter, und nach dem Mittageſſen holte mich der Büttel auf's Rathhaus und prügelte mich wetterlich. Ich aber dachte, die Prügel hab' ich nicht umſonſt bekommen; wenn ich ein langer Kerle bin, iſt das Mädele auch ſchon groß genug, dann muß es mich heirathen. Und das mußt du!“ Sie kamen vor des Alten Haus, vor deſſen Thüre ſie zu Joſeph ſpracht „da warteſt, bis ich aus dem Fenſter pfeif'. Pfeif' ich nicht, ſo iſt's nichts, in Karlatu alten Geige nuß Sien der ihr g een Kerl Werbung uchſee tücht ter den z fende and zdas Tan s gehr's de wickt ſich ni t—„Möc azu ſah er erroth:„il entſchieden erber Vat reete ſie h nd fragte o wohl di haſt's ber octorin G in fünſ ſhautel reckteſt beg n du rie Haag, ſ lachteſt! intera zat bhaus! bbaus Von Walderich von Sanct Trutbert. 451 weil der d'rin nicht will.“ Sie trat zu dem Vater ein, der ſie gewöhnt hatte, mit wenig Worten viel zu ſagen, weil er geſchwätzige Weibsleute nicht aus⸗ ſtehen konnte, und ſprach:„der Joſeph Plank will mich heirathen. Iſt dir's recht?“—„Ei, Emerenz, der Joſeph iſt arm!“— Sie ſprach:„ich auch.“ —„Und der Joſeph hat einen Hochmuth, weiß nicht auf was.“—„Ich auch.“—„Er iſt aber fleißig und brav, denn er ehrt das Alter.“—„Vater, ich auch.“—„Das iſt wahr, nimm ihn, hol' ihn herein, er wird nicht weit weg ſein.“— Emerenz vergaß das Fenſter aufzumachen, pfiff aber mitten in der Stube einen Triller wie eine Lerche, der den Joſeph ſchnell an ihre Seite brachte. Den fuhr der Alte an:„was ſind das für Sachen! Schaffſt bei mir Jahr aus, Jahr ein im Wald und ſagſt mir kein Wort davon?“—„Hatt's gar nicht nöthig!“—„Wie ſo? Wie ſo?“—„Donnerwetter, das Mädel muß mich nehmen und nicht Er!“—„Das iſt wahr. Gott geb' euch ſeinen Segen, den meinen habt ihr. Aber damit iſt die Sach' noch nicht im Rei⸗ nen; meine Schweſter, die Doctorin, hat auch ein Wort dazu zu ſagen.“— „Ach die!“ maulte Joſeph,„bei der kommt ihr ſchlecht an.“—„Mögen wir ankommen wie wir wollen oder nicht wollen; Emerenz, du gehſt zur Frau Bas mit. Er nicht, er iſt zu hochmüthig, und du kleiner Aff wirſt dich be⸗ ſcheiden aufführen, wenn ſie dich auch abkanzelt, kannſt's brauchen.“ Vater und Tochter traten vor die Doctorin in die Hausflur:„Frau Schweſter, die Emerenz hat einen Bräutigam.“—„Was fällt euch ein? Sie iſt ja erſt ſiebenzehn Jahre alt,“ rief die Frau.—„Ei, du haſt auch vor deinem achtzehnten geheirathet.“—„Weil ich in meinem achtzehnten geſcheidter war, als du in deinem ſiebenzigſten biſt, denn ich brachte es zu etwas und du brachteſt es zu nichts. Wen will ſie denn?“—„Den Joſeph Plank, wenn du nichts dagegen haſt.“—„Wartet, das wird ſich zeigen.“— Sie ging hinauf und kam mit dem Sittenregiſter wieder herunter, klemmte hre Brille auf die Naſe und blätterte:„ſieh' da, ſeinem Vater hat man vor zweiundzwanzig Jahren vergantet, wobei ich mit 200 Gulden Kapital und 20 Gulden Zinſen durchgefallen. Der Väter Miſſethat aber wird geſtraft bis in's dritte und vierte Glied.— Wartet!“— Sie blätterte weiter:„am 7. September 1830 hat des Webers Planken Bub Joſeph Aepfel in meinem Garten geſtohlen und wurde für dieſe Miſſethat auf dem Rathhaus gezüch⸗ tigt. Am 8. September, Nachts halb elf Uhr, wurde ein Stein an den Laden meiner Schlafſtube geworfen, ſo mich zum Tod erſchreckt, was ohne Zweifel dieſer gottloſe Bub gethan, dem es Gottes Gericht vergelten muß. Früh 29* ——-—— 452 Am Schluchſee. brennt, was eine Neſſel wird. Wartet, mir geht ein Licht auf!“ Sie blät⸗ terte zum drittenmal:„am 12. November 1840 ließ ich durch meine Magd den Soldaten Joſeph Plank, in Ermanglung anderer Tagelöhner und mit Widerwillen zum Dreſchen auffordern und ließ mir der ſchändliche Menſch ſagen:„die Doctorin hat auf mir ſelber einmal dreſchen laſſen, ich will nichts mehr von ihren Dreſchflegeleien.“— Und einem Solchen willſt du die Hand deines Kindes anvertrauen? Was braucht ſie überhaupt zu heirathen? Arme Leute bleiben am beſten ledig.“—„Die Doctorin hatte nämlich einen Wider⸗ willen gegen den Eheſtand, der ihr zweimal ſchlecht bekommen war.„Nie gebe ich meine Einwilligung zu dieſer Verbindung,“ ſchloß ſie.—„Frau Schweſter, ich aber die meine!“—„Wenn ihr etwas erben wollt, ſo laſſet von dieſem ſchlechten Vorhaben; die Ehefrau und Kinder dieſes Menſchen haben von mir gar nichts zu hoffen und dürfen mein Haus nie betreten, auch nicht bei meinem Leichenbegängniß in der Klage gehen, ich ſehe ſie nicht als meine Verwandten an.“— Dem Waldſchützen ſchwoll der Kamm über dieſer Hartherzigkeit und er platzte heraus:„es kann jedermann einerlei ſein, ob er ſolch einer alten Schachtel zur Klage gehen darf oder nicht! Behalt, deinen zuſammengekratzten Mammon, wir ſind zufrieden ohne ihn und zwar zufriedener als du.“—,Ach, Frau Bas,“ weinte Emerenz,„nehm' Sie's ihm doch nicht übel, es iſt ſein Ernſt nicht, und erlaubet mir den Joſeph!“— „Fort jetzt!“ ſchreit aber der Alte und reißt die Emerenz aus dem Hauſe. Joſeph lachte, als er die Hiobspoſt des verſcherzten Erbes vernahm: „wer weiß, was an ihrem Reichthum hangt! Ein erworbener Gulden iſt mehr werth, als hundert geerbte. Ich mein', der Bas Sündengeld iſt gar nicht würdig, in unſere redlichen Hände zu kommen. Und wenn du von Hind⸗ heit an darauf ſpekulirt hätteſt, ſo hätte es dich zu einer goldenen Gans ge⸗ macht. Wir wollen ihr beweiſen, daß es ein Glück gibt ohne Reichthum,“ —„Joſeph,“ ſprach verweiſend der Alte,„es iſt genug; nichts weiter raiſon⸗ nirt! In drei Wochen machet ihr Hochzeit.“ Das neue Ehepaar lebte fröhlich und friedenvoll, erſparte ſich Geld durch des Mannes eiſernen Fleiß und kaufte dafür einen Acker. Der Beſitz lockt zu weiterem Beſitz, Joſeph kaufte mehrere Feldſtücke, die er in Jahres⸗ zielern bezahlen wollte. Drei Knaben gebar ihm ſein Weib, und der Alte, in deſſen Hauſe die Glücklichen wohnten, grünte auf wie ein alter Eichbaum. Da kam die ſchwere Zeit mit ihrer Kartoffelkrankheit, den bürgerlichen Un⸗ ruhen und der Erwerbloſigkeit. Im Walde wurde bei den ſchlechten Preiſen wenig Holz gefällt, und zu all dem Elend wurde Joſeph durch einen beim Sie blit reine Mag er undm iche Men will nic zdu die Han then? Arn inen Wider war.„M. e2.—„Nra Ult, ſo laſt es Menſch nie betreten ſehe ſie nit Kamm üb einerlei ſi ht! Behal n und zue »'Siesit doſephl em Hauſe es verna r Gulden ngeld iſ du von en Ganz Reichthul veiter kal rte ſih 9 Der er in N Ind del cich er Eich Von Walderich von Sanct Trutbert. 453 Aufladen über ihn fallenden Balken ſchwer beſchädigt und drei Monate lang zur Arbeit unfähig. Ziele und Zinſe konnte er ſeinen Gläubigern nicht mehr entrichten, die alle Hoffnung auf eine beſſere Zukunft verloren und dem be⸗ drängten Mann ſeine Aecker und Wieſen um den vierten Theil des Preiſes verkaufen ließen, den er für ſie bezahlt hatte, wodurch ſie ſich um einen Theil ihrer Forderung und ihn um alles brachten. Das Elend machte ihn demüthig, er ging zur Doctorin, um ihr Erbar⸗ men zu erflehen. An drei Tagen pochte er vergebens am verſchloſſenen Hauſe an, am vierten erſt ſchloß ſie ihm eigenhändig auf, denn ſie pflegte ſich wie in einer belagerten Feſtung zu verſchließen. Sie vernahm aus ſeiner Erzäh⸗ lung ſeine Noth, die ſie ſich weniger groß vorgeſtellt, und ſchien verſöhnt, denn ſie verſprach ihm ihre Hülfe. Aber dem innig Dankenden miſchte ſie einen bitteren Tropfen in den Troſt:„ich gebe dir 200 Gulden, wenn du ohne Weib und Kinder nach Amerika auswanderſt und verſprichſt, niemals zurückzukehren. Deinem Weib werd' ich ein Monatgeld von 10 Gulden an⸗ weiſen.“—„Und wenn ich zurückkehre?“—„Dann enterb' ich dein Weib und deine Kinder.“—„Ich müßte vor Jammer vergehen in der fremden Welt ohne den Troſt der Rückkehr. Vergeben Sie mir, was ich Ihnen in kindiſchem Uebermuth Leides gethan.“—„Ei, ſo geht doch, Euer Weib iſt ja durch meine Unterſtützung und durch meinen Nachlaß geborgen. Ich mache ſie glücklich, Ihr machtet ſie unglücklich und darum fort mit Euch in alle Ewigkeit. Hier nehmt und laßt Euch nimmer wieder ſehen.“ Sie gab ihm 200 Gulden in Silber und wies dem vor Schmerz faſt Betäubten die Thüre. 4 Joſeph ging mit dem Geld zum Schwiegervater und meldete ihm, was ſich zugetragen. Der Alte grollte über die ſchnöde Behandlung:„was? Dich, den guten, treuen Menſchen will ſie verbannen von Weib und Kindern⸗ und Vater, will dich in ihrem Haß wie einen Auswürfling exportiren, und du Tropf läßſt dir das Sündengeld aufdringen?“—„Vater, ich habe ihr nichts verſprochen.