———.—————‧öͤͤͤͤſͤſͤͤͤͤͤöͤöͤͤͤ—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von.. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 7 . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3— .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe zmuß voraus zbezahlt werden und beträgt:.— 1 für wöchentlichek e 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— err Buücher. 21 N Pf. 1 Mr 50 Pf 3 Ter. uf Hausblätter. Herausgegeben von † W. Hackländer und Edmund Hoefer. 1.8 6 7. Erſter Band. Stuttgart.— Verlag von Adolph Krabbe⸗ Druck von J. Kreuzer in Stuttgart. Inhalt des erſten Vandes. Zerbrochen. Von Edmund Hoefer...... Ein freundlicher Empfang. Von Friedrich Gerſtäcker...... Eine numismatiſche Prophezeiung auf 1866. Von Friedrich Linden. Anno 1866. Von Friedrich Lampert........... 62. Der Thee. Von Ernſt Freiherrn von Bibra. 771. 140. Aus zwei Paläſten am Canale grande. Von Ida von Düringsfeld.. Der hoffärtige Andres. Von Paul Stein.. Der Blitſtrahl. Pon Franz Klauer.......... 161. Bianka Capello. Von Otto Jäger. Ein Ritt um's Leben. Von S. Auguſtin. Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. Von Ferd. Krämer. 309. Der Trauring. Von Emma Niendorf... Ein Abenteuer in St. Petersburg. Von E. Benedict.. Eduard Varian. Von Fr. von Wickte.. Allerlei Curioſa. Von Wilhelm Ernſt.. Zur Lecture.... Zufall oder Beſtimmung. Von Ernſt Fritze. Der verſchwundene Poſten. Von Fr. von Wickte. Aus Näh' und Ferne..... Der Wein. Von Fr. Grebel. — 392. Zerbrochen. Eine Geſchichte. Von Edmund Hoefer. Mag Gott wiſſen, weßhalb ich grade heut ſo viel und ſo ernſt an ihn denken muß, heut an dem gleichgültigen Tage, der mir, ſo weit ich auch zu⸗ rückrechne, niemals etwas bot, das für den Freund und unſere Freundſchaft von Bedeutung war, der auch mit jener Stunde, an die er mich nun erin⸗ nert, in keinerlei Zuſammenhang ſteht! Ich denke oft, täglich an ihn und ſehe ihn herübergrüßen aus der endlich gewonnenen Ruhe; aber ſo wie heut war es mir noch nie. Heut ſteht er vor mir, wie er leibte und lebte, und ich muß mich ernſtlich beſinnen, daß es nur ein Gebilde meiner Phantaſie iſt. Mein alter Getreuer, was zwingt dich empor aus deiner Ruhe? Es war ein wunderbarer Abend mit der vollſten Klarheit der ſchönſten Herbſttage. Durch das Gezweig' der Bäume, welche die am Berg hinauf— ziehende Straße ſäumten, fielen lange zitternde Sonnenſtrahlen, und die Landſchaft, die ſich unter uns weit aufthat, lag im goldigſten Glanz. Das Laub hatte ſich ſchon gefärbt, hie und da ſank ein welkes Blatt auf den Pfad nieder, und die Sommerfäden wehten leiſe von Baum und Strauch. Das Bild war es werth, daß man ſich in ſein Anſchauen verſenkte, wie der Freund es eben that. Ich aber ſah in dieſem Augenblick nur auf ihn, wie er ſich auf die Steinmauer geſtützt hatte, welche die Straße gegen den ſteilen Abfall zu einfaßte, die Augen mit ſtillem Sinnen auf das Gelände gerichtet, das mit den abgeernteten Feldern, den üppigen Matten, den aus ihren Obſtgärten hervorlauſchenden Weilern im tiefen Frieden unter uns lag. Er hatte den Hausblätter. 1867. I. Bd. 1 2 Zerbrochen. Hut abgenommen, und ſein edler Kopf hob ſich mit der mächtigen Stirn, mit dem reinen Schnitt des Profils wie eine Silhouette von dem goldſtrah⸗ lenden Hintergrund des Weſthimmels ab. Das war ſo wunderbar, daß ich ganz ſtill neben ihm blieb. Plötzlich richtete er ſich auf, und den Hut aufſetzend und den Stock nie⸗ derſtellend, ſagte er mit jenem halb zerſtreuten, halb ſchwermüthigen Blick, der ihm ſo ganz eigenthümlich war:„Verzeiht mir, Franz, und ſcheltet mich nicht ſentimental, daß ich da träumte und ſäumte wie Karl Moor. Es war nur ein Bad für meine Augen, wie ſie es in dem Frieden, in der Reinheit und ſteten Wahrheit der Natur aufzuſuchen pflegen, wenn ſie ſich an den Menſchenmasken ſatt und müde geſehen.— Kommt noch ein Stückchen wei⸗ ter.“ Und er ſchritt langſam neben mir her, die Straße hinauf. Ich ſchüttelte lächelnd den Kopf, dieſe Worte ſtimmten gar ſo wenig zu dem, was ich beim Ausblick auf die Landſchaft und beim Anblick des Freun⸗ des gedacht und empfunden und auch hinter ſeiner Stirn und in ſeinem Aug' geſucht hatte. Hätte ich ſpotten wollen oder auch nur im Scherz empfindlich thun mögen, ſo wäre mir hier die beſte Gelegenheit geboten geweſen mit ihm anzubinden, da die„Menſchenmasken“ ſich eigentlich nur auf mich und mein armes Geſicht beziehen konnten. Denn daß er drunten in der Stadt kürz⸗ lich ſo empfindlich berührt worden, konnte ich kaum annehmen, und der ein⸗ zige Menſch, der uns auf dem Spaziergange nicht bloß begegnet, ſondern auch einen Augenblick bei uns ſtehen geblieben war, ſchien mir gleichfalls nicht dazu angethan, daß er den Freund hätte zu ſolcher Aeußerung veran⸗ laſſen können. Der Profeſſor Fabri war ein Mann, wie es viele gibt, ohne hervorragende Vorzüge und Schwächen, ein guter Kopf und gelegentlich ein ganz angenehmer Geſellſchafter. Er war in religiöſer und politiſcher Rich⸗ tung einer der entſchiedenſten Anhänger der Regierung und daher manchem nicht angenehm oder gar verdächtig, im Uebrigen aber ein Menſch, dem man zugeſtehen mußte, daß er zu leben und leben zu laſſen verſtand. Wir, er und ich, ſtanden auf wenig mehr als dem ſogenannten Grüßfuß mit einander, und mit dem Freunde war er noch oberflächlicher bekannt. Sprechen hatte ich die Beiden nie mit einander ſehen. Ich ſollte indeſſen nicht lange in Zweifel bleiben, denn da der Freund merken mochte, was in mir vorging, ſagte er nach einigen Schritten launig: „Grübelt Ihr über meinen Ausdruck, Franz, und bezieht ihn als ausneh⸗ mend grob auf Euch ſelbſt?“—„Beinah,“ verſetzte ich lachend,„obgleich er — 3 ₰ Von Edmund Hoefer. 3 mir weniger grob, als gar zu tragiſch erſchien.“—„Tragiſch?“ wiederholte er mit einem ſo finſteren Ausdruck, daß es mich überraſchte,„nicht doch! Sagt lieber Ekel oder ſittliche Entrüſtung, denn das iſt mein Empfinden, wenn ich dem Gewürm da begegnen muß, das vorhin an uns vorbeiſtreifte, dem Geſchöpf mit dem Menſchengeſicht und—.“—„Fabri meint Ihr?“ fragte ich, da er mit einem Laut der Verachtung abbrach.„Kennt Ihr ihn denn, Hauptmann?“— Er lächelte verächtlich.„Ja, ich kenne ihn, beſſer als ihr alle hier, und er— er kennt mich.“ Er wandte ſich ab und trat an das Steingeländer, das die Straße hier, wo ſie das Plateau erreicht hat und ſich zu einem kleinen freien Platz aus⸗ weitet, ſicher einfaßt. Die Sonne trat drüben ſchon hinter den Bergrücken, aus den Wiesgründen drunten erhoben ſich bereits die Nebel, und aus den Schornſteinen der Stadt, in deren Straßen wir hineinſchauten, ſtieg der Rauch des Abendbrodfeuers, während auch hie und da ſchon eine Gasflamme aufleuchtete. Es wurde Zeit für uns zur Rückkehr. Nach kurzer Zeit richtete er ſich denn auch auf und fing an, langſam wieder bergab zu gehen, und nachdem er ſich eine Cigarre angezündet— ab⸗ wärts durfte er das ſchon wagen—, ſagte er ruhig, wie ſonſt immer:„ich ſehe ein, Franz, daß Ihr durch mein Weſen und meine Worte noch mehr neugierig als verwundert geworden ſein müßt, vielleicht gar irre an mir. Das ſoll aber nicht ſein— ich kann leicht helfen und will Euch erzählen. Und wenn mir die Erinnerung auch peinlich iſt, ſo läßt ſich das ſchon über⸗ winden, zumal vor Euch, mein guter Kamerad,“ fügte er hinzu mit freund⸗ lichem Blick und treuem Händedruck.„Zwiſchen uns wenigſtens ſoll nichts Unklares bleiben. 4 „Ich habe Euch bisher wohl kaum über meine Jugend geſprochen,“ redete er langſam hinſchreitend weiter,„ſie war eine ganz gewöhnliche, ſtille, einfache und daher glückliche, wie man das zu heißen pflegt. Die Mutter hatten wir früh verloren, die Schweſter unſeres Vaters erſetzte ſie uns nach Kräften und mit dem redlichſten Willen. Der Vater ſelbſt lebte, wie damals faſt alle Edelleute unſerer Provinz, ſchlicht und einfach, human und mit ſehr wenig Vorurtheilen, der Bewirthſchaftung ſeines Guts und dem Wohl ſeiner Familie und ſeiner Untergebenen. Er war Soldat geweſen und fand die gleiche Carriere für ſeine beiden älteren Söhne ſo ſelbſtverſtändlich, daß von einer anderen Zukunft für uns nie die Rede war. Da er aber ſelber, früh in den Dienſt tretend, nur eine ſehr mangelhafte Bildung erhalten und 1* 4 Zerbrochen. dies bis in ſein ſpätes Alter empfand und beklagte, ſorgte er eifrig dafür, daß ſeine Kinder nicht unter dem gleichen Mangel zu leiden hatten. Wir er⸗ hielten den beſten Unterricht, zuerſt im Hauſe, dann im Gymnaſium der be⸗ nachbarten Stadt, und darauf ging mein Bruder, der fünf Jahre älter als ich iſt, zur Univerſität, um noch zwei Jahre zu ſtudiren und dann mit zwan⸗ zig Jahren Soldat zu werden. Für mich ſollt' es ebenſo werden, nur mit dem Unterſchied, daß er nach einiger Zeit, wenn der Vater müde wurde, das Gut zu übernehmen hatte, während ich im Dienſt vorausſichtlich bleiben mußte.. „Unſer Gut liegt kaum eine Viertelſtunde von den Thoren der Stadt, unſere Felder reichen bis an die alten Gräben und Wälle, die ihr aus frühe⸗ rer Zeit übrig geblieben. Es begreift ſich daher, daß ich zum Beſuch des Gymnaſiums nicht in die Stadt zog, ſondern den kleinen Weg täglich zu⸗ rücklegte, meiſtens und wenn das Wetter nicht gar zu ſchlecht, ſelbſt in der Mittagsſtunde. Wo letzteres einmal der Fall, fand ich meinen Platz am Mittagstiſch des Diaconus an der Stadtkirche, eines ſehr wackeren Mannes, des einzigen Städters beinah, mit dem mein Vater wirklich im Verkehr war. Denn trotz ihres ausgezeichneten Gymnaſiums war die Stadt damals ein arm⸗ ſeliges, dumpfes und verkommenes Neſt, in dem verzweifelt wenig Bildung und Strebſamkeit, weder materieller noch geiſtiger Fortſchritt zu finden war. Gegen meinen Vater, oder vielmehr gegen uns, da die Sache von uralten Zeiten herſtammte, war man noch beſonders ſchlecht geſtimmt, wegen Grenz⸗ ſtreitigkeiten oder anderer von beiden Seiten in Anſpruch genommener Ge⸗ rechtſame. Der Vergleich, zu dem mein Vater die Hand geboten, war ſtarr⸗ köpfig abgewieſen worden, und da überdies zuweilen, ſelbſtverſtändlich nur von ungebildeten Leuten, wirkliche Ungezogenheiten gegen Glieder unſerer Familie, welche in der Stadt zu thun hatten, vorgekommen, kamen mein Vater und unſere Damen faſt gar nicht mehr hinein. An meinen Bruder Alfred und mich hatte man ſich allmälig gewöhnt und ließ uns im Allgemei⸗ nen ziemlich ungeſchoren. Kameraden hatten aber auch wir auf der Schule niemals gefunden— ich darf mit gutem Gewiſſen hinzuſetzen: nicht durch unſere Schuld. Wir waren beide ſtets verträglich und gegen jedermann höf⸗ lich und hielten, wo einmal Schüler und Lehrer einander gegenüber ſtanden, getreulich zu den Genoſſen. „Mit dem Diaconus Wahl und den Seinen ſtanden wir, wie geſagt, auf dem beſten Fuß; er predigte alle ſechs Wochen in der Kapelle unſeres — Von Edmund Hoefer. 5 Dorfes und war dann gemeiniglich mit ſeiner geſammten Familie bei uns zu Tiſch. Die Kinder entſprachen im Alter ſo ziemlich mir und meinen drei Schweſtern und waren ebenſo brav wie ihre Eltern, und mit dem älteſten, einem Mädchen, das gleich mir damals etwa ſechzehn Jahre zählte, ſtanden meine Schweſter Franziska und ich auf dem herzlichſten und fröhlichſten Freundſchaftsfuß. Weiter, Franz, war und ward es nichts; wir waren alle Drei noch die reinen Kinder und nicht lange darauf, wo vielleicht doch an⸗ dere Gefühle hätten erwachen und ſich eindrängen können, verließ ich die Gegend, um nie wieder auf längere Zeit zurückzukehren. „Eines Tages— mein Bruder war derzeit ſchon von der Univerſität fort und in Dienſt getreten.— zog grade in der Mittagsſtunde ein ſchweres Gewitter über die Stadt und machte mir den Hinausweg auf das Gut un⸗ möglich. Ich ging daher in das befreundete Haus und fand mich wohl auf⸗ genommen wie immer; die Frau Diaconus half mir ſogar mit einem Rock des Gatten aus, da der meine völlig durchnäßt war. Ich machte natürlich eine gründlich komiſche Figur, die Kinder wollten ſich halb todt lachen, und als demnächſt Thereſe— ſo hieß die junge Freundin— in's Zimmer trat, fing der Lärm von neuem an, ich ſelbſt blieb nicht der Stillſte— wir waren alle luſtig, ſagt' ich ſchon, und die puren Kinder,— und ſelbſt die Hausfrau ließ es bei einem, mit Lachen vorgebrachten„na, ihr großen Menſchen ſeid doch aber auch gar zu kindiſch!“ bewenden. „Nicht ſo freundlich ſchaute der Beſuch auf unſere Thorheiten, der gleich⸗ falls im Wohnzimmer weilte,— Leonhard Fabri, der Sohn des Rathsherrn gleiches Namens, ſeit acht Tagen von der Univerſität zurückgekehrt, um ſich daheim auf das Lehrer⸗Examen vorzubereiten, ein junger Mann mit einem ganz hübſchen, nur etwas gar zu geſchniegelten Aeußeren und, wie ich hier bemerken konnte, überaus verbindlichem Weſen. Im Uebrigen freilich rühmte man ihm nicht dies Letztere, ſondern einen nicht kleinen Reſt ſtudentiſcher Renommage nach, und ich ſelbſt war, da wir uns einmal auf engem Wege begegnet waren, barſch genug auf die Seite geſtoßen worden. Auch jetzt hatte er, von der Unterhaltung mit der Hausfrau zu uns hinüberſchauend, beſonders für mich einen gewaltig böſen Blick, und als er Thereſe ein- oder zweimal in's Geſpräch ziehend, bei dieſer wenig Gehör fand, ſie vielmehr alsbald wieder mir ſich zuwenden ſah, regte ſich in dem braunen Aug' etwas Stechendes, das ſelbſt mich luſtigen Burſchen eine Sekunde lang überraſchte Zerbrochen. 6 und ſtill machte. Dann war der Eindruck natürlich aber auch wieder ver⸗ ſchwunden. „Nachmittags, da die Schule zu Ende, ging ich bei gutem Wetter wie⸗ der nach Hauſe, nicht auf dem Fußſteig durch die Wieſen, welcher faſt ganz unter Waſſer ſtand, ſondern auf der Landſtraße, neben der ein Weg für Fuß⸗ gänger hinlief— ein ſchmaler Pfad, rechts durch eine Hecke von den Wieſen getrennt, links durch den Straßengraben begrenzt. Da, jenſeits der letzten Vorſtadthäuſer, begegnete mir Leonhard Fabri, patzig daherkommend und ohne Miene zu machen mir, der ich doch die Hecke zur Rechten hatte, nach altem Herkommen auszuweichen. Der Weg war wie geſagt, ſehr ſchmal, die Straße jenſeits des breiten Grabens außerordentlich ſchmutzig, und ich drängte mich daher ſo nah wie möglich an die Hecke, um den Kommenden vorbei zu laſſen. Trotzdem ſtieß er hart mit mir zuſammen. „Was, willſt du mir den Weg vertreten, dummer Junge?“ fuhr er mich an, mich zugleich an der Schulter packend, und da ich mich mit unſanf⸗ tem Ruck frei machte, fügte er hinzu:„laß mich das nicht noch einmal mer⸗ ken oder es ſetzt Eins. Und— das kannſt du dir auch gleich merken: be⸗ trägſt du dich beim Herrn Diakonus und gegen die Damen noch einmal ſo albern, ſo werde ich dir die Ruthe geben.“—„Dazu gehören zwei, mein Herr,“ ſagt' ich kaltblütiger, als ich mir ſelber zugetraut.„Im Uebrigen aber iſt der Weg hier für jedermann, und wenn Sie mir ſo viel Platz ma⸗ chen, wie ich Ihnen—.“ Da ſchlug er mir in's Geſicht, daß mir die Mütze vom Kopf flog, und zur Antwort umfaßt' ich ihn und warf ihn— ich war ein ſehr ſtämmiger und beherzter Junge und er fein und ſchmächtig— mit einem Schwung über die Hecke in die moorige Wieſe hinein. Ohne mich nach ihm umzuſehen, ging ich meines Weges weiter, ziemlich ſicher, daß er mich nicht mehr beläſtigen werde. Ich hatte darin recht gehabt. Ich ſah ihn nur noch ein oder ein paarmal von ferne; dann erfuhr ich zufällig, er ſei auf die Univerſität zurückgekehrt, um ſein Examen dort zu machen. „Das war meine erſte Begegnung mit Leonhard Fabri. Ich dachte wirklich nicht viel an das Rencontre, und als ich ein paar Monate darauf wegen eines kleinen Schulaufruhrs das Gymnaſium verlaſſen mußte und auf ein entfernteres geſchickt wurde, vergaß ich die Sache und den Mann bald ganz und gar. „Der Vater war über unſere Exceſſe und die Strafe nicht wenig böſe geweſen, und als ich in die fremde Stadt und auf die neue Schule hinüber⸗ — Von Edmund Hoefer. 7 geſchickt wurde, erhielt ich die Weiſung, mich vor wohlbeſtandenem Examen daheim nicht wieder blicken zu laſſen. Oft, das habt Ihr ſchon herausge⸗ fühlt, kam ſolche Strenge bei uns nicht vor; geſchah es aber, ſo war auch von ſchnellem Nachlaſſen keine Rede. Ich blieb in der That anderthalb Jahre drüben, obne ein einzigmal heimzudürfen und auch nur recht viel von dort zu erfahren. Vater und Tante waren keine großen Briefſchreiber und Franziska— die jüngeren Geſchwiſter kamen nicht in Betracht— ſchrieb natürlich nicht ohne ſie. So wußt' ich denn, als ich die Maturitätsprüfung endlich beſtanden hatte und heimkehren durfte, von dem, was es in dieſen anderthalb Jahren daheim gegeben, verzweifelt wenig, und daß wir für die jüngſten Geſchwiſter einen neuen Hauslehrer erhalten, war mir ganz unbe⸗ kannt geblieben. Das würde mir indeſſen ziemlich gleichgültig geweſen ſein, da ein ſolcher Fall ſich denn doch von Zeit zu Zeit wiederholte, wäre nicht der erſte Menſch, den ich bei meiner Einfahrt in den Gutshof ſah, dieſer Hauslehrer geweſen und von mir als Leonhard Fabri erkannt worden. „Ich will nur gleich anführen, daß der alte Rathsherr inzwiſchen ge⸗ ſtorben war und ſeine Familie in ſehr beſchränkten Umſtänden hinterlaſſen hatte. Leonhard hatte, da auf eine Anſtellung nicht ſo ſchnell zu hoffen war, in Folge deſſen ſich nach einer Stelle umgeſehen, in der er den Seinen nicht zur Laſt fiel, und als unſer alter Lehrer um dieſe Zeit eine Pfarre bekam, ſich um den Platz bei uns beworben und ihn auch erhalten. Er hatte ſich in den vier Wochen, daß er im Hauſe, bei allen beliebt zu machen verſtanden. Von unſerer Affaire— ich weiß nicht, ob die Meinen überhaupt jemals da⸗ von erfahren— war natürlicherweiſe keine Rede. „Nach Tiſch, da ich zu meiner alten Stube hinaufſprang, um nach mei⸗ nen kleinen Reiſegeſchenken für die Geſchwiſter zu ſehen, begegnete er mir droben im Corridor.„Junker Erwin,“ ſagt' er, als ich an ihm vorüber wollte,„bitte, auf ein Wort. Vergeſſen können Sie's nicht haben, wie wir damals auf dem Fußwege zuſammen geriethen, aber ich bitte, denken Sie nicht mehr zornig daran. Wenn man ſoeben von der Univerſität kommt, ſpuken Einem noch allerhand alberne Hochmuthsideen im Kopf, und auch bei mir gab's ihrer im Ueberfluß. Ich ſcheue mich nicht zu bekennen, daß ich mich damals auf das ungezogenſte gegen Sie benommen und Sie auf das kindiſch'ſte herausgefordert habe. Vergeben Sie's mir und— laſſen Sie uns fortan gute Freunde ſein.“ „Darauf war, wie Ihr mir zugeſtehen werdet, nicht viel zu thun und 8 Zerbrochen. konnte ich die dargebotene Hand nicht wohl zurückſtoßen. Ich nahm ſie an und hatte das, ſo viel ich einzuſehen vermochte, nicht zu bereuen. Leonhard ſtand, wie ſchon angeführt, bei den Meinen ganz gut und verdiente das durch Gewiſſenhaftigkeit in Erfüllung ſeiner Obliegenheiten, ſowie durch anſtän⸗ diges und taktvolles Benehmen. Mein Bruder, der in dieſer Zeit auf Urlaub zu uns kam, konnte ihn gut leiden, obgleich ein junger Offizier bekanntlich nicht zu den duldſamen Menſchen gezählt werden darf, und auch ich war, da ich Anfangs October auf die Univerſität abreiste, durchaus gut Freund mit ihm. Seine Kenntniſſe und ſeine Lebensgewandtheit flößten mir Reſpekt ein, und das Einzige, was mich gewiſſermaßen ſcheu gegen ihn machte, war die Laxheit und Lockerkeit der Anſchauungen und Grundſätze, die er im Kreiſe jüngerer Männer wohl einmal durchblicken ließ— etwas ſehr gewöhnliches, werdet Ihr zugeſtehen, und zwar gleichviel, ob es nur Renommage iſt, wie häufig, weil man gegen andere Ausgelaſſenere nicht zurückſtehen mag, oder — ſage ich: wirkliches Temperament. Auf mich aber machte dergleichen ſchon damals einen unbehaglichen Eindruck, den ich nie zu überwinden ver⸗ mochte, wie ſehr ich damit früher und ſpäter zuweilen auch verſpottet wurde. „Dieſe Strenge oder Kälte, wie Ihr es heißen wollt, ging durch mein geſammtes Weſen, und wenn mir dadurch auch manches entzogen blieb, was Anderen das Leben erheitert, ſo wurde ich andrerſeits doch auch wieder von vielem zurückgehalten, an dem wir leider nicht wenige zu Grunde gehen ſehen, und ich freue mich noch jetzt, daß ich auf die Jahre, die ich als Student und junger Offizier verlebte, wirklich ohne Reue zurückblicken darf. „Zu erzählen weiß ich von dieſer Zeit nichts. Die Jahre gingen hin, wie unter ſolchen Umſtänden meiſtens, ohne beſondere Leiden und Freuden, und für mich, meiner Natur gemäß, auch ohne große innere Störungen. Ich lebte weder einſiedleriſch noch im wirklichen Sinne des Worts übertrieben ſtreng; ich verſagte mir nichts, was ich für einen Genuß zu halten vermochte; von den Kameraden ſpottete wohl der Eine oder Andere ein wenig über mich, in Achtung aber ſtand ich bei allen und meine Vorgeſetzten vertrauten mir. Endlich, von meiner Familie kam mir auch nur Gutes: mein Vater war rüſtig und wohlauf, wenn er auch meinem Bruder das Gut abtrat, auf wel⸗ ches derſelbe bald eine junge Frau führte; die Schweſtern verheiratheten ſich eine nach der anderen, zuletzt auch die älteſte, Franziska, die bisher noch im⸗ mer, wir wußten nicht weßhalb, gezögert; ſchließlich, mein jüngerer Bruder begann ſeine Carriere im Staatsdienſt mit den beſten Ausſichten und hatte — Von Edmund Hoefer. 9 gleichfalls ſchon eine Braut. Kurz, es ſtand alles charmant, und mein Vater hatte, wie er ſagte, nur den einzigen Aerger, daß ich allein als Hageſtolz leben und ſterben zu wollen ſchien. Das glaubte ich ſelbſt freilich ihm nicht erſparen zu können, denn ich war faſt dreißig Jahre alt und hatte bis dahin noch niemals eine Bewegung geſpürt, die zu dem von ihm gewünſchten Ziele hätte führen können. „So ſtanden die Dinge, als ich in Folge günſtiger Umſtände ſchon nahe zum Hauptmann ſtehend, von meinem bisherigen Regimentschef aufgefordert wurde, ihn als Adjutant nach F. zu begleiten, wohin er als Brigadekomman⸗ deur verſetzt wurde. Der Vorſchlag war zu ehrenvoll, als daß ich ihn hätte ablehnen können, obgleich ich nicht gern von meiner bisherigen Garniſon und den alten werthen Kameraden ſchied. Ich kannte mich gut genug, um voraus zu wiſſen, daß ich in F. ſehr einſam ſtehen werde. Genauer kannte ich dort niemand, und leichtes Anſchließen war meine Sache nicht. Andrerſeits war die Ausſicht, an der Univerſität in F. Vorleſungen hören und meine alten Lieblingsſtudien bei den dortigen Hülfsmitteln beſſer verfolgen zu können, eine ſehr verlockende, und ſo ging ich der nächſten Zeit doch mit einer gewiſſen inneren Befriedigung entgegen. „Wir langten Abends an, und als ich ein paar Stunden ſpäter hung⸗ rig, müde und erfroren— es war unfreundliches Herbſtwetter— an der Wirthstafel erſchien, war meine Miene ſicher keine freundliche und ich nichts weniger als zur Unterhaltung aufgelegt. Ich weiß noch, daß ich mich freute, am Tiſch keine Uniform zu ſehen, und ſetzte mich nach einem flüchtigen allge⸗ meinen Gruß nieder, ohne von meiner Umgebung Notiz zu nehmen. Daher ſchaute ich auch halb verwundert und halb verdrießlich auf, als ich dennoch ſich jemand an mich wenden hörte.„Ei, ſieh da— ſind Sie's, Herr von Bode?“ klang eine Stimme über den Tiſch zu mir herüber. Und da ich den Sprecher, vermuthlich noch immer nicht gar freundlich, nur fragend anblickte, fügte er hinzu:„kennen Sie mich nicht mehr?“— Bekannt war mir das Geſicht freilich, allein wenn es der war, an den es mich erinnerte, mußte es ſich ſehr verändert haben, und zögernd fragte ich:„Herr— Fabri?“ „Ja freilich,“ verſetzte er lachend und indem er mit dem Stuhle näher rückte,„der bin ich. Aber haben die Leute denn wirklich recht, daß ich ganz unkenntlich geworden? Daß mein armer Kopf vor all den tiefen Studien Angſt kriegt und anfängt, Haare zu laſſen, kann's doch nicht ausmachen. Da hätte ich ja auch Sie nicht erkennen dürfen— aus dem entgegengeſetzten 10 Zerbrochen. Grunde: bei Ihnen iſt in den zwölf Jahren der ſtolze Bart gekommen, der Sie gleichfalls verändert, und trotzdem erkannte ich Sie im Augenblick.“ „Der Ton, in dem dieſe Bekanntſchaft erneuert wurde, behagte mir zwar nicht beſonders, bot mir jedoch auch keine Veranlaſſung zu einer abwei⸗ ſenden Entgegnung. Militär und Civil ſtanden ſich damals noch keineswegs ſchroff gegenüber, und da ich einestheils nicht zurückhaltend genug war, um nicht grade nach der froſtigen und langweiligen Reiſe am Ende von einem Gutgelaunten mich unterhalten zu laſſen; und andrerſeits für Fabri doch auch ein gewiſſes Intereſſe hatte, ſo erwiderte ich das Schickliche und ließ der Unterhaltung ihren Gang, Seit jener Begegnung im Vaterhauſe hatte ich ihn wirklich nicht wieder geſehen, denn da ich von der Univerſität kam, war ſein Amt in unſerem Hauſe ſchon zu Ende; er war vom Vater einem Be⸗ kannten für eine ähnliche Stelle empfohlen worden und ſollte ſich dort wohl befinden. Dann war er mir und wie ich dachte, auch den Meinen aus den Augen gekommen, und es war zwiſchen uns nie wieder die Rede von ihm ge⸗ weſen. Jetzt fand ich ihn hier, wo er ſeit einigen Jahren eine Oberlehrer⸗ ſtelle am Gymnaſium bekleidete und zugleich Vorleſungen an der Univerſität hielt, Beides, wie ich bald erfuhr, mit vielem Beifall. „Seine Stellung in der Stadt war überhaupt eine durchaus angeſehene — geachtete, will ich weniger ſagen, da man, in manchen Kreiſen wenigſtens, ſein Privatleben mit nicht grade günſtigen Augen anſah. Ein ſolider Mann, was man ſo zu heißen pflegt, war er im Grunde nicht, geſchweige denn ein unpraktiſcher und der Welt abgeſtorbener Menſch, wie man ihn in jedem Ge⸗ lehrten wittern will. Er war noch Junggeſell, aber nichts weniger als ein Weiberhaſſer, im Gegentheil ein großer Verehrer des ſchönen Geſchlechts und ein nicht minder großer Courmacher, ein Mann, der viel Vergnügen an ſogenannten Liaiſons finden und noch mehr Glück darin haben, vor allen Dingen aber bei dergleichen Affairen außerordentlich wenig an Recht oder Unrecht denken ſollte. Seine Wohnung war hübſch und bequem; das Stu⸗ dirzimmer das ſauberſte, das ich je geſehen, der Salon, wie er ihn hieß, hätte jeder Dame gefallen müſſen; ſein Schlafzimmetwar mit einer Art von Ko⸗ ketterie zu dem zierlichſten und wärmſten Neſt gemacht, das man ſich denken konnte. Er liebid nt zu eſſen und zu trinken, und der Wirth des Hotels, in welchem wir den Tiſch hatten, rühmte ſeine Zunge als die untrüglichſte der Welt. Endlich, ein Mann von Kenntniſſen, Bildung und Geſchmack und ein witziger Kopf, war er ein überall willkommener Geſellſchafter, und daß er — + .—. Von Edmund Hoefer. 11 gelegentlich noch einen Tanz machte und ſich gern an einem Spiel betheiligte, machte ihn für die Geſellſchaft noch brauchbarer. „So lautete etwa das Urtheil, das man in den mir zugänglichen Krei⸗ ſen über ihn fällte, und ſo lautete nach kurzer Zeit auch das meine, der ich ihm bald, ohne mich dahin zu drängen, näher ſtand als irgend ein Anderer. Daß ich in ſeinem Gaſthof aß, verſteht ſich von ſelbſt: es war der beſte und ich fand dort überdies nicht nur mehrere Kameraden, auf die ich denn doch einmal angewieſen war, ſondern unter ihnen auch dieſen und jenen, mit dem ſich in meinem Sinne verkehren ließ. Daß ich auch ſonſt häufig mit ihm zu⸗ ſammentraf, machte ſich gleichfalls wie von ſelbſt, er verkehrte viel mit Offi⸗ zieren. Die alten, mit Ausnahme der erſten kindiſchen Begegnung, durchaus freundlichen Erinnerungen und Beziehungen kamen dazu; er intereſſirte ſich warm für unſere Familie und hing, wie es ſchien, beſonders an meinem Vater und ſeinen früheren Zöglingen noch immer mit Liebe. Und ſchließlich erwies er mir ſelbſt einen Freundſchaftsdienſt, den ich mit vollem Dank anerkennen mußte: da ich keine mir zuſagende Wohnung finden konnte, verſchaffte er mir die hübſcheſte und bequemſte in dem von ihm bewohnten Hauſe, obgleich deſſen Beſitzer ſich bisher geweigert hatte, einen Offizier in's Quartier zu nehmen. „Mit einem Wort, es gab eigentlich nichts, was mir dieſen Umgang entleidet hätte, oder vielmehr, weßhalb ich ihn nicht auf das bequemſte hätte pflegen und fortſetzen ſollen, zumal ich, wie Ihr aus meinen früheren An⸗ gaben ſchließen dürft, nicht grade viele Bekannte, geſchweige denn wirkliche Freunde hatte. Wir harmonirten freilich in gewiſſer Beziehung wenig oder gar nicht: da ich Fabri beſſer kennen lernte, erkannte ich in ihm nicht ſowohl einen Lebemann, als vielmehr einen lockeren Geſellen mit aeeen Ge⸗ wiſſen, der mich obendrein anſcheinend für ſein Leben gern zu ſeinen Anſchau⸗ ungen bekehrt hätte. Da ihm das aber nicht gelang, gab er es, nachdem ich ihm einmal meinen Standpunkt gründlich klar gemacht, auf und unterließ auch bald ſein Spotten, als er bemerkte, daß es mir ſehr ernſt mit meinen Grundſätzen war und daß ich mich ſelbſt zu den Kameraden meſſens fremd ſtellte, da der unter ihnen herrſchende Ton mir nicht convenirte. Er fügte ſich als gebildeter Mann in das Gegebene mit guter Manier, und darauf kamen wir ganz wohl mit einander aus. „Das Haus, in dem wir wohnten, lag in einer Nebenſtraße, aber für mich darum ſehr angenehm, weil ich nur um die nächſte Ecke zu gehen hatte, 12 Zerbrochen. um mein Bureau zu erreichen, und mein Weg zur Kaſerne und zum Parade⸗ platz kaum ein weiterer war. Ueberdies zeigte ſich die Straße, die faſt nur von wohlhabenden Leuten bewohnt wurde, welche die Unruhe belebterer Stadt⸗ theile ſcheuten, außerordentlich ſauber und ruhig und hatte endlich noch den in meinen Augen nicht geringen Vorzug, hinter unſerer Häuſerſeite rück⸗ wärts von großen Gärten begrenzt zu werden, welche den ganzen Raum bis an die Höfe und Hintergebäude einer weiteren, parallel laufenden Gaſſe aus⸗ füllten. Ihr wißt von mir, ich liebe Luft, Licht und Sonne, und ich that das damals ſchon ebenſo wie heut. Ich machte daher, zumal es Winter wurde und ich parterre wohnte, mein Hinterzimmer zum Wohngemach, denn es lag gegen Südoſt und war ſehr freundlich, und ſelbſt die Schneedecke der Gärten und ihre kandirten Zweige, die Vögel, die ſich bald zahlreich zu meinem Fen⸗ ſter fanden, die ehrbaren Krähen, die ſich Abends auf der Firſt des Hinter⸗ gebäudes um die Schornſteine ſammelten, das alles hatte für mich ſeine ſtil⸗ len Reize. Auch arbeitete es ſich hier ganz vortrefflich— ich hatte meinen Plan in Betreff der Vorleſungen ausgeführt und war ſehr fleißig— und es ſtörte mich gewöhnlich nicht ein Laut in meiner Beſchäftigung, wenn nicht— ein Hausgenoſſe einmal an den Brunnen im Hofe ging, oder Fabri, der über mir ſchlief, das Zimmer beim Aus⸗- oder Ankleiden mit ſeinen Schritten durchmaß. „Die Gärten dehnten ſich, wie ich ſagte, weit und breit aus und wurden nur auf einer einzigen Stelle einigermaßen durch ein weit vortretendes Hin⸗ tergebäude der anderen Straße beſchränkt. Das Haupthaus, deſſen Rück⸗ wand man gleichfalls erblickte, war anſcheinend ein neuer gewöhnlicher Bau, der vorſppingende— ſage ich: Flügel jedoch zeigte ſich als der Reſt eines nechämie mit düſteren, maſſiven und doch ſchon hie und da geriſſe⸗ nen Mauern, mit hohem, ſpitz zulaufenden Giebel und kleinen vergitterten, in der Höhe mit Luken verſchloſſenen Fenſtern in unregelmäßiger Reihe. Nur in einer Höhe, die etwa der Beletage entſprach, fanden ſich an der langen Front gegen den Hof zu einige neu eingebrochene größere Fenſteröffnungen mit ſauberen Kreuzſtöcken und hellen Glasſcheiben, und ein einzelnes ähnli⸗ ches Fenſter zeigte ſich auch an der Giebelſeite, welche gegen die Gärten ge⸗ kehrt und für mich völlig ſichtbar war. Man konnte annehmen, daß es zum Eckzimmer gehöre, und dieſes mußte dann trotz der düſteren Umhüllung ein ganz freundliches ſein.— Endlich, etwa zehn Schuh über dieſem letzteren —.— — Giebelfenſter war noch eins, kleiner zwar, aber gleichfalls mit ein paar großen, klaren Scheiben geſchloſſen. „Weßhalb mir das alles beſonders auffiel, weiß ich nicht, es müßte denn ſein, weil ſich der alte Bau ſo düſter in die freundliche Umgebung drängte und ſo gar nicht danach ausſah, als könne auch der anſpruchloſeſte Menſch darin ſich behaglich fühlen. Das ganze Gebäude erſchien, beſonders in dieſen traurigen Herbſttagen, wie der angemeſſenſte Raum nur für altes ⸗Gerümpel, das man aus dem Wege haben will, und wie die ächte und ge⸗ rechte Heimat für Eulen, Fledermäuſe und ſonſtiges Ungeziefer dieſer Art. Daß mitten darunter, gleichviel wie die Wohnung hergerichtet war, auch Menſchen hauſen mochten, war mir räthſelhaft genug: ſie mußten, wie ge⸗ ſagt, ſehr anſpruchslos oder vielmehr gleichgültig, oder ſehr arm ſein. Und dennoch machten die Geſtalten, die ich gleich in den erſten Tagen wohl ein⸗ mal an jenem großen, hellen, mir zugewendeten Fenſter bemerkte, durchaus keinen ſolchen Eindruck, ſie ſahen weenn de wie Leute aus, die zur guten Ge⸗ ſellſchaft gehören. „Es waren ihrer Vier, die ſich dort zu verſchiedenen Zeiten zeigten: ein älterer Herr— alſo wohl der Vater; eine Dame, wohl conſervirt und in den ſogenannten beſten Jahren— alſo etwa die Mutter; ein junges Mäd⸗ chen von ungefähr zwanzig Jahren, und ein halberwachſener junger Menſch von vielleicht vierzehn bis fünfzehn. Dieſer Letztere und auch der Alte zeig⸗ ten ſich meiſtens nur auf Augenblicke am Fenſter und ſetzten ſich noch ſelte⸗ ner; die beiden Damen jedoch weilten, zumal an dunklen Tagen, viel hier, morgens die Aeltere, Nachmittags die Jüngere, und zwar ſtets mit einer Ar⸗ beit anſcheinend eifrig beſchäftigt, denn ſie ſahen von derſelben oft ſtunden⸗ lang nicht einmal auf. Licht ſah ich Abends in dem Zimmer nie— ſie muß⸗ ten dann in einem anderen Raum weilen. Dagegen erhellte ſich das er⸗ wähnte, droben einzeln ſtehende kleine Fenſter meiſtens gegen zehn Uhr, zu⸗ weilen auch erſt ſpäter, und blieb bis tief in die Nacht hinein hell. „Ihr lächelt, Franz,“ unterbrach Erwin ſich hier, und auch über ſein ſtilles Geſicht flog ein gedankenvolles Lächeln, wie ein Wolkenſchatten zu⸗ weilen leiſe durch den Sonnenſchein gleitet,„Ihr lächelt und denkt vielleicht, daß es mit meinem gerühmten Fleiß wohl nicht weit her geweſen ſein könne, wenn ich nebenher ſo genaue Beobachtungen über mein Visavis anſtellen konnte. Ihr habet recht, mein Freund, es war damit ein wunderlich Ding! Wie mein Intereſſe ſich von dem alten wüſten, finſteren Gebäude auf dieje⸗ Von Edmund Hoefer. 13 — 14 Zerbrochen. nigen wandte, die darin hausten; wie die erſten, zufälligen, zerſtreuten, ſe⸗ kundenlangen Blicke allmälig zu einem vorſichtigen und bangen, ſtundenlan⸗ gen Spähen wurden, das ſchier meine ganze freie Zeit in Anſpruch nahm, das mich jede Störung durch den Dienſt, durch einen Beſuch verwünſchen ließ— lieber Gott, es war ſeltſam genug und doch ſo einfach und natürlich wie irgend möglich! Denn wie ruhig ein Herz auch ſein, für wie feſt gefei't der Menſch ſich halten mag gegen jeden Eindruck, den ein anderes Weſen auf ihn machen könnte— einmal ſchlägt doch auch für dies Herz die Stunde, und einmal fühlt doch auch er's, daß und wo er verwundbar iſt. „Ich hatte bis dahin, ſagt' ich Euch, nie einen tieferen Eindruck empfan⸗ gen, nie mich wirklich gefeſſelt gefühlt,— jetzt, ſeit ich das Mädchen drüben geſehen, war es mit meiner Freiheit vorüber. Das iſt aber nicht bloß alles, was ich darüber ſagen kann, ſondern es war auch in Wirklichkeit für eine lange Zeit alles, was ich mir ſelbſt zu ſagen wußte. Von Fortſchritten war kaum die Rede. Es verging mancher Tag bis zu dem erſten, längeren und ernſteren Blick; es verging Woche auf Woche, bis ich die vier verſchiedenen Bewohner ſelber unterſchieden und ihr Treiben und Bewegen, wie ich vorhin berichtete, endlich beobachtet hatte, und als ein Vierteljahr herum war, das heißt im Februar, wußte ich noch nichts weiter von ihnen, als was ich ge⸗ ſehen hatte. „Lacht mich immerhin aus, mein Freund— hätt' ich es von einem An⸗ deren gehört, was ich an mir ſelbſt erlebte, ich wäre vermuthlich auch nicht ernſt geblieben. Allein über mich ſelber lachte ich nicht. Gleich in den erſten Tagen hatte ich einmal zu Fabri von dem alten düſteren Gebäude geſprochen und bedauernd nach ſeinen Bewohnern gefragt. Er wußte von den letzteren nichts, ja kannte kaum das Erſtere. Er wohnte im Hauſe gleichfalls erſt ſeit dem vergangenen Frühling; im Schlafzimmer, wo er ſich überdies wenig aufhielt, war das Eckfenſter zutapezirt, und das noch übrige zweite wurde durch einen großen Gartenbaum in dieſer Richtung ſo vollſtändig maskirt, daß man ſogar jetzt, durch das laubloſe Gezweige, kaum etwas von jenen Gebäuden drüben bemerken konnte. „So erklärte ſeine Unkenntniß ſich ganz einfach, und ich hatte dazumal doch noch nicht Intereſſe genug für den alten Bau und ſeine Einwohner, um mich weiter danach zu erkundigen. Später, ja ſogar bald, wäre mir dies unmöglich geweſen. Jede Frage wäre mir wie ein Verrath an meinem Her⸗ zen, wie eine unverzeihliche Indiseretion gegen diejenige erſchienen, die all— Von Edmund Hoefer. 15 täglich mehr mein Schauen und Denken und Träumen in Anſpruch zu neh⸗ men begann. Jeder Blick, den ein Beſuch etwa hinüberwarf, verdroß mich, und wenn ſich vor Fabri dennoch einmal ein Wort auf meine Lippen drän⸗ gen wollte, zuckte ich zurück, wie vor einer Sünde. Ich war mehr als ein⸗ mal durch jene Gaſſe gegangen und hatte mir das Vorderhaus ausgerechnet und durch ſeine offenſtehenden Thüren auch richtig ein Stück des alten Hin⸗ tergebäudes bemerkt. Es war, wie ich vorausgeſetzt, ein gewöhnliches, ſolide ausſehendes Haus und kein Laden darin, auch keiner in der Nähe, wo ich allenfalls hätte eintreten und zufällig zu Entdeckungen gelangen können. Und auch meine letzte Hoffnung war umſonſt: ich begegnete niemals einem von den Vieren auf der Straße, geſchweige denn in meinen Geſellſchafts⸗ kreiſen, und niemals hörte ich Worte äußern, die ſei es auf die Eltern, ſei es auf die Tochter hätten gedeutet werden können— nicht wenig auffällig, füge ich hinzu. Denn das Mädchen war wirklich ungewöhnlich ſchön, und es gab in unſerem Kreiſe Leute genug, welche ſolche Erſcheinung ſich nicht leicht entgehen ließen. „Das ging ſo fort— ich ſagte ſchon, bis in den Februar. Dann trat inſofern eine Aenderung ein, als ich mich über die grenzenloſe Sentimenta⸗ lität meines bisherigen Schmachtens und Träumens ein wenig zu ſchämen begann. Was Kukuk, Erwin, ſagt' ich zu mir ſelbſt, du biſt ein geſunder und im Ganzen fideler Geſell, du haſt immer geglaubt das Herz auf der rechten Stelle und ebenſoviel Muth wie ein Anderer zu haben. Du biſt keine Schnürpuppe, aber auch kein häßlicher Menſch, du haſt eine gute Carriere vor dir und beſitzeſt ſchon jetzt Vermögen genug, um jeden Tag heirathen zu dürfen, du haſt endlich einen ehrenwerthen Namen und ſtehſt in der Geſell⸗ ſchaft im beſten Ruf— was ſoll denn dies verwünſchte Geträume und Ge⸗ ſchmachte? Was greifſt du nicht durch und erkundeſt, wem dein Herz ſich zu⸗ gewendet, und ob die Sache zu Ende ſein muß oder ob du auf guten Erfolg für deine Wünſche rechnen darfſt!— „Indeſſen der Wille war gut, aber, wie man das heißt, das Fleiſch ſchwach: zum eigenen Handeln wußt' ich keinen Anfang zu finden, und zum Fragen mich nicht zu entſchließen, von dem heimlichen Lauſchen hinter dem Vorhang hervor mich nicht los zu machen. Die Sentimentalität, denn die war's, hatte mich ſchon gar zu ſehr überwuchert und eingeſponnen; mein Chef guckte mich zuweilen höchſt bedenklich, ſchief von der Seite an, meine Kameraden, mit denen ich ohnehin wenig vertraut war, fingen an mich mit 16 Zerbrochen. meiner Zerſtreutheit und meinem Tiefſinn zu necken, und in der Geſellſchaft, welche in dieſem Monat am munterſten war, erging es mir kaum anders., Das alles verdroß mich ſelbſtverſtändlich und ebenſo folgerichtig wurde ich widerwärtig und ſuchte und bekam Händel; kurz es war eine fatale Zeit und Gott mag wiſſen, was endlich daraus geworden, wäre mir nicht endlich— ich will einmal ſagen: der Zufall zu Hülfe gekommmen. Ich weiß freilich ſchon längſt, daß es etwas ganz Anderes war. „Die alte Stadt, in der wir lebten, i*ſt, oder wie ich vielleicht ſagen muß: war eine ſehr eigenthümliche; ich bin nie wieder dort geweſen, und die fünfzehn Jahre, welche ſeit jener Zeit vergingen, haben grade was alte Ge⸗ bräuche und Einrichtungen angeht, mehr und gründlicher aufgeräumt, als ein vorhergehendes ganzes Jahrhundert. Es gab damals dort noch mancher⸗ lei, was an eine längſt entſchwundene Zeit mit einer ſehr großen ſtädtiſchen Selbſtändigkeit gemahnte, und der außerordentlich bedeutende Handel, der zu Waſſer und zu Lande hier in Deutſchland hinein und dort nach Rußland und Polen, nach Ungarn und der Moldau und immer weiter ging, hatte Verhältniſſe hervorgerufen, die an Eigenthümlichkeit ihres Gleichen ſuchten. „So bildeten die Lader und Packer— ſie führten dort, glaub' ich, einen beſonderen, mir jedoch nicht mehr erinnerlichen Namen— eine eigene In⸗ nung und zwar eine der angeſehenſten von allen. Sie hatte nicht nur ein ſehr bedeutendes Geſammtvermögen, ſondern zählte auch viele Mitglieder, welche zu den wohlhabendſten Leuten der Stadt gehörten. Aller Verkehr ging durch ihre Hände und mit dem Handelsſtande, vom Großhändler her⸗ unter bis auf den kleinſten Krämer ſtanden ſie auf einem beinah vertrauli⸗ chen Fuß. Sie hielten in jedem Winter einen großen Ball und es war an⸗ fangs eben nur eine Höflichkeit geweſen, daß ſie die Chefs der Häuſer, für die ſie arbeiteten, mit ihren Familien, ihren Verwandten und Freunden zum Beſuch desſelben aufforderten. Dieſe Einladungen waren aber immer wei⸗ ter ausgedehnt und mit Vergnügen angenommen worden und wurden zu meiner Zeit auf das ernſtlichſte geſucht. Es iſt möglich, daß manche ſich mit dem wohlthätigen Zweck entſchuldigten— es gab jedermann eine Art von Entree zum Beſten der ſtädtiſchen Armen; die meiſten gingen aber doch des Vergnügens wegen hin und um ſich ein paar Stunden lang an dieſer wun⸗ derbaren Miſchung der Stände zu ergötzen, die man nirgends wie hier fand: die ſchlichteſten Bürger und die excluſivſten Patrizier, die ſtolzeſten Beamten und Militärs zeigten ſich mit den Ihren ganz höflich neben einander. Es —— Von Edmund Hoefer. 17 ging durchaus anſtändig zu, und ich möchte es niemand gerathen haben, den Reſpekt gegen die ſogenannte gute, oder die Schicklichkeit gegen die ſchlichte Geſellſchaft zu vergeſſen. Die Innungsvorſtände und Feſtordner verſtanden in dergleichen Dingen keinen Spaß und fragten verzweifelt wenig nach Rang und Würde des Excedenten. „Daß ich nicht aus Vergnügen auf dieſen Ball ging, brauche ich nicht erſt zu ſagen; ich mußte mit meinem Kommandeur hin, der dort eine Haupt⸗ perſon war, und während die Kameraden luſtig umherdrängten, den Hof machten und Süßigkeiten ſagten, ſchob ich mich gelangweilt durch das Ge⸗ dränge,— es war trotz der ſehr großen Räumlichkeiten furchtbar voll, weil jetzt noch alle Welt ſich im Hauptſaal hielt— und wünſchte von Herzen wieder auf meiner ſtillen Stube zu ſein. Eigentliche Bekannte, mit denen ich hätte plaudern mögen, hatte ich noch kaum getroffen. Indem aber erho⸗ ben ſich die Klänge der Polonaiſe, und während alles wie toll durcheinander ſchoß und die Colonne ſich mühſam bildete, ſah ich den Kommandeur mir, dem Zögernden, mit mächtigem Kopfſchütteln drohen, und zugleich trat einer der beſchleiften Feſtordner an mich heran—„Herr Lieutenant, das geht nicht an, daß ſo ſchmucke und fixe Herren pauſiren,“ ſagte er,„wenn noch ſo hübſche Damen da ſitzen. Erlauben Sie!“ Und indem hatt' er mich am Arm und fortgezogen und vor eine Dame geſtellt, die allein mit einer älteren und einer gleichfalls jungen in der Ecke ſtand— an Sitzen war jetzt nicht für die Hälfte der Geſellſchaft zu denken—; ich vernahm einen Namen, den ich nicht verſtand, und im nächſten Augenblick hatt' ich ihren Arm im meinen und begann mich mit ihr langſam in der Colonne fortzubewegen. „Wie mir zu Muth war, mag Gott wiſſen,— ich könnte es Euch nicht ſchildern, nicht damals und nicht jetzt. Es war mein unbekanntes, geliebtes oder richtiger: angebetetes Visavis, die ſtets Geſuchte und nirgends Gefun⸗ dene! Ich fühlte mich förmlich betäubt und keines Wortes mächtig, ſo daß ich ihr in dieſen erſten Augenblicken wie ein alberner oder ungezogener Burſch' erſchienen ſein muß, und es bedurfte einer recht ordentlichen Pauſe, eines bedenklichen Andrängens der uns folgenden Paare und eines ernſtlichen Zu⸗ ſammennehmens, um mir eine von den gewöhnlichen trivialen Bemerkungen möglich zu machen. So vernahm ich doch zum erſtenmal ihre Stimme— und damit war der Bann gelöst. Ich konnte ſprechen, auf ihre wenn auch kurzen und befangenen Antworten lauſchen, mit Entzücken die elaſtiſchen Be⸗ wegungen der anmuthigen Geſtalt beobachten, mit einer Art von unbeſchreib⸗ Hausblätter. 1867. I. Bd. 2 18 Zerbrochen. lichem, innerem Glück den leichten Druck des weißen Arms fühlen, der auf dem meinen ruhte, und mit noch größerer, ſüßerer Freude die leiſe Heiter⸗ keit bemerken, die ſich ein paarmal über die ſanften Züge des ſchönen Ge⸗ ſichtes verbreit ete, ſich um die feinen Lippen und die großen dunkelblauen Augen ſchmiegte. Mit einem Wort, es war eine Empfindung, wie ich ſie ſelbſt ihr gegenüber nie wieder in dieſer Tiefe, in dieſer— ſage ich: Selig⸗— keit gefühlt, als ich zum erſtenmal das alles in der Nähe vor mir ſah, das ich bisher nur aus der Ferne hatte belauſchen dürfen, als ich mir ſagen mußte, daß all das bisher doch faſt nur Geahnte, auch in Wirklichkeit da und um vieles lieblicher ſei, als es meine Träume ſich auszumalen vermocht. „An die Polonaiſe ſchloß ſich ein raſcher Walzer; doch war es nur eine Ronde geweſen, als der Tanz auch ſchon ſein Ende erreichte und ich die Dame zurückführte.„Ihre Eltern haben ſich wo anders hingewandt, ſcheint's,“ ſagte ich, mich vergeblich nach ihren früheren Begleitern umſehend, die ich mir in jenem erſten Augenblick freilich wenig angeſehen hatte.—„Meine Eltern ſind nicht hier,“ erwiderte ſie;„ich bin mit einer uns bekannten Fa⸗ milie gekommen. Da ſeh' ich ſie— bitte, hier, mein Herr.“— So gab ich ſie denn ab— die Leute waren mir völlig unbekannt— ſicherte mir noch einen ſpäteren Tanz und trat in den Saal zurück— ich wiederhol's: mit einem wunderbaren und doch kaum gerechtfertigten Glücksgefühl. Denn ich— wußte auch jetzt noch nicht einmal ihren Namen und über meine Nachbar⸗ ſchaft hatte ich ſelbſtverſtändlich keine Silbe laut werden laſſen. Das wäre ein gar zu ſchnelles Ende meines Schmachtens geweſen. „Der General ſtreifte an mir vorbei.„Gratuliere, mein Lieber, gra⸗ tuliere! Benehmen ſich doch wieder wie ein Menſch von Fleiſch und Blut— hm, hab's geſehen und— mein Compliment! Charmante Erſcheinung, bei Gott, und exquiſit. Wer iſt's?“—„Ich verſtand den Namen nicht, Herr General,“ ſagte ich.—„Erkundigen ſich hoffentlich,“ meinte er, ſich weiter ſchiebend,„iſt's werth, bei Gott!“— „Nun, damit war ich bekanntlich durchaus einverſtanden und hatte auch eine Frage im Sinn, ſobald ich nur jenem Feſtordner wieder begegnete, der mich ihr zugeführt hatte. Mich bei Anderen zu erkundigen, ſchien mir abge⸗ ſehen von dem inneren Widerſtreben, ziemlich ausſichtslos, da mich ein gele⸗ gentlicher Blick auf ſie und ihre Begleitung überzeugte, daß ſie ſehr wenig Bekannte hier gefunden. Es war indeſſen ein übel Ding, in dieſem Getreibe eine beſtimmte Perſon aufzufinden, und der verheißene Tanz war bereits Von Edmund Hoefer. 19 ganz nahe, ohne daß ich meinen Zweck hätte erreichen können. Ich hatte mich ſchon wieder in die Nähe ihres Sitzes gedrängt— nicht bloß um ſie zu ſehen, mein Lieber, ſondern auch weil ſolche Vorſicht am heutigen Abend ge⸗ boten war. Da fühlt' ich eine Hand auf meiner Schulter, und als ich mich umdrehte, war es Fabri, den ich bisher noch nicht bemerkt hatte. „Sehen Sie ſich Ihre Dame von vorhin an, Lieutenant?“ fragte er in dem vertraulichen Ton, zu dem wir nach und nach gelangt waren.„Nun, ſie verdient's, ſie hat ſich in den paar Jahren wirklich merkwürdig heraus⸗ gemacht. Auch ich hab' ſie mir ſchon ein paarmal angeſehen und wollte, da ich ſie zuerſt mit Ihnen ſah, kaum meinen Augen trauen. Ich wußte gar nicht, daß ſie hieher gezogen. Die Familie war ganz verſchollen.“— Das ging ſo in einem Zuge fort, wie er ja auch jetzt noch fließend genug reden kann, daß ich erſt bei ſeinem völligen Schweigen zu der Gegenfrage gelan⸗ gen konnte:„Sie kennen die Dame alſo? Wer iſt es?“—„Ei, Fräulein Alma Malinska,“ ſagte er gleichfalls verwundert;„nannte man ſie Ihnen nicht? Die Tochter des armen Majors—.“—„Sie ſagen das in gar be⸗ ſonderem Ton, Profeſſor, als ſtecke da ein Geheimniß,“ bemerkte ich.— „Geheimniß? Vielleicht hier für F., aber ſonſt gar nicht,“ erwiderte er;„es war damals in G. die große Begebenheit— aber freilich, Sie ſind ja erſt ſeit kurzem hier, und überdies weiß ich nicht, wie viel von den Gerüchten hier herüber gedrungen. Möglicherweiſe hat man's nach beliebter Art auch einfach auf die Seite geſchoben— man thut das in der Geſellſchaft ja ſelbſt mit denen, die man einmal zu ihren Größen gezählt hat.“— Er ſagte dies alles mit mehr Gefühl, als ich bisher in ſolchen Fällen bei ihm zu be⸗ merken gehabt, ſein Auge ruhte mit Theilnahme auf dem Mädchen, das eben wieder zum Tanz antrat, und ich gewann dadurch das Recht, ohne heuchle⸗ riſche Gleichgültigkeit zu entgegnen:„davon müſſen Sie mir erzählen, Pro⸗ feſſor. Der nächſte Tanz mit der Dame iſt der meine— dann, halten Sie ſich dort an der Thür,— will ich zu Ihnen kommen.“ „In einer Pauſe des Tanzes ſprach ich gegen ſie mein Erſtaunen dar⸗ über aus, daß ich ihr bisher noch nirgends in der Geſellſchaft begegnet ſei. Das wäre begreiflich, meinte ſie ruhig, da ſie auch ſehr ſelten in derſelben zu erſcheinen Gelegenheit fände. Sie wären überhaupt noch nicht lange hier, ihrer Bekannten wären wenige, der Vater alt und leidend an alten Wunden; die Mutter und ſie ſelbſt würden dadurch viel daheim gehalten und hätten auch nur ſelten die Stimmung, welche ſich für die Geſelligkeit eignete. Auch . 2* V 1 20 Zerbrochen. heut wäre ſie ſchwerlich erſchienen, hätte die alte Freundin ſie nicht in ihren Schutz genommen und wären die Eltern nicht darauf beſtanden, daß ſie ein⸗ mal aus der Zurückgezogenheit hervortrete.„Ueberdies,“ ſchloß ſie,„ſind die Feſtgeber, wie Sie vielleicht noch nicht wiſſen, ſehr empfindlich, wenn man ihrer Einladung nicht folgt. Und wir haben bereits die vergangenen zwei Jahre dieſe Sünde begehen müſſen.“ „Der Tanz war aus, wir hatten uns, abgeſehen von meiner Empfin⸗ dung, gut mit einander unterhalten, und da ich ſie zurückführte, durfte ich ſchon einmal ſcherzend ſagen:„nach Ihren Worten, mein Fräulein, müßte ich hier alſo auf ein Jahr Abſchied von Ihnen nehmen. Das iſt verzweifelt lange!“—„So arg iſt es nun doch grade nicht,“ verſetzte ſie lächelnd.„Hie und da gehen wir ſchon einmal aus, und wenn Sie die gleichen Bekannten haben, können Sie uns wohl begegnen— noch vor dem nächſten Ball auf dieſer Stelle.“— Sie ſtellte mich dann noch ihrer Beſchützerin, einer ver⸗ wittweten Regierungsräthin Haspar, und deren Tochter vor, und darauf zog ich mich zurück— tiefer bewegt als je und ſo zweifelhaft und unſicher wie möglich. Hätte ich meiner Nachbarſchaft gedenken ſollen? Hätte ich um die Erlaubniß zu einem Beſuch bitten müſſen? Durfte ich mich ihr heut Abend noch einmal nahen?— Ihr ſeht wohl, Franz, ich war ein großer Thor.“ Er hielt hier inne, denn wir waren mittlerweile der Stadt wieder nahe gekommen, und die Straße war ſo lebhaft, daß an eine Fortſetzung des Be⸗ richts nicht wohl mehr gedacht werden kounte. Wir gingen denn auch eine Weile in gleichgültigem Geſpräch weiter, und da wir durch's Thor und an die Straßenecke kamen, wo unſere Wege ſich gewöhnlich trennten, blieb er ſtehen und ſagte, mir die Hand bietend:„nun, auf ein andermal, Franz.“— „Ei behüte, Hauptmann,“ erwiderte ich und ſprach aus, was ich dachte,„ſo haben wir nicht gewettet. Jetzt ſeid Ihr einmal im Gange und angeregt, aber wann das wieder der Fall ſein wird, mag Gott wiſſen. Ihr kommt mit mir und wir bleiben heut Abend zuſammen. Ihr ſollt alles haben, wie es Euch behaglich iſt.“— Er zuckte die Achſeln.„Und wenn ich nachgebe, Franz— macht Euch keine großen Vorſtellungen von dem Reſt meiner Er⸗ zählung. Es iſt eine Geſchichte, wie ſie ſicher hundert- und aber hundertmal in der Welt paſſirt, und wenn etwas Beſonderes dabei war, kam das nur in Folge meiner Individualität hinzu, die mich eben Glück und Leid tiefer zu er⸗ faſſen zwang und ſchwerer überwinden ließ, als es bei den meiſten Anderen der Fall geweſen ſein möchte. Wen geht das an, wenn nicht mich allein?“— Von Edmund Hoefer. 21 „Mich,“ erwiderte ich kurz.„Kommt, Hauptmann; ich laſſe Euch doch nicht los.“ Und wir ſaßen in meinem ſtillen alten Zimmer, und die Lampe brannte. Er hatt' es ſich in der Sophaecke bequem gemacht, wie er's liebte und leider auch bedurfte. Und die Arme über die Bruſt gekreuzt, und der Cigarre, die er zwiſchen den Lippen hielt, nur von Zeit zu Zeit eine leichte Rauchwolke entziehend, ſaß er eine ganze Weile ſchweigend. Ich ſah mir wieder dies ſchöne Profil an und dachte an das, was er erzählt hatte und was noch nach⸗ folgen mußte— ſollte ich's heut erfahren, was dieſen Menſchen gebrochen und dieſe Natur nicht zu ihrer Entwickelung hatte gelangen laſſen? Hatte denn dies, was ſich hier vorzubereiten ſchien, ſo ſchwer werden können, daß es alle ſeine Kraft und ſein Leben zerbrach? Aber freilich, eine ſolche Ge— walt mißt ſich nicht nach dem Urtheil eines Anderen, ſondern nur nach der eigenen Individualität ab. Ich war ſo tief in mein Schauen und Träumen verſunken, daß ich bei⸗ nah erſchrak, da er jetzt, ohne eine weitere Einleitung, ſeine Erzählung wie⸗ der aufnahm. Er hatte mein Zuſammenzucken bemerkt, aber er nahm keine Notiz davon; nur ein leiſes Lächeln flog durch die ſtillen Züge. „Als ich mich von ihr abgewandt hatte und mich nun zu Fabri begeben wollte, den ich richtig auf dem angewieſenen Poſten ſah, begegnete mir im Gedränge ein Hauptmann Herbert vom—ten Regiment, das, wie ich hin⸗ zufügen muß, ſchon ſeit dem letzten Friedensſchluß in der Stadt garniſonirte, während das zweite, bei dem ich wenigſtens einige ältere Bekannte hatte, erſt ſeit etwa anderthalb Jahren hieher verlegt war. Die beiden Offizierkorps ſtanden— es iſt gleichgültig, weßhalb— auf ſehr kühlem Fuß mit einander, und ich zählte in dem einheimiſchen keinen einzigen, mit dem ich verkehrt hätte. So verwunderte ich mich auch einigermaßen, da ich mich von dem Hauptmann anreden hörte, und mein Erſtaunen wurde noch größer, als ich die Worte vernahm:„Herr Kamerad, da Sie hier noch fremd ſind, erlauben Sie mir vielleicht einen Rath, der auf das herzlichſte gemeint iſt. Kennen Sie die Familienverhältniſſe der Dame, mit der Sie eben tanzten?“—„Nein, aber wie ſo?“ fragte ich ziemlich kurz.—„Ich bin in einer ruhigeren Stunde zu jeder Aufklärung bereit,“ ſagte er gleich artig.„Hier kann ich Sie nur bit⸗ ten, knüpfen Sie vor dieſer Aufklärung keine Bekanntſchaft an, wie ſehr man Ihnen dies auch erleichtern möchte. Nochmals— es iſt herzlich gemeint, Herr Kamerad.“ 22 Zerbrochen. „Darauf, werdet Ihr begreifen, war nicht wohl etwas Unhöfliches zu erwidern; ich machte alſo meine Verbeugung und drängte mich weiter, zu Fabri, der mich mit den Worten empfing:„Der wollte Ihnen wohl einen Floh in's Ohr ſetzen, in Betreff Ihrer Tänzerin?“—„Profeſſor!“ ſagte ich faſt beſtürzt,„ſind Sie ein Schwarzkünſtler?“—„Leider Gottes nein,“ lachte er,„aber hierzu bedarf's deſſen auch nicht. Denn wenn man den Herrn Sie beobachten ſah und alte Geſchichten weiß, und er dann mit Ihnen ſpricht, in ſeiner Paradehaltung— da iſt's grade kein Hexenwerk, ſeine Worte zu kennen, ohne ſie gehört zu haben.“—„Nun kommen Sie, kommen Sie,“ ſprach ich erregt.„Ich lieb's nicht, neugierig zu ſein.“— Er ſtimmte mir achſelzuckend zu, und wir ſuchten uns einen Platz, wo er mir ungeſtört er⸗ zählen konnte. „Es war eine einfache Geſchichte. Der Major von Malinski gehörte zu jener dazumal zahlreichen Klaſſe von Offizieren, welche das ſchrankenloſe Leben während des Kriegs auch im Frieden nicht recht aufgeben konnten und die ihnen gewährte Protection und Nachſicht ſo lange auf's Spiel ſetzten, bis man ſie eben wohl oder übel fallen laſſen mußte. Dies ſtand auch von dem Major feſt— er war unverbeſſerlich und die Schonung mußte aufhören; er wurde penſionirt, jedoch mit einer bei weitem höheren Penſion, als ihm eigentlich zukam, und, um das anzuführen, um aller dieſer Vorgänge willen bedauerte ihn kein Menſch, ſelbſt Fabri nicht. Mit den alten Kameraden— dies alles geſchah in der von F. nicht weit entlegenen Feſtung G., wo auch Fabri damals angeſtellt war— ſtand er trotzdem auf erträglichem Fuß und in der Geſellſchaft ſpielte er die frühere Rolle weiter: er war, wenn auch ein leichtſinniger und unter Umſtänden ſchrankenloſer, doch kein unehrenhafter Mann und beliebter Geſellſchafter, und ſeine Frau galt für die größte Schön⸗ heit ihrer Kreiſe, ließ ſich dieſen Vorzug gern gefallen, war eine Dame von Welt und genoß, wiederum muß ich hinzufügen: trotzalledem des beſten Rufs und der vollſten Achtung. Sie bedauerte man wegen der Extravaganzen des Mannes und der ihr jetzt auferlegten Einſchränkung. Sie hatte vordem ihr Haus zu einem der angenehmſten zu machen verſtanden; nunmehr ſah ſie nur ſehr ſelten noch Geſellſchaft bei ſich. Dieſe würdige Ergebung in das ihr Auferlegte rechnete man ihr gleichfalls hoch an. „Da tauchte vor etwa vier Jahren plötzlich das Gerücht auf, daß Ma⸗ linski's dennoch häufig, ja faſt allabendlich Geſellſchaft bei ſich ſehen ſollten, freilich ganz im Geheimen und faſt allein Herren: es werde dort ſehr hoch —2 — Von Edmund Hoefer. 23 geſpielt und die Damen, Frau von Malinska, ihre kaum erwachſene Tochter und zuweilen irgend eine Freundin, wüßten die Geſellſchaft auf das ange⸗ nehmſte— andere brauchten andere Ausdrücke— zu unterhalten und bei dem ſpäten, üppigen Souper zu präſidiren. Und als man dies ſich eben zu⸗ geflüſtert hatte, kam ſchon etwas Schlimmeres hinzu: es ſollte falſch geſpielt und der Betrug entdeckt worden ſein, die böſeſten Scenen hätten ſtattgefun⸗ den, und was man den Damen nachſagte und ſich über die Nachſicht und Mitwiſſenſchaft des Gatten und vielleicht auch des Vaters angeben zu kön⸗ nen meinte, mußte auch von dieſer Seite den Ruf der Familie vernichten. „Von wem der erſte Anſtoß zu all dieſen Gerüchten gekommen, wer betrogen worden und den Betrug offenbart, wer ſich einer ungehörigen Gunſt zu rühmen gehabt— das alles wurde nicht bekannt— es trat kein einzelner Ankläger auf. Trotzdem litt die Familie bitter, denn die Geſellſchaft ver⸗ ſchloß ſich ihr, und der Major wurde von den Offizieren der G.ſchen Gar⸗ niſon zum Austritt aus ihrem Kaſino veranlaßt. „Natürlicherweiſe fanden ſich indeſſen den Gläubigen gegenüber von Anfang an auch Ungläubige, und die Zahl dieſer Letzteren wuchs, je länger jede wirkliche Anklage ausblieb. Beſonders, was man gegen die Damen ge⸗ redet, erregte hier die vollſte Mißbilligung: die Majorin war, wie geſagt, bisher niemals einer Ausſchreitung beſchuldigt worden und ihre Tochter Al⸗ ma war beinah noch ein Kind— und ließ auch alles Uebrige verdächtig er⸗ ſcheinen. Man fand entſchieden zu hart, was hie und da gegen die Familie geſchah, man begann den Major ſelbſt ernſtlich zu bedauern, und die Theil⸗ nahme wuchs, als man erfuhr, daß er ſich männlich, aber leider vergeblich gegen dieſe furchtbaren Angriffe auf ſeine und der Seinen Ehre erhoben habe. Seine Forderung wurde von einem früheren Kameraden bis dahin zurückge⸗ wieſen, wo er ſich völlig gereinigt haben würde, und die bei Gericht anhängig gemachte Klage führte noch weniger zu etwas Genügendem. Mit einem Wort, die Stimmung hatte ſich, Einzelne ausgenommen, durchaus zu Gun⸗ ſten der armen Familie geändert, und ſelbſt die unerhörte Schuldenmaſſe, die bei dieſer Gelegenheit bekannt wurde, rechnete man dem Major nicht grade hoch an. Im Gegentheil beklagte man die Menſchen von neuem, die nun zur allmäligen Deckung auch noch einen großen Theil der Penſion ver⸗ loren. Und ſo natürlich man es fand, daß die Familie nach all dieſen wider⸗ wärtigen Affairen verſchwand, ſo beklagte man doch auch dies: man behaup⸗ tete, daß man die Leute, wenigſtens die Damen, gern unter ſich behalten 24 Zerbrochen. hätte, um ihnen all die Schmach zu vergüten. Daß man trotzdem ſich nicht groß bemühte, ihrem Verbleiben nachzuforſchen, liegt in der Natur der Dinge und Verhältniſſe. „So ſteht's,“ ſagte Fabri zum Schluß.„Es iſt manches Unaufgeklärte in dieſer Geſchichte, und daß es mit dem alten Herrn nicht in allen Punkten glatt und ſauber geweſen iſt, will ich gern zugeben. Wirkliche Unehrenhaf⸗ tigkeit iſt ihm indeſſen niemals bewieſen worden, und daß man ſeine Familie ſchier noch härter beſchuldigte als ihn, war eine Abſcheulichkeit, die ſelbſt mich völlig Unbetheiligten empört hat. Nun ſagen Sie mir, Lieutenant— ſind die Leute hier oder wo ſtecken ſie?“—„Danach fragte ich nicht,“ erwiderte ich ausweichend;„doch ſcheinen ſie nach der Dame Andeutungen allerdings in der Stadt zu leben und mit einigen alten Bekannten in Verbindung zu ſein.— Aber von Herbert ſagten Sie mir nichts, Profeſſor?“ „Der Hauptmann,“ verſetzte er achſelzuckend,„ſtand damals auch noch in G. und war von Anfang an einer der entſchiedenſten Gegner, und— ſehen Sie, als jeder Kläger und jeder Beweis gegen den Major ausblieb, ſagte man, der Betrogene und Entdecker des Betrugs, der Geliebte von Mut⸗ ter oder Tochter und ſo weiter, ſei ein junger reicher Menſch geweſen, der zu jener Zeit bei dem in G. garniſonirenden Bataillon auf Avancement gedient, den Dienſt aber plötzlich aufgegeben hatte und abgereist war. Daß er leiden⸗ ſchaftlich und hoch geſpielt, daß er zumal mit Herbert häufig verkehrt und auch mit dem Major bekannt geweſen, war alles wahr genug. Weiteres aber wurde auch hier nicht kund, er meldete ſich nicht wieder, am wenigſten als Ankläger, und Herbert erklärte auf eine, wie ich weiß, unter der Hand an ihn gerichtete, aber offizielle Frage, nichts von den näheren Verhältniſſen und beſonderen Erlebniſſen des Abgereisten zu wiſſen. Kurz, wie man auch über die ganze Affaire urtheilte und noch urtheilt— klar hat ſich der Haupt⸗ mann in der Sache nicht benommen. Er hat die Familie, zum wenigſten den früheren Kameraden, entſchiedener verdammt als irgend ein Anderer, ohne jemals einen Grund dafür anführen zu wollen.— Nun aber,“ ſchloß Fabri,„laſſen Sie uns in den Saal gehen. Ich möchte wiſſen, mit wem die Alma den Ball beſucht hat— es intereſſirt mich, von den armen Menſchen und ihrem Ergehen in der fremden Stadt und in dieſer langen Zeit zu hören.“ „Es fiel mir in dieſem Moment nicht als unwahrſcheinlich auf, daß Fabri das junge Mädchen beobachtet haben ſollte, ohne nach ihrer Begleitung zu ſehen, und auch dieſe an ihm ſehr ungewöhnliche, warme und ſelbſtloſe Von Edmund Hoefer. 25 Theilnahme überraſchte mich nicht— ich hatte zu viel Anderes im Kopf. Daß ich ihm die Begleiter genannt hätte, erwartet Ihr von meiner damaligen Stimmung wohl gleichfalls nicht, und ſo gingen wir denn in den Saal und ſchauten uns nach ihnen um— vergebens, ſie waren ſchon fort. Es war freilich bereits ſpät genug und viele von den Gäſten hatten ſich zurückgezogen. „Das war unſere erſte Begegnung und ſie war inſofern doch von wohl⸗ thätigen Folgen für mich, als ſich meine Liebe, wenn Ihr's ſo heißen wollt, durch dieſelbe gewiſſermaßen in die Wirklichkeit gedrängt fand und nicht mehr ritter⸗toggenburgartig einer Erſcheinung, ſondern einem wirklichen, anmuthigen Menſchenkinde zuzuwenden vermochte. Mit dem Schmachten und aus der Ferne Anbeten war es zu Ende— ich mußte ihr nahe kommen, und was ich über die Vergangenheit der Familie erfahren hatte, bewies mir, daß dies keine Unmöglichkeit ſein könne. Nicht als ob ich etwa an jene ſchmählichen alten Geſchichten geglaubt hätte— im Gegentheil: ſelbſt nach dieſer flüchtigen Begegnung mit ihr hätte ich Seele und Seligkeit auf Al— ma's Schuldloſigkeit verwettet. Ein Neuling in der Welt war ich doch auch nicht und wußte, daß ſo keine Sünderin und Heuchlerin zu blicken vermöge. Ich wollte daher auch kein Wort weiter über die Sache hören und Herbert bekam mich nicht bei ſich zu ſehen. Schon Fabri's Reden über dieſe Men⸗ ſchen— er kam in den nächſten Tagen noch mehrmals auf ſie zurück— war mir unangenehm. Mir war faſt, als ginge das alles fortan nur mich allein an. Ich wollte für ſie und mich handeln. „Der Frühling kam in dem Jahre wunderbar zeitig; wir hatten pracht⸗ volle Tage, die Schneeglöckchen und Leberblümchen blühten üppig, die Nar⸗ ziſſen und der Crocus folgten ihnen ſchon luſtig nach, die Knospen fingen an zu ſchwellen und der Raſen grünte üppig auf, und nur das wirkliche Laub fehlte, um dieſe letzten Februar⸗ und erſten Märztage für den vollen, rechten Mai zu halten. Und auch in mir ſelber ſah's ſo aus. Es ſchien, als wolle alles mich begünſtigen: ich war ihr jetzt ein paarmal kurz hintereinander auf der Straße begegnet, und durfte das ſchon für etwas rechnen, da Flaniren nie meine Art und ich auf ſolche Begegnungen nicht ausgegangen war. Und dazu wußte ſie jetzt, wo ich wohnte: ich hatte mich nicht mehr ſo ſcheu zurück⸗ gehalten und, da mein Fenſter jetzt wohl einmal geöffnet wurde, mich daran gezeigt. Da hatte ſie mich erkannt— ich ſah's an dem jähen Erröthen und raſchen Zurückweichen, und ich merkt' es auch an dem ſchüchternen Gruß und den erglühenden Wangen, da wir uns Tags darauf wieder begegneten. Aber 26 Zerbrochen. ich hatte auch die unſägliche Freude, daß ſie ſich dadurch nicht verſcheuchen ließ, ſondern nach wie vor in den gewöhnlichen Stunden am gewöhnlichen Fenſterplatz erſchien— ganz wie ſonſt, ohne Koketterie, ohne Lauſchen, un⸗ befangen und— heiß ich es: ſchicklich. Sie konnte ſchon erkannt haben, daß ich der Mann nicht war, ihr dieſe Unbefangenheit zu entleiden. Ja, ich hielt mich ſeit der Zeit noch mehr zurück als bisher und zwang mich, wenn ich am Fenſter las oder arbeitete, den Blick nicht zu ihr zu erheben. Sie ſollte mich lieber für kalt als für unbeſcheiden halten. „Und du warſt dreißig Jahre alt, ſagt Ihr, Franz, und geberdeteſt dich wie ein Knabe, deſſen Herz zum erſtenmal heiß aufſchlägt?— Ja, Schatz, die Naturen der Menſchen ſind eben verſchieden, und es kann wohl kommen, daß der Eine mit zwanzig Jahren ſchon durch- und überlebt, was der Andere erſt im dreißigſten an ſich erfährt oder vielleicht niemals kennen lernt. Durch die Jahre verknöchert das Herz nicht, ſondern nur durch das Leben und Er⸗ leben, und ich— ich wiederhol's!— hatte bis dahin noch nichts erlebt, und mein Herz war noch ſo friſch, ſo rein, ſo warm, voll ſolcher Sehnſucht und ſolcher Liebeskraft, wie Gott es mir in die Bruſt gelegt. Ein Unglück war dies damals für mich nicht, im Gegentheil, ich lebte unter dieſen Eindrücken und Empfindungen gleichſam von neuem auf, ich wurde heiterer und um⸗ gänglicher. Ich wußte nicht, was aus dem allem werden ſollte, aber ich hoffte, es müßte gut werden. Solch ein Vertrauen gehört auch zu dem Uebrigen. „Eines Tags in der Mitte März etwa,“ fuhr er nach einem kurzen Schweigen zu berichten fort,„ging ich vom Mittagstiſch heimkehrend über den Wall, aus dem man längſt eine hübſche Promenade gemacht hatte. Für gewöhnlich war es dort um dieſe Stunde ganz einſam, heut jedoch ſah ich, gleich da ich ihn betrat, in einiger Entfernung ein paar Damen im Geſpräch mit einem Herrn ſtehen. Letzteren erkannte ich alsbald als Fabri, und die erſteren erwieſen ſich, da ich näher kam, als Alma und ihre Mutter, der ich bisher noch nicht begegnet war, die ich aber am Fenſter oft genug geſehen hatte, um nicht im Zweifel über ſie zu ſein. „Der Profeſſor ſprach mit ihr— Alma ſtand abgewandt und ſah in die Ferne hinaus—, und als ich grüßend vorüberging, rief er mir nach: „Herr von Bode, auf einen Augenblick!“— Ich trat heran, er faßte meine Hand, ſtellte mich der Dame— man ſah es ihr an, daß ſie einmal ſehr ſchön geweſen, ja ſie war es noch jetzt,— in aller Form vor und fügte dann hin⸗ Von Edmund Hoefer. 27 zu:„Herr von Bode wird beſtätigen, was ich Ihnen einwarf, meine gnädige Frau: es gibt in Betreff Ihrer kein Vorurtheil in der hieſigen Geſſellſchaft, und Sie handeln unrecht gegen uns und noch mehr gegen ſich ſelbſt, wenn Sie ſich ſo zurückziehen, wie Sie es bisher geübt, ſo, daß man Sie erſt ordent⸗ lich wieder entdecken muß,“ ſchloß er lächelnd.— Die Dame ſchüttelte den Kopf.„Unſere Erfahrungen ſind nicht geeignet, uns in die Geſellſchaft zu⸗ rückzulocken,“ ſagte ſie.„Und im Uebrigen, Herr Profeſſor, wie Sie urtheilen nicht alle— ſollten wir uns auch hier und noch einmal jener nichtswürdigen Behandlung ausſetzen, die uns damals aus—.“—„Lieutenant,“ fiel er lebhaft ein,„reden Sie! Haben Sie jemals auch nur eine Silbe—.“— „Herr von Bode iſt hier noch fremd, ſagten Sie,“ unterbrach ſie ihn.„Aber laſſen wir dies traurige Thema.“ Und indem ſie ſich an mich wandte, fuhr ſie in einem faſt weichen Tone fort:„Sie ſind neulich gegen meine Tochter ſo freundlich geweſen, mein Herr Lieutenant, und wir ſind deſſen ſo ent— wöhnt, daß ich mich freue, Ihnen dafür beſonders danken zu können. Das arme Kind ging mit Zagen auf den Ball, faſt nur um unſeren Hauswirth, der uns die Einladung brachte, nicht zu beleidigen,— und darf nun froh daran zurückdenken.“ „Ich erwiderte darauf, ein Wort gab das andere, das traurige Thema, wie ſie es geheißen, war abgethan, Alma nahm gleichfalls, ſchüchtern, an dem Geſpräch theil. Wir begleiteten die Damen bis zum nächſten Thor, wo ſie ſich verabſchiedeten. Dann gingen wir Beide den Weg zurück— die Uhr war Zwei, und der Profeſſor mußte in's Gymnaſium. „Bode, Bode,“ ſagte er nach einigen Schritten, ſchalkhaft zu mir auf— blickend,„was iſt mit Ihnen? Wie erkläre ich mir dieſe Geheimnißkrä⸗ merei?“— Ich fühlte mich roth werden, nahm mich jedoch zuſammen und fragte möglichſt gleichgültig:„wie ſo, Profeſſor?“—„O Sie liebe Un⸗ ſchuld,“ lachte er,„taxiren Sie mich auch nicht gar zu gering! Da wohnen Sie den Leuten ſeit einem Vierteljahr gegenüber und gucken ihnen beinah in die Fenſter, wie ich eben erfahre,— und mich fragten Sie neulich nach Stand und Namen und thaten, als wüßten Sie nicht eine Silbe von ihnen, und—.“—„Bitte, bitte,“ unterbrach ich ihn ein wenig kühl, denn ſeine Weiſe gefiel mir ganz und gar nicht,„machen Sie keine voreiligen Schlüſſe, mein Lieber. Zum müſſigen aus dem Fenſter Schauen habe ich wenig Zeit, und Anderen in die Fenſter gucken, iſt nicht meine Art, ſelbſt wenn meine Augen dazu gut genug wären. Auf dem Ball wußt' ich von den Leuten noch 28 Zerbrochen. nichts,“ fügte ich jeſuitiſch hinzu,„und daß jene Ballbekanntſchaft unſere Nachbarin, iſt mir erſt ganz kürzlich und nur dadurch bekannt geworden, daß zufällig hüben und drüben die Fenſter offen ſtanden.“— „Er ſchien das, ſeiner Miene nach zu ſchließen, mir zu glauben.„Hät⸗ ten Sie mir's nur geſagt!“ meinte er nach einigen Schritten.—„Weß⸗ halb?“ fragte ich, nun meinerſeits lachend,„intereſſiren die Leute Sie ſo ſehr, mein Herr Profeſſor?“—„Wie Sie ſchon wiſſen,“ erwiderte er ruhig. „Ich habe die beiden Alten gut gekannt und mit ihnen in guter und ſchlim⸗ mer Zeit angenehm verkehrt. Und welche Fehler und Mängel ich auch habe,“ ſetzte er hinzu,„Vergeßlichkeit gehörte niemals zu denſelben, Herr von Bode.“ „So trennten wir uns und ich ging davon mit einem eigenthümlichen Gefühl: halb war ich unzufrieden mit mir, halb mit ihm. Es war, wie ich auch jetzt noch empfand, in ſeiner Weiſe, in ſeiner Rede etwas, das mich ver⸗ droß, und Anderes— jene letzten Worte zum Beiſpiel—, das mich, ich wußte ſelbſt nicht recht weßhalb, frappirte und nachdenklich machte. Es fiel mir, ich glaube zum erſtenmal ſeit zwölf Jahren, wieder unſere erſte hand⸗ greifliche Begegnung ein— hatte er auch ſie nicht vergeſſen? Sie, obgleich für ihn noch weniger Angenehmes und Löbliches in dieſer Erinnerung liegen konnte, als für mich,— oder war ſie ihm grade darum nahe geblieben? War er ein ſolcher? Und dennoch, warf ich mir ſelber ein, war er mir her⸗ nach ſo durchaus liebenswürdig entgegengetreten und hatte feit der Zeit nie⸗ mals etwas gezeigt, das an die brutale Renommage des Studenten ge⸗ mahnte. Ich mußte mich alſo wohl täuſchen und— ich war über das Vor⸗ gefallene doch auch zu zufrieden, um ärgerlich oder mißtrauiſch bleiben zu können. „Ein paar Tage vergingen ſtill; wir begegneten uns natürlich bei Tiſche, blieben aber im Uebrigen jeder für ſich ſelbſt, und ich ſetzte in der Stille meine Beobachtungen fort, vorſichtig wie bisher und doch anders: ich weiß nicht, was mich zu dem Glauben brachte, daß ich ihr innerlich nicht mehr fremd ſei. Und mir war's wirklich zuweilen, als fliege ihr Blick zu mir her⸗ über und weile einmal in dem meinen, und ein⸗ oder zweimal, wenn ich an den himmliſch ſchönen Morgen, wo mich der aufleuchtende Tag und das wunderbare Gefühl, das mich erfüllte, früh vom Lager trieb, dann an's Fenſter trat und in den täglich üppiger aufgrünenden Garten, auf die leiſe erblühenden Bäume und hinüberblickte,— da erſchien auch ſie dort oben an dem kleinen Fenſter, das zu ihrem Schlafkämmerlein gehören mochte, ſo Von Edmund Hoefer. 29 friſch und rein in dem ſchlichten Morgenkleid, die blonden Locken unter dem Häubchen verborgen, die Wangen ſo roſig angehaucht und ein ſüßes Lächeln um den kleinen Mund. Da blickte ſie mich wirklich an— wär's auch nur der eine, kurze, ſchüchterne Blick geweſen,— und wie weit der Raum, der uns trennte, ich ſah und fühlte dieſen Blick, ja mir war's, als ſäh' ich ihr Auge ſelbſt in ſeiner tiefen, klaren Bläue— wie die Kornblumen, Franz, waren dieſe Augen, und ſchönere hab' ich nie im Leben geſehen. „Doch genug von der Poeſie!“ Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und ſtrich das dünne, leicht ergrauende Haar, als beläſtige es ihn, weit nach hinten.„Die Proſa läßt ſich einmal nicht verdrängen, ſie taucht immer wieder auf und reißt uns empor aus den ſüßen, aber unfruchtbaren Träumen. „Einige Tage waren ſo hingegangen, ſagt' ich, dann trat eines Mit⸗ tags Fabri bei mir ein. Ich hab' vergeſſen zu erzählen, daß ich inzwiſchen in's Vorderzimmer gezogen war; meine Scheu, oder heißt's Eiferſucht, vor fremden Blicken war womöglich noch gewachſen.. „Der Profeſſor war luſtig.„Lieutenant,“ ſagt' er,„ſind wir nicht ein paar Thoren, daß wir da eine ganze Woche lang wie die feindlichen Nacht⸗ wächter Rücken gegen Rücken drehen— weßhalb, frage ich? Wiſſen Sie was, das uns trennt? Ich weiß nichts. Und ſo, zur Wiederanknüpfung der treuen Hausgenoſſenſchaft, komm' ich feurige Kohlen auf Ihr Haupt zu ſam⸗ meln. Trara— fertig zur Attake! Ich gehe zum alten Malinski— muß den armen Teufel doch einmal aufſuchen und ſehen, wie er's mit den Seinen treibt. Es mag ſchlimm ſtehen. Ich hörte, die Damen arbeiten für den großen Stickereiladen in der breiten Straße—'s iſt ein Jammer!— Alſo, kommen Sie mit?“ „Der Vorſchlag überraſchte mich, aber beglückte mich auch; hatte ich nun doch ſchon lange genug darüber nachgeſonnen, ob ich hingehen dürfe und wie ich mich einführen könne, und nun ward es mir ſo leicht gemacht. Meine Weigerungen waren daher auch nur die gewöhnlichen Redensarten, und eine Viertelſtunde darauf ſtand ich wirklich mit Fabri drüben in dem alten Bau. Er klingelte an einer verſchſchloſſenen Thür— der junge Menſch, den ich neben den Anderen gleichfalls zuweilen bemerkt, öffnete uns.„Potz tauſend — das iſt ja der Rudolph!“ ſagte der Profeſſor.„An den hab' ich noch gar nicht wieder gedacht, und doch— Sie ſollten mir ja grade am nächſten ſtehen, junger Freund,— auf dem Gymnaſium—.“—„Ich beſuche die 30 Zerbrochen. polytechniſche Schule, Herr Profeſſor,“ verſetzte er erröthend.—„Nun, da⸗ von nachher. Jetzt zu den Eltern,“ ſprach Fabri vorſchreitend.—„Der Vater iſt nicht ganz wohl, und ob Sie die Mutter ſehen können—“ ſagte Rudolph verlegen.—„Ah bah, ah bah!“ unterbrach ihn Fabri;„alten Freunden gegenüber braucht's keiner Complimente, ihr Eremiten.“ Und da⸗ mit ſchritt er vorwärts. „Wir kamen auf einen großen halbdunklen, mit Steinplatten belegten, kalten und doch auch dumpfen Flur, dann in ein nicht minder unbehagliches ödes Gemach— Fabri wußte dafür, daß er zum erſtenmale hier, merkwür⸗ dig gut Beſcheid—, deſſen Fenſter nach dem Hofe hinausgingen,— eine Art Wohnzimmer vielleicht, aber unaufgeräumt und ſtaubig, kalt und trotz des glänzend klaren Tages draußen ausnehmend unfreundlich, endlich voll eines mir überaus fatalen, wenn auch nur leiſen Geruches, der mich augen⸗ blicklich an eine Schenke erinnerte. Der Major war darin, aber der Ein⸗ tritt ſeiner Gattin entzog ihn einen Augenblick unſerer Aufmerkſamkeit, während er ſelbſt dieſe keineswegs in Anſpruch nahm: er zeigte ſich, da wir uns von der ſehr beſcheiden gekleideten, verlegenen Frau zu ihm wandten, in ſeiner Sophaecke halb ſtumpf, halb mürriſch und wenig traitabel— un⸗ wohl, konnte man's heißen, wenn man ſo wollte; mich aber erinnerte ſein Aeußeres an einen Menſchen, der am Abend zuvor oder in der Nacht des Guten gar zu viel gethan, und ich meinte keinen Augenblick in Zweifel ſein zu dürfen, weßhalb man uns nur ungern heut empfing. „So ſo, auch'nmal wieder da?“ ſagte er verdrießlich und abgebrochen, da Fabri ihm die Hand bot und ein paar Worte ſprach;„meine Frau mir neulich— hm— dachte,'s ſeien Redensarten— drei Jahre— hm— der aber—“und ſein mattes Auge wandte ſich auf mich.— Fabri beeilte ſich mich mit der Bemerkung vorzuſtellen, daß ich grade zum Zeugen dienen könne, wie wenig, zumal hier, von den alten„Nichtswürdigkeiten“ die Rede, und wie thöricht es von ihm, dem Major, ſei, ſich und die Seinen noch immer darunter leiden laſſen zu wollen. Der Ton, in dem er das ſagte, that mir für den alten Burſchen und noch mehr für die Dame leid, denn grade aus der gewiſſen Bonhommie und Vertraulichkeit, welche unleugbar darin lagen, klang auch eine herbe Rückſichtsloſigkeit ſowie ein Mangel an wirklicher Ach⸗ tung hervor und hoben im Grunde Fabri's Urtheil über dieſe Menſchen wie⸗ der auf. „Die Majorin wurde auch roth, der Alte— er ſchien immerhin ein Von Edmund Hoefer. 31 Sechziger— nahm jedoch keine Notiz davon.„Bode? Bode?“ wiederholte er.„Hm, habe einen gekannt, anno Fünfzehn, Rittmeiſter bei den vierten Küraſſieren—.“—„Das wird mein Vater geweſen ſein,“ ſagte ich.„Er quittirte gleich nach dem Friedensſchluß.“—„Hm, angenehmer Kamerad, aber verwettert vornehm— hm, damals der Ton im Regiment. So, ſein Sohn? Brigadeadjutant? Freut mich. Hm, hoffe, werden uns als alte Freunde anſehen— ſtets bei uns willkommen ſein.“— Er nahm ſich dann ſichtbar zuſammen, um aus ſeinem ſtumpfen Zuſtand herauszukommen, und es gelang ihm auch ſo weit, daß wir eine Viertelſtunde erträglich verplau⸗ dern konnten. Alma bekamen wir nicht zu ſehen, die Mutter entſchuldigte ihr Ausbleiben leichthin; auch Rudolph kam nicht herein.— Als wir endlich aufbrachen, wiederholte der Alte ſeine Einladung gegen mich und ſeine Gat⸗ tin ſtimmte ihm zu—„vorausgeſetzt,“ fügte ſie bei,„daß Ihnen eine ſolche ſtille Häuslichkeit genügt, Herr von Bode. Unſer Leben mußte ſehr eng und einſam werden.“ „Armer Teufel!“ ſagte Fabri, als wir draußen waren;„hat alſo noch immer ſeine Anfälle und wie es ſcheint, ſchlimmer als je.“ Und da ich kopf⸗ ſchüttelnd von meinem Verdacht ſprach, meinte er:„wenn man Unglück hat, ſchlägt einem alles übel aus. Malinski hat meines Wiſſens niemals den Wein über das billige Maß geliebt, ſondern mußte ſich im Gegentheil ſehr in acht nehmen, weil er ohnehin nur zu leicht an ſchwerem, betäubendem Kopfweh in Folge ſeiner alten Wunden litt. Und wer das nicht wußte oder nicht glaubte, traute ihm wohl Unmäßigkeit zu— die Erſcheinungen mögen einander, zumal nach einer ſeiner Schmerzensnächte, leider ſehr ähnlich ſein. Wie ich ſage— wenn man Unglück hat!“ „Das konnte ich denn wohl zugeben und beſtrebte mich fortan zu einem beſſeren Glauben über den Major zu gelangen. Schwer gemacht wurde mir das nicht, da ich ihn eigentlich nicht wieder in dem Zuſtande traf, obgleich ich nicht grade ſelten bei der Familie vorſprach. Ich ſah ihn überhaupt, wenn ich Mittags erſchien, nur ſelten und ohne zu erfahren, ob er ſich in Wirklich⸗ keit nach der Angabe ſeiner Familie mit Gott mag wiſſen, was für einer mechaniſchen Arbeit beſchäftige und dabei nicht geſtört ſein wolle, oder ob er auf irgend einem Streifzug durch die Stadt begriffen ſei. Denn daß er nicht immer daheim hockte und auch an dieſem neuen Wohnort wenigſtens dieſen oder jenen kennen gelernt, konnte ich aus ſeinen Urtheilen über ſolche Leute ſchließen, wenn mir dieſelben auch unbekannt waren. Ihn ſelbſt hörte * 32 Zerbrochen. ich anderwärts von niemand nennen; ich ging freilich nicht auf derglei⸗ chen aus. „Ich kam von neuem in das Haus und immer wieder und bald ziem⸗ lich häufig, meiſtens Mittags, ein paarmal aber doch auch Abends— zur erſteren Tageszeit erhielt ich allmälig auch die Entree in das Eckzimmer, das wirklich ganz freundlich war und in ſeiner Sauberkeit und Ordnung auch einen behaglichen und wohnlichen Eindruck machte; Abends dagegen ſaßen wir in dem mir gleichfalls ſchon bekannten großen und öden Mittelgemach, weßhalb, weiß ich nicht, es müßte denn ſein, daß die Damen ihre ſaubere Stube nicht gern dem dann anweſenden Alten und ſeiner dampfenden Pfeife einräumten,— vielleicht auch um des Raumes willen, da ſich zu dieſer Zeit gewöhnlich noch andere Bekannten einſtellten: die Regierungsräthin Haspar war dabei, dieſer oder jener penſionirte Militär mit den Seinen, kurz, was weiß ich. Beſonders angenehme Leute waren's nicht. „Es ging ſehr beſcheiden in dem Hauſe zu, ſo beſcheiden, daß es mich oft um der Damen willen dauerte, denn es ſchien mir hart an wirkliche Ent⸗ behrungen zu grenzen. Einen dienſtbaren Geiſt bemerkte ich nie, und daß Alma abwechſelnd mit der Mutter die Küche beſorgte, ließ ſich mir bei mei⸗ nem öfteren Kommen nicht lange verbergen. Aber auch ihre, gleichfalls wie⸗ der ſehr beſcheidene Toilette beſorgten ſie anſcheinend ganz allein, und die ſonſtigen Arbeiten, welche ſie ſtets beſchäftigten, gemahnten mich nur zu häu⸗ fig an das, was Fabri mir von dem Stickereiladen geſagt hatte. Ich weiß nicht, ob Ihr mir nachfühlt, wie mich dies ergriff, betrübte, ärgerte. Wir haben uns einmal noch nicht zu der Anſchauung erhoben, daß es auch für eine Frau unſeres Standes keine Schmach iſt, unter Umſtänden ihr Brod ſelber zu verdienen, und daß diejenige, die ich täglich mehr und inniger liebte, einem ſolchen Zwang unterliegen ſollte, war mir ein unüberwindlicher Gedanke und machte mich ſchier unglücklich. „Von den Leuten weiter zu reden, war der Major in ſeinen guten Stunden kein unebener Mann, er konnte ganz luſtig erzählen und ganz ver⸗ nünftig ſprechen— daß er im Ganzen verbittert war und beſonders in der Beurtheilung militäriſcher Verhältniſſe und Perſonen zuweilen den Mund etwas voll nahm, durfte man ihm zu gute halten, wenn er auch zum größten Theile ſelber ſchuld war an dem, was ihn betroffen hatte. Mit der Frau er⸗ ging es mir eigen: ich mußte zugeſtehen, daß ſie eine Dame von Welt und Bildung war und ihr und der Ihren Geſchick mit Anſtand trug, mit der —ÿj4,—— — Von Edmund Hoefer. 33 beſten Manier ſich in das Unabänderliche fügte; ich ſah nichts und hörte nichts, was mich mit Recht gegen ſie hätte einnehmen, geſchweige denn mir ihren Charakter oder ihre Grundſätze hätte verdächtigen können; und trotz⸗ dem fühlte ich mich innerlich ihr von Beſuch zu Beſuch ferner treten und empfand eine ſtetige Abnahme meines Vertrauens und meiner Unbefangen⸗ heit. Endlich, der Sohn, Rudolph, der damals ſechzehn Jahre zählen mochte, war wirklich ein liebenswürdiger und zugleich tüchtiger junger Menſch. Er ſchloß ſich bald auf das herzlichſte an mich an, kam häufig zu mir, bald um zu plaudern, bald um zu fragen oder mit und bei mir zu arbeiten, und ſeine reiche Begabung, die Friſche und Geſundheit, die zuweilen durch den früh⸗ zeitigen Ernſt des armen Burſchen brach, machten mir ihn immer lieber. Daheim hatte er wenig Freude; die Mutter zeigte ſich gleichgültig gegen ihn oder zuweilen gar ungeduldig, und der Alte hatte für ihn meiſtens nur rauhe Worte. Ich traf ihn auch nur ſelten bei den Seinen und Abends niemals. „Hiernach muß ich denn auch wohl meiner Erfahrungen in Betreff je⸗ ner alten Anſchuldigungen gedenken, welche die Familie in ihre jetzige Stel⸗ lung gedrängt hatten. Ich machte keine, mein Freund, wenigſtens keine ſchlimmen. Der Ton war, abgeſehen von der militäriſchen Derbheit und Nonchalance des Majors, auch in jenen größeren Abendcirkeln ſtets ein zum mindeſten anſtändiger, von zumal ungehörigen Freiheiten kam mir nichts zu Geſicht. Ein Spieltiſch wurde regelmäßig aufgeſtellt, aber es gab an ihm nur ein ganz ſolides Whiſt für ein paar ältere Gäſte, und als wir einmal — es war der Geburtstag der Majorin und ich ausdrücklich zu der Feier eingeladen worden— alle an einem Vingtun theilnahmen, war dasſelbe, wie in ſolchen Geſellſchaften meiſtens, ein reiner, unterhaltender Scherz. Und noch weniger war von„Gelagen“ die Rede. Die Bewirthung war die beſcheidenſte von der Welt. „Dies war ſozuſagen die gute Seite dieſer Zuſtände, es gab jedoch auch, wie ich leider bekennen muß, eine andere, zum mindeſten zweifelhafte, die ſelbſt mir, trotz meiner damaligen perſönlichen und zu nichts weniger als ſcharfen Beobachtungen geeigneten Verfaſſung, nicht ganz verborgen bleiben konnte und mich, ſo ſehr ich auch zu natürlichen und entſchuldigenden Erklä⸗ rungen geneigt war, nicht ſelten auf das unbehaglichſte berührte. Beſtimmte Anführungen dürft Ihr trotzdem kaum von mir erwarten: was ich meine, fühlte ſich mehr heraus als es ſich in wirklichen, greif- und mittheilbaren Zügen mir offenbarte. Hinter aller Einfachheit, Schlichtheit und Beſchei⸗ Hausblätter. 1867. I. Bd. 3 ————Q—Q—Z—L—L————— ———— 34 Zerbrochen. denheit gab es in der Familie etwas, oder vielleicht mancherlei, was ſich zum wenigſten meinen Augen verbarg, ja, wie ich zuweilen faſt argwöhnte, ihnen abſichtlich verborgen wurde. Es geſchah dies oder das, oder es geſchah auch nicht, ohne daß mir Zweck und Grund klar geworden wäre. Man gedachte der vergangenen ſchweren Zeit bald mit merkwürdiger Ungezwungenheit, bald wich man der Erinnerung mit ebenſo merkwürdiger Gezwungenheit aus. Ich erfuhr niemals genau, wo und mit wem der Major außerhalb des Hauſes verlehrte, nie, wie weit ſich der Umgangskreis der Familie erſtreckte, jedenfalls aber, daß er viel weiter reichte, als man ihn mich erkennen und an ihm theilnehmen ließ. „Ich erfuhr— und wie es ſchien, ſtets nur durch ein unbedachtes Wort — bald von dieſem, bald von dem als einem Bekannten des Hauſes, dem ich niemals dort begegnete, und der mir, wenn ich ihn überhaupt kannte, viel zu fern ſtand, als daß ich ihn nach dieſem Umgang hätte fragen können; ich mußte annehmen, daß Fabri neuerdings nicht ſelten hinüberging, allein man ſprach wenig von ihm und nicht einmal freundlich, und er hielt es ſei⸗ nerſeits kaum anders mit ihnen; zuſammen trafen wir nur einmal dort, an jenem Geburtstag, und da mißfiel mir ſein Ton als gar zu ungezwungen und ſpottend auf das gründlichſte. Und wenn dies nun einmal ſo war, durfte ich mich denn wohl fragen, wie es ſich mit der ſonſtigen Zurückgezogenheit und gebotenen Sparſamkeit vertrug und weßhalb man mich anſcheinend— ich mußte ſagen: ausdrücklich ausſchloß von der Theilnahme an ſolcher Ge⸗ ſelligkeit? Es kam vor, daß auf meine Frage, ob ich Abends willkommen ſein würde, der Major mit einem eigenthümlichen Ausdruck erwiderte:„ei, das ſoll uns ja ſehr lieb ſein!“— die Majorin aber mit einem nicht we⸗ niger beſonderen Blick und Ton, ja faſt heftig einfiel:„bitte, vergiß nicht, Malinski— Herr von Bode kennt—“ und hier kam ein mir völlig unbe⸗ kannter Name—„gar nicht und ſie wünſchen auch allein bei uns zu ſein.“ „Hieran muß ich nun in Beziehung auf mich und meine eigene Stel⸗ lung zu ihnen anſchließen, daß mir auch hier jenes Unbeſtimmbare, Schwan⸗ kende, Unmotivirte bemerkbar wurde. Man nahm mich ſtets artig auf und ſchien ſich dennoch in meiner Gegenwart niemals recht frei zu fühlen, ja ſie, wie ſich ſchon aus jenem angeführten Beiſpiel ergibt, zuweilen nicht erwünſcht zu finden. In Zweifel über das, was mich ſo häufig in das Haus zog, konnte man längſt nicht mehr ſein; man wies meine Beſuche Mittags niemals ab, man hinderte oder begünſtigte meine Bewerbung um Alma in keiner Weiſe zum hnen auch achte heit, nheit des eckte, und Wort dem nnte, inen; llein ſei⸗ d, an ungen urfte nheit d Ge⸗ nmen ſei, t we⸗ nicht, unbe⸗ cin. Stel⸗ hwan⸗ f und ja ſie, ünſch konnte lob, Weiſe Von Edmund Hoefer. 35 oder man verſtand ſie, wie man ſich den Anſchein geben wollte, vielmehr gar nicht. Wie es in der Welt zugeht und wie es beſonders um Malinski's ſtand, durfte ich wohl annehmen, daß ich mehr als eine Chance für mich hatte: der Famillie klebte ſelbſt hier— G. war ja nicht gar fern— jeden⸗ falls noch etwas von den alten Gerüchten an und ſie lebte in den dürftigſten Verhältniſſen, während mein Ruf ein Gottlob makelloſer, meine Familie gut, mein Vermögen nicht gering, meine Ausſichten die beſten waren, wäh⸗ rend ich endlich der Geliebten ſelbſt— gefiel. Aber wie geſagt, hier ſchien das alles ohne Eindruck geblieben zu ſein, ja die Mutter hielt es, wie mir zuweilen vorkam, kaum für möglich, daß ich nicht bloß ihretwegen mich ein— ſtellte.„Wie taktlos, Malinski, ja beleidigend!“ ſagte ſie einmal in jenem ſcharfen Ton, da der Alte, wie es ältere Männer wohl unter ſolchen Um⸗ ſtänden thun, über Alma und mich ein paar neckende Worte hatte fallen laſſen. „Und von dieſem Augenblick an— es war einige Tage nach dem er⸗ wähnten Geburtstag— mußte ich wohl an Hinderniſſe zu glauben begin⸗ nen: mein Verkehr im Hauſe und mit Alma wurde nicht beſchränkt, meine Aufnahme blieb artig wie ſeither, aber ich ſah die Geliebte fortan niemals mehr allein, was freilich auch bis dahin ſelten und nur auf Sekunden vor⸗ gekommenz ſie ſaß faſt nie mehr an dem mir ſichtbaren Eckfenſter, ſie begeg⸗ nete mir niemals mehr auf der Straße oder Promenade, ich konnte mich nie mit ihr unterhalten, ohne daß ſich alsbald die Mutter einmiſchte. Und was mich neben aller Verzweiflung ſelbſt damals hin und wider mit einer Art von Bewunderung erfüllte, war, daß dies alles mit dem größten Takt, mit der höchſten Ungezwungenheit in's Werk geſetzt wurde, daß ich niemals auch nur eine Spur von Abſicht bemerken konnte und mich im Grunde nur über den Zufall beklagen durfte, der mir ſo wenig wohl wollte. „Es war keine erfreuliche Zeit, Franz, und ſie wäre noch trauriger für mich geweſen, hätte mich nicht immer wieder jener eine, ſüße, innige Blick geſtärkt und getröſtet, den die Geliebte mir am frühen Morgen aus dem kleinen Fenſter droben gönnte, und der jeden Abend mein Hoffen, jeden Mor⸗ gen mein Segen, jeden Tag mein treuer Begleiter war. „Ich hab' Euch bisher nicht viel von ihr geſagt,“ redete Erwin nach einer langen Pauſe in ſchwermüthigem Tone weiter,„und ich weiß auch jetzt nichts hinzuzufügen. Was ſoll ich Euch von dem Gang meiner— ſage ich immerhin: unſerer Liebe ſprechen, wie ſie mir tagtäglich theurer wurde, tag⸗ 3* Zerbrochen. 36 täglich mehr mein ganzes Herz erfüllte und all mein Denken in Anſpruch nahm; wie ich's empfand, daß ich auch ihr immer lieber wurde, daß ihr Aug' ſtets inniger und treuer dem meinen begegnete. Was könnt' ich Euch von der anmuthigen, jugendlich ſchönen und lieblichen Erſcheinung ſagen, das Ihr nicht ohnehin Euch ungefähr ausmalen werdet, was von ihrem Weſen und Sein, das ſich nicht aus ihrer Stellung, aus den Verhältniſſen erklärte, in denen ſie leben mußte. Heiter hab' ich ſie ſelten geſehen, fröhlich nie, und nie⸗ mals, ſelbſt in der frohſten Stunde und dem munterſten Kreiſe nicht, verlor ſich von ihr ein Etwas, das ihr liebliches Geſicht, das ihre Stimmung wie ein trübender Hauch umſchwebte und mir, dem Beobachter, bald als Befan⸗ genheit und Scheu, bald als Schwermuth, ja faſt als Trübſinn erſchien. Es konnte durch das tiefe Aug', wenn es mir eben einen innigen, verſtohlenen, ſchüchternen Blick gegönnt, plötzlich wie ein jäher Schreck zucken, der es ſich raſch ſenken oder abwenden ließ; es konnte zuweilen— man ſah das wirklich beinah!— ein Wort auf ihre Lippen treten, das, auch wieder wie mit Schreck zurückgezogen wurde; und ebenſo brach ſie auch wohl einmal mitten in einem Satze ab, und wieder glitt durch das Aug' jener Ausdruck der Verwirrung oder Angſt. „Zu den Ihren, um endlich auch deſſen noch zu gedenken, war ihr Ver⸗ hältniß kein herzliches, ſelbſt der Mutter gegenüber blieb ſie meiſt ſtill und kühl, wie auch dieſe ſich ihrerſeits gab. Von einem innigen Familienleben ſchienen alle dieſe Menſchen nichts zu wollen. „Das war denn nun ſo weiter gegangen, während des Frühlings und durch den Sommer hin, ohne viel Neues zu bringen. Ich ſah ſie Morgens früh faſt immer und im Lauf des Tags, ſo oft ich zu ihnen ging, außerdem faſt nirgends und niemals, wiederhole ich, allein. Ueber ihre Gefühle war ich nicht mehr im Zweifel, und wie es mit mir ſtand, mußte ſie ſo genau wiſſen, als hätte ich bereits geſprochen. In Wirklichkeit aber war das noch nicht geſchehen, da ich mich nicht überwi en onnte, zuerſt zu einem Anderen als zu ihr, oder auch nur vor Anderen zu reden. Ueberhaupt wußte niemand von dem, was mich bewegte, als Fabri etwa, gegen den ich mich, freundlich und herzlich, wie er neuerdings immer mehr ſich gegeben, wohl einmal über Malinski's und auch über Alma geäußert. Verborgen konnten ihm dieſe Zuſtände weder hüben noch drüben bleiben, und ich hatte mein Vertrauen auch nicht zu bedauern: er nahm es auf die beſte Weiſe auf und ließ ſich über alles, was in Betracht kam, wie ein verſtändiger Mann und guter Freund Von Edmund Hoefer. 37 aus. Er billigte mein Auftreten durchaus und erklärte Alma des beſten Looſes werth. Nur daß ich, wenn ich überhaupt Ernſt machen wollte, noch immer mit einer offenen Erklärung zögerte, ſchien ihm grauſam für das Mädchen und thöricht für mich. Dazu ſchüttelte er wohl den Kopf oder ver⸗ ſpottete mich luſtig. „Endlich, wir ſollten bereits in den nächſten Tagen zu den gewöhnlichen Herbſtmanövern ausmarſchiren, kam ich einmal gegen Abend von der Peters⸗ mühle zurück, die eine halbe Stunde von der Stadt liegend, ein beliebter Vergnügungsort war. Weßhalb ich ſo lange dort geſäumt, mit wem, und warum ich nun allein nach Hauſe ging, deſſen entſinne ich mich nicht mehr. Dagegen weiß ich aber nur zu gut, daß da ich auf den Wall gelangte, wo der Weg mich am ſchnellſten zu meiner Wohnung führte, die Dämmerung ſchon begonnen hatte und um ſo raſcher und tiefer heraufkam, als ein ſchweres Gewitter im Anzuge war, deſſen Wolkenmaſſen den ganzen Horizont über⸗ ſchatteten. „Ich hatte noch keine zwanzig Schritt zwiſchen den Bäumen zurückge⸗ legt, durch deren Kronen die erſten Windſtöße zu ſauſen und die erſten großen Regentropfen zu raſſeln begannen, als mir eine Dame entgegenkam, die mühſam gegen den Wind ankämpfte und den Schirm eben zuſammenfaltete, da ſie ihn nicht zu halten vermochte. Natürlich wäre ich auch jeder Unbe⸗ kannten in ſolcher Lage zu Hülfe gekommen, hier aber war es obendrein die⸗ jenige, nach der ich Tag und Nacht mich umſonſt geſehnt hatte, und ich war im Augenblick an ihrer Seite, ſpannte den Schirm wieder auf, nahm ihr ein großes Packet ab, das die Bewegungen der Armen auch noch behinderte, und ſchickte mich an, ſie auf dem unbehaglichen Wege durch das Unwetter weiter zu begleiten. Sie hatte mich mit einer Art von freudigem Laut erkannt und meine Dienſtleiſtungen dankbar angenommen, nun aber, auf mein drängen⸗ des„kommen Sie, kommen Sie!“ blieb ſie ſtehen und ſagte niedergeſchlage⸗ nen Blicks:„o bitte, nein, Herr von Bode— jetzt geht es ſchon— der erſte Sturm iſt vorüber, ich komme vor dem Ausbruch noch gut heim. Bitte, mein Packet.“ „Das Sauſen in den Baumkronen, die dichter fallenden Regentropfen, die ſchneller einander folgenden Schläge widerlegten ihre Worte, und indem ich ihren Arm in den meinen nahm und den Schirm über ſie hielt, zog ich ſie fort und ſagte:„daraus kann nichts werden. Sie trauen mir auch ſelbſt hoffentlich keine ſolche Rückſichtsloſigkeit zu— weßhalb ſollte ich Sie nicht 38 Zerbrochen. begleiten?“—„Die Mutter wünſcht es nicht,“ verſetzte ſie leiſe und auch jetzt ohne die Augen zu erheben.—„Die Mutter wünſcht es nicht?“ entgeg⸗ nete ich bewegt;„alſo hatte ich recht, wenn ich annahm, daß man mich ab⸗ ſichtlich von Ihnen fern hielt? Und Sie ſelbſt, Alma?“— Sie erwiderte nichts, ſondern ſenkte das Geſicht noch tiefer.—„Sie müſſen mir das ſagen,“ ſprach ich entſchloſſen weiter.„Wer weiß, wann ſich wieder eine Gelegenheit findet, die mir ein offenes Wort gegen Sie erlaubt. Und nicht wahr, Alma,“ fügte ich hinzu, ihren Arm leiſe an mich drückend,„es erſchreckt Sie nicht, daß ich jetzt ſpreche und was ich ſage? Ich habe mich ſo übermenſchlich, ſo vergeblich nach einem ſolchen Augenblick geſehnt und kann ihn nicht vor⸗ überlaſſen. Was ich zu ſagen habe— es iſt Ihnen nicht neu. Und Sie, Al⸗ ma?“— Sie ſchlug für eine Sekunde die Augen zu mir auf, ſchüchtern und doch voll Innigkeit, und mir war's, als flüſterten ihre Lippen ganz leiſe meinen Namen.—„Alma, theure Alma,“ bat ich und blieb ſtehen und ſuchte ihr Aug', und nahm die kleine Hand in die meine,„ſagen Sie mir nicht ein liebes, treues, beglückendes Wort?“— Und da ſah ſie auf, aber auch nur, um das Aug' ſogleich wieder zu ſenken, und der Blick war voll jenes Schrecks, oder jener Angſt, oder Trauer, davon ich Euch geſagt, und dann flüſterte ſie: „Erwin— ich— wir— ſind Ihrer nicht werth.“—„Alma!“ rief ich be⸗ ſtürzt, zürnend. Sie ſagte das, ſie, die ich anbetete! Sie, auf deren Reinheit und Schuldloſigkeit ich ſeit dem erſten Blick in ihre Augen Seele und Selig⸗ keit verwettet haben würde! „Sie erwiderte nichts; das Wetter wurde auch raſch ſo ungeſtüm, daß an ein längeres Säumen, ja auch nur an ein im Gehen fortgeſetztes Geſpräch nicht mehr zu denken war. Ich zog ſie fort, ſo ſchnell ſie zu folgen vermochte, und ſchützte ſie, wie ich irgend konnte, nur zuweilen ihr ein inniges, ein er⸗ muthigendes Wort zuflüſternd und ein⸗ oder zweimal durch eine kaum hörbare, ſchüchterne Antwort von ihr beglückt. Erſt vor dem Eingang ihres Hauſes, wo eine tiefe Thürniſche einen trockenen Platz bot, machten wir wie⸗ der Halt, und indem ich ihre zuckende Hand an die Lippen zog und dann feſt in der meinen hielt, ſagte ich:„Gute Nacht, Gott behüte Sie, Alma. Haben Sie ein wenig Muth und Vertrauen. Morgen rede ich mit Ihrer Mutter.“ — Sie ſah vor ſich nieder, ihre Hand zitterte; und erſt nach einer Pauſe aufblickend, verſetzte ſie mit gepreßter Stimme und abgebrochen:„verſuchen Sie es. Ich weiß nicht, was ſie Ihnen erwidern wird. Ich weiß nicht, wie ſie darüber denkt. Aber Erwin— ich bitte Sie, nehmen Sie ſich in Acht— — Von Edmund Hoefer. 39 ich kann nichts ſagen, nicht gegen die Eltern. Aber ich fürchte, man ſpielt— o Erwin, bitte, bitte! Seien Sie auf Ihrer Hut! Nur Eines— Eines— glauben Sie nie, daß ich— ich— falſch—.“ Es kam im Hauſe jemand die Treppe herunter. Sie entzog mir die Hand, und mit einem gemurmelten „Gute Nacht!“ ſchlüpfte ſie in das Dunkel des Flurs. „Ich ging fort wie ein Trunkener, mein Ziel war erreicht, meinte ich; denn was ſich mir jetzt, wo die Geliebte ſelbſt mein ſein wollte, noch entgegen ſtellen konnte— lieber Gott, was fragte ich danach! Und übrigens, was konnten die Alten gegen mich einwenden? Was konnten ſie für Gründe haben, mir die Tochter zu verſagen? Und wollten ſie, was ich ihnen beiläufig geſagt, nicht zutraute, dieſelben gleich Alma ſelbſt aus der Vergangenheit nehmen, ſo erſchien mir's, bei meinem feſten Glauben an die Schuldloſigkeit der Geliebten, wie mein ſchönſtes Recht und höchſtes Glück, das arme Kind aus dieſem Bann auch äußerlich erlöſen zu dürfen. Die Alten ſollten mich daran nicht hindern, ſie mußten mir vielmehr dankbar dafür ſein, wenn noch ein Funke von Liebe zu der armen Alma in ihrem Herzen zu finden war. Von den Meinen endlich hatte ich keinen Widerſtand zu fürchten; mein Vater konnte möglicherweiſe wünſchen, mit den Eltern nicht in allzunahe Verbin⸗ dung zu kommen. Allein einer ſolchen wollte ich ſelbſt ja ſo weit wie thun⸗ lich aus dem Wege gehen. Denn, mein Freund, es war wunderbar: viel Vertrauen hatte ich zu der Alten nie gehabt, aber ſeit Alma's warnenden und doch ſo ſchonenden Worten war ich gewiſſermaßen überzeugt, daß die alten ſchlimmen Gerüchte nicht bloß erfunden ſeien. Nur die Geliebte durf⸗ ten ſie nicht treffen, und ſie hätte mich nicht zu bitten brauchen, daß ich ſtets an ſie glaube. Das that ich ohnehin, muß ich immer wiederholen. „Erſt als ich daheim angelangt war, bemerkte ich, daß ich das Packet Alma's behalten hatte:— es enthielt, da ich's öffnete, einige Stickmuſter, Wolle, Seide und Perlen, und beſtätigte daher anſcheinend jene Angabe Fabri's von den Lohnarbeiten der Damen. Es heut Abend noch zurückzu⸗ bringen, war nicht wohl möglich, für den nächſten Morgen aber mochte es meinem Beſuch zu einer früheren Stunde als gewöhnlich erklären, und das war mir recht— jeder Aufſchub war mir jetzt zuwider. „Ich entſinne mich des Abends, als ſei es der geſtrige geweſen. Mir war wunderbar froh, gepreßt, gehoben und ſorgenvoll zu Muth, ſo voll, als könne ich, was mir begegnet war, nicht allein tragen; und einen Moment dachte ich daran, den Profeſſor, der doch gewiſſermaßen mein einziger Ver⸗ 40 Zerbrochen. trauter, aufzuſuchen. Dann aber ließ ich's doch lieber und blieb allein und ſaß— lacht nur, Franz!— Stunde auf Stunde und ſchaute hinüber, wo ſie hauste, der ich mich unauflöslich zu eigen fühlte. Ich habe Euch geſagt, daß man die in den Hof gehenden Fenſter kaum recht ſehen konnte— heut Abend wurden ſie mir aber durch das helle, von ihnen ausgehende Licht ſichtbar, das über den Hof ſtrahlte. War es einer von jenen„Geſellſchaftsabenden“, an denen ich nicht theilnehmen durfte? Jedenfalls war heute aber auch Alma nicht dabei, denn ihr kleines Fenſter droben wurde ſchon gleich nach acht Uhr hell und blieb es, und ein paarmal trat ſie ſelbſt— ihr ſchöner Kopf war auf dem hellen Hintergrunde unverkennbar!— an dasſelbe und ſchaute lange in die ſtille Nacht hinaus. „Verzeiht mir, mein Freund,“ brach Erwin hier ab,„ich habe mich durch die Erinnerung an dieſe Zeit, die mir ein ſo unendlich reiches und doch in den Augen der Meiſten ſo armes Glück brachte, zu mehr Worten fort⸗ reißen laſſen, als ich derſelben hätte widmen ſollen. Haltet das Mitgetheilte darum aber auch nicht für ganz überflüſſig, denn es liegt in ihm nicht bloß die Erklärung, weßhalb alles ſo kommen konnte oder vielmehr mußte, wie es kam, ſondern zugleich auch das, was mich vor mir ſelbſt entſchuldigt und jene Menſchen zum mindeſten weniger ſchuldig erſcheinen läßt, als ſie nach Eurem Urtheil ſonſt ſein möchten.— Ich kann jetzt raſcher vorwärts gehen, wie denn auch die Ereigniſſe fortan ſich ſeltſamerweiſe Schlag auf Schlag folgten. „Es war am nächſten Morgen noch ziemlich früh, als ich hinüberging, und ich wählte die Zeit nicht bloß wegen meiner Ungeduld und um jede Stö⸗ rung durch Andere möglichſt zu vermeiden, ſondern ehrlich geſtanden, weil ich Haus und Perſonen auch einmal im Negligee zu ſehen wünſchte; denn daß es gegen die Eltern in mir ein gewiſſes unüberwindliches Mißtrauen gab, habe ich Euch ja ſchon mehrfach offen ausgeſprochen. Dasſelbe hätte jedoch durch das, was ich fand, eher beſchwichtigt als geſteigert werden können. Die Wohnung war aufgeräumt und gelüftet, die Majorin, die mir ſelber auf mein Klingeln öffnete, zeigte ſich in ihrer gewöhnlichen einfachen, aber ſau⸗ beren und anſtändigen Kleidung. Von den anderen Familiengliedern war nichts zu ſehen. „Sie war von meinem Beſuch ſichtbar überraſcht, führte mich jedoch, ohne ein Wort darüber zu verlieren, in das eigene Wohnzimmer, bat mich, Platz zu nehmen und ſetzte ſich ſelber zu der, augenſcheinlich eben verlaſſenen Arbeit. Das ihr von mir übergebene Packet überraſchte ſie von neuem. Von Edmund Hoeſer. 41 „Mein Gott, wie kommen Sie dazu?“ rief ſie.„Alma fürchtet es geſtern Abend verloren zu haben und iſt darum ausgegangen, denn es wäre ein em⸗ pfindlicher Verluſt.“—„Hat Ihnen Fräulein Alma nicht geſagt, daß ich ſie glücklicherweiſe traf und durch das Wetter heim begleitete?“ erwiderte ich. „Da hab' ich's ihr abgenommen und es zurückzugeben vergeſſen, denn Frau Majorin, was ich Ihrer Tochter bei dieſer erſten Gelegenheit, wo ich ſie allein ſah, zu ſagen hatte, und wie ſie es aufnahm, bewegte mich zu tief, als daß ich an der gleichen Aeußerlichkeiten hätte denken ſollen.“ „Es flog etwas durch ihr Geſicht, wie ein jäher, übermüthiger Spott— oder war's ein Triumph?— und ſie rief:„ei Sie blöder Schäfer, ſo haben Sie ſich wirklich—“ dann aber brach ſie plötzlich jäh ab, und indem es in ihren Zügen zuckte, wie— ich weiß keine andere Bezeichnung!— wie bei jemand, der ſich raſch aber entſchieden zu etwas Anderem entſchließt, als was er anfangs im Sinn gehabt, und zugleich auch ihr Blick finſter wurde, fuhr ſie fort:„verzeihen Sie mir, Heer von Bode. Ich geſtehe, daß mir Ihr Ge⸗ fühl für Alma längſt nicht mehr zweifelhaft, und daß mir Ihre ungewöhn⸗ liche Zurückhaltung bald Spaß machte, bald mich betrübte, je nachdem ich den tapferen Krieger im Aug' hatte oder es für möglich hielt, daß die alten traurigen Gerüchte Sie zurückhalten möchten. Dies Letztere überwog in⸗ deſſen: Sie werden mir zugeſtehen, daß ich Ihre Wünſche niemals begün⸗ ſtigt habe. Und es überwiegt auch jetzt: Sie ſollen und dürfen keinen Schritt thun, den Sie vielleicht bereuen würden, gleichviel ob mit oder ohne Grund.“ Und indem ſich ihre dunklen Brauen feſt zuſammenzogen, fügte ſie die mir in dieſem Augenblick völlig unverſtändlichen, aber freilich auch wenig beach— teten Worte hinzu:„ſei es wie es ſei, ich gebe mich nicht dazu her, einen Ein⸗ fluß auf Sie und Ihre Entſcheidung anzuſtreben, zumal nicht, ſeit ich Sie näher kenne.“ „Ich kann Euch dies Geſpräch nicht weiter mittheilen, obgleich es mir noch bis in die kleinſten Einzelheiten erinnerlich und in der That ſeltſam ge⸗ nug war. Sie ſprach ſich entſchloſſen über die Vergangenheit aus: ſie wiſſe nicht, ob und wie ihr Nann gefehlt, ſie verſtehe dergleichen nicht, und daß er nicht grade charakterfeſt, ſondern leider nur zu leichtſinnig und leidenſchaft⸗ lich, müſſe ſie zugeſtehen. Von Abſicht aber und Unehrenhaftigkeit könne keine Rede ſein. Sie wiſſe auch nicht, ob und wie ſie ſelbſt Veranlaſſung ge⸗ geben zu jenen Gerüchten— ſie habe damals das Leben nicht ſchwer ge⸗ nommen und vermöge dies auch jetzt noch nicht, ohne ihres Wiſſens dadurch 42 Zerbrochen. ihrer Würde etwas zu vergeben. Und wenn Alma irgend ein Vorwurf zu machen ſei, könne es nur der geweſen ſein, daß ſie ſich eben heiter und unbe⸗ dächtig gegeben, wie ein glückliches und ein wenig verzogenes junges Mäd⸗ chen. Sei das ein Fehler, ſo habe ſie ihn nicht nur abgelegt, ſondern auch gebüßt; ich wiſſe ſelber am beſten, daß ſie jetzt weder heiter, noch unbedäch⸗ tig, ſondern nur gar zu ernſt und zurückhaltend ſei.— „Wenn Sie ſich trotzdem für uns entſcheiden,“ ſchloß ſie,„ſo werden Sie von uns mit Freuden aufgenommen werden— ich gönne es meiner Tochter, daß ſie aus Verhältniſſen herauskommt, die ſie nicht überwinden lernt. Wie Alma ſich entſcheidet, weiß ich nicht; ich will keinen Einfluß dar⸗ auf haben. Wie die Ihren ſich entſcheiden werden, weiß ich gleichfalls nicht, Herr von Bode; gefragt aber ſollten dieſelben, meiner Meinung nach, wer⸗ den. Mit einem Wort— ich bitte Sie, ſich alles auf's gewiſſenhafteſte zu überlegen. Haben Sie ſich einmal entſchieden, ſo müßte uns ein Zurücktritt, gleichviel aus welchen Beweggründen— wir ſind nicht Herr über die Ge⸗ rüchte und Verleumdungen!— auf das tödtlichſte verletzen, und ich ſelbſt würde alle Hebel dagegen in Bewegung ſetzen. Man hat uns zu viel genom⸗ men, als daß wir ſelber freiwillig den kleinen Reſt von Ehre und gutem Namen uns nehmen laſſen könnten.“— Ich erwiderte ihr darauf, daß ich entſchieden und entſchloſſen ſei; ich berief mich für ſie und mich auf das Ur⸗ theil Fabri's, des alten Bekannten, das ſie niedergeſchlagenen Auges an⸗ nahm; ſie ſprach nochmals und ich antwortete von neuem, und als wir uns trennten, waren wir einig, und ich ging mit einem Gefühl von Achtung aus dem Hauſe, wie ich es bisher leider noch nicht zu empfinden vermocht hatte. Selbſt das erſte ſeltſame Wort, das ich von ihr vernommen, hatte mir kei⸗ nen Mißlang hinterlaſſen. „Und dieſen Mißklang empfand ich kaum, wenigſtens überwand ich ihn, als der Alte nun nicht bloß ſeine volle Befriedigung über das Geſchehene in einer— ich muß wohl ſagen: ihm gewöhnlichen cyniſchen Weiſe ausſprach, ſondern auch mein bisheriges Zartthun und Druckſen, wie er's hieß, verſpot⸗ tete, mich auch mit meiner ſonſtigen Zurückhaltung aufzog und überhaupt eine Cordialität zur Schau trug, die mir unter anderen Umſtänden vielleicht wenig erträglich geweſen wäre. Ich hielt mich eben an Alma— und jene Stunden ſind, obgleich ſich aus ihrem Weſen nie eine gewiſſe Zurückhaltung und ſelbſt, wenn ſie einmal zärtlich, nicht eine Art von Wehmuth verlor, die glücklichſten geweſen, die ich erlebt habe. Zu ſagen iſt davon weiter nichts. Von Edmund Hoefer. 43 Genug, ich war zufrieden und froh, und ſelbſt die Bedingung der Majorin ſtörte mich nicht, daß man von einer öffentlichen und feierlichen Verlobung ganz abſehen und Aufgebot und Trauung ſo raſch und ſtill wie möglich auf einander folgen laſſen ſolle. Sie wollte müſſiges Gerede vermeiden, und darin konnte ich ihr nur recht geben. „Wir marſchirten zum Manöver aus und ich beſorgte, ſo viel ſich das thun ließ, in den Freiſtunden meine Angelegenheiten, um nach unſerer Rück⸗ kehr raſch vorwärts gehen zu knnen. Ich ſchrieb an meinen Vater und er⸗ hielt umgehend ſeine Antwort. Er äußerte ſeine Freude über meinen Ent⸗ ſchluß, ermahnte mich jedoch zur Vorſicht: eines Malinski erinnere er ſich ſehr wohl, es ſei damals der Protegé des Prinzen von D. geweſen und in Folge deſſen trotz ſeines unbändigen Leichtſinns immer gut durchgeſchlüpft; bei den Kameraden habe er nicht in beſonderer Achtung geſtanden und man ſei ihm lieber aus dem Wege gegangen. Ich ſei alt und verſtändig genug, um mich durch meine Liebe nicht von Nachforſchungen über die Eltern abhal⸗ ten zu laſſen, mit denen ich unmöglich jede Verbindung abzubrechen vermöge. „Beigeſchloſſen waren dieſem Briefe ein paar Zeilen von meiner Schweſter Franziska, die grade zum Beſuch daheim geweſen. Daß ſie ſich über mein Glück freue, verſtehe ſich von ſelbſt, ſchrieb ſie, allein wenn, wie ich angedeutet, Fabri dabei im Spiele ſei, ſo zittere ſie für dasſelbe. Wie ich zu ihm ſtehe, wiſſe ſie nicht, dafür aber leider deſto beſſer, daß es ein cha⸗ rakter⸗ und gewiſſenloſer Menſch, wo nicht noch etwas viel Schlimmeres. Ich ſolle auf meiner Hut ſein.— Dazu ſchüttelte ich den Kopf. Mir gegen⸗ über hatte er ſich noch nie ſo bewieſen und wo, wie ich angeführt, hie und da ein leiſer Mißklang in unſeren Verkehr gekommen, war derſelbe immer alsbald wieder verſchwunden. Doch nahm ich mir vor, von der Schweſter eine genauere Erkläxung zu verlangen. „Ich hätte freilich argwöhniſch und vorſichtig werden ſollen, Franz, denn ich erfuhr grade jetzt, in der Entfernung, zufällig ein paar Züge von Fabri, die mich ernſtlich beſtürzten, ja entrüſteten, und auch ſonſt kam aller⸗ lei vor, von dem ich freilich nicht ſagen kann, daß es ſich direct auf Malins⸗ ki's bezog, was mich aber an die Unklarheit erinnerte, die in ihren Verhält⸗ niſſen herrſchte und von mir bisher, wo ſie mir begegnete, ſtets auf die Seite geſchoben war.„Malinski?“ ſagte der General, mit dem allein ich von meinen Plänen ſprach;„'s iſt doch ſeltſam, Bode, daß ich den Mann gar nicht kenne, während mir die Penſionärs in F. ſonſt alle bekannt geworden — 44 Zerbrochen. ſind. Ich weiß nur von einem, der mir aus dem Wege gegangen— Neu⸗ ſchütz nennt ſich der Patron— na, Sie werden ja von ihm gehört haben; ſind hoffentlich nicht ſelber bei ihm eingeführt?— He?“—„Gewiß nicht,“ verſetzte ich ruhig. Ich hatte, wie Ihr aus dem Bisherigen abnehmen konn⸗ tet, nicht intimen Verkehr mit den Kameraden und wenig Theilnahme für ihre Unterhaltungen; aber ich wußte doch, in welchem Rufe der Genannte und ſein Haus ſtanden— man ſpielte dort, hieß es, ſah ſich Gelegenheit zu Bekanntſchaften geboten, und was ſonſt noch vorkommen ſollte, brauche ich wohl nicht erſt namhaft zu machen. „Und am Abend des Tages, wo der General ſo zu mir geredet, ſagte ein Kamerad, der während des Ruhetags Geſchäfte halber in die Stadt ge⸗ ritten war und jetzt bei uns im Gaſtzimmer des Dorfwirthshauſes ſaß, zu einem anderen:„Du, was Neues. Neuſchütz hat wieder Geſellſchaft empfan⸗ gen— Benninghart hat nicht erfahren können, weßhalb die bisherige Pauſe, ſagt aber, daß es dafür jetzt deſto luſtiger hergeht. Wir ſollten doch einmal hin und uns den Schwindel mit anſehen. Der Alte hat den Rüdersheim aufgegabelt und der übermüthige Geſell ſoll ganz zahm geworden und wie toll und blind ſein. Ein wenig Pflücken könnt' dem jungen Hahn nicht ſchaden.“ „Da dies erzählt wurde, ſaßen ein paar Kameraden vom—ten Regi⸗ ment und unter ihnen Herbert, gleichfalls im Zimmer, und der Letztere ſah, wie ich zufällig bemerkte, bei der nicht grade leiſe gemachten Mittheilung mit finſterem Blick auf, und wie mir vorkam, auch zu mir herüber. Allein, da wir keinen Verkehr mit einander hatten, achtete ich nicht weiter darauf, ob⸗ gleich mir ſchon bei ſeinem erſten Anblick und jetzt von neuem ſeine damalige Bemerkung auf dem Ball in's Gedächtniß kam— begreiflich genug, da was ich eben vernommen, leider nur gar zu ſehr an die alten ſchlimmen Gerüchte über Malinski erinnerte. Natürlich dachte ich zugleich aber auch an Fabri's Erklärungen, und ſomit ging auch dies ohne tieferen Eindruck an mir vorüber. „Um meine Angelegenheiten völlig zu ordnen— gleich nach unſerer Rückkehr nach F. ſollte das Aufgebot und die Trauung folgen und ſich daran eine längere Reiſe ſchließen—, fand ich es für nöthig, auf einige Tage nach B. zu reiſen. Ich ſchrieb dies Alma— von ihr hatte ich nur einen Brief in dieſer Zeit empfangen, der die von mir geſchilderte befangene Stimmung der Geliebten nur gar zu deutlich wiedergeſpiegelt,— und bat ſie nun auch die Von Edmund Hoefer. 45 Eltern alles ſo einrichten zu laſſen, daß wir drei Wochen nach meiner Rück⸗ kehr abreiſen könnten. Darauf fuhr ich ab und war glückſelig, als ſich die Geſchäfte ſo raſch abwickelten, daß ich ein paar Tage vor dem angegebenen Termin ſchon in F. wieder eintreffen konnte. „Es war Abends ſpät, da ich anlangte, und da ich aus dem Wagen in das helle Licht vor dem Poſthauſe trat, kam von der Straße ein Mann im Militärmantel zu mir heran. Es war, da er den Kragen zurückſchlug, Her⸗ bert.„Verzeihen Sie, Kamerad,“ ſagte er,„daß ich Sie ſchon jetzt um ein paar Worte unter vier Augen bitte. Wir haben keinen Verkehr mit einan⸗ der,“ fuhr er fort, als ich überraſcht mit ihm ſeitwärts trat;„da wir aber Kameraden ſind und ich Sie bisher für einen Mann von Ehre halten muß—.“—„Mein Herr Hauptmann!“ brauste ich auf.—„Bitte,“ unter⸗ brach er mich kalt,„alles Andere hernach und nach Belieben; jetzt nur eine Frage an Sie ſelbſt, da die Antwort, welche ich von Anderen in dieſen Ta⸗ gen erhielt, mir unglaublich erſchien: haben Sie ſich mit Fräulein von Neu⸗ ſchütz verlobt?“ „Neuſchütz?“ wiederholte ich, mühſam meine Faſſung bewahrend, denn mir wirbelte der Kopf von dem Schlage.„Wer wagt das zu ſagen?“— „Alle Welt ſagt's,“ verſetzte er,„und der Profeſſor Fabri hat es, wie ich höre, an Ihrem Mittagstiſch beſtätigt. Es iſt ſchon unter den Kameraden die Rede davon geweſen, an Sie zu ſchreiben.“—„Fabri!“ rief ich, und mir war zu Muth, als müß ich erſticken.„Fabri— und grade der, obgleich auch er es nicht wiſſen ſollte, könnte die Lüge widerlegen! Denn er kann es wiſſen, daß ich nur zu Fräulein von Malinska in einem Verhältniß—.“— „Halt,“ ſagte Herbert und ergriff meine Hand und preßte ſie in die ſeine. „Malinski— ja, ich erinnere mich, ſo heißt der— Major urſprünglich, hat ſich aber meines Wiſſens ſtets nach ſeinem Adoptivvater Neuſchütz genannt. Haben Sie das nicht gewußt? Hat Fabri Ihnen das nie geſagt? Kamerad — haben Sie denn in dem Hauſe verkehrt und nie etwas erlebt, was den Mann von Ehre für immer fliehen laſſen mußte?“—„Nie,“ erwiderte ich dumpf.—„Nun Gottlob,“ ſagte er, und durch die tiefe Stimme klang eine ernſte Theilnahme,„ſo iſt es dennoch, wie ich es geglaubt, und wo Sie ge⸗ fehlt haben— unvorſichtig, Kamerad, grenzenlos unvorſichtig— ſind Sie durch das nichtswürdige Spiel entſchuldigt, das man mit Ihnen verſucht zu haben ſcheint— welcher Mann von Ehre hätte ein ſolches argwöhnen können!“— 46 Zerbrochen. „Kamerad,“ ſprach ich tief Luft ſchöpfend, und nahm mich zuſammen, wie ich's vermochte,„es muß hier dennoch ein Irrthum ſein. Alma zum mindeſten—.“—„So hieß ſie, ja,“ unterbrach er mich finſter.„Ich will ſie nicht anklagen; es iſt möglich, daß ſie zur Beſinnung gekommen iſt und die Sünde ihrer Jugend begriffen hat und abzubüßen ſucht. Genannt iſt ſie mir neuerdings gewiſſermaßen nur im guten Sinn— man bedauerte, daß ſie ſich allzu zurückhaltend zeige.“—„Und auch die Mutter,“ ſtieß ich her⸗ vor,—„ſie hat auf alte Gerüchte hingedeutet, ſie hat mich nie angelockt, ſondern mich zur ernſten Ueberlegung meiner Schritte aufgefordert—.“— Sein bitteres Lachen unterbrach mich von neuem.„Weiß Gott, was da ſich in ihrem Herzen geregt,“ meinte er,„ob die pure Sentimentalität, ob eine Art von Achtung vor Ihrer Ehrenhaftigkeit. Es iſt ja auch möglich, daß es noch einen Reſt von Gefühl in ihr gibt, und daß ſie es der Tochter wirklich gönnte, aus dem Sumpf dieſer Zuſtände heraus und in anſtändige Hände zu kommen.— Aber ſei das, wie es ſei. Kommen Sie mit. Ihr Beſuch iſt ja unter dieſen Umſtänden ein natürlicher, und der meine war— freilich aus einem anderen Grunde— gleichfalls beabſichtigt. Ich fürchte, wir wer⸗ den mehr als genug finden, was meine Angaben rechtfertigt und Ihnen den Entſchluß und Abſchluß erleichtert.“ „Ich folgte ihm willenlos. Und als wir wirklich in jene Straße kamen, an jenes Haus, durch dasſelbe hin, auf den Hof gingen, dort die Treppe hin⸗ aufſtiegen, fühlte ich mein Herz ſtill ſtehen, es war kein Irrthum mehr mög⸗ lich.„Da wohnen ſie?“ fragte ich dumpf.—„Da wohnen ſie,“ verſetzte er und indem er an die verſchloſſene Flurthür klopfte, flüſterte er mir zu:„ſchla⸗ gen Sie den Kragen auf und halten ſich zurück— man braucht Sie nicht gleich zu erkennen.“— Und die Thür ging auf— das öffnende Mädchen war mir unbekannt— mich aber kannte ſie, denn ſie ſtieß einen leiſen Schreckens⸗ ruf aus und wollte davon. Aber Herbert ſtieß ſie barſch zurück und folgte mir, denn nun ſchritt ich voran, zur nächſten Thür. „Ich riß ſie auf und ſtand wie gebannt. Um den Tiſch in der Mitte ſaßen etwa zehn bis zwölf beim Landsknecht und der Major hatte die Bank; andere ſtanden, andere ſaßen auch zu zweien in dieſer oder jener Ecke, und aus den hellen Nebenzimmern erſchallte auch noch Lärm und Gelächter. Von den Herren kannte ich— F. war ſchon damals eine große Stadt— nur jene beiden Kameraden, die neulich in der Schenke das mitgetheilte Geſpräch ge⸗ führt, und zwei oder drei andere. Die Damen waren mir außer denen vom Von Edmund Hoeſer. 47* Hauſe, alle unbekannt, aber man brauchte ſie nur anzuſehen, um keinen Au⸗ genblick über ſie im Zweifel zu ſein. Alma war zugegen. Sie ſtand neber jenem erwähnten Herrn von Rüdersheim, einem ſehr reichen Studenten, in der Thür zum Nebenzimmer, abgewandt von ihm und mit finſterem Blick. Fabri war der Dritte dieſer Gruppe, und da ich die Thür öffnete und ſtand, klang durch die verhältnißmäßige Stillle, die in dieſem Zimmer herrſchte, von ihm mein Name zu mir herüber. „Mein Stehen und Starren, mein Blick und mein Hören— es war alles in dem einen Augenblick. Und da mein Name ausklang und da man ſich nach uns Eintretenden umſah, trat ich auch ſchon vor und ſagte laut: „mein Herr Profeſſor, hier bin ich.“ „Alma ſchrie auf und taumelte zurück. Ich ſah nicht mehr hin nach ihr. Rings fuhren ſie empor.„Bei Gott— da ſind Sie ja, Bode— wie über⸗ raſchend!“ rief Fabri lachend aus, und eilte herbei.—„Mein Schwiegerſohn, meine Herrſchaften,“ ſchrie der Major luſtig;„willkommen, mein Lieber—“ damit aber ſchnappte er ab und ſein Auge heftete ſich auf den hervortretenden Herbert; und wie ich denn— ich weiß ſelber nicht, wie's mit mir war, aber ich fühlte mich eiskalt und ſah alles, was um mich her vorging— und wie ich denn, ſage ich, weiter im Kreiſe umher ſah, ſtand auch die Majorin leichen⸗ blaß und ſichtbakr zitternd. Und nun fuhr der Major auf, er war dunkelroth geworden und ſeine Augen blitzten den Kameraden unheimlich an.„Herr, wie wagen Sie es—“ ſchnaubte er, die Fauſt auf den Tiſch ſtemmend. „Der Hauptmann begegnete feſt dem Blick.„Was?“ fragte er, jede Silbe ſcharf betonend;„in dieſes— öffentliche Haus zu kommen? Bedarf's dazu einer Einladung? Gleichviel, ich nehme mir auch ohne dieſelbe das Recht, mein Herr von Neuſchütz, Malinski oder wie Sie ſonſt ſich jetzt heißen, und zwar im Namen meines Freundes, des Grafen Sonnenſtein— Sie er— innern ſich ſeiner, denke ich?“—„Herr,“ brachte der Alte bebend vor Grimm hervor,„wollen Sie ein Ehrenwort brechen 2“— Herbert lächelte verächtlich. „Ehrenwort— wer gab Ihnen ein ſolches in dieſer ſchmutzigen Sache? Mein Freund hat ſich erbitten laſſen, zu ſchweigen und Sie— ſich ſelbſt zu über⸗ laſſen, vorausgeſetzt, daß Sie niemals wieder den Verſuch machten, Männer von Ehre in Ihr Treiben zu verflechten. Haben Sie das gehalten? Hier ſteht Einer,“ und er faßte meine Hand,„der dawider zeugen kann. Und hier,“ und ſein Aug' maß die beiden Kameraden,„ſind noch zwei— die üb⸗ rigen mögen ſich ſelber vertreten. Es iſt meine letzte Mahnung— das näch⸗ 4648 Zerbrochen. ſtemal rede und zeuge ich öffentlich.“ Und indem er ſich abwandte, fügte er w hinzu:„kommt, Kameraden. Laßt die Geſellſchaft hier bei ihrem falſchen 1 Spiel und ihrer falſchen Liebe.“—— „In der gleichen Nacht noch,“ fuhr Erwin nach einer längeren Pauſe im Ton einer ewiſſen finſteren Reſignation fort,„hatte ich eine Art Ausein⸗ anderſetzung mit Fabri. Muth kann ich einem ſolchen Menſchen nicht zuge⸗ ſtehen; daß er aber die Frechheit hatte, welche die Zusgezeichneten dieſes Ge⸗ lichters zuweilen ſchmückt, kann ich nicht leugnen. Von einem Zurückweichen war gar keine Rede; er bekannte ſich mit der vollſten Ungezwungenheit dazu, mich myſtificirt zu haben, und daß es für ihn ein Hauptſpaß geweſen ſei, meine prude Tugend, wie er es hieß, nach und nach dem Unterliegen immer näher zu drängen. Schwer ſei ihm das bei der Sentimentalität, mit der ich von Anfang an mich gegeben, und der ſtolzen Zurückhaltung, die ich gegen alle Welt, ſelbſt gegen meine Kameraden beobachtet, gar nicht geworden, ſagte er, und ſo ſei er von ſeinem erſten Plane, mich plötzlich durch einen der luſtigen Abende zu überraſchen und vielleicht garzu verführen, nach und nach bis zu dem Wunſche gelangt, mich der werthen Familie auf das feſteſte zu verbinden. Dies ſei ihm obendrein durch die Beobachtung erleichtert wor⸗ den, daß Alma das Ding ernſt genommen und ſogar auch Mama ſanfte Re⸗ gungen zu fühlen begonnen— beide hätten ſich geweigert, much an einem der Spielabende zu empfangen und auch ſonſt ſeinen ganzen Plan durch allerlei ſentimentale Einfälle gefährdet, bis die Sache nun ſo barſch zur Offenbarung und zum Ende gebracht worden ſei. „Und weßhalb, Sie Geſchöpf mit einem Menſchengeſicht und einer Schmutzſeele,“ ſagte ich nach dieſen Offenbarungen, die ich Euch natürlich nicht den Worten nach wiedergeben kann, aber der Sinn war etwa, wie ich erzählte,—„weßhalb wollten Sie die Nichtswürdigkeit Ihrer Natur grade auf mich abladen?“—„Mein Herr von Bode,“ erwiderte er achſelzuckend, „wenn ich eine ſolche Tugendhaftigkeit an einem Menſchen erblicke, eine ſolche Selbſtgenügſamkeit und Sicherheit und eine ſolche Gleichgültigkeit gegen alles, was wir Anderen grade für die Würze des Lebens halten— da litzelt's mich leider bald genug, zu erfahren, ob das alles auch wirklich niet- und nagelfeſt. Und Ihnen gegenüber trieb's mich noch ganz beſonders, werther Herr; ich war Ihnen noch immer eine kleine Revanche ſchuldig für den Her⸗ kuleswurf über die Hecke. Zu dem gleichen Werk reichten meine Kräfte nicht aus— aber Sie ein wenig aus Ihrer reinen, ſtillen Höhe herniederzulocken— 3 1 Von Edmund Hoefer. 49 das vermocht' ich ſchon. Und wenn's dann auch nicht ganz ſo weit gelang, wie ich gerechnet— nun, Herr von Bode, wir wollen's quitt ſein laſſen.“ „Der Menſch durfte es ſchon wagen, ſo zu mir zu reden, wie er es ja auch jetzt wagt, mir zu begegnen und mich ſogar zu grüßen. Er wußte, daß ich ihn fortan zu tief verachtete, um irgend einen Anſpruch gegen ihn zu er⸗ heben oder erheben zu laſſen. Ich ſtieß ihn mit dem Fuß von mir. Und mit dem Fuß ſtießen ihn auch diejenigen von ſich, die damals von der nichtswür⸗ digen Geſchichte erfuhren, und er ſoll ein paar Jahre lang eine ziemlich un⸗ behagliche Stellung gehabt haben, bis er ſich der Regierung und Reaction in die Arme warf. Der Mantel hat ja u noch ganz andere Sünden zugedeckt. Apage! „Von den Malinski oder Nelſcüt wie Ihr wollt, kann ich Euch nichts mehr ſagen. Ich reiste ſchon am Kächſten Tage mit neuem Urlaub ab und nahm gleich darauf meinen Ah chied. Nach F. bin ich nicht wieder gekommen und habe geh bört. Aber mag es ſein, wie es will,“ ſchloß er und ſt f,„der Emen hab' ich längſt verziehen, oder vielmehr, die habe i niemals angeſchuldigt. Denn wer e gelogen und mich getäuſcht und verrathen haben iür Herz hat keine uld und keinen Theil daran gehabt. Darauf hab' ich gelebt und daralf will ich ſterben. 6 8 1„* 4 6 „ 3 2 Hausblätter. 1867. I. Bd. 4 1 Ein freundlicher Empfang. Californiſche Skizze von Friedrich Gerſtäcker. Im Jahr 49, nach demeerſten Anprall der Geldſucher i llifornien, lag der Hafen von San Fra 65— ſo groß und geräumig er iſt— faſt gefüllt von leeren und ſelb t ihrer Mannſchaft entblößten Schiffen, und Fahrzeuge wären zu dem billigſten Preis zu bekommen geweſen, wenn ſie nur irgend jemand hätte gebrauchen können. Wie ſie aber— wenn wirklich gekauft— fort bekommen? Denn Seeleute forderten einen gar nicht zu be⸗ zahlenden Preis für die kleinſte Fahrt, weil den Leuten noch überall der erſt ſpätér gehobene Goldſchwindel in den Köpfen ſtak. Nicht allein bie Matro⸗ ſen waren von ſehr vielen Schiffen fort und in die Minen gelaufen, nein, von manchen ſogar Steuermann wie Kapitän, und die Fahrzeuge ritten denn einfach vor ihrem Anker, bis es einem oder dem anderen beliebigen Herum⸗ treiber einfiel, ſich in Beſitz zu ſetzen und angeblich das Fahrzeug vor dem „a drift“ gehen zu bewahren. So lag auch die l'abeille, ein hübſches franzöſiſches Schiff, in der Bai, auf der ſich ganz gemüthlich zwei amerikaniſche Rowdies niedergelaſſen und ſpäter, als der Kapitän endlich zurückkehrte, eine enorme Forderung für „Tagesgelder“ an ihn ſtellten, weil ſie behaupteten, das Schiff wäre verlo⸗ ren geweſen, wenn ſie nicht mit Aufopferung all ihrer Zeit und Kräfte einen Nothanker ausgeworfen und das ſchon treibende Fahrzeug aufgehalten hät⸗ ten.— Was konnte er machen?— Er mußte zahlen, wenn er ſein Schiff wieder haben wollte, denn ein Prozeß gegen zwei Amerikaner hätte ihn zu 1 Von Friedrich Gerſtäcker. 51 jener Zeit mehr gekoſtet, als die ganze Brigg werth war— und dann noch vielleicht ohne Reſultat. So lag auch ein deutſches Fahrzeug in der Bai, die Geſine Mengſen, ein großes Barkſchiff, das Bauholz gebracht und ſeine Ladung nur hatte um die Fracht verkaufen müſſen. Der waren aber auch ſämmtliche Leute davon⸗ gelaufen, bis ſelbſt auf den Steward, Koch und zweiten Steuermann, und nur der erſte Steuermann und Kapitän an Bord geblieben. Aber auch dieſe weniger aus Gewiſſenhaftigkeit, als weil ſie nichts mehr haßten, als Berge⸗ klettern und Hacken und Graben, und an den Goldſchwindel vielleicht nicht einmal recht glaubten. Außerdem war dem Kapitän eine ganz außerordent⸗ lich reiche Fracht nach den Sandwichs-Inſeln verſprochen, wenn er nur halb⸗ wege Mannſchaft auftreiben konnte, und er gab ſich dazu in der That die größte Mühe— wenn auch viele Wochen lang vergeblich. Indeſſen hielten er und der Steuermann abwechſelnd die Wacht über Nacht an Bord, denn einer von ihnen blieb immer am Land bei Bekannten. Verlaſſen durften ſie das Schiff aber nicht, da ſie recht gut wußten, wie viel Geſindel ſich am Land und auch in der Bai herumtrieb, und nur auf eine Gelegenheit wartete, um Beute zu machen. Denen wäre das noch reichlich mit Proviſionen und Getränken gefüllte Fahrzeug ein fetter und willkom⸗ mener Biſſen geweſen. Wer von ihnen deßhalb auch zurückblieb, hatte ſeinen Revolver ſcharf geladen im Gürtel ſtecken und ſchlief an Deck, um augen⸗ blicklich bei der Hand zu ſein, ſobald ihn das geringſte Geräuſch ſtörte. War es des Kapitäns Abend, ſo fühlte ſich dieſer auch vollkommen beruhigt, daß ihm nichts paſſirte, denn er wußte mit Feuerwaffen vortrefflich umzugehen und ſchlief auch außerdem ſehr leicht. Nicht ſo ſicher hielt er aber das Fahr⸗ zeug unter der Obhut des Steuermanns, der allerdings ebenfalls einen Re⸗ volver trug, aber von Schießgewehren eigentlich nicht recht viel wiſſen wollte und ſich deßhalb auch noch eine alte Wallfiſchlanze verſchafft hatte, die er, der größeren Sicherheit wegen, Abends neben ſeine Matratze legte. Der Kapitän ermahnte ihn allerdings öfters ſeigen Revolver nachzu⸗ ſehen, und er mußte ihn auch ein paarmal in ſeiner Gegenwart abſchießen und friſch laden, aber er traute ihm deßhalb doch nicht, denn der Steuer⸗ mann nahm immer die Zündhütchen herunter, weil er fürchtete, daß ihm das„Blitzding“ einmal von ſelber losgehen könne. Heute fuhr übrigens der Kapitän wieder an Land, und zwar waren ihm von einem Handlungshaus drei Matroſen verſprochen worden, die er mitnehmen konnte, wenn er ihnen 4*† — — 52 Ein freundlicher Empfang. nämlich Beköſtigung garantirte, bis er ſeine volle oder wenigſtens nöthige Mannſchaft beiſammen hatte. Das machte ihm aber wenig Sorge; denn be⸗ kam er nur die drei gewiß, und dann noch zwei dazu, ſo getraute er ſich ſchon mit denen nach den Sandwichs⸗Inſeln, wo es nachher indianiſche Matroſen in Menge gab, hinüber zu fahren. Er verließ ſein Schiff auch heute etwas früher als gewöhnlich und ſchärfte dem Oberſteuermann, ehe er in ſeine Jolle ſtieg, noch einmal aus⸗ drücklich ein: ja recht Acht zu haben und beſonders ſeinen Revolver nicht unten in der Coye zu laſſen. Es waren gerade wieder am geſtrigen Abend zwei Mordthaten in San Francisco verübt worden, und das Volk ſprach ſchon davon, das Geſetz in die eigene Hand zu nehmen, da ſich die Gerichte viel zu ſchwach und machtlos erwieſen. Der Steuermann nickte ſeine volle Zuſtimmung zu allem, was ſein Kapitän ſagte, dachte aber bei ſich:„mach' du nur, daß du vom Bord kommſt, nachher werde ich das Andere ſchon allein beſorgen.“ Er konnte nämlich die Zeit nicht erwarten, wo er ganz ungeſtört heiß Waſſer anſetzen und einen famoſen Grog für ſich brauen durfte, denn der Kapitän lebte ent⸗ ſetzlich mäßig und haßte alle ſtarken Getränke dermaßen, daß er ſogar Abends nicht einmal mehr als eine Taſſe ſchwachen Thee trank. Sein Steuermann bekannte ſich aber zu der entgegengeſetzten Lehre. Jetzt war der Kapitän fort, und Bohmeier, wie der Steuermann hieß, lehnte noch eine Weile an der Schanzkleidung und ſah ihm nach, bis er zwi⸗ ſchen den anderen Fahrzeugen mit ſeinem kleinen Boot verſchwunden war; dann drehte er ſich um, rieb ſich vergnügt die Hände und ſchritt nun auch ohne weiteres zur Cambüſe hinüber, um ſich dort Feuer und heiß Waſſer zu machen. Weßhalb hätten ſie auch hier an Bord nicht gut leben wollen, denn erhielten ſie beide, er und der Kapitän, nicht durch ihr alleiniges Dableiben den Rhedern daheim das ganze Schiff und retteten ihnen ſo ein ſehr bedeu⸗ tendes Kapital?— Nachher kam es auf ein paar Flaſchen Rum und Cog⸗ nac auch nicht an, und die Güte konnte er ſich beſonders thun, da der Ka⸗ pitän— wunderlicher Heiliger— nicht einmal trank. Darin hatte Bohmeier auch in der That vollkommen Recht. Die Rhe⸗ der würden ihnen die paar Flaſchen wahrlich nicht mißgönnt haben, noch da⸗ zu, da er ſelber zwar ſehr viel, aber doch nie zu viel trank und ſeiner Pflicht ſtets genügen konnte. Der Steuermann machte ſich deßhalb auch keine Ge⸗ wiſſensſcrupel, und wie er ſeinen Grog fertig hatte, nahm er ſich einen tüch⸗ Von Friedrich Gerſtäcker. 53 tigen Blechtopf voll davon mit auf's Quarterdeck, wo er ſich ganz behaglich einen Stuhl und Tiſch hingerückt hatte, und trank und betrachtete ſich dabei die wundervolle Bai und die wunderliche Zeltſtadt, die dicht an deren Ufer ordentlich aus dem Boden heraufſchoß und täglich neue Keime trieb. Es war auch in der That ein reizendes Bild, und etwas Friedlicheres, als die Scenerie, und etwas Wilderes, Ungeordneteres, als die ganze Staf⸗ fage dazu, hätte man ſich kaum denken können. Vor ihm lag die lange, etwas kahl ausſehende Hügelkette der Küſtenberge, auf denen der dort oben faſt ununterbrochen wehende Wind eine eigentliche Vegetation nicht aufkom⸗ men ließ; links aber, wo ſich die Bai zu ſchließen ſchien, und nur ein ſchma⸗ ler Arm dort einbog, der hinauf nach den Mündungen des Sacramento und San Joaquin führte, waren die Gebirge mit hochſtämmigen Bäumen be⸗ deckt. Beſonders im Rücken, wenn er den Kopf danach wandte, konnte er mächtige Cedern auf dem höchſten Kamm erkennen, während ſich rechts von ihm, mit wirklich pittoresken Conturen, die Berge gegen die Ausfahrt des Hafens, des golden gate, zuſammen ſchloſſen. Und wie belebt ſah die prachtvolle Bai ſelber aus, und doch wie ungleich einem anderen Hafen. Da lagen hunderte von Schiffen jeder Art, vom klei⸗ nen Schooner bis zum vollen Schiff, und unaufhörlich noch kamen Segel ein— aber faſt keines verließ den Hafen wieder, und wie mit Zauber⸗ banden ſchienen die weiten Berge all die zahlloſen abgetakelten und meiſt verlaſſenen Seebote zu umfangen— es war der Zauber des Goldes. Dort lag ein Schiff— eine Brigg, ſchmutzig von außen und beinahe farblos, wie nach langer ſtürmiſcher Fahrt, mit ſeinen Segeln noch an den Raaen feſt, eines aber, das große Bramſegel, hatte ſich gelöst; an der Back⸗ bordſeite flatterte und ſchlug es in der friſchen Briſe, und der Mann an Deck, der dort die Wacht hatte— vielleicht der einzige an Bord— warf wohl manchmal den Blick hinauf, denn das ewige Flappen mochte ihn geniren, war aber jedenfalls zu faul, um hinaufzuſteigen und es abzuändern.— Gleich daneben lag ein ganz keck ausſehender, ſchwarz gemalter Schooner, aber mit vollkommen kahlen Maſten, an dem nur noch die nothwendigſten Wanten und Stage ſtehen geblieben waren, um die Maſten zu halten; ſonſt hatte man ihn rein und ſauber ausgeplündert. Links davon ankerte der Rumpf eines alten Schiffes— ob es die Maſten in einem Sturm verloren, ob man ſie hier abgehackt und vielleicht zu Feuerholz verwandt, wer wußte es, wer kümmerte ſich darum! Jetzt 54 Ein freundlicher Empfang. wurde es von einem der Geſchäftshäuſer zu einem Lagerſchiff benützt, und an Deck hatte man eine Art von Haus gebaut, was ihm ein wunderliches Anſehen gab. Dort drüben lag eine ſchmucke Hamburger Bark, daneben ein Chilene, da ein Fahrzeug von den Sandwichs⸗Inſeln, dort ein Oſtindien⸗ fahrer, mit Engländern, Franzoſen, Italienern, Spaniern, Mexikanern da⸗ zwiſchen. Aber alle Schiffe ſahen todt und verlaſſen aus, die eben einkom⸗ menden ausgenommen, und das einzige Leben in dieſe Gruppe von„Leichen“ brachten eine Menge kleine Boote, die dazwiſchen herumfuhren und zberüber und hinüber kreuzten. Bohmeier ſah dem Treiben in aller Gemüthlichkeit zu und trank dabei ſeinen Grog und rauchte eine Cigarre nach der anderen, bis es endlich an zu dämmern fing und der hier ſehr ſtarke Nachtthau naß auf Deck hernieder fiel. Dann ging er vor allen Dingen erſt wieder in die Cambüſe, um erſt noch einmal ein paar Stücke Kohlen nachzulegen und etwas mehr heißes Waſſer zu bekommen, und machte ſich nachher ſein gewöhnliches Lager auf Deck zurecht. Er ſpannte zu dem Zweck eines der kleinen Segel ſchräg auf, daß er bequem und geſchützt darunter liegen konnte, zog ſich dann ſeine Mat⸗ ratze und Bettzeug herauf und ging nun erſt an die Bereitung ſeines Abend⸗ brods, die aber nur geringe Zeit in Anſpruch nahm.„Wo ein Brauhaus ſteht, kann kein Backhaus ſtehen,“ iſt ein altes Sprichwort. Bohmeier trank viel und aß dafür wenig. Es war ſpät geworden— in der Stadt konnte er allerdings noch an vielen Orten Licht erkennen, aber die Bai lag ſtill und öde und nichts Leben⸗ des zeigte ſich mehr darauf. Nur dann und wann konnte er, nach der oder jener Richtung hin, den Anruf von einem oder dem anderen Schiff hören und oft ſogar das Anſcheuern des Bootes an den Rumpf desſelben unterſcheiden. Auf einem der heute eingelaufenen Fahrzeuge wurden ſogar noch die„Gla⸗ ſen“ angeſchlagen, was man auf den anderen längſt unterlaſſen— es klang ordentlich heimiſch. Der friſche Grog, den ſich der Steuermann gebraut, ſchmeckte ganz ausgezeichnet, war nur ein klein wenig zu ſtark geworden— aber beſſer zu ſtark, als zu ſchwach. Sagte doch ſchon jener nordamerikaniſche Indianer: „Zu viel Whiskey iſt gerade genug.“ Bohmeier dachte ebenſo, und da er ge⸗ nau wußte, wie viel er ungeſtraft vertragen konnte, machte er ſich auch keine Sorgen darüber. Er verzehrte ſein frugales Abendbrod, ſtellte dann ſein letztes Glas Grog neben ſeine Matratze als„Schlaftrunk“, wie er es immer 3 zu eine ſein mer Von Friedrich Gerſtäͤcker. 55 nannte, und zündete die Wachtlampe an, die jeden Abend an der Nagelbank vor dem großen Maſt aufgehangen wurde, da man nie wußte, wie raſch man einmal Licht gebrauchte, jedenfalls war es eine ihm vom Kapitän beſonders eingeſchärfte Maßregel. Seine Harpune lehnte rechts daneben, daß er ſie leicht im Griff hatte, und das Futteral mit dem Revolver lag ebenfalls ſchon auf ſeiner Matratze— er brauchte nur die Schnalle der Deckklappe zu öff⸗ nen und hatte ihn dann im Griff— wenn er ihn eben haben wollte. Uebrigens fürchtete er für ſich nicht die geringſte Gefahr. Es waren allerdings ſchon einige Ueberfälle und Beraubungen von Schiffen vorgekom⸗ men— man erzählte ſich wenigſtens davon— aber vor längerer Zeit, nicht in den letzten Monaten, und dann wäre es auch keinem ſo leicht geworden, ohne Geräuſch an dem ziemlich hohen Schiff hinauf zu klettern; dem Kapi⸗ tän, wenn der Morgens zurückkehrte, mußte er ja ſo immer die Fallreeps⸗ treppe niederlaſſen. Bohmeier dachte auch an nichts Derartiges, ſtreckte ſich behaglich auf ſeiner Matratze aus und rauchte und trank, bis er zuletzt müde wurde, den Cigarrenſtummel weg und über Bord ſchleuderte— er hörte ihn ordentlich ziſchen, als er auf's Waſſer traf— und ſich dann ruhig auf die Seite legte.— Lieber Gott, wenn ein Menſch den ganzen Tag nichts zu thun hat, verlangt er doch auch Nachts ſeine Ruhe. Es dauerte in der That gar nicht lange, ſo nahm ihn Morpheus— nach dem poetiſchen Sprachgebrauch— in die Arme, und wie lange er ſo ge⸗ ſchlafen hatte, wußte er eigentlich nicht. Plötzlich war es ihm, als ob er ſei— nen Namen rufen höre— einmal, zweimal, dreimal— und wieder und wieder. Er glaubte dabei, er träume, ſchien ſich aber auch wieder ſeines Schlafes bewußt und brauchte in der That eine geraume Zeit, um ſich ſelber munter zu bekommen. Endlich hatte er dieſe Art von Betäubung, die auch vielleicht von dem Grog herrührend auf ihm lag, abgeſchüttelt und richtete ſich raſch, ja faſt erſchreckt, empor.— Er horchte. Drüben auf dem heute eingekommenen Bremer Schiff ſchlugen ſie vier Glaſen— war das erſt zehn Uhr Abends oder zwei Uhr Morgens? Ehe er aber nur ordentlich ausge⸗ zählt und ſich ſelber Rechenſchaft über eine mögliche Zeitbeſtimmung geben konnte, traf ein anderes Geräuſch ſein Ohr, das ihn beſtürzt zuſammenfah⸗ ren machte. Unten, an ſeinem Schiff ſcheuerte ein Boot— er fühlte es mehr, als er es hörte, denn es iſt ganz eigenthümlich, wie deutlich das feſt ineinander gefügte Holz eines Schiffes die leiſeſte Berührung desſelben von einem frem⸗ 56 Ein freundlicher Empfang. den Gegenſtand fortpflanzt. Wenn nur der Kiel irgend auf einer Untiefe leiſe den Sand ſcheuert, zittert es, von den Zehen herauf, durch den ganzen Körper, bis in die Fingerſpitzen hinein, wie mit einem elektriſchen Schlag, und das Anſtoßen eines Bootes, ſelbſt vorn am Bug, hört man ſogar bei verſchloſſenen Thüren bis in die Kajüte hinein— oder fühlt es vielmehr. Das mußte es auch ſein, was den Steuermann aus ſeinem bärenfeſten Schlaf geweckt hatte, denn auf weiter erinnerte er ſich nichts, und wie er jetzt auf⸗ horchte, hörte er deutlich draußen am Schiff ein Geräuſch, als ob jemand verſuche, daran empor zu klettern. 3 „Wart' Canaille,“ brummte aber der Seemann, wie er ſich deſſen nur klar bewußt war,„dir will ich den Kitzel vertreiben!“ Und raſch nach ſeinem Revolver tappend, griff er das Futteral, hob ſich geräuſchlos von ſeinem Lager und glitt zu der Schanzkleidung. Er behielt aber nicht einmal Zeit, erſt hinüber zu ſehen, wer und was ihn bedrohe. Kaum ſtand er davor, ſo hob ſich ſchon ein Kopf darüber hin, und Bohmeier— nur in dem einen Gefühl ſein Leben gegen eine Bande von Strauchdieben zu vertheidigen, hob ſeinen Revolver dicht vor die Stirn des Fremden und— drückte ab.—— Der Kapitän war indeſſen an jenem Abend ruhig an's Land und zu ſeiner gewöhnlichen Geſellſchaft gefahren, wo ſie dann die halbe Nacht bei einer gemüthlichen Partie Whiſt verbrachten. Heute aber ſollte er keine Zeit dazu bekommen, denn er fand den bei ſeiner Fracht bedeutend intereſſirten Kaufmann, der ihn ſchon mit Ungeduld erwartete, weil er noch ein paar aus den Minen zurückgekehrte Matroſen aufgefunden, die wahrſcheinlich bewogen werden konnten, die Reiſe mit ihm zu machen. Freilich durften ſie dann nicht langen Raum zum Ueberlegen behalten, und je raſcher der Handel mit ihnen abgeſchloſſen wurde, deſto beſſer. Beide gingen auch augenblicklich da⸗ ran, um ſie aufzuſuchen, fanden das aber nicht ſo leicht, als ſie anfangs ge⸗ dacht, denn es gab ſchon damals in San Francisco eine Menge von Plätzen, wo ſich die Leute Abends amüſiren konnten. Endlich— es war faſt um zwölf Uhr— trafen ſie mit ihnen in einem der Spielzelte, im Eldorado, zuſammen und gingen nun in ein franzöſiſches Weinhaus, um dort das Nähere zu be⸗ ſprechen. Die Bedingungen, die der Kapitän ſtellte, waren übrigens ſo verlockend — das Leben in Californien hatten ſie auch auf eine Weile ſatt,— daß ſie endlich darauf eingingen und ſich bereit erklärten, morgen früh um zehn Uhr mit ihren Kiſten an Bord zu ſein, und während der Kaufmann verſprach, Von Friedrich Gerſtäcker. 57 alles Nöthige in der Stadt zu beſorgen, daß ſie beſtimmt ſchon morgen oder vielmehr heute ihre Fracht bekämen, war es nöthig, daß der Kapitän ſelber augenblicklich an Bord ſeines eigenen Fahrzeugs zurückkehrte, um dort mit ſeinem Steuermann alles zu beſprechen. Mit Tagesgrauen wollte er dann wieder zurück am Land ſein. Lieber Gott, er wäre die ganze Nacht hin und her gelaufen, nur um hier fort aus dem verwünſchten Land zu kommen, das er herzlich ſatt bekommen hatte. Jetzt war aber die Ausſicht dazu vorhanden, und er zögerte denn auch keinen Moment, um wenigſtens alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtand, das Auslaufen zu beſchleunigen. Raſch hatte er unten am Werft ſein Boot gefunden, das dort an dop⸗ pelter Kette angeſchloſſen lag; das Ruder brachte er ſchon von oben mit her⸗ ab, wo er es bei einem Bekannten eingeſtellt, und ſtieß nun vom Land der Richtung zu, in welcher ſein Fahrzeug, die„Geſine Mengſen“ lag. Es gehörte allerdings einige Geſchicklichkeit dazu, ſich in dem Gewirr von Fahrzeugen, noch dazu„bei Nacht und Nebel“, zurecht zu finden. Der Seemann hatte den Weg aber ſchon ſo oft gemacht, daß er nicht einen Augen⸗ blick im Zweifel blieb, und ſeinen Cours ſo genau hielt, als ob er nach dem Compaß ſteuere. So wand er ſich zwiſchen den verſchiedenen, dort ruhig vor Anker liegenden Fahrzeugen durch, bis er ſeine Bark da draußen, etwas weiter ab, erkennen konnte, und wrickte ſein kleines Boot dann ſcharf drauf zu. Er hatte ſie auch bald erreicht— das gewöhnliche Wachtlicht brannte oben, aber ſein Steuermann, der ihm erſt die Fallreepstreppe herunter laſſen mußte, ſchlief wahrſcheinlich noch und er hielt alſo etwa zehn oder zwölf Schritt vor dem Schiff und rief dasſelbe an.— Keine Antwort erfolgte.— Er rief jetzt den Steuermann bei Namen, laut und immer lauter— alles umſonſt, das Fahrzeug ſchien wie ausgeſtorben und nichts an Bord regte oder rührte ſich.— Was zum Henker, war denn da vorgegangen?— Den Kapi⸗ tän überkam ein ganz unheimliches Gefühl— ſollte es wirklich der ſich in San Francisco herumtreibenden Bande gelungen ſein, den Steuermann im Schlaf zu überraſchen und—„Bohmeier!“ ſchrie er noch einmal, ſo laut er konnte,„oh Bohmeier!“— Es war alles umſonſt, er erhielt keine Antwort, und wenn ſich der unglückliche Menſch noch an Bord befand, ſo lag er wahr⸗ ſcheinlich erſchlagen an Deck in ſeinem eigenen Blut. Dem Kapitän wurde es zuletzt unheimlich da unten, und er beſchloß endlich ſelber nachzuſehen, wie es da oben ſtand. Er mußte Gewißheit haben. Ohne länger zu zögern, fuhr er auch jetzt an die Bark hinan, an welcher er, 58 Ein freundlicher Empfang. Von Friedrich Gerſtäcker. wenn er ſich hoch aufrichtete, eben die Klappen der Puttingbolzen erreichen konnte, hob ſich daran etwas in die Höhe, ſchob ſeine Wurfleine durch die Rüſteiſen, um das Boot erſt feſt zu machen, und ſchwang ſich dann ſelber dort hinauf. Es hatte allerdings einige Schwierigkeit, aber es ging doch, und wie er nur erſt ſeinen Fuß auf die Leiſte des Schanddeckels brachte, rich⸗ tete er ſich auch empor und hob jetzt ſeinen Kopf über die Schanzkleidung, von wo er das Deck überblicken konnte. In demſelben Moment und ehe er nur im Stand war, einen Ruf aus⸗ zuſtoßen, tauchte eine dunkle Geſtalt dicht vor ihm empor, die er aber recht gut erkannte— es war ſein eigener Steuermann Bohmeier, aber zugleich ſah er auch in die Mündung von deſſen Revolver und— klipp! klipp! klipp! ſchlug dreimal raſch nacheinander der gegen ihn abgedrückte Hahn der Waffe matt und erfolglos auf die Piſtons nieder.—„Ihr habt wieder einmal keine Zündhütchen aufgeſetzt, Bohmeier,“ ſagte der Kapitän mit der größten See⸗ lenruhe, indem er noch in ſeiner Stellung blieb. „Herr du meine Güte, der Kaptain!“ ſchrie aber Bohmeier entſetzt auf, indem ihm der Revolver vor Schreck aus der Hand fiel,„da hätte ich ja bei⸗ nah—.“—„Euren eigenen Kapitän todtgeſchoſſen— ja wohl,“ ergänzte dieſer, indem er jetzt über die Regeling hinüber auf Deck ſprang;„aber ohne Zündhütchen geht's eben nicht.“—„Ja aber Kaptain, um Gottes Willen, wo kommen Sie mitten in der Nacht und ſo heimlich her?“—„Heimlich? Ich habe Euren Namen ſo lange und ſo laut über die Bai gebrüllt, daß ihn das Echo jetzt jedenfalls auswendig kann— Ihr ſeid aber doch furchtbar nachläſſig, Bohmeier.“—„Aber, beſter Kaptain, es iſt ja doch ein Heiden⸗ glück, daß ich heute die verdammten Zündhütchen vergeſſen hatte—.“— „Na, ich bin auch nicht böſe drüber, Bohmeier,“ meinte der Kapitän,„denn ſonſt läg ich jetzt unten in acht Faden Waſſer mit zerſchoſſenem Brägen— aber dumm war's immer.“ Damit war übrigens die Sache vollkommen abgemacht und es wurde nicht weiter darüber geſprochen. Die beiden Seeleute hatten jetzt auch ge⸗ nug zu thun, um ihre nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Der Kapitän fuhr dann wieder an Land, und ſchon um zehn Uhr kam ein Theil der Leute an Bord. Ein Koch wurde ebenfalls aufgetrieben, ein Chineſe; Steward⸗— dienſte mußte einer der Leute auf der kurzen Fahrt verſehen, und wenige Tage ſpäter lichtete die Geſine Mengſen richtig ihre Anker und ſegelte, aus dem golden gate hinaus, in den weiten blauen ſtillen Ocean hinein. Eine numismatiſche Prophezeiung auf 1866. Von Friedrich Linden. Daß man nach geſchehenen Thaten zu deren Feier und Gedächtniß Münzen und Medalllen prägt, iſt bekannt; ſeltener aber möchte ſein, daß man auf und mit ſolchen auch künftige Dinge vorherſagt. Wenige wiſſen wohl von einem königlich preußiſchen Thaler aus der Zeit des ſiebenjährigen Krieges, auf welchem eine ziemlich deutliche Prophezeiung deſſen zu leſen iſt, was in jüngſtvergangenen Wochen an den Ufern des Mains und in Franken geſchehen und ſich zugetragen hat. Selbiger Thaler, oder wenn man will, ſothane Denkmünze iſt anno 1759 geprägt, von feinem Silber und trägt auf dem Avers das ziemlich jugendlich gehaltene Bruſtbild Friedrichs II. mit der ge⸗ wöhnlichen Umſchrift: Friedericus Borussorum Rex; auf dem Revers aber die Inſchrift: * Nürnberg und Frankfurt will ich's dencken Bayreuth und Anspach will ich's schenken Bamberg und Würzburg will ich's weisen das ich bin der König in Preussen. * ———ööͤ ——;⏑—ÿ—ꝛ—ꝛ—x—xꝛ-—-—-—õ————ęõ—————— 60 Eine numismatiſche Prophezeihung auf 1866. Wir haben hier eine Denk⸗ und Drohmedaille zugleich vor uns. Die Politik der alten Reichsſtadt Nürnberg im ſiebenjährigen Kriege war trotz der damals ſchon bedeutend im Sinken begriffenen Reichsautorität doch gut kaiſerlich, um ſo mehr, als das ſie rings umgebende brandenburgiſche Für⸗ ſtenthum ſie ſeit lange her genug willkürliche Eingriffe und Zumuthungen hatte fühlen laſſen. Deßwegen erſuchte ſie ſchon 1757 den bei ihr beglaubig⸗ ten preußiſchen Miniſter, ihr Gebiet zu verlaſſen, und widerſtand hartnäckig allen Drohungen und Preſſionen, welche ſie wenigſtens zur Neutralität ver⸗ anlaſſen ſollten. Sie rüſtete ſich und das in Franken eingefallene Invaſions⸗ corps des Oberſtlieutenants Meyern zog für diesmal wirklich ab, ohne Nürn⸗ berg etwas Ernſtliches anzuhaben. Dafür aber war das Ansbacher Land ſchlimm weggekommen, da ſein Markgraf Karl Friedrich Wilhelm, der Schwager Friedrichs I., ſich gegen die Politik des preußiſchen Königs erklärt hatte. Doch ſtarb er ſchon im Auguſt 1757, und die brandenburgiſchen Fürſtenthümer wurden nicht weiter behelligt, da der Markgraf von Bayreuth kinderlos und der von Ansbach, Alexander, durch ſein ausſchweifendes Leben ſo geſchwächt war, daß man einen naturgemäßen baldigen Heimfall vorausſehen und alſo hier gut ab⸗ warten konnte. Darum, als im Frühjahr 1759 Prinz Heinrich von Preußen zum zweitenmal, aber diesmal mit einem bedeutenderen Corps„in's Reich“ brach und bei Himmelskron gleich 2500 Mann Reichstruppen gefangen nahm, wurden die Markgrafſchaften gänzlich von ihm verſchont, und auf jene im gedachten Jahre geprägte Medaille kam zu ſtehen:„Bayreuth und Ans⸗ pach will ich's ſchenken.“ Aber„Nürnberg und Frankfurt will ich's denken“, heißt es. Nach Frankfurt ſtand damals ſchon längſt des preußiſchen Königs Sinn; aber kaum glaubte er es im Beſitz zu haben, ſo überrumpelten es die Franzoſen und ſchlugen am 13. April 1759 noch obendrein den Herzog von Braun⸗ ſchweig bei Bergen. Hülfe konnte Friedrich nicht leiſten, denn ſeine eigene Niederlage am 12. Auguſt bei Kunnersdorf, die Wegnahme des ſo lang ge⸗ haltenen Dresdens im September, und der Ueberfall des Generals Fink bei Maxen am 21. November beſchäftigten ihn viel zu ſehr im eigenen Lande, als daß er's jetzt Frankfurt„denken“ konnte. Dafür aber, als er im Jahr 1762, namentlich durch den Friedensſchluß mit Rußland, Luft bekam, erſchien ſein Generalmajor Kleiſt am 28. November vor Nürnberg, zog mit einer anſehnlichen Truppenmaſſe in die Stadt ein, bequartirte dieſe bei den Bür⸗ Von Friedrich Linden. 61 gern und erhob eine Contribution von 500,000 Thalern. Drei Jahre erſt war jener Thaler ausgegeben und ſchon war ſein Sprüchlein:„Nürnberg will ich's denken“ in Erfüllung gegangen. Und 104 Jahre ſpäter, in den Auguſttagen 1866, konnte die alte Reichs⸗ ſtadt die verhängnißvolle Münze wieder zur Hand nehmen und ihre Drohung noch einmal zur Wahrheit gemacht ſehen— und ihre mächtige, reiche, freie Schweſter am Main— iſt's ihr nicht auch„gedacht“ worden, und zwar em⸗ pfindlicher und vergeltender, als es ſich der alte Fritz in ſeinen bitterſten Gedanken hätte denken können?“— Aber Würzburg und Bamberg? Nun, die beiden reichen Biſchofsſitze und⸗Länder, ſie haben's damals, als Prinz Heinrich in ihnen furchtbare Contributionen erhob, ſo gut wie diesmal, wo namentlich über Würzburg und ſein blühendes Land das Kriegswetter ſo furchtbar ſich entladen hat, deutlich genug„gewieſen“ bekommen, daß der König von Preußen, er mag nun Friedrich oder Wilhelm heißen, ſein Wort hält, wenn er auch 1866 erſt ausführt, was er 1759 ſich vorgenommen hat. Anno 1866. Von Friedrich Lampert. 1) Am HKaum des Kriegsſchauplatzes. Anno 1866— es wird ſeinen Platz behaupten in den Annalen der Weltgeſchichte, ſo gut wie die anderen ſeiner Genoſſen, hinter denen jene ihr Ausrufungszeichen geſetzt hat. Es iſt noch nicht abgelaufen, das verhäng⸗ nißvolle Jahr, an deſſen Morgen wohl in Wenigen noch eine Ahnung von dem lebte, was ſein Mittag bringen ſollte; noch iſt nicht der Vorhang hinter dem erſten Act des ſo plötzlich inſcenirten neueſten deutſchen Trauerſpiels herabgerollt, und ſchon ſieht man da und dort die Federn erheben, um ſeine Geſchichte zu ſchreiben. Ob dieſe jetzt ſchon, wo noch ſo mancher Schleier zu lüften, ſo mancher Urſache und Wirkung nachzuſpüren iſt, ſo ganz unpar⸗ teiiſch und untrüglich gegeben werden kann, wie es der heiligen Wächterin ob den Thaten der Menſchheit geziemt? Das ganz und voll in ſich abgeſchloſſene Bild kann noch nicht gezeichnet werden, allein an ſeine Conturen kann man ſich ſchon wagen, Moſaikſtücke dürfen jetzt ſchon herzugebracht werden, aus denen ſpäter die kundige und berufene Hand das der Nachwelt zu überlie⸗ fernde Gemälde zuſammenſetzen mag. Und wenn ſolche Moſaikſtücke aus allen jenen deutſchen Gauen, über die die Kriegsnoth hingezogen, wenn auch nicht gerade an einen und denſelben Platz, aber eben doch beigebracht wür⸗ den, es würde ein kleines, aber trotzdem ein gutes Stück Vorarbeit für die ernſtere Forſchung gethan. Unter dieſem Geſichtspunkt mögen die folgenden Mittheilungen aufge⸗ faßt werden. Sie ſind ganz ſpecieller und perſönlicher Art. Aber wie im Schlachtgewühl der einzelne Kämpfer nur das ſehen und ſpäter erzählen kann, was um ihn herum ſich ereignet hat, und aus Vieler Einzelerlebniß erſt Von Friedrich Lampert 63 ein organiſches Geſchichtsbild erwächst, ſo hat eben jeder wohl in dieſer reichbewegten Zeit ſeine eigenen Erfahrungen gemacht, ſeinen eigenen Be⸗ obachtungskreis gezogen, und weil jeder einzelne Vorgang doch dem großen weltgeſchichtlichen Ganzen ſich einfügte, ſo hat auch jeder, der da etwas er— lebt und mitgemacht hat, Berechtigung und vielleicht ſogar Pflicht, davon zu erzählen. Und iſt einem doch, als möchte man von nichts Anderem erzählen; klingt doch die große Geſchichte der letzten Monate und Tage in allen Reden und Gedanken, und darum auch allen Blättern wieder, gleich dem Schall am Lurleifelſen: hat er an der einen Wand ausgehallt, ſo hebt ſich's an der benachbarten und in ferner Schlucht wiederholt ſich's und will nirgends ein Ende nehmen.— Es war auf dem Bahnhof in Nürnberg, am 20. Juni. Das Coupé meines Wagons war lange geſchloſſen, aber noch hielt der Zug; die Con⸗ dukteure wußten ſich faſt nicht mehr zu helfen, die Unruhe der letzten Tage hatte ſie aus aller Ordnung gebracht. Auf dem Perron ſtanden hunderte von Menſchen, wie das Gewoge eines Meeres gingen die Stimmen durch⸗ einander. Das war ein Stück„ſonſt und jetzt“. Wie oft hatte ich ſolches Gewoge gerade auf dieſem Bahnhof geſehen, wie oft hatten fröhliche Men⸗ ſchenmaſſen uns hier empfangen! Hallen und Thüren waren feſtlich ge⸗ ſchmückt, Kränze wehten, Fahnen wallten, Hörner ſchmetterten, Willkomm⸗ rufe, Jubellieder. Wie klang's damals ſo himmelanſtürmend, ſo welter⸗ obernd:„was iſt des Deutſchen Vaterland!“ Und wie war's heut anders, kein Feſtſchmuck, kein Einzug heiterer Sängerſchaaren, längſt vergeſſen der Spruch, der damals als Abſchiedsgruß für die betrübten Herzens von der gaſtlichen Stadt Scheidenden da zu leſen war: „Doch bleibt die Hoffnung unſer Hort, Daß uns Ein Vaterland verbindet. Wenn alles flieht und alles ſchwand: Ein Vaterland— das deutſche Land!“ Nein, ſie zogen nicht mehr ein und aus zu dieſen Thoren, die Söhne des „Einen Vaterlandes“, ſondern einander entgegen zu blutigem Streit. Wohl bald kamen ſie wieder vorüber, die langen, faſt unabſehbaren Züge, die Sanges⸗ und Schützengenoſſen aus Nord und Süd, Oſt und Weſt, aber ohne Strauß und Kranz, die Waffe im Arm, ohne Raſt und Aufenthalt, zu⸗ erſt die Oeſterreicher, dann faſt die Bayern alle, bis zuletzt am 31. Auguſt plötzlich der fürſtliche Kommandant des preußiſchen II. Reſervecorps auf die⸗ ſem Bahnhof erſchien und ſich's mit ſeinen Mecklenburgern und ukermär⸗ 64 Anno 1866. kiſchen Garden in der ehemaligen Reichsſtadt bequem machte, und ſechs Wo⸗ chen lang die ſchwarz⸗weiße Fahne von der alten Burg der Burggrafen von Nürnberg und ſpäteren Churfürſten von Brandenburg wehte. Damals, an dem Abend, von dem ich rede, dachte freilich noch kein Menſch daran, daß es alſo kommen könnte, daß Nürnberg ſchutz⸗ und wehr⸗ los den Siegern offen liegen würde. Man grollte zwar, daß die bayriſche Armee noch nicht recht in Bewegung gekommen, man hätte ſie ſchon längſt außerhalb der Landesgrenzen gewünſcht;— aber es war an dem Tage doch wirklich„angegangen“. Das Hauptquartier des Prinzen Karl, des bayri⸗ ſchen Generaliſſimus, und ſeines Generalſtabschefs v. d. Tann, deſſen Lor⸗ beeren von Schleswig⸗Holſtein und 1848 her auch für 1866 noch unzweifel⸗ haft für friſch erfunden werden mußten, war eben von München durchpaſ⸗ ſirt. Mein Zug war der letzte, der heute für die übrige, unbewaffnete Menſchheit ging; noch genug rasten in nächtiger Stille ohne Aufenthalt un⸗ heimlich und geſpenſtiſch die Bahn entlang, aber alle trugen ſie die Kampf⸗ bereiten näher dem Wahlplatz. Wo den die bayriſche Armee zunächſt finden ſollte? Wäre die öſterrei⸗ chiſche Armee, an deren Oberkommando leider auch das bayriſche gebunden war, damals in Böhmen und nicht in Mähren geſtanden,„ſo wären“, iſt ſpäter offiziell geäußert worden, alle Bedenken dem einen Wunſche gewichen, „mit der öſterreichiſchen Armee dort einen Entſcheidungsſchlag auszuführen“. Aber ſo war dieſe zu weit entfernt, der Flankenmarſch zu ihr hätte das eigene Land ganz preisgegeben. Dann forderte die öffentliche Meinung, daß man Sachſen zu Hülfe eilen ſollte; der bayriſche Feldmarſchall ſoll das auch ernſt⸗ lich gewollt, aber wieder die Aufſtellung der öſterreichiſchen Armee auch dieſe Möglichkeit abgeſchnitten haben. Sie hielt ſich für ſtark genug, es allein mit dem Gegner aufzunehmen, und wollte nicht einmal die Mitwirkung der Bayern in Sachſen. Dort ſtanden theilweiſe noch die Preußen. Ein Vor⸗ rücken derſelben nach Bayern über Plauen und Hof her gehörte nicht zu den Unwahrſcheinlichkeiten; darum ſtand ein großer Theil der bayriſchen Trup⸗ pen an der nordöſtlichen Grenze des Landes, aber um vergebens auf jene Eventualität zu warten und dann zu ſpät zu kommen, um die Hannoveraner frei zu machen. Denen, der Leonidascohorte dieſes Krieges, aus der ehernen, ſie mehr und mehr umgarnenden Umarmung zu helfen, war ein drittes der bayriſchen Heerführung vorgezeichnetes Ziel. Das wurde endlich ernſtlich angeſtrebt, dem zu ſollte nun die längſt längs der Eiſenbahn aufgeſtellte oder in zwei großen Lagern am Main concentrirte Armee wirklich mobil gemacht Von Friedrich Lampert. 65 werden. Darum war das bayriſche Hauptquartier nach Bamberg gegangen, um dort ſichere Nachricht aus dem hannövriſchen Lager zu empfangen und, je nachdem dieſe lautete, den Vormarſch zu beſchleunigen. Nach Bamberg ſchien, als ich am 21. Juni mit dem, an dieſem Tag den Dienſt aller ſeiner Collegen verſehenden Eilzug auch dorthin fuhr, alles auf dem Wege zu ſein. Auf allen Straßen war Bewegung: dort zieht ein Bataillon Infanterie einher, hier kommt ein Zug Geſchütz, da wirbeln Rei⸗ ter weithin den Staub auf, hier halten Ordonnanzen an einer Barrisére, un⸗ geduldig ob des ihnen aufgenöthigten Wartens. In Erlangen ſah ich Uhla⸗ nen; ſie waren vor einigen Tagen noch bei uns in Cantonnement geweſen; ſie erzählten, daß ſie geſtern ihre Inſtrumente abgeliefert, ihre Säbel hätten ſcharf machen laſſen: es ſollte alſo Ernſt werden. „Forchheim!“ ruft da der Condukteur. Niemand ſteigt aus, niemand zieht es hinüber zu den doch auch heute lockend hinüberſchauenden Bergen der fränkiſchen Schweiz. Auch ſie vermag ihren Friedenscharakter nicht zu wahren der unruhvollen Zeit gegenüber. Es iſt ſtill von dem, was ſonſt auf ſolchem, einem„Hauptpunkt der Saiſon“ naheliegenden Bahnhof trieb und lebte. Wer hat in den Höhezeiten der Reiſeluſt und Reiſemode den Bamber⸗ ger Bahnhof nicht geſehen! Wie es da kribbelte und krabbelte, wogte und wimmelte von allerlei Männlein und Fräulein, deutſchen und fremdländi⸗ ſchen Geſchlechts, hohen und niederen Berufes, wie ſie da durcheinander ſich drängten, die langlockige Lady und der ferienreiſende Profeſſor, der bebrillte Geheimerath und der flotte Studio, wie man ſich nicht durcharbeiten konnte durch die Berge von Koffern, Hutſchachteln, Alpenſtöcken und ſonſtigen tau⸗ ſenderlei„Unentbehrlichkeiten“, die herumſtanden und lagen! Wie ver⸗ ſchlüpfen ſich heute die wenigen Reiſenden unter dem Gewühle, das auch dieſen Perron erfüllte! Wie ſchüchterne Tauben drücken ſich da ein paar Da⸗ men in die Ecke, ängſtlich des verſpäteten Schnellzugs nach Hof wartend. „Geht nicht mehr,“ brüllte der Portier. Sie wagen gar keine Frage mehr, denn der ſonſt hier ſo laute liebliche Berliner Jargon darf ſich nicht mehr hervortrauen: er könnte gefährlich werden. Nur Militär und abermals Mi⸗ litär, wohin wir ſehen, Generale, Adjutanten, alle in geſchäftigſter Bewe⸗ gung.— Ich ging zur Stadt, die freundlich und lieblich wie immer, der Frankenzierden ſchönſten eine. Aber das Auge hatte faſt keinen Sinn für ihre Schönheit; wenn der Ernſt der Zeiten es trübt, legt ſich auch um die lieblichſte Landſchaft ein Nebelflor. Hausblätter. 1867. I. Bd. 5 66 Anno 1866. Wieder war's Morgen auf dem Bahnhof. Sonſt kreuzten ſich in die⸗ ſer Stunde vier Züge hier; es war nicht viel leiſer, als in der geräuſchvol⸗ len Mittagszeit. Heut aber war's kirchhofsſtill. Nur die Beamten gingen auf dem Perron auf und ab. In den großen Warteſälen auch faſt keine Seele, nichts als hunderte von leeren Kaffeetaſſen, die einen ganz melancho⸗ liſch anmutheten.„Kein Zug geht!“ heißt es wieder, nachdem doch Abends zuvor noch die Würzburger Linie für frei erklärt worden war. In der Nacht hatte ſich alles geändert. Wichtige Depeſchen waren angelangt, flogen noch immer ungehört, ungeſehen auf den geheimnißvollen Drähten da neben mir hin und her. Da war's ganz ſelbſtverſtändlich, daß man mich groß an⸗ ſchaute, als ich mir einbildete, eine Beruhigungsbotſchaft nach der Heimat, den auf einmal nur offiziell gewordenen, anvertrauen zu können. Ganz ver⸗ blüfft ſtand ich da, ſo behaglich gewohnt an all die zauberhaften Communi⸗ cationsmittel der neuen Zeit, und nun auf einmal von ihnen allen abge⸗ ſchnitten! Wie ein Heimweh nach dem alten Eilwagen, eben weil ein ſolcher auch nicht oder vielmehr gar nicht mehr zu haben war, zog's auf einmal in's Herz. Da fühlte der liebenswürdige Bahnhofinſpektor Mitleid mit mir. Der erſte Militärzug des Tages ward eben zuſammengeſtellt; mit ihm ſollte ich bis Schweinfurt fahren.„Sie können viel ſehen,“ murmelte der gefällige Beamte vertraulich,„es geht etwas vor, es liegt ſchwer in der Luft,“ und dergleichen geheimnißvolle Andeutungen mehr. Die Condukteure ließen ſo⸗ gar noch bedenklicheres laut werden: die Preußen ſollten ſchon vor Mellrich⸗ ſtadt, alſo ſchon auf bayriſchem Boden, ſtehen. Da war freilich keine Zeit zu verlieren. Nur mit mit ein paar Gleichbegünſtigten außer mir beſetzt, brauste der lange Zug hinaus. Von den Zinnen der alten Burg, auf der einſt Otto von Wittelsbach den Kaiſer Philipp von Hohenſtaufen überfiel, von den Thürmen des Doms und des St. Michelsberges ſchien die Morgenſonne wider; in duftiger Friſche ſchaute die reizende, an den Höhen und dem Strom hingelagerte Landſchaft mich an. Da tauchte, eine halbe Stunde ungefähr hinter Bamberg, bei Oberhaid die luftige Zeltſtadt auf, die dort zwiſchen Fluß und Bahn aufgebaut war. Bewegung und Leben zeigte ſich in ihr trotz der frühen Stunde. Der Zug hielt, denn er war an ſeinem nächſten Be⸗ ſtimmungsort angekommen: das„Embarquiren“ der aus dem Lager ziehen⸗ den Truppen begann. Schon marſchirte mit wehenden Fahnen und klingen⸗ dem Spiel das erſte, ein Jägerbataillon, heran, kräftige, blühende Leute, Von Friedrich Lampert. 67 frohmüthig anzuſchauen, daß ſie dem Lagerleben entronnen waren. Mit großer Präciſion ward eingeſtiegen; das Abfahrtskommando erſcholl, die Locomotive ſchrillte, aber ihr unheimlicher Pfiff ward übertönt von dem fröhlichen Klang der Jägerhörner, obwohl es für viele, die da hinausfuhren, ein Todtenlied war, was ſo luſtig in den Sommermorgen hineinſchmetterte. Ohne Aufenthalt ging's nach Schweinfurt; raſch wurde der Zug ſeines Inhalts entladen, um dann zurückzueilen und neue Truppen zu holen. Sonſt trägt der Bahnhof von Schweinfurt um dieſe Zeit ein internationales Ge⸗ präge; aber heut war die Tafel, auf welcher ſonſt„nach Kiſſingen“ zu leſen war, eingezogen. Stand an dem Morgen doch noch in einer Zeitung von dem tiefen, wohl ungeſtört„bleibenden“ Frieden und der von allem Kriegs⸗ lärm abgeſchiedenen Stille des berühmten Kurortes zu leſen— und am Abend dieſes Tages ſchon, und wie gar erſt zwei Wochen ſpäter war das alles in das Gegentheil verkehrt. Ich ging hinaus zum Lager, dem zweiten, das am Maine, ganz nahe der Stadt, auf weiter grüner Aue aufgeſchlagen war. Nur noch wenige Truppen fand ich in ihm. Die meiſten waren ſchon in der Morgenfrühe ausgezogen, der Heerſtraße nach Kiſſingen entlang. Ihnen folgten nun Stunde auf Stunde neue Maſſen. Der ſchöne große Marktplatz der alten Reichsſtadt, der ſonſt ziemlich ſtill iſt, glich einem Heerlager. Lange Reihen von Fouragewagen hielten auf ihm, mit bäuerlichem Vorſpann, und zogen dann nacheinander, von Truppen eskortirt ab; ein Bataillon nach dem an— dern kam durch die Stadt; es war ſeit Jahrzehnten das erſtemal wieder, daß ſie ernſtes, kriegeriſches Leben ſchaute. Anno 1796, als die Neufranken in Altfranken eingebrochen waren, hatte ſie— wir haben in dieſen Blättern davon erzählt— Aehnliches erlebt. Ich war wieder auf dem Bahnhof. Ein neuer Militärzug war eben eingefahren. Die Infanterie, die er gebracht, ſtand auf dem Perron; ſie konnte nicht heraus; ein furchtbares Gewitter tobte über uns hin; der Hagel fiel klirrend auf das Glasdach der Einſteighalle; die Pferde eines zweiten Zuges konnten kaum mehr in ihrer engen Haft gehalten werden. Es war ein grauſig Durcheinander, ſchwer für die hin und her eilenden Offiziere, Ordnung zu halten. Dort ſah ich auch Hauptmann von Schlagintweit, dee kühnen Reiſenden und tapferen Kämpen des marokkaniſchen Krieges, echütz der intelligenteſten Offiziere der bayriſchen Armee, zum letztenmale. oden, und tief traurig ging er über den Perron: die junge Gattin lag in über⸗ 5*— 68 Anno 1866. Sterben; wenige Tage ſpäter war ſie todt und nach wenigen Wochen er ſelber gefallen. Gegen Abend ließen die Militärzüge für einen Augenblick dem Eilzug Raum, mit dem ich nach Würzburg und andern Morgens nach der Heimat gelangen konnte. Da war's indeß auch nicht ruhig geblieben und darum auch gar keine Verwunderung vorhanden darüber, daß ſo und ſo viel Züge ſich gegen mich verſchworen hatten, ihren Dienſt einzuſtellen. Ganz dasſelbe war auf unſerer Bahn, der von München nach Würzburg gehenden, ge⸗ ſchehen. Die aus Holſtein rückkehrenden Oeſterreicher, welche ſchon der Hei⸗ mat zu dirigirt waren, dann aber auf einmal Gegenbefehl erhalten hatten, waren hier durchpaſſirt. Einem Zug begegnete ich gerade noch. Es war ein Theil jener armen Brigade Hahn, der, wie ſo manchen braven Truppen der Reichsarmee, während des ganzen Feldzugs kein Glücksſtern leuchtete, die jetzt ausfuhr, um einen neuntägigen Contremarſch in Heſſen anzutreten, dann in Aſchaffenburg den Kampf faſt allein aufzunehmen und dann doch hintennach des verdächtigenden Urtheils genug zu bekommen, gegen welches dann ſpäter der öſterreichiſche Bundesgeneral Graf Neipperg in Ansbach, glaub' ich, eine donnernde Philippica gehalten hat. Es kamen nun unheimliche, ungewiſſe Tage. Es war eine eigenthüm⸗ liche Stimmung damals unter dem Volk hier zu Land. Während in der Ge⸗ gend von Nürnberg die blindeſte Preußenfurcht herrſchte, ſo daß man ſeine Habſeligkeiten vergrub oder gar in die Brunnen warf, oder die waffenfähi⸗ gen jungen Burſchen der Dörfer aus Angſt vor der„Rekrutirung“ fluchtbe⸗ reit ſtanden oder ihrer gar einmal etliche ſich, allerdings mit gehörigem Mundvorrath verſehen, in einem Keller einmauern ließen; ſo war dagegen hierorts, an der Grenze des ehemaligen Markgrafenthums Ansbach, eine mit den ſpecifiſch bayriſchen Pflichten ganz unverträgliche Sympathie mit den von Norden Herandrängenden zu bemerken. Das machte hauptſächlich, weil gerade auf dieſer Grenzmarke des proteſtantiſchen und katholiſchen Frankens zu dem politiſchen auch noch der unſelige confeſſionelle Zwiſt ent⸗ brannt war. Das alte Feldgeſchrei„hier Papſt“,„hier Luther!“ erſcholl auf einmal wieder, Hand in Hand mit dem„hier Preußen, hier Oeſter⸗ eich!“ und da man doch noch nicht gewiß wußte, wohin der Sieg auf den dellachtfeldern draußen ſich neigen würde, ſo machte man ſich alleweile hier ſtindort daran, den Kampf einſtweilen mit confeſſionell gemiſchten Fäuſten den Leipiren. dem S Von Friedrich Lampert. 69 Gar traurig ſah es in Würzburg aus, das einmal in dieſem Kriege die verſchiedenſten Stimmungen und Wandlungen durchmachen ſollte. Da ſtellte ſich der Bürger und gemeine Mann unter dem„Preußen“ etwas ab⸗ ſonderlich Furchtbares vor und es kam ſogar zu einer amtlichen, in den Blättern publicirten, hiſtoriſch⸗ethnographiſch⸗ſtatiſtiſchen Auseinanderſetzung, um den guten Bewohnern der Biſchofsſtadt das Vorhandenſein auch ſo und ſo vieler katholiſcher Unterthanen der Berliner Majeſtät glaubhaft zu ma⸗ chen. Aber ganz ſchwanden erſt die düſteren Beſorgniſſe, als ſpäter, da„ſie“ wirklich kamen, mit dem Oberkommandanten der Mainarmee auch ein Pater ex societate Jesu mit einritt und man den klugen Gedanken hatte, ein gut katholiſches weſtphäliſches Regiment als Garniſon hierher zu verlegen. Ein zweites, was Würzburg damals unangenehm machte, war eine wahre Ma⸗ nie, mit der man dort auf's Spionefahnden ausging. Es war wahr, Preu⸗ ßen hatte deren jedenfalls mehr, als ſeine ſorgloſen Gegner, und wir könn⸗ ten allerhand Stückchen davon erzählen, allein in jedem, der einmal eine irgendwie politiſche oder militäriſche Frage that oder von einem guten, rei⸗ nen unterfränkiſchen Dialekt abwich, einen Spion zu ſehen oder ihn, wie all⸗ täglich vorkam, zu verhaften und drangſaliren, das ging doch zu weit. Inzwiſchen waren die erſten Kriegsbülletins der Oeſterreicher kund geworden; allein ſchnell kam die Enttäuſchung nach, faſt gleichzeitig mit der Nachricht von der verhängnißvollen Schlacht von Königsgrätz auch die von den erſten Mißerfolgen der bayriſchen Armee im Weimariſchen und der Rhön. Und wer's nicht glauben wollte, der konnte ſie ſelber ſehen, die Hiobs⸗ boten, Küraſſiere, Chevauxlegers, Uhlanen, wie ſie zu Hunderten oder in kleineren Trupps an einem Donnerſtag, dem 5. Juli, in Würzburg und den umliegenden Orten plötzlich erſchienen, in fürchterlichem Zuſtand, ſchweiß⸗ und ſtaubbedeckt, mit zu Schanden gerittenen Pferden, ſchreckliche Mär ver⸗ kündend von der völligen Aufreibung ſämmtlicher Kavallerieregimenter, Ge⸗ fangennehmung des Hauptquartiers, ſturmſchnellem Herannahen der Preu⸗ ßen. Ein prächtiges, wohl ausgerüſtetes Corps war die Reſervekavallerie gegen Fulda zu ausgerückt, um in Einer Nacht, viel weniger durch den Feind, als durch die Macht abergläubiſcher Schreckens, auseinander geworfen zu werden. Ohne Infanterie⸗ und Artilleriedeckung in einem waldigen Defilée vorgehend, in dieſem von einem ungeſehenen Feind mit ſchwerem Geſchütz empfangen, ohne jegliche Terrainkenntniß auf dem trügeriſchen Moorboden, waren die an der téte marſchirenden Regimenter ſchon bei den erſten, in über⸗ 70 Anno 1866. Von Friedrich Lampert. raſchender Nähe aufblitzenden Schüſſen des Feindes in Verwirrung gerathen. Zurückjagend warfen ſie die Nachkommenden; kein Kommando, kein Bitten und Beſchwören konnte die Flucht mehr aufhalten; wie ein Geiſterzug ſind die Küraſſiere von denen geſchaut worden, an denen ſie in der finſtern Nacht mit den fliegenden weißen Mänteln vorüberſtürmten. Daß, wenn ſieben Reiterregimenter einmal außer Ordnung gerathen, dieſe auf eine Zeit lang völlig gelöst iſt, iſt zu erklären; wie aber, wie geſagt, hunderte von dieſen„Erſchrockenen und Verwirrten“ in Einem Ritt zwanzig, ja dreißig Stunden weit reiten konnten, ohne ſich nur einmal zu ſammeln oder nur umzuſehen, oder auf das Anrufen mancher, die„Ausreißer“ zu Rede ſitzender Männer zu hören, das war ſchwer zu entſchuldigen, und wie ein harter Bann lag's lange namentlich auf den Küraſſieren, welcher erſt ge⸗ löst wurde, als ſie drei Wochen ſpäter, ihre Mäntel in Blut gefärbt, aus den glanzvollen Attaken von Helmſtadt wiederkehrten. (Fortſetzung folgt.) Der Thee. Von Ernſt Freiherrn von Bibra. Latein.: Thea chinensis, Chineſ.: Ta, Sa, Cha, Teh. Schon die Anführung des lateiniſchen, noch mehr aber die der vier chi⸗ neſiſchen Namen des Thees läßt uns leider befürchten, daß man die nach⸗ folgende„Abhandlung“ für eine ausnehmend langweilige halten wird. Wir theilen aus dieſem Grunde, und um dem geehrten Leſer das Ueberſchlagen möglichſt zu erleichtern, das Folgende in einzelne Abſchnitte, welche wir mit Ueberſchriften verſehen. 1) Die Theepflanze, wie ſie ausſieht und wo ſie vorzüglich wächst. Die Botaniker ſind gegenwärtig einig, daß es nur eine einzige eigent⸗ liche Theeart gibt, nämlich Thea chinensis, und daß Thea viridis, The bohea und Thea stricta nichts weiter als Spielarten der Thea chinensis ſind. Höch⸗ lich ſind die Botaniker zu loben, weil ſie dieſe früher angenommenen Arten nun auf eine einzige zurückgeführt, und auf der anderen Seite iſt auch den erwähnten Spielarten eine lobende Anerkennung nicht zu verſagen, daß ſie von den älteſten Zeiten bis auf den heutigen Tag ihr em Charakter ſo treu geblieben ſind und nicht noch ein Dutzend weitere Spielarten erzeugten, wie ſolches bei anderen Pflanzen leider nur allzuhäufig gebräuchlich.*) *) Vollkommen buchſtäblich iſt dieſes Lob nicht zu nehmen, denn je nach Klima und Gegend exiſtiren wohl vielfache Varietäten der angegebenen Hauptab⸗ arten, die indeſſen immerhin auf eine und dieſelbe zurückzuführen ſind. D. V. 72 Der Thee. Da bei der Theeernte die Blätter mit der Hand abgenommen werden müſſen, läßt man den Theeſtrauch nie höher als vier bis ſechs Fuß werden, was man durch Beſchneidung bewerkſtelligt, und das iſt vielleicht die Ur⸗ ſache, daß der Strauch ziemlich ſtark veräſtelt iſt. Die grünen Blätter ſind, je nach der Spielart, ekliptiſch oder länglich lanzettförmig, rundlich oder ſpitz, geſägt, kahl und glänzend, mit kurzem Stiel.— Die Blüthen ſtehen an den äußeren Zweigen theils einzeln, theils gepaart, und die Blumenkrone beſteht aus ſechs weißen Blättern, der Kelch aus fünf kleineren, grünen. Die Zahl der Staubfäden beläuft ſich faſt auf hundert, und die Blüthe iſt wohlrie⸗ chend. Die haſelnußgroße Frucht iſt glänzend braun. Die Unterſchiede der Hauptabarten mögen etwa folgendermaßen be⸗ zeichnet werden: Beim grünen Theeſtrauch, Thea viridis ſind die Blätter größer, die Blumenkrone hat bisweilen acht bis neun Blüthenblätter und die Frucht iſt kugelrund.— Der braune Thee, Thea bohea, hat kürzere, verkehrt eirunde Blätter, die Blumenkrone hat ſechs Blüthenblätter, und die Frucht iſt birnförmig. Beim gradäſtigen Thee, Thea stricta, ſtehen die Aeſte mehr in die Höhe ge⸗ richtet und die Blätter ſind ſchmäler, kleiner und ſteifer.— Die Theeſtaude gehört zu der Familie der Camelliaceen, von welcher nur wenige Arten bekannt ſind, die meiſt aus dem ſüdöſtlichen Aſien ſtam⸗ men. Da ſie ſowohl wichtig für den Handel als auch eine beliebte Zierde unſerer Gärten geworden ſind, ſo mag es hier eine Stelle finden, daß die erſten Camellien, nach Einigen von einem Apotheker der mähriſchen Brü⸗ derſchaft, G. J. Kamel, im ſiebzehnten Jahrhundert nach Europa gebracht worden ſein ſollen, nach Anderen von dem Jeſuiten Camelli, und daher hat Linné der Pflanze ihren Namen gegeben. Die liebſten Standorte des Theeſtrauchs ſind feuchte und hügelige, wo möglich gegen Süden abfallende Gegenden, und er gedeiht in der Nähe des Aequators noch bei einer Höhe von 4000 Fußen über dem Meeresſpiegel, entfernter davon aber wohl kaum über 800, und in Betreff des Bodens iſt er nicht beſonders wähleriſch, nur bedarf er der Feuchtigkeit und eines Spiel⸗ raums von einigen Fußen. Verſetzt wird die Theepflanze nicht, ſondern ge⸗ ſät und ſogleich die nöthige Entfernung eingehalten, und in China, wo man den Boden düngt und überhaupt gut kultivirt, kann ſchon im dritten Jahre geerntet werden. Indeſſen iſt nach ſieben oder acht Jahren die Herrlichkeit zu Ende und die Pflanzung muß erneut werden. Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 73 Der Theeſtrauch kommt in China und Aſſam auch wild vor, und man hat im Innern der engliſchen Beſitzungen von Aſſam ganze Theewälder ge⸗ funden; ob deſſen Güte aber dem kultivirten gleichkommt, iſt mir nicht be⸗ kannt. Die Kultur des Thees verbreitet ſich indeſſen gegenwärtig über den größten Theil von Oſtaſien.— In China wird der Theebau etwa vom 14. Grade bis zum 34. Grade betrieben, man kultivirt denſelben aber wohl auch bis zum 40. Grade, jedoch nicht mehr ſo häufig, und das Produkt kommt auch an Güte dem mehr ſüdlich erzielten nicht gleich. Selbſtverſtändlich baut man auch in Japan Thee, und durch die Engländer wurde die Thee⸗ kultur nach Ceylon und Bengalen gebracht und ebenſo an dem Südabhange des Himalaya eingeführt; ferner baut man Thee an der Weſtküſte von Afrika, und das zwar vorzugsweiſe an den Abhängen des Kong⸗Gebirges. Auf Sumatra und Java ſind von den Holländern mit dem beſten Erfolge Theepflanzungen angelegt worden, und ebenſo hat man auf Madeira und Helena und ſelbſt in Portugal Verſuche mit dem Theebau gemacht, ob mit beſonders günſtigem Erfolge iſt mir indeſſen nicht bekannt. Die einzige Theezucht, welche mir ſelbſt vorgekommen iſt, war eine ſehr beſcheidene, aber ſie machte dennoch auf mich einen unauslöſchlichen Eindruck, weil ſie mit dem ächten, dem Thee gewiſſermaßen angeborenen Menſchen⸗ material, nämlich mit wirklichen Chineſen, betrieben wurde. Es war das im ſogenannten botaniſchen Garten in Rio de Janeiro. In früheren Zeiten hatte ein portugieſiſcher Mönch den unſtreitig treff⸗ lichen Gedanken, alle Kulturgewächſe der wärmeren Breitegraden ohnweit Rio de Janeiro anzubauen, dort ihre Zucht und ihr Gedeihen zu ſtudiren und dann diejenigen, welche einen günſtigen Erfolg hoffen ließen, weiter in Braſilien auszubreiten. Zeitverhältniſſe hemmten theilweiſe die großartige Ausführung dieſes Gedankens, doch wirkte er in mehrfacher Hinſicht ſegens⸗ reich für das Land, und jedenfalls verdankte ihm eine der wundervollſten Anlagen der Welt, ein Traum aus Tauſend und eine Nacht oder ein Para⸗ dies, wenn gleichwohl ohne Adam und Eva und die frei herumlaufende Ur⸗ menagerie, ſeine Entſtehung. Das iſt kaum zu viel geſagt, wenn man be⸗ denkt, daß dort, in dieſem ſogenannten botaniſchen Garten, auf einem Raume von ſechzig oder mehreren bayriſchen Tagwerken, neben faſt allen bekannten Nutz⸗ und Kulturpflanzen der Tropen, die prachtvollſte Flora jener Breiten ewig grünt, blüht und duftet. Nun, dort habe ich einen etwa ein Tagwerk großen Raum mit Thee be⸗ 74 Der Thee. pflanzt geſehen, und die erwähnten Chineſen kauerten zwiſchen den Stauden und nahmen die Blätter ab, aber während jenem im botaniſchen Garten ge⸗ zogenen Theeſamen alle übrigen Theepflanzungen in Braſilien ihren Ur⸗ ſprung verdankten, verkümmerten ihre Pfleger tagtäglich mehr und mehr. Man hatte nämlich mit dem aus China gebrachten Thee zugleich etliche hun⸗ dert Chineſen mit nach Braſilien kommen laſſen, um die Theezucht genau nach den Regeln ſeines Vaterlandes betreiben zu können, aber die armen Teufel verkümmerten im fremden Lande, ſie waren ſchief angeſehen von je⸗ dermann, und ſelbſt die Sklaven betrachteten ſie mit verächtlichen Blicken. Etwa ein Dutzend war zu jener Zeit noch von ihnen übrig, und jetzt ſind auch wohl dieſe von der fremden Erde verſchwunden. Jene Theeſtauden aber, welche ich im botaniſchen Garten zu Rio de Janeiro geſehen habe, waren etwa fünf Fuß hoch und ſchienen üppig zu ge⸗ deihen, auch ſoll von ihnen ein trefflicher Thee gewonnen werden, obgleich man ſonſt dem braſilianiſchen Thee den Vorwurf der Herbe macht und ihm das Aroma abſpricht. Im Uebrigen ſind die vorzüglichſten Theediſtrikte Bra⸗ ſiliens die Provinz Rio de Janeiro und Minas Geraés. 2) Die Theeernte, und die Zubereitunng der Blätter als Handelswaare. Das Abnehmen der Blätter ſowohl als ihre weitere Behandlung, um je nachdem die verſchiedenen Sorten aus denſelben zu erzielen, iſt für das ganze Weſen des Thees von ſo hoher Wichtigkeit, daß wir demſelben einen etwas größeren Raum geſtatten müſſen, wogegen wir das Verſprechen lei⸗ ſten, den„chemiſchen Theil“ hinlänglich beſchneiden zu wollen, und das zwar nach dem Muſter, wie man die Theepflanze ſelbſt beſchneidet, ſo daß man alles mit Händen greifen kann, dort die Blätter, hier die chemiſchen Angaben. Lange Zeit war man der Meinung, daß der grüne und ſchwarze Thee des Handels von zwei verſchiedenen Theepflanzen herrühre, jetzt aber weiß man, daß einzig die Behandlungsweiſe des Blattes, nachdem man es einge⸗ ſammelt hat, den Farbenunterſchied bedingt. Die Theeernte findet je nach dem Alter des Strauches drei bis viermal im Jahre ſtatt, die Chineſen aber halten den 5. April für den günſtigſten Tag. Heiteres und ſonniges Wetter i*ſt das vortheilhafteſte, weil man dann von den Blättern weniger Waſſer zu entfernen hat, als wenn es regnet, und man rechnet bei heiterem Wetter acht Pfund friſche Blätter auf zwei Pfund trockenen Thee, bei Regenwetter aber vierzehn Pfunde auf zwei Pfunde. — — Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 75 Die Bereitung des ſchwarzen Theees findet folgendermaßen ſtatt. Man ſammelt die Blätter mit einem Theile der Stiele und ſetzt ſie, gehörig ausgebreitet auf Bambushürden zwei Stunden lang der Sonne aus. Dann werden ſie von den Hürden genommen, mit den Händen geknetet, und hierauf auf Haufen gebracht. Schon durch das Kneten und Auspreſſen hat der Thee einen Theil ſeines Saftes verloren, und durch das Aufſchichten auf Haufen tritt eine Art Fermentation ein, wodurch er einen weiteren Theil ſeiner nar⸗ kotiſchen Eigenſchaften verliert und gleichzeitig eiwa in einer Stunde die Farbe wechſelt und ſchwarz wird. Nun wird er wiederholt geknetet und in erhitzte Pfannen gebracht. Man hat ſehr verſchiedene Temperaturen angegeben, welche in dieſen Pfannen herrſchen ſoll; nach den glaub⸗ würdigſten Notizen indeſſen iſt die Erwärmung der Pfannen eine ſolche, daß der in denſelben befindliche Thee eben noch angefaßt werden kann. Man röſtet etwa fünf bis ſechs Minuten lang, bringt die Blätter hier⸗ auf in kleine cylindriſche Körbe, welche man ſchwingt, um ſie theilweiſe zu trocknen, und dann werden ſie meiſt durch Weiber und Kinder gerollt. Man nimmt zu dieſem Behufe eine Hand voll Blätter, dreht aus demſelben eine Kugel, welche aber wieder auseinander genommen und nochmals über Feuer getrocknet wird. Hiebei ſchwitzen die Blätter einen ſcharfen, grünlichen Saft aus, und man rollt und trocknet ſie abwechſelnd ſo lange, bis dies nicht mehr der Fall iſt, und ſie vollkommen trocken erſcheinen. Aber alle dieſe Arbeiten dürfen nicht unterbrochen, ſondern müſſen in einer Reihe vorgenommen wer⸗ den, weil der Thee nur im halbfeuchten und warmen Zuſtande ſich rollen läßt.— Schon während dieſer Behandlung werden die Blätter in Haufen ſortirt, je nach ihrer Größe und ihrer Feinheit, und zugleich werden die noch nicht hinreichend trocken befundenen wiederholt über Feuer gebracht, bis ſie ſich nicht mehr biegen laſſen, ſondern brechen. Dies iſt im Allgemeinen die Bereitungsweiſe des ſchwarzen Thees. Einzelne Abänderungen finden indeſſen in einigen Theediſtrikten ſtatt. So wird zum Beiſpiel der ſchwarze Peko und Souchong eingeſammelt, wenn die Blätter noch nicht vollſtändig entwickelt und noch mit Flaum bedeckt ſind. Dann werden ſie abwechſelnd auf Bambushürden in die Sonne und in den Schatten gebracht, hierauf bei ſehr gelindem Feuer getrocknet, eine Nacht der Luft ausgeſetzt, am nächſten Tage ſcharf geröſtet und nun ſogleich verpackt. Die Hauptſache bei der Bereitung des ſchwarzen Thees iſt eine ſorg⸗ fältige Ueberwachung und Regulirung aller dieſer Vorgänge, welche man 76 Der Thee. Leang⸗Ching, To⸗Ching und Oe⸗Ching nennt, und da wir uns nun einmal im Chineſiſchen bewegen, ſo mag noch bemerkt werden, daß die oben erwähn⸗ ten Röſtpfannen Kuo heißen, und die cylindriſchen Körbe, in welche ſie von den Pfannen aus gebracht werden, Pocy⸗long. Bei der Bereitung des grünen Theees verfährt man auf folgende Art: Die Blätter werden ohne die Stiele abgenommen, raſch in die bereits erhitzten Röſtpfannen gebracht und drei bis vier Minuten lang mit Bambus⸗ ſtäben umgerührt, damit ſie nicht anbrennen, und ſie ſind jetzt ſchon ſo ge⸗ ſchmeidig geworden, daß ſie ſich rollen laſſen. Sie werden hierauf vom Feuer genommen, um abzukühlen, auf Hürden ausgebreitet und dann mit den Händen zu kleinen Kugeln zuſammen gedrückt, wodurch allerdings eine gewiſſe Menge Saft ausgepreßt und entfernt wird, jedoch lange nicht ſo viel als beim ſchwarzen Thee. Die Kugeln bleiben dann auf den Hürden etwa zehn Minuten an der Sonne liegen, und dann nimmt man ſie mehrmals auseinander und ballt ſie wieder. Kann man des Wet⸗ ters wegen nicht im Freien arbeiten, oder hat man keinen Sonnenſchein, ſo nimmt man Feuer zu Hülfe. Bereits ſchon in einem Zuſtande ziem⸗ licher Trockenheit, kommen jetzt die Blätter in eine ſcharf erwärmte Pfanne, werden noch mehr geröſtet, und ſogleich von der Pfanne aus in einen Sack von ſtarker Leinwand geſchüttet, in dieſen ſo feſt wie möglich geſtampft und etwa zwölf Stunden in dieſer Preſſe gelaſſen. Hierauf nimmt man ſie heraus und nun werden ſie wieder durch Weiber und Kinder gerollt. Wie es alle Nachrichten beſagen und wie es der Augenſchein an den zu uns gebrachten Theeblättern des grünen Thees ergibt, geſchieht dies mit der Hand, und es will ſcheinen, als ſei ein Theil der ungeheuerlichen Lang⸗ weile, welche dieſe Operation verurſachen muß, an den zierlichen, kleinen Theekügelchen kleben geblieben, um bei uns durch heißes Waſſer wieder auf⸗ geweicht zu werden, und in manchfachen Thee⸗Cerelen zweckmäßige Verbrei⸗ tung zu finden. Mit dieſem Rollen iſt übrigens die Bereitung noch nicht vollendet. Der gerollte Thee bleibt in Bambuskörbe gepackt einige Monate ſtehen und wird dann noch recht geröſtet. Hierauf wird der Thee geſiebt und in einer Maſchine ſortirt, und das zwar auf ähnliche Weiſe, wie bei uns das Getreide in den ſogenannten Fegmühlen behandelt wird, indem durch ein Syſtem von Fächern, welches man in eine drehende Bewegung geſetzt hat, die feinſten Blätter am weiteſten hinweg geſchleudert werden. Als Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 77 leichteſte Waare wird auf dieſe Art zuerſt der Voung⸗Hyſon und Hyſon, dann der Schießpulverthee, und endlich, als der ſchwerſte, der Imperialthee er⸗ halten, welcher aber nicht mit dem Kaiſerthee verwechſelt werden darf. Von der Färbung des grünen Thees wollen wir ſogleich weiter unten ſprechen, vorerſt aber einen Blick auf die Bereitung des ächten Kaiſerthees werfen. Dieſer kommt nicht in den Handel, ſondern iſt allein für den Kaiſer und den Hof beſtimmt. Ob er als eine Abgabe gegeben wird, oder ob die Bohi⸗Hügel, die Theehügel, auf welchen er vorzugsweiſe gewonnen wird, ein Beſitzthum der Krone ſind, vermag ich aber nicht anzugeben. Der vorzüglichſte Kaiſerthee ſoll nach Dr. Weyda zu Udſi, einer kleinen Stadt in der Landſchaft Jamarino auf der Inſel Nippon gebaut werden, und dieſe Gegend, ſowie Ureſino auf Kijuſiu in der Landſchaft Hizen, ſollen die beſten Theediſtrikte ſein, wobei ich übrigens bemerken will, daß Nippon oder Niphon zu Japan gehört. Die Theeſtauden ſtehen auf einer Anhöhe, welche mit Graben und Hecken eingeſchloſſen iſt, und eigene Hüter ſind be⸗ ſtellt, um die Blätter ſo viel es eben thunlich iſt, vor Staub, Inſekten und anderen Schädlichkeiten zu bewahren. Die zur Ernte beſtimmten Arbeiter müſſen ſich ſchon einige Zeit vor derſelben der Fiſche und anderer für unrein gehaltenen Speiſen enthalten, das Einſammlen der Blätter ſelbſt mit Hand⸗ ſchuhen vornehmen, und neben der ſorgfältigen Pflege, welche dieſe Theeſtau⸗ den erfahren, und der Reinlichkeit, welche man beim Pflücken derſelben an⸗ wendet, verdankt der Kaiſerthee ſeine Trefflichkeit vorzugsweiſe noch dem Umſtande, daß man zu ſeiner Bereitung nur die zarteſten, jungen, noch nicht vollſtändig entfalteten und mit zartem Flaum bedeckten Blätter auswählt. Dieſes iſt der ächte Kaiſerthee. Obgleich er aber niemals in den Handel gebracht wird, ſo kommen doch bisweilen kleine Mengen desſelben nach Eu⸗ ropa. So wurde zum Beiſpiel früher, und vielleicht noch gegenwärtig, jähr⸗ lich vom chineſiſchen Hofe eine gewiſſe Menge dieſes Thees an den Kaiſer von Rußland zum Geſchenk gegeben, und von dort an einzelne Perſonen wie⸗ der in kleinen Partieen verſchenkt, und ich ſelbſt hatte vor Jahren Gelegen⸗ heit, ſolchen, freilich durch mehrfache Hände gegangen, ächten Kaiſerthee zu ſehen und zu koſten. Was die Färbung des grünen Thees anlangt, denn der ſchwarze wird nicht gefärbt, ſo wird dieſelbe offenbar nur aus dem Grunde vorgenommen, um der Waare ein gefälliges Anſehen zu geben. So viel mir bekannt, erfuhr man in Europa erſt vor etwa fünfundzwanzig Jahren, daß die Chineſen 78 Der Thee. faſt allen grünen Thee, der grün oder grünlich ausſieht, färben, und das zwar vorzugsweiſe mit Berlinerblau. Freilich könnte dann dieſes Färben erſt am Anfange des vorigen Jahrhunderts in Gebrauch gekommen ſein, indem das Berlinerblau erſt 1710 von dem Fabrikanten Diesbach in Ber⸗ lin durch Zufall entdeckt und, wieder vierzehn Jahre ſpäter, von Wood⸗ ward in London bekannt gemacht wurde. Daß aber die Chineſen, wie mehrlei andere Dinge, die in Rede ſtehende Farbe ſchon früher als wir ge⸗ kannt haben, wird durch folgendes Factum widerſprochen. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren hörten alle Beſtellungen, welche früher in ziemlicher Menge von China nach England ergangen waren, plötz⸗ lich auf, und man glaubte anfänglich an eine Concurrenz auf dem Conti⸗ nente, indeſſen kam man nach nicht ſehr langer Zeit auf den Grund der Sache. Ein Chineſe war nämlich als Matroſe auf einem Schiffe nach Lon⸗ don gekommen, und da er angeblich oder in Wirklichkeit, ſogleich keine Gele⸗ genheit fand, in ähnlicher Eigenſchaft in ſein Vaterland zurückzukehren, ſo arbeitete er einſtweilen in einer Fabrik, in welcher Berlinerblau gefertigt wurde. Man lachte dort viel über den einfältigen Chineſen, und hielt ihn wacker zum Narren ſchon deßhalb, weil man ſeine Sprache nicht verſtand und weil er anders angezogen war als die Herren Engländer. Nach einiger Zeit indeſſen ging er in ſeine Heimat zurück, und bald darauf blieben die Beſtellungen auf Berlinerblau aus. Der Mann mit ſeinen langen Zöpfen, den kleinen geſchlitzten Augen und der abgeſchmackten Sprache, hatte ſich die Sache in London abgeſehen und alsbald nach ſeiner Rückkunft Fabri⸗ ken eingerichtet, welche den zum Theefärben nöthigen Bedarf deckten. Nach neueren Notizen ſollen mitunter auch andere Farbſtoffe verwendet werden, zum Beiſpiel Kupfer und ebenſo Indigo. Letzteres mag aber viel⸗ leicht auf einem Irrthum beruhen, bezüglich der chineſiſchen Namen dieſer Farben. Noungtin heißt nach Bruce: Indigo, Reever aber behauptet, daß Youngtin eigentlich Yong⸗Teen, das iſt: fremdes Blau, oder Berliner Blau heiße, während To⸗Teen, einheimiſches Blau, Indig, bedeute. Vorzugsweiſe wird aber doch wohl das Berlinerblau zum Theefärben benützt, dem Gyps, Acco im Chineſiſchen, und vielleicht Curcuma oder irgend ein anderer Pflan⸗ zenſtoff zugeſetzt wird. Um zu färben wird während der letzten Röſtung, auf ſieben Pfund Thee etwa ein halber Theelöffel voll dieſer Farbe der Waare zugeſetzt, tüchtig um⸗ gerührt, und dann noch warm in die Kiſten verpackt, in welcher er zum Han⸗ Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 79 del gebracht wird. Im Uebrigen wird gebrannter Gyps allein noch bei nicht gefärbten Theeſorten angewendet, einestheils um denſelben ein gefälliges, glänzendes Anſehen zu geben, andrerſeits aber wohl auch um das Blatt ſelbſt einigermaßen vor Feuchtigkeit zu ſchützen, indem der gebrannte Gyps, kommt die Waare in feuchte Atmoſphäre, das Waſſer eher als das Blatt an ſich zieht. Dieſe Färbungen des Theeblattes können für die Geſundheit des Thee⸗ trinkers kaum ſchädlich wirken, indem ſie in ſo geringer Menge angewendet werden, daß ſie bei der zur Theebereitung abermals geringen Quantität der Theeblätter nicht mehr in Betracht gezogen zu werden verdienen. In Bezug auf den Genuß des grünen und ſchwarzen Thees überhaupt, oder auf die Frage, welcher der Geſundheit am zuträglichſten oder am wenigſten ſchädlich ſei, mag vorläufig nur bemerkt werden, daß der grüne Thee erre⸗ gender auf die Nerven wirkt als der ſchwarze. Dies geht ſchon aus der Be⸗ reitungsweiſe oder der Fabrikation beider Sorten im Lande ſelbſt hervor, da der ſchwarze Thee mehrmals gepreßt oder geknetet wird, und ſowohl hie⸗ durch als durch die Gährung, welche man ihn durchmachen läßt, offenbar einen Theil ſeiner erregenden Subſtanz verliert, welches bei der Darſtellung des grünen Thees nicht ſtattfindet.— Was die verſchiedenen Theeſorten betrifft, welche theils aus der ver⸗ ſchiedenen Behandlung, die das Blatt im Lande erfahren hat, theils aus Standort und Kultur, und theils wohl auch aus Etikettenſchwindel hervor⸗ gegangen ſind, ſo will ich nur einige Sorten anführen, welche der engliſche Miſſionär Medhurſt angegeben hat und aus welchen man wenigſtens einiger⸗ maßen erſehen kann, wie durch die drei ſoeben erwähnten Factoren die ein⸗ zelnen Sorten entſtehen. Schwarzer oder brauner Thee. 1) Wu-i, Moje oder Thee bou, hat ſeinen Namen von einem Gebirge in der Provinz Foh-kien.— 2) Kien- pei oder Campae, am Feuer gedörrter Thee.— 3) Kang-fu oder Con-go, Arbeiterthee.— 4) Pih-hao oder Peko, weißer Flaumthee.— 5) Pao- tschony oder Poutschong, eingewickelter Thee, weil er in Papier eingewickelt iſt.— 6) Seaou-tschong oder Soutschi, auch Kaper, doppelt zuſammenge⸗ ſetzter Thee. Grüner Thee. 1) Song-lo oder Singla, tannenzapfenförmiger Thee. — 2) Hi-tschon oder Haysan, Thee der glücklichen Quelle.— 3) Pietscha oder Haysanskin, Hausthee.— 4) Ton-ki oder Twankay, Stromſtations⸗ Der Thee. Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 80 thee.— 5) Tsch-tscha, Perl⸗ oder Schießpulverthee.— 6) Na-thien, Au- tschain, jultger Haysan, vor dem Regen geſammelt. Mit ausführlicher Angabe von Bereitung und Eigenſchaften gibt Weyda zwölf Sorten ſchwarzen und acht Sorten grünen Thee, wobei indeſſen einige von Medhurſt mit unterlaufen.— Mein jetzt verewigter Freund Martius endlich, der in der Londoner Induſtrieausſtellung intereſſante Studien ge⸗ macht, gibt unter anderen folgende Theearten an: Von den Fokien⸗Hü⸗ geln: Zehn Sorten. Ankoi: Zwei Sorten. In Canton gemachter Thee: Sieben Sorten. Nankin⸗Thee: Acht Sorten, unter welchen ſich zwei befinden: Wohlriechende Kaper und Gunpomder, welche die Chineſen Lie-Tea, d. h. Lügenthee nennen, weil ſie aus Theeſtaub und Reiswaſſer ge⸗ macht ſind und nicht ein einziges Theeblatt in ihnen iſt. Er erwähnt ferner des Präſent⸗Thees, gute und feine Theeſorten, die nicht verkauft wer⸗ den, ſondern nur zu Geſchenken beſtimmt ſind, welche die Theehändler ma⸗ chen, und die in allerlei Geſtalten gegeben werden; ſo hat der Thee oder viel⸗ leicht die einzelnen Päckchen die Form von Cigarren, Bündeln, Kugeln ꝛc. ꝛc. Endlich führt Martius zwölf Sorten Geſundheitsthee an, welche dar⸗ thun, daß man im göttlichen Reiche nicht zurückgeblieben iſt in der populären Arzneimittellehre und im höheren Schwindel. Zum Beiſpiel: Sorte zwei: löst den klebrigen Speichel auf, beruhigt, zertheilt die Heiſerkeit, macht den Geiſt klar, ſchärft das Gedächtniß, bringt eine heilſame Feuchtigkeit im Munde hervor und feuchtet die Lungen an.— Sorte drei: gegen Fieber, Rheuma ec. ꝛc.— Sorte vier: beruhigt aufgeregte Gefühle, entfernt Un⸗ verdautes(vielleicht bei manchem Individuum gegen die Tagespreſſe anzu⸗ wenden), lindert den Durſt und zertheilt den Schleim.— Sorte zwölf endlich: gut für jeglichen Katzenjammer. Schließlich mag hier noch bemerkt werden, daß man in China ſebſ an ſiebenhundert Theeſorten annimmt. (Fortſetzung folgt.) ——ʒÿʒÿʒ—ꝛ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ—— Aus zwei Paläſten am Canale grande. Eine venetianiſche Novelle von Ida von Düringsfeld. 4 Im ſechzehnten Jahrhundert wohnten am großen Kanale in Venedig zwei angeſehene und vermögende Edelleute einander ſchräg gegenüber, und zwar Meſſer Pietro auf dem rechten, und Meſſer Paolo auf dem linken Ufer. Die Familiennamen ſind in meiner Quelle nicht genannt, daher ich denn auch die Paläſte nicht näher bezeichnen, ſondern nur anführen kann, daß die eine Seite von dem, welchen Meſſer Pietro bewohnte, auf einen klei⸗ nen Querkanal ſah, der hier nach Canaregio hineinging. An dieſem wohnte, Meſſer Pietro gerade gegenüber, ein dritter Edelmann, Meſſer Hortenſio, der vier Töchter und einen Neffen hatte. Meſſer Pietro beſaß nur eine Tochter, während Meſſer Paolo Vater von einer Tochter, Angelica, und einem Sohne, Gerardo, war. Dieſe ſämmtliche Jugend war unbekannt miteinander, da die Väter, obwohl ſie ſich im öffentlichen Leben gut kannten, doch keinen vertrauteren Umgang hatten. Die vier Schweſtern ſtanden in dem Alter von einund⸗ zwanzig bis ſiebzehn Jahren, Gerarda zählte zwanzig, Angelica neunzehn Jahr. Die Jüngſte war Helena, indem ſie noch nicht das vierzehnte Jahr erreicht hatte, und doch mußte gerade ihr eine gute und zärtliche Mutter ſter⸗ ben. Das arme Mädchen war über dieſen Verluſt und die daraus folgende ungewohnte Einſamkeit dermaßen betrübt, daß es ganz hinzuwelken ſchien, und Meſſer Pietro um die Tochter in die größte Angſt gerieth. Da ſchlug ihm Helena's Wärterin, welche ſchon die ſeiner ſeligen Frau geweſen war, Hausblätter. 1867. I. Bd.”* 6— 82 Aus zwei Paläſten am Canale grande. die vier Töchter Meſſer Hortenſio's zu Gefährtinnen für das verlaſſene Kind vor. Meſſer Pietro fand dieſen Vorſchlag vernünftig und begab ſich hinüber, um bei dem Vater die Erlaubniß nachzuſuchen, daß ſeine Töchter an Sonn⸗ und Feſttagen Helena beſuchen dürften. Mit der größten Bereit⸗ willigkeit ſtimmte Meſſer Hortenſio bei, und ſchon am nächſten Tage, wo ge⸗ rade ein Feſt war, ſtiegen die vier Schweſtern in ihre Gondel und fuhren quer über den Canaletto nach dem Palaſte von Meſſer Pietro. Helena zeigte ſich anfangs gegen die fremden ſchönen Mädchen, die alle ſo viel größer waren als ſie, ziemlich ſcheu und wortkarg, bald jedoch gelang es den Schweſtern, denen ſie leid that, ſie zutraulicher zu machen, und noch bevor der Beſuch zu Ende ging, war ſie ſchon ganz kindliche Unbefangenheit und ſtürmiſche Zärtlichkeit gegen ihre neuen Freundinnen, welche ihr gewiß zehnmal verſprechen mußten,am Sonntag wieder zu kommen. Die drei Tage, welche bis dahin zu verleben waren, brachte Helena in der unbeſchreib⸗ lichſten Ungeduld zu, und als der herbeigeſehnte Morgen endlich erſchienen und die Ankunft der vier Schweſtern erfolgt war, ließ die Kleine die eine immer nur los, um ſich an den Hals einer anderen zu hängen. Die Schweſtern konnten natürlich dieſe Leidenſchaftlichkeit ihrer jungen Freundin nicht in gleichem Maße erwidern, indem ſie kein ſolches Geſellig⸗ keitsbedürfniß empfanden, wie die einſame Helena, aber ſie meinten es dar⸗ um doch herzlich gut mit ihr und thaten alles, was ſie zu ihrer Zerſtreuung für dienlich hielten. Am liebſten ſpielte Helena Ball, und die Schweſtern gaben ſich mit Gefälligkeit zu dem Spiele her, doch nicht ſo ausſchließlich, daß nicht bald die, bald jene auf einen der Balkone gelaufen wäre, um nach den Gondeln auf dem großen Kanale auszuſehen. Die Wahrheit zu ſagen: jede der Schweſtern hatte eine kleine Liebſchaft mit dem oder jenem artigen jungen Patrizier, und dieſe jungen Herren ruderten ebenſo oft wie ſonſt an dem Hauſe Meſſer Hortenſio's, jetzt an dem Meſſer Pietro's vorüber, weil ſie an den Feſttagen nur hier noch ihre Schönen zu Geſicht bekamen. Da es nun zwiſchen ihnen und den Schweſtern immer irgend etwas auszutauſchen gab, entweder Grüße oder geheimnißvolle Zeichen, oder ſelbſt Blumen, ſo erlitt natürlicherweiſe das Ballſpiel oft große Unterbrechungen, und die kin⸗ diſche Helena, die durchaus nicht begreifen konnte, warum ihre Geſpielinnen lieber an die Fenſter liefen als den Ball würfen, war bisweilen äußerſt un⸗ geduldig, ja ſie wandte ſogar, um die Flüchtigen zurückzubringen, gelegent⸗ lich ein bischen Gewalt an. — Von Ida von Duringsfeld. 83 An einem großen Feſttage beſonders, wo der Kanal ausnahmsweiſe glänzend belebt war, übten die Fenſter eine ſo unwiderſtehliche Anziehungs⸗ kraft auf die Schweſtern aus, daß ſie von der älteſten bis zur jüngſten hin⸗ liefen und Helena in der Mitte des großen Saales allein ſtehen ließen. Umſonſt rief ſie zuerſt beweglich und bittend, ſie ſollten zurückkommen; um⸗ ſonſt verſuchte ſie es dann mit den gewohnten kleinen Gewaltmaßregeln,— ſie mochte eine von den Schweſtern nach der anderen am Kleide zerren und am Arme ziehen, von allen Vieren wich keine von ihrem Platz auf einem der Balkone. Endlich, als Helena laut zu ſchreien und mit den Füßen zu ſtampfen begann, wandte die jüngſte Schweſter, an der ſie eben ihre letzten Anſtren⸗ gungen erſchöpft hatte, ſich über die Achſel nach ihr um und ſprach mit der Altklugheit von ſiebzehn Jahren:„Helena, wenn du nur etwas von dem Vergnügen empfändeſt, welches wir bei dieſem Hinausſehen genießen, beim Kreuze Gottes, du würdeſt ebenſo gern am Fenſter ſein wie wir und nicht nach deinem Ballſpiele fragen. Aber du biſt ein einfältiges Mädchen und verſtehſt dich auf dieſes Spiel noch nicht.“ Helena fühlte ſich durch den Vorwurf der Einfalt dermaßen gekränkt, daß ſie ſich bitterlich weinend in eine Ecke ſetzte. Die älteſte Schweſter ver⸗ nahm dieſen Kummerausbruch, fragte nach der Urſache, erfuhr ſie von der ſchluchzenden Helena und gab der jüngſten Schweſter einen halblauten, aber darum nicht minder ſtrengen Verweis, daß ſie„dem Kinde“ dergleichen Dinge ſage. Dann ſetzte die weiſe, mütterliche Schönheit ſich zu„dem Kinde“, liebkoste es, erzählte ihm von herrlichen Kleidern und prächtigem Geſchmeide und brachte es bald dahin, daß die großen blauen Augen, anſtatt in Thränen zu ſchwimmen, von neuem vor Vergnügen lachten und funkel⸗ ten. Allmälig kam auch von den übrigen Schweſtern eine nach der anderen zurück, indem ihre Liebhaber des Anſtandes wegen nicht gut häufiger vor⸗ überfahren konnten, als ſie bereits gethan hatten, das Ballwerfen mit den vollzähligen Spielerinnen fing in der ſchönſten Ordnung wieder an, und Helene vergaß ſowohl die erlittene Kränkung wie die empfangene Belehrung, und dachte nur noch daran, es im Auffangen des Balles ihren Geſpielinnen an Geſchicklichkeit zuvorzuthun. An dem Sonntage, der folgte, ſah es dafür traurig um das Ballſpiel aus; die vier Schweſtern waren durch einen Familienbeſuch in Anſpruch ge⸗ nommen, und Helena blieb zum erſtenmale ſeit ihrer Bekanntſchaft mit ihnen einen ganzen Feſttag hindurch allein. Trübſelig ſetzte ſie ſich an ein Fenſter, 6* 84 Aus zwei Paläſten am Canale grande. das auf den Canaletto ging, ſah hinüber nach dem Hauſe der Geſpielinnen und wußte vor Langerweile nicht, was ſie thun und was ſie laſſen ſollte. Da kam der Sohn Meſſer Paolo's, der junge Gerardo, welcher im Canaregio eine Liebſchaft mit der Frau eines Barbiers hatte und deßhalb ſehr häufig den Canaletto benützte, in ſeiner Gondel vorbeigefahren und blickte zufällig in die Höhe zu dem Fenſter, wo Helena ſaß. Das Kind hatte ſich neugierig hinausgeneigt, denn ſelbſt an einer einzelnen Gondel war immer noch mehr zu ſehen, als an dem ganz leeren Canaletto. So geſchah es, daß ihre Augen und die Gerardo's ſich begegneten, und daß der junge Patrizier ſie betrachtete, wie eben ein Jüngling ein reizendes Geſichtchen be⸗ trachtet. Helena ihrerſeits, die oft genug geſehen hatte, welche Art von Bli⸗ cken ihre Gefährtinnen mit ihren Liebhabern austauſchten, ſchaute den jun⸗ gen Cavalier mit der holdſeligſten Freundlichkeit an und glaubte damit nur zu thun, was ſchicklich und nothwendig ſei. Obwohl äußerſt überraſcht, gab Gerardo ſeinen Augen doch ſogleich einen anderen Ausdruck, und ganz ſicher in der Meinung, es ſei dieſes Spiel dasjenige, welches ihre Freundinnen dem mit dem Balle vorzögen, antwortete Helena durch das lieblichſte Lächeln.— Die Gondel glitt unterdeſſen an dem Hauſe vorbei, und noch immer grübelte Gerardo darüber nach, was das bildhübſche Mädchen wohl gewollt haben könne, als ſein Gondolier die Stimme erhob und nachdrücklich fragte: „theurer Padrone, habt Ihr nicht das ſchöne Jungfräulein bemerkt, welches Euch mit ſo zärtlichen Augen anblickte? Bei den Evangelien von San Zac⸗ caria, das iſt ein anderer Leckerbiſſen als die Barbierin!“—„Meinſt du?“ fragte der junge Patrizier mit einem naiven Verſuch zu heucheln.„Ich habe nicht ſo genau Acht auf ſie gegeben, aber ich will ſehen, ob du Recht haſt. Wende daher um und fahre ganz ſacht und ganz dicht noch einmal an dem Hauſe vorbei.“ 3 Der Gondolier gehorchte buchſtäblich. Faſt die Mauer ſtreifend, wand die Gondel ſich das Haus entlang. Helena ſaß noch immer am Fenſter und freute ſich ſehr, die Barke mit dem zierlichen Cavalier wieder erſcheinen zu ſehen und ſo das hübſche Spiel fortſetzen zu können. Ausdrucksvoller als vorher noch blickte Gerardo zu ihr empor, freundlicher noch lächelte ſie auf ihn herab. Da die Schweſtern öfters ihren Liebhabern Blumen zugeworfen hatten, nahm auch Helena eine dunkelrothe Nelke, die ſie hinter dem Ohre trug und ließ, als die Gondel gerade unter dem Fenſter war, die Blume vor Gerardo niederfallen. Der Jüngling ergriff und küßte mit verliebter Haſt Von Ida von Duringsfeld. 85 die duftende Gabe, der Wohlgeruch der Nelke und Helena's jugendliche Lieb⸗ lichkeit ſtiegen ihm gleich ſtark in den Kopf und er fuhr weder an dieſem, noch an einem der folgenden Tage nach dem Canaregio, dafür aber täglich mehr als einmal den Canaletto auf und ab. Helena jedoch glaubte in ihrer Einfalt, das hübſche Spiel mit den Blu⸗ men, welche die Mädchen in die Gondeln würfen, damit die Cavaliere ſie küßten, gehöre ſich nur für die Feſttage, und ſo ließ ſie ſich die ganze Woche über nicht am Fenſter ſehen. Erſt am Sonntage entdeckte Gerardo aber⸗ mals ihr friſches Geſichtchen, von neuem wurden Blicke ausgetauſcht, und ’ Heine ſchöne Roſe fiel vor dem jetzt ſchon über und über verliebten Gerardo i nieder. Aber als nach wenigen Minuten ſeine Gondel zurückkehrte, war He⸗ lena verſchwunden: die Schweſtern waren zu ihrem gewöhnlichen Beſuche erſchienen. * Noch immer Kind genug, ließ Helena ihr Blumenſpiel unbekümmert für das Ballſpiel fahren; nur war ſie, als am nächſten Sonntage die Schwe⸗ ſtern wieder nicht kommen konnten, bei weitem nicht ſo betrübt wie das erſte⸗ 4 mal. Sie wünſchte von Herzen, die Mutter, deren Krankwerden das Aus⸗ bleiben verurſachte, möchte baldigſt geneſen, aber ſie wünſchte es um der Freundinnen, nicht mehr um ihrer ſelbſt willen. Es war ihr nicht länger bange um ihre Unterhaltung: der hübſche Jüngling kam ſicherlich wieder vor⸗ bei. Ihre einzige Sorge beſtand darin, welche Blume ſie ihm zuwerfen ſollte? Die Wahl war nicht leicht: die verſchiedenartigſten Roſen, die koral⸗ lenrothe Granatblüthe, das mächtig duftende Geißblatt, der zarte, weiße Jasmin, die purpurn dunkle Nelke— alle machten die gleichen Anſprüche und plagten das arme Kind mit einer langen Unſchlüſſigkeit, bis endlich der volle Mund ſich zu einem fröhlichen Lachen aufthat und die kleinen Hände ſämmtliche ſtreitende Blumen zu einem Strauße verbanden. Glühend vor Jubel über ihren klugen Einfall und voll Ungeduld, ihn bewundert zu ſehen, lief Helena an das Fenſter und bog ſich weit hinaus, um die Gondel ihres Spielgefährten ſchon ſeitwärts auf dem großen Kanal ent⸗ decken zu können. Sie hätte das an einem Balkon der Facade weit bequemer gehabt, aber daran dachte die kleine Unſchuld nicht. Am Fenſter, welches auf den Canaletto ging, hatte das Blumenſpiel begonnen, hier mußte es 1 auch fortgeſetzt werden, und ſo hätte das Kind ſich den ſchlanken Hals ganz ſteif ſchauen können, wenn Gerardo nicht mit aller Pünktlichkeit eines Mu⸗ ſterliebhabers erſchienen wäre. Die Belohnung dafür erwartete ihn in He⸗ 86 Aus zwei Paläſten am Canale grande. lena's Händchen, welche ſtatt der einzelnen Blume den köſtlichen Strauß her⸗ abfallen ließen „Caſſa!“ rief Zanetto.„Was für ein Strauß! Ein ſchönerer kann ja kaum am fetten Donnerſtage dem durchlauchtigſten Fürſten überreicht wer⸗ den.“— Gerardo hörte nicht, was der Gondolier ſprach; er küßte mit Hef⸗ tigkeit und doch zugleich mit Behutſamkeit jede einzelne Blume, ſo daß er die Lippen ganz voll Samenſtaub bekam. Zanetto ſah das und bemerkte ſchlau: „Padron mein, der Geſchmack von den Lippen jenes reizenden Jungfräuleins würde doch noch ſüßer ſein, als der dieſes duftenden Goldſtaubes.“—„Das brauchſt du mir nicht erſt zu ſagen,“ erwiderte Gerardo verdrießlich. b der Madonna, ich küßte tauſendmal lieber die Blüthe jener Lippen, als die 8 Lippen dieſer Blumen; aber wie ſoll ich zu ſolchem Glück gelangen?“ „Ei, bittet Euern Vater, daß er Euch mit der Jungfrau verheirathe,“ ſchlug Zanetto entſchloſſen vor.„Meſſer Pietro iſt ein reicher und würd Edelmann, von dem die ganze Welt Gutes ſpricht; die Jungfrau iſt ſein einziges Kind, folglich ſeine alleinige Erbin— ich ſehe nicht ein, was der Padron wider dieſe Heirath einzuwenden haben ſollte?“—„Rede nicht ſo —— wie ein Dummkopf,“ rief Gerardo ärgerlich.„Der Vater mich jetzt ſchon 49 verheirathen— er denkt nicht im Traume daran und würde mir in's 3 Geſicht lachen, wenn ich ihn darum anginge! Dann weiß ich ja auch nicht, linge zugedacht hat— ja, ich bin deſſen ſogar ſicher, denn wie ſollte ich ſo ge⸗ ſegnet von der Madonna ſein, daß ich zuerſt dieſen Schönheitsſchatz entdeckt hätte? Gewiß, gewiß iſt ſie ſchon verſagt!“—„Dergeſtalt, daß Euch nichts übrig bleibt, als zu verzweifeln?“ fragte Zanetto mit geſpielter Ernſthaftig⸗ keit.—„Es iſt, wie du ſagſt,“ antwortete Gerardo mit der zueiitniſher Melancholie eines Neulings in der Liebe, dem von allen Unmöglichkeiten der Beſitz der Geliebten die unmöglichſte dünkt. Zanetto fing von Herzen an zu lachen.„Aber ich ſage nicht ſo. Lieber Padron mein, da ſähe es auf Erden kläglich aus, wenn ein Cavalier wie Ihr verzweifeln müßte! Nichts da; heirathen ſollt Ihr die Jungfrau und glücklich werden wie die Heiligen im Paradieſe. Nur ſucht ſie erſt einmal heimlich zu ſprechen— wenn Ihr Euch nämlich ſchämt, Eurem Vater ein Geſtändniß zu thun.“— Gerardo bekannte durch eine Geberde die jugend⸗ liche Schwäche des Verſchämtſeins.—„Wohl,“ fuhr Zanetto fort,„da ſu⸗ chen wir die Jungfrau allein zu ſprechen und von ihr zu erfahren, ob ſie ver⸗ ob nicht Meſſer Pietro ſeine Tochter ſchon einem anderen glücklicheren Jüng⸗ V h Von Ida von Düringsfeld. 87 ſagt iſt. Wenn ſie's iſt, müſſen wir einen Ausweg finden, etwa eine heim⸗ liche Ehe oder dergleichen. Iſt ſie's nicht, ſo hat die Sache Zeit und wir können uns noch einige Monate damit unterhalten, am Fenſter vorbeizufah⸗ ren und uns Blumen herabwerfen zu laſſen. Aber ein heimliches Geſpräch iſt unumgänglich nothwendig.“ „Ganz recht, nur wie willſt du's veranſtalten?“ drängte Gerardo un⸗ geduldig.—„Bei den Evangelien von San Zaccaria, das ſoll mir gar nicht ſchwer fallen. Es iſt im Hauſe eine Alte, die hat Meſſer Pietro's verſtor⸗ bene Frau groß gezogen und jetzt wieder ſeine Tochter— die iſt mit meiner zutter gute Freundin, und mich liebt ſie nun gar wie ihren eigenen Sohn, r darf ich nur ein Wort ſagen—.“ Zanetto rezitirte die ganze lange Rede, welche er dd Nonna Barbara ungefähr zu halten gedachte und ſetzte dann ruhmredig hinzu:„das darf ich ihr nur ſagen, und ich verſpreche Euch, er Padron mein, Ihr ſollt Euer geheimes Geſpräch haben.“ erardo gab ſeinem Gondoliere unbedingte Vollmacht, indeſſen, wie es ieht, daß man gar zu zuverſichtliche Verſprechungen gerade nicht zu ha m Stande iſt: Zanetto fand volle drei Wochen lang die ganze Ver⸗ wandtſchaft und die ſämmtliche Bekanntſchaft bei ſeiner Mutter, nur nicht die alte Nonna Barbara. Jeden Abend kehrte er mit einem längeren Ge⸗ ſicht zu ſeinem jungen Herrn zurück, und mit jedem abermaligen Fehlſchla⸗ gen wurde Gerardo ungeduldiger. Nicht daß Helena Sonntags je am Fen⸗ ſter gefehlt hätte. Die Mutter ihrer Freundinnen war noch immer krank, und ſo blieb ihr die ungeſtörteſte Muße, ſich die ganze Woche hindurch kin— diſch auf den Sonntag zu freuen und ſchon am Sonnabend feierlich mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen, wie der nöthige Strauß am ſchönſten ausfallen dürfte. Aber wenn dieſes Spiel auch dem unerfahrenen Mädchen noch ge⸗ nügte, dem Jüngling, welcher bereits die Leidenſchaft kannte, dünkte es auf die Länge ſchal und kindiſch, und eines Abends erklärte er ſeinem unglück⸗ lichen Beauftragten gerade hnraus:„wenn es dir bis über acht Tage nicht endlich gelingt, mit dieſer verdammten Alten zuſammenzutreffen, ſo ſuche ich ſelbſt den Eingang in das Haus, welchen du ſo vorwitzig mir verheißen haſt, ohne ihn mir verſchaffen zu können.“—„Corpo di Cristo!“ murrte Za⸗ netto,„wer hätte je gedacht, daß ſolch ein altes Geſchöpf ſo ſchwer anzutref⸗ fen ſein würde!“—„Das iſt nun deine Sache,“ entgegnete Gerardo;„es bleibt bei dem, was ich geſagt.“. Der Gondolier gerieth in ernſfliche Beſorgniß.„Bei den Evangelien 88 Aus zwei Paläſten am Canale grande. von San Zaccaria,“ monologiſirte er,„das iſt kein Spaß. Wenn dem Jun⸗ gen Unglück begegnet— und er iſt gerade einer von denen, welche dem Lö⸗ wen in den Rachen greifen, ſo kriegt Meſſer Paolo mich zu packen, und nicht mit Unrecht, Corpo di Cristo! denn ich habe dem Jungen noch zugeredet, wo ich ihm hätte abreden ſollen! Alſo geht's nicht anders: ich muß noth⸗ wendigerweiſe die Hand auf dieſe geſegnete Alte legen.“ Mit dem Beſchluß, eine förmliche Einladung an Nonna Barbara zu ſenden, trat er folglich bei ſeiner Mutter ein, als er zu ſeiner freudigſten Ueberraſchung die gebückte Geſtalt und das verwitterte Geſicht des erſehnten Gegenſtandes erblickte. Niemals hatte er das ſchönſte junge Mädchen m ſolcher Artigkeit begrüßt, wie jetzt die Alte, die am Fenſter ſaß und ihm a ſeine Erkundigung nach ihrem Befinden von dem Gliederreißen erzählte, durch welches ſie am Ausgehen verhindert worden ſei. Zanetto ſchworz ſei, als habe er ſelbſt dieſes Gliederreißen gehabt, vermaß ſich ho theuer: niemand könne Nonna Barbara ſo hoch ſchätzen wie er, gab Mutter einen Wink, blieb allein mit der alten Barbara und br Gewerbe an. Die alte Barbara war nicht immer alt geweſen und hatte ſogar länger gefallen, als man geahnt hätte. Jetzt war dieſe ſchöne Zeit unwiederbring⸗ lich dahin, aber Barbara hatte mit der Erinnerung daran ein paar offene Ohren für jede fremde Liebesgeſchichte behalten. Daher ſchenkte ſie dem Gondoliere ein williges Gehör und gab ihm, nachdem ſie ihn ſtrenge über die Abſichten ſeines Padrone verhört, ihre Jungfrau bis über die Engel erhoben und ihrerſeits andächtig vernommen, wie Zanetto ſeinen jungen Herrn unter die Heiligen verſetzte, das feierliche Verſprechen: bei der erſten günſtigen Gelegenheit mit Helena zu reden und ſie dem Wunſche Gerardo's günſtig zu ſtimmen.:, Gerardo beſchenkte den triumphirenden Gonodlier reichlich und befand ſich in Gedanken bereits im Gemache der kindlichen Geliebten. Erwartungs⸗ voll fuhr er am nächſten Tage, wo wieder einmal ein Feſt ſtattfand, in den Canaletto ein. Nonna Barbara konnte ihren Auftrag bereits geſchickt aus⸗ gerichtet haben, Helena ſchon bewogen worden ſein, ihre Einwilligung halb ſich entreißen zu laſſen, halb zögernd zu geben. Ja, vielleicht ſah dieſe Nacht ſchon die Erfüllung ſeiner Sehnſucht. Eine ſolche Jünglingshoffnung klet⸗ tert wie mit hundert Füßen; kaum daß ſie die unterſte Sproſſe der Leiter erfaßt, ſo iſt ſie auch ſchon auf der oberſten, mit welcher die Leiter an die —————— Von Ida von Düringsfeld. 89 Pforte des augenblicklichen Paradieſes reicht. Aber freilich kommt ſie in den . meiſten Fällen mit derſelben Geſchwindigkeit wieder auf dem Boden an, wenigſtens geſchah es dieſes Mal. Umſonſt ſtarrte Gerardo mit ſeinen beiden Augen, welche der Herr ihm groß genug gegeben hatte, zu dem vertrauten Balkone empor, umſonſt ſuchte er dann an allen anderen Fenſtern herum, umſonſt endlich ſpähte er ſogar auf das Dach hinauf— Helena war nicht zu ſehen.„Was iſt das?“ fragte der erſchrockene Liebhaber ſeinen Vertrauten, welcher ſeine Augen ebenfalls umſonſt gebraucht hatte.—„Ich weiß es nicht. Sollte— aber 1 indeſſen— es wäre ſonderbar!“—„Was willſt du mit deinem alber⸗ nen Geſtammle?“ rief Gerardo zornig, denn da Helena ſich nicht ſehen ließ, hatte er doch unbeſtreitbar das Recht, Zanetto anzufahren. „Ich meine, ob etwa die Jungfrau böſe auf die Alte geworden ſein ollte,“ ſprach Zanetto bedenklich.—„Wegen meiner Bitte?“—„Aber ja, Signor, das mein' ich.“—„O Gott, ich Unglücklicher! Da hätte ich ſie alſo beleidigt! Wende, wende! Vielleicht iſt ſie vorhin abgehalten worden und jetzt am Fenſter— ich muß ſie ſehen!“— Die Gondel wendete, Ge⸗ rardo durchſuchte mit gierigen Blicken abermals alle Fenſter— vergebens— wieder keine Helena.—„Gott, ich bin verloren! Sie will nichts mehr von mir wiſſen! Es iſt aus mit mir!“ wehklagte Gerardo.—„Aber theurer 6 Padron, es iſt ja noch nicht ausgemacht, daß die Jungfrau abſichtlich aus⸗ bleibt!“— beſchwichtigte Zanetto den verzagenden Liebhaber.„Vielleicht iſt Meſſer Pietro krank—.“—„Nein, ich ſah ihn vorhin noch.“—„Oder ſie iſt in der Meſſe.“—„Jetzt?“—„Es kann ja eine beſondere Meſſe ſein, etwa für die Seele ihrer Mutter oder für ihren Großvater— und, corpo di Cristo! wie mir das auch nicht früher einfallen konnte— vielleicht ſehen wir ſie an den Vorderfenſtern!“. Ohne erſt einen Befehl abzuwarten, wendete Zanetto abermals und fuhr auf dem großen Kanal an dem Hauſe Meſſer Pietro's vorüber. Hier brauchte Gerardo nicht erſt zu ſuchen: auf dem Balkon der Gallerie ſtand Helena, doch nicht allein. Die vier Schweſtern, deren Mutter endlich ge⸗ neſen war, hatten ihrer jungen Freundin wieder den erſten Beſuch abgeſtat⸗ tet. Da Helena nicht länger ſo erpicht auf das Ballſpiel zu ſein ſchien, drängte die ganze jugendliche Gruppe ſich auf dem Balkon zuſammen. Die Schweſtern hatten bereits die erſten verſtohlenen Grüße mit ihren Cavalie⸗ ren gewechſelt— jetzt muſterten ſie die fremden Gondeln, und die Gerardo's 90 Aus zwei Paläſten am Canale grande. entging ihnen nicht.—„Was für ein ſchöner Cavalier!“ ſagte die Aelteſte. —„Und wie ex nach uns heraufſieht!“ bemerkte die Jüngſte. An Helena dachte keine, und das war gut, denn ſo konnte das Kind un⸗ bemerkt roth werden. Auch Gerardo zu grüßen hütete ſie ſich.„Wer weiß,“ dachte ſie,„ob er meinen Freundinnen nicht beſſer gefallen könnte, als ihre bisherigen Spielgefährten?“ Fand doch Helena ihn viel ſchöner und freund⸗ licher, und wenn eine der Schweſtern das nun auch ſah, konnte ſie da nicht von Helena einen Tauſch von Spielgefährten begehren, in welchen Helena, als ſo viel jüngeres Mädchen, gehorſam einwilligen mußte? Nein, ſie war klug und ſagte nichts. Erſt als die Schweſtern, die, wie es ihr dünken wollte, noch nie ſo lange dageblieben waren, ſie wieder freigelaſſen hatten, lief ſie, in der Hoffnung, ihr lieber Spielgefährte werde wohl noch kommen, an das auserwählte Fen⸗ ſter. Sie täuſchte ſich nicht; Zanetto hatte auf die Abfahrt der Beſucherin⸗ nen lauern müſſen, und Helena ſpähte kaum ſeit wenigen Minuten nach der Gondel, als dieſe auch ſchon heranglitt. Vom Balkon fiel nun der ſchönſte Roſenſtrauß herab, und das junge Paar tauſchte wie gewöhnlich, ſeine halb kindlichen, halb leidenſchaftlichen ſtummen Grüße aus.— Es ſollte ſich, leider, in dieſer Art zum letztenmale gegrüßt haben— es ſollte ſich in Unſchuld trennen, um ſich in Schuld wieder zu finden, und das Ende ſeiner Liebe ſollte ebenſo düſter ſein, wie ihr Beginnen lieblich geweſen war. Kaum war nämlich, gleich ſehr berauſcht von erneuerter Hoffnung und von dem Dufte ſeines Roſenſtraußes, Gerardo in den väterlichen Palaſt zu⸗ rückgekehrt, als Meſſer Paolo ihn rufen ließ und ihm ankündigte: er werde binnen weniger Tage nach Beirut abreiſen. Die Regierung beſtimmte jedes Jahr einige Galeeren, die nach dieſer Stadt ſegeln mußten, und für eine feſtgeſetzte Summe konnte man eine oder auch mehrere derſelben miethen. Das war es nun, was Meſſer Paolo mit einer für den Sohn gethan hatte, ohne dieſen weiter erſt zu befragen. Gerardo hatte früher immer eine ſolche Begierde zu reiſen geäußert, daß Meſſer Paolo, der es ſeinerſeits für nöthig erachtete, daß ein junger Edelmann mehr kennen lerne, als ſeine Vaterſtadt, dem lebhafteſten Wunſche des Sohnes entgegenzukommen meinte. Auch wagte Gerardo keinen Einwand, beſchloß jedoch, das Geſpräch mit Helena darüber entſcheiden zu laſſen, ob er vor ſeiner Abreiſe mit dem Vater reden ſolle oder nicht. Gelobte Helena ſich ihm, ſo ließ er es auf Spott, ja ſelbſt auf Mißvergnügen und Tadel beim Vater ankommen und brachte ihn da⸗ —— — Von Ida von Düringsfeld. 91 hin, daß er ſchon jetzt bei Meſſer Pietro um die Tochter warb. Die Heirath konnte aufgeſchoben bleiben, bis Gerardo von Beirut heim kam, aber er reiste dann wenigſtens nicht mit der Qual der Ungewißheit ab. Dieſer Plan ſcheiterte indeſſen gänzlich an dem Unwillen, mit welchem Helena alles Zureden der alten Barbara zurückwies. Die Mutter war zu früh geſtorben, als daß ſie Helena wahrhaft weibliche Geſinnungen hätte einflößen können, aber ſie hatte dem Kinde auf ihrem Sterbebette ein Ge⸗ lübde abgefordert, deſſen Erfüllung das zarte Mädchen ſo lange ſchützen mußte, bis ein Gatte es in ſeine Hut nahm.„Verſprich mir bei der hei⸗ ligen Madonna, daß du nie einen jungen Mann allein zu dir kommen läſſeſt, wenn er dir nicht vom Vater zugeführt wird,“ hatte ſie geſagt, und Helena hatte das Verſprechen geleiſtet. Darum gerieth ſie jetzt in einen ſchönen kindlichen Zorn, drohte der Alten, ſie beim Vater zu verklagen und erklärte unter heftigen Thränen: da der Cavalier von ihr verlangen könne, was die Mutter ihr verboten, folglich etwas ſehr Schlechtes, und da er demnach ſelbſt ſchlecht ſein müſſe, wolle ſie gar nicht mehr mit ihm ſpielen. Die alte Barbara war ganz ſo erbittert, wie alte Leute es immer ſind, wenn Kinder ihnen einen gerechten ſittlichen Vorwurf machen, und an wem hätte ſie dieſe Erbitterung auslaſſen ſollen, wenn nicht an Zanetto, deſſen beſtechende Zunge ſie dahin gebracht, ſich einer ſolchen Beleidigung von dem Kinde auszuſetzen? Man glaube jedoch nicht, daß ſie dem Gondoliere die Beſchimpfung vorgeworfen hätte, die ſie ſeines Padrons wegen erfahren hatte— dazu war die Alte zu klug; ſie demüthigte ihn nur, wie ſie eben ſelbſt gedemüthigt worden war.„Du brauchſt dich nicht weiter zu bemühen, mein Junge,“ ſprach ſie höhniſch, als Zanetto bei ihr nach dem Erfolg ihrer Bemühungen anfragen kam,„und dein Padron von Garnichts braucht es auch nicht. Meine Jungfrau wartet auf einen anderen Cavalier, den ſie in ihr Zimmer einlaſſe; für deinen Padron öffnet es ſich nicht.— Der kann ſich anderswo umſehen— meine Padroncina hat mit ihm nur ihr Spiel ge⸗ trieben.“ Mit größter Anſtrengung hatte Zanetto an ſich gehalten, bis die Alte aufgehört zu reden, jetzt ließ er ſeinerſeits der Zunge die Zügel ſchießen und erklärte der Nonna Barbara, ſie und ihre Padroncina möchten ſeinetwegen bis zum jüngſten Gericht ſitzen bleiben. Nonna Barbara verfehlte nicht zu antworten; die venezianiſche Sprache iſt überreich an Schimpfwörtern, und der Gondolier und die Alte erſchöpften dieſen Reichthum vollſtändig. Dann 92 Aus zwei Paläſten am Canale grande. rannte Zanetto erbittert zu ſeinem Padron zurück und berichtete getreulich den Zank. Garardo blieb bei der Mittheilung, daß Helena mit ihm nur ge⸗ ſpielt habe, auch nicht die Geduld ſelbſt— im Gegentheile, er tobte und weinte abwechſelnd, verfluchte und verſchwor darauf das ganze weibliche Ge⸗ ſchlecht im Allgemeinen und Helena im Beſondern und endigte damit, ſich ganz unerhört auf ſeine Reiſe nach Beirut zu freuen, die er denn auch nach vielen zärtlichen Umarmungen von den Seinen, vielen guten Wünſchen von ſeinen Gefährten und den Freunden des Hauſes und vielen Glücksweisſa⸗ gungen von der Dienerſchaft auf einer reich mit venetianiſchen Waaren be⸗ ladenen Galeere gerade drei Tage nach dem antrat, an welchem er von He⸗ lena den letzten Strauß empfangen hatte. Und ſie, die kleine Tugendheldin— was machte ſie unterdeſſen? Sie weinte erſt noch viel darüber, daß ihr hübſcher Spielgefährte ſich ſo gottlos gezeigt und ihr etwas ſo Schlechtes zugemuthet habe, dann begann ſie da⸗ zwiſchen zu überlegen, ob er wohl wagen werde, ſich wieder vor ihr ſehen zu laſſen. Sie war davon ganz überzeugt, gelobte ſich aber wieder und immer wieder, gewiß nicht mehr mit ihm zu ſpielen. Als der Sonntag kam, wo Gerardo fern auf dem Meere ſegelte, anſtatt den Canaletto hinabzufahren, fing die Kleine an ſich zu wundern.„Am Ende i*ſt gar er noch böſe,“ ſagte ſie mit hoher Entrüſtung;„ſeht einmal, er, der ſo Unrecht hat! Daß ich es bin, iſt natürlich, denn ich bin beleidigt worden, aber er— wahrhaftig, auf ſeinen Knieen ſollte er daliegen und mich um Verzeihung bitten.“ Helene vergaß, daß ein junger Cavalier unmöglich auf den Knieen vor einer kleinen ungnädigen Schönen liegen kann, wenn dieſe vor ihm die Thür ſchließt. Die Woche verging unruhig— wieder kam der Sonntag, wieder kam die Gondel nicht— Helena weinte. Als auch der dritte Sonntag vorüber war, ohne daß Gerardo ſich gezeigt hätte, da war es der armen kindlichen Kleinen, als müſſe ſie an Herzensangſt erſticken. Es wurde ihr ſo unerhört bange in der Welt; ſie hätte ſchreien mögen, bald nach der guten Mutter, die im Grabe lag, bald nach dem Spielgefährten, der nicht wieder kam. Sie betete:„ach, lieber Gott, ſchicke mir einen ſchönen Engel, der mich wieder zur Mutter trage, ich bin ſo allein!“ Die Schweſtern waren ſeit jenem letz⸗ ten glücklichen Feſttage auch nicht mehr gekommen: die Aelteſte ſollte bald heirathen, die Zweite war verlobt worden. Auch begehrte Helena nicht län⸗ ger nach den Freundinnen, dagegen nahm ihre Sehnſucht nach Gerardo der⸗ maßen zu, daß ihre Geſundheit abermals wankend wurde. —— — ——.— —— —— Von Ida von Düringsfeld. 93 Meſſer Pietro glaubte dieſes Mal im Heirathen ein Heilmittel zu fin⸗ den, nur wußte er nicht gleich, wo er einen Mann hernehmen ſolle, der zu⸗ gleich jung, reich und von ſanfter Gemüthsart wäre. Endlich erfuhr Meſſer Hortenſio, wie Meſſer Pietro ſich gegen verſchiedene Freunde über ſeinen Wunſch und ſeine Verlegenheit geäußert, und ſogleich kam ihm der Gedanke, ſein Neffe, Camillo, welcher einen der älteſten Namen der Republik trug, habe alle die Eigenſchaften, die Meſſer Pietro von einem Schwiegerſohne begehre. Früh verwaist, ohne Geſchwiſter, beſaß er großen Reichthum, war jung, wohlgebildet und von Charakter ſo ſanftmüthig, wie Wenige. Auch konnte ein junger Einſiedler nicht ſtiller und ſittſamer leben als er. Am Ghetto vorüber fährt man durch den Kanal von San Girolamo nach der einſamen grünen Gegend von San Bonaventura, dort hatte in der Nachbarſchaft einiger weniger Häuſer der junge Camillo ſich einen ſonder⸗ bar großen und abgeſchloſſenen Palaſt bauen laſſen. Auf den Kanal und die Straßen, welche ihn von zwei Seiten begrenzten, gingen faſt gar keine Fenſter, und die Pforten waren, der Gewohnheit zuwider, faſt immer ver⸗ riegelt, nur auf den inneren Hof und auf den Garten öffneten ſich Hallen und Gallerieen. Der Garten war für Venedig ungewöhnlich groß und ſo dicht mit hohen und dunklen Bäumen beſetzt, daß er faſt einem kleinen Wäldchen glich. Man hatte während des Bau's dem Jünglinge ſowohl we⸗ gen ſeines auffallenden Geſchmacks, wie auch wegen der Wahl der Oertlich⸗ keit vielfache Vorſtellungen gemacht, doch er antwortete ſtets, wenn gleich mit der freundlichen Sanftmuth, die ihm eigen war, er baue für ſich und nicht für Andere. Jetzt war der Palaſt ſeit mehr als zehn Jahren fertig, der Baumwuchs im Garten groß und Camillo aus einem Jüngling ein gereifter, obwohl noch immer jugendlicher Mann geworden, und dieſe ganzen zehn Jahre hin⸗ durch hatte er der Einſamkeit und den Studien gelebt. Es hätte nur von ihm abgehangen, zu den erſten Aemtern im Staate gewählt zu werden, aber er wünſchte keine öffentliche Laufbahn.„Im Falle der Noth“ wollte er der Republik jeden Augenblick mit tauſend Freuden und ſeinen beſten Kräften dienen, jetzt indeſſen brauchte ſie ihn ja nicht gerade, und ſo bat er alle ſeine Freunde, die ihn häufig zu einem edlen Ehrgeiz und zu einer nützlichen An⸗ wendung ſeiner Kräfte ermunterten, ſie möchten ihn bis auf Weiteres unge⸗ ſtört in ſeiner Bibliothek und in ſeinem Garten laſſen. Dieſen jungen Philoſophen nun beſtimmte Meſſer Hortenſio unſerer Aus zwei Paläſten am Canale grande. Helena zum Gatten. Er hatte durch ſeine Töchter ſo viel von der Unſchuld und ſelbſt von der Einfalt dieſes ſchönen Kindes gehört, daß er bei ſich ſelbſt entſchied, eine beſſere Frau könne ſein Neffe gar nicht finden.„Denn hei⸗ rathet er eine Jungfrau, die nur einigermaßen geſcheidt iſt,“ dachte der wür⸗ dige Onkel,„ſo wird er ohne allen Zweifel Grande im Reiche Cornwallis. Gott helfe uns— ein Mann, der immer bei ſeinen Büchern ſitzt, wie ſoll der eine junge und ſchlaue Frau hüten? Nein, für meinen Camillo iſt die größte Einfalt kaum einfältig genug.“ Demzufolge redete er eines Tages, als er Meſſer Pietro auf der Treppe traf, die zum Saal des großen Rathes führt, den Vater Helena's ſehr artig an und fragte ihn, ob er einen Vorſchlag anhören wolle, der ſeine Tochter betreffe. Meſſer Pietro zeigte ſich ganz bereit, und beide verabredeten eine gemeinſchaftliche Heimfahrt nach dem Schluſſe der Sitzung. Als nun die zwei guten Patrizier in der Gondel Meſſer Hortenſio's ſaßen, ſchlug dieſer ſeinen Neffen zu Helena's Gemahl vor. Meſſer Pietro ſagte nicht Nein, ſondern fragte nur, ob dieſe Bewerbung von dem jungen Manne ſelbſt aus⸗ gehe?—„Bis jetzt habe ich noch nicht mit ihm über Eure Tochter geſpro⸗ chen,“ verſetzte Meſſer Hortenſio,„wohl aber ſehr häufig ſchon im Allge⸗ meinen über die Nothwendigkeit einer Heirath. Dann äußerte er ſich niemals abgeneigt, ſondern machte nur die Bedingung, daß ich ihm eine gute, ſtille und hauptſächlich eine unſchuldige Jungfrau ausſuchen müſſe, die noch nie etwas von Liebelei gewußt habe. Das iſt nun bei Eurer Tochter unzweifel⸗ haft der Fall, und ſo glaube ich meine Pflicht als Onkel nicht beſſer erfüllen zu können, als wenn ich ihm zu einer Verbindung mit Eurem edlen Hauſe dringendſt zurathe.“ „Daß meine Tochter bis jetzt noch nichts von Liebe weiß, glaube ich verſichern zu können,“ ſprach Meſſer Pietro,„indeſſen auch nur für einen Tag länger kann ich nicht bürgen. Sie wird jetzt bald fünfzehn Jahr, iſt ſehr ſchön, mein Haus liegt am großen Kanal, und ich kann unmöglich immer hinter dem Kinde ſtehen, wenn es am Fenſter ſitzt. Alſo ſeht Ihr ein, daß die Angelegenheit nicht gar zu langſam betrieben werden darf.“—„Das ſoll auch nicht geſchehen,“ antwortete lachend Camillo's Onkel.„Ich laſſe jetzt gleich meinen Neffen einladen, und iſt ihm der Vorſchlag genehm, komm' ich mit ihm noch dieſen Abend zu Euch hinüber. Da können die jungen Leute einander ſehen, und gefallen ſie ſich, ſo kann Camillo Eurer Tochter ſchon am nächſten Sonntage den Ring geben.“ Von Ida von Düringsfeld. 95 Meſſer Pietro war hiermit einverſtanden, Camillo war es nicht min⸗ der mit dem Vorſchlag des Onkels, Helena ſagte Ja, denn daß man ſie eines Tages verheirathen würde, wußte ſie ſeit ihrer Kindheit, und ſo war ſie in weniger als zwei Monaten, nachdem Gerardo Venedig verlaſſen hatte, die Frau eines Anderen. Die Ehe begann indeſſen recht gut. Camillo war ſanft— Helena war es auch; Camillo liebte die Geſelligkeit nicht— Helena begehrte nicht dar⸗ nach. Die Erinnerung an den Spielgefährten genügte ihr zur innerlichen melancholiſchen Beſchäftigung. Sie vermißte ihn noch immer, aber immer noch bloß als Spielgefährten. Daran dachte ſie nie, daß er, ebenſogut wie Camillo, ſie hätte zur Frau nehmen können, auch daran nicht, ihren Mann und ihn zu vergleichen. Zwiſchen beiden beſtand für ſie ein Unterſchied, wie zwiſchen Muſik und Alltagsrede, und wer die Muſik vorſtellte, das braucht nicht erſt geſagt zu werden. Es würde Helena nicht eingefallen ſein, für ihren Mann einen Strauß zu binden— für den Spielgefährten band ſie je⸗ den Sonntag einen—„den würde ich ihm geben, wenn er wieder käme,“ dachte ſie.—„Aber wie ſollte ich es thun?“ fragte ſie ſich dann;„es geht ja kein einziger von unſeren Balkonen auf den Kanal.“ Dabei betrachtete ſie die hohen Mauern des Gartens und meinte, ſo ungefähr müſſe man ſich in einem Gefängniſſe befinden. Als ihr endlich gar einfiel, daß der Spiel⸗ gefährte vielleicht doch wieder gekommen ſei, jetzt gerade in den Canaletto hereinfahre, nach ihrem früheren Balkon hinaufblicke und ſie nie wieder zu Geſicht bekommen könne, da fing ſie an kindlich zu weinen und wünſchte, der Vater möchte ſie nicht verheirathet haben. Dieſe Träumereien Helena's ſtörten jedoch keineswegs die Ruhe Ca⸗ millo's, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er nichts davon wußte. Seine junge Frau betrug ſich unterwürfig, ſtill und anſpruchslos— damit war ihm genug gethan. Daß ſie ernſt ausſah, gefiel ihm mehr, als wenn ſie gelacht hätte; Zärtlichkeit von ihr wäre ihm läſtig geweſen, und daß ſie ihrer⸗ ſeits welche von ihm verlangen könne, fiel ihm vollends nicht ein. So leb⸗ ten ſie denn in vollkommener Eintracht, Camillo las und Helena pflegte Blumen, ausfahren thaten ſie nur in die Meſſe oder zu einem Beſuche bei Meſſer Pietro, denn das Haus des Onkels war dem jungen Gelehrten zu geräuſchvoll. Bisweilen verſammelte ſich im Garten eine gelehrte Geſell⸗ ſchaft, bei welcher Helena ſich höchlich langweilte, und dies hieß dann für ſie „eine junge Frau ſein“. —.— 96 Aus zwei Paläſten am Canale grande. Nach einigen Monaten indeſſen erhielt ſie einen Umgang, der ſich für ſie ſchickten Ein Jugendfreund Camillo's war aus dem Orient zurückge⸗ kommen und hatte ſich bald darauf verheirathet und zwar mit Angelica, der Schweſter Gerardo's. Da zwiſchen ihm und Camillo die alte Vertraulich⸗ keit ſich ſogleich wieder erneuert hatte, ſo wurden natürlich die jungen Frauen einander zugeführt und ſehr bald gerade ſo unzertrennlich wie ihre Männer. Camillo hatte gegen dieſen Verkehr nichts, im Gegentheil, er beförderte ihn eifrig. Der Freund hatte ihn durch die Aeußerung beunruhigt, daß Helena für ihre Jugend ungewöhnlich bleich und ernſt ausſehe; Camillo war nicht— nur von Herzen gut, ſondern überdies, ſich ſelbſt unbewußt, allmälig dahin gekommen, ſeine ſchöne junge Frau tief in der Seele lieb zu haben, und ſo ergriff er denn mit dem größten Eifer die Gelegenheit, Helena die Zer⸗ ſtreuung zu gewähren, deren Mangel, dem Ausſpruch des Freundes nach, ihre ſtille Kränklichkeit verſchuldet haben ſollte. Der Erfolg des neuen Mittels ſchien dieſen Ausſpruch zu beſtätigen. Helena blühte in neuem Frohſinn und dadurch täglich zu größerer Lieblichkeit auf. Der Spielgefährte wurde nicht vergeſſen, aber die Freundin füllte die Leere aus, welche ſein Verſchwinden in Helena's Leben gelaſſen hatte. Auch das Verhältniß zwiſchen den jungen Gatten wurde beſſer; Camillo zeigte ſich aufmerkſamer und Helena zutraulicher, und es war vorauszuſehen, daß der junge Gelehrte ſich langſam in den Liebhaber ſeiner reizenden Frau ver⸗ wandeln würde— da kam Gerardo mit ſeiner reichbefrachteten Galeere aus Beirut zurück. Natürlich galt ſein erſter Beſuch ſeiner Schweſter, die ihm ſtets ſehr lieb geweſen war und ihm jetzt noch dazu einen Schwager vorzuſtellen hatte. Angelica empfing ihn mit Jubel, der Schwager mit Herzlichkeit; er mußte zum Eſſen bleiben und erzählen. Gerardo beantwortete der neugierigen Schweſter ihre hundert und hundert Fragen ſo lange der Schwager noch an⸗ weſend war; aber als dieſer, durch ein unaufſchiebbares Geſchäft gezwungen, unter höflichen Entſchuldigungen die Geſchwiſter allein gelaſſen hatte, fing Gerardo ſeinerſeits an zu fragen, und Angelica mußte ihm ausführlich von ihrer Heirath und ihrem jetzigen Leben erzählen. Dabei kam unvermeid⸗ licherweiſe Helena's Name vor, und Gerardo wechſelte heftig die Farbe. Angelica, die nie um die heimliche Liebe des Bruders gewußt, fragte erſtaunt was ihm ſei? „Meinſt du wirklich die Tochter Meſſer Pietro's, der uns gegenüber —+ —— Von Ida von Düringsfeld. 97 am Kanale wohnt?“ fragte Gerardo aufgeregt zurück.—„Aber gewiß,“ antwortete die junge Frau.„Sollteſt du ſie kennen? Sie hat mir doch nie etwas davon geſagt.“— Gerardo, deſſen Liebe nie völlig erloſchen und jetzt durch die Lobſprüche der Schweſter, ſowie durch ſeine eigene Erinnerung an Helena's ſüße, kindliche Schönheit wieder zu voller Glut angefacht worden war, bekannte nun der Schweſter alles, was er ihr bisher verſchwiegen, ſelbſt die demüthigende Abweiſung, welche er zuletzt erfahren zu haben meinte.— Lebhaft rief Angelica:„Das iſt unmöglich, mein lieber Bruder; du biſt ge— täuſcht worden, ſei es durch die Alte, die deinen Gondolier betrogen hat, ſei es durch Zanetto ſelbſt. Warum man dich ſo getäuſcht, kann ich freilich nicht erklären, aber mein Leben gebe ich dafür, daß Worte, wie ſie dir hinterbracht wurden, nie aus Helena's ſanftem Munde gekommen ſind.“— Gerardo verſetzte niedergeſchlagen:„wohl, und wäre es auch, wie du ſagſt, was hülfe es mir jetzt? Sie kann doch nicht mehr meine Frau wer⸗ den.“—„Aber deine gute Freundin, wie ſie die meinige iſt, und das ſoll ſie, ich will es,“ erwiderte eifrig die aus Unbefangenheit unbeſonnene Ange⸗ liea.„Wie, mein einziger Bruder und meine liebſte Freundin ſollten der⸗ gleichen Dinge von einander denken? Denn wer weiß, was ſie der Helena von dir vorgelogen haben! Nein, nein, das darf nicht ſein, und noch in die— ſer Minute fahre ich nach Canaregio.“ Umſonſt ſuchte Gerardo, ſeinen innerſten Wünſchen zuwider, die Schwe⸗ ſter zurückzuhalten, indem er ihr vorſtellte, wie es viel beſſer ſein würde, ſei⸗ ner gegen Helena gar nicht zu erwähnen.— Angelica lachte und fragte: „glaubſt du wirklich, daß ich Helena noch nie von dir erzählt habe? Sie kennt dich, als wäreſt du ihr eigener Bruder und hat ſich auf deine Ankunft gefreut, als wäre ſie deine zweite Schweſter. Das iſt nun erklärt, denn na⸗ türlich weiß ſie, daß du mit ihrem Liebhaber aus der Entfernung ein und dieſelbe Perſon biſt, nur hat ſie mir davon nichts ſagen wollen. Der Schalk, ich hätte ihr das gar nicht zugetraut— glaube man nur ſolchen unſchuldigen Augen! Aber trotz dieſer kleinen Heuchelei iſt ſie doch ein Engel, und gewiß wirſt du ſie bei näherem Anſehen noch viel ſchöner finden, als du dir ſie je vorgeſtellt haſt.“—„Eben deßwegen,“ unterbrach Gerardo die Schweſter. „Ich werde mich auf's neue in ſie verlieben, und dann wird das Unglück da ſein.“ „Wie?“ fragte Angelica mißvergnügt,„dergleichen fürchteſt du von Hausblätter. 1867. I. Bd. 7 98 Aus zwei Paläſten am Canale grande. dir? Du könnteſt unrechte Gedanken faſſen? Ich traue dir Beſſeres zu. Du ſchaffſt dir Einbildungen; in der Wirklichkeit wirſt du Helena nur lieben wie mein anderes Ich. Aucch wirſt du jetzt gewiß bald ſelbſt heirathen und dann an deiner eigenen Frau genug haben, ohne noch nach der eines Ande⸗ ren zu verlangen. Glaube mir, mein Bruder, faſſe Muth und traue dir ſelbſt. Sielh', es iſt faſt unmöglich, daß du Helena vermeiden könnteſt. Sie iſt beinah täglich bei mir— wollteſt du deßwegen mich nie mehr beſuchen? Und gelänge es dir auch, immer eine Stunde zu treffen, wo ſie nicht hier iſt, ſo wird doch gewiß Camillo dich als Schwager ſeines liebſten Freundes in ſein Haus einladen, und unter welchem Vorwand wollteſt du, ohne ihn zu beleidigen, ſeine Einladung ausſchlagen? Aus einer ſolchen offenbaren und übergroßen Vorſicht kann Argwohn und folglich Unheil entſtehen, aber nicht aus dem nothwendigen und unvermeidlichen Wiederſehen Helena's. Helena will ihrem Manne wohl, er ihr; du biſt ein braver, vernünftiger Menſch— ſage mir, wo da die Gefahr herkommen ſoll?“ Gerardo hätte antworten können:„aus dem Herzen, dieſem unerſchöpf⸗ lichen und unergründlichen Quell aller Liebe und alles Haſſes.“ Er that es nicht, ſondern ſagte nur:„thue denn wie du denkſt, meine Schweſter, nur bitte ich dich, deinen Mann nichts von meinen Geſtändniſſen wiſſen zu laſſen. Da er ein ſo großer Freund von dieſem Meſſer Camillo iſt, könnte er es für ſeine Pflicht halten, denſelben zu warnen und daraus könnten für Helena Unannehmlichkeiten erwachſen.“— Das verſprach Angelica mit großer Bereitwilligkeit, und dann ſagte ſie dem Bruder Addio, fuhr zur Freundin, die ſie heute noch nicht geſehen, küßte ſie, lachte dabei ganz ausgelaſſen und rief:„Barona che sei,(Schelmin, die du biſt,) warum haſt du mir denn nie geſagt, daß mein Bruder dein Lieb⸗ haber geweſen iſt?“ Helena hatte durch Angelica zuerſt von Liebhabern gehört, und ihre Zartheit war durch dieſe Mittheilungen unangenehm berührt worden, daher erglühte ſie jetzt ſowohl vor Scham wie vor Unwillen, als ſie antwortete: „dein Bruder mein Liebhaber? Du mußt geträumt haben, Angelica, daß du mir ſo etwas ſagen kannſt. Ich kann dir mein Wort darauf geben, daß ich nie einen Liebhaber gehabt habe und daß ich ebenſowenig je einen haben werde.“—„Helena, ſpiele nicht die Heilige,“ ſprach Angelica, verletzt durch eine Antwort, die ſie nicht für aufrichtig hielt.„Thu' es nicht, es ſteht dir nicht gut.“—„Du willſt mich beleidigen, wie es ſcheint,“ verſetzte Helena Von Ida von Duringsfeld. 99 mit Thränen in den Augen.„Warum, Angelica? Hab' ich dir denn etwas gethan?“ „Wie?“ fragte Angelica, immer noch ungläubig,„du wu nicht wiſ⸗ ſen, daß der junge Cavalier, der immer an deines Vaters Hauſe vorbeige⸗ gefahren, dem du immer Blumen zugeworfen—.“—„Gott, was ſagſt du?“ fiel Helena zitternd ein.„Das wäre dein Bruder geweſen?“—„Siehſt du, daß du einen Liebhaber gehabt haſt?“ rief Angelica lachend.— Helena ſah ſie mit großen Augen an.„Aber ich habe nie mit ihm geſprochen.“ „Mit Blicken fängt man an, dann kommt man ſchon zu Worten,“ meinte Angelica ſpottend.„Komm', Helena, ſag' mir die Wahrheit—— haſt du wirklich nicht gewußt, daß ſo die Liebe anfange?“—„Nein, bei der heili⸗ gen Madonna nicht, Angelica!“ antwortete Helena ſo ernſtlich, daß Ange— lica lebhaft ausrief:„aber du biſt wahrhaftig ſo rein, wie die gebenedeite Jungfrau ſelbſt! Verzeih' mir, Herz mein, daß ich dich gekränkt, gieb mir erſt einen ſchönen Kuß und dann erzähle mir alles.“, Helena erzählte alles, und dann erzählte, leider, Angelica ihrerſeits ebenfalls alles und ſäte ſo mit Unbedacht das Unheil aus, welches nur zu bald keimen und Frucht tragen ſollte. Wie bitterlich weinte nicht Helena, als ſie am Abend allein im Garten ſaß!„Er könnte ſtatt Camillo's mein Gatte ſein!“ wiederholte ſie ſich immer wieder und ſchluchzte jedesmal ſchmerzlicher. Kein unrechter Gedanke regte ſich bei dieſer Klage in ihrer Seele, ihr Schmerz war noch ganz unſchuldig, aber der erſte zarte Neigungs⸗ keim, der für den Gatten in ihrer Bruſt entſproßt war, mußte von ſolchen Thränen auf immer verſengt werden. Und nicht ſo ſchuldlos blieben die Gefühle Gerardo s, als Angelica mit unvorſichtiger Begeiſterung ihm die Geliebte als vollkommen gerechtfertigt und überhaupt als das köſtlichſte und reinſte Geſchöpf Gottes ſchilderte. Gern würde er in dieſen Augenblicke die ganze Vaterſtadt vernichtet haben, hätte er aus der allgemeinen Zerſtörung Helena als ſeine Beute hinweg⸗ tragen und auf ſeiner Galeere mit vollen Segeln wieder in das Meer hinausfahren können. Die innerliche Gefahr kündigte ſich ihm mächtig ge⸗ nug an, er hätte nur hören dürfen. Er hörte nicht und ſah Helena bei ſei⸗ ner Schweſter wieder. Das ganze Weſen Beider bebte bei dieſem Wiederſehen in ſympatiſcher Erſchütte Gerardo vermochte kaum den Aufruhr zu bezwingen, in wel⸗ chen die ſo lang erſehnte Nähe der Geliebten ihn verſetzte; Helena, die es 7* 100 Aus zwei Paläſten am Canale grande. noch nicht gelernt hatte, ihre Empfindungen zu unterdrücken oder zu verber⸗ gen, ließ ſcheut ihre Thränen ſehen. Angelica tröſtete und liebkoste He⸗ lena, lobte den Bruder und ermahnte beide, ſie ſollten, da der Himmel ſie nicht zu Gatten beſtimmt habe, ſich wenigſtens als gute Freunde lieben. Ge⸗ rardo fragte, ob Madonna Helena ihm das gewähren und erlauben wolle? — In der kindlichen Ueberzeugung, die Freundin könne ſie zu nichts Unrech⸗ tem verleiten wollen, ſtammelte Helena ein ſchüchternes Ja, und ſo wurde das unglückliche junge Paar zu einer ſchuldigen Liebe gleichſam zuſammen⸗ geführt. Doch wurde, ſobald ſie auch einander zur Lebensnothwendigkeit gewor⸗ den waren, lange Zeit kein Geſtändniß zwiſchen ihnen gewechſelt, und viel⸗ leicht wären ſie immer nur unglücklich geblieben, ohne ſchuldig zu werden, wäre es nicht Heinrich von Valois, welcher durch den Tod ſeines Bruders Karl IX. eben König von Frankreich geworden war, plötzlich eingefallen, von Polen, wo er ſich bis dahin als König gelangweilt hatte, nach ſeiner neuen Hauptſtadt auf Umwegen zu gehen. Die Beweggründe, welche ihn zu dieſem Entſchluß veranlaßten, können ausführlich in den franzöſiſchen Ge⸗ ſchichtsſchreibern nachgeleſen werden, wir haben uns mit ihnen nicht weiter zu befaſſen, ſondern nur die einfache Thatſache zu berichten, daß es der neuen franzöſiſchen Majeſtät beliebte, auf ihrer Heimreiſe das reiche und prächtige Venedig mitzunehmen. Sobald der Senat dieſe ſchmeichelhafte Abſicht erfuhr, ſchickte er ſogleich einen Geheimſchreiber nach Wien ab, wo Heinrich vom Kaiſer eben Vor⸗ ſchriften über Regierungsmoral anhörte. Der Abgeſandte Venedigs mußte dem Könige von Frankreich die Freude des Senats über die ihm zugedachte Ehre ausdrücken; zugleich wurde aus der Levante ein Geſchwader zurückge⸗ rufen, eine Brücke über den Tagliamento geſchlagen, der Palaſt Foscari prachtvoll ausgeſchmückt und eine ganze Reihe von Feſtlichkeiten angeordnet. Unter dieſen freuten die venetianiſchen Damen ſich beſonders auf einen Ball im Saale des großen Rathes, wo zweihundert der ſchönſten einen feierlichen Tanz vor dem Könige aufführen ſollten. Angelica war mit ausgewählt worden, beſtand aber darauf, ohne ihre Freundin Helena nicht theilzunehmen. Da ihr Mann den Gedanken nicht überwunden hätte, ſie nicht mit unter den Schönſten zu ſehen, ſo wußte er Camillo dahin zu überreden, daß dieſer Helena die Erlaubnif eilte, die mittlerweile auch an ſie ergangene Einladung anzunehmen. Zum erſtenmale — — — Von Ida von Düringsfeld. 101 alſo ſollte ſie öffentlich erſcheinen, und Angelica, die weder Neid noch Eifer⸗ ſucht kannte, vielmehr auf Helena's Schönheit faſt ſtolzer war, als auf ihre eigene, Angelica triumphirte ſchon im Voraus darüber, daß Helena alle Mit⸗ tänzerinnen verdunkeln werde. Inzwiſchen näherte Heinrich von Valois ſich der Grenze, und der Se⸗ nat ſchickte ihm vier Geſandte entgegen, die ihm beim Empfang zu Venzone einen prächtigen Wagen anboten, in welchem er über den Tagliamento fuhr. Nachdem er im Schloß von Spilimbergo, wo er vom Herzoge von Ferrara begrüßt worden war, die Nacht zugebracht hatte, ging er über Conegliano nach Treviſo, deſſen Podeſta ihm an der Spitze des ganzen Adels entgegen⸗ kam und ihm ein Pferd anbot, welches das Knie beugte, damit er aufſteigen könne. Am Thore empfing ihn der Biſchof mit dem Clerus, die Bürger⸗ ſchaft war unter den Waffen, und die Luft krachte von Geſchützdonner und hallte von Glockengeläute. Am nächſten Tage erwarteten ihn zu Malghera ſechzig Senatoren in rothen Kleidern und mit ebenfalls roth behangenen Gondeln. Der König ſelbſt beſtieg eine mit Goldbrokat ausgeſchlagene Barke und fuhr darin unter den Begrüßungen der Forts nach Murano, in deſſen Nähe vierzig mit ſchwar⸗ zem Sammet bedeckte Gondeln hielten, die ebenſovielen vornehmen Jüng⸗ lingen gehörten. Dieſe Jünglinge, unter denen auch Gerardo ſich befand, waren zu des Königs Dienſt beſtimmt und wurden, als er auf Murano im Palaſt Corner ausgeſtiegen war, ihm von den vier Geſandten, die ihn bis hierher begleitet hatten, ehrfurchtsvoll vorgeſtellt. Erſt am folgenden Tage erſchien der Doge, begleitet von der Signo⸗ ria, auf einer prachtvollen Galeere, welche von vierzehn anderen und einer Unzahl von Barken gefolgt wurde. Der König ging dem Dogen bis an die Treppe entgegen, ſie begrüßten einander entblößten Hauptes, und beſtiegen dann gemeinſchaftlich die herzogliche Galeere, die einſtimmig für das herr⸗ lichſte Schiff erklärt ward, welches je das Arſenal verlaſſen habe. Auf dem Hinterdeck ſtand der um drei Stufen erhöhte Thron für den König, dem zur Rechten der päbſtliche Legat und zur Linken der Doge ſaß. Die übrigen Fürſten und Herren nahmen die Seſſel ein, welche längs des Bords zwei Reihen bildeten und von dreißig Standarten in verſchiedenen Farben über⸗ flattert— vom Hauptmaſt das Wappen von San Marco in einer Fahne von carmoiſinrothem Damaſt wehte. Dreihundertundfünfzig Slavonier, in die Livree Heinrichs, violett und gelb gekleidet, ruderten unter 102 Aus zwei Paläſten am Canale grande. dem unaufhörlichen Rollen der Salven langſam dem Lido zu, wo ſechs Pro⸗ curatoren den König unter einem Baldachin empfingen und durch einen von Palladio gezeichneten Triumphbogen nach der Kirche von San Nicolo del Lido geleiteten. Hier war im Freien ein Altar errichtet, an welchem der König betete und der Patriarch das Tedeum anſtimmte. Darauf beſtieg die erlauchte Geſellſchaft den Bucintoro, um welchen ſämmtliche Fahrzeuge ſich herſchaar⸗ ten, und ſo wurde der König an der Piazzetta vorüber und den großen Ka⸗ nal hinauf bis an den Palaſt Foscari geführt, wo der Senator Pietro Fos⸗ cari nebſt ſeinen Collegen, alle in Carmoiſin und in Gondeln, die von Sam⸗ met, Seide, Gold und Silber glänzten, den hohen Gaſt erwartete. Der Palaſt war nicht weniger verſchwenderiſch geſchmückt als das Gondelge⸗ ſchwader. Das Schlafzimmer Heinrichs hatte Tapeten von vergoldetem Le⸗ der, Vorhänge von ſchwerer weißer Seide und einem Paviglione, das heißt einem Betthimmel von ſeidenem Netzwerk. Auch die beiden anſtoßenden, für das Gefolge beſtimmten Paläſte Zuſtinian waren mit Pracht eingerichtet. Die Flammen einer großen Feſtlichkeit entzünden nicht nur die Maſſen des Volkes, ſondern auch alle Herzen, die noch Jugend und Poeſie genug haben, um ſich einem lebendigen allgemeinen Gefühl hinzugeben. Camillo blieb an dieſen Glanztagen der Republik ebenſowenig wie irgend ein anderer Nobile in ſeiner Bibliothek eingeſchloſſen, ſondern fuhr in einer Gondel, die ſeines Reichthums würdig war, ſowohl nach Murano, wie nach dem Lido und Ca Foscari. Helena, welche noch nie Aehnliches geſehen, war wie be⸗ rauſcht. Gerardo fühlte durch den herrlichen Einklang von Bewegung, Ge⸗ tön, Meerespracht und Sonnenglanz ſich gleichfalls zu der vollen Empfin⸗ dung ſeiner Jugendglut erregt. Die Feſte der folgenden Tage waren keineswegs dazu geeignet, eine Frau von ſechzehn und einen Jüngling von einundzwanzig Jahren wieder ruhig zu machen. Eine Regatta, die jede frühere an Erfindung übertraf, er⸗ füllte alles mit einer fieberiſchen Luſt. Am Tage darauf nahm ein neuer poetiſcher Schauzug die Augen in Anſpruch: der Doge holte mit dem Her— zog von Savoyen und der Signoria im Bucintoro den König ab und gelei⸗ teten ihn unter einem Säulengang, deſſen Pfeiler mit Brokat umwunden waren, während Dach und Fußboden aus ſcharlachrothem T beſtanden, in die Kirche von San Marco und von da in den Palaſt, wo im Saale des großen Rathes das Bankett bereitet war. Dann folgte ein Beſuch des Kö⸗ 8 4 Von Ida von Düringsfeld. 103 nigs im Arſenal, wo während des Frühſtücks, das heißt binnen zwei Stun⸗ den eine Galeere vollſtändig erbaut wurde, und hierauf, abermals im Saale des großen Rathes, der Ball, bei welchem Helena zum erſtenmal öffentlich erſchien. 4 Der Saal war an dieſem Abend ganz mit Violett und Gelb behangen; der Thron des Königs, an der Stelle des Dogenſitzes errichtet, prangte mit den herrlichſten Stoffen, feingearbeitetes vergoldetes Leder bedeckte die Bänke. Kurz, es war der Pracht mehr als nöthig entfaltet, um die Augen zu blen⸗ den und die Aufmerkſamkeit zu zerſtreuen; die Gegenwart des Königs war noch immer neu genug, um die Gemüther zu beſchäftigen; Helena war nur eine von den zweihundert Schönſten Venedigs, und doch wurde ſie allgemein bemerkt und bewundert. Die Fremden wünſchten den Venetianern Glück zu einer ſo reizenden Landsmännin, die Venetianer geſtanden, daß ſie bisher die ſchönſte Perle ihrer Stadt nicht gekannt. Gerardo war erſt entzückt, ſtolz und toll vor Liebe geweſen, dann wurde er eiferſüchtig, unglücklich und heftig. Helena konnte ihn ſo nicht ſehen, ſie fragte, ſie flehte, ſie beſchwor ihn, ihr zu ſagen, was ihm fehle? Er brach in brennende, ſtammelnde, unzuſammenhängende Bekenntniſſe aus.— Helena hatte in dieſer Betäubung von Licht, Muſik, Gewirr, Bewunderung, Angſt und Leidenſchaft keinen klaren Gedanken mehr.„Ja, im Garten— über⸗ morgen— in der Nacht—“ antwortete ſie halb bewußtlos, halb unwider⸗ ſtehlich hingeriſſen. Gerardo wußte auch nicht länger, wo er war, was er that und ſprach, nur das Eine: daß er ſeine Bruſt erleichtert und Erhörung gefunden. Seine ſchöne Geliebte wollte ihn einmal anhören, wo ſie ganz allein und ungeſtört wären— das wußt' er— war das nicht genug? Mehr wollte der Jüngling nicht, ſondern hatte den heiligen Willen, Helena auch fernerhin zu ehren wie bisher. „Nie,“ ſprach er mit dem Heldenmuth der ungeprüften Kraft,„nie will ich eine Bitte thun, die ſie nicht gewähren könnte. Sie ſoll allein mit mir ſo ſicher ſein, als wäre ganz Venedig Zeuge unſeres Beiſammenſeins. Nur ihre milchweiße Hand will ich küſſen dürfen, nur mich vor ihr auf die Kniee werfen und mit der Stirn den Boden berühren, über den ſie täglich hinwan⸗ delt. Glücklicher Boden, wohl kannſt du blühen! Ich wollte, ich wäre du! Das Entzücken über ihre Schönheit würde eine Wüſte blühen machen. Ach, wie ſie ſchön iſt, aber auch wie rein! Fern, fern von mir jeder Gedanke, die⸗ 104 Aus zwei Paläſten am Canale grande. ſen klaren Spiegel zu trüben! Nein, Geliebte, du ſollſt mir ſo heilig ſein, wie eine Madonna über einem Altare!“ So redete Gerardb mit der höchſten Zuverſicht— welcher zwanzigjäh⸗ rige Jüngling zweifelt wohl an ſich ſelbſt?— Helena ihrerſeits ahnte ſogar nicht einmal, daß eine Gattin ſündigen könne. Wohl fühlte ſie, wie unrecht ſie gethan, indem ſie jetzt die heimliche Zuſammenkunft bewilligt, die ſie als junges Mädchen ſo muthig verweigert hatte, doch Gerardo hatte ſie ja nur gebeten, ein einziges Mal vor ihr weinen und über ihr gemeinſchaftliches Schickſal klagen zu dürfen, ach, und darnach hatte ihr eigenes armes Herz ſich ſo oft und ſo unſäglich gebangt, daß es faſt übernatürlich geweſen wäre, wenn die noch kindlich unſchuldige Frau, verwirrt, wie ſie überdies durch die ungewohnten Zerſtreuungen war, der wild demüthigen Bitte Gerardo's widerſtanden hätte. Der König ſah am Tage nach dem Ball im Palaſte Foscarini al Car⸗ mine noch die Künſte der Nicoloti und Caſtellani, und dann nahm er am folgenden, das heißt am 24. Juli 1574, Abſchied von Venedig, fuhr mit einem unabſehbaren Gefolge von Barken nach Fuſina, umarmte den Dogen, der ihn bis dorthin begleitet hatte, und ſetzte ſeine Reiſe fort, während zu Venedig in mannichfachen und lebhaften Geſprächen noch das Echo dieſes ehrenvollen Beſuches nachhallte. * Es war alſo eben voller Sommer, und wer zu dieſer Jahreszeit in Venedig war, der weiß, was es dann für Nächte gibt. Buchſtäblich ſchwer von Glut und Sternlicht, blitzend von den Silberſpuren der Gondeln, un⸗ bewegt, außer von Ruderſchlag oder Geſang. In ſolch einer Nacht kamen Helena und Gerardo in tiefem Schatten zuſammen, wo ſie einander kaum ſehen konnten. Mußten da nicht die Hände ſich der geliebten Gegenwart zu verſichern ſuchen? Sprechen durften ſie auch nicht, nur flüſtern, denn in dieſer einſamen Gegend war die Stille ſo vollkommen, daß man es gehört hätte, wenn ein Vogel im Laube aufgeflattert wäre. Folglich mußten auch die Lippen ſich nahe kommen, damit man ſich gegenſeitig verſtände. Es war jetzt gerade ein Jahr, daß die Beiden ſich zuerſt geſehen hat⸗ ten. Dieſelben Blumen, die immer vom Balkon in die Gondel gefallen waren, Roſen, Jasmin, Geisblatt, Nelken, Granaten, blühten und dufteten wieder. Was für Erinnerungen in ihrer Nähe, in ihrem Dufte!— Den⸗ noch begnügten die beiden Kinder ſich zuerſt mit dem Genuſſe der Klagen. Helena weinte, wenn Gerardo davon phantaſirte, wie anders es wäre, wenn —- Von Ida von Düringsfeld. 105 er jetzt als ihr Gatte neben ihr ſäße, Gerardo küßte dieſe Thränen von ihrer Wange. Aber ſo konnte es nicht währen, ſie konnten nicht unſchuldig blei— ben. Mit der Schuld wächst die Liebe, mit der Liebe die Kühnheit. Ge⸗ rardo wagte bald auch in Mondnächten auf der Leiter, die Zanetto hielt, die Mauer zu erklimmen, von welcher er ſich dann an Baumäſten hinab in den Garten ſchwang. Das gereichte den Liebenden zum Verderben. Ein alter Diener des Hauſes, welcher wenig mehr ſchlief, hörte einſt ein ungewöhnliches Geräuſch, kam vorſichtig an ſein Fenſter, das auf den Garten ging und ſah nach weni— gen Augenblicken die Padrona haſtig und ſchüchtern in das Haus eilen. Wäre ſie ruhig angekommen, würde der Alte kein Arges aus dieſem nächt⸗ lichen Spaziergange gehabt haben, aber die ſichtbare Aengſtlichkeit der jun— gen Frau erweckte ſein Mißtrauen, und er beſchloß zu beobachten, wie He⸗ lena die Nacht zuzubringen pflege. Das war nicht ſchwer: ſie kam, ſobald Camillo ſich in ſeine Bibliothek zurückgezogen hatte, langſam in den Garten hinab, ging erſt in den Gängen hin und her, verſchwand dann hinter der Baumgruppe in der entfernteſten Ecke, blieb etwa eine Stunde unſichtbar und kehrte darauf, immer mit unſicherem fliegendem Gange in den Palaſt zurück. Als der Alte drei Nächte hindurch dasſelbe beobachtet hatte, verſteckte er ſich mit Anbruch der vierten hinter die Ecke von einem der naheliegenden Häuschen, von wo aus er die Gartenmauer von Camillo's Palaſt überſehen konnte. Von dort aus belauerte er alles: wie Zanetto hervorſchlich, umher— ſpähte, ob kein Licht mehr ſichtbar, kein Fußtritt mehr hörbar ſei, dann Ge⸗ rardo holte und mit ihm die Leiter herbeitrug, welche an die Mauer gelegt, Gerardo als Weg zur Geliebten diente. Zanetto blieb horchend auf Wache ſtehen, aber der Alte regte ſich nicht, bis die Stunde vorüber, Gerardo zu⸗ rückgekehrt und alles wieder einſam war.— Auch während des ganzen fol⸗ genden Tages verhielt der Alte ſich ruhig und machte Camillo keine Mitthei⸗ lung von dem Geſehenen.„Der Padron würde es nicht bis zum Abend aus⸗ halten können,“ meinte er, denn die ſcheinbare Sanftmuth Camillo's war dieſem Alten, welcher ihn aufwachſen geſehen, als die Ruhe der furchtbarſten Leidenſchaftlichkeit bekannt. Daher ſah der Alte alles voraus, was ſpäter geſchah, aber das hielt ihn nicht zurück. Die Anzeige mußte er machen:„die Ehre des Padron vor allem,“ dachte er. Unbeugſam feſt in dem, was er für ſeine Pflicht hielt, erſchien er, als 106 Aus zwei Paläſten am Canale grande. die Stunde der Zuſammenkunft wiederkehrte, in der Bibliothek vor dem Padron. Dieſer hörte ihn ohne Aufbrauſen an, nahm ſeinen Mantel, folgte dem Alten in deſſen Verſteck der vergangenen Nacht und ſah nun ſeiner⸗ ſeits alles. Schweigend, wie er gekommen, kehrte er in den Palaſt zurück. Dort gab er dem Alten den Befehl, daß in der nächſten Nacht um dieſelbe Stunde eine Gondel heimlich bereit gehalten werden ſolle. Der Reſt der Nacht ver⸗ ging wie gewöhnlich, der folgende Tag deßgleichen. Helena konnte nicht ahnen, daß ihr Gatte von allem unterrichtet ſei. Als ſie zur gewohnten Stunde der Nacht in den Garten gegangen war, benachrichtigte der Alte den Padron, welchen er in Reiſekleidern fand. Ca⸗ millo gab ihm einen Brief für Meſſer Hortenſio, den er am Morgen über⸗ bringen ſollte,„oder auch früher, wenn etwa früher Lärm werde,“ ſetzte der junge Patrizier hinzu.— Der Alte bat den Padron, er möge ihn mit ſich nehmen, Camillo dankte ihm für ſeine Treue, wies aber ſeine Begleitung zurück. Der Alte küßte weinend die Hand, die in den nächſten Augenblicken Blut vergießen ſollte; ihm hatte ſie ſtets nur Gutes erwieſen. Darauf begab Camillo ſich geräuſchlos in den Garten, näherte ſich langſam der hinteren Baumgruppe und horchte, den Athem an ſich haltend, mit Aufmerkſamkeit in das duftige Dunkel hinein. Einige Augenblicke ver⸗ gingen, bevor er ſich mit dem Ohr zurecht fand, dann vernahm er, deutlicher und deutlicher, das Geflüſter der Liebenden. Der Garten war ihm ſo ver⸗ traut, daß er ſogar den Baum erkannte, unter welchem ſie ſaßen: es war ein Granatbaum, den er ſelbſt gepflanzt. Der Stelle erſt ſicher, ſchritt er raſch und feſt darauf zu. Helena hörte zuerſt die Schritte.„Gerardo, wir ſind verrathen!“ ächzte ſie. Gerardo ſprang in die Höhe, aber Helena hing halb ohnmächtig an ihm, und bevor er ſich noch von ihr losmachen konnte, ſtand Camillo bereits vor Beiden.„Zuerſt dir,“ ſprach der rächende Gatte kalt und traf mit ſei⸗ nem Dolch den Jüngling tief und tödtlich, aber doch nicht ſo, daß er gleich verſchieden wäre. Nur in Bewußtloſigkeit ſank er und ſah nicht, wie Helena endete. Nach vollbrachter That kam Camillo ruhig aus dem Garten zurück, gab, ſo daß die Gondolieri es hören konnten, einige gleichgültige Befehle, ließ die Padrona grüßen und ſchloß mit der Verheißung, er werde morgen Von Ida von Düringsfeld. 107 um dieſe Stunde wieder kommen. Dann fuhr er nach Meſtre, ſtieg aus und befahl ſeinem Gondoliere, bis zum nächſten Abend auf ihn zu warten. Auch Zanetto wartete inzwiſchen auf ſeinen Padron, Anfangs ſorglos, ſpäter mit ſtets wachſender Angſt. Als es gegen Morgen kam, und Gerardo noch immer nicht erſchien, ſtürzte der arme Menſch in Verzweiflung nach dem Hauſe von Gerardo's Schwager, ließ ihn wecken und verlangte Rath. Der Schwager beſchloß, augenblicklich nach Camillo's Palaſt zu fahren und unter dem Vorwand, den Freund zu einer kleinen Reiſe aufzufordern, Ein⸗ laß zu begehren. Als er anlangte, hallte der ganze Palaſt ſchon von Ent⸗ ſetzensgeſchrei wieder, der Gärtner hatte die unglücklichen Liebenden gefun⸗ den, man brachte ſie eben getragen. Aerzte wurden geholt. Helena war todt, Gerardo athmete noch und erholte ſich nach vielen Bemühungen ſo weit, daß er ſein Bekenntniß ablegen und ſeine letzten Athemzüge anwenden konnte, um Camillo zu rechtfertigen. Dieſer war von Padua aus ſpurlos verſchwunden. Sein Brief an Meſſer Hortenſio enthielt eine kalte Erzählung des erfahrenen Verrathes und der beabſichtigten Rache, ſowie die Bitte, Palaſt und Garten der Erde gleich machen zu laſſen, indem Camillo Venedig auf ewig verlaſſen habe. Meſſer Hortenſio bemühte ſich ſo unabläſſig, und Camillo wurde ſo allgemein geachtet und beklagt, daß die Begnadigung über ihn ausgeſprochen wurde. Er hätte alſo in Sicherheit zurückkehren können, aber er kam nicht, und erſt nach vielen fruchtloſen Nachforſchungen gelang es dem Oheim, ihn in einem ſpaniſchen Kloſter zu entdecken. Dorthin gingen nun die dringend⸗ ſten Aufforderungen zur Heimkehr ab, doch Camillo weigerte ſich entſchieden und wiederholte nur die Bitte wegen des Schleifens ſeines Palaſtes und des Gartens. Als Meſſer Hortenſio ihm endlich ſchrieb, daß ſein Verlangen erfüllt ſei, erklärte er ſich für völlig befriedigt und verbat ſich zugleich alle ferneren Mittheilungen, indem er nicht nur mit der Heimat, ſondern mit der ganzen Welt auf immer gebrochen habe. Allmälig wurde er vergeſſen, die Stelle ſeines Palaſtes zu anderen Bauten benützt, und nur eine alte Ge⸗ ſchichte erzählt noch von den beiden armen Liebenden„aus zwei Paläſten am Canale grande“. Der hoffärtige Andres. Eine Dorfgeſchichte von Paul Stein. In einem der hübſchgelegenſten Orte der ſchwäbiſchen Alb machte ſich ein Bauernhaus vor allen anderen bemerklich, weniger durch ſeine Größe und den Umfang ſeines Hofes, ſeiner Scheunen und Ställe, als durch ſeine ſchöne Lage und ſein aufgeputzteres Ausſehen. Der Bauernhof lag vor dem Dorfe und etwas höher als dasſelbe; ſein Beſitzer wurde der Bergbauer ge⸗ nannt, auch der hoffärtige Andres, doch das nur ſo unter der Hand, beim Schoppen Bier in Spottluſt und auch in geheimer Mißgunſt.— Andres war der reichſte Bauer im Dorf— ja weit und breit, und hatte überdies einen recht baiſen(geſcheidten) Kopf zwiſchen ſeinen ſtämmi⸗ gen Schultern ſitzen. Er konnte leſen und ſchreiben beſſer als Einer auf der Alb, und mit den Herrenleuten wußte er ſo gut zu verkehren, als wäre er ihresgleichen.— Zum Schultes im Dorfe hätte drum keiner ſo gut gepaßt, wie der Bergbauer, und er wäre auch längſt zu dieſer Ehrenſtelle gelangt, wenn er darnach getrachtet. Allein ſo hoffärtigen Sinnes der Bergbauer auch war, lief eben ſein Verlangen nach einer anderen Richtung, als der, Dorfſchultheiß zu ſein. Reichthum— Geld— das war es, was ihn lockte, und auch der Herrenrock, den hätte er gerne ſtatt des Bauernkittels ange⸗ than.— Bei ſeinen Fruchtverkäufen in der nächſten größeren Stadt, dem alten Ulm, hörte er mancherlei von raſcherem und beſſerem Geldumtreiben, von glücklichen Spekulationen, die manchen armen Teufel ſchon in kurzer Zeit zum reichen und vornehmen Manne gemacht. —— Von Paul Stein. 109 Ein liſtiger Schreiber, den er am Schenktiſch in der Stadt kennen lernte und der gerne mit den Bauern verkehrte, wenn ſie den Fruchterlös in der Taſche hatten, gewann ſein Vertrauen. Von ihm erfuhr er, wie man durch Güterkauf, Parceliren derſelben und Verkauf der Ziele ſchnell zu großen Reichthümern gelangen könne; und die Sache ging ihm nicht mehr aus dem Kopfe, obſchon dieſe Art des Handels, zur Zeit unſerer Erzählung, den Gebräuchen ſeiner Heimat, die das Erſtgeburtsrecht unantaſtbar auf⸗ recht hielten, widerſprach, wie auch dem eingewurzelten Stolze jener Gegend dem derartige Handelsgeſchäfte einmal als eine gewaltige Beeinträchtigung der bäuerlichen Würde erſchienen. Aber all dies verſchwand vor Andres bei dem Gedanken an Laden voller Geld, und ſtand er vor den bereits zuſam⸗ mengehäuften Kronenthalern und bedachte dabei, wie er durch Handel und Spekulation ſie raſch verzehnfachen könnte, ſo ſchwindelte ihm der Kopf, und ſein ſtattlicher Bauernhof ſammt Weib und Kind ſchien ihm kein Erſatz für die Reichthümer, die ihm als leicht erreichbar vorſchwebten. Er fing an die Feldgeſchäfte zu vernachläßigen, die Ställe voll prächtigen Viehs, die vier Grauſchimmel, die Scheune gefüllt mit Vorräthen verächtlich anzuſehen. Alles dieſes machte ihm keine Freude mehr, und wäre Kätter, ſein Weib, und Hannes, ſein junger Bruder, der Großknecht bei ihm war, nicht überall zur Hand geweſen, es hätte bald ſchlimm in Haus und Feld ausgeſehen. So aber ging trotz des Bauers„übereichtem“ Zeug im Kopf nach wie vor alles ſeinen geordneten Gang und man merkte im Dorfe nicht viel von An⸗ dres Nachläßigkeit als Bauer, dachte eben nur: er iſt hoffärtig,— lächelte und ſpöttelte darüber und meinte, er ſei ein halber„Schode(Narr)“. Wie es eigentlich ausſah und daß Andres ganz aus dem„rechten Zeug“ herausgekommen, wußte nur Kätter und Hannes. Doch ſprachen ſie nichts mit einander darüber, und noch weniger entfiel ihnen ſonſt eine tadelnde Aeußerung; ſie thaten ihre Schuldigkeit in erhöhtem Grade und ſchafften das Doppelte, damit des Bauern„Aettigkeit(ſonderbares Weſen)“ keine weitere ſchlimme Folge habe und man es ſelbſt im Hauſe nicht viel bemerke. Andres' Freund, der Schreiber, kam in kleinen Winkelangelegenheiten in's Dorf, und ſie ſteckten faſt den ganzen Tag beiſammen. Der liſtige Schreiber ſetzte ſeine Rathſchläge und Schlauheit, wie ſeine größeren Kennt⸗ niſſe, gegen Andres Geld ein, und dieſer begriff bald wie jener die Vortheile, welche ihnen daraus erwachſen könnten. Erſt machten ſie insgeheim Ge⸗ ſchäfte mit einander, dann gab der Schreiber ſeinen Namen dazu; als aber ☛ 1 110 Der hoffärtige Andres. reicher Gewinn in des Bergbauern Taſche ſiel, machte er bald kein Hehl mehr daraus. Der Handel war ja kein verbotener, kein unrechtlicher, ver⸗ ſtieß nur gegen eimaltes Vorurtheil, und zu verhehlen waren nur die krum⸗ men Wege, die häuſig den größeren Vortheil bedingten, und die am liebſten von dem Schreiber eingeſchlagen wurden. Das Zwicken und Drucken und Wuchern lag in ſeiner Natur, und Andres ließ ſich gerne beſchwatzen, wo ihm Geldgewinn in Ausſicht ſtand. Nach kurzer Zeit war der Bergbauer mehr auswärts als daheim. Die begonnenen Geſchäfte trieben ihn auf der ganzen Alb herum, ſpäter noch weiter, und jedesmal kehrte er, zum Entſetzen ſeines Weibes, in ſtädtiſcherer Kleidung zurück. Blieb er dann einige Zeit, mußte er heimlich ſeinen Bauernrock, die hirſchledernen Hoſen, die blankgeknöpfte Scharlachweſte wieder anziehen, die pelzverbrämte Sammetkappe aufſetzen, wollte er ſein Weib nicht den ganzen Tag mit rothverweinten Augen herumgehen ſehen, ihre tiefen Seufzer hören und die ſpöttiſchen Blicke und Reden ſeiner Nach⸗ barn ertragen.— Das aber verleidete ihm den Aufenthalt im Dorfe. Es trieb ihn immer weiter herum, immer länger fort; ſeine An⸗ und Verkäufe mehrten ſich, Glück und auch Gewiſſenloſigkeit brachten ihm immer größeren Gewinn, und da er die Unmöglichkeit einſah, ſein Weib damit auszuſöhnen, die ihn geradezu in der Perſon des Schreibers dem Teufel verfallen ſah, be⸗ ſchloß er, ſich an ihr und dem Dorfe dadurch zu rächen, daß er künftig den Herrn und nicht mehr den Bauern in der Heimat ſpielen wolle.— Dieſe zu verlaſſen, ſein Weib dort loszureißen, war aber eine Sache, die ſelbſt der Schreiber nicht für räthlich erklärte. Kätter hätte das auch nie gethan. Sie hing mit allen Banden der Liebe, der Gewohnheit und auch des Vorurtheils an ihrer Heimat; die Welt außerhalb der Gemarkung des Dorfes, vollends außerhalb der Alb, war nach all ihren Begriffen und Ge⸗ fühlen für ihr Daſein ein Ding der Unmöglichkeit. Ja, für ſchwere Sünde hätte ſie den freveln Gedanken gehalten, den Bauernhof, der ihr Erbe gewe⸗ ſen, je zu verlaſſen. Sie war gleichſam verwachſen mit jedem Atom desſel⸗ ben, und ſicher wäre ſie geſtorben bei dem Aufgeben der Heimat. Das be⸗ griff inſtinktartig der Bauer, der nach ſeines Weibes Meinung ſo ganz und gar aus dem„rechten Zeug“ herausgekommen war, und er wagte nicht, ihr irgend einen derartigen Vorſchlag zu machen.— Auch erſchien es ihm bald als das Beſte, ſie auf Haus und Hof zu laſſen; ſie genirte ihn am wenigſten da, und ſpäter, ſo meinte er, wenn er ſich ein„fürnehmes“ Haus im Dorfe 3 2 2 Von Paul Stein. 111 ſelbſt erbaue und ganz den reichen Herrn ſpielen könne, werde ſie ſich ſchon fügen und ſich wie die einzige Tochter ſchließlich gerne im„fürnehmen Kleide“ einhergehen ſehen. Er gedachte ſein Kind, die Anne, einſt in die Stadt zu verheirathen, und ſeinem Bruder Hannes, der ſein Vermögen auf dem Gut ſtehen hatte, dasſelbe unter vortheilhaften Bedingungen zu übergeben. Doch von dieſen hochfahrenden Plänen durfte er nichts zu ſeinem Weibe reden; ließ er nur annähernd ein Wort davon fallen, ſah ſie ihn ſo tief be⸗ kümmert an, daß er gerne ſchwieg, und ließ er einmal die ſchweren Thaler vor ihren Augen auf dem Tiſche rollen, ſo ſprach ſie mit tiefem Ernſte zu ihm:„Wärſt du a rechter Bauer blieben, ſell wäre beſſer, als ein ganzer Scheffel Brabanter; denn über einen rechten Bauer geht nichts in der Welt; der möchte ſelber nicht mit dem König tauſchen, wenn er's ihm auch anbieten thät'. Jeder ſoll bleiben das, wozu ihn ſein Herrgott berufen; geht er d'rü⸗ ber naus, nimmt's kein gut Ende, zudem wenn die Sache ſo ſchlecht iſt, wie's Schachern und Handeln. Seit ich dich im Herrenrock g'ſehen habe, iſt mir's g'rad, als ſei'ſt mein Bauer nicht mehr und ich nimmer deine Bäurin.“ Damit ging Kätter ſtets ſchluchzend hinweg, und wohl eine Stunde und drüber ſtand ſie dann in der Milchkammer, die ſie allein beſorgte, und brachte den Schurzzipfel nicht von den Augen. Kam ſie dann wieder zum Vorſchein mit dem betrübten Geſicht, ſo ſtand ihr Schwager gewöhnlich unter der Hausthüre, gab ihr die Hand und ſagte:„ Geh' noch a bißle in deine Kam— mer'nauf, Kätter,'s iſt nicht gut, wenn's die„Ehehalten“ gar ſo arg merken, wie's mit dem Andres und dir ſteht.“— Sie nickte ihm zu, that, wie er ge⸗ ſagt, und nach kurzer Friſt kam ſie mit dem ihr natürlichen ruhigen, heiter gleichmäßigen Ausdruck ihres gebräunten Geſichtes wieder zum Vorſchein und ſchaffte mit verdoppeltem Eifer. Der Bergbauer brachte nach wenigen Jahren ſo viel zuſammen, daß er ernſtlich an den Bau eines neuen Hauſes von ſtädtiſchem Ausſehen dachte. Er wählte den Platz dafür im Hintergrund des großen Obſtgartens, der ſich etwas aufwärts zog. Man überſah von hier aus das ganze Dorf und weithin die Felder. Andres fühlte ſich in Gedanken, hier in einem ſchönen Hauſe zu wohnen, als wahrer König ſeines Heimatortes.— Mit ſolchen hoffärtigen Gedanken beſchäftigt, ſaß er eines Abends in dem ledernen Lehnſeſſel hinter dem Ofen. Es war niemand ſonſt in der Stube, alles mäuschenſtille; der Feierabend war angebrochen, Knechte und Mägde ſaßen draußen herum oder ſtanden auf der Gaſſe, noch„a bißele zu 4 ά 112 Der hoffärtige Andres. ſchwätzen“ mit Anderen vor der nächtlichen Ruhe. Kätter befand ſich im Grasgarten und ſah an den ſchwerbeladenen Obſtbäumen hinauf und ſeufzte: „'s wär älles ſchen recht, wenn nur mein Bauer kein gar ſo arger„Schode“ wär und,“— ſie ſeufzte noch tiefer—„und ein Sünder vor Gott und den Menſchen.“ Anne, ihr junges Töchterlein lehnte am Gartengehege und berieth mit einer Kamerädin über die Wahl einer Kunkelſtube für nächſten Winter. Sie ſtanden beide jetzt im ſechzehnten Lebensjahre und hatten das Recht, in eine Kunkelſtube einzutreten oder mit Altersgenoſſinnen eine neue zu gründen. Anne rieth, mit älteren Mädchen zuſammenzuhalten, das gäbe ihrer Jugend mehr Anſehen und ihnen mehr Rechte und Freiheiten. Andres einziges Töch⸗ terlein hatte etwas von dem hochfahrenden Sinne ihres Vaters geerbt und wäre gerne ſchon ein großes Mädchen geweſen, das im ſchmucken Kleide auf den Tanzboden gehen durfte und bei den Buben das„Geriß“ hatte; darum wollte ſie ſich älteren Mädchen, einer bereits etablirten Kunkelſtube an⸗ ſchließen und ſuchte auch ihre Kamerädin dafür zu ſtimmen, was ihr bald gelang. Ihr Vetter Hannes, der unbemerkt von ihr und ihrer Mutter ſich gleich⸗ falls im Grasgarten befand, hörte der jungen Mädchen Geſchwätz und kehrte kopfſchüttelnd in das Haus zurück, trat leiſe in die dunkle Stube, ſetze ſich dort an das breite Ofengeſimſe und ſprach halblaut vor ſich hin:„Sie hat's von ihrem Vater. Ja, ja der Andres, daß Gott erbarm'!“—„Was ſoll's mit dem Andres, daß Gott erbarm'?“ unterbrach ihn die Stimme ſeines Bruders, der noch in dem Lehnſeſſel hinter'm Ofen ſaß.—„So, du biſt da?“ ſprach Hannes gedehnt und fuhr fort:„Nu,'s iſt gut, daß du da biſt und ſonſt Keiner, da können wir doch auch einmal über allerhand Zwieſprach halten. Haſt ſonſt nie Zeit dazu; fährſt alsfort in der Fremde'rum wie ein Keſſelflicker und läßeſt Haus und Feld zum Teufel gehen.— Ja— wenn Kätter nicht wäre und— ich—.“—„Ei ja doch, ich weiß, ihr haltet die Sach' zuſammen, was recht iſt,“ erwiderte der Bergbauer, ſich etwas räu⸗ ſpernd und ſuhr dann mit Ueberlegenheit fort:„Ich habe draußen mehr ge⸗ wonnen in kurzer Zeit, als ich mein Lebtag im Bauernhof hätte g'winnen können. Ein reicher Mann bin ich in ein paar Jährlein g'worden, wie's kein anderer iſt auf der Alb. Das Haus da wird mir anfangs zu ſchlecht, ich will mir drum ein neues bauen, ſobald der Winter'rum iſt, und dir will ich den Berghof übergeben, daß er in der Familie bleibt, weil's meinem Weib — Von Paul Stein. 113 zu ſchwer ſonſt fallen würde,'raus zu gehen.“—„Mir— mir willſt den Berghof geben?“ ſtotterte Hannes überraſcht,„mir, Andres?— Ei, ich kann ihn ja nicht zahlen, habe nur zweitauſend Gulden drauf ſtehen, und er iſt ſeine zwanzigtauſend werth.“ „Das läßt ſich machen, Hannes; du ſuchſt dir ein reiches Weib; ich weiß eine Wittib im Oberland;— laſſe mich nur machen, du kriegſt ſie.— Sie trägt Verlangen nach einem ſauberen jungen Mann, und das biſt du; haſt mehr Anſehen als Einer weit und breit, und fleißig biſt du und brav. Sie nimmt dich, es hat keinen Anſtand, der Schreiber macht's aus— ſie bringt ihre zehntauſend Gulden mit, du kannſt dann ſchon ein Auge zudrücken, daß ſie zehn Jährlein älter iſt als du; auf jedes Jahr tauſend Gulden, das iſt ein guter Handel, ſo nehme ich heute noch eine zu meiner Kätter.“—„Rede nicht ſo gottlos,“ fiel eifrig Hannes ein.„Du wirſt alle Tag' ſchlechter, Bruder, Gott ſtrafe mich, es iſt ſo! Und was die Wittib betrifft, ſo kannſt's freien für mich bleiben laſſen, noch dazu durch den Schreiber, den unſer Herrgott gezeichnet hat mit ſcheelen Augen, auf daß jeder ehrliche Menſch ſich abwende von ihm.— So will ich den Berghof nicht, ſo nicht, nun und nimmermehr!“—„Und wie willſt ihn denn, du Eſel?— Glaubſt, daß ich ihn dir laſſe für deine zweitauſend Gulden? Ha— haſt's ſo gemeint— das wäre den beſten Knecht doch zu theuer bezahlt.“—„Ich will ihn nicht, den Berghof,“ erwiderte Hannes etwas niedergeſchlagen und meinte, ſeine Schwä⸗ gerin ginge ja auch nicht eher heraus, als bis die Anne drauf heirathe. Da lachte der Bergbauer laut auf, erhob ſich, und dicht vor ſeinen Bruder hintretend, daß dieſer ſelbſt in der Dunkelheit ſeine Augen blitzen und rollen ſah, ſagte er:„Mein einzig Kind iſt viel zu gut für ein Bauern⸗ haus, die muß eine„Madamm“ werden.“— Hannes prallte zurück, und die Hände wie vor Schrecken und Entſetzen zuſammenſchlagend, wollte er erwi⸗ dern, als eben die Thüre ſich aufthat und Anne mit dem kleinen Oellämp⸗ chen in der Hand hereinkam, es auf den Tiſch ſtellte und nachdenklich davor ſtehen blieb. Die Kunkelſtubenangelegenheit ging ihr noch in dem jungen Kopfe herum, vielleicht auch der Gedanke an das damit verbundene„Angel⸗ ſchütteln“ der Burſche, und die nächtliche Begleitung nach cher Bub' im Orte wohl ihr erſter Vorſitzer ſein werde.— 1 Anne war kein beſonders hübſches Mädchen, nach dem Geſchmacke ihrer Heimat. Sie war dafür zu hoch aufgeſchoſſen, hatte zu helle Haare und ein zu ſchmales farbloſes Geſicht. Ihre Mutter brüſtete ſich damit, daß die Hausblätter. 1867. I. Bd. 8 Hauſe, und wel⸗ 8* 114 Der hoffärtige Andres. Fülle ſpäter noch kommen und Anne eine ganz ſtattliche Bäuerin wer⸗ den könne. Sie ſah darin mit Mutteraugen, denn Anne war eigentlich ein zimperliches Ding, was man ein„Dachtele“ zu nennen pflegte. Man ließ ihr als einzigem Töchterlein zu vielen Willen, die Mutter ſchaffte lieber drei⸗ fach, als daß ſie dem Kind das Einfache zugemuthet hätte. Seit Anne con⸗ firmirt war, mußte ſie freilich mehr zugreifen und ſie that's mitunter gerne, beſonders unter den Augen ihres fleißigen Vetters. Sie war von Natur nicht träge, nur in der Arbeit etwas verwöhnt, und darin durch hingewor⸗ fene Worte ihres Vaters beſtärkt, daß ſie das Schaffen nicht nöthig habe. Dennoch war ihr noch nie in den Sinn gekommen, daß ſie zur„Madamm“ beſtimmt ſein könnte, und ſie hätte ſich deſſen auch wohl geſchämt. Ihr Dorf, die Kamerädinnen, die Freuden ihrer Heimat wie ihre Sitten und Ge⸗ bräuche, noch galten ſie ihr als das beſte. Ihre Anhänglichkeit gehörte noch immer mehr der Mutter und dem Vetter, der Vater kam ihr„artlich“ vor. Wie ſie ſo an dem Tiſche ſtand, beleuchtet von der kleinen Lampe, ſah ſie recht hübſch aus mit den niedergeſchlagenen Augen, von langen blonden Wimpern umſäumt; ihr Profil war regelmäßig und hatte etwas Zartes, was man ſonſt bei den derben Albkindern nicht findet. Hannes kamen Thrä⸗ nen in's Auge, als er ſie einen Augenblick anſah und an die künftige„Ma⸗ damm“ dachte, obgleich ihm etwas„Fürnehmes“ in ihrem Weſen auffiel. Er verließ raſch die Stube. Sie drehte ſich einen Augenblick um, dann ſah ſie wieder grade aus, die eine Hand auf den dunkeln eichenen Tiſch ge⸗ ſtemmt. Ihr Vater betrachtete ſie mit Wohlgefallen; ſein Freund, der Schrei⸗ ber, hatte ihn ſchon darauf aufmerkſam gemacht, daß die Anne viel zu fein für ein Bauernmädle ſei und die ſtädtiſche Kleidung ihr viel beſſer ſtehen werde.— Andres dachte daran und ſtellte ſich ſein Kind in langen Kleidern vor, einen Hut auf den blonden Haaren, wie ſie's in der Stadt trugen, und mit goldenen Ringen und Ketten geſchmückt. Das gefiel ihm. Er ſtand auf, trat zu ihr hin, ſetzte ſich hinter den Tiſch und zog ſie neben ſich nieder, indem er ſagte:„Ich habe neulich in der Stadt etwas für dich gekauft, wollte dir's aber noch nicht geben, weil du's noch nicht brauchen kannſt; nun denke ich aber, du könneſt den Zierrath ſelbſt aufheben und dich inzwiſchen heimlich ſeines Anſchauens erfreuen, denn der Mutter darfſt noch nichts davon ſagen, auch dem Hannes nicht, überhaupt niemand.“—„Ei— ei—“ erwiderte Anne in halber Verlegenheit und großer Neugier. Daß ſie urer Whutte Von Paul Stein. 115 und Hannes etwas verbergen ſollte, war ihr unbehaglich, und doch hätte ſie für's Leben gern gewußt, was denn der Vater ſo Geheimnißvolles ihr ge⸗ kauft habe.— Er griff in ſeine Rocktaſche und ſah ſie fragend an.. „Laß ſchauen, Vater!“ rief ſie und ſetzte ſchnell hinzu:„Es iſt g'wiß ein großer Goldgulden für mein Halsband!“—„Dummes Ding— das könnteſt ja gleich anthun und brauchteſt's nicht in der Lade aufzuheben;“ er⸗ widerte er etwas ärgerlich.— Sie ſah ihn mit großen Augen an. Er zog ein zierliches Etui aus der Taſche und hielt es drehend in der Hand ihr hin. —„Was iſt denn das?“ fragte ſie, neugierig darnach langend.— Er hielt's in die Höhe und neckte:„Rath's einmal, wenn du kannſt.“—„Iſt's eine Schnupftabacksdoſe?“ fragte ſie.— Ein derber Ausruf ob ſolcher bäuriſchen Dummheit wollte ihm entfliehen, doch er hielt ihn zurück, öffnete das Etui und hielt es ihr dicht vor die Augen. Lange goldene Ohrgehänge lagen in dem ſammetbeſchlagenen Behälter.—„Herr Jeſus— was iſt denn das?“ rief ſie ſtaunend.—„Ohrringe ſind's, wie's die„Madammen“ in der Stadt tragen, fürnehme Madammen. Ich hab's dir gekauft, weil du auch eine werden ſollſt,“ ſagte der hoffärtige Andres, ſich in die Bruſt werfend.— Sie ſah bei dieſer Erklärung verdutzt vor ſich nieder. Er ſtieß ſie an, und auf ſeinen Wink nahm ſie den Schmuck aus ſeinem Behälter, doch ſie that's ſo ungeſchickt, daß er zu Boden fiel, und erſchrocken darob aufſpringend, trat ſie mit den ſchweren Stutzenſchuhen darauf, daß es krachte. Eine Ohrfeige von der Hand Andres ſtrafte dieſes bäuerliche Un⸗ geſchickt ſeiner zur„Madamm“ beſtimmten Tochter. Sie trat zurück und ſah ängſtlich bald ihren Vater, bald die goldenen Trümmer auf dem Stu⸗ benboden an.—„Heb's auf!“ befahl er zornig,„du tappig's Mädle, du dumme Gans! Dir bring' ich nichts mehr mit, ſo einem Driſchlag.“— Anne's Eitelkeit, durch dieſe Schimpfnamen auf's tiefſte verletzt, empörte ſich gegen den Vater und beſiegte die Furcht vor ihm. Mit trotziger Miene nahm ſie die goldenen Splitter auf, legte ſie auf den Tiſch und ſagte ſchnippiſch: „Du hätteſt das herriſche Zeug gar nicht mitzubringen brauchen, Vater; ich thät' mich ja doch ſchämen, ſolchen Firlefanz anzuthun; müßte mir ja dafür Löcher in die Ohren ſtechen laſſen vom Bader. Der thät ſchön lachen und der ganze Ort dazu. Gott behüt' mich, das thät' ich nicht, und hätten die goldigen Dinger auch zehn Brabanter gekoſtet! Ein Goldſtück an mein Hals⸗ band wär' mir lieber g'weſen.“— Andres ſah ärgerlich auf ſein Kind, das übrigens trotz der widerſprechenden Rede den Blick von dem zierlichen Etui 8* 116 Der hoffärtige Andres. und dem zerbrochenen Geſchmeide nicht wenden konnte. Er ſteckte das miß⸗ handelte Geſchenk wieder ein und verließ brummend die Stube. Sie ſah ihm nach und dachte:„Schön waren die goldigen Dinger doch, und recht fürnehm muß es ausſehen, wenn man's anhängen hat. Ich hätte doch nicht ſo grähig(böswillig) gegen den Vater ſein ſollen, er hat's gut g'meint und mir eine Freude machen wollen.— Er hätte mir aber nur gleich auch ein ander Häs dazu kaufen ſollen— und— und— einen Stadt⸗ herrn dazu bringen.“ Bei dem letzten Gedanken warf ſie die Lippen halb ſpöttiſch auf, als fühlte ſie ſich faſt zu gut für einen ſolchen. Dann lachte und ſprach ſie vor ſich hin:„Das wäre arg artlich!“— Sie ſchob drauf das kleine Fenſter zurück, kniete ſich auf die Bank, ſtützte die Arme auf das Fen⸗ ſtergeſimſe, den Kopf in die Hände, und ſah hinaus und hinauf zu den leuch⸗ tenden Sternen am blauen Himmelszelt. Aus dem kleinen Gärtchen neben⸗ an dufteten Rosmarin und Nelken, auch einige ſpäte Roſen. Dem jungen Mädchen wurde wieder ganz wohl zu Muth, und ſie ſah vergnügt hinauf zu den glitzernden Himmelsleuchten und meinte, ſie glänzten doch noch ſchöner als die goldenen Ohrgehänge, und was unſer Herrgott mache, ſei doch alles am beſten gemacht. Hannes ging vorüber, dem Garten zu, in dem die Bäuerin noch immer war.„Was thuſt, Anne?“ fragte er im Vorübergehen.—„Ich gucke nach den Sternlein'nauf,“ erwiderte ſie lachend.— Da klang die Abendglocke vom nahen Kirchthurme herüber. Das Mädchen faltete zum gebräuchlichen Gebet die Hände.„Kannſt auch a bißele für mich beten!“ rief Hannes ihr im Umſehen zu.— Sie nickte bejahend und murmelte das Nachtgebet vor ſich hin,— dann ging ſie hinauf in ihr Kämmerlein, ſah nach den Blumen⸗ ſtöcken vor dem kleinen Fenſter, legte ſich nieder und träumte von den golde⸗ nen Ohrgehängen, dem fehlenden Mieder und dem Stadtherrn, der dazu gehörte. Andres war kurz vor ſeinem Bruder auch in den Garten gegangen, ſei⸗ nen Aerger über das dumme Mädle zu verlaufen. Er fand ſein Weib an den Bäumen aufſchauend.„Guckſt bei Nacht noch nach den Aepfeln und Birnen?“ fragte er ſpottend.—„Habe am Tag keine Zeit dazu, nach etwas zu ſchauen, das nur zur Freud' und Kurzweil da iſt,“ gab ſie rauh zur Ant⸗ wort; doch, als überkomme ſie plötzlich ein milderer Geiſt, fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort:„Gucke nur, Andres, wie heurig auch das Obſt ſo ſchön ſteht, wie man's auf der Alb nicht oft ſieht.'s iſt eine wahre Pracht, ſo ein ———— Von Paul Stein. 117 Segen Gottes hier, wie draußen im Feld. Macht dir's denn gar keine Freud' mehr, deine Felder— dein voller Stadel— deine Ställe? Was findeſt denn Beſſeres draußen in der Welt? Mir thät das Herz im Leibe lachen vor Luſt ob dem, was unſer iſt; wär's anders mit dir, Andres! In dich iſt ein böſer Geiſt g'fahren, du biſt ganz aus dem„rechten Zeug“ heraus. Haſt die rechte Hoffart nicht mehr, wie's einem Bauer zukommt, wirſt alle Tage ein ärgerer „Schode“ und wenn es nur dabei bliebe! Aber auf ehrlichem Weg treibt Keiner ſo viel Geld ein; da iſt älleweil a Plätzle, wo Gottes Sonne nicht hinſcheinen darf.“ Kätter hatte in langer Zeit nicht ſo viel mit ihrem Mann geſprochen. Sie athmete tief auf, als es heraus war. Andres war verlegen, was er ſeinem Weib erwidern ſolle, denn ſein Gewiſſen regte ſich; er war ſich manches unſauberen Schleichweges bewußt, und auch mancher Sünde grade gegen ſie.— Als er ſchwieg, ergriff ſie ſeine Hand und fuhr fort:„Sieh, Andres, ich habe noch etwas auf dem Herzen; es iſt artlich, daß mir's ſo ſchwer wird und ich es dir nicht längſt geſagt habe. Aber's wird mir halt grauſig ſchwer, ich weiß ſelber nicht warum, ſo ſchwer, als ſäß die Urſchel, die alte Hex', mir auf der Bruſt.“— Sie hielt inne, den Blick niedergeſchlagen.—„Was haſt denn, Kätter? Iſt was Uebles ge⸗ ſchehen?“ fragte Andres mit einiger Sorge.—„Uebles grade nicht— Gott behüt's, daß ich ſagen müßte, es ſei vom Uebel.— Andres, es ſteht uns mit nächſtem eine Kindtaufe bevor.“ Der Bauer trat einen Schritt zurück. Dieſe Entdeckung war ihm über⸗ raſchend, doch nicht unangenehm. Er hatte ſich ſchon längſt einen Buben ge⸗ wünſcht, als Erben ſeines Namens, und fröhlich rief er aus:„Wenn noch einen Buben kriegſt, Kätter, ſoll mir's lieb ſein, ſo ſpät er auch kommt.“— „Ich dachte auch ſchon d'ran, daß du Freude darob hätteſt und dann wie⸗ der mehr auf deinem Bauernhof blieb'ſt. Du haſt ja jetzt Geld im Ueber⸗ fluß, handle und ſchachere nicht länger, als ob du ein Jude wärſt. Werde wieder ein rechter Bauer, auf daß dein Bub'— ſo Gott uns einen ſchenkt— es auch dann wird. Das Mädle können wir ja zur Zeit auf einen andern rechten Bauernhof verheirathen.“—„Was— die Anne— und Bauer ſoll der Bub' werden? Darum hätte ich ſo viel Geld zuſammengetrieben, auf daß meine Kinder im Bauernkittel blieben? Herrenleute ſollen ſie werden, und wär'ſt du nicht ein ſo ſtörriges Weib, ſäßen wir ſchon lang in einem ſchöne⸗ ren Haus und ſähen auf das Dorf herab, als wär's unſer.“ Dies ſprach Andres mit Heftigkeit. Ein Streit entſpann ſich zwiſchen dem 118 Der hoffärtige Andres. Ehepaar, der in einen ſehr unfreundlichen Ton überging.„Du ſchwatzeſt wie ein g'ſchupft's(verrücktes), Weib!“ rief er zornig aus,„doch du ſollſt erfahren, daß g'ſchieht, wie ich's haben will. Wenn ich jetzt wieder komme, bringe ich den Schreiber mit, er ſoll dich lehren,„wo Bartle den Moſt holt“, und daß es endlich aus ſein muß mit der Bauernſchaft. Er ſoll unſer Ge⸗ vatter werden, und ſeine Schweſter, die Rechnungsräthin von Ulm, die ſoll uns die Ehre erzeigen, mit ihm zu Gevatter zu ſtehen; und die Anne muß in die Stadt, auf daß ſie Manier lernt, das dumme Mädle.“—„Ehe das g'ſchieht, kannſt du mich begraben,“ eiferte die Bäuerin.„Kann ich dich auch nicht wieder in's rechte Zeug bringen, bringſt du mich doch nicht heraus und ſollſt mich in Frieden laſſen mit deinem„überichten“ Weſen. In meinem ehelichen Bauernhaus bleibe ich und bleibt alles beim Alten, und meine Bäs, die Adlerwirthin, und dein Vetter, der Oberbauer, die werden unſere Ge⸗ vattersleute, und wenn du dich auf den Kopf ſtellſt und den ſcheelaugigen Schreiber ſammt ſeiner ganzen Sippſchaft zu Hülfe rufſt.“—„Das wollen wir ſehen!“ rief Andres ganz außer ſich.„Kann ich nicht den Strick zur Hand nehmen? Hel Bin ich nicht der Bauer im Haus?“—„Nein, das biſt du nicht,“ widerſprach ſie.„Seit du Herrenmontur anthuſt, bin ich der Bauer g'worden, im Haus und Hof, und darin haſt du nichts mehr zu ſa⸗ gen, laſſ' ich mir nicht d'rein reden von dir, bis du einkehrſt auf den rechten Weg, du Schode, du!“ Kätters Muth wuchs ihrem Mann gegenüber, beim Erkennen ihres Schwagers, den ſie am Eingang des Gartens bemerkte. So arg auch An⸗ dres gegen ſie auffuhr, ſie ließ ihm nicht das letzte Wort. Er hatte ſein Weib noch nie ſo geſehen und wurde zuletzt ganz wüthend darob, ergriff ſie am Arme und hätte ſie ohne Zweifel zu Boden geſchleudert, vielleicht gar geſchlagen und getreten, wenn Hannes nicht herzugeſprungen wäre und mit überwiegender Kraft den Bruder zurückgedrängt hätte.„Geh' fort!“ rief er ſeiner Schwägerin zu.— Doch das that ſie nicht. „Ich bleibe da,“ ſagte ſie feſt;„ihr ſollt euch nicht zanken und ſtratten meinetwegen, ihr ſeid Brüder. Bei mir und ihm iſt's ſchon dahin kommen — und Jedes muß halt ſeinen eigenen Weg gehen, und der da droben wird's wiſſen, welches der rechte iſt. Aus meinem Elternhaus aber bringt mich nur der Tod, ſell iſt g'wiß, und aus meinem Bauernrock brächte mich ſelbſt unſer Herrgott nicht. Wenn ich herriſch thun wollt', wie du's willſt, Andres, da würde ich ja zum Geſpött des ganzen Dorfes, und ſie thäten mit Fingern Von Paul Stein. 119 auf mich zeigen, käme ich in die Kirche am Sonntag. Eins ſtieß das Andere mit dem Ellenbogen an oder mit dem Knie, Keins dächte mehr an's Beten ob der geſchupften Bergbäurin. Da wollte ich denn doch noch lieber zu Ulm am Pranger ſtehen, wie's vor alten Zeiten den Sündern geſchehen.— Ich bleib', was ich bin und wo ich bin, da beißt keine Maus kein Fädle ab. Es iſt ſo g'wiß, daß ich gleich zur Stelle das heilige Abendmal d'rauf nehmen könnte, und thät'ſt einen Strick extra beim Seiler beſtellen für mich. Ster⸗ ben thät' ich eher, als daß mein Sinn ſich auf anderes ſtellte, als eine rechte Bäurin zu ſein, ſo, wie ſich g'hört; und meine Kinder will ich hüten vor dir, ſo weit das einer Mutter möglich iſt. So, jetzt weißt's für alle Zeit, An— dres.“ Nach dieſen Worten verließ ſie mit feſtem, ja ſtolzem Schritte den Garten. „Das Heiligkreuzdonnerwetter ſoll doch gleich alles in Grundsboden hinein ſchlagen!“ brauste Andres auf und faßte den ſchwerbeladenen Aſt eines Baumes. Er brach ab. Er ſchleuderte ihn hinweg. Der Aſt flog dicht an Hannes vorbei.„In das Weib iſt keine Vernunft zu bringen,“ tobte Andres fort.„Sie hat einen ſtörrigeren Kopf als die alte Bleß, und das Mädle, die Anne, wird wie ſie, wenn ich nicht durchgreife. Der Schreiber hat Recht, ſie muß fort in die Stadt.“ Ergrimmt lief er nach dieſen Wor⸗ ten davon, ohne ſich weiter um ſeinen Bruder zu kümmern. Der ſchaute ihm nach, Zorn und Betrübniß in ſeinem ehrlichen Geſicht wie in ſeinem Herzen, und er ſprach dem hoffärtigen Bruder nach:„Du biſt und bleibſt ein hoffärtiger„Schode“, und verdienſt ſo ein braves Weib gar nicht.— Und die Anne, das ſaubere Mädle,“ ſetzte er leiſer hinzu,„was wird mit der noch g'ſchehen?— Sie iſt ein halbes Kind noch— und faſt iſt's'ne Schand und Sünde, daß ich d'ran denke— aber ich kann halt nicht dafür; wenn ich auch nicht will, g'ſchieht's doch, daß ich's denken muß: hätte ich einen reichen Bauernhof, nähm' ich meines Bruders Kind zur Bäurin drauf— und müßt ich auch Dispenſation haben wegen der Verwandtſchaft, und die Gemeinde thät die Köpfe zuſammenſtecken.“ Am folgenden Tag in aller Frühe ging Andres fort, doch kehrte er bald wieder, wegen der Niederkunft ſeines Weibes. Er vermied jeden Streit mit ihr, und ſelbſt wegen der Gevatterſchaft blieb's bei ihrem Willen. Der Schreiber hatte ihm aus tieferliegenden Gründen abgerathen, ſeinem Weib in ſolchen Dingen Widerpart zu halten. Der Pfiffige berechnete, daß es dann deſto leichter ginge, ihr bei wichtigeren Angelegenheiten raſch und ener⸗ 120 Der hoffärtige Andres. giſch durch den ſtörrigen Sinn zu fahren. Andres gab ſich Mühe, auf einen freundlichen Fuß mit ſeinem Weibe zu kommen; doch gelang es ihm nicht, ihr Vertrauen zu gewinnen. Mit geheimem Argwohn lauſchte ſie ſeinen freundlichen Reden, und geradezu zuwider war es ihr, wenn er zärtlicher mit ihr verkehren wollte. Sie verbarg ihm das nicht, ohne jedoch rauh und hart gegen ihn zu ſein. Eine gewiſſe Reſignation in das Walten des Schick⸗ ſals— das ſie für höhere Schickung erkannte, hatte ſie überkommen, und ſie ſuchte durch Gebet und treue Erfüllung ihrer Pflichten, wie unerſchütter⸗ liches Feſthalten an dem, was ihr von Kindheit an zur heiligen Gewohnheit geworden, die ſchwere Prüfung des Himmels zu verſöhnen. Bei dem Taufſchmaus, der nach alter Sitte aus Bier, Branntwein und Weißbrod beſtand, konnte Andres kaum ſeine Verachtung verbergen, und halb ſpöttiſch ſetzte er das Glas an den Mund mit den Worten:„Ich bring' dir's, Bäs Adlerwirthin.“— Dieſe aber nahm das Glas nicht, maß ihn von oben bis unten und ſagte mit bäuerlicher Gravität:„Ich danke, Vetter Berg⸗ bauer!— Wir ſind heute Gevattersleute worden, und da g'hört ſich's, daß man das„Du“ vergißt und per Ihr mit einander redet, das g'hört ſich.— Iſt's vielleicht in der Stadt nicht der Brauch, daß Ihr's vergeſſen habt, Ge⸗ vatter Bergbauer?“—„Nein, Bäs Adlerwirthin! So dumm ſind die Her⸗ renleute nicht, daß Bruder und Schweſter und Vetter und Baſe und alle, die ihr Lebtag du zu einander geſagt, es mit der Gevatterſchaft aufgeben. Und ich möchte auch wiſſen, warum?