“—„Und mein Kind ſoll dich verſtoßen, um ihres Mam⸗ mons willen?“—, Das thut Euer Kind nicht, und ich komme wieder, wenn ich das nöthige Geld verdient, denn ſo weit hat die Bas Recht, mir kann nur in Amerika geholfen werden, wenn ſie nicht hilft.“—„Und mit ihrem Al⸗ moſen willſt du auswandern, von ihrem Almoſen deine Kinder leben laſſen?“ — ‚Nein, ich ſchick' ihr das Empfangene, ſobald ich es erworben habe, wie⸗ der. Aber die Entſcheidung ſteht nicht uns zu, ſondern meinem Weibe, laß uns ihr alles offenbaren.“— Emerenz wurde hereinberufen und hörte mit 454 Am Schluchſee. Entſetzen, welchen Plan die Doctorin ausgeheckt.„Und du gehſt darauf ein und kannſt uns verlaſſen?“ Sie weinte, und nachdem ſie ſich ausgeweint hatte, fragte ſie beſonnen nach Joſeph's amerikaniſchen Ausſichten und er⸗ fuhr, daß er Bekannte unter den Arbeitern in dortigen Kupfergruben habe, die genug verdienten, um einſt als vermögliche Männer nach Deutſchland zurückzukehren. Sie war bald mit ihrem Manne einverſtanden, der ihr die Hälfte des von der Doctorin Empfangenen zurückließ. Schwer wie der Tod war der Abſchied. Sechs lange Jahre blieb der Mann aus, in welchen er alljährlich Nachricht von ſeinem Wohlbefinden gab und einige baare Unterſtützungen anwies. Muthig ertrug ſein Weib die Armuth mit ihren Sorgen und Entbehrungen, und gewöhnte e drei Kna⸗ ben durch ihr Beiſpiel an harte Arbeit und äußerſte Genügſamkeit. Der alte Vater war der Troſt ihrer freudenloſen Gegenwart, in welcher er die oft dem Verzagen Nahe mit ſeiner niebewölbten Heiterkeit aufrichtete, noch immer fröhlich ſeinem Beruf vorſtehend. Von der Doctorin nahmen ſie hartnäckig nichts an, die allen Verkehr mit ihnen abbrach, als ſie aus Jo⸗ ſeph's Briefen an ſeine Familie und durch Zuträger die Abſicht ſeiner Rück⸗ kehr erfuhr.* Im Sommermonat des ſechsten Jahres tritt eines Abends ein ſtatt⸗ licher Mann mit vollem Bart und in ſtädtiſcher Kleidung in die Stube des Alten, den er dort allein antrifft. Der erkennt ſogleich ſeinen Joſeph und beut ihm die Hand.„Das iſt recht,“ ruft er,„das hab' ich erwartet. Dein Weib und deine Knaben ſind wohl. Kannſt du die Doctorin zahlen?“— „Die hat ihr Geld bereits von Amerika aus empfangen, und was ich mit⸗ bring', befreit euch von euren langen Nöthen.“ Er ſchüttete eine Gurte vall Guineen auf den Tiſch.—„Mir iſt's lieb, daß ich Euch zuerſt geſehen, mein Weib hätte die unvermuthete Ankunft erſchreckt. Wo iſt ſie mit den Kin⸗ dern? Bereitet ſie vor auf mich.“—„Das iſt unnöthig; ich freu' mich auf den Spaß, und ihr thut der Schreck nichts, ich kenn' ſie ja; ſie hat die lange Trübſal präſtirt und wird auch die Freud' aushalten. Im Wald ſind ſie und leſen Spähne auf; komm' zu ihnen.“ Um in den Wald zu gelangen, mußten ſie einen Umweg um das untere Ufer des Sees einſchlagen. Dort hörte Joſeph einen luſtigen Kinderſang und ſah drei Knaben mit Säcken auf den Köpfen baarfuß einherſchreiten, ein ihm wohlbekanntes Jägerlied ſingend, das ſie der Alte gelehrt hatte. Die Knaben warfen die Säcke ab und zogen die Kappen von den Köpfen und ſchrieen einſtimmig:„guten Morgen, Herr Forſtmeiſter!“ denn für dieſen daraufe ausgewe en und uben hat Deutſchla keit. de lcher er di chtete, no nahmen 2„% ſie aus I einer Rüt Zein ſtat Stubed Joſeph! artet. ahlen? as ich m — Gurte ſehen, me it den a' mich at die b ſind ſiel das un einder erſchte hatte“ Föpfen für Von Walderich von Sanct Trutbert. 455 hielten ſie den Herrn mit dem großen Bart, in dem ſchönen Herrenrock. Dem Vater aber floſſen die Thränen in ſeinen Bart hinab, er erwiſchte den klein⸗ ſten, ſiebenjährigen Sohn und hob ihn hoch zu ſich hinauf. Der ſchaute ihm zutraulich in die Augen und ſprach:„gelt, du biſt der Vater!“ Als das die beiden anderen hörten, hingen ſie ſich an den Vater und warfen ihn in ihrer wilden Bubenfreude faſt zu Boden. Hinter der Waldecke kam aber jetzt die Frau hervor, mit ſchwerer Laſt auf dem Kopf, dürftig war ihr Gewand, auch ſie ging baarfuß, aber ihr rundes Geſicht glühte nicht nur durch die heiße Laſt, die ſie trug, es blühte noch in jugendlicher Friſche. Mit einem Schrei lief ſie auf die fröhliche Gruppe zu, umſchloß ſie mit den Armen und warf ſich dann zw hen den Buben hindurch an ihres Mannes Herz. Des Fragens und Jubelns war kein Ende, ſpät erſt kamen ſie in's Dorf, in welchem ſich Joſeph noch nicht zu erkennen gegeben hatte, wo ihn aber jetzt Jung und Alt umgab und aller Hände ſich ihm entgegenſtreckten. Der Zug bewegte ſich durch die Straße; die Doctorin, vom Lärm erſchreckt ſteckte die lange Naſe aus dem Fenſter, kannte den fremden, ſtattlichen Mann nicht, der an der Spitze des Volkes ging; er aber erkannte ſie und rief hinauf: „guten Abend, Frau Bas! Ich⸗bin der Joſeph Plank, wenn Ihr meine Heim⸗ kehr mißfällt und Sie mein Dableiben nicht ertragen kann, ſo fahre Sie ab, zum Troſt Ihrer lachenden Erben und zum Gaudium Ihrer Legatenſchnap⸗ per; vorher aber ſchick' Sie mir die Quittung für die empfangenen 200 Gul⸗ den.“ Ein hundertſtimmiges Gelächter ſchoß nach ihr hinauf, vor Zorn ganz erſtarrt, vermochte ſie ſich nicht von der Stelle zu rühren, bis der Wald⸗ ſchütz, der den Feſtzug ſchloß, zu ihr hinaufrief:„Doctorin, wir haben deinen raren Kopf lang genug geſehen und danken gehorſamſt. Adieu!“— „Adieu!“ jauchzte die Verſammlung und zog dem Hauſe des Wald⸗ ſchützen zu. Die Doctorin aber zog ſich zurück und ſuchte ihre Wuth durch Stuben⸗ rennen und Zuſchlagen der Thüren zu einem vernünftigen Zorn zu mäßi⸗ gen, der glücklich kam und ſich in einen ſtillgrimmigen Haß verklärte, in wel⸗ chem ihr der Gedanke brennend auf's Herz fiel:„das liebt ſich und freut ſich, mich liebt niemand, und meiner hat ſich noch nie ein Menſch gefreut, ſie freuen ſich nur auf mein Geld. Iſt das Schandvolk von Menſchen denn das viele Geld dieſer Welt auch werth? Man ſollt's hundert Klafter tief ver⸗ graben, und jeder ſollte ſeine Kapitalbriefe verbrennen, ehe man ihn erbt. Aber halt, man verbrennte ſie ja zuntMutzen der Schuldner! Und wenn's möglich wäre, ſollten alle Schulden haben, ſtatt Geldes. In Schluchſee iſt 456 Am Schluchſee. ſo etwas möglich, an den heutigen Tag ſollen ſie mir denken!“ Sie wühlte in ihren Papieren, bis ſie eine lange Reihe in⸗ und ausländiſcher Staatsob⸗ ligationen auf den Tiſch breiten konnte.„Das wäre die Krone meines Ver⸗ mögens, 30,000 Gulden werth. Könnt' ich mich von ihr trennen, ich würfe ſie in's Feuer. Aber nach meinem Tode ſoll's geſchehen.“ Sie packte die Papiere zuſammen, verſiegelte das Packet und legte es unter ihr Kopfkiſſen, das bald auch ihr müdes Haupt aufnahm. Halb im Schlaf noch ſprach ſie: „ich kenn' ſie wohl, ſie machten Schulden auf die Legate, die ich ihnen geweiſ⸗ ſagt. Ihre Hoffnung geht im Rauch auf, ihre Schulden bleiben ihnen. Darf ich mein Geld nicht mitnehmen, ſo ſoll mir ſein Rauch doch wie ein Geiſt voranfliegen.“ Um Mitternacht hörte die Magd ein klägliches Geſchrei:„Kätter, Kät⸗ ter, mir iſt der Zorn in die Glieder gefahren, ich weiß mir vor Schmerzen nicht zu helfen, mitten im Schlaf fuhr's in mich hinein wie ein Blitzſtrahl. Lauf' zum Bader.“ Der kam bald herbei, ſie keuchte ihm entgegen:„auf mein Herz ſchlägt's wie auf einen Ambos, und mein Kopf iſt ein ſiedender Waſſerkeſſel.“—„Die Frau Doctorin hat mit Erlaub zu vermelden einen Schlag bekommen.“—„Marſchir' Er hinaus mit Seinen unverſchämt er⸗ dichteten Reden, und du, Kätter, ſchick' einen Buben alſogleich zum Phyſikus nach St. Blaſien, der kann mir helfen. Mein rechter Arm und der rechte Fuß ſind zwar ſteif wie Holzſcheite, aber das thut nicht viel. Wenn ich auch auf einer Seite lahm werd', ſo komm' ich doch noch wohl mit dem Leben da⸗ von. Wenn ich aber früher oder ſpäter ſterbe, ſo mußt du etwas Großes für mich thun, Kätter, wofür ich dir 300 Gulden teſtirt hab'.— Knie hin vor mein Bett, heb' die drei vorderen Finger deiner rechten Hand auf aum ſchwör' bei Gottes Gericht, was ich dir vorſag':„ich ſchwöre, das geſiegelte Packet, das unter dem Kopfkiſſen meiner Frau liegt, ſogleich nach ihrem Tod in den geheizten Ofen zu werfen.“ Kätter ſchwur zähneklappernd, ſprang auf und machte trotz der Som⸗ merhitze Feuer in den Ofen, fuhr herein und ſchrie:„Frau, Ihr heißet mich immer eine dumme Gans, die alles vergißt; damit ich meinen Eid nicht vergeſſe, thu' ich ſogleich, was Ihr befohlen habt.