“—„Er fragt, warum!“ rief die neue Ge⸗ vatterin die Hände zuſammenſchlagend.„Warum— warum? Ei, weil's immer ſo g'weſen iſt auf der Alb.— Ich glaube gar, der Vetter Bergbauer will die Alb neumodiſch machen, als wär's nicht ſchon vom Uebel, daß wir nicht mehr Ulmeriſch ſind, wie's der Ehne g'weſen, und wir jetzt Neuwürt⸗ temberger heißen, das Gott erbarm'!“—„Nu, Gevatterin, wegen dem braucht Ihr's Maul nicht ſo weit aufzureißen,“ eiferte Andres.„Wir ha⸗ ben's jetzt viel beſſer als damals, wo wir den Patriciern zugehörten, als wären wir ihre Leibeigenen. Da hat Euer Ehne, Bäs Adlerwirthin, nichts gezogen in Haus und Feld, wovon er nicht ein gut Theil gen Ulm tragen mußte zu einem der vielen reichsſtädtiſchen Herren. He, Gevatterin, jetzt ha⸗ ben wir nur noch den läſtigen Zehnten, und der wird, will's Gott, auch noch abgelöst werden.“— „Was der nicht älles ſchwätzt,“ maulte die Adlerwirthin, die ſich zwar erinnerte, daß der Ehne viel davon erzählt, was man einſt alles gen Ulm — Von Paul Stein. 121 habe bringen müſſen, dabei aber hätte er auch viel geſprochen von der Pracht der Patricierhäuſer und dem Reichthum der Stadt, und hätte geklagt, daß es nicht mehr ſo ſei, und gemahnt, am Alten feſtzuhalten, nichts Neues über die Gemarkung des Dorfes hereinzulaſſen, damit der Bauer wohlhabend bleibe und der erſte im Dorf. Deſſenungeachtet aber war mancherlei Gutes, auch Schlimmes ſo unter der Hand eingedrungen, allein ſo wie's der Berg⸗ bauer trieb, war's doch noch keinem eingefallen, daß man's treiben könnte, und daß dieſem dadurch Käſten und Kiſten ſich anfüllten, war allen unbe⸗ greiflich und konnte d'rum nur mit Hülfe geheimer Mächte geſchehen. Das wagte man nun wohl nicht laut auszuſprechen, wenigſtens nicht vor dem Bergbauer und ſeinen nächſten Angehörigen; allein es ſaß der Adlerwirthin ganz vornen auf der Zunge; doch ein Blick auf die Wöchnerin, die auf der hochaufgebetteten„Bruck“ lag, hielt ihre Rede im Zaum. Kätter hatte ſich bei dem beginnenden Diſput aufgerichtet und ſah ſo bekümmert drein, daß die gutmüthige Gevatterin umlenkte und ſagte:„Eure Rede iſt mir zu hoch, Gevatter, doch ſollt' ich meinen, was der Brauch iſt, müßt' Jedem recht ſein, und ſo wie's bei uns iſt, iſt's halt am beſten. In Ulm drin— ich war zweimal ſchon dort, iſt's ja ein grauſig Durcheinander, wie beim Thurmbau zu Babel, da reden ſie: Er, Ihr, Du— Sie— man weiß nie, gilt's Einem oder Zweien. Bei uns weiß von Kindesbeinen an Keins anders, als du und du— nur wir, die Gevattersleute, ſagen Ihr zu einander.— Da iſt nichts dabei zu lachen, Vetter Gevattersmann, denn's war älleweil ſo— ſo lang die Alb ſteht. Das ſtädtiſch' Weſen und das herriſch Zeug paßt einmal nicht hierher und ſomit auch nicht für Euch. Schreibt's Euch hinter's Ohr, Gevatter Bergbauer.“—„Ja, Vetter Ge⸗ vattersmann,'s könnt nichts ſchaden;“ ſetzte der Gevatter Oberbauer hinzu. „Der ſtädtiſch' Rock ſteht Euch gar nicht wohl an; wenn ich an die Gemar⸗ kung käme, thät' ich ihn an den erſten beſten Baum hängen und nähm' ihn erſt wieder runter, wenn ich in die Fremde ging’“— Kätter ſah ängſtlich auf ihren Mann. Es wäre ihr entſetzlich geweſen, wenn's bei der Kindtaufe Streit im Hauſe gegeben hätte. Doch Andres, dem das Kind, ein kräftiger Bube, viel Freude machte, war außergewöhnlich nachgiebig, und ſo ging das beſcheidene häusliche Feſt ohne unangenehme Störung vorüber. Anne, der anfangs der kleine Schreihals im Hauſe nicht ſehr gelegen gekommen, gewann doch bald das Kind lieb, und da ihr Vater ihr immer deutlicher zu verſtehen gab, daß ſie zur fürnehmen Madamm beſtimmt ſei, 122 Der hoffärtige Andres. kränkte ſie auch das Erbe nicht, der Bauernhof, der nach der Sitte dem männlichen Nachkommen zufiel.— Da ſie nicht viel Luſt zu den Feldgeſchäf⸗ ten hatte, widmete ſie ſich ausſchließend der Pflege des Kindes, was ihre Mutter dankbar anerkannte. Das Kind gedieh zuſehens, und da es der Berg⸗ bäuerin ſehr darum zu thun war, den Knaben zu erhalten und ihn nicht, wie ſchon drei ihrer Kinder, in den erſten Monaten in's Grab zu betten, ſah ſie Anne alle anderen Trägheiten im Haus⸗ und Feldgeſchäfte nach.— Die üblichen Erziehungsgebräuche in dem erſten zarten Lebensalter rafften ſtets zwei Drittheile der Neugeborenen hinweg. Es war dies weniger dem Mangel an Liebe zuzuſchreiben, als dem Mangel an Einſicht, der noch nicht ganz von einem Lebensalter, die allen Gewohnheiten ſelbſt über die tiefſten Gefühle der Menſchenbruſt ſtellte, und die Albbewohner mit einer Zähigkeit daran feſthalten ließ, die ſelbſt der beſten Unterweiſung nur ſehr ſchweren Zu⸗ gang geſtatteten. Der Urſache, warum in den erſten Lebensjahren ſo viele Kinder ſtarben, wurde nicht nachgeforſcht, da es von immer her ſo geweſen. „Der liebe Heiland nimmt die Kindlein zu ſich, und im Himmel iſt's ja beſſer als auf Erden“— war die Beruhigung dafür, charakteriſtiſch der Wunſch beim Nieſen kleiner Kinder: „Helſ' dir Gott in's Himmele'nauf, Hat man au a Ruh' im Haus!“ Die Bergbäuerin jedoch ſprach, nachdem ihr zwei Kinder geſtorben, die⸗ ſen Wunſch nie mehr aus, obgleich ſie früher an den Sinn desſelben nicht gedacht. Bei dem ſpäten Nachkömmling fiel es ihr eigentlich erſt auf und ſie erſchrack, als Anne einmal ganz mechaniſch dieſen Spruch beim Nieſen des Kindes ſagte. Sie nahm haſtig den Kleinen in die Arme, herzte und küßte ihn, und befahl ſein zartes Leben dem Schutze der lieben Engelein.— Anne's Liebe zu dem Kinde, ſein Gedeihen und die treue Anhänglichkeit ihres Schwagers ließen die Bergbäuerin oft Tage lang ihres Mannes Ab⸗ weſenheit vergeſſen. Er war gleich nach der Taufe wieder fortgegangen. Bereits lag ſchuhhoher Schnee und er war noch nicht zurückgekehrt und hatte auch nichts von ſich hören laſſen. Zufällig erfuhr Hannes, daß er öfters in Ulm ſei und dort eine Wohnung bei einer jungen Wittwe inne habe.— Hannes dachte nichts Schlimmeres dabei, als daß es eben ein großes Un⸗ recht, daß ſein Bruder Haus und Hof, Weib und Kind um des Geldes wil⸗ len ſo lange verlaſſen könne.. Da die Wintergeſchäfte der Bäuerin erlaubten mehr in der Stube zu Von Paul Stein. 123 ſein, übernahm ſie jetzt den größten Theil der Pflege des Kindes, und ließ Anna in die Kunkelſtube gehen. Sie kaufte ihr eine ſchöne neue Kunkel und gab ihr den feinſten und längſten Flachs zum ſpinnen, mit der Bemerkung, daß, was ſie ſpinne, ihr gehören ſolle, ſie müßte denn ſelbſt erſt dem Hannes die ausbedungenen Hemden ſpinnen wollen.—„Das will ich ſchon,“ ſagte Anne ſchnell und trillerte: „A Bißele Liab Und a bißele Treu Und a bißele Falſchheit Iſt älleweil derbei.“. Sie ſchlang dabei ſchnell den Flachs um die Kunkel und ſteckte die Spindeln mit dem blinkenden„Zinnwirtel“ auf. Die feinen weißen Spitzen überragten die buntgemalte Krone der Kunkel, und mit Stolz ſah die Bäue⸗ rin dieſen Staat ihrer Felder, der von der Dörre an bis zur feinſten Hechel durch ihre fleißige Hand gegangen war. Anne betrat fröhlich die Stube, in der die Räder und Spindeln von einem Dutzend junger Mädchen ſchwirrten, übertönt von Lachen und Scher⸗ zen, von luſtigen Liedlein und nicht ſelten auch vom Gekoſe der Burſche, die nach dem Feierabend kamen, zum„Vorſitzen“ und Angelſchütteln, zum Heim⸗ gang und— doch das verbarg die Nacht, und ſo wollen auch wir es nicht ausplaudern. Anne trug in den erſten Tagen ſtolz die vollgeſponnenen Spindeln heim, und ſchon unter der Thüre rief ſie:„Mutter, den Haspel her; ich will gleich wiſſen, wie viele Hundert ich geſponnen.'s iſt g'wiß ein Schneller!“— „Nicht mehr als ein halber,“ neckte Hannes, hinter ihr in die Stube tretend, dann ſprach er ihr in's Ohr:„Ich bin nicht mehr jung genug für deine Kunkelſtube; aber deine Mutter will, daß ich dich heimführe und kein Ande⸗ rer; ich warte heute Nacht an der Thür auf dich.“— Sie rümpfte erſt ein wenig die Naſe, doch ſagte ſie:„Es iſt mir ſchon recht.'s gefällt mir keiner im Dorf.“ Ein heller Strahl zog bei dieſer Aeußerung über Hannes Ge⸗ ſicht; er hätte die Anne drum küſſen mögen, aber obgleich er der Bruder ihres Vaters war, wagte er kaum ſie an den Schultern zu faſſen, ſie ein „bißele“ nach ſich'rum zu drehen und zu ſagen:„Bleib' derhei, Anne.“— Sie lachte ihn an, dann aber ſtieß ſie ihn zurück; er ſollte ſie nicht am Has— peln hindern und ſehen, daß ſie mehr als einen halben Schneller geſponnen; 4 124 Der hoffärtige Andres. und richtig, der Zeiger ſtand auf achthundert, als dis ſetzte Spindel abge⸗ laufen; zum Schneller fehlten nur zweihundert noch. Die Mutter lobte Anne's Fleiß, weniger den Faden, dem die Gleich⸗ mäßigkeit fehlte.—'s wäre gut genug für Hannes Hemden, meinte ſie. Doch darin gab ihr die Bäuerin nicht recht; gerade für ihn müßte das beſte Tuch geſponnen werden, behauptete ſie; er aber ſagte:„Was Anne für mich ſpinnt, iſt mir recht.“— Anne ſprang hinaus, Schneeballen zu machen und die vorübergehenden Buben damit zu werfen. Hannes ging in den Stall, doch blieb er unter der Thüre wie angewurzelt ſtehen, ſo ſehr freute ihn Anne's lautes Lachen, wenn ſie den Einen und Andern mit der weißen Ku⸗ gel traf.— Da fuhr ein Schlitten zum Dorfe herein und hielt vor des Berg⸗ bauern Haus.— Andres und ſein Freund, der Schreiber, befanden ſich darin und noch ein junger Mann in feiner ſtädtiſcher Kleidung.— Anne war wie der Blitz davon und in der Küche, wo ihre Mutter am Heerde ſtand, die Abendſuppe zu kochen.„Der Vater, der Schreiber und noch Einer kommt,“ raunte ſie dieſer zu.—„Warum laufſt dem Vater da⸗ von?“ fragte die Bäuerin.—„Ihm nicht, den Andern,“ gab ſie ſchnell zur Antwort.— Sie vernahmen die Stimmen der Ankommenden. Andres rief nach ſeinem Weib.— Sie ging in die Stube, grüßte ihn und die Gäſte mit der eintönigen Ruhe, die ſie ſich mehr und mehr angewöhnte. Er ſagte ihr, ſie ſolle kochen und backen, was das Haus vermöge; und den Knecht ſandte er fort, den beſten Wein im Adler zu holen. Kätter ging wieder in die Küche, um mit Hülfe der Magd dem Wunſche ihres Mannes nachzukommen. Anne wies ſie an, ein weißes Tiſchtuch mit rothem Lauf aufzulegen, nebſt Meſſer und Gabeln und den geblümten Tellern, die der Vater einmal mitgebracht.— Das junge Mädchen, beladen mit dieſen Sachen, trat langſam in die Stube und blieb, ein verlegenes „Grüßgott“ ſtammelnd, an der Thüre ſtehen, den Blick bald auf ihren Va⸗ ter, bald auf die Gäſte gerichtet. Daß der Eine davon ein hübſcher junger Herr war, bemerkte ſie gleich, und ſie wurde über und über roth. „Ei ſo komm' doch her, Anne!“ rief ihr Vater ihr zu.— Sie trat an den Tiſch. Der junge Herr ſtand auf, nahm ihr die Teller geſchäftig ab und half ihr mit freundlichen Worten und artigen Manieren den Tiſch decken, während ihr Vater ihn als Neffen des Schreibers vorſtellte und Herrn Louis Mögele nannte.— Vor lauter Verlegenheit betrachtete jetzt erſt, nachdem ſie den Tiſch gedeckt, Anne ihren Vater. Er trug diesmal ganz ſtädtiſche 4 Von Paul Stein. 125 Kleidung. Ihr kam das ſehr„artlich“ vor; ſie mußte lachen und dieſes La⸗ chen half ihr über 8 Verlegenſein hinweg, aber ſie verſteckte es hinter der Schürze. „Bring' noch ein Licht'rein, Laſta“!“ rief Andres der Magd zu, die eben die Milchtöpfe von der Ofenmauer holte, um die friſchgemolkene Milch einzugießen;„bring' noch zwei Lichter, daß es hell wird und dem Mädle die Furcht vergeht, die ſie zu haben ſcheint vor dem eigenen Vater.“—„Sell nicht,“ fiel Anne ſchnell ein, ihr volles Geſicht dem Vater zukehrend und die großen blauen Augen feſt auf den Schreiber und ſeinen Neffen werfend. „Warum ſollte ich mich fürchten?“ fuhr ſie lachend fort,„du ſiehſt nicht dar⸗ nach aus, Vater, und die auch nicht.“—„Es wäre mir auch ſehr leid, Ihnen Furcht einzujagen, Jungfer Anne,“ ſagte Louis und fuhr galant fort:„Einem ſo ſchönen Mädchen flößt man gerne Liebe, nicht Furcht ein.“—„Ich ver⸗ ſtehe Ihn nicht,“ erwiderte Anne und wurde purpurroth dabei. Das ſtand ihr gut. Sie ſah recht hübſch aus.—„Sie müſſen's dem Mädle zu gute halten, Herr Louis, ſie kam noch nicht über's Dorf hinaus,“ bemerkte An⸗ dres.—„Solche Naivetät iſt reizend,“ ſagte Louis, Anne's Hand ergreifend und ſie zärtlich drückend.— Dem Mädchen fing das Herz an gewaltig zu pochen, ſie ſchlug die Augen nieder und wußte nicht, was ſie reden, ob ſie da⸗ vonlaufen oder bleiben ſolle. 1 Laſta brachte Wurſt, Speck und Eier und verhieß, daß bald Apfelküch⸗ lein nachfolgen würden.— Der Knecht kam mit einem Kruge Wein. Andres hieß Anne zwiſchen den Schreiber und deſſen Neffen ſitzen und mit zu eſſen. Sie wollte nicht, da faßte ſie Louis um die ſchlanke Taille und zog ſie neben ſich nieder. Er kredenzte ihr das Glas, er legte ihr vor und flüſterte ihr da⸗ bei Schmeicheleien in's Ohr, Dinge, die ihr ganz neuz ſie ſtachelten ihre Eitelkeit, ſie machten ihr junges Blut wallen, ihr Herz pochte immer unge⸗ ſtümer; der hübſche Stadtherr, er gefiel ihr mit jeder Minute beſſer. Der Schreiber lächelte liſtig vor ſich hin und wechſelte mitunter einen raſchen Blick des Einverſtändniſſes mit ſeinem Neffen. Die Bäuerin kam nicht in die Stube und hätte gern die Anne wieder heraus gehabt, aber gerade abrufen wollte ſie ſie nicht. Zudem dachte ſie gar nicht an die Gefahr, die ihrem Kinde drohte. Solches lag außer den Be⸗ griffen der Bäuerin. Nicht ganz ſo war es bei Hannes.— Er ſtand im Gärtle vor dem Fenſter und ſah verſtohlen herein. Das war ſonſt ſeine Art nicht. Heute trieb ihn ſchnell erwachte Eiferſucht dazu, und er hätte den 126 Der hoffärtige Andres. „Flixer“ aus der Stadt umbringen mögen, der mit ſeiner jungen Baſe ſo frech ſcharmuzirte. Er war ein paarmal nahe daran, bie Fenſterſcheiben ein⸗ zuſchlagen, hinter denen die Beiden ſaßen, und als nun vollends Andres aufſtand und mit dem Schreiber in den Verſchlag in der Ecke ging, wo er einen Tiſch mit ſeinen Schreibereien und Geſchäftsbüchern ſtehen hatte, und Anne mit dem Stadtherrn allein auf der Bank ſitzen blieb— da war ihm, als müſſe er durch das Fenſter ſpringen. Doch er kauerte ſich nur dicht d'ran nieder, trotz des Schnee's, um wo möglich zu hören, was der Schmarotzer ihr ſage. Aber trotz der Stille umher verſtand er kein Wort, denn Louis flüſterte nur— es ſollte ja nicht einmal durch die nahe Bretterwand des Verſchlags dringen, was er dem erröthenden Kind alles ſagte. Er ſprach ihr von dem großen Wohlgefallen, das ihr erſter Anblick ihm eingeflößt, und daß er nichts Anderes nun mehr werde denken können, als an ſie, und daß er keinen höheren Wunſch habe, als er möge auch ihr ge⸗ fallen; und wie ſchön es in der Stadt ſei— ſie gehöre dahin. Dann er⸗ zählte er ihr von dem großen ſchönen Gaſthof, dem erſten in Ulm, den ihm ſein Vetter kaufen wolle; wenn ſie aber nicht Gaſtwirthin darin werde, ſei's mit der Sache nichts, denn dann bleibe er nicht in der Gegend, dann gehe er weit— weit fort— fort über's Meer— es ſei ihm das alles entleidet.— Dieſe Sprache, ſo neu für ſie und zum Theil nicht einmal verſtändlich, übte gerade dadurch eine bezwingende Macht über ſie aus. Dabei war der Spre⸗ cher ſo hübſch, ſo ganz anders als die Bauernbuben, ſo fein— und ſo keck. Er legte den Arm um ihre Hüften, ſein Mund berührte bei dem flüſternden Geſpräch häufig ihre Wange, und ſie erglühte mehr und mehr. Wie er gar wagte, ſie an ſich zu drücken, durchrieſelte es ihren Körper ſo ſonderbar— ſo— als könne ſie ihm nicht mehr entkommen, der ſie ſo umfaßt, als ſei ihr dadurch jeder Wille, jede Bewegung gelähmt.„Laß mich der Herr,“ ſtam⸗ melte ſie angſtvoll.—„Warum dich laſſen? Sei mein Schatz, Anne— werde mein Weib!“ bat er und hielt ſie ſo feſt— ſo feſt— daß alle ihre Pulſe bebten.—„Ich wäre Ihm ja doch zu gering zum Weib,“ flüſterte ſie.—„Lieber wär'ſt du mir, als die vornehmſte Jungfrau in Ulm,“ be⸗ theuerte er. Es rauſchte im Verſchlag. Der Schnee krachte draußen vor dem Fen⸗ ſter. Louis mußte den gewagten Sturm beenden, und er küßte feurig das kaum widerſtrebende Mädchen auf Mund und Wange, indem er ſie einen Augenblick an ſich preßte, als ſei das junge Leben bereits ſein Eigenthum. — Von Paul Stein. 127 Als er ſie losließ, ſprang ſie auf und zur Thüre hinaus— hinaus in den Hof, das erhitzte Geſicht im kalten Schnee zu kühlen— Wonne und Beſchämung niederzukämpfen. Aus dem kleinen Gartenthürchen trat eben Hannes. Sein ſtarker Körper erzitterte, wie geſchüttelt von Froſt, doch glühte die Hand, mit der er ihren Arm faßte, und tonlos fragte er ſie:„War dir's recht ſo, wie's der Flixer gemacht?“—„Was weiß ich—“ ſtotterte ſie verlegen.—„Sag',“ ſprach er dumpf und ſeine Augen rollten,„ſag', daß dir's nicht recht war, und ich ſchlag' ihn todt, den frechen Kerl!“—„Je⸗ ſus Maria!“ ſchrie ſie auf.„Biſt du nicht bei dir, Vetter?“— Er preßte ſeine Hand auf ihren Mund, den Aufſchrei erſtickend.—„War dir's recht?“ fragte er wieder.—„Nein— ja— ja—“ ſtieß ſie heraus. Er ließ ſie einen Moment los, dann faßte er ſie wieder und noch feſter an und ſagte mit mühſamer Ruhe:„Ich thue ihm nichts— wenn du auch „nein“ ſagſt— du ſollſt nicht ja ſagen, weil ich ihn todtſchlagen wollte. Die Wahrheit nur ſollſt du ſagen: Warſt du ihm bös, als er dich küßte und ſo feſt, ſo feſt an ſich drückte?— Sag' die Wahrheit, der da oben hört's.“— Sie ſchüttelte den Kopf, und ſich Hannes entreißend und dem Hauſe zulau⸗ fend, ſprach ſie zurück:„den nehme ich mir zum Schatz— er gefällt mir.“ — Hannes taumelte zurück und murmelte:„den— den!— Jeder Andere wäre beſſer! Das darf nicht ſein, es wäre ihr Unglück. Ich muß mit ihrer Mutter reden.“ Aber die Bäuerin war ſchon in ihre Schlafkammer gegangen und Anne ſaß wieder hinterm Tiſch in der Stube neben dem Stadtherrn, und es wurde ausgemacht, daß ſie mit dem Schreiber und Louis morgen in die Stadt fah⸗ ren und einige Zeit dort bleiben ſolle bei des Schreibers Schweſter, der Rechnungsräthin, die keine Kinder hatte und Mutterſtelle an ihr vertreten und ſie beſſer erziehen und kleiden werde, als es ſeither geweſen. Louis er⸗ zählte ihr ſo viel ſchönes von der Stadt und ſeiner Tante, der Rechnungs⸗ räthin, und freute ſich ſo ſehr, ſie bald in ſtädtiſcher Kleidung zu ſehen, daß es ihr ganz wirr im Kopfe wurde. Ihr Vater ſtimmte allem zu, was ihr ge⸗ wiſſermaßen die Berechtigung gab, den Rath ihrey Mutter nicht erſt einzu⸗ holen und ſeine Vermittlung bei ihr für hinreichend zu halten. Sie ſollte in der Nacht noch in ihrem Kämmerlein das nöthigſte in ein Bündel ſchnüren; es war ja nicht viel, da ſie gleich bei ihrer Ankunft den Bauernrock mit ſtädtiſchen Kleidern vertauſchen ſollte. Andres wußte recht wohl, daß wenn er erſt mit ſeinem Weibe von 128 Der hoffärtige Andres. Anne's Weggehen unterhandle, es kaum möglich ſein werde, ſie in die Stadt zu bringen, und dahin mußte ſie, um ſich nach ſeinem Wunſch für ihre künf⸗ tige Stellung vorzubereiten, die darin beſtand, Louis' Weib und eine flotte Gaſtwirthin in Ulm zu werden. Der Schreiber hatte ihm dies recht anſchau⸗ lich gemacht und verheißen, ſeines Bruders Sohn den erſten Gaſthof in Ulm zu kaufen, in dem dieſer eben Kellner war. Der Kauf war ſchon ziemlich feſt abgemacht, doch ſollte nicht des Schreibers Geld, ſondern Anne's Hei⸗ rathsgut den Kaufpreis zahlen, ſo hatte es der Pfiffige vor, und ſein Freund ging in die Falle.— Der Schreiber war gewiß, daß ſein hübſcher und ziem⸗ lich gewandter, in Liebesabenteuern erfahrener Neffe die Bauerndirne ſich leicht gewinnen werde; überdies hätte des Vaters Wille ſchon ausgereicht, dieſe Heirath zu Stande zu bringen. Doch war es wünſchenswerther, wenn die Sache in Uebereinſtimmung mit dem Mädchen ging, denn dann war der Mutter Einſprache weniger zu fürchten, auf die man jedenfalls gefaßt ſein mußte. Es ging beſſer noch, als der Schreiber erwartet, und hatten ſie das Mädchen einmal in Ulm, war an eine Umkehr nicht mehr zu denken; da ſtand ſie ganz unter dem Einfluß ſeiner Schweſter und Louis' Liebesblicken, der der Mann dafür war, den gewonnenen Vortheil ſo zu benützen, daß er ihm nicht wohl mehr entgehen konnte. Als Kätter am Morgen von der ſoforti⸗ gen Abfahrt ihrer Tochter nach Ulm hörte, ſträubte ſie ſich mit Worten und Thränen dagegen; allein ihr Mann war zur Stelle, er befahl, und Anne, ob⸗ gleich weinend, ſtimmte dem Vater bei.— Das Elternhaus geſfiel ihr nicht mehr, ſeit der hübſche Stadtherr ihr das ſeine in Ulm ſo ſchön geſchildert.— „Gott wollt's,“ ſprach die Bäuerin leiſe vor ſich hin, als ſie ſah, daß ihr Sträuben nichts fruchte, und ſie nahm ihr kleines Kind, trug's hinauf in die Kammer und ſchloß ſich dort mit ihm ein. Andres, der erſt noch einige Tage hatte bleiben wollen, zog es vor, ſich fürchtend vor den Thränen und Vor⸗ würfen ſeines Weibes gleich mit ihr nach Ulm zu gehen und bei der Wittwe, bei der er ſich eine Stube gemiethet, die ſich entwickelnde Heirathsgeſchichte ſeiner Tochter ſo weit zu beobachten, als es das Geſchäftliche der Sache an⸗ ging, wurde aber deſſen ungeachtet von dem Schreiber hintergangen. Hannes lehnte mit erdfahlem Geſicht in einer Ecke des Hofes und ſah dem davonſauſenden Schlitten nach. Er hatte heute noch keines ſeiner ge⸗ wohnten Geſchäfte verrichtet, hatte auf alle Fragen ſeinem Bruder keine Antwort gegeben, und als Anne ſich nach ihm umſchaute, ihm„B'hüt' Gott“ Von Paul Stein. 129 zu ſagen, kehrte er ihr den Rücken, ging in die Scheune und ſtellte ſich dort in die Reihe der Dreſcher; er ſchlug d'rauf los, als ſollten die Dielen des Bodens auseinanderſtieben. Er hatte keinen Blick mehr für ſie, die ihre Mutter, ihr Heimatsdorf— ihn— verließ; aber wie die Schellen des Schlittens erklangen, warf er den Dreſchflegel hin und lief in den Hof hinaus, als müßte er das Fuhrwerk aufhalten, das ſie forttrug mit dem, den ſie zum Schatz erkoren. Umſonſt, der Schlitten ſauste unaufhaltſam dahin, und noch ſtarrte er ihm nach, als längſt der helle Ton der Schellen verklungen, keine Spur von ihm mehr zu ſehen war.. Als es gegen Mittag ging und die Bäuerin noch immer nicht aus ihrer Kammer heruntergekommen war, ſchlich Hannes leiſe die Stiege hinauf. Er klopfte an die Thüre und rief nach ihr. Da kam ſie heraus, das Kind auf dem Arm, das aber unwohl zu ſein ſchien und zitternd vor Froſt zu weinen begann.„'s iſt gut jetzt,“ ſagte ſie.„Ich hab's dem Herrn übergeben, meine Kraft reicht nicht aus gegen das Uebel, das er gethan und täglich thut. Es wird eine Zeit kommen, wo er's einſieht, das glaub' ich g'wiß, und ſeine Seele wird noch gerettet werden vor ewiger Verdammniß.“—„Aber Anne — Anne!“ jammerte Hannes.— Die Bäuerin fuhr ſich über die Augen, dann ſagte ſie ruhig:„Der Herr wird's gnädig zum Guten für ſie wenden; ich kann nicht d'rüber'naus.“— Hannes ſenkte den Kopf— ſo ergeben fühlte er ſich nicht; doch ſprach er nichts mehr, es mußte ihm ja lieb ſein, daß ſeine Schwägerin ſo ruhig war. Aber Hannes ſang und lachte mehrere Tage nicht mehr und ſah aus wie ein Kranker. Kätter fragte ihn, als er gar ſo niedergeſchlagen dreinſah, ob er krank ſei.— Statt der Antwort ſang er: „Wenn i ſcho ſo übel ausſieh, Bin i deniß et krank, Es iſt mer no werga Im Herz drin ſo bang.“ Dann ging er langſam aus dem Hauſe, trat in den Stall und lehnte ſich weinend an den Hals ſeines Lieblingpferdes.— Es waren die erſten Thränen, die Hannes vergoß ſeit Anne davongefahren, und er weinte auch nicht wieder; aber mehr noch als früher ſchaffte er und zeigte ſich wo mög⸗ lich noch anhänglicher an ſeine Schwägerin als zuvor. Auch wurde ſein Aus⸗ ſehen wieder beſſer, ſo daß ſelbſt Kätter nicht weiter über ſeinen Herzens⸗ Hausblätter. 1867. I. Bd. 9 130 Der hoffärtige Andres. kummer nachdachte, der ihr überhaupt nie recht klar geweſen und den ſie nur vorübergehend geahnt. Verſtändniß für Liebesweh lag nicht in ihrem Weſen, wie überhaupt nicht in dem Weſen der Albbewohner, die dafür im Ganzen zu derbe und materielle Naturen ſind. Ausnahmen gibt's davon, wie überall und in allem. Das treue und tiefe Gemüth von des Bergbauern Bruder gehörte dazu. Erſt hing ſich ſein Herz und ſein Sinn an die brave Schwägerin, dann trug ſich dieſes Gefühl in kaum verſtandener Leidenſchaft auf ihre heranwachſende Tochter über und ſprühte auf und glühte fort für das unerreichbare, das ver⸗ lorene Gut.— Er war ſich bewußt, daß nur mit ſeinem Leben ſeine Liebe für Anne erlöſche, aber auch, daß er darüber ſchweigen werde gegen je⸗ dermann. Da rief ihn am Neujahrsmorgen ſeine Schwägerin zu ſich in den Ver⸗ ſchlag, den der Bergbauer, ſeit er mit Anne weggefahren, nicht mehr betre⸗ ten hatte, und ſagte zu ihm:„Es hat mir heute Nacht Wunderbares ge⸗ träumt, und man ſoll nicht von ſich weiſen, was die Engel bringen in den letzten und den erſten Stunden des Jahres.— Ich hab's überlegt und glaube, daß es recht ſo iſt. Spanne den Schlitten ein und fahre gen Ulm. In zwei Stunden kannſt dort ſein; laß die Schimmel laufen. Dann paſſe auf an der Münſterthüre,— denn in die Kirche wird ſie gehen, das iſt g'wiß, das hat ſie noch nie verſäumt am Neujahrstag. Und wenn ſie heraus kommt mit guten Gedanken im Herzen, wie man ſtets aus dem Gotteshaus tritt, wird ſie dich anhören und du ſage zu ihr: Deine Mutter ſchickt mich und thut dir zu wiſſen, was Gottes Engel ihr heute Nacht eingegeben haben. Du ſollſt die Bergbäuerin werden, der Hof mit allem was dazu gehört, dein ſein, obgleich es deinem Bruder zukäme; deine Mutter zieht in das Ausding⸗ ſtüble und will dir zur Hand ſein, wo du's haben willſt. Für deinen Bru⸗ der wird's ſeiner Zeit einen andern Bauernhof geben, es iſt noch lange, bis er herangewachſen. D'rum ſollſt gleich heimkehren, kannſt's ja immer krie⸗ gen und ſollſt heirathen, ſo jung du auch biſt— weil du einen Bauern brauchſt auf den Hof— deine Mutter weiß einen rechten— den ſollſt ha⸗ ben, ſobald du kommſt.“ „Wen meinſt?“ fragte leiſe Hannes.—„Wen anders, als dich?“ er⸗ widerte die Bäuerin, indem Thränen ihre Augen füllten und ſie ihm die Hand hinreichte.—„Mich?“ ſtammelte er,„mich? Was fällt dir ein, Kät⸗ ter?“—„So ſah ich's im Traum heut Nacht, d'rum wird's recht ſo ſein, — Von Paul Stein. 131 und jetzt red' nichts mehr. Geſchirre die Gäule und fahr' zu, daß du noch recht kommſt, bis aus der Kirche läutet, und du mit ihr redeſt zu guter Stunde.“ Er wollte noch Einwendungen machen, doch ſie ſchob ihn zur Thüre hinaus, und er ſaß im Schlitten, er fuhr in vollem Galopp Ulm zu— er wußte nicht, wie ihm geſchehen, und ihm war's, er träume nur ſeiner Schwä⸗ gerin Traum weiter, und wenn er aufwache, ſei er, wie alle Tage, allein mit ſeinem Liebesweh in ſeiner Kammer.— Doch ſchon ſah er in der Ferne den Münſterthurm, ſah die Stadt an der Donau ſich ausbreiten, und wie er zu ihrem Thore einfuhr, läutete die Münſterglocke, das Ende des Gottesdien⸗ ſtes verkündend.— 1 Er ſprang aus dem Schlitten, überließ die Pferde dem Hausknecht der nächſten Schenke und eilte dem Münſter zu. Eben öffneten ſich ſeine hohen Flügelthüren.— Sein Auge, ſein Fuß eilten von der einen zur andern. Da kam ſie, kam ſie wirklich heraus, doch kaum erkannte er ſie noch. Sie trug ein langes Wollenkleid und einen kurzen Mantel. Den Kopf aber trug ſie frei, nur eine breite dunkle Sammetſchleife war auf der linken Seite befeſtigt. Das ſtand ihr überaus gut zu dem hellen Haar und dem hellen Geſicht.— Er getraute ſich nicht zu ihr zu treten, die Rechnungsräthin ging an ihrer Secite, er erkannte ſie an ihrer Aehnlichkeit mit dem verhaßten Schreiber. Da verließ dieſe Anne, wohl um einen Neujahrsbeſuch zu machen, und ſie ging allein und mit niedergeſchlagenen Augen weiter. Er ſah ſie ſchärfer an; da kam es ihm vor, ſie ſehe traurig aus, und raſch war er an ihrer Seite, reichte ihr die Hand hin und ſprach bebend:„Grüß Gott, Anne!“— Sie ſchrack zuſammen, Röthe und Bläſſe wechſelten in ihrem Geſicht und ihre blauen Augen wurden feucht. Das gab ihm Muth, und in gedrängter Rede ſprach er den Auftrag ihrer Mutter aus und endete mit der Eröffnung ſeines ganzen Herzens. Er ſchilderte ihr ſein Weh— ſeine Liebe und das Glück, im Berghof mit ihr zu wohnen, mit ihr als ſeinem Weib, die gute, brave Mutter bei ihnen, alles ſo recht in Eintracht und Liebe, und wie er ſie auf den Händen tragen wolle und nur thun, was ihr recht ſei.— Sie hörte ihn an, ohne ihn zu unter⸗ brechen, dann blieb ſie ſtehen und ſah ihm gerührt in die treuen Augen. Zum erſtenmal fiel ihr auf, welch' hübſcher Mann ihr Vetter ſei, und wie lieb er ſie habe, wie treu er ihrer Mutter gedient. Ihr war, ein guter Engel rufe ihr zu: Folge ihm heim zu der Mutter!— und ſchon hob ſie die Hand, ſie 9* 132 Der hoffärtige Andres. zuckte zuſammen, eine dunkle Röthe überzog ihr Geſicht, ihr Kopf ſenkte ſich tief herab und leiſe ſprach ſie:„Es iſt zu ſpät.“ Dann richtete ſie ſich wieder auf, und ſich zuſammennehmend, ſprach ſie weiter:„In den nächſten Tagen wird der Kauf wegen des Gaſthofes fertig gemacht, und noch vor Oſtern ſoll meine Hochzeit mit Louis gehalten wer⸗ den. Er hat des Vaters Wort und— das meine; bei dem Kauf wird der Heirathscontrakt aufgeſetzt und unterſchrieben werden.“—„So iſt's ja noch nicht feſt!“ rief Hannes,„ſo kannſt du noch umkehren! Es iſt ja unmöglich, daß du den„Flixer“ von Herzen magſt!“—„Ich mag ihn— und will ihn mögen mein Lebtag— ſage das der Mutter,“ ſprach ſie leiſe,„und du denke — daß wenn ich ihn nicht zum Manne nähme, mir keiner lieber wäre, als du.“—„So magſt du mich doch auch— Anne? Nun in Gottesnamen, dann laß den Flixer laufen und ſei mein.“—„Es iſt zu ſpät— auch wenn ich wollt'. B'hüt' di Gott, Hannes, und komm' nimmer gen Ulm,'s nützt dir und mir nichts mehr,“ ſprach ſie ſchnell und lief dann davon. Er folgte ihr nicht, gramvoll ſah er ihr nach. Das arme junge Ding, es war in die Falle gegangen, die erheuchelte Liebe ihm geſtellt, und mochte wohl bereits den Beweggrund ahnen, der den Stadtherrn getrieben, ſich des Bauernkindes zu bemächtigen. Für eine Um⸗ kehr war's zu ſpät, und ſie lag auch nicht in ihrem Willen. Noch hoffte ſie von der Zukunft Gutes, ſie war ja ſo jung noch; wie hätte ſie allen Glücks⸗ hoffnungen ſchon entſagen ſollen, wenn ihr auch täglich eine neue Täuſchung wurde? War ſie erſt Louis' Weib, die Mutter ſeiner Kinder, galt ſie ihm ge⸗ wiß mehr, als Tante und Onkel und die andern alle, die ihn von ihr abzo⸗ gen.— Das hoffte ſie. Der Sinnentaumel, in dem er ſie mit fortgeriſſen— ſein Glück war ſchon dahin.— Sie ſollte jetzt nur ſeiner Tante, der Rech⸗ nungsräthin folgen, und dieſe hatte ſo viel an ihr zu tadeln. Klagte ſie's ihrem Vater, meinte er, das ſei nothwendig für ihre Zukunft, ihren Mann und ihre Befähigung zur Gaſtwirthin. Heimlich ſehnte ſie ſich in den Berg⸗ hof zurück, und all' die ſchönen Kleider, die man ihr machen ließ, entſchädig⸗ ten ſie nicht für das, was ſie hingegeben. Sie fühlte ſich ſo unbehaglich in dem neuen Staat, ihre Bewegungen ſo gehemmt, ihren Athem ſo beklom⸗ men! Doch ſie wagte nichts dagegen zu ſagen und fügte ſich; die Rechnungs⸗ räthin beherrſchte ſie ganz, ſie fürchtete ſich vor ihr und auch vor Louis. Wie es beſtimmt, geſchah es, noch vor Oſtern wurde ſie Louis' Frau. ihm hinzureichen, da fiel ihr Auge auf den blitzenden Ring daran und ſie Von Paul Stein. 133 Allein ſtatt nun beſſeres Glück zu finden, wurde es noch ſchlimmer. Ihr Ungeſchick zur Wirthin, das raſche Verblaſſen ihrer Jugendfriſche machten ſie bald ihrem Mann widerwärtig, und nur die Ausſicht auf den Reichthum ihres Vaters ließ ihn noch einige Rückſicht auf ſie nehmen. Andres war mit dem Frühling auf's Dorf zurückgekehrt, um ſeinen Plan, ſich dort ein ſchönes großes Haus zu bauen und den Herrn zu ſpielen, auszuführen. Da es ihmtan den Mitteln nicht fehlte, ſtand das Gebäude im Herbſt fix und fertig da und wurde mit Möbeln aus der Stadt einge⸗ richtet, was die gefällige Wittwe, bei der er ein Zimmer inne hatte, beſorgte, und nachdem alle ſeine Verſuche geſcheitert, Kätter aus dem Bauernhaus zu bringen und dasſelbe ſammt dem Gut zu verkaufen, brachte ſie es dahin, daß er ſie zur Haushälterin in ſeinem neuen Hauſe annahm. Der Schreiber wohnte öfters auf Wochen bei ihm, um neue Spekula⸗ tionen für den nächſten Sommer auszuhecken, und dieſe nahmen eine immer ſchmutzigere Farbe an. Allein da, wo es ſich um Geldgewinn handelte, galt ihnen nur der Vortheil und hatte er auch ein noch ſo unrechtliches Ausſehen. Die Langeweile des Dorfes ſuchten ſich die beiden ſauberen Kumpane dadurch zu kürzen, daß ſie die guten alten Sitten zu untergraben und das Bauernneſt, wie der Schreiber ſagte, etwas zu kultiviren ſuchten. Es gelang ihnen auch, mit Hülfe der verſchmitzten Haushälterin, noch nie Erhörtes im Dorfe zu treiben. Es wurde ruchbar, man drohte den Sittenverderbern mit dem Amt, doch des Bergbauers Geld war eine Schutzwehr gegen derartige Angriffe.— Kätter und Hannes lebten noch wie zuvor. Sie nannte den Namen ihres Mannes nicht mehr und ſuchte nur ihren kleinen Jungen ihm vorzuenthalten, was ihr nicht allzuſchwer wurde, da er von dem Schreiber und der Haushälterin ganz eingenommen war. Man bedauerte Kätter all⸗ gemein im Dorfe, doch das tröſtete ſie nicht, und ſie wäre ſicher ohne ihr Kind und die treue Anhänglichkeit ihres Schwagers dem Kummer über ihren Mann erlegen. Da kam ein trauriges Ereigniß, das ſie ihm auf eine Stunde wieder näher brachte. Der Bube erkrankte gefährlich— jede Hoffnung für ſein Leben ſchwand. Sie wollte ihn nicht ſterben laſſen, ohne daß des Vaters Auge noch auf ihn geblickt. Am Todtenbette des Kindes ſollte er ſeine Sün⸗ den erkennen lernen. Selbſt wollte ſie ihn holen zu dem ſterbenden Kind, und ſie faßte Muth zu dem ſchweren Gang in das neue Haus, das ſie noch nie betreten. Ein eiſiger Schauer durchrieſelte ſie, als ſie die Schelle anzog, 134 Der hoffärtige Andres. ein noch eiſigerer, als die Haushälterin ihr die Thüre öffnete.„Was wollt Ihr?“ ſagte dieſe unverſchämt.—„Zu meinem Mann will ich,“ antwortete Kätter möglichſt ruhig.—„Das kann jetzt nicht ſein; der Herr befindet ſich nicht ganz wohl, er ſchläft.“—„So will ich ihn wecken,“ ſprach Kätter und ſchritt mit dieſen Worten an der Unverſchämten vorüber die Treppe hinan. Nach wenigen Minuten ſtand ſie in dem reich, aber geſchmacklos einge⸗ richteten Zimmer, in dem der zum Herrn avancirte Bauer auf einem Sopha ruhte in buntem Schlafrock, eine Cigarre im Mund. Kätter drückte die Thüre hinter ſich in's Schloß. Sie war mit ihrem Mann allein.—„Komm mit in dein Haus,“ ſagte ſie, ohne ihn zu grüßen, ja ohne ihn nur recht an⸗ zuſehen.—„Was ſoll ich dort?“ fragte er aufſpringend und auf's unange⸗ nehmſte überraſcht durch den Anblick ſeines Weibes.—„Bekehren ſollſt du dich, verſtockter Sünder,“— bekehren am Todtenbette deines Kindes— wollte ſie hinzufügen, doch er fiel ihr in die Rede, überſchrie ſie, und eine Schublade ſeines Schreibpults aufreißend, nahm er ein Packet Papier her⸗ aus und hielt es ihr unter die Augen, indem er in gedämpftem Tone ſprach: „Das iſt meine Bekehrung, mein Herrgott! Sieh' her, das kleine Päckle Papier ſind dreißigtauſend Gulden, und verzehnfachen will ich's im nächſten Jahr, und hier iſt Gold und Silber die Menge.“ „Mit dem Teufel biſt du im Bund!“ ſprach ſie entſetzt ob dem Anblick ſo vielen Geldes, und vergaß faſt das todtkranke Kind über dieſen Gedanken. —„Einfältig's Weib! Nur g'ſcheidt muß man ſein in der Wellt,“ erwiderte er verächtlich.„Du ſollteſt um der Kinder willen Gott danken, daß ich's bin, daß ich mehr Verſtand habe als du.“—„O Herr Gott, mein Kind, mein arm's Kind! Es ſtirbt— und ich ſtehe hier, und du gehſt nicht mit, Der Satan hält dich feſt!“ rief ſie jammernd aus.“—„Dein Kind— welch Kind— die Anne— der Bube?“—„Der ſtirbt, und die Anne, die Anne, die iſt ſo g'wiß unglücklich, als ich da ſtehe— o, ich arme Mutter!“ Sie lief fort, ohne ihn weiter zu mahnen.— Er wollte ihr nach, doch die Haushälterin hielt ihn auf; ſie ſagte:„Glaub's ihr doch nicht!“ Sie ver⸗ ſprach Erkundigungen einzuziehen.— Sie that's auch eine Stunde ſpäter und erfuhr, daß das Kind wenige Minuten nach der Rückkehr ſeiner Mutter geſtorben ſei. Andres getraute ſich nicht in den Berghof zu gehen, obgleich es ihm ſchwer auf's Herz fiel, daß er ſeinem Weibe nicht gleich gefolgt war. Er mochte ihre gerechten Vorwürfe nicht hören, nicht bei dem Begräbniß des Von Paul Stein. 135 Kindes ſein. Die Koſten dafür ſandte er dreifach dem Pfarrer und verließ, von der Haushälterin begleitet, das Dorf. Er ging nach Ulm, Anne zu be⸗ ſuchen. Den Schatz verſchloß er gut. Niemand wußte darum, als ſein Weib, und daß die ihn nicht hole, war er ſicher. Er glaubte ihn beſſer geborgen, als wenn er ihn mit ſich führe und dadurch möglicherweiſe ſein Vorhanden⸗ ſein ſeiner Begleiterin verrathe. Bei Anne ſah es auch nicht freundlich aus. Ihr Mann lebte in den Tag hinein, als wäre ſeines Schwiegervaters Geldſack unerſchöpflich. Er ſollte für eine große Summe ſich verbürgen und that's um Anne's willen, die krank und elend ausſah; war ſie doch jetzt ſein einzig Kind noch, und ihr Kind ſtreckte die kleinen Händchen wie bittend nach dem Großvater aus.— Andres blieb in der Stadt, der Gedanke an ſein Weib und ſeines Kin⸗ des Grab machten ihm vorerſt die Rückkehr in ſein ſchönes Haus unmög⸗ lich, trotz des großen Schatzes, den er dort verborgen hatte, und trotzdem daß Anne's Anblick neue ſchwere Gewiſſensbiſſe und Zweifel in ihm wachrief. Mit dieſer Heirath hatte ihn ſein Freund, der Schreiber, recht hinter's Licht geführt. Er hatte wohl den Kauf mit dem Gaſthof abgeſchloſſen, ader die Bezahlung dem Bergbauer überlaſſen. Doch das war nicht das ſchlimmſte, das ſchlimmſte war der Schwiegerſohn ſelbſt, der weder Luſt noch Fleiß zum Erwerb zeigte, deſto mehr Hang aber zum Verbrauch und Genuß. Schul⸗ den auf Schulden häuften ſich in kurzer Zeit, und ging's ſo fort, ſo konnte Andres nicht ſo viel erwerben, als ſein Schwiegerſohn verbrauchte. Klagte er dem Schreiber deßhalb und machte er ihm Vorwürfe, zuckte dieſer die Achſeln und meinte: er habe ja ihm allein ſeinen Reichthum zu danken, ſo dürfe ſchon etwas für ſeine Angehörigen daraufgehen. Seit der arme Schlucker mit des Bergbauern Geld auch zum vermö⸗ genden Manne geworden, ſah er dieſen wieder mehr über die Achſel an; er brauchte ihn nicht mehr, er konnte allein ſpekuliren, und ließ ihn das bei je— der Gelegenheit merken. So erhielt er ihn in Furcht und Abhängigkeit von ſich und ſeine Klagen und Vorwürfe im Zaum. Die Bergbäuerin kämpfte indeſſen mit ihrem Schmerz um das verlo⸗ rene Kind. Sie wurde Herr darüber, doch nicht über die Sorge um Anne. Sie hörte die ſchlimmen Gerüchte, die über ihren Schwiegerſohn eingingen, und hörte, wie das junge Weib abgezehrt und elend ausſehe; allein dennoch vermochte ſie es nicht über ſich zu gewinnen, ſie zu beſuchen, ſie als Stadt⸗ madame, in ſtädtiſcher Umgebung zu ſehen.„Alles Unglück kommt von * 136 Der hoffärtige Andres. dem Geld,“ ſagte ſie eines Tags zu Hannes. Dann ſah ſie ihn eine Weile prüfend an und fuhr leiſe fort:„Komm' heute Nacht, wenn alles ſchläft, in den Garten, ich habe dir was zu ſagen, was ſonſt kein Ohr hören darf.“ Sie trafen ſich gegen Mitternacht unter den Bäumen. Es war eine ſchwüle Nacht. Gewitterwolken umzogen den Himmel und drängten ſich dichter und dichter zuſammen, da und dort Blitze ſchleudernd. In der Ferne hörte man donnern, ſonſt war alles todtenſtill, ſelbſt die Winde ſchienen er⸗ ſchrocken vor dem drohenden Sturme den Athem anzuhalten. Kätter faßte ihres Schwagers Hand und zog ihn aufwärts dem neuen Hauſe zu, deſſen Läden und Thüre verſchloſſen waren, ſeit ſie es zum erſten⸗ mal betreten.„Er ſcheint das Sündenneſt zu fliehen,“ ſagte ſie dumpf; „auch ich wollte es nicht mehr betreten, doch noch einmal muß es ſein, und du mußt mir helfen das Werk vollbringen.“—„Was haſt du vor?“ fragte Hannes mit geheimem Grauen.— Sie hob eine Axt empor, die ſie unter der Schürze verborgen gehalten, indem ſie ſagte:„Damit ſprengſt du mir die Thüren und die Schublade, worin er den Mammon verborgen hält.“— „Was willſt du damit thun?*—„Die Teufelspapiere vernichten, das will ich.“ —„Es iſt aber nicht dein Eigenthum,“ mahnte der gewiſſenhafte Hannes.— Sie ſchwieg eine geraume Weile. Die Blitze zuckten um ſie her, der Donner dröhnte lauter. Unheimlich beleuchtet hob ſich mitunter das hoffär⸗ tige Haus des Bergbauers aus der Dunkelheit ab.—„Es iſt auch in mir eine Stimme, die gegen mein Vorhaben ſpricht,“ ſagte endlich die Bäuerin; „und doch führe ich es aus— ja, ich thu' es.— Es iſt ein heilig Gebot, das Sündengeld zu vernichten; es hat die Anne in's Unglück gebracht und hat ihn abgehalten, ſein Kind ſterben zu ſehen— drum ſei's vernichtet. Es fahre zur Hölle, woher es gekommen.“— Ein greller Blitz, ein ſtarker Donner⸗ ſchlag folgten dieſer Rede. Der Wind erhob ſich und jagte in eilendem Laufe die ſchwerſten Gewitterwolken über dem Berghof zuſammen. „Laß uns umkehren,“ bat Hannes,„und dem Himmel alles anheim⸗ ſtellen! Seine Barmherzigkeit wird's nicht zum Schwerſten mit uns wollen, und dir noch in deinem Alter gute Tage geben.“—„Gott der Herr erleuchte mich!“ ſprach ſie niederknieend und die Hände faltend. Sie betete. Sturm, Donner und Blitz ſtörten ſie nicht in ihrer Zwieſprache mit dem Himmel. Hannes ſtand mit gefalteten Händen neben ihr und ſah bald auf die Beterin, bald in das furchtbare Gewitter hinein. Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag folgten raſch aufeinander und kein mildernder Regen kühlte die Glu⸗ 4 Von Paul Stein. 137 ten des Himmels.— Da fuhr ein greller Strahl in das neue Haus, ein Donnerſchlag machte die Erde erbeben und Schwefelgeruch erfüllte die Luft. — Die Bäuerin fuhr entſetzt empor; aus dem Hauſe ihres Mannes züngelten Flammen.„Gottes Strafgericht!“ ſprach ſie feierlich.— Im Dorfe ertönte die Sturmglocke.„Sie kommen zu Hülfe; ſie werden das Feuer löſchen!“ rief das Weib und eilte, die Axt ſchwingend, dem Hauſe zu. Mit übermenſch⸗ licher Kraft ſchlug ſie die Thüre ein, war ſie, wie von unſichtbaren Händen getragen, die Treppe oben, drang ſie mitten durch die Flammen, ſuchend nach der Stube mit dem verſchloſſenen Schatze. Das Feuer, welches an den ſteinernen Wänden Widerſtand fand, nährte ſich um ſo gieriger im Innern des Hauſes. Doch das ſchreckte das entſchloſ⸗ ſene Weib nicht. Sie erreichte das noch unverſehrte Zimmer und mit kräf⸗ tigem Schlage ſchlug ſie den Schreibpult entzwei, riß ſie die werthvollen Papiere heraus— das Gold, das Silber, und ernſt und beſonnen warf ſie den Schatz in das Feuer, da wo es am ſtärkſten ſprühte und glühte. Dann kehrte ſie wieder in die Stube zurück, in die die Flammen noch nicht gedrun⸗ gen. Schon verlöſchten ſie da und dort unter dem herabſtrömenden Regen und der herbeigekommenen Hülfe. Doch die Treppe war abgebrannt, Kätter konnte nicht herabkommen. Schornſtein und Wände ſtürzten donnernd zu⸗ ſammen, ſie ſtand unverſehrt an dem von ihrer Hand zerſchlagenen Pulte und ſah ruhig dem Werk der Zerſtörung zu, das rund umher thätig war und nur das Zimmer verſchonen zu wollen ſchien.—„Das Höllengeld zu ver⸗ nichten, war mein Geſchäft;“ dachte ſie und ſie freute ſich darob. Man lehnte eine Leiter an; ſie ſtieg herab, beſonnen, ruhig, wie ſie alles gethan; doch unten angekommen, brach ſie zuſammen, Hannes mußte ſie heim⸗ tragen.— Ihre That hatte nur er geſehen. Keines begriff, weßhalb die Berg⸗ bäuerin in das brennende Haus geeilt, das ſie früher nicht betreten, und man begriff es um ſo weniger, da ſie nicht das Kleinſte zu retten verſucht hatte. Andres ſaß ſehr niedergeſchlagen am Krankenbette ſeiner Tochter, als ihn die Nachricht von dem Brande traf. Das Haus war gut aſſekurirt— aber— die Papiere— das Geld!— Verzweiflungsvoll eilte er fort, auf die Brandſtätte, und fand ſein Zimmer nur geſchwärzt vom Rauch, beſchädigt durch das eingedrungene Waſſer. Er athmete leichter auf, als er die Leiter hinanſtieg, aber— ſiehe, der Pult war zerſchlagen— fort das viele Geld. Er wollte laut aufſchreien wegen des Raubes, da legte ſich die Hand ſeines Weibes ſchwer auf ſeine Schulter und ruhig ſagte ſie zu ihm:„Ich 138 Der hoffärtige Andres. that's— klage niemand darum an.“—„Und wo haſt du's hingebracht, das viele Geld?“ fragte er haſtig.—„In's Feuer hab' ich's g'worfen,“ erwiderte ſie gleichmüthig.—„Biſt du von Sinnen, Weib?“ rief er, ſie entſetzt anſtar⸗ rend.—„Ich that's, weil ſelbſt das Feuer ſich vor dem Sündengeld ſcheute; doch hätte der Blitz auch nicht dein Haus getroffen, ich hätte in derſelben Stunde doch gethan, was geſchehen iſt.“ Solche That ging ſo gänzlich über des geldgierigen Mannes Begriffe, daß er ſich lange nicht von der Wahrheit des Geſagten zu überzeugen ver⸗ mochte, und immer wieder darauf zurückkam, ſein Weib habe den Schatz retten wollen und habe ihn irgendwo verſteckt, um ihn mit ihrer Ausſage recht zu ängſtigen. Doch endlich mußte er daran glauben, und er kehrte dem Wahn⸗ ſinn nahe in die Stadt zurück. Er ſah nicht ab, wie er den Verpflichtungen nachkommen ſolle, die er für ſeinen Schwiegerſohn übernommen. Gab er auch ſein Letztes dafür hin, es reichte nicht, alles zu decken. Er war genöthigt, Geld auf den Berghof aufzunehmen, und das war ihm das Peinlichſte, was ihm begegnen konnte. Er wandte ſich um Rath und Hülfe an ſeinen Freund, den Schreiber, ſah ſich aber verhöhnt und verlaſſen von ihm. Da kam ſein Bruder und bot ihm ſein kleines Vermögen an, und Kätter ließ ihm ſagen, wenn er wieder ein rechter Bauer werden wolle und mit allem Ernſt in's rechte Zeug wieder hineinkomme, wolle ſie ihm verzeihen und die Anne ſolle auch wieder zu ihr kommen; es ſolle ein Scheidungsprozeß einge⸗ leitet werden gegen ihren ſchlechten Mann. Das Letztere gab Andres willig zu und leitete ſelbſt die nöthigen Schritte ein. Vom Berghof und der Ver⸗ zeihung ſeines Weibes jedoch wollte er nichts wiſſen, er meinte, daß er ihr nicht mehr verzeihen könne.— Hannes nahm die kranke Anne und ihr Kind gleich mit hinaus auf den Berghof, wo die arme Getäuſchte nach und nach wieder genas unter den Beweiſen der Liebe, die ihre Mutter und ihr Vetter ihr reichlich ſpendeten.— Nach Jahr und Tag ward das Band gelöst, das ſie ſo unglücklich gemacht, und wieder nach Jahr und Tag war ſie das Weib des treuen Hannes, der ihrem Kind der beſte Vater ward.— Louis ging in die Fremde als Kellner und ſie hörte nichts mehr von ihm.— Der Bergbauer, dem es nicht möglich ward, ſich vor ſeinem Weib und den Bewohnern des Dorfes zu demüthigen, wanderte nach Amerika aus und ſtarb dort bald in Armuth, obgleich ihm Kätter viel Geld mitgegeben. Es glückte ihm nichts⸗mehr, und einſam ſterbend, beklagte er ſeinen hoffärtigen und geldgierigen Sinn, der ihn ſo ganz aus dem rechten Zeug, wie's einem 4 Von Paul Stein. 139 Albbauern gehörte, herausgebracht. Er verfluchte den Schreiber, der ihn zu ſo manchen Schlechtigkeiten verleitet, bereute viele ſeiner Handlungen, und bat auch in ſeinem Innern ſein braves Weib um Verzeihung. Er vergab ihr die Vernichtung ſeines Reichthums, doch dieſes erſt mit dem letzten Athemzug. Wie der Schlechteſte unter den Schlechten nicht ſelten am ungeſtrafteſten davon kommt, ſo erging es auch dem Schreiber. Er lebte bei ſeiner Schweſter, der Rechnungsräthin, ſorglos von ſeinen Zinſen, ärgerte die Leute, wo er kannte, und verbitterte ſelbſt ſeiner Pflegerin ihre Lebenstage. Sie tröſtete ſich mit dem zu hoffenden Erbe— allein ſiehe— nach ſeinem Tode fand ſich ein Teſtament, worin er ſein zuſammengeſcharrtes und erwuchertes Vermö⸗ gen einer wohlthätigen Anſtalt vermachte. Ob aus Bosheit gegen die lachen⸗ den Erben, ob aus geheimer Gewiſſensqual oder ſonſtiger verborgener beſ⸗ ſerer Triebfeder— wer möchte das entſcheiden? Das ſchlechteſte Herz wie das beſte iſt nicht ganz zu ergründen. Der Thee. Von Ernſt Freiherrn von Bibra. Das Alter des Theegetränkes, ſeine Verbreitung und ſeine Einführung in Europa. Schon in den älteſten Zeiten lehrte der Inſtinkt in den eigentlichen Theeländern den Thee als Getränke benützen, und wie es bei ähnlichen ande⸗ ren narkotiſchen Genußmitteln der Fall iſt, wird der erſte Gebrauch desſel⸗ ben mit einer frommen Sage verknüpft: Darma, ein frommer und eifriger Buddha⸗Prieſter, kam von Japan nach China, um daſelbſt ſeine Religion zu verbreiten. Da ihn aber des Nachts der Schlaf zu übermannen und in dem heiligen Werke zu ſtören drohte, ſchnitt er ſich die Augenlider ab und warf ſie von ſich, und aus ihnen entſproßte der Theeſtrauch, der den Schlaf ver⸗ treibt. Eine ähnliche Sage führt den ſchlafvertreibenden Kaffee ein, und eine andere, wirklich reizende, läßt die Indianer mit dem beruhigenden Ta⸗ bak, als einem Symbole der Verſöhnung beſchenken. Daher die Friedens⸗ pfeife.— Trotz der Sage vom frommen Darma will man indeſſen doch wiſſen, daß der Thee in China früher als in Japan bekannt geweſen, denn er ſoll erſt 810 nach Chriſtus in Japan verbreitet worden ſein, während er bereits 783 in China mit einer Steuer belegt war. Nach Europa kamen Nachrichten über den Thee von Giovanni, von Batiſta, von Ramuſio(1559) von Ludwig Almeida(1576) und von Maf⸗ feus(1588) alſo in der zweiten Hälfte des ſechzehnten Jahrhunderts. Ein Spanier, Tereira, erwähnt ſeiner 1610 in einem Werke über Perſien, und alle bisher angeführten Schriftſteller, ſo wie auch 1633 Olearius, und die Araber, welche ihn ſchon früher kennen gelernt hatten, nannten ihn Cha, Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 141 Tsa oder Chia.— In Paris hatte man Thee bereits 1636; zu ſeiner eigent⸗ tlichen Verbreitung trugen indeſſen wohl die Holländer das Meiſte bei, Tul⸗ pius, ein Arzt in Amſterdam, pries ihn 1641 eifrig, und jetzt nahm eigent⸗ lich die Litteratur über den Thee ihren Anfang, in allerlei Schriften für und gegen.— Wir wollen einige derſelben anführen. 1679, Ein Werk von Cornelius Bontekoe, Tractat van het Ex- cellenste Kruyd Thee, und ſowohl der Thee, als auch Tabak, Kaffee und Chokolade, werden in dem Buche eifrig gelobt und angeprieſen.— 1684, Pechlin in Kiel: Theophilus bibaculus seu de potu Thee.— 1685, Peter Petit: Thea seu Sinensi herba Carmen, Bipsi. Lateiniſches Lobgedicht auf den Thee.— 1690, Schrift ohne Name des Verfaſſers, zu Frankfurt erſchie⸗ nen: Thee domi militiaeque valitudinis custos: Gründlicher Bericht, wie je⸗ der, dem ſeine Geſundheit lieb iſt, den Thee nicht allein zu Hauſe gebrau⸗ chen, ſondern auch wie ein Soldat ſich im Felde damit präſerviren könne.— 1721, unter dem falſchen Namen Med. Dr. Septimus Podagra, eine Schrift gegen den Thee unter dem Titel: Der profitable Apotheker⸗Tod in dem frembden Kräutlein Thee, ſammt ſeiner mediciniſchen Sackpfeife, Ge— ſprächs⸗weiſe vorgeſtellt ꝛc. ꝛc. Das ziemlich voluminöſe Schriftchen enthält in 222 Seiten, zwiſchen vielerlei Langweiligem, dennoch einigen, recht lie⸗ benswürdigen Blödſinn. Aus den am Schluße beigefügten Verſen geht übri⸗ gens hervor, daß man noch zu jener Zeit den Thee vorzugsweiſe als eine Art Arznei betrachtete, und wir führen aus dem 90 Zeilen langen Gedichte deßhalb einige Proben an: — „Soll Thee das Lumpen⸗Kraut, mich ſtärken und erlaben? Und eine Panacée bei jedem malo ſein? Ich kann vom Chrenpreiß dergleichen Vortheil haben, Wenn ich ſtatt deſſen füll, die koſtbar'n Taſſen ein, Salvey, und was dazu von den Wachholderbeeren, Und Holz von Sassafras kann auch der Thorheit wehren.“— „Ich will noch meine Luſt an deutſchen Kräutern ſchauen Was ihre Tugend Kraft, und ihre Würkung fann“— „Schweig tummer Bontekoe!(der oben 1679 erwähnte) mit Deinem Kinder Lallen, Den Apotheker⸗Tod, verurſacht nicht der Thee“— ac. ꝛc. Der Thee war 1660 in Holland durch die holländiſch-oſtindiſche Ge— ſellſchaft eingeführt worden; in jenem Jahre belobt Mandelslohe denſelben 412 Der Thee. wegen ſeiner mediciniſchen Wirkſamkeit, 1667 that ein franzöſiſcher Arzt das Gleiche, und es ſcheint alſo, daß der Thee, faſt hundert Jahre lang, vorzugs⸗ weiſe als Arznei oder als ein Schutzmittel gegen allerlei Krankheiten betrach⸗ tet wurde, und daß während ſich die Doctoren und Apotheker für und wider ſtritten, die letzteren aus begreiflichen Gründen wider, die Juriſten ſich paſſiv verhielten und dem Thee nicht, wie dem Kaffee und Tabak, buchſtäb⸗ lich mit Feuer und Schwert zu Leib gingen.— In Rußland und England fand für Europa wohl der Thee die erſte und allgemeinſte Verbreitung. Die klimatiſchen Verhältniſſe ließen hier den Inſtinkt ſprechen und wir kommen hierauf ſogleich weiter unten wieder zurück. Nach Rußland kam der Thee auf den Landwege, und ſchon 1674 fand ihn Kilberger dort unter dem Na⸗ men Tschoi, und gegenwärtig iſt er in Rußland unter allen Ständen das am meiſten verbreitete Getränke. Nach 1670 verbreitete er ſich in England ebenfalls ſchnell. Im Jahre 1664 ſchickte die engliſch-oſtindiſche Compagnie dem Könige zwei Pfunde Thee, als eine Seltenheit, zum Geſchenke. Einige Jahre ſpäter wurden hun⸗ dert Pfunde nach London gebracht, und bald wurde jetzt dort ziemlich häufig Thee getrunken. Das Parlament legte indeſſen zu Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts ſtarke Zölle, einmal fünf Schillinge für das Pfund, und jetzt wurde ſo ſtark und ſo allgemein geſchmuggelt, daß kaum die Hälfte des eingeführten Thee's wirklich verzollt wurde. Als aber hierauf die Zölle wieder herabgeſetzt wurden, ſteigerte ſich raſch die Einfuhr und der Verbrauch. Ueberhaupt wird, mit Ausnahme von China und Japan, in nördlichen Ländern durchſchnittlich mehr Thee genoſſen als in ſüdlichen, und ich will aus den mehrfachen mir vorliegenden Notizen nur einige kurze Anhalts- punkte geben, welche dies beweiſen und zugleich die noch gegenwärtig im Steigen begriffenen Conſumtion für England nachweiſen. Es wurden in England gebraucht: 1837, 30,625,206 Pfund; 1838, 32,351,593 Pf.; 1851, 53,965,112 Pf.; 1852, 54,724,613 Pf.; 1853, 58,860,127 Pfund. Im deutſchen Zollvereine 1852 war der Verbrauch 2,146,870 Pfund. — In Nordamerika 1847: 15,332,992 Pfund.— Schon in Preußen ſteht der Theeverbrauch gegen England zurück, trotzdem daß dort verhältnißmäßig mehr genoſſen wird, als in Süddeutſchland. So wurde in Preußen 1835 bei einer Bevölkerung von 13 Millionen Menſchen nur 200,000 Pfund ver⸗ braucht.— Nach freilich nur annähernd für richtig zu nehmenden Zahlen wer⸗ Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 143 den in Rußland jährlich verbraucht: 10 Millionen Pfund, in Holland,(183²) 2,700,000 Pfund,(eingeführt und verzollt wenigſtens). Trieſt und Venedig bedurften 1852: 550 Pfund, in Dänemark aber berechnet man jährlich 130,000 Pfund, und endlich in China jährlich 706 Millionen Pfund.— Auf die Kopfzahl berechnet ergibt ſich für China 2 Pfunde jährlich auf den Kopf;— England 2 Pf.— Nordamerika(1847) 1 Pf.— Rußland 5 Pfunde 4 Loth.— Deutſcher Zollverein 1 Pfund 9 Loth.— Frankreich 0,3 Loth.— Wir ſchließen jetzt dieſe Angaben über den Theeverbrauch in verſchiedenen Ländern und gehen über auf: Die Artund Weiſe das Theegetränke in verſchiedenen Ländern zu bereiten und zu genießen. Die anſtändigſte und vernünftigſte Art, den Thee zu bereiten, haben ohne Zweifel die eigentlichen Chineſen und die Japanen. Man gibt näm⸗ lich dort eben ſo viel Thee, als für eine Taſſe nöthig, in dieſelbe, gießt das kochende Waſſer auf und nimmt dann das Getränke, ſo warm als möglich, damit das Aroma nicht verloren geht, und ſelbſtverſtändlich ohne alle wei⸗ tere Zuthat. In einigen Grenzdiſtrikten des ſüdlichen China wird hingegen ein ver⸗ abſcheuungswürdiger Unfug mit der Bereitung des Thees verübt, welchen von Schönberg erzählt, und von dem wir hoffen, daß er nur geringe Aus⸗ breitung habe. Man nimmt dort auf zwei große Taſſen Waſſer einen Eß⸗ löffel voll Thee und bringt ihn wo möglich zwölf oder fünfzehn Stunden vorher in das Waſſer. Gleichzeitig legt man zehn bis zwölf geſchälte Man⸗ deln in Waſſer und reibt mit ihnen zuſammen: einen halben Theelöffel voll Zimmt, eben ſo viel Cardamom und eine halbe Kugel Betel. Dann kocht man eine Taſſe Milch etwas über die Hälfte ein. Jetzt wird der vorher eingeweichte Thee etwa zehn Minuten lang mit Soda gekocht, die Blätter entfernt, die Milch und die erwähnten Gewürze zugeſetzt und alles wieder zum Feuer geſtellt, und dann, nachdem man noch Zucker und Butter hinzu⸗ geſetzt hat, iſt das Getränke fertig. Es wäre indeſſen die Möglichkeit vor⸗ handen, daß dieſes Getränke, welches von Schönberg bereiten ſah, vielleicht nicht zum Genuſſe für Menſchen beſtimmt war, ſondern zur Vergiftung von Ratten oder irgend einer andern ſchädlichen Thierſpecies. Was die Mongolen und andere Völker Nordaſiens betrifft, ſo eſſen 144 Der Thee. dieſelben den ſogenannten Backſteinthee. Derſelbe beſteht aus den ſchlechte⸗ ſten Theeſorten, aus Abfällen und Stielen, welche man in Backſteinform preßt und häufig mit Ochſen⸗ oder Schafblut verſetzt, um ihm mehr Zu⸗ ſammenhalt zu geben. Die Mongolen bringen dieſen Thee in einen Keſſel, ſetzen Salz, Milch, Butter, Mehl und wahrſcheinlich auch andere eßbare Dinge, wenn ſie eben dergleichen haben, hinzu und kochen alles zuſammen. Die Brühe wird hierauf ausgelöffelt, und die Blätter ſchließlich als Gemüſe verzehrt. Die beiden jüngſt erwähnten Völkerſchaften, die Chineſen und die Grenzchineſen, genießen muthmaßlich den Thee ſitzend, und eben ſo wahr⸗ ſcheinlich die Mongolen den ihrigen auf der Erde liegend. Was die Deutſchen betrifft, ſo nehmen dieſelben die Theeſuppe theils ſitzend, theils ſtehend, je nach den Buß⸗ und Bildungsübungen, welche beim Genuſſe derſelben angeſtellt werden. Die Theeſuppe wird faſt allenthalben in Deutſchland einfach bereitet, indem man wenig Thee und viel kochendes Waſſer zuſammenbringt, und hierauf den Reſt des Theearoma's, welcher der dünnlichen Flüſſigkeit geblieben iſt, durch Zucker zu verjagen oder zu verber⸗ gen ſucht. Man verunreinigt hierauf die Flüſſigkeit mit Milch, welche man bisweilen Sahne oder Rahm zu nennen pflegt, und brockt hierauf mürbes Brod, Butterſemel, Zwieback, oder andere dergleichen Gegenſtände in die⸗ ſelbe, welche man entweder mit kleinen Löffeln wieder herausfiſcht und ver⸗ ſchluckt, oder auch durch bloßes Eintauchen zu erweichen ſucht und hierauf ſtückweiſe abbeißt, wobei, auf mehr oder weniger appetitliche Weiſe, die Taſſe untergehalten wird, damit nichts verloren geht. Muß ein Familienthee, ein muſikaliſcher oder äſthetiſcher Thee ausge⸗ ſtanden werden, ſo wird in den meiſten Fällen die Theeſuppe ſitzend gegeſſen, was nicht ſchwer, ſondern bloß langweilig iſt. Mehr Geſchicklichkeit gehört indeſſen zur Verſchlingung des Thee dansant, obgleich die Bereitung des⸗ ſelben ganz die vorher angegebene iſt. Man wählt zur Execution dieſer Uebung gewöhnlich eine nicht allzugroße Stube, welche etwa ein ausgewach⸗ ſener Kater mit einem Satze überſpringen kann, und ſetzt zwanzig und etliche Paare in dieſem Raum in tanzende Bewegung. Dann läßt man die zum Theeſuppen⸗Genuſſe beſtimmten Subjekte eintreten, deren Aufgabe es nun iſt, Hut und Taſſe in der Linken, vier bis fünf Stücke Backwerk, ge⸗ ſchickt vertheilt, in den Fingern der rechten Hand zu halten und mit äußerſt heiterer und vergnügter Miene, mit dicht an den Leib gepreßten Ellbogen Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 145 und dem Rücken an der Wand, ihre Taſſe, ohne das Mindeſte zu verſchütten, ſtehend auf dieſelbe Weiſe auszulöffeln oder auszutunken, wie es eben bei den ſitzenden Thees gezeigt worden iſt. Nach dem Dafürhalten Einiger, und vorzugsweiſe der Thee gebenden Hausfrauen, ſind die drei erwähnten Thee⸗ ſuiten hinlänglich geeignet, das Abendbrod zu erſetzen; Andere wollen wiſſen, daß ſie Kultur- und Bildungs⸗Surrogate wären; aber auch Diejenigen, welche nicht vollkommen dieſer Meinung ſind, vermögen der überwiegenden Anzahl deutſcher Theeabende nicht abzuſprechen, daß ſie die ſchwere Kunſt der Selbſtverläugnung in hohem Grade befördern. Was die Engländer betrifft, genießen dieſelben Fleiſch, Fiſche, Krebſe, Eier, Käſe, Obſt und überhaupt alles Eßbare zum Thee, der ſo wie bei uns mit Zucker und Milch verunreinigt wird, und Nordamerikaner habe ich ſogar einmal rohe Gurken zu denſelben verzehren geſehen; ob das aber häufig ge⸗ ſchieht oder bloß ausnahmsweiſe ſtattfand, vermag ich nicht anzugeben.— Die Ruſſen endlich trinken den Thee ſo heiß wie möglich und in denſelben Quantitäten, wie in unſerem engeren und deßhalb arg verläſterten Vater⸗ lande Bayern das Bier genoſſen wird, welche Mengen bei uns durch den Malzaufſchlag berechnet werden können, für die Ruſſen aber ſchon dadurch dokumentirt ſind, daß auf den Kopf jährlich fünf Pfunde und vier Loth Thee kommen.— Die chemiſchen Beſtandtheile des Thees ſollen verſprochener⸗ maßen ſo kurz wie möglich behandelt werden. Man hat im Thee die meiſten derjenigen Beſtandtheile gefunden, welche man in Pflanzenſtoffen im Allge⸗ meinen findet. So zum Beiſpiele Blattgrün, Wachs, Harz, Gummi, Gerb⸗ ſtoff, die ſogenannten extractiven Materien, Eiweiß ꝛc.— Abgeſehen von den extractiven Materien, welche ein Gemenge verſchiedener Subſtanzen ſind, die man nur ungenau kennt, weil ſie ſich unter der Hand des unterſuchenden Chemikers allzuleicht verändern, abgeſehen alſo von dieſen, ſind wohl die wichtigſten Beſtandtheile des Thees, das Theein, das ätheriſche Oel des Thees und vielleicht die Gerbſtoffe. Das Theein wurde zuerſt 1820 von dem Chemiker Runge im Kaffee aufgefunden und Caffein genannt, ſodann von Oudry im Thee entdeckt und für einen beſondern Stoff gehalten, bis Jobſt nachwies, daß beide Subſtan⸗ zen ein und dasſelbe ſind. Endlich fand man es ebenfalls in der Guarana, dem Teige der Frucht von Paulliria sorbilis, welchen die braſilianiſchen In⸗ Hausblätter. 1867. J. Bd. 10 146 Der Thee. dianer auf Reiſen mit ſich führen, mit Waſſer anreiben und aus demſelben ein„anregendes und kräftigendes“ Getränke bereiten. In dem Paraguay⸗ thee, welcher aus den Blättern und Stengeln einer Stechpalme, Ilex para- guayensis, bereitet und in Südamerika äußerſt häufig genoſſen wird(zehn Millionen Menſchen trinken denſelben), wurde es endlich auch gefunden. Es liegt alſo auf der Hand, daß dieſer Stoff gewiſſe Eigenſchaften beſitzen müſſe, da der Inſtinkt Menſchen, welche weit von einander entfernte Welttheile be⸗ wohnen, dennoch und unabhängig von einander auf den Genuß von Pflan⸗ zen geführt hat, die dieſes Theein oder Caffein enthalten. Leider geſtattet der Raum nicht, der mehrfachen Unterſuchungen zu ge⸗ denken, welche bezüglich der Einwirkung des Theeins auf den menſchlichen Körper angeſtellt worden ſind, und wir wollen nur bemerken, daß in mäßigen Mengen genoſſen, eine angenehme geiſtige Aufregung durch dasſelbe hervor⸗ gebracht wird, und ebenſo eine vermehrte Herzthätigkeit, während bei über⸗ mäßigem Genuſſe krankhafte Zuſtände eintreten, auf welche wir weiter unten in einem anderen Abſchnitte wieder zurückkommen müſſen. Alle Welt weiß oder hat wenigſtens gehört, daß ſtickſtoffhaltige Sub⸗ ſtanzen unvermeidlich nöthig ſind für die Ernährung des Körpers, das will ſagen, daß ohne ein Nahrungsmittel, welches Stickſtoff enthält, Menſchen und Thiere nicht beſtehen können. Da nun das Theein faſt 29% Stickſtoff enthält, ſo lag der Gedanke nahe, daß alle die Völkerſchaften, welche den Thee, den Kaffee, den Paraguaythee und die Guarana genießen, dieſes Stick⸗ ſtoffgehalts wegen zu dieſen Subſtanzen gegriffen haben. Es iſt aber nicht ſo, denn die Menge des im Thee enthaltenen Theeins ſelbſt iſt eine allzuge⸗ ringe. Im trockenen Thee ſind nur zwiſchen 2 bis 3% Theein enthalten, und die Menge des Stickſtoffs, welche, ſelbſt beim Genuſſe großer Quanti⸗ täten des Getränks, in den Organismus gebracht wird, iſt deßhalb ſtets eine zu unbedeutende, um bei der Ernährung von Wichtigkeit zu ſein. Die anregenden Eigenſchaften des Theeins ſind die Urſache, warum man ſich der Pflanzen als Aufgußgetränke bedient, welche es enthalten, und der Menſch hat inſtinktartig zu ſolchen Pflanzen gegriffen. Das Theein bildet ſternförmig gruppirte oder verfilzte Nadeln von weißer Farbe, es iſt in kaltem und warmem Waſſer löslich, iſt geruchlos und hat einen ſchwachbitterlichen Geſchmack. Dieſe Eigenſchaften ſind wenig be⸗ zeichnend, und eine Menge anderer Subſtanzen verhalten ſich auf ähnliche Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 147 Weiſe.— Eine andere Subſtanz, welche im Thee gefunden worden iſt, das ätheriſche Oel, iſt aber höchſt wahrſcheinlich von nicht geringerer Wichtig— keit als das Theein. Auf zweckmäßige Weiſe abgeſchieden, ſtellt es eine citron⸗ gelbe, auf Waſſer ſchwimmende und leicht erſtarrende Subſtanz dar und hat den Geruch und Geſchmack des Thees. Es wirkt, für ſich genoſſen, ſtark be⸗ täubend, durch den Gerbſtoff des Thees wird dieſe Wirkung aber gemildert. Die Menge, in welcher es in den trockenen Theeblättern enthalten iſt, beträgt etwas über 72%, aber trotz dieſer geringen Menge bedingt es dennoch das Aroma des Thees. Im Uebrigen iſt dieſes ätheriſche Oel nach mehrfachen Unterſuchungen nicht in den friſchen Theeblättern enthalten, ſondern wird erſt durch die Zubereitung des Blattes in ſeinem Vaterlande, und wahrſcheinlich durch das Erhitzen desſelben erzeugt, und daß der grüne Thee, wie die Unterſuchungen Mulder's zeigen, mehr von demſelben beſitzt, als der ſchwarze, liegt ohne Zweifel eben in dieſer Zubereitung, und ſehr wahrſcheinlich im ſtärkeren Röſten des grünen Thees. Großentheils wird aber auch die kräftigere Wir⸗ kung des grünen Thees vor dem ſchwarzen eben dieſer größeren Menge des ätheriſchen Oeles zuzuſchreiben ſein. Läßt man Thee längere Zeit dem Lichte, der Luft oder gar der Wärme ausgeſetzt, ſo geht ein Theil des Oeles verloren und der Thee verliert an Güte. Dies iſt allgemein bekannt und wird ſchon durch die Art und Weiſe bewieſen, wie der Thee verpackt wird, und wie man ihn bei uns in den einzelnen Haushaltungen aufbewahrt. Anfänglich aber läßt man in China ſelbſt den Thee faſt ſtets ein Jahr lang liegen, ehe man ihn als Getränke verwendet, da er friſch nach ſeiner Bereitung allzuſtark iſt, und wohl geht während dieſer Zeit ein Theil des ätheriſchen Oeles fort, und die chineſiſchen, eigens zum Theeprobiren beſtell⸗ ten Leute ſind ohne Zweifel auch deßhalb häufig Kopfſchmerzen und Schwin⸗ delanfällen unterworfen. Dieſe Theeprobirer aber haben die Aufgabe, den friſch bereiteten Thee zu koſten und deſſen Preiswürdigkeit zu beſtimmen, ein Geſchäft, welches beſchwerlicher ſein muß, als man auf den erſten Blick glau⸗ ben dürfte, und was ſchon durch den hohen Lohn bewieſen wird, den dieſe Theekoſter erhalten, nämlich 10,000 bis 12,000 Gulden jährlich. Auch die. Leute, welche fortwährend mit dem Einpacken des Thee's beſchäftigt ſind, ſind häufig Schwindelanfällen und Lähmungen unterworfen. Wem aber die heftigen Wirkungen einer Subſtanz, welche in ſo ge⸗ 10* 148 Der Thee. Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. ringer Menge vorhanden iſt wie dieſes ätheriſche Del des Thee's, nicht recht glaublich erſcheinen, der mag ſich einfach daran erinnern, daß der Duft des friſch gemähten Heues auch bei uns häufig Kopfweh erzeugt, daß beim Ab⸗ blatten des Hopfens ganz ähnliche Erſcheinungen eintreten, und endlich mag man des Duftes unſerer Blumen gedenken, der ebenfalls durch ätheriſche Oele bewirkt wird, welche aber häufig dennoch nur in ſo geringer Menge in den Blüthen vorhanden ſind, daß ſie nur höchſt ſchwierig oder gar nicht ab⸗ geſchieden werden können. Wir haben alſo als die vorzugsweiſe auf den menſchlichen Körper ein⸗ wirkenden Subſtanzen bezeichnet das Theein und das ätheriſche Oel. Wohl wahrſcheinlich ſind auch andere Beſtandtheile des Thee's nicht ohne Wirkung, und ſo werden zum Beiſpiel ſeine zuſammenziehenden Eigenſchaften ohne Zweifel vom Gerbſtoffe bedingt.— (Schluß folgt.) Aunno 866. Von Friedrich Lampert. 1) Am Haum des Kriegsſchauplatzes. (Fortſetzung.) Aber eine furchtbare Panique hatten jene Burſchen mitgebracht. Wun⸗ derbare Dinge verrieth der Telegraph: Inſicherheitbringung der öffentlichen Gelder, die Anfrage, ob Würzburg ſich halten ſolle oder ob die Feſtung ſo⸗ fort dem nahenden Feinde zu übergeben ſei. Aber dem lag damals noch nichts an Würzburg und Marienberg, ganz wo anders trat er plötzlich den Bayern wieder entgegen. Am 10. Juli war's, einem ſchönen, klaren Som⸗ mertag; die Luft war rein und darum konnten wir's deutlich vernehmen, als auf einmal ferner Kanonendonner zu uns herüber drang. Es war der erſte ernſte Kriegesgruß in meine friedliche Heimat, die erſte faſt ironiſche Ant⸗ wort auf die tröſtlichen, vertrauensſeligen Verſicherungen, deren ich bis da⸗ hin ſo viele, mündlich und brieflich, bekommen hatte, daß das Kriegsgetüm⸗ mel wohl nimmer bis zum„idylliſchen Freundeshaus“ ſich verirren würde. Mit der„Idylle“ ſollte es bald aus ſein. Die Schlacht mußte zehn bis zwölf Stunden entfernt ſein; allein wir hörten Schlag auf Schlag, Schuß auf Schuß, raſch hintereinander, vom frühen Morgen bis zum Abend. Der Richtung nach war ich auch nicht lange in Zweifel, wo gekämpft wurde, und ſchon am andern Morgen hatten wir ſo ziemlich genaue Nachricht von dem blutigen Tag von Kiſſingen und Nüdlingen. Und ein zweites Telegramm meldete, daß„die bayriſche Armee alle Reſerven an ſich gezogen habe und ſchlachtbereit bei Schweinfurt ſtehe.“ 150 Anno 1866. Daß die Preußen ſie dort ſtehen laſſen könnten, daran dachte man nicht: ſie mußten kommen. Gewaltige Vertheidigungsmaßregeln, den ganzen Main hinab, von Schweinfurt bis Würzburg, wurden ergriffen; ein raffinirter Vertilgungskrieg zumal gegen alle Brücken und Fähren, welche das linke Mainufer— das rechte hatte man ſchon ganz aufgegeben— in Feindes⸗ hände hätten liefern können, begann. Letztere wurden, mochten die Eigen⸗ thümer remonſtriren, wie ſie wollten, verſenkt, die fliegende Brücke bei Karl⸗ ſtadt verbrannt, die von Ochſenfurt wenigſtens an zwei Jochen mit gleicher Gunſt bedacht, die Schweinfurter angebohrt, und nur mit großer Mühe ge⸗ lang es, die prächtige, erſt vor zwei Jahren mit großen Koſten erbaute Eiſen⸗ bahnbrücke bei Kitzingen, welche dem intelektuellen Urheber dieſer Maßre⸗ geln, dem Kommandanten der Reſervecavallerie, Fürſten Taxis, namentlich ein Dorn im Auge war, zu retten. Es war gut, daß ſie blieb, ſo konnte doch wenigſtens ſein Wagen, als er bald darauf in den wohlverdienten Ruhe⸗ ſtand geſchickt wurde, ungehindert die ſichere Heimat erreichen. Solche Maßnahmen mußten natürlich auf die Bevölkerung ihren Rück⸗ ſchlag üben: war die ganze Gensdarmerie aus ganz Unterfranken abgezo⸗ gen, hatte man Wagons und Lokomotiven aus dem Bahnhof und ſogar alle alten Bettſtellen und Stühle aus den Kaſernen von Würzburg geflüchtet— was ſollte man es den Leuten übelnehmen, wenn ſie auch an's„Davon⸗ gehen“ dachten? Darum ſah's in jenen Tagen auf den ſeit Jahren durch die Eiſenbahnen um alle Kundſchaft gebrachten Landſtraßen, namentlich denen, welche in entlegenere Gebiete, ſo zum Beiſpiel in die allerdings etwas welt⸗ abgeſchiedenen Marken der ehemaligen Reichsſtadt Rothenburg ob der Tau⸗ ber, führen, kunterbunt aus; ausgediente Omnibuſſe, abgefahrene Eilwagen, Leiterwagen, die ſchlechteſten Vehikel kamen zu Ehren und rollten neben ele⸗ ganten Equipagen in möglichſt ſcharfem Trabe dahin, hochbepackt mit Kof⸗ fern und Kiſten, grobem und feinem Hausrath, großen und kleinen Inſaſſen, und leichter ſchlug deren Herz und freier athmete ihre Bruſt, je mehr eine Stunde nach der andern ſich zwiſchen ſie und die verhängnißvolle„Main⸗ linie“ legte. Ich hatte eben von ſo einer flüchtigen Freundesfamilie Abſchied genom⸗ men, als mir ein Bäuerlein angſtvoll zurief:„der Main brennt!“ Glück⸗ licherweiſe meinte er nur die Ochſenfurter Brücke, deren hölzerner Beſtand⸗ theil gerade in hellen Flammen aufging, wobei man nur vergeſſen hatte, daß jenſeits eine Ladung mächtiger ſogenannter Holländer Stämme lag, welche Von Friedrich Lampert 151 ſofort über die ſtehengebliebenen Joche hätten geworfen werden und einen leichten Uebergang erzielen können. Bedenklich kriegeriſch ſah es dort unten aus. Vorbeikommende Offiziere erzählten mir, daß ſie ſelbſt ſchon die preußi⸗ ſchen Vorpoſten jenſeits des Fluſſes geſehen hätten, es war alſo ganz gerecht⸗ fertigt, daß man den Bahnhof von Marktbreit mit Kanonen ſpickte, daß es in den kleinen Uferorten von Truppen, namentlich Reiterei, wimmelte und ſtrengſte Vigilanz gegen alles irgendwie Verdächtige geübt wurde. Aber all das Mühen und Sorgen war umſonſt: die Preußen kamen eben diesmal wieder nicht, auch nicht vor die Front der concentrirten Schlacht⸗ ſtellung des bayriſchen Feldmarſchalls, ſondern waren unmittelbar nach der Schlacht von Kiſſingen den alten Weg, auf dem ſie dort ſo überraſchend ge⸗ kommen waren, über Hammelburg und Gemünden, zurückgegangen, um ſchon am 13. bei Laufach die Heſſen zu ſchlagen und dann als des Krieges rechte, erſehnte Braut Frankfurt zu nehmen. Das bayriſche Hauptquartier ſuchte indeſſen Unterhandlungen über eine Waffenruhe mit eventuellem Frie⸗ densſchluß und blieb darum unthätig in Geroldshofen, einem unterfrän— kiſchen Städtchen unweit Kitzingens, ſtehen. Das 8. Armeecorps, das noch immer nicht mit dem 7., dem bayriſchen Heer, zur Vereinigung hatte kom⸗ men können, erhielt Befehl, dieſe nun hart in meiner Nähe, bei Würzburg und Uffenheim zu ſuchen. Die Bayern ſelbſt zogen am 16. in dieſer Rich⸗ tung ab. Tags darauf, am 17. ſuchte ich ſie in Würzburg auf. Das Hauptquar⸗ tier hatte die Stadt ſchon wieder verlaſſen und war nach Remlingen, auf der Wertheim⸗Frankfurter Straße, gegangen. Aber doch ſah es noch kriege⸗ riſch belebt genug aus. Alle öffentlichen Plätze ſtanden voll von Munitions⸗ und Gepäckwagen, Pferden und Ochſen; durch die Straßen konnte man ſich kaum einen Weg bahnen vor Truppen aller Waffengattungen, die ſie füllten. Sie bivouakirten ſchon ſeit zwei Tagen auf dem Pflaſter, geſpeist und getränkt von den theilnehmenden Würzburgern, ungebeugten Muthes trotz all der Strapazen und Kreuz⸗ und Querzüge, die ſchon hinter ihnen lagen, die Zeit mit fröhlichen Soldatenliedern ſich verkürzend, bis die Reihe zum Abmarſch auch an ſie kam. Eben, als ich mit dem letzten Zug die Stadt wieder verließ, wurde wieder Generalmarſch geſchlagen, die Truppen eilten nach ihren Sammelplätzen. Mitte meines Weges, auf der Station Ochſenfurt, wo eine direkte Straße von der badiſchen Grenze her an den Main läuft, traf ich eine Ab⸗ 152 Anno 1866. ſtheilung badiſcher Gensdarmen, die ſich vor den Preußen zurückgezogen hat⸗ ten und mir die Nachricht brachten, daß dieſe am Morgen des Tages ſchon in Tauberbiſchofsheim eingezogen waren. An demſelben Abend war das 8. Armeecorps dort ſchon zum Rückzug gedrängt. Die Preußen waren alſo auf einmal wieder auf einem ganz anderen Punkte aufgetaucht, als ſie Prinz Karl erwartet hatte. Da das 8. Armeecorps durchaus direkt nach Aſchaffen⸗ burg vordringen wollte, war der Oberkommandant genöthigt geweſen, auch die Bayern durch den Speſſart zu dirigiren, und hatte deßhalb ſeinen Marſch ſchon in dieſer Richtung angetreten. Nun, als die Preußen plötzlich an der Tauber erſchienen, mußte er eine vollſtändige Frontveränderung machen. So ſchwierig ſie war, ſie gelang vollſtändig, und noch mehr, der vollſtändige Sieg wäre gelungen, wenn das 8. Armeecorps dem an dasſelbe ergangenen gemeſſenen Befehl, offenſiv vorzugehen und zu einem, bei der beiderſeitigen bedeutenden Truppenzahl ganz gewiß erfolgreichen, gemeinſamen Hauptſtoß mitzuwirken, Folge geleiſtet hätte. Die Gefechte von Würzburg, vom 25——27., waren eingeleitet. Sie waren mir nahe genug, um wieder den Kanonendonner deutlich zu hören. Am Donnerſtag, 26. Abends, kamen ſchon einzelne Soldaten, Marode, Ver⸗ wundete, Ordonnanzen mit der Bahn hier durch, die augenzeuglichen Bericht vom Schlachtfeld brachten. Im Ganzen lautete derſelbe günſtig; die Reiter zumal zeigten ihre arg verſchlagenen Helme, hatten preußiſche Beutepferde bei ſich und erzählten von dem Cavalleriegefecht bei Hettſtädt, das ſie Mit⸗ tags noch mitgemacht und bei dem ſie„den Preußen endlich einmal hätten einheizen dürfen.“ Aber ſo recht ganz freudig und zuverſichtlich war doch nicht alles, was man hörte. Es war in der Wirklichkeit auch anders. Der Bundesfeldzug war in der Stunde ſchon zu Ende. Den ganzen Tag über hatte der Rückzug des 8. Armeecorps durch Würzburg gedauert. Ein Rückzug war's, wenn man's auch nicht eingeſtand. In unabſehbaren Maſſen wälzte es ſich auf den von dem Plateau, auf dem noch die Bayern im Kampfe ſtanden, herab⸗ führenden Straßen der Stadt zu: Württemberger, Heſſen, Badenſer, Ita⸗ liener, alles bunt durch einander. Auf der Mainbrücke und zwei Schiff⸗ brücken drängte es ſich herein. Die württembergiſche Cavallerie ſchwamm durch den Fluß; erſt zögerte ſie, da ſprengte der Oberſt des erſten Regiments voran, den ſteilen Abhang hinab, faſt ſank das ſich wild aufbäumende Pferd, aber es kam glücklich hinüber und ihm nach ſeine Reiter. Matt und müde, Von Friedrich Lampert. 153 ausgehungert waren faſt alle, die da gekommen waren; in wenigen Stunden war, was an Brod und Fleiſch in den Läden zu finden war, ausgekauft. Aber auch die Privaten eilten herbei und brachten, was Küche und Keller bot. Ganze Fäſſer Wein legten ſie auf die Straße: die Soldaten ſollten nicht entgelten, was Kurzſichtigkeit oder, ſoll man's noch ſchlimmer bezeich⸗ nen, von oben geſündigt hatte. Gegen Abend waren dann auch die Bayern, aus der Schlacht von Roßbrunn kommend, nachgerückt und um die Stadt herum vertheilt und dann ſpäter weiter die Nürnberger Bahn entlang, Rot⸗ tendorf und Kitzingen zu, zurückgeſchoben worden. All das wußte ich in ſolcher Ausführlichkeit natürlich an jenem Don⸗ nerſtag Abend in meiner ſechsſtündigen Entfernung von dem Schauplatz der eben geſchilderten Scenen nicht; im Gegentheil, gerade das Halbe und Un⸗ vollſtändige, das man erfahren, ſteigerte die Aufregung und Ungewißheit nur noch mehr. Ich mußte wieder nach Würzburg, um dort mit eigenen Augen zu ſehen. Als ich mich alſo zur Fahrt dahin am Freitag, 27. Juli, Morgens auf meinem Bahnhof einfand, war alles noch in alter, guter Ord⸗ nung. Das erſte und zweite„Zeichen“ kamen ganz wie gewöhnlich, darauf der Zug mit derſelben altgewohnten Pünktlichkeit, nichts beſonderes mit ihm und an ihm, als daß aus einem Wagen erſter Claſſe ein paar Stabsoffiziere der Bundesarmee herausſchauten, welche, wie ich ſpäter erfuhr, Depeſchen an das Hauptquartier derſelben hatten. Ohne Gefahr ging's auch bis zur erſten Station, wo die Ansbach⸗Würzburger Bahn an den Main tritt, und ſchon war dort die gewöhnliche Wartezeit abgelaufen, ſchon der Fuß wieder zum Einſteigen gehoben, da hieß es auf einmal:„warten auf unbeſtimmte Zeit.“— Warum, das erfuhr niemand; man ſah nur, daß alle Güterwa⸗ gen vom Zug abgehängt wurden und dieſer endlich mit den wenigen Perſo⸗ nenwagen allein weiterfuhr. Je näher wir Würzburg kamen, deſto bedenk⸗ lichere Geſichter gab es auf den Stationen; aber klar wurde mir die Situation erſt, als ich auf der letzten vor Würzburg, Heidingsfeld, dem Knotenpunkt dieſer und der Heidelberger Bahn, angelangt war. Dort wurde uns eröff⸗ net, daß der Zug augenblicklich umzukehren habe, daß die Eiſenbahnbrücke über den Main verbarrikadirt und unzugänglich ſei, und daß an den Thoren der Stadt jeder Nichtmilitär zurückgewieſen werden würde. Ganz leiſe ging nebenbei das Gemurmel durch den Bahnhof, daß die Pickelhauben ſchon hier und da aus den Wäldern auftauchten und jeden Augenblick in das Thal her⸗ niederſteigen könnten. Aber was ſollte das ſchaden? Da drüben auf den 154 Anno 1866. Rebenbergen des rechten Mainufers ſtanden die Kanonen der Naſſauer und Bayern aufgepflanzt, auch vom Nikolausberge, der der Feſtung Marienberg unmittelbar gegenüberliegenden und nur durch ein ſchmales Thal von ihr getrennten Höhe, blitzten Batterien herunter: unter ſolchem Schutze konnte man ſchon noch in die Stadt kommen, und jetzt, wo man daran war, viel⸗ leicht einen wirklich ernſten Vorgang mit anzuſehen, durfte man nicht um⸗ kehren. Alſo vorwärts! Eine halbe Stunde hatte ich noch nach Würzburg hinein. Ich ging der Brücke, die neben dem Bahngeleis einen Fußpfad hat, zu. Daß ich dort an⸗ gehalten werden könnte, kümmerte mich wenig: ich zeigte den ſchon genann⸗ ten Bundesoffizieren den Weg, dafür konnten die mich bei den Vorpoſten le⸗ gitimiren. Ich ging neben einem badiſchen Major.„Wie gefällt Ihnen dieſer moderne Argonautenzug?“ fragte er mich—, da ſchnitt meine Ant⸗ wort ein Kanonenſchuß ab, der drüben auf dem Nikolausberge aufkrachte. Sofort kam ihm der Gegengruß von den Batterien des rechten Ufers. Ich konnte im Augenblick das Ding nicht verſtehen. Die da droben auf dem Käppele— ſo heißt der Nikolausberg im Volksmund— konnten doch un— möglich Preußen ſein; ſo dicht vor die Thore der Feſtung und der Stadt, wo ja wenigſtens der letzteren Schickſal ganz in ihrer Hand lag, konnte man ſie doch unmöglich gelaſſen haben? Aber unglaublich und doch wahr! Weil der Rückzug des vorigen Tages nicht vom Feind geſtört worden war, hielt man eine weitere Ausbeutung ſeiner Erfolge für unmöglich. Da ſchreckte noch in der Nacht des Donnerſtags die Meldung Würzburg aus ſeiner falſchen Sicherheit auf, daß die Preußen ſchon das eine Stunde entfernte kleine Dorf Höchberg beſetzt und dort unerſchwingliche Requiſitionen erhoben hätten. Allein trotzdem ließ man die Würzburg beherrſchenden Höhen, welche alle noch der Bundesartillerie zugänglich geweſen wären, namentlich die beiden die Feſtung dominirenden wichtigen Punkte des Nikolausberges und des Guttenberger Waldes, unbeſetzt. Vergnüglich zogen daher die Preußen in die neue, eben erſt fertig gewordene, ſo freundlich ihnen überlaſſene Stern⸗ ſchanze auf erſterem ein, warfen gemüthlich und ungeſtört vor letzterem und am Hexenbruch, am Höchberger Wege, neue auf und begannen dann— ſo um 11 Uhr Mittags mochte es ſein— die Beſchießung der Feſtung. Mein Weg war alſo kein ganz ſicherer mehr. Ich ſtand vor der Barri⸗ kade, welche in ganz anſtändiger Höhe die Brücke ſperrte. Bajonnete blitzten hinter ihr auf, fremdartige, trotzige Geſichter ſchauten uns zweifelhaft an; Von Friedrich Lampert. 155 es waren Italiener, welche die Wache hatten. Der öſterreichiſche Hauptmann, der mit uns war, ſtand ſchon oben auf der Barrikade und verhandelte wegen unſeres Hinüberkommens. Wir kletterten ihm nach und kamen glücklich hin⸗ über. Da aber nahmen die Offiziere freundlich Abſchied von mir, indem ſie ſich gleich den Weinbergen zu, zu den nächſtſtehenden Batterien wandten, und ich hatte nun das Vergnügen, allein meinen militäriſchen Spaziergang über das Blachfeld fortzuſetzen. Unvergeßlich wird er mir bleiben, obwohl oder vielleicht weil er nicht ohne Gefahr war. Das Schießen wurde immer hefti⸗ ger, die Granaten ſausten über meinem Kopf weg, eine ſchlug kaum 300 Schritte von mir entfernt ein, viele platzten auf der Straße. Es war ſchon angenehm, als ich endlich am Thore war und dasſelbe zu meiner Verwunde⸗ rung ganz ungehindert paſſiren konnte. Ich ging durch die ſchönen, Würz⸗ burg umziehenden Glacis nach dem Bahnhof, oft aufgehalten von Soldaten aller Art, daherſprengenden Ordonnanzen, Wagen, auch Flüchtigen, welche beſtürzten Angeſichts der Stadt enteilten. Auf dem Bahnhof drängte es ſich wirr durcheinander; Haufen von Sol⸗ daten ſtanden auch dort herum, Gruppen von Offizieren neben einander, beobachtend, berathend und beſprechend; Ambulancen, Wagen mit Verwun⸗ deten kamen aus den Spitälern der Stadt, um mit der Bahn weiter gebracht zu werden, da ja von den benachbarten Schlachtfeldern her neue Ankömm⸗ linge in jenen zu erwarten ſtanden. Prächtig konnte man von dort aus das Bombardement mit anſehen; jeden Schuß faſt ſah man aufblitzen und erwi⸗ dert werden. Ich ging in die Stadt hinein. Wie hatte die ihre ſonſt ſo heitere Phy⸗ ſiognomie verändert. Wie ausgeſtorben die Straßen, alle Läden und Fenſter geſchloſſen, kein Menſch zu ſehen, nur dort an der Brücke ſteht ein Häuflein, das zur Feſtung hinaufſieht; da fällt eine Granate mitten hinein und tödtet ſofort einen Arbeiter. Kaum iſt der Arme weggebracht, ſo ertönt der Schre⸗ ckensruf:„Die Feſtung brennt!“ Sie brannte wirklich, eine Zündgranate war in das Zeughaus geflogen, ſofort ſtieg eine hohe Rauchſäule auf und der Bau ſtand in hellen Flammen, ein traurig ſchöner Anblick. Es war eben auch da wieder viel Klugheit an den Tag gelegt worden. Während man den Bürgern der Stadt den guten Rath gegeben hatte, alles Brennbare von den Böden ihrer Häuſer zu entfernen und Waſſer hinaufzu⸗ ſchaffen, hatte man alle Strohmatrazen, Zelte und ſonſtige leicht zu entzün⸗ dende Dinge unter dem Dache des Zeughauſes aufgeſpeichert; auch eine gute — —————— 156 Anno 1866. Anzahl prächtiger, ſo nöthig zu brauchender Podewilsgewehre waren dort aufbewahrt, die in der furchtbaren Glut zwei, drei zu einem Klumpen zuſam⸗ menſchmolzen; kurz, das Feuer fand gute Nahrung. Trotzdem hielten die braven Truppen, meiſt erſt ganz friſch eingetretene Mannſchaften, inmitten des Feuers tapfer aus, und ſchoſſen, oft nur ſpärlich gedeckt, mit unermüd⸗ lichem Eifer. So gut die Preußen zielten, ſie konnten es noch beſſer, auf dem Nikolausberge wurden einige Kanonen demontirt, und als die Feinde, nach⸗ dem ſie das Zeughaus in Brand geſetzt, Miene zum Stürmen machten, nahmen ihnen einige trefflich gezielte Vierundzwanzigpfünder wieder alle Luſt dazu. Ob man aber nicht ſpäter doch den Sturm durchgeſetzt hätte? Für jetzt ſchwieg allmälig die Kanonade, nachdem ſie von 11 Uhr Mittags an bis nach 3 Uhr mit immer ſteigender Heftigkeit gedauert hatte. Ein Parlamentär war bei dem General Manteuffel erſchienen, um dieſem Würzburg als eine offene Stadt zu erklären und zur Einſtellung der Beſchießung zu veranlgſſen. Nach längeren Unterhandlungen erſt und nachdem der Generalſtabschef v. d. Tann dieſe perſönlich aufgenommen hatte, geſtand der preußiſche Befehlshaber eine Waffenruhe zu, welche aber am 31. Juli wieder gekündigt wurde, ſo daß ſich das arme Würzburg abermals in grauſamer Ungewißheit ob ſeines Schick⸗ ſals verſetzt ſah und es am Ende als eine Erleichterung fühlen mußte, als es endlich wirklich den Preußen übergeben wurde und dieſe am 2. Auguſt in die ſo heiß erworbene Stadt einzogen. Von all dem aber wußte ich natürlich in jener Nachmittagsſtunde noch nichts, vielmehr war es viel wahrſcheinlicher, daß das Bombardement bald wieder aufgenommen werden und dann der Sturm folgen konnte, und darum räthlicher, ſo lang es noch ging, an den Rückzug zu denken. Auf dem Bahn⸗ hof mochte man gleiche Gedanken haben, denn man ging offenbar daran, ihn wieder zu räumen, wie man ſchon einmal gethan hatte: ein unendlicher Zug ward zuſammengeſtellt, ein ganzer Trupp Lokomotiven vorgeſpannt, man nahm Platz, wo man ihn fand, und hinaus keuchte die Rieſenſchlange auf der einzigen noch ganz freien Bahn, der nach Nürnberg führenden Schienenſtraße. Mein Heimweg war mir verlegt, das hatte ich mir gleich bei meinem Spa⸗ ziergang am Morgen geſagt, und eine Beſtätigung wurde mir dafür, als ich in Würzburg eine Depeſche aufgeben wollte und die Antwort erhielt, daß ſo eben die Leitung unterbrochen worden ſei. Der Telegraphiſt konnte ſich die Sache nicht erklären: ich wußte, woran ich war. Glücklicherweiſe machte ich auf der Nürnberger Bahn keinen großen Von Friedrich Lampert. 157 Umweg und konnte immer noch des Abends nach Hauſe kommen, da ich ſchon an einer der erſten Stationen jene verlaſſen konnte. Zudem kam mir nun ein zweites höchſt intereſſantes Bild dieſes ereignißvollen Tages zu Geſicht: die ganze Bundesarmee, wie ſie auf Stunden weit längs der Bahn aufgeſtellt war. Ein Theil bivouaquirte, ziemlich ſorglos dem Anſchein nach, als ob nicht jeden Augenblick das Alarmſignal ſie zur Schlacht rufen konnte. Dort mar⸗ ſchirten Andere, lange Züge, Staubwolken aufwirbelnd, weithin von ihnen bedeckt. Die Geſchütze und Munitionsparke ſtanden mitten in den ſchönſten Weizenfeldern, in der Haberflur machte ſich's die Reiterei bequem; man hielt's für unmöglich, daß da noch ein Körnlein aufgehen, ein Hälmchen wach⸗ ſen könne, wie das alles zerſtampft und zertreten war. Da wurde abgekocht, dort erſt geſchlachtet; hier ordnete ſich gerade eine Schwadron Uhlanen zum Weitermarſch, dort ſaßen die anderen ganz gemüthlich plaudernd bei einan⸗ der und neben ihren angepflöckten Pferden. Von allen Höhen, auf den Fel⸗ dern, in den Wieſengründen ſchimmerte es von Waffen, es gelang dem Bahn⸗ zug kaum, ſich durchzuwinden.— Wir hatten viele Verwundete mit uns, die weiter geſchafft werden ſollten; an allen Stationen fanden ſie Erquickungen, überall drängte man ſich theilnehmend, fragend herzu. Endlich war ich auf dem Heimweg und nach ein paar Stunden Gehens, wenn auch in ſpäter Abendſtunde, daheim. Der Gruß der mir Begegnenden klang mir eigenthümlich theilnahmsvoll. Man hatte alſo das Bombardement deutlich genug gehört und war ob meines Geſchicks beſorgt? Nein, daß ich ſo weit nur vorgedrungen ſei, das hatte man gar nicht geahnt, ſondern ganz Anderes mir zugedacht: der Zug, mit dem ich am Morgen nach Würzburg gefahren und der, wie oben geſagt, in Heidingsfeld umgekehrt war, war nicht mehr zurückgekommen. Als er in Winterhauſen, der zweiten Station von Würzburg mainaufwärts, einfuhr, ſprengten auf einmal preußiſche Huſaren auf den Bahnhof und erklärten ihn für gute Priſe. Die Paſſagiere und, nach gehöriger Durchſuchung, auch die Kondukteure wurden in Gnaden ent⸗ laſſen und konnten zu Fuß die für Viele ſtundenweit entfernte Heimat errei⸗ chen, der Bahnexpeditor mit Todesandrohung für das Verbleiben des Zugs im Bahnhof verantwortlich gemacht. Der Schnellzug, der eine Stunde ſpäter des Weges kommen ſollte, wurde noch rechtzeitig gewarnt; er führte eine große Summe Geldes für die Armee mit ſich und wäre jedenfalls eine beſ⸗ ſere Beute geweſen, als meine arme Perſönlichkeit. Denn daß ich mit gefan⸗ gen genommen worden ſei und mich auf dem direkten Wege in's feindliche 158 Anno 1866. Lager oder gar auf eine preußiſche Feſtung befände, das war eben die Hiobs⸗ poſt, die zu den Meinen gedrungen war, und die ich nun durch die Erzählung von einer andern, vielleicht doch noch intereſſanteren und bedenklicheren Aven⸗ tiure, als die mir zugedachte geweſen wäre, widerlegte. Aber konnten nun nicht jeden Augenblick, wenn ſie einmal ſo weit wa⸗ ren, die Preußen hierher kommen? Es waren ein paar Tage voll„Hangens und Bangens in ſchwebender Pein“. Das reinſte Robinſonsbewußtſein war über uns gekommen, wir waren wie ausgethan aus der Welt. Keine Loko⸗ motive ließ ſich mehr blicken, als ob nie ein ſolch Ungethüm ihre Schienen befahren hätte, lagen die Bahnhöfe da, todt und ſtill; Expeditoren, Billeteure, Poſtboten feierten; der Telegraph flatterte zerriſſen an den Stangen, keine mündliche oder ſchriftliche Botſchaft drang mehr herein in dieſe peinliche Un⸗ gewißheit. Endlich kam welche, aber wenig erfreulicher Art, von Requiſitio⸗ nen, welche die Preußen in ziemlich nahe gelegenen Orten ſchon erhoben hät⸗ ten oder weiter zu erheben ſich anſchickten. Küraſſiere oder Huſaren ſprengten da plötzlich in ein Dorf, verſicherten ſich des Schultheißen und hatten mit großer Geſchäftsgewandtheit in wenigen Stunden ſo viel Ochſen, Brod, Hafer, Stroh beiſammen, als ſie eben brauchten oder vielmehr haben woll⸗ ten. Daß dabei nicht immer fein verfahren wurde, iſt Thatſache, aber nicht minder auch, daß ſie's wirklich brauchten; denn die Mainarmee, die vor Würz⸗ burg ſtand, war in keiner beneidenswerthen Verfaſſung, ſondern ausgehun⸗ gert durch die übergroßen Märſche, die ſie hatte machen müſſen, auf's tiefſte erſchöpft. Sie mußte darum auch Würzburg um jeden Preis zu bekommen ſuchen, nur um ſich reſtauriren zu können. War Waffenruhe oder nicht? Wir wußten es immer noch nicht. Da auf einmal, es war vier Tage nach dem Bombardement von Würzburg, am 31. Juli, einem trüben, regneriſchen Abend, erſchienen Reiter vor mei⸗ nem Orte und bald kam's ihnen in dumpfem, langgehaltenem Rollen nach: in ſtundenlanger, faſt endloſer Reihe zog vor meinem Hauſe die ganze Artil⸗ lerie des achten Armeecorps vorüber, die Württemberger voran, dann die Heſſen und Naſſauer, prächtige Geſchütze mit trefflicher Beſpannung; nur die Badenſer fehlten, ſie waren ſchon nach Hauſe gegangenz; ſie hatten's eilig damit. Sie zogen alle weiter, nach benachbarten Orten; uns blieb nichts. Da, in ſchlafender Nachtzeit ſchon, tönten auf einmal die ſchon zur Ruhe gegan⸗ genen Einwohner alarmirende Glockenzeichen. Ich wurde zu einem heſſi⸗ — Von Friedrich Lampert. 159 ſchen General, der eben angekommen ſei, entboten. Er bat um Obdach für ſeine ihm folgenden Truppen, die ſeit Wochen kein trockenes Lager mehr ge⸗ ſehen. Was geſchehen könne, verſprach ich ihm. Aber 4000 Mann und ſo und ſo viel Pferde in einem Dorf mit 700 Einwohnern unterzubringen, war nichts Leichtes. Doch es ging. Ställe und Scheunen wurden geöffnet, Keſſel mit Milch über das Feuer gehangen, Fleiſch und Brod gerichtet: die Leute dauerten einen in der ſchaurigen Nacht. In Strömen goß es vom Himmel, kein Sternlein war zu ſehen, und nun quoll's aus der Finſterniß nur ſo her⸗ aus, Mann an Mann, Roß an Roß. Trommeln wirbelten, Hörner riefen, dazwiſchen das Schreien der Leute, das Wiehern der Pferde, die Unmöglich⸗ keit faſt, ſich durch den dichten Knäuel durchzuwinden, und doch die Nothwen⸗ digkeit, ſo viel als möglich ordnend und helfend einzugreifen,— es war ein unheimlich Ding. Bis lange nach Mitternacht währte der Einmarſch. Endlich lagerte ſich etwas Ruhe über dem aus ſeiner gewohnten Stille plötzlich ſo aufgeſchrecktem Orte. Ich ſaß mit dem würdigen Oberſten v. O. und einigen ſeiner Offiziere im traulichen, die ſo lange eines ſolchen Entbeh⸗ renden angenehm anmuthenden Zimmer und ließ mir erzählen eine jener trau⸗ rigen Variationen, welche man von da an hörte und nun überall hört, über die traurige Melodie dieſes Bundesfeldzuges, von ihrem Auszug an und dem mühevollen, unnützen Hin⸗ und Hermarſch auf den unwirthlichen Höhen des Vogelsberges bis zu dem blutigen Tag von Frohndorf und nun ihren Rück⸗ zug hierher. Daß es ein Rückzug war, auf dem dies Corps begriffen, das ſah man alsbald: es war eine merkliche Aufregung, eine ängſtliche Haſtig⸗ keit, und dabei ein trübes, niedergeſchlagenes Weſen in allem.„Wir wollen dem Schickſal der Hannoveraner entgehen,“ ſagte mir der Oberſt, als ich ihn um die Urſache ſolch ſchnellen, unangemeldeten Kommens befragte. Die mit den Bayern abgeſchloſſene Waffenruhe, von deren Exiſtenz ich jetzt erſt etwas erfuhr, galt nicht für die Bundesarmee, und ſelbſt ſie war an dem Tag gekündigt worden. Die Reichstruppen hatten alſo Grund genug, auf ihrer Hut zu ſein. Vorpoſten waren ausgeſtellt, Ordonnanzen gingen bis ſpät in die Nacht hin und her, Bivouacfeuer leuchteten aus weiterer Entfernung, wo andere Tau⸗ ſende gelagert waren, herüber. Der Gedanke, daß in wenigen Stunden vielleicht die verfolgenden Preußen nachrücken könnten, daß ſich in der heil⸗ loſen Finſterniß ein Kampf entſpinnen könne, fing an, ziemlich bedenklich ſich geltend zu machen. Mit Bangen ſah man dem Morgen entgegen. Er 160 Anno 1866. Von Friedrich Lampert. kam und mit ihm, in früheſter Stunde, der Befehl zum Weitermarſch. Auf einer Wegbreite von zwei bis drei Stunden zog nun das ganze 8. Armee⸗ corps am 1. Auguſt durch unſere Marken weiter, der württembergiſchen Grenze zu. Es iſt ihm hier zu Land im Ganzen ein gutes Lob gefolgt, na⸗ mentlich den Württembergern iſt es gezollt worden. Am 2. Auguſt begann der Wafefenſtillſtand zwiſchen den Preußen und Bayern, nachdem er mit der Uebergabe Würzburgs und dem in der elften Stunde noch erfolgten Einrücken des Großherzogs von Mecklenburg in Nürnberg erkauft worden war. Ihm verdankten wir es, daß die Occupa⸗ tionslinie bei uns abſchnitt und wir keine Preußen mehr anrücken ſahen. Dafür folgten ſich nun ungeheure Züge von Bayern, da ſich auf einmal die ganze Armee ſüdwärts wandte, um hinter der Donau Poſto zu faſſen und dort die weitere Entwicklung der indeß eingeleiteten Friedensverhandlungen abzuwarten. Wieder verkehrte ſich das friedliche Bild meiner Heimat in ein kriegeriſch bewegtes, acht Tage lang gab's Einquartierung die Hülle und die Fülle, aber auch der intereſſanten Bekanntſchaften, der denkwürdigen Mit⸗ theilungen und Erzählungen viele, und als die letzte Fahne unter den jubeln⸗ den Klängen des Fahnenmarſches mein Haus verließ und das letzte Regi⸗ ment an ihm vorüberzog, da fiel's uns allen faſt ſchwer auf's Herz— man findet ſich nach bewegter Zeit ſchwer wieder in's gewohnte Daſein, in's alte Leben. Das was in währender Kriegszeit an mir vorüberzog, mich unmittel⸗ bar und perſönlich berührte, war zu Ende und iſt mit dieſen Bildern vom „am Saum des Kriegsſchauplatzes“ abgeſchloſſen. Aber nun zog es mich auf dieſen ſelbſt, um da mir aus eigener Anſchauung und gewiſſenhafter Prüfung des mir dort Erzählten ein Stück Geſchichte zuſammenzuſetzen, das nun hinter uns liegt und doch mit unauslöſchlichem Griffel in aller Herzen eingezeichnet ſein wird. Als Selbſtgeſehenes und Selbſtgehörtes haben dar⸗ um vielleicht auch meine folgenden Mittheilungen„von den Schlachtfeldern“ ein Recht, hier zu ſtehen und zu Gehör zu kommen. her Zlitztrahl. von Franz Klauer. Erſtes Kapitel. 4 Am Rheine. 2 In einem Fenſter des weißen Roſſes von Coblenz ſchauen mit Cigar⸗ ren im Mund zwei junge Engländer müßig auf die im Abendſonnenſchein goldig dahinflutenden Wogen des Rheines nieder; ſie reden ſelten und zei⸗ gen auf ihren Geſichtern einen Ausdruck von Verdroſſenheit, der in einem für die Lebensluſt geſchaffenen Alter beſonders auffallend anſpricht. Ihre Bekanntſchaft iſt erſt von der Dauer einiger Tage; ſie haben ſich auf dem Antwerpener Dampfboot getroffen, zu Brüſſel in demſelben Gaſthof einge⸗ ſtellt, mit einander eine Gemäldegallerie beſucht und endlich mit einander jene Vertraulichkeit angeſponnen, welche bei ſehr jungen Leuten für Freund⸗ ſchaft gilt. So ſind ſie denn auch mit einander übereingekommen, die Reiſe gemeinſchaftlich fortzuſetzen, da es keiner auf eine beſondere Richtung abge⸗ ſehen hat.„Mir iſt's gleichgültig, wo ich meinen Urlaub vollends zubringe,“ ſagte Randall;„ich muß eben im Oktober wieder bei meinem Regiment in Indien eintreffen.“—„Und um dieſelbe Zeit hoffe ich wieder in London zu ſein,“ verſetzte Lander,„um meinen öffentlichen Gerichtskurs anzutreten.“ —„Ein langweiliges Geſchäft, denke ich?“—„Gefällt Ihnen der Mili⸗ tärdienſt?“ fragte Lander ruhig.—„Er iſt mir ein Abſcheu. Anfangs ging es wohl— warum nicht, ſo lang man in ſeine Uniform vernarrt iſt und man ſich etwas darauf einbildet, als Mann behandelt zu werden? Aber wie bald wird dies anders. Das ewige Exerciren, die Paraden, die Inſpektion, Hausblätter. 1867. I. Bd. 11 1 ———⸗—⸗———ü— 162 Der Blitzſtrahl. der Adjutant, der Commißwein, der Zahlmeiſter, der Feldoffizier des Tags und die Frau Majorin— eines widerwärtiger als das andere. Man möchte Urlaub haben, will verſetzt werden— zum Depot oder nach Corfu; ſtatt deſſen aber heißt es— nach Canada. Die jungen Offiziere ſind die trägſten Burſche im ganzen Dienſt, und von jedem andern Corps muß man ſich hän⸗ ſeln laſſen, weil es bei uns weder Bälle noch Liebhabertheater gibt. Da möchte man lieber auf dem Kap unter den Kaffern ſein und fühlt ſo recht, daß man von dem Schickſal eine Stellung angewieſen erhalten hat, für die man am allerwenigſten paßt.“—„Wie ich ſehe, liegt der Grund Ihrer Un⸗ zufriedenheit weniger in den Verhältniſſen, als in Ihnen ſelbſt.“—„Nicht ganz. Wenn einer Geld genug hat, ſo iſt das Soldatenleben einfach ein Hemmungsmittel, ſich daran wohl ſein zu laſſen. Man iſt an denſelben Platz, an denſelben Umgang und an dieſelbe Lebensweiſe gebunden. Iſt man dagegen arm, ſo befindet man ſich in einer zehnmal ſchlimmeren Lage, denn KRan muß den ganzen Tag dichten und trachten, wie man mit ſeinen fünf Schillingen ſechs Pencen täglich ſo weit kommen kann, als mit einer Guinee.“— Lander erwiderte nichts, ſondern rauchte fort.—„Ich weiß,“ nahm Randall wieder auf,„daß Civiliſten die Sache anders beurtheilen; für ſie hat der Offizierstiſch eine gewiſſe Anziehung, und ich muß geſtehen, es liegt wirklich etwas Erhebendes in dem Anblick der kleinen Demokratie, in wel⸗ cher das rothbäckige Mutterſöhnchen, friſch von der Schule weg auf dem Fuß der Gleichheit ſteht mit dem wetterbraunen gedienten Soldaten. Doch dies nützt ſich ſehr bald ab, und man begrüßt es als einen Glückstag, wenn man einmal die Offizierstafel trotz ihrer guten Küche und ihrem guten Wein ſchwänzen kann, um ſich mit einem guten Freund in ſchwarzem Rock, der nie auf einer Beförderungsliſte geſtanden hat, in einem anſtändigen Gaſt⸗ haus bei einem Hammelsbraten gütlich zu thun. Und was bietet Ihnen Ihr Beruf?“—„Eben nichts Prächtiges und Glänzendes,“ verſetzte Lander, „obſchon man es mit hohen Fähigkeiten und unverdroſſenem Fleiß, wenn es nicht ganz an Connexionen fehlt, zu großer Auszeichnung und zu einem Ver⸗ mögen bringen kann. Dies habe ich nun freilich nicht zu hoffen, doch ver⸗ zweifle ich nicht, mit der Zeit durch Strebſamkeit mir ein ordentliches Aus⸗ kommen zu ſichern.“—„Mit der Zeit— nach dreißig Jahren vielleicht?“ —„Möglich.“—„Bis dahin bin ich ein abgedankter Oberſtlieutenant mit dreihundert Pfunden Penſion— und Sie haben eine ſchöne Praxis in Weſt⸗ 1 minſter, die Ihnen fünfzehnhundert, zweitauſend, vielleicht fünftauſend ein⸗ 1 Von Franz Klauer. 163 trägt.“—„Ich bin wohl zufrieden, wenn der Mittelanſchlag Ihrer Prophe⸗ zeihung eintrifft.“—„Ah,“ fuhr der Soldat fort,„es gibt nur einen Weg, es raſch vorwärts zu bringen— man muß ein hübſches Mädchen mit Geld heirathen. Das geht ſchon, wenn man ſich Mühe gibt.“—„In dieſem Be⸗ mühen können einem die beſten Jahre hingehen, und wer weiß, was man inzwiſchen ſelbſt geworden iſt.“— Der Soldat warf dem anderen einen ſcharfen Blick zu, der zu ſagen ſchien:„Aha, du biſt ein Romantiker,“ und fügte dann laut bei:„Dies iſt allerdings die ſchwache Seite meines Syſtems. Man kann natürlich mit fünfunddreißig nicht ſo friſch ſein, wie mit fünfundzwanzig, namentlich wenn man das dazwiſchenliegende Jahrzehnt mit Zweifeln, mit Zagen und mit Kunſtgriffen zugebracht hat, die dem eigenen Weſen fremd ſind. Allein ſo iſt's einmal, und man handelt weiſe, wenn man ſein Leben ſo einrichtet, daß es mit den von der Zeit bewirkten Veränderungen conform bleibt. Ich werde mit meiner Lage im fünfundvierzigſten nicht unzufrieden ſein nur um einer Grille willen, der ich in meinem fünfundzwanzigſten Raum gab, und wenn ich ein bezauberndes Weſen finde mit dem Gemüth eines Engels, tiefblauen Augen, dem ſchönſten Fuß in der Chriſtenheit und einer erklecklichen Summe in Conſols, ſo gebe ich Ihnen mein Wort, daß Heinz Randall am längſten Lieutenant im königlichen Dienſt geweſen iſt.“ 5 Landers Entgegnung wurde erſtickt durch das Ziſchen des entweichen⸗ en Dampfes aus dem geöffneten Ventil eines Fahrzeugs, das eben unter em Fenſter angekommen war. Der nach Mainz beſtimmte Dampfer machte Halt, um einige Perſonen ausſteigen zu laſſen. Unter den an's Ufer drän⸗ genden Reiſenden bemerkten die beiden Engländer eine lange, hagere, alte Frauensperſon, die in ihren Bemühungen, ihre Geſellſchaft und ihr Ge— päcke zu ſammeln, alle die gewöhnlichen Regeln der Höflichkeit vergeſſen zu d d haben ſchien, denn ſie drängte da und ſtauchte dort ohne Rückſicht auf die Beläſtigung, die ſie anderen damit zufügte. Ihr folgten zwei junge Damen, die ſich der Ungeberdigkeit ihrer Begleiterin höchlich zu ſchämen ſchienen.— „Ich fürchte, es iſt eine Engländerin,“ ſagte Lander.—„Kann darüber ein Zweifel ſein? Wo hat man je dieſe aller Rückſicht bare Gleichgültigkeit, dieſe ſelbſtſüchtige Mißachtung alles Anſtands geſehen, als bei einer gewiſſen Klaſſe unſeres Volkes? Schauen Sie— eben hat ſie den dicken Mann faſt über die Planke hinuntergeſtoßen; und jetzt will ſie dem Steward ihre Bil⸗ lete nicht zeigen. Wie mag es den armen Mädchen ſein, die ſich ſo bloßge⸗ 11* 164 Der Blitzſtrahl. ſtellt ſehen.—„Der Dampfer ſetzt ſich ſchon wieder in Bewegung; er wird ſie mitnehmen. Sehen Sie, ſchon holt man die Laufplanke ein.“—„Sie hat ſchon den Fuß darauf und kümmert ſich nicht darum. So, ſie iſt am Land. Bravo, meine Alte! Wie geſchickt ſie ihre Streitkräfte in's Feld mar⸗ ſchiren läßt— die leichte Diviſion voraus, ſie ſelbſt mit dem Gepäck und der Dienerſchaft in der Nachhut. Das iſt ein ſo wohlausgeführtes Landen an feindlicher Küſte, wie man nur eines zu Geſicht kriegen kann.“—„Ich habe Mitleid mit den Mädchen; ſie fühlen augenſcheinlich das Peinliche ihrer Lage. Und doch werden ſie's, wenn ſie älter ſind, um kein Haar beſſer machen.“ Die neuen Ankömmlinge hatten inzwiſchen die Thüre des Gaſthauſes erreicht.„Wir dürfen durch unſere Kritik unſere Landsleute nicht vor Frem⸗ den bloßſtellen,“ ſagte Randall,„obſchon wir als Volk auswärts durch nichts ſo lächerlich werden, als durch unſere ohne Schutz reiſenden Frauenzimmer.“ —„Wenn ſich's aber herausſtellt, daß ſie Belgierinnen, Holländerinnen, Amerikanerinnen oder am Ende gar Engländerinnen der beſſeren Klaſſe ſind? Ich denke, wir werden ihnen bei der Abendtafel begegnen.“—„Die heute ſchwach genug beſetzt ſein wird, da faſt alle Gäſte des Hauſes den Markt von Niederlahnſtein beſucht haben.“ Mit dieſen Worten trat Ran⸗ dall vor einen Spiegel und machte eine von jenen extemporirten Toiletten, die bei jungen Männern mit Schnurrbärten üblich ſind, ehe ſie ſich vor Fremden zeigen. Lander nahm nun ſeinen Hut und ging nach der Thüre. „Das muß ausreichen zu einer vernünftigen Captatio benevolentiae,“ ſagte er lachend.—„Vielleicht haben Sie recht; außerdem vermuthe ich, daß ich in dem vorliegenden Fall nur meine Munition verſchwende.“ Mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln gegen das Abbild im Spiegel folgte Randall ſeinem Freund. Wir wollen hier bemerken, daß Randall ein ſehr hübſcher, blauäugiger junger Mann mit blondem Barte war, vielleicht allzuviel eingebildet auf die Vortheile ſeiner Figur, aber in ſeinem Benehmen die Leichtigkeit verrathend, die man nur im Umgang mit guter Geſellſchaft ſich aneignet; man konnte daher den Anflug von Dünkelhaftigkeit, mit dem er ſich trug, eher auf Rech⸗ nung der Klaſſe, zu der er gehörte, als auf die ſeiner Perſönlichkeit ſchrei⸗ ben.— Lander dagegen war ein blaſſer, ſchmächtiger Jüngling mit tief⸗ liegenden ſchwarzen Augen, die ſeinem ernſten Geſicht einen gewiſſen melancholiſchen Ausdruck verliehen. Er ſchien, wie man zu ſagen pflegt, ſich. überſtudirt und darob an ſeiner Geſundheit gelitten zu haben, ſo daß ihn V areifen ſolle, um vermittelſt des Telegr hen das vermißte Eigenthum grap Von Franz Klauer. 165 die Aerzte um der damit verbundenen Ruhe willen auf Reiſen ſchickten, denn die„Zerſtreuung“, welche die meiſten auf dieſem Wege ſuchen, iſt häufig nur eine Quelle der Aufregung und Sorge, ohne daß ſie den gewünſchten Frieden zu bringen vermöchte. Als einziger Sohn eines Landgeiſtlichen, der um ſeiner Erziehung willen gedarbt und erſt kürzlich noch ein Anlehen von hundert Pfunden aufgenommen hatte, um ihm die Möglichkeit einer Wieder⸗ herſtellung ſeiner Geſundheit zu ſchaffen, beſaß er nur ſehr beſchränkte Reiſe⸗ mittel; die Erholung, die er ſich gönnte, war daher nicht frei von Kummer, denn er empfand es ſchmerzlich, welche Entbehrungen er dadurch denen, die er am meiſten liebte, auferlegte, und dieſes Bewußtſein warf daher bei ſei⸗ ner ohnehin zur Schwermuth geneigten Gemüthsart einen trüben Schatten auch in ſeine glücklichſten Stunden. Ja es verging kaum ein Tag, ohne daß er an ſich die Frage richtete, ob er nicht beſſer thäte, wieder nach England zurückzukehren. Zweites Kapitel. Die Paſſagiere des Dampfboots. Das Speiſezimmer war leer, als um Eſſenszeit die beiden Engländer eintraten und etwas verdrießlich an dem Ende einer für dreißig Gäſte ge⸗ deckten Tafel Platz nahmen.„Alles nach Lahnſtein gegangen, Franz?“ fragte Randall den Kellner.—„Ja, aber ſie werden's bereuen. Es iſt ein Donnerwetter im Anzug, und noch vor Einbruch der Nacht wird es wie mit Kübeln ſchütten.“—„Sind die neuen Ankömmlinge auch fort?“—„Nein, mein Herr, ſie ſind oben. Die alte Dame ſcheint eine Schachtel oder ein Pult auf dem Dampfboot zurückgelaſſen zu haben und iſt darüber in einer ſolchen Aufregung, daß ſie an kein Eſſen denken kann. Auch die Fräulein theilen ihre Noth und wollen nichts vom Soupiren wiſſen.“—„Darüber braucht ſie doch kein ſolches Weſen zu machen. Der Dampfer hält in Mainz, und man wird ihr dort das Effektenſtück wieder zurückgeben.“ Franz zuckte die Achſeln, worauf Randall fortfuhr:„Sie ſcheinen nicht dieſer Anſicht zu ſein?“—„Es kommt faſt täglich vor, daß auf dieſen Rheindampfſchiffen Gepäck verloren geht, ſo häufig, daß man faſt glauben möchte, das Gepäck⸗ ſtehlen bilde auf ihnen einen regelmäßigen Erwerbszweig.“ In dieſem Augenblick trat die eben beſprochene Engländerin in den peiſeſaal und fragte den Kellner in geradbrechtem franzöſiſch, wie ſie es 166 Der Blitzſtrahl. zu reclamiren. Da das wechſelſeitige Verſtändniß etwas ſchwer hielt, ſo näherte ſich Randall mit einer höflichen Verbeugung und ſagte:„Ich, wenn ich in dieſer Angelegenheit von einigem Nutzen ſein kann—.“—„Durch⸗ aus nicht, Sir,“ lautete die Antwort;„ich kann meinen Wünſchen ſchon ſelbſt Ausdruck geben und brauche keinen Dolmetſcher.“ Sie fuhr gegen den Kellner fort:„Montrez moi le telegraph, garcon.“ Die halb tragiſche Miene, mit der ſie ſprach und die wunderliche Accentuirung ihres ſehr eigen⸗ thümlichen Franzöſiſch waren faſt zu viel für Randalls Ernſt, während Lan⸗ der, beſchämt von der lächerlichen Rolle, welche ſeine Landsmännin ſpielte, mit geſenktem Kopf daſaß und mäuschenſtille blieb. Die alte Dame entfernte ſich mit ſtolzem Aufwerfen ihres thürmenden Hutes, und Franz folgte ihr. „Das alte Weibsſtück iſt ſtolz,“ ſagte Randall, wieder zu ſeinem Abend⸗ eſſen niederſitzend,„und hat mich um keinen Preis ankommen laſſen.“— „Ich vermuthe, dieſes wechſelſeitige Mißtrauen iſt unter uns Engländern ſehr gewöhnlich, nicht ſo faſt weil man den Charakter bezweifelt, als weil man ſeiner geſellſchaftlichen Stellung etwas zu vergeben fürchtet.“—„Ich denke, unſer Aeußeres hätte die Lady in dieſem Punkt zufriedenſtellen kön⸗ nen.“—„Wer weiß, wie ſie in dieſer Beziehung denkt,“ lautete Landers vorſichtige Erwiderung.— Randall ſchob ungeduldig ſein Glas zurück und ſagte in ärgerlichem Tone:„Dieſe Perſon iſt augenſcheinlich eine Gouver⸗ nante, Geſellſchafterin oder Haushälterin. Sie hat ſich in dem Nachtbuch als Miß Grainger eingezeichnet, und die andern heißen Walter. Eine Miß Grainger, ſollte man meinen, würde ihrer Ehre nichts vergeben, ſelbſt wenn ſie ſich herabließe, ihre Bekanntſchaft mit einem Musketier einzugeſtehen. Ha, da kommt ſie wieder.“— Die ſo kritiſirte Dame war wieder eingetre⸗ ten und ſtudirte an der Wand den Fahrtenplan der ankommenden und ab⸗ gehenden Dampfboote.—„Es iſt zu abgeſchmackt,“ ſagte ſie in ihrem ſchlech⸗ ten Franzöſiſch,„ſchon um acht Uhr das Telegraphenbureau zu ſchließen, da⸗ mit die Telegraphiſten auf den Ball gehen können.“—„Nicht auf einen Ball, Madame, ſondern auf die Lahnſteiner Kirchweih,“ bemerkte Franz ver⸗ beſſernd.—„Es iſt mir einerlei, Monſieur— ob zu einem Tanz oder zum Bankettiren. Das Publikum hat eben darunter zu leiden. Auch der Wirth und der Secretär dieſes Hotels, wie Sie ihn nennen, ſind fort— alles fort, bis auf Sie.“— War es die ſchamloſe Keckheit, mit der ſie ſich dieſer Ver⸗ achtung ausdrückenden Worte entledigte, oder die jammervolle Zerknir⸗ ſchungsmiene des Kellners— kurz, Randall konnte ſeine Heiterkeit nich länger zurückhalten, ſondern brach in ein lautes Lachen aus. Darauf wand 8 ———— —— *½——— Von Franz Klauer. 167 ſich die Dame trotzig gegen ihn und ſagte:„Sie zwingen mich zu der Erklä⸗ rung, daß mir nie eine ſchreiendere Kundgebung von ſchlechter Bildung und rohen Manieren vorgekommen iſt.“—„Hätten Sie beigefügt,„in meiner langen Lebenserfahrung“, ſo müßte Ihre Bemerkung wirklich vernichtend ſein,“ entgegnete Randall, noch immer lachend.—„O Randall,“ fiel Lan⸗ der im Tone der Vorſtellung ein; aber die alte Dame, die ganz blaß vor Zorn geworden war, zog ſich zurück, ohne die Entſchuldigung abzuwarten, auf die ſie augenſcheinlich keine große Ausſicht hatte. „Es thut mir leid, daß Sie ſo geſprochen haben,“ ſagte Lander;„denn obſchon ihre Auslaſſung derb genug war, haben Sie doch durch Ihr Lachen einen großen Anſtoß gegeben.“—„Ha, ha, hört man doch bei Ihnen aus jedem Wort den Advokaten heraus. Glauben Sie mir, auf der ganzen Welt iſt nichts ſo ſchnell bereit, ſeine Klauen zu zeigen, als eines von unſeren ält⸗ lichen Frauenzimmern, wenn ſie in einer unabhängigen Stellung reiſen. Es gilt da als Grundſatz— Angriff, Angriff und wieder Angriff. Sie leben in dem unbeſtimmten Wahn, daß die Geduldigen ſtets betrogen werden, und wollen ſich deßhalb nie in dieſer Eigenſchaft betreten laſſen. So wahr ich lebe, da haben wir ſie ſchon wieder.“— Die Alte war jetzt mit einem Blatt Papier hereingekommen, das ſie dem Kellner mit den Worten hinbot:„Sie werden dieſes Telegramm nach Mainz beſorgen, ſobald morgen früh das Bureau geöffnet wird. Daß es ja nicht fehlt!“—„Es muß deutſch ſein, Madame,“ verſetzte Franz.„Man nimmt keine Telegramme in fremden Sprachen an.“—„Sagen Sie ihr, Sie wollen es überſetzen, Lander. Hur⸗ tig! Fangen Sie auch Ihre Kopfnuß ab, wie ich,“ flüſterte Randall.— Lan⸗ der erröthete leicht, achtete aber nicht auf den Spott ſeines Gefährten, ſon⸗ dern ſtand auf, näherte ſich der Fremden und ſagte:„Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, Ihr Telegramm in's Deutſche zu übertragen, wenn Ihnen damit ein Dienſt geſchieht.“— Die Alte warf einen prüfen⸗ den Blick auf ihn, der ſie zu befriedigen ſchien, und entgegnete:„Ich laſſe mir's gefallen, Sir, denn was durch ein Telegraphenbureau geht, iſt kein Geheimniß. Wollen Sie ſo gut ſein?“— Lander nahm das Blatt und be⸗ gann zu leſen, konnte ſich jedoch über den Inhalt kaum des Lachens enthal⸗ ten, denn das Schriftſtück begann mit einer Auseinanderſetzung, daß dieſes Mißgeſchick nur von der ſchändlichen Anordnung der Dampfſchifffahrtsge⸗ ſellſchaft herrühre, die Paſſagiere auf Zwiſchenſtationen Hals über Kopf ab⸗ zuſetzen; ſo ſei es der Klägerin ergangen, welche mit ihren Nichten Helene und Thereſe Walter, wie auch mit deren Dienſtmädchen Suſanne Tucker 168 Der Blitzſtrahl. und Marie Briggs reiſe und als Gepäck folgende Gegenſtänd bei ſich gehabt habe——.„Erlauben Sie mir die Bemerkung,“ ſagte Lander im Tone milder Vorſtellung,„daß dies, abgeſehen von dem Koſtenpunkt, etwas zu lang ſein dürfte für den Telegraphen, und da ſich's nur um die Reclamation eines Gepäckſtückes handelt—.“—„Nachdem Sie über unſere Perſonalien und unſeren Beſchwerdegrund Ihre Neugierde befriedigt haben, ſo werden Sie mich hoffentlich mit Ihren Belehrungen über die Art, wie der Schaden wie⸗ der gut zu machen iſt, verſchonen; allein ich hätte es beſſer wiſſen können, und es iſt mir recht geſchehen.“ Sie riß ihm das Papier aus der Hand und ſtürzte voll Zorn aus dem Zimmer.. „Beim Zeus, Sie ſind noch ſchlimmer gefahren, als ich,“ ſagte Randall mit einem ſchallenden Gelächter,„und haben für Ihre Höflichkeit eine weit ſchärfere Züchtigung davongetragen, als ich für meine Unverſchämtheit.“— „Es kann mir zur Witzigung dienen,“ verſetzte Lander erröthend.„Ich fürchte, es iſt bei ihr hier“(auf die Stirne deutend)„nicht ganz richtig.“ —„Nicht doch; ich wette einen Napoleon, daß ſie weiter nichts iſt, als eine ſehr verſtändige, heroiſche Perſon, der man mit keinem Humbug kommen darf. Dieſer Schlag trägt ſchwere Schuhe, wollenes Kleid, braunen Schleier, fängt Händel an mit allen Kutſchern und wohnt in Clapham.“—„Aber wie kommt er zum reiſen?“—„Ach, das iſt die Frage, die neunzehn unter zwanzig nicht zu beantworten wiſſen. Mit einem Panorama auf dem Lei⸗ ceſter⸗Square und einem Reiſehandbuch auf Kaminſims würden wir mehr von Tyrol erfahren, als wenn wir uns in den Miethkutſchen umher⸗ puffen laſſen und um jedes Stück Kalbs⸗ oder Schweinebraten feilſchen; und doch durchziehen wir in Schaaren das Land, brummen und beſchweren uns unabläſſig über das Elend, das wir uns ſelbſt auferlegt haben, und ſehnen uns nach den Bequemlichkeiten des Landes, das wir verlaſſen zu müſſen glaubten.“—„Manche thun es um ihrer Geſundheit willen,“ verſetzte Lan⸗ der traurig.—„Und begehen damit gerade den größten Irrthum. Die Veränderlichkeit des Klima's auf dem Feſtland iſt weit ſchädlicher, als die ſtrengſte Witterung auf unſerer Inſel. Denken Sie ſich dieſes Zimmer an einem Winterabend mit einer Ofenwärme von 28 Graden, dazu alle fünf Minuten ein Aufgehen der Thüre, durch die ein Luftzug von 12 Grad Kälte eindringt! Aus dieſer Backofenwärme geht es durch einen Corridor und eine Treppe von arktiſcher Tempe atur hinauf nach einem Zimmer ohne Teppiche, mit einem Lotterbettchen, das nur ein leichtes Plumeau zur Zudecke hat.“— ¹ Von Franz Klauer. 169 „Gleichwohl gefällt uns dies, und wir verlangen danach— wenigſtens auf ſechs oder acht Wochen.“— „Soll ich Ihnen den Grund ſagen? Weil wir den Hans Soundſo zum Vorgänger gehabt haben. Hans iſt auf dem Rhein gefahren, hat im Kur⸗ ſaal von Ems geſpeist, in Wiesbaden ſein kleines Debut an der Roulette gemacht, in Frankfurt ſein ſchlechtes Franzöſiſch an den Mann gebracht, und wir wollen uns nicht geringer finden laſſen, als Hans. Obſchon nun Hans weiß, daß es die Koſten nicht lohnt und ich die gleiche Ueberzeugung gewon⸗ nen habe, ſo will doch keiner von uns aus der Schule ſchwatzen, damit auch andere aus eigener Erfahrung klug werden.“—„Ich bin hierin nicht mit Ihnen einverſtanden, oder will es wenigſtens nicht ſein. Ich habe mir vor⸗ genommen, mich meiner Ferientour ſo gut zu erfreuen, als es mir meine Geſundheit geſtattet, und Sie werden mir den Genuß nicht verderben kön⸗ nen durch Ihre ſchiefe Anſchauung, die ſicherlich keine gründliche iſt.— „Und der honorable Gentleman nahm ſeinen Sitz wieder ein, wie es in der Zeitungsphraſe lautet, unter ſtürmiſchem Bravorufen, das mehrere Minuten anhielt,“ entgegnete Randall, indem er auf dem Tiſch einen lärmenden Ap⸗ plaus trommelte. Lander erröthete beſchämt und verlegen.—„Ich habe Ihnen ſchon am zweiten Tag unſerer gemeinſchaftlichen Reiſe geſagt und wiederhole es jetzt, Randall,“ nahm Letzterer nach einer Weile das Wort, „daß wir nicht zuſammenpaſſen und nie gute Reiſegefährten ſein werden. Sie kennen das Leben beſſer, als ich— ja, als ich es je kennen zu lernen wünſche. Die Dinge erſcheinen Ihnen in einem ſo klaren grellen Lichte, daß ich mich unangenehm davon berührt fühle. Sie haben keinen Sinn für die beſcheidenen Vergnügungen, die einen einfachen Mann wie ich zufrieden ſtel⸗ len, und außerdem ſtehen meine Mittel ſo weit hinter den Ihrigen zurück, daß ich in Ihrer Geſellſchaft auf einem Fuß leben müßte, der weit über meine Anſprüche geht. Es iſt allerdings peinlich, ſolche Geſtändniſſe machen zu müſſen; aber nun es geſchehen iſt, ſo ziehen Sie ſelbſt Ihr Reſultat und ſagen Sie zu mir— Gott befohlen!“ In den letzten Worten lag eine Erregtheit, die für das Vorausgegangene mehr als Erſatz bot; es war die ächte Wehmuth, welche in gewiſſen Naturen ſtets eine Frucht der Einſamkeit iſt. Randall ſah jedoch darin einen ihm ſelbſt gezollten Tribut und erwiderte haſtig:„Nein, nein, Sie ſind im Irrthum; gerade die Ungleichheit, über die Sie ſich beſchweren, iſt geeignet, ein Band zwiſchen uns zu werden. Mein Skepticismus kann Ihrer Hoffnungsfülle zum Regulator dienen, und was die Mittel betrifft, ſo gebe ich Ihnen mein 170 Der Blitzſtrahl. Wort, daß niemand knauſeriger ſein kann, als ich. Führen Sie den Beutel und beſtimmen Sie die Ausflüge; ich will mich in jede Beſchränkung fügen, wenn Sie mir ſagen, daß damit Erſparniſſe gemacht werden.“—„Iſt's Ihnen wirklich ernſt?“ fragte Lander.—„So ernſt, daß ich Ihnen den Vorſchlag mache, die Uebereinkunft von dieſer Stunde an beginnen zu laſſen. Jeder von uns ſoll zehn Napoleons in dieſen Ihren Beutel legen. Sie be⸗ ſtreiten alle Ausgaben, und ich verpflichte mich, Ihren Wünſchen ſo unbe⸗ dingt nachzukommen, als ob Sie mein Vormund wären.“—„Der Erfolg des Plans flößt mir kein ſo volles Vertrauen ein. Ich ſetze jetzt ſchon viele Schwierigkeiten voraus, und es mögen noch andere dazu kommen; doch bin ich nicht abgeneigt, den Verſuch zu machen.“—„Ich gewinne dadurch wenig⸗ ſtens den lang erſehnten Vortheil, reiſen zu können, ohne mich jeden Tag mit dem Geldnachrechnen plagen zu müſſen.“—„Nehmen Sie keine von dieſen Cigarren, die der Kellner geliefert hat; er berechnet für das Stück zwei Gro⸗ ſchen, und auf dem Platz kann man das Dutzend der gleichen Sorte für drei Groſchen haben.“ Und Lander rückte den Teller in ruhiger, geſchäftsmäßiger Weiſe bei Seite. Lachend legte Randall die aufgenommene Cigarre wieder nieder, und ſein Gehorſam ratificirte den beiderſeitigen Vertrag.—„Wann reiſen wir von hier ab?“ fragte er in halb unterwürfigem Tone.—„Entſchul⸗ digen Sie,“ verſetzte Lander,„ich habe nur den Poſten des Kaſſiers, nicht auch den des Lotſen übernommen.“—„Ich beſtehe darauf, daß Sie alle die Sorgen der Geſetzgebung auf ſich nehmen. Ich will nicht nur des Denkens an die Geldangelegenheiten überhoben ſein, ſondern mir auch über den Weg, den wir gehen, die Haltplätze und die Zeit des Wiederaufbruchs nicht den Kopf zerbrechen. Gönnen Sie mir einmal in meinem Leben den Hochgenuß eine völligen Indolenz; es wird mir kaum je wieder ſo gut werden.“—„Sei es darum. Haben Sie Luſt, zu rebelliren, ſo bin ich jeden Augenblick zum ab⸗ danken bereit. Ich will jetzt auf mein Zimmer gehen und die Karte ſtudiren. Machen Sie inzwiſchen Ihren Abendgang über die Brücke, und wenn Sie zurückkommen, hoffe ich mit unſerem Reiſeplan fertig zu ſein.“—„Einver⸗ ſtanden,“ ſagte Randall;„zunächſt aber muß ich die beſprochenen wohlfeilen Cigarren aufſuchen—„Halt! Sie vergeſſen, daß Sie kein Geld haben. Hier ſind ſechs Silbergroſchen; nehmen Sie zwei Dutzend, aber laſſen Sie ſich ja keine von den ſchnöden Pfälzern geben.“— Er nahm das Geld mit gebührendem Ernſt und trat ſeinen Ausgang an.— Von Franz Klauer. 171 Drittes Kapitel. Geſellſchaftliches Reiſen. Theils um Randalls Liebhaberei für das Fiſchen Rechnung zu tragen, theils um den eigenen Drang nach einem ungeſtörten Daſein zu befriedigen, entſchied ſich Lander für eine Tour nach den oberitalieniſchen Seen, und zehn Tage nach Abſchluß des Vertrags befanden ſich beide in dem Hotel von Trota an dem Lago d' Orta.— Dieſes Hotel, eigentlich nicht viel mehr als ein Landhaus, hat eine ſchöne Lage auf dem ſchmalen Vorgebirge, das in den See hinausläuft, und iſt ſelbſt faſt verborgen unter dem Laub der Orangen⸗ und Oleanderbäume, die es umgeben. Mit dem Rebengang, dem kleinen, gewölbten Bootshaus und der Kapelle am See, wo an gewiſſen Heiligen⸗ tagen ein Prieſter die Meſſe las und ſowohl Fiſche als Fiſcher ſegnete, würde man es kaum für ein Gaſthaus gehalten haben, um ſo weniger, wenn man die angenehme Erfahrung, daß man mit einem Aufwand von einigen Franken täglich ſich den Signor Onofrio nicht nur in der Seeeigenſchaft als Wirth, ſondern auch als Fährmann ſichern konnte.— Für Lander war der Platz ein wahres Paradies. Die herrliche Gebirgskette mit ihren Zacken und Schnee⸗ kuppen, in den tiefen Thaleinſchnitten die Kaſtanienwälder, der ſpiegelglatte See, die milde, von Orangenblüthe duftende Luft, alles vereinigte ſich den Sinnen zu ſchmeicheln und den Geiſt in ein wonniges Träumen zu verſenken. Es war eben ſo gut ein Platz zur Erholung, als zur Arbeit, und obſchon ihm vorläufig die erſtere hauptſächlich am Herzen lag, trug er ſich doch mit dem Plane, ſpäter ſeine Bücher wieder aufzunehmen, um mit all dem Eifer, den der feſte Entſchluß, es vorwärts zu bringen, einzuflößen vermag, ſeine juriſtiſchen Studien zu verfolgen. Auch Randall gefiel es wohl in Trota, obſchon er ſich dafür nicht im gleichen Grade begeiſtern konnte. Das Fiſchen bereitete ihm viel Vergnügen und ſchon in den erſten Tagen brachte er einen Vierpfünder nach Haus. Die Küche war ſehr gut, denn Onofrio, der ein Reiſediener geweſen, hatte dieſe Gelegenheit benützt, die Feinheiten der ſocialen Chemie kennen zu lernen. Es wimmelte von Beccafichi; der leichte Wein von Podere hatte einen ge⸗ wiſſen Rheinweingeſchmack, und rechnen wir dazu noch den trefflichen Rahm, die friſchen Eier, die ſüße Butter und die delicaten Feigen, ſo mußte man ſich wohl geſtehen, daß man nicht den ſchlechteſten Platz im Gebirg getroffen hatte.— Onofrio beſaß auf der anderen Seite des See's eine kleine Villa, nach welcher er ſich ein⸗ oder zweimal in der Woche mit Forellen, einem 172 Der Blitzſtrahl. Kapaun, einem Korb voll Artiſchocken oder einigen ſchönen Pfirſichen begab, um ſeine Miethleute mit ſolchen Hochgenüſſen zu verſehen. Er nannte ſie Engländer; doch mit ächt engliſchem Phlegma erkundigten ſich ſeine jungen Gäſte nicht weiter nach denſelben, und mit italieniſchem Takt begnügte ſich der Wirth, die Sache nicht weiter in Anregung zu bringen, als daß er den Proviantkorb mit einem Stück Pappendeckel und der Inſchrift„Illustrissima Signora Grangiari“ verſah. Unſere Reiſenden hatten ſich etwa einen Monat in Trota aufgehalten, als Onofrio von einem jener endemiſchen Fieber befallen wurde, die zwar ſelten gefährlich, aber doch ſehr ſchmerzhaft ſind und einer mehrtägigen ſorg⸗ ſamen Pflege bedürfen. Während dieſer Zeit fehlte Randall ſein ſtändiger Begleiter auf ſeinen Fiſchereiausflügen, und ärgerlich ſuchte er ſich auf eine andere Art die Zeit zu vertreiben, indem er bald eine Lecture vornahm, bald im Garten zum Grabſcheit griff, oder ſich daran machte, einen längſt ver⸗ ſprochenen Brief in die Heimat zu ſchreiben. Allein alle dieſe Beſchäftigun⸗ gen konnten ihn nicht lange feſſeln; er wanderte verſtimmt und unzufrieden umher und ging mit ſich ſelbſt zu Rath, ob er nicht Lander frei heraus erklä⸗ ren ſolle, die Sache langweile ihn und er wolle ſeine Freiheit wieder haben. „Für einen Menſchen wie er mag es gut genug ſein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Er kann ſeine fünf bis ſechs Stunden in einem Zug fortleſen und dann zur Erholung ein bischen im See herumſchwimmen oder eine halbe Stunde das Ruder führen. Er iſt ein Mann der Reflexion und des Gedankens ich bin der Mann der Energie und des Handelns, und eine Unthätigkeit wie die, zu welcher ich hier gezwungen bin, iſt mir unerträglich.“— Während er noch bei ſich erwog, wie er ſeinen Rücktritt von dem Vertrag einleiten ſollte, kam die Wirthin zu ihm und entſchuldigte ihren Mann, daß derſelbe ihm noch immer nicht als Kahnführer dienen könne.„Er hätte auch heute der Familie in St. Roſalia ſeinem Verſprechen gemäß Obſt und friſche Blu⸗ men bringen ſollen,“ fügte ſie bei;„doch auch dies muß unterbleiben, wenn ich nicht ſo glücklich bin, einen Fiſcher zu finden, welcher den Auftrag beſorgt. In dieſer Jahreszeit wird dies freilich ſchwer halten, wegen den Feldarbei⸗ ten.“—„Was ſagen Sie dazu, Donna Marietta, wenn ich die Beſorgung des Korbs übernehme und Ihren Boten nach der Villa mache?“— Die Wirthin war über dieſes Erbieten weit weniger erſtaunt, als er erwartet hatte. Sie nahm den Vorſchlag als eine einfache Höflichkeitserweiſung, nicht als einen Akt von ungewöhnlicher Herablaſſung:„Onofrio wird es Ihnen herzlich danken, wenn er wieder auf iſt und umhergehen kann.“— Von Franz Klauer. 173 Um dieſe Anerkennung war es nun Randall allerdings nicht zu thun; indeß ſäumte er nicht, für ſein Erbieten einzuſtehen. Die Wirthin maß ihm ihre Erbſen zu, zählte die Artiſchocken ab, machte Büſchelchen von Minze und Thymian, füllte einen Korb mit rothbackigen Aepfeln und legte obendrauf einen prächtigen Strauß von wohlriechenden Blumen. Dies war jedoch nicht alles. Sie ſchärfte ihm ein, wie er die Vortrefflichkeit von dieſem, die Schön⸗ heit von jenem Gegenſtand herausſtreichen ſolle; die Veilchen ſeien ächte Parmeſaner und die Datteln ſo, wie ſie nur Onofrio zu ziehen verſtehe.— Lander lachte in ſeiner ruhigen Weiſe über die Sendung ſeines Freundes, und ſeine Heiterkeit minderte ſich nicht, als er die halb linkiſchen, und mehr die halb unwilligen Vorbereitungen bemerkte, die Randall traf, um ſie zu er⸗ füllen.—„Hole der Henker das Weibsbild,“ ſagte er, alle Geduld verlie— rend;„will ſie mir gar noch alle Rechnungen von den letzten drei Wochen aufladen unter dem Vorwand, daß ihr Mann nur ſchlecht mit Zahlen um⸗ zugehen verſtehe und man ſelten einem Mann wie ich begegne, dem man die⸗ ſen Dienſt anvertrauen könne? Ich habe gute Luſt, wenn ich mitten im See bin, die ganze Ladung über Bord zu werfen: das Vergnügen wird mich ſchwerlich höher als einen Napoleon zu ſtehen kommen.“—„Nur keine ſolche Verſchwendung,“ ſagte Lander geſetzt.—„Ich habe hoffentlich das Recht, für mich ſelbſt eine Thorheit zu begehen,“ verſetzte Randall ſchnippiſch.— „Keineswegs. Unſer Kontrakt lautet namentlich in dieſer Beziehung ſehr bündig, ſonſt wäre es ja lächerlich geweſen, ſich im Hinblick auf die Oekono⸗ mie ſo viele Beſchränkungen aufzulegen.“—„Es war von Anfang an ein dummer Handel,“ erwiderte Randall mit Wärme.„Wie kann man zum voraus ſagen, man wolle ſich für ſeine Bedürfniſſe die ſeines Begleiters zur Richtſchnur nehmen, deſſen gar nicht zu gedenken, daß die Stimmung eines Menſchen nicht jeden Tag dieſelbe iſt? Am Dienſtag mag mir recht ſein, was mir am Montag zuwider war, und ſo fort.“—„Sie ſcheinen die launiſche Stimmung als eine Nothwendigkeit zu betrachten, Randall.“—„Wie dem ſein mag, ich habe nicht Luſt, außerhalb unſeres gemeinſchaftlichen Verbrau⸗ ches mich in Specialliebhabereien beſchränken zu laſſen.“—„Da der Kon⸗ trakt kein unwiderruflicher iſt, ſo hält deſſen Einhaltung nur von Ihrem Willen ab.“—„Ja, ganz richtig; Sie ſind auf entgegengeſetztem Weg zu meiner Anſchauung gekommen. Wann haben wir den Beutel zum letzten⸗ mal gefüllt?“—„Vor zehn Tagen.“—„So wird unſer Kaſſenbeſtand noch ungefähr zwei Wochen reichen?“—„Ich denke.“— Randall ſtand 174 Der Blitzſtrahl. eine Weile ſinnend da; dann aber wandte er ſich, als ſei er zu einem Ent⸗ ſchluß gekommen, plötzlich ab und eilte nach dem Bootshauſe hinunter. Gleich vielen ſchüchternen Perſonen hatte Lander ſcheinbar einen An⸗ ſtrich von Kälte und Entſchloſſenheit, der anderen ſehr imponirte, aber in Augenblicken ſpäterer Erwägung auf ſein eigenes Herz einen leidigen Ein⸗ druck machte. Kaum hatte ſich ſein Begleiter entfernt, als er auch die Ironie in ſeinem Benehmen fühlte, daß er dergleichen gethan hatte, als reſpektire er ſtrengſtens eine ſozuſagen knabenhafte Uebereinkunft, welche allen ihren Werth verlieren mußte, ſobald ſie einem der Contrahenten läſtig wurde. „Ich ſtehe nicht in einem Alter, um ihm gegenüber den Mentor zu ſpielen, und ich hätte es mir nicht beikommen laſſen ſollen, das Amt eines Vor⸗ munds zu übernehmen. Es lag mir ob, ihm zu ſagen:— der Vertrag hat ein Ende, ſobald Sie erklären, daß Sie durch denſelben nicht mehr gebunden ſein wollen; eine erzwungene Genoſſenſchaft iſt nichts anderes, als Skla⸗ verei— ſcheiden wir als gute Freunde u. ſ. w.“ Endlich entſchloß er ſich, in einem kurzen Billet Randall ſeine volle Freiheit zurückzugeben.„Was mich betrifft, ſo bleibe ich hier, bis ich wieder nach England heimkehre; und komme ich je wieder nach dem Continent, ſo will ich an dieſem ſtillen Plätz⸗ chen eine zweite Heimat ſuchen.“ Diertes Kapitel. Der Lago d'Orta. Während Lander ſein Billet ſchreibt, wollen wir Randall folgen, der mit kräftigem Ruderſchlag das leichte Fahrzeug auf dem ruhigen Waſſer dahintreibt. In eine blaue Blouſe und weiße Hoſen gekleidet, mit einem Büſchel Roſen an der Seite ſeines Strohhuts, nahm er ſich wie ein Bild der Geſundheit und Kraft aus. Er fühlte den erfriſchenden Hauch, der das Waſſer leicht aufkräuſelte, war ſich des herrlichen Morgens bewußt, und die großartige Landſchaft konnte nicht verfehlen, Eindruck auf ihn zu machen; im Ganzen war er jedoch keine romantiſche Perſon und der Sinn für das Maleriſche wenig in ihm ausgebildet. Schaute er nieder in den See, ſo ver⸗ gegenwärtigte er ſich dabei nur die Luſt, die man fühlen mußte, wenn man ſeine Wellen als Schwimmer zertheilte, und der Anblick der Alpen weckte in ihm keine anderen Gedanken, wie mühſam ihre Erſteigung ſein dürfte und wie hoch wohl der Schnee in ihren Päſſen liege. Indeß waren auch ſolche Betrachtungen bloß flüchtiger Natur, ſofern bei jenem Anlaß ſein Gehirn * 1* — 2— *— 2 2.— — Von Franz Klauer. 175 weit ernſtlicher mit ſeiner Zukunft ſich beſchäftigte, die ihm nicht eben ſehr erfreuliche Ausſichten bot. Zurückzukehren nach Indien zu der alten Plackerei in ſeinem Regiment, oder zu der nothleidigeren Exiſtenz in einem abgelegenen Detachement; die beſten Lebensjahre hinzubringen in ruhmloſer Unthätigkeit und auf Beförderung nach der Anciennität zu warten, an die ſich nothwendig eine lähmende Hinweiſung auf reifende Jahre knüpft; zum Schluß die Heim⸗ kehr nach England in einem Alter, in welchem einem Plätze, Dinge und Menſchen gleichgültig geworden ſind,— dies waren trübe Vorſtellungen, in der That ſo trübe, daß nicht einmal die herrliche Landſchaft rings umher ſie zu verſcheuchen vermochte. Dazu kam noch der weitere Umſtand, daß er bis über die Ohren in Schulden ſtack. Er hatte Geldverbindlichkeiten gegen den Armeeagenten, den Zahlmeiſter, die Agra⸗Bank, den Regimentsſchneider, kurz gegen jeden, der ſich von ihm anpumpen ließ, und Wechſel, Schuldver⸗ ſchreibungen und promeſſoriſche Noten, ſo oft prolongirt, bis ſie faſt die doppelte Summe ihres urſprünglichen Betrags ausmachten, bedrängten ſein Gedächtniß und verwirrten ſein Berechnungsvermögen.— Ein alter Onkel von der Mutterſeite, der ſein Vormund geweſen, hatte ſich einmal bereit ge⸗ zeigt, ihm unter die Arme zu greifen, der Neffe aber ſich in einer Geldange⸗ legenheit eine betrügliche Vorſpiegelung zu Schulden kommen laſſen, welche der alte Mann nie verzeihen konnte.„Wie Sie wollen,“ ſagte er;„ich meinte, das Band des Blutes, das uns verknüpft, ſei mehr werth, als drei⸗ hundert Pfunde. Sie ſcheinen eine andere Anſicht zu haben; behalten Sie Ihr Geld und wir wollen geſchiedene Leute ſein.“ So kamen ſie von ein⸗ ander, um ſich nie wieder zu ſehen. Randalls Schuldweſen wurde durch den Regimentsagenten geordnet, und er dachte nicht weiter an einen alten Ver⸗ wandten, der für ihn nichts mehr war, ſobald er aufgehört hatte, ihm Pa⸗ pierchen„zahlbar auf Sicht“ zufließen zu laſſen.—„Ob nicht etwas her⸗ auszuſchlagen wäre, wenn ich ihm ſchriebe, wenn ich eine Appellation an ſein menſchliches Gefühl richtete, daß er mich rette aus einem Klima, von dem ich den Tod haben werde— warum nicht? Hunderte ſind ſchon da draußen geſtorben, und jedenfalls verabſcheue ich es. Ich könnte ſagen:„Mein Ur⸗ laub läuft im Oktober ab; wenn Sie mich noch einmal ſehen wollen, eh' ich England für immer verlaſſe, um hinzugehen nach jenem Treibhaus der Peſt, der Heimat der bösartigſten Dſchöngelfieber und von der Himmel weiß was ſonſt noch— der Sohn Ihrer Schweſter, das Kind der armen Sophie.“— Dies müßte ihn rühren.“ Und er fuhr fort, ſich alle die zärtlichen und be⸗ weglichen Phraſen vorzuhalten, die er ihm ſchreiben könnte, und ſich deſſen 176 Der Blitzſtrahl. Aufregung beim Leſen zu vergegenwärtigen. Während er in ſolcher Weiſe Anſchläge machte, ſchwebte das leichte Boot dahin, bis es endlich das Ufer berührte und er hinter den niederhängenden Zweigen einer Trauereſche der kleinen Villa anſichtig wurde.—„Weiter oben!“ rief ihm Jemand zurecht⸗ weiſend zu; okennt Ihr den Landungsplatz nicht?“— Betroffen von dem Ton der Stimme, die ihm nicht ganz unbekannt vorkam, ſah er ſich um und erblickte die alte Dame von dem Rheindampfer, dieſelbe, welche zu Coblenz ihn ſo angeſchnauzt hatte, die ſchreckliche Miß Grainger mit dem abhanden⸗ gekommenen Schreibpult. Er brauchte einige Minuten, ehe er ſich beſinnen konnte, daß er nicht in ſeinem eigenen Charakter auftreten konnte, ſondern ſich als Botenfährmann vorſtellen mußte. Entſchloſſen, den Vortheil ſeines Incognitos ſich zu Nutze zu machen, lüpfte er den Hut in(wie er meinte) ächt italieniſchem Stil, nahm in jede Hand einen Korb und folgte der Dame nach dem Hauſe. „Schon drei Tage warten wir auf Euch,“ ſagte ſie ſpitzig;„letzten Dienſtag ſeid Ihr pünktlich genug geweſen, als ſich's drum handelte, die Miethe zu holen; aber ſo ſind die Italiener alle— gemein, ſelbſtſüchtig und habgierig. Die Birnen, die Ihr letzthin gebracht, habe ich auf der Rechnung geſtrichen. Ihr könnt andere bringen, wenn Ihr wollt; aber ich zahle nichts für verfaultes Obſt, eben ſo wenig als für Eure vergebliche Reiſe nach Como, die Ihr zu drei Tagen berechnet habt, ohne das Schreibpult, das ſich in einem Rheindampfſchiff verloren, auffinden zu können, obſchon ich gewiß weiß, daß es mir in dieſe Stadt nachgeſchickt worden iſt. Haltet Ihr es nicht für der Mühe werth, mir zu antworten?— Oh, natürlich die alte Entſchuldigung— Ihr habt Euer Engliſch vergeſſen, weil es ſchon ſo lang her iſt, daß Ihr Courier geweſen ſeid. Und doch verſtandet Ihr's, als ich hieher kam, noch gut genug, um mir dieſen miſerablen Platz ohne Boden⸗ teppich um den doppelten Miethpreis anzuhängen.“ Als ſie ſo weit gekommen war, ſchloß ſich ihr eines von den Fräulein an, deſſen Ausſehen ſich ſehr zum Beſſern verändert hatte, da ſie jetzt als ein auffallend ſchönes Mädchen an⸗ ſprach.—„Führe dieſen Mann durch den Küchegarten in's Haus, Helene,“ ſagte die alte Dame;„eine von den Mädchen ſoll ihm das Obſt abnehmen, und vergiß nicht, die Melonen nachzuzählen.“ Randall, dem die Veränderung der Geſellſchaft nicht leid that, folgte Helenen, welche, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ſtolz vorausging. „Laßt Eure Körbe dort, mein guter Mann,“ ſagte ſie, auf eine Rundbank um einen Feigenbaum deutend. Randall ſetzte ſeine Laſt nieder, richtete ſich Von Franz Klauer. 177 auf und nahm ſeinen Hut ab.„Meine Tante wird Euch bezahlen,“ fügte ſie bei und ſchickte ſich zum Fortgehen an.—„Es wäre mir weit lieber, wenn es die Nichte thäte,“ verſetzte er engliſch.—„Was meint Ihr damit? Wer ſind Sie?“—„Ein Fremder, der, damit Sie beim Frühſtück des Obſtes nicht entbehren müſſen, dieſen Morgen über den See herüberruderte, um es Ihnen zu bringen.“—„Warum geht er denn nicht, Helene? Kommt er wieder mit einer Ueberforderung?“ rief Miß Grainger, die ihnen nach⸗ gekommen war.— Helene eilte haſtig auf ſie zu, und ſie ſprachen einige Minuten leiſe mit einander.. „Ich halte es für eine Unverſchämtheit— ja, für eine Unverſchämtheit, Helene, und dies will ich ihm ſagen,“ rief die alte Dame in lodernder Lei⸗ denſchaft.„Wie können Sie ſich eine ſo unverzeihliche Freiheit erlauben, Sir? Wer ſind Sie?“—„Ich heiße Randall, Madame.“—„Randall— am Ende ein Randall von Rocksley?“ entgegnete ſie höhniſch.—„Nein, nur ein Neffe von ihm.“—„Sie ſein Neffe— wirklich ſein Neffe?“ er⸗ widerte ſie ungläubig.—„Ja, Madame, ich habe die ſehr uneinträgliche Ehre. Wenn Ihnen die Familie nicht fremd iſt, ſo kennen Sie vielleicht ihr Wappen.“ Er machte ein Petſchaft von ſeiner Uhrkette los und händigte es ihr ein.—„Richtig, das Fallgitter mit dem Motto„Ferme en tombant.“ Ich kenne oder kannte vielmehr einmal Ihre Verwandten, Mr. Randall;“ ſie ſprach dies in ſehr verändertem Tone und mit einer zimpferlichen Höf⸗ lichkeit, die ihr ſehr übel ließ.— Randall war nicht flau, dieſe Umſtimmung ſich zu Nutze zu machen, und entgegnete etwas kalt:„Habe ich ſchon Ihren Namen gehört, Madame? Darf ich ihn kennen?“—„Miß Grainger, Sir — Miß Adelaide Grainger,“ verſetzte ſie erröthend.—„Mir fremd. Darf ich bitten, mich dieſer jungen Dame vorzuſtellen?“ Er verbeugte ſich lächelnd und plauderte fort, bis das Dienſtmädchen das Frühſtück ankün⸗ digte. Auf die Einladung, daran theilzunehmen, dankte er zuſtimmend mit einer leichten Kopfverbeugung und einem halben Lächeln, welches die junge Dame mit einem großen Blick ahndete, das einen weniger in Unverſchämt⸗ heit geſattelten Menſchen bis unter die Haare erröthen gemacht haben würde; allein Randall war ein Meiſter in ſeiner Kunſt.— Beim Eintritt in das Frühſtückzimmer ſtellte ihn Miß Grainger einem jungen, ſehr zart ausſehen⸗ den Mädchen vor, das trotz des Sommers von Kiſſen unterſtützt und mit Shawls umhüllt auf dem Sopha lag.—„Thereſe, Mr. Randall. Miß Thereſe Walter. Eine Patientin, welche ſich in der milden Luft Italiens Hausblätter. 1867. I. Bd. 12 178 Der Blitzſtrahl. kräftigen will, Sir, aber dieſe Winde nicht gut ertragen kann.“—„Sie ſollten nach Egypten gehen,“ ſagte Randall;„eine von den hübſchen Villas an dem ſich abdachenden Ufer Alexandrette's an den gegen die Sonne ſchü⸗ tzenden Palmbäumen und Cedern wäre der rechte Platz für Sie.“ Er nahm mit vertraulicher Ungezwungenheit neben ihr ſeinen Sitz und ſprach mit ihr über Geſundheit und Krankheit, wie es Leidende gerne hören. Und er konnte wirklich über dieſes Thema recht angenehm reden, da er darin einige Erfah⸗ rung hatte. Die junge Frau eines Kameraden hatte an dem Aufenthalt den er ſchilderte, ihre Geſundheit hinreichend gekräftigt, um ihren Gatten nach Indien begleiten zu können, und lebte jetzt in beſtem Wohlbefinden in dem Bergland über Simla. „Hören Sie, Tante, was mir Mr. Randall verſpricht? Ich ſoll wieder roſenwangig werden,“ ſagte das arme kranke Mädchen, deren blaſſes Antlitz wirklich, während ſie ſo ſprach, einen roſigen Ton gewann.—„Ich ſchmücke durchaus nicht aus,“ bemerkte Randall, ſeinen Platz am Tiſch neben Thereſe nehmend.„Die trockene Luft und die gleichmäßige Temperatur wirkt wahre Wunder.“ Er fuhr fort, von Kuren und Geneſungen zu erzählen. Als er endlich aufſtand, um ſich zu verabſchieden, lud man ihn dringlichſt ein, bald wieder zu kommen und einige Landſchaftſkizzen des nördlichen Egyptens ſammt den Aufzeichnungen, die er auf ſeiner Reiſe in dieſem Himmelsſtrich gemacht hatte, mitzubringen.—„Iſt es mir auch erlaubt,“ ſagte er an der Thüre,„bei Ihnen einen Freund einzuführen, der mein Reiſegefährte iſt, einen zwar ſehr ſchüchternen, aber ungemein gebildeten und, wie ich glaube, ſehr beleſenen Menſchen? Darf ich ihn mitbringen? Natürlich hoffe ich durch meinen Onkel bei Ihnen genügend accreditirt zu ſein.“—„Gewiß, Mr. Randall— ſo gut als ob Sie zu der Familie gehörten,“ antwortete Miß Grainger;„und wenn Ihr Freund Sie begleitet, ſo wird es uns ſehr will⸗ kommen ſein.“— Und ſie verabſchiedete ſich mit großer Herzlichkeit. Fünftes Kapitel. Alte Erinnerungen. Als Randall zu ſeinem Freund zurückkam, wußte er nicht genug zu er⸗ zählen von dem Abenteuer des Morgens. Welch eine merkwürdige Alte, und was für entzückende Mädchen! Aus Helene machte er freilich nicht viel.„Nur ein Backfiſch,“ ſagte er;„aber die Kranke iſt entſchieden bezaubernd— ſo hübſch, ſo zart und vertrauensvoll. Beiläufig, Sie müſſen mir drei oder —— ——-—y— 2——— ꝗM--— Von Franz Klauer. 179 vier Skizzen von einer Nil⸗Landſchaft anfertigen— eine langweilige Ebene mit einem Palmbaum, eine Gruppe von Kameelen im Vordergrund und hinten eine Pyramide. Den beſchreibenden Theil will ich ſelbſt beſorgen; Sie machen die Illuſtrationen dazu. Ich weiß von Egypten nichts, als was ich auf der Ueberlandroute geſehen, obſchon ich den Leutchen dort weiß machte, ich habe in Kairo hausgehalten, und Thereſen rieth, den Winter dort zuzu⸗ bringen.“—„Wie mochten Sie ſich eine ſolche Täuſchung erlauben, Randall?“ verſetzte Lander vorwurfsvoll.—„Und wie mögen Sie mir mit dieſem groß⸗ artigen Ton moraliſcher Vorſtellung kommen?“ entgegnete Randall.„Ihre Entrüſtung können Sie für Weſtminſter ſparen, wo ſie Ihnen bezahlt wird.“ —„Spotten Sie, wie Sie wollen; allein der Zuſtand dieſes armen Mäd⸗ chens ſcheint ſich nicht für einen thörichten Scherz zu eignen und—.“ Lander wurde ſehr roth, der andere aber fuhr fort.„Nur heraus damit; Sie hatten das Wort„Lüge“ auf der Zunge. Ich werde mich nicht über Sie ärgern, weil Sie zufällig ein kreppfarbiges Temperament haben und an den Dingen drehen, bis Sie die ſchwarze Seite herausfinden.“ Nach einer kurzen Pauſe fügte er bei:„Ich weiß wohl, was Sie gethan hätten, wenn Sie dieſen Morgen an meiner Stelle geweſen wären— ihr vorlamentirt über die Un⸗ gewißheit des Lebens, ſein Elend und ſeine Täuſchungen, bis das zarte Ge⸗ ſchöpf vor Angſt außer ſich gekommen und ihre Schweſter halb in Verzweif⸗ lung gerathen wäre. Ich dagegen heiterte ſie auf, daß ſie ganz lebensmuthig wurde, und als ich mich entfernte, verabſchiedete ſie ſich von mir mit einer Stimme, welche mir ſagte, daß meine Wiederkehr ſehr willkommen ſei.“— Lander ließ ſich nie gern mit ſeinem Freund auf eine Diſputation ein, da er wohl wußte, wie unerſprießlich ſie im Allgemeinen ausfielen und in der Re⸗ gel nur dazu dienten, eine Gereiztheit herbeizuführen; er griff deßhalb nach ſeinem Hut und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen.—„Wohin gehen Sie?“ rief Randall.„Doch nicht wieder an Ihr abſcheuliches Photogra⸗ phiren?“—„Ja,“ entgegnete der Andere lächelnd;„ich will die verſchiede⸗ nen Anſichten des See's ſammeln, um bei Gelegenheit Aquarellen danach zu fertigen.“—„Wie widerwärtig ſind ſolche Plane, die immer nur auf Arbeit abzielen. Bringen Sie mir einmal einen, bei dem man gar nichts thun darf, und ich mache mit; aber dieſes Stillſitzen und das ewige„Nächſten Sommer oder Herbſt will ich dieſen Stein aufwärts rollen“ bringt mich zur Ver⸗ zweiflung.“—„Ich will dies nicht verſchulden und ſchweige daher lieber,“ entgegnete Lander mit einem gutmüthigen Lächeln.—„Aber Sie machen 12* 2 180 Der Blitzſtrahl. 85 mir doch die Zeichnungen zu meiner Pyramidentour?“—„Nicht, wenn ſie zu einem ſolchen Zweck dienen ſollen.“—„Wenn Sie einmal vor den Schranken plaidiren, werden Sie wohl nur die Unſchuld vertheidigen und die Tugend beſchützen wollen? Natürlich, Sie nehmen keinen Auftrag von einem Schurken an, und Sie könnten es nicht über ſich gewinnen, mitzuwir⸗ ken, daß ein Spitzbube ſtraffrei ausgeht. Bei Ihren Grundſätzen wäre dies das ſchnödeſte Verbrechen.“—„Welche Aufgabe mir auch zufallen mag, ich hoffe, nie etwas zu thun, was ich nicht mit meinem Gewiſſen in Einklang bringen kann.“—„Ah, das Gewiſſen iſt ein weiter Mantel. Sie Phari⸗ ſäer— Sie ſind am Ende viel ſchlimmer, als ein ſo ruchloſer Menſch wie ich.“—„Ich will darüber nicht mit Ihnen ſtreiten.“—„Sie hätten ein Jeſuit werden ſollen, Lander; wie großartig würden Sie ſich ausnehmen in bis auf die Füße hinunter zugeknöpfter Soutane und dem runden Käppchen auf dem Kopf. Ich denke, ich ſehe die armen Schelme, die wegen eines„Ge⸗ wiſſensfalls“ zu Ihnen kommen und kläglich verdutzt mit der erhaltenen Belehrung abziehen.“—„Ich hoffe, daß nicht Sie mich mit Ihren Gewiſ⸗ ſensfällen behelligen, Randall,“ erwiderte Lander lachend und eilte von hinnen.. Gleich ſo vielen, die ſich etwas auf ihre ironiſche Ader zu gut thun, war Randall verdrießlich, wenn ſein Sarkasmus nicht verfing. Einen Hirſch, der nicht läuft, kann man nicht verfolgen, und er war ärgerlich über Lander, ärgerlich über ſich ſelbſt.„So muß man wohl ſein, um es im Leben vor⸗ wärts zu bringen; die Welt liebt die ruhige Dienſtfertigkeit und glatte Un⸗ terwürfigkeit dieſer Burſche. Leute wie ich ſind nirgends an ihrem Platz. Doch jetzt muß ich an meine Couſine Sophie ſchreiben, um über die Grain⸗ ger Auskunft zu erhalten, welche ſagt, daß ſie mit uns allen ſo gut bekannt ſei. Die arme Sophie! Es hat einmal ein Liebeshandel zwiſchen uns beſtan⸗ den; dann kam es zu einem Streit, der mit der Erbitterung der„wechſel⸗ ſeitigen Freundſchaft“ endigte. Erſt von da ab fingen wir an einander wirk⸗ lich zu haſſen.“ „Theuerſte, beſte Freundin,“ fing er an.„Krank an Leib, Seele und Börſe kam ich vor einigen Wochen hieher und machte zufällig die Bekannt⸗ ſchaft einer ſchrecklichen alten Frauensperſon, einer Miß oder Mrs. Grain⸗ ger, welche gar unterrichtet über unſere Verhältniſſe thut, uns die„lieben Randalls“ nennt und Dein Haus als das„herrliche alte Rocksley“ bezeich⸗ net. Ich vermuthe, ſie hat es auf eine betrügliche Bettelei abgeſehen; allein bei der Ebbe in meiner Kaſſe kommt ſie damit ſchlecht an. Schreibe mir h Von Franz Klauer. 181 d, von ihr weißſt, und wenn Du ein Wort über ihre zwei Nichten beifügen kannſt(die eine iſt hübſch, die andere noch hübſcher), ſo thue es.— Wird es wohl etwas helfen, wenn ich dem Onkel meine Bedrängniß(wie geſagt, ſie iſt geiſtig, körperlich und pecuniär) ſchildere? Ich bin ihm ſchon tief verpflichtet; doch wenn er mich nicht inſolvent haben will, muß er mir noch ein wenig weiter helfen.