“ Sie riß das Packet unter dem Kopfkiſſen hervor, ſprang hinaus und warf es in's Feuer. Gleich einem gebiſſenen Drachen fuhr die Alte aus dem Bett, um der Magd nachzueilen, plumpte aber vor der Bettlade zu Boden und ſtöhnte:„wenn mein Geld vergeht, was wird aus mir? Ich kanſt ohne mein Geld nicht leben und nicht ſterben!“ Aber während das von der Flamme verzehrt wurde, trat der Sie wü er Staal meines d en, ich wi Sdie packte hr Kopfkiſ ch ſprach ihnen genet ſeiben ihne doch wie i Kätter, K r Schmerz n Blitzſtr tgegen: ein ſiedend melden ein eerſchämt! um Phyſit nd der ri Lenn iche em Leben! was Gu das geſteg ch ihrem! otz der E r heißet en GEid! Packet ¹ Gleich N nachzl mein b Von Walderich von Sanct Trutbert. 457 Tod zu der Doctorin und blies ihr Licht aus. Die Magd legte die noch Schnappende in's Bett und ſprach:„ſei Sie ruhig,'s iſt alles ſchon verbrannt.“ Nach einer Weile aber ſchrie ſie:„und mit ihr iſt's auch aus!“ und lief davon aus Furcht vor der Todten. Der Arzt von St. Blaſien kam mit Tagesanbruch und kehrte um, ohne nach der Leiche zu ſehen. Man hielt ihr ein feierliches Leichenbegängniß, bei dem die Verwandten, ihr Verbot achtend, nicht in der Klage gingen, ſondern mitten im Haufen der Zuſchauer. Am folgenden Tag wurde das Teſtament auf dem Rathhauſe eröffnet und publicirt. Die Legate nahmen ſechs Folioſeiten ein, der Vermögensreſt war der Ortskirche teſtirt, die Verwandten waren unter Rügung ihres Uebermuths und ihrer Rückſichtsloſigkeit völlig enterbt. Als man aber die Hinterlaſſenſchaft unterſuchte, konnte mit ihr kaum der zehnte Theil der Le⸗ gate beſtritten werden, was den Widerwillen gegen die Verſtorbene bis zu Flüchen reizte. Joſeph wußte ſein mit Mühe und Treue Erworbenes trefflich anzu⸗ wenden: er kaufte die ihm entzogenen Feldſtücke wieder an und erwarb dazu noch einen ſchönen Wald jenſeits des Sees. Aber er ſollte den Lohn ſeiner Treue nicht auf der trüglichen Erde genießen, ſollte nur im dankbaren An⸗ denken der Seinen fortleben. Um ſich den weiten Umweg in ſeinen Wald zu erſparen, baute er ſich einen leichten Kahn, deſſen Beſitz ihm und den Dorf⸗ genoſſen zugleich den Fiſchfang erleichterte und ihm und den Seinen manche frohe Stunde bot. Ein mondklarer Herbſtabend lockte ihn nach der Arbeit noch einmal auf den See, nachdem er Weib und Kinder, ſeiner Arbeit Ge⸗ wülfen, hinübergefahren. Mitten im See machte er nun Halt und ſenkte den Hamen hinabz; lang lauſchte er vergebens, endlich fing ſich ein ſchwerer Hecht im Netz; er zog es herauf, lehnte zu weit über den Bord, der Kahn ſchlug um und er verſank unter ihm in die Tiefe. Zwei Stunden wartete ſein Weib auf ihn zu Hauſe, große Bangig⸗ keit kam über ſie, ſie eilte an den Strand und rief nach dem Gatten. Immer lauter wird ihr Ruf, weil ihm keine Antwort folgt, ſie eilt hände⸗ ringend und betend am Ufer hinab, ein dunkler Körper ſchwankt heran, es iſt Joſeph's Todesbote, der umgeſtürzte Kahn.„Ja, du biſt todt!“ klagt ſie.„Ohne Abſchied biſt du von deinem Weib gegangen. Oh, nur ein Wort, ein Wort nur ruf' deinen Armen zu, daß es ſie aufrecht halte im Jammer des Lebens!“ Und übes die wellende Tiefe klingt es mit 458 Am Schluchſee. Von Walderich von Sanct Trutbert. langgezogener Stimme melodiſch in die ſtille Nacht hinaus:„leb' wohl! Leb' wohl!“ Der Mond trat aus einer Wolke und baute eine goldene Brücke über die vom ſanften Windhauch gekräuſelten Wellen. Sie kniet und betet für den Todten bis der Morgen graut; die Feldarbeiter finden ſie und verneh⸗ men ihr Unglück. Man durchforſcht den See, findet keine Spur von der Leiche, und Emerenz weiß ihn am liebſten im lichten Grab unter den leich⸗ ten Wogen. Noch ſteht ein Kreuz am Ufer unten, an dem der Kahn gelan⸗ det hatte. Der alte Vater wird der jungen Wittwe Troſt, erlebt noch das Heranwachſen ſeiner Enkel, die als brave Männer ihrer Mutter Schatz und Ehre ſind. Der See aber ſchaut mild und grüßend ihre Arbeiten am Ufer und ſeine Wellen lispeln ihnen wie ein Vaterſegen. „leb' woht Brücke ul nd betet ſl und vernat zur von de ter den leich Kahn gelan ebt noch da r Schatz und ten am Ufer Ans Näh und Ferne. Kurze Mittheilungen. 20. Die Macht der Einbildungskraft. Der geheimnißvolle Einfluß, welchen der Geiſt auf den Körper übt, findet einen ſchlagenden Beleg in dem Fall, welchen Doctor Warren in ſei⸗ ner Abhandlung über Erhaltung der Geſundheit veröffentlicht.—„Vor einiger Zeit kam eine Dame zu mir mit einer Anſchwellung der Unterkiefer⸗ drüſe. Die Geſchwulſt, welche ſchon zwei Jahre beſtanden, hatte die Größe eines Eies und war ſo hart, daß ich an keine Zertheilung durch arzneiliche Einwirkung glaubte und daher eine Operation vorſchlug. Hiezu konnte ſich die Patientin nicht entſchließen; um ſie indeß zufrieden zu ſtellen, ordinirte ich ihr eine Salbe zum Einreiben, die ſie einige Wochen brauchte, ohne je⸗ doch eine Verkleinerung der Geſchwulſt zu erzielen. Eines Tages beſuchte ſie mich wieder und ſagte mir, man habe ihr ein Mittel angerathen, vor deſ⸗ ſen Anwendung ſie mich habe fragen wollen, ob der Gebrauch nicht etwa ſchädliche Folgen haben könnte; es ſei ihr nämlich empfohlen worden, im Laufe eines Tages dreimal je fünf Minuten die Hand eines Todten auf dem ranken Theil ruhen zu laſſen, und dazu biete ſich ihr eben jetzt, wenn ich den Verſuch nicht für gefährlich halte, Gelegenheit, da einer von ihren Nachbarn geſtorben ſei und nun todt zu Haus liege. Anfangs hatte ich gute Luſt, ihr den Unſinn auszureden; da ich jedoch ſchon öfters geſehen, welche Gewalt bisweilen die Einbildungskraft übt, ſo entgegnete ich ihr mit möglich ernſtem Geſicht, ſie ſolle einmal die Probe machen, denn ſchaden könne ihr dieſelbe micht. Nach einiger Zeit ſtellte ſie ſich mir wieder vor und theilte mir mit ſtrahlendem Geſichte mit, ſie habe ſich jenes Mittels bedient, und die Ge⸗ ſchwulſt ſei richtig vergangen. Als ich ſie unterſuchte, konnte ich keine Spur der Anſchwellung mehr entdecken.“—„Das war nicht Wirkung der Ein⸗ bildungskraft, ſondern eine ſympathetiſche Kur,“ ſagt vielleicht manche von unſeren wohlweiſen Leſerinnen. Meinetwegen; aber welcher vernünftige Begriff läßt ſich mit dieſem Wort verbinden, während andererſeits conſta⸗ 460 Aus Näh' und Ferne. tirt iſt, daß die Einbildungskraft die merkwürdigſten Reſultate nach ſich zu ziehen im Stande iſt? In der Zeit, als man zum Tode verurtheilte Verbre⸗ cher als bloße Sachen anſah und ihnen kein Recht mehr an ihren Leib zuge⸗ ſtand, wurde einmal auch ein unſer Thema behandelndes Experiment in An⸗ wendung gebracht. Man ſtellte ſich an, als wolle man an der Verſuchsper⸗ ſon die Hinrichtung in der Form des Oeffnens der Adern zum Vollzug brin⸗ gen. Der Verurtheilte wurde mit verbundenen Augen in eine mit warmem Waſſer gefüllte Badwanne geſetzt; man machte ihn durch einige Schnitte glauben, daß man ſeine Armarterien geöffnet habe, und ließ ihn durch eine ſachgemäße Einrichtung das Niederträufeln des Blutes hören und fühlen. Die Aerzte beſprachen ſich über das angebliche Schwächerwerden des Pulſes mit immer leiſerer und aus größerer Entfernung kommender Stimme, um in ihrem Opfer die Täuſchung hervorzurufen, als ſchwinde allmälig der Ge⸗ hörſinn dahin, und endlich verſank der Unglückliche in eine Ohnmacht, aus der er nicht wieder erwachte. Einen analogen Fall bietet der Verſuch, den man in Italien mit einem verurtheilten Verbrecher machte; man hatte die⸗ ſem die Wahl gelaſſen, ob er auf die gewöhnliche Weiſe hingerichtet werden oder in einem Bette ſchlafen wolle, in welchem ein Menſch an der Cholera geſtorben ſei. Da an die glückliche Beſtehung der letzteren Ordalie Befreiung von jeder anderen Strafe geknüpft war, ſo griff der Verurtheilte mit Freu⸗ den nach dieſem Hoffnungsſtrahl, doch ohne den gewünſchten Erfolg; er hatte am andern Tag die Symptome der Cholera in ihrer ſchlimmſten Form und ſtarb noch vor Ablauf von zwölf Stunden— trotzdem, daß er in einem ganz friſchen Bett und nicht in dem eines Cholerakranken gelegen hatte. 