— Iſt es wahr, daß Du im Begriff biſt, zu hei⸗ rathen? Der Gedanke macht mir Herzweh. Ach, welche Flut von Erinne⸗ rungen ruft er in mir wach. Eines von dieſen Mädchen mahnt mich durch ihr Lächeln an Dich— und doch, wie iſt es ſo ganz anders. Sage mir, es ſei nichts Wahres an dieſem Heirathsgerücht, und glaube mir, daß ich nie aufgehört habe, zu ſein Dein getreuer Heinrich Randall.“ „Ich denke, dies ſollte verfangen,“ ſagte er, als er ſein Schreiben über⸗ las,„und Gefahr laufe ich dabei nicht, denn die Hochzeit iſt auf das Ende dieſes Monats feſtgeſetzt. Es iſt im Grund ein wohlfeiles Vergnügen, auf einen Gegenſtand zu bieten, von welchem man weiß, daß ein Anderer ihn nicht hinauslaſſen wird. Sophie iſt wohl ein hübſches Mädchen, hat aber, wie wir alle, ein eigenes Temperament. Ich möchte ſie mit Lander verheirathet ſehen; ſie würden einander vollkommen elend machen.“— Als er von einem kleinen Spaziergang am See wieder zurückkam, empfing ihn der Wirth, in⸗ dem er auf ein mit Schnüren umwickeltes und mit Siegeln belegtes Packet deutete, mit den Worten:„Dies iſt eben durch die von Chiaſſo kommende Poſt abgegeben worden— das Pult, das die Signora ſchon ſeit drei Wo⸗ chen erwartet. Es zerbrach beim Umſchlagen des Wagens, und man hat es ſo gut, als es gehen wollte, wieder zuſammengebunden.“— Es war wirk⸗ lich das Effektenſtück, das Miß Grainger auf ihrer Rheinreiſe verloren hatte und das ſich jetzt in einem ſehr kläglichen Zuſtand befand— das eine Schar⸗ nier losgebrochen, das Schloß zerſprengt und der Bode einem Ende bis zum andern geſpalten.—„Ich mache morgen oder übermorgen drüben einen Beſuch und will es mit hinüber nehmen,“ ſagte Randall und ſchaffte das Pult nach ſeinem Zimmer. Als er es auf ſeinen Tiſch legte, brach der Boden vollends heraus, und der Inhalt folgte nach; der letztere beſtand aus Papieren, Briefen und einigen Pergamenten. Während er ſie wieder zuſammenlas, fluchte er über den Unfall und wurde ſehr ärgerlich übek ſich ſelbſt, daß er ſich mit dieſem Auftrag befaßt hatte. Die Briefe waren in kleine Bündel gemacht und trugen auf dem Umſchlag den Namen des Schrei⸗ 182 Der Blitzſtrahl. bers oder der Schreiberin. Er ſteckte alles ſo gut als möglich wieder K4. Pult hinein, bis ihm ein auf dickes Papier geſchriebenes und mit rother Schnur umwickeltes Dokument mit der Ueberſchrift„Concept von Jakob Walters Teſtament mit Bemerkungen des Advokaten“ in die Hände fiel.— „Das müſſen wir anſehen,“ ſagte Randall.„Es iſt kein Vertrauensbruch, wenn man ohne Bezahlung von etwas Einſicht nimmt, was einem in Doc⸗ tors' Commons für einen Schilling vorgelegt wird.“ Er öffnete das Papier. b Der Inhalt war kurz gefaßt— zuvörderſt die Erklärung, daß der Te⸗ ſtator nie ein anderes Teſtament gemacht habe oder machen werde, bei ge⸗ ſundem Verſtand ſei und auch in dieſem Zuſtand zu ſterben hoffe. Das Ver⸗ mögen betrug nahezu dreißigtauſend Pfund in Bankactien, das in gleichen Theilen an ſeine Töchter fallen ſollte; ſei nur noch eine am Leben, ſo habe dieſe das Ganze zu erben, und im Fall die Ueberlebende unvermählt ſterbe, ſolle die Hinterlaſſenſchaft an dieſe und dieſe wohlthätigen Anſtalten vertheilt werden.„Ich beſtimme noch außerdem,“ hieß es weiter,„daß meine Töchter erzogen werden ſollen durch Adelaide Grainger, die Halbſchweſter meiner verſtorbenen Frau, welche die Mühſeligkeiten der Armuth und die Sorgen einer knappen Exiſtenz hinreichend kennen gelernt hat, um ſie zu lehren, wie wichtig Sparſamkeit und ein Gewöhnen an eine einfache Lebensweiſe iſt in dem Fall, daß ein Vermögen durch unglückliche Verhältniſſe geſchmälert wird oder verloren geht. Ich wünſche ferner, daß das Erbtheil jeder meiner Töch⸗ ter nicht höher als zu tauſend Pfunden angegeben werde, damit ſie nicht in die Hände von Glücksjägern und Ahenteurern fallen; auch iſt es mein letzter Wunſch an meine lieben Mädchen, daß keine einen Mann, der nach ihren Mitteln gefragt hat, vor Umlauf von zwölf Kalendermonaten nach dieſer Anfrage heirathe, auf daß ihnen hinreichend Zeit bleibe, den Charakter eines ſo augenſcheinlich weltlich geſinnten und ſelbſtſüchtigen Menſchen kennen zu lernen.“ Dann folgten noch einige Warnungen vor den Schlingen der Welt und zuletzt die Unterſchrift des Teſtators ſammt den Namen der Zeugen.— „Zweimal fün macht dreißig— dreißigtauſend Pfunde, eine hübſche Summe, mit der ſich etwas anfangen läßt, ſelbſt in ihrem ſchlafenden Zu⸗ ſtand, den fünfzehnhundert Pfunden jährlicher Zinſen. Doch wie weit reicht's? Zum Leben allerdings— zu einem angenehmen und luſtigen Leben ſogar, wenn man Junggeſelle iſt. In Paris zum Beiſpiel beſtreitet man da⸗ mit ein angenehmes kleines Entreſol der Rue neuve, ſeinen Club, ſeine Reit⸗ pferde und bei gewöhnlichem Glück ſein Billard. Baden und andere Kur⸗ orte zahlen ſich ſelbſt, denn die Welt iſt eine vortreffliche Welt und verlangt Von Franz Klauer. 183 nur ein wenig gerupft zu werden von Fingern, die große Diamanten vor⸗ weiſen können.— Doch aller dieſer Zauber ſchwindet angeſichts eines Wei⸗ bes. Ein Weib iſt gleichbedeutend mit regelmäßigen Gewohnheiten und Achtbarkeit, den koſtſpieligſten Dingen, die ich kenne. Das windfuchtelige Factotum eines Gargon kommt nicht den zehnten Theil ſo hoch, als der fette, gepuderte alte Kerl, der ſich nur zu verbeugen hat, wenn das Diner aufge⸗ tragen iſt und braun und blau wird, wenn er einen Stöpſel ziehen muß. Und ſo geht's durch alle Branchen. Nein, nein, ein Weib iſt ein Mißgriff, und was noch ſchlimmer, ein Mißgriff, der ſich nicht wieder gut machen läßt.“— So raiſonnirend ſetzte er ſich nieder und las Mr. Walters Teſta⸗ ment noch einmal durch. 4 Hechstes Kapitel. Sophie's Brief. Etwa eine Woche ſpäter brachte die Poſt zwei Briefe für die Reiſen⸗ den; der für Lander war von deſſen Mutter und betraf häusliche Angslegen⸗ heiten, die einem anhänglichen Familienglied auch in der Fremde ſtets von Intereſſe ſind, der für Randall kam von Sophie und lautete wie folgt: „Lieber Heinrich— nicht ohne Staunen erkannte ich wieder einmal Deine Handſchrift. Ein Brief von Dir iſt in der That zu Rocksley ein Er⸗ eigniß.— Die Miß Adelaide Grainger war, als wir uns noch in der Kin⸗ derſtube umtrieben, unſere Gouvernante. Karoline hatte ſie gern, aber ich konnte ſie nicht leiden. Sie verließ uns, um die Erziehung von anderen Kin⸗ dern(aus ihrer Verwandtſchaft, glaube ich) zu übernehmen. Sie ſchrieb einmal und bat um die Erlaubniß, ihre Pfleglinge vorſtellen zu dürfen; wir antworteten jedoch nicht darauf, und ſo unterblieb jeder weitere Verkehr. Ich habe ſeitdem nichts mehr von ihr gehört.— Deine Hoffnung, von dem Papa eine Unterſtützung zu erhalten, kann ich nicht ermuthigen. Er fragte nicht einmal nach dem Inhalt Deines Briefes und bemerkte nachher gegen Karo⸗ line, er zähle darauf, daß dieſe Correſpondenz nicht fortdaure.— Was ſchließ⸗ lich mich betrifft, ſo ſehe ich nicht ein, wie meine Heirath für Dich ein Gegen⸗ ſtand der Freude oder des Schmerzes ſein kann, da unſere früheren Beziehun⸗ gen längſt völlig gelöst ſind. Mr. Wentworth Graham iſt von unſerem ehe⸗ maligen Verhältniß unterrichtet und hat ſogar Deine Briefe geleſen; es ge⸗ ſchieht daher in ſeinem Auftrag, wenn ich Dir erkläre, daß der Ton der alten 184 Der Blitzſtrahl. Vertraulichkeit fortan aufhören muß. Dein eigenes Urtheil wird dir. daß ich zu dieſem Anſinnen berechtigt bin. Im Uebrigen verbleibe ich Deine wohlmeinende Couſine Sophie Randall. „Ah, ſo ſtehen wir?“ ſagte Randall.„Nun ja, ſie hat Recht, in allem Recht, nur nicht darin, daß ſie ihm meine Briefe zeigte. Dies war nicht nöthig und iſt obendrein unehrlich— eine Schalkhaftigkeit, die ich an Gra⸗ hams Stelle nicht goutiren könnte. Einem Weib, das ihren neuen Lieb⸗ haber dadurch verſöhnen will, daß ſie den alten verräth, iſt nicht viel Gutes zuzutrauen. Doch dies iſt zum Glück ſeine, nicht meine Sache, obſchon ich ſie dazu machen könnte, wenn ich dieſen Mr. W. G. einfach daran erinnerte, daß er nur die weniger intereſſante Hälfte unſerer Correſpondenz geſehen und ſich wegen der andern an mich wenden muß. Ehemänner müſſen bis⸗ weilen die Erfahrung machen, daß ein verſiegeltes Paketchen alter Briefe am Hochzeitmorgen für die Braut ein weit acceptableres Geſchenk wäre, als das ſchönſte Geſchmeide aus der Rue de la Paix. Ich hätte gute Luſt, dieſe Bomb das Hochzeitgepränge hineinzuwerfen, wenn ich nur den erregten Tumult mit anhören könnte; denn was einem die Einbildungskraft bietet, iſt doch nur ein ſchlechter Erſatz für die Wirklichkeit.“— Während er mit dieſen Gedanken beſchäftigt war, ſchickte Lander ſich an, mit dem photogra⸗ phiſchen Apparat einen ſeiner gewohnten Ausflüge zu machen.„Pah!“ rief er ihm zu,„laſſen Sie für heute Ihre ſchwarze Kunſt und kommen Sie lieber mit zu J. Grangeri, wie der Wirth ſie nennt; ich verſpreche Ihnen einen ſchöneren Anblick, als den von Farrenwedeln und Fingerhutſtrünken.“ — Der bei Fremden ſtets ſehr ſchüchterne Lander ſuchte eine Ausflucht; er meinte, ſein ſcheues Weſen dürfte für das Glück ſeines Freundes ein Hin⸗ derniß werden und auf den angenehmen Verkehr einen Schatten werfen.— „Aber wenn es mir gerade um einen Gegenſatz zu thun wäre, der meine eigenen Verdienſte in ein günſtigeres Licht ſtellen ſoll?“ entgegnete Randall lachend.—„Damit man hintendrein ſage, man begreife nicht, wie Mr. Randall zu einem ſo langweiligen, trübſeligen Reiſegefährten gekommen ſei?“—„Vollkommen richtig; und die Sache erklärt ſich nur durch Mr. Randalls Großmuth und wohlwollendes Herz; er hat die Hülfloſigkeit dieſer armen, ſchwermüthigen Perſon bemerkt und ſich ſelbſt zum Opfer gebracht, um ihn zu beleben und aufzuheitern— wie wir ja hören, daß geſunde Men⸗ ſchen ſich Blut entziehen laſſen, um mit dem friſchen Strom ihres Lebens die Kräfte unglücklicher Cholerakranker wieder zu heben.“—„Aber ich bin Von Franz Klauer. 185 noch nicht blau und hoffe mit meinen eigenen Hilfsquellen durchzukommen,“ verſetzte Lander lachend.—„Ja, aber wie; Ihr Leben iſt höchſtens ein Vegetiren. Das bloße Daſein und Wachſen genügt dem Manne nicht, der Hoffnungen zu erfüllen und Leidenſchaften zu befriedigen hat, des Wunſches, auf Andere Einfluß zu üben, gar nicht zu gedenken. Aber kommen Sie mit in das Boot und ſehen Sie dieſe Mädchen. Ich brauche Sie; denn aus einer derſelben bin ich noch nicht klug geworden, und da mich die kranke Schweſter beſonders anſpricht, ſo habe ich noch keine Zeit gehabt, mich gehörig zu orientiren.“— Wohl oder übel ſchickte Lander ſeinen photographiſchen Ap⸗ parat wieder zurück.—„Ich werde die Kranke Ihnen überlaſſen, Lander,“ ſagte Randall, als er den Nachen auf dem Waſſer dahin ruderte.„Sie ge⸗ fällt mir allerdings am beſten; allein ich fürchte keine Nebenbuhlerſchaft und möchte mich überzeugen, aus welchem Teig die andere gebacken iſt. Es bleibt unter uns ausgemacht, daß Sie ſich vorzugsweiſe Thereſen widmen und ihr bei Gelegenheit alles erdenkliche Gute über mich ſagen,— meine Talente zum Beiſpiel, meine Energie, meinen heiteren Sinn herausſtreichen. Es iſt mir ernſt, mein Beſter, denn im Vertrauen, ich bin Willens, eine der⸗ ſelben zu heirathen, obſchon ich noch nicht recht weiß, welche.“— Lander lachte herzlich und erwiderte:„Seit wann ſind Sie auf dieſen ſublimen Ge⸗ danken gekommen?“ „Das will ich Ihnen ſagen. Es hat zwiſchen mir und meiner Couſine Sophie ein Verhältniß beſtanden, in welchem ein Bruch eingetreten iſt. Sie wird gegen das Ende dieſes Monats heirathen, und um mich im Punkt der Gleichgültigkeit nicht von ihr überbieten zu laſſen, möchte ich ſie noch vorher von meinem Glück(ſo nennt man's ja) in Kenntniß ſetzen können.“— „Aber beſitzen Sie auch die Mittel, um zu heirathen?“—„Keinen Schil⸗ ling.“—„Oder Ausſichten?“—„Ebenſowenig.“—„Dann begreife ich nicht—.“—„Natürlich muthet Ihnen niemand zu, zu begreifen, wie Män⸗ ner von meinem Schlag das Spiel des Lebens auffaſſen. Erlauben Sie mir, Sie mit einem Gleichniß zu belehren. Wenn kein Wind geht und die Segel eines Fahrzeugs gegen den Maſt klappen, ſo kann es auch nicht auf das Steuer anſprechen, ſondern triftet in einer Strömung fort oder verfault in der Windſtille. Jeder Wind, ſelbſt eine Bö, ein Orkan, würde beſſer ſein als dies. In einem ähnlichen Fall befinde ich mich auch. Eine Heirath ohne Mittel iſt ein Orkan; doch will ich lieber dieſem die Stirne bieten, als leck zwiſchen zwei Winden liegen bleiben.“—„Aber das Mädchen, das Sie heirathen—.“—„Das Mädchen, das ich heirathe, oder vielmehr das Mäd⸗ 2 ſagte Randall, auf Lander deutend; Ufer. 186 Der Blitzſtrahl. chen, das mich heirathet, wird bald erfahren, daß ſie an Bord eines Korſa⸗ ren iſt, und daß auf dem weiten Lebensmeer ſich viele Beute erholen läßt, wenn man ſich aus ein bischen Gefahr nichts macht und keck zugreift.“— „Und in eine ſolche Lage möchten Sie das Mädchen bringen, das Sie lie⸗ ben?“—„Wenn ich jährlich fünftauſend Pfunde zu verzehren hätte, nein. Selbſt mit vieren könnte ich's ſo anſtändig treiben, wie Sie, meine Söhne anſtändig erziehen laſſen, den Armenvormund ſpielen und meine zwanzig Pfunde zum Bezirkſpital beitragen. Da ich aber nicht ſo viel, nicht einmal vierhundert jährlich habe, ſo befinde ich mich eher in dem Fall, von wohlthä⸗ tigen Anſtalten zu empfangen, als zu ihnen Beiſteuer zu geben. Sehen Sie nicht ein, mein wohlweiſer Freund, daß das Ganze nur eine Geldfrage iſt? Die Moralität gehört zu den koſtſpieligſten Dingen, und ſelbſt der Reiche kann ſie nicht immer erſchwingen. Als armer Subalternoffizier in einem in⸗ diſchen Regiment mache ich ſo wenig Anſpruch darauf, als es mir einfällt, eine Nacht halten zu wollen oder mich in's Parlament wählen zu laſſen.“— „Aber welche Berechtigung haben Sie, andere in Ihre Lage zu verſtricken?“ —„Wenn Sie je den Louis Blanc geleſen hätten, mein Verehrteſter, ſo würden Sie wiſſen, daß das Recht der Arbeitsaſſociation unter allen Rech⸗ ten oben anſteht. Doch wir wollen uns nicht weiter auf dieſes Thema ein⸗ laſſen, damit wir nicht mit allzu ernſten Geſichtern unter jener Eſche anlan⸗ gen. Nehmen Sie ſich zuſammen für die bevorſtehende Begegnung, bieten Sie Phraſen aus Ihren Lieblingsdichtern auf, und wer weiß, ob Sie nicht noch Ihrem Einführer Ehre machen.“—„Der Einführer darf nicht zu zu⸗ verſichtlich ſein,“ verſetzte Lander lächelnd;„doch da kommen die Damen.“ — Es war ſo; die beiden Mädchen näherten ſich dem Landungsplatz, eine davon auf den Arm der anderen ſich ſtützend und damit zeigend, wie abhän⸗ gig ſie von ihrer Schweſter war.—„Mein ſchüchterner Freund, Ladies!“ ;z und die jungen Männer ſprangen an's Siebentes Kapitel. Entzweiung. Der Kenntniß von der untergeordneten Beziehung, in welcher Miß Grainger zu der Familie ſeines Onkels geſtanden, verdankte es Randall, daß er zuverſichtlicher auftreten und gewiſſermaßen die Miene eines Gönners annehmen konnte; doch wurde er dadurch mit jedem Tag in der Villa weni⸗ ger beliebt, während andererſeits Landers Wagſchaale ſtieg.—„Ich finde,“ Von Franz Klauer. 187 ſagte eines Morgens Randall, als die beiden jungen Männer beim Frühſtück ſaßen,„daß mein Urlaubsverlängerungsgeſuch abſchlägig beſchieden worden iſt. Ich ſoll mich bereit halten, mit Rekruten für einige Regimenter in Oberindien auszuſegeln.“ Er hielt inne und fuhr nach einer Weile fort: „Welcher Unterſchied iſt da zwiſchen einem Offizier der indiſchen Armee und einem zur Deportation verurtheilten Verbrecher? Die Plackerei dieſelbe, nur iſt in Betreff des Klima's der Verbrecher im Vortheil!“—„Ich denke, Sie faſſen Ihre Stellung zu ſchwarz auf. Die Laufbahn wäre allerdings auch nicht nach meinem Geſchmack; allein befände ich mich einmal darin, ſo würde ſie mir wohl nicht ſo unerträglich erſcheinen.“—„Nein, Sie könnten ſich nicht darein finden. Im Soldatenleben gibt es keinen Spielraum für die kleinen Kunſtgriffe und Praktiken, mit denen die Schlauheit ſich in der Welt forthilft. Die Verſchlagenheit iſt da rein nutzlos.“—„Ich hoffe,“ entgegnete Lander mit einem matten Lächeln,„es iſt Ihnen nicht Ernſt mit der Anſchauung, daß dieſe Gaben, in was immer für einem Beruf, den Mann vorwärts bringen können.“—„Ich weiß nicht— bei den Advokaten wenigſtens ſoll es der Fall ſein.“—„Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß Sie vollkommen im Irrthum ſind. Der Gedanke iſt eben ſo gut Ihres Verſtandes, als Ihres richtigen Gefühls unwürdig.“ Er hatte dies mit Wärme und Energie geſprochen.—„Hurrah!“ rief Randall.„Schon drei Monate fahnde ich nach einer Stelle, von der aus es bei Ihnen zünden kann; endlich habe ich ſie gefunden.“—„Sie ſind etwas beleidigend geweſen, ſonſt würde ich Ihnen nicht ſo geantwortet haben; doch weg von dieſem Gegen⸗ ſtand, der nicht angenehm iſt.“—„Ich denke nicht ſo. Wenn jemand eine Anſicht hegt, von der ſein Freund glaubt, ſie ſei eine gefährliche Verblen⸗ dung, ſo kann ſie nicht beſſer beſeitigt werden, als wenn man näher auf ſie eingeht.“—„Ich will dies nicht.“—„Nicht? Aber wenn ich Sie dazu zwinge und meine Frage auf ſo direkte und perſönliche Gründe ſtütze, daß Sie nicht ausweichen können?“—„Ich verſtehe Sie nicht.“—„Sie wer⸗ den es bald. Schon ſeit einiger Zeit trage ich mich mit dem Gedanken, Ihnen über Ihr Benehmen in der Villa eine Erklärung abzuverlangen. Ehe Sie dort feſten Fuß gewannen, ſtand ich gut mit jedermann— die Alte war aus Reſpekt vor meiner Familie voll Aufmerkſamkeit, und unter den Mädchen durfte ich nur wählen. Seit ich Sie dort einführte, iſt dies anders gewor⸗ den. Ich will nicht fragen, durch welche Kunſtgriffe Sie Ihren Einfluß er⸗ langt haben; aber es iſt Thatſache, daß in dem Maß, in welchem Sie ſich wohl daran machten, ich ſelbſt in den Hintergrund zu ſtehen kam. Sonſt galt * 188 Der Blitzſtrahl. jede meiner Andeutungen als Befehl, und jetzt muß ich wahrnehmen, daß vorher Ihre Genehmigung eingeholt wird.“—„Sind Sie fertig?“ verſetzte Lander.— „Noch lange nicht; ich könnte ſtundenlang fortmachen, allein zunächſt muß ich auf einer Erklärung in Betreff des bereits Geſagten, und vielleicht auf etwas mehr als einer Erklärung beſtehen.“—„Meine Antwort darauf lautet, daß Sie ſich vollſtändig im Irrthum befinden und daß ich weder di⸗ rekt noch indirekt je Ihre Stellung beeinträchtigt habe. Ich ſprach ſelten von Ihnen und nie mit Geringſchätzung. Allerdings kam es mir vor, als nehmen Sie gegen die Damen einen Ton von Ueberlegenheit an, der noth⸗ wendig empfindlich vermerkt werden müßte; allein da man ſich denſelben ge⸗ fallen ließ und ich vorausſetzte, Sie als Weltmann müſſen beſſer wiſſen, als ich, wie weit Ihnen der Brauch der Geſellſchaft zu gehen geſtatte, ſo enthielt ich mich jeglicher Aeußerung und würde auch nichts darüber geſagt haben, wenn Sie nicht ſelbſt durch Ihre Beſchuldigung mich dazu gedrängt hätten.“ —„Sie duldeten alſo im Geheim meine vermeintliche Unverſchämtheit und bemitleideten die Damen, ohne jedoch den Muth in ſich zu fühlen, ihn zu ahnden?“—„Suchen Sie Streit mit mir?“ fragte Lander ruhig.— „Wenn ich wüßte, zu wälchem Ziel es führte, ſo würde ich vielleicht ja ſagen.“ —„Dann muß ich Ihnen erwidern, daß ich, ſo weit wenigſtens ich bethei⸗ ligt bin, Sie nie beleidigt oder Ihnen Unrecht gethan habe. Ich brauche da⸗ her nichts zu widerrufen und bin bereit, Ihnen eine volle Erklärung zu geben, um ſodann für immer mit Ihnen fertig zu ſein.“—„Ich dachte mir's wohl,“ entgegnete Randall verächtlich.„Es war eine Thorheit von mir, anzunehmen, Sie könnten die Sache anders aufgreifen, und es bleibt mir da⸗ her nichts übrig, als das Kindsmädchen meiner Tante mit größerer Ehrer⸗ bietung zu behandeln— wenigſtens in der hohen Gegenwart eines Advoka⸗ tenſchreibers.“—„Gott befohlen, Sir,“ ſagte Lander und verließ haſtig das Zimmer.— Randall nahm ein Buch auf; aber obgleich er volle drei Seiten las, kam von dem Inhalt doch nichts zu ſeinem Bewußtſein. Dann öffnete er ſein Pult und begann einen Brief an Lander, einen Abſchiedsbrief zu ſei⸗ ner Rechtfertigung, der in gemäßigterem Ton gehalten war, als ſeine Rede; doch zerriß er ihn wieder und machte es ebenſo mit einem zweiten und drit⸗ ten. Während er ſich ſo in Leidenſchaft hinein arbeitete, gedachte er ſeiner Couſine und ihrer bevorſtehenden Verheirathung.„Wenigſtens hier kann ich einen Spaß verderben!“— und er ſchrieb, wie folgt:—* .* ——.————õ—— — 1 4 * Von Franz Klauer. 189 „Lago d'Orta, 12. Auguſt. „Mein theurer Sir— im Hinblick auf die nahe Verwandtſchaft, in die ich nächſter Tage mit Ihnen zu kommen die Ehre habe, erlaube ich mir dieſe vertraute Anſprache. Meine Couſine, Fräulein Sophie Randall, hat mir in einem vor kurzem erhaltenen Schreiben angezeigt, daß es ihr räthlich erſchie⸗ nen ſei, Ihnen eine Anzahl Briefe vorzulegen, welche ich in einer Zeit an ſie geſchrieben, als ich noch in einer näheren Beziehung zu ihr ſtand. Da ich die Offenheit und den Muth meiner Couſine(denn es gehörte gewiß einiger Muth dazu) kenne, ſo hat ſie ohne Zweifel Sie von allem unterrichtet, was zwiſchen uns vorgefallen iſt. Wir waren beide ſehr jung, ſehr gedankenlos. und leider ganz unſerer eigenen Führung überlaſſen. Es iſt keine Indiscre⸗ tion, wenn ich ſage, daß wir beide ſehr verliebt waren, verliebt mit jener Art von Zuverſicht, welcher gegenüber ein Mißtrauen als Verbrechen er⸗ ſcheint. Doch obgleich ſie Ihnen viel eröffnet haben mag, muß doch ihr weibliche Würde ſie abgehalten haben, die Umſtände zur Sprache zu bringen, welche viel erklären und dem, was zwiſchen uns vorgegangen, zur Entſchul⸗ digung dienen. Ihnen als einem Weltmann bin ich dieſe Erklärung ſchuldig, weniger um meiner ſelbſt, als um ihrer willen, da ſie ſo gut wie ich, unſerem Verhältniß jedes Opfer hätte bringen ſollen.— Ihre Briefe ſind noch in meinem Beſitz; ich geſtehe, daß ſie mir ſehr theuer ſind, als die einzigen Ueberbleibſel einer ſchönen Vergangenheit. Ich fühle indeß, daß Ihr Recht daran größer iſt, als das meinige. Rathen Sie mir, was ich damit anfangen ſooll. Laſſen Sie mich wiſſen, wie Sie unter den gleichen Verhältniſſen ge⸗ handelt haben würden, und ſeien Sie verſichert, daß Ihr Ausſpruch ein Be⸗ fehl ſein wird für Ihren ergebenſten Diener H. R.“ „Nachſchrift.— Beim Beginn dieſes Schreibens war ich der Anſicht, daß meine Couſine es leſen ſollte; nach weiterer Erwägung aber bitte ich, es ihr nicht zu zeigen.“ Nachdem dieſes tückiſche Machwerk zu Ende war, warf der Schreiber die Feder weg und ſagte halblaut:„Ich gäbe etwas darum, wenn ich ihn dies leſen ſehen könnte.“ Dann verließ er das Haus und eilte nach dem Ufer hinunter, wo die Kähne lagen.„Wo iſt mein Boot, Onofrio?“— „Der andere Signor iſt darin über den See uuberſtiaſcen—„Auch dies noch,“ murmelte Randall.„Der Kerl meint, wenn er auch einer Satis⸗ faction ausweicht, er dürfe ſich Unverſchämtheiten erlauben. Weil er weiß, daß mir dieſes Boot das liebſte iſt, hat er mir's vor der Naſe weggenommen. — Nussils nach La Rocca hinüber,“ rief er dem Fährmann zu. Und 5. 4 1 190 Der Blitzſtrahl. in der nächſten Minute ſchwamm der Nachen über den See hin. Randall brütete Rache, die er am beſten nehmen zu können glaubte, wenn er ſeinen Gegner im Beiſein der Damen beſchimpfte.„Doch muß ich mich dabei in Acht nehmen, damit ich nicht ihre Sympathie verſcherze. Ich war ein Narr, daß ich dieſen Menſchen je in der Villa einführte; aber ſollte ſich der Scha⸗ den nicht einigermaßen wieder gut machen laſſen?“ Der letztere Gedanke erfüllte ſeinen Geiſt, bis er an das Land ſtieg. Wie er in die Nähe des Ufers kam, bemerkte er, daß die Damen in einem Zeltboot vor Anker lagen und Lander ihnen vorlas. Miß Grainger befand ſich nicht bei der Geſell⸗ ſchaft. Dies kam ihm ſehr erwünſcht, denn er gewann dadurch Gelegenheit, allein mit ihr zu ſprechen und von ihr herauszulocken, in wie weit Lander ihm geſchadet hatte.— Das Beſuchzimmer war bei ſeinem Eintritt leer, aber auf dem Tiſch lag ein angefangener Brief, deſſen noch feuchte Tinte verrieth, aß die Schreiberin eben erſt ſich entfernt hatte. Sein Auge fiel auf die Worte:„Mein theurer, hochwürdiger Herr“ und ein paar Zeilen weiter unten auf den Namen Lander. Die Verſuchung war zu groß; er las: „Theurer, hochwürdiger Herr— ich beeile mich, Ihnen meine vollkom⸗ mene Zufriedenheit über den Inhalt Ihres Schreibens auszudrücken. Ihr Sohn, Mr. Lander, hat ſeine Lage und Ausſichten offen dargelegt, und ob⸗ ſchon meine Nichte vielleicht mit einem reicheren Bewerber hätte glücklich ſein können, ſo bin ich doch überzeugt, daß ſie keinen gefunden haben würde, deſſen Gemüthsart, Charakter und geiſtige Richtung——.“ Das Geräuſch nahender Fußtritte bewog ihn, ſich haſtig auf das Sopha zu werfen. 1 Grainger trat ein. Ihr Benehmen war ganz ſo herzlich wie ſonſt, vielleicht noch herzlicher, weil ſie in Abweſenheit ihrer Nichten dem inſtinktartigen Reſpekt vor einem Randall weniger Zwang anzuthun brauchte.—„Warum ſind Sie nicht mit Mr. Lander gekommen?“ fragte ſie.—„Ich war beſchäf⸗ tigt, mußte Sophie zu ihrer Verheirathung glückwünſchen. Doch welchen Grund hat Lander angegeben?“—„Keinen; er ſagte, es habe ihn die Luſt angewandelt, über den See zu rudern, und dies mag keine geringe Anſtren⸗ gung für ihn geweſen ſein. Er hat wieder gehuſtet und über Seitenſtechen geklagt.“—* jämmerlicher Menſch, ich meine, was die Geſundheit und Kraft anbelangt. Er muß natürlich immer ſo geweſen ſein; doch das Leben, das dieſe Burſche in London führen, könnte die kräftigſte Conſtitution zu Grund richten.“—„Lander nicht; er iſt nie ausſchweifend geweſen.“— „Das wiſſen Sie aus ſeinem eigenen Mund,“ entgegnete Randall lachend, „aber er hat Ihnen ſchwerlich je das Tagebuch ſeines Stestedenſes— * — Von Franz Klauer. 191 „Wie, meinen Sie wirklich, er ſei ein Nichtsnutz geweſen?“—„Nicht mehr, als unter zehnen ſeiner Klaſſe es acht ſind. Der Student iſt überall den Aufregungen des Laſters mehr ergeben, als der Sportsman, da er Er⸗ ſatz ſucht für die erſchöpfende Eintönigkeit ſeiner Gehirnthätigkeit. Doch was geht mich dies an? Ich bin weder ſein Vormund, noch ſein Beichtvater.“ —„Aber für mich hat es ein ſehr ernſtliches Intereſſe.“—„Dann müſſen Sie ſich bei jemand anders nach Auskunft umſehen. Ich bin ſelbſt nicht ſo tadelfrei, um andere bemäckeln zu dürfen, und ſelbſt wenn es der Fall wäre, könnte ich, denke ich, ein angenehmeres Geſchäft finden.“—„Aber wenn ich Ihnen ein Geheimniß mittheile, ein großes Geheimniß—.“—„Oh, laſſen Sie mich mit Geheimniſſen unbehelligt; ich mag damit ebenſo wenig zu ſchaffen haben, als mit der Aufbewahrung von anderer Leute Geld. Sagen Sie mir nichts, was Sie mir nicht vor dem Geſinde mittheilen dürften.“— „Aber ich bin Ihres Raths benöthigt.“—„Den können Sie unter ſolchen Umſtänden nicht haben, um ſo weniger, da ſich's um einen Mann handelt, von dem ich mit großer Zurückhaltung ſprechen muß, weil ich ihn nicht leiden kann.“—„Sie können ihn nicht leiden— warum?“—„Habe ich Ihnen nicht eben geſagt, daß mein perſönliches Gefühl mir eine Rückſicht gegen ihn auferlegt, das mir nicht geſtattet, mich über ſeinen Charakter auszulaſſen? Ich kann nur ſo viel ſagen, daß ich, wenn ich eine Schweſter hätte, der er einen Heirathsantrag machte, ſie lieber todt ſehen würde, als in ſeinen Ar⸗ men. Damit genug. Sagen Sie noch ein weiteres Wort, ſo gehe ich hin und bitte Lander, Zeuge unſerer Unterhaltung zu ſein.“—„Sie werden doch nicht!“—„Laſſen Sie's nicht darauf ankommen. Sie kennen die Heiß⸗ blütigkeit der Randalls und mögen daraus ſelbſt beurtheilen, ob es klug iſt, mich weiter zu drängen.“—„Darf ich Ihnen einen Brief zeigen, den ich geſtern als Antwort auf einen von mir erhalten habe?“—„Nicht, wenn er ſich auf Lander bezieht. Ich erkläre Ihnen zum letztenmal, daß ich mich zu keiner Erörterung über ihn verlocken laſſe. Ich will nicht, daß man mir eines ſchönen Morgens nachſage:„Du haſt mit dieſem Mann ſo lange Ka⸗ meradſchaft gehalten und ihn hinter ſeinem Rücken angeſchwärzt.“—„Wenn Sie wüßten, in welche Noth Sie mich gebracht haben—.“—„Ich weiß wenigſtens, daß Sie mich in Noth bringen möchten, undemuß dagegen Pro⸗ teſt erheben. Habe ich Ihnen Sophiens Brief zu leſen gegeben?“ fügte er mit veränderter Stimme bei.„Ich muß Ihnen denſelben bringen, damit Sie ſehen, was ſie von ihrem künftigen Glück ſagt.“ Durch dieſe plötzliche 192 Der Blitzſtrahl. Wendung gelang es dem argliſtigen Mann, ſie mit Erinnerungen an Rocks⸗ ley und längſt vergangenen Zeiten zu beſchäftigen. Als Lander mit den Mädchen in das Haus zurückkam, bemerkte Ran⸗ dall alsbald, daß er über den Wortwechſel dieſes Morgens nicht mit ihnen geſprochen hatte, eine Rückſicht, die er unedelmüthig genug deſſen eigenem Benehmen in der Sache zuſchrieb. Sie beobachteten gegen einander eine ge⸗ wiſſe Zurückhaltung, die, obſchon ſie nicht augenfällig war, Thereſen nicht entging. Mit dem ſprichwörtlichen Scharfſinn der Kranken bemerkte ſie, daß die beiden Männer Streit miteinander gehabt hatten, oder am Rande eines Zwiſtes ſtanden, und nahm davon Anlaß, beide ſorgfältig zu beobachten.— Lander fühlte ſich von den Vorgängen des Morgens gedrückt und vertiefte ſich in Gedanken, während Randall, der dies bemerkte, davon Anlaß nahm, nur deſto mehr ſich anzuſtrengen, um den Angenehmen zu ſpielen. Er war begierig, dahinter zu kommen, welche von den Schweſtern zu Lander in ein Verhältniß getreten war, doch gelang es ihm trotz ſeiner Schlauheit nicht, die Frage in Erledigung zu bringen. Er ſprach ohne Unterlaß und berief ſich gelegenheitlich auf Landers Zeugniß in Dingen, von denen dieſer nichts „wiſſen konnte.— Helene wurde mehr als einmal ungeduldig über ſolche Be⸗ rufungen, die ſtets Lander in Verwirrung brachten, und Randall ſchloß da⸗ raus, daß ſie die Erkorene ſein dürfte. Was Thereſe betraf, ſo ſchienen eher Landers Verlegenheiten ſie zu beluſtigen, wie ſie denn auch einmal laut dar⸗ über lachte.„Thereſe iſt auf meiner Seite,“ ſagte Randall zu ſich ſelber.— „Ich habe ihn nie ſo heiter geſehen,“ bemerkte Miß Grainger, als ſie dem kranken Mädchen den Kaffee brachte.„Aber wie er nur Lander ſo quälen mag! Er hat ihm eben eine Ruderwette auf dem See vorgeſchlagen. Man iſt da nicht im Zweifel, wer gewinnen wird.“—„Das iſt ja herrlich, Tante. Mr. Randall, Sie müſſen mich in Ihr Boot nehmen, während Mr. Lander ſich mit Helenen belaſtet.“—„Und ich werde als Unparteiiſche vom Ufer aus zuſehen,“ ſagte Miß Grainger. Randall wartete nicht länger, ſondern eilte an's Ufer, um ſeinen Nachen loszumachen. Thereſe folgte ihm, auf Miß Graingers Arm geſtützt.—„Wir wollen ſogleich abfahren,“ flüſterte Randall,„denn ich möchte, ehe ich an⸗ fange, einige Verſuchsſtreckungen machen.“ Er half dem kranken Mädchen in den Stern und ruderte in den See hinaus.„Welch ein glorreicher Abend!“ ſagte er.„Nichts in der Welt gleicht einem Sonnenuntergang auf einem italieniſchen See, den die großartige Alpenwelt mit ihren wechſelnden Far⸗ bentönen begrenzt.“ Sie ſchwieg, und er fuhr fort, ſich über den Zauber der 4 Von Franz Klauer..193 Landſchaft zu verbreiten; da bemerkte er auf einmal einen Wechſel in dem Geſicht des Mädchens, das einen ängſtlichen Ausdruck angenommen hatte. —„Was iſt Ihnen? Sie ſehen blaß aus und ſchauen ſo verändert.“— „Ich bin es auch,“ entgegnete ſie ernſt.„Antworten Sie mir auf eine Frage, aber offen. Sie haben mit Lander Streit gehabt— warum?“—„Dieſer Einfall! Meinen Sie, kleine Neckereien zwiſchen jungen Männern können nicht ohne Streit vorkommen?“—„Gleichviel, was ich meine— antwor⸗ ten Sie auf meine Frage. Was war die Veranlaſſung des Zwiſtes?“— „Wie entſchieden Sie ſind,“ ſagte er lachend.„Ich kann mir dies nur aus zwei Urſachen erklären: Sie nehmen ein lebhaftes Intereſſe entweder an mir oder an meinem Gegner.“—„Ich widerſpreche nicht; aber nun das Ge⸗ ſtändniß.“—„Sie haben richtig gerathen; es iſt ein Streit vorgefallen. Wir wechſelten zornige Worte, obſchon ſich ſchwer ſagen läßt, wie wir dazu kamen und wie weit es ging. Ich war unzufrieden mit ihm und ſchrieb es ſeinem Einfluß zu, daß ich hier nicht mehr ſo in Gunſt ſtehe, wie früher; er dagegen erklärte mir etwas cavaliermäßig, ich habe dies ſelbſt verſchuldet durch meine Anmaßung und dergleichen. Unter dem Austauſch ſolcher Höf⸗ lichkeiten wurden wir zuletzt ſehr hitzig und gelangten ſchließlich zu dem Punkt, wo Männer(von Welt wenigſtens) begreifen, daß das Wort— Ge⸗ zänk aufhören und etwas Anderes folgen muß.“—„Fahren Sie fort,“ ent⸗ gegnete ſie haſtig.—Ich habe nichts mehr zu ſagen. Der Advokat faßte viel⸗ leicht,die Sache nicht von dem ordinären Standpunkt auf, wie ich; er nahm ſeinen Hut, kam hieher und ich folgte ihm; das iſt alles.“—„Es war un⸗ recht von ihm, Ihr Benehmen zu rügen, wenn ihn nicht die Freundſchaft dazu berief.“—„Es freut mich, daß Sie dies anerkennen. Aber nun ich mein Geſtändniß abgelegt, laſſen Sie mich auch das Ihrige hören.“—„Was ſollte ich zu geſtehen haben?“—„Ich frage um meiner ſelbſt willen.“— „Um Ihrer willen? Da weiß ich in der That nichts zu ſagen.“—„So hören Sie, und ich hoffe, Sie werden offen gegen mich ſein. In einigen Wochen werde ich nach Indien zurückkehren müſſen, nach dem Land, das ich haſſe, und zu einem Dienſt, den ich verabſcheue. Nur ſo kann ich zu Rang, Stellung und Ehre kommen. Es gibt jedoch noch einen anderen Pfad. Wenn ich nämlich dieſe Laufbahn verlaſſe und auf alle Gedanken des Ehrgeizes verzichte, ſo könnte ich in Europa pleiben, vielleicht hier an den Ufern dieſes See's, und ein Leben beſcheidenen, aber ungetrübten Glückes führen— ſo ein friedliches Daſein, von dem die Poeten träumen, ohne etwas davon zu Hausblätter. 1867. I. Bd. 13 194 Der Blitzſtrahl. wiſſen, weil es eine Abgeſchmacktheit iſt, den Becher des Lebens zu ſchmähen, wenn man ihn nicht gekoſtet und ſeine Bitterkeit kennen gelernt hat. Dieſe Menſchen haben nie erfahren, was ich.“— Er hielt inne und ſah begierig einer Erwiderung entgegen; ſie blieb jedoch ſtumm.„Das Geſtändniß, das ich von Ihnen haben möchte, Thereſe, betrifft die Frage, ob Sie einwilligen könnten, ein ſolches Leben mit mir zu theilen.“— Sie ſchüttelte den Kopf und murmelte etwas Unverſtändliches.—„Sie meinen, es würde zu trau⸗ rig, zu eintönig ſein?“—„Das nicht,“ entgegnete ſie.—„Oder fürchten Sie, daß ſolche Iſolirungsplane nie gelingen, weil bald der Ueberdruß Platz greift?“—„Auch dies nicht,“ erwiderte ſie mit tonloſer Stimme.—„Dann muß der Grund Ihrer Abneigung in meiner Perſon liegen. Habe ich ihn darin zu ſuchen, Thereſe, daß Sie Bedenken tragen, mir Ihr Glück anzuver⸗ trauen?“—„Sie haben Offenheit verlangt und ſollen ſie haben. Mein Herz iſt bereits vergeben.“—„Und dies— ſchon ſeit längerer Zeit?“ fragte er finſter.—„Ja, ſeit einiger Zeit,“ antwortete ſie leiſe.— „Kenne ich den Gegenſtand? Ich habe vielleicht kein Recht, dies zu fra⸗ gen— doch zu der Frage bin ich befugt, wie ſich ein ſolches Verhältniß mit der Ermuthigung verträgt, welche Sie meiner Aufmerkſamkeit haben zu Theil werden laſſen?“—„Ich hätte dies gethan? Ihre Aufmerkſamkeiten galten ja meiner Schweſter(wenigſtens glaubte ſie es) und wurden eben als das flüchtige Getändel eines Mannes angeſehen, welcher kein Hehl daraus machte, daß er in dem Eheſtand nur eine unerträgliche Sklaverei ſehe.“—„Man wird mir doch nicht die Leichtfertigkeiten einer Stunde für Grundſatz auf⸗ rechnen?“—„Wohl, wenn dieſe Leichtfertigkeiten ſo in einander klappen, daß ſie einen Plan zeigen.“—„Das hat Lander geſagt; dies iſt ſeine Sprache— ich ſetze mein Leben daran.“—„Ich glaube nicht; wenigſtens würde er ſich weit beſſer ausgedrückt haben.“—„Sie bewundern ihn alſo?“ fragte er, ſie ſcharf fixirend.—„Es wundert mich, warum ſie noch nicht hier ſind,“ ſagte ſie, den Kopf abwendend.„Die Wettfahrt ſollte doch einmal an⸗ gehen.“—„Warum antworten Sie nicht auf meine Frage?“—„Da kommt er und rudert obendrein ganz allein. Die Tante winkt ihm mit ihrem Tuch Lebewohl nach. Wie raſch er den Kahn über das Waſſer treibt! Warum hat er die Wettfahrt aufgegeben?“—„Soll ich's Ihnen ſagen? Weil jeg⸗ liche Herausforderung nicht nach ſeinem Geſchmack iſt und er zu den Burſchen gehört, die ſich mit niemand zu meſſen wagen.“—„Die Tante winkt uns, zurückzukommen, Herr Randall.“—„Ich ginge lieber vorwärts,“ brummte er, wandte aber gleichwohl den Kahn uferwärts.„Darf ich darauf rechnen, F * Von Franz Klauer. 195 daß dasjenige, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, geheim bleibt— ſelbſt Ihrer Schweſter gegenüber?“—„Wenn Sie es durchaus haben wollen—.“— „Ich will es haben. Die Zurückweiſung iſt beſchämend genugv; ich ſehe nicht ein, warum ich noch dem Mitleid preisgegeben oder lächerlich gemacht wer⸗ den ſoll.“—„Oh, Mr. Randall—.“—„Noch weniger ſoll triumphirt werden,“ fügte er trotzig bei und ließ den Nachen an's Ufer ſchießen, wo Miß Grainger und Helene warteten. „Der arme Lander hat eben ſchlimme Nachrichten von Haus erhalten,“ ſagte Miß Grainger,„und iſt zurückgeeilt, um durch den Telegraphen anzu⸗ fragen, ob man ſeine Heimkehr wünſche.“—„Jemand krank oder im Ster⸗ ben?“ fragte Randall gleichgültig.—„Nein; eine juridiſche Frage über die Stelle ſeines Vaters— ob die Präſentation dem Laienpatron oder dem Biſchof zuſtehe.“— Randall faßte die Mädchen in's Auge, wie ſie die Kunde aufnähmen; ſie gingen jedoch, die Köpfe zuſammengeſteckt, in eifrigem Ge⸗ ſpräch von hinnen.—„Ich meinte, nur in meinem Beruf werde ſchnöde Gönnerſchaft geübt,“ ſagte Randall höhniſch;„es iſt daher ein Troſt, zu er⸗ fahren, daß es die Frommen ebenſo treiben, wie die Gottloſen.“— Miß Grainger, die ſonſt zu ſeinen Frivolitäten lächelte, machte diesmal ein ernſtes Geſicht, und ſie ſchritten ſtumm der Villa zu. Achtes Kapitel. Es wird dunkler. Erſt ſpät verließ Randall die Villa, kehrte aber nicht unmittelbar nach ſeinem Gaſthaus zurück, ſondern ließ träumend und ſchlummernd ſein Fahr⸗ zeug auf dem See umhertreiben. Der Tag brach an, als er wieder erwachte. Die leichte Strömung hatte ihn in die Nähe ſeines Quartiers geführt, und einige Minuten ſpäter befand er ſich auf ſeinem Zimmer. Hier fand er von Landers Hand ein Schreiben vor, das folgendermaßen lautete:— „Ich wartete den ganzen Abend auf Sie, um Sie noch zu ſehen, denn ich bin durch Familienverhältniſſe plötzlich nach Haus gerufen worden. Es thut mir leid, in gereizter Stimmung, oder auch nur mit Kälte von einem Mann zu ſcheiden, in deſſen Geſellſchaft ich ſo viele glückliche Stunden ver⸗ bracht habe und für den ich trotz des Vorgefallenen ein aufrichtiges Inter⸗ eſſe fühle. Ich hätte mit Ihnen über vieles ſprechen mögen, wovon ich nichts ſchreiben kann; das heißt, ich würde mich bemüht haben, Gehör für das zu 13.* 196 Der Blitzſtrahl. finden, was ich nicht in einem überdachten, ruhigen Brief niederzulegen wage. Wenn ich zugeſtehe, daß ich von Ihnen ſelbſt, von Ihrer Gemüthsart, Ihren Gewohnheiten, kurz von Ihrem ganzen Weſen mit Ihnen zu reden beabſich⸗ tigte, ſo ſagen Sie vielleicht, es ſeir ganz gut, daß ich mir zu einer ſolchen Dreiſtigkeit nicht Zeit genommen; aber wenn ich auch Ihre Ueberlegenheit über mich einräume und es nicht wage, meine Fähigkeiten mit den Ihrigen zu vergleichen, ſo erfreue ich mich doch eines Vortheils, der Ihnen nicht zu gut gekommen iſt— ich habe eine Mutter gehabt, während Sie, wie ich aus Ihrem eigenen Munde weiß, ſich nicht erinnern können, die Ihrige je ge⸗ ſehen zu haben. Dem Einfluß dieſer Mutter verdanke ich alles das Gute (wie wenig es auch ſein mag), das in meinem Weſen liegt und wenigſtens ſo weit fruchtbringend wurde, daß ich die preiswürdigen Eigenſchaften, die mir ſelbſt abgehen, an anderen zu ſchätzen weiß. Vor allem aber hat ſie mir an's Herz gelegt, den Ton des Spötters zu vermeiden und nicht nach der wohlfeilen Auszeichnung zu ringen, welche ſich jeder ſichern kann, der in von anderen hochgeachteten Dingen nur Lächerlichkeiten ſieht und ſie mit Hohn behandelt. Ich halte inne, denn ich fürchte, Sie zu ermüden— ich fürchte, daß Sie in Ihrer Ungeduld dieſes Blatt wegwerfen und nicht weiter leſen werden; und doch möchte ich aus aufrichtigem Herzen gegen Sie meine Ueber⸗ zeugung ausſprechen, daß Ihren Fähigkeiten das Höchſte erreichbar ſein würde, wenn der ſittliche Ernſt mit denſelben gleichen Schritt hielte.— Hätte ſich in letzter Zeit nicht unſere Vertraulichkeit aus Urſachen, die ich nicht zu nennen vermag, in einem Grad abgekühlt, daß die erſte Uneinigkeit den vollen Bruch herbeizuführen drohte, ſo würde ich Ihnen mitgetheilt ha⸗ ben, daß unter Zuſtimmung der Tante zwiſchen mir und Thereſe Walter ein Verhältniß beſteht, das in Zukunft(wie bald weiß ich nicht, da ich vor⸗ her meinen Weg machen muß) zu einer ehelichen Verbindung werden wird. Möglich, daß Sie ſagen werden,„was geht dies mich an?“ Nun, ich habe Ihnen geſagt, was, wenn ich darüber geſchwiegen, mir ſelbſt als eine unehr⸗ liche Zurückhaltung erſchienen wäre, und überlaſſe es Ihnen, davon zu den⸗ ken, was Sie wollen.— Ich habe noch einen anderen Grund für meine Mittheilung. Wäre Ihnen die Beziehung unbekannt, in der ich zu unſeren Freundinnen in der Villa ſtehe, ſo könnten Sie unabſichtlich von mir in Aus⸗ drücken ſprechen, die Sie andernfalls unterdrückt haben würden. Nun aber ſind Sie von den beſtehenden Banden unterrichtet, und Sie befinden ſich in der Lage, Ihren Worten die Bedeutung zu geben, die Sie ihnen abſichtlich beilegen wollen.— Ich verwahre mich ausdrücklich dagegen, als ob ich in — Von Franz Klauer. 197 dieſer Angelegenheit von Ihrer Seite eine Gunſt wünſche; denn einmal glaube ich nicht, daß ich deren bedarf, und zweitens erſchiene ich mir ſelbſt als ein Unwürdiger, wenn ich darum bitten könnte. Nach unſerer letzten Zu⸗ ſammenkunft weiß ich nicht, wie ich in Ihrer Werthſchätzung ſtehe; wenn Sie indeß das Gute, das in Ihnen liegt und zu dem Sie durch Ihre natür⸗ lichen Gaben befähigt ſind, nur hälftig zur Geltung kommen laſſen wollten, ſo trage ich kein Bedenken, zu erklären, daß ich mir die Erhaltung Ihrer Freundſchaft zu hoher Ehre rechnen würde. Joſeph Lander.“ „Erbärmlich!“ rief Randall, den Brief wegwerfend.„Dieſe heuchle⸗ riſche Demuth, welche weiter nichts beſagen will, als— ich kann nicht läug⸗ nen, daß du geſcheidter, energiſcher und männlicher biſt, wie ich; aber gleich⸗ wohl(ich weiß ſelbſt nicht warum) ſtehſt du unter mir. Nun, du ſollſt die⸗ ſer Tage auf deinen Wiſch eine Antwort erhalten, die du nicht an den Spie⸗ gel ſtecken wirſt.— Dies war alſo der Grund Ihrer Beſorgniß wegen des Streites, Mamſell Thereſe? Sie muß eine Ahnung gehabt haben, daß der Vorzug, welchen ſie einem ſolchen Kerl zu Theil werden läßt, von mir als ſchwere Kränkung gefühlt werden würde. Und dazu der ſchlaue Zug, die Perfidie in der Andeutung, daß ihre Schweſter nicht abgeneigt ſein dürfte, mich zu erhören!“ Einige Tage nach Landers Abreiſe lief an Randall ein Brief folgenden Inhalts ein:—„Sir,— ich habe Ihr Schreiben erhalten. Nur ein Schurke konnte ſich ſo ausſprechen. Da nun jegliche Ausſicht einer Verbindung mit Ihrer Familie vorüber iſt, ſo gibt es für Sie keinen Vorwand, mir die Ge⸗ nugthuung zu verweigern, die zu fordern Sie mich, wenn Sie ein Mann von Ehre geweſen wären, nicht genöthigt haben würden. Ich reiſe morgen nach dem Feſtland ab und werde am Montag in Baſel eintreffen. Dort ſtehe ich eine Woche lang zu Ihrer Verfügung. Ich hoffe, Sie werden nicht ſäumen, mich von ſich hören zu laſſen. Wentworth Gordon Graham.“ „Dieſer Stil iſt beſſer als der deinige, Meiſter Lander; er bedeutet wenigſtens etwas. Der Mann befindet ſich in einer ehrlichen Aufregung und will dafür mit der Waffe einſtehen; jener Schleicher aber war zornig und bat mich, es unbeachtet zu laſſen. So habe ich alſo deine Hochzeitfreude ver⸗ derbt, mein Couſinchen— eine ſchwere Zurechtweiſung für einen unver⸗ ſchämten Brief. Armes Ding! Warum haſt du zur Feder gegriffen, während du doch wiſſen konnteſt, daß von allen Flaſchen die Tintenflaſche die verhäng⸗ Der Blitzſtrahl. nißvollſte iſt? Und die Wuth des alten Onkels Gottfried! Könnte ich nur einen Blick werfen in das Familientreiben! Sie haben es wohl verdient und können merken, was ſie damit gewannen, daß ſie mich verbannten. Dem Mr. Wentworth Gordon Graham muß ich wohl den Willen thun; nur wird es ſchwer halten, den ſogenannten Freund zu finden. Hm! Vielleicht gelingt mir dies in Mailand. In dieſer Jahreszeit kommt alles, was nicht Geld genug hat für Baden, über die Alpen, und ich treibe wohl einen auf, der den wohlfeilen Heroismus beſitzt, einen Anderen todtſchießen zu ſehen.“— Nach⸗ dem er einige Zeilen an Graham auf die Poſt gegeben, beſtellte er einen Wagen und brach nach Mailand auf. Bei ſeiner Ankunft war die Stadt voll Jubel und Feſtlichkeiten über ihre Einverleibung in das neue Italien und über die Anweſenheit ihres Kö⸗ nigs. Von allen Seiten erſcholl militäriſche Muſik, und in den decorirten Straßen drängte es ſich dermaßen von Volk und Equipagen, daß Randall nur unter Benützung eines gewöhnlichen Fiakers durchkommen konnte. Wäh⸗ rend er in dieſer Weiſe langſam dahin fuhr, hörte er plötzlich ſeinen Namen rufen; er ſchaute auf und erkannte das Geſicht eines Kameraden, der als krank mit ihm Indien auf Urlaub verlaſſen hatte.—„Halt, Freund,“ rief Barnard;„fahre durch das große Thor rechts ein und komm' zu mir her⸗ auf!“— Einige Sekunden ſpäter befand ſich Randall in dem Zimmer ſei— nes Freundes.„Ich hätte mir's nicht im Traum einfallen laſſen, dich hier zu treffen, Randall.“—„Und ich nicht, daß du ſo proper logiren könnteſt,« entgegnete Randall mit einem Blick auf die ſchweren ſeidenen Vorhänge und die vergoldete Decke des Gemaches.—„Mein Glück. Ich habe geheirathet und mit dem Weib einen Topf voll Geld erhalten.“ Er ſprach dies in Flü⸗ ſterlauten und deutete mit dem Daumen auf ein anſtoßendes Zimmer, um ſeinen Kameraden zur Behutſamkeit zu veranlaſſen.—„Wer war ſie?“— „Nichts; das heißt niemand, von dem du ſchon gehört haſt— aus einer Stockport⸗Familie Namens Rappingham. Der Vater, ein gemeiner alter Kerl, hat ſich als Eiſenbahnaccordant etwas gemacht, und ſeiner Tochter ſteht eine Viertelmillion in Ausſicht. Vorderhand gibt er uns freilich nur zwei⸗ tauſend Pfund jährlich.— Der Alte lebt bei uns und macht uns das Leben ſchrecklich ſauer. Und wie geht es dir? Was haſt du in letzter Zeit getrie⸗ ben?“—„Nichts Beſonderes. Ich vegetirte an einem oberitalieniſchen See, verſuchte von fünf Schillingen des Tags zu leben und gab dreimal ſo viel für Branntwein aus, um dazu den Muth zu gewinnen.“—„Aber dein Ur⸗ laub iſt um— haſt du Erneuerung erhalten?“—„Nein, er läuft erſt mit Von Franz Klauer. 199 dem 15. Oktober ab.“—„Ei nein, wir ſind am gleichen Tag und auf die gleiche Dauer beurlaubt worden. Ich kann dir zeigen, daß der meinige auf den 10. Auguſt lautete. Doch dies macht nichts; es wird nicht ſchwer hal⸗ ten, ein ärztliches Zeugniß aufzutreiben, welches beglaubigt, daß du das Bett nicht habeſt verlaſſen können.“—„Du biſt im Irrthum; ich habe mich lei⸗ der auf eine kleine Affaire eingelaſſen, die mit mehr Publicität enden dürfte, als mir lieb iſt.“ Randall erzählte ihm von dem beabſichtigten Rencontre mit Graham und bat ihn, den Dienſt eines Sekundanten zu übernehmen.— „Was war der Grund eures Zwiſtes?“—„Eiferſucht; er war im Begriff, eine Couſine von mir zu heirathen, der ich früher den Hof machte, und dar⸗ über kam es zu Händeln, die mit einer Herausforderung ſchloſſen. Du wirſt mich doch nicht im Stich laſſen?“—„Ich ſehe nicht ein, wie ich es machen kann. Der alte Rap, unſer Haustyrann, läßt mich nicht fort. Ich muß mich jeden Tag viermal melden.“—„Aber dies kann doch nicht immer ſo fort⸗ gehen. Du mußt dieſes Joch brechen, und meine Anweſenheit gibt dir zum Anfang einen guten Vorwand. Sage, du wolleſt mir die Sehenswürdigkei⸗ ten, die Gemäldegallerieen und dergleichen zeigen.“—„Bst! Da kommt meine Frau. Fanny, einer meiner älteſten Freunde, Randall; du haſt mich ſchon oft ſeinen Namen nennen hören.“ Die junge Dame war nicht mehr als zwanzig und von angenehmem, gebildetem Ausſehen, ſo daß Randall, wenn ſein Freund nicht ſchon vorher die Stammbaumfrage angeregt haben würde, ſie für den Sprößling einer guten Familie gehalten hätte. Während ſie miteinander ſprachen, kam der Vater herzu, welcher mehr mit der von Barnard entworfenen Skizze im Ein⸗ klang ſtand. Randall ſuchte zwar ſich bei ihm in Gunſt zu ſetzen; aber vom erſten Augenblick an betrachtete ihn Mr. Rappingham mit Argwohn und wollte nichts davon wiſſen, als ihm ſein Schwiegerſohn zuflüſterte, daß man den Freund zum Diner einladen müſſe.—„Du wirſt ſehen wollen, wie es hier zugeht,“ fuhr Barnard laut fort.„Ich werde mit dir eine Fahrt durch die Stadt und vor das Oſtthor hinausmachen. Sollte ich zur Dinerzeit nicht zurück ſein, Fanny—.“—„So eſſen wir ohne Sie,“ unterbrach ihn der Alte, nahm ſeine Tochter am Arm und führte ſie aus dem Zimmer.— „Robert, ich möchte nicht mit dir tauſchen,“ ſagte Randall.—„So ſchlimm habe ich ihn noch nie geſehen,“ verſetzte der Andere mit einem Schafsgeſicht. —„Weil du's nie verſucht haſt. Bisher biſt du das Haushündchen geweſen, das ſich auch die Püffe gefallen ließ, und nun du beim Anblick eines alten Freundes etwas von deinem früheren Ich ſpürſt, mußt du dich nothwendig 200 Der Blitzſtrahl. entſetzen. Dein Anlauf war ſchlecht; von Anbeginn an hätteſt du ihn fühlen laſſen ſollen, welcher unendliche Unterſchied iſt zwiſchen ihm und einem Gentle⸗ man— nicht bloß in Beziehung auf Kleider, Sprache und Benehmen, ſon⸗ dern in der ganzen Denk⸗ und Anſchauungsweiſe. Und ſo bleibt dir jetzt nichts mehr übrig, als die Revolution. Ja, du mußt das ganze Regiment umſtürzen und aus den Trümmern ein neues herſtellen. Fang' gleich heute damit an. Wir diniren, wo dir beliebt, gehen nach der Scala, wenn ſie offen iſt, und ſoupiren—.“—„Aber Fanny?“—„Sie wird ihrem Manne bei⸗ ſtehen, wenn's auch hintendrein eine kleine Gardinenpredigt gibt. Komm und verliere keine Zeit; ich muß die Merkwürdigkeiten des Platzes in einem Tag durchmachen und habe noch ein kleines Geſchäft in Orta, ehe ich nach Baſel aufbreche. Habt ihr hier einen Club oder ein Caſino, in welchem ge⸗ ſpielt wird?“—„Ja, in dem Gettone; aber ich bin erſt ein einzigesmal dort geweſen.“—„Dann gehſt du heute wieder hin, um mich einzuführen; ich muß einiges Geld zu Beſtreitung der Reiſe gewinnen.“—„Wenn ich dir aushelfen kann—.“—„Nein, nein, ich habe noch gegen fünfzig Napo⸗ leons bei mir, Lockvögel für weitere. Aber du mußt mit mir nach Baſel, Robert,“ fügte Randall bei, als ſie miteinander das Gaſthaus verließen. „Du darfſt mir in einer ſolchen Kriſis nicht abſtehen.“—„Wir wollen ſehen. Die Schwierigkeit wird ſein—.“—„Die Unmöglichkeit iſt ſchlimmer, als eine Schwierigkeit, und mit erſterer habe ich zu kämpfen, wenn du mich im Stich läßt. Mein Poſten in der Armee iſt verſcherzt, und da ſtehe ich nun ohne Mittel— du wünſcheſt ſicherlich nicht, daß ich auch ſagen muß, ohne Freund. Wenn es nicht zu ſelbſtſüchtig klänge, ſo würde ich behaupten, daß du durch einen ſolchen Schritt deine Lage ſehr verbeſſereſt. Gib Acht, bei deiner Rückkehr benimmt ſich der alte Bär ſo höflich, daß du ihn gar nicht mehr kennſt.“—„Meinſt du?“—„Ich ſtehe dafür. Er erkennt daraus, daß du dir die unwürdige Behandlung nicht mehr gefallen laſſen willſt, und muß gewärtig ſein, daß ihm deine Freunde zu Leib gehen. Wir bleiben nicht über vier Tage aus; doch dieſe vier Tage werden ihm einen Schreck einjagen, den er nie vergeſſen wird.“ Barnard war ein leichtes Opfer; noch vor Ablauf des Tages hatte Ran⸗ dall ihn überzeugt, daß er ſeine Ankunft in Mailand für ein Glück anſehen dürfe, ſofern ſie dazu diene, ihn von der herabwürdigendſten Knechtſchaft zu befreien, in die je ein guter Kerl verfallen ſei. Sie hielten ein reichliches Diener und begaben ſich dann nach dem Gettone.—„Ich bin begierig, mein Glück gegen dieſe Mailänder zu verſuchen; du wirſt ſehen, wie ich ſie aus⸗ ———— — — Von Franz Klauer. 201 beutle. Doch was habe ich mit meiner Börſe angefangen? Ha, die iſt auf meinem Ankleidetiſch liegen geblieben. Wir ſind doch in einem ehrlichen Hotel?“—„O freilich; auch habe ich mehr Geld bei mir, als du brauchſt. Der alte Rap hat mir dieſen Morgen dreitauſend Franes eingehändigt, um den Wirth zu bezahlen, und in der Freude über die Begegnung mit dir iſt mir dies in Vergeſſenheit gekommen.“—„Ha, das fügt ſich trefflich,“ rief Randall erfreut;„mit anderer Leute Geld kann man ſicher ſein, zu gewinnen. Das ſind ja fünftauſend,“ fügte er bei, die Rollen überzählend.—„Zwei davon gehören Fanny; ſie hat geſtern ihr Nadelgeldauartal erhalten. Nur dreihundert Pfund im Jahr— iſt dies nicht filzig?“—„Niederträchtig! Sie ſollte wenigſtens acht haben; doch warte nur, bis wir von Baſel zurück⸗ kommen. Du glaubſt gar nicht, wie der alte Kerl ſo ganz anders werden wird, wenn ich ihn in die Mache nehme.“— Sie hatten inzwiſchen das Get⸗ tone erreicht und wurden nach kurzem Zwiegeſpräch in die Spielzimmer ein⸗ gelaſſen.—„Man ſpielt hier Faro; darin bin ich feſt,“ flüſterte Randall. „Ich fürchtete, ſie könnten hier einheimiſche Spiele betreiben, in denen es ihnen ein Fremder nicht gut gleich thun⸗ kann; allein im Faro fürchte ich nie⸗ mand.“— Barnard trat an einen Roulettetiſch, wo modiſch gekleidete Frauen⸗ zimmer neben Männern in ſogar dürftigen Anzügen ihre Frankenſtücke wag⸗ ten, während Randall unter den Faroſpielern Platz nahm. Die Kühnheit ſeines Spiels und die Unbekümmertheit, mit der er ſein Geld einſetzte, machte die Geübteren nicht blind gegen die Wahrnehmung, daß er ein Meiſter im Spiel war, und ſie beobachteten ihn aufmerkſam.—„Ich habe wacker aufge⸗ thürmt,“ rief er ſeinem Freund zu, auf einen Haufen Gold und Silber deutend, der vor ihm lag.—„Du wirſt ihnen Revanche geben müſſen, wenn ſie es verlangen,“ entgegnete Barnard leiſe.—„Fällt mir nicht ein. An einem öffentlichen Spieltiſch kann der Gewinner abziehen, wann er will. Ich bleibe nur noch ſitzen, weil jener alte Burſche dort noch eine Geldrolle in der Taſche hat, die aufzubrechen ihn ſchwer ankommt. Sieh', er nimmt ſie heraus— jetzt ſchon zum viertenmal. Ich bin begierig, ob er ſeinen Muth ſo weit hin⸗ aufſchrauben kann, ſie zu wagen. Er thut es wahrhaftig. Zehn Goldſtücke auf die Königin. Geh' wieder zurück zu jenem blonden Lockenkopf und ſtöre nicht mein Spiel. Ich muß dieſe Rolle noch haben, ehe ich aufhöre. Geh' zurück; durch mich erfährt deine Frau nichts.“ Eine Stunde ſpäter fühlte Barnard eine Hand auf ſeiner Schulter, und als er aufſchaute, ſah er Randall hinter ſich ſtehen.„Du haſt lange ge⸗ braucht, den alten Burſchen auszuziehen.“—„Leider hat er mich ausgezo⸗ 202 Der Blitzſtrahl. gen. Haſt du eine Cigarre?“—„Wie, deinen ganzen Gewinnſt wieder ver⸗ ſpielt?“—„Ja, und deine fünftauſend Francs dazu, weiterer tauſend nicht zu gedenken, die ich von jemand, dem ich meine Karte gab, geborgt habe. Iſt dies nicht ärgerlich?“—„Mehr als ärgerlich— es iſt ein ſchlimmer Handel. Ich weiß nicht, wie ich mit unſerem Wirth zurecht kommen ſoll.“—„Gib ihm einen Wechſel, ſo wird er dich in Ruhe laſſen, und deiner Frau ſagſt du unverhohlen, daß du ihr Geld verſpielt habeſt. Komm fort aus dieſer Stick⸗ luft; wir wollen im Freien eine Cigarre rauchen. Es nimmt mich oft Wun⸗ der,“ fuhr er fort, als ſie die Straße erreicht hatten,„warum die Kerls, welche Bücher ſchreiben und nach Senſationsſcenen haſchen, nicht auch am Spiel⸗ tiſch ſich verſuchen. Es liegt etwas merkwürdig Stimulirendes darin, wenn man ausgezogen wird und nicht nur ſein Geld, ſondern auch ſeinen Kredit aufgebraucht hat. Ich verſtehe„Kredit“ im Sinne des Franzoſen, welcher ſagt:„Le crédit est l'argent des autres.““—„Wollte Gott, du hätteſt dieſes Geld nicht verloren.“—„Wäre mir auch lieber. Das Organ der Kampf⸗ luſt iſt bei mir ſo ausgebildet, daß ich es nicht verwinden kann, in irgend etwas geſchlagen zu werden.“—„Ich kann an nichts anderes denken, als an das Geld,“ erwiderte Barnard finſter.—„Natürlich, denn es gehörte dir. „'s war mein,'s iſt ſein,“ wie Hamlet ſagt. Ein prächtiger Kerl, dieſer Hamlet! Ich glaube nicht, daß je ein Dichter einen Charakter gezeichnet hat, in welchem der Gentleman ſo entſchieden ausgeſprochen erſcheint. Er ver⸗ bindet alle die großartigen Ideen ſeiner Klaſſe mit einer gewiſſen disinvol- tura, einer Art hochgebildeter Leichtigkeit, die ſeinem Ernſt als Folie dient und ihn zu einer weit beſſeren Geſellſchaft macht, als ſolche Menſchen, wie Laertes und Horatio.“—„Warum haſt du nicht aufgehört, als du das Glück umſchlagen ſahſt?“—„Frage lieber, warum das Glück umſchlug, ehe ich aufhörte; das wäre eine philoſophiſchere Auffaſſung. Findeſt du's nicht kühl?“—„Nein, aber ich bin voll Aerger.“—„Ich auch um deinetwillen, denn ich habe nicht genug, um dich zu bezahlen; indeß hoffe ich die Sache morgen ſchon zu bereinigen. Der Wirth wird die Sache mit den Augen ſeines Berufs anſehen und wohl begreifen, daß er dem Schwiegerſohn eines Mannes, der mit zwei Wagen reist und kein Wort franzöſiſch ſpricht, trauen kann. Er ſoll uns noch Geld auf den Weg mitgeben. Der weiße Hut und die braune Juppe des alten Rap ſind eine Bürgſchaft für fünfzigtauſend Francs in jeder Stadt Europa's. Es liegt eine zahlungsfähige Gemeinheit ſchon in dem Knarren ſeiner Stiefel.“—„Er iſt freilich keine ſehr diſtin⸗ guirt ausſehende Perſon,“ entgegnete Barnard, jetzt die Freiheit, zu der er Von Franz Klauer. 203 ſelbſt Anlaß gegeben, übel nehmend.—„Bitte, ich nenne ihn ſehr diſtinguirt, und ich möchte lieber in ſeiner Kravatte und in ſeiner rothgetüpfelten grünen Weſte ſtecken, als— wie ſoll ich ſagen?— in meinen ausgeleerten Panta⸗ lons. Wie, du willſt doch nicht ſchon hinein?“ fügte er bei, als Barnard ungeſtüm an ſeinem Hotel ſchellte.—„Ja; ich habe dieſes thörichte Gerede ſatt. Wenn du nur dieſes Geld nicht verloren hätteſt!“—„Stets die alte Leier mit dieſem Geld! Du könnteſt wahrhaftig damit die Todten aufwecken.“ —„Ich gehe hinein.“—„Da kommt der Kerl endlich. Welche Augen wird er machen, wenn er findet, daß kein Fünffrankenſtück für ihn übrig geblieben iſt.“— Die Thüre ging auf, und Barnard verſchwand hinter derſelben, ohne ſeinem Freund gute Nacht zu ſagen. 1 Neuntes Kapitel. Auf dem Wege. . Als Nandall auf ſeinem Zimmer anlangte, ſah er zuerſt nach ſeiner Börſe, die er unberührt fand; dann zündete er eine Cigarre an und rauchte zum Fenſter hinaus. Es war eine prächtige, ſternhelle Herbſtnacht, und man hätte ihn von der Straße aus für einen Mann halten können, der ſich nach anſtrengendem geiſtigem Tagewerk noch ein Stündchen in ruhigen Gedanken ergeht, ehe er ſein Lager aufſucht.— Erſt gegen Tagesanbruch legte er ſich zum Schlafen nieder. Er hatte kaum eine Stunde geſchlummert, als er wie⸗ der erwachte und Barnard im Schlafrock und Pantoffeln neben ſeinem Bette ſtehen ſah.—„Reibe deine Augen aus, Randall, und höre mich an. Wachſt du?“—„Nicht ganz, aber doch hinreichend für das, was du mir zu ſagen haben wirſt. Ich höre.“—„Dieſes Geld iſt eine verwünſchte Geſchichte.“ —„Wie oft haſt du mir dies nicht geſtern ſchon geſagt?“ entgegnete Ran⸗ dall, ſich auf die andere Seite legend.—„O, es iſt gar ſchön und philoſo⸗ phiſch, gleichgültig zu ſein wegen anderer Leute Geld; allein ich weiß nicht, was ich in dieſem Handel anfangen ſoll. Ich bin noch nicht ſechs Wochen verheirathet, und dies iſt doch zu früh, um mit einem Schwiegervater in Zwiſt zu gerathen.“—„Weiſ' ihn an mich. Sag' ihm:„Gehen Sie zu Ran⸗ dall; er wird mit Ihnen darüber reden.“ Doch jetzt laß mich ſchlafen. Gute Nacht.“—„So laſſe ich mich nicht abſpeiſen; ich will nicht mein Geld ver⸗ lieren und obendrein ausgelacht werden. Du haſt mich in dieſe Patſche ge⸗ führt und mußt mir auch heraushelfen.“—„Das iſt einmal eine vernünftige Rede,“ entgegnete Randall, ſich aufrichtend.„Und ſagte ich nicht eben, daß 204 Der Blitzſtrahl. ich dies thun wolle? Aber deßhalb können wir doch ausſchlafen.“—„Dazu iſt keine Zeit vorhanden. Der Alte ſchlürft ſchon mit dem Glockenſchlag ſechs im Haus umher und wird den Wirth, der engliſch ſpricht, fragen, ob die Rechnung bezahlt ſei.“—„Das iſt ja ein abſcheuliches Ungethüm! Wie haſt du nur in eine ſolche gemeine Sippſchaft heirathen mögen.“—„Wenn Schimpfen über meine Verwandtſchaft alles iſt, was du mir ſagen kannſt, ſo habe ich nicht Luſt, hier meine Zeit zu vergeuden.“—„Ich muthe es dir auch nicht zu. Geh' zu Bett und komm' meinetwegen Nachmittags um vier Uhr wieder her.“—„Das iſt wahrhaftig mehr als Spaß.“—„Natürlich; ich bin todtſchläfrig. Gute Nacht.“—„Ich ſehe, du haſt deine Börſe gefun⸗ den; wie viel iſt darin?“—„Zähl es, wenn du es wiſſen willſt.“—„Vier⸗ undfünfzig Napoleons,“ ſagte der Andere langſam.„Die will ich an mich nehmen; ſie reichen freilich nicht weit.“—„Thu' dies, Freundchen, und laß mich jetzt in Ruhe.“—„Noch ein Wort, Randall,“ erwiderte Barnard ernſt. „Ich kann es nicht über mich gewinnen, dem alten Rap dieſen Morgen ent⸗ gegen zu treten, und wenn du in der Schweiz jene Angelegenheit erledigen willſt, ſo bin ich bereit; aber es muß auf der Stelle geſchehen.“—„Gut; in einer Stunde ſtehe ich zur Verfügung. Beſtelle einſtweilen den Kaffee.“ Mit einemmal war bei Randall alle Schläfrigkeit weg; er ſprang auf und traf ſeine Reiſevorbereitungen mit ſolcher Eile, daß er noch vor ſeinem Freund in dem Kaffeezimmer eintraf.—„Sagen wir etwas zu dem Wirth, ehe wir aufbrechen?“ fragte Barnard flüſternd.—,Natürlich. Signor Luigi Philippo, mein Freund hier, der Schwiegerſohn des ungeheuer reichen Lord droben, iſt ein wenig in der Klemme; er hat geſtern Abend einen Wortwechſel gehabt mit einem Kerl, den wir für einen öſterreichiſchen Spion halten.“— Der Wirth ſpie aus und machte ein grimmiges Geſicht.—„Ein Kroaten⸗ hund, vermuthe ich,“ fuhr Randall fort.„Er muß ihm eine Kugel durch den Leib jagen und zu dieſem Ende einen Ausflug über die Grenze bei Como machen. Allein wir brauchen hiezu von Ihnen etwas Geld und Verſchwie⸗ genheit, bis die Sache verrauſcht iſt.“— Der Wirth verbeugte ſich und ſchien ſich eine Weile zu beſinnen; dann entgegnete er:„Wie viel, Signor?“— „Was meinſt du, Robert— hundert Napoleons, oder achtzig?“—„Fünfzig reichen aus,“ rief Barnard.—„Natürlich auf einen Wechſel?“ ſagte der Wirth.—„Ja, auf den Schwiegervater meines Freundes; wir brauchen das Geld nur auf ſechs Tage, und Mi Lordo gedenkt einen Monat hier zu blei⸗ ben.“—„Das wird nicht gehen,“ flüſterte ihm Barnard zu; Randall aber entgegnete ihm:„Ueberlaß dies mir.— Der Wechſel ſoll zahlbar auf Sicht Von Franz Klauer. 205 lauten, Signor Luigi; aber wir müſſen Sie bitten, ihn fünf oder ſechs Tage für ſich zu behalten, weil wir wahrſcheinlich vor Sonnabend wieder hier ſind und dann ſelbſt die Zahlung leiſten können.“—„Das Geld ſteht zu Dienſt,“ verſetzte der Italiener.——„Wie ich den Patriotismus dieſes Kerls zu faſſen wußte, Robert! Ich weiß, daß ich durch den geſtrigen Verluſt in dei⸗ ner Achtung eingebüßt hahe; aber du mußt geſtehen, daß dies ein ausgezeich⸗ neter Zug war.“—„Es iſt ein ſchlimmer Handel vom Anfang bis zum Ende,“ erwiderte Barnard kleinlaut.—„Der engherzige Wicht erkennt kein Genie an einem Menſchen, der ihm fünf Schillinge ſchuldig iſt! Doch da kommt Luigi Philippo wieder. Thu’ nur nicht blöde, ſondern ſchreib' mit Feſtigkeit deinen Namen; es iſt da nichts zu ändern.“ „Wohin geht's jetzt?“ fragte Barnard, als ſie auf der Straße nach Monza dahinfuhren.—„Zuerſt nach Orta, wo ich mich noch mit einer eng— liſchen Familie benehmen muß. Du kannſt dir keine zwei hübſchere Mäd⸗ chen denken. Dies hat freilich kein Intereſſe für eine arme gefangene Maus, wie du; aber ich bin in eine davon verliebt— in welche, weiß ich ſelbſt nicht, doch glaube ich, es iſt die, welche nichts von mir will.“—„Da hat ſie Recht,“ verſetzte Barnard mit einem halben Lächeln.—„Ich glaube es faſt ſelbſt, denn wenn ich mich auch als Liebhaber gut qualificiren dürfte, werde ich doch nur einen traurigen Ehemann abgeben. Meine Eigenſchaften ſind zu bril⸗ lant für den Alltagsgebrauch. Solche lahme Geſellen, wie du, paſſen weit beſſer in die Tretmühle, welche man Eheſtand nennt. Du wirſt dich zu einem Muſter ausbilden.“—„Wenn es von dir abhängt, ſicherlich nicht,“ entgeg⸗ nete Barnard düſter.—„Im Gegentheil, ich bereite dich auf's ſorgfältigſte vor für deine Laufbahn. Das eheliche Leben iſt eine Beſſerungsanſtalt, und du mußt als Reuiger zurückkehren. Ich unterweiſe dich in dem erſten Theil deiner Rolle; den zweiten holt deine Frau nach.“—„Es wäre mir viel lie⸗ ber, wenn—.“—„Wenn ich nicht dein Geld verloren hätte, willſt du ſa⸗ gen. Nun ja, wer verliert, iſt immer im Unrecht, und die Geſchicklichkeit kommt dabei ſehr wenig in Anſchlag. Wenn du nur den Kerl ſehen könnteſt, der mich kürzlich in der Liebe eines Mädchens ausgeſtochen hat— ein jäm⸗ merlicher Burſch, ohne alle Männlichkeit. Du vermutheſt wohl, es ſei ein Pfarrer geweſen; allein das war er nicht.“—„Wenn dieſe Geſchichte glück⸗ lich abläuft, was gedenkſt du anzufangen?“—„Es iſt mir ſchon allerlei durch den Kopf gegangen— die Kirche, die Kolonien, Heirath, türkiſche Bä⸗ der oder etwas Aehnliches.“—„Du haſt dir noch keinen ernſtlichen Plan vorgeſetzt?“—„Plane genug; aber was nützt mir dies? Ein Baumeiſter Der Blitzſtrahl. iſt übel daran an einem Platz, wo es weder Ziegel, noch Mörtel oder Holz gibt. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich Graham erſchoſſen habe, der Schweiz den Rücken kehren muß, aber außerdem nichts— rein nichts. Das dort iſt der Monte Roſa; wie großartig er ausſieht in der ruhigen Morgenluft— ein wahrer Gentleman von einem Berg, ſo unabhängig von den wandel⸗ baren Glücksverhältniſſen der Ebenen, wo auf den Pflug Gras folgt und morgen ein Ziegelfeld ſein kann, was heute ein Gerſtenacker war. Der Berg aber bleibt ſich immer gleich, ſtolz und kalt meinetwegen, doch erhaben über die Lagen des Zufalls, und ſich durch Eigenſchaften qualificirend, die nicht auf's Geldmachen hinauslaufen. Wie gerne lebte ich in einem Gebirgsland, vorausgeſetzt, daß es nicht von kletterluſtigen Zierbengeln überlaufen wird.“ Sie langten Abends in dem kleinen Gaſthaus von Orta an, wo Ran⸗ dall ſeiner Erwartung gemäß fand, daß ſich in ſeiner Abweſenheit nichts verändert hatte. Er entſchuldigte gegen den Begleiter ſeine kurze Abweſen⸗ heit, nahm ein Boot und fuhr über den See. Die Damen ſaßen eben beim Thee, als er in das Beſuchzimmer trat. Der Empfang war etwas gezwun⸗ gen.—„Sie ſind fort geweſen, Mr. Randall?“ fragte Miß Grainger.— „Ja. Nach Landers Abreiſe fühlte ich mich vereinſamt; es bemächtigte ſich meiner die Wanderluſt, und ich ging nach Mailand, um die Kirchen und Ge⸗ mäldegallerie zu ſehen; allein wie die Feldmaus kriegte ich das Heimweh nach den harten Erbſen und kehrte wieder um.“ einigem gleichgül⸗ tigen Gerede gelang es ihm, einen Stuhl neben Thereſens Sopha zu erobern. „Ich habe mich geſehnt, mit Ihnen zu ſprechen,“ flüſterte er ihr zu.„Lan⸗ der ließ für mich einen Brief zurück, in welchem er mir alles mittheilte.“ Sie beugte ihr Haupt tiefer zu ihrer Arbeit nieder und gab keine Antwort. „Er iſt aufrichtiger geweſen, als Sie,“ fuhr er fort,„denn er räumte ein, daß er mit Ihnen verlobt ſei, daß Sie ihm Ihre Neigung geſtanden und daß er Sie zu heirathen beabſichtige.“—„Wie kam er dazu, Ihnen dies zu ſchreiben?“ fragte ſie mit leicht bebender Stimme.—„Er mochte ſich wohl wegen eines Vorgangs am Morgen zu einer Entſchuldigung verpflichtet hal⸗ ten und glaubte die Aufrichtigkeit derſelben durch ſein Bekenntniß bekräftigen zu müſſen. Auch war es nicht mehr wie billig einem Mann gegenüber, der im Vertrauen auf ſeine Eigenliebe ſich zu trügeriſchen Hoffnungen hätte ver⸗ lockt ſehen können.“—„Möglich,“ verſetzte ſie.—„Ich erkenne ſeinen Edelmuth an.“—„Ja, er iſt edelmüthig,“ ſagte ſie mit Wärme.—„Hat es auch nöthig.“—„Wie meinen Sie dies?“ fragte ſie haſtig.—„Weil er jede gute Eigenſchaft, die ihm zukommt, brauchen wird, um die Liebe aufzu⸗ Von Franz Klauer. 207 wiegen, die für Sie in meinem Herzen glüht und nie erlöſchen wird. Sie ziehen ihn vor; mögen Sie mich übrigens betrachten, wie Sie wollen, ſo kann ich mich doch nicht zu dem Glauben bekehren, daß er ein beſſerer Mann ſei, als ich. Ja, Thereſe, ich weiß nicht nur, daß ich Sie mehr, ſondern auch daß ich Sie mit einem Feuer liebe, deſſen ſeine Natur unfähig iſt. Ich will kein Wort ſagen zu ſeinem Nachtheil, am allerwenigſten gegen Sie; allein die Bitte wird nicht unbillig ſein, daß Sie die Liebe der zwei Männer, welche um die Ihrige werben, auf die Probe ſetzen.“—„Von der ſeinigen bin ich überzeugt.“—„Ja, mit der Vorſtellung, welche Ihnen Ihre Einbildungs⸗ kraft davon gibt; aber ich verlange von Ihnen, daß Sie gerecht gegen ſich ſelbſt und gegen mich ſeien. Wie, wenn ich Ihnen von ſeiner eigenen Hand⸗ 3 ſchrift einen Brief an mich zeigen könnte, ich welchem er mich um Verzeihung bittet, und zwar in ſo erniedrigenden Ausdrücken, wie ſie ſich ein Mann nie anders abdrängen ließ, als unter dem Einfluß von perſönlicher Furcht?“— „Sie beleidigen mich!“ rief ſie faſt mit einem Aufſchrei.„Tante Grainger, hören Sie, was dieſer Ehrenmann mir zu ſagen die Vermeſſenheit hat. Wiederholen Sie es jetzt, Sir, wenn Sie den Muth haben.“—„Was ſoll dies, Mr. Randall? Sie haben ſich doch nicht herausgenommen—.“—„Ein⸗ fach ſo viel, Madame, daß ich meine Anſprüche neben denen des Mr. Lander geltend machte und Ihrer Nichte die Hälfte eines ſehr beſcheidenen Vermö⸗ gens nebſt einem nicht ganz unedlen Namen anbot.“—„O mein lieber Herr Randall, wer hätte auch dies gedacht!“ rief das alte Fräulein.—„Sicher⸗ lich fühlt meine Nichte die große Ehre ſo gut wie ich, und wenn ſie nicht ſchon verlobt wäre—. Iſt dir nicht wohl, meine Liebe? Ach, ſie iſt ohn⸗ mächtig. Verlaſſen Sie uns, Mr. Randall. Bring' ſogleich etwas Waſſer, Helene.“ Mehr als eine Stunde ſchritt Randall vor dem Haus auf und ab, ohne aus dem Innern etwas zu erfahren. Der anfänglichen Unruhe war Stille gefolgt, und man ſah Lichter ſich hin und her bewegen. Endlich kam Helene heraus.—„Sind Sie da, Herr Randall? Es iſt jetzt viel beſſer mit ihr; ſie ſcheint ſchlafen zu können, und wir haben ſie verlaſſen.“—„Wiſſen Sie, wie es kam?“—„Nein, ich weiß von nichts.“—„Die Veranlaſſung war ein Brief, den ich ihr zeigte, ein Brief von Lander an mich und in Ausdrücken abgefaßt, wie ſie kein Mann von Muth, ja niemand, der auch nur im min⸗ deſten Anſpruch auf den Titel eines Gentleman erhebt, niederſchreiben kann. Und einen ſolchen Menſchen ſoll ich bei Ihrer Schweſter zum Nebenbuhler haben,— ſie, die ich ſo innig liebe, einem verächtlichen Feigling gönnen? Der Blitzſtrahl. Ich frage Sie, konnte ich da etwas anderes thun, als ihr den Brief zeigen?, Vielleicht war dies meinerſeits eine Uebereilung, und ich hätte wohl vorher Miß Grainger davon Einſicht nehmen laſſen ſollen, allein die Frage iſt zu ſpitzfindig für mich, und ich müßte ſelbſt jetzt noch ebenſo handeln, was auch die Folgen wären.“—„Hat ſie jenen Brief noch?“ fragte Helene.—„Nein; weder ſie noch ſonſt jemand ſoll ihn mehr zu Geſicht bekommen. Ich habe ihn in kleine Fetzen zerriſſen und ſie in den See geſtreut.“—„Ach Gott, welches Elend!“ rief das Mädchen im Ton tiefer Betrübniß.„Wenn Sie wüßten, wie ſehr ſie an ihm—,“ ſie hielt plötzlich inne und fuhr nach einer Weile fort:„Ich zweifle nicht, daß Sie es gut gemeint haben, Mr. Nandall. Doch ich muß jetzt hinein. Sie ſehen vielleicht morgen wieder nach oder er⸗ lauben mir, Ihnen zu ſchreiben.“—„Ich muß jetzt Abſchied nehmen,“ ſagte er traurig,„doch komme ich vielleicht in acht Tagen wieder, wenn es nicht etwa ein Lebewohl iſt für immer.“ Er küßte ihr die Hand und wandte ſich dem See zu, wo das Boot lag.—„Wie wird ſie ſtaunen, wenn ſie hört, daß ſie einen Brief ſah, ihn las, ihn in der Hand hatte,“ murmelte er;„aber ich ſetze mein Leben zum Pfand, ſie zweifelt nicht an der Thatſache, ſobald ſie von denen behauptet wird, welche daran glauben.“—* „Dubiſt ſehr aufgeräumt,“ ſagte Barnard, als Randall zurückkam.„War deine Werbung von Erfolg?“—„Nicht gerade,“ verſetzte Randall lächelnd, „aber ich habe einen entzückenden Abend verlebt, einen jener flüchtigen Mo⸗ mente, von den Balzac ſagt, daß ſie alle unſere wilden, jugendlichen Exceſſe aufwiegen.“—„Ha, das häusliche Glück ſcheint deine ſtarke Seite zu ſein,“ erwiderte Barnard ſpottend.„Gott ſei deinem Weibe gnädig, wenn du je eines kriegſt.“—„Du ſcheinſt nicht zu wiſſen, mein Freund, wie ſehr du das eheliche Leben herabwürdigſt, wenn du davon als von einer Sache ſprichſt, in welcher Männer deines Schlages die Muſterbilder darſtellen. Es wäre eine traurige Anſtalt, wenn es als Hauptbedingung ein träges Tempe⸗ rament forderte, das man des Titels Moralität würdigt.“—„Gute Nacht; ich habe genug gehabt,“ ſagte Barnard und verließ das Zimmer. „Wie ſchade, daß wir an einem ſolchen Morgen dieſen herrlichen Platz verlaſſen müſſen,“ ſagte Randall, als er dem Einſpannen der Poſtpferde zu⸗ ſah.„Hätteſt du nicht das Ehejoch auf dich geladen und ich mich nicht in Händel verſtrickt, welchen herrlichen Fiſchzug könnten wir heute auf dem See machen.“—„Iſt das, was du in deiner Hand haſt, die Rechnung? Laß ſehen, was man uns für dieſen Grignolino⸗Wein und dieſe ſchlechten Cigar⸗ ren abnimmt.“—„Was weiß ich oder kümmere ich mich darum?“ entgeg⸗ 8 — 2 —— ———,,j,ͤ M Von Franz Klauer. 209 nete Randall lachend.„Wenn du eine Kinderſparbüchſe hätteſt mit einem Spalt oben, um die geſchenkten Münzen hineinzuſtecken, ſo läge wenigſtens einiger Sinn darin, einige Fünffrankenſtücke von einem betrügeriſchen Wirth zu borgen und das erſparte Sümmchen damit zu vergrößern; allein wo das Herz bei ſolcher kleinlichen Oekonomie, die man nur unter Flüchen oder Schlagflußgefährdung üben kann, weder reicher noch beſſer wird, thut man am klügſten, wenn man dem Aerger aus dem Weg geht.“—„Du ſprichſt wie ein Millionär,“ ſagte der Andere verächtlich.—„Hum, ich glaube nicht, daß Rothſchild über das Ungenügende des Reichthums, uns glücklich zu ma⸗ chen, beſſer zu moraliſiren im Stand iſt, als ich. Doch unſer Wagen iſt be⸗ reit. Steige zuerſt ein; ich erweiſe dem, der zahlt, gern alle Achtung. He, Schwager, laß die Thiere tüchtig ausholen! Mi Lordo hier iſt unermeßlich reich und kann dir eben ſo gut fünf goldene Marengo's, als fünf Franken geben.“—„Was ſagſt du ihm da?“ fragte Barnard, als der Poſtillon zu galopiren anfing.—„Er ſolle ſein Vieh nicht ſchonen, denn wir nähmen vor unſeren Gläubigern Reißaus.“—„Wie konnteſt du—.“—„uUnſinn, Menſch! Ich wollte, daß der Kerl ein Intereſſe an uns nimmt, und du ſiehſt, dies iſt gelungen. Der alte Johnſon hatte Recht; es gibt nichts Aufheitern⸗ deres, als auf einem guten Weg mit Poſtpferden dahin zu ſauſen.“—„Du haſt das Mädchen, in das du verliebt biſt, geſehen?“ ſagte Barnard nach einer Pauſe.—„Ja, alle zwei. Jede von den Syrenen hat einen Halt an meinem Herzen, und ich weiß wahrhaftig ſelbſt nicht, welche den ſtärke⸗ ren.“—„Iſt Geld da?“—„Nicht was ein Cröſus wie du Geld nen⸗ nen würde, aber dennoch genug zu einer großartigen Operation in Homburg oder zu einem Schäfereiverſuch in Queensland.“—„Und du hältſt's lieber mit der erſteren, als mit dem anderen?“—„Fehl geſchoſſen! Zufallſpiele ſind für Burſche wie du, welche das Glück annehmen müſſen, wie ſie es finden; aber Männer von meinem Schlag ſchaffen ſich ſelbſt ihre Beſtim⸗ mung.“—„Wüßte nicht; ſeit ich dich kenne, biſt du nie aus einer Patſche heraus gekommen, ohne hälftig ſchon wieder in einer zweiten zu ſtecken.“— „Und doch gibt es Menſchen, welche ihre Erfolge theurer zahlen müſſen, als ich meine Fehlgriffe.“—„Wie ſo?“—„Sie heirathen reiche Weiber ohne die Macht, dem Geld derſelben beizukommen, gerade wie die Goldſtücke, die man einem Kind zu Weihnachten ſchenkt unter der Bedingung, ſie nie aus⸗ zugeben.“—„Ich muß ſagen, du biſt ein angenehmer Reiſegefährte.“— „Dafür gelte ich allgemein, und du kannſt von Glück ſagen, mich in ſo guter Hausblätter. 1867. I. Bd. 14 210 Der Blitzſtrahl. Stimmung getroffen zu haben; denn ich erinnere mich nicht, je ſo gut auf⸗ gelegt geweſen zu ſein, wie dieſen Morgen.“ Zehntes Kapitel. Ein Tagesanbruch am Rhein. Der Tag dämmerte über der weiten Rheinebene bei Baſel, als auf der Straße zwei Männer aus einem Wagen ſtiegen und einen der über die Wie⸗ ſen führenden ſchmalen Pfade einſchlugen.„Wir treffen eine halbe Stunde vor der Zeit ein, Barnard,“ ſagte Randall.„Es iſt doch etwas Prächtiges um eine ſo große, von einem ſchönen Fluß durchſtrömte Ebene. Man fühlt ſich ſo frei.“—„Ich ſehe dort einen Wagen die Anhöhe herunterkommen— ſie werden es ſein. Haſt du mir ſonſt nichts zu ſagen, Heinrich?“—„Nein; wenn du eine Beerdigung meinſt, ſo werden meine Mittel ſelbſt die Noth⸗ wendigkeit der Sparſamkeit lehren.“—„Ich dachte nicht an dies, ſondern an deine Verwandte, deine Angehörigen.“—„Mein lieber Freund, ich habe wenige Verwandte und keine Angehörigen; meine Hinterlaſſenſchaft wird daher niemand anfechten.“—=„Aber jene Briefe— die Veranlaſſung zu dieſem Duell— willſt du nicht, daß ſie— im Fall deines Todes— deiner Couſine wieder zugeſtellt werden?“—„Fällt mir nicht ein. Erſtlich bin ich noch nicht todt und zweitens liegt es nicht in meiner Abſicht, der lieben So⸗ phie den Schmerz abzunehmen, den ſie um meinen Tod zu fühlen verpflichtet iſt. Sie wird unter Angſt und Sorge um mich trauern.“—„Das iſt nicht edelmüthig, Randall.“—„Nein, denn wenn ich dieſe Schwäche in meinem Charakter merkte, würde ich glauben, daß ich nicht weit mehr zur Memme hätte.“—„Welcher iſt dein Gegner, der in dem Mantel, oder der Große hinter ihm?“ fragte Bernard, auf eine Gruppe deutend, die langſam aus einem Weingarten hervorkam.—„Weiß nicht; ich habe, glaub' ich, dieſen Graham nie geſehen. Halt' dich nicht lang mit den Präliminarien auf, Ro⸗ bert; der Morgen iſt friſch und der Boden feucht. Gieb alles zu; nur be⸗ halte dir das Signal vor. Vergiß nicht, was ich dir unterwegs geſagt habe.“ — Während Randall am Flußufer dahin ſchritt, ging Barnard den neuen Ankömmlingen(fünf an der Zahl) entgegen. Der Oberſt Rochefort, Gra⸗ hams Sekundant, war einigermaßen mit Barnard bekannt; ſie traten bei Seite und ſprachen mit einander im Vertrauen.—„Sollte denn gar keine friedliche Ausgleichung möglich ſein?“ fragte der Oberſt.—„Schwerlich; Sie haben mir geſtern Abend geſagt, es ſei nicht daran zu denken, daß Ihr Von Franz Klauer. 211 Freund ſeinen beleidigenden Brief zurücknehme. Wiſſen Sie einen anderen Vorſchlag?“—„Könnte nicht Mr. Randall zu der Einräumung bewogen werden, daß er den erſten Anſtoß gegeben und durch ſein Schreiben an einen Mann in der Lage meines Freundes—.“—„Wir vergeuden mit Verhand⸗ lungen darüber nur die Zeit, Oberſt, und haben bereits beſprochen, was ſich über dieſen Punkt ſagen läßt. Es bleibt nichts übrig, als ein Kugelwech⸗ ſeln.“—„Sie vergeſſen übrigens, daß es, wenn es zu dieſem Aeußerſten kommt, nicht bei einem einfachen Kugeltauſch ſein Bewenden haben kann.“ —„Wir ſtehen euch in dieſer Beziehung vollkommen zu Dienſt, und wenn euer Vorrath von Munition im Verhältniß ſteht zu Ihrem Gefolge, ſo kön⸗ nen Sie wahrlich zufrieden ſein.“— Der Oberſt erröthete tief und verſetzte mit einiger Gereiztheit:„Einer von dieſen Herren iſt ein Reiſegefährte mei⸗ nes Freundes, der andere ein franzöſiſcher Offizier, der geſtern mit uns ſpeiste, und der dritte ein Wundarzt.“—„Uns kann es ſehr gleichgültig ſein, ob Sie mit fünfzig oder mit fünfhundert angezogen kommen; doch verlieren wir nicht weitere Zeit, denn ich ſehe, daß meinem Freund die Geduld aus— geht.— Zehn kurze Schritte,“ fügte Barnard gegen ſeinen Freund bei, in⸗ dem er deſſen Arm nahm.—„Und das Signal?“—„Gebe ich.“—„Gut; wie?“—„Mit eins— zwei; bei dem Zwei feuerſt du.“—„Sprich mir's vor.“—„Eins— zwei!“—„Nicht ſo; Eins⸗zwei, raſch auf einander wie zwei Silben des nämlichen Worts.“—„Eins⸗zwei.“—„So iſt's recht, und merke dir— du mußt einmal huſten, ehe du anfängſt. Jetzt nicht wei⸗ ter; ſie dürfen nicht. ſehen, daß wir mit einander ſprechen. Gieb mir die Hand und verlaß mich.“ Die Duellanten wurden nun aufgeſtellt, und die Anderen traten beider⸗ ſeits zurück. Faſt im gleichen Moment(Rochefort hatte ſeinen Platz noch nicht erreicht) krachten zwei Schüſſe, einer deutlich vor dem anderen, und Graham fiel.— Alle eilten auf dieſen zu, Randall ausgenommen, der ſeine Piſtole auf den Boden warf und in aufrechter, ruhiger Haltung ſtehen blieb. Sie beugten ſich einige Sekunden nieder zu dem Verwundeten; dann kam Barnard zu ſeinem Freund zurückgeeilt und flüſterte ihm zu:„Durch die Bruſt; es iſt alles vorüber.“—„Todt?“ verſetzte der Andere.— Barnard nickte, nahm ihn beim Arm und ſagte:„Mach', daß du fortkommſt; der Fran⸗ zoſe ſagt, du habeſt keinen Augenblick zu verlieren.“— Einen Moment hatte es den Anſchein, als wolle ſich Randall den Anderen nähern; doch beſann er ſich, wandte plötzlich um und ging nach der Straße hin. Barnard eilte ihm 14* — ——— — 212 Der Blitzſtrahl. nach mit dem Ruf:„Halt, Randall; höre, was dieſe Leute ſagen. Sie ſpra⸗ chen von unehrlichem Spiel.“—„Biſt du ein Eſel, Robert?“ entgegnete Randall zornig.„Wer kehrt ſich an das einfältige Gerede von Menſchen, deren Freund gefallen iſt?“—„Ja, aber ich kann dies nicht dulden.“— „So thu' es ohne mich, dummer Geſelle; du wirſt ſehen, was du damit ab⸗ fängſt. Nach der badiſchen Grenze, Kutſcher,“ fügte er bei, dieſem einen Napoleon gebend;„Du erhältſt noch ein paar, wenn du mich binnen zwei Stunden in Sicherheit bringſt.“— Die Roſſe jagten mit aller durch die Peitſche erzielbaren Geſchwindigkeit auf dem ebenen Weg dahin, während Randall, obſchon er hin und wider durch das Guckfenſter an der Hinterſeite der Kutſche zurückſchaute, ſeine Cigarre rauchte. Er war vielleicht um einen Schatten ernſter als gewöhnlich, denn er achtete nicht auf die Gegenſtände am Weg, noch auf die ſich ſelbſt lobenden Anſprachen des Poſtillons.„Ver⸗ rückter Kerl! Allein du wirſt's zu büßen haben, daß du mir nicht gefolgt biſt!“ murmelte Randall vor ſich hin.— Als er Conſtanz erreichte, war das Dampfboot nach Lindau eben im Begriff auszufahren. Er begab ſich ohne Verzug an Bord und erreichte noch am nämlichen Abend Bregenz, wo er bleiben wollte, bis er über den weiteren Verlauf Kunde erhalten hatte. Dieſe lief am dritten Tag in einem Artikel der Baſeler Zeitung ein, welcher zwar wie gewöhnlich den Vorfall ſehr entſtellt erzählte, aber ihn doch den Stand der Dinge errathen ließ; er lautete:— „Schreckliches Ekeigniß.— Dieſen Morgen fand am Rhein ein Piſtolenduell ſtatt zwiſchen zwei engliſchen Lords; der eine fiel und war nach wenigen Minuten eine Leiche. Die Freunde des Verwundeten riefen über unehrliches Spiel, und es kam zu einem heftigen Wortwechſel, welcher mit einem zweiten Duell zwiſchen dem überlebenden Duellanten und dem Se⸗ kundanten des Gefallenen endigte. Der Erſtere erhielt einen Schuß in den Hals; die Kugel verletzte mehrere bedeutende Gefäſſe und blieb wahrſchein⸗ lich in der Wirbelſäule ſtecken. Man brachte ihn nach dem Hotel royal; doch iſt keine Hoffnung zu einem Aufkommen vorhanden.“ „Ich dachte mir wohl, daß es ſo kommen würde. Hätteſt du dich mit mir aus dem Staub gemacht, ſo ſäßeſt du jetzt mit heiler Haut hier. Wer ihn wohl geſchoſſen hat? Wahrſcheinlich der Franzoſe; er ging mit den Pi⸗ ſtolen um wie einer, der uns um unſere angenehmen Ausſichten beneidete. Ich muß wohl Barnard oder ſeinen Leuten ſchreiben— ein unangenehmes Geſchäft.“— Nach einigem Beſinnen ſchrieb er wie folgt:„Lieber Robert, aus einem ſehr verwirrten Artikel einer dummen Zeitung ſcheint hervorzu⸗ Von Franz Klauer. 213 gehen, daß du dich mit jemand geſchlagen haſt und verwundet worden biſt. Schreib' mir, wie ſich dies verhält und was ich für dich thun kann. Adreſſe Como. Dein H. R.“ Er fand hierauf keine Antwort vor, als er auf dem Poſtbureau an⸗ fragte; dann wandte er ſeine Schritte nach Orta— vielleicht in Folge jenes ſeltſamen Inſtinkts, welcher den Verbrecher drängt, die Wohnſtätten derer, die er einmal gekränkt hat und noch weiter zu kränken beabſichtigt, zu um⸗ ſpuken. Ein Motiv konnte er ſich indeß dafür namhaft machen: er wünſchte etwas von den Bewohnern der Villa zu erfahren— namentlich was ſie von Lander und ob ſie von ſeinem eigenen Treiben gehört hätten.„Die alte Grainger ſoll mir beichten,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Unter allen Umſtänden werde ich ihnen eine Darſtellung, die zu meinen Gunſten ſpricht, geben kön⸗ nen.“— Es war ſchon dunkel, als er das andere Ufer erreichte. Im Gaſt⸗ haus hatte er vernommen, daß die Familie nur noch vierzehn Tage zu blei⸗ ben beabſichtige; doch konnte man ihm nicht ſagen, wohin ſie ſich zu wenden gedenke. Während er langſam auf die Villa zuging, beſchloß er unten zu ſondiren, ehe er ſich zeigte; er öffnete daher leiſe das Pförtchen und ging durch den Blumengarten, der ihn nach den Fenſtern des Beſuchzimmers führte. Elftes Kapitel. Das Leben in der Villa. Drinnen war alles, wie er es oft geſehen. Die Kranke lag auf ihrem Sopha, das Wachtelhündchen zu ihren Füßen; Miß Grainger arbeitete an einem Tiſch, und Helene plauderte mit ihrer Schweſter.—„Laß mich doch den Brief noch einmal ſehen, Thereſe,“ ſagte ſie, ihrer Schweſter ein Blatt Papier aus der Hand nehmend.„Ja, es muß Randall geweſen ſein; er ſagt, obſchon die Schweizer Zeitungen ihn Stamlett nennen, daß er nicht zweifle, daß es Randall heißen müſſe, und du erinnerſt dich noch jener letzten Worte an dem Abend ſeiner Abreiſe.“—„Der arme Menſch!“ entgegnete Thereſe. „Ich habe zwar keine Urſache, ihm geneigt zu ſein, hege aber doch aufrichti⸗ ges Mitleid mit ihm. Jetzt wird wohl alles vorüber ſein.“—„Die Kugel ſei durch den Hals gegangen, heißt es,“ bemerkte Miß Grainger;„aber man kommt ſchwer aus der Geſchichte. Wer iſt Barnard, und warum hat ſich Randall für ihn geſchlagen?“—„Nein, Tante, es galt der Ehre Grahams, des Mannes, der Sophie Randall heirathen ſollte.“—„Nicht doch, Helene; Graham hat Barnard erſchoſſen, und der arme Randall, entſetzt ob dem 7 214 Der Blitzſtrahl. Schickſal ſeines Freundes—.“— Randall zögerte nicht länger; das Miß⸗ verſtändniß ſprach zu ſeinen Gunſten, und er brauchte ſich nur als einen von den Häſchern verfolgten Flüchtling zu zeigen, um eines ſchützenden Unter⸗ kommens ſicher ſein zu dürfen; das Uebrige konnte er dem Zufall überlaſſen. — Ein ſcharfes Läuten an der Thürglocke, und bald nachher trat der Diener in's Zimmer, Miß Grainger geheimnißvoll zuwinkend.—„Was gibt's, Gia⸗ como?“ rief die alte Dame ängſtlich.—„Nur einen Augenblick, Signora,“ lautete die Erwiderung.— Sie folgte dem Italiener und ſah im Licht der Flurlampe Randall mit wirrem Haar, gelöster Halsbinde und zerriſſenem Rockärmel vor ſich ſtehen.—„Retten Sie mich— verbergen Sie mich!“ ſagte er flüſternd.„Wollen Sie mich retten?“— In ihrer Verwirrung drängte Miß Grainger ihn zunächſt nach einem Seitengemach und ſagte: „Wir wußten es wohl, daß es Ihr Name war.“—„Können Sie mich hier auf einen, höchſtens auf zwei Tage verbergen?“—„Im Nothfall auf eine Woche.“—„Kann man dem Diener trauen?“—„Vollkommen; ich bürge für ihn.“—„Aber wie können Sie es vor den Mädchen geheim halten?“ —„Das iſt nicht nöthig; ſie dürfen es wohl wiſſen.“—„Aber Thereſe— hat ſie mir verziehen?“—„Ja; ſie weiß kaum mehr, um was ſich's bei dem Streit handelte, und fürchtet bisweilen, Ihnen Unrecht gethan zu haben. Helene nimmt Sie immer in Schutz.“—„Sie wiſſen alſo, was mir zuge⸗ ſtoßen iſt?“—„Eigentlich nur, daß ein Duell ſtattgefunden hat. Wir hiel⸗ ten Sie für ſchwerverwundet.“ „Die Geſchichte iſt zu lang, um ſie jetzt zu erzählen; genug, wenn ich Ihnen ſage, daß ſich's um Sophie handelte. Einem Menſchen, welcher der⸗ gleichen that, als wolle er ſie heirathen, gleichwohl aber ſie nur foppte und anderwärts ſich über ſie luſtig machte, ſagte ein Kamerad von mir, Namens Barnard, die Meinung, und es kam zu einer Herausforderung, von der ich zufällig hörte. Ich kam gerade noch zu rechter Zeit in Baſel an, um als der in ſeiner Familie Gekränkte die Sache auf mich zu nehmen. Das war um⸗ ſtändlich; Rochefort, der Secundant des Gegners, und ein Franzoſe mengten ſich ein. Das Ende war, daß ich Graham niederſchoß, und ein anderer (wenn ich nicht irre Rochefort) jagte Barnard eine Kugel durch den Leib. Nun ſind in einigen Kantonen die Schweizer Geſetze ſehr ſtreng, namentlich in Baſel, und ſo ergriff ich auf's Gerathewohl die Flucht. Ich hatte den Kopf verloren und trieb mich ein paar Wochen im Vorarlberg, dann in der Nähe des Splügen um. Wie ich hieher komme, iſt mir ſelbſt nicht klar.“— Sein wildes Ausſehen ſtand ganz im Einklang mit ſeinen Worten, und di Von Franz Klauer. 215 alte Dame fühlte ein aufrichtiges Mitleid mit ſeiner Lage.—„Ich weiß nicht, ob ich hier ganz ſicher bin,“ ſagte er, ſcheu umherblickend.„Können Sie mich auch wirklich, wenn's noth thut, verſtecken?“—„Gewiß; ſeien Sie unbekümmert. Ich will den Mädchen ſagen, Ihre Sicherheit fordere die größte Vorſicht und Verſchwiegenheit; und zudem— mit wem kommen wir in Berührung?“—„Sie haben Recht, ich vergaß, wie abgeſchieden Sie leben. Doch was— das heißt, wie viel ſollen ſie von meiner Geſchichte er— fahren?“— Miß Grainger machte eine verdutzte Miene, denn ſie fühlte, daß ſie ihm antworten könnte:„Wenn ſie nicht mehr vernehmen ſollen, als ich ihnen ſagen kann, ſo iſt Ihr Geheimniß ſicher genug;“ im Hinblick auf ſeine hohlen Wangen und ſein fieberiſches Ausſehen wollte ſie ſich enthalten, das Thema ſeiner Leiden zu erneuern, und ſie entgegnete:„Es bedarf weiter nicht, als ihnen zu bedeuten, daß Sie ſich endlich bedrängt wiſſen.“—„Bei Helene vielleicht, die keinen Groll gegen mich hat.“—„Sie thun Thereſe Unrecht. Erſt kürzlich ſagte ſie aus Anlaß eines Briefs von Lander, der ihr ſchrieb, Sie ſeien aus der Armee getreten, ſie bedaure ſehr, daß Sie eine Lauf⸗ bahn aufgegeben hätten, welche Ihrer Fähigkeit ſo gut anſtand.“—„Wirk⸗ lich? Ich hätte auf keine ſolche Theilnahme an mir gerechnet.“—„Oh, ſie ſpricht immer von Ihnen und ſagt, es fehle Ihnen nur ein treuer Freund, um noch ein Mann von Bedeutung und Auszeichnung zu werden.“—„Sehr freundlich von ihr, aentgegnete er und ſchien ſich eine Weile in Gedanken zu verlieren. Miß Grainger ging inzwiſchen hinein, um die Mädchen auf ſeine An⸗ kunft vorzubereiten, und kehrte bald wieder zurück, um ihn einzuführen. Schon auf der Schwelle kamen ihm die jungen Damen entgegen und gelei⸗ teten ihn, ohne ein Wort zu ſprechen, nach einem Sopha.—„Ich habe kaum die Kraft, Ihnen zu danken,“ ſagte er mit matter Stimme. Der Blick, wel⸗ chen er dabei auf Thereſe warf, bewog dieſe, ſich mit verwirrtem Erröthen abzuwenden.—„Nehmen Sie etwas zu ſich, und Sie werden ſich bald wie⸗ der geſtärkt fühlen,“ ſagte Helene, für ihn eine Taſſe Thee eingießend, wäh⸗ rend er auf dem Sopha neben ihrer Schweſter Platz nahm.—„Hat ſie Ihnen mitgetheilt, was mir zugeſtoßen iſt?“ flüſterte er der letzteren zu.— „So viel in ein paar Worten geſchehen konnte; doch ſprechen Sie jetzt nicht.“ —„Wenn ich es jetzt nicht thue, Thereſe, werde ich nie wieder den Muth dazu gewinnen.“—„Sei es darum,“ entgegnete ſie haſtig;„es liegt mir mehr daran, Sie wieder kräftig und wohl zu ſehen, als zu hören, wie Sie in dieſe unglückliche Lage gekommen ſind.“—„Aber wenn Sie meine Ge⸗ 216 Der Blitzſtrahl. ſchichte nicht aus meinem eigenen Mund erfahren, könnte ſie Ihnen durch Anndere zugetragen werden, ohne Rückſicht auf die Reizung, die mir geboten wurde.“—„Ich bitte, regen Sie ſich nicht auf, oder ich muß Sie verlaſſen. Helene bemerkt bereits, daß wir zuſammen flüſtern.“ Sie rückte einen klei⸗ nen Tiſch vor ihn hin und verſuchte ihn zu bereden, daß er etwas genieße.— „Ihre Schweſter ſetzt ein großes Vertrauen in mich, Helene,“ ſagte er;„ſie iſt entſchloſſen, mich für unſchuldig zu halten, ohne meine Entſchuldigung hören zu wollen, obſchon ich ihr erklärte, daß andere mit Anklagen gegen mich auftreten dürften, die von meiner Seite eine Widerlegung nöthig ma⸗ chen. Iſt dies nicht ſehr edel— wahrhaft großmüthig?“—„Von Thereſe läßt ſich nichts anderes erwarten.“—„Und was von Thereſens Schweſter?“ —„Ich hoffe, ſie bleibt nicht hinter dieſer zurück.“—„Dann bin ich zufrie⸗ den,“ ſagte er mit einem leichten Seufzer.„Wenn ein Menſch ſo durchaus ruinirt iſt, wie ich, ſo ſollte er eigentlich gleichgültig ſein gegen das Urtheil anderer; und dies iſt auch bei mir der Fall, ſo weit die Welt außerhalb die⸗ ſes Zimmers in Frage kommt. Seien Sie die Schiedsrichterin meines Schick⸗ ſals; wenn Sie ſich gegen mich als Schweſtern— als gütige, mitleidsvolle, vergebende Schweſtern erweiſen, ſo werden Sie mehr für dieſes zerſchlagene, wunde Herz thun, als die ganze übrige Menſchheit vermag.“—„Wir wün⸗ ſchen dies Ihnen zu ſein und ſind ſtolz auf einen ſolchen Bruder,“ erwiderte Thereſe;„doch quälen Sie nicht jetzt ſich ſelbſt, indem Sie ein ſo peinliches Thema berühren. Wenn Sie auf die Ereigniſſe der letzten Wochen wie auf alte Erinnerungen zurückſchauen können, mögen Sie davon ſprechen.“— „Jaz aber wie ſoll ich inzwiſchen den Gedanken an das ertragen, was andere 1 von mir ſagen mögen?“—„Wer ſind dieſe Anderen? Wir verkehren m keiner Geſellſchaft.“—„Haben Sie nicht eine Menge lieber Freunde, welch mit jeder Poſt die Anfrage an Sie ſtellen können, ob jener abſcheuliche ie lant„Ihr“ Randall ſei, und Ihnen über ſein Thun Berichte mittheilen, dan ſelbſt ein Galeerenſklave vor einer Berührung mit einem ſolchen Menſchen zurückſchrecken würde?“—„Wir haben ſehr wenige liebe Freunde,“ verſetzte Thereſe lächelnd,„und ihre Mittheilungen ſind ſo einfacher Natur, daß wir höchſtens erfahren, Onkel Toms Knabe ſei in eine Penſion gekommen oder Marie's Kindlein geimpft worden.“—„Aber Lander ſchreibt doch anders?“ —„Ich glaube, es iſt Joſeph nicht darum zu thun, ſeine Seiten mit ſoge⸗ nannten Neuigkeiten zu füllen,“ bemerkte Helene ſtatt ihrer Schweſter, welche verwirrt das Antlitz abgewendet hatte.—„Er gehört nicht unter die, welche Sie hart zu beurtheilen im Stande wären,“ ſagte Thereſe, ſich faſſend.„Sie Von Franz Klauer. 217 haben wenige Freunde, die eine höhere Meinung von Ihnen hegen.“— „Sehr großmüthig von ihm!“ entgegnete Randall hochmüthig und fügte dann, als er den Blick trotzigen Stolzes in Thereſens Auge bemerkte, in ruhigerem Tone bei:„ich meine, es iſt großmüthig von ihm, zu überſehen, wie ungerecht ich gegen ihn geweſen bin. Menſchen von ſo verſchiedenen Charakteren beſitzen keinen Maßſtab, ſich gegenſeitig zu würdigen, und ich habe ohne Zweifel mir eine unrichtige Meinung von ihm gebildet.“—„Darf ich ihm dies ſchreiben?“ rief ſie, mit Wärme ſeine Hand ergreifend.—„Ich will es ſelbſt thun, meine liebe Schweſter; die Abtragung einer ſolchen Schuld kann ich niemand anders überlaſſen.“ „Denkt ihr denn gar nicht an die Ermüdung unſeres Gaſtes?“ ſagte Miß Grainger.—„Tante, ich habe alles vergeſſen in meiner Freude,“ rief Thereſe.„Er will Joſeph wie ein Bruder ſchreiben, und wir werden alle ſo glücklich ſein.“—„Mr. Randall ein Bruder?“ verſetzte die alte Dame, er⸗ ſtaunt über die Freiheit, die ſich ihre Nichte dem Angehörigen eines ſo mäch⸗ tigen Hauſes gegenüber nahm.—„Ja; ich erbat mir's als Gunſt, ihn ſo nennen zu dürfen, und er hat ſie mir nicht verſagt.“— Das Geſicht der alten Dame glühte in verſchämtem Stolz.“—„Für jetzt gute Nacht,“ ſagte Randall, ſich erhebend;„wir können uns morgen durch eine recht lange Un⸗ terhaltung ſchadlos halten. Wer bezeichnet die Tanten als Geſchöpfe, die einen immer zu Bette ſchicken?“ fügte er flüſternd gegen Thereſe bei.— „Warum haſt du gelacht?“ fragte Helene, nachdem Randall das Zimmer verlaſſen hatte.—„That ich es? Er iſt ein ſo ſeltſamer, unbegreiflicher Menſch— bisweilen gefällt er mir wohl, und zu anderen Zeiten flößt er mir eine Furcht ein, die ſich faſt bis zum Schrecken ſteigert.“—„Wenn ich Joſeph wäre, ſo könnte mich dieſe Gefühlswandelbarkeit beunruhigen.“— „Das hat er nicht nöthig; der Unterſchied zwiſchen beiden iſt zu groß.“ Sie nahm ein Buch auf und that, als ob ſie leſe.—„Es iſt mir nicht lieb, daß die Tante ſo viel aus ihm macht,“ fuhr Helene fort.„Bei ihrem Schmei⸗ cheln muß er unſere Lage ganz falſch auffaſſen. Meinſt du nicht, Thereſe?— Thereſe erwiderte nicht darauf, und der Abend entſchwand vollends ſtille. Wer hätte nicht ſelbſt erfahren, welche wunderbare Veränderung in einem ſtillen Haushalt durch die Anweſenheit eines angenehmen, geiſtvollen Gaſtes hervorgerufen wird? Der Grund liegt nicht bloß in deſſen eigenem Beitrag zur Unterhaltung, ſondern er regt auch ſeine Umgebung zu Anſtren⸗ gungen, zu Entwickelung von Hülfsmitteln an, deren man ſich vorher gar nicht bewußt geweſen iſt. Die Nothwendigkeit, ein geſelliges Geſicht zur 8 218 Der Blitzſtrahl. Schau zu tragen, zieht mehr Vortheile nach ſich, als manche ahnen; denn man kann einen Gaſt doch nicht mit dem alltäglichen Haushaltungsgerede, mit Klagen über das Geſinde und dergleichen behelligen. Dieſer Zwang thut in Wirklichkeit der Discipl auſes keinen Eintrag; allein er unter⸗ drückt die Debatten und thu uden Scharmüzeln Einhalt. Die kleinen Förmlichkeiten, welche durch genwart eines Fremden auferlegt werden, ſind als die ſocialen Benefizien einer feinen, die Uebervertraulichkeit abwehrenden Bildung zu betrachten. Einen ähnlichen Einfluß übte auch Randalls Anweſenheit in der Villa. Er beſaß allerdings viele geſellige Eigenſchaften, war ſtets bereit, vorzuleſen, im Blumengarten zu arbeiten, Noten abzuſchreiben und dergleichen, und wenn er nicht die frühere leichther⸗ zige Fröhlichkeit zeigte, ſo that dies dem Intereſſe für ihn keinen Eintrag, ſondern ſteigerte es vielmehr. Er war ja im Unglück, den Folgen irgend eines ſchrecklichen Vorgangs ausgeſetzt; was Wunder, wenn man ſich gedrun⸗ gen fühlte, ihm die Laſt ſeines Kummers zu erleichtern und ihm ſein Leid tragen zu helfen? Sie fühlten ſich glücklich, wenn ſie ihn aufheitern konnten, und freuten ſich, wenn ſie ſahen, daß er an ihrem Treiben vorübergehend ſich vergnügte.— Sie waren nun lange genug in Italien geweſen, um ſich voll in den unausſprechlichen Zauber der Landſchaft hineingelebt zu haben und die Olivenhaine nicht mehr ſtaubig, die Berge nicht mehr kahl zu finden. Das Leben allein, das bloße Leben, war von einem Hochgenuß begleitet, wie man denſelben in nordiſchen Gegenden nicht kennt. Sie freuten ſich daher über die Wahrnehmung, daß auch Randall dieſes Gefühl theilte. Nichts ſchien ihm lieber zu ſein, als durch die Orangenwälder zu luſtwandeln, oder zu dem Geſang des Winzers, dem Zirpen der Grille ausgeſtreckt unter einem breitkronigen Feigenbaum zu liegen. Wie viel Gutes mußte eine Natur in ſich bergen, die Sinn hatte für ſolche ruhige, einfache Vergnügungen, dachten ſie. Schau nur, wie er den Kindern beim Spiel zuſieht und wie höflich er ſich mit dem alten Prieſter unterhält. Ein wildes Leben mag nicht ohne Ein⸗ fluß auf ihn geblieben ſein, hat aber dieſes ſchöne Temperament nicht ſo weit verderben können, daß ſein Herz unempfindlich geworden wäre. So dachte jedes der Mädchen von ihm, obſchon zugleich das alte Vertrauen zwiſchen den Schweſtern ſich etwas zu mindern ſchien.— Um dies zu erklären, werden einige Worte ausreichen. Thereſe hatte von den Vorgängen an jenem denkwürdigen Abend, als Randall den letzten Beſuch gemacht, nur eine ſehr unklare Erinnerung. Es ſeien ihr ſchreckliche Dinge erzählt worden, die mit Lander und Randall in Verbindung ſtanden; . Von Franz Klauer. 219 ſie habe Randall wegen einer Uebereilung oder Dreiſtigkeit hart angelaſſen; es ſei ihr ein Brief gezeigt worden, und ſie habe etwas geſagt oder gethan, was ihr bei ruhiger Beurtheilung nicht als rechtfertigbar erſchienen— alles dies ſchwebte ihr in einer unbeſtimmten ſchattenhaften Geſtalt vor und machte ſie ängſtlich und unruhig. Andererſeits war Helene wohl zufrieden, wenn ihre Schweſter nicht auf die Ereigniſſe jener unſeligen Nacht zurückkam, und berührte ſie daher mit keinem Worte. Wohl hatte ſie die Schilderung, die ihr Randall von Lander gegeben, ſehr erſchüttert; allein letzterer war nie be⸗ ſonders hoch in ihrer Gunſt geſtanden, indem ſie ihn für einen ſtillen, melan⸗ choliſchen Träumer hielt, der durchaus nicht zu einem Gatten für ihre durch Krankheit zu einer ähnlichen Gemüthsart hinneigende Schweſter paſſe. Wenn nun dazu gar noch ein wirklich verächtlicher Charakterzug, der Mangel an perſönlichem Muth trat, ſo konnte ſie ihm nicht einmal die bisherige be⸗ ſchränkte Achtung zollen, die ihr ſeine ſonſtigen guten Eigenſchaften einge⸗ flößt hatten. Freilich war die letztere Beſchuldigung noch nicht durchaus be⸗ wieſen, und ſie enthielt ſich daher ſorgfältig jeder Rede, die das Andenken an jenen Abend wieder hätte wachrufen können. Miß Grainger war überglücklich, daß Thereſe aus jener erſchütternden Scene keine Spur von Einnerung bewahrt zu haben ſchien; ſie vermied es daher ſorgfältig, darauf zurückzukommen. Dennoch erwuchs aus dieſer Zu⸗ rückhaltung zwiſchen den Schweſtern eine Art Entfremdung.„Ich glaube, Helene iſt in letzter Zeit kälter gegen mich geworden, Tante,“ konnte Thereſe bemerken.„Sie iſt nicht mehr ſo freundlich, nicht mehr ſo aufmerkſam und zeigt ein gezwungenes Weſen, das ich mir nicht zu erklären vermag.“— He⸗ lene dagegen ſagte:„Ich möchte nur wiſſen, warum Thereſe ſo verſchloſſen iſt, wenn wir allein beiſammen ſind. Sonſt verſchwieg ſie mir keinen ihrer Gedanken, und jetzt weiß ſie nur von dem Buch, das ſie eben liest, oder von dem, was wir geſtern geſprochen, zu reden.“— Die Spannung wurde noch erhöht durch das Bewußtſein, daß jede ihre Vermuthungen über die Schwe⸗ ſter Randall vertraut hatte. Es wäre ſeltſam geweſen, wenn zwei ſo junge und unerfahrene Mädchen ſich zurückhaltig gegen ihn benommen hät⸗ ten, denn er beſaß in hohem Grade jene Eigenſchaft, welche ſehr jungen Per⸗ ſonen im Lichte des Scharfſinns erſcheint. Mußte nicht er, der das Leben und die Menſchen ſo gut kannte, in allen Schwierigkeiten Rath wiſſen? Der Phönix iſt gewöhnlich ein Mann, deſſen Gaben von der Welt verkannt ſind, und wenn er nebenbei witzig und redefertig iſt, ſo kann er einen wahrhaft despotiſchen Einfluß üben. Und ſo verhielt ſich's denn auch bei Randall, we⸗ 220 Der Blitzſtrahl. nigſtens den Schweſtern gegenüber. Helene hatte ihm vertraut, daß ihrer Anſicht nach Lander Thereſens nicht würdig ſei, da ihm bei allen ſeinen übri⸗ gen guten Eigenſchaften die Anmuth abgehe und er bei ſeinem ſchüchternen Weſen nie einen angenehmen Geſellſchafter abgeben könne— ein Urtheil, mit dem ſich Randall vollkommen einverſtanden erklärte.— Andererſeits hatte ihm Thereſe mitgetheilt, daß Lander von ihrer Tante und Schweſter nicht nach Verdienſt gewürdigt werde und ſie ihm nur untergeordnete Fähig⸗ keiten zutrauten, welche ihn im Leben nicht vorwärts bringen würden, und man gebe ihr, wenn auch nicht gerade in dürren Worten, auf hunderterlei Weiſe zu verſtehen, daß ſie ſich an„den armen Joſeph“ wegwerfe. Bei ſolchen Eröffnungen mußte ſich Randall natürlich mit mehr Ge⸗ wandtheit benehmen, als der anderen Schweſter gegenüber; indeß begriff er wohl, wo er mit ihr übereinſtimmen und wo er verſchiedener Meinung ſein durfte. Lander ſei ein vortrefflicher Menſch, viel zu gut und zu moraliſch, als daß einem Lebemann wie ihm ein Urtheil über ihn zuſtehe, und werde gewiß einmal eine achtbare Stellung einnehmen; er denke ſich ihn ſchon jetzt als Kirchenälteſten und Armenpfleger, und der Abglanz ſolcher Würden werde auch ſeiner Frau zu gut kommen. Dann hielt er plötzlich mit einem Seufzer inne und lenkte das Geſpräch auf ihre eigenen Reize und anmuthi⸗ gen Eigenſchaften; wie enthuſiaſtiſch mußte in Zukunft die Geſellſchaft die⸗ ſelben begrüßen, und welcher Erfolg harrte ihrer, ſobald ihre Geſundheit ſich hinreichend gekräftigt hatte, um die Bürde der allgemeinen Bewunderung zu ertragen. Obſchon nur dies lauter einzelne Reisbündel zu dem Scheiterhau⸗ fen ihres Märtyrerthums waren, ſo hörte ſie ihm doch gerne zu, wenn Ran⸗ dall über die Größe des Opfers, das ſie zu bringen im Begriff war, ſich ver⸗ breitete und in ihr den Glauben anfachte, daß ſie unendlich erhaben ſtehe über dem Loos, welches ihrer harrte. Der ſtets fallende Tropfen höhlt end⸗ lich den Stein aus, und ſo kam es denn, daß Thereſe, ohne daß Lander irgend⸗ wie zu nahe getreten wurde, durch Randalls Verſicherungen zu der Ueber⸗ zeugung gelangte,„Meiſter Joſeph“ dürfe ſich ſehr glücklich preiſen, wenn eine Perſon wie ſie ſein beſcheidenes Loos zu theilen willens ſei.— Auch Miß Grainger fand in ihrem Gaſt einen Beichtvater. Wir erſparen übri⸗ gens dem Leſer einige Zeit, wenn wir ihm einen Brief vorlegen, welchen Randall einige Zeit nach ſeiner Rückkehr an einen ſeiner vertrauteſten Freunde in London, ein Mitglied des Offiziersclubs Namens Algernon Drayton, ſchrieb. „Mein lieber Algy— Du biſt ein Ausbundcorreſpondent, und ich Von Franz Klauer. 221 danke Dir für alles, was Du für mich gethan haſt. Soll nur die ganze Advokatenzunft an Deiner Darſtellung rund kriegen, wer in der Affaire von Baſel wen getödtet hat! Nach der dritten Leſung bildete ich mir ein, ich ſei durch's Herz geſchoſſen worden und habe dann Poſtpferde nach Zürich ge⸗ nommen. Das war ein wahres Kunſtwerk von verwirrendem Stil, und ich rathe Dir, Deine hohen Gaben noch weiter zu cultiviren. Du erwarteſt wohl, ich ſollte ſagen, es thue mir leid um Barnard; doch ich kann dies wahr⸗ haftig nicht. Er war ein eingebildeter Tropf, und wäre erdam Leben geblie⸗ ben, ſo hätte er die abgeſchmackteſten Geſchichten in Umlauf gebracht, die man eben um ſeiner Dummheit willen geglaubt haben würde. Wenn es in der Welt eine lächerliche Beſchuldigung gibt, ſo iſt es die, daß einer vor der Zeit gefeuert habe, da ſie im äußerſten Fall ſich auf eine oder zwei Secunden beziehen kann und recht gut ſich aus der ſchnelleren Zündfähigkeit des Pul⸗ vers erklären läßt. Mir iſt es gleichgültig, wer das meinige fabricirt hat, und ich gebe mich zufrieden mit dem Dienſt, den es mir geleiſtet. Es freut mich übrigens, daß Du Dich hierauf nicht einließeſt, ſondern bloß an dem Reſultat feſthielteſt.— Daß ich jetzt noch nicht zurückkehren kann, begreife ich wohl. Zum Glück iſt dies für mich kein Opfer, da mich ſchon meine Schul⸗ den von London fern halten. Außerdem lebe ich hier wie der Haſe im Klee, unter einem Dache mit einer Jungfer Tante und zwei liebenswürdigen Nich⸗ ten, in einer Villa an einem italieniſchen See, wo das Trio nach Kräften bemüht iſt, mir den Aufenthalt angenehm zu machen. Denke Dir eine Kin⸗ derſchule unter der Obhut eines Tigers und Du wirſt, wie der Yankee ſagt, die Lage realiſiren können. Ich weiß nicht, ob die Gefahr, die ich ihnen bringe, ihnen Freude macht, oder ob ſie keine Ahnung von derſelben haben. „Du ſchreibſt, ich ſei entlaſſen, und fragſt, was ich nun anzufangen ge⸗ denke. Ich geſtehe, daß ich dies ſelbſt nicht weiß. Es gab eine Zeit, in wel⸗ cher Reiten, Fahren und Billardſpielen auf gleicher Höhe mit den gelehrten Berufsarten ſtand; leider leben wir jetzt in einer ſo ſchrecklich fortgeſchritte⸗ nen Zeit, daß jedermann etwas von alledem verſteht.— Du ſprichſt von meinen Verwandten? Mit dieſen ſteht es ſo glänzend wie mit meinen drei⸗ procentigen. Hätte ich Verwandte, ſo wäre ihnen genug natürliches Gefühl zuzutrauen, daß ſie mir zum Auswandern Handreichung thäten, um nichts mehr von mir zu ſehen; allein diejenigen, welche man ſo nennen könnte, glau⸗ ben wahrſcheinlich, daß ich eines Tages auf Koſten der Regierung die Reiſe machen werde und ſie deßhalb ſich nicht anzuſtrengen brauchen.— Wenn Du auf eine Heirath hindeuteſt, ſo meinſt Du natürlich eine Heirath mit Blech, 222 Der Blitzſtrahl. und damit wäre allerdings Barnards Wittwe reichlich verſehen; auch befindet ſie ſich in jenem Zuſtand von Troſtbedürftigkeit, welcher gelegentlich der Liebe die Thüre aufſchließt. Allein der Fall iſt nicht praktiſch. Dagegen gefällt mir eines von den Mädchen hier— ſie hat freilich nur fünfzehntauſend Pfunde; aber ſie iſt ein ſchwächliches, nicht auf die Dauer gemachtes Ge⸗ ſchöpf. Leider hat ſie ſich in ihren weiſen Kopf geſetzt, mir einen dummen, tölpiſchen angehenden Advokaten vorzuziehen; doch behandelt ſie mich mit einer gar naiven Miſchung von Theilnahme und Mitleid, um mich in mei⸗ nem eitlen Liebesſchmerz zu tröſten. Hätte ich die Gewißheit, in einem Jahr troſtloſer Wittwer zu ſein, ſo würde ich bei ihr Ernſt machen, nur um ihr zu zeigen, mit was für einem ſcharfen Werkzeug ſie geſpielt hat. Ich ver⸗ ſuchte mit dem Burſchen anzubinden; aber er ließ ſich nicht darauf ein. Iſt ein Kerl, der ſich für einen beabſichtigten Streit unzugänglich erweist, nicht ſogar noch widerwärtiger, als ein Menſch, der einem nicht borgen will?— Ich glaube, die Schweſter könnte ich morgen haben; allein ſchon dies iſt ein Grund, mir die Luſt zu benehmen. Dazu iſt ſie ſchrecklich geſund, und ob⸗ gleich ich nach Vorgängen in meiner Familie viel von meinem Glauben an Schwindſucht verloren habe, wirken doch gelegentlich ſchlechte Luft und ſchlechte Behandlung unterſtützend. Könnteſt Du bei dieſem dürren Sachverhalt wohl mit einem freundlichen Rath an die Hand gehen— einem praktiſchen, meine ich, wie er ſich von einem ſo gewiſſenloſen Schuft wie Du erwarten läßt? Zwiſchen Männern wie wir bedarf es keiner heuchleriſchen Bemäntelung— wir ſpielen cartes sur table.— Die alte Jungfer, welche das Haupt des Hauſes repräſentirt, hat mich im Vertrauen über das gute Placiren von ein paar tauſend Pfunden, die heimbezahlt worden ſind, befragt. Ich hätte ſagen können:„Gebt ſie mir und beſtimmt ſelbſt den Zinsfuß“; aber ich war be⸗ ſcheiden und that es nicht. Indeß dachte ich an einen guten Freund, Namens Algernon Drayton, einen Mann von großem Grundbeſitz, der für die Ver⸗ beſſerung ſeiner Güter immer Geld brauchen kann. Was meinſt Du, Algy — wäſſert Dir nicht der Mund bei der Ausſicht? Wenn dies der Fall iſt, ſo laß Deinen Scharfſinn die Sicherheit beſchaffen. „Beiläufig, wenn Du etwas zum Nachtheil eines gewiſſen Joſeph Lan⸗ der im Middle Temple erfahren kannſt, ſo laß mich es wiſſen. Du kennſt ja Advokaten genug, die Dir alle Auskunft über ihn zu geben in der Lage ſein werden. Dein Rath, mich bei den Zeitungsredaktionen als Korreſpondent anzubieten, gefällt mir nicht übel; ich glaube wohl, mich in dieſes Handwerk finden zu können, und das Geſchäft ſo gut zu beſorgen, wie Dutzende, dein. Von Franz Klauer. 223 Ergießungen wir leſen müſſen. Damit ich's nicht vergeſſe, gib mir auch Nachricht über Rocksley; ich bin begierig, zu erfahren, wie ſie dort aufneh⸗ men, was ich in letzter Zeit für ihr Glück gethan habe. Ich ſchrieb ein halb⸗ dutzend Briefe an Sophie, eine Art milden Beileids, untermengt mit nutz⸗ baren Betrachtungen und leiſen Andeutungen, daß ihre alte Liebe mit der Zeit den Weg zu mir zurückfinden dürfte, und wenn es ſo weit gekommen, ſo brauche ſie mich nur davon zu unterrichten.— Guy's Leuten magſt Du ſagen, es ſei eitel Portoverſchwendung, mich mit Anforderungen zu behelli⸗ gen. Ich erbreche nur einen Brummbrief, den ich inſtinktartig ſchon von außen unterſcheiden kann wie ein Detective den Gauner in Frack und Hand⸗ ſchuhen. Welch eine blühende Einbildungskraft nicht dieſe Gläubiger beſitzen! Ich kenne keine imaginativere Perſönlichkeiten, als die Schuſter und Schnei⸗ der, die ſeit Jahren aus meinem armen Ich Geld herauszupreſſen hoffen.— Doch ich muß ſchließen. Helene, die mit ihren zarten Fingern den ganzen Morgen Cigaretten für mich angefertigt hat, kommt, um mir den Vorſchlag zu einer Fahrt auf dem See zu machen. Thatſache, Algy! Der Wolf macht Luſtpartieen mit den Lämmern, ſo traulich, als ſei ſeine Mutter ſelbſt ein Schaf geweſen. Adreſſire einfach nach Orta, denn ich wünſche nicht, daß man hier glaube, mein Aufenthalt in der Villa ſei auf länger berechnet. Alle Briefe an mich laufen poste restante ein. Mit herzlicher Begrüßung Dein Heinrich Randall.“ Das angenehme Projekt, auf das der Brief flüchtig hinwies, kam nicht zur Ausführung; denn während Randall ſich mit den beiden Mädchen auf dem Weg nach dem Seeufer befand, wurden ſie von Miß Grainger einge⸗ holt, welche darauf beſtand, den Gaſt nach der Villa zurückzunehmen, damit er ihr dort wegen eines eben eingelaufenen Schreibens Rath ertheile. Er kehrte daher wohl oder übel mit der Dame wieder um, einigermaßen durch die Mittheilung getröſtet, daß ſich der Brief nicht auf ihn ſelbſt und ſeine Angelegenheiten beziehe.—„Es iſt vielleicht nicht in der Ordnung, daß ich Ihre Anſicht über einen Fall einhole, in Betreff deſſen Ihre Sympathieen mit den unſrigen nicht im Einklang ſtehen,“ ſagte Miß Grainger;„allein Ihr geſundes Urtheil und Ihre Weltkenntniß ſind Vortheile, die ich auch mir zu nutze machen möchte. Sie wiſſen, daß Thereſe mit Mr. Lander verlobt iſt. Als er wegen der Angelegenheiten ſeines Vaters ſo plötzlich von Orta abreiste, hatte er wenig oder keine Zeit, ſich über ſeine Ausſichten und ſeine Mittel auszulaſſen, weßhalb denn auch über das Vermögen meiner Nichte nichts zu Sprache kam. Er hatte allerdings vorher ſeinem Vater geſchrieben 224 Der Blitzſtrahl. und von ihm eine ſehr liebevolle Antwort erhalten— das Jawort nebſt warmen Wünſchen für ſein Glück——. Warum lächeln Sie, Mr. Ran⸗ dall?“—„Ich dachte an die Schönheit eines ſolchen Wohlwollens, das nichts koſtet. Nichts iſt anmuthiger, aber auch nichts wohlfeiler, als ein Se⸗ gen.“—„Ich will Ihnen nicht widerſprechen,“ entgegnete ſie mit einiger Gereiztheit;„aber das Schreiben des alten Mr. Lander war wirklich ſchön und rührend. Er erinnerte Joſeph daran, daß er ſelbſt nur mit ſehr ſpär⸗ lichen Mitteln geheirathet und ſeine Lage, obſchon er es nie über die eines armen Pfarrverwalters hinausgebracht, ſeinem Glück nie einen Eintrag ge⸗ than habe. Hören Sie nur die Stelle——.“—,Bitte, verſchonen Sie mich. Den Grundgedanken kenne ich ja und kann mir nun die ganze Sym⸗ phonie vergegenwärtigen.“—„Sie glauben ihm alſo nicht?“—„Was fällt Ihnen ein? Ich wollte nur ſagen, daß zwiſchen Männern von ſeinem und meinem Temperament eine Auseinanderſetzung unmöglich iſt, und wenn ich über jenen Brief ein Gutachten abgeben ſoll, ſo bedaure ich, Ihrem Wunſch nicht entſprechen zu können.“—„Nein, ich meine nicht jenen Brief, ſondern dieſen da, der erſt heute Morgen eingelaufen iſt. Ich erbitte mir Ihr Urtheil, ehe ich mit den Mädchen darüber ſpreche.“ Randall zog das Schreiben langſam aus ſeinem Couvert und begann zu leſen. Nachdem er mit der erſten Seite zu Ende war, ſagte er:„Man muß ein Kanoniker ſein, um dies zu verſtehen. Was ſoll ich aus den Aus⸗ drücken„um regelmäßige Einſetzung,“„letzter Pfründner“ und„weltlicher Pfründherr“ machen?“—„Oh, dies hätten Sie nicht zu leſen nöthig ge⸗ habt— nur den Bericht des armen alten Herrn über ſein Unglück, den Ver⸗ luſt ſeiner Pfarrverwalterſtelle und die Uebernahme einer Verweſerei in Cornwall. Hier müſſen Sie anfangen.“—„Ach ja,“ ſagte er und las laut fort:„Ich hätte dieſes Ungemach leichter ertragen, wenn es mich nicht in einem für die Zukunft meines armen Sohnes verhängnißvollen Augenblick betroffen hätte, denn ich kann nicht wiſſen, welche Wirkung die Kunde auf Sie hervorbringen wird. Ich kann den jungen Leutchen keine Heimat mehr bie⸗ ten, wenn ſie aus Rückſichten der Geſundheit, der Erſparniß oder der Erho⸗ lung Luſt haben ſollten, London zu verlaſſen und die Stille des Landlebens aufzuſuchen. Auch bin ich nicht mehr in der Lage, ſelbſt in dem beſcheidenen Maß, wie ich gehofft, zu ihrem Unterhalt beizutragen. Kurz, meine Verhält⸗ niſſe ſind im höchſten Grade beſchränkt worden und die Ausſicht einer Beſſe⸗ rung liegt ferne. So viel über mich. Was Joſeph betrifft, ſo iſt ihm durch die Vermittlung eines theilnehmenden Univerſitätsfreundes ein Richterpoſten Von Franz Klauer. 225 in Calcutta angetragen worden. Die Stelle iſt weder einträglich noch be⸗ deutend; doch ſoll ſie ſeinem künftigen Vorwärtskommen ſehr förderlich ſein. Zu jeder andern Zeit würde er eine ſolche Ausſicht mit Freuden bewillkommt haben; doch nun erfüllt ſie ihn mit bangen Zweifeln, wie ſie in Ihrem Kreiſe aufgenommen werden dürfte. Wird das theure Mädchen einwilligen, ſich von ihrer Schweſter und von der treuen Pflegerin zu trennen, um der Hei⸗ mat den Rücken zuzukehren? Dieſe Frage liegt ſchwer auf ſeinem Herzen und läßt ihn Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen. Er ſelbſt wagt nicht zu ſchreiben, weil es ihm als Selbſtſucht erſcheint, dem geliebten Weſen bei einem Einkommen von nur ſiebenhundert Pfunden alle die Entbehrungen der Fremde anzumuthen, weßhalb ich es über mich genomimnen habe, Ihnen. die Sachlage auseinander zu ſetzen. Indeß iſt es nicht meine Abſicht, ein Fürwort für ihn einzulegen; denn wenn ich auch gerne mein Leben gäbe, um ſein Glück zu ſichern, kann ich es doch nicht über mich gewinnen, um ſeinet⸗ willen jemand anders eine unbillige und unedelmüthige Zumuthung zu ma⸗ chen.— Der Bericht meines Sohnes über Ihre Nichte erfüllt alles, was wir von einer Tochter wünſchen können; indeß bin ich doch noch über man⸗ ches nicht unterrichtet, was für mich zu wiſſen von Belang iſt. Hat ſie zum Beiſpiel Charakterentſchiedenheit genug, um in einem fremden fernen Land ein neues Leben anzufangen? Iſt ſie muthig und geſund genug, es zu kön⸗ nen? Meine Frau iſt nicht damit einverſtanden, daß ich dieſe Punkte zu be⸗ denken gebe; allein ich bin entſchloſſen, daß Sie das ſchlimmſte durch uns ſelbſt erfahren und ſich hintendrein nicht über eine Täuſchung beklagen kön⸗ nen. Das ganze Glück des armen Joſeph wird von der Antwort auf dieſes Schreiben abhängen; ich bitte daher nur, ſie möge ſo ausfallen, daß ſie dazu diene, die Wohlfahrt zweier uns ſo theurer Menſchen zu ſichern. Ich kann nicht verlangen, daß für uns ſogenannte Opfer gebracht werden; allein darum bitte ich, tragen Sie den Rückſichten des weltlichen Intereſſes nicht weniger Rechnung als denen der Liebe; denn wo ſich's um einen Entſchluß handelt, von welchem das ganze Lebensglück abhängt, iſt es räthlich, nicht bloß das Herz, ſondern auch den Kopf ſprechen zu laſſen.“ „Ich denke, ich habe genug geleſen,“ ſagte Randall ungeduldig.„Die alte Geſchichte. Zuerſt fängt man die Neigung eines Mädchens und dann kommen die Verwandten wegen der Mitgift angerückt. Ein ſchlauer alter Burſche, dieſer Pfarrer. Im Ganzen gefällt er mir übrigens beſſer als der Sohn; denn obſchon er in forma pauperis plädirt, iſt er doch ſo ehrlich, es Hausblätter. 1867. I. Bd. 15 226 Der Blitzſtrahl. einzugeſtehen.“—„Sie ſind zu ſtreng, Mr. Randall,“ verſetzte Miß Grain⸗ ger mit einiger Aufregung.—„Und was gedenken Sie ihm zu antworten?“ entgegnete er kurz.—„Eben darüber möchte ich Ihre Anſicht hören. Sie ſind zwar kein Freund des jungen Lander; aber ich glaube, daß Sie es gut mit uns meinen und uns ehrlich rathen werden.“— Er ging eine Weile ge⸗ dankenvoll im Zimmer auf und ab.„Ich erlaube mir nicht,“ ſagte er plötz⸗ lich,„Ihnen in dieſer Angelegenheit etwas vorzuſchreiben; allein wenn ich der Vormund der jungen Dame wäre, ſo würde meine Antwort auf einen ſolchen Brief ſehr kurz ausfallen.“—„Sie würden die Zuſtimmung ver⸗ weigern?“—„Natürlich. Soll Ihre Nichte mit Gott weiß wem als Aben⸗ teurerin in einer wildfremden Welt umherfahren— mit einem Menſchen, der zugeſtandenermaßen in der Heimat ſein Fortkommen nicht findet, ſondern um der kahlen Nothdurft willen den entlegenſten Erdwinkel aufſuchen muß? Und liegt in dem Charakter, in den Befähigungen des jungen Mannes etwas, um ein ſolches Opfer zu rechtfertigen? Werden Sie es vor ſich ſelbſt ver⸗ antworten können, wenn nachher die Jammerbriefe einlaufen? Ich kenne das Leben in Indien und weiß, daß es nur bei reichlichen Mitteln erträglich iſt. Man kennt dort jede Rupie, die eines zu verbrauchen hat, und der Arme iſt überall ein Gegenſtand des Spotts und der Verachtung. Die ſiebenhun⸗ dert Pfunde klingen zwar für England nicht ſo übel; allein in Indien reicht man damit kaum ſo weit, als bei uns mit zweihundert. Der Pfarrer meint zwar, er ſei mit wenigem glücklich geweſen, und mein kalter, weltlicher Sinn muß natürlich hinter ſeinem edlen hochherzigen Geiſt weit zurückſtehen; doch kann ich als Weltmann mich mit ihm meſſen, und aus einigen kleinen Win⸗ ken geht hervor, daß ſeine Ehrwürden die Augen weit offen hat.“—„Das habe ich nicht gefunden,“ entgegnete ſie kurz.—„Möglich; aber glauben Sie mir, daß er an einen Mann nie einen ſolchen Brief geſchrieben haben würde; er hätte dann ganz andere Saiten aufgezogen.“—„Meinen Sie?“—„Ich weiß es gewiß.“—„Wenn dies wäre— aber was ſoll ich thun?“—„Ver⸗ weiſen Sie ihn an mich. Sagen Sie, die Sache ſei für Sie zu ſchwierig, da Ihre Rückſicht für die Gefühle Ihrer Nichte Sie leicht irre leiten könnte. Auf weiter brauchen Sie ſich nicht einzulaſſen. Sie können ihm einfach er⸗ klären, ein Freund, in den Sie volles Vertrauen ſetzen, habe eingewilligt, Sie in dieſer Sache zu vertreten. Ich ſei hier, und er möge ſich an mich wenden.“—„Wäre dies aber nicht eine ſehr kalte und abſtoßende Antwort auf das Schreiben des guten Pfarrers?“—„Ich denke nicht; jedenfalls wird ſie eine gute Wirkung thun. Sie werden ſehen, wie ganz anders das Von Franz Klauer. 227 Schreiben lautet, wenn er weiß, daß er mit mir zu verhandeln hat.“— „Was wird Thereſe dazu ſagen?“—„Es muß ohne ihr Vorwiſſen geſchehen, denn ſonſt bitte ich, mich aus dem Spiel zu laſſen. Wer möchte ſich dazu hergeben, für Sicherung der Zukunft einer jungen Dame Schritte zu thun, wenn die Sache doch nur ihrer Laune anheimgegeben werden ſoll?“—„Aber was fange ich an, wenn Sie nicht mehr hier ſind?“—„Mit meiner Ab⸗ reiſe hat es keine ſolche Eile, und ich gebe Ihnen mein Wort, die Angele⸗ genheit für Sie durchzukämpfen. Sie wird ſich ſchneller machen, als Sie denken. Schreiben Sie, wie ich Ihnen geſagt habe, und überlaſſen Sie das Uebrige mir.“—„Thereſe iſt von dem Einlauf dieſes Briefes unterrichtet und wird mich fragen, was der Pfarrer geſchrieben hat.“—„Sagen Sie ihr, er zeige Ihnen einfach an, daß ſeinem Sohn ein Colonialpoſten ange⸗ tragen worden ſei, und wünſche über die Vermögensverhältniſſe unterrichtet zu werden, ehe er ſich auf Weitexes einlaſſen könne. Dabei mögen Sie auf ſeinen weltlichen Sinn loszieht das Uebrige geben Sie der Zeit anheim.“ —„Aber Joſeph wird in der Zwiſchenzeit ſchreiben und ihr die Augen öff⸗ nen.“—„Schwerlich ganz. Sie wird es übelnehmen, daß ſie die Kunde von der Anſtellung nicht durch ihn ſelbſt erfahren hat, und ihre Rückantwort wird dieſem Aerger Ausdruck geben. Doch bilden Sie ſich kein Urtheil über das Spiel, ehe die Karten ausgegeben ſind. Warten Sie zu. Geben Sie mir einſtweilen den Brief des Pfarrers, denn ich fürchte, Thereſe kriegt ihn ſonſt doch zu leſen. Verlangt ſie ihn, ſo ſagen Sie ihr, Sie hätten ihn Ihrem Sachwalter nach London geſchickt und denſelben aufgefordert, zum Behuf der Antwort den Status feſtzuſtellen.“ Wie die Fliege im Spinnennetz ſah ſich Miß Grainger verſtrickt, wohin ſie ſich wendete. Sie bereute vielleicht in ihrem Innern, Randall um Rath angegangen zu haben; doch die Sache war geſchehen und ließ ſich nicht wie⸗ der rückgängig machen. (Schluß folgt.) 15²* 7 ZBianka Capello. Von Otto Jäger. Dieſe Dame, dem edlen Haus der elli in Venedig angehörig, war eine Tochter des Bartolomeo Capello und 1545 geboren. Dem Hauſe ihres Vaters gegenüber hatten die Salviati, eine angeſehene Kaufmannsfamilie aus Florenz eine Bank errichtet, in welcher ein florentiniſcher Jüngling von geringer Herkunft, Namens Pietro Buonaventuri, als Commis arbeitete. Der ſchöne, dreiſte und intrikante Pietro wußte die Neigung Bianka's zu gewinnen, indem er ſich trüglicherweiſe ihr als Theilhaber an dem Geſchäft vorſtellte. Das Ver tniß beſtand eine Weile im Geheimen, bis es Folgen hatte, die ſich nicht länger verbergen ließen, und um der lebenslänglichen Einſperrung in einem Kloſter auszuweichen, beſchloß Bianka, mit ihrem. Liebhaber zu entfliehen, zugleich aber ein Kiſtchen Juwelen mitzunehmen, die ihrem Vater gehörten. Sie verließ Venedig bei nächtlicher Weile und langte mit Buonaventuri wohlbehalten in Florenz an, wo ſie in dem Haus von deſſen Vater ein Unterkommen fand und im Lauf der Zeit eine Tochter gebar. Sie hatte ſich unterwegs in einem Dorf unfern von Bologna mit Buona⸗ venturi trauen laſſen. Da ſie ſtets befürchten mußte, entdeckt zu werden von Sendlingen aus Venedig, wo ihre Entführung nicht nur in ihrer Familie, ſondern auch unter der ganzen Ariſtokratie große Entrüſtung hervorgerufen hatte, ſo lebte ſie geraume Zeit mit ihrem Gatten in tiefſter Verborgenheit. Der Onkel desſelben, welchen man beſchuldigte, er habe um die Anmaßung ſeines Neffen gewußt, wurde in's Gefängniß geworfen und ſtarb in dem⸗ ſelben; ein gleich grauſames Schickſal traf die vertraute Dienerin, welche Bianka mitzunehmen verabſäumt hatte. Endlich erregte ſie, ſei es zufällig oder mit Abſicht die Aufmerkſamkeit 8 5 ———,—. 2 t Von Otto Jäger. 229 von Franz, dem Sohn des gleichnamigen Großherzogs von Toscana, wel⸗ chem ſein Vater bereits die Gewalt und Würde der Souveränität übertra⸗ gen hatte. Die hohe Schönheit und die gewinnenden Manieren Bianka's machten einen ſolchen Eindruck auf den Thronfolger, daß dieſer ſich erbot, ſie unter ſeinen Schutz zu nehmen und auch wirkliche Unterhandlungen mit ihren Verwandten in Venedig anknüpfte. Als dieſe mißglückten, zog er ſie aus ihrer Verborgenheit hervor, wies ihr einen prächtigen Palaſt an und verbrachte den größten Theil ſeiner Zeit in ihrer Geſellſchaft. Den Buona⸗ venturi ernannte er zu ſeinem Kammerherrn und zog ihn über alle Angele⸗ genheiten des Staats zu Rath. Im Jahr 1566, bal ach der conventionellen Vermählung des Prin⸗ zen Franz mit der öſterr hiſchen Prinzeſſin Johanna, wurde Bianka für hoffähig erklärt und wurde der Mittelpunkt der allgemeinen Bewunderung; auch verſprach ihr der verliebte Fürſt eidlich, ſie zu ehelichen, ſobald ſie beide aus den dermalen auf ihnen laſtenden Banden erlöst ſeien. Buonaventuri, der ſich mit einer Dame von hohem Rang in eine Intrigue eingelaſſen hatte, aus der er gar kein Hehl machte und zugleich ſich gegen ihre Familie mit größter Unverſchämtheit benahm, wurde 1569 bei nächtlicher Weile in den Straßen von Florenz ermordet. Franz, der auch die Hand mit im Spiel ge⸗ habt, ließ trotz der Bitten Bianka's, die einige Liebe für ihren erſten Gatten bewahrt zu haben ſcheint, die Mörder entkommen.— Bianka war nun die offenkundige Maitreſſe des Fürſten, der ſich kaum acf ſo lange von ihr tren⸗ nen konnte, als es die Erfüllung der allernöthigſten Pflichten ſeiner Stel⸗ lung forderte. Sie bot alle ihre Kunſt auf, die Hauptperſonen der Familie Medici, namentlich den Cardinal Ferdinand, Franzens nächſten Bruder, für ihr Intereſſe zu gewinnen, und es gelang ihr auch. Franz war ſehr ärgerlich darüber, daß ſich bei ihm die Hoffnung, aus ſeiner Ehe einen männlichen Erben zu erzielen, nicht verwirklichen wollte; ſo ſehnlich er es nun auch wünſchte, blieb ihm doch ſelbſt der natürliche Sohn verſagt, und Bianka, die ſeit jener Tochter nicht mehr geboren hatte, beſchloß daher, ihm ein fremdes Kind als das ihrige zu unterſchieben. Dieſer Entwurf kam 1576 zur Aus⸗ führung; ſie beſchenkte ihren Liebhaber mit dem neugeborenen männlichen Kind einer armen Frau, das er mit Freuden als das ſeinige anerkannte und dem er den Namen Antonio beilegte. Bianka wird beſchuldigt, mehrere Meu⸗ chelmorde veranlaßt zu haben, um alle diejenigen, welche um den Betrug wußten, aus dem Weg zu räumen. Ein Jahr nachher wurde Franz, der in⸗ zwiſchen zum wirklichen Großherzog geworden, mit einem legitimen Sohn 230 Bianka Capello. beglückt. Dieſes Ereigniß ſchien zwiſchen der Großherzogin, welche unter dem Einfluß Bianka's ſehr gelitten, und ihrem Gatten eine Verſöhnung her⸗ beizuführen. Die Maitreſſe mußte ſich eine Zeitlang vom Hof fern halten; doch verkehrte Franz noch immer im Geheimen mit ihr. Endlich brachte der Tod der oßherzogin, welcher der allgemeinen Annahme zufolge durch die Beieosſendhean herbeigeführt worden, die ſie von ihrem Gatten erfahren, die fürſtliche Krone in den Bereich Bianka's, welche ungeachtet des Haſſes der Florentiner, die das Andenken der Verſtor⸗ benen hoch in Ehren hielten, und der Oppoſition von Seite der Familie Franz zu bewegen wußte, ſein gegebenes Verſprechen zu erfüllen. Die Trau⸗ ung wurde am 5. Juni 1579 im Geheim vol ein; allein dies genügte der ehrgeizigen Frau nicht, welche nun auch s Großherzogin anerkannt ſein wollte und es dahin brachte, daß der Gatte ihren Wünſchen willfahrte. — Der Großherzog ſchickte eine feierliche Geſandtſchaft nach Venedig, um den Senat von ſeiner Vermählung mit Bianka in Kenntniß zu ſetzen und denſelben zu erſuchen, ihr den Titel einer Tochter der Republik zu verleihen, mit dem der Vorrang vor den anderen Prinzeſſinnen Italiens verbunden war. Die ſchlaue venetianiſche Regierung ging bereitwillig auf dieſes Anſin⸗ nen ein, weil ſie darin ein Mittel ſah, den Einfluß der Republik zu erhöhen, und ſo wurde denn eine der großartigſten Geſandtſchaften, die je von Vene⸗ dig ausging, abgeſchickt, um Bianka feierlich als Tochter des Staates zu krönen, der ſie früher verbannt und geächtet hatte. Dieſes Ereigniß fand ſtatt am 13. Oktober 1579. Ihr Benehmen in der neuen hohen Stellung war dahin gerichtet, die Gunſt der verſchiedenen Mitglieder der Familie Medici zu gewinnen und die Zwiſtigkeiten derſelben zur Ausgleichung zu bringen; da ſie dabei eine große Klugheit und Umſicht walten ließ, ſo gelang ihr dieſe Abſicht in hohem Grade. Weniger glücklich war ſie ihren Unterthanen gegenüber, welche ſich weniger leicht verſöhnen ließen, da ſie in ihr die Verführerin ihres Fürſten haßten und in ihr bloß das ränkevolle Weib ſahen, dem ſie jedes Verbrechen zutrauten. Tauſend Gerüchte über ihre Grauſamkeit und über die Zauber⸗ künſte, mit denen ſie ſich abgab, wurden in Umlauf geſetzt; ja, ein Theil der⸗ ſelben lebt noch fort in der florentiniſchen Volksſage. Dafür ſetzte ſie eine Anzahl von Spionen in Thätigkeit, die ihr alles hinterbringen mußten und durch ihre Berichte ſie befähigten, die Machinationen der Widerſacher gegen ſie und den Großherzog zu vereiteln.— Im Jahr 1583 ſtarb der von der Oeſterreicherin hinterlaſſene Sohn, und bald nachher erklärte der Großher⸗ 8½ Von Otto Jäger. 231 zog den unterſchobenen Antonio zu ſeinem geſetzlichen Erben und Nachfolger. Es wird allerdings behauptet, Bianka habe ihrem Gatten die geübte Fäl⸗ ſchung geſtanden, und dieſer ſeltſame Widerſpruch wirft ein Geheimniß über Antonio's wahre Herkunft. Franzens Bruder und nächſter Erbe, der Car⸗ dinal Ferdinand, nahm indeß ſeine Uebergehung nicht ſo leicht, und es trat eine bittere Feindſchaft ein zwiſchen den beiden Brüdern; es gelang indeß Bianka, eine ſcheinbare Verſöhnung herbeizuführen, und Ferdinand kam im Oktober 1587 nach Florenz. Er hatte ſich noch nicht lange daſelbſt aufge⸗ halten, als Franz auf ſeinem Jagdſchloß Poggio de Cajono, wohin Bianka und der Cardinal ihn begleitet, erkrankte; zwei Tage nachher wurde Bianka von denſelben Seuerdeſßee für die eines gefährlichen Fiebers er⸗ klärte, befallen, und im von acht Tagen ſtarben der Großherzog und ſeine Gemahlin, erſterer in einem Alter von vierzig, letztere von vierundvierzig Jahren. Ferdinand iſt beſchuldigt worden, daß er beide vergiftet habe. Die Leichen wurden nach Florenz gebracht, wo der Cardinal nicht duldete, daß Bianka in der Familiengruft beigeſetzt werde, und auch außerdem ihr An⸗ denken mit großer Geringſchätzung behandelte; auch ließ er die Illegitimät Antonio's öffentlich ausrufen. Dieſes Benehmen hatte wahrſcheinlich ſeinen Grund in einer Aufhetzung durch Bianka's Feinde, denn ſein ſpäteres Ver⸗ halten beweist, daß er nach ruhiger Ueberlegung nicht den Einflüſterungen der Leidenſchaft Folge geben wollte. Er erkannte feierlich Antonio als ſeinen Neffen an, verſah ihn mit einem Haushalt, wie er einem Prinzen des Hauſes Medici ziemte, warf Bianka's Vater einen ſchönen Jahresgehalt aus und bedachte ihre Dienerſchaft und Beamte mit Geſchenken. Majeſtätiſch, ſchön, geiſtvoll, beredt und gewinnend, gebot Bianka Ca⸗ pello über alle Herzen, ein Vortheil, den ſie um ſo mehr auszunützen ver⸗ mochte, da ſie ſelbſt von ruhiger kalter Gemüthsart war. Zwar verlor ſie bald jenen körperlichen Zauber, der ihr die Neigung des launenhaften Franz gewonnen; allein ihr Geiſt befähigte ſie, ihn bis zu ihrem Ende zu beherr⸗ ſchen.— Wir entnehmen aus dieſem Beiſpiel eines falſchen weiblichen Ein⸗ fluſſes, wie ſehr es noth thut, dem ſogenannten zarteren Geſchlecht eine ver⸗ nünftige Erziehung zufließen zu laſſen. Wäre Bianka Capello in früher Jugend die Gelegenheit zu gute gekommen, ſich Kenntniſſe zu erwerben und ihrem Geiſt die Ausbildung zuzuwenden, deren er fähig war, wie ganz an⸗ ders würde dieſe glänzende Venetianerin in der Geſchichte daſtehen! 4* Von* Fr Wherr ou Bibra. 1 1* „— (Schluß.) Auf welche Weiſe der Thee auf den menſchlichen Körper einwirkt. Die Wirkungen, welche der Thee auf den Organismus hervorbringt, ſind denen des Kaffee's zwar nicht gleich, jedoch ſehr ähnlich. Es ordnen ſich beim Genuſſe des Thee's die Gedanken, ſie werden klarer und es tritt ein gewiſſes geiſtiges Wohlbehagen ein. Aber dieſes Wohlbehagen iſt nicht das Entzücken, welches man beim Genuſſe des Opiums empfindet, wenn man denſelben einmal gewöhnt iſt, es iſt ebenſowenig die ganz eigenthüm⸗ liche Empfindung, welche das aus der Hanfpflanze bereitete Haſchiſch her⸗ vorbringt, und ebenſo fehlt vollſtändig die wilde Flucht der Gedanken, welche am Anfange der Chloroform⸗Narkoſe auftritt, und die von jener des Schwe⸗ feläthers noch übertroffen wird. Auch der Einfluß, welchen die Spirituoſen auf den Organismus äußern, kann mit den Wirkungen des Thee's nicht verglichen werden. Man kann ſagen, daß der Thee feiner und deßhalb anſtändiger auf den Menſchen einwirkt, als alle die ſoeben angeführten narkotiſchen Genußmit⸗ tel; und haben denſelben Millionen von Menſchen ſchon ſeit undenklichen Zeiten gleichwohl genoſſen, ohne ſich ſeiner Einflüſſe klar zu werden, ſo waren doch anderen wieder ſeine Eigenſchaften hinlänglich bekannt, und ſchon die oben angegebene Sage von der Entſtehung des Theeſtrauches be⸗ weist dies zur Genüge. Auch den älteren chineſiſchen Schriftſtellern, welche den Thee beloben, waren ſeine Wirkungen nicht fremd, ſo ſagt einer derſelben:„Das Thee⸗ Von Ernſt Freiherrn p. Bibra. 233 trinken vertreibt die Schläfrigkeit, nimmt Unreinheiten hinweg und hilft ge⸗ gen das Kopfweh.“— Ein anderer preiſet ihn auf folgende Weiſe:„Der Theeſtrauch,“ ſagt er,„iſt eine ungemein nützliche Pflanze. Wer Thee trinkt, deſſen Lebensgeiſter werden munter und klar ſein, und die Regenten und Großen des Reiches ſchätzen ihn hoch. Dasgemeine Volk, die Armen und die Bettler, alle gebrauchen ihn täglich und lieben ihn.“— Eine andere Stelle zeigt aber, daß auch die ſchädlichen Wirkungen des im Uebermaße ge⸗ noſſenen Thee's wohl bekannt waren, denn dortuheißt es:„Der Thee iſt kühlend, trinkt man zu viel davon, ſo bringt er Erſchöpfung und Mattigkeit hervor, und deßhalb ſetzen die gandleute Ingwer und Salz dazu, um dieſe kühlenden Eigenſchaften 4 Im Allgemeinen ſcheineminbeſſen nicht ſo viele Fälle ſchlimmer Folgen von übermäßigem Theegenuſſe vorzuliegen oder wenigſtens bekannt zu ſein, als dies beim Kaffee der Fall iſt. Moleſchott ſchildert aber die Zufälle, welche eine derartige Unmäßigkeit hervorbringt, folgendermaßen:„Wenn Thee im Uebermaß getrunken wird, ſtellt ſich eine erhöhte Reizung der Ner⸗ ven ein, die ſich durch Schlafloſigkeit, ein allgemeines Gefühl der Unruhe und Zittern der Glieder auszeichnet. Es können ſelbſt krampfhafte Zufälle, erſchwertes Athmen und ein Gefühl von Angſt entſtehen. Das flüchtige Theeöl erzeugt Eingenommenheit des Kopfes, welche ſich im Theerauſche anfangs als Schwindel und ſpäter als Betäubung zu erkennen gibt.“ Der Thee hat aber neben der guten Eigenſchaft, mäßig genoſſen, ange⸗ nehm aufzuregen und neben ſeinen ſchädlichen Folgen, wenn er im Ueber⸗ maße genommen wird, noch eine dritte Eigenſchaft, welche er ebenfalls mit dem Kaffee, ſowie mit verſchiedenen anderen narkotiſchen Genußmitteln theilt. Er hat nämlich ein ſcheinbares Sättigungsvermögen, oder mit anderen Wor⸗ ten: er verlangſamt den Stoffwechſel, das heißt: man bedarf nach dem Ge⸗ nuß von Thee weniger Nahrungsmittel und fühlt ſich dennoch ſo kräftig, als ob man ſolche zu ſich genommen habe, ohne daß im Theeaufguß die Sub⸗ ſtanzen vorhanden wären, welche eigentliche Sättigung hervorbringen. Der menſchliche Körper befindet ſich, auch im lebenden Zuſtande, in einer fortwährenden Zerſetzung. Durch mehrfache Prozeſſe wird von allen ſeinen Theilen ſtets und unaufhörlich eine gewiſſe Menge entfernt durch ge⸗ wiſſe unvermeidliche, unentbehrliche und dennoch wieder unmöglich zu nen⸗ nende Ausſcheidungen, durch die Ausſcheidungsformen, welche man nennen darf, wenn man nicht Schwitzen, ſondern Tranſpiriren ſagt, und endlich durch 234 hee. das Athmen, von welchem man ungeſcheut ſprechen darf, da die Dichter aller Nationen den Athem angebeteter Gegenſtände mit den überſchwänglichſten Namen belegt haben. In Summa: wir ſind in einer fortwährenden Ab⸗ gabe von Stoffen begriffen, welche für unſeren Körper unbrauchbar gewor⸗ den ſind. Dies iſt die Ausſchei Wenn dies eine Zeitlang hehen iſt, empfinden wir das Bedürfniß, dieſen Verluſt zu erſetzen durch neue Stoffe, welche an die Stelle der entfern⸗ ten, ausgeſchiedenen tyeten olle Dies iſt de gunger. Wenn wir aber es Aufgußgetränke, ſo werden, ohne Nach⸗ theil für unſeren dör ne usſcheid in gewiſſem Grade vermin⸗ dert und wir fühlen u ns, ohne daß e efaan würde, deßhalb dennoch kräftig und haben keinen Hunger. iſt die Stoffwechſel⸗Ver⸗ langſamung. Während die ätheriſchen Oele wahrſcheinlich,— muthmaßlich,— die anregende, erheiternde Wirkung des Thee's bedingen, ſind das Theein, der Gerbſtoff und wohl auch die, wenn auch nur in geringer Menge vorhande⸗ nen Produkte der Röſtung, die Urſachen dieſer Stoffwechſel⸗Verlangſamung. Wiſſenſchaftliche Unterſuchungen haben dargethan, daß wirklich beim Genuſſe des Thee's die erwähnten Ausſcheidungen vermindert werden, aber es iſt hier nicht der Ort, dieſe Arbeiten anzuführen. Auch wie die erwähn⸗ ten Theebeſtandtheile dieſe Wirkung auf den Körper ausüben, mag hier nicht weiter beſprochen werden, da die meiſten hierüber aufgeſtellten Anſichten meiſt noch das jugendliche Flügelkleid der Theorie tragen, und da der gün⸗ ſtige und geehrte Leſer vielleicht noch nicht in Kenntniß geſetzt iſt, daß wir ſelbſt einen hohen Grad von Selbſtverläugnung und Beſcheidenheit beſitzen, ſo wollen wir ihm einen Beweis hievon geben, indem wir eine von uns ſelbſt aufgeſtellte Theorie über Art und Weiſe, wie das ätheriſche Oel des Thee's anregend wirkt, mit Stillſchweigen übergehen. Von Selbſtverläugnung einerſeits, weil wir an dieſe Theorie feſt glauben und von ihr überzeugt ſind, von Beſcheidenheit auf der anderen Seite, weil wir leider befürchten, daß beſagte Theorie dem verehrten Leſer ausnehmende Langeweile verurſachen würde. Wir ſchließen dieſe Bemerkungen über die Einwirkungen des Thee's auf den menſchlichen Organismus, indem wir Durchſchnittszahlen angeben von der Menſchenmenge, welche in verſchiedenen Welttheilen ſowohl den Thee ſelbſt, als auch andere Aufgußgetränke genießen, welche ähnliche oder Thee nehmen, oder i Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 235 gleiche Beſtandtheile wie er ſelbſt enthalten.— Die geröſteten Blätter des Kaffeebaumes werden als Aufgußgetränke, analog dem Thee, von zwei Millionen Menſchen benützt.— Den Paraguay⸗ oder Maté⸗Thee genießen zehn Millionen.— Hundert Millionen trinken Kaffee.— Der chineſiſche Thee endlich wird von fünfhundert Millionen Menſchen getrunken.— Es geht hieraus wohl unläugbar hervor, daß, mag auch der Zufall zuerſt die Menſchen auf den Genuß dieſer Getränke geführt haben, dennoch der In⸗ ſtinkt ſie dieſelben beibehalten gelehrt hat, nachdem einmal ihre Wirkun⸗ gen erprobt hatten. Andere Theee, der herans des chineſiſchen Thee's. Nichts iſt eigentlich weniger wiſſenſchaftlich, als der Ausdruck„Andere Theee“, da ihn aber ohne Zweifel jedermann verſteht, und da er durch den Sprachgebrauch gerechtfertigt wird, welchem gemäß man von Hollunderthee, Camillenthee, Wollblumenthee und anderen ähnlichen Aufgüſſen ſpricht, ſo mag er ſtehen bleiben. Als eigentliches Surrogat für den chineſiſchen Thee kann übrigens kaum eine der Pflanzen betrachtet werden, welche man ebenſo wie ihn als Getränke benützt, und wir führen nur einige derſelben an, um zu zeigen, daß das Bedürfniß, getrocknete Kräuter als Aufgußgetränke zu benützen, ſchon früher und bei verſchiedenen Völkern vorhanden war, wenn gleich wohl vor⸗ zugsweiſe als Heilmittel. Schon vor dem Bekanntwerden des chineſiſchen Thee's war der Sal⸗ bei⸗Aufguß in Europa bekannt, wie ſchon aus der oben angeführten Stelle des Spottgedichts über den Thee hervorgeht, und er ſoll ziemlich verbreitet geweſen ſein, ſo daß die Holländer in den erſten Jahren des Theehandels Salbei mit nach China nahmen, um ihn gegen chineſiſchen Thee zu ver⸗ tauſchen. Der Camille, des Hollunder und der Wollblüthen gedachten wir ſchon oben, mehr aber des erwähnten Sprachgebrauches halber, als weil wir ſie in eine Reihe mit den Getränken ſtellen wollen, welche ähnlich dem chineſiſchen Thee genoſſen werden. Hingegen rühmt man die Erdbeerblätter, die Blätter der Himbeeren, der Schlehe und des Weißdorns, ihres treffli⸗ chen Geſchmacks wegen, und in Norddeutſchland ſoll man den balſamiſchen Gagel(Myrica Gall) und ebenſo Kirſch⸗ und Roſenblätter bisweilen als ——-— 236 Der Thee. Aufguß genießen. Auch die Samen der Hagebutten, getrocknet und längere Zeit gekocht, ſollen ein angenehmes Getränke abgeben. Im nördlichen Aſien benützt man als Aufgußgetränke das wollige Läu⸗ ſekraut(Pedicularis Canuta), eine Alpenroſe(Rhododendron chrysantum), den Sauerampfer(Rumex Acetosella), den dickblätterigen Steinbrech(Sa- xifraga crassifolia), das haarihe Süßholz(Glycyrrhiza hirsuta) und den Engelſüß(Polypodium fragrans).— Im ſüdlichen Aſien wird der Thee⸗ Gamander(Teuricum Thea), der Thee⸗Kreuzdorn(Rhamnus theaezans), die Salbei und das Be Baſilicum als Aufguß getrunken.— In Afrika endlich genießt man den Fahan⸗Thee(Augraecum fragrans), eine Schma⸗ rozerpflanze, und dieſe ſcheint ſich iedſeei eidentüchen narkotiſchen Ge⸗ nußmitteln anzureihen. Gobley fand das Coumarin in derſelben, eine Sub⸗ ſtanz, welche in weißen, glänzenden Nadeln kriſtalliſirt und einen angeneh⸗ men, gewürzhaften Geruch und ähnlichen Geſchmack hat. Sie wurde außerdem in Steinklee, in den Tonkabohnen und endlich in Asperula odorata, dem berühmten Waldmeiſter gefunden, welchen man, wie alle Welt weiß, dem Weine zuſetzt, um ihn wohlſchmeckender, wohl aber auch anregender zu machen, und es iſt gewiß beachtungswerth, daß man in Eu⸗ ropa und Afrika zwei Pflanzen als anregendes oder aufheiterndes Mittel anwendet, welche ein und denſelben Stoff, das Coumarin, enthalten. Man nimmt in Afrika den Fohan⸗Thee ähnlich wie wir Kaffee oder den chineſiſchen Thee nehmen. Der Aufguß ſchmeckt, wie ich mich ſelbſt über⸗ zeugte, nach Vanille und wirkt, ähnlich dem Paraguay⸗Thee, welchen ich in Südamerika ebenfalls häufig genoß, angenehm aufregend. Im Uebrigen wenden die Afrikaner den Fohan⸗Thee für Bruſt⸗ und Lungenleiden an, und Girandy, der Verſuche hierüber anſtellte, beſtätigte ſeine heilſame Wirkung. Endlich verwendet man in Nordamerika die Gaultherie und mehrere Viburnum⸗Arten als Aufgußgetränke, in Südamerika neben dem Paragugy⸗ Thee auch noch Monarda dydyma und Psoralea glandulosa, in Mexico und Neugranada: die Thee Abstenia, und ſchließlich in Neuholland und Neuſee⸗ land: die Corraea alba und Leptospermum flavescens. Was die Fälſchungen des chineſiſchen Thee's betrifft, ſo müſſen wir zum Schluſſe ſchon noch ein wenig ausführlicher von denſelben ſprechen, da es dem theetrinkenden Publikum vielleicht nicht ganz ohne Intereſſe iſt, zu erfahren, welche Betrügereien man ſich wenigſtens an einigen Orten erlaubte und wohl vielleicht noch erlaubt. Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 237 In London und Paris friſcht man alte und bereits gebrauchte Theeblät⸗ ter wieder auf. Man ſcheint dieſelben auf eine ähnliche Weiſe, wie es in China urſprünglich geſchieht, wieder zu rollen, färbt ſie mit Berlinerblau und Curcuma und glaſirt ſie mit Graphit oder Talkerde. Man kaufte in beiden Städten allenthalben, und beſonders in öffentlichen Gaſthäuſern, den gebrauchten Thee,„fabrizirte“ ihn auf's neue und verkaufte ihn. Im Jahre 1843 waren in London allein acht Fabriken mit dieſer Regeneration be⸗ ſchäftigt. Auch den Thee, welcher während des Seetransportes Schaden ge⸗ litten, das heißt mit Seewaſſer verunreinigt wurde, ſtellte man, nachdem man ihn vorher ausgewaſchen hatte, auf dieſe Weiſe wieder her. Der ärgſten Betrügereien aber gedenkt Warington, und ich will die hierauf bezügliche Stelle(aus Liebigs und Wöhlers Annalen 1852) wört⸗ lich folgen laſſen. Er ſagt:„Seit der Zeit, wo ich meine frühere Abhand⸗ lung(1844) ſchrieb, wurden mir verſchiedene Theeſorten bekannt, welche als gefälſcht zu betrachten ſind. Die erſte unter dieſen Fällen betraf eine Ver⸗ unreinigung, welche in England in ziemlich ausgedehntem Maßſtabe betrie⸗ ben wird und die den Zweck hatte, einem importirten ſchwarzen Thee das Ausſehen eines grünen zu geben. Als Grundlage diente ein ſchwarzer, „Scented Coper“ genannter Thee von kleiner Form und eng gerollt, etwa von der Größe des kleinen„Gunpowder“, unter welchem Namen er nach ſeiner Färbung auch verkauft wurde. Der Unterſchied im Preiſe beider Sorten beträgt etwa einen Schilling auf das Pfund, ein hinreichend großer Nutzen, um zum Betruge zu verlleiten. Dieſe Fabrikation wurde, ſo viel ich weiß, in Mancheſter betrieben, und ſo geheim als möglich gehalten, und nur mit großer Mühe gelang es einigen meiner Freunde, zwei verſchiedene Pro⸗ ben für mich zu erhalten, von denen man ſicher ſein konnte, daß ſie aus dieſer Fabrik hervorgegangen waren. Es ſcheint, daß dieſer Thee mit ächtem ver⸗ miſcht wurde, um die, welche ihn verſuchten, leichter zu täuſchen. Die Art, wie die Verfälſchung bewerkſtelligt wurde, kann ich nicht angeben, allein es ſcheint aus der Leichtigkeit, mit welcher man in den Proben, welche mir zu⸗ kamen, Kupfer nachweiſen konnte, hervorzugehen, daß ein Präparat dieſes Metalls angewendet ſein müſſe. Ich glaube übrigens, daß dieſe Verfälſchung jetzt aufgehört hat. „Eine neuere Verfälſchung der handgreiflichſten Art wurde mir durch zwei Proben, eine ſchwarze und eine grüne, bekannt, welche mir kürzlich ein Kaufmann zur Unterſuchung übergab und deren Reſultate mir zu veröffent⸗ 238 Der Thee. lichen erlaubte. Der ſchwarze Thee war als„Scented Coper“, der grüne als„Gunpowder“ bezeichnet, und ſie werden, wie ich höre, in kleinen catty packayes genannten Kiſten eingeführt. Dieſe beiden Sorten beſitzen ein merkwürdiges Aeußere. Sie ſind ſcheinbar außerordentlich dicht gerollt und ſehr ſchwer, wovon die Urſachen ſogleich gezeigt werden ſollen. Sie beſitzen einen ſehr angenehmen Geruch. „Der ſchwarze Thee hat die Form von ſehr dichten Körnern, wie Schrote von verſchiedener Größe, er iſt von ſehr ſchwarzer Farbe, und beſitzt einen ſchönen, glänzenden Schimmer. Der grüne Thee iſt ebenfalls körnig und dicht, und hat ein helles, blaßbläuliches Anſehen mit einem Stiche in's grüne. Er iſt ſo ſtark glaſirt und überzogen, daß der Ueberzug in Wolken von Staub aufſteigt, wenn man den Thee ſchüttelt, oder aus einem Gefäße in ein ande⸗ res ſchüttet. Er bedeckt ſelbſt die Wände der Gefäße oder das Papier, auf dem der Thee gelegen hat. Bei der Unterſuchung dieſer Proben überraſchte mich die Hartnäckigkeit, mit welcher der Ueberzug an der Oberfläche anklebte, und den ich in keinem früheren Falle ſo ſtark gefunden hatte. Es gelang mir erſt, nachdem ich den Thee eine Zeitlang in Waſſer eingeweicht hatte, den größten Theil des Ueberzuges zu entfernen. „Die Glaſur dieſes Thee's beſtand aus Berlinerblau, einer gelben Pflanzenfarbe(Curcuma), und zum großen Theile aus Gyps. Der Ueber⸗ zug des ſchwarzen Thee's war vollkommen ſchwarz und beſtand aus erdigem Graphit oder Waſſerblei. Während des länger dauernden Einweichens war es auffallend, daß bei den einzelnen Körnern nie das Beſtreben, ſich aufzu⸗ rollen und auszudehnen, hervortrat. Die eine der beiden Proben, die des ſchwarzen Thee's, wurde daher mit heißem Waſſer behandelt, allein auch hier ließ ſich nichts, was einem Blatte angehörte, erkennen. Die Körner ver⸗ größerten ſich ſehr wenig und verloren ihren Zuſammenhang in der Art, daß ſich eine große Menge von Sand und Schmutz abſetzte, der durch Abgießen für ſich geſammelt wurde.“ Warington gibt jetzt die Menge der durch Verbrennen der Blätter er⸗ haltenen Aſche und des Sandes an, welche 37.5 Procent betrug, und bemerkt, daß gar kein eigentliches Theeblatt, ſondern bloß Theeſtaub vorhanden war, welcher, wie eine weitere Unterſuchung ergab, durch Gummi zuſammen ge⸗ halten war. Er fährt dann fort:„Der grüne Thee verhielt ſich genau wie der ſchwarze. Er gab 45.5 Procent Aſche und Sand. Eine Probe vom äch⸗ ten Java⸗Gunpowder gab 5 Procent Aſche, ſo alſo, daß die Probe des ge⸗ 4 Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 239 fälſchten grünen Thee's 40.5 Procent Schmutz und Sand mehr enthielt, als das Gewicht der Aſche des reinen Thee's betragen hätte. „Wir hätten demnach in den unterſuchten Proben eine Miſchung von Theeſtaub mit Schmutz und Sand, die mit einer, wahrſcheinlich aus Reis⸗ mehl fabricirten, gummiartigen Materie zu einer Maſſe vereinigt, und dann in Körner von der geeigneten Größe geformt wurden. Zuletzt wurden ſie getrocknet, und je nach Bedürfniß entweder mit Waſſerblei zu ſchwarzem, oder Berlinerblau, Gyps und Curcuma zu grünem Thee gemacht. „Außer den bis jetzt aufgeführten Sorten erhielt ich durch einen Freund eine andere Probe eines grünen Thee's, der ſich von dem vorigen weſentlich unterſcheidet. Er iſt nämlich beſſer fabricirt, oder vielmehr man wird leichter dadurch getäuſcht, indem er einen unglaſirten Thee nachahmt. Er iſt von gelblich grüner Farbe, aromatiſch und körnig, wie die vorigen Proben, und nur wenig bepudert. Er gab 34 Procent Aſche, Sand und Schmutz.“ Warington fügt nun noch bei, daß die Fabrikation dieſer letzten Sorten mit ſo bedeutendem Aſchengehalte neu ſei, oder daß doch wenigſtens deren Einfuhr in ſo großem Maßſtabe erſt in neuerer Zeit ſtattgefunden habe, in⸗ dem während eines Zeitraums von etwa anderthalb Jahren an 750,000 Pfund davon nach England gebracht worden ſeien. Wie bereits oben ange⸗ deutet worden, nennen die Chineſen dieſe Theeſorten ſelbſt„Lie teas“, das heißt: Lügenthee, und geben an, wie viel von dem gefälſchten Thee der guten Waare beigemengt iſt. Die engliſchen Zwiſchenhändler nennen ſie„Gummi und Staub, Gum and dust“, und um den Chineſen nicht an Ehrlichkeit nach⸗ zuſtehen, hat man den Verſuch gemacht, ſie als Fabrikwaare und nicht als Thee zu declariren. Es mag ſein, daß bei dieſem Verſuche das Schöne mit dem Nützlichen vereinigt war und die Tugend einem Profitchen die Hand reichte, indem vielleicht die„Fabrikwaare“ weniger Eingangszoll als der Thee zahlte. Waarenkenntniß und feiner Geſchmack muß bei den zuerſt angegebenen Fälſchungen, bei den bereits gebrauchten und wieder hergeſtellten Theeſorten, und bei den durch Seewaſſer verdorbenen, wohl vorzugsweiſe entſcheiden, aber auch die chemiſche Analyſe gibt hier hinreichende Aufſchlüſſe, indem ſie die zugeſetzten Farbſtoffe, den Gummi u. ſ. w. leicht nachweist, auf der an⸗ dern Seite aber auch das Fehlen der wirkſamen Beſtandtheile, des Theeins, der Gerbſtoffe ꝛc. deutlich auf eine Fälſchung hindeutet. Bei dem„Lügen⸗ . C 240 Der Thee. Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. thee“ läßt ſich dies ſchon durch die beim Einäſchern erhaltene bedeutende Aſchenmenge unſchwer erkennen. Aber auch in chemiſchen Arbeiten Unerfahrene können ſich von einem Farbezuſatz des Thee's leicht überzeugen. Wenn der Thee mit Waſſer ge⸗ weicht, tüchtig geſchüttelt und dann durch Mouſſelin filtrirt wird, ſetzt ſich in der durchgelaufenen Flüſſigkeit der zugeſetzte Farbſtoff ab. Wird aber der Thee von dem Seihtuche genommen und noch längere Zeit mit warmem Waſſer ſtehen gelaſſen, ſo rollen ſich die Theeblätter auf, und die Blätter anderer Pflanzen, welche etwa beigemengt worden ſind, laſſen ſich durch Ver⸗ gleichung mit ächten Theeblättern leicht erkennen. Leichter noch werden bei dieſem Verfahren die eigentlichen Lügenthee's erkannt, da dieſelben, wie wir oben geſehen haben, gar keine Blätter, ſondern bloß Staub enthalten. Der Zlitzttrahl. Von Franz Klauer. (Schluß.) Zwölftes Kapitel. Dunkler und dunkler. In der Villa herrſchte eine ungewöhnlich gedrückte Stimmung. Jedes fühlte, ohne ſich darüber klar zu werden, daß die Atmoſphäre mehr und mehr ſich verdüſterte, als ſtehe man am Vorabend einer trüben Zeit.—„Iſt unter Ihren heutigen Briefen keiner von dem Pfarrer geweſen, Mr. Randall?“ fragte Miß Grainger, als ihr Gaſt unter dem Porticus ſeine Morgencigarre rauchte.—„Nein. Die Poſt brachte mir nichts von Intereſſe. Vorwürfe von meinen Freunden, daß ich nicht ſchreibe und ſie wegen jenes unglücklichen Handels beruhige.“—„Der alte Mr. Lander hätte doch ſchon von ſich hören laſſen ſollen. Auch Joſeph ſchreibt nicht.“—„Kein Wunder. Meine Beſtel⸗ lung als Mittelsperſon wird ihn gelehrt haben, mit ſeiner Feder behutſam zu ſein.“—„Sie nimmt ſich's ſchwer zu Herzen,“ ſeufzte die alte Dame.— „Wohl; und ich finde auch, daß ſie argwöhnt, Sie hätten ſich durch mich be⸗ rathen laſſen. Ich bin nicht mehr ſo wohl bei ihr daran, wie vor einiger Zeit.“—„Gleichwohl hält ſie große Stücke auf Sie, Mr. Randall. Erſt geſtern ſagte ſie, ſie wüßte nicht, was in dieſer Zeit aus uns allen würde, wenn der tolle Heinz nicht hier wäre.“—„Pah! Das iſt nur eine matte Dankeskundgebung gegen eine Perſon, die ihr über eine trübe Periode weg⸗ hilft. Ihnen wird es ebenſo ergehen dem alten Geiſtlichen gegenüber, der mit Ihnen Piguet ſpielt.“—„Nein, es iſt mehr als dies. Sie ſpricht ohne Unterlaß von Ihren hohen Fähigkeiten, mit welchen Sie dies oder das ſein Hausblätter. 1867. I. Bd. 16 242 Der Blitzſtrahl. könnten. Es koſte Sie kaum eine Anſtrengung, alles zu bewältigen; auch könnten Sie es ſich angenehmer machen, als irgend jemand ſonſt.“—„Den Joſeph ausgenommen?“—„Nein, im Gegentheil; ſie ſagte, es ſei ein Un⸗ glück für ihn, einer ſo ungleichen Nebenbuhlerſchaft ausgeſetzt zu ſein; denn Ihre Lebhaftigkeit allein reicht aus, ihn überall aus dem Feld zu ſchlagen.“ —„Unſinn! Wenn ich ihm nicht an Talenten ebenſo überlegen wäre, wie im Temperament, ſo würde ich mich heute noch todtſchießen.“ Nach einer kurzen Pauſe fuhr er fort:„Mag ſie von mir denken, was ſie will; ſo viel iſt klar, daß ſie ihn nicht liebt. Es war nur Mitleid, was ſie zu dem melan⸗ choliſchen Burſchen hinzog; denn hinter ſolchen Geſichtern ſuchen phantaſie⸗ reiche Mädchen ein Meer von ungeahnten geiſtigen Schätzen. Ich habe Du⸗ tzende gekannt, welche mit ihrem poetiſchen Sinn die gewöhnlichſten Menſchen zu Heroen umſchufen und erſt nach der Hochzeit ihren Irrthum einſahen.“— „Sie erſchrecken mich immer, wenn Sie in's Prophezeihen kommen, Mr. Randall.“—„Der Himmel weiß, ich bin ſolchen Anwandlungen nicht häufig ausgeſetzt. Wer ſo wenig an ſeine eigene Zukunft denkt, wie ich, fühlt keine Verlockung, es für ſeine Freunde zu thun. Doch da kommt Onofrio und ſchwenkt einige Briefe in der Hand. Der Dummkopf meint, eine Poſt könne nichts als angenehme Neuigkeiten bringen.“—„Gehen wir ihm entgegen,“ ſagte Miß Grainger und folgte ſchweigend ihrem Gaſt nach dem Ufer hinunter. „Drei für den Signor Capitano,“ rief der Bootsmann,„und einer für die Signora.“—„Von Drayton,“ murmelte Randall;„die anderen ſind mir fremd.“—„Dieſer iſt von Joſeph. Wie wird ſich die arme Thereſe freuen!“—„So tummeln Sie ſich, ſie zu beglücken,“ verſetzte Randall mit etwas finſterer Miene.„Ich will hier auf dem Felſen ſitzen bleiben und meine weniger angenehme Correſpondenz muſtern.“— Der eine Brief war von ſeinem Advokaten, welcher ihm meldete, daß dem Andrängen ſeiner Gläubiger nicht länger zu widerſtehen ſei, und wenn ſeine Freunde nicht zu einem befriedigenden Abfinden ſich heranließen, werde das Geſetz ſeinen Gang nehmen.—„Meine Freunde!“ rief er mit einem bitteren Lachen;„wo ſind dieſe?“ Der nächſte trug die Unterſchrift des Armeecommiſſärs, welcher ihm trocken bedeutete, nachdem er aus dem Dienſt getreten, ſei es nothwen⸗ dig, unverweilt Schritte zu thun, die im Beiſchluß aufgeführten Anſprüche der Regimentskaſſe gegen ihn geltend zu machen. Er riß das Papier er⸗ grimmt in Fetzen und warf dieſe in's Waſſer.„Wie gut kennen ſie den Mann, dem ſie drohen!“ rief er trotzig.„Ich möchte den Ertrinkenden Von Franz Klauer. 243 ſehen, der noch einen Sinn für ſeine Gläubiger hätte! Hoffentlich ſind Draytons Mittheilungen weniger widerwärtig.“ Das Schreiben lautete wie folgt:— „Mein lieber Heinz,— Deine anerkennenden Complimente über die Geſchicklichkeit meiner Correſpondenz in dem Meteor trafen in einem un⸗ glücklichen Augenblick ein, denn die Redaktion hatte eine Mittheilung über den wahren Hergang erhalten, unterzeichnet von dem Oberſtlieutenant Roch⸗ fort, dem D. J. Brooke, dem Arzt Georg Law, dem Vicomte Alberic de Raymond und Jules de Laſſagnac. Man ließ mich nach dem Bureau kom⸗ men und legte mir das Dokument vor, das ich zwar mit aller Entſchieden⸗ 4 heit für apokryphiſch erklärte, aber ohne Erfolg. Das Reſultat war, daß man ſich fürderhin meine Correſpondenz verbat und daß es um Dich ganz ſchlimm ſteht. Die Geſchichte wird morgen im Druck erſcheinen und dann von der Hudſonsbay bis zum Himalaya zu leſen ſein. Ich habe mein Beſtes gethan, um andere Zeitungen zum Widerſpruch zu veranlaſſen; allein alle ſcheinen zu fühlen, daß der Strom der öffentlichen Meinung zu mächtig iſt, und ſo mußt Du Dich eben darein finden, für die nächſten drei oder vier Wochen am Pranger zu ſtehen. In jeder anderen Klemme würde Dir unſer Club nicht abgeſtanden ſein; aber dieſe Geſchichte führt eine Gefahr mit ſich, die, wie ich jetzt ſehe, ſchlimmer iſt, als Du mir geſagt haſt. Auch nehmen es Dir viele weit übler, daß Du B. im Stich gelaſſen, als daß Du den An⸗ deren niedergeſchoſſen haſt. B. war vielleicht ein eingebildeter Tropf; aber Du glaubſt gar nicht, welche Menge von guten Eigenſchaften jetzt dem „armen Bob“ von Dutzenden zugeſchrieben wird, die ſich vor einem Monat nicht hätten in ſeiner Geſellſchaft ſehen laſſen mögen. Das Schlimmſte in⸗ deß iſt, daß ein gewiſſer Reppingham, B.'s Schwiegervater, Dich kriminell verfolgen will. Er führt häßliche Reden, ſpricht von Mord und trägt auf Deine Verhaftung und Auslieferung an. Man erzählt ſich von einem Brief, den Du an B. geſchrieben haben ſollſt; der Adreſſat ſei ſchon beſinnungslos geweſen, als er einlief, aber der herzloſe Inhalt habe jedermann empört, der ihn geleſen. Was iſt Wahres daran? Jedenfalls hat Rep einen Vendetta⸗ anfall und tobt wie ein Korſe nach Rache, Dein gegenwärtiger Verſteck bie⸗ tet zwar gegen Gläubiger, aber nicht gegen die Gerichtsboten Sicherheit, die mit der Geographie Europa's ſo vertraut ſind, wie mit den Winkelgäßchen von Houndsvilch. Drum mach', daß Du weiter kommſt— über die Adria nach Dalmatien oder nach Griechenland. Zögere nicht, denn bei der gegen⸗ 16* 244 Der Blitzſtrahl. wärtigen öffentlichen Stimmung wird der Poliziſt, der Dich einbringt, ſo be⸗ rühmt werden, wie Gerard, der Löwenjäger. Hätteſt Du auch in dieſer An⸗ gelegenheit ein reines Bruſttuch, was ich nicht glaube, ſo iſt jetzt die Zeit für die Rechtfertigung nicht günſtig. Drum geh' aus dem Weg und warte zu. Die Clubs, die Preſſe, alles iſt gegen Dich, und es iſt wahrhaft ſchauerlich, welche Reden man über Dich hören muß; auch rathe ich Dir— Du weißt ja, daß ich nicht gewohnt bin, eine Sache von der ſchlimmſten Seite aufzu⸗ faſſen— Deine Stellung nicht leicht zu nehmen.— „Ueber Lander habe ich nicht viel mehr erfahren, als daß er das Amt eines Staatsanwaltsadjuncten in Calcutta übernehmen ſoll. Dieſe Auskunft verdanke ich nur dem gelegentlichen Umſtand, daß er zum Behuf ſeiner Aus⸗ ſtattung ein Anlehen contrahiren will; allein der alte Iſak, an den er ſich wandte, meint, der Kreditſucher ſehe ſo hektiſch aus, daß niemand das Geld ſchießen und ſomit die Reiſe wohl unterbleiben werde. Du haſt mir nicht geſchrieben, ob Dir dies erwünſcht kommt, oder nicht.— Gerne würde ich Dir in Deiner dermaligen Lage unter die Arme greifen; allein es ſieht bei mir ſelbſt ſehr knapp aus. Ich ſende Dir, was ich zuſammenbringen kann — ſiebenzig und ungerade in Poſtanweiſungen, die ſich überall leicht flüſſig machen laſſen. Im Falle ich nächſter Tage etwas erfahre, was für Dich von Wichtigkeit iſt, will ich es Dir telegraphiren und ſicherheitshalber die Adreſſe Grainger benützen. Sorge dafür, daß Deine Freunde, ſo lang Du bei ihnen biſt, nicht die Londoner Zeitungen zu Geſicht bekommen; biſt du einmal fort, ſo wirſt Du Dir nicht mehr viel aus Deinem Nachruhm machen. Auf alle Fälle nimm baldigſt auf einen ſicheren Verſteck Bedacht; denn hat Dich erſt die Polizei, ſo könnte es zu ſchlimmen Häuſern führen.— Man iſt hier we⸗ gen Indiens in großer Sorge, und man gäbe viel darum, wenn man die Regimenter, die man nach China ſchickte, in Calcutta hätte. Schreibe mir umgehend, was Du zu thun gedenkſt und ſei meiner Treue verſichert.— Ich erfahre eben, daß die Advokaten über die Geſetzlichkeit einer Auslieferung im Zweifel ſind, und Braddon erklärt ſich für das Gegentheil. Doch in dem Fall, der eben viel Redens macht, würde der Mann, den man in Frankreich prozeſſirt hatte, nach ſeiner Ankunft in England von dem Old Bailey⸗Ge⸗ richt ſchuldig erfunden und aufgehängt. Du wirſt mein Zartgefühl nach Deinem Herzen finden. Lebe wohl! Dein A. Drayton.“ Randall lächelte über den Humor ſeines Freundes.„Da haben wir ja alles, was ſich ein armer Teufel nur wünſchen kann— Gläubiger, Concurs, und kriminelle Verfolgung,“ ſagte er, den Brief in ſein Couvert ſteckend und Von Franz Klauer. 245 eine Cigarre anzündend. Nach einer Weile kam Miß Grainger auf ihn zu⸗ geeilt.„Wenn nur die Alte wäre, wo der Pfeffer wächst,“ brummte er vor ſich hin.„Ich brauche all mein Hirn für meine eigene Lage.“—„Es kam, wie ich vorausſagte,“ begann ſie.„Der junge Lander iſt wüthend über die Verweiſung an Sie und will nichts davon hören. Sein Brief an Thereſe iſt faſt vorwurfsvoll und ſie ging mit Thränen nach Haus. Dieſes Billet war beigeſchloſſen.“— Randall nahm es in Empfang, legte es neben ſich auf den Felſen und rauchte ſtumm fort.—„Es ſtand zu erwarten,“ ſagte Miß Grainger.„Der alte Mann gab Ihren Brief ſeinem Sohn, der ſogleich an Thereſe zurückſchrieb. Ich habe das Schreiben nicht ſelbſt geleſen; allein. Helene ſagt mir, Joſeph ſehe in Ihrer Einmengung den Wunſch nach einer Löſung des Verhältniſſes, und die könne er kaum für möglich halten; deß⸗ halb glaube er, daß ſie von der ganzen Intrigue nichts wiſſe. Helene ver⸗ ſichert mir, er habe ausdrücklich das Wort Intrigue gebraucht. Er ſpreche auch(was ich nicht ganz verſtehe) von Irreleitung meines Urtheils durch meinen Reſpekt vor dem Namen, den Sie trügen. So viel iſt gewiß, daß er Sie als Mittelsperſon ganz und gar verwirft; es handle ſich um eine Sache, in welcher Thereſe allein zu entſcheiden habe, und er werde niemand als ihr ſelbſt Gehör ſchenken.“—„Weiter hat er nicht über mich geſagt?“ entgeg⸗ nete Randall ruhig.—„Ich glaube nicht. In der Nachſchrift bittet er bloß, die Inlage Ihnen zu übergeben.“— Randall athmete tief auf; er fühlte eine Laſt ſeiner Bruſt entnommen und rauchte ſchweigend fort.—„So leſen Sie doch. Ich bin begierig, was er ſagt.“—„Das kann ich Ihnen ſagen, ohne daß ich das Siegel erbreche,“ entgegnete er mit verächtlichem Lächeln. „Ich kenne den Muth, mit dem ein ſolcher Menſch gegen einen Mann wie ich auftritt, wenn er vierhundert Meilen von ihm entfernt iſt.“—„Ich möchte ſeine eigenen Worte hören,“ rief Miß Grainger.—„Bin nicht ſo erpicht darauf,“ erwiderte er.„Ich habe dieſen Morgen ſchon genug bittere Pillen ſchlucken müſſen und brauche nicht die Unverſchämtheiten eines ſolchen Burſchen als Zugabe.“—„Sie ſind ſehr unartig,“ entgegnete ſie ſchnippiſch und ging dem Hauſe zu. Sobald ſie hinter dem Gebüſch verſchwunden war, erbrach Randall haſtig das Siegel. „Middle Temple, Samſtag. „Sir,— Mein Vater hat mir einen Brief zugeſchickt, den Sie an ihn gerichtet haben. Die Art, wie wir ſchieden, hätte Ihnen wohl eine zartere Behandluug empfehlen ſollen! Wenn ich ſchon damals mir eine Einmengung von Ihrer Seite in meine Angelegenheiten nicht gefallen laſſen mochte, 246 Der Blitzſtrahl. ſo habe ich Ihnen jetzt zu erklären, daß ich auf kein Wort aus dem Mund oder der Feder eines Mannes hören will, der ſeinen Namen über ganz Eu⸗ ropa mit Schande und Schmach befleckte. Um dem Haus, das Ihnen bisher Schutz verliehen, den Jammer Ihrer Bloßſtellung zu erſparen, habe ich mich enthalten, die Geſchichte, die hier in jedermanns Mund iſt, auch nur mit einer Silbe zu berühren; für dieſe Nachſicht aber verlange ich unbedingt, daß Sie an dem Tag, an welchem Sie dieſes Schreiben erhalten, die Villa ver⸗ laſſen und fortan jeden Verkehr mit den Bewohnern derſelben abbrechen. Wenn ich nicht umgehend durch den Telegraphen eine Erklärung von Ihnen erhalte, daß Sie dieſer Bedingung Folge geben wollen, werde ich mit näch⸗ ſter Poſt eine ausführliche Darlegung Ihres ſchändlichen Verhaltens, wie es die Preſſe Englands veröffentlicht hat, nach Orta ſchreiben und die gegen Sie zuläſſigen geſetzlichen Maßregeln einleiten. Joſeph Lander.“ Randall verſuchte nach Durchlefuung dieſer Zeilen zu lachen; aber es ge⸗ lang ihm nicht. Seine Geſicht wurde leichenblaß und ſeine Lippen bebten. „Wo ich dich auch treffen mag,“ murmelte er vor ſich hin,„dafür ſollſt du mir büßen. Doch jetzt muß ich an mich ſelbſt denken, denn dieſer Kerl iſt wohl im Stande, Wort zu halten, um ſo eher, da er begreiflich mich von hier forthaben will. Was thun? Hätte ich nur noch eine Woche Friſt, ſo wäre mir der Erfolg faſt ſicher. Ja, Mamſell Thereſe, ich habe dich feſter in mei⸗ nen Krallen, als du ahneſt. Du bildeſt dir etwas ein auf deinen Einfluß über das wilde Thier, denn es war ſo angenehm, zu ſagen:„ſeht nur, wie grimmig es auch iſt, mir thut es nichts.“ Und nun ſoll ich von dem Tiſch aufſtehen, nachdem das Spiel halb gewonnen iſt? Zur Hölle mit dem Kerl, der ſo meinen Ausſichten in den Weg tritt! Habe ich nicht ohnehin genug auf dem Halſe?“ Er ſchoß wie ein Tiger in ſeinem Käfig auf und ab.„Ich möchte mir Draytons Brief ruhig überlegen können, und da kommt dieſer Befehl, die einzige Stelle zu verlaſſen, wo ich ſeit Jahren eine Stunde Frie⸗ den gefunden. Er klingt ſehr entſchieden— es müſſe heute noch geſcheh n.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Ja, ich hab's. Ich will nach Mailand gehen und Draytons Anweiſung einkaſſiren. Von dort aus telegraphire ich Lan⸗ der, daß ich fort ſei, und kehre wieder hieher zurück, wäre es auch nur für einen Tag. Wer weiß, was ein Tag bringen mag!“ „Wer hat Aufträge nach Mailand?“ fragte er heiter, alo er in das Zimmer trat, in welchem Miß Grainger mit Helenen eine geflüſterte Zwie⸗ ſprache hielt.—„Wollen Sie nach Mailand?“—„Ja; aber nur für einen * Von Franz Klauer. 247 Tag. Ein Auftrag von einem Freund. Ich werde morgen Nachmittag wie⸗ der hier ſein.“—„Ich will Thereſe fragen, ob ſie nichts braucht,“ ſagte Miß Grainger und verließ das Zimmer.—„Die arme Thereſe iſt ſehr un⸗ glücklich über den Brief, den ſie heute erhalten hat. Joſeph nimmt es ſehr übel, daß Tante Grainger Sie um Rath fragte, und macht Thereſen Vor⸗ würfe, daß ſie es zuließ, während ſie doch gar nichts davon wußte. Ein ſol⸗ ches Auftreten erſcheint ihr als ſehr despotiſch; aber ſie meint, der Pfarrer ſtecke dahinter; denn Joſeph würde ſich nie eines ſolchen Tones vermeſſen haben, wenn er nicht aufgeſtiftet worden wäre.“—„Das iſt klar genug; doch nimmt mich wunder, daß Ihre Schweſter dies einſieht.“—„Oh, ſie iſt icht ſo verzweifelt verliebt, um ganz mit Blindheit geſchlagen zu ſein.“ Dreizehntes Kapitel. Wieder nach Mailand. 2 K „Armer Bob! Wie haſt du, als ich das letztemal hier vorbeiging, auf dieſem Balkon ſo behaglich deine Cigarre geraucht,“ ſagte Randall, als er an dem Hotel royale zu Mailand in die Höhe ſah, während der Kutſcher einem weniger excluſiven Gaſthof zufuhr. Er hätte gern in dem erſten Hotel eingeſtellt und mit dem Wirth über die Reppinghams geſprochen; aber dieſer hatte tauſend Franken Spielſchuld für ihn ausgelegt, und es kam ihm nicht gelegen, dieſe jetzt zu bezahlen. Bei ſeiner Ankunft war die Bank bereits ge⸗ ſchloſſen, und ſo blieb ihm nichts übrig, als bis zum anderen Morgen zu warten, Zunächſt lenkte er ſeine Schritte nach dem Telegraphenbureau, wo er an Lander die Anzeige aufgab:„Ihr Schreiben erhalten. Ich bin hier und reiſe morgen weiter.“—„Natürlich verſteht es der Burſche ſo, daß ich ſeinem gnädigen Befehl Folge gegeben habe.“— Nachdem dieſes Stückchen Geſchäft abgethan war, fühlte er ſich wie ein Mann, der für nichts mehr zu ſorgen braucht. Er dinirte üppig bei einem der erſten Reſtaurants. Er ſei dies ſich ſelbſt ſchuldig nach der traurigen Küche in der Villa, ſagte er und ließ ſich, um die Erinnerung an frühere Tafelgenüſſe aufzufriſchen, eine Flaſche Markobrunner für einen Napoleon reichen. Nachher beſuchte er, da die Oper geſchloſſen war, eines der kleineren Theater, um ſich an einem Stück des„unſterblichen Goldoni“ zu langweilen, und ſchlenderte nach dem Schluß desſelben in den Straßen umher, bis er ſich unverſehens vor dem Jettone, der Spielhölle befand, in welcher er bei ſeiner letzten Anweſenheit in Mailand mit ſo ſchlechtem Glück operirt hatte. 248 Der Blitzſtrahl. „Heut ſollen ſie mir jedenfalls mein Nachteſſen bezahlen,“ ſagte er, als R er im Vorzimmer Hut und Stock ablegte. Die Salons waren gefüllt. Ran⸗ d' dall erkannte viele von den früheren Gäſten. Da ſaß die hübſche Dame mit me blonden Locken und Brillantringen an den Fingern, dort der blaſſe, ſtuden⸗ ſei tenartig ausſehende Jüngling mit ungeordneter Halsbinde und zerzaustem ha Haar, und da auch der alte Mann, deſſen Rollen Randall all ſeinen Gewinn 1 wieder abgejagt hatten. Er ſah diesmal erſchöpft aus und ſchien über dem be Spiel einſchlafen zu wollen, trotz des betäubenden Tumults, des Geſchreis R der Spieler, der Croupier⸗Rufe, des Gläſergeklingels und des Goldgeklim⸗ j pers.—„Erproben wir die Wahrheit des Sprichworts, daß Glück im Spiel 9 hat, wer ſonſt von allem Ungemach verfolgt wird,“ ſagte Randall und warf, G ohne ſie zu zählen, mehrere Napoleons auf den Tiſch. Das Wagniß war er⸗ folgreich, ebenſo ein zweites und drittes.—„Das gehört Ihnen,“ ſagte die Blondgelockte, als ein Hundertfrankenſtück zu ihr hinüberrollte.—„Es enme wohl mit Ihnen in Compagnie ſpielen,“ verſetzte Randall mit einem höflichen Lächeln.—„Wer weiß?“ entgegnete ſie halb gleichgültig, halb ein⸗ ladend.—„Wir wollen ſehen, was wir mit unſerem vereinigten Glück aus⸗ t richten. Dieſer alte Herr ſchlummert und kümmert ſich nicht um das Spiel. Wollen Sie mir nicht gefälligſt Ihren Platz überlaſſen? Auf jenem ſchwel⸗ lenden Sopha können Sie bequemer der Ruhe pflegen.“—„Nein,“ antwor⸗ tete der Angeredete patzig.„Ich habe ſo gut ein Recht, hier zu ſein, wie Sie.“—„Das Recht beſtreitet Ihnen niemand; es handelt ſich nur um eine Frage des Comforts.“—„Wollen Sie alles dies⸗ſtehen laſſen?“ fragte der Croupier, da Randall während dieſer kurzen Zwieſprache ſeinen mehrfach verdoppelten Gewinn nicht eingezogen hatte.—„Ja,“ antwortete eich⸗ gültig.—„Was haben Sie auf der Seele, daß Sie ſo unmenſchlich gewin⸗ nen?“ flüſterte die Blondhaarige.„Sie haben die Bank geſprengt!“— „Sie meinen, welche Sünde?“ erwiderte er lachend, während die Croupiers zuſammentraten, um die Summe abzuzählen, welche ihm ausbezahlt werden ſollte.„Faſt jede, welche in den zehn Geboten aufgeführt iſt.“ Er machte mit ihr einen Gang durch das Zimmer, nahm neben ihr auf einem Seeha Platz und plauderte lachend fort, bis der Croupier, mit Geld und Banknoten beladen, herankam, um ihm ſeinen Gewinn auszuzahlen. „Was hat der alte Burſche gemurmelt, als er vorüber ging?“ fragte . Randall.„Er ſprach deutſch und ich habe ihn nicht verſtanden.“—„Er ſagte etwas von einer Linie auf Ihrer Stirne, die noch auf großes Unheil deute.“—„Ich habe dies früher ſchon gehört,“ rief Randall, haſtig aufſprin⸗ Von Franz Klauer. 249 gend;„ob er mir wohl mehr ſagen kann?“ Er eilte dem alten Mann die Treppe hinunter nach, konnte ihn aber auf der Straße draußen nirgends mehr wahrnehmen.„Wenn ich abergläubiſch wäre, ſo würde ich ſagen, dies ſei der Teufel in Perſon,“ murmelte er, als er langſam nach ſeinem Gaſt⸗ haus zurückkehrte.— Er gab ſich alle Mühe, ſich jene Rede aus dem Sinn zu ſchlagen, indem er ſeinen Gewinn zählte, der an vierzehntauſend Franken betrug, über deſſen Verwendung mit ſich zu Rathe ging und über ein dutzend Routen brütete, die er zu Sicherung ſeiner Perſon einſchlagen könnte; doch jene unheimlichen Worte klangen ſtets in ſeinen Ohren und ließen ihn die ganze Nacht über nicht zum Schlafen kommen.— Da er in Orta noch vor Ankunft der Poſt eintreffen wollte, ſo fuhr er möglichſt früh nach der Bank, um Draytons Anweiſung flüſſig zu machen.—„Sie haben hier Ihren Na⸗ men zu unterzeichnen,“ ſagte eine Stimme, die ihm nicht fremd ſchien, und als er aufſchaute, erkannte er den alten Herrn vom Spieltiſch.—„Haben wir uns nicht letzte Nacht geſehen?“ flüſterte Randall. Der Andere ſchüt⸗ telte verneinend den Kopf.—„Ich kann mich nicht täuſchen. Sie murmel⸗ ten, als Sie an mir vorbeikamen, in deutſcher Sprache eine Bemerkung, und ich möchte wiſſen, was Sie damit ſagen wollten.“— Ein abermaliges Kopf⸗ ſchütteln war die ganze Erwiderung.—„Seien Sie offen gegen mich. Wenn Ihr Beſuch jenes Platzes ein Geheimniß ſein ſoll, ſo iſt es bei mir ſicher. Was veranlaßt Sie zu dem Glauben, daß mir Unglück bevorſtehe?“—„Ich weiß nichts von Ihnen, will nichts von Ihnen wiſſen!“ rief der alte Mann grob und machte ſich mit ſeinen Büchern zu ſchaffen.—„Wenn Ihre Pro⸗ phetengabe Ihrer Höflichkeit das Gleichgewicht hält, ſo iſt ſie nicht weit her,“ ſagte Randall lachend und ging ſeines Weges, obſchon während der ganzen Rückfahrt nach Orta die unheimlichen Worte, welchen er in ſeiner dermali⸗ gen Lage ein beſonderes Gewicht beilegen zu müſſen meinte, nicht aus ſeiner Seele weichen wollten. Kurz vor ſeinem Eintreffen in Orta war die Poſt angelangt. Seiner Gewohnheit gemäß trat er vor den Schalter, um etwaige Briefe an ihn ſelbſt in Empfang zu nehmen. Vierzehntes Kapitel. Der letzte Spaziergang im Garten. Der einzige Brief, den Randall vorfand, war von der Hand des Pfar⸗ rers und an Miß Grainger adreſſirt. Von Lander nichts, auch keine Zeitung. Ja ſo weit hatte dieſer ſein Verſprechen gehalten. Randall erkannte in dieſer 250 Der Blitzſtrahl. Schonung keinen Edelmuth, ſondern einfach Furcht.„Er weiß, daß es nicht räthlich iſt, einen Mann wie mich an die Wand zu drängen, und will dem weichenden Feind eine Brücke freilaſſen,“ ſagte er.„Mehr Noth werde ich haben, um das Frauenvolk zufrieden zu ſtellen, denn gegen weibliche Neu⸗ gierde iſt ſchwer anzukämpfen.“—„Iſt dieſes Telegramm an mich?“— „II Signor Grainger?“—„Ja.“— Es lautete kurz:„Sie finden es zuläſſig. Pack auf. Drayton.“—„Das will heißen, man könne geſetzlich mich faſſen. Dachte mir's wohlz ich habe mich nie für unantaſtbar gehalten, und für's Fortkommen bin ich jetzt beſſer ausgerüſtet, als du denkſt, Meiſter Algernon. Ich weiß in der That nicht, welche Bethörung mich an dieſen Platz feſſelt, wenn es nicht die damit verbundene Gefahr iſt. Beſonders verliebt bin ich nicht, obſchon ich Thereſen auf der Stelle heirathete, wenn ſie mich haben— wollte; allein dafür ſind, wie's die Romanſchreiberinnen nennen,„gemiſchte Motive“ vorhanden, und ich vermuthe, daß ich den ſüßen Bund nicht eben aus beſonderer oder ausſchließlicher Rückſicht für ihr Glück einginge. Ich möchte wohl einen Fachmann über die Phyſiologie des Haſſes hören. Wie kommt es, daß ich, obſchon mich ſchon Dutzende ſchwer gekränkt haben, gegen keinen einen ſo tiefen Groll fühlen kann, wie gegen dieſen Menſchen? Aller⸗ dings hat er ſich gegen mich eines Tons vermeſſen, den noch keiner anzuſchla⸗ gen gewagt hat. Er droht mir, und wer dies thut, will mir gegenüber den Herrn zeigen, der Bedingungen macht und an dieſe ſeine Nachſicht knüpft. Ich weiß nicht, Meiſter Lander, ob hiezu deine Gaben ausreichen; ſo viel aber iſt ſicher, daß du mit ſolcher Sprache an den Unrechten gekommen biſt. Die Natur hat mich mit unterſchiedlichen ſchätzbaren Eigenſchaften ausge⸗ rüſtet, aber dabei in der Eile die Geduld vergeſſen. Je nun, man kann nicht alles haben.“— Unter ſolchen Gedanken glitt er in dem Boot über den See dahin, ohne auf Onofrio's Geplauder zu achten, bis dieſer des Umſtands erwähnte, daß die alte Dame geſtern die Villa auf ein ganzes Jahr gemie⸗ thet habe. „Sonderbar, daß ſie mir nichts von dieſem Vornehmen mittheilte,“ dachte er.„Bin ich in ihrem Vertrauen ausgelöſcht? Die Maßregel muß wohl mit Landers Brief in Verbindung ſtehen. Doch was liegt daran? Noch einige Stunden, und dieſe Menſchen ſind für mich weiter nichts, als die träge Wolke, die über jener Bergſpitze ſchwebt. Sie mögen leben oder ſterben, heirathen oder trauern; das kümmert mich ſo wenig, als ob ich ſie nie geſehen hätte. Und was werde wohl ich für ſie ſein?“ rief er mit einem bitteren Lachen.„Wahrſcheinlich ein ſchrecklicher Traum, eine Art Rückerinnerung Von Franz Klauer. 251 an einen Schiffbruch oder einen Brand, dem ſie entronnen ſind, ohne zu wiſ⸗ ſen, wie ſie gerettet wurden— ein Alp, deſſen Schrecken wiederkehren an jedem melancholiſchen Tage. Jedenfalls werde ich nicht der„arme Randall“ ſein, das bemitleidenswerthe Weſen, das ſo viel Gutes in ſich hatte. Nein, ein ſolches Mitleid wird mir erſpart bleiben und mein Andenken ihnen im Licht der Erinnerung an einen Tag erſcheinen, der ihnen Schande und Un⸗ glück gebracht hat.— Ha, da ſieht die alte Dame ſchon nach mir aus. Sie muß etwas auf dem Herzen haben, von dem die Nichten nichts erfahren ſol⸗ len. Onofrio, ſetzt mich dort bei jenem Vorſprung an's Land und wartet auf mich.“ „Ich habe Sie mit Sehnſucht erwartet,“ ſagte Miß Grainger, als er an's Ufer trat.„Oh, wie viel habe ich Ihnen zu ſagen. Doch vor allem leſen ſie dieſen Brief des Pfarrers.“— Er enthielt nur wenige Zeilen fol⸗ genden Inhalts: er ſei im Begriff, die Heimat, die ihn mehr als dreißig Jahre geborgen, zu verlaſſen, und vom Schmerz ſo tief ergriffen, daß er ſich unfähig fühle, an etwas anderes zu denken.„All dieſes Ungemach iſt faſt gleichzeitig über uns hereingebrochen,“ ſchrieb er,„denn obſchon Joſephs Ab⸗ reiſe der erſte Schritt iſt zu ſeinem Glück, handelt ſich's doch um eine Tren⸗ nung, nach der wir bei unſerem Alter vielleicht auf ein irdiſches Wiederſehen verzichten müſſen.— Durch Vergünſtigung des Miniſters hat Joſeph eine freie Ueberfahrt erhalten, und vorher gedenkt er Ihnen einen kurzen Beſuch abzuſtatten. Er reist am Dienſtag ab, wird am Samſtag bei Ihnen ein⸗ treffen und muß am darauffolgenden Mittwoch in Livorno ſein, um in Malta das Packetſchiff zu erreichen. Er kann ſonach drei ganze Tage ſich bei Ihnen aufhalten; ſie gehen mir und ſeiner Mutter von der Seele, doch konnten wir ſie ihm nicht verweigern. Der Arme verſucht ſich einzureden, daß wir uns froh und glücklich wieder ſehen werden, und wir thun unſer Beſtes, ihm die⸗ ſen Glauben nicht zu verkümmern; allein ich bin bald ſiebenzig—.“ „Wie langweilig das Geſchwätz von ſeinem Alter!“ rief Randall unge⸗ duldig.„Steht nicht weiter da von dem Sohn?“—„Jaz; er ſagt hier: „Sie kennen ſich denken, daß Joſeph von den Vorbereitungen zur Reiſe der⸗ maßen in Anſpruch genommen iſt, um keinen freien Augenblick zu finden. Er wird jedoch morgen ſchreiben und auseinanderſetzen, was er gethan hat und zu thun gedenkt. Auf Ihre letzte Andeutung, uns mit einer dritten Per⸗ ſon in's Einvernehmen zu ſetzen, will weder er noch ich wieder zurückkommen; überhaupt iſt ein Augenblick wie der gegenwärtige nicht geeignet, eine Frage zu erörtern, die unſer freundliches Verhältniß ſtören könnte. Es iſt genug, 252 Der Blitzſtrahl. wenn wir wiſſen, daß wir einander trauen; es bedarf da keiner Beeinfluſſung, keiner Garantien.“—„Der alte Schurke!“ rief Randall.„Ein Pfaff iſt immer ein Jeſuit, welcher Kirche er auch angehöre.“—„Oh, Mr. Randall!“ —„Doch im Grund hat er Recht. Ich bin zu weltlich geſinnt, um mit Men⸗ ſchen von ſo ſublimen Ideen traktiren zu können. Zudem muß ich ſchnell ab⸗ reiſen. Man macht ein gewaltiges Weſen von der unglücklichen Basler Ge⸗ ſchichte und will mich als Zeugen aufgreifen. Da nun mein Zeugniß dem armen Menſchen, den ich bemitleide, obſchon ich ihm nicht Recht geben kann, nachtheilig werden dürfte, ſo will ich der Sache aus dem Weg gehen.“— „Sie werden uns hier finden, wenn Sie Luſt haben, Ihr Zimmer wieder zu beziehen. Wir haben die Villa auf ein Jahr gemiethet.“ Ohne auf dieſe Bemerkung zu achten, fuhr er fort:„Auf einem Punkt muß ich mit Entſchiedenheit beſtehen. Niemand ſoll von mir ſprechen, wenn ich fort bin, kaum ihr unter euch, denn von der Erfüllung dieſes Verlangens hängt mein Leben ab. Barnards Schickſal hat mich in ein Gewebe von Schmähungen und Verläumdungen verſtrickt, das ich nicht zerreißen darf, um das Andenken des armen Menſchen in Ehren zu erhalten. Sollte die Unvorſichtigkeit meiner Freunde— ich meine die unter dieſem Dach— mich zur Vertheidigung zwingen, ſo weiß Gott, wie viel Blut noch wegen dieſes Handels fließen mag. Sie verſtehen mich?“—„Theilweiſe,“ verſetzte ſie, am ganzen Leibe zitternd.—„Wohlgemerkt, meines Namens darf weder mündlich noch ſchriftlich Erwähnung geſchehen. Sollte Lander während ſei⸗ nes kurzen Beſuches von mir ſprechen wollen, ſo verbitten Sie ſich dies mit aller Entſchiedenheit und beſtimmen Sie Ihre Nichten zu derſelben Zurück⸗ haltung. Wenn ſie erfahren, daß mein Leben auf dem Spiel ſteht, wird eine einmalige Warnung ausreichen. Dies iſt nicht bloß eine Laune, eine Excen⸗ tricität von mir, wie ihr ſie mir ſo gerne zur Laſt legt, denn ich befinde mich dadurch, daß ich es auf mich genommen, den Ruf eines langjährigen Freun⸗ des zu retten, in einer ſehr gefährlichen Lage. Ich bin bis zu einem gewiſſen Punkte bereit, mich zum Opfer zu bringen, aber wenn man mich zu weit treibt, werde ich der Welt erklären: nicht auf mich, ſondern auf eure Läſterzungen fällt die Schuld von allem, was nun kommen mag.“ Er ſprach dies mit einem Ungeſtüm, das ſie zittern machte. Es war indeß nicht zum erſtenmal, daß ſie an ihm ſolche leidenſchaftliche Ausbrüche wahrgenommen, die ein Erbgut ſeiner Familie zu ſein ſchienen.—„Ich habe Ihr Verſprechen?“ ſagte er, ihre Hand ergreifend.„Sprechen wir jetzt von etwas Angenehmerem. Mein Onkel hat ſich ſehr ſchön benommen und nebſt Von Franz Klauer. 253 freundlichen Grüßen mir namentlich auch einiges Geld geſchickt.“ Er zog dabei ein Packet Banknoten heraus.„Ehe du wieder in den Dienſt trittſt, ſagt er, mußt du dich eine Weile verborgen halten.“ Sein Rath iſt gut, und ich gedenke ihn zu befolgen. In der Nachſchrift fügt er bei: meinen Dank an die Grainger— er meint damit Sie, aber Sie kennen ja ſeine Derbheit — für ihre Güte gegen dich und ſage ihr, es werde mich freuen, ſie in Rocks⸗ ley zu ſehen, wenn ſie wieder nach England kommt.“— Das Geſicht der alten Dame wurde ſcharlachroth— zuerſt vor Scham, denn der Ausdruck „die Grainger“ erinnerte ſie an die alten Tage der Knechtſchaft und des Gouvernantendienſts, die ihren dunklen Schatten auf ihr ſpäteres Leben ge⸗ worfen; doch als Gaſt in Rocksley einzuziehen, dies war ein Triumph, deſſen ſie ſich im höchſten Schwung ihrer Eitelkeit nie verſehen hätte.—„Oh, ſchreiben Sie ihm doch, wie ſehr ich mir ſein freundliches Andenken zur Ehre rechne und wie glücklich ich mich ſchätze, wenn ich ihm einmal perſönlich meine Achtung bezeigen kann.“—„Man wird Ihnen in Rocksley alle Ehre an⸗ thun und Sie nicht ſo ſchnell wieder fortlaſſen,“ ſagte Randall.„Wir wol⸗ len uns übrigens jetzt trennen, damit die Mädchen nicht glauben, wir com⸗ plotiren miteinander. Onofrio ſoll mich bis an den Landungsplatz rudern. — Ich denke, der Alten habe ich die Zunge gebunden,“ murmelte er, als er im Boot ſaß;„bei den Jungen werde ich einen ſchwereren Stand haben, und ich will froh ſein, wenn mir dieſer Platz einmal im Rücken liegt, obſchon ich meine Hand darum gäbe, wenn ich noch eine Woche hier ſein und das Glück dieſes Liebespärchens vernichten könnte.“ Randall verbrachte den Tag auf ſeinem Zimmer; er hatte viel zu den⸗ ken und einige Briefe zu ſchreiben. Obgleich von den Schritten, die er zu⸗ nächſt einſchlug, wahrſcheinlich ſeine ganze Zukunft abhing, konnte ſich ſein Geiſt doch nicht des Gedankens entſchlagen, daß dies ſeine letzte Nacht in der Villa und der Abſchied von Thereſen ein Abſchied für immer war.„Nach ein paar Tagen wird Lander dieſe Zimmer einnehmen. Ich kann mir das neckiſche Klopfen an ſeine Thüre vorſtellen, wenn Helene zum Frühſtück hin⸗ unter geht, und mir denken, wie der faule Lümmel durch dieſes Fenſter die Schneekuppen anſtarrt, während Thereſe im Garten auf ihn wartet. Ach, ich kenne alle die kleinen anmuthigen Aufmerkſamkeiten, die man dieſem ge⸗ meinen Kerl ſchenken und der ſie nicht einmal zu würdigen wiſſen wird; doch hoffe ich, einiges Gift in ſeinen Wonnebecher geträufelt zu haben, indem ich Thereſe lehrte, in dem Muth die erſte Eigenſchaft des Mannes zu erkennen. Ha, der Gedanke, dieſen Wicht zum Nebenbuhler zu haben, macht mich noch 254 Der Blitzſtrahl. toll! Iſt dort nicht Thereſe im Garten— und dazu allein? Welch ein gün⸗ ſtiger Augenblick! Er eilte lautlos die Treppe hinunter und befand ſich im Nu an ihrer Seite.—„Ich hoffe, die ſchlimme Nachricht iſt nicht wahr,“ ſagte ſie, als ſie neben einander hergingen.—„Welche ſchlimme Nachricht?“ —„Daß Sie uns verlaſſen wollen.“—„Oh, Sie Heuchlerin! Wie mögen Sie dies eine ſchlimme Nachricht nennen, während Sie ſo gut wie ich wiſſen, daß man in ein paar Tagen mich hier nicht mehr brauchen kann. Wir ſind nur noch auf Augenblicke beiſammen; wir wollen daher offen und ehrlich gegen einander ſein. Sie haben mir ſo oft ſchon die Lippen mit der Drohung verſiegelt, daß Sie am andern Tag nicht mit mir ſprechen wollen; dies ver⸗ fängt jetzt nicht mehr bei mir, denn morgen bin ich fort— fort für immer. Darum ſage ich Ihnen heute noch, daß ich Sie liebe. Vergeblich halten Sie mir entgegen, daß Sie meine Neigung nicht erwidern können. Die Flamme in meinem Innern wird nicht erlöſchen.“—„Ach, wenn Sie wüßten, wie ſchmerzlich mir ſolche Worte werden—.“—„Wenn Sie wüßten, welchen Schmerz ſie mich koſten! Wie demüthigend ſind ſie für ein ſtolzes Herz; denn ich verlange ja nur, daß Sie einen Mann nicht ganz verwerfen, der nur Ihrer Liebe bedarf, um derſelben würdig zu werden. Wenn ich bedenke, was ich war, als ich Sie zum erſtenmal ſah, und jetzt die Umwandlung mei⸗ nes ganzen Weſens in's Auge faſſe— können Sie ſich da wundern, wenn ich einen kleinen Funken mitnehmen und ihn glimmend erhalten möchte in der Aſche meines Herzens?“—„Es iſt unedelmüthig, mir ſo zuzuſetzen,“ ſagte ſie mit tonloſer Stimme.—„Der Ertrinkende, der nach dem Stroh⸗ halm greift, hat keine Zeit zum Edelmuth. Wenn Sie mich auch nicht retten wollen, ſo haben Sie wenigſtens Mitleid mit meinem Schickſal.“—„Wenn Sie nur wüßten, wie leid es mir thut—.“—„Was thut Ihnen leid?“— „Ach, ich weiß nicht, was ich ſagen wollte. Sie haben mich ſo aufgeregt und verwirrt, daß ich keinen klaren Gedanken faſſen kann. Ich möchte nichts ſagen, was Ihnen weh thun könnte, und doch ſoll ich offen und ehrlich ſein.“ —„Wenn ich dies auffaſſen ſoll wie den Wink des Wundarztes, er müſſe tief ſchneiden, um zu heilen, ſo glaube ich nicht, daß ich den Muth beſitze, es anzuhören.“ Sie gingen einige Minuten ſtumm auf dem Raſen hin und her. End⸗ lich ſagte er mit ernſter Stimme:„Ich habe Ihre Tante gebeten und ihre Zuſage erhalten, daß mein Name, wenn ich einmal fort bin, hier nie wieder außer dem dermaligen engen Kreiſe zur Sprache komme. Sie wird Ihnen meine Gründe nennen, und ich beziehe mich bloß darauf, da es unter meine —— gün⸗ h im ahr,“ ct?” ögen iſſen, find rlich hung ver⸗ mer. Sie mme wie Von Franz Klauer. 255 letzten Bitten gehört. Habe ich auch Ihr Verſprechen?“— Sie drückte ihm die Hand und nickte.—„Dann bitte ich noch um eine Gunſt. Nehmen Sie dieſen Ring als ein einfaches Andenken— weiſen Sie ihn nicht zurück, denn auch Helene wird einen erhalten.“ Er ſteckte ihr einen koſtbaren Türkisring an den Finger.— Ihre Hand zitterte und ſie wandte das Antlitz ab, hatte aber nicht den Muth, nein zu ſagen.„Sie haben uns noch nicht mitgetheilt, wohin Sie gehen und wann wir wieder von Ihnen hören werden,“ nahm ſie nach einer Weile das Wort.—„Das weiß ich ſelbſt nicht,“ entgegnete er. „Vielleicht gehe ich zu Schamyl oder unter die algieriſchen Araber. Mein Loos iſt ja doch,“ fügte er mit einem bitteren Lächeln bei,„immer auf der Seite der Unterliegenden zu ſein. Ich wüßte gar nicht, wie ich mich beneh⸗ men müßte, wenn mich das Schickſal unter die Sieger führte.“—„Helene winkt uns; es muß Eſſenszeit ſein,“ ſagte ſie.—„Mein letztes Diner hier 10 murmelte er. Sie wandte das Haupt ab und ſchwieg. Dieſen letzten Abend kam nichts Bemerkenswerthes mehr vor. Was den Leſer intereſſiren kann, wird er in nachſtehendem Briefe finden, den Ran⸗ dall, nachdem er ſich zeitig auf ſein Zimmer zurückgezogen, an ſeinen Freund Drayton ſchrieb. „Lieber Drayton.— Ich habe Dein Telegramm erhalten, und ob⸗ ſchon ich nicht glaube, daß man wirklich legal mich greifen kann, mag ich's doch nicht darauf ankommen laſſen. Ich räume daher den Platz, und über das Wohin hat mir der Zufall einen Wink gegeben. Als ich in Mailand die Zeitungen durchblätterte, fand ich, daß richtig eingetroffen iſt, was ich ſo oft prophezeiht habe. Die Radſcha's von Bengalen ſind ihrer Wohlthäter über⸗ drüßig geworden und darauf erpicht, ſich vom Hals zu ſchaffen, was wir den Segen des engliſchen Scepters in Indien zu nennen belieben. Außer einer Aſſociation zu Unterdrückung der Gläubiger kenne ich keine Bewegung, mit der ich aus ſo vollem Herzen ſympathiſire, wie mit dieſer. Die Olivenfarbe iſt in ihrem Recht. Was braucht ſie dieſe Schotten vom oder ohne Conve⸗ nant, welche die Eiſenfreſſer gegen ſie ſpielen und ſich an ihr bereichern? Wo⸗ zu die Generalgouverneure, die politiſchen Reſidenten, die Steuereinnehmer und die Heerführer? Kann der Hindu ſeinen Indigo bauen, ſeine Reisfelder bewäſſern und ſeine Wittwen verbrennen ohne unſere Beihülfe, namentlich wenn dieſe die Form von Plackerei und Beſteuerung annimmt?— Dies ſind freilich ſehr unpatriotiſche Geſinnungen; doch in dem Maß, in welchem die Briten nie Sklaven ſein wollen, ſind ſie auch erpicht, andere zu Sklaven zu machen, und ich ſchaudere bis in's Innerſte meiner höchſt moraliſchen 1 256 Der Blitzſtrahl. Seele, wenn ich bedenke, daß ich ohne einen Zufall mich jetzt dazu hergeben müßte, das edle Ringen der Braunhaut zu unterdrücken und den Ruf nach Freiheit, der jetzt von dem Sutledſch bis zum Ganges erſchallt, erſticken zu helfen. Geſtehe, würde ſich dieſe Phraſe nicht famos in einer Zeitung aus⸗ nehmen?— Da zum Glück Ihre Majeſtät meiner Dienſte nicht mehr be⸗ darf, ſo kann ich einen Auftrag von der Gegenpartie annehmen, und Du darfſt Dich nicht wundern, wenn Dir gewiſſe geheimnißvolle Artikel zu Geſicht kommen, daß ein europäiſcher Soldat da die Kanonen gerichtet oder dort das Kommando geführt habe. Es iſt aller Grund für die Annahme vorhanden, daß der Aufſtand gelingen wird. Ich laſſe mich nicht ein auf das Geträtſche von geknechteter Raſſe und gerechter Sache, ſondern halte mich einfach an die numeriſche Wahrſcheinlichkeit. Ein für die eine Partie faſt unerträgliches Klima; die Entfernung, aus welcher Verſtärkungen kommen, und vor allem die Gewißheit, daß John Bull die Sache langweilig finden und zu zahlen ſich weigern wird, wenn der Kampf nur ſo lange dauert, um in zwei Bud⸗ gets zu figuriren. „Doch ich gerathe in die Politik, während ich nur von mir ſelbſt ſpre⸗ chen wollte. Ich geſtehe, mein Entſchluß, nach Indien zu gehen, iſt durch die Kunde hervorgerufen worden, daß jener Lander, von dem ich in meinem letzten Briefe ſprach, an Bord des unterm 22. von Malta abfahrenden Dampfers die gleiche Reiſe machen werde. Ich bin willens, mit meinem Freund in Alexandrien zuſammen zu treffen. Du wunderſt dich vielleicht über dieſen Zug des Herzens in einem ſolchen Augenblick; allein ich will ihm zur Qual in ſeiner Geſellſchaft reiſen, ihn beſchimpfen, ihn kränken und überall bloß⸗ ſtellen. Von Calcutta aus ſollſt Du Weiteres erfahren.— Ich mache mir nichts daraus, einem alten Freund die Schwäche zu geſtehen, daß ich mich hier verliebt habe. Das Mädchen hatte den Starrſinn, meiner, Werbung nicht nachzugeben, und ſo blieb mir keine andere Wahl, als die ungeſtillte Flamme fortlodern zu laſſen. Ich weiß übrigens, daß ich, wenn ich nur noch vierzehn Tage hätte bleiben können, mir den unſchätzbaren Triumph geſichert haben würde, uns beide für Lebenszeit elend zu machen. Ja, Drayton, jenes blaſſe Mädchen und ihre lumpigen fünfzehntauſend Pfunde wären im Stande geweſen, eine der großartigſten Laufbahnen, deren die Geſchichte je Erwäh⸗ nung thut, zu Waſſer zu machen, und die Welt würde nichts erfahren von dem wunderbaren Urſprung, dem Fortgang und der Vollendung der Dynaſtie des großen engliſchen Begum Randall in Bengalen. Rechne bei mir, wenn Dir das Correſpondiren entleidet iſt, auf ein hohes Amt, und ſobald mein Von Franz Klauer. 257 Reich beſteuerbar iſt, ſollſt Du Kanzler meines Staatsſchatzes werden.— Wegen der Basler Geſchichte haſt Du Recht; ein Fortführen des Streites würde ſie nur im öffentlichen Klatſch beim Leben erhalten. Alſo ſchweige darüber; nimm mein Wort darauf, die Welt ſoll bald von mir über andere Dinge zu ſprechen Anlaß erhalten, als daß der Stecher meiner Piſtole zu empfindlich war. „Ich ſchreibe dies von einer hochromantiſchen Oertlichkeit aus. Das Mondlicht ſchläft— ſo lautet doch die Phraſe?— über der olivenbraunen Ebene, und die ſilbernen Blätter glänzen in ſeinem blaſſen Licht. Ein Wet⸗ terleuchten durch die Alpen und ihre Klüfte ſtellt für morgen einen heißen Tag in Ausſicht. Eine Nachtigall ſingt unfern meines Fenſters, und durch die Mouſſelinvorhänge eines anderen ſehe ich eine Geſtalt hin und her gehen, an der ich ſogar die aufgelösten, über die Schultern niederwallenden Haare unterſcheide. Wie lieblich, wenn ich hier bleiben könnte,„meine Brummer vergeſſend und von ihnen vergeſſen!“ Wie entzückend häuslich, unſchuldig und ruhmlos wäre hier alles! Iſt dies nicht verführeriſch, du Wicht? Dringt es nicht durch deine dicke weltliche Haut? Und ich glaube wahrhaftig, es wäre thunlich— in der Welt iſt alles möglich.—— Ich habe eben aufgeworfen — der Kopf für Indien, und der Kopf kam. Sonach iſt dieſem Lander eine angenehme Reiſe beſtimmt und ich breche morgen auf, um ihm alles Glück zu bereiten, das in meiner Macht liegt. Vor der Hand wirſt du gut thun, allen ängſtlich um mich beſorgten Freunden, als da ſind— Schuſter, Schnei⸗ der, Juweliere u. ſ. w. zu ſagen, daß ſie nur ihr Geld ſparen, wenn ſie Mr. Heinz Randall in keiner europäiſchen Stadt behelligen, ſondern ihre Noten ſechs Jahre ruhen laſſen. Iſt mir bis dahin das Glück günſtig geweſen, ſo ſollen ſie bis auf den letzten Farthing befriedigt werden.— Kommt mir, was unwahrſcheinlich, nächſter Zeit noch etwas Bemerkenswerthes vor, ſo er⸗ hältſt Du noch eine Zeile von Venedig aus. Dein H. Randall.“ Nach dem Schluß dieſes Briefes löſchte er die Lichter und ſetzte ſich an das offene Fenſter. Der Mond war untergegangen und die Nacht dunkel trotz des ſternhellen Himmels. Das Fenſter im anderen Flügel der Villa ſtand jetzt offen, und er konnte Thereſe ſehen, wie ſie, in ein Halstuch gehüllt, zu jemand im Garten drunten ſprach:„Es iſt das erſtemal, daß ich ein Bou⸗ quet im Dunkeln mache,“ ſagte eine Stimme, in welcher er die von Helenen erkannte.—„Komm' herauf, Helene. Der Thau fällt ſchwer; ich fühle ihn Hausblätter. 1867. I. Bd. 17 258 Der Blitzſtrahl. ſogar hier oben.“—„Ich will nur noch dieſe Roſe an ſeinen Hut ſtecken; er ſah ſie geſtern Abend in meinem Haar und wird ſich deſſen erinnern.“ Sie verließ den Garten und das Fenſter ging zu. Das Licht wurde ausge⸗ löſcht und alles war ſtille. Jünßehntes Kapitel. Die Schweſtern allein. Zwei Tage ſpäter ſaßen die Schweſtern unter einem Maulbeerbaum am See.„Ich hätte nicht gedacht, daß wir ihn ſo ſehr vermiſſen würden,“ begann Helene.—„Freilich,“ entgegnete Thereſe.„Wenn man eine Weile in täglichem, ja ſtündlichem Umgang mit einer Perſon gelebt hat, ſo fühlt man wohl die Lücke; doch iſt es mir faſt eine Erleichterung,“ fügte ſie errö⸗ thend bei.—„Eine Erleichterung— wie ſo?“—„Ich weiß es nicht; das heißt, ich habe nicht Luſt, auf eine Analyſe von Mr. Randalls Geiſt und ſei⸗ nem Einfluß auf den meinigen einzugehen, weil ich bloß Dinge wiederholen müßte, mit denen ich nie einverſtanden war. Auch will ich dein Leid um ihn nicht im mindeſten beſchränken, denn er iſt ja dein Liebling geweſen.“—„Ich habe ihn immer mehr für den deinigen, als den meinigen gehalten, Thereſe.“ —„Dann warſt du ſehr im Irrthum. Doch ſprechen wir von etwas Ande⸗ rem. Haſt du nicht geſagt, daß du dieſe Hyacinthen verſetzen wolleſt?“— „Ja; Heinz meinte, ſie hätten hier zu viele Sonne und würden an Farbe verlieren.“—„Ich denke nicht, daß er viel vom Gartenweſen verſtand.“— „Doch; namentlich hat er viel Geſchmack im Gartenanlegen, wie der kleine Platz unter deinem Fenſter zeigt.“—„Die Fuchſien ſind recht hübſch. Aber wie lang heute die Poſt ausbleibt.“—„Sie iſt ſchon vor zwei Stunden an⸗ gekommen. Erinnerſt du dich nicht, daß ich dir ſagte, ſie habe nur zwei Briefe für Heinz gebracht?“—„Und wohin ſenden wir ſie? Hat er dir nichts dar⸗ über aufgetragen?“—„Er ſagte, wir ſollen alles behalten, bis er von ſich hören laſſe.“—„Er that ſo geheimnißvoll. Wollte er ſich dadurch mit einem romantiſchen Nimbus umgeben? Denn man kann nicht leicht einem proſai⸗ ſcheren, weltlicheren Charakter begegnen.“—„Nicht doch, Thereſe; ich glaube in der Weltlichkeit lag die Affektation.“ Thereſe erröthete tief, ohne etwas zu antworten.„Und ich will dir ſagen, warum ich davon überzeugt bin. Wenn er gerade in einem kühnen, heroiſchen Schwung war oder das Pathos in ihm übermächtig wurde, konnte plötzlich ſeine Stimme unſicher werden; er brach ab, als ſchäme er ſich ſeiner Schwäche, und warf vielleicht eine einfäl⸗ — ken; 10 rn. Sge⸗ Von Franz Klauer. 259 tige oder herzloſe Bemerkung hin, als wolle er ſeine Verwirrung maskiren und Zeit zur Faſſung gewinnen.—„Dies iſt mir nie aufgefallen,“ entgeg⸗ nete Thereſe kalt.„Ich habe ihn nicht ſo ſorgfältig ſtudirt wie du.“—„Du biſt ungerecht gegen dich ſelbſt, denn du haſt mich zuerſt auf dieſen Zug auf⸗ merkſam gemacht.“—„Dann hab' ich's wieder vergeſſen,“ erwiderte ſie ſchmollend.—„Oh, ich weiß, daß er ſich ſchämte, für romantiſch gehalten zu werden.“—„Ich meinte, ich hätte dich gebeten, von etwas Anderem zu reden, Helene. Laß uns wenigſtens einen Gegenſtand wählen, über welchen wir einerlei Sinnes ſein können.“ Helene war gewöhnt, mit den Launen ihrer leidenden Schweſter Nach⸗ ſicht zu haben und zog ſchweigend ihr Arbeitskörbchen heran, um ſich zu be⸗ ſchäftigen.—„Es wird mit dieſer Bordure ſehr langſam vorwärts gehen, Helene, da du heute niemand zum Vorleſen haſt.“—„Ach ja, und Joſeph kommt erſt am Sonnabend, obſchon er ſich nicht viele Zeit zum Leſen neh⸗ men wird.“—„Du ſagteſt ja, er leſe ſchlecht,“ verſetzte Thereſe mit einem erzwungenen Lachen.„Er deklamirt freilich nicht, wie dein Freund Randall; aber nach meinem Urtheil iſt ſein Vortrag geſchmackvoller.“—„Was du für ein ſeltſames Mädchen biſt! Denkſt du nicht mehr an jenen Abend, an wel⸗ chem du ſagteſt, du werdeſt Joſeph nicht mehr vorleſen laſſen, weil es dir zu⸗ wider ſei, wenn er zu wetteifern verſuche, wo er nothwendig den Kürzeren ziehe?“—„Das kann ich nur im Scherz geſagt haben, Helene, denn ich wüßte nichts, in was Mr. Randall ihm überlegen wäre. Du biſt freilich anderer Meinung, und auch Tante Grainger bevorzugt unſeren Gaſt.“— „Für ſie hat allerdings ſchon der Name Randall einen Zauber, und ſelbſt Heinz pflegte über ihren Reſpekt vor dem„lieben alten Rocksley“ zu lächeln.“ —„Ein Beweis von ſeinem ſchlechten Geſchmack,“ entgegnete Thereſe hoch⸗ müthig.—„Warum denn dieſe Bitterkeit gegen den armen Menſchen?“— „Ich bin nicht bitter gegen ihn und halte ihn für ſehr begabt, geſcheidt, unter⸗ haltend, hübſch, männlich und ſo weiter. Ja, ich könnte ſogar eine gewiſſe Herzlichkeit gegen ihn fühlen, wenn er mich nicht mit Aufmerkſamkeiten ver⸗ folgt hätte, die ich nicht ermuthigen durfte.“—„Aber was kann er für ſeine Liebe?“—„Liebe!“ wiederholte Thereſe im Tone höhniſcher Verachtung.— „Ja, Thereſe; ich habe nie einen ſo tief verliebten Menſchen geſehen, und es war ihm ſchon beim Eintritt in's Zimmer anzumerken, wenn du kalt oder zurückhaltend mit ihm geſprochen hatteſt. Als ich eines Tages eine Bemer⸗ kung über ſeine veränderliche Stimmung hinwarf, antwortete er:„Ich bin, 17* 260 Der Blitzſtrahl. was ſie aus mir macht, der glücklichſte oder der elendeſte Menſch unter der Sonne.“—„Aus Ihrer Heiterkeit ſchloß ich, die Poſt müſſe Ihnen günſtige Nachrichten gebracht haben.“—„Nein,“ entgegnete er,„es war dieſes.“ Da⸗ bei zog er aus dem Knopfloch ein Veilchen, das vermuthlich du ihm gegeben haſt.“—„Ich verlor es, und er wollte es mir nicht zurückgeben. Ich erin⸗ nere mich noch wohl.“ Sie wandte das Antlitz ab; doch ihre Schweſter be⸗ merkte, daß ihre Wange glühte. Dann ſagte ſie plötzlich:„Wie kommt es, daß ſolche Vertraulichkeiten unter euch vorfallen konnten? Bei meiner Ver⸗ lobung begreifſt du doch, wie unſchicklich es iſt, ſolchem Unſinn Gehör zu ſchenken.“—„Konnte ich anders, wenn der arme Menſch mit faſt gebroche⸗ nem Herzen zu mir kam? Es gab Zeiten, wo mich ſeine Verzweiflung wirk⸗ lich erſchreckte, namentlich nachdem mir Tante Grainger erzählt hatte, welche fürchterlichen Folgen die Leidenſchaftlichkeit der Randalls—.“—„Oh ver⸗ ſchone mich mit den wilden Zügen dieſes Geſchlechts, die ich ſchon zum Ueber⸗ druß gehört habe. In den Augen der armen Tante iſt der Drache von Rho⸗ dus, einem Randall gegenüber, nur ein zahmes Hausthier.“ Ihre Stimme hatte einen ſchneidenden Ton angenommen, welcher zeigte, daß es nicht räth⸗ lich war, in dieſem Thema fortzufahren, und ſie gingen ſchweigend nach der Villa zurück. Auf einmal machte Thereſe Halt, deutete nach dem Fenſter des Zimmers, das Randall bewohnt hatte, und ſagte:„Joſeph wird keine Freude haben an jenen Rankenpflanzen; er liebt ſolche Dinge nicht. Wir müſſen ſie wegnehmen laſſen.“—„Wenn du es wünſcheſt; aber iſt es nicht ſchade? Es hat ſo viele Zeit und Mühe gekoſtet, bis wir den Jasmin ſo weit hatten.“ —„Wenn er für dich eine theure Erinnerung iſt, ſo mag er bleiben; doch werden wir Joſeph den Grund dieſer Schonung nicht nennen dürfen.“ Sie ſprach dies in gereiztem Tone; Helene aber that, als merke ſie dies nicht, und erwiderte:„Heinz hat uns aufgegeben, vor Joſeph nicht von ihm zu ſprechen, und ich werde mich nach ſeinem Wunſche richten.“ Hechzehntes Kapitel. Zwiſt zwiſchen Liebenden. Im Lauf der Zeit langte Lander in der Villa an, müde und erſchöpft von den ſchlechten Wegen in Savoyen, von Ueberſchwemmungen, welche die Brücken weggeriſſen und von der beſchwerlichen Paſſage über den Gotthard, der durch einen Schneeſturm faſt unfahrbar geworden war. Dadurch hatte er ſich um einen Tag verſpätet, und er langte abgemattet und ärgerlich an 73 zof öpft 3 die Von Franz Klauer. 261 dem Ziel ſeiner Reiſe an.—„Wie übel er ausſieht,“ ſagte Helene, als ſie mit ihrer Schweſter allein war.—„Kein Wunder, wenn man Tag und Nacht bei Regen, Schloſſen und Schnee gereist und von den paar Tagen der Ruhe um einen verkürzt worden iſt. Auch reut ihn jetzt ſein Schritt, und er meint, er hätte England nicht verlaſſen ſollen, da er vielleicht in London nicht viel länger zu ſeinem Fortkommen gebraucht haben würde.“—„Dann könnte er ja jetzt noch bleiben.“—„Nein; denn die Welt würde von ihm ſagen, er wiſſe ſelbſt nicht, was er wolle.“—„Was liegt daran, wenn er damit beſſer für ſein Intereſſe ſorgt?“—„Solche Dinge darf man nicht ſo leicht nehmen. Charakterunentſchiedenheit dient nirgends zur Empfehlung.“ — Helene merkte bald, daß ihre Schweſter mit ungewöhnlicher Gereiztheit ſprach. Die Ankunft ihres Liebhabers hatte ihr keine übergroße Freude ge⸗ macht, um ſo weniger, da er ſolchen Kleinmuth zeigte, ſich mit den düſterſten Ahnungen über das, was während ſeiner langen Abweſenheit vorgehen konnte, trug, und ſie, ſtatt von ihm Troſt zu erhalten, alles aufbieten mußte, um ihm Hoffnungsfülle und Lebensmuth einzuflößen.— Der letzte Abend kam heran, und die Verlobten machten mit einander einen Spaziergang, um noch einmal den See und die ſchneebehaubten Alpen zu überſchauen. Das peinliche Gefühl der nahen Trennung machte ſie ſchweigſamer, als gewöhn⸗ lich. Endlich erreichten ſie einen Punkt unter einer Eiche, von dem aus die Landſchaft eine beſonders reizende Ausſicht bot. „Hier ſollte ein Pavillon ſtehen,“ ſagte Lander;„wenn ich zurückkomme, werde ich einen bauen laſſen.“—„Ein Sitz iſt ſchon da; Heinz hat ihn ge⸗ macht.“ Kaum waren dieſe Worte über ihre Lippen geglitten, als ſie eine brennende Glut auf ihren Wangen fühlte.—„Mit Heinz meinen Sie wohl Randall?“ verſetzte er kalt.—„Ja.“—„Ich habe während meines Hier⸗ ſeins dieſen Namen nie berührt, Thereſe, weil ich mir gelobt, ihn nicht zuerſt in Erwähnung zu bringen; da Sie aber ſelbſt davon anfangen, bin ich dieſes Gelübdes entbunden. Sprechen wir offen von ihm.“—„Ach nein, Joſeph; es war beim Abſchied ſein letzter Wunſch, daß ſein Name hier nicht genannt werde. Wir verſprachen ihm dies feierlich, und Sie werden nicht verlangen, daß ich mein Wort breche.“—„Ich kann mir nicht denken, mit welchem Recht er Ihnen ein ſolches— im beſten Fall ſehr ungewöhnliches Verſpre⸗ chen abgedrungen hat.“—„Von der Rechtsfrage iſt hier nicht die Rede. Mr. Randall weilte unter uns als Freund, genoß unſer Vertrauen, und wenn er Gründe für ſeine Bitte hatte, ſo ſtand es uns nicht zu, ihn darum zu be⸗ fragen.“—„Dies befriedigt mich nicht, Thereſe,“ entgegnete er ernſt.— 262 Der Blitzſtrahl. „Dann thut es mir leid; ich habe keine andere Erklärung zu geben.“—„So muß ich beſtimmter ſprechen. Hat er Ihnen etwas von der Correſpondenz geſagt, die zwiſchen uns ſtattgefunden?“—„Ein⸗ für allemal, ich laſſe mich auf keine Erörterungen ein. Ich habe mein Wort gegeben und werde es halten.“—„Habe ich dies ſo zu verſtehen, daß Sie jeder Erwähnung von dieſes Mannes Namen ein taubes Ohr zu leihen beabſichtigen?“—„Ich will nicht von ihm reden.“—„Gut; aber Sie werden anhören, wenn ich von ihm ſpreche, und mir ebenſogut, wie in anderen Dingen Glauben ſchen⸗ ken. Dies iſt hoffentlich nicht zu viel verlangt?“—„Mehr, als ich zu ge⸗ währen geneigt bin.“—„Das wird ernſt, Thereſe. In unſerem Verhältniß ſollte alle Heimlichthuerei wegfallen. Möglich, daß Mr. Randalls Bitte ein⸗ fach eine Grille war; allein ſie hört auf, eine Kleinigkeit zu ſein, ſobald ſie eine Frage des Seelenfriedens wird. Ich beſtehe auf einer Erklärung.“— „Sie beſtehen?“—„Ja. Bedenken Sie, Thereſe, es handelt ſich dabei nicht bloß um das, was ich mir, ſondern auch was ich Ihnen ſchuldig bin. Kein Name in der Welt darf zwiſchen dem Ihrigen und dem meinigen ſtehen, am wenigſten ein ſolcher, der auf keine Achtung Anſpruch machen kann.“— „Wenn dies ein Ueberreſt alter Eiferſucht iſt—.“—„Eiferſucht? Was wollen Sie damit ſagen?“—„Einfach, daß es eine Zeit gab, in welcher er Sie für ſeinen Nebenbuhler hielt, und es wäre wohl möglich, daß Sie die⸗ ſes Gefühl erwidert haben.“—„Das iſt unerträglich!“ rief er, that aber ſchnell einem zornigen Ausbruch Einhalt und fügte bei:„Liebe Thereſe, war⸗ um ſollen wir warm werden über eine Sache, über die es für uns beide nur einen Geſichtspunkt geben kann? Nicht mich, ſondern Sie habe ich ſtets im Auge gehabt, indem ich einfach um Auskunft bat, welche Beziehung zwiſchen Ihnen und Mr. Randall ſtattfinde, daß Sie nicht von ihm mit mir ſprechen wollen.“—„Sie ſagten etwas von darauf beſtehen. Das iſt ein häß⸗ liches Wort und klingt wie eine Drohung.“—„Ich bin nicht geneigt, es zu⸗ rückzunehmen,“ verſetzte er ernſt.—„Um ſo beſſer; wenigſtens bleiben uns dadurch viele unangenehmen Erörterungen erſpart, denn ich werde nicht dar⸗ auf antworten.“—„Nicht? Erklären Sie ſich deutlicher, denn es iſt eine Lebensfrage für mich, daß ich Sie hierin nicht falſch verſtehe. Auf was wer⸗ den Sie nicht antworten?“—„Glauben Sie nicht, unſere Unterhaltung habe einen Ton angenommen, der es räthlich macht, darin abzubrechen?“— „Nein; wenn wir beide in eine Gereiztheit hineingerathen ſind, ſo wird es das klügſte ſein, wir faſſen uns, um die Sache in einem beſſeren Geiſte zu beſprechen.“—„Beginnen Sie damit, daß Sie das garſtige Wort zurück⸗ Von Franz Klauer. 263 nehmen.“—„Was für ein Wort?“—„Beſtehen! Sie dürfen auf nichts beſtehen.“—„Wenn es Ihnen ſo ſehr darum zu thun iſt, ſo will ich es zu⸗ rücknehmen und dafür bitten ſagen.“—„Und um was bitten Sie? Denn ich geſtehe, daß mir nicht klar iſt, was Sie eigentlich von mir wollen.“— „Das iſt ſchlimmer, als ich dachte,“ entgegnete er unwillig;„denn ich ſehe jetzt, daß es nicht bloß Trotz iſt, was Sie veranlaßte, mein Verlangen zu⸗ rückzuweiſen.“—„Am Ende ſtellt ſich heraus, daß wir beide einander ſehr verkannt haben.“—„Meinen Sie?“—„Ja; Sie nicht?“ Er erbleichte und gab keine Antwort, obſchon er zweimal zum Sprechen anſetzen zu wol⸗ len ſchien. „Ich muß geſtehen,“ fuhr ſie in erhöhter Aufregung fort,„daß wir mit unſerer wechſelſeitigen Offenheit nicht weit gekommen ſind.“—„Es iſt mir nicht klar, was Sie damit meinen,“ erwiderte er mit erſtickter Stimme.— „Einfach dies, daß Sie daraus hätten lernen können, ſolche Scenen ſeien nicht angenehm und ſollten nie wieder vorkommen.“—„Ich glaube, ich ver⸗ ſtehe Sie endlich,“ ſagte er in gebrochenem Tone.„Sie wünſchen, daß unſer Verhältniß abgebrochen werde?“ Sie antwortete nicht, ſondern wandte den Kopf ab.„Ich will mein Beſtes thun, ruhig zu ſein, Thereſe, und bitte Sie um das Gleiche. Wir wollen nicht die Ausſicht auf das Glück eines ganzen Lebens dem kleinlichen Sieg in einem kleinlichen Streit zum Opfer bringen. Wenn Sie aber der Anſicht ſind—“ er hielt verwirrt inne.—„Warum fahren Sie nicht fort?“ fragte ſie mit einem kalten Lächeln.—„Weil ich nicht weiß, was ich ſagen wollte.“—„So will ich's für Sie thun. Der In⸗ halt Ihrer Gedanken war: Zwei Perſonen, denen es nicht gelungen iſt, ſich wechſelſeitig jenes Vertrauen einzuflößen, das alles Mißtrauen beſeitigt, handeln kaum weiſe, wenn ſie einen Bund eingehen, in welchem eben Wahr⸗ heit und Vertrauen die Hauptſache iſt, und obgleich es nicht ſehr galant von meiner Seite klingt, muß ich dir, Thereſe Walter, doch erklären, daß unter ſolchen Umſtänden das Aufgeben einer falſchen Stellung das beſte ſein dürfte.“—„Sie meinen Trennung?“ erwiderte er mit tonloſer Stimme. Sie zuckte wie zur Beſtätigung leicht die Achſeln.„O Thereſe, iſt es ſo weit gekommen? Soll es wirklich der letzte Abend im traurigſten und bitterſten Sinne ſein?“—„Wenn die Herren erklären, daß ſie auf etwas beſtehen, ſo wird man es auffaſſen müſſen, daß jemand anders keinen eigenen Willen mehr haben ſoll,“ entgegnete ſie mit trotzigem Aufwerfen des Kopfes.— „Gütiger Himmel!“ rief er leidenſchaftlich;„bin ich Ihnen denn bisher ganz gleichgültig geweſen, oder hatte Ihre Liebe ſo ſchwache Wurzeln, daß Sie 4 264 Der Blitzſtrahl. ohne Leid ſie aus Ihrem Herzen reißen können?“—„Es iſt unerquicklich, in die Vergangenheit zurückzugreifen,“ verſetzte ſie kalt. Der verächtliche Ton verletzte ihn noch mehr, als die Worte. Es ſchien, als ſchlage ſie ſeine Liebe ſo gering an, daß ſie ſich nicht zu dem mindeſten Ver⸗ ſuch herablaſſen wollte, ſie zu erhalten, und dies noch obendrein am Vorabend des Abſchieds.—„Thereſe!“ rief er im Tone tiefer Schwermuth,„wenn ich Sie anders zum letztenmal noch ſo nennen darf— ſagen Sie mir offen, iſt dies eine plötzliche launenhafte Anwandlung, oder hat es ſchon länger in Ihrem Innern gekocht?“—„Ich glaube, es iſt weder das eine, noch das andere der Fall,“ entgegnete ſie leichthin.„Ich bin weder launenhaft, noch hinterhaltig; Sie werden daher die Gründe deſſen, was zwiſchen uns vorge⸗ fallen iſt, in Ihrem eigenen Herzen ſuchen müſſen. Ich habe oft gehört, daß Männer ſich der Eiferſucht ſchämen und es denen, welche ſie in einem An⸗ fall ertappen, nicht verzeihen können.“—„Genug! Mehr als genug!“ rief er am ganzen Körper bebend.„Scheiden wir.“—„Der Vorſchlag geht von Ihnen aus.“—„Ja, ja, von mir— es liegt nicht viel daran, woher er kommt.“—„Ich bitte um Verzeihung, wenigſtens mir liegt ſehr viel daran. Ich will mir nicht von meiner Tante und meiner Schweſter Grauſamkeit gegen einen Mann vorwerfen laſſen, der aus freien Stücken unſer Verhält⸗ niß aufgelöst hat. Es wäre hart, aufgegeben und noch obendrein verurtheilt zu werden.“—„Aufgegeben, Thereſe?“ rief er mit Thränen in den Augen. —„Nun, ich will nicht gerade ſagen, aufgegeben. Es iſt eine Ueberein⸗ kunft im Guten zwiſchen zwei Perſonen, die nicht Luſt haben, denſelben Weg zu gehen. Auf Sie ſoll kein größerer Vorwurf fallen, als auf mich.“— „Wie kann mich überhaupt ein Vorwurf treffen?“—„Gut; wenn Sie's wünſchen, ſo will ich ihn allein auf mich nehmen.“—„Soll ich Ihre Tante davon unterrichten, Miß Walter, oder wollen Sie es ſelbſt thun?“—„Es geht vielleicht beſſer von Ihnen aus. Dort kommt ſie eben von der Cypreſſe her. Warten Sie noch einen Augenblick; dieſer Ring—“ während ſie ſich bemühte, einen kleinen Rubinring vom Finger zu ziehen, ſah Lander den Türkis, den ſie an der anderen Hand trug;„dieſer Ring,“ ſagte ſie mit eini⸗ ger Verwirrung,„gehört Ihnen.“—„Dieſer nicht,“ ſagte er, auf den ande⸗ ren deutend.—„Nein, der Rubin,“ erwiderte ſie lächelnd;„er wurde mir zu eng.“—„Ich hoffe, Sie werden den anderen leichter tragen,“ entgegnete er mit bitterem Lachen.—„Ich denke,“ ſagte ſie mit einer Verbeugung, wandte ſich ab und ging dem Hauſe zu. Lander machte einige Schritte gegen Miß Grainger, beſann ſich aber, Von Franz Klauer. 265 daß eine Erklärung wie die gegenwärtige beſſer brieflich geſchehe, und kehrte deßhalb nach der Villa zurück.„Ich will ihr einfach mittheilen, daß wir uns über eine Trennung verſtändigt haben,“ murmelte er vor ſich hin;„Thereſe mag dann ſagen, was ſie will; es liegt nicht viel daran, was andere Leute von einem Menſchen denken, deſſen Herz bereits im Grabe iſt.“ Er ſchloß die Thüre ſeines Zimmers ab und begann zu ſchreiben. Die Aufgabe wurde ihm nicht leicht, denn mancher halb gefüllte Bogen ward wieder zerriſſen und weggeworfen, und Mitternacht rückte unvermerkt heran, ohne daß er mit ſei⸗ ner Aufgabe zu Stande gekommen wäre. Konnte er doch ſelbſt kaum an die Wirklichkeit der Erlebniſſe des heutigen Tages glauben, und es war in der That der Anblick des Ringes nöthig, der vor ihm lag, um ihn zu überzeugen, daß er nicht in einer alphaft auf ihm haftenden Hallucination begriffen ſei. Das zurückgegebene Liebespfand ſprach aber leider zu deutlich; es erinnerte ihn an den Platz, wo ſie es ihm gegeben, an die Worte, mit denen ſie die Zu⸗ rückerſtattung begleitet, und an das Zittern ihrer Hand, als ſie den Ring vom Finger zog.— Er fuhr zuſammen Was war das für ein Geräuſch? Hatte er nicht ſeinen Namen gehört. Jaz es rief ihm jemand. Er eilte nach der Thüre und öffnete ſie; draußen ſtand Helene. Sie lehnte an dem Querbal⸗ ken, als vermöge ſie nicht, ſich aufrecht zu erhalten; ihr Antlitz war leichen⸗ blaß und ihr Haar verwirrt. Sie wankte herein und ſank an ſeine Schulter. „Was iſt Ihnen, Helene, liebeeschtweſter?“ rief er.—„O Joſeph, was haben Sie gethan?“ entgegnete ſie mit erſtickter Stimme.„Das hätte ich nimmer von Ihnen geglaubt!“—„Von mir? Was habe ich gethan?“ —„Sie, der Sie wiſſen mußten, wie innig ſie Sie liebte— wie ſie mit Herz und Seele an Ihnen hing!“—„Und was wird mir jetzt zur Laſt ge⸗ legt, Helene?“—„Grauſam— herzlos!“ rief ſie, die Hände ringend.— „Ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht weißz was Sie wollen!“—„Sie haben ihr das Herz gebrochen,“ entgegneté ſie mit Ungeſtüm, nund ſie wirdidieſe grauſame Verlaſſung nicht überleben ueen„Wer legt mir dies zur Laſt?“ fragte er entrüſtet.—„Sie— ſie that es wenigſtens, ſo lang ſie noch bei Verſtand war; aber jetzt iſt ihr Geiſt irre— ſie weiß nicht mehr, was ſie ſpricht, und ruft jetzt:„O Joſeph, verlaſſen Sie mich nicht. Geh' zu ihm, Helene, und flehnihn auf den Knieen an, mich nicht zu verlaſſen. Ich wiſſe, daß ich gefehlt habe, und wolle ihn nie wieder heleidigen.“ Ich kann und will nicht von all den ſchrecklichen und demüthigenden Dingen ſprechen, die ſie ſagt; doch aus allem geht hervor, wie grauſam Sie das arme Geſchöpf behandelt haben müſſen. Kommen Sie wenigſtens mit,“ rief ſie, ihn am 1 266 Der Blitzſtrahl. Arm nehmend.„Ich will nicht fragen, will nicht wiſſen, was zu dieſer trau⸗ rigen Scene geführt hat; aber kommen Sie zu ihr, ehe es zu ſpät iſt.“— „Hören Sie mich zuerſt an, Helene—,“ er hielt inne; denn obſchon es ihn drängte, die Wahrheit zu ſagen, hielt er es doch für unedelmüthig, als An⸗ kläger aufzutreten.—„Ich will nichts hören. Mögen Sie ſo vorwurfsfrei ſein, als Sie wollen— es gilt, ſie zu retten. Kommen Sie.“— Geduldig wie ein Lamm ließ er ſich fortführen.„Warten Sie einen Augenblick,“ ſagte ſie, die Thüre öffnend und eintretend; dann wandte ſie ſich raſch um und winkte ihm.— Noch angekleidet, aber mit aufgelösten Haaren lag Thereſe bewußtlos auf ihrem Bette; ihr Athem ging ſo leicht, daß man keine Bewe⸗ gung ihrer Bruſt wahrnahm. Die ſtieren Augen und die halbgeöffneten Lip⸗ pen ließen ihr Antlitz wie das eines Todten erſcheinen.—„Sie iſt endlich eingeſchlafen,“ flüſterte Miß Grainger.„Seit du fort biſt, hat ſie nicht mehr geſprochen.“— Lander kniete neben dem Bett nieder und drückte ſeine Wange gegen ihre kalte Hand. Die Strahlen der aufgehenden Sonne, welche durch die Laden drangen, fanden ihn nochfin dieſer Stellung. Siebenzehntes Kapitel. Abſchied ſchmerz. Er fuhr auf und ſagte:„Er ſoll ihm das Dienſtmädchen etwa i Nein; ich werde das Boot nicht brauchen. warten,“ fügte aber ſogle Man ſoll das Gepäck wi ſpäter trat Helene an ſe zu:„Wie danke ich Ihln fefür, lieber Bruder. Ich weiß, was Sie dieſes Opfer koſtet, und mir werden esmie wergeſſen.“ Er antwortete nichts, ſon⸗ dernbrückte nur die kal— nd, die er in der ſeinigen hielt, an die Lippen.—„Weiß 1 dreiviertel auf ach n Como ſei 1 uß, wenn er den Zug nicht verfehlen ſoll?“ ſagte Mißt kainger zu ihrer Nichte.—„Wohl weiß er es, Tante; aber er hat das G d will bei uns bleiben.“—„Bedenke, was dies für ei —„Er verläßt uns nicht, lene.—„ kc falls ſeine und der esihn koſten, was es will,“ antwortete He⸗ kan daß er wegen eines bloßen hyſteriſchen An⸗ ift auf's Shilfett Mr. Lander, es iſt auf dem Punkt ſieben, ht um dreigiertel auf acht; wenn Sie dieſen nicht benützen, Von Franz Klauer. 267 können Sie vor Dienſtag nicht nach Livorno kommen.“—„Ich weiß esz; ich gehe nicht.“—„Sie werden doch nicht Ihre Anſtellung aufgeben wollen?“ entgegnete ſie faſt verächtlich.„Was werden Ihre Angehörigen dazu ſagen?“ —„Daran habe ich noch nicht gedacht und kann auch nicht daran denken. Mein Platz iſt hier.“—„Dagegen erhebe ich Einſprache, und ich fordere Sie auf, mir zu bezeugen, daß ich proteſtirt habe. Ihre Familie ſoll uns nicht nachſagen können, daß Sie auf unſere Veranlaſſung hin dieſen Ent⸗ ſchluß gefaßt haben. Noch heute ſchreibe ich Ihrem Vater. Hören Sie aus⸗ ſchlagen? Sie können noch recht kommen, wenn Sie ſich beeilen.“—„Ich wiederhole Ihnen, daß mein Platz hier iſt und ich ſie nicht verlaſſen will,“ entgegnete er in etwas lauterem Tone, denn die Sprechenden hatten bisher nur geflüſtert. Das kranke Mädchen hauchte einen leiſen Seufzer und ſuchte mit der Hand ſein Haupt.„Sie kennen mich, meine Liebe?“ flüſterte er.„Sie wiſ⸗ ſen, wer neben Ihnen kniet?“— Sie gab keine Antwort, aber ihre Finger glitten über ſeine Haare hin.— In welcher Form Miß Grainger fort⸗ brummte, iſt uns unbekannt; wir wiſſen nur, daß ſie haſtig und höchſt unzu⸗ frieden das Zimmer verließ.—„Sie kennt Sie, Joſeph, und verſucht Ihnen zu danken,“ ſagte Helene.—„Ihre Lippen bewegen ſich; können Sie ver⸗ ſtehen, was ſie will, Helene?“— Helene beugte ſich über das Bett nieder. „Ja, liebe Schweſter, er thut es von ganzem Herzen und hat dich nie mit ſolcher Hingebung geliebt, wie jetzt. Sie fragt, ob Sie ihr vergeben können, Joſeph.“—„Und mich nicht verlaſſen wollen,“ ſeufzte Thereſe kaum hörbar. —„Nein, mein Herz, ich werde Sie nicht verlaſſen,“ war alles, was er in dem Sturm ſeiner Freude und ſeines Schmerzes hervorbrachte. Sie machte einen ſchwachen Verſuch, ihm mit einem Händedruck zu danken, welcher ſein Innerſtes mit Entzücken erfüllte.— Mit edlem Zartgefühl zog ſich Helene in das Fenſter zurück, und ich will im Intereſſe des Leſers ihre Zurückhal⸗ tung zum Muſter nehmen, da meine Feder viel zu zahm iſt, um den nun fol⸗ genden Wonneergüſſen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, um ſo mehr, da der Zauber ähnlicher Gefühlskundgebungen doch nur von den Betheiligten empfunden wird.— Viel zu glücklich, um an den Preis zu denken, welchen ihn dieſes Glück gekoſtet, wich er den ganzen Tag nicht von Thereſens Seite. In der That hatte er erſt in dem Moment, als er ſie ſich verloren glaubte, ſo recht erfahren, wie leer und öde das Leben für ihn wäre ohne ſie. Ein Dichter vergleicht die kleinen Zwiſtigkeiten, in welchen Liebende ihre Unab⸗ hängigkeit geltend machen wollen, treffend mit den Verſuchen, lange unter — —— 268 Der Blitzſtrahl. dem Waſſer zu bleiben; ſie enden jedesmal mit der Ueberzeugung, daß die Organiſation der Verſuchsperſon einer ſolchen Aufgabe nicht gewachſen iſt. „Sie haben alſo geglaubt, mich abſchütteln zu können, Thereſe?“—„Und Meiſter Joſeph beſaß die Anmaßung, zu meinen, er dürfe mich nur mir nichts, dir nichts verlaſſen.“ In ſolchen Gegenreden gipfelte dem Weſen nach die geflüſterte Unterhaltung des langen Tages. Es war ein Glück, daß die Verſöhnung dieſe Form angenommen hatte, denn ſie bot eine Gelegen⸗ keit, Randalls mit keiner Silbe mehr zu gedenken. Lander bemerkte den Tür⸗ kis nicht mehr an ihrem Finger, und dem Scharfblick des Weibes entging es nicht, daß er dieſe Wahrnehmung gemacht hatte. „Ich bin alſo für weitere zehn Tage Ihr Gaſt,“ ſagte Lander zu Miß Grainger, als ſie am Abend ſich zum Thee niederſetzten.—„Es iſt für uns ein großes Vergnügen, wenn— wenn wir nur nicht der Furcht Raum geben müßten, daß Ihre Laufbahn dadurch beeinträchtigt wird. Was werden Ihre Freunde dazu ſagen.“—„Das iſt ein gar kleiner Kreis,“ verſetzte er lachend, „und ſie ſetzen ſo unbedingtes Vertrauen in mich, daß ich Ihnen nur zu er⸗ klären brauche, ich habe gehandelt, wie ich handeln zu müſſen glaubte, um ſie zufrieden zu ſtellen.“— Die alte Dame ließ ſich jedoch nicht ſo leicht mit Allgemeinheiten abſpeiſen. Sie wollte wiſſen, ob die Ueberlandreiſe nicht gegen hundert Pfund koſte, und war nahe daran, ihn zu fragen, ob er dieſes Geld auch erſchwingen könne. Dabei ließ ſie es nicht an Andeutungen fehlen, daß mancher hintendrein mit großem Leidweſen eingeſehen, er habe ſeine Pfeife zu theuer bezahlt, und machte ſich überhaupt während des Thee's ſehr unangenehm.„Es iſt zu arg, wie die Tante den armen Joſeph quält, Hele⸗ ne,“ bemerkte nachher Thereſe gegen ihre Schweſter;„ſie will ihn die paar Tage, die wir noch beiſammen ſind, nicht im Frieden genießen laſſen.“— Er ließ ſich jedoch den Genuß nicht verkümmern. Thereſe war bald wieder ganz wohl und gab ſich alle Mühe, ihren Verehrer für den Schmerz, den ſie ihm bereitet, ſchadlos zu halten. Die erſte Woche war eine Woche ungetrüb⸗ ten Glücks, und die zweite begann mit dem Gedanken, daß die Tage gezählt ſeien und am Donnerſtag der Abſchied bevorſtand. „Iſt's möglich, daß ſchon eine ganze Woche herum iſt? fragten ſie ſich ſt. Sie hatten ja noch ſo viele Dinge miteinander zu beſprechen, von denen noch nicht ein einziges berührt worden war.„Du haſt mir noch nichts über dich ſelbſt geſagt, lieber Joſeph. Kommſt du nach Calcutta oder in's Land? Wohin und wie muß ich dir ſchreiben? Wann werde ich von dir hören? Darf ich auch unſerem Papa ſchreiben, und wird er es nicht für ungebührlich 841 3 Von Franz Klauer. 269 halten, wenn ich ihn als Tochter anrede? Darf ich ihm alle unſere Plane mittheilen? Du hätteſt doch von deiner Zukunft mit mir ſprechen ſollen. Was haben wir denn dieſe ganze Zeit über getrieben?“— Joſeph ſah ſie an; ſie wandte das Köpfchen ärgerlich ab und meinte, er ſei ſehr widerwärtig. Vielleicht hatte ſie Recht; ich fühle mich nicht berufen, ihn zu vertheidigen, und der geneigte Leſer mag ihn verurtheilen oder freiſprechen, wie er will. — Trotz dieſer Mahnung entſchwanden die nächſten drei Tage in der gleichen Vergeßlichkeit. Dann kam der traurige Mittwochabend und der noch trau⸗ rigere Donnerſtagmorgen, an welchem ſie— ſie waren die ganze Nacht über aufgeblieben— ſich Lebewohl ſagen ſollten.—„Er verſpätet ſich ſicherlich wieder, denn er iſt ſchon zum drittenmal wieder vom Boot zurückgekommen,“. rief Miß Grainger, als Thereſe halb ohnmächtig in Helenens Arme ſank. —„Ja, ja, lieber Joſeph,“ ſagte Helene;„gehen Sie jetzt, ehe ſie wieder zu ſich kommt.“—„Jetzt oder nie!“ rief er und eilte mit thränenfeuchten Augen von hinnen.— Der eintönige Ruderſchlag brachte Thereſen wieder zum Be⸗ wußtſein; ſie ſchaute auf, erhob die Hand, um noch einmal ein Lebewohl zu winken, und ſank dann abermals in die Arme ihrer Schweſter. Drei Tage ſpäter meldeten einige Zeilen von Lander, daß er, diesmal unwiderruflich, nach Malta abgeſegelt ſei. Die kurze Mittheilung las ſich ebenſo traurig, als ſie geſchrieben worden war. Sie begann mit einem humo⸗ riſtiſchen Verſuch, die Reiſegefährten, ihre Nationalzüge, das Gewirr ver⸗ ſchiedener Sprachen zu ſchildern; doch dies hielt nicht lange an, und es folgte mit unſicherer Hand und halbverwiſchten Buchſtaben das Lebewohl. War vielleicht eine oder die andere Thräne darauf gefallen? So viel iſt ſicher, daß die Leſerin das Papier reichlich mit den ihrigen bethaute.— Um dieſelbe Zeit, als der Brief in der Villa anlangte, traf ein anderer von Randalls Hand bei deſſen Freund Algernon Drayton ein. Er war von Alexandrien aus datirt und lautete folgendermaßen: „Eben iſt das Dampfſchiff angelangt, überfüllt mit Snobs vom Civil und Militär, aber kein Lander. Der Kerl muß ſeine Anſtellung aufgegeben oder eine andere Fahrgelegenheit abgewartet haben. Jedenfalls iſt er mir entkommen. Ich möchte toll werden. Der Racheplan eines ganzen Monats iſt mir vereitelt. Ich würde nach England zurückkehren, wenn ich gewiß wüßte, ihn dort zu treffen; allein ſo bleibt mir nichts übrig, als in zwei Stunden nach Suez aufzubrechen. Es ſind hier zwei Perſonen, die mich kennen; aber ich werde ihnen einen Wink geben, nichts darüber verlauten zu laſſen, da ſie alt genug ſind, dergleichen Andeutungen zu verſtehen.— Ich 270 Der Blitzſtrahl. höre, mein altes Regiment hat gemeutert und acht von ſeinen Offizieren nie⸗ dergeſäbelt. Ich wollte, ſie hätten noch ein wenig gewartet; dann wäre weder S. noch W. ſo leicht davon gekommen. Aus allem, was man erfährt, geht das Werk wacker von ſtatten. 6 Dein H. R.“ Achtzehntes Kapitel. Nachrichten aus Bengalen. Lander ſchrieb faſt mit jeder Poſt; allein ſeine Briefe lauteten ſo zahm, daß man daraus die Einförmigkeit ſeines Lebens entnehmen konnte. Er war im„Oberland“ zum Diſtriktsrichter ernannt worden und hatte Tag für Tag Händel zwiſchen den Indigopflanzern und den Pächtern zu ſchlichten, unan⸗ genehme Aufgaben, da es ſich dabei weniger um klare Rechtsfragen, als um Gewebe von Schlauheit, Hinterliſt und Meineid handelte. Er geſtand zu, daß ſein Leben ſehr traurig und ungeſellig, die Landſchaft ſehr eintönig und das Klima bei einem Durchſchnittsthermometerſtand von 36 bis 40 Graden im höchſten Grad entnervend ſei. Ueber ſeine Ausſichten konnte er ermuthi⸗ gender berichten. Er bezog einen monatlichen Gehalt von achthundert Ru⸗ pien und hoffte, bald auf einen anderen Poſten befördert zu werden, der ihm weitere zweihundert eintrug. Dabei deutete er an, daß der meuteriſche Geiſt gewiſſer Regimenter um ſich greife. Natürlich enthielten die Briefe auch an⸗ dere Züge— Hoffnungen und Befürchtungen, Gebete und Wünſche, wie ſie in der Correſpondenz von Liebenden nicht fehlen dürfen, weßhalb wir darüber weggehen wollen.— Weniger Zurückhaltung legen wir uns auf in Beziehung auf den Briefwechſel einer anderen Perſönlichkeit unſerer Geſchichte, obſchon derſelbe keinesfalls für die Oeffentlichkeit berechnet war. Das Schreiben, aus dem ich nur einen Auszug geben will, war an Drayton gerichtet und zehn Monate nach Randalls Ankunft in Indien von dieſem in die Hände eines Bankiers geſpielt worden, welcher den Brief richtig beſorgte. „Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, im Fall meine früheren Briefe Dich nicht erreicht haben ſollten, theile ich Dir mit, daß ich im Dienſt in„Sold des Mir Morad von Görtpur ſtehe, von deſſen Thaten Du durch den Korreſpondenten der Times ſchon gehört haben mußt. Ich habe acht Schwadrbnen Kavallerie und eine halbe Batterie Zehnpfünder, engliſche Geſchütze, unter mir. Bewaffnung und Pferdeſtand iſt vortrefflich, und im Gefecht ſind meine Leute wahre Teufel. Du wirſt geleſen haben, was ſie ausrichteten mit dem—ſten und ſ einem Krankenconvoy auf ſeinem Rückzug von der 7 lände gibt. Von Franz Klauer. 271 von Gllehbed; der einzige Menſch, welcher mit dem Leben davon kam, war der Doctor, den ich rettete, um ihn meinem Stab beizufügen. Er iſt ein Ir⸗ länder, Namens Tobin, und kommt von Tralen, wenn es einen ſolchen Platz gibt. Wenn's Dir nicht zu langweilig iſt, magſt Du ſeinen Verwandten kund thun, ſie brauchen keine Meſſen für ihn leſen zu laſſen, denn er ſei am Leben und jeden Abend betrunken.— Glücklicherweiſe kriegte der Mir, mein Oberhaupt, in Delhi Händel mit der königlichen Partei, und wir kamen zeitig genug fort, um nicht von Wilſon aufgegriffen zu werden, der mich ſogleich erkannt haben würde. Beiläufig, Baxter vom 30. war einfältig genug, zu ſagen:„Ei, Randall, wie zum Teufel kommen Sie unter dieſe Niggers?“ Er war ein Gefangener, und ich ließ ihn für dieſe Unverſchämtheit erſchießen. Es iſt mir unbegreiflich, wie er mich erkannte, denn mein Bart reicht bis auf die Bruſt nieder, und ich trage meinen Turban und Shawl in der regel⸗ rechteſten Weiſe. Gegenwärtig geben wir uns einfach ab mit Marodiren, dem Abſchneiden von Zufuhr, dem Ueberfallen von ſchwachen Detachements und dem Abſchlachten von Civilbeamten, die ſich auf ihren Poſten betreten laſſen. Um ein Haar wäre ich von einem Trupp des 9. Lancierregiments, in dem mich jedermann kennt, aufgegriffen worden. Ich ging mit ſechs zuver⸗ läſſigen Burſchen nach Aſtragan, wo dem Vernehmen nach ein gewiſſer Lan⸗ der als Generalſteuereinnehmer ſaß; wir brannten Nachts ſein Bunzalo nie⸗ der, erſchoſſen ihn und machten erſt hintendrein die Entdeckung, daß es nicht der rechte geweſen. Bradſhaw überraſchte uns mit ſeinem Trupp und ſetzte uns nach. Ich feuerte drei Läufe meines Nankeerevolvers auf ihn ab und hörte, wie der alte Schuft tauſend Rupien für meinen Kopf als Belohnung⸗ ausbot. Als er fand, daß er uns nicht einholen konnte, und Halt machte, rief ich ihm zu:„Rechtsum, Bradſhaw!“ Ich gäbe fünfzig Pfund, wenn ich ihn die Geſchichte am Offizierstiſch erzählen hören könnte.„Ja, Sir, Sakerlot, Sir, in ſo gutem Engliſch, Sir, als das Ihrige oder das meinige, Sir. Ich ſchwöre darauf, ein Kerl, der der Königin gedient hat.“— Vorderhand iſt's bloße Meuterei; ſie wird aber bald zur Rebellion werden, und ich verberge mir nicht die Gefahr meiner Stellung— nicht von Seiten der Königlichen, denn die ſollen mich nicht lebendig fangen, ſondern von Seiten meiner Ver⸗ bündeten, die mir natürlich nur halb trauen.“— Ich übergehe hier einen langen Abſchnitt und komme zum Schluß, der augenſcheinlich in großer Eile geſchrieben war.—„Wir haben Befehl zum Aufbruch. Es geht nach Bit⸗ hur. Der Nena dort, den man für einen treuen Anhänger der engliſchen Kerone gehalten, hat ſich für die Unabhängigkeit erklärt und wird ſchon für à 272 Der Blitzſtrahl. „Senſation“ ſorgen. Du wirſt es kaum glauben, daß ich in Mitte dieſer aufregenden Scenen mich nach Neuigkeiten aus der ſogenannten Heimat ſehne— von Rocksley, von Onkel G. und der lieben Sophie, noch mehr aber von jener Villa an dem italieniſchen See. Ich gäbe den Beutel voll Perlen, Sapphiren und Rubinen, den ich in meinem Gürtel trage, um das Tagehuch eines einzigen Abends aus dem Landhaus.— Wenn, wie ich hoffe, a le gut abläuft, ſo habe ich nichts dagegen, ſondern wünſche es ſogar, daß Du der Welt ſageſt, wo ich bin und was ich treibe. Im unglücklichen Fall iſt's frei⸗ lich gut, im Dunklen zu bleiben; doch als Theilnehmer an einem großen Er⸗ folg, brenne ich vor Begier, landauf und landab bekannt zu machen, daß ich noch lebe und geſund, auch bereit bin, eine Anzahl perſönlicher Verbindlich⸗ keiten wenn nicht gerade an meine Beleidiger, ſo doch an ihre Freunde und Verwandte bis in's dritte Glied abzutragen. Lebe wohl! Dein aufrichtiger Freund H. R.“ Drayton vertraute den Inhalt dieſes Schreibens einigen Freunden Randalls, die über eine ſolche Mittheilung weder ſtaunten, noch ſich entſetz⸗ ten, ſchlauen Köpfen mit koſtſpieligen Liebhabereien, die, wenn ſich's thun ließ, achtbar, im Nothfall aber auch auf unehrliche Weiſe von der Geſellſchaft lebten und darin einig waren, daß der„alte Randall“(er war vielleicht jünger als irgend einer von ihnen) einen ſehr geſcheidten Weg eingeſchlagen habe, jedenfalls einen viel lohnenderen, als den einzigen, der ihrer Anſicht nach ihm ſonſt übrig geweſen wäre, gelbſchnäbelige Tauben nämlich an der Billardtafel zu rupfen. Damit endigte jedoch die Publicität, welche Dray⸗ ton den Thaten ſeines Freundes zu Theil werden ließ. Wohl deutete hin und wider ein Zeitungsartikel an, man habe in den Reihen der Inſurgenten von Oberbengalen einen vormaligen engliſchen Offizier wahrgenommen; aber Randalls Name wurde nicht genannt, und da man auf ihn keinen Argwohn hatte, ſo ſchwand er aus der Erinnerung der Menſchen, als gehöre er nicht mehr den Lebenden an.— Wir überlaſſen ihn für eine Weile dieſer Vergeſ⸗ ſenheit. Lander hatte augenſcheinlich von ihm nie gehört, und nur einer ſeiner Briefe erwähnte eines Vorfalls, der ein argwöhniſches Gemüth zu eigen⸗ thümlichen Speculationen hätte veranlaſſen können. Lander wurde im zwei⸗ ten Jahr ſeines Aufenthalts in Indien nach Mölnath verſetzt, von wo aus er ſchrieb: „Die Meuterei hat dieſen Platz noch nicht erreicht; aber wir hören je⸗ den Tag das dumpfe Rollen des fernen Sturmes und es heißt, unſere Die⸗ ener und das Bataillon von Eingebornen, welches die hieſige Garniſon bildet, dieſer eimat aber erlen, duch gut u der frei⸗ nEr⸗ aß ich dlich⸗ und inden tſetz⸗ thun ſchaft leicht lagen nſicht m der Drah⸗ und Von Franz Klauer. 273 warten nur auf das Signal zum Aufſtand. Die Sache ſcheint mir zweifel⸗ haft, da ich im Gegentheil geneigt bin, dieſen Leuten alles Vertrauen zu ſchenken. Erſt vor zwei Tagen machten ſie mir im Geheim die Anzeige, daß eine Abtheilung Bithurer Kavallerie, deren Greuelthaten weit und breit Schrecken einflößten, einen Angriff auf mein Bungalo beabſichtige. Zwei Kompagnien des—ten, die ich herbeibeſchied, ſind dieſen Morgen eingetrof⸗ fen, und ich kann mich nun in Betreff jenes Attentats vollkommen beruhigen. Merkwürdig aber iſt, daß der Kapitän Rolt, welcher dieſe Abtheilung kom⸗ mandirt, zu mir ſagte, er würde an meiner Statt, wenigſtens bis dieſe Un⸗ ruhen vorüber ſeien, den Namen ändern. Auf meine überraſchte Frage nach dem Grund antwortete er:„Es iſt letzter Zeit ſcharf über alle Richter Ihres Namens hergegangen. Im letzten November wurde einer zu Aſtragan er⸗ ſchoſſen; vor ſechs Wochen brannte man in Agra dem Gerichtsaſſeſſor Lan⸗ der ſeine Wohnung nieder und ermordete ihn ſammt ſeinem ganzen Haus⸗ halt, und jetzt ſcheint man es auf Sie abgeſehen zu haben. Einer Ihres Namens muß bei den Kerlen übel angeſchrieben ſein, und dies haben jetzt alle Lander zu büßen. Ich würde mich vorderhand lieber Smith oder Brown nennen.“— Das Schreiben ging dann auf einen angenehmeren Gegenſtand, auf den Urlaub über, den er(es war jetzt Juli) im nächſten Oktober antre⸗ ten durfte. Nicht daß er Indiens überdrüßig ſei, ſagte er; er habe ſich nach⸗ gerade an die Lebensweiſe gewöhnt, erfreue ſich einer guten Geſundheit, und die Einſamkeit(der einzige Punkt, über den er noch zu klagen habe) werde, wie er hoffe, bald den beſeligendſten Abſchluß finden.„Ich will verſuchen, euch alle zum auswandern zu veranlaſſen. Tante Grainger kann hier zu allen Jahreszeiten Blumen, Gemüſe und Früchte haben; einer meiner Leute iſt ein Ausbundgärtner, und Helenen, die ſo gern reitet, ſteht der ſchönſte Araber, den ich je geſehen, zu Gebot.“ Obſchon die Gefahren, von welchen dieſer Brief ſprach, Thereſe ſehr be⸗ ängſtigten, kam doch kein ſpäteres Schreiben darauf zurück, und im Septem⸗ ber meldete er:„Nur noch einen Monat, meine Theure— heute über vier Wochen gehe ich unter Segel. Wenn Du dieſe Zeilen lieſeſt, iſt dieſer Zwi⸗ ſchenraum, der mir jetzt wie ein Menſchenalter erſcheint, bereits de ah. und ich eile Dir zu auf den Flügeln des Windes.“—„O Tante, hörſt du dieſe Poſt?“ rief Thereſe, das Schreiben des Geliebten an ihre Lippen drückend.„Joſeph ſagt, daß er am 18.— was für ein Datum haben wir heute? Aber du achteſt nicht auf mich! Was kann dich in deinem Brief ſo Hausblätter. 1867. I. Bd. 4 1 18 274 Der Blitzſtrahl. intereſſiren?“— Dieſe Frage hatte wohl ihre Berechtigung; denn Miß Grainger ſtand da, die Augen ſtarr auf einen Brief geheftet, deſſen paar Zei⸗ len im Nu geleſen waren, deßhalb einen anderen Anſpruch auf ihre Aufmerk⸗ ſamkeit haben mußten.—„Das iſt wunderbar!“ rief ſie endlich.—„Was iſt wunderbar, Tante?“— Doch die alte Dame eilte ohne ein Wort der Er⸗ widerung von hinnen, und die Art, wie ſie die Thüre ihres Zimmers zuſchlug, bekundete, daß ſie allein zu ſein wünſchte. Neunzehntes Kapitel. Eine Ueberraſchung. Kaum befand ſich Miß Grainger hinter der abgeſchloſſenen Thüre, als ſie den Brief, welchen ſie durch die Poſt erhalten, wieder öffnete; er ſchien in Eile geſchrieben zu ſein und lautete: „Trieſt, Dienſtag Morgen. „Meine liebe Miß Grainger.—„Ich bin eben mit wichtigen Depeſchen für die Regierung aus Indien angelangt. Die Anſtrengung der langen Reiſe hat eine alte Wunde aufgeſtört und gebietet mir für einen Tag Ruhe; doch da der Inhalt meiner Papiere perſönliche Aufklärungen fordert, ſo kann ich ſie durch niemand anders beſorgen laſſen; deßhalb mache ich Ihnen in dieſen haſtigen Zeilen die Anzeige, daß ich Ihnen am nächſten Sonnabend einen flüchtigen Beſuch zu machen gedenke. Ich ſage Ihnen, weil ich Sie und Sie allein zu ſehen wünſche. Richten Sie dies ein, wie Sie am beſten können. Ich hoffe mit dem Morgenzug anzulangen und um elf, ſpäteſtens um zwölf auf der Villa einzutreffen. Mögen Sie mich empfan⸗ gen wollen oder nicht, ſagen Sie Ihren Nichten nichts von dieſem Schrei⸗ ben; ich hoffe und bitte übrigens, daß Sie ein halbes Stündchen übrig haben für Ihren ergebenen und treuen Freund Heinz Randall.“ Dies war ein Name, an den ſich viele Erinnerungen knüpften, und Miß Grainger ſtarrte in einem Zuſtand von Staunen, mit Schrecken untermengt, ig Zeilen an. Nur einmal hatte ſie ſeit ſeiner Abreiſe von ihm geleſen, als 8 ihrer Bekümmerniß um ſein Schickſal einen Schritt wagte, von dem ſie um ſeiner Kühnheit willen ihre Nichten nichts wiſſen laſſen wollte. In einem Schreiben nämlich an Sophie Randall bat ſie um Auskunft über ihren Couſin und deſſen Aufenthalt und erhielt mit umgehender Poſt folgende Ant⸗ wort:—. 2 „Miß Nandall meldet den Einlauf des Schreibens der Miß Grainger Von Franz Klauer. 275 vom 8. dies, weist übrigens deren Berechtigung, ſich brieflich hieher zu wen⸗ den, insbeſondere aber ſich nach der in ihrem Schreiben genannten Perſon zu erkundigen, mit Entſchiedenheit zurück. Jede weitere Correſpondenz der Miß Grainger wird uneröffnet zurückgehen.“ Nach Empfang dieſer Zeilen mußte die arme alte Dame drei Tage das Bett hüten, und was das ſchlimmſte, durfte erſt nicht einmal von der Urſache ihres Leidens etwas ſagen. Von dieſer Zeit an hatte ſie den Namen Ran⸗ dall nie wieder nennen hören, und nun mußte der Mann, wie aus dem Grab erſtanden, ſelbſt wieder zurückkehren, um all den früheren Jammer zu er⸗ neuen.— Es war bereits Freitag. Wo und wie konnte ihn eine Botſchaft von ihr erreichen? Sie fürchtete ihn, ohne ſich ſelbſt einen Grund dafür an⸗ geben zu können, und hatte eine Abneigung gegen ihn wegen der rohen Ab⸗ fertigung, welche ſie um ſeinetwillen von Miß Randall erfahren. Die Er⸗ wähnung ſeines Namens ſtand in Verbindung mit einem verdunkelten Zim⸗ mer, Blutegeln, Eisumſchlägen auf den Kopf und einer quälenden Angſt, ſie möchte irrereden und in ihren Delirien die ganze geheime Geſchichte jener Correſpondenz ausſchwatzen. Waren dies nicht Gründe genug, ſie zittern zu machen bei dem Gedanken an die Rückkehr des Mannes, welcher ſolches Leid über ſie gebracht hatte? Hätte ſie nur einen Vorwand finden können, ſo würde ſie Muth genug beſeſſen haben, ihm zu erklären:„Ich will nichts mit Ihnen zu thun haben.“ Es gibt Männer, die eine kalte Antwort als Abweiſung deu⸗ ten; doch wußte ſie wohl, daß Randall nicht zu dieſem Schlage gehörte. Und wenn ſie ihn abwies, beſtand er dann nicht vielleicht darauf, die Mädchen zu ſehen, die, wenn ſie auf ſeine Bitte einging, wahrſcheinlich nie etwas von ſeinem Beſuch erfuhren?— Nach langer, reiflicher Erwägung kam ſie über ihr Handeln zu einem Entſchluß. Sie wollte gegen die Mädchen vorgeben, der Brief ſei von ihrem Advokaten, der ſich auf einer Reiſe nach Mailand befinde und ſie gebeten habe, in Orta mit ihm zuſammen zu treffen. Dahin wollte ſie allein im Boot gehen und konnte mit Randall ſprechen, ohne von ihren Nichten mit mißliebigen Fragen behelligt zu werden.„Ich werde ihm dann begreiflich machen,“ dachte ſie,„daß die alten Beziehungen nicht wieder aufleben dürfen, ohne daß ich gerade alle Bekanntſchaft abbreche.“ A Stückchen Rache wollte ſie auch das Schreiben der Miß Randall mitneh⸗ men, um ihm zu zeigen, wie ihre Sorge um ihn von ſeiner Familie behan⸗ delt worden ſei. Das Concept ihres eigenen, achtungsvoll gehaltenen Brie⸗ fes ſollte beglaubigen, wie wenig ſie ſelbſt zu einer ſo ſchnöden Behandlung 1 1 18* 276 Der Blitzſtrahl. Anlaß gegeben.„Er iſt vielleicht im Stand, das Geheimniß aufzuklären,“ dachte ſie,„und belehrt Miß Randall eines beſſeren, wenn ſie ſich durch Ver⸗ leumdung gegen mich hat einnehmen laſſen.“ „Wie wichtig und geſchäftig die Tante dieſen Morgen thut!“ ſagte The⸗ reſe, als die alte Dame in das Boot ſtieg.„Sie könnte kein feierlicheres Ge⸗ ſicht machen, wenn ſie mit dem Lord⸗ Kanzler ſelbſt, ſtatt mit einem Londoner Sachwalter zuſammentreffen müß„Wenn ſie zurückkommt, wird's erſt gar nicht mit ihr auszuhalen in⸗ lachte Thereſe.„Ich höre ſchon ihr juridiſches Kauderwelſch, von dem ſie nichts verſteht und das ſie nachſprechen zu müſſen glaubt, weil ſie's ihr Geld koſtet.“ Zwanzigſtes Kapitel. Wieder in Orta. „Es iſt ein Fremder da, der ſchon nach Ihnen gefragt hat, Signora,“ empfing Onofrio die alte Dame unter der Thüre;„er hat ein Boot beſtellt und ſich, weil er unwohl iſt, niedergelegt, bis es bereit ſei. Dies iſt ſein Die⸗ ner,“ fügte er bei, auf einen ſchönen, dunkelfarbigen jungen Mann in weißem Turban mit Gold deutend, der ihr eine tiefe Verbeugung machte. Noch ehe ſie Zeit gewann, ihn zu fragen, ob er engliſch ſpreche, erſcholl ein ſcharfer Klingelzug, und der Fremde eilte fort; doch unmittelbar nachher that ſich eine Thüre auf, und Randall kam mit tief erregtem Geſicht auf ſie zu, um ihr die Hand zu reichen.—„Dies iſt allzu gütig von Ihnen,“ ſagte er, ſie nach einem Zimmer führend.—„Als ich Ihr Schreiben erhielt,“ begann ſie mit unſicherer Stimme,„wußte ich wirklich nicht, was ich thun ſollte. In der Villa übrigens war es unmöglich, allein mit Ihnen zu ſprechen, und ſo bin ich hieher gekommen.“— ‚Finden Sie mich ſehr verändert?“ fragte er in dumpfem, traurigem Tone.—„Sehr; Sie kommen mir brauner, größer und hagerer vor. Vielleicht macht es Ihr Bart, daß Sie auch älter aus⸗ ſehen.“— Dies war richtig; doch hätte ſie die volle Wahrheit ſprechen wol⸗ len, ſo hätte ſie auch ſagen müſſen, daß er ihr viel ſchöner erſcheine. Die Gübohrheit des Befehlens hatte ſeinem Geſicht den Ausdruck von Würde und Höhe verliehen, und der ſtolze Blick ließ ihm in Verbindung mit ſeinem feinen Benehmen ſehr gut. Auch ſein Anzug war eigenthümlich und wahr⸗ ſcheinlich darauf berechnet, ſeine ſchöne Geſtalt noch mehr hervorzuheben. Er trug eine reich geſtickte Peliſſe, die mit einem Shawlgürtel befeſtigt war, und auf ſeinem Kopf ſaß ein mit Gold geſticktes Scharlachfeß, an dem ein Stern ren,“ Ver⸗ 3 The⸗ Ge⸗ oner rd's ihr cchen Von Franz Klauer. 277 mit Diamanten und Smaragden funkelte.—„Sie haben Recht,“ entgeg⸗ nete er mit einem gewinnenden, aber melancholiſchen Lächeln;„ich bin in den letzten zwei Jahren um vieles älter geworden, habe aber auch in dieſer Zeit viel durchgemacht. Erzählen Sie mir jetzt,“ fügte er bei, indem er an ihrer Seite Platz nahm,„was Sie von mir gehört haben, aber aufrichtig, wenn ich bitten darf.“—„Nichts— rein gar nichts,“ antwortete ſie.— „Es hätte niemand von mir geſprochen?“—„Wir kommen mit niemand in Berührung.—„Aber brieflich; es iſt ſicherlich über mich geſchrieben wor— den.“—„Nein,“ entgegnete ſie mit einiger Verlegenheit. Bedenken Sie nur unſere abgeſchiedene Lebensweiſe.“—„Doch leſen Sie Zeitungen. Sind Sie meinem Namen nie begegnet.“—„Wir halten keine Zeitung und leben ſo ganz in unſerer Häuslichkeit, daß wir die ganze übrige Welt vergeſſen haben.“ Welche Erleichterung bereiteten ihm dieſe Worte! Er ſah aus wie ein Menſch, der nach Stunden der ſchrecklichſten Angſt das beſeligende Wort „nicht ſchuldig“ vernommen hat.„Und darf ich glauben,“ erwiderte er mit vor Freude bebender Stimme,„daß ich in meiner Abweſenheit nicht ganz zu den Todten und Vergeſſenen gezählt wurde?“—„Wir haben Sie nicht ver⸗ geſſen, aber gewiſſenhaft Ihrem Auftrag nach gelebt und nie von Ihnen ge⸗ ſprochen.“—„Was iſt auf Erden ſo koſtbar, als die Treue einer ächten Freundſchaft?“ rief er enthuſiaſtiſch aus.„Ich habe, wie es die Welt nennt, große Erfolge gehabt; doch was ſind ſie im Vergleich mit ſolcher Verläßlich⸗ keit? Und die lieben Mädchen— was macht Thereſe?“—„Sie befindet ſich viel beſſer, als zur Zeit Ihres Hierſeins— ja, ich kann ſie vollkommen hergeſtellt nennen.“—„Noch nicht verheirathet?“ fragte er mit einem mat⸗ ten Lächeln.“—„Nein; wir erwarten ihn erſt im nächſten Monat, und die Trauung wird wahrſcheinlich vor Weihnachten ſtattfinden.“—„Iſt er noch immer ſo verliebt?“—„Ja, und ſie auch.“—„Pah; ſie hat ſich nie viel aus ihm gemacht. Sie verſuchte es und that ihr Aeußerſtes. Ich ſah den Kampf; er war vergeblich und ich ſagte es ihr.“—„Sie ſagten es ihr?“ —„Warum nicht? Es mußte dem armen Mädchen wohl thun, daß irgend jemand in der Welt ſie verſtand und Mitgefühl mit ihr hatte. Sie iſt alſo entſchloſſen, ihn zu heirathen?“—„Ja; er kommt bloß in dieſer Abſicht zu⸗ rück.“—„Er hätte in ſeinen Briefen nie von mir geſprochen? Wiſſen Sie dies gewiß?“—„Ja, denn ich habe alle geleſen.“—„Ha!“ rief er, indem er aufſtand und ſtolz ſich in die Bruſt warf,„der Mann, welcher Randalls Reiterei führte(unter dieſem Namen waren meine Irregulären bekannt), ſollte doch Auszeichnung genug gewonnen haben, um die Erwähnung eines 278 Der Blitzſtrahl. lumpigen bengaliſchen Civilbeamten zu verdienen! Die Königin wird viel⸗ leicht die Vergeßlichkeit dieſes Herrn gut machen.“—„Wie, Sie haben die⸗ ſen ganzen ſchrecklichen Feldzug mitgemacht?“ fragte ſie haſtig.—„Den ganzen Feldzug. Ich führte ein unabhängiges Kommando und wurde vier⸗ mal verwundet; dieſe war die letzte.“ Er deutete auf eine breite Narbe über ſeinem rechten Handgelenk.„Den Bathorden zurückgewieſen.“—„Zurück⸗ gewieſen?“—„Warum nicht? Was liegt mir an dem Titel Sir? Ein Mann mit Anſichten wie die meinigen darf keine Hofgunſt annehmen. Mir genügt mein Oberſtenrang.“—„Sie ſind ſchon Oberſt?“—„Vor einem Monat noch Generalmajor, natürlich nur im Dienſt. Doch was rede ich von ſolchen Dingen? Kann ich die Mädchen ſehen? Werden ſie ſich über mei⸗ nen Beſuch freuen?“—„Oh freilich; aber ſind nicht Ihre Minuten gezählt? Ihre Depeſchen?“—„Dafür iſt ſchon geſorgt. Dieſer Säbelhieb hat ſeine Nachwehen zurückgelaſſen, die mir das Reiſen ſchwer machen, und ich habe durch den Telegraphen um die Erlaubniß gebeten, meine Papiere durch mei⸗ nen perſiſchen Diener überſenden und ſelbſt ein paar Tage der Ruhe pflegen zu dürfen. Ich weiß, Sie laſſen mich nicht ohne Pflege ſterben.“ Sie wußte nicht, was ſie antworten ſollte. Er bemerkte ihr Zögern und fügte haſtig bei:„Nicht daß ich Sie wieder mit der Geſellſchaft eines kranken Menſchen behelligen will. Ich bitte nur um die Erlaubniß, wenn ich mich wohl genug fühle, auf einen Morgen hinüberkommen zu dürfen. Das Gaſthaus hier iſt ſehr gemächlich, und obſchon es mir lieb iſt, daß Onofrio mich nicht erkannt hat, wird er ſich doch bald in meine Bedürfniſſe finden. Ich kann Sie zurück begleiten; oder meinen Sie, der Beſuch einer ſo ſchrecklichen Perſon bedürfe einer beſonderen Vorbereitung?“—„Oh, ich denke, Sie können mit kommen,“ verſetzte ſie lachend, obſchon ihr dabei nichts weniger als wohl zu Muthe war.—„Gut, ich habe hier einige Kleinigkei⸗ ten, die ich in paſſendere Hände niederlegen möchte, als die meinigen ſind. Sie wiſſen, uns Unregelmäßigen wird mehr zugeſtanden, als unſeren Ka⸗ meraden, und ich bin in dieſer Beziehung glücklicher geweſen, als viele an⸗ dere.“ Bei dieſen Worten öffnete er einige Pretioſenetuis, die er jedoch ſchnell wieder ſchloß, Miß Grainger nur einen flüchtigen Blick auf ihren glänzenden Inhalt geſtattend.„Beiläufig,“ er nahm aus einem derſelben eine koſtbare Perlennadel heraus und ſteckte ſie in ihren Shawl,„mit ſolchen Dingen werden in Indien die Halstücher befeſtigt.“—„Oh, mein lieber Oberſt Randall!“—„Bitte, nennen Sie mich nicht Oberſt. Für Sie bin ich wie früher Heinz Randall. Auch wünſche ich nicht ſtets an mein früheres Von Franz Klauer. 279 Leben und deſſen ſchreckliche Aufregungen erinnert zu werden. Wollen wir aufbrechen?“—„Recht gerne; ich dachte nur, ob's für Sie nicht zu viel ſein wird, wenn Sie am Abend wieder zurückrudern ſollen.“ Sie hatten während der Fahrt auf dem See ſchon von allerlei geſpro⸗ chen, als auf einmal Miß Grainger anfing:„Da fällt mir eben ein— ich habe einmal verſucht, Nachricht von Ihnen zu erhalten, und deßhalb an Ihre Couſine Miß Sophie geſchrieben.“—„Sie haben ihr geſchrieben?“ fuhr Randall wild auf.„Und was erhielten Sie zur Antwort?“—„Da iſt ſie,“ ſagte ſie, den Brief hervorziehend.—„Hm! hum!“ murmelte er;„das iſt ſehr roh. Und iſt Ihnen über die Urſache ihres Zornes nie eine Ahnung ge⸗ kommen?“—„Wie ſollte ich? Was könnte der Grund ſein?“—„Der ge⸗ wöhnlichſte von der Welt— Eiferſucht. Sophie hat gehört, daß ich ein Ver⸗ hältniß mit Ihrer Nichte unterhalte, und irgend eine wohlmeinende Klatſchbaſe hat ihr ſogar in den Kopf geſetzt, es ſei zu einer geheimen Heirath gekom⸗ men. Mein Onkel, der ſich ſonſt nicht um mich kümmert, hat mir darüber einen empörenden Brief geſchrieben und mich kategoriſch gefragt, ob ich wirk⸗ lich verheirathet ſei, worauf ich ihm in vier Worten zurück antwortete:„Ich wollte, ich wär's.“ Von da ab hörte all unſer Verkehr auf. Seit ich mich ausgezeichnet, zieht er freilich andere Saiten auf, denn er ließ gegen meinen Sachwalter den Wink fallen, daß der Name Randall nicht von dem alten Beſitzthum Rocksley getrennt werden ſollte; doch davon können wir ein ander⸗ mal ſprechen. Was ſagten Ihre Nichten zu Sophiens Schreiben?“— „Nichts; denn ſie haben nie erfahren, daß ich ſchrieb.“—„Sehr klug von Ihnen. Ich kann Ihr verſtändiges Benehmen in dieſer Angelegenheit nicht genug loben.— Alſo noch vor Weihnachten ſoll die Hochzeit ſtattfinden?— „So liegt's wenigſtens im Plan.“— ,Und er will ſie mit nach Indien neh⸗ men?“ Sie nickte.„Das arme Mädchen! Hat ſie denn in der ganzen Welt keinen Freund, der ihr ſagt, wie ärmlich das Leben eines untergeordneten Beamten in dieſem traurigen Land der Pracht und des Elends iſt? Indien iſt ſchlimmer, als irgend eine Strafkolonie. In den Wildniſſen von Neuſee⸗ land, auf der entlegendſten Inſel des ſtillen Weltmeeres hat man doch eine freie, geſunde Himmelsluft, und man kann baden, ohne einen Allegator zur Geſellſchaft zu haben, ſich in's Gras legen, ohne den Biß einer Cobra befürchten zu müſſen; doch in Indien hat man ſtets den Tod vor Augen, und zwar den Tod in ſeiner gräßlichſten Geſtalt.“—„Sie erſchrecken mich!“ rief Miß Grainger in großer Aufregung.—„Das will ich nicht, ſondern nur warnen. Hätte ich eine Tochter und es bäte mich ſo ein bengaliſcher Be⸗ 280 Der Blitzſtrahl. zirksrichter um ihre Hand, ſo würde ich zu ihr ſagen:„Werde lieber eine Kuhmagd in Neucaledonien, denn dort iſt wenigſtens die Armuth keine Schande. Was willſt du in einer Geſellſchaft, wo der Arme verachtet iſt und Be⸗ ſchränktheit der Mittel als ein Brandmal gilt?“—„Von alledem ſagt Jo⸗ ſeph nichts. Er iſt ſehr zufrieden mit ſeinem Loos und blickt hoffnungsvoll in die Zukunft.“—„Hat nicht Ihre Nichte zehn⸗ oder zwölftauſend Pfunde?“ —„Fünfzehn.“—„Je nun, es preſſirt ihm mit der Sicherheit, auf die er borgen will, wie einem anderen ſpitzbübiſchen Spekulanten.“—„Oh, ſpre⸗ chen Sie nicht ſo, Mr. Randall. Joſeph iſt nicht unredlich.“—„Jeder Menſch iſt ein Schelm nach ſeiner Fähigkeit. Kluge Köpfe bedürfen keiner Hinterliſt, denn ſie erzielen ihre Erfolge durch ihren beſſeren Verſtand. Doch reden wir nicht mehr von dieſem Lander; der vorliegende Fall kann in Er⸗ wägung genommen werden ohne ihn.“—„Wie iſt dies möglich, wenn er ſie heirathet?“—„Ah— wenn— wenn! Meine liebe Freundin, wo ein Wenn in Frage kommt, thut man am beſten, ſich auf keine Debatte einzulaſſen, aus dem einfachen Grund, weil man ſeine Logik an eingebildete Dinge verſchwen⸗ det und man kein Mauerwerk auf einen Unterbau aus Karten ſetzt. Iſt es denn ſo unumgänglich nöthig, daß ſie dieſen Mann heirathet, wenn er dar⸗ auf beſteht?“—„Natürlich— um ſo mehr, da ſie ihn liebt.“—„Ihn liebt! Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß Sie ſich täuſchen? Er hat ſie in ein halbes Zugeſtändniß verſtrickt, und ſie beharrt darauf, theilweiſe weil ſie's für Pflicht hält, theilweiſe aus Eigenſinn; allein es geht ihr hier wie ſo vielen Leuten mit ihrer Religion— ſie beharren auf ihr, weil ſich niemand die Mühe nimmt, ſie zu einem anderen Glauben zu bekehren.“— „Solche Dinge müſſen Sie nicht zu mir ſagen!“ rief ſie in großer Auf⸗ regung.„Sie haben eine Art, über alles und jedermann Zweifel aufzuwer⸗ fen, ſo daß ich mich immer elend fühle und mich frage, ob man denn gar nichts mehr glauben, niemand mehr trauen dürfe.“—„Wenigſtens nicht vielen,“ entgegnete er mit einem Seufzer.„Es iſt kein ſehr erquicklicher Be⸗ leg für die Güte der Welt, daß der Menſch, je älter er wird, eine um ſo ſchlimmere Meinung von ihr gewinnt. Doch habe ich nicht unter den Bäu⸗ men dort ein weißes Gewand flattern ſehen? Ja, es iſt Thereſe ſelbſt; ich erinnere mich noch der Art, wie ſie ihr Taſchentuch ſchwenkt. Ich will ihr in der alten Weiſe antworten.“ Er ſtand in dem Boot auf und machte über ſeinem Kopf mit dem Taſchentuch eine Kreisbewegung.„Sie ſieht es und eilt nach Haus. Wie hurtig ſie iſt! Bei meinem letzten Hierſein hätte ſie nicht ſo ſchnell gehen können.“—„Sie wird es Helenen ſagen wollen.“— * Er blie fuhr gege konn den das Von Franz Klauer. 281 Er gab keine Antwort, ſondern bedeckte das Geſicht mit den Händen und blieb ſtumm und regungslos ſitzen, bis das Boot an dem Landungsplatz auf⸗ fuhr. Sie ſtiegen aus.—„Ich hätte gedacht, die Mädchen kämen uns ent⸗ gegen,“ ſagte Miß Grainger mit einer Aergerlichkeit, die ſie nicht unterdrücken konnte; aber Randall ging neben ihr her, ohne etwas zu bemerken.—„Ich denke, Sie kennen den Weg hier,“ ſagte ſie mit einem Lächeln, indem ſie auf das Beſuchzimmer deutete. Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Rückkehr. Als Randall ſich allein im Zimmer ſah, war es ihm, als ſei er nie fort geweſen. Er fand alles noch ſo, wie er es verlaſſen. Da ſtand der Sopha vor dem Gartenfenſter, auf welchem Thereſe zu ruhen pflegte, dort der kleine Arbeitstiſch mit der Blumenvaſe, und in der Ecke lag das Kiſſen für ihr Dächslein. An der Zimmerdecke hing der Käfig mit ihrem Lieblingskana⸗ rienvogel, und auf dem Bücherſims befanden ſich noch dieſelben Bücher, die er mit ihr zu leſen pflegte, Petrarca, Tennyſon und Uhland. Wie reich an Erinnerungen waren dieſe Gemächer, in welchen er einige Wochen ſeines Lebens verträumt hatte, wenn auch nicht gerade als Liebender, ſo doch in einer der Liebe verwandten Stimmung. Jedes Plätzchen, jeder Stuhl, jeder Fenſterſitz erinnerte ihn an ein Stückchen Vergangenheit. Als er Thereſens Arbeitstiſch muſterte, fiel ihm ein kleines Marokinetui in die Hände; er öff⸗ nete es und erblickte ein Miniaturporträt von Lander, dem Manne, den er auf Erden am meiſten haßte. Das Porträt war ſchlecht ausgeführt, indem es dem ruhigen Geſicht des Originals einen Ausdruck von affektirter Gedan⸗ kentiefe und Würde verlieh; Randall hielt es auf Armslänge vor ſich hin und brach in ein höhniſches Lachen aus. Er hatte kaum Zeit, es wieder auf den Tiſch zu legen, als Helene eintrat.„Oh, Oberſt Randall—“ rief ſie. „Warum nicht Heinz, Bruder Heinz, wie Sie mich ſonſt zu nennen pflegten, liebe Helene?“ entgegnete er, mit ſeinen beiden Händen ihre Rechte ergreifend.„Womit habe ich meinen alten Platz in Ihrer Achtung ver⸗ ſcherzt?“—„Mit nichts; aber es hat ſich alles ſo verändert. Sie ſind ein großer Mann geworden, während für uns die Welt ſtillgeſtanden iſt.“— „Und wo iſt Ihre Schweſter? Kommt ſie nicht, um mich zu begrüßen?“— „Ihr Winken vom Boot aus hat ſie ſo erſchreckt, daß ſie auf ihr Zimmer gegangen iſt. Tante Grainger befindet ſich bei ihr, und läßt Ihnen ſagen— 282 Der Blitzſtrahl. ach, Sie werden es doch nicht als Unfreundlichkeit aufnehmen—.“—„Nichts, was von Ihren Lippen kommt, kann unfreundlich ſein. Sprechen Sie.“— „Ach ich kann nicht!“ rief ſie, bedeckte das Antlitz mit den Händen und brach in Thränen aus.—„Wie unbeſonnen von mir! Ich hätte nicht gedacht, daß ich durch meinen Beſuch Jammer unter dieſes Dach bringen könnte. Gehen Sie zurück und ſagen Sie zu Ihrer Tante, ich laſſe ſie für fünf Minuten um ihre Geſellſchaft bitten; ich ſehe ein, wie ſehr ich zu tadeln ſei, daß ich nicht bedacht, meine Gegenwart hier könne nur traurige Erinnerungen wecken. Sagen Sie ihr dies und reichen Sie mir, ehe Sie gehen, die Hand zum Ab⸗ ſchied.“—„O Heinz, ſprechen Sie nicht ſo. Ich ſehe, Sie ſind böſe auf uns und halten uns alle für unfreundlich; aber es war die Plötzlichkeit Ihrer Ankunft, und Thereſe iſt in letzter Zeit ſo angegriffen, daß man allen nur erdenklichen Vorſtellungen Raum gibt.“—„Sie glaubt natürlich,“ entgeg⸗ nete er ſtolz,„ich ſei zurückgekommen, um ſie mit Aufmerkſamkeiten zu ver⸗ folgen, die ſie ſchon einmal zurückgewieſen hat. Iſt's nicht ſo?“—„Nein, ich glaube nicht. Das konnte ſie nicht denken, ſo bald Sie wiſſen, daß ſpä⸗ teſtens in zwei Monaten ihre Verehelichung ſtattfinden wird.“—„Entſchul⸗ digen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Sagen Sie Ihrer Schweſter, daß ſie von mir nichts zu befürchten habe. Ich bemerke, daß Sie mich ſehr verän⸗ dert finden, Helene— ich bin ſehr alt und hager geworden. Gut; gehen Sie zurück und ſagen Sie ihr, die Veränderung meines Innern ſei noch weit größer als die meines Aeußeren. Der tolle Heinz ſei ſo zahm, ruhig und alltäglich geworden, wie jener Gentleman in dem Marokinfutteral, und wenn ſie ſich herablaſſen wolle, mich zu ſehen, ſo werde ſie ſich überzeugen, daß keines von uns künftig Urſache habe, das andere für gefährlich zu halten.“ Er ſprach dies mit einer ſtolzen Anmaßung, welche Helenen alles Blut nach den Wangen trieb.„Ich will gehen und mit der Tante ſprechen,“ ſagte ſie endlich.—„Thun Sie ſo,“ erwiderte er, warf ſich nachläſſig in einen Seſſel und griff das zunächſtliegende Buch auf. Nachdem er, ohne zu leſen, eine Weile darin geblättert, trat Miß Grainger ein. Sie war verwirrt, ſuchte es aber thunlichſt zu verbergen. „Wir bereiten Ihnen einen ſehr ſeltſamen Willkomm, Oberſt— Mr. Randall; doch Sie kennen uns ja von alten Zeiten her und wiſſen, wie er⸗ regbar die liebe Thereſe iſt. Sie befindet ſich jetzt beſſer und wird Sie em⸗ pfangen, wenn Sie hinaufkommen wollen.“—„Sehr verbunden,“ egigeg⸗ nete er mit einer tiefen Verbeugung;„allein es wird beſſer ſein, wenn ich ſie nicht incommodire. Ein erzwungener Beſuch iſt, für mich wenigſtens, der zu verſte wollt vorli Von Franz Klauer. 283 ſehr peinlich, und ich möchte lieber die alten glücklichen Erinnerungen unge⸗ trübt durch einen ſolchen Schatten mit fort nehmen. Gehen Sie daher wie⸗ der zu ihr und ſagen Sie ihr, ich glaube den Grund ihrer Zurückhaltung zu verſtehen und ſei ihr aufrichtig dankbar für die Güte, die ſie mir erweiſen wollte. Eine ſolche Rückſicht,“ fügte er mit mattem Lächeln bei,„iſt in dem vorliegenden Fall unnöthig, und ich bedaure nur, daß der Oberſt Randall mit all ſeinen Erfolgen nicht halb ſo gut angeſchrieben ſteht, als der tolle Heinz, der kaum über eine Guinee zu gebieten hatte.“—„Aber Sie werden doch hier über Nacht bleiben?“—„ Ich bitte, mich zu entſchuldigen. Als ich mit Ihnen herüberkam, beabſichtigte ich hauptſächlich, Ihre Nichten um die Annahme einiger Schmuckſachen zu bitten, die ich für ſie mitgebracht hatte. Es iſt wohl kein geeigneter Augenblick dafür; deßhalb erſuche ich Sie, die Sachen aufzuwahren und ſeiner Zeit in meinem Namen ſie als Geburtstags⸗ geſchenke zu verwenden. Dies iſt für Thereſe, und dies wird hoffentlich He⸗ lene nicht zurückweiſen.“—„Ach, Sie müſſen nicht gehen; ich bitte, bleiben Sie— wir können einen Abend ſo glücklich bei einander ſein, und es gibt ſo viel zu beſprechen. Dann dieſe ſchönen Sachen da— ich bin überzeugt, daß ſie ſchön ſein müſſen—.“—„Sie ſind in ihrer Art intereſſant,“ verſetzte er, von einem Etui den Deckel aufſpringen laſſend und vor ihren Augen ein Halsband von Perlen und Brillanten, das eine Königin hätte tragen können, enthüllend.—„Oh, Oberſt Randall, unmöglich könnte meine Nichte eine ſo koſtbare Gabe annehmen. Ich habe in meinem Leben nichts prachtvolleres geſehen.“—„Man hält dieſe Ohrgehänge für ſchön,“ fuhr er fort.„Sie ſollen einer Frau des Königs von Delhi gehört haben und gelten für die größten Perlen in Indien.“—„Die Mädchen müſſen ſie ſehen, obſchon ich zum voraus ſage, daß nichts auf Erden ſie bewegen wird, ſie anzunehmen.“ —„So mögen ſie dieſelben nur genau betrachten, denn nach ihnen wird ſie niemand mehr zu Geſicht bekommen.“—„Was wollen Sie damit ſagen?“ —„Daß ich ſie in den See dort werfen werde. An ein zurückgewieſenes Geſchenk heften ſich keine angenehmen Erinnerungen.“—„Sie werden doch nicht ſo thöricht ſein!“—„Kennen Sie den Charakter der Randall ſo we⸗ nig?“—„Oh, Sie ſind noch immer der Alte!“ rief ſie in großer Erregung. —„Nur in einzelnen Punkten. Beiläufig, dies iſt ein Miniaturporträt von mir, in Indien aufgenommen. Fragen Sie Helene, ob ſie es zum Andenken an mich hin und wider tragen wolle.“—„Wie ähnlich— und welches präch⸗ tige Koſtüm!“—„So trug ich mich in Gala; allein ich ziehe meine Dienſt⸗ uniform vor— ich glaube, ſie läßt mir beſſer.“—„Nichts kann Ihnen beſſer —— 284 Der Blitzſtrahl. ſtehen als dies,“ ſagte ſie bewundernd;„aber auch hier ſind Diamanten.“— „Nur ein Reif mit meinen Namensbuchſtaben— kein beſonderer Werth. Thun Sie damit, was Sie wollen. Und nun Adieu. Tanti saluti de la parte mia an die Damen. Sagen Sie Helenen, es ſei ſehr garſtig von ihr gewe⸗ ſen, daß ſie mir nicht die Hand geben wollte; wenn ſie aber dieſes Medaillon annehme, ſo ſolle ihr verziehen ſein. Leben Sie wohl.“ Und ehe Miß Grain⸗ ger antworten konnte, hatte er ſich durch die Glasthüre entfernt. Als Randall den Landungsplatz erreichte, war der Bootsmann nicht dort; doch lag das Boot mit den Rudern an der Treppe angeſchloſſen. Er verſuchte das Schloß mit einem Steine zu zerſchlagen, was ihm auch endlich gelang. Wie er eben in das Boot ſteigen wollte, hörte er hinter ſich Tritte, und als er ſich umwandte, ſah er Helenen in aller Eile einherkommen.„O Heinz, lieber Heinz,“ rief ſie,„gehen Sie nicht fort. Thereſe iſt wieder ganz wohl; dort kommt ſie am Arm der Tante. Gehen Sie ihr entgegen.“— „Nicht einen Schritt, Helene,“ erwiderte er.„Es gibt eine Grenze für die Unbill, die ein Mann ertragen kann, und Ihre Schweſter hat ſie überſchrit⸗ ten. Will ſie kommen und mir hier Lebewohl ſagen, gut; wo nicht, ſo liegt auch nichts daran.“—„Hätte ſie dieſe Ihre Worte gehört, Oberſt Randall, ſo thäte ſie ſicherlich keinen Schritt mehr, und wenn— wenn—.“—„Es die Rettung meines Lebens gälte, wollen Sie ſagen? Ich glaub' es,“ ent⸗ gegnete er mit einem trotzigen Lachen. „Da kommt Thereſe, ſo ſchwach und wankend ſie auch iſt, um Sie zu bitten, bei uns zu bleiben,“ ſagte Miß Grainger;„Sie werden nicht das Herz haben, es ihr abzuſchlagen.“—„Ich glaube nicht, daß eines von uns viel von Mr. Randalls Herz oder dem weiß, was es zu thun fähig iſt,“ be⸗ merkte Helene halb entrüſtet, indem ſie ſich abwandte. Es war gut für ſie, daß ſie dies that, denn der grimmige Blick, den Randall in dieſem Moment ihr zuſandte, würde ihr Entſetzen eingeflößt haben.—„Sie ſchlagen es mir nicht ab,“ ſagte Thereſe, ihre Hand auf ſeinen Arm legend.„Es iſt Ihnen wohl bekannt, daß ich nur ſelten um eine Gunſt bitte, dann aber nicht an eine Verweigerung gewöhnt bin.“—„Ich war ſtets Ihr Sklave und ver⸗ lange nichts Beſſeres, als es noch zu ſein,“ flüſterte er ihr zu.—„Sie blei⸗ ben alſo?“—„Auf Ihr Geheiß, ja; allein vergeſſen Sie nicht, daß ich eben ſo wenig die Verweigerung einer Gunſt ertragen kann.“—„Darüber ſpre⸗ chen wir ein andermal. Geben Sie mir jetzt Ihren Arm und führen Sie mich nach dem Haus zurück, denn ich fühle mich ſehr ſchwach. Haben Sie Helene böſe gemacht?“ fügte ſie bei.—„Vielleicht,“ antwortete er unbeküm⸗ zerth. parte ewe⸗ illon rain⸗ nicht Er dlich ritte, Von Franz Klauer. 285 mert.—„Ihr ſeid ſonſt ſo gute Freunde geweſen; dies wird doch nicht an⸗ ders geworden ſein?“—„Ich hoffe nicht; und wenn es wäre, ſo wird es ſich wieder gut machen laſſen. Sie müſſen bedenken, Thereſe,“ fügte er ern— ſter bei,„daß ich mich ſehr verändert habe. Mein Stolz, meine Empfind⸗ lichkeit iſt ſehr abgeſchwächt und das Herz, das Sie zurückgewieſen, kalt; es hat nur noch ein Gefühl bewahrt, das der Dankbarkeit. Ich kann ſehr dank⸗ bar ſein und bin es jetzt ſchon.“— Sie gab darauf keine Antwort, und ſchweigend traten ſie in das Haus. Zwriundzwanzigſtes Kapitel. Ein Brief mit Bekenntniſſen. Folgenden Brief ſchrieb Randall drei Wochen nach den im vorigen Kapitel berichteten Ereigniſſen an ſeinen Freund Drayton. „Ich wußte wohl, daß mein ſchwarzer Burſche Dich auffinden würde, obſchon er kein Wort Engliſch verſteht und zu Dir keinen andern Leitfaden beſaß, als Deinen Namen und eine Karte von England. Es freut mich, zu vernehmen, daß Du in ſo weit mit dem Hindoſtaniſchen vertraut biſt, um mit ihm ſprechen und von ihm einige der Abenteuer hören zu können, die meine natürliche Beſcheidenheit Dir mitzutheilen nicht erlaubt hätte. Wie aus Deinem Schreiben hervorgeht, iſt er die Aufrichtigkeit ſelbſt geweſen und hat viel bekannt, was ein Menſch von blaſſerer und dünnerer Haut nie ent⸗ hüllt haben würde. Alles wahr, lieber Freund; wir haben unſere Brigan⸗ dage in großartigem Stil betrieben und unſere Priſengelder getheilt ohne Beihülfe eines Priſengerichts. Behalte die Schmuckſachen mit ruhigem Ge⸗ wiſſen, und wenn ſie aus Deinen Händen in noch weniger würdige über⸗ gehen, ſo laß Dich durch das Sprichwort tröſten:„Wie gewonnen, ſo zer— ronnen.“ Ich muß Dir beipflichten, daß es nicht gerathen ſein dürfte, große Edelſteine in England zum Verkauf auszubieten. Sanct Petersburg und Wien ſind ebenſo gute Märkte und ſicherer.— El. J. hat Dir bereits unſer Entkommen nach Kaſchmir berichtet; laß Dir auch von ihm erzählen, wie wir Manſerg abfingen und das Keylerbag⸗Halsband unter ſeinem Sattel fanden. Ein königlich engliſcher Offizier als Freibeuter— welche Ungeheuer⸗ lichkeit! Meine Abenteuer im Oſten will ich Dir mittheilen, wenn wir zu⸗ ſammentreffen— über das Wann und Wo werde ich Dir in meinem näch⸗ ſten Brief Auskunft geben können. Gedulde Dich und reſpektire mein Zart⸗ gefühl.— Ich weiß, Du biſt begierig, zu erfahren, warum ich nicht näher 286 Der Blitzſtrahl. bei England oder doch bei Paris bin, und mich drängt es ebenſo ſehr, es Dir zu ſagen. Die Adreſſe dieſes Briefes gibt Dir Auskunft über meinen Auf⸗ enthalt— warum ich eigentlich hier bin, weiß ich ſelbſt nicht. Vielleicht fühle ich mich deßhalb hier gefeſſelt, weil der Platz gefährlich iſt, wie ja die Men⸗ ſchen nach der Stelle hingezogen werden ſollen, wo ſie ein ſchweres Verbre⸗ chen begangen haben. Dies trifft übrigens bei mir nicht einmal zu, und ich kann mir nicht denken, warum ich an dieſer Küſte feſtliege, es ſei denn, weil ſie ein Legerwall und ein Scheitern an ihr recht wohl möglich iſt. Ein bis⸗ chen Liebe vielleicht? Nein, Algy; für einen Mann meines Schlages iſt es nicht ſo leicht, ſich zu verlieben. Dazu gehören unterſchiedliche Eigenſchaften, deren ich mich, wenn ich ſie je beſaß, nicht mehr rühmen kann. Es fehlt mir an dem Vertrauensduſel, der Leichtgläubigkeit; ich blicke ſelten in die Ver⸗ gangenheit, nie in die Zukunft, glaube weder einem anderen, noch verlange ich, daß mir jemand glauben ſoll. Ich habe zu viel von dem Leben geſehen, um ein Träumer zu ſein; die Wirklichkeit läßt in mir keine Romantik auf⸗ kommen. Und ſchließlich kann ich aus der Anweſenheit gewiſſer Eigenſchaf⸗ ten bei einem Weib nicht die Folgerung ziehen, daß ſie auch fünfzig andere beſitze, die ich an ihr wünſchen muß. „Ich glaube nur, was ich ſehe, und meine moraliſchen Augen ſind mit dem Staar behaftet. Und trotz alledem iſt da ein Mädchen— dasſelbe, von dem ich Dir früher geſchrieben— ſie zu heirathen wäre mir lieber, als wenn ich König von Agra ſein könnte mit einem britiſchen Generalgouverneur als Waſſerträger. Die verrückteſte Eiferſucht, die man ſich denken kann, iſt die einem Mädchen gegenüber, in das man nicht verliebt iſt. Indeß bin ich noch nicht toll, höchſt edler Drayton, obſchon bisweilen ſo nahe daran, daß meiner Umgebung Gefahr droht. Mit derſelben Feſtigkeit, mit welcher dieſes Mäd⸗ chen ſagt, ſie wolle mich nicht, habe ich mir ſelbſt geſchworen, daß ſie mein werden müſſe. Es iſt ein ehrliches, offenes Spiel, und ich überlaſſe es Dir, der Du die Wetten liebſt, auf die gewinnende Partie zu pariren. Ich habe viel hübſchere und viel geſcheidtere Frauen geſehen, wie ich denn überhaupt nicht viel an ihr hervorheben kann. Sie iſt keine Reiterin im eigentlichen Sinn, was für mich ehedem eine conditio sine qua non geweſen wäre, und zeichnet ſich in gar nichts aus, obſchon ſie den Eindruck auf einen macht, ſie könnte es in allem, wenn ſie nur wollte. Was mich übrigens hauptſächlich an ſie feſſelt, iſt der Umſtand, daß ſie mich zurückweist und alle meine Künſte bei ihr nicht verfangen wollen. Nach meiner Ankunft bemerkte ich bald, ſie ſei auf eine regelmäßige Belagerung vorbereitet und erwarte von mir eine unge nahn lich wirre woll wurd ſchwe und weiſ lieg glüc obi ben den ſie! ließ 3Dir Auf⸗ fühle Men⸗ ebre⸗ id ich weil bis⸗ iſt es aften, tmir Ver⸗ lange ehen, auf⸗ haf⸗ dere Von Franz Klauer. 287 ungeſtüme Liebeswerbung. Ich vernagelte daher mein ſchweres Geſchütz und nahm die Haltung friedlicher Indolenz an. Ich ſchlenderte umher, hauptſäch⸗ lich allein, indem ich ſie weder vermied, noch ſuchte; dies brachte ſie in Ver⸗ wirrung, da ſie ſich nicht denken konnte, was ich mit einem ſolchen Verhalten wollte. Einen Erfolg kann ich es nennen, daß dadurch ihr Intereſſe geweckt wurde; ich bemerkte, daß ſie mich beobachtete und ſtudirte. Sie nahm ſogar ſchwache Anläufe zu kleinen Vertraulichkeiten:„ſah, daß ich unglücklich ſei und etwas auf dem Herzen habe.“ Nun ja, auf meinem Herzen, beziehungs⸗ weiſe Gewiſſen, wenn mich die Natur mit dieſem Artikel beſchwert hätte, liegt genug; aber ich beantwortete Andeutungen ſtets mit nein; ich ſei weder glücklich noch unglücklich. Eines Tages warf ſie ſogar die Bemerkung hin, ob ich vielleicht Unglück in der Liebe gehabt habe; ich zog dies in Abrede und bemerkte, daß ſie dabei erblaßte. Nachdem ich ſie in dieſer Weiſe verſchie⸗ dentlich geärgert, erſchütterte ich ihre Anſichten in anderen Dingen, erſchreckte ſie mit dem Widerſpruch, in welchem die Geologie mit der Geneſis ſteht, und ließ ihr die Wahl zwiſchen Cuvier und Moſes. In Beziehung auf Indien machte ich ihr weiß, wir alle ſchämten uns herzlich über das, was dort vor⸗ gehe, ſprach von dem Hindu als einem Muſtermenſchen und verſicherte ihr, wenn alle unſere Ungeheuerlichkeit durch die Preſſe an's Licht käme, würde ganz Europa ſich erheben und uns vertilgen. Deßhalb habe ich auch weder den Bathorden noch das Viktoriakreuz angenommen. Mit einem Wort, ich verſetzte ſie in jene unruhige, fieberige Gemüthslage, in welcher aller Glau⸗ ben den Beigeſchmack thörichter Leichtgläubigkeit gewinnt und im Licht des Aberglaubens erſcheint. „Bisher iſt Landers mit keiner Silbe Erwähnung geſchehen; geſtern aber langte ein gewiſſer Stockwell, ein Photographiſt, mit einem Empfeh⸗ lungsſchreiben an, in welchem L. ihn ſeinen intimen Freund nennt, der in Aufträgen der Königin u. ſ. w. nach Indien reiſe. Wir hatten ihn beim Diner, und der Burſche ſprach, wie dergleichen Menſchen gerne thun, viel von ſich und den vornehmen Leuten, die er photographirt hatte. Abends muſterten wir ſeine Mappe, und der gemeine Kerl ſchwelgte ſo ſehr in ſeiner hohen Ariſtokratie, daß er Lander ganz ignorirt haben würde, wenn ich ihm den Freund nicht in die Erinnerung gerufen hätte; nun aber ſprach er von dem„armen Joſeph“ in einem ſo mitleidigen Tone, daß er meine volle Zu⸗ neigung gewann. Er war auch in dem Pfarrhaus geweſen und hatte geſehen, wie ärmlich es dort zuging. Ich lachte ſo herzlich über ſeine dummen Schil⸗ derungen und faden Späße, daß der Eſel ſich wirklich für witzig hielt und 288 Der Blitzſtrahl. ſie wiederholte. Stelle Dir Thereſe vor, bald leichenblaß, bald ſcharlachroth und jeden Augenblick bereit, in zornige Entrüſtung auszubrechen, wenn nicht die jungfräuliche Scheu ihr Einhalt gethan hätte. Um eilf Uhr konnte ſie's nicht länger ertragen und ging unter dem Vorwand heftigen Kopfweh's zu Bette.— Ein intimer Freund kann einem in der Achtung des Weibes ſchwer ſchaden, und ich ſchenkte dieſem Stockwell wahrhaftig nichts. Du haſt mich in dieſer Rolle ſchon geſehen und weißt, was ich darin zu leiſten vermag.— „Wie nur Joſeph einen ſolchen Menſchen Freund nennen kann!“ rief He⸗ lene, nachdem er ſich entfernt hatte.—„Warum nicht?“ entgegnete ich;„ſie ſcheinen für einander geſchaffen zu ſein.“— Thereſe wollte dieſen Morgen mit mir eine Fahrt auf dem See machen, kam aber nicht, weil ſie nicht wohl (lies verſtimmt) ſei. Dieſe Abſage war mir ſehr ärgerlich, weil ich nach den Erfolgen des letzten Abends, an welchem ihr L. in einer ſo traurigen Figur erſchien, auf weitere rechnete. Der Zwang, den ich mir aufgelegt, macht mich nachgerade halb wüthend, und was auch daraus werde, es muß ein Ende nehmen. Wir haben heute den 4.; am 10. berührt das Dampfſchiff von Alexandrien aus Malta; am 14. wird L. in Livorno eintreffen, und zwei Tage ſpäter haben wir ihn hier; das heißt, nach zwölf Tagen muß die Be⸗ lagerung aufgegeben werden. Ein zum Tod verurtheilter Verbrecher kann dem Tag ſeiner Hinrichtung nicht mit halb ſo viel Herzweh entgegenſehen, als ich jetzt empfinde.— Ich gäbe weiß Gott was darum, wenn ich Dich in meiner Nähe hätte, obſchon ich mir alles vergegenwärtigen kann, was Du ſagen würdeſt. Ich ſolle mir's aus dem Sinn ſchlagen und dergleichen; aber ich kann nicht. Iſt es nicht unerträglich, daß ein Mann, der ſich mit ſechzehn Bewaffneten durch ganz Lahore einen Weg gebahnt und durch Ihrer Ma⸗ jeſtät leichte Reiterei eine Gaſſe gehauen hat, Schamäde ſchlagen ſoll vor einem jungen Mädchen, das ſich weder durch Reichthum, noch durch Rang oder Schönheit auszeichnet, ſondern einfach dadurch zum Sporn wird, daß ſie ihn nicht haben will? Wohlgemerkt, ich habe ihr ſeit meinem letzten Hier⸗ ſein keine Gelegenheit gegeben, dies auszuſprechen; aber gleichwohl ſehe ich, daß ſie mein Inneres durchſchaut hat und daß ſie mir trotzt. Soll ſie zur Trauung gehen mit dem innerlichen Bewußtſein dieſes Sieges? Der Ge⸗ danke könnte mich wahnſinnig machen. In dieſem Augenblick, während ich müſſig hier ſitze, eilt jener Kerl durch Egypten oder durchpflügt die Fluten des rothen Meeres, um hieher zu kommen und ſie zu heirathen. Ich frage Dich, welche Summe von Philoſophie dazu gehört, um dies auszuhal⸗ ten.— Ich werde in der nächſten Woche von hier fort müſſen, jedoch nicht um i bar n denke, ander zu me daß ie mire Aben nchroth nnicht te ſie's l's zu ſchwer t mich g.— ef He⸗ ; ‚ſie en mit wohl rnach grigen gelegt, muß ſſchiff zwei Von Franz Klauer. 289 um in Englands Nähe zu kommen; denn ich ſehe voraus, es wird bald ruch⸗ bar werden, wo, wie und mit wem ich meine Ferien zugebracht habe. Ich denke, ich ſchlage mich nach Amerika; es iſt dort ebenſo gut, wie irgendwo anders— doch mein Gehirn iſt nicht in der Stimmung, einen feſten Plan zu machen. Schreibe mir nicht, bis Du wieder von mir gehört haſt; denn daß ich fortgehe, iſt gewiß, nur mein Beſtimmungsort noch nicht. Was bliebe mir erſpart, wenn dieſes Mädchen nur Ja ſagen wollte! Wenn ich ſie heute Abend allein ſehe, habe ich gute Luſt, ſie zu fragen. Inzwiſchen lebe wohl. Dein Heinz R. „Nachſchrift, Abends neun Uhr.— Sie hat beim Diner in ihrer zierlichen Kleidung ungemein hübſch ausgeſehen. Das that ſie mir zum Poſ⸗ ſen. Fragte mich, ob ſie morgen die Fahrt mit mir machen ſolle. Wir wer⸗ den nach einer Inſel ausfliegen.— Die alte Grainger ſieht mich mit tan⸗ tenhaften Augen an. Sie hat bei mir ein Armband mit Karfunkeln in mattem Gold geſehen, dergleichen eines Lander ihr nicht geben könnte, wenn er ſeine Richterſtelle auf zwanzig Jahre hinein verkaufte. Ich deutete an, es ſei für meine Schwiegermutter beſtimmt, wenn ich heirathe, und ſie weiß, daß dieſe auch eine Repräſentirung zuläßt. Das iſt allerdings gar nicht nobel von mir; aber um mir den Erfolg zu ſichern, würde ich mir noch gemeinere Dinge erlauben.— Welche erſchütternde Vendetta wäre es nicht an dieſem Mädchen, wenn ſie endlich einwilligte und dann ausfindig machte, wen und was ſie geheirathet hat! Denke an die Anklagen, die über mir hängen, und die darauf geſetzten Strafen! Welcher Lärm, welche Hatz in den Flitter⸗ wochen!“ 4 In dem Umſchlag deutete er noch durch eine Zeile an, daß er morgen wieder ſchreiben werde. Dieſes Verſprechen hat er nicht gehalten. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ein Gewitter. Die in Randalls Schreiben angedeutete Waſſerfahrt war das einzige für jenen Tag projektirte Vergnügen. Es wurde verabredet, daß Stockwell nach der Villa kommen und Helenen Unterricht im Photographiren geben ſollte, in welchem ſie unter Landers Leitung ſchon einige Fortſchritte gemacht hatte; dann wollten ſie in einem Bauernhaus am See das Diner einnehmen. — Der Morgen brach wunderſchön an, und obſchon einige Wölkchen über Hausblätter. 1867. I. Bd. 19 — 290 Der Blitzſtrahl. den Alpenthälern hingen, ſpannte ſich doch der Himmel im klarſten Blau über den See. Es war einer von jenen Herbſtmorgen, an welchen das weiche Kolorit der vorgerückten Jahreszeit ſich mit der milden Luft des Frühlings mengt und alle Züge der Landſchaft in ihrer vollſten Schönheit ſich entfal⸗ ten. Thereſe und Randall wollten die Iſola de San Giulio beſuchen und bis Pella gehen, um zu Kühlung des Weines Eis und Schnee mitzubringen, auf daß, wie Randall meinte, das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden werde.— Noch vor dem Frühſtück überlief den Himmel eine Trübung, und über dem Scheitel des Monterone ſtand regungslos eine ſchwere ſchwarze Wolkenmaſſe.—„Was haltet Ihr von dem Wetter, Carlo?“ fragte Ran⸗ dall den alten Bootsmann der Villa, als dieſer kam, um zu melden, daß alles bereit ſei.—„Wer weiß, Excellenza?“ entgegnete der Italiener achſelzuckend. „Der Monterone iſt ein Schelm, dem man nicht trauen darf. Verzieht ſich jene Wolke, ſo wird der Tag ſchön; bringt aber der Wind friſche von den Alpen her, ſo gibt es eine Burrasca.“—„Ihr kommt immer mit Eurer Burrasca,“ verſetzte Randall verächtlich.„Hättet Ihr nur ein einigesmal in Eurem Leben einen wahren Sturm geſehen, ſo ſprächet Ihr nicht mehr von dieſen Wetterchen, in welchen Regen und Schloſſen den meiſten Lärm machen.“—„Was ſagt er vom Wetter?“ fragte Thereſe, als Randall mit Carlo nach einer Stelle ging, die eine freiere Ausſicht über den See geſtat⸗ tete.—„Wenn es nicht winde oder regne, ſo werde es wahrſcheinlich ſchön werden,“ verſetzte Randall;„dies höre ich von ihm, ſeit ich hier bin, jeden Tag.“—„Wie ſteht's mit der ſchönen Forelle, die Ihr verſprochen, Carlo?“ —„Sie iſt in Gozzano, Excellenza; wir können ſie im Vorbeigehen mit⸗ nehmen.“—„Aber wir wollen ja in die entgegengeſetzte Richtung— nach der Inſel und nach Pella.“—„Das iſt etwas Anderes,“ verſetzte der alte Mann mit einem abermaligen Achſelzucken.—„Hat es nicht eben gedon⸗ nert?“ rief Miß Grainger.—„Da droben brummt's immer,“ ſagte Ran⸗ dall, nach dem Simplon deutend.—„Haſt du wegen Mr. Stockwell mit ihm geſprochen, Helene?“ flüſterte Miß Grainger.„Will er in Orta ihn einnehmen und hieher bringen?“—„Nein, Tante; er ſagt, Stockwell ſei ihm zuwider. Carlo kann das blaue Boot nehmen und ihn holen; es ſcheint, ſie brauchen Carlo nicht.“—„Wollt ihr ohne den Schiffer ausfahren, The⸗ reſe?“ fragte Miß Grainger.—„Natürlich,“ antwortete Randall.„Zwei ſind genug für den kleinen Kahn, und ich hoffe, ich verſtehe mich ſo gut auf die Führung, wie ein Fiſcher von Orta.“—„Man beſtreitet Ihre Geſchick⸗ lichkeit nicht, Mr. Randall.“—„Oder tragen Sie Bedenken, mir Ihre Nich chen lich: glau Sche ausſ einen bere ein. hier blä Blau weiche hlings entfal⸗ nd bis n, auf unden und warze Ran⸗ Falles ickend. ht ſich en den Furer mal mehr Lärm Umit geſtat⸗ ſchön jeden rlo?“ mit⸗ nach ralte edon⸗ Ran⸗ l mit ihn ell ſei cheint, e „Zwel ut auf ſcic⸗ Ihre Von Franz Klauer. 291 Nichte anzuvertrauen? Iſt es das erſtemal, daß wir eine ſolche Fahrt ma⸗ chen?“— Sie murmelte eine verwirrte Zuſtimmung.„Aber dies war wirk⸗ lich ein Donner!“ rief ſie.—„So hören wir's faſt jeden Tag. Es iſt, glaub' ich, ein italieniſches Privilegium, immer mehr Lärm zu machen, als Schaden zu thun.“—„Sie wollen doch nicht gehen, wenn es ſo bedrohlich ausſieht?“—„Fragen Sie Thereſe; ich für meinen Theil glaube, daß es einen herrlichen Tag gibt.“—„Gewiß,“ pflichtete Thereſe bei.„Sind Sie bereit?“ Sie eilten mit einander nach dem Landungsplatz hinunter und ſtiegen ein.„Nein, Thereſe; Sie müſſen an das Steuer ſitzen— mein Poſten iſt hier.“ Randall ſtreckte ſich auf dem Boden des Kahns aus und zündete eine Cigarre an. Der leichte Wind reichte hin, das kleine lateiniſche Segel zu blähen, und das Fahrzeug kam ruhig vom Ufer ab.—„Unter welchem Motto ſegeln wir?„Hoffnung am Steuer und das Vergnügen im Raum“ — oder führt Liebe das Ruder?“—„Die wäre ein ſchlimmer Steuermann — viel zu launenhaft,“ verſetzte ſie lachend.—„Ich weiß nicht; ſie hat je⸗ denfalls ein wundervolles Attribut in ihren Schwingen und kann davon⸗ fliegen, wenn das Boot in Gefahr iſt. Das thut ſie immer, glaub' ich.“— „Könnt's nicht ſagen,“ entgegnete ſie unbekümmert.„Iſt dort nicht ein Netz, dem wir ausweichen müſſen?“—„Jaz; laſſen Sie abfallen— ſo; jetzt iſt's genug. Was für eine hübſche leichte Hand Sie haben!“—„Man ſagt mir nach, auf einem Pferd ſei ſie ſehr leicht.“—„Ich möchte Sie auf meinem Araber Said ſehen. Das iſt ein Roß— ſo große Augen, volle Nüſtern, das Geſicht vorn concav und die Kinnlade ein vollkommener Halbkreis. Wie ſtolz würde es ſich unter Ihnen ausnehmen! Ich erhielt es zum Geſchenk von einem hochangeſehenen Radſcha— einem von jenen wackeren Eingebo⸗ renen, die man Rebellen nennt, weil ſie keine Sklaven ſein wollen. Noch vor zwei Jahren beſaß er ein Gebiet, halb ſo groß als Spanien, und jetzt gilt er eben für einen Brigantenführer mit einem Anhang von einigen hundert Mann.“—„Ich will nichts von der Meuterei hören; ſprechen Sie lieber von der Leichtigkeit meiner Hand.“—„Oder von der Ihres Herzens, The⸗ reſe; dieſe Eigenſchaft, fürchte ich, beſchränkt ſich nicht bloß auf die Hand.“ —„Steure ich recht?“—„Vollkommen. Ich möchte mein ganzes Leben ſo hinſegeln können.“—„Ohne Beſchäftigung und zum Zeitvertreib mit einer vortrefflichen Cigarre im Mund?“ erwiderte ſie lachend.—„Vergeſſen Sie nicht, meine Gnädige, daß ich einige Ruhe verdient habe nach dem Getüm⸗ 19* 292 Der Blitzſtrahl. mel der Lanzen und Säbel.“—„Sie kommen immer auf Ihre Gurkas und Sicks zurück; doch dies iſt nicht nach meinem Geſchmack. Ich möchte lieber etwas von Petrarka oder Metaſtaſio hören.“—„Darf ich mit etwas in Proſa aufwarten— aus den Promessi sposi zum Beiſpiel?“— Sie gab keine Antwort und wandte den Kopf ab.—„Heben Sie das Steuer ein wenig; laſſen Sie das Segel frei ziehen. Ha, das iſt ein königlicher Hoch⸗ genuß. Ob wohl Antonius ſeine Galeere je von Kleopatra ſteuern ließ?“ —„Das weiß ich nicht, nur ſo viel, daß ich nicht Kleopatra bin und Sie nicht Antonius ſind.“—„Ein thörichtes Wort muß man nicht ſo buchſtäb⸗ lich nehmen; denn ſind nicht eben ſolche Ueberſchwänglichkeiten die Seele einer Unterhaltung, wie die unſrige? Gleich kleinen Böen dienen ſie nur dazu, uns ſchneller vorwärts zu bringen, ohne unſere Sicherheit zu gefährden. Auch iſt meine Stimmung heute ebenſo fieberig und launiſch. Das muß das Ueber⸗ glück machen. Sind Sie glücklich, Thereſe?“ fragte er nach einer Pauſe.— „Wenn Sie damit meinen, ob ich mich des herrlichen Tages und unſerer Fahrt erfreue— ja. Was hab' ich jetzt zu thun? Das Segel klappt ohne mein Verſchulden.“—„Weil der Wind ſich gedreht hat und jetzt von Oſten kommt. Geben Sie das Steuern auf und laſſen Sie das Boot gehen, wie es will; es iſt ja gleichgültig, wohin wir kommen. Wie es jetzt dahinfährt!“ —„Ungemein aufregend!“ rief ſie und ihre Wangen erglühten.—„Haben Sie nie von Unglückstagen gehört?“ fragte er nach einer abermaligen Pauſe. —„Wie kommen Sie zu dieſer Frage?“—„Ich glaube ſteif und feſt, daß es glückliche und unglückliche Tage gibt, und wenn mir eingefallen wäre, daß heute Freitag iſt, ſo würde ich unſere Fahrt auf morgen verſchoben haben.“ —„Seltſam, daß ein Mann wie Sie ſolchen Dingen Bedeutung beilegt.“— „Gerade Männer wie ich thun dies. Kühne, ernſte, rauhe Völker wie die nordiſchen, ſind ſogar noch abergläubiſcher, als die Angehörigen des Sü⸗ dens. Zu ſtolz und ſelbſtvertrauend, um ſich bei ihresgleichen Raths zu er⸗ holen, ſuchen ſie Belehrung in den verborgenen Zeichen und Flüſterlauten der natürlichen Welt. Würden Sie's wohl glauben, daß ich in der letzten Nacht mir ein Horoſcop geſtellt habe, um zu erfahren, ob ich Glück haben werde in meinem nächſten Unternehmen?“—„Und welche Antwort haben Sie er⸗ halten?“—„Ein Räthſel, das folgendermaßen lautet: wenn mein Unter⸗ nehmen zuſammenfalle mit dem Eintritt des Orion in das ſiebente Haus— — warum lachen Sie?“—„Iſt es nicht zu abgeſchmackt, ſolchen Unſinn aus Ihrem Munde zu hören?“—„War es nicht der groteske Gruß der Hexe, was Macbeth zum Mörder machte? Was thun Sie, mein Kind? Luf⸗ S und lieber as in e gab r ein Hoch⸗ jeß?“ Sie hſtäb⸗ einer uns uch iſt leber⸗ ſe.— ſerer ohne dſten wie ortl“ Haben Jauſe. daß ,, daß ben.“ .4— T wie Sü⸗ zu er⸗ n der Nacht nde in ie er⸗ Unter⸗ us— inſinn ß der euf⸗ Von Franz Klauer. 293 fen Sie— luffen Sie auf; der Wind friſcht an.“—„Ich fange an zu glau⸗ ben, daß das Steuer einer geſchickteren Hand bedarf. Es windet heftig.“— „In drei Tagen, Thereſe,“ ſagte er ernſt,„werden es zwei Jahre, daß wir gleichfalls hier allein mit einander ſegelten. Dieſe zwei Jahre ſind für mich um der Gefahren, Leiden und Mühſeligkeiten willen, die ſie umſchloſſen, ein langes, langes Leben geweſen. Wollte ich Ihnen alles erzählen, ſo würden Sie geſtehen, daß nur wenige Männer die Laſt hätten tragen können, ohne von ihr erdrückt zu werden. Es war nicht Tod in der gewöhnlichen Form, womit ich zu ringen hatte; doch davon will ich jetzt nicht reden. In allen dieſen Gefahren ſchwebte mir ſtets nur ein Bild vor der Seele— das Ihrige.“—„Lieber Heinz, ich bitte, kommen Sie nicht auf dieſe Dinge zu⸗ rück.“—„Ich muß, Thereſe— ich muß. Wenn es Ihnen peinlich wird, ſo iſt es nur Ihr billiger Antheil an meinen Leiden.“—„Mein billiger An⸗ theil— wie ſo?“—„Als ich Sie zuerſt kennen lernte, war ich trotz meiner Jugend ein erſchöpfter herzkranker Weltmann, der bereits alles Süße und Bittere gekoſtet zu haben glaubte und ſeine Erfahrungen nicht zu erneuen wünſchte. Sie brachten mich auf andere Gedanken, brachten wieder Leben und Thatkraft in das erkaltete Herz und erfüllten mich auf's neue mit hohem Ehrgeiz und edlem Streben.“ „Da kommt wieder ein Windſtoß!“ rief ſie haſtig.„Sie müſſen das Ruder nehmen; ich fürchte mich.“—„Sie ſind ruhiger als ich, theuerſte Thereſe. Laſſen Sie mich ausreden. Warum mich zu einem Daſein zurückru⸗ fen, das Sie für mich nicht werthvoll machen wollen? Warum verlangen Sie von mir, einen Weg zu gehen, an dem Sie die Betheiligung ablehnen?“— „Kommen Sie her! Ich weiß nicht, was ich thun muß! Und dort kommt es immer ſchwärzer und ſchwärzer!“ „Sie haben mich, ohne ſich ein Gewiſſen daraus zu machen, in ſtürmi⸗ ſchere Waſſer geſteuert. Um Ihretwillen bin ich zurückgekehrt zu einem Leben, das mir gleichgültig geworden war; um Ihretwillen unterzog ich mich Sorgen und Gefahren, die ich alle überwunden; für Sie gewann ich Auszeichnung und Reichthum. Ich lege ſie zu Ihren Füßen nieder und ſage: Legen Sie alles dies in die Wagſchale gegen die Beweiſe, welche Sie von der Liebe jenes anderen Mannes haben.“— Er hatte kaum ausgeſprochen, als ſich ein Donnerſchlag gewaltig, wie der Knall einer Kanone, über ihren Häuptern entlud und ein Windſtoß das Boot ſo auf die Seite legte, daß es ſich halb mit Waſſer füllte. Thereſe wurde von ihrem Sitz gegen die Leeſeite geworfen. Randall half ihr auf, hielt ſie mit dem einen Arme feſt und griff 4 ſſſſſſ“ — — 294 Der Blitzſtrahl. mit der anderen Hand nach dem Steuer.—„Iſt Gefahr da?“ flüſterte ſie ängſtlich.—„Nein; ich werde das Waſſer ausſchöpfen, wenn der Wind ein wenig nachläßt. Setzen Sie ſich hierher, und es wird alles recht werden.“ Das nun ſehr tief gehende Boot hob ſich nicht mehr über die Wellen, ſondern tauchte mit jedem Schub den Bug unter und faßte mehr Waſſer.— „Sagen Sie mir, theuerſte Thereſe, dieſe Hand ſei mein, mein für immer, und Sie ſollen ſehen, wie dies meinen Arm ſtählen wird. Ich bin machtlos, wenn ich ohne Hoffnung bin.“—„O Heinz, ſtellen Sie dieſes Verlangen an mich, weil Sie ſehen, daß ich vor Furcht ſterbe? Iſt dies ehrlich— iſt es edelmüthig? Ha, das Segel, die Taue ſind zerriſſen!“—„Es iſt nur der Klüver, und wir kommen ohne denſelben beſſer zurecht. Sprechen Sie, Thereſe— geben Sie mir das Bewußtſein, daß ich mein Weib rette, nicht die Braut eines Menſchen, der, wenn er hier wäre, in memmenhaftem Ent⸗ ſetzen zu Ihren Füßen läge.“—„Der Maſt bricht!“— In dieſem Augen⸗ blick knackte die Spiere dicht am Doſt und fiel, das Segel mitnehmend, über die Seite. Das Boot lag jetzt hülflos mit dem Schanddeck unter Waſſer. Thereſe, die alles für verloren hielt, brach in einen wilden Schrei aus. „Muth, meine Liebe, Muth! Das Fahrzeug ſchwimmt noch. Halten Sie ſich dicht an mich und fürchten Sie nichts. Nicht Lander ſchützt Sie, ſondern ein Mann, der nie den Schrecken kannte.“— Mit jedem Schwanken ſtürzten die Wellen über das Boot hin, und ſie ſaßen tief im Waſſer.— „Oh, können Sie uns retten, Heinz— können Sie uns retten?“ rief das Mädchen.—„Ja, wenn ſich's der Mühe lohnt,“ antwortete er finſter.„Habe ich Ihr Verſprechen? Sind Sie mein?“—„Oh, fragen Sie nicht ſo; haben Sie Mitleid mit mir!“—„Wo iſt Ihr Mitleid für mich? Schnell, oder es wird zu ſpät ſein. Antworten Sie— mein oder ſein?“—„Sein bis zum letzten Augenblick!“ entgegnete ſie mit wildem Aufſchrei, dabei ſchlug ſie die Hände über dem Kopf zuſammen und würde gefallen ſein, wenn er ſie nicht gehalten hätte.—„Noch einmal! Wenn Sie mich zurückweiſen, überlaſſe ich Sie Ihrem Schickſal!“— Sie konnte nicht ſprechen; doch in der Angſt ihres Herzens umſchlang ſie ihn wild mit ihren Armen. Da wurde plötzlich die ſchwarze Wolke, welche über dem See hing, durch einen Blitz zerriſſen, und ein Krachen wie von tauſend Kanonen erſchütterte die Luft. Der Sturm fegte mächtige Wogen einher, die das Boot faſt verſenkten.— „Ja oder nein?“ brüllte Randall außer ſich, indem er ſich von ihr los zu machen ſuchte.—„Nein!“ rief ſie mit einem gellenden Ton, der ſelbſt das Sie, nicht Ent⸗ ggen⸗ über ſſer. Von Franz Klauer. 295 Getöſe des Unwetters überbot. Dann machte er mit Gewalt ihre Arme los, ſtieß ſie von ſich, warf den Rock ab und ſtürzte ſich hinaus in den See. Unter dem ſchwarzen Gewölk war es dunkel wie bei Nacht, und nur die Blitze verbreiteten auf Augenblicke Helle. Der Donner tobte, wie es nur in dieſen Gebirgsgegenden möglich iſt, wo ein einziger Schlag ein hundert⸗ fältiges Echo weckt. Kaum war Randall einige Ellen von dem Boot abge⸗ kommen, als er wieder gegen dasſelbe umwandte, allein er hatte dasſelbe bereits aus dem Geſicht verloren. Die Wellen gingen hoch und blendeten ihn ohne Unterlaß mit ihrem Schaume. Er ſchrie aus Leibeskräften:„The⸗ reſe! Thereſe!“ aber er konnte in dem Getöſe ſich ſelbſt nicht mehr hören. Von Aufregung wahnſinnig, glaubte er jeden Augenblick ſeinen Namen zu vernehmen und wandte ſich in wilder Verwirrung bald dahin, bald dorthin. Mittlerweile wurde der Sturm immer heftiger und ſchnitt pfeifend in das Waſſer, gleich der plötzlichen Dampfentladung aus einer rieſigen Maſchine. Ob er in dem ſchrecklichen Getümmel umher die Beſinnung verlor, oder ob ſein Geiſt dem Schmerz und Zweifel erlag— wer weiß es? Er ſchwamm toll fort und fort, kämpfte mit ſeiner gewaltigen Bruſt an gegen die Wogen, bis die Kraft ſeiner Muskeln erlahmte. Man hat ihn nie wieder geſehen! Der Abend nahte heran; das Gewitter war vorüber, und die Alpen⸗ landſchaft prangte in der vollen Herrlichkeit, die ſie nach ſolchen Entladungen zu zeigen pflegt. Auf dem blauen See wimmelte es nach allen Richtungen von Ruderbooten, die ausgefahren waren, um Thereſe und ihren Begleiter zu ſuchen. Bald ſah man ſie um eine Stelle ſich ſammeln, wo ein entmaſtetes, halb mit Waſſer gefülltes Fahrzeug lag, darin eine Geſtalt wie die eines ſchlafenden Mädchens, deren Kopf auf dem Schanddeck ruhte. Es war The⸗ reſe, noch athmend, noch lebend, aber vom Schrecken gelähmt und beſinnungs⸗ los, ihre Glieder ſteif vor Kälte. Sie wurde in ein Boot gehoben und an's Land gebracht.— Der todtähnliche Schlaf hielt mehrere Tage an. Als das Bewußtſein wieder kehrte, dämmerte zuerſt die ſchreckliche Erinnerung an den Sturm und an die letzte Scene mit Randall in ihrer Seele auf. Ein herzzerreißender Ruf um Erbarmen brach zuerſt über ihre Lippen; als ſie bemerkte, daß ſie ſich in Sicherheit befand, ſank ſie mit einem ſchmerzlichen Seufzen auf ihr Lager zurück und verſuchte hinreichend Faſſung zu gewinnen, um nichts zu verrathen, nicht einmal den, der ſie verlaſſen hatte.