21. Brigandenweiber. Ein Engländer, welcher während einer Reiſe durch Italien für eine kurze Zeit in die Gefangenſchaft neapolitaniſcher Briganden gerieth, gibt folgenden Bericht über die Weiber in der Bande:—„Ich entdeckte bald, daß fünf von der Bande Brigandinnen waren. Sie trugen dieſelbe Kleidung, wie die Männer, hatten kurzgeſchnittene Haare und unterſchieden ſich in ihrem Anzug von ihren männlichen Gefährten nur durch den Gebrauch einer durch Fiſchbein geſteiften Art Weſte, welche die Frauen meines Wiſſens ein Corſett nennen. Ich konnte an ihnen nichts von dem wilden, blutdürſtigen Charakter bemerken, um deſſen willen ſonſt die Räuberinnen im Ruf ſtehen. el keinen ſchla te nach ſich heilte Verbe ren Leib zu riment in Verſuchs Vollzug br mit warm inige Schnit ihn durch d en und fühle den des Pulſ Stimme, u mälig der G hnmacht, a „Verſuch, d man hatte d richtet werd der Chole alie Befrein ilte mit F en Erfolg; immſtend iß er in eine egen hatte. alien füt, geriet entdecte llbe Klei iden ſü ebrauch 3 Aus Näh' und Ferne. 461 Sie bildeten ſozuſagen ein Stück der fahrenden Habe ihrer Herren, hatten keinen Antheil an den Löſegeldern und wurden oft von ihren Gebietern ge⸗ ſchlagen und mißhandelt. Zwei von dieſen Weibern führten Büchſen, die anderen drei waren mit Revolvern bewaffnet. Zwei waren große, ſchöne, kräftig gebaute Geſtalten; die dritte hatte ein melancholiſches, ſchmächtiges Geſicht, aber die größten ovalen Augen, die mir je zu Geſicht gekommen; die beiden anderen waren häßliche, ſtöckiſche Mädchen, welche mit dem Eſſen, das man ihnen anbot, nie zufrieden zu ſein ſchienen.— Doniella, die Zuhäl⸗ terin Pepino Cerino's, des Haupmanns der Bande, war eine kräftige Per⸗ ſon von ungefähr neunzehn Jahren, gut gebaut, mit ſchönem Geſicht, einem hübſchen Lächeln um den Mund und prächtigen Zähnen. Sie und ihr Mann zeichneten ſich aus durch ihren merkwürdigen Appetit, und wußten von den Lebensmitteln ſich ſtets die doppelte Portion zuzueignen; ſie machten ſich da⸗ durch ſehr unbeliebt, und das gierige Weſen der Beiden war ſchuld, daß Pe— pino als Führer zuletzt abgeſetzt wurde. „Carmina gehörte dem Giuſeppe, einem gut ausſehenden Burſchen mit ſuchsrothem Haar von merkwürdiger Länge; er war der Stutzer der Bande und galt als reicher Mann; das heißt, er beſaß viertauſend Ducati(der Ducato etwas mehr als ein preußiſcher Thaler). Die Beiden trugen ſtets in kleinen blechernen Büchſen, die ihnen als Schmuckkäſtchen dienten, eine Unzahl von Ringen und goldenen Ketten bei ſich, die bei einer Feſta oder ſonſt einem wichtigen Anlaß zum Vorſchein kamen und angelegt wurden. Carmina war ſehr gutmüthig und pflegte mir von ihren Speiſen, was ſie erübrigen konnte, zuzuſchieben.— Maria war ein ungutes Mädchen; ſelten ſprach ſie mit jemand, und wenn man ſie anredete, ſo mußte man ſich ſtatt rt mit einem Nicken oder Schütteln des Kopfes begnügen. Man kann ſich denken, daß dieſe Perſon mir nie etwas gab oder etwas für mich iteres Geſchöpf und that.— Antonia hieß die Lotusäugige; ſie war ein he ſtets bereit, alle ihre Kräfte aufzubieten, um meine Lage zu verbeſſern. Sie hielt ſich an den Generoſo di Salerno, der ſeinem hochklingenden Namen alle Ehre machte. Wenn es mit den Lebensmitteln knapp herging, pflegten was ſie von dem vorhergehenden Tag aufgeſpart ncetta gehörte dem Cicco Guangi und war der Antwo dieſe Beiden das Wenige, hatten, mit mir zu theilen.— Co eine Perſon von dem Schlage der Maria. „Alle dieſe Weiber führten Nadeln, Scheeren und Faden in Baumwolle und Seide von verſchiedenen Farben, ebenſo Stücke Tuch mit ſich, ſo daß ſie ſtets in der Lage waren, nöthig gewordene Ausbeſſerungen vorzunehmen. 462 Aus Näh' und Ferne. Traf ein friſcher Vorrath von Taſchentüchern ein, ſo pflegten ſie ſie zuſam menzuſetzen und in ihrer Arbeit nicht abzulaſſen, bis alle geſäumt waren. Ein Donnerwetter allein vermochte ſie in dieſer Beſchäftigung zu unterbre⸗ chen— wahrſcheinlich aus religiöſem Gefühl, wie ſie denn auch bei jedem Blitz ein Kreuz ſchlugen. An Sonntagen wurde ebenſogut gearbeitet, wie an Werktagen, und alle meine Bemühungen, ſie zur Feier des Sabbaths zu veranlaſſen, erwieſen ſich als vergeblich.“ 22. Fröſche und Waſſerſchlangen. Man fühlt ſich geneigt, als wahr anzunehmen, was Aelian uns über die Fröſche und Waſſerſchlangen Egyptens erzählt. Die letzteren haben, ſagt er, eine leidenſchaftliche Vorliebe für Fröſche(d. h. ſoweit das Verzehren und Verdauen in Frage kommt), und niemand weiß das beſſer, als Junker Froſch, der deßhalb, wenn er in einem Sumpf mit einer Hydra zuſammen⸗ trifft, ſich einer merkwürdigen Schlauheit befleißt, um ihr zu entgehen. Die Waſſerſchlange ſtellt ſich ganz harmlos und unſchuldig an, wenn ſie auf ihren Raub ausgeht; allein unſer ſchleimiger Freund kennt dies und weiß wohl, welche bösliche Abſicht unter dem anſcheinend leidenſchaftloſen Gebahren ver⸗ borgen iſt. Er bemächtigt ſich des nächſten Zweiges, hält ihn quer in ſeinem Mund und nähert ſich nun furchtlos dem Feind. Der letztere ſperrt ſeinen Rachen auf gegen den Froſch; aber der Zweig iſt viel länger, als der Rachen des Ungethüms breit, und es kann daher von einem Verſchlucken des Froſches keine Rede ſein. Dieſer ſchaut, durch ſeinen Zweig geſchützt, von außenän den gräulichen Kehlſchlund hinunter und lacht. Die Schlange wiederholt und wiederholt ihren Verſuch, indem ſie das beabſichtigte Opfer umkreist; aber der Froſch bietet ihr immer die Stirne, und die Experimente endigen ſtets damit, daß die Hydra den Froſch nicht weiter bringt, als bis zum Ein⸗ gang ihres Rachens, und ihm Gelegenheit bietet, lachend in ihren Magen hinunterzuſchauen. Endlich verzichtet die Schlange verzweifelnd auf ihre eitle Mühe; Meiſter Froſch dagegen hüpft an einen ſicheren Platz, wo er ſeine Kameraden verſammelt findet, erzählte ſeine aufregende Geſchichte und nimmt die Glückwünſche entgegen, die in quackendem Chor ihn begrüßen. V n ſie ſie züſe eſäumt wan g zu untent auch bei ſä darkeie Allerlei Curioſä. 3 Sabbathe Mitgetheilt von Wilhelm Ernſt. .. 8. elian uns üt en haben, ſ Sympathien. das Verze Nachſtehend finden ſich einige der„ſympathetiſchen“ Recepte verzeich— r, als Junt net, die in Mecklenburg, den angrenzenden preußiſchen Ländern und in Hol⸗ ra zuſammt ſtein im Gebrauche ſind. Ich bemerke noch für Uneingeweihte, daß die Wirk⸗ entgehen. D ſamkeit der Sympathien unfraglich dadurch bedingt iſt, daß demjenigen, der 4 mſie auf ihr mit ihnen arzt, für ſeine Hülfe ein Entgeld gereicht wird.*) Letzteres pflegte id weiß wo bis vor wenigen Jahren in einigen Schillingen zu beſtehen. Neuerdings hat Gebahren e aber die Theurung und Preisſteigerung, welche alle übrigen Lebensbedürf⸗ 4 8 riſſe erfahren haben, hierauf eine Rückwirkung geübt. In dem Landſtädt⸗ chen, worin ich wohne, welches das Glück genießt, zwei ſehr berühmte, kluge Männer, d. h. Sympathiedoctoren, innerhalb ſeines Grabens zu ſehen, iſt von jenen iſt neueſter Zeit das Honorar für jedesmaligen Beiſtand auf einen zuer in fein perrt ſin ls der Nach ndes Friſ von auf een Thaler geſetzt worden. ge wiedet b I. Sympathien gegen die Roſe. fer umkrei 1.„Roſe, du ſollſt nicht weiter, nente endi Du ſollſt nicht hecken, bis zum G” Du ſollſt nicht necken, d. n NPadc Du ſollſt nicht helligen(behelligen), ihren u 1 Du ſollſt nicht ſchwellen. And auf 4 Im Namen Gott des Vaters u. ſ. w.“ Plat, 5 1 Bei den letzten Worten werden drei Kreuze geſchlagen. Dieſes pflegt jichchtn dei allen Sympathien zu geſchehen, wie denn auch eine jede mit der Anrufung 1 begruhe ddees dreieinigen Gottes ſich ſchließt. *) Das fand, früher zum wenigſten, keineswegs überall ſtatt. 464 Allerlei Curioſa. 2.„De Klocken, de ſlahn, De Geſang, de ſingt. Peter und Pagel, De willn dat Ding ſtilln, Dat riten Ding, Dat aiſche(böſe) Ding, Dat ſteken Ding. Dat ſwinnt, dat ſwinnt.—(ſchwindet Als de Klocken klingn, Als de Sängers ſingn.“ 3.„Dat Loof vun de Eken(Laub von Eichen), De Krüzdurn tom Teken(Kreuzdorn zum Zeichen). Ros, du ſallſt bleken(bleichen) Un nich miehr ſteken.“ 4.„Ik güng äwer en Brügg(Brücke), Da ſtünnen twei Roſen, Eene witt un en rod leine weiße und eine rothe). De rod verſwann(verſchwand). De witt gewann.“— II. Gegen Kolik und Bauchſchmerzen. 1.„Buk, du ſallſt raſten(ruhen), Du ſallſt nich baſten(berſten), n' Stück vun'n Latt, n' Stück vun'n Matt, n' Stück vun'n oll Wiw(Weib) Doarmit ſtill ich dien Bukweihdag in dien Lief.“ 2)„Buk, du ſallſt raſten, Sallſt nich baſten, Ihr(bevor) wir kamen in de Stadt, Da Chriſtus geburen wardt.“ III. Gegen kaltes Fieber. 1. Man geht zu einer Weide und verſchlingt drei ihrer Zweige zu einem 1 dreifachen Knoten. Dabei ſpricht man: „Wied, ik birr(bitte) di, Dat Fewer ſchürrt(ſchüttelt) mi. Nimm mi dat Fewer af, Wi de Herr Jeſus meine Sünde abgenommen hat.“ 2. Man verfährt ebenſo am Weidenbaum und ſpricht: 4 Von Wilhelm Ernſt. „Go'n Morgen, Olde, Ik gev di dat kolde, Go'n Morgen, Olde!