— Woche um Woche entſchwand; es ging nur langſam mit ihrer Geneſung. Sie war zwar nicht eigentlich krank; doch ihr Puls ging fieberiſch und die Wirkungen des erlebten Schreckens thaten ſich in einer völligen Apathie und Gleichsül⸗ 296 Der Blitzſtrahl. tigkeit gegen ihre ganze Umgebung kund.— Sie wünſchte allein gelaſſen zu werden, und man mußte ihr Zimmer dunkel halten. Jedes Geräuſch im Haus wirkte erſchütternd auf ihre Nerven und ließ ſie alle Schrecken jenes Gewit⸗ ters neu durchleben, deren Erinnerung ihren Geiſt ernſtlich zu bedrohen ſchien. Eines Abends, ungefähr einen Monat nach dem unglücklichen Tage, kam Helene nach dem Zimmer ihrer Tante herunter, um ihr zu ſagen, daß ſie mit Thereſen von Joſeph geſprochen habe.„Ich theilte ihr mit, er ſei in Calcutta zurückgehalten worden und werde erſt mit dem zweiten indi⸗ ſchen Poſtſchiff eintreffen. Sie antwortete darauf:„Das iſt gut; er wird weniger erſchrecken, wenn er mich ſieht.“—„Hat ſie nie nach Randall ge⸗ fragt?“ entgegnete Miß Grainger.—„Nie; doch vermuthe ich, daß ſie hörte, als wir an jenem Abend von ihm ſprachen und uns wunderten, daß er ſo ſpurlos verſchwunden iſt. Sie ſagte nachher zu mir:„Ihr müßt vor mir nicht von Dingen reden, die ich nicht hören ſoll, denn ich verſtehe oft alles, wenn ich auch nicht ſprechen oder ein Zeichen von mir geben kann.“— „Aber iſt es nicht ſeltſam, daß man gar nichts mehr von ihm erfahren hat?“ —„Nein, Tante; Carlo ſagt, es komme hin und wider vor, daß die Leichen von ſolchen, die im See ertrunken, nicht gefunden würden. Er erklärte es mit Strömungen unter den Felſen auf dem Grund. Ich verſtehe das frei⸗ lich nicht.“* Die Tage ſchleppten ſich dahin. Nach einigem Kampf mit ſich ſelbſt faßte Miß Grainger den Muth, Miß Sophie Randall von dem unglücklichen Ende ihres Couſins zu unterrichten; das Schreiben blieb jedoch ohne Erwi⸗ derung, und außer in gelegentlichen Flüſterreden zwiſchen ihr und Helenen kam der Name Randall nie mehr in Erwähnung.— Einige Tage vor Weih⸗ nachten meldete ihnen der Telegraph, Lander ſei in Trieſt angelangt und werde mit nächſtem eintreffen. Thereſe hatte ſo ziemlich die frühere Kraft wieder gewonnen und freute ſich, obſchon nicht übermäßig, auf Joſephs An⸗ kunft. Das ſchreckliche Ereigniß hatte ihrem Weſen augenſcheinlich den Charakter ruhiger Reſignation aufgeprägt, die in den Gefühlserregungen kein Uebermaß mehr aufkommen ließ. So fand ſie Lander; gleichwohl er⸗ ſchien ſie ihm bezaubernder und liebenswürdiger, als je. Die Launen, mit denen ſie ihn ſo oft gequält, waren dahin und an ihre Stelle ein Gleichmuth getreten, welcher den Umgang mit ihr weit angenehmer machte. Von Miß Grainger und Thereſen gewarnt, ſpielte er nie auf den Gewittertag an; doch als die Verlobten eines Abends nach einem langen Spaziergang heimkehrten, begab ſich Thereſe noch vor dem Thee zur Ruhe, Lander aber nahm Helene Von Franz Klauer. 297 nach dem Garten und ſagte zu ihr mit bewegter Stimme:„Sie hat mir alles mitgetheilt, Helene, wenigſtens alles, deſſen ſie ſich von jenem ſchreck⸗ lichen Tag zu erinnern vermag.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. Das letzte und kürzeſte. Thereſe wurde mit Lander getraut, und letzterer nahm ſeine junge Frau noch vor Ablauf ſeines Urlaubs nach Indien, wo er von Stufe zu Stufe ſtieg bis zu dem Rang eines Kreisoberrichters— eine Stellung, welcher er alle Ehre machte.— Ehen, die in jeder Beziehung ſo begünſtigt ſind, wie die ihrige, gehören nicht zu den häufigen Vorkommniſſen. Selbſt ihre Wohnung hatte eine ungemein ſchöne Lage an der Abdachung des Himalaya; alle Ga⸗ ben des Glückes ſchienen zu ihren Füßen ausgebreitet zu ſein. In Indien iſt die Gaſtfreundſchaft nicht ſo faſt eine Tugend, als eine Sitte, und Lan⸗ ders Haus bei Simka war ſtets viel beſucht, da ſein eigener angenehmer Umgang und das gewinnende Weſen ſeiner Gattin in jedem, welcher dieſe Gegend bereiste, das Verlangen weckte, ihre Bekanntſchaft zu machen.— „Erräthſt du wohl, Thereſe, wer heute an unſerem Diner theilnehmen wird?“ ſagte Lander eines Morgens beim Frühſtück.„Du wirſt dich freuen, ihn zu ſehen, als eine Erinnerung an Europa— Stockwell.“—„Stockwell? Ich kann mich nicht entſinnen.“—„Nicht? Und er kann die freundliche Auf⸗ nahme, die er in Orta fand, nicht genug rühmen. Er photographirte dort die Villa, dich und Helene unter dem Portikus, und Tante Grainger im Garten, wie ſie eben ihren Pudel kämmt.“—„Oh freilich; aber er wollte uns keinen Abzug davon geben, weil er fürchtete, die Tante könnte es übel⸗ nehmen. Auch ging er ſehr ſchnell wieder fort; wenn ich nicht irre, wurde er an dem Tag, an welchem er bei uns ſpeiſen ſollte, durch ein Telegramm ab⸗ berufen.“—„Er wird jetzt weniger bedenklich ſein, da keine Ausſicht vor⸗ handen iſt, Tante Grainger werde ſich in dieſer Verewigung ſehen. Wenn ich nach Behaſana hinübergehe, um ihn zu holen, werde ich ihn bitten, eine Copie mitzubringen.“ Nach vollbrachter Tagespflicht begab ſich Lander nach dem Lager, wo ſich ſein Freund aufhielt. Alsbald wurden die Photographien ausgekramt. „Meine Frau wünſcht einige von Ihren italieniſchen Aufnahmen zu ſehen. Haben Sie welche mitgebracht?“—„Ja, vielleicht ein Halbdutzend. Hier ſind ſie mit den Bezeichnungen auf der Rückſeite. Das iſt das Wirthshaus, 298 Der Blitzſtrahl. Von Franz Klauer. das Sie mir empfohlen haben, mit der Rebenterraſſe an der Hinterwand. Erkennen Sie die Cypreſſengruppe bei dem Bootshaus?“—„Ja, aber es iſt ihr hauptſächlich um eine häusliche Scene zu thun— die Villa, vor wel⸗ cher ihre Tante die Toilette des Pudels beſorgt. Haben Sie dieſe?“— „Freilich, und einen Pendant dazu, in welchem an die Stelle des Drolligen das Schreckliche tritt— ich meine eine Gewitterſcene, die ich am Morgen meiner Abreiſe aufnahm. Die Pferde wurden eben eingeſchirrt, denn ein Telegramm hatte mir gemeldet, daß ich zwei Tage früher, als ich in Ausſicht genommen, in Ancona eintreffen müſſe, wenn ich den Poſtdampfer nach In⸗ dien nicht verfehlen wolle. So war dies meine letzte Aufnahme. Ich machte ſie in größter Eile, und das Ganze iſt daher rußig und kaum unterſcheidbar. Es war das großartigſte Gewitter, das ich je erlebt. Der graue Himmel wurde ſchwarz und die Wolken ſchienen in den vom Wind gepeitſchten See zu tauchen. Ich ließ durch einen Bauern mein Inſtrument feſthalten, wäh⸗ rend ich einen Effekt, nur einen einzigen, auffing. Es war ein günſtiger Momentz ein gewaltiger Blitz zerriß eben die ſchwarze Wolkenmaſſe und er⸗ hellte den Mittelpunkt des Sees in dem Augenblick, als ein entmaſtetes Fahr⸗ zeug vör dem Winde hintrieb, allem Anſchein nach dem ſicheren Untergang entgegen. Hier iſt es— Sie werden auch zwei Figuren unterſcheiden kön⸗ nen. Wie verwiſcht ſie auch ſind, laſſen ſie ſich doch als zwei menſchliche Ge⸗ ſtalten erkennen— ein Weib, an einen Mann ſich anklammernd, der ſie zu⸗ rückſtößt. Die Handlung iſt deutlich. Ich habe dieſes Blatt den Blitzſtrahl genannt.“—„Bringen Sie dies heute nicht mit, Stockwell,“ entgegnete Lander, dem der kalte Schweiß auf die Stirne trat,„und wenn Sie mit meiner Frau von Orta reden, ſo ſagen Sie nichts von Ihrem Blitzſtrahl.“ wand. der es rwel⸗ 4 lligen orgen ein sſicht In⸗ nachte idbar. immel See wäh⸗ ſtiger d er⸗ Fahr⸗ gang kön⸗ Ge⸗ ſie zu⸗ rahl egnete e mit ahl“ Ein Kitt um's Keben. Von S. Auguſtin. Es mag etwa zwanzig Jahre her ſein, als ich mich nach einer ſehr an⸗ greifenden Saiſon in London in dem kleinen Hafenorte und Seebade Parke⸗ gate aufhielt. Der Ort liegt der verfallenen Stadt und dem ebenſo verfal⸗ lenen Caſtel Flint gegenüber, und man muß geſtehen, daß der Platz, als Vergnügungsort betrachtet, eine ziemlich ſonderbare Wahl war, denn der⸗ ſelbe bot außer brakigem Trinkwaſſer und einer wirklich melancholiſchen Einſamkeit nichts als den ewigen Wechſel zwiſchen Ebbe und Flut. Um die Wahrheit zu geſtehen, ich war verliebt, ſterblich verliebt in ein's der hübſche⸗ ſten Mädchen der Welt, die ſich, nachdem ſie mich in London halb wahnſin⸗ nig gemacht, bei einem Geiſtlichen in dem traurigen Parkegate zum Beſuch aufhielt. Freilich kann ich nicht ſagen, daß mir der Ort traurig erſchien, wenn Laura liebenswürdig war, im Gegentheil, ich beſchrieb meinen Freunden Parkegate als das ſchönſte Seebad in England und verlor auf dieſe Weiſe die Gunſt und die Erbſchaft einer meiner Tanten, welche auf dieſe Beſchrei⸗ bung hin die Reiſe von Brighton nach Parkegate machte, aber nur ſo lange blieb, bis die Pferde gewechſelt waren. Ein Blick auf die Reihe halb verfal⸗ lener kleiner Häuſer auf einem Streifen von weißem Sand genügte ihr voll⸗ kommen. Sie hat nie wieder mit mir geſprochen, als um die größte Verach⸗ tung für meinen Geſchmack auszudrücken. Unſer hauptſächlichſtes Vergnügen beſtand darin, am Strande auf und ab zu galoppiren und zuweilen bei niedrigem Waſſerſtande nach Flint hinüber 300 Ein Ritt um's Leben. zu reiten. Ihr wißt ohne Zweifel, daß der Dee ehemals ein ſchiffbarer Strom war, mit bedeutenden Häfen in Cheſter, Parkegate und Flint, aber im Laufe der Zeit ſind die Ufer zerſtört worden und das Waſſer hat ſich auf Koſten der Tiefe ausgebreitet, ſo daß da, wo ehedem iriſche Poſtſchiffe die Gewäſſer kreuzten, jetzt zur Zeit der Ebbe die Fiſchermädchen hinüberwaten und ihre Röcke kaum in der Mitte des Stromes etwas in die Höhe nehmen.— Aber obgleich der breite, ſandige Strand zur Ebbezeit einen völlig ſicheren Spa⸗ ziergang bildet, ſo wird doch, wenn der Eintritt der Flut mit gewiſſen Wind⸗ ſtrömungen zuſammentrifft, das ganze Terrain mit wirklich fäabelhafter Schnelligkeit überſchwemmt. Das Waſſer ſcheint dann aus unterirdiſchen Kanälen hervorzudringen, und man ſieht ſich plötzlich von dem ſalzigen Naß umgeben, ehe man recht weiß, wie es gekommen iſt. Für uns, die wir an keine Zeit gebunden waren, hatte das keine wei⸗ teren Unbequemlichkeiten. Ich lehrte Laura auf einem kleinen walliſer Pony reiten, und der Strand bildete eine vortreffliche Reitbahn, aber ſie machte ſo raſche Fortſchritte, daß ſie bald mein Pferd, ein Thier von edler Race, zu beſteigen wünſchte und mich auf den Pony verwies. In der That fügte ich mich dieſem Einfalle und wurde dafür reichlich belohnt durch das Gelächter, in das ſie ausbrach, als ich, mit den Füßen faſt den Bo⸗ den berührend, auf dem rauhhaarigen, rattenartigen Pony neben dem Wa⸗ gen ihres Onkels hertrabte, während ſie uns auf meinem Fuchſen im Ga⸗ lopp umkreiste und ſich in lächerlichen Vergleichen über mein Ausſehen erging. Das war nicht durchzuführen und der Zufall kam mir zu Hülfe. Ich fand in den Tagesblättern die Anzeige, daß in der Gegend von Holywell eine Pferdeauktion ſtattfinden ſollte und ich beſchloß ſogleich, dort ein zweites Pferd zu kaufen. Das Vergnügen, neben Laura zu reiten und meine Hand auf den Knopf ihres Sattels legen zu können, ſchien mir mit nichts zu theuer bezahlt. Ich theilte alſo Laura meinen Plan mit und ſie fand denſelben vor⸗ trefflich. Nur bat ſie mich, ein Pferd von ſchöner Farbe und mit langem Schweif zu wählen— in der Regel die einzigen Anſprüche, welche junge Damen an ein Pferd zu machen pflegen. Dieſer Uebereinkunft zufolge beſtieg ich an einem ſchönen Julimorgen meinen Fuchs und ritt, begleitet von einem Manne, der das neu zu kaufende Pferd führen ſollte, nach Flint hinüber. Es war tiefe Ebbe, als ich von den Von S. Auguſtin. 301 rom glücklichſten und angenehmſten Gedanken erfüllt das von der Strömung be⸗ ufe zeichnete Bett des Fluſſes paſſirte. Kein Wölkchen ſtand am Himmel, die ſten Sonne erhob ſich wie ein glänzender Ball über dem flimmernden, glitzern⸗ iſſe den Sande, der Hufſchlag meines Roſſes war kaum hörbar genug, um die ihre Möven und Meerraben zu ſtören, die ihr Frühſtück ſuchten. Die Thiere er⸗ lber ſchracken nicht vor mir, denn ſie ſahen, daß ich keine Flinte hatte. Ich erin⸗ pa⸗ nere mich an alles das und ſehe es vor mir, als ſei es geſtern geweſen, denn ind⸗ es war einer der genußreichſten Momente meines Lebens. Noch aber hatte ich fter nicht die Mitte des Fluſſes erreicht, als die kreiſchenden Möven und pfeifen⸗ ſchen den Kibitze durch heiteres Lachen und das Singen wälſcher Weiſen geſcheucht Naß wurden. Eine Menge Fiſcher, Leute, welche Muſcheln und Krabben zum Verkauf trugen, Farmerfrauen, die ſich auf dem Wegeßnach dem Markte be⸗ fanden, zogen zu Fuß, auf Pony's, auf Eſeln oder kleinen Karren an mir u vorüber. Ich wechſelte einige Scherzreden mit ihnen, ließ ſie dann paſſiren e ſo und gelangte endlich zu der Furt durch den tiefſten Kanal des Fluſſes, der ace, zwiſchen weichen Sandufern hinfließt. Bei tiefer Ebbe und zur Som⸗ hat merszeit iſt das Waſſer hier an vielen Stellen nur einige Spannen tief, uuch nach heftigem Regen und bei eintretender Flut ſteigt es aber unglaub⸗ Be⸗ lich ſchnell. 1 Ve⸗ Bei dieſer Furt traf ich einen zweiten Trupp walliſer Bauern, die ſich Ge⸗ zum Uebergange anſchickten, indem ſie Schuhe und Strümpfe auszogen und en ihre Röcke ſchürzten. Der Lärm und das Geplätſcher war groß. Die Mäd⸗ ſe chen aus dieſem Theile des Landes ſind außerordentlich hübſch. Sie ſind 2* ſchön gewachſen, ihr Haar hat einen gewiſſen goldenen Schimmer, der Gang 3c iſt leicht und graziös und ſie danken denſelben vielleicht der Gewohnheit, die beine Waſſergefäße, die ſie am Brunnen füllen, auf dem Kopfe nach Hauſe zu Kile ttragen. Die Scene war eine durchaus heitere und ich konnte mir nicht ver⸗ hand ſagen, umzukehren und einige junge Mädchen, die ſehr zu fürchten ſchienen, heuer daß ihr Putz beim Uebergange über das Waſſer leiden könnte, auf der Croupe vör meines Pferdes hinüber zu führen. ngem Nachdem ich den Kanal paſſirt, genügte es, den Spuren der Räder und junge Füße zu folgen. Der dadurch bezeichnete Weg führte mich links am Caſtel von Flint vorüber und mitten in den Ort hinein, ohne daß ich eines Führers orgen bedurfte. Von da an ging der Weg gradaus. Ich erreichte zur Frühſtücks⸗ ffende zeit die Farm, wo der Pferdeverkauf ſtattfinden ſollte, und bald befand ich en den 302 Ein Ritt um's Leben. mich mitten zwiſchen walliſer Landjunkern, Pfarrern, Pächtern, Pferdehänd⸗ lern und Reitknechten. Es war ſchon ſpät am Tage, als ich endlich einen braunen Hengſt ara⸗ biſcher Kreuzung, eins der hübſcheſten, ſtärkſten Pferde, die ich je geſehen, er⸗ ſtand. Als der Auktionator mir dasſelbe zugeſchlagen hatte, gab ich dem Stallknechte, der das Thier vorgeführt hatte, eine Krone und bat ihn zu⸗ gleich, mich jetzt, nachdem das Pferd mit allen ſeinen Fehlern und Vorzügen mir gehörte, mit ſeinen Untugenden bekannt zu machen.—„Nun, Herr,“ entgegnete der Mann,„es hat ſeine Schwierigkeiten mit dem Aufſitzen. Und iſt man dann hinauf, ſo iſt der Braune nicht gleich in den Gang zu bringen — gibt man ihm aber ordentlich die Sporen und überwindet mit Energie ſeinen anfänglichen Widerſtand, ſo kann man dann nicht leicht ein ruhigeres Thier finden.“—„Ich danke Euch, Mann,“ entgegnete ich und beſchloß, den Braunen ſofort einer Probe zu unterwerfen, denn es fand ſich leider, daß mein Fuchs ein Eiſen verloren hatte, und ich mußte ihn nach dem nächſten, zwei engliſche Meilen entfernten Dorfe ſenden, um den Verluſt erſetzen zu laſſen. Ich hatte Laura verſprochen, um acht Uhr zurück zu ſein, um ein ſehr ſpannendes Buch, das wir einander laut vorlaſen, mit ihr zu vollenden. Außerdem brannte ich vor Ungeduld, ihr das erſtandene Pferd zu bringen, und da die Entfernung bis Flint allein fünfzehn engliſche Meilen betrug, ſo hatte ich keinen Moment zu verlieren. Mein Freund, der Stallknecht, ſattelte alſo den Braunen und brachte ihn bis hinab zur Hauptſtraße. Als das Thier mit gebogenem Nacken, ſprühenden Nüſtern, mit dem Schweife um ſich ſchlagend wie ein Löwe, wiehernd und mit wilden Augen um ſich ſchauend, dahin trabte, verkündigte zwar jede ſeiner Bewegungen Unheil— aber es war jetzt keine Zeit zur Ueberlegung. Es blieb mir kaum noch eine Stunde, um die fünfzehn Mei⸗ len ſchlechter Straße bis zum Fluſſe zurückzulegen, und das Thier durfte dort nicht erhitzt ankommen, wenn es ſich nicht beim Uebergang durch das Waſſer erkälten ſollte. Ohne daher dem Braunen Zeit zum Widerſtand zu laſſen, packte ich ihn an der Mähne und bei den Zügeln und ſchwang mich von dem etwas erhöhten Rand der Straße in den Sattel, und obgleich das erſchrockene Thier den Reitknecht ein Stück über die Straße mit fortriß, ſo hatte ich doch beide Füße im Bügel, ehe dieſer es freigab. Schnaubend bäumte ſich das Thier glaub Riiter llog e Bäun mich Stah Iche die e zwei dam ſchö Fer. ſch ritt ner; Mo hatt ver wa we ſel Fr Von S. Auguſtin. 303 Thier bald hoch auf, bald ſchlug es mit den Hinterfüßen aus, ſo daß ich glaubte, es würde den Leibgurt ſprengen— aber andere vorüberkommende Reiter halfen mir es wieder in Gang zu bringen und fünf Minuten ſpäter flog es im Galopp dahin, daß die Funken ſtoben und die Steinhaufen und Bäume an der Straße wie im Sturme an mir vorüberflogen. Ich fühlte mich hügelauf, hügelab mit gleicher Schnelligkeit und wie auf den weichſten Stahlfedern getragen.— Die erſten zehn Meilen waren bald zurückgelegt. Ich erreichte Holywell, paſſirte den Ort und erreichte ohne Halt zu machen, die ebene Straße, welche am Strand entlang nach Flint führte. Erſt als ich zwei Meilen hinter der Stadt war, zog ich die Zügel an und ritt langſamer, damit mein Pferd ſich abkühlen ſollte. Während der Zeit hatte ſich das Wetter, welches den ganzen Tag ſehr ſchön geweſen war, geändert. Es fielen einige ſchwere Regentropfen, in der Ferne ließ ſich das Rollen des Donners hören und vom Meere her erhob ſich ein Rauſchen, als ob ein friſcher Wind aufſpringe. Als ich in Flint ein⸗ ritt, ſah ich nach meiner Uhr. Es war eine volle Stunde ſpäter, als ich mei⸗ ner Berechnung nach den Fluß hätte paſſiren müſſen— ich überlegte einen Moment, ob es nicht gerathener wäre, in Flint zu übernachten— aber ich hatte Laura verſprochen, heute Abend noch zurückzukehren und ſie durfte nicht vergeblich warten. So hielt ich denn am Gaſthauſe nicht länger als nöthig war, um meinem Pferde das Maul auszuwaſchen, und ritt ohne abzuſteigen weiter. Als ich das Caſtel paſſirte, hörte ich einen Muſikchor ſpielen. Der⸗ ſelbe gehörte zu einer Geſellſchaft von Offizieren aus Cheſter, die mit ihren Freunden hier ein Pie⸗Nic veranſtaltet hatten. Als ich das Häuschen des Wärters an der Furt erreichte, fand ich den alten Mann auf der Schwelle ſitzen und im Begriff, Schuhe und Strümpfe anzuziehen. Einige von den Leuten, denen ich heute Morgen in der Furt be⸗ gegnet, kamen eben zurück.„Es iſt ſpät, Herr!“ riefen ſie mir zu, als ſie vorüber gingen.„Sie müſſen eilen, wenn Sie noch hinüber wollen, ehe die Nacht einbricht!“ Der alte Wärter wollte ſogar anfangen, mir abzureden, aber als ich ihm einen Schilling zuwarf und vorüber ritt, folgte er mir über den Strand hinab.— „Sie müſſen ſich dazu halten, Herr, denn der Wind erhebt ſich und wird die Flut vor ſich herjagen wie ein brüllender Löwe. Aber ich glaube, das ſchöne Mädchen mit dem roſenrothen Geſicht erwartet Sie. Doch war⸗ 304 Ein Ritt um's Leben. um reiten Sie nicht Ihren Fuchs? Ich mißtraue fremden Pferden bei ſol⸗ chem Wetter!“ rief er mir nach— indeſſen ich hatte jetzt nicht Zeit, Erklä⸗ rungen zu geben. Ich wußte, daß Laura mich erwartete und ſich vielleicht ängſtigte, wenigſtens hoffte ich das. Schnell vorwärts eilend, erreichten wir bald die Furt durch das Flußbett, das heute Morgen ſo ruhig und ſeicht, jetzt durch die Flut bereits hoch mit Waſſer gefüllt war. Schwarze Wolken be⸗ deckten den Himmel und der Wind fuhr mit hohlem Brauſen einher.„Ma⸗ chen Sie, daß Sie ſo ſchnell als möglich hinüber kommen, Herr, und behal⸗ ten Sie die Windmühle im Auge. Wenn Sie die Sporen nicht ſchonen, haben Sie noch volle Zeit. Nun gute Nacht! Gott behüte Sie und Ihre junge Lady, Herr!“ ſchrie der alte Mann mir nach.— Ich verſuchte nun, mein Thier an einer Stelle in die Furt zu lenken, wo das Waſſer nur etwa drei bis vier Fuß hoch war, aber es zeigte ſich zu der naſſen Partie nur ſehr wenig geneigt. Als ich ihm indeſſen die Sporen in die Seite ſetzte, ſprang es mit einem Satze in das Waſſer und hatte bald den Grund unter den Füßen verloren. Es ſchwamm ſehr gut, zeigte jedoch die Eigenheit, den Kopf ſtets ſtromabwärts zu halten, ſo daß wir, anſtatt an einem flachen Punkte des Ufers zu landen, an einer hohen Bank von wei⸗ chem, lockerem Sand ankamen, an der wir hinaufklettern mußten. Nach⸗ dem ich mehrere fruchtloſe Verſuche gemacht, dies ſteile Ufer zu erklimmen, ſah ich mich endlich genöthigt, abzuſteigen und die Höhe, mein Pferd am Zügel führend, zu Fuß zu gewinnen. Wäre ich auf dem Rücken des Thie⸗ res ſitzen geblieben, ſo würden wir wahrſcheinlich beide kopfüber hinabge⸗ rollt ſein. Als ich faſt außer Athem oben ankam, ſah ich zurück und bemerkte den alten David, der mir mit den Händen Zeichen gab, um mich zur Eile an⸗ zutreiben— aber ich fand es nicht ſo leicht, ſeinen Winken Folge zu leiſten. Mein Pferd ließ mich durchaus nicht wieder aufſteigen. Schnaubend und pruſtend drehte es ſich im Kreiſe, bis ich faſt erſchöpft war. Alles Fluchen und Schlagen erwies ſich als nutzlos. Es wurde immer finſterer. Einen Moment dachte ich daran, das Thier laufen zu laſſen und nach dem jen⸗ ſeitigen Ufer zurück zu ſchwimmen— aber ein Blick auf den Strom und der Gedanke an Laura ließ mich davon abſehen. Noch einmal wirbelten wir im weiten Kreiſe den Sand auf, aber vergebens. Ich dachte darüber nach, ob ich im Stande wäre, den ſicheren Port zu Fuß zu erreichen, ehe die hohe Flut eintre mir au glückl genähe mit be vermo mit d nach! mäch Nlüg ſah. der Roſſ ſich bemi Min Aug bem i ſol⸗ Erkläͦ⸗ lleeicht n wir jetzt en be⸗ Ma⸗ hehal⸗ onen, Ihre enken, ich zu poren 1 bald doch tt an wei⸗ Nach⸗ umen, d am Diie⸗ abge⸗ e den an⸗ eiſten. und uchen Linen 1 jen⸗ 1 und nwir ,0 Flut — Von S. Auguſtin. 305 eintrete, aber ich ſah dazu keine Möglichkeit. Schon blitzte der Gedanke in mir auf, daß ich hier vielleicht ertrinken müſſe— aber endlich zeigte ſich eine glückliche Chance. Mein Brauner hatte ſich dem Abhange des Ufers wieder genähert. Schnell ſtieß ich ihn einige Fuß tief hinab, packte ſeine Mähne mit beiden Händen und ſchwang mich, ehe er die Höhe wieder zu erreichen vermochte, von oben in den Sattel. Einen Moment ſpäter fühlte ich mich mit der Schnelligkeit von dreißig Meilen in der Stunde über den Strand nach dem Meere hin getragen. Nach wenigen Augenblicken hatte ich mich indeſſen der Zügel wieder be⸗ mächtigt und wandte den Kopf des Thieres dem Punkte zu, wo ich die weißen Flügel der Windmühle am Cheſhire⸗Ufer durch die Dämmerung ſchimmern ſah. Ich fühlte, daß ich keinen Moment zu verſäumen hatte. Der Sand, der am Morgen ſo feſt geweſen war, klang dumpf unter den Hufen meines Roſſes. Die kleinen ſtagnirenden Sümpfe füllten ſich ſichtlich, vereinigten ſich und bildeten kleine Teiche, deren Waſſer um uns aufſpritzte. Anfänglich bemühte ich mich, einen Weg zu finden und zu verfolgen, aber als es von Minute zu Minute dunkler wurde, ſetzte ich mich im Sattel zurück, hielt die Augen feſt auf die Windmühle gerichtet, brachte mein Pferd in Galopp und bemühte mich nur, die Richtung inne zu halten. Mein Thier griff mächtig aus und ſchien noch ebenſo friſch, wie in dem Moment, da wir uns auf den Weg gemacht hatten. Mein Muth fing nach und nach an, ſich zu heben— die Gefahr ſchien vorüber. Ich fühlte das Vertrauen zu mir und meinem Roſſe wiederkehren und feuerte das Thier durch ermuthigende Zurufe an. Im Geiſte ſah ich mich ſchon in Parkegate angekommen und war eben im Begriff, Laura die Abenteuer des Tages zu erzählen, als plötzlich mein Brau⸗ ner ſtolperte und ich mich mit einem gewaltigen Ruck über ſeinen Kopf hin⸗ weggeſchleudert fühlte, ſoweit die Zügel, die ich glücklicherweiſe feſt in der Hand behielt, es erlaubten. Obgleich geblendet von dem aufſpritzenden Waſſer und dem naſſen Sand, erſchrocken und betäubt, ſprang ich doch ebenſo ſchnell auf die Füße als mein Pferd, das über die Pflöcke eines Lachsnetzes gefallen war. Aber ſchon im Moment des Fallens war mir der ganze Schrecken meiner Lage zum Bewußtſein gekommen. Ich durchlebte Jahre iſt dem einen Moment. Ich hielt mich für einen verlorenen Mann und war neugierig, wo und wann man meinen Körper wohl finden würde. Ich dachte darüber nach, was meine Hausblätter. 1837. I. Ld. 20 306 Ein Ritt um's Leben. Freunde über das Unglück ſagen möchten, dachte auch an die Briefe in mei⸗ nem Pult und wünſchte, daß ich ſie noch verbrennen könnte. Dann dachte ich an meine Verwandten, denen mein Aufenthalt in Parkegate unbekannt war, an die Schulden, die ich noch zu bezahlen wünſchte— an Freunde, mit denen ich mich verunwilligt hatte und mit denen ich gerne verſöhnt geſtorben wäre. Gerne hätte ich erfahren, ob ſich Laura um mich grämen würde und ob ſie mich wohl wirklich liebte. Die ernſteſten und lächerlichſten Gedanken fuhren mir in dieſem einzigen Momente durch den Kopf. Ich murmelte ein haſtiges Gebet und beeilte mich, mein Pferd wieder zu beſteigen. Diesmal fand ich keinen Widerſtand, aber das Thier ſtand bereits bis über die Kniee im Salzwaſſer. Es zitterte und ſchnaubte, aber nicht voll Muth und Trotz, ſondern vor Furcht. Es war kein Moment Zeit zu verlieren. Ich ſchaute ſcharf nach der Linie aus, die den Strand bezeichnete, aber ſie war in der Dämmerung nicht mehr ſichtbar. Auch die weiße Windmühle war ver⸗ ſchwunden. Der Fall, bei dem ich mich überſchlagen, hatte mich in Bezug auf die Richtung völlig irre gemacht. Ich wußte nicht, ob in der That die Nacht ſo plötzlich hereingebrochen war, oder ob der Fall mein Gehirn ſo ſtark erſchüttert hatte— aber ich ſah nichts mehr um mich her als Fin⸗ ſterniß. Das Waſſer ſchien aus allen Richtungen rund um mich her zu fließen — ich wußte nicht mehr, nach welcher Seite hin der Fluß oder das Meer lag. Auch der Wind ſchien mir aus allen Richtungen der Windroſe zu bla⸗ ſen.—„Ruhig,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„ruhig! Der Schreck hat dich ver⸗ wirrt; ſei ein Mann!“ Der Stolz kam mir zu Hülfe. Ich ſchloß einen Moment die Augen und flüſterte:„O Gott, rette mich!“ Mit einer ge⸗ waltigen Anſtrengung war die Unruhe und Beängſtigung niedergekämpft. Ich öffnete die Augen und erhob mich in den Bügeln, um mich umzu⸗ ſchauen, aber ſo weit ich zu ſehen vermochte, erblickte ich nichts als heran⸗ dringende Wellen, welche die wenigen trockenen Stellen mehr und mehr überſchwemmten— nichts als die höher und höher ſteigende Flut. Vier⸗ mal ritt ich in verſchiedenen Richtungen vorwärts und viermal mußte ich umkehren, weil das Waſſer bis über die Schultern meines Pferdes hinaufſtieg. Endlich gewann ich eine Art kleiner Sandinſel, welche indeſſen von Minute zu Minute kleiner wurde. Hier ſtrengte ich alle Kräfte meiner n mei⸗ dachte ekannt de, mit torben de und aanken lte ein esmal Kniee Toot, ſchaute in der r ber⸗ Bezug at die irn ſo Fin⸗ fließen Meer zu bla⸗ ich ver⸗ einen ner ge⸗ tmpft. umzu⸗ heran⸗ mehr Vier⸗ mußte ferdes en von meinet Von S. Auguſtin. 307 Lunge an, um nach Hülfe zu rufen— aber vergebens lauſchte ich auf eine Antwort. Plötzlich drangen muſikaliſche Töne zu meinem Ohr. Ich konnte die Melodie deutlich unterſcheiden. Es war das Militärmuſikchor am Flint⸗ Caſtel und es ſpielte das bekannte„Heimat, ſüße Heimat“. Ich gab mir Mühe, zu unterſcheiden, aus welcher Richtung die Töne kamen, aber jedes⸗ mal, wenn der Schall der Blasinſtrumente lauter zu mir herüber drang, ſchien er aus einer anderen Richtung zu kommen. Ich hätte weinen können bei dieſer Erinnerung an die Heimat, aber es blieb mir keine Zeit dazu. Meine Augen ſtarrten in die Finſterniß, und mein ſchnaubendes, durch das Waſſer watendes Roß ließ mir keine Ruhe zum Weinen. Endlich legte ich dem Thiere die Zügel auf den Hals, denn ich erin⸗ nerte mich, gehört zu haben, daß Pferde bei einem Schiffbruche durch ihren Inſtinkt geleitet, das zehn Meilen entfernte Land erreicht hatten, aber die Abwechſelung von Sandbänken, ſeichtem und tiefem Waſſer machten das Thier irre und raubten ihm die Sicherheit, die es vielleicht gefunden, wenn es hätte ſchwimmen können. Endlich, nach einer langen Reihe von Verſuchen, gewann ich Ruhe und Reſignation und ergab mich darein, zu ſterben. Ich nahm mein Halstuch ab und befeſtigte damit mein Taſchenbuch an den Sattel. Dann zog ich die Ringe von den Fingern und ſteckte ſie in die Taſchen, denn ich hatte gehört, daß Strandräuber zuweilen den aufgefundenen Leichen die Finger abge⸗ ſchnitten hatten, um ſie dieſer Schmuckgegenſtände zu berauben, und eben war ich bereit, mich auf's Gerathewohl in die Flut zu ſtürzen, als ein inneres Gefühl mich antrieb, noch einen Blick ringsum zu werfen. In dieſem Moment blitzte gerade hinter mir ein Licht auf— einmal, zwei⸗ mal— dann verſchwand es. Endlich erſchien es wieder. Es war ein mat⸗ ter, aber ſtetiger Schein, und bald hegte ich keinen Zweifel mehr, daß es an der Cheſſhire⸗Küſte ſein mußte. Im Augenblicke hatte ich mein Pferd herumgeworfen und drückte ihm die Sporen in die Seite. Ein lautes: „Gott ſei Dank!“ drang über meine Lippen— dann ſuchte ich in der Rich⸗ tung des Lichtes vorwärts zu kommen. Es war ein harter Kampf. Bald wich der Boden unter den Hufen meines Roſſes, bald ging es über wei⸗ chen Sand, bald über harten, unebenen Grund, jetzt ſchwimmend— und das war noch das leichteſte, dann wieder ſpringend und ſtolpernd— aber ich verlor das Licht keinen Moment aus den Augen. Ein Hinderniß nach 20* 308 Ein Ritt um's Leben. Von S. Auguſtin. dem anderen wurde überwunden, bis das Waſſer ſeichter und ſeichter wurde. Endlich erreichten wir den trockenen Strand und ich war gerettet. Aber nur einen Moment gönnte ich mir Zeit zum Verſchnaufen— dann ſprengte ich vorwärts, dem Lichte zu. Ich mußte wiſſen, welchem glücklichen Um⸗ ſtand ich meine Rettung verdankte— und bald gelangte ich zu einer Fiſcherhütte, einer der beſcheidenſten Wohnſtätten ihrer Art, die auf dem höchſten Punkt des Strandes, etwa zwei Meilen von Parkegate, lag. Das Licht ſchimmerte matt durch die Spalten eines Fenſterladens. Ich ſtieg vom Pferd und klopfte, während ich mit der anderen Hand in der naſſen Taſche nach meiner Börſe ſuchte. Noch einmal mußte ich klopfen— dann öffnete ſich die Thür. Eine weinende Frau trat auf die Schwelle und ich erblickte auf dem Tiſche im Innern der Hütte einen kleinen Sarg, zu deſſen Häupten und Füßen ein kleines Licht brannte.— Ich dankte mein Leben dem Tode! Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. Mitgetheilt von Ferdinand Krämer. Preußen war am 14. Juni aus dem deutſchen Bunde getreten und eine gleich darauf ſtatthabende Bewegung preußiſcher Truppen von Wetzlar aus gegen Gießen ſchien Frankfurt zu gelten. Zum Schutze der bedrohten Bun⸗ desſtadt wurden in aller Eile Truppen der das 8. Bundescorps ſtellenden Staaten(Württemberg, Baden, Heſſen⸗Darmſtadt) dahin abgeſchickt. Auch mein Regiment wurde aus dieſem Grunde ganz unerwartet aus der Garni⸗ ſon gezogen und auf die Eiſenbahn geſetzt, die uns nach zehnſtündiger un⸗ unterbrochener Fahrt am früheſten Morgen des 18. Juni nach Frankfurt brachte. Die abenteuerlichſten Gerüchte waren uns unterwegs, entgegenge⸗ kommen, ſo ſollten z. B. die wenige Stunden vor uns aus der Garniſon ab⸗ gegangenen Truppen, namentlich unſere Jäger, mit den Preußen ſchon hand⸗ gemein geworden ſein und viele Verluſte erlitten haben. Wurde auch die⸗ ſen gleichſam durch die Luft daherſchwirrenden Nachrichten nicht der mindeſte Glauben geſchenkt, ſo wunderte es uns doch in der Stadt ſelbſt ſo gar keine Spur von Aufregung zu finden; die tiefſte Stille herrſchte in den öden Straßen. Gerne hätten wir einen fröhlichen Einzug in die alte Kaiſerſtadt gehal⸗ ten, aber wie es ſchien, wollte man in rückſichtsvollſter Weiſe alle Störung von dem ſchlummernden Frankfurt fern halten, und ſo mußte unſere Regi⸗ mentsmuſik, welche kaum eine luſtige Weiſe angeſtimmt hatte, wieder ver⸗ ſtummen. Sang⸗ und klanglos zogen wir durch die Straßen. Freilich alle 310 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. Gefahr ſchien noch nicht abgewendet zu ſein, denn unſer nächſtes Ziel war, weil man die Truppen ſogleich zur Hand haben wollte, eine jener Kaſernen, die durch den wenige Tage vorher erfolgten Abzug der preußiſchen und öſter⸗ reichiſchen Beſatzung leer ſtanden. Mit der Ankunft am Main hatten wir den erſten Schritt in eine vor⸗ ausſichtlich blutige Bahn gethan; wie gern hätte man da den Vorhang ein wenig beiſeite gerückt, der uns eine ohne Zweifel düſtere, jedenfalls aber an Ereigniſſen reiche Zukunft verbarg! Was ſollten uns die nächſten Wochen bringen?— Die„Erinnerungen“ aus dieſer Zeit wollen keine Geſchichte des entbrannten Krieges geben, ebenſowenig dürfen darin pikante Enthül⸗ lungen geſucht werden— ihr einziger Zweck iſt, das zu erzählen, was ein ſchlichter Soldat in jenen Wochen geſehen und erlebte. Vielleicht gibt man ſich der Erwartung hin, daß ich die Leſer zum An⸗ fang einladen werde, mit mir in das Innere eines Frankfurter Hauſes zu treten, um zu ſchauen, in wie freundlicher Weiſe die gute Stadt den Solda⸗ ten aufgenommen habe, der zu ihrer Vertheidigung herbeigeeilt iſt. Gerne würde ich dieſe Hoffnung erfüllen, allein ich habe mir vorgenommen, in allem genau bei der Wahrheit zu bleiben, und ſo müſſen wir eben einer der er⸗ wähnten Kaſernen zuſteuern, denn nicht nur heute, nein, auch die folgenden Tage— obſchon es ziemlich ſicher war, daß die Preußen nun die Richtung auf Kaſſel eingeſchlagen— finden wir unſere Soldaten noch in dieſen Räu⸗ men. Nicht mehr die Abſicht, die Truppen raſch verſammeln zu können, allein war es, welche ihnen dieſen Aufenthalt anwies, man hatte leider Grund zu glauben, daß eine weitere Urſache dazu Veranlaſſung gab: der Senat wollte die liebe Frankfurter Einwohnerſchaft von der Laſt, wie ſie die Einquartie⸗ rung von Truppen nothwendig mit ſich bringt, befreit wiſſen, und um dies ja recht vollſtändig zu erreichen, wurden in aller Eile auch derzeit nicht be⸗ nützte Gebäude zur Aufnahme von Soldaten hergerichtet. Nun findet man hierin wahrſcheinlich gar nichts Auffallendes und be⸗ greift nicht, wie ich darüber ſo viele Wonte verlieren mag, denn ohne Zwei⸗ fel ſtellt man ſich eine ſolche Frankfurter Kaſerne als ein hübſches, nett ein⸗ gerichtetes Gebäude vor. Eines beſſeren wird freilich derjenige belehrt werden, der mich in ein ſolch altes Ding begleiten und mit mir in einen der nicht ſehr reinlichen Säle treten will. Nehme er keinen Anſtoß an den alten Strohſäcken und dem übrigen ſpärlichen Ameublement— die früher hier garniſonirenden Truppen haben ja auch darin hauſen können, zudem hat man war, ſernen, öſter⸗ e vor⸗ ng ein ber an Vochen ſchichte enthül⸗ as ein m An⸗ ſes zu Svolda⸗ Gerne allem er er⸗ genden ctung Räu⸗ allein und zu wollte artie⸗ n dies ct be⸗ nd be⸗ Zwei⸗ tt ein⸗ helehrt en der alten r hier 1 man Von Ferdinand Krämer. 311 den Vortheil, die Sachen gerade noch ſo ſehen zu können, wie dieſe ſie bei ihrem etwas raſchen Abzug verließen— leider haben die Abgehenden, wie es ſcheint in der Eile, die kleinen Inſaſſen mitzunehmen vergeſſen, die nun als leichtfüßiges Völkchen und ganz unbekümmert um die dermalige politiſche Lage gar keinen Anſtand nehmen, auf die neuen Bewohner ſchleunigſt über⸗ zugehen. Daß ſich da recht bald ein lebhafter Vernichtungskrieg entſpinnen wird, iſt auch dem Kurzſichtigſten klar, und bis dieſer beendigt ſein wird, ſteht auch zu hoffen, daß die uns vom ſtädtiſchen Verpflegungsamt in Ausſicht ge⸗ ſtellten beſſeren Einrichtungen vollbracht ſind. Doch nicht bloß mit der Sorge für das Unterkommen der Soldaten ſollten die Einwohner verſchont bleiben, denn„wiſſen Sie,“ vertraute mir beim Glas Bier ein gemüthlicher Frankfurter an,„in einer ſo theuren Stadt hat nicht jede Familie ein Gaſtzimmer,“— nein, die ganze Hausordnung ſollte ſo recht ungeſtört bleiben. Daher wurde es denn auch für zuträglicher gefunden— wir freilich waren anderer Anſicht—, die Soldaten in den Ka⸗ ſernenküchen ihre Kochkunſt ſelbſt verwerthen zu laſſen; wo keine Küche vor⸗ handen war, da entſtand eine mit ſtauenswerther Geſchwindigkeit. Daß es in den ſchon beſtehenden und ſeither von unſeren nunmehrigen Gegnern be⸗ nützten Ateliers der Gaſtronomie gerade auch nicht übertrieben ſäuberlich ausſah, wird mir der Leſer nach dem früher Geſagten glauben, und der Glückliche, welchem in jenen heißen Tagen einer der großen Menagekeſſel zur Behandlung mit Sand und Stroh zugewieſen wurde, konnte mit Fug und Recht jammern: „Von der Stirne heiß Rinnen muß der Schweiß.“ Ueber die von der Stadt beſchafften Lebensmittel ließ ſich im Ganzen nicht klagen, am beſten waren Fleiſch und Brod, ſchlecht aber der von den Kaſernenwirthen ſchon zubereitet gelieferte Kaffee. Dankend wurde es von uns anerkannt, daß von Seiten der Offiziere alles geſchah, um ihre Leute zu⸗ friedengeſtellt zu ſehen. Trotzdem mochte ſich mancher Reichsſoldat beim An⸗ blick der hübſchen, ſtattlichen Häuſer in dem reichen Frankfurt des Gedankens ſchwer entſchlagen, daß es weit angenehmer wäre, wenn die Truppen wenig⸗ ſtens zum Eſſen in den an die Kaſernen grenzenden Stadttheilen Quartier erhalten hätten. Glücklicherweiſe währte der Aufenthalt in Frankfurt nicht lange. Schon nach wenigen Tagen ging's, um Raum für die Nachrückenden zu machen, ͤſͤſͤſͤſͤſͤſſ 312 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. mehr nach Norden gegen die Nidda. Um bei meinen Leſern nicht allzugroßes Erſtaunen über meine geographiſchen Kentniſſe zu erregen, ſei hier gleich be⸗ merkt, daß ich, mit vielem Anderen, mir in Frankfurt ein Kärtchen von Heſ⸗ ſen anſchaffte; es ging ſo reißend auf dieſe Karten hinein, daß die Buchhänd⸗ ler in dieſem Artikel in kurzer Zeit völlig ausgekauft waren. Wir kamen nun theilweiſe in recht angenehme Orte zu liegen, und na⸗ mentlich denke ich noch gerne an das freundliche Bergen mit ſeiner ſchönen Ausſicht in das Mainthal, beſonders gegen Offenbach hin. Da wir in die⸗ ſer Gegend eine volle Woche blieben, fand ich Gelegenheit, eine Tour hinun⸗ ter nach Frankfurt zu machen. Dort konnte man ſich von dem zunehmenden Ernſt der Lage eindringlich überzeugen; die gute Stadt nahm allmälig mehr das Ausſehen eines kleinen Heerlagers an; täglich brachten Extrazüge der Main⸗Neckarbahn neue Truppentheile, andere rückten zu Fuß, über Sachſen⸗ hauſen kommend, in die Stadt. Aber nicht bloß von Soldaten waren die Straßen angefüllt, auch das Civil wogte in demſelben auf und nieder, und es mag in jenen Tagen wohl herzlich wenig in Frankfurt gearbeitet worden ſein. Jede friſch anlangende Truppe hatte ſich beim Marſch durch die Stadt eines anſehnlichen Geleites zu erfreuen. Daß darunter die ſchönere Hälfte nicht allzu ſpärlich vertreten war, wird man mir ohne beſondere Betheuerung glauben. War aber doch auch in den letzten Tagen des Juni eine wahre Muſterkarte von Uniformen in den Straßen zu ſehen. Da gab's Oeſterreicher, Heſſen⸗Darmſtädter, Württem⸗ berger, Badenſer, Naſſauer. Die meiſte Aufmerkſamkeit ernteten aber ein⸗ zelne von Hanau herübergekommene kurheſſiſche Huſaren, beſonders die Of⸗ fiziere mit ihren vielen ſilbernen Schnüren, die ſich auf den dunklen Jacken recht hübſch ausnahmen. Als ſehr kleidſam galt dann, nach allem, was man hörte, die einfache Uniform der württembergiſchen Offiziere, und man fand es recht praktiſch, daß zu ihrer Ausrüſtung keine Epauletten gehören— wa⸗ ren dieſe Offiziere doch hiedurch der Unannehmlichkeit enthoben, plötzlich vor Beginn des Krieges dieſen Schmuck abzulegen und andere Gradauszeichnun⸗ gen anzunehmen, wie dies beiſpielsweiſe bei den Heſſen⸗Darmſtädtern noch in Frankfurt der Fall war.— Beiläufig geſagt, wurde mein gutes, zum Mitleid geneigtes Herz ſehr erfreut, als mir in Frankfurt bei meiner dies⸗ maligen Anweſenheit geſagt wurde, daß unſere Nachfolger nun in der Stadt regelrecht einquartirt ſeien und die ſchmutzigen Kaſernen leer ſtünden. Am 30. Juni brachen wir endlich aus anſeren ſeitherigen Quartieren — rwar, nuch in in den rttem⸗ er ein⸗ e Of⸗ Jacken 3 man nfand — wa⸗ ich vor chnun⸗ n noch — zum 1 dies⸗ Stadt rtier —— — Von Ferdinand Krämer. 313 auf und nun— ſo ſagte man— ſollte es ernſtlich vorwärts gehen. Es war ein herrlicher Morgen, ſo recht für eine auf dem Marſch befindliche Truppe geſchaffen, denn die große Hitze der letzten Wochen hatte glücklicherweiſe einer für dieſe Jahreszeit auffallend kühlen Temperatur Platz gemacht. Munter, voll frohen Muthes zogen wir auf der Straße dahin, die von Frankfurt nach Gießen führt. Auf einem ſolchen Weg war's aber auch eine Luſt zu mar⸗ ſchiren, denn wir waren ja im Heſſen⸗Darmſtädtiſchen, dem durch ſeine luxu⸗ riöſen Straßen dem Touriſten wohlbekannten Lande. Wie hübſch nahmen ſich die zu beiden Seiten des Weges ſtehenden zahlreichen Obſtbäume aus, die oft ſo dicht beiſammen ſind, daß man in förmlichen Alleen, zumal von Kirſchenbäumen wandert. Unſer heutiges Ziel war eine kleine ſeitwärts der Hauptſtraße liegende Stadt, deren Name mir entfallen iſt. Ich freute mich ſchon recht auf ein freundliches Quartier, denn ein heftiger Gewitterregen hatte uns tüchtig „eingeſeift“, doch im Rathe der Vorſehung, die ihren Ausſpruch in Geſtalt des quartiermachenden Unteroffiziers kund gab, war es anders beſchloſſen. In Folge veränderter Märſche einzelner Abtheilungen war der Ort ſchon mit Truppen überfüllt und ſo wurde einem Theil unſerer Kompagnie, dem auch ich anzugehören das Vergnügen hatte, die Weiſung, in einem etwa eine Stunde entfernten Hofe ein Unterkommen zu ſuchen. Dort angelangt war⸗ ttete unſer eine neue Ueberraſchung: da lagen ſchon Artilleriſten und Jäger, wohl über anderthalb hundert Mann. Was ſollte nun mit uns geſchehen, die wir auch noch einige ſechzig Häupter zählten? Doch das Anweſen, von einer ſoliden Steinmauer umſchloſſen, war ſehr groß, da konnte wohl auch der einzige darauf wohnende Pächter kein armer Mann ſein; drum beſchloß unſer Offizier mit richtigem Feldherrnblick, unter allen Umſtänden hier zu bleiben, womit wir ganz einverſtanden waren, um ſo mehr, als uns die ſchon anweſenden Kameraden ſagten, daß ſie ſeit geſtern hier und des Befehls zum Aufbruch ſtündlich gewärtig ſeien. Der unter dem Thor ſtehende Pächter empfing uns mit einem Geſicht, auf dem alles mögliche, nur keine gaſtliche Einladung zu leſen ſtand. Seine magere Ehehälfte war eben beſchäftigt, für die Jäger und Artilleriſten, die ſich vor ihrem Abgang mit Fleiſch und Brod für den folgenden Tag zu ver⸗ ſehen hatten, eine geräucherte, recht appetitlich ausſehende Speckſeite in zier⸗ liche Portionen zu zerlegen. Als ſie aber hörte, daß auch wir noch zu eſſen begehrten— da war es um ihren Gleichmuth geſchehen. Einer Furie gleich, 8 314 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. ihr unendlich langes Meſſer hoch empor haltend, ſtürzte ſie hervor; ich fürch⸗ tete ernſtlich, nun werde unſer trefflicher Oberlieutenant ſtatt der Speckſeite ieſe Gefahr ging vorüber. Mit heiſerem Ge⸗ heul die Worte rufend„ich bringe mich um!“ ſtürzte das Weib in's Haus. Dann kam die Reihe rappelköpfig zu werden an den Mann, ſeiner Frau nacheilend, ſchrie er:„ich gebe gar nichts her, reißet meine Thüren auf und kommet als Feinde, gutwillig gebe ich nichts.“ Und verſchwunden war auch er nebſt dem erwachſenen Sohne, der mit der Drohung, zum Kreisamt rei⸗ ten zu wollen, uns einzuſchüchtern hoffte. Da ſtanden wir nicht wenig verblüfft. Das war kein ſchöner Einſtand in Freundesland!— Eine kleine Razzia gegen Küche und Keller wäre wahr⸗ ſcheinlich manchem von uns gar nicht unerwünſcht geweſen, denn Mittag war längſt vorüber; doch unſer Offizier wußte uns mit einigen munteren Worten zu beruhigen, die ihren Zweck beim Soldaten ſelten verfehlen. Sein Gang zum Aufſuchen des verzweifelten Ehepaares war nicht ohne Erfolg, bald kam wenigſtens Brod und ein Trunk, auch ſahen wir kurz darauf, nicht ohne Genugthuung, ein Rindlein zur Schlachtbank führen. Zwar wurde es Abend, bis der knurrende Magen volle Befriedigung fand, doch wir durften nicht hungrig in den Scheuern und leeren Ställen ein Nachtlager ſuchen, und wie viel dies werth iſt, ſollten wir erſt in der Folge recht erkennen. Am anderen Morgen, es war Sonntag, ging der Marſch weiter, der Abſchied fiel uns hier natürlich nicht ſchwer. Die Straße nach Gießen wurde verlaſſen und die Richtung gegen Grünberg eingeſchlagen. Es hieß, wir ſoll⸗ ten nach Kaſſel dirigirt werden. Auch heute führte der. Weg durch die, we⸗ gen ihrer Fruchtbarkeit bekannten Wetterau, eine von der Natur wirklich reich geſegnete Ebene, überall üppige Saatfelder, herrliche Wieſen. In Hun⸗ gen wurde Nachtquartier bezogen, folgenden Tags in Laubach, der Reſidenz eines Grafen Solms. Vom Feinde hatten wir noch nichts zu ſehen bekommen, auch hörte man nicht, daß er in der Nähe ſei, drum wurde auch der ſo ſehr ermüdende Dienſt für die Sicherheit während des Marſches nicht ſo ſtrenge wie ſpäter angewendet. In den letzten zwei Tagen waren uns viele beurlaubte kur⸗ heſſiſche Soldaten aus den von den Preußen beſetzten Landestheilen begeg⸗ net. Sie ſuchten auf Umwegen ihre bei Frankfurt vermutheten Regimenter zu erreichen. Von Laubach aus änderte ſich am 3. Juli unſere Marſchlinie; es ging fürch⸗ cſeite nGe⸗ Haus. Frau f und auch tt rei⸗ nſtand wahr⸗ Nittag nteren Sein rfolg, nicht de es aften uchen, . er, der wurde irſoll⸗ e, we⸗ irklich Hun⸗ eſidenz e man üdende ſpäter te kur⸗ begeg⸗ mentet ging Von Ferdinand Krämer. 315 das Gerede, wir würden über den Vogelsberg nach Fulda ziehen. Vogels⸗ berg! Hätte ich wohl damals, als mir in der Schule eingebläut wurde, daß du zwiſchen den Quellen der Nidda und Lahn liegeſt, ahnen können, daß ich mit dir aus eigenſter Anſchauung ſo genau bekannt würde, daß dein Name allein ſchon auf Jahre hinaus der ſchrecklichſte der Schrecken für manchen biederen Schwaben werden ſollte? Bald hinter Laubach begann ein herrlicher Wald, deſſen dichte Bewach⸗ ſung jede Ausſicht über die rechts und links der Straße liegenden Berghänge unmöglich machte. Der Marſch wäre unter dem Schutz ſo prächtiger Eichen und Buchen gewiß recht angenehm geworden, hätte nur der Himmel mehr Erbarmen mit uns gehabt und nicht wieder, wie in den letzten Tagen, alle. ſeine Schleuſen geöffnet. Bis auf die Haut durchnäßt langten wir Nach⸗ mittags in dem in einer Niederung liegenden Schotten an. Das kleine, am Fuß des Gebirges ruhende Städtchen war bald mit Truppen vollgepfropft, ebenſo die benachbarten Dörfer, welche nicht im Stande waren, für ſo viele Leute das nöthige Eſſen aufzubringen; hiefür mußte Schotten vermittelnd und aushelfend eintreten. Offiziere, von einzelnen Soldaten begleitet, kamen auf Bauernwagen hereingefahren und holten ganze Ladungen Brod, Fleiſch und Haber. Vor dem Rathhaus, deſſen unterer Theil in ein Magazin um⸗ gewandelt worden, entſtand bald ein reges Treiben. Jeder wollte natürli⸗ cherweiſe, wie es immer geht, zuerſt befriedigt werden. Das war eine ganz neue und ungewohnte Situation, und ein etwas in die Enge getriebener Sol⸗ dat meinte alles Ernſtes:„do geht's aber her wie im Krieg!“— Der Gute ſcheint bis daher geglaubt zu haben, wir ſeien auf einem Vergnügungszug begriffen. Eine freundliche Seite Schottens, die Fabrikation trefflicher Cervelat⸗ würſte von theilweiſe koloſſalen Dimenſionen, ſei hier nicht verſchwiegen. Dieſes Kunſtprodukt bildet namentlich wegen ſeiner langen Haltbarkeit einen beträchtlichen Ausfuhrartikel. Auch unſerer Proviantverwaltung mußte dieſe Richtung der Gewerbsthätigkeit Schottens zu Ohren gekommen ſein; doch wer weiß, vielleicht war dieſe Kenntniß auch nur durch praktiſche Erfahrung erworben— ſicher iſt ſo viel, daß mein dicker Quartierherr und Metzger mir vor dem Abgang ſchmunzelnd mittheilte, wie durch das Militär der ganze Wurſtvorrath des Städtchens aufgekauft worden ſei. Daß dieſer übrigens nicht allzu groß geweſen ſein mag, darf, wenn der Schluß überhaupt richtig 316 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. iſt, daraus gefolgert werden, daß wenigſtens in unſerem Regiment ſpäter nicht eine Idee mehr von dieſen ſchmackhaften Würſten verſpürt wurde. Die hier und auch in anderen Orten Oberheſſens übliche Bezeichnung der Einwohner gleichen Namens durch einfache Nummerirung wie z. B. Schlerb fünfter, Krumm ſiebenter, hat etwas recht Patriarchaliſches; für den Fremden iſt es freilich etwas weniger angenehm, wenn ihm entfallen iſt, ſob derjenige, nach dem er ſucht und fragt, der vierte oder ſechste ſeines Na⸗ mens iſt. Nach einem wohl angelegten Raſttag, an welchem unſere Kleider und Stiefel doch wieder etwas trocknen konnten, machten wir uns daran, den Vogelsberg zu paſſiren. Der nur allmälig anſteigende, übrigens noch gute Weg führte, nur wenige elende Orte berührend, bald durch dichte Wälder, bald durch ſpärliche Haberfelder und gelbliche Wieſen. Zahlreiche, meiſt ſtark bewachſene Bergkegel tauchten in der Nähe und Ferne auf und verminderten die Einförmigkeit des rauhen Waldgebirges. Heute wurde ſchon mit größe⸗ ren Vorſichtsmaßregeln und in vereinigten, ſtärkeren Abtheilungen marſchirt, man hielt ein Zuſammentreffen mit dem Feind für möglich. Doch unbeläſtigt erreichten wir die Nachtſtation Herbſtein. Das Städtchen erſchien durch ſeine maleriſche Lage auf der Spitze eines Berges recht anziehend, leider ſah es aber im Innern nichts weniger als hübſch aus. Mit dieſer Behauptung will ich ſeiner etwaigen architektoniſchen Schönheit keineswegs zu nahe treten, auf dieſe ſieht der Soldat, der ſechs bis acht Stunden marſchirt iſt und ſein Kalbfell auf dem Rücken getragen hat, recht wenig. Das Innere der Häuſer, insbeſondere die Beſchaffenheit von Küche und Keller, nimmt vorzugsweiſe ſein Intereſſe in Anſpruch, und damit war es denn in Herbſtein herzlichſt ſchlecht beſtellt. Unſere am Mor⸗ gen abgezogenen Vorgänger, Heſſen⸗Darmſtädter, hatten die Einwoher ganz ausgefreſſen, wenn ich mir dieſen ſo bezeichnenden Ausdruck geſtatten darf. Da gab es für die wenigſten von uns auch nur ein Stückchen Brod, das Einzige, was noch in einigem Vorrath vorhanden war, war Apfelwein; der biedere Wirth forderte für den Schoppen die Kleinigkeit von achtzehn Kreu⸗ zern. Unſere Offiziere wußten übrigens, ſobald dies ruchbar wurde, ſeine Forderung auf ein richtiges Maß zu bringen. In ſehr rebelliſcher Stimmung ſah der Magen den Nachmittag ver⸗ gehen; manch ſehnſüchtiger Blick gleitete auf die Straße in's Thal hinab nach den längſt erwarteten Proviantwagen. Endlich gegen Abend langten Von Ferdinand Krämer. 317 4 25 ſie an, und nun ging es, abermals von dem unvermeidlichen Regen heimge⸗ hin ſucht, an ein ſchnelles Faſſen von Fleiſch, Brod und Reis; freilich dauerte es huß von jetzt an noch einige Stunden, ehe man eſſen konnte, aber es war doch 4 ſichere Ausſicht dazu vorhanden. 35 Einige meiner Karte geſchenkten Minuten hatten mich belehrt, daß wir⸗ 1 d morgen das unwirthliche Gebirge hinter uns bekommen und gewiß übermor⸗ gen in Fulda eintreffen würden. Es war mir daher eine unangenehme Ueber⸗ raſchung, als am anderen Morgen bekannt wurde, daß ſich unſere Richtung nun abermals ändere und wir mehr gegen Süden zu ziehen hätten. Ein Theil der Truppen hatte Herbſtein ſchon verlaſſen, wir ſtanden gleichfalls zum Aufbruch bereit an der Straße, da hieß es plötzlich:„Platz, das Haupt⸗ quartier kommt.“ Richtig, da kam eine Reihe von Reitern und Chaiſen im Trab daher. Es wurde gehalten, Offiziere wurden herbei gerufen, ihnen mit ernſter Miene Befehl ertheilt— kurz man ſah, daß eine Sache von Wichtigkeit vorgefallen ſein müſſe. Bald flüſterten auch unſere Offiziere unter einander, ich hörte abgeriſſene Worte, aus denen zu ſchließen war, daß die Oeſterreicher in Böhmen geſchlagen worden ſeien und auch die Baiern eine Schlappe erhalten hätten. Das waren keine ermuthigende Neuigkeiten. Von unſerem Halteplatz aus überſah man die allmälig am Abhang eines des Berges, auf dem der Ort liegt, ſich hinabwindende Straße, welche an⸗ ger als gefüllt mit Truppen und Fuhrwerken aller Art, einen intereſſanten Anblick niſchen bot. Da faſt unſer ganzes Corps auf dieſem Weg dahin zog, ſo drängte r ſechs ſich die Vergleichung mit einer unendlich großen Schlange ganz von ſelbſt etragen auf, deren glänzende Schuppen die in der Sonne blinkenden Waffen und fenheit— Geſchütze bildeten. „ und Wir erreichten heute die Gegend von Crainfeld und Grebenhain. Na⸗ Mor⸗ türlicherweiſe waren auch hier alle Orte mit Soldaten überfüllt, zu eſſen er gan gab es herzlich wenig, zu trinken kaum einen Schluck Schnaps. Doch am n darf. anderen Tag ſollte es noch ſchlechter kommen. Allem nach zu ſchließen, paſ⸗ das ſirten wir da den ödeſten und ärmſten Theil des Vogelsberges, und ſomit ; der wird ſich der Leſer nach dem bisher Geſchilderten leicht einen kleinen Begriff Kreu⸗ von unſerem Leben machen können. Elendere Orte, als die an dieſem Tage ſeine durchzogenen, habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht geſehen; freilich laſſen ſchon Namen wie Mäuswinkel, Bösgeſäß, auf wenig Gutesnhoffen. nj ve⸗ Neugierig betrachteten uns die mehr als ärmlich gekleideten Bewohner, biuot— unter denen man wenige kräftige und kerngeſunde Geſtalten ſieht; da ſind angte. 2 4 318 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. doch unſere ſchwäbiſchen Bauern, auch in den weniger wohlhabenden Gegen⸗ den, wahre Herren im Vergleich zu dieſen Aermſten! Sie und insbeſondere die mehr als ſchmutzigen Kinder, gaben einen reichen Unterhaltungsſtoff für den Soldaten ab, der allezeit mit einer witzigen, meiſt recht bezeichnenden, aber nicht immer ſehr ſchonenden Bemerkung bei der Hand iſt. Wenn dann ein rechter„Treff“ gefallen, ſo macht er unter ſchallendem Gelächter ſchnell die Runde in der ganzen Kompagnie, und man vergißt für den Augenblick den ſchlechten Weg, der heute durch den vielen Regen, um ja das Maß voll zu machen, noch ganz beſonders bodenlos iſt. Wer dazu am Abend nach zu⸗ rückgelegtem Marſch noch das Glück hat, auf Feldwache zu kommen, der kann, bei dem völligen Mangel an Stroh, die allerinnigſte Bekanntſchaft mit der Mutter Erde machen. Ein weiterer, langer und beſchwerlicher Marſch ſollte uns an ſeinem Ende aus den verwünſchten Bergen bringen. Auch heute gab es noch Gele⸗ genheit, recht primitive Zuſtände zu ſehen. Zu verſchiedenen Malen führte der Weg über einen breiten Bach, an deſſen Ufern er ſich hinzog; war ſchon eine der über dieſes Waſſer führenden Brücken ſo hinfällig, daß man ſie re⸗ pariren mußte, während wir hinüber zogen, und daß den Offizieren zu Pferd beſondere Vorſicht anempfohlen wurde, da für die Thiere gefährliche Löcher vorhanden waren, ſo kamen wir zu guterletzt noch in ein Dorf, in dem nur ein ſchmaler, für Fußgänger beſtimmter Steg die Paſſage über das Waſſer vermittelte. Gerade vor uns waren einige Wagen mit Brod und Hafer am Bach angelangt. Die angeſpannten Ochſen— Pferde ſind hier zu Lande der bergigen Wege halber nicht im Gebrauch— waren zwar gutwillig bis in die Mitte des Baches gegangen, da aber hörte ihr Gehorſam auf, die Fuhrleute waren klugerweiſe auf dem Wagen geblieben und ſchienen ſich auch nach einem Fußbade nicht zu ſehnen. So gab es trotz allem Schreien der Bauern und allem Fluchen der begleitenden Soldaten eine Stockung, die größere Dimenſionen anzunehmen drohte, als nun auch die omnibusartigen Sanitätswagen nachgerückt kamen. Glücklicherweiſe nahmen die gehörnten 4 Vierfüßler auf den fühlbaren Zuſpruch der in's Waſſer geſtolperten Bauern Raiſon an, und der Zug kam wieder in Bewegung. Wenige Stunden nach dieſer Epiſode ward uns beim Heraustreten aus einem engen Waldthal ein wohlthuender Anblick; ein hübſches Städt⸗ chen, an den Hang eines mit Reben bepflanzten Berges gebaut, ſchaute uns entgegen— es war Büdingen. In heiterſter Stimmung zogen wir in den reinlie Jung wäre beſchie den, Daſ egen⸗ ndere ff für nden, dann hnell nblic voll zr , der t mit einem Gele⸗ Von Ferdinand Krämer. 319 reinlichen, wie es ſcheint ſchon alten Ort. Da es Sonntag war, ſtrömte Jung und Alt herbei, uns zu betrachten. Hier in's Quartier zu kommen, wäre ſehr erwünſcht geweſen, leider war dies aber einem anderen Regimente beſchieden, deſſen Quartiermacher ſchon ſchmunzelnd in den Straßen ſtan⸗ den, und ſo kamen wir vor dem Städtchen nur zu einem längeren Halte. Da ſah man doch auch wieder Bier— ſchade, daß es nicht beſſer war; och die Gewißheit, den Vogelsberg— und hoffentlich auf Nimmerwiederſehen iinter ſich zu haben, galt ſchon allein als Labſal. Ich weiß mich von dem Vorwurf frei, dieſes Waldgebirg über Ver⸗ t gerühmt und dadurch in unſerer reiſeluſtigen Zeit Veranlaſſung zu ſeinem Beſuch gegeben zu haben; deſſen aber bin ich gewiß, daß dieſer Land⸗ ſtrich in den Briefen der Soldaten in die Heimat nicht ſo glimpflich wegge⸗ kommen iſt, wie hier bei mir. Welch lamentable Schilderungen mögen da die Herzen der Angehörigen erweicht und, was am Ende doch die Haupt⸗ ſache war, die Börſen der Eltern und Geſchwiſter zu einer außergewöhn⸗ lichen Leiſtung angeſtrengt haben! Wer ſpäter glücklich wieder heimkam, durfte ganz ſicher ſein, daß mindeſtens die zweite Frage jedes Bekannten die war:„biſt du auch im Vogelsberg geweſen 94 Erſt neulich wurde mir auf einer Reiſe ein Soldatenbrief aus jener Zeit gezeigt, der alſo anfing:„ Lieber Vater, eben ſteige ich von einein Kir⸗ ſchenbaum herunter, auf dem ich meinen Hunger zu ſtillen ſuchte.“ Daß ſolche Schreiben ihre Wirkung nicht verfehlten, davon wußte die Feldpoſt ein Liedchen zu ſingen; da kam nicht nur eine Unmaſſe von Geldſendungen verſchiedenen Inhalts, nein, Kuchen und Würſte aller Art, ſowie ſonſtiges Fleiſchwerk rückten oft in ganz beträchtlichen Packeten an. Freilich zeigten dieſe Eßwaaren bei ihrer Ankunft meiſt allzu deutlich und ſchon von ferne wahrnehmbar die Spuren einer langen Wanderung, und es durfte der Empfänger, wollte er ihnen noch Ehre anthun, keinen allzu ausgebildeten Geruchsſinn haben; doch das iſt im Felde ein mehr als überflüſſiges, ja ein wahrhaft beläſtigendes Ding. Ehe ich dem Vogelsberg ein Lebewohl zurufe, muß ich doch, ſelbſt auf die Gefahr, den Leſer zu langweilen, ſeiner Bewohner auch noch mit einigen freundlichen Worten gedenken. Es iſt ſehr natürlich, daß die armen Leute, auf einem von der Natur ſo wenig geſegneten Landſtrich lebend, den Ein⸗ druck einer gewiſſen Verkommeniheit machen müſſen, wozu der Branntwein, auf den ſie ganz allein angewieſen ſind, auch das ſeinige beiträgt; aber gut⸗ 320 Siigeerengen aus dem Bundeskrieg am Majn. Von F. Kräͤmer. müthig, ihr Weniges gerne mit dem Soldaten theilend, habe ich doch faſt allenthalhen die Bevölkerung getroffen.„Wir geben ja alles gern, wenn nur die Preußen nicht kommen,“ war ein oft gehörter Spruch.— Die ge⸗ lüſtete es nun freilich nicht hieher zu kommen, wiewohl es ihnen drüben, im ächſten Nachbar des Vogelsberges, in der Rhön, in jener Zeit auch nicht weſf ergangen ſein mag, als uns hierüben. 8 Wie aber jedem Ding eine gute Seite abgewonnen werden kann, ſo auch unſerem Aufenthalt im Vogelsberg: die Anhänglichkeit an unſer ſe nes Schwaben wurde durch die dort gemachten Erfahrungen verdoppelt, u * jener Soldat, der da meinte:„aber wenn i wieder heim komm'“, i will g gwiß nex meh über mein Württemberg ſaga!“— hatte uns am s dem Herzen geſprochen. (Schluß folgt.) ch faſt wenn Die ge⸗ en, im hricht nn, ſo ſch lt, un Der Traunring. us den h Von Emma Niendorf. 1. 1 Es läutete zum drittenmale am äußeren Parkthore. Der Gärtner⸗ burſche ſprang eilfertig von ſeiner Arbeit herbei um zu öffnen, ſobald er 1 hinter dem Gitter das roſige Geſicht, die blonden Flechten Aennchens er⸗ blickte, das unter ſeinem Korbe voll Früchten und Blumen vorlachte wie ge⸗ 1 malt.„Gottlieb, warum ſperrt man denn jetzt zu?“ fragte ſie.„Sonſt war es immer offen.“—„Ja ſonſt und jetzt, das iſt zweierlei! Sonſt—!“— Keine Bemerkungen, Herr Gottlieb!“ unterbrach ihn mit gefalteter Stirn der ſilberlockige Jäger, der ſich, ſeine Thonpfeife im Munde, zu den Leutchen geſellt hatte, um ſich mit dem braven Mädchen, wie er ſie nannte, zu unter⸗ halten.—„Daß ich nur nicht etwa gar die Hauptſache vergeſſe,“ ſagte ſie aber, ſtellte ihren Korb ab, wiſchte ſich die Hand ſäuberlich an der Schürze 1 und zog aus einem zuſammengebundenen Päckchen neugeſtrickter Strümpfe einen Brief vor;„da, Gottlieb! Ich muß fort in die Stadt. Guten Mor⸗ gen beiſammen!“ Und damit machte ſie rechtsum auf flinken Füßen. 1 Während der Gärtnerburſche das Schreiben von allen Seiten betrach⸗ tete und noch an der Adreſſe ſtudirte und Valentin, der Jäger, kunſtgerechte Wölklein über die Lippen blies, trat aus den Fliederbüſchen und der Aka⸗ ziengruppe am Wege, zur Abwechſelung eine andere Frau unvermuthet vor, ſchwarz gekleidet vom Scheitel bis zu den Zehen, ſchwarz auch die von einem Filettuche gehaltenen krauſen Haare, eine hochgewachſene Figur, eng um die Taille geſchnürt, mit üppiger Büſte und ſchwellenden Hüften, die Händen Hausblätter. 1867. I. BdB. 21 1” 4 4 4 4 5 4 6 1. 1 ——y— K . — 322 Der Trauring. nicht klein, aber wohlgeformt. Die eine trug ein Taſchenmeſſerchen, die an⸗ dere hielt das langſchleppende Kleid empor, unter dem ein ſchneeiger Rock vorſchaute. Am runden, weißen Arme hing ein zierliches Körbchen voll Blumen, die einen Schwall von Wohlgeruch verbreiteten. Das junge Weib fragte mit einer vollen Altſtimme nicht allein ſehr laut, ſondern auch kurz und herriſch:„ An wen iſt der Brief?“—„An den Herrn Grafen, Mademoiſelle Antonie.“—„Ich will den Brief übergeben,“ ſprach ſie, die Finger darnach ausſtreckend. Aber der Jäger hatte ihn ſchon gefaßt.„Nein, Mademoiſelle Antonie,“ verſetzte er,„den Brief übergebe ich!“— Und damit machte auch er rechtsum, pfiff ſeinen zwei getigerten Hunden und kümmerte ſich nicht um den Blitz, der ihm nachgeſchleudert wurde aus dem großen, ſchwarzen, wilden Augenpaare, das ſowohl drohen, als locken zu können ſchien. Die Mademeiſelle fand nur zu bald jemand, an dem ſie ihre üble Laune auslaſſen konnte. Gleich am Ausgange der breiten Kaſtanienallee, auf der mit Reſeda und Stiefmütterchen eingefaßten Raſenpelouſe, ſpielte ein etwa ſechsjähriger Knabe, ſchön wie ein Engel.„Max,“ begann ſie finſter, mit erhobenem Zeigefinger,„Max, du haſt die Moosroſe mit den Knoſpen abge⸗ riſſen, drüben am Vogelhaus.“— Das Kind erhob die blauen Augen mit den langen, ſeidenen Wimpern, als beſinne es ſich und entgegnete nach eini⸗ gen Sekunden:„Nein, Mademoiſelle, Max hat die Moosroſe beim Vogel⸗ hauſe nicht abgeriſſen.“ Dazu ſchüttelte er den Kopf voll weicher, ſchwarzer Locken, das blüthenweiße Geſichtchen, deſſen Zartheit durch das Trauerröck⸗ chen erhöht wurde.„Max, du lügſt!“—„Max lügt nicht, nein, Max lügt nicht!“— In aller Beſtimmtheit und in gekränktem Stolze wiederholte er nachdrücklich dieſe Worte immer von neuem mit vermehrtem Nachdrucke. Sichtlich wollte der Kleine ſich ſtark zeigen, aber gleichwohl rannen zwei große Thränentropfen ihm über die Wangen.„Max lügt nicht!“—„Willſt du gleich ſtill ſein, du Heuchler, du kleiner Komödiant? Wart' nur!“— Damit entfernte ſie ſich, um die Scene abzubrechen, weil von der Terraſſe her Stim⸗ men ertönten. Der Knabe lief in entgegengeſetzter Richtung zu der Gaisblattlaube, in welcher der Hofmeiſter mit dem Buche ſaß und Egon, der ältere Bruder, ſeine Aufgabe machte.„Max lügt nicht, Max lügt nicht, nein!“ wiederholte der jüngere immer heftiger und warf ſich an den Hals Herrn Ottmar's, der den Liebling an ſich drückte.„Max lügt nicht!“— Zuletzt erſtickte ſeine Laune ff der etwa mit abge⸗ 1 mit eini⸗ Vogel⸗ varzer errück rlügt olte er drucke gruder, aholte 9, der e ſeine Von Emma Niendorf. 323 Stimme im Schluchzen.— Es dauerte eine ganze Weile, bis der Hofmei⸗ ſter den Hergang zu durchſchauen und den Zögling und ſein empörtes Ehr⸗ und Gerechtigkeitsgefühl zu beſchwichtigen vermochte. Der junge Mann trug das beinahe fiebernde Kind hinauf zu ſeiner Pflegerin in die Thurmzimmer des Schloſſes. Langſam ſtieg Ottmar die dahin führende Schneckenſtiege wieder herunter, niedergeſchlagen und bekümmert, mehr als der anſcheinend geringe Vorfall es bedingen oder erklären konnte. Er zog ſeine Taſchenuhr hervor. Es war noch zu zeitig, um in den Gartenſalon zu gehen. Der Graf pflegte dort mit dem Hofmeiſter ſeiner Söhne das zweite Frühſtück zu nehmen. Es blieb ihm noch Muße zu einem Gange im Freien, wozu der kriſtallklare Sommertag einlud. 3 2. Trotz dieſem Glanze des Himmels, trotz dem Schmelze, mit welchem die Erde ſich hinſchmiegte in ihrem Gewande von Smaragd, ſchien der ſo begnadeten Umgebung doch die eigentliche rechte Freudigkeit zu mangeln. Es war ein ſeltſames Etwas, als ob es drückend in der Luft läge, es ſchwebte eine Trauer über dem Ganzen. Um alles wehte dieſe Trauer, aus allem wehte ſie. Solchem wehmüthigen Hauch, wie vorzeitiges Herbſteln und mehr noch als das, begegnete Heinrich Ottmar jetzt nicht zum erſtenmale hier. Alles hatte ſich ja ſeit kurzem verwandelt! Er wollte die alten trauten Wege l maeiden, welche ihm die verſchwundene Zeit, ſo manche ſchöne Erinnerung zurückbrachten, und fand ſich, gegen ſeinen Willen, doch immer wieder auf ihnen. In dieſer Umgebung hatte er ja ſeine edelſten beſten Tage gelebt. Vieles in der Scenerie hatte er entſtehen ſehen, bei manchem ſogar ſelbſt entworfen und ausführen helfen. Und nun war ſie fort, für die und durch 1 die alles hervorgezaubert wurde, fort für immer! Alle dieſe Blumen, dieſe tauſend farbigen, thaufriſchen Kelche blühten nur mehr um ein Grab. Jene Fenſter im erſten Stockwerke des öſtlichen Schloßflügels ſind ge⸗ ſchloſſen und verhüllt, die Marquiſen aufgezogen über den Spitzbogen der Erker und dem wappenverzierten Balkon. Jenes Pförtchen iſt zugeſperrt, welches aus dem alterthümlichen, im Stil der Renaiſſance ſtattlich erneuer⸗ ten Gebäude, in die Loggia und von dieſer über die kleine mit Südpflanzen bbekränzte Treppe in die Veranda und den Nebengarten führt. Verlaſſen und G verwaist ſingen an der Mauer da die Aeolsharfen ihre Klagelieder. Hier * 21* 4 X 324 in der Perſpektive dieſer ſchmalen, hochgewölbten Buchenallee, welche dem Seitenſchiffe einer Kirche gleicht, ſchimmerte ſo oft das weiße Gewand fern im Smaragdgrün. Dort auf der Bank am See unter den Platanen war die Herrin gewohnt zu raſten, zu leſen, während um ihre Füße die Knaben ſpielten. Vergebens wartet am Rande im Schilfe der Kahn, in welchem ſie ſich mit ihnen auf dem Waſſerſpiegel gleiten ließ. Nein, ſie kommt nicht wieder! Aus dem Birkenwäldchen tretend, fand ſich Herr Ottmar nicht weit von dem Rebengange, in deſſen fenſterartigen Oeffnungen man wie einge⸗ rahmte Landſchaftbilder gewahrte, zwiſchen glücklich berechneten Lichtungen des Parks hindurch. In dieſer dicht gewobenen Weinlaube, in welcher ſich jetzt die Trauben ſchon zu färben begannen, hatte man noch zum letztenmale beim Thee zuſammen geſeſſen. Die Wieſen drüben, ſchon von der Sonne verlaſſen, trugen gleichwohl noch einen tiefen, eigenthümlichen Goldton. Der Strom, wie flüſſiges Silber, wallte dem blauen Gebirge, dem flammenden Der Trauring. Abendpurpur entgegen, welcher erſt hoch im Aether in das durchſichtigſte Ultramarin zerfloß. Es war damals, als hätte die Sonne von der Glorie ihres Niedergan⸗ ges etwas auf dem Haupte der Frau Gräfin zurückgelaſſen, es ſchien wie von einer Verklärung übergoſſen; die wunderbaren Augen ſtrahlten nur ſo, die Wangen glühten. Die Dame war ſoeben zurückgekehrt von einem zu ſtarken Ritte mit ihrem Gemahle in die Berge, wobei dieſelbe ihm zu Ge⸗ fallen ihre Kräfte überſpannt hatte. Sie hatte, indem ſie nun wie gewöhn⸗ lich den Thee ſelbſt bereitete, für alle ein Lächeln, für jeden noch ein wohl⸗ thuendes Wort, für jeden wurde bis in ſeine geringſte Eigenthümlichkeit geſorgt. In Nataliens Blick und Laut, in ihrer Miene und Bewegung lag unbewußt ein ganz beſonderer Schmelz— es war das nahende Scheiden. Gleich in der Nacht erkrankte ſie auf das heftigſte an einer Bruſtent⸗ zündung in ihrer gefährlichſten Form. Schnell, in wenigen Tagen, war dieſe überreizte Natur hingerafft, die ſich eigentlich niemals gehörte, die immer nur in anderen aufging. Sie blieb bis zum letzten Athemzuge faſt immer bei Beſinnung. Sie hatte einen ſchweren Kampf. Es war, als könnte ſie ſich nicht losreißen vom Leben, von ihrem Glücke, von ihrer Liebe. Die mäch⸗ tig großen Augen, in ihren Höhlen brennend, ließen keine Sekunde von dem über alles theuren Manne, ſie folgten ihm bei jedem Schritte und jeder Re⸗ gung. Sie nahm Abſchied von ihm und den Kindern, ſegnete ihn und ſie. dem fern war naben im ſie nicht weit einge⸗ ungen er ſich nmale Sonne Der enden tigſte tgan⸗ n wie wur ſo, Von Emma Niendorf. 325 Auch ihren Erzieher winkte die Kranke noch einmal zu ſich heran und empfahl ihm die Kleinen. Der Graf kniete an ihrem Lager, küßte ihre herabhängende Hand, an der ſich jedes Aederchen zeichnete, dieſe bleiche, durchſichtige Hand, an welcher nur Ein goldener Reif, der Trauring, ſchimmerte, und ſchwur Treue bis über das Grab hinaus, Treue bis in die Ewigkeit, ſchwur ſeiner Natalie keine Nachfolgerin zu geben, ſeinen Knaben keine zweite Mutter, ſondern ihnen Vater und Mutter zu ſein. Ihr Blick, ihr letzter Blick dankte ihm unausſprechlich. Dann legte ſie das Haupt zurück in die Kiſſen, nun neigte es ſich auf die Bruſt.— Vorbei! Graf Albrecht wußte ſeiner Verzweiflung nicht zu gebieten. Er ließ die Leiche kaum aus ſeinen Armen und wollte ſich nicht von ihr trennen. Es mußte ſchier Gewalt angewendet werden, ihn von ihr zu bringen und man fürchtete für ihn. Nichts vermochte ihn zu tröſten. Der Anblick der Kinder ſelbſt, welche ihm Ottmar zu bringen verſuchte, verdoppelte nur den Schmerz. Map beſonders, der Mutter Abbild, ſchaute den Vater mit ihren dunklen blauen Augen an, dieſen Augen, klar und unergründlich zugleich, welche im Moment über des Grafen Zukunft entſchieden hatten, gleich da er zum erſten⸗ male in ſie hinein geblickt. Sie waren von Gott, wenn auch nicht von den Menſchen für einander beſtimmt. Wohldurchdachte, langgenährte, man könnte beinahe ſagen ver⸗ erbte Pläne, ganze Familienverſchwörungen ſollten durchkreuzt werden. Auch ſchien es, als fänden die Leute das junge Paar, über welches ſich die Engel im Himmel freuten, zu herrlich, und als gönnte man von dieſen Zweien kei⸗ nes dem anderen. Die Liebe mußte Berge verſetzen, bis ſie erreichte, was ſie verlangte. Um ſo ſeliger, um ſo leidenſchaftlicher und verzehrender war die Wonne des Beſitzes. Ein Leben genügte nicht, ſie auszuſchöpfen! Und jetzt ſolche frühe, ſ olche plötzliche Trennung! Der Graf peinigte ſich mit Vorwürfen aller Art. Er hätte das ange⸗ betete Weib noch beſſer auf den Händen tragen, noch mehr bewachen und ſchonen, vor allem ihr das Reiten verbieten ſollen, ſtatt ſie zu demſelben zu ermuntern und ſich ihrer wachſenden Kühnheit zu erfreuen. Ja, er ſchalt ſich oft reuevoll ihren Mörder, indem er, vielleicht nicht ganz mit Unrecht, den Anſtrengungen jenes letzten verhängnißvollen Rittes die tödtliche Krank⸗ heit zuſchrieb. Vielfach drängte man in den Wittwer, ſich für einige Zeit zu entfernen, im Ortswechſel, auf Reiſen, wo nicht ſich zu zerſtreuen und zu vergeſſen, doch * 326 Der Trauring. Linderung für ſein Weh zu ſuchen. Er widerſtand den Vorſtellungen, den Bitten von Verwandten und Freunden. Er blieb an der Stätte der Thrä⸗ nen, an der durch Glück und Trauer geweihten Stelle, wo die Geliebte ruhte, und wies hartnäckig jeden Troſt zurück, der ſich ihm nahen mochte. Dies währte bereits mehrere Monde, der Graf ſchwelgte in ſeinem Schmerze. Und doch, wie dieſe weichen, heißen Naturen gerade in ihrem Fluſſe, in ihrem Hinſchmelzen für Eindrücke doppelt ſeltſam empfänglich ſind, ſchien eben jetzt ein fremder, ein nahezu dämoniſcher Einfluß auf den betrübten Mann ein⸗ dringen zu wollen. 3. Dies alles ging wieder einmal durch Ottmar's Seele, während er noch tiefer in die Schatten einbog, noch weſtlicher, wo beim äußerſten Schloßflügel der alte epheuumſponnene Rundthurm trotzte, neben welchem, gleichſam in ſeinem Schutze, die Schloßkapelle angebaut war. Nicht leicht verſäumte der Hofmeiſter, wenn er in dieſen einſamſten und dunkelſten Theil des Parkes kam, den Pfad einzuſchlagen, welcher nach dem kleinen Heiligthume führte, und wenigſtens an den von uralten Lindenkronen überhängten Mauern der Gruft vorbeizuwandeln, um den Blick auf das Fenſtergitter zu werfen und einen ſtummen Friedensgruß hinunter zu ſenden in die ſtille Kammer. Selbſt dieſes äußere Gitter ſah man ſtets mit Blumen friſch geſchmückt. Heute hing ein großer Kranz da, aus Blumen von allen Farben und Formen künſt⸗ lich gewunden. Ottmar hätte ihn herunterreißen mögen den Kranz, er wußte, welche Hand den Kranz flocht, er hatte ihn binden ſehen, geſtern— jedermann konnte es ſehen, es geſchah nicht im Verborgenen. Unſer Freund hatte eben⸗ falls gehört, wie laut der Gebieter ſein Wohlgefallen an dieſem Werke, ſeine Anerkennung dafür ausſprach. Ottmar hätte ihn herunterreißen mögen, den Kranz! Natalie braucht deine Kränze nicht! Mit welchem Herzen haſt du ihn gebunden? Mit welchem giftigen Haſſe, mit welchem Neide bis in den Him⸗ mel hinein, mit welcher bäumenden Eiferſucht, während deine Hand nur zu ſpielen ſchien und du die Wimpern demüthig niederſchlugſt— um den Baſi⸗ liskenblick zu verbergen! Heinrich konnte nur mit Mühe den eigenen Zorn und die aufquellende Bitterkeit niederkämpfen, da alles, was den wohlmeinenden jungen Mann belaſtete, ſich damit berührte und juſt um dieſen Punkt drehte. Es war Von Emma Niendorf. 327 heute nicht allein Betrübniß über das Ableben der hohen Frau, nein, es war noch etwas Anderes, ganz Anderes, aber etwas, das mit dieſem unglücklichen Ereigniſſe zuſammenhing und leider aus ihm entſprang, wie ſo manches Uebel. Das Gegenwärtige verſinnlichte ſich für Herrn Ottmar eben in dem beſagten Kranze. Wer ihn geflochten hatte, mit viel Geſchmack und ebenſo viel Eifer, das war die Hausmamſell, Fräulein Antonie, wie man ſie in neueſter Zeit von verſchiedenen Seiten nennen hörte, und wie wenigſtens ſie, die Betreffende, ſich gern nennen hörte. Dieſelbe, Tochter eines Handwer⸗ kers in der Reſidenz, hatte ſich dort vielfach ausgebildet, eingeübt und Gön⸗ ner verſchafft, welche der Frau Gräfin, als durch Heirath der ſeitherigen Beſchließerin vor ungefähr zehn Monaten die Stelle ſich erledigte, das etwa achtundzwanzigjährige Frauenzimmer empfahlen, das ſich auch ſogleich als äußerſt brauchbar bethätigte und ein einnehmendes Weſen— nur zu ſehr — darlegte. Wenigſtens fand der Hofmeiſter kein Gefallen daran, trotzdem oder vielleicht eben weil die unläugbar ſchönen, prächtig glänzenden Augen, die etwas zu frei und verſprechend in die Welt hinausblickten, ſich häufiger und fragender als juſt nöthig ſchien, auf ihn richteten. Auch Gräfin Natalie, obſchon jene Perſon viel Fähigkeit und Geſchick entwickelte und ſich gar dienſtbefliſſen und unterwürfig erwies, vermochte doch das rechte Zutrauen nicht für ſie zu faſſen, wenn ſchon ihre Leiſtungen und deren Nützlichkeit für die Wirthſchaft von der Herrin anerkannt und mit dem gewohnten Rechtsſinne derſelben ſogar öfters gegen den Gemahl ge⸗ rühmt wurden. Aber auch in der letzten Krankheit, noch auf dem Todten⸗ bette, bis in das Fieber hinein, und zumal bei deſſen zuweilen vorüber⸗ huſchenden Phantaſieen verrieth ſich, ob auch noch ſo zart, jener Mangel an Sympathie. Ja, wenn die Mademoiſelle verſuchte, ein begehrtes Getränke zu reichen, wandte die Durſtende jedesmal unwillkürlich die Lippen davon ab und winkte mit ihrer kleinen bleichen Hand Antonien wiederholt, ohne ſie zu kennen, ſich vom Lager zu entfernen. Sobald die lieben Augen ſich für immer geſchloſſen hatten, war es die Hausmamſell, welche allein Geiſtesgegenwart genug beſaß, ſich der erfor⸗ derlichen Anordnungen zu bemächtigen, und durch die Umſicht, mit welcher ſie dieſelben leitete, während jedermann ſonſt wie niedergedonnert ſchien, ſich Verdienſt erwarb und den Gebieter zum Danke verpflichtete. So blieb es denn auch, und was Antonie einmal in die Hände genommen, ließ ſie 328 Der Trauring. nicht wieder fahren. Sie gehörte überhaupt zu denen, die ſich ſchnell und in jeder Weiſe unentbehrlich zu machen wiſſen, die ſich feſt niſten, noch ehe man es nur merkt. Während die Beſchließerin für ihre eigenen Zwecke arbeitete, ſchien ſie nur auf das Wohl des Hauſes bedacht, und der Graf belohnte ſie für das, was er ihre Aufopferung nannte, mit ſeiner vollen Zufriedenheit. Antoniens Einfluß wuchs von Tag zu Tag, ſie zeigte ſich ebenſo übermüthig nach unten, als nach oben demüthig. Am meiſten gewann ſie aber den Herrn dadurch, daß ſie ſeinem Schmerze um die geliebte Gattin ſchmeichelte. Die ſchlaue Kreatur, indem ſie das Andenken der Gräfin Natalie laut bis in die Wol⸗ ken erhob, trachtete im Geheimen früh und ſpät dasſelbe auszulöſchen, die Spuren der Entſchlafenen wo immer möglich zu verbannen, alles, was von ihr ſich herleitete, nach und nach gänzlich umzuwandeln. 4 In dieſem Bemühen ſtieß ſie nur zu häufig auf den Hofmeiſter, den ſie niemals getäuſcht hatte, und dem ſie dies innerlich niemals vergab. Ottmar fand ihr Streben beſtändig, wenn auch meiſt im Verborgenen, gegen ihn ge⸗ richtet. In der Erziehung zumal bereitete dieſe Antonie ihm namenloſe Schwierigkeiten; nicht allein durch Eingriffe aller Art, ſondern indem ſie die Knaben reizte, erbitterte, wie heute den armen Max, ihnen den Charakter verdarb. Erſt geſtern hatte ſie mit dem größeren, mit Egon, eine noch hefti⸗ gere Scene aufgeführt, nach welcher er, obſchon umſonſt, bei ſeinem Vater Schutz ſuchte. Jene verfolgte die Gräfin bis in ihre Kinder und bis in den Hofmeiſter dieſer Kinder. Letzterer hatte, als er ſich bei Gelegenheit um Ent⸗ ſcheidung an den Grafen wenden zu müſſen glaubte, bei demſelben nicht die gewünſchte Aufnahme gefunden, war vielmehr zum erſtenmale ſeit dem Ein⸗ tritte in das Schloß einer gewiſſen Verſtimmung begegnet. Sollte Ottmar dies alles ſchweigend geſchehen laſſen und konnte er das vor ſich und ſeinem Gewiſſen verantworten? Durfte er das Unrecht dulden, als ſtummer Zeuge ſich zum Mitſchuldigen machen? Die Sache wurde näch⸗ ſtens für ihn zur Exiſtenzfrage, denn es gebot ihm doch wohl die Ehre, ein Amt niederzulegen, dem er nicht mehr zu genügen vermochte! Sah er ſich aber in dieſem Falle nicht gezwungen, die anvertrauten Waiſen zu verlaſſen, das der Sterbenden verpfändete Wort zu brechen— von der eigenen Zu⸗ kunft gar nicht zu reden, deren ſchönſte Hoffnungen ſich auch an den jetzigen Beruf knüpften. Heinrich bedachte ſchon, ob er nicht ſeiner Maria ſchreiben ſollte, daß ſich die Ausſichten für ihn verdüſterten und er nicht mehr wie bis⸗ und in he man hien ſie r das, oniens unten, adurch, ſchlaue Wol⸗ en, die das von den ſit ttmar hn ge⸗ renloſe ſie die aakter h hefti⸗ Vater in den m Ent⸗ icht die m Ein⸗ er das 9 8 Von Emma Niendorf. 32 her darauf bauen könnte, ihr in nicht zu ferner Zeit ein ſicheres ſorgenfreies Loos zu bieten. Schmerzlich empfand er, daß er unter ſolchen Umſtänden dem Mädchen faſt die Freiheit zurückgeben müßte. Sie war ſeine erſte und einzige Liebe, ein Nachbarkind, dem er eigentlich bereits in den Schuljahren die Treue gelobt, die er halten wollte immerdar. Die Gräfin hatte ihm, Namens ihres Gemahls, nach wenigen, der Erziehung gewidmeten Jahren, eine Pfarrei verſprochen, die beſte im Lande, und zwar in unmittelbarer Nähe, und Ottmar hatte gehofft, bei ſich auch der Mutter, einer unbemittel⸗ ten Wittwe, ebenfalls geiſtlichen Standes, welche dem Jünglinge ihr Juwel, ihre einzige Tochter ſchenkte, wieder einen Herd zu gründen. Alles dies ſtand nun von neuem in Frage, auf dem Spiele. Wie, wenn der Erzieher wirklich nicht länger mit Würde ſeine Stellung behaupten durfte, wenn er ausſcheiden mußte, wenn man ihn verdrängte aus dem Wohlwollen des Patrons, aus dem Hauſe, welches ihm zur Heimat ge⸗ worden?— Es konnte bald zur Entſcheidung kommen. Wenn man Ottmar nöthigte, offen Beſchwerde zu führen, ſo mußte alles davon abhängen, wie der Graf dieſelbe aufnahm. Es blieb immer eine mißliche, eine ſehr kitzliche Sache. Sollte der Hofmeiſter ohne weiteres Zaudern den Herrn geradezu warnen vor der gefährlichen Perſon? Aber was gab dem jungen Mann das Recht, als Ankläger aufzutreten? Die Gründe, welche er anzugeben ver⸗ mochte, waren keine äußeren, ſondern lediglich innere. Er konnte leicht als Verläumder daſtehen, und der Richter— war er nicht vielleicht ſchon zum voraus beſtochen? Vielleicht! Nein, Ottmar konnte es ſich nicht mehr verhehlen, wenn er auch noch ſo gern wollte, konnte es ſich nicht mehr läugnen, daß die überwie⸗ gend ſinnliche Schönheit dieſes Geſchöpfes leider den Grafen nicht ganz un— empfänglich gefunden, daß ſie, durch einen ſchlagenden Contraſt, gerade über jieſes Herz, welches gewappnet ſein könnte, über dieſes Herz, erfüllt vom Ideal der reinſten, höchſten Weiblichkeit, über dieſes noch blutende, ſchmerz⸗ durchzuckte Herz, einen Reiz, nein, in Momenten eine gewiſſe Magie übte! Heinrich durchſchaute nur zu gut die Schlingen, welche hier der männlichen Schwachheit gelegt wurden, die zweideutigen, nein, die unzweideutigen Schlingen, wohl gar in ſchnödeſter Abſicht gelegt!— Das eben war es, was der junge treue Menſch vor allem fürchtete. Wenn dieſes gute, aber den Eindrücken offene, heiße Herz ſich wirklich ver⸗ gäße! Wenn dieſe Perſon, welche durch und durch Abſicht, aus Abſicht zu⸗ 330 Der Trauring. ſammengeſetzt, und daher dem Unbefangenen auf deſſen erſten Blick widrig, wirklich Macht über den Grafen gewänne, wenn es ihr gelänge, ihn zu ſich herabzuziehen, ihn in ein Verhältniß zu verwickeln, durch Berechnung ſogar zuletzt—— Ottmar vermochte das nicht auszudenken. Es war ihm das Entſetzlichſte, für die Knaben, für den Grafen ſelbſt, für die Gräfin noch in der Gruft! Hatte Natalie nicht inſtinktartig noch wie ein dunkles Ahnen davon gehabt, daß ſie eine Schlange in ihr Haus aufgenommen?—— Der Hofmeiſter, ehe er das blumenverzierte Gitter verließ, wußte der Sorge und Kümmerniß keinen beſſern Rath, als daß er ſie dem geläuterten Geiſte hingab, deſſen ſterbliche Hülle da unten ruhte, und ihm empfahl, als Schutzengel zu wachen über den Kindern, dem Gatten, dem Hauſe.— Dar⸗ auf nahm Herr Ottmar geſchwind, weil er meinte, ſich verſpätet zu haben, den kürzeſten Weg in das Schloß zurück. 4. Aber als er die breite braungebohnte Hauptſtiege hinauf eilte, die ge⸗ mächlich anſteigenden Stufen mit ihren ſpiegelnd blanken Abſätzen und dem goldverzierten Eiſengeländer, rollte erſt der Wagen des Herrn in den innern Schloßhof. Es währte immer noch eine Weile, bis die Diener auftrugen. Einige Thüren gingen ſchnell auf und zu, raſch trat der Graf ein.„Ich habe Sie warten laſſen,“ ſagte er entſchuldigend, indem er Ottmar die Hand reichte. Es war eine hohe Männergeſtalt, kraftvoll und ſchlank zumal, von ritterlichem Anſtande, und dennoch wieder ſchlicht und bürgerlich vor lauter Vornehmheit. Die Morgenluft hatte das ſonſt bleiche Geſicht mit der fein— gebogenen Adlernaſe und den hochgewölbten Brauen heute friſch angehaucht und das gewöhnlich etwas träumeriſche, vergißmeinnichtblaue Auge blitzte lebhafter nach der Erregung einer ſtarken Fahrt, welche nun zunächſt den Stoff zur Tiſchunterhaltung bot. Das ſich entſpinnende Geſpräch wurde durch den alten Jäger Valentin unterbrochen, welcher ſeinem Gebieter einen Brief überbrachte. Der auf ſil⸗ bernem Servirteller dargereichte Brief von grauem, grobem Papiere, unge⸗ ſchickt gefaltet, ſtach bedeutend ab gegen eine ſolche Umgebung. Graf Al⸗ brecht betrachtete gleichgültig die eben nicht von geübter Hand geſchriebene Adreſſe, das plumpe Siegel; darauf öffnete er es und überblickte die erſte Seite ziemlich zerſtreut und paſſiv. Plötzlich ſchien er zu ſtutzen, Purpur flog widrig Jzu ſich g ſogar hm das noch in Ahnen ißte der nuterten ahl, als Dar⸗ haben, ie ge⸗ ddem innern rrugen. ch habe Hand I, von lauter r fein⸗ haucht blitzte ſt den lentin uf ſil⸗ unge⸗ f Ao⸗ jebene 1 erſte t floß Von Emma Niendorf. 331 über ſein Geſicht, er hielt inne, wendete das Blatt, fing wieder von vorne an zu leſen, mit geſpannter Aufmerkſamkeit, mit wunderlich gemiſchtem Aus⸗ drucke in den Mienen, unter immer neuem Wechſel der Farbe, jetzt erblei⸗ chend, jetzt bis über die Stirne erröthend. Ungleich gingen ſeine Athemzüge, eine Thräne fiel auf das grobe graue Papier. Dann aber faßte er ſich und las geſammelt und wenigſtens anſcheinend ruhig den ganzen Brief noch ein⸗ mal langſam von Anfang bis zu Ende, und noch einmal, ließ dann die Hand ſinken, welche denſelben hielt und blickte ſinnend vor ſich hin auf das Tiſch⸗ tuch, dann zum Fenſter hinaus, zu den Wipfeln der Kaſtanien empor. „Ottmar,“ ſagte er nach einer ziemlich peinlichen Pauſe,„Ottmar, leſen Sie!“— Der Jüngling, indem er, ſich neigend, das offene Blatt ergriff, ſchaute zuerſt nach der Unterſchrift:„Erneſtine Friedel.“ Er kannte ſie ganz wohl, es war eine Wittwe von mittleren Jahren, die in einem nur wenige Stunden entfernten Weiler wohnte, wo ſie ein kleines Haus mit Gärtlein beſaß. Seit dem Tode ihres Mannes, eines Webers, nährte ſie ſich von Handarbeit. Die verewigte Gräfin hatte dieſer Frau gern Beſchäftigung gegeben, ſie auch oft auf dem Schloſſe nähen laſſen oder ſonſt zur Aushülfe dahin berufen. Dem Hofmeiſter fiel ſtets das blaſſe, weiße, ſchier durchſich⸗ tige, wie von einem innern Reflex erhellte Antlitz auf. Es war ein gar demüthiges Weſen und jetzt erdreiſtete ſie ſich, an den Grafen zu ſchreiben! Der Brief, ſauber, ſichtlich mit eben ſo viel Sorgfalt als Mühe geſchrieben, lautete: „Ew. hochgräflichen Gnaden, werden unter obwaltenden Umſtänden entſchuldigen, daß ich, die Endesunter⸗ zeichnete, Sie mit einem Briefe beläſtigen muß. Jedoch kann ich mir nicht anders helfen. Ich habe mich lang darüber beſonnen und bin ſchwer daran gegangen. Ich habe zu meinem Herrgott gebetet, damit er mich erleuchte, daß ich es recht anfange. Ich muß dem Herrn Grafen eine Mittheilung machen, ſv iſt mir befohlen worden. Vor etwa zehn Tagen iſt es mir ge⸗ ſchehen, daß ich ſie zum erſtenmale geſehen habe, nämlich die ſelige Frau Gräfin. Wir hatten juſt Vollmond und es war ein Freitag. Der Vollmond ſcheint durch meinen Birnbaum ſo hell in die Eckſtube, daß ich jedesmal, ſo⸗ bald ich mit der Arbeit aufhöre, das Licht auslöſchen und meine übrigen Ge⸗ ſchäfte vor Schlafengehen bei dem Himmelslichte beſorgen kann, gar dabei auch wohl noch in der Bibel leſe. Wie ich das Buch zuſammenſchlage und wieder in das Futteral ſtecken will, iſt mir, als ob mich etwas anweht, juſt 332 Der Trauring. wie ein warmer wohlriechender Athem, nicht anders. Ich muß noch ſagen, daß es mir ſchon die Zeit her bisweilen geweſen iſt, als ſeufze jemand in meiner Nähe. Ich hab' es gehört bei hellem Tag im Gärtlein, wenn ich um⸗ her ging und begoß, auf allen Plätzen, in der Laube, wenn ich ſtill ſaß und nähte, mitten in der Nacht, wenn ich im Bette lag. Es war ein ganz curio⸗ ſes Seufzen, ich kann nicht beſchreiben wie. Es war nicht jämmerlich, aber es ging einem bis in's Herz hinein. Es war ſo ſanft, ordentlich melodiſch iſt es geweſen, ja, wie Muſik, wie wenn ein Vöglein ſeufzen könnte. In dieſem Augenblick, jetzt eben, höre ich das Seufzen wieder neben mir. „Alſo an dem Abend neulich ſpürte ich den Hauch. Indem ich mich nun ſo umſchaue, ſchwebt aus der offnen Kammerthüre etwas heraus, wie wenn ein Vorhangflügel wallt. Ich denke immer noch, es iſt nur der Mondſchein. Aber nein, es iſt wirklich eine weiße Figur! Ich denke auch, und das fährt mir ſo durch den Kopf, die Dirnen machen einen Spaß. Aber nein, es iſt wahrhaftig— mein Herr Jeſus, ſteh' mir bei!— Ich hab' ſie gleich erkannt. Es iſt die ſelige Frau Gräfin, wie ſie leibt und lebt, ich hab' ſie gleich er⸗ kannt. Und da iſt alle Furcht wie von mir gefallen. Sie ſchaut mich an ſo gut, ſo treu wie ſonſt, nur ſehr traurig ſchaut ſie mich an. Sie fängt an zu reden, es iſt ihre Stimme, gewiß, ihre Stimme, ich höre ſie, nur noch ſanfter als ſonſt, ſchier bloß wie ein Säuſeln. Ich höre ſie ganz deutlich, aber wie mit einem andern Ohre, als dem gewöhnlichen wie mehr von innen, als von außen. Ich verſteh' nicht, wie ich es beſſer ausdrücken ſoll.„Friedel,“ ſagt ſie, und ſie ſagt es accurat ſo, wie ſie ſonſt zu ihren Lebzeiten mit mir ge⸗ ſprochen hat, nur daß ſie mich jetzt duzt,„Friedel, du biſt mir immer anhäng⸗ lich geweſen. Ich muß dich um etwas bitten.“— Ich antworte nicht darauf, ich kann keinen Laut über die Lippen bringen. Und dann meine ich auch, ſie weiß ſchon, was ich ſagen will, ſie liest es mir aus meinem Innerſten her⸗ aus, nicht wahr, Ew. hochgräflichen Gnaden? „Und darauf ſagt ſie mir weiter, daß ſie mich dazu auserſehen hat, ihrem Albrecht— verzeihen der Herr Graf, es ſind ihre Worte— eine Eröffnung zu machen. Die Selige kann das nicht ſelbſt thun, denn ſie kann ſich nur mir mittheilen und nicht ihm, weil ihm dazu etwas fehlt; wenn ich nur das Wort noch wüßte, was ſie brauchte, ich habe mich ſchon lang darauf beſonnen, es war ein fremdes Wort, ja das Organ! Ich glaube, ſo heißt es: weil ihm das Organ dazu fehlt, hat ſie geſagt. Sie habe nämlich, ſagt ſie jetzt, im Sarge ihren Trauring nicht am Finger, und daß ſie den Trauring nicht ———.,— och ſagen, emand in ich um⸗ Iſaß und nz curio⸗ lich, aber lodiſch iſt an dieſem mich nun wie wenn in, es iſt erkannt. leich er⸗ ich an ſo gt an zu hſanfter aber wie als von el,“ ſagt mir ge⸗ anhäng⸗ darauf auch, ſie ſten her⸗ t, ihrem röffnung ſich nul nur do5 eſomnen, 6: weil ſie jebt ing nich Von Emma Niendorf. 333 habe, laſſe ihr keine Ruhe. Sie könne nicht eher zum Frieden eingehen, bis ſie ihren Trauring wieder am Finger habe. Und dabei ſtreckt ſie mir ihre armen kleinen weißen Hände hin, ohne Ring, die ich im Mondſchein ſo gut erkenne. Ferner ſagt ſie, ihr Mann, verzeihen Ew. Gnaden, möge dafür ſorgen, daß ihr der Trauring wieder angeſteckt werde. Und aus dieſem An⸗ laſſe, fügte ſie noch bei, werde er die Entdeckung machen, daß eine Perſon in ſeiner Nähe, welcher er bisher Vertrauen geſchenkt, dieſes nicht verdiene. Die Falſchheit dieſer Perſon werde ſich dabei enthüllen. Das hat ſie geſpro⸗ chen, und wie ſie damit fertig geweſen, iſt ſie weggeſchlupft, wie ein Mond⸗ ſtrahl. So gewiß verlaſſe mich mein Heiland nicht in der letzten Stunde, als dies wahr iſt, was ich da niederſchreibe. „Seitdem erſcheint mir die Frau Gräfin öfters, weil ich es noch immer verſchoben habe und nicht gewußt, wie das Ding anfangen. Sie dringt in mich, ihr Geheiße zu erfüllen. Erſt dieſe Nacht iſt ſie wieder vor meinem Bette geſtanden. Da hab' ich mich denn heute früh entſchloſſen und dieſes Schreiben aufgeſetzt. Jetzt iſt mein Gewiſſen erleichtert. Ew. hochgräflichen Gnaden werden ſchon alles zu Recht legen. Ich bitte Unſern Vater im Him⸗ mel, daß er meiner Wohlthäterin den ewigen Frieden ſchenke.“— 5. „Was denken Sie von dem Briefe?“ fragte Albrecht, als ihm der Hof⸗ meiſter, nachdem er aufmerkſam geleſen, das Blatt zurückgab. Der junge Mann zuckte die Achſeln.„Ottmar, die Friedel iſt eine durch und durch recht⸗ ſchaffene Frau.“—„Die Frau hat lebhaft geträumt, Herr Graf, oder phan⸗ taſirt; ich könnte ihr auch eine gewiſſe magnetiſche Empfänglichkeit zugeſtehen. Leute mit ſolchen ſtillen wiederglänzenden Mienen, ſolchem ſeeliſchen Rever⸗ biren in den Augen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, beſitzen meiſtens ſom⸗ nambule Fähigkeit, welche ihnen derartige innere Bezüge weckt, die ſich ſelbſt in Fällen äußerlich zu Viſionen verdichten.“— Unſer Wittwer mochte dieſe letzten Worte kaum mehr gehört haben, denn er ſaß verloren in Gedanken, welche der Pädagog nicht zu ſtören wagte. Nach längerem Verſtummen fragte er Erſteren plötzlich:„Ottmar, erinnern Sie ſich ganz genau, ob meine Frau den Trauring an der Hand hatte?“— „Freilich, Herr Graf, ich ſah ihn ja noch an ihrem Finger, wie ſie im Sarge lag, ich weiß es gewiß, ich könnte darauf ſchwören; ich beugte mich ja darauf 334 Der Trauring. nieder, um dieſe gute milde Hand noch einmal zu küſſen, die mir ſo manche Freude bereitet hat.“—„Ich zweifle auch nicht im Mindeſten, ich wollte es nur von Ihnen hören, Freund. Ich bin feſt überzeugt, daß Natalie mit ihrem Trauringe am Finger beſtattet wurde, ſie hat es mir ja ſo dringend anbe⸗ fohlen, ich hab' es ihr ja geloben müſſen! Ich weiß es ſo ſicher, wie ich das Leben habe.“— Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als die Thüre aufflog und Egon und Max hereinſprangen, an den Hals des Vaters. Sie ſchauten ihn an mit ihren Blumengeſichtern, ihren Blumenaugen, und er preßte ſie ſchmerzlich an ſich. Nach den Knaben kamen andere Unterbrechungen aller Art, Geſuche und Beſuche, zuletzt noch unerwartete Gäſte, Damen aus der Verwandt⸗ ſchaft, welche den Reſt des Tages und wohl auch noch den folgenden erheiſch⸗ ten. Dieſem freundſchaftlichen Ueberfalle und den davon bedingten ſchleuni⸗ gen Beſorgungen ſchrieb es der Hoffmeiſter zu, daß er im oberen Corridor Fräulein Antonie in einem befremdenden Zuſtande begegnete, verwirrt, in einer Unruhe und Beſtürzung, welche ſich kaum durch Ueberdrang von Ge⸗ ſchäften und die daraus entſpringenden Verlegenheiten entſchuldigen ließ. So hatte Ottmar die Beſchließerin noch nie geſehen, doch fand er nicht Zeit, dar⸗ über nachzudenken. Die Anweſenheit der alten gräflichen Tante und der jungen, liebens⸗ würdigen, aber etwas lebendigen und flatternden Couſinen, welche aus dem Beſuche im Trauerhaus einen Vergnügungsflug zu machen ſchienen, nahm alles in Anſpruch. Oder lag dieſer Expedition noch etwas Tieferes und Ge⸗ heimes zu Grunde? Die älteſte und ſchönſte der Comteſſen tändelte und ſpielte mit den Kindern, beſonders mit Max, wie mit einem Püpplein, was nicht weniger als zu den Anſichten und Wünſchen des Gouverneurs ſtimmte, ſo daß er froh war, nach Verfluß von zwei Tagen die weibliche Einquartie⸗ rung abziehen zu ſehen, und ihr ein aufrichtiges Gott⸗befohlen! nachrief, um ſo mehr auch, als er den Grafen ſelbſt, zumal in deſſen momentaner Spannung, von der Anweſenheit dieſer Familien⸗Touriſten beengt und ge⸗ quält fand. Denn hatten die Männer ſeither auch nur Einen freien und ruhigen Augenblick erhaſcht, den Brief, welcher ihnen doch ſo ſehr im Sinne und am Herzen lag, weiter zu beſprechen?— Erſt nach dieſer Abreiſe gelang es ihnen endlich, die Sache wieder aufzunehmen und darüber mit einander zu berath⸗ ſchlag eniſch zu thu gen,k bar u chen: Hauh lichſt nicht tesd folg Her von trag ihre Pos Ein ſon gez manche vollte es it ihrem ad anbe⸗ Lich das nd Egon nan mit zmerzlich Geſuche erwandt⸗ erheiſh⸗ ſchleuni⸗ Lorridor irrt, in pon Ge⸗ ieß. So geit dar⸗ liebens⸗ aus dem e, nahm und Ge⸗ delte und kein, wa ſtimmte nquarii? nachrief mentana tund ge —----— Von Emma Niendorf. 335 ſchlagen. Denn ſie ganz fallen zu laſſen, dazu wollte der Graf ſich ſo wenig entſchließen, wie der Hofmeiſter es ihm zumuthen mochte. Was war aber zu thun? Sollten, konnten Schritte geſchehen, und welche? Nach fruchtloſem Für und Wider, nach manchem Erörtern und Erwä⸗ gen, kam man ſchließlich dahin überein: ganz im Geheimen, daß nichts ruch⸗ bar würde, zuſammen hinunter zu gehen in die Gruft, den Sarg aufzuma⸗ chen und nachzuſehen, ob der Ring noch ſtecke am Finger der theuren Leiche. Hauptſächlich mußte alles Aufſehen vermieden und das Vorhaben in mög⸗ lichſter Stille vollzogen werden. Auch den nächſten Tag konnte dies noch nicht geſchehen, weil es zufällig gerade irgend ein Feſttag, an welchem Got⸗ tesdienſt in der Schloßkapelle ſtattfand. Man beſtimmte alſo den darauf folgenden Morgen, verabredete die nöthigen Maßregeln mit Umſicht, und Herr Ottmar ſuchte einiges vorzubereiten. Keine Seele durfte etwas da⸗ von ahnen. Als er an dieſem Feſttage früh, noch vor dem Gottesdienſte, im Auf⸗ trage des Grafen, wegen einer gleichgültigen Beſtellung die Beſchließerin in ihrem Zimmer ſuchte, fand er dasſelbe verſchloſſen, und trotz allem Klopfen, Pochen, Rufen, wurde es nicht aufgeſperrt, kein Mäuschen regte ſich darin. Ein Hausmädchen, welches den Gang herauf kam, ſagte aber mit einer be⸗ ſonderen Miene:„Ja, Fräulein Antonie ſind ja ſchon vor acht Tagen aus⸗ gezogen in die grüne Stube drüben auf dem anderen Flügel!“— Ottmar ging alſo in die grüne Stube. In derſelben, welche ſich hin— ſichtlich der Einrichtung noch etwas chaotiſch zeigte, traf er allerdings die Haushälterin, ſah ſich aber bei ihrem Anblicke ſogleich an die neuliche Begeg— nung erinnert. Wie konnte ſich jemand in ein paar Tagen ſo verändern! Es war nicht mehr die nämliche Perſon. Die Augen hatten ihren ſtolzen Glanz, die Lippen ihre ſchwellende Friſche verloren. Der Blick war ſtier, die Haut fahl, deren warmer Goldton ſonſt den etwas mulattenartigen Zügen einen eigenthümlichen Reiz lieh, die jetzt ſchier unangenehm hervortraten. Die bisher ſo wohlgepflegten, atlasſchimmernden Haare hingen ungeordnet und wild um das Geſicht; im ganzen Aeußeren, ja im Anzuge, mit ſcharfem Gegenſatze zu der gewohnten Sorgfalt, gab ſich eine Nachläßigkeit kund, die dem jungen Manne ſogar heute auffiel, wo ihn doch ſo Wichtiges bean⸗ ſpruchte, was denn freilich dergleichen Bemerkungen auch gleich wieder ver⸗ drängte. Es mußte auch ſonſt noch allerlei von den beiden Herren bedacht wer⸗ 336 Der Trauring. den, bevor ſie an ihr beſonders in moraliſcher Hinſicht ſo ſchweres Unterneh⸗ men ſchritten. Der Graf legte die Schlüſſel zurecht, welche er in einem Fache ſeines Schreibtiſches verwahrte, diejenigen, welche das Gotteshaus und die Gruft öffneten, von denen ſich das Duplikat in Händen des Pfarrers befand, und zwei kleinere, die der Graf allein beſaß, welche die zwei Särge ſchloſſen, in die man ſeine Gemahlin gelegt hatte. Ottmar verſah ſich auch noch unter einem Vorwande beim Schreiner im Dorfe mit einigen Handwerkszeugen für den Nothfall. Der verſchwiegene alte Jäger wurde noch ganz zuletzt, weil man ihn doch nicht füglich entbehren konnte, in das Vertrauen gezogen, jedoch nur theilweiſe und ohne jede Erwähnung des Trauringes, und zum Vorpoſten an der Kirche erleſen. Nach dem erſten Plane hatte man tief in der Nacht, unter dem Schutze ihrer Finſterniß, ihres Schweigens, das Vorhaben vollbringen wollen, glaubte ſich aber nicht gehärtet genug, die Schauder der Mitternacht heraus⸗ zufordern und die Phantaſie dadurch noch mehr zu erhitzen. Man beſchloß alſo, wie geſagt, erſt mit dem Grauen des Tages, wo im Schloſſe noch alles unverbrüchlich der Ruhe pflegte, an das Werk zu gehen. Ottmar glaubte dem Grafen noch einmal vorſtellen zu müſſen, daß es ihn zu ſehr erſchüttern werde, den Augenſchein ſelbſt zu nehmen, und er ein ſolches Wiederſehen kaum ertragen könne. Er möge es ihm, dem Hofmeiſter, überlaſſen, mit dem treuen Valentin das Werk zu vollbringen.„Nein, nein,“ entgegnete der Trauernde,„es betrifft Natalie, da darf und will ich nicht zurückwei⸗ chen, einen Andern an meine Stelle ſchieben! Ich erfülle meine Pflicht, was auch geſchehe.“— Kein Wunder, daß die zwei Männer in dieſer Nacht kaum ruhten, viel weniger ſchliefen. Sie wurde ihnen ſo lang, ſo lang. Sie dach⸗ ten den Morgen kaum erwarten zu können, vor dem ſie gleichwohl bangten. Noch ehe er ſich auch nur durch einen Schimmer anzeigte, erhoben ſie ſich ſo leiſe als nur thunlich und ſchlichen nach der Kirche. „Ich bin feſt überzeugt, daß die Leiche den Trauring an der Hand trägt,“ ſagte der Graf zu Heinrich,„ich weiß, wir werden ihn an ihrem Finger ſehen, ich zweifle keinen Augenblick daran. Ich habe ja den Ring— noch da ſtecken ſehen im Moment, wo der Sarzddeckel auf ſie nieder ſank— das vergißt ſich nicht, nein, ach bis auf die kleinſten Umſtände nicht! Aber doch, wofern ich nun unterließe, mich noch einmal und unumſtößlich zu ver⸗ gewiſſern, das Factum feſtzuſtellen, es würde mir Tag und Nacht keine Ruhe mehr gönnen, mich verfolgen, quälen, fort und fort, wie eine Reue. Müßte 74 Unterneh⸗ nem Fache s und die s befand, ſchloſſen, ooch unter rkszeugen nz zulett, n gezogen, und zum m Schute n wollen, zt heraus⸗ beſchloß loch alles glaubte ſchüttern iederſehen gſſen, mit entgegnete zurücknä⸗ ſicht was acht kaum Sie dach bangten ſie ſch ſ der dend an i hrem — — Von Emma Niendorf. 337 ich es mir nicht lebenslang vorwerfen, einen Wunſch meiner Natalie, und wenn auch nur in einem Traume, unerfüllt gelaſſen zu haben?“— So ſagte der Graf, indem ſie die Kapellenthüre hinter ſich zuzogen und in den kleinen, zierlich im germaniſchen Stil reſtaurirten Tempel traten, den ein ſchwacher Lichtſchein myſtiſch durchzitterte. Valentin hatte weislich hier oben nur für die nothdürftigſte Beleuchtung geſorgt. Im unterirdiſchen Gruftgewölbe jedoch ſtrahlten Kerzen auf den Candelabern von Bronze und ſpiegelten ſich in dem aus Eichenholz ſchön gearbeiteten und fein verzierten Sarg auf ſeiner Eſtrade, zu der mehrere Stufen führten. Er war noch der einzige in dieſer mit Gewinden behängten Halle, durch welche von der Maſſe⸗ friſcher und verwelkter Blumen ein eigenthümliches Wehen ſtrich, wie wenn man zu ſpäter Jahreszeit in einen Garten tritt, wo das Laub ſinkt und die Blüthen verwittern. Albrecht ſetzte ſich auf die Marmorſtufen zu Füßen des Sarges und legte das Geſicht in beide Hände, ſein Herz klopfte, als wollte es ſich ſchier zerſprengen. Ottmar beſchäftigte ſich damit, das Schloß zu öff⸗ nen. Er bedurfte aber der Hülfe des Grafen, um den äußeren Deckel her⸗ abzuheben. Denn der Leichnam ruhte noch in einem zweiten Sarge von Metall; man durfte erwarten, ihn wohlerhalten zu finden, weil er einbalſa⸗ mirt wurde. Jetzt ſperrt er auch das innere Gehäuſe auf, der zinnerne Deckel fällt klingend hinunter auf die Steinplatten. Ein leichter Flor ſcheint aufzuwal⸗ len. Da liegt ſie, in dem Nebeldufte, wie unter einem Schleier! Da liegt ſie, in die verwelkten Roſen gebettet, weiß und ohne Mackel, gleich einem Alabaſterbilde!— Indem der Gatte, der wie verſteint geſtanden, ſich plötzlich mit einem Ausbruche des Schmerzes über die Leiche ſtürzen will, hat Heinrich bereits raſch und mit Anſtrengung aller ſeiner Kraft den inneren Deckel wieder ſin⸗ ken laſſen und eilt ſich, ihn zu ſchließen, Ottmar's Hände zittern. Keiner von den beiden Männern hat geſprochen. Erſt als ſie oben ſtehen in der freien, ſcharfen Luft, hoch aufathmend, finden ſie die Stimmen, die Worte wieder. Fern durch die Bäume des Parkes bricht ein Morgenroth, als ſei der Himmel mit lauter friſchen Roſen bekränzt. Nur wie ein Blitz iſt es geweſen, aber die Zwei haben es doch deutlich, genau, für alle Ewigkeit geſehen: die Eine Hand war auf die Bruſt gelegt, als wollte ſie noch etwas betheuern, die linke ſanft herabgeglitten, ſeitwärts — kein Ring, an keinem Fingerl!] AWuch nicht an der rechten!—— Hausblätter. 1867. 1. Bd. 22 338 Der Trauring. „Ottmar,“ begann nun der Wittwer beklommen,„Ottmar, erinnern Sie ſich, daß man meiner Frau, als wir ſie in ihrem Sterbkleide mit dem Kranze von weißen Roſen um den Kopf, in den Sarg gelegt hatten, die Hände über die Bruſt gekreuzt, beide Hände, die rechte und die linke?“— „Ja, Herr Graf, ich erinnere mich, freilich, die Hände über der Bruſt ge⸗ kreuzt, beide Hände, die rechte und die linke, und an der linken glänzte der Trauring.“— Der Hofmeiſter machte ſich ſeine eigenen Gedanken über die Hindeutung im Briefe der Webersfrau auf die gewiſſe Perſon in der Nähe des Grafen, welcher er ein Vertrauen geſchenkt, deſſen ſie nicht werth, und deren Falſchheit ſich enthüllen ſollte. 6. Nach dieſer Stunde war Graf Albrecht an Leib und Seele ſo erſchüt⸗ tert, daß er ſich ſelbſt gedrängt fühlte, den Vorſtellungen des Hofmeiſters Gehör zu leihen, der darauf drang, daß jener ſich etwas Ruhe gönne und ſich zu erholen trachte, bevor man daran denken dürfe, dem unerklärlichen Vorgange irgendwie weitere Folge zu geben. Nach welcher Seite hin Ott⸗ mar die Frage auch wendete, zu welchen ferneren Ermittelungen letzte⸗ res führen möchte, es wollte ſich ihm keine Löſung des Räthſels, keine Ausſicht auf Erfolg, ja nicht einmal der dahin einzuſchlagende Weg zeigen. Heinrich ſtand völlig rathlos über die Möglichkeit der zu ergreifenden Maßregeln. Noch hatte er, nach Ablauf bereits mehrerer Tage, ſich ſelbſt nicht völ⸗ lig von der erlittenen Beſtürzung geſammelt, als er Morgens zu ungewohn⸗ ter Zeit in das Schreibzimmer des Grafen gerufen wurde. Derſelbe ſtand am Fenſter und in ſeiner Hand blitzte etwas an der Sonne. Er hielt es dem Eintretenden hoch entgegen und ſagte:„Denken Sie, Freund, was habe ich da? Den Ring!“—„Den Ring?“—„Ja, Kind, den Ring, Nataliens Ehering! Oh, ich kenne ihn genau! Leſen Sie hier den Namen in gothiſchen Lettern:„Albrecht“. Ich kenne ſogar den kleinen Makel hier im Gold, ſehen Sie, und da, den Ritz im matten Streifen.“— „Wie geht das zu?“ rief Ottmar.—„Ja, wie geht das zu?“ entgeg⸗ nete der Graf und ein Schatten ſchwebte über ſeine Stirne.„Hören Sie! Da kommt die Antonie, mit einem ganz kurioſen Geſichte, ſo entſtellt, ver⸗ ſtört, verzerrt könnte man ſagen, ich fürchtete mich beinahe vor ihr. Das Von Emma Niendorf. 339 Auge ſo unſtät, ſie vermochte mich kaum anzuſehen und noch viel weniger innern i dem meinen Blick auszuhalten. Die Perſon iſt wie ausgewechſelt, nicht mehr zum 7. de Erkennen, Ottmar. Nun kurz, ſie ſagte:„Da habe ich geſtern etwas auf der Stiege gefunden, den Ring.“— Damit übergibt ſie ihn mir.—„Wo haben . Sie ihn gefunden?“—„Auf der großen Stiege, am zweiten Abſatze bei der 1 4 letzten Stufe. Ich ſah etwas funkeln und wie ich mich bückte, iſt es der Ring her de geweſen.“—„Es iſt der Trauring meiner Frau, der ihr im Sarge am Fin⸗ Nie ger ſteckte und mit dem ſie begraben wurde. Unbegreiflich!“—„Vermuth⸗ b und lich iſt der Ring beim Heruntertragen der Leiche aus dem Sarge geglitſcht 4 und unter die Stufe gekollert, wo er ſich zwiſchen die Ritze klemmte, ſo daß. man ihn nicht bemerken konnte, bis er ſich nach und nach wieder herausſpielte.“ —„Ich danke Ihnen, Fräulein Antonie, es iſt gut.“— „Herr Graf, ſie lügt!“ rief Ottmar.„Der Sarg war ja feſt verſchloſ⸗ „ ſen und der Ring konnte nicht herausgleiten, unmöglich. Der Ring iſt aus ſaüt⸗ der Gruft entwendet und der Verdacht trifft allem Anſcheine nach die Haus⸗ eſters hälterin ſelbſt.“—„Aber, Beſter, angenommen auch, man dürfte wirklich wud dieſe Antonie deſſen fähig erachten, wozu wir wenigſtens bisher keine Berech⸗ ihe tigung fanden, müſſen Sie doch zugeſtehen, daß einer Beſchließerin in ſolcher Ote Viirthſchaft werthvollere Gegenſtände anvertraut ſind, als daß es ihr gelü⸗ lette⸗ ſten ſollte, ſich um ſo unbedeutenden Gewinn an dem Grabe ſelbſt zu ver⸗ keine greifen; Eheringe ſind nicht ſo koſtbar. Nein, Ottmar, die Sache bleibt ſehr heigen. wunderbar und geheimnißvoller als je!“—„Wer behauptet denn, Herr ifenden Graf, daß es ſich hier um einen gemeinen Diebſtahl aus Eigennutz handle? Man kann auch aus anderen und gar mancherlei Urſachen ſich des Kleinods t vil⸗ V bemächtigt haben, wenn deſſen nomineller Werth ſich auch gerade nicht hoch ewohne⸗ belauft. Erinnern Sie ſich an die Stelle des Briefs, wo die Falſchheit einer e ſtand V Perſon Ihrer Umgebung erwähnt wird, einer Perſon, welche Ihres Vertrau⸗ cs dem ens, Herr Graf, nicht würdig.“— Der Graf ſtutzte, eine lebhafte Röthe abe ich ſſtieg auf ſeine Wangen.„Laſſen Sie uns vor allem,“ hob er nach einigem taliens— Zaudern ſtatt der Entgegnung an,„laſſen Sie uns vor allem bedacht ſein, hiſchm mit der möglichſten Vermeidung von Aufſehen, meiner Natalie ſchleunig ihren Gold, Trauring wiederzugeben.“— Der junge Mann beſchwor den Grafen, ſich nicht zum zweitenmale dieſer höchſten Erregung auszuſetzen, indem er von entgeg⸗ neuem und ſchon ſo bald wieder beim Oeffnen des Sargs zugegen ſein wolle. 1Eil Erſt nach manchem Hin⸗ und Herreden crreichte es Heinrich, den Wittwer lt re⸗ 22*— Das 1 6 81 340 Der Trauring. ſchließlich doch noch zu vermögen, die Ausübung dieſer frommen Pflicht ihm, dem Hofmeiſter, zu übertragen, mit Beiziehung des alten Jägers. Heinrich ſeinerſeits verließ das Schreibzimmer nicht frei von Sorge, ob der Herr gewiß und wahrhaftig die Schlingen des ſogenannten Fräuleins abgeſtreift habe, ob er der Verſucherin für immer entſchlüpft ſei, und ob es ihr nie mehr gelingen werde, die männliche Schwäche zu benützen, ſich bei ihm wieder einzuſchmeicheln und ihn zuletzt dennoch zu beherrſchen. Von der Gefährlichen ſtand alles zu fürchten. Ottmar hatte nicht gewagt, ſeine Ge⸗ danken über das Vorgefallene ganz gegen den Grafen auszuſprechen, denen der Pädagog jetzt für ſich allein im Stillen noch weiter nachhängen konnte: Welche Motive mochten das Weib zu dem Raube gebracht haben, angenom⸗ men, daß der auf ſie fallende Argwohn gerechtfertigt war, wie Heinrich kaum zweifelte? Trieb ſie Haß, Neid, Eiferſucht auf eine Verſtorbene im Grabe zu der ſchmählichen That? Vielleicht wollte Antonie ſelbſt der Leiche nicht mehr das Pfand des vorigen Glücks, des ewigen Bundes gönnen. Wer weiß, meinte der Erzieher, ob nicht auch der Aberglaube dabei mitſpielte und in den Beſitz des Traurings etwas Myſtiſches legte? Möglich, daß die Haus⸗ hälterin denſelben der Gruft entwendete zu dunklen, dämoniſchen Zwecken, zu einer von den Hexenkünſten, welche ſich noch im Volke forterben. In dieſem Falle beabſichtigte Antonie durch dieſen verhängnißvollen Reif den Gebieter an ſich zu ziehen, ihn zu binden, ihn an ſie zu bannen, ihn und ſeine Liebe.— Die Frage auch blieb alſo immer noch, welche Geſtalt das Verhältniß jetzt, nach der Entdeckung des Traurings, annehmen werde. Wie, wenn der Graf nun erſt recht und mehr denn zuvor in das Netz dieſer Perſon geriethe? Wenn die Warnung erſt das Uebel verſchlimmert hätte? Wer kennt die Launen des Zufalls und des nie zu berechnenden Menſchenſinns mit allen ſeinen Widerſprüchen!— Aber während der Hofmeiſter ſich ſo kümmerte, ſollte die Entſcheidung raſch nahen. Gleich in den nächſten Tagen beſchied man ihn wieder zum Grafen. Derſelbe gab Herrn Ottmar kurz den Auftrag, der Beſchließerin Urlaub zu ertheilen für einen Beſuch bei ihrem kranken Vater, mit Vorausbezahlung eines vollen Jahrgehalts, und außerdem auch noch mit einem anſehnlichen Geſchenke, neben der Erlaubniß, ſich dort in der Heimat eine neue Stelle zu wählen, weil hier ihre Wirkſamkeit wegen bevorſtehender Veränderungen im ihm, orge, leins ob es bei n der Ge⸗ denen onnte: enom⸗ kaum Grabe nicht Wer und Haus⸗ gecken, . In eif den n und Häͤltniß enn der riethe? unt die t allen merte, Frafen⸗ laub 3ü ahlung nlihen telle zu ngen im — Von Emma Niendorf. 341 Schloſſe nicht mehr erforderlich. Daher auch der als Wunſch hinzugefügte Befehl, die Abreiſe nicht zu verſchieben. Es war wider Erwarten nicht nöthig, dies ſtärker zu betonen, Fräulein Antonie ließ es ſich keineswegs zum zweitenmal ſagen. Sie zeigte ſich zwar etwas überraſcht bei der Mittheilung, aber nicht ſo beſtürzt oder gar wohl niedergedonnert wie der junge Mann es erwartet hatte. Sei es, daß ſie ſich mit ihrer herkömmlichen Meiſterſchaft zu verſtellen wußte, ſei es, daß ſie ſich wirklich nicht ungern entfernte. Sie beeilte ſich, ſo ſchnell und mit ſo wenig Umſtänden als möglich, das Feld zu räumen. Es ſchien, daß ſie in neueſter Zeit den Aufenthalt nicht mehr behaglich gefunden. Der Hofmeiſter erfuhr noch nachträglich, daß ſie in den letzteren Wochen, von einer ſonderbaren Unruhe befallen, öfters das von ihr bewohnte Zimmer verlaſſen und ſich im⸗ mer wieder, und auch immer wieder nur auf kurze Friſt, ein anderes in den verſchiedenſten Theilen des weitläufigen Gebäudes ausgeſucht, ſo zwar, daß bei den Untergebenen faktiſch die Meinung ſich zu verbreiten anfing, es ſei bei der Beſchließerin nicht ganz richtig im Kopfe. 7. Veränderungen im Schloſſe ſollten in der That erfolgen. Damit ver⸗ hielt es ſich nämlich ſo Kurzem wurde dem Hofmeiſter angekündigt, daß er ſich und ſeine Zöglinge für Reiſen zu bereiten habe, da der Vater ſich entſchloſſen, einen längern Aufenthalt in Rom zu nehmen und in wenigen Wochen, noch im Herbſte über die Alpen zu ziehen. Daran reihte ſich für Heinrich ein gräfliches Wort, daß nach Ablauf eines Jahres, bei der Heim⸗ kehr, er an die Hauptpfarre der Standesherrſchaft ernannt werden ſollte, übrigens mit der freundſchaftlichen Verpflichtung, von da aus die künftige Erziehung der Söhne ſeines Patrons noch zu überwachen. Der Letztere kam Ottmar zugleich mit dem Anerbieten entgegen, in Begleitung von Max und Egon vor der Abreiſe einen Ausflug zu der Braut zu machen, um ihr münd⸗ lich Lebewohl zu ſagen und die Bitte des Grafen zu überbringen, daß ſie und ihre Mutter über die Dauer ſeiner Abweſenheit Aufenthalt im Schloſſe neh⸗ men und die weibliche Aufſicht darin führen möchten. Ebenſo wenig wurde die Briefſtellerin vergeſſen, die fromme Webers⸗ wittwe. Graf Albrecht ſchickte Ottmar zu ihr, um ihr zu danken, und ihr 342 Der Trauring. Von Emma Niendorf. einen kleinen Jahrgehalt zu ſichern, ſo daß ſie von neuem Anlaß fand, die Erinnerung der ſeligen Gräfin zu ſegnen, worin auch Heinrich ſeinerſeits von Herzen freudig einſtimmte. Mußte er nicht trotz allem und allem, trotz Kant und Hegel, ſich geſtehen, daß hier, mochte man das räthſelhafte Zuſammentreffen aller Umſtände noch ſo ſcharf prüfen, doch nicht alles durch den Verſtand ſich löste, ja daß noch unerforſchte Kräfte mitzuwirken ſchienen bei dem, was ſich kürzlich begab?— Wenn man denken konnte, daß in dieſem Falle die Hingeſchiedene das Sym⸗ bol der Liebe und Treue, den Trauring, einer Nebenbuhlerin nicht überlaſſen wollte, durfte man noch mehr an ein ſchutzgeiſtiges Walten der Verklärten glauben, welche die Ihrigen vor böſem Einfluſſe und feindlichem Uebergriffe in deren Geſchicke und Herzen zu wahren ſuchte.— Dies iſt ein Beitrag zur Seelenlehre, der uns aus dem Munde des Augenzeugen kommt, des Hofmeiſters ſelbſt. Ein Abentener in St. Petersburg. Von E. Benedict. Erſtes Kapitel. Die Abtei war ein ſchöner alter Bau im Stil aus der Periode der Kö⸗ nigin Eliſabeth; nur ein einziger Flügel, in welchem die Salons und die Morgenzimmer meiner Mutter und Schweſtern ſich befanden, gehörte ver⸗ möge der mit ihm vorgenommenen Veränderungen der Neuzeit an. Das frühere Refectorium diente uns jetzt als Tanzſaal und bot, wenn er mit Blumen ausgeſchmückt und mit farbigen Lichtern erhellt war, einen recht hübſchen Anblick. Der andere Flügel mit ſeinen ſchwerfälligen ſteinernen Fenſterkreuzen und dem dunklen Getäfel enthielt das Speiſezimmer und die Bibliothek, welche namentlich während des Winters mit ihren eichenen Mö⸗ beln und den Scharlachdraperieen ſich recht ſchön und behaglich ausnahmen Lange Kreuzgänge führten an beiden Seiten des Hauſes hin und nach dem großen Garten mit ſeinen Terraſſen, Fontänen und den aus neuerer Zeit ſtammenden Gewächshäuſern hinaus. Das Ganze war von einem ausge⸗ dehnten Wildpark umgeben und von dunkler Waldung begrenzt. In der Tiefe des Gartens floß ein klarer Strom, welcher denſelben von dem Park ſchied und mir und meinen Schulkameraden oft und oft Gelegenheit bot, unſere Zeit mit Fiſchen und Kahnfahrten todtzuſchlagen. An dieſer Wohnſtätte des Friedens und des Ueberfluſſes verbrachte ich meine glücklichſten Tage, und ich hoffte bis an's Ende meines Lebens dablei⸗ ben zu dürfen. Ich verweilte daſelbſt, bis ich volljährig war. Mit welchen ſchönen Träumen trug ich mich! Nach dem Tod meines Vaters trat ich die Pflichten eines großen Grundbeſitzers an, nahm ein Weib und widmete meine 344 Ein Abenteuer in St. Petersburg. Zeit und den Einfluß meiner Stellung der ökonomiſchen und ſittlichen Hebung meiner Untergebenen— welch ein edleres Ziel hätte ich auch der Verwendung meines Reichthums ſtecken können? Leider ſind aber ſo viele der menſchlichen Berechnungen eitel. Es trat ein Ereigniß ein, das meine Ent⸗ würfe für die Zukunft vollſtändig umſtürzte und mir die Nothwendigkeit auferlegte, allen Ernſtes für mich ſelbſt die Schulter an's Rad zu ſetzen und mir die ſchönen Gedanken an das Speiſen der Hungrigen, das Bekleiden der Nackten, das Tröſten der Betrübten u. ſ. w. aus dem Sinn zu ſchlagen. Zur Sache. Mein Vater war der Haupt⸗Aſſocié einer bedeutenden Handels⸗ firma, welche ihre Magazine in der Themſeſtraße der City hatte. Das Haus beſchäftigte ſich vornämlich mit Importgütern, franzöſiſchen Spitzen, Lyoner Shawlen, ruſſiſchem Pelzwerk und dergleichen. Mein Vater war urſprüng⸗ lich Commis in dem Geſchäft geweſen, deſſen Oberleitung er jetzt führte, und hatte, da er in einem Alter von zweiundzwanzig als ein ſehr ſchöner Mann galt, die jungfräuliche Neigung der Miß Virginia Allbone gewonnen, einer Dame, die vielleicht nur um dreißig Jahre älter als er war. Miß Vir⸗ ginia, der ihre einſame Stellung nicht mehr gefiel, machte von dem Vorrecht der Damen reiferen Alters Gebrauch und ſchlug meinem Vater vor, er ſolle das ewige Sitzen hinter dem Pult, das Ausfertigen von Facturen und das langweilige Auswerfen langer Zifferreihen, das ihm doch nur achtzig Pfund im Jahr eintrug, aufgeben und ſtatt deſſen der Genoſſe ihrer Freuden und Leiden werden. Der Urheber meines Daſeins zögerte und wandte ein, wenn er das ſchmeichelhafte Erbieten der Miß Virginia annehme, ſo dürfte ihn dies ſeinen Platz koſten, da ohne Zweifel Mr. Allbone, der Chef der Firma All⸗ bone, Gripple und Kompagnie, es ſehr übel vermerken werde, wenn ſeine ein⸗ zige Schweſter einen jüngeren Comptoiriſten des Hauſes heirathe. Die ver⸗ liebte Virginia dagegen ſah die Nothwendigkeit nicht ein, für einen ſolchen Schritt die Zuſtimmung ihres Bruders nachzuſuchen; ſie ſei volljährig und könne handeln nach ihrem eigenen Belieben. „Wohl,“ entgegnete mein vorſichtiger Vater;„aber wovon ſollen wir leben, wenn er mich aus dem Hauſe weist? Es iſt nicht leicht, wieder einen Platz zu finden, der mir zuſagt.“—„Wozu brauchen Sie einen Platz?“ entgegnete die Dame unwillig.„Meinen Sie, ich könnte es mit anſehen, wenn mein Mann um der bloßen Leibesnothdurft willen ſich vom Morgen bis in die Nacht abarbeiten müßte?“—„Jaz; aber von was leben wir?“ fuhr der für die Zukunft beſorgte Jüngling fort.—„Von was leben? Von Von E. Benedict. 345 was ſonſt, als von den Intereſſen meines Vermögens? Habe ich nicht dreißig⸗ tauſend Pfund dreiprocentige Fonds, die mir jährlich neunhundert Pfund abwerfen, und ich denke, mit einer ſolchen Rente braucht man ſich nicht vor dem Verhungern zu fürchten.“— Das Ende davon war, daß mein Vater, welcher das Einkommen der Jungfrau eben zu hundert oder höchſtens zu hundertundfünfzig Pfunden taxirt hatte, unter ſpecieller Licenz die reiche Erbin Miß Virginia Allbone heirathete, welche ihm am Hochzeittag einen Bankſchein von zehntauſend Pfunden einhändigte. Er behandelte ſie von dem Tag der Vermählung an ſehr liebevoll bis zu ihrem Tod, der etwa zehn Jahre ſpäter eintrat, und man hat nie gehört, daß während dieſer ganzen. Zeit je ein unfreundliches Wort zwiſchen ihnen gefallen wäre. Michael Allbone war anfangs ſehr ungehalten über den ſelbſtändigen Schritt ſeiner Schweſter, denn die Altersungleichheit zwiſchen Braut und Bräutigam empörte ihn, und er lebte der feſten Ueberzeugung, daß eine ſolche unpaſſende Verbindung nur Elend zur Folge haben könne. Als er jedoch hörte, wie gut ſie mit einander lebten, ſo beſuchte er ſie in ihrer Vorſtadt⸗ wohnung und erbot ſich, ſeinem Schwager einen Antheil an dem Geſchäfts⸗ gewinn abzulaſſen. Im Teſtament vermachte Mrs. Virginia Truſtell, ge⸗ borene Allbone, ihre ganze Habe dem Gatten, der kurz nach Ablauf des Trauerjahrs die ganze Geſchäftsleitung der Firma Allbone, Gripple und Compagnie übernahm. Im Lauf der Zeit ſchritt er zu einer zweiten Ehe, aus der meine Wenigkeit und vier Schweſtern hervorgingen. So lange er ſich an dem Geſchäft betheiligte, wohnte er mit Frau und Familie in High⸗ gate, von wo aus er jeden Morgen um zehn in einem zweiſpännigen Phas⸗ ton nach der City fuhr und Abends um fünf Uhr wieder zurückkehrte. Im Lauf der Jahre gelang es meinem Vater, ein großes Vermögen anzuhäufen, das er ſchließlich wie ein vernünftiger Mann zu genießen ſich vornahm. Er beauftragte daher einen bekannten Makler, ihm unter dieſen und dieſen Be⸗ dingungen zur Erwerbung eines Gutes behülflich zu ſein. Zu jener Zeit war gerade die Abtei bei Colyton feil, und mein Vater wurde ganz verliebt darin, nachdem er einmal Einſicht davon genommen. So wurde denn der Beſitz dieſes Anweſens rechtskräftig auf den Na⸗ men Ernſt Sigismund Truſtell eingetragen, und der neue Gutsinhaber gab ſein City⸗Geſchäft auf, um ſich's fortan auf dem Lande wohl ſein zu laſſen. Allein dieſes neue Leben wollte ihm auf die Dauer nicht gefallen, und er fand keine Ruhe, bis er ſich in die Firma der Themſeſtraße wieder eingekauft 346 Ein Abenteuer in St. Petersburg. hatte. Der Chef des Hauſes Allbone, Gripple und Kompagnie hieß jetzt Kahn, ein Mann, von dem niemand viel weiter wußte, als daß er ein Bör⸗ ſenſpekulant geweſen und daß er viel Geld habe. Nach Erwerbung der Abtei hatte mein Vater einigen ſeiner City⸗Bekannten mitgetheilt, daß er ſeinen Part an dem Geſchäft Allbone und Kompagnie zu verkaufen beabſichtige, und als er eines Tages in ſeinem Privatcomptoir ſaß, meldete ihm der Haupt⸗ buchhalter, daß ihn ein Gentleman zu ſprechen wünſche, welcher ihm ſeine Karte mitgegeben. Auf der Karte ſtand der Name, oder vielmehr die Na⸗ men eines Mr. Israel Jeruſalem Kahn, Mincing Lane und** Terraſſe, Hol⸗ loway. Mein Vater ließ den fraglichen Herrn vor, und nun meldete ſich Mr. J. J. Kahn als Liebhaber zu dem bedeutenden Geſchäftsantheil, den E. S. Truſtell bei der Firma Allbone, Gripple und Kompagniebeſaß. Nach eini⸗ gem Hinundherreden einigte man ſich über die Bedingungen, und Mr. Kahn wurde der Chef des alten Handelshauſes. Ich habe es für nothwendig gehalten, die Thatſache dieſes Verkaufes auseinander zu ſetzen, da nur auf dieſe Weiſe die untergeordnete Stelle, welche er ſpäter in dem Geſchäft einnahm, ſich erklärt. Ich ſage, unterge⸗ ordnete Stellung, denn Kahn ließ ihn in allem merken, daß er der Chef war, und obgleich mein Vater ſich nach Beſchäftigung ſehnte, ſo war er doch nicht ſo unermüdlich eifrig, daß er jeden Tag in dem Comptoir der Themſe⸗ ſtraße ſich eingefunden hätte, wie er in früheren Zeiten zu thun gewohnt ge⸗ weſen. In der Regel begnügte er ſich, je am erſten des Monats nach Lon⸗ don zu gehen und von den Büchern der Firma Einſicht zu nehmen. Das Ge⸗ ſchäft ſelbſt blieb ganz der Leitung des Herrn Kahn überlaſſen, der es, wie mein Vater auf ſeine Koſten erfahren mußte, in einer ſehr eigenthümlichen Weiſe betrieb. Indem ich wegen dieſer langen Einleitung um Entſchuldigung bitte, fahre ich in meiner Geſchichte fort. Es war ein lieblicher Abend zu Ende des Auguſts; die Sonne ſenkte ſich langſam nieder hinter den dunklen Ulmen und dem Geſträuch, das Blätterwerk mit dem ſchönſten Golde ſäumend; der Park lag prächtig da mit ſeiner ausgedehnten Waldlandſchaft, und der See ſah ſo einladend aus, daß ich der Verſuchung zu einer Schwimmübung nicht widerſtehen konnte. Als ich nach dem Haus zurückkehrte, hörte ich meinen Namen rufen, und beim Umſchauen erkannte ich unſeren Bedienten James, der, von einem Knaben begleitet, raſch auf mich zugelaufen kam.—„Tele⸗ gramm, Sir,“ ſagte James, an ſeinen Hut greifend.—„Von London,“ Von E. Benedict. 347 fügte der Knabe bei, aus einer Ledertaſche, die er an der Seite trug, einen Papierſtreifen hervorholend.— Ich nahm ihn auf und las:„Mr. Frank Truſtell ſoll unverzüglich zu—, Thereſe⸗Straße, City, kommen.“— Der Abſender dieſer lakoniſchen Botſchaft war mein Vater. Ich erkundigte mich nach dem Abgang des nächſten Zuges, und da mir kaum noch zwei Stunden blieben, ſo ging ich unverweilt an's Werk, um meinen Reiſeſack zu packen.— Obſchon ich ſehr ſpät in der Themſe⸗Straße anlangte, traf ich doch meinen Vater noch auf und eifrig mit den Büchern und Papieren der Firma be⸗ ſchäftigt. Ich erlaubte mir, ihm zu bemerken, daß er ſich nicht ſo ohne Noth anſtrengen ſollte.—„Ohne Noth?“ entgegnete mein Vater mit trauriger. Stimme.„Du ſprichſt, wie du's verſtehſt. Heute gilt es noch zu handeln, denn morgen iſt es zu ſpät, da dann unſere Papiere in den Händen des Bankrutt⸗Gerichtes ſind. Ach, Frank, die Firma Allbone, Gripple und Kom⸗ pagnio, ſonſt die größte und geachtetſte in der City, iſt leider inſolvent.“— „Iſt's möglich!“ entgegnete ich.„Ich hätte ihre Geſchäftslage für ſo geſichert gehalten, daß nichts ſie zu erſchüttern vermöchte.“—„So war es und könnte noch ſo ſein, ohne die Schurkerei dieſes elenden Kahn, der mein Vertrauen zu ihm auf's ſchmählichſte mißbrauchte.“ Wie mein Vater vorausgeſagt, kamen am anderen Tag die Gerichts⸗ boten und legten überall, wo es thunlich war, Siegel an.— Durch Ver⸗ kauf der Abtei erzielte mein Vater wohl noch ſo viel, um die Schulden der Firma zahlen und die Schande des Bankrutts abwehren zu können; aber er war ein ruinirter Mann, und für unſeren Unterhalt blieb nichts übrig, als das Beibringen meiner Mutter im Betrag von zehntauſend Pfunden. Aller⸗ dings war jeder von meinen vier Schweſtern eine weitere Summe von fünf⸗ tauſend Pfunden zugeſchrieben; allein ſie durften davon nichts angreifen, bis ſie volljährig oder verheirathet waren; auch war die Verfügung getroffen, daß man die Zinſen und Zinſeszinſen zu ihrem Nutz und Frommen anwach⸗ ſen laſſen müſſe. So konnten wir freilich gemächlich leben, allein den Ge⸗ danken an eine üppige Unabhängigkeit mußte ich mir vergehen laſſen; ja, ich war jetzt ſogar darauf angewieſen, mich um eine paſſende Stelle umzuſehen, die mir mein Auskommen ſchaffte, denn mein väterliches Vermögen war bei dem Fallit der Firma Allbone Gripple und Kompagnie mit zu Grund gegangen.— Nachdem die Gläubiger voll bezahlt waren, hatte ſich mein Vater nichts mehr vorzuwerfen; doch beſchloß er, alles Spekuliren aufzu⸗ geben und ſich mit dem zu begnügen, was er von den Ausſtänden der Firma 348 Ein Abenteuer in St. Petersburg. noch ſammeln könnte. Letztere waren bedeutend genug, um ihm neben der Nutznießung von dem Vermögen ſeiner Frau ein behagliches Auskommen zu ſichern. In einer Beziehung jedoch verlor er nie den Muth, und er ſorgte mit allem Eifer dafür, daß ich eine einträgliche Stelle in einem angeſehenen Geſchäftshaus erhalte. Es gelang ihm denn auch, mich in einem Filial der Herren Screwer, Grindem und Kompagnie, die in der Branche meines Va⸗ ters arbeiteten, unterzubringen. Das Filial, deſſen Leitung ich übernehmen ſollte, war in St. Petersburg, und da der Gehalt ſehr anſtändig war, ſo nahm ich mit Freuden den Poſten an, traf meine Vorbereitungen zur Abreiſe und ließ mich für den zunächſt abgehenden Dampfer als Salonpaſſagier ein⸗ zeichnen. Was mich in der Reſidenz der Selbſtherrſcher aller Reußen betraf, will ich im nächſten Kapitel erzählen. Zweites Kapitel. Ich trat meine Reiſe an, traf wohlbehalten in St. Petersburg ein und bezog in dem Haus der Herren Screwer, Grindem und Kompagnie mein Quartier.— Das Geſchäft, das ich übernehmen ſollte, war bisher von einem Schotten, Namens M'Diddle geleitet worden. Andrew oder, wie er ſich ſelbſt nannte, Andri M'Diddle, gehörte nicht zu den angenehmſten Reprä⸗ ſentanten der caledoniſchen Raſſe, und es war nicht möglich, an Schlauheit und Anſchicklichkeit in allem, was ſeinen eigenen Intereſſen diente, ihn zu übertreffen. Ich ſah ihn nie lächeln, als wenn er jemand übervortheilt hatte, und außer den Zobel⸗ und anderen Pelzwaaren ſchien er es zur Aufgabe ſei⸗ nes Lebens gemacht zu haben, andere Leute drunten zu erhalten. Ich war zwar in der Eigenſchaft eines Stellvertreters meines Prinzipals angelangt; aber M'Diddle hatte vierzig Jahre lang Rauchwaaren ſortirt, die Rechnun⸗ gen geführt und ſich durch ſeinen Rath nützlich gemacht— kurz, er wußte ſo viel, was mir fremd war, und das Geſchäft wurde in Petersburg ſo ganz anders betrieben, als in London, daß ich mich von der erſten Stunde der Uebernahme meines Pults im Comptoir darein fand, eben die zweite Violine zu ſpielen. Etwa einen Monat nach meiner Ankunft ſaßen wir eines Tages auf unſeren Plätzen, als ein Blick nach einem gegenüberhängenden Spiegel mich unterrichtete, daß ſich eine Dame in dem Comptoir befand.— Ich hätte an dieſer Oertlichkeit ebenſo gut einen Paradiesvogel, als ein Frauengeſicht zu ſehen durch nach mit hellb ten, noch eifrit komn len! Ueb⸗ war mit ſind fällt theil ſchn vor ich von lehr der „S En und mir, jett dra lich Ma deh ſche mic min nder en zu orgte henen der Va⸗ hmen ar, ſo breiſe reein⸗ etraf, nund mein einem ej ſich deprä⸗ nuhei ihn zu hatte, le ſei⸗ h wat glangt; ſchnun⸗ üßte ſo d grnd ne der Lioline ges auf 9 4 el mich Ktte u ſicht 1 — Von E. Benedict..349 ſehen erwartet, denn unſer ganzer Haushalt, Küche, Wäſche und alles, wurde durch männliche Bedienung beſorgt. Und da war jetzt ein Frauenzimmer, nach der neueſten franzöſiſchen Mode gekleidet, im höchſten Falle dreißig alt, mit für eine Ruſſin merkwürdig fein geſchnittenen Zügen, lichtem Teint, hellblauen Augen und goldgelbem Haar. Sie war ſo geräuſchlos eingetre⸗ ten, daß mir ihre Gegenwart nur durch den Spiegel kund wurde, und was noch erſtaunlicher, ſie ſprach mit M'Diddle. Die Unterhaltung ſchien ſehr eifrig zu ſein und wurde nur leiſe geführt; allein ſo ſehr ich auch aufpaßte, konnte ich doch nichts verſtehen, da ſie ruſſiſch redeten. Freilich hilft biswei⸗ len das Auge aus, wo uns das Ohr im Stiche läßt, und zu meiner großen Ueberraſchung wurde mir bald klar, daß ſie von mir ſprachen. Die Dame warf mir einen ſehr huldvollen Blick zu, und ich erkannte ihre Gegenwart mit meiner beſten Verbeugung an. „Darf ich fragen,“ begann ſie,„ob Sie ſchon lange in St. Petersburg ſind?“—„Erſt einen Monat,“ lautete meine Antwort.—„Und wie ge⸗ fällt es Ihnen hier?“—„Ich habe bisher kaum Zeit gehabt, mir ein Ur⸗ theil zu bilden.“—„Ah, ihr Engländer ſeid kluge Leute, die ſich nicht ſo ſchnell einem Eindruck hingeben,“ entgegnete ſie.„Ich habe alle Achtung vor dieſer Nation.“(Ich muß bemerken, daß ſie ſo gut engliſch ſprach, wie ich ſelbſt.)„Ich hatte eine Gouvernante aus London, das beſte Geſchöpf von der Welt. Was ſie ſich nicht Mühe gab, mich das bischen Engliſch zu lehren, das ich kann.“—„Ihre Mühe war wohl angelegt, Madame,“ erwi⸗ derte ich, denn ich hatte nachgerade Zeit gewonnen, mir ein Herz zu faſſen; „Sie ſprechen wie eine geborene Engländerin.“—„Ich wußte nicht, daß die Engländer auch ſchmeicheln können,“ ſagte ſie mit ihrem ſüßeſten Lächeln und fügte, ehe ich etwas zu erwidern vermochte, bei:—„aber ſagen Sie mir, wie Sie ſich hier in die Geſellſchaft finden können.“—„Ich habe bis jetzt noch ſehr wenig davon geſehen, Madame.“—„Haben Sie denn keine Freunde oder Bekannte in der Stadt?“—„Nein, Madame; ich bin gänz⸗ lich fremd.“ Sie ſah mich ſo freundlich und theilnehmend an, daß es mir tief in's Mark drang. Mit einer abermaligen Verbeugung, die ſie höflich erwiderte, kehrte ich nach meinem Pult zurück und machte mir mit meinen Büchern zu ſchaffen.— Von dieſem Tag an änderte M'Diddle ſein Benehmen gegen mich ganz und gar. Er wurde mittheilſam, ſogar vertraulich und erzählte mir, die Dame ſei die Gräfin Czarinski, eine reiche, kinderloſe Wittwe, welche 350 Ein Abenteuer in St. Petersburg. einer der erſten Familien von Eſthland angehöre; ſie komme öfters nach dem Magazin, das früher das Wohnhaus der Czarinski geweſen, und die See⸗ hundfelle, welche für die Herren Screwer, Grindem und Kompagnie verla⸗ den würden, kämen aus einem an Pelzwaaren ſehr reichen Bezirk, welchen die Gräfin in dem Gouvernement von Archangel beſitze.—„Er iſt nicht ge⸗ rade ihr Eigenthum,“ fügte M'Diddle bei,„ſondern gehört ihrem Neffen; da jedoch dieſer unter ihrer Vormundſchaft ſteht, ſo iſt dies in Rußland ſo gut, als wäre ſie die wirkliche Beſitzerin.“ Einige Tage nachher ſaß ich wieder mit der Feder in der Hand vor meinem Pult und machte mir eben Gedanken, ob ich ſie wohl je wieder zu ſehen bekommen würde; da knarrte leiſe die Thüre, ich vernahm ein Rauſchen von Seide, die das blanke Ofengitter ſtreifte, und Madame Czarinski ſtand vor mir.—„Ah, mein engliſcher Freund,“ ſagte ſie mit ihrem gewöhnlichen anmuthigen Lächeln, als ich mich von meinem Sitz erhob,„es freut mich, Sie wieder zu ſehen. Geben Sie mir die Hand— es iſt ja doch in England Sitte, bei der Begrüßung ſich die Hände zu ſchütteln; wenigſtens hat mir meine Gouvernante ſo geſagt. Wie gerne möchte ich ſelbſt dieſem Land einen Beſuch machen.“— Man kann ſich denken, daß ich die kleine, von eitrongel⸗ bem Leder umſchloſſene Hand mit gebührender Anmuth und Wärme drückte; jedenfalls war ich bis in den dritten Himmel entzückt. Sie fragte nach Mr. M'Diddle und ließ ſich mit mir in ein Geſpräch ein. Da wir uns die Hände geſchüttelt und ſie eine ſo große Achtung vor den Engländern hatte, ſo erleich⸗ terte ich mein Herz, indem ich ihr der Wahrheit gemäß ſagte, daß ich hier nie⸗ mand kenne und von niemand gekannt ſei, überhaupt mein ganzer Umgang ſich bloß auf M'Diddle beſchränkte. Die Dame ſchien an meiner einſamen Stellung einen Antheil zu neh⸗ men, der mein junges Herz völlig bezauberte.—„Es iſt hart für Sie, fern von Ihren Verwandten und ohne alle Freunde in einer fremden Stadt leben zu müſſen. Und ohne die Erlaubniß Ihres Prinzipals werden Sie natür⸗ lich nicht nach England zurückkehren dürfen?“—„Nein,“ antwortete ich, „und er iſt nicht der Mann, bei dem ich mich über meine Einſamkeit bekla⸗ gen möchte.“—„Ach, dieſe Geldmenſchen denken an nichts, als an das Ge⸗ ſchäft,“ entgegnete die Gräfin.„Aber ſagen Sie mir, wäre es Ihnen wohl angenehm, in Geſellſchaft zu kommen?“—„Gnädige Frau,“ erwiderte ich, „das faſhionable Leben iſt mir etwas Ungewohntes; ich bin nur ein armer Handelsgehülfe.“—„Wohl; aber Sie haben eine gentile Außenſeite, und man kar nerſchaf Ihrer len, ſo Es gibt T wers C welchen Geſell Euer jungen nen A nicht, ſtüͤcke, ſieben Siee weist was; durch ren.“ ausd Man mad ſich Kau Beg⸗ „Ta MNe als in J ſpäh dlu eng ma mi ſch ngang nch⸗ „ fern leben atür⸗ tte ich, bekla⸗ 5 Ge⸗ 1 wohl te ih armet und / Von C. Benedict. 351 man kann Sie präſentiren,“ ſagte ſie, mit einem Blick wohlwollender Gön⸗ nerſchaft mich vom Kopf bis zu den Füßen muſternd.„Ich habe Mitleid mit Ihrer Verlaſſenheit, und wenn Sie morgen Abend mein Haus beſuchen wol⸗ len, ſo werden Sie einen auserleſenen Kreis meiner beſten Freunde treffen. Es gibt nur Quadrillen, Karten und ein Soupé.“ Träumte ich, oder hatte die ruſſiſche Gräfin wirklich mich aus Scre⸗ wers Comptoir zu Quadrillen, Karten und Soupé eingeladen? Aber in welchem Anzug müßte ich in dem Czarinski⸗Palaſt erſcheinen? Ich war für Geſellſchaftsabende nicht eingerichtet und ſtotterte daher verwirrt:„Ich bin Euer Gnaden ſehr verbunden, aber—.“—„Sie denken an Ihren Anzug, junger Mann,“ unterbrach mich die Gräfin, ihre kleine Hand leicht auf mei⸗ nen Arm legend und mir ſchalkhaft in's Geſicht ſehend.„Dies darf Sie nicht anfechten. Wir verſtehen uns in dem Czarinski⸗Palaſt auf Feenkunſt⸗ ſtücke, und Sie ſollen meine Cinderella ſein. Wenn Sie morgen Abend um ſieben Uhr in die Gaſſe hinter Ihrem Magazin kommen wollen, ſo werden Sie einen Wagen finden, der Sie nach dem Palais bringt. Der Bediente weist Sie dann nach einem Ankleidezimmer, in welchem für alles geſorgt iſt, was zu der Toilette eines Gentleman gehört. Sind Sie fertig, ſo geben Sie durch die Klingel das Zeichen, und man wird Sie nach meinem Salon füh⸗ ren.“— Ich erinnere mich nicht mehr, in welcher Weiſe ich meinen Dank ausdrückte für das unverhoffte Glück, das mir geboten wurde. Welcher junge Mann würde nicht mit Freuden von einer ſolchen Einladung Gebrauch ge⸗ macht haben.—„Bitte; Sie können vielleicht Erſatz dafür geben, indem Sie ſich freundlich gegen meine Landsleute erweiſen, wenn Sie einmal ein großer Kaufmann ſind.“ Sie reichte mir noch einmal die Hand und war ſchon im Begriff, ſich zu entfernen, als ihr plötzlich ein Gedanke zu kommen ſchien. „Faſt hätte ich etwas vergeſſen,“ ſagte ſie.„Sprechen Sie franzöſiſch?“— „Nein, gnädige Frau,“ antwortete ich, bis zu den Haarwurzeln erröthend, als ich ſo daran erinnert wurde, daß dies die Sprache der guten Geſellſchaft in Rußland ſei:—„Sie verſtehen es aber doch?“ entgegnete ſie mit einem ſpähenden Blicke.—„Kein Wort, Madame.“—„Das iſt ein rechtes Un⸗ glück. Jeder Gebildete ſpricht hier franzöſiſch, aber nur ſehr wenige verſtehen engliſch. Man wird glauben, Sie ſeien als ein Bauer erzogen worden, wenn man ſieht, daß Sie mit dem Franzöſiſchen nicht bekannt ſind. Indeß fällt mir ein— es gibt ein Auskunftsmittel: ſtellen Sie ſich ſtumm. Sie ſind ge⸗ ſcheidt genug, um ſich in dieſe Rolle zu finden; auch verlieren Sie dabei 352 Ein Abenteuer in St. Petersburg. nichts, da Sie ja doch nicht verſtehen, was geſprochen wird. Drum wohlge⸗ merkt— keinen Laut vor meinen Gäſten oder der Dienerſchaft— es könnte uns beide in's Gerede bringen, und ich habe mir's einmal in den Kopf ge⸗ ſetzt, Sie in meine Geſellſchaft einzuführen. Gott befohlen!“ Sie hatte die Thüre hinter ſich zugedrückt, ehe ich noch dieſe ſeltſame Uebereinkunft begriffen; aber je mehr ich mir die Sache überlegte, deſto ge⸗ eigneter und vortheilhafter ſchien mir der vorgeſchlagene Ausweg zu ſein. Die Gräfin Czarinski intereſſirte ſich augenſcheinlich für mich— aus freund⸗ ſchaftlichen oder aus tiefer liegenden Rückſichten? Eine reiche, kinderloſe Wittwe, die obendrein jung und ſchön war, wollte mich in die gute Geſell⸗ ſchaft einführen und mich präſentabel machen. Ein ſolcher Glücksfall durfte wohl verfolgt werden, wohin er auch führen mochte.— Eine halbe Stunde ſpäter kam M'Diddle. Ich ließ natürlich nichts gegen ihn verlauten— war⸗ um auch? Um ſieben wurde unſer Geſchäftslokal geſchloſſen und dann zu Nacht geſpeist; einige von den Comptoirgehülfen machten nun Spaziergänge oder ſuchten ihre Freunde auf, während die trägeren ſich zu Bett begaben. Im Schlafen können manche Ruſſen Merkwürdiges leiſten. Des andern Tags gab ich dem Portier einen Silberrubel, damit er von meinen Bewe⸗ gungen keine Notiz nehme(ein Ruſſe verſteht ſolche Dinge, ohne daß man zu ſprechen braucht), und ging um ſieben Uhr aus, als wolle ich meinen gewöhn⸗ lichen Spaziergang antreten. Da fand ich denn richtig in der mir bezeichne⸗ ten Straße einen ſehr ſchönen Wagen, ohne daß jedoch auf dem Schlag ein Wappen zu bemerken geweſen wäre. Niemand ſchien darüber verwundert zu ſein, in einer Winkelgaſſe eine ſolche Equipage zu ſehen; auch war es merk⸗ würdig, wie hurtig ſich der Kutſcher in ſeiner Fracht auskannte, denn er öff⸗ nete die Thüre, ſobald er meiner anſichtig wurde. Ich ſtieg ein und es ging fort nach dem Czarinski⸗Palaſt. Ich kannte mich in der Stadt gut genug aus, um die Wahrnehmung zu machen, daß mein Kutſcher nicht geradeaus fuhr; auch fiel mir auf, daß derſelbe an einer hinteren Anfahrt hielt, in einer engen, dunkeln Straße mit einer gegenüberliegenden Mauer, die zu dem Garten eines Kloſters gehörte. Ich wurde von einem Bedienten in prächti⸗ ger Livré empfangen; er führte mich durch einen Corridor und eine Treppe hinauf nach einem elegant möblirten Ankleidezimmer, wo ich alles fand, was zur Toilette eines Gentlemans gehörte, einſchließlich eines vollſtändigen Gala⸗Anzuges. Die Kleider waren mehr im Pariſer als im Londoner Stil angefertigt; aber wie ſollte ich es mir erklären, daß ſie mir ſo gut paßten, als ſe dem g wir a Erſta truge Arme vertre ſchein ich e werd paſſ mac vord will zu e Sie wohlge⸗ könnte opf ge⸗ eltſame eſto ge⸗ zu ſein. freund⸗ derloſe Geſell⸗ durfte Stunde — war⸗ ann zu gänge eichne⸗ ag ein dert zu merk⸗ er öff⸗ s ging genug deaus einer dem chti⸗ Von E. Benedict. 353 als ſeien ſie mir auf den Leib angemeſſen? Wie ich meine ganze Figur in dem großen Pfeilerſpiegel betrachtete, wuchs mir erheblich der Muth. Wie mir angedeutet worden, zog ich jetzt die Klingel; doch denke man ſich mein Erſtaunen, als ſtatt des erwarteten Bedienten die Gräfin ſelbſt erſchien. Sie trug einen prachtvollen Abendanzug mit blitzenden Juwelen um Hals und Arme— ein Anblick zum Entzücken; dabei benahm ſie ſich ſo freundlich und vertraut, wie Tags zuvor, als ſie bei mir auf dem Comptoir geweſen. „Ich mußte Sie vorher ſehen, ehe Sie in dem Geſellſchaftszimmer er⸗ ſcheinen. Gut, gut,“ fügte ſie bei und drehte mich am Arme herum, als ſei ich eine jüngere Schweſter, die zum erſtenmal in die Geſellſchaft eingeführt werden ſoll;„ich habe mir's wohl gedacht, daß die Kleider Ihnen trefflich paſſen würden. Sie werden dieſen Abend unter den Mädchen Eroberungen machen. Doch vergeſſen Sie nicht, daß Sie ſtumm ſein müſſen; dies geht vorderhand nicht anders. Natürlich lernen Sie mit der Zeit franzöſiſch; ich will Ihnen ſelbſt Unterricht ertheilen. Doch jetzt muß ich fort, um die Gäſte zu empfangen. Der Bediente wird Sie nach dem Salon führen. Machen Sie Ihr Compliment, als ob Sie mich noch nicht geſehen hätten, und behal⸗ ten Sie im Gedächtniß, daß Sie ſtumm ſind.“— Sie eilte fort, ehe ich ihr antworten konnte. In der nächſten Minute trat der Bediente ein, unter deſſen Geleite ich nach dem Empfangzimmer gelangte. Welche Pracht in die⸗ ſem Hauſe— weite Räume mit herrlicher Dekoration, von der Flucht inein⸗ andergehender Zimmer, eines ſchöner als das andere. Die Gräfin ſaß in dem mittleren Salon; es waren bereits Gäſte an⸗ gekommen, andere ſtrömten zu. Ich hörte das Rollen von Equipagen, das Geſumm von Stimmen und das Rauſchen ſeidener Kleider. Die Neuheit der Scene brachte mich in keine geringe Verlegenheit; doch war ich entſchloſ⸗ ſen, zu beweiſen, daß ich Grütze genug beſaß, meine Rolle durchzuführen. Es galt dieſen Abend, viel zu gewinnen oder zu verlieren; ich ging daher auf die Gräfin zu, machte meine für dieſen Zweck wohl einſtudirte Verbeugung, überzeugte mich aus dem gegenüberhängenden Spiegel, daß ſie wohl gelungen war, und wollte mich eben nach einem Sitz zurückziehen, als ſie zu meinem unausſprechlichen Erſtaunen von ihrem Sammtſopha aufſprang, einen leiſen Schrei ausſtieß, ihre Arme um meinen Hals ſchlang und mich auf beide Wangen küßte. Ich that alles, was ſie mich hieß(natürlich mit Zeichen), ſpielte Karten mit drei alten Damen, tanzte mit zwei jungen, führte die Wirthin zur Tafel, und glaubte in ein Feenland verſetzt zu ſein. Endlich Hausblätter. 1867. I. Bd. 23 3⁵54 Ein Abenteuer in St. Petersburg. begann die Geſellſchaft ſich zu zerſtreuen; die Gräfin flüſterte mir zu, ich werde jetzt gut thun, nach Haus zu gehen; ich werde meine Kleider finden, wo ich ſie gelaſſen, und der Bediente mir das Geleite geben. So kleidete ich mich denn wieder um, wurde durch die Hinterthüre hin⸗ ausgeführt und kehrte nach Haus zurück, wo ich faſt die ganze Nacht nicht ſchlafen konnte und ſchon nach halbſtündigem Schlummer durch die Bureau⸗ glocke wieder geweckt wurde. Dieſes ſeltſame nordiſche Klima hatte mir ein ganz neues Leben eingehaucht. Madame Czarinski war das erſte Weib, das mir ein ernſtliches Intereſſe eingeflößt; wie wäre es auch unter den obwal⸗ tenden Umſtänden anders möglich geweſen? Am nämlichen Tag machte M'Diddle einen Ausgang mit der Erklärung, daß er vor Abend nicht zurück⸗ kommen werde. Ich war eben mit meinem Hauptbuch beſchäftigt, als ſich die Gräfin wieder einſtellte. Sie entſchuldigte ſich nicht und fragte auch nicht nach M'Diddle, ſondern nahm ſogleich Platz; dann erkundigte ſie ſich, wie mir ihre Partie gefallen habe, was ich von den Damen halten würde, wenn ich wüßte, was eine derſelben über mich geſagt, und ob ich wohl Luſt hätte, wieder zu kommen. Ich that mein Beſtes, um der Wahrheit gemäß zu ant⸗ worten, und erſah die Gelegenheit, meine Ueberraſchung über ihr Benehmen und über die Aufmerkſamkeit, die mir von allen Anweſenden bewieſen wor⸗ den, auszudrücken.—„O ja,“ entgegnete ſie;„ich empfing Sie wie einen alten Freund, und dies iſt die beſte Empfehlung in der Geſellſchaft.“ Dann machte ſie mir ein Compliment über mein Auftreten und rieth mir, niemand ahnen zu laſſen, daß ich nicht ſtumm ſei, bis ſie mich franzöſiſch gelehrt habe. „Die Wiederkehr der Sprache bei Ihnen wird dann um ſo intereſſanter ſein. Daß ich's aber nicht vergeſſe— ich wünſche, daß Sie mir etwas in mein Album ſchreiben— engliſche Poeſie, etwa aus Shakeſpeare oder Byron, hier auf dieſes Blatt mit dem Vergißmeinnichtkranze. Ich werde dann eine Probe von Ihrer Handſchrift und Ihrem Geſchmack haben— zur Erinnerung an Sie, wenn Sie nach England zurückgekehrt ſind und ich bei Ihnen in Ver⸗ geſſenheit gerathen bin.“—„Wie ſollte ich Ihrer je vergeſſen können, gnä⸗ dige Frau?“ rief ich und wollte eben in eine begeiſterte Rede ausbrechen, als ſie von ihrem Sitz aufſtand und warnend ihre Hand erhob.—„Bst! es kommt Jemand,“ ſagte ſie.„Ich muß gehen. Bringen Sie mir morgen Abend das Album. Den Wagen kann ich Ihnen nicht ſenden, da es Auf⸗ ſehen erregen würde. Adieu, mein lieber, junger Freund.“ Ich copirte mit aller Sorgfalt und Präciſion, die eine ſolche Aufgabe Von C. Benedict. 255 fordert, eine Stelle aus Romeo und Julie, die meine eigenen Gefühle aus⸗ drücken ſollte. War ich wirklich in die Gräfin verliebt? Ich weiß es nicht— trotzdem, daß ſie einige Jahre mehr zählte als ich, war ſie noch eine junge, ſchöne und reiche Wittwe.— Das Album in der Taſche begab ich mich nach dem Palais Czarinski. Ich kleidete mich an, zog die Klingel, wurde wieder von der Gräfin inſpicirt, worauf wie früher meine Einführung in den Salon und meine Vorſtellung vor einer noch größeren Geſellſchaft ſtatt⸗ fand.— Wie glücklich hätte ich mich gefühlt, wenn mir die Gräfin in einem der Hinterzimmer eine Unterhaltung unter vier Augen geſtattet und mir Gelegenheit gegönnt hätte, mir zu einer kühnen Erklärung ein Herz zu faſ⸗ ſen. Indeß nannte ſie mich ja ihren lieben jungen Freund— welche beſſeren Zeichen eines zärtlichen Intereſſes konnte ich erlangen?— Als ſie am andern Tag wieder nach unſerem Geſchäftslokal kam, fragte ſie wie das letztemal, wie mir ihre Abendpartie gefallen und machte mir dann ein Compliment über die Zierlichkeit meiner Handſchrift. Ich verſuchte, ihre Aufmerkſamkeit auf den Inhalt der Zeilen zu lenken, welche nur ausſprächen, was mir in der Seele liege.—„Ja, ſie ſind rührend,“ verſetzte die Gräfin mit einer ver⸗ legenen Miene;„Sie hätten übrigens nicht ſo ſchreiben ſollen, denn ich darf ſolche Dinge nicht auf mich beziehen. Sie wiſſen nicht alles. Ich bin eine unglückliche Frau,“ fügte ſie mit einem tiefen Seufzer bei.—„Sie unglück⸗ lich, gnädige Gräfin?“ entgegnete ich, einen Schritt näher tretend, denn ich glaubte, der günſtige Moment ſei gekommen.—„Ja,“ erwiderte ſie, den Blick zu Boden ſchlagend;„doch fragen Sie nicht— ich kann es Ihnen nicht ſagen, obſchon Sie die einzige Perſon ſind, der ich vertrauen darf.“ Sie ſchaute wieder auf, ſah mir ſcharf in's Geſicht und fuhr fort:„Wollen Sie mir einen Dienſt erweiſen?“—„Und wenn es mein Leben gälte!“ rief ich. —„Ich glaube Ihnen,“ verſetzte ſie;„doch iſt zum Glück keine ſolche Ge⸗ fahr zu befürchten. Alles, was ich wünſche, beſteht darin, daß Sie mir von dieſem Schriftſtück eine Abſchrift beſorgen. Sie ſehen,“ fügte ſie bei, indem ſie es offen vor mich hinlegte,„es iſt eine Urkunde, von der für mich Reich⸗ thum oder Ruin abhängt und deren ich in einem wichtigen Prozeſſe bedarf. Familienrückſichten machen es unräthlich, dieſes Geſchäft einem Notar oder Advokaten zu übertragen. Sie ſind der einzige Mann auf der Welt, den ich um einen ſolchen Dienſt bitten kann, da ich ein unverbrüchliches Vertrauen in Ihre Ehre und Ihre Verſchwiegenheit ſetze. Wann glauben Sie die Sache . 23* 356 Ein Abenteuer in St. Petersburg. fertig zu bringen?“—„Morgen,“ antwortete ich, haſtig das Aktenſtück über⸗ fliegend. Es war ein Folioblatt in Pergament und mit altſlaviſcher Schrift geſchrieben.—„Gut,“ entgegnete die Gräfin;„ſo bringen Sie es morgen Abend zu mir in's Haus. Der Bediente wird Sie durch das hintere Portal einlaſſen, und ich will Ihnen in meinem Boudoir die nöthige Aufklärung geben. Tragen Sie Sorge dafür, daß namentlich dieſe Zeile“(es war die letzte, und ſie ſah wie eine Namensunterſchrift aus)„gerade ſo ausfällt, wie ſie hier ſteht. Ich muß jetzt fort; leben Sie wohl.