“ Dieſes iſt die einzige mir bekannt gewordene Sympathieformel, wobei weder der Name Gottes angerufen, noch das Kreuz geſchlagen wird. Wahr⸗ ſcheinlich ſtammt ſie daher dem Weſen nach aus ächt heidniſcher Zeit, und wird ſie bei den wendiſchen Völkern, denen die Weide ein heiliger Baum war, ihren Urſprung genommen haben. 3. Fleiten Water, ik klag di: Dat Fewer, dat plagt mi Nimm dat Fewer von mi.“ Wird am fließenden Waſſer geſprochen, vor Sonnenaufgang. Der Patient muß dabei das Geſicht gegen Oſten und ſtromabwärts gerichtet haben. 4. Das kalte Fieber läßt ſich auch abſchreiben. Dieſes geſchieht durch den Kranken ſelber auf einen Papierzettel, der dann in den Schornſtein ge⸗ hängt wird. Die Formel iſt die gewöhnliche des Abracadabra. 5. Noch eine andere Abſchreibung wird folgendermaßen vorgenommen. Man geht Morgens vor Sonnenaufgang ſtillſchweigend zu einem Nußbaum, 5 nachdem man auf einen Zettel die Worte geſchrieben hat: „Nußbaum, ich komme zu dir, Nimm die neunundneunzig Fieber von mir, Ich will dabei verbleiben.“ Dieſer Zettel wird in einen Einſchnitt der Rinde geſteckt, welcher Ein⸗ ſchnitt dann wieder an den Stamm gedrückt und durch Ueberbinden ver⸗ — wahrt wird. IV. Gegen heftige Blutungen. 1. Man nimmt einen kalten Stein von der Erde auf, und während man mit ihm dreimal die Wunde überſtreicht, ſpricht man: „Rille, rille, rill, weige zu d Blut, ſteh' ſtill!“ Dann legt man den Stein dorthin wieder, woher man ihn genommen. 2. Man legt ein Spinngewebe auf die Wunde und ſpricht dabei dieſel⸗ ben Worte. 3. Um heftiges Naſenbluten zu ſtillen, legt man zwei Strohhalme kreuz⸗ Hausblätter. 1867. IV. Bd. 30 466 Allerlei Curioſa. weiſe und läßt darauf die Blutstropfen fallen. Sollte dieſes den gewünſch⸗ ten Erfolg nicht haben, ſo ſchreibt man dem Leidenden mit einem friſch ab⸗ gemähten Getraidehalm die Worte„ubi upuli“ vor die Stirn. 4. Man nimmt einen kalten Stein und überfährt damit dreimal die Wunde, während man ſpricht: „Blot ſtah, Weihdag vergah! Du ſallſt nich ſwellen, Du ſallſt nich kellen(ſchmerzen)!“ V. Gegen Brandwunden. 1. Man ſtreicht mit dem Zeigefinger der rechten Hand über den Brand und ſpricht:. „Wo hoch de Häwen(Himmel), Wo roth de Krewt(Krebs), Wo kolt is en Dodenhand, So ſtill ik dienen Brand.“ 2. Man verfährt, wie vorhin gemeldet und ſpricht: „Maria ging über Land Einen Brand trug ſie in ihrer Hand. Brand, du ſollſt weichen!“ VI. Gegen Gicht. 1. Man ſpreche dreimal während des Läutens der Glocken, am wirk⸗ ſamſten geſchieht es am Vorabend des Himmelfahrttages: „Petrus un Philippus, de güngen to Holt un to Brook, Unſe Herr Chriſtus, de ſprok: Kiehrt üm, de Klocken hebbn klungen, De Miß is ſungen, De Gicht is ſwunnen.“— 2. Man ſtellt ſich bei Sonnenaufgang an ein fließendes Waſſer und ſpricht: „Im Namen GCottes ſehe ich das Licht, ) 9 Damit ſtille ich die Flüß und die reißende Gicht.“ 3. Man entblößt dem Kranken die ſchmerzenden Theile, und dreimal ſie anhauchend, ſpricht man: „Den Griſen, den Gragen, Den Swarten, den Blagen.“ Von Wilhelm Ernſt. en gewünſch em friſch ab 4. Man verfährt ebenſo und ſpricht dabei: „Negen un negentig Jichten, ji ſöllt wiken, dreimal die De Kranke ſall nich länger ſüken.“ VII. Gegen Zahnweh. 1. Man ſpricht leiſe zum Kranken:. „Der Herr Jeſus warnte die Zormüthigen. Darinnen waren Würmer, drei weiße, drei ſchwarze, drei rothe; er nahm zwei und ſchlug damit die übrigen todt. Das ſage ich Dir zur Buße“— 2. Man nimmt einen neuen Nagel und ſtochert damit das Zahnfleiſch e den Brand des daidendene bis ſolches blutet. Dann ſchlägt man ſolchen mit drei Ham⸗ ſ gegen Oſten in eine maſſive Wand oder auch in einen Weiden⸗ baum und de unch dabei: „Zahnſchmerz fliehe! Zahnſchmerz weiche! Zahnſchmerz gehe!“ 3. Man verfährt Gennſe nur daß man bei den drei Hammerſchlägen: Im Namen des Vaters u. ſ. w. ſpricht. VIII. Gegen Flechten und Grind. Man geht mit dem Kranken vor Sonnenaufgang zu einem Weiden⸗ 8 baum, und während man drei Zweige mit einander verknüpft, ſpricht man: am witk„De Flecht un de Wied, De ſtreden ſik. De Wied, de gewunn,* 3 De Flecht verſwunn.“ IX. Gegen das Herzſpann. Rheumatismus. Man geht vor Sonnenaufgang mit dem Kranken zu einem Apfelbaum. 4 Der Patient muß den Baum umfaſſen, dann ſpricht man: z Waſſel es Walf.. „Appelbohm, ik klag di, Dat Hartſpann plagt mi; Nimm du van 5 nimm du up di! De ierſt Vagel, de öber di flüggt . l' Sallt wedder van di nehmen.“ dreimal Gegen Gicht und Rheumatismen wird auch häufig das Durchkriechen durch eine Eiche angewandt, deren Stamm ſich unten getheilt hat und weiter 30 468 Allerlei Curioſa. Von Wilhelm Ernſt. oben wieder zuſammengewachſen iſt. Das Durchkriechen muß vor Sonnen⸗ aufgang geſchehen und dreimal wiederholt werden. In Mecklenburg hatten mehrere derartige Bäume in den dreißiger und vierziger Jahren des laufen⸗ den Säculums einen enormen Zulauf. Im Lindenbruch der Stadt Schwaan ſtand ein ſolcher Baum, deſſen Spalte jedoch für das Durchkriechen ein wenig unbequem lag, da ſie ſich zu hoch über der Wurzel befand. Dieſem Uebelſtand wurde dadurch abgeholfen, daß der damalige Magiſtrat eine kleine Treppe an den Baum bauen ließ. X. Gegen Warzen. Man fährt dreimal kreuzweiſe mit dem Zeigefinger über die Warze hin, während die Glocken für einen Verſtorbenen geläutet werden und ſpricht dabei: „De Klocken gahn den Doden nah, Keen Wratten, wat frag ik doarnah.“ Von der franzöſiſchen Nordküſte. Ein Beitrag zur Geſchichte des Aberglaubens unter den Seeleuten. Mitgetheilt von Hugo Schranm. Wie im Allgemeinen vom Erhabenen zum Lächerlichen meiſt nur ein Schritt iſt, ſo insbeſondere von der Frömmigkeit zum Aberglauben. Die Grenze beider iſt nur eine mathematiſche Linie. Indeſſen wäre es höchſt voreilig und irrig, jeden Aberglauben in das Gebiet des Lächerlichen zu ver⸗ weiſen: der Aberglaube iſt keineswegs eine abſolute Größe. Zeit und Um⸗ ſtände machen ihn ſehr mannigfaltig. Heute iſt er eine Schmarotzerpflanze, die an dem Baume des Glaubens hinaufrankt und ihn morgen zu überwu⸗ chern und zu erſticken droht; heute erſcheint er als der heilige Hort des gläu⸗ bigen Gemüths ſelber, der morgen, trotz aller Kämpfe, in den Strom der — Vergeſſenheit verſenkt wird; hier zeigt er ſich im Schaffen eines überirdiſchen Geiſterreichs und dort in der Annahme eingebildeter, unerwieſener Kräfte in der Natur; hier erſcheint er als die Umkehr von Urſache und Wirkung, dort als die falſche Conſequenz einer richtigen Prämiſſe; heute iſt er ein falſcher Cauſalnexus für einen ſpeciellen Fall, und morgen der Glaube an den noth⸗ wendigen Zuſammenhang des„Zufälligen“; hier treibt man mit ihm die Kinder zu Bette und bringt alte Weiber zum Schweigen, dort iſt er nichts Anderes, als die Poeſie des ſchlichten Verſtandes, der ſich bemüht, die Räth⸗ ſel der Natur zu löſen. 1 Zu dieſer letzteren Art gehört noch heute im Allgemeinen der Aber⸗ glaube der Seeleute. Die Natur, in der ſie leben, iſt zu groß und gewaltig für Sinn und Verſtand, ſie ſtaunen deren Wunder an und ſuchen ſie in ihrer — 470 Von der franzöſiſchen Nordküſte. Poeſie des Aberglaubens nachzubilden. Dagegen läßt ſich kaum etwas ein⸗ wenden, denn dieſer Aberglaube hat noch aus keinem rüſtigen Seemanne einen Betbruder gemacht. Wie fromm und abergläubiſch z. B. auch die Be⸗ wohner der Diepper Vorſtadt le Pollet ſind, ſo ſprechen ſie doch ihr Vater⸗ unſer nur, wann's eben Noth thut, und ſind ſonſt kernhafte Männer, die wohl mit einem Damné, mon père! dem Prieſter verſprechen, ſich das Fluchen ab⸗ gewöhnen zu wollen. Einſchältlich ſei bemerkt, daß der gänzlich von Schiffern und Fiſchern, die den Makrelen⸗, Stockfiſch⸗ und Häringsfang betreiben, occupirte und von der eigentlichen Stadt Dieppe durch den Hafen getrennte Faubourg du Pol⸗ let vor nicht langer Zeit noch ein Dorf hieß und den Fremden noch heute durch die Eigenthümlichkeit ſeines Völkchens, das von einigen, aber wohl mit Unrecht, für eine venetianiſche Colonie gehalten wird und die alten Ge⸗ wohnheiten ſehr treu bewahrt hat, als Sittenbild feſſelt. Dieppe ſelbſt übri⸗ gens war bis vor etwa drei Jahrhunderten einer der blühendſten Seehäfen Frankreichs und überhaupt einer der erſten Europa's. Die Flotten ſeiner Kaufleute durchfurchten alle Meere; ſeine kühnen Seeleute zeichneten ſich durch vielfältige geographiſche Entdeckungen aus und fanden noch vor den Portugieſen den Seeweg um das Kap der guten Hoffnung. Die Einfuhr von Elephantenzähnen veranlaßte die noch heute in Dieppe exiſtirende Ma⸗ nufactur jener berühmten Elfenbeinſchnitzwaaren. Das Bombardement der Engländer im Jahre 1694, beſonders aber das Emporkommen Havre's vernichteten den Flor Dieppe's. Dagegen iſt es durch die Gunſt, welche ihm vor Jahren die Herzogin von Barry und in neueſter Zeit Napoleon III., der ſich als Knabe mit ſeiner Mutter, der Königin Hortenſe, hier mehrfach auf⸗ hielt, zugewendet haben, ein lebhafter Badeort geworden. Es iſt ein See⸗ Longchamp, eine weitere Arena der Eleganz, die ſich an Baden-⸗Baden und andere faſhionable Badeorte anſchließt. Aber ein Platz wohlthätiger Ruhe, ein Mittelpunkt ſtillen Genuſſes, eine reine Quelle Körper und Seele geſundmachender Einflüſſe— das kann dieſe Badeſt adt kaum genannt werden.— Wir kehren zurück in das ehemalige Fiſcherdorf mit ſeinen:„Fried⸗ lichen Menſchen, ſo nah der Natur und dem Spiegel des Weltalls!“ Je größer die Natur um uns, deſto kleiner erſcheinen wir uns ſelbſt. Wenn das Meer ſtürmt und ſich an den zerklüfteten Felſen bricht, wenn der Eich⸗ wald braust und ein Orkan tauſendjährige Bäume entwurzelt, dann ſchauern wir zuſammen und beugen uns vor der Allgewalt des Weltenſchöpfers. Deß⸗ 6 — Von Hugo Schramm. 471 wegen ſind auch die Seeleute im Ganzen frommer als wir armen Erdwür⸗ mer, denen ſeltener die Natur ſo wie ihnen in ihrer Allgewalt entgegentritt. Auch die Bewohner des Pollet ſind, wie ſchon geſagt, fromme Gemüther. Ich war einmal in der Kirche der alten Bergſtadt Schneeberg im ſächſiſchen Erzgebirge, und die ernſte, feierliche Stille, dann der erhabene, ruhige Ge⸗ ſang, der wie aus tiefen Schachten, aus der Bruſt der Bergleute zum Bune⸗ hinaufdrang, erſchütterte mich damals bis in's Innerſte. In der Kirche Pollet erging mir's anders. So lange der Prieſter allein betete ducire auch hier feierliche Stille, als aber die Fiſcher und Matroſen zu ſingen be⸗ gannen, wurde mir geradezu bänglich zu nenihee Es war, als ob ſie einen Sturm mit ihrem Geſange beſchwören wollten, als ob ſie befürchteten, der liebe Herrgott werde ſie, eben wegen des Plutnuen nicht hören, und deßhalb denſelben zu überſchreien verſuchten. Ich glaubte das Heulen der Wogen durchzuhören, hier einen Hülferuf, dort einen Angſtſchrei, und als ich dann um mich ſah und die helle Sonne durch die Fenſter ſchien, und ſie den böſen Sturmſpuk verſcheuchte und mich aus der Poeſie in's Leben herunterriß, fingen mir die Ohren an ſo wehe zu thun, daß ich bald nichts Beſſeres zu thun wußte, als das Gotteshaus ſo ſchnell als möglich zu verlaſſen, um mein armes Trommelfell vor'm Zerſpringen zu bewahren. Ein paar Tage ſpäter aber ſah ich zufällig ein Leichenbegängniß, bei dem Männer und Frauen in ſtiller Andacht einen Schiffbrüchigen des Lebens zu ſeiner letzten Wohnung begleiteten und alle mit ſo würdigem Ernſte zu Werke gingen, wie dies bein Menſchen natürlich iſt, die dem Tode tauſendmal unverzagt in's Auge ge⸗ ſchaut haben. Selbſt die nächſten Verwandten hinter dem Sarge drückten ihre Trauer nur durch die Ruhe aus, die in ihren Zügen herrſchte. Aber weil eben das Leben der Seeleute ſo reich an Abenteuern iſt, die einem Wunder ſo ähnlich ſehen, wie der Sohn dem Vater, ſo wäre es zu verwundern, wenn ſie nicht auch an Wunder glaubten. Eines Tages, er⸗ zählte mir vor ein paar Jahren im Pollet ein Matroſe, ſchleuderte der Sturm einen der Fiſcherkähne von Dieppe gegen den Hafendamm. Die empörten Wellen ergriffen das halbzerſchellte Schiff, riſſen es in die Höhe, warfen es über den Damm weg und verſchlangen es mit Mann und Maus auf der anderen Seite desſelben. Hunderte von Zuſchauern hatten vom Ufer den Kampf und den Untergang des Kahnes mitangeſehen und dieſen erkannt. Die Mütter und Frauen der Verunglückten hatten den Todeskampf ihrer Söhne und Männer im Geiſte mit ausgefochten, und die Freunde und Freundinnen verſammelten ſich um die Trauernden und begleiteten ſie, um —— 472 Von der franzoͤſiſchen Nordküſte. ſie zu tröſten, nach Hauſe. Eine der Frauen aber, die ihren Mann, der noch vor wenig Wochen ihr Bräutigam geweſen, verloren hatte, fiel in Ohnmacht und mußte in die nächſte Hütte gebracht werden. Erſt nach ein paar Stun⸗ den konnte ſie nach Hauſe gehen, und ſiehe da!— als ſie die Thüre öffnet, ſitzt ihr Mann vor dem Herde und wärmt ſeine erſtarrten Glieder. Die Freunde, welche die junge Frau nach Hauſe begleitet hatten, ſchlugen ein Kreuz, aber ſie ſelbſt fiel dem verloren geglaubten Geliebten um den Hals und er erwiderte mit ſeinen lebenswarmen Lippen ihre Küſſe. Dieſelbe Welle, die das Schiff über den Damm geſchleudert, hatte ihn vom Verdecke herabgeriſſen und auf jenen geworfen, wo er beſinnungslos liegen geblieben und erſt wieder zu ſich gekommen war, als ſich die müßige Menge verlaufen hatte. Des anderen Tages aber erzählten ſich die alten Fiſcherinnen, Notre⸗ Dame habe ihn aus dem Meere herausgeholt und auf den Hafendamm gelegt. Solche wunderbare Abenteuer hat beinahe jeder Seemann erlebt, und es erklären dieſelben den Glauben an die nichterlebten, die ihm am Ende nicht viel ſonderbarer als jene ſelbſt erſcheinen müſſen. Das Uebernatür⸗ liche, das Myſtiſche liegt hier der Wahrheit ſo nahe, daß die Grenze zu finden wenigſtens dem rohen Seemanne ſehr ſchwer fallen muß. Das poetiſche Gefühl wird hier Tag für Tag durch die Ereigniſſe angeregt. Das Herz muß größer werden, denn es hat der Momente viele, in denen es das höchſte Glück und das höchſte Unglück ahnen, träumen darf. Und ſolche Ahnungen, ſolche Träume ſind meiſt erhabener, als die Wahrheit des Lebens. So oft ein Schiff von Neufundland zurückkehrt, verläßt ein Pilot in ſeiner Barke den Hafen und ſegelt dem Schiffe entgegen. Auf dieſem angekommen, darf der Pilot nur mit dem Kapitän ſprechen, und dieſer erhält dann von jenem Nachricht über alles, was ſeit vier, fünf Monaten ſowohl im Allgemeinen, als ſpeciell für die Einzelnen der Mannſchaft Intereſſantes ſich zugetragen hat. Erſt wenn die Barke vom Schiffe wieder abgeſtoßen iſt, theilt der Ka⸗ pitän den Matroſen die Neuigkeiten mit, die ſie und die Ihrigen betreffen. Dem Einen kündigt er den Tod des Vaters, der Mutter, dem Andern die Geburt eines Sohnes an. Mit welchen Gefühlen die geſammte Mannſchaft die Pilotenbarke ankommen ſieht, mit welcher Ungeduld ſie harren, während der Kapitän mit dem Piloten in ſeiner Kajüte allein iſt, wie es den Einzel⸗ nen durchzucken mag, wenn der Kapitän, nachdem die Barke vom Schiffe wieder abgeſtoßen, ihn zu ſich ruft und ſeine Erwartung zwiſchen einer Trauernachricht und einer Glückesbotſchaft ſchwebt,— das läßt ſich eher Von Hugo Schramm. 473 ahnen, als ſchildern. Solche Momente erheben den Menſchen, erweitern ſein Herz und geben ihm jene Ruhe, die am Ende vergißt, was Sturm iſt, aber auch die Macht, die höchſten Gedanken in ſich aufzufaſſen und zu verarbeiten. Es iſt dies eine Schule, in der man zum Poeten wird, ohne es zu wiſſen und zu wollen. Deſſen ungeachtet verſchwinden mehr und mehr die alten ſchönen Sagen der Matroſen und Fiſcher. Ihre charakteriſtiſche Tracht, die in einer hell⸗ blauen Jacke mit weißen Schnüren und Aufſchlägen, in einer Pumphoſe und hohen Strümpfen und Schuhen mit Schnallen beſtand, haben ſie bereits mit dem gewöhnlichen Fiſchercoſtume der Normandie, einem langen, braunen oder dunkelblauen Wamms, einer ähnlichen Hoſe mit hohen, faſt bis zu den Lenden reichenden Stiefeln oder einer weiten, grauleinenen Ueberhoſe, und einem lakirten Matroſenhute oder einer rothen phrygiſchen Mütze, ſeit einer Reihe von Jahren vertauſcht; die Civiliſation droht ſelbſt den Pollet zu re⸗ volutioniren. Und ſo fällt es auch ſchon heute ſchwer, ſelbſt nur Spuren mancher dieſer alten Sagen aufzufinden. Am Allerſeelentage erneuert ſich bei dem Seemanne das Andenken an alle die, welche das Jahr über im Kampfe gegen das feuchte Element unterlagen. Was Wunder, daß die Phantaſie an dieſem Tage lebendiger und reger war, und arbeitete und ſchuf! Jahr aus, Jahr ein am Tage aller Seelen— ſo erzählen noch heute mitunter die Alten des Pollet— ſah man um Mitternacht ein Segel aus dem fernen Dunkel auftauchen, das von einer friſchen Briſe dem Hafen von Dieppe zugeführt zu werden ſchien. Bald aber bemerkte man, daß die Segel ſchlaff an den Maſten herabhingen, was das Schiff jedoch nicht verhinderte, immer näher zu kommen. Endlich konnte man dasſelbe erkennen: es war ein Fahrzeug, das man ſeit einiger