“ Ich copirte die Urkunde in aller Heimlichkeit mit der größten Sorgfalt. Es waren mehrere Proben nöthig, um die Unterſchrift und namentlich die Sig⸗ natur ganz treu herzuſtellen; doch gelang es mir endlich. Die Arbeit koſtete mich eine ſchlafloſe Nacht, kam aber gleichwohl in guter Zeit zu Stande, ſo zwar, daß niemand einen Unterſchied zwiſchen der Copie und dem Original hätte entdecken können. Nachdem der Auftrag, ohne daß jemand eine Ahnung von meinem Treiben hatte, beſorgt war, begab ich mich in der beſten Hoff⸗ nung, in dem Boudoir meine Erklärung vom Stapel laſſen zu können, zwi⸗ ſchen ſieben und acht Uhr nach dem hinteren Portal des Palaſtes Czarinski. Ich wurde durch denſelben Bedienten eingelaſſen; allein ſtatt, wie ich erwar⸗ tet, mich nach dem Boudoir zu führen, händigte er mir ein verſiegeltes Billet ein und blieb in dem Corridor ſtehen, bis ich es geleſen hatte. Das Leſen nahm nicht viele Zeit in Anſpruch; das Billet, das von Mittag zwölf Uhr datirt war, enthielt folgende Zeilen: „Mein lieber junger Freund!— Unvorhergeſehene Umſtände nö⸗ thigten mich, ohne Verzug nach Archangel abzureiſen; ich habe daher auf das Vergnügen verzichten müſſen, Sie dieſen Abend bei mir zu empfangen. Nach meiner Rückkehr hoffe ich, Sie wieder zu ſehen und Ihnen für die mir erwie⸗ ſene Freundſchaft zu danken. Haben Sie die Güte, die Papiere, Original und Abſchrift, meinem Bedienten zu übergeben; er hat die Weiſung, ſie mir nachzuſenden. Inzwiſchen verharre ich mit dankbarer Hochachtung u. ſ. w. Maria Czarinski.“ Es war ihre Handſchrift, und es blieb mir nichts übrig, als ihrem Ver⸗ langen zu entſprechen. Während die Vorgänge der letzten Zeit noch immer meinen Geiſt beſchäftigten, brachte mir der engliſche Poſtdampfer einen Brief von meinem Vater, der mich aufforderte, ohne Säumen nach England zu⸗ rückzukehren. Die Mittheilung war ſo kurz und ſichtlich in aller Eile geſchrie⸗ ben war über⸗ hrift rgen ortal rung r die wie gfalt. Sig⸗ oſtete de, ſo ginal mnung Hoff⸗ zwi⸗ nski. war⸗ Billet Leſen j Uhr ¹ Von E. Benedict. 357 ben, daß ich fürchtete, der alte Mann möchte ernſtlich krank ſein. M'Diddle war derſelben Anſicht und meinte, ich ſolle ja keine Zeit verlieren. *† 2* Auf meine haſtige Frage, warum ich zurückgerufen worden ſei, machte mein Vater ein ſehr geheimnißvolles Geſicht, winkte mir nach ſeinem Privat⸗ zimmer und legte mir ein Schreiben an Screwer, Grindem und Kompagnie in die Hand, in welchem derſelben angezeigt wurde, die Intereſſen der Firma und meine Sicherheit machen es räthlich, daß ich ohne Säumen St. Peters⸗ burg verlaſſe, da ich den Zorn einer edlen ruſſiſchen Familie auf mich geladen. habe. Die Sache war mir jetzt klar: die Gräfin war nach Archangel ver⸗ bannt und ich nach England zurückgeſchickt worden auf Veranlaſſung hoch⸗ geſtellter Verwandten, welche eine Mesallianz fürchteten. Ich fühlte mich als den Held eines Romans. Bald langte übrigens auch M'Diddle in Lon⸗ don an; er hatte ſeinen Dienſt unter Screwer und Kompagnie aufgegeben, und war im Begriff, ſich nach Glasgow zu begeben. Ich benützte dieſe Ge⸗ legenheit, um ihn zu fragen, ob Madame Czarinski in letzter Zeit nicht wie⸗ der nach dem Comptoir gekommen ſei.—„O nein,“ lautete die Antwort; „ſie ſchickt jetzt ihren Verwalter. Sie braucht jetzt keine thörichten jungen Männer mehr zu beſchäftigen.“—„Wie meinen Sie dies?“ entgegnete ich empfindlich.—„Ich meine das, was Sie gethan haben, als Sie die Güter. ihres Neffen in Archangel erringen halfen. Der junge Menſch war als min⸗ derjährig geſtorben; er war ſtumm geweſen und lag ſchon zwei Jahre im Grabe, aber niemand wußte dies. Sie bezog die Einkünfte und erſann ſchließlich den Plan, Sie der Geſellſchaft als ihren todten Neffen vorzuſtellen und durch Sie eine Urkunde ausfertigen zu laſſen, vermöge welcher Sie ihr die ſämmtlichen Güter teſtamentariſch vermachten. Ich glaube, die Mönche und ſie hielten, ſobald Sie aus St. Petersburg fort waren, ein feierliches Leichenbegängniß ab. Natürlich veranlaßte ſie Screwer und Kompagnie, Sie zurück zu rufen.“ Und der liebenswürdige Mann lächelte.—„Was haben Sie ſich zahlen laſſen für Ihre Beihülfe in dieſer Angelegenheit?“ entgegnete ich.—„Narren beſorgen das Geſchäft und kluge Leute ſtreichen den Gewinn ein,“ antwortete der alte Hallunke.„Beiläufig kann ich Ihnen mittheilen, daß ſie einen Fürſten geheirathet hat, einen aus der Familie Ro⸗ manow, und ich möchte Ihnen rathen, ſich nicht wieder in Rußland blicken zu laſſen. Es gibt dort eine ziemlich ſichere Manier, Leute, die läſtig ſind 358 Ein Abenteuer in St. Petersburg. Von E. Benedict. oder zu viel wiſſen, aus dem Weg zu ſchaffen.“ Mit einem boshaften Lächeln verließ der Elende unſer Comptoir und reiste nach Glasgow weiter. Ich habe nie das Unglück gehabt, ihm wieder zu begegnen. ** * Seit den oben berichteten Vorfällen ſind Jahre entſchwunden, und es iſt mir gut gegangen. Ich bin jetzt Haupt⸗Aſſocié eines der ausgedehnteſten und ſolideſten Geſchäftshäuſer, deren ſich die City von London rühmen kann. — Die Abtei von Colyton, einſt der Sitz meines nunmehr in Gott ruhen⸗ den Vaters, befindet ſich wieder in dem Beſitz eines Truſtell. Ich habe ein liebendes und geliebtes Weib und vier ſo hübſche Kinder, wie ein Mann ſie ſich nur wünſchen kann— drei Knaben und ein Mädchen.— Wenn ich übri⸗ gens auf die Abenteuer zurückſchaue, die ich während meines kurzen Aufent⸗ halts im Land der Czaaren erlebt habe, ſo wandelt mich hin und wider der thörichte Wunſch an, die Gräfin Czarinski möchte meine Leidenſchaft erwi⸗ dert und mich zu ihrem rechtmäßigen Gatten genommen haben, ſtatt mich als Katzenpfote zu benützen, welche ihr die Kaſtanien aus dem Feuer holen mußte. Wie unausſprechlich demüthigend iſt der Gedanke, zum Narren ge⸗ halten worden zu ſein von einem ruſſiſchen Weib— Dame kann ich ſie nicht nennen, da ſie ſich nicht als eine ſolche benommen hat. — — — —;—— ächeln Jc nd es teſten kann. ruhen⸗ be ein unn ſie übri⸗ -ufent⸗ er der erwi⸗ mich holen i ge⸗ ericht — Eduard Varian. Aus den Erxinnerungen eines Polizeibeamten mitgetheilt von Fr. von Wickte. „Welch' ſchreckliche Berichte von Noth und Elend, Schmach und Schande würden wohl in die Oeffentlichkeit kommen, wenn jeder Polizeibe⸗ amte die Beobachtungen etlicher Jahre erzählen wollte, und welche Lehren könnte die Geſellſchaft in ſittlicher Beziehung daraus ziehen, wenn jedes Drama, von dem wir oft nur die letzten Scenen ſehen, von Anbeginn vor⸗ zuführen die Möglichkeit vorhanden wäre.“— So ſprach an einem ſtürmi⸗ ſchen Winterabend des Jahres 1861 Mr. John Hayward, Kapitän der New⸗ Yorker Sicherheitspolizei, in einem Kreiſe von Bekannten, die ſich in einem der gemüthlichen Parlours des St. Nicholao⸗Hotels zuſammengefunden hat⸗ ten. Man hatte in der Nacht vorher im Lafayetteſquare die Leiche eines Mannes gefunden, mit deſſen früheren Verhältniſſen er, wie einer der Be⸗ richterſtatter des allwiſſenden Herald mitgetheilt hatte, näher bekannt war, und ſomit konnte er unſerem Drängen, die Geſchichte desſelben zu erzählen, nicht ausweichen. „Es ſind keine Geheimniſſe, die ich Ihnen mittheilen kann,“ begann er, „Nachforſchungen in den Tagesblättern würden Sie leicht davon überzeugen können, daß ich Ihnen nur Bekanntes, das ſich im Laufe der Jahre ereig⸗ nete, zu einem Ganzen zuſammenſtelle. Aber das Stück Leben, das ich vor Ihren Blicken aufrollen werde, mag Ihnen zeigen, daß die Verbrecher, die uns in die Hände fallen, nicht immer der Kaſte der Paria's entſpringen. „Es ſind ungefähr zehn Jahre, als eines Tages der Liverpooler Dampfer 360 Eduard Varian. Aſia— ich war damals Conſtabler und hatte Dienſt an der Landungsbrücke — einen kleinen, kugelrunden Engländer an unſere geſegnete Küſte ſetzte. Er gerieth damals mit einem der Karrenführer, der ſeinen Koffer ohne Auf⸗ trag aufgeladen hatte, in Streit und durch meine Intervention wurde ich mit ihm bekannt. Ich begegnete ihm ſpäter hin und wider und er grüßte mich ſtets ſehr freundlich, da er den Dienſt, den ich ihm damals erwies, nicht vergeſſen hatte. Er nannte ſich Eduard Varian; dieſer Name war aber ein angenommener, wie ſich bald auswies— in Wirklichkeit trug er einen alten berühmten Namen, den ich Ihnen jedoch aus Rückſichten für ſeine Familie verſchweigen will. Er gab ſeine Empfehlungsbriefe in der fünften Avenue und Madiſonſquare ab und dieſe lauteten alle auf den angenommenen Na⸗ men. Ueberall fand er die beſte Aufnahme bei den„Upper Ten“, und ſein liebenswürdiges Benehmen, ſowie ſein unerſchöpflicher Humor, der ſich na⸗ mentlich in Ausfällen gegen die engliſche Ariſtokratie Luft machte, gewannen ihm alle Herzen. Der alte Baker, der Präſident der Manhattan⸗Bank, war ganz verliebt in das Kerlchen, nahm ihn überall hin mit ſich und führte ihn namentlich auch bei den„Bigbugs“ in Wallſtreet ein. „Die Leute riſſen ſich um ihn; jeder fühlte aus dem Auftreten und Sprechen des jungen Varian den feinen Mann heraus, und wenn er ſelbſt auch nie einräumte, daß er der Sprößling einer edlen Familie ſei, ſo wußte er doch aus dem Glauben daran Kapital zu machen. Er ließ ſeine Freunde fühlen, daß er ungenirt einige Jahre in Amerika leben wolle, bis er volljäh⸗ rig ſei, um Land und Leute kennen zu lernen— er konnte ja ſeine Revenuen verzehren, wo er wollte. So war er wohl ſechs Monate lang der Löwe des Tages; eine Einladung drängte die andere, und gewiß fand keine größere Geſellſchaft ſtatt, zu der man ihn nicht bei ſich ſehen wollte. Sein Verhält⸗ niß zum Bankpräſidenten blieb immer dasſelbe innige und man ſprach ganz offen davon, daß der alte Baker ihm die Hand ſeiner älteſten Tochter geben würde. Mit Neid blickten die Mütter anderer heirathsluſtiger Töchter auf die Bevorzugte, ſie mißgönnten ihr den Triumph und boten, da die Verlobung noch nicht offen ausgeſprochen war, alles auf, um den jungen Mann in ihre Netze zu locken. „Wer von Ihnen, meine Herren, ſchon in den Kreiſen dieſer Geldfür⸗ ſten verkehrt hat, wird wiſſen, wie gerne dieſelben mit der europäiſchen Ari⸗ ſtokratie liebäugeln— aber auch ohne von den feinen Weinen und Diners derſelben genoſſen zu haben, wiſſen Sie, daß ein Jankee ſich keine Gelegen⸗ brücke ſetzte. 2 Auf⸗ de ich grüßte nicht er ein alten amilie venue n Na⸗ d ſein ch na⸗ annen „war te ihn mund ſelbſt wußte reunde olljäh⸗ eenuen we des rößere erhält⸗ h gand geben r auf obung n ihre lbfür⸗ Ari⸗ inels legen⸗ Von Fr. von Wickte. 361 heit entgehen läßt, wo es etwas zu verdienen gibt, und dazu ſahen einige un⸗ ſerer„Upper Ten“ in Eduard Varian ein geeignetes Mittel. Um die Broad⸗ ſtreet Petroleum⸗Kompagnie zu heben, bot man ihm den Vorſitz und zwanzig⸗ tauſend Dollars Actien als Zugabe an. Aus Höflichkeitsrückſichten nahm er es nach vielem Zureden an. Eine andere Geſellſchaft wählte ihn zum Mitdirektor und offerirte ihm, unter Erfüllung der in den Statuten vorge⸗ ſehenen Bedingung, daß er in ihrem ganz ſoliden Unternehmen Actien bis zum Betrage von 5000 Dollars zeichne, das übliche Jahrgehalt mit 2500 Dollars. Für ſeine Einlagen gab er Wechſel auf ſeinen Londoner Banquier, die in Wallſtreet willig Käufer fanden. „Ungefähr um dieſe Zeit blieben, vermuthlich durch den Untergang des Dampfers Canadian veranlaßt, ſeine Rimeſſen aus und die Hälfte der Geld⸗ leute in Wallſtreet rechnete es ſich zur Ehre an, ihm mit einigen hundert Dollars aus der Verlegenheit helfen zu können. Da er nun natürlich erſt in längſtens drei Wochen in Beſitz der Secundawechſel kommen konnte, war er ſo gefällig, alles Geld, das ihm angeboten wurde, anzunehmen und außerdem noch einige kleine Tratten auf London abzugeben. Um jene Zeit hatte er ein kleines Geſchäft in der Stadt der brüderlichen Liebe abzumachen und erbat ſich von ſeinen Freunden Empfehlungsbriefe dorthin. Aber auch dort mußte er Liebhaber für engliſch Papier gefunden haben, denn die Thatſache, daß er ſehr vergnügt von ſeinem Ausflug zurückkehrte, ließ darauf ſchließen, daß er ſeine Geſchäfte zur Zufriedenheit geordnet hatte. Da fiel eines Tages eine Bombe in Wallſtreet. Eduard Varian war ein Spieler und dazu einer der abgefeimteſten dieſer Species von Menſchenfreſſern. Wie ein Lauffeuer ging es in der fünften Avenue und in Wallſtreet von Haus zu Haus: Mr. Varian habe an einem gewiſſen Abende in einem Clubhauſe in der Broad⸗ ſtreet Bank gehalten und durch ſeine Finten, die ein ihm unbekannter College verrathen, zu wiederholten Malen bedeutende Summen an ſich gebracht. Glatt und ſchlüpfrig wie ein Aal, war es ihm jedoch gelungen, mit Hinter⸗ laſſung ſeiner Baarſchaft zu entkommen. „Welchen Eindruck dieſe Nachricht auf den Bankpräſidenten und in den noblen Quartieren überhaupt hervorrief, brauche ich Ihnen wohl kaum zu ſagen.— Die Scham ließ die meiſten Opfer dieſes ariſtokratiſchen Fremden über ihre Verluſte ſchweigen, oder dieſelben verläugnen— alle aber werden die heilſame Lehre daraus gezogen haben, daß es nicht gut ſei, wenn Repu⸗ blikaner mit den Sitten des Königthums liebäugeln.— 362 Eduard Varian. „Einige Tage darauf ſitze ich gegen elf Uhr Abends in dem Stations⸗ hauſe in der Centreſtreet; es war bitterlich kalt und ich hatte meinen Ofen gehörig geheizt. Da ich die Nacht vorher nur wenig geſchlafen hatte, nickte ich auf dem Stuhle ein. Plötzlich wurde ich durch das geräuſchvolle Eintre⸗ ten von zwei Conſtablern, die einen Arreſtanten brachten, erweckt. Hinter⸗ her drängte ſich eine aufgeregte Menſchenmaſſe. Der Gefangene hatte nach Ausſage der Conſtabler in einem benachbarten Spielhauſe einem Manne den Schädel eingeſchlagen, und der nach Ausſage der Anweſenden ohne jegliche Provocation tödtlich Getroffene hatte nach Dafürhalten des herbeigerufenen Arztes nur noch wenige Stunden zu leben. Der Angriff ſollte hinterrücks, während der Andere die Zeitung las, geſchehen ſein. „Ich war anfangs der Meinung, der Gefangene ſei verrückt; indeſſen ſein herausfordernder Blick und ſein keckes Benehmen belehrten mich bald eines Beſſeren. Auf meine Frage, ob er das Verbrechen, deſſen man ihn be⸗ ſchuldigte, begangen habe, entgegnete er mit einem feſten„Ja!“— Ich nahm deßhalb mein Regiſter zur Hand, um den Fall einzutragen und fragte ihn nach ſeinem Namen.—„Ich heiße heute noch Eduard Varian,“ entgegnete er,„vor dem Richter werde ich einen anderen Namen geben.“— Ich ſah den Menſchen betroffen an— er war es, der frühere Paſſagier der Aſia, nur das Schnurrbärtchen war abgeſchnitten und ſtatt deſſen ein Backenbart kul⸗ tivirt. Ich kannte ſeine Antecedentien damals noch nicht, da dieſelben erſt durch die Gerichtsverhandlungen aufgedeckt wurden. Ich ließ ihn daher hin⸗ ter Schloß und Riegel bringen, die Conſtabler gingen auf ihre Poſten zu⸗ rück, die Menge verlief ſich und ich war wieder allein. „Je mehr ich an den Menſchen dachte, deſto mehr gewann ich die Ueber⸗ zeugung, daß hier ein beſonderer Fall vorläge. Um daher meine Neugierde zu befriedigen, beſchloß ich, als ich gegen Mitternacht abgelöst wurde, ſo un⸗ gewöhnlich es auch war, zu dem Gefangenen in die Zelle zu gehen. Der Schließer ſah mich etwas erſtaunt an, als ich ihm meinen Wunſch zu erken⸗ nen gab, öffnete indeſſen. Da ſaß Eduard Varian vor mir auf der Pritſche, den Kopf in beide Hände geſtützt— ſein ganzes Weſen verrieth die tiefſte Niedergeſchlagenheit.— Der Menſch erregte meine ganze Theilnahme. Sanft legte ich meine Hand auf ſeine Schulter, denn er ſchien mein Eintre⸗ ten gar nicht bemerkt zu haben und redete ihn an. „Es thut mir leid, Sie an dieſem Orte zu ſehen, Mr. Varian,“ ſagte ich.—„Das ſollte Ihnen doch gleichgültig ſein,“ entgegnete er.—„Das ꝛtions⸗ Ofen nickte eintre⸗ inter⸗ enach ne den egliche ufenen rrücks, deſſen hbald n be⸗ Von Fr. von Wickte. 363 iſt es nicht, junger Mann,“ ſagte ich,„dieſer Ort iſt nicht für Leute wie Sie gebaut, und Sie ſelbſt ſicherlich nicht für denſelben beſtimmt worden.“— „Warum ließen Sie mich denn hieher bringen?“ fragte er.—„Das that nicht ich, ſondern das Geſetz, welches Sie verletzt haben,“ ſagte ich;„wenn ich ſage, Sie ſeien nicht für dieſen Ort beſtimmt worden, ſo meine ich, daß nach meinem Dafürhalten Gott Ihnen Talente und Fähigkeiten gegeben zu haben ſcheint, die Sie über den gemeinen Verbrecher erheben ſollten— nur mit dieſen hat das Geſetz etwas zu thun, und Leute wie Sie vermuthet es außerhalb ſeines Bereiches.“—„Die Träger des Geſetzes irren ſich aber zuweilen, wie Sie zum Beiſpiel jetzt in meinem Falle. Ich will Ihnen nicht. verſchweigen, was binnen kurzem ganz New⸗York wiſſen wird, daß meine Geburt die Anweſenheit hier zu einer doppelten Schande für mich macht. Mein Vater iſt ein Pair von England und ich habe eine Erziehung genoſ⸗ ſen, wie ſie nur wenigen zu Theil wird.“ „Und ein unbewachter Augenblick wird Sie an den Galgen bringen!“ ſagte ich ſchmerzlich bewegt,„wie iſt es nur möglich, daß Sie ſich ſo weit vergeſſen konnten?“—„Sind Sie hierher gekommen, um ſich mir als Beichtvater anzubieten?“—„Sie ſind hitzig, junger Mann,“ ſagte ich, etwas kühler geworden durch die ſchroffe Antwort,„ich fürchte faſt, daß Ihre Heftigkeit Ihr Ruin geworden iſt.“—„Ich bin nicht geſonnen, darüber mit Ihnen zu rechten— wohl Ihnen, wenn Ihr ſanftes Gemüth Sie beſſer durch die Welt bringt, als mich meine Heftigkeit— Sie würden mir einen Gefallen thun, wenn Sie mich allein ließen.“—„Ich beklage es in Ihrem eigenen Intereſſe, daß Sie den Zweck meines Kommens, Ihnen, ſo weit es ſich mit meiner Pflicht verträgt, nützlich werden zu wollen, ganz verkennen; ich habe geglaubt, daß Sie einige Theilnahme verdienten.“—„Ich verlange weder Ihre Freundſchaft noch Ihre Theilnahme,“ gab er mir ziemlich barſch zurück.—„So zeigen Sie dadurch nur, daß Sie weder das Eine noch das Andere verdienen,“ erwiderte ich zur Thüre ſchreitend.—„Dann hätten Sie mich nicht durch das Anerbieten von Dingen, die ich nicht zu ſchätzen weiß, beläſtigen ſollen,“ rief er mir nach, während der Schließer auf mein Pochen öffnete. „Ich ging nach Hauſe. Als ich am Vormittag zum Rapport ging, hörte ich, daß der Verwundete verſchieden ſei. Der Prozeß nahm ſeinen Anfang — die Leichenſchau hatte den Gefangenen vor die große Jury geſchickt, und zwei Monate darauf erkannte dieſelbe ihn, trotz der größt en Anſtrengungen 364 Eduard Varian. ſeiner Familie, die, um ihn vor dem ſchmachvollen Tode zu retten, alles auf⸗ bot, was ſie aus der Ferne zu thun im Stande war, des Mordes für ſchul⸗ dig. Der Beweis, daß er die That nur aus Rache verübt hatte, war durch alle Zeugen geführt worden, denn ſein Opfer war jener Spieler, der ſeine Betrügereien in Broadſtreet an's Licht gezogen hatte. Alles was durch den Einfluß der einflußreichen Freunde ſeiner Familie erreicht werden konnte, war die Abänderung des Todesurtheils in lebenslängliche Gefangenſchaft. Er ward deßhalb nach Sing⸗Sing abgeführt und ſomit war die Sache als beendet anzuſehen. „Neun Jahre waren ſeitdem verfloſſen; ich hatte Eduard ſchon ganz vergeſſen— noch einmal ſollte mich aber das Geſchick mit ihm zuſammen führen, und die Vorſehung hatte ſich dazu den kälteſten Tag auserſehen, den wir in dieſem Winter gehabt haben. Vorgeſtern Abend,— es mochte unge⸗ fähr neun Uhr ſein und ich ſaß wieder an meinem Ofen in dem Stations⸗ hauſe in Centreſtreet— trat ein kleiner, abgemagerter, nur mit Lumpen bekleideter Mann zu mir ein. Seine ängſtliche Miene verrieth die Furcht, abgewieſen zu werden; mit kläglicher Stimme bat er um die Erlaubniß, ſich ein wenig wärmen zu dürfen. Leute unſeres Standes ſind es gewohnt, um Mitleid angeſprochen zu werden, und mit freundlichen Worten lud ich den Aermſten ein, näher zu kommen. Zaghaft ſchloß er die Thüre und kam zu mir an den Ofen— eine wahre Jammergeſtalt! Seine dünnen zerriſſenen Kleider, die zerfetzten Schuhe, der Lappen auf dem Kopf, der einſt eine Mütze geweſen zu ſein ſchien, der nackte Hals und der unordentliche graue Bart, ſowie die rothen von Froſtbeulen aufgetriebenen Hände— alles miteinander ließ mich anfangs, als er ſo zitternd und vor Näſſe triefend vor mir ſtand, nicht den Mann erkennen, der einſt meine Freundſchaft und Theilnahme ſo höhniſch zurückgewieſen hatte. „Kennen Sie mich noch?“ fragte er mich in einem Mitleid erregenden Tone.—„Ihre Stimme klingt mir nicht fremd,“ entgegnete ich,„doch weiß ich nicht gleich, wo ich Sie ſchon geſehen habe— ſind Sie mir vielleicht ſchon einmal in die Hände gerathen?“—„Leider ja, Kapitän; mein Name iſt Varian— Eduard Varian, der wegen Mordes in's Staatsgefängniß ge⸗ ſchickt wurde und—.“—„Großer Gott!“ rief ich erſtaunt,„ja Varian, ich erkenne Sie wieder— aber wie iſt mir, ſind Sie denn begnadigt worden?“ —„Ja, im letzten Sommer hat mich der Gouverneur begnadigt,“ entgeg⸗ nete er.—„Aber was wollen Sie hier, und in ſolcher Verfaſſung?“ fragte — . i6 Von Fr. von Wickte. s auf⸗ ich.—„Es iſt ſo k 365 ſchul⸗ gegeſſen— ſo S heute Abend und ich Habe ſeit zwei d durd nahmen ſchon ei ich, hier für die Nacht ein Obd Tagen faſt nichts . uufgerege— Antheil an meinem Schickſal duh zu finden— Sie ch den rian— bleiben dee—.“—„Laſſen wir das Vergan ns war damals eonnte, ſtück und laſſen Sie ſi ie Nacht hier— aber nehmen donnsenhen— Va⸗ ſchaft. ſagen Sie, ich hät 2 dort drüben im Reſtaurant etwas cher dies Galde ce als her kornunen e ke Sie geſchickt, damit man Sie a ezn eſſen geben— Ant ie wieder hierher, dann wollen wi uch hinein läßt— nach⸗ nder reden.“ en wir von der Zukunft mitei n ganz 8„Wie der Ertrinkende nach einem S e anmen em dargebot Geldſtück mm Strohhalm grei if Dua hert 8 3 bur ne ſtammelte einige Wari⸗ veiie griff er nach n, ünfzehn Jahren mei ankes und eil * halbe Stund hren meines Dienſt ich ei Lilte unge⸗ h unde erlebt, wie die w 3 es habe ich eine qual ations⸗ teie. Endlich kam er und eue winten ich auf Varians Seeeeee umpen ihm in ein lingeres Geſpräch ein ungit mir an's Feuer. Ich ließ mich zu uih ſein erſtes Auſtretem erziblte. erfuhr, was ich Ihnen zu Anfang 8 ſich 7„Um etwas Näheres über die Motiv— 4 einer Herkunf e zu erf ie ei t, um che lartanit bewogen hatten, ſein Baterfand fahren, die einen Mann von ih den n Umweg machen, hörte aber ſchließli zu verlaſſen, mußte i kam zu Lord P dene aber ſchließlich, daß er der Zwill eich man⸗ am za eraAt,.. r ſi 7 illi um ſclechte Geſcllihaj eichſten Grundbeſitzers von St lindebruder des tiſſenen g 3 3 eſellſchaft zum Spiel und Trunk verl affordſhire ſei. Durch Mitze ublick der Eifer erleitet, hatt 29 e Mät erhoben und Pierinc gegen den zur Pairswürde ber hatte er in einem Au⸗ ee zd und diefen ködilich vorwundet. Er ſü erufenen Bruder die Hand nander dn die meutter die Mittel zur rar win nach Frankreich, wohin eſtand, aters Fluch folgte ihm und die Subſidi nach Amerika ſandte. Sei Iu kamen hinter d m ubſidien, welche er ei kunes burſß er dem Fücken desſelben er eine Zeitlang erhi des Spirlers, von dem ih 3 von ſeiner Mutter. Da k g erhielt, eiumnal einen Verſuch de— Ihnen ſchon erzählte— die Fa ſtr der Mord h, die Schande von dem hohen N Fanailie wonchts aoch 9 amen abzuwenden, allein 4 genden es w 1 var vergebli 5 vergeblich und Eduard hörte nichts wieder von ih von ihr. —„So vergingen neun Jahre— Jahre der Q .eeeearnenereer ecen vernau iß ge⸗ F 3 4 G en beim G 3— vermuthli Wrrrrennte errrerenen ber „ 3 9 4 1)„in er z thn ihm zu einem Birt it verhaten Leheig enn anan fawe r nach England war atgeg⸗ ihm verſagt,— ſei 9 t, 3 W 3 ſein Vater hatte ihn gänzlich enterbt und die M e Mutter war 5 fragte ℳ 366 Eduard Varian. Von Fr. von Wickte. * nachdem ſie von ſeinem zweiten Verbrechen Kenntniß erhielt, wahnſinnig ge⸗ worden und bald darauf geſtorben. „So habe ich außer dem in der Uebereilung Gemordeten auch den Tod meiner Mutter auf meiner Seele und kann nirgends Ruhe finden,“ ſchloß Varian ſeine Erzählung,„ruhlos irrte ich ſeither von Ort zu Ort,— ge⸗ lernt habe ich nichts in meinem Leben, wie Geldverpraſſen und die Volte ſchlagen— beides Dinge, auf welche niemand ſeine Zukunft gründen ſollte, der noch einen Funken von Ehre im Leibe hat. So fand ich nirgends ein Unterkommen, nirgends einen Verdienſt— ſoll ich an meinen Bruder um Unterſtützung ſchreiben?— Nie, nie! Ich bin aus der Geſellſchaft der Men⸗ ſchen ausgeſtoßen und werde fortan ein Verbrecher ſein!“— Er war in den Stuhl zurückgeſunken und weinte bitterlich, und ich— ich weinte mit ihm! „Zeitig am Morgen verließ ich das Wachlokal; Varian war eingeſchla⸗ fen und ich wollte ihn nicht wecken. So hinterließ ich bei dem dienſtthuenden Conſtabler einen halben Dollar für ihn und ließ ihm ſagen, um Mittag in meine Wohnung zu kommen. Ich hatte den ernſten Willen, ihm ein Unter⸗ kommen zu verſchaffen. Er kam nicht, und kehrte auch am Abend nicht in's Stationshaus zurück, wie ich vermuthet hatte. So gab ich den verſchiedenen Stationen ſein Signalement mit dem Auftrag, ihn einzubringen. Erſt in der Nacht darauf um drei Uhr Morgens fand ihn ein Conſtabler in einer Hausthür am Lafayetteſquare— todt— erfroren! In ſeinen Taſchen fand man nichts als den Brief ſeines Bruders, des jetzigen Lord P...... Pairs von England.“ Lui— Allerlei Curioſa. ds ein Mitgetheilt run Kitgetheil Men⸗ von in den Wilhelm Ernſt. in ſſil- ſenen 1. tagin Schlaue leberlegung bei Thieren. nter Der Pächter von Walsmühlen, in der Nähe von Schwerin, hatte ims einen jungen Fuchs gefangen und ſolchen auf dem Wirthſchaftshofe an die Kette einer Hundehütte legen laſſen, in welche ihm eine reichliche eſt in Streu eingeſchüttet wurde. Mehrfach machte der Fuchs bald Verſuche, ſich eines der Hühner, welche ſeiner Behauſung oft ſehr nahe kamen, zu bemächtigen, aber letztere waren ſtets auf ihrer Hut. Nach mehrfachen .,,“ vergeblichen Verſuchen verfiel nun das Thier auf folgende Liſt. Er zog und ſcharrte das ſämmtliche Stroh aus ſeiner Hütte hervor, wühlte die⸗ ſes hoch auf und verſteckte ſich ſchließlich darin, und bald hatte er von den Hühnern, die durch den Anblick des Strohhaufens gelockt, nunmehr herbei⸗ gerannt kamen, eines beim Kragen gefaßt. Die Sache bekam Reineke jedoch in ſofern ſchlecht, als der Herr ihn jetzt erſchießen ließ. — 2 ☛ 8 = 8 2. Medicinalpolizeiliches. Von jeher hat das Beſtreben, den beſchränkten Unterthanenverſtand zu bevormunden, zu tauſenden von Vorſchriften und Erlaſſen geführt, die wenige Generationen ſpäter in einem hohen Grade abſurd oder lächerlich erſchienen. Hiier einige Pröbchen ſolcher Erlaſſe aus dem Gebiete der Medicinalpolizei. Im Jahre 1709 trug das preußiſche Sanitätskollegium beim Könige 368 Allerlei Curioſa. darauf an, daß Galgen erbauet werden möchten, um diejenigen im Sarge daran zu hängen, welche während der damals herrſchenden Peſt geſtorben ſein würden, ohne Arzenei einzunehmen. Karl Theodor, Churfürſt von Baiern erließ im Jahre 1784 ein Reſcript, welches alle Heilmittel gegen den tollen Hundsbiß verbietet und befiehlt, daß davon Betroffene ſich allein an die Gnade und Wunderkraft des heiligen Hubertus wenden ſollen.— 3. Alte Einfachheit. G Wie einfach unſere Vorfahren lebten, davon gibt nachfolgendes Inven⸗ tarien⸗Regiſter des Schweriner Schloſſes, welches Anno 1520 bei einer Erb⸗ theilung aufgenommen wurde, ein recht anſchauliches Bild. Bekanntlich waren die mecklenburgiſchen Herzöge damals keineswegs unbedeutende Reichs⸗ fürſten, die obendrein ein ungewöhnlich reiches Hausgut beſaßen. Inventarium was zu Swerin beiden Herrn Herzogen Heinrich und Albrecht zuſtendigk. Am Donnerſtage des 8ten Tages omnium Sanctorum befunden iſt. ao. dni 20. Erſtlich in der Capelln: I. ſilb. verguldete Monſtranz, darin das heilige Sacrament.— 1. ſilb. Creuz mit 3 helffenbein Bilder, einwendigh Heiligthumb.— 1. ſilb. vergults Creuz mit einem anhangenden Büchslein, darin U. L. Frauen Milch verworth.— Das Haupt Cordule mit Silber übertzogen.— Das Haupt Beatricis Virginis.— 1 Creutze von Arabiſchem Golde in ein ſylbernes vergults Creutze gelegt, darin das Holtz des heiligen Creutzes ſampt andern Heiligthumb.— 1. Straus Eig mit Sylber belegt, darin ein holzen Büchslein mit Heiligthumb.— 3. Criſtallin Büchslin mit Sylber belegt, darin Heiligthumb von den 11000 Jungfrawen, Set Cecilien etc.— Noch 30 Stücke Heiligthumbs in einer holzen Dafeln.— 7 helffen⸗ bein Kiſtlin darin Heiligthumb.— 10 holtzen Büchslin darin Heiligthumb. — 2 Beutel mit Heiligthumb.— 9 Bilder von Mormelſtayn.— 2 Heup⸗ ter Johannis.— 8 Brieve mit Ablaß, das Heiligthumb belangend. 4 Silberne vergulte Kelcke mit Patenen.— 8 Corporalia mit iren fut⸗ tern.— 1 groß festival Corporal futter mit eynen bunten ſeiden Fechell.— 1 ſilb. Rauchfaß.— 2. helffenb. Creutze mit ſilb. Füßen.— 1 zerbrochen Chryſtall mit vergulten Sylber belegt.— 2 Silberne Rhoren.— 2 Syl⸗ berne Appollen.— 4 Bleihen Appollen.— mit, rocke von Lein den bei d verg fell 9 Sarge torben ſcript, lt, daß eiligen Inven⸗ r Erb⸗ nntlich ſeichs⸗ h und torum in das endigh hslein, Silbet biſchem geiligen belegt lin mit eciliel helffen⸗ 1 thumb. Soup- Heup⸗ ren fut⸗ hel.— brochel 1e Von Wilhelm Ernſt. 369 1 Caſell mit Perlen gſtickt.— 1 Caſell von einem rothen golden Stuck mit einem Perlen Alban und Manipuln, ſampt 2 rothen ſamythen Dienſt⸗ rocken mit eingeſtreuten guldenen Blumen.— 6 Caſeln mit Dienſtrocken von Samt.— 22 Caſeln, theils von Samt, theils von Atlaß, Dammaſt und Leinwand.— 12 Chorkappen von Samt und Seide.— 1 Duch von Gul⸗ den Stuck auf den Stuel darauf das Scrament ſteht.— 3 ſeyden Gardin bei die Altaria. Auf dem Hochmeſſen Altar: Eine geſchnitten Dafell mit Bild verguldet darauf 6 miſſing Leuchter.— Auf St. Georgen Altar: 1 Da⸗ fell darin St. Georgen Bild von Mormelſtayn.— 2 Leuchter von Meſſing. — Marien Altar: 1. geſchnitten vergulte Dafell— 1 Marien Bildtlin von Holtz.— 2 meſſingene Leuchter.— Auf dem 4ten Altar: I alte ge⸗ malte Dafell.— 2 alte Bilde von Holtze.— 2 meſſingene Leuchter.— 1 Creutz oben auf. Bücher: 1 New Antiffinie. 2 kleine Antiffinie, eins das Sommer und das andere das Winterteyl. 2 Gradualia. 1 New Brevier angenagelt. 4 Psalteria alt und new. 2 Newe pergamenen Miſſal. 2 Newe auf Papier gedruckte Miſſal. 1 Alt klein geſchrieben Miſſal. 1 Prefarcien Büchlin. 1 Alt Canon. 1 Legenden Buch von Her Tzimmermann. 1 gedruckt deutſch Büchlin. Sant Ulricho Leben. 1 Miſſal hat Her Joh Mundt in der heilig Bluts Capelle. Ferner in der Kirche unter andern: 1 bleyhen Salzfaß zum ge⸗ weyheden Saltz.— 1 furſtl. Stuel.— 1 ferſtinnen Stuel.— Jungkfrawen und Edelleuthe Benke.— Das Inventar des Zeughauſes und des Archives übergehe ich und bemerke nur, daß ſich an Mobilien befand: In der Cantze⸗ ley: 3 Tiſche, 1 Stuel, 3 loſe Benke. In des Kantzlers Chammern: Ein Betſponde von Holtz, darein ein alt Betthe mit Ledder betzogen. 1 Kiſſen. 1 Dannen Tiſch.— Wohnungen im Schloß: a. Das Sommerhaus.(ſcheint Vorraths⸗ haus geweſen zu ſein.) Darin? Kaſten mit 2 Schlöſſern verſchloſſen. Dar⸗ in: 10 gewirkte Teppiche, mehrentheils 6 Ellen breit und 7 Ellen hoch. 5 ge⸗ wirkte Laken 10 Ellen lang. 8 gewirkte Banklaken mehren theils mit Dra⸗ chen und Greifen 8—14 Ellen lang. 2 Sammetdecken mit den 5 Wappen. 1 roth golden Sammet decke über ein Bett. 2 desgl. Pföle zum Bett, 3 desgl. Kiſſen. 1 rothe Sammet decke.— 8 Tiſchlaken gut und böſe.— 2 meſſingene Leuchter auf des Herrn Tiſch. 16 Leuchter. 6 Becken. 2 Hand⸗ Hausblätter. 1867. I. Bd. 24 370 Allerlei Curioſa. Von Wilhelm Ernſt. fäſſer. 7 Keſſel, 1 kopferne Kanne. 62 Betten. 42 Pfoele.—— b. Das Dantzhaus: Das Haus bebänket. 3 Kiſten verſchloſſen. 1 hangende Kro⸗ nen mit Marien Bilde. c.) Hertzog Baltaſars Haus: 1.) Auf dem Saal, darin der Schor⸗ ſtein iſt, daſſelbe Gemach umher bebänket. Eine große Spunde mit einem Ruhbette, an beyden Seiten Fußtritte, 2 Branteiſen. 1 beſchloſſen Tiſch. 1 Stuel, 1 loſe Benke.— 2.) Hertzog Baltaſars Dornitz umher bebänket. Ein Kachel Ofen. 1 ſchwarzer beſchloſſener Tiſch. 1 ſchlechter Tiſch, ein Vogelhaus. 3.) Hertzog Baltaſars Frauen, Jungkfrawen Dornitz(Dornitz iſt Stube, davon noch Plattdeutſch„Döns“— Stube.). Umher bebänket. Ein Tiſch.— 4, bis 15, verſchiedene Stuben und Chammern.— 16, Auf M. G. Frauen Gemach: 2 große beſchlagene Schapp. 1 Spunde mit einem Rullbett. 1 Gordin umb das Bett, grün und roth. 1 beſchloſſener Tiſch. 2 Branteiſen. 1 Mesſings Kruſel mit fünf Bfeifen.(Lampen.) 1 ver⸗ ſchloſſener Kaſten.— 1 Stuel. 1 lange Bank mit Laden.— 17.) Meiner .G. Frauen Stube bebänket.— 1 Kachel Ofen.— 1 beſchloſſener Tiſch.— 1 loſe Bank. 1 Tiſch. 1 Meſſings Kruſel. 1 Stuel.— 18.) In der Jungk⸗ frawen Stube: Ein Ofen und umher bebänket. 1 loſe Bank. 2 alte Tiſche. 1 Tiſch, den man niederſchlägt.— 19.) In der Kammer dabei: 3 Spunden, 2 Ruelbetten. 20. 21. 22.) Auf Mn. Gn. H. Hertzog Heinrichs Gemach: 1 Spunde mit 1 Rulbett. 2 Underbette. 1 Pfoel. 1 Decke. 2 Beilaken. 1 Gardin grün und roth. 1 groß Schap. 1 beſchloſſen Conthur.— 1 Fer⸗ ſten Stuel. 1 loſe Bank. 3 angemachte Bänke. 1 wullen Pfulſter. 2 Brant⸗ eiſen. 1 holzen geſchnitzt St. Johannes.— 23.) Hertzog Heinrichs Stube: Umher bebänket. 1 Kachel Ofen. 1 beſchloſſener Tiſch. 1 Stuel. 1 wullen Bankpfoel. 1 Stuelküſſen. 2 Schenkſcheiben.— 24.) In der Fruwen Dor⸗ nitze: Umher bebenket. 1 Kachel Ofen. 10 Tiſche gut und böſe. 1 Setz⸗ bank. 3 lange loſe Bänke. Kuchengeſchirr: 13 zinnerne Schüſſeln. 44 holzerne. 37 Keſſel, groß und klein.— 21 Grapen. 1 Meſſingſcher Durchſchlag. 7 Dreifuſſe etc. 1 Senfmühle. 1 Mörſer mit Keule. 1 Lichtform.— Im Keller: 2 faß rothen Wein. 6 Koffen Bier. 15 zinnerne Becher. 22 Zippkannen. 1 faß Eſſig.— Auf dem Weinbergk:(Man bauete der Zeit in Mecklenburg Wein!) 5 Weinkaſten. 2 Kübbel. 1 Waſſerbottig. 1 Alte Preſſe. 4. 4½ Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. Mitgetheilt von Ferdinand Krämer. (Schluß.) Doch nehme ich den Faden der Erzählung wieder auf, den ich in Bü⸗ dingen abgeriſſen habe. Wenige Stunden hinter dem Städtchen kamen wir in recht ordentliche Quartiere; viel beſſere aber ſtanden uns für die folgen⸗ den Tage in Ausſicht, denn unſer Ziel war Hanau. Zu Anfang dieſes Mar⸗ ſches waren wir noch im Heſſen⸗Darmſtädtiſchen und bewegten uns wieder auf einer jener über alles Lob erhabenen Straßen— da plötzlich, wie mit dem Meſſer abgeſchnitten, hörte der ſo ſauber gehaltene Weg auf und ein Meer von Koth that ſich vor uns auf, ich wußte nun auch ohne Karte und Grenzpfahl, daß wir jetzt in Kurheſſen eingerückt ſeien. Gegen Mittag erfolgte der Einmarſch in Hanau, es war der 9. Juli — man merkt ſich ſo leicht und gerne den Tag, an dem einem etwas Ange⸗ 2 1 nehmes begegnet. Der Empfang von Seiten der Einwohner war zwar kein lärmender und fröhlicher, ſie fürchteten, wie ich nachher hörte, daß die Preu⸗ deſſl ßen uns raſch folgen würden. Dagegen war die Aufnahme in den Quartie⸗ 1.. ren eine überaus gaſtliche. Bei unſerer Ankunft fanden wir ſchon viele ſ fcß 1 württembergiſche Truppen vor; auf einem großen freien Platze in der Stadt 1 faß 4 ſtanden die Oeſterreicher; letztere blieben nur über Mittag und wurden von Ibuz 1 den ſehr in Anſpruch genommenen Hanauern nach allem, was man ſah, recht gut bewirthet. So ſtanden wir nun wieder, ohne den Feind geſehen zu haben, am — Main, von deſſen Ufern wir vor zehn Tagen, von den beſten Hoffnungen be⸗ 24* H 9 372 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. ſeelt und voll frohen Muthes ausgezogen waren; doch verloren hatten wir den letzteren auch jetzt nicht, trotz der ſtarken Märſche, die vereint mit Hun⸗ ger, Durſt und Näſſe wohl hätten niederſchlagend wirken können. Noch am Abend unſerer Ankunft in Hanau wurden wir allarmirt: die Preußen ſoll⸗ ten von Fulda her im Thal der Kinzig, die, wie bekannt, bei Hanau in den Main geht, im Anmarſch ſein; einzelne Regimenter marſchirten noch in der Nacht dahin ab, doch es mußte ein blinder Lärm geweſen ſein, denn wir durften ungeſtört noch den folgenden Tag hier bleiben und rückten erſt am Nachmittag des 11. Juli ihnen nach. Bei Langenſelbold ward unmittelbar neben der Straße auf einer Wieſe ein Lager bezogen, in welchem wir zwei volle Tage verblieben. Hier entfaltete ſich denn, vom Wetter begünſtigt, ein munteres, ächt feldmäßiges Leben; auch hatten wir keinerlei Noth zu lei⸗ den, denn von Hanau aus brachten die Proviantwagen Brod, Wein und Fleiſch. Letzteres hatte freilich zuweilen durch den Transport in ſo heißer Jahreszeit einen haut goüt bekommen, und ſo ward es ſehr gut aufgenom⸗ men, als hierin eine Aenderung eintrat und die Ochſen im Dorf ſelbſt ge⸗ ſchlachtet wurden. Durch beſondere Veranlaſſung kam ich in dieſer Zeit nach dem etwa drei Stunden entfernten und gleichfalls von unſeren Truppen beſetzten Geln⸗ hauſen. Durch ſchöne Wieſen und üppige, zum Schnitt reife Saaten führte der Weg in der weiten Thalebene, die ſich plötzlich bei Gelnhauſen durch die nahe zuſammentretenden Ausläufer des Speſſarts und Vogelsberges ſehr verengt. Das Städtchen ſelbſt, deſſen ſchlanke Thürme dem Wanderer ſchon von ferne entgegen blicken, iſt amphitheatraliſch an dem zur Kinzig abfallen⸗ den Hang aufgebaut; ſeine Lage iſt reizend, ſo feſſelt ſchon am Eingang eine ſehr ſchöne, inmitten von Rebengeländen ſtehende Villa das Auge des Be⸗ ſchauers. Ein recht glücklicher Zufall wollte es, daß ich faſt gleich beim erſten Schritt in den Ort auf einen Bekannten aus früherer Zeit ſtieß, der ſich hier häuslich niedergelaſſen hatte und mich nun ſofort in Beſchlag nahm. Von ihm erſt erfuhr ich, daß wir hier auf einem in der Geſchichte denkwürdigen Boden wandelten, ſollte ja doch die Stadt ihren Urſprung niemand gerin⸗ gerem, als Karl dem Großen zu verdanken haben, alſo über tauſend Jahre alt ſein. Mag dies auch dahingeſtellt bleiben, ſo iſt dagegen ſicher, daß der Kaiſer Barbaroſſa hier öfters hauste und Gelnhauſen zur Reichsſtadt er⸗ hob; auf einer Inſel erbaute der Kaiſer eine Burg, von der jetzt noch inter⸗ eſſante Trümmer zu ſehen ſind. Als beſondere Merkwürdigkeit zeigt der mwir Hun⸗ h am ſoll⸗ wir ſt am r zwei g ein zu lei⸗ n und enom⸗ öſt ge⸗ führte r ſchon n erſten ſich hier Von ürdigen gerin⸗ d Jahſe Von Ferdinand Krämer. 373 Gelnhäuſer dem Fremden gerne ſeinen ſchiefen Thurm, der in der That einer Beſichtigung werth iſt. Der hohe Thurm ſelbſt ſteht zwar, wie ſein Nach⸗ bar, ganz ſenkrecht, endigt aber, wenn ich mich noch recht erinnere, in drei hohen, eingebauchten, mit Schiefer gedeckten Spitzen, die für den Beſchauer von jedem Standpunkt aus ſchiefſtehend erſcheinen, was daher kommen ſoll, daß eine derſelben mit einer Neigung erbaut iſt. Die Einwohner waren augenblicklich in keiner geringen Sorge, ſie fürchteten, daß es hier zum Kampfe kommen werde, wenn wir den Preußen das Hervorbrechen aus dem engen Thale verwehren würden. Hier, meinte mein geſchichtskundiger Freund, ſei ſchon im dreißigjährigen Krieg gekämpft worden, hier hätte der bairiſche General Wrede im Jahre 1813 dem von Leipzig fliehenden Napoleon ſich entgegenſtellen ſollen, wodurch ihm wahr⸗ ſcheinlich erſpart worden wäre, bei Hanau von den Franzoſen geſchlagen zu werden. Dies alles mochte richtig ſein, ſicher aber iſt für mich ſo viel, daß die Preußen uns der Mühe enthoben, ſie bei Gelnhauſen nicht heraus zu laſſen, denn ſie kamen nicht und wir verließen nach zwei Tagen das Kinzig⸗ thal wieder, um auf demſelben Weg, auf dem wir gekommen, gegen Hanau zurück zu gehen, da, wie es hieß, die Baiern abermals zurückgeſchlagen wor⸗ den ſeien. Unſere Hoffnung, in dieſer Stadt, die uns kürzlich ſo freundlich aufge⸗ nommen, wieder in’s Quartier zu kommen, ſollte ſich als trügeriſch erwei⸗ ſen. Eben lagerten wir um die Mittagszeit in dem nahe bei Hanau be⸗ findlichen Walde, als Befehl zum Aufbruch kam. Ohne die Stadt zu be⸗ rühren, ging es über die Wieſen dem Main zu, der auf einer beſonders ge⸗ bauten Schiffbrücke von den Truppen überſchritten werden ſollte. Zu ſolch ſeltenem und intereſſantem Schauſpiel hatte ſich ganz Hanau in Bewegung geſetzt; auch jetzt wieder ſollten wir in hohem Grade die Gutmüthigkeit und Theilnahme der lieben Hanauer erfahren; faſt niemand war mit leeren Hän⸗ den gekommen: da gab's Fleiſch und Brod, dort einen willkommenen Schluck Wein; hier wurden Cigarren und Tabak geboten, dort hatte eine Gruppe auf einem Kinderwägelchen ein kleines Faß Himbeerſaft gebracht; alles war geſchäftig, dem vorbeiziehenden Soldaten ein Labſal zu reichen. Da das Glück ſeine Gaben ja immer blind vertheilt, ſo war es kein Wunder, daß auch hier der eine viel, der andere wenig und ein dritter gar nichts bekam, denn der Marſch gegen die Brücke ging ununterbrochen fort. Manch altes Mütterlein trippelte, die Flaſche unter dem Arm, neben dem raſch ausſchrei⸗ 374 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. tenden Soldaten einher, geduldig wartend, bis er das gebotene Glas geleert habe, das flugs wieder gefüllt, nun von dem Hintermann zu erhaſchen geſucht wurde; bis an die Brücke, welche unſere Pionniere oberhalb der Stadt, einem kleinen Dorfe gegenüber, geſchlagen hatten, zogen ſich die Spaliere unſerer lieben Wirthe hin. Der Uebergang über den Fluß gewährte ein an⸗ ziehendes, an Abwechſelung reiches Bild, in unüberſehbaren Reihen zogen Truppen, Kanonen und Fuhrwerke dem Waſſer zu. Lautlos ſchritten wir über die ſchwankenden Bretter und wenige Minuten ſpäter hatten wir den Fluß im Rücken. Nun waren wir wieder auf dem linken Mainufer und erreichten nach einigen Stunden den, nahe bei einem ärmlichen Dörfchen, in dem ſo gut als nichts zu haben war, gelegenen Lagerplatz, aus dem am folgenden Morgen bald wieder aufgebrochen wurde. Wie am geſtrigen Nachmittag, ſo führte auch heute der Marſch durch eine reichbewaldete Ebene. Bald verbreiteten ſich alarmirende Gerüchte: die Heſſen⸗Darmſtädter hätten geſtern ein un⸗ glückliches Gefecht gehabt in der Nähe von Aſchaffenburg, die Preußen ſeien nun über den Main herüber und dergleichen mehr. Mit großen Vorſichts⸗ maßregeln wurde heute in der Gegend von Babenhauſen, in der Nähe der von Darmſtadt nach Aſchaffenburg führenden Bahnlinie gelagert. Am fol⸗ genden Tag waren in der Ferne waldige, uns immer näher rückende Berge ſichtbar— der Odenwald blickte uns entgegen. Hatte die Fahrt nach Frankfurt uns an ſeiner weſtlichen Seite nächt⸗ licherweile vorüber geführt und uns dadurch um den Anblick der reizenden Bergſtraße gebracht, ſo ſollten wir nun den öſtlichen Theil des Gebirges aus eigenſter Anſchauung kennen lernen, in das wir nun bei Groß⸗Umſtadt traten. Eine vortreffliche Straße führte nur allmälig anſteigend aufwärts; zur Linken begleitete uns ein langgedehnter Wald, zur Rechten aber breite⸗ ten ſich fruchtbare Felder aus; der Eindruck, den die Landſchaft machte, war nicht ungünſtig, jedenfalls ſchien ſie kein zweiter Vogelsberg werden zu wol⸗ len— keine kleine Beruhigung! Bald ging es dann im dichten Walde, voll prächtiger Buchen und Eichen, auf vielfach gewundenem Wege wieder ab⸗ wärts— eine romantiſche, lebhaft an den Schwarzwald erinnernde Partie. Bei dem Städtchen Höchſt hatte das Hinabſteigen ein Ende, ein freundli⸗ ches, anmuthiges Thal nahm uns auf, an deſſen äußerſtem Rande unſere Straße nun hinzog. In dem ziemlich breiten Thale, das der Mümlingbach in vielfachen geleert geſucht Stadt, paliere in an⸗ zogen en wir vir den en nach gut als Norgen führte reiteten ein un⸗ ſeien ſicts⸗ he der mm fol⸗ Berge 3 nãcht⸗ izenden ebirges Unſtadt fwärts; — breite⸗ zte, wal zu wol⸗ de, voll der db⸗ Partie reundli 3 unſelt eelfachen Von Ferdinand Krämer. 375 Windungen durchfließt, wechſelten herrlich grünende, blumenreiche Wieſen mit Obſtgärten und fruchtbaren Feldern auf's mannigfaltigſte ab. Etwa eine Stunde mochte uns der Weg durch dieſe lachende Gegend geführt ha⸗ ben, dann, gleich hinter einem reinlichen Dörfchen, das voll heſſiſcher Sol— daten ſteckte, zog er ſich allmälig an dem Thalhang aufwärts. Hier entrollte ſich nun tief zu unſeren Füßen ein wunderhübſches Bild: eine vor uns mar⸗ ſchirende Brigade hatte ſich da unten im Thale häuslich niedergelaſſen. Ich lade den geneigten Leſer ein, mit mir auf der hochgelegenen Straße Halt zu machen, um mit Muße das anziehende Schauſpiel zu betrachten— es iſt das ſchönſte Lagerbild, das ich aus dem ganzen Feldzuge geben kann. Das an dieſer Stelle etwa tauſend Schritte breite Thal war nahezu in der Mitte von der mit Büſchen bewachſenen Mümling durchſchnitten. Zwi⸗ ſchen ihr und dem jenſeitigen, vielfach bewaldeten Hange, auf den in ſafti⸗ gem Grün prangenden Wieſen, finden wir eine kleine Soldatenſtadt, in wel⸗ cher alle Waffengattungen vertreten ſind; dort am weiteſten abwärts, nur einige hundert Schritte vom Dorfe entfernt, liegt ein Bataillon Infanterie, das ſchon ſeine niederen grauen Leinwandzelte, von welchen beim Marſchiren jeder Soldat ein Stück auf dem Torniſter trägt, regelrecht aufgeſchlagen hat; dann folgt, mehr gegen uns zu, Artillerie. Die imponirenden Geſchütze und die vielen dunklen Wagen ſind in ſtattlichen Reihen aufgefahren; nun kommt eine größere Maſſe Infanterie und zuletzt zu unſerer Linken etwas Cavallerie; die Roſſe ſtehen in mehreren Linien, zwiſchen welchen die Reiter ſelbſt ſich gelagert haben. Mehr im Hintergrund ſind dann die Proviant⸗ wagen mit ihren weißen Leinwanddecken ſichtbar; eine Heerde Schlachtvieh, dem das üppige Gras recht zu behagen ſcheint, hat ſich nahe bei dieſen Fuhr⸗ werken niedergelaſſen. Ein geſchäftiges Treiben, in welchem ſich die mannigfachſten Lebens⸗ thätigkeiten ſpiegeln, taucht vor unſeren Blicken auf. Der anmuthige Bach hat bei der großen Hitze gar manchen verlockt, ſich dem lang entbehrten Ge⸗ nuſſe eines erfriſchenden Bades zu überlaſſen. Um dabei das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden wird zugleich das— oder wie der richtige Soldat zu ſagen beliebt, der Weißzeug einer Waſchung unterzogen und dann auf dem Raſen zum Trocknen ausgebreitet; letzteres iſt bekanntlich nicht ſo bald geſchehen, und ſo ziehen einzelne Gruppen es vor, die Zeit des Wartens durch Herumſpringen auf dem Grasboden in der Kleidung unſeres erſten Elternpaares zu kürzen. Reiter und Leute vom Fuhrweſen tummeln im glei⸗ 376 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. chen Koſtüm luſtig ihre Pferde im Waſſer umher. Dort wandelt eine lange Reihe Soldaten den Proviantwagen zu, aus denen wohl allerlei Mundvor⸗ rath zu holen iſt, denn da unten gerade vor uns ſuchen einzelne ſchon ganz emſig das Feuer zu ſchüren und die brodelnden Keſſel ſcheinen ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Eine wahre Wallfahrt hat aber der nahe Wald veranlaßt und die mühſam herbeigeſchleppten laubreichen Aeſte laſſen uns über ihre Beſtimmung keinen Augenblick im Zweifel, um ſo weniger, als da und dort ſchon eine ſtattliche Hütte im Entſtehen begriffen iſt, die heute, wo die Sonne beſonders heiß brennt, eine wahre Wohlthat werden wird. Auch häusliche Verrichtungen aller Art kommen zum Voll⸗ zug, dort werden defekte Sohlen, denen das fortwährende Marſchiren arg zugeſetzt, durch neue erſetzt, wozu jeder Soldat im Torniſter ein Stück Soh⸗ lenleder trägt, hier zerriſſene Montirungsſtücke geflickt. Schwerlich iſt der Schaden durch überhandnehmende Korpulenz ihrer Träger entſtanden, aber das viele Bivouakiren bei ſchlechtem Wetter hat unſeren Kleidern, die faſt alle in ganz neuem Zuſtand in's Feld genommen wurden, arg mitgeſpielt. Bei der Reiterei und Artillerie endlich iſt der Hufſchmied vollauf beſchäftigt; die ſteinigen Wege des Vogelsberges haben die Eiſen tüchtig mitgenommen. Den Pferden ſcheint es da unten heute auch weit wohler zu ſein, als in den letzten Wochen; hin und wider gelingt es dem einen oder anderen, ſich ſeiner Feſſeln zu entledigen und mit luſtigem Wiehern ſo recht abſichtlich einen An⸗ lauf gegen die Infanteriſten zu nehmen, die nicht wenig erſchrocken raſch aus ihren kleinen Leinwandhäuschen hervorkriechen. Es koſtete einige Ueberwindung, ſich von dieſem anziehenden Leben und Treiben da unten zu trennen, doch wir ſehnten uns auch nach einer Stelle, um unſer Hanpt hinzulegen; zudem wußte der knurrende Magen uns empfind⸗ lich daran zu erinnern, daß der Nachmittag längſt hereingebrochen. Heute war ſchon der Tag beſonderer Erlebniſſe, und ſo bekamen wir während unſeres Haltes noch eine Epiſode zu ſchauen. Die an uns vorüber⸗ ziehende, den Dienſt im Hauptquartier verſehende Stabskompagnie eskor⸗ tirte nämlich einige etwas burſchikos gekleidete Herren, die Tags zuvor arre⸗ tirt worden waren, weil ſie ſich ohne allen Ausweis unter die Truppen gemiſcht hatten— ob als Spione oder um als Amateurs den Krieg mitzu⸗ machen, das ſollte erſt unterſucht werden. Wie ſich ſpäter herausſtellte, waren es Heidelberger Studenten, die wohl bald als ungefährlich heimgeſchickt wor⸗ den ſein mögen. An ihnen bewährte ſich heute eben auch das alte Sprich⸗ wort: wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht ſorgen. ——— lange advor⸗ ganz ganze aber ſeichen l, um griffen hlthat Voll⸗ en arg fSoh⸗ iſt der aber ie faſt iſpielt. iftigt; nmen. in den ſeiner en An⸗ ſch aus en und Stelle nyfind⸗ ꝛen wir rüber⸗ cgkbr⸗ r arte rruppen mitzle „warah it wol⸗ Zplicy — —— Von Ferdinand Krämer. 377 Der folgende Marſch, wir hatten die Nacht in einem kleinen, armen Dorfe zugebracht, führte durch das in reizender Gegend zwiſchen einem Berg⸗ hang und der Mümling liegende Michelſtadt. Bald hinter dem Ort bog die Straße links ab in das Gebirge und nun ging es ein paar Stunden lang, unter mancher Windung des meiſt durch Eichen⸗ und Buchenwälder ſich hin⸗ ziehenden Weges, ſtark bergauf. Oben auf dem Plateau ward ein längerer Halt gemacht, auf einem zum Lagern vieler Tauſende, denn nahezu alle Truppen waren da beiſammen, herrlich geeigneten Platz, der faſt rings her⸗ um von einem parkähnlichen Walde umſchloſſen war. Zur Rechten der Straße befand ſich ein allerliebſtes, ich glaube einem Grafen Erbach gehö⸗ riges Jagdſchlößchen, die vordere Giebelſeite mit Erkern und zahlreichen Hirſchgeweihen verziert. Zu unſerer nicht geringen Freude fanden wir unſere gefüllten Proviantwagen vor und bald labte ſich alles an Brod, Schinken und trefflichem Wein. Es war ein fröhlicher Anblick, ſo viele emſig beſchäf⸗ tigte Menſchen oft in recht maleriſchen Gruppen um ſich herum zu ſehen; die munteren Weiſen der Muſik erhöhten die luſtige Stimmung, die ſich bei einzelnen ſelbſt zu einem Tänzchen„auf dem grünen Teppich der Natur“ verſtieg. Da waren, wie es ſich für einen ächten Soldaten gehört, all die überſtandenen Leiden vergeſſen und unverzagt wurde der Zukunft entgegen geſchaut. Das beſonders lebhafte Wallfahrten der Offiziere nach dem nahen Schlößchen ließ vermuthen, daß der gaſtliche Beſitzer ſeine Räume auch zu etwas Anderem, als zum bloßen Beſchauen intereſſanter Jagdſtücke geöff⸗ net habe. Neu geſtärkt machten wir uns in der Reihenfolge, in der wir angekom⸗ men, wieder auf den Weg, der uns nun viele Stunden und wieder meiſt im Walde, ununterbrochen abwärts führte. Wir hatten in den letzten Wochen gewiß manchen anſtrengenden Marſch gehabt, aber ſo wie heute noch keinen; das wollte gar kein Ende nehmen. Das geſpendete zweite Frühſtück war ſo recht am Platze geweſen. Wie hing doch zuletzt der Torniſter, der ſtets da⸗ für ſorgt, daß man ſeiner nicht vergißt, ſo bleiſchwer auf Schultern und Rücken. Oft ſchon hatte ich es von älteren Soldaten als überaus„fein“ preiſen gehört, daß ſtatt der ſchweren Kübel, wie man den Käppi in der in⸗ timen Soldatenſprache zu tituliren beliebt, nur die leichte, wenn auch nicht gerade durch ſchöne Formen ſich auszeichnende Mütze in's Feld mitgenom⸗ men worden war, heute pflichtete ich mehr als je ihrer Meinung bei. Die Offiziere thaten aber auch alles, um die Leute bei guter Stimmung zu er⸗ halten, ein freundliches Wort vermag da, zu rechter Zeit angewendet, viel 378 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. und ein„Spaßmacher“ der, wenn alles die Köpfe hängen läßt, wieder eine heitere Stimmung zu erzeugen weiß, hat ſich mancher kleinen Begünſtigung ſeitens der Offiziere zu erfreuen. Am ſpäten Nachmittag endlich tauchte bei einer Biegung des Weges ein freundliches Städtchen in der Niederung auf— Amorbach. Wir hatten kurz zuvor das Heſſen⸗Darmſtädtiſche verlaſſen und ſtanden nun auf bairi⸗ ſchem Boden. Undank iſt ein häßlicher Zug, ich will mich deſſen beim Schei⸗ den aus dem Großherzogthum nicht ſchuldig machen, es hat uns ja wochen⸗ lang beherbergt, und ſo ſei ihm denn an dieſer Stelle ein freundliches Lebe⸗ wohl gebracht, es ſei hier aber auch einer der für uns ſchönſten Einrichtun⸗ gen des Ländchens, die oft rühmlich hervorgehoben wurde, liebend gedacht— ſeiner großen Schoppen! Wie verſchwindend klein erſcheint dagegen ſein bai⸗ riſcher Genoſſe, kein Wunder, daß man da beim Bier gleich mit dem Seidel anfängt. Wir gehörten zu den erſten in Amorbach einziehenden Truppen und fanden ſo angenehmerweiſe noch gute Unterkunft, denn dem kleinen Städt⸗ chen war die nicht geringe Aufgabe beſchieden, faſt unſere ganze Diviſion und gewiß mehr als 10,000 Mann zu beherbergen. Unaufhörlich, bis in die ſpäte Nacht hinein zog mit klingendem Spiel Regiment um Regiment in dem Städtchen ein, in dem unmöglich alles Militär Platz finden konnte, ob⸗ wohl die Häuſer bis unter das Dach mit Soldaten angefüllt wurden. Auch die Kirche nahm in ihrem geräumigen Schooß ganze Kompagnien auf. Ein buntes Durcheinander herrſchte in den Straßen; da ſuchten kleine Trupps den Metzger, bei dem ſie das Fleiſch zu holen hatten, dort umſtand ein un⸗ geduldiger Haufen das Haus des Bäckers, der dem Regimente das Brod liefern ſollte; keuchend ſchleppten andere die empfangenen und ſehnlichſt er⸗ warteten Fäßchen Bier einher, denn bei den Wirthen war der Vorrath längſt zu Ende gegangen. Ob das Städtchen, deſſen Einwohner uns recht freundlich aufnahmen, ſeinen wohlklingenden Namen auf den Gott der Liebe zurückführt, iſt mir nicht bekannt, in meinen Augen wenigſtens hätte es dazu alles Recht, denn ich habe auf unſeren Kreuz⸗ und Querzügen an keinem Ort ſo viele hübſche Mädchen geſehen, als in Amorbach, da guckten doch faſt aus jedem Fenſter ein paar ſchöne Augen neugierig und theilnehmend auf uns Soldaten herab. Leider ging es ſchon am folgenden Morgen wieder weiter, auf enger, den waldigen Berghängen oft mühſam abgerungener Straße. Gegen das Ende des Marſches ward oben auf dem Berge liegend eine Kloſterkirche mit ſtatt⸗ Von Ferdinand Krämer. 379 r eine lichen Thürmen ſichtbar— Walldürn, ein bekannter Wallfahrtsort; wir igung waren nun im Badiſchen. Am 20. Juli erreichten wir über Hardheim die Tauber, die in Tauber⸗ Deges biſchofsheim überſchritten wurde. Das Städtchen liegt am Fuß ſteil abfal⸗ hatten lender Berge auf dem linken Ufer, das mit dem jenſeitigen durch eine ſtei⸗ bairi⸗ nerne Brücke verbunden iſt. Wer von uns allen konnte beim Paſſiren Schei⸗ derſelben eine Ahnung davon haben, daß wir wenige Tage ſpäter um ihren ochen Beſitz einen blutigen Kampf zu führen hätten. Wie weiſe iſt es von der gü⸗ Lbe⸗ tigen Vorſehung, daß kein Serblicher in den dunklen Schooß der Zukunft chtun⸗ blicken darf. Mit welchen Gefühlen wäre ſonſt von uns über das ſtille, in cht— tiefem Bette dahinfließende Waſſer geſchritten worden. n bai⸗ Gleich jenſeits der Brücke ſteigt die Straße, ſtellenweiſe als tief einge⸗ Seidel ſchnittener Hohlweg, ziemlich raſch bergan und führt, einen langen Wald durchziehend, über Großrinderfeld, unſerem heutigen Ziel, gegen Würzburg. Hier, in der Gegend zwiſchen Tauberbiſchofsheim und Großrinderfeld, ward ztädt⸗ uns eine mehrtägige Raſt zu Theil, die um ſo willkommener erſchien, als das Marſchiren faſt eine volle Woche ununterbrochen gewährt hatte. Be⸗ greiflicherweiſe wird in ſolchen Ruhepauſen dann auch die Verpflegung regel⸗ 13 mäßiger und das Mittageſſen fällt dann nicht, wie es auf dem Marſch nicht de ob⸗ anders ſein kann, erſt auf den Abend. Recht willkommen war es uns, daß dch in der letzten Zeit regelmäßig auch Kaffee und Zucker zur Vertheilung kamen. eEin Den Kaffee erhielt man in gebranntem Zuſtande, der Soldat mahlte ihn in 4 tus eigens mitgeführten kleinen Mühlen; fehlte auch die Milch, ſo ſchmeckte er d doch als Frühſtück oder Nachteſſen herrlich, und mit eingeſchnittenem Brod 1. m wurde er zu einer trefflichen ſchwarzen Suppe. Vu Wer in dieſen Tagen nicht durch den Dienſt in Anſpruch genommen iſt 4 war, bummelte vor den Ort hinaus; dort hatte gleich links von der Straße lingt auf einem großen Wieſengrunde das Proviantweſen ſein Lager aufgeſchla⸗ gen. Hier gab es, zumal an den Vormittagen, immer etwas zu ſchauen, und mer man erhielt einigen Einblick in jenen großartigen, vielſeitigen Haushalt, dem Ümm die nicht geringe Aufgabe beſchieden war, ſo viele„Mäuler zu ſtoppen“, was dent freilich nicht immer vollſtändig gelang und dann das gerade Gegentheil zur hübſche Folge hatte. Da ſtand eine lange Reihe von Wagen, beladen mit Brod oder henſta Säcken verſchiedenen Inhalts: Kochgerſte, Reis, Haber oder Kaffee; die haul 1 dort in zweiter Linie hatten nur ſchweres Kaliber, nämlich Fäſſer mit Wein 1, 9 und Zwieback; unter letzterem darf ſich nun die freundliche Leſerin keines je⸗ Ende ner feinen Gebäcke vorſtellen, die ſich ſo angenehm zu einer guten Taſſe Thee 380 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. geſellen; es iſt vielmehr ein hartes, fades Ding und wer im Stande iſt, ſich in ergiebiger Weiſe mit einem größeren Stücke zu beſchäftigen, hat ſicherlich mit einem Zahnarzt noch wenig zu thun gehabt. Aber auch der Zwieback hatte ſeine gute Seite: er erſchien ſehr ſelten bei uns und gab dann aber auch immer eine recht eßbare Suppe. Doch ich bin mit Aufzählung der Schätze, welche die Wagen enthielten, noch nicht zu Ende; dort aus dieſen ragen fürwitzig die Spitzen von Zucker⸗ hüten gleich den höchſten Punkten aus einer Gebirgskette empor, hier end⸗ lich machen ſich in verlockendſter Weiſe Schinken und braune Speckſeiten breit. All dieſe Wagen ſind dann den Vormittag über von Soldaten um⸗ lagert, welche für ihre Abtheilungen die verſchiedenen Artikel abzuholen haben. Daß hiebei dem Schinken und Speck gegenüber mancher der Um⸗ ſtehenden in unbewachtem Augenblick der Verſuchung erlegen, beweiſen die vielen angeſchnittenen Seiten, die ihrer ſchützenden Hülle beraubt, nun ein zartes Roth oder Weiß verſchämt zur Schau tragen. Zwar ſind zur Ver⸗ hütung jedes Mißbrauches Schildwachen aufgeſtellt, doch mögen von ihnen hie und da nicht nur ein, ſondern beide Augen zugedrückt worden ſein. Einer Menge Zuſchauer erfreute ſich ſtets die Militärmetzgerei, welche dort hinten auf der Wieſe ihr Handwerk im Freien zur Ausübung brachte. Das geſchlachtete Thier wurde an einer zwiſchen die Aeſte zweier Bäume geſteckten Stange aufgehängt, kunſtgerecht zerlegt und dann gleich an die Truppen vertheilt. In nächſter Nähe lagerte dann die Viehheerde— lauter Prachtexemplare ungariſcher Ochſen, die mit Recht allgemeine Bewunderung erregten. Arme Leute aus der Umgegend machten ſich gerne an die Metzger, um für wenige Kreuzer die an die Soldaten nicht abgegebenen Theile, wie Köpfe und Gekröſe, zu erhalten; aber auch Männer aus dem Stamm Is⸗ raels, die nirgends fehlen, wo es ein Geſchäftchen zu machen gibt, hatten ſich hier eingefunden; war ja doch alle Ausſicht vorhanden, Häute und Fett der geſchlachteten Thiere um billigen Preis zu erſtehen. Dort drüben endlich war eine große Zahl Bauernwagen, ich zählte ein⸗ mal deren mehr als hundert, aufgefahren. Sie hatten, oft viele Stunden weit, Proviant hergebracht. Die armen Bauern wußten meiſtens jämmer⸗ lich zu klagen, wozu ſie, wie es mir ſchien, wohl einiges Recht haben moch⸗ ten. Natürlicherweiſe ſuchte jeder ſo bald als möglich ſeiner Ladung los zu werden, um heimkehren zu können, und jeder hatte auch einen, nach ſeiner Anſicht höchſt triftigen Grund, um zuerſt berückſichtigt zu werden. Der eine jammerte, direkt mit ſeinem Vieh und Wagen vom Felde weggeholt worden ſt, ſich herlich vieback er auch zielten, Jucker⸗ er end⸗ cſſeiten en um⸗ zuholen er Um⸗ ſen die nun ein r Ver⸗ ihnen welche wachte. Bäume an die Jlauter derung Wetzget, le, wie um Je⸗ hatten nd Jett lte ein nden Von Ferdinand Krämer. 381 und nun ſchon mehrere Tage unterwegs zu ſein, ohne daß man daheim wiſſe, was aus ihm geworden; der andere hatte zu Hauſe ein krankes Familienmit⸗ glied, ein dritter fürchtete für ſein durch die Anſtrengung lahm gewordenes Geſpann, ein vierter endlich war erſt ſeit kurzem verheirathet und mochte ſeine Frau in dem Kriegsgetümmel unter den wilden Soldaten nur ungern allein zu Hauſe wiſſen— kurz jeder wußte etwas Anderes vorzubringen. Man konnte da ſo recht ſehen, welch geplagte Kreatur im Kriege der Bauer iſt. Daß er ſich während dieſes Ausnahmezuſtandes der menſchlichen Geſellſchaft überhaupt nicht muckſen darf, ſcheint er recht wohl zu fühlen: wie beſcheiden und ſchon von weitem die Mütze abziehend, drückt er ſich da mit ſeinem Fuhr⸗ werk auf die Seite, wenn er das Unglück hat, auf der Straße einer marſchi⸗ renden Abtheilung Soldaten zu begegnen. Das macht ſich freilich nach ge⸗ ſchloſſenem Frieden, wie auf dem Heimmarſch in's Vaterland wohl zu ſehen war, gleich wieder anders, wie wird da wieder flottweg zugefahren, mag kommen, wer da will. Oft mußte ich da an den Küraſſier in Wallenſteins Lager denken: „Der Soldat zäumt ab, der Bauer ſpannt ein, Eh' man's denkt, wird's wieder das Alte ſein.“ In Großrinderfeld gab es auch Gelegenheit, einen Blick in das Trei⸗ ben der vielgeſchmähten Feldpoſt zu thun, die ſich dort in einem Schulzim⸗ mer etablirt hatte. Eine Unmaſſe von Briefen und Packeten lag auf den Tiſchen und Bänken umher. Kein Wunder, daß die Poſtmänner, und ihre Zahl war nicht gering, alle Hände voll zu thun hatten. Unteroffiziere von den einzelnen Regimentern brachten ganze Ledertaſchen voll Briefe und nah⸗ men eine viel größere Partie einer friſch angelangten Sendung in Empfang. Bis da alles vorgezählt und für die Werthſendungen Beſcheinigung gegeben war, mußte die Abfertigung jedes Einzelnen, wenn ich ſo ſagen darf, Regi⸗ mentspoſtboten viel Zeit hinwegnehmen. Da alle Soldatenbriefe, die an⸗ kommenden, wie die abgehenden, von jedem Porto befreit waren, läßt ſich leicht denken, daß die Korreſpondenzen in's Koloſſale anwuchſen; jeden freien Augenblick und jeden Wiſch Papier benützte der Soldat zu einem Schreibe⸗ brief. Ueber den Inhalt ſolcher Epiſteln habe ich ſchon früher geſprochen. Eine freudige Ueberraſchung wurde uns in dieſen Tagen durch den ganz unerwarteten Beſuch unſeres geliebten Königs, der gekommen war, zu ſehen, wie es ſeinen Soldaten da draußen ergehe. Mit der lebhafteſten Begeiſte⸗ 382 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. rung wurde er überall empfangen, wo er ſich blicken ließ, war er maſſenhaft von den Leuten umringt. In meinem Quartier hatte ich das Glück, mit einem behäbigen Unter⸗ arzt, der ſich ſehr nach den Fleiſchtöpfen der Heimat ſehnte, eine beſcheidene Kammer in einem der beſſeren Bauernhäuſer theilen zu dürfen. Der zweite Tag unſeres Hierſeins war ein Sonntag, und wie der Menſch, wenn es ihm einigermaßen erträglich geht, bald üppig zu werden beginnt, ſo tauchten auch in uns heute allerlei Gelüſte auf: das ewige Einerlei des bei der Kompag⸗ nie empfangenen Ochſenfleiſches, ſo wenig ſich auch darüber klagen ließ, durfte wohl auch einmal wieder etwas Beſſerem Platz machen, wir konnten ſchon „etwas d'raufgehen laſſen“. Mein dicker Stubengenoſſe unternahm es, der Bäuerin unſere Wünſche in wohlgeſetzter, längerer Rede beizubringen. Ja ja, meinte die Frau, als ſie unſeren Wunſch begriffen hatte, ſie könne uns ſchon ein„Ziefer“ machen, worunter ſie, wie wir herausbrachten, eine Gans oder Ente verſtand. Nach einiger Debatte wurde erſterem Vogel der Vor⸗ zug gegeben, und ſo freuten wir uns ſchon jetzt, auf unſerer Tafel neben dem gefaßten Fleiſch noch ein weiteres Gericht prangen zu ſehen. Um die Zeit des Wartens zu kürzen, ſchlenderten wir auf den früher beſchriebenen Platz vor das Dorf und mein vorſorglicher Unterarzt erſpähte ſogar einen geeigneten Augenblick, um von einem der Metzger ſein Taſchen⸗ meſſer ſchleifen zu laſſen, damit ja der Braten auch kunſtgerecht und wie es einem Manne geziemt, der anatomiſche Studien gemacht, zerlegt werden könne. In beſter Stimmung wurde das Quartier um die Mittagszeit auf⸗ geſucht, raſch verſchwanden Suppe und Fleiſch und nun nahte der große Moment— in ener tiefen Schüſſel trug die Bäuerin höchſteigenhändig das Produkt ihrer Kochkunſt auf. Hilf Himmel, was war das! In einem See ſtark in's Grüne ſchillernder Brühe ſchwamm ein Vogel, der noch alles an ſich trug, die Federn ausgenommen; da war noch der Kopf ſammt Schnabel und, wahrſcheinlich um das Schwimmen in der einladenden Sauce zu erleich⸗ tern, nicht minder auch die Füße mit der Schwimmhaut. Die Bäuerin aber, die Hände in die Seiten geſtemmt, ſchien unſeres Lobes zu harren und be⸗ merkte glücklicherweiſe unſere verblüfften Geſichter nicht. Was nun thun? Beleidigt werden durfte die gute Frau für ihre Gefälligkeit nicht, und das geſchah jedenfalls, wenn wir nicht tüchtig zulangten. Ich hoffte im Stillen, mein Kamerad werde ſich opfern und zugreifen, denn als Doctor mußte er ja doch über allen Eckel erhaben ſein. Doch der rührte ſich nicht— ſchon wurde die Situation peinlich, da, zu unſerem Heil wirbelte ein Tambour auf mein Müt hätte glau heute aber ſträ den ſond hät wit Na enhaft Unter⸗ eidene zweite es ihm m auch mpag⸗ durfte ſchon s, der n. Ja ie uns Gans Vor⸗ 383 Von Ferdinand Krämer. auf der Straße.„Herr Gott, wir haben das Verleſen vergeſſen,“ ſchrie mein Leidensgefährte mit allen Zeichen des Schreckens, nahm eiligſt ſeine Mütze und verſchwand mit einer Behendigkeit, die ich ihm nimmer zugetraut hätte. Daß ich nicht ſäumig war, ihm zu folgen, wird mir der geneigte Leſer glauben. Wir rannten um die Ecke in den„grünen Baum“, um uns für heute daheim nicht mehr blicken zu laſſen. Das ſorgſam aufbewahrte Ziefer aber überließen wir am andern Tage natürlich unſerer Wirthin, die ſich ſehr ſträubte, als wir ſie für ihre Mühe und Güte entſchädigten. So hatten wir auch eine heitere Scene in jenen Tagen erlebt, über denen, ohne daß eigentlich ein beſtimmter Grund dafür vorlag, ein ganz be⸗ ſonderer Ernſt ausgebreitet war, es laſtete, wie wenn es in der Luft gelegen hätte, ein gewiſſer Druck auf den Gemüthern— die Stille vor einem Ge⸗ witter. Ganz willkommen war es daher, daß unſer Feldprediger an zwei Nachmittagen in der Dorfkirche einen Gottesdienſt abhielt, der, zumal am Sonntag, ſehr beſucht war. Am folgenden Mittag wurde zum erſtenmale in der Richtung gegen Tauberbiſchofsheim ſtarker Kanonendonner gehört.„Nun wird's Ernſt,“ meinten die Soldaten und ſie ſollten bald Recht bekommen. Alles ſtand in erregter Erwartung, konnte ja doch jeden Augenblick Befehl zum Aufbruch kommen, und ſchon jagten Generalſtabsoffiziere und Adjutanten nach der bezeichneten Gegend hin, ihnen folgte bald das Hauptquartier. Doch die Sache mußte von keiner Bedeutung geweſen ſein, denn wir blieben heute noch in Ruhe. Dagegen wurde am folgenden Tag, den 24. Juli, in der Frühe aus den Quartieren aufgebrochen und diesmal ging's, zu unſerer aller Freude, nach vorwärts, wieder der Tauber zu, woher wir vor wenigen Tagen gekommen. Bald begegneten uns die Heſſen, die gerade in entgegengeſetzter Richtung marſchirten, alſo vom Fluß zurück gegen Großrinderfeld. Dies fiel uns zwar auf, doch wir wußten, daß man nicht jeden Soldaten in den Kriegs⸗ plan einweihen kann. Es wurden der Truppen immer mehr, die auf der Straße zuſammenſtrömten; um Platz zu bekommen, mußte oft ſeitwärts ausgebogen und über zum Schnitt reife Saaten geſchritten werden, traurig, aber eben nun unvermeidlich. Bis dahin war von unſeren Offizieren mit aller Strenge auf Schonung der Felder gehalten worden. Der Marſch wurde fortgeſetzt, bis das Tauberthal vor uns lag. Ehe wir aber in dasſelbe hinabſtiegen, wurde links ausgebogen und in einer Ver⸗ tiefung Aufſtellung genommen, die Gewehre zuſammengeſtellt und die Tor⸗ niſter abgelegt. Tauberbiſchofsheim war für uns von da aus nicht ſichtbar, 384 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. wohl aber die jenſeitigen, das linke Flußufer bildenden Hänge, die in ihrem oberſten Theil bewaldet ſind, während unten an ihrem Fuß, wie ſich der ge⸗ neigte Leſer noch erinnern wird, das Städtchen liegt. Gerade vor uns, auf dem oberen Rande der Vertiefung, die uns aufgenommen, ſtanden einige Geſchütze zum Feuern völlig bereit. Wir hatten es uns längſt bequem ge⸗ macht und lagen auf dem Boden herum, der Dinge harrend, die da kommen ſollten. Vom Feinde war bei uns da hinten noch keine Spur zu entdecken. Da, es mochte etwa zwei Uhr Nachmittags ſein, fiel plötzlich ein Kanonen⸗ ſchuß. Alles ſprang natürlich auf, dem erſten Schuß folgten raſch und zwar auf beiden Seiten mehrere; neugierig eilten wir zu unſeren Kanonen vor, deren Standort eine beſſere Ueberſicht gewährte. Dort am oberen Rand der uns gegenüberliegenden Höhen blitzte es an verſchiedenen Punkten auf— die preußiſchen Geſchütze arbeiteten dort, aber ihnen blieben die unſerigen die Antwort wahrhaftig nicht ſchuldig. Da es bis dort hinüber eine ganz reſpektable Entfernung, gewiß in ganz gerader Linie mehrere tauſend Schritte, war, ſo ſah die Sache anfänglich ganz ungefährlich aus, um ſo mehr als eine Zeitlang weit und breit keine Kugeln verſpürt wurden. Eine wahre Luſt war es, unſeren Artilleriſten bei der Handhabung ihrer Geſchütze zuzuſehen; mit bewundernswerther Ruhe und Stille wurde geladen, gerichtet und abgeſchoſſen; mittelſt eines großen Fernrohres ſchauten Offiziere oder Unteroffiziere nach der Wirkung des Schuſſes; dieſe mußte aber gleich von Anfang an eine recht gute ſein, denn da drüben wurde es einige Zeit ziemlich ſtille und die Pauſen zwiſchen den einzelnen Schüſſen waren oft ziemlich lang. Doch wußten ſie nach und nach ihr Ziel auch etwas beſſer zu finden, denn nach einander ſchlugen mehrere Kugeln einige hundert Schritte hinter uns ein und man ſah deutlich den auf⸗ wirbelnden Staub, auch das eigenthümliche Ziſchen in der Luft ward über unſeren Köpfen vernehmbar. Wir mußten nun auch antreten, die Torniſter umlegen und die Gewehre ergreifen; der ſeitherige Platz wurde verlaſſen und mehr nach der Seite gerückt, wodurch wir aus der Linie der feindlichen Kugeln kamen. Jetzt hörte man auch drunten im Städtchen Gewehrfeuer, das immer ſtärker wurde. Ich ſah den erſten Verwundeten an uns vorbei⸗ bringen, einen Reiter, der noch, zu beiden Seiten unterſtützt, zu Pferde ſaß; das Geſicht war aſchfahl, wie wenn man es mit Bleifarbe bemalt hätte. Un⸗ aufhörlich ſchlugen die Kugeln, oft mehrere ganz auf derſelben Stelle, ſeit⸗ wärts von uns in den Boden; da deren keine in die Abtheilungen ſelbſt her⸗ einfiel, ſo konnte der Sache ſchon etwas ruhiger zugeſchaut werden. Recht in ihrem der ge⸗ uns, auf neinige uem ge⸗ kommen nidecken. ranonen⸗ nd zwar nen vor, dand der in ganz fänglich keine z großen ung des in dem chen den und nch mehrere den aufſ- ard über rorniſter verlaſſen undliche ehrfeuel, 3 vorbe ſaß erbe tte. Un⸗ 4 5 3 Von Ferdinand Krämer. 385 vielen Spaß erregte ein kleiner Rattenfänger, wahrſcheinlich einem Offizier gehörig, der in luſtigem Gebell jeder einſchlagenden Kugel mit raſender Schnelligkeit zuſprang und gar zu gern an dem gefährlichen Spielzeug ſeine Apportirkünſte verſucht hätte; oft wirbelte dicht neben ihm die Erde hoch empor und machte ihn auf einen Augenblick für uns unſichtbar, ſo daß wir ihn ſchon für verloren hielten, aber allemal tauchte er wieder unverſehrt und zu neuem Sprunge bereit auf. Der Kampf da unten am Waſſer ſchien an Heftigkeit mehr und mehr zuzunehmen, immer ſtärker wurde das Gewehrfeuer. Schwerverwundete ſah man auf Tragbahren zurückbringen, zuerſt ſehr vereinzelt, dann aber in größerer Zahl; die leicht Bleſſirten gingen allein oder auf einen Führer ge⸗ ſtützt; von keinem hörte man einen Laut der Klage, wohl aber rief da und dort einer:„Wenn ich verbunden bin, gehe ich wieder hinunter!“ Es iſt keine elende Prahlerei, wenn ich ſage, daß der Anblick dieſer Verwundeten, die ſo ruhig und männlich ihr Unglück ertrugen und bei denen man ſah, wel⸗ cher Sorgfalt ſie ſich ſchon auf dem Transport zu erfreuen hatte,— daß dieſer Anblick keineswegs entmuthigend auf die noch nicht in den Kampf Geführten wirkte, ſondern daß im Gegentheil der Muth und die Kampfes⸗ luſt wuchſen. Ein vor uns ſtehendes Bataillon erhielt nun den Befehl vorzugehen, nun konnte es jeden Augenblick an uns kommen. Ein Adjutant ſprengte in vollem Galopp auf unſeren Oberſt zu: jetzt konnte es nimmer fehlen. Doch trotz aller Aufregung mußten wir uns nochmals gedulden, das andere Ba⸗ taillon unſeres Regiments kam an die Reihe; bald darauf erſcholl aber auch bei uns das Kommando„vorwärts“, und nun ging's im raſchen Schritt bergab. Warum ſoll ich es nicht geſtehen, es überkam mich, während es ſo dahinunter ging, ein wehmüthiges Gefühl, ich dachte an all die Lieben zu Haus— ſollte ich ſie nochmals ſehen? Doch das war nur ein Moment, dann richteten ſich die Gedanken wieder auf die nächſte Umgebung. Hat je den einen oder andern eine Anwandlung von Furcht und Muthloſigkeit be⸗ ſchlichen— ſichtbar werden laſſen hat ſie, glaube ich, keiner. Ziſchend flogen die Granaten über unſeren Köpfen, es war nicht mehr möglich zu unterſchei⸗ den, ob ſie dahinten von unſerer Artillerie her oder von dort drüben kamen; einmal pfiff es mir denn doch ganz beſonders deutlich in den Ohren und un⸗ willkürlich duckte ich mich, ſchämte mich nachher aber doch herzlich darüber und nahm mir feſt vor, es nicht mehr zu thun— ob ich Wort gehalten, kann Hausblätter. 1867. I. Bd. 25 386 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. ich nicht genau ſagen. Stolz und feſt, ein ächtes Beiſpiel für die Soldaten, ſah ich die Offiziere immer der Mannſchaft vorangehen. Jetzt kamen wir in den Bereich des Gewehrfeuers, da ſummte es aber doch einem in den Ohren, als wäre man in den größten Schwarm Maikäfer gerathen; einzelne Verwundungen kamen nun auch bei uns vor, doch gab dies keinen Aufenthalt. Die Verwundetenträger eilten mit ihren Tragbah⸗ ren herbei und die Anderen rückten weiter. Daß der Ausdruck„Kugelregen“ denn doch etwas mehr als eine figürliche Redensart ſei, davon habe ich mich in jenen Momenten ſattſam überzeugt. Inzwiſchen kamen wir dem Fluß und eben damit dem Kampffelde immer näher. Nun wäre vielleicht die ſchönſte Gelegenheit vorhanden, einige der von mir vollführten Heldenthaten dem Leſer aufzutiſchen— doch hiezu müßte ich den Pfad der Wahrheit, der oft dem geduldigen Leſer etwas langweilig und öde vorgekommen ſein mag, verlaſſen und mich auf das Gebiet der Er⸗ findungen legen oder wenigſtens das zu erzählen ſuchen, was andere gethan haben. Beides kann und mag ich nicht und ſo genüge es— da ich nun ein⸗ mal doch nicht zum Helden geboren zu ſein ſcheine— hier zu verſichern, daß ich in das eigentliche Treffen gar nicht gekommen bin, da die Kompagnie, bei der ich ſtand, in einer Vertiefung gegen das feindliche Feuer geſchützt, zur Unterſtützung der vorangegangenen Abtheilungen zurückzubleiben hatte. So that unſere ganze Kompagnie an dieſem Tag keinen Schuß. Bis zum Abend dauerte der Kampf an der Brücke und in ihrer näch⸗ ſten Nähe fort. Von den Oeſterreichern abgelöst, marſchirten wir nach Groß⸗ rinderfeld zurück, wo ganz in der Nähe des Dorfes ein Lager bezogen wurde. Unſere Stimmung war eine gehobene, hatten wir doch den Preußen brav Stand gehalten und ſie nicht vordringen laſſen. Als wir ſo auf dem Rück⸗ weg über den Gang der Sache ſprachen, hatten wir darüber keinen Zweifel, daß wenn der württembergiſche Befehlshaber nicht ſo menſchlich geweſen wäre, Tauberbiſchofsheim zu ſchonen, vielmehr das Städtchen durch unſere gute Artillerie hätte in Brand ſchießen laſſen— es den Preußen gar nicht möglich geweſen ſein würde, Stand zu halten. Im Lager angelangt, verlangte auch der Magen ſein Recht, denn wir hatten ſeit Morgens nichts mehr gegeſſen und ſo wollte ich, als ich mit an⸗ deren zum Waſſerholen in's Dorf geſchickt wurde, die Gelegenheit benützen, um im Vorübergehen in cinem der Wirthshäuſer einen Biſſen zu erhaſchen. Nach dem„Ziefer“ in dem heute früh verlaſſenen Quartier zu gucken, hatte ich aber auch jetzt nicht die mindeſte Luſt. Mein beſcheidenes Streben ſollte Soldaten, es aber Maikäfer doch gab Tragbah⸗ gelregen ich mich dem Fluß e der von zu müßte angweilig t der Er⸗ ke gethan nun ein⸗ hrer näch⸗ ac Grob⸗ en wurde. ßen brab em Ric⸗ 1 zweijl geweſen rch unſett —t gar nich denn vit 5 mit ol⸗ benite Von Ferdinand Krämer. 387 aber leider nicht vom Erfolg gekrönt werden. In dem einen Wirthshaus hatte ſich die ganze Familie eingeſchloſſen und gab trotz alles Klopfens kein Lebenszeichen, die anderen Zimmer ſtanden voll Soldaten, die aber alle weher einen Tropfen Wein noch ein Stückchen Brod bekommen konnten. In dem„Löwen“ ſah es auch nicht beſſer aus, zudem lagen oben die verwunde⸗ ten Offiziere. Nun lenkte ich meine Schritte in den„grünen Baum“, den ich in den letzten Tagen oft beſucht hatte, da durfte ich ſchon noch auf etwas hoffen, denn ich war mit den Wirthsleuten gut bekannt worden. Die Frau ſtand jammernd in der Küche: aus ihrem Hauſe ſei ein Spital gemacht wor⸗ den, erzählte ſie mir unter Thränen, geben könne ſie mir mit dem beſten Willen rein gar nichts, dort hinten aber— auf eine andere Thüre deutend — werde von Soldaten gekocht, ich ſolle dort verſuchen, ob ich etwas be⸗ komme. Ich ſchlich mich hin und fand einen einzelnen Mann, der in einem großen Keſſel herumrührte, er belehrte mich, daß er Bouillon für die Ver⸗ wundeten in der Kirche drüben und im Hauſe koche; da wollte ich natür— lich nichts. Im Begriff, das Haus zu verlaſſen, hörte ich ein halb unterdrücktes Jammern, es kam aus einem Zimmer, deſſen Thüre zur Hälfte offen ſtand; theilnehmend trat ich ein, um Zeuge einer traurigen Scene zu werden. Im Hintergrund ſtand ein halb entkleideter, von mehreren Aerzten umringter Mann. Eine Kugel hatte ihm den rechten Vorderarm der Länge nach auf⸗ geriſſen und den Knochen zerſchmettert, klaffend ſtand die breite blutige Wunde offen; es war ein jammervoller Anblick. Eben ſollte ihm der Arm abgenommen werden. Das Chloroform hatte, wie es ſchien, noch nicht ſeine volle Wirkung geübt, daher das Wimmern, als die Haut durchſchnitten wurde; doch jetzt fing das Betäubungsmittel an, ſeinen Dienſt zu thun, der Mann wurde ruhig, fing nun aber— es war herzzerreißend zu hören— das verkehrteſte Zeug luſtig an zu plaudern. Mit ſicherer Hand hatte der operirende Arzt, bei der erbärmlichen Beleuchtung durch zwei elende Talg⸗ lichter, die Muskeln raſch durchſchnitten, ſchnell nach der bereitgehaltenen Säge gegriffen und in wenigen Sekunden war das Werk vollendet. Nie hätte ich geglaubt, einer derartigen Scene ſo ruhig anwohnen zu können, wie ich es eben gethan; es war die erſte Operation, die ich in meinem Leben geſehen, aber ein Tag, wie der heute durchlebte, läßt manche Empfindſamkeit ſchwinden. Traurig verließ ich das Haus. Gleich da neben ſteht die Kirche, in 25* 1 388 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. welche gerade ein Offizier hineinging; ich folgte ihm, darauf gefaßt, hier eine Jammerſcene im Großen zu ſehen. Zu meiner innigſten Genugthuung hatte ich mich getäuſcht. Zwar lag der Boden der Kirche, ſoweit ich ſehen konnte, voll Verwundeter, aber alle waren ſorgſam in ſchützende Teppiche gehüllt und das Ganze machte den Eindruck, als wäre dieſer Spital ſchon ſeit Ta⸗ gen errichtet, während kaum wenige Stunden zuvor die Kirche für ihre neue Beſtimmung mochte in Stand geſtellt worden ſein. Kein Laut der Klage wurde da drinnen, wo ſo viel Unglück auf engem Raum zuſammengedrängt war, gehört— nur hin und wider ertönte ein leiſes Wimmern oder ließ ſich eine Bitte um Waſſer vernehmen. Theilneh⸗ mend gingen die Aerzte von einem der Kranken zum andern, jeden Wunſch auf's freundlichſte zu erfüllen ſuchend. Im Begriff, mich zu entfernen, ſah ich bei einer anderen Thüre einen General eintreten, der ſich auf's angele⸗ gentlichſte von der Einrichtung des Spitals überzeugte und ſich überall von den Aerzten herumführen ließ, da und dort an einen oder den anderen der Verwundeten ein Wort der Theilnahme richtend. Ich lebte wieder auf, als ich die Kirche hinter mir hatte. Wie glücklich waren doch diejenigen, welche wie ich mit heiler Haut davon gekommen wa⸗ ren. Nach dem, was ich in der letzten Viertelſtunde geſehen hatte, ſtellte mich ein oben am Pfarrbrunnen geholter Trunk Waſſer ganz zufrieden. Immer⸗ hin aber war es mir doch recht angenehm, als ich bei der Ankunft im Bivouak Brod und ſehr guten Branntwein vorfand, der am ſpäten Abend noch gefaßt worden war. Unſer Mißmuth am folgenden Morgen war nicht gering, als wir ſtatt, wie ganz ſicher angenommen wurde, vorzurücken, abermals dem Feind den Rücken kehren mußten. Alſo auch geſtern kein Sieg!— Langſam ging der Marſch auf der mit Truppen und Fuhrwerken angefüllten Chauſſee von ſtatten. Nach einigen Stunden gelangten wir, nach Paſſirung eines großen Dorfes, an eine dahinter aufgeſtellte Linie Artillerie und weiter rückwärts auch an Reiterei. Im Hintergrund war ein großer Wald ſichtbar; ehe wir denſelben jedoch erreichten, wurde auch von uns, die wir nun die Geſchütze vor uns hatten, Halt gemacht. Am Nachmittag rückte der Feind an, ein mörderiſches Feuer unſerer Artillerie empfing ihn; ein wahrer Hagel von Kugeln aller Art muß ſich da über ihn ergoſſen haben. Wir dahinten in zweiter Linie kamen nicht ſelbſt in's Gefecht, denn gegen Abend wurde in den Wald zurückgegangen und von hier auf der ihn durchziehenden Straße der weitere Rückzug bis in die Dunkelheit fortgeſetzt. Rechts von der Straße, ind broch pen, Wit Bei gew der ang ſein hin zier eine mg hatte konnte, gehüllt ſeit Ta gre neue f engem ünte ein heilneh⸗ Wunſch nen, ſch angele⸗ rall von ren der Von Ferdinand Krämer. 389 in der Nähe eines kleinen Dorfes, wurde das Nachtlager bezogen. Ununter⸗ brochen hörte man drüben auf der Chauſſee den Lärm marſchirender Trup⸗ pen, untermiſcht mit dem Raſſeln und Dröhnen von Geſchützen— alles zog Würzburg zu. Gegen Morgen ſetzten auch wir uns in gleicher Richtung in Bewegung. Bei den Preußen dort jenſeits des Waldes mußte es ebenfalls bald Tag geworden ſein, denn ſchon bei guter Zeit fing die gegenſeitige Kanonade wie⸗ der an, deren Widerhall uns auf dem mehrſtündigen Marſch begleitete. Un⸗ angefochten langten wir auf den Höhen an, die dem Lauf des Mains auf ſeiner linken Seite das Geleite geben und ziemlich ſteil gegen den Fluß ſich hinab ziehen. Ein reizender Blick eröffnete ſich da für uns. Zur Linken der in weitem Bogen ſtrömende Main, vor uns das wunderhübſch gelegene Würz⸗ burg mit den höher ſtehenden Feſtungswerken auf dem diesſeitigen, und der eigentlichen Stadt mit ihren vielen Thürmen auf dem andern Ufer. Während die Fuhrwerke auf der Straße ſich der Feſtung zu dirigirten, bogen wir links ab, um auf dem nächſten Weg den, immerhin einige hundert Fuß breiten, Fluß auf einer unterhalb der Stadt geſchlagenen Brücke zu überſchreiten. Eine lange Linie Truppen wand ſich von der Höhe dieſem Uebergangspunkte zu, neben welchem Reiterei den Fluß durchſchwamm. War ſchon dies ein intereſſanter Anblick, ſo wurde doch das Auge durch die in ihrer ganzen Aus⸗ dehnung ſichtbaren Mainſeite Würzburgs wahrhaft entzückt. Ich glaube, die alte Biſchofsſtadt darf ſich hierin mit der berühmten„ſchönen Ausſicht“ Frankfurts meſſen. Leider berührten wir die eigentliche Stadt nach vollzogenem Uebergang nur an ihrem äußerſten Saum, zogen dann die Höhen aufwärts, wo für einige Zeit Stellung genommen wurde. Am Nachmittag rückten wir von dort wieder herunter und gewannen eine um die Stadt herumführende breite Straße, die uns auf den Lagerplatz vor den Thoren Würzburgs brachte. Vor uns ſtiegen jenſeits des Waſſers die rebenumrankten Berge des linken Ufers ſteil auf, auf deren einem die einige hundert Fuß über der Stadt lie⸗ gende Citadelle Marienberg erbaut iſt; links von ihr waren friſch aufgewor⸗ fene Schanzen ſichtbar.— Noch am Abend verbreitete ſich im Lager das gerne gehörte und, wie ich glaube, auch ſpäter ſich als wahr erwieſene Ge⸗ rücht, die baieriſchen Küraſſiere hätten heute furchtbar unter der preußiſchen Reiterei gehaust. Der folgende Tag ſollte zum letztenmale den Kampf der feindlichen Brüder ſehen. Wir rückten wieder gegen die ſchon geſtern inne gehabte Stel⸗ 390 Erinnerungen aus dem Bundeskrieg am Main. lung rückwärts von der Stadt, wandten uns dann nach rechts und blieben oben auf der Höhe, die Front dem Main zugekehrt, ſtehen. Die Preußen wollten Würzburg nehmen und fingen an, die Veſte Marienberg zu beſchie⸗ ßen, deren Kanonen aber die Antwort nicht ſchuldig blieben; auch die auf dem anderen Ufer aufgeſtellten Artillerieen betheiligten ſich lebhaft am Kampfe. Ein ſchauerlich ſchöner Anblick ſollte nahezu das Schlußtableau des heutigen Gefechtes und des ganzen Krieges bilden; ein großes Gebäude, wie ſich ſpäter ergab, das Zeughaus der Citadelle, war bald nach Mittag in Brand geſchoſſen worden: eine koloſſale ſchwarze Rauchwolke, von rieſigen Flammen durchzüngelt, ſtieg gen Himmel auf. Die Preußen mochten eingeſehen haben, daß die Wegnahme der Feſtung doch keine ſo leichte Sache ſei— ſie ſtanden vom Kampfe für heute ab; ſo waren wir auch heute zur Unthätigkeit verurtheilt geblieben und bezogen nun in der Nähe des Dorfes Gerbrunn, eine ſtarke Stunde von Würzburg, ein Lager, in welchem wir mehrere Tage verblieben, da nun die erſehnte Waffenruhe eingetreten war. Auf einem kleinen Raume ſtanden hier viele Truppen zuſammengedrängt, denn unfern von uns lagen auch die Oeſter⸗ reicher und Naſſauer, da war es denn kein Wunder, daß die Gegend arg mitgenommen wurde; oft fehlte es, namentlich im Anfang, an Holz zum Kochen, darum wanderte mancher Gartenzaun und Weinbergspfahl dem Feuer zu. Leider ſollte uns dazu die Ruhezeit nicht zur Erholung werden. Der Himmel hatte wieder Tage lang alle ſeine Schleuſen geöffnet; glücklich die Regimenter, welche ſchon mit den kleinen Leinwandzelten verſehen waren, ſie konnten ſich vergnügt unter ein ſchützendes Dach legen. Die angenehmſte Abwechſelung in den Regenpauſen gewährte ein kaum viertelſtündiger Gang vom Lager aus. Nach Gerbrunn lohnte es ſich nicht der Mühe hinein zu gehen, denn da war recht eigentlich gar nichts zu ha⸗ ben, die Leute hatten früher wochenlang Einquartierung von ihren Lands⸗ leuten, den Baiern, gehabt; da empfand man es denn doppelt angenehm, daß unſere Verköſtigung im Lager eine gute ward. Der erwähnte kurze Spaziergang führte auf den Rand der Höhe, hinter der wir lagerten, und gewährte von dort aus eine herrliche Ausſicht auf Würzburg. Daß die Stadt lange Zeit biſchöfliche Reſidenz war, zeigen die vielen Kirchen, deren man außer dem Dom noch eine ganze Reihe zählen kann. Bei einem dieſer Gänge traf ich auf dem Felde mit einer munteren Alten zuſammen, die in ihrem eigenthümlichen Dialekt bald recht geſprächig wurde. Sie wußte viel von den Leiden der Einquartierung zu erzählen und auf meine Frage, was lieben eußen ſchie⸗ ie auf t am bleau däude, tag in teſigen eſtung ab; ſo Von Ferdinand Krämer. 391 ſie denn neulich gedacht hätte, als es da unten ſo arg bei der Beſchießung der Stadt zugegangen, geſtand ſie unter Lachen: ſie ſeien alle in den Kal⸗ lar(Keller) gegangen und hätten die mitgenommenen Bettſtücke über ſich gedeckt. Am 30. Juli wurde zu allgemeiner Befriedigung aus dem Lager auf⸗ gebrochen. Bei Ochſenfurt, deſſen zum Theil geſprengte Steinbrücke durch einen Holzbau erſetzt war, paſſirten wir wieder den Main. Unterwegs waren auf der anderen Seite des Fluſſes einzelne preußiſche Abtheilungen ſichtbar; da noch Waffenruhe herrſchte, zogen wir friedlich an einander vorüber, uns gegenſeitig neugierig betrachtend. Bei Ochſenfurt ſahen wir von ferne die Badener marſchiren, die ſchon der Heimat zuzogen. In den nächſten Tagen kam der Waffenſtillſtand zu Stande, in Folge deſſen wir über Uffenheim, Burgbernheim gegen Rothenburg an die Tauber rückten. Ein Raſttag ge⸗ ſtattete einen Beſuch in dem alten Reichsſtädtchen, das voller Truppen ſteckte, das aber auch eines Ganges wohl werth war. Beſonders wohl gefiel mir das alterthümliche, in ganz eigenem Stil erbaute Rathhaus, auch die ſchöne gothiſche Kirche verdient eine nähere Beſichtigung, nicht minder die noch theilweiſe recht gut erhaltenen Befeſtigungen mit ihren ſtarken Thürmen und quaderreichen Thoren. Der fernere Marſch ging über Feuchtwangen und Dinkelsbühl; die Anſtrengungen waren nun keine großen mehr und ſo konnte man die Sehens⸗ würdigkeiten in den einzelnen Quartierorten mit Muße betrachten, wie denn beiſpielweiſe die prachtvoll ausgeſtattete Kirche in Dinkelsbühl eine Maſſe Beſchauer und Bewunderer unter den einquartierten Soldaten fand. Von letzterer Stadt aus erreichten wir nun auf dem Marſch nach Ellwangen die Grenze unſeres Schwabens. Ein ungeheurer Jubel brach unter uns aus, als wir den Grenzpfahl erblickten, viele ſprangen aus den Reihen, um den längſt erſehnten Landsmann zu umarmen. Hatte uns auch das Schickſal den Siegeskranz nicht zugeworfen, ſo durften wir doch ohne Erröthen und mit dem Bewußtſein treu erfüllter Pflicht den vaterländiſchen Boden be⸗ treten.— Und hier an der Schwelle der lieben Heimat, die uns durch die Erleb⸗ niſſe der letzten Wochen nur um ſo theurer geworden, geſtatte mir der Le⸗ ſer, der mich bis daher ſo geduldig begleitete, ihm ein freundliches Lebewohl zu ſagen. Zur Lecture. Verſchiedenes. C. Willkomm, Geſellen des Satan. 2 Abthlgn. 6 Theile. Jena. Coſtenoble. 1867. Wir wiſſen nicht recht: hat ſich neuerdings das Leben ſo ganz beſon⸗ ders vertieft, oder vertiefen ſich nur unſere Autoren mehr in dasſelbe, oder findet endlich beides ſtatt? Wir kennen es von unſeren Lehrjahren her als einen akademiſchen Fundamentalſatz, daß ein richtiges Drama fünf Akte und ein rechter Roman drei Bände haben müſſe— drunter konnte man allen⸗ falls bleiben, aber drüber hinaus durfte man nur auf die Gefahr hin gehen, das Publikum zu erſchrecken und die Kritik zu einem zornigen oder ſalbungs⸗ vollen Kopfſchütteln zu bringen. Jetzt iſt es damit, wie geſagt, anders ge⸗ worden und— vom Drama haben wir hier nicht zu reden— der Roman hat jene altväteriſchen Schranken umgeworfen: vier Bände ſind etwas ganz Gewöhnliches, fünf gehören nicht mehr zu den Seltenheiten, aber wir haben auch bekanntlich ſchon acht und ſogar neun erlebt! Hier ſind es nun ihrer ſechs, denn die beiden Abtheilungen„Die Saat des Böſen“ und„Die Schnit⸗ ter“ bilden ein Buch, einen Roman. Wir ſchließen hier ſogleich die Bemerkung an, daß wir durch die vor⸗ ſtehenden Anführungen keinen Tadel über das Buch begründen wollen. Wir ſind offene Feinde eines jeden Schematismus' und jedes akademiſchen— ſa⸗ gen wir grade heraus— Firlefanz', wie ihn ein oder der andere überſpannte Kopf ſelbſt in unſerer ſchönen Litteratur von Zeit zu Zeit heraufbeſchwören möchte. Unſere Sprache und unſere Litteratur iſt grade dadurch ſo reich und groß geworden, daß wir auf dieſem Gebiete zum mindeſten der unbeſchränk⸗ teſten Freiheit genoſſen. Bei uns ſoll und muß jeder ſchreiben, wie er's ver⸗ unſ Jeng. heſon⸗ „oder er als te und allen⸗ gehen, bungs⸗ ers ge⸗ Roman 1s ganz haben m ihrer Schnit⸗ ie vor⸗ . Wit — ſo⸗ wannte hwören ich und chränt⸗ Zur Lecture. 393 mag und für recht und nothwendig hält, dem Stoff ſo gut, wie der Form nach. Sein Urtheil und ſeinen Erfolg wird er dann ſchon zur rechten Zeit und von der rechten Seite finden, und wer nicht auf den gebahnten Wegen Anderer bleiben will, ſoll ſich in Gottesnamen ſeine eigenen ſuchen. Wir müſſen ehrlicherweiſe zugeſtehen, daß grade von ſolchen eigenen,„wilden“ Wegen nicht ſelten die reichſten Schätze eingebracht wurden. Der Verfaſſer hat ſein Buch, um es kurz zu ſagen, auf zwei Ausſprüche unſerer großen Dichter gegründet, auf den finſteren Schiller'ſchen:„Das eben iſt der Fluch der böſen That, daß ſie fortzeugend immer Böſes muß ge⸗ bären,“ und auf den tröſtlichen Goethe's:„Ein Theil von jener Kraft, die ſtets das Böſe will und ſtets das Gute ſchafft“— ein überreiches Thema, und obendrein eines, zu deſſen Behandlung dem Beobachter des Lebens und der Geſellſchaft das Material von allen Seiten herbeiſtrömt. Daß Will⸗ komm ein ſolcher ernſter und ſorgfältiger, niemals ermüdender Beobachter iſt, wiſſen wir längſt, und daß ihm alles zu eigen iſt, was dazu gehört, dieſe Beobachtungen in künſtleriſcher Form wiederzugeben und vor uns ein treues Bild des Lebens erſtehen zu laſſen, hat er uns durch mehr als ein treffliches Buch bewieſen. So nehmen wir denn auch das vorliegende dankbar hin und folgen der Darſtellung von Seite zu Seite mit nicht nachlaſſendem Inter⸗ eſſe. Auf die Fabel des Romans einzugehen, iſt in unſeren Hausblättern der Ort nicht— wir können dem Verfaſſer dort und dem Leſer hier ſtets nur ein Geſammturtheil bieten und müſſen Zergliederung und Begründung im Einzelnen Anderen überlaſſen. Wir erfreuen uns an dieſem Roman der trefflichen Darſtellung, des wohlthuenden Maßes, der ruhigen Klarheit, der ſcharfen Zeichnung. Wir fühlen uns, wie ſchon angedeutet, nirgends ermü⸗ det, nirgends unnöthig zurückgehalten und finden uns am Schluß befriedigt und verſöhnt— all das Böſe iſt zum Guten ausgeſchlagen. H. Breuſing, Ein Geächteter. 2. Abthlg. 2 Bde. Jena. Coſtenoble. 1867. Der zweiten Abtheilung dieſes Romans gegenüber können wir zu unſe⸗ rem Bedauern kaum eine andere Stellung einnehmen, noch zu einem ande⸗ ren Urtheil gelangen, als wir vor einem halben Jahr über die erſte zu fällen genöthigt waren. Zu einer Verſöhnung, die wir eine wirkliche heißen dürf⸗ ten, die bis in's Herz geht, kommt es hier ebenſo wenig wie früher; die Bit⸗ terkeit und Schärfe hier, die Uebertreibung und Geſuchtheit treten uns nach Zur Lecture. 394 wie vor entgegen, und die Rauhheit und Barſchheit, die nicht bloß aus dieſem und jenem Charakter hervorſpringt, ſondern uns auch nicht ſelten in der Darſtellung begegnet, kann uns niemals für Kraft gelten. Mit einem Wort, der Verfaſſer ergreift und erſchüttert uns weniger, als er uns peinigt und zurückſtößt. Darin vermögen wir keinen Zielpunkt künſtleriſchen Strebens zu erblicken. K. v. Holtei, Charpie. 2 Bde. Breslau. E. Trewendt. 1866. Die Bändchen ſind zum Beſten des ſchleſiſchen Frauenvereins für ver⸗ wundete Krieger erſchienen und verdienen ſchon um dieſes Zweckes willen eine warme Theilnahme. Sie bringen uns eine ganze Reihe kleiner Auf⸗ ſätze, Erinnerungen, Lebensbilder, Bruchſtücke längerer Vorträge, Proſaiſches und Poetiſches,— ein Allerlei, von dem der Verfaſſer im Vorwort ſagt: „Leere Stunden können auch Wunden ſchlagen. Wolle der Leſer auf manche ſolche leere Stunde eine Hand voll meiner Charpie legen.“ Das iſt eine be⸗ ſcheidene Bitte des liebenswürdigen alten Freundes, die zu erfüllen uns oben⸗ drein ſich auf das erfreulichſte lohnt. Denn ſelbſt wo der Verfaſſer nicht er⸗ zählt, ſchildert, zeichnet, ſondern nur ſchlicht und friſch weg plaudert, finden wir uns von ihm ſtets unterhalten und angeregt, finden wir ihn ſelbſt immer in ſeiner unnachahmlich herzlichen und— wir müſſen das Beiwort ſchon noch einmal wählen:— liebenswürdigen Weiſe wieder, die uns das ſchlich⸗ teſte Wort willkommen und lieb zu machen weiß. A. E. Brachvogel, Neue Novellen. 2 Bde. Breslau. Trewendt. 1867. Herr Brachvogel hat unter den Schriftſtellern der Gegenwart von ſei⸗ nem erſten Auftreten als Dramatiker und Erzähler an ſeinen Namen zu einem der bekannteſten und geachtetſten gemacht, und es iſt für den Kritiker eine Art von Troſt, wenn er demſelben auf dem Titel eines neuen Buches begegnet: ſagt er ihm doch, daß der Inhalt und die Darſtellung anſprechend, wo nicht bedeutend ſein werden. Eine ſolche Vorausſetzung rechtfertigen auch die vorliegenden„Neuen Novellen“, deren uns die beiden Bände ſieben bringen: Osborne, Marietta Manzini, Die Grenzfeve, Malcolm Sinclair, Der Menſchenfreund, Frau Käthe von Schwarzburg, Die böſen Schweſtern. Ueberall finden wir den gewandten Erzähler und ſauberen Darſteller, der ſelbſt für alte und bekannte Stoffe unſer Intereſſe von neuem zu erregen weiß. Leugnen können wir jedoch nicht, daß wir dem Verfaſſer lieber in um⸗ fang und geree wich miſſ dieſem in der Wort, igt und trebens ur ver⸗ willen er Auf⸗ ſaiſches t ſagt: manche ine be⸗ oben⸗ immer t ſchon ſchlich⸗ 1867. von ſei⸗ nen zu rritiker Buches echend, ertigen ſieben nclair eſtern. er, der rregel in um⸗ Zur Lecture. 395 fangreicheren Darſtellungen, in ſeinen Romanen begegnen, wo er mehr Platz und Gelegenheit hat, ſeinem Stoffe nach allen Seiten und in allen Partien gerecht zu werden und eine Gleichmäßigkeit— oder vielmehr ein Gleichge— wicht— zu erzielen, die wir in dieſen kürzeren Stücken hie und da ver⸗ miſſen. D. A. Katſch, Unter dem Storchneſt. 3 Bde. Leipzig. Grunow. 1866. Eine Familiengeſchichte der beſten und liebenswürdigſten Art, die uns viel Freude gemacht und Genuß verſchafft hat, was wir leider einem großen Theil der neuen Schriften auf dieſem Felde nicht nachzurühmen vermögen. Beſonders der erſte Theil, in welchem der Held— ſagen wir der Kürze hal⸗— ber ſo, obgleich Albert kaum ein ſolcher iſt oder ſein ſoll— perſönlich uns die Begebenheiten mittheilt, iſt von ſolcher Einfachheit, Wahrheit und Lie⸗ benswürdigkeit, daß wir von Seite zu Seite uns angeregter, theilnehmen⸗ der, ergriffener fühlen. Die folgenden Theile treten in Erzählung und Dar⸗ ſtellung keineswegs zurück, ſie ſtehen uns nur nicht ſo lebensvoll nahe, ſie zwingen uns nicht zu einem ſo— wir möchten ſagen: perſönlichen Mit⸗ leben. Wir empfehlen das Buch wiederholentlich geſagt, als einen Roman, der die wärmſte Theilnahme des Publikums verdient. Die Leſer müſſen an dieſe Menſchen glauben und ſie lieben, ſich in dieſem Kreiſe wohl fühlen lernen, mit ihm ſich freuen, mit ihm leiden, und werden— das iſt das Beſte! — ſicherlich mehr als einmal gern zu ihm zurückkehren. E. D. Mund, Erlebniſſe eines Arztes. 2 Abthlgn. 4 Bde. Leipzig. Grunow. 1866. Auch dieſes Buch können wir, zum mindeſten in Anſehung der erſten Abtheilung, unſeren Leſern als ein ſehr leſenswerthes, als eines, das ganz dazu angethan iſt, Freude zu machen, freundlich empfehlen. Die vierzehn kleinen Stücke, welche den Inhalt der erſten zwei Bände bilden, bringen uns jedes für ſich ein ſei es heiteres, ſei es düſteres und ergreifendes Bild, ein⸗ fach, naturwahr und daher denn auch maßvoll, ſtets unſer volles Intereſſe in Anſpruch nehmend,— obgleich oder grade weil faſt alle Fälle und Stoffe von der Art ſind, wie wir ihnen, wenn wir nur die Augen aufthun wollen, täglich in unſeren Kreiſen ſelbſt begegnen können. In der zweiten Abthei⸗ lung tritt inſofern eine Aenderung ein, als wir wohl noch die genannten Vorzüge der Erzählung und Darſtellung wiederfinden, dafür aber fremdere 396 Zur Lecture. und, wie uns faſt ſcheinen will, hie und da ein wenig geſuchte Stoffe behan⸗ delt ſehen, die dann ſelbſtverſtändlich auch unſer Intereſſe nicht in dem frühe⸗ ren Maße in Anſpruch nehmen. Trotzdem aber entziehen wir auch dieſen Bänden unſer Lob nicht. Das Ganze iſt eine Gabe, die uns nur willkom⸗ men ſein kann. C. D. Mund, Die geraubte Schatulle. 2 Bde. Leipzig. Grunow. 1866. Zu unſerem Bedauern können wir dieſem Buch des gleichen Verfaſſers nicht auch das gleiche Lob ertheilen. Die Erfindung iſt eine ziemlich mäßige, die Verwickelung eine unſichere, die Charakterzeichnung könnte hie und da feſter ſein, und in Erzählung und Darſtellung zeigt ſich einerſeits Ungleich⸗ mäßigkeit, ja zuweilen faſt ein wenig Salopheit, und vermiſſen wir anderer⸗ ſeits nicht ſelten eine Verwendung und Ausbeutung der Motive, die wir kurz zuvor, oft mit viel Geſchick, herbeigezogen ſahen. Trotzdem iſt das Buch aber als„romantiſche Erzählung“ keineswegs zu verwerfen— es ſteht immer noch über manchen anderen dieſes Genre's; einer Begabung aber, wie der Verfaſſer ſie in den„Erlebniſſen“ uns zeigte, entſpricht dasſelbe nicht ganz. L. Herbert, Nikolaus und Metternich. 2 Bde. Leipzig. Grunow. 1866. Wir bekennen ehrlicherweiſe, daß uns für dieſe Art, die Hiſtorie und den Roman zu mühlbachiſiren, aller Sinn und jedes Verſtändniß fehlt. Der Verfaſſer erzählt in dieſer erſten Abtheilung von dem Kaiſer Alexander und dem Großfürſten Conſtantin Bekanntes und Unbekanntes, hie und da mit Anmerkungen Belegtes, und thut das gewandt und fließend, und für Leſer, die ſolche Darſtellungen lieben, auch intereſſant und feſſelnd. Denen ſei das Buch hiemit empfohlen. L. Herbert, Erinnerungen an Leopold I. Leipzig. Grunow. 1866. Das Buch iſt kein Roman, ſondern bietet, was der Titel verheißt, Er⸗ innerungen an den tüchtigen Mann, der ſo lange Jahre auf dem belgiſchen Thron ſitzend, das ihm anvertraute Volk zu einem glücklichen machte und ſich, das Muſter eines konſtitutionellen Regenten, die Achtung aller Fürſten und Regierungen zu ſichern verſtand. Der Verfaſſer erzählt einfach und an⸗ behan⸗ frühe⸗ dieſen illkom⸗ unow. rfaſſers mäßige, und da ngleich⸗ anderer⸗ die wir 6 Buch 3 ſteht aber, asſelbe unow. rie und lt. Der der und da mit I Leſer, ſei das Zur Lecture. 397 ſprechend und läßt ſich nur ſelten vom romantiſchen Kitzel ein wenig abſeits locken. Man liest das Buch mit Vergnügen. K. Seifart, Blätter und Blüthen. Caſſel und Göttingen. G. Wigand. 1867. Der Verfaſſer, dem wir hier ſeit langer Zeit wieder einmal begegnen, gibt uns in dieſen Blättern und Blüthen„vom tauſendjährigen Roſenſtock zu Hildesheim“ ein ſehr angenehmes Allerlei: Ein Gang durch Hildesheim macht uns mit der alten Stadt bekannt; in den„Sagen“ wird uns manch trefflich Stücklein erzählt;„Landsknechts⸗Fahrten“ und der„Maigraf“ ſind zwei kulturgeſchichtliche Erzählungen der beſten Art, und zwiſchen den ange⸗ hängten Gedichten von Joſef Grasn finden ſich wirklich ſchöne und duft⸗ volle Blüthen. Möge ſich das Publikum dieſer Gabe erfreuen, wie wir es gethan haben. L. Ehlert, Römiſche Tage. Berlin. Guttentag. 1867. Alſo wieder einmal ein Büchlein über Italien und zwar diesmal über Rom nebſt Umgebung allein, Blätter aus dem Tagebuch während eines Winteraufenthalts in der ewigen Stadt. Der Verfaſſer ſpricht im Vorwort ſelbſt ſeine Bedenken über eine ſolche Veröffentlichung aus, zu der er ſich endlich nur in der Annahme verſtand, daß neuerdings kein Ueberfluß an Schriften ſei, welche Roms und ſeiner Erſcheinungen poetiſchen Eindruck zu unmittelbarem Ausdruck brächten. Das hat denn vielleicht etwas für ſich, obgleich es nicht zu leugnen iſt, daß wir von Altersher auch in dieſer Richtung noch einen ganz erklecklichen und für lange genügenden Vorrath⸗ haben. Weiter verwahrt ſich der Verfaſſer gegen jeden Verſuch, ſeinen Tage⸗ buchblättern„in Sachen der bildenden Kunſt eine kritiſche Competenz zu vindiciren;“ er ſei Dilettant und urtheile als ſolcher und bitte ſeine Urtheile durch die Lebhaftigkeit der Eindrücke zu erklären und entſchuldigen. Er wolle nur den allgemein künſtleriſchen Eindruck Roms auf den ganzen Menſchen geben.— Durch eine ſolche Beſcheidenheit und Genügſamkeit wird der Kri⸗ tik freilich jedes Urtheil, aber auch jedes tiefere Eingehen abgeſchnitten, denn von dem, was übrig bleibt, kann man eben nur ſagen, daß der Reiſende ſich den gewaltigen Eindrücken und dem unvergänglichen Zauber mit ganzem Herzen hingegeben hat und uns davon, mit Ausnahme der Muſik, enthu⸗ ſiaſtiſch Rechenſchaft zu geben weiß. Leicht freilich macht er das von ihm ge⸗ Zur Lecture. 398 wünſchte Ueberhinſehen uns nicht überall, denn wenn er z. B. pPg. 74 von den deutſchen Kirchen im Gegenſatz gegen Römiſche ſagt: in unſeren Domen ſei alles gebrochen bis auf das Licht; die düſtere, himmelwärts ſtrebende Architectur ſtimme ein„aus tiefſter Noth ſchrei ich zu Dir“ an— ſo ver⸗ mag man ein ſolches gänzliches Verkennen kaum mit einem Kopfſchütteln bzuthun. Endlich können wir nicht unerwähnt laſſen, daß wir in dem Buch zu unſerem Bedauern oft an das Weimar'ſche„Geheimderaths⸗Deutſch“ er⸗ innert worden ſind. Iſt es denn ſo ſchwer, ſeine Gedanken deutſch auszu⸗ drücken, oder iſt dieſe von meiſtens ganz überflüſſigen und geziert klingenden Fremdwörtern wimmelnde Ausdrucksweiſe neuerdings in der„Stadt an der Spree“ in der„Geſellſchaft“ wieder Mode geworden? J. Löwenberg, Geſchichte der Geographie. 2. Aufl. Berlin. Haude u. Spener'ſche Buchhdlg. 1866. Das Buch, welches hier nach fünfundzwanzigjähriger Pauſe in zweiter Auflage uns geboten wird, obgleich ſich dasſelbe ſchon bei ſeinem erſten Erſchei⸗ nen des vollſten Beifalls erfreute, iſt vom Verfaſſer vollſtändig umgearbei— tet worden und bis auf die neueſte Zeit fortgeführt. Wir haben wohl nicht nöthig, das Publikum auf die Fülle des Wiſſenswerthen aufmerkſam zu ma⸗ chen, das in einem ſolchen Buche zu finden ſein muß, und begnügen uns, an⸗ zuführen, daß es uns hier ſo kompendiös und dennoch zugleich ſo überſichtlich und vor allem in ſo anſprechender Form geboten wird, wie wir es nur irgend wünſchen können. Nur in den Partieen, welche den neueſten Reiſen und Ent⸗ deckungen gewidmet ſind, hätten wir hie und da wohl eine größere Ausführ⸗ lichkeit gewünſcht. G. Körner, Aus Spanien. Frankſurt. Sauerländer. 1867. Der Verfaſſer, ein paar Jahre lang Geſandter der Vereinigten Staa⸗ ten am Hofe zu Madrid, hat dies Buch anſcheinend meiſtens aus Briefen an eine Freundin in Amerika zuſammengeſtellt. Dem entſpricht die leichte und behagliche Darſtellung, von der wir uns gern fortziehen laſſen. Seine Stel⸗ lung bot dem Verfaſſer mehr Gelegenheit, als ein anderer Reiſender ſie fin⸗ det, Spanien in ſeinen Menſchen und Sitten, mit ſeinen Schätzen der Archi⸗ tectur und Malerei kennen zu lernen, und er hat ſich dies wohl zu Nutze ge⸗ macht. Tiefe ſcheint er nicht erſtrebt zu haben und dürfen wir nicht verlangen; aber Unterhaltung gewährt das Buch, und auch von Wiſſenswerthem erhält ude Zur Lecture. 399 man überall etwas. Denn der Schleier, der Spanien Jahrhunderte lang der ganzen Außenwelt verbarg, iſt noch immer nicht vollſtändig gelüftet, und wo ein Eckchen gehoben wird, öffnen ſich vor uns die wunderbarſten— oft auch wunderlichſten oder wundervollſten Ausſichten. Fr. Rückert, Lieder und Sprüche. Frankfurt. Sauerländer. 1867. Ein Band Lieder und Sprüche aus dem Nachlaß des Meiſters und zwar vielfach aus ſeinen letzten Lebensjahren. Unſere Leſer können von uns in dieſen kurzen Ueberſichten und Beſprechungen kein tieferes Eingehen er⸗ warten— bei Rückert iſt es nicht, wie bei den kleinen Poeten unſerer Gegen⸗ wart, wo ein paar allgemeine Worte hier und ein paar ausgewählte Stel⸗ len da faſt immer völlig genügen, den Dichter zu charakteriſiren; überdies hieße es Eulen nach Athen tragen, wollten wir denjenigen unſerer Leſer, die Rückert kennen und lieben, das Vorliegende zergliedern und empfehlen. Hier heißt es einfach: nehmet die Gabe dankbar an und erfreuet euch der ſelbſt in ſolchem Alter des Dichters noch unverminderten Friſche, Wärme und Tiefe! Ihr findet in dem Bande faſt Seite für Seite etwas— und wär's nur der kürzeſte, anſcheinend flüchtig hingeworfene Spruch, das euch Herz und Ge⸗ müth trifft. Dr. M. Müller, J. K. A. Muſäus. Jena. Mauke. 1867. Eine überaus fleißig zuſammengetragene und anſprechend geſchriebene Monographie, die ſelbſt denjenigen, welche jene Zeit und ihre Menſchen ken⸗ nen, gar willkommen ſein und ihnen manches Neue bieten wird. Wer weiß jetzt im größeren Publikum von Muſäus noch mehr als den Namen und allenfalls, daß der Mann auch Märchen geſchrieben hat? Und doch war er in ſeiner Zeit und in dem eben aufblühenden Weimar'ſchen Kreiſe eine der bedeutendſten, halb originellen, halb behaglichen und liebenswürdigen, ganz und gar wackeren Erſcheinungen und verdient noch heute nicht vergeſſen oder, wie wir in den einſchlagenden Büchern finden, mit einer beiläufigen Erwäh⸗ nung obgefertigt zu werden. Wir danken dem Verfaſſer für das Büchlein auf das herzlichſte. B. Schwarz, Schönheitspflege. Berlin. M. Boettcher. O. J. Weiß der liebe Gott, was die Menſchen ſich jetzt Mühe mit ihrer „Schönheit“ geben und wie man von allen Seiten ſorgt, ihnen dieſe Mühe 400 Zur Lecture. zu erleichtern! Es ſieht alſo im Grunde vielleicht recht bedenklich damit aus und das Menſchengeſchlecht fängt an auszuarten!— Man ſehe in Bezug auf dieſen Stoßſeufzer nur einmal in die„Einführung“ dieſes Heftleins hinein und erſchrecke über all die Wünſche, Fragen und Gebrechen. So viel wir von der Sache verſtehen, ſcheint das im Heft Gebotene uns recht verſtändig und brauchbar, und doch auch wohl hülfreich zu ſein. Am beſten iſt unbe⸗ dingt das Zurückweiſen aller ſchädlichen„Verſchönerungsmittel.“ Aus dem Hoffmann'ſchen Verlage in Stuttgart liegen uns die Probehefte der beiden Zeitſchriften„Das illuſtrirte Buch der Welt“ und„Freya“ nebſt den zu beiden gebotenen Stahlſtich⸗Prämien vor. Wir erfüllen nur eine angenehme Pflicht, wenn wir auch unſererſeits dieſe treff⸗ lich ausgeſtatteten, Belehrung und Unterhaltung in reichem Maße bietenden und von ausgezeichneten Mitarbeitern unterſtützten Blätter dem Publikum von neuem empfehlen. Stoff und Ausführung der beiden Prämien—„Die Falkenjagd“ nach Camphauſen, und„Hans und Grethe“ nach Raupp, ſind des vollſten Lobes würdig und den Abonnenten ſicher eine ſehr willkommene Zugabe. 1 ſchauſſirten Weg einfaßte, woran der neue Stadttheil ſich entlang zog. 1AA Zufall oder Beſtimmung. Novelle von 88 tz e. Erſtes Raput Es war Himmelfahrtstag. Der Frühling hau ater vertrieben und ſeine warmen Lüfte hatten alles zum neuen Leben ge unter den düſteren Nebelſchleiern des Winters geſchlumme Straßen der Stadt ſahen aus, als wären ſie ſich moſphäre bewußt, welche dieſen Himmelf erhob. Der Gottesdienſt war beendet. und Frauen, einfacher Bürger und B der neuen belebenden At⸗ ahrtstag zu einem Frühlingsfeſte Schaaren reichgekleideter Männer ürgerinnen und reinlich angethaner Ar⸗ men ſchritten aus den heiligen Hallen in den frühlingsfriſchen Duft hinaus, und es mochte manches Herz tiefer bewegt werden vom neuen ſchwellenden Leben der Natur, als von den mahnenden und ſtrafenden Worten des Man⸗ nes, der da drinnen im Tempel ihren Geiſt zu heiligen getrachtet. Mancher der Kirchengänger kehrte nicht heim zum häuslichen Herde, ſondern ging dem Thore der Stadt zu, um die Blüthenpracht des frühen Frühlings zu bewundern und in frommer Rührung Gott in der Natur an⸗ zubeten. Zunächſt der Kirche lag ein Thor, das ſeit kurzem abgeriſſen war, um die Stadt, welche ſich übermäßig bevölkerte, zu erweitern. Dorthin wen⸗ dete ſich mancher Fuß, weil eine Reihe prächtig blühender Kirſchbäume den die ſteinerne Brücke des Stadtgrabens, der ſich ſpäterhin mit dene 1he06, Fluſſe vereinte, welcher nahe der Stadt dahinfloß, ſchritten die zeuosgünſtig Hausblätter. 1867. I. Bd. 29 40² Zufall oder Beſtimmung. gen Leute und athmeten in tiefen Zügen die balſamiſche Blüthenluft ein, die ihnen hier in der neuen Vorſtadt entgegenwehte. In einem Hauſe dieſer Vorſtadt ſtanden die Fenſter weit offen und hei⸗ tere Männerſtimmen drangen aus dem Mittelzimmer bis zu den lauſchen⸗ den Spaziergängern hinab. Es war ein geräumiges, helles Gemach, dies Mittelzimmer, hübſch, behaglich und gemüthlich, jedoch ohne jeglichen Prunk möblirt. Im Sopha ſaßen zwei Herren, augenſcheinlich ein paar Freunde, die ein Wiederſehen und Wiederfinden nach langer Trennung gefeiert und eben die erſten freudigen Begrüßungen beendet hatten. Rechts ſaß der Hausherr im grauen Hausrocke, die brennende Cigarre im Munde und betrachtete mit komiſcher Verwunderung den höchſt elegant gekleideten Freund, der ihn mit ſeinem Beſuche überraſcht zu haben ſchien. Es waren beides Männer im kräftigſten Mannesalter, beiße zeichneten ſich weniger durch Schönheit, als durch jenen Geſichtsausdruck aus, der Zeugniß von Bildung, Geiſt und feiner Lebensart gibt. Allein, wenn ſie hierin auch ähnlich zu nennen waren, ſo charakteriſirte ſich doch die Verſchiedenheit ihrer Gemüthsſtimmung in dem Mienenſpiele, womit ſie ſich gegenſeitig betrach⸗ teten, um die Veränderungen, welche die Zeit mit ihren Verhältniſſen her⸗ vorzubringen pflegt, zu erſpähen. Prüfend glitt der Blick des Hausherrn über das Geſicht ſeines alten Freundes und über ſeine ganze, elegant ausſtaffirte Geſtalt hinweg. Ein gemüthliches Spottlächeln ſaß auf ſeinen gekräuſelten Lippen unv eine ſchel⸗ miſche Fröhlichkeit niſtete in ſeinen braunen, klaren Augen während dieſer Muſterung. „Iſt es denn möglich, daß wir wieder zuſammengewürfelt ſind vom Schickſal, nachdem wir ſieben Jahre, getrennt durch hunderte von Meilen, auf ein Nimmerwiederſehen gefaßt waren?“ fragte er mit warmem Tone und legte ſeine Hand auf die Schulter des Gaſtes.„Du biſt wenig verän⸗ dert, beſter Steinhagen— und dein äußerer Menſch verräth mir, daß du noch nicht verheirathet biſt. Deine Haltung, deine Miene und dein Beneh⸗ men zeigt den eleganten Junggeſellen, der ſelbſt in ariſtokratiſchen Zirkeln wohlgelitten iſt, wo ſich ein Ueberfluß von erwachſenen Töchtern vorfindet, denen ein Regierungsrath mit glänzenden Ausſichten eine erwünſchte Partie 4.“—„Aber du biſt verheirathet?“ fragte Steinhagen mit etwas ſtei⸗ gkeit einfallend.„Darf ich bitten, mich deiner Frau Gemahlin vor⸗ —„Thut mir herzlich leid, meine Frau iſt mit den Kindern zum 4. — Von Ernſt Fritze. 3 403 die Beſuch auf's Land. Sie hat Bekanntſchaft mit einem Landpaſtor gemacht, deſſen Dorf an einen Wald grenzt. In hieſiger Gegend iſt aber ein Stück⸗ ei⸗ chen Wald gleich einem Stückchen Paradies und— meine arme Hanna kann en⸗ ihr liebes Thüringen immer noch nicht verſchmerzen, deßhalb benützt ſie gern 6 die Einladungen des gemüthlichen Geiſtlichen, um bisweilen Waldluft und unk Waldesgrün zu haben.“ de,„Um deßwillen haſt du auch wohl die Wohnung in der Vorſtadt ge⸗ und wählt?“ fragte Herr Steinhagen mit einiger Mißbilligung in Blick und Geberde.„Ich traute meinem Ohr nicht—.“—„Halt' an,“ ſagte der arre Hausherr lachend.„Dieſe Wohnung iſt eine finanzielle Nothwendigkeit— gant ich kann in der Stadt eine ſtandesmäßige Wohnung nicht bezahlen.“— iin.„Deine Frau Gemahlin hat kein Vermögen?“—„Nein! Sie läßt ſich von ſich mir ernähren!“ ſpottete der Hausherr mit einem Seitenblicke auf ſeinen gniß Freund, dem die Selbſtſucht des Hageſtolzenthums aus den Augen leuchtete. uch„Du ſcheinſt deine Principien geändert zu haben, lieber Steinhagen. Wir zrer f hielten früherhin eine Heirath aus Eigennutz für ſündhaft.“— ach⸗„Nun— der Ausdruck iſt zu ſtark, lieber Heßling— ſündhaft—?“ ber⸗ warf Steinhagen ein.—„Allerdings reicht der Sold eines Töniglich preußi⸗ ſchen Gerichtsbeamten nicht aus, eine Frau zu ernähren, mehrere Kinder an⸗ ſtändig zu erziehen und dann noch ſeinen äußerlichen Menſchen ſo auszuſtaf⸗ firen, wie du es zu lieben ſcheinſt; aber ehe ich mein Gewiſſen belaſtete und ich mein häusliches Glück auf Goldſand bauete—.“—„Erlaube, lieber Heß⸗ „ 14 ling— darin liegt der Grund, daß ich noch nicht verheirathet bin,“ unter⸗ brach ihn der Regierungsrath lebhaft.—„Dann bin ich zufrieden mit dir, tom Max!“ ſagte Heßling freudig und treuherzig.„Es hätte mich geärgert, dich⸗ la vor dem goldenen Kalbe kniend zu finden. Du wirſt meine herzige Hanna goe kennen lernen und dann begreifen, daß ich aus finanziellen Rückſichten lieber i in einer Diogenestonne wohnen würde, als meine Frau und meine beiden 1ßd Kinder miſſen.“—„Du gehörteſt ſtets zur Klaſſe der Gutmüthigen!“ ſcherzte Steinhagen etwas aufthauend und ſeine ſteife Zurückhaltung auf⸗ gebend.— „Inſofern du Gutmüthigkeit mit Dummheit nicht gleichbedeutend hältſt, gebe ich dir Recht,“ antwortete Heßling mit Humor.„Aber laß mich und Ban meine Verhältniſſe in Ruhe, denn ſie werden ſich in der nächſten Zeit wiegei. ſe Bilder einer Laterna magika vor deinen Augen entwickeln. Gehen„L—ds, „ deiner verſchleierten Vergangenheit zurück, die du mir zu enthüyaosgünſtig n zul 3 404 Zufall oder Beſtimmung. und verbunden biſt, wenn unſer altes Freundſchaftsverhältniß wieder in volle Kraft treten ſoll.“—„Um dahin zu wirken, daß unſer Verhältniß wie früher werde, richtete ich meine Schritte ſogleich hieher, Juſtus. Vom Abc an verbunden zu Leid und Freud, wollen wir dem Lenker des Zufalles dan⸗ ken, daß er uns am Ziele wieder vereinigt hat,“ ſprach der Regierungsrath mit unverkennbarer Herzlichkeit.—„Gut! Wir ſind alſo die Alten, über⸗ brücken die ſieben Jahre der Trennung und die fünf Jahre eines unverant⸗ wortlichen Stillſchweigens mit Vertrauen und leben ſo lange einig, bis es dem Herrn Miniſter gefällt, endlich an meine Beförderung und Verbeſſ erung zu denken. Nun erlaube meinem guten Gedächtniſſe einige Rückblicke auf die letzten Briefe, die wir vor fünf Jahren gewechſelt—“ „Es ſind wohl ſechs Jahre verfloſſen ſeit dieſer Zeit,“ ſchaltete Stein⸗ hagen ein.—„Richtig! Vor ſechs Jahren verlobte ich mich.“—„Und ver⸗ gaßeſt darnach den alten Schulkameraden.“—„Nicht ganz, denn ch erzählte meiner Hanna tagtäglich ir mit ſolchem Eifer, daß ſie eiferſüchtig wurde. Wie iſt's aber damals geweſen? In deinen letzten Briefen war viel 3 r Ella, von einem ſüßen, lieblichen, friſchen, hei⸗ 45.. Mädchen, das wie eine goldſchillernde Libelle im Son⸗ ves Glückes dich umſchwebte, deine Seele bezauberte, dein Herz en Wallung brachte und deinen Geiſt in dichteriſche Regionen erhob. Wie iſt's mit dieſer Ella geworden, von derem Liebreiz du berauſcht wareſt?“— Ein leichtes, verlegenes Lächeln zuckte über Steinhagens Geſicht, und in dem Blicke, womit er zu ſeinem Freunde aufſah, malte ſich ein unmuthi⸗ ges Erſtaunen über das allzu getreue Gedächtniß desſelben. Er zögerte in⸗ deß keinen Moment mit der Antwort, um die Sache raſch abzuthun.„Ella hat tragiſch geendet,“ warf er kaltblütig hin.—„Sie iſt todt?“—„Das nicht! Ich meinte, ihr damaliges Auftreten hat tragiſch geendet.“—„Er⸗ kläre dich deutlicher,“ bat Heßling ſichtlich intereſſirt. Ihm ſchwebte dieſe Ella im Verklärungsſchimmer der Phantaſie vor, die damals die Farben zu ihrem Bilde gemiſcht haben mochte. „Ella war die Pflegetochter eines überaus reichen Mannes und man hielt ſie nach der Rolle, die ſie im Hauſe des alten Amtsrathes Wild ſpielte, für ſeine Erbin. Als der Amtsrath eines Tages, vom Schlage gerührt, ſehr nell das Zeitliche ſegnete, fand ſich kein Teſtament vor und die natürlichen des alten Herrn, ſehr weitläufige Verwandte desſelben, traten in ihre Vwe daß es einem davon einfiel, von Fräulein Ella Notiz zu neh⸗ Von Ernſt Fritze. 405 men. Die Sache machte ein ungeheures Aufſehen!“—„Du ſtandeſt mit ihr in keinem Verhältniſſe?“ fragte der Hausherr peinlich bewegt.—„Nein! Ich gehörte nur zu ihren ſtillen Bewunderern.“—„Man verweigerte ihr jede Unterſtützung?“— „Vielleicht nicht, aber ſie verweigerte die Annahme einer ärmlichen Unterſtützung. Es erſchien dann plötzlich eine alte Dame, die Fräulein Ella wohl zur Hülfe herbeibeordert hatte. Dieſe Dame lieh ihrem Grolle über dieunverantwortliche Handlungsweiſe des alten Amtsrathes bittere Worte und fluchte ihm im Grabe, daß er ihre arme Nichte zur Fürſtin erzogen und als Bettlerin hinterlaſſen habe. Sie verſchwand ebenſo plötzlich, wie ſie ge⸗ kommen war— Ella verſchwand mit ihr.“—„Und du hatteſt nicht ſo viel Liebe zu dem Mädchen, um ſie in deine Arme retten zu mögen?“— Stein⸗ hagen zuckte ſtatt der Antwort nur mit den Schultern.—„Ich bewundere deinen klaſſiſchen Gleichmuth, Max Steinhagen!“ ſprach Heßling ernſt und bitter.„Nach deinem Briefe war ſie der Abgott deines Herzens! Aber ich kenne die Grundlage dieſes Stoicismus, ich weiß von früher, daß die Ur⸗ theile der Herren Collegen eine ſolche Standhaftigkeit zuwege bringen.“ „Ganz und gar ableugnen will ich nicht, daß es allerdings gegen den Strom ſchwimmen hieß, wenn ich nach dieſer Kataſtrophe meinen Empfin⸗ dungen Worte gegeben und das arme verlaſſene Mädchen zu meiner Gattin gewählt hätte,“ antwortete Steinhagen raſch,„allein die fluchtähnliche Ab⸗ reiſe der jungen Dame überhob mich jeder Ueberlegung.“—„Du ließeſt ſie fahren und wareſt froh, noch nicht ihr Verlobter geweſen zu ſein! Ich kenne das. Ich habe ebenſo gedacht und im Geiſte unſeres Standes gelebt. Jetzt ſcheue ich das Urtheil meiner Herren Collegen nicht mehr. Die Demuth eines königlich preußiſchen Familienvaters, der trotz ſeines„erhabenen“ Standes mit Sorgen zu kämpfen hat, läßt ſolche collegialiſche Ueberhebun⸗ gen unbeachtet und ſcheut nur das Urtheil eines nicht bezahlten Handwerkers und Hauswirthes, mein lieber Freund,“ ſprach Heßling mit etwas forcir⸗ tem Humor. „Ich räume dir willig ein, daß man als junger Beamter viel zu viel auf das Naſerümpfen ſeiner Collegen gibt, aber um nicht, wie du, in finan⸗ zielle Noth zu kommen und mir, bei dieſer ſtark verwöhnten Dame, ſagen zu müſſen, durch eigene Uebereilung eine entſetzliche Lebensbürde auf mich gelas den zu haben—.“—„Du haſt Recht, Max Steinhagen!“ unterbraudd, Heßling.„Deine goldſchillernde Libelle würde dich ruinirt habsgünſtig A 406 Zufall oder Beſtimmung. hätteſt dann nicht, wie ich, mit gutem Gewiſſen die Verantwortung für nicht ſtandesgemäße Einſchränkungen auf das Haupt unſeres Miniſters wälzen können. Aber ſag' nur, wie ſind wir beide zu der abnormen Dummheit und Thorheit gekommen, unſere beſten Geiſteskräfte zwölf Jahre umſonſt zur Dispoſition zu ſtellen, um dann wiederum zwölf Jahre mit einer Einnahme, die kaum vor dem Verhungern ſchützt, dem Staate fort zu dienen? Unſer Edelmuth iſt doch wahrlich einer himmliſchen Belohnung werth.“— Stein⸗ hagen lächelte über ſeines Freundes Eifer.„Wozu ſind denn die Orden er⸗ funden, Juſtus?“ warf er ironiſch ein.„Sicherlich um unſere Edelmuth be⸗ lohnen zu können.“—„Die Orden?“ fragte Heßling verächtlich.„Ein ku⸗ rioſes Vergnügen für einen erwachſenen und vernünftigen Menſchen, ſich ein Ende Band in's Knopfloch binden⸗ n, um dadurch den Werth ſeiner Dienſtleiſtungen an's Tageslis Wer hinter die Couliſſen ge⸗ ſchaut und die Vertheilung ung des Verdienſtes kennen gelernt hat, der weiß, daß der„nicht allein befördert, ſondern auch de⸗ corirt.“—. 8 Steinhao⸗„um zu gehen. War er befriedigt von dem erſten Zuſam keinem Freunde? Nein! Es beſchlich ihn ein leiſes .. ſichtsloſen Aeußerungen über die Stellung der Beamten . Wenn er ihm auch in vieler Hinſicht nicht ganz unrecht geben onnte, ſo überſchritt es nach ſeinen Begriffen von geſellſchaftlichem Takte die Grenzen des Decorums, unverhohlen von ſeinen mißlichen Vermögens⸗ verhältniſſen zu reden.„Er iſt noch ſchroffer in ſeinem Weſen geworden,“ dachte er mit einem mißliebigen Seitenblicke.„Er ſtellt ſich noch eckiger allen geſelligen Formen gegenüber— allein, was ſchadet das? Sein Gemüth iſt geblieben, wie es war, und ich will ſchon mit ihm fertig werden. Nur, daß er von dem Rechte der Freundſchaft Gebrauch macht und durch ſeine Fragen nach Ella mir unbequem wird, das darf er ſich nicht angewöhnen.“— Und während derſelben Minute dachte Heßling mit malitiöſem Lächeln:„Er iſt lakirter als je, hat ſich im ariſtokratiſchen Weſen ſtark vervollkommnet und ſeine Portion Selbſtſucht bedeutend kultivirt— aber das ſchadet nichts! Ich will ihn ſchon wieder auf andere Wege bringen und ihn zu beſſern ſuchen, denn ſein Gemüth iſt gut und wird ſich meinem humoriſtiſchen Bombarde⸗ uent bald ergeben.“— Steinhagen trat dem offenen Fenſter näher und blickte gleichgültig auf mnade hinab, die an dieſem Himmelfahrtstagmorgen außergewöhn⸗ ——— A Von Ernſt Fritze. 407 lich bevölkert erſchien. Heßling folgte ihm.„Sieh',“ ſagte er, mit der Hand auf die Blüthenbäume deutend,„das iſt eine Annehmlichkeit der finanziellen Nothwendigkeit. Ich habe niemals Gelegenheit gehabt, den Frühling in ſeinem Erwachen ſo folgerichtig zu belauſchen, wie hier in dieſer ärmlichen Vorſtadt mit ihrer Allee und mit ihren Gärten. Eine Sommerfriſche er⸗ lauben die Verhältniſſe nicht— ich bekomme ſie hier mit in den Kauf und meine Kinder wachſen und gedeihen hier beſſer, als in dem Dunſte der engen Straßen.“—„Es iſt weiſe von dir, die Vortheile einer finanziellen Be⸗ ſchränkung anzuerkennen, Juſtus,“ antwortete Steinhagen zerſtreut und blickte mit einiger Spannung auf ein paar Damen, die langſam von dem Thore herſchritten. Die Geſangbücher, welche ſie in den Händen trugen, verriethen, daß ſie dem Gottesdienſte bei⸗*hatten. Neugierig bog ſich He⸗ um Fenſter, um zu erforſchen, wer Steinhagens Blick zu feſſeln ſie Damen hatten gerade das Haus erreicht. Beide waren einfaa, ſchwarzer Seide geklei⸗ det, die Jüngere, welche zunächſt ging, tru⸗ Sütchen, das ihr Ge⸗ ſicht beſchattete, die Aeltere einen durchaus einfac, repphut. War es ein Spiel des Zufalles oder war es die Hand der— die das junge Mädchen veranlaßte, plötzlich zu den Fenſtern empor zu ſoe⸗ die beiden Herren ſtanden?— Blitzſchnell ſenkte ſie den Blick nien no wendete das Geſicht ihrer Begleiterin zu, als wolle ſie verhindern, erkannt zu werden. „Bitte,“ flüſterte während deſſen Heßling ſeinem Freunde zu, der wie im Traume auf die junge Dame hinſtarrte.„Bitte, Max— vergiß deine Principien nicht— widme dieſer armen Schönen keine beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit, denn ſie entbehrt der Vorzüge, die du wünſchenswerth findeſt. So viel ich weiß, gehört ſie zu den armen Menſchenkindern, die nach dem Tode der Eltern auf eigene Kraftentwickelungen angewieſen ſind. Entflamme alſo deine Phantaſie nicht zu früh.“—„Beruhige dich— mich frappirte nur eine fabelhafte Aehnlichkeit— freilich ſechs Jahre des Vergeſſens können unſicher machen— es wäre auch ein ſonderbarer Zufall—“ murmelte Steinhagen, fortgeſetzt den Blick auf die junge Dame geheftet, welche mit leicht geſenk⸗ tem Kopfe ruhig weiter ſchritt.„Wer iſt es, Juſtus— kennſt du die Da⸗ men? Iſt es Mutter und Tochter?“ ſetzte er haſtig hinzu.—„Leider bin ich nicht im Stande, dir nähere Auskunft zu geben,“ antwortete Heßling ſge luſtig.„Nur ſo viel iſt gewiß, daß ſie wegen beſchränkter Vermißgünſti g 408 Zufall oder Beſtimmung. falls hier in der Vorſtadt wohnen und daß die junge Dame ſehr fleißig nähen und ſticken ſoll.“ Steinhagen zuckte leicht die Achſeln.„Traurig, wenn eine Jugendblüthe unter der Sorge für's tägliche Brod vergeht.“—„Nicht trauriger, als wenn eine Manneskraft in dem Wogendrange mißlicher Verhältniſſe erlahmt und ein Männergeiſt von den Diſſonanzen des Weltlebens verſtimmt wird. Es gibt ein Mittel gegen ſolche Uebel. Wohl denen, die dies Mittel frühzeitig zur Anwendung bringen.“— Steinhagen ſah ihn fragend an. Heßling lä⸗ chelte mit weiſem Gleichmuthe.„Dies Präſervativ liegt in der Lebensregel: „Man muß vergeſſen, daß es beſſer ſein könnte.“—„Ein leidiger Troſt, lieber Juſtus!“ erwiderte Steinhagen und nahm ſeinen Hut.—„Die beſte Hülfe gegen den Groll der Unzufriedenheit, lieber Max!“ ſprach Heßling, ihm zum Abſchiede die Hand ſchüttelnd.„Wenn meine Hanna mit den Kin⸗ dern zurück iſt, mußt du einen Abend bei mir zubringen!“— Steinhagen verſprach es und ſie trennten ſich. Zweites Kapitel. Die beiden Damen waren mittlerweile ruhig weiter gegangen und hat⸗ ten ihre Wohnung, die einige Schritte weiter hinaus war, ſchon erreicht, als Steinhagen ziemlich beeilt ſeines Freundes Haus verließ und ſich forſchend nach ihnen umſah. Als er ſie nicht mehr unter den blühenden Bäumen wan⸗ delnd erblickte, hielt er es für angemeſſen, ſeine Neugier zu bezähmen und eine gelegentliche Forſchung nach dem Ebenbilde eines Weſens zu beſchließen, das er zwar niemals ganz vergeſſen hatte, welches jedoch erſt heute durch ſei— nes Freundes Fragen wieder in friſcher Erinnerung vor ſeine Sinne getreten war. Er glaubte nicht, daß es Fräulein Ella ſein könne, die ein märchen⸗ hafter Zufall des Weges daher geführt, als er ſeit Jahren zum erſtenmale ihrer wieder lebhaft gedacht hatte! Er redete ſich ein, daß es eine Täuſchung ſein müſſe— daß es an Wunder grenzen würde, hier das Mädchen wieder zu finden, das er gefliſſentlich niemals geſucht hatte, obwohl ihr Verluſt ihm damals tiefes Leid bereitet.— Seine Seelenruhe kehrte zurück, ehe er noch die Stadt erreichte, und die leichte Erſchütterung ſeines Herzens war längſt beſeitigt, als er ſeinen Viſi— urs an dieſem Tage vollendet hatte. Die Erinnerung an die ſeltſame enadweier junger Mädchen verſchwand unter den Zerſtreuungen —— Von Ernſt Fritze. 409 ſeiner Antrittsbeſuche. Ein Beweis, daß es ihn im Grunde gleichgültig ge⸗ laſſen und nur eine flüchtige Neugier erregt hatte. Anders wirkte dieſe wunderbare Begegnung auf die junge Dame, welche mit einem einzigen Blicke den Mann erkannt hatte, der vor Jahren im Kreiſe ihrer Bewunderer von ihr ausgezeichnet worden war. Still und gefaßt betrat ſie an der Seite ihrer Tante, der Frau Doctor Burkart, das Zimmer— verſunken in Träumen, die ſie in eine glänzende, wonnevolle Vergangenheit zurückführten, ſtand ſie am Fenſter, während ihre Tante ſich beeilte, ihren ſchwarzſeidenen Sonntagsſtaat mit einem einfacheren Anzuge zu vertauſchen. Was in der Seele dieſes armen Mädchens vorging, läßt ſich nicht in Worte kleiden. Es glich dem Wogen unergründlicher Elemente— nirgends ein Halt, nirgends eine Stütze, nirgends Ruhe, nirgends eine fried⸗ liche Löſung. O, warum hatte das Geſchick ihr dieſe Prüfung nicht erſpart! Sie war reſignirt ihren Weg gewandelt, den ihr Gottes Hand, nach der fürchterlichen Kataſtrophe in ihrem jungen Leben, vorgezeichnet zu haben ſchien. Warum nun den neuen Sturm, der ihre Herzensruhe erſchütterte? Mit feſt in einander gefalteten Händen ſtand ſie am Fenſter und ſchaute leeren Blickes in die Ferne. Ihrem Geiſte zogen die Bilder vorüber, die ſie bis dahin ſorgſam verſchleiert gehalten. Sie erinnerte ſich des Glückes, das ſie in ihrer Jugend genoſſen— von der Zeit, wo ſie ſich ihrer bewußt geweſen war, hatte ſie in der ſoliden Pracht eines glänzenden Haushaltes gelebt— ſie war der Gegenſtand zärtlicher Fürſorge geweſen— ſie hatte keine anderen Eltern gekannt, als den Papa und die Mama, denen ſie den Mangel an Kindern erſetzen mußte. Sie hatte keine Idee davon gehabt, daß ſie nicht Ella Wild, des Amtsrath Wild Tochter ſei, bis ſie ſich dem Jung⸗ frauenalter genähert, wo ihr klar gemacht wurde, ſie heiße urſprünglich Eleo⸗ nore Walden und ſei eines früh verſtorbenen Geiſtlichen Kind. Es war ihr ganz egal geweſen, wie ſie hieß. War ſie doch glücklich, war ſie doch des Amtsraths vergöttertes Pflegekind. Schwebte ſie doch in dem Nimbus des Reichthumes, der Schönheit, der Liebenswürdigkeit, der Anmuth und Grazie über den Erdball hinweg! Das hatte ſich dann plötz⸗ lich geändert. Ihre Pflegemutter war geſtorben— ihr Pflegevater folgte ihr ſo raſch nach, daß er keine Anordnungen zur Sicherſtellung ihrer Zukunft hatte treffen können. Von ihrer erträumten Höhe hinabgeſtürzt, brach das ganze Gebäude ihrer ſorgenloſen Exiſtenz ſo jähe zuſammen, daß ſie hülflos, erſchreckt von der Habgier der Wild'ſchen Verwandten, die längſt mißgünſtig 410 Zufall oder Beſtimmung. ihre Lebensſtellung betrachtet hatten, Rath bei ihrer alten Wärterin ſuchte, die ihre früheren Verhältniſſe kannte und Auskunft darüber geben konnte. Dieſe alte Amme gedachte denn einer Verwandtin, in weiter Ferne an einen Arzt verheirathet. Das arme, verlaſſene Kind wendete ſich hülfeflehend an dieſe Dame— ſie fand ein williges Herz für ihre Troſtbedürftigkeit, ſie fand den kräftigſten Willen zur Abhülfe ihrer bedrängten Lage. Unter dem Schutze ihrer Tante Burkart verließ ſie die Stätte, welche ihr noch jetzt als das Pa⸗ radies ihrer Jugend erſchien. Frau Doctor Burkart war Wittwe und ihre Renten reichten nur eben hin, ſie ſtandesgemäß zu ernähren. Das hielt ſie jedoch nicht ab, einer jun⸗ gen Verwandtin ihren Schutz zuzuſichern. Sie verſtand es auch vortrefflich, mit vorſichtiger Sparſamkeit ihre Stellung in den Kreiſen ihrer Bekannten trotz ihrer übernommenen Verpflichtung zu behaupten und ſich das Anſehen zu geben, als beläſtige ſie die Sorge für ihren Schützling keineswegs. Ob ſie innerlich nicht mit einigem Zagen das verwöhnte Mädchen in ihre ſtreng dr Hauseinrichtung geführt, weiß man freilich nicht. Kein Menſch warj och geeigneter, alten Verwöhnungen Schloß und Riegel vorzuſchie⸗ ben, als Frau Doctor Burkart. Und ſo glückte es ihr denn auch, ihre junge Verwandte, welche ſie nicht mit jener weichlich ſentimentalen Verkürzung ihres Namens, ſondern mit ihrem richtigen Taufnamen„Eleonore“ anre⸗ dete— ſehr bald von allen Gewohnheiten eines in Ueberfluß erzogenen Mädchens zu kuriren. Eleonore dachte an jene erſten Tage zurück, wo ſie in der Gemeinſchaft mit ihrer Tante das Leben von einer ganz anderen Seite betrachten gelernt. Sie war urplötzlich aus einem bewegten, nutzloſen Daſein in eine ruhige, abgeſchloſſene, arbeitsvolle Einſamkeit verſetzt worden. Dennoch geſtand ſie ſich ein, nichts weniger als unglücklich geweſen zu ſein. Im Gegentheil! Die Behaglichkeit, die Friedlichkeit, die Beſchäftigung wirkte höchſt angenehm auf ihren Geiſt und brachte ein ſtilles, ſchönes Selbſtgenügen in ihrer Seele zur Blüthe. Ihre Lage war durchaus ſorgenlos. Sie litt weder Mangel, noch hatte ſie weſentlich mit Entbehrungen zu kämpfen, da es in ihrer Macht ſtand, durch eigenen Fleiß die Mittel zu erwerben, um beſcheidene Wünſche ausfüh⸗ ren zu können. Sie fühlte ſich durchaus befriedigt. Und doch irrte ihr Blick in dieſem verhängnißvollen Augenblicke, wo die dichten Hüllen, welche die Zeit über ihre Vergangenheit gewoben, vom Wiederſehen eines Gefährten aus jener Periode zerriſſen wurden, faſt ſchwermüthig, ängſtlich, verwirrt ☚ Von Ernſt Fritze. 411 und aufgeregt über den Weg dahin, doch zuckte es wie Bitterkeit über ihr Geſicht, doch glitt ein ſchmerzlicher Hohn über ihre Lippen, als ſie ihr frühe⸗ res Leben gegen ihr jetziges Schickſal abwog. Ja! Aber es war nur die menſchliche Wallung eines Herzens, das einſt⸗ mals in ſeinen Erwartungen getäuſcht wurde. Dieſer Mann, welcher ſie mit dem Gleichmuth eines Philoſophen verleugnet hatte, als ihr Glücksſtern fiel, führte ihre Gedanken in ein Meer von Möglichkeiten zurück. Sein Anblick weckte Vergleiche. Das ſeltſame Wiederſehen nach einer Reihe von Jahren regte tauſend Fragen in ihr auf. Wäre ſie glücklicher geweſen, wenn ſie durch die Liebe dieſes Mannes der ſchweren Prüfungszeit überhoben worden wäre?— Eleonore war ehrlich genug, ſich insgeheim dieſe Frage zu vernei⸗ nen. Ihr gereifter Verſtand ſagte ihr, daß an der Hand der Vernunft das Ungemach und die Schule des Lebens leichter zu überwinden ſei, als an der Hand nachſichtiger Liebe. Sie hatte unter der Leitung ihrer verſtändigen, praktiſchen und reſoluten Tante gelernt, die Bedürfniſſe eines irdiſchen Da⸗ ſeins weiſe zu beſchränken, und war dadurch tüchtig gemacht, jedwedem Kampfe mit den Widerwärtigkeiten desſelben zu begegnen. Wie lange Eleonore geträumt hatte, wußte ſie nicht. Sie fuhr ſchreck⸗ haft aus ihren Gedanken auf, als ſich Schritte dem Zimmer näherten, wo ſie weilte, und wendete ſich eilfertig dem Nebenzimmer zu, um Hut und Pa⸗ letot abzulegen. Frau Doctor Burkart ſtand jedoch vor ihr, bevor ſie ihren Vorſatz auszuführen vermochte. Höchlich überraſcht muſterte ſie ihre Nichte und ſagte mit ſarkaſtiſchem Lächeln:„Was ſoll denn das bedeuten, Eleo⸗ nore? Noch im vollen Staate! Und ich habe ſchon unſer Mittageſſen fertig gemacht— auch ſchon ein Weilchen mit unſerer Frau Wirthin conferirt— was haſt du vor? Willſt du noch einen Beſuch machen?“ Beſchämt ſenkte das junge Mädchen den Blick vor den forſchenden, klu⸗ gen Augen der Dame und wollte raſch neben ihr wegſchreiten. Das ging aber ſo leicht nicht. Frau Doctor Burkart's ganze Erſcheinung bekundete, daß ſie ſtets das durchzuführen wiſſe, was ſie ſich einmal vorgenommen, und daß ſie ſich nicht abfertigen laſſe, wenn ſie ein Recht zur Forſchung zu haben glaubte. Eleonore kannte ihre Tante. Als ſie ſah, daß die Dame ihre ſtar⸗ ken Augenbrauen in die Höhe zog und ihren Kopf feſter auf das volle Unter⸗ kinn ſtützte, gab ſie ihren Widerſtand auf, legte ihre Hand um den Hals der Dame und flüſterte:„Alte Geſchichten ſind mir durch den Sinn gefahren 412 Zufall oder Beſtimmung. und haben mich träumeriſch gemacht, liebe Tante. Ich glaube einen Herrn geſehen zu haben, der in der goldenen Jugendzeit mir nahe ſtand.“ „Nur keine alte Liebesfaſelei, mein Töchterchen,“ eiferte die Dame. „Wie heißt der Mann? Gehörte er zu den faden Anbetern, die mit dem Sonnenſcheine zugleich verſchwanden?“—„Nein, liebe Tante. Max Stein⸗ hagen iſt weder fade, noch mein Anbeter geweſen. Er gehörte nur zu dem Zirkel, der ſich bei uns— bei Amtsrath Wild— wohlgefiel. Damals ar⸗ beitete er als Aſſeſſor bei der Regierung— was ſeitdem aus ihm geworden iſt, weiß ich nicht.“—„Du wirſt aber alles aufbieten, es zu erfahren?“ fragte die Dame ſcharf.—„Nein. Ich habe mich ſogar bemüht, ihm mein Geſicht zu verbergen, obſchon ich nicht zu fürchten hatte, nach ſechs Jahren von ihm erkannt zu werden,“ antwortete Eleonore ſanft. Frau Doctor Bur⸗ kart ſchien ſehr zufrieden mit dieſer Antwort. Sie ſtrich leicht über des Mädchens liebliches Geſicht, das nach ihrer Meinung nicht vergeſſen werden konnte, wenn man es wirklich gekannt hatte. Sie prüfte indeſſen mit ver⸗ ſtohlener, tiefer Zärtlichkeit dies liebliche Geſicht und forſchte nach Sympto⸗ men einer innerlichen Aufregung. Ihre Prüfung mußte wohl befriedigend ausgefallen ſein, denn ſie ſprach heiter, auf andere Gegenſtände übergehend und berichtete dann, in ächter Frauenart, was ſie ſeitdem ſchon alles gethan habe, während ſich Fräulein Nichte mit unnützen Grübeleien die gute Laune zu verderben getrachtet. „Was einem Menſchen, der es gut meint mit Andern, nicht für Ver⸗ pflichtungen obliegen können,“ meinte die alte Dame ſchließlich mit humori⸗ ſtiſchem Aerger.„Bald muß man einen Freudenparoxismus zu dämpfen ſuchen, bald muß man Grillen verjagen. Als wenn ich nur gerade dazu in die Welt geſetzt wäre, um Anderen zu dienen und zu helfen. Als wenn ich nur mein bischen Verſtand zur Stütze der Dummen erhalten hätte!“— „Gewiß, liebe Tante!“ rief Eleonore erheitert.—„Du ſagſt das, als wäre es eine Ehre für mich, Anwalt der Schwachen und Thörichten zu ſein!“ eiferte die Dame.—„Und iſt's denn keine Ehre, daß alles zu dir kommt, um deinen Rath zu hören, daß jeder ſein Leid vor dir auskramt, weil er dei⸗ ner Hülfe ſicher iſt?“ fragte das Mädchen, liebevoll in ihr Auge blickend. „Eine verwünſcht läſtige Ehre, ma petite! Wenn jeder ſeinen Verſtand zuſammennähme und jeder überlegte, was er zu thun willens iſt, dann wür⸗ den die Leute nicht halb ſo viel Rath und Hülfe von mir nöthig haben. Eben das habe ich unſerer Frau Wirthin begreiflich zu machen geſucht, aber ob ſie —xxj4— G herrn — Von Ernſt Fritze. 413 dennoch meinem Rathe folgt, bleibt ungewiß. Die gute Frau war vor Freude aus Rand und Band, Eleonore. Ihr Sohn, der neue Juwelier, ſoll außer⸗ ordentlich gute Geſchäfte mit einem Herrn gemacht haben. Ganz ſchön. Nur muß man nie ein Geſchäft vor dem Abſchluß preiſen. Ich nahm mir die Freiheit, ſie darauf hinzuweiſen, daß man viel kaufen und beſtellen könne — das richtige Glück käme aber erſt mit der richtigen Bezahlung. Die Alte nahm's übel, Eleonore— wahrhaftig, ſie nahm es übel und meinte, ich wolle nur ihre Freude ſtören.“— Eleonore lächelte ein wenig. Sie kannte ja ihre Tante und konnte ſich lebhaft vorſtellen, daß ſie ihre Worte nicht abgewogen haben würde.„Wenn der Herr ſchöne Goldſachen kauft, muß er doch reich ſein, und wenn er reich iſt, wird er ſchon bezahlen,“ ſagte ſie zuredend. „Ja wohl, ma petite!“ antwortete Frau Doctor kaltblütig.„Es hat jedoch ſchon mancher Goldgeſchmeide, Uhren, Ketten, Ringe, Doſen ꝛc. aus⸗ geſucht, ohne den Entſchluß zu faſſen, den Kram jemals zu bezahlen. Ich ſuchte der Wirthin dies anſchaulich zu machen, aber ſie glaubte nicht, daß ihrem klugen Sohne dergleichen paſſiren könne.“—„Ich würde es auch nicht glauben, Tantchen!“ rief Eleonore lebhaft.—„Du magſt glauben, was du willſt, Eleonore, dir bringt es keinen Schaden. Allein ein Juwelier muß bedenken, was er thut, wenn er ein Geſchäft einfädelt, das ihn um einige hundert Thaler betrügen kann.“ „Aber beſte Tante,“ wendete das junge Mädchen etwas ungeduldig ein, „dieſer Anſicht zufolge würde der Handel bald ſtocken. Bei jedem Verkauf auf Kredit müßte der Verkäufer fürchten, einen Verluſt zu erleiden—.“— „Mag ſein. Ich würde mich auch hüten, ſolche Kreditverkäufe einzugehen. Aber hier iſt's noch etwas Anderes. Der Herr iſt ein Fremder, logirt im Römiſchen Kaiſer und kauft auf der Durchreiſe. Ich habe der Wirthin an⸗ empfohlen, ihren Sohn zu warnen und einen ſicheren und klugen Boten mit den beſtellten Gegenſtänden nach dem Gaſthofe zu ſchicken. Vorſicht iſt zu allen Dingen gut!“— Eleonore hörte mit geſteigerter Theilnahme auf die letzte Auseinanderſetzung. Sollte Herr Max Steinhagen der Mann ſein, welcher den Juwelier Roßmann mit ſeinen glänzenden Einkäufen beglückt hatte? ½ Drittes Kapitel. Es war ſehr gut, daß Frau Doctor Burkart in ihrem rechthaberiſchen Eifer das Geſicht ihrer Nichte nicht beachtete, als dieſe mit ihren Gedanken 414 Zufall oder Beſtimmung. urplötzlich wieder auf jenen Mann zurück ging, der ein Gefährte ihrer gol⸗ denen Jugendzeit geweſen war. Der Wechſel in Eleonorens Mienen würde hingereicht haben, ihr Mißtrauen wieder rege zu machen, und ein peinliches Verhör würde die unmittelbare Folge ihres aufgeſchreckten Argwohnes ge⸗ weſen ſein. Uebrigens hatte Frau Doctor Burkart die Genugthuung, ihre Rath⸗ ſchläge vom Juwelier Roßmann beachtet zu ſehen. Seine Mutter war, vol⸗ ler Verdruß über die Bedenklichkeit ihrer Frau Mietherin, befliſſen geweſen, ihm dieſelbe mitzutheilen, und ſie mußte erleben, daß der junge Geſchäfts⸗ mann ſtutzig wurde. Ihm leuchtete ein, wie leicht er betrogen werden könne, wenn er einem Fremden zu viel Vertrauen ſchenke. Der Herr war ihm zwar als ein vollkommener Gentleman erſchienen und hatte ſeine Beſtellungen und Einkäufe mit ſo nobler Nachläſſigkeit gemacht, daß gar kein Zweifel in ihm aufgekommen war, indeß ein wenig Vorſicht konnte doch nicht ſchaden, deßhalb beſchloß er, Anordnungen zu treffen, die ihn ſicher ſtellten. Zu die⸗ ſem Behufe ließ er ſeinen jüngeren Bruder Heinrich, der bei einem Kauf⸗ mann in der Lehre war, zu ſich entbieten und nahm mit ihm die geeignete Rückſprache. Bruder Heinrich war notoriſch ein Schlaukopf und dabei ein zuverläſſiger Burſche. Das erkannte ſelbſt Frau Doctor Burkart an und war ganz einverſtanden mit der Wahl dieſes Boten, der die koſtbaren Sa⸗ chen dem fremden Herrn nach dem Gaſthofe bringen und auf die Bezahlung dort warten ſollte. 1 So zufrieden ſich die alte Dame über dieſe Maßregel ausſpruch, die ihr Bedenken zu wege gebracht hatte, eben ſo verdrießlich zeigte ſich Fräulein Eleonore darüber. Das junge Mädchen nannte es ein beleidigendes Miß⸗ trauen gegen den Fremden, in welchem ſie ſtockſteif nun einmal den Herrn Max Steinhauſen vermuthete, wozu ſie weiter keinen Grund hatte, als daß er nothwendigerweiſe noch nicht lange in der Stadt weilen könne, weil ſie ihn ſonſt ſchon geſehen haben würde. Als wenn nicht mehr fremde Herren eingetroffen ſein könnten! Gut, in der That ſehr gut, daß Frau Doctor Bur⸗ kart dieſe ſeltſame Idee nicht errieth— es wäre nicht ohne Spott und d Hohn abgegangen.„ Bruder Heinrich machte ſich am folgenden Morgen auf die Beine und begab ſich, mit ausdrücklicher Erlaubniß ſeines Herrn Prinzipals, zu ſeinem Bruder, dem Juwelier Roßmann, um die Koſtbarkeiten für den fremden Käufer in Empfang zu nehmen. Der Fremde hatte ſämmtliche Sachen mit 3 1 4 —CQCOC———„‚q·Q——,— r gol⸗ vürde liches S ge⸗ Rath⸗ vol⸗ veſen, Von Ernſt Fritze. 415 Inſchriften oder Namen, auch einzelne mit Wappen verſehen laſſen— es war nicht ohne Schwierigkeiten zu bewerkſtelligen geweſen, alles zu der be— ſtimmten Zeit fertig zu machen. Bruder Heinrich trug ſeinen koſtbaren Car⸗ ton mit einem gewiſſen Stolze durch die Straßen und hätte gern einen oder den anderen Bekannten in dies Heiligthum ſchauen und die Herrlichkeiten be⸗ wundern laſſen, wenn ſein Bruder, der Juwelier, es ihm nicht ſtreng verbo⸗ ten hätte. Glücklich langte er im Gaſthof zum Römiſchen Kaiſer an und ſah ſich nun hier, in der weiten Haushalle, nach einem dienſtbaren Geiſte um, der ihn zurecht zu weiſen im Stande war. Das machte ſich ſehr bald. Er er⸗ fuhr vom ſchläfrigen Portier, daß der Herr auf Nummer ſechzehn ſchon un— geduldig gefragt habe, ob der Goldſchmied ſeine Sachen noch nicht geſendet. —„Das iſt der Richtige, den ich ſuche,“ ſagte Mosje Heinrich mit ganz harmloſer Freundlichkeit.„Alſo Nummer ſechzehn— ſchön das! Da ich die Zahlen kenne, werde ich auch wohl die Nummer finden. Aber Herr Portier — ich möchte gern wiſſen, wie ich den Herrn anreden muß. Man ſtellt ſich doch nicht gern dummer an, als man wirklich iſt. Was meinen Sie? Muß ich Herr Baron oder Herr Graf ſagen?“—„Ach warum nicht gar— iſt ein Bürgerlicher, ein reicher Kaufherr— ein Generaldirektor—.“ Der ſchlaue Heinrich machte eine Geberde des reſpektvollſten Erſtaunens.— „Hier, da haben Sie ein Couvert, worin geſtern ein Brief an ihn gekommen i*ſt,“ fuhr der Portier fort und nahm eine ſchmutzige Enveloppe aus der Seitentaſche,„da ſteht der ganze Klad radatſch d'rauf—„Herrn General⸗ direktor der aſegndaswenh Krippendorf—“ „Danke— danke! Ich will's nun ſchon behalten— hab' ich doch mein Lebtag noch keinen Generaldirektor geſehen! Wie muß nicht ſo ein General— direktor ausſehen, da ſchon ein bloßer General eine ganz anſehnliche Perſön⸗ lichkeit vorſtellt,“ ſagte Heinrich mit affektirter Ehrfurcht und ging ſchleunig die breite Wendeltreppe hinauf.— Nummer ſechzehn! Richtig, da ſtand es ſchwarz auf weiß— Nummer ſechzehn! Herr Heinrich nahm reſpektvoll die Mütze ab und hing ſie an einen Kleiderhaken. Dann faßte er ſeinen Carton zierlich mit der linken Hand und klopfte ſehr beſcheiden mit dem rechten Zeigefinger an die Thür. Es rief niemand herein. Er wiederholte das Zeichen ſeiner Meldung ein klein wenig derber. Wiederum vergeblich. Jetzt bückte ſich der ſchlaue Burſche, ſchob leiſe den Schlüſſel zur Seite und ſchaute durch's Schlüſſelloch, um ſich zu über⸗ 416 Zufall oder Beſtimmung. zeugen, daß der Herr Generaldirektor Krippendorf im Zimmer ſei. Da ſaß er ja in Lebensgröße, rauchte eine Cigarre und las die Zeitung!„Nun— forſch!“ flüſterte Heinrich und hämmerte mit ſeinem Zeigefinger gegen die Thür, daß ihm das Gelenk ſchmerzte.— Ein brüllendes Herein war der Lohn dieſer körperlichen Anſtrengung. Flugs öffnete Heinrich die Thür und ſchritt mit einer ausgezeichneten Reverenz über die Schwelle, ohne zu ſtol⸗ pern.—„Herr Generaldirektor Krippendorf?“ fragte er mit außergewöhn⸗ licher Lungenanſtrengung, da er Grund hatte zu glauben, der Herr höre nicht gut. „Was ſoll's?“ fragte der Herr dagegen, ohne ſeine höchſt bequeme Stellung zu verändern. Der ſchlaue Heinrich muſterte mit einiger Neugier ſchnell den Mann, welcher ſeinem Bruder nobel vorgekommen war. Außer ſeinem höchſt noblen Titel fand er eigentlich nichts dergleichen an ihm. Frei⸗ lich, einen lockigen Bologneſerbart hatte er und eine wegwerfende Miene auch— Herr Heinrich mochte aber unter„nobel“ etwas Anderes verſtehen, als ſolche vornehme Aeußerlichkeiten. Er hielt ſich nicht lange bei ſolchen Betrachtungen auf, ſondern trat dem ſehr ungenirt dahingelagerten Herrn näher und überreichte ihm mit einer Empfehlung von ſeinem Bruder den ſorgſam verwahrten Carton mit den Koſtbarkeiten.—„A—h! Sol Sol Sie ſind der Abgeſandte des Herrn Roßmann!“ rief der Generaldirektor, ſprang auf und präſentirte ſich nun als ein ganz anderer Mann. Es war ein großer, ſchlanker, ſehr gut gekleideter Herr, deſſen Haltung nicht das geringſte zu wünſchen ührig ließ. Sein Lockenbehang und ſeine wegwerfende Miene paßte nun ni zu ſeinem äußeren Menſchen und die Manier, womit er den Carton aufſchlug, die Goldſachen prüfte, wie er ſie gleichmüthig, als ſeien es werthloſe Bagatellen, herausnahm und über⸗ all hinwarf, verrieth wenigſtens, daß er keine Idee von der ängſtlichen Sau⸗ berkeit eines Geſchäftsmannes hatte, der ſeine Waare gewiß ſehr ungern zwiſchen den beaux restes eines Gabelfrühſtückes geſehen haben würde. Heinrich fand jetzt den Ausſpruch ſeines Bruders vollkommen gerechtfertigt. Auch ihm imponirte dieſe noble Geringſchätzung und er gab zu, daß der Ge⸗ neraldirektor ein vollkommener Gentleman ſei. „Was ſoll das heißen, mein Guteſter,“ fuhr der Herr plötzlich lachend heraus,„es fehlen ja die Namen, die ich zum Eingraviren beſtimmt hatte.“ —„Verzeihen Sie, Herr Generaldirektor— die Namen gravirt mein Bru⸗ der ſtets erſt auf verkaufte Gegenſtände,“ antwortete Heinrich mit unſchul⸗ da ſaß un— en die er der rund ſtol⸗ vöhn⸗ höre ſueme ugier lußer Frei⸗ diene hhen, Von Ernſt Fritze. 417 digem Lächeln.—„Ich habe ja den Trödel gekauft!“—„Ausgeſucht, mein Herr Direktorgeneral— ausgeſucht—,“ fiel Heinrich mit Treuherzigkeit ein.„Mein Bruder gravirt nur Namen auf bezahlte Sachen.“—„Ah— ich verſtehe—,“ ſagte der Fremde ſtolz.„Nun— ich kann Ihrem Bruder nicht unrecht geben und werde mich ſeinen Prinzipien keineswegs widerſetzen. Legen Sie den Kram wieder ordentlich hinein und ſtellen Sie den Carton dort in jenen Schrank. Ich muß erſt einen Wechſel hier im Comptoir des Banquier Kreitſchke verſilbern— wo wohnt der Banquier? Wo iſt ſein Ge⸗ ſchäftslokal?“— Heinrich machte ein ſehr freundliches Geſicht.„Herr Kreitſchke wohnt ganz in der Nähe meines Bruders, Herr Generaldirektor.“ —„So? Nun, ſo gehen Sie zu Ihrem Bruder und ſagen Sie ihm, ich würde ſogleich kommen, um unſeren Handel abzuſchließen.“ Heinrich war unterdeſſen bemüht geweſen, die koſtbaren Gegenſtände wieder einzupacken. Der Fremde hatte während des Geſpräches ſein Porte⸗ feuille herausgenommen und einige Wechſel vor ſich hingelegt. Heinrich kannte dieſe Dinger, welche, den Handelsverkehr zu erleichtern, erfunden ſind, ſehr wohl. Sein ſcharfes Auge ruhte nur einen Moment darauf und zog ſich dann ſichtlich zufriedengeſtellt wieder zurück. Sein Geſicht ſchien doch einen guten Erfolg zu verſprechen. Es freute ihn, ſeines Bruders wegen. Aber ſeine Vorſicht ſchlummerte deſſen ungeachtet nicht ein. Er ſchlug den feſten Pappbogen um ſeinen Carton und— nahm ihn ganz kaltblütig unter den Arm.—„Stellen Sie das Zeugs in den Sekretär!“ befahl der Fremde. „Ich werde es nachher mitbringen.“ Heinrich verbeugte ſich mit treuherziger Ehrerbietung.„Wie dürfte ich mir erlauben, dem Herrn Generaldirektor zuzumuthen, den Carton ſelbſt zu tragen,“ entgegnete er.— Der Fremde wendete ſich zu ihm herum und ſah ihn mit der Miene eines Millionärs von oben herab an.„Sie ſind ein kurioſer Kautz, Lieber,“ ſprach er etwas mürriſch.„Wenn ich vermuthen müßte, daß Sie nach Inſtruktionen handelten, ſo würde ich Ihnen den gan⸗ zen Bettel an den Kopf werfen. So aber nehme ich an, Sie ſind zu dumm und zu unerfahren—.“—„Gott— das ſagt mir mein Bruder alle Tage,“ unterbrach ihn Heinrich ſcheinbar zerknirſcht.„Nehmen Sie es ja als Dumm⸗ heit, wenn ich etwas nicht recht mache, und laſſen Sie es nur meinen Bru⸗ der nicht entgelten.“. „Geben Sie'mal her den Carton,“ herrſchte der Herr ihn an. Hein⸗ rich zögerte, aber er wagte es nicht, ſich zu weigern. Der Fremde riß ſcho⸗ Hausblätter. 1867. I. Bd. 27 — ————— 418 Zufall oder Beſtimmung. nungslos die Verpackung auf und griff hinein, um eine ſilberne Tabatière und eine ſtarke, kurze, goldene Kette heraus zu nehmen. Heinrich ſtand un⸗ entſchloſſen dabei. Ein unheimliches Gefühl durchrieſelte ihn, indem er die weißen Finger des fremden Gentlemans in dem Carton wühlen ſah. Es war ihm zu Muthe, als geſchähe vor ſeinen Augen ein Unrecht, als müſſe er die Ausführung eines Schelmenſtreiches verhindern. Seines Bruders ern⸗ ſtes Geſicht, womit er ihn für ſeine Miſſion verantwortlich gemacht batte, ſtand plötzlich vor ſeinem Geiſte und trieb ihn zum Widerſpruch. Inzwiſchen warf der Herr Generaldirektor die ausgeſuchten Gegenſtände auf den Tiſch und ſagte entſchieden:„Da— dies kann hier bleiben, denn es braucht nicht mit dem Namen verſehen zu werden. Das Andere nehmen Sie mit— ich komme ſogleich, die Sachen mit dem Juwelier ſelbſt zu beſprechen— ver⸗ ſtehen Sie mich, mein Guter?“ Heinrich griff gelaſſen nach den ausgeworfenen Sachen, ſchob ſie ſo ſchnell wie möglich wieder in den Carton und ſagte vollkommen in der Maske treuherziger Dummheit:„Ja, ja! Sie kommen gleich ſelbſt zu meinem Bru⸗ der— ich verſtehe ſchon— aber hierlaſſen will ich doch nichts von den Sa⸗ chen— in ſolchem Gaſthauſe wird oft geſtohlen, und vorſehen iſt beſſer, als nachſehen. Der Herr Generaldirector werden das ſelbſt wohl ſchon erfahren haben.“— Hellauf lachte der Fremde.„Wenn Ihr Bruder ſich keinen ande⸗ ren Geſchäftsführer anſchafft, wird er wenig Glück machen!“ rief er voller Heiterkeit.„Für diesmal ſoll es ihm keinen Schaden zufügen; allein ich werde ihm erzählen, wie gottvoll dumm Sie ſich hier aufgeführt haben. Nun, gehen Sie nur! Direkt vom Banquier Kreitſchke komme ich zu Ihnen. Sie ſind ein köſtliches Kerlchen! Zum Kranklachen!“. Heinrich lachte verlegen mit, machte aber deſſen ungeachtet eine ſehr ge⸗ lungene Reverenz, eilte aus dem Zimmer, ſtülpte ſich ſeine Mütze auf den Kopf und rannte die Treppe hinab. Ohne ſich aufzuhalten, ſchlüpfte er beim Portier vorüber.„Gute Geſchäfte gemacht, junges Herrchen?“ rief dieſer ihm nach.—„Brillante Geſchäfte!“ antwortete der junge Menſch pfiffig lä⸗ chelnd zurückſehend. Warum Herr Heinrich ſo eilig das Hotel verließ? Ei nun— er wollte ſich in einer Nebengaſſe placiren und aufpaſſen, ob der Herr Generaldirektor Krippendorf wirklich zum Wechſelgeſchäfte des Herrn Kreitſchke ginge. War dies der Fall, ſo mußte er ſeinem Bruder Nachricht ertheilen, damit dieſer ſeine gefliſſentlichen Ungeſchicktheiten ausgleichen konnte. Er gönnte ihm das — Von Ernſt Fritze. 419 Geſchäft, welches einen erklecklichen Gewinn abwarf, von Herzen, aber— er geſtand es ſich unverhohlen ſelbſt ein— er traute dem Herrn Generaldi⸗ rektor durchaus nicht. Heinrich hatte ſich glücklich poſtirt, um dieſem Herrn bei ſeinem Weg⸗ gehen unbemerkt folgen zu können. Ein unſchuldiges Vergnügen, das kei⸗ nem Menſchen Schaden bereitete. Der junge Menſch brauchte nicht lange zu warten. Gravitätiſch daherſchreitend erſchien der Fremde auf der Straße, ſtolz den Kopf emporhebend, mit dem Gleichmuth eines vornehmen Mannes weder rechts, noch links blickend. Wahrhaftig— er ſchlug den Weg nach Kreitſchke's Comptoir ein und zwar ſo ſicher, als kenne er Tritt und Schritt in der Stadt. Heinrich folgte vorſichtig. Er gab ſich eine ſorgloſe Miene, guckte hie⸗ her und dorthin, blieb gelegentlich vor einem Schaufenſter ſtehen, verlor je⸗ doch den Generaldirektor nicht einen Moment aus den Augen. Richtig— der Herr ſteuerte auf das Bankcomptoir zu! Er ging in der That zu Kreitſchke um Wechſel zu verſilbern! O, weh— armer Heinrich— ſollte dein Schlau⸗ kopf den armen Bruder voreilig um einen vortheilhaften Handel gebracht haben? Heinrich ließ betrübt die Ohren hängen, verfolgte jedoch deſſen unge⸗ achtet ſeinen Plan und ſchlug ſich nun rechts ab in eines jener ſchmalen Durchgangsgäßchen, die zur Bequemlichkeit des Publikums ganz zweckmäßig angelegt ſind, aber weder Licht, noch Luft haben. Dieſe Gaſſe verband zwei Hauptſtraßen. An der Ecke der einen Straße wohnte der Banquier Kreitſchke und ſein Haus erſtreckte ſich ziemlich tief in die Gaſſe. Ein ſtark vergitter⸗ tes, etwas hoch angebrachtes Fenſter des Geſchäftslokales ging hier hinaus. Da aber trotzdem das Zimmer nicht ausreichendes Licht erhielt, ſo brannte faſt den ganzen Tag eine Gasflamme, und man konnte von außen ziemlich genau die Leute beobachten, die in dieſem Raume beſchäftigt waren. Dazu war allerdings einige Anſtrengung und eine gewiſſe Kunſtfertigkeit im Klet⸗ tern nöthig, denn man mußte einen trichterförmigen Kellerhals, der am ge⸗ genüberliegenden Hauſe einen Vorſprung bildete, zum Sitz wählen. Für Herrn Heinrich war dies kein Hinderniß, ſeine Spürungen fortzu⸗ ſetzen. Im Nu ſaß er oben, wie auf einem kleinen Throne. Um ſich das An⸗ ſehen eines gemüthlichen Faullenzers zu geben, baumelte er ſehr ſtark mit den Beinen und pfiff ſich einen heiteren Gaſſenhauer. Er ſchenkte dem ver⸗ gitterten Fenſter des Kreitſchke'ſchen Lokales keinen Blick, ſondern verließ ) 27 420 Zufall oder Beſtimmung. ſich darauf, daß ein flüchtiger Seitenblick zur geeigneten Zeit ſchon genügen werde, ihn von dem Eintreffen des Herrn Generaldirektors zu unterrichten. Einige Minuten vergingen. Der ſchlaue Heinrich hatte außer vielen anderen guten Eigenſchaften noch den Vorzug„eine lobenswerthe Geduld zu beſitzen“. Dieſe Geduld wurde glänzend belohnt, als ſich endlich eine große, ſtattliche Geſtalt mit vielem Anſtande und mit einiger Würde durch das Comptoirzimmer bewegte und Heinrich, obwohl er nicht in's Fenſter blickte, den fraglichen Herrn Generaldirektor erkannte. Heinrich bemerkte, daß er ein Papier präſentirte— er bemerkte, daß dies Papier von einem Commis betrachtet wurde, daß dieſer damit im Nebenzimmer verſchwand und daß plötzlich Herr Kreitſchke ſelber erſchien und mit außergewöhnlicher Höflich⸗ keit den fremden Herrn in ſein Zimmer geleitete.—„Herr Banquier Kreitſchke ſelber— nun bin ich ſicher, daß es ein wirklicher Generaldirektor oder Direktorgeneral iſt,“ murmelte Heinrich und ſchwang ſich von ſeinem improviſirten Throne, um dem Bruder zu referiren, was er gethan hatte. Ein wenig Devotion konnte alles in's Gleiche bringen und der verſtellte Zorn des Herrn Juweliers über ſeines Boten unverzeihliche Handlungs⸗ weiſe mußte dem fremden Herrn Satisfaction geben. Heinrich lief ſpornſtreichs nach dem Hauſe des Bruders. Er hatte es eilig, um eher da zu ſein, als der noble Käufer. Mit fliegenden Worten er⸗ ſtattete er ſeinen Bericht. Leider fand er nicht die gewünſchte Anerkennung — der Herr Bruder fuhr ihn hart an und tadelte ihn, daß er in ſeiner Vor⸗ ſicht zu weit gegangen ſei. Trotzig gemacht durch dieſen Tadel, verließ Hein⸗ rich den Laden ſeines Bruders und beſchloß, ihm nie wieder als Geſchäfts⸗ träger Dienſte zu leiſten.„So geht's immer in der Welt,“ raiſonnirte er auf dem Wege zu ſeinem Prinzipal, der ein Gewölbe mit Colonialwaaren hielt,„die Habſucht macht ungerecht— unſer Vortheil regiert unſer Urtheil — Vorſicht wird Dummheit genannt— ſo geht's immer!“— Armer Hein⸗ rich, deine Schlauheit iſt ſehr im Preiſe geſunken! Viertes Kapitel. Einige Tage nach dieſer kleinen Epiſode, welche vom Schickſale in den Lebensweg der beiden Freunde geſchoben wurde, die wir im Beginne unſerer Geſchichte kennen gelernt haben, finden wir die Wohnung des Herrn Juſtus Heßling in der Vorſtadt feſtlich aufgeputzt und ſehen die Gattin dieſes philo⸗ qVc— Von Ernſt Fritze. 421 ſophiſch zufriedenen Juriſten beſchäftigt, die Vorbereitungen zum Empfange ſeines Jugendfreundes Steinhagen zu vollenden. Frau Hanna Heßling war ein anmuhiges, allerliebſtes Weſen, das mit möglicher Heiterkeit kleine Entbehrungen trug, um ihrem Stande äußerlich genügen zu können. Die Kunſtfertigkeit ihrer Hände unterſtützte ſie in die⸗ ſen Bemühungen, und wenn man die harmoniſche Einfachheit ihres ganzen Haushaltes, mit ihrem Auftreten und der Erſcheinung ihrer drei Kinder zu⸗ ſammenſtellte, ſo mußte man Reſpekt vor dieſer jungen Dame bekommen. Sie verſtand es, allen irdiſchen Mängeln ſtandhaft ihre Stirn zu bieten und in liebenswürdiger Aufrichtigkeit das nothwendige Syſtem ihrer Handlungs⸗ weiſe zu vertreten. Der Abendſonnenſtrahl beleuchtete ein blitzendes Theecomfort, das ſeit⸗ wärts aufgeſtellt war, um ihr, als Hausfrau, bequem zur Hand zu ſein. Auf dem runden Sophatiſche ſah man allerlei Delikateſſen, wie ſie zu einem freundſchaftlichen Abendeſſen nöthig befunden werden. Aus einem zierlich geſtickten Flaſchenkorbe ragten zwei langhälſige Flaſchen hervor— genug, es ſtand alles bereit, um dem erwarteten Gaſte zu beweiſen, daß man ſich ſei⸗ nes Beſuches freue. Die Kinder des Heßling'ſchen Ehepaares, ebenfalls an⸗ muthig und lieblich, wie ihre Mama, tummelten ſich mit wichtigen und feier⸗ lichen Mienen im Vorzimmer umher, lugten zum Fenſter hinaus, ob der neue Onkel noch nicht käme, und betrachteten mit der Zufriedenheit eines Kindergemüthes die prächtigen Geräthſchaften auf dem ſervirten Tiſche, die nicht im gewöhnlichen Gebrauch waren. Endlich kam Steinhagen. Er wurde wie ein Verwandter empfangen, wie ein Bruder begrüßt. Sein ſteifes, ceremoniöſes Weſen ſchmolz vor die⸗ ſer Herzlichkeit, ein traulich ſinniges Lächeln verdrängte den ſtolzen Ernſt und ſtatt der etikettenmäßigen Höflichkeitsphraſen entſchlüpften heitere Scherz⸗ worte ſeinen Lippen. Frau Hanna fand den Freund ihres Gatten höchſt lie⸗ benswürdig. Sie wußte freilich nicht, daß ihre Liebenswürdigkeit ihn erſt liebenswürdig gemacht hatte. Die Kinder waren entzückt von dem neuen Onkel. Die lieblichen Kleinen hatten keine Ahnung davon, daß ſie ſelbſt erſt die tiefe, zärtliche Freude, womit er ſich ihnen widmete, in ſeinem kühlen Herzen erweckt hatten. Herr Juſtus Heßling wußte etwas von dieſen Ein⸗ wirkungen, er beurtheilte die ſichtlichen Veränderungen richtig und erklärte ſich insgeheim für einen Erretter des Freundes, deſſen ſchönes Gemüth vom Egoismus des Weltlebens ſtark beeinträchtigt worden war. 422 Zufall oder Beſtimmung. Die erſten Aufregungen der Seele wichen dann einem gemüthvollen Plaudern, das ſich nach der Entfernung der Kinder, die pünktlich zu Bett gebracht wurden, zum Austauſche aller Erlebniſſe wendete. Plötzlich fragte der Regierungsrath Steinhagen, wie in Erinnerung eines befremdlichen Umſtandes:„Sage mir, Juſt, was iſt's mit dem Krippendorf? Ich nehme an, daß der Banquier Kreitſchke hierſelbſt durch deine Mittheilungen erfah⸗ ren haben muß, ich käme direkt aus Mrburg.“—„Von miyx? Gott be⸗ hüte! Ich weiß kein Wort von Krippendorf. Wer iſt das? Was iſt er? Be⸗ friedige meinen Wiſſensdurſt, Freund Max!“ ſagte Heßling.—„Nun, ſo begreife ich nicht, wer dem Herrn Kreitſchke offenbart haben könnte, wo ich bis jetzt gelebt habe,“ erwiderte Steinhagen ſtark verwundert.„Ich erhielt vorhin einen Brief von dem Geldwechsler Kreitſchke, worin er mir kund gibt, daß eigenthümliche Umſtände ihm Veranlaſſung gäben, in aller Ergebenheit die Frage an mich zu richten, ob in Mrburg eine Verſicherungsgeſellſchaft unter der Direktion eines gewiſſen Krippendorf ſtehe und ob dieſer Mann ſich eines guten Rufes erfreue.“—„Nun, das iſt kurios!“ rief Heßling la⸗ chend.„Polizeiliche Spionage? Was antworteteſt du denn?“— „Der Wahrheit gemäß. Es gäbe einen Krippendorf in Mrburg, von dem mir weiter nichts bekannt wäre, als daß er, früherhin Sekretär eines Rechts⸗ anwaltes, ſich jetzt an die Spitze eines Privatunternehmens geſchwungen habe und unter dem pomphaften Titel„Generaldirektor“ mit großem Glücke Ge⸗ ſchäfte mache.“—„Wahrſcheinlich will Herr Kreitſchke mit ihm Geſchäfte machen,“ warf Frau Hanna ein.—„Viel eher möcht' ich behaupten,“ wen⸗ dete Steinhagen ein,„daß der Geldwechsler mit ihm Geſchäfte gemacht hat, die ihm jetzt leid ſind.“—„Woraus ſchließeſt du das, Max?“ fragte Heß⸗ ling.—„Aus der Frageſtellung im Briefe.“—„Es ſollte mich wundern, denn Kreitſchke iſt der vorſichtigſte Geſchäftsmann, der mir jemals vorge⸗ kommen,“ meinte Heßling. „Er kann ſich beruhigen, wenn er mit Krippendorf in Verbindung ge⸗ treten iſt. Derſelbe iſt zwar ein hochfahrender und anmaßender Patron, aber er hat ſtets den Ruf eines rechtlichen und ſoliden Mannes bewahrt. Mit ſeinem Gelde iſt auch ſein Muth gewachſen. Er miſcht ſich in die beſten Kreiſe der Stadt und es ſoll vorgekommen ſein, daß ſein ehemaliger Prinzi⸗ pal, der Geheime⸗Juſtizrath Mull die Gemahlin des ſogenannten General⸗ direktors hat zu Tiſche führen müſſen, obwohl dieſe Gemahlin vor ihrer Ver⸗ ehelichung mit Krippendorf im Hauſe dieſes Prinzipals als„Köchin“ fun⸗ Von Ernſt Fritze. 423 girt hat!“— Heßling ſchlug ein ſchallendes Gelächter auf.„Ein köſtliches Zuſammentreffen!“—„Nach meinem Geſchmacke aber nicht!“ entſchied Steinhagen ſchnell und kalt.—„Weil du zu ariſtokratiſchen Ideen neigſt! Laß doch dem ehemaligen Schreiber und ſeiner Köchin dies Vergnügen!“ Steinhagen zuckte die Achſeln und ſchwieg. Frau Hanna bemerkte eine kleine Wolke auf ſeiner Stirn und beeilte ſich, dieſelbe zu zerſtreuen.„Mein Mann hat Unrecht, wenn er ſolcher Miſchung in der Geſellſchaft das Wort zu reden verſucht,“ ſagte ſie lächelnd.„Dieſe Parvenü's verderben den guten Ton und den einfachen Geſchmack. Betrachtet man ſie genau, ſo findet man es unerklärlich, daß ſie den Ton angeben können, und dennoch geſchieht es, weil wir ärmeren Frauen zu ſchwach ſind, nachſtehen zu wollen, wenn dieſe Damen durch ihren Prunk zu imponiren ſuchen.“ „Ich dächte, mein liebes Herz,“ unterbrach Heßling ſeine Frau, indem er mit Liebe in ihr holdes Geſicht ſchaute,„ich dächte, Frauen von Bildung wüßten, daß es nie darauf ankommt, was man trägt, ſondern wie man es trägt, und daß der Mann, welcher durch geſellige Verbindlichkeiten gezwun⸗ gen ſein ſollte, ſeine frühere Köchin zu Tiſche zu führen, nur einem Fatum weicht, wodurch er ebenſo wenig entwürdigt, als ſeine ehemalige Köchin ge⸗ ehrt wird. Es iſt dem Laufe der Welt nun einmal nicht entgegen zu handeln oder man müßte ſich zu einem ſteten Kampfe rüſten. Sich ärgern über der⸗ gleichen Fatalitäten wäre Thorheit, denn wir erfüllen nur das uns beſtimmte Verhängniß. Beſſer, man betrachtet das Leben von der amuſanten Seite, als von der verdrießlichen— beſſer, man lacht, als man ärgert ſich.“— „Seit wann biſt du ſo arg in den Feſſeln des Fatalismus, daß deine Wil⸗ lenskraft lahm gelegt ſcheint?“ fragte Steinhagen etwas ungnädiger Laune. —„Seitdem ich gelernt habe, daß alles Wünſchen, alles Beten und alles Arbeiten nichts hilft. Abwarten, bis kommt, was uns beſtimmt iſt!“— „Eine vernunftwidrige Anſicht!“ unterbrach ihn Steinhagen. „Meinſt du?“ fragte Heßling, lächelnd ſeinen Kopf in die Hand ſtützend und ihn herzlich freundlich anſehend.„Weißt du wohl, Max, daß du ſelbſt wiederum ein Beweis meines richtigen Glaubens biſt? Das heißt, dein Hier⸗ ſein, deine Verſetzung aus weiter Ferne gerade an dieſen Ort, wo der einzige Menſch lebt, der dein Herz wieder zum richtigen Pulſiren zu bringen ver⸗ mag. Ich prophezeihe dir, vermöge meines blinden Glaubens an ein Fatum, daß du zu deinem Glücke hieher gekommen biſt!“—„Thorheit, Juſt! Ich war glücklich genug bis dahin und wünſche mir kaum ein erweitertes Glück. 424 Zufall oder Beſtimmung. Daß ich zu einem Stückchen Lebensweg wieder mit dir vereinigt bin, gefällt mir freilich ganz gut, aber ſonſt laſſe ich mich auf keine ſentimentalen Träu⸗ mereien von Glück ein!“ Der Hausherr wollte ſich eben zurecht ſetzen, um ihm gründlich zu be⸗ weiſen, daß die Selbſtſucht als Grundlage ſeiner Genügſamkeitserklärung zu betrachten ſei, als der Eintritt ſeiner Dienerin ihn ſtörte. Sie meldete den Banquier Herrn Kreitſchke, der die beiden Herren nur auf einige Mi⸗ nuten zu ſprechen wünſche. Verwundert tauſchten die Freunde einen Blick und Frau Hanna erhob ſich kopfſchüttelnd vom Sopha. Es war neun Uhr — alſo keineswegs eine Stunde, wo man fremden Beſuch zu erwarten ge⸗ wohnt iſt.—„Ich laſſe bitten, einzutreten!“ ſprach Heßling in gezwungener Artigkeit.— Herr Kreitſchke, ein ſtattlicher Mann von etwas ſteifem, ceremoniöſem Weſen, erſchien unter vielen Entſchuldigungen ſeiner wahrſcheinlich höchſt unwillkommenen Störung, motivirte jedoch ſeinen Beſuch als eine Art Noth⸗ wendigkeit im Intereſſe der allgemeinen und ſeiner ſpeciellen Sicherheit. Er nahm Platz und begann ohne weitere Weitſchweifigkeit von ſeiner Erkundi⸗ gung über die Perſönlichkeit des fraglichen Generaldirektor Krippendorf aus Mrburg zu reden, die durch ſeltſame Spiele des Zufalles veranlaßt ſei. „Ihre Antwort, mein Herr Regierungsrath,“ ſprach er weiter,„beruhigte mich zwar; allein, da es ſich um einen Wechſel von mehreren tauſend Tha⸗ lern handelte, ſo beſchloß ich dennoch der Sicherheit wegen nach Mrburg zu telegraphiren, um Gewißheit zu erhalten. Stellen Sie ſich mein Erſtaunen vor, als ich ſo eben eine Antwort meines Telegrammes erhalte, des Inhal⸗ tes:„J. W. Krippendorf hat ſeit drei Monaten Mrburg gar nicht verlaſſen — er erbittet ſich brieflich eine Rechtfertigung Ihrer Anfrage.“ Herr Kreitſchke ſchwieg und wartete auf eine Gegenrede der beiden Herren. Steinhagen begnügte ſich leicht mit dem Kopfe zu ſchütteln, als Zeichen, daß ihm die Sache überhaupt unverſtändlich ſei. Heßling hingegen ſchlug die Arme über der Bruſt zuſammen, runzelte ein wenig die Stirn und ſagte zurechtweiſend:„Mein lieber Herr, Sie ſprechen für uns in Räthſeln. So lange wir den Hergang der Geſchichte, die eigentliche Thatſache nicht kennen, bleibt uns Ihre Berichterſtattung unverſtändlich. Referiren Sie alſo erſt das Sachverhältniß, dann wollen wir unſer Urtheil geben.“ „Ja ſo— meine Herren,“ fiel der Banquier ſchnell und willfährig ein, „Sie wiſſen nicht— entſchuldigen Sie meine Verwirrung— ich bin in 48 fällt äu⸗ be⸗ ung dete Mi⸗ Blick Uhr ge⸗ ener Von Ernſt Fritze. 425 meiner Beſtürzung zu der Vorausſetzung gekommen, Sie wären ſchon unter⸗ richtet. Die Sache verhält ſich folgendermaßen: Es erſchien vor mehreren Tagen ein Herr in meinem Comptoir, der ſich mir als Generaldirektor Krip⸗ pendorf melden ließ. Er überreichte mir einen Wechſel, den er zu verſilbern wünſchte. Ich fand nicht das geringſte Bedenken dabei. Das Haus Golter, mit dem ich ſtets in Abrechnung ſtehe, hatte den Wechſel acceptirt und Herr Krippendorf hatte ihn ausgeſtellt. Ich hatte ſchon weit größere Summen für das Haus Golter contrahirt und kannte dasſelbe als zuverläßig. Gene⸗ raldirektor Krippendorf erhielt ſein Geld und im Geſchäftsbetriebe hätte ſich die Geſchichte wahrſcheinlich ſchon verlaufen, wenn nicht durch einen jungen Menſchen, Heinrich Roßmann, eine Neckerei aufgetaucht wäre, die dahinaus lief, daß er alle Morgen und alle Abend beim Begegnen meinen Lehrling gefragt, ob der Generaldirector nicht bald wieder einen Wechſel anbringen würde.“—„Wie kam der Heinrich Roßmann zu dieſer Frage?“ warf Heß⸗ ling ein. „Das weiß ich nicht genau. Auf mein ärgerliches Befragen danach erhielt ich zur Antwort, Heinrich habe durch ſeine Dummheit einen Handel zwiſchen ſeinem Bruder, der Goldſchmied iſt, und dieſem Generaldirektor zerſtört.“—„Heinrich Roßmann iſt aber keineswegs ein dummer, vielmehr ein äußerſt ſchlauer Burſche,“ ſchaltete Frau Hanna beſcheiden ein. Stein⸗ hagen, der ſehr geſpannt zugehört, doch ſich jeder Aeußerung über das Ver⸗ nommene enthalten hatte, nickte der jungen Frau verſtändnißvoll zu. Herr Kreitſchke fuhr fort. „Denken Sie ſich nun meinen Schreck, als geſtern früh ein ſchwarz um⸗ randeter Brief von der Firma Golter einläuft, worin mir das Ableben des Prinzipals der Handlung angezeigt wird mit dem Bemerken, daß das Vor⸗ mundſchaftsgericht damit umgehe, die Handlung eingehen zu laſſen, weil Herr Golter keinen Sohn, ſondern nur zwei Töchter hinterlaſſen habe, denen mit den Kapitalien mehr gedient ſein würde. Ich vergleiche ſofort das Da⸗ tum des Wechſels mit dem Datum des Sterbetages— beide fallen ſie auf einen Tag. Möglicherweiſe kann Herr Golter am Morgen den Wechſel aus⸗ geſtellt haben und am Abend geſtorben ſein.“ „Wie fielen Sie darauf, mich nach Krippendorf zu befragen?“ ſchob jetzt Steinhagen raſch ein.—„Heinrich Roßmann ſagte mir, Sie kämen direkt aus Mrburg und würden wohl wiſſen, ob es dort einen Generaldirektor Krippendorf gäbe. fer we dieſer jengſsndenſch daß ich in Mr „ 426 Zufall oder Beſtimmung. burg gelebt habe?“—„Bedaure, Ihnen darüber keine Auskunft geben zu können.“—„Sonderbare Begebenheit! Ich kenne niemand hier in der Stadt, wie meinen Freund Heßling— habe niemals den Namen Heinrich Roßmann vernommen!“ „Meine Herren, was iſt nun zu machen?“ fragte Kreitſchke unentſchloſ⸗ ſen.„Aus dem Golter'ſchen Comptoir habe ich telegraphiſch die Nachricht, ſie wüßten nichts von dieſem Wechſel, doch ſei Herr Golter kurz vor ſeinem ſchnellen Tode längere Zeit verreist geweſen. Den Namen Krippendorf habe man allerdings vom Verſtorbenen gehört.“—„Haben Sie Golters Unter⸗ ſchrift verglichen? Iſt es ſeine Hand?“ fragte Heßling.—„Unverkennbar! Wie würde ich wohl bei dem kleinſten Bedenken eine ſolche Summe gezahlt haben,“ antwortete der Banquier empfindlich.—„Beſchreiben Sie mir den Mann, der ſich bei Ihnen als Krippendorf eingeführt,“ ſprach Steinhagen ruhig.„War er groß?“—„Groß und ſtattlich, mit einer beginnenden Cor⸗ pulenz,“ antwortete der Banquier.„Er trug einen Bologneſerbart—.“— „Was heißt das?“ fragte Steinhagen ſtutzig.— Heßling lachte.„Nach hie⸗ ſigem Sprachgebrauch ein Backenbart neueſter Mode,“ ſchaltete er ein.— „Nein— als ich Krippendorf zuletzt ſah, trug er einen ſogenannten Demo⸗ kratenbart— doch iſt dies mehrere Monate her,“ erklärte Steinhagen. „Deſſen ungeachtet kann er jetzt einen prächtigen Bologneſer haben,“ ſcherzte Heßling.„Haben Sie nicht beſondere Eigenthümlichkeiten an Krip⸗ pendorf bemerkt, Herr Kreitſchke?“—„O ja. Sein Auftreten ſoll vornehm erſcheinen, iſt aber ein Gemiſch von brüskem Weſen und Gutmüthigkeit.“ —„Richtig!“ fuhr Steinhagen auf.„Daran erkenne ich ihn! Ich glaubte ſchon einem Betrüger auf der Spur zu ſein, muß aber meine Meinung nun ändern. Jedenfalls iſt Krippendorf der Mann, welcher bei Ihnen geweſen iſt, nur begreife ich nicht, weßhalb er es ableugnen ſollte, hier geweſen zu ſein. Bis jetzt hat er für einen redlichen, tüchtigen Geſchäftsmann gegolten, dem das Glück merkwürdig hold ſich gezeigt, und ich zweifle ſtark daran, daß er ſich um einiger tauſend Thaler willen die Mühe geben ſollte, eine ſolche Reiſe zu leugnen. Die ganze Sache mit dem Telegramm, worin er ſein Hier⸗ ſein in Abrede ſtellt, beruht ſicherlich auf einem Irrthume. Schreiben Sie ausführlich an ihn, ehe Sie irgend andere Schritte thun— das iſt mein Rath, lieber Herr Kreitſchke.“ „Hoho— das laſſen Sie hübſch bleiben, beſter Herr Kreitſchke,“ unter⸗ brach ihn Heßling.„Entweder iſt Krippendg Mrburg ein Schelm und “ 4 —— Von Ernſt Fritze. 427 Betrüger, der aus irgend einem Grunde ſeine Erklärung hinzuziehen trachtet, oder der hier aufgetretene Krippendorf iſt nicht identiſch mit jenem Krippen⸗ dorf, hat alſo den Charakter und die Stellung jenes Mannes benützt, um zu betrügen, und gewinnt durch eine Verzögerung ſeiner Verfolgung Zeit, die Früchte ſeiner Spekulation zu verthun. Mein Rath geht deßhalb dahin, daß Sie die Sache ſofort der Staatsanwaltſchaft übergeben und einen Antrag formiren, durch telegraphiſche Depeſchen die nächſten Seehäfen zu alarmiren, damit der fragliche Krippendorf bei einem etwaigen Verſuche eine Vergnü⸗ gungsreiſe nach Amerika zu machen, erwiſcht werden kann.“ „Sie haben Recht, mein Herr,“ erwiderte Kreitſchke, ſich raſch erhebend. „Rückſichten nehmen zu wollen, wäre unklug von mir. Ich werde meinen Buchhalter, der klug und beſonnen iſt, unverzüglich nach Stettin, als den zu⸗ nächſt liegenden Ort, wo man von uns aus die See erreichen kann, ſenden und ihn mit Vollmachten zu verſehen trachten. Alle anderen Schritte muß ich dem Gerichte überlaſſen.“—„Gut—“ ſprach Steinhagen, den die Ge⸗ ſchichte zu intereſſiren ſchien.„Gut, vigiliren Sie nach dieſer Seite, Herr Kreitſchke; ich werde mir erlauben, durch Hülfe meiner Freunde in Mrburg, Herrn Krippendorfs Schuld oder Unſchuld zu ergründen. Bin ich einmal in Folge eines unerklärlichen Zufalls in dieſe Geſchichte hineingezogen, ſo will ich mich auch wirkſam beweiſen. Mein Freund Heßling behauptete ja ſo eben vor Ihrem Eintritt, daß alles in der Welt vorherbeſtimmt ſei,“ ſchloß er lächelnd.—„Merk auf,“ rief ſein Freund dagegen,„merk' auf, dieſes Spiel des Zufalls iſt ein Schritt des Schickſals!“ „Beinahe möchte ich dir Recht geben, da die Wahrzeichen dieſes merk⸗ würdigen Zufalls auf eine frühere Bekanntſchaft zurückzuführen ſcheinen, die zu erneuern das Geſchick beſchloſſen hat,“ antwortete Steinhagen ſorglos und ohne zu ahnen, wie nahe er der Wahrheit mit ſeiner Meinung getreten war. Die Begegnung mit jener jungen Dame, welche ihm das Bild einer längſt beſeitigten Jugendgeliebten wieder in das Gedächtniß zurückgerufen, hatte er total vergeſſen, dachte alſo auch jetzt nicht an ſie, als er vermeſſen die Fügungen des Geſchicks verſpottete und ſtark in Abrede ſtellte. Eine einzige Frage nach den Verhältniſſen des beſagten Heinrich Roßmann, welcher ihm eine Rolle in der kleinen Geſchichte zudiktirt hatte, würde mancherlei Be⸗ ziehungen zu den Damen, denen er am Himmelfahrtstage vergeblich nachge⸗ forſcht, entwickelt und eine gewiſſe Fährte aufgedeckt haben. Es ſollte dies nicht geſchehen, darum unterblieb jede forſchende Frage. 428 Zufall oder Beſtimmung. Es war mittlerweile ſpät geworden. Herr Kreitſchke entfernte ſich unter wiederholten Entſchuldigungen, denen er Dankſagungen für die freundliche Bereitwilligkeit in Rath und That beifügte. Nach kurzer Zeit verabſchiedete ſich auch Steinhagen von ſeinen liebenswürdigen Wirthen mit dem Verſpre⸗ chen, bald wieder zu kommen. Befriedigt von dem gemüthlichen Familienleben, das er an dieſem Abend hatte kennen lernen, ſchlenderte er unter den Bäumen, die ihr weißes Blüthen⸗ kleid allmählig gegen den grünen Blätterſchmuck des Frühlings vertauſcht hat⸗ ten, dahin, ſeinen Gedanken nachhängend und ſeinem Wohlbehagen in der fri⸗ ſchen Abendluft ſich hingebend. Seine Seele mochte wohl durch die verſchieden⸗ artigen Einwirkungen der Atmoſphäre ſowohl, als des häuslichen Glückes, in eine ſanftere Verfaſſung gekommen ſein, aber bis zu romantiſchen Träume⸗ reien erhob ſie ſich dennoch nicht. Um ſo auffallender erſchien es, daß er plötzlich ſtehen blieb, die Hand gegen das Herz drückte und athemlos vor Ueberraſchung einem unbekannten Etwas zu horchen ſchien. Was war denn geſchehen? O nichts, gar nichts Beſonderes! Drüben an der andern Seite der Straße hatte ſich nur eine Thür geöffnet und einige weibliche Geſtalten wa⸗ ren unter herzlichen Abſchiedsworten über die Schwelle in's Freie getreten. „Gut' Nacht— ſüße Ruh!“ hatte eine Stimme gerufen. Es war der Gruß, womit man in Mrburg des Abends zu ſcheiden pflegte. Und die Stimme? O, wie ein Klang, wie ein lieblicher Ton aus einer längſt vergangenen Zeit war dieſe weiche, klingende Stimme an ſein Ohr gedrungen und hatte den Weg zu ſeinem Herzen gefunden, daß es hoch auf klopfte vor Luſt und Weh! — Schon ſtand er im Begriff quer über den Damm zu ſtürzen und zu fra⸗ gen, wer mit einer Stimme zu reden wage, die ſeine Phantaſie mit himmli⸗ ſchen Erinnerungen erfülle— da rief eine feſte, harte Frauenſtimme:„Komm, Eleonore!“ Und zwei Frauen bewegten ſich eilig ihm entgegen, wendeten ſich dann links und ſchritten weiter hinaus in die Vorſtadt.— Regungslos ſtarrte Steinhagen den beiden Damen nach. Eleonore— hieß alſo dieſe junge Dame, die ſelbſt in der Stimme eine merkwürdige Aehnlichkeit mit dem Mädchen hatte, das er einſtmals als das Ideal ſeiner Träume heiß geliebt, Eleonore! Er lächelte über ſeine Thorheit. unter gliche edete ſpre⸗ —— Von Ernſt Fritze. 429 Fünftes Kapitel. „Paſſen Sie auf, Ihr Chef iſt von dem Generaldirektor Krippendorf geleimt!“ hatte Heinrich Roßmann mit einem etwas ſchadenfrohen, boshaf⸗ ten Lächeln zu. einem Commis des Kreitſchke'ſchen Comptoirs geſagt.— „Woraus ſchließen Sie das?“ war die Gegenrede geweſen. Eine geheimniß⸗ volle Geberde mußte dem Fragenden als Antwort gelten. Er verweigerte ſonſt jeden anderen Aufſchluß. Als ſich der Argwohn in beſtimmtere Formen kleidete, kam dieſer Com⸗ mis gewiſſermaßen reſpektvoll geſinnt auf Heinrichs Vorausſage zurück. Eine Frage folgte nun der anderen, die Schranken der Vorſicht und Zurück⸗ haltung wurden gebrochen und der kluge Heinrich ließ ſich verleiten, die ganze Scene im Hotel zum Römiſchen Kaiſer in draſtiſcher Manier zu erzählen, um die Gründe ſeiner Behauptung erſchöpfend zu entwickeln. Schließlich hatte er ſich auf's große Pferd geſetzt und mit dem Triumphe geprahlt, den er über ſeinen Bruder, den Herrn Juwelier, errungen und dabei verrathen, was bis dahin allen ein Geheimniß geblieben war.„Mein Herr Bruder war bitterböſe auf mich und entließ mich höchſt ungnädig,“ erzählte er höchſt vergnügt.„Ich weiß, daß er einige Stunden wie ein Narr am Fenſter ge⸗ ſtanden und auf ſeinen„werthen Gentleman“ gewartet hat. Dann iſt ihm die Zeit lang geworden. Er hat kurzen Prozeß gemacht, ſich in's Zeug ge⸗ worfen und iſt ſchnurſtraks nach dem Hotel zum Römiſchen Kaiſer gewan⸗ delt. Und ſiehe da! Was läßt uns Gott erleben! Der Herr Generaldirektor Krippendorf iſt ſchon abgereist nach Mrburg. Eine Depeſche, die ihn ſehr ſchmerzlich berührt habe, ſei Veranlaſſung zur Beſchleunigung ſeiner Abreiſe geweſen. Er werde aber ſehr bald wieder kommen!“ Heinrich ſchüttelte ſich vor Lachen.„Von freien Stücken kommt der aber mein Lebtag nicht wieder.“ Dieſe Erzählung machte ſchnell die Runde und kam endlich auch der Frau Doctor Burkart zu Ohr, die jedenfalls ein größeres Intereſſe daran nahm, als jeder andere, da ſie die Veranlaſſung zu Heinrichs vorſichtigen Maßregeln gegeben hatte. Sie befragte Heinrich darnach. Dieſem war zwar von ſeinem Bruder Stillſchweigen geboten; allein er hatte einmal gegen ſeine Collegen das Siegel der Verſchwiegenheit gelöst, alſo beichtete er auch hier friſch darauf los. Auf dieſe Weiſe erfuhr Frau Doctor Burkart, daß der Generaldirektor aus Mrburg gekommen ſein ſolle.„Ei mein Himmel, da mag doch Herr Kreitſchke nur den neuen Regierungsrath Steinhagen um 430 Zufall oder Beſtimmung. Auskunft angehen,“ ſagte ſie,„derſelbe kommt ja eben direkt aus Mrburg und wird ſicherlich wiſſen, ob ein ſolcher Herr daſelbſt anſäſſig iſt.“— Die Worte waren faſt unwillkürlich ihren Lippen entflohen— ſie thaten ihre Wirkung.— Man denke ſich nun den Jubel des ſchlauen Heinrich, als es nach den erſten Schritten zur Aufklärung der Geſchichte immer ſicherer hervortrat, daß die Sache mindeſtens nicht ganz richtig ſei. Frohlockend eilte er eines ſchönen Abends verſtohlen nach dem Hauſe der Vorſtadt, wo ſeine Mutter wohnte, um dort zu berichten, was während der Zeit paſſirt war. Herr Kreitſchke hatte eine Klage anhängig gemacht— Herr Kreitſchke hatte ſei⸗ nen Buchhalter nach Stettin geſchickt, um den Generaldirektor abzufangen — Herr Kreitſchke war wüthend über ſeine ſorgloſe Dummheit und Herr Heinrich war ſtolz auf ſeine vorſichtige Klugheit. In der That, der Gang nach der Vorſtadt mußte unternommen werden, ſelbſt wenn ſein Prinzipal auch ungehalten auf ſeine Schleichwege ſein ſollte. Heinrich wählte einen ſtillen, verborgenen Weg außerhalb der Stadt, wo ihm nicht ſo viel Spaziergänger begegnen konnten. Das Dämmerlicht des Abends reichte vollkommen hin, um ihn den Pfad zwiſchen den Espla⸗ naden finden zu laſſen. Sein ſcharfes Auge ſchweifte über das Terrain, als er dort einbog. Er erblickte in der Ferne die feurigen Augen des Dampf⸗ zuges, der um dieſe Zeit einzutreffen pflegte und blieb ſtehen. Es war gewiß ein ſehr unſchuldiges Amüſement, dem heranſchnaubenden Dampfungethüme ſo ſtill bewundernd entgegen zu ſehen! Heinrich ſtand vergnügt da und be⸗ obachtete den Lauf des Zuges, der immer langſamer wurde und zuletzt ganz gemächlich mit ſeinen erleuchteten Waggons an ihm vorüberhuſchte. Plötz⸗ lich erſtarrte das Lächeln in ſeinem Geſichte— er hob ſeine Hände, um ſie über den Kopf zuſammen zu ſchlagen, als Zeichen einer inneren Verzweif⸗ lung— glücklicherweiſe beſann er ſich noch zur rechten Zeit und ließ es blei⸗ ben. Aber, wie von böſen Geiſtern getrieben, folgte er dem Bahnzuge, der nach wenigen Sekunden beim Perron anhielt. Die Waggons wurden aufgeriſſen— die Reiſenden verließen eiligſt ihre Plätze. Wahrhaftig— da ſtand der Herr Generaldirektor! Heinrich überlief es eiskalt vor Schreck bei dieſer unerwarteten Erſcheinung, die ihn für alle ſeine Läſterreden verantwortlich machte. Der Herr hatte Wort ge⸗ halten! Er war ſehr bald wieder gekommen— da ſtand er ſtolz und nobel, wie ein wirklicher General und ſchlug, wegen der eingetretenen Abendkühle, N Gang zipal tadt, licht Von Ernſt Fritze. 431 ſein Plaid dicht um Hals und Nacken. Herr Gott, wie würde es ihm nun ergehen! Sollte er nicht lieber ihm gleich zu Füßen fallen und um Vergebung aller Verläumdungen anflehen? Heinrich dachte es, that es aber nicht, ſon⸗ dern wendete, von widerſtreitenden Gefühlen geleitet, ſeine Sohlen der Stadt zu, wo er alsbald in dem Hauſe des Banquier Kreitſchke verſchwand. Was wollte der junge Menſch dort? Wollte er den zornigen Banquier beſchwich⸗ tigen und ihm vertrauen, daß man Chrenpforten zum Empfange des heim⸗ kehrenden Generaldirektors bauen müſſe? Nichts von alledem! Der ſchlaue Heinrich hatte nur die Abſicht, den Banquier Kreitſchke zu benachrichtigen, daß beſagter Generaldirektor Krip⸗ pendorf aus Mrburg angelangt ſei, ſich aber auf der Durchreiſe zu befinden ſcheine, da er in's Buffetzimmer getreten und mit einer geſchickten Drapirung ſeinen Bologneſerbart nebſt Kinn verborgen habe. Eile ſei nöthig, denn in zwanzig Minuten ſei alle Bemühung, die Ciſenbahnwagen einzuholen, gänz⸗ lich vergeblich. Herr Heinrich ſtotterte, athemlos vor Eile, ſeine Meldung heraus, als er vor Herrn Kreitſchke ſtand. Dieſer begriff deſſen ungeachtet alles und zögerte keine Minute, die geeigneten Maßregeln zu ergreifen, wo⸗ zu er um ſo dringender getrieben wurde, weil ſein Buchhalter ihm hatte tele⸗ graphiren laſſen:„Er iſt hier nicht zu finden!“ Gut! Auf dem Perron war er zu finden— alſo fort! Fort! Wer würde wohl nicht der Anſicht des Banquiers Kreitſchke beitreten, der da meinte, es ſei nichts weiſer, als ſich in fliegender Eile nach dem Orte zu ver⸗ fügen, wo ein Herr zu finden war, nach deſſen Anblick er eine ſeltſame Sehn⸗ ſucht empfand. Unterwegs überlegte er erſt, wie und auf welche Weiſe die⸗ ſer Herr wohl am würdigſten zu begrüßen ſei. Ihm fielen allerlei Empfangs⸗ feierlichkeiten ein, und da der Banquier ſich bis dahin als ein ſehr praktiſcher Mann im Leben bewährt hatte, ſo war anzunehmen, daß ihn auch bei dieſem Falle ſeine Verſtandeskräfte nicht im Stich laſſen würden. Herr Kreitſchke erreichte den Bahnhof früh genug. Ein Beweis, wie kräftig und tapfer er ſeine Beine in Bewegung geſetzt hatte. Noch liefen die Paſſagiere, die Schaffner und Dienſtmänner wild durch einander, immer in Gefahr, ſich unter einander das Leben zu verkürzen.„Vorgeſehen!“ ſchrie ein Packträger, und vor Schreck über dieſe überlaut ertheilte Warnung fiel der Banquier beinah zwiſchen die Räder der hin- und hergeſchobenen Loco⸗ motive. Der arme Mann hielt für gut, ſich hinter dieſen Packträger zu ver⸗ ſchanzen und in ſeinem Schatten verſteckt die Waggons nebſt dem Perron 432 Zufall oder Beſtimmung. abzuſuchen. Er fand den Herrn Generaldirektor Krippendorf nicht.— Jetzt verfügte ſich der Banquier in die weniger lebensgefährliche Reſtauration. Da ſaß der Mann, den er mit Feuereifer ſuchte, da ſaß er in einem wenig be⸗ leüchteten Winkel und ſpeiste mit beneidenswerthem Appetite und mit be⸗ wunderungswürdiger Seelenruhe eine Portion Beafſteak mit Spiegeleiern. Er kaute mit ſolcher Vehemenz, daß ſein Bartgehänge in wellenförmige Schwankungen gerieth, und ſeine Augen irrten bedauernd auf den Tellern umher, die nach und nach leer geworden waren. Vorſichtig zog ſich der Banquier zurück und gab nun dem dienſthaben⸗ den Gensdarmen, mit dem er vorher eine kurze Verabredung getroffen hatte, ein Zeichen, daß dieſer Herr es ſei, deſſen Abreiſe er zu verhindern wünſche. Mit der martialiſchen Würde, die allen Gensdarmen eigen iſt, trat dieſer Handlanger der Juſtiz auf den kauenden Generaldirektor zu, verbeugte ſich ſoldatiſch höflich und ſagte mit außerordentlich ſanftem Tone:„Mein Herr, dürfte ich mir Ihre Paßkarte ausbitten?“ Als hätte ihn eine Schlange geſtochen oder ein wildes Thier ihn er⸗ ſchreckt oder der Blitz ihn getroffen, ſo fuhr der Mann, welcher in der ſüße⸗ ſten Lebensbeſchäftigung geſtört worden war, von ſeinem Sitze empor und ſtarrte den Diener der Gerechtigkeit,— die er im Allgemeinen aus Prinzip haßte,— mit weit aufgeriſſenen Augen an. Schnell überwand indeß ſein männlicher Stolz, ſeine Geiſteskraft und eine nothwendige Beſonnenheit den Anfall von Schreck und er fragte hochfahrend:„Was beliebt? Meine Paß⸗ karte? Ich führe dergleichen nicht bei mir, da ich die Grenze Preußens nicht zu überſchreiten willens bin.“—„Dann bin ich genöthigt, Sie zu bitten, mir zu folgen,“ entgegnete der Gensdarm mit noch ſanfterem Tone. „Und weßhalb, wenn ich fragen darf?“ ſagte der Generaldirektor höh⸗ niſch.„Und wohin, mein Guteſter? Und wenn ich Ihnen nicht folgen will?“ —„Ihre Fragen beweiſen mir, daß Sie die Polizeigewalt im preußiſchen Staate noch nicht erprobt haben,“ antwortete der Gensdarm ruhig.— „Was habe ich mit der Polizei zu ſchaffen— machen Sie fort, Sie unver⸗ ſchämter Menſch, ſonſt riskiren Sie, daß ich Sie zu Boden ſchlage!“ ſprach der Generaldirektor, mit frechem Zorne ſeine Fauſt gegen den Beamten aus⸗ ſtreckend.—„Sie verderben ſich unnöthigerweiſe Ihr NRenommé, mein Herr, indem Sie die friedlichen Leute hier im Wartezimmer durch Ihre zügelloſe Heftigkeit erſchrecken,“ wendete der Gensdarm gelaſſen ein.„Bitte, mir zu folgen!“— In demſelben Momente tauchte dicht neben dem Gensdarmen —— Von Ernſt Fritze. 433 ein Polizeimann auf und der Helm eines zweiten Gensdarmen wurde in der Thür ſichtbar.—„Sie haben gar nichts zu fürchten, mein Herr,“ fuhr der Gensdarm in ſeiner Rede fort, als er bemerkte, daß der Fremde unſchlüſſig zögerte, aber doch ſchon zu überlegen begann, was vortheilhafter für ſeine ſonderbare Lage war, ſich zu fügen oder Widerſtand zu leiſten. „Verfluchter Schickſalsſtreich,“ murmelte er ziemlich verſtändlich.„Die Schaffner müßte alle der Teufel holen, die mich in dieſe Calamität gebracht.“ — Der Gensdarm ſah ihn fragend an.„Ja, ja—“ brach er ärgerlich los, „nur durch ein Verſehen des Schaffners bin ich hieher dirigirt.— Ich wollte mit dem Kölnerzug fahren, der gleichzeitig mit dem Zuge hieher abgeht, und wurde in einen Waggon geſperrt, ohne eine Ahnung von der Verwechslung zu haben, bis ich mich plötzlich hier befand.“—„Das iſt freilich Schickſals⸗ tücke,“ ſagte der Gensdarm in bedauerndem Tone.„Sie verlieren durch dies Verſehen nicht allein Zeit, ſondern auch Geld.“—„Ich werde ſchon zu reclamiren wiſſen— wozu ſind die verwünſchten Schaffner da in der Welt? Jetzt habe ich keine Zeit dazu, aber wenn ich von meiner Reiſe zurückkomme, ſo ſoll den Schaffnern dies theuer zu ſtehen kommen. Da ſignaliſirt der Zug zur Abfahrt— he, was wollen Sie nun von mir— ich muß fort!“— „Vorderhand noch nicht,“ erwiderte der Beamte ſeelenruhig.„Sie müſſen mir auf's Polizeigericht folgen um Ihrer Legitimation willen.“ „Schock—wetter!“ fuhr der Generaldirektor wild auf.„Ich werde Ihnen eine Legitimation auf den Rücken zeichnen, daß Sie bis an Ihres Le⸗ bens Ende daran denken ſollen. Nur fort— Sie ſollen ſich wundern, wen Sie hier ſo ungebührlich aufgehalten und chikanirt haben. Kellner— was bin ich ſchuldig!“ rief er dem verblüfft zuhorchenden Kellner zu.„Heben Sie meine Reiſetaſche auf— hoffentlich reiſe ich mit dem Nachtzuge weiter.“ —„Oder auch nicht,“ fügte der Gensdarm kaltblütig hinzu und nahm ohne Umſtände die kleine, aber ſchwere Reiſetaſche, die der Generaldirektor dem Kellner zuwarf, an ſich. Wüthend ſtampfte der Reiſende mit dem Fuße auf die Erde. Die Signalpfeife ertönte zum zweitenmale. „Nun, kommen Sie,“ ſchrie der Generaldirektor,„machen wir dieſer Scene ein Ende!“ Er ging raſch der Thür zu, wo ſich zur Zeit durch die forteilenden Paſſagiere ein ſtarkes Gedränge bildete. Mit außergewöhnlicher Gewandtheit durchbrach der Herr Generaldirektor das Menſchengewühl— der Gensdarm folgte ihm, gab aber ſeinem draußenſtehenden Collegen einen bedeutſamen Wink. Dieſer faßte den Fremden ſcharf in's Auge. Er be⸗ Hausblätter. 1867. 1. Bd. 28 434 Zufall oder Beſtimmung. merkte, daß er ſich in Schlangenlinien bald rechts, bald links hielt, immer gefolgt von dem Gensdarmen, der jetzt zu ſpät einſah, wie gewagt der Trans⸗ port ſeines verdächtigen Herrn im Augenblicke der Abfahrt war. Plötzlich verſchwand der Generaldirektor. Sein Begleiter blickte ſich rathlos nach ſei⸗ nem Collegen um. Dieſer lachte und eilte mit weiten Schritten auf ein Coupé erſter Klaſſe zu, das eben zugeſchlagen wurde. Im Nu hatte der zweite Gensdarm es wieder geöffnet, der erſte Gensdarm ſprang hinein, zerrte den Herrn Generaldirektor mit kräftigem Rucke heraus und ſchlug die Thür wieder zu. Die Signalpfeife ſchrillte zum drittenmale, die Schaffner ſchwangen ſich auf ihre Sitze— fort ſchnob die Locomotive und verſchwand in der dunkeln Nacht. Das alles war das Werk einer Minute geweſen. Der Gensdarm, bei⸗ nah überliſtet von dem ſchlauen Generaldirektor, hielt ihn jetzt mit kräftiger Hand am Kragen.„Laſſen Sie mich los!“ befahl der ſaubere Flüchtling mit ganz ungehöriger Anmaßung.—„Beruhigen Sie ſich, mein Herr,“ antwortete der Handlanger der Gerechtigkeit gemüthlich lachend,„es wird wohl gerathen ſein, daß ich Sie auf dieſe Weiſe in's Polizeigefängniß führe, Sie könnten ſonſt nochmals fehl gehen!“—„Nehmen Sie ſich in acht— Sie wiſſen nicht, mit wem Sie es zu thun haben!“ ſprach der hohe Fremde. —„Um ſo mehr bin ich verpflichtet, dafür zu ſorgen, daß ich dies erfahre!“ —„Wichtige Gründe machen meine Weiterreiſe nöthig, ſonſt würde ich nicht zu dieſem Verrath gegriffen haben. Es hängt ſehr viel davon ab, daß ich morgen in Köln eintreffe.“—„Ich glaube Ihnen alles, aber meine Pflicht macht mich despotiſch— fort alſo— fort, mein Herr!“ Die Hand zwiſchen ſeinen Hemdkragen ſchiebend und mit ſtarker Fauſt ſämmtliche Kleidungsſtücke im Nacken zuſammenfaſſend, geleitete der Be⸗ amte den beklagenswerthen Generaldirektor Krippendorf in etwas forcirtem Schritt zu der Stätte, wo für's erſte ſeines Bleibens ſein ſollte. Herr Kreitſchke aber, der den ganzen Auftritt von fern beobachtet und Todesangſt ausgeſtanden hatte, als ſein Generaldirektor plötzlich weg war, eilte nach Hauſe, um ſogleich der Staatsanwaltſchaft die Verhaftung mitzu⸗ theilen, die für jetzt nur durch den Mangel ausreichender Legitimationspa⸗ piere veranlaßt worden war. Er bat den Staatsanwalt, für den möglichen Fall, daß der Fremde ſich dennoch als Krippendorf legitimiren ſolle, ſeine Rechte zu vertreten und eine Confrontation mit einigen Perſonen, die über ihn Auskunft geben könnten, zu veranlaſſen. Er hielt es für angemeſſen, 1 immer Trans⸗ glötzlich ach ſei⸗ auf ein aite der hinein, zlug die chaffner ſchwand m, bei⸗ räftiger üchtling Herr,“ wird führe, acht— remde. fahre!“ ch nicht daß ich Pflicht r Fauſt der Be⸗ rcirtem tet und g war, mitzu⸗ onopa⸗ glichen ſeint e über meſfen, —-—-— PALO ·— Von Ernſt Fritze. 435 jetzt auch die Geſchichte mit dem Juwelier Roßmann zur Sprache zu brin⸗ gen, gab den Heinrich Roßmann als Zeugen an und nannte den Regierungs⸗ rath Steinhagen als denjenigen, welcher die Identität des fraglichen Gene⸗ raldirektors feſtzuſtellen vermöge, da er ſeit mehr als ſechs Jahren in Mrburg gelebt und den Krippendorf dort geſehen habe. Herr Banquier Kreitſchke ging nach dem Schluſſe dieſer Berichterſtat⸗ tung mit dem erhebenden Gedanken zur Ruhe, daß der Ruhm ſeiner Klug⸗ heit für diesmal wohl gerettet ſein möge, und beſchloß, künftighin die Ge— fahren beſſer zu prüfen, wo er ſeinen Verſtand in Mißkredit verfallen ſehen könne.— Der arme Generaldirektor hat in dieſer Nacht ſchwerlich ſo gut geſchlafen und ſo angenehm geträumt, wie der Banquier Kreitſchke. Sechstes Kapitel. Es klopfte leiſe und beſcheiden an die Thür des Zimmers, worin Frau Doctor Burkart nebſt ihrer Nichte am Fenſter ſaß, tief beſchäftigt mit weib⸗ lichen Handarbeiten. Noch ehe eine der Damen ein einladendes Herein zu rufen vermochte, drängte ſich ein buſchiger, blonder Lockenkopf durch die Spalte der Thür, und Heinrich Roßmann rief mit gedämpfter Stimme, der man deſſen ungeachtet einen innern Jubel anhörte.„Frau Doctor, Frau Doctor— wir haben ihn erwiſcht— er ſitzt feſt und eben will ich auf's Ge⸗ richt, wohin ich vorgeladen bin. Herr Kreitſchke, die Leute aus dem Hotel zum Römiſchen Kaiſer, mein Bruder und der neue Regierungsrath— alle ſind vorgeladen— das wird eine Heidenkomödie, Frau Doctor Burkart!“ — Die alte Dame winkte dem jungen Menſchen, näher zu kommen. Sie fragte nach den Umſtänden, unter welchen der Generaldirektor ergriffen ſei. „Sehen Sie, das iſt'mal wieder eine grundkomiſche Geſchichte vom Zufall,“ erzählte Heinrich vergnügt.„Ich war vorgeſtern Abend ein bischen ausgekniffen und wollte hieher, ohne doch meinen Prinzipal um Erlaubniß zu bitten. Er hat's nun freilich doch erfahren und hat mich etwas an den Ohren gezupft, aber das thut nichts, denn es iſt doch ein Hauptſpaß, daß ich gerade über den Perron gehen muß, als der Zug ankommt und daß ich, trotz der Dunkelheit, den Herrn Generaldirektor ſofort erkenne. Potz Blitz, Frau Doctor— ich mache kehrt, ſchieße wie eine Feuerſpritze in's Kreitſchke'ſche Haus und melde, was ich geſehen habe. Herr Kreitſchke hat den Herrn dann abfangen laſſen. Wir ſind nun als Zeugen gegen ihn vorgeladen, und der 9 28* 436 Zufall oder Beſtimmung. neue Regierungsrath ſoll uns darüber aufklären, ob der Mann ein ordent⸗ licher Generaldirektor iſt. Nun aber muß ich fort— wenn der Termin vor⸗ bei iſt, komme ich und erzähle, was ſich darin ergeben hat.“— Er machte ſein Compliment und ſchlüpfte wieder zur Thür hinaus. Frau Doctor Burkart machte einige Bemerkungen über die kurioſe Ge⸗ ſchichte und äußerte nachträglich ihre Bedenken, daß Heinrich ſich am Ende von ſeiner Lebhaftigkeit zu Behauptungen hinreißen laſſen würde, die er nicht mit gutem Gewiſſen beſchwören könne, dann aber vertiefte ſie ſich wieder in ihre Beſchäftigung und überließ Eleonoren ihren eigenen Gedankenſpielen. Dieſe waren bunt genug. Der Name des neuen Regierungsraths hatte ein mächtiges Gedächtnißfeuer angezündet, worin ſich ihre Phantaſie ſtark erhitzte. Wenn dieſer Mann durch zufällige Fragen von Heinrich erfahren ſollte, daß ſie, die ehemalige Pflegetochter des Amtsraths Wild, ihn erkannt und als denjenigen bezeichnet hatte, der über den Mrburger Fremden Aus⸗ kunft geben könnte? Wenn Steinhagen in Folge deſſen einen Beſuch hier abſtatten würde? Wenn er ſie nach ſo langer Entfremdung ganz anders betrachtete, als damals, wo ſie ein glänzendes Meteor am Geſellſchaftshim⸗ mel war? Wenn er ſie, in der totalen Veränderung ihres Weſens, nicht liebenswürdig genug fand, um ſie ferner ſeiner Beachtung werth zu halten? Eleonore ließ trübe ihren Blick durch das Zimmer ſchweifen, als wolle ſie es prüfen, ob ein ſolcher Aufenthalt einladend für den feinen, verwöhnten Weltmann ſein könne. Es war freilich ein großes, ſchönes, helles Zimmer, nicht ohne den Luxus einer früheren Zeit, welches ſogar vor vierzig Jahren imponirt haben konnte durch die ſolide Pracht der Möbel, der Spiegel, der Uhren, Conſolen, Vaſen und Armleuchter; ob es aber den zeitgemäßen An⸗ forderungen der Gegenwart entſprach und dem Geſchmacke eines hochgebil⸗ deten Mannes, darüber wagte Eleonore kein Urtheil zu geben. Aber was träumte ſie denn auch?„Er wird mich nicht aufſuchen,“ dachte ſie plötzlich ernüchtert,„er hat gar keine Veranlaſſung dazu— er hat damals zwar eine freundliche Aufmerkſamkeit für mich gezeigt und mein thörichtes, junges Herz hat ſich mehr dadurch feſſeln laſſen, als gut war, allein das ſchließt alles keine Nothwendigkeit ein, mich von neuem zu begrüßen!“— Eleonore verſcheuchte nach dieſem vernünftigen Selbſtgeſpräche alle Grillen und gab ſich ebenfalls ihrer Thätigkeit ungetheilt hin. Heinrich Roßmann aber trollte während deſſen mit etwas geſteigertem Selbſtgefühle nach dem Gerichtslokale, woſelbſt eine Aufklärung über die Ende richt der in elen. hatte ſtark fahren kannt Aus⸗ hier nders him⸗ nicht alten? wolle hnten ——y——— Von Ernſt Fritze. 437 dunkeln Verhältniſſe eines Mannes verſucht werden ſollte, der in zweideuti⸗ gem Lichte in der Stadt ſtand. Er betrat das Gerichtslokal nicht ohne Be⸗ klemmung. Die Ehrfurcht vor dem Geſetze gleicht bei unverdorbenen Ge⸗ müthern der Ehrfurcht vor der Religion und vor Gott. Dazu kam, daß das Gerichtshaus, ein ſeltener Fall im Staate, ein reſpektables Aeußere hatte, große feierliche Zimmer, Hallen und Corridore— genug eine Ausſtattung, wie ſie ſich für eine Stätte geziemt, wo Recht geſprochen, wo der Gerichts⸗ hof über Tod und Leben zu entſcheiden berechtigt iſt. Wäre das Lokal in einer jener erbärmlichen Boutiquen geweſen, die zu nichts anderem mehr zu gebrau⸗ chen ſind, als Schutthaufen daraus zu machen, ſo würde ſich das Gefühl des klugen Heinrich ſicherlich vom Gipfel der Ehrfurcht zum ironiſchen Reſpekte herabgedrückt haben, der ſich ſo leicht des Sinnes der Menſchen bemächtigt, wenn er einer ſchreienden Diſſonanz zwiſchen Macht und Verfall, zwiſchen innerer Größe und äußerlicher Jämmerlichkeit begegnet. Der junge Menſch wurde in ein Zimmer geführt, wo er warten mußte, bis er gebraucht werden ſollte. Bald darauf ertönte eine ſcharfe Klingel. Es war das Zeichen, daß er eintreten müſſe in's Geſchäftszimmer des Kri⸗ minalrichters. Jetzt begann ſein Herz zu klopfen. Eine innere Angſt beſchlich ihn und er wünſchte ſich weit hinweg, um der Beklemmung los zu werden, die ihn peinigte. Es half nichts! Er hatte ſich ſelbſt in dieſe Calamität ge⸗ ſtürzt und mußte vorwärts. Unſicher trat er ein in's Verhörzimmer— un⸗ ſicher blickte er um ſich. O, ſein Muth kehrte ſchnell zurück. Lauter bekannte Geſtalten! Da ſaß der Hotelwirth— ſein Portier und ſein Kellner. Da ſaß Herr Kreitſchke und ſein Commis. Da ſaß ſein Bruder— Herr Gott, da ſtand ja hinter der Schranke auch der Generaldirektor Krippendorf! Alle ſeine Angſt war weg, als er dieſen Mann vor ſich erblickte; er lächelte und machte dem Herrn Richter und der ganzen ehrenwerthen Geſellſchaft ein höchſt anſtändiges Compliment. Der Richter begann ſogleich.„Iſt dies der junge Menſch, der Ihnen durch ſeine„Flegelei“, wie Sie ſich ausdrückten, Veranlaſſung gegeben, das beabſichtigte Geſchäft mit dem Juwelier Roßmann abzubrechen?“ fragte er den Generaldirektor, indem er auf Heinrich deutete.—„Derſelbe junge Menſch,“ erklärte der Befragte mit einem vornehmen Seitenblicke.„Ich wollte nichts mit Leuten zu thun haben, die beleidigendes Mißtrauen zu er⸗ kennen gaben, und ich behalte mir vor, Rechenſchaft für ein Verfahren gegen mich zu fordern, das mich einem Verbrecher gleich ſtellt, während es nach 438 Zufall oder Beſtimmung. meiner Meinung jedem Menſchen im Chriſten-, Türken- und Judenreiche frei ſteht, zu kaufen, wo er will und was er will,“ ſetzte er dann ärgerlich hinzu. „Darum handelt es ſich auch hier nicht. Es ſoll Ihre Identität mit jenem Manne, der vor einigen Wochen im Hotel zum Römiſchen Kaiſer logirt und verſchiedene Geſchäfte hierſelbſt gemacht hat, conſtatirt werden, weiter nichts. Sie haben dem Hotelbeſitzer und ſeinen beiden Leuten gegenüber freiwillig erklärt, daß Sie jener Herr ſeien, der unter dem Namen Krippen⸗ dorf und dem Charakter eines Generaldirektors im Römiſchen Kaiſer logirt hat— Sie haben ſehr freimüthig und offenherzig dem Banquier Kreitſchke erklärt, einen Wechſel mit dem Accepte des Herrn Golter, der von dem Ge⸗ neraldirektor Krippendorf ausgeſtellt worden war, verkauft zu haben— Sie haben dem Juwelier Roßmann eingeräumt, in ſeinem Gewölbe bedeutende Einkäufe„beabſichtigt“(wie Sie zu ſagen beliebten) zu haben und nur durch die unpaſſende Handlungsweiſe ſeines Boten von der Ausführung zurückge⸗ halten zu ſein,— Sie haben ferner ſchließlich den jungen Heinrich Roßmann als denjenigen erkannt, der Sie durch ſein Mißtrauen beleidigt hat— genug, durch Ihre eigenen Ausſagen iſt bis zur Evidenz erwieſen, daß Sie der Ge⸗ neraldirektor Krippendorf ſein müſſen.“ Der Richter hielt inne und ſah ihm ruhig und kalt in's Geſicht. Den Augenblick benützte der Generaldirektor, um einzufallen:„Je klarer dies er⸗ ſcheint, um ſo weniger haben Sie Veranlaſſung, meine Abreiſe auch nur eine Minute noch zu verhindern, mein Herr Richter.“— Der Richter zuckte leicht die Achſeln und fuhr fort:„Allein es liegt uns leider die Pflicht ob, Ihnen eben ſo klar zu beweiſen, daß Sie der Generaldirektor Krippendorf aus Mrburg nicht ſein können, da dieſer Herr Krippendorf uns in vorliegender Depeſche“— er hob ein Blatt in die Höhe und zeigte den Inhalt—„ver⸗ ſichert, daß er ſeit Monaten Mrburg nicht verlaſſen habe.“— Er ſchwieg. Alle Anweſenden hatten die Blicke auf das Papier geheftet gehalten, nur Heinrich Roßmann, der pfiffige Burſche, verließ das Geſicht des fraglichen Krippendorf mit keinem Auge und er ſah, daß er die Farbe ſtark wechſelte und die Zähne heftig zuſammenbiß.—„Was haben Sie darauf zu erwi⸗ dern?“ fragte der Richter kaltblütig das Blatt wieder zuſammenlegend. „Eine verdammte Intrigue— eine verwünſchte Chikane!“ ſchrie der Befragte in voller Wuth.„Ich habe Feinde in Mrburg, die mir mein Glück nicht gönnen! Ich bin ein Gegenſtand des Neides, weil meine Unterneh⸗ reiche herlich Yppen⸗ logitt itſchke Ge⸗ Sie ttende durch ckge⸗ nann enug, Ge⸗ Den es er⸗ eine leicht hnen aus ender ber⸗ vieg. nur ichen ſelte rwi⸗ der luc neh⸗ — — 439 Von Ernſt Fritze. mungen brillant ausfallen! Ich ſpiele eine große Rolle in Mrburg, während mein früherer Prinzipal, der Juſtizrath Mull, als Geſchäftsmann aus der Mode gekommen iſt und jetzt froh ſein muß, wenn ich ihm etwas zu thun und zu verdienen gebe— es iſt ein Skandal— man will mich blamiren— laſſen Sie mich fort, damit ich den Bubenſtreich aufdecken kann— nehmen Sie die ganze Summe, die in meiner Reiſetaſche ſteckt, als Kaution und laſſen Sie mich reiſen, damit ich den Niederträchtigen züchtigen laſſen kann, der mich mit dieſer lügenhaften Depeſche zu demüthigen gedenkt— laſſen Sie mich fort— laſſen Sie mich fort!“ Er ſtürzte bei dieſen Worten in dem Verhörzimmer hin und her, ohne Rückſicht auf die Anweſenden zu nehmen und geberdete ſich ganz wie ein tief gekränkter und ſchmerzlich beleidigter Mann.—„Beruhigen Sie ſich, mein Herr,“ mahnte ihn der Richter,„bedenken Sie, wo Sie ſind.“—„Nein, es iſt zu toll— es iſt um den Verſtand zu verlieren, wenn ein ruhiger Reiſen⸗ der ſolchen Maltraiten ausgeſetzt iſt und ohne Schutz ſich den Willkürlichkeiten fremder Leute fügen ſoll. Ich verlange, frei gelaſſen zu werden! Ich werde Beſchwerde führen. Bis zur höchſten Inſtanz werde ich mein Recht verfolgen — o, mir ſteht der Weg zum Könige offen, wiſſen Sie das? Ich bin nicht ohne einflußreiche Protektion.“ Der Richter hatte unbemerkt die Klingel gezogen und dem hereintreten⸗ den Gerichtsdiener einen Wink gegeben, wonach ſich dieſer ſchweigend und unbeachtet wieder zurückgezogen. Zum zweitenmal öffnete ſich dann die Thür, der Regierungsrath Steinhagen erſchien und wurde flüchtig, aber ſehr ach⸗ tungsvoll vom Verhörrichter begrüßt. Dieſer wendete ſich nun zu dem Generaldirektor und ſprach ernſt und gemeſſen:„Ich muß bitten, ſich ſo weit zu einer anſtändigen Ruhe zu zwin⸗ gen, um das Verhör enden und noch einige Fragen an Sie richten zu kön⸗ nen.“— Trotzig das Kinn in die Fauſt ſtützend, blieb der Generaldirektor ſtehen und fragte:„Was beliebt noch?“—„Kennen Sie den Herrn, welcher ſo eben eingetreten iſt?“—„Nein!“ antwortete der Befragte nach einem ſtolzen Seitenblicke.—„Sehen Sie ſich dieſen Herrn genauer an,“ ermahnte der Richter.—„Wozu das— ich kenne den Herrn nicht! Ich habe ihn in meinem Leben noch nicht geſehen!“— Der Richter diktirte ruhig dieſe Er⸗ klärung ſeinem Protokollführer in die Feder. Dann wendete er ſich höflich an Steinhagen.„Sie erlauben, mein Herr Regierungsrath, daß ich dieſelbe Frage auch an Sie richte. Kennen Sie dieſen Herrn, der vor Ihnen ſteht?“ 440 Zufall oder Beſtimmung. Steinhagen prüfte mit der Sorgſamkeit eines Mannes, der die Wich⸗ tigkeit ſeiner Erklärung vollkommen begreift, den fraglichen Generaldirektor Krippendorf. Sein Mienenſpiel verrieth kein großes Wohlbehagen bei dieſer Gerichtsſcene, in die er durch unbegreifliche Zufälle verwickelt worden war. Als er mit Ueberzeugung zu antworten vermochte, ſagte er feſt und zuver⸗ ſichtlich:„Nein, ich kenne dieſen Herrn nicht!“— Ein Murmeln durchlief die Reihe der Zeugen. Dann trat die Todtenſtille der geſpannten Erwartung wieder ein. Der Richter ſprach weiter:„Sie kennen ihn nicht? Und doch iſt es ein Mann, der jahrelang mit Ihnen in Mrburg zuſammengelebt hat, deſſen Beruf ihn dem öffentlichen Verkehr überweist? Hätten Sie, während Ihres langjährigen Aufenthalts in Mrburg, nie Gelegenheit gehabt, den Generaldirektor Krippendorf zu ſehen?“ Steinhagen blickte ernſt zu dem fremden Manne auf, der aus unlaute⸗ ren Gründen den Namen eines ehrlichen Mannes angenommen hatte.„Die⸗ ſer Herr iſt nicht der Generaldirektor Krippendorf, darauf leiſte ich einen Eid!“ ſprach er.„Herr Krippendorf iſt mir ſehr wohl bekannt. Er iſt um zehn Jahr älter, als dieſer Mann, trägt einen Vollbart, der ſchon ſtark mit Grau untermiſcht iſt, hat eine kleinere und ſtärkere Figur und zeichnet ſich durch eine auffallend kleine Naſe aus. Ich wiederhole meine Behauptung: dieſen Mann kenne ich nicht, denn es iſt keineswegs der Herr Krippendorf aus Mrburg, welcher als Vorſteher einer bedeutenden Verſicherungsunter⸗ nehmung in Mrburg anſäſſig iſt.“ „Nun,“ wendete der Richter ſich ſtreng zu dem Fremden,„ſo erklären Sie mir, wer Sie ſind? Ihr Spiel hat ein Ende— zu welchem Behufe Sie dieſe Komödie aufgeführt haben, wird ſich leider bald herausſtellen— wer ſind Sie? Heraus mit der Sprache!“— Der Mann machte eine Verbeu⸗ gung und erwiderte voll Hohn:„Es thut mir leid, trotz der bündigen Be⸗ hauptung des Herrn Zeugen darauf beharren zu müſſen, daß ich der Gene⸗ raldirektor Krippendorf bin.“— Jetzt riß dem Richter die Geduld. Er klingelte.„Führen Sie den Mann ab,“ befahl er und jedermann wußte, daß dies ſo viel hieß, als„führen Sie den Mann in's Gefängniß, denn er iſt ein Verbrecher.“ Mit einer Geberde verwegenen Trotzes ſchlug der Fremde die Arme über die Bruſt und blieb ungeachtet des Winkes, den ihm der Gefan⸗ genwärter gab, ſtehen.—„Haben Sie noch etwas anzuführen?“ fragte ſein Richter. Er antwortete nur durch ein Spottgelächter. Der Regierungsrath Steinhagen betrachtete ihn mit unverhohlenem * 4 ——,—.———— Von Ernſt Fritze. 441 Abſcheu. Es war, als kämpfe er mit ſich, als könne er eine Aufklärung ge⸗ ben, die an Anklage grenzte. Ihm ſchien es nur zuwider zu ſein, ſich weiter an der Sache zu betheiligen. Plötzlich entſchloß er ſich, nahm einen Brief hervor und ſagte laut und vernehmlich zum Richter gewendet:„Vielleicht finden Sie in dieſem Schreiben, das ich erſt heute Morgen erhielt, einen Fingerzeig, der die Verhältniſſe hierſelbſt zu entwickeln vermag. Ich wendete mich im Intereſſe des Herrn Kreitſchke an einen Freund, welcher in Mrburg. am Gerichte arbeitet, um Auskunft über Krippendorfs Reiſe hieher zu er⸗ halten. Mein Freund beſtreitet die Möglichkeit einer ſolchen Reiſe, weil Krippendorf, zufolge eines Gichtanfalles, ſeit mehreren Wochen das Zimmer hüten muß. Aber er führt die Thatſache an, daß ein Unteragent Krippen⸗ dorfs auf eigene Fauſt Geſchäfte in Krippendorfs Namen gemacht und durch betrügliche Experimente ſeinen Chef um bedeuetnde Summen gebracht hätte. Wollen Sie Gebrauch von dieſem Briefe machen? Hier iſt er!“ Steinhagen übergab den Brief. Raſch ſchlug ihn der Richter auf und las ihn.„Nun, da Sie der Generaldirektor Krippendorf nicht ſind,“ ſagte er dann mit heiterem Aufblick,„ſo werden Sie wohl der Agent dieſes Herrn ſein und Georg Sellenſtein heißen, nicht wahr? Es wird mir gelingen, Sie zu überführen, daß Sie ſich darin gefallen haben, die Rolle Ihres Chefs zu ſpielen, um ſich zu bereichern.“— Er ordnete noch eine genaue Viſitation an, befahl, ihm alles zu nehmen, was er an Geſchmeide, Gold, Uhren, Meſ⸗ ſern und dergleichen bei ſich führe, und deutete dann an, daß der Gefangen⸗ wärter mit ihm gehen könne.— Armer Generaldirektor, du folgteſt zornig und ſchweigend deinem Gefangenwärter, weil du einſahſt, daß gegen die Macht und Gewalt des Geſetzes und der Wahrheit nichts zu machen ſei. Als ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen hatte, kehrte Leben in die ſtumme Geſellſchaft zurück, die als anklagende Zeugen zugegen geweſen waren. Man fand es unerhört, ſo frech und dreiſt zu lügen und zu leugnen— man erging ſich in Vermuthungen, ob er wirklich der Agent Georg Sellenſtein ſei— man war außer ſich vor Erſtaunen, vor Neugier und vor Bewunderung über die Zufälligkeiten, die alles zuwege gebracht hatten. „Wie erfuhren Sie denn, daß ich aus Mrburg hieher verſetzt worden war?“ fragte Steinhagen den ſchlauen Heinrich bei dieſer Gelegenheit.— „Frau Doctor Burkart hat's mir geſagt!“ antwortete der junge Menſch mit Würde.— Steinhagen ſah ihn groß an.„Frau Doctor Burkart? Ich kenne keine Dame dieſes Namens— ich habe nie den Namen gehört! Wo⸗ 442 Zufall oder Beſtimmung. von weiß die Dame, wo ich früherhin gelebt?“—„Vielleicht von ihrer Nichte, die aus der Gegend von Mrburg ſtammen ſoll,“ antwortete ſtatt Heinrichs der Banquier Kreitſchke.—„Ihre Nichte? Wie heißt ſie?“ forſchte Steinhagen etwas befangen.—„Eleonore heißt ſie!“ rief Heinrich wichtig. Im höchſten Grade überraſcht blickte Steinhagen den jungen Menſchen an, aber er hielt ein Gerichtszimmer nicht für den paſſenden Ort, Privat⸗ verhältniſſen nachzuforſchen, deßhalb brach er die Unterhaltung ab und ver⸗ ließ das Gerichtslokal.„Eleonore“— ſonderbar, daß der kaltſinnige Re⸗ gierungsrath mit einem Gefühle, das an Romantik ſtreifte, dieſen Namen immerfort in ſeinen Gedanken wiederholte und daß ſeine Phantaſie ſich voll⸗ ſtändig abmühte, dieſen Namen mit der jungen Dame in Verbindung zu bringen, welche ihn an Ella erinnert hatte. Es mußte dieſelbe Dame ſein, die ſein Herz an jenem Abend ſo mächtig aufgeregt hatte, als ſie„Gut Nacht! Süße Ruh'!“ rief. Und wenn ſie es war? Lag nicht der Gedanke ſehr, ſehr nahe, daß es eben auch Ella ſein könne, die vor langer, lieber Zeit durch eine unbekannt gebliebene Verwandte aus Mrburg abgeholt wor⸗ den war? Die Unruhe ſeiner Seele hätte Steinhagen über den Zuſtand ſeines Herzens belehren und ihm begreiflich machen können, daß es keineswegs „überwundene Gefühle“ waren, mit denen er ſeine Erinnerungen an Ella zu bezeichnen pflegte. Er hatte ſich damals gewiſſermaßen einer Nothwen⸗ digkeit gefügt und das zu überwinden geſucht, was ſeinen Verhältniſſen ent⸗ gegen ſtand. Zwiſchen ihm und dem reizenden jungen Mädchen, das im Strahlenglanze der Jugend, der Schönheit und des Reichthums ſeine Sinne umgaukelte, war nie ein Wort der Erklärung gewechſelt, das bindend für beide genannt werden konnte. Aber es gehört jedenfalls ſehr wenig dazu, ſich gegenſeitig in ſeinen Gefühlen zu errathen, wenn unbewachte Blicke und der weiche Klang der Stimme es offenbaren, daß ein mächtiges Intereſſe die Bruſt erfüllt. Um ihm dieſe Belehrung über die Verantwortlichkeit ſei⸗ ner Blicke zu geben, ſchien das Schickſal expreß gegen Steinhagen ſich zu rüſten und mit allen, auch den kleinſten und leiſeſten Erinnerungen aus je⸗ ner ſchönen Zeit jugendlicher Schwärmerei zu Felde zu ziehen. Seine innere Dispoſition änderte ſich unter ſolchen phantaſtiſchen Be⸗ ſchäftigungen und ging ganz allmälig in einen Wärmezuſtand über, der un⸗ bedingt nöthig war, wenn das Werk der Vorſehung gelingen ſollte, das ſich ſichtlich in den wunderbaren Zufälligkeiten vorbereitete. Steinhagen war Von Ernſt Fritze. 443 der Gefühlswelt entfremdet geweſen, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Er gehörte zwar nicht zu den Männern, die nur aus Berechnung eine Ehe zu ſchließen willens ſind, aber er zählte zu jenen Egoiſten, die durchaus nicht geneigt er⸗ ſcheinen, ſich eines möglichen häuslichen Glückes wegen freiwillig allerlei Opfer und allerlei Entbehrungen aufzuerlegen. Schon das Zuſammentreffen mit ſeinem beſten Jugendfreunde würde manches in ihm wieder wach gerufen haben, was nur aus Mangel an An⸗ regung in ihm eingeſchlummert war. Beſſer noch wirkte der Zufall, welcher eine Dame in ſeinen Lebensweg zurückführte, die ſein früheres Leben wie ein Stern durchleuchtet hatte und dann plötzlich verſchwunden war. Vergeſſen hatte er dieſe liebliche Mädchengeſtalt niemals, aber die Sehnſucht nach ihr hatte ſeine Tage auch niemals getrübt. Sein Verſtand war zu reif für ſolche Herzensthorheiten, ſeine Vernunft herrſchte zu unbedingt, um für vergebliche Hoffnungen Mitleid mit ſich ſelbſt zu fühlen. Es war vorbei geweſen, was ihn eine kurze Zeit beſeligt hatte, und er ſtarb nicht daran, als es vorbei war. Ob ſich jemals ſein Herz zu einer edlen Begeiſterung erheben würde, wie ſie nothwendig war, um allen Weltverhältniſſen ſtandhaft die Stirn zu bieten, wenn Ella ihm wirklich vom Schickſale wieder nahe gebracht werden ſollte, das blieb trotz alledem ſehr fraglich.— Schlußkapitel. Schon in den nächſten Tagen klärte ſich das Räthſel über den General⸗ direktor Krippendorf zum Jubel des ſchlauen Heinrich und zum ſtillen Ver⸗ druſſe des Banquier Kreitſchke vollſtändig auf. Man hatte in Mrburg zur Beſchleunigung der Sache die ſchöne Kunſt„das menſchliche Antlitz im Nu zu fixiren und auf Papier zu vervielfältigen“ benutzt, um die Geſchichte auf⸗ zuhellen. Es befand ſich ein photographiſcher Abdruck des betrügeriſchen Agenten Georg Sellenſtein im Beſitze des Generaldirektors Krippendorf und dieſer erfand den Ausweg auf's eiligſte, ſein eigenes Bild und dasjenige ſei⸗ nes Agenten einzuſenden. Unglücklicherweiſe war das Bild des Betrügers ſo ſprechend ähnlich, daß gar kein Zweifel obwalten konnte, wer dazu geſeſſen hatte. Nach dieſem überführenden Beweiſe räumte denn Herr Georg Sel⸗ lenſtein endlich ein, nicht der Generaldirektor ſelbſt zu ſein, behauptete indeß mit frecher Stirn, nur im Auftrage Krippendorfs gehandelt zu haben, dem es ganz gleich ſei, auf welche Weiſe er ſein Geld zuſammenſcharre. 444 Zufall oder Beſtimmung. Natürlich glaubte man dieſe Ausrede ebenſo wenig, wie alles andere, was er bis dahin behauptet hatte, und übergab ihn dem Richterſpruche der ſtrafenden Gerechtigkeit. Herr Kreitſchke kam noch mit dem Schreck davon. Man fand faſt die ganze Summe des gefälſchten Wechſels in der Reiſegeld⸗ taſche des Betrügers vor. Es eröffnete ſich dadurch für den Banquier die Ausſicht, nach dem Schluſſe der Unterſuchung wieder in den Beſitz des Gel⸗ des zu gelangen. Heinrich Roßmanns Name wurde jetzt überall lobend genannt. Er war eine Stufe höher geſtiegen in der Achtung des Publikums ſowohl, als ſeines Bruders, und er ſelber mochte ſich auch nicht wenig darauf zu gute thun, den Anlaß zur Verfolgung des Betrügers gegeben zu haben. Nur war er ehrlich genug, ſtets einzugeſtehen, daß ohne Frau Doctor Burkart die Ge⸗ ſchichte wahrſcheinlicherweiſe ganz anders gekommen ſein würde. Herr Steinhagen bekümmerte ſich ſeit ſeiner Vernehmung im Gerichts⸗ lokale gar nicht wieder um dieſe Betrügerei. Daß er ſie vergeſſen haben ſollte, kann man nicht behaupten. Er fragte jedoch nie darnach und ſuchte ſeine Rolle, die er gezwungen hatte ſpielen müſſen, als eine unweſentliche Zufälligkeit zu betrachten. Tiefer und nachhaltiger indeß erwies ſich der Ein⸗ druck der dabei gemachten Erfahrungen in Rückſicht auf die Damen, welche ihn zum deus ex machina in der Geſchichte erhoben hatten. Insgeheim forſchte er dieſen Damen nach. Insgeheim ſuchte er ihre Wege zu durchkreu⸗ zen. Insgeheim überzeugte er ſich endlich, daß Eleonore dieſelbe Ella war, welche vor ſechs Jahren, durch den Tod ihres Pflegevaters, von einer glän⸗ zenden Lebensſtellung in die Einförmigkeit eines beſchränkten Lebens ge⸗ ſchleudert wurde. Was Steinhagen bei dieſer Ueberzeugung empfand, läßt ſich nicht leicht beſchreiben. Das ſtolze Gebäude ſeiner eitlen Weltanſchauung erlitt unter den leichten Schwingungen einer phantaſtiſchen Träumerei merk⸗ lichen Schaden. Es überwallten ihn bisweilen weiche Gefühlsregungen, wenn er einige Stunden in dem Hauſe ſeines Freundes Heßling weilte und ſein häusliches Glück mit ſeinem ſelbſtſüchtigen Alleinleben verglich. Die humoriſtiſche Mahnung Heßlings„ihm nachzuahmen und ein Weib zu neh⸗ men“, das, wie ſeine herzige Hanna, ohne große Anſprüche des Lebens Laſt und Hitze und die Einſchränkungen eines Beamten mit ihm theile, begann einen anderen Eindruck zu machen. Die Erkenntniß, daß im Frieden mit ſich ſelbſt ein größeres Glück ruhe, als in allen Weltfreuden, brach ſich Bahn. Er erkannte, daß die Diſſonanzen des Menſchenlebens meiſtentheils aus dem ½ — 2 — s ge⸗ läßt auung merk⸗ ngen, eund Die 1 neh⸗ 3 Laſt egann 1 mit Bahn⸗ dem 6 1 Von Ernſt Fritze. 445 Zwitterleben entſtanden, den das Wollen und Nichtkönnen ſchuf, daß man ſich ſelber eine Qual auferlege, wenn man eine Stellung, halb aus äußerer Ehre, halb aus geheimem Elend gemiſcht, der feſten Conſequenz einer finan⸗ ziellen Einſchränkung vorzog— genug, Herr Max Steinhagen kam zu der Einſicht, daß ſein Freund Juſtus Heßling weiſer gehandelt, als er, indem er ſich muthig der finanziellen Nothwendigkeit unterwarf und mit Weib und Kind das zu vermeiden ſuchte, was ihn in Conflicte mit ſeinen Einnahmen verwickeln konnte. Nachdem er endlich ſo weit in der Gemüthsverbeſſerung vorgeſchritten war, wirkten die Zufälligkeiten des Geſchickes anders, wie früher. Wünſche erſchloſſen ſich— Hoffnungen erwachten und die Reihe ſtiller Beobachtungen endete mit einem feſten Entſchluſſe. Darüber war es aber Sommer geworden und die Roſen blühten in voller Pracht, als Herr Max Steinhagen den Weg nach der Wohnung Heß⸗ lings einſchlug, um durch ein freundſchaftliches Bekenntniß das bedrückte und bewegte Herz zu erleichtern. Er wurde mit heiterem Gelächter von ſei⸗ nem Freunde begrüßt.„Da haben wir dich ja— Hanna's Ahnung iſt rich⸗ tig geweſen! Zwiſchen dir und meiner kleinen Frau ſcheint ein unſichtbarer Telegraphendrath zu arbeiten.“— „Wie ſo?“ fragte Steinhagen, angenehm von dieſem fröhlichen Empfang angeſprochen.—„Hanna's Herz hat errathen, daß dein Herz dich heute Abend herführen würde.“—„Darf ich dieſe Worte als Garantie nehmen, daß mein Beſuch angenehm iſt?“—„Immer angenehm— immer noch viel zu ſelten, Max! Hanna hat uns Mittags ſchmählicherweiſe ein Gericht köſt⸗ licher Tauben und Spargeln entzogen, das ihr beides von ihrer Freundin, der Dorfpaſtorin, verehrt worden iſt, und hat uns dafür mit einem Stück Rindfleiſch abgeſpeist. Auf meine ſtarkverwunderte Frage nach den Tauben gab ſie mir dann die naive Antwort, ſie habe eine Ahnung, daß du heute kommen würdeſt, und da könnten wir zuſammen die Tauben und den dicken Spargel verzehren!“— Jetzt erſchien Frau Hanna's anmuthiges Geſicht zwiſchen der Thür⸗ ſpalte.„Guten Abend, Steinhagen, ſchwatzt der Mann ſchon wieder aus der Schule?“ ſchalt ſie lachend.„Ei, ei! Das will ein Beamter ſein, der Amtsgeheimniſſe zu bewahren verpflichtet iſt, und er kann noch nicht einmal Wirthſchaftsgeheimniſſe verſchweigen? Warte!“ Sie drohte ihm ſchelmiſch mit dem Finger und zog ſich wieder zurück, um für das Abendbrod Sorge zu 446 Zufall oder Beſtimmung. tragen. Heßling ſah ihr zärtlich nach.—„Es iſt die Krone meines Lebens,“ ſagte er leiſer.„Was wäre ich ohne ſie!“— Steinhagen ging langſam in der Stube hin und her und athmete den Lindenduft, welcher durch's offenſtehende Fenſter eindrang, in tiefen Zügen ein. Sein Freund merkte ſehr wohl, daß ihn etwas ernſt beſchäftigte, ja an⸗ ſcheinend ſchwer belaſtete, aber er wollte nicht darnach fragen, um dem Ver⸗ trauen, das ſchon auf ſeinen Lippen ſchwebte, nicht zuvorzukommen. Stumm bot er Steinhagen eine Cigarre. Dieſer wies ſie dankend zurück und ſetzte ſeinen Spaziergang im Zimmer fort. Heßling ſah gemüthlich immer hinter ihn her und wartete. „Wunderbar!“ murmelte Steinhagen und blieb endlich am Fenſter ſtehen.—„Was iſt wunderbar, Max?“ fragte Heßling, Gleichgültigkeit heuchelnd.—„Dein Einfluß iſt wunderbar— er iſt immer noch der alte, noch derſelbe, wie früher. Schon als Knabe beſchwichtigten deine Verſtan⸗ deskräfte meine Exaltationen und deine Vernunftgründe beſiegten meine ſpitz⸗ findigen Philoſophien, wozu ich ſtets geneigt geweſen bin.“—„Dabei kannſt du, trotz deiner Niederlagen, nur gewonnen haben,“ ſchaltete Heßling herz⸗ lich vergnügt ein.—„Was würde es nützen, wollte ich mich ſträuben, dir dies einzugeſtehen. Jetzt geht dein Einfluß noch weiter. Es beginnt ſogar dein Glaube auf mich zu wirken. Ich fange allen Ernſtes an, ein Fatum in unſerem Leben anzuerkennen.“— „Sieh'— ſieh'! Du ſchreiteſt fort in der Beſſerung!“ rief Heßling lachend, aber innerlich wurde er ſehr bedenklich, denn es mußte etwas ganz Beſonderes und Wichtiges geſchehen ſein, um ſeinen Freund aus der ſonſti⸗ gen Haltung zu bringen. Heßling ſchärfte Aug' und Ohr, als Steinhagen fortfuhr:„Erinnerſt du dich meines erſten Beſuches bei dir, Heßling? Er⸗ innerſt du dich deiner Frage nach Ella Wild? Erinnerſt du dich vielleicht auch, daß ich vom Anblicke einer Dame ſehr überraſcht wurde?“—„Ich er⸗ innere mich alles deſſen und weiß auch jetzt, daß die Damen Burkart heißen und keineswegs von ihrer Hände Arbeit zu leben gezwungen ſind, ſondern nur aus Thätigkeitstrieb immerfort fleißig arbeiten,“ antwortete Heßling beeilt.—„Das weißt du jetzt? Aber wie wirſt du ſtaunen, wenn ich dir ſage, daß die junge Dame nicht Burkart heißt, ſondern Eleonore Walden und daß ſie die Pflegetochter des ſteinreichen Amtsrath Wild war!“—„Max Steinhagen, Max Steinhagen— du träumſt wohl!“ rief Heßling über alle Maßen überraſcht. Er glaubte nicht an die Wahrheit dieſer Erklärung— tumm ſetzte hinter enſter tigkeit alte, eſtan⸗ Von Ernſt Fritze. 447 er ſchrieb ſie einem Irrthum zu. Steinhagen hatte Mühe, ihn zu über⸗ zeugen. „Wahrhaftig, Max, das iſt der kurioſeſte Zufall, der mir in meinem Leben vorgekommen iſt,“ ſagte er endlich faſt feierlich.— Steinhagen ſchaute zum Himmel empor. Sein Auge glühte in einer frommen, heiligen Erhe⸗ bung.„Ob es nur Zufall iſt?“ ſprach er ganz leiſe.— Heßling begriff ſchnell dieſe Stimmung und wußte, was er zu thun hatte.„Ganz angenehm kann dir dieſer Zufall nicht ſein,“ erwiderte er kaltblütig,„aber laß es dich nicht allzuſehr kümmern, Max; du wirſt in deinen Zirkeln dieſem Mädchen nie begegnen und wenn ſie auch die Schönheit, Anmuth, Grazie und Lieb⸗ lichkeit ſelber wäre— Präſidenten und Räthe, die ein Haus machen und Töchter zu verheirathen wünſchen, laden dergleichen Damen niemals ein. Außerdem brauchſt du dieſe Ella ja nicht zu erkennen—“ „Hältſt du mich für einen Eisbär, Juſtus Heßling?“ fuhr Steinhagen aufgebracht heraus.„Ich ſollte Ella verleugnen? Ich ſollte kalt bei ihr vor⸗ übergehen?“—„Nun, nun—“ beſchwichtigte ihn Heßling, ſarkaſtiſch lä⸗ chelnd,„etwas„Eis“ haſt du in den Regionen, worin es dir wohlgefiel, an⸗ geſetzt und mehr oder weniger„Bär“ ſind wir Männer allzumal, wenn es gilt, unſere Selbſtſucht mit ihren lieblichen Angewohnheiten zu vertheidigen. Aber im Grunde beruht mein Rath, den ich dir ertheilte, nur wieder, wie früherhin, auf meinen Vernunft⸗ und Verſtandeskräften, denn wozu willſt du dieſe junge Dame mit deinen Höflichkeiten incommodiren?“— Steinhagen warf ihm einen flammenden, zornigen Blick zu und begann wieder im Zim⸗ mer ſpazieren zu gehen. Eine Antwort auf die Frage Heßlings ſchien er nicht nöthig zu finden. Sehr zufrieden mit dieſer Grobheit, zündete ſich jener eine neue Cigarre an und drehte ſie mit beſonderem Wohlbehagen von Zeit zu Zeit zwiſchen den Fingern, obgleich dies gar nicht nöthig war, denn die Cigarre zeigte ſich feſt und ſchön gewickelt. Plötzlich blieb Steinhagen dicht vor ſeinem Freunde ſtehen und jetzt ſtrahlte ſein Auge im feurigen Glanze eines feſten Entſchluſſes.„Nein, Juſtus Heßling,“ ſprach er mit tönender, lauter Stimme,„nein, zum erſten⸗ mal ſollte ſich dein Einfluß auf meine Stimmung nicht bewähren, wenn es wirklich dein Ernſt wäre, meine Vorſätze zu hintertreiben! Aber, Juſt, ich kenne dich— ich kenne dich und weiß, was du für recht hältſt!“—„Ich kenne dich auch, Max, und weiß, daß du ſtets das Rechte thuſt, wenn du es erſt erkannt haſt,“ war ſeines Freundes ruhige Antwort.—„Dann wird es 448 Zufall oder Beſtimmung. dich nicht überraſchen, wenn ich dir eröffne, daß ich noch heute zu der Frau Doctor Burkart gehe und meine frühere Bekanntſchaft mit ihrer Nichte gel⸗ tend mache,“ erklärte Steinhagen. Augenſcheinlich angenehm von der Haſt überraſcht, womit ſein Freund dieſe Angelegenheit betrieb, verſteckte Heßling dennoch ſeine Freude hinter einem humoriſtiſchen Schelten und that, als fühle er ſich ſtark beeinträchtigt, daß er nicht ſeinetwegen endlich einmal ſo früh am Tage gekommen ſei, ſon⸗ dern der jungen Dame Ella wegen.„Doch will ich dich nicht hindern,“ ſchloß er ſeine Strafpredigt.„Geh' nur, mein braver Max, geh' nur und möge dieſer Schritt ein ſegensreicher für dich ſein! Vergiß jedoch um's Him⸗ melswillen das Wiederkommen nicht, damit du es mit meiner Hanna nicht verdirbſt, die deinetwegen am Herde ſteht, dir die Tauben und ſich ſelber die feinen Wangen braun und roth zu braten.“— Steinhagen ging und Heß⸗ ling ſchaute ihm nach.„Wenn das nicht eine Fügung Gottes iſt, dann glaube ich fernerhin nicht mehr an ein Fatum!“ murmelte er, indem er Anſtalt traf, in die Küche zu gehen und ſeiner Frau alles haarklein zu erzählen. Sehr bald hatte Steinhagen das Haus erreicht, welches er ſeit einigen Wochen ſchon mit den Blicken gehütet. Er ſtieg ſicher die Treppe hinauf und klopfte ebenſo ſicher an die richtige Thür. Dieſe Thür öffnete ſich. Er ſtand vor Ella.— Sie war allein— gerade nur auf einen Moment allein im Zimmer. Mit unbeſchreiblichen, überwältigenden Empfindungen ſahen ſich dieſe beiden Menſchen an— Thränen umflorten Ella's Augen, ihr Athem ſtockte — Steinhagen brachte nicht einen Laut über die Lippen und ſeine Hände, die er gegen das junge Mädchen ausſtreckte, zitterten. Wäre Frau Doctor Burkart eine einzige Minute ſpäter in das Zimmer zurückgekommen, ſo würde ſie wahrſcheinlich den ſtolzen Herrn Regierungsrath zu Eleonorens Füßen oder auch das junge Fräulein in ſeinen Armen gefunden haben. In der That, die Anzeichen zu ſolcher Scene waren vorhanden. Aber ein Blick in die kal⸗ ten, ernſten und entſchloſſenen Augen der Frau Doctor Burkart brachte Beide zur Beſinnung und zur richtigen Haltung zurück. Eleonore übernahm ſchnell gefaßt die Vorſtellung des früheren Bekannten. Die Dame nahm ihn nicht ganz gnädig auf. Sie witterte überall Abſicht, alſo auch hier. Da ſie von den früheren Anbetern ihrer Nichte überhaupt keine hohe Meinung hegte, ſo hielt ſie dafür, daß es unnütz ſei, ſolche Bekanntſchaften zu erneuern. „Sie wohnen doch nicht in der Vorſtadt, Herr Regierungsrath?“ fragte ngen f und ſtand in im dieſe ſtockte ände, octor vürde rüßen That, ekal⸗ Beide inell nicht e von te, o ragte Von Ernſt Fritze. 449 ſie gleich im Beginn ihres Geſprächs.„Ich habe Sie aber ſchon öfter hier gehen ſehen.“— Steinhagen führte, mit einiger Verlegenheit, als Grund die Beſuche hei ſeinem Freunde Heßling an, obwohl er in der letzten Zeit öfter in der Vorſtadt, als bei dieſem Freunde geweſen war.—„Wie? Der Gerichtsbeamte, welcher eine ſo brave, hübſche Frau und ſo liebenswürdige Kinder hat, iſt Ihr Freund?“—„Mein älteſter, mein beſter und aufrichtig⸗ ſter Freund,“ antwortete Steinhagen mit Wärme.—„Das dient Ihnen in meinen Augen zur Empfehlung,“ entgegnete Frau Doctor Burkart.—, Guter Juſtus Heßling,“ dachte Steinhagen, innerlich ergötzt von der klaſſiſchen Auf⸗ richtigkeit der Dame,„was wirſt du ſagen, wenn du erfährſt, daß deine Freundſchaft ein Sittenzeugniß für mich abgibt!“ Er wendete ſich nun end— lich direkt an Eleonoren, die inzwiſchen ihre Faſſung wieder erhalten hatte. „Wie iſt es Ihnen während der langen Zeit unſerer Trennung ergangen, Fräulein Ella?“ fragte er theilnehmend. „Gut, ſehr gut,“ war Eleonorens ſchnelle Antwort, die ſie mit einem dankbaren Blicke auf ihre Tante begleitete.—„Er nennt ſie Ella,“ dachte während deſſen Frau Doctor Burkart mit einigem Intereſſe.„Hören wir, wie ſich ſeine Geſinnung weiter entwickelt!“— Eleonore ſprach nach kurzer Pauſe weiter:„Ich überwand das Leid meiner bittern Lebenserfahrung unter dem Beiſtand meiner guten Tante weit leichter, als ich erwartet hatte. Meine Vergangenheit hüllte ſich durch den ſchnellen Wechſel meines Wohnortes in einen Schleier, der eigentlich erſt zum erſtenmal gewaltſam zerriß, als ich Sie erblickte.“—„Erkannten Sie mich ſogleich?“ fragte Steinhagen haſtig. —„Ja, auf den erſten Blick,“ erwiderte ſie mit liebenswürdiger Offen⸗ herzigkeit.— „So gut wurde es mir nicht,“ ſprach er ſanft und leiſe.„Ihr Anblick berührte mich elektriſch— ich hielt es jedoch für geradezu unmöglich, Sie plötzlich hier zu finden— ich zweifelte— ich verwarf den Gedanken daran. Dann hörte ich Sie eines Abends mit bekannter, lieber Stimme, in der be⸗ kannten, lieben Weiſe Ihrer Heimat:„Gut' Nacht— ſüße Ruh!“ ſagen— meine Gedanken kehrten wieder zurück zu der Möglichkeit, Sie in jener Dame zu finden, die da wußte, daß ich aus Ihrer Heimat komme—,“ er unterbrach ſich ſelbſt und ſchaute ſtill vor ſich nieder, als habe er etwas zu bereuen.— „Ich muß mich ſehr verändert haben, das entſchuldigt Ihren Zweifel,“ ſchal⸗ tete Eleonore befangen ein. 4 Steinhagen hob den Blick und prüfte ihr Geſicht. Die Zeit war ſcho⸗ Hausblätter. 1867. I. Bd. 8 29 4 450 Zufall oder Beſtimmung. nend an ihr vorüber gegangen und die friedliche Einförmigkeit ihres Lebens hatte verhindert, daß ſich ſcharfe Linien, wie ſie Aufregung und Leidenſchaft bilden, in ihre zarten, weichen Züge gegraben, aber der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts war ein anderer geworden; die helle, blitzende, reizende Fröhlichkeit ihrer Augen hatte ſich in eine weibliche, geduldige Sanftmuth verwandelt— ſie war zum Bewußtſein der Lebenszwecke gekommen, während ſie früherhin nur Lebensfreuden gekannt hatte. Steinhagen war jedoch zufrieden mit dieſer Veränderung und gab dieſer Meinung beredte, ſinnige Worte. Die Unter⸗ haltung blieb ernſt und ſicher in den Schranken geſelliger Sitte, aber es durchwehte ein Hauch ſüßen Verſtändniſſes, was ſie ſprachen. Frau Doctor Burkart blieb bei dieſer Zwieſprache eine ſtumme, aber ſehr aufmerkſame Zuhörerin. Sie kam allmälig zu der Ueberzeugung, daß dieſe zwei Menſchen eine tiefe, leidenſchaftliche Anhänglichkeit gegenſeitig be⸗ wahrt und daß Gottes Wille ſie wieder zuſammengeführt haben müſſe. Sie ſah auch glücklicherweiſe zugleich ein, daß es thöricht und vermeſſen ſein würde, ſich dagegen aufzulehnen. Wenn bei einem Wiederſehen nach einer Reihe von Jahren eine ſo fieberhaft innige Aufregung ſich kund gab, wenn die Blicke ſich ſtets ſuchten, wenn— wenn—. Der Gedankenfluß der Frau Doctor Burkart wurde unterbrochen. Steinhagen erhob ſich, um ſeinen erſten Be⸗ ſuch etikettenmäßig zu beenden. Er küßte beiden Damen die Hand und ging. Als die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, lehnte ſich Eleonore an die ſtarke, kräftige Geſtalt ihrer Tante und umſchlang ihren Nacken mit bei⸗ den Armen.—„Warum haſt du mir niemals von dieſem Manne erzählt, Eleonore?“ fragte die Dame.—„Weil mir ſein Andenken zu heilig war,“ flüſterte das Mädchen.—„Hat ſchon früher ein Verhältniß zwiſchen Euch beſtanden, das ihn berechtigt hätte, deinen Aufenthalt zu erforſchen?“— „Nie beſtand ein Verhältniß zwiſchen uns!“ betheuerte Eleonore.„Stein⸗ hagen, damals Aſſeſſor, war ein Liebling meines Pflegevaters und beſuchte uns häufig.“— Frau Doctor Burkart ließ das Geſpräch fallen, um nicht durch unberufene Worte die Unbefangenheit des Mädchens zu ſtören. Es gefiel ihr aber, daß Steinhagen ſeine alte Bekanntſchaft mit ihrer Nichte, die er doch für blutarm halten mußte, wieder anknüpfte und zwar auf eine Weiſe, welche auf Glück hoffen ließ. Sie kannte gottlob die Kämpfe ſeiner Welt⸗ eitelkeit nicht, die er dabei beſtanden. Ihm ging es, wie allen Siegern— man ſah ihm im Triumph ſeines Sieges über ſich ſelber nicht an, was er während des Kampfes erduldet hatte. 9 4 Lebens enſchaft es Ge⸗ glichkeit Von Ernſt Fritze. 451 Von ihrer Seite hatte alſo Steinhagen keinen Widerſpruch zu fürchten, wenn er, in raſch entflammter Zärtlichkeit, es von jetzt an als das höchſte Glück betrachtete, Eleonore als Gattin zu beſitzen. Von Heßlings Seite konnte er auf rege Theilnahme und auf die kräftigſte Unterſtützung bei ſeinen Wünſchen rechnen. Frau Hanna vermittelte ſofort einen freundſchaftlichen Verkehr mit den Damen, die längſt ihr Intereſſe erregt hatten. War es bei ſo glückverheißendem Zuſammenwirken ein Wunder, daß nach wenigen Wo⸗ chen Max Steinhagen der Verlobte des Mädchens war, das er im Grunde weit zärtlicher geliebt hatte, als er es ſelbſt gewußt? Mit dem Beginne des Winters wurde die Hochzeit gefeiert. Was derſelben vielleicht an zeitgemäßem Prunk abging, das erſetzte ſich durch eine Fülle ſeltenen Glückes.— Nach Heßlings Ausſpruch erfüllte ſich mit dieſer Vereinigung abermals eine Be⸗ ſtimmung des Himmels und er glaubte feſter als jemals an ein Fatum. Wir hingegen tragen einiges Bedenken, ſeiner Anſicht unbedingt beizu⸗ ſtimmen. Wir hegen beſcheidene Zweifel, daß ſich die Vorſehung zur Errei⸗ chung ihrer Zwecke eines Betrügers hätte bedienen müſſen, um zum Ziele zu kommen. Indeſſen wir verſchließen uns der Wahrheit ſolcher Behauptungen nur theilweiſe, wir geben gern zu, daß in den Verkettungen der geſchilderten Umſtände ein ganz wunderbares Spiel des Zufalles liegt, daß wir kaum die Fügungen des Schickſals in Abrede ſtellen dürfen! Ob Zufall— ob Be⸗ ſtimmung? Wohl dem, der alle Zufälligkeiten des Lebens mit unerſchütter⸗ licher Seelenkraft trägt und ſich auf den Glauben einer Gottesbeſtimmung ſtützt. 29* Der verſchwundene Poſten. Eine Lagergeſchichte aus dem amerikaniſchen Bürgerkriege von 4 Fr. von Wickte. Es war eine herrliche Nacht, die des 4. Auguſt 1862, als das achte Ohio⸗Regiment am Blueriver oberhalb Chickahominy ſein Lager aufſchlug. Hell und klar ſchien der Vollmond durch die alten Fichten, unter denen die Zelte aufgeſetzt waren, und zum monotonen Geſang des Whiphoorwill kon⸗ traſtirte das Quacken der Fröſche vom benachbarten Sumpf ganz ſonderbar. Am Rande desſelben war Dick Thompſon auf Poſten geſtellt und mit der Muskete auf der Schulter begann er die Promenade auf und ab. Sein Freund Harry Meeks konnte ihn von ſeinem Zelte aus ſehen und freute ſich im Verein mit ſeinem Kameraden Tom Ware über die ſtattliche Figur mit dem kurzen blauen Rock, dem ſpitzen Hut und den hohen Stiefeln. Plötz⸗ lich ſahen ſie ihn ſtillſtehen und mit dem Rücken dem Sumpf zugekehrt ſich nachläßig auf ſein Gewehr ſtützen. „Dick wird doch nicht ſchon müde ſein,“ ſagte Tom zu dem Andern, „das wäre etwas zu früh; die vier Stunden, welche ihm für ſein ſchmutziges Gewehr zudictirt ſind, haben erſt begonnen.“—„Ich denke, ehe wir uns niederlegen, gehen wir zu ihm hinunter und bringen ihm einenSiffen zu eſſen, denn der Aerger hat ihn nicht dazu kommen laſſen, etwas zu genießen, ehe er aufzog. Ich habe noch ein Weißbrod in meinem Schnappſack,“ ſagte der gutmüthige Harry.—„Und ich noch ein Stück Käſe,“ fügte Tom Ware hinzu,„das ich heute Morgen vom Marketender kaufte.“ Harry Meeks ſteckte den Proviant zu ſich und trat ſeine Wanderung 4 Von Fr. von Wickte. 453 an. Er war indeſſen noch keine zehn Schritte von ſeinem Zelte entfernt, als die Schildwache plötzlich vor ſeinen Blicken verſchwand. Er ſtand ſtill, rieb ſich die Augen, um ſich zu überzeugen, ob er denn auch recht geſehen habe— aber die Stelle, wo Dick Thompſon geſtanden hatte, war leer und er konnte ſich nicht getäuſcht haben. Er war jedoch außer Stande, ſich das räthſelhafte Verſchwinden zu erklären und ſelbſt auf dem Platze, dem er zugeeilt war, fand er keinen Anhalt, das Geheimniß zu entziffern. Kurz entſchloſſen wandte er ſich, um den Corporal von der Wache zu rufen, ehe er aber noch den Mund geöffnet hatte, fiel etwas neben ihm auf den Boden nieder. Sich danach umſehend, entdeckte ſein Auge einen Gegen⸗ ſtand, der ſich ſchnell zurückzog und von ihm für eine große Schlange gehal⸗ ten wurde. Das Kniſtern im Rohr am Rande des Sumpfes, welches einige Sekunden lang hörbar war, beſtärkte ihn in dieſer Annahme.„Dies kann doch aber nichts mit dem Verſchwinden meines Freundes zu thun haben,“ murmelte er vor ſich hin,„die Schlange wird doch keine Hexe ſein und an Wunder darf ein geſcheidter Kerl heutzutage doch auch nicht mehr glauben.“ Er rief dem Corporal zu und es dauerte nicht lange, bis derſelbe er⸗ ſchien. Der Chargirte war indeß ſo frappirt über das Ereigniß und gab ſein Erſtaunen ſo lebhaft kund, daß binnen kurzem faſt das ganze Regiment munter gemacht war. Alsbald ward das umliegende Terrain durchſucht und kein Buſch unbeachtet gelaſſen, ohne ein Reſultat zu liefern, ſo daß der Oberſt und der Major, die inzwiſchen auch erſchienen waren, einander fragend an⸗ ſahen. „Es iſt der ſonderbarſte Fall, der mir je begegnet iſt,“ ſagte der erſtere, „und Harry Meeks ſchwört darauf, daß der Poſten nicht fortgegangen ſei. ²* —„Harry muß ſich geirrt haben,“ entgegnete der Major,„das Mondlicht hat ihn ſicher getäuſcht; der Mann wird auf den Knien und Händen weiter gerutſcht und ſeinen Blicken durch das hohe Gras entzogen ſein; wer weiß, nach welcher Seite des Waldes er ſich gewandt hat.“—„Ich hätte ihn ſehen müſſen, Herr Major,“ bemerkte Meeks,„und Dick kann kein Deſer⸗ teur ſein.“ Der Oberſt hatte während deſſen ſein ſcharfes Auge über den Sumpf ſchweifen laſſen, feſt und auf ein kleines Stück erhaben liegenden Landes, das dicht mit Buſchwerk beſtanden war, gerichtet; dasſelbe konnte höchſtens * ——y— —-—————— 454 zehn Schritte von dem Ort entfernt ſein, auf dem er ſtand.—„Was iſt's, was ſehen Sie?“ fragtereifrig der Major.—„Ich mag mich irren,“ ent⸗ gegnete der Oberſt,„aber ich meine, da drüben auf der kleinen Inſel einen Hut im Buſchwerk hängen zu ſehen.“—„Er iſt es, verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf,“ rief der Major,„er wird ſich dort verſteckt haben, um eine günſtige Gelegenheit zum Deſertiren abzupaſſen.—„Das glaube ich kaum,“ erwi⸗ derte der Oberſt,„ein Menſch könnte nicht wohl ungeſehen dadurch waten und— da! Sehen Sie wohl? Jetzt ſieht man den Hut ganz deutlich; je⸗ mand iſt ganz gewiß da.“ „Wer ſollte es ſein, wenn's nicht Thompſon iſt?— Holla, Thompſon, ſeid Ihr da drüben?“ ſchrie der Major hinüber.— Es erfolgte keine Ant⸗ wort.—„Vorwärts, Leute, folgt mir!“ befahl der Major den Nächſtſtehen⸗ den. Ein Blitzſtrahl— ein Schuß aus dem Dickicht— und der Major ſtürzte zuſammen. Er ward aufgehoben und in's Lager getragen— eine Kugel hatte ihm das Bein zerſchmettert. Vorwärts drängten die Leute, an der Spitze der Oberſt. Das trockene Land war bald erreicht, aber im gleichen Moment ward die Figur eines großen, mit einer Büchſe bewaffneten Mannes ſichtbar, über deſſen Schulter ein Seil hing. Er ſuchte nach der anderen Seite durch den Sumpf zu ent⸗ kommen.—„Faßt ihn, Jungens, wie tauſend Niggers!“ rief der Colonel. — Der Befehl brauchte kaum gegeben zu werden, denn ſchon ſaßen die Ohio⸗ Jungen wie die Kletten an dem Flüchtigen. Das Mondlicht fiel voll auf ſeine Geſtalt und zeigte ein dunkles, unheimliches Geſicht, in dem ein paar ſchwarze, feurige Augen glänzten. „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Oberſt.—„Ein Rebell!“ entgegnete jener ſtolz,„Einer, der gewöhnt iſt, ſich mit Indianern und Nankee's herumzu⸗ ſchlagen. Ich bin aus Texas!“—„Und was thut Ihr in der Nähe unſeres Lagers?“—„Ich bin auf der Hochwildjagd!“ entgegnete der Rebell furcht⸗ los.— Der Oberſt nahm das Seil von des Mannes Schulter und ſah es an.„Ein Laſſo!“ rief er aus,„wozu führt Ihr denſelben?“— uushfehe kee⸗Schildwachen zu fangen und zu erwürgen,“ entgegnete der Gefragte mit höhniſchem Grinſen. Der Oberſt ſchauderte.„Eine unſerer Schildwachen war hier am Sumpf poſtirt,“ ſagte er,„könnt Ihr uns ſagen, wo ſie geblieben iſt?— „Ich könnte, wenn ich wollte,“ antwortete der Rebell gelaſſen,„ſie verſchwand Der verſchwundene Poſten. ** ent⸗ lonel. Ohic⸗ auf paar jener umzu⸗ ſeres urcht⸗ ah es emit r am 2 wand Von Fr. von Wickte 455 ganz ſchnell, nicht wahr?“—„Ja.“—„Ich will Ihnen ſagen, wie es kam, denn es kann mir doch nichts nützen, es geheim zu halten.“—„Voran denn.“ —„Der Teufel kam und nahm ſeinen Gevatter mit,“ erwiderte der Ge⸗ fangene mit heiſerem Lachen. Weitere Fragen weigerte er ſich zu beant⸗ worten. Als man ihn an ſeinem ſeitherigen Schlupfwinkel vorbeiführte, ſahen die Soldaten eine Muskete am Boden liegen. In der Eile und Aufregung des Augenblicks war dieſelbe ſeither den Blicken aller entgangen. Harry Meeks nahm ſie auf und erkannte dieſelbe als Dick Thompſons Eigenthum. — Als man dies dem Oberſt mittheilte, packte er den Rebellen bei der Kehle.—„Wenn Ihr nicht in den nächſten zehn Minuten an Eurem eige⸗ nen Seil baumeln wollt, ſo ſagt mir, was iſt aus der Schildwache gewor⸗ den!“—„Sie können mich hängen, ſobald es Ihnen gefällt,“ entgegnete der Gefangene kaltblütig,„aber von mir können Sie die gewünſchte Aus⸗ kunft nicht erhalten.“—„Und warum nicht? Was könnet Ihr für einen Grund haben, ſo widerſpenſtig zu ſein?“—„Weil es mir Vergnügen macht, Sie in Verlegenheit zu ſehen; was ich den verdammten Yanks in den Weg legen kann, iſt ſo gut wie eine Extra⸗Ration für mich.“ In dieſem Augenblick ſtieß einer der Leute einen Schreckensruf aus und deutete auf den Boden. Aller Augen blickten auf die Stelle und ſahen eine menſchliche Hand aus dem Moraſte hervorblicken.—„Großer Gott, was iſt das?“ rief der Oberſt.„Hebt ihn heraus, Leute!“— Die Arme bis zum Ellenbogen aufſtreifend gingen ſie an's Werk, und binnen wenigen Mi⸗ nuten lag die von Schmutz und Waſſer triefende Leiche Dick Thompſons vor ihnen! „Ihr wiſſet um dies Geſchäft,“ ſagte der Oberſt, ſich wieder zu dem Rebellen wendend,„habt Ihr den Muth, es einzugeſtehen?“—„Muth? Bei Gott!— An dem fehlt es keinem conföderirten Soldaten,“ rief der Rebell mit wildem Blick,„ich weiß um dies Geſchäft. Ich warf meinen Laſſo nach der Perhe und da derſelbe ſich um ihren Hals wand, konnte ich den Mann halb erdroſſelt, wie er war, ohne Lärm zu mir heranziehen. Das Uebrige können Sie ſich denken. Ich trat ihn in den Sumpfnieder! Nachher ſah ich mich nach mehr Wild um und warf meinen Laſſo nach dem Mann, der nach der Schildwache ſehen wollte, fehlte aber leider und zog meine Schlinge ſchnell zurück, um noch einmal werfen zu können, ehe er 8* * 456 Der verſchwundene Poſten. Von Fr. von Wickte. wußte, was an ihm vorbei geſchwirrt war. Als er dann aber nach dem Cor⸗ poral rief, hielt ich es für's Beſte, mich ruhig zu verhalten und ſchoß erſt, als ich ſah, daß ich entdeckt war.“ „Ihr ſeid ein Schurke, wenn es je einen gegeben hat,“ ſagte der Oberſt, „und morgen ſollt Ihr hängen, ſo wahr ich Smith heiße.“—„Ein Texaner fürchtet den Tod nicht!“ war die ſtoiſche Antwort. Bei Tagesanbruch ward Dick Thompſon mit allen Ehren zu Grab ge⸗ tragen; ein kleiner Hügel und ein rohes Kreuz bezeichnen die Stelle, wo er ruht und der Whippoorwill ſingt ihm ſein Schlummerlied.— Nach ſei⸗ ner Beiſetzung fern von der geheiligten Stätte hing man den Rebellen. — Am Tage darauf war das Gefecht bei Gaines Mills, in dem Oberſt Smith fiel. Aus Nähy und Ferne. Kurze Mittheilungen. 1. Eine Anekdote aus dem amerikaniſchen Krieg. Oberſt Heros von Borske, Adjutant des ſüdſtaatlichen Generals Stu⸗ art, erzählt folgende Geſchichte, welcher man, da ſie auf Koſten des Erzäh⸗ lers geht, wohl Glauben ſchenken kann.— Einer von den Nankee⸗Offizieren, wie ich ſpäter erfuhr, der Oberſt eines Regiments, das ſich bei Harpers' Ferry durchgeſchlagen, hatte durch ſeine Unerſchrockenheit und die treffliche Poſti⸗ rung ſeiner Truppen meine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen. Ich ſah ihn wiederholt ganz in unſerer Nähe auf einem ſchönen Apfelſchimmel vorbei⸗ galopiren, ſo daß er unſere ſchwachen Punkte bemerken und ſeine Leute da⸗ nach inſtruiren konnte. Nachdem ich ihn eine Weile ungeſtört hatte gewähren laſſen, hielt ich es für an der Zeit, ſeinem Treiben ein Ziel zu ſtecken, indem ich ein paar von meinen Soldaten, die mir als die beſten Schützen bezeichnet worden waren, vortreten ließ, damit ſie den Reiter auf's Korn nähmen. Ich führte ſie ſelbſt nach einem Punkt, welcher die geeignete Diſtanz bot, und befahl ihnen nun, auf den kecken Oberſten Feuer zu geben, der ſein Roß in aller Ruhe und ohne ſich um uns zu kümmern hin und her tummelte. Nach⸗ dem mehrere Kugeln hart an ihm vorbeigepfiffen hatten, hielt er ſein Thier plötzlich an, drehte ſich gegen uns, ließ den Schimmel ein paar Schritte vor⸗ wärts thun und ſalutirte gegen mich in der anmuthigſten Weiſe von der Welt. Dann rief er einem ſeiner Leute zu, ihm einen Karabiner zu reichen, ſetzte an, zielte bedächtig und ſchickte mir eine ſo gut gemeinte Kugel zu, daß ſie mir das Ohrläppchen ſtreifte. Jetzt ſalutirte ich meinerſeits, wandte ruhig 458 Aus Näh' und Ferne. um, und wir beide ritten zu unſeren Linien zurück. Dies ſind die Höflich⸗ keiten, die gelegentlich auf dem Schlachtfeld vorkommen. 2 Anerſchöpfliche Elfenbeinquelle. Neuſibirien und die Inſel Lakon ſind großentheils nur eine Anhäufung von Sand, Eis und Elephantenzähnen. Mit jedem Sturm wirft das Meer friſche Haufen von Mammuthszähnen an das Land, und die Bewohner kom⸗ men dadurch in die Lage, mit dieſem Strandgut einen ſehr einträglichen Handel zu treiben. Den Sommer über fahren unzählige Fiſcherbarken nach dieſen Knocheninſeln, und im Winter ſchlagen mächtige Karavanen dieſelbe Richtung ein, um vermittelſt ihrer Hundegeſpanne Mammuthszähne, von denen einer oft anderthalb bis zwei Centner wiegt, abzuholen. Das ſo dem beeisten Norden abgewonnene foſſile Elfenbein wird nach China und Europa⸗ importirt, wo es für dieſelben Zwecke verwendet wird, denen das gewöhnliche, durch die Elephanten und Flußochſen Afrika's und Aſiens gelieferte Elfen⸗ bein dienen muß. Die Inſelgruppe Neuſibiriens ſammt den Bäreninſeln iſt den Chineſen als Fundort dieſes werthvollen Materials ſchon ſeit fünfhun⸗ dert Jahren bekannt, während die Europäer ihn erſt ſeit etwa hundert Jah⸗ ren ausnützen. Gleichwohl ſind die Vorräthe dieſer ſeltſamen Minen nicht in merklicher Abnahme begriffen. Welche Unzahl von Generationen rieſiger Dickhäuter mag nicht erforderlich geweſen ſein, um eine ſolche Menge von Knochen und Zähnen aufzuhäufen? 3. Ein Wunder. Ein preußiſches Journal berichtet einen merkwürdigen Vorfall. In einer Judengemeinde wirkte ein Rabbiner, der bei ſeinen Glaubensgenoſſen in hohem Anſehen ſtand und allgemein beliebt war. Um ihm ein Zeichen von Dankbarkeit zu geben, beſchloß auf den Antrag eines reichen Handelsmanns die Judenſchaft des Platzes, ihm ein Fäßchen Wein zu verehren, zu dem alle iſraelitiſchen Hausväter dadurch ihren Beitrag leiſten ſollten, daß jeder eine Flaſche Wein brachte und ſie in das Faß ausleerte. Der Rabbi nahm die Aus Näh' und Ferne. 459 Gabe mit gebührendem Dank entgegen und brachte ſie in ſeinen Keller; aber waih geſchrieen— als er ſie koſten wollte, war ein Wunder vorgegangen, indem ſich das koſtkare Naß in lauteres Brunnenwaſſer umgewandelt hatte. Von ſeinen würdigen Verehrern hatte jeder von A bis Z ſeinen Beitrag unter dem Eindruck geleiſtet, daß man unter dem übrigen Wein eine einzige Flaſche Waſſer nicht merken werde. Der republikaniſche Sperling. Am Kap der guten Hoffnung gibt es einen Vogel, der republikaniſche⸗ Sperling genannt, der von den Ornithologen als Philaeterus socius bezeich⸗ net wird. Der kleine Vogel baut in einem regelmäßigen Viertel an, indem er mit einer Anzahl ſeines Gleichen von einem Baum Beſitz nimmt und in der Krone ein ungeheures Neſt mit vielleicht zweihundert Wohnräumen anlegt. Jedes Paar hat ſein eigenes Gemach, in welchem es ſeine Familie erzieht und ſich einer vollkommenen Freiheit erfreut. So weit die Herſtellung der Wohnung, ihre Ausbeſſerung, die Abwehr von Gefahr und die Beiſchaffung von Lebensmitteln in Frage kommt, ſind dieſe Sperlinge die reinen Kommu⸗ niſten, halten aber unter ſich ſehr auf gute Sitte, denn wenn einer ungeſellig und ſtreitſüchtig ſich benimmt, ſo darf er darauf zählen, daß ihm eine Abthei⸗ lung von Poltzeiſpatzen auf den Leib rückt, die ihn ohne Erbarmen mit ihren kleinen, aber ſtarken Schnäbeln aus dem Quartier weiſen und ihm nicht ge⸗ ſtatten, je wieder in die gemeinſame Behauſung zurückzukehren. Verſucht ein mordluſtiges Thier ſich einzuſchleichen, ſo wird alsbald die Bürgerwehr auf⸗ geboten, die auf den Warneruf der ſtets in Aktivität ſtehenden Schildwachen unter lautem Geſchrei die regelmäßige Garniſon verſtärkt und faſt immer den Feind zwingt, ſich vor der Menge drohender Schnäbel, die ſtarrenden Bajonetten gleich eine undurchdringliche Barrikade bilden, zurückzuziehen Der Wein. Von Fr. Grebel. ſtammen ſollen. wachſen iſt. Die urſprüngliche Heimat der Weinrebe iſt unbekannt. Man hält In⸗ dien, die Wiege der erſten Menſchen, das Gehege der ſchönſten und kraft⸗ vollſten Thiere, dieſen ſtets grünenden Garten der edelſten und fruchtbarſten Gewächſe dafür. In neuerer Zeit wurde jedoch die Hypotheſe aufgeſtellt und durch wichtige Gründe unterſtützt, daß die Reben nicht aus dem Orient zu uns gekommen ſeien, ſondern von den wilden Reben des Rheinthales ab⸗ Die Verſammlung der Naturforſcher und Aerzte, welche im Jahr 1857 in Bonn abgehalten wurde, hat dieſe Anſicht jedoch bekämpft, weil den wil⸗ den Reben die wichtigſten Blüthenbeſtandtheile gänzlich fehlten. Berückſich⸗ tigt man hierbei die Schilderung des deutſchen Klima's bei Tacitus, wonach dasſelbe während des Anfangs der Römerherrſchaft am Rheine noch ſo rauh war, daß nicht einmal das gewöhnliche Obſt aufkam, während der Weinſtock doch anerkannt ein mildes Klima nöthig hat, und erwägt man die Thatſache, daß die erſten Reben unzweifelhaft von den Römern am Rheine gepflanzt worden ſind und es ſich geſchichtlich genau nachweiſen läßt, wie der Weinbau erſt nach und nach, je nachdem die Ausrottung der Wälder und die Landes⸗ kultur zunahmen, nach Norden ſich ausbreitete, ſo wird obige Hypotheſe we⸗ nigſtens ſehr zweifelhaft. Dem ſei, wie ihm wolle, mögen die Theoretiker dieſe Frage löſen, wir aber wollen uns den perlenden Wein munden laſſen, ohne darüber zu grübeln, ob er urſprünglich im Orient oder am Rheine ge⸗ Nach der h. Schrift, der älteſten geſchichtlichen Urkunde, ſoll der Erz⸗ ———-, Von Fr. Grebel. 461 vater Noah die erſten Reben nach der Sündflut gepflanzt haben. Die Be⸗ wohner des Libanon zeigen den Reiſenden noch jetzt einen Weinberg in einem Thale dieſes Gebirges als die Stelle, wo Noah ſeinen Weinberg angelegt habe und von deſſen Wein zu trinken ſelbſt der Türke keinen Anſtand nimmt. Am Ararat liegt eine von etwa 170 Familien bewohnte Anſiedelung Arguri, die einzige daſelbſt außer dem Kloſter St. Jacob. Dieſes Dorf wird eben⸗ falls als die Stelle bezeichnet, wo Noah, als er aus der Arche ſtieg, den erſten Weinſtock gepflanzt haben ſoll. Arguri bedeutet„er hat die Rebe ge⸗ pflanzt.“— In Kanaan zählte man zu Abrahams Zeiten den Wein unter die edelſten Produkte des Landes, da man dem Geber desſelben, dem mäch⸗ tigen und gütigen Jehova, Brod und Wein als Dankopfer auf den Al⸗ tar legte. Die Israeliten verlegten ſich gleich nach der Beſitznahme Paläſtina's mit großem Eifer auf den Weinbau und wurde die Weinleſe als allgemei— nes Volksfeſt mit Muſik, Tanz und Geſang gefeiert. Die Trauben waren dort von ganz beſonderer Größe und Vollkommenheit, wie die Stelle bei Moſes Buch I., Cap. 13 von der großen Traube, welche zwei Mann tragen mußten, beweist. Noch jetzt werden am Bache Botri bei Bethlehem Trau⸗ ben von zwölf Pfund angetroffen.— Die Phönizier ſollen den Weinſtock zuerſt nach Griechenland, den Inſeln des Archipels, Spanien, und ungefähr 600 Jahre vor Chriſti Geburt nach Frankreich in die Gegend von r Marſeille verpflanzt haben. Bei den Römern, einem erobernden und deßhalb die Landeskultur ver⸗ nachläßigendem Volke, fand die allgemeine Kultur des Weines erſt ſpät Ein⸗ gang. Nach und nach breitete er ſich jedoch über ganz Italien aus. Die Griechenweine hatten aber noch den Vorzug und die von Cypern, Kreta und der Inſel Chios wurden auch von den römiſchen Dichtern beſungen. Den Wein von Chios tiſchte man ſelbſt den Göttern bei den himmliſchen Feſten unter dem Namen Nectar auf, und dieſelben ſollen ſich i in ihm ſo berauſchen, daß ſie, gleich den tollen Erdenſöhnen, die größten Exzeſſe begehen. Horaz, der unter allen alten Dichtern die Tugenden der verſchiedenen Weine am feurigſten beſingt, ſcheint mehr als jemand ſeiner Zeit die guten Weinlagen gekannt zu haben. Auf der Inſel Chios lobt er beſonders den von Meſta; in dem Archipel jene von Samos, Tenedos, Cypern, Kreta, beſon⸗ ders aber ſchildert er die Köſtlichkeit der Campaniſchen, Gauraniſchen, Maſ⸗ ſiker und Falerner Weine, welche ſeinem poetiſchen Geiſte nicht ſelten den 462 Der Wein. erforderlichen Schwung gegeben haben mögen. Auch Julius Cäſar erkannte dem Falerner Weine den erſten Preis zu, indem er bei ſeinem Triumphe in Rom, dem Volke hundert große Gefäſſe Falerner Wein und ebenſo viele des beſten Weines von Chios als Geſchenk verehrte. Nach Diodor koſtete ein Krug Falerner Wein hundert Denarien. Virgil ſchrieb den Römern in ihren glücklichen Tagen ſein zweites Buch der Georgika„von der Pflanzung und Bearbeitung des Wein ſtockes“, und Columella faſt gleichzeitig ſein vortreffliches Werk über den Landbau, worin er die wichtigſten Beobachtungen, Verſuche und Reſultate über den Wein⸗ bau liefert. Nach ihm gab es im römiſchen Reiche fünf verſchiedene Bau⸗ arten der Weinſtöcke, je nachdem die Rebe an Bäumen, an Rahmen, hohen oder niedrigen Pfählen befeſtigt, oder ohne alle Stütze auf den Boden gelegt wurde. Theilweiſe beſtehen dieſe Bauarten noch jetzt in Italien, Frankreich und Deutſchland. Die Deutſchen lernten, wie Tacitus verſichert, den Wein von den Rö⸗ mern kennen und ſind die techniſchen Ausdrücke unſerer Winzer alle lateini⸗ ſchen Urſprungs; Wein vinum, Moſt mustum, Hefen feces, Maas mosa, Ohm Amphora, Faß vas, Keller calcatorium, keltern calcare, Pfahl vallus und palus u. ſ. w. Kaiſer Domitian unterſagte den Weinbau, als eine die nordiſchen Völker anziehende Lockſpeiſe, in allen römiſchen Provinzen. Erſt unter Kaiſer Probus, geſtorben 282 nach Ch. G., wurde er in Spanien, Gallien und Britannien wieder erlaubt. Er war es auch, der den Weinbau an den Ufern des Rheines und der Moſel zuerſt einführte. Noch nicht hun⸗ dert Jahre ſpäter beſingt Auſonius(geb. 309, geſt. 394 nach Chr. G.) in ſeinem Gedichte„Moſella“ die Schönheit der Moſelgegend, vergleicht die⸗ ſelbe mit ſeiner Heimat Bordeaux, indem wie dort alle Berge an der Moſel mit Weinſtöcken bepflanzt ſeien. Der Dichter Venantius Fortunatus, wel⸗ cher um das Jahr 595 als Biſchof von Poitiers ſtarb, ſagt ebenfalls, daß an der Moſel und dem Rheine alle Berge mit Weinreben bepflanzt geweſen ſeien. Unter den Merowingiſchen Königen wurde der Weinbau ſehr geför⸗ dert, wie aus der Lex Baj. Tit. I. Cap. 14 hervorgeht, und breitete ſich ſelbſt ſchon nach dem nördlichen Deutſchland aus. In den älteſten Urkunden des Mittelalters werden zwei Weinarten unterſchieden, der Franzwein oder Frankenwein, der roth, und der hunniſche Wein, welcher weiß war. Letzterer hatte ſeinen Namen von den Hunnen; die erſten Pflanzer dieſer Weinſorte waren aber nicht jene barbariſchen Ver⸗ kannte phe in le des te ein Von Fr. Grebel. 463 wüſter ſelbſt, ſondern jene, welche der Armee gefolgt waren, ſich am Rheine niedergelaſſen und aus ihrem Vaterlande Ungarn, wo der Weinbau ſchon ſeit dem Jahr 276 blühte, Reben hatten kommen laſſen. Der Name Frankenwein, nach ſeinem Stammlande Frankreich, und die Traubenart„die Franken“ haben ſich bis zu unſeren Tagen am Rheine und der Moſel erhalten und haben wohl Goethe's „Ein ächter deutſcher Mann mag keinen Franzen leiden, Doch ihre Weine trinkt er gern.“ veranlaßt. Der gelehrte Abt Tritheim ſchreibt in ſeinen Originibus Franci- cis dem Könige Meroveus, dem Sohne Chlodwigs, den Anbau der Franken⸗ trauben an der Moſel zu, indem derſelbe 12,000 Moſellaner nach Frankreich verſetzt und ebenſo viele Franken an die Moſel geführt habe, welche die erſten fränkiſchen Weinſtöcke aus ihrem Vaterlande mitgebracht und an der Moſel gepflanzt hätten. Nach Anderen ſoll Karl d. G. die erſten Frankentrauben am Rheine gepflanzt haben; gewiß iſt, daß er die beſſeren, weißen Trauben⸗ arten des fränkiſchen Weines von Orleans nach Rüdesheim in's Rheingau verpflanzte. Er that überhaupt ſehr viel für den Weinbau in Deutſchland, beſonders dadurch, daß er ſchon gegen Ende des achten Jahrhunderts in ſei⸗ nen Geſetzen befahl, daß auf allen königlichen Kammergütern Weinberge angelegt werden ſollten. Und ſo mag die Volksſage von Karl d. G. in ſo weit gegründet ſein, daß er als der zweite Begründer des deutſchen und na⸗ mentlich des Rheingauer und Rüdesheimer Weinbaues zu betrachten und zu verehren ſei. Das ſchöne Gedicht Geibels, Karl d. G., den Weinbau bei Rüdesheim ſegnend, verdankt dieſer Volksſage ſeine Entſtehung. Ein ganz beſonderes Verdienſt um den deutſchen Weinbau erwarben ſich die Mönchsorden und namentlich die Benedictiner. Sie lichteten die Wälder und trockneten die Sümpfe aus. Am Rheine erſtanden Kirchen, Klöſter, Stifter, Probſteien. Weinbekränzte Hügel ſpiegelten ſich in dem herrlichen Fluſſe, dem Könige der Ströme; um die heiligen Orte ſiedelte ſich an das bis dahin zerſtreute Volk, und hier, wo zu Cäſars Zeiten das Ge⸗ brülle der Büffel und Auerochſen verommen wurde, ertönten nun Glocken im Einklang der Geſänge fröhlicher Winzer. Der Rheinwein erlangte bald einen ſolchen Ruf ſeiner Vortrefflichkeit, daß man Weinreben vom Rhein nach Spanien und den kanariſchen Inſeln verſetzte, obſchon die Mauren zu ihrer Zeit in erſterem ſehr ausgedehnte Weinberge beſaßen. 464 Der Wein. Ein vielverbreiteter Irrthum iſt die Anſicht, daß zur Zeit der Reichs⸗ theilung von Verdun im Jahr 843, noch keine Kultur des Weines auf dem rechten Rheinufer beſtanden habe. Ludwig, der mittlere unter den Söhnen Ludwigs des Frommen, erhielt durch dieſen Vertrag das eigentliche Deutſch⸗ land, ſo weit es damals zur fränkiſchen Hoheit gehörte, und wegen des Wein⸗ wachſes die drei Städte Mainz, Worms und Speier mit ihren Gauen auf dem linken Rheinufer. Zur Behauptung des obigen Irrthums bezieht man ſich auf die Anna- les Bertiniani und das Chronicon des Prümiſchen Abts Regino. Dieſe Stellen beweiſen aber gerade das Gegentheil, indem Regino als Motiv der Ueberlaſſung jener drei Gauen ausdrücklich anführt, daß ſie des reichlichen Weinwachſes wegen(propter vini copiam) ſtattgehabt habe. Es kann mit⸗ hin hieraus nur geſchloſſen werden, daß damals auf der galliſchen linken Rheinſeite ein reichlicherer Weinwachs, nicht aber, daß auf der rechten deut⸗ ſchen Rheinſeite gar keiner geweſen ſei. Wir haben geſehen, daß ſchon im dritten Jahrhundert unter Kaiſer Probus der Weinbau in ganz Gallien, wozu damals das linke Rheinufer gehörte, betrieben wurde, und ſollte wäh⸗ rend mehreren Jahrhunderten der Anbau dieſes köſtlichen Getränkes ſich nicht von der galliſchen auf die deutſche Seite des Rheines fortgepflanzt ha⸗ ben? Gewiß! Beſtätigt wird unſere Anſicht durch eine Menge von Urkunden, woraus hervorgeht, daß der Weinbau ſchon lange vor dem Jahr 843 nicht bloß auf dem rechten Rheinufer, ſondern in noch mehr nördlich gelegenen Gauen be⸗ trieben wurde. So geſchieht ſchon in einer Schenkungsurkunde des Königs Dagobert I. vom Jahr 628 für das Bisthum Worms ausdrücklich Erwäh⸗ nung vom Weinbau im Lobdengau, welcher auf der rechten Rheinſeite lag, und gegen Morgen den Elſenz⸗ und Maingau, gegen Abend aber den Rhein zur Grenze hatte. Auch der Urkundenkodex der berühmten Abtei Lorſch an der Bergſtraße hat uns aus der Regierungszeit Königs Pipin 37 Urkunden vom Lobdengau, unter welchen die erſte vom Jahr 763 iſt, ſodann 153 Ur⸗ kunden aus den erſten und folgenden Regierungsjahren Karl d. G. und 22 Urkunden von Ludwig dem Frommen aufbewahrt, worin ausdrücklich der Weinbau erwähnt wird. Auch in vielen anderen auf der rechten Rheinſeite gelegenen Gauen werden Weinberge ſchon frühzeitig in Urkunden König Pipins, Karl d. G. und Ludwig des Frommen erwähnt; ja ſelbſt zu Dorn⸗ dorf an der Werra, im Eiſenachiſchen Amte Tiefenort kommen ſchon im Jahr Reichs⸗ uf dem Söhnen deutſch⸗ ötiv der chlichen nn mit⸗ linken n deut⸗ hon im allien, wäh⸗ tes ſich nzt ha⸗ woraus oß auf Lo⸗ uen be⸗ Königs Von Fr. Grebel. 465 786 Weinberge vor, wie aus einer Schenkungsurkunde Karl d. G. von die⸗ ſem Jahre an die Abtei Hersfeld hervorgeht. Eine ebenſo irrige Behauptung mehrerer Schriftſteller iſt die, daß der Weinbau im Rheingau erſt im elften Jahrhundert aufgekommen ſei. Schon die Thatſache, daß er, wie wir nachgewieſen haben, ſchon mehrere Jahrhun⸗ derte früher in allen, den Rheingau umgebenden Gauen betrieben worden iſt und daß Karl d. G., welcher ſo viel für denſelben that, ſeinen Lieblings⸗ aufenthalt grade im Rheingau zu Ingelheim hatte, hätte zu dem Schluſſe führen müſſen, daß grade in dieſer für den Weinbau ſo ſehr günſtigen Ge⸗ gend ſeine Kultur vorzugsweiſe und ſehr früh, nicht aber erſt im elften Jahr⸗ hunderte begonnen haben müßte. Die Urkunde, worauf man dieſe irrige Anſicht ſtützt, wurde im Jahr 1074 von dem Erzbiſchofe Siffried von Mainz ausgeſtellt und wird dadurch den Einwohnern des Dorfes Rüdesheim im Rheingau ein Stück Wildland geſchenkt, um es auszurotten und zu Wein⸗ bergen anzulegen. Man zog hieraus, indem man von einem Orte des Rhein⸗ gaues auf den ganzen Rheingau ſchloß, den höchſt unlogiſchen Schluß, daß dieſes die erſte Weinpflanzung im Rheingau geweſen, während man höch⸗ ſtens hätte behaupten können, daß es der Anfang des Weinbaues zu Rüdes⸗ heim geweſen; aber auch dieſe Annahme würde falſch ſein, denn es kann nur daraus gefolgert werden, daß es allenfalls der Anfang des Weinbaues auf den Rüdesheimer Bergen geweſen, während die dortigen Niederungen längſt bepflanzt waren. Dieſe Annahme ſtützt ſich auf die Erfahrung, daß der Weinbau in der Regel erſt in der Niederung und den Hügeln begonnen und viel ſpäter erſt zu den Bergen aufſtieg, weil deren Bebauung müheſamer und koſtſpieliger iſt. Die Krone der bezaubernden Gegend des herrlichen Rheingaues iſt der Johannisberg und der dort gezogene Wein, ohne welchen kein diplomatiſches Eſſen ſtattfindet, die Perle aller Weine. Die enormen Preiſe entſprechen aber auch ſeiner Güte und ſeiner Berühmtheit. Im Jahr 1781 bezahlte ein Engländer für ein Fuder des Jahres 1779— fünfhundert Louisd'ors. Schon im vorigen Jahrhunderte wurde das Fuder gewöhnlich mit 3000 bis 4000 Gulden bezahlt. Jetzt koſtet die Flaſche Johannisberger Goldſiegel 6 Tha⸗ ler, mithin das Fuder zu 1200 Flaſchen gerechnet, 7200 Thaler. Den höch⸗ ſten Preis zahlte aber Baron Rothſchild. Man erzählt ſich, daß derſelbe ſeit langen Jahren von dem verſtorbenen Fürſten Metternich jedes Jahr zwei Hausblätter. 1867. I. Bd. 30 Der Wein. 466 Fuder Johannisberger für das artige Sümmchen von 60,000 Gulden ge⸗ kauft habe! Die prächtige Probſtei auf dem Johannisberge, der auch früher Bi⸗ ſchofsberg genannt wurde, ward von dem Erzbiſchofe von Mainz, Ruthard II, im Jahr 1102 geſtiftet und von dem rheingauiſchen Grafen Rudolph und ſeiner Gemahlin mit vielen Einkünften beſchenkt. Der Erzbiſchof Adelbert I. verwandelte ſie in eine Abtei; ſie hatte aber das Schickſal, von dem Mark⸗ grafen Albert von Brandenburg im 16. Jahrhundert geſchleift und ſpäter, im dreißigjährigen Kriege, von den Schweden völlig ruinirt zu werden. Endlich wurde ſie von dem Erzbiſchof Anſelm Caſimir an den Reichspfen⸗ ningsmeiſter Hubert von Bleimann verpfändet, von welchem ſie mit Einwil⸗ ligung des Erzbiſchofs, an den Abt von Fuld verkauft wurde, welcher bis zur franzöſiſchen Revolution in ihrem Beſitze blieb. Napoleon ſchenkte die herrliche Beſitzung dem Marſchall Kellermann. Seit langen Jahren beſitzt ſie bekanntlich Fürſt Metternich als Erblehen. Rheingauiſche Reben, welche ſpäter durch fränkiſche Reben erſetzt wur⸗ den, hatte ſchon Markgraf Albrecht I. durch die von ihm in die Mark aufge⸗ nommenen Rheinländer pflanzen laſſen, und war dieſes der erſte Anfang des Weinbaues in der Altmark, welcher ſich auch dort bis auf unſere Tage erhal⸗ ten hat.— In Böhmen wurde der Weinbau erſt im Jahr 1348 durch Kai⸗ ſer Karl IV. eingeführt; die Anbauer blieben zwölf Jahre von allen Steuern frei, dann zahlten ſie dem Grundherrn den Zehnten und dem Landesfürſten einen halben Eimer von jedem Weinberge. Bei Prag und in anderen wär⸗ meren Gegenden Böhmens wurde in zehn Jahren ſo viel Wein gepflanzt, daß nicht nur Böhmen, ſondern auch Mähren und Sachſen damit verſehen wurden. Die Kultur des Weines nahm in den Rheinlanden ſchnell zu, ſo daß ſchon zur Zeit der Ottonen(vom Jahr 936 bis 1002) viel Wein nach Eng⸗ land und anderen Ländern ausgeführt wurde. Durch den Schutz, welchen die Reichsgeſetze, insbeſondere die berühmte Konſtitution des Kaiſers Fried⸗ rich I., wodurch über diejenigen, welche Weinberge zerſtörten, die Reichsacht ausgeſprochen wurde, dem Weinbaue gewährten, wurde derſelbe ebenfalls ſehr gefördert, ſo daß er bis in's 17. Jahrhundert viel bedeutender als jetzt war. Nach der Angabe des Geographen Guicciardini wurden noch im 16. Jahrhundert allein aus der Gegend oberhalb Mainz jährlich 40,000 Fuder und überhaupt über 60,000 Fuder nach den Niederlanden ausgeführt. Die ertl. Nark⸗ päter, eden. pfen⸗ nwil⸗ r bis e die beſitzt Von Fr. Grebel. 467 Preiſe der Weine waren aber auch ſehr billig. Im Jahr 1344 koſtete ein Fuder Rheinwein 4 Gulden, im Jahr 1447 10 Gulden, im Jahr 1527 nur 7 Gulden und noch im Jahr 1754, nach der Mainzer Chronik, ein Stückfaß Wein 16 Gulden 5 Tournois 10 Heller. Wie allgemein der Weinbau während dem 13., 14., 15. und 16. Jahr⸗ hundert in den Rheinlanden geweſen und wie ergiebig die Herbſte ausgefal⸗ len ſein müſſen, bezeugen nicht nur die zahlreichen auf uns gekommenen herr⸗ ſchaftlichen und geiſtlichen Kellerhäuſer, Zehnthöfe, Kellnereien, ſowie die darin befindlichen zahlreichen und großen Keller⸗, Herbſt⸗ und Lagerfäſſer, ſondern auch die faſt unglaublichen Weinconſumtionen, die in dem Mittel⸗ alter allgemein ſtattfanden. Faſt jeder auch noch ſo unbedeutende Vorgang wurde mit Zechgelagen begonnen oder beſchloſſen. Nicht allein öffentliche Kirchenfeſte, Namenstage, geiſtliche oder weltliche Hochzeiten, Geburten, Lei⸗ chenbegängniſſe, Jahresanfang, Tourniere, Ritterfehden oder Friedensſchlüſſe, ſondern auch einzelne Privathandlungen, wie Verkäufe, Verträge, Verſteige⸗ rungen, Zahlungen, Urtheilsſprüche u. ſ. w., wurden durch Wein und Wein⸗ kauf beſiegelt, ein Gebrauch, welcher bei Verſteigerungen und Verkäufen noch jetzt allgemein herrſcht. Beſonders reichlich floß der Wein und erfreute, nach König Salomons Ausſpruch, der Menſchen Herz bei der Wahl und Einſetzung der Gemeindebeamten, Bürgermeiſter, Rathsmitglieder, Förſter und ſelbſt Feldhüter und Nachtwächter. Durch Gebrauch und ausdrückliche Vorſchriften war genau beſtimmt, wie viel Flaſchen Wein bei jeder ſolchen Gelegenheit auf ſtädtiſche Koſten verabreicht werden mußten; der niedrigſte Satz war vier Flaſchen à Perſon, welcher aber an manchen Orten bis 10 und 12 Flaſchen ſtieg. Man wird ſich deßhalb auch nicht wundern, in man⸗ chen Rathsprotokollen Beſchlüſſe, wie den folgenden, zu leſen: Durch Beſchluß des Raths zu O. vom 9. Oktober 1653 wurde der Rathsherr Georg Ewald „wegen unmenſchlichen Betrinkens“ in 20 Thaler Strafe verurtheilt, und durch Beſchluß vom 11. März 1663 derſelbe Rathsherr„wegen übermäßi⸗ gen, unerſättlichen Weintrinkens und dahero entſpringenden höchſt ärgerlichen Lebens, wie nicht weniger, daß ſelbiger uff Naſtätter Kirb(Kirchweihe) ſich dermaßen mit ſauffen übernommen, daß er gleich einer Beſtie herübergeführt wurde“— aus dem Rathe ausgeſtoßen. Ohne Imbiß und Wein wurde kein Geſchäft abgemacht und vertraten ſie die Stelle der ſpäteren Gebühren. Beiſpiele ſolcher ungeheuren Weinverſchwendungen liefern die Chro⸗ niken häufig. Georg, Erzbiſchof von York, gab bei ſeiner Inſtallirung im 30* 8 55 468 Der Wein. Jahr 1470 ein großes Gaſtmahl, wobei 1000 Diener, 62 Köche und 500 Küchenwärter thätig waren. Getrunken wurden dabei 320 Tonnen Bier, 104 Tonnen Wein und ein großes Faß Gewürzwein. Bei der Vermählung Wilhelms von Oranien mit Anna, Prinzeſſin des Kurfürſten Moriz von Sachſen, wozu ſich 5500 Gäſte einfanden, wurden 3600 Eimer Wein oder 107 ⁄ rheiniſche Fuder und 1600 Fäſſer Bier getrunken. Bei der Hochzeit des Herzogs Georg von Landshut mit der polniſchen Prinzeſſin Hedwig im 15. Jahrhundert, die 77,966 Dukaten koſtete, wurden 170 Fäſſer Lands⸗ huter Wein, 200 Fäſſer ausländiſcher Weine und 150 Fäſſer welſcher Weine verbraucht. Bei der Belagerung der Burg Turron an der Moſel bei Cob⸗ lenz in den Jahren 1246 und 1247 wurden von dem nicht eben ſtarken Be⸗ lagerungsheere 3500 Fuder Moſelwein getrunken. Deutſche Tapferkeit, deutſche Hiebe und deutſches Trinken ſind ſprichwörtlich geworden. Schon Tacitus ſchildert unſere Väter, die alten Germanen, als große Zecher, welche ganze Tage und Nächte hindurch bei Trinkgelagen verweilten und bei der Flaſche Hab und Gut und ſelbſt ihre perſönliche Freiheit verſpielten. In der Kunſt, zu trinken, übertrafen die alten Trierer(Treviri) alle übrigen deutſchen Völkerſtämme und merkwürdigerweiſe haben dieſelben dieſen Ruhm ſich bis auf unſere Tage ungeſchmälert zu erhalten gewußt. Die Trier'ſche Chronik vom Jahr 1825 beſingt die dortige Schoppenſtecher⸗ Geſellſchaft alſo: „Im Kreiſe froher Schoppenſtecher, Wo Bachus wahre Weisheit lehrt, Wird mancher Hnmpen Sorgenbrecher, In bona pace ausgeleert, Und mancher munt're Kumpan trinkt, So lang im Glas ein Tropfen winkt. „Der wahre Sitz der Heldenzecher Iſt Treviris, die alte Stadt, Wo ſtets man angefullte Becher, Und ſelten trockne Kehlen hat, Dort quillt wie Gold das liebe Naß Aus manchem edlen Fuderfaß. „Auf dieſem ganzen Erdenrunde Sind ſolche wack're Trinker nicht! Nur der gehöoͤrt zu unſ'rem Bunde, Der Schoppen dutzendweiſe ſticht, Der früh am Abend ſchon beginnt Und endet, wenn die Nacht entrinnt!“ —yy Von Fr. Grebel. 469 Das Gedicht führt ſodann in ſehr humoriſtiſcher Weiſe aus, daß bei einem Inſtitute, wie die Schoppenſtecher⸗Geſellſchaft, die Polizei ganz über⸗ flüſſig ſei, indem die Schoppenſtecher die ganze Nacht hindurch von einem Wirthshauſe zum anderen patroullirten, die Diebe dadurch verſcheuchten, die Brände ſogleich entdeckten, die Entführungen vereitelten u. ſ. w. Trier und andere rheiniſche Städte haben ſolche Geſellſchaften; ſie haben ihre eigenen Statuten und ernennen bewährte Trinker durch ſehr elegante Di⸗ plome zu Ehrenmitgliedern. Das Inſtitut iſt übrigens ſchon ſehr alt. Schon Karl d. G. ſah ſich veranlaßt, um der allgemein eingeriſſenen Trunkſucht entgegenzuwirken, dieſe ſogenannten Trinkbruderſchaften zu verbieten; aber Gewohnheit und Sitte waren auch hier mächtiger als das Geſetz, denn dieſe Geſellſchaften, wozu auch die Ritterſtuben des Adels zu rechnen ſind, beſtan⸗ den durch das ganze Mittelalter hindurch bis zu unſeren Tagen fort. Die Trunkſucht war ſo allgemein, daß Karl d. G. unterſagen mußte, daß ein Betrunkener als Kläger oder Zeuge bei Gericht auftrete, und ſelbſt den Richtern, den Grafen befahl, nur nüchtern Gericht zu halten. Die ſpä⸗ teren Reichsgeſetze bekämpften dieſe Leidenſchaft ebenſo vergeblich. Im Reichsabſchied von Augsburg vom Jahr 1530 wird wiederholt eingeſchärft, daß niemand, beſonders die Geiſtlichen, einander auf das Trinken heraus⸗ fordern ſollten. Schon im Jahr 1524 waren die Kurfürſten von Trier und Pfalz und viele Fürſten und Biſchöfe in Heidelberg zuſammen gekommen, um dem übermäßigen Zutrinken in ihren Landen Schranken zu ſetzen. Kur⸗ fürſt Richard von Trier hatte ſchon im Jahr 1520 eine Verordnung gegen das viele Trinken und Zutrinken erlaſſen, dasſelbe bei 1 bis 5 Gulden Strafe verboten, und ſollte nach fünf Wiederholungsfällen Strafe an Leib und Gut eintreten. Die Verordnung führt ausdrücklich das Zutrinken,„es ſei mit halben oder ganzen, gemeſſenen oder ungemeſſenen,“ an, alſo den noch jetzt beſtehenden Studentengebrauch. Das Geſundheitentrinken bei den Mahlzeiten war bei den Römern ein Religionsgebrauch; die erſten Chriſten betrachteten es als eine Art von Weihetrunk für die Heiligen und Todten. In neuerer Zeit iſt der Gebrauch, bei Tiſche auf die Geſundheit der Anweſenden zu trinken, ziemlich abge⸗ kommen. In den deutſchen Reichsſtädten erhielt er ſich am längſten; man trank da nicht allein auf das Wohl der Gäſte, ſondern auch ihrer Angehö⸗ rigen, Vettern, Muhmen, Baſen u. ſ. w., ſo daß ein Fremder faſt genöthigt war, die ganze Verwandtſchaft der Tafel vorher auswendig zu lernen. Die 470 Der Wein. Engländer waren die erſten, welche in ihren Toaſtgeſetzen dieſe Umſtändlich⸗ keiten ausdrücklich verboten. Eine rührende Anekdote wird von der un⸗ glücklichen Maria Stuart erzählt. Den Abend vor ihrer Hinrichtung trank ſie gegen das Ende des Nachteſſens allen ihren Leuten zu und befahl ihnen, ihr wieder zuzutrinken; ſie tranken hierauf auf das Wohl ihrer Fürſtin und weinten bitterlich dazu, ſo daß ihnen die Thränen in den Wein fielen. Ein mit dem Zutrinken verwandter Gebrauch, welcher noch jetzt in den Rheinlanden und anderen Ländern allgemein herrſcht, iſt das Trinken des Johannisſegens. Iſt ein lieber Gaſt oder Freund im Begriffe, uns zu ver⸗ laſſen, ſo werden alle Gläſer nochmals mit dem beſten Weine gefüllt, ange⸗ ſtoßen und unter den Wünſchen einer glücklichen Rückreiſe ausgetrunken. Dieſes nennt man den Johannisſegen trinken. Nach Jacob Grimm, dem großen Kenner des Alterthums, iſt dieſer Gebrauch aus dem Heidenthum in das Chriſtenthum übertragen worden. Wie es uralter und allgemeiner Gebrauch war, den Hausgöttern bei feſtlichen Mahlzeiten einen Theil der Speiſen zurückzulaſſen und namentlich der Berchta und Hulda eine Schüſſel mit Brei hingeſetzt wurde, ſo ließ man die Götter auch den feierlichen Trank mitgenießen. Aus dem Gefäß pflegte der Trinkende, ehe er trank, etwas für den Gott oder Hausgeiſt hinzugießen. Das heidniſche Minnetrinken erhielt ſich im Chriſtenthum. Bei feſtlichen Opfern und Gelagen ward der Götter gedacht und Minne getrunken. Dieſer Sitte entſagte man nach der Bekeh⸗ rung nicht, ſondern trank nun Chriſtus, Maria und der Heiligen Minne. Im Mittelalter waren es vorzugsweiſe zwei Heilige, denen zu Ehren Minne getrunken wurde, Johannes(der Evangeliſt) und Gertrude. Johannes ſoll vergifteten Wein ohne Schaden getrunken haben und der ihm geheiligte Trunk gegen alle Gefahr der Vergiftung ſchützen. Gertrude aber verehrte den Johannes über alle Heiligen, und darum ſcheint ihr Andenken dem ſeinigen hinzugefügt worden zu ſein. Beider Minne pflegten beſonders Scheidende, Reiſende und Friedliebende zu trinken. Wahrſcheinlich iſt das Minnetrinken als kirchlicher Gebrauch noch jetzt in einigen Gegenden Deutſchlands üblich. Jährlich am 27. Dezember wird zu Otbergen, einem hildesheimiſchen Dorfe, ein Kelch mit Wein vom Prieſter geweiht und als Johannisſegen dem in der Kirche verſammelten Volke gereicht. Der h. Johannes wird bekanntlich auf den alten Gemälden gewöhnlich einen Kelch ſegnend dargeſtellt. Von Fr. Grebel. 471 Nach einem alten Volksliede über den Johannisſegen hatte ſich ein armer Mann dem Teufel verſchrieben, erhielt aber von der h. Gertrude einen Trank mit Johannisſegen, ſo daß der Böſe keine Gewalt über ihn hatte. In einer Nürnberger Meiſterſänger⸗Handſchrift des 16. Jahrhunderts wird erzählt, ein Mainzer Bürger habe ſich dem Teufel verſchrieben, derſelbe habe aber keine Gewalt über ihn gehabt, weil er den Johannisſegen getrunken habe. Der Schluß dieſes Meiſtergeſangs lautet: „Der Pabſt Pelagius(† 560) anfing, Daß man ſegnen ſollt den Weine An Sanct Johannes Tag alleine, Daß Jedermann den Segen trank, Alſo name zu Dank Ein Anfang Sanct Johannes Segen.“— Aus der großen Menge von Sprichwörtern, welche den Wein zum Gegenſtande haben, wollen wir nur folgende charakteriſtiſche mittheilen: Frankenwein, Krankenwein Neckarwein, ſchlechter Wein Aber Rheinwein, fein Wein.— Zu Bacharach am Rhein, zu Klingelberg am Main, Und Würzburg an dem Stein, wachſen die beſten Wein.— Der Edelwein am Rhein Muß aller König ſein. Rheinleute, Weinleute. Großer Rhein, ſaurer Wein. Kleiner Rhein, ſüßer Wein. Der Wein für die Leute, Das Waſſer für die Gänſe. Guter Wein bedarf keines Kranzes. Guter Wein verkauft ſich ſelbſt. Der Wein iſt gut, wenn er auch den Mann die Treppe hinunter wirft. Wer nicht liebt Wein, Weib und Geſang, Der bleibt ein Narr ſein Leben lang. Alle Freude ſteckt in der Weinkarte. Wein iſt der Poeten heiliger Geiſt. Nahe beim Wein und weit vom Schuß. Der Wein. Trink Wein und erwirb, Trink Waſſer und ſtirb, Beſſer Wein getrunken und erworben, Als Waſſer getrunken und geſtorben. Trinke Wein, ſo beſcheert Gott Wein. Der Wein iſt ein Wahrſager. Wein ſagt die Wahrheit. Wein hat keinen Riegel vor. Wein nimmt kein Blatt vor den Mund. Das Herz im Wein, die Geſtalt im Spiegel. Wenn der Wein eingeht, Geht der Mund auf. Beim Wein geht die Zunge auf Stelzen. Guter Wein Lehrt gut Latein. Wein redet viel Aber ſchlecht Latein. Wein hilft dem Alten auf's Bein. Guter Wein iſt der Alten Milch. Der Wein iſt kein Narr, aber macht Narren. Es gibt mehr alte Weintrinker, als Aerzte. Nimmt der Wein den Kopf dir ein, Sind auch die Füße nicht mehr dein. Im Weinfaß ſteckt viel Ehr und Freundſchaft. Beim Wein wird mancher Freund gemacht, Beim Wein auf die Probe gebracht. Ein Glas Wein auf die Suppe iſt dem Arzt ein Thaler entzogen. Fiſche wollen ſchwimmen. Ein Trunk auf den Salat Schadet dem Doctor eine Ducat, Ein Trunk auf ein Ei, Schadet ihm zwei. Bier auf Wein Das laß ſein. Von Fr. Grebel. 473 Wein auf Bier Das rath' ich dir. Milch auf Wein iſt Gift(toskaniſch). Milch und Wein, feines Gift(venetianiſch). Auf Obſt iſt reiner Wein willkommen(franzöſiſch). Jede Schnitte Melone will ein Glas Wein(italieniſch). Auf die Birne Wein oder den Prieſter(franzöſiſch). Zwei Finger Wein vor der Suppe iſt ein Unwetter für den Doctor(vene⸗ tianiſch.) An der Spitze aller Krankheiten ſteht das Blut, An der Spitze aller Arzeneien der Wein. Eſſen iſt für den Laſtträger, Trinken für den Edelmann(venetianiſch). Beſſer trüber Wein als klares Waſſer(toscaniſch). Der Wein heilt alle Uebel, das Waſſer zerfrißt die Pfähle(venetianiſch). Im Wein und Bier ertrinken mehr als im Waſſer. Es ertrinken mehr im Becher als in der Donau. Im Becher ertrinken mehr als in der See(frieſiſch). Viele fallen durch das Schwert, mehr noch vom Wein. Der Wein iſt ein Roß ohne Zügel(ruſſiſch). Wenn der Wein drinn iſt, Iſt der Verſtand draußen(engliſch). Trinke Waſſer wie ein Ochs und Wein wie ein König(franzöſiſch). Junge Frau und alter Wein(venetianiſch). 1 Marte fortior Bachus(altrömiſch), d. h. der Wein beſiegt den größten Helden. Wein iſt der beſte Sorgenbrecher. Das rheiniſche Sprichwort„Er trinkt einen guten Stiefel“ hat bekannt⸗ lich eine geſchichtliche Grundlage, indem der Ritter Boos von Waldeck beim Rheingrafen einen mit Wein gefüllten Courierſtiefel leerte; an den Folgen des Trunkes ſtarb er noch in derſelben Nacht. So lebensgefährlich war der Polen, dem Trunk aus dem Stiefel ver⸗ wandte Sitte nicht. Der Stutzer, um Liebe werbend, der Geliebte, der *ε 474 Der Wein. Bräutigam, wenn ſie bei Tafel der Angebetenen Nachbar geworden, pflegten ſich ihres Schuhes zu bemächtigen; voll Wein wurde der Schuh gegoſſen und auf ihr Wohl geleert. Die Wirkungen des Weins auf des Menſchen Gemüth, Geiſt und Herz ſind je nach Temperament und Individualität ſehr verſchieden. Die Dichter aller Völker haben von jeher das Lob des Weines beſun⸗ gen, insbeſondere aber unſere Dichter und Dichterlinge, denn wir beſitzen an 2000 derartige Gedichte und Weinlieder. In wie viel hundert Studenten⸗ liedern wird das Thema über den Wein nicht variirt, welchem alten Stu⸗ denten hebt ſich nicht die Bruſt, wenn er zufällig eines jener beliebten Wein⸗ lieder ſingen hört, welche er ſelbſt vor dreißig oder vierzig Jahren in voller Lebenskraft und Uebermuth ſo oft geſungen hat! Wir erinnern hier nur an Claudius' Rheinweinlied„Bekränzt mit Laub.“ Es erſchien zuerſt im Altonaer Merkur vom Jahr 1775; die noch jetzt übliche Volksmelodie wurde bereits im Jahr 1776 von Johann André in Offenbach componirt. Von dieſem Liede kann man mit mehr Recht als von der Tricolore ſagen, daß es die Reiſe um die Welt gemacht hat, denn, in welchem Welttheile auch Deutſche bei einem fröhlichen Feſte verſammelt ſind, dieſes Lied fehlt nie, und ſtets erfüllt es die Sänger mit Wehmuth und tiefer Sehnſucht nach ihrem herr⸗ lichen Vaterlande. Das größte Loblied hat aber wohl Haller im Jahr 1734 dem Wein geſungen, indem es auf 18 Seiten 340 Verſe enthält. Man baut jetzt in faſt allen zwiſchen dem 30. und 50. Grade n. Br. gelegenen Ländern den Weinſtock. Frankreich hat den bedeutendſten Wein⸗ bau, indem es jährlich 50 bis 70 Millionen Eimer erntet. Ihm zunächſt ſteht Ungarn mit jährlich 30 bis 40 Millionen Eimern; es ſind dort 150 Quadratmeilen mit Weinreben bepflanzt und wird hier der berühmte To⸗ kayer gezogen. In Deutſchland ſteht der Qualität der Weine nach Naſſau oben an. Es werden dort in einem guten Jahre auf circa 11,500 Morgen 9000 Stück Wein gezogen, worunter die beſten Rheinweine ſind, der Rüdes⸗ heimer, Asmannshäuſer, Markobrunner, Steinberger, Rauenthaler, Lorcher und Johannisberger. Das Großherzogthum Heſſen hat 39,000 Morgen Weinberge und zieht vorzügliche Weine; ebenſo Rheinbayern, wo die be⸗ kannten Pfälzerweine gezogen werden. Preußen beſitzt durch die Rhein⸗ provinz den bedeutendſten Weinbau. Auf 61,496 Morgen Weinbergen wer⸗ den durchſchnittlich 5— 600,000 Eimer gezogen. Nach den Flußgebieten kommen hiervon auf die Moſel 259,000, auf den Rhein 123,928, auf die egten und 34 † Von Fr. Grebel. 475 Nahe 113,019, auf die Ahr 32,900, auf die Saar 18,287, auf die übrigen Flüſſe 6986 Eimer. Die Morgenzahl vertheilt ſich nach den Provinzen: auf Poſen 742, Schleſien 4940, Brandenburg 3992, Sachſen 3473, Rheinland 48,345. Hier ſind die beſten Rheinweine: der Steeger, Bacharacher, Perſcheider und Enghöller, von Naheweinen der Manzinger und Scharlachberger, an der Ahr der rothe Walporgheimer, an der Moſel: Winninger, Graucher, Zeltinger Pisporter, Braunenberger, Grünhäuſer u. ſ. w., an der Saar der Schatz⸗ hofberger. Durch die Mittheilung der beſten Weinquellen glauben wir uns einiges Verdienſt um das Wohlbefinden unſerer geneigten Leſer erworben zu haben, ) 8 5 und ſprechen wir nur noch den Wunſch aus, daß ein gütiges Schickſal ſie davor bewahren möge, je Grüneberger aus Schleſien trinken zu müſſen, was einem Vergiftungsverſuche gleichkommen würde. Sagte doch ſchon Friedrich der Große:„Gott ſei dem gnädig, der Grüneberger trinken muß!“ Neuer⸗ dings wird daraus freilich ſogar Champagner fabricirt! „So trinkt ihn denn und laßt uns alle Wege Uns freuen und fröhlich ſein! Und wüßten wir, wo Jemand traurig läge, Wir gäben ihm den Wein!“ Zur Lecture. Verſchiedenes. Fritz Reuter, Doͤrchläuchting. Wismar. Hinſtorff. 1866. Ein Eindruck, wie ihn des Verfaſſers„Ut min Stromtid“ machte, iſt kaum einem anderen Buch unſerer neueren Litteratur nachzurühmen. Es machte Reuter, deſſen Name und deſſen Schriften bis dahin hauptſächlich nur in Niederdeutſchland genannt und beliebt waren, mit einemmal in allen Gauen des Vaterlandes bekannt und erweckte überall eine Theilnahme und einen Enthuſiasmus, die ſelbſt vor dem wildfremden plattdeutſchen Idiom nicht zurückſchreckten. Damit iſt der Erfolg von Hebels alemanniſchen Ge⸗ dichten und von dem ſeinerzeit hochgefeierten Quickborn nicht im entfernte⸗ ſten zu vergleichen: das eine wie das andere kann man mit jenen Sammlun⸗ gen vergleichen, welche Naturforſcher aus fremden, bisher wenig durchforſch⸗ ten Gebieten zurückbringen.„Ut min Stromtid“ dagegen iſt dies Gebiet ſelbſt, das ſich vor uns in ſeinem ganzen Reichthum, in ſeiner Eigenthüm⸗ lichkeit und Wunderlichkeit, vor allem in vollſter Wahrheit vor uns aufthut und in das Reuter uns zu verſetzen weiß. Es iſt daher ſelbſtverſtändlich, daß man einem neuen Buch des Verfaſſers mit der höchſten Erwartung entge⸗ genſieht und mit lebhafteſter Theilnahme dasſelbe zur Hand nimmt. Dörchläuchting iſt nun freilich etwas ganz Anderes, als jener treff⸗ liche Roman; es iſt eine Erzählung aus dem vorigen Jahrhundert, aus dem Hof⸗ und Bürgerleben Mecklenburgs und dürfte in ſofern die Erwartung mancher Leſer getäuſcht haben, welche hier allerdings nicht dem tiefen Ein⸗ druck und dem außerordentlichen Reiz begegnen, den in„Ut min Stromtid“ grade das Gegenwärtige, das Lebensvolle und Lebenswahre ausübt. Aber ſelbſt ſie werden ſich gleich uns bald mit Freuden überzeugen, daß Reuters dem tung Ein⸗ tid“ Aber tters 1 Zur Lecture. 477 großes Talent auch jetzt ſiegt und ſein Schifflein keck und muthig zwiſchen den hier drohenden Klippen entlang, ja über ſie luſtig hinaus zu ſteuern weiß. Er eröffnet uns nicht bloß den freien Einblick in dieſe längſt ent⸗ ſchwundene Zeit, ſondern zaubert uns wirklich zu ihr mit ihren wunderlichen Zuſtänden und originellen Menſchen zurück. Die Erzählung bietet uns ganz vortreffliche Schilderungen und Charakterzeichnungen— von dem Herzog Adolf Friedrich— der Dörchläuchting— und ſeiner Schweſter mit ihren Umgebungen herab in die Bürgerkreiſe, zu dem prachtvollen alten Schul⸗ mann, dem Hofrath Altmann, dem ehrbaren Kunſt, dem tollen Hofpoeten und den in ihrer Schlichtheit anſprechenden Mädchen. Je weiter man ſich hineinliest, deſto lieber wird Einem das Buch, wenn wir auch zugeſtehen müſſen, daß wir die Gegenwart und das Selbſterlebte für die Stoffe halten möchten, an denen Reuters Erzähler⸗ und Darſtellungstalent ſich am groß⸗ artigſten offenbart. Wir können uns nicht enthalten, hier beiſpielsweiſe auf den erſten Band der„Ollen Kamellen“ hinzuweiſen, in dem die beiden treff⸗ lichen Stücke:„Woans ik tau'ne Fru kam“, und„Ut de Franzoſentid“ ent⸗ halten ſind und der uns nun ſchon in ſeiner 7. Auflage vorliegt. Das ſind Darſtellungen, wie ſie, unſerer Erfahrung nach, in Deutſchland jetzt niemand Reuter nachzuſchreiben vermag. A. Diezmann, Frauenſchuld. 2 Bde. Jena. Coſtenoble. 1867. Der lang bekannte und beliebte Erzähler gibt uns auch in dieſem Ro⸗ mane wieder ein Buch, wie es uns unter all den unfertigen und unbedeu⸗ tenden Productionen der neueren Zeit zum rechten Troſt und zur wahren Freude gereichen muß. Der Friſche und dem Reichthum der Erfindung ent⸗ ſpricht die Sicherheit der Compoſition, der Geſchmack und das Geſchick in der Verwendung der Motive, die treffliche Erzählung, die anſchauliche Schil⸗ derung und vor allem eine Charakterzeichnung, welche uns die Menſchen in vollſter Wahrheit, im rechten Leben entgegentreten läßt. Von einem Ein⸗ gehen auf den Stoff, von einem Hervorheben einzelner Züge und Situatio⸗ nen kann an dieſem Platze keine Rede ſein. Aber unſere Leſer haben uns hoffentlich auch bereits vertrauen gelernt, daß wir nur das ihnen empfehlen, das dieſe Empfehlung wirklich verdient. A. v. Klausberg, Still und bewegt. Jena. F. Mauke. 1866. Eine hübſch angelegte und mit Wärme ausgeführte Darſtellung aus dem Familienleben, die wir unſerem Publikum gleichfalls als recht lesbar Zur Lecture. 478 empfehlen dürfen. Der Stoff, ein Mädchen, das ſchon in früher Jugend be⸗ rufen iſt, die verſtorbene Mutter den Ihren zu erſetzen, und dem Glück der Schweſter die eigene Liebe zum Opfer bringt, iſt ein alter, allein er zeigt ſich hier, wie ſchon bemerkt, mit Geſchick und Wärme behandelt, ſo daß man ihn ſich wohl von neuem gefallen laſſen darf. O. Müller, Die Förſtersbraut von Neunkirchen. Stuttgart. E. Hall⸗ berger. 1867. Wir freuen uns jedesmal, wenn ein neues Buch dieſes hochbegabten, trefflichen Erzählers in unſere Hände gelangt; es gewährt uns nicht bloß eine flüchtige, angenehme Unterhaltung, ſondern ſpricht ſtets, ſei es wohl⸗ thuend, ſei es ergreifend, zu unſerem tiefſten Innern. So iſt es auch mit der vorliegenden Novelle, deren Schauplatz ein Dorf im Odenwald iſt. Wir leben nicht bloß mit dieſen Menſchen und erfahren nicht bloß von dem, was in und mit ihnen vorgeht, ſondern wir leben, ſo zu ſagen auch in ihnen und ſehen, ja fühlen alles, was in ihnen ſich regt, ſich entwickelt, verändert. Die Tiefe und Sicherheit der pſychologiſchen Entwickelung und Motivirung hal⸗ en wir für den größten, gar nicht hoch genug zu ſchätzenden Vorzug des Verfaſſers. F. Nick, Bilder und Geſchichten a. d. Soldatenleben. 3 Bochen. Stuttgart. Nübling. 1866. Unſere Leſer kennen bereits aus den Hausblättern einen Theil dieſer hübſch und friſch erzählten, faſt immer luſtigen Stücklein aus dem Solda⸗ tenleben.„Der Gang in die Sonne“,„Hat ihn“,„Der Friedländer“ u. ſ. w. ſind alle dazu angethan, uns eine Stunde auf das heiterſte zu unterhal⸗ ten, und die uns neuen:„Potpourri“,„Das Morgenſchnäpschen“,„Daß du's nur weißt“ ꝛc. ſtehen denſelben nicht minder anſprechend zur Seite. Le⸗ bensfriſch und lebenswahr erzählen ſie uns von und aus einem Stande, der vor allen anderen ſich noch eine gewiſſe Eigenthümlichkeit und eine Art von Originalität bewahrt hat. F. Schmidt, J. G. Fichte. 2 Auflg.— Goethe's Jugend⸗ und Jüng⸗ lingszeit. 2 Bdchn. Berlin. H. Kaſtner. O. J. Dem anſprechenden Lebensbilde Fichte's, das von uns ſeiner Zeit unſe⸗ rem Publikum empfohlen, hier in zweiter Auflage erſcheint, ſchließt ſich jetzt end be⸗ ück der gtſch an ihn t bloß wohl⸗ ch mit Vir n, was Zur Lecture. 479 ein ähnliches von Goethe's Jugendzeit an. Wir freuen uns dieſer Darſtel⸗ lungen, welche einfach und doch voll Wärme und Anſchaulichkeit unſerem Volk ſeine großen Männer bekannt machen. Wir können nur wünſchen, daß ſie in den weiteſten Kreiſen verbreitet werden, zumal ſie nicht Phantaſie⸗ oder Parteibilder geben, ſondern uns die Menſchen zeichnen, wie ſie geweſen ſind. Die Ausſtattung iſt hübſch, und Goethe's Portrait und Facſimile und das Blatt mit der Probeſchrift aus ſeinem 7. Jahr bilden eine willkommene Zugabe. E. Uhlenhuth, Deutſche Heimatsbilder. Berlin. H. Kaſtner. 1865. Ein Büchlein, in welchem in kurzen Abſchnitten vom Huhn, Schaf, Schwein, Dachs, von deutſchen Waffenſchmieden, den Köhlern am Harz, von Holz, Torf, Kohlen u. ſ. w. recht anſprechend und inſtructiv erzählt wird. Wenn wir etwas auszuſetzen hätten, ſo wäre es, daß der Herr Ver⸗ faſſer hin und wider nach faſt ein wenig gar zu lokalen Erfahrungen urtheilt. Trotzdem ſcheint uns die Schrift völlig empfehlenswerth zu ſein, denn Un⸗ richtiges lernt man aus ihr nicht. G. Martin, König Dietrich von Bern. Halle. Buchhdlg. des Waiſen⸗ hauſes. 1867. Der Verfaſſer hat die Sagen von Dietrich von Bern nach der Thidrek⸗ ſaga hier bearbeitet und zuſammengeſtellt und bietet damit unſerer Jugend, ja auch manchem Aelteren ein Buch, für das man ihm wohl dankbar ſein muß. Wir dürfen ihm glauben, daß die Erzählung dieſer Sagenbilder ſei⸗ nen Schülern ſchon längſt viel Freude und Genuß verſchafft, denn abgeſehen von dem mächtigen Inhalt, iſt Anordnung, Ausführung und Darſtellung von der Art, daß ſie jeden Knaben und Jüngling ergreifen und fortreißen müſſen— immer knapp, präciſe, anſchaulich, das Ueberflüſſige ausſcheidend, das Anſprechende erhaltend, durch die eigene Wärme auch Wärme erweckend. P. Gall Morel, Aus Italien. Stuttgart. Gebr. Scheitlin. 1866. Ein ſicherlich vielen willkommenes Büchlein, da es ihnen eine Auswahl älterer und neuerer italieniſcher Dichtungen in, ſo viel wir beurtheilen kön⸗ nen, meiſtens gelungenen Ueberſetzungen bietet. Im Allgemeinen iſt die Kenntniß der italieniſchen Litteratur, die Werke einiger großer Meiſter ab⸗ gerechnet, in Deutſchland eine ſehr beſchränkte, und zumal die Lyrik dürfte, 480 3 Zur Lecture. 2 wiederum einzelne Dichter und einzelne beſondere Litteraturfreunde ausge⸗ nommen, für die meiſten unter uns ein faſt unbekanntes Gebiet ſein. Hier wird uns denn ein Einblick eröffnet, der uns weiterlocken muß.— Müller v. d. Werra, Das Buch der Lieder. Leipzig. L. Denicke. 1866. Die Lieder des reichbegabten Dichters, melodiös und ſingbar wie we⸗ nige und zum größten Theil von unſeren erſten neueren Meiſtern komponirt, ſind in allen Sängerkreiſen ſo gekannt und beliebt, daß es uns ſelbſt wie eine Art von Anmaßung erſcheinen würde, wollten wir dieſelben noch einem wirk⸗ lichen kritiſchen Urtheil unterwerfen. Dazu wäre obendrein in den Haus⸗ blättern am wenigſten der Platz, da wir von jeher, unſeres beſchränkten Raumes wegen, uns begnügen mußten, Dichtungen nur in wenigen Zeilen zu erwähnen. Wie ſollten wir Lieder empfehlen oder gar charakteriſiren, die, wie geſagt, längſt in aller Munde und Herzen ſind und ſtets von neuem erklingen, wo ſich ein Kreis von Sängern zuſammenfindet! Wir haben nur unſeren warmen Dank und unſere lebhafte Freude auszuſprechen, daß 44 ſie uns hier in ſchöner Ausgabe geſammelt geboten werden— eine Zierde unſerer Litteratur. enicke. vie we⸗ ponirt, ie eine wirk⸗ Haus⸗ änkten Zeilen — r& Grey Control Chart Green vellow Hed Magenta Grey 2