Zeit ver⸗ mißt und für untergegangen erklärt hatte. Immer näher kam es, und zuletzt unterſchied man die Bemannung. Die Mutter ſah den verloren geglaubten, ſeit Monaten beweinten Sohn, und die Tochter den Vater, und die Schweſter den Bruder, und die Wittwe den Mann. Und alle eilten herzu, die Geret⸗ teten zu begrüßen, und ihnen ihr Willkommen entgegenzurufen; die auf dem Schiffe aber ſtanden ſtumm und bewegungslos. Doch darüber wunderte ſich niemand, denn in drohender Gefahr thun die Seeleute ſehr oft das Ge— lübde, nicht zu ſprechen, bevor ſie in Notre⸗Dame dem Himmel für ihre Rettung gedankt. Jetzt warf man dem Schiffe vom Hafendamme ein Tau zu, um es in den Hafen zu ziehen. Und Männer und Weiber reihten ſich, wie man dies täglich ſieht, zur Kette. Das Schiff wich indeſſen nicht mehr 474 Von der franzöſiſchen Nordkuſte. von der Stelle, bis endlich die Uhr der Kirche Eins ſchlug, und es mit allen, die darauf waren, wieder verſchwand. Eine andere Volksſage, vielleicht in ihrem Urſprunge weit älter, als jene, und wohl gar aus der Zeit des druidiſchen oder germaniſchen Heiden⸗ thums herſtammend, knüpft ſich an dieſelben Gedanken an, die der Tag aller Seelen hervorrief: Um Mitternacht hörte man durch das Dorf einen Wagen rollen, und die Verwandten der im letzten Jahre Verſtorbenen vernahmen deren Stimmen. Weiße Hunde eilten dem Wagen voran, und ein Geſpann von acht weißen Pferden zog denſelben; darauf aber ſtanden und ſaßen die Geſtorbenen, in ihr Leichentuch gehüllt. Nur Wenige jedoch haben dieſen nächtlichen Zug geſehen, denn der, der ihn ſah, ſtarb im nächſten Jahre, weß⸗ halb denn auch alle, die ihn hören, ſchnell die Fenſter ſchließen. Der Urſprung und die Tendenz der folgenden Sage iſt weniger ſchwer 4 zu errathen: In einer Nacht nach einem furchtbaren Sturme wurde der Küſter der Notre⸗Dame de Grace im Pollet durch das Läuten der Meßglocke geweckt. Raſch ſprang er aus dem Bette, denn er glaubte, er habe es ver⸗ ſchlafen, und der Prieſter habe einen Andern aufgefordert, zu läuten. Als er in die Kirche kam, ſah er den Prieſter bereits am Altare und eine Menge Fiſcher in ſtiller Andacht verſammelt. Hier lag Jean, der vor einem Jahre ausgefahren und nicht wieder gekommen, auf den Knieen, dort Paul, den er, als das Meer ſeine Leiche ausgeworfen, ſelbſt hatte begraben helfen. Da ergriff ihn Angſt und Schrecken, ſo daß er weder ſprechen, noch einen Schritt vor⸗ oder rückwärts zu thun vermochte. Endlich wollte der Prieſter commu⸗ niciren, allein er konnte es nicht, die Hoſtie entſank ihm, und ſein Jammer⸗ geſchrei fand ein Echo in dem aller Anweſenden. Zuletzt wendete ſich der nicht wieder, deſſen Schiff am Oſtermontag auf dem Felſen von Ailly unter⸗ gegangen iſt? Ich hatte eine Meſſe der Mutter Gottes gelobt und habe mein Gelübde vergeſſen. Ich möchte nun ſelbſt die Meſſe leſen, um mein Gelübde zu löſen, aber wenn ich communiciren will, dann fühle ich die ganze Hölle in meiner Kehle; ich brenne, Meiſter Peter! Warne meinen Sohn, 1 daß er nie die Meſſe vergeſſe, die er Notre⸗Dame gelobt!“ Solche Geſchichten thaten ihre Wirkung, und noch heute ſieht man mit⸗ unter, wenn auch jetzt nur ſelten, die ganze Bemannung eines Schiffes nach überſtandenem Sturme baarfuß und im Hemde die Wallfahrt zu dieſer oder jener Kapelle antreten, um ein Gelübde zu löſen. Ein ſolches Gelübde, im Sturme gethan, hat— Hunderte ſind bereit, dies zu beſchwören,— die Prieſter zum Küſter und ſagte zu ihm:„Meiſter Peter, kennſt du Reynauld⸗ 9 8 3 4885 Von Hugo Schramm. 475 augenblickliche Wirkung, die Bemannung zu verdoppeln.„Le navire est doublé!“ mit dieſen Worten ruft ſich die Mannſchaft in der höchſte Noth zu erneuerter Kraftanſtrengung auf, und dieſes Wort allein hat ſchon manches Schiff gerettet. Der Glaube kann„Berge verſetzen,“ warum ſollte er nicht auch die Mannſchaft eines Schiffes vermehren können? Wird dadurch auch nur Ein Vater ſeinen Kindern erhalten, wer dürfte es wagen, ihn zu be— lächeln? Anderer Art iſt ein Aberglaube der Mädchen des Pollet. Dieſe ſuchen in dem Meerkies einen weißen, beſonders geformten Stein, den ſie la pierre de bonheur nennen, und dem ſie die Kraft zuſchreiben, ſie glücklich zu machen ſie aus einer Gefahr zu retten, und ihnen am Ende einen braven Ehegatten zuzuführen. Belächelt die Unſchuld und beneidet die Glücklichen, die keines anderen Schatzes bedürfen, um ſich glücklich zu glauben, als jenes Steines! Glücklich die Armen im Geiſte! Der Urſprung dieſes Glaubens iſt übrigens ſchwerlich im Chriſtenthum zu ſuchen, er iſt wohl älter.— Da Katze für den Teufel hält, daß die Fiſcher ein wahres Grauſen erfaßt, wenn ſie eine ſolche auf ihren Schiffen finden, ließe ſich wohl erklären; de daß ſie einen beinahe ähnlichen Abſcheu und Schrecken vor dem Namen eines Aiiiee haben, daß ſie glauben, das Ausſprechen desſelben bringe Unglück, iſt Ui ſchawar zu begreiſen. Uebrigens habe ich die Erfahrung gemacht, daß auch er Ruſſe die Begnung mit einem Popen nicht gern ſieht; iſt ein ſolcher unter den Paſſagieren eines Schiffes, ſo hat dieſes während der Fahrt, wie der Ruſſe glaubt, ſicher einen Sturm zu beſtehen; ſieht er einen Popen auf der Straße entgegenkommen oder quer vorübergehen, ſo wirft er haſtig eine Stecknadel fort, oder ſpuckt, in Ermanglung einer ſolchen, dreimal aus. Endlich gilt auch im Pollet dreizehn als eine Unglückszahl. Ebenſo können ein umgeworfenes Salzfaß, über's Kreuz gelegte Meſſer und Gabel, verkehrt auf den Tiſch gelegtes Brod, auf den Tiſch geſtellte Schuhe oder Stie⸗ fel, verhängnißvoll werden; wer aber bei einem Feſte unter dem Balken ſitzt iſt der nächſte, der ſich verheirathet und dergleichen mehr Die Urſachen all' die⸗ ſer kindiſchen Launen des Aberglaubens aufzuſuchen, wäre vergebliche Mühe. Man braucht dem Teufel wie den Weibern nur den kleinen Finger zu geben, ſo nimmt er die ganze Hand. Doch genug hiervon, denn ich fürchte ſonſt, den Leſer glauben zu machen, die braven Fiſcher ſeien am Ende doch auch von dem Schlage von Menſchen, die ſich durch einen Hokuspokus in's Bockshorn jagen laſſen, oder mit einem Paternoſter in aller Noth genug 3 man die 476 Von der franzöſiſchen Nordküſte. gethan zu haben meinen. Folgende Geſchichte dürfte meine Leſer eines Beſ⸗ ſeren belehren. In der furchtbaren Sturmnacht des 31. Auguſt 1777 verſuchte ein Schiff in den Hafen von Dieppe einzulaufen. Der Pilot Bruſſard, der nie fehlte, wenn ein Sturm raste, war auf der Jetée(dem Hafendamme), und da er ſah, daß der Kapitän des Schiffes mehrere falſche Manoeuvres aus⸗ führen ließ, rief er ihm durch ſein Sprachrohr zu, was er zu thun habe. Aber Sturm und Nacht machten ſein Beſtreben nutzlos, und endlich ſcheiterte das Schiff etwa 30 Toiſen oberhalb der Jetée. Alle Welt gab die Bemannung verloren, nur Bruſſard nicht. Entſchloſſen, ſie zu retten, wollte er ſich ein Seil um den Leib binden, um dasſelbe zum Schiffe zu bringen. Da aber warfen ſich ſein Weib und ſeine Kinder und ſeine Freunde zwiſchen ihn und das wildbewegte Meer. Doch Bruſſard hörte nur die Stimme der Menſchlichkeit, und ſeinen Freunden ihre Feigheit vorwerfend, bewog er die⸗ ſelben endlich, ſeine Frau und ſeine Kinder nach Hauſe zu bringen. Dann ſtürzte er ſich, nachdem er ſich das Seil um den Leib gebunden und am Damme befeſtigt hatte, in die Flut. Zwanzigmal ſchleuderten ihn die Wellen auf den Kies zurück, und zwanzigmal ſtürzte er ſich von neuem in das em⸗ pörte Element. Eine große Woge warf ihn gegen das Schiff, und er ver⸗ ſchwand unter demſelben. Ein hundertſtimmiger Schreckensruf verkündete ſeinen Untergang; aber er war nur untergetaucht, um einen Matroſen zu erfaſſen, den eine Welle vom Verdeck herabgeſchleudert hatte, und er brachte ihn leblos an's Ufer. Ein letzter Verſuch gelang endlich, und er konnte das Schiff erklettern und den Unglücklichen das rettende Tau einhändigen, mit dem man ſie an's Ufer zog. Das war ein heldenmüthiges Werk, aber noch ſollte es nicht vollendet ſein. Ermattet hatte man den Lebensretter ſo Vieler in die nächſte Hütte begleitet, wo er das beim Untertauchen verſchluckte Seewaſſer von ſich gab und von ſeinen Freunden gepflegt wurde. Da trug ein Windſtoß den Hülferuf eines Paſſagiers, den man vergeſſen hatte, an's Ufer, und bald erfuhr auch Bruſſard, daß noch ein Menſch zu retten ſei. Und der Ermattete fühlte ſich wieder ſtark, und ehe die, die ihn pflegten, recht wußten, was vorgehe, ſtürzte Bruſſard aus der Hütte und von neuem in's Meer und rettete den noch Uebrigen mit derſelben ſich ſelbſt vergeſſenden Anſtrengung, mit denſelben Hinderniſſen kämpfend und endlich mit dem⸗ ſelben Glücke ſie beſiegend. Von zehn Menſchen dankten acht es ſeinem Muthe, daß ſie keine Beute des empörten Meeres geworden waren. Ludwig XVI. ſchenkte ihm dafür tauſend Franken und ſetzte ihm außerdem noch einen Jahres „ Von Hugo Schramm. 477 gehalt von 300 Franken aus, den er als Aufſeher des Leuchtthurmes der Jetée beziehen ſollte. Von jener Zeit an blieb dieſes Amt in den Händen der Bruſſard's, und nicht leicht verging ein Jahr, in dem ſie ſich nicht durch Heldenthaten, jener erſten würdig, hervorgethan hätten. Auf der Bruſtwehr des Hafendammes iſt ein mit Kupfer beſchlager Pfahl, und an demſelben befindet ſich eine Kette. An dieſe Kette ſich feſtklammernd, ſtand ſeit 1777 in jedem Sturme, Tag oder Nacht, ein Bruſſard und wurde ein Warner derer, die die Gefahr und das ſturmbewegte Meer noch im Hafen nicht freigeben wollte. Und ob die Wellen über ihn hingingen, ob ſie ihn von ſeinem Ehrenpoſten herabriſſen, im näch⸗ ſten Momente tauchte der Warner wieder auf und trotzte, mit ſeinem Sprach⸗ rohre Rath ertheilend, dem wüthenden Elemente. Fünfzigmal ſetzte ein Bruſ⸗ ſard ſein Leben ein, um das anderer zu retten. Napoleon I. ließ einem derſelben eine Hütte bauen, und ich möchte den ſehen, der ein würdigeres Schloß hätte, und wäre er der Sohn eines Königsbaſtardes; er gab ihm das Ehrenkreuz, und ich möchte den Marſchall kennen, der deſſen würdiger iſt, und hätte er die Schlachten bei Auſterlitz und Jena gewinnen helfen. Hier gab es einen wahren Erbadel— denn faſt ſeit einem Jahrhunderte fragte die Menge, ſo oft ein Schiff in Gefahr, ein Menſch zu retten war:„Iſt kein Bruſ⸗ ſard da?“ Zur Lecture. Weihnachtsbücher und Belletriſtik. M. Oſten, Aus frommer, fröhlicher Kinderwelt. Breslau. Trewendt. 1868. Mit lebhafter Freude ſehen wir uns in den Stand geſetzt, unſeren Le⸗ ſern auch dies Jahr noch einige Bücher für das Weihnachtsfeſt nennen und empfehlen zu können, und zwar als erſtes dieſe kleinen Erzählungen„Aus der Kinderwelt“, welche den vollſten Beifall nicht nur der Eltern, ſondern auch der Kinder verdienen. Die„Toni und die kleinen Eſelstreiber“ und „Was Tante Julchen erzählte“ zeigen, daß die Verfaſſerin Kinder verſteht und liebt. Denn außerdem, daß die Erzählungen den kleinen Leſerinnen ſicher gefallen werden, bringen ſie uns auch Schilderungen von Kindern und aus deren kleinem Leben, welche ſelbſt unſer Einen durch Anmuth und Wahr⸗ heit erfreuen. Die ſechs Illuſtrationen ſind hübſch, und daß auch die übrige Ausſtattung ſauber iſt, verbürgt der Name des Verlegers. G. Tſchache, Märchen und Sagen. Breslau. Trewendt. 1868. Der Herausgeber hat von allerwärts die hübſcheſten und für die Jugend verſtändlichſten Märchen und Sagen geſammelt und zuweilen, wie es uns ſcheint, mit leichten Veränderungen wieder erzählt. Wir können das nur billigen, da unſere Märchenerzähler mit Ausnahme der Gebrüder Grimm und Bechſteins keineswegs immer den rechten Ton zu treffen pflegen, und überdies den Kindern auf ſolche Weiſe allerlei Stücklein zugänglich gemacht werden, die ihnen ſonſt noch entzogen bleiben müßten, wie z. B. aus Tau⸗ ſend und eine Nacht, oder Muſäus.— Sechs hübſche Illuſtrationen zieren den ſtattlichen Band. Aus Trewendt's Jugendbibliothek liegen uns drei Bändchen vor: W. Hoffmann, Abraham Lincoln;— R. Baron, Ein Land⸗ wehrmann;— J. Schiller, Saat und Ernte. Das erſte bringt uns ſehr gut erzählte Züge aus dem Leben des Märtyrer⸗Präſidenten, die beiden anderen geben uns Darſtellungen aus dem vorjährigen Kriege. Wir haben dieſen Büchlein nicht nur das patriotiſche Gefühl nachzurühmen, ſondern Zur Lecture. 479 hauptſächlich auch, um dies zu wiederholen, die gute, fließende Erzählung, welche den Kindern neben der Unterhaltung auch ein gutes Deutſch gewährt. K. Müller, Die kleinen Büffeljäger. 2 Aufl. Breslau. Trwendt. 1868. Wir dürfen dies Buch unſeren Leſern kühnlich als eines der anſprechend⸗ ſten von denen empfehlen, welche der bekannte Verfaſſer zur Unterhaltung und Belehrung der Jugend geſchrieben hat. Dieſe Jagd⸗ und Kampfſcenen ſind von unvergänglichem Intereſſe.— Die Ausſtattung mit 8 Illuſtratio⸗ nen iſt ſehr ſauber. J. Hoffmann, Der Waldläufer. 6. Aufl. Breslau. Trewendt. 1868. Das treffliche Buch Ferry's, das hier in der geſchickten Bearbeitung ſhon in der 6. Auflage erſcheint, haben wir unſeren L Leſern bereits mehrmals warm empfohlen, und thun dies auch heute auf das angelegentlichſte; auch hier dürfen wir ſagen: dieſe Scenen und Bilder haben einen unvergäng⸗ lichen Reiz. Die Ausſtattung der beiden Bänderſt ſehr hübſch. F. Dornau, im Halbdunkel. 2 Bde. Breslau. Trewendt. 1867. Die ſieben Erzählungen, welche die beiden Bände enthalten, berühren uns zwar einigermaßen fremdartig, da ſie im Allgemeinen von dem Streben nach Realität, das unſere heutige Litteratur kennzeichnet, ſehr bedeutend ab⸗ weichen; doch wollen wir hiemit keinen Tadel ausſprechen. Wir können im Gegentheil hervorheben, daß Erfindung und Compoſition friſch und geſchickt, und daß die Darſtellung fließend iſt. Wir nennen als beſonders anſprechend für uns den„Talisman“ und„Die rettende Geige“. 3 K. v. Holtei, Theater. Bd. 3 u. 4. Breslau. Trewendt. 1867. Das ſehr willkommene Unternehmen, das wir vor vier Wochen mit den erſten beiden Bänden anzeigten, ſchreitet raſch Perwärig. Band 3 bringt fünf Stücke: Goethe's Todtenfeier; Des Adlers Horſt; Der Kalkbrenner; Shakeſpeare in der Heimat; Die weiblichen Driltinnge— der vierte Band enthält acht Piecen: Erinnerung; Die Farben; Der Dichter im Verſamm⸗ lungszimmer; Der Berliner Droſchkenkutſcher; Wiener in Paris; Pariſer in Wien; Margarethe; Welch ein Auftritt!— Es war uns auch hier eine wahre Freude, manche gute und luſtige Bekanntſchaft zu erneuern. H. Kleinſteuber, Schach dem König. 2 Bde. Jena. Coſtenoblc. 1867. Der Verfaſſer, dem wir neulich bei Anzeige des„Nordiſchen Richelieu“ begegneten, erzählt uns diesmal von jenem bekannten Verſuch des Barons — 480 Zur Lecture. Warkotſch, den König Friedrich II. den Oeſterreichern auszuliefern. Die Erzählung iſt wohl gut und ſpannend und die Charaktere ſind geſchickt ent⸗ worfen und durchgeführt. Allein wir können doch ein gewiſſes Bedenken nicht unterdrücken, ob ſich ein Stoff zu einer ſolchen romantiſchen Behand⸗ lung und Verwandlung eignet, der in allen Einzelheiten ſo bekannt und feſt⸗ geſtellt iſt, wie der vorliegende. F. Gerſtäcker, Ein Erbe. 3 Bde. Jena. Coſtenoble. 1867. Gerſtäcker zeigt uns auch in dieſem Buche, das auf deutſcher Erde ſpielt, ſeine außerordentliche Begabung: die Erfindung iſt ſo friſch, die Compoſition ſo geſchickt, die Situationen hier, die Charaktere da ſind ſo pikant, ſo ſicher gezeichnet, und die Erzählung iſt ſo fließend und ſpannend, daß man mit dem höchſten Intereſſe bis zur letzten Seite fortliest. E. v. Bibra, Die Schatzgräber. 3 Bde. Jena. Coſtenoble. 1867. Eine tolle Geſchichte, die dem bekannten und beliebten Verfaſſer hun⸗ dertfältige Gelegenheit bot, ſeinen unerſchöpflichen Humor walten zu laſſen. Aber wir finden in dem Buche auch wirklich einen guten Roman, vortreff⸗ liche Charakterzeichnungen und beſonders ganz reizende Naturbilder. Wir zweifeln nicht, daß das Buch dem Verfaſſer neue Freunde erwerben wird. Das Buch der Welt und Freya, Stuttgart, K. Hoffmann, lie⸗ gen uns, erſteres in den beiden Schlußnummern, und Letztere in der N. 10. des Jahrgangs vor und fahren auch in dieſen Heften fort, den Leſern einen reichen Unterhaltungsſtoff und hübſche Ausſtattung zu bieten. Vom„Buch der Welt“ zeigt überdies das ſich anſchließende erſte Heft des Jahrganges 1 1868, daß das Unternehmen auch dann in gleich anſprechender Weiſe fortge⸗ führt werden wird. 1 K. L. Fr Mezger, Deutſcher Räthſelſchatz. Heilbronn. Scheurlen. O. J. Das hochwillkommene, lebhaft intereſſirende und unterhaltende Büch⸗ 1 lein, deſſen erſte Lieferung wir neulich bereits empfahlen, liegt jetzt vollendet vor uns. Es bietet uns, von den leichteren zu den ſchwereren aufſteigend, über vierzehnhundert Räthſel und damit einen Schatz von Erheiterung, Unterhaltung und Anregung, wie wir ihn in kaum einem anderen Buch ähn⸗ lichen Umfanges wiederfinden dürften. 1 e ——— — 2* 1 Colour& Grey Control Chart S S1ue Cyan Green vVellow Hed Strey Grey 2 74 1* 4 1 . F** 